————————————— 6 Täglicher Leſepreis für ein deutſches Buch 1 Kr. „ franz od eng Das Abonnement beträgt: für wöchentlich 6 Bücher: 4 Bücher: 2 Bücher: auf 6 Monat ſl 30 Kr. r 2 i 12 5 „ 1 0„„ „ 3 eihtiblether 6. von 5 Eduard Ottmann in Gießen. a aphr aphrrh Zrt hn araanhnunhnhnhnh rrarhr — — Neunzig Krokodileier und ſieben Nebenblaͤtter, in vier Lieferungen herausgegeben von Rudolf von Frauſtadt. Erſte und zweite Lieferung. ei Neue⸗Berliniſche Buchhandlung. 5 und Leipzig in Kommſſſion bei H. Griff. Die Geiſterwele iſt nicht verſchloſſenz Dein Sinn iſt zu, dein Herz iſt todt! Auf, bade, Schuͤler, unverdroſſen Die ird'ſche Bruſt im Morgenroth! Göthe im Fauft. — Vorrede. Es erſcheint hiemit, unter einem Titel, deſſen Erklärung man im erſten Krokodilei ſuche, und den man fuͤr weiter nichts anſehe, als eben Nichts, wie uͤberhaupt jeden Titel zur jetzigen Zeit, da alle Reiche der Natur gepluͤndert wer⸗ den, um ſich in Titeln zu uͤberbieten— es er⸗ ſcheint hiemit ein Buͤchlein, wovon der Verfaſ⸗ ſer—— Nichts in der Welt mag ſchwerer ſein, als eine Vorrede zu ſchreiben, in der etwas Neues geſagt wuͤrde. Füͤr den Schreiber iſts wohl ei⸗ gentlich eine Nachrede, weil er ſie erſt ſchreibt, nachdem Buch⸗ und Verlagsvertrag ſchon abge⸗ ſchloſſen; allein das hilft wenig. Sie ſoll nun einmal zu ſeinem in ſich fertigen Buch noch et⸗ was hinzuſetzen, und wenn er ſich nicht ent⸗ ſchließen kann, ſich unter die alltaͤglichen Schrift⸗ linge zu mengen, ſei es nun mit einer wohlher⸗ gebrachten breiten, oder leeren oder witzigen, oder kriechenden, oder hochmuͤthigen, oder uber⸗ fuͤſſigen Vorrede—— Es gibt viele Herzen und Geiſter in allen jetzt in Deutſchland lebenden Menſchenleibern, aber Herzen und Geiſter ſind verſchieden von Herzen und Geiſtern. Waͤhrend bebeutſam Wort dieſen unempfunden und leerſchaltend verhallt, finden anbre darin nur bie heilige ʒuſchtift: 36 bin euer Bruder—— Denithig und beſcheiden, obgleich nicht ohne ein gewiſſes, ich glaube, erlaubtes Ver⸗ trauen wagt es in dieſem Buche ein Deutſcher, uͤber einige Dinge mit ſeinen deutſchen Bruͤdern zu ſprechen, und wenn ſich der aͤußere Ausdruck ſeines innerlich feſten Glaubens an der Deffent lichkeit berichtigen—— um vorher kurz den Standpunkt anzubeuten, von welchem die Krokobileier zu betrachten, waͤre vielleicht nicht zwecklos, dieſelben—— Es iſt im deutſchen Schriftthum bis jetzt noch nichts Genuͤgendes zu leſen uͤber das ei⸗ gentliche Verhaͤltniß eines Schriftſtellers zur Leſe⸗ welt, und ſelbſt die Erfahrungsſeelenkunde hat die ſeltſamen Erſcheinungen„ welche nothwendig in der Seele eines Buchſchreibers—— Rur für Drucktichter/ die nich t den innern Gehalt, ſondern todtes Formenweſe n— Wenn der geneigte Leſer nur uicht ein All⸗ togsmenſch waͤre, der die Krokodileier durchlieſt, weglegt, und dann ſagt, ich habe die Krokodil⸗ eier geleſen folglich es mit der Vorrede ſamt ihrer Anweiſung eben ſo macht: da moͤcht ich ihm ſchon eine kleine Anweiſung voranſchicken. Mir iſt nehmlich hauptſaͤchlich darum zu thun, daß er mich uͤberhaupt verſteht“ auch iſt es ſehr erwuͤnſcht, wenn er weiß, was Spaß im Ernſt und Ernſt im Spaß heißt“ und ſich zu⸗ gleich uͤberall, wo es ihm nicht gefaͤllt, damit eroͤſtet: die folgende Lieferung wird es beſſer machen.—— In einer Zeit, wo ſich das ganze geiſtige Leben Deutſchlands in verjuͤngender Gaͤhrurg regt, und wo jedes Einzelnen Stimme, ſeinem Volke verpflichtet, von Bedeutung werden kann — da darf es nicht befremden, wenn treue Meinung und redliche Liebe—— 65 Aber was iſt das alles für wunberliches Zeug durcheinander, und iſt das die Art, den Leſer zu begruͤßen? Welche närriſche Schreibart ——* — V1I— ſoll—— Geduld! nur Geduld, ich will ſo⸗ gleich ſagen was ich will. Auf ſo vielerlei Ar⸗ ten nehmlich wollte ich die Vorrede anfangen, mich der Leſewelt zu Liebe in fruchtloſen An⸗ ſtrengungen abmarternd, um in dem laͤngſt ſo unendlich breit getretenen und erſchoͤpften Felde der Vorreden nur einigermaßen neu zu ſein. Aber Alles klang, als waͤr es irgend ſchon da⸗ geweſen, und da gerieth ich in edle Verzweif⸗ lung, ſchwang meine Feber, und beſchloß gar keine Vorrede zu ſchreiben. Doch iſt nicht ein Buch ohne Vorrede wie ein Hund ohne Schwanz ſo zu ſagen, oder wie ein Rathsherr ohne Amts⸗ geſicht, oder ein Rittmeiſter ohne Schnurrbart, oder eine Stadt ohne Thurm? und. ſehen nicht die meiſten deutſchen Leſevereine immer zuerſt nach der Vorrede, obgleich ſie ſie ſelten leſen— aber ſehen wollen ſie doch wenigſtens; daß eine da iſt? Iſts nicht einmal ſo hergebracht, daß jedes Ding in der Welt außer ſeinem natuͤrli⸗ chen Anfang und Ende noch einen vorgeſchob⸗ — VII²— nen Schau⸗Anfang und ein recht endigend au⸗ genſcheinliches Ende haben ſoll— jede Rede eine Einleitung und einen Schluß, und jedes Buch wenigſtens eine Vorrede?— dagegen war alſo auch nicht zu ſuͤndigen. Pfiffig meinte ich mich mit folgender kleinen Vorrede aus der Verlegenheit zu ziehn, die hoffentlich ſoviel als gar keine iſt: Wenn der Verfaſſer eines Buches auf ſeder Seite deſſelben ſagt, was er will, ſo braucht er es nicht noch einmal hinter dem Titelblatt vor⸗ anzudrucken. Allein ſo ſchnippiſch und kurzangebunden mich gleich von vorn herein dem Leſer darzuſtel⸗ len, erſchien vollends hochſt mißlich— ich mußte befahren, daß es hieß: Wollen gar nicht wiſſen, was der Herr will! und daß Niemand das Buch las. Ich weiß mir alſo— wahrlich!— nicht anders zu helfen, als daß ich der Welt offen⸗ herzig die Leidensgeſchichte meiner Schriftſteller⸗ noth erzaͤhle, ſamt all den verſchiedenen Anfaͤn⸗ gen. Der Anfang waͤre alſo nicht ein⸗, ſondern zehnmal gemacht, und es fehlt nur noch der Schluß, der mir nun gar nicht mehr ſchwer werden ſoll, und alſo gleich folgt: Alles, was dieſe Vorrede Anſtößiges haben moͤchte, ſchreiben Billigdenkende gewiß nicht mir zu, ſondern nur der dummen Sitte, die durch⸗ aus eine Vorrede verlangte. Diejenigen Druck⸗ richter, die, ſichs bequem machend, die Buͤcher nur aus den Vorreden beurtheilen, ſind freilich angefuͤhrt— indem die meinige ſie uͤber die Kro⸗ kodileier ſelbſt durchaus im Dunkeln laͤßt, und ſie nun doch ſchon wenigſtens etwas darin blaͤt⸗ tern muͤſſen, um ſie herunterreißen zu koͤnnen. Wer aber mein Buch wirklich zu leſen geſonnen iſt, wird ſchon aus ihm deſſen Sinn und Zweck 3 — X— erſehen, und auch in ihm alles das finden, was es bei ſeiner offentlichen Erſcheinung fuͤr ſich ſa⸗ gen kann. Vielleicht ſoͤhnt der Ernſt des Bu⸗ ches auch diejenigen wieder aus, welche die naͤr⸗ riſche Vorrede am meiſten verdroſſen hat. Berlin, am xten des Siegesmondes 1818. Rudolf von Frauſtadt. S 6 Reden und Verſtehen „Die Welt ein Brauhaus Frauenwuͤrde ueber die Anetnenſchen 1i Erſte. 3 Von Krokodileiern Das Leben ein Traum Verlohrne Muͤhe Alt und Jung Physiognomische Schönheit—— Vorſchlag zu einem Gedankenfeſthalter Aufgefriſchte alte Wahrheit 6 Complimentenmünze Troſt fuͤr Anhaͤnger Fichtes— „„ nnſerttichteltstem 13. Dichters Unbegreiflichkeit„ 16. Seligkeit des Wohlthuns. * 17. Fur die Philosophen„„ 18. Die große Feinkuͤche„ urſprung der Trunkenheit. 20. Die Brautnacht fuͤr Reine 21. Das Gtiguich. der Wage. Gedaͤchtnißkunſigrif„ 23. Einheit des Geiſtes und Körpers 24. S Spielwerk fuͤr Träumer„— 46 Die Zweieinigkeit nmihztu 26. Die Tonkunſt des Weltälls . GOttes Algegenwart. e 28. Bauholz zu einem Narren uE.. A 29. Etwatß Licht für Finire o Fo. n ves Wenſchet jn zwei Buchſtaben g2. Von ſttlicher⁊ Duldſamkeit“ Erſtes Nebenblatt: etne au Gott⸗ walts 8 IcrrrO 3it innn B 64 133E 33. Der geiche Entheiligung und Hiliguug. 18. 18. 20. 20. 21 * 46. 47. 46. — X111— Glaube und Menſchenliebe Wuͤrde des Gleichniſes„ . Leuchten und Brennen unſte Geſchichtler Bemerkung aus der Tonkunſt Die Verhaͤltniſſe Liebe und Ehe. . Die Schraube ohne Ende. Die Herren Theologen 43 465. Freundſchaftſparſamkeit Vom Abſchied der Seelen. Der Ueberzeugung Recht. Troſt fuͤr Juͤnglinge. Kein Beweis von GOitt Vom ſcheinbaren Stolz Wortbedeutung Unausſprechlichkeit Des Sternenhimmels Bedeutung Die Standpunkte der Menſchen 6. Vom heiligen Liebesbunde. z. Landpfarrer und Minister Des Menſchen Gluͤck beim Ungluͤck. .An die Unzufriednen. An die Faulthiere 74. 86. z3. Luthers Naſe Zweites Vebenblatt: Meine Phisiogno- mik—„ ⸗.— Drittes Nebenblllatt: Das Vermaͤchtniß des alten Alles und Richts Srſte Lieferung. ————— 1 Von Krokodileiern. Das große, gewaltige Krokodil liegt mit allen ſeinen Schuppen, Ringen, Gliedern, und Zaͤhnen in einem Ei, dem Niemand anſehen ſollte, welch Thier aus ihm erwachſen wird. So liegen nicht nur die blutigſten, folgenreichſten Erdumwälzun⸗ gen und Menſchenbegebenheiten in dem kleinen Saamenkorn eines unbedeutenden ſogenannten Zu⸗ falls— was der Welt zu ſagen eben nichts Neues ware— ſondern, was ſchon auffallender iſt, auch die erhabenſten, gbttlichſten, weit umfaſſendſten Geiſteswerke und ganze Lehrgebäude der Welt⸗ weisheit in dem huͤpfenden Dotterpunkt des Ge⸗ hirnes, in einem einzigen, ploͤtzlich unbewußt, wie von andern Welten hervorſpringenden Urgedan⸗ ken. Schon mancher unkundige Fremdling ſah die kleinen Eier im Nilfande liegen, und ging unbeachtend voruͤber, denn er ſah es ihnen nicht an, daß ſie den Keim enthielten zu einem unge⸗ heuren Geſchöpfe.— Swar iſt im Grunde jeder 2 — 2— Gedanke und jedes Wort ſo ein Krokodilei, aber es giebt Worte und Gedanken, die vor allen an⸗ dern den einſt aus ihnen erſtehenden Rieſen ſchon als Keimblatt zuſammengewickelt in ſich tragen. Ob die vorliegenden Krokodileier ihren Namen im erſtern allgemeinen, oder im letztern ſonderli⸗ chen Sinne verdienen, das läßt deren Verfaſſer natuͤrlich hier unentſchieden. 2. Das Leben ein Traum. Man ſollte nicht ſagen: Das Leben iſt nur ein Traum! Wollte doch Gott, das kalte, zu ſich überall ſtoßenden Körpern gefrorne und erſtarrte Leben waͤre ein heißglühender, über Zeit und Raum fliegender, aus Nichts ſchaffender, Gedanken in Leibgeſtalt vor ſich hinſtellender Traum! Es waͤre dann wahrlich mehr als es jetzt iſt.—— J. Verlohrne Muͤhe. Beweiſe den Menſchen durch Schluͤſſe aus allen Fächern der Denkkunſt, durch Begriffſeßen und Karfunkelweisheit, daß er gottlich und un⸗ ſterblich iſt— hat ers nicht ſchon vor gll deinem Krimskrams in ſich ſelber gefuͤhlt, erfaßt und er⸗ funden, dann verſteht er dich nicht, und ſollteſt du auch Jahre lang predigen. Wem nicht des Glaubens Licht von innen heraus durch Gottes Gnadenwahl aufgegangen, der wird nimmer wiſ⸗ ſen was er zu beginnen habe mit all ſeinem Wiſſen. — 3— d. Alt und Jung. Das Geſchlecht der Alten redet und ruͤhmet ſtets gewaltig ob ſeiner langen und großen Er⸗ fahrung, und will ſolcher Erfahrung Alles un⸗ terordnen, und jeglichen. lebendigen Geiſt ertodten und ertruͤmmern. Das aufwachſende Geſchlecht will ſeine Gedanken und ſeines Glaubens Ue⸗ berzeugung über alle Erfahrung erheben, bis es auch alt wird, und drauf plötzlich zum Gegen⸗ theil umſpringt. Gar ſelten findeſt du einen Wei⸗ ſen, der zwiſchen beiden den Schwerpunkt der Welt und den Kern⸗ und Keimgrund der Wahr⸗ heit, dieſen Geſichtspunkt fur alle An⸗, Ein⸗, Aus⸗ und Vorſichten dieſes Menſchenlebens rich⸗ tig zu treffen weiß. Wer ſtets voll iſt und Lan⸗ ges und Breites ſchwatzt von den⸗ goldnen Mit⸗ telſtraße, und ſich mitten drin glaubt, iſts eben darum am wenigſten, Wir können uns dieſem Brennpunkt des Hohlſpiegels der GOttheit, d. h. der Welt, hier nur bis aufs unmerklichſte nä⸗ hern, ſo daß die ſich daneben etwa zerſpaltenden und zerſtreuenden Lichtſtrahlen ein fluͤchtig Schein⸗ bild des Weſens in unſer Auge werfen. Einmal tritt Jeder völlig ein in dieſen Mittelort des ei⸗ gentlichen Ich, in den Gleichgewichtspunkt der unaufhörlich wankenden und ſchwankenden Wage der Endlichkeit; aber dann brennt ihn der großen Sonne Feuer auch im Nu zu Staub, gleichwie die Erdenſonne den Demant in ſich trinkt, der ſo lange mit dem von ihr erborgten Glanze geſtrahlt hat. A 2 — 4— 5. Physiognomiſche Schbnheit der Frauen. Nicht die in Wahrheit und eigentlich ſcho⸗ nen Frauen ſind fuͤr ein weiches Gemuͤth und hoch feuerhaltige oder ſchnellkraͤftige Nerven die gefaͤhrlichen; denn gar zu oft ſind ſie— leider!— nichts weiter denn ſchoͤne Marmorgebilde ohne Liebe und Leben, und du ſuchſt in der ſchoͤnen Geſtalt vergebens nach einer ſchönen Seele, dafuͤr vir eine ſchale Alltagsſeele entgegengreint. Wahr⸗ lich und gewißlich, iſt unſer einem ſchon ſolch ein Betrug hie und da wieberfahren, da möchte man raſend werden uber die tuͤckiſche Grauſamkeit, wie Marktſchreier, hinter ſo erhabenen Aushaͤn⸗ gezetteln und in ſo geheimnißvollen Buͤchſen nichts weiter zu verwahren, als etwas Mehlſtaub, der manchmal gar zum giftigen Mehlthau werden mag. Ich komme zum Nachſatz: Richt dieſe lee⸗ ren, bunten Puppenhuͤllen der gemeinen grauen Nachtfalter ſind die gefaͤhrlichen, ſondern die— wenn zur jetzigen Zeit mir noch vergonnet iſt, im Ernſt ein fremd Wort zu gebrauchen— Phy- siognomisch⸗Schönen, denen das gute, unbe⸗ ſchreiblich treue und trauliche Herz, die unbe⸗ fleckte gottliche Weiberzucht und das deutſche Frau⸗ enthum ſo recht aus jedem Blick und Wink der Augen, aus jedem Zug des Antlitzes herausleuch⸗ ten: Mag immerhin vor der beeiſten Brille des aber- und aftergelehrten Kunſtrichters, der die Schönheit ausmeſſen und abreißen will gleich ei⸗ nem Feldmeſſer— mag vor der auch nicht Gnade — 3— den die breite Naſe, die flache Stirn, das ſpitze Kinn; ſchoͤn bleiben ſie dennoch im wahr⸗ ſten Sinne des Wortes, und die Regel, daß in einem ſchoͤnen Körper auch ſtets eine ſchoͤne Seele wohne, geht nur umgekehrt in Erfuͤllung, indem die ſchöne Seele ihrem Korper eben dadurch, daß er ihr Koͤrper iſt und ſie ausdruͤckt, ſchon die hochſtmögliche Schönheit verlichen hat.— Sonſt gibts denn freilich auch Faͤlle, wo hochſte Schoͤn⸗ heit fuͤr Kunſt und Natur mit der ſchönſten Seele begabt erſcheint; aber von derlei Laternenträgern und Admirolen, die auf den glaͤnzenden Fluͤgeln ihr eigens Schau- und Ehrendenkmal tragen, und kaum noch mit den Nachtfaltern zu einem Ge⸗ ſchlecht gehören, von ſolchen Paradiesvögeln ſollte man eigentlich gar nicht reden, ſondern nur flö⸗ ten— und auch da wuͤrde man noch vergeblich nach ſo ſchmelzenden, zitternden, leisgehauchten Zartklängen ſuchen, wie ſie ſelber im großen All⸗ ſpiel der Schöpfung ſind. Treibt das blinde Schickſal ſolch ein feinartig Wundervoglein in ei⸗ nes Philiſters Hand, ſo ſpießt er es erbärmig⸗ lich auf, und läßt es vor der ganzen Welt pran⸗ gen und prunken im bunten Glasſchrank ſeiner Kerbthierſammlung— während der ſinnige Jüng⸗ ling ſich traut und geheim einſchließt mit dem zarten Wundervöglein, in einen ſuͤß duftigen, ſelbſtgepflanzten Bluͤthengarten, ſich in ſtillem Schauen ergotzt an dem Flittern und Flattern ſei⸗ nes Kleintds von Blume zu Blume im Sonnen⸗ gold, und leislauſchend ehrfurchtsvoll beſcheiden die Fluͤgel beruͤhrt, auf daß er nicht den blinkenden Himmelsthau von ihnen hauche. ——— N ——— — 6— 6. Vorſchlag zu einem Gedankenfeſt⸗ halter. Wenn gewiſſe Menſchen immer eine Schreib⸗ tafel bei ſich fuͤhrten, worinn ſie jede ſich mit Gewalt aufdraͤngende, abſonderliche Bemerkung, jeden blitzig hervorſpringenden und eben ſo blit⸗ zig wieder untertauchenden Gedanken, jede Beo⸗ bachtung auf dem Pfad ihres Lebens, die es werth iſt, im Augenblick ihrer Entſtehung, noch im erſten Feuer der Begeiſterung eintruͤgen— ſeis auch mit einem halbgebrochnen Bleiſtift, wenns nur der Setzer leſen kann— da könnt ich all die herrlichen Folgen ſogleich im Nachſatz folgen laſſen, wenn ich nicht noch vorher folgen⸗ den Satz aufſtellen wollte: Denken und Denken iſt gar ſehr zweierlei und vielerlei, und Diejeni⸗ gen wenigen Menſchengedanken, die jetzt etwa durch Wort oder Schrift korperlich zur Welt ge⸗ bohren werden, ſind grade nur ſehr wenig von alle dem, was gedacht wird. Bei vielen Men⸗ ſchen beſonders, bei allen aber mit Unterſchied giebt es eine Menge Gedanken, Gefuͤhle und An⸗ ſchauungen, die in Einem Nu zugleich das ganze Feld der Welt und manchmal auch Eckchen der zukünftigen oder Nichtwelt uͤber blitzend und in demſelben Nu zugleich auch wieder verſchwin⸗ dend, die Nervenhebel nur etwa ſo beruͤhren, wie der ſchnellgeſchliffenſte Tonlauf die einzelne Saite, und deren ſich der Menſch nie in ſeinem Leben weiter bewußt wird, auſſer dem Einen Au⸗ genblick des Blitzes. Ohne mich weiter in Er⸗ klärung und Herleitung dieſer am Erden⸗ und Seelenhimmel vorbeiflinkernden Wolken⸗ oder Sonnenſchatten, dieſer piccicato Halbtone des Geiſtklaviers einzulaſſen— was ich mir auf ein andermal vorbehalte— fahre ich jetzt im erſten Satz fort. Wir hätten dann nehmlich zuvör⸗ derſt nicht nur in den Buchläden noch zehnmal ſo viel Krokodileier, Nebenblätter, Streckverſe, Ausrufungszeichen, Schalttage, Maximen, Sen- tenzen, Philosophen für die Welt und uͤber die, und der Welt, Caractères, pensées de- tachées u. dgl. ſondern, was noch weit mehr iſt, die Welt wurde wenigſtens zehnmal ſo klug ſein als jetzt, und der neuherein geſchneiten Welt⸗ weisheit würde unfre jetzige kaum das Waſſer reichen— was allerdings viel geſagt iſt. Nun war es eben fur einen grübelnden Känſtler und erfindungsduͤrſtigen Großgeiſt eine Preisaufgabe, nach Art eines Setzklaviers, eine Vorrichtung zu fertigen, die von ſelbſt jeden dergleichen Gedan⸗ ken feſtpackte, aufzeichnete und dauernd machte. Das wäre eine gar herrliche Bequemlichkeit für Uns große Geiſter, und ſo ein Gedankenfeſt⸗ halter, an Köpfe, wie Herders, Göthes, Klin⸗ gers, Jean Pauls, Jahns, Schellings, Okens, Hamans angeſchraubt, wuͤrde ſich mit mehr als Hundert füͤrs Hundert verzinſen. Welche Ar⸗ beit und koſtbare Zeit haͤtte z. B. ich mir nicht bei meinen Krokodileiern erſparen koͤnnen, die ich ſo muͤhſam aus allen Sandſtrecken des Nilufers zuſammenleſen mußte, gar nicht mit veranſchlagt, wenn die Ueberſchwemmung(des Lebens und Weltthuns) die Ernte gar verbot, und oft mein — 8 8. armes Leben mitbedrohte. Ja endlich— die Welt ſaune nur, denn ich weiß was ich ſage und bin kein Marktſchreier— welch dicke Bücher voll Krokodil⸗ eier beſaͤße nicht das gelehrte und ungelehrte Deutſch⸗ land, daß das größte Buͤchereigebaͤnde ſie nicht faſ⸗ ſen könnte!— Aufgefriſchte alte Wahrheit, Der feſte, mit grober Rinde umhebene, plumpe Eichenſtamm iſt mehr werth, und beßre Stuͤtze, als die zierlich und manierlich gedrech⸗ ſelte und geglaͤttete, geſchnitzelte und beputzelte — Säule, die zur Zeit der Stürme zer⸗ nickt. 8. Gomplimentenmuͤnze. Höflichkeitsredensartrn ſind wie gangbare Münze; das haben ſchon hundert vor mir geſagt, deren jeglicher ſich einbildete es zum erſtenmale zu ſagen. Ich fur mein Theil will mir einbil⸗ den folgende Aehnlichkeiten zum erſtenmale zu ſa⸗ gen? Der Muͤnze Werth iſt nie und nimmer gleich mit ihrem Nennwerth, alſo auch die Gom⸗ plimente. Das Silber oder Gold iſt ſtets mit Kupfer verſetzt— alſo ſteckt hinter dem gehorſa⸗ men Diener ſtets ein: Wenn du doch wollteſt wie ich will! oder doſſelbe auf andre Art: Gleich⸗ wie die Muͤnze zuſammengeſchmolzen iſt aus edeln und unedeln Metallen, ſo auch die Compli- mente aus der edeln Sittigkeit der Menſchen⸗ achtung und Nächſtenkiebe und der unedlen Schmeichel- und Speichelleckerei der Selbſucht— gleichwie es auch ganz niedrige Scheidemuͤnze gibt von bloßem unedeln Kupfer, alſo ſind auch gewiſſe Hoͤflichkeiten in ihrer Abgetretenheit und Abgegriffenheit ganz ohne allen edleren Beiſatz.— Oft ſetzt der Koͤnig plötzlich ganze Muͤnzarten herab, und ſo ſetzt, oft unbegreiflich, Gebrauch, Landsart oder Gewohnheit gewiſſe Redensarten oder Ausdrücke herab, und bringt ſie überall in Mißtrauen und Verfall.— So wie nur einige Staͤdte Muͤnzgerechtigkeit haben, ſo nehmen wir auch nur von einigen Städten oder auch Laͤnbern neuausgeheckte Zieraffereien und Lebensart⸗Mum⸗ mereien an, nun muͤſſen wir arme Deutſche dann oft noch größern Schlagſchatz daran verlieren, als an den Birminghamer Groſchen.— Falſch Muͤnzen ſoll verboten ſein, weil das dem Ko⸗ nig allein frei ſteht, und doch geſchiehts immer; grade ſo haben nur gewiſſe Staͤnde das Vorrecht, den Leuten ins Geſicht zu lugen, und den an⸗ dern iſt dies falſche Muͤnzen gleichſam verboten, geſchieht aber doch.— Die Munze iſt der Spiel⸗ ball und Ankergrund unzaͤhliger Vorſchläge und Luftſchloſſer, bie alle drauf hinaus laufen, ihr endlich ihren wahren Werth zu geben, nie aber etwas fruchten. Eben ſo ſchreien die Weltver⸗ beſſerer uͤber Titel- und Hoflichkeitsziererei, ho⸗ rens und ſchauens aber doch gar gern, wenn ein demuͤthiger Untergebener mit einem unterthaͤni⸗ gen„Wohlgebohrner Herr“ auf der Bittſchrift vorm Schreibtiſche ſteht, ſollte der Herr Welt⸗ verbeſſerer auch noch ſo uͤbel und ungeſtalt ge⸗ bohrn ein.— Endlich noch behaͤlt niemand das Geld, ſondern hat es nur, um es wieder aus⸗ zugeben und umlaufen zu laſſen, als ein ins unend⸗ liche weiter verpfaͤndetes Fauſtpfand. So auch die Complimente, die in luftiger Bahn als leerer Wind und Schall ihren ewigen Kreislauf durch alle Vor- und Hinterzimmer des Landes beſchreiben, ohne irgendwo feſtzuhaften. Fur Geld iſt heutiges Tages Alles feil— ſo auch für Complimente, und wer nur ſich demuͤthig buͤ⸗ cken und den Fuchsſchwanz ſtreichen kann, der wird zu Gaſte gebeten bei Hohen und Niedern.— Das ſind meine Gedanken uͤber das Gleichniß, alle weiteren andrer Forſcher nehm ich fuͤr eine zweite Auflage gegen Ehrenſold an. g. Troſt fuͤr Anhaͤnger Fichtes. Wenn es Augenblicke gibt, in denen ſich fuͤr den Menſchen Alles ſo auf ſein eigenes Ich beſchraͤnkt, daß er beinahe in Gefahr iſt, dem groben Idealismus und ſomit der entſetzlich⸗ ſten Ichſucht in die Arme zu fallen— ſo erin⸗ nere er ſich gewiſſer anderer Augenblicke in ſei⸗ nem Leben. Es gibt deren in der Folgenreihe unſers Geiſtes, wo wir ſelbſt, unſerm eigenen Ich entfremdet, einen namenloſen, allgewaltigen Drang nach auſſen empfinden, ein unbegreiflich Sehnen, aus uns ſelber herauszugehen und Nich⸗ tich zu werden. Es ſind Augenblicke, wo man— wie im Traum zuweilen— uͤber ſich ſelber gleichſam ſchwebt, und doch auch zugleich in und außer ſich ſelber iſt, den ſtarren Leichnam und das druͤber ſchwebende Seelenwolkchen wie von — 11— auſſen anſchaut, und ſich doch mitten in beiden regt und bewegt, wo man auſſer ſich ſelber von einer unerklaͤrlichen Macht gezogen und angelockt wird. Betrachte lange eine geliebte Perſon, und Du wirſt in ſie uͤberſtromen wollen, Dich wird eine unbeſchreibliche Wehmuth ergreifen daß du grade Ich, und nicht jene biſt. Es wird dir manchmal gar ſeltſam faſt ſo bedunken, als waͤrſt Du in ihr drinn, und ſchauteſt aus ihren hel⸗ len Augen in Deine, und aus deinen in ihre wieder, nur wich ſelber gleichſam im Wechſel⸗ ſpiegel an. Verſenke dich in die Anſchauung der Natur, und das Aeußere wird dich mit ſol⸗ cher Allmacht zu Boden druͤcken daß es dein klei⸗ nes Ich vollig in ſich aufloͤſt; du wirſt wahrlich zehnmal eher befuͤrchten, in dem Strom des Al⸗ lebens fort und zerſpuͤlt zu zerrinnen, als daß du all das Schöne, Friſche und Lebendige um dich herum nur fuͤr das Geſpenſt deiner ſchaffenden Einbildungskraft halten könnteſt*). Das iſt die vielbeſungne, beklungene und benahmte Sehn⸗ ſucht, nach der du mit dem rollenden Strome mitfließen und fortrollen, mit dem fliegenden Vo⸗ gel ins weite Blaue davon flattern, mit der end⸗ loſen Straße ins Ferne und immer Fernere rei⸗ ſen, mit dem ſaͤuſelnden Winde zu den Bergen ferner Heimathslande entſchweben mochteſt. Der⸗ gleichen Augenblicke, wollt ich nun ſagen, geben dem Menſchen die Gewißheit, daß nicht Alles *) Solgers Philosophiſche Geſpräche. S. 33. — 12— bloßer Schein, daß es einen Gott und eine Welt zwar in, aber doch auch auſſer ihm gibt. Wann aber kommt die ſelige Brautnacht, da Inn⸗ rewelt und Außenwelt ſich vermaͤhlen und Eine Welt werden?—— 3 10. Reden und Verſtehen. Wenn du in die Welt trittſt, ſo lerne nicht unzählige Sprachen, lerne die Menſchen uͤber⸗ haupt verſtehen, wenn ſie mit dir reden, lerne Alles verſtehen, was da geredet wird im Reiche des Seins. Das iſt eine unendlich ſchwere Kunſt. Verſtehſt du, was ein Andrer will und iſt und thut, dann verſtehſt du auch dich ſelber und haſt den Stein der Weiſen. Die Sprache iſt aber unendlich, und nicht nur in Toͤnen wird geſpro⸗ chen. Der Taubſtumme redet in Gebehrden, Lie⸗ bende mit den Augen, der Kutſcher mit der Peit⸗ ſche, der treue Hund mit dem wedelnden Schwanze, erhabene Menſchen nur mit Handlungen, Gemu⸗ ther mit Geſichtszuͤgen, die Zeit mit Glocken⸗ ſchlägen, der Zeitgeiſt mit Druckerſchwaͤrze und Sprichwoͤrtern, Dichter, Weltweiſe und Kuͤnſtler in Gleichniſſen, Bildern und Geſtalten, Enge in Lichtſtrahlen und Klaͤngen, und Gott redet in der Weltgeſchichte. Aber alle, die da reden, mußt du verſtehen, denn Mißverſtändniß iſt der Urquell des Boͤſen und die Schlange des Teufels. 11. Die Welt ein Brauhaus. Wenn zu hundert und aber hundert Gleich⸗ — niſſen, mit denen ſich die armen, geplagten Menſch⸗ lein den ewig ſie verwirrenden Kreiskauf von Le— ben und Tod ſo einigermaßen deutlich zu machen ſuchen, auch von mir eins dozu verlangt wuͤrde, ſo wuͤrd ich mich etwa eine Weile befinnen, und dann ſagen: Die Welt iſt ein Brau- und Brenn⸗ haus. So ſeltſam und wunderlich das klingen mag, ſo getrau ich mirs dennoch durchzufuͤhren, wie man ſogleich aus dem folgenden Satze fehen wird. Es wird uͤberall, im Himmel und auf Erden, von Stern zu Stern, von Menſchen und nicht von Menſchen, ſtets Hoͤheres aus Niederem abgezogen. Das Erdenleben iſt die Schlan⸗ genrohre, durch deren mannigfach gekruͤmmte Windungen ſich ein Alles verdunkelnder ſchwarzer Dunſt und Rauch zwaͤngen muß. Wie aber der Branntweinbrenner die Dämpfe aus ihrer gleich⸗ guͤltig faulen Lauheit durch Kaͤlte zur größ⸗ ten Hite bringt, ſo auch hier. Das Grab iſt das rechte echte Kuͤhlfaß; in ſeinem kalten In⸗ nern ſtarrt der lauliche Erdendunſt plotzlich, ſchießt auf und ſetzt ſich an in den großen Trop⸗ fen der Todesangſtthraͤnen und des Todesſchwei⸗ ßes, und tritt dann auf der andern Seite her⸗ aus niedergeſchlagen— der Moder iſt das nie⸗ derſchlagende Pulver— zum brennenden geiſti⸗ gen Alcohol, der auf andern Sternen ins un⸗ — weiter verfluͤchtigt und verreinert werden ann. 12. Frauenwürde. Weibliche Unſchuld und Reinheit im hoͤchſten — Sinn iſt das Hochſte und Heiligſte auf Erden. Hier iſt die Stufe, uͤber welche Gott zum Men⸗ ſchen herabſteigt, eine Jungfrau iſt als ſolche nothwendig zugleich ein Engel in Menſchengeſtalt, woröber man das Woͤrterbuch aller Dichter und Verliebten nachſehe. Kinder nehmlich(d. h. Dich⸗ ter) und Narren(d. h. Verliebte) reden nach ei⸗ nem alten Sprichworte ſtets die Wahrheit. Eben darum konnte der ewige GOttmenſch auch nur von einer reinen Jungfrau gebohren werden,— wie es alle vorchriſtlichen Sagenlehren ahnen, in denen von der Menſchwerdung eines Gottes die Rede iſt— und wer dies Stuͤck der Glau⸗ benslehre umgeht, vernichtet damit zugleich die Gottheit des Chriſtes. Eben darum iſt der hoͤchſte Gipfel des Schoͤnen in der zarten Geſtalt des unſchuldigen Weibes— die Mutter iſt nur ſchoͤn, in ſo fern ſie ſich ſelbſt als ſolche nach Jungfraͤu⸗ lichkeit erhalten konnte— und der hoͤchſte Sieg der Kunſt in der mediceiſchen Venus und der Madonna— darum iſt Schoͤnheit und Jung⸗ fraͤulichkeit eigentlich einerlei im tiefſten Urgrund. Darum leuchtet der Himmel mit allen ſeinen Sternen aus dem reinen Blicke der Jungfrau, die nichts davon weiß, daß ihr unbefangen die Erde betrachtendes Auge den Himmel ruͤckſtrahlt durch Offenbarungswunder. Darum vermag die edle Herrin den wildeſten Ritter zu ſaͤnftigen, und darum iſt die Tugend, Wahrheit und Schön⸗ heit in allen tugendhaften Sprachen weiblichen Geſchlechts. Wer dies Heiligthum des Jung⸗ fraunherzens nicht ehrt und anbetet, iſt auch kein Menſch, und wer dieſen reinen Spiegel des Him⸗ — 16— mels beflecken kann mit der Luſt der Erde, der begeht die eigentliche Suͤnde wider den hei⸗ ligen Geiſt. Wehe euch neumodiſchen Weiber⸗ haſſern, die ihr im reinen Spiegel des weibli⸗ chen Herzens nur den eigenen Teufel erblickt, da er doch jedem guten Menſchen ein Engelbild zuſtrahlt. Glaubt und ſagt nicht, daß dieſe Rein⸗ heit des Weibes jetzt etwa ſeltner ſei als je; ſu⸗ chet ſie nur zu allen Zeiten, und ihr werdet ſie ſtets finden, wo ſie am wenigſten geſucht wird. Eine Zeit und ein Volk, wo man die Frauen nicht ehrt, iſt eben darum eine ſchlechte Zeit, und ein geſunkenes Volk; und einſt wird das juͤngſte Gericht von dem geſunkenen Maͤnnervolke des Zeitalters Vergeltung fordern für all die un— zähligen ſtill und heimlich gefloſſenen Thraͤnen und erſtickten Seufzer der verkannten, zertruͤmmerten und niedergedruͤckten Weiblichkeit! 13. Ueber die Alltagsmenſchen. Wenn durch die Kraft des unſichtbar wal⸗ tenden und mit Macht erſtehenden Urbildes ²) in den Herzen der Menſchen große Thaten voll⸗ bracht ſind von Vielen, und große Ereigniſſe be⸗ wirkt ſind durch ganzer Völker vereint Thun und Treiben— und du nun vom Allgemeinen über⸗ gehſt ins Einzelne— wenn du nun forſcheſt bei jedem Einzelnen nach den Triebfedern ſeines Wil⸗ *) So uͤberſet ich Idee ein für allemal. lens und den Gruͤnden fur ſein Handeln— 0 wie ſinkſt du da doch plötzlich zuruͤck von dem Ho⸗ hen, das dir die Allgemeinheit bot! Der wußte ſchlau ſeinen Sondervortheil dem des Ganzen unterzuſchieben— jener lief gedankenlos und un⸗ beſorgt mit, wo die Andern hinliefen— dieſer machte die Thaten der Heimathsliebe zum praͤch⸗ tigvergoldeten Aushaͤngeſchild und Ordenskreuz ſeiner erlogenen Verdienſte, und wollet wenigſtens drauſ— ſen etwas haben, weil er drinnen nichts ſpürte— einer zog auch wohl den rothen Rock darum an, weil ihn die Dirnen huͤbſcher drin fanden— wiederum ein Anderer nahm Theil am Gemein⸗ ſamen blos und Allein, um nicht zu ſchaͤnden den Stammbaum des uralten Reichsfreiherrnhauſes— einer ward getrieben von der Furcht der Verach⸗ tung im Ermanglungsfall— nur wenige an der Spitze endl lich waren begeiſtert von der wahren Kraft der Wahrheit, und dieſelbigen lenkten und beſtimmten als Haupt- und Allbaß alle Floten, Geigen, Bratſchen und Hörner; ja ſogar die laͤrmenden, alles uͤberſchreienden Pauken und bramarbaſirenden Baßpoſaunen haben in ſich al⸗ lein keine vollendete Tonweiſe noch Einklang, ſon⸗ dern folgen blos der leitenden Rolle des Kapell⸗ meiſters am Flugel. So wie aber dennoch jedes einzelne Werkzeug nothwendig iſt zur Vollſtandig⸗ keit des Allſpiels, ſollte es auch die meiſte Zeit uͤber ſchweigen, und nur hie und da beim For- rissimo den Laͤrm vermehren helfen— eben ſo iſt ſogar das, Volk und Koͤnig ſeines kleinen Beamtenſchubſaͤckchens wegen prellende, und nur beim groͤßten Laͤrm mitſchreiende Magazinassi- — 17— stentlein nothwendig zur Befreiung des Vater⸗ lans. Dergleichen Leute kommen mir freilich ſo vor, mie Leute, die nicht ſingen können, aber gerne moͤchten, und daher nur bei zahlreichem Allgeſang mit einzuſtimmen wagen, damit ihre ſchlechte Stimme den Einklang nicht gar ſo ſehr ſtore. Aber ein Schriftner darf nicht immer gleich Rlles“ ſagen, was ihm vorkommt, und ich ſchließe lieber plotzlich mit Folgendem: Das in des Lebens Kern lebende Urbild wirkt in ge⸗ meinen wie in erhabenen Menſchen, und das meiſt unbewußt. Das Einzelne ohne Beziehung aufs Algemeine iſt allemal Nichts. Was dem Beſondern fehlt zur Wuͤrde dieſer Welt, wird ausgeglichen vom Algemeinen, und was das Al⸗ gemeine zu viel hat fuͤr dieſe unvollkommene Welt, das wird umgekehrt ausgeglichen durch das Beſondere*). 14. Unſterblichkeitsbeweis. Der Menſch will unſterblich ſein, und da⸗ rum iſt er es. Das iſt der einzig kraͤftige Be⸗ weis. Wäre der Menſch nicht wirklich unſterblich, t könnt er es auch nicht einmal ſein wollen. Auf NMWarnungstafel! Man verſtehe dies Ei nicht Unrecht, und huͤte ſich namentlich, etwa in ein⸗ zelner Anwendung da noch mehr zu übertreiben, des Verfaſſers Laune ohnehin ſchier übertrieben — 2 — 18— dieſen Beweis laufen zuletzt alle andern mehr oder weniger hinaus. 15. Dichters Unbegreiflichkeit. Der Werkeltagsmenſch begreift den chleri⸗ ſchen nicht, wohl aber dieſer jenen ſo Zehr gut. Woher kommt das? Weil aus der⸗ Dunkelheit ins Licht immer leichter zu ſehen iſt, als aus dem Hellen ins Finſtere, wuͤrde vielleicht mancher haͤ⸗ miſche Spottvogel ſagen oder ſagen wollen. Al⸗ lein ich weiß die Urſache beſſer: Weil der ge⸗ meine Verſtand als unbedeutender Beſtandtheil mit in der Anſchauung des Urbildes liegt, nicht aber ſo das Urbild im gemeinen Verſtand. 16. Seligkeit des Wohlthuns. Wohlthun wird ewig die höchſte und reinſte Freude eines liebenden Menſchenherzens bleiben, und das ſelige Gefühl, in ein Mitherz der Erde auch nur einen Tropfen erquickenden Freuden⸗ weins gegoſſen zu haben, wiegt allen Stolz und Freudigkeit des kalten Selbſtgenügens im eigenen Gluͤcke tauſendfach auf. Sei noch ſo uͤberfüllt mit Genüſſen der Eigenfreude; wenn ſie, in 1o) ſelber zuruͤckgedraͤngt, ſich nicht mit andern thei⸗ len darf, wird ſie in ihrem eignen Uebermaaß erſticken. Aber ſchaut jenen aͤrmlichen Mann an, den ein Menſchenfreund durch eine milde Gabe dem Rande der Verzweiflung entruͤckte mitten in die gruͤnſten Hofnungsauen hinein. Seht, wie das ſo vielfach ſchon gepreßte und von der rau— hen Erdenluft uͤberall wund graͤtzte und jufge⸗ ſprungene Herz nun ploͤtzlich in all ſeinen Wun⸗ den Himmelsbalſam rieſeln fuͤhlt, und wie die Seele des Mannes herausſpringen moͤchte vor verjungter Lebenshofnuttg und GOttvertrauen aus dem ſchwimmenden, halb erhobenen Auge! O das iſt noch das Gloͤck der Menſchheit, daß ein einzi⸗ ger warmer Sonnenblick all die rauhen Sturm⸗ und Regentage, und eine einzige wonnige Minute all die Schreckens-Ewigkeiten des Leidens wieder aufwiegen und erſetzen kann. Ach Manche legen ſich auch wohl ins Grab, denen gar wenig ſol⸗ cher Sonnenblicke beſchieden waren, denen die ein⸗ zige Wonneminute doch faſt weggeſchwemmt wurde von den Leidensthraͤnen. Aber eine einzige Mi⸗ nute war gewiß jeder Menſch hier ſelig, und dieſe Minute nimmt er als Berechtigungs-Brief und Einlaßmarke mit hinuͤber an die Thore der ewigen Hallen, hinter denen der ganze Erden⸗ ſchmerz zerſtiebt in Vergeſſenheit. Vielleicht war dies hier des armen Mannes einziger Sonnen— blick, der ihn dereinſt aus der langen Nacht in den Tag leiten ſoll. Horch, wie ſeine Lippen kaum hörbar hervorſtoßen den einzigen Laut— Gott!— In dieſem Augenblicke ſpricht Gott durch ihn nur ſich ſelber aus, und waͤre des Man⸗ nes Seele bis hieher vergaͤnglich geweſen, von nun an muß ſie ewig leben, denn er hat nun eine Einlaßmarke vorzuweiſen an den ewigen Hal⸗ len. Da geht der Menſchenfreund ſtill und un⸗ bemerkt fort, ſich des geretteten Dank entziehend; aber in ſeinem Herzen ertont gewiß der reinſte Widerhall des erquickten Herzens, und er fuͤhlet gewiß die Freude des armen Mannes tiefer, als je die eigne. Die Freuden des Wohlthuns ſind ein flächtiger Liebesblick, dem ein Herz dem an⸗ dern zuwirft, das ihm in den Wöbeln des Le⸗ bens begegnet, und mit Sturmwindsetle Loräber⸗ ſtreift; es hilft ein Gefangener dem andern die Eiſenfeſſeln tragen, weil ſeine ihm nicht völlig ſo ſchwer ſind, wie dem Bruder; es will ein Wi⸗ derhall dem andern antworten und ein Wider⸗ ſchein den andern beleuchten, da doch beide nur Widerhall und Widerſchein ſind von unbekannten Urton und Urlicht. Bedenkt das alle wohl, ihr Geſegneten, denen das Schickſal den Zauberſtab in die Hand gab, durch deſſen Berührung ſich die Menſchenherzen der Freude offnen! Iſt es nicht Himmelsluſt, wenn eine unſterbliche Seele ſich üͤber einen Groſchen freuen kann?—— 17. Für die Philosophen. Martha, Martha, du machſt dir viel zu ſchaffen, aber Eines iſt Noth! So rief der HErr einſt der, alle möglichen Suppen und Gerichte zuſammenbrauenden Hauswirthin zu; und deſſelbigen gleichen könnte mit demſelben Rechte zurufen der wahre Weltweiſe den zahllo⸗ ſen Philosophen des achtzehnten und neunzehnten Johrhunderts. 18. Die große Feinkuͤche. Wer geſund und hungrig iſt, ißt Hausba⸗ ckenbrot und ein Stuͤck Rindfleiſch. Wenn kein Hunger mehr, ſondern nur noch Eßluſt da iſt, und es ſonſt in die Reihe der Moglichkeiten ge⸗ hoͤrt, mag er auch wohl zuweilen Kuchen, Zucker⸗ brot und ſußſaure Gemengſel zu ſich nehmen, zur Abwechſelung und zur Erquickung. Unſer Jahr— hundert aber that des Guten zu viel, ließ den Brotbackofen ganz eingehen, und fraß nichts als Zuckerbrot und Kunſtkochereien. Die Buchläden waren eine Zeit lang nichts als Garkuͤchen nach hohem Geſchmack, die alles alte Uebriggebliebene nur wieder aufwaͤrmen und betunken. Dadurch hat ſich das arme Jahrhundert den Magen ver⸗ dorben, und kränkelt noch immer an den Folgen der Unmäßigkeit. Die Buchhaͤndler bieten noch immer mehr Zuckerbrot und Suͤßigkeiten dar, in Saffian und Goldſchnitt, in zwölftel und Sechs⸗ zehntel, in Futteralen und mit Kuͤpferchen, als Einmonats- und Eintagsfliegen,— und kommt nun auch mal einer mit tüͤchtiger Hausmanns⸗ koſt an, die doch die einzig wahrhafte und nahr⸗ hafte iſt, ſo verſchimmelt ſie ungegeſſen. O man mochte weinen uber die jetzigen fuͤſſen Herren im Schriftthum, die keine Speiſe mehr verdauen kon⸗ nen, wenn ſie nicht zehnfach gezuckert, gewurzelt, gemengelt und geſchneizelt iſt. 19. Urſprung der Trunkenheit. Manchmal entſteht das häßlichſte Laſter, die Trunkenheit, grade aus dem Edelſten des Men⸗ ſchen, aus dem Drange nach Allerkenntniß und Weltweisheit. So mancher hat in wahrem Wiß und Laune die ganze Welt als bloße Welt zum * — 22— reinen Nichts gebracht; daß etwas iſt und ſein muß, was der Schlſſel iſt, weiß er aber, und es treibt ihn eine unerklaͤrlich mächtige Sehnſucht nach dieſem unbekannten Etwas, das er nicht er⸗ faſſen kann. Wurde ihm ein dichteriſcher, den⸗ kender, erhabener Geiſt, d. h. fliegendere und reg⸗ ſamere Nerven zu Theil, ſo dringt er begeiſtert ein in den Liebemittelpunkt des Glaubens und Wiſſens, und entfaltet ſich die Welt jugendfriſch und neu und lebendig gottlich aus dem Mittel⸗ punkt ſeiner gluͤhenden Anſchauung. Hat er aber — die bockledernen Nerven eines Alltagsmenſchen, eines Lieflandiſchen Leibeignen oder kaſſubiſchen Bauern z. B., ſo draͤngt ihn das ewige Fluthen und Fließen, Wogen und Wallen ſeiner unbe⸗ wußten, unerkannten Sehnſucht zum fließenden, kühlenden Trank, und wenn der ſeinen faulen Nervenhebeln zu Huͤlfe kemmt, dann wird er— wenigſtens augenblicklich— ſo begeiſtert, daß er ſeine Einheit mit der Welt erkennt. Ihm gehoͤrt dann die ganze Welt, weil ſie er ſelber iſt, in ſeiner Anſchauung iſt nicht Ort noch Zeit, und er liegt unterm Tiſch wie im Bette. Seine Dichtun⸗ gen ſind oft zuſammenhängender, als manches Dich⸗ ters Gedichtlein. Der Weltweiſe und Dichter iſt in gewiſſem Sinne ſtets berauſcht, und der Trunkne iſt in gewiſſem Sinne ſtets Weltweiſer und Dichter. Man lache nur immerhin, aber man proͤſe und unterſuche, und man wird ſehen, daß dies eins der wahrſten und ernſthafteſten Krokodil⸗ eier iſt, wenigſtens eben ſo ernſthaft als das jeßt »folgende. 20. Die Brautnacht fär Reine. Es gibt kein heiligeres, den ganzen Menſchen mit namenloſerer Ahnung an- und ergreifendes Wort, als das Wort Brautnacht. Wehe und Wehe dem Leſer, dem der Anfang dieſes Eies nicht ſo ins Herz klingt, wie es ſollte! Die Brautnacht iſt jedem Menſchen die Tag- und Nachtgleiche ſei⸗ nes Lebens, die Sonnenwende ſeines Erdenjahres, die hoͤchſte Polhoͤhe ſeines Himmels und der Mit⸗ telpunkt aller ſeiner Fuͤhl- und Denkkreiſe. Es verſteht ſich am Rande, daß ich hier nur von Men⸗ ſchen rede, die, wie Sonnenberg, ihr Herz keuſch bewahrten, ein unentheiligt Delphi der Liebe*); und nicht von denen, die, GOtt weiß in welchem lichtſcheuen Winkel, Schandnaͤchte ſtatt Brautnaͤchten genoſſen. Denen freilich iſt dann die Brautnacht nur noch ein ſchwacher Nach- und Spaͤtſchatten oder Spiegelglanz des ſterbenden Le⸗ bens, und ſie wird Tag- und Nachtgleiche in dem Sinne, daß eines ſolchen Tag nun geſunken iſt, und nach dieſem Sonnenſtillſtand ſeine ewige Nacht anfaͤngt. Beim Lichte beſehn iſts aber Unrecht, daß man ſich erſt mit dem Gedanken an dergleichen Miß⸗ und Nachgeburten der Menſchheit die ſchone Stimmung verdirbt. O ihr Alle, denen Maͤnner⸗ keuſchheit keine Grille duͤnkt, wie ſenem altweiſen Arzte, und die ihr alle rein euch weiht und auf⸗ behaltet der im Bilde oder im Leben Auserkohr⸗ nen, es ſei nun eure Sonnenwende ſchon gekom⸗ S. Sonnenbergs O4e: die Etwähite. men oder komme noch und glähe im Hofnungs⸗ zauber der Zukunft in eurem Herzen— es gibt ein Himmelsglöck auf Erden, und das iſt die Brautnacht dem Reinen. Sie ſcheint zwar nur kurze Zeit, aber ihre langen, langen Strahlen warmen und leuchten noch tief und weit ins Leben hinein, wenn auch die Sonne der Strahlen laͤngſt untergegangen iſt. Fuͤhlt das nur recht lebhaft, und ihr werdet euch nicht muthwillig durch einen thdrichten Augenblick die hoͤchſte Wonne eures Le⸗ bens zerſtoren.— Grabt nicht in Sämpfen und Moraͤſten, auch nicht erſt in rauhen Felsadern nach dem reinen Goldkorn, das euch nur der klare, lichte Strom blinkend entgegenſpält— ſeid viel⸗ mehr wie Muſcheln, die ſich tief verſchloſſen und einſam im Meeresgrund verſenken, um ſo die koſt⸗ liche Perle in ſich zu erzeugen. Wird ſie euch denn doch nicht, wie den Muſcheln, tuͤckiſch geraubt, ſondern ſie bleibt euch ja ſelber zum ſchoͤnſten Ge⸗ nuſſe! 21. Das Gleichgewicht der Wage. Wie geht es wohl zu, daß gegen Einen gro⸗ ßen Menſchen immer ſo gar viel alltägliche Geiſt⸗ loſe Raͤdel- und Hebelwerke von Menſchen da ſind? Das muß ſein, auf daß die Wage gleich bleibe und nicht umſchlage. Jedes Ding führt zugleich ſeinen unmittelbaren Gegenſatz in und mit ſich, und mit dem einen iſt das andre zu⸗ gleich geſetzt. Da nun ein großer Menſch auf der Richt- und Schnellwage der Welt ſov'el wiegt, wie wenigſtens hundert andre, ſo iſt auch Verhaͤltniß zum Stillſtand des gleichenden Zuͤng⸗ leins nothwendig. So wie ein durchs Dorf fah⸗ render Wagen, um das Urbild eines dergleichen Wagens vollſtaͤndig zu erfuͤllen, eine ganze Hetze ihn anbellender und verfolgender Huͤndlein braucht, ſo gehoͤren auch zu einem durchs Leben fahrenden Dichtergeiſt, als Grundtheiler, eine Menge Nul⸗ len oder hoͤchſtens Zehntelbruͤche, die ihn verle⸗ gen, beſchreiben, abſchatten, richten, tadeln, be⸗ wundern, auslachen, ſchimpfen, verbeſſern, nach⸗ beten, aͤrgern, und doch alle zuſammen nicht ver⸗ ſtehen. Wenn etwa Jemand dieſe Seite nicht verſtehen ſollte, ſo ſei er um Himmelswillen nicht ſo laut damit! Er wäre denn am Verderben mel⸗ ner Seele ſchuld, wenn ich mir einbildete, ein gro⸗ ßer Mann zu ſein. 22. Gedaͤchtnißkunſtgriff. Ich weiß nicht, ob der guͤnſtige Leſer des Freiherrn von Aretin Mnemonik beſitzt; prunkt ſie aber in ſeinem Buͤcherſchrank, ſo hefte er weiß Papier hinter die Bildertafeln und ſchreibe wie folget: Wilt du mehrere Sachen oder Dinge zugleich leichtlich und bequem behaiten, ſo nimm wohlbedächtig von jeder Sache oder Ding dasje⸗ nige Wort, ſo etwa den Hauptgedanken ausdruͤckt, und ſuche nun dieſe Worte ſchicklich zu einem recht auffallenden und abſonderlichen Satze zu verbinden. Moͤglich wird dies immer ſein, und je närriſcher der Satz, worauf vorzuglich zu ſehen iſt, um ſo eher wirſt du deinen Zweck erreichen. Wilt du jetzt z. B. die Sbn vier Krokodileier — 26— behalten, ſo ſprich nur flugs: Ein ſuͤſſer Herr beſoff ſich in der Brautnacht an Zehntel⸗ bruͤchen, und ich ſtehe dafür, daß du die Sa⸗ chen ſobald nicht vergißt. Der beſte Pfiff hiebei iſt noch der, daß folcherlei Sätze gar oft wie⸗ derum ganz neue Gedanken herbei fuͤhren und ge⸗ baͤhren, wie in der Scheidekunſt ganz verſchiedene Stoffe erſt in ihrer Vereinigung einen neuen Grundſtoff entwickeln.—(So liegt im obigen Beiſpielſatze die hohe Wahrheit, daß einen ge⸗ ſunden Magen zwanzig Ganze kaum dazu fuͤhren, wozu dem ſuͤſſen Herren ſchon Zehntelbräche genug ſind). 23. Einheit des Geiſtes und Körpers. Geiſt und Körper ſind ſo innig Eins und verbunden, wie ſichs wohl manche lebendige Ab⸗ ſchrift des Ariſtoteles nicht traͤumen läßt; das leh⸗ ren uns unzaͤhlige, unwiderſprechliche und dabei alltaͤgliche Erfahrungen. Hieher gehoͤren nicht nur die oft ſo ganz wunderbaren Einwirkungen der Gemuͤthsbewegungen und Leidenſchaften und Stimmungen auf den Körper, ſondern dahin ge⸗ hoͤrt noch manches Andere. Wenn B. dem zum erſtenmal Stehlenden die Hand zittert, und faſt dem Willen nicht gehorchen will, wo iſt da für den gemeinen Verſtand eine Verbindung zwi⸗ ſchen der Mahnung ſeines Gewiſſens und den Sehnenbäͤndern in den Handgelenken?— Der⸗ gleichen Dinge wird erſt derjenige zwar nicht er⸗ klären, wie der gemeine Verſtand ſpricht, aber einſehen und wiſſen, der auf dem Punkt ſteht, wo weder Geiſt noch Koͤrper an ſich, ſondern blos Ich und Sein iſt. 24. Spielwerk für Traumer⸗ Eins meiner liebſten Spielwerke in Stunden des ſogenannten wachen Träumens war folgen⸗ des: Ich ſchuf in Gedanken irgend einen klei⸗ nen Korper, der mir grade zunaͤchſt in die Augen fiel— ein Buch, ein Kaͤſichen, ein Dintenfaß, eine Stecknadel, ein Pfefferkorn, kurz, was es immer ſein machte— zu einer von vernuͤnftigen Geſchöpfen bewohnten Welt um. Ich entdeckte in den Zwiſchenraumchen und Unebenheiten des Koͤrpers eben ſo viele Ströme und Gebirge, ſah manches kaum bemerkliche Staͤubchen fuͤr in Schlachtordnung ſtehende Kriegsheere an, und manches winzige Tüpflein fuͤr eine große Kaiſer⸗ oder Königsſtadt mit all ihrem Schau⸗Dienſt⸗, Amts⸗ und Gewerbslärm. So kieß ich meine Einbildungskraft bis ins Unendliche weiter ſpie⸗ len, die denn auch geſchaͤftig nicht ſaumte, mich immer lebhafter und träumender vollig vom Da⸗ ſein einer ſolchen Welt zu uberzeugen. Dann ſiel es mir etwa plötzlich ein, an den Koͤrper zu ſtoßen, ihn zu bewegen, oder dergleichen— und welche Umwaͤlzungen und Weltbegebenheiten er⸗ regte das nicht auf dem Erdlein! Denn auch die Zeit war dort in verjuͤngtem Maaßſtab, und Jahrhundertchen blies ich mit einem Athemzug fort. Ich hoͤrte deutlich das Jammergeſchrei Tau⸗ ſender in verſchuͤtteten Staͤdten bis auf das Wim⸗ mern des Wiegenkindes in der niedrigſten Huͤtte, B2 ich dachte all die Gedanken und fuͤhlte all dle Gefuͤhle, die dudurch in tauſend Menſchenleben alldurchgreifend gegoſſen wurden— ich horte die abergelehrten und altweiſen Wortkriege druͤber, die Dentripetal⸗- und Gentrifugal- kraft und die hochſten Urquellen der Dinge in der Ansſt ihrer aͤrmlichen Vernunft vergebens zu Huͤlfe rie⸗ fen, um ſich den Stoß meines Zeigefingers zu erklären. Da faßte mich oft ploͤtzlich ein namen⸗ loſer Schauder— mir wars als hoͤrte ich die Lehrer und Weiſen aller irrdiſchen Hochſchulen— als ſuͤh ich das Weben und Treiben aller Kaiſer⸗ thämer und Vorwerke— als fuͤhlt ich den Schmerz und die Wonne aller Menſchlein die⸗ ſes Erdballs— und als ſei auch er ein ſolches Spielzeug in der rieſenhaften Hand eines tuͤcki⸗ ſchen Zaubergeiſtes— und der ſtaͤnde wieder un⸗ ter einem hohern— und ſo ins Unendliche——. Wahrlich, da ergrif mich Hollenangſt vor meiner eigenen Kleinheit, die ſo unbeſchreiblich klein iſt und doch nicht Nichtigkeit— da war mirs, als hielte auf dem kleinen Erdlein vor mir wie⸗ der jeder ſo ein Erdlein in der Hand, mit dem er ſpiele— und drauf wieder ſo, und immer wei⸗ ter.— Da waren aus dem kindiſchen Spiel erhabne Gedanken gefloſſen, und ich eilte ins Freie, mir duft zu machen. 2 Die Zweieinigkeit. Es giebt eine Dreieinigkeit, das ſteht ewig feſt; aber man ſteige die Leiter noch höher hin⸗ auf, und es giebt im höchſten Sein nur eine — 29— Zweieinigkeit— ſelber die Dreieinigkeit käßt ſich auflöſend darſtellen als eine im Einsſein der Zwei eben ſelber zum Dritten gewordene Zwei⸗ einigkeit. GoOtt und Welt, Geiſt und Koͤrper. Ich und Nichtich oder Ich und Du, Zeit und Ewigkeit, Form und Weſen, Vorſtellung und Be⸗ grif, Denken und Ding, u. ſ. w. u. ſ. w. bil⸗ den die ewig unzertrennliche und ewig geſpaltene Zweieinigkeit des Seins, in der Alles ſich loſt und knuͤpft, Alles ſich findet und verliert, Alles ſich entgegenſetzt und vereinigt. Es iſt der große allunendliche Urgegenſas, der eben wieder als Ureinheit, und in der Ureinheit des Urgegenſatzes mit der Ureinheit der Halter und Hort, das Le⸗ ben und der Kern wie alles Denkens ſo alles Seins iſt— eben die Gottheit. Die Zwillings⸗ glieder ſind nur etwas in ihrer Einheit, und ſind doch wiederum nur Eins, inſofern ſie geſonderte Zwillingsglieder find. Jede Haͤlfte des Gegenſatzes iſt zugleich Gan⸗ zes, das ſich die andere Hälfte aus ſich ſelber ergaͤnzt, eben weil die eine Hälfte eins mit der andern iſt. Rur im Einsſein der Entgegengeſetz⸗ ten, nur im zuſammenbiegen der End- und An⸗ gelpunkte zum Ringe liegt das Etwas an ſich⸗ Das iſt die ewige Zweieinigkeit, die auf allen Standpunkten unſers Bewußtſeins unwiderſteh⸗ lich zuruckkehrt, welche unzählig verſchiedene Na⸗ men wir guch den Gegenſätzen geben. Dieſe Zweieinigkeit durch gll die verſchiednen Stand⸗ punkte, die ſich von der oberſten Zweieinigkeit des Denkens und Seins, oder der Vernunft und Na⸗ tur an immer ins Unendliche weiter zweieinig ent⸗ und durchwickeln, in und durch die Einheit dieſes Gegenſatzes in der Wahrheit ab⸗ zuwickeln und wieder zuruckzuwickeln, iſt Sinn und Geſchaft der Weltweisheit. Die hoͤchſte un⸗ mittelbar uns Leben gewordne Zweieinigkeit iſt der GoOttmenſch. Er iſt die lebendigverkör⸗ perte Weltweisheit oder das Fleiſch gewordne Wort, und die Weltweisheit iſt der wahre Gott⸗ menſch. So ſind Vernunft und Offenbärung, Weltweisheit und Chriſtenthum im tiefſten Ur⸗ grund Eins. Nur Menſchenweisheit widerſpricht dem Chriſtenthum, die wahre Weltweisheit iſt aber Gottes⸗ und Menſchenweisheit zugleich oder eben Gottmenſchweisheit. Nur Unvernunft oder Verſtand widerſpricht der Offenbarung, die wahre Vernunft iſt aber Eins mit der Offenbarung, Fluß⸗ bette und Ausfluß derſelben zugleich. 26. Die Tonkunſt des Weltalls. Wenn die Tonkunſt nicht waͤre, ſo wäre die Welt Nichts, ſie waͤre ein kalter ſtarrer Leichnam ohne Leben. Sprache iſt das Leben eines We⸗ ſens, und Tönen iſt die Sprache der Welt, oder was einerlei iſt, die Sprache der Gottheit— nehmlich das Tonen, inſofern es Eins iſt mit dem Leuchten, inſofern auf den beiden Seiten des Schalles und Lichtes ſich nur die eine Einheit der wider ſtreitenden Kraͤfte im zur Gleichgültigkeit aufgelöſten und dadurch geiſtig gewordenen Stoffe darſtellt. Die Weltgeſchichte, als Ur⸗ und All⸗ geſchichte des Weltalls, iſt in ihrer Ewigkeit ein großer Einklang der verſchiedenartigſten Klang⸗ ſpiele. Im hochſten Sein iſt jeder Laut äber⸗ haupt Kettenglied der Tonkunſileiter, das Krachen fallender Sterne und das Riſcheln des Windes uͤber den Saatwellen, das Ziſchen der wirkenden Boͤrnkraft*) um den Sonnenleib und der, nur Elfenohren vernehmliche Geſang der geheim auf⸗ ſprießenden Pflanzenkeime. Vom hoͤchſten bis zum tiefſten Ton der unendlichen Orgel iſt Alles Ein⸗ heit, ein einziger großer, aufgelöſter Dreiklang des ewigen HErr Gott Dich loben wir.— Weſ⸗ ſen erſchaffnen Geiſtes Herz und Geiſt in dieſem Sinne tonkuͤndig iſt, deſſen geſchaͤrftes Ohr ver⸗ mag ſchon auf Erden zu faſſen den großen All⸗ klang dieſes Tonſpiels, den Urgeſang der Himmel, während der Unverſtändige, Uneinge⸗ weihte in dem Bruͤllen des Donners und im Schrillen und Pfeifen der Eule nur Mißtöne hört, die er nicht mit aufzunehmen vermag in den Alleinklang des Haidn'ſchen: Es werde Licht!— So und nicht anders aber kann und muß der die Welt auffaſſen in ſich, deſſen erhabne Meiſter⸗ werke in der Tonkunſt die tiefſten und innerſten Saiten des menſchlichen Herzens regen und be⸗ wegen. Gottes Aklgegenwart. Das ſchönſte Dichtergleichniß fuͤr die All⸗ gegenwart GOttes fand ich in Wielands Oberon *) Electricität. und ich heb es hiemit heraus ans Licht als ein beſonderes Krokodilei: der Alte ſah in den Ge⸗ ſchöpfen all uͤberall des Unerſchafnen Bild, ſo wie in Tropfen Thaus das Bild der Sonne wallen.*) 28. Bauholz zu einem Narren. Will etwa nächſtens einer meiner Leſer ein romantiſches Buͤhnenſtäck nach Shakeſpears Art ſchreiben, und läßt er— wie ich als wahrſchein⸗ lich vermuthe, einen Hofnarren darin vorkommen, ſo kann er dieſen Narren dadurch zur anziehenden Perſon machen, daß er ihm folgende Ausſpräche bald hie, bald da in den Mund legt:— Alle Menſchen in der Welt ſind Narren, ausgenom⸗ men die Narren, d. h. alle, die ſich recht klug dänken, und die der ſteife Philiſter fuͤr ordnungs⸗ mäßige, richtige und gichtige Menſchen haͤlt und anerkennt, ſind beim Lichte beſehen Narren. Die aber vom Volk Narren genannt werden, ſind eben deshalb die einzig Weiſen.— Die Aehnlich⸗ keit eines Narren mit einem Paradiesvogel be⸗ ſteht darin, daß die Leute von beiden glauben, ſie haͤtten gar keine Fuͤſſe, blos weil ſie nicht Luſt haben, ihre ſchönen Fuͤſſe ſo oft im Erdenſchmutze zu beſudeln.— In dem Kettenringe der Welt ſind der größte Narr und der erhabenſte Geiſt zwei dicht in einander gefuͤgte Glieder, und das Volk *) Wielands Oberon. VIII. 28. machts wie der gemeine Mann, der Alles, was nicht zu ſeinem Alltagshimmel gehoͤrt, in Ein Fach zuſammenbringt, es moͤgen nun faule Stern⸗ ſchnuppen oder leuchtende Bartſterne ſein. 5 Jeder Menſch iſt naͤrriſch auf ſeine eigene Art und auf ſeiner eigenen Seite. Auf eines andern Seite närriſch zu ſein, waͤre die kuͤnſtlichſte Kunſt, aber niemand kann auf allen Seiten und öberall ein Narr ſein, von wem die Leute das glauben, der iſt gewiß keiner.— Es iſt uͤberhaupt der größte Trugſchluß und die unſicherſte Vermuthung von der Welt, wenn man ſagt: deſſen Geiſt iſt nach der Ordnung, weil viele, und jenes Geiſt iſt wider die Ordnung, weil wenige ſo ſind. Der arme Menſch kann ja gar nicht wiſ⸗ fen, wie er eigentlich ſein foll, wenn er recht iſt.— Es hat Riemand ein froͤhlicher Le⸗ ben, als ein ſogenannter Rarr, aber freilich ge⸗ hoͤrt auch außerordentlich viel Verſtand dazu, um gar keinen zu haben.— Man kann kaum aus zehn Klugen einen Narren machen, aber aus ei⸗ nem Narren mehr wie zehn Kluge.— Ich be⸗ daure nur die armen Narten, die ihre Narrheit nicht bffentlich von fich geben duͤrfen, ſondern wie⸗ der zuruͤckwuͤrgen mſſen. Ich glaube gewiß, und will damit niemanden beleidigen, Jean Paul z. B. oder Schiller waͤren noch zehnmal mehr ge⸗ worden, wenn man ihnen zu Zeiten erlaubt haͤtte, ſich ein wenig wie Verruͤckte zu gebehrden; denn aufferordentlich und unordentlich iſt immer Eins.— Mancher weiſe König oder Kaiſer wurde plotzlich all ſeinen Ruhm verlieren, wenn män ihm ſeine Narren naͤhme.— Wie mancher große Gelehrte und kluger Weltweiſe mag nicht ſchon ganz heim⸗ lich ſeufzend gewuͤnſcht haben, nur einmal auf einen Tag ſeine Weisheit los zu werden und ein Narr ſein zu duͤrfen.— An dem, was ein Narr in ſeiner Narrheit hat fallen laſſen, ha⸗ ben ein Schock Weltweiſe zu kauen und zu ver⸗ dauen, gleichwie eine ganze Tafel voll Eßgäſte vom Dreck einer einzigen Schnepfe leckt. u. ſ. w.— 2g. Etwas Licht für Finſtre. Das Licht iſt der Urſtoff und das Wegemit⸗ tel*) der Geiſterwelt, und in ſeinen unendlich verſchiednen Schattungen und Abſtufungen liegt die Abſtufung der Geiſter und der Erkentniſſe. In Gott als Urgeiſt iſt das ewige Licht, und in der Welt als ſolcher die ewige Finſterniß, als Gott in die Welt herniederſtieg, da ſchien das Licht vom Lichte(der Sohn vom Vater) in die Finſterniß. Dem Menſchen, der GOtt und Welt zugleich um⸗ faßt, iſt dadurch gegeben eine D ammerung, ein Helldunkel, und das iſt ſein innerſtes Weſen⸗ Gleichwie es dem Maler unmöglich iſt, vollige Nachtſtuͤcke oder völlig reinen Sonnenſchein darzu⸗ ſtellen, und ſich ſeine Farben immer zeigen muͤſſen in einer Stufung des Helldunkels, ſeis auch die geringſte— denn Farbe iſt beſtimmte Stufung des Helldunkels— ſo begnüge ſich auch des Men⸗ *) Element. —— ſchen Geiſt mit der Daͤmmerung hienieden, die er nun doch gewiß lieber fuͤr Morgen⸗, als fuͤr Abenddaͤmmerung halten wird. Die verſchiedenen Schattungen dieſes Helldunkels bilden die eigenen und einzelnen Standpunkte des Meuſchen; doch nie kann er das Urlicht rein ſchauen, ſo wenig wie unſre Augen— nach einigen Himmels- und Licht⸗ kundigen— das unmittelbare Licht der Sonne faſſen könnten, das vielmehr erſt auf ſeiner weiten Reiſe durch Himmelsluft und Erdendunſtkreis ge⸗ brochen und geſchwaͤcht werden muß. So wie aber viele Wandelſterne um die Sonne kreiſen, und der Uranus ein viel tauſendmal ſchwaͤcheres Licht hat als die Erde, aber doch Licht— gleich alfo ſchlin⸗ gen ſich die Ringe der Geiſter um ihre Sonne. Jeder wiſſe nur recht, woher das Lcht in ihm ſei und er wird nicht fehlen. Aber wie viele ſehn nicht den trägeriſchen Mondſchein, den ihnen dieſe Welt zuruͤckſpiegelt, oder gar das ſalamandriſch feurig wirbelnde Spott- und Spiegellicht des Teu⸗ fels— erzeugt durch das ewige Hoͤllenfeuerwerk, indem er ſich ſelber aufzehrt und abnagt— fuͤr wahres Licht an, und erblicken die abentheuerlich⸗ ſten Geſpenſter in dieſem bleifarbenen Zwielicht? Wie viele, ruf ich weiter, halten ſich nicht für Adler, die kuͤhn der Sonne zufliegen, obgleich ſie nur Muͤcken ſind, die ein elendes Talglichtlein um⸗ ſchwirren, und ſich naͤchſtens verſengen werden?— Ja macht ſichs nicht oft ein boshafter Spott⸗ und Spaßvogel zum Spaß, ihnen mit Fleiß ſolch Talg⸗ lichtlein hinzuſetzen, und ergötzt er ſich dann nicht recht an den armen Muͤcken, die es für eine Sonne halten? Das moöchte noch eher hingehen, wenn mir nicht jetzt die letzte, und die ſchlimmſte Art einfiele. Ich meine die neuen Finſterlinge, die gar nur in der ſchwarzen Nacht ſehen, wie die Eulen. Dieſe armen Menſchen ſind daran kennt⸗ lich genug, daß ſie, wie alles Nachtgefluͤgel, auf Raub ausgehen mit unduldſamen Kritik⸗Krallen — daß ſie von auſſen grade die groͤßeſten und hell⸗ ſten Augen zu haben ſcheinen— daß ſie viel ſitzen— daß ſie Federn hintern Ohren haben— kurz Alles, wie die Eulen. Es iſt ein Jammer mit anzuſehn, wenn man ſie ins helle Tageslicht zwingt, wie ſie blinzeln und plinken und gar nichts ſehen, und ſich bald hie bald da die Kopfe blutig ſtoßen.— Indeſſen— Da aber aus eigenem Beruf SOtt der HErr allerlei Thier erſchuf, Daß auch ſogar das wuſte Schwein, Eulen und Schlangen vom HErren ſein,*) fo find ſie nun einmal Eulen, halten das Finſtre fuͤr Licht, und das Licht fuͤr die Finſterniß, nennen jeden Finſterling, der ihnen eine Fackel bringen möchte, und halten ihre Nacht fuͤr Aufklärung. Ja wiſſen wir denn gewiß, ob wir nicht alle ſolche Nachteulen ſind gegen die Bewohner des Hund⸗ ſerns z. B. oder gegen die Geſchöpfe auf den Sternen unſerer Milchſtraße? Ach wie werden . alle vielleicht blinzeln und plinken, wenn unſeren loöden Augen plötzlich aus dieſer Daͤmmerung der In othes Gedicht: Kuͤnßlers Fug und Recht. helle Morgen da droben hervorbricht, und uns die Tagvoͤgel jubelnd umringen! Drum wollen wir nicht verdammen alle auf Erden, die da Eulen ſind, oder Muͤcken, oder die im Mondſchein wan⸗ deln; ſondern jeglicher ſchaue ſein eigen Licht, wo⸗ her es komme, und blaſe und ſchuͤre kraͤftiglich an, daß es je laͤnger, je heller leuchte!— Schließlich bemerke ich noch, daß auch der Teufel als die Ur⸗ finſterniß eine Art Spott- und Spiegellicht errei⸗ ben und erſtreichen mag, gleich wie dem glaͤnzend ſchwarzen Kater Funken entfahren. Aber es iſt eben nur ein Spott⸗ und Spiegellicht und balde zu merken. So ein Licht verfuͤhreriſch in aller⸗ lei bunten Farben ſpielt, entweder als blaues Schwefelleuchten, oder als die blutrothe Flamme des ſich ſelber zehrenden irdiſchen Feuers, oder in ſonſt einer beſondern Farbe, da iſt es kein wahres Licht, ſondern der Zerr- und Offſpiegel des Teu⸗ fels. Das iſt aber das wahre, reine, klare Him⸗ mels; und Gotteslicht, das in der ſcheinbaren Farbenloſigkeit des Unſchulds weiß eigentlich alle Farben vereinigt. Die Deutung des Bil⸗ des finde jeder im Vorhergehenden. — 5o. Granze des Menſchen in zwei Buch⸗ ſtaben. Die Gränze alles Dichtens und Denkens, slles Wiſſens und aller Weisheit und alles Be⸗ wußtſeins, glles Verſtehens und alles Ver⸗ ſundes, dieſe Gränze iſt— eben dies Wörtlein ißt. 31. Groß und Klein. Alle großen Gedanken und Handlungen der Menſchen ſind nie wirklich und an ſich groß, ſon⸗ dern nur in Beziehung auf andere, noch kleinere. Alles auf Erden iſt klein, und das am wenigſten Kleine nennen wir Groß. Wer ſo lange war⸗ tet, bis er ſich ſelbſt bei einer großen That be⸗ lauſche, und ſich erſt dann fuͤr groß halten will, wird ewig vergebens harren. Denn ich konnte unmoͤglich die große That vollbringen, wenn ſie mir ſelber im Augenblicke des Thuns als groß erſchiene; ich muß ſie gleichſam erſt zu mir herab⸗ ziehen, oder mich zu ihr hinauf, ſie muß mir erſt ganz klein werden, eh ich ſie vollbringe. Und eben darin, daß dieſer oder jener Gedanke für mich klein iſt, liegt ſeine und meine Große für anbre Menſchen. Größe iſt uͤberhaupt nur be⸗ zůglich, der Kleine kann das Große nicht vollbrin⸗ gen, wohl aber der eben ſo Große, weil es fuͤr ihn nicht mehr groß iſt, ſondern klein. Nun koͤnnte ich zwar, eben dieſer bloſſen Be⸗ zuglichkeit des Begrifs wegen, uns allen zum Troſte das Krokodilei auch umkehren, und mit demſelben Rechte ſagen: Alles, was iſt, iſt groß, und das am wenig⸗ ſten Große nennen wir klein. Sein iſt die Groͤße des Seienden, und Alles Seiende und Erſchaffne iſt ſchon dadurch groß geworden, daß es der Er⸗ ſchaffung und des Daſeins gewuͤrdigt. Wer das Urbild der Groͤße in ſich traͤgt, kann vernunftge⸗ maͤß nie klein handeln, alles Kleine wird ihm groß, und eben darin liegt deſſen und ſeine eigene Scheinkleinheit fuͤr Andre.— So koͤnnt ich frel⸗ lich ſagen, allein dann wuͤrde wohl der Leſer glauben, ich hielte ihn blos zum Narren; ich will ihm alſo, nachdem ich beides geſagt, nur noch ganz kurz dazu erofnen— damit er doch weiß, woran er iſt daß es fuͤr ſein Seelenheil völlig gleich gilt, mit welcher von beiden Seiten ers halte, oder mit keiner, oder mit beiden— und daß alles Gerede uͤber Klein und Groß— ſo groß es dem Kleinen auch zuweilen klingen mag — doch im Grunde weder groß noch klein iſt, ſondern Richts, wie jedes dieſer beiden Worte uͤberhaupt. Von ſittlicher Duldſamkeit. Der Menſch ſollte von Gott und Rechts⸗ wegen nirgends in der Welt behutſamer, gewiſ⸗ ſenhafter, peinlicher und duldſamer ſein, als wo es ſich um ſittliche Zurechnung handelt. Denn nirgend im menſchlichen Wiſſen herſcht noch tieferes Dunkel, und räthſelhafteres Schweigen, als über die geheime Werkſtatt, ſo die Triebfe⸗ dern und Hebelwerke der menſchlichen Thaten ent⸗ haͤlt. Was iſt That? Vor dieſer Frage ſchau⸗ dert der Weiſeſte zuweilen, und ſoviel iſt gewiß, daß kaum die Haͤlfte deſſen, was jetzt, wie die Leute ſprechen, gethan wird, wirklich That iſt, und daß unendiich viel dazu gehört, wenn der Wille ganz freier Wille ſein ſoll. O ihr harther⸗ zigen, uͤberklugen, eingebildeten Sittenlehrer und Splitterrichter, die ihr ſogar gleich zum Stab⸗ — 0— brechen bereit ſtehet— fuͤhlt doch nur einmal recht lebhaft, welch erbärmlichzu ſammengeflicktes und geſtuͤcktes, von allen Seiten beſtuͤrmtes; jäm⸗ merlich zuſammengedrängtes und unheſchreiblich verwickeltes Ding der menſchliche Wille iſt! Greift nur einmal in euren Buſen, und geſtehts euch ſelber, wie der Gedanke euch unwillkährlich ent⸗ ſteht, und bald rieſengroß ſeinem eigenen Va⸗ ter auf den Kopf tritt, und wie ſo gar viel⸗ fach und kuͤnſtlich die Bruͤcken und Pfade ſind vom Gedanken zur That! Bedenkt, wie es dem Geiſte ſo gar ſchwer wird, ſich ehucachen von der Herrſchaft des Leibes, und welch maͤchtige und gewaltige Streiter der uͤberall in ſeinem Heere hat. Gemuͤthsart, Blut, aͤußeres Einwirken, Lei⸗ denſchaft, Bewegung, Spannung der Rerven, au⸗ genblickliche Stimmung, ja oft die unbedeutend⸗ ſten leiblichen Kleinigkeiten ſind im Stande, Tha⸗ ten hervorzubringen, an denen der Geiſt nicht mehr Antheil hat, als an dem Wahnſinn des Fie⸗ berkranken. Ein Augenblick des bewegten Bluts, ein kaum merkliches Ueberwiegen der Begierde im ſchwankenden Fompfe auf eine unendlich kleine Zeit, eine unwillkuͤhrliche Zuckung der Gelenkſeh⸗ nen, wenigſtens halb noch wider Willen— und das ſchrecklichſte Verbrechen iſt vielleicht äußerlich begangen, ſo daß der Thaͤter noch in demſelben Angenblicke die ſtarr in die Ewigkeit herausgetre⸗ tene That anſchaut und faſt deren Wirklichkeit bezweifein möchte. Menſchen! richtet und ſtrafet die Sünden der Bosheit, aber die Suͤnden der Schwach⸗ heit ſtellt dem anheim, der uns alle ſchwach erſchaffen! Erſtes Nebenblatt. Streckverſe aus Gottwalts Brieſtaſche. 1. Ins Stammbuch einer Freundin: Nicht der Sirius, nicht das Siebengeſtirn leuchten ſo lieblich, als der Stern weiblicher Un⸗ ſchuld und Herzensgute. Moͤg er dir als ge⸗ treuer Leitſtern ſo lange funkeln durch des Le⸗ bens Nacht, bis in der gluͤcklichſten Ehe eine ſchö⸗ nere Morgenſonne aufgeht, und alle Sterne ver⸗ dunkelt! * 2. Wann ich ſterben will. Sterben muß ich, Allgutiger,— aher laß mich ſterben im Herbſte, auf daß im weiten Todesnicken der Baͤume und Blaͤtter und Blu⸗ men und Auen des armen Menſchen Tod unbemerkt mit einſchlafe, wie der rauſchende Bach des Mägdleins entrollende Thraͤnen dahin⸗ reißt. 3. Die Offenbarung. Wohl traͤgt das Menſchenherz den Keim des wahren Glaubens in ſich ſelber, aber der Keim ſproßt erſt und gedeiht, wenn ihn der ewige Va⸗ ter droben befruchtet durch ſeine Offenbarung; ſo wie die Erde Getreide wachſen läßt wohl aus ſich ſelber, aber erſt wenn der Himmel Sonnenſchein dazu gegeben. 4. Beſtaͤndigkeit. Es eilen des Lebens Wellen dahin unaufhalt⸗ ſam, und kaum haſt du die einzelne Woge er⸗ blickt, ſo iſt ſie auch ſchon zerſtoben und zerron⸗ nen und hat Platz gemacht einer andern. Laß immerhin wechſeln und wanken die Wogen, wenn nur des Stromes Bette ruht, und vom feſten Grund dir ſtets dieſelben Kieſel heraufblinken durch ſtets andere Wellen. — 5. Morgentraum. Ich war ſelig und gluͤcklich, aber es war eine Engelwelt, die mich umgab, und es waren fremde Zartgeſtalten, die mich ſo heimiſch empfin⸗ gen. Blick nicht ſo freundlich ins Fenſter, o Morgenſonne! Schoͤn iſt die Welt deines Lichtes, aber noch ſchoͤner, noch ſeliger iſt die unbegreif⸗ liche Traumwelt. O werd ich wohl einſt droben das klar ſchauen und faſſen, was mir hienieden in tiefumſchleierter Ahnung Traum durch das ſchlafende Herz zog, und kaum entſtanden ver⸗ ſchwand?—. 6. Troͤſtung. Es weinte die Freundin ob ihrem Schickſal; ſie dachte an Gott und an die Hofnung und an die Tugend; aber ſie weinte nicht minder. Ich redete zu ihr von Gott und Hofnung und Tu⸗ gend und beſſerm Leben, aber ſie weinte nicht minder. Da weinte ich auch, ihr durch die Thräne ins bethraͤnte Auge blickend— und ſiehe! ihre waren getrocknet und ihr Herz war ge⸗ roſtet. 7. Sehnſucht. Iſt das Sehnen des Herzens eine Ruckerin⸗ nerung an das verlorne Eden vor dem Falle, an die goldne Zeit der erſten Menſchen— oder iſt es eine Vorahnung des Himmels nach dem Tode? — Beides iſt wahr, und der gefallne Menſch ſtrebt ewig, das Verlorne wieder zu erringen. Einſt wird ers neu erringen, und das Erdenleben, von zwei Eden eingefaßt, wird ſich auflöſen, wie ein Dunſtgewölk zwiſchen zwei Sonnenſtrahlen, auf daß das erſte und leßte Eden wieder Eins werden fuͤr das Menſchenherz. 8. Das Denken an Gott. Ich dachte an den ewigen GOtt mit aller Kraft meines Geiſtes, und verſank in die ewige *₰ — 4ℳ— Liebe mit allem Leben meinss Herzens. Da wirrten ſich meine Gedanken heimlicher und mein Herz klopfte lebendiger, und da war mirs, als hlitzte ein Funken heruͤber vom Tag in die Racht; aber der Blitz war verſchwunden, eh er noch leuch⸗ tete, und um mich blieb alles— und Sehn⸗ ſucht nach dem Tage. 9. Der Tod in der Jugend. Es handelt der Juͤngling, wenn er denkt, und Denken und Handeln iſt Eins; aber es denkt der gealterte Menſch, und kann nicht zum Han⸗ deln kommen vor ſeinem Denken. O warum muß denn der Juͤngling altern im Strome der Jahre, und warum rufſt du ihn nicht als Jöngling zu dir hinuber, du Land der ewigen Jugend?— 10. Heiligkeit. Ich horte die Menſchen viel rben von hei⸗ ligen Orten und Dingen auf der Erde, aber ich ſah die heiligen Orte und Dinge,— und ſie wa⸗ ren wie alle andern. Als ich drum ſpotten und zweifeln wollte, da rief mir ein Engel zu: Was ſucheſt du das noch im Staube, was nur uͤber dem Staub ſchwebt? Der todte Stoff iſt nichts, wenn nicht des Menſchenherzens leuchtender Wi⸗ derſchein ihn belebt, und ſo iſt dem Heiligen heilig, dem Unheil igen Nichts. r1. Der Liebende. Er blickte hinaus in den gruͤnenden Fruhling und die ſonnigen Matten; aber der Fruͤhling freute ihn nicht, denn in ſeinem Herzen war Win⸗ ter. Seines Lebens Sonne war ihm wohl nicht untergegangen, aber ſie ſtand fern und hoch, ſtrahlete blos ohne zu waͤrmen. Da rief er: komm, du Fruͤhling der erhoͤrten Liebe, wo Sonne nicht nur leuchtet, ſondern auch mit waͤr⸗ menden Strahlen das Leben erweckt! 12. Die Zeiten. Vergangenheit und Zukunft ſpinnen aus eig— nen Gewinden zuſammen der Gegenwart loſes Grabgeſpinſt. Der Menſch iſt ſich ſelber ſeine Vergangenheit, die Zukunft aber muß er von der Welt erwarten. 135. Der Streckvers. Nicht in dem engern Maaß nur, nein auch in dem weitern bewegt ſich voll Anmuth des Wohlklangs Fülle, und, ſchoͤn rundend Gedan⸗ ken und Gefühle, kehrt das entwickelte Bild in ſich ſelber zuruͤck im entſprechenden Maaße. 1 Wie ſie ſo ſanft ruhn. Wie ſie ſo ſanft ruhn, die Todten im Grabe! Keiſe lispelt der Nachtthau durch Blumen, die der — 46— Verweſung entkeimen, mild blicken Mond und Sternlein herab auf den Friedhof, ernſt lang⸗ ſam ſchwingt ſich der Mitternacht Pulsſchlag uͤber Graͤber wie Betten—— aber ſtill und ſanft ruhn drunten die Leiber, und ſtill und ſanft wehn droben die Geiſter der heiligen Todten. 15. Das Adagio. Woher doch das zitternde Beben und hin⸗2 ſterbende Schweben, das wie Liebeshauch vom gro⸗ ßen Allherzen mein ſchlagend Kindherz durchthaut? Iſts tief geheime Offenbarung vom Himmel hergb, oder iſts lauſchend Gebet zum Himmel hinauf, das ſich aus der halb athmend em⸗ porſchwingt?* 16. Pe Raum. Sterne wirbeln und Herzen ſchlagen, Son⸗ nen kreiſen und Pulſe ſchwellen im ewigen Welt⸗ tanz; aber all die Sonnen und Sterne umfaͤngt weitgedehnt der vnendliche Raum, und in des Raumes zerſplitternder Einheit verliert die Welt an den uber dem Raume. , erbenfrhnih. O Welt, du biſte ſchön, und Gottes Erde, du biſt herrlich! Wenn in des Fruͤhlings wei⸗ tem Gruͤn und Blau verſchwimmen aller We⸗ ſen Lobgeſaͤnge, und wenn es rings ſproſſet und weint in Herz- und Steinadern durch unendlich Geheimniß, da rankt ſich ſtrebend an der wolken⸗ loſen Zartluft das Leben empor zu dem wis Le⸗ bendgen. 18. Heimathsliebe. Was winkt ihr ſo lockend mir, Berge am blauen Geſichtskreis, und Fluren hinter den Ber⸗ gen? Ihr zieht mich nicht hinuͤber, denn hier iſt Heimath und Vaterland, und daheim umfaͤngt traulich die Mutterſchöpfung den Gebohrnen, und grußt heimiſcher die Jugendaue den Zögling, deſ⸗ ſen Kinderſpiele auf ihr verblühten.. 19. Der Zufall. Sprecht nicht vom Zufall, ihr Thoren, ſon⸗„ dern vertilgt ſei das Wort aus der Sprache! Denn iſt ein Gott, ſo iſt er in allem, und iſt Ein Zufall, ſo iſt Welt und Seele und Leben auch einer. Gottesdienſt. Es woͤlbt ſich der Hochbau, Er weht durch die Hallen— es winkt mir das Bildniß, Er ſchaut aus dem Auge— es beben die Toͤne, Ihn hor ich drin rauſchen— es ſchwingt der Geſang ſich, und Ihm muß ich ſingen:— und äberall Er nur, der ewige GOtt, umfängt liebend mich im Hauſe des HErren. 05 2% 21. Lebenstiefen. Die Weiſen und Afterweiſen alle reden und ſchwatzen viel, und all ihr Reden und Schwatzen dreht ſich ums Menſchenleben wirrig herum. Aber in des Lebens geheimere Tiefen dringt nur das Herz, dem Goitt von Urbeginn den Schluͤſſel des Daſeins verliehen. — 22. Erdenreiſe. Wohin ſo eilig, Freund, auf dem Wege? Ich kenne das Ziel nicht, und hab es noch nicht geſe⸗ hen, aber unwiderſtehlich zieht michs wie Zauber⸗ kraft an, und nach der einen Richtung verfolg ich den Weg ins Unendliche. 23. An den Mond. O du trautes, holdes Dämmerlicht, dein blaſſer Glanz erquickt mein Herz tiefer und inni⸗ ger noch, gls das ſtrahlende Sonnenhell. Denn, das ungetrübte Himmelslicht blendet noch zu ſehr des Erdners ſchwache Augen, aber dein lieblicher Schimmer vereint in ſanfterem Helldunkel Himmel und Erde, und du biſt ein tief erkanntes Bild des Menſchenherzens, in dem Himmel und Erde ſich zur Daͤmmerung gatten. 2 2. Zeitgeiſt. Es weht ein unendlicher Geiſt durch die Vol⸗ ker — 49— ker und Zeiten, und du horeſt das Rauſchen ſei⸗ net Fittige, und fuͤhleſt den Hauch ſeines Mun⸗ des, aber du weißt nicht, von wannen er kommt. Dreimal gluͤcklich, wer zu verſtehen vermag die Donnerſprache der Zeit, und zwölfmal ungluck⸗ lich, wem Gottes Stimme iu der Völker Stimme ungehöret verhallt, wie die flächtigen Tone des Tages am Abend verhallen. 25. Unausſprechlichkeit. Verleihe mir, du allgätiger Gott, zu ſagen was ich fuͤhle, und auszuſprechen was ich bin; denn was ich ſagen kann, deß Rede klingt freund⸗ lich und liebreich mir Ruhe, aber unheimlich und grauſig iſts, in ſich zu tragen, was keine Worte findet, und däs Herz muß erliegen dem Unaus⸗ ſprechlichen.§. Cidlis Leben und Tod, in 12 Streckverſen. a6. Eidiis ge. ehnſuchtig ſuchend irtte mein Aug auf der weiten Schöpfung umher von Blumen zu Auen, und von Bächen zu Hainen, aber es ſpiegelte ſich nirgend, und ſchaute unbefriedigten Verlangens in den Hünmel hinauf. Da traf es, vom Him⸗ mel kommend, auf Civlis Auge, darin ſpiegelte es ſich ſelber und ſchaute nicht mehr ſuchend zum C Himmel hinauf; denn das Geſuchte war gefunden, und der ſchonſte Himmel war ihm goͤttlich aufge⸗ gangen in Cidlis Auge. 27. Jungfraunwahlſpruch. Rein wie Engel— ſanft wie Blumen— fromm wie Kinder: ſo gefaͤllt, dem lieben Gott! . An meine Clott. Dein gedenk ich, wo Sternlein funkeln und Mond blinkt, dein auch, wo Tone zittern im Leisklang— Dein gedenk ich, wo mein Herz ſein ſelber gedenkt und ſich ſelber erfuͤhlt in den Tiefen des Daſeins. Da faß ich in meines In⸗ nern Urgrund dich trautes Wonneweſen, und da durchſchauert mich Gott, in dem Ich und Du Eins ſind. 1 Lebt wohl, ihr Lieben alle, lebt wohl, ihr Geliebten! Und wenns euch im Buſen mal klingt, wie vergangener Tage Erinnerung, und wenns euch im Auge mal glaͤnzt, wie kuͤnftigen Himmel⸗ glucks Hofnung— da gedenkt auch des armen Verlaßnen, der mit euch erinnern und hoffen 30. Sorgtoſigkeit des Lebens. Tief vom Scheiden bewegt ſah ich in Cidlis klares Auge, und es drang Blick und Widerblick in des Lebens innerſte Tiefen. Aber das Fühlen des Herzens war voll troͤſtlich gaukelnder Wie⸗ derſehnshofnung, und ahnte noch nicht, das Cid⸗ lis Auge bald brechen wuͤrde und nie mehr leuch⸗ ten auf Erden. Soo ſchreitet der Menſch geblen⸗ det einher im weirſchimmernden Gluͤckshimmel des Lebens, den im naͤchſten Augenblick die rieſige Todeskralle zur Grabhöhle einquetſcht. . Des Dichters Ahnung. Was ſpielſt du ſo keck und verwegen mie dem menſchlichen Herzeleid in deinen Gedichten? Was traͤumſt du ſo innig duͤſter ſchwaͤrmend von ſterbenden Geliebten, und meinſt doch deine Cidli blähend wiederzuſehen? Wiſſe, Deine Cidli iſt geſtorben, wie du es verwegen geträumt haſt, und unbewußt geheime Todesahnung gab dir den Traum ein! d Viel reden und ſagen die Menſchlein vom Tode, aber die da noch reden mögen, die kennen ihn nicht, und wer ihn einmal erkannt hat, deß bleiche Lippen ſind ſtumm und C 3 35. Das Grab der Geliebten. Grun und roſig hebt ſich vom Laubgewolbe beſchattet ein daͤmmernder Hägel, und herbſtliche Blumen nicken freundlich vom Hugel herab. Warum weint doch der Jüngling neben dem lieb⸗ lichen Grabe? Laß ihn weinen und trauern, denn die da unten ſchläft, war das Ziel ſeines Le⸗ bens; und nun ſteht er fruͤh am Ziele, und kann es weder lebend erringen noch ſterbend er⸗ faſſen. 34. Der Engel. Leugnet mir nicht die Engel, ihr nſchen, denn hier iſt ein Leib begraben, deſſen Seele jetzt ein Engel iſt. O hätte bis hieher des All⸗ mächtigen Herſcherſtuhl einſam und dde geſtanden uber den Welten— in deiner Todesſtunde ſchwang ſich der erſte Seraf empor zu ihm. Wo Kind und Jungfrau ſich einen, da wird ja der Engel gebohren, und als du ſtarbſt, vermaͤhlten ſich beide in deiner Seele. 35. Beruhigung. Woher bas allmaͤchtige Fuͤhlen, das den To⸗ desgraus und Schmerzenswahnſinn an deinem Grabe in beſeligenden Frieden der Wehmuths⸗ wonne zerſchmolz, wie das Mondlicht mild die Gewoͤlke verhaucht? Es iſt Wiederſehnsahnung und Unſterblichkeitshofnung, die ſchattig erbluͤ⸗ hend mein Innres durchrankt; und Du ſand⸗ teſt den Dämmerſtrahl herab aus jener Welt, als mir dein Grab die Graͤnze der irdiſchen war, und Finſterniß das endliche Denken ver⸗ ſchlang! 36. Unſterblichkeit. „ Deine Wangen ſind erbleicht, o Cidli, deine Augen ſind erloſchen, der Zauber deiner Geſtalt iſt grauſig zertruͤmmert, und der Leib, den juͤngſt noch Schoͤnheit und Tugend anmuthig regte, mo⸗ dert an ſinſterm Ort der Verweſung. Aber was auf deinen Wangen bluͤhte und in deinen Augen gluͤhte, was den geiſtigen Zauber ausgoß uͤber die Koͤrpergeſtalt, das iſt dein frommes Gemuͤth voll unendlicher Liebe; und der HErr kann das Herz nicht vernichten, das ſein treulichſter Spie⸗ gel war. 37. Die Gemeinſchaft. eimmer hinfort wird körperlich mir daſte⸗ hen der Geliebten irdiſche Leibgeſtalt, und nie mich in Blickes Blitz treffen der Lichtſtrahl ihres Lebens; doch reiner verklaͤrt ruht in mir das ewige urbild der zeitlichen Geſtalt, und mein Andenken an Cidli iſt das geiſtige Band, das mich in ſuͤßer Gemeinſchaft mit der Verſtorbenen „ umſchlingt. Sei du der ſchuͤtzende Engel, der im Abendroth mir leuchtet und aus dem Daͤm⸗ mergebuͤſch zuklingt, ſei du der geheimere Schauer, der mir an Graͤbern von Jenſeits herlispelt, und den Weltſchein aus dem ahnend zerrinnenden Gemuͤthe verweht; dann biſt du näher und inni⸗ ger mein, als da du noch wandelteſt im vergaͤng⸗ lichen Leibe! Zweite Lieferung. 33. Der Geſchichte Eintheilung und Heiligung. Weyi Recht hatte der Weiſe zu Hof⸗ als er die Sprache der Geſchichte eine Ewigkeitsſprache nannte*). Das iſt ſelbige wahrlich, wenn ſchon ſo viele, die jetzt in den Urkunden der Väter wühlen, ſie herzuleiern wiſſen, wie das eintönige Baͤbaͤ einer wolligen Heerde. Es iſt entſetzlich mit anzuſchauen und anzuhören, wie dergleichen trockne, duͤrre Geſchichtsforſcher den Kern der Wiſſenſchaft ſo ganz zu verflüchtigen wiſſen, um nur deſto gedankenloſer mit der, zwar recht bun⸗ ten, aber auch voͤllig ausgedorrten, ſaft- und kraftloſen Schale ſpielen zu können. Sie konnen durch Vorleſungen reden von Voͤlkern und Krie⸗ gen, wobei ſie die Jahrzahlen wie Augenblicke *) Jean Pauls unſichtbare Loge. 1. B. S. 181 abhaspeln, ohne nur einmal daran zu denken, was Volk, was Krieg eigentlich heißt— ſie koͤnnen Verſoͤhnungen entzweiter Bruͤder mit demſelben Amtseifer nach Jahr, Monat und Tag verzeichnen, mit dem ſie erzahlen, wann das erſte Flintenſchloß gefertigt ſei— ſie können es ganz ruhig, ohne von dem Gedanken erhoben zu werden: Vor vielen hundert Jahren ſchlugen zwei Bruderherzen ſich warm entgegen, und in jedem dieſer Herzen lebte eine wonnige Minute, die die Bruͤder voll heißen Dankes aufblicken hieß zum Ewigen— und in der Bruͤder Auge war eine Thraͤne, die alle truͤbe Vergangenheit weg⸗ wiſchend ausloͤſchte und einer goldnen Hofnung Morgenthau beperlte— und dieſe Minute, da⸗ mals ſo glähend heiß und lebendig, ſo wie dieſe Thräne, damals ſo glaͤnzend und ſo perlend— Alles iſt zerronnen und zerſtoben in der grauſigen Wirbelfluth der Zeit— nur ähre todte Erinne⸗ rung blieb uns noch auf dem Papier!—— O ſollten nicht eigentlich die ehrwuͤrdigen Greiſe des Volkes in des Gotteshauſes geheiligterer Halle die Geſchichtbücher bewahren, und erſt dem gereiften Jungling— das von der Todesnähe aus uͤbers Leben ſchauende Greiſenantlitz noch ernſter und feierlicher zuſammenrunzelnd— die Kunde von der eingeſargten Vorzeit und von dem guten und böſen Handeln der begrabenen Väter vorleſen? Und iſt wohl jetzt ein Gedanken an die Wuͤrde der Geſchichte bei den Lehrern der⸗ ſelben, die, im Kleinigkeitsgeiſt unter gegangen, ein Ameiſenneſt voll Papierſchnitzel aus allen Ecken her hubſch zierlich zuſammenbauen und dann — 7— Geſchichte nennen?— O wenn ein wahrhaft füͤh⸗ lendes Herz in der Geſchichte blaͤttert, und bei den Kriegen nachempfindet allen einzelnen Schmerz der Krieger und Väter und Mutter und Braͤute und Gattinnen und Schweſtern— wenn bei der Sage von den Feſten ihm geſpenſtig aus dem grauen Nichts zuwinken alle die Freudeſtunden, die die Zeit verſchlungen— wenn es all den Herzen ans Herz ſinken moͤchte, die eben ſo ge⸗ lebt haben und gefuͤhlt wie die Menſchen jetzt leben und fuͤhlen, und von denen es nicht weiß, wo ſie ſind— o da möchte das fuͤhlende Herz lieber gar nichts wiſſen von der Geſchichte, und nur der Gegenwart leben. Und doch wird die Gegenwart wieder ewig ertoͤdtet und vernichtet vom hagern, bleichen, klappernden Zeitgerippe, das mit der ſcharfen Senſe uͤber die Laͤnder und Jahre alle dahinfliegt, daß den Menſchen ein Schauder ergveift vor dem Schwirren ſeiner Ra⸗ benfittige, und daß er keine Uhr mehr ſchlagen hoͤrt ohne Geſpenſtergrauen. 3. Glaube und Menſchenliebe. Erſt ſteht der Glaube noch unſchu, ldig und arglos da, dann ruͤttelt ihn das Heer der ſchlan⸗ genhaft giftigen Zweifel auf und es kommt der Unglaube. Der lebt eine Weile wohl, dieweil er aber in ſich ſelber zerfallen und zergehen muß, und keinen Halt noch Hilfe in ſich hat, ſo kehrt der alte Glaube ſiegend wieder, um nie mehr zu weichen. Das iſt der Kreislauf uͤberall und im⸗ mer, und grade dos iſt der feſteſte, heiligſte, in⸗ nigſte und glähendſte Glaube, dem der kälteſte, frechſte, loſeſte Unglaube voranging,— je tiefer und trauriger der Fall, je hoͤher und herrlicher das Erſtehen. Unglaͤubig verſtorben aber ſind wahrlich und wahrhaftig ſchier ſehr wenige, und die ſtarben denn auch eigentlich recht am Unglau⸗ ben, weil die unſaͤgliche Teufelsmarter der Unge⸗ wißheit auf dem Todtenbette ſie mit Geſpenſter⸗ krallen anpackte und ihre Lebensfaͤden noch cher zerriß, als ſie vielleicht reißen ſollten.— Willſt du voller Eifer den Unglaͤubigen durch Predigen und Beweiſe bekehren, ſo machſt du mit dem uͤbergroßen Eifer das Ding nur ärger, denn zu⸗ vor. Begnuͤge dich mit ruhig leiſem Winken und Lenken, und überlaß nnter frommer Furbitte den Ausgang der Entſcheidung der Natur, die ſich auf ihrer hoͤchſten Staffel brechen und die reinſte Geſundheit gebaͤhren wird. Desgleichen; Erſt kindliche Unſchuld, unge⸗ trubte Herzenslauterkeit und Unbefangenheit, from⸗ mes Vertrauen des Herzens zu allen Herzen; dann bittere Erfahrungen, kalte Verachtung der Menſchen, graͤßlichkalte Einſicht in die unendliche Erbärmlichkeit der Welt. So gehts eine Weile, dieweil aber in ſolcher Welt der Menſch nicht le⸗ ben kann, ohne ſich ſchaudervoll ſelbſt zu vernich⸗ ten, ſo kehrt mit dem Glauben an Gott, der ſich tief aus des Buſens geheimſtem Grunde, wo er unverwuͤſtlich ruht, wieder losringt, auch wieder der Glaube an die Menſchen und die Menſchen⸗ kliebe, die Rechtfertigung Gottes und der Sinn fuͤrs Edle und Gute auf dieſer Erde. Der wird die Welt erſt ſo recht in ihrem innerſten Kern und Urgrund wahrhaft groß und gut finden, der ſie fruͤher einmal klein und erbaͤrmlich gefunden; und die ſchoͤnſte, lauterſte Menſchenliebe ſchlägt in dem Herzen, an dem ſchon einmal die Schlan⸗ genbiſſe und Höllenſtrudel des Menſchenhaſſes teufliſch draͤuend voruͤbergezogen ſind. Das iſt alſo hier wie da der Entwiklungs⸗ gang durch die drei Zeiten, deren Anfang und Ende als Eins die wilde Mittelzeit des Lebens baͤndigend umſchließen. Wenig Auserwaͤhlten iſt es gegeben, an der Kindheit heiligen Glauben und frommes Vertrauen gleich des Alters eben ſo kindliche Liebe anzuknuͤpfen, mit Ueberſpringung der Mittelzeit des mit der Welt kämpfenden Zweifels. Wer aber jetzt noch lebt in dieſer wil⸗ den Mittelzeit des Unglaubens und Menſchenhaſ⸗ ſes, der wird ſich entweder gewiß bald hervorrin⸗ gen und ſchwingen zur verjuͤngten Kindlichkeit des ruhiggewordnen Alten, oder— er geht unter in ſeinem Unglauben und wir konnen nichts als dennoch glaubend aber unendlich traurig von ſeinem Todtenbette aufblicken zum Ewigen! Solch Unglaäubigverſtorbne aber gibts wenig, wie ſchon geſagt. 36. Wuͤrde des Gleichniſſes. Das Gleichniß im wahrſten und eigentlich einzigen Sinne iſt gar was Hohes und Edles, und gehort zu den ſchoͤnſten Bluͤthen der Begei⸗ ſterung. Es liegt in dem wahren Gleichniß, das 60— allein dieſen Namen verdient, jene unbegreifliche Einheit offenbart, die, nach gleichem geheimniß⸗ vollem Geſetz, ſo Geiſt als Stof, ihre beiden Gegenſaͤtze, durchdringt und bildet. Es ſpricht aus das algemeine Band des Seins in ſich ſel⸗ ber, und eint GOtt mit der Welt, ſo daß Gott die Welt durchdringt und durchathmet all überall, und die Welt all überall nur aus und in Gott iſt und beſteht. Es wird aber dies Urband des Wollens und der Kraft, dies aufgeloſte Rächſel des Seins im Gleichniß klar erkannt und aufge⸗ faßt, als ſich in ſeiner ganzen Huͤlle und Fülle offenbarend und ergießend durch einen einzigen, ganz beſondern Punkt in der Kettenreihe der Er⸗ ſcheinung. Eben darum iſts nur Gnadengabe der Begeiſtrung, und willſt du die Einheit oder Aehnlichkeit ſuchen nach Grundfaͤtzen der After⸗ weisheit und Schluͤſſen des Verſtandes— dann wehe dem armen Leſer, der dein Buch leſen ſoll ohne Einſchlafen! Die wahre Kern⸗ und Mittel⸗ einheit der beiden Glieder des Gleichniſſes eben im Gleichniſſe wird nur dann die echte ſein, wenn das Feuer der Dichterbegeiſterung aus ſich ſelbſt verdraͤngendem Ueberfluß laut donnernd ſich in den niedern Dunſtkreis entladen hat im Bliß des Witzes— der Funken zuͤndet uͤberall auf ſeinem Wege; aber ein Gleichniß, das nicht wit⸗ zig iſt, kann höchſtens trockne Vergleichung, nie Gleichniß nach meinem Sprachgebrauch ſein. In demſelbigen vielmehr wird unmittelbar und plöß⸗ lich anzeſchaut der görtliche Urgedanke ſelber, uid in dem einen Ru der Aeuſſerung wird zugleich begriffen das ganze, ewige Geſetz der Natur. — Man leſe die Gleichniſſe der Karoline Pich⸗ ler, oder eins der meinigen, das man gel⸗ ten laͤßt— oder jedes andere wahre und aͤchte. 36. Leuchten und Brennen. Wenn Götterkraft der Begeiſterung und Jugend und Fruͤhling im Herzen Großes voll⸗ bringen vor der Welt, und die Thaten des Man⸗ nes, der ganz in einem Allgedanken lebt und webt, weit umher leuchten den Voͤlkern; wer mag da wohl drüber zuͤrnen und zanken, daß die helle Leuchte auch je zuweilen die zu nahe Getre⸗ tenen brennt? Was da leuchten ſoll hier auf Erden, das muß auch brennen, ſo wie im irdi⸗ ſchen Feuer ſich beides nicht ſondern laͤßt. Blo⸗ ßes blankes Licht ohne Feuer und Hitze kann nur die Sonne geben, und dennoch brennen auch ihbe Strohlen, ſobald ſie die Erde beruͤhren, und un⸗ willkührlich aus ihr den Wäͤrmeſtof entwickeln. Was kann die Sonne der Völker alſo dafuͤr, wenn die Strahlen ihres reinen Lichtes hie und da manchen erdigen Kbrper verſengen, weil er Zunder und Feuerſtoff in ſich ſelber getragen? Man freue ſich vielmehr des Feuers als Zeugen des Lichtes, und verlange nicht Dinge die unmog⸗ lich ſind. 37. Unſere Geſchichtler. Die Einzelheiten der Geſchichte und ihre bis ins Kleinliche genaue Entfaltung, die Begebenhei⸗ ten nur als ſolche und fuͤr ſich betrachtet, und die genaue Zeitberechnung ſind nur das helfende und dienende Mittel, wodurch wir zur höhern Anſchauung der Geſchichte im Urbild und zur Er⸗ fahrung aller Jahrhunderte gelangen. Hat man ſich aber dieſen reinen Geiſt aus den öhligen und ſchleimigen Theilen des auf den Laͤndern der Welt wachſenden Meiſchgetreides abgezogen, ſo wirft man die Traͤbern weg, denn jeder vernuͤnf⸗ tige Menſch laßt das Mittel liegen, ſobald er den Zweck vollig dadurch erreicht hat. Wenn un⸗ ſre Geſchichtler entweder mit dem Malze ſpielen, ohne ans Abziehen zu denken, oder nach dem Ab⸗ ziehen ſich noch immerfort an den zurückgebliebe⸗ nen Traͤbern ergoͤtzen, als ſeien ſie das Beſte und die Hauptſache, ſo ſtellen ſie ſich zu denjeni⸗ gen Geſchopfen, fuͤr welche die Traͤbern eigentlich da ſind.. 38. Bemerkung aus der Tonkunſt. Warum ſchließen die meiſten und ſchoͤnſten Kirchen-Tonſtuͤcke mit einem lang ausgehaltenen Triller oder wirbelnden Laufe? Das in ihnen lie⸗ gende Gottesgefuͤhl iſt eine Fortſchreitung ins un⸗ endliche, deren letztes Glied nie beſtimmt ausge⸗ druͤckt werden kann, wenn auch die erſten es koͤn⸗ nen. So wie die Fortſchreitung ins Unendliche in der Groͤßenlehre ſchließt mit dem unbekann⸗ ten X, was nur ſo viel ſagen will, als u. ſ. w. — eben ſo ſchließt die Tonkette der Kirchenweiſe mit einem wirbelnden, krauſen Undſoweiter ins Unendliche. Wie der fromme Beter aus der Kirchthür tritt mit einer hin und her ſchwirren⸗ den Bebung in den Saiten ſeines Herzens, die oft, gleich dem ſummenden Glockenton, feierlich und immer leiſer und leiſer weit hineinſchwebt und ſchwirrt in ſein Leben und in all ſeine Wo⸗ chen⸗ und Werkeltage, daß der nächſte Sabbath an die lette Schwingung wieder anknuͤpfen kann: — ſo und nicht anders ſchillert und trillert der letzte Orgelton langſam aus, und durchhaucht noch einmal verloͤſchend die Hallen des Got⸗ teshauſes. Desgleichen und aus demſelben Grunde ſchließt üͤberhaupt manch erhabenes Tonſtuͤck ſo ruͤhrend und treffend mit einem lang ausgehal⸗ tenen Klangfall*). 39. Die Verhaͤltniſſe. Es hat mit den Verhältniſſen dieſer Welt eine gar eigene Bewandniß. Wie fuhit ſich nicht manchmal der geiſtvolle Menſch be⸗ engt und gepreßt durch dieſe leidigen, ſogenann⸗ ten Verhältniſſe, wie muß er nicht drum alles Große und Hohe in ſich verhalten und zu⸗ ruͤckhalten, ſo daß ers am Ende gar nicht mehr erhalten mag! Indeſſen, ſo wie Reden eine Kunſt iſt, aber Schweigen eine viel groͤßere— ſo wie Befehlen ſchwer iſt aber Gehorchen meiſt noch ſchwerer— ſo iſt auch zwar der ein großer Menſch, der keck und kuͤhn, frank und frei hinwegtritt ————————— 1 Cadence. uͤber alle die Berge und Schranken der menſch⸗ lichen Meinung und des Schlendrianherkommens, wie ein Rieſe uͤber die Alpen ſchreitet, als wä⸗ rens Ackerbeete; aber noch umndlich größer, noch weit erhabener iſt der Menſch, der in ſich mehr fuͤhlt, als alle dieſe Verhältniſſe, und ſie nichts deſto weniger treulich befolgt und beachtet. Ein Weltweiſer, der, kurz nach der Ableitung von Zeit und Raum, im Stande iſt, zum Neujahr zu gloͤckwuͤnſcheln bei allen ſeinen Freunden und Feinden— ein Dichter, dem es möglich iſt, nach einem Geſang uͤber Menſchenwuͤrde, bei einem vornehmen Schau- und Schimmergaſtgebot ei⸗ nem Jeden nach Stand und Wuͤrden Redensar⸗ ten vorzuplappern— ein erhabner Geiſt, der ſich, kurz nach einem Selbſtgeſpraͤch uͤber das Schauen GOttes, uͤberwinden kann, bei einem ſteifen Geſellſchafts-Spaziergang eine alte Jung⸗ fer von gewoͤhnlichem Schlage, die man ihm an den rechten Ellbogen gehangen, zur Zufriedenheit zu unterhalten, ſolche Maͤnner find der Bewunde⸗ rung Deutſchlands, ja des ganzen Europa werth. Wie manche Menſchen gibt es nicht, die weiter gar nichts auf GOttes Erde haben, als ihr Wap⸗ pen, oder ihre Gluͤckwuͤnſcheleien und Gaſtereien, oder ihre vornehmen Redensarten, oder ihre ge⸗ ſtickten Kleider, oder die Verbeugungen ihrer Un⸗ tergebenen, oder ihre Hochwohlgebohrenheit, oder wer weiß was noch Alles? Wer die armen Nar⸗ ren von Wenſchen wahrhaft liebt, wird es ſchon deshalb nicht übers Herz bringen, ſolch einem muntern Steckenpferdreiter all ſeine bunten Schaum⸗ und Seifenblaſen unbarmherzig vor der Naſe zu — zerpläßen, ſondern er wird langſam mit Lerhalte⸗ nem Athem vorbeigehen, ſollt ihm die duͤnne Sei⸗ fenblaſe auch die ſchönſte Ausſicht ſeines engli— ſchen Gartens verdecken. Zuweilen hat er denn gar noch den Vortheil davon, daß die verwuͤnſchte Seifenblaſe ihm die Landſchaft„ſo goldig und niedlich abſpiegelt, daß ſie ihm beſſer gefaͤht, als das Urbild ohne dieſe kuͤnſtliche Strahlen⸗ brechung..* 40. Liebe und Ehe. Liebe und Ehe ſind Eins in dem Gedanken, Liebe macht Ehe, und Ehe iſt Liebe, obgleich in dieſer unvollkommenen Welt gar oft eins von bei⸗ den das andere ergaͤnzen und erſetzen muß. Gott hat die Ehe eingeſetzt und die Liebe iſt himmliſch, d. h. im Geſchlechtsberhaͤltniß vereinigen ſich alle Schlingen und Kreuzfäden des menſchlichen Lebens und Seins in einen Knaͤul, aus welchem ſich eben deshalb auch wieder ſo viel neue Lebensfaͤden her⸗ ausſpinnen und wickeln laßen. Die Ehe iſt der Mittelpunkt aller Selbſtheit, und ohne einen ihm entſprechenden, und ihm eigentlich das Leben erſt geiſtig erlaubenden Gatten oder Geliebten waͤre der Menſch nur halbes Selbſt— er bliebe ſtets ein halber Passagier auf dem Poſtwagen der Erde, der zwar weniger zahlt, aber dafuͤr auch keinen Koffer bei ſich hat, und den andern überall nach⸗ ſtehen muß. Das Thier erhebt ſich nur im Ge⸗ ſchlechtsverhaͤltniß uͤber ſeine Thierheit, der Menſch nur hier uber die Menſchheit. Was in den Thie⸗ ren ſich findet Höheres, der Vernunft Aehnliches, — 66— iſt nur in Beziehung auf Ehe, wie Reſter- und Wohnungsbau, Kinderzucht, Geſang, u. ſ. w. Was im Menſchenbuſen Höheres und Gböttliches lebt, das weckt nur die Liebe, das zündet nur die Ehe. So dichtete Wieland ſelbſt höhere Gelſter herrlich folgerecht— Oberon hatte die höchſte Geiſtermacht nur in freundlicher Vereinigung mit ſeiner Titaina.— In des Menſchen Liebe iſt Geiſt und Koͤrper tief und innig verbunden, und ſowohl bloße Wolluſt als bloße Schwaͤrmerei ſind Unſinn. Die Liebe iſt in der Mitte, und nimmt von beiden ein Theil in ſich auf, ſo ſehr auch mancher ſtolze, naͤrriſche Schwaͤrmer ſich dagegen ſetzen wird, deſſen blos geiſtige, ausſchweifende und unnatuͤrliche Traͤumerei eben ſo wohl Sände iſt, als des Wolluͤſtlings Sinnenſchwelgerei. Liebe iſt das Heiligſte, wovon der Menſch reden kann, denn in ihr hat GoOtt ſeine ewige Schoͤp⸗ fer-Urkraft dem todten Stoffe einverleibt. Wer nicht liebt und nicht heirathet, iſt eine ausge⸗ brannte Kohle auf dieſer Welt, während er durch einen einzigen Funken das herrlichſte Feuer anma⸗ chen konnte, das Alles erleuchtet und waͤrmt. Darum eben konnte Newtons Kopf zwar ein Drathgeſtell der Himmelskugel werden, aber ein Herz hat er nie gehabt; und darum wuͤrde Kant ſich nicht ſo ganz in dem bloßen Verſtande verloh⸗ ren und ſich ſelbſt uͤberwußt haben, wenn er das Gluͤck der Ehe gekannt haͤtte. 41. Die Schraube ohn Ende. Wir Menſchen ſtehn in unſerm Wiſſen auf — 6/— einer Schraube ohne Ende. Jeder glaubt auf ei⸗ ner hoͤhern Stufe zu ſtehn, als die Andern, am Ende aber iſt die Schraube rund, und jeder Schraubengang kann ſowohl der höchſte, als der niedrigſte ſein, denn er laͤßt ſich, wie man will, zum Anfangspunkt der ganzen Schraube machen oder zum Endpunkt. 42. Die Herren TPheologen. Ich kenne in der ganzen Welt keine ungluͤck⸗ lichern, und doch dabei lächerlichen Menſchen, als die ungläubigen, rein verſtaͤndigen Gottesgelehr⸗ ten. Sie ſind Haͤhne, die auf den vor ihrem Schnabel gezognen dicken Kreideſtrich in ewig quaͤ⸗ iendem Anſchaun hinſtarren, ohne ihn damit fort⸗ zuſtarren, oder ſich durch einen leichten Votſprung druͤber weg zu begeben. Sie ſind wie verräckte Goldmacher, die ihr ganzes, ſchoͤnes, vorraͤthiges Gold verdampfen und fuͤr nichts achten, und durchaus ſelber welches machen wollen. Auch ſind ſie aͤhnlich dem Hunde, dem man Butter auf die Naſe geſchmiert, damit er das trockne Brot für Butterbrot eſſe. Es koſtete ſo einen Herren The- ologen nur einen kleinen gewagten Sprung, um aus ſeiner ſogenannten Vernunfterkenntniß und historiſchen Kritilt grade hinuͤber zu fahren ins echte und rechte Chriſtenthum, aber er thut den Sprung nicht, aus klarem, hellem Eigenſinn⸗ Man ſollte dergleichen kaum fuͤr moglich halten! — Der arme Menſch ſuche doch in ſich ſelber und in der Welt den GOtt, ſo emſig und eifrig er immer mag— nie und nimmer wird er ihn da finden, eben weil der Menſch von Gott erſchaffen wird, und nicht der GOtt vom Menſchen. Der Menſch mit dem bloßen Bewußtſein ſeiner ſelber und der Welt bleibt ewig ohne Gott, wenn ſich dieſer nicht in ſeiner unendlichen Liebe ihm frei darbietet und von ſelber offenbart im Sohne; und wenn nun der Menſch in und um ſich Alles leer ſein und bleiben ſieht, und doch nicht freudig zugreift; wo ihm etwas Feſtes, Sich⸗ res guͤtig dargeboten wird, aus unzeitiger Zwei⸗ felſucht, ſo iſt er ein Narr, der nichts beſſeres verdient, als daß er ſich ſelbſt ſein eigner Gott werde, und ſo— untergehe im abtruͤnnigen Teufelsfrevel des Eigenwillens und der Selbſtſucht. 43. Freundſchaftſparſamkeit. Der Menſch ſollte von Rechtswegen viel ſpröder thun mit ſeinem Freundesherzen und ſei⸗ ner Freundſchaft, als es gewohnlich geſchieht— er ſollte nicht ſo oft da leichtſinnig ſein, wo es ſich um einen Bund für die Ewigkeit handelt. Ich meine nicht, wie mich etwa ein Philiſter ver⸗ ſtehen koͤnnte, daß er lange pruͤfen ſoll und huͤbſch uͤberlegen und abwaͤgen mit dem kalten Verſtand, wo heiß und gluͤhend im Herzen GOttes Donner⸗ ſtimme ruft, und wo Zaudern und Zögern Hoch⸗ verrath an der Menſchheit und GOttheit zugleich waͤre. Nein, mir kann ein Freund gegeben wer⸗ den in einer Minute fuͤr alle Swigkeit, und in dieſer Minute kann Ein Blick des Gefuͤhls, Ein Wort des Einklangs mich tiefer ſchauen laſſen in das verwandte Herz des Freundes, als jahrelange Srfahrung. Wehe dem verſtandfüchtigen Ver⸗ nuͤnftler, der ſolchen unmittelbaren Offenbarungen ſeines hoͤhern und edleren Ich nicht begeiſtert zu gehorchen weiß! Aber wiederum mein ich, fuͤr Dieſes Leben iſt die Freundſchaft darin der Liebe ähnlich, daß der Freund das ganze Herz verlangt, und keine andern neben ſich duldet. Ich ſage für dieſes Leben, denn im andern ſchmelzen ja oh⸗ nehin alle Herzen zuſammen an dem einen gro⸗ ßen. Man kann folglich ſehr gut und mit ver⸗ antwortlicher Ruhe fuͤr dieſe Welt ein Herz aus⸗ ſchlogen, wenn das eigene ſchon beſetzt iſt, ſich vertroͤſtend auf die weiten Hallen der Liebe da droben, und ohne zu ſuͤndigen wider den heiligen Geiſt. Man hüte ſich davor, ſich unaufloslich zu feſſeln, wo doch nothwendig das Erdenleben die Feſſeln gewaltſam zerreiſt, und ſich ſo ſelbſt na⸗ menloſen Jammer zu bereiten. Denn der Menſch iſt grade darin Göttlich und das iſt ſeine hochſte Wuͤrde, daß er ſelbſt uͤber das Heiligſte und Hoͤchſte mit freiem Willen gebieten kann, wie uͤber das Gemeine.(Es verſteht ſich, daß dies nur von der aͤuſſern Erſcheinung deſſelben gemeint iſt.) In ihm ſelber lebt ja das Allerheiligſte, deſſen ge⸗ heimnißvollen Vorhang nur Einer, der Hoheprie⸗ ſter des Tempels, zu heben vermag. Da droben wird gebfnet ſein das Allerheiligſte füͤr alles Volk Gottes, und die Cherubim und Seraphim wer⸗ den ſich lebendig regen und den Weichrauch mit ihren Fittichen vom Altar hoch empor wehen. Hier unten aber bleibe feſt verſchloſſen das Aller⸗ heiligſte vor allem Laienvolk, und der Menſch ſei unendlich ſpröde und ſparſam bei der Wahl des Hohenprieſters, auf daß nicht etwa Deren zweie ſich begegnen moͤchten, nnd durch unwuͤrdigen Kampf und Streit das Haus des HErren ent⸗ weihen. Denn ein Altar, drauf jeder opfern und prieſtern mag nach Luſt und Belieben, der iſt kein heiliger Altar. 44. Vom Abſchied der Seelen. Es hat mit der Vereinigung und Trennung auf dieſer Erde die ſonderbare Bewandniß, daß man beinahe glauben möchte, von allen den See⸗ len getrennt zu ſein, deren Rinde, Futteral, Huͤlle oder Schale man nicht mit ſeinen fuͤnf Fingern betaſten kann. Die eigentliche Wahrheit aber iſt, daß ſich Seelen niemals trennen können; und das nicht etwa, weil ſie zu feſt ſonderu weil ſie nie vereinigt geweſen. Wie lächerlich iſt es nicht, wenn ich meine Seele darum einer andern naͤher glaube, weil meine Bruſt elwa an der ihres Koͤr⸗ pers ruht, und dergleichen mehr? Die Seelen können ſich auf dieſer Welt immer nur aus wei⸗ ter Entfernung heruͤber winken und nicken, es bleibt ſtets eine gewaltige Kluft zwiſchen ihnen— und nun frage ich ernſtlich: Iſt es denn nicht wirklich ganz gleich, ob dieſe Scheidewand ſo breit iſt wie ein paar Bruſtknochen oder wie ein paar hundert Meilen? Für die Seele iſt das immer gleich und daraus folgt fol gender Hauptſatz dieſes Linst Abſchiednehmen uͤberhaupt hat nur dann Sinn, wenn es ein Abſchiednehmen der Körper iſt; wollen es die Seelen durch die Körper, ſo iſt es baarer Unſinn. Gruͤnde: Weil ſie ſich in ihrem Verhältniß zu einander ja gar nicht veruͤn⸗ dern und Entfernung des Raums nichts iſt vor Freundes Geiſt— weil ſie ſich durch dieſe un— nuͤtze Foͤrmlichkeit recht Preis geben den Placke⸗ reien des naͤrriſchen Leichnams, als da ſind Ruͤh⸗ rung, Thränen, und nichts helfende Selbſtqual — weil Goͤthes Pandora ſagt: Wer von der Schoͤnen zu ſcheiden verdammt iſt, fliehe mit ab⸗ gewendetem Blick! Wie er, ſie ſchauend im tief⸗ ſten entflammt iſt, zieht ſie, ach reißt ſie ihn ewig zurück d. h. weil der letzte Liebesblick erſt recht peinigend hinein leuchtet tief in die einſame Zukunft— weil die Menſchen in unſerm aufge⸗ klaͤrten und verfeinerten Europa ja nicht blos mit der Zunge reden können, ſondern auch mit den Fingern, ich meine mit der von ihnen gefuͤhrten Feder, als dem beſten und ſchonſten aller Pele- Braphen, fur den die Einheit der dettſchen Poſt⸗ wagen die klate forkleitende Flüſſigkeit abgibt— weil mich endlich nun ſchon jeder verſtehen wird ohne hundert Gruͤnde aus Denk⸗ und Meßkunſt — denn wenn ich die vielen X auch noch ſo weit aus einander ſtelle, und noch ſo viel anderes, ge⸗ brochnes und ungebrochnes, benanntes und unbe⸗ nanntes Zeug dazwiſchen ſchiebe: wenn es zur Auflöſung der Gleichung kommt, fahren ſie doch alle freundlich zuſammen in eine Summa*). 10 Waruungstafel. Man verſehe dies Ei aber⸗ amals nicht Untecht. Es iſ bioßer Witz, und der Verfaſſer muthet nicht rinmat ſich ſelbß„geſchweige 5. Der ueberzeugung Recht.. Des Menſchen Ueberzeugung iſt frei und feſ⸗ ſellos, ſie muß auftreten konnen und eintreten ins Leben ohne Beſchraͤnkung; denn eben deshalb iſt ſie Ueberzeugung, weil ſie uͤber gllen andern Zeugen ſteht, und den ewigen Drang in ſich fuhlt, auch zndere ſo zu uberzeugen. Sie iſt aber auch wiederum nothwendig und unwillkuhrlich, denn der Menſch gibt ſich ſeine Ueberzeugung nicht ſelbſt, ſondern ſie wird ihm von ohen gege⸗ ben. Im hoͤchſten Sinne iſt grade die geprieſene Duldſamkeit die großte Schwäche und der hochſte Fehler; wer wirklich heiß und feſt in ſich eins iſt uber etwas, der muß auch eben darum nothwen⸗ dig aller andern Ueberzeugung fuͤr falſch halten, und es iſt ſogar ſeine Pflicht, die ſeine auszubrei⸗ ten, ſo viel er kann. Nur durch dieſe Reibuug an einander können die Menſchen neben einander da ſein. 46. Troſt füͤr Junglinge. Nichts kann dem geiſtreichen großen Mann im Jugendfeier ſeiner Begeiſterung oft unausſteh⸗ licher fein, als das ewige Vorpredigen der Alten von Erfahrung und Unvollkommenheit der Welt. andern Leuten zu, ſich durch ſolche Betrachtungen über alle Abſchiedsſchmerzen in erheben O welch unendliches Elend habt ihr nicht ſchon auf der Welt angerichtet, ihr alten vernuͤnftigen Griesgrame, mit eurer bedächtigen Vernunft und eurer gewaltigen Erfahrung! Wenn ich etwas Großes will, ſo weiß ich ja dabei ſchon vorher, daß wir in Zeit und Raum leben, und daß die Erſcheinung nie ſich zum Urbild erheben kann, und daß ich nicht erreichen kann, was ich will, ſo ganz und ſo glähend, wie es vor meiner un⸗ ſterblichen Seele ſteht. Ja ich weiß es vorher, daß wenn mir GOtt die Qual eines langen Le⸗ bens zur eignen Laſt aufbuͤrdet, ich vielleicht in meinem Alter eben ſo ſein werde, wie ihr Alten, und gutmuͤthig zuruͤckſchauen auf die Traume mei⸗ ner Jugend. Aber jetzt bin ich einmal noch jung, und meine Seele kann noch auffliegen von dieſer Erde zum Himmel hoch oben— ich bin noch ein exaltirter Kopf, wie ihrs nennet, denn Erhoͤhen iſt doch beſſer als Erniedrigen: wozu mirs denn nun ewig vorruͤcken, daß die Floͤgel mir bald ge⸗ lähmt ſein werden, wenn mein Blut langſamer kreiſen wird? Wozu mich ſchadenfroh auf der Spibe meiner Hoͤhe dran erinnern, daß ich doch äber kurz oder lang wieder herunterfallen werde auf die Erde, und daß mein Traum, ſei er auch beſſer als das wachende Leben, doch leider! die⸗ ſem wieder weichen muß? Heißt das nicht, wie Eulenſpiegel beim Hinaufſteigen des Berges ſich ſchon wieder uͤber das Hinabſteigen auf der an dern Seite betruͤben? O alles Große auf Erden iſt ja geſchehen durch Jugendkraft, und durch das lebendige Urbild, das feurig herausſprudelnd aus des Herzens uberquellendem Born ſich eigenmuͤch⸗ S D „ tig hervorbildete ins Leben, nicht aber durch eure Vernunft und eure Erfahrung und euer Rechnen und Spintiſiren! Wenn der große Geiſt einen erhabnen Plan ausfuͤhren will, deſſen Gedanke kraͤftig in ihm lebt, und wenn er Alles, Blut und Leben daran ſetzt, um zu uͤberwinden das Gemeine und vor ſich feſt hinzuſtellen das Große — wenn der aufſtrebende Jüngling Blut und Le⸗ ben daran ſetzt, die Menſchen gut zu machen; und nun berichten ihm die weiſen Alten mit ih⸗ ren grauen Haaren, daß es nach aller ihrer Er⸗ fahrung bisher noch nicht gegangen ſei, und verſichern ihm deshalb, es werde auch jetzt nicht gehen: Iſt das wohl ein richtiger Schluß? Muß⸗ ten nicht eben ſo viele ohne Erfahrung vorher ein— greifen ins Leben aus ihrem Innern, um jenen „Weiſen erſt ihre Erfahrung zu verſchaffen? Und iſt denn die Erfahrung aller Jahrhnnderte als bloße Erfahrung im Grunde wohl mehr werth, wie ein großer Haufen Steine, die ſich ohne äu⸗ ßere Kraft und von ſelber, ewig nicht zum Ge⸗ bäude zuſammenfuͤgen werden?— . Kein Beweis von GOtt. Einen logiſchen Beweis vom Daſein GoOt⸗ tes geben wollen, heißt etwas in ſich Widerſpre⸗ chendes und Unmögliches wollen. Wie kann ich den beweiſen wollen, der ſelber erſt Alles beweiſt? Gott iſt an ſich, und Alles iſt aus GOtt. Wie kann nun der Menſch, der nur aus und durch Gott iſt, ſich Gottes Sein beweiſen wollen im Sinne der Logik? Richts kann ja ſeinen Grund aus ſich beweiſen, ſondern nur der Grund das aus ihm Gewordne. Alle ſogenannten Be⸗ weiſe hieruͤber ſind auch eigentlich keine, ſie drehn ſich naturlich alle im Kreiſe, und beweiſen Gott aus GoOtt ſelber. Sie ſetzen Gott unter irgend einem anderen Namen oder Geſtalt als Grund voraus, und glau⸗ ben ſo bewieſen zu haben. Sie nennen das Na⸗ tur, Weltordnung, Sittengeſetz, Freiheit, Tugend, Gluͤckſeligkeit, Unſterblichkeit, Sein, was doch im Grunde nur der unmittelbar gegebne Gedanke Gottes als Urthatſache iſt. Der Menſch iſt aus Gott, und ſo iſt er ſich ſelber der lebendige Zeuge und Beweis Gottes und ſelber göttlich, denn Gott kann ſich nur durch ſich ſelber bezeu⸗ gen, ſo wie er nur ſich ſelber zeugt im Sohne. Das angſtliche Suchen des Menſchen nach einem Grunde Gottes außer ihm ſelber, als wenn er ohne ſolche Stuͤtze in ſich zuſammenfiele, iſt eben ſo laͤcherlich und unſinnig, wie der Zweifel an meinem eigenen Daſein. Nur wer an ſich ſelber zweifelt, d. h. nur der Wahnſinnige kann an Gott zweifeln; jeder andere, der ſich in vorneh⸗ mer Einbildung Gottesleugner nennt, täuſcht ſich ſelber, indem er an die Stelle des Wortes Gott nur irgend ein anders ſetzt, Welt, Tugend, Laſter, oder auch ſein eignes Ich. 48. Vom ſcheinbaren Stolz. Nichts iſt leichter möglich, und weniger zu vermeiden, als daß man von dem gemeinen Phi⸗ — liſter fur ſtolz gehalten werde. Wenn ich in gut⸗ muͤthiger Unbefangenheit nicht anders reden und ſein kann, als wie mirs nun einmal iſt, indem ich dabei vorausſetze; daß dieſe Red⸗ und Han⸗ delsweiſe allen andern eben ſo natuͤrlich ſei wie mir; ſo meint der große Haufe gleich, ich will den Sonderling ſpielen, und glotzt mich an als einen vornehmen Prahler; ja wenn der Neid dazu zommt, kann er mich wohl gar deshalb haſſen. So kann der unbefangenſte und demuͤthigſte Menſch fuͤr ſtolz gehalten werden, blos weil er ſich einmal nicht ſo klein machen kann, wie die Kleinen, denn er iſt groͤßer gebohren. Wahre Groͤße wird nie ſtolz ſein, aber der Schein des Stolzes iſt unve meidlich mit ihr verbunden. Nichts iſt dem großen Mann läſtiger und gnälen⸗ der, als das Geplapper uͤber ſeine Größe und das Rähmen und Preiſen der Menge, die ihm damit zu dienen glaubt.(Wer dieſes Geplapper gern hoͤrt oder gar verlangt, wie z. B. der fran⸗ zoſiſche Zwingherr that; iſt nicht groß.) Wie innig wuͤnſcht er nicht in ſeinem Herzen, daß doch die ganze Welt waͤre wie er, damit niemand mehr von ihm ſpraͤche und er ruhig fortfahren konnte durchs Leben ohne das ewige Hundegeklaff zu ſei⸗ nen Seiten. Wortbedeutung. 49. So. Unausſprechlichkeit. Der Menſch kann hienieden durch menſch⸗ liche Worte und irdiſche Sprache nie ganz das ausdruͤcken, was er will und was er dabei denkt, ſondern nur bezeichnen und andeuten. Unter vie⸗ len hundert Horern oder Leſern iſt denn etwa ei⸗ ner, den dieſe Andeutung zu demſelben fuͤhrt, was ſie andeuten ſoll; alle andern leſen oder hö⸗ ren nur Aehnliches, nie wirklich das, was eigent⸗ lich daſteht. Aber noch nicht genug— ein und derſelbe Menſch kann etwas viel leicht zwanzig mal leſen, recht huͤbſch finden und wieder wegle⸗ gen; er kömmt zum Ziſten mal dazu, und nun geht ihm plotzlich erſt das Licht auf, nun dringt er erſt ein in das, was die Worte eigentlich ſa⸗ gen, und wovon er bisher keine Ahnung gehabt⸗ Jeder Menſch, der etwa ſagt, oder beſſer geſagt, jeder Schriftſteller, der etwas ſchreibt— weil ichs hier doch auf ſolche angewandt wiſſen will — jeder Schriftſteller hat, inſofern er grade auf dem beſtimmten Punkt ſeiner Erkenntniß ſteht, auf dem er ſteht, ganz Recht; und wenn ihm der Leſer auch ganz Recht geben und ihn begreifen ſoll, ſo muß er erſt einmal auf demſelben Stand⸗ punkt ſiehen, von dem aus als Mittelpunkt ſich der ganze Umkreis des Weltalls wieder anders ge⸗ ſtaltet. Ich kann mit Sicherheit vorher ſagen, daß es meinen Krokodileiern eben ſo gehn wird. Jedes iſt in ſich vollendet und wahr für mich, aber wie oft werden ſie nicht geleſen und doch nicht geleſen werden, ehe einer mal eins zur rech⸗ ten Zeit lieſt, und deſſen Verſtändnißpunkt trift. Dann aber wird er erſt wiſſen was ich will, und es iſt mein voller Ernſt, wenn ich mit folgender Anweiſung ſchließe: Man halte ſich nicht ſo an meine Worte und an das, was ſie ſagen, als vielmehr an das, was ſie nicht ſagen; und man leſe nicht in, ſondern zwiſchen den Zeilen, d. h. kein Satz wird gewuͤrdigt werden koͤnnen ohne eine ſelbſtgemachte versio interlinearis, und grade dieſe Anweiſung dazu bedarf derſelben vielleicht am meiſten. 51. Des Sternenhimmels Bedeutung. Der Erde ſteht entgegen der Himmel oder Alles außer der Erde, wie dem Ich das Richtich oder Alles außer dem Ich. Der Himmel, den die Mondner ſehen, wird wieder unſre Erde ent⸗ halten, aber dafuͤr den Mond nicht, und ſo bei jedem Stern. Jeder Stern muß ſich ſelber als folchen begreifen, und ſich folglich entgegenſeßen können allen andern Sternen. Es iſt unmöglich, daß irgend einem Weltkörper die Ausſicht in den Himmelsraum fehle; denn dann waͤre er eben nicht mehr Weltkoͤrpem er paßte nicht mehr in die allgemeine Kette der Schopfung, er wuͤßte als ein in ſich abgeſchloßnes Ich gar nichts vom Nichtich,— was ſich aber ſchon wieder ſelbſt wi⸗ derſpricht— er waͤre endlich eine Welt fuͤr ſich, und es gabe Welten, da doch dies Wort im wah⸗ ren Sinn keine Mehrheit hat. Eben ſo gewiß. wie des Menſchen Ich nicht ſein könnte ohne ein begraͤnzendes, leidendes und ruͤckhandelndes Nichtich der Außenwelt, eben ſo gewiß kann es keine Erde geben ohne den Sternenhimmel druͤber. Man nehme einer Seele oder vielmehr den Au⸗ gen ihres Körpers dies aufgeſchlagne Buch der Offenbarung; und ſie wird nichts wiſſen koͤnnen von Gott und Ewigkeit ſondern ſtets kleben am blos Irdiſchen. Ja es gibt Leute, wiewohl wenige, die mit ofnen Augen blind ſind, und am Himmel nichts weiter leſen, als noch viele andre Erden, die ſie dann recht luſtig durcheinander kugeln und pur⸗ zeln laſſen. Dieſe Blinden ſehen die Buchſtaben, ohne ſie zuſammenbuchſtabiren zu können, und ſie muſſen erſt leſen lernen, um mit Emanuel⸗ Dahorn*) zu erkennen, daß der Unendliche ſei⸗ nen Namen am Himmel geſät hat in glaͤnzenden Sternen. Zwar hat er ihn auch auf der Erde geſaͤt in ſanften Blumen, aber nur inſofern die Blumen Spiegel der Sterne ſind**), und nur wer ſchon im Himmels⸗A B C leſen gelernt hat, kann das Noth⸗ und Hilfsbuͤchlein der Erde ge⸗ brauchen. 52. Die Standpunkte der Menſchen⸗ Die verſchiedenen Standpunkte der menſch⸗ *) Siehe in Jean Pauls Hesperns, Band 2. Brief vom groͤßern Gedanken des Men⸗ **) Vergleiche das Sonett: Blumen und Sterne, in Calderones ſtandhaftem Prinzen. — 80— lichen Erkenntniß ſind ſich oft in ihrer Wurzel ſo nahe, daß es nur, wie bei der abweichenden Nordnadef, einer kleinen Schwingung oder Nei⸗ gung bedarf, um faſt unmerklich aus dem einen in den anbern hinüberzurutſchen, und doch macht eben das an den äußerſten Enden gleich einen ge⸗ waltigen Unterſchled. So wie ich auf freier Ebne nur ein wenig mit dem Kopf ruͤcken darf, um die ſcheinbare Lage der Dinge am Geſichts⸗ kreiſe um Vieles zu veraͤndern, und ſo wie ich nur Schritte gehen darf, um ſie vielleicht Meilen weit einander naͤher oder ferner zu ſehen! ſo iſts auch mit des Menſchen Erkenntniß. Darum halke man ſich bei einer irrigen An⸗ ſicht nicht lange auf mit den letzten Ergebniſſen derſelben, die freilich weit genug aus einander laufen mögen; ſondern man ſteige gleich hinauf zum Mittelpunkt der Strahlen, wo ſie ſich der wahren immer mehr oder weniger nähern muß. Man ſchiebe dieſen Mittelpunkt durch einen leich⸗ ten Druck wieder in die rechte Lage, und der Um⸗ kreis des Ganzen wird ſich bis in die aͤußerſten Enden von ſelber darnach geſtalten. 53. Vom heiligen Liebesbunde. Es gibt wenige recht gute Menſchen im hochſten Sinne des Worts, und ſie verlieren ſich unter der großen Menge, wie einzelne Cryſtallkör⸗ ner in einem Sandhaufen; obgleich auch wieder, ſo wie dieſe dem Sande von weitem den Anſchein geben, als ob er uͤberall blitze, eben ſo dieſe We⸗ — 81— nigen ihren Glanz zuruͤckwerfen auf das Men⸗ ſchengeſchlecht uͤberhaupt. Ich will nicht ſagen, es gibt wenig große oder erhabene Geiſter, das iſt wieder ganz etwas anders— ich meine nur, es gibt wenig ſo recht innig und aus der Wurzel voll unendlicher Liebe gute Herzenz ein ſolches gutes Herz darf deshalb noch gar nicht ei⸗ nem erhabenen Geiſte gehoren, es kann ſich viel⸗ mehr ganz darniedergeſenkt haben in die Schicht des irdiſchen gewohnlichen Lebens. Dieſe weni⸗ gen Liebesherzen— Herzen, in denen der vom Himmel gebrachte Funken der uͤberſchwaͤngli⸗ chen Allliebe feuriger zundete und lodernder brennt, als in allen andern— Herzen, die den GoOtt ge⸗ heim und bergend in ſich tragen, wie die un⸗ ſcheinbare Erzſtufe das Goldkorn— dieſe Lie⸗ besherzen ſind das eigentliche Salz des ohne ſie faden und aus Halbliebe und Halbeigennutz zuſammengeflickten Menſchenlebens. Ein ſolches Liebesherz kann einen ganzen Kreis von Men⸗ ſchen, ja ein ganzes Städtchen erwaͤrmen, und dann hat es gewohnlich zweierlei Schickſal. Ent⸗ weder es wird verkannt und noch oben drein ver⸗ unglimpft von der Menge, weil es in ſeiner Un⸗ ſchuld überall nichts kann als lieben, und nichts weiß von den Regeln, die bei uns heut zu Tage der ſogenannte Kopf dem Herzen vorgeſchrieben hat; oder es wird erkannt, aber anſtatt daß nun Jeder an der heiligen Opferflamme anzuͤnde das Altarfeuer in ſeinem eignen Herzen, und zum ſtillen Gottesdienſt heimkehre in deſſen Tempel — anſtatt deſſen betrachtet man mit neumodiſcher Finanzspeculation das entdeckte Liebesherz wie einen kuͤnſtlichen Sparofen, der mit wenig Auf⸗ wand und Koſten die ganze Familie oder das ganze Staͤdtchen heize, und ſchiebt ihm nur ſo zuweilen ein Scheit Hoiz zur Nahrung zu. So gehts gewohnlich; begegnen ſich aber einmal zwei ſolche Bruͤder des heiligen Liebesbundes— dann ſchlagen die Lohen zuſammen uͤber ihrer Bruſt in Eine Flamme, die die zwei Herzen wieder zertheilt und neu verjuͤngt von ſich haucht— dann iſt es genug an Einem Blicke, an Einem Worte, um auf ewig zu ſchließen den unauflöslichen Bund der Seelen— dann ſchimmert hell im verklaͤrten Antlitz das Ordenskreuz des Liebesbundes, deſſen geheime Flammenzuͤge nur der Eingeweihte leſen kann— dann freuen ſich die Seraphim droben der Engelvermaͤhlung im Staube— und dann — dann kann das einfame Herz voll unausſprech⸗ licher Liebe nur noch verſtummend ſeufzen: Wann werd ich ins Auge blicken der Seele, die für mich beſtimmt iſt?— 54. Landpfarrer und Minister. Sollte mich etwa einmal jemand fragen nach dem Unterſchied zwiſchen einem Landpfarrer und einem Minister des Innern, ſo wuͤrd ich ihm wahrſcheinlich folgende lange, aber verbluͤmte Ant⸗ wort geben(wenn er ſie hier gedruckt lieſt, darf er mich gar nicht erſt fragen):— Zwei Kinder ſollten auf ihrer Mutter Befehl Erbſen leſen; und jedes vollzog es auf ſeine eigene Weiſe. Der hochfahrende raſche Knabe breitete die Erbſen alle mit einemmal aus, und ſich hoch druͤber hinſtel⸗ lend, fing er an, von oben herab aus Leibeskraͤf⸗ ten zu blaſen. Er blies zwar alle leichte Spreu und Unreinigkeit fort, vermied aber nicht, daß zu⸗ weilen auch ſchoͤne große Erbſen mit untern Tiſch flogen; die nur halb verdorbenen und Wurmſti⸗ chigen hatte er vollends von weitem gar nicht ge⸗ ſehen und alle drinnen gelaſſen. Die fanftere und geduldigere Schweſter hingegen nahm Haͤuflein nach Häuflein auf ihre Hand, brachte ſie ganz nahe an die ſpaͤhenden Augen, und las ſorgſam mit den ſchnellgelenkigen Fingern alles Boͤſe aus; auch ſchritt ſie nicht eher zu einem zweiten Haͤuf⸗ lein, als bis das erſte vollig rein war.— So dauerte dem Madchen die muͤhſamere Arbeit weit länger, während der Knabe bald fertig war mit ſeiner Haͤlfte, und ſich gewaltig ruͤhmte wegen ſei⸗ ner ſinnreich erfundenen leichten Art, die Erbſen zu leſen. Auch hatte ſein lärmendes Blaſen uͤber den ganzen großen Tiſch hinweg, der mitten in der Stube ſtand, im ganzen Hauſe Aufſehn ge⸗ macht, waͤhrend ſie mit ihren Erbſen im Schooß in einem Winkel ſaß und man kaum ſah, was ſie vor hatte. Als aber die Mutter zu Hauſe kam, ſprach ſie zu der Schweſter; Du haſt Deine Erb⸗ ſen am beſten geleſen. 35. Des Menſchen Glück beim un g luͤck. unter allem Ungluͤck dieſer Welt ward dem Menſchen als das größte Gluͤck von Gott zuge⸗ cheilt ein gewiſſer unbegreiflicher Leichtſinn; ohne dieſen wuͤrde ihm jede Freude zu einer Sehnſucht darnach oder zum Leiden und die unendlichen Trennungen und Abſchiede und Vergänglichkeiten und Mängel des Lebens wuͤrden ſchon in deſſen Haͤlfte das arme Herz uͤberwältigen und zerſpren⸗ gen. Aber der Menſch kann ſelig ſein ſchon auf dieſer Erde, blos weil er im Stande iſt, ſich leichtſinnig zu verſenken in die Gegenwart des flächtigen, vergänglichen Augenblicks, und ihn eben in dem Augenblick ſo zu genießen, als woͤre er eine nie endende Ewigkeit. O wo gäb es wohl am Ende noch eine Freude in der Welt, wenn der Genießende beim Genuß ſchon daran daͤchte: Wie lange dauerts noch, da iſt auch ſie voruͤber, und dir blieb nichts zuruͤck, als ein ewig lockender und nie Leben werdender Traum— es werden auf die Tage der Freuden ſich wieder reimen Tage der Leiden, in denen dein thraͤnenſchweres Auge durch die eingeſargten Tage und Wochen hindurch bli⸗ cken wird auf die mit ihnen eingeſargten Freu⸗ den! Wenn der Menſch ſo denken muͤßte, da hätt er gar keine Freude und ſeine im Zeitbegrif ſchwin⸗ delnde Vernunft machte jede gegenwaͤrtige zur ver⸗ gngnen. Aber ſo iſt es nicht! Er kann ſich mit unbegreiflichem, wunderbarem, von oben geſchenk⸗ tem Leichtſinn ganz hingeben der nichtigen und fuͤchtigen Gegenwart; und der Liebende denkt beim erſten Kuß ſo wenig an den letzten, als der im Sonnengold ſich ſpiegelnde Schmetterling es weiß, daß wenn die Sonne untergegangen iſt. auch er nicht mehr flattern wird und nicht mehr leben, 113 1 — 66. An die Unzufriednen. Es iſt ein ſehr eingewurzelter und leicht täu⸗ ſchender Irthum vieler Menſchen, daß ſie das Große und Hohe, das Wahre und Schöne durch⸗ aus ganz nackt und nur als ſolches auf Erden fin⸗ den wollen, und daß ſie ſich z. B. einbilden, der wahrhaft große Mann muͤſſe auch weiter nichts ſein als dies, und gleichſam einen ofnen Brief und Aushängeſchild an der Stirn tragen, worauf Jeder leſen köͤnne: Allhier wohnt ein er⸗ habner Geiſt! Dieſe guten Leute ſind ſehr zu bedauern, indem ihre naͤrriſche Forderung die Möglichkeit dieſer Welt uͤberſteigt, ſie ſich folglich Alles, was noch wahrhaft groß und ſchon und gut iſt auf der Erde, ſelbſt vernichten. Sie konnen nicht begreifen, daß ein Weltweiſer fur alle Ewig⸗ keit Recht haben, und doch in Sprache und Stand⸗ vunkt von ſeinem Zeitalter abhaͤngen kann; daß ein Dichter gleich nach Beendigung eines Meiſter⸗ ſanges mit Wohlgefallen daran denken mag, wie ſchoͤn ſich ſein Gedicht auf Schweizerpapier in Saffian gebunden ausnehmen werde; ſie können noch weniger begreifen, wie ein alter entlaſſener Hauptmann in der ſchonſten Begeiſterung der Freude alle Höllen und Teufel zuſammenfluchen kann, womit er blos in ſeiner Sprache ſo viel ſagen will, als: Gott, wie gluͤcklich haſt du mich gemacht! oder gar, wie jenes Fraͤulein, das mit dem größten Eifer einen neuen Kleidbeſatz muſtert und richtet, eine hohe, himmliſche Jungfrau, ein Saͤnger und Helden begluͤckender Engel ſein ſoll. Und doch iſt all das Angefuͤhrte gar woht mog⸗ lich, ja es iſt ſtets nothwendig, daß ſich das Himmliſche, wenn es auf dieſer Erde erſcheinen ſoll, in den Mantel des Irdiſchen huͤlle; denn grade das koſtbarſte Kleinod iſt am ſchwerſten aus der es beſchotzenden vielfachen Schale herauszu⸗ wickeln. Der Menſch verlange nicht frevelnd, wie Zeus Geliebte, den GOtt ohne Huͤlle im Strah⸗ lenglanz zu ſehen— der wuͤrde doch nur ſeine ſchwachen Augen blenden, daß ſie nun vollends gar nichts ſahen. Er finde vielmehr daß Große grade unter dem Scheine des Kleinſten hervor, und dringe tief ein in das gemeine Leben, um in ſeinem innerſten Kern das hoͤhere Sein zu entde⸗ cken. Dann wird er ſich nicht ſo oft und bitter getaͤuſcht ſehen in ſeinen Hofnungen, ſondern er wird da, wo der gewöhnliche Menſch gleichguͤltig voruͤbergeht, wie der Vandale am marmornen Luſtgebilde, grade das verſteckt finden, deſſen aͤußern prunkenden Schein ſo viele vergebens ſu⸗ chen. . An die Faulthiere. So mancher beſchwert und beklagt ſich jetzt gar kläglich daruͤber, daß er ſo wenig oder gar keine guten Menſchen finde; und eben daſſelbe nimmt faſt jeder zur Entſchuldigung, dem man es vorwirft, daß er ſelbſt keiner geworden. Freilich, ſo lange jeder alſo die Pflicht von ſich auf die andern waͤlzt, und erſt von den andern vollzogen ſehen will was er ihnen dann nachmacht, ſo lange natürlich gibt es gar keine Andern, und es ge ſchieht nichts.. Kuͤmmre dich nicht um die An⸗ dern, ſondern ſei ſelbſt erſt ein guter Menſch und alles das, was du von deinen Mitmenſchen verlangſt. Wenn jeder ſo denkt, werden alle fin— den, was ſie ſuchen; waͤhrend die jetzt eingerißne Traͤgheit, die ſich oft ſo ſcheinbar hinter Aberweis⸗ heit und Erdenverachtung verſtecken kann, immer nur ſich ſelbſt täuſcht und grade das erſt bewirkt, woruͤber ſie ſo ſehr jammert. Dergleichen Faul⸗ thiere ſchimpfen auf den mit Fruͤchten beſchwerten Aſt, daß er nicht zu ihnen herunter laufen will, und es faͤllt ihnen nicht ein, ſelber ſich darnach aufzurichten; oder noch beſſer geſagt, ſie ſuchen die Brille, die auf ihrer eignen Nafe ſitzt, aber ſo tief unten, daß ſie druͤber weg und eben deshalb die Brille nicht ſehen. 58. Luthers Naſe. Unter allen Naſen, die Lavater je beſchrieben oder nicht beſchrieben hat, verdient Luthers Naſe nach meiner Meinung eine ganz beſondere Auf— merkſamkeit. Wer nur einmal des Glaubenshelden Bildniß geſehen, weiß, daß grade die Naſe das Ausgezeichnete und Eigenthuͤmliche dieſes ſeltnen Geſichts iſt; wer die recht getroffen, wird Luthern ſchon treffen. So ganz verſchieden von jeder ſüd⸗ lichen oder morgenlaͤndiſchen, und eben ſo von jeder hochnordiſchen, traͤgt ſie ganz den echt deutſchen Stempel— ſie dringt nicht ſcharf und ſpitzig auf kuͤhn gebogener Bahn hinaus in die Welt, wie des feurigen Suͤdlaͤnders Raſe— z. B. der Römer, Italiener, Spanier— ſie hat weder die griechiſche — 88— An ſchauung noch die morgenlaͤndiſche Beſchauung — ſie hat nicht die kecke, leichtſinnige Selbſtgenug⸗ ſamkeit der in alle Winkel riechenden franzoſiſchen Naſen— auch nicht die zum träumenden Sinnen⸗ genuß und roher Thierheit aufgeworfne Stumpf⸗ heit des Nordlaͤnders— im hoͤchſten Grade bei den Lappen und Siberiern—: ſondern ſie iſt ganz deutſch, d. h. ganz auf ſich ſelbſt beſchraͤnkte, in ſich ſelbſt vollendete und ausgebreitete Eigenthuͤm⸗ lichkeit. Es liegt in ihrer Breite jene unendliche mehr Breite als Tiefe in Luthers Geiſte, womit er— fern von Schulwitz und Spitzfindigkeit— das Seelenheil Europa's vom Mittelpunkt eines einzigen Urgedankens aus zu umfaſſen und zu ret⸗ ten vermochte. Es liegt in ihrem graden, ſtarken, und doch ſo ſcharf in ſich beſchloßnen Durchſchnitt jene unuͤberwindliche Gradheit Luthers, wonach er in allen Verhaͤltniſſen des Lebens ſtets einer, ſtets ganz derſelbe blieb. Es liegt endlich in dem gan⸗ zen, zugleich breiten und hohen, zugleich aufſtreben⸗ den und ausbreitenden Weſen ſeiner Raſe, das ſich eher fuͤhlen als beſchreiben laͤßt, jener eherne Fel⸗ ſengrund im Weſen Luthers, der grabe der Grund⸗ zug der Deuſchen, und in Luther als Gipfelpunkt dentſchen Geiſtes aufs Höchſte geſteigert erſchien. Es iſt jene Geiſteshaͤrte, die alle Pfeile der Welt abprallen ließ wie von bezaubertem Panzerz jene feſte hohe Chriſtenruhe, mit der er ſprach: Hier ſtehe ich, ich kann nicht anders, GOtt helfe mir! Amen; aber eben auch zugleich jene zackige Schroff⸗ heit, die in allen ſeinen Streitſchriften herrſcht. Die letzte Haupteigenſchaft, als der innerſte Ur⸗ grund im Weſen Luthers, aus dem ſich ſein Thun — 680— und Sein nach allen Seiken emporrang, iſt am beſten dargeſtellt in dem zum Jubelfeſte erſchiene⸗ nen Kupferſtich, wo er in ſtürmenden Meeres Mitte auf einem Felſen feſt und ruhig ſitzt, die Schrift in der Hand. Dieſer Felſengeiſt, wie ichs am liebſten nennen moͤchte, iſt auch der Geiſt des Petrus, und waͤre dieſer kein Jude geweſen, ſondern ein Deutſcher, er haͤtte gewiß eine Naſe gehabt, wie Luther. Wer ſo ein lebendiges Ge⸗ fuͤhl fuͤr Geſichtskunde hat, wie ich, wird die Wohrheit des Geſagten fuͤhlen und einſehen, und dem uͤberlaſſe ich dann auch, im Antlit des großen Mannes weiter fortzuſchreiten, und den predigen⸗ den Mund, das begeiſterte Auge und die ernſte Stirn der Felſennaſe hinzuzufuͤgen. Zweites Nebenblatt. Meine Physiognomik. Jedesmal, wenn ich das Wort Physiogno- mik und Physiognomiſch nenne, ärgere ich mich daß ich noch kein deutſches dafuͤr gefunden habe, und doch hab ich auch bis jetzt noch kein paſſen⸗ des. Ich muß dieſen Mangel alſo lieber offen⸗ herzig geſtehen, und mich nicht laͤnger abhalten laſſen, mein Nebenblatt druͤber zu ſchreiben. Der Leſer verzeihe mir alſo noch diesmal mein Fremd⸗ wort, und hoͤre geduldig meine Anmerkungen zur Physiognomik an, die ich ſo lange auf dem behalten habe blos der Deutſchheit zu iebe. Vor allem paßt das Wort Geſichtskunde wohl fuͤr Lavaters Physiognomik, nicht aber fuͤr meine, von jener ganz verſchieden. Wäͤhrend Lavater beim menſchlichen Geſicht ſtehn blieb, bin ich bisher in meiner Ausuͤbung fortgeſchritten nicht nur bis zum Menſchen uͤberhaupt, ſondern — 91— auch zu den Thieren und Pflanzen; und mir um⸗ faßt die Physiognomik, als die Kunſt, das In⸗ nere aus dem Aeußern, oder den Geiſt aus dem Körper zu vermuthen, die ganze lebendige Schdpfung. Meine Wiſſenſchaft kann— wohl⸗ verſtanden!— nie gewiß erkennen, ſondern nur vermuthen, oft freilich in hoͤchſter Annaͤherung an die Gewißheit; und ſie umfaßt die ganze leben⸗ dige Schöpfung, d. h. wie die Leute jetzt noch ſprechen, die ganze organiſche Welt, Menſchen, Thiere, Pflanzen. Sie iſt als echte Wiſſenſchaft vollkommen begruͤndet in der ewigen Ureinheit des Innern und Aeußern und der im Koͤrper le⸗ benden Seele eben mit ihrem Körper. Sie iſt die einzig wahre und moͤglich Erfahrungsſeelen⸗ kunde, da wir von der Seele nur wiſſen durch den Koͤrper. Für den Menſchen iſt auch außer der Ge⸗ ſichtskunde ſchon Manches gethan worden in dieſer höhern und eigentlichen Physiognomik, die der einzige wahre Kleinkucker iſt, den wir vornehmen muͤſſen, wenn wir den Naturgeiſt erſpaͤhen und erkucken wellen. Körpergeſtalt uͤberhaupt, Art des Ganges, Eigenthuͤmlichkeit in den Bewegun⸗ gen, Geſtalt der Haͤnde und Fuͤße, beſondere Handſchrift, Manier zu eſſen, ja ſogar beim Ge⸗ ſchlecht der Weiber und Mannweiber der Anzug und deſſen Farben gehoͤren zu dieſem Aeußern⸗ das uͤberall vom Innern durchdrungen ſein muß. Daruber iſt im Einzelnen noch viel zu entdecken und nachzuholen, obgleich uͤberhaupt das Alles ſchon anerkannt iſt, uͤbergehe. und ich es deshalb hier kurz Auch die Physiognomik der Thiere kann Niemand leugnen, nur daß ſie ſich hier wie⸗ der auf einem ganz eigenthuͤmlichen Standpunkt wiederholt. Sie kann hier nicht auf Einzelweſen, ſondern nur auf Gattungen bezogen werden, eben weil das Thier fur ſich allein nichts iſt, und nur im Gattungsbegrif des Naturtriebes lebt. Es gibt daher keine Physiognomie eines einzelnen Hundes oder Pferdes, und alles etwa von Hun⸗ deliebhabern, engliſchen Pferdezeichnern und der⸗ gleichen Beigebrachte iſt Taͤuſchung. Aber es gibt wohl eine Hunde⸗, Katzen⸗ oder Pferde⸗Physio- gnomie äberhaupt, die völlig dem durch dieſe Gattung dargeſtellten allgemeinen Begriffe ent⸗ ſpricht, und ihn verkörpert eben nach jenen Urge⸗ ſetzen, die fuͤr Menſchen und Thiere gleich gelten. Schaut den, ſeinem Herrn zu Füßen ſitzenden Hauehund an, wie er treuherzig zu ihm hinauf⸗ blickt; ſeine Schnauze, der Blick ſeines Auges, die Wendung ſeines Halſes— allem, ſeinem gan⸗ zen Weſen und Haltung iſt das rechte Innere der Treue eingepraͤgt und aufgedruͤckt. Seht den koniglichen Löwen aus ſeinem Eiſengitter ſtolz herabblicken auf die ihn betrachtenden Menſchen, und ihr habt den Edelſtolz lebendig verkörpert. Seht die ſchnurrende Katze ihre Krallen in die Ballen zuräckziehend verſtecken, leis auftretend, mit gekrauſeltem Schwanz und langgedehnten Leibe, herbei ſchleichen, als wolle ſie durch ein Schluͤſſelloch kriechen, nnd die gruͤnen Augen ſeit⸗ wärts drehend, mit dem heuchleriſch geſpitztem Maule ſchmunzeln— da habt ihr die Falſchheit vor euch, wie ſie leibt und lebt! Wenn das nicht ſo waͤre, woher haben denn die Menſchen ſeit der Schoͤpfung jedem Thier gleichſam ſeine beſon⸗ dre Gemuͤthsart und Weſenheit aufgedruͤckt, und warum gelten denn dieſelben Thiere zu allen Zei⸗ ten unter Dichtern und Nichtdichtern als Sinn⸗ bilder derſelben Geiſteseigenſchaften oder allgemei⸗ nen Begriffe? Das traͤgt der Menſch nicht blos von auſſen hinein, ſondern der Taube zanzes We⸗ ſen iſt wirklich Unſchuld, der Katze Falſchheit, des Fuchſes Schlauheit und ſo weiter, und eben weil es ſo iſt, muß das Weſen auch ſeine äuſſere Erſcheinung durchdringen. Man unterſuche nur ernſthaft, und man wird bei falſchen Menſchen Aehnlichkeit mit dem Katzengeſichte finden und ſo uͤberall. Man hat einen alten Brauch und Aberglauben unterm Volke; die Leute halten ſich Kinn und Mund mit der Hand zu bis an die Naſe, und welchem Thier das Geſicht dann ähnelt, deſſen Eigenſchaften ſchreiben ſie dem Inhaber zu. Auf der Physio- gnomik der Thiere beruht alle Fabel- und Mähr⸗ chendichtung, wie alle Thiermahlerei, und ſie ſteht nach der menſchlichen Physiognomik am nächſten. In ihr iſt wieder das Rächſte die der Saugethiere, als der an den Menſchen graͤnzen⸗ den Ordnung. In der Physiognomik der an⸗ dern Ordnungen, ſelbſt Fiſche und Gewärm nicht susgenommen, liegt noch eine ganze Welt ver⸗ ſchloſſen, aber ich zweifle ſehr, daß es dem Men⸗ —————————— ſchen je möglich ſein wird dieſe fuͤr ihn vollig unbekannte Welt ganz zu entdecken und aufzu⸗ faſſen, eben weil der Menſch gewiſſermaßen ſel⸗ ber Maikaͤfer werden muß, um die Pystogno- 6 eines Maikafers empfinden und anſchaun zu onnen. Noch entfernter in einer Art, und auf der letzten Stufe ſteht die Physiognomik der Pflanzen, und die werden nur Leute, die den Humboldt nicht kennen, vielleicht nicht zugeben wollen. Aber es iſt eigentlich doch daſſelbe, wie bei den Thieren, und jede Pflanzengattung druͤckt mehr oder minder einen beſtimmten Begrif aus, der als Seele alle einzelnen Körper der Gattung belebt und das Wahre und Seiende an ihnen iſt. Daher nicht nur ebenfalls die ſtehenden Ver⸗ gleiche und Sinnbilder bei Dichtern und Nicht⸗ dichtern aller Zeiten, ſondern daher auch die mei⸗ ſten Sprachbenennungen der Gewaͤchſe. Warum iſt denn allen Völkern, wo ſolche Blumen wach⸗ ſen, die Roſe der Freude, die Lilie der Unſchuld, und das Vergißmeinnicht der flillen Treue ge⸗ weiht? Woher denn des letztern herrlich zuklingen⸗ der Name, wenn er nicht aus unbewußter Aner⸗ kennung der Physiognomie dieſes Blämchens hervorging, und wenn nicht Blau aus tief in ihm ſelber liegenden Gränden ewig die Farbe der Treue bleibt? So mit der edlen deutſchen Eiche, der ſchlanken Tanne, der geiſtumdufteten Linde, der lieblich gränenden Myrthe, der in ſiegreicher Schwertkrone prangenden Palme, dem ſich Jeder⸗ mann unwillkuͤhrlich zu Kränzen, und nur gefuhl⸗ — loſen Waͤlſchköchen zur Bruͤhſuppenwurze darbie⸗ tenden Lorbeer.— Es iſt hochmuͤthiger Eigendänkel, wenn Men⸗ ſchen meinen, die Ratur ſei todt, und alles Le⸗ ben wuͤrd ihr erſt von ihnen eingeblaſen nach Be⸗ lieben; uͤberall, wo es auch gar ſo ſcheinen mochte, liegt doch das Leben tief in der Natur ſelber. So wie in einem noch ſo ſchönen Dichtergemalde einer Landgegend ein einziger uͤbelgewaͤhlter Pflan⸗ zenname durch das Bild der Pflanze den ganzer herrlichen Eindruck truͤben kann, eben ſo liegt auf der andern Seite in der ſinnigen Anerdnung ei— nes Blumenſtraußes oder Kranzes oft mehr und tieferer Sinn, als in der Anordnung ganzer Buͤ⸗ cher; denn das Breiteſte iſt allemal das Flachſte, und die Tiefe geht nach unten hin. Ich wenig⸗ ſtens mache mich vor der ganzen Oeffentlichkeit anheiſchig, blos am Blumenſtrauß- oder Kranz⸗ winden einer deutſchen Inngfrau 6 erkennen, ob ſie Gefuͤhl fuͤr Physiogomik, d. h. ob ſie uͤber⸗ haupt Gefuͤhl und Sinn hat. Wos Menſchen und Thieren das Geſicht, das iſt den Pflanzen die Blüthe oder Blumez; was jenen Leib und Glieder, das den Gewaͤchſen Stamm und Blätter; was beim juͤdiſchen Geiz⸗ hals die gekruͤmmten Finger der ſtets einſcharren wollenden Hand, das bei der ſtets durſtigen Weide die rinnen- und ruhengrtigeg ſchmiegſa⸗ men Zweige und Saugblaͤtter. Die Bluͤthe muß den uͤbrigen Theilen und ihrer Physioenowie entſprechen und gemaͤß ſein, wie es in gewiſſem Grade ſtets das Geſicht der uͤbrigen Koͤrperbil⸗ dung iſt. Verſuch es nur, und mahle ein Ver⸗ gißmeinnicht mit Eichenlaub, oder Jasmin mit Relkenblaͤttern, oder eine uppig bluͤhende Roſe mit Peterſilienkraut— zeige das Gemaͤhlde einem Amerikaner, der all dieſe Gewächſe gar noch, nicht kennt;— wenn er ſeinem Gefuͤhl folgt, werden ſie ihm ſo wenig gefallen, als der ſchoͤnſte Homeruskopf auf dem Rumpf eines Franzoſiſchen Ohnehoſen und er wird meinen: Was habt ihr doch für ſeltſam bizarres Zeug in Europa.— Zwar auch in dem Griechiſchen und Lateiniſchen, noch mehr aber in den Deutſchen Pflanzennamen hat ſich das unbewußte Gefuͤhl uͤber Pflanzen⸗ Physiognomik oft herrlich ausgeſprochen; Be⸗ nennungen, wie Tauſendſchon, Sonnenblume, Veil⸗ chen, Brennende Liebe, Nachtſchatten, Ehrenpreis werden ſehr falſch nur auf ganz grobe Aeußerlich⸗ keiten der Geſtalt oder Art bezogen, ja ſelbſt Eiche, Tanne, Fichte, Buche, nach ihren Ableitungen gehoren hieher. Niemand wird ſo leicht die Ge⸗ ſtalt einer ihm neuen Pflanze behalten, ohne zu⸗ gleich ein geiſtiges Bild ſeiner Einbildungskraft damit dunkel zu verbinden, und ihn wird dabei der erſte Eindruck leiten, den die Geſtalt auf ſein Gefuͤhl machte. So geht meine Physiognomik durch die lebendige Welt hindurch, in der todten hoͤrt ſie freilich auf, und die Gattungen des Stein⸗ reichs koͤnnen keine andern Begriffe ausdruͤcken, als die Eitelkeit und Gewinnſucht der Menſchen erſt von außen hineinlegen, an ſich ſind en⸗ Maſſe ehne Leben und Seele. Aber in Men⸗ ſchen, Thieren und Pflanzen leben Seelen, und durchdringen mit ihrem Leben die kleinſten Ein⸗ zelheiten der Koͤrper nach algemein durchgehenden großen Geſetzen. Der Mittelort freilich und hoͤchſte Gipfelpunkt, die volkommenſte Einheit des Innern und Aeußern fuͤr dieſe Erde iſt das menſchliche Angeſicht, und auf ihm entfal⸗ tet ſich und legt ſich dar die ganze Wiſſenſchaft von neuem im hoͤchſten Glanze. Daher eben der Irrthum, die Geſichtskunde, ſtatt zur höchſten, was ſie allerdings iſt, zur einzigen Physiogno- mik machen zu wollen. Die Seele tritt uͤberall hervor im Koͤrper, aber am klarſten und gleichſam wie aus einem ofnen Fenſter ſchaut ſie heraus in dem Geſicht; und in dieſem ſind wieder die Haupt⸗ ſache eben die wahren Stirn- und Gehirnfenſter, die Augen. Daher der Name Geſicht von den Augen aufs ganze Antlitz uͤbertragen. Das Men⸗ ſchenauge iſt die letzte und hochſte Staffel der Physiognomik, wo ſie ſich ſelbſt wieder vernich⸗ tet und aufloͤſt in reines Lebenslicht; hier iſt der Braͤnzpunkt der durch den Koͤrper heraus dringen wollenden Seele— hier kann ſie nicht weiter, und bei gar vielen Augen thaͤte eben ſo wohl ein tuͤchtiger Markgraf und Graͤnzfeſte nothig, als bei der deutſchen Oſtgraͤnze. Darum eben liegt dem Liebenden das ganze Raͤthſel und Geheimniß ſei⸗ ner Liebe und Lebensverſchwiſterung in den Augen des geliebten Weſens. Das klare ſich anſchaun zweier Menſchenaugen iſt die hochſt moͤgliche Geiſtervereinigung durch die Koͤrper auf Erden, und die keuſcheſte Seelenvermählung, der E erſte Liebesblick die Brautnacht der Herzen. Die Augen flacher Seelen ſind flache Suppenteller aber in die Augen eines tiefen Gemuͤths kann man ewig hinein ſehn, ohne je bis auf den Boden um die Sache auf die Kunſt zu beziehen, die einzig allein auf Physiognomik nach mei⸗ nem Sinne beruhen kann, ſo verwirft ſie keines⸗ weges die Pflanzen⸗ und Thierwelt, was ſie auch nie gethan hat, aber ihr eigentlich Zielwerk und der Gegenſtand, um deßwillen ſie nur den Nebel⸗ umkreis der Pflanzen und Thiere mit aufnimmt⸗ das Wäppenbild, wozu dieſe blos den Feldgrund hergeben, iſt der Koͤrper des Menſchen. In die⸗ ſein wiederum das Höchſte das Geſicht, was ſich beſonders zeigt in der Mahlerei, und in ihr noch mihr als in der Bildnerei— aber zum Aller⸗ höchſten und Allerheiligſten, zum Lebensblick des Auges kann ſie ſich nie erheben. Der Bildner läßt da ganz leeren Raum, und auch der Mahler deutet nur ſchwach an; in den Geſichtszůgen koͤnn⸗ ten ſie das Leben lebendig darſtellen, aber weiter geht des Menſchen Macht nicht. Konnte er auch das Leben des Auges erreichen mit ſeiner Kunſt⸗ ſo wäre er Schopfer und ſchufe Seelen mit ihren Körpern, anſtatt er jeßt nur Körper nach ihren Seelen ſchafft; dann wuͤrde es mehr Pygmalions⸗ Bildſaäulen geben, und es liegt etwas ſehr Tie⸗ fes in jenem mahomedaniſchen Verbot der Mah⸗ leret,„weil ſonſt die Koͤrper am juͤngſten Gericht ihre Seelen vom Mahler fordern wuͤrden.“ Mnſhi⸗ Physioguomik, und Ge⸗ ſichtskunde, die blos auf den Geſichtszuͤgen, auf Naſe, Mund und Stirn zu beruhen vermeint und daraus an ſich etwas machen will, iſt in 6 todt, und kann nie was zu Stande bringen. Im⸗ mer fehlt noch, grade das Hoͤchſte und Innigſte, das Auge, das läßt ſich aber auch nicht in For⸗ meln und Linien einzwaͤngen, ſondern es muß bei jeder einzelnen Erſcheinuhg und Beobachtung ei⸗ nem erſt als Schlußſtein ganz neu hinzutreten zu dem uͤbrigen Geſicht; erſt in ſeinem Lſcht und durch deſſen Beleuchtuſg erhält dieſes Leben fuͤr den Beſchauer. Der Physiognom, der das nicht weiß, und ſich ohne das Geſichter zeichnen will, hat nur die kalte bleiche Larve eines Verſtorbenen mit dem ſtieren Todtensuge, den Niederſchlag und zurickgeblicbnen Todtenkopf ei⸗ nes längſt entflogenen Lebens. Wer Geſichtsver⸗ hältniſſe ohne Beziehung aufs Auge nur meß⸗ kuͤnſtlich Lerzeichnet und abreißt, und hienach ur⸗ theilen will, dem muß es gehen wie allen denen, die den Geiſt in Zahlen bannen und das Leben mit Winkeln abmarken wollen, das Leben zer⸗ ſprengt ihre künſtliche Bande, wie Schneider⸗ mhaße. Dle Pliysiögromik läßt ſich äberhaupt lange nicht ſo meßkuͤnſtlich abreißen und berechnen, wie ſo Viele gewollt haben; ſie läßt ſich auch nich t lehren, ſondern will erlebt ſein. Dieſelben Züge, den Winkeln und Linien nach, und auch ei⸗ nerlei im Grundtyne der Bedeutung können den⸗ nach ganz entgegengeſetzte Bedeutungen erhalten, bl s durch das pozukommende Auge. — 90— Hieraus ergiebt ſich von ſelbſt, wie der Chriſtuskopf die hochſte, nie völlig erreichbare Aufgabe jeder bildenden Kunſt iſt, und weshalb keines der hundert Chriſtusbilder dem großen Zuͤrcher Physiognomen genugen konnte. Der Sinn der ganzen Physiognomihkt in ihrer weiteſten Ausdehnung iſt ja eben kein anderer, als die Seele im Köͤrper, oder das Leben GOttes in der Welt und im Menſchen nachzuweiſen; die⸗ ſer Sinn vollendet ſich alſo nothwendig und ſchließt ſich ganz ab in der vollkommnen Endeinung des Ewigen und Zeitlichen durch den GoOttmen⸗ ſchen. Hier iſt auf dieſer Seite der Markſtein der Physiognomik, wie der Kunſt. Ganz ab⸗ geſehen vom Lebensblick des Auges, der nirgend in der Kunſt erreichbar iſt, vermag ſich auch nur in den Geſichtszugen kein Physiognom in voller Anſchauung zu vergegenwärtigen, wie JEſus aus⸗ geſehen haben muß, weil er ſonſt ſelbſt nicht mehr Menſch bliebe. Kein Kuͤnſtler vermag je ein Chriſtusbild befriedigend zu vollenden— es bleibt nur ewige Annaͤherung des Gebets, die die Ah⸗ nung des Wahren den todten Pinſelſtrichen ein⸗ hauchen kann, aber auch weiter Nichts. All un⸗ ſere Chriſtusbilder ſind verkörperte Ge⸗ bete ihrer Mahler.— Wer Chriſto endlich gar ins Auge geſchaut hat, hat eben darin GOtt ſelber angeſchaut und iſt ſelig geweſen; und auf wen des Heilands Liebesblick fiel, ſo lange er auf Erden wandelte, der war eben dadurch zur ewi⸗ gen Seligkeit berufen, und vom heiligen Geiſte erfuͤllt. Die Berufung der heiligen Sendboten war nur ein Anſchaun derſelben.— Die Ma⸗ — 101— donna iſt nur ſehr unkergeordnet dem Chriſtus— bilde, und wer ihr Bild uͤber das Chriſtusbild ſtellt, und ſie als Mutter Gottes noch hoher ehrt, als den von ihr Gebohrnen, wie die Katholiken thun, der begeht Abgöotterei. Aber auf der andern Seite mußte auch noth⸗ wendig JEſus der groͤßte Physiognom ſein d. h. weil in ihm Göͤttliches und Menſchliches völlig Eins war, war ihm die Physiognomik nicht mehr Ahnung und Vermuthung, wie ſie es ſtets nur den beſchraͤnkten Menſchen ſein kann, ſondern Gewißheit. Der beſte Chriſt wird ſich dieſer Gewißheit am Meiſten naͤhern, und darum war der Mann, der den Chriſt am innig⸗ ſten erkannt hatte, zugleich der groͤßte Physio- gnom, Lavater. Der Gottmenſch ſchaute uͤber⸗ all im Körper unmittelbar die Seele, und des⸗ halb mußte er nothwendig wiſſen, was ſeine Juͤn⸗ ger dachten, meinten, fuͤhlten, oder was die Pha⸗ riſuͤer im Sinn hatten, ſobald er ſie nur anſah. Er ſchaute Gott uberall in der Welt, und nicht blos ſein Bild; drum war er auch in ſeiner Men⸗ ſchengeſtalt der Herzenskündiger, und ſchaute Al⸗ len durch den Koͤrper klar in die Seele hinein, wie durch Glas, ſeinen Augen waren die Körper ſchon verklärt und verglaſet. Eine, freilich nur geringe Annaͤherung an dies göttliche Urbild, und ein Fortſchritt des menſchlichen Vermögens hie⸗ rin um eine kleine Staffel iſt uns neuerlich er⸗ oͤfnet im thieriſchen Magnetismus und in den Offenbarungen der Schlafwachenden.— — 102— Mein Zug hat mich wider Willen weiter ge⸗ fuhrt, als ich bei der Ausreiſe wollte. Ich will alſo nur noch kurz von mir geben, daß erſt die Physiognomik die Natur und den Stoff fur uns belebt, und daß ſie jene alte Aufgabe der Weltweisheit loͤſt oder als geloſt erkennt, die Be⸗ griffe wirklich und lebendig zu machen. Der wahre Physiognom ſieht nicht nur an allen Mitmenſchen mehr, als wers nicht iſt; ſondern er beſitzt auch den wahren Dichtergeiſt, und iſt der rechte Orpheus, den die Weſen der Thier⸗ und Pflanzenwelt lebendig umtanzen; nur die Felſen und Steine bleiben ruhig liegen, und daß Or⸗ vheus auch die geruͤhrt haben ſoll, kann ich nur fuͤr eine ubertreibende Luge erklaͤren. Ich ſchließe mit der herzlichen Bitte an alle meine Leſer, mir doch nun recht bald aus meiner Verlegenheit we⸗ gen des deutſchen Wortes fuͤr Physiognomik zu helfen. Wer mir eins wohleingepackt zuſendet, das meine Wiſſenſchaft in dem durch dies Reben⸗ blatt entwickelten Sinn bezeichnet, dem will ichs verehrenſolden, wie die beſte Abhandlung eines Mitarbeiters, und er darf es nicht einmal porto⸗ frei ſchicken. Meine Hofnung, daß ich ein Wort erhalten werde, gruͤndet ſich beſonders darauf, daß doch alle Menſchen in der Welt etwas Physio- gnomik beſitzen muͤſſen; weil es aber die Wenig⸗ ſten ſo nennen, ſondern unzaͤhlige Namen dafuͤr haben, ſo wird ſich darunter doch einer— der mir recht iſt. Dritres Rebenblatt. Das Vermäͤchtniß des alten Alles und — Wenn ihr dies Vermachtniß bfnet, Leſer, bin ich entweder nicht mehr, oder ich bin auf eine Art, die ihr alle zuſammen nicht begreifen könnt. Denn daß ſich meine Seele nicht erſt wieder auf einem andern Sternkloß herumdrehen kann, ſollt es auch der Schluß des elften Krofodileis zu leh⸗ ren ſcheinen, darber mögt ihr nur Ottomars Todesbrief in den Mumien nachſchlagen. Für alle Fälle hinterlaß ich euch hier mein Vermaͤcht⸗ niß; ob ihrs befolgt, kann mir gleich gelten, da ich jetzt in meiner Engel; oder Nichtsſchaft nichts davon habe. Nun ſo hört. Ich habe auf Erden viele Freunde gehabt. Ich will ſie ſo nennen, denn ob ſies wirklich ge⸗ „* Ein leiblicher Bruder dos bekanften alten ueberan und Nirgends. —— 4 — 104— weſen, mögen ſie ſelber am beſten wiſſen. Weil nun der Wille eines Verſtorbenen geachtet werden muß nach romiſchem und deutſchem Recht, und die Verſtorbnen manchmal wunderlich Zeug wol⸗ len, ſo will und verlange ich hiemit: daß alle die, ſo ſich zu dieſen Freunden zaͤhlen, an einem Ort uſammenkommen, um ſich einander zu erken⸗ nen und zu vereinigen. Das ſoll noch ein viel aͤrgeres gelehrtes Geſpraͤch werden, als das Augs⸗ burger, und ich lache noch am Rande des Grabes daruͤber, welch luſtige Verwirrung das abgeben wird, als Spiegel meines eignen, uͤbernudelten, zuſammengeſudelten und durchgehudelten, verwirr⸗ ten und verzerrten Daſeins. Könnt ihr Eins werden, dann verſprech ich euch aus dem Grabe wiederzukommen, und ſollten auch ſchon die Ma⸗ den mir slles Fleiſch von den Knochen gefreſſen haben. Es geht aber wahrhaftig 13 S 6 ber zu. Alles, was ihr ſeid, war ch ja allein auch Alles. Konnte ſich das wohl einen? Eben drum war ich auch Nichts. Mein leeres Spiegelbild hat euch oft genug zu ſchaffen gemacht, und doch war dies Spiegelbild Nichts, ein Spiegelbild ohne Urbild, ein Schatten ohne Koͤrper, ein Schein ohne Weſen, ja alles das nicht einmal, grade zu ein Unding. Dies Wort, das rechte Sauber⸗ wort des Ungeiſtes, der ſlets verneint, konnt ihr armen Engel auf der Erde fretlich noch nicht begreifen, und doch ſeid ihr alle eben ſolche Un⸗ dinger, ohne daß ihrs wißt. Die Frage iſt nur: Ob das Unding im Tod ein Unding bleibt, oder — 105— ob er die erſte und einzig wahre Schoͤpfung wird? Ob man im Tode endlich den Kerl hinterm Spie⸗ gel packen kann, oder ob er den Spiegel blos entzweiſchlaͤgt und den Kerl drin zugleich? Das kann ich euch aus dem Grunde nicht aufklaͤren, weil ich das ſelber noch als Unding auf Erden zu ſchreiben mir einbilde, und mich nur in Gedanken ſchon todt, d. h. lebendig mache. Jedem von euch, lieben Freunde, war ich was Anders. Jeder fand nur ſich ſelbſt ganz in mir wieder, eben deshalb weil ich ein bloßer Spie⸗ gel war, und noch dazu ohne Hintergrund. Ihr haͤttet alſo leicht durch mich ſehen konnen ins weite Blaue und zu allen Sternen hinauf, wie durch Oſſians Heldengeiſter; aber eure queckſilberne Selbſucht gab den Hintergrund her und verklebte dieſe Ausſicht. Während ich mit dir, Etchif, mich tief ver⸗ ſenkte in des Ichs und Nicht Ichs nie aufgehende Blindrechnung, und mir Richts im Etwas und Etwas im Nichts ſo klar vorzaͤhlte und ab⸗ wägte, daß du wähnteſt, Gott ſelber konne keine klarere Einheit haben, und deine kurz nach dir verſtorbene Lehre ſei auf der Ewigkeit Säulen ge⸗ gruͤndet, auch an mir den gelehrigſten und kluͤg⸗ ſten Schuͤler zu haben vermeinteſt,— während dem allen ſpottete ich dagegen mir dir, Eodo⸗ tro, alles Wiſſens und jeglicher Weisheit, und fand meine Seligkeit blos darin, aller Vernunft den Fehdehandſchuh hinwerfend— ich wußte vor⸗ her, daß die Metze nur nicht ebenbuͤrtig iſt und der Kampfrichter ſie forthagen wuͤrde— mich auf den Glauben an etwas todt ſchlagen zu kaſſen. Dies Etwas kum der Sache freilich nſher, weil es das Hohe und Göttliche ſchon ſo ziemlich ins Gemeine und Grobe hinabzog. Wie freuteſt du dich nicht, wenn ich mit dir das phariſaͤiſche Zeit⸗ alter verftuchte aus vollem Wanſte, und wenn ich ſo tief in den wahren Kern der Pfafferei einge⸗ drungen war, daß ſelbſt ihre verborgenſten Kunſt⸗ griffe, ſich und die andern Menſchen zu Vieh zu machen, mir ſpielend von der Hand gingen. Doch auch du, Kiau, warſt mein Freund. Ich lachte mit dir uͤber die Welt nach Leibeskraͤf⸗ ten, riß Witz uͤber Witz, und war ſtets luſtig und wohlgemuth, erſt mich, und dann die Andern hin⸗ terdrein auspfeifend zum Zeitvertreib. Nichts war vor unſerer Pfeile Widerhaken geſichert, ſo oft wir am buntgeſchnitzten Bogen des Spottes ge⸗ ſpannt. Von dir gings grade aus zu einer gan⸗ zen Zunft, zu Legels, Ennak, Keit u. ſ. w. Mit ihnen raſte ich bald in meines Buſens maͤch⸗ tigem Sturmdrang in den Klinglingel Leierka⸗ ſten, daß Unendlichkeiten und Sehnſüchten, und oft ſogar Kettenreime, die halben Selbſtlaut⸗ und Mitlaut⸗Anklaͤnge gar nicht einmal gerechnet, wie Feuerfunken umherſtoben; bald aber auch zerfloß dunſer nuͤberſeliges, langſamen Tod an Freundes⸗ bruſt dahinſterbendes Herz, beſoffen von der Wonne der Wehmuth wie Fliegen vom Syrup, in eine veinzige perlende Thraͤne, und es lböſte ſich das ganze Geſchnarre unfers arbeitenden Rervenraͤderwerks cauf in einen einzigen, leis verhallenden Sehn⸗ 6 ſh ſuchtsdreiklang aus A moll. Wenn eure Leichen einmal geoͤfnet werden, wird man wohl Waſſer im Herzbeutel finden. Wir ſahen, in Gedanken nehm⸗ lich, an Ganges Bord ſo lange in Wiſchnus ge⸗ waltige Sonne, oder auf dem Spiegelberge ſo lange in der Zwergfee Zauberſpiegel, bis unſte Augen vor Blindheit nicht mehr, und eben drum Dinge ſahen, die kein Menſch weiter ſah. Das hießeſt du Phantasus, und ſchienſt ganz glͤcklich zu fein, guter Keit, mich wohl auch dafouͤr zu halten. 6 S 4z Aber ich war gar Richts. Zu anderer Zeit erſchien ich dem guten Laupnai wieder als ein glänzender Schwan des Himmels, der, vom zer⸗ knickten Flägelgelenk an die Erde gefeſſelt, ſehnend auf ſah, wenn andre Schwaͤne nach ihrer Heimath zogen. Ich träumte jetzt den Traum von der Vernichtung und des Menſchen groͤßten Gedanken nebſt einigen Streckverſen; jetzt aber führte ich die Benefizacte der Prinzeſſin auf, oder ſchtieb Pe⸗ ſidr Realblätter uͤber die Gebrüder Menſch. Eine Klotilde vereinigte uns beide, ohne daß einer von uns ihr Bruder war, denn wir hatten genug am Anſchaun.— Nicht genuͤgte mir dies freilich, wenn ich mit dir, trauernder, verwitweter Ube⸗ zok, in den Pallaſthallen von Paris ſchwaͤrmte, und mit Nalfi den Becher der thieriſchen Wol⸗ luſt ſo lange leerte und wieder füllte, bis auch nicht einmal Koth und Miſt mehr dazu uͤbrig ge⸗ blieben. Euch nahm das Niemand uͤbel, denn der eine ſchrieb die Schauſpiele, die der andere auf⸗ fuͤhrte, nnd Sperrſitze und Stehplaͤse waren ge⸗ drängt voll von Leuten, die ſich die Hände roth klatſchten. Auch ihr habt mich noch nicht ergrundet. Denn füͤr meinen lieben Janhagel war ich ja der herrlichſte Philiſter, den er je geſehen, und der aller alltäglichſte Alltagsmenſch anſtatt des früͤheren Allnachtsmenſchen. Ich aß und tranf mit ihm, wos was gab, ging zwier des Jahrs zum Tiſch des HErren, ließ, was Schulz und Pfarrer mir verbot, und uberließ den Gelehrten, ob das, was dieſer ſagte, zu glauben ſei oder nicht. Ich dichtete aber auch mit dir, Tög, und ſteckte dir manchen Reim zu deinem Walpurgis⸗ ſpiel freundſchaftlich zu. Ich verſank mit dir, Gnilles, in der lebendigen Ratur frei Grünen und Bluͤhen, und wurde ſelber zum vermittelten Gegenſatz. Ich ſchlug mit dir, Nolopan, die Menſchen ſo lange todt wies ging, weils mir Spaß machte. Ich rechnete mit dir, Etkompa⸗ nie, Zins von Zins auf 50 Jahr vorher aus nach Nelkenbrechers Tafeln, und fing wieder von vorn an, wenn ein Dreier dran fehlte. Ich grub mit dir, Notlima, auf griechiſchem Boden nach Wuͤr⸗ merfraß, obgleich wir ſelber welcher waren. Ich zerſchnitt und zerfaͤdelte mit dir, Lepmeh, die Rervenbuͤndel und Herzadern des menſchlichen Leichnams, ſprach viel von Lebenskraft und Schließ⸗ muskeln, und wollte den Menſchen wie eine Uhr aufziehn und wie eine Schochtel aufmachen. Ich war mit euch, Equuf, Nuez, TDrelleg, Gnulda, Itzolaſtep— doch kurz! es dauert — 109— mir zu lang euch alle aufzuzaͤhlen, und der Tod will nicht mehr warten. Ich war Alles und— Nichts. Das konnt ihr euch beweiſen, wenn ihr alle, die ihr Freunde, d. h. Abbilder von mir wart, zuſammenkommt, und dann ſeht, wie auch Nichts draus wird. Wie konnt ich wohl Eins von alle dem ſein, da es vor mir ſchon Menſchen geweſen, und doch Men⸗ ſchen geblieben waren, wie vorher? das half mir ja Nichts. Ich war Nichts und haͤtte euch das längſt erzählen köͤnnen. Aber ich hatte Mirleid mit euch. Eure Maulwurfsaugen waͤren fa von der Erfahrnng ganz geblendet worden. Jeßt aber vor der engen Pforte will ich euch ſagen: Ich weiß was ich weiß. Ein Unding iſt ein Unding. Die Welt iſt ein Unding. Die Welt iſt ein gro⸗ ßer Spiegel, aus Nichts gemacht, d. h. erſchaf⸗ fen, in dem ſich Nichts abſpiegelt. Denn aus Nichts wird Nichts. Der Teufel iſt ein Spiegel und die Welt iſt der Teufel, und die Weiber ha⸗ ben den Umgang mit dem Teufel und haͤngen ihn an alle Waͤnde; und das iſt noch viel ſchlimmer, als wenn ſie ihn blos daran mahlen. Wer nur etwas zu ſein glaubt, iſt eben darum gar Nichts, den das Ich ſteckt ja mitten im Nicht-Ich drinnen, wie die Made in der Haſelnuß. Wer ſein wille, muß Alles ſein; aber Alles iſt wieder Richts, und ich war Alles und Nichts. Wenn euch das zn wunderlich und hoch iſt und ihrs nicht begreifen koͤnnt— ſo macht die Augen zu, und wuͤhlt un⸗ ſpielt, und lacht und macht, und plappert und klappert, und weint und ſcheint wieder wie vorher — 110— ſechstauſend Jahre, bis auch euer Nichts einmal vollends zu Nichts abgemuckt wird, oder— denn ich ſtehe jetzt an der Pforte— enbüch einmal ein Smas ausbrutet. cn Der alte Alles und Richts. E ſ Woraunpntußel Dies Vermäͤchtniß fand ſich unter des Ver⸗ ſtorbenen Papieren vor. Man nehme ſich alſo wohl in Acht, das hie und da darin Geſagte für eigene Meinung des Verfaſſers der Krokodileier zu halten; der es vielmehr ſtark im Willen hat, naͤch⸗ ſtens eine Widerlegung des alten Alles und Nichts und ſeines Vermaͤchtniſſes herauszugeben, wenn ihm zur jetzigen Alles⸗und⸗ Nichts⸗ ein erh hgieichen ne 7 † 159 e In unſerm Verlage iſt vor Kurzem und ſo eben er⸗ ſchienen: der Erſte zu Berlin, im September 1818. 4 8r. Hermes, Franz, Epheuranken. 8. 10 gr. Hofmann, Ludwig, Cenſur und Preßfreiheit, hiſto⸗ riſch⸗philoſophiſch bearbeitet; uter Theil enthaltend: Geſchichte der Buͤchercenſur. gr. s. uthlr. 12 gr. Lehnert, Joh. Heinr., Fuͤhre uns nicht in Verſu⸗ chung! Predigt am Tage der Einſegnung ſeiner Schuͤlerin gehälten. Nebſt dem Altargebete, der. Glaubensbekenntniß und der Beichte. gr. 8. 3 gm Schlachter, G. J., Fruͤhgebete fuͤr Lehrer in Buͤrger⸗ ſchulen, 3. 8 gr. Thieme, Moritz, dramatiſche Spiele fuͤr die Jugend bei feſilichen Gelegenheiten. Eine Weihnachtsgabe, ſauber gebunden. thlr. ferner haben wir in Commiſſion: Schaden, Adolph von, die moderne Sappho, eiu mu⸗ ſikaliſch⸗dramatiſches Durcheinander ohne Sinn und ohne Verſtand. Beſiehend aus zwei Akten und ei⸗ nem monodramatiſchen Fingle. Nebſt einer von den Gebruͤdern Henſchel gezeichneten und geſtochenen Karikatur. 8. Leipzig. broſchirt. thlr. ——— ————————.— 2 2——————— 2 5 . * 4 978 SIx ene