deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih und Seſebedingungen. 1 Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Vbends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. 3. GQäution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe een welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt; 2 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf 1 Mr. 50 Pf. 2 Mi.— Pf. 3—„ 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſeldſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Johann II. ſchüttelte den Kopf, fragte aber nicht weiter, da er wußte, daß ein verliebtes Mäd⸗ chen mehr Liſt beſitze, als zehn hundertjährige Greiſe. „Höre, Clotilde,“ ſagte er dann mit ernſter Miene, meine Miniſter haben mich auf einen Ver⸗ ſtoß gegen die Staatsklugheit aufmerkſam gemacht, den Du Dir geſtern haſt zu Schulden kommen ⸗ laſſen. Ich begreife, daß Du nichts von Diplo⸗ matie verſtehſt, billige auch Deine Zurückhaltung, weil ſolche für unſre königliche Würde und beſon⸗ ders für das Blut der Luſignans ſtimmt.— Scham iſt die lieblichſte Färbung der Jugend und der Tu⸗ gend, allein es ziemt ſich nicht, dieſe Scham in ein eiskaltes Benehmen ausarten zu laſſen. Meine Tochter, es gibt ein Lächeln und eine Heiterkeit, welche anſtändigen Leuten und der Tugend recht wohl kleiden, beſonders aber der Liebe. Die Tu⸗ gend hat nie etwas Widerwärtiges, ſie iſt liebens⸗ würdig; und wenn man liebt, ſo darf man das wohl durch kleine Kunſtbezeugungen und Annähe⸗ rungen merken laſſen. Der arme Ritter muß den Tod im Herzen haben, und wie man mir geſagt hat, ſo hat Deine Liebe mehr einem Widerſtreben geglichen.“ „Der ſchwarze Ritter ſoll keine Urſache haben, ſich heute über mich zu beklägen. Ich werde ihn recht freundlich empfangen.“ „Mußt Du nicht bald ſeine Gattin werden?“ „Weil Ihr es wollt, mein Vater!“ „Du zitterſt?“ 7 „Vor Freude, Sire!“ In dieſem Augenblick vernahm man Hörner⸗ ſchall und der ſchwarze Ritter erſchien an der Spitze ſeiner hundertundfunfzig Ritter in Caſin⸗ Grandes. Es begleiteten ihn ſein Stallmeiſter, der Graf von Fvix und verſchiedene andere Herren von hohem Adel. Die drei Miniſter erwarteten die Kommenden unter einem in Eile errichteten Triumphbogen, und alle Bewohner des Schloſſes waren mit Lorber⸗ zweigen in den Händen zu beiden Seiten aufge⸗ ſtellt und grüßten mit Freuderufen. Der erſte Hof war mit Teppichen umhängt und rund umher erhoben ſich Balkone, welche mit Tüchern und koſtbaren Stoffen geſchmückt waren; der mit Kies bedeckte Mittelpunkt bot einen großen Circus für die Turniere dar. Der zweite Hof, welcher zu den Zimmern des Königs von Cypern führte, enthielt eine gewal⸗ tige Tafel, welche einen ſehr erhöhten Kreis bil⸗ dete, in deſſen Mitte die Muſiker ſtanden, die durch ihre Talente die Pracht des Feſtes erhöhen ſollten. Die rund umher geſtellten Bänke waren mit purpurnen Kiſſen belegt, und auf der gewaltigen Tafel ſelbſt ſtanden die Gedecke der hundertund⸗ funfzig Ritter. In der Mitte der Tafel aber war der Thronhimmel errichtet, unter welchem der Kö⸗ nig, deſſen Tochter, die Miniſter, der ſchwarze Ritter, der Graf von Fvix und die Uebrigen vom hohen Adel ſitzen ſollten. Unter Hörnerſchall ſtiegen der König und ſeine Tochter die breite Marmortreppe hinab und gin⸗ gen den Befreiern entgegen, welche eben von ihren Pferden ſtiegen. Alle, mit Ausnahme des ſchwarzen Ritters, hatten ihre Helme und Rüſtungen abgelegt. Als ſie den König von Cypern erblickten, grüßten ſie mit Achtung, und die Blicke Aller richteten ſich auf Clotilde. Ein für die Prinzeſſin ſchmeichelhaftes Ge⸗ murmel erhob ſich. Der gute König fühlte ſich unglücklich, daß er nicht ſehen konnte, und achtete daher aufmerkſam auf die Beſchreibungen, welche ihm ſeine Tochter machte. —————————— Der ſchwarze Ritter näherte ſich Clotilden und beugte ein Knie vor ihr zur Erde. „Schöne Dame,“ ſagte er,„geruht Ihr, meine Huldigungen anzunehmen?“ „Gewiß, Herr Ritter, und ich fühle ein un⸗ endliches Vergnügen darüber.“ Da neigte der ſchwarze Ritter das Haupt, ſchlug das Viſir ein wenig zurück und drückte auf Clotildens Hand einen ſo feurigen Kuß, daß ſelbſt ihr Herz etwas erregt zu werden begann. „Schön ſo, mein Kind!“ rief der Monarch aus. Dann fuhr er mit lauterer Stimme fort: „Meine Herren Ritter, empfangt unſern Dank für den Beiſtand, welchen Ihr uns geleiſtet habt. Wir werden ſtreben, daß die Erinnerung an Euch uns ſtets gegenwärtig bleibe, und ebenſo mögt auch Ihr uns in ſtets gutem Andenken be⸗ halten.“ Nachdem der König dieſe Worte geſprochen hatte, kündete Trompetenſchall den Beginn des Feſtes an, zu welchem Bombans die glänzendſten Vorbereitungen getroffen hatte, weil er an der 20 Geſammtmaſſe der Unkoſten einen hübſchen Vor⸗ theil erzielen zu können glaubte. Die Ritter ſtellten ſich um den Thron des Königs auf, welcher auf dem erſten Hofe errichtet war, und Clotilde wurde zur Königin der Kampf⸗ ſpiele ernannt. Sie ſetzte ſich unter den Thronhimmel und gab das Zeichen zum Beginn der erſten einfachen Spiele. Wir übergehen die Beſchreibung des Turniers, da ſich nichts Bemerkenswerthes bei demſelben zu⸗ trug. Es reiche hin, zu bemerken, daß die Prin⸗ zeſſin im Kampfe mit dem Degen den Preis an den Grafen von Foix ertheilte; dieſer Preis war ein mit den koſtbarſten Steinen beſetzter Degen. Der Preis im Kampfe mit der Streitaxt war ein goldener mit Diamanten beſetzter Becher; der Preis des Lanzenrennens ein ſilbernes Schiffchen, und der Preis im Kampfe zu Pferde eine goldene Waſſerkanne; dieſer letzte Preis wurde von Ke⸗ phalein davongetragen. Die Hauptkämpfe wurden für den Nachmittag aufgehoben. Der Preis ſollte ein goldenes Schiff und eine Lorberkrone ſein. Nachdem der erſte Theil des Turniers beendet war, begab man ſich in den zweiten Hof, um an der reichbeſetzten Tafel Stärkung zu ſuchen. Der ſchwarze Ritter erhielt den Ehrenplatz neben ſeiner lieben und heute ſo unendlich heitern Clotilde. Zu beiden Seiten der Beiden ſaßen der König, die Miniſter und die andern hohen Herr⸗ ſchaften. Nach dem zweiten Gange ſagte der König von Cypern zu dem neben ihm ſitzenden ſchwarzen Ritter: „Herr Ritter, obgleich wir Euern Rang noch nicht kennen, von welchem uns indeß die Freund⸗ ſchaft dieſer tapfern Ritter eine hohe Meinung faſſen läßt, ſo iſt es doch Zeit, den Tag Eurer Vermählung feſtzuſetzen.“ „Befürchtet nichts,“ ſagte der Graf von Foix zu Johann II.,„der ſchwarze Ritter iſt von hoher Herkunft, und obwohl ich ſelbſt Fürſt bin, ſo fühle ich mich dennoch durch ſeinen Schutz geehrt.“ „Wie, Clotilde!“ Ihr könntet Euch ſo ſchnell entſchließen, alle meine Wünſche zu erfüllen, wäh⸗ rend Ihr noch geſtern ein ſo ſtrenges Antlitz zeigtet?“ 2 „Ich bin nicht mehr dieſelbe, welche ich geſtern war, Herr Ritter!“ entgegnete ſie, während ihre Züge eine himmliſche Freude zeigten. „Welchem Umſtande verdanke ich dieſe plötz⸗ liche Veränderung?“ fragte der ſchwarze Ritter. „Läßt ſich denn ſo etwas erklären?“ fragte der Graf von Fvix ſinnig. „Für mich aber würde dieſe Erklärung von der größten Wichtigkeit ſein,“ entgegnete der Un⸗ bekannte,„denn wenn man das Glück ſucht, ſo vermögen die geringſten Dinge Schatten zu werfen.“ „Seid unbeſorgt, Herr Ritter,“ beruhigte ihn Clotilde,„ich verſichere Euch, daß Ihr Euch nicht über die zu beklagen haben ſollt, welche Eure Gattin werden wird.“ Der ſchwarze Ritter ſchien bei dieſen Worten zu erſchrecken und ſchaute die Prinzeſſin mit ſtum⸗ men Blicken an. „Nun, Herr Ritter,“ fuhr der König von 13 Cypern fort,„zaudert Ihr noch, den Tag zu be⸗ ſtimmen, wo Ihr unſer Sohn und Nachfolger werden ſollt?“ „Glaubt nicht, Sire, daß Euer gtnigteich, welches ich übrigens ſchon wieder zu erobern wiſ⸗ ſen würde, eine Lockſpeiſe für mich ſei. Ich minne einzig um Clotilde. Allein ich zweifle heute, da ich ſie ſo heiter ſehe, mehr an ihrer Liebe, als geſtern, da ich ſie ſo traurig erblickte.“ „Ritter!“ rief der Graf von Fpix aus,„Ihr ſeid unter allen Sterblichen, die ich kenne, derje⸗ nige, welcher am ſchwerſten zu befriedigen iſt.“ „Monarch!“ fuhr der Unbekannte fort,„ſo⸗ bald der wahre Enguerry wieder in dem Beſitz ſeiner Güter iſt, welche jetzt in der Gewalt des fremden Enguerry ſind, ſobald Ihr befreit ſein werdet von dieſem Feinde, dann werde ich Euch beim Worte halten und mich auf das Verſprechen berufen, das Eure Tochter mir heute gegeben hat.“ „Das wird alſo bald der Fall ſein!“ bemerkte der Graf von Foix. „Ja,“ antwortete der ſchwarze Ritter,„denn ſchon heute Abend werden wir nach Aix abziehen, 14 wo bald auch der Reſt meiner Truppen erſcheinen wird; dann aber werden wir den gehäſſigen Die⸗ ner der Rache eines Johann ohne Furcht, den wil⸗ den und grauſamen Capeluche belagern und die Welt von ihm und ſeinen Johannitern befreien.“ „So werdet Ihr uns alſo nochmals verlaſ⸗ ſen?“ fragte der König mit inniger Betrübniß. „Iſt das nicht eine Nothwendigkeit, damit wir uns deſto früher wieder vereinigen können?“ ent⸗ gegnete der Unbekannte. „Es iſt wahr,“ erwiederte der König im Tone des Bedauerns. Die Tafel wurde aufgehoben, und der zweite Theil der Kampfſpiele ſollte beginnen. Der ſchwarze Ritter reichte ſeiner Verlobten die Hand, führte ſie auf den Thron zurück und miſchte ſich dann unter die andern Ritter, welche mit einander flüſterten und um die gefährliche Ehre des Hauptkampfes ſtritten. Der Graf von Foix ſprach mit Wärme zu ihnen und fand ſich genöthigt, ſein Anſehen zur Schlichtung des Streites zu verwenden. Das Loos entſchied für drei Ritter, um mit dem Grafen und dem ſchwarzen Ritter zu kämpfen, welche ſich als Kampfhalter erklärt hatten. Tiefes Schweigen entſtand. Kephalein erhielt das Amt eines Kampfrichters, der Biſchof und Moneſtan boten ſich den Kampfhaltern als Zeugen an, und Trouſſe und Verynel wurden die Zeu⸗ gen der Gegner. Der ſchwarze Ritter ließ lange auf ſich warten. Endlich benetzte man den Kies der Rennbahn; die Trompeter und die Herolde nahmen ibre Plätze ein; die drei Gegenkämpfer ſprengten im Trabe durch die Bahn, als wollten ſie dieſelbe prüfen. Als der ſchwarze Ritter noch immer nicht zu⸗ rückkehrte, beſchloß der Graf von Fvix, ohne ſeinen Waffengefährten den Kampf zu beginnen. Der erſte Ritter, welcher in die Schranken ritt, war der Baron von Piles, einer der geübte⸗ ſten Kämpen im Gebrauch der Lanze und des Schwertes. Bei dem erſten Gange, welcher kaum fünf Mi⸗ nuten dauerte, wurde der Graf von Foix aus dem Sattel geworfen und kehrte ſchwankend an die Seite des Königs zurück. 16 Trouſſe eite, zur größten Ergötzlichkeit der Anweſenden, zu dem Grafen, um deſſen Puls zu befühlen und ſich zu überzeugen, ob ſeine Nerven nicht angegriffen wären. Endlich erſchien der ſchwarze Ritter und be⸗ ſiegte nach einander den Baron von Piles, den Ritter von Villars und den Marquis von Croir. Die Nacht begann ihre Schleier zu ſenken, und funfzig als Diener gekleidete Bauern traten mit Fackeln um die Schranken herum auf. Eben ſollte der ſchwarze Ritter als Sieger ausgerufen werden, und ſchon hatte Kephalein, in voller Amtstracht als Connetabe, die erſten Worte der üblichen Formel ausgerufen, als neue Hörnerſtöße von der Höhe des Portals erſchallten und drei neue Perſonen auftraten. Die erſte derſelben war ein Greis mit ſilber⸗ weißen Haaren und von ehrwürdiger Geſtalt. Er ward begleitet von einem Ritter, deſſen Rüſtung vollkommen derjenigen des ſchwarzen Ritters glich. Als Clotilde dieſen Ritter erblickte, wurde ſie von einem unwillkürlichen Schauder ergriffen, der 17 ſo heftig war, daß ihr aus den Blumen des ſchö⸗ nen Israeliten gewundener Kranz zur Erde fiel. Sie blickte den Unbekannten an, auf deſſen Helme die ſchönen ſchwarzen Federn von einer gegen ſie gerichteten Bewegung des Kopfes erzit⸗ terten. Kaum war der Ritter in die Schranken zuge⸗ laſſen, als ſeine Augen ſich nach Clotilden richte⸗ ten, die ihrerſeits gewiſſe ihr ſehr bekannte For⸗ men an dem Ritter zu erkennen glaubte. Die dritte Perſon war einem Troubadour gleich gekleidet, die Haare gelockt, den Kragen zu⸗ rückgeſchlagen, mit einem weiten Wams von grü⸗ ner Farbe, mit reichem Halsſchmuck, einer blauen Schärpe und einem zierlichen Degen an der Seite. Weiße Federn wallten von ſeinem ſammt⸗ nen Barett. Die Züge dieſer Perſon waren lachend, aber boshaft, die kleinen grünen Augen hatten einen Blick von Nichtswürdigkeit, der vergebens durch ein Lächeln verſteckt werden ſollte, denn ſelbſt in dieſem Lächeln lag noch immer eine Färbung, welche der Hölle Ehre gemacht haben würde. MI. 2 6 Es war— mit einem Worte— Michel An⸗ gelo, der Abgeordnete des Senats von Venedig. Er kam mit leichten Schritten gegangen und näherte ſich zugleich mit dem Greiſe und dem Doppelgänger des ſchwarzen Ritters dem Throne des Königs von Chpern. Als der ſchwarze Ritter den neuen Feind er⸗ blickte, ſchien er überraſcht und wurde dann zor⸗ nig, als er bemerkte, daß derſelbe eine Rüſtung trug, welche der ſeinigen vollkommen gleich war, nur daß ſein Schild keinen Wahlſpruch führte. Man ſah allgemein im Voraus, daß es dieſes Kal einen ernſten Kampf geben würde. Clotilde erbleichte und ſuchte mit Mühe den Gedanken von ſich abzuwerfen, daß der Unbekannte der ſchöne Jude ſei, welcher ihr einen Beweis ſei⸗ nes Muthes geben wollte. XXl. Indeß waren die drei neu Angekommenen vor dem Throne Johann's II. angelangt. „König,“ begann Michel Angelo,„wir Beide, dieſer gute Freund und ich, kommen zu Euch, um Gaſtfreundſchaft von Euch zu erbitten. Wir ſind Gefangene in England geweſen, von wo wir jetzt ankommen. Ein guter Fürſt hat für uns edel⸗ müthig das Lösgeld gezahlt, aber vergeſſen, das Reiſegeld dazu zu legen, denn man denkt nicht im⸗ mer an Alles. Jetzt flüchten wir zu Euch, denn wir fürchten den ſchrecklichen Enguerry oder viel⸗ mehr Capeluche den Ungläubigen, welcher die Gü⸗ ter ſeines Herrn und Befreiers an ſich geriſ⸗ ſen hat.“ „Seid mir willkommen,“ antwortete der Kö⸗ 2* 20 nig,„und verweilet bei mir, ſo lange es Euch ge⸗ fallen wird.“* „Großen Dank, Sire!“ entgegnete Michel Angelo;„ich werde dafür ſorgen, daß man mei⸗ nen Aufenthalt in Eurem Schloſſe nie wieder ver⸗ geſſen ſoll.“ „Was will der neue Ritter?“ fragte indeß der Connetable als Kampfrichter. „Kämpfen!“ entgegnete der Greis in einem Tone, welcher den unter den Waffen ergrauten Helden erkennen ließ.„Geh, mein Sohn, um zu glänzen und zu ſiegen!“ Der fremde Ritter gab ſeinem ſtolzen Araber die Schenkel und e mit ſolcher Leichtigkeit und Anmuth in die Schranken, daß die Blicke Aller ihm verwundert folgten. Der ſchwarze Ritter mit dem Wahlſpruch be⸗ ſtieg ſein Pferd, ohne ein Wort zu ſageu, und hängte ſeine Streitaxt an den Sattel. Endlich waren beide Ritter mit ihren Vorbe⸗ reitungen fertig, und das Zeichen mit der Trom⸗ pete wurde gegeben. Die beiden Ritter blickten einander ſchweigend an, und zwar, ſo ſchien es wenigſtens, voller Wuth. Da hallte der dritte Trompetenſtoß über die Höfe von Caſin⸗Grandes. Mit der Schnelligkeit eines Blitzes flogen die beiden ſchwarzen Ritter gegeneinander, und alle Zuſchauer bebten vor Furcht. Was Clotilde fühlte und empfand, das mögen ſich unſere Leſer ſelbſt denken. Da traf die Lanze eines jeden Ritters auf die Bruſt des Gegners; die Bruſtpanzer erdröhnten, und ein Murmeln der Freude und Ueberraſchung brach das Schweigen, als man beide Ritter feſt in ihren Bügeln ſah, während die Splitter der Lanzen über den Kampfplatz flogen. Aber jetzt zogen die Ritter zu gleicher Zeit ihre Schwerter und ſuchten gegenſeitig die ſchwachen Stellen ihrer Rüſtungen auf, griffen an, verthei⸗ digten ſich, hieben ein und fingen die Hiebe auf. Jederman wurde von Bewunderung erfüllt, wie ſie jetzt auf einander zuſprengten, dann wie⸗ der ihre Roſſe wandten und ſeitwärts auswichen. 22 Alle ihre Bewegungen aber trugen den Aus⸗ druck einer finſtern Eiferſucht. Die Zuſchauer befürchteten bereits einen un⸗ glücklichen Ausgang und Moneſtan ſprach davon, daß man die beiden Gegner trennen müßte, wäh⸗ reud Kaſtriota vor Clotilden auf und ab ging, den Griff ſeines Säbels krampfhaft umfaßte und deutlich erkennen ließ, daß er der Dritte beim Kampfe hätte ſein mögen. Nach einer Viertelſtunde gegenſeitiger An⸗ griffe, die aber durch geſchickte Vertheidigung und Wendungen vergeblich gemacht waren, ergriffen die Ritter ihre Schwerter mit beiden Händen und hie⸗ ben mit ſolcher Wuth auf einander ein, daß bald die Klingen zerbrachen. Allein das war kein Hinderniß für ſie und noch mit den Stumpfen ihrer Schwerter ſetzten ſie den Kampf fort. „Bravo!“ rief Kaſtriota. „Einer von Beiden wird meines Beiſtandes bedürfen,“ meinte Trouſſe. „O! da gibt es eine Nachfolge zu ordnen,“ ſagte Bombans.„Glücklich der Intendant, den es betrifft.“ „Auf Leben und Tod!“ riefen in dieſem Au⸗ genblick die beiden Ritter, warfen ihre Schwerter von ſich und ergriffen die Streitäxte. Nun regnete es einen furchtbaren Hagel von Hieben auf die beiderſeitigen Rüſtungen, ſo daß die Zuſchauer in jedem Augenblicke glaubten, es müßten dieſe Rüſtungen in Trümmer auseinander fallen und Fleiſch und Blut ihnen folgen. Der Schall der Hiebe, welcher rund umher von den alten Mauern wiederhallte, jagte den Zuſchauern einen kalten Schauder durch die Glie⸗ der, und der Stahl der Streitärte glänzte beim Scheine der Fackeln und verbreitete fortwährende Blitze, weil die Hiebe unabläſſig auf einander folgten. Der Ritter ohne Wahlſpruch mußte als der geſchickteſte betrachtet werden und ward treulich von ſeinem edlen Roſſe unterſtützt. Obgleich er die Zügel hatte fahren laſſen, ſo begriff das treue Thier dennoch alle Gedanken ſei⸗ nes Herrn und ſchien mit ihm zu einem Weſen zu⸗ ſammenzuſchmelzen. Aber in einem entſcheidenden Augenblick ſtrau⸗ chelte das Araberroß, und der Ritter mit dem Wahlſpruch erhob ſeine Streitaxt, um einen ent⸗ ſcheidenden Hieb nach dem Halskragen ſeines Geg⸗ ners zu führen. Clotilde ſchrie laut auf, aber der Ritter ohne Wahlſpruch entzog ſich geſchickt dem Todeshiebe, riß ſeinen Feind ebenfalls vom Pferde und ſetzte zu Fuß den Kampf mit ihm fort. Jetzt fiel der Fremde über ſeinen Nebenbuhler mit ſolcher Eile her, daß er ihm nach fünf oder ſechs Mal wiederholten Anſtrengungen den Helm⸗ buſch abſchlug und ihn dann zu Boden ſtreckte. Schnell ſetzte er darauf dem Befreier des Kö⸗ nigs den Fuß auf den Hals und bedrohte ihn mit ſeinem Dolche. „Bitte um Gnade!“ rief der Sieger. „Nein!“ antwortete der Ueberwundene. Der Ritter ohne Wahlſpruch erhob ſeinen Dolch mit wüthender Geberde. Da eilte Moneſtan, um im Namen der Menſchlichkeit die Beiden zu trennen. Ihm folg⸗ ten die Kampfrichter, die Zeugen und die Herolde. Als der Sieger das bemerkte, wandte er ſich —.——————— —.——————— — —————— ————————.——— 25 von dem Beſiegten ab und eilte, gefolgt von dem Greiſe, zu Clotilden, die allein auf dem Throne geblieben war. 8 Er warf ſich vor ihr auf die Kniee und lüftete ſein Viſir. Clotilde aber erkannte beim Scheine der Fackeln ihren ſchönen Juden. Faſt raubte die Freude ihr die Beſinnung. Der Jude nahm die Lorberkrone, welche für den Sieger beſtimmt war, während er das gleich⸗ falls für denſelben beſtimmte goldene Schiffchen verſchmähte, und fragte dabei: „Bin ich nicht meines Nebenbuhlers würdig?“ Mit unendlicher Wolluſt ſchaute Clotilde auf den Geliebten, aber der Greis ermahnte: „Die Menge kehrt wieder.— Laß uns fliehen, mein Sohn!— Du biſt in Gefahr!“ Kaum hatte ſich nämlich der Ritter mit dem Wahlſpruche wieder von dem Boden erhoben, als er nach der Prinzeſſin ſchaute und bemerkte, wie viel Liebe, Hoffnung und Glück ſich in ihrer Hal⸗ tung und ihren Blicken ausſprach. Er eilte zu ihr und die Menge folgte ihm. Der Greis und der ſchöne Jude eilten nach dem Portal, während der Befreier von Caſin⸗ Grandes ſeine Streitaxt ergriff und ihnen folgte. Sie verſchwanden mit einander, indem ſie ſich fortwährend mit den Blicken und den Fäuſten ge⸗ genſeitig bedrohten. Ein ſtummer Schauder ergriff die Anweſen⸗ den, aber Niemand wagte zu folgen, obſchon Je⸗ der ahnte, daß ein Unglück bevorſtehe. Clotilde blieb regungslos ſitzen und ſchaute nur nach dem Eindruck, welchen die Kniee des Ju⸗ den vor ihr im Sande zurückgelaſſen hatten. Da ſah ſie plötzlich die beiden Nebenbuhler mit einander verſchwinden. Eine entſetzliche Angſt ergriff ſie und ohnmächtig ſank ſie um. Dem Könige traten Thränen in die Augen, und die Zuſchauer wurden von Trauer ergriffen, als ſie den Schmerz des Greiſes erblickten, der ſein einziges Kind wieder aufzurichten verſuchte. „Der Unglückliche!“ rief der Graf von Foix aus,„er wagt zu viel!“. Unſere Leſer werden dieſe Worte erſt dann verſtehen, wenn ſie das Ende dieſer abenteuer⸗ 27 lichen und dennoch buchſtäblich wahren und aus den gewiſſenhafteſten hiſtoriſchen Quellen geſchöpf⸗ ten Geſchichte geleſen haben werden. Clotilde wurde von Kaſtriota, dem Biſchof und dem Grafen von Foix nach ihrem Zimmer getragen, und der Monarch folgte mit unruhiger Beſorgniß dieſem kleinen Zuge, der faſt einem Leichenzuge glich. Bombans ging ſogleich mit dem Heere der Diener daran, die Ordnung auf dem Hofe wieder herzuſtellen, wobei er das goldene Schiffchen, das von dem Juden verſchmäht war, für ſein Eigen⸗ thum erklärte. Die Menge blieb auf dem zweiten Hofe und heftete die Augen auf die Fenſter des rothen Saales, um zu erforſchen, was dort vorgehe, da Niemand ſich eher entfernen wollte, bis er beruhi⸗ gende Nachricht über den Zuſtand der Prinzeſſin erhalten habe. Die Ritter bildeten einen ſchweigſamen Kreis um Clotilde, und ihr alter Vater hielt das Haupt ſeiner Tochter, indem er es auf ſeinen Buſen ſtützte. 28 Trouſſe befühlte mit wichtiger Miene den Puls der Ohnmächtigen und erklärte, daß eine concrete Vorſtellung von Furcht die Cerebral⸗Ner⸗ ven der Prinzeſſin in einen halb gelähmten Zu⸗ ſtand verſetzt, welcher einen Torpor des Herzens nach ſich gezogen habe. „Ich will ſie wieder herſtellen,“ rief Michel Angelo aus. Man blickte verwundert auf ihn, und er durch⸗ brach ſchnell die dichtgedrängten Reihen, ſchob Trouſſe zur Seite und ſagte dann der Prinzeſſin in das Ohr: „Euer Geliebter iſt wieder da!“ In demſelben Augenblicke ſchlug Clotilde ihre Augen wieder auf, und zufällig ließen ſich auch gleichzeitig die Hufſchläge eines Pferdes auf dem Hofe vernehmen. Gleich darauf kündeten eilende Tritte auf der Treppe an, daß ein Mann dieſelbe heraufkomme. Es war der ſchwarze Ritter, welcher eintrat. Achtungsvoll öffnete ſich vor ihm der Kreis der Anweſenden. Clotilde erblickte ihn, und ein ſchrecklicher Ver⸗ dacht ließ ſie abermals die Augen ſchließen. Der Ritter warf ſich vor der Prinzeſſin auf die Kniee und rief: „Clotilde!— Clotilde!“ „Habt Ihr ihn nicht ermordet?“ fragte die Königstochter. „Ermordet!“ wiederholte der ſchwarze Ritter unwillig.„Clotilde, die Angſt und Aufregung hat Eure Sinne verwirrt. Ich wollte nur meinen edlen Sieger kerinen lernen.“ „Und was hat er geſagt?“ „Nichts, als was ich ohnedieß wußte! Daß Ihr die edelſte, ſchönſte und liebenswürdigſte aller Jungfrauen wäret.“ Der Ritter ſprach dieſe Worte nicht mit ſeiner gewöhnlichen rauhen Stimme, ſondern in einem mildern Tone, welcher Clotilden ſo bekannt er⸗ klang, daß ſie in der That in Zweifel gerieth, wel⸗ chen von den beiden Rittern ſie vor ſich ſähe. Aber der zertrümmerte Helmbuſch bewies ihr, daß der Befreier von Caſin⸗Grandes vor ihr kniee. Sanft entzog ſie ihm die Hand und küßte den alten Vater, welcher durch dieſe Liebkoſung wie⸗ der bernhigt wurde. „Ihr ſeid glücklich, Ritter!“ ſagte der Graf von Foix zu dem ſchwarzen Ritter,„daß Ihr der liebenswürdigſten Prinzeſſin von der Welt eine ſo gewaltige Liebe eingeflößt habt!“ „Prinzeſſin,“ ſagte dagegen der ſchwarze Rit⸗ ter zu Clotilden,„wir wollen uns nun beurlauben und abziehen, um die Gegend von ihrem grauſam⸗ ſten Feinde zu befreien. Bald aber werde ich wie⸗ derkehren, um Eure Hand zu empfangen.“ „Nun, Clotilde,“ ermahnte der König,„um⸗ arme Deinen Verlobten vor dem ganzen Hofe.“ Die Prinzeſſin begnügte ſich jedoch damit, dem Ritter ihre weiße Hand zu reichen, die er mit feu⸗ rigen Küſſen bedeckte. „Lebt wohl, Sire,“ ſagte dann der Ritter zu dem Monarchen und drückte nach der Reihe dem Connetable, Moneſtan und dem Biſchof die Hand. „Ach! wenn wir dreißigtauſend Mann hätten, wie Eure Ritter ſind!“ ſeufzte der Biſchof. „Dann würdet Ihr König der Welt ſein,“ 31 antwortete der Graf von Foix mit Stolz,„denn jeder dieſer Herren kann tauſend Waffenknechte ſtellen.“ Durch dieſe Bemerkung wurde jeder der Rit⸗ ter in den Augen des Biſchofs um zehn Fuß ver⸗ größert. Jeder der Bannerherren nahm Abſchied von dem Könige und der Prinzeſſin, und alle wurden zu dem Hochzeitfeſte der letztern eingeladen. Bald darauf hörte man die Befreier des Schloſſes abziehen und vernahm bald nur noch aus der Ferne die Hufſchläge ihrer Roſſe. In einem Augenblick war Caſin⸗Grandes ver⸗ ödet und von den Lichtern erloſch eins nach dem andern. Bombans ſtellte allenthalben die Ord⸗ nung wieder her, und als die Mitternachtsſtunde ſchlug, da ſchien es, als wäre die Ruhe des Schloſſes nie geſtört geweſen. Clotilde fand auf ihrem Zimmer ihre Zofe Joſette, die noch trunken vor Freude war, denn ſie hatte den ganzen Tag in Montyrat zugebracht und den Becher der Liebe in langen Zügen bis zur Neige geleert. —— 32 Kaum hatte die Frau des Bärtigen ihren Dienſt vollbracht und ſich entfernt, als die Prin⸗ zeſſin an das Fenſter eilte. Der treue Nephthalh hatte ſich ſchon eingtfun⸗ den und begrüßte ſeine Geliebte, indem er den ge⸗ wonnenen Lorberkranz ſchwenkte. „Nephthaly,“ ſagte die Prinzeſſin,„welche Unklugheit habt Ihr begangen.“ „O Clotilde,“ antwortete er,„Euer Geliebter darf ebenſo wenig ein Feiger ſein, wie Ihr eine Untreue. Ihr mußtet die Ueberzeugung erhalten, daß Eure Wahl auf keinen Unwürdigen gefal⸗ len ſei.“ „Nephthaly, ſetzt Euch keinen fernern Gefah⸗ ren aus. Hätte man Euch erkannt, ſo wäre Euer Tod gewiß geweſen.“ „Ach! wann werden wir glücklich werden?“ „Nie, Nephthaly, denn der Augenblick iſt nahe, wo Euer Nebenbuhler mich an den Trau⸗ altar führen wird.“ „Dieſer Augenblick darf nie kommen!“ rief der Jude mit wilder Leidenſchaft aus. 33 „Wie wollt Ihr ihn verhüten?— Vergeßt Ihr, daß Ihr nur ein Jude ſeid?“ „Clotilde! vom Gipfel des Glücks reißt Ihr mich in den Koth, in welchen die Völker uns tra⸗ ten. O, es iſt wahr! es iſt ein verworfenes, ein fluchbeladenes Volk, dem ich angehöre. Die Nichtswürdigkeit Jakobs, der Vater und Bruder betrog, der, ein ſchlechter Sohn, auch wieder ein ſchlechter Vater wurde, iſt ein Fluch für alle ſeine Nachkommen geworden, und in der ganzen Ge⸗ ſchichte unſeres Volkes zeigt ſich nur Schmutz, geiſtiger und körperlicher Schmutz, Abfall von den Geſetzen des Herrn, Nichtswürdigkeit jeder Art, daher von den früheſten Zeiten der Geſchichte an mit Recht alle Völker uns nicht nur verachtet, ſon⸗ dern verabſcheut haben. Allein, meine Geliebte, die Liebe verbannt jede widrige Gſinnung aus un⸗ ſerer Bruſt, ihr Feuer reinigt und heiligt Alles! O, meine Vielgeliebte, Du kannſt Dein Haupt an meinem Herzen ruhen laſſen, ohne irgend ein Mißtrauen, weil Gott ſelbſt in demſeben ſeine Wohnung aufgeſchlagen hat, da er es mit einem ſeiner Strahlen belebte. Glaubſt Du wohl, daß m. 3 meine Seele gemein ſein könnte, wenn ſie der Sitz des Ewigen und Clotildens iſt?“ „Ich muß Dir wohl Alles glauben, denn wir Beide ſind ja nur eine Seele!“ „Clotilde!“ „Nephthalh!“ „In Deinem Auge wohnt jeder Zauber der Natur!“ „Und Deine Blicke kehren mir das Herz im Leibe um.— Aber, Nephthaly, die Uhr ſchlägt!“ „Schlaf wohl, Clotilde!“ „Schlaf wohl, Nephthaly!“ XXII. Michel Angelo wußte ſich durch ſeinen Geiſt und Witz ſehr ſchnell bei Jedem einzuſchmeicheln. Schon mit dem Anbruch des Morgens begann er die Höfe zu durchſtöbern, wobei er Alles er⸗ forſchte und auf Alles ein prüfendes Auge warf. Auch der Zelle Mariens näherte er ſich. Bei dem Anblick des Venetianers bekam die Wahnſinnige einen furchtbaren Zufall. Sieknirſchte mit den Zähnen und Schaum trat vor ihren Mund, als wäre ſie von der Waſſerſcheu ergriffen. „Der hat meinen Sohn ermordet!“ ſchrie ſie; —„der iſt der Mörder!— ergreift ihn!— Hilfe! — ich erkenne ihn wieder!“ „Es ſcheint, meine Freundin,“ antwortete Michel Angelo. 3* „Es iſt eine arme Närrin,“ ſagte Verhnel, der eben dazu kam. „Wir alle ſind Narren,“ entgegnete der Vene⸗ tianer,„und zu beklagen iſt der, welcher gar kein Steckenpferd hat. Der Wein, das Spiel, die Weiber und die Throne ſind ja auch nur Stecken⸗ pferde, und Narren die, welche etwas auf dieſelben geben.“ „Du biſt es!“ fuhr indeß Marie fort;„ich erkenne Dich, denn Dein teufliſches Auge iſt nicht zu verkennen, und Du wirſt Deinen Tod finden durch—“ „Gewiß werde auch ich meinen Tod finden, aber nur lachend werde ich ſterben.“ „Und öffentlich!“ „Der Herr Ritter iſt ſchon ſehr früh auf,“ ſagte Bombans, der eben durch das Portal trat. „Und Ihr noch früher,“ antwortete Michel Angelo;„Ihr habt begriffen, daß man mit ſeiner Zeit noch mehr geizen muß, als mit dem Gelde.“ „Und doch, geſtrenger Herr, glaube ich, daß das Geld nöthiger iſt, als die Zeit.“ „Nichts deſto weniger, Meiſter Bombans,“ fuhr der Italiener mit einem Blicke auf die Füße des Intendanten fort,„ſeid Ihr noch nicht zu dem höchſten Grade der Sparſamkeit gelangt.“ „O!“ rief der muſterhafte Geizhals,„ich wette zehn Dreier, daß Ihr mir Keinen zeigen könnt—“ „Ich gehe die Wette ein!“ Der Intendant bebte vor Schrecken. „Seht nur auf Eure Füße. Ihr geht immer über die Mitte der Schwelle des Portals, welche ſchon drei Zoll tief abgenutzt iſt. Ein wahrhaft ſparſamer Mann würde ſtets an den Seiten der Schwelle gehen, um dieſelbe gleichmäßig zu ver⸗ brauchen.“ Das Geſicht des Intendanten nahm einen wehmüthigen Ausdruck an, und er ſchob langſam ſeine Hand in die Taſche. Allein plötzlich erglänzten ſeine Augen von neuem Feuer, er zog die Hand ſchnell aus der Taſche zurück und ſagte mit ſiegreicher Miene: „Die Schwelle iſt ja nicht mein Eigenthum!“ „Ich bin beſiegt!“ rief Michel Angelo aus und zog zehn ſchöne blanke Dreier aus ſeiner 38 Börſe, um ſie dem Intendanten zu übergeben. „Wie konnte auch ich, der ich ein Vermögen ver⸗ zehrte, mich in einen ſolchen Wettſtreit einlaſſen mit Euch, der Ihr ein Vermögen erwarbt?“ „Iyr ſeid doch der edelſte Ritter,“ entgegnete der Intendant, indem er ſchmunzelnd die Dreier hinnahm, aber ſeiner Gewohnheit gemäß jeden erſt ſorgſam betrachtete, ehe er ihn einſteckte. „Ach!“ verſetzte Michel Angelo,„ich ſparte nie mit etwas Anderem, als mit dem, was mir Kummer machte. Ich bin ſo furchtſam im Punkte des Aergers, daß ich mir nie von meinem Inten⸗ danten Rechnung ablegen ließ.“ „Es wäre zu wünſchen,“ antwortete Bom⸗ bans,„daß Jeder eine ſolche Verfahrungsweiſe liebte; allein man verlangt Rechnungen— und deßwegen ſchreibt man Rechnungen.“ „Narrheit!“ rief der Italiener aus.„Ihr werdet ſelbſt wiſſen, Meiſter Bombans, daß ein Intendant entweder rechtſchaffen iſt, oder nicht.“ Der Intendant ſeufzte bei dieſer Berg und der Italiener fuhr fort: „Wenn er rechtſchaffen iſt, ſo haben wir teine 39 Rechnung nöthig,— und wenn er es nicht iſt, ſo bedürfen wir deren noch weniger, denn nichts iſt ſo klar und deutlich, wie die Rechnung eines ſpitz⸗ bübiſchen Intendanten.“ „Ihr habt Recht,“ entgegnete Bombans; „ach, geſtrenger Herr! wie könnt Ihr auch nur verlangen, daß ein Intendant, wenn er auch einen noch ſo guten Kopf hat, eine genaue Rechnung von einem Feſte, wie das geſtrige war, abzulegen vermöchte. Da waren allein hundertundfunfzig goldene Ketten zu vertheilen; bei dem Mahle wa⸗ ren alle Reichthümer aufgeſtellt: nun ſtiehlt ein Kind einen Teller, ein anderes einen Humpen; dann koſtet es wieder Geld, um Menſchen zu ſam⸗ meln, Nachrichten nach Aix zu geben, Spielleute zu ſuchen, Laubwerk ſchneiden zu laſſen, Blumen⸗ gewinde zu machen, Arbeiter in Maſſe abzuloh⸗ nen; und das Alles in einer einzigen Nacht!— in einer einzigen Nacht nicht weniger als dreihundert Menſchen zu beſchäftigen!— Der König ermäch⸗ tigte mich, dreihunderttauſend Franken zu verwen⸗ den— und die ſind auch reichlich drauf ge⸗ gangen.“ 40 „Ich dächte, er müßte ſogar noch in Eurer Schuld ſein,“ ſagte Michel Angelo. „Allerdings habe ich etwas zugeſetzt!“ Der Venetianer entfernte ſich darauf. „In der That,“ ſagte der Intendant,„das iſt der beſte, ſcharfſinnigſte und liebenswürdigſte von allen Edelleuten!“ Unter dem Periſtyl begegnete der Venetianer dem Doctor Trouſſe. „Geſtrenger Herr,“ redete der Arzt ihn an, „der König iſt noch nicht zu ſprechen, und ich—“ „Ihr befindet Euch wie ein Fiſchchen.“ „Weil ich für meine Geſundheit ſorge und na⸗ mentlich das Denken vermeide.“ „Daran handelt Ihr weiſe, denn wenn Ihr Euer Gehirn nicht verſchwendet, ſo wird die ganze WMaſſe der Ideen, welche die Natur Euch zuertheilt hat, geſund und vollzählig erhalten.“ „Herr Ritter,“ rief der Arzt hocherfreut aus, „Ihr ſeid ein gelehrter Herr, denn Ihr verſteht Euch auf das, was ich hier noch nie Jemand zu beweiſen vermochte.“ „Man that ſehr Unrecht, nicht auf Euch zu hören!“ „Ich umfaſſe mit meinem Syſtem die ganze Ntur. 4 „Ein herrliches Syſtem!“ „Ich behaupte nämlich, daß unſere Krankhei⸗ ten ſtets nur aus dem Blute oder aus der Ner⸗ venfeuchtigkeit abzuleiten ſind.“ „Alſo aus den Grundbeſtandtheilen des Kör⸗ pers.“ „Ja. Und was iſt es, was unſern Blick oder unſere Nervenfeuchtigkeit in Bewegung verſetzt, ſo daß ſie ſich abnützen?“ „Gott.“ „Von Gott handelt es ſich jetzt nicht,“ ant⸗ wortete der Arzt ungeduldig. „Oder der Böſe?“ „Das Alles meine ich nicht.— Unſere Ge⸗ danken ſind es, welche Blut und Nerven in Bewe⸗ gung ſetzen.“ „Das iſt wahr!“ rief der Venetianer aus. „Ja, mein Herr, der Gedanke iſt ein concret⸗ abſtractes nichtſeiendes Daſeiendes, durch deſſen * peripheriſch⸗centrales Influiren jede cohärirende abnorm normale Motion des Körperlichen und Geiſtigen hervorgerufen und continuirt wird, bis in Folge der fortwährenden Thätigkeit eine Abvei⸗ bung und totale Abnutzung entſtanden iſt, wodurch das Ich zu einem Nicht⸗Ich wird, das heißt in ſei⸗ ner Ichheit zu exiſtiren aufhört, weil ſeine Vehikel und Grundbedingungen in ihrem Sein dazuſein aufgehört haben.“ „Bewunderungswürdig!“ „Nun werdet Ihr erkennen, daß der Gedanke der Schlüſſel zum Ganzen iſt; hat man ihn einmal in der Hand, ſo beherrſcht man die Krankheit und den Kranken.— Ein Kranker, welcher ſich krank glaubt, iſt es auch in der That! Folglich—“ „Ihr ſeid ein großer Mann!— Solltet nach Deutſchland gehen und an einer der dortigen Hochſchulen Profeſſor der Anatomie und Phhſio⸗ logie werden.“ „Ich habe nie daran gezweifelt, daß ich der größte Mann unſers Jahrhunderts ſei.“ „Ihr ſolltet Euch in eine Gartenlaube ſetzen und in aller Muße eine Abhandlung über Euer * Syſtem ſchreiben. Aber populär, mit Bilder⸗ chen verſinnlicht, denn ſo liebt es die Welt.“ „Ich werde Euren Rath befolgen. Allein jetzt wollen wir das Syſtem verfolgen—“ In dieſem Augenblicke hörte Trouſſe die Pfeife des Königs und eilte auf ſeinen Poſten. So wußte Michel Angelo gleich an dem erſten Morgen alle Bewohner des Schloſſes einen nach dem andern für ſich zu gewinnen. Selbſt Kaſtriota war von ihm bezaubert und meinte, daß es keinen tapfrern Helden auf der Welt geben könnte. Ueberall erſcholl das Lob des Ritters Michel. Am häufigſten aber zeigte ſich der Venetianer in der Küche, und der Mann, welchen er mit Schmeicheleien überſchüttete und zum Gegenſtand aller ſeiner Aufmerkſamkeit machte, war der be⸗ rühmte Taillevant, der Koch des Königs von Cypern. Als die Stunde des Mahles geſchlagen hatte, eilte Michel Angelo in den Speiſeſaal, wo die drei Miniſter und die übrigen höhern Beamten ſeiner warteten. — Man ſetzte ſich zur Tafel und in wenigen Au⸗ genblicken hatte der Venetianer die Mitſpeiſenden durchſchaut. „Wie habt Ihr das geſtrige Feſt gefunden, Herr Ritter?“ fragte der Biſchof. „So weit man vom Ende auf das Ganze ſchließen kann, war es höchſt prachtvoll, und ich kenne nur eins, das ſchöner war, nämlich die Stuhlbeſteigung des Papſt Eugen.“ „Die kirchlichen Feſte wirken ſtets gewaltiger auf die Seele ein,“ bemerkte Moneſtan. „Ihr habt Recht,“ antwortete der Italiener im Tone der Zerknirſchung;„die Gegenwart des Cwigen überſtrahlt ſtets alle irdiſche Größe. Ach! die Religion iſt ja der weiſe Stab, welchen uns Gott in die Hände gegeben, damit wir uns auf dem Wege durch das Leben auf ihn ſtützen können. Sie iſt der Grundſtein aller Tugenden; ihre Stimme veranlaßt den Menſchen, ſich über den Sterbenden zu neigen, um ſeine letzten Seufzer zu erlauſchen und Balſam über ſeine Schmerzen aus⸗ zugießen! ſie iſt es, welche den Prieſter auf das Hochgericht ſteigen läßt, wenn er den Verurtheil⸗ 5 ten begleitet, um deſſen letzte Blicke auf die Gnade des Himmels zu lenken; ſie iſt es, welche die ge⸗ ſellige Ordnung belebt, die Unglücklichen erheitert, die Tugend rächt, wenn das Laſter im Wagen ſtolz vorüberfährt und jene mit Koth beſpritzt; ſie verhütet die Verbrechen, macht die Könige zu gu⸗ ten Herrſchern und lehrt die Reichen, nur die Ver⸗ walter ihres Vermögens zu ſein. Verdanke ich nicht ſelbſt meine Befreiung dieſem edlen Ge⸗ fühle?— Ohne das Evangelium wäre ich im Kerker geſtorben.“ „Herr Ritter,“ rief Moneſtan mit dem Blicke eines Verzückten aus, der den dritten Himmel offen ſchaut,„Euer Beruf war es, die Wahrheit zu predigen!“ „Vielleicht, geſtrenger Herr!— und dennoch thue ich ganz das Gegentheil!— Ich bin ein zu großer Sünder, als daß ich meine Brüder beleh⸗ ren könnte. Der Herr wollte ſich meiner bedie⸗ nen, um die Erde zu beſtrafen— er machte mich zu einem Menſchenjäger!“ „Auch die Krieger können den Himmel erwer⸗ ben,“ antwortete der Biſchof,„und es würde ein Irrthum ſein, wenn man dieſen Stand verdam⸗ men wollte.“ „Wie!“ rief Michel Angelo aus, indem er ſich erinnerte, was man ihm von dem kriegeriſchen Sinne des Biſchofs erzählt hatte;„iſt nicht der Stand des Kriegers der erſte nach dem des Prie⸗ ſters? Wer zu gleicher Zeit ein großer Krieger und ein verehrungswürdiger Biſchof ſein kann, der iſt ein Eleazar, ein Simon Maccabäus, ein Jo⸗ ſua, ein Moſes, ein Gideon! Und nennt ſich nicht Gott ſelbſt einen Heereshaufen?“ Hat ſich nicht der Herr ſelbſt in Schlachtordnung verthei⸗ digt? Und der heilige Michael war dabei ſein erſter Lieutenant, und mit Hilfe der himmliſchen Legio⸗ nen beſiegten ſie den Satan!“ „Und der heilige Michael war dabei zu Roß,“ rief Kephalein aus, den es freute, daß auch er endlich ſein Steckenpferd beſteigen könne. Dann fuhr er fort: „Nach der Apokalypſe ſchließe ich ſogar, daß jener Angriff der himmliſchen Legionen gegen das Reich des Satans ganz ähnlich dem Angriffe war, den ich bei Edeſſa machte, wo ich den Sieg entſchied.“ „Wie!“ rief der Venetianer begeiſtert aus, „Ihr ſeid der Sieger von Edeſſa!“ Kephalein ſprang entzückt auf, um die Schlacht zu ſchildern. „Hier ſtanden die Feinde— unſere Truppen flohen—“ „Ach! ich weiß Alles!“ unterbrach ihn Michel Angelo, indem er Kephalein um den Hals fiel und dann fortfuhr:„Ihr habt meinen Vater ge⸗ rettet!— er war in der erſten Gruppe zur Rechten.“ „In der erſten Gruppe zur Rechten?— War Euer Vater zu Pferde?“ 5 Herr „In dieſem Falle war er auf der Linken!“ „Ach! die Freude hatte mich in dieſem Augen⸗ blick ganz verwirrt!“ „Wir übergehen die fernern Unterredungen, in denen der Venetianer fortfuhr, ſich die Gunſt der Anweſenden zu erwerben. Das Mahl war beendigt und die Miniſter be⸗ gaben ſich zu Johann II., da heute die nöthigen Beſtimmungen wegen der Mitgift der Prinzeſſin getroffen werden ſollten. Die drei Miniſter, welche noch ganz bezaubert von dem Eindruck waren, welchen der Venetianer bei ihnen hinterlaſſen hatte, ſprachen mit dem Kö⸗ nig ſo viel von deſſen Höflichkeit, Beredtſamkeit und ſonſtigen edlen Eigenſchaften und Talenten, daß Johann II. den Wunſch fühlte, ihn kennen zu lernen und folglich befahl, ihn noch an demſelben Abende in den rothen Saal zu führen.— Am Abende verſammelten ſich der König, Cu⸗ tilde, die drei Miniſter, die Pagen, der Ober⸗ ſtallmeiſter, die Landjunker von Cypern und Ka⸗ ſtriota in dem rothen Sagl. Der Italiener wurde von Trouſſe eingeführt. „Herr Ritter,“ ſagte der König zu ihm,„die Verwirrung und Unruhe, welche mit einem Feſte, wie das geſtrige war, nothwendig verbunden ſind, verhinderten uns bisher, Euch ſo aufzunehmen, wie Ihr es verdient, und dieſes Feſt—“ „War würdig eines Luſignan,“ fiel ihm Michel Angelo in die Rede;„die Luſignans, als Erben der Pracht der Saracenen, welche ſie be⸗ 49 zwungen, haben mit dem Lurus derſelben den feinen franzöſiſchen Geſchmack verbunden, und in Aſien ſo mächtige Erinnerungen hinterlaſ⸗ ſen, daß ich nicht zweifle, die Völker von Jexuſa⸗ lem, von Thrus und Sidon werden dereinſt ſie wieder auf ihren Thron berufen. Ja, Sire, ich habe jene Gegenden durchreiſt, und in den Gebir⸗ gen Judäa's richtete ein Greis mit ſilberfarbenem Haar nur die eine Frage an mich:„Sitzt Lu⸗ ſignan wieder auf dem Throne?“ Auf meine ver⸗ neinende Antwort trat er traurig in ſeine Hütte zurück und ſagte:„Die Luſignans werden wieder⸗ kehren!“ Der gute König wurde entzückt durch dieſe Prophezeihung. „Möchte das in Erfüllung gehen!“ verſetzte er. „Sire!“ ſagte der Biſchof,„ſobald wir drei⸗ ßigtauſend Mann haben.“ „Ach! gnädiger Herr!“ warf dagegen Michel Angelo ein,„bei Eurer Erfahrung, bei dem Klange eines Namens, wie der Eurige iſt, bei Miniſtern, deren Weisheit und Tapferkeit berühmt iſt, be⸗ dürft Ihr einer ſolchen Macht gar nicht zum m. 4 50 Siege. Und dann,“ fuhr er gegen Clotilde ge⸗ wandt fort,„wird auch die Schönheit in die Hei⸗ math der Aphrodite zurückkehren.“ „Herr Ritter, in welcher Schule erlerntet Ihr Euere Schmeicheleien?“ „Nur als ich Euch ſah, Prinzeſſin. Bei Eurem Anblick iſt die Schmeichelei die einzige Sprache, welche man reden kann; wo die Roſen blühen, da flattern die Schmetterlinge, und das Lob iſt allemal im Gefolge der Schönheit. Ihr zwingt zur Bewunderung, wie Euer Vater zur Ehrfurcht.“ Wozu ſollen wir weitere Beweiſe von der un⸗ gemeinen Gewandtheit des Italieners geben? Genug, der Abend war für Alle ein reizender, denn während Michel Angelo ſang, ſpielte und feine Scherze mit Geſchicklichkeit anbrachte, ver⸗ floß die Zeit mit einer ungemeinen Schnelligkeit. Als er ſich entfernt hatte, ſchien der Saal ver⸗ ödet zu ſein, und ſelbſt Clotilde kam mit Joſette überein, daß Michel Angelo einer der liebenswür⸗ digſten Ritter ſei, die ſie je geſehen habe. Bald breitete die Nacht ihren Schatten über Caſin⸗Grandes aus. Alles ſchlief,— nur Michel Angelo wachte. Aehnlich dem Satan, welcher ohne Unterlaß umherirrt, und mit forſchendem Ange ſchaut, wo er ſchaden könne, beſtieg der Venetianer die Feſtungswerke, um die ſchwachen Stellen des Schloſſes kennen zu lernen, beſonders aber den Ort, wo die Ritter zu Hilfe gekommen wären. In Folge einer Nachläſſigkeit, welche durch die Unruhe der letzten Tage wohl zu entſchuldigen war, hatte man die Art von Schiffbrücke noch nicht zerſtört, welche der ſchwarze Ritter durch auf den Grund gefahrene Barken hatte bilden laſſen. Michel Angelo erblickte dieſen Weg durch das Meer. Sofort erkannte er, auf welche Weiſe der Un⸗ tergang von Caſin⸗Grandes herbeigeführt werden müßte und beſchloß, noch am folgenden Tage ab⸗ zureiſen, um ſich dann Abends des Schloſſes zu bemächtigen. Plötzlich blieb er ſtehen, denn es war ihm, als würde die Stille der Nacht von einem leiſen Ge⸗ 4* räuſch unterbrochen, das weder dem Murmeln der Meereswellen, noch dem Flüſtern des Nacht⸗ windes durch die Bäume angehörte. Er lauſchte. Es war die Thurmuhr, deren Räderwerk er ſchnarren hörte, allein es verband ſich damit noch ein Murmeln, welches ſo ſanft war wie das Flüſtern eines klaren Baches. Der böſe Geiſt von Caſin⸗Grandes näherte ſich den Zinnen, welche über Clotildens Zimmern waren. Da vernahm er zwei ſanfte Stimmen, welche Leben verbreiteten durch die Nacht. Das Echo wiederholte ihm die Worte der ver⸗ liebten Prinzeſſin. Er neigte ſich über die Zinnen hinweg und er⸗ blickte den Juden, welcher ſehnſüchtig ſeiner Ge⸗ liebten beide Hände entgegen reckte. Der Mond ließ ſein volles Licht auf den Ver⸗ liebten fallen, und Michel erblickte das weiße, auf ſeinen Rock genähte Rad. „Ein Judel“ rief der Verräther aus,„beim heiligen Marcus, ein Jnde!— Die iſt alſo ganz 53 närriſch, obgleich ich einräume, daß die Augen eines zwanzigjährigen Juden mehr ſagen, als die eines vierzigjährigen Chriſten.“ Am folgenden Morgen war Michel Angelo ſchon ſehr früh im Park und ſah den Juden nach ſeiner verborgenen Wohnung zurückkehren. Etwas ſpäter bemerkte er einen Reiter, wel⸗ cher mit verhängten Zügeln dem Hügel der Lie⸗ benden entgegen ſprengte. Die Haltung des Reiters und das Ausſehen des Pferdes erinnerten ihn an den Bärtigen. Daß er zu den Soldaten des Ungläubigen gehörte, be⸗ wies ihm der Cypreſſenzweig, welcher auf ſeinem Helme deutlich ſichtbar war. Ein Mann weidete einige Ziegen auf der Höhe des Hügels und verließ ſeine Heerde, um dem Reiter entgegen zu gehen. Raoul, denn er war es, trat zu dem Soldaten Enguerry's und ſprach mit ihm; fünf Minuten ſpäter wandte der Räuber ſein Pferd und ritt in geſtrecktem Galopp des Weges zurück, den er ge⸗ kommen war, während der Hirt, ſo ſchnell er konnte, nach den Bergen am Meeresufer eilte. 54 Michel Angelo ſah ihn zwiſchen den Krüm⸗ mungen des Rieſenfelſens verſchwinden. „Ei!— alſo Einverſtändniſſe zwiſchen der Burg des Ungläubigen und dem Schloſſe des gu⸗ ten Königs von Cypern!— Dann lebt wohl, meine Eroberungspläne! lieber will ich vergiften, das führt ſchneller und ſicherer zum Ziele.“ Nachdenkend kehrte er zu dem Schloſſe zurück. Auf dem erſten Hofe traf er mit dem Conne⸗ table zuſammen und verabredete mit demſelben ei⸗ nen Ritt nach dem Mittagseſſen. Um dann nicht weiter aufgehalten zu werden, ließ er gleich zum Voraus ein Pferd für ſich ſatteln, denn Michel Angelo dachte an Alles. Als der Italiener wieder aus dem Stalle kam, begab er ſich nach den großartigen Küchen von Caſin⸗Grandes, in denen eben das Mahl des Kö⸗ nigs bereitet wurde. Mit dem Lächeln eines böſen Geiſtes trat er zu dem berühmten Koche und ſagte zu ihm: „Meiſter Taillevant,“ ich habe einen Durſt, der mir die Kehle zuſchnürt, als ob ich am Gal⸗ gen hinge und der Strick mir zu enge wäre. Gebt 55 mir ein Glas Waſſer. Der Herr wird Euch dafür im Thale Joſaphat belohnen!“ „Gnädiger Herr,“ entgegnete der Koch, ein Mann von mittlerer Größe, der aber einen unge⸗ wöhnlich dicken Bauch hatte, welcher mit einer Schürze von blendendſter Weiße bedeckt war,„Ihr erweiſt mir große Ehre, daß Ihr mich hier auf meinem Schlachtfelde beſucht. Nur bedauere ich, Herr Ritter, daß wir hier kein Waſſer kennen.— Frilair,“ rief er dann, indem er ſich an ſeinen oberſten Feldmarſchall wandte,„ hole von meinem Hyppokras mit Rofinwaſſer und Mandeln!— Herr Ritter, das iſt ein Getränk für durſtige Kehlen.“ In dem Augenblick, in welchem ſich der Koch an Frilalr wandte, warf der Italiener ein Pulver in die Suppe, welche Taillevant eben für den Kö⸗ nig beſorgte. „Wie iſt es möglich,“ fragte dann der Vene⸗ tianer,„daß ein Mann wie Ihr im Dienſte eines ſo wenig berühmten Königs bleibt, wie der König von Cypern iſt?“ „Herr Ritter,“ antwortete der Koch in ernſtem 1 — 56 Tone, indem er ſeine Mütze auf den Kopf ſetzte und die linke Hand in die Seite ſtemmte,„mein Vater war Koch beim König Karl VI.; er wurde verbannt, weil er ſich auf die Seite der Ar⸗ magnacs neigte; der König von Cypern ſchenkte uns einen Zufluchtsort, und ſo lange er noch im Unglück iſt, werde ich ihn nicht verlaſſen! Hat er aber ſeinen Thron wieder beſtiegen, dann bin ich der Stelle eines erſten Kochs des Königs von Frankreich gewiß.— Der Hof von Frankreich iſt mein Erbtheil!— und dann!— dann wird man ſchon das Weitere erfahren.“ „Meiſter Taillevant, Ihr ſeid nicht nur ein geſchickter Mann, ſondern auch ein hochherziger Mann!“ Dieſe Worte berauſchten den berühmten Koch ſo ſehr, daß er gar nicht bemerkte, wie ihn Michel Angelo, ohne den Hyppokras zu erwarten, verließ, um ſein Pferd zu beſteigen und dann mit verhäng⸗ ten Zügeln von Caſin⸗Grandes zu entfliehen. Erſt die Glocke, welche zum Mahle des Kö⸗ nigs läutete, riß Taillevant aus ſeinen Träu⸗ mereien. 57 „Meiſter Taillevant, die Suppe! es ſoll an⸗ gerichtet werden!“ rief die Dienerſchaft. „Der König kann warten!“ entgegnete ſtolz der Monarch der Küchen. Dann ließ er einige Fleiſchbrühe in ein Caſſe⸗ rol gießen, zog ſie mit Eiern ab, zankte mit Fri⸗ lair, daß er ſie habe anhängen laſſen und beauf⸗ tragte endlich die harrenden Diener, die unglück⸗ liche Suppe fortzutragen. XXIII. Mit eilenden Schritten kam der Jude Neph⸗ thalh über die Zugbrücke und ſprang an dem Thür⸗ ſteher vorüber, ohne auf den Ruf deſſelben zu achten. Wenn Caſin⸗Grandes von einer Feuersbrunſt ergriffen geweſen wäre, ſo hätte der Thürſteher nicht lauter ſchreien können, als er das jetzt that, und zwar mit Recht, denn wurde nicht das Schloß durch den unreinen Juden beſchmutzt? Diener eilten herbei, und der Thürſteher ver⸗ doppelte ſein Geſchrei, indem er hinter dem Ju⸗ den her zeigte, welcher ſo ſchnell, wie er es nur vermochte, über die Höfe lief. Nephthaly wurde von den von allen Seiten her auf ihn eindringenden Dienern ergriffen, und 59 es entſpann ſich ein verzweiflungsvoller Kampf unter dem Portale des Schloſſes. „Haut ihn nieder, ehe er den Palaſt be⸗ ſchmutzt!“ rief der Biſchof, welcher ebenfalls zu⸗ gegen war. Aber Nephthalh befreite ſich durch übermenſch⸗ liche Anſtrengungen von ſeinen Feinden. Schnell eilte er die Treppe hinan, aber noch ſchneller folgte ihm die Dienerſchaar und holte ihn unter dem Periſtyl in demſelben Augenblick wieder ein, wo er in den zweiten Stock gelangt war. Der Lärm ſtieg auf das Höchſte, als Neph⸗ thaly die ihn bedrängende Schaar umfaßte und die Treppe hinab warf. Nur zwei Diener des Königs klammerten ſich an ihn feſt, und er zog ſie mit ſich fort bis an die Thür des Speiſeſaales, die er ſchnell aufſtieß, in⸗ dem er rief: „Clotilde! eßt nicht! Ihr werdet vergiftet!“ Clotilde hatte eben ihrem Vater und ſich ſelbſt Suppe aufgefüllt. Sie hörte den Lärm, aber nicht den warnenden Ruf des treuen Nephthaly, denn dieſer ward übertönt von dem Geſchrei der Die⸗ nerſchaft. Aber Nephthaly wiederholte mit lauterer Stimme: „Clotilde!— Eßt nicht, eßt nicht!“ Bei dem Klange ſeiner ihr ſo wohl bekannten und theuern Stimme ließ Clotilde ihren Löffel fallen und hielt den ihres Vaters an. Als Nephthaly die Wirkung ſeiner Worte ſah, ſagte er ſtolz zu denen, welche ihn zu überwältigen ſuchten: „Nun könnt Ihr mir das Leben nehmen— ich habe die Prinzeſſin gerettet!“ Der König gab ein Zeichen; der Kampf nahm ein Ende und tiefe Stille trat ein. „Ein Jude iſt es, der uns aus dem Schiff⸗ bruch errettet hat,“ ſagte der Arzt, indem er Nephthaly mit Aufmerkſamkeit betrachtete. „Ein Jude!“ wiederholte der Monarch; „tödtet ihn!“ 2 Und ein Schauder malte ſich in den Zügen Johann's II. Kaſtriota ſtellte ſich mit gezogenem Säbel an 61 des Juden Seite. Der einzige Lohn, welchen er dafür erhielt, der einzige, nach welchem er geizte, war ein dankender Blick aus Clotildens Augen. Wer es kann, ſtelle ſich das Staunen der Menge vor, als man den wilden Albaneſen an der Seite des Juden ſah, während er ſonſt kein Be⸗ denken trug, alle Juden und überhaupt alle, die dem Könige mißfielen, zu tödten. „Was bedeutet das Alles?“ fragte Johann II. „Wirſt Du reden, Gottesmörder!“ herrſchte der Biſchof den Juden an. Der Jude ſagte dem Albaneſen etwas in das Ohr, und dieſer trat vor und ſagte: „Dieſer wackere Inde, welcher ein Chriſt durch ſeine Tugend iſt, wagt in Gegenwart des Königs nicht zu reden und thut wohl daran; allein noch edler hat er gehandelt, indem er ſein Leben wagte, um uns mitzutheilen, daß das Mahl vergiftet ſein müſſe. Ob dieſes wahr iſt, werden wir jetzt ſehen.“ Die Ueberraſchung war groß. Man erwartete, was der König ſagen würde. Während eine kleine Hündin, die von Verh⸗ nel herbeigebracht war, die Suppe verzehrte, war der König in Nachdenken verſunken. Plötzlich fragte er: „Wie vermochte der Jude zu erfahren, daß unſer Mahl vergiftet ſein müſſe?“ Kaſtriota ſprach leiſe mit dem Juden und ſagte dann: „Der Jude behauptet, daß er nicht ſagen dürfe, auf welche Weiſe er dieſes Verbrechen ent⸗ deckt habe.“ „Er ſelbſt,“ rief der Biſchof,„hat das Ver⸗ brechen gewagt, um für die Anzeige eine Beloh⸗ nung zu erhalten.“ Nephthalh bewies ſeinen Unwillen über dieſe Anſchuldigung durch eine ſo kräftige und hoheits⸗ volle Bewegung, daß alle Anweſenden für ihn eingenommen wurden und ſelbſt der Biſchof ſich zu ſchämen begann. In dieſem Augenblick ſtarb der neine Hund unter furchtbaren Zuckungen, und der Albaneſe, welcher nochmals leiſe mit Nephthaly geſprochen hatte, ſagte: „Nephthaly Jaffa behauptet, daß Michel An⸗ . 63 gelo ein Geſandter der Republik Venedig ſei und den Auftrag habe, das Haus Luſignan aus⸗ zurotten. Die Beweiſe werde er in kurzer Zeit liefern.“ Der König gab ein Zeichen mit der Hand, und allgemeine Stille trat ein. In demſelben Augenblicke bahnte ſich der Connetable einen Weg durch die Menge, trat mit verwirrten Blicken vor den König und mel⸗ dete: „Der fremde Ritter iſt entflohen, und zwar auf einem meiner beſten Pferde!“ „Er war der Genoſſe dieſes Juden!“ ſagte der Biſchof,„und überdieß fordere ich denſelben als einen Verbrecher und Widerſpenſtigen vor den Richterſtuhl der Kirche.“ „Ihr ſeid ſehr dreiſt,“ antwortete der Mo⸗ narch,„daß Ihr Eure Meinung auszuſprechen wagt, ehe wir dieſelbe von Euch verlangten. Denkt daran, daß Ihr nur zu ſchweigen habt.“ Die Verſammlung bewunderte die Hoheit des Königs. Dann erhob ſich der König, wandte ſich nach 64 der Seite, wo er Kaſtriota vermuthete, und fragte dieſen: „Nennt ſich dieſer Jude nicht Nephthalh Jaffa?“ „Ja, mein Vater,“ antwortete Clotilde,„er iſt unſer armer Schützling.“ „Hatten wir dem Nephthaly Jaffa nicht die Annäherung an unſer Schloß bei Todesſtrafe verboten?“ „Das iſt wahr,“ ſagte Bombans;„ich ſelbſt habe ihm den Befehl Eurer Majeſtät überbracht.“ „Beſchmutzt er nicht jetzt unſern Palaſt?“ fuhr Johann II in aufgeregtem Tone fort. „Nein, mein Vater!“ antwortete Clotilde. „Jetzt iſt die Reihe an unſern Miniſtern, das Urtheil zu ſprechen,“ ſchloß der König und ſetzte ſich wieder nieder. „Er muß gehängt werden!“ ſagte der Biſchof. Kephalein nickte bejahend mit ſeinem kleinen Kopfe, und Moneſtan richtete ſeine Augen nach oben. Dann ſprach der König leiſe mit Kaſtriota und ſchloß mit den mit lanter Stimme geſproche⸗ nen Worten: 65 „Thue Deine Pflicht, Kaſtriota!“ Kaſtriota ging, kehrte aber bald darauf wieder zurück und führte den Juden hinweg. Die Menge ſolgte dem Albaneſen und dem Juden bis auf den zweiten Hof. Hier blieb der wilde Soldat vor dem Galgen der herrſchaftlichen Gerichtsbarkeit ſtehen. „Kaſtriota,“ fragte der Jude,„könnteſt Du Deinen Wohlthäter ermorden?“ „Ich befolge die Befehle meines Königs; an⸗ dere Geſetze kenne ich nicht!“ Die Umſtehenden erſchraken und fühlten ſich von einem Schauder ergriffen. Nephthaly aber, der ſeine Faſſung nicht ver⸗ lor, warf ſeinen Rock ab, an welchem ſich das Schandzeichen der Juden befand. In welcher Ab⸗ ſicht er das that, dürfen wir jetzt noch nicht ver⸗ rathen. Da zog der Albaneſe eine prachtvolle goldene Kette hervor, warf ſie dem Israeliten um den Hals und ſagte dabei: „Unſer König hat nun Dein Verbrechen beſtraft; jetzt belohnt er auch Deine Selbſt⸗ III. 5 66 aufopferung.— Nun gehe— und komme nicht wieder!“ Mit einem Sprunge erreichte Nephthalh die Zugbrücke und floh alsdann quer über das Gefilde. Indeß brach ein neues Unwetter über das Aſyl des Königs von Chpern aus. Michel Angelo hatte die Feſte Enguerry's er⸗ reicht und den ganzen Heereshaufen des Ungläu⸗ bigen bewaffnen laſſen. Der Plan des Angriffs bedurfte keiner langen Berathung, und auf der Stelle zog man dem Meeresufer zu. XXIV. Kaum war die Nacht erſchienen, als ſich Clo⸗ tilde beeilte, ihre Zofe zu entlaſſen und dann ihr Fenſter zu öffnen. Nephthalh ſaß nicht auf ſeiner Klippe. Die Prinzeſſin war darüber um ſo betrübter, als ihre Sehnſucht, ihn zu ſehen, jetzt größer war, als je. Endlich zeigte ein leichtes Geräuſch an, daß der Jude an dem Felſen emporklettere, und bald war er auf ſeinem luftigen Sitze angelangt. Dunkle Wolken hatten den Himmel überzogen, und die Finſterniß war eine ſo tiefe, daß ſich Clo⸗ tilde verſucht fühlte, ihr Nachtlicht auf die Brüſtung zu ſetzen. Der Schein der Lampe übergoß ihr Antlitz 5* mit einem röthlichen Lichte, und ſie erſchien in der Dunkelheit der Nacht ihrem Geliebten wie mit Heiligenſchein umgoſſen, wodurch ihr eine neue Anmuth verliehen wurde. „Nephthaly,“ begann ſie,„zwei Mal ſchon habt Ihr mir das Leben gerettet!“ „O, Clotilde! das iſt noch nichts! Du retteſt es mir an jedem Morgen, an jedem Tage, an je⸗ dem Abende. Der Anblick Deiner blauen Augen iſt es ja allein, der mir das Leben gibt! Ach! Clo⸗ tilde, laß uns nie in der Liebe mit einander ab⸗ rechnen. Ich weiß nicht, wer von uns Beiden dabei den Sieg davon tragen würde.“ „Mein Geliebter, ich will Dich belohnen, in⸗ dem ich Dir einen Talisman der Liebe gebe, wel⸗ cher das Andenken an mich ſtets wach bei Dir er⸗ halten wird.“ Sie trat einen Angenblick von dem Fenſter hinweg und holte eine Leibbinde, die ſie heimlich in ſtillen Nächten gefertigt und auf welche ſie ihre und Nephthal''s Namenszüge geſtickt hatte. „Nephthalh!“ ſagte ſie dann.„Beim Scheine dieſer Lampe habe ich dieſes leichte Machwerk ge⸗ „ . — — 5 ſtickt!— Trage es bisweilen! Und wenn wir dann getrennt ſind von einander, ſo möge es Dir Alles erzählen!“ Sie lächelte, während ſie die Binde in den Händen hielt, aber es lag in dieſem Lächeln eine gewiſſe Trauer. Es ſchwebte über ihre Korallenlippen, wie ein winterlicher Sonnenſtrahl über die entlaubten Bäume. Dieſes, aller Hoffnung ledige Lächeln, war wohl ein Bild ihrer Liebe; je mehr es den Aus⸗ druck der Reue trug, deſto mehr bewies es ihre Liebe zu Nephthalyh. „Clotilde,“ rief der Jude bekümmert zu ihr hinüber,„wie kann ich die Binde ergreifen?“ Ohne ein einziges Wort zu ſagen, warf Clotilde einen Blick auf den Juden, mit welchem ſie zu fragen ſchien: „Liebſt Du?“ Kaum hatte Nephthalh dieſen Blick geſehen, als er das Seil ergriff, mit welchem er ſich das Niederſteigen von ſeinem Felſen erleichterte, einen Stein an das Ende deſſelben befeſtigte und es 70 dann nach Clotildens Fenſter warf, indem er die Bitte hinzufügte, es an demſelben zu befeſtigen. „Was wollt Ihr beginnen, Nephthaly?“ „Lieber ſterben, als noch einen zweiten ſolchen Blick aushalten!“ „Nephthalh, ich befehle Euch—“ Vergebens war dieſe Drohung. Der Jude machte Miene, mit einem Sprunge den trennenden Zwiſchenraum zu überwinden. Da band Clotilde wider ihren Willen das Seil an dem Fenſterkreuze feſt, und Nephthaly ſtieg an der unſicheren Stütze empor. Clotilde zitterte dabei, aber noch mehr zitterte ſie, als ſich Nephthalh in ihr Fenſter ſetzte. Eine unerklärliche Furcht befiel ſie, aber ihre Unſchuld erlaubte ihr nicht, irgend eine Gefahr zu bemerken. Hätte ſie mehr Menſchenkenntniß beſeſſen, ſo würde ſchon die Achtung, mit welcher ſie von Nephthalh behandelt wurde, ihr bewieſen haben, wie ſehr ſie von ihm geliebt werde. „Gib mir die Binde, daß ich ſie mit meinen Küſſen bedecken kann.“ Clotilde ſchlang die Binde um den ſchönen 71 Juden, konnte aber dabei nicht unterlaſſen, mit ihren weißen Händen leicht durch Nephthaly's ſchwarze Locken zu fahren. Der Jude wurde trunken durch dieſe Berührung und neigte ſich mehr gegen die Geliebte; die Stirnen Beider ſtützten ſich gegen einander. Ihr ganzes Leben hindurch hätten ſie in dieſem Entzücken bleiben mögen, welches durch allen Reich⸗ thum des Schweigens und der befriedigten Liebe verſchönert wurde. „Clotilde, Du haſt mir ewige Treue geſchwo⸗ ren?“ fragte der Jude nach einigen Augenblicken. „Und wirſt Du auch Deine Schwüre halten?“ fragte ſie dagegen, indem ſie ihre Hand aus den Haaren des Isroeliten zurückzog. „Ach! wann wird der verlangte Augenblick kommen!“ war die einzige Antwort des Juden. Als Clotilde ihn ſeufzen hörte, ſagte ſie zu ihm: „Nephthaly, Du haſt nun Deine Binde; jetzt verlaß dieſen Ort.“ „Ich kann nicht.“ „Du mußt es.“ „Grauſame, was drängt Dich?“ 72 „Ich weiß es nicht.“ „Biſt Du nicht zufrieden?“ „Wohl bin ich es.“ „Was kannſt Du noch wünſchen?“ „Nichts; aber verlaß mich.“ „Warum?“ „Nephthaly, ich will es; das muß Dir ge⸗ nügen.“ „Du fürchteſt mich alſo?“ Auf dieſe Frage antwortete die Prinzeſſin mit einem Blicke, in welchem man ebenſowohl Ja, wie Nein leſen konnte. Vergebens würde man verſuchen, die himm⸗ liſche Freude zu ſchildern, welche der ſüße Einklang ihrer Herzen in dieſem Augenblick über ſie ausgoß. Es lag in dem ganzen Auftritte etwas, das un⸗ möglich beſchrieben werden kann! Da der Jude ſeiner aufwallenden Begierde nicht widerſtehen konnte, ſo neigte er ſich gegen den Alabaſter⸗Hals der Prinzeſſin und drückte einen fenrigen Kuß auf denſelben. Clotilde wäre gern böſe geworden, aber es fehlte ihr die Zeit dazu, denn ein leichtes Geräuſch B erſchreckte ſie, welches von dem Meere auszugehen ſchien. Es war, als würden die Wellen von den Ru⸗ dern eines Fahrzeugs getroffen. Der ſchöne Jude wandte ſeine Blicke nach dem Meere und erkannte weiße Segel, welche ſtill und ſchweigſam die See durchſchnitten, indem ſie in⸗ mitten der um ſie ausgegoſſenen Dunkelheit den nebelhaften Schatten eines Traumes glichen. Ein kalter Schweiß trat auf Clotildens Stirn und mit ſtarrem Schrecken blickte ſie auf den Juden. Dieſer aber ſtieg mit der Schnelligkeit eines Blitzes an dem Seile hinab, gelangte auf ſeinen Felſen und zog dann das Seil zurück. Er blickte nach den Schiffen, zählte zehn kleine Galeeren, eilte nach ſeinem Felſenriff und ſtürzte ſich in die Fluthen. Clotilde eilte an das Fenſter der andern Seite, öffnete daſſelbe und ſah, wie Nephthaly bemüht war, die Schiffbrücke eher zu erreichen, als die Unheil drohenden Fahrzeuge. Er gelangte auf die Esplanade, als die Sol⸗ 74 daten des Ungläubigen, welche in dem erſten Fahr⸗ zeuge waren, die Schiffbrücke erſtiegen. Nephthalh bewaffnete ſich mit den Trümmern einer Schaluppe, ſtellte ſich an den Anfang der Schiffsbrücke und bildete ſich einen Wall von los⸗ geriſſenen Planken, indem er zugleich die Brücke zu vernichten ſuchte, ehe der Feind ihn erreichte. Die Soldaten näherten ſich auf der Brücke, welche kaum einige Schritte breit war. Je drei und drei kamen ſie vertrauensvoll und ſchweigend heran. Als ſie an das äußerſte Ende der Brücke ge⸗ kommen und nun bereit waren, auf die Esplanade zu ſteigen, da erhob ſich Nephthaly und verthei⸗ digte, während Clotilde einen lauten Schrei aus⸗ ſtieß, mit Hilſe eines losgeriſſenen Brettes den Zugang. Die drei erſten Räuber waren in einem Augen⸗ blick niedergeſchmettert; dann wandte er ſich gegen die übrigen und vertheidigte den Zugang mit hel⸗ denmüthiger Tapferkeit. Die Soldaten, welche erſtaunt waren, da Wi⸗ derſtand zu finden, wo ſie keinen erwartet hatten, 75 und wegen der Dunkelheit nicht unterſcheiden konnten, ob Nephthaly allein ſei oder nicht, rann⸗ ten gegen einander und ſtürzten in das Meer. Ein neuer Horatius Cocles, verfolgte der Jude die Räuber; in einem Augenblick hatte er die Brücke geſäubert und kehrte dann an ſeine frühere Stelle zurück, indem er von neuem die Schiffbrücke zu zerſtören ſuchte. Aber neue Soldaten wurden ſchnell ausge⸗ ſchifft und ſtürzten ſich auf den heldenmüthigen Juden. 4* L gerieth in Verzweiflung über die To⸗ desgefahr, in welcher ihr Geliebter ſchwebte, lief laut ſchreiend durch ihre Gemächer und gelangte in ihr Vorzimmer, wo ſie Kaſtriota fand, den ſie mit ſich fortriß, indem ſie fortwährend rief: „Rettet ihn!— rettet uns!“ Erſchreckt eilte nun auch der Albaneſe an das Fenſter, und Clotilde zeigte ihm das nächtliche Gefecht. In dieſem Augenblick erlag Nephthaly der Uebermacht, vertheidigte ſich aber ſelbſt dann noch, als er von drei Johannitern ergriffen war, die ihn 76 kaum zu halten und am Schreien zu verhindern vermochten. Enguerry ſelbſt und Michel Angelo rannten die Thür zum Speiſeſaal ein, welche nur ſchwach widerſtand. Kaſtriota ſah, daß Caſin⸗Grandes rettungslos verloren ſei; er nahm daher die Prinzeſſin auf ſeine Arme und eilte mit ihr in die Zimmer des Königs, um die Lufignans zu retten, wenn noch Zeit dazu ſei. Er erweckte auch den Doctor Trouſſe, welcher ſchlaftrunken ſeine runde Maſchine nach dem Zim⸗ mer des Königs rollte. Kaſtriota riß Johann II aus dem Schlafe, bekleidete ihn mit ſeiner Dalmatica, nahm dann den Monarchen auf ſeine Schultern, ohne ſich un⸗ ter ſeiner Laſt zu beugen, ergriff auch Clotilde wieder, nahm den Säbel zwiſchen die Zähne und eilte dem Portale zu, indem er nebſt Trouſſe über die Gänge, die Treppen und die Höfe hin fort⸗ während ſchrie: „Zu den Waffen!— Nach dem Speiſeſaale!— Der Feind iſt da!“ Das war ein Donnerſchlag für Alle, und ſelbſt die Verſchlafenſten fuhren empor bei dem furcht⸗ baren Lärm, welcher entſtand. Das ganze Schloß zitterte, Fackeln wurden angezündet, und während die Menge ſich auf den Höfen verſammelte, ſchritt der muthige Kaſtriota mit ſeiner theuern Laſt dahin. Trouſſe erkannte wohl, daß der treue Albaneſe den König und deſſen Tochter ſicher verbergen wollte, und folgte ihm dahin, hoffend, daß er das Verſteck werde theilen können und dürfen. Alle Bewohner des Schloſſes eilten nach dem Speiſeſaale; ſie hatten ſich ſo gut, wie die Eile es erlaubte, bewaffnet, kamen aber nur an, um Zeu⸗ gen von dem Siege des Ungläubigen zu ſein. Vergebens läutete man die Sturmglocke,— vergebens ſtießen die Wächter in ihre Hörner,— Niemand kam dem unglücklichen Caſin⸗Grandes zu Hilfe. Nun ſtürzte die Menge nach dem Portale, um Rettung auf der Flucht zu ſuchen. Aber Enguerry war nicht der Mann, der eine Vorſichtsmaßregel hätte verſäumen ſollen; von der 78 Landſeite her nahten neue Haufen von Räubern, die ſich auf der Vorderſeite des Schloſſes aus⸗ breiteten. Jede Hoffnung war verloren! Die Johanniter hatten ganz Caſin⸗Grandes eingeſchloſſen,— die Gänge des Schloſſes erbeb⸗ ten unter den Schritten der Bewaffneten,— von den Mauern hallte das furchtbare Freudengeſchrei derſelben wieder. Enguerry ſtellte ſeine Soldaten mit einer Um⸗ ſicht auf, daß ihm Niemand entgehen konnte. Nachdem er eine Art von Hauptwache auf die Zug⸗ brücke geſtellt hatte, ordnete er ſeine Truppen in Pelotons, beſetzte jeden Gang, jedes Gemach, ſtellte allenthalben Schildwachen auf, ſelbſt auf den Thür⸗ men, auf der Esplanade, auf den Höfen; kurz, er verſicherte ſich aller Zu⸗ und Ausgänge des weit⸗ läufigen Schloſſes. Hier und da gab es noch Einzelkämpfe. Der Biſchof, Moneſtan, Verynel und die tapferſten Mannſchaften des Schloſſes vertheidig⸗ ten die Thür zu den königlichen Gemächern, weil 69 ſie glaubten, daß ſich der König mit ſeiner Tochter noch in denſelben befände. Aber der Ungläubige ſiegte hier, wie überall. Auf dem Hofe von Hugues, gerade der Ehren⸗ treppe gegenüber, bildeten die Kriegsknechte des Ungläubigen ein großes Viereck, in deſſen Mitte alle gefangen genommenen Bewohner von Caſin⸗ Grandes gebracht wurden. Unter den Gefangenen erblickte man mit Ver⸗ wunderung auch den kühnen Nephthalh, welcher die blutigen Arme gekreuzt und den Kopf auf die Bruſt geſenkt hatte. Nur der König, deſſen Tochter und Kaſtriota waren nicht zu ſehen. Jeder ſeufzte, als er ſah, wie die Johanniter mit Fackeln im Schloſſe umherliefen, um zu plün⸗ dern, wie ſie Feuer an das Taofelwerk legten, um verborgene Ausgänge und Schätze zu entdecken. „Wie viel Ausbeſſerungen wird es da geben!“ ſeufzte Bombans. „Sie werden unſre Pferde nehmen!“ klagte Kephalein. „Und die heiligen Gefäße entweihen!“ ſetzte Moneſtan mit einem gen Himmel gerichteten Blicke hinzu. „Sie werden unſre Waffen rauben!“ ſagte der betrübte Biſchof. „Ich habe die Geſchichte der franzöſiſchen Koch⸗ kunſt gerettet!“ rief Taillevant frohlockend und zeigte das werthvolle Manuſeript, das er in ſeinem Buſen geborgen hatte. So beklagte ſich Jeder nach ſeiner Art. Nur der Jude ſagte Nichts. Plötzlich wurde die Aufmerkſamkeit durch ein heftiges Geſchrei erregt, welches von dem Hofe ausging. „Ich bin ein Arzt!— tödtet mich nicht!— ich werde Euch euriren!“ hörte man ſchreien. Ein Haufen Kriegsknechte erſchien und brachte den Doctor nebſt Kaſtriota, welcher letztere von Blut bedeckt war und ſich noch mit dem Stumpfe ſeines zerbrochenen Säbels wehrte. Beide wurden in das Viereck geführt, Kaſtriota aber zuvor geknebelt. Der treue Albaneſe ſchleppte ſich an die Seite des ſchönen Juden. „Iſt ſie gerettet?“ fragte ihn Nephthalh leiſe. „Ich hoffe es,“ antwortete der wilde Krieger. „Gott ſei gelobt!“ rief Moneſtan aus. In dieſem Augenblick zeigte ſich Michel Angelo den Blicken der betrübten Bewohner von Caſin⸗ Grandes. Er muſterte die Gefangenen mit einem Lächeln, welches den Ausdruck einer hölliſchen Bosheit trug. Der Schein ſeiner Fackel verlieh ihm das Anſehen eines Satans, welcher eben erſt der Hölle ent⸗ ſtiegen iſt. „Nun, Ihr klugen Miniſter,“ ſagte er,„ich wollte Euch nur den Rath geben, ſolche Zugbrücken in der Folge zu rechter Zeit wieder zu zerſtören!— Habe ich Euch nicht geſagt, daß meine Anweſen⸗ heit im Schloſſe Euch unvergeßlich ſein ſollte? Fürchtet indeß nichts, es wird Euch kein größeres Uebel widerfahren, als der Tod.“ „Der Tod!“ wiederholte Trouſſe. Die übrigen Gefangenen behaupteten jene Würde, welche dem Unglück ſo wohl ſteht. Iul. 6 „Ich ſehe aber die Blume von Caſin⸗Grandes nicht,“ fuhr der Venetianer fort,„und eben ſo wenig ſehe ich die fleiſchgewordene Hoheit, den Ertract der Tugend, König von Cypern genannt. Und doch müßte die verliebte Clotilde wenigſtens zugegen ſein, da ich ihren Liebhaber hier ſehe.“ Die erſtaunte Verſammlung richtete ihre Blicke auf den Juden, aber Michel Angelo fuhr fort: „Sollten ſie durch mein Gift in die andere Welt geſandt ſein?— Oder ſind mir die Vögel entflogen?“ „Wo iſt der König mit ſeiner Tochter?“ fragte der Ungläubige, der jetzt ebenfalls herbeikam. „Ihr tugendhafteſten Leute,“ nahm der Ita⸗ liener wieder das Wort,„wenn Ihr das Leben liebt, ſo ſagt uns, ob Euer König nebſt ſeiner Tochter geſtorben iſt?“„ „Nein,“ antwortete Trouſſe. „Wenn Du nicht ſchweigſt, ſo erwürge ich Dich!“ herrſchte ihm der Albaneſe zu. „Vetterchen,“ ſagte der Italiener zu dem Un⸗ gläubigen,„wir müſſen das Schloß nochmals —————— durchſuchen und dann nöthigenfalls das letzte Mittel anwenden.“ Der Ungläubige war ſo in die Betrachtung der geraubten Schätze vertieft, daß er die Worte des Italieners kaum hörte. 6* XNv. Der falſche Enguerry wußte ſeiner Freude kaum Herr zu werden, als er den Schatz des Kö⸗ nigs, das zahlloſe Gold⸗ und Silbergeräth, die goldne Baluſtrade und viele andre Reichthümer erblickte. Schon ſah erſich im Geiſte an der Spitze eines mächtigen Heeres und reich genug, ein ganzes Kö⸗ nigreich zu erobern, was von jeher ſein höchſter Wunſch geweſen war. Michel Angelo mußte ſeine ganze Geſchicklich⸗ keit aufwenden, um zu verhindern, daß Enguerry nicht ſofort mit allen ſeinen Schätzen von Caſin⸗ Grandes abzöge. Endlich gelang es ihm, denſelben bei dem wah⸗ ren Zweck der Unternehmung feſtzuhalten, welcher 85 doch kein anderer war, als die Gefangennahme des Königs und ſeiner Tochter. „Vetterchen,“ ermahnte er den Ungläubigen, es wird Zeit zum Handeln. Der Tag bricht an und Ihr wißt, daß die böſen Geiſter nur bei Nacht thätig ſind.“ „Ich bin befriedigt, mein Bundesgenoſſe,“ antwortete Enguerry. „Aber ich bin es noch nicht.“ „Tauſend Teufel, willſt Du mir Geſetze vor⸗ ſchreiben?“ „Wollen wir uns etwa gegen einander erzür⸗ nen?“ fragte der Venetianer mit dem Ausdruck ſeiner gewöhnlichen Heiterkeit.„Wenn wir da zehn Millionen haben, ſo laß uns den König von Cypern nebſt ſeiner Tochter noch aufſuchen, weil die gewiß noch zwölf Millionen haben, und ein Ueberſchuß am Guten nie ſchaden kann.“ In Folge dieſer weiſen Bemerkung wurde der Hugues⸗Flügel des Schloſſes nochmals mit der peinlichſten Genauigkeit durchſucht. Der Vene⸗ tianer ließ das Holzgetäfel abreißen, und die 86 Säulen, Mauern und Fußböden anbohren, um geheime Auswege aufzufinden. Als er die Vergeblichkeit dieſer Bemühungen erkannte, verſiegten die Scherze, mit denen er ſonſt die Kriegsknechte ſtets aufzumuntern wußte. Aus dem Hugnesflügel ging man in den Me⸗ luſinenflügel, das heißt, in die Reihe von Ge⸗ mächern, welche ſich nach der Kokette erſtreckte. Allein auch hier waren die Nachforſchungen ohne Erfolg, und als auch der Luſignanflügel, welcher mit dem Meluſinenflügel parallel lief, und der herzogliche Flügel, der die beiden Höfe ſchied, vergebens durchſucht waren, fluchte der Italiener wie zehn Heiden. 3 Nun blieb nur noch der Flügel Montreuille, das heißt die Vorderſeite des Schloſſes, zu durch⸗ ſuchen. Dieſe hatten den erwähnten Namen er⸗ halten, weil es der Sohn des berühmten Bau⸗ meiſters dieſes Namens geweſen war, der Caſin⸗ Grandes erbaute, und aus einem Gefühl kindlicher Ehrfurcht dieſer Reihe von Zimmern den Namen ſeines Vaters ertheilte, gleichſam um denſelben zum Theilnehmer ſeiner Arbeiten zu machen. 87 . Der Ungläubige, Michel Angelo und deren Gefährten hatten bald auch dieſes Gebäude durch⸗ ſucht, jeden Winkel durchforſcht, jede Mauer durchſtochen, jeden Fußboden angebohrt,— und ihre Wuth war ohne Gleichen, als ſie erkannten, daß der König mit ſeiner Tochter ihnen entgan⸗ gen ſei. „Es wird das Beſte ſein, unſere Schätze heim⸗ zuführen,“ ſagte der kluge Enguerry, der unab⸗ läſſig nach ſeinen Schätzen ſchaute. „Beim heiligen Marcus,“ rief dagegen der Italiener,„nicht eher ſoll Jemand von hinnen, bis wir den König haben, oder ich werfe Feuer in das Schloß!“ „Wenn es aber unmöglich iſt, den König zu finden?“ „Ich ſpotte jeder Unmöglichkeit!— Hölle, hilf mir!— helft mir, Ihr Teufel!— Werdet Ihr mir nun folgen?“ donnerte er dann die durch ſeine Wuth erſchreckten Kriegsknechte an. Sie kehrten zu den Gefangenen zurück, wäh⸗ rend der öſtliche Himmel ſich zu röthen begann. 88 „Was willſt Du nun beginnen?“ meinte der Ungläubige. „Du wirſt es ſehen!“ antwortete der Ita⸗ liener. Dann wandte er ſich an die Gefangenen: Verderbt mir das Spiel nicht, denn ich habe meine Seele der Verdammniß übergeben zum Beſten der erlauchten Republik Venedig, und was ich Euch jetzt verſpreche, iſt ſo gewiß, wie meine Geburt. Meine liebſten und thenerſten Freunde, Ihr habt mir geſagt, der König Johann II. und ſeine Tochter wären nicht geſtorben, und es iſt alſo klar, daß ſie von Euch verſteckt ſind.“ Die Blicke der Meiſten richteten ſich auf Kaſtriota. Michel Angelo fuhr fort: „Ich erkläre Euch hiermit, daß es mir die größte Freude machen ſoll, die ordentliche und außerordentliche Folter gegen Euch anzuwenden, bis mir Einer von Euch das Verſteck des Königs und Clotildens bekannt haben wird.— Nun be⸗ „denkt Euch wohl, wenn Ihr Euch die Martern erſparen wollt.“ — 89 5 Die Bewohner von Caſin⸗Grandes hatten den Muth zu ſchweigen, und Moneſtan begann zu beten. „Wohlan! ſo wollen wir die Martereiſen in das Feuer legen!“ ſagte Enguerryh. Michel Angelo muſterte die Gefangenen, um den erſten Märtyrer zu wählen. Unglücklicher Weiſe fiel ihm zuerſt Bombans in die Augen. Auf einen Wink des Italieners ergriff ein Jo⸗ hanniter den armen Intendanten, welcher jam⸗ mernd ſeine Lieblingsworte ausrief: „Das hatte ich wohl geſagt, daß mir ein Un⸗ glück widerfahren würde!“ „Muth, Meiſter Bombans!“ rief Moneſtan ihm zu. „Gnädiger Herr, ich beſitze deſſen eine ziem⸗ liche Gabe, und ſchade nur, daß man keinen Han⸗ del damit treiben kann.“ Joſette begann zu weinen. Man führte Herkules Bombans vor Michel Angelo, Enguerrh und Nicol. „Reißt ihm die Nägel ab,“ ſagte der Italiener 90 kaltblütig,„einen nach dem das koſtet ihm kein Geld.“ Die von einem Schauder durchbebten Gefan⸗ genen drängten ſich enger an einander. „Herr Teufel,“ ſagte Bombans,„erlaubt mir, meiner Tochter noch ein letztes Wort zu ſagen.“ Die drei Männer nickten mit dem Kopfe und der Intendant wurde zu der ſchluchzenden Joſette geführt. „Mein Kind,“ ſagte der Geizhals leiſe zu ſei⸗ ner Tochter,„wenn ich ſterben ſollte, ſo begib Dich mit dieſer Anweiſung nach Aix zu dem Ju⸗ den Nathanael.“ Dabei zog er aus dem Futter ſeines Ober⸗ rockes ein vierfach zuſammengelegtes und ſorgſam in ein kleines Stück Kupfer gewickeltes Papier, welches er ſeiner Tochter in die Hand drückte, ohne daß es Jemand bemerkte. Dann fuhr er fort: „Nimm hin, meine Joſette, verwalte mein Vermögen, verſchwende es nicht, ſondern ſpare und ſammle!— Nun leb wohl!“ Er umarmte Joſette noch ein Mal und wurde dann vor die drei Commandanten zurückgeführt. Ein Kriegsknecht, deſſen Herz ohne Zweifel verſteinert war, riß ihm alle Nägel, einen nach dem andern, und jeden auf andere Weiſe, ab. Wir müſſen geſtehen, daß, wenn der muthige Bombans Thränen vergoß, ſolches vielmehr eine Klage des erliegenden Körpers war, als eine Klage, welche durch die Kleinmüthigkeit des Her⸗ zens hervorgelockt wurde. „Muth!“ rief ihm der Biſchof zu,„das Pa⸗ radies ſteht Euch offen!“ „Werde ich dort mein Geld wieder finden?“ fragte Bombans. „Ja!“ antwortete Kephalein. Dieſe Antwort ſchien Balſam in die Wunden des gemarterten Intendanten zu träufeln. „Geſtehe, wo der König iſt!“ forderte ihn der Italiener auf. „Ich habe keinen andern König, als den im Himmel!“ „Alſo kannſt Du noch ſcherzen!“ wüthete der Ungläubige.„Schnürt ihm die Daumen zu⸗ ſammen.“ Die beiden Räuber ſchlangen eine dicke Schnur um die beiden Daumen des Intendanten und ſteck⸗ ten ein Reitelholz durch dieſelbe, um durch Um⸗ drehen deſſelben die höchſtmögliche Zuſammen⸗ ſchnürung zu bewerkſtelligen. Bald ward die Schnur von Blut geröthet, und der Intendant ſtöhnte und ächzte, während er in krampfhafte Zuckungen verfiel, durch welche die Räuber und die ohne Aufſicht umherlaufende Ma⸗ rie zum Lachen gereizt wurden. „Siehſt Du,“ ſagte Marie,„das kommt da⸗ von, wenn man den Leuten ihre goldenen Ketten ſtiehlt!“ Man erkannte deutlich, daß der Intendant eine Linderung fühlte, indem er an die ſo leichten Kaufs erlangte goldene Kette dachte. „Wirſt Du geſtehen?“ fragte Michel. „Ich werde kein Geld mehr zählen können!“ ſeufzte Bombans, als er ſeine beiden Daumen ganz zerquetſcht ſah. Auf einen Wink des Italieners wurden jetzt 93 auch die Zeigefinger des unglücklichen Intendanten zuſammengequetſcht, und die unbarmherzigen Hen⸗ ker trieben es ſo weit, daß ſie bald nur noch die Dicke eines Blattes Papier hatten. Nachdem auch die andern Finger des Gemar⸗ terten in gleicher Weiſe zerquetſcht waren, rief er aus: „Nun kann ich keine Rechnungen mehr ſchrei⸗ ben!— Nun iſt es um meine ganze Rechtſchaf⸗ fenheit geſchehen!“ „Verdammter!“ fluchte Enguerry;„wirſt Du uns nun ſagen, wo Dein König iſt?“ „Ich weiß es nicht.“ Der Ungläubige befahl nun ſeinen Soldaten, den Intendanten trinken zu laſſen. Die Henker legten ihn auf den Rücken, ſetzten ihm einen Trichter in den Mund und goſſen durch dieſen mehrere Maß Waſſer, ohne auf die gräß⸗ lichen Qualen des Unglücklichen zu achten. Dann wiederholte der Ungläubige ſeine Frage, während der Intendant nur durch ein Zeichen ant⸗ wortete, daß er nichts wiſſe. 94 Sein todtenhaftes Ausſehen deutete darauf, daß er in den letzten Zügen liege. „Haltet ein, Freunde!“ rief jetzt Michel An⸗ gelo;„wir wollten ihn nur martern, denn an ſei⸗ nem Tode kann uns nichts gelegen ſein.“ „Warum nicht?“ fragte Enguerry. „Bedenkt, daß er Intendant, daß er reich iſt; Er kann uns Löſegeld zahlen, und ſo wahr mich der Teufel holen ſoll! für hunderttauſend Pfund laſſen wir ihn frei, da er einer von meinen Freun⸗ den iſt.“ In Folge dieſer weiſen Bemerkung wurde Bombans aufgehoben und zu den übrigen Gefan⸗ genen zurückgebracht. „Der König und der Ewige werden Euch für Euer Märthrerthum lohnen,“ ſagte Moneſtan zu dem Unglücklichen. „Hoffentlich in baarem Golde!“ antwortete Bombans.. Joſette hatte das Haupt ihres Vaters auf ihre Arme genommen und lehnte es an ihre Bruſt. Dann zerriß ſie ihr Kleid, um mit den Fetzen des⸗ ſelben die Wunden ihres Vaters zu verbinden. 95 Bombans blickte ſeufzend auf das arme Kleid, und ſobald er wieder Kräfte genug beſaß, um zu ſprechen, ſagte er: „Meine Tochter, gib mir den Schuldſchein von Nathanael zurück; Du könnteſt ihn ver⸗ lieren.“ Der verzweifelnde Venetianer ſuchte ein ſchwächeres Opfer. Der zitternde Arzt hatte ſich vor den forſchen⸗ den Blicken, welche der Italiener aus ſeinen kleinen grünen Augen ſchoß, hinter dem Amts⸗ gewande des kriegeriſchen Hilarion verborgen. „Ei!“ rief Michel Angelo plötzlich aus,„was iſt denn aus dem talentvollen Arzte, aus dem be⸗ rühmten Tronſſe, dieſem Lichte der Medizin ge⸗ worden?“ „Er wurde mit dem verdammten Albaneſen zugleich eingebracht,“ verſetzte Enguerryh. „Aber ich ſehe ihn nicht,“ fuhr der Venetia⸗ ner fort,„und dennoch— hol' mich! ſtraf mich! — wäre er gerade der Mann, deſſen wir bedür⸗ fen. Jene andern Leute ſind ſämmtlich ſchwach⸗ köpfig genug, jede Marter zu ertragen und lieber zu 96 ſterben, als das Verſteck ihres Königs zu ver⸗ rathen. Eine ſolche Albernheit nennen ſie Ehre!“ Moneſtan erhob ſeine Augen gen Himmel. Trouſſe aber— Der Biſchof war genöthigt, ſeine Naſe zuzu⸗ halten und voll Abſcheu zur Seite zu treten. Durch dieſe Bewegung wurde der unglückliche Arzt verrathen. „Ha! da iſt er!“ rief Michel Angelo ju⸗ belnd aus. Die Blicke Aller wandten ſich nach Trouſſe, welcher ſtotternd antwortete: „Ich ich Kaſtriota erkannte die Gefahr, kroch, ſo ſchnell es ſeine Feſſeln erlaubten, zu dem Arzte, packte ihn und verſuchte, ihn zu erwürgen. „Hilfe!— Hilfe!“ ſchrie Trouſſe. Die Johanniter befreiten Trouſſe um ſo ſchneller, als erſichtlich war, daß mit ſeinem Tode alle Hoffnungen verloren ſein würden. Der Arzt wurde nebſt dem Albaneſen vor Enguerry und Michel Angelo geführt. Unter den Gefangenen aber entſtand die größte — Angſt, denn ſie erkannten, daß Trouſſe die Tortur nicht lange aushalten, ſondern das Verſteck des Königs und ſeiner Tochter ſehr bald verrathen würde. 12 Die treuen Unterthanen vergaßen das eigene Unglück, indem ſie nur an Johann II. und Clo⸗ tilde dachten; daher wandten ſich Aller Blicke nach den beiden neuen Märthrern. Die Kriegsknechte des Ungläubigen hatten in⸗ deß die Plünderung des Schloſſes vollendet, und Alles, was für ſie Werth hatte, auf die zur Ab⸗ fahrt bereit ſtehenden Wagen geladen. „Ach! meine Herren Soldaten!“ flehte Trouſſe,„ich will Euch ein Elixir bereiten, durch das Ihr hundert Jahre alt werden ſollt—“ „Muth!“ riefen ihm die Gefangenen zu. „Wollt Ihr mir ſagen, mein Freund,“ redete Michel Angelo den Doctor an,„wohin ſich der König mit ſeiner Tochter geflüchtet hat?“ „Ich!“ „Ja, Du!“ „Ich weiß nichts!“ II. 7 98 „Es lebe Trouſſe!“ riefen die übrigen Ge⸗ fangenen einſtimmig. Die Ermuthigungsverſuche des unglücklichen Häufleins überzeugten Michel und den Ungläu⸗ bigen, daß Trouſſe das Verſteck des Königs kenne, und da der Venetianer ſeinerſeits den Arzt kannte, ſo zweifelte er nicht mehr am Erfolge. „Nun, Du Hypokrates des fünfzehnten Jahr⸗ hunderts,“ redete er den Armen an,„wähle jetzt zwiſchen der Marterbank, dem Waſſer, dem ſie⸗ denden Oele und der Marderfalle dasjenige, was Deine Nerven am wenigſten angreift.“ „Ich mag nichts von dem Allem,“ antwortete Trouſſe. „Wir müſſen uns beeilen, Vetterchen,“ er⸗ innerte Enguerrh,„denn die Sonne iſt ſchon auf⸗ gegangen.“ Damit gab er Nicol ein Zeichen, daß er ſchnell an das Werk gehe. Der gefühlloſe Lieutenant des Ungläubigen legte den Arzt auf ein großes Brett, band ihn auf demſelben feſt und ſteckte dann zwiſchen ſeine Beine noch andere Bretter, welche er mit großen Schnü⸗ ren zuſammenzog, ſo daß Beine und Bretter gleichſam zu einem Körper wurden. Dann ergriff der ſchreckliche Henker noch ein anderes Stück Holz, welches keilförmig ausge⸗ hauen war, und trieb es mit einem Hammer zwi⸗ ſchen die Bretter, welche ſich zwiſchen den Beinen des Arztes befauden, ohne auf deſſen Wehgeſchrei zu achten, von welchem das ganze Schloß wieder⸗ hallte. Auch Kaſtriota wurde auf einer eiligſt bereite⸗ ten Marterbank ausgeſtreckt, und vier Kriegs⸗ knechte wandten alle ihre Kräfte an, die Glieder des muthigen Albaneſen aus einander zu recken. „Ich ſterbe— ich bin todt!“ ſchrie Trouſſe, als der zweite Keil zwiſchen ſeine Beine getrieben wurde. In der That krachten die Knochen ſeiner Beine und der Jude, ſowie die drei Miniſter, fürchteten, daß es nun um den König und ſeine Tochter ge⸗ ſchehen ſei. „Ei, großer Aeskulap,“ ſpottete der Italiener, „beweiſt doch jetzt die Richtigkeit Eures Syſtems. Wendet Eure Gedanken auf andere Dinge; bildet 7* —0 Euch ein, Ihr fühltet Euere Schmerzen nicht, und Ihr werdet ſie nicht mehr fühlen.“ Dann fuhr er gegen Nicol gewandt fort: „Der Doctor fühlt nichts; treibt noch einen Keil ein.“ „Großer Gott! ich ſterbe!“ ſchrie Trouſſe. „Dulde und ſchweige!“ ſagte Kaſtriota. „Geſtehe, wo der König iſt, und es wird Dir nichts weiter widerfahren,“ ſagte dagegen Nilol zu dem Arzte. „Muth!“ rief dagegen der Biſchof, als er den Arzt zu einem Bekenntniß geneigt ſah,„ich vergebe Euch alle Eure Sünden!“ „Gott wird Euch unter ſeine Heiligen aufneh⸗ men!“ verſicherte Moneſtan. „Die Luſignans werden Dir ein Denkmal er⸗ richten!“ rief der Intendant. „Und ich werde das erſte Ragout, das ich wie⸗ der entdecke, nach Eurem Namen nennen,“ be⸗ merkte Taillevant. „Lieber will ich leben und das eſſen,“ entgegnete Trouſſe. „Iſt Euch Ruhm und Ehre gleichgiltig?“ fragte der ſchöne Jude. „Ich ermorde Dich, wenn ich Deine Treulo⸗ ſigkeit überlebe!“ drohte der Albaneſe. Indeß trieb Nicol mit dem größten Eifer den dritten Keil zwiſchen die Beine des Arztes. „Noch fünf Minuten,“ tröſtete der ſchöne Jude,„und Du ſtirbſt, ohne Deinen König zu verrathen.“ „Ich ſterbe?“ wiederholte Trouſſe entſetzt. Dann wandte er ſich in kindlicher Unſchuld an ſeine Henker und fragte: „Wird man mich wirklich ſterben laſſen, wenn ich nicht bekenne?“ „Allerdings!“ antwortete Enguerry in wildem Tone. Zugleich zog Michel Angelo ſeinen Degen und bewegte die Spitze deſſelben langſam nach dem Herzen des Arztes. „Gnade!— Gnade!“ ſchrie Trouſſe in dieſem Augenblick.„Bindet mich los, und ich werde Euch zu dem Verſteck des Königs führen!“ Nicol beeilte ſich, den Doctor zu befreien, und ein Wehklagen wurde unter den Gefange⸗ nen laut. „Unglücklicher!“ rief der Jude verzweifelnd aus,„warum kann ich nicht an Deiner Stelle leiden!“ Trouſſe blieb taub gegen alles Andere, als die Forderungen ſeines eigenen Ich. Kaum war er befreit, als er dem erſten Hofe zuſchritt, begleitet von Michel und geführt von dem Ungläubigen und Nicol. Die Bewohner von Caſin⸗Grandes erſtarrten vor Schrecken, und Kaſtriota weinte gleich einem Kinde. Ein Johanniter befreite dagegen den Albaneſen von ſeinen Martern, weil er die Ueberflüſſigkeit derſelben erkannte. Der feige Arzt, fortwährend in Furcht gehal⸗ ten durch Michels Degen, führte das frohlockende Triumphirat nach der Zugbrücke. Nicol zog dieſelbe auf und man bemerkte den ehrwürdigen Johann II. nebſt der ſchönen Clotilde, welche in einer Senkung des Schloßgrabens ſaßen, während Reiſig um ſie her aufgehäuft war. „Soll mich der Teufel holen!“ rief Enguerry aus,„wenn ich je auf den Einfall gekommen wäre, das Pärchen hier zu ſuchen.“ „Victoria! Victoria!“ rief der Italiener, ſprang hoch empor und klatſchte in die Hände. Trouſſe wurde dagegen von einem Schauder ergriffen, vermochte Clotildens ſchmerzvollen Blick nicht zu ertragen und ſeufzte: „Wäre ich doch lieber geſtorben!“ „Das hängt nur von Dir ab,“ entgegnete Enguerry und erhob ſein Schwert gegen ihn. „Gnade! Gnade!“ bat darauf der Arzt,„ich wußte nicht, was ich ſagte.“ Als der König nebſt ſeiner Tochter auf den Höfen erſchien und der Verräther Trouſſe nebſt den Räubern ihnen folgte, erhob ſich ein lautes Gemurr des Unwillens unter den gefangenen Be⸗ wohnern von Caſin⸗Grandes. Clotilde aber ſuchte mit ihren Augen den ſchö⸗ nen Israeliten, und ein Strahl der Freude er⸗ glänzte in ihren Augen, als ſie ihn erblickte. Eine reizende Röthe ergoß ſich über ihr vorher „ 104 ſo bleiches Antlitz, und ihr Blick ſchien Nephthaly ſagen zu wollen: „Wir werden mit einander ſterben!“ Johann II. behauptete aber inmitten ſeines Unglücks eine ſo würdevolle Haltung, daß er einem römiſchen Senator aus jener von den Galliern er⸗ mordeten Verſammlung glich. Die Johanniter ließen nun ſofort die ſämmt⸗ lichen Gefangenen auf die zur Abfahrt ſchon ſtehenden Wagen ſteigen. Man brachte den König, ſeine Tochter, die drei Miniſter, den Juden, Bombans und Trouſſe auf denſelben Wagen, und Michel Angelo ſorgte da⸗ für, daß Clotilde und Nephthalh neben einander ſaßen. „Es iſt nöthig,“ ſcherzte er,„daß die beiden Liebenden einander ihr Lebewohl ſagen, denn ſie haben nicht lange mehr zu leben!“ „O, hätte ich meinen Säbel!“ ſeufzte Kaſtriota; „wie wollte ich dieſen Vetkeumder züchtigen!“ Die drei Miniſter blickten erſtaunt nach der Prinzeſſin und Nephthalh, welche ihre Angen in —— —,——— einer ſolchen Weiſe ſenkten, daß die Worte des Italieners gerechtfertigt erſchienen. Die armen Bewohner von Caſin⸗Grandes ſagten mit Blicken und Worten dem Schloſſe ein Lebewohl und ſchauten fortwährend nach demſelben, bis ſie mit der Umbiegung um den Hügel der Lie⸗ benden es aus den Augen verloren. In Caſin⸗Grandes war es öde und ſtill ge⸗ worden. Athemlos und von Schweiß triefend kam der Ziegenhirt Raoul über das Gefilde herbeigelaufen. Er lief über die geſenkte Brücke und durch die offen ſtehenden Pforten auf die Höhe und erblickte die troſtloſen Spuren der Verwüſtung. Durch die Länge der Zeit geheiligte Ruinen haben etwas Poetiſches und erfüllen das Herz mit ſchwärmeriſcher Wehmuth, aber Ruinen, welche noch den friſchen Eindruck der Zerſtörung tragen, vermögen nur Trauer und Grauſen zu erwecken. Raoul irrte lange umher, bis er endlich ein leichtes Geräuſch aus einem der Ställe vernahm. Er ließ ſeine Schritte von demſelben leiten und 6 fand den alten Gaul des Intendanten, der von den Räubern verſchmäht war. Der junge Hirt, welcher nicht länger über das zweifeln konnte, was hier vorgefallen war, beſtieg das vierzigjährige Thier und zwang es, noch ein Mal in ſeinen alten Tagen zu galoppiren, indem er die Straße nach Aix einſchlug. Etwa eine Meile von Aix traf er mit einem Greiſe zuſammen, welcher aber ſein muthiges Roß mit ſolcher Gewandtheit lenkte, daß man leicht den ergrauten Krieger in ihm erkannte. „Seid Ihr es?“ fragte der Greis. „Caſin⸗Grandes iſt genommen!“ erwiderte der Ziegenhirt. „Himmel! der Unkluge!“ rief der Greis aus. „Laßt uns eilen! laßt uns fliegen!“ Beide galoppirten der Hauptſtadt der Provence entgegen und verſchwanden bald hinter den Wol⸗ ken von Staub, welche unter den ihrer Roſſe XXVI. Als der Zug der Gefangenen die Stelle am Hügel der Liebenden erreicht hatte, wo Clotilde und Nephthaly einander zum erſten Male ſahen, machten Beide durch Blicke, welche jeden Reiz der Schwermuth trugen, darauf aufmerkſam. Clotilde ſtützte ſich leicht an die Schulter des Geliebten, die Locken ihrer Haare miſchten ſich mit einander, und ſie allein unter den Gefangenen waren es, welche mittelſt dieſer ſtummen Sprache eine Blume inmitten dieſer öden Gefilde des Un⸗ glücks pflückten. Waren ſie doch jetzt mit einander vereinigt! Konnten ſie doch einander ſehen! einander berüh⸗ ren! Mehr verlangt ja die Liebe nicht. „Ich leide!“ ſeufzte Trouſſe, da durch die Stöße des Wagens die Schmerzen ſeiner zerquetſchten Beine vergrößert wurden. „Du leideſt, was Du verdient haſt, Verräther!“ entgegnete der Biſchof.„Entferne Dich an das äußerſte Ende des Wagens, denn wir leiden mehr, als Du, weil wir in der Nähe eines Judas ſein müſſen!“ „Schmäht ihn nicht,“ verwies der König mit ruhigem Tone.„Er that nur, wozu ſeine Natur ihn veranlaßte. Wir Alle ſind nur Werkzeuge in den Händen des Höchſten. Die Verhältniſſe, unter denen wir in das Leben eintreten, die Er⸗ ziehung, welche wir erhalten, der Umgang, welcher unſre Bildung beeinflußt, die Körperbeſchaffenheit, welche uns zu Theil geworden, die geiſtigen An⸗ lagen, mit denen uns der Ewige beſchenkt— das ſind die Quellen, aus denen unſere Neigungen und Handlungen, ſo die böſen, wie die guten, entſprin⸗ gen. Daher befolgt die Warnung des Erlöſers und richtet nicht, wenn Ihr nicht gerichtet ſein wollt.— Beruhigt Euch, Meiſter Trouſſe; wir verzeihen Euch, denn Ihr vollbrachtet nur, was der beſchloſſen hatte, ohne deſſen Willen kein Sper⸗ ling vom Dache fällt.“ Dann fuhr der Monarch gegen ſeine Mini⸗ ſter fort: „Meine Herren, wir befinden uns unter ſehr ſchweren Verhältniſſen.“ „Unter ſehr ſchweren!“ wiederholte Kephalein, der indeß die gewöhnliche Sorgloſigkeit ſeines Charakters auch jetzt bewahrt hatte. „Das kommt daher, daß wir keine dreißigtau⸗ ſend Mann haben,“ ſagte der Biſchof. „Vertrauen wir der Vorſehung!“ ermahnte Moneſtan.„Ergebung iſt die erſte Tugend des Weiſen.“ „Was mag aus dem ſchwarzen Ritter gewor⸗ den ſein?“ fuhr der König fort.„Allein, unter⸗ werfen wir uns der Hand, welche uns züchtigt.“ „Ach!“ ſeufzte Bombans,„man hat Alles ge⸗ plündert und ſo durcheinander geworfen, daß es unmöglich ſein wird, eine Inventur aufzunehmen.“ *„Wozu das auch?“ entgegnete der Monarch. Bombans war getröſtet, denn er bedachte, daß ihm nun keine einzige ſeiner Veruntreuungen nach⸗ gewieſen werden könnte. „Sie werden den Stuhl der Meuſine zer⸗ brochen haben!“ fuhr der König fort. „Und den von der heiligen Jungfrau geſtickten Teppich, die köſtlichſte Reliquie der Chriſtenheit, werden ſie verbrannt S ſetzte Moneſtan hinzu. „Alle unſre Waffen haben ſie mitgenommen!“ klagte Hilarion. „Und mein Pferd!“ rief jetzt auch Kephalein in wehmüthigem Tone aus, als er Michel Angelo auf Windesflügel um den Wagen herum reiten ſah. „Und ich trage von dem Allen die Schuld!“ ſagte der ſchöne Jude in Clotildens Ohr.„Allein vielleicht gelingt es mir, Alles wieder gut zu machen.“ „Und wie, Nephthaly?“ „Dieſer iſt meine einzige Hoffnung,“ entgeg⸗ nete der Jude, und zeigte Clotilden einen plumpen ſilbernen Ring, den er an dem Zeigefinger der linken Hand trug.„Aber ich ſchwöre, mich nie wieder ähnlichen Gefahren auszuſetzen, wenn es mir gelingt, der gegenwärtigen zu entgehen.— Ach! Clotilde, was habe ich gethan!“ „Wer ſpricht mit unſrer Tochter?“ fragte der König. „Der Jude Nephthalh,“ antwortete Bombans. „Himmel!“ rief Johann II. aus,„ein Jude an unſrer Seite!“ „Und ſie lieben ſich!“ fügte Michel Angelo hinzu, der eben neben dem Wagen ritt. „Iſt das wahr, meine Tochter?“ fragte der alte Monarch. Clotilde antwortete nicht, und Johann II. ließ ſein Haupt wehmüthig auf die Bruſt ſinken. Aber Kaſtriota ſchrie ſogleich dem Venetianer zu: „Ehrloſer Schandbube! willſt Du auch noch die fleckenloſe Reinheit meiner Wohlthäterin an⸗ ſchwärzen?— Ha! wenn ich meinen Säbel hätte!— Stirb, Kaſtriota, denn du mußt ſehen, wie dein König verſpottet wird, und kannſt ihn nicht rächen!“ Der König ſchien bei dieſen Worten wie aus einem Traume zu erwachen und überließ ſich der Hoffnung, daß die Worte des Venetianers nur eine Verleumdung geweſen wären. Die Miniſter ſchrieben das Roth, welches ſich über Clotildens Antlitz ergoſſen hatte, der Ent⸗ rüſtung über die geſchehene Anklage zu. Clotilde aber entfernte ſich unmerklich von dem Juden, wodurch die beiden Liebenden indeß nicht verhindert wurden, einander fortwährend verſtohlene Blicke zuzuwerfen. Schon betrachtete die Prinzeſſin ihr Unglück als die Quelle ihres Glücks und tröſtete ſich: „Wenn ich arm bin, ſo werde ich ihn heirathen können!“ „So lange wir noch auf dem Wege ſind, bleibt uns die Hoffnung, von dem ſchwarzen Ritter be⸗ freit zu werden,“ bemerkte der Biſchof. Michel Angelo hatte dieſe Worte gehört und fühlte die ganze Wahrheit derſelben. Er befahl größere Eile, und bald erblickte man die finſtern Zinnen und Thürme von Enguerry's Burg. Eine halbe Stunde ſpäter zogen die unglück⸗ lichen Gefangenen unter dem Thore der Burg hindurch. PEs war ihnen, als ſagten ſie dem Leben einen Abſchied auf ewig, da die Zugbrücke hinter ihnen emporſchwebte. Alle blickten einander an, aber Keiner wagte ein Wort zu ſagen. „Wird es möglich ſein, in dieſem Lumpenneſte auch nur ein vernünftiges Ragout für den König zu bereiten?“ fragte Taillevant. Während man die geringern Gefangenen in die Keller der Burg warf, führte man den König, ſeine Tochter, die drei Miniſter, den ſchönen Ju⸗ den, Bombans, Trouſſe, Joſette, Taillevant, Marie, Kaſtriota und die übrigen zum Hofſtaate Gehörenden in den Saal des Erdgeſchoſſes. Der ſchreckliche Enguerry erſchien bald vor den Genannten, nachdem er zuvor ſeinen Antheil an der Beute verſchloſſen und ſeine Rüſtung abgelegt hatte, um ſich dagegen nach der Sitte der großen Herren der damaligen Zeit mit einer reichen Dal⸗ matica zu bekleiden. Der König und Clotilde hatten ſich geſetzt, während die Uebrigen in achtungsvoller Entfernung ſtehen geblieben waren. Den Ungläubigen überraſchte dieſes Schau⸗ ſpiel, das aber auch zu gleicher Zeit ſeinem Stolze ſchmeichelte. III. 8 Er ſetzte ſich auf den rothen Seſſel, welcher unter ſeinem hölzernen Thronhimmel ſtand, und betrachtete ſeine Gefangenen. Die verſchiedene Haltung derſelben, Clotildens rührende Schönheit, des Juden edlen und würde⸗ vollen Züge, des Königs Ehrfurcht gebietende Ma⸗ jeſtät, der Anſtand der Miniſter, das gedämpfte Tageslicht, welches durch die gefärbten Fenſter⸗ ſcheiben fiel, die Einfachheit des Ortes ſelbſt,— das Alles trug bei, die ganze Scene des Pinſels eines großen Malers würdig zu machen. Beſonders bildeten der Ungläubige, Michel Angelo, Nicol und die Wahnſinnige eine Gruppe, welche bemerkenswerth durch den Ausdruck der Phyſiognomien war, deren jede ein eigenthümliches Gepräge der Wildheit trug. „Vetterchen,“ wandte ſich der Italiener an den Ungläubigen,„es kommt jetzt darauf an, daß wir uns möglichſt bald des Königs und ſeiner Tochter entledigen.“ „Wdrum?“ „Sapperment!— Weil die Todten nicht wie⸗ derkehren.“ „Das möchte Euch ganz recht ſein, nicht aber mir. Ich werde die Gefangenen am Leben erhal⸗ ten, und will die vortreffliche Republik Venedig ihren Tod, ſo mag ſie mich erſt dafür bezahlen. Habt Ihr etwa das Blutgeld mitgebracht? Oder meint Ihr, mit einem Dummkopfe zu thun zu haben? Nein, Dank meinem Herrn und Lehrer Johann ohne Furcht! ich bin nicht auf den Kopf gefallen.“ „So hätte ich alſo nur zu Euerm Beſten ge⸗ arbeitet, mein Vetterchen?“ fragte der Italiener, indem er ſeinen Mißmuth zu verbergen ſuchte. „So iſt es, mein Bundesgenoſſe.“ „Aber, mein Vetterchen— mein Freund—“ „Das Wort Freund mögt Ihr nur aus Euerm Wörterbuche ſtreichen. Die Freundſchaft iſt eine Verbindung des Eigennutzes mit dem Eigennutz und kann nicht länger beſtehen, als beide Theile gleiche Zwecke verfolgen und ſich gegenſeitig för⸗ derlich ſein können. Seit mein Vortheil dem Eurigen ſchnurſtracks entgegenſteht, kann zwi⸗ ſchen uns nicht mehr von Freundſchaft die Rede ſein.“ 8* 116 Der Venetianer glich einem Fuchſe, der ſich in der Falle gefangen hat. Er ſchämte ſich, daß er überliſtet ſei, und noch dazu von einem Manne, den er für einen plumpen Tölpel gehalten hatte. Wäre er mehr Philoſoph geweſen, ſo hätte er die Bewahrheitung des alten Erfahrungsſatzes erkannt, daß die Liſt kein Erb⸗ theil des Klugen, ſondern des Dummen, und daß ein dummer Menſch eher zehn Geſcheidte überliſten kann, als zehn Geſcheidte einen Dummen. Das mag manchem Leſer widerſinnig erſchei⸗ nen, und dennoch iſt es wahr, dennoch bleibt dieſer Satz wahr, mögen wir ihn im Thierreiche oder im Menſchenreiche verfolgen. Das Gehirn des Fuchſes iſt ungemein klein, und dennoch iſt ihm eine ſo große Gabe der Liſt zugetheilt, während den höher ſtehenden Affen, deren Gehirn an Größe faſt dem Menſchengehirn gleichkommt, die Liſt faſt völlig abgeht. Unter den Menſchen aber zeigen ſich ſchon auf den Schulbänken die Dümmſten am liſtigſten, während dem durchgebildeten Gelehrten jede Schlauheit und Liſt abgeht. Selbſt im höhern Staatsleben finden wir, daß die roheſten Völker die feinſten Diplomaten beſitzen. „Ich ſehe Alles recht wohl voraus,“ fuhr der Ungläubige fort.„Sobald der König und ſeine Tochter todt ſind, ſo ſuchſt Du das Weite und ziehſt den Blutſold von der Republik ein, ohne an mich zu denken. So aber, wie Du es mit mir machen wollteſt, werde ich es nun mit Dir machen.“ „Schön, Vetterchen! Ich ſehe alſo, daß wir von gleicher Stärke ſind.“ „Mit andern Worten: Du geſtehſt Deine Treuloſigkeit ein.“ „Zum Teufel! Würdet Ihr an meiner Stelle anders gehandelt haben? Um indeß die Däuſer, welche Ihr gegenwärtig in den Händen habt, wie⸗ der auf meine Seite zu bringen, werde ich nach⸗ denken, wie ich Euch Euere zwei Millionen an⸗ ſchaffen kann. Beim heiligen Marcus! Ihr ſeid ein großer Politiker, denn Ihr habt den Michel Angelo beſiegt.“ „Zweifacher Schurke! Deine Schmeicheleien ſollen mich nicht hindern, Alles zu thun, um die Gefangenen gegen Deine Dolche und gegen Dein Gift zu ſichern.“ „Nicol,“ fuhr er dann fort,„der Bärtige ſoll kommen und den Juden holen, welcher die Keckheit gehabt hat, mein Nebenbuhler zu ſein. Er ſoll ihn in Oel ſieden, bis er geſteht, wo ſeine Schätze ſind.“ Clotilde drückte Nephthaly's Hand und ſank dann ohnmächtig um. Kaſtriota fing ſie in ſeinen Armen auf. Zwiſchen Nicol und dem Bärtigen beſtand eine Nebenbuhlerſchaft. Der Bärtige hatte ſich aus Gründen, die wir jetzt noch nicht verrathen dürfen, abſeits gehalten, ſeit die Gefangenen in die Burg gebracht waren. Der Ungläubige aber zürnte ihm bereits ſeit längerer Zeit, weil er argwöhnte, daß Menſchen⸗ liebe in ſeinem Herzen wohne, daß er im Stande ſein möchte, ihn gelegentlich zu verrathen, und daß er ſogar Verbindungen mit dem Schloſſe des Königs von Chpern unterhalte. Michel Angelo hatte nämlich nicht verfehlt, dem Ungläubigen das mit⸗ zutheilen, wovon er Zeuge geweſen war. Der Bärtige ahnte die Zukunft und ſchwankte in ſeinen Entſchlüſſen, da ihn ſeine Gefühle nach Caſin⸗Grandes zogen; Nicol aber wünſchte nichts ſehnlicher, als erſter Lieutenant zu werden, und verſah daher keine Gelegenheit, dem Gatten der verliebten Joſette zu ſchaden. Dem Ungläubigen war dieſe Nebenbuhlerſchaft ganz recht, denn es konnte nur ſein Nutzen ſein, wenn ſeine Soldaten einander zu übertreffen ſuch⸗ ten. Auch verhütete er Empörungen, die in ſeiner Räuberbande leicht möglich waren, am beſten, wenn in derſelben zwei Parteien einander gegen⸗ überſtanden. Als nun Nicol, welcher gegangen war, dem Bärtigen den Befehl ſeines Herrn zu überbringen, wieder zurückkehrte, ſo meldete er, daß es ihm ſcheine, als ſei der Bärtige nur mit Widerſtreben zum Gehorchen bereit. In der That erſchien auch der erſte Lieutenant nur mit langſamen Schritten, weshalb Enguerrh zweien ſeiner Soldateu den Befehl gab, den Juden zu ergreifen. 10 Nephthaly gab raſch Clotilden noch einen Kuß und ſagte zu ihr mit leiſer Stimme: „Hoffe!“ Dann ward er von dem Ungläubigen hinweg⸗ geführt. Clotilde ſchien wie aus einem Traume zu er⸗ wachen und wandte ſich an den Albaneſen mit der Frage: „Hat er mit mir geſprochen?— Was hat er mir geſagt?— Es iſt mir, als halle noch der Ton ſeiner Stimme in meinem Innern wieder.— Wohin hat er mich geküßt?“ Kaſtriota war über dieſe Sprache im höchſten Grade erſchreckt und meinte, ſeine Gebieterin habe den Verſtand verloren. 3. Er antwortete nichts, und Clotilde blickte ſich darum um. Da ſah ſie noch, wie der ſchöne Jude aus der Halle geführt wurde und verfiel abermals in einen Zuſtand ſtarrer Bewußtloſigkeit. Ihre Augen ſchweiften in dem weiten Saale umher und hefteten ſich dann auf die Thür, durch welche Nephthaly gegangen war. Sie wurde weiß, wie eine Ghpsſtatue, verlor den Ge⸗ brauch ihrer Glieder, und ihre Lebenswärme wich. Kurz darauf hörte man, wie der Ungläubige in der Vorhalle mit dem Bärtigen zankte. Dann trat er mit Nicol wieder ein, indem er die Worte wiederholte: „Und wenn er nichts geſteht, ſo ſoll er ſterben!“ Clotilde hatte ihre Sinne gewaltſam zuſam⸗ mengenommen, aber als ſie die eben mitgetheilten Worte des Ungläubigen versahm, da ſank ſie aber⸗ mals um, indem ſie ſeufzte: „Kaſtriota, ich erliege!“ Der treue Albaneſe fing ſeine Gebieterin auch dieſes Mal mit ſeinen Armen auf und ſuchte ſie wieder zu beleben. „Was fehlt denn meiner Tochter?“ fragte der König im Tone der höchſten Beſorgniß. „Die Kälte dieſes Saales wird ſie angegriffen haben,“ antwortete der treue Albaneſe. „Großer Gott! haſt Du uns verlaſſen?“ rf der fromme Moneſtan aus und kniete dann nieder, um ein ſtilles, aber inbrünſtiges Gebet zu dem Throne des Höchſten emporzuſenden. 122 Der Biſchof blickte dagegen nach den Rüſtun⸗ gen, welche in dem Saale aufgehängt waren, und muſterte dieſelben, um zu ſehen, ob er ſich nicht eines Schwertes bemächtigen könne, denn er zog es vor, mit den Waffen in der Hand zu ſterben. Kephalein hatte in dieſen ſchweren Augenblicken eigentlich gar keine Gedanken, ſondern blickte nur mit dem Ausdruck des innigſten Schmerzes nach ſeinem Könige. Da bemerkte der Ungläubige, daß ſich Michel Angelo immer mehr der Stelle näherte, wo der König ſich mit ſeiner Tochter befand. Er befürchtete, daß der Ztaliener einen Meu⸗ chelmord beabſichtige und rief daher: „Freund Nicol, führt den König Johann und die ſchöne Clotilde in das Gefängniß, zu welchem dieſer Schlüſſel gehört, und bringt mir denſelben alsdann zurück.“ Der Italiener konnte ſeinen Aerger nicht ver⸗ bergen, und die Gruppe der Gefangenen ließ ihren Schmerz laut werden. Der Ungläubige aber wandte ſich gegen Jo⸗ hann II. und ſagte mit einem ſpöttiſchen Lächeln: 123 „Sire, was ich eben befahl, wird zu Euerm eigenen Beſten geſchehen, denn ich kenne die Rück⸗ ſichten, welche man Königen ſchuldig iſt. Glaubt mir, daß mein Vetter Michel Angelo als ein von der Republik Venedig abgeſandter Teufel im Stande wäre, Euch ſammt der erlauchten Prin⸗ zeſſin in die Ewigkeit zu ſenden, ehe es Jemand merkte, wenn ich Euch länger in ſeiner Nähe ließe. Ueberdies werdet Ihr an Euerm neuen Aufent⸗ halte Muße haben, nachzudenken, ob es nicht beſſer ſein würde, mich als Euern Schwiegerſohn anzu⸗ nehmen.“ Der König machte eine hoheitsvolle Bewegung, durch welche er ſeinen Abſcheu ausdrückte. Der Ungläubige, dem dieſe Verſchmähung nicht entgangen war, fuhr fort: „Seht mich nicht für ſo verächtlich an, denn— hol' mich der Teufel!— binnen einem Monate würde ich Euch wieder auf den Thron von Cypern ſetzen.“ Bei dieſen Worten leuchtete ein Blitz der Freude aus den Augen des Biſchofs. Johann II verharrte dagegen bei ſeinem ſtol⸗ zen Schweigen. Er umarmte ſeine Miniſter, drückte dem treuen Kaſtriota die Hand und ſagte ſeinen übrigen Un⸗ terthanen ein Lebewohl, während Thränen in ſeine Augen traten. Als er von Bombans Abſchied nahm, ſetzte er noch die Worte hinzu: „Euch ſchenke ich Alles, was Ihr mir genom⸗ men habt.“* „Und ich!“ rief Trouſſe in kläglichem Tone. „Euch habe ich nichts zu verzeihen, denn Ihr thatet nur, was Ihr nicht unterlaſſen konntet.“ Dann trug der König ſeinen Miniſtern noch auf, daß ſie ſeine treuen Unterthanen, falls ſie je nach Cypern zurückkehrten, belohnen möchten. Hierauf ſagte er ein letztes Lebewohl und ver⸗ ließ, auf Clotildens Arm geſtützt, den Saal, denn ſchon gab der auf ihn wartende Nicol ſeine Ungeduld zu erkennen. „Auf Ehre!“ ſagte der Venetianer zu dem Könige von Cypern,„Ihr beſitzt eine gewaltige Würde! Nur eine Thräne hatte ich zu ver⸗ gießen, und die iſt jetzt mir in das Auge ge⸗ treten.“ Der Monarch ſchritt durch die Thür, und die im Saale Zurückbleibenden waren ſo gewaltig er⸗ ſchüttert, daß ein tiefes Schweigen eintrat. Nicol führte den König und die Königstochter in ein ſchreckliches und dumpfes Verließ, welches ſich unter dem Burggraben befand. Kein Tages⸗ licht fiel in daſſelbe,— und hinter den Gefangenen knarrten die verroſteten Angeln und Schlöſſer. Der Greis nahm ſeine Dalmatica ab, um Clotilde mit derſelben zu umhüllen. Die Prinzeſſin lehnte es ab. „Ich befehle, Clotilde!“ „Ich bin noch jung, mein Vater, und kann die Kälte beſſer ertragen, als Ihr.“ „Ich bin alt, meine Tochter, und habe über⸗ dies nicht lange mehr zu leben,— Du aber mußt Dich noch für das Leben erhalten.“. „O, mein Bater! ich würde ſelbſt dann mit Freude dem Tode in die Arme eilen, wenn ich von dem Glanze des Thrones umgeben wäre. Das Leben iſt mir eine Bürde, und nicht die Kälte die⸗ ſes Kerkers iſt es, welche meine Glieder lähmt, ſondern die eiſige Erſtarrung in meinem Herzen.“ „Sprich Dich deutlicher qus, meine Tochter.“ „Das darf ich nicht, denn ich würde damit das Geheimniß eines Andern verrathen.“ Thränen rannen aus ihren Augen, denn ſie dachte an Nephthalh. Der Greis lehnte ſich an die feuchten Mauern ſeines Kerkers, zog Clotilde an ſeine Bruſt und umhüllte ſie mit ſeiner Dalmatica, indem er nicht nur über die ſonderbaren Worte nachdachte, die er eben von ihr gehört, ſondern über das ganze be⸗ fremdende Benehmen, welches ſie ſeit mehreren Tagen gezeigt hatte. Indeß hatte der Bärtige den ſchönen Juden nach dem Platze geführt, wo der Ungläubige ſeine Hinrichtungen vornehmen ließ. Es war das bei der kleinen Ausfallspforte, welche ſich an der einzigen ſchwachen Stelle der Burg befand. Alle Martervorrichtungen waren dort ſtets be⸗ reit, und es war einzig nöthig, Feuer unter einen 421 großen Keſſel zu machen, welcher mit Oel gefüllt daſtand. Der Bärtige und Nephthalh ſtanden, während das Feuer unter dem Keſſel brannte, neben einan⸗ der, aber fern von der Menge der Kriegsknechte, die ſich herbeigedrängt hatten, um Zeugen des gräßlichen Schauſpiels zu ſein. Als das Oel Blaſen zu werfen begann, fragte der Jude: „Könnte Johann Staub elend genug ſein, ſei⸗ nen Wohlthäter zu tödten?“ Der Bärtige erſchrak und blickte den Juden aufmerkſam an, indem er ſeinerſeits fragte: „Woher kennſt Du mich, und was haſt Du für mich gethan?“ Nephthaly zeigte dem Lieutenant des Ungläu⸗ bigen den ſilbernen Ring, welchen er an ſeinem Finger trug. „Gerechter Himmel!“ rief Johann Staub aus;„was iſt zu thun?“ „Du mußt mich retten!— Nur dadurch kannſt Du Gnade erlangen bei dem Könige von Cypern.“ „Ach! ich ſchwöre Euch zu, daß nur das gren⸗ zenloſeſte Elend mich in dieſes Räuberneſt getrieben hat. Lange wußte ich nicht, daß der König in Caſin⸗Grandes ſei, und als ich es erfuhr, verhin⸗ derte mich die Scham, zu ihm zurückzukehren— eine Scham, die mich ſogar gehindert hat, vor meine Mutter zu treten, obgleich dieſelbe den Ver⸗ ſtand verloren hat, weil ſie mich für todt hält. Indeß glaubt nicht, daß ich kein Gewiſſen hätte. Ich war es, der dem Hirten die Abſichten des Ve⸗ netianers mittheilte, und wahrſcheinlich ſind der König und die Prinzeſſin durch ihn gerettet.“ „So iſt es.“ Das Oel warf große Blaſen und die Johan⸗ niter ermunterten den Bärtigen, an das Werk zu gehen. „Was wollt Ihr hier?“ fuhr dagegen Johann Staub die Kriegsknechte an;„wer hat Euch er⸗ laubt, Euern Poſten zu verlaſſen? Fort mit Euch!“ Murrend zogen ſich die Kriegsknechte zurück. Johann Staub aber öffnete eilends das Aus⸗ fallpförtchen, ließ die kleine Zugbrücke nieder und ſagte zu dem Juden: „Rettet Euch!“ 129 Ein Augenblick und der flüchtige Jude war ſchon hundert Schritte von der Burg entfernt. Die Wachen ſtießen in das Horn und Nicol erſchien auf dem Hofe. Der Bärtige aber verſank in ein tiefes Nach⸗ denken, denn die Folgen ſeines Ungehorſams traten ihm vor die Augen. Endlich ermannte er ſich und wollte dem Ent⸗ flohenen folgen. Aber es war zu ſpät. Nicol ſtand bereits nebſt etlichen der wildeſten Johanniter neben ihm, ergriff ihn und ſagte dabei mit höhniſchem Lächeln: „Nun werde ich erſter Lieutenant werden!“ U. 9 XXVII. Der Ungläubige zerbrach ſich den Kopf, denn er wußte nicht, was er beginnen ſollte. Vielleicht war es das Gerathenſte den Vene⸗ tianer in einen feſten Kerker einzuſchließen,— und dennoch konnte das auch falſch ſein. Ließ er den Venetianer frei umhergehen, ſo konnte derſelbe bei ſeiner unendlichen Verſchlagen⸗ heit trotz aller Vorſicht den König ermorden, dann entfliehen und das Blutgeld der Republik allein einziehen. Ließ er ihn dagegen ſicher einſchließen, ſo konnte möglichen Falls die Republik dadurch beleidigt und das Geſchäft verdorben werden.. Noch ſchwankte der Ungläubige und wußte nicht, wozu er ſich entſchließen ſollte, als ſich vor der Thür ein gewaltiger Lärm erhob und gleich darauf der Bärtige von Nicol in den Saal geführ wurde. „Geſtrenger Herr! ich bringe einen Verbre⸗ cher!“ rief Nicol. „Und was hat er verbrochen?“ „Er hat den Juden durch die Ausfallspforte entfliehen laſſen.“ „Iſt das wahr?“ wandte ſich der Ungläubige an Johann Staub. Und da dieſer ſchwieg, ſo befahl er: „So werfe man ihn ſtatt des entflohenen Ju⸗ den in das Oel!“ Foſette ſank ohnmächtig nieder, während die drei Miniſter wie mit einem Munde ausriefen: „Er iſt es!“ „Es iſt Johann Staub!“ „Es iſt der Milchbruder der Prinzeſſin!“ Marie Staub, welche träumend und unbe⸗ achtet in einer Ecke des Saales gekauert hatte, hörte jene Ausrufungen. Wie ein Blitz ſprang ſie auf und flog an die Bruſt des Todtgeglaubten, indem ſie ausrief: 9* „Mein Sohn! mein Sohn!— ich habe Dich wieder!— Mein Johann!“ Sie bedeckte den Wiedergefundenen mit ihren Küſſen, und auch Johann Staub küßte unter Freu⸗ denthränen ſeine Mutter. „Ich habe meinen Wohlthäter gerettet!“ rief er aus,„und meine Mutter nochmals wiederge⸗ ſehen! Was konnte ich mehr verlangen?“ Marie aber wiederholte unaufhörlich: „Mein Sohn!— mein Sohn!“ Während die meiſten Anweſenden von tiefer Rührung ergriffen waren, erhob ſich der Ungläu⸗ bige zürnend von ſeinem Sitze und gebot: „Man befreie mich von dieſem Geſchrei und führe ihn hinweg!“ Marie ſagte kein Wort, aber ſie wurde zu ei⸗ nem Tiegerweibchen, welchem man ſein einziges Junges rauben will. Mit der Schnelligkeit eines Pfeiles ſtürzte ſie ſich auf den Ungläubigen, ſchlug ihre langen ge⸗ krümmten Nägel in ſeinen Hals und zerfleiſchte denſelben in furchtbarer Weiſe. Eine Pulsader ward zerriſſen und das Blut ſpritzte in hohen Bergen hervor. Sterbend ſank der Ungläubige nieder, während Niemand es wagte, ſich zu nähern, um die Wü⸗ thende von ihm hinwegzureißen. Indeß Alle von ſtummem“ Entſetzen gelähmt waren, ergriff Marie den Dolch ihres Opfers, durchbohrte die Bruſt deſſelben, bahnte ſich dann mit ihrer blutigen Hand einen Weg in die geöff⸗ nete Bruſthöhle und riß das noch zuckende Hers aus derſelben. Sie zeigte es mit einer faſt unſchuldigen Freude und ſchüttelte es mit einer Bewegung, welche den Wahnſinn der Rache und der mütterlichen Liebe ausdrückte; dann ſprang ſie hoch empor und ſtieß kurze, unverſtändliche Laute aus. Ihr aufgelöſtes Haar, ihre unſtäten Blicke, ihre Zuckungen, das Blut, welches ihre in Unord⸗ nung gerathene Kleidung beſchmutzte, das Alles gab ihr das Ausſehen einer hölliſchen Furie. Ein Schauder ergriff alle Anweſenden, nur nicht den Venetianer, welcher lächelnd das Herz des Ungläubigen aus der Hand der Wahn⸗ 134 ſinnigen nahm, auf die Spitze ſeines Degens ſteckte und dabei ſagte, indem er es den Anweſenden zeigte: „Meine Herren, ich bitte Euch, wohl zu be⸗ merken, daß Capeluche ein Herz hatte, obgleich Mancher von Euch daran gezweifelt haben mag.— Uebrigens hätte ich nimmer gedacht, daß er in horizontaler Lage ſeinen Tod finden würde.“ „Möge Gott ihm gnädig ſein!“ ſagte Mone⸗ ſtan;„er hat nicht einmal Zeit gehabt, ein einziges Ave zu ſagen.“ Marie aber flüchtete in die Ecke zurück, in der ſie vorher geſeſſen hatte und betrachtete mit Ent⸗ ſetzen ihre von Blut beſchmutzten Hände und Kleider. Dann blickte ſie nach ihrem Sohne und gab demſelben einen Wink, in welchem etwas Anmu⸗ thiges, etwas Wahnwitziges und auch etwas Ver⸗ nünftiges zu gleicher Zeit lag. Man erkannte an dieſem Winke, daß ſie auf dem Scheidepunkte an⸗ gelangt ſei, wo der Wahnſinn aufhört und die Vernunft wiederkehrt. Johann Staub benutzte dieſen Augenblick, um — ſich aus den Händen ſeines erſtarrten Nebenbuh⸗. lers zu befreien, und eilte zu ſeiner Mutter und Joſetten. Die Königlichen faßten neue Hoffnung; der Biſchof zog unbemerkt die aufgehängten Rüſtungen herab, Trouſſe löſte die Feſſeln des Albaneſen, Kephalein, der Intendant und alle Cyprioten hatten ſich in wenigen Augenblicken bewaffnet. Der Venetianer blickte indeß nur nach den Schlüſſeln, welche er noch in Nicols Händen ſah, und beſchloß, die von dem Senate der Republik ihm bezeichneten Opfer dem Tode zu weihen. Indeß hatte ſich unter den Johannitern die Nachricht verbreitet, daß ihr Anführer ermordet ſei⸗ Alle eilten nach dem Saale, und ſelbſt die Schildwachen verließen ihre Poſten. Aber jetzt, wie ſtets, war es die Selbſtſucht, die ſich geltend machte. Michel Angelo kannte die Gewalt des eſun Eindrucks und beeilte ſich, das Wort zu ergreifen: „Meine Freunde! Einer der würdigſten Stell⸗ vertreter des Satans auf Erden iſt aus unſrer Mitte geſchieden. Aber bei dem Schwanze des Löwens des heiligen Marcus beſchwöre ich Euch, dafür zu ſorgen, daß die entſtandene Lücke nicht fühlbar werde. Wählet daher ſchnell einen wür⸗ digen Nachfolger des würdigen Capeluche, einen Nachfolger, deſſen höchſtes Streben es ſei, dem Dahingeſchiedenen nicht nur nachzueifern, ſondern ihn womöglich zu übertreffen. Seht mich hier vor Euch ſtehen! Ihr kennt mich bereits— erwählt mich zu Euerm Oberhaupt— und beim Galgen! unſre Geſchäfte ſollen gut gehen! Eurer Ein⸗ ſtimmung gewiß, werde ich ſofort die nothwendig⸗ ten Geſchäfte einleiten. Gib mir alſo Deine Schlüſſel, mein edler Nicol, denn es ziemt ſich nicht, daß wir länger den edlen König und ſeine Tochter in ihrer langweiligen Einſamkeit laſſen. Gib die Schlüſſel her, Nicol, und Du ſollſt mein erſter Lieutenant ſein— ſollſt Hauptmann ſein! Alſo gib her!“ Michel Angelo ſtreckte die Hand aus, um die Schlüſſel in Empfang zu nehmen. „Hopſa! nicht ſo raſch!“ ſagte Nicol mit ſpöt⸗ tiſcher Miene.„Die Schlüſſel ſind mir von dem Grafen Enguerry überantwortet, und nur ihm oder ſeinen geſetzmäßigen Erben darf ich dieſelben geben.“ „Freund Nicol, ich bin der Erbe des Grafen Enguerry, denn ich habe mit Erlaubniß jener wackern Leute den Befehl in der Burg über⸗ nommen.“ „Hoho! Herr Geſandter! wie könnt Ihr uns befehligen? Habt Ihr doch noch nicht einmal den Cypreſſenzweig am Helme!“ Unter den Johannitern entſtand ein Gemurmel. Man erkannte, daß ſich zwei Parteien gebildet hatten, deren eine für den Venetianer, die andere für Nicol geſtimmt war. „Wir wollen uns nicht ſtreiten, Hauptmann Nicol,“ fuhr der Venetianer in beſänftigendem Tone fort.„Ihr wißt indeß, daß Enguerry ſeine letzten Thaten im Dienſte der Republik Venedig vollbracht hat. Zetzt kommt es darauf an, daß der Republik vollkommen Genüge geſchehe, um den von ihr verſprochenen Lohn zu erlangen. Wollt Ihr das nicht,— nun gut, dann gehe ich. Wollt Ihr es aber, ſo habt Ihr mir zuvörderſt zu gehorchen und dann den Dank zu erwarten. Bedenkt Euch wohl! Ihr könnt, wenn Ihr mir gehorcht, General im Dienſte der erlauchten Republik werden, könnt Nobile, Senator werden, vielleicht ſelbſt Doge.“ Nicol ſchien berauſcht und geneigt, die Schlüſſel zu übergeben, von denen des Königs und Clotil⸗ dens Heil abhing. Da trat Moneſtan zu ihm und ſagte: „Braver Lieutenant, rettet den König und ich werde Euch den Titel eines Generaliſſimus der Truppen des Königs von Chpern geben.“ „Laßt Euch nichts vorwindbeuteln, Vetterchen,“ ſagte dagegen Angelo,„das Königreich Cypern iſt von den Venetianern erobert, und die Truppen des Königs beſtehen nur in der Einbildung.“ „Ich werde Euch eine Million aus dem Schatze des Königs geben,“ nahm Moneſtan wieder das Wort. „Vetterchen! hört nicht auf den guten Mann, der mit Millionen um ſich wirft, als wäre er der Sultan von Maskate, während er doch keinen Heller mehr beſitzt. Wir haben den Schatz des Königs hier. Ueberdies— was iſt eine Mil⸗ lion? Die erlauchte Republik bietet Euch zwei . 6 Millionen, wie ich Euch ſchwarz auf weiß be⸗ weiſen kann.“ „Wir werden Euch drei Millionen zahlen riefen die drei Miniſter zu gleicher Zeit. Der Lieutenant hatte fortwährend geſchwankt, indem er ſich jedes Mal gegen den wandte, welcher ihm die größten Anerbietungen machte. Jetzt ſchien er ganz entſchieden auf die Seite der Königlichen treten zu wollen. „So ſeid doch vernünftig!“ ermahnte Michel Angelo mit leiſer Stimme;„wir haben ja bereits ihre ganzen Schätze und die Enguerrh's dazu. Muß ich das zum zweiten Male ſagen? Ihr nehmt Alles, erhaltet die zwei Millionen von der Repu⸗ blik dazu, ſeid Herr der ganzen Grafſchaft En⸗ guerry's und werdet Oberbefehlshaber Eurer bis⸗ herigen Kriegskameraden.“ Jetzt ſchwankte Nicol nicht weiter. Er ent⸗ gegnete dem Italiener: „Abgemacht! erfüllt Euere Verſprechungen, und ich werde Euch dienen.“ Dann befahl er den Kriegsleuten, unter die Waffen zu treten. Michel Angelo triumphirte bereits und näherte ſich dem Lieutenant, um die Schlüſſel von ihm zu empfangen; aber der kluge Nicol ſteckte dieſelben in ſeinen Bufen. Die Königlichen hatten dagegen alle Hoffnung verloren und blickten einander traurig an. Auf dem Burghofe war es indeß dem Bärtigen gelungen, diejenigen von Enguerry's Kriegsknech⸗ ten um ſich zu verſammeln, welche noch einen Reſt von Gefühl und Ehre beſaßen. Er hatte ihnen vorgeſtellt, daß ſie von der Menſchheit ausgeſtoßen und aller Hoffnung auf ein ewiges Heil verluſtig wären; er hatte ſie darauf hingewieſen, daß ſich die günſtigſte Gele⸗ genheit, ein anderes Leben zu ergreifen, in dieſem Augenblick ihnen darböte, wenn ſie den König von Cypern befreiten und in deſſen Dienſte träten; er hatte ihnen gezeigt, wie ſie dabei ihren Vortheil beſſer finden würden, als in ihrem gegenwärtigen Leben, wie ſie dann frei von Unruhe und Sorge, wie ihre Freude und Luſt alsdann nicht durch Angſt, nicht durch Reue geſtört werden würde. Als Nicol und der Venetianer jetzt, von ihrem —— — —, 141 5 bewaffneten Anhange gefolgt, aus dem Saale ka⸗ men, da ſahen ſie den wackern Johann Staub an der Spitze eines Häufleins, das zwar klein, aber zum kräftigſten Widerſtande bereit war. Nicol gerieth in gränzenloſe Wuth und mun⸗ terte die Seinen zum Kampfe auf, während ſich der Venetianer ruhig verhielt, aber den zweiten Lieutenant nicht aus ſeinen Blicken verlor, damit er ſich der Schlüſſel bei erſter Gelegenheit bemäch⸗ tigen könne. Während Nicol eine Anſprache an ſeine An⸗ hänger hielt, eilte Staub, das Gefängniß zu öff⸗ nen, in welchem ſich die Leute von Caſin⸗Grandes befanden, die ſich ſchnell bewaffneten und ihrem Befreier zu Hilfe eilten. Bald begann der Kampf, der mit Wuth von der einen, mit Verzweiflung von der andern Seite geführt wurde. Es bedarf wohl nicht erſt der Verſicherung, daß auch Kaſtriota, der kriegeriſche Biſchof und der muthige Kephalein herbeigeeilt waren, um das Ihrige zum Siege der guten Sache beizutragen. Trouſſe ſchaute aus einem Fenſter des Saales 142 dem Kampfe zu und erwartete eine Gelegenheit, wo er auf ungefährliche Art ſeinen Freunden helfen könnte. An einem zweiten Fenſter ſtanden Joſette und Marie Arm in Arm, während ſie mit Stolz und auch mit banger Angſt nach dem ſchauten, welcher ihnen derLiebſte war. Obgleich Staub's Partei durch die Königlichen verſtärkt war, ſo blieb ſie doch noch immer ſchwä⸗ cher, als der Haufen der Gegner. Umgeben von dem unerſchrockenen Biſchof, dem Connetable und den Tapferſten der Leute von Caſin⸗Grandes, zielten alle Bemühungen des Bärtigen dahin, ſeinen Gegner Nicol nieder⸗ zuhauen. Johann Staub hatte ſich eine Stellung gewählt, durch welche die Verzweiflung ſeines Haufens noch vermehrt wurde, denn er hatte ſich mit dem Rücken gegen eine Mauer gelehnt, und die Gegner um⸗ gaben ihn von drei Seiten, ſo daß es ihm nicht möglich war, einen Augenblick zu weichen, um Athem zu ſchöpfen; es galt jetzt ſiegen oder ſich dem Verderben weihen. —— —— 43 Kaſtriota war in Verzweiflung, weil ſein be⸗ rühmter Säbel zerbrochen war, und er die Hand⸗ habung des Schwertes nicht verſtand. Indeß benutzte er einen Augenblick, wo ſich Nicol gegen den Biſchof und Johann Staub ver⸗ theidigen mußte, ſenkte ſein Schwert, ohne ſich um die Hiebe zu bekümmern, welche er von denen em⸗ pfing, die ihren Anführer vertheidigten, und ſtieß die Spitze des Schwertes ſo kräftig durch die Hals⸗ krauſe des Gegners, daß Nicol unter Ausſtoßung eines ſurchtbaren Fluches niederſtürzte. Weit entfernt jedoch, daß ſeine Anhänger durch den Fall ihres Anführers entmuthigt worden wären, wurden ſie vielmehr durch denſelben zu beiſpiel⸗ loſer Wuth angereizt. Michel Angelo aber ſtürzte ſich auf die Leiche des gefallenen Lieutenants mit jener Gier, mit welcher der Geier auf ſeine Beute niederſchießt. Ehe noch Kaſtriota es verhindern konnte, be⸗ mächtigte er ſich der Schlüſſel, nach denen er ſich ſo lange geſehnt hatte, und ehe noch der treue Al⸗ baneſe mit ſeinen auf der Folter ausgereckten Glie⸗ dern ſein Schwert wieder aus dem Körper des gefallenen Nicol ziehen konnte, eilte der Venetianer ſchon mit ſeiner Beute davon. WMit der Eile des Wolfes, welcher aus der Hürde ein Schaf geraubt hat, ſtürzte ſich Michel Angelo durch die Kämpfenden und eilte nach den Gefängniſſen. Ende des dritten Bandes. Druck von L. Schnauß in Leipzig. 7——————