Abenteuer einer Föristochter Hiſtoriſche Rovelle von Leipzig. Verlags⸗Contsr. — Bombans und Kaſtriota erkannten die Gefahr des Königs und der Prinzeſſin. Sie nahmen alle ihre Kräfte zuſammen und eilten dem Venetianer ſo ſchnell nach, wie nur irgend ihre ſchmerzhaften Wunden ihnen erlaubten. Allein der Venetianer hatte einen zu Koßen Vorſprung, und als er ſich verfolgt ſah, lief er mit einer ſolchen Eile, daß der Albaneſe und der In⸗ tendant ihm nicht zu folgen vermochten. Als die beiden Letztgenannten an der Haupt⸗ pforte der Gefängniſſe anlangten, hörten ſie, wie der verſchmitzte Michel dieſelbe ſchon von innen hinter ſich verriegelte. Die beiden Diener des Königs von Chpern ſtießen einen lauten Schrei der Verzweiflung aus und blickten eine kurze Weile einander troſtlos an. Dann ergriff die Wuth ihre Herzen, und 6 Kaſtriota holte einen Balken, um mit demſelben die Thür einzurennen. Bombans war in Verzweiflung, daß er dem Albaneſen nicht helfen konnte, denn ſeine zu grau⸗ ſam verwundeten Finger erlaubten ihm das nicht; daher überließ er die Belagerung der Thür Ka⸗ ſtriota allein und eilte nach dem Burghofe zurück, um hier Hilfe zu ſuchen. Leider! ſah er bei ſeiner Rückkehr auf den Kampfplatz, daß Johann Staub's Anhänger be⸗ reits unterlagen. Vergebens rief der Bärtige ſeinen Gegnern zu, um ſie zur Vernunft zu bewegen; die Herzloſen hörten nicht auf ſeine Worte, ſondern dachten nur an die Plünderung, welche ſie nach ihrem Siege vornehmen wollten. Unerbittlich entwaffneten ſie von den Leuten von Caſin⸗Grandes einen nach dem andern, bis dieſe abermals ſich in Feſſeln ſahen und nur noch den Tod hoffen oder erwarten konnten. Der Schein von Hoffnung, an welchem ſie ſich kurze Minuten gelabt, der Augenblick der Frei⸗ heit, welchen ſie noch ein Mal genoſſen, hatte nur — — 7 gedient, ihnen dieſen letzten Schritt zum Elend deſto grauſamer und ſchmerzlicher zu machen. Der Biſchof und Kephalein waren von den Königlichen die Einzigen, die ſich noch vertheidig⸗ ten, und an ihrem wilden Muthe konnte man er⸗ kennen, daß ſie mit den Waffen in den Händen ſterben wollten, um den König und die Prinzeſſin nicht zu überleben. Marie und Joſette erkannten, daß alle Hoff⸗ nung verloren war und liefen laut ſchreiend auf den Hof hinaus. Auch Trouſſe erkannte, daß es höchſte Zeit ſei, ſeine kleine runde Maſchine zu retten; er bemerkte die noch offene Ausfallspforte und richtete eilends ſeine Schritte nach derſelben. 33 Da hörte man plötzlich das dumpfe Geräuſch eilender Hufſchläge. Die Johanniter erſchraken,— der Kampf ward für einen Augenblick unterbrochen. Durch die Ausfallspforte ſprengten ſchon die Erſten der Neuangekommenen herein und die alten Mauern der Burg Enguerry's hallten wieder von dem tauſendſtimmigen Rufe: 8 „Montjoie Saint-Denis!“ „France!— France!“ „Montjoie Saint-Denis!“ Trouſſe bebte erſchrocken zurück und verbarg ſich in einem leeren Faſſe, aus dem er nicht eher wieder hervorzukommen wagte, bis die Reiter an ihm vorüber waren. 191 Schnell wie die Blitze bei einem Gewitter im Frühling, wüthend wie die Stürme, welche den Gewitterwolken folgen, ſtürmten die Ritter auf den Hof und griffen die Räuber mit ſolcher Wuth an, daß dieſelben gar nicht zu begreifen vermochten, was mit ihnen vorgehe. Die königliche Partei gewann neuen Muth und rief: „Es lebe der ſchwarze Ritter!“ Kephalein und der Biſchof führten mit ihrem geringen Anhange eine geſchickte Schwenkung aus, durch welche die Räuber eingeſchloſſen und zwiſchen zwei Feuer gebracht wurden. Bald waren dieſelben unfähig, noch den ge⸗ ringſten Widerſtand zu leiſten und ſtreckten die Waffen. 9 Die Ritter aber beſetzten alle Zugänge der Burg, und mehr als zweitauſend Mann Kriegs⸗ knechte erfüllten ſchnell die Feſte, ſchwangen ſich in die Gräben und bemächtigten ſich der Zugbrücke. „Victoria!“ „Montjoie Saint-Penis!“ Das waren die lauten Jubelrufe, welche aber⸗ mals weithin durch die Lüfte erſchallten, und ſelbſt bis in die unterirdiſchen Verließe der Burg er⸗ tönten. Der fromme Moneſtan kniete in einem Winkel nieder, faltete die Hände und fandte ein inbrünſti⸗ ges Gebet zu dem Allvater empor, ohne jedoch bei vemſelben an ſich zu denken. Die Räuber wurden in jenen unterirdiſchen Kerker geworfen, in welchem erſt vor Kurzem noch die Leute von Caſin⸗Grandes geſeufzt hatten, und der Burghof bot jetzt ein Schauſpiel der Freude dar. Die Geretteten umarmten ihre Befreier, Jo⸗ ſette und die vollkommen zur Vernunft zurückge⸗ kehrte Marie fielen Johann Staub um den Hals, und dieſer Letztere ſtellte die auf den Weg der 10 Tugend zurückgekehrten Johanniter nebſt den Leu⸗ ten von Caſin⸗Grandes in einen Heereshaufen zuſammen. Der Biſchof, Kephalein und die angeſehenſten Perſonen von dem kleinen Hofſtaate des Königs von Cypern umgaben den ſchwarzen Ritter, neben welchem auch der alte Krieger ſtand, welchem Raoul an dem Morgen dieſes Tages begegnet war. Der Graf von Foir war ebenfalls mit in die Burg eingezogen. Moneſtan hatte indeß ſein heißes Dankgebet beendigt und Gott gebeten, daß er denen verzeihen möchte, welche ein Gleiches zu thun vergäßen. Sein zweiter Gedanke war der an den König. Er blickte um ſich und ſah den verehrten Herr⸗ ſcher nicht. „Wo iſt der König?— Wo iſt die Prinzeſſin?“ rief der Greis in angſtvoller Beſtürzung aus. Dieſe Worte endeten ſchnell den Freudenrauſch der Sieger; Alle blickten einander an und vertheil⸗ ten ſich dann, um die Burg zu durchſuchen. Und jetzt erſt hörte man Bombans, welcher ohne Unterlaß nach Hilfe ſchrie,— jetzt erſt ſah 12 man Kaſtriota, deſſen Kräfte nicht hinreichten, die feſte Pforte einzurennen. Man erinnerte ſich an den Venetianer und zitterte. Johann Staub eilte nebſt zwei andern Kriegern mit Streitäxten hinzu, um den vor Wuth ſchäu⸗ menden Albaneſen zu unterſtützen. Kephalein unterrichtete indeß den ſchwarzen Ritter von dem Vorgefallenen, und nichts glich dem Schmerz und der Verzweiflung des verliebten Ritters, als er die Gefahr erfuhr, in welcher die Prinzeſſin ſchwebte. XXVIII. Man kann ſich die Freude denken, welche den Italiener erfüllte, als es ihm gelungen war, vor der Ankunft des Albaneſen und des Intendanten die Hauptpforte zu den Verließen von innen zu verriegeln. Er war ſchon überzeugt, daß ihn jetzt nichts mehr ſtören würde, den Zweck ſeiner Sendung zu erfüllen; er jubelte, daß er nun allein den Sünden⸗ lohn verdienen werde, welchen die Republik ihm verheißen hatte. Aber die wiederholten Schläge, welche Kaſtriola gegen die Pforte richtete, dröhnten ſchreckend durch ſeine Ohren und gemahnten ihn, daß keine Zeit zu verlieren ſei. 2 Er durcheilte nun die finſtern Tiefen der unter⸗ irdiſchen Gewölbe, um das Gefängniß zu finden, —.— 13 in welchem ſich der König und ſeine Tochter befän⸗ den. Zugleich verſuchte er die verſchiedenen Schlüſſel des Bundes und überzeugte ſich, daß jeder der in den Felſen gehauenen Käfige ſeinen be⸗ ſondern Schlüſſel habe. Dann trat er an die Hauptpforte zurück, um bei dem ſchwachen Scheine des Tageslichts, wel⸗ cher durch die Spalten derſelben fiel, ſeine Schlüſ⸗ ſel einer genauern Prüfung zu unterwerfen. Bald bemerkte er, daß ſie ſämmtlich mit Zahlen ſorgfältig bezeichnet wären, und ſagte dem Teufel ſeinen Dank für dieſe Entdeckung. Nun kehrte er in den dumpfen Gang zurück und lauſchte an den verſchiedenen Thüren, um den Käfig zu entdecken, in welchem ſich die dem Tode Geweihten befänden. Der König und ſeine Tochter ſaßen auf einer Bank von Stein, dem einzigen Sitze, welcher ſich in der ſchrecklichen, ihnen angewieſenen Wohnung befand. Johann II. lauſchte aufmerkſam auf den Waf⸗ fenlärm, welcher dumpf von den unterirdiſchen 14 Wänden wiederhallte, und ſchöpfte einen Reſt von Hoffnung aus demſelben. Da vernahm er den Ruf: „Montjoie Saint-Denis!“ „Horch! meine Tochter,“ ſagte er,„das iſt der Siegesruf des ſchwarzen Ritters!“ „So werden wir ihm alſo drei Mal unſre Rettung verdanken!“ ſeufzte Clotilde. „Höre, Tochter, man rennt ſchon die Pforte unſers Kerkers ein!“ „Ha!— da ſind ſie!“ jubelte der Italiener, welcher die Worte des Königs vernommen hatte; „ſie ſelbſt haben ſich verrathen!— Satan! hilf!— hilf! daß ich ſchnell den verdammten Schlüſſel finde.— Satan, hilf! denn ich arbeite ja für Dich!“ „Was ſind das für Töne, meine Tochter?“ fragte der Monarch erſchreckt. „Ha! nun habe ich die zwei Millionen!“ ju⸗ belte draußen der Italiener, denn er hatte den rech⸗ ten Schlüſſel gefunden, und ſchon knarrte das ro⸗ ſtige Schloß der Kerkerthür. Der Monarch hatte die letzten Worte verſtan⸗ den und aus ihnen den Feind erkannt. Er errieth 15 ſein Loos, legte Clotilde zwiſchen die ſteinerne Bank und die Felſenwand auf die Erde und em⸗ pfahl ſich ſelbſt dem Schutze der Vorſehung. Mit dem Degen in der einen, dem Dolch in der andern Hand trat Michel Angelo ein. Aber ſchwarze Nacht herrſchte in dem Verließe und kein Athemzug ſchlug an das Ohr des Meu⸗ chelmörders. Vergebens ſtrengte Michel ſeine Augen an; es war keine Möglichkeit, das grauſige Dunkel zu durchblicken. Von der Thür aus, die er nicht zu verlaſſen wagte, ſtieß er mit ſeinem Degen nach allen Sei⸗ ten, ob er nicht den König finden und treffen möchte. Dieſe Verſuche dauerten einige Minuten. Als aber der Teufel in Menſchengeſtalt hörte, wie unter den heftigen Hieben mit den Streitärten die Hauptpforte in Trümmer zerflog, da trat er vollends in das Gefängniß und zog die Thür deſ⸗ ſelben hinter ſich zu. Johann II. hatte indeß das feine Gefühl der Blinden und ein geübtes Gehör; daher war er bei dieſem Kampfe im Dunkeln im Vortheil und ſtets 16 fern von dem Degen, mit welchem der Italiener wüthend um ſich hieb und ſtach. Clotilde war dagegen durch die ſteinerne Bank geſchützt, welche Michel für einen Theil der Mauer hielt und folglich nicht daran dachte, Unterſuchun⸗ gen über dieſelbe hinaus anzuſtellen. Immer wüthender wurde der Italiener, wäh⸗ rend der König Ermattung zu fühlen begann und daher dem Kampfe ein Ende zu machen beſchloß. Er ſtürzte ſich auf ſeinen Feind, wandte alle Kräfte auf, die ihm das Alter übrig gelaſſen, und drückte ihn gegen die Wand, indem er vief: „Clotilde, meine Tochter, rette Dich! es iſt jetzt Zeit dazu!“ Die Prinzeſſin raffte ſich empor und eilte in den unterirdiſchen Gang hinaus, indem ſie laut nach Hilfe rief. Nicht lange vermochte der greiſe König ſeinen Aufwand an Kraft auszuhalten. Michel Angelo warf ihn zu Boden, ſtieß ſeinen Degen durch den Körper deſſelben und ſagte dabei: „Das war Einer!“ Dann eilte er mit erhobenem Dolche Clotilden 17 nach, wcht athemlos in den Ge⸗ wölben umherirrte. In dieſem Augenblick war die Hauptpforte überwältigt; Johann Staub, Kaſtriota, Bombans und der ſchwarze Ritter traten mit Fackeln in den unterirdiſchen Gang. Sie erblickten die Jungfrau, nach welcher eben der Dolch des Italieners gerichtet war; aber fer⸗ nerhin ſah man noch eine große Geſtalt, welche ſich mit der Schnelligkeit eines Geiſtes gegen den Italiener bewegte. Es war Johann II., der mit dem Degen des Venetianers, welcher von einem Knopfe ſeiner Dalmatica abgeglitten war, ſeiner Tochter zu Hilfe eilte. In einem Augenblick hatten Johann Staub und Bombans den Venetianer ergriffen, während Ka⸗ ſtriota ſeine Wohlthäterin auf die Arme nahm, um ſie aus dieſen grauſenvollen unterirdiſchen Räumen zu tragen. Bald folgte ihr Johann der Zweite, um in die Arme der geliebten Tochter zu ſinken, welche ihn mit Entzücken küßte und heiße Thränen über die Iw. 2 18 Wangen ihres Vaters fließen ließ. Die Miniſter, der unbekannte Greis, der Graf von Foix und die vornehmſten der anweſenden Ritter umſtanden ge⸗ rührt dieſe Gruppe. Nach dieſem erſten Augenblick der Freude er⸗ griff der ſchwarze Ritter die Hand ſeiner Verlob⸗ ten, um ſie nach dem großen Saale der Burg zu führen, welcher eiligſt von einigen Kriegsknechten geſäubert war. Der Graf von Foix reichte dem blinden Mo⸗ narchen ſeinen Arm, um ihn der Prinzeſſin nach⸗ zuführen. Vor dieſe hohe Verſammlung wurde nun Michel Angelo geführt; man hielt Gericht über ihn und verdammte ihn einſtimmig zum Galgen. „Thut wenigſtens Buße!“ ſagte Moneſtan mit mildem, eindringendem Ausdruck. „Ich habe Abſolution,“ entgegnete der Vene⸗ tianer lächelnd;„ich wußte es ja vorher, daß ich in der Luft mein Leben beenden würde, wenn ich auch mein Ende nicht für ſo nahe hielt. Alſo nun— gute Nacht Leben!— auf baldiges Wiederſehen!“ 19 Man führte ihn nach dem Gaigen den er mit heiterm Muthe beſtieg. Als man ihm die letzte dalspinde umlegte, machte er auch noch einen letzten Scherz. „Das war mir ſchon in meiner Kindheit pro⸗ phezeiht,“ ſagte er,„daß ich einmal Biſchof wer⸗ den würde.“ „Was meinſt Du damit?“ fragte Johann Staub. „Seht Ihr nicht, daß ich Euch den Segen er⸗ theile mit meinen Füßen?“ Als er dieſe Worte ſagte, bewegte er ſein rech⸗ tes Bein nach der Art, wie ein Prieſter die Hand bewegt, wenn er eine chriſtliche Gemeinde ſegnet. Dieſer Hohn war ſein letzter. Er verſchied unter Zuckungen, aber ſelbſt dieſe Zuckungen waren noch der Art, daß ſie ſeinem Antlitz einen lachenden Ausdruck verliehen. Das war das Ende eines Menſchen, an wel⸗ chem die Natur ihre glänzendſten Gaben verſchwen⸗ det hatte, und der ſich gewiß ausgezeichnet haben würde, hätte er dieſe Gaben nicht zum Böſen an⸗ gewendet. 20 Im großen Saale der Burg ſaß indeß Clotilde noch immer traurig und mit Thränen in den Au⸗ gen, ohne der liebkoſenden Huldigungen und der flehenden Haltung des ſchwarzen Ritters zu achten. „Mein Sohn,“ ſagte dagegen der blinde Kö⸗ nig, indem er des Ritters Hand an ſein Herz drückte,„ich habe mein Verſprechen nicht vergeſſen, und morgen wird die Capelle von Caſin⸗Grandes Euere Schwüre vernehmen.“ Clotilde erbebte bei dieſen Worten, und ihre Thränen floſſen noch reichlicher über ihre erbleich⸗ ten Wangen. Da neigte ſich der ſchwarze Ritter zu ihr ſagte leiſe in ihr Ohr: „So werde ich Euch alſo unglücklich machen!“ Die Prinzeſſin antwortete nicht, weinte nur noch mehr. Johann II. war der Einzige, dem dieſe weh⸗ müthige Scene entging, während alle Uebrigen tief von derſelben ergriffen wurden. Der unbekannte Greis ſchien von Allen der Gleichgültigſte zu ſein. Er betrachtete die Mauern des Schloſſes, die Wände des Saales, die Geräthe 21 in demſelben, den Fußboden— kurz, Alles, und zwar mit der Miene eines Mannes, der nach lan⸗ gen Jahren der Verbannung in das geliebte Va⸗ terhaus zurückgehrt iſt, und dem bei jedem Blick ſüße Erinnerungen aus Kindheit und Jugend wach gerufen werden. Da ſich der ſchwarze Ritter in Verlegenheit befand wegen der Haltung, die er anzunehmen hatte, ſo nahte er dem Greiſe, ergriff ſeine Hand und ſagte mit gerührter Stimme zu ihm: „Graf Enguerry, es liegt nicht in meiner Macht, Euch Euere Herrſchaft in dem blühenden Zuſtande zurückzugeben, in welchem Ihr dieſelbe verlaſſen. Euer treuloſer Lieutenant hat ſie ver⸗ heert und ausgeſogen, allein Ihr werdet bald be⸗ wirken, daß Glück und Wohlhabenheit von Neuem erblühe, und werdet, wenn der gegenwärtige Zu⸗ ſtand Euerer Beſitzung Euch nicht erlauben ſollte, Einkünfte aus derſelben zu ziehen, nicht vergeſſen, daß Ihr Freunde habt.“ „Wie Prinzſi „Bſt!“ machte ſchnell der ſchwarze Ritter und legte einen Finger in der Gegend des Mundes auf ſein Viſir. „Wie, Ritter,“ verbeſſerte ſich geſchickt der wahre Enguerry,„ich ſollte Euch Freiheit, Löſegeld, Vermögen, die Rückkehr in das Schloß meiner Bäter verdanken, ohne je meine Schuld abtragen zu können!— Wie vermöchte ich das auch, ſelbſt wenn ich wollte!— Ritter,“ fügte er dann mit ei⸗ nem ſcharfen Blicke hinzu,„ich bin Euer Lehns⸗ mann,— dürfte ich es wagen, mich Euern Freund zu nennen!“ Der ſchwarze Ritter breitete ſeine Arme aus, und der alte Enguerry ſank an ſeine Bruſt. „Ich bin genügend belohnt,“ ſagte der ſchwarze Ritter,„denn nichts iſt ſo viel werth, wie ein treuer Freund.“ Das größte Staunen ergriff die Anweſenden, welche jetzt erſt den greiſen Ritter kennen lernten. Alle wünſchten ihm Glück, und Jeder bot ihm ſei⸗ nen Beiſtand an. „Sire,“ ſagte Graf Enguerry zu dem Könige von Chpern, nachdem die rührende Scene der Wie⸗ dererkennung vorüber war,„der Tag iſt zu weit 23 vorgeſchritten, als daß Ihr nach Euerm Schloſſe zurückkehren könntet, welches überdieß erſt wieder in wohnlichen Zuſtand geſetzt werden muß. Ich hoffe, daß Ihr wenigſtens die folgende Nacht bei mir verweilen werdet; Euere Gegenwart, die Ge⸗ genwart Euerer Tochter und dieſer edlen Ritter wird dieſe Stätte von dem Flecken wieder reinigen, welcher auf ihr haftet.“ Johann II war zu ermattet, um eine abſchläg⸗ liche Antwort zu geben, und Graf Enguerry befand ſich daher auf dem Höhenpunkte der Freude. Der Graf verließ darauf den Saal, um das Nöthige und Mögliche zur Bewirthung ſeiner Gäſte anzuordnen, und Meiſter Taillevant ſtellte ſeine Küchentruppen in Schlachtordnung, um die ihm gebotene Gelegenheit, ſeine Kunſt glänzen zu laſſen, nicht zu verſäumen. Zugleich bot er dem Grafen ſeinen Zögling Frilair als einen Mann an, der fähig ſei, die Stelle eines Obermundkochs würdig auszufüllen. Frilair wurde auch ſogleich als erſter Küchenmeiſter des Grafen angenommen. Unterſtützt von Bombans, Johann Staub und Taillevant wählte darauf der Graf Enguerrh unter 4 den von ihrem bisherigen Wege zurückgekehrten Räubern, den Leuten von Caſin⸗Grandes und den Bauern ſolche aus, von denen man erwarten konnte, daß ſie treue Diener ſein würden. Dann war Bombans der Erſte, welcher die Organiſation des Schloſſes in ſeine Hand nahm, und ſeine unermüdliche Thätigkeit diente dem kleinen Häuflein als Muſter. Wie die Chroniken der Provence verſichern, verfuhr er dieſes Mal mit der vollkommenſten Un⸗ eigennützigkeit. Es gelang dem ſchwarzen Ritter, Johann Staub, dem Grafen Enguerry, dem Grafen von Fvix, dem Biſchof und Kaſtriota, den Ort zu ent⸗ decken, wo der falſche Enguerry ſeine Schätze ver⸗ borgen hatte. Auch die Schätze des Königs von Chpern fanden ſich wieder, und Bombans belud mit ihnen dieſelben Wagen, auf denen ſie hierher gebracht worden waren, um mit ihnen in die Hei⸗ math zurückzukehren. Ihm folgten die Leute von Caſin⸗Grandes und alle Cyprioten, um eiligſt an der Wiederherſtellung von Caſin⸗Grandes zu ar⸗ 25 beiten, welches der König in ſeinem frühern Glanze wiederfinden ſollte. Der ſchwarze Ritter erlaubte dem Intendanten Herkules Bombans, auch noch einige ſeiner Sol⸗ daten mitzunehmen, damit die Wiederherſtellung des Schloſſes mit der Schnelligkeit eines Feen⸗ zaubers vollbracht werde. Dann hieß er ſeinem Stallmeiſter, einem jungen, ſchönen, thätigen und wohlgewachſenen Manne, zugleich mit nach Caſin⸗ Grandes zu gehen, um Alles zu leiten und anzu⸗ ordnen. Während ſo Alles in Thätigkeit war, blieb Clotilde fortwährend traurig und nachdenkend. Sie kannte keinen andern Gedanken, als den an ihren Geliebten, und blickte fortwährend nach der Stelle, wo derſelbe geſtanden hatte, ehe er zur Hinrichtung abgeführt wurde. Joſette hielt ſich an der Seite ihrer Gebieterin, und Marie, die nun den Gebrauch ihrer Vernunft vollkommen wieder erlangt hatte, war ebenfalls zu Clotilden getreten, deren Trauer ſie nicht zu begreifen vermochte. Am ſchmerzlichſten war indeß Kaſtriota von dem Zuſtande ergriffen, in welchem er ſeine Wohl⸗ thäterin ſah. Er hielt den Stumpf ſeines Säbels in der Hand und ſchritt vor der Prinzeſſin auf und ab, wie ein Soldat, der auf ſeinem Poſten ſteht. Johann II. unterhielt ſich indeß mit dem Gra⸗ fen von Fvix und den vornehmſten der anweſenden Ritter. Das Schloß gewann ſehr ſchnell ein Anſehen von Hoheit und Würde durch die Sorgfalt und Anſtrengungen eines Dienerhaufens, welcher durch Johann Staub, Taillevant und Frilair in Bewe⸗ gung geſetzt und mit einer Unſicht, die faſt ohne Gleichen war, gelenkt wurde. * Bald war eine Tafel auf dem Hofe aufge⸗ ſchlagen und ein Mahl, ſo glänzend es nur die Umſtände erlaubt hatten, wurde dem Könige von Cypern, ſeinem Hofſtaate und den fremden Rittern aufgetragen. Man vertheilte den Soldaten und der von den benachbarten Dörfern herbeigeſtrömten Menge die von dem Ungläubigen aufgehäuften Vorräthe. Der Raſen vor der Burg wurde durch das heitere Schauſpiel belebt, welches dieſe Menge darbot, welche lachte, trank und ſich der ausgelaſſenſten Frende überließ zu Ehren der Verlobung des ſchwarzen Ritters und zur Feier der Befreiung Johanns II. und der Rückkehr des Grafen En⸗ guerry.— Als am zweiten Tage darauf der ſchöne Stall⸗ meiſter des ſchwarzen Ritters die Nachricht gebracht hatte, daß in Caſin⸗Grandes Alles zum Empfange Johanns II. vorbereitet ſei, da brachen Alle nach dem genannten Schloſſe auf. Dieſer Zug hatte etwas Feierliches und nug das Gepräge eines Triumphzuges. Zu beiden Seiten des Weges, ſo lang derſelbe war, ſtanden Menſchen, die durch das Gerücht von den vorge⸗ fallenen Dingen aus den benachbarten Ortſchaften herbeigelockt waren. Und als die Sonne geſunken war, ehe man Caſin⸗Grandes erreicht hatte, da wurden zahlloſe Fackeln angezündet, welche den ganzen langen Weg gleichſam in Flammen ſtehend erſcheinen ließen. Durch dieſe Ströme von Licht hindurch ſchrit⸗ ten erſt die zweitauſend Kriegsmannen, welche der ſchwarze Ritter zur Entſetzung von Enguerrh's 28 Burg herbei geführt hatte, und dann der— des Königs von Cypern. An der Spitze des Hofes echlicte man guten Connetable, umgeben von ſeinen dreißig Reitern. Er machte ſich bemerklich durch die Ca⸗ racolen, welche ſein lieber Windesflügel mit ſel⸗ tener Leichtigkeit ausführte. In der Mitte der von den Rittern gebildeten Gruppe erblickte man Clotildens Schönheit. Sie ſaß auf einem prachtvollen Zelter, der ſtolz auf ſeine Bürde zu ſein ſchien, und deſſen Zügel der ſchwarze Ritter mit aller Aufmerkſamkeit in den Händen hielt. Nachläſſig legte er die Züge des eigenen Roſ⸗ ſes auf deſſen Hals und ſchien das flüchtige Thier, welches muthig unter ihm ſprang, ganz ſeinem eigenen Willen zu überlaſſen, um nur auf den Zelter zu achten, der die Prinzeſſin trug. Dieſe Sorgfalt, welche den Ausdruck der ſich ſelbſt aufopfernden Liebe trug, ſeine flammenden Blicke, welche durch das geſchloſſene Viſir hindurch ſtrahlten, ſein Helm, von welchem die ſchönen ſchwarzen Federn wogten, die Würde, welche in 29 ſeiner ganzen Erſcheinung lag, jene Selbſtverläug⸗ nung, jene zarte Weiſe, mit Würde alle eigenen Gefühle vor dem Scepter der Schönheit zu beugen, das ungewöhnliche Licht endlich, welches von ſeiner broncirten Rüſtung wiederſtrahlte,— das Alles zog die Blicke Aller auf ihn, und das Auge ruhte auf dieſem Schauſpiele, welches alle Harmonien in ſich ſchloß, alle Freuden und Hoffnungen des Lebens: auf dem Anblicke eines jungen Paares, das ſeiner Vereinigung entgegen ging. Clotilde erhob von Zeit zu Zeit ihre ſchönen Aügen gen Himmel, ließ ſie aber ſelten auf den armen Ritter fallen und ſchaute faſt mit jedem Augenblick unruhig, ſelbſt mit einem Schander auf die Menge des herbeigeeilten Volks. hre forſchenden Augen ſchienen unter der Menge ein Weſen zu ſuchen, welches ſich nicht zei⸗ gen wollte. Als der Zug endlich an dem Hügel der Lieben⸗ den angekommen war, da vermochte Clotilde nicht länger die Thränen zurückzuhalten, die ſich ge⸗ waltſam in ihre Augen drängten, und als ſie noch dazu die Stelle betrachtete, wo ſie den ſchönen 30 Juden zum erſten Male geſehen hatte, da vermochte ſie ihren Schmerz kaum noch zu beherrſchen. Der entthronte Monarch folgte ſeiner Tochter; der Graf von Foix, Moneſtan und die vornehmſten Ritter umgaben ihn. Die ſchauluſtige Menge, welche Clotilde und den ſchwarzen Ritter ſchon ge⸗ ſehen hatte, betrachtete nun mit Freude den König und ſeinen Miniſter, deſſen tiefe Frömmigkeit ſo allgemein bekannt war. Was den Biſchof betrifft, ſo ritt er bald vor, bald wieder zurück und erfreute ſich des für ihn ſo unvergleichlichen Schauſpiels, welches zwei⸗ bis dreitauſend Mann in glänzenden Rüſtungen ge⸗ währen. „Wann werde ich doch dreißigtauſend ſehen!“ ſagte er zu Kephalein, der als Antwort wehmüthig mit dem Kopfe nickte. Hundertundfunfzig Reiter, nelch⸗ Graf En⸗ guerrh befehligte, bildeten einen Nachtrab, und ihnen nach rollte ſich die Menge der Zuſchauer auf, unter deren donnerndem Jubelruf man in Caſin⸗Grandes einzog. XXIX. Der ſchwarze Ritter half Clotilden vom Pferde und der Zug der Edlen begab ſich nach dem rothen Saale, der wieder ſo glänzend war, wie je zuvor. Wer beſchriebe aber die Freude des guten Kö⸗ nigs, als derſelbe in ſeinen Palaſt zurückkehrte. Er hatte jetzt nichts mehr zu befürchten, aber Alles zu hoffen von der Macht und Gewalt, welche der ſchwarze Ritter zu beſitzen ſchien. Johann II. verſagte ſich die kindliche Freude nicht, ſeinen Thron einzunehmen; die Miniſter ſtellten ſich um ihn auf und der weite Saal ver⸗ mochte kaum die Menge der edlen Ritter zu faſſen. Kaſtriota und Johann Staub bezogen nebſt den hundertundfunfzig Mann, aus denen jetzt die Leibwache des Königs beſtand, den Waffenſaal, der 35 nie ein ſolches Schauſpiel der Macht dargeboten hatte. Der ſchwarze Ritter ſaß an der Seite des Thrones und ſchaute traurig auf Clotilde: der tiefe Kummer, deſſen Ausdruck aus den Zügen des jungen Mädchens ſprach, und der Schmerz, den ihre Haltung verrieth, ſchienen das edle Herz des Ritters zu verletzen. Er erhob ſich, trat vor den Thron, winkte den Rittern mit der Hand, um ihnen bemerklich zu machen, daß er ſprechen wollte, wandte ſich dann gegen Johann II. und ſagte zu dieſem: „Majeſtät, der Augenblick iſt für Euch gekom⸗ men, Euer Verſprechen zu erfüllen, allein ich werde Euch nicht eher beim Worte halten, bis die Prin⸗ ieffin ihre Zuſtimmung gegeben haben wird.“ Dann ſchaute der 6 die S und fuhr fort:* „Clotilde, Ihr ſeid frei— vollkommen frei; ich verlange nicht, Euer Gatte zu werden, wenn ſich das nicht mit Euerm Glück verträgt. Befragt Euer Herz— denn nach dieſem verlange ich, nicht nach einem Königreiche 4 beftagt Euer Hetz 33 und ſagt mir dann, ob Ihr mir daſſelbe ſchenken könnt und wollt.“ Alle Anweſenden wandten ihre Augen fragend nach der Prinzeſſin und ſahen, wie dieſelbe ab⸗ wechſelnd bleich und roth wurde. Endlich erhob ſie ſich, trat einige Schritte vor, ſchien bereit zu ſprechen, aber blieb dennoch ſtumm und unbeweglich ſtehen. Eine peinvolle Stille herrſchte in dem Saale. Da rief das Leichhuhn in kläglicher Weiſe und ſchlug mit ſeinen Flügeln gegen ein Fenſter des Saales, durch deſſen glänzende Erleuchtung es ge⸗ blendet ſein mochte. Unwillkürlich fühiten ſich Alle von einem kalten Schauder ergriffen. Es war ihnen, als wäre des Käuzchens Ruf ein Grabesgeſang für die königliche Jungfrau geweſen. Als Clotilde dieſe Unheil weiſſagenden Töne vernahm, durchbebte eiſige Kälte ihren ganzen Körper. Sie blickte den ſchwarzen Ritter an und ant⸗ wortete mit zitternder und ſchwacher Stimme: „Die Erkenntlichkeit, Herr Ritter—“ W. 3 34 „Nur die Erkenntlichkeit, Prinzeſſin?“ unter⸗ brach der Ritter die Sprechende mit bebender Stimme. Clotilde erröthete und fühlte, wie vergeblich ihre Hoffnung ſei. Sie dachte daran, daß nichts den Ritter verhindern würde, ihr Gemahl zu wer⸗ den, und fuhr daher mit kalter und gebrochener Stimme fort: „Ich willige ein, Euch meine Hand zu geben, Herr Ritter. Ihr verdankt mich meinem eigenen Willen, und habt mich erworben durch die Beweiſe Euerer Liebe und durch die Dienſte, welche Ihr uns leiſtetet. Erlaubt aber, daß ich mir erſt noch einen Tag erbitte, um mich in der Einſamkeit für den Gang zum Altare vorzubereiten. Dann aber, Herr Ritter, ſo ſchwöre ich Euch zu, ſollt Ihr eine treue Gattin haben, welche Euch nie Kummer machen wird.“. Der Ritter ergriff krampfhaft die Hand der Prinzeſſin, neigte ſich an das Ohr derſelben und ſagte: „O, Treuloſe! woher rührt denn Euere Bläſſe?“ 35* Clotilde zog mit verächtlicher Miene ihre Hand zurück und entgegnete, indem ſie zornig den Ritter anblickte: „Noch bin ich frei, Herr Ritter, und erſt in drei Tagen werdet Ihr das Recht haben, mich weiter zu fragen.“ „Schön, Prinzeſſin,“ entgegnete der ſchwarze Ritter,„wir haben beide unſre kleinen Geheimniſſe, wie es ſcheint. Auch geht mein Gelübde, das mich zwingt, nur mit verſchloſſenem Viſir zu erſcheinen, erſt in drei Tagen zu Ende. Doch kann ich Euch jetzt wenigſtens meinen Namen nennen.“ Nach dieſen Worten wandte ſich der Ritter ſo, daß nur Johann II., der Graf von Foix und Graf Enguerrh ihn ſehen konnten, lüftete ſein Viſir ein wenig und ſagte: „Ich bin Gaſton II., Graf von Provence.“ Der greiſe König erbebte vor Freude, und ſeine Miniſter ſahen ſich bereits im Geiſte in Cypern wieder einziehen. Ein lautes Jubelgeſchrei ertönte aus den dichten Gruppen der Ritter, aber Clotilde, welche jetzt ihre ganze Hoffnungsloſigkeit erkannte, ſank ovhnmächtig in Moneſtan's Arme. 3* „Führt mich in die Grotte des Rieſen zurück!“ rief ſie im Irrſinn aus, als ſie zum Bewußtſein zurückgekehrt war,„daß ich ihn wiederſehe— nein, nein, bringt mich auf mein Zimmer!“ Die lebhafteſte Unruhe entſtand unter den Rittern. Der Graf von Fvir zog den Prinzen Gaſton auf die Seite und ſchien ihm Vorwürfe zu machen. Nur Johann II. ſaß mit leidenſchaftsloſer Würde auf ſeinem Throne, denn, ſo lieb er auch ſeine Tochter hatte, ſo war er doch erſt König, dann Vater. Aber die Nacht war ſchon weit vorgeſchritten, und die feierliche Hofhaltung des Königs von Cy⸗ pern mußte daher beendet werden. Die edlen Gäſte des Königs zogen ſich auf ihre Zimmer zu⸗ rück und bald herrſchte die tiefſte Stille in den ver⸗ ſchiedenen Flügeln des Schloſſes. Kaſtriota und Johann Staub wachten in der Vorhalle, und ihre Tritte nur tönten von den ge⸗ wölbten Decken wieder. Die Prinzeſſin hatte, auf Mariens und der — treuen Joſette Arme geſtützt, mit langſamen Schritten ihr Zimmer wieder erreicht. Als ſie an die Thür deſſelben gekommen war, vermochte man dieſe nicht zu öffnen, denn der Schlüſſel fehlte und wurde vergebens geſucht. Clotilde, welche ihrer körperlichen und geiſtigen Anſtrengung erlag, ſetzte ſich ermüdet auf der Schwelle der Thür nieder, während man im gan⸗ zen Schloſſe nach dem Schlüſſel ſuchte. Da fielen zufällig ihre Angen auf die Mar⸗ morplatten des Fußbodens, und ſie entdeckte den Schlüſſel, welcher mit Geſchicklichkeit in eine kleine Spalte zwiſchen dem untern Theile der Thür und den Marmorplatten geſchoben war. Sie zeigte ihn Marien, welche ſich beugte, ihn aufnahm und den Zugang zu den Gemächern der Prinzeſſin mit ihm aufſchloß. Clotilde trat ein, begab ſich in ihr Zimmer und— o Ueberraſchung! Die koſtbaren Stoffe, mit denen die Grotte des Juden geſchmückt geweſen war, hatte man in Clotildens Zimmer gebracht und deſſen Wände mit denſelben geſchmückt. Mit einem bewunderns⸗ 38 würdigen Geſchmack waren ſie angebracht und wurden in Zwiſchenräumen durch goldene Knöpfe in buſenreichen Falten gehalten, ſo daß dadurch für das Auge eine zauberiſche Wirkung hervorge⸗ bracht ward. Mit den Füßen ſtand Clotilde auf dem perſi⸗ ſchen Teppich des Juden; auf einem prachtvollen Gebettiſche lag ihr auf Pergament geſchriebenes Evangelienbuch, in welchem die Blumen, die ſie in daſſelbe gelegt hatte, noch wohl erhalten waren. Auf einem andern Lieblingstiſche erblickte ſie ihre Kryſtallvaſen, gefüllt mit Blumen, von denen angenehme Wohlgerüche ausgehaucht wurden. Die goldnen Dreifüße des Juden ſtanden in den vier Ecken auf denſelben Säulen, auf denen ſie in der Grotte des Rieſen geſtanden hatten, und verbreiteten noch die Reſte eines wohlriechenden Rauchs. Von der Mitte der Decke herab hing eine mit wohlriechendem Hel gefüllte Lampe, und darunter ſtand ein rei her Tiſch von Elfenbein und Gold, auf welchem Nephthalh's koſthare Laute die Stelle 39 der Laute der Prinzeſſin vertrat, welche bei der Plünderung zertrümmert worden war. Die Alabaſtervaſen, das Gold, die Edelſteine, kurz, alle Reichthümer des Juden ſchmückten Clo⸗ tildens Wohnung; Vorhänge von einem ihr bisher unbekannt geweſenen Stoffe, leicht wie der Wind, weich wie Seide, weiß wie Milch und angeheftet auf wunderbare Weiſe, verhüllten die Fenſter; das Bett ſchien das Lager einer Fee zu ſein, das ganze Geräth glich einem Zauber, und Alles glänzte, wie die in den wunderſamſten Farben ſpielende Schale einer orientaliſchen Perlmuſchel. Als die Prinzeſſin alle dieſe prachtvollen Ge⸗ genſtände mit ihren Blicken verſchlungen hatte, be⸗ merkte ſie noch auf einem Seſſel einen türkiſchen Säbel, deſſen Griff mit den koſtbarſten Steinen beſetzt war. Sie trat näher und las auf der ächten Da⸗ mascenerklinge die Worte: „Nephthaly an Kaſtriota.“ Sie ergriff den Säbel und ihre zarte weiße Hand zog die Klinge völlig aus der Scheide. Da . glich die Prinzeſſin einer mit den des Mars ſpielenden Venus. „Er hat nicht vergeſſen!“ rief ſie aus. Dieſe Worte waren unverſtändlich für die gute Marie, welche erſtaunt ihre Herrin betrachtete. Dann ſetzte ſich Clotilde auf einen Seſſel, ſtützte ihr niedliches Köpfchen auf die Hände und ſagte mit dem Ausdruck eines tiefgefühlten Schmerzes: „Er hat mir ſeine Reichthümer vermacht— er iſt alſo todt!“ Ströme von Thränen überflutheten die Wan⸗ gen der armen Jungfrau, und die treue Amme weinte mit, ohne zu wiſſen, warum? „Ermuthige Dich, mein Kind!“ tröſtete Marie dann,„wenn Du willſt, daß er leben ſoll, ſo wird er leben!— Er iſt nicht todt!“ „Er iſt nicht todt!“ wiederholte Clotilde;„e iſt nicht todt! Gute Marie, woher weißt Du e daß er nicht todt iſt?— Wie kannſt Du fähig ſein, mich in Ungewißheit zu laſſen?— Oſprich! wann haſt Du ihn geſehen? Woher kennſt Du ihn?— Wirſt Du ſprechen?“ 41 „Wen denn?“ fragte Marier „Du kennſt ihn alſo gar nicht und ſagteſt nur, um mich zu tröſten, daß er noch lebte.— Ach, Amme, ein ſolcher Troſt iſt ſchmerzhafter, als die Wahrheit!“ Dann lief die Prinzeſſin gleich einer Geiſtes⸗ abweſenden im Zimmer umher, küßte die Laute, küßte die Blumen, den Säbel, die Purpurteppiche,— küßte Alles, indem ſie dabei ſagte: „Er hat das Alles berührt!— Seine Anmuth thront auf allen dieſen Sachen!— O Nephthaly! die Erinnerung an Dich umgibt mich hier allent⸗ halben!“ „Nephthaly!“ rief Marie erſchreckt aus. Als die Prinzeſſin ihr unglückliches Geheimniß verrathen ſah, blieb ſie betroffen ſtehen und ſagte mit langſamer Stimme: „Amme— Du liebſt mich?“ Marie beeilte ſich, durch einen Handkuß zu antworten. „Wohl denn, meine liebe Marie, ſo bewahre jenen Namen in Deinem Herzen, wie in einem 42 Grabe, und verrathe ihn nicht. Ich würde ſterben vor Schmerz, wenn Du nicht ſchwiegeſt!“ Bei dieſen Worten trat Joſette ein und wurde überraſcht durch den Anblick der Pracht und des Glanzes, welche in dem Zimmer herrſchten. „Ach! Prinzeſſin,“ rief ſie aus,„man muß ge⸗ ſtehen, daß der Prinz einen herrlichen Geſchmack hat!— Das iſt ja ein Feentempel!“ „Dem nur die Gottheit fehlt!“ ſetzte die Prin⸗ zeſſin im Tone der Klage hinzu. Joſette, die überglücklich war, jetzt mit ihrem Johann Staub unter einem Dache zu wohnen, vollbrachte ihr Amt mit wunderbarer Schnellig⸗ keit, ohne den Zuſtand zu bemerken, in welchem ſich ihre Herrin befand. Als die Prinzeſſin wieder allein war, öffnete ſie die Thür ihres Zimmers, vor welcher ſich Ka⸗ ſtriota niedergelegt hatte. Clotilde blickte den treuen Kriegsknecht an, winkte ihm mit dem Zeigefinger und trat dann in ihr Zimmer zurück. Der Albaneſe folgte ihr und Clotilde ſchloß die Thür ihres Zimmers wieder, worauf ſie ihm den 43 mit Gold damascirten türkiſchen Säbel gab und im Tone der Rührung ſagte: „Nimm hin, Kaſtriota, was Nephthaly Dir vermacht hat!“ „Vermacht, Prinzeſſin! Nephthaly iſt nicht todt!— Johann Staub war es, der ihn mit Ge⸗ fahr ſeines eignen Lebens gerettet hat.“ „Kaſtriota!“ Mehr vermochte Clotilde nicht zu ſagen. Sie ſank auf einen Seſſel. „Kaſtriota!“ fuhr ſie dann mit ſanfter Stimme fort,„Du kannſt das Reichſte und Koſtbarſte von meiner ganzen Habe auswählen,— ich ſchenke es Dir für Dich und Johann Staub,— und damit Du Dich ewig an dieſen Augenblick erinnerſt, ſo nimm auch das noch!“ Damit ſprang ſie wieder von Sie Seſſel empor, eilte auf den Albaneſen zu und drückte einen Kuß auf deſſen braune Wange. Kaſtriota erſtarrte vor Freude, wie der heilige Johannes einſt in Pathmos, da er den Himmel offen ſah. „O meine Wohlthäterin!“ rief er dann aus 44 und warf ſich vor der Prinzeſſin nieder, daß er den Teppich mit ſeiner Stirn berührte,„Ihr ſeid ein Engel!— Werdet Ihr Euerm Knechte verzeihen?— So plump und unbeholfen ich auch bin, ſo glaube ich dennoch errathen zu haben, daß Nephthalyh Euch theuer iſt!“ „Kaſtriota!— ich liebe ihn!— ich liebe ihn, mein Freund!“ „Dieſen Juden!“ „Kaſtriota, Du betrübſt mich!“ „O, Prinzeſſin, tödtet mich!“ Und er reichte der Prinzeſſin ſeinen Säbel hin. „Kaſtriota, bedenke, daß ich ohne ihn nicht le⸗ ben kann,— daß die Natur uns Beide für einan⸗ der beſtimmt hat!— Er iſt ſo ſchön!— Seine Seele iſt ſo rein!— Unſere Herzen verſtehen ein⸗ ander!— Ach! ich werde vor Schmerz ſterben!“ „Ihr werdet ſterben?“ rief der Albaneſe aus, indem er ſich wieder emporrichtete und drei Schritte zurückwich.„Ihr werdet ſterben?“ „Ja, Kaſtriota, wenn man verlangt, daß ich den Graf von Provence, Prinz Gaſton, heirathe.“ „Ihr werdet ſterben?“ fragte der Albaneſe nochmals. „Ja.“ Kſtriota verſank in ein tiefes Nachdenken. Wahrſcheinlich dachte er nach, ob es nicht am be⸗ ſten ſein würde, daß er den Prinzen den Kopf abhaue. Dann küßte er den Griff ſeines Säbels und entfernte ſich langſam und rückwärts gehend aus dem Zimmer. Als der Albaneſe Clotildens Zimmer verlaſſen hatte, eilte dieſe, von ihrer Liebe getrieben, nach dem Fenſter, welches nach der Kokette ging. Sie zog den Mouſſelin zurück, öffnete das Fenſter und ſah Nephthaly, welcher auf einem pur⸗ purfarbenen Mantel lag. Sein ſchönes Haupt war auf die Bruſt geſunken und er ſchien einen ſüßen Schlaf der Unſchuld zu ſchlafen. Bei dem Geräuſch, welches durch das Oeffnen des Fenſters veranlaßt wurde, erwachte er und ſchien vor Freude zu erbleichen, als er ſeine Ge⸗ liebte wieder ſah. Was die Prinzeſſin betrifft, ſo war ſie ſtumm, 46 verlegen und zerſtreut zu gleicher Zeit;— ſie war da, als ob ſie nicht da wäre, vergaß die Zeit, die Nacht, die Umſtände— vergaß Alles. Sie ſah und fühlte nur Eins: ihren geliebten Nephthalh, den ſie auf ewig verloren geglaubt hatte; ihren Nephthalh, deſſen beredte und flam⸗ mende Blicke ſie verſchlingen zu wollen ſchienen; ihren Nephthaly, der treulich auf ſeiner Bruſt die ſilberne Eichel, den Talisman einer unſterblichen Liebe trug. Lange blickten ſie einander an, ohne ein Wort ſprechen zu können. Es ſchien, als müßten ſie ſich erſt mit dem Gedanken an ihr Glück vertraut machen. Die nahe Gefahr, welche ihrer Liebe drohte, trug ebenfalls viel dazu bei, über dieſe flüchtigen Angenblicke eine Schwermuth zu verbreiten, die nicht ganz ohne Reiz war. Endlich wagte es Nephthalh, das Schweigen zu brechen und in dem Tone einer ſanften Anklage zu ſagen: „Clotilde, der ſchwarze Ritter hat die Gegend durchzogen, und Euch als ſeine Eroberung dabei an der Hand geführt: gewiß werdet Ihr nun den armen Nephthalh verlaſſen!— Daher habe ich Euch, ehe ich ſterbe, Alles vermacht, was mir gehörte. Lebt denn, Undankbare, und ſeid glück⸗ lich. Das iſt der einzige Wunſch, welchen der ſterbende Nephthaly noch hegen kann, und— Clotilde, das wird das letzte Wort von ſeinen Lippen ſein.“ „Nephthäly,“ entgegnete Clotilde im Tone des Vorwurfs,„ich liebe Euch— liebe Euch ſogar mehr, als ich ſollte!“— Warum martert Ihr mich ſo ſehr, da Ihr mir geſagt habt, daß Ihr ein Mittel wüßtet, um uns in dem letzten, entſcheiden⸗ den Angenblick zu vereinigen.“ „O, angebetete Herrin!“ nahm Nephthalh in begeiſtertem Tone wieder das Wort,„iſt es denn wahr, daß Du mich liebſt?“ „Du beleidigſt mich, wenn Du noch an der Liebe zweifeln willſt, die ich Dir tauſend Mal be⸗ wieſen habe.“ „Nun, Clotilde, ſo werden wir vereinigt wer⸗ den!— Aber wirſt Du auch Deinem treuen Lieb⸗ 48 haber erlauben, ein ſchwaches Pfand Deiner Liebe mitzunehmen?“ Mit dieſen Worten warf er der Prinzeſin das Seil zu, und die Letztere bedachte ſich in ihrem Rauſche keinen Augenblick, daſſelbe an ihr Fenſter zu binden. Ein Augenblick— und der Inde war in Clotildens Zimmer. „O meine Geliebte!— meine Braut!— meine Gattin!— laß uns jetzt vor dem Gotte, den wir Alle anbeten, ſchwören, daß wir auf ewig einander gehören, daß wir nie uns trennen wollen.“ „Ich ſchwöre!“ autwortete Clotilde mit reizen⸗ der Unſchuld. „O, meine Geliebte! der Himmel hat unſre Schwüre vernommen, und die Nacht iſt unſer Zeuge— das ſanfte Licht des Mondes unſre Brautfackel. Hörſt Du, wie die Seraphs im Himmel Freudenlieder ſingen über das Glück eines Engels, den ſie auf die Erde geſandt haben?— O Geliebte!“ Der trunkene Jude drückte den erſten Kuß der Liebe auf die Lippen der entflammten Braut, die ſich ohne Widerſtand ihm überließ. Beide glühten vor Liebe, und ihr Blut ſtrömte flammend durch ihre Adern. „Entferne Dich, Nephthaly,“ flehte Clotilde nach dem langen, langen Kuſſe;„Deine Gegen⸗ wart greift mich zu ſehr an.“ „So leb denn wohl, Clotilde!— Auf morgen Abend!— Ja, meine Geliebte, ich werde mich in das Schloß einſchleichen und in Gegenwart Ka⸗ ſtriota's und Deiner treuen Amme die Wonne unſrer letzten Liebe genießen.“ Noch einen Kuß hatte der ſchöne Jude geraubt, und dieſer Kuß hatte länger gedauert, als der erſte;— dann ſtieg er an ſeinem Seile wieder hinab und nahm auf ſeinem Felſenſitze von Nenem Platz. Vergebens legte ſich Clotilde nieder, vergebens ſuchte ſie den Schlaf zu erhaſchen; ihre Seele hatte einen zu glühenden Eindruck der Wolluſt empfan⸗ gen,— die Anregung war gegeben, und nur an den ſchönen Juden konnte ſie noch denken, nur er war noch der Gegenſtand aller ihrer Wünſche. Noch Neuling in den geiſtesverwirrenden Freu⸗ den der Liebe, entſchwebte ihre lebhafte Einbildungs⸗ 4 4 kraft in die Gefilde einer idealen Welt und verirrte ſich in denſelben. Bisweilen ſtellte ſie ſich, als ob ſie ſchliefe, und blieb unbeweglich auf ihrem jung⸗ fräulichen Lager, gleichſam als wollte ſie ſich ſelbſt täuſchen; dann wieder ſuchte ſie ſich zu ermatten, um die Ruhe zu finden,— aber als Alles verge⸗ bens war, verließ ſie ihr Bett wieder und eilte an das Fenſter, um den ſchönen Juden zu ſehen, wel⸗ cher eben ſo wenig ſchlief, wie ſie ſelbſt. „Dort iſt er— er denkt an mich!“ ſagte ſie zu ſich. Dann aber ſchlich ſich Wuth in ihr Herz, indem ſie nüchtern bedachte, wie ſie Beide ſich in einen bodenloſen Abgrund geſtürzt hätten. Noch befand ſie ſich in dieſem Zuſtande, als die Morgenröthe den Himmel vergoldete. Sie öffnete das Fenſter und die Düfte neuer Blumen, welche Nephthaly gepflückt hatte, würzten die Morgenluft: der Jude richtete ſein Morgenge⸗ bet an ſie, wie an eine Gottheit. „Nephthalh,“ ſagte ſie,„wir haben nur noch dieſen einen Tag, denn worgen werde ich zum Al⸗ tare geführt.“ „Clotilde,“ antwortete der Israelit,„ſiehe noch ein Mal die Sonne an, welche dort goldig empor⸗ ſchwebt, ſchaue noch ein Mal nach dieſem Him⸗ melsdome, der ſich ſo blau und rein über uns wölbt— denn wir werden Beide nicht lange mehr ihren Anblick genießen.— Unſere letzte Sonne er⸗ hebt ſich, und Du, meine Geliebte, meine treue Gattin, lege Du zu jeder Stunde dieſes Tages die Hand auf Dein liebendes Herz und ſage, wenn Du es ſchlagen fühlſt: Sein Herz wohnt hier!— Ich meinerſeits werde es ebenſo machen!“ Als der Jude dieſe Worte geſagt hatte, ſtieg er an dem Felſen hinab, ſandte noch ein Mal von dem Meeresufer her der Prinzeſſin Küſſe zu und verſchwand alsdann hinter den Klippen. Als Joſette eintrat, fand ſie ihre Herrin noch immer am Fenſter und nach der Stelle ſchauend, wo der Geliebte ihren Blicken entſchwunden war. 4* XXX. Doctor Trouſſe erſchien in dem Zimmer der Prinzeſſin und forderte ſie mit enßen Blick vor ihren königlichen Vater. Dieſe ungewöhnliche Botſchaft erſchreckte Clo⸗ tilde, und ſchweigend folgte ſie den Schritten des Arztes. Sie ging durch die Vorhalle und durch den Waffenſaal und trat in den rothen Saal, wo der ſchwarze Ritter, die Miniſter und die übrigen Gro⸗ ßen bereits verſammelt waren. Bei ihrem Erſcheinen verſtummte das Geknur⸗ mel der Sprechenden, nur für ſie ſchmeichelhafte Töne wurden laut, die Anweſenden wichen vor ihr nach beiden Seiten aus, und Clotilde ſchritt zwi⸗ ſchen ihnen hindurch bis zu dem ſchwarzen Ritter, dem ſie lächelnd und anmuthig die Hand reichte. Der hocherfreute Liebhaber drückte einen feu⸗ rigen Kuß auf die ihm dargebotene Hand. Als Clotilde nach dem Cabinett des Königs ſchritt, hörte ſie, wie ein Murmeln der Verwun⸗ derung hinter ihr laut wurde und ſich allmählich über die ganze Menge verbreitete, gleich wie ſich das Rauſchen der Wogen vor einem nahenden Sturme über das Meer ausbreitet. Trouſſe leitete die Prinzeſſin mit ernſter Würde bis an die Thür des Cabinetts, öffnete dann die⸗ ſelbe und rief mit ſeinem hellen Stimmchen: „Ihre Hoheit, die Prinzeſſin von Chpern!“ Clotilde fand ihren Vater auf dem Seſſel der Meluſine; ſeine Züge trugen ein Gepräge der Strenge, welches bei dem Eintvitt ſeiner Tochter nicht ſchwand; auch forderte er dieſelbe nicht auf, ſich zu ſetzen, wie er gewöhnlich zu thun pflegte, und Clotilde blieb daher in achtungsvoller Haltung vor ihm ſtehen. Der Greis ſchwieg einen Augenblick, und ſeine Tochter wagte nicht, dieſes Schweigen zu unter⸗ brechen; dann wandte ſich Johann II. nach der 54 Seite, wo er Clotilde vermuthete, und ſagte lang⸗ ſam und feierlich „Prinzeſſin, glaubt nicht, daß Euer Benehmen uns entgangen ſei; es hat daſſelbe zu mancherlei Vermuthungen Anlaß gegeben, und unſere Pflicht iſt es, daſſelbe zu prüfen. Es iſt das unſere Pflicht als Vater, als Monarch, als Abkömmling der Lu⸗ ſignans. Uebrigens, meine Tochter, ſei überzeugt von unſrer Liebe gegen Dich— und antworte da⸗ her offen und freimüthig Deinem alten Vater.— In welcher Abſicht willſt Du die Feier Deiner Verbindung mit dem Prinzen Gaſton verzögern?“ „Um nachzudenken, Sire.“ „Clotilde, wenn Du ihn liebteſt, ſo bedürfteſt Du nicht erſt des Nachdenkens.— Suche nicht, mir gegenüber leere Ausflüchte zu machen.— Dich leitet ein anderer Beweggrund.“ Clotilde erröthete und ſchwieg. Indem ſie auf die weißen Haare ihres Vaters blickte, fühlte ſie ſich von grenzenloſer Wehmuth erfüllt, und ihr Gewiſſen machte ihr die peinlichſten Vorwürfe. „Haſt Dumich verſtanden?“fragte der Monarch. NM 55 „Ja, Sire! Allein, mögen meine Beweggründe ſein, welche ſie wollen, ſo mag für Euch die Ver⸗ ſicherung ausreichen, daß ich morgen den Grafen von Provence heirathen werde.“ „Nein, Prinzeſſin, das reicht nicht aus, wenn die Ehre der Luſignans durch Dein Benehmen und durch den Zuſtand Deines Herzens verletzt wird.“ Dann fuhr der Monarch in einem liebevoll väterlichen Tone fort: „Clotilde, wie kommt es, daß Du Deinen Vater fürchteſt, daß Du ihn nicht zu Deinem Ver⸗ trauten gemacht haſt?— Fürchteſt Du meine Strenge? Meine Tochter, erblicke jetzt nicht den Monarchen in mir, ſondern den nachſichtigen Va⸗ ter; vede offen! und wenn ein Kummer Dein junges Herz niederbeugt, ſo werde ich ihn zu verbannen ſuchen, denn das Alter hat Erfahrung.“ „Hört, mein Vater, die Ehre muß uns viel werth ſein und über Alles gehen— iſt das S auch Euer Grundſatz?“ „Ja, meine Tochter.“ „Hat es je einen Treuloſen in hetn berühm⸗ ten Geſchlechte gegeben?“ 56 „Nie!“ antwortete der blinde König mit Stolz. „So werde auch ich verſuchen, unſre ange⸗ ſtammte Tugend zu behaupten. Wenn ich ſpräche, ſo würde ich treulos ſein gegen einen Unglück⸗ lichen— gegen einen Unglücklichen, der auf mein Wort rechnet, auf daſſelbe baut, wie auf einen Al⸗ tar von Erz.“ „Clotilde, der Buſen eines Vaters muß, gleich dem der Gottheit, die geringſten Gedanken und die geringſten Handlungen ſeiner Kinder kennen.“ „Das iſt wahr, Sire,— allein wenn Ihr in Euerer Jugend einem unglücklichen Freunde ver⸗ ſprochen gehabt hättet, ſein Geheimniß bewahren zu wollen, Euer Vater aber hätte Euch daſſelbe entreißen wollen,— was würdet Ihr dann gethan haben?“ Der Monarch ſchwieg anfangs; aber Clotil⸗ dens Widerſtand machte ihn noch neugieriger, wes⸗ halb er fortfuhr: „Geht! geht! Prinzeſſin, Ihr liebt Euern Va⸗ ten nicht.“ „Alſo das würde Euer Vater Euch geantwor⸗ tet haben?“ antwortete das junge Mädchen lachend. 57 Und um der Sache noch mehr den Ausſchlag zu geben, ſo eilte ſie auf den Greis zu und drückte einen Kuß auf deſſen Stirn. Der König ließ ſich aber ſo leicht nicht be⸗ ruhigen. Er ſtieß Clotilde zurück und ſagte: „Unwürdige Tochter! ich weiß, was Euer Herz umgewandelt hat.— Ihr liebt einen Andern!— Wer ſollte das nicht errathen?— Habe ich ſeit vierzehn Tagen andere Geſänge von Euch gehört, als Minnelieder? Muß ich mich nicht daran er⸗ innern, wie kalt Ihr den Grafen von Provence empfangen habt? Die Ereigniſſe beim Turnier, der unbekannte Ritter, Euere verſchluckten Worte, Euere Seufzer, Euere Aufregung, die Gedanken, welche Ihr in jenem Kerker ausſprachet, als Ihr den Tod ſegnetet, weil wir denſelben für gewiß an⸗ ſahen— das Alles ſind ſchlagende Beweiſe.“ „Mein Vater!— ich bitte Euch, beendigt Euere Vorwürfe undtödtet mich nicht mit denſelben.“ „Mein Kind, ich glaubte, daß meine Tochter auch Jungfrau von Herzen ſein ſollte, wenn ich ſie den Armen des Gatten übergäbe— aber ich täuſchte mich!— Nenne mir ſogleich den Namen — deſſen, der Deine Liebe beſitzt!— Ich will es!— ich befehle es!“ „Mein Vater!“ rief die Jungfrau aus und be⸗ deckte des Greiſes Hand mit ihren Thränen und Küſſen,„morgen werde ich Euch den Armen nen⸗ nen,— aber erſt morgen; verlangt es nicht früher von mir. Iſt es nicht genug, daß Euere Tochter unglücklich iſt? Habt nur ein geringes Mitleid mit mir!“ Der Greis war beſtochen durch die Thränen ſeiner Tochter, dachte einen Augenblick nach und ſagte dann: „Es ſei!— ich willige ein, meine Tochter, aber vergiß nicht, daß es mein Wille iſt, daß Du morgen mit dem Prinzen Gaſton getraut werdeſt.“ „Habe ich das nicht ſchon verſprochen?“ „Wenn es demnach ſo geſchehen ſoll und muß, ſo ſei nun freundlicher mit Deinem Gemahl und gib ihm keine Gelegenheit zu Bemerkungen, welche Deiner Ehre ſchaden müſſen.“ Clotilde ſeufzte; der gerührte Monarch ergriff die Hand ſeiner Tochter und fragte ſie in väter⸗ lichem Tone: 59 „Du biſt alſo unglücklich?“ Das junge Mädchen lehnte ſeinen Kopf an den des Vaters und vergoß neue Ströme von Thränen. „Ach ja, recht unglücklich, mein Vater!“ „Dann, meine Tochter, müſſen wir dieſe Ver⸗ bindung auflöſen.“ „Nein— mein Vater!— Ich ergebe mich in mein Schickſal, denn meine Liebe iſt ohne Hoffnung.“ „Armes Kind, trockne Deine Thränen und blicke mit Zuverſicht in die Zukunft, denn ich weiß, daß Prinz Gaſton Dich glücklich machen wird.“ Der Monarch ergriff dann den Arm ſeiner Tochter und trat mit ihr in den rothen Saal, wo ſich ſofort Alle beeilten, Beiden den Hof zu machen. Clotilde reichte dem ſchwarzen Ritter den Arm und ſagte einige ſchmeichelhafte Worte zu ihm; doch glichen ihre Reden nur jenen beruhigenden Tränken, welche die Aerzte den Sterbenden reichen, um ihr Hinüberſcheiden ſanfter und ſchmerzloſer zu machen. Der Tag verſtrich, ohne daß ſonſt etwas Be⸗ merkenswerthes vorgefallen wäre. Der ſchwarze Ritter verließ ſeine Verlobte nicht einen Augenblick 60 und gab ihr ſo viele Beweiſe ſeiner Liebe, zeigte gegen ſie eine ſo große Sorgfalt, daß die Augen der Prinzeſſin hätten geblendet ſein müſſen, wenn ſie ihn nicht eben ſo feſſelnd, eben ſo bezaubernd, ihrer Liebe eben ſo würdig hätte finden ſollen, wie Nephthalh. Aber die Binde der Liebe iſt ſo dicht, ſie liegt mit ſo vielen verdoppelten Falten über unſern Augen! Während die Prinzeſſin auf die liebevollen Reden des Prinzen antwortete, heftete ſie fort⸗ während ihre Blicke auf den Blumenſtrauß, den ſie an ihrem Buſen trug, und dachte nur an das glänzende Feſt, welches Nephthaly während der folgenden Nacht ihrem Herzen geben würde. Endlich erſchien die Nacht, dieſe von Clotilden ſo ſehnlich erwartete Nacht. Faſt verſtohlen entfernte ſie ſich aus dem Saale, und Niemand wagte ſie zurückzuhalten, denn zu allen Zeiten hat man den Willen eines 61 jungen Mädchens an dem Vorabende ſeiner Ver⸗ mählung geehrt. Aber als ſie gegangen war, da entfernten ſich nach und nach auch die Uebrigen, und früher, als gewöhnlich, ſanken heute die Bewohner des Schloſ⸗ ſes in die Arme des Schlafes, wie das an dem Vorabende eines großen Feſtes ganz natürlich war. Bald ſchlief Alles, nur nicht Clotilde, Joſette, Marie und Kaſtriota, welche in dem Zimmer der unglücklichen Prinzeſſin verſammelt waren. Clotilde hörte die Stunde ſchlagen, zu welcher Nephthaly erſcheinen mußte, und konnte ſich eines Schauders nicht erwehren. Ihr Herz erbebte, häufig blickte ſie nach der Thür, und bei dem ge⸗ ringſten Geräuſche, das ſie zu hören glaubte, ob⸗ gleich kein Anderer es vernommen hatte, lauſchte ſie aufmerkſam. „Joſette,“ ſagte ſie,„ich will einen ſchönern Schmuckanlegen, als der iſt, welchen ich jetzt trage, bekleide mich mit einer blauen Tunica mit ſilbernen Eicheln, gib mir rothe Kothurne und ein Gewand, welches weiß iſt, wie friſch gefallener Schnee. Dann binde meine aufgelöſten Haare mit weißen Bändern zuſammen, ganz ſo, wie an jenem Tage, als ich den armen Juden zum erſten Male ſah.— Laß alle Künſte der Toilette und die ſchönſten Ju⸗ welen zuſammenwirken; bedenke, meine Tochter, daß ich gefallen will.“ „Aber, Prinzeſſin, es iſt noch nicht Zeit dazu!“ „Thue, was Dir geheißen wird,“ befahl Marie der Zofe. „Meine gute Amme,“ fuhr dann Clotilde fort und ſetzte ſich vor einen Spiegel, deſſen Rahmen von kunſtreicher Filigran⸗Arbeit war; meine gute Amme, zünde die Kerzen der vier Armleuchter an, beſonders aber die ſilberne Lampe mit wohlriechen⸗ dem Oel,— Alles ſoll ſtrahlen,— Alles ſoll glän⸗ zen.— O, Joſette, lege meine ſchwarzen Haare in recht runde Locken, denn ſiehe, ſie müſſen durch ihr Gagat gegen den Alabaſter meiner Haut ab⸗ ſtechen!— Amme, komm und lege mir die weißen Bänder nach griechiſcher Weiſe an,— Du allein, Tochter Griechenlands, kennſt dieſen Putz; beſon⸗ ders aber, mein Mütterchen, umhülle mir das Haupt leicht mit den Falten eines luftigen Schleiers. An jenem Tage trug ich einen ſolchen, 63 um mich gegen die Sonne zu ſchützen; heute will ich ihn tragen, damit er mir abgeriſſen werde.— Joſette, mein Kind, vergiß auch die Wohlgerüche nicht.— Und Du, Kaſtriota, zünde das Feuer in dieſen goldenen Dreifüßen an— damit der Weih⸗ rauch mit ſeinen Düften das Zimmer erfülle! Es gibt kein Opfer, ohne daß man dabei Weihrauch verbrennt. Und nun, meine Freunde,“ ſchloß ſie dann und blickte in den Spiegel,„bin ich nun ſchön?“ Alle bejahten einmüthig dieſe Frage und Clo⸗ tilde ging einige Male in dem Zimmer auf und ab, um ihren Schmuck zu verſuchen. „Und jetzt, Joſette,“ nahm ſie dann wieder das Wort,„lege Alles wieder an ſeine Stelle, damit die Schönheit dieſes Ortes durch nichts geſtört werde.— Nun gehe, mein Kind, leb wohl! Doch nein, komm erſt noch ein Mal, daß ich Dir einen Kuß gebe.“ S „Ach! Prinzeſſin, Ihr glüht!“ „So iſt es!— Nun nimm dieſen Gürtel, Jo⸗ ſette, auch dieſen Diamant! Ich ſchenke Dir Bei⸗ — des. Laß Dein Andenken an mich ein ungetrübtes ſein— und bete bisweilen für mich.“ „Ach! Prinzeſſin,“ entgegnete Joſette weinend; „was bedeutet das?“ Ihr erfüllt mein Herz mit Wehmuth!“ „Es bedeutet nichts, mein Kind. Siehſt Du nicht, daß Clotilde von Luſignan ſterben muß, um als Gräfin von Provence wieder aufzuleben?“ „Wenn es nur das iſt!“ ſagte Joſette und trocknete ihre Thränen. „Leb alſo wohl, Joſette!“ Joſette entfernte ſich langſam, indem ſie noch einige Male nach der Prinzeſſin zurückſah. Dieſe aber ſetzte ſich auf einen Stuhl und ſtützte ihr ſchmerzenreiches Haupt auf die niedliche Hand. Traurig blickte ſie Marie und Kaſtriota an, als Joſette gegangen war, und ſagte zu ihnen: „Meine Freunde, die junge Roſe wird ent⸗ blättert, denn jetzt erſt verſtehe ich die Worte mei⸗ nes Geliebten. Ihr werdet uns Beide in daſſelbe Grab legen— und Du, Kaſtriota, wirſt die Blu⸗ men begießen, welche Marie auf unſern Grabhügel pflanzen ſoll.“ Kaſtriota vollte ſeine Augen wild und wüthend, während Marie heiße Thränen weinte. „Ich werde mein letztes Mahl eſſen,“ fuhr dann Clotilde fort.„Marie, gehe zu Bombans, laß Dir Speiſen geben und vor Allem die koſtbar⸗ ſten Gefäße. Ich will mich mit Pracht in meinen letzten Stunden umgeben, denn ein Tod in der Jugend muß ein Tod der Wolluſt ſein.“ Die treue Amme erſchien bald mit dem, was Clotilde verlangt hatte. Auf einen Tiſch von Eben⸗ holz und Silber wurde eine Decke von Plüſch mit goldenen Franzen gelegt, und Clotilde ſtreute die Blumen aus dem Strauße des Iſraeliten darauf. Die goldenen Schüſſeln und die Speiſen von Taillevant's Kunſt ſtrahlten bald nebſt den Gefäßen von geſchliffenem Kryſtall auf dem Tiſche und Clo⸗ tilde harrte mit Sehnſucht des Geliebten. Da ließen ſich leichte Schritte in dem Vorſaale vernehmen. Clotilde hörte ſie zuerſt; ſie flog dem Kommen⸗ den entgegen und lag bald in Nephthaly's Armen. Sie ſetzten ſich auf eine Art Divan, hielten ſich mit beiden Händen, neigten ihre Köpfe zuſammen, IV. 5 66 — aber kein Wort kam von ihren Lippen, keine Bewegung wurde an ihnen ſichtbar. Der Jude duftete nach Anbra und die künſt⸗ lichſten Edelſteine ſchmückten ihn; auf ſeinem Bu⸗ ſen trug er nicht das entehrende Rad, ſondern die geheiligte Eichel von Clotildens Tunica, ſowie auch die Binde ihn umgürtete, welcht von der Jungfrau für ihn geſtickt war. Beide waren glücklich, daß ſie ihre Wünſche und ihre Sehnſucht befriedigen konnten, ohne mit „ihrer Freude geizen zu müſſen; nicht verſtohlen und zitternd blickten ſie einander an oder ſprachen mit einander, ſondern ſie ſtürzten ſich ganz in ihre Wolluſt. Clotilde!— Dugehörſt mir,“ rief Nephthaly aus, michts ſtört ferner meine Liebe! O, Ange⸗ betete, laß mich heiße Küſſe auf Deinen ſchönen Hals drücken!“ „Nephthaly, Alles gehört Dir!“ entgegnete Clotilde, und ihre zarten Hände fuhren mit reizen⸗ der Scham, mit blöder Scheu über die Haare, den Hals und den Buſen des Israeliten. „O, wie ſchön Du biſt, und welches Feuer aus Deinen Augen ſtrahlt!— Das Geſtirn der Venus iſt nicht glänzender.“ Nephthaly bewunderte die Reize ſeiner ſchönen Geliebten und drückte auf ihren Roſenmund einen Kuß, auf den Venus ſelbſt hätte neidiſch werden können. Dann ſetzten ſie ſich zum Mahle an den Tiſch, aber Beide auf denſelben Stuhl, denn der verliebte Israelit zog Clotilde auf ſeine Kniee. Kaſtriota und Marie bedienten das liebende Paar, indem ſie abwechſelnd weinten und auch wieder ſich freuten. Die beiden Liebenden aßen von denſelben Ge⸗ richten, von demſelben Teller, mit derſelben Gabel wanken aus demſelben Becher und würzten das Mahl noch mit dem tauſend Mal ſchmackhaftern Ambroſia ihrer Küſſe.. „Nephthaly,“ rief Clotilde endlich aus,„der Augenblick iſt gekommen, wo Du Dein Verſprechen zu erfüllen haſt. Siehſt Du, wie die Zeit ver⸗ fließt?“ „Ach, meine Clotilde, könnteſt Du den Muth haben, zu gehorchen?“ 5* 68 „Mein Geliebter, glaubſt Du, daß ich Dich nicht verſtanden hätte?“ „Sag mir, Geliebte, was haſt Du verſtan⸗ den?“ „Daß wir mit einander ſterben wollen.“ „Grauſame!— das ſagſt du ſo lächelnd?“ „Warum ſollte ich mich darüber betrüben?“ 3 „Du haſt Recht, Clotilde; wir werden tauſend Mal glücklicher ſein, wenn wir dieſe gehäſſige Welt verlaſſen und fleckenlos zu den himmliſchen Woh⸗ nungen emporſteigen. Kann Gott zürnen, wenn er uns, dem Unglück entfliehend, etwas zu früh an⸗ kommen ſieht? Wir gehorchen damit nur der Stimme der Natur, und wenn auch die himmliſche Stirn des Ewigen für einen Augenblick mit ſtren⸗ gen Falten ſich deckt, ſo iſt er doch zu gut, um zwei tugendhafte Seelen zu verdammen, welche nur durch ein Uebermaß der Liebe ſich ge⸗ macht haben.“ Auf dieſe Worte folgten tauſend Küſſe, und der verliebte Israelit drückte die feurig in ſeine Arme. 69 „Du hätteſt alſo den Muth, ein kaum begon⸗ nenes Leben zu verlaſſen?“ „Und Du nicht, Nephthalyh?“ „Du würdeſt nicht zögern, dieſen ſchönen Bu⸗ ſen zu durchbohren, an welchem jetzt mein Haupt ruht?“ „Kann ich ohne Dich leben?“ „Ach ja, Tochter des Himmels, wir werden wonnig ſchlafen in der langen Nacht, auf welche keine Morgenröthe folgt.— O, Clotilde, könnteſt Du leben bleiben, und dennoch glücklich mit mir werden!“ „Wie, mein Freund?“ „Eine einfache Hütte wird uns aufnehmen, allein unſer Leben wird dennoch ſchön ſein, wie Du es biſt. Meine Reichthümer werden hinreichen für unſre Bedürfniſſe, wir werden glücklich ſein und ein Leben der Luſt genießen, deſſen Zeuge die 3* Natur allein ſein wird. Bis an Dein Ende iſt dann Dein Loos die Freude, welche Du jetzt ge⸗ nießeſt.“ „Aber mein Vater, Nephthaly?— Er würde vor Kummer ſterben.“ 70 „Clotilde, Du wirſt Kinder bekommen— Du wirſt hören, wie ſie Dich Mutter nennen!“ „Ach! blicke mich nicht ſo an!— Du könnteſt machen, daß ich einwilligte.“ „Komm! komm!“ „Nephthaly!— ich kann nicht!“ „Nun, Clotilde, ſo laß uns ſterben!— ja, ſterben, denn wir haben in dieſer Nacht zwanzig Jahrhunderte des Daſeins genoſſen.“ Kaſtriota ſaß auf einem Stuhle neben der Thür und betrachtete ſeine Wohlthäterin und den Juden mit wilden Blicken. Er ſann auf Mittel, den Tod ſeiner Gebieterin zu verhindern. „Nephthaly,“ ſagte Clotilde mit reizender Un⸗ ſchuld, nachdem ſie einige Zeit geſchwiegen hatte, „gib mir recht viele Küſſe, damit ich ſie Dir wie⸗ dergeben kann, denn morgen— morgen heirathe ich den Grafen Gaſton.“ „Wie!“ rief der Israelit erſchreckt aus. „Ich muß es, Nephthaly, ich habe es ver⸗ ſprochen; aber gehorche Du ebenfalls den Geboten Deiner Geliebten. In der Frühe des Morgens finde Dich in der Kapelle ein, Kaſtriota wird Dich in vieſelbe führen; verbirg Dich hinter einen Pfei⸗ ler, um dort zu ſehen, wie ich Dich liebe. Du wirſt mich einen Dolch aus dem Buſen ziehen ſehen,— dann ergreife auch Du den Deinigen, und unſre letzten Seufzer mögen dann mit einander verhallen.“ „Ich werde da ſein,“ verſicherte der Jude. In dieſem Augenblick näherte ſich Kaſtriota dem tiebenden Paare und fragte die Prinzeſſin: „Alſo nur Prinz Gaſton ſteht Euerm Glück im Wege?“ „Ja,“ antwortete der Jude. „Wohl denn!— Ihr werdet glücklich wer⸗ den!— Vertratt auf mich!“ Ohne weiter zu zögern, eilte der wilde Alba⸗ neſe nach dem Zimmer, welches dem Grafen von Provence angewieſen war. Leiſe öffnete er die Thür und zitterte vor Freude, als er ſah, daß kein verrätheriſches Nacht⸗ lämpchen brannte. Er ſchlich nach dem Bette und taub gegen alle Vorwürfe ſeines Gewiſſens, wandte er ſein Haupt ab, zog ſeinen Säbel und hieb zu wiederholten Malen nach der Stelle, wo ſich das Haupt des ſchlafenden Prinzen befinden mußte, indem er in heiſerem Tone dabei rief: „Ich muß!— ich muß ſo!“ Dann warf er den Säbel mit Abſcheu von ſich, um das Blut des edlen Retters der Luſignans nicht zu ſehen, und ſtürmte, wie von den Furien verfolgt, nach Clotildens Zimmer zurück. „Ihr werdet glücklich ſein!“ ſagte er beim Ein⸗ treten;„nichts wird Euch trennen, wenn nicht des Königs Befehl!“ „Kaſtriota!“ rief die Prinzeſſin aus. „Was meint er damit?“ fragte der Jude und blickte leichenblaß den Albaneſen an. „Ihr werdet glücklich ſein,— aber jetzt trennt Euch!“ „Clotilde! auf morgen alſo!“ ſagte der Jude. Beide gingen mit einander nach der Vorhalle, aber Clotilde war noch immer ſtarr vor Schrecken, und ihr Buſen wogte unglücklich. Kaſtriota folgte ihnen. Das Lebewohl der beiden Liebenden verhallte an dem Marmorgewölbe, und als Nephthaly den letzten, den längſten aller Küſſe geraubt hatte, da ſprang er die Treppe hinab. Man hörte ein leichtes Geräuſch an dem Ende eines Ganges, und vor dem Zimmer Gaſton's be⸗ wegte ſich bei dem zweifelhaften Lichte der Sterne ein undeutlicher Schatten. 3. „Das iſt ſein Geiſt!“ ſagte Kaſtriota bebend; oder ſollte er nicht todt ſein!“ Die Prinzeſſin erſchrak und floh in ihr Zim⸗ mer zurück, in welches Kaſtriota ihr folgte. „Unglücklicher! was habt Ihr gethan?“ „War nicht Prinz Gaſton das einzige Hinder⸗ niß Eueres Glücks?“ „Aber nun wird es auch Dein Leben koſten!“ „Ja, aber Ihr werdet glücklich ſein.“ In Caſin⸗Grandes war Alles in der lebhaf⸗ teſten Bewegung. Mit dem Anbruch des Tages war eine bunte Menſchenmenge von allen Seiten herbeigeſtrömt, denn es war bekannt geworden, daß der Sohn René's des Guten von Neapel, der Herrſcher der Provence, ſeine Vermählung mit der ſchönen Clotilde feiern würde, und daß offene Tafel für jeden Freriden, und wäre er auch der Geringſte, gehalten würde. Johann II. befand ſich in dem rothen Saale, den ſchon früh die Grafen und Barone der weiten Umgegend erfüllt hatten, ganz in ſeinem Element. Der ſchöne Greis mit weißen Haaren, einfach in eine prachtvolle Dalmatica gekleidet, an der Seite das Schwert Gottfrieds von Bouillon, auf dem Haupte die Krone Balduins von Flandern, . 75 zeigte eine majeſtätiſche Haltung, ſprach freundlich mit jedem Ritter und unterhielt ſich über ſeine Thaten, als wäre er ſein Waffengefährte geweſen. Auch an die Damen, die ſchon in des Tages Frühe von Aix angekommen waren, wandte er ſich, aber mit jener ruhigen und ſichern Höflichkeit, welche den Greiſen ſo wohl anſteht. Indeß herrſchte Ungeduld in den Blicken der Verſammlung, denn ſchon hatte die Thurmuhr von Caſin⸗Grandes die zehnte Stunde des Morgens verkündet, und noch war weder der ſchwarze Ritter, noch die ſchöne Clotilde erſchienen. Johann II ließ ſich zu den Grafen von Fvir und Dumvois führen, worauf er ſie huldreich an⸗ redete: „Edle Ritter, Ihr ſeit Verttante des Grafen von Provence und könnt uns vielleicht ſ agen, warum derſelbe an dem Tage ſeiner Vermählung ſo ange auf ſich warten läßt?“* „Sive,“ entgegnete ihm Dunvis,„wir haben ihn am heutigen Morgen begleitet, denn er hat das Schloß verlaſſen und uns bei unſrer Liebe be⸗ ſchworen, ſeinetwegen nicht beſorgt zu ſein. Erſt 76 heute geht ſein Gelübde zu Ende, welches ihn zwingt, nur mit verſchloſſenem Viſire ſich zu zeigen, und ich vermuthe, daß er in irgend eine Kirche der Nachbarſchaft gegangen iſt, um dort ein ſtilles Ge⸗ bet zu verrichten. Er hat uns ferner erklärt, daß er mit ſeinem Stallmeiſter in dem Augenblick er⸗ ſcheinen würde, wenn die Meſſe begönne, und daß die Töne der Glocke hinreichten, ihn zu rufen.“ Johann II. befahl nun dem Doctor Trouſſe, Clotilde zu benachrichtigen, daß ſie in dem rothen Saale erwartet werde. Clotilde war eben erwacht, und die treue Amme wollte ihr die prachtvollen Geſchenke zeigen, welche der Seneſchal des Grafen von Provence ſchon am frühen Morgen überbracht hatte. Aber Clotilde verlangte nicht, dieſelben zu ſehen, ſondern ließ ſich gleichgiltig und ohne ein Wort zu ſagen, ankleiden. Als Trouſſe zu ihr kam, erſtaunte er über die Bläſſe der Prinzeſſin. Sie ſaß auf dem Stuhle, auf welchem ſie mit dem Jsraeliten geſeſſen hatte, und betrachtete mit ſtarrem Blick einen Dolch, welchen ſie in der Hand hielt. „Ich komme auf Befehl Seiner Njeſtü, 4 S hob der Arzt an, der auch dieſes Mal nicht unter⸗ laſſen konnte, ſeine Rede mit dem theuern„Ich“ zu beginnen;„ich komme, Euch zu ſagen, daß man Euch in dem rothen Saale erwartet. Auch in der Kapelle iſt ſchon Alles bereit, und der Herr Biſchof wartet in vollem Ornat. Aber Euere Bläſſe—“ „Ich werde Euch folgen!“ ſagte Clotilde haſtig, erhob ſich und ſchritt dem Arzte zwei Schritte näher. Trouſſe ſah voll Entſetzen den Dolch, deſſen blinkende Spitze gegen ihn gerichtet war, und wich eilend rückwärts aus der Thür. Clotilde umarmte Marie und Joſette zum letz⸗ ten Male, ſchauke noch ein Mal nach der Kokette hinüber, verbarg dann ihren Dolch im Buſen und trat mit lächelnder Miene den Weg nach dem ro⸗ then Saale an. Sie zeigte ſich in allen Gemächern und bat dann ihren Vater, ſich in das Oratorium der Ka⸗ pelle begeben zu dürfen, indem ſie dabei bemerkte, daß die Feierlichkeit beginnen könnte, ſobald die Thurmuhr die elfte Stunde anzeigen werde. Gefolgt von Kaſtriota trat Clotilde in das Gotteshaus und eilte nach der Kapelle des heiligen 78 Guh, wo der Jude ſchon längſt mit einer Angſt ohne Gleichen ſeiner Geliebten harrte. Sie ſtürzte ſich in die Arme des Israeliten und ließ frei die Thränen fließen, welche ſie bisher zu⸗ rückgehalten hatte. Die geheiligten Mauern hall⸗ ten wieder von ihren Feuerküſſen, welche die Vor⸗ läufer des Todes ſein ſollten, und erſt nach langer Zeit unterbrach der Jude das Schweigen, indem er ſagte: „Clotilde! Deine Thränen ſagen mir hinrei⸗ chend, daß Du die Kraft nicht haben wirſt, zu ſter⸗ ben. Sollteſt Du, ſo jung und ſo ſchön, auch den Fluch tragen, welchen meine unrelke Geburt mir auferlegt?— Nein, nein, ich— ich allein muß ſterben!“ Statt jeder Antwort zog Clotilde aus ihrem Buſen den Dolch und zeigte ihn dem erſtaunten Juden. Thränen der Freude floſſen aus Nephthaly's Augen, und er gab der Prinzeſſin einen feurigen Kuß, welchen er von ihr nicht zurück erhielt. „O meine Wohlthäterin!“ verſetzte Kaſtriota, indem er ſich näherte;„was befürchtet Ihr? und 79 warum führt Ihr dieſe grauſame Waffe? Wartet nur noch ein wenig, und bald wird Euch das Ge⸗ rücht von dem Tode des Grafen von Provence Euerer Schwüre entbinden.“ „Kaſtriota,“ antwortete die Prinzeſſin,„der Graf von Provence iſt nicht todt, und Dunois hat ihn heute Morgen nach der Priorei St. Marie geführt.“ Der Albaneſe verſtummte vor Staunen. Der Israelit hörte indeß nicht auf, ſeine bleiche Geliebte zu betrachten. .„Nephthalh,“ ſagte dieſe zu ihm,„erlauhe, daß ich Dich in den Schatten des Pfeilers ſtelle, hinter welchem Du den entſcheidenden Augenblick exwar⸗ ten magſt.“ Dann ergriff ſie die Hand des Israeliten und führte ihn hinter einen Pfeiler, der ſich der Sacri⸗ ſtei gegenüber befand. Nephthaly, der ſich über⸗ dieß in einen weiten Mantel gehüllt hatte, konnte ſich an dieſer Stelle leicht verbergen⸗ Noch ein letzter, langer Kuß— und Clotilde trennte ſich von dem einzig Geliebten, um ſich nach dem für ſie beſtimmten Stuhle zu begeben. 80 Es ſchlug elf Uhr. Der Biſchof ſchritt nach bem Alare, gefolgt von dem Abbé Simon und den Meßdienern. Die Pforten der Kapelle öffneten ſich, Jo⸗ hann II. trat von Moneſtan geführt und von den Rittern gefolgt ein, die Glocken läuteten und der Geſang der Prieſter verkündigte den Beginn der Feierlichkeit. Endlich erſchien auch der Graf von Provence, nur von ſeinem treuen Stallmeiſter begleitet. Er trug noch immer ſeine ſchwarze und den ſchwarzen Helm mit geſchloſſenem Viſir. So trat er an Clotildens Seite, welche bleich wir und Alles nur wie durch einen Nebelſchleier erblickte. Sie würdigte ihren Verlobten auch nicht eines Blickes,— ſie hörte den eintönigen Geſang der Liturgie, aber hörte ihn nurwie in einem Traume,— ſie ſah die Wolken des Weihrauchs emporirbeln, und ſah ſie auch nicht,— ſie hörte das leichte Ge⸗ räuſch, welches von der Verſammlung ausging, ohne eigentlich zugegen zu ſein,— ſie blickte mit glanzloſen Augen auf ihren Vater,— kurz, ſie träumte. 81 Alle Verſammelten drängten ſich näher zuſam⸗ men und richteten ihre Blicke auf das ſchöne Paar, während ſie mit ſehr natürlicher Ungeduld den Augenblick der Vermählung erwarteten. Da trat der Biſchof den Verlobten näher, er⸗ griff die kalte Hand der Prinzeſſin und legte ſie in die des Grafen⸗ Clotilde kehrte zum Bewußtſein zurück und griff mit der freien Hand in den Buſen, ihren Dolch zu ergreifen. Aber in demſelben Angenblicke hielt der Stall⸗ meiſter des Grafen Gaſton ihren Arm. Erſtaunt blickte dir Prinzeſſin den Kühnen an und erkannte in ihm den ſchönen Ziegenhirten, den jungen Raoul. Gleichzeitig aber warf der Graf von Provence ſeinen Helm vom Kopfe, wandte ſich gegen Clotilde und ſagte: „So werde ich alſo wirklich geliebt?“ Die Prinzeſſin wurde bei dieſen Worten ohn⸗ mächtig. Die Stimme des Prinzen wurde nicht mehr durch den hohlen Klang des Viſirs entſtellt, ſon⸗ 1v. 6 dern tönte wie Nephthaly's Stimme; die Locken ſeiner ſchwarzen Haare fielen unter dem Helme hervor und berührten den Hals der Jungfrau— und als Clotilde wieder zu ſich kam, konnte ſie in den edlen Zügen ihres Gemahls die ihres Gelieb⸗ ten bewundern. „Ihr ſeid recht grauſam geweſen!“ ſagte ſie im Tone eines ſanften Vorwurfs. „Ihr habt das Recht, mich zu ſtrafen,“ ent⸗ gegnete der Prinz. Die Meſſe war beendet, aber Clutide zu ſehr erſchüttert, als daß ſie die Kapelle ſofort hätte verlaſſen können. Sie war genöthigt, ſich auf ihren Stuhl niederzulaſſen, um neue Kräfte zu ge⸗ winnen. In einiger Entfernung von ihr ſtand der gute König Johann II., umgeben von ſeinem Hofſtaate, und hörte dem Grafen von Foix zu, welcher ihm erzählte, mit welcher Geſchicklichkeit Prinz Gaſton die doppelte Rolle des Juden und des ſchwarzen Ritters geſpielt habe, um überzeugt zu ſein, daß er wirklich geliebt werde, und wie es bei dem Tur⸗ niere Raoul von Erech, der Stallmeiſter des Prinzen, geweſen ſei, welcher die ſchwierige Rolle des Rit⸗ ters mit dem Wahlſpruch durchgeführt habe. Der gute König wollte zürnen, aber ſein Glück war zu groß,— er verzieh und drückte ſeinem Schwiegerſohne mit Herzlichkeit die Hand. Am folgenden Tage hielt das junge Gatten⸗ paar ſeinen feierlichen Einzug in Aix. Der König von Chpern brachte kurze Zeit bei ihnen zu und ſchiffte ſich dann ein, um ſein Königreich wieder zu erobern. Was die übrigen Helden ae Erzählung be⸗ trifft, ſo müſſen wir zunächſt erwähnen, daß der Doctor Trouſſe einhundert und vier Jahre alt wurde und in Folge der großen Aengſtlichkeit, mit welcher er für ſeine runde Maſchine ſorgte, viel⸗ leicht noch älter geworden ſein würde, wenn ihm nicht ein unglücklicher Fall ſeinen frühen Tod zu⸗ gezogen hätte. Kaſtriota, der von Gaſton ſeinen Säbel zurückerhalten hatte, blieb bei ſeiner Wohl⸗ thäterin und verheirathete ſich eines ſchönen Tages mit Marien, die bei ihm in ungemeinem Anſehen 6* * 84 ſtand ſeit jenem Tage, an welchem ſie den Ungläu⸗ bigen zerriß. Joſette hinterließ eine zahlreiche Nachkommenſchaft und ihr Vater lebte noch lange als ein reicher, folglich auch geehrter Mann; gegen das Ende ſeines Lebens kaufte er noch das Mar⸗ quiſat Caſin⸗Grandes. Taillevant wurde erſter Koch Karl's VII. von Frankreich, und erhob die franzöſiſche Kochkunſt zu dem Glanze, welchen ſie bis heute bewahrt hat. Hilarion wurde Cardinal und commandirte die Armeen des heiligen Vaters. Kephalein fand mit Windesflügel zugleich den Tod in einem Reitergefechte; es war dieſes das erſte und das einzige Mal, daß er vom Pferde fiel. Moneſtan aber ſtarb an einer Erkältung, die er ſich in der Kirche zugezogen hatte, und Johann II. drückte die Augen dem treuen Diener zu, deſſen letzte Worte waren: „O, mein Gott! nimm meine Seele gnädig auf und ſchütze meinen König!“ Bude. —— ſi Don Ramiro oder — S — *— S — * — — — — — — 8 Ungefähr eine Meile von dem Fluſſe Guadiana entfernt, nahe bei den Ruinen von Alaroos, liegt das freundliche Städtchen Ciudad Real. Die Kö⸗ nige von Caſtilien zeichneten die Bewohner jenes Städtchens vor vielen andern aus, denn ſie waren auch mehr als alle anderen den häufigen Anfällen der Mauren ausgeſetzt. Nur wenige Stunden von dem Gebiete Cindad Reals begann ſchon die feindliche Grenze; allein die Tapferkeit der Caſtilier war eine ſtarke, unbezwingbare Schutzmauer gegen die Ueberfälle jener räuberiſchen Horden. So oft es dieſe wagten, den ſpaniſchen Boden zu betreten, ſtand ſchon ein kühnes Heer bereit, das Vaterland zu vertheidigen und die Frechen wieder zurückzu⸗ treiben. Der gewöhnliche Führer dieſer kleinen 88 Schaar war lange Zeit hindurch Don Diego. Sein hoher Muth, ſein edles Beiſpiel führte die Ritterſchaft von Cindad Real zu manchem ſchönen Siege. Hoch geehrt fühlten ſich die Jünglinge, welche unter den Augen des greiſen Helden Be⸗ weiſe ihrer Tapferkeit und Vaterlandsliebe geben durften. Jeder wollte der Erſte im Kampfe ſein, jeder dem Feinde die tiefſten Wunden geſchlagen haben, und der Name Don Diego wurde ein Schrecken für die Mauren, welche jetzt ihre Ein⸗ fälle immer ſeltener wiederholten. Geachtet und geehrt von ſeinem König, geliebt von ſeinen Freunden, war Don Diego ein glück⸗ licher Held; doch zu einem noch glücklicheren Vater machte ihn der Beſitz ſeiner Tochter. Donna Laura, das Ebenbild ihrer früh verſchiedenen Mutter, fromm und rein wie die Königin des Himmels, erblühte an dem väterlichen Herzen zur reizendſten, holdſeligſten Blume. Kaunm hatte ſie das funfzehnte Jahr erreicht, als die jungen Ritter der Umgegend häufig nach Ciudad Real gezogen kamen, um ſich an den ſonnigen Augen der ſchönen Laura zu weiden. Auf ſtolzen Roſſen ſprengten 89 ſie an dem Hauſe des lieblichen Mädchens vorbei, bald in die eiſerne Rüſtung des Krieges, bald in den glänzenden Schmuck des Friedens gehüllt. Laura achtete weder der Einen, noch der Andern. Dämmerte die Nacht mit ihrem glänzenden Ster⸗ nengefolge herauf, ſo ſtieg manches Lied, von den ſchmachtenden Tönen der Laute begleitet, zu Lau⸗ ra's Fenſtern empor. Allein gleichwie die ſilber⸗ nen Sterne ungerührt ihre Bahn fortwandeln, blieb auch Donna Laura's Herz kalt und ungerührt bei den Huldigungen der Liebe. Eine weitläufige Anverwandte, gleichfalls aus altadeligem Geſchlecht, Donna Iſabella, vater⸗ und mutterloſe Weiſe, war beinahe ihre einzige Geſellſchaft, die des Vaters ausgenommen. Dieſe zählte nur zwei Tage mehr als Laura, beſaß einen durch nichts zu erſchütternden Frohſinn, und war eine außerordentliche Freundin aller abenteuer⸗ lichen Geſchichten. Die Huldigungen, welche Donna Laura gebracht wurden, boten ihr fort⸗ während Gelegenheit, ihre zuweilen boshaften Launen an den unglücklichen Liebhabern auszuüben. Denn nicht ſelten neckte ſie die verliebten Ritter 90 einige Tage, bis dieſe zuletzt, ihren Irrthum ein⸗ ſehend, wieder mißmuthig von dannen zogen. Iſabella empfing deshalb manchen ernſten Ver⸗ weis von Don Diego, allein das luſtige Mädchen wußte die zürnenden Falten des Oheims in wenigen Minuten wieder wegzuſcherzen. Halb lächelnd, halb unwillig ſprach dann jedesmal Don Diego am Schluſſe eines ſolchen Auftritts:„Ich danke nur Gott, daß Du meine Tochter nicht biſt!“ Ginſt wurde ein großes Feſt in Ciudad Real gefeiert, das wie gewöhnlich mit einem Stiergefecht enden ſollte. Nicht allein die Einwohner der Stadt, auch eine Menge Ritter und Volk, von nah und fern kamen herbei, theils um ſich dabei zu be⸗ luſtigen, theils um den mörderiſchen Kampf mit einem Stier zu wagen. Don Diego, ſeine Tochter und die luſtige Iſabella ſäumten gleichfalls nicht, die Zahl der Zuſchauer zu vermehren. Laura's Freundin fand hier wieder reichlichen Stoff, ihre ſpöttiſchen Bemerkungen ſowohl über die ſchaulu⸗ ſtige Menge, als auch über die muthigen Kämpfer zu machen, von denen manchmal acht bis zehn auf einen ſchon halbtodten Stier losgingen und ihn am Ende glücklich erlegten. Ein lautes Angſtge⸗ ſchrei unterbrach mit einem Male dieſe Neckereien. 92 In den Schranken tobte nämlich ein Stier umher, vor welchem die Ritter alle entſetzt zurückwichen. Sein fürchterliches Geſchrei drang durch die Lüfte, gleich dem Brüllen des nahenden Donners. Nicht er war der Angegriffene mehr, ſondern die Ritter flohen ängſtlich vor ihm im Kreiſe umher. Meh⸗ rere erreichten glücklich den Ausgang, doch die an⸗ dern verfolgte er mit größerer Wuth. In einer Wolke von Sand und Staub raſte er daher, unauf⸗ hörlich nach einem Opfer ſpähend, das er zermalmt in die Lüfte zu ſchleudern ſuchte. Einer der Kühn⸗ ſten hatte ſich ihm kampfbereit genaht; doch als er den todbringenden Blick des Ungethüms ſah, wandte er ſich ſchleunig wieder zur Flucht. Noch ſchnaubender folgte ihm der Stier, und drängte ihn gegen einen Winkel, aus welchem ihm kein Ent⸗ kommen mehr möglich war. Da ſtürzte ſich ein Jüngling, blos mit einem Schwerte bewaffnet, in die Schranken und bohrte ſeine Waffe in dem näm⸗ lichen Augenblick, als der Stier ſein Opfer eben in die Lüfte ſchleudern wollte, mit ſtarkem Arm in den Bauch des Ungeheners. Brüllend wandte ſich dieſes gegen den neuen Feind, der einen zweiten noch kräftigeren Hieb nach ihm führte, ſo daß es röchelnd, von ſeinem Blute gefärbt, zu Boden ſank. Ein lautes Freudengeſchrei empfing den Sie⸗ ger. Männer und Frauen eilten, den Helden mit Lob und Dank zu empfangen. Bald prieſen die Frauen nicht allein ſeine Tapferkeit, auch ſeiner Schönheit zollten ſie gerechten Beifall. Der Jüng⸗ ling mochte kaum zwanzig Jahre zählen; ein brau⸗ ner Bart, zierlich geordnet, ſchmückte Kinn und Oberlippe; ein feuriges blaues Auge verkündete die ſanften Gefühle ſeines Herzens und erweckte in dem Buſen der ſchönen Caſtilianerinnen eine Gluth, die mit jedem Augenblicke in heftigere Flam⸗ men auszubrechen drohte. Eine tiefe, jedoch nicht unangenehme Schwermuth, die Folge erlittenen Ungemachs, war über das ganze Angeſicht aus⸗ gebreitet. Don Diego bot dem wackern Fremden ſein Haus zur Wohnung an, und Laura ſenkte das Auge ſchnell zur Erde nieder, als ihr Vater ſie — beauftragte, den Ritter willkommen zu heißen. Unter dem Vorwande, einige Gemächer zum Empfange des Gaſtes einrichten zu wollen, entfernte ſie ſich mit ihrer Freundin Iſabella, die aber bei weitem lieber in der Geſellſchaft des tapfern Unbekannten zurückgeblieben wäre. Laura kehrte ſchweigend nach Hauſe zurück, ungeachtet Iſabella fortwährend von dem Gefechte, von des Ritters Heldenthat, vehſeiner Schönheit und Sanftmuth ſprach. „Ja!“ rief ſie endlich aus,„wenn ein ſolcher Mann mich zum Altar führen wollte, heute noch würde ich ihm folgen; was meinſt Du, Laura?“ „Ich,“ erwiderte dieſe erröthend,„würde mei⸗ nes Vaters Willen gehorſam ſein!“ Als ſie zu Hauſe ankamen, ordnete Iſabella mit geſchäftiger Hand Alles, was zur Aufnahme des Fremden nöthig war; Laura hingegen ſchlich ſich in den Garten, wo ſie in ungeſtörter Einſam⸗ keit die Ereigniſſe des heutigen Tages überdachte, wo ſie ſich geſtand, daß im tiefſten Innern ihres Herzens ein nie gekanntes Gefühl ſchlummere, welches der Anblick, die Heldenthat des Ritters 95 geweckt habe. Auf einer Moosbank, am Ufer eines kleinen Sees, ſetzte ſie ſich nieder. Die Sonne, welche ſchon im Scheiden begriffen war, ſandte noch einige ihrer Strahlen durch die Baum⸗ zweige auf die leiſe plätſchernden Wellen, und ver⸗ goldete den wogenden Waſſerſpiegel. Milde Abend⸗ lüfte koſ'ten mit den Blättern der rauſchenden Pinien, ſo wie mit den Locken der träumenden Laura. Schon gewann das Licht des bleichen Mondes die Oberhand, ſchon wurde hier und da ein glänzendes Sternchen am Himmel ſichtbar, und noch immer ſaß die Jungfrau gedankenvoll am Geſtade. Da ertönte plötzlich des Vaters Stimme durch den Garten; Laura ſprang auf und wollte nach dem Schloſſe gehen. Kaum hatte ſie einige Schritte zurückgelegt, als Don Diego vor ihr ſtand. „Wie ſoll ich Dein Betragen verſtehen, meine Tochter,“ begann er;„der Held, deſſen Name ju⸗ belnd von Mund zu Munde geht, ſcheint Dich allein zu ſchrecken. Du floheſt heute eilig, als er kanm ſeine ſchöne That vollbracht; Du flieheſt ihn jetzt, da er uns Ehre bringt durch ſeine Gegenwart, und 96 ſtatt der Tochter des Hauſes empfängt ihn eine Fremde an des Palaſtes Schwelle.“ „O mein Vater!“ preßte Laura mühſam her⸗ vor, indem ſie ihr Geſicht an ſeiner Bruſt verbarg. „Was iſt Dir?“ fuhr Don Diego zärtlich fort; „biſt Du krank, oder was bewegt Dich ſo?“ „Ich weiß es ſelbſt nicht,“ flüſterte Laura; eine nie gefühlte Bangigkeit erfüllt mein Herz, und doch iſt mir ſo wohl dabei.“ „Und ſeit wann?“ entgegnete Don Diego forſchend. „Seit heute,“ verſetzte Laura ſchüchtern,„ſeit ich— den Ritter ſah.“ „Ja, wenn— doch nein, ſei mein gutes Kind und folge mir. Der Ritter iſt unſer Gaſt, und als dieſen mußt Du ihn freundlich empfangen. Komm, reiche mir die Hand, faſſe Dich; morgen ſprechen wir mehr davon!“ Taura ging am Arme ihres Vaters nach dem Palaſte zurück, wo ſie eine kleine Geſellſchaft, meiſtens aus Diego's Freunden beſtehend, fand. Auch der Unbekannte war da, und zwar, wie es ſchien, in ein eifriges Geſpräch mit Iſabelle ver⸗ wickelt; als er ſie jedoch gewahrte, kam er freund⸗ lich auf ſie zu, ließ ſich vor ihr auf ein Knie nie⸗ der, und bat mit zierlichen Worten um Entſchul⸗ digung, daß er durch ſeine Gegenwart den ſtillen Frieden ihres Hauſes geſtört habe. Sein Auf⸗ enthalt in Ciudad Real ſei indeſſen nur von kurzer Dauer, und er hoffe, ihr daher nicht lange be⸗ ſchwerlich zu fallen. Laura entgegnete ihm, daß ſie keine angenehmere Pflicht kenne, als die Gäſte ihres Vaters freundlich zu empfangen, daß ſie ihn von ganzem Herzen willkommen heiße, um ſo 1. 7 98 mehr, da er heute vor Aller Augen ſo glänzende Beweiſe ſeines Muthes und ſeiner Unerſchrocken⸗ heit gegeben habe. Der Fremde verbeugte ſich anmuthsvoll, in⸗ dem er ſagte, daß er bloß die Pflicht des Rit⸗ ters gethan, und daß der Zufall ihn äußerſt be⸗ günſtigt habe. „Um die Zeit bis zur Abendtafel auszufüllen,“ nahm nun Diego das Wort,„erzählt uns von Eurer Vaterſtadt, von Euren Verwandten, damit die Herzen ſich freundſchaftlich und vertraulich nähern, wenn Ihr ndmlich kein Geheimniß zu be⸗ wahren habt.“ „Nicht im Geringſten,“ erwiederte der Ritter. „Mein Name iſt Ramiro de Soria, wie ich ſchon erwähnte; meine Vaterſtadt iſt das Meer beherr⸗ ſchende Barcelona. Seit meiner früheſten Ju⸗ gend war es mein einziges Streben, den Erbfeind der Chriſtenheit zu bekriegen, und mit blutendem Herzen vernahm ich es immer, wenn man er⸗ zählte, wie die Mauren wieder einen Einfall in das Gebiet gewagt hatten. Kaum vermochte ich das Schwert zu halten, als ich ſchon meinen Va⸗ 99 ter bat, mich an jene Grenzen zu ſenden, und die Zahl der Vaterlandsvertheidiger zu vermehren. Natürlich konnte der Vater des Knaben Wunſch nicht erfüllen; aber er übte mich täglich in Kampfſpielen jeder Art. Dadurch erlangte ich eine Stärke und Sicherheit im Fechten, die in ſonderbarem Verhältniſſe zu meiner Jugend ſtand. Als ich ſechszehn Jahre zählte, beſtürmte ich meinen Vater neuerdings mit ſtärkeren Bitten um ſeine Erlaubniß, nach Andaluſien gehen zu dürfen. Er ertheilte mir jetzt dieſelbe, und ich beſchäftigte mich eben mit den Vorbereitungen zu meiner Waffen⸗ that, als ein ſchreckliches Ereigniß mich mit einem Male wieder weiter als je von meinem Ziele brachte. Eine Abtheilung königlicher Truppen kam nämlich nach Barcelona geſprengt und zeigte bei den Gerichten einen Verhaftsbefehl gegen meinen Vater vor. Der Unglückliche wurde beſchuldigt, die Anſchläge der Mauren heimlich zu begünſtigen und ein eifriger Anhänger der Feinde Caſtiliens zu ſein. Vergebens betheuerte er ſeine Unſchuld, vergebens bezeugten die Edlen Barcelona's die 7* Anhänglichkeit meines Vaters an den König; ohne darauf zu achten, ſchleppten die Soldaten den Schuldloſen in die Kerker von Madrid. Jetzt hatte ich alle Luſt, gegen die Mauren zu fechten, verloren; meinen unglücklichen Vater zu retten, ihm Freiheit und Ehre wiederzugeben, war mein höchſter Wunſch und mein eifriges Streben. Mit den vortheilhafteſten Empfehlungen ver⸗ ſehen, reiſte ich nach Madrid; allein erſt nach den unbeſchreiblichſten Bemühungen gelang es mir, beim Könige Gehör zu erhalten. Sein Blick ver⸗ finſterte ſich, als ich ihm meinen Namen und meine Bitte nannte. Endlich verſprach er mir, eine ſtrenge Unterſuchung über meines Vaters Vergehen beginnen zu laſſen. Voll Hoffnung ging ich von dem Könige, ihm für die hohe Gnade dankend. Doch bald zeigte es ſich, daß man mei⸗ nen Vater mit Gewalt ſchuldig wiſſen wollte. Des Königs begünſtigter Miniſter war ſein Feind, und zwar aus keinem andern Grunde, als weil er ſich gern die herrlichen Landgüter deſſelben zueig⸗ nen wollte. Deshalb machte er ihn beim Könige verdächtig, welcher, ohne lange zu prüfen und zu erwägen, die Unſchuld in den Kerker werfen ließ. Der nämliche Miniſter empfing jetzt die An⸗ gelegenheiten ſeines Feindes zur Unterſuchung; wie dieſe ausfiel, läßt ſich leicht denken. Man verurtheilte meinen Vater zu vieljähriger Gefäng⸗ nißſtrafe; mir aber wurde angedeutet, ungeſäumt Madrid zu verlaſſen, wenn ich das Loos des Lan⸗ desverräthers nicht theilen wollte. Die Güter unſerer Familie kamen zum Lohn an den gewal⸗ tigen Miniſter, der nun die Frucht ſeiner ſchänd⸗ lichen Verläumdung ohne Reue und Gewiſſens⸗ biſſe zu genießen anfing. Wie aber der Sturz des Thrannen niemals näher iſt, als wenn er ſich am ſicherſten glaubt, ſo war es auch hier.— Statt Madrid zu verlaſſen, blieb ich heimlich in dieſer Hauptſtadt, und ſammelte im Stillen Be⸗ weiſe von der Untreue und dem Betruge des frechen Räubers. Nachdem ich mich für ſtark ge⸗ nug hielt, der Wuth unſeres Feindes Trotz bieten zu können, trat ich öffentlich mit meinen Beweiſen auf. Eine Menge Anderer, die gleichfalls durch ſeine Schuld unglücklich geworden waren, die aber nicht den Muth gehabt hatten, gegen ihn aufzu⸗ treten, folgten jetzt meinem Beiſpiele. Der Kö⸗ nig vernahm mit Schaudern die zahlloſen Gräuel ſeines vermeintlichen Freundes; ehe er ihn aber zur verdienten Strafe ziehen konnte, entriß ihm der Tod die Rache; ein ſchnelles Gift hatte das Leben des ehrloſen Böſewichts geendet.— Meinem Vater wurde die Freiheit und der Beſitz aller ſeiner Güter wieder zurückgegeben; allein der lange Aufenthalt in Kerkernacht hatte ihn nicht nur des Augenlichtes, ſondern auch ſeiner Geſundheit beraubt. Vor fünf Monaten ſtarb er in meinen Armen.“ „Unglücklicher Ramiro,“ ſprach jetzt Laura, indem eine Thräne des Mitgefühls über ihre Wange rollte,„Ihr habt viel gelitten!“ „Viel, ſehr viel,“ fuhr Ramiro fort,„und noch zähle ich nicht zwanzig Lebensjahre.— Als ich meinen Vater zur Gruft geleitet und einſam, verlaſſen, verwaiſt durch die Gemächer meines Palaſtes zurück wandelte, erwachte von Neuem der Wunſch meiner frühern Kindheit. Was ſoll 1 mir auch das Leben, ſprach ich zu mir ſelbſt, mein ganzes Erdenglück ruht im Grabe, ich will es auch dort ſuchen! Einem Freunde meines Vaters über⸗ trug ich die Verwaltung meiner Güter und verließ Barcelona, um im Kampfe gegen die Feinde mei⸗ nes Vaterlandes den Tod zu umarmen. Dieſen Morgen kam ich hier an, wo ich ſo glücklich war, durch meinen ſchwachen Arm vielleicht das Leben eines Menſchen zu erretten. „Wackerer Held!“ riefen nun die Männer, und auch die beiden Mädchen ſtimmten laut mit ein. Laura hatte während der vorigen Erzählung ihre Angen oft zu Boden ſchlagen müſſen, denn der Ritter hatte ſeine Rede oft ſo lebendig und feurig an ſie gerichtet, als ob ſie allein zugegen geweſen wäre. Ein Diener meldete jetzt, daß das Abendmahl bereitet ſei. Laura und Iſabella forderten nun die Gäſte auf, ihnen zu folgen. Ramiro nahm an Laura's Seite Platz, die anfangs zwar ver⸗ legen war, aber mit jeder Minute ihre gewöhn⸗ liche Unbefangenheit mehr erhielt. Als Denkmal ſeiner heutigen Heldenthat beſchenkte ſie ihn mit einer Schleife, die ſie von ihrem Buſen nahm, und welche der Ritter heimlich entzückt an ſeine Lippen drückte, und nur im Tode ſich von ihr zu trennen verſprach. Iſabelle, eine geübte Kennerin anf dem Felde der Liebe, bemerkte bald, daß der junge Fremde auf das Herz ihrer Freundin einen tiefen Eindruck gemacht habe, ſowie auch Laura dem Rit⸗ ter keineswegs gleichgültig ſei. Um Beide unge⸗ ſtörter zu machen, leitete ſie das Geſpräch auf an⸗ dere Gegenſtände, wodurch ſie Aller Blicke von den Liebenden abzog. Nur Don Diego, dem Laura's Geſtändniß im Garten Vorſicht empfoh⸗ len, entging weder Iſabella's Abſicht, noch ſeiner Tochter Betragen. Als die Stunde zum Aufbruch der Gäſte ſchlug, führten zwei Diener den fremden Ritter in ſein Schlafgemach, wo er eine Nacht voll Selig⸗ keit und Liebeswonne verträumte. Ber kommende Morgen fand Diego mit ſeiner Tochter ſchon im Garten. Ihre geſtrige Aengſt⸗ lichkeit war völlig verſchwunden; heiter und froh beantwortete ſie alle Fragen des Vaters, und als dieſer die Rede auf den Ritter brachte, geſtand ſie ohne Zurückhaltung, daß ſie ihn liebe und wieder geliebt werde. Diego konnte Laura's Neigung keineswegs mißbilligen, denn Ramiro war der ſchönſte Mann, den er je geſehen hatte, und von ſo ächten ritterlichen Tugenden, daß er ſeiner Tochter keinen würdigeren Gatten wünſchen konnte. Noch an demſelben Tage bat Ramiro bei dem Vater um Laura's Hand, die ihm auch gewährt wurde. In ungeſtörtem Glücke verlebten die bei⸗ den jungen Leute nun mehrere Wochen; der Tag ihrer Hochzeitsfeier wurde auf den ſechszehnten Geburtstag Laura's feſtgeſetzt, und Ramiro hatte dagegen nur einzuwenden, daß jener Tag ſein Glück beinahe noch um einen Monat hinausſchob. Schon war dieſe Zeit bis über die Hälfte verfloſſen, ſchon wurden die Vorbereitungen zu jener Feier getrof⸗ fen, als plötzlich ein Ueberfall der Mauren die feſtlichen Anſtalten unterbrach, und ernſte, kriege⸗ riſche Gedanken an die Stelle der heitern Freuden traten. Diego ſammelte die waffenfähige Mann⸗ ſchaft des Städtchens und der Umgegend; auch Ramiro ſtellte ſich in die Reihen der Helden, ob⸗ gleich Laura dieſen Entſchluß nicht billigen wollte. „Laß mich, Geliebte,“ entgegnete Ramio, „ich wäre unwürdig Deiner Liebe, wenn ich die geſegneten Fluren Caſtiliens von dem Schwerte der Feinde verwüſtet ſehen könnte, ohne die Ver⸗ wegenen für ihren Frevel zu beſtrafen. Unter den Augen Deines PVaters will ich beweiſen, daß ich würdig bin„den Preis ſo hoher Schönheit und Anmuth zu beſitzen. Auf dem blutigen Felde der Schlacht will ich den Kranz mir holen, der Deine Stirne am Hochzeitstage ſchmücken ſoll. Weine nicht, Geliebte, mein Arm ſoll Deines Vaters Haupt bewachen, ſein geübtes Auge mich warnen vor Gefahr.“ „Wackerer Sohn,“ rief Diego, der dieſe Rede gehört hatte,„ja, Du biſt meiner Laura würdig, nimm dieſen Vaterkuß!“ Laura weinte zwar noch manche Thräne des Abſchieds, allein Iſabella wußte ihr dieſelben bald wieder zu trocknen. Sie malte ihr die Freuden des Wiederſehens ſo ſchön, die Kränze des Sie⸗ ges, welche Ramiro erringen müſſe, ſo reizend, daß Laura ſich endlich beruhigte. Caſtiliens Ritterſchaft zog dem Feinde entge⸗ gen. Einige verwüſtete Landhäuſer brachten ſie bald auf die Spuren der räuberiſchen Horden; doch beſtanden dieſe aus einer größern Menge, als Diego im Anfange geglaubt hatte. Nichtsdeſto⸗ weniger ſtellte er ſein Häuflein zum Kampfe be⸗ reit. Ramiro wich nicht von ſeiner Seite, und als der Angriff begann, wüthete ſein Schwert wie verzehrende Blitze in den Reihen der Feinde. Der Anführer der Mauren ſank, von ihm durch⸗ bohrt, entſeelt vom Pferde; dies reizte die wilde Schaar zur Rache. Ramiro's Muth hatte ihn indeſſen zu weit geführt; nur wenige Caſtilianer fochten an ſeiner Seite. Nicht achtend der andern Kämpfer, drangen die Feinde jetzt bloß auf den Ritter ein, von deſſen Hand ihr Anführer gefallen 109 war. In dichten Reihen ſchloſſen ſie ſich um ihn, riſſen ihn gewaltſam von ſeinem Pferde, banden ihn auf einen flüchtigen Araber, und ſprengten eilig mit ihm von dannen, während ein Theil von ihnen die Caſtilianer verhinderte, dem Gefangenen zu folgen. Diego mußte ſeinen geliebten Sohn von den Feinden entführen ſehen, ohne ihn retten zu kön⸗ nen. Alle Verſuche, die Reihen der Mauren zu durchbrechen, ſchlugen fehl.— Bamiro wurde unterdeſſen von ſeinen Feinden den ganzen Tag weiter geſchleppt. Kaum gönnte man den müden Roſſen einige Minuten zur Er⸗ holung. Auch der größte Theil der Nacht wurde durchgereiſt. Gegen Abend des dritten Tages er⸗ reichten ſie eine fruchtbar angebaute Gegend, in deren Mitte ſich ein prächtiges Schloß erhob. Als ſie vor den Pforten deſſelben ankamen, ſprang ihnen ein junges Weib mit der Frage entgegen: „Wo habt Ihr meinen Gatten?“ Ramiro's Begleiter ſenkten beſchämt ihre Blicke zu Boden; erſt als das Weib ihre Frage wiederholte, verſetzte einer der Mauren, ſich zu ihren Füßen werfend:„Wir bringen Dir hier ſei⸗ nen Mörder!“ „Seinen Mörder?“ rief jene in wildem Schmerz und zog einen Dolch aus chrem Buſen; „wohlan, ſo will ich ihn rächen!“ Mit aufgeho⸗ benem Arme blieb ſie jedoch vor Ramiro ſtehen, ließ dann den Dolch zu Boden fallen, und winkte einigen Sclaven, daß ſie den Gefangenen fortfüh⸗ ren ſollten. Den andern Tag ließ ſie den Ritter abermals vor ſich kommen. In einem glänzenden vrienta⸗ liſchen Gewande ſaß ſie auf einer Ottomane. Süße Düfte wehten durch das Gemach. Als die Sclaven, welche den Ritter begleiteten, ſich wie⸗ der entfernt hatten, begann ſie:„Du haſt mir meinen Gatten ermordet! Wollte ich der Stimme meines Haſſes folgen, ſo lägeſt Du gleichfalls todt zu meinen Füßen. Aber ein fanfteres Gefühl ſpricht in meinem Herzen für Dich. Dein Anblick hat mir Liebe eingeflößt. Ich bin reich und mäch⸗ tig; ſo weit Dein Auge blickt, nennt man Afra Gebieterin. Mit meiner Hand kann ich dieſes Glück verſchenken, und Dir, Jüngling, biete ich es an. Werde mein Gatte, und ich verzeihe Dir!“ „Reizende Afra!“ verſetzte der Ritter;„in meinem Vaterlande harrt eine Braut meiner Rückkehr!“ „Auch ſie ſoll die Deinige werden,“ unter⸗ brach ihn die Maurin,„wenn Du mein Gatte biſt, kehren wir zu ihr zurück.“ „Ich bin ein Chriſt, und darf nur eine Gat⸗ tin lieben,“ ſprach Ramiro zögernd. „Und ich bin dieſe Eine nicht?“ rief Afra ſchnell. „Schenke mir die Freiheit, und mein Dank ſoll ohne Grenzen ſein.“ „Der Mörder meines Gatten darf ſeiner Strafe nicht entgehen,“ fuhr Afra fort.„Scla⸗ ven, legt ihm Ketten an!“ Augenblicklich wurde der Befehl der Gebieterin erfüllt, Ramiro wieder in ſeinen Kerker zurück⸗ gebracht. Nach einigen Tagen machte Afra einen neuen Verſuch, Ramiro's Treue zu erſchüttern, allein er ſchlug, gleich dem erſten, fehl.„Ich will üeber ſterben,“ ſprach der Ritter,„als meiner geliebten Laura entſagen!“— Beinahe einen ganzen Monat ſchmachtete Ramiro nun in Ketten. Nach und nach verlor er alle Hoffnung, ſeine Freiheit je wieder zu erlangen. Ein Tag um den an⸗ dern kam und ging; ſein trauriges Schickſal blieb daſſelbe. Nur in Träumen war er noch glücklich; denn manchmal riefen ſie ihm jene Tage der Wonne zurück, die er in Laura's Nähe ſo kurze Zeit nur genoſſen hatte. Eines Abends wurden ihm von ſeinem Wächter plötzlich die Ketten ab⸗ genommen; doch auf alle an ſie gerichteten Fragen erwiederte keiner derſelben ein Wort. Gegen Mitternacht öffnete ſich die Thüre leiſe, und Ra⸗ miro ſah bei dem bleichen Sternenlichte ein mau⸗ riſches Mädchen eintreten. Unter dem Arme trug ſie ein kleines Päckchen, welches ſie auf den Boden niederlegte und ſich dann dem Ritter näherte. „Schöner Unbekannter!“ begann ſie,„meine Gebieterin ſendet Euch durch mich die Freiheit. In dieſem Beutel mit Gold findet Ihr Gelegen⸗ heit, Eure Flucht zu bewerkſtelligen; jene Kleider werden ſie begünſtigen, bergt Euch darein und folgt mir.“ „Engel des Himmels!“ erwiederte Ramiro, 1v. 8 „ſprichſt Du Wahrheit? O laß mich dankend Deine Kniee umfaſſen.“ „Still,“ unterbrach ihn die Maurin,„wir haben keine Zeit zu verlieren. Hüllt Euch in jene Kleider, und dann will ich Euch aus dem Schloſſe fühven!“— Ramiro öffnete das Päckchen und fand einen vollſtindigen Anzug nach mauriſcher Sitte. Aus glänzender Seide, mit Gold durchwirkt, beſtand der prächtige Talar; ein ſtolzer Reiher ſchmückte den Turban, der unten mit einem ſtrahlenden Diamanten verziert war. Ein blankgeſchliffener Dolch und ein Damascener⸗Säbel vollendeten das Ganze. „Die Herrin dauert mich!“ ſprach das Mäd⸗ chen für ſich, als ſie den ſchönen Ritter ſo ge⸗ ſchmückt ſah. „Laß mich nun Deiner Gebieterin meinen Dank bringen!“ bat Ramiro. „Nein, nein,“ rief das Mädchen ſchnell,„ſie hat genug gekämpft; gönnt ihr die Ruhe und folgt mir ohne Verzug.“ Als ſie auf einem Seitenwege aus dem Schloſſe gekommen und eine kleine Strecke im Freien fortgegangen waren, fanden ſie ein an ei⸗ nen Baum angebundenes Roß. Die Maurin be⸗ zeichnete dem Gefangenen daſſelbe gleichfalls als ein Geſchenk ihrer Gebieterin und entfernte ſich, nachdem ſie ihm zuvor eine kleine Beſchreibung des Weges gemacht hatte. Ramiro ſchwang ſich auf den flüchtigen Araber und jagte im ſchnellſten Laufe davon. 8* Ghne jeden Unfall erreichte er in einigen Ta⸗ gen die mauriſche Grenze, wo er ſein Gewand wieder ablegte, und nichts als die Waffen und das Gold von den Geſchenken der reizenden Afra be⸗ hielt. Ungefähr vier Stunden von Ciudad⸗Real entfernt überfiel ihn ein ſo heftiges Ungewitter, daß er, zumal bei der Nacht, in einer abgelegenen Herberge den Sturm abzuwarten beſchloß. Von Regen durchnäßt, von der ſchnellen Reiſe ermattet, trat er in das einzige Gemach des ärmlichen Hau⸗ ſes. Ein anderer Ritter, den ohne Zweifel der heftige Regen ebenfalls herbeigeführt haben mochte, trat ihm ſchon unter der Thüre entgegen. Ramiro begrüßte ihn als Waffenbruder, und in Kurzem entſpann ſich ein vertrauliches Geſpräch unter den beiden Rittern. Der Unbekannte bat unſern Helden, ihm die Geſchichte ſeinet Aben⸗ teuer mitzutheilen, und Ramiro erzählte ſeine Ge⸗ fangenſchaft im Maurenlande, ſeine Flucht aus demſelben und ſchloß mit dem nahenden Glücke, das ſeiner in Ciudad Real harrte. „In Ciudad Real?“ wiederholte der Fremde, „da reiſen wir ja zuſammen; denn auch mir winkt das Glück von dorther. In einem holden Mäd⸗ chen denke ich bald mein liebes Weib zu begrüßen.“ „Wahrhaftig,“ rief Ramiro ſcherzend,„da hat uns das Ungewitter recht geſchickt zuſammenge⸗ führt. Und wie nennt ſich Eure Geliebte?“ „Donna Laura, des ritterlichen Diego edle Tochter,“ verſetzte der Unbekannte. Ramiro glaubte falſch gehört zu haben; doch als der fremde Ritter fortfuhr zu erzählen, wie er vor einigen Wochen nach Eindad Real gekom⸗ men ſei, und dort ein Mädchen von wunderbarer Schönheit erblickt habe, zweifelte Ramiro nicht länger, daß er betrogen ſei, daß Laura's heiligſte Schwüre Verrath, daß ihre treueſte Liebe Verſtel⸗ lung geweſen ſei. Denn der Unbekannte beſchrieb den wohlbekannten Garten an Diego's Schloſſe, 118 ſprach von der Moosbank am Ufer des See's, auf welcher Laura ihm tauſend Verſicherungen ihrer Treue gegeben hatte und nannte ſich den glücklich⸗ ſten Bräutigam auf dem ganzen Erdenrund. Ra⸗ miro ſank in die tiefſte Bekümmerniß, ohne daß der Fremde ahnte, was in Ramiro's Herzen vor⸗ ging. Endlich wünſchte Don Luis, ſo nannte ſich der fremde Ritter, auch den Namen von der Ge⸗ liebten Ramiro's zu wiſſen; doch dieſer verſchwieg ihn unter dem Vorwande, daß er das Gelübde gethan habe, ihren Namen nicht außerhalb der Grenzen Ciudad Reals zu nennen. Nach einigen peinlichen Stunden brach endlich der Morgen an; das Wetter hatte ſich aufgeheitert. Die Sonne ſtrahlte freundlich durch das niedere Fenſter der Bauernhütte, und ſpottete der Schmer⸗ zen des unglücklichen Ramiro. Don Luis bereitete ſich unter Frohſinn und Scherz zur Abreiſe, wäh⸗ rend Ramiro's Buſen ſchwarze Rachegedanken brü⸗ tete. Bald wollte er den Räuber ſeines liebſten Gutes mit dem Schwerte durchbohren, bald be⸗ ſchloß er wieder, ſich bloß an der treuloſen Gelieb⸗ ten zu rächen und dieſer, zum Lohn ihres Ver⸗ raths, den Dolch in das Herz zu ſtoßen. Sein Nebenbuhler bemerkte im Vorgefühle der neuen Freude die Stürme nicht, welche das Gemüth ſei⸗ nes Geſährten durchbrauſten. Mit der unbefan⸗ genſten Miene trat er jetzt vor ihn und forderte ihn zur Mitreiſe auf; allein Ramiro ſuchte einen Ausweg, indem er vorgab, daß er erſt gegen Abend ſeine Geliebte zu überraſchen gedenke. Er zog hierauf die Schleife, welche er einſt als Pfand der Liebe von ſeiner Laura empfangen hatte, aus dem Buſen hervor, und überreichte ſie Don Luis mit den Worten:„Bringet Eurer Geliebten dieſe kleine Gabe von einem Unbekannten, und bittet ſie, dieſelbe an ihrem Hochzeitstage zu tragen. Sagt ihr, die Treue wohne darin, ſo habe mich einſt ihre Geberin verſichert. Und nun lebt wohl!“ „Was iſt Euch denn?“ entgegnete Don Luis⸗ „Ihr ſeid ja ſeit geſtern Abend ganz umgewan⸗ delt, und ich kann Euer Beginnen wahrlich nicht begreifen.“— „In Cindad Real werdet Ihr Alles er⸗ fahren. Verlaßt mich jetzt, und ſeid verſichert, ehe wir uns wiederſehen, ſind alle Zweifel ver⸗ ſchwunden.“ Don Luis entfernte ſich, nachdem er warmen Abſchied von Ramiro genommen, und ſchlug eilig den Weg nach Cindad Real ein. Ramiro beſtieg bald darauf gleichfalls ſein Roß, überließ es aber dieſem gänzlich, wohin es ſeinen Lauf nehmen wollte. Piele Tage irrte er in Wildniſſen und Einö⸗ den umher; das Waſſer einer Quelle war ſein Labetrunk, wilde Beeren und halbreife Früchte ſtillten ſeinen Hunger, und ein Stein diente ihm als Kopfliſſen. Der wüthende Schmerz verwan⸗ delte ſich nach und nach in ſanfte Wehmuth; nicht Haß mehr und Rache athmete ſein Herz, mit ſtil⸗ ler Trauer dachte er Laura's, wie einer abgeſchie⸗ denen Geliebten, die des Todes kalte Hand, nicht Untreue, ihm entriſſen. Er, der ſchon ſo viel ver⸗ loren, dem das Schickſal ſo manche tiefe Wunde geſchlagen, beſchloß jetzt, allen Freuden der Welt zu entſagen, und ſeine übrigen Lebenstage in den friedlichen Mauern eines Gott geweihten Hauſes zuzubringen. Dort hoffte er die Ruhe zu finden, welche er vergebens in der ſtürmevollen Welt ge⸗ ſucht hatte. Als er ſich bei einigen Landleuten nach dem Orte erkundigte, wo er ſich befand, benachrichtig⸗ ten ihn dieſe, daß er in der Provinz Catalonien, und kaum eine Tagereiſe von dem Kloſter Mont⸗ ſerrat entfernt ſei. Er hielt dies für einen Wink des Himmels, der ſeinen frommen Vorſatz billige, und ſchlug ohne Weiteres ſeinen Weg nach dem genannten Kloſter ein. Gegen Abend erblickte er das Ziel ſeiner Wanderungen. Die Sonne neigte ſich bereits zum Untergange, ein ſanftes Dunkel verbreitete ſich in der ganzen Gegend, während das auf dem Berge liegende Kloſter, ein Bild der himmliſchen Verklärung, noch im roſigen Sonnenſchein ſchwamm. „Ja,“ rief Ramiro bei dieſem Anblick be⸗ geiſtert aus,„dort oben iſt meine Heimath, dort wird mein Herz Ruhe und Glück finden!“ Er ſtieg jetzt vom Pferde, gab es einem Landmann, der vor ſeiner Hütte ſaß, mit dem Bedeuten⸗ es als ſein Eigenthum anzuſehen, wenn er mor⸗ gen um dieſe Zeit nicht zurückgekommen ſei, wayf ſein Auge noch einmal auf die durchwanderten Fluren und ſtieg raſch den Berg hinan. Zu 123 beiden Seiten des Weges ſtanden viele Hütten, deren Bewohner, gleich ihm, der Welt entſagt hatten, und hier ein zwangloſes frommes Leben führten. Ihrem Beiſpiele zu folgen, beſchloß Ramiro unabänderlich. Der Abendgeſang der Mönche erklang eben aus der Kirche, als der Ritter auf der Höhe des Berges ankam. Von heiliger Ehrfurcht durchdrungen, blieb er an der Pforte des Heiligthums ſtehen, und erſt, als die Meſſe vorüber war, begab er ſich zum Vorſteher des Kloſters, um ihm ſeinen Entſchluß mitzu⸗ theilen, um Erlaubniß und Segen zu ſeinem Vorhaben von dem frommen Manne zu erflehen. DBer Prior nahm ihn mit der unverſtell⸗ teſten Herzlichkeit auf, bot ihm für dieſe Nacht einen Platz in ſeiner eigenen Zelle an, und Ramiro ſank dankend zu den Füßen des from⸗ men Mannes nieder. Den andern Tag, nachdem die gewöhnlichen Andachtsübungen vorüber waren, ging Ramiro an des Priors Seite nach dem Kloſterberge, wo er ſich eine Stelle zur künftigen Wohnung aus⸗ wählen ſollte. Bald fand er ein Plätzchen, deſ⸗ ſen herrliche Ausſicht auf die reiche geſegnete Ebene unterhalb des Berges ihm vor allen an⸗ dern gefiel. Zugleich zeigte daſſelbe den ſtolzen königlichen Bau des Kloſters in ſeinem ganzen Umfange. Hier fühlte ſich ſein Herz losgeriſſen —— ———— 125 von den Banden der Erde, den Wohnungen des himmliſchen Vaterlandes näher. In from⸗ mer Anſchauung verloren, ſank er auf den Bo⸗ den nieder, und benetzte ihn, nicht mit den Thränen ſchmerzlicher Wehmuth, nein, mit den Perlen der innigſten Rührung, der höchſten An⸗ betung. „Sei glücklich, mein Sohn,“ ſprach jetzt der Prior, ſegnend ſeine Hand auf Ramiro's Haupt legend,„genieße den Frieden, den Du erwählt, doch kein Gelübde binde Deinen Entſchluß, ſo⸗ bald es Dir gefällt, ſollſt Du uns wieder verlaſ⸗ ſen können. Nur ein Gaſt biſt Du in Montſerrats Mauern. „Nicht alſo, ehrwürdiger Vater,“ entgegnete Ramiro,„mein Entſchluß ſteht feſt; laßt mich das Gelübde der ewigen Treue in Euere Hände ablegen. Die Welt mit ihren Freuden iſt mir zuwider, nur in klöſterlicher Stille finde ich des Glück meines Lebens; darum ſchwöre ich Euch—“ „Halt ein,“ rief der Prior,„laß kein vor⸗ ſchnelles Wort Deiner Zunge entſchweben. Der 126 Eid iſt ein Band, das weder die Erde noch der Himmel mehr löſen kann. Du biſt noch jung—“ „Ich habe viel gelitten; Unglück hat mich zum Greiſe gemacht.“ „Folge meinen Bitten,“ fuhr der Prior fort.„Glaube mir, Jüngling, Erfahrung hat mich gelehrt, wie unglücklich ſich mancher durch einen übereilten Schwur gemacht hat, wie na⸗ menlos elend er ſein Daſein dahinſchleppte, bis ein mitleidiger Tod ſeine Banden löſte. „Wohlan,“ ſprach endlich Ramiro,„gönnt mir ein Jahr zur Prüfung meiner ſelbſt; bin ich daun noch eben ſo entſchloſſen, wie heute, dürft Ihr nicht länger zögern, mein Gelübde zu empfangen.“ „Es ſei,“ erwiederte der Prior und gab ihm ſeinen Segen. In Verbindung mit einigen erfahrenen Klo⸗ ſterbrüdern erbaute Ramiro ſich nun ſeine Hütte; in weniger als einer Woche konnte er ſie ſchon bewohnen. Die Mönche, vorzugsweiſe der Prior, gewannen den ritterlichen Jüngling mit jedem Tage lieber; ſeine gewiſſenhaften An⸗ dachtsübungen, ſeine ſanfte Hingebung, ſein ſtilles, beſcheidenes Leben erwarben ihm die Liebe und Hochachtung Allex. So verfloß beinahe ein Jahr, ohne daß Ramiro ſich in die Welt zurückſehnte, ohne daß er dieſen Schritt bereute. Mit immer größerem Kummer ſah der Prior einen Tag nach dem anderen dahin⸗ ſchwinden, und die Zeit näher kommen, welche Ramiro's Jugend auf ewig mit eiſernen Ketten ans Kloſter feſſeln ſollte. Eines Abends ſaß er mit ſeinem jungen Freunde im milden Strahl der ſcheidenden Sonne vor deſſen Hütte. Wie gewöhnlich war der Gegen⸗ ſtand ihres Geſprächs die Ablegung des Gelübdes, vor welchem der Prior den Jüngling aufs Neue zu warnen begann. Doch dieſer ſuchte den ehr— würdigen Alten immer mehr zu überzeugen, daß kein bloßer Anfall von Laune, ſondern der feſteſte — Wille ihn dazu beſtimmt habe. Die Ankunft ei⸗ niger Gäſte, welche eben den Berg heraufſtiegen, unterbrach das Geſpräch. Der Prior ging den Fremden entgegen, um ſie zu empfangen, und Ramiro hatte kaum einen Blick auf dieſelben geworfen, als er ſich ſchon mit eiligen Schritten in ſeine Hütte zurückzog. Die Geſellſchaft beſtand bloß aus zwei ver⸗ ſchleierten Frauen und einem Ritter, in welchem Ramiro ſeinen begünſtigten Nebenbuhler, jenen Don Luis, zu erkennen geglaubt hatte. In der größten Seelenangſt ſank er vor dem Bilde der Himmelskönigin nieder; dieſe ſchwere Prüfung erſchütterte ihn auf das Hef⸗ tigſte. Er ging heute nicht mehr in die Kirche hinauf; unter Beten und Weinen durchwachte er den größten Theil der Nacht. Als der Morgen anbrach, fühlte er ſich wun⸗ derbar geſtärkt, ja eine größere Ruhe ſelbſt, als vor dieſem Ereigniß, füllte ſein Herz. Der Prior beſuchte ihn und erzählte, daß die Fremden, denen er das Wenige, was er von ſeinen früheren Schickſalen wiſſe, mitge⸗ w. 9 — theilt habe, dringend ihn zu ſehen und zu ſprechen wünſchten. Ramiro wollte ſchweigend mit ſeinem Freunde nach dem Kloſter gehen, doch wie er ſeine Hütte verlaſſen wollte, traten Jene ſchon ein. Die beiden Frauen ſtürzten mit dem Aus⸗ rufe:„Er iſt es!“ an ſeine Bruſt; Don Luis ſank auf die Kniee und rief:„Gott ſei gedankt!“ Meberraſcht machte ſich Ramiro aus den um⸗ ſchlingenden Armen der Frauen los, die ihre Schleier zurückſchlugen und ſich als Laura und Iſabella zu erkennen gaben. Iſabella ſank zu Ramiro's Füßen nieder, hob bittend die Hände zu ihm empor, und begann mit thränenden Augen: „Edler Ritter, könnt Ihr einem unglücklichen Geſchöpfe wohl verzeihen, das ein Jahr unter Kummer und Thränen verlebt! O blickt verſöhnt auf mich, habt Mitleid mit einem Weſen, das Reue und Gewiſſensbiſſe verzehren.“ „Was habt Ihr gethan?“ fragte Ramiro be⸗ fremdet über dieſe ſeltſame Anrede. „Euch den Himmel geſtohlen!“ antwortete Iſabella. 9** „Höret die Geſchichte meiner Verirrung. Kaum waret Ihr vor einem Jahre zu dem Kampfe mit den Mauren ausgezogen, als ein junger Ritter, wie es ſchien, Euch an edlen Tugenden vollkom⸗ men gleich, nach Ciudad Real kam. Mein Herz entflammte in Liebe für den ſchönen Jüngling, und auch ich glaubte bei der Heimkehr aus der Kirche, wo wir für Euer Heil gebetet hatten, von ihm bemerkt worden zu ſein. Den Tag darauf bemerkte ich, daß mein heimlich Geliebter oft an unſerem Palaſte vor⸗ überging. Ich gab gegen Laura vor, eine Freun⸗ din zu beſuchen, und entfernte mich, von einer einzigen Dienerin begleitet, aus dem Hauſe. Abſichtlich ſchritt ich vor dem Ritter vorbei, der mich nicht ſobald erkannte, als er mir ſchon in geringer Entfernung nachfolgte. Er hatte mich bald eingeholt und redete mich als Laura, als meines Oheims Tochter, an. Ich ließ ihn in dem Irrthum, da ich auf dieſe Art weniger entdeckt zu werden hoffte. Unſere Herzen vereinigten ſich an demſelben Tage, an welchem Don Diejo von dem unglück⸗ lichen Gefecht gegen die Mauren zurückkehrte, und uns Eure Gefangenſchaft hinterbrachte. Laura's Kummer, ihre Verzweiflung ließen mir nur wenig Zeit übrig, meinen Geliebten zu ſehen, und in den wenigen Minuten, die wir uns ſprachen, war es mir unmöglich, ihm ſeinen Irr⸗ thum zu entdecken. So kannte er mich nur as Laura, ſo nannte er mich Euch als Laura, und ſo zertrümmerte ich, ohne es zu wiſſen und zu wollen, Euer Glück und das meiner theuerſten Freundin mit unvorſichtiger Hand.“ „Iſt es wöglich!“ rief Ramiro zitternd, die Arme ſeiner Geliebten entgegenbreitend. „Wahr, bei Allem was heilig iſt!“ verſetzten Iſabella nud Don Luis. Laura ſank an den Buſen des überglücklichen Ramiro, während Iſabella fortfuhr: „Erſt als Don Luis jene Schleife zurück⸗ brachte, ging mir ein Licht über meinen Leicht⸗ ſinn auf. Ich ahnete ſogleich den Zuſammenhang; ohne Laura etwas davon mitzutheilen, beſchwor ich meinen Geliebten, unverzüglich zu dem Ritter, der ihm die Schleife gab, zurückzukehren und ihn um jeden Preis zu mir zu bringen. Nun entdeckte ich auch Laura mein Geheimniß, — ——— —— ———— verſchwieg ihr ſogar nicht, daß ich befürchte, einen unheilvollen Zufall dadurch herbeigeführt zu ha⸗ ben, und bereitete ſie auf das Entſetzlichſte vor. Am Abend des Tages kehrte Don Luis zurück; er hatte keine Kunde von dem unbekannten Ritter erlangen können. Der Wirth jener Herberge ſagte aus, daß der⸗ ſelbe gleich nach ihm das Haus verlaſſen habe. Jetzt geſtand ich auch dem Oheim mein Ver⸗ gehen nebſt deſſen unglücklichen Folgen. Don Luis gelobte mir zwar, ſich nicht eher meiner Hand würdig zu achten, bis er den Ritter aufgefunden habe; aber Don Diego's zürnendes Angeſicht, Laura's ſtilles Weinen brachen mein Herz. Ich verfiel in eine Krankheit, die mich dem Tode nahe brachte. Alle Nachforſchungen meines Oheims, alle Bemühungen Don Luis' waren fruchtlos; auch nicht die entfernteſte Spur ließ uns der Hoffnung ſchwächſten Schimmer. Laura machte mir keine Vorwürfe, ihr täg⸗ liches Dahinwelken aber war mir noch weit fürch⸗ terlicher. Denn ich mußte mir immer geſtehen, daß ich allein ihren Frieden getrübt, ihr Glück ge⸗ raubt, ihr Leben gemordet hatte. Wir beſchloſſen endlich, nach Barcellona, Eurer Vaterſtadt, zu reiſen, um dort vielleicht irgend etwas von Euch zu erfahren. Auch dieſe Hoff⸗ nung ſchlug fehl. Schon in Cindad Real hatte Laura eine Wall⸗ fahrt nach dem Kloſter Monſerrat gelobt. Wir machten uns von Barcellona aus auf den Weg hierher, wo wir Euch unvermuthet, ſo unerwartet fanden, wo wir am Ziele aller unſerer Wünſche ſtehen.“ ——— 3 Vamiro und Laura ſanken ſich abermals in die Arme. Don Luis und Iſabella nahten ſich dem glücklichen Paare. „Könnt Ihr uns verzeihen?“ fragten Beide; doch die Liebenden antworteten nur mit Umar⸗ mungen. „Allein wo iſt der ehrwürdige Diego?“ be⸗ gann nun Ramirv. „Mein Vater,“ erwiederte Laura,„blieb geſtern Abend am Fuße des Berges; doch uns ließ die Ungeduld keine Ruhe mehr. Mein Herz muß die Nähe des Geliebten geahnet haben.“ „Auf, laßt uns ihm entgegen eilen,“ rief Iſabella, laßt uns die Thränen meines verehrten Oheims trocknen!“ 138 Da trat Diego eben ein. Er traute ſeinen Augen kaum, als er den verloren geglaubten Freund an der Tochter Seite lebend vor ſich ſah. Bald überzeugten ihn aber Ramiro's um⸗ ſchlingende Arme, daß er nicht träume, daß der Geliebte ſeiner Laura an ſeinem Herzen ruhe. Freudenthränen im Auge trat nun auch der Prior näher, und faßte die Hand ſeines jungen Freundes. Sanft verweiſend blickte er ihn an. „Ja, Ihr hattet Recht,“ rief Ramiro jetzt aus, „Euch, nächſt Gott, verdanke ich es, daß ich glück⸗ lich bin!“ In einigen Tagen ſprach der fromme Prior den Segen der Kirche über die beiden Paare, welche alsbald in ihre Heimath reiſten, und nach den Stürmen der Prüfung eine Reihe von Jahren froh und glücklich dahinlebten. ———— — „ ₰ S — c * = 5 * 8 H c 2 8 — 8 S 6 6 Allen Leihbibliotheken ſei hiermit die im Perlags⸗ Contor in Leipzig erſcheinende Romuntiſche Leſebibliothei a Band 12 Ngr. zu nutzenbringender Anſchaffung empfohlen. Die Romane und Novellen dieſer Sammlung ſind: wie ſie Hauff in ſeinem„Lichtenſtein“ und Herloßſohn in ſeinem„Ungar“,„Babinsky“ u. ſ. w. geſchrieben haben. Gefällige leichte Schreibart, eine bis zu Ende ſpan⸗ nende Handlung, Figuren von ſcharfer Contur und glän⸗ zendem Colorit in poetiſchen, maleriſchen Umgebungen ſollen die Bevingungen ſein, womit ſie eine Lectüre, wie ſie das große Publicum liebt und verlangt, werden wollen. Ihren Stoff werden ſie in den Annalen der Geſchichte namentlich in denen des ſo romantiſchen Mittelalters oder auch in den intereſſanten Erlebniſſen außergewöhnlicher Menſchen ſpäterer Zeiten ſuchen. Sie werden es aber auch nicht verſchmähen, ſich die Abenteuer eines ſtreitluſtigen Ritters oder kühnen Banditen und die Geheimniſſe einer früheren ſtolzen Burg oder eines Kloſters zum Sujet zu wählen. Jährlich werden 5— 6 Romane, jeder zu 2—3 Bänden, erſcheinen. In gleichem Verlage ſind bereits erſchienen: Herzog und Bandit. Hiſtoriſcher Roman von Walter von Eichen. 2 Bde. à 12 Ngr. Der pſeudonyme Verfaſſer vorſtehender Novelle hat ſich bereits durch zwei früher erſchienene, ſehr pikant ge⸗ ſchriebene Romane die Gunſt des Publicums erworben. Seine Schreibart iſt elegant, ſeine Erzählung friſch und ſpannend. Der Held des Romans iſt der durch Liebes⸗ und Fa⸗ milienconflicte mit dem nachmaligen deutſchen Kaiſer Karl V. bekannte Hernani, welcher, geächtet und ſeiner Güter beraubt und von heiß⸗ blütigen Aufwallungen der Rache und Eiferſucht getrieben, kühn dem energiſchen, aber lebensluſtigen Karlos von Spa⸗ nien als Rebell, Bandit und Verſchworner entgegentritt. Namentlich dürfte dieſer Roman dem Freund roman⸗ tiſcher Lectüre und deshalb, wie auch ſeines niedrigen Prei⸗ ſes wegen jeder Leihhihliotheß zu Nutzen bringender Anſchaffung zu empfehlen ſein. — Ferner: Arach der Wlilde. Vierte Auflage. Lieber Leſer, haſt Du Dein mühſeliges Tagewerk beendigt und willſt Du in der Einſamkeit langer Winter⸗ abende, in der Nähe des wärmenden Ofens Deine Feier⸗ ſtunden verbringen, dann wähle ein unterhaltendes Buch, es iſt Dein beſter Geſellſchafter. Hat nicht ſchon die 4. Auflage Dir obigen Roman zur Lectüre für einige dieſer Abende empfohlen, ſo empfehle ich Dir denſelben hiermit noch beſonders. In dieſem Roman entrollt ſich Dir ein prachtvolles Rittergemälde deutſcher Vorzeit. Mit ſpannendem Inter⸗ eſſe wirſt Du den glänzend geharniſchten Helden zum bewegten Turniere, in die tobende Schlacht, in den hohen gothiſchen Saal zum ſchäumenden Becher und auf den epheuumrankten Balcon zum harfeſpielenden Liebchen fol⸗ gen. Mit erregter Phantaſie wirſt Du die holdſeligen Frauengeſtalten liebgewinnen und das Weh und die Wonne ihrer keuſchen, feurigen Liebe mitfühlen und mit Grauen und Entrüſtung wirſt Du die ruchloſen Thaten teufliſcher Böſewichte ausüben und durch die ewige Gerechtigkeit furchtbar beſtraft ſehen. Ferner: Kurt von Waldau mit ſeiner wilduerwegenen Räuberſchaur. Wir finden im Leben Menſchen, welche ruhigen Sin⸗ nes jede Unbill, die man ihnen ungerechter Weiſe zufügt, hinnehmen, und geduldig jede Qual, mit welcherein herz⸗ loſer Böſewicht ſie peinigt, ertragen. Und Himmel und Erde verehrt ſie. Aber es giebt auch Menſchen, deren Blut feuriger durch die Adern rollt, wenn ſie beleidigt oder ge⸗ kränkt werden und in deren Herz der finſtere Geiſt der Rache einzieht, wenn an ihnen eine böſe That verübt wurde. Und Himmel und Erde verdammt ſie. Kurt von Waldau iſt einer der letzteren Charaktere. Voll heiteren Jugendmuthes ſehen wir ihn zuerſt in der friſchen dufti⸗ gen Waldeinſamkeit des Schloſſes ſeiner Ahnen; ritterlich kühnen Sinnes kämpft er dann unter den Fahnen des gro⸗ ßen Wallenſtein, voll Anmuth naht er den Frauen und wird von ihnen geliebt und geſucht, da fällt er in die Schlingen frevelhafter Unmenſchen— und er ſchwört blu⸗ tiges, grauſames Wiedervergelten. Er wird das Haupt einer wildverwegenen Räuberſchaar. Doch hier genug von ſeinen Thaten heißer Rache, ſel⸗ tenen Edelmuthes und feuriger Liebe; man leſe ſie. — 6————————— ——