NM Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gieſen. Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. GCeih und geſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.*. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe veſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2Büchen: 4 Bücher: 6 Bücher: auf Monat: 1 Mk.— Pf. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Köſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Das Kam⸗ mermaͤdchen der Lady Bertram brachte einen Brief an Miß Annabella, den dieſe in der zitternden Bewegung, in die ſie gerathen war, nicht ſogleich anzunehmen vermochte. Ich gewann dadurch Gelegen⸗ heit, die Addreſſe deſſelben zu ſehen, in der 1* ich ſogleich die Handſchrift meines Bruders Benjamin erkannte. Der Todesſchmerz der Eiferſucht, der bei dieſer Entdeckung mich ergriff, laͤßt ſich nicht ausſprechen. Neid, Zorn, Mißgunſt und alle erdenkliche Liebloſigkeit nahmen augenblicklich von mei⸗ ner Seele Beſitz; ich ſchaͤme mich, es nie⸗ der zu ſchreiben, und doch bin ich zu ſtolz, um zu heucheln und ſo geſtehe ich denn, daß ich in dieſem Moment etwas dem Haſſe ſehr Aehnliches fuͤr meinen Bruder empfand. Ich klagte Annabellen vor dem innern Gerichte meiner Vernunft des verletzten weiblichen Zartgefuͤhls an, weil ſie in eine heimliche Correſpondenz ſich eingelaſſen hatte; ich beſchuldigte ſie eines, gegen alle Grund⸗ ſaätze ſtreitenden abſichtlichen Beſtrebens, mich zu taͤuſchen, eines Einverſtaͤndniſſes, das darauf hinaus lief, mich offentlich irre zu fuͤhren, und was ſchlimmer war als alles Andere, ich vermißte an ihr jene Offenheit und Reinheit des Sinnes, den ich als den hoͤchſten Schmuck eines weiblichen Weſens uͤber Alles ſchaͤtzte. Die arme Annabella wußte nicht wohin ſie ſehen, was ſie beginnen ſolle. Ich war grauſam genug, mich mitten in meinem Schmerz an ihrer Verlegenheit zu weiden; noch immer hielt ſie den Brief zwiſchen den Haͤnden, betrachtete dann und wann das Siegel mit augenſcheinlicher Un⸗ geduld, daruͤber, daß es noch immer als Schranke zwiſchen ihr und dem Inhalte daſtehe, und doch voll Furcht, es in mei⸗ ner Gegenwart zu brechen. Sie ſtand auf, aber ihr fehlte die Kraft, irgend eine Ent⸗ ſchuldigung fuͤr ihr Fortgehen hervorzubrin⸗ gen, und die Etikette, auf die ſelbſt ein Spanier nicht eifriger haͤtte beſtehen kon⸗ nen, als ich in dieſem Augenblick, zwang ſie zu bleiben. Indeſſen wurde es auf die Länge ihr doch unmoglich, noch laͤnger in ihrer Selbſtverlaͤugnung zu beharren und die Befriedigung ihrer Neugierde oder eines in einer weiblichen Bruſt noch viel mach⸗ tigern Gefuͤhls ſich zu verſagen. Sie ſetzte ſich alſo mit ihrem Briefe in die entfern⸗ teſte Ecke des Zimmers, ſo weit von mir, als die Laͤnge deſſelben es nur erlaubte, und brach das Siegel. Waͤhrend ſie las, bewachte ich jede Veränderung ihres Ge⸗ ſichts; es erſchreckte mich einigermaßen zu ſehen, wie der Ausdruck innerer Ruhe, der es ſonſt gewoͤhnlich auszeichnete, ſo plotz⸗ lich aus demſelben verſchwunden war und andern hoͤchſt leidenſchaftlichen Bewegungen Platz gemacht hatte. Und doch trug, mit Hamlet zu reden: gleich dem Antlitze der begrabenen Majeſtät von Daͤnemark, ihr Geſicht mehr den Ausdruck des Schmerzes, als den des Zorns, und ihre Zuͤge blieben hoͤchſt anmuthig und liebenswuͤrdig. End⸗ lich hoͤrte ſie auf zu leſen und brach in Thraͤnen aus. Ich war uͤberwunden. Und haͤtte es mein Leben koſten ſollen, ich haͤtte mich nicht einen Augenblick laͤnger ruhig verhal⸗ ten koͤnnen. Ich eilte zu ihr hin, und nahm den Brief vom Boden auf.„Darf ich?“ fragte ich.„Warum ſollte ich nicht Ihr Freund ſeyn duͤrfen, Annabella? Noch mehr Thraͤnen? Wie gern moͤchte ich ſie auf immer trocknen! doch das ſoll nicht ſeyn! Nun ſo laſſen Sie mich we⸗ nigſtens wiſſen, ob es in meiner Macht ſteht, Ihren Kummer zu erleichtern. Sie koͤnnen meiner Verſchwiegenheit gewiß ſeyn, wenn Sie mich mit Ihrem Vertrauen be⸗ ehren wollen. Darf ich?“ Noch immer hielt ich den Brief; ſie antwortete mir nicht— ich aber uͤberſetzte mir den Ausdruck ihres Geſichts in eine halb widerſtrebende Ein⸗ willigung. Es war wahrhaftig nicht der Augenblick zu einer rafflnirten Delikateſſe; ich las alſo den Brief. „Waͤre ich der äalteſte Bruder und Eduard der juͤngere, ſo haͤtte ich, dunkt mich, nicht ſo ungroßmuͤthig mir erlaubt, einen Triumph zu verfolgen, den ich nur meinem bedeutenderen Vermoͤgen, meinem hoͤheren Range zu verdanken haben konnte. Meine theure Annabella, ich leide ſehr, ſeit ich ihn immer um Sie weiß. Ich moͤchte keinen Augenblick an Ihrer Treue zweifeln, nein, auch nicht einen Schatten des Argwohns koͤnnte ich uͤberleben. Nur der entſchiedenſte Beweis koͤnnte eine Ueber⸗ zeugung mir aufzwingen, die mein Elend auf einen Grad ſteigern wurde, den menſch⸗ liche Kraͤfte nicht mehr zu ertragen vermd⸗ gen. Doch Sie ſind ſo jung, ſo liebens⸗ werth, und, meinem Gefuͤhl nach, ſo un⸗ widerſtehlich! Eduard iſt hubſch, er wird bewundert und iſt meines Vaters Erbe. Glauben Sie mir, ich denke nicht ſo un⸗ wuͤrdig von Ihnen, als daß ich fuͤrchtete, Vortheile dieſer Art konnten auf Sie ſelbſt Einfluß haben, aber, laſſen Sie mich fra⸗ gen, iſt nicht Ihr ganzes Geſchlecht em⸗ pfaͤnglich fuͤr die Annehmlichkeit eines Ueber⸗ gewichts im geſelligen Leben? wie Manner ſich deſſen erfreuen, die in meines Bruders Lage ſich befinden? Auch hat er Talente und jedes Mittel, eines Weibes leicht be⸗ ſtechliches Herz zu gewinnen! Ach! es gibt ſo viele auf der Welt, unter denen er waͤhlen konnte; warum mußte er gerade darauf beſtehen, mein einziges Kleinod ſich aneignen zu wollen! meinen einſamen Pa⸗ radies⸗Vogel der Liebe, der mich einzig —— um meiner ſelbſt willen ſich erwaͤhlte, und der mich nicht— o nein, ſicher nicht— zur Verzweiflung treiben wollen wird, in⸗ dem er mich verlaͤßt. Ehe ich Eduarden geſehen, gedachte ich ihm die Geſchichte un⸗ ſerer Liebe anzuvertrauen, und ihm auch von der Verbindung zu ſagen, die blos durch den Einfluß Ihrer Mutter zwiſchen ihm und Ihnen beabſichtigt wird. Doch als ich ſo plotzlich in der Gegenwart mei⸗ nes Nebenbuhlers mich befand, da vergaß ich es, daß er auch mein Bruder iſt, und mein Herz ward mit ſehr liebloſen Empfin⸗ dungen fuͤr ihn erfuͤllt. Sein Aeußeres war ihm zu vortheilhaft, er zeigte zu viel Geiſt und Talent, um mir einen Augen⸗ blick den Troſt zu laſſen, daß ſein Vermo⸗ gen zwar meiner Annabella Mutter ver⸗ locken koͤnne, doch daß ihm keine Ausſicht bliebe, ſie ſelbſt ſich jemals zu gewinnen. — Er iſt gerade der Mann, den ich mir zum Freunde erwaͤhlen wuͤrde, hätten ihn die Umſtaͤnde nicht zu meinem Nebenbuhler ge⸗ macht. Ich habe es ſeitdem oft bereut, dem erſten Gefuhle nicht gefolgt zu ſeyn, mich nicht ganz ſeiner Großmuth uͤbergeben zu haben. Ich laſſe ihm die Gerechtigkeit widerfahren, ihn einer edlen Handlung fä⸗ hig zu halten, aber dennoch empoͤrt ſich mein Stolz gegen das Gefuͤhl, Verbind⸗ lichkeiten gegen ihn zu haben.“ „Doch, am Ende, fordere ich denn mehr von ihm als Gerechtigkeit? Haben irgend Eltern auf Erden das Recht, mit ihres Kindes Neigung zu ſchalten und zu walten nach Belieben? Die himmliſche Milde Ihres Gemuͤths gibt Sie einer Ty⸗ rannei Preiß, der Sie ſich, mit einer klei⸗ nen Anſtrengung Ihrer Kraft, mit einiger Feſtigkeit des Entſchluſſes entziehen konnten. — 1— Warum haben Sie ſchon in ſo weit nach⸗ gegeben? Wiſſen Sie nicht, daß die Welt das Recht hat, Sie ihm zuzuſprechen, ſeit⸗ dem er uͤberall mit Ihnen erſcheint?“ „Wie ſehr leide ich nicht von all den Bemerkungen des heilloſen Volkes um mich her, das in dieſem Augenblicke von keiner andern Beſchaͤftigung weiß, als von unſe⸗ ren Angelegenheiten, und unaufhoͤrlich uͤber das Paſſende der projektirten Verbindung, und uͤber die große Liebenswuͤrdigkeit mei⸗ nes Bruders zu ſchwatzen! Es iſt ſo hart, von dem Weſen, von deſſen Treue und Liebe unſer eigenes Leben abhaͤngt, ſo reden zu hoͤren, als ob es an einen An⸗ dern gebunden ſey! Ich bin ſchon lange ungluͤcklich geweſen, aber Ihre Abweſenheit macht mich vollkommen elend.“ „Ich habe wieder, und immer wieder verſucht, meine Mutter dahin zu vermoͤ⸗ 6 — * gen, ſich dem Willen der Lady Bertram zu widerſetzen, es abzuſchlagen, das Gluͤck dreier Menſchen der Erfullung ihrer Plaͤne zu opfern. Wuͤrde dieſe koſtbare Hand Eduarden nicht mehr als bloß gleichgul⸗ tig ſeyn, wenn er erfuͤhre, daß ſie ihm nur als ein Opfer der Pflicht, nicht als freie Gabe der Liebe, zu Theil geworden?“ „Wir wiſſen beide, daß Lady Ber⸗ tram zu feſten Sinnes iſt, um irgend etwas der bloßen Ueberredung zu gewaͤh⸗ ren, weit weniger wuͤrde ſie alſo ſich ent⸗ ſchließen, den Erben all der Aubrey⸗Guͤter aufzugeben, und ſtatt ſeiner den Beſitzer von vielleicht etwas mehr als tauſend Pfund jaͤhrlicher Einnahme zum Schwiegerſohn an⸗ zunehmen! Eduards Zuruͤcktreten iſt das einzige Mittel, durch welches wir jene Gluͤck⸗ ſeligkeit erreichen konnen, nach der ſich mein Herz ſehnt! Das iſt erniedrigend! Wir — ſind wirklich ungluͤcklich, daß wir nur da Troſt finden koͤnnen, wo unſere Wuͤrde ge⸗ kraͤnkt wird.“ Das Uebrige von Benjamins Briefe — denn was ich hier anfuͤhre, war bei weitem nicht der ganze Inhalt des dicht beſchriebenen Briefbogens in groͤßtem For⸗ mate— das Uebrige alſo beſtand in lauter Verſicherungen der unwandelbarſten Treue, immer wachſender Liebe und anderen Din⸗ gen, die ſeiner Lage angemeſſen waren, und hoͤchſt wahrſcheinlich fur die, welche ſie betrafen, weit intereſſanter als fuͤr jeden Andern ſeyn mußten. Ich war ſogleich entſchloſſen. Ben⸗ jamin fing an, mir ſehr werth zu wer⸗ den, vielleicht weil ich tief empfand, wie ungerecht ich gegen ihn geweſen; ich bat Annabellen ſich zu faſſen und mir zu vertrauen, indem ich ihr mein Wort dar⸗ — 5— auf gab, daß ich ihr und meinem Bruder jene von mir ſo unſelig, ſo unwillkuhrlich geſtorte Ausſicht auf Gluͤck, zuruͤckgeben wolle. Als ich ganz klar entſchieden war, auf welche Art ich handeln muͤſſe, begann ich ſogleich meinen Entſchluß auszufuͤhren. Es iſt mir von jeher ſehr zuwider geweſen, mich um den Grund meiner Handlungen befragen zu laſſen; ich ſagte alſo Anna⸗ bellen Lebewohl, und bat ſie, meine plotz⸗ liche Abreiſe bei Lord und Lady Bertram durch den Vorwand dringender Geſchaͤfte zu entſchuldigen. Ich bin gewiß, daß das arme Maͤd⸗ chen mit Ueberzeugung fuͤhlte, dieſe Ent⸗ ſchuldigung ſey keine Luͤge, denn nach ihrer Anſicht mußte allerdings wohl die Urſache, die mich eigentlich fortrief, ihr als hoͤchſt dringend und wichtig erſcheinen. Wie dank⸗ —— bar zeigte ſie ſich mir! mit welchen Aus⸗ druͤcken ihres innigſten Gefuͤhls hoher Ver⸗ pflichtung uberſchuttete ſie mich! Sie hatte keine Ahnung der tiefen Kraͤnkung, der un⸗ nennbaren Qual, die ſie mir damit gab. Die Entdeckung, daß alle meine Anſpruͤche ſich auf die Wahl der alten Lady Ber⸗ tram gruͤndeten und ihr Herz ſo ganz von einem Andern erfuͤllt ſey, konnte nicht an⸗ ders als hoͤchſt kraͤnkend fuͤr mich ausfal⸗ len. Es iſt bitter zu erfahren, daß man da nur geduldet worden, wo man gewaͤhnt hatte geliebt zu ſeyn. Traurig genug langte ich in Aubrey Park an; meiner Mutter große Schwaͤche hatte mich zu ſehr verdroſſen, als daß ich mich haͤtte entſchließen mogen, ſie ſogleich zu ſehen. Ich ging in mein Zimmer und ließ Benjamin alsbald zu mir rufen, damit er meine Großmuth nicht durch — 1— Nachdenken abgekuhlt finden moge. Dieſes Benehmen war allerdings nichts weniger als heldenmaͤßig, aber es war vorſichtig. Freilich haͤtte ich, gemaͤß meiner Rolle, als Held dieſer Geſchichte, mich vorher von ſtreitenden Leidenſchaften ein wenig zerreiſ⸗ ſen, und dann erſt der Tugend den Sieg gewinnen laſſen ſollen, nachdem die Heftig⸗ keit der Leidenſchaft mich bis an die Schwelle des Grabes gebracht haͤtte. Dieſen Fehler im Gange meiner Geſchichte muß die Be⸗ merkung entſchuldigen, daß ich Memoiren ſchreibe, und daß man in ſolchen Bekennt⸗ niſſen dem Gewiſſen und der Wahrheit al⸗ les opfern muß, ſogar auf Koſten des In⸗ tereſſes und der Wuͤrde. Wir Bruͤder lernten einander nun bald genauer kennen. Nichts auf der Welt fuͤhrt ſo leicht zu richtigerem Verſtehen, als ein Geſpraͤch unter vier Augen; unſere Tugen⸗ Leben und Sitte in England. II. 2 —— den wie unſere Schwächen treten in ſol⸗ chem Beiſammenſeyn gewohnlich offener und freier an das Licht, denn wir ſind wohl ſelten um die Meinung eines Einzelnen ſo aͤngſtlich beſorgt, als um die der uns um⸗ gebenden Welt. Ich fand ſehr bald, daß die kleinen Zierereien, die mich fruͤher in Benjamins Betragen verletzt hatten, von ſeinem naͤhern Umgange mit Baurien herruͤhrten, und daß dieſe intime Freund⸗ ſchaft und Vertraulichkeit nur in den Ver⸗ haͤltniſſen, keineswegs in wahrer Neigung des Herzens ihren Urſprung habe, denn Baurien war meines Bruders Vertrau⸗ ter und hatte die Correſpondenz der Lieben⸗ den, waͤhrend ihren haͤufigen Trennungen beſorgt. Es ſchien mir, als ob es meinem Bru⸗ der nicht unangenehm ſey, den Gegenſtand ſeiner Neigung und Freundſchaft auf dieſe Weiſe zu wechſeln. Er lernte, mich ſo zu wuͤrdigen, wie ich mir bewußt war es zu verdienen, und fing an mich mit dem Ge⸗ fühle zu betrachten, das ich ſtolz genug war von jedem zu erwarten, der mit mir in naͤherer Beruͤhrung ſtand. Auch die Dank⸗ barkeit uͤbte ihren Einfluß auf ihn aus, er empfand es, daß ich kein leichtes Opfer ihm gebrachtz doch glaube ich, daß er feſt uberzeugt war, ſeine Liebe zu Annabel⸗ len uͤbertreffe die meinige ohne allen Ver⸗ gleich, weil es mir ſonſt unmoͤglich gewe⸗ ſen ſeyn wuͤrde, ſie aufzugeben. Nun denn, ich fand Mittel und Wege, Benjamin auf das Vollkommenſte zu befriedigen, und wenn ich dadurch gleich eine Geliebte verlor, gewann ich mir zum wenigſten einen Freund. Es hat mich im⸗ mer verletzt, wenn ich behaupten hoͤrte, daß Freundſchaft und Dankbarkeit unver⸗ 2* einbar waͤren, und es that mir wohl, durch eigene Erfahrung die Beſtätigung der Un⸗ richtigkeit dieſer Anſicht zu finden. Mein Bruder und ich wurden von dieſem Augen⸗ blicke an ſo vertraut, als ob wir unſer ganzes Leben hindurch bei allen Unterneh⸗ mungen und Erlebniſſen deſſelben verbunden geweſen waͤren; doch muß ich geſtehen, daß bei dieſem unſern Verhältniß von jener einſt zwiſchen Oreſt und Pilades obwaltenden Sentimentalitaͤt keineswegs die Rede war; wir begnuͤgten uns ganz gelaſſen damit, uns durch gegenſeitige freundliche Dienſte und Gefalligkeiten das Wohlwollen zu be⸗ weiſen, welches wir fuͤr einander empfanden. Es ward mir eben nicht ſonderlich ſchwer, die Mutter auf unſere Seite zu bringen. Sie erſchrack, als ich ihr auseinander⸗ ſetzte, wie viel Ungluck das Verfolgen ihrer unvorſichtigen Plaͤne uͤber ihre Kinder hätte —— —— bringen koͤnnen. Sie bekannte, daß ſie ſich ganz und gar auf die Klugheit und Vorſicht der verwitweten Lady Bertram verlaſſen, und daß ſie ihr deshalb die Lei⸗ tung der ganzen Angelegenheit willig uͤber⸗ geben habe. Meine Mutter hatte eine an⸗ geborene Abneigung gegen jene Uebung un⸗ ſerer Seelenkraͤfte, die wir Ueberlegen zu nennen pflegen, und verließ ſich in der Re⸗ gel auf die Meinung eines Jeden„ der ſie dieſem unangenehmen Geſchaͤfte uͤberheben wollte. Hierin lag eben das ganze Ge⸗ heimniß des unbegrenzten Einfluſſes, den Lady Bertram uͤber ſie gewonnen hatte; eines Einfluſſes, von dem ich nun einſah, daß ich mir ihn ſelbſt aneignen konne, und der mir auch in der That von Stund' an eigen geblieben iſt. Es koſtete mir weit mehr Muͤhe, die uͤberall und im Allgemeinen als unbeugſam — anerkannte Mutter Annabellens fuͤr un⸗ ſere Plaͤne zu ſtimmen. Sie wuͤthete, ſprach davon, ihre Tochter in ein Kloſter zu ſchicken, wo ſie nun und nimmermehr ein Wort von Benjamin hoͤren ſollte; ſie beklagte ſich bitterlich uͤber meines Bru⸗ ders Schlechtigkeit, ein junges Ding von kaum ſiebenzehn Jahren in eine Liebesge⸗ ſchichte zu verwickeln, da er doch habe wiſ⸗ ſen muͤſſen, daß er in jeder Hinſicht eine unpaſſende Parthie fuͤr Annabella ſey. Ich erinnerte die gute Dame ganz ſanft⸗ muͤthig daran, daß ſie von meinem Bru⸗ der und ihrer eigenen Tochter ſpraͤche, und daß jedes dieſe beleidigende Wort immer uns ſelbſt mit jenen zugleich treffen muͤßte. Da ich ſie noch immer unerbittlich fand, deutete ich an, daß ich entſchloſſen ſey, mich zunächſt an Lord Bertram ſelbſt zu wenden, wenn mein Verſuch mit ihr miß⸗ — — lingen ſollte, und daß uͤberhaupt meine jetzigen Vorſtellungen weit mehr das Re⸗ ſultat meiner perſonlichen Hochachtung fuͤr ſie waͤren, als die Folge der Nothwendig⸗ keit ihrer Einwilligung in dieſe Verbindung. Dann ließ ich noch ſehr geheimnißvoll einige Worte im Allgemeinen uͤber den in der Welt beſtehenden Widerwillen gegen ſolche Plaͤne fallen, die meiſtens nur darauf hin⸗ ausliefen, zwei Menſchen auf Lebenszeit elend zu machen und die Bande der Ge⸗ ſellſchaft zu ſchwaͤchen, indem man eine ge⸗ wiſſe Verachtung gegen diejenige ihrer Ein⸗ richtungen befoͤrdere, deren Einfluß am wichtigſten auf ſie einwirke. Nach den verſchiedenſten abſchlagigen Antworten, Entſchuldigungen, Verzoͤgerun⸗ gen und Klagen gab Lady Bertram mir endlich ihr Wort, ſich der Vereinigung Benjamins und Annabella's nicht —— zu widerſetzen, ſobald erſterer das einund⸗ zwanzigſte Jahr zuruͤckgelegt haben wuͤrde, und beide junge Leute ihre Anſicht binnen dieſer Friſt nicht ſelbſt geaͤndert haben ſollten. Benjamin war denn auch mit die⸗ ſer Entſcheidung ſehr wohl zufrieden; ich uͤberließ ihm das erfreuliche Geſchaͤft, An⸗ nabellen das Gelingen meiner Bemuͤhun⸗ gen mitzutheilen. Ich muß geſtehen, daß die Ueberzeugung, aller menſchlichen Einſicht nach, das Gluͤck zweier liebenswuͤrdiger junger Menſchen durch ein wahrlich nicht unbedeutendes Opfer geſichert zu haben, mir zu nicht geringem Troſt gereichte. Benjamin gab mir zu verſtehen, daß es ihm bei weitem lieber ſeyn wuͤrde, An⸗ nabellen perſoͤnlich ſeine Hoffnungen mit⸗ zutheilen; er ſprach viel von Unſicherheit der Poſten, Moͤglichkeit der Verzogerung eines Briefes, und dem großen Widerſtre⸗ —— ben, das er bei dem Gedanken empfinde, die Geliebte einen Augenblick laͤnger, als noͤthig ſey, leiden zu laſſen. Ich begriff ſein Gefuͤhl, denn hatte nicht auch ich daſ⸗ ſelbe empfunden? Der dreimal gluͤckliche Liebhaber reiſete alſo zu der Geliebten, die ihm innigſt ergeben war, und ich blieb al⸗ lein, in Einſamkeit, Trauer und Schwer⸗ muth verſunken, zuruͤck. Ich kann nicht laͤngnen, daß ich ſogar zuweilen das Opfer bereuete, welches ich gebracht. Es muß mir vergeben werden, wenn man bedenkt, daß es meine erſte Liebe war, und daß ich in meinem liebe⸗ gluhenden Gemuͤthe feſt und ſteif uͤberzeugt war, es ſey mir platterdings unmoͤglich, jemals wieder zu lieben. Freilich folgte die⸗ ſem Bedauern meiſtens der Gedanke, daß ich eigentlich im vollſten Sinne des Wortes nur gethan habe, was Recht ſey. Auch das Gefuͤhl, Gluͤck gegeben zu haben, war etwas werth. Dennoch blieb ich raſtlos und melancholiſch. Mein Gemuͤth wagte es nicht, laͤnger ſich mit dem Gedanken an Annabella zu beſchaͤftigen, und fuͤhlte hoͤchſt unbehaglich die Leere, die ihm ſo ge⸗ waltſam aufgedrungen worden war; ich verſuchte zu leſen, aber ich konnte meine Aufmerkſamkeit nicht feſſeln, dann ſeufzte ich ſchwer auf, irrte in den dunkelſten Gän⸗ gen unſeres Garten⸗Labyrinths umher, und fluͤſterte der tiefſten Einſamkeit den Na⸗ men Annabella zu. Ich nahm ſogar die Gewohnheit an, Monologe zu halten, und brachte es ſelbſt dahin, in reimloſen Ver⸗ ſen mit vielem Pathos die Klagen eines un⸗ ſelig Liebenden ausſtromen zu koͤnnen, dem die Geliebte untreu geworden. Es lief da⸗ mit ungefähr auf Folgendes hinaus: — Ich liebte Dich! Du warſt die Sonne mei⸗ nes Lebens, In deren Strahlen ich entzuckt mich wiegte, Im Traume nicht der Wolken⸗Schatten denkend. An jedem Blick hing ich mit ſolcher Inbrunſt, Als ſchaut' in Dir ich eine Gottheit an. Die eigne war's und war fur mich allmächtig, Und mein allein! Ich lebt' in Deinem Auge. Nichts war die Luft, die nicht Dein Athem trank; Die Sonne kalt, beſchien ſie nicht uns Beide; Matt jeder Stern; ſogar des ſchönen Mondes Licht⸗Antlitz war mir nur ein Wiederſtrahl, Ein Abglanz nur von Dir— mit Dir ver⸗ ſchwunden! Jedweder Strahl des liebelichten Auges Traf in mein Herz, mit neuer Lebenskraft. Ich lebte lang', Jahrhunderte des Seyns; Denn jeder Blick verlieh mir ew'gen Segen. Im Hofgedraͤng' kehrt' ich das Aug' nach innen, Denn dort allein ſtand Deiner Anmuth Bild! Ein volles Buch war laͤngſt mein Herz geworden, Von Dir erfuͤllt. In der Natur Bezirken Fand ich nur Dich. Was konnt' ich ſonſt er⸗ ſchauen — 35— In ihres Reichs Allmannichfaltigkeit Geſeh'nen Stoffs, getraͤumten Weſenheiten, Das nicht an Dich Gedanken mir erweckt? In dumpfer Stille dunkler Schlummerſtunden, Wenn auf dem Sturm der Geiſt herniederfaͤhrt, Daͤmonen⸗Fittig' Ungewitter ſchuͤtteln, Traf mich mit Grauß unnennbar Aechzen oft Von namenlos und ungedachten Dingen. Dann kam Dein Bild und trieb ſie alle fort; Dein Name war gleich einem Zauberworte, Sein leiſer Klang gab meinem Buſen Frieden Und heil'ge Ruh', wie einſt empoͤrte Wogen Des Herren Ruf, allmächtig, ſchweigen hieß. Und Du, Du konnteſt von Dir ſelbſt Dich wenden? Zertreten ſelbſt ein Herz, das Dir nur ſchlug, Das ſeines Blutes rötheſten der Tropfen, Die es durchkreiſen, gern dahingegeben, Zu wahren Dich vor einer einz'gen Thräne, Zu hüten Dich vor einem einz'gen Weh! Zwar will ich keineswegs behaupten, daß dies ganz woͤrtlich eine meiner Liebes⸗ klagen geweſen ſey, doch weiß ich ganz ge⸗ wiß, daß der Sinn und die Hauptgedanken die nämlichen waren, obſchon ich gezwun⸗ gen geweſen bin, hier und da ein Woͤrt⸗ chen wegzulaſſen oder hinzuzufuͤgſen, um einen Vers daraus zu bilden. Und wenn Ihr je einigen Unterricht in der Proſodie genommen und richtige fuͤnf Fuße zaͤhlen konnt, auch die gehoͤrigen fuͤnf Finger dazu habt, ſo werdet Ihr ganz leicht bemerken, daß, meiner Sorge und Geſchicklichkeit zum Trotz, am Ende mancher Zeilen eine uͤber⸗ fluſſige Sylbe mit einlaͤuft, die ich nicht zuruͤck zu halten im Stande war. Benjamin ſchrieb mir einige Tage, nachdem er in 8S— angekommen war, und ich muß geſtehen, daß ich bei Leſung ſeines Briefes uͤber dem Ausſtromen ſeines Ueber⸗ fluſſes an Gluͤck beinahe neidiſch geworden wäre. Auch Annabella hatte zur Nach⸗ 3 ſchrift einige Zeilen hinzugefugt, in denen— ſie mir fuͤr meine Guͤte und Uneigennuͤtzig⸗ keit dankte, und mich der ewigen Fortdauer dieſes ihres Gefuͤhls verſicherte. Ein herr⸗ licher Troſt fur einen abgewieſenen Liebha⸗ ber, wenn ein ſchoͤnes Mädchen ihm gelobt, ſich ewig als ſeine Schuldnerin zu betrach⸗ ten, weil er großmuͤthig genug geweſen, ſie nicht zu einer Verbindung mit ihm zwingen zu wollen. Wunderlich genug fing meine Melan⸗ cholie indeſſen an, allmaͤhlich zu verſchwin⸗ 1 den, obgleich ich mir alle erdenkliche Muͤhe gab, ſie feſt zu halten. Ich hatte mich 7 ſelbſt in die Ueberzeugung hinein vernuͤnf⸗ telt, daß es ganz ausnehmend ſchicklich und anſtändig fuͤr mich ſeyn wuͤrde, von nun an immerfort melancholiſch und vornehm mich zu gebehrden, und die frohe Laune gänzlich von mir zu werfen, durch die ich ehemals mich mehr zu einem Juͤnger des Demoerit als des Heraclid hinneigte. Aber die Natur ſiegte uͤber die Kunſt! Meine alten Gewohnheiten kehrten wieder; ich las und ritt wie gewoͤhnlich und verlor zuletzt alle Haltung des Gemaldes meiner Zukunft, das ich mir ſelbſt entworfen, dermaßen aus den Augen, daß ich endlich gar mit meinem Vater und ſeinen luſtigen Geſellen auf die Jagd ging. Wen ſollte ich an dem Tage meines erſten Erſcheinens, nach dem Unfall, der auf ewig mein Gluͤck zerſtoͤrt hatte, unter den Jägern finden? Lady Almeria Dart⸗ ford und ihre Tante, Miſtriß Wharton! Während der ganzen Jagd hielten wir die Koͤpfe unſerer Pferde ziemlich dicht anein⸗ ander, und am Abend preßten mich die beiden Dianen als Tiſchgefaͤhrten zu ihrem Dienſte. Lady Almeria war ſehr offen — ſehr einnehmend, ſehr brillant, ſehr witzig; keine unzeitige Furcht hielt je ihre Antwort zuruͤck, und ſie mochte im Laufe des Abends ſo viele Bonmots in die Welt geſchickt ha⸗ ben, als hingereicht haben wuͤrden, wenig⸗ ſtens ein Drittel des Vademekums fuͤr lu⸗ ſtige Leute zu fuͤllen. Ihre Heiterkeit, die durch Miſtriß Wharton auf bewunderungswuͤrdige Art unterſtuͤtzt wurde, belebte und erheiterte auch mich. Beider Damen Freimuͤthigkeit machte, daß ich mich in ihrer Nähe nicht minder behaglich und unbefangen fuͤhlte, als ich es nur mit irgend ein Paar maͤnn⸗ lichen Nimroden haͤtte ſeyn konnen. Nach dem Eſſen gingen wir in die Gartenanlagen hinab, und Lady Almeria und ich ſchoſſen um die Wette mit einan⸗ der nach dem Ziele; ſie behauptete, bei wei⸗ tem der beſſere Schuͤtze unter uns beiden — zu ſeyn, und erklaͤrte, daß ſie feſt beſchloſ⸗ ſen habe, jeden Mann, der ihr untreu wuͤrde, und jede Frau, die ihn dazu ver⸗ leitet habe, auf Piſtolen zu fordern. Sie ſprach noch Vieles von den Rechten der Frauen, das mir Stoff zu einigem Nach⸗ denken uͤber den Frieden der Maͤnner gab; doch war ſie dabei ſo beredt, und verſtand es ſo gut, alle ihre Redepunkte auf das Vortheilhafteſte zu ſtellen, daß es beinahe unmoͤglich wurde, ſie im Streite zu beſie⸗ gen. Ihre Guͤte, Hoflichkeit, Schoͤnheit, die Artigkeiten, die ſie mir ſagte, und auch ihre Weine brachten mich endlich dahin, die Waffen vor ihr zu ſtrecken und auf Gnade und Ungnade mich ihr zu ergeben. Nach dieſem Abende beſuchte ich Lady Almeria ſehr oft. Sie blieb immer eben ſo unterhaltend und zuvorkommend, als ſie beim erſten Beſuche geweſen war. Wir Leben und Sitte in England. II. 3 beleuchteten auf jede mogliche Art die Rechte. der Frauen, und erklaͤrten unbeſehens jeden Mann, der ſich weigern wollte, dieſe anzu⸗ erkennen, fuͤr ein neidiſches, eitles, unver⸗ ſtaͤndiges Ungethuͤm. Miſtriß Wharton, obſchon weniger geſchickt als Lady Almeria, war wenig⸗ ſtens eben ſo beſtimmt als dieſe in ihren Meinungen, und dieſe Art von Entſchloſ⸗ ſenheit iſt oft eine gute Stellvertreterin des Talents. Beide Damen, glaube ich, wuͤrden ganz gern eine Wanderung à la Pon Quixote unternommen haben, um jeden Einzelnen zum Kampfe heraus zu fordern, der es den Weibern zu verwehren wagen wollte, die Geſetze zu verwerfen und ſich uͤber die Re⸗ geln zu erheben, die ſo lange ihre Energie und ihren Geiſt in druͤckende Bande feſſel⸗ 3 ten. Allmaͤhlich fing ich an, bedeutend in der Meinung der Lady Almeria zu ſteigen. Miſtriß Wharton deutete mir in guͤtigen Worten ihr und ihrer Nichte Vorliebe fuͤr mich an. Doch muß ich bekennen, daß es mir eben ſo leicht haͤtte einfallen konnen, in der Bruſt von einem von meines Va⸗ ters Jagdfreunden Liebe zu wecken, als in dem Herzen der Lady Almeria. Ich konnte ſie nur als eine hoͤchſt angenehme Geſell⸗ ſchaft betrachten, die mich nicht weniger und nicht anders intereſſirt haben wuͤrde, wenn auch ihre Kleidung mich nicht an ihr Geſchlecht erinnert haͤttc. Als Frau habe ich keinen Augenblick ſie mir gedacht, und als Geliebte ſie mir zu denken„ waͤre mir hoͤchſt poſſirlich und lächerlich erſchienen. Als ich eines Abends von ihr zuruͤck⸗ kehrte, fand ich meinen Vater, die Mutter und Herrn Vaurien im traulichen Ge⸗ ſpraͤche bei einander ſitzen. Ich ſtand da, ſtarr vor Berwunde⸗ 3* rung, als haͤtte ich am hellen lichten Tage eine Geiſtererſcheinung geſehen. Drei Stun⸗ den nach Tafel, und mein Vater vollkom⸗ men nuͤchtern! ſogar mit der Mutter im Geſpräͤch— es ging uͤber alle Begriffe! „Lege Deinen Huth weg, Ede, und nimm hier neben mir Platz!“ rief mir der Bater entgegen, indem er ſeine Hand aus⸗ ſtreckte und einen Stuhl neben ſich hin⸗ ruͤckte. Als ich Beides gethan, fuhr er zu reden fort. „Du mußt wiſſen, mein Junge, daß ein großer Gutsbeſitzer in dieſer Grafſchaft, wie wir ſelbſt zum Exempel,— laß mal ſehen, hier iſt ein Anſchlag unſerer Guͤter: Dreihundert Acker dem Johnſton, ſieben⸗ hundert dem Witkinſon, fuͤnfzehnhun⸗ dert dem— dem, nu wie heißt denn der Kerl? Sieh mal her! ich kann ihn nicht heraus buchſtabiren— der Mann, weißt Du, der am erſten Tage, als Du mit uns auf der Jagd warſt, ſich daruͤber beklagte, daß wir ihm ſeine Befriedigung ruinirten. Eine capitale Jagd war das! gelt, Ede? He? Im Leben habe ich die Hunde nicht braver geſehen! Meiſter Reinicke mußte fix zum Loche heraus. Doch das iſt bei die⸗ ſer Sache nicht her und nicht hin; hier gilt es eine andere Art von Jagdz ſiehſt Du, Ede, ſie iſt der Muͤhe werth, und Du mußt nur den beſten Renner im Stall her⸗ aus kriegen, Ede, damit ſie Dir nicht an der Naſe vorbeigeht, und Du das bloße Nachſehen haſt, he? Ede?“ „Sehr wahr“, nahm die Mutter das Wort,„du haſt das Spiel in Haͤnden, Eduard, wenn Du naͤmlich nicht durch eigene Schuld Sr oder die Karten niederlegſt.“ —— Das iſt deutlich, klar und beſtimmt“, 2 ſchaltete Herr Vaurien ein. „Welche Jagd— was fur ein Spiel? und wohin wollen Sie denn eigentlich hin⸗ 3 aus?“ fragte ich ein wenig ungeduldig uber 3 dieſe Verworrenheit. „Ja, wie geſagt, Ede“, ſprach der Vater weiter,„ein großer Guͤterbeſitzer in einem Staate, wie England, hat, und auch 1 mit Fug und Recht, mehr Einfluß auf ge⸗ gewiſſe Angelegenheiten, nicht wahr BVau⸗ rien? als einer von euren geſchniegelten, ſpaniſchen, ariſtocratiſchen Edelleuten, der, weil er zufällig in einer Grafſchaft anſäſſig 1 iſt, ſich darum einbildet, er habe ein Recht dazu, alle Angelegenheiten und Vorfallen⸗ heiten derſelben in Ordnung zu bringen. Es koͤnnte ihnen aber paſſiren, ſich getäuſcht 3 zu finden; nicht wahr Vaurien? Ver⸗ ſtehſt Du mich, Ede?⸗ „Nicht ein Wort! auch nicht ein Wort!“ erwiederte ich ganz hoffnungslos. „Ja, ſiehſt Du wohl, das habe ich mir gleich gedacht, daß es ſchwer halten wuͤrde, Dich aus dem Lager zu treiben. Da erinnere ich mich noch eines Falles in unſerer Gemeinde, Du warſt eben erſt drei Jahre alt——“ „Herr Malone, Herr Malone!“ unterbrach ihn zuͤrnend und verlegen die Mutter, und wurde feuerroth uͤber die Er⸗ waähnung der Gemeinde in Vauriens Gegenwart; rother vielleicht, als ſie damals geworden ſeyn mochte, als mein Vater ihr zuerſt den Vorſchlag that, mit ihm davon zu laufen. 3 „Nun, nun“, fuhr mein Bater fort, „wir wollen das gut ſeyn laſſen. Hoͤre mir alſo nur zu, Ede, während ich Dirs erkläre. Dein Herr Arundel mag ein ganz geſcheuter Mann geweſen ſeyn, das ſtreite ich ihm gar nicht ab; aber vergiß einmal fuͤr den Augenblick all Dein Grie⸗ chiſch und Lateiniſch, und laß uns unſern eigenen geſunden Verſtand zuſammen neh⸗ men. Du biſt mein aͤlteſter Sohn und heute oder morgen, ob ſpaͤter oder fruͤher, kann ich juſt nicht ſo beſtimmt ſagen, wirſt Du Erbe und Eigenthuͤmer von Haus und Land zu Aubrey Park. So eine Beſitzung gibt Dir, wie jedem Andern, der wahr⸗ ſcheinlicher Erbe davon waͤre, den Anſpruch auf gewiſſe Rechte und Privilegien, Ede, die man nicht aus purer Nachlaͤſſigkeit un⸗ benutzt laſſen und vernachlaͤſſigen darfz Hei, Vaurien?“ „Ganz recht, Ihro Gnaden, nichts kann den Umſtaͤnden angemeſſener und mehr in der Ordnung der Dinge ſeyn.“ „Den Umſtaͤnden angemeſſen, Herr —. —— —— ——— ℳ Vaurien?“ fragte ich ungeduldig,„Va⸗ ter, Mutter! was fuͤr Umſtaͤnden angemeſ⸗ ſener, wozu fuͤhrt denn das Alles? Wozu braucht es denn einer ſolchen Einleitung zu einem Vorſchlage, der ohne Zweifel doch mit Recht und Ehre ſich vertraͤgt, ſonſt wuͤrde nicht einmal mein Bater es wagen, ihn mir zu machen! Vergeben Sie mir, ich bin ein wenig warm geworden„gewiß haben weder mein Betragen im Allgemei⸗ nen, noch die oft bewaͤhrte Bereitwilligkeit, alle Ihre Wuͤnſche gern zu befriedigen, Veranlaſſung geben koͤnnen, zu glauben, daß ich jetzt gerade zogern wuͤrde, Ihnen, worin es auch ſey, zu genuͤgen, wenn ſich nicht eine hoͤhere Pflicht der Moͤglichkeit entgegenſtellt. Was ſollen alle dieſe Pa⸗ piere, die ausgebreitet vor Ihnen liegen? Sind ſie mir zur Durchſicht beſtimmt? Darf ich ſie anſehen? Werden ſie dies Ge⸗ heimniß aufklären?“ Ich legte meine Hand darauf und blickte abwechſelnd Vater und Mutter an. „Am Ende, glaube ich, wird es wirk⸗ lich das Beſte ſeyn“, ſagte der Erſte, und ſchob mir das auf das Wunderlichſte, aus Flugſchriften, gedruckten Circularen, Zei⸗ tungen und Privatſchreiben zuſammengeſetzte Packet Papiere zu. Erklären Sie's ihm, Baurien, Sie koͤnnen ja wie ein Buch mit ihm reden, und da wird er Sie ohne⸗ hin beſſer verſtehen als mich.“ Vaurien nahm das Wort, waͤhrend mich in dem Momente, wo er ſeine Rede begann, ein Zittern befiel, denn ich hatte ſchon bei andern Gelegenheiten, wenn ich ſeinen Reden zuhoͤrte, allen Druck und Drangſal der hoͤchſten Langenweile empfun⸗ den.„Jeder Mann“, ſprach Baurien, „der mit Talenten und Muſe geſegnet, der Nothwendigkeit des Brodſtudiums uͤberhoben iſt, und der Vortheile der Erziehung, des Ranges, des Vermoͤgens, der allgemeinen hoͤchſten Anerkennung genießt, wie Herr Eduard Malone, ſollte nach meiner be⸗ ſchraͤnkten Anſicht jede Gelegenheit ergreifen, dieſe in ihm ſo gluͤcklich vereinten Eigen⸗ ſchaften und Vorzuͤge im Großen und All⸗ gemeinen zum Dienſte ſeines Vaterlandes zu benutzen. Der, in deſſen Macht es ge⸗ geben iſt, ein Wohlthäter der Menſchheit zu werden, und dieſes vernachlaſſigt, iſt nach meiner unterthänigen Meinung eben ſo ſchuldig als der, welcher durch Ausſtrek⸗ ken der Hand einen ſeiner Mitbruͤder aus koͤrperlicher Gefahr und Noth retten konnte, und ſich weigert es zu thun. Herr Eduard Malone werden guͤtigſt verzeihen, wenn ich im Sprechen ein wenig warm werde; der Gegenſtand, uͤber den ich rede, ware ge⸗ — wiß wuͤrdig, Cieero's glänzende Harmonie des Ausdrucks und die mächtige Beredtſam⸗ keit des Demoſthenes zu wecken. Die ma⸗ chiavelliniſchen Talente des Themiſtoeles konnten in dieſem Falle, mit der reinen Unerſchutterlichkeit des gerechten Ariſtides gepaart, als nicht uberfluſſige Gaben zu der Lebensſtellung angeſehen werden, in welchen ich Herrn Eduard Malone glanzen zu ſehen hoffe.“ „Na, na, Ede, verſtehſt Du's nun?“ ſprach der Vater, der bemerkte, daß Herr Vaurien wirklich ausgeredet habe. „Nicht ganz. Erlauben Sie mir dieſe Papiere durchzuſehen, wahrſcheinlich werde ich mit ihrer Huͤlfe Sie Alle beſſer ver⸗ ſtehen.“ Beide gaben ſchweigend ihre Einwilli⸗ gung und ich ſchritt ebenfalls ſchweigend zur Durchſicht der Schriften. Setic Das Erſte, was mir unter die Haͤnde kam, war ein Zeitungsblatt. In dieſem las ich eine elegiſch-pompoſe Bekannt⸗ machung von dem Ableben des ehemaligen Parlaments⸗Mitgliedes, welches unſere Grafſchaft zu vertreten hatte, des Sir Tho⸗ mas Ipplesford. Alles, was zu verſtehen ich mich nun ſo lange abgequaͤlt hatte, ſprang mir bei Leſung dieſer wenigen Zeilen in die Augen. Es war mir ſonnenklar, daß ich den vacant gewordenen Sitz im Parlament einnehmen ſolle. Ehrgeiz und noch manche andere Lei⸗ denſchaft brachen nun plotzlich in mir her⸗ vor. Der Gedanke, ein unabhaͤngiges Glied jenes großen Koͤrpers zu werden, der zu⸗ gleich das Volk und deſſen Freiheiten, und die Rechte ihres Beherrſchers vertritt, ſchien die electriſche Kette zu beruhren, durch die wir alle der dunklen Tiefe verbunden ſind. — 46— Ich verlor jedes Gefuͤhl von Langeweile, indem ich das Buͤndel Papiere vor mir be⸗ trachtete, und offnete es raſch, mit dem Eifer, den jedes perſoͤnliche Intereſſe giebt. Brief um Brief ward nun durchleſen, keine Aufſchrift, keine Unterſchrift ausgelaſ⸗ ſen, die kleinſte Verſchiedenheit im Ausdrucke der nämlichen Meinung intereſſirte mich. Die Namen mehrerer der angeſehenſten Män⸗ ner unſerer Gegend ſtanden als Unterſchrift unter den auf das Wärmſte ausgedruͤckten Be⸗ zeigungen der Sorge und des Wunſches, mich den eben vacant gewordenen Sitz im Par⸗ lamente einnehmen zu ſehen. Noch gab es eine Menge von alten Stimmen⸗Verzeich⸗ niſſen, an deren Rande Herr Vaurien mit eigner Hand angemerkt und berechnet hatte, wie ſtark die Zahl der fuͤr mich oder gegen mich zu gewinnenden Stimmen aus⸗ fallen moͤchte. Ich fand, daß Montagne —— —— Armington, juͤngerer Sohn des Grafen von Daubeny, bereits einige Schritte ge⸗ than habe, um die Wahl auf ſich zu lei⸗ ten. Der Einfluß der Daubeny's war ſehr bedeutend in der Umgegend. Der Graf war Lord⸗Lieutenant und hatte folglich eine große Macht in Haͤnden. Der Wunſch zu ſiegen, wuchs gewal⸗ tig in mir, als ich entdeckte, wie wichtig mein Gegner ſey. Ich glaube, dieſes Ge⸗ fuhl iſt rein natuͤrlich, und Jedem auch ohne Erklaͤrung deutlich und verſtaͤndlich. Nun begriff ich auch, was meines Vaters Verhoͤhnen des ariſtoeratiſchen Einfluſſes bedeuten wolle. Er furchtete das Ueberge⸗ wicht des hohen Adels des Herrn Mon⸗ tagne Armington um ſo mehr, da dieſe Parlaments⸗Wahl eine ganze Grafſchaft, nicht einen einzelnen Wahlort betraf. Ich merkte, daß ich dadurch am meiſten der Ge⸗ —— fahr des Irrens ausgeſetzt ſey, daß ich eine ſolche Menge von Rathgebern beſaß, und obgleich der weiſe Salomo behauptet, daß „in einer Menge von Raͤthen Sicherheit begrundet ſey“, ſo habe ich doch immer ge⸗ glaubt, die Fabel habe Recht, welche den Vorzug der Leichtigkeit zur Flucht und Er⸗ haltung des Lebens derjenigen Schlange zu⸗ ſpricht, die nur einen Kopf und viele Schwaͤnze hatte, und nicht jener mit einem Schwanze und vielen Koͤpfen. Doch muß ich geſtehen, daß mir die zur Erreichung meines Zweckes nothigen Mittel hoͤchſt unangenehm waren. Im Weltburger von Goldſmith ſagt ein chine⸗ ſiſcher Philoſoph von ſolch einer Wahl: „dieſe Feierlichkeit bleibt in Hinſicht auf Pracht und Glanz ganz unendlich weit hin⸗ ter unſerem Laternen⸗Feſte zuruͤck; andere morgenlaͤndiſche Feſte uberbieten es in Einig⸗ —— keit und reiner Froͤmmigkeit, doch läßt ſich hinſichtlich des Schmauſens kein anderes Feſt auf der Welt damit vergleichen. Ihre Gaſtmahle ſetzten mich in das hoͤchſte Er⸗ ſtaunen; hätte ich fuͤnfhundert Koͤpfe, und in jedem ein geſundes Hirn, ſie wuͤrden doch alle zuſammen nicht hinreichen, um die Zahl von Ochſen, Schweinen, Gänſen und welſchen Haͤhnen zu berechnen, die bei ſolch einer Gelegenheit fuͤr das Vaterland ſterben muͤſſen.“ Das war eine erſchreckliche Ausſicht fuͤr mich, denn kein Menſch konnte einen entſchiedenern Widerwillen gegen die ganze Wiſſenſchaft der Gaſtronomie haben als ich. Vaurien ſoll mein Repraͤſentant ſeyn, dachte ich, und bemerkte, daß ich bereits den Parlaments⸗Styl angenommen habe. Wäaͤhrend dem ich die vor mir liegen⸗ den Schriften mit großer Aufmerkſamkeit Leben und Sitte in England. 1I. 4 50— durchſah, gab Vaurien alle mogliche Zeichen der Ungeduld von ſich.„Erlauben Sie mir, Herr Eduard Malone“, ſprach er endlich und ruͤckte ſeinen Stuhl naͤher an den meinen, indem er einige der Papiere ordnete.„Sie muͤſſen bedenken, daß dieſe Briefe uns nur der Sache halber intereſſant ſind; die Art, mit der ſie be⸗ handelt wird, iſt hier ganz gleichguͤltig. Alle dieſe Worte laufen auf den namlichen Punkt hinaus; ſie bitten um Ihre Bewer⸗ hung, verſprechen Intereſſe, Befoͤrderung, Stimmen. Dieſes hier ſind Circulare, welche bei der letzten Parlamentswahl Herr Anton Marton drucken ließ, der ſpäͤter⸗ hin ſich zuruͤckzog, und ſie jetzt, nebſt dem Verſprechen, Ihre Anſpruͤche zu unterſtuͤtzen, Ihnen geſchickt hat. Dieſes hier ſind aller⸗ tei Flugſchriften fuͤr und gegen das Mini⸗ ſterium, die ich aus meiner Bibliothek her⸗ unter gebracht habe, damit Sie ſich ent⸗ ſchließen koͤnnen, zu welcher Seite Sie in Zukunft treten wollen, da ich vermuthe, daß ſie das erſt reiflich zu uͤberlegen wuͤn⸗ ſchen werden, ehe Sie ſich einer von beiden Partheien entſchieden zuwenden.“ „Herr Vaurien, ich werde nie zu einer Parthei mich rechnen. Als unabhaͤn⸗ giges Mitglied trete ich in das Parlament, und nur als ſolches werde ich der Graf⸗ ſchaft zu ihrem Stellvertreter mich anbieten.“ Das iſt viel geſagt, Herr Malone“, erwiederte Baurien, indem er mit all der Ueberlegenheit eines Weltmanns„ uͤber einen rohen unerfahrenen Juͤngling, mir zulaͤchelte.„Gar manche treten mit dieſen Anſichten in das Unterhaus und ſind doch nicht im Stande, ſie beizubehalten. Wir wiſſen, was Horaz Walpole, Lord Orfort ſelbſt, eingeſtand:„ Jeder Ein⸗ —— zelne im Unterhauſe hat ſeinen Preis, um welchen er zu haben iſtz auch ich habe den meinen, aber ich bekenne, daß die Miniſter noch nicht bis an ihn hinaufgereicht haben.““ Indeſſen dieſes kann ſpaͤterhin bedacht wer⸗ den. Meine beſchraͤnkte Erfahrung wenig⸗ ſtens kann keineswegs einer allgemeinen Regel zum Grunde gelegt werden. Und nun weiter. Dieſes hier ſind Stimmen⸗ Verzeichniſſe, durch welche man die ver⸗ ſchiedenen, unter einander abweichenden In⸗ tereſſen der Grafſchaft auf das Genaueſte berechnen kann. Ihre Vorfahren muͤtter⸗ licher Seits haben ſchon in manchen einan⸗ der folgenden Parlamentswahlen die Rechte der Grafſchaft vertreten, und ſomit haben Sie gewiſſermaßen eine Art von Familien⸗ Recht fuͤr ſich.“ „Familienrecht! Herr Vaurien, in Sachen der Art kann von dergleichen gar nicht die Rede ſeyn. Das moraliſche Recht ſiegt uber jedes andere. Das iſt eine ſehr wichtige Wahrheit, Herr Baurien.“ „Gewiß eine hoͤchſt wichtige, in der Sittenlehre“, erwiederte er. „In jeder Sache, ſogar in der Poli⸗ tik. Sollen wir, weil die Moral in eini⸗ gen Verhältniſſen ſchwerer auszuuben iſt als in andern, deshalb ſie verwerfen? Herr Vaurien, kein Moral⸗ Syſtem taugt etwas, wenn es nicht als Richtſchnur der Handlungen angenommen werden kann. Ich erkenne keine Theorie an, die in der Praxis nicht den uͤberzeugenden Beweis zu ſtellen vermag.“ Herr Vaurien verbeugte ſich unter⸗ thaͤnigſt. „Der Einfluß der Dartford's iſt hier ſehr bedeutend in der Umgegend“, fuhr er fort. Ich glaube, Herr Eduard Ma⸗ — lone“, laͤchelte er ſchlau,„wird keine Schwierigkeit dabei finden, ſich deſſelben zu verſichern. Wie wir Alle wiſſen, wird ge⸗ rade Lady Almeria ſich ſehr gluͤcklich ſchaätzen, eben Ihnen ſich verbindlich zu er⸗ weiſen, und ſo auch jedem anderen Mit⸗ gliede der Familie, was Sie auch in dieſer Hinſicht von ihr zu verlangen fuͤr noͤthig finden mochten.— Gott ſtehe mir bei— faſt hätte ich's uͤberſehen! Hier iſt auch noch ein Papier, Beſchluͤſſe und Anſichten Ihrer Freunde enthaltend, die dieſem Ge⸗ ſuch derſelben vorangingen, in welchem ſie Sie bitten, zur Ehre dieſer alten und loya⸗ len Grafſchaft als Kandidat bei der bevor⸗ ſtehenden Wahl aufzutreten. Das, glaube ich, iſt der techniſche Ausdruck.“ „Sie vergeſſen! Sie vergeſſen, Lord Bertram, Hei? Vaurien!“ rief mein Vater ungeduldig aus. — 55— „Bitte ſehr um Verzeihung“, erwie⸗ derte Vaurien, der es, wie ich merkte, ſehr uͤbel nahm, daß man glauben konne, ein Mann von ſeiner Weltkenntniß und Erfahrung könne irgend etwas vergeſen, das in ſolch einer Angelegenheit wichtig ſey. Ich war im Begriffe, Herrn Eduard Malone darauf aufmerkſam zu machen, daß, ſo maͤchtig Lord Bertrams Einfluß hier ſeyn mag, die Familien⸗Connexion doch nicht hinreichen moͤchte, ihn im Allge⸗ meinen zu ſichern, weil das Haupt des Hauſes gerade abweſend iſt. Ohne Zwei⸗ fel wird der Lord Ihrer Bitte zu Folge augenblicklich ſeine Ruͤckkehr beſchleunigen. Wenn Sie es mir erlauben, werde ich ihm einige Zeilen ſchreiben, um ihm unſere jetzige Lage mitzutheilen, was denn ohne allen Sweifel den gewuͤnſchten Erfolg haben wird. Ich nahm freudig Herrn Vaurien's Anerbieten an, denn meine Sinne waren von dem Ueberraſchenden der ganzen Ange⸗ legenheit ziemlich verwirrt. Die ſo ſchnell in mir aufgeſtiegene Beſorgtheit wegen der⸗ ſelben, die jetzt anfing, mich maͤchtig zu bedruͤcken, ſchien mir ſelbſt unerklaͤrlich. Ich zog mich in mein Zimmer zuruͤck und brachte dort eine ſchlafloſe unruhige Nacht zu, in der ich wenig Schlaf fand, und ſelbſt mein kurzer Schlummer ward durch aͤngſtliche Traͤume oft unterbrochen. Am Morgen ſtand ich zeitig auf, denn ich wußte, daß das Stimmenſammeln fruͤh begonnen werden mußte. Ich trat in das Fruͤhſtuͤckzimmer, und der erſte Gegenſtand, auf den mein erſtaunter Blick fiel, war Lady Almeria Dartford ſelbſt, in ih⸗ rem ihr ſo vortheilhaft ſtehenden Reitkleide. Sie kam mir ſogleich entgegen, und ſchuͤt⸗ telte, mit aller Freimuͤthigkeit eines guten —— Freundes und Cameraden, mich bei der Hand. „Nicht wahr, Malone“, fing ſie an,„Sie wundern ſich, mich ſo fruh hier zu ſehen? Das iſt aber ganz ausnehmend läͤcherlich von Ihnen; Sie haben Lady Al⸗ meria Dartford nun ſchon lange genug gekannt, um ſich eigentlich uͤber keinen ihrer tollen Streiche mehr verwundern zu duͤr⸗ fen. Nun, zur Sache. Sie muͤſſen wiſ⸗ ſen, daß ich geſtern Abend, bald nachdem Sie mich verlaſſen hatten, Briefe erhielt, die mir erſtlich den Tod des Sir Thomas Ipplesford meldeten; ferner, daß, nach⸗ dem die Geſcheuteſten der Grafſchaft zu einer Comittee verſammelt worden waͤren, man beſchloſſen habe, den erledigten Platz im Parlament Herrn Eduard Malone junior anzubieten. Ich ſah augenblicklich ein, daß ein ſolches Anerbieten von Ihnen nicht abgelehnt werden koͤnne noch duͤrfe. Der Einfluß der Dartford's iſt, wie Sie wiſſen— oder wiſſen ſollten, eben ſo ſehr zu Ihrem Dienſte, als der der Ma⸗ lone ſelbſt. Kommen Sie, ich gehe, fuͤr Sie Stimmen zu werben, erſchrecken Sie nicht, ich werde Ihnen von großem Nutzen ſeyn.— Ein artiges Weib iſt zwar immer etwas gewaltig Huͤbſches, aber nie ange⸗ nehmer und liebenswuͤrdiger, als wenn es ſich nutzlich macht, ſonſt iſt es bei Gelegen⸗ heiten dieſer Art immer im Wege. Hier ſehn Sie einmal zum Fenſter hinaus; kom⸗ men Sie, dieſe Exklamation war zwar ganz vortrefflich, aber zu einer zweiten ha⸗ ben wir jetzt keine Zeit. Mein Poſtzug wird in jenem leichten Phaeton mich die hundert Meilen nach Weſt Goscote eben ſo ſchnell und hoffentlich ſicherer fuͤhren, als weiland Apollo's Wagen den Phaeton — zur— Hoͤlle, glaube ich. Huͤbſch iſt das zwar nicht geſagt, aber wahr. Der andere Curricle dort, oder vielmehr die Grauſchim⸗ mel, werden hingegen mit beiſpielloſer Ge⸗ ſchwindigkeit mit Ihnen uͤber die andern hun⸗ dert Meilen nach Chiltern hinfegen. Warum iſt nur die zierliche Taſchenausgabe maͤnnlicher Schoͤnheit, Ihr Bruder, nicht hier? fände er hier nicht etwas viel Beſſeres zu thun, als mit dem zarten, furchtſamen, ſchmel⸗ zenden Wachspuͤppchen, der An nabella, zu girren und zu ſchnaͤbeln? Fuͤrchten Sie etwa, Malone, in ihrem ehrgeizigen Stre⸗ ben eben ſolches Ungluͤck zu erfahren als in der Liebe?“ Ich veränderte die Farbe, ich konnte nicht anders. Lady Almeria wandte ſich ab, und fuhr mit vermehrter Lebendigkeit fort:„Ich verſichere Sie„ Sie werden einen guten Beiſtand an mir finden. Ich will zu Ihrem Beſten ſo verſchwenderiſch mit meinem Lächeln umgehen, wie man es bei Kroͤnungen mit Medaillen thut. Kom⸗ men Sie fort, Sie ſcheinen mir mehr zum Nachdenken als zum Handeln geneigt, das geht aber nicht. Sie wiſſen, ich habe im⸗ mer behauptet, daß eine Menge verſchiede⸗ ner Talente einander im Wege ſtehen, ſie ſind, wie die Armee des Virgil, ſo dicht aneinander gedraͤngt, daß die Soldaten ihre Waffen nicht brauchen koönnen. Geben Sie Ihren Kräften Spielraum, damit ſie wir⸗ ken konnen; dieſes Zuſammendraͤngen thut nicht gut. Schaͤmen Sie ſich denn nicht“, fuhr ſie laͤchelnd und leicht errothend fort, „ſchämen Sie ſich denn nicht, bei dieſem Wirrwarr, in einem, aus dem Porzellanthon der Erde geſchaffenen Weſen mehr Energie und Thaͤtigkeit zu finden, als in ſich ſelbſt?“ „Die Kraft des Beiſpiels, das My⸗ ——— — 5— lady mir geben, ſoll mir wenigſtens ein Sporn zur Thätigkeit werden“, erwie⸗ derte ich. „Was ſollen denn Ihre Farben ſeyn, Malone?“ fragte ſie plotzlich kurz ab⸗ brechend;„das iſt wichtig, hoͤchſt wichtig, ſo wichtig als— als—“ ſie lachte und that als ob ſie zoͤgere,„als die Kuͤſſe, welche die Weiber und Tochter Ihrer Stimmgeber erhalten muͤſſen. Brrrrrr— cest terrible! Nun wir wiſſen alle, daß ohne Muͤhe nichts, das der Annahme werth waͤre, zu erlangen iſt. Aber die Farben, was fuͤr welche waͤhlen wir? Azur, oder azurblau und weiß, oder auch Azur und Purpur, oder lieber Azur und blaß Roſa? oder Pur⸗ pur und blaß Roſa? oder Purpur und weiß, oder— wahrhaftig, oder, was Sie wollen.“ „Oder vielleicht“, ſagte ich, indem ich eine Monatsroſe von einem im Zimmer bluͤhenden Stocke brach und ſie einen Augen⸗ glick an die Wange der Lady Almeria hielt,„oder vielleicht dieſe friſche Bluͤthe?“ Die Wange ward zur Damascener⸗ Roſe.— „Laſſen Sie mich einmal beſinnen; wer iſt es, der die Blumen die Koket⸗ terie der Vorſehung nennt?“ fragte ſie; denn Lady Almeria ſcheute es eben ſo ſehr, verlegen zu erſcheinen, als andere Frauen, fuͤr undelikat oder ſchuldig gehal⸗ ten zu werden. „Piron“, ſagte ich, ihre Frage beant⸗ wortend. „Ja, ja, Piron; doch wie kam ich nur darauf, von ihm zu ſprechen! Gerade jetzt iſt keine Zeit zu verlieren. Alſo Sie entſchließen ſich zu blaß Roſa? Sie muͤſ⸗ ſen Ihre Mutter und Benjamins kuͤnf⸗ tige Frau Schwiegermutter dazu bewegen, daß ſie Ihnen aus einigen Hundert Ellen Band von der Farbe Schleifen binden; Faveurs, denke ich, nennen es die Leute. Sie haben doch einige Briefe in Bereit⸗ ſchaft? Kann ich vielleicht einige beſondere Billets fuͤr Sie ſchreiben, ehe wir abfah⸗ ren? Geben Sie mir eine Hand voll fir und fertige, damit ich ſie austheilen kann. So! nun bin ich gleich auf und davon. Sie ſehen meinen Curricle huͤbſch vergol⸗ det und lakirt, nicht wahr? Eine ganz elegante Geſchichte. Nehmen Sie ihn, ja⸗ gen Sie wie Sie wollen, werfen Sie ihn um und um, verderben Sie ihn, machen Sie ihn unbrauchbar, brechen Sie ihn in tauſend Stuͤcke— und die Pferde, ja, ja⸗ gen Sie lieber die Pferde todt, als daß Sie, um ſie zu ſchonen, auch nur die Stimme eines allereinzigen Grundbeſitzers —— einbuͤßen. Halten Sie ſich nicht etwa da⸗ mit auf, Chokolade mit Mama und dem Milchbarte Baurien zu ſchluͤrfen; benutzen Sie den Morgen, ſo lange er noch Mor⸗ gen iſt. Wiſſen Sie nicht“, fuhr ſie lachend fort,„daß Sie vor Tiſche einen Mann um's halbe Geld betrunken machen koͤnnen? Laͤcheln Sie nach Belieben, auch ſolche Dinge muß man in Anſchlag brin⸗ gen. Kommen Sie, helfen Sie mir in meinen Phaeton und ich bin gleich uͤber alle Berge.“ So ſchwatzte Lady Almeria fort, den ganzen Weg durch die Halle und durch die Allee, bis wir ihr Fuhrwerk erreichten. Meine Huͤlfe beim Einſteigen war vollig uberfluͤſſig, ſie ſchwang ſich in den Phae⸗ ton, faßte die Zuͤgel mit aller Geſchicklich⸗ keit eines erfahrenen Wagenlenkers, und fuhr dabei fort zu reden und zu ermahnen ——— ——. und mich zur Thätigkeit und Energie an⸗ zufeuern. „Kommen Sie dieſen Abend zu mir“, ſagte ſie zum Schluß,„und laſſen Sie uns mit einander das, was wir zuwege gebracht, vergleichen. Verſaͤumen Sie es nicht! à revoir!“ Die Peitſche im beſten Amazonenſtyl luſtig ſchwingend, jagte ſie jetzt eilends da⸗ von, und ich kehrte zum Hauſe zuruͤck. Bald darauf erſchienen Vaurien und meine Mutter. Mein Vater konnte es un⸗ moͤglich uͤber das Herz bringen, weder um meinetwillen, noch wegen irgend ſonſt etwas in der Welt, ſein gewohntes Jagdvergnuͤ⸗ gen zu opfern. Er hatte indeſſen doch ver⸗ ſprochen, Abends auf einen Augenblick zu meiner Mutter hinuber zu kommen, um zu hoͤren, mit welchem Erfolg ich den Tag angewendet habe; und dieſes galt zugleich Leben und Sitte in England. II. 5 „ als ein Verſprechen, in einem Zuſtande zu bleiben, in dem er an den nothigen Ueber⸗ legungen Theil zu nehmen fähig ſey. Ich theilte meiner Muttter mit, wie viel ich der Freundſchaft der Lady Alme⸗ 1 ria zu danken habe. Baurien laͤchelte boshaft; es war ſo ein ſardoniſches Lächeln, das gleich gegen die Perſon einnimmt, auf deren Geſichte es ſich zeigt— ich wandte 1 mich von ihm ab. Meine Mutter über⸗ ſchuͤttete mich mit Ausdruͤcken ihres Dan⸗ kes gegen Lady Almeria, und fugte die⸗ ſen noch eine Menge uͤberfluͤſſiger Winke, Achſelzucken, Kopfnicken und Ausrufungen hinzu, die alle augenſcheinlich darauf hinaus liefen, ihre Ueberzeugung an den Tag zu legen: daß mit Lady Almeria's Freund⸗ ſchaft etwas mehr als das, was man ge⸗ wohnlich ſo nennt, gemeint ſey. Das war eben ſo unerträglich als Herrn Baurien —— Lächeln. Um beiden zu entgehen, ſuchte ich ihren Gedanken eine andere Richtung zu geben, und brachte die Wahl der Farben, die ich anzunehmen habe, auf's Tapet. Hier war Vaurien vollkommen zu Hauſe. Gleich dem beſten Bandkrämer wußte er ein Langes und ein Breites uber die ver⸗ ſchiedenen Eigenſchaften der Farben zu re⸗ den; uͤber roſenroth, blau, ſowohl kornblau als Azur, uͤber gelb in allen Schattirun⸗ gen, die er ſehr harmoniſch Done nannte, von braun und orange, bis zu Jonquille: und Strohfarbe; kurz, er gedachte! jeder Abweichung vom Dunkeln zum Hellen, in allen möglichen Farben, die nur das Prisma hervorbringen kann.„Und“, ſagte meine! Mutter,„da auch der Lehnſtuhl eben ſo beſchlagen werden muß, und wie Sie wiſ⸗ ſen, Herr Vaurien, Eduards Teint ſchr hell, ſogar etwas blaßlich iſt, und er 5 —— auch blonde Haare hat, ſo wäre vielleicht blaß Roſa ihm wenigſtens eben ſo vortheil⸗ haft, als nur irgend eine andere Farbe es ſeyn konnte; meinen Sie nicht auch ſo, Herr Vaurien?“ „Ja, das iſt in der That ſchwer zu entſcheiden! Im Blau liegt eine Art bele⸗ bender Heiterkeit, die wenigſtens, meiner Meinung nach, wieder fuͤr den Mangel je⸗ ner Zartheit entſchädigt, die dem blaß Roſa faſt ausſchließend angehort. Wenn wir nun den Effect beachten——“ „Ich werde Ihnen mit der Bitte um ein Dutzend Abſchriften dieſer Karte beſchwer⸗ lich fallen muͤſſen, Herr Vaurien“, prach ich, indem ich ihm eine überreichte, die ich eben geſchrieben hatte. Er nahm das Pa⸗ pier und machte ſich ſogleich an das„ 3 aufgetragene Geſchäft. ni 3 Ich fuhr fort mit aller nur nigchen — 60— Schnelligkeit weiter zu ſchreiben, ſchrieb eine Liſte der Namen der bedeutendſten Grundbeſitzer der Gegend, bezeichnete dieje⸗ nigen, die den Familien Malone, Ber⸗ tram und Dartford zugethan waren, notirte noch einige, die weder freundlich noch feindlich geſinnt, dennoch nicht neutral bleiben konnten, und die zu gewinnen moͤg⸗ lich ſchien; entwarf einen Plan des Weges, den ich noch heute machen wollte, und merkte mir die Familien, die ich anſtändi⸗ ger Weiſe zu perſonlichem Antheil und huͤlf⸗ reicher Theilnahme auffordern konnte. Ich gab an Baurien eine Ueberſicht deſſen, was ich an dieſem Tage von ihm beſorgt wuͤnſchte und fuhr endlich in Lady Al⸗ meria's Curricle ab. Ich ſprach in meh⸗ rern Haͤuſern ein und fand, daß die Stim⸗ mung der Grafſchaft im Allgemeinen ziem⸗ lich richtig berechnet worden ſey. 70— es gelang mir bald, wirklich eine Cavalcade zu meinem Gefolge zuſammen zu bringen, die in Hinſicht ihrer Zahl und der Mitglieder, aus denen ſie beſtand, fuͤr ſehr anſehnlich gelten konnte. Wir began⸗ nen die Stimmen zu ſammeln; auf Ermu⸗ dung und Widerſtand harte ich im Voraus gerechnet, aber nicht auf die unzaͤhligen kleinlichen Hinderniſſe, die uns jeden Augen⸗ blick in den Weg kamen; nicht auf den Eigenſinn des Einen, den Stolz des An⸗ dern, des Dritten royaliſtiſche Geſinnungen und des Vierten Widerwillen gegen das Miniſterium. Die langen Tiraden von Die⸗ ſem, das ermuͤdende vornehmthuende Schwan⸗ ken von Jenem, die Argumente Einiger, weßhalb ich ſogleich und augenblicklich auf die Rücknahme der Kornbill antragen muͤſſe; die lauten Verwuͤnſchungen, welche Andere gegen alle die ausſprachen, die nicht un⸗ ermuͤdet und unaufhorlich alle Kräfte auf⸗ boͤten, um jährliche Parlamentswahlen und allgemeine Stimmenfähigkeit einzufuͤhren; alles dieſes ermuͤdete und langweilte mich zu einem Grade, den ich nicht erwartet hatte und kaum ertragen konnte. Abends mußte ich mit einigen der Her⸗ ren, die mich auf meiner Werbung beglei⸗ tet hatten, zu Mittag ſpeiſen. Da ſie kein perſoͤnliches Intereſſe an der ganzen Sache haben konnten, ſo hatten ſie die großte Nei⸗ gung, ſie zu belachen, und ſich an dem Ruͤckblick auf den wunderlichen Tag zu er⸗ gotzen, ſtatt mein unbehagliches Gefuͤhl mit mir zu theilen. F Ich verließ ſie, ſobald dieſes nur moͤg⸗ lich war, und fuhr zu Lady Almeria. Sie lag auf dem Sopha, wie es ſchien von uͤbergroßer Anſtrengung ganz erſchoͤpft. Der Reithut war abgenommen, und ihr —%— ſchones Haar fiel uͤber den Arm, der ihr Haupt unterſtuͤtzte. Die erhoͤhte Farbe ih⸗ rer Wangen machte ſie noch ſchoͤner, als ſie es gewoͤhnlich ſchon warz das Unordent⸗ liche ihres Anzugs gab ihr ein mehr weib⸗ liches Anſehen, als ich an ihr gewohnt war. Vor allem aber wußte ich, daß ſie um meinetwillen ſich ſo ermuͤdet hatte, und dieſer Gedanke beruͤhrte die Hauptſpring⸗ feder männlicher Eitelkeit, und brachte die ganze Maſchine in Bewegung. Bis dahin hatte ich in Lady Almeria nur eine ſchoͤne Frau geſehen, nie hatte ich an ihr jene ge⸗ fährliche Weichheit und Milde bemerkt, de⸗ nen es ſchwerer iſt zu widerſtehen als je⸗ dem andern weiblichen Reiz. Mit einem Worte, ſie hätte eine Ewigkeit hindurch reiten, jagen, fahren und ſich auffallend zu machen ſuchen koͤnnen, ohne halb den Ein⸗ druck auf mich hervorzubringen, den an dieſem Abende ihre ſichtliche Zartheit und Schwäche auf mich machte. Wir ſtatteten einander Bericht ab, und als die Total⸗Summe deſſen, was iedes von uns erreicht hatte, mit einander verglichen wurde, ſo fand es ſich, daß Lady Almeria einigermaßen dabei im Vortheil war. Ich glaube, ich habe nie ein größe⸗ res Vergnuͤgen bei dem Bewußtſeyn frem⸗ der Ueberlegenheit empfunden, als in die⸗ ſem Augenblicke. Als ich ihr dankte und ihre Ermuͤdung zu beklagen ſchien, brachte ſie mich ſogleich mit den Worten der Koͤ⸗ nigin Chriſtine von Schweden zum Schwei⸗ gen, die zu einigen Hoͤflingen, welche ſie ſchmeichelnd die zehnte Muſe und vierte Grazie nannten, geſagt haben ſoll:„Wie eifrig das Volk iſt, mich daran zu Wimi daß ich ein Weib bin!⸗ Während dieſer Zeit that indeſſen auch — Herr Montagne Armington ſeinerſeits alles, was mit dem ſehr ausgebreiteten Ein⸗ fluſſe der Familie Daubeny ſich nur thun ließ. Lord Daubeny kam ſelbſt, um durch ſeine perſoͤnliche Gegenwart ihn ſo kraftig zu unterſtutzen, als er es nur im⸗ mer vermochte. Die ganze Grafſchaft zer⸗ fiel buchſtäblich in zwei Factivnen, von de⸗ nen jede der andern ſo feindlich war, als entgegengeſetzte Partheien meiſtens es zu ſeyn pflegen. Nie war es mir ſo ſonnenklar gewe⸗ ſen, was Partheienwuth eigentlich iſt! Gott behuͤte uns vor jährlichen Parlamentswah⸗ len!— Das ganze Koͤnigreich wuͤrde im⸗ merwährend die Waffen gegen ſich ſelbſt ergreifen muͤſſen, und innerlicher Buͤrgerkrieg uns vollkommen außer Stand ſetzen, uns gegen den Andrang fremder Feinde zu wehren. En Neuerungen ſind dem Staate uͤberhaupt immer gefahrlich. Bacon ſagt: Man thut wohl, keine Experimente mit den Staaten zu machen, wenn nicht dringende Nothwen⸗ digkeit, oder augenſcheinlicher Nutzen es er⸗ fordern. Auch hat man wohl Acht darauf zu halten, daß es Verbeſſerung ſey, was eine Abanderung veranlaßt, und nicht um⸗ gekehrt der Wunſch nach Veränderung, was jene herbeifuhrt. Neuerungen, obgleich ſie nicht ganz verworfen werden duͤrfen, blei⸗ ben doch immer als verdaͤchtig zu betrach⸗ ten. Wir ſollen— wie die heilige Schrift ſagt— auf dem alten Wege Halt machen, und um uns ſchauen, um den naͤchſten und richtigſten Pfad zu erſpähen, um dann ihn zu wandeln. TDrotz der Ermuͤdung, welche Lady Al⸗ meria auf der zu meinem Nutzen unter⸗ nommenen Wallfahrt ſich zugezogen, konnte ſie es doch nicht laſſen, ſich herzlich an der Verſchiedenheit der Charactere zu beluſtigen, die ſich ihr heute in Lebensverhältniſſen ge⸗ zeigt hatten, denen ſie bisher vollig fremd geblieben warz von dieſem Amuͤſement be⸗ kam auch ich redlich mein Theil, denn mit Fug und Recht konnte man auf Lady Al⸗ meria den Spruch anwenden:„Mehr Witz als Verſtand, mehr Mimik noch als Dieſes ihr mimiſches Talent wurde nun an jedem Abende, an dem ich ſie nach einem ſolchen Werbetage beſuchte, in Uebung gebracht. „Dieſen Morgen“, erzählte ſie mir einmal bei einer ſolchen Gelegenheit,„die⸗ ſen Morgen fuhr ich zum alten Jenkins, dem reichen Geizhals, um zu ſehen, ob denn gar nichts mit ihm anzufangen ſey. Als mein Wagen vor ſeiner Thuͤre hielt, — 77— erſchien ein Bedienter, der unſerem Sha⸗ kespeare zum Model ſeines magern Apothe⸗ kers hätte dienen koͤnnen, und deſſen Klei⸗ dung ſogar einer jungen Dame nach der Mode das Gefuhl zu großer Luftigkeit und Kuͤhle gegeben haben wuͤrde. Zweifelhaft, ob ich angenommen werden wuͤrde oder nicht, ſtieg ich lieber gleich ab, um es nicht in Jenkins Gewalt zu laſſen, mich ab zuweiſen, und folgte dem geiſtermäßigen Diener in ein kleines, nur von einem Fenſter ſpärlich erleuchtetes Stubchen. ur⸗ ſpruͤnglich waren der Fenſter zweie gewe⸗ ſen, aber der Beſitzer hatte eines davon, ſeinem Gott Mammon zu Ehren, mit Back⸗ ſteinen vermauern laſſen, um nicht dafuͤr die Fenſter⸗Taxe bezahlen zu muͤſſen. Eine zerbrochene Taſſe, ein Theetopf ohne Deckel und eine halbe Milchkanne ſtanden neben ihm auf einem kleinen holzernen Schemel. —— ich konnte ſehen, wie er die Taſſe, die er im Begriff geweſen war an den Mund zu heben, niederſetzte, als ſein Diener ihm die Ankunft einer Dame meldete; obſchon augen⸗ ſcheinlich im Sorn, geſchah es doch mit der äußerſten Vorſicht. Er polterte einen Fluch heraus, und wahrſcheinlich verhinderte ihn nur mein Erſcheinen an der Wiederholung deſſelben.“ „„Ja, ja, Madame!““ ſagte er, und ſchuͤttelte krampfhaft den alten Kopf, ohne mir Zeit zu laſſen, ihm die Veranlaſſung meines Beſuches zu erklaͤren,„ja, ſo fah⸗ ren Sie herum, fahren herum, auf und ab, durch die ganze Grafſchaft, von einem Ende zum andern. Es iſt ein hartes Ding, daß ſo einem alten Manne, wie ich bin, nicht einmal geſtattet wird, ſein Biöchen in Frieden zu genießen, ſondern man muß ihm uͤber den Hals kommen, ihn hierhin, dorthin ziehen und zerren, und warum? nun ja, zum Kukuk, weil zwei junge Ben⸗ gel beide auf daſſelbe Stuͤck Brod und Fiſch Appetit haben, und nicht einig werden koͤn⸗ nen, welcher es haben ſoll. Mylady Al⸗ meria Dartford, ich will mich um die ganze Geſchichte gar nicht bekuͤmmern. Ihr feinen Dämchen denkt, ſo ein alter ein⸗ facher Mann wie ich, muͤſſe zu allem, was man will, ſich beſchwatzen und herumkrie⸗ gen laſſen, aber vielleicht konntet ihr euch doch diesmal geirrt haben. Ohne dieſe Par⸗ lamentswahl koͤnnte ich hier bis in die graue Ewigkeit ſitzen, kein Menſch wuͤrde ſich um mich bekuͤmmern, und um Ihnen meine Meinung gerade heraus zu ſagen, Lady Almeria Dartford, ſo habe ich eben weiter nichts dagegen, wenn Sie mich auch gleich im Augenblick verlaſſen wollen;“⸗ und damit wandte das Unthier ſeine klei⸗ — 60— nen ſcharfen grauen Augen von mir ab, erhob nochmals ſeine Taſſe, und that einen gewaltigen Zug.“ „Ich preßte ihm indeſſen doch noch das Verſprechen ab, uns ſeine Stimme zu ge⸗ ben, wenn wir ihrer beduͤrfen ſollten, um durch eine Mehrheit der Stimmen zu Ih⸗ rer Gunſt den Ausſchlag zu geben, ſonſt will er auf keine Weiſe ſeine Hoͤhle ver⸗ laſſen, um ſich einregiſtriren zu laſſen.“ „Meine naͤchſte Viſite machte ich dem jungen Hazelwood, einem Menſchen, der gerade das vollkommenſte Gegenſtuͤck zum alten Jenkins liefert. Er war weit da⸗ von entfernt, mich mit der Ungezogenheit zu empfangen, die den Alten auszeichnet. Mit einer Unzahl jener ſchonen Phraſen, die Ben Jonſon die parfuͤmirten Ausdruͤcke der Zeit nennt, gratulirte dieſer ſich ſelbſt zu der Ehre meiner Gegenwart. Stimme, Einfluß, Bemuͤhung, Herz, Seele, kurz alles ward dem verſprochen, fuͤr den eine ſo ſchoͤne vornehme Lady ſich zu verwenden geruhe. Der Mann iſt ein Verſchwender; Sie koͤnnen errathen, bis zu welchem Grade, da ich Ihnen ſagte, er ſey dem Jenkins gerade entgegen geſetzt; hätte ich nicht ge⸗ furchtet, Ihnen dadurch zu ſchaden, ſo hätte ich, unerachtet all ſeiner Hoflichkeit und all ſeiner feinen Redensarten, ihn gar zu gern mit den Worten des Luſtſpiels an⸗ geredet: „Die Weisheit lerne und den Gang des Lebens, Das hätt ich gern! Verſchwende nicht Dein Gold An jedem Spielwerk, das dem Blick gefällig, An jedes Thoren luſterregend' Hirn. Wirf 2 Dich nicht ſelbſt ſo raſch in alle Kreiſe. Beſuche nicht jedweden Freuden⸗ Si“ Bis Dich Verdienſt und Neigung edler Menſchen Leben und Sitte in England. II. 6 — —— Zu Deines Gleichen Range würdig hebt. nich Wer unbedacht in Gang ſich zeigt und Thaten, Gibt leichten Kauf's auch Ruf und Achtung hin. Auch möcht' ich nicht Dich uͤbermuthig ſehen, Mit frechem Wort, um Aufſehn zu erregen Beim Adel; denn es braucht des Spottes wenig, So läßt man Dich, wie uͤbelriechend' Kraut, Das feinern Sinn im Nahen ſchon beleidigt. Gemaäßigt, klug, gehalten wuͤnſch' ich Dich; Nicht übergroß an Deinem Boot die Segel; In Geld und Gut den Aufwand nur beſcheiden, Damit Du ſtets im Schritte bleiben kannſt. Bau' nicht zu ſehr auf Deiner Väter Adel, Ein luftig Ding, im Grunde nur geborgt Von todter Menſchen Staub und moderndem Gebein, Nur eigen, wenn Du ſelbſt ihn ſchaffſt und hältſt.“ Wer haͤtte wohl gedacht, daß eine Parlamentswahl ſo amuͤſant werden konne? ſagte ich mir ſelbſt, und fuͤhlte meine Le⸗ bensgeiſter durch Almeria's leichte Un⸗ terhaltungsgabe erfriſcht. Mylord Daubeny und ſeine Familie, folglich auch Herr Montagne Arming⸗ ton ſtanden in der Gunſt des Poͤbels ſehr hoch; dieſes erleichterte ihre Bewerbung be⸗ deutend. Er hatte wenig von gewaltſamen aͤußern Stoͤrungen zu befuͤrchten. So lange ich in der Nähe von Aubrey Park blieb, hatte ich ebenfalls alle Vortheile der Popnlari⸗ taͤt fur mich, aber als ich erſt einmal die⸗ ſen Kreis uberſchritten, fand ich mich den heftigſten Beweiſen des Widerwillens der Armingtoniten, wie ſie ſich nannten, ausgeſetzt. So unangenehm mir dieſes war, ſo vortheilhaft war es zu gleicher Zeit fuͤr meinen Nebenbuhler. Mein Verluſt ward unausbleiblich ſein Gewinn. Meine Ber⸗ ſpätung gab ihm immer wachſende Sröſn und Schnelligkeit. 6* 84 Einige vermittelnde Schritte geſchahen nun zuerſt von Seiten Herrn Arming⸗ tons. Es ward ein Ball vorgeſchlagen, bei welchem man wuͤnſchte, daß beide wett⸗ eifernde Wahl⸗Candidaten die Honneurs machen moͤchten. Ich war und blieb feſt entſchloſſen, mich einer offentlichen Stim⸗ menſammlung auszuſetzen, und war eben ſo feſt uͤberzeugt, daß weder eine Zuſam⸗ menkunft mit Lord Daubeny, noch mit ſeinem Sohne, noch mit ſeiner ganzen Fa⸗ milie an einem oͤffentlichen Vergnuͤgungs⸗ Orte mich von dieſem meinem Entſchluſſe nicht abwendig machen wuͤrde. Ich wuͤnſchte indeſſen, keine feindlichen Geſinnungen an den Tag zu legen und nahm alſo die ange⸗ botene— Ehre, glaube ich, zwingt mich die Etikette, es zu nennen, an. Es war, wie ich nachmals erfuhr, nicht ſchwer ge⸗ weſen„auch Herrn Armingtons Einwil⸗ ligung zu dieſer Zuſammenkunft zu erhal⸗ ten. Ich glaube ſogar, daß die ganze Idee des Balls eigentlich von ihm ausging, und er ſie den Anſtiftern deſſelben unter den Fuß gegeben, oder wenigſtens doch Andere veranlaßt hatte, dieſes zu thun. Man erwartete, daß der Ball uͤber⸗ fult werden würde, denn bei ſolchen Gele⸗ genheiten iſt es unmoͤglich, auf ſtrenge Aus⸗ wahl der Geſellſchaft zu halten. Lady Al⸗ meria hatte ſich vorgenommen hinzugehen, ich konnte nichts dagegen einwenden. Zu⸗ weilen ſchien es mir, als ob ſie glaube, daß ihre männlichen Manieren keinen ganz gunſtigen Eindruck auf mich machten. Wenn dieſes ihr einfiel, ſo affectirte ſie eine Art Sanftmuth, die liebenswuͤrdig genug war, ſo lange ſie dauerte; aber es ging ihr eigent⸗ lich doch wie Aeſops Katze, die in eine Frau verwandelt war, und vollkommen ſtill, en — 86— dame, da ſaß, bis eine Maus an ihr vor⸗ uber liefs ſo konnte auch Lady Almeria nur ſo lange den Anſtrich von zarter Weib⸗ lichkeit bewahren, bis eine Lieblings⸗Idee ſich ihrer bemächtigte. Nun denn, der Ball⸗Abend kam. Lady Almeria war dort und trug ein gruͤnes Sammetkleid, in welchem ſie wie eine, fuͤr einen Theſeus ſich paſſende Hippolita aus⸗ ſah. Als ich ſie erblickte, fiel mir der Spectator ein, der da ſagt? ich habe Eure Fehler ſo lange ſtudirt, daß ich mit ihnen vertraut geworden bin und ſie liebe, als wären es die meinen. Ich wuͤnſchte ſehr, ſie zum Tanze aufzufordern, aber es ward mir zu verſtehen gegeben, daß man hoffe, ich werde Lady Sophia Armington um dieſe Ehre bitten. Lady Sophia war nun aber nicht mehr jung, und auch in ihren beſten Tagen nie huͤbſch geweſen⸗ Indem ich mich ihr naͤherte, ſah ich ſie an, und ſah ſie wieder, und immer wieder an, verglich ſie innerlich mit Lady Almeria — mit Annabellen— mit jedem an⸗ dern Geſichte, das ich bewundert hatte; mein Kopf war in dem Augenblicke zu einer Laterna Magica geworden, in der immer neue Bilder einander jagten. O weh! wie unanſehnlich, wie langweilig, wie unintereſ⸗ ſant ſchloß Lady Sophia die lange Reihe! doch das Geſchick hatte es ſo beſchloſſen, und ich ſtellte mich mit Lady Sophia oben an die Reihe der Tanzenden. Und haͤtte es mein Leben gekoſtet, ich konnte die Idee der maͤnnlichen und weib⸗ lichen Hauptleute zweier feindlichen Par⸗ theien in den Perſonen des Herrn Eduard Malone und der Lady Sophia Ar⸗ mington dargeſtellt, nicht los werden. Ich erinnere mich genau der ſtolzen erhabe⸗ — — nen Steifheit, mit der ich anfangs da ſtand, in meiner Haltung lag aller hochmuͤthige Trotz buͤrgerlicher Zwietracht, doch, Gott mag wiſſen, durch welchen unerklaͤrlichen Zufall, denn ich kann durchaus nicht ſa⸗ gen, wie es damit zuging, genug, ich fand mich am Ende des Tanzes auf dem aller⸗ freundſchaftlichſten Fuße mit eben dieſer. talen Lady Sophia. Dieſe Dame ubte eine ungewohnliche Gewalt uͤber alle aus, und verſtand es, die Geiſter ihrem magiſchen Willen zu un⸗ terwerfen. Es lag etwas Impoſantes und doch Anmuthiges in ihrem Betragen, dem durchaus nicht zu widerſtehen war. Ze ofter ich ſie anſah, je weniger unangenehm fand ich ſie. Ein oder ein Paarmal, da ſie mit großer Lebendigkeit ſprach, konnte ich nicht umhin, bei mir ſelbſt zu denken: gewiß/ ſie iſt hubſch, dieſe Lady Armington. In der That war ſie eine vollkommene Meiſterin aller Kuͤnſte, die dazu dienen kon⸗ nen, die Sinne der Menſchen zu berau⸗ ſchen, den Verſtand zu verwirren und die DHerzen zu bezaubern. Ich vergaß bei ihr, wie leid es mir gethan, nicht mit Lady Almeria tanzen zu koͤnnen; ja ich vergaß beinahe der letzteren ganze Exiſtenz ſo voll⸗ kommen, als hätte ich aus dem Lethe ge⸗ trunken. Ich tanzte die ganze Nacht hin⸗ durch mit Lady Sophia, fuͤhrte ſie zum Abendeſſen, blieb bei Tiſche neben ihr, und von beiden Seiten ward die bevorſtehende Wahl mit keinem Worte erwaͤhnt. Ich brachte ſie an ihren Wagen, dachte mit keinem Gedanken an Lady Almeria, ging nach Hauſe, zu Bette, und träumte von Lady Sophia. 4 Jedermann weiß, welchen maͤchtigen Einfluß Träume auf unſere Einbildungsktaft — 90— äben, wie ſie uns gegen Perſonen milder ſtimmen, die waͤhrend ihrer Dauer uns guͤtig und wohlwollend erſchienen ſind. Beim Fruͤhſtuͤck erwähnte Herr Vau⸗ rien der Parlamentswahl; ſprach von den Armingtons wie von meinen Feinden, und fing an, Masßregeln zu entwerfen, um ſie ſiegreich aus dem Felde zu ſchlagen. Es ward mir ſchwer, einen Aufſchrei des Erſtaunens zu unterdruͤcken; in der That, ich glaube, ich konnte ein gewiſſes erſchrok⸗ kenes Zuſammenfahren nicht ganz verhin⸗ dern, doch Vaurien fuhr fort zu reden, ohne davon Notiz zu nehmen, und nannte jet Lady Almeria. Lady Almerial Dieſesmal aſchrac ich in der That und nur zu ſichtlich, als ich ihren Namen horte. Vaurien lächelte ſarkaſtiſch; ich errothete und aͤrgerte mich — 9— uber mich ſelbſt, daß ich meine innere Be⸗ wegung ſo ſehr verrathen habe. Mein Gemuͤth war weit weniger als bisher mit meiner Wahl erfuͤllt und be⸗ ſchaͤftigt, als ich an dieſem Morgen meine Fahrt zum Stimmenſammeln begann. Un⸗ terwegs begegnete mir der Wagen der Ar⸗ mingtons, Lady Sophia ſaß darin. Sie beruͤhrte mit unwiderſtehlicher Anmuth ihre Hand mit den Lippen, indem ſie mich gruͤßte. Ich konnte nicht umhin, dieſen Gruß zu erwiedern. Ich zoͤgerte halb und halb, ſollte ich, oder ſollte ich nicht ſie an⸗ reden? Doch während ich mich noch be⸗ ſann, rollten die Wagen aneinander vor⸗ uber. Es blieb kein Raum zu weiteren Ueberlegungen; Lady Sophia und ich be⸗ gegneten einander nicht wieder. Drei Tage ſpäter erwähnte Vau⸗ rien am Abende abermals Lady Alme⸗ —— ria, und erinnerte mich dadurch daran⸗ wie ich auf das Undankbarſte ſie vernach⸗ läſſigt habe. Keine ſtutzerhafte Eitelkeit ver⸗ leitete mich zu dieſer Anklage meiner ſelbſt, ich war in der That der Lady Almeria fur ihre ungewoͤhnlich freundliche Bemuͤ⸗ hung, in Perſon Stimmen fuͤr mich zu ſammeln, vielen Dank ſchuldig. Bei dem vertrauten Fuß, auf dem wir vor dem Ball mit einander geſtanden, mußte, auf das Gelindeſte genommen, das plotzliche Aufhoͤ⸗ ren meiner Beſuche als eine unverzeihliche Nachlaͤſſigkeit erſcheinen. Ich machte mich alſo auf den Weg, und langte zur gewohn⸗ ten Stunde bei ihr an. Lady Almeria empfing mich ziem⸗ lich kalt; das war nun eben kein Wunder. Ihre gewohnte Freundlichkeit kehrte wäh⸗ rend der ganzen Dauer meines Beſuches nicht ganz wie ehemals zuruͤck. Ich kann nicht ſagen, daß ich ſo verlegen war, wie ich wohl vor Jahren geweſen ſeyn wurdez ich hatte mir Muͤhe genug gegeben, um mir einigen Weltgebrauch zu erwerben, und hatte nicht Luſt, ihn um nichts und wie⸗ der nichts einzubuͤßen. Ich empfahl mich der Lady Almeria mit gewohnter Freimuͤthigkeit, und kehrte um die gewoͤhnliche Zeit nach Aubrey zuruͤck. Die Wahlgeſchaͤfte wurden. von beiden Theilen mit großem Eifer fort⸗ geſetzt. Lord Daubeny und ſeine Freunde unterſtuͤtzten Herrn Montagne Arming⸗ ton mit groͤßter Anſtrengung aller ihrer Kräfte, aber die Ankunft Lord Bertrams und ſeine unermuͤdliche Thätigkeit in Be⸗ forderung meines Intereſſes, neigte doch endlich die Mehrheit der Stimmen mir zu. Ich ward in beſter Form erwaͤhlt, und 6— Herr Armington zog ſich mit ſeinen ge⸗ taͤuſchten Erwartungen zuruͤck. Raſch bot ich meinen Freunden in Aubrey Park Le⸗ bewohl, unter andern auch Lady Alme⸗ ria, ohne dabei eine ſehr maͤchtige Bewe⸗ gung weder zu empfinden noch zu zeigen, und ging nach London, um meinen Sitz im Unterhauſe einzunehmen. Ich kam denn in London an, und ſah mich ploͤtzlich meiner feudaliſchen Wichtigkeit beraubt; ein bloßer Waſſertropfen mitten im Ocean. Dieſer Gedanke haͤtte mich ohne Zweifel ungemein demuͤthig machen konnen, wäre mir nur nicht jener widerſpenſtige Waſſertropfen eingefallen, der zwar wirk⸗ lich ins Meer fiel, den aber auch ſo⸗ gleich eine Auſter verſchluckte, und der ſo mit der Zeit zur koſtbaren Perle wurde, welche durch manche Haͤnde ging, bis ſie zuletzt jenes beruͤhmte Kleinod ward, * — 05— das auf der Spitze des Diadems von Per⸗ ſien prangt. 4 Johnſon ſagt: daß ein Mann, der das Land dem Leben in London vorziehr, nur einzig und allein fuͤr das Land ſich paſſe. Wie ſehr auch ein ſolcher Geſchmack in den Augen unſerer Philoſophen mich herabſetzen moͤchte, im Fall einer von ihnen ſich wirklich herablaſſen ſollte, mein Buch zu leſen, ſo muß ich doch zur Steuer der Wahrheit mich dazu bekennen. Das Herz im Leibe that mir weh, wenn ich die Sonne nur durch duͤſtere Rauchwolken, halb ihrer Glorie beraubt, und den Reſt ihrer Strah⸗ len verdunkelt erblickte. Wie weit vorzug⸗ licher duͤnkte es mir, die friſche Abendluft einzuathmen, die unter Gottes freiem Him⸗ mel uͤber duftende Sträuche und bluͤhende Gärten hinwehete, ſtatt der verdorbenen, in engen Straßen eingeſchloſſenen, durch —— tauſend ungeſunde Duͤnſte vergifteten Luft, die ich in London einhauchen mußte. Der ewige Anblick aller der aus Backſteinen er⸗ bauten Haͤuſer, die ringsum meinen Blick begrenzten, ermuͤdete mein Auge, das ſo lange Seit gewohnt geweſen war, ungehin⸗ dert uͤber den weiten Horizont hinzuſchwei⸗ fen. Sogar des froͤhlichen Pfeifens des hinter ſeinem Pfluge hergehenden Landmanns gedachte ich mit eben dem Entzuͤcken, mit welchem ein Muſikfreund ſich den Geſang der Catalani zuruͤckruft, wenn mich jetzt in London das endloſe Geſchrei der Gaſſenkeh⸗ rer, das Fluchen der Fiaker, und vor al⸗ lem das gellende Gekreiſche und Gequake ſchreiender Kinder marterten. Zu dieſem allen mußte ich noch ein freundliches Geſicht machen, und obendrein noch die Gefälligkeit haben, unzählige Ein⸗ ladungen anzunehmen; Routs, Spielgeſell⸗ — 97— ſchaften, Aſſembleen, Fandangos, Redouten und Bälle beſuchen. Das Geruͤcht, daß ich dereinſtiger Erbe einiger Tauſend Pfund jaͤhrlicher Einkunfte ſey, hatte ſehr bald ſich verbreitet, und zog mir von Maͤdchen, Ma⸗ tronen und Wittwen eine Aufmerkſamkeit zu, die deutlich bewies, daß man mich als eine ganz artige Cheſpekulativn betrachte. Mit welcher Innigkeit rief mir jetzt meine Phantaſie Annabella's Bild, das Bild meiner erſten Liebe, meines Bruders An⸗ nabella zuruͤck! Sogar Lady Almeria ſtand in blendendem Glanze vor meiner Er⸗ innerung, wenn ich ſie mit allen dieſen La⸗ dy's und Mißes verglich, und dieſen Miß⸗ triſſes in Trauerſchneppchen von Muſelin und Linon, von Kopf zu Fuß in Bomba⸗ ſins und Crepp verhuͤllt, mit Pleureuſen, die immer an den Vers mich erinnerten:„Si vis me flere, dolendum est Primum ipse tibi.“ Leben und Sitte in England. 1I. Mit einem Gefuͤhl unausſprechlichen Entzuckens kehrte ich auf das Land zuruͤck. Aubrey Park, deſſen Umgebungen, und was mir ſonſt in dieſen lächerlich erſchie⸗ nen, hatte jetzt Paradieſes⸗Reiz fuͤr mich. Der friſche Hauch, der aus der gruͤnen Hecke aufſtieg, ſchien mir nicht minder fuͤß⸗ duftend als das ſchoͤnſte Orangen⸗Wäldchen in Spanien. Sogar Herr Baurien— denn obgleich Herr Vaurien nicht mehr Benjamins Hofmeiſter war, ſo hatte man ihn doch in Aubrey Park behalten, weil er meiner Mutter zum dritten oder vierten Mann am Spieltiſch, zum Beſtel⸗ len wichtiger Aufträge, zum Begleiter bei ihren Morgen⸗Viſiten, und zu mehr der⸗ gleichen bequem ſchien— ſogar Herr Vau⸗ rien alſo, den ich ſonſt, wie man im Laufe meiner Memoiren bemerkt haben wird, nicht ſonderlich leiden mochte, ſogar ſein — Geſicht erſchien mir jetzt wie das eines al⸗ ten Freundes. Lady Bertram— ich ſollte wohl die verwittwete hinzuſetzen— ſchien ebenfalls, indem ſie bei meiner Wie⸗ derkunft mich begrußte, die von mir ſo grau⸗ ſam getaͤuſchte Hoffnung, indem ich An⸗ nabellen meinem Bruder uͤberlaſſen, ver⸗ ſchmerzt und vergeſſen zu haben. Freilich kam ich aber auch gerade zu einer Zeit an, in der ihre Freude zu groß war, um ſich von irgend einer Kleinlichkeit ſtoren zu laſ⸗ ſen. Meine Schweſter Charlotte hatte dem edlen Hauſe einen Erben geſchenkt, der einſt, wenn er bei ſorgſamer Pflege gedieh, die Namen und Wuͤrden deſſelben kunftigen Jahrhunderten zufuͤhren konnte. In der erſten Woche war ein ſolches Trei⸗ ben und Lärmen um mich her, daß mir nicht Muſe blieb, Lady Almeria aufzu⸗ ſuchen; anfangs der zweiten ging ich hin. — — 100— Kein Zuruͤckrufen des Vergangenen von ihrer Seite, kein tadelndes Wort, keine verſuchte Entſchuldigung, kein leiſer Vor⸗ wurf, doß ich nicht fruͤher gekommen. Es lag etwas Wuͤrdiges in dieſem Benehmen; ich fuhlte es, und achtete Lady Almeria in dieſem Momente hoher als ich es je ge⸗ than. Ein ſanftes Errdthen, das ihre Wan⸗ gen faͤrbte und ihrem Auge hoͤheren Glanz verlieh, gab ihr einen Reiz, den ihre uͤbri⸗ gens wirklich regelmaͤßigen Zuͤge ſonſt nicht gehabt haben wuͤrden. Ich war indeſſen doch nicht Haſenfuß genug, um von jedem errdthenden Weibe, das ich anredete, zu glauben, es ſey verliebt in mich; ich wußte, es gab ſo viele andere Quellen, denen dieſes ſchoͤne Errothen vielleicht paſ⸗ ſender und gerechter zuzuſchreiben ſeyn konnte. Miſtriß Wharton hingegen ſuchte — 101— durch ein ganz entgegengeſetztes Betragen mir zu beweiſen, daß dieſe ſchweigende Scho⸗ nung keineswegs mit ihren Anſichten uͤber⸗ einſtimme. Sie griff mich ſogleich an, warf mir meine lange Abweſenheit von Hauſe vor, ſogar nachdem die Sitzungen des Parlaments aufgehoben geweſen waͤren; ſtellte mich daruͤber zur Rede, daß ich we⸗ der ſie noch ihre Nichte ein einzigesmal einiger Zeilen gewuͤrdigt habe, und wollte dadurch mir beweiſen, daß ich ihrer Beider nur dann gedacht, wenn ich ſie meiner Mutter bei den allgemeinen Gruͤßen nannte, die ich ihr zugleich an eine Menge unbe⸗ deutender Leute auftrug, mit denen zuſam⸗ men genannt ſich zu wiſſen, ihnen beiden weder wuͤnſchenswerth noch ſehr angenehm geweſen ſey. Dieſe Gruͤße wären denn freilich ganz richtig beſtellt worden„hieß es weiter, denn ich wiſſe ja, daß meine Mut⸗ — 102— ter ſich in dergleichen Dingen auf ihre Akurateſſe etwas einbilde. Während dieſer ganzen Rede ſchien mir Lady Almeria nicht ſo verlegen zu ſeyn, als ich um ihrer ſelbſt willen gewuͤnſcht haben konnte ſie zu ſchen. Ich geſtehe, daß ich jene Art beſcheidener Gleichguͤltig⸗ keit und Sorgloſigkeit, die aus großer gei⸗ ſtiger Ueberlegenheit entſteht, unter allen weiblichen Reizen am meiſten bewundere. Aber Lady Almeria's Ruhe bei einer ſolchen Gelegenheit ſchien mir— Vergebung, Almeria!— ſchien mir geradezu Unfäͤ⸗ higkeit des hochſten ſchonſten Gefuͤhls in einem weiblichen Herzen. Gezwungen folgte ich Lady Alme⸗ ria's Einladung, ſie oft zu beſuchen, denn⸗ einmal in ihre Kreiſe eingetreten, fuhlte ich zwar die Nothwendigkeit, dieſe wieder zu verlaſſen, aber ich blieb dennoch, als habe mich ein Zauber gebunden. Nachdenken hieruber fuͤhrte mir kein ſonderlich erfreu⸗ liches Bild meiner ſelbſt vor, doch Lady Almeria erſchien dabei in einem ihr noch nachtheiligeren Lichte. Eines Abends kehrte ich, obgleich wir noch mitten im Sommer lebten, lange nachdem es dunkel geworden, von ihr zu⸗ ruͤck. Es war einer jener milden thauigen Abende, wie Shakespeare ihn wohl im Sinne gehabt haben mag, als er Shylocks ſchone Tochter und ihren Geliebten die koſt⸗ liche Nacht mit einander um die Wette preiſen ließ. Mein ganzes Leben ging an meiner geſchaͤftigen Phantaſie voruber. Ioh ſandte meinem Freunde Arundel einen Seufzer nach, einen noch tiefern Anna⸗ bellen. Ich weiß nicht, ob Andere dieſes als den gewoͤhnlichen Eindruck empfinden, in mir aber wecken die anmuthigſten und — 104— anziehendſten Erſcheinungen der Natur, ſtatt des Entzuckens, von dem ich reden hore, eine ſtille Melancholie.. Auch die es. A ver⸗ ſank ich in mildor Wehmuth, ſuß und be⸗ ſchwichtigen“ n noni. Um O iesinäpfand ich den Mangel eines He as, an dem das meine ruhen konne, mit allen ſeinen Gluthen. Es lag ſo etwas Freudenloſes darin, ungeliebt und ohne zu lieben zu leben. Doch meine Träume verflogen. Freilich hatte ich mir eben ein Weſen gedacht, ſolch ein Weſen! Indeſſen, dachte ich dann wieder, wo iſt denn wohl jemand vom Schickſale beguͤn⸗ ſtigter als ich ſelbſt? Jung, in Fuͤlle der Geſundheit, in unbegrenztem Wohlleben, geachtet, geſchaͤtzt, während ſo viele Wuͤr⸗ digere, die weit mehr Gluͤck verdienten als ich, von Krankheit niedergeworfen daliegen/ in Todesſchmerzen, oder in bitterer Armuth vergehen, oder, was viel ſchlimmer noch iſt, von den Wunden der Liebe gemartert, dem Wuhäſinn dür h eine Hand zugetrie⸗ ben„ die ſie— en koͤnnten, uͤber die ſie in wel wnt Far in dem da ſie it, ch am tiefſten in das Herz ſtoͤßt! n Wie furchtbar groß iſt nicht die Ver⸗ antwortlichkeit eines Mannes, der es fuͤhlt, daß das Gluck eines weiblichen Weſens von ihm allein abhaͤngig iſt, daß er vielleicht das einzige Band iſt, durch welches es am Leben noch haͤngt, daß ihn zu verlieren dem ſchwachen Geſchoͤpf e Tod braͤchte. Und am Ende gibt die Liebe doch nur fuͤr das Gluͤck eines Momentes zwanzig ſchlafloſe, langwierige, ermuͤdende Nächte, dachte ich. Meine Mutter lächelte bedeutend uber — 106— die ſpäte Stunde meiner Ruͤckkehr, aber ſie machte keine Anmerkungen; Vaurien fragte mit inpertinentem Nachdrucke, wie ſich Lady Almeria befaͤnde; ich gab ihm eine kurze Antwort und zog mich auf mein Zimmer zuruͤck. Am folgenden Abende ging ich nicht zu Lady Almeria; Weib und Tochter eines alten Dieners unſeres Hauſes, der lange ſchon in unſerer Familie gelebt hatte, waren krank und leidend; ich hatte ver⸗ ſprochen, ſo fruͤh als moͤglich nach Beiden zu ſehen, und ging alſo nach der Huͤtte des Alten, um Allan, anſtatt der blen⸗ denden Jägerin, meinen gewoͤhnlichen Be⸗ ſuch zu machen. Ich mußte durch einen Wald, der dem Schloſſe gerade gegenuͤber lag, einen Wald, ſo dicht verwachſen, ſo dunkel und feierlich, daß er gar wohl fuͤr den erdichteten Auf⸗ =— enthalt unſichtbarer roͤmiſcher Gottheiten haͤtte gelten koͤnnen. Hier haͤtte Numa um ſeine Nymphe werben und von ihr jene Lehren empfangen koͤnnen, die ſpaͤterhin auf ſeine Geſetzgebung und ſeine Regierung ſo wichtigen Einfluß geuͤbt haben; auch Lucan haͤtte die Wirklichkeit jener grauſenvollen entſetzlichen Schatten hier entdecken koͤnnen, die er beſchreibt. Die Thuͤre von Allan's Huͤtte ſtand offen. Ich konnte das Innere derſelben vollkommen uͤberſchauen, waͤhrend ich ſelbſt noch ungeſehen und unbemerkt verborgen blieb. Ich ſah Anna, die Tochter, zwar weinend, aber zuweilen ſchlug ſie die Augen auf, und ein Laͤcheln der Dankbarkeit oder des Friedens, ich konnte mit mir daruͤber nicht einig werden, welches von beiden, kämpfte mit ihren Thraͤnen, und leuchtete ein Paarmal ſo hell in ihren Zuͤgen auf, — 108— daß kaum ein Schatten von Kummer in ihnen zuruͤckblieb. Doch Anna war es nicht allein, worauf mein Blick verweilte, neben ihr ſtand der weiß gekleidete Engel des Troſtes und der Hoffnung, mit einem Antlitz, o wie ſtrahlend! Ich eilte aus meinem Schlumpfwin⸗ kel hervor und flog beinahe auf einem ſeit⸗ waͤrts liegenden Fußpfade der Huͤtte zu; ehe ich die Schwelle derſelben uͤberſchritt, hielt ich an, denn ich wollte erſt wieder die Kraft gewinnen, einen Laut von mir geben zu koͤnnen. Ich trat ein. Anna erroͤthete und ſah die Beſuchende an, die mir nicht viel weniger als ein vom Himmel zur Erde herabgekommenes Weſen zu ſeyn ſchien. Ein leichter roſiger Hauch uberflog die Wange der Fremden, doch lag in ihm nichts von der Kleinlichkeit und Unruhe falſcher Schaam. Sie hatte ſich niedergelaſſen, während ich im Gehen ſie aus dem Geſichte verloren hatte, und veraͤnderte jetzt ihre Stellung nicht. Sie verbeugte ſich nur fluchtig, vielleicht waͤre es mir nicht unlieb geweſen, wenn mein Erſcheinen einen groͤßeren Ein⸗ druck auf ſie gemacht haͤtte. Ich nahm den Stuhl an, den Anna mir bot, und ſah meine ſchoͤne Nachbarin mit beſcheidener Aufmerkſamkeit an. Un⸗ ſere Augen begegneten ſich; vielleicht lag in meinem Geſichte nur wenig von dem un⸗ angenehmen Ausdrucke, der unſere moder⸗ nen Maͤnner von Ton bezeichnet. Wie dem auch ſey, ich mißfiel ihr wenigſtens nicht, denn ſie beantwortete mit anmuthiger Milde einige gewoͤhnliche Redensarten, die ich uͤber das Wetter hervorbrachte. Ich bin nicht im Stande, die Art des Ein⸗ drucks derſelben zu beſchreiben, den ihre Er⸗ ——— — 410— ſcheinung bei dieſem Begegnen auf mich machte. Sie hatte Zuge und einen Aus⸗ druck derſelben, wie ich ihn. nie zuvor ge⸗ ſehen. Licht war ihr Haar, doch ihrer Augen Dunkel Schwarz wie der Tod, ſo wie der Augenlieder Geſenkter Rand, in deſſen ſeidnen Schatten Geheimſter Reiz. Doch wenn nun ihres Blickes Glanzheller Strahl die ſchwarzen Franzen hob, Schien er ein Pfeil von unbezwungner Schnelle, Schien Schlange, die aus ihren Krümmen lang Sich plötzlich ſtreckt und ihren Gift verſpritzt. Dieſes offene Auge, dieſe edle heitere Stirn konnten nie der Sitz des Haſſes oder boſen Argwohns werden. Sie hatte jene unſchuld und Einfachheit des Betragens, die gewohnlich das Eigenthum derer iſt, die mehr mit Buͤchern als mit Menſchen umgegangen ſindz doch zeigte ſie weder den — 111— Mangel an feinem Takt, noch jene unge⸗ ſchickte Geradheit der Sitten, die zuweilen als Frucht des Umganges mit Buͤchern al⸗ lein, ohne den mit Menſchen entſtehen. Aber uͤber Alles zierte ſie der Beſitz jenes unwiderſtehlichen Reizes der Beweglichkeit des Ausdrucks in ihren Zuͤgen. Das klare reine Blut ſprach durch die Wangen, Und zeigte ſo durchſichtig ihr Gefuͤhl, Daß faſt es ſchien, ſie dachte mit dem Körper. Und doch mitten in dieſem Fluthen des Ausdrucks glich ſie keiner Andern. Haͤtte ich irgend ein heſonderes Gefuͤhl per⸗ ſonifiziren ſollen, ich hätte ſie zum Modell erwaͤhlt, in dem Augenblicke, wo in ihrem Geſichte das tiefſte Empfinden deſſelben auf⸗ leuchtete. Jeder Wechſel des Antlitzes ſchien beſonders charakteriſtiſch zu ſeyn, wenn er — 112— ihre Zuͤge umſpielte, und ſo auch jeder Ausdruck, der ſie bewegte. Sie hatte ſchon ſeit einigen Minuten uns verlaſſen, und ich zogerte noch, mich ebenfalls zu entfernen, und warum? Lie⸗ ber Leſer, wenn Du glaubſt, es ſey ge⸗ ſchehen, um Anna nach dem Namen der Unbekannten zu fragen, ſo biſt Du ein großer Neuling in dergleichen Dingen. Nein! der Eindruck, den ſie meinem Gemuͤthe zuruͤckgelaſſen, war ſo neu, ſo ſtark, daß ich nicht haͤtte auf irgend etwas, das mit ihr im Zuſammenhange ſtand, an⸗ ſpielen können, und haͤtte es mein Leben gegolten. Und dennoch zoͤgerte ich. Anna ſchien geduldig es abwarten zu wollen, bis ich fur gut faͤnde, ihr den Grund meines Be⸗ ſuches mitzutheilen. Ein leichter Ausdruck des Erſtaunens in ihrem Geſihte brachte mich einigermaßen wieder zu mir ſelbſt. Ich gab ihr etwas Geld, wuͤnſchte ihr Gluͤck zu dem verbeſſerten Geſundheitszuſtande der Mutter und ging. Jeden Abend, gerade um dieſelbe Stunde, ging ich nun von Aubrey Park aus, gerade auf dem näm⸗ lichen Wege zu der kleinen Huͤtte, ſtellte mich gerade unter denſelben Baum, im Dunkel des Waldes, und blickte in das Innere des Hauſes, um zu ſehen, ob mein Leitſtern da ſey, der meine Schritte zu demſelben lenkte. Nichts bringt zwei Menſchen leichter einander naͤher als das Zuſammen⸗Wirken zu einem wohlthätigen Zwecke. Meine na⸗ menloſe Gottheit und ich verloren uns bald aus dem Ton entfernter Bekanntſchaft in den des Vertrauens. So begleitete ich ſie auch manchmal bis auf den halben Weg nach Hauſe; aber wenn wir an einen ge⸗ Leben und Sitte in England. II. 8 — wiſſen Steig kamen, bot ſie mir einmal wie allemal Lebewohl, und gab mir da⸗ durch zu verſtehen, daß ich ſie weder wei⸗ ter begleiten noch ihr folgen duͤrfe. Im Verlaufe manches offneren Ge⸗ ſpraͤchs mit ihr lernte ich einen Charakter kennen, der mich anfangs erfreute, den ich ſpäterhin aber als wahrhaft bewunderns⸗ werth und unwiderſtehlich anerkannte. In dieſen Unterredungen entwickelten ſich mir allmaͤhlig ihr Gemuͤth und ihre Denkungs⸗ weiſe. Ich erinnere mich noch vollkommen eines Geſprächs uͤber Frauen, in welchem — doch nehmt das ganze Geſpraͤch hin. Alles und jedes, was ſie jemals geſpro⸗ chen, ſcheint mir ſo intereſſant, daß ich nicht zu glauben vermag, es koͤnne bei Andern Langeweile erregen; freilich ver⸗ räth dieſes ein wenig den Liebhaber, doch der Schluß dieſer meiner Memoiren mag — 115— dieſem Bekenntniſſe zur Entſchuldigung. dienen. „Ob die geiſtige Faſſungskraft der Frauen der der Männer gleichzuſtellen ſey, moͤgen Andere entſcheiden“, ſprach ich,„in dem jetzigen Zuſtande der Dinge kann ein Urtheil uͤber dieſen Punkt nur auf Ver⸗ nunftſchluͤſſen und Muthmaßungen beruhen. Uns fehlt uͤberall der Probierſtein ausge⸗ breiteter Erfahrung. Gewohnheit hat dem ſanfteren Geſchlechte in der Geſellſchaft eine untergeordnete Stellung angewieſen, unſer Hochmuth und unſere Vorurtheile haben mit dazu beigetragen, es in dieſer zu erhal⸗ ten, bis endlich der verjährte Gebrauch die⸗ ſem unſerem Benehmen die ehrwuͤrdige Be⸗ ſtätigung des Alterthums verliehen hat.“ „Einzelne Abweichungen von der all⸗ gemeinen Regel haben uns einige Beweiſe davon gegeben, daß die Frauen auf gleicher — 116— Stufe mit uns ſtehen, doch unſere Eifer⸗ ſucht hat dieſe Beweiſe zu verdunkeln ge⸗ ſucht, ſtatt daß wir ſtreben ſollten, ihre Beſtätigung zu finden. Gedenken Sie der Deborah in der heiligen Schrift; der Se⸗ miramis, der Zenobia, der Boadicea in der Geſchichte; denken Sie an Eliſabeth und an die beiden Catharinen unſerer neueren Zeit, und Sie werden mit mir einſehen muͤſſen, was Frauen werden koͤnnen, wenn die ͤußeren Umſtände ſie beguͤnſtigen.“ „Ich will uͤber das, was Frauen wer⸗ den konnen, nicht mit Ihnen ſtreiten, ich betrachte nur, was ſie werden duͤrfen, um ſich das eigene Gluͤck zu bewahren. Mein guter Herr, es wuͤrde gar ſehr gegen das Wohlbehagen und die Bequemlichkeit Ihres Geſchlechts anſtreben, wenn Sie Ihre Frauen und Tochter zu Heldinnen erheben wollten, zu Nebenbuhlerinnen von Genera⸗ len und Geſetzgebern, zu ihren Beurthei⸗ lern im Felde und im Senat, zu Profeſ⸗ ſoren in unſern Univerſitaͤten, und zu Ad⸗ vokaten in unſern Gerichtshoͤfen; ſtatt ſanfte anmuthige Pflegerinnen des haͤuslichen Gluk⸗ kes aus ihnen zu bilden, denen Sie, in der Zuruͤckgezogenheit von ernſteren Geſchaͤf⸗ ten, einzig und allein, jede Freude und jede Zierde Ihres Lebens verdanken.“ „Haͤtte ein Mann dieſer Gruͤnde ſich bedient, ſo koͤnnte ich nicht umhin, ihn der Selbſtſucht zu beſchuldigen“, erwiederte ich, indem ich der belebten Sprecherin zu⸗ lächelte, denn in dieſem Augenblicke war in dem Ausdrucke ihres Geſichtes der Enthu⸗ ſiasmus an die Stelle der Ruhe getreten. „Ich moͤchte mit den Frauen auf gleichem Boden ſtehen“, fuhr ich fort,„ich mochte in ihnen unſere geiſtigen Gefaͤhrtinnen ſe⸗ hen, deren Urtheil das unſere berichtigte, — 118— oder ihm beiſtummte; nicht aber prächtige elegante Spielzeuge, die nur wegen ihrer ſchimmernden Verzierungen und mechani⸗ ſchen Fertigkeiten gewuͤrdiget und bewundert werden.“ „In dem Punkte ſtimmt unſer Gefuͤhl uberein. Ich bin nicht minder als Sie je⸗ nem Syſteme Feind, das uns Folie an⸗ ſtatt des Goldes unterſchiebt, und oberflaͤch⸗ liche Bildung fuͤr wirkliche Nuͤtzlichkeit. In der Stille des Hauſes gewaͤhrt eine Leich⸗ tigkeit in der Ausubung eleganter Kuͤnſte eine anmuthige Beſchwichtigung der, durch die immerwaͤhrende Reibung der mancherlei Verhaͤltniſſe in der Welt oft ſchmerzlich ge⸗ reizten Gemuͤther. Doch wenn grundliches Wiſſen dem Erreichen einer Fertigkeit in jenen Kuͤnſten aufgeopfert wird, ſo ſtellt man ſie auf eine Hohe im Leben, die ih⸗ nen nicht zukommt, und ſie werden dann — leicht zu gefaͤhrlichen Waffen, die das Gluͤck ſelbſt zerſtoren, anſtatt uns freundliche Ge⸗ huͤlfen, zur Unterſtuͤtzung deſſelben zu ſeyn.“ „Wahrlich, es freut mich, daß Ihre Anſicht jene Kunſtleiſtungen nicht vollig ausſchließt. Denn obgleich ich geſtehe, daß ich ihnen ebenfalls nur einen untergeord⸗ neten Werth geſtatte, ſo ſind ſie doch bei der Vervollkommnung eines weiblichen We⸗ ſens von hoher Wichtigkeit. In dieſer Hin⸗ ſicht, furchte ich, weichen wir von einander ab. Wenn gleich Sie ſie nicht ganz ver⸗ werfen wollen, ſo dulden Sie dieſelben doch nur, und legen ihrer Erreichung keinen ſonderlichen Werth bei.“ „Sie komumen der Wahrheit ſo nahe, daß ich kaum zu behaupten wage, Sie irr⸗ ten. Ich ſchätze und billige jene Talente als Mittel, dem Leben Mannigfaltigkeit und Schmuck zu gewaͤhren, aber nicht als Endzweck deſſelben. Wir mißbilligen Beide die neumodiſche Richtung der Erziehung, und deshalb wird keines von uns in den Verderb derſelben hinein gezogen werden.“ „Ich ſehe um mich her eine bedeutende zahlreiche Klaſſe menſchlicher Weſen, die alle, gleich jenen phosphoriſchen Erſcheinun⸗ gen, welche wir fallende Sterne zu nennen pflegen, einen Augenblick ſchimmern, und dem großen menſchlichen Intereſſe eben ſo nutzlos ſind als jene. Immenſe Summen werden auf die Erreichung der Vollkom⸗ menheiten verwendet, welche die Mode be⸗ ſchuͤtzt, während der Geiſt, das Gemuͤth ſo unangebaut leer bleiben, wie die große Wuͤſte Arabiens, ſo daß man dieſe einzel⸗ nen eingelernten Kunſtleiſtungen den Laven⸗ del⸗Straͤuchen vergleichen mochte, die in jenem weiten Sandmeere einzeln und ver⸗ ſtreut erbluͤhen. Wo auch wirklich einmal eine —— Goldader wahren Talentes zu Grunde liegt, da hat die Oberflaͤche des Bodens doch eine ſolche Unregelmaͤßigkeit der Geſtalt angenom⸗ men, daß ſie auf immer verborgen bleibt. Das Gemuͤth, der Geiſt der ſo Herangebil⸗ deten gleicht einem Garten, den nur exoti⸗ ſche Gewaͤchſe fuͤllen, welche der erſte rauhe Wind zerſtoͤrt, waͤhrend die dem Boden eigenthuͤmlichen Pflanzen bei guter Pflege den Sturm nicht nur uͤberdauert, ſondern vielleicht nach dieſem noch ſchoͤnere friſchere Bluͤthen getrieben haben wuͤrden.“ „Ich fing ſchon an zu befurchten, daß unſere Empfindungen und Anſichten weiter auseinander lägen, als ich nun bei naͤherer Betrachtung zu meiner Freude es finde“, erwiederte ich.„Doch kommt es mir aus dem, was Sie im Allgemeinen geſagt ha⸗ ben, vor, als moͤchten Sie dennoch der Kraft des weiblichen Geiſtes Schranken ſetzen, und den anmuthigen Ueberfluß ſei⸗ ner Bluͤthen zerſtdren.“ „Verzeihen Sie, anſtatt ſeiner Kraft Schranken zu ſetzen, moͤchte ich ihr nur eine andere Richtung zu geben wuͤnſchen“, antwortete ſie.„Glauben Sie mir, wenn wir unſern Leidenſchaften geſtatten, das ih⸗ nen natuͤrliche, verderbliche Uebermaaß zu erreichen, ſo oͤffnen wir ein weites Thor, durch welches eine unabſehbare Reihe man⸗ nigfaltiger Uebel und Leiden auf uns ein⸗ dringen. Philoſophie bietet uns Waffen zur moͤglichen Vertheidigung gegen ſie, die Religion aber, ſichere Mittel ſie zu beſiegen. Vor der chriſtlichen Lehre war, glaube ich, die Exiſtenz des Einen nicht ſo tief in die des Anderen verflochten, jetzt aber kann ich die Trennung derſelben nicht mehr begrei⸗ fen. Wie ſehr man auch wuͤnſchen mag, alle unſere Handlungen auf den Mittelpunkt allgemeiner Nuͤtzlichkeit zu richten, ſo muͤſ⸗ ſen doch, nach der jetzigen Einrichtung der Dinge, individuelles Gluͤck und individuelle Tugend unſer Hauptzweck werden. Wuͤrde die Religion zur Baſis der weiblichen Er⸗ ziehung gemacht, ſo duͤnkt mich, wuͤrden wir Frauen zu gleicher Zeit liebenswuͤrdi⸗ ger, anmuthiger und achtungswerther wer⸗ den. Vermag es eine auf's Hoͤchſte ge⸗ ſpannte Einbildungskraft, die Gewalt der Leidenſchaft zu beugen? Glauben Sie, daß Metaphyſik weibliche Tugend ſchuͤtzen kann? Werden beide nicht weit eher uns dem Falle naͤher bringen, indem ſie Vieles beſchoͤnigen, und ſogar unſern Fehlern ein Anſehen von Erhabenheit leihen?“ „Unſer Herz neigt ſich ſchon von Na⸗ tur zur Sophiſterie, wenn es gilt, deſſen Irrthuͤmer zu vertheidigen, und wahrlich, es iſt nicht klug, durch kuͤnſtliche Mittel dieſe nur zu mächtige Wehre deſſelben noch zu verſtaͤrken! Glauben Sie denn wirk⸗ lich, daß Ihre Vorurtheile zu Gunſten einer maͤnnlichen Erziehung der Weiber, dieſe dazu eignen werden, das eigne Gluͤck in der Ehe zu ſichern?“ „Gewiß!“ rief ich,„vorausgeſetzt, daß Ihre Wahl eine gluͤckliche ſey! daß Sie ſich nicht ſelbſt an einen Mann weggewor⸗ fen haben, deſſen Vernunft von Vorurthei⸗ len gefeſſelt iſt, deſſen Willen ſich jede Ty⸗ rannei der Gewohnheit beugt. Einem mit klarem und freiem Sinne um ſich ſchauen⸗ den Manne verbunden, werden die Tage eines hochgebildeten weiblichen Weſens in angenehmer Uebung ſeiner geiſtigen Kräfte und in ungeſtoͤrter Ruhe verfließen. In⸗ dem beide, Mann und Frau, auf gleicher Hoͤhe ſtehen, werden ſie im Stande ſeyn, den Irrthum vereint zu bekämpfen und das —— Reſultat dieſes Kampfes wird das Auffin⸗ den der Wahrheit ſeyn. Ich moͤchte das Gemuͤth und den Geiſt des Mannes nie dem ſeiner Gefaͤhrtin untergeordnet wiſſen, ich wuͤnſchte Beiden gleiche Baſis, gleiche Hoͤhe und gleiche Anmuth und Schoͤnheit im Aeußeren.“ „Ihr Plan iſt verfuͤhreriſch; aber wozu helfen Vorausſetzungen ins Blaue hinein, die nie in Erfuͤllung gehen konnen?“ In⸗ dem ſie ſo ſprach, waren wir an den ver⸗ wuͤnſchten Steig gekommen. Ich hatte es wohl bemerkt, daß wir uns ihm naͤherten, und deshalb verſucht, die Aufmerkſamkeit meiner Begleiterin durch ein belebteres Ge⸗ ſpraͤch als gewoͤhnlich von ihm abzuleiten, doch vergebens. Kaum hatten wir die ver⸗ haͤngnißvolle Stelle, an der wir gewoͤhn⸗ lich ſchieden, erreicht, als ſie mir raſch Le⸗ bewohl ſagte und verſchwunden war. —— Indeſſen, ich ſah ſie doch in der Re⸗ gel dreimal die Woche, und ſuchte in der Zwiſchenzeit mich dadurch hinzuhalten, daß ich mir alles, jeden kleinen Umſtand unſers letzten Beiſammenſeyns zuruͤckrief, und al⸗ les Entzuͤcken des nächſt zu Erwartenden im Voraus zu fuͤhlen mich bemuͤhte. Doch war ich bei ihr, ſo war mit ihr ſeyn, ſie ſehen, ſie ſprechen, der Gipfel alles Gluͤcks. Eines Abends kam ſie wie gewoͤhnlich; noch war es Sommer; Luft, Wolken, die Pracht der Baͤume, hatten noch immer ihre Reize. Die Natur im ganzen Reichthum ihrer Mannigfaltigkeit lag wie ein aufge⸗ ſchlagenes Buch vor unſern Sinnen. Wir unterhielten uns uͤber den Sieg, den ſie uͤber alle Kunſt davontraͤgt.„Und doch“, ſprach die Unbekannte mit dem ihr ſo eig⸗ nen ausdrucksvollen Laͤcheln,„und doch waͤre der weiſe Koͤnig Salomo eines nachgemach⸗ —— ten Kraͤnzleins wegen beinahe um ſeinen ganzen Ruhm gekommen.“ Mir war der Umſtand, auf den ſie anſpielte, unbekannt, und ſie gab mir einen Auszug aus Jöraelis Merkwuͤrdigkeiten der Literatur. „Salomo ſaß auf ſeinem Throne, von ſeinem Hofe umgeben. Am Fuße deſ⸗ ſelben ſtand die fragſuͤchtige Koͤnigin von Saba, in jeder Hand einen Kranz haltend, den einen von friſchen, den andern von kuͤnſt⸗ lichen Blumen gewunden. Die Kunſt hatte in dieſer Nachahmung die lebenden Farben mit ſo auserleſenem Gluͤcke erreicht, und die verſchiedenen Schoͤnheiten der Blumen ſo taͤuſchend wiedergegeben, daß es unmoͤg⸗ lich ſchien, der Koͤnig koͤnne in der Ent— fernung, in welcher ſie die Kraͤnze hielt, ihre Frage beantworten: welcher der kuͤnſt⸗ liche, welcher der natuͤrliche ſey? Der weiſe Salomo ſchien ganz ruhig, doch von einer Frau, und obgleich in einer Kleinigkeit, von einer ſcherztreibenden Frau uͤberwunden zu werden, verdroß dennoch den ſtolzen Ko⸗ nig ſehr.“ „Der Sohn Davids, er, der uͤber das ganze Reich der Pflanzen vom Yſop bis zur Ceder geſchrieben, er ſollte ſich nun fuͤr uberliſtet bekennen, und von einem Weibe, und obendrein durch gefaͤrbte und lackirte Laͤppchen und Papier⸗Schnitzchen. Es war, als ob der Ruhm goͤttlicher Weisheit zum Theil von ihm weichen wollte, und der ganze Hof um ihn her ſoh daruͤber feierlich und melancholiſch aus. Endlich fiel dem Koͤnig ein Mittel ein, das, man muß es geſtehen, des Naturforſchers wuͤrdig war. Er bemerkte einen Zug Bienen außen am Fenſter herumſchwärmen, und befahl dieſes zu oͤffnen; die Bienen ſummten herein und ließen ſich ſogleich alle auf dem einen Kranze nieder, waͤhrend auch nicht eine dem an⸗ dern zuflog.“ „Nun war die Entſcheidung nicht mehr ſchwer; die alten Rabbi's wackelten vor Ent⸗ zuͤcken mit ihren Baͤrten, und die uberliſtete Koͤnigin von Saba hatte nun einen Grund mehr, die Weisheit Salomo's zu bewun⸗ dern.“ Mit welchem Entzucken hoͤrte ich ihr zu! Es liegt mehr Beredtſamkeit in dem Ausdrucke der Bewegungen, als in dem mit hochſten Fleiße ausgearbeiteten Aufſatz, den irgend ein Mann jemals geſchrieben. Wie begluckend, dachte ich, mußte der haͤus⸗ liche Heerd mit ſolch einer Gefaͤhrtin wer⸗ den. Wie unendlich iſt dieſer ewig reiche Wechſel ihrer Unterhaltung, dieſer Quell von Anekdoten, der ihn belebt, der maͤnn⸗ lichen Keckheit in den Geſpraͤchen der Lady Almeria vorzuziehen, ja ſogar der weichen Leben und Sitte in England. II. 9 unendlichen Nachgiebigkeit der zu ſanften und unterwuͤrfigen Annabella! Ich weiß nicht wie es zuging, aber ſeit kurzem dachte ich oft mit eben ſo vie⸗ ler Zufriedenheit daran, daß ſie wirklich meines Bruders Annabella ſey, als ich fruher Schmerz bei dieſem Gedanken em⸗ pfunden hatte. Indem wir ſo miteinander ſprachen, uberzogen duͤſtere Wolken das Gewoͤlbe des Himmels. Der Tag war ungewoͤhnlich ſchwuͤl geweſen, doch hatte Alles einen fried⸗ lichen Abend zu verſprechen geſchienen. Große Regentropfen fielen jetzt, es donnerte und ich zitterte fuͤr meine Gefaͤhrtin. Ich glaube, meine Beſorgniß ſtand ſehr deut⸗ lich auf meinem Geſichte geſchrieben. Sie laͤchelte und gab mir zu verſtehen, ſie ſey ſo gekleidet, daß ſie dem rauheſten Wetter Trotz bieten koͤnne. — 13— „Aber der Donner!“ ſagte ich, und wir näherten uns dem verhaßten Steige. „Ich bin nicht furchtſam“, erwiederte ſie,„hier ſcheiden wir.— Guten Abend.⸗ „Nein“, ſagte ich heftig,„auf meine Ehre, nein, wir ſcheiden nicht hier; an ſolch einem Abend! bei dieſem Wetter! un⸗ moͤglich! Vergeben Sie mir, aber ſogar auf die Gefahr hin, Sie boſe zu machen, was mir freilich das ernſteſte aller uebel unter der Sonne waͤre, ich will Sie nicht verlaſſen.“ Sie ſah mich an, mit mehr durch⸗ dringenden als verlegenen Blicken, mehr wie jemand, der etwas erforſchen will, als der etwas zu bergen ſucht. Sie antwor⸗ tete nicht— aber wir hatten den Steeg uberſchritten und gingen ſtill zuſammen wei⸗ ter fort. 4 Ich kann nicht ſagen, wie viel Ver⸗ 9* — 132— gnuͤgen mir dieſe Kleinigkeit machte; es war, als ob nun mit einemmale eine tren⸗ nende Schranke zwiſchen uns gefallen ſey, die mir ehemals unuͤberſteiglich geſchienen. Obgleich ich ſie zur Begleiterin hatte, ſo konnte ich doch nicht umhin, zu bemerken, daß unſer Weg weiter war als ich es er⸗ wartet haͤtte. Wir naͤherten uns der Be⸗ ſitzung der Lady Almeria, und ich machte auf der Grenze derſelben meine Gefaͤhrtin auf das in edlem Styl erbaute Schloß auf⸗ merkſam. „Ich kenne es wohl“, ſagte ſie, indem ſie ihren Mantel dichter um ſich zuſammen⸗ zog, und ein wenig wie Coriolan am Heerde ſeines Feindes dazu ausſah;„ich wohne dort, im Hauſe der Lady Almeria.“ „Sie leben mit der Lady Almeria? und ich habe Sie nie, nie dort geſehen!“ rief ich mit dem Ausdrucke eines Erſtau⸗ nens, dem jede geringere Ruͤckſicht weichen mußte. „Verzeihen Sie“, erwiederte ſie mit groͤßerem Stolz, als ich ihr zugetraut haͤtte, eich ſagte im Hauſe der Lady Almeria, nicht mit ihr. Sie haben mich nie geſe⸗ hen, das iſt eben kein Wunder. Leben Sie wohl, Herr Eduard Malone.“ Mit einer anmuthig gruͤßenden Bewe⸗ gung der Hand entließ ſie mich; ich ſtand und hatte nicht die Macht, mich zu regen. Im Hauſe der Lady Almeria! Das war das wunderlichſte aller merkwuͤrdigen Er⸗ eigniſſe der Welt. Mit kaum zu bezwingender Ungeduld harrte ich am nächſten Abende, um von ihr eine Erklärung zu erlangen. Ich kam eine halbe Stunde zu fruͤh in Allans Huͤtte an; ſie kam nicht. Den naͤchſten, den darauf folgenden und noch viele, viele Abende hinter einander ging ich hin, und fand mein Erwarten immer getäuſcht. Ich mochte Annen nicht uͤber ihre Beſchutzerin ausfragen, weil ich das Mäd⸗ chen nicht zur Undankbarkeit verleiten wollte, indem ich ſie dahin braͤchte, entweder einen ihrer Wohlthaͤter zu verrathen, oder den andern zu beleidigen. Wie viele, viele er⸗ mudende, ſchlafloſe Nächte brachte ich mit geſchaͤftig troſtloſen Vermuthungen zu. Von allen Qualen, die uns Liebe bereiten kann, iſt, außer dem Gefuͤhle, daß uns ein Ne⸗ benbuhler vorgezogen wird, Abweſenheit die marterndſte, die unerträͤglichſte von allen. Ich hatte einſt einen unbeſchreiblich ungluͤcklichen Tag zugebracht; gegen Ende deſſelben fragte mich meine Mutter, der meine ſichtliche Traurigkeit auffiel, ob ich kurzlich bei Lady Almeria geweſen? Das hieß eine Saite beruͤhren, die zweifelsohne — — 135— anklingen mußte; ich ſtand ſogleich auf und bereitete mich zu gehen. Wie abſurd ſchien mir nun meine eigene Dummheit. Wo war es denn wahrſcheinlicher, ihr zu be⸗ gegnen, als in dem Hauſe, von dem ſie ſelbſt eingeſtanden, daß ſie es bewohne! Lady Almeria zu ſehen, muß ja ſchon allein mich einigermaßen begluͤcken, dachte ich; ſie, die wahrſcheinlich mit ihr geſpro⸗ chen, ihr zugehoͤrt hat und vielleicht eins ihrer Worte, einige ihrer Gedanken gegen mich wiederholt! Wenn ſie nicht die Roſe ſelbſt iſt, hat ſie ihr doch nahe gelebt, hat vielleicht etwas von ihrem Dufte, von ih⸗ rer Friſche an ſich gezogen— ſprach ich zu mir ſelbſt, im Sinne des perſiſchen Dichters. Vauriens Laͤcheln hatte wieder etwas Sardoniſches, als er ſo auf meiner Mut⸗ ter Wort mich ruͤſten ſah; ich verſchmähte . 1 3 es, ihn, oder irgend eine ſeiner Bewegun⸗ gen oder Mienen zu beachten, und ging in aller Wuͤrde ſtolzen Schweigens ab. Ich kam bei der Lady Almeria an; ſie nahm mich mit einer angenommenen Kaͤlte an, die ſichtlich mit wirklichem Ver⸗ gnuͤgen rang; ich fuͤr mein Theil war hin⸗ gegen nichts als leichte Hoflichkeit und freundſchaftliche Traulichkeit. Lady Almeria warf ihre Zuruͤckhal⸗ tung wieder ab; doch trotz dem Brillanten in ihrer Unterhaltung und dem blendenden Spiele ihres Witzes, dachte ich dennoch unaufhoͤrlich an die Einzige, die eigentlich der wahre Gegenſtand meines Beſuches war. Sir Harry Launsdale, Miſtriß Nugents invalider Vetter, ließ ſich mel⸗ den, und blieb wohl eine halbe Stunde lang mit uns zuſammen. Es gelang ihm eher und beſſer, meine Gedanken von dem Gegenſtande abzuleiten, dem ſie ſo innig ſich zuneigten, als es der Perſiflage der Lady Almeria und der dreiſten Zudringlichkeit ihrer Tante Wharton hatte glucken wollen. Ich ging endlich wieder fort, leider ohne den Zweck meines Beſuches erreicht zu haben. Meine Abende wurden von nun an wieder abwechſelnd bei der Lady Almeria und bei Allans zugebracht. Sogar nach allem dieſem immer wiederholten Fehlſchla⸗ gen meiner Hoffnungen konnte ich dennoch nicht dem innern Drange widerſtehen, der mich meinem alten Platze unter dem Baume immer wieder zutrieb, um von der wohl⸗ bekannten Stelle aus mit aͤngſtlicher Un⸗ ruhe in die Huͤtte zu ſchauen. Bielleicht war es mir ſelbſt unbewußt, daß ich ſie immer noch erwartete, indem ich alle die Todes⸗Qualen der Täuſchung ſo tief fuhlte, — 138— als koͤnne dieſe meine Hoffnung wirklich in Erfuͤllung gehen. Ich habe ſie niemals wie⸗ der dort geſehen. Ich hatte Sir Harry Launsdale ein oder zweimal bei der Lady Almeria getroffen, doch blieb er nie laͤnger als eine halbe Stunde in ihren Zimmern, dennoch war ich uͤberzeugt, daß er das Haus nicht verlaſſe, wenn er von uns ſchied, denn die Thore des Hofes lagen dem Fenſter gegen⸗ uͤber, in welchem ich gewoͤhnlich meinen Platz nahm, und er konnte nicht hinaus⸗ gehen, ohne von mir geſehen zu werden. Eine geheime Neugier trieb mich nun, mit all der Raſtloſigkeit, die immer aus großer innerer Gemuͤthsbewegung entſpringt, mir uͤber dieſen Punkt Auskunft zu verſchaffen. Sein Betragen fiel mir als hoͤchſt ſonder⸗ bar auf, aber mein Erſtaunen daruͤber hielt ſich dennoch in beſcheidenen Schranken, bis — 139— ſeine Beſuche haͤufiger und immer kuͤrzer wurden. Er war zu alt, um mir Eifer⸗ ſucht erregen zu koͤnnen, ſogar wenn man annähme, daß ich in Lady Almeria ver⸗ liebt geweſen ſey. Meine Neugier war in⸗ deſſen nun auf das Hoͤchſte geſpannt, und eines Abends, nachdem ſein Beſuch noch kuͤrzer als gewoͤhnlich geweſen war, wagte ich die Frage, ob er das Herumſtreifen in den Anlagen der Geſellſchaft der Miſtriß Wharton und ihrer Nichte vorziehe? Lady Almeria ward ſehr roth und erwiederte ganz einfach:„Sir Harrys Biſiten gelten eigentlich der Veronica.“ Veronical und wer iſt dieſe Veronica? War ſie es? konnte ſie es ſeyn? Und in dem heftigen, faſt empoͤrten Aufwallen mei⸗ nes Herzens empfand ich plotzlich, daß ſo⸗ gar Sir Harry's Alter mich nicht vor Eiferſucht zu ſchutzen vermoͤge. In der — 140— Liebe kann man nicht vernuͤnfteln, aber fuͤhlen! o wie ſcharf! Ich hatte nicht den Muth, noch mehr der Fragen an Lady Almeria zu richten, denn ſie war ſichtlich bemuͤht, dieſem Gegen⸗ ſtande des Geſpraͤchs zu entgehen. Doch eben deshalb hing ich mit meinen Gedanken um ſo tiefer ihm nach. Viele Tage lang dachte ich nichts anderes als Veronica. Ich verſuchte es, meine Mutter auf dieſen Punkt zu bringen, aber meine eigene Aengſtlichkeit vereitelte mir immer meinen Zweck, denn kaum begann ich irgend etwas zu ſagen, das zu dieſer Frage fuͤhren ſollte, ſo verſtummte ich wieder, aus Furcht, eine, meiner unwuͤrdige Neugier blicken zu laſſen. Und doch konnte dieſes Gefuͤhl nicht in mir abnehmen, denn die Erſcheinung des Sir Harry im Hauſe der Lady Almeria regte es immerwaͤhrend wieder auf, indem ich mich von der Gewohnheit nicht los⸗ machen konnte, mit ſeiner Gegenwart den Gedanken an Veronica zu verknuͤpfen. Einſt, als ich etwas fruͤher als ge⸗ woͤhnlich von der Lady Almeria heim⸗ kehrte, lockte der ſchone Abend und die An⸗ muth der Anlagen mich, einen Umweg durch dieſelben zu waͤhlen. Gewiß waren meine Gedanken dieſesmal nur mit Lady Alme⸗ ria beſchaͤftigt. Ich bin mir zwar wohl bewußt, daß ich durch ein ſolches Bekennt⸗ niß alle romantiſchen Leute gegen mich auf⸗ wiegle; doch der Mann von Welt weiß es wohl, daß ich unmoͤglich den Verſuchungen ihrer Schoͤnheit und ihrer einnehmenden Sitten mich ungeſtraft täglich ausſetzen konnte. Wäre nicht etwas zu Amazonen⸗ maͤßiges in ihrem Weſen mir zu Huͤlfe gekommen, ſo wuͤrde ich mich ohne Zwei⸗ fel ſchon lange vor dieſem Zeitpunkt ihr vollig ergeben haben. Wenn ſie zuweilen ſich herabließ, ſich eine halbe Stunde lang vollkommen weiblich zu benehmen, ſo bin ich wohl oft nahe daran geweſen, mich durch ein offenes Bekenntniß auf ewig zu binden, und nur das Wiederaufnehmen ih⸗ rer maͤnnlichen Maske und ihr keckes Re⸗ den gleich einem Soldaten hat mich gerettet. Allmaͤhlig fuͤhlte ich aber doch, wie die mir eigne Thorheit in mancher Hinſicht begann abzunehmen. Der Umgang mit der Welt hatte die rauhe Härte meiner Grund⸗ ſäͤtze zu etwas, ich will nicht hoffen weni⸗ ger Geradem, aber doch zu etwas weniger Abſtoßenden abgeſchliffen. Ich zog die Stirn nicht mehr in Falten, wenn Miſtriß Nu⸗ gent von ihrem kranken Vetter, Sir Harry, ſprach, und kränkte ihren muͤtterlichen Stolz nicht mehr durch die Verſicherung, daß ihre Tochter um einen Kopf kleiner ſey als Lady Almeria Dartford, und daß in Wahr⸗ heit keine Spur von Aehnlichkeit zwiſchen beiden zu finden ſey. Geduldig hoͤrte ich meiner Mutter Entſchuldigungen an, daß ſie eine Morgen⸗Viſite nicht fruͤher erwie⸗ dert habe, und ihre Verſicherungen, daß nur hoͤchſt dringende Geſchaͤfte ſie von einem Vergnuͤgen abgehalten, welches ſie, wie ich wohl wußte, mit der abſichtlichſten Sorg⸗ falt vermieden! Mit einem Worte, ich fing an, gegen die Opfer, welche zuweilen die Wahrheit der Schicklichkeit zu bringen gezwungen iſt, etwas toleranter zu werden, als ich es damals geweſen war, wie ich von Herrn Arundel nach Hauſe kam. Doch zuruck zu meiner Wanderung durch Lady Almeria's Park. Ich ging lang⸗ ſam weiter, dachte an deſſen ſchoͤne Beſitzerin, und auch dann und wann mit einem, dem Neide ziemlich verwandten Gefuͤhle an Ben⸗ —— jamin und Annabella. Ich betrachtete bewundernd die Blumen, dann wieder das klare Baͤchlein, den blauen Himmel und die ſinkende Sonnez dann wandte ich die Gedanken nach Innen, auf die wunderliche Zuſammenſetzung des Weſens, Menſch ge⸗ nannt; bis endlich Bewunderung und Träume vor dem Schalle mehrerer Stimmen ver⸗ ſchwanden, die aus einer ſehr huͤbſchen gruͤnen Laube zu mir drangen, an deren Ruͤckwand ich mich angelehnt hatte. Durch die Zweige konnte ich deutlich die in dieſem Augenblick in derſelben Sitzenden erkennen; ich ſah die ſchlanke ehrwurdige und anmu⸗ thige Geſtalt des Sir Harry Launsdale, und an ſeiner Seite ſaß— Veronica. Ja, ich fuͤhlte es in jeder Nerve, es war Veronica ſelbſt. War ſie denn wirklich meine liebenswuͤrdige Gefaͤhrtin aus Allans Huͤtte? War ſie wirklich — 145— ein Weſen aus gemeinem Erdenſtaube gleich mir? Oder war es ein ſchoͤnes Phantom, das mir erſchien, um mich zu bezaubern und zu verlocken? Veronica. Ich konnte nur den Hinterkopf und die Umriſſe ihrer Geſtalt unterſcheiden; da⸗ durch ward ich nicht in den Stand geſetzt, mit Sicherheit zu behaupten, daß ſie es ſey, denn ich hatte ſie fruͤher immer nur in ihrem großen weiten Kariolans⸗Mantel verhuͤllt, und mit einem tiefen Huthe ge⸗ ſehen. O wie athemlos harrte ich, daß ſie die Stellung aͤndern, ſich mir zuwenden moͤge, damit ich nur einen, nur einen ein⸗ zigen ungehinderten Blick auf ſie werfen konnte. Doch vergebens, ich erhielt ihn nicht dieſen Blick, ich traute mir ſelbſt nicht laͤnger zu bleiben wo ich war, denn ich fuͤrchtete, meine alte Gewohnheit, laut zu denken, konne plotzlich mich uͤberkom⸗ Leben und Sitte in England. 1I. 10 146 men, und mich nicht nur unangenehmen Argwohn preisgeben, ſondern auch die in der Laube Ruhenden erſchrecken. So warf ich noch einen langen zoͤgernden Blick auf Veronica, und ſchlich davon. Dieſe Nacht ſah ich in wachenden und ſchlafenden Traͤumen niemanden als Ve⸗ ronica. Ich bin uͤberzeugt, daß kein Mann auf Erden die Zuͤge ihres Geſichtes ſo genau und ernſtlich betrachtet haben konne als ich, und ſie dann wieder vergeſ⸗ ſen. Ich will keineswegs damit behaupten, daß ihre Schoͤnheit von einer Vollkommen⸗ heit geweſen, der nichts gleichkommen konne; im Gegentheil, ihre Zuͤge waren durchaus nicht ganz regelmäßig. Aber ſie hatten etwas ſo Phantaſtiſches, ſo Maleriſches, ſo Anziehendes, doß es ſie vor jener voruͤber⸗ gehenden Aufmerkſamkeit ſchuͤtzte, die Viele der wirklichen Schoͤnheit zuwenden, und — 147— die dann immer bald gänzliches Vergeſſen nach ſich zieht. Dann hatte ich noch in Hinſicht auf Veronica uͤber einen, zu meiner kuͤnfti⸗ gen Gluͤckſeligkeit hoͤchſt wichtigen Punkt mir Gewißheit zu verſchaffen: war ſie denn wirklich ſelbſt die ich ſuchte, oder war ſie es nicht? Und wenn ich auch wirklich den Fall ſetze, daß es eine andere geweſen ſey, ſo war doch meine Neubegier auf das Hoͤchſte geſpannt, das weibliche Weſen zu ſehen, das Gewalt genug hatte, um einen ſo großen Theil der Zeit des ſonſt ſo durchaus ungeſelligen einſamen Sir Harry Launs⸗ dale ſich aneignen zu duͤrfen; denn ich empfand fuͤr den milden wuͤrdigen feinge⸗ bildeten Baronet die innigſte Hochachtung. Auch hatte ich mehrere Schritte gethan, um ſeine nähere Bekanntſchaft zu erhalten, ſie wurden aber immer ſehr fein und hoflich „ 10* ₰ — 148— zuruckgewieſen; und obgleich er es ſich dann und wann gefallen ließ, an der Tafel, in dem mit Eichenholz getäfelten großen Eß⸗ zimmer linker Hand, als Gaſt zu erſchei⸗ nen, ſo war es doch ſichtlich mehr, um allen Bemerkungen und Beurtheilungen, die man dem Auffallenden zuzuwenden pflegt, zu entgehen, als um des Vergnuͤ⸗ gens willen, das ihm die Geſellſchaft hatte gewaͤhren moͤgen. Mein Betragen war am folgenden Morgen ſo wunderlich, daß ich wirklich glaube, meiner armen Mutter ward um meinen Verſtand bange. Zweimal leerte ich meine Chokoladen⸗Taſſe in der Zucker⸗ Doſe aus, und einmal goß ich den ganzen Inhalt des Rahmtopfes in die Thekanne. „Was iſt es denn mit Dir?“ rief ſie aus.„Veronica!“ antworte ich. Dann ſtand ich auf und trat an das — 149— Fenſter. Ich trug einen Diamantring, den mir Benjamin gegeben. Mit dieſem fing ich an in das Glas einzuſchneiden.— „Du wirſt die Spiegelſcheibe verderben, Eduard“, ſagte ganz hoffnungslos meine Mutter. „Kommt, kommt und ſeht her! das iſt ſie!“ rief ich, denn es war mir gelun⸗ gen, einige mißgeſchaffene Linien zu ziehen, welche die Einbildungskraft zwar in einen Kopf, Nacken und Schultern verwandeln, aber doch mit aller moglichſt angeſtrengten Kraft nun und nimmermehr zur Aehnlich⸗ keit eines ſchoͤnen Mädchens. konnte. Meine arme Mutter begann jetzt im Ernſte zu furchten, daß es ſehr ſchlecht mit mir ſtehe. Sie ſetzte ihre Thetaſſe nieder und fing an, gewaltig auf Annabella, Benjamin und die Grauſamkeit dieſer Beiden zu ſchelten; auf Annabella, weil ſie meine Liebe nicht erwiedert, auf Ben⸗ jamin, weil er meine Liebe mir entfuͤhrt hatte. Dann gab ſie ein genaues Verzeich⸗ niß aller der ungluͤcklichen Leute aus ihrer Bekanntſchaft zum Beſten, welche der Kum⸗ mer hoffnungsloſer Liebe erſt verwirrt, dann wahnſinnig gemacht. Sie verſuchte es auch mich zu beſchwichtigen, und ver⸗ ſicherte mich, daß ich in der großen Welt eine Menge tauſendmal ſchoͤnere und millio⸗ nenmal vollkommenere Maͤdchen als An⸗ nabella finden wuͤrde, die alle ſich ſehr gluͤcklich und geehrt ſchaͤtzen wuͤrden, wenn ſie die Frauen des Herrn Eduard Ma⸗ lone werden koͤnnten.— Ich ſeufzte. Dieſer Seufzer war faſt zu viel fur meine Mutter; ihre Rede nahm eine noch kraͤftigere Wendung. Sie verſicherte mich, es ſey die hochſte Thorheit von einem jun⸗ — 151— gen Manne wie ich, mit ſolchen Ausſichten, mit ſolch einem Aeußeren, als ich beſaͤße, wenn er in Hoffnungsloſigkeit ſich aufrei⸗ ben wolle, und mit Shakespeare zu reden, gruͤne und gelbe Melancholie, gleich einem Wurme in der Knospe, an der Bluthe ſei⸗ ner Wangen zehren laſſe. „Ich wollte, liebe Mutter, Sie koͤnn⸗ ten mir ſagen“, ſprach ich, als ſie geendigt hatte,„in welchem Alter Sie glauben, daß unſer Geſchlecht einem Maͤdchen von etwa ſiebenzehn bis dreiundzwanzig Jahren am gefaͤhrlichſten ſey?“ „Ich bin ſo froh, daß Du wieder etwas ruhiger biſt! Du kannſt Dir gar nicht denken, wie Du mich beunruhigt und betruͤbt haſt! Ich bin uͤberzeugt, daß Sir Harry der armen Miſtriß Nugent nie halb ſo viel Sorge gemacht hat.“ „Veronica!“ ſeufzte ich, denn das — 15— Erwaͤhnen des Sir Harry rief ſie ganz natuͤrlich meinem Gedaͤchtniſſe noch lebhaf⸗ ter zuruͤck.„Ich wuͤnſchte, Mutter, daß Sie meine Frage beantworteten.“ „Nun, nun, Du warſt doch ſonſt nicht ſo ungeduldig! Dafuͤr kann ich auch Benjamin und Annabellen danken. Nun denn, was Deine Frage betrifft, ſo denke ich vom vierundzwanzigſten Jahre bis zum achtundzwanzigſten, iſt wohl das Al⸗ ter, das ein Madchen, in den Jahren, wie Du meinſt, am wahrſcheinlichſten vorziehen wuͤrde.“ „Sie wuͤrde alſo keinen Mann von dreißig Jahren wollen?, „Ja, vielleicht, wenn er ganz uͤber⸗ wiegende Vorzuge haͤtte; aber wenn einer von fuͤnfundzwanzig Jahren ſich ih zu gleicher Zeit anboͤte, der in jedem andern Betrachte jenem vollkommen gleichſtaͤnde, — 153— ſo wuͤrde ſie ohne allen Zweifel dieſen vor⸗ ziehen.“ „Und ein Mann von vierzig duͤrfte ſich alſo gar keine Hoffnung machen?“ „Nicht die geringſte.“ „Dm!— fuͤr wie alt halten Sie denn Sir Harry Launsdale?“ fragte ich. „Sechsundvierzig, glaube ich.“ Veronica! dachte ich— verließ mit Pfeilesſchnelle das Zimmer, und rannte ſpornſtreichs zur Lady Almeria. Als ich dort war, und ihr und ihrer Tante meinen Morgengruß gebracht hatte, ſah ich mich um und noch einmal ringsum, als wenn ich noch jemanden zu ſehen er⸗ warte; da aber niemand erſchien, ſetzte ich mich, nahm ein Zeitungsblatt, und fing an:„Ich liebte nur Jsmenen, zu pfei⸗ fen, aber mit ſo trefflicher Aufmerkſamkeit auf Takt, Melodie und Ausdruck, daß ich — 154— glaube, ich haͤtte jedes alte Weib, das dieſes Lied in den letzten fuͤnfzig Jahren gehort, dreiſt herausfordern moͤgen, es wie⸗ der zu erkennen, oder vollends eine An⸗ wendung auf mich darin aufzuſpuͤren. „Dieſen Morgen iſt jemand abweſend“, ſprach Miſtriß Wharton, und ich armer Narr fing das unſelige Wort auf, und fiel ſogleich in die Melodie des alten Liedes: „Sie fliehet fort, es iſt um mich geſchehn.“ Lady Almeria lachte laut auf, viel⸗ leicht um ihren Verſtand, vielleicht um ihre Zaͤhne zu zeigen, die ſehr ſchon waren, was ich aber in dem Augenblicke nicht ge⸗ ſehen haben wurde, wenn ich es nicht ſchon vorher gewußt haͤtte. Dann verwickelte ſie mich in einen lebhaften Streit uͤber irgend einen Gegenſtand, ich erinnere mig nicht mehr uͤber was fuͤr einen, und es liegt auch eben nichts daran. Miſtriß Whar⸗ — 155— ton verließ uns bald darauf, um einige Viſiten anzunehmen, die Lady Almeria und ich einſtimmig fuͤr langweiliges Volk erklaͤrten, weshalb wir ſie denn auch kluͤg⸗ lich vermieden. Kaum war die Tante fort, als mir einfiel, daß ich vielleicht niemals wieder eine ſo gute Gelegenheit finden wuͤrde, um von Lady Almeria einige Nachrichten uͤber Veroniea einzuziehen. Aber ungluͤcklicher Weiſe war ich heute unter dem Einfluſſe irgend eines boͤſen Zaubers, denn um aller Welt willen waͤre es mir nicht moͤglich ge⸗ weſen, ihren Namen heraus zu bringen. Ich kuͤndigte meine Frage mit den Worten an:„Lady Almeria, ich habe Ihnen etwas zu ſagen—“, und konnte nicht weiter, weil ich fuͤhlte, daß ich in Gefahr war, mich lächerlich zu machen. Sie verſicherte mich, daß ſie ganz Auf⸗ — 156— merkſamkeit ſey, und ich ward noch viel verlegener. Ich muß durchaus von einem boſen Damon beſeſſen ſeyn! dachte ich, und verſuchte, meine mauvaise honte, wie die Mutter es nannte, abzuſtreifen, aber ſie haftete zu feſt an mir, und ward mit je⸗ dem Augenblicke gewaltiger. Vergebens harrte Lady Almeria einer naͤheren Er⸗ klaͤrung. Da ich fuͤhlte, daß mir wenig⸗ ſtens fuͤr heute keine Ausſicht blieb, mich beſſer zu meiner eigenen Zufriedenheit aus⸗ ſprechen zu konnen, ſo gab ich plotzlich eine vergeſſene Beſtellung vor und entfernte mich. Ich hatte keine Luſt, gleich nach Hauſe zuruck zu kehren, und ging alſo querfeldein und hinuͤber nach Haks, um bei der ver⸗ witweten Lady Bertram einen Beſuch abzuſtatten. Veronica, Veronica, wie⸗ derholte ich bei mir ſelbſt unaufhoͤrlich, und verſuchte mich dabei, glaube ich, in — 157— Moll und Dur und jeder Stufe der Ton⸗ leiter. Ich ſah ſie mit den Augen meines Geiſtes neben dem alten Sir Harry in der Laube ſitzen, und uͤberlegte immer aufs Neue, was das wohl für eine Art von Freundſchaft ſeyn moͤge, die zwiſchen dieſen Beiden beſtehe. Man ſagte, Sir Harry haſſe eigent⸗ lich die Geſellſchaft der Frauen; es war mir bekannt, daß man ihm dieſe Sonder⸗ barkeit zuſchrieb. Natuͤrlich machte mich das neugierig, die Dame zu ſehen, der er einen ſo großen Theil ſeiner Zeit widmete, denn, wie geſagt, ich ſtellte den Baronet ſehr hoch, und das mit Recht. Ich war alſo im Voraus ſchon bereit, mich fuͤr dieſe Veronica lebhaft zu intereſſiren; ſogar wenn es am Ende ſich faͤnde, daß ſie nicht der Stern aus meiner Huͤtte waͤre, und dieſes um ſo mehr, da ſo viel Geheimniß⸗ — 158— volles bei ihrer Erſcheinung vorwaltete, daß Lady Almeria es nicht einmal wa⸗ gen mochte, ihren eigentlichen Namen mir zu nennen. Der Anblick ihrer maleriſchen und eleganten Geſtalt in der Laube, ver⸗ bunden mit den von mir in der Erinnerung ſo treu aufbewahrten Zuͤgen meiner Unbe⸗ kannten, diente nicht dazu, dieſen Eindruck zu ſchwaͤchen. Beide vereint, bildeten ein Weſen, das in ſich alles das im hoͤchſten Grade vereinte, was Frauen liebenswerth, gefaͤhrlich, blendend, gewinnend und unwi⸗ derſtehlich hinreißend macht; ein Geſchoͤpf, das von der zarten Schoͤnheit Annabel⸗ lens, und dem majeſtaͤtiſchen Stolze Lady Almeria's gleichfern blieb, bei weitem nicht ſo ſchoͤn, als eine von Beiden, aber tauſendmal verfuͤhreriſcher war. Wer ein⸗ mal die Idee deſſelben in ſich aufgenommen hatte, war ſicher, ſie nie wieder aus dem —,— —,— — 159— Sinne zu verlieren. Aber ich eile der Be⸗ ſchreibung dieſes holden Weſens zu fruͤh zu, und will mich lieber wieder auf mei⸗ nen Weg zu Lady Bertram begeben. Seit dem Ereigniſſe mit Benjamin hatte Mylady ſich immer hoͤflich fremd ge⸗ gen mich betragen, ſeit meiner naͤheren Be⸗ kanntſchaft mit Lady Almeria dieſe Ent⸗ fremdung bedeutend zugenommen; demun⸗ geachtet hatte unſer Umgang nicht aufge⸗ hoͤrt; denn wegen der doppelten, nun oͤf⸗ fentlich bekannten Verbindung unſerer Fa⸗ milien, haͤtte ein ſolcher Bruch zu mancher verdrießlichen Nachrede Anlaß geben konnen. Lady Bertram zeigte heute in ihren Bemerkungen uͤber meinen vertrauten Um⸗ gang mit der blendenden maͤnnlichen Jaͤge⸗ rin eine ungewoͤhnliche Haͤrte und Strenge. Ich ſehnte mich darnach, ſie zu fragen: ob ſie nicht von Veronica etwas wiſſe? war — 160— aber lange nicht im Stande, dem Geſpraͤch eine dahin zielende Wendung zu geben, bis ich endlich, als Entſchuldigung des Betra⸗ gens, das ſie zu tadeln beliebte, die haufi⸗ gen Beſuche des Sir Harry Launsdale bei der Lady Almeria anfuͤhrte. Hierin widerſprach die Dame mir geradezu. „Ein Mann von ſo vielem Geſchmack, von ſolcher feinen Bildung, mit ſolchen Eigenſchaften, als Sir Harry, kann eine ſolche Zuſammenſetzung von Mangel an Grundſaͤtzen, amazonenartiger Frechheit und maͤnnlicher Dreiſtigkeit, durch die Lady Al⸗ meria ſich ſelbſt herabſetzt, unmoͤglich er⸗ tragen. Wie Sie auch immer daruͤber denken moͤgen, Herr Eduard Malone⸗ ſo darf doch ſogar die Tochter eines Gra⸗ fen es nicht ungeſtraft wagen, die Grenzen ihres Geſchlechtes zu uͤberſchreiten, und Sie konnen ſich auf meine genaue Kenntniß von ——— ——————————— Sir Harry Launsdale's Charakter ver⸗ laſſen, wenn ich Ihnen ſage, daß er nicht der Mann dazu iſt, ſo etwas dulden zu koͤnnen. Seine Beſuche gelten einem jun⸗ gen Maͤdchen, das in Lady Almeria's Hauſe lebt, obgleich es unrichtig waͤre, zu ſagen, daß ſie mit ihr ſelbſt lebe. Ich ver⸗ muthe, daß Sie dieſe Veronica, wie man ſie nennt, nie geſehen haben. Lady Almeria iſt viel zu politiſch ſchlau, um ſich ſelbſt der Gefahr eines ihr ſo unvor⸗ theilhaften Contraſtes auszuſtellen.“ Hier beliebte es der Lady, aufzuhoͤren, nachdem ſie meine Wißbegier nur vermehrt hatte, ohne dieſelbe auf irgend eine Weiſe zu befriedigen. Ich aber durfte uber die⸗ ſen Gegenſtand nicht weiter mit Fragen in ſie dringen, indem ich nicht ablaͤugnen mochte, daß ich Veronica geſehen, und es doch auch wieder nicht eingeſtehen konnte, Leben und Sitte in England. M. 11 ohne zugleich die Art bekannt zu machen, wie es geſchehen war. Zu dieſem hatte ich indeſſen keine Luſt, und ſo blieb mir nichts uͤbrig, als eben ſo unbefriedigt wieder nach Hauſe zu gehen, wie ich gekommen war. Meine Mutter empfing mich bei mei⸗ ner Ruckkehr mit einem Geſichte, auf wel⸗ chem Furcht und Sorge ſo ſtark und doch auch wieder auf eine ſo komiſche Weiſe ausgedruͤckt waren, daß ich dem Drange, laut aufzulachen, nicht widerſtehen konnte. Dieſes Lachen beruhigte ſie aber keineswegs. Als ich, fertig gekleidet, um bei der Mit⸗ tagstafel zu erſcheinen, hinunter kam, be⸗ merkte ich, daß ſie meinen Anzug mit einer Genauigkeit muſterte, die mir anzudeuten ſchien, daß ſie aus der Anordnung deſſel⸗ ben erſehen wolle, ob ich recht bei Sinnen ſey oder nicht? Aus der Zufriedenheit, welche dieſer genauen Unterſuchung folgte, — 163— durfte ich indeſſen ſchließen, daß ſie alles in gehoͤriger Ordnung gefunden habe, und ihre Beſorgniſſe wegen meiner Geiſtesver⸗ wirrung dadurch fuͤr den Moment wenig⸗ ſtens vollig gehoben waren.* Mein Kopf war noch immer von Ve⸗ ronica erfullt; tauſend Plaͤne, wie ich ſie ſehen, ſie ſprechen wollte, ſtiegen in mir auf und zerfielen bei naͤherer Betrachtung, als unausfuͤhrbar, in ſich ſelbſt. Endlich kam mir mit einemmal ein ganz trefflicher Einfall, und ich beſchloß, mich ſogleich an deſſen Ausfuͤhrung zu wagen. Ich ging zur Lady Almeria, zum Erſtenmale ſeitdem ich ſie ſo plotzlich ver⸗ laſſen, woruͤber beinahe eine Woche ver⸗ gangen war. Sie nahm ſichtlich errdthend und mit einem gewiſſen ſiegenden Lächeln mich an, das meine Verlegenheit vermehrte. Da ich mir der Urſache meines Be⸗ 44 5 — 164— ſuches bei ihr ſehr wohl bewußt war, ſo regte ſich die Beſorgniß in mir, auch ſie konnte dieſelbe durchſchaut haben und gegen mich zu handeln entſchloſſen ſeyn. Doch ſie wußte öurch eine Anſpielung auf die ſichtliche Verwirrung, in der ich ſie letzthin verlaſſen, meiner jetzigen Befangenheit ſehr bald ein Ende zu machen. Ich entſchuldigte mich obenhin mit einem nervoͤſen Anfall von Uebelbefinden, oder etwas der Art; was es eigentlich war, weiß ich nicht mehr. Wahrend unſeres ganzen Beiſammen⸗ ſeyns bezeigte Almeria mir eine Art Theil⸗ nahme, die gewiß ziemlich nahe an ein of⸗ fenbares Geſtändniß grenzte; ich bin ſogar uberzeugt, daß ein eitlerer Menſch als ich manche ihrer Ausdruͤcke als eine ſolche ſich ausgelegt haben koͤnnte. Ich hingegen hoͤrte das alles, und antwortete darauf mit der vollkommenſten Gleichguͤltigkeit, und dachte 4 nur an die Ausfuͤhrung meines Vorhabens. Demzufolge empfahl ich mich ihr gerade zur nämlichen Zeit, in der ich ſie an jenem Abende verließ, an welchem ich Veronica und Sir Harry in der Laube angetrof⸗ fen hatte. Ich ging ſogleich auf einem, dem da⸗ mals gewaͤhlten Gange entgegengeſetzten Wege, durch die Anlagen hin, ſo daß ſtatt durch die Zweige der Laube hindurch ſchie⸗ len zu muͤſſen, ich muthiger Weiſe gerade auf den Eingang derſelben losſchritt. um dieſen kuͤhnen Muth nicht zu verlieren, wenn ich ſie, die ich ſuchte, etwa von ferne ge⸗ wahr wuͤrde, ſo ließ ich meine Blicke ganz entſchloſſen an den Wolken haften, bis ich dicht vor der Laube ſtand. Sie war leer. Wie getaͤuſcht! wie empoͤrt fuͤhlte ich mich! Das ganze wohlerſonnene Mandvre ſo geſchickt und gluͤcklich durchgefuͤhrt zu — 166— haben, und nun alle meine Hoffnungen ſo traurig vernichtet zu ſehen, gerade als ich ins Schwarze getroffen zu haben glaubte! Die Unfalle eines blinden Ungefaͤhrs, dachte ich, und die Thorheit alles menſchlichen Strebens! Aus Mangel einer beſſern Be⸗ ſchaͤftigung nahm ich jetzt, als ein aͤchter Coridan, mein Taſchenmeſſer hervor, und fing an, den Namen Veronica in die Ruͤckwand des Sommerhaͤuschens einzu⸗ ſchneiden. Ich hatte gerade das V mit großer Sorgfalt vollendet, und es mit eini⸗ gen Schnorkeln, die ihm zur Verzierung dienen ſollten, geſchmuͤckt, als mich ein leiſes Huſten unterbrach, dem ich ſogleich abmerkte, daß es von Niemanden anders herruͤhren konne, als von Veronica ſelbſt. und ſo war es denn auch wirklich! Ja, es war Veronica, es war die Eine, nie Vergeſſene, es war alles, was auf der — — 167— Welt mich zu intereſſiren, zu feſſeln, hin⸗ zureißen vermochte, in einem einzigen We⸗ ſen vereint, es war Veronica! Sogar jetzt, da ich den Namen ſchreibe, ſchlaͤgt mir das Herz nicht minder heftig und wild, als im Momente, da ich ſie wieder erkannte. Welch ein Zauber der Erinnerung liegt in dieſer Zuſammenſtel⸗ lung der Buchſtaben, daß ſie ſo maͤchtig auf meine Einbildungskraft und auf mein Herz wirken! Eine gluͤhende Roͤthe uͤberflog das Ge⸗ ſicht, dem der Himmel ſelbſt ſein Gepraͤge aufgedruͤckt hatte, das Gepraͤge eines ſelte⸗ nen Geiſtes, eines reinen Gemuͤths, das nichts je zu verloͤſchen vermag, das den Untergang der Jugend uͤberlebt, uͤber die Blaͤſſe der Krankheit, uͤber die Schrecken des Todes ſelbſt ſiegt. Wir begegneten einander, wie vollig — 468— Unbekannte einander begegnen. Ich weiß nicht wie es zuging, daß ich nicht im Stande war, ihr mit der Traulichkeit ent⸗ gegen zu kommen, zu der meine fruͤhere Bekanntſchaft mit ihr mich hätte einiger⸗ maßen berechtigen koͤnnen. Sie lehnte ſich auf Sir Harry's Arm, und ich muß geſtehen, nachdem das erſte Aufgluͤhen des Gefuͤhls vielleicht verflogen war, ſchien ſie mir nicht mehr ſa anziehend als fruͤher, denn ſie hatte gar keine Farbe, und ſah, um reizend zu erſcheinen, allzu truͤbe aus. Ich war ſogleich aufgeſtanden und hatte mich verbeugt, indem ich mir innerlich zu meinem fruͤhern Mißlingen ſelbſt gratulirte, da auf dieſe Weiſe ein großer Theil des Unbequemen eines erſten Begegnens fuͤr mich wegfiel. Sir Harry ſchien erfreut, mich hier zu treffen; er ſchuttelte mir die Hand mit groͤßerer Herzlichkeit als je zuvor —————— — 60— und praͤſentirte mich ſeiner Gefaͤhrtin fol⸗ gendermaßen: „Herr Eduard Malone, es macht mir viele Freude, Sie meiner liebenswuͤr⸗ digen jungen Freundin Veronica vorzu⸗ ſtellen.“ Auf die Art gelang es ihm, mich ein⸗ zufuͤhren, ohne den Namen der Dame zu nennen. Ihre fremdhoͤfliche Verbeugung gab mir kein Recht, auf unſere ehemalige Be⸗ kanntſchaft anzuſpielen, und ſo betrug ich mich denn fortwaͤhrend als ein ihr vollkom⸗ men Fremder. Mit dem geheimnißvollen Weſen, das ſie umgab, wuchs aber auch meine Neugierde, und ich beſchloß, zu ver⸗ ſuchen, mir auf jede Weiſe Aufklaͤrung deſſen zu verſchaffen, was in dieſem Augen⸗ blicke ſo hoͤchlich mich beſchaͤftigte und zu⸗ gleich verlegen machte. Durch dieſen Ent⸗ — 170— ſchluß gekraͤftigt, ſprach ich nun mit einem Feuer und mit einer Beredtſamkeit, die mir ſonſt, Fremden gegenuber, durchaus nicht eigen iſt. In Veronica's Benehmen lag eine Leichtigkeit, die eben ſo fern von der uͤbermuͤthigen Sicherheit Lady Alme⸗ ria's, als von dem furchtſam zuruͤckhal⸗ tenden Weſen Annabella's blieb. Alle Männer mußten, meiner Meinung nach, ſich durch dieſelbe weit leichter feſſeln laſ⸗ ſen, als durch die Art jener Beiden. Ve⸗ ronica ſchien ſich ſelbſt immer in der Ge⸗ walt zu haben, und ohne anſpruchsvoll zu erſcheinen, ſich dennoch nie untergeordnet zu fuͤhlen. Sie war nicht pedantiſch, und dennoch auch nie alltäglich. Ihre ganze Haltung war von der aller Frauen, die ich bisher gekannt, beſtimmt verſchieden. Es lag mehr als Eleganz in derſelben, ein fei⸗ ner, nur ihr eigner Takt zeigte ſich in ol⸗ — 171— lem an ihr. Sie war nicht mehr, was ſie in Allans Huͤtte geweſen, ſie ſtand jetzt auf einer hoͤhern Stufe, ſie war von Gegenſtänden umringt, die beſſer zu ihr zu paſſen ſchienen, als jene ſchlichte Ein⸗ fachheit, in der ich ſonſt ſie geſehen hatte. Kaum hatte ich eine halbe Stunde mit ihr im Geſpraͤche zugebracht, als ich mir ſchon ſelbſt immerfort innerlich ſagen mußte: Andere ſind ſchoͤn, doch du, Ve⸗ ronica, biſt die Schoͤnheit ſelbſt! Sir Harry ſchien mich mit beſonderem Wohl⸗ gefallen zu betrachten, und als ich aufſtand um zu gehen, ſagte er mir: daß Vero⸗ nica, obgleich ſie nicht fuglich einen Be⸗ ſuch von mir annehmen koͤnne, mich den⸗ noch keineswegs meiden wuͤrde, und daß ſie alle Abende mit ihm um dieſelbe Stunde nach der Laube gehe. Ich verbeugte mich und erklaͤrte, wie — 172— gern ich von der in dieſer Nochricht liegen⸗ den Erlaubniß Gebrauch machen wuͤrde. Mit einem durchaus nur von ihr er⸗ fullten Gemuͤthe kehrte ich heim; meine Stimmung war indeſſen eher ruhig als be⸗ wegt, und ſo wurde diesmal wenigſtens meine Mutter durch ſie nicht in Sorge ge⸗ ſetzt. Nur an Veronica konnte ich den⸗ ken, Lady Almeria's Exiſtenz, und, laßt mich's bekennen, ſogar Annabella, meine erſte Liebe, waren ganzlich vergeſſen. Ich geſtehe, daß gerade das Geheimnißvolle, das vielleicht die ſtrengere Bernunft abge⸗ ſchreckt haͤtte, meine Phantaſie anzog. Das Intereſſe, welches Veronica mir ohnedies eingefloßt haben wuͤrde, mußte ohne Zweifel dadurch vermehrt werden, und die Gewalt ihrer Reize erhoͤhte ſich, indem die Einbildungskraft durch ſie mächtig be⸗ ſchaͤftigt wurde. Sie iſt es, ſprach ich un⸗ — 3— aufhoͤrlich zu mir ſelbſt, und welches Ent⸗ zuͤcken vereinte dieſes einzige kleine Wort! Nichts konnte eifriger mir am Herzen lie⸗ gen, als von Sir Harry's halber Ein⸗ ladung Gebrauch zu machen. Hefter und ſorglicher als je ſetzte ich daher meine Beſuche bei Lady Almeria fort, denn das Ende eines jeden derſelben war ja der Anfang meiner Seligkeit, und ich unterwarf mich geduldig den Qualen des Fegfeuers, um zu den Freuden des Paradieſes zu gelangen. Das Lebewohl, das ich ihr ſagte, war nur das Vorſpiel des Willkommens, das ich in Veroni⸗ ca's Augen las, und der freundlichen Be⸗ gruͤßung, die Sir Harry mir gewährte. Da Lady Almeria meine augenſcheinliche Raſtloſigkeit und Befangenheit dem richti⸗ gen Bewegungsgrunde derſelben nicht zuzu⸗ ſchreiben im Stande war„ſo mußte ſie na⸗ tuͤrlicher Weiſe ſolche der Wirkung ihrer eigenen Reize und ihrer eigenen Gewalt uͤber mich zuſchreiben. Jede eitle Frau hätte daſſelbe thun koͤnnen, und Lady Al⸗ meria war eitel, ſo eitel, daß ſie dieſe Eitelkeit ſelbſt laut eingeſtand, ohne dieſelbe zu verbergen. Sie glaubte, durch dieſe an⸗ genommene Offenheit dem Tadel und der Verachtung am leichteſten entgehen zu konnen. Ich fuͤhlte mich dabei freilich in einer ſehr unbehuͤlflichen und unbequemen Stel⸗ lung, denn es blieb mir noch immer genug von meiner ehemaligen Albernheit, daß ich an dem Spielen mit der Leichtglaͤubigkeit eines Weibes keine Freude zu finden wußte, und auch auf eine Neigung mir nichts ein⸗ bilden konnte, die ich nicht im Stande war zu erwiedern. Vor allem aber verletzte mich die Nothwendigkeit, in der ich mich befand, die ehemalige Vertraulichkeit mit derjenigen, —————— — ————— — die mir einen fuͤr ſie ſo ſchmerzlichen Vor⸗ zug gab, zu Zuſammenkuͤnften mit der Ein⸗ zigen benutzen zu muͤſſen, deren Liebe das Siel meiner Wuͤnſche und meines Stre⸗ bens war. Ja, ich liebte. Zum zweitenmale um⸗ ſchlangen die goldenen Feſſeln mich! Und wie weiſe, wie wohlbedacht mußte dieſe neue Wahl vor den Augen der Welt nicht erſcheinen! Ich liebte ein Mädchen, deren Name, Stand und Rang mir gaͤnzlich un⸗ bekannt geblieben warz ich liebte ſie nur, weil ſie mir vernuͤnftiger, liebenswuͤrdiger, gebildeter, vorzuͤglicher ſchien als alle We⸗ ſen, denen ich je in meinem Leben begeg⸗ net war. Darin lag denn doch in der That nach dem allgemeinen Urtheile weder Sinn noch Verſtand! Ich fuhr fort, Lady Almeria zu be⸗ ſuchen und Veronica mit Sir Harry — 176— zu begegnen, bis meine Liebe eine Hohe erreichte, die mein Geneſen von ihr zur unmoglichkeit machte. Ich ſah ſie, die Einzige; denn wenn Du je verliebt gewe⸗ ſen biſt, geneigter Leſer, ſo weißt Du ge⸗ wiß, daß mit einem ſolchen Gefuͤhl man nur Eine in der Welt kennt; ſie alſo, ſie ſah ich wenigſtens dreimal die Woche, und je naͤher ich ſie kennen lernte, jemehr lernte ich ihren Werth, ihr Talent, ihre Tugen⸗ den kennen und wuͤrdigen. Ich kann zwar nicht laͤugnen, daß ich das unvortheilhafte Licht, welches alle dieſe Geheimniſſe auf ſie warfen, wohl bemerkte und empfand, doch fuhlte ich zugleich auch mit Beſtimmtheit, daß dieſe Geheimniſſe ſehr unſchuldig ſeyn mußten, in ſo fern Veronica in dieſelben verwickelt war. Wenn meine Leſer mehr Weltleute als Chriſten ſind, ſo muß freilich die Sicher⸗ —— heit in Verwunderung ſetzen, die mich uͤber dieſen Punkt ſo ruhig bleiben ließ, als hätte ich von allem den klarſten Beweis. Sie muͤſſen ſich wundern, daß man einem Cha⸗ rakter ſo unumſchraͤnkt trauen koͤnne, weil eine geſunde und zur Gewohnheit gewor⸗ dene Froͤmmigkeit ihren Einfluß auf denſel⸗ ben ausuͤbt. Doch laßt es mich offen be⸗ kennen, aͤchte Religioſität— Dank ſey es den Lehren meines wuͤrdigen Freundes, Herrn Arundel— aͤchte Religioſität ſchien mir immer dem, der ſie im Herzen hegt, ein beſonderes Zeichen aufzudruͤcken, ein Siegel auf der Stirne, gleich dem, das die Stämme Jsraels bezeichnete. An dem, der dieſes Siegel nicht traͤgt, gehe ich als an einem Trugbilde voruͤber. Ich hatte Lady Almeria immer ſehr unterhaltend gefunden, ſie ſchien mir Eigen⸗ ſchaften zu beſitzen, die alle ihre Fehler und Leben und Sitte in England. I. 12 — 178— Sonderbarkeiten in tiefe mildernde Schat⸗ ten zuruͤckdraͤngten. Ich machte aber end⸗ lich eine Entdeckung, die mich in das hochſte Erſtaunen ſetzte, mich zugleich auf das tiefſte und ſo verletzte, daß ich die Dame nie wieder geſehen haben wuͤrde, waͤre es nur eine Moglichkeit geweſen, mich meiner geliebten Veronica auf einem andern Wege zu naͤhern. Ich ſprach zufälliger Weiſe eines Sonn⸗ tags Morgens auf dem Wege zur Kirche unſeres Landſtädtchens, in welcher ein ſehr beruͤhmter Theolog an dieſem Tage predi⸗ gen ſollte, bei ihr ein. Ich fand Lady Almeria im tiefſten Regligee, was mich ſchon einigermaßen in Erſtaunen ſetzte; ich kam, um mir eine Taſchen⸗Bibel von ihr zu leihen, die ich gern in der Kirche mit mir fuͤhrte, um mit ihrer Beihuͤlfe die Ab⸗ theilungen der Predigt beſſer merken zu — 179— koͤnnen. Da in unſerem Stuhle in der Kirche, die wir gewoͤhnlich beſuchten, im⸗ mer eine lag, ſo hatte ich vergeſſen, eine mitzunehmen, und bemerkte dieſes Verſehen erſt, als ich dem Hauſe der Lady Almeria ganz nahe war. Ich machte alſo den klei⸗ nen Umweg zu ihr, um mir die Bibel zu borgen, die lange Gewohnheit mir faſt un⸗ entbehrlich gemacht hatte, und dachte dabei keinen Augenblick an die Moglichkeit, ihr dadurch laͤcherlich werden zu konnen. „Eine Bibel?“ erwiederte Lady Al⸗ meria, als ich dieſes Darlehn von ihr erbat,„eine Bibel? aber um Gotteswillen, was wollen Sie denn mit einer Bibel?“ Der Ausdruck des Erſtaunens, der in dieſem Augenblicke ihre ſonſt ſchoͤnen Zuͤge verzerrte, gab ihrer ganzen Erſcheinung einen Charakter, der mir durchaus grauen⸗ haft erſchien. 12* — 180— Ich ſchuttelte die Hand ab, die ſie im Eifer der Verwunderung auf meinen Arm gelegt hatte, und zwar mit einem Gefuͤhl von Abſcheu, welches meine neuerworbene Hoflichkeit nicht zu bemeiſtern vermochte. „Ich gehe in die Kirche“, ſagte ich ruhig und kalt. „In die Kirche? und ſo haben Sie denn den Aberglauben und die Vorurtheile ihrer Kinderſtube bis in Ihr jetziges Alter ſich aufbewahrt?“ „Gehen Sie denn nie hinein?“ fragte ich kaͤlter. „Ich, nein! wahrhaftig nicht. Nie werde ich meinen Einfluß dazu hergeben, der Unwiſſenheit und der Leichtglaͤubigkeit ſolche druckende Feſſeln uberzuwerfen.“ Ich kann es unmoglich verſuchen wol⸗ len, die ganze Rede der Lady Almeria zu wiederholen, denn ich bin uͤberzeugt — 181— daß ich unfaͤhig bin, ihr in einer nieder⸗ geſchriebenen Wiederholung volle Gerechtig⸗ keit widerfahren zu laſſen, indem ich doch dabei alle die Verzierungen weglaſſen muͤßte, die ſie mit Blicken, Achſelzucken, Staunen, Ausrufungen und aller Affectationen des heftigſten Gebaͤrdenſpiels hinzufuͤgte. Sie ſprach es aus, daß die Menſchheit lange genug unter den Ketten einer Tyrannei ge⸗ ſchmachtet haͤtte, die im Grunde das Werk⸗ zeug politiſcher Intrique und moͤnchiſcher Verſtellungskuͤnſte ſey. Daß man dieſer ſogenannten Heiligkeit den ungerechten Un⸗ terſchied der geſelligen Verhaͤltniſſe zu dan⸗ ken habe, in denen jetzt fuͤnfzig arme Men⸗ ſchen dazu dienen muͤſſen, die erkuͤnſtelten Beduͤrfniſſe eines einzelnen Reichen zu be⸗ friedigen, während niemand daran daͤchte, ihrer wirklichen und natuͤrlichen Noth ab⸗ zuhelfen. Sie ſetzte hinzu, daß ſie fur ihr — 182— Theil ſchon im Voraus einer Zeit entgegen⸗ lebe, in der eine vernuͤnftige und gerechte Gleichheit alle Menſchen auf gleichen Fuß ſtellen, und vollkommene Gluͤckſeligkeit Al⸗ ler und Jeder einfuͤhren wuͤrde. Sie ſchloß indeſſen mit der Verſicherung, daß ſie kei⸗ nem Menſchen das Recht abſpreche, fuͤr ſich ſelbſt zu entſcheiden, und daß ihr Ge⸗ fuhl fuͤr mich, meiner Vorurtheile wegen, keine Aenderung zu erleiden haben koͤnne; obgleich ſie mir nicht laͤugnen wolle, daß ſie mich nie einer ſolchen Schwaͤche fuͤr faͤ⸗ hig gehalten habe, und von Herzen hoffe, ſich einſt noch meiner Bekehrung zu freuen. Meiner Bekehrung von den Hoffnun⸗ gen und Verheißungen des Chriſtenthums zu den Zweifeln und Schreckniſſen des Un⸗ glaubens! Mit gleicher Wahrſcheinlichkeit des Erfolgs hätte ſie es verſuchen koͤnnen, einen Menſchen, der gewohnt wäre, der — 183— praͤchtigen Sonne der tropiſchen Länder ſich zu erfreuen, zu bewegen, ſich in das tiefſte Dunkel einer Cimmeriſchen Hoͤhle zu be⸗ graben. Und konnte ſie wirklich daran denken, mich auf dieſe Weiſe zur Liebe zwingen zu wollen? Konnte ſie daran zweifeln, daß ſie ſelbſt durch ihr freches Bekenntniß in meiner Achtung zu einer Tiefe herabſinken muͤſſe, von der wieder emporzuklimmen ihr nie gelingen koͤnne, da es mir nicht nur ihre irregeleiteten Grund⸗ ſaͤtze, ſondern auch das feige Verhehlen der⸗ ſelben, und das Heucheln ganz entgegenge⸗ ſetzter Anſichten offenbarte. Denn bis zu dieſem Tage hatte ich ſie fuͤr eine eben ſo bigotte Ariſtokratin gehalten als den ſchmieg⸗ ſamen Vaurien ſelbſt. Alle ihre Hand⸗ lungen waren alſo Luͤge geweſen— und nach meiner Anſicht iſt es beſſer und ehren⸗ voller, die ſchlechteſten Grundſaͤtze einzuge⸗ — 184— ſtehen, wenn man ſie wirklich hat, als an⸗ dere an den Tag zu legen, die man im Grunde des Herzens verdammt. Getaͤuſchtes, irre geleitetes Geſchoͤpf! War es denn moͤglich, war es wirklich Lady Almeria Dartford, die in mir eine zornige Empoͤrung aufregte, von der ich nie geglaubt hatte, daß es mir moglich ſeyn koͤnne, ſie gegen eine ihres Geſchlech⸗ tes zu empfinden? Ich nahm ſo ſchnell als moͤglich Abſchied von ihr, und fing nun an, mich uͤber mich ſelbſt zu wundern, daß ich ihre Verworfenheit nicht fruher entdeckt hatte. Wahrlich! und hatte ich die großte Leidenſchaft fuͤr ſie gehegt, der Augenblick dieſer Entdeckung waͤre der letzte meiner Liebe geweſen! In einem Manne iſt Atheis⸗ mus entſetzlich, aber in einem Frauenher⸗ zen iſt der Unglaube alles, was verderbt, unbegreiflich und unnatuͤrlich genannt wer⸗ — 185— den kann. Sobald ein weibliches Weſen die Furcht Gottes von ſich zu werfen ver⸗ mag, ſo halte ich ſie auch fur fähig, die heiligſten Geſetze der Moral und der Tu⸗ gend zu brechen, und die wichtigſten Pflich⸗ ten gegen Andere in den Staub zu treten. Ich wuͤrde eben ſo gern mein Herz dem Dolche eines bezahlten Moͤrders oder mein Eigenthum der Ehre eines Räubers Preis als auf irgend eine Weiſe mein Vertrauen, mein Gluͤck und meine Ehre in ihre Hände geben. Ich verließ Lady Almeria ſogleich, aber es wurde mir ſchwer, mein Gemuͤth einigermaßen wieder zu beſchwichtigen, ehe ich das Gotteshaus betrat. Selbſt dort, an heiliger Staͤtte, draͤngte der Gedanke an Lady Almeria ſich mir quälend auf, und ſtorte oft meine Andacht, unerachtet der Verſuche mich zu ſammeln. Als die Ge⸗ — 186— bete beinahe bis zu Ende abgeleſen waren, wurde ich Veronica und Sir Harry nicht weit von meinem Platze gewahr. Die Augen der erſteren waren geſenkt und ſie ſchien nur einzig und allein der Gegenwart ihres Gottes ſich bewußt. In dem Augen⸗ blicke kam ſie mir zehntauſendmal ſchoͤner vor als Lady Almeria, und ich konnte nicht aufhoren, das Ruhige, Wuͤrdige ihrer Haltung zu bewundern. Als der Gottesdienſt geendigt war, ge⸗ ſellte ich mich zu ihnen, und fand, zu mei⸗ ner großen Zufriedenheit, daß die herrliche Predigt, die wir gehort hatten, einen mäch⸗ tigen Eindruck in Veronica zuruckgelaſ⸗ ſen habe, die einige Punkte erwähnte, welche ihr nicht vollkommen verſtandlich geſchienen hatten. Sie ſuchte eben ſo wenig ſich in ihren Religions⸗Anſichten Andern aufdrin⸗ gen zu wollen, als in ihrem ganzen Le⸗ — 187— benswandel uberhaupt. Da war keine So⸗ phiſterei, kein Argumentiren uͤber Glaubens⸗ Meinungen, die von unſern erleuchteten Theologen auf den Kanzeln zu dogmati⸗ ſchen Kampfuͤbungen benutzt werden. Nie war ich ſo durchaus uͤberzeugt, als in die⸗ ſem Augenblicke, daß das ſie umgebende Geheimniß keine Schuld Beronica's ver⸗ huͤlle. Ich konnte nicht umhin, ſie als ein Opfer fremden Unrechts und Ungluͤcks zu betrachten. Ich traute mir nicht, Lady Almeria an dieſem Tage wieder zu ſehen, und ſchied von meinen liebenswuͤrdigen Gefährten an der Thuͤre ihres Hauſes. Als h. meine erreichte, fand ich meine Mucar eben von ihrem Beſuche unſerer Kirche heimgekom⸗ men, zu dem ſie an jedem Sonntage mei⸗ nen Vater vergebens zu bereden verſuchte. Er lag ausgeſtreckt und halb ſchlafend auf — 188— einem Sopha, und hielt ein Buch in der Hand, das ich, als ich ſpaͤterhin es anſah⸗ fur eine Abhandlung uͤber Pferde⸗Arznei⸗ kunſt, von Gott weiß wem, erkannte. Die Hälfte dieſes der Ruhe geweihten ſiebenten Tages pflegte mein Vater buch⸗ ſtäblich nach der Verordnung der heiligen Schrift zuzubringen, denn ſelten ſtand er an demſelben vor Mittag ein Uhr auf, und zog ſich meiſtens wieder um acht Uhr Abends zuruͤck, um wie er ſich ausdruͤckte, zu der Jagdluſt des naͤchſten Tages im Voraus Kraͤfte zu ſammeln. Ich hielt es fuͤr meine Pflicht, ihm uͤber dieſe ſeine Lebensweiſe einige Adrrellungen zu machen, fand aber bald, daß“ Löeder meine Reden, noch die Wichtigkeit des Gegenſtandes hinreichend waͤren, ihn der geiſtigen Schlafſucht zu entreißen, zu welcher er hinabgeſunken war. Dagegen darf ich mir einen Theil des — 189— Verdienſtes zumeſſen, zu einer Aenderung in den religiöſen Geſinnungen meiner Mut⸗ ter beigetragen zu haben; ſie ſelbſt geſtand es mir ein, daß ſie ſonſt die Gewohnheit gehabt, die langen Sonntage in erträglicher Langweiligkeit hinzubringen, ſo gut als die⸗ ſes gehen wollte. Da ich ſie einmal dahin vermocht hatte, regelmaͤßig dem Gottes⸗ dienſte beizuwohnen, verzweifelte ich auch nicht daran, allmaͤhlig hohere Anſichten der Religion in ihr zu wecken; denn ſie be⸗ kannte ſelbſt, daß die Erinnerung an die Art, wie ſie nun den heiligen Tag zubringe, ihr eine Zufriedenheit gewaͤhre, die ehemals ihrem Herzen fremd geweſen ſey. Meiner alten Gewohnheit zufolge nahm ich auch dieſesmal einen Band von Blair zur Hand, und fing an, meiner Mutter laut daraus vorzuleſen, ohne auf meinen, auf dem Sopha liegenden Vater Ruͤckſicht — 190— zu nehmen. Es war des Autors herrliche Predigt uͤber den Tod, und meine Mutter horte mit angeſpannter Aufmerkſamkeit mir zu. Kaum aber mochte ich den dritten Theil der Rede geleſen haben, als mein Vater plotzlich aufſprang, ſich hoch und theuer vermaß, daß es Schade um meine adlige Geburt ſey, indem dadurch ein guter Prediger an mir verdorben waͤre, und ſo⸗ gleich das Zimmer verließ. Am nachſten Tage ging ich wieder nicht zur Lady Almeria, ſo ſehr ich mich auch darnach ſehnte, Veroniea zu ſehen; ich konnte den Gedanken nicht ertragen, die ſchoͤne Unglaͤubige wieder zu ſehen. Schoͤnheit und Rang waren in ihrer Hand zu unheilbringenden Waffen der Zerſtorung geworden, die ſie geſchickt zu fuͤhren ver⸗ ſtand, und wahrſcheinlich gegen Viele zu brauchen geſonnen war. Ich konnte den — — 191— Gedanken an ſie nicht ohne Abſcheu und Entſetzen faſſen; ich bin uberzeugt, daß man wegen dieſes inneren Widerwillens mich weder der Bigotterie, noch des Mangels an chriſtlicher Milde beſchuldigen duͤrfe, denn gern waͤre ich jeden Tag, ja jede Stunde des Tages um Almerien geweſen, häaͤtte ich nur hoffen duͤrfen, eine Aenderung in ihr zu bewirken. Aber der Hochmuth und unerbittlicher Eigenſinn ihres Weſens ließen keine Hoffnung dieſer Art in meiner Seele aufkommen. Am folgenden Tage ging ich zu ihr, doch etwas ſpäter als ich ſonſt es pflegte. Sie empfing mich mit feierlichem Ernſt, und ich konnte dieſen nur dahin deuten, daß ich auf dem Ruͤckwege aus der Kirche nicht wieder bei ihr eingeſprochen ſey. Zum Gluͤck ward ſie des Ernſtes bald ſelbſt uͤber⸗ druſſig und wurde ſo unterhaltend, als ſie — 192— faſt immer ſich mir zeigte, ſobald nicht auf die Rechte der Frauen die Rede fiel, und ſie nicht uber die moraliſche und natuͤrliche Nothwendigkeit der Gleichheit aller Stäͤnde, und uͤber die Abſurdität und den Aberglau⸗ ben des Chriſtenthums ſprach. Unerachtet der Annehmlichkeiten ihrer witzigen Unterhaltung verließ ich Lady Al⸗ meria diesmal noch fruͤher als gewoͤhn⸗ lich, und eilte zu der Laube, die ich dem alten Eden verglich, obgleich kein feindlicher Cherub mit dem Flammenſchwerte den Ein⸗ gang zu derſelben mir wehrte. Ich kann es nicht ausſprechen, wie meine Liebe zu Veronica mit jedem Wie⸗ derſehen in mir wuchs. Dieſe Leidenſchaft kennt ja uͤberhaupt keinen Stillſtand, ſie nimmt ewig ab oder zu. Nie verließ ich Veronica, ohne den tiefſten Eindruck ih⸗ rer ſeltenen Liebenswürdigkeit mit mir fort⸗ — 193— zunehmen. Sie beſaß einen weit hinrei⸗ ßenderen Zauber als den bloße Schoͤnheit verleiht; in ihrem Weſen lag etwas ſo Anziehendes und Feſſelndes zugleich, daß mei⸗ ner Ueberzeugung nach kein Mann, deſſen Herz noch unbeſchaͤftigt war, ſich ohne Gefahr ihrer Nähe ausſetzen konnte. Ohne im geringſten nach Eroberungen zu ſtreben, konnte es ihr nie fehlen, die Herzen zu gewinnen. Wir unterſcheiden leicht, ob wir dem geliebten Gegenſtande gleichguͤltig ſind oder nicht. Ich fuhlte, daß Veronica Theil an mir nahm, daß ich ihr vielleicht unentbehrlich geworden war, und doch war ich mir wohl bewußt, mich nie weniger zu meinem Vortheile ge⸗ zeigt zu haben als in ihrer Gegenwart. Ich war immer ſo verlegen, ſo aͤngſtlich beſorgt, den kleinſten ihrer Wuͤnſche zu er⸗ rathen, die leiſeſten ihrer Bewegungen zu beobachten, jeden voruͤberfluthenden Aus⸗ Leben und Sitte in England. II. 13 194 druck ihrer Zuͤge zu bewachen, die weit beredter waren, als je irgend ein Redner der Welt; ſo daß mir keine Zeit uͤbrig blieb, um an mein eigenes Betragen zu denken. Auch warf Erinnerung mir tau⸗ ſend kleine Verſtoße gegen die feine Lebens⸗ art vor, tauſend und aber tauſend kleine Aufmerkſamkeiten, die ich ihr haͤtte erzei⸗ gen duͤrfen, ohne deshalb fuͤr zudring⸗ lich zu gelten. Ich nahm mir immer vor, am naͤchſten Abende alle dieſe Verſehen wie⸗ der gut zu machen; kam aber die Zeit wirklich heran, ſo verſundigte ich mich aufs neue gegen die hergebrachte Etikette eben ſo ſehr als vorher, und nahm neue Urſache zur Reue fur meine einſamen Stunden mit mir fort. Es war nicht wahrſcheinlich, daß die Nachbarſchaft rund um Aubrey Park mein Treiben unbemerkt laſſen oder mit ihren Auslegungen deſſelben mich verſchonen werde. Hier, wie uͤberall, gab es eine Menge Ge⸗ vattern und Muhmen, die zu unwiſſend oder zu trage waren, um irgend eine wirk⸗ liche eigene Beſchäftigung zu haben, und alſo ihrer Selbſtvertheidigung wegen, gezwun⸗ gen waren, ſich um die Angelegenheiten ihrer Nachbarn zu bekuͤmmern, um ſo die Zeit zu toͤdten, dämit dieſe nicht ſie todte. Meine Beſuche wurden indeſſen der Lady Almeria zugeſchrieben. Kaum durfte ich, zehn Meilen in der Runde, ein Haus be⸗ treten, ohne mit aller, bei ſolchen Gele⸗ genheiten uͤblichen Foͤrmlichkeit mir Gluͤck wuͤnſchen laſſen zu muͤſſen. Die einzige Ausnahme hierin machte Lady Bertram, die den Namen Almeria nie ohne Ver⸗ achtung ausſprechen konnte, und jedesmal wenn ſie es that, einen entſchiedenen Wider⸗ willen dabei an den Tag legte. 13* — 196— Alle dieſe Geruͤchte gelangten endlich auch bis zu meiner Mutter, und ſie ver⸗ ſicherte mich, daß, da ich Annabella meinem Bruder uͤberlaſſen haͤtte, ſie nichts auf der Welt mehr begluͤcken koͤnne, als meine Verbindung mit Lady Almeria. Ich verſuchte, das alles als Scherz aufzunehmen; aber ſie drang mit ſo vielem Ernſt in mich, daß es mir nicht gelang, ihr lachend zu entſchluͤpfen, wie es meine Abſicht geweſen war. Zuletzt verſicherte ich ſie dann, hoͤchſt ernſthaft, daß keine Ueberredung, und kein Vortheil der Welt mich jemals dahin ver⸗ moͤgen wuͤrden, Lady Almeria in einem andern Lichte, als dem einer angenehmen Bekanntſchaft zu betrachten; und daß, wenn man meine Beſuche als eine Erklaͤrung mei⸗ ner nahen Verbindung mit ihr ſich aus⸗ legen wolle, weder mein Betragen noch — 197— meine Worte jemals zu einer ſolchen ver⸗ dreht werden koͤnnten. Meine Mutter ſeufzte und ſchien ſich ſchmerzlich getaͤuſcht zu fuͤhlen. Sie ſagte mir, daß ich nun ein Alter erreicht habe, in welchem es un⸗ umgaͤnglich noͤthig werde an eine Wahl zu denken, es ſey denn, daß ich beſchloſſen habe, um Annabellens willen unver⸗ maͤhlt zu bleiben, und ihr Verſchmähen meiner dadurch zu belohnen, daß ich einſt ihren und Benjamins Kindern mein Erbe zuruͤckließe. Ich parirte dem Angriff ſo gut als moͤglich aus, dachte aber nachher doch im Stillen viel daruber nach, und ging fruher als gewoͤhnlich zur Lady Almeria; denn mir war, als muͤſſe ich Veronica einer beſondern Angelegenheit wegen nothwendig ſehen. Das war ein wunderliches Gefuhl; — — 198— denn als ich es recht beleuchtete, fand ſich, daß ich bereits entſchloſſen ſey, ſie nie zu heirathen, mich nie um ſie zu bewerben, ſo lange dieſer Schatten des Geheimnißvol⸗ len auf ihr ruhe. Ich empfand deutlich, daß, obgleich ſie ſo liebenswurdig und an⸗ muthig ſey, wie nur die Phantaſie ſie ſich erdenken, die Vernunft ſie ſich wuͤnſchen konne, es dennoch meine Pflicht gegen die Geſellſchaft erfordere, daß ich ſie nicht in einen Stand einfuͤhre, mit dem einige, bei ihrem Geſchick vorwaltende Umſtaͤnde ſich vielleicht nicht vereinigen ließen. Ich war feſt davon uͤberzeugt, daß ich nie wieder lieben wuͤrde, denn wenn ich mein jetziges Gefuhl mit dem, was ich fuͤr Anabella empfun⸗ den, verglich, ſo fuͤhlte ich deutlich, wie die Liebe erſt jetzt mein ganzes Herz er⸗ fulte, was bei Anabella doch nicht ſo geweſen war. — Mit einem Wort, Anabella hatte den Einfluß, den ſie uͤber mich erlangt gehabt, wohl mehr meiner Einbildungskraft und dem besoin d'aimer zu danken, als dem willkuͤhrlichen Ergeben meines Herzens, oder der Gewalt eines entſchiedenen Vor⸗ zugs, einer ausſchließenden, alles uͤberwäl⸗ tigenden Leidenſchaft. Ich konnte nicht umhin, in Lady Al⸗ merias Betragen am heutigen Abende eine gewiſſe Aufregung, etwas beinah boshaft Triumphirendes zu bemerken. In ihrem Benehmen ward eine Art unruhiger Lebendigkeit ſichtbar, die mir nicht aus innerer Heiterkeit zu kommen, ſon⸗ dern vielmehr mit Anſtrengung angenom⸗ men zu ſeyn ſchien. Sie hielt mich laͤnger auf als ich zu bleiben wuͤnſchte, aber doch nicht uͤber die Stunde hinaus, in der es mir moͤglich war, Veronica noch zu — 200— ſehen. Als dieſe ſchlug, ſtand ich auf; ſie machte keinen Verſuch mich zum Bleiben zu bewegen, und ich verließ ſie mit einer Haſtigkeit, die, wie ich mich ſpäter beſann, fuͤr ſie nicht ſonderlich ſchmeichelhaft ſeyn konnte; dann eilte ich ſo ſchnell als moͤg⸗ lich zur bewußten Laube. Veronica und unſer trefflicher Freund Sir Harry waren in derſelben. Letzterer ſchlug uns vor, die friſche Kuͤhle des Abends zu einem Gange am Ufer eines maleriſchen Stroms zu benutzen, der nah an den Gar⸗ tenanlagen der Lady Almeria voruͤber⸗ floß. Der Vorſchlag war mir ſehr ange⸗ nehm, und, wie es mir ſchien, auch ihr nicht minder, von der ich alle Freuden dieſes Spazierganges erwartete. Sie lehnte beim Gehen ſich auf mei⸗ nen Arm, mein anderer Arm ruhte in dem des Sir Harry. So wanderte ich in ——— — 201— einem mir vollig neuen, herzerhebenden Ge⸗ fuhle von Gluͤck und Freude an der Seite dieſer Beiden, erfriſcht und erheitert von dem allbelebenden Hauche des koſtlichen Abends und dem Anblicke der reichen herr⸗ lichen Gegend. In dieſem Augenblicke empfand ich recht lebhaft, wie meine Liebe zu Vero⸗ nica einen immer ernſteren, tieferen Cha⸗ rakter annahm, und wie unbedingt ich ihr ergeben war. Ohne Sir Harrys Gegen⸗ wart haͤtte mich, glaube ich, nichts mehr abgehalten, mein Schickſal auf der Stelle ihrer Entſcheidung zu uͤbergeben und ſie, zur unbeſchraͤnkten Herrin deſſelben zu machen, trotz des Geheimniſſes das ſie umgab. Sir Harry verlangte weit fruͤher von unſerem Spatziergange zuruͤckzukehren, als mir lieb war, oder ich fuͤr nothig hielt. Wir ſetzten uns wieder in die Laube. Ve⸗ — 202— ronica nahm ihren Platz zwiſchen uns Beiden, ſo unterhielten wir uns ganz hei⸗ ter, und ich denke, auch ziemlich vernuͤnftig uber die uns umgebenden Gegenſtände. Plotzlich wurden wir unterbrochen. Es ward mir ſpaͤterhin klar, daß Lady Almeria von ihrer Dienerſchaft erfahren hatte, ich verweile, wenn ich mich von ihr beurlaubte, gewoͤhnlich noch laͤnger, oft mehrere Stunden lang, in ihren Garten⸗ anlagen. Sie nahm ſich augenſcheinlich vor, uͤber den Grund dieſes meines Ver⸗ weilens Gewißheit ſich zu verſchaffen, ob⸗ gleich ſie ihn ſo ziemlich errieth, und um dieſen Zweck zu erreichen, war ſie ein un⸗ ſichtbarer Zeuge unſeres Spazierganges, und unbemerkte Zuhorerin eines Theils unſeres Geſpraͤchs geworden. Jetzt ſtand ſie plotzlich vor mir, ihre Augen flammten in zornigen Blitzen, ihre — 203— Wangen gluͤhten in dunkelem Purpur, und ihre ſonſt ſchone Lippe verzog ſich in einen graͤßlichen Ausdruck von Verachtung. Der ihrer Natur eigene Stolz war in ſichtbarer Bewegung hervorgebrochen, ihre ganze Ge⸗ ſtalt zu einem beinahe grauenhaften Aus⸗ drucke deſſelben verzerrt. Nie hatte ich dieſe entſetzliche Leidenſchaftlichkeit in einem weibli⸗ chen Antlitz geſehen, und mag wohl, ohne deß⸗ halb der Feigheit beſchuldigt zu werden, beken⸗ nen, daß ſie mich erſchreckte, und ich, zit⸗ ternd vor einem Begegnen mit der, die von ihr durchgluͤht war, zuruͤckſchauderte. Da finde ich Sie doch in der That in einer ſehr gluͤcklichen Situation, Herr Eduard Malone, ſprach ſie in einem Tone, den Sorn, Verachtung und Eiferſucht vereint zum ſchneidenden Mißlaut machten. Ich kann nicht umhin zu fuͤhlen, daß ich meine Gegenwart da entſchuldigen muͤßte, wo ſie — 2— nothwendig zur Stoͤrung wird; denn von allen hier anweſenden vortrefflichen Perſo⸗ nen habe ich, wie ich demuthig bekenne, das Recht, mich in meinen Garten⸗Anla⸗ gen ſehen zu laſſen. Sollten ſie aber etwa, wider mein Wiſſen und Willen, zur oͤffent⸗ lichen Promenade geworden ſeyn, wo das gemeine Volk ſich ſitzend und wandelnd er⸗ gotzen darf, oder wo die Sentimentalen einander Beſtellungen geben, um die beunru⸗ higende Seligkeit, und die wonnigen Schmer⸗ zen eines heimlichen Stelldicheins zu genie⸗ ßen; wenn, wie geſagt, dieſes alles der Fall iſt, nun ſo will ich meine Entſchuldi⸗ gungen fur mich behalten, und ſogar, ohne um Erlaubniß dazu zu bitten, mich zu Ihnen ſetzen. Sir Harry Laundsdale, ehrwuͤrdiger Beſchuͤtzer der beleidigten und ungluͤcklichen Unſchuld, und ſie liebenswür⸗ dige und reizende Veronica, und Sie, — 205— galanter, treuer, ritterlicher, frommer und gewiſſenhafter Herr Eduard Malone, darf ich Sie Alle, einzeln oder im Allge⸗ meinen bitten, meine Zweifel hieruͤber zu loͤſen? Es mag Ihnen freilich wunderlich vorkommen, daß ich ſo gar ſchlecht von dem unterrichtet bin, was doch in meinen eigenen Bezirken vorgeht; doch man kann es nicht immer wiſſen, wenn ſich Wild⸗ diebe uͤber unſere Grenzen ſchleichen, und das gehegte auserwaͤhlte Wild ſtoren. Herr Eduard Malone, ich kenne Ihr Ge⸗ ſchlecht ſo ziemlich, aber ich muß Ihnen die Gerechtigkeit widerfahren laſſen, daß Sie, wo es Treuloſigkeit, Verrath und Undankbarkeit gilt, es in Allem, ohne Ver⸗ gleich, bei weitem ubertreffen. Und doch habe ich dem Worte eines einzigen ehrlichen Mannes unter Ihnen nicht mißtraut, wenn er ſagt: — 206— „Trau Maͤnnern nicht, falſch ſchuf uns die Natur, „Schmiegſam und Heuchler, grauſam ungetreu, „Vorſichtig trau, ſpricht Dir ein Mann von Liebe, „Doch ſchwört er ſie— denkt er Dich zu betrugen. Und Sie, Veroniea, fuhr ſie fort, indem ſie aus dem Tone der Ironie zu dem des Vorwurfs und der Berachtung uͤberging, Sie, die ich in Schutz nahm, als die Welt Sie verſtieß, Sie, der mein An⸗ ſehen vor der Welt Achtung und Werth verlieh, Sie, die von mir ſo viel Gutes empfangen, als ob Sie das rechtmaͤßige Kind der Schweſter meiner Mutter waͤren, wie konnte es Ihnen einfallen, ſich zu dem Range meiner Nebenbuhlerin erheben zu wollen? Von mir verdraͤngt zu werden, mußte Ihnen ſchon der Ehre genug ſeyn⸗ denn Sie konnen doch nie Anſpruch daran machen, mir gleichgeſtellt zu werden. „Mir, die mein Rang zu ſolcher Höhe hob! „Die im Gemuͤth ſo ſtill voll ſanften Friedens, „Die freie Herrin freieſter Gedanken— „Und Selavin nun!“— Ihr Sieg ſollte ſie tief demuͤthigen, bis in den Staub; denn er druckt Ihnen den Stempel der niedertraͤchtigſten Undank⸗ barkeit auf, indem er ſie der ſchaͤndlichſten Abweichung von allen Grundſätzen anklagt. Halt Milady, unterbrach ſie Sir Harry, um Ihrer ſelbſt willen kann ich es nicht dulden, daß Sie Ihre eigenen Grundſätze auf dieſe Weiſe Luge ſtrafen. Sind Sie es, die Verfechterin des Rechts der Frauen, die Beſchutzerin allgemeiner Gleichheit, die jetzt einen Nebenmenſchen ſo tief unter ſich zu erniedrigen wuͤnſcht, weil er zufaͤllig mit weniger verganglichen Gaben des Reichthums, des Ranges geboren ward, als Sie? Iſt dieſes die beredte ritterliche — 208— Amazonin, die uns ſo oft erklärte, daß ſie gern das Land durchziehen und ihre M nung mit Feuer und Schwert verbreiten moͤchte? Iſt dies die Kaͤmpferin fuͤr Frei⸗ heit, die unintereſſirte Republikanerin? Was fuͤr ein Recht hat irgend eine Frau vor der andern auf Eduard Malone, oder ſogar auf dieſes Gut, das Sie ſo emphatiſch Ihr Eigenthum nennen? Warum darf Vero⸗ nica nicht eben ſo gut als Lady Almeria Dartford darnach ſtreben, oder ſelbſt Beides mit der natuͤrlichen Willensfreiheit fordern, die Lady Dartford anerkennt? Welchen Werth hat denn ihre Theorie, wenn Sie vor der Uebung derſelben zuruͤckbeben? Sie, die Sie ſo geſchickt Ihre Meinung aus⸗ zubreiten und darzulegen wiſſen, wahrhaftig Sie ſollten die Erſte ſeyn, die ihre Ueberzeu⸗ gung der Wahrheit derſelben durch ihr eig⸗ nes Betragen unterſtutzte. Um aber end⸗ ei⸗ lich einen andern Ton anzunehmen, Lady Almeria, ſo erlauben Sie mir, ein fuͤr allemal Ihnen zu ſagen, doß ich uberzeugt bin, Herr Eduard Malone liebt Ve⸗ ronica, und auch ſie zieht ihn allen an⸗ dern vor; daß ſie viel beſſer zu einem Manne ſo voll von Vorurtheilen und dunklen Aberglaubens paßt, als die freie Beſchutzerin allgemeiner Gleichheit, und endlich, daß Beide, wie ich glaube, ſehr bald mit ein⸗ ander verbunden ſeyn werden. Ferner: dieſe arme verfolgte Veroniea iſt das Kind des ehrwuͤrdigen Beſchuͤtzers der ungluͤlichen Un⸗ ſchuld, und zwar nicht ſein adoptirtes, ſon⸗ dern ſein in wirklicher legitimer Ehe ge⸗ bornes. Ich hoffe, daß ſie eben ſo wenig Urſache haben ſoll, ſich ihres Vaters zu ſchaͤmen, als es ſein Stolz und ſeine Freude iſt, zu erklaͤren, daß er keine urſache hat, ihretwegen zu errothen. Leben und Sitte in England. II. 14 — Ihro Gnaden haben mir dieſe Erklaͤ⸗ rung ein wenig fruͤher abgezwungen, als ich wollte, und ich glaube, ich darf es darauf wagen, Ihnen im Namen Eduard Malone's dafuͤr zu danken. Da nun dieſe Eroͤffnung ſtatt gefunden hat, ſo iſt es keine Nothwendigkeit mehr, daß meine Tochter Ihnen ferner ihren Schutz zu dan⸗ ken haben ſollte. Launsdale Abbey wird nur um ſo beſſer ſich dabei befinden, wenn es eine Gebieterin erhaͤlt, und wenn Sie Herr Malone die Gewogenheit haben wollen, meinen Wagen hierher zu beordern, ſo wollen wir uns ſogleich dorthin zuruck⸗ ziehen, und Lady Dartford im unge⸗ ſtoͤrten Genuß ihres eigenen Hauſes und ihrer eigenen Gartenanlagen laſſen. Ich gehorchte augenblicklich, herzlich froh, dem mißgeſtalteten Anblick der Lei⸗ denſchaftlichkeit Lady Almerias dadurch — 211— zu entgehen. Mein Gemuͤth war ein Chaos; uͤber eine halbe Stunde lang war ich vollkommen unfaͤhig, irgend einem Er⸗ eigniſſe der letzten halben Stunde nach⸗ zudenken, oder es recht zu faſſen. Nichts war mir deutlich, als ein triumphirendes Gefuͤhl des Gluͤcks, das jeder meiner Bewegungen Leben und meinem ganzen Weſen Kraft verlieh. Ich fuͤhlte, daß ich gluͤcklich ſey und quaͤlte mich nicht damit, den Grund und die Art meines Gluͤcks zu ergruͤnden. Ohne weiteres Hinderniß von Seiten Lady Almerias hob ich Veronica in den Wagen und ſprang nach ihr hinein. Sir Harry ließ mir nicht Zeit, den Wunſch einer näheren Erklaͤrung auszuſprechen, ſo bereit war er, mir ſie zu gewaͤhren. Er ſagte mir, daß er als ein juͤnge⸗ rer Bruder mit einem ſehr geringen Ver⸗ 14* S— 3 —— moͤgen in das Leben getreten ſey, daß er ſich in Temple⸗Barr habe einfuhren laſſen, indem ſeine Verwandten ihn zum Rechts⸗ gelehrten beſtimmten. Ein innerer Wider⸗ wille gegen dieſe Wiſſenſchaft habe ihn in⸗ deſſen bald bewogen, ſie wieder zu verlaſ⸗ ſen. Er erhielt eine Kornetſtelle bei einem Dragoner⸗Regimente und gelangte dadurch in eine ihm beſſer zuſagende Lebensweiſe. Die beiden Zwillings⸗Toͤchter Lord Fenly's waren damals die herrſchenden Schoͤnheiten des Tages. Im zweiten Winter ihrer Regierung heirathete die eine den Marquis von Lum⸗ leyton und ward die Mutter der Lady Almeria. Der junge Launsdale hatte oft Gelegenheit, die unverheirathete Schwe⸗ ſter der Marquiſe zu ſehen; kurzum der Kornet eroberte das Herz der jungen Dame, und die Dame machte den Kornet zu ihrem Sclaven. Beide waren im Voraus uͤberzeugt, 446— daß jeder Verſuch die Einwilligung ihrer Ver⸗ wandten zu einer Heirath zu erlangen, ein fruchtloſer bleiben muſſe, und beſchloſſen un⸗ gemein vorſichtig, ſich ohne dieſelbe ſo heim⸗ lich als moͤglich zu vermählen; denn ſie uͤberlegten in ihrer Weisheit, daß, wo von keinem Verbot die Rede geweſen ſey, man ſie auch des Ungehorſams nicht beſchuldigen koͤnne. Durch die bei ſolchen Gelegenheiten ublichen Maasregeln gelang es den Lieben⸗ den, die Wachſamkeit zu taͤuſchen und den Verdacht zu meiden. Ich glaube, Sir Harry haͤtte mir gern alle Details der bei ihrer Vermaͤhlung vorgefallenen Begebenhei⸗ ten gegeben, wenn ich nicht meine Unge⸗ duld an den Tag gelegt haͤtte, recht ſchnell und ohne alle Nebenumſtände den eigentli⸗ chen Kern deſſen, woruͤber er mir Aufſchluß geben wollte, zu erfahren. Er begnuͤgte — 214— ſich alſo mit der Verſicherung, daß er im Beſitz aller noͤthigen Documente ſey um die vollſtäͤndige Legitimität ſeiner Verbin⸗ dung mit Beronicas Mutter zu bewei⸗ ſen, denn ſowohl er, als ſie waren bei ihrer Vermaͤhlung beide muͤndig geweſen. Drei Monate nach der Hochzeit wurde das Regiment des jungen Ehemanns zu marſchieren beordert, und die neuvermaͤhl⸗ ten Liebenden ſahen ſich gezwungen, zu ſchei⸗ den. Es dauerte nicht lange, ſo ward der Zuſtand, in dem Beroniea zuruͤckgeblie⸗ ben war, entdeckt. Im Bewußtſeyn, der Tugend und Unſchuld treu geblieben zu ſeyn, ertrug ſie die herbſte Beſchuldigung, ohne ihren Gatten mit hinein zu verflechten. Lord und Lady Fenley ſandten ihre Toch⸗ ter auf das Land, um dadurch deſto ſiche⸗ rer zu verhehlen, was ſie fuͤr eine unaus⸗ loͤſchliche Schande ihrer Familie anerkann⸗ ten. Dort wurden alle moͤgliche Maas⸗ regeln genommen, eine Entdeckung ihres Zuſtandes zu verhuͤten, bis ſie gluͤcklich von einer Tochter entbunden ward. Die Arme hatte kaum einige Fort⸗ ſchritte zu ihrer Geneſung gemacht, als ſie Nachricht von dem Tode ihres Gemahls erhielt; ihre Verwandten theilten ihr die⸗ ſelben mit und die Zeitungen beſtätigten ſie. Sie war ſo jung, ſie liebte ſo innig, und dieſe Nachricht wirkte ſo heftig auf ihre Geſundheit, daß man lange fuͤr ihr Leben fuͤrchtete. Man brachte ſie wieder in die Stadt, und allmaͤhlig erholte ſie ſich wie⸗ der. Ihr Kind ward mit Lady Almeria Dartford als eine weitlaͤuftige mittel⸗ loſe Anverwandte erzogen, und ſo genoß die nicht anerkannte junge Mutter das Gluͤck, die erſte Entwickelung der Anlagen ihres Kindes zu pflegen und zu bewachen. — 216— Mehr aus Nachgiebigkeit gegen den Wunſch ihrer Familie, als aus eigener Nei⸗ gung ließ ſie nach einiger Zeit ſich bewegen, ſich zum zweitenmal zu vermaͤhlen. Die kleine Veronica blieb indeſſen Namenlos und unabhaͤngig bei der jungen Lady Al⸗ meria zuruͤck, bis plotzlich ihre Mutter ſtarb, ohne daß das Geheimniß der erſten fruͤheren Vermaͤhlung derſelben entdeckt wor⸗ den waͤre. Um nun den Unterſchied zu rechtfertigen, welchen die Mutter der Lady Almeria zwiſchen ihrer Tochter und der jungen Veronica jjetzt allmaͤhlich zu machen begann, vertraute die Marquiſe der Erſte⸗ ren ſo viel von der Geburt ihrer Geſpielin, als ſie ſelbſt davon wußte, und als endlich auch die Marquiſe ſtarb, fuhr Veronica fort, bei der Lady Almeria zu wohnen, doch immer noch Namenlos und in tiefer Abhaͤngigkeit. Kornet Launsdale war — 217— inzwiſchen auf dem Schlachtfelde fur todt liegen geblieben, und nur zum Leben zuruͤck gekehrt, um ſich als Gefangener in den Haͤnden des Feindes wiederzufinden. Sie⸗ ben Jahre brachte er in ſtrenger Kriegshaft zu. Die Nachricht ſeiner Wiederkehr zur Freiheit war fuͤr ihn zugleich mit der Ver⸗ maͤhlung ſeiner Gattin mit einem Andern verbunden. Empoͤrt uͤber die vermeinte Un⸗ treue derſelben, unwillig ein Land wieder zu ſehen, von dem er mit ſo ganz anderen Ausſichten geſchieden war, blieb er auf dem feſten Lande zuruͤck, bis er die Nachricht von ihrem Tode erhielt. Die Baronie nebſt den Guͤtern von Launsdale fielen ihm, als dem naͤchſten Agna⸗ ten, durch das Abſterben dreier zwiſchen ihm und dieſer reichen Erbſchaft ſtehenden Ver⸗ wandten bald darauf zu, und er bewohnte von nun an Launsdale Abbey. — 215— Er ſah Veronica in Lady Alme⸗ rias Hauſe, und wurde ſowohl von ihrer auffallenden Aehnlichkeit mit ſeiner Gattin, als von der Gleichheit des in England ſo ungewoͤhnlichen Taufnamens Beider tief er⸗ ſchuͤttert. Es gelang ihm, ſie mehreremale allein zu ſprechen und von ihr die naͤheren Umſtaͤnde der Geſchichte ihres Lebens, in ſo fern ſie ihr ſelbſt bekannt waren, zu er⸗ fahren. Er vermochte nicht mehr daran zu zweifeln, ſie war ſein rechtmaͤßiges Kind, jeder Umſtand diente dazu, dieſe Ueber⸗ zeugung zu beſtätigen. Doch der Gedanke an die zweite Heirath ſeiner Gemahlin ver⸗ folgte ihn noch immer wie ein Geſpenſt, und ſo ſah er Veronica immerfort, ohne ſich ihr jedoch zu entdecken. Meine Be⸗ kanntſchaft mit ihr hatte indeſſen Wuͤnſche in ihm erregt, deren Erfuͤllung gewiſſer⸗ maßen in ſeinen Haͤnden lag, und er be⸗ — 219— ſchloß daher, ſeine Tochter oͤffentlich anzu⸗ erkennen, wenn ich mich mit entſchiedener Neigung zu ihr gezogen fuͤhlte, was, wie er hoffte und glaubte, nicht ausbleiben koͤnne. Lady Almeria hatte ihn zwar zu einer zu fruhen Erklärung bewogen, wie er ſelbſt ſie nannte, ich indeſſen konnte Milady unmoͤglich uͤber ein Verfahren tadeln wol⸗ len, durch das ſie mich ſo gluͤcklich von allen meinen Zweifeln befreite. Sir Harry war mit uberfluſſig hin⸗ reichenden Beweiſen der Legitimität der Ge⸗ burt Veronicas verſehen, wenn ſie je bezweifelt werden ſollte, was jedoch kaum wahrſcheinlich war. Ich kann meine Wonne und Freude bei allen dieſen Erklaͤrungen nicht in Worte faſſen. Gewiß, in jenem Augenblick genoß ich das allervollkommenſte Gluͤck, deſſen eine menſchliche fuhlende Bruſt faͤhig iſt. Ve⸗ — 26— ronica war ſo liebenswuͤrdig, ſo verſtaͤn⸗ dig, ſo holdſelig. Nichts konnte auffallender ſeyn, als der ſichtbare und ungewöhnliche unterſchied zwiſchen ihr und ihrer amazo⸗ nenhaften Couſine! Sie erklaͤrte mir ihn dadurch, daß Lady Almeria hauptſaͤchlich unter der Aufſicht der Miſtriß Wharton, einer Halb⸗Schweſter des Marquis Lum⸗ leyton, aufgezogen worden ſey. Von die⸗ ſer habe ſie ihre Religions⸗ und Lebens⸗ Anſichten, ſo wie uͤberhaupt Unterricht und Lehre empfangen, und dieſelbe habe auch ſeitdem den entſchiedenſten Einfluß auf ihre Nichte behalten. Veronica hingegen war ganz und gar von ihrer ungekannten Mut⸗ ter und einer liebenswuͤrdigen Frau erzo⸗ gen worden, die dem Namen nach fuͤr die Gouvernante der Lady Almeria galt. Wir waren allzugluͤcklich, um unſer Gefuͤhl ausſprechen zu koͤnnen. Vollkom⸗ 22 mene Befriedigung macht immer ſtill und zeigt ſich mehr in jenem entzuͤckenden Aus⸗ drucke der Freude, der die Zuge und das ganze Weſen eines Gluͤcklichen ſtrahlend um⸗ leuchtet, als in lauten Ausbruͤchen des Ju⸗ bels und tumultuariſchen Freudenbezeigun⸗ gen. Sir Harry geſtattete mir nur ſo lange zu bleiben, als noͤthig war, um Ve⸗ ronica in ihrer neuen Wuͤrde als Gebie⸗ terin von Launsdale Abbey einfuͤhren zu ſehen. Dann aber entließ er mich, weil, wie er behauptete, mir und Veronica Ruhe durchaus nothig ſey. Ich bin uͤberzeugt, daß ich an dieſem Abende meine arme Mutter noch weit mehr erſchreckt habe, als es an jenem geſchehen war, wo ich Veronica zum erſtenmal in den Anlagen der Lady Almeria geſehen hatte. Ich war Willens, ihr alles weitlaͤuftig zu erklären, aber Herr Baurien blieb lange, —— nachdem das Theezeug weggenommen wor⸗ den war, mit unerſchutterlicher Standhaf⸗ tigkeit auf ſeinem Stuhle ſitzen und ſprach mit ihr uber gleichgultige Gegenſtände, auf die ihm meine Mutter dann und wann Einiges antwortete; von mir aber vernahm er kein einziges verſtaͤndliches Wort. Ich hatte von jeher eine Abneigung gegen die⸗ ſen Menſchen gehegt, und ſein zudringliches Bleiben in einem ſolchen Augenblicke machte mir ihn ganz zuwider. Er erwäͤhnte aber⸗ mals der Lady Almeria und gab ſich Muͤhe, ſeinen Worten einen Anſtrich von Zufaͤlligkeit zu geben, doch ſah ich deutlich irgend eine eigennuͤtzige Abſicht darunter ver⸗ borgen. Ich fuͤhlte, wie mir das Blut in die Wangen ſtieg, als er dieſen Namen aus⸗ ſprach, und biß mich aus lauter Aerger daruͤber in die Lippe; er bemerkte dieſe An⸗ zeichen, ſtieß einen tiefen Seufzer aus und 223 verließ uns endlich. So wie er fort war, räuſperte ich mich, nahm eine andere Stellung an, verſuchte zum Reden an⸗ zuſetzen und kam endlich wirklich damit zu Stande, meiner Mutter zu erklaͤren, daß ich mich verheirathen wuͤrde. Sie nahm aber die Nachricht keineswegs mit dem Erſtaunen auf, das ich erwartet hatte; doch ſie gab als Grund zu dieſem ihren ruhigen Benehmen die Ueberzeugung an, die ſie längſt gehegt, daß ich doch einmal heirathen wuͤrde. Nur wundere ſie ſich mit Recht, daß ich es neulich fuͤr noͤthig gehal⸗ ten, ihr alles ſtandhaft abzulaͤugnen, als ſie mir meine Vorliebe fuͤr Lady Alme⸗ ria vorgehalten, obgleich ich wohl wiſſen konnte, daß dieſe Verbindung meiner gan⸗ zen Familie und allen meinen Freunden hoͤchſt wuͤnſchenswerth erſcheinen muͤſſe. Das war nun zwar ein natuͤrlicher, — 224— aber doch ſonderbarer Irrthum. Ich eilte, ihn zu berichtigen, indem ich meiner Mut⸗ ter verſicherte, daß ich weder jetzt noch vor⸗ her nur einen entfernten Gedanken an eine Verbindung mit Lady Almeria gehegt habe. Waͤre es der Fall geweſen, ſo wuͤrde ich es gewiß nicht aufgeſchoben haben, mich freiwillig daruͤber zu erklaͤren und gewiß auf Befragen es keineswegs ſo ſtandhaft abgeläugnet haben. Zuletzt meldete ich ihr denn, daß ich mit der Tochter des Sir Harry Launsdale mich verlobt habe. „Die Tochter des Sir Harry Launsdale?“ Ich konnte dieſe Zeile Wort fuͤr Wort doppelt und dreifach unterſtreichen und un⸗ zählige Ausrufungszeichen hinterdrein daran haͤngen, um die Emphaſe deutlich zu ma⸗ chen, mit der dieſe wenigen Worte mir nach⸗ geſprochen wurden, und dennoch wurde es 5— mit allen dieſen aͤußerlichen Zeichen des grenzenloſeſten Erſtaunens mir doch nicht gelingen, eine deutliche Idee von der un⸗ ausſprechlichen Verwunderung meiner Mut⸗ ter zu geben, welche dieſe in Gebaͤrden und Mienen an den Tag legte. Ich verſuchte ihr alles deutlich zu machen, doch vergeb⸗ lich, eine einzige Erzaͤhlung der Begeben⸗ heiten reichte nicht hin, um ihren Unglau⸗ ben zu beſiegen; ich mußte ihr alles zwei⸗ dreimal wiederholen, und endlich nach fort⸗ geſetztem Bemuͤhen fing ſie erſt an, mir Glauben zu ſchenken. Sie ſagte mir, daß ſie keineswegs etwas gegen dieſe hoͤchſt vortheilhafte Hei⸗ rath einwenden koͤnne, im Gegentheil wiſſe ſie nicht, ob dieſe Verbindung nicht der mit Lady Almeria vorzuziehen ſey. In⸗ deſſen muͤſſe ſie doch bekennen, ſie haͤtte es ſich ſteif und feſt in den Kopf geſetzt ge⸗ veben und Sitte in England. II. 1⁵ — 226 habt, dieſe als meine Gemahlin zu begruͤſ⸗ ſen, ſeit mich Annabella ſo ſchnoͤde be⸗ handelt habe. Auch konne ſie nicht umhin, zu geſtehen, daß ihr mein Betragen nicht ganz untadelhaft erſcheine, denn jedenfalls haͤtte ich die arme Lady getaͤuſcht, die ſchon lange als von etwas ganz Bekanntem und Unvermeidlichem davon geſprochen, daß ich ein oder den andern Tag ihr Herr und Meiſter werden wuͤrde. Obendrein harre die ganze Nachbarſchaft ſtuͤndlich auf dieſes Ereigniß; ſie habe ſogar von ſicherer Hand erfahren, daß mehrere Damen ſchon ihre Ballkleider beſtellt, weil ich doch ganz ge⸗ wiß bei einer ſo wichtigen Gelegenheit Pall paré geben muͤſſe, da ich in der Naͤhe von Aubrey Park mich niederzulaſſen gedaͤchte; daß ferner alle Welt ſich nun ſehr unan⸗ genehm getaͤuſcht finden wuͤrde; endlich, ſetzte ſie noch hinzu, daß ſie fuͤrchte, ich — wuͤrde daruͤber meinen guten Ruf verlieren und hinfort fuͤr einen ſehr unbeſtaͤndigen, falſchen, wetterwendiſchen Lothario gelten. Dieſes erfuhr ich denn auch gelegent⸗ lich. Obgleich aber Lady Dieſe und Miß Jene und Madame So und So mich mit⸗ unter recht angenehm mit meinen Caprizen und meiner Neigung zum Wechſel neckten, ſo konnte ich doch durchaus nicht bemerken, daß eine der erwaͤhnten Damen wirklich deshalb ſchlechter von mir dächte. Im Ge⸗ gentheil bewieß mir die Art, mit der ſie mich aufnahmen, daß ſie nun erſt recht anfingen, mich als einen eleganten jungen Mann vom beſten Ton und als einen de⸗ lizioſen Geſellſchafter zu betrachten. Die Ballkleider hätten freilich vielleicht die Sache dennoch zu meinem Nachtheile entſcheiden konnen, wenn es ſich etwa ſo getroffen, daß nun gar keine Hochzeit ſtatt gehabt hätte; — 6 da es aber gluͤcklicher Weiſe doch eine gab, und alſo ganz natuͤrlich der ball paré nicht fehlte, ſo kam im Grunde blutwenig darauf an, ob ich mich und mein einſtiges Erbe, Aubrey Park, nebſt allen dazu gehoͤrenden Rechten, Titeln, Gebuͤhren ꝛc. ꝛc. der Lady Almeria Dartford oder der Miß Launsdale zu eigen gab. Herr Baurien gratulirte mir mit einem Uebermaße von Entzuͤcken zu meinem nahen Gluͤcke. Wie geſagt, ich konnte ihn nie leiden, und war gleich uͤberzeugt, daß ſeine ungemeine Lebendigkeit von irgend einem ganz beſondern Grunde herruͤhren muͤſſe. In dieſer Zeit war er haͤufig vom Hauſe abweſend, und obgleich ich einiger⸗ maßen neugierig war, zu wiſſen, wohin er wandere, ſo konnte ich mich doch nicht entſchließen, uͤber dieſen Punkt auf dem Wege mir Aufklaͤrung zu ſchaffen, deſſen 229 Lady Almeria ſich ohne Bedenken bedient hatte. Ich weiß nicht ob aus Stolz oder dem meiner Natur eigenen Hange zur Un⸗ abhaͤngigkeit, aber von jeher empfand ich einen unuͤberwindlichen Abſcheu gegen alles Spioniren, in welcher Art es auch betrie⸗ ben werden moͤge. Argwohn zu ertragen, war mir von jeher ganz unmoͤglich. Der Eigenſinn meines Weſens geht in dieſem Punkte ſo weit, daß ich wahrhaftig glaube, ich koͤnnte irgend etwas bloß deshalb thun, weil man ſo im Geheimen Maßregeln ge⸗ nommen, mich daran zu hindern; ich ſetze freilich dabei voraus, daß die Handlung an und fuͤr ſich nicht gegen das innere Ge⸗ ſetz der Moral anſtrebe. Ich beſuchte Veroniea taͤglich, und fand immer neue Gruͤnde, mich der Aus⸗ ſicht fuͤr meine Zukunft zu erfreuen, und 230 auf meine kuͤnftige Frau und ihren Vater ſtolz zu ſeyn. Mit wahrem Entzuͤcken dachte ich mir das nahe Gluͤck, mit ſolch einem Manne enger verbunden zu werden. Wahr⸗ lich, er war der Howard unſerer Gegend, und mich duͤnkt, ich kann ihm kein beſſe⸗ res und hoͤheres Lob geben. Der Tag meiner Vermaͤhlung war an⸗ geſetzt; mit unausſprechlicher Wonne ſah ich ihm entgegen. Ach! ich dachte mich dem Gipfel meines Gluͤcks ſo nahe! Ein trauriges und mir ſchreckliches Ereigniß ſchob es noch lange hinaus! Ich war faſt den ganzen Tag uͤber in Launsdale Abbey geweſen, und hatte mit großer Freude auf Sir Harry's Plaͤne fuͤr unſere ſelige Zukunft gehoͤrt, als man mich von ihm und Veronica nach Aubrey Park zuruͤckrief. Dort fand ich das ganze Haus in der groͤßten Verwirrung. Meine arme Mutter fiel aus einer Ohnmacht in die andere. Ihre Kammermaͤdchen liefen alle in verſchiedene Directionen nach Huͤlfe fuͤr ſie. Niemand gab mir Antwort auf meine aͤngſtliche Frage, was denn vorgefal⸗ len? Jedermann ſchien mit einem wichti⸗ gen Ereigniſſe viel zu ſehr beſchaͤftigt, um auf mich zu hoͤren. Endlich begegnete ich Herrn Baurien, der die große Treppe herabkam, und befragte ihn augenblicklich. Ich hatte in dem Augenblicke nicht Zeit, auf ſein Aeußeres zu achten, obwohl mir ſpaͤterhin eingefallen iſt, daß er auffallend elegant und modern gekleidet war, und daß er das Zeichen ſeines Standes, den ſchwar⸗ zen Rock, abgelegt hatte. Er ſagte mir mit kurzen Worten und in hoͤchſter Eile, daß Herrn Malone etwas zugeſtoßen ſey, daß er aber in dieſem Augenblicke unmoͤg⸗ lich Zeit habe, mir die Umſtände dabei „ 282— weitlaͤuftig mitzutheilen. Ich wandte mich mit zorniger Verachtung von ihm ab und eilte in meines Vaters Zimmer. Ich bin nicht im Stande, den Anblick zu beſchreiben, der ſich meinem ſtaunenden Auge bot. Voͤllig bewußtlos lag mein ar⸗ mer Vater auf ſeinem Bette ausgeſtreckt, waͤhrend ein Wundarzt eine Verletzung am Kopfe zu unterſuchen ſchien. Ich erfuhr nun, daß er vom Pferde geſtuͤrzt ſey, in⸗ dem er das Thier hatte zwingen wollen, einen Sprung zu wagen, der uͤber deſſen Kraͤfte ging und daß man, als er in die⸗ ſen Zuſtande nach Hauſe gebracht worden ſey, einen Boten nach mir ausgeſandt habe. Sobald es mir moͤglich war, befragte ich die Aerzte, die ſchnell herbei geholt worden waren, uͤber ſeinen Zuſtand. Sie verſicher⸗ ten mich ſehr ernſthaft, daß jede Hoffnung verloren ſey und er wahrſcheinlich nie wie⸗ der ſprechen werde. Der Erfolg rechtfer⸗ tigte ihre Meinung, er ſtarb ohne ſichtbare Zeichen des ruckkehrenden Bewußtſeyns. Ich war ſo uͤberwaͤltigt von dem allen, daß mir kaum die Faͤhigkeit blieb, fuͤr mich und meine Mutter die noͤthigen Anſtalten zu treffen. Der guͤtige Sir Harry ſcheute ſich nicht vor der in unſerem Hauſe herr⸗ ſchenden Trauer, ſo groß dieſe auch war. Er gewaͤhrte mir theilnehmend allen Droſt und alle Huͤlfe, die zu geben ſo ſehr in ſeiner Macht ſtand. Ich muß bekennen, daß die Art des Todes meines Vaters mir vor Allem furchtbar ſchien. Wie unnuͤtz hatte er ſein Leben hingebracht! wie plotz⸗ lich war er aus demſelben abgerufen wor⸗ den! Ich kann uͤber ein Ereigniß, wie die⸗ ſes, nicht viel reden. Schon allein in dem Gedanken daran liegt etwas, das dem Wahn⸗ ſinne zufuͤhren koͤnnte. — 234— Charlotte und ihr Gemahl wurden, wie auch Benjamin und Annabella, nach Aubrey Park berufen. Es war na⸗ turlich, daß dieſes traurige Ereigniß großen Eindruck auf ſie machte, und es freut mich von Herzen, ſagen zu koͤnnen, daß dieſer Eindruck bis auf den heutigen Tag noch ungeſchwächt geblieben iſt. Alle ſind ſie eifriger in ihren Religionsubungen und Pflichten, und in ihre Art, das Leben zu nehmen, iſt etwas gekommen, welches die Frage auszudruͤcken ſcheint: was muß ich thun, um ſelig zu werden? Es war ein entſetzliches furchtbares Ereigniß, und vor Allem, es war der Tod unſeres Vaters. Ich muß jetzt noch eines Beweiſes von Un⸗ dankbarkeit und Gemeinheit erwaͤhnen, der, wie ich glaube, ohne Gleichen iſt. Herr Vaurien hatte undenklich viel Guͤte in unſerem Hauſe erfahren. Unſere — 235— ganze Familie bemuͤhte ſich unablaͤſſig fuͤr die Bequemlichkeit und Annehmlichkeit ſei⸗ nes Lebens zu ſorgen; ſogar Caprizen und Launen wurden ihm nachgeſehen, von denen man gewoͤhnlich nicht erwartet, daß Perſo⸗ nen ſeines Faches ſie aͤußern ſollten, da gerade ihre ganze Stellung es ihnen zur Pflicht macht, nicht nur durch Lehre, ſon⸗ dern auch durch ihr Betragen das Beiſpiel der Selbſtbeherrſchung zu geben. An eben dem Morgen, da mein unglucklicher Vater ſtarb, horte ich das laute frohliche Lauten der Glocken auf unſerem Kirchthurme ein Familienfeſt verkuͤndigen, und als ich hin⸗ ſandte, um zu erfahren, wer denn gerade in dem Augenblicke, da der Herr des Schloſ⸗ ſes verſchieden ſey, ein ſo luſtiges Gelaͤute beſtellt habe, erhielt ich zur Antwort: daß Lady Almeria und Herr Vaurien ſo eben mit einander getraut worden wären, — 236— und dieſen Beweis der Achtung ganz be⸗ ſonders fur ſich verlangt haͤtten. Hingeriſ⸗ ſen vom Gefuͤhl des Augenblicks gab ich ſogleich beſtimmten Befehl, das Laͤuten ein⸗ zuſtellen, und verſprach dem Kuͤſter das Doppelte von dem, was ihm der Braͤuti⸗ gam wahrſcheinlich gezahlt haben wuͤrde. Es ſchien, daß die Undankbarkeit und die Verletzung des Anſtandes von meines Bru⸗ ders ehemaligem Lehrer und Freunde bei ſolch einer Gelegenheit ſelbſt dieſen Leuten als etwas auffallend Unſchickliches vorge⸗ kommen war. Da meine Befehle alſo mit ihren Anſichten uͤbereinſtimmten, ſo gehorch⸗ ten ſie ihnen um ſo williger, und der dis⸗ harmoniſche Laut ſtoͤrte uns ferner nicht mehr. Spaͤterhin habe ich erfahren, daß Herr Vaurien und Lady Almeria mit großem Scharfſinne mein Betragen bei die⸗ ſer Gelegenheit aus innerem Gefuͤhle des 237— Beleidigtſeyns und der Eiferſucht abzuleiten wußten, ſtatt es der gerechten Empoͤrung uͤber ihren Mangel an menſchlicher Empfin⸗ dung zuzuſchreiben. Ich muß indeſſen be⸗ kennen, daß ich ſelbſt hinterdrein nicht ganz zufrieden mit mir war. Ich uͤberlegte, daß die Todten nicht hoͤren und fuͤr Achtung und Nichtachtung des Gebrauchs unempfaͤnglich ſind. Indeſ⸗ ſen war es doch ein natuͤrliches Gefuͤhl, das mich ſo zu handeln trieb, und mein Schwager, Lord Bertram, verſicherte mich, daß das Betragen des Herrn Vau⸗ rien und der Lady Almeria bei dieſer Gelegenheit einer der groͤbſten Verſtöße ſo⸗ wohl gegen die Etikette, als gegen die Re⸗ geln ſey, welche die eciviliſirte Geſellſchaft unter ſich angenommen habe. Miſtriß Wharton war, wie ich ſpa⸗ ter erfuhr, ſehr erzuͤrnt uͤber die Heirath 8 ihrer Nichte. Ich glaube, daß es faſt nie einen Demokraten gegeben, der nicht bei manchen beſondern Gelegenheiten ſehr an ſeinem Range gehangen haͤtte, und ein eben ſo guter Tory geweſen waͤre, als der ein⸗ gefleiſchteſte Kavalier, der nur jemals die Geſundheit Koͤnig Karls getrunken hat. Lady Almeria behauptete ihr freies Recht, nach Belieben waͤhlen zu duͤrfen, und die Damen ſchieden in heftigem Zorn, indem ſie ſich hoch und theuer vermaßen, einander nie wieder zu ſehen. Ein Ent⸗ ſchluß, den zu brechen ſie jedoch nicht gar lange zoͤgerten, denn die Gewohnheit hatte Beide einander unentbehrlich gemacht. Allmaͤhlig erholte ſich meine Mutter von dem heftigen Schlage, der ſie ſo plötz⸗ lich betroffen, doch war ſie außer Stande, dem Leichenbegaͤngniſſe meines Vaters bei⸗ zuwohnen. Trotz der Mode folgte der — 239— ͤbrige Theil der Familie der Leiche und zollte damit den Reſten des BVerſtorbenen den letzten traurigen Beweis der Ehrfurcht. Der Prediger der Gemeinde ließ mich fragen: ob ich ihm eine Leichenrede zu hal⸗ ten erlaube? Ich dankte ihm, lehnte es aber ab, meinen Vater zum beſonderen Gegenſtande einer ſolchen Rede werden zu laſſen; denn ach! was konnte an dieſer Stelle der Wahr⸗ heit gemaͤß zu ſeiner Ehre geſagt werden? Er war geboren— und ſtarb. Sobald der Anſtand es geſtattete, nah⸗ men wir die Condolenz ⸗Viſiten unſerer Nachbarn an. Ich war nun mehr als je fuͤr ſie ein Gegenſtand der allgemeinen Aufmerkſamkeit geworden, nicht nur als wirklicher Beſitzer von Aubrey Park, ſondern auch als wahr⸗ ſcheinlicher Erbe der Guͤter von Launsdale; — 240— Sir Harry war faſt unaufhoͤrlich mit uns und half uns durch ſein wohlthuendes Benehmen die gewohnte Ruhe bald wieder zu erlangen. Ich muß bekennen, daß ich nicht wenig Stolz und Freude empfand, indem ich meinem Bruder und Annabel⸗ len meine Veronica vorſtellte. Es lag fuͤr mich keine geringe Genugthuung darin, ihnen zu beweiſen, daß es dennoch ein ele⸗ gantes, liebenswerthes und hochgebildetes Weſen geben koͤnne, welches mich jedem Andern vorzog. Ich fragte Benjamin, wie ſie ihm gefalle, und er geſtand mir ganz aufrichtig: daß er ſie nicht halb ſo ſchoͤn finde, als Annabella. Gewiß war ſie mehr als halb ſo huͤbſch, und unendlich viel liebenswuͤrdiger; doch ich mochte nicht in ihn dringen, mir dies zuzugeſtehen, denn ein Mann will lie⸗ ber ſeine eigenen perſoͤnlichen Eigenſchaften — 241— herabſetzen hoͤren, als die der Frau, die er liebt. Mein Vater hatte kein Teſtament hin⸗ terlaſſen, doch war es leicht fuͤr einen nicht geizigen Erben, die noͤthigen Einrichtungen zu treffen. Die, welche ich traf, befrie⸗ digten Benjamin und meine Mutter; eine umſtaͤndliche Beſchreibung derſelben ge⸗ hoͤrt nicht hierher. Einige wuͤrden mich vielleicht des Geizes, Andere der Verſchwen⸗ dung und der Prahlſucht beſchuldigen. Ge⸗ nug, ſie waren denen, die ſie zunaͤchſt an⸗ gingen, vollkommen recht, und dieſe Ver⸗ ſicherung iſt alles, was daruber zu ſagen iſt. Lord und Lady Bertram kehrten, begleitet von Annabellen, nach London zuruck, doch verſprachen ſie, zu meiner Hoch⸗ zeit, die natuͤrlicher Weiſe hatte verſchoben werden muͤſſen, zuruͤck nach Aubrey Park zu kommen. Sehr ungern unterwarf ſich Leben und Sitte in England. II. 16 „„ —— Benjamin einer neuen Trennung von ſeiner Geliebten, obgleich er die Nothwen⸗ digkeit derſelben eingeſtand. Meine Mutter erhielt ihre vollige Geſundheit bald vollſtän⸗ dig wieder. Doch ſie war ernſter und frommer geworden, als vorher; eine Aen⸗ derung, die mir, wie ich geſtehen muß, ſehr lieb war. Mein Bruder blieb noch kurze Zeit bei uns, nachdem uns Annabella ver⸗ laſſen, und ich entdeckte tauſend liebenswuͤr⸗ dige Eigenſchaften an ihm, die ſeine Freund— ſchaft mit Vaurien in Schatten geſtellt hatte. Endlich ging er, um ſeine Studien vol⸗ lendð zu beenden, nach der Univerſitat ab, und ich blieb gerade in derſelben Lage zuruͤck, in der ich vor jenem ungluͤcklichen Ereigniſſe ge⸗ weſen war, das alle Mitglieder der Fami⸗ lie um mich her verſammelt gehabt; nur 1 — 243— daß ich jetzt die Ausſicht hatte, die Erfuͤl⸗ lung meiner Hoffnungen noch weiter hin⸗ aus verſchoben ſehen zu muͤſſen. Swar durfte ich jetzt des unausgeſetzten Beiſam⸗ menſeyns mit Sir Harry und BVero⸗ nica mich erfreuen; dieſes war gewiß ein hoher Genuß, der aber meine ungeduldige Sehnſucht nach dem Augenblicke, wo Ve⸗ ronica ganz und gar mein eigen ſeyn wuͤrde, nur erhoͤhte. „Laſſen Sie mich Ihnen einen Ge⸗ danken mittheilen, der mir in dieſen Tagen gekommen iſt“, ſprach ich einſt zu ihr. „Dieſe Verzoͤgerung meines Gluͤckes ſcheint mir eine Ewigkeit, ausgenommen, wenn ich mit Ihnen bin oder von Ihnen ſprechen darf. Ich habe alſo beſchloſſen, dieſes letz⸗ tere Gluͤck wenigſtens feſt zu halten, und will, um der Zeit Schwingen zu leihen und ihren Flug zu beſchleunigen, ein Autor werden.“ 16* — „Sie ſcherzen, das kann Ihr Ernſt nicht ſeyn.“ „Im Gegentheil, nichts iſt gewiſſer, als daß es mein Ernſt iſt. Obendrein ſol⸗ len Sie das Fortfchreiten meines Werkes leiten.“ „Ich, lieber Eduard? ſagen Sie mir nur, was Ihnen einfaͤllt?“ „Sie, Sie fallen mir immer ein, und ich wuͤnſche Ihrer Gegenwart mich unauf⸗ horlich zu erfreuen, bis Sie endlich ganz die Meine ſind. Unſere Geſchichte will ich ſchreiben, und ich hoffe, das große Publi⸗ kum ſoll ihr die Ehre anthun, ſie mit eben der Neugier und Theilnahme aufzunehmen, wie der kleine, uns zunaͤchſt umgebende Kreis bis jetzt es gethan hat.“ „Aber was werden Sie nur zu ſagen finden?“ „Liebe Veronica, um ein Buch zu — 245— machen, iſt es ganz und gar nicht ſo un⸗ umgaͤnglich noͤthig, daß Eines etwas zu ſa⸗ gen habe! Und ſetzen Sie ſogar den Fall, dieſes ſey nothwendig, ſo verſichere ich Sie, daß ich gar nicht um Stoff zum Schreiben verlegen bin. Mit der erlaubten Verſchoͤ⸗ nerung einiger Geſpraͤche uͤber nichts und wieder nichts, und einiger zwanzig Epiſo⸗ den, zum Beiſpiel der Taufe des Sohnes meiner Schweſter, der Auseinanderſetzung der Fortſchritte, die Benjamin auf ſeiner Univerſität macht, einiger Briefe zwiſchen ihm und Annabellen unter den ange⸗ nommenen Namen von Stadira und Or⸗ condates; dann eines Berichts aller Zwiſte und Verſohnungen der Liebenden; ferner einiger poetiſchen Epiſteln, einiger Citatio⸗ nen und etwa meiner Mutter Rathſchlaͤge an Charlotten uͤber die Einrichtung ih⸗ rer Kinderſtube; dann einiger lehrreicher Briefe von Herrn Arundel an mich ſelbſt uͤber das wichtige Capitel der Che; dann die Beſchreibung der Feier unſerer Vermaͤhlung, die, hoffe ich zu Gott, voll⸗ zogen werden ſoll, ehe noch das Buch fer⸗ tig wird; ja, und ſollte es daruber auch gar nicht fertig werden!— Nun noch eine genaue Beſchreibung des Schnittes Ihres weißen Atlas⸗Kleides und des Muſters Ih⸗ res Spitzen⸗Schleiers; zuletzt noch die un⸗ ſerer Präſentation bei Hofe, wobei denn ganz ungezwungener Weiſe auch Ihre Juwelen erwaͤhnt werden koͤnnen, und endlich und zu⸗ letzt die Lamentationen der Miſtriß Nugent uͤber das Ungluͤck, ſo ganz ploͤtzlich um die reiche Erbſchaft ihres Vetters gekommen zu ſeyn, nach der all ihr Dichten und Trach⸗ ten ſo lange Jahre geſtrebt hat. Alle dieſe verſchiedene Stoffe und Motive ſollen, denke ich, ſich wenigſtens zu zwei bis drei Bänden klein Octav ausdehnen laſſen; vielleicht bringe ich es ſogar zu recht anſehnlichen Baͤnden in groß Octav, man kann das ſo genau nicht vorher wiſſen. Es geht auch wohl auf andere Manier.“ „Ich kann mich zum Beiſpiel damit begnugen, den Eindruck ganz einfach zu be⸗ ſchreiben, den die Welt auf ein noch un⸗ ausgebildetes laͤndliches Gemuͤth macht, das in der Heimath in das geſellige Leben ein⸗ gefuͤhrt wird. Dann kann ich nach und nach, ſo ausfuͤhrlich als moglich, von al⸗ lem Bericht erſtatten, was ſich begab, ehe der junge Mann ſich in eine gewiſſe ge⸗ heimnißvolle Unbekannte verliebte, die, wie es ſich nachher findet, Beronica iſt. Da⸗ bei konnen alle Umſtände bei dieſem wich⸗ tigen Ereigniſſe umſtaͤndlich mitgetheilt wer⸗ den. Endlich will ich auf die Moral des Ganzen dadurch hinleiten, daß ich beweiſe, — 248— wie thoͤrigt Eltern ſind, die da glauben, ihrer Kinder Herzen verſchenken zu koͤnnen, ohne dabei auf deren eigene Anſichten, Nei⸗ gungen und Gemuͤthsart Ruͤckſicht zu neh⸗ men. Ferner kann ich zeigen, wie unvor⸗ ſichtig es von einem Manne gehandelt ſey, wenn er einer Dame die Cour macht, oder ihr wenigſtens das Recht gibt, zu glauben, daß er ſie vor andern auszeichne, waͤhrend er nur aus Unbedacht ſo handelt. Auch den Wahnſinn einer blos aus beleidigtem Stolze getroffenen Heirath koͤnnte ich dar⸗ ſtellen, wozu nur die haͤuslichen Fehden die Belege liefern wuͤrden, welche den Frie⸗ den der Lady Almeria und Bauriens zerſtoͤren, die in ihrem Gemahl einen wirk⸗ lich und wahrhaftigen Tory gefunden hat, der ſowohl der Verbreitung der Rechte der Frauen, als derer des Volkes gleich abge⸗ neigt iſt. Dann werde ich auch den Tod — 249— meines armen Vaters beſchreiben, der nicht verfehlen kann, die Schwachheit und Suͤnde eindringlich darzuſtellen, deren wir uns ſchuldig machen, wenn wir es achtlos ver⸗ ſchmaͤhen, uns zu jenem furchtbaren Augen⸗ blicke vorzubereiten, von dem keiner den Tag und die Stunde ſeines Kommens im Voraus weiß. Alles dies werde ich mich bemuͤhen, in etwas weniger als einem Bande in Folio zuſammen zu draͤngen, und wenn ich ſelbſt bei ſo beſcheidenen Anſpruͤchen kein Gelingen finden ſollte, nun ſo will ich gleich von vorn herein es erklärt haben, daß ich eigentlich kein Schriftſteller bin; ich habe dann wenigſtens keinen literariſchen Ruf zu verlieren und bin zufrieden, wenn man mir das Zeugniß gibt, daß ich frei von dem Beſtre⸗ ben geblieben bin, nur eine Zeile in die Welt zu ſchicken, welche auf die entfernteſte Weiſe die Religion oder die Moral beleidigen koͤnnte. Geheilter Liebesſchmerz. Was liebt' ich wohl in ihm, als ſeinen Adel? und ſchwindet der, was bleibt zu lieben mir? Soll Jugend ich, dem bleichen Gram zur Beute, Für undank geben? Zählt mir ſeine Thaten, und wägt mir wohl die Tugenden, die Anmuth— ——————— Ein ſchön Verzeichniß Herrlichen Gelobens, das endigt wie Es leicht begann— in Luft! Mich dünkt, der Ritter Gab ſchlecht die Rolle, will mich ſo verlaſſen, Gans ohne Grund, zur Hlage um ihn ſelbſt? Wen irgendwo von einer neuen projektirten Heirath die Rede iſt, ſo bleibt es ausgemacht, daß die in der Sphaͤre der beiden Eheluſtigen lebende Welt im Allge⸗ meinen von der ganzen Sache nicht weni⸗ ger weiß, als die ſelbſt dabei Intereſſirten. So wußte denn auch jedermann, daß Har⸗ riet Lascelles und Charles Averne einander liebten. Ihr Verhaͤltniß hatte ſchon lange gedauert; es gab dabei viele Hinderniſſe wegzuraͤumen, viele Schwierig⸗ keiten zu beſiegen. Die Parthie war nicht — 254— ganz ſo, daß die Verwandten der Miß Lascelles ſie unbedingt haͤtten billigen koͤnnen. Sie hatten ziemlich gegruͤndete Hoffnungen gehegt, daß ſolche eine viel vor⸗ theilhaftere Verbindung treffen wuͤrde. Sie hatte ſchoͤne Talente, eine ſchoͤne Geſtalt und ein ſchoͤnes Gemuͤth; ihr Vermoͤgen war freilich nicht ſehr bedeutend, doch war es auch gar nicht zu verachten, und ihre beſcheidene Mitgift hatte ihr keineswegs die Ausſicht benommen, durch eine Heirath in einen weit hoͤheren Rang zu treten, als ihr jetziger war. Sie hatte indeſſen in ihrer Neigung zu Averne waͤhrend des ganzen Fortgangs derſelben viel Feſtigkeit und Groß⸗ muth gezeigt, und als endlich ihre Ver⸗ wandten die Vorurtheile, die ſie gegen dieſe hegten, fur uͤberwunden erklaͤrten, ſo ge⸗ ſtanden ſie zugleich freimuͤthig ein, daß ſie ſich ſchaͤmten, ſich noch laͤnger der Bewer⸗ — 255— bung eines jungen Mannes zu widerſetzen, der gewußt habe, in einem ſolchen Herzen, als Harriets, ein ſo tiefes Intereſſe zu wecken. Averne war der juͤngere Sohn einer, keineswegs im Ueberfluß lebenden Familie. Das Einkommen, welches er als Rechts⸗ Gelehrter ſich erwarb, war damals nur unbedeutend, doch hoffte er, es bald ſich vermehren zu ſehen. Er beſaß ſehr glaͤn⸗ zende geſellige Talente, war ſchoͤn von Ge⸗ ſtalt und fein und elegant im Betragen. Harriet hatte ſich von Kindheit an fuͤr ihn intereſſirt und fruͤh gewoͤhnt, ihn zu lieben, ehe ſie noch das noͤthige Alter er⸗ reicht hatte, um den Einfluß begreifen zu konnen, den ein ſolches Gefuͤhl auf ihre Zukunft haben muͤſſe. Einige Leute mein⸗ ten, Averne moͤchte dieſem fruͤheſten Ein⸗ drucke leicht mehr zu danken haben, als — 256— Harriet ſelbſt glaubte. Dann gab es wieder einige andere nuͤchterne Perſonen, die ſie herzlich liebten und befuͤrchteten, daß Charles ganz und gar nicht der Einzige in der Welt ſey, den man ihr zur Seite ſtellen konne. Sie aber vernahm nichts von allen dieſen Beſorgniſſen, und haͤtte ſie davon gehort, ſo wuͤrde ſie nur daruber gelaͤchelt haben; denn ſie liebte, und in der Bruſt eines weiblichen Weſens, von ihrer Kraft des Geiſtes und des Gemuͤthes mußte die Leidenſchaft der Liebe eine nicht geringe Gewalt uͤben. Indeſſen hatte jetzt aller Widerſtand von Seiten ihrer Verwandten aufgehort und es blieb nur noch dem Probeſtein der Erfahrung uͤberlaſſen, uͤber alle jene Vor⸗ herſagungen zu entſcheiden. Die Heirath ſollte in kurzem vollzogen werden, und Charles war nach London gereiſt, um —— einige vorlaͤufige, zu derſelben nothwendige Einrichtungen zu treffen. Harriet fuͤhlte ſich nun ſehr gluͤck⸗ lich; das Einzige, was ihr Gluͤck noch ſtoͤrte, war die momentane Trennung von Averne. Doch der Gedanke an die Ur⸗ ſache ſeiner Entfernung wuͤrde hinreichend geweſen ſeyn, ſie zu troͤſten, auch wenn ihr kein anderer Troſt geblieben waͤre. Aber ſie hatte einen, den ſchon viele ſehr zartge⸗ ſinnte Liebende fur ſo entzuͤckend erklaͤrt ha⸗ ben, daß ſie freiwillige Trennung ſich waͤhl⸗ ten, nur um ſeiner ſich zu erfreuen, und dieſes beſtand in den langen Briefen, die ſie poſttäglich von Charles empfing. Ein ganzer Bogen in Quartformat war jedes⸗ mal ſo dicht beſchrieben, daß ſogar ſie, ein liebendes Maͤdchen, vollkommen zufrieden damit war. Unterdeſſen blieb ihr zu Hauſe die Beſchäftigung, ihren Brautputz einzu⸗ Leben und Sitte in England. II. 17 — 258— richten, und die Bemerkungen und Fragen ihrer Bekannten anzuhoͤren und zu erwie— dern. Charles war von jeher ein großer Liebling der Schoͤnen in K. geweſen; er tanzte ſo ſchoͤn, ſang dazu den prächtigſten Bariton, den nur ein Dilettant der Muſik ſich wuͤnſchen konnte. Eigentlich ward ſeine nahe Heirath mit Harriet von ihren gu⸗ ten Bekanntinnen ganz im Geheim als eine allgemeine Calamitat betrachtet. Sie wuß⸗ ten im Voraus, daß Charles als Ge⸗ mahl der Miß Lascelles zu der zahmen Schlaͤfrigkeit eines häuslichen Lebens her⸗ abſinken wuͤrde, denn ſie hatte durchaus keinen Sinn fuͤr eine elegante Lebensweiſe, und ſeit ſeiner Verbindung mit ihr war er wirklich ſchon etwas breit und langwei⸗ lig geworden. Harriet wußte das alles recht gut und genoß mit einem aͤcht weib⸗ lichen Gefuͤhl den Triumph, den ſie uͤber — 259— ſo viele davon trug, die ſie als Nebenbuh⸗ lerinnen betrachten zu muͤſſen glaubte. Sie wuͤrdigte die Gluͤckwuͤnſche genau nach der Aufrichtigkeit, mit der ſie ihr dargebracht wurden, aber ohne alle Boͤsartigkeit; denn ſie war mit ihrem Charles zufrieden, obendrein ja im Vortheil; und der aller⸗ edelmuͤthigſte Sieger iſt nicht eben zum Truͤbſinn geneigt, wenn er ſo von oben herab, aus einer vortheilhaften Stellung, auf den niedergebeugten oder verſchuͤchterten Feind herabblickt. Harriet Lascelles liebte Averne mit inniger Zaͤrtlichkeit. Sie war ein Maͤd⸗ chen voll geiſtiger Kraft und von großer Leidenſchaftlichkeit, deren hoͤchſter Gegen⸗ ſtand Charles war. Sie betrachtete ihre Verbindung mit ihm als ein Ereigniß, das von keiner moͤglichen Begebenheit in der weiten Sphaͤre menſchlicher Erfahrungen mehr verhindert werden koͤnne, außer durch die unvermeidliche Hand des Todes. Darum gab ſie ſich ſeiner Neigung mit all dem warmen vollen Bertrauen eines jugendlichen Weſens hin. Nichts in der Welt konnte dieſes Vertrauen erſchuͤttern. Wenn gleich der Mann ihres Herzens in anderer Hin⸗ ſicht wirklich zu empfaͤnglich fuͤr neue Ein⸗ drucke ſich zeigte, zu leicht von fremdem Urtheile ſich leiten ließ, wenn auch ſein ſchwankender Sinn ſich oft dem Einfluſſe Anderer beugte, die er weder achten noch lie⸗ ben konnte, die ihm nichts weiter als ober⸗ flaͤchliche Bekannte waren, und obgleich er wirklich ſchon bei verſchiedenen Gelegenhei⸗ ten dieſes Hinneigen zu einer gewiſſen Un⸗ ſicherheit des Gemuͤthes bewieſen hatte, ſo war ſie doch uͤberzeugt, daß er ihr ſtets mit unerſchutterlicher Treue, mit unvermin⸗ derter heißer Liebe anhaͤngen werde. — 261— „Bis jetzt“, ſagte ſie,„hat er ſich nie dem Einfluſſe eines, alles Andere ausſchlieſ⸗ ſenden Gefuͤhls hingegeben, er gelangt jetzt in eine ihm vollig neue Stellung, ſein gei⸗ ſtiges inneres Leben geraͤth in eine Bewe⸗ gung, die es fruͤher nie erfahren. Es iſt unmoͤglich, ſein Betragen in einer ganz neuen Lage im Voraus zu berechnen, weil man keinen Punkt hat, von dem die An⸗ ſichten deſſelben abgeleitet werden koͤnnten, denn ſeine Vergangenheit bietet uns nichts ſeiner jetzigen Gegenwart Aehnliches.“ „Im Winter gehe ich in dieſem nor⸗ diſchen Klima tief in Pelze gehuͤllt umher, aber ſendet mich in tropiſche Laͤnder, wollt ihr es unternehmen zu behaupten, daß ich auch dort die naͤmliche Tracht beibehalten werde? Nur die Erfahrung kann Fragen dieſer Art entſcheidend beantworten. Dieſe fehlt uns, und es iſt unmoͤglich, in dieſer — 262— Hinſicht etwas Anderes den Betrachtungen der Zukunft zum Grunde zu legen, außer das Gefuͤhl, welches in dieſem Augenblicke ihn belebt.“ Schon war der Tag der Ruͤckkehr Averne's beſtimmt. Harriet erwar⸗ tete ſeine Ankunft mit aller Glut weib⸗ licher Zaͤrtlichkeit. Sie erkundigte ſich ſehr genau nach der Minute, in der die Mail⸗ kutſche an den Anlagen des Hauſes, das ſie bewohnte, gewoͤhnlich voruͤberfahre. Sie wußte, daß Charles dort abſteigen wuͤrde, und nahm einen Platz ein, auf dem ſie die Einfahrt im Geſichte behielt, damit ſie gleich bereit ſey, ihn willkommen zu heißen und ihm ihre Freude uͤber ſeine Ruͤckkehr 8 bezeigen. Sie hatte eine Stunde zu fruh ihren Poſten eingenommen; es war eine lange Stunde, und ſie beſchäftigte ſich während derſelben damit, ſeinen letzten Brief noch⸗ mals zu leſen. Es ward ihr nicht ganz klar, was er eigentlich gemeint und ge⸗ ſchrieben, denn bei dem leiſeſten Geraͤuſch unterbrach ſie ſich ſelbſt, und ſo oft der Wind durch die Baum⸗Gipfel ſtrich, meinte ſie das ferne Rollen der Räder zu hoͤren. Endlich kam ihr der Wagen zu Geſichte, haſtig uͤberflog ihr Auge die Paſſagiere. Das war Averne im Cabriolet; ja ge⸗ wiß! Nein! Nun ſo hatte er innerhalb der Kutſche ſeinen Platz genommen, ja ge⸗ wiß, ſo mußte es ſeyn; die Kutſche kam naͤher; nein!— War er das? Nur zwei Frauen! O wie bitterlich getaͤuſcht! Noch nie hatte Harriet etwas dem Aehnliches empfunden; es uͤberſchlich ihr Herz mit Eiſeskälte. Sie nahm ihren Sitz wieder ein, und athmete kurz und ſchnell, aber ſie weinte nicht. Als ſie ruhiger geworden, — 264— fing ſie an, ſein Benehmen erſt anzuklagen, dann zu entſchuldigen. Ein Tag war ja ſo wenig! Morgen, das wußte ſie nun ge⸗ wiß, morgen werde er nicht ausbleiben. Und dann, ſo hatte er ihr ja auch hochſt wahrſcheinlich geſchrieben, gewiß, in einer halben Stunde wuͤrde ſchon ein Brief von ihm voll Erklarungen und Klagen in ihren Haͤnden ſeyn. Nein, ſie wollte ſich nicht betruͤben, ſie hatte ja durchaus keinen guͤl⸗ tigen Grund dazu! Der Poſtbote kam; aber. ihre hef⸗ tige Frage folgte das traurig einſylbige Wort, das ſchon ſo manche Hoffnung junger und lebensfroher Gemuther vernichtet hat.— Averne hatte nicht geſchrieben. Nun ward die Taͤuſchung wirklich bit⸗ ter, und ward es um ſo mehr, da dieſe letzte ihr den Muth benahm, ſeine morgende Ankunft mit Sicherheit zu erwarten. Ihr — 265 weiblicher Stolz war verletzt, ihr Gefuͤhl verwundet. Zorn und Liebe, Unmuth und Zaͤrtlichkeit erhoben ſich zugleich, einander bekämpfend in ihrem Buſen. Es war die erſte Kraͤnkung, die ihr jemals widerfahren und ſie kam ihr von ihm! Keiner als er, keiner haͤtte ſie ihr geben koͤnnen! Und waͤre die ganze Welt feindlich vereint gegen ſie aufgetreten, ſie haͤtte es nicht vermocht! Und Er! Er konnte es uͤber das Herz brin⸗ gen, ſie ſo zu verletzen! Ihr naͤchſtes Ge⸗ fuͤhl ſuchte indeſſen doch nach Entſchuldi⸗ gung ſeines Betragens, ſie ſelbſt beſtrebte ſich, eine ſolche aufzufinden. Die Um⸗ ſtaͤnde, welche ſeine Ruͤckkehr verhinderten, konnten ihn auch vom Schreiben abgehal⸗ ten haben; er konnte in der That gar wohl es fur uberfluͤſſig gehalten haben zu ſchrei⸗ ben, da er im Grunde doch nur ſeine An⸗ kunft um vierundzwanzig Stunden verſcho⸗ — 266— ben hatte. Sie meinte, ſie haͤtte doch wohl Unrecht gethan, ihn ſo voreilig zu verdam⸗ men; ſie war viel zu ſtreng geweſen, es war ſehr hart von ihr, ihm im Voraus das Urtheil geſprochen zu haben, ehe ſie ihn gehoͤrt. Sie war uͤberzeugt, daß ſie ihn morgen ſehen wuͤrde, und in dem Glauben ſchlief ſie ruhig und gluͤcklich ein. Am nächſten Morgen erwachte ſie ſehr zeitig. Sie offnete ihr Fenſter, um rings umher die ſchoͤne Welt zu betrachten, die, Leben athmend, im erſten Roſenglanze der Morgenroͤthe da lag. Die Sonne breitete ihre Strahlenglorie hinter einem Wäldchen hoher Kaſtanien aus, deren dunkle Farbe das durchſichtige Licht des oͤſtlichen Him⸗ mels erhob, der hinter ihnen ergluͤhete. Ein klares Gewaͤſſer rieſelte luſtig am Rande des Waͤldchens hin, und ſtrahlte all den Purpur zuruck, den es vom gluhenden Aether — empfangen. Auf jedem Blatte lag ein Thau⸗ tropfen, und auf jedem Saͤuſeln des Win⸗ des wiegten ſich Bluthenduͤfte. Nichts konnte reizender ſeyn, nichts mehr ſich eig⸗ nen, die froͤhlichſten Empfindungen des Da⸗ ſeyns zu wecken. Harriet läͤchelte ſo hei⸗ ter wie der Morgen ſelbſt; Liebe, Ver⸗ trauen, vereint mit den erhabenſten Regun⸗ gen, welche das Gefuͤhl heiligten, was ſie beſeelte, erhoben ihr Herz zu einer Em⸗ pfindung unſäglicher Freude. Mit große⸗ rem Wohlgefallen als je zuvor uͤberließ ſie ſich dem Gedanken an Averne. Es lag ein ſegnendes Wohlwollen in der jetzigen Stimmung ihres Gemuͤths, und ſo wie alle die Formen und Gegenden, die jetzt in Sonnenſchein lagen, den roſigen Morgen⸗ hauch dieſer Strahlen annahmen und in deren Widerſcheine verglaͤnzten, ſo theilten ſie auch ihren milden Zauber allen den Ge⸗ — 268— genſtäͤnden mit, bei denen die Gedanken Harriets verweilten. Aber ach! der Glanz des Morgenlichtes ſchwand, und ſo ſchwand auch die Bluͤthenanmuth von Harriets Hoffen. Muͤde und ſchwer ſchlichen ihr die Stunden voruͤber; ſie lief an das Thor, um dem Poſtboten ihren Brief abzuneh⸗ men, und er kam und hatte keinen. Harriet weinte bitterlich, Thraͤnen unuberwindlicher Troſtloſigkeit— aber ſie weinte ſie heimlich. Und ſo gingen noch manche folgende Tage voruͤber.— Ihr guͤtiger Vormund machte keine Bemerkungen, that keine Fragen zu un⸗ rechter Zeit; er ſah, daß Averne nicht wiederkam, und er bedurfte keine andere Verſicherung, daß dieſer auch nicht geſchrie⸗ ben habe, als die bleiche Wange ſeines Muͤndels. Und ſo blieb es ihr vergoͤnnt, ihren Gram unbemerkt zu nähren, waͤh⸗ 260— rend eigentlich alle Vorkehrungen getroffen wurden, ihn zu lindern. Herr Wartnaby fand jedesmal bei den Buchhaͤndlern der benachbarten Stadt irgend eine literariſche Neuigkeit, von der er wuͤnſchte, daß Harriet ſie leſen moͤchte; doch freilich mußte er ſie bitten, ſie gleich zu leſen, weil er ungluͤcklicher Weiſe das Buch ſo ſchnell als moͤglich zuruͤck zu ge⸗ ben verſprochen. Dann hatte er Maler von London kommen laſſen, die den Salon und das Geſellſchaftszimmer decoriren ſollten, und es war unumgaͤnglich noͤthig, daß Harriet den Leuten angaͤbe, wie die Sache am geſchmackvollſten einzurichten ſey. Auch fing Herr Wartnaby um dieſe Zeit an, Anfaͤlle eines chroniſchen Uebels zu befuͤrchten, gegen die ihn, wie er glaubte, oͤftere Bewegung zu Pferde ſchuͤtzen konne. Auf dieſen Spazierritten begleitete ihn Har⸗ riet jedesmal, ſo daß ſie in der That we⸗ nig Zeit uͤhrig behielt, ſich ihrem ſchmerz⸗ lichen Nachdenken zu uͤberlaſſen, ohne daß von Seiten ihres Vormundes Zudringlich⸗ keit oder anmaßendes Beſtreben, ſie der Einſamkeit zu entziehen, merkbar geworden ware. Harriet hatte eine ſehr liebe ver⸗ traute Freundin, es war Emma Wart⸗ naby, eine Nichte ihres Bormundes, die mit ihr bei ihm lebte. Um einen in Lon⸗ don wohnenden Verwandten zu beſuchen, war ſie einige Monate abweſend geweſen. Sie hatte fleißig an Harriet geſchrieben, und ihre Briefe dieſer viel Unterhaltung ge⸗ waͤhrt. Harriet wußte recht gut, wie wenig wahrſcheinlich es ſey, daß Emma dem Averne begegnen koͤnne, aber im tiefſten Herzen konnte ſie doch nicht um⸗ hin, zu wuͤnſchen, daß irgend ein gluck⸗ liches Ungefahr dieſe Beide zuſammenfuͤhren moͤchte. Jetzt aber laſtete der Freundin ungewoͤhnlich langes Schweigen eben ſo⸗ wohl, als das des Geliebten auf ihrer Seele. Sie hatte viele Briefe voll Bor⸗ ſtellungen und Vorwuͤrfe an den letzteren begonnen, doch alle wurden den Flammen uͤbergeben, weil eine unausſprechliche Angſt ſie jedesmal ergriff, daß eine Antwort er⸗ folgen koͤnne, die alle ihre geheimen Sor⸗ gen wahr mache, und eine Nachricht von Averne ihr bringe, die fuͤr ihr liebendes Gemuͤth ſchmerzlicher waͤre, als ſelbſt der Tod. Folgender Brief ihrer Freundin Emma machte indeſſen bald darauf allen ihren Swei⸗ feln ein Ende. „Ich wollte Dir, theuere Harriet, nicht eher ſchreiben, als bis ich uͤber alles das Gewißheit erlangt haben wuͤrde, was ich jetzt Dir mitzutheilen, leider, im Be⸗ griff bin. Ich brauche Dir nicht zu ſagen, daß ich Dir nicht wehe thun kann, ohne im gleichen Maße den Schmerz, den ich Dir gebe, im innerſten Herzen mitzuem⸗ pfinden. Aber es iſt jetzt nothwendig ge⸗ worden, daß ich es uͤbernehme, dieſe ſchmerz⸗ lich druͤckende Pflicht der Freundſchaft an Dir zu erfuͤllen, indem ich Dir Umſtaͤnde vor das Auge bringe, die Dich in den Stand ſetzen werden, Deine eigenen Hand⸗ lungen ſelbſt nach ihnen zu meſſen und zu geſtalten. Ich will Deine Zeit nicht mit leeren Troͤſtungen fuͤllen, die jetzt unwirk⸗ ſam bleiben muͤßten. Deinem eigenen Ur⸗ theile will ich es uͤberlaſſen, Dir alles zu ſagen, was in ſolchem Falle zu ſagen moͤg⸗ lich bleibt. Auch will ich Dich weder mei⸗ ner Freundſchaft verſichern, noch Dir meine Huͤlfe anbieten; ich glaube zu wiſſen, was in ſolch einer Lage Dein Wunſch ſeyn — kann, und werde alſo den naͤchſten Tag, nachdem Du dieſe Zeilen empfangen, wieder bei Dir ſeyn.“ „Dieſe lange Einleitung wird Dich bereits auf Nachrichten von Charles vor⸗ bereitet haben, und Dich im Voraus ha⸗ ben errathen laſſen, daß eben dieſe Nach⸗ richten keineswegs der Art ſind, wie ihre Mittheilung Deiner Freundin erfreulich ſeyn koͤnne. Meine theure Harriet! beurtheile ſelbſt Charles Benehmen aus dem ein⸗ zigen Umſtande, daß ich, die ich ſeine Be⸗ werbungen immer mit ſolchem Eifer unter⸗ ſtutzt habe, dieſen unvernuͤnftigen Eifer jetzt herzlich bereue, und nicht mehr ſeine Freun⸗ din bin.“ „Vorigen Dienſtag Abend beredete ſich eine Geſellſchaft, den Schauſpieler Ma⸗ eready in Coventgarden ſpielen zu ſehen. Wir kamen ſpaͤt, nicht weil es ſo Mode Leben und Sitte in England. II. 18 — 274— iſt, ſondern weil Herr Hanbury mit ſei⸗ nen Clienten ſo viel und lange zu thun hatte, daß dadurch unſer Mittageſſen ſehr verzoͤgert wurde. Wir hatten die vordere Reihe der Loge, die neben der Theaterloge iſt, und nachdem ich die Verwirrung uͤber⸗ wunden hatte, in die ich uͤber die Storung gerathen war, die wir beim Einnehmen un⸗ ſerer Plaͤtze verurſachten, wandte ich die Blicke auf meine Nachbarn in der Neben⸗ Loge, und entdeckte, daß mich nur die nie⸗ dere Zwiſchenwand von Charles Averne trenne. Ich legte meinen Fächer leiſe auf ſeinen Arm; er wandte ſich um, zu ſe⸗ hen, wer von ſeiner Bekanntſchaft neben ihm ſitze; meine Augen ruhten mit einem gemiſchten Gefuͤhle der Freude und des Er⸗ ſtaunens auf ſeinen Zuͤgen. Ich reichte ihm die Hand mit gewohnter Vertraulich⸗ keit entgegen; er beruͤhrte ſie kaum, aber die Eiſeskaͤlte ſeiner Finger machte mich ſchaudern. Ich ſah ihn ſehr ernſt an. Verwirrung, Aerger, Schuld, brannten auf ſeiner Stirn. Ich war beunruhigt und fuͤhlte mich erſchrocken.“ „„Sind Sie krank?““ rief ich aus, „„und wie koͤmmt es denn, daß Sie nicht ſchon in die Nachbarſchaft von Ampton Hall wieder zuruͤckgekehrt ſind?““ „„Ich bin Miß Hartnaby fuͤr ihre Theilnahme an meiner Geſundheit und an meinem Gehen und Kommen ſehr ver⸗ bunden““, erwiederte er mit einem er⸗ zwungenen Laͤcheln,„„und habe die Ehre, Sie zu verſichern, daß ich ganz vollkom⸗ men wohl bin und in London bleibe, weil es noͤthig iſt, daß ich es thue.“ Ich wurde alſobald gewahr, daß hier nicht alles ſey wie ſonſt. Ich bog mich vor und ließ mein forſchendes Auge uͤber ſeine Begleite⸗ 46 — 5— rinnen hinſtreifen. Neben ihm ſaß eine ſehr modiſch gekleidete junge Dame, eher huͤbſch als haͤßlich, die ſich ganz gelaſſen damit beſchaͤftigte, mich durch ihre Lorgnette zu betrachten. Eine äaͤltliche Wittwe von vornehmem Anſehen ſaß neben ihr, hoch⸗ roth geſchminkt und eben wie ihre Tochter mich beobachtend, nur zeigte ſie weniger Nonchalance dabei; drei bis vier junge Herren, die unter einander lachten, fluͤſter⸗ ten und ganz vortrefflich die Impertinenten ſpielten, vollendeten die Gruppe. Ich bin uͤberzeugt, daß grenzenloſe Verachtung in dem Blicke gelegen haben muß, den ich auf Charles jetzt warf. Sein Auge ſank vor dem meinen. Ich triumphirte uͤber ſeine Beſchaͤmung.“ „„Ich vermuthe““, ſprach ich halb⸗ laut,„„daß Sie hier bleiben, bis Ihre Eineichtungen alle getroffen ſind. Nun, das ſieht einem Liebhaber ähnlich. Es iſt in ſolchem Falle immer beſſer, ſich auf kei⸗ nen Dritten zu verlaſſen. Wann hatten Sie die letzten Nachrichten von Ampton Hall?““ „„Ich habe kuͤrzlich nicht das Ver⸗ gnuͤgen gehabt““, erwiederte er, bei jedem Worte tiefer errothend. „Wirklich!““ rief ich verachtend aus, „und bitte, auf wie viel Briefe iſt Ih⸗ nen Harriet Antwort ſchuldig?““ „„Dieſe Fragen, Miß Wartnaby— verzeihen Sie dieſe Bemerkung— ſind fuͤr den Augenblick nicht ganz paſſend; Delica⸗ teſſe gegen Ihre abweſende Freundin—““ „„Sollte es mir unmoͤglich machen, einen Gedanken gegen die Ehre meines gegenwaͤr⸗ tigen Freundes in mir aufkommen zu laſ⸗ ſen““, unterbrach ich ihn mit ſcharfem Ton. Er ſah erzuͤrnt mich an; dieſer Zorn konnte 2— unter dieſen Umſtaͤnden mir eben nicht furchtbar ſcheinen. Ich fuͤrchte, ich laͤchelte ziemlich veraͤchtlich.“ „„Wenn Sie““, fluͤſterte er,„wenn Sie auf dieſe Weiſe die Sache ihrer Freun⸗ din zu verbeſſern glauben, ſo irren Sie ſich gewaltig.““ „Wäre ein Blitz in meinem Auge ge⸗ weſen, er hätte ihn zerſchmettert.„„Ihre Sache bei Ihnen verbeſſern?““ rief ich mit faſt noch tieferer Stimme, als die ſeine war, aus.„„Sie ſcheinen zu vergeſſen, Herr Averne, wer von beiden bei dieſer herannahenden Verbindung im Vortheil ſteht. Laſſen Sie mich Ihnen ſagen, Har⸗ riet Lascelles kann und wird ſich nie zu Ihrer Supplikantin erniedrigen; die Sache meiner Freundin verbeſſern! das waren ungluͤcklich gewaͤhlte Worte, Herr Averne.“ Er ſchwieg hartnaͤckig, und ich verſuchte nicht, ſeine Zuruckgezogenheit zu uͤberwinden, ich war zu tief empoͤrt.“ „Meine Nacht war keine ruhige. Die Ueberzeugung von Averne's gänzlichem Unwerth war meiner Seele mit unausloſch⸗ lichen Zugen eingepraͤgt. Ich konnte mich nicht geirrt haben. Sein Betragen, ſeine Blicke, ſein ſchuldbewußtes Auge waren un⸗ fehlbare Zeugen ſeiner— theure, theure Harriet, faſſe Dich!— ſeiner volligen Treuloſigkeit.“ „Ich ſtand fruͤh auf, um Herrn Han⸗ bury noch zu ſprechen, ehe er in den Ge⸗ richtshof ſich begab. Ich legte ihm die ganze Sache offen vor; es war nicht der Augenblick zu unnuͤtzen Skrupeln und Zwei⸗ feln, Harriet! Ich trug ihm auf, alle noͤthige Erkundigungen einzuziehen, nannte ihm die Freunde Averne's, deren Na⸗ men uns in Ampton Hall bekannt worden — 280— waren und gab ihm einen ſo ſichern Leit⸗ faden, daß er behauptete, er ſey noch ſiche⸗ rer als der, den Ariadne dem Theſeus gab. Hier iſt das Reſultat ſeiner For⸗ ſchungen.“ „Die alte Lady Cameron, die vor⸗ hin erwaͤhnte Wittwe, hatte vier Tochter, von denen jede fuͤnftauſend Pfund beſaß. Dieſe Fraͤulein wurden, geſchmuͤckt mit al⸗ len erdenklichen Lockungen der Mode, der Welt produzirt. Drei davon wurden ver⸗ heirathet; ſie hatten zwar nicht ſehr vor⸗ nehme, doch ihre Erwartungen ubertreffende Parthien gefunden. Nur eine blieb noch zuruͤck; Marie Cameron, die beſte Wal⸗ zerin und Frangviſe⸗Tänzerin des Tages; und Aperne brachte alle ſeine Zeit ganz und gar im Hauſe der Lady Cameron zu. Seine Neigung fur die elegante Toch⸗ ter derſelben iſt allgemein bekannt. Er iſt —— ſo unzertrennlich von ihr, als waͤre er ihr Schatten. Ob er in ſeiner Lage wirklich die Niedertraͤchtigkeit gehabt hat, ſich mit dem Maͤdchen in ein feſtes Buͤndniß ein⸗ zulaſſen, iſt zweifelhaft. Doch ſetzen wir den Fall, dieſer letzte entſcheidende Schritt ſey zu verhindern, waͤre es moͤglich? koͤnnte meine Harriet ſich entſchließen, ſich mit einem Manne von ſo verachtlichem, wetter⸗ wendiſchem Charakter auf immer vereinigen zu wollen? Mit Einem, von dem, ſelbſt wenn er dazu gebracht wuͤrde, ſein Gluͤck am haͤuslichen Heerde zu ſuchen, doch immer vorauszuſe⸗ hen waͤre, daß er es dort nie finden koͤnne? Harriet— es iſt eine harte Frage— aber iſt ein ſolcher Verluſt nicht eigentlich ein Gewinn?“ „Vergib mir alle die Schmerzen, die ich Dir ſo ganz gegen meinen Willen ver⸗ urſachen muß. Morgen will ich Dich bit⸗ — 262— ten, mit alter gewohnter Liebe aufzu⸗ nehmen Deine Emma.“ Alle die verſchiedenen Gemuͤthszuſtände ausmalen zu wollen, die Harriet in der Zwiſchenzeit vom Empfang dieſes Ungluͤcks⸗ Briefes an, bis zur Ankunft der Miß Wartnaby durchging, wurde ſelbſt, wenn es moͤglich wäre, ſie zu ſchildern, langwei⸗ lig ſeyn. Sie ſah den Sturz ihrer Lieb⸗ lingshoffnungen vor Augen; alle ihre Träume kuͤnftiger Seligkeit waren mit einem Schlage ſpurlos vertilgt. Wahrend der erſten, Sinn und Geiſt zerruttenden Stunde, jagten tau⸗ ſend wilde abentheuerliche Pläne ſich ihr durch den Sinn. Sie wollte ſogleich an Averne ſchreiben, ſie wollte ihn aufſuchen, ſie wollte ihn anflehen, Mitleid zu haben mit einem Her⸗ zen, das er gebrochen. Was galt ihr die Welt, wenn ſie ihn verloren? Was die Freund⸗ ſchaft, wenn die Liebe ſie ſo verließ? Dann ſtrafte ihr Gewiſſen ſie des Undankes, ſie fuhlte, wie troſtlich ihr Emma's herzliche Neigung werden muͤſſe. Ihr Stolz hielt ſie empor, denn Harriet war ein ſehr ſtol⸗ zes Maͤdchen. Sie empfand bald die Thor⸗ heit, die darin liegen wuͤrde, wenn ſie Averne zu ſich zuruͤcklocken wollte; die Vernichtung, die dennoch unwiederbringlich ihrem Gluͤcke drohe, ſelbſt wenn es ihr ge⸗ länge, ihn zuruͤck zu bringen. Wie ſollte ſie dem Blicke deſſen begegnen, vor dem ſie ſich ſelbſt ſo tief erniedrigt hätte? Wie ſollte ſie ihre ſtolze Ruhe ſich bewahren, wenn ſein Auge mit einem Vorwurfe ſie traͤfe? Nein! niemals, niemals konnte ſie ſich herablaſſen, von ſeiner Hand ſich Gluͤck zu erflehen, lieber wollte ſie ſterben. Am folgenden Morgen erneuete Em⸗ ma's Ankunft die Heftigkeit ihres Schmer⸗ — 284— zes. Miß Wartnaby ließ den Sturm ſich austoben, ehe ſie irgend einen andern Troſt, als den ihrer Liebkoſungen verſuchte. Dann erſt ſprach ſie der Freundin beſchwich⸗ tigend zu, und fing an, auf die Troſt⸗ gruͤnde hinzudeuten, welche die Vernunft hier bieten konnte. Harriet beſaß einen ſchoͤnen hellen Verſtand; ſie war es ge⸗ wohnt, ihr Gefuͤhl zu bemeiſtern, und be⸗ muͤhte ſich jetzt ernſtlich, die gewohnte Selbſtbeherrſchung wieder zu erlangen. Es mißlang ihr nicht, es wurde ihr moͤglich, ſich in ihrem Betragen und Reden gefaßt und vernuͤnftig zu zeigen, und Herr Wart⸗ naby, der unterdeſſen von ſeiner Nichte das Vorgegangene erfahren, ſtorte ſie nicht in ihrer Ruhe durch Beweiſe mehr als ge⸗ woͤhnlicher Theilnahme. Alles ſchien den gewoͤhnlichen Gang zu gehen. Harriet brachte ſich ſogar dahin, Emma's Erzäh⸗ lungen von ihrem Aufenthalte in London und den kleinen, dort erlebten Abentheuern aufmerkſam zuzuhdren, bis die Stunde ſchlug, in welcher die Poſt ankam. Ihr ſtarrer Blick und ihr Schweigen ſprachen dann genugſam es aus, was ſie im Innern fuͤhlte und litt. Dieſesmal aber war keine Tauſchung vorhanden; es kam ein Brief! Harriet zitterte und ward todtenbleich; Miß Wartnaby beſchwichtigte ſie und ſprach ihr Muth ein.„Bereite Dich auf eine Beſtaͤtigung deſſen, was Du befuͤrchtet haſt“, ſagte ſie,„und freue Dich, der Ver⸗ einigung mit ſolch einem Menſchen gluͤcklich entgangen zu ſeyn!“ Harriet las. „Glauben Sie mir, daß es mich ſchmerz⸗ lich bewegt, Ihnen zu ſchreiben. Nachdem ich auf eine Art mich gegen Sie ausge⸗ ſprochen habe, in der ich mich Ihnen nie wieder naͤhern werde, finde ich es ſehr — 286— ſchwer, mich ſchriftlich auszudruͤcken, ohne den Schein einer Kälte anzunehmen, die ich weit entfernt bin zu empfinden, oder in einen Ton von Zärtlichkeit zu verfallen, den ich mir nicht mehr erlauben darf. Sie ſelbſt haben oft bemerkt, wie nothwendig es fuͤr das Gluͤck einer Ehe ſey, daß beide Theile, die eine ſolche Verbindung ſchlieſ⸗ ſen, uͤberzeugt ſind, einander der uͤbrigen ganzen Welt vorzuziechen, und ich erkenne mit großer Bereitwilligkeit die Wahrheit dieſer Theorie an. Als Sie mir die Ehre erzeigten, meinen Bewerbungen ein guͤnſti⸗ ges Ohr zu leihen, war ich noch ganz ohne Erfahrung, in einer Welt, von der ich eigentlich noch nichts kannte. Ich bildete mir ein, ein Mann zu ſeyn, der ſein Da⸗ ſeyn mit großer Zufriedenheit in dem nuͤch⸗ ternen Kreiſe ſtiller Haͤuslichkeit hinbringen konnte, und deſſen Neigung und Geſchmack —— auf nichts Hoͤheres Anſpruch machen wuͤrde. Eine weitere Sphaͤre meines Geſichtskreiſes hat mich nun uͤberzeugt, wie voreilig jenes Urtheil uͤber mich ſelbſt geweſen iſt. Ich fuͤhle, daß ich nicht fuͤr jene Zuruͤckgezo⸗ genheit paſſe, zu der, wie ich weiß, Ihre Neigung Sie hinzieht. Indem ich die lie⸗ benswuͤrdige Einfachheit eines Charakters bewundere, welche dieſe Vorliebe erzeugt, kann ich doch nur den Mangel derſelben in mir ſelbſt bedauern, und muß geſtehen, daß ein ausgebreiteterer geſelliger Zirkel und ein thatenreiches Leben zu meinem Gluͤcke mir nothwendig ſind. Unfaͤhig, wie ich nun zu ſeyn mich fuͤhle, Ihr Gluͤck zu machen, darf ich die Rechtmaͤßigkeit des Gefuͤhls nicht bezweifeln, das mich treibt, Ihnen Ihre Freiheit zuruͤck zu geben. Nach die⸗ ſem Geſtaͤndniſſe werden Sie gewiß nicht zogern, meine Bitte um Ruͤckgabe meiner — 288— Briefe zu erfuͤllen; die von Ihnen erhalte⸗ nen werde ich als ein Mann von Ehre Ih⸗ nen augenblicklich zuruͤckſenden, ſobald ich die meinen erhalten. Seyn Sie von der Aufrichtigkeit meiner Wuͤnſche fuͤr Ihr Wohlergehen uͤberzeugt. Bei meiner Zu⸗ ruͤckkehr in Ihre Nachbarſchaft hoffe ich das Gluͤck zu haben, meine Bekanntſchaft mit Ihnen unter Umſtaͤnden zu erneuern, welche fuͤr uns Beide guͤnſtiger ſind. Geſtatten Sie mir bis dahin, mich zu unterſchrei⸗ ben als it Ihr aufrichtiger Freund Charles Averne. Nach dem erſten todtlichen Schmerze ward dieſer Brief fuͤr Harriets verwun⸗ detes Gefuͤhl ein wirkſames Heilmittel⸗ Am folgenden Tage erhielt Averne ſeine Briefe, alle Gaben ſeiner Liebe, ſeine Locke, in einem leeren Couverte zuruͤck. Die unge⸗ — 289— heure Herzloſigkeit, die er bewieſen, hatte jedes Gefuͤhl weiblicher Wuͤrde und wahrer Liebe in ihrer Bruſt auf das Emporendſte beleidigt. Harriet trauerte tief; ſie be⸗ weinte die lange Taͤuſchung bitterlich. Sie empfand die Unmoͤglichkeit, daß ein ſo kur⸗ zer Zeitraum, wie der ihrer Trennung ge⸗ weſen, einen an ſich edlen Charakter ſo gaͤnzlich habe veraͤndern koͤnnen. Es ward ihr klar, daß immer ein Zug von Gemein⸗ heit in ihm zum Grunde gelegen haben muͤſſe, ſo lange ſie ihn gekannt, ſonſt wuͤrde es ihm unmoglich geweſen ſeyn, ſeine Schlech⸗ tigkeit mit ſo kecker Schaamloſigkeit zur Schau zu tragen. Nichts iſt demuͤthigender als das Be⸗ wußtſeyn, ſeine Liebe an ein Weſen ver⸗ ſchwendet zu haben, das unfaͤhig iſt, den Werth dieſer Liebe zu ermeſſen, oder ſie zu erwiedern, und Harriet buͤßte ſchwer die Leben und Sitte in England. II. 19 — 290— Schuld, ſich ihrer Phantaſie hingegeben zu haben, anſtatt dem Urtheil derer zu folgen, die ihr wohlmeinend riethen. Sehr, ſehr bald und zwar mit aller der Verachtung ganz gewoͤhnlicher Schicklichkeit, die er uberall bewieſen, kam in Ampton Hall die Nach⸗ richt von der Vermaͤhlung Charles Averne mit Mary Cameron an. In der Zeitung glaͤnzte ein langer Pa⸗ ragraph von einer blumenreichen Beſchrei⸗ bung der außerordentlichen Schoͤnheit der Braut, ihrer alles uͤbertreffenden Vorzuͤge, ihres Atlas⸗Kleides, ihrer Spitzen⸗Garni⸗ rung; und von des Braͤutigams ſeltenem Gluͤcke und ſeiner tiefen Ergebenheit— al⸗ les in anmuthiger Verworrenheit durch einander gemiſcht. Emma Wartnaby verſuchte es nicht, dieſes Papier durch ge⸗ woͤhnliche Kunſtgriffe dem Auge ihrer Freun⸗ din verbergen zu wollen. Sie meinte, je — 291— eher dieſe uͤber die ganze Sache ins Klare käme, je beſſer waͤre es fuͤr ſie ſelbſt. Haͤtte ſie vielleicht, ſich ſelbſt unbewußt, noch eine geheime Hoffnung auf Averne's frei⸗ willige Ruͤckkehr zu Ehre und Pflicht, die er ſo ganz vergeſſen, im Herzen gehegt, ſo mußte dieſe Hoffnung nun auf ewig ver⸗ loſchen und die Ruhe ihr wiederkehren, ſo⸗ bald erſt alle Ungewißheit ihr Ende gefun⸗ den habe. Harriet ließ keinen neuen Ausbruch des heftigen Schmerzes mehr blicken. Ihr Stolz ſowohl als ihre Grundſaͤtze ſtanden gegen Averne auf, und ſie benutzte Beide zu ihrem eigenen Vortheil. Das immer⸗ waͤhrende Beiſammenleben mit ihrer Emma war fur ſie hierin von unglaublichem Werth; ſie konnte es nicht ertragen, ſich ſelbſt die Nichtachtung eines ſo hochgeachteten We⸗ ſens auszuſetzen, das obendrein mit der 19* Miß Cameron mehr Vermoͤgen beſitze als — 292— ganzen Riedertraͤchtigkeit Averne's nur zu bekannt war. Sie erhielt ſich alſo nicht nur in ruhiger Faſſung, ſie ſuchte ſogar nach einigen Tagen ſich heiter zu zeigen, und in ſolchen Faͤllen iſt jeder Verſuch ſchon ein Gelingen. Die ganze Geſchichte lief natuͤrlicher Weiſe ſehr bald im Kreiſe der ganzen Rach⸗ barſchaft herum; ſeit den Illuminationen fuͤr den großen Sieg bei Waterloo hatte nichts ſo gewaltige Senſation gemacht. Die Wagen wirbelten an einander hin, die Fuß⸗ gaͤnger blieben in ſtetem Laufe von einem Hauſe zum andern, um entweder Nachricht zu geben, oder zu erhalten. Jedermann hatte Miß Lascelles fuͤr eine nur zu vortheil⸗ hafte Parthie fuͤr Charles Averne ge⸗ halten; wie konnte er ſich nur ſelbſt ſo ſehr im Lichte ſtehen? Einige verſicherten, daß — 293— Miß Lascelles, Andere wußten dagegen ganz genau, daß ſie gar nichts habe, daß ſie arm ſey wie eine Kirchenmaus, ſo daß Averne ſie nur aus Liebe genommen ha⸗ ben muͤſſe, was allerdings fuͤr ſeine Unei⸗ gennuͤtzigkeit ſprach. Zwei oder Drei fan⸗ den einen Grund ſeiner Heirath auf, der dem groͤßten Theile der Commentatoren uͤber dieſelbe noch nicht eingefallen war. Ließ ſich das menſchliche Gemuͤth nicht ſchon oft von dem Gefuͤhle der Eitelkeit eben ſo un⸗ bedingt beherrſchen, als von dem der Liebe? und nun ſolch ein Menſch wie dieſer Averne! In der naͤchſten Umgebung von Ampton Hall war Miß Lascelles frei⸗ lich von der groͤßten Wichtigkeit. Es war hier niemand ſo bedeutend als die wohlha⸗ bende Waiſe. Aber er war in London ge⸗ weſen! und dort! wer hatte dort je von Miß Lascelles gehoͤrt? Ganz andere der Folge zur ſtillen Hausfrau herabſinken, — 294— Eigenſchaften als die ihrigen gehoͤrten dazu, um ſich in ſolch einer Sphaͤre Auszeichnung zu ſichern. Der Miß Cameron aber war eine ſolche Auszeichnung zu Theil geworden; ihr Bemerken Seiner mußte der Eitelkeit Averne's um ſo mehr genuͤgen, da dieſe bis jetzt in enger Beſchraͤnkung Befriedi⸗ gung hatte ſuchen muͤſſen. Miß Lascel⸗ les liebte ein zuruͤckgezogenes Leben und den Aufenthalt auf dem Lande. Miß Ca⸗ meron war leidenſchaftlich fuͤr London und fuͤr das Gedraͤnge in den ewig wechſelnden Geſellſchaftswirbeln dieſer Stadt eingenom⸗ men. Die Erſte fand viel Geſchmack an Literatur und an der Ausbildung ihres Gei⸗ ſtes; der Zweiten gingen Roſſini's Opern und ein Walzer, von einem Kreiſe bewun⸗ dernder Zuſchauer umgeben, uͤber alles in der Welt. Die Eine mußte nothwendig in — 295— deren Wuͤnſche ſich einzig und allein darauf beſchränkten, ihren Mann zu begluͤcken, die Anlagen ihrer Kinder auszubilden, den Ar⸗ men wohlzuthun und demuͤthig in Gott ihren Weg zu wandeln. Die Andere mußte ſich bald zum hellen Stern am Horizonte der Mode erheben, ſie mußte als verheira⸗ thete Anfuͤhrerin eines froͤhlichen Schwarms junger Mädchen dem rauſchenden Vergnü⸗ gen nachziehen; ſie konnte ihrem Gemahl niemals gar zu langweilig werden, denn ſie wuͤrde gewiß in der herrlichſten Eintracht mit ihm leben, ihm immer hoͤflich begeg⸗ nen, ohne je die Gemeinheit ehelicher Zärt⸗ lichkeit zur Schau zu tragen. Füͤr ihre Kinder wuͤrde ſie muͤtterlich ſorgen, das heißt in ſo fern, als ſie dieſelben der aller⸗ brillanteſten Penſions⸗Schule vertraute. Uebrigens wuͤrde ſie die Religion dem Alter und die Armen der Vorſehung uͤberlaſſen. — 206— Da nun Averne den großen Vorzug der Mode vor dem geſunden Verſtande und der Vernunft einſah, ſo war es ja ganz na⸗ turlich, daß er dieſer Anſicht gemäß gewählt hatte. Alle dieſe Verhandlungen wurden, wie ſich's von ſelbſt verſteht, nur da eroͤrtert, wo Harriet nicht war. Doch drangten ſich ihr freilich dann und wann Beſuche auf, die durch Troͤſtungen ihr gutes Ge⸗ muͤth an den Tag legen wollten, und des⸗ halb Averne alles moͤgliche Schlechte nach⸗ ſagten. Aber in der ganzen Erſcheinung der Miß Lascelles war kein zur Schau Tra⸗ gen des Kummers zu finden, und es bleibt immer ſchwer, ſich jemanden zum Troͤſter aufzudräͤngen, deſſen ganzes Benehmen und Reden ſo wenig Mitleiden fordern zu wol⸗ len ſcheint. Wuͤrde aber dennoch einmal etwas der Art verſucht, ſo ſchreckte die Ent⸗ — 207— ſchiedenheit, mit der Harriet ſolche Zu⸗ traulichkeit abzuweiſen verſtand, die Kuͤhn⸗ heit zuruͤck, und Miß Wartnaby, die manchmal ſehr ſatyriſch werden konnte, ver⸗ ſtand es noch dazu meiſterhaft, den Troͤſter ſelbſt in ein komiſches Licht zu ſtellen, das die Lacher auf ihre Seite zog. So litt im Ganzen Miß Lascelles weniger, als ſie kaum gehofft haben wuͤrde, von dieſen auſ⸗ ſern Unannehmlichkeiten; aber dennoch blieb ihr noch immer viel zu ertragen. Averne's Geſchaͤftskreis lag faſt aus⸗ ſchließlich in ihrer Nachbarſchaft, und ſie wußte, daß er wahrſcheinlich ſeine Woh⸗ nung in ihrer Naͤhe aufſchlagen wuͤrde. Sie mußten alſo einander in der naͤmlichen Geſellſchaft oftmals begegnen. Wie zitterte die Arme vor dem Gedanken, unter ſolchen Umſtaͤnden mit ihm zuſammen zu treffen! Ihr Herz ſank bei dieſer Ausſicht und ihr — 298— Muth brach zuſammen. Sie gab einmal ihrer Emma zu verſtehen, daß ſie gern einen Beſuch bei entfernt wohnenden Freun⸗ den machen moͤchte, bis die Neuvermaͤhlten die uͤbliche Runde von Viſiten abgelegt und empfangen haͤtten. Doch Miß Wart⸗ naby wollte dies nicht zugeben. Sie ſtellte ihr vor, daß ihre Entfernung in dieſem Zeitpunkte als ein vollkommen deutlicher Beweis ihrer immer noch dauernden Nei⸗ gung fuͤr Averne angeſehen werden wuͤrde, und daß eine ſolche Maßregel von ihrer Seite deshalb weder paſſend noch ſchicklich ſey. Wie wollte ſie es denn anfangen, in der Ferne nur den Gedanken an alle die neugierigen Augen zu ertragen, denen bei ihrem Wiedererſcheinen zu begegnen, ihr unvermeidlich ſeyn wuͤrde. Harriet gab das alles zu und faßte ſich maͤnnlich und kaͤmpfte heldenmuͤthig, um ſich innere Ruhe — 299— zu erſtreben. Aber ſie zitterte krampfhaft vor Angſt; ihre Glieder flogen beim ent⸗ fernteſten Schalle. Jeder noch ſo unbedeu⸗ tende Zufall warf ſie nieder und uͤberwaͤl⸗ tigte ihre Kraft, und Alles an ihr zeugte von einem heftigen, aber unterdruͤckten Ge⸗ fuͤhle tiefen Schmerzes. Endlich kam die Zeit der Pruͤfung. Das neuvermaͤhlte Paar hatte eine ſehr huͤbſche Beſitzung dicht vor der nahegelege⸗ nen Stadt bezogen. Der Gewohnheit zu Folge mußten ſie den erſten Sonntag in der Kirche erſcheinen, die auch Herr Wart⸗ naby und ſeine Familie zu beſuchen pflegten. Hier erblickte Harriet ihren treulo⸗ ſen Geliebten zum erſtenmal wieder, ſeit⸗ dem er ſie verlaſſen, um Anſtalten zu ih⸗ rer Vermaͤhlung mit ihm zu treffen. Jetzt erſchien er als Gatte einer Andern, und zwiſchen beiden Augenblicken lagen nur we⸗ — 300— nige Monate! Harriet empfand allen Troſt, den inbruͤnſtige Froͤmmigkeit gewaͤh⸗ ren kann, alle chriſtliche Zuverſicht auf die Huͤlfe von oben, die nach dem Himmel aufſchaut, nach dem Frieden, den die Erde nicht zu geben vermag. Sie war fruͤher oft aͤhnlicher Gefuͤhle wegen von Averne in ſeinem Herzen der Methodiſterei beſchul⸗ digt worden. In dem Augenblicke der Pruͤ⸗ fung richtete ſie alle ihre Gedanken nur auf den, dem der Tempel geheiligt war, der ſie umgab. Sie fuͤhlte ſich getroͤſtet, und bis der Gottesdienſt begann, befolgte ſie das wichtige Gebot, das er denen durch Kummer Gedruͤckten, durch Furcht Geäng⸗ ſteten gegeben— ſie hielt mit ihrem eignen Herzen Rath und blieb ſtill. Ohne alle Affektation vermied ſie es jedoch, waͤhrend des ganzen Gottesdienſtes das neuvermaͤhlte Paar nur ein einzigesmal — 304— anzuſehen. Als ſie die Kirche verließen, be⸗ gegneten beide Partheien einander. Herr Wartnaby machte Sonntags nie von ſeinem Wagen Gebrauch, denn er ehrte das Wort, das ausdruͤcklich gebietet: daß weder Ochſe noch Eſel den Tag arbeiten ſollen. Fuͤr Herrn Averne und ſeine Gemah⸗ lin hingegen war ein ſehr elegantes Fuhr⸗ werk vorgefahren, und die Begegnung traf gerade mit dem Augenblicke zuſammen, in welchem die ſehr geputzte Neuvermaͤhlte den Fuß auf den Wagentritt ſetzte, um einzu⸗ ſteigen. Averne ſchien ſehr verlegen, er blickte nach den Wolken, nach dem Wege, gab ſich das Anſehen, das Kleid ſeiner Ge⸗ mahlin zu ordnen, und ſah aus, als wiſſe er nicht recht, ob er ſich gruͤßend verbeu⸗ gen ſolle oder nicht. Herr Wartnaby machte ſeiner Unſchluͤſſigkeit durch einen — 302— fluͤchtigen Gruß ein ſchnelles Ende, der ſehr entſchieden die Herablaſſung eines Hoͤ⸗ hern gegen einen unter ihn Stehenden an⸗ deutete. Harriet verneigte ſich mit kalter eleganter Hoͤflichkeit. Aber Miß Wart⸗ naby machte einen tiefen, tiefen Knix, und zog, indem ſie ſich wieder erhob, die Schul⸗ tern ein klein wenig in die Hoͤhe. Averne, der die Art, ihre Empfindungen auszu⸗ druͤcken, nur zu wohl kannte, empfand da⸗ bei die ganze Bitterkeit des Bewußtſeyns, ſich mit Zuruͤckſetzung und Verachtung be⸗ trachtet zu fuͤhlen, und es geſtehen zu muͤſ⸗ ſen, daß man Beides verdient habe. Emma hatte gern Gratulations⸗Karten abgeſchickt, aber Herr Wartnaby gab es nicht zu. Er wollte einem Manne, der auf eine ſo auffallende Art gegen alle Grundſaͤtze der Rechtlichkeit gehandelt hatte, keine Ausſicht auf den Schutz ſeines Umgangs gewaͤhren. — 303— Man ſollte nicht glauben, daß er ihm zu begegnen aͤngſtlich vermeiden wolle, doch war er entſchloſſen, zu zeigen, daß er ſeine Be⸗ kanntſchaft nie ſuchen und noch weniger einige Vertraulichkeit von ſeiner Seite dul⸗ den werde. Harriet fuͤhlte die Wuͤrde dieſes Be⸗ nehmens; ſie freute ſich, Averne und ſeine Frau nun einmal geſehen zu haben, denn ſie wußte wohl, daß kein zweites Be⸗ gegnen von gleichem Schmerz begleitet wer⸗ den koͤnne. Da Ampton Hall in der ganzen Um⸗ gegend fuͤr eines der angeſehenſten Haͤuſer galt, ſo hatten die, welche es gewoͤhnlich und oft beſuchten, unter ſich ausgemacht, daß es rathſam ſey, ſich unter der Hand darnach zu erkundigen, wie man wohl dort geneigt ſeyn moͤchte, diejenigen zu betrach⸗ ten, die mit Avernes umgingen. Es — 304— ward ſehr bald allgemein bekannt, daß, ob⸗ gleich Herr Wartnaby ſelbſt nebſt ſeiner Familie keinen Umgang mit den jungen Eheleuten zu haben Willens waͤre, ſie den⸗ doch keineswegs etwas dagegen haͤtten, ih⸗ nen in irgend einem andern Hauſe zu be⸗ gegnen. Weit entfernt, ihrem eigenen Ur⸗ theil uͤber Averne einen ſolchen Einfluß beilegen zu wollen, wuͤrden ſie gewiß nie ſo ſchwach ſeyn, diejenigen anzufeinden, die in dieſer Hinſicht anderer Meinung waren, als ſie ſelbſt. Das Bekanntwerden ſolcher Anſichten hatte die natuͤrliche Folge, daß Harriet und ihre Freunde ſehr bald in einen Cirkel geriethen, in dem auch Herr und Madame Averne gegenwaͤrtig waren. Der Herr ſchien, wie die, welche ihn ge⸗ nau beobachteten, es nannten, total ver⸗ bluͤfft, dagegen mußte Miß Lascelles Meiſterin in der Kunſt der Selbſtbeherr⸗ 3 — 305— ſchung ſeyn, denn ſie hatte nicht einmal die Farbe verändert, als Herr Averne bei Tiſche ſie, nach engliſchem Gebrauch, auffordern mußte, auf ihre Geſundheit ein Glas Wein mit ihm zu trinken. Als die Damen aufſtanden und in das Geſellſchaftszimmer ſich zuruͤckzogen, ſo wie auch ſpäterhin, bei verſchiedenen andern Ge⸗ legenheiten, ſuchte Madame Averne vor⸗ zuglich ſich Harriets zu bemächtigen, um ſie zur Zuhorerin ihres Geſpraͤchs von tau⸗ ſend geringfugigen Gegenſtaͤnden zu machen, uber die ſie mit modiſcher Geläufigkeit ſich zu verbreiten verſtand. Harriet hoͤrte ihr mit großer Aufmerkſamkeit zu, und je länger ſie dieſes that, je verworfener und gemeiner erſchien ihr Averne, der gerade ſolch eine Frau zur Gefährtin ſeiner gan⸗ zen Zukunft ſich erwählen konnte. Leider fiel jedoch ein Theil dieſer geheimen Richt⸗ Leben und Sitte in England. II. 20 — 306— achtung auf ſie ſelbſt zuruͤck, die ſo lange dem ſchoͤnen Traum von ſeiner Vollkom⸗ menheit Raum gegeben hatte, und einem ſo erbärmlichen leichtſinnigen Menſchen un⸗ umſchraͤnkte Gewalt uͤber ihr Herz einräu⸗ men konnte. Nichts vermag ein weibliches Weſen von geſunden Begriffen leichter und wirk⸗ ſamer von einer ubel angebrachten Liebe zu heilen, als die Ueberzeugung, daß der Ge⸗ liebte eine Nebenbuhlerin ihr vorgezogen habe, die tief, tief unter jeder Moglichkeit ſteht, mit ihr verglichen zu werden. Das Aufzählen aller der vornehmen Herren und Damen, mit denen ſie entweder verwandt war, oder die doch wenigſtens zu ihren in⸗ timſten Freunden gehoͤrten, war das Lieb⸗ lingsthema, uͤber welches Miſtriß Averne ſich mit dem groͤßten Vergnuͤgen verbrei⸗ tete. Unter dieſen ſtand in jeder Hinſicht — 3— der Name des Lord Willoughby oben an. Er war ihr Verwandter, und wie ſie verſicherte, der geiſtreichſte Mann von der Welt. Er wuͤrde ſich vortrefflich zu Miß Lascelles paſſen, davon war ſie uͤberzeugt; nur war er freilich ſehr ſtolz. Er hatte wirklich verſprochen, ſie auf der Ruͤckkehr von ſeinen Guͤtern im noͤrdlichen England zu be⸗ ſuchen, doch glaubte ſie, es wuͤrde ihm nicht gelegen ſeyn, ſich mit den Familien in der Nachbarſchaft viel abzugeben. Man ſagte, er ſey der vortrefflichſte aller Maͤn⸗ ner; nun wenigſtens konnte ſie verſichern, daß er einer der allerhuͤbſcheſten ſey; groß, von gebietendem Anſehen, vielleicht etwas zu blaß, ſchwarze Augenbraunen, raben⸗ ſchwarzes Haar und wunderſchoͤne dunkel⸗ blaue Augen mit ſeidenen ſchwarzen Augen⸗ wimpern. Sie hatte nie einen ſchoͤnern Mann geſehen, der ihm zu vergleichen ge⸗ 20 — 308— weſen waͤre, ausgenommen freilich Averne, und dieſer war es wieder in einer ſo ganz andern Art, daß jeder Verfuch, dieſe Bei⸗ den neben einander zu ſtellen, lächerlich ſey. Ein andermal wunderte ſie ſich nur, wen in aller Welt Lord Willoughby wohl einmal heirathen wuͤrde. Er konnte freilich aus den ſtolzeſten Familien in ganz Groß⸗ brittanien ſich nach freier Wahl eine Frau ausſuchen. Die Braut, die er wählte, mußte aber, davon war ſie uͤberzeugt, etwas ganz Ungewoͤhnliches ſeyn, recht entſchieden elegant gebildet und glaͤnzend. Sie mußte in den erſten Cirkeln uͤberall die Erſte ſeyn. Wie viel Neid wuͤrde ſie einſt erregen! Lady Willoughby zu werden war lange ſchon allen unverheiratheten Schoͤnen, de⸗ ren Namen unter dem erſten Adel von Eng⸗ land glänzte, als der Gipfel des wuͤn⸗ ſchenswertheſten Gluͤckes erſchienen. Uebri⸗ ————— —— — 309— gens wuͤrde ſie, Miſtriß Averne, gewiß ganz entzuͤckt ſeyn, ihren Vetter Wil⸗ loughby den Leutchen hier zu Lande vor⸗ zuſtellen, nur fürchtete ſie, daß ſie es kaum wagen duͤrfe, es ihm vorzuſchlagen. Er war gerade ein Mann, den zu beleidigen ſich ſo leicht niemand unterſtaͤnde! Sie betrachtete ihn als das Muſter eines vollen⸗ deten Edelmannes, und endlich ſchloß ſie die lange Rede, indem ſie die Hoffnung ausſprach, daß ſie in ſeiner einſtigen Ge⸗ mahlin eine Frau ſehen wuͤrde, die ihr Ge⸗ ſchlecht in Allem weit hinter ſich zuruͤckließ. Man haͤtte unrecht, zu glauben, daß dieſe Reden nur in Averne's Abweſen⸗ heit gehalten wurden. Er hatte ſie oft ge⸗ hoͤrt und ſchien eben ſo viel Gefallen als ſeine Frau ſelbſt daran zu finden, von ſei⸗ nem Vetter Lord Willoughby zu reden. Freilich hatte er ihn nie geſehen, aber Ma⸗ — 310— ry's genaue und treue Schilderungen hat⸗ ten ihm denſelben ſo vertraut gemacht, als ob er Seiner Herrlichkeit läͤngſt befreundet geweſen. Er war eben ſo begierig als ſie ſelbſt, die Frau zu ſehen, die Lord Wil⸗ loughby einmal heirathen wuͤrde; ohne Zweifel eine Dame aus der großen Welt, und von einer der vornehmſten Familien, denn das galt ihm nun einmal fur jeden Mann, deſſen Ausſichten es geſtatteten, als ganz unentbehrlich. Manchmal hatte er freilich gemeint, in einer der eleganten Toͤch⸗ ter des Herzogs von** vielleicht die könftige Lady Willoughby zu erblicken. Es traf ſich ſehr glucklich fuͤr Har⸗ rier, daß gerade der Ton, den Averne anzunehmen ſuchte, der geeignetſte war, ihn einem weiblichen Weſen von ihrem Geiſte* und ihrem Gefuͤhl widerwaͤrtig erſcheinen zu laſſen. Dieſe ſorgloſe Geckenhaftigkeit, — 311— mit der er ſogar ſie anzureden wagte, war mehr als Zorn erregend, ſie erweckte die entſchiedenſte Verachtung. Die Herzloſig⸗ keit, die er in allem bewieß, was er ſagte und that, gab ihr in jedem Augenblicke urſache, dem Himmel zu danken und ſich zu freuen, einem ſolchen Menſchen entkom⸗ men zu ſeyn. Auch war ſie dankbar da⸗ fur; Frauen wiſſen meiſtens die Charaktere ſcharf und richtig zu beurtheilen; nur eine entſchiedene Vorliebe vermag es, ſie zu ver⸗ blenden und den ihnen angeborenen feinen Tact irre zu leiten. Harriet hatte Lord Willoughby, dieſen hochgeprieſenen Verwandten, dieſen Mann aller Männer, dieſen eleganten, Al⸗ les verdunkelnden Edelmann vom erſten Range geſehen; er hatte ſich um ſie bewor⸗ ben und ſie hatte ſeine Hand abgelehnt. Dieſer naͤmliche Mann, den Averne ſelbſt — 312— unwiderſtehlich glaubte, dem die Hand der— Edelſten im Koͤnigreiche zu Gebote ſtehen ſollte; er war um ſeinetwillen abgewieſen von einem Mädchen, das der Lord weder des Ranges, noch des Vermoͤgens, noch der glaͤnzenden Erſcheinung wegen gewaͤhlt hatte, und dieſes Maͤdchen war Harriet Lascelles. Ein Jahr war vergangen, ſeit Lord Willoughby zu gleicher Zeit mit Har⸗ riet im naͤmlichen Hauſe als Gaſt aufge⸗ nommen worden war. Er war wirklich alles das, was Madame Averne von ihm ſagte; er war aber noch weit mehr— er war ein Chriſt, und erwartete von ſeiner kuͤnf⸗ tigen Gemahlin Grundſätze, Gewohnheiten und Anſichten, die auch ſie zu dieſem ſchoͤ⸗ nen Namen berechtigten. Indem Harriet 3 ihm ihre Verbindung mit Averne offen geſtand, hatte ſie ſeine Hoffnungen entſchie⸗ —— den und augenblicklich vernichtet. Sie hatte ſich nicht erlaubt, nur einen Augenblick ſich die Frage: koͤnnte ich ihn lieben? in Ge⸗ danken vorzulegen. Die bloße Vorſtellung einer ſolchen Moͤglichkeit ſchien ihr die Treue gegen den Geliebten zu verletzen. Indem ſie Lord Willoughby's Antraͤge verwarf, verſenkte ſie die Erinnerung an ihn, an ſeine Talente, an ſeinen ausgezeichneten Werth in tiefe Vergeſſenheit, ſo gern ſie auch eben dieſer Vorzuͤge wegen in ſeiner Geſellſchaft geweſen war. Auch hatte ſie nie wieder daran gedacht, bis die Beſchrei⸗ bungen Averne's und ſeiner Gemahlin die ſchlummernde Erinnerung in ihr weckten. Miſtriß Averne genoß endlich wirk⸗ lich der unbeſchreiblichen Gluͤckſeligkeit, Lord Willoughby als ihren Gaſt zu empfan⸗ gen. Er kam ſogar noch fruͤher, als ſie ihn erwartet hatte. Was ſollte ſie nur an⸗ — 314— fangen, damit dieſer Beſuch bei ihr ihm nicht Langeweile braͤchte? Wenn ſie ihn nur in Ampton Hall einfuͤhren koͤnntel War das denn gar nicht zu machen? Sie fragte Averne um Rath; ein kurzes ver⸗ drießliches: Nein! war die Antwort, denn die Flitterwochen waren voruͤber, und das Landleben keineswegs die Sphaͤre, in wel⸗ cher die Eigenſchaften ſeiner Gattin ſich am brillanteſten ausnahmen. Am Morgen nach der Ankunft Lord Willoughby's ſchlugen Herr Averne und ſeine Gemahlin dem edlen Gaſt nach dem Fruͤhſtuͤcke eine Menge Pläne vor, um die muͤßigen Stunden zu fuͤllen. Er verſicherte hoͤchſt dankbar, ihre Guͤte zu erkennen, wollte aber lieber ſein Pferd beſteigen, um einen Beſuch zu machen, der nicht wohl auf⸗ zuſchieben ware, und ſomit ritt er davon. Miſtriß Averne war ganz außer ſich vor Erſtaunen. Wen in aller Welt konnte er außer ihnen ſelbſt in dieſem entlegenen Winkel noch kennen? Sie hätte alles darum gegeben, es zu wiſſen, aber den Lord darum zu befragen, ſchien doch un⸗ moͤglich. Dieſe Zuruͤckhaltung war wirk⸗ lich ein recht unangenehmer Zug ſeines Cha⸗ rakters! Und daß er nicht einmal Herrn Averne um deſſen Begleitung angeſpro⸗ chen, das war beinahe ungezogen, meinte ſie. Averne hegte faſt dieſelben Gedan⸗ ken. Er hatte große Luſt, ſein Pferd zu nehmen, und dem Lord gleichſam zum Spaße zu folgen. Doch ein Gedanke, der immer große Gewalt uͤber kleine Seelen behaͤlt, hielt ihn davon zuruͤck, der Ge⸗ danke, was wuͤrde Lord Willoughby dazu meinen? Unterdeſſen war der Gegen⸗ ſtand aller dieſer mannichfaltigen Ueberle⸗ gungen nach Ampton Hall geeilt, ſo ſchnell — 316— nur ſein Renner ihn tragen konnte. Er brachte den ganzen Morgen mit Harriet zu. Der Eifer, mit dem er ſeine Bewer⸗ bungen um ſie erneute, ſobald er ſie wie⸗ der frei wußte, konnte unmoͤglich ihr miß⸗ fallen, denn er gab ihr dadurch den uͤber⸗ zeugendſten Beweis ſeiner unveraͤnderlichen Neigung, indem er zugleich einen hohen Grad von Zartgefuͤhl an den Tag legte, da er auch nicht die entfernteſte Anſpielung auf die Gefuͤhle ſich erlaubte, die ihn hier⸗ her gezogen. Harriet blieb nach ſeiner Entfernung noch eine Weile in angenehmen Nachſinnen verloren. Miß Wartnaby unterbrach ſie nicht; ſie wußte recht gut, wie einſt die Sachen zwiſchen ihr und dem Lord geſtan⸗ den, und hoffte, daß ſeine Neigung am Ende doch noch mit gutem Erfolg belohnt werden wuͤrde. Ein Morgen folgte dem andern und jeder derſelben ſah den Lord Willoughby an Harriets Seite. Spaͤ⸗ terhin konnte man ihn auch des Abends am naͤmlichen Orte finden. Er machte kein Geheimniß aus ſeinen Beſuchen, und die Neugier der Miſtriß Averne erhielt ſehr bald volle Befriedigung. Sie wußte jetzt, wem er ſeine Zeit, alles andere ausſchlieſ⸗ ſend, widmete.„Behuͤte mich Gott!“ ſprach ſie zu ihrem Gemahl,„Willoughby kann doch wahrhaftig nicht die Abſicht ha⸗ ben, ſich am Ende an ein bloßes Landmaͤd⸗ chen wegzuwerfen? Das iſt ja ganz un⸗ moͤglich! Obendrein iſt Harriet Las⸗ celles nicht einmal huͤbſch genug, um ſo eine Tollheit zu entſchuldigen! Was kann nur ſeine Abſicht ſeyn?“ „Vielleicht haͤlt er die Sitte und Bil⸗ dung der großen Welt nicht fuͤr ſo unum⸗ gänglich nothwendig zum Gluͤcke, als an⸗ — 318— dere Leute gethan haben“, erwiederte Averne ehr verſtimmt, und ein bitterer Seufzer 5 der Reue entfloh ſeiner Bruſt. Obgleich er Harriets Neigung durch die niedrigſte Untreue gelohnt, und ohne vorbereitendes Wort die Nachricht von ſeiner Treuloſigkeit hatte auf ſie eindringen laſſen, ſo fuͤhlte er dennoch alle Martern der Eiferſucht bei dem Gedanken, einen Andern von ihr ge⸗ liebt zu ſehen. Er konnte es nicht ertra⸗ gen, daß dieſer Andere beſitzen ſollte, was einſt ſein hätte werden koͤnnen. Er hatte Harriet mit der feſten Ueberzeugung ver⸗ laſſen, daß ſie, der Erinnerung an ihre ver⸗ gangene Liebe ſich auf immer weihend, nie die Gattin eines andern Mannes werden koͤnne. Nun empfand er ploͤtzlich mit be⸗ klemmender Angſt, wie er durch ſeine uͤber⸗ eilte Wahl ſein ganzes Gluck ſelbſt zerſtoͤrt hatte. Wie wenig trug dieſes glaͤnzende — 2—— — C willig dem Elende ſich hingegeben habe, — 319— modiſche Weſen zu ſeinem häuslichen Wohl⸗ ſeyn bei! Wo war in der Sphaͤre, in der er lebte, der Raum zu einer blenden⸗ den Ausbreitung ſeines Schimmers? Und haͤtte dieſer ſich auch wirklich gefunden, mußte der Vorzug, welchen Lord Wil⸗ loughby Harriets Liebenswuͤrdigkeit ge⸗ geben, nicht jeden andern Eindruck verlo⸗ ſchen, und ihr den vollen Glanz der benei⸗ denswertheſten Bewunderung ſichern? Wes⸗ halb war er denn nun eigentlich dem Bor⸗ wurfe der Ehrloſigkeit ausgeſetzt und eigent⸗ lich zur Niedertraͤchtigkeit herabgeſunken? Der Wurm nagte an ſeinem Herzen, Un⸗ zufriedenheit und Reue verzehrten ihn; aber dieſe Reue nahm die Farbe ſeines Egois⸗ mus an. Es erbitterte ihn, ſich eingeſtehen zu muͤſſen, daß er ein Gluͤck verſchmaͤht, welches ihm erreichbar geweſen war, frei⸗ — 320— dem nun ſeine Seele erlag. Sein Gemuͤth blieb aber weit entfernt von jener Reue, die man nie bereuen kann. Harriet dagegen gewann ſehr bald in Lord Willoughby's Geſellſchaft die ihr ſonſt eigenthuͤmliche heitere Stimmung wieder. Er ſuchte nicht, ſich in ihren Ge⸗ ſchmack zu fuͤgen, denn dieſer war längſt auch der ſeine. Literatur im edelſten Sinne des Wortes, war die hoͤchſte Freude Bei⸗ der. Lord Willoughby's Talente gaben ihm jenes ierſ das ein geiſtig ge⸗ bildetes weibliches Gemuͤth unwiderſtehlich einnimmt, indem dieſes ſich ſelbſt dadurch noch hoͤher gehoben fuͤhlt. Von Liebe war zwiſchen ihnen noch nicht wieder die Rede geweſen, aber Beide hatten mit Herz und Geiſt viel uͤber ſie gedacht, bis endlich der Lord ſeine fruͤheren Antraͤge foͤrmlich wie⸗ der erneute. — 31— „Wenn ich nicht“, erwiederte Har⸗ riet,„wenn ich nicht mit voller Ueberzeu⸗ gung verſichern koͤnnte, daß meine fruͤhere Neigung fuͤr Averne nicht nur aus mei⸗ nem Herzen vertilgt iſt, ſondern daß auch ſogar die Narben derſelben ſo verſchwunden ſind, als waͤren ſie nie da geweſen, ſo wuͤrde kein Vorzug in der Welt, den ich Ihnen zugeſtehen muͤßte, mich beſtimmen, mich mit Ihnen zu vereinigen. Ich kann aber aus vollem Herzen Sie verſichern, daß ich eine weit edlere Neigung fuͤr Sie em⸗ pfinde, als jener mir je einzufloßen faͤhig war, und daß dieſe Neigung auf einem feſten Grunde beruht, der ihre Dauer mir ſichert. Indem ich die Schwaͤche von Averne's Geiſt und das Wankende ſeiner Grundſätze erkannte, ward ich von meiner Liebe zu ihm geheilt. Meine Neigung zu Ihnen beruht ebenſowohl auf dem Urtheile mei⸗ Leben und Sitte in England. II. 21 — 322— nes Verſtandes als auf dem Gefuͤhle in meinem Herzen, und ſo begruͤnde ich das Gluͤck meines Lebens, indem ich geſtehe, daß ich Sie liebe und Ihnen angehoͤre.“ SL6 SEMQE