Abenteuer einer Königstochter. Hiſtoriſche Rovelle von 2. Band. Leipzig. Verlags⸗Contor. Der Biſchof betrachtete ſeinen Nachbar neugierig; Kephalein legte die Hand an ſein Schwert, Clotilde ſank halb ohnmächtig an die Lehne ihres Sitzes zurück und Moneſtans Antlitz verrieth einen from⸗ men Schauder, während Bombans eilig die koſt⸗ barſten Gegenſtände von der Tafel hinweg⸗ räumte. Nur der ſchwarze Ritter blieb ruhig ſitzen, als wäre nichts vorgefallen. „Wehe mir, daß ich blind bin und ſolche Schmach nicht beſtrafen kann!“ rief der König in wehmuthsvoll ergriffenem Tone aus. „Von Schmach ſprecht Ihr?“ fragte Enguerryh. „Bin ich nicht Graf? Habe ich Euere Tafel ver⸗ unehrt? Wer hat mich je als unehrlich erklärt?“ 6 „Deine Handlungen,“ entgegnete der König mit dem Ausdruck verbiſſener Wuth. „Nie zog ich mein Schwert anders, als um mich zu rächen, und auch Ihr mögt Euch hüten, meine Rache nicht wach zu rufen, denn ich bin hierher gekommen, um die Hand der Prinzeſſin Clo⸗ tilde anzuhalten.“ Die Prinzeſſin wurde ohnmächtig, Moneſtan bekreuzte ſich und Bombans fuhr fort, die Tafel⸗ geräthe zu retten. „Kephalein! Kaſtriota! rächt Euern Fürſten, den man in ſeinem eigenen Schloſſe zu beleidigen wagt!“ Kephalein zog ſein Schwert und der Ungläu⸗ bige das ſeinige. „Der Kampf iſt ungleich,“ erinnerte der Bi⸗ ſchof, denn der Connetable iſt ohne Rüſtung. „Ach! wennunſer Befreier hier wäre!“ ſeufzte Johann II. Bei dieſen Worten ergriff der Fremde die Hand des Königs. „Er iſt es!“ ſagte der König,„ich bin davon überzeugt!“ —————— 7 In dieſem Augenblick ſtürmte Kaſtriota in den Speiſeſaal. Er ſah den König und die Prinzeſſin in den Armen des ſchwarzen Ritters, ſah den Ausdruck des Schreckens in den Zügen Aller und den un⸗ klugen Kephalein in Gefahr. Ohne ſich zu bedenken, führte er mit ſeinem Säbel einen ſolchen Hieb gegen den Nacken des Ungläubigen, daß dieſer auf die Marmorplatten des Saales niederſtürzte. Dann ging Kaſtriota wieder, ohne ein Wort zu ſagen. Bombans hatte in dieſem Augenblick das letzte Stück des Silbergeräths hinweggetragen. „Eriſt todt!“ ſagte Trouſſe, welcher jetzt eben⸗ falls dazu kam. Johann II. erſchrak und beſeufzte die Folgen ſeines Zornes. „Sire,“ ſagte der ſchwarze Ritter,„der Graf Enguerry war Euer Gaſt.“ Der König erkannte jetzt ſeinen Befreier voll⸗ kommen und ſagte: „Er iſt es, meine Tochter!“ 8 „Ich wußte es, mein Vater!“ ſeufzte Clotilde. „Und hatteſt es mir nicht geſagt, Grauſame!“ In dieſem Augenblick erholte ſich Engnerrh aus ſeiner Betäubung, erhob ſich und ſchrie: „Rache!— Man hat mich gemeuchelt, während ich das Brot der Gaſtfreundſchaft zu eſſen wähnte! — Rache!“ XII. Ohne die Hand des ſchwarzen Ritters los zu laſſen, wandte ſich der Monarch an den Ungläu⸗ bigen und ſagte in würdevollem Tone zu ihm: „Wir haben uns übereilt, aber wir wollen nicht, daß Fremde vor den Pforten unſers Schloſ⸗ ſes den Staub von ihren Füßen ſchütteln.“ „Sire,“ antwortete Enguerry,„es ſteht noch immer in Euerer Gewalt, das mir zugefügte Böſe wieder gut zu machen. Ich wiederhole die Bitte um die Hand Euerer Tochter und erwarte morgen früh die Antwort.“ Trouſſe führte den Ungläubigen nach dem Zimmer, welches für ihn beſtimmt war, wogegen der Monarch es ſich nicht nehmen ließ, den ſchwar⸗ zen Ritter ſelbſt nach dem ſeinigen zu geleiten. 0 „Wie ſehr freue ich mich, Euch beherbergen zu können,“ ſagte Johann zu ſeinem Gaſte.„Ich hoffe, daß Ihr recht lange bei mir bleiben werdet.“ „Es iſt mir das unmöglich, Sire,“ entgegnete der ſchwarze Ritter. „Weßhalb?“ „Weil ich mich heute überzeugte, wie nöthig es iſt, daß ich morgen mit Tagesanbruch abreiſe. Es handelt ſich dabei vielleicht ſelbſt um Euere Ruhe und Euer Glück.“ „Aber ich werde Euch doch wiederſehen?“ „Sire, es gibt einen Magnet, der mich ewig zu Euch zurückziehen wird.“ „Ich errathe— Clotilde—“ „Ja, Sire, ich liebe Euere Tochter. Nein, ich bete ſie an, ich vergöttere ſie. Längſt würde ich daher ſchon bei Euch erſchienen ſein, hätte nicht manches Unglück mich bisher zurückgehalten.“ „Unglück?“ fragte der König in theilnehmen⸗ dem Tone. „Ja, Sire. Stürme überfielen unſre Flotte. Die Ritter, welche mir die Ehre erwieſen hatten, mich zu ihrem Anführer zu ernennen, wurden nebſt meinen Soldaten von mir getrennt. Noch habe ich keine Nachricht von ihnen, und ich bin da⸗ rüber um ſo mehr beſorgt, als ich ſelbſt in der Gefahr ſchwebte, durch einen Schiffbruch meinen Tod zu finden. Ein engliſches Schiff rettete uns, meinen Stallmeiſter und mich, gerade in dem Au⸗ genblick, als wir im Begriff waren, eine Beute der Wogen zu werden. Aber ſelbſt in dem Augenblick, als ich ſchon halb verſchlungen war von der ſalzi⸗ gen Fluth, dachte ich nur an Euere Tochter.“ „Mein Freund, die Dankbarkeit verpflichtet mich, Euch meine Tochter zu geben.“ „Sire, Ihrachtet mich gering, wenn Ihr meint, ich hätte aus Eigennutz Euch gerettet. Ich verlange nichts von Euch, ſondern will Clotilde nur ihr ſelbſt verdanken, will ſie nur durch meine Liebe ge⸗ winnen. Von heute an erkläre ich mich daher zu ihrem Ritter.“ „Aber— Herr Ritter—“ ſagte Zohann 35⸗ gernd und in einem furchtſamen Tone,„Clotilde kann ihre Hand— nur einem— Fürſten reichen.“ „Sire,“ antwortete dagegen der fremde Ritter lächelnd,„mein Name iſt einer der edelſten der 12 Chriſtenheit. Noch iſt die Zeit, nicht gekommen, mich zu nennen, aber ich ſage Euch ſchon jetzt, um Euch zu beruhigen, daß die Luſignans die Vaſallen meiner Ahnen waren.“ „Herr Ritter, die Luſignans waren nur Vaſal⸗ len der Könige von Frankreich, und dieſe zitterten vor ihnen. Aber Ihr deckt Euch mit einem Schleier—“ „Den die Zeit lüften wird. Glaubt mir, mein ehrwürdiger Freund, mein Vater, daß ich gewich⸗ tige Gründe habe, noch unerkannt zu bleiben und Euch ſchnell wieder zu verlaſſen. Nur ein Ver⸗ ſprechen möchte ich von Euch erlangen, ehe ich von Euch ſcheide.“ „Sprecht, Ritter.“ „Verſprecht mir, daß Euere Tochter nicht eher die Gattin eines Andern werden ſoll, bis ich keine Hoffnung mehr habe, ihr zu gefallen und ihre Hand zu erlangen.“ „Ich verſpreche es Euch mit meinem könig⸗ lichen Wort!“ „Nun bin ich ruhig. Lebt wohl, Sire, denn mit Tagesanbruch reiſe ich morgen ab.“ „So bald ſchon?“ „Füvſten müſſen es verſtehen, Opferzu bringen.“ „So lebt denn wohl!“ Sie umarmten ſich. Eine Thräne rann aus dem Auge des Greiſes auf die Wange des Fremden. „Noch Eins, Herr Ritter!“ ſagte der König. „Kann ich Euch bei den Unternehmungen, die Ihr vorhabt, mit Geld unterſtützen, ſo—“ „Ihr ſeid zu gütig, Sire, ich danke Euch!“ Der Monarch ging und begab ſich nach dem Thronſaale. Hier erwarteten ihn bereits die Miniſter, welche erkannt hatten, daß die ſofortige Abhaltung eines Miniſterrathes Nothwendigkeit ſei. „Meine Herren,“ ſagte der Monarch, nachdem die Eröffnungsförmlichkeiten der Sitzung vorüber waren,„wir befinden uns in ſchwieriger Lage. Enguerrh hat um die Hand unſrer Tochter ange⸗ halten, und zugleich hat auch der ſchwarze Ritter Solches geth an.“ Alle ſtimmten überein, daß Clotilde nicht mit dem Ungläubigen vermählt werden könnte. 14 „Meine Herren,“ nahm der König wieder das Wort,„wir haben überdieß dem ſchwarzen Ritter unſer königlches Wort gegeben, unſre vielgeliebte Tochter nicht eher zu vermählen, bis der ſchwarze Ritter derſelben entſagt hat.“ „Sire,“ bemerkte der Biſchof,„man weiß noch nicht, wer der ſchwarze Ritter iſt, wogegen man von Enguerry weiß, daß achthundert Waffen⸗ knechte ſeinen Befehlen gehorchen, daß er reich, muthig, von edlem Herkommen iſt—“ „Ihr vergeßt, daß er uns beleidigt hat.“ „Dennoch werden wir ihm eine Antwort geben müſſen,“ nahm der Biſchof wieder das Wort, „und zwar eine möglichſt ſchonende.“ „Und wer wird ſie überbringen?“ fragte der Monarch. „Ich!“ erbot ſich der Connetable. „Könnte man nicht die Antwort ganz unter laſſen?“ fragte Graf Ludowich. „Ihr habt Recht, Moneſtan,“ antwortete der König.„Der Ungläubige hat geſagt, daß er uns morgen früh ſofort verlaſſen werde, wenn er keine Antwort erhielte. So mag er denn abreiſen!— 1 15 Euch aber, meine Herren, möge der Himmel ferner in ſeinen gnädigen Schutz nehmen.“ Die Miniſter verneigten ſich und Johann II. zog ſich in ſein Zimmer zurück, um Erholung von den Anſtrengungen und Aufregungen des Tages zu ſuchen. „Möge uns nur kein Unglück widerfahren, ge⸗ ſtrenge Herren,“ ſagte der Intendant, welcher eben eintrat, um das koſtbare Geräth des Saales, beſonders die Baluſtrade, mit Decken zu verſehen. „Der Ungläubige betrachtete das Tiſchgeräth mit ſo gierigen Augen!— O)! ich verſtehe mich darauf!“ Die Miniſter entfernten ſich und ließen Bom⸗ baus und ſeinen Dienern freien Raum, ihre Pflicht zu erfüllen. Wehmüthig war Clotilde auf ihr Zimmer zu⸗ rückgekehrt. Sie dachte an den armen Juden, für den alle Hoffnungen verloren waren, da ihr Vater dem ſchwarzen Ritter, der ſein Retter geweſen war, ihre Hand nicht abſchlagen konnte. „Prinzeſſin hat geweint,“ ſagte die Joſette, welche eingetreten war, um ihre Gebieterin zu ent⸗ kleiden. „So? ich hatte es nicht einmal bemerkt.— Allein ſprechen wir nicht von mir, ſondern von Dir. Du biſt in Monthrat geweſen; haſt Du mir nichts Neues mitzutheilen?“ „Ach! Prinzeſſin— ich fürchte Euer Mißfal⸗ len auf mich zu ziehen.“ „Das befürchteſt Du wirklich?“ „Ihr werdet mich aus Euerm Dienſte verban⸗ nen, wenn ich ſpreche.“ „Haſt Du denn einen ſo großen Fehler be⸗ gangen?“ In Joſettens Augen glänzte eine Thräne. „Prinzeſſin, ich hätte Euch ſchon heute Mor⸗ gen Alles entdecken ſollen, aber ich hatte den Muth nicht dazu.“ Vom Schloßthurme erſchallte die elfte Stunde. „Prinzeſſin, wir ſind Alle ſündhafte Menſchen.“ „Erſt laß mich noch einmal nachſehen, ob der Himmel heiter iſt,“ ſagte Clotilde. In der That wollte ſie ſich nur überzeugen, ob der Jude auf ſeinem Platze ſei. 17 Sie eilte an das Fenſter, welches nach der Kokette ging, und ſchob den Vorhang ein wenig zurück. Der Himmel war von ſchweren Wolken umzo⸗ gen, und die tiefſte Dunkelheit lagerte auf den Fel⸗ ſen, aber dennoch glaubte Clotilde einen dunkeln Gegenſtand zu ſehen, welcher von der weißlichen Felſenmaſſe der Kokette abſtach. „Gewiß iſt er es!“ dachte die liebende Jungfrau. In dieſem Augenblick ließ das Käuzchen ſeinen langſamen, ſchrillenden und klagenden Ruf hören. Clotilde ließ erſchreckt den Vorhang wieder zufallen und warf ſich halb ohnmächtig in ihr Bett. „Was fehlt Euch, Prinzeſſin?“ fragte Joſette voll Angſt. „Nichts! Es war nur der Ruf des Leichenhuhns, der mich erſchreckte.“ „Werdet Ihr auch nicht böſe werden, Prin⸗ zeſſin, wenn ich Euch Alles offenbare?“ „Nein.“ „Ach!“ fuhr dann Joſette fort,„es iſt unſre 2 18 Beſtimmung, zu lieben, und unſer Unglück, daß wir dabei nicht die Herrinnen unſeres Herzens ſind, ſondern ein unbekanntes Etwas, das Meiſter Trouſſe„Sympathie“ nennt, unſer Herz in einem Augenblicke beſiegt. Dieſe Sympathie veranlaßt uns, oft einen Menſchen zu lieben, den wir gar nicht—“ Joſette unterbrach ſich und weinte. „Ich verſtehe Dich, Joſette,“ ſagte Clotilde, indem ſie an ihren Juden dachte. „Ach! ich wage gar nicht, Euch zu geſtehen, wen ich liebe.“ „Fürchte nichts, mein Kind.“ „Wenn es nun ein Kriegsknecht Enguerry's wäre?“ „Enguerry's!“ „Sein erſter Lieutenant.“ „Hat er Dich recht lieb?“ „Ach, Prinzeſſin, ich habe die ſtärkſten Be⸗ weiſe ſeiner Liebe, antwortete Joſette und ſpielte mit einem goldenen Kreuze, das an ihrem Halſe hing. „Welche Beweiſe?“ 19 „Enguerry hat ſeinen Soldaten bei Todes⸗ ſtrafe verboten, ſich zu verheirathen, weil er meint, daß ſie dadurch feige würden, und dénnoch hat ſich ſein Lieutenant heute Morgen in Monthrat mit mir verheirathet.“ Die Zofe blickte zitternd nach der Prinzeſſin, weil ſie wegen deren Antwort in Verlegenheit war. „Glückliches Mädchen!“ rief Clotilde aus. „Ach, Prinzeſſin,“ fuhr die Zofe neu er⸗ muthigt fort,„ich habe recht wohl gewahrt, daß der ſchwarze Ritter Euch liebt.“ „Nur zu ſehr, Joſette.“ „Glaubt Ihr denn, den ſchwarzen Ritter nicht heirathen zu können.“ „Joſette,“ antwortete Clotilde, indem ſie ihren Thränen freien Lauf ließ, aber gleichwohl nicht wagte, ihre Zofe aufrichtig zu belehren,„die Liebe macht unſer Glück und unſer Unglück.“ „Fürchtet nichts,“ entgegnete Joſette mit lei⸗ ſer Stimme und pfiffiger Miene,„ich habe ge⸗ hört, daß der König dem ſchwarzen Ritter Eure Hand verſprach.“ 20 Schnell unterbrach ſich jedoch oſette, als ſie den Ausdruck des Schreckens in Clotildens Zü⸗ gen ſah. „Sagſt Du mir Wahrheit?“ rief die Prinzeſſin aus.„O, geh, Joſette, denn Dein Glück be⸗ rührt mich zu ſchmerzhaft. Aber zuvor ſtelle auf meinen Tiſch die Vaſe von Kryſtall, in der ſich die Blumen von heute Morgen befinden.“ Die junge Frau brachte ſchweigend die Blu⸗ men herbei. „Schon verwelken ſie!“ ſeufzte Clotilde. Joſette ging, ohne zu wiſſen, was ſie von dem Zuſtande und dem Benehmen ihrer Gebieterin denken ſollte. Doch war ihr eignes Glück ſo groß, daß ſie über demſelben bald alles Uebrige vergaß. Als ſie das Zimmer verließ, fand ſie Kaſtriota bereits vor der Thür und noch zwei Andere von der Leibwache zu ſeiner Unterſtützung in der Nähe. Als die erſten Strahlen der Sonne den Mor⸗ genhimmel vergoldeten, ſattelte der ſchwarze Rit⸗ ter mit eignen Händen ſein Roß. Marie ließ ihm lächelnd die Zugbrücke nieder. 21 „Biſt Du nicht die Amme der Prinzeſſin?“ fragte der Ritter die Unſchuldige. „Ja.“ „Nimm hin,“ verſetzte darauf der Unbekannte und reichte Marien eine prächtige goldene Kette; „erinnere Dich bisweilen des ſchwarzen Ritters und ſorge, daß auch Clotilde ihn nicht vergeſſe.“ Dann galoppirte er davon. Die Unſchuldige aber blieb lautlos ſtehen und betrachtete mit Sorgloſigkeit das koſtbare Ge⸗ ſchenk. Dabei war ſie beſtändig genug, zwei Stunden auf ſolche Weiſe hinzubringen. Die Ankunft des Ungläubigen riß ſie aus ihrer Gedankenloſigkeit; ſie ſah, wie Enguerry ein großes rothes Kreuz an eine der gothiſchen Säu⸗ len zeichnete, durch welche das Gewölbe des Por⸗ tals unterſtützt wurde. „Meine Freundin,“ ſagte er zu der Unſchul⸗ digen,„Du kannſt nur ſagen, daß man, ehe drei Tage verfließen würden, mehr von mir erfahren ſolle.“ Dann galoppirte auch er davon. 22 „Der Schuft!— er hat mir nichts gegeben!“ brummte Marie ihm nach. Kaum hatte ſie dieſe Worte geſagt, als Bom⸗ bans erſchien. Die Züge ſeines gelben Antlitzes erheiterten ſich bei dem Anblick der goldenen Kette, welche in den Händen der Amme glänzte. „Marie, mein Engel! woher haſt Du denn das?“ „Von einem guten Freunde.“ „Gib her! ich werde es Dir aufheben, denn Du könnteſt es verlieren.“ „O, ich werde es auf dem Herzen tragen!“ „Was kann Dir dieſe Kette nützen?“ „Ich werde ſie für meinen Sohn aufheben.“ Da bemächtigte ſich Bombans mit raſchem Griffe der Kette. Späterhin behauptete der Intendant zwar, Marie habe ihm die Kette geſchenkt. Dieſe Behauptung war jedoch jedenfalls un⸗ wahr, denn die Unſchuldige rief hinter ihm her: „Dieb! Dieb! haltet den Dieb!“ Der Intendant ſchrie aber noch lauter als Marie, denn er hatte eben das rothe Kreuz er⸗ 23 blickt, welches Enguerry zum Andenken an ſeinen Beſuch hinterlaſſen hatte. Die arme Marie rief ebenfalls immer lauter, und bald waren alle Bewohner des Schloſſes in die äußerſte Beſtürzung verſetzt. Auch die Prinzeſſin erwachte in Folge des all⸗ gemeinen Aufruhrs, der ſich durch das Schloß verbreitet hatte. Ohne jedoch für irgend etwas Anderes Ge⸗ danken zu haben, eilte ſie an das Fenſter und öff⸗ nete daſſelbe mit Haſt. Der ſchöne Israelit ſaß auf ſeinem Felſen und ſchaute mit Blicken der Liebe nach ihr herüber. Sie erröthete bei ſeinem Anblick. Zugleich bemerkte ſie, daß die himmliſchen Düfte neuer Blumen die Luft mit Wohlgerüchen füllten. Noch wußte ſie nicht, wie ſie ſich aus dieſer ſchwierigen Lage ziehen ſollte; ihre Züge drückten Verwirrung aus und ihre Augen wagten nicht, emporzublicken, aber ſchon nahmen ihre Hände eine der Blumen nach der andern auf und legten alle zu einem Strauße zuſammen. Dann verließ ſie das Fenſter, um den koſt⸗ baren Strauß in die zweite ihrer Krhſtallvaſen zu ſtellen. Sie zitterte, während ſie das that. Tauſend verſchiedene Gedanken durchkreuzten ihren Geiſt. Endlich aber kehrte ſie an das Fenſter zurück und rief nach der Kokette die unüberlegten Worte hinüber: „Nephthali,— meine Hand iſt verſprochen.— Zieht Euch zurück!— und kehrt nie wieder!“ „Wollt Ihr mir auch Euren Anblick ent⸗ ziehen?“— Habe ich doch nie mehr von Euch ver⸗ langt, als Euch ſehen zu dürfen!“ antwortete der Israelit, von der höchſten Freude ergriffen, als er hörte, daß die Prinzeſſin mit ihm ſprach. Clotilde ſeufzte. Der Jude, welcher dieſen Seufzer für eine günſtige Vorbedeutung hielt, ſchien ſeine zärtliche Wohlthäterin faſt mit ſeinen Augen zu ver⸗ ſchlingen. Clotilde erkannte den ganzen Umfang ihrer Leidenſchaft. 25 Endlich ſchien der Jude ſeine ganze Liebe in ſeinem letzten Blicke zu verſammeln und zog ſich ſodann nach dem Felſenriff des Ufers zurück. Clotilde ſah, wie er ſich dort auf ſeine Kniee niederließ und noch einen zärtlichen Handkuß nach ihrem Fenſter ſandte. „Worüber freut er ſich denn ſo ſehr?“ fragte ſie ſich. Sie war noch unſchuldig genug, daß ſie nicht wußte, wie die Liebe blind ſei, wie ſie ganz und gar nur der Gegenwart angehöre und nur in die⸗ er ihr Glück finde, ohne je auf die Zukunft zu ſchauen. Iſt nicht die Narrheit die Erſte im Ge⸗ folge der Liebe, und bethört nicht jene die letztere, indem ſie dieſelbe mit dem Schalle ihrer Glöckchen übertäubt. So wurde auch Clotilde von den Schellen der Narrheit übertäubt und theilte die Freude des ſchönen Juden, ohne zu begreifen, daß die Worte, welche ſie geſprochen, die Handbewe⸗ gungen, welche ſie gemacht, ein zu zärtliches Ge⸗ fühl verrathen hätten, als daß man in demſelben lediglich Theilnahme oder Mitleid hätte ſuchen können. 26 In dieſem Augenblick trat Joſette ungeru⸗ fen ein. „Prinzeſſin! Enguerrh wird das Schloß bela⸗ gern!“ rief ſie. Ihre Stimme und ihre Züge deuteten auf Freude. „Wie! Joſette!“ „Ich werde meinen Mann ſehen!“ „Unglückliche! über Deiner Freude vergißt Du die Leiden, welche uns betreffen werden?“ „Ach, Prinzeſſin, verzeiht!“ flehte Joſette und warf ſich ihrer Gebieterin zu Füßen.„Ich bin recht ſtrafbar!“ „Iſt ihre Freude nicht ſehr erklärlich?“ fragte ſich Clotilde, indem ſie ihre Blumen betrachtete. „Bin ich nicht ebenfalls ſtrafbar?— Ich habe kein Recht mehr, ſtrenge zu ſein.“ „Stehe auf, Joſette!“ fuhr ſie dann mit lei⸗ ſer Stimme fort. XIII. Die drei Miniſter waren ſchon ſeit fünf Mi⸗ nuten im Cabinet des Königs von Cypern verſam⸗ melt. 3 Johann II hatte in ſeinem Schrecken die For⸗ mel vergeſſen, mit der er den Miniſterrath zu er⸗ öffnen pflegte, und die Miniſter ſtaunten, daß ſie ſtehen bleiben mußten. Nach langem Schweigen begann der greiſe Monarch: „Meine Herren, wir befanden uns nie in ſo ſchwierigen und unglücklichen Verhältniſſen. Wenn wir unſer Königreich verloren, ſo war das aller⸗ dings ein recht großes Unglück, allein es blieb uns doch immer noch die Ausſicht, daß wir Macht ge⸗ nug beſäßen, um es dereinſt wieder zu erobern.— 28 Jetzt aber wird der Angriff Enguerry's, die Ent⸗ blößung von Mannſchaft, in welcher wir uns be⸗ finden, dieſe Entblößung, welche Enguerrh un⸗ glücklicher Weiſe eben ſo gut kennt, wie unſre Schätze, uns, wenn der Ungläubige Sieger iſt, in einen Abgrund des Elends ſtürzen, aus welchem wir uns nimmer werden hervorarbeiten können. Zugleich werden alle Ausſichten auf eine Wieder⸗ eroberung unſers Königreichs mit dem Verluſt unſrer Schätze verloren gehen.“ Oft lindert ein Nichts die Größe unſrer Lei⸗ den. Gleich jenem, der den Schmerz über den Verluſt eines geliebten Kindes vergaß, während er bemüht war, eine geiſtreiche Inſchrift für den Leichenſtein deſſelben zu erfinden, vergaß auch der gute Johann ſeinen Schmerz über der Frende, daß die Staatsangelegenheiten eine Wichtigkeit gewon⸗ nen hätten, die ſie nimmer bisher in Caſin⸗Gran⸗ des gehabt hatten. „Meine Herren,“ fuhr er fort, weniger an ſeine Gefahr, als an die Wichtigkeit des gegen⸗ wärtigen Miniſterraths denkend,„wir haben uns beeilt, Euch zu uns entbieten zu laſſen, um Nutzen 29 zu ziehen von der Einſicht, welche Ihr Eueren Er⸗ fahrungen und Kenntniſſen verdankt. Benutzt nun dieſe Einſicht, einen Beſchluß zu faſſen, welcher eines Miniſterraths der Könige von Cypern und Jeruſalem würdig ſei. Wir befinden uns jetzt in dem letzten Aſyl der Luſignans, invieen wel⸗ ches nie bisher verletzt wurde. Daiit hab Euch genug geſagt.“ „Sire,“ ſagte der Biſchof,„wir hätten dieſes Unglück vermieden, wenn geſtern mein Rath be⸗ folgt wäre. Nun aber iſt es zu ſpät, denn Enguerry hat ſein rothes Kreuz an das Portal des Schloſſes gezeichnet und damit erklärt, daß er uns binnen drei Tagen angreifen werde.“ „Iſt es wahr?“ fragte der König. Das Schweigen der drei Miniſter beſtätigte, daß der Biſchof die Wahrheit geſagt habe. Der König ließ ſein Haupt finken. Kephalein ahmte ihm gerührt nach, während Moneſtan ſeine Augen nach oben richtete. Tiefes Schweigen herrſchte. Es waroffen ar, daß ein Beſchluß gefaßt wer⸗ den mußte, aber die Schwierigkeit lag in den ver⸗ 30 ſchiedenen Herzens⸗ und Geiſtesrichtungen derer, aus welchen der Miniſterrath beſtand. Der Biſchof dachte, daß ein Krieg ihm Gele⸗ genheit gewähren würde, ſich auszuzeichnen und ſeine kriegeriſchen Talente glänzen zu laſſen. Kephalein war der Meinung, daß ſeine Rei⸗ terei würde Wunder verrichten können; daß es Ausfälle, Angriffe, Schwenkungen u. ſ. w. geben würde. Moneſtan ſeufzte, und er allein hatte Recht. „Nein!“ rief Johann II. nach langem Schwei⸗ gen aus,„wir werden nimmer unſre Tochter opfern!“ „Sire!“ nahm darauf der Biſchof das Wort, indem er folgerte, daß ſich der König für den Krieg entſchieden habe,„was hat denn auch ein Krieg mit Enguerry ſo Schreckliches? Kann man nicht alle Euere Vaſallen, Euer ganzes Haus bewaff⸗ nen? Und wenn das Heer von einem geſchickten Feldherrn angeführt, die Reiterei von dem Con⸗ netable befehligt wird, ſo muß der Sieg auf unſrer Seite ſein. Selbſt in dem verzweifelten Falle ei⸗ ner Belagerung würde ſich Caſin⸗Grandes hundert Jahre gegen Enguerry halten!“ „Hilarion!“ ſagte der König, von der Be⸗ geiſterung des Biſchofs hingeriſſen,„wir ſind ge⸗ zwungen, zu handeln, wie Ihr ſagt; die Nothwen⸗ digkeit zwingt uns auf dieſen Weg und wir hoffen auf Erfolg, denn die Luſignans ſiegten oft, wenn ſie an der Spitze ihrer Heere ſtanden.“ „Sire,“ antwortete der Prälat,„Ihr werdet Euch doch nicht ſelbſt an die Spitze Eures Heeres ſtellen wollen? Euer hohes Alter—“ „Unſer Alter? Ein Luſignan iſt im hundert⸗ ſten Jahre noch ein Jüngling, wenn es ſich um die Vertheidigung ſeiner Unterthanen handelt.“ „Ja, Sire,“ ſagte jetzt Kephalein, wie aus einem Traume erwachend,„wir müſſen kämpfen.“ „Das iſt auch unſre Meinung,“ entgegnete ihm der König. „Und dennoch, Sire,“ hob jetzt Moneſtan in ſanftem Tone an,„dennoch möchte es möglich ſein, die Geißel des Krieges noch abzuwenden.“ 3 „Die geringſte Feigheit würde das Haus der Luſignans entehren!“ rief der kriegeriſche Biſchof, 32 „ um von vorn herein den König gegen die ririgen Ideen des erſten Miniſters einzunehgen. 2 „Es iſt keine Demüthigung, pirich vor ſchea nahm Moneſtan mit gewohntep, das Wort „Ich ſelbſt werde der Erſte ſein bei der Veptheid gung meines Königs, ſobald alle Hoffnung verlo⸗ ren iſt; aber bis dahin, Sire, laßt mich einen Plan verfolgen, den mir ein guter Engel eingab.“ „Laßt Euern Pan hören,“ ſagte der König in gnädigem Toke. „Sendet eine Geſandtſchaft an den Guifn Enguerry, laßt ihm Freundſchaft entbieten un ſagen, daß er zu früh abgereiſt ſei; laßt ihm aber auch zugleich ſagen, daß man ſo ſchnell nicht über das Loos eier einzigen Tochter entſcheiden könne und ſich e eine Friſt von acht Tagen bedun⸗ gen habe. Wenigſtens werden wir in dieſer Zeit unſre Vertheidigungskräfte ſammeln und um Hilfe nach Aix und Dauphine ſenden können. Vielleicht kommt uns der Hinmel ſelbſt in dieſer 85t zu, dife, wenn wir ihn etnſtich* k klugen Worte. 8. — die er an der Spitze ſeiner Reiterei ernten wollte. . bekümmert i in e Zimmer zurück. 33 Der König aber, dem jeder Schatten einer Ausübung königlicher Rechte ſchmeichelte, freute ſich, daß er nun ſogar eine Geſandtſchaft werde zu ernennen haben und ſagte: „Moneſtan, wir danken Euch für Euern Rath, der nicht nur weiſe iſt, ſondern auch unſrer Würde Rechnung trägt. Wir ernennei Euch nebſt unſerm Almoſenier zu Geſandten und Doctor Trouſſe wird Euch als Secretair begleitem Verhnel und zwei Chprioten werden Euch als Bdeckung dienen. Entledigt Euch mit Würde Eures Fuftrags, und werden Eure Vorſchläge nicht angenommen, ſo erklärt ohne Bedenken den Krieg, zu dem von heute an alle Vorbereitungen getroffen werden ſollen.“ Dieſe Worte erweckten in dem Geiſte des Prä⸗ laten neue Hoffnung auf Kämpfe, und er verſprach ſich, auf ſeinem Geſandtſchaftspoſten in einer ſol⸗ chen Weiſe zu verfahren, daß der Ungläubige nicht beſänftigt werde. Auch Kephalein träumte bereits von den Lorbern, Der König aber zog ſich halb zufrieden 34 Ungewiß, welchen Ausgang die Angelegenheit mit Enguerry nehmen würde, beſchloß er, ſeiner Tochter von der Bewerbung des ſchwarzen Ritters noch nichts zu ſagen. Die Miniſter begaben ſich anf den Hof hinab, wo die Bewohner des Schloſſes verſammelt wa⸗ ren und mit Ungeduld den gefaßten Beſchluß zu erfahren warteten. Kephalein hielt ſich in ſeiner Eigenſchaft als Kriegsminiſter jetzt für das wichtigfte Mitglied des Miniſteriums. Er trat ſeinen Collegen voran und redete die verſammelten männlichen und weiblichen Bewoh⸗ ner von Caſin⸗Grandes mit den inhaltsſchweren Worten an: „Dreue Diener des Königs, unſers Herrn, der Krieg iſt beſchloſſen!“ Seine Begeiſterung hinderte ihn, das Grauſen zu bemerken, von welchem die V Verſennb er⸗ griffen wurde. Mit ſteigendem Pathos fuhr er fort: Indem wir ſo den Kreg beſchloſſen haben, r zugleich den Sieg beſchloſſen und glau⸗ 35 ben uns nicht getäuſcht zu haben, wenn wir auf Eure Treue hiublicken. So denke denn Jeder daran, ſich ſelbſt zu vertheidigen, indem er ſein angeſtammtes Königshaus vertheidigt! Von die⸗ ſem Augenblick an werden wir die ſtrengſten Maß⸗ regeln ergreifen, um einen Heereshaufen zu bil⸗ den, welcher furchtbar werden wird, wenn Ihr Muth beſitzt; allein ich würde Euch beleidigen, wenn ich an Euerm Muthe zweifeln wollte. Je⸗ der Menſch beſitzt jn Muth, wenn er für ſeinen heimiſchen Herd, für ſeine Lumpen und ſeinen Plunder, für König und Vaterland ficht! Schon dieſer einzige Gedanke verleiht des Muthes genug!“ Statt des begeiſterten Beifallrufens, welches der Connetable erwartet hatte, erfolgte nur ein düſteres Schweigen. Kaſtriota allein hatte voll Frende ſeinen Säbel gezogen und wetzte ihn an dem Eiſengeländer der Treppe, um die Scharte wieder zu entfernen, welche derſelbe auf dem Nacken des Ungläubigen erhalten hatte. Die drei Miniſter ſtiegen dann vollends die 3 36 Treppe hinab, um die ſtreitfähigen Kräfte des Schloſſes zu muſtern. „Es wird uns noch viele Mühe koſten, unſre dreißigtaufend Mann zuſammen zu bringen,“ ſagte der Biſchof wehmüthig, indem er mitleidig auf die zweihundert Diener und Knechte des Kö⸗ nigs blickte. Kaſtriota wurde zum Commandanten der Leibwache ernannt und als Soldaten gab man ihm die drei Chprioten, die drei Muſiker des Kö⸗ nigs und die acht Lakeien deſſelben, die drei Kam⸗ merdiener und fünf Küchengehilfen, den Thür⸗ ſchließer, den Bäcker mit ſeinen beiden Geſellen, den Kellermeiſter mit ſeinem Sohne, den Sa⸗ criſtan, den Hirten und noch acht Arbeitsleute. Dieſer erſte Heereshaufe, welcher die ehrende Benennung einer Leibwache erhielt, ſonderte ſich nun von den Uebrigen ab und ſtellte ſich weh⸗ müthig um Kaſtriota auf, deſſen ſchwarze Augen⸗ brauen ſich ſo furchtbar zuſammenzogen, daß keiner ſeiner Untergebenen es wagte, eine Klage laut werden zu laſſen. Der Albaneſe ſtellte ſeine Leute an einer Mauer auf und ſchritt ſtolz an ihnen auf und ab, indem er die Spitze ſeines Säbels in die linke Hand legte. Mit Kummer ſahen die drei Muiſter, daß nach Abſonderung der Leibwache nur noch achtzig Mann übrig blieben, welche zu einem Kampfe tüchtig waren. Endlich unterbrach der Biſchof das Schweige mit den Worten: „Man könnte noch eine Reſerve aus den Frauen bilden und dieſelbe gelegentlich ver⸗ wenden.“ „Aber, Hochwürdigſter,“ wandte ſich Trouſſe an den Biſchof,„ich werde als Arzt, Wundarzt und Apotheker für die Verwundeten zu ſorgen haben. Statt mich den Geſchoſſen der Ritter bloßzuſtellen, ſollte man mich lieber mit zwanzig Frauen an einen wohlgeſchützten Ort bringen, um dort die Pflichten meines Standes zu erfüllen.“ „Es wird keine Verwundeten geben,“ antwor⸗ tete der Biſchof. „Ni— icht?“ fragte der Doctor verwundert. 38 „Nur Todte!“ antwortete Kephalein für den Biſchof. Trouſſe rieb die Haut, welche über ſeine runde Stirn ausgeſpannt war, und wandte ſich dann wehmüthig an den Intendanten, welcher ihm leiſe zuraunte: „Das hatte ich wohl vorausgeſehen, daß es ein Unglück geben würde!“ „Ich auch!“ antwortete ihm der Arzt.„Ich ſoll einem Heereskörper vorſtehen, während ich nicht einmal genügende Zeit habe, für meinen ei⸗ genen Körper ordentlich zu ſorgen!— Ich ſoll an einem Kampfe Theil nehmen!— Ach! dieſer Ge⸗ danke wird mich völlig hinreißen, wenn er ſich erſt in Furcht verwandelt.“ Dann ſtellte er ſich an die Spitze der Seinen. Es beſtand aber dieſer dem Doctor übergebene Haufen aus den, beiden Dienern Kephalein's, den beiden Dienern des Biſchofs, den vier Dienern Moneſtan's, den acht Stallknechten, drei Hunde⸗ wärtern, zwei Küchenjungen, ſechs Gärtnern und vier Handarbeitern, dem Falkenier, deſſen vier 39 Vogelfängern und dem Mundoffizier, welcher zu den Mahlzeiten zu klingeln hatte. Im Ganzen waren das vierzig Mann. Trouſſe ließ ſie Kaſtriota gegenüber antreten, benahm ſich aber dabei möglichſt linkiſch, damit man ihn von ſeinem Poſten wieder entfernen möge. Der Biſchof freute ſich, als er die beiden Hee⸗ reshaufen ſah und wandte ſich an Moneſtan mit den Worten: „Nun werden wir den dritten Heereshaufen bilden aus—“ „Aus— 2“ fragte Moneſtan, als der Biſchof ſtockte. Es waren noch vierzig Greiſe übrig. „Meiſter Taillevant kann nicht kämpfen und Abbé Simon eben ſo wenig,“ ſagte der erſte Mi⸗ niſter. „Wir nehmen alle die, welche unter ſechszig Jahren ſind,“ verſetzte darauf der Biſchof, der nie lange verlegen blieb,„fügen dazu die zwölf Pächter der Meiereien von Caſin⸗Grandes und die Jagdmannſchaft und erhalten ſo einen Haufen von mindeſtens dreißig Mann, welcher das Grei⸗ 40 ſencorps heißen und von Bombans commandirt werden ſoll.“ „Schön!“ rief Kephalein.„Und nun kommen wir an das Weſentlichſte, an die Reiterei.“ Die Miniſter begaben ſich nach den Ställen und fanden, daß im Ganzen vierzig Pferde vor⸗ räthig waren. Nun hatte aber Kephalein nur zehn Recruten, und es blieben folglich noch dreißig Pferde übrig. Ohne lange verlegen zu bleiben, recrutirte der Connetable den Biſchof als ſeinen Lieutenant, acht Lanzenknechte, den Oberjägermeiſter, den Oberſtallmeiſter Verhnel, zwei Stallmeiſter, die ſechs Junker von der Inſel Cypern, welche, ſo oft es nöthig war, den Hofſtaat des Königs bildeten,— worauf immer noch elf ledige Pferde blieben. Da boten ſich ſeinen Augen die beiden alten Diener dar, welche man mit dem Namen der kö⸗ niglichen Pagen beehrte. Beide wurden ſofort der Reiterei einverleibt. „Noch neun ledige Pferde,“ ſagte Kephalein 41 mit dem Ausdruck tiefgefühlten Schmerzes zu dem Biſchof. „Ihr vergeßt unſere beiden Boten,“ antwor⸗ tete Hilarion. „Dann bleiben noch ſieben Pferde!“ entgegnete der Connetable mit einem tiefen Seufzer. „Bedenkt, daß wir Remonten haben müſſen für den Fall, daß uns Pferde im Kampfe getödtet werden.“ Bei dieſer weiſen Bemerkung des Biſchofs er⸗ heiterte ſich Kephalein's Antlitz wieder. „So haben wir alſo,“ fuhr der Biſchof fort, „hundert und acht Mann Fußvolk und drei und dreißig Mann Reiterei;— damit können wir uns gegen fünfhundert Belagerer vertheidigen.“ „Das iſt noch nichts!“ entgegnete Moneſtan wehmüthig. „Noch nichts!“ fuhr der Biſchof auf.„Es iſt der Anfang von funfzigtauſend, von hunderttau⸗ ſend Mann! Es iſt viel, wenn wir bedenken, daß wir hinter Mauern kämpfen werden.“ „Ich wollte nur ſagen, daß wir auch Waffen 42 für unſere Soldaten haben müſſen,“ entgegnete Moneſtan. „Waffen!“ rief der Biſchof aus,„daran fehlt es glücklicher Weiſe nicht. He! Meiſter Bom⸗ bans, Ihr habt uns noch nicht gezeigt, wo ſich die Rüſtungen und Waffen des Grafen Hugues von Luſignan befinden!“ „Geſtrenger Herr!“ ſtotterte der Intendant, denn er hatte die Waffen verkauft,„ich werde ſie ſuchen.“ „Vergeßt das nicht,“ ſagte der Biſchof in ſtrengem Tone,„denn Ihr müßt für die Waffen mit Eurem Kopfe ſtehen. Es müſſen ſich die Waf⸗ fen der hundert Ritter von Hugues finden, die⸗ jenigen ſeiner Soldaten nicht mitgerechnet!“ „Es iſt wahr, Hochwürdigſter— aber— ich weiß nicht, in welchem Gewölbe ſie liegen. Doch morgen ſollt Ihr die Waffen erhalten.“ „Alſo morgen!“ wiederholte Kaſtriota in ei⸗ nem Tone, welcher das Blut in den Adern des Intendanten erſtarren ließ. „Auch mache man in der Herrſchaft bekannt,“ 43 fuhr dann der Biſchof fort, daß alle Vaſallen mite ihrer geſammten Habe in das Schloß flüchten können! Die Frauen können ſich jedoch von ihren Männern nach Aix bringen laſſen, da es für den Fall einer langwierigen Belagerung nachtheilig ſein würde, unnütze Eſſer um ſich zu haben.“ Der Ausrufer, welcher dieſen Befehl in den Dörfern kund zu machen hatte, trat ſofort ſeinen Weg an. Dann ward das Schloß Caſin⸗Grandes Belagerungszuſtand erklärt. Es war von nun an Jedem verboten, ohne Erlaubniß das Schloß zu verlaſſen; die Zugbrücke wurde aufgezogen und ein Chpriot auf die kleine Warte geſtellt. Die Miniſter zogen ſich zurück, um mit Bombans über die Verproviantirung des Schloſ⸗ ſes und die dazu erforderlichen Koſten zu berathen. Verhnel wurde zum Commandanten des latzes ernannt, und der König genehmigte ſchließli ich Al⸗ les, was von ſeinen Miniſtern verfügt war, wor⸗ auf er ſich mit denſelben einſchloß, um in geheimer Sitzung den Vertheidigungsplan zu berathen. Der Intendant aber beſtieg ſein Pferd, und ritt eilig nach Aix, um ſeinen Schatz den Händen des Schatzmeiſters des Grafen von Provence an⸗ zuvertrauen und die Rüſtungen zu kaufen, welche er am folgenden Tage liefern ſollte. Das zum Ankauf dieſer Rüſtungen nöthige Geld gedachte er übrigens von der Summe zu er⸗ übrigen, die ihm zu dem Einkauf der nöthigen Mundvorräthe übergeben war. XV. Während alle Bewohner von Caſin⸗Grandes mit banger Erwartung der Zukunft entgegen ſchauten, ſchwamm Johann II. in einem Meere der Wonne, denn ſeit lange hatte es nicht ſo viele wichtige Arbeiten für ihn gegeben. Er konnte wieder einmal König ſein! Sonſt pflegte Clotilde nach dem Mittagsmahle bei ihm zu bleiben und ihm die Zeit zu vertreiben, allein heute entließ er ſeine Tochter, ſo bald die Tafel aufgehoben war, denn die Geſchäftsluſt des Königs hatte den Sieg über die Liebe zu ſeiner Tochter davon getragen. „Verlaß mich, meine Geliebte,“ ſagte er zu Clotilde,„denn ich bin zu ſehr mit Geſchäften überhäuft, weil der Krieg vor der Thüre iſt.“ Man hätte aus dieſen Worten folgern ſollen, 46 daß Johann II. einer der mächtigſten Fürſten von Europa ſei. „Möge es dem Himmel gefallen, uns den Sieg zu verleihen!“ entgegnete die Prinzeſſin in einem faſt klagenden Tone. „Du kommſt mir ſehr verändert vor, meine Tochter!“ „In wiefern, mein Vater?“ „Ich finde Dich ſo ungemein träumeriſch, daß ich doppelt bedauere, Dein Geſicht nicht ſehen zu können. Ich würde gewiß einen ungewiſſen Aus⸗ druck in Deinen Zügen bemerken.“ „Woraus ſchließt Ihr das, mein Vater?“ „Du ſprichſt jetzt ſeltener, als ſonſt, und ver⸗ räthſt dabei eine große Aengſtlichkeit und Befan⸗ genheit. Bisweilen vergiſſeſt Du ſogar die mir ſchuldigen Antworten, beendigſt die angefangenen Sätze nicht, ſeufzeſt in einer ſolchen Weiſe, daß ℳ man meinen könnte, Du fändeſt ein Vergnügen darin, Dich einem gewiſſen geheimen Kummer hinzugeben; dann gibt es gewiſſe Worte, welche Du nur zitternd ausſprichſt, ſowie auch der Ton Deiner Stimme auf irgend eine fixe Idee deutet. Ich bin alt, meine Tochter, und durch meine Blindheit ſind meine Beobachtungskräfte geſchärft, daher vermag ich nach Aenßerlichkeiten, welche für hundert Andere nicht da ſein mögen, auf den Zu⸗ ſtand des Innern zu ſchließen.“ „Mein Vater, ich verſichere Euch—“ „Laß das und verſichere nichts! Wir werden ein ander Mal, wenn uns größere Muße ver⸗ gönnt iſt, ausführlicher über das Alles ſprechen. Jetzt geh und ſei ohne Trauer, denn ich liebe Dich ſo ſehr, daß ich jederzeit über dem Vater den Mo⸗ narchen vergeſſen werde. Das laß Dir geſagt ſein! Nun, Gott befohlen!“ „Gott befohlen, mein Vater!“ wiederholte Clotilde, indem ſie einen Kuß auf die Stirn des ehrwürdigen Greiſes drückte. Zwar verſuchte ſie, das Wogen ihres Buſens zu unterdrücken, aber dennoch hörte Johann II. die ſtürmiſchen Schläge ihres Herzens. Die tiefe Bläſſe, welche ihr Antlitz überzog, vermochte er freilich nicht zu ſehen. Mit langſamen Schritten, den Tod im Herzen, ging Clotilde nach ihrem Zimmer zurück. 148 „Sollte er mein Geheimniß kennen?“ fragte ſie ſich. Aber alle ſtattfindenden Umſtände, die Hinder⸗ niſſe, welche nicht fehlen konnten, die geringe Hoffnung, der Verſtoß gegen den Anſtand, wel⸗ chen ſie damit beging, daß ſie, die Königstochter aus dem edlen Hauſe Luſignan, einen Juden liebte — das Alles vermochte Clotildens Liebe nur noch anzureizen und zu vergrößern. Als endlich— denn ihrem Sehnen erſchien der Verlauf der Zeit ein grauſam langſamer— als endlich die Nacht ihren Schleier über den ſchönen Gefilden der Provence ausgebreitet hatte, da eilte die liebende Jungfrau nach dem Fenſter und öff⸗ nete daſſelbe mit ſo ſtürmiſcher Haſt, daß man wohl folgern konnte, ſie habe den ganzen Tag über ſehnſüchtig dieſen Augenblick erwartet. Liebreizend ſtützte ſich Clotilde auf die Brü⸗ ſtung des Fenſters. Diana ſelbſt hätte neidiſch werden können auf das Elfenbein ihrer runden Arme. Nephthalh hatte ſich pünktlich auf ſeinem Sitze eingefunden. 490 Lange blickte er hinüber und ſie herüber. Dann vermochte Clotilde nicht länger zu ſchweigen und ſagte: „O Nephthaly! Himmel und Erde können einander nicht ferner ſtehen, als wir einander ſtehen.“ „Ich weiß das, aber ein einziger Eurer Blicke iſt von größerer Gewalt, als das Schickſal ſein kann.“ „Was könnt Ihr hoffen?“ „Iſt nicht mein Leben ein Verbrechen?— und iſt es nicht ein noch größeres Verbrechen, daß ich noch zu hoffen wage?“ „Ihr ſeid nicht der einzige tani Theil.“ Kaum hatte Clotilde dieſe letzten Worte aus⸗ geſprochen, als ſie, von jähem Schreck ergriffen, erbleichte. Es war ihr, als hätte ſie mit diefen aus dem tiefſten Grunde ihres Herzens emporgequollenen Worten den Glauben ihrer Väter abgeſchworen. Raſch warf ſie, von furchtbarer Angſt ergriffen, das Fenſter zu und zog ſorgſam den Vorhang vor. 4 Dann flüchtete ſie in ihr jungfräuliches Bett, das ihr ſchon befleckt vorkam, ſeit ſie ſich geſtehen mußte, daß ihr Herz nicht mehr jungfräulich war. „Wie!“ rief ſie ſich ſelbſt entrüſtet zu,„ich ſollte ihn lieben!— einen Juden!— Und wenn ich ihn wirklich liebte,— könnte ich ihn denn hei⸗ rathen?— Ol erſt müßten wir beide allein auf der Erde ſein!“ Allein bald nahmen ihre Gedanken wieder eine andere Wendung. Sie fuhr in ihrem Selbſtgeſpräche fort: „Dennoch hat mein Herz ihn gewählt!“ Das war der letzte Gedanke der Jungfrau, denn der Schlaf ſchloß ihre Augen. Aber auch noch während des Schlafes ſchweb⸗ ten ihr die Züge und die Geſtalt des Juden vor, verſchönert noch durch das Prisma des phantaſti⸗, ſchen Traumgottes. Schön und heiter, gleich der Morgenröthe ih⸗ rer Liebe, erhob ſich auch die Morgenröthe des Himmels und jieß Clotilden neue Blumen vor ih⸗ rem Fenſter entdecken. Ein Lächeln der Dankbar⸗ keit belohnte den ſchönen Israeliten. 51 Ol dieſes ſüße Lächeln war ein freundlicher Bote des Glücks und ſchloß Alles in ſich, was die zärtlichſte Liebe ſagen kann, deren inenſer Ausdruck es war. Daher war auch Nynt nnen be⸗ friedigt von dieſem Lächeln und verließ ſeinen ge⸗ fährlichen Poſten, nachdem er ſich noch einmal auf die Kniee niedergeworfen und ſeine Hände bald gegen den Himmel, bald gegen Clotilde, ſeine zweite Gottheit, ausgeſtreckt hatte. Seitdem überließ ſich Clotilde ganz dem Strome, welcher ſie mit ſich fortriß. „Gott will es!“ rief ſie gleich den Kreuzfah⸗ rern aus. Und die Unglückliche, deren noch ſo mancher Kummer, ſo manche ſchwere Prüfung wartete, umkränzte ſich ſchon mit den Myrten und Lorbern der Liebe. XV. Der Intendant geleitete an demſelben Morgen mehrere Wagen, die unter der Laſt der Waffen, mit denen ſie beladen waren, faſt zuſammen⸗ brachen, von Aix nach Caſin⸗Grandes. Es begleiteten ihn die Bauern und Pächter der Herrſchaft, und da die letztern nichts eigen nennen konnten, als ihr Leben, ſo waren ſie auch jetzt mit nichts Anderem beſchäftigt, als mit der Sorge für die Fortbringung der Waffen, die unter den gegenwärtigen Umſtänden das Koſtbarſte wa⸗ ren, was man ſich denken konnte. Herkules Bombans warf gierige Blicke auf die armen Leibeigenen, welche mit der Sorgloſigkeit des Elends ihr ſchwarzes Brod kauten, und bis⸗ weilen dämmerte in ihm der Gedanke auf, den Ar⸗ men den Schutz des Königs noch zu verkaufen, in⸗ ———— 53 dem er ſie den Eintritt in das Schloß bezahlen ließe. „Sie ſcheinen mir noch nicht betrübt genug, daß man ſie für dürftige Menſchen halten könnte,“ dachte er;„ſie müſſen noch verborgene Schätze haben!“ Allein das Mittel, dieſe vermeintlich verbor⸗ genen Schätze zu entdecken und zu rauben, ver⸗ mochte er nicht zu finden. Daher gerieth der gute Intendant in böſe Laune und behandelte unterwegs die armen Bauern auf die roheſte Weiſe. Warum ließen dieſelben ſich ſolches gefallen? fragt vielleicht mancher Leſer, der nur die Bauern unſerer Zeit kennt, welche ſchmunzelnd vor ihren Getreidehaufen ſtehen, den Ertrag ihrer Woll⸗ ſchur berechnen und die harten Thalerſtücke in leinene Beutel einſiegeln. Ach! in jenen ſchönen Zeiten des Mittelalters galt der Bauer noch gar nichts! Die Zugbrücke ſenkte ſich und der Intendant zog mit ſeinem Gefolge und ſeinen Wagen auf den Schloßhof. 54 „Auf, Faulpelze!“ rief Bombans, indem er ſich an die Bauern wandte,„an die Arbeit! und bezahlt mit Leib und Leben den gnädigen Schutz, welchen man Euch bewilligt! Ladet die Wagen ab!“ Auch die Mannſchaften der am verwichenen Tage gebildeten drei Heereshaufen verſammelten ſich um ihn, um zu empfangen, was ihnen noch fehlte— Waffen. Allgemein wurde nun für die gemeinſchaftliche Vertheidigung gearbeitet. Da wurde geſchärft, geputzt, geſchliffen; da wurden Kappen, Pickelhauben, Schilde, Panzer⸗ hemden, Halsriemen, Helme, Harniſche und Armſchienen hergeſtellt, Bogen, Schleudern, Wurf⸗ geſchoſſe, Lanzen, Partiſanen, Hellebarden, Speere, Streitäxte und Keulen geprüft und vertheilt. Der ganze Schloßhof ſchien in ein Zeughaus verwandelt: die Hämmer der Eiſenarbeiter waren in wackerer Thätigkeit, kein Schleifſtein, der in dem Schloſſe war, blieb unbenutzt. Zugleich ſah man Schlachtvieh herbeitreiben, Wein, Getreide, Früchte— kurz, Futter für das 55 Vieh und Nahrungsmittel für die Menſchen in Menge herbeibringen. Außerdem ſorgte man für Oel, welches ſie⸗ dend gemacht und auf die ſtürmenden Belagerer niedergegoſſen werden ſollte; für Holz, um jenes ſiedend zu machen; für Steine und Balken zum Niederſchmettern der Feinde. Kurz man verſah ſich mit Allem, was irgend nöthig werden konnte und legte die großartigſten Magazine an, um eine langwierige Belagerung aushalten zu können. Dabei boten die Höfe des Schloſſes den An⸗ blick eines babyloniſchen Thurmbaues, denn es wurde geſchrien, gelacht, gerufen, mit Peitſchen geklaſcht, gepfiffen, geſungen, befehligt, gehorcht, gezankt, geübt, verſucht— und über all dem Le⸗ ben und Treiben das drohende Unglück vergeſſen. Niemand war in Unthätigkeit, ſondern die verſammelte Menge glich einem raſtloſen Amei⸗ ſenhaufen. Mitten durch dieſes Gewimmel ſchritten die an Graf Enguerry abgehenden Geſandten, wohl⸗ 56 verſehen mit Beglaubigungsſchreiben von dem umſichtigen König Johaun II. Der kriegeriſche Biſchof lächelte, als gi die bewegte Menge einen Anblick darbot, wie er ihn gern hatte. Jene Menge aber ſtellte bei dem Anblick der Geſandten ihre Thätigkeit ein und ein aufmerk⸗ ſamer Beobachter würde in den prüfend nach den königlichen Miniſtern gerichteten Blicken den all⸗ gemeinen Wunſch geleſen haben, daß nur Moneſtan das Ziel ſeines Strebens erreichen möge. Man folgte nur ihm mit den Augen, ſandte ihm Glück⸗ wünſche nach und flehte den Himmel zu ſeinem Schutze an. Endlich hatten die Geſandten ihre Pferde be⸗ ſtiegen, die Zugbrücke ſenkte ſich und bald entfal⸗ tete ſich wieder das frühere und nur für einen Au⸗ genblick unterbrochene Bild der Thätigkeit. Der Prälat ſaß auf ſeinem Leibroſſe und ſetzte es in halbe Parade, während Moneſtan's Pferd, ſanft und ruhig wie ſein Herr, im Schritte da⸗ hin ging. Trouſſe, der auf ſeinem Mauleſel folgte, hatte 57 das Anſehen eines Silen, und ſein breites Ge⸗ ſicht, aus welchem alle ſelbſtſüchtige Heiterkeit ver⸗ ſchwunden war, deutete darauf, daß die ganze Maſchine dachte. Verhnel und die beiden Cyprioten, welche ir⸗ gend ein Unglück befürchteten, warfen unruhige Blicke über das Gefilde. Eine Stunde war man ſchweigend dahingerit⸗ ten, als ſich der Arzt mit der Frage an den Bi⸗ ſchof wandte: „Geſtrenger und hochwürdigſter Herr! wenn nun der Graf Enguerry übel gelaunt wäre und uns als Geiſeln feſtnähme, ſo würde ich Seine Königliche Majeſtät, falls Allerhöchſtdieſelbe das Unglück haben ſollte, von einem krankhaften Leiden ergriffen zu werden, was gar kein Wunder wäre, anbetrachts Seine Majeſtät jetzt viel zu denken hat, das Denken aber die Nerven angreift und in Folge angegriffener Nerven, wie das mein Lehrer, der weiland Profeſſor Curius Mutatius in Sala⸗ manca, ſehr richtig lehrte, denn Ihr wißt ſchon, daß ich die beſondere Ehre und das hohe Glück 58 hatte, auf der zu Sala⸗ manca meine Studien— „Aber zum Teufel, Doctor!“ rief der Prälat aus,„was iſt das für ein verhenkerter Satzbau! Wohinaus wollt Ihr denn? Ich habe den Anfang Eurer Rede längſt vergeſſen und bei Euch ſelbſt iſt das auch der Fall, wie es ſcheint.“ „Nun, ich wollte nur bemerken, daß, wenn der König in Folge ſeiner angegriffenen Nerven krank würde, niemand im Schloſſe ſein würde, ihn ärztlich zu behandeln.“ Als der zitternde Arzt dieſe Bemerkung machte, hielt der kleine Haufen an, als wäre er vor die große chineſiſche Mauer gekommen. „Ihr habt Recht,“ ſagte der Prälat.„Es könnte dergleichen vorfallen und der König würde dann ſeiner beſten und nothwendigſten Diener be⸗ raubt ſein, auch Eures klugen Rathes entbehren müſſen, Herr Graf,“ fügte er dann noch gegen Moneſtan gewandt hinzu. „Ich will damit nur geſagt haben, daß meine Gegenwart im Schloſſe unerläßlich iſt,“ nahm Trouſſe wieder das Wort.„Vor der Gefangen⸗ 59 ſchaft füchrte ich mich ſo ſehr nicht, denn ob man in einem Schloſſe oder in einem Kerker lebt, das iſt ſo ziemlich gleich, wenn man überhaupt nur lebt.“ Man erwartete Moneſtan's Ausſpruch. „Meine Herren,“ ſagte der muthige Greis, „wir befinden uns auf einem Wege, den uns die Klugheit und die Pflicht geboten hat. Um dem Könige und dem Vaterlande zu dienen, müſſen wir auf demſelben fortfahren. Alſo, meine Herren, fürchten wir nichts von dem Ungläubigen! Zwi⸗ ſchen einem braven Menſchen und einem Buben läßt ſich Gott in ſeiner ganzen Macht nieder, je⸗ ner unſichtbar machenden Wolke gleich, welche einſt die Söhne der Götter umgab. Auf alſo! und muthig vorwärts!“ Trouſſe ſeufzte tief auf. Der Biſchof aber erröthete, daß er ſich gleich⸗ ſam einen Verweis von ſeinem Collegen zugezo⸗ gen hatte und ſagte mit finſter zuſammen gezogenen Brauen: „Meiſter Trouſſe! laßt es Euch nicht einfal⸗ len, nochmals ſo alberne Bedenken zu äußern. 60 Werft Euern Quackſalberrock jetzt ab, um würdig der Geſandtſchaft zu werden, welche den König von Chypern und Jeruſalem vertreten ſoll.“ Dann ſetzte er ſeinem Roſſe beide Sporen in die Seiten und galoppirte der Feſte des Ungläu⸗ bigen entgegen. Ohne weitern Aufenthalt langte man am Ziele an. Auf dem Hofe der Burg herrſchte ein ſo aus⸗ gelaſſener Lärm, daß die Wache auf dem Beob⸗ achtungsthurm wiederholt in das Horn ſtoßen mußte, ehe ihr Ruf vernommen wurde. Trouſſe begann an allen Gliedern zu zittern. Einige Minuten ſpäter ſenkte ſich die Zug⸗ brücke und Nicol kam den Geſandten entgegen, denn der Bärtige war zu einer Unternehmung ausgezogen. „Kreuz Element! was wollt Ihr bei den Teu⸗ feln?“ rief Nicol den Fremden entgegen. „Ich bitte Euch, mein Freund, flucht nicht!“ bat der fromme Moneſtan. „Ei! ſo ſollen Millionen Donnerwetter mich fünfundfunfzig Ellen tief in den Erdboden ſchmet⸗ 61 tern! Was hat denn der Menſch, wenn er erſt nicht mehr fluchen darf?— Aber ſagt, was wollt Ihr bei uns?“ „Wir kommen als Geſandte des Königs von Cypern,“ entgegnete der Biſchof. Fragt den Gra⸗ fen Enguerry, ob er uns ſofort Gehör geben kann.“ „Geſandte!“ rief Nicol aus und trat ſchwan⸗ kend zur Seite, um ſich an einem Pfoſten des Thores zu ſtützen, denn der reichlich genoſſene Wein zog ſeinen Kopf etwas ſchwer nieder. Kommt nur herein, meine Herren, denn Geſandte haben freien Eintritt. Es iſt ſchon einer drinnen.“ „Woher?“ fragte der Biſchof. „Von Venedig.“ „Woher?“ wiederholte Trouſſe. „Dummkopf!“ entgegnete Nicol,„das ſind Geheimniſſe meines Herrn. Nur herein, geſtrenge Herren von der Geſandtſchaft.“ Dieſe Unterhaltung verſprach nichts Gutes und nicht ohne einen gewiſſen Schauder ritt die Geſandtſchaft über die Zugbrücke und unter dem Fallgatter des Raubneſtes hindurch. Nur der Doctor blickte mehrere Male arg⸗ wöhniſch nach allen Seiten um ſich, ehe er den Uebrigen folgte. „Vorwärts!“ rief ihm Nicol zu,„beeile Dich, Du Prachtexemplar der Schöpfung! Glücklicher Weiſe haben wir noch zu viel Maſtvieh, als daß wir auf Dein Fett lüſtern werden ſollten.“ Trouſſe ritt in die Feſte ein, aber ſelbſt Mo⸗ neſtan und der Biſchof konnten ſich eines unwill⸗ kürlichen Schreckens nicht erwehren, als ſie die Zugbrücke raſſelnd hinter ſich emporziehen hörten Als die Geſandten auf den zweiten Hof ge⸗ langt waren, überraſchte ein eigenthümliches Schau⸗ ſpiel ihre Blicke, und ein frommer Schauder malte ſich in den Zügen des edlen Moneſtan. Die Soldaten Enguerry's ſtanden in verſchie⸗ denen Gruppen, indem jeder einen eiſernen Becher in der Hand hielt und noch eine Kanne Wein neben ſich ſtehen hatte. In der Mitte des Hofes war eine Art von Altar errichtet, auf welchem ſtatt der Kerzen etliche Lampen ſtaken. Statt des Gekreuzigten erblickte man das grob geſudelte Bild eines Räubers. 63 Vor dem Altare ſtand ein Mann, der in ein aus Weinreben geflochtenes Chorhemd gekleidet war. Als die Geſandtſchaft ankam, ſang man eben olgende Strophen einer von jenen parodirten Vespern, mit denen das rohe Mittelalter einen grauſigen Spott trieb. „Trinkamus gentes!“ ſang der Mann vor dem Altare, der kein Anderer war, als Michel Angelo. „Et non heuchlando vollbringamus vi- tam!“ antworteten die Räuber im Chor, worauf ſie aus ihren Bechern tranken. „Machite scandalum et erpressite schweis- sum hominum,“ nahm darauf Michel Angelo wieder das Wort. „Et weibrarum!“ antwortete der Chor und trank von Neuem. „Adorate dominum,“ ſagte Michel Angelo. „Quia machavit weinum,“ antworteten die Räuber und tranken. „Ne peccemus zuschr,“ fuhr der Venetia⸗ ner fort. 64 „Bona reua rettet nos,““ antworteten jene trinkend. „Amen!“ „Amen!““ „Meine Kanne iſt leer!“ rief Michel Angelo. Die Andern zögerten nicht, ebenfalls ihre Kan⸗ nen zu leeren. „Was gibt es denn hier?“ fragte Trouſſe den Räuber, der ihm zunächſt ſtand. „Wir feiern das Feſt unſers Schutzheiligen.“ „Wer iſt das?“ „Der heilige Räuber. Wir haben ihn heute um ſo wärmer gefeiert und angebetet, da wir eine große Unternehmung vor haben, bei der er uns beſchützen muß.“ „Was für eine Unternehmung?“ „Die Plünderung eines Schloſſes, in welchem es ſchmählich viel Reichthümer geben ſoll.“ „Befürchtet Ihr denn nicht, den lieben Gott zu erzürnen, wenn Ihr in ſolcher Weiſe die heili⸗ gen Gebräuche der Religion nachäfft?“ „Den lieben Gott? O! der hat eine gränzen⸗ loſe Geduld! Wenn wir dereinſt zu ihm zurück⸗ 65 kehren, wenn der Tod uns beim Schopfe zu er⸗ wiſchen droht, ſo verzeiht er uns als reuigen Sün⸗ dern noch Alles.“ Wahrhaft erhaben ſah in dieſem Augenblick Moneſtan aus, welcher die Unterredung des Arz⸗ tes mit dem Johanniter angehört hatte. Er richtete ſeine ſanften blauen Augen gen Himmel und ſagte: „Vater! vergib ihm, denn er weiß nicht, u was er thut und was er ſpricht.“ „College!“ redete dagegen der Liſchof mit funkelndem Blick den erſten Miniſter an,„fünf⸗ tauſend Soldaten von dieſem und ich er⸗ obere Chpern wieder.“ Moneſtan ſchüttelte ſtumm ſeinen Kopf. „Aber ſagt, Freundchen—“ redete Trouſſe den Johanniter wieder an. „Schweigt!“ ſagte der Angeredete.„Der Angelo ſteigt jetzt auf ſeine Kanzel, und da wird es genug zu lachen geben.“ Michel Angelo ſtieg in eine Art Bottich, welcher an einem Pfoſten befeſtigt war. Er zog eine ſchwarz angemalte Kappe von ſei⸗ nem Haupte, verneigte ſich vor der Verſammlung, 5 66 entfaltete ein Taſchentuch, räuſperte ſich und leerte dann einen großen Becher Wein. Die komiſche Wichtigkeit, mit welcher er das Alles that, erregte das Lachen der Kriegsknechte, welche ihm nachahmten und dann mit einer Auf⸗ merkſamkeit auf ihn blickten, aus welcher man die Folgerung ziehen konnte, daß ſie nur Witze erwar⸗ teten, denen ähnlich, mit welchen er ſie nun ſeit zehn Tagen vergnügt hatte. „Man kann dem Menſchen Talent nicht ab⸗ ſprechen,“ bemerkte der Biſchof gegen Moneſtan. „Leider,“ antwortete Graf Ludowich,„wenden auch von unſern Geiſtlichen gar manche Mittel an, die Aufmerkſamkeit ihrer Zuhörer zu feſſeln, und die Erfahrung zeigt, daß der geiſtliche Poſſenreißer eine gefülltere Kirche hat, als der brave, biedere Mann, welcher einfach und lauter das Wort Got⸗ tes predigt.“ „Räuber, meine Brüder,“ begann jetzt der Venetianer, indem er ſeine Stimme verſtellte,„ich wähle keinen Text zu meinem Vortrage, weil das unnütz ſein würde; unſer täglicher Text iſt die Sorge für Euer Wohl, denn dieſes ſteht mir höher als das aller andern Menſchen. Denn Ihr ſeid geſchwärzt von Verbrechen, und Sünden ſchwitzen aus allen Euern Poren; noch aber iſt es Zeit zur Reue: die Reue und die Hoffnung, das ſind die beiden barmherzigen Schweſtern, durch welche der Ewige uns kranke Erdenwaller verpflegen läßt. Schurken, meine Freunde, thut alſo Buße, denn Euere Bekehrung wird wohlgefälliger ſein dem Herrn, als die Beſtändigkeit zehn treuer Glänbi⸗ gen, und wahrlich ich ſage Euch, es wird Euch viel vergeben ſein von Euerer Miſſethat für eine Thräne der Reue. Thut daher wenigſtens ein Geringes nur für Gott, weil Er ſo viel für Euch gethan hat. Glaubt meinen Worten, Ihr ſeid nicht ſo fern, wie Ihr denkt, vom Stande der Gnade. Es gibt in der Welt noch viele Andere, die weit ſchuldiger ſind, als Ihr, denen aber die Gunſt des Volkes lächelt und die ſtolz ihr Haupt erheben, während in dem Grunde ihrer Herzen ein ſchauderhafter Sündenpfuhl ſich ausbreitet!— Aber bereut nicht vergebens, ſondern ſeid beſtändig in Euerer Buße, denn die Hölle iſt gepflaſtert mit guten Entſchlüſſen, und beſonders wollet nicht glauben, daß Ihr ſchon 5* 68 darum gerechtfertigt wäret, weil Ihr größere Schurken im Scheine der Sonne wandeln ſeht, als Ihr ſeid, denn ein Jeder iſt der Sohn ſeiner Werke.“ „Solche Worte hatte ich nicht von ihm er⸗ wartet,“ ſagte Moneſtan zu dem Biſchofe. „Ich ſagte es Euch gleich: der Mann hat Geiſt!“ antwortete der Angeredete. Indeß fuhr der Venetianer fort: „Und warum vollbrachtet Ihr die Werke Euerer Sünde?— Um eines Wenig Geldes wegen!— O Nichtswürdige, meine Brüder, meint Ihr, daß Ihr je reich werden könntet?— Wenn das Euer Ziel war, ſo kehret um auf den Weg der Tugend, denn welchen Menſchen hienieden könnt Ihr mir reich zeigen? Kann der Menſch je in die⸗ ſem Erdenthale befriedigt werden? Sagt uns nicht ein unnennbares Etwas, daß wir nicht für dieſe Welt geſchaffen ſind, ſondern für eine andere Heimath? Glaubt mir, lebt heiter und zufrieden, faßt Alles von der beſten Seite auf, denn auch der Reichſte muß ſterben, und nackt, wie man gekom⸗ men, geht man auch aus dieſem Leben wieder —— hinweg.— Thut Buße, noch iſt es Zeit, und be⸗ fürchtet nicht, daß Ihr ſchon jetzt unwiderruflich zu der Zahl der Verdammten gehört, weil Ihr mit den Großen getheilt habt, denn ſonſt müßten auch Alexander der Große und der heilige Sylveſter verdammt ſein. Hat nicht dieſer Letztere Conſtan⸗ tins Habe getheilt? Aber Ihr werdet verdammt ſein, weil Ihr den Beſiegten einen Zufluchtsort verweigertet, weil Ihr den Heller der Wittwen und Waiſen nahmt, weil Ihr dem Unglücklichen einen Trunk Waſſer verweigertet, weil Ihr Euer Herz verſchloſſet gegen Eures Gleichen, die in Demuth ſich unterwarfen. Joa, deßwegen werdet Ihr verdammt ſein!— Allein nur von Euch hängt es ab, es nicht zu ſein. Arbeitet im Weinberge des Herrn, denn die Arbeit iſt halbe Tugend, und Müßiggang allen Laſters Anfang!— Ach! meine Brüder, wenn ich das Leben der Menſchheit im Ganzen betrachte, und dann wieder das Leben des Einzelnen, wenn ich daran denke, wie Gott die Geſammtmaſſe der Menſchheit einem unbe⸗ kannten Ziel entgegenführt, wie alle unſre Hand⸗ lungen nur Punkte ſind, nur Pinſelſtriche des⸗ 7 70 mächtigen Gemäldes, das von ſeiner gewaltigen Hand entworfen wird, wenn ich mich dann auch noch ſeiner ſo erhabenen Würde erinnere, dann glaube ich—“ In dieſem Augenblicke, in welchem Alle, be⸗ ſonders aber Moneſtan, in die geſpannteſte Auf⸗ merkſamkeit verſetzt waren, erſchien Nicol, die Ge⸗ ſandten zu rufen. Er führte ſie durch das Gedränge der Räuber und geleitete ſie in jenen Saal des Erdgeſchoſſes, in welchem Enguerry ſeine Gäſte zu empfangen pflegte, und in welchem wir ihn bereits den Ve⸗ netianer empfangen ſahen. Der Ungläubige ſaß auf ſeinem Seſſel, erhob ſich aber ſogleich beim Eintritt der Geſandten und ging denſelben entgegen. „Seid mir willkommen, meine Herren, und habt die Gnade, Euch niederzulaſſen,“ redete er ſie mit einer demüthigen Höflichkeit an, welche den Doctor Trouſſe noch mehr erſchreckte, als es der barſcheſte und ſtrengſte Ton gethan haben würde: Ein lautes Gelächter ſchallte in dieſem Augen⸗ blick von dem Hofe her in den Audienzſaal. 71 Moneſtan ſeufzte tief auf und richtete ſeinen Blick nach oben, denn er konnte nicht mehr zwei⸗ feln, daß der ſalbungsvolle Eingang von Michel Angelo's Rede nur ein Spott und Hohn geweſen und der Ausgang derſelben ein ſolcher geweſen war, wie man ihn nur von einem ſolchen Menſchen erwarten konnte. ² Gleich darauf erſchien Michel Angelo ſelbſt in der Halle und ſchlüpfte gleich einer Katze in einen Winkel derſelben, um mit eigenen Ohren zu hören, was Enguerry den Geſandten entgegnen würde. Seine Befürchtung war es, daß der König von Cypern vortheilhaftere Anerbietungen machen möchte, als er von Seiten des venetianiſchen Se⸗ nats überbracht hatte. „Herr Ritter,“ nahm Biſchof Hilarion das Wort,„wir erſcheinen bei Euch als Geſandte des Königs von Cypern und Jeruſalem, um Euch die Antwort zu überbringen, welche Ihr am geſtrigen Morgen nicht habet abwarten wollen.“ „Ich glaubte dieſelbe ohnedieß zu kennen,“ antwortete Engnerry kalt. „Herr Ritter,“ nahm darauf Moneſtan das 72 Wort,„wenn die Antwort ſo ausfiele, wie Ihr Euch dieſelbe gedacht zu haben ſcheint, ſo würdet Ihr uns nicht bei Euch ſehen. Uebrigens nehmt zunächſt unſer Beglaubigungsſchreiben in Em⸗ pfang.“ Trouſſe übergab das Beglaubigungsſchreiben dem Ungläubigen. „Des Wiſches bedurfte es nicht,“ antwortete Enguerry und warf das Pergament mit verächt⸗ licher Miene auf den⸗Tiſch. „Schön!“ dachte der Venetianer;„wie es ſcheint, werden die guten Leute kein ſonderliches Glück machen.“ „Herr Graf,“ verſetzte der Biſchof mit ſtolzer Würde,„es ſcheint mir, als ſollte das Schreiben eines Königs von Cypern und Jeruſalem mit grö⸗ ßerer Achtung behandelt werden.“ Der ſanfte Moneſtan zog den hitzigen Prälaten beim Aermel, um ihn darauf hinzuweiſen, daß man mit größerer Selbſtverleugnung handeln müſſe, um die Verhandlungen zu einem erwünſchten Aus⸗ gange zu bringen. Der Ungläubige aber antwortete: 73 „Zunächſt werdet Ihr mir die Bemerkung nicht übel deuten, daß ich mir überhaupt aus Königen ſehr wenig mache, am wenigſten aber aus ſolchen, welche den Namen zwar führen, aber in der That kein Königreich beſitzen. Dann aber mag es Euch zwar leicht ſein, die mir zugefügte Beleidigung zu vergeſſen, nicht aber mir. Ich werde mich ſtets erinnern, daß ich in dem Schloſſe Eueres ſoge⸗ nannten Königs faſt das Opfer eines Meuchel⸗ mords geworden wäre. Noch nie habe ich etwas verziehen, und wir können daher unſre Verhand⸗ lungen ſehr kurz abmachen. Ich habe die Prin⸗ zeſſin zur Gemahlin verlangt: bringt Ihr mir die Einwilligung des Königs?“ „Herr Ritter,“ entgegnete Moneſtan ſchnell, um den heftigen Biſchof nicht zu Worte kommen zu laſſen,„der König ſchlägt Euch die Hand ſeiner Tochter keineswegs ab!“ Dieſe Worte des erſten Miniſters, welche in dem gewöhnlichen ſanften Tone deſſelben geſprochen waren, brachten eine Theaterwirkung hervor. Der Venetianer reckte ſich empor und blickte 74 erſtarrt den Friedensboten an, wogegen der Un⸗ gläubige verwundert ausrief: „Könnte es wahr ſein!“ „Graf Enguerry,“ antwortete Moneſtan, „noch nie ſind meine Lippen von einer Lüge befleckt.“ Enguerry kreuzte die Arme über der Bruſt und ging mit großen Schritten in der Halle auf und nieder. Moneſtan, Trouſſe und der Biſchof blickten auf ihn und hofften bereits, daß ſie die erwünſchte Friſt erlangen würden. Michel Angelo dagegen bebte. Er glaubte aus dem Benehmen des Ungläu⸗ bigen zu erkennen, daß er ſeine Rolle zu Ende ge⸗ ſpielt habe, daher er demſelben tauſend Winke gab, um eine Zwieſprache mit ihm zu erlangen. Der Ungläubige war aber ſo tief in Gedanken verſunken, daß er die Winke des Venetianers gar nicht bemerkte. Endlich blieb Enguerry ſtehen, richtete ſeinen ſtechenden Blick auf Moneſtan und ſagte zu dem⸗ ſelben: 75 „Alter Mann! wenn dem ſo iſt, wie Ihr ſagt, ſo verzichte ich auf meine Rache.— Ich erwarte Euere Vorſchläge.“ „Herr Ritter,“ antwortete Moneſtan,„unſere Vorſchläge ſind der Art, daß Jeder die Gerechtig⸗ keit derſelben anerkennen muß. Die Prinzeſſin hat ſich nämlich eine Friſt von acht Tagen erbeten, um nachdenken und ſich zu dieſer Verbindung ent⸗ ſchließen zu können. Der König hat ſeiner Toch⸗ ter dieſe Friſt nicht verſagen können. Wenigſtens iſt auch dieſer kleine Zeitverluſt nöthig, damit ſie Euch kennen lernen könne, Ihr aber derſelben durch tauſend kleine Aufmerkſamkeiten, die Euerer und ihrer würdig ſind, den Hof machen könnt. Und wäre auch das Alles nicht, ſo würde dennoch eine Friſt von acht Tagen mindeſtens nöthig ſein, um die Vorbereitungen zur Verheirathung zu treffen.“ Moneſtan ſchwieg, als er ſah, daß die Züge des Ungläubigen ſich veränderten. Der Ungläubige ging dann wieder auf und ab, indem er an die glänzende Verbindung dachte, welche er nicht im Traume gehofft hatte. Michel Angelo erkannte, daß es dem Ungläu⸗ 76 bigen gleich ſein würde, ob er die Schätze des Königs von Cypern durch eine Vermählung mit der Tochter deſſelben erlangte, oder dadurch, daß er den blinden alten Mann im Dienſte der Re⸗ publik Venedig gefangen nähme. Aber er erkannte auch ferner, daß er als Opfer fallen würde, wenn eine friedliche Ausgleichung zu Stande käme. Seine Winke wurden daher von jetzt an ſo ge⸗ ränſchvoll, daß der Ungläubige aus ſeinem träu⸗ meriſchen Nachſinnen erweckt wurde und nach dem Sendboten des venetianiſchen Senats ſchaute. Michel winkte nochmals. Enguerry trat zu dem Italiener und lieh dem böſen Geiſte ſein Ohr. „Merkt Ihr denn nicht, Vetterchen,“ ſagte Angelo mit leiſer Stimme,„daß man ſein Spiel mit Euch treibt und Euch Schlingen legt?“ Aus den kleinen grünen Augen des Venetianers funkelte ein feiner Spott, während er die mitge⸗ theilten Worte ſagte. „Was für Schlingen könnte man mir legen?“ fragte der Ungläubige. 77 „Erkennt Ihr denn nicht, daß man in Caſin⸗ Grandes nur Zeit gewinnen will? Ja, Zeit will man gewinnen, um Streitkräfte zu ſammeln, um die Ankunft des Grafen Gaſton zu erwarten! Be⸗ ſitzt Ihr denn gar kein politiſches Talent?“ Der Ungläubige wurde roth vor Zorn, als der Gedanke in ihm erweckt war, daß er nur ge⸗ täuſcht werden ſollte. Mit eiligen Schritten kehrte er zu den Ge⸗ ſandten zurück und ſagte mit einer Stimme, welche von der gewölbten Decke der Halle wiederdröhnte: „Ei! meine gar lieben Herren! Ihr wollt alſo, daß ich der Prinzeſſin den Hof mache?— Nun ja, ich werde ſchon heute Abend kommen, aber mit einem Gefolge von fünfhundert Mann. Findet Ihr dieſes Gefolge anſtändig genug, oder ſoll ich daſſelbe noch vergrößern? Sprecht, Ihr treuloſen Botſchafter! Denkt nicht, daß ich die koſtbare Zeit mit Unterhandlungen vergeuden ſoll, deren Ziel und Ende ich bereits erkenne.“ „Hütet Euch, beleidigende Worte gegen uns auszuſprechen!“ rief der Biſchof mit zorniger Stimme aus,„und vergeßt nicht, das wir hier die Perſon eines Königs von Cypern und Jeruſalem vertreten.“ „Ihr ſelbſt habt Euere Würde aus den Augen geſetzt, indem Ihr mit treuloſer Hinterliſt mich zu täuſchen verſuchtet.“ „Mit treuloſer Hinterliſt!“ wiederholte Mone⸗ ſtan;„Herr Graf, ich ſehe, daß Ihr die Prinzeſſin nicht liebt und ſie es nicht iſt, um welche Ihr werbt.“ „Denkt Ihr denn, man verheirathet ſich nur um eine Frau zu haben?“ antwortete der Ungläu⸗ bige und lachte dabei in unheimlicher Weiſe. „Gut denn, Herr Ritter,“ fuhr darauf der erſte Miniſter wieder fort,„iſt es etwa Gold, das Ihr verlangt? Faſt ſcheint es mir ſo.“ „Dieſes Mal habt Ihr Euch nicht geirrt.“ „Gut, ſo biete ich Euch Gold an, um den Krieg zu vermeiden. Ich biete Euch zwanzigtauſend Mark!“ „Zwanzigtauſend Mark!“ wiederholte der Un⸗ gläubige, indem er ſich gegen den Venetianer wandte. Der Biſchof aber ergriff Moneſtan's Hand, um ihn zum Schweigen zu bringen und zu verhin dern, daß er keine fernern entehrenden Vorſchläge mache. „Eine neue Liſt!“ ſagte der Venetianer zu dem Ungläubigen.„Man will Euch nur in das Schloß locken und dann gefangen nehmen.“ „Ich bin mit Euerem Anerbieten zufrieden,“ ſagte darauf der Ungläubige zu Moneſtan,„aber nur unter der Bedingung, daß Ihr als Geißeln hier bleibt, während ich gehe, das Gold zu holen.“ „Ich bin damit einverſtanden,“ antwortete Moneſtan, der edeldenkend genug war, ſich ſelbſt zu opfern. Zugleich gab er dem Biſchofe einen Wink, daß er ſich ſeinem Untergange nicht widerſetzen möge, ſondern nur daran denken ſollte, des Ungläubigen Herr zu werden. Trouſſe bebte am ganzen Körper, weil er be⸗ fürchtete, daß der Vorſchlag angenommen werden könnte. „Vetterchen,“ warnte dagegen Michel Angelo mit leiſer Stimme,„hütet Euch, einzuwilligen, denn ich kenne dieſe tugendhaften Leute! Sie ſind bereit, mit Freuden in den Tod zu gehen, weun ſie damit ihren König retten können.“ „Aber bedenkt nur, Freundchen! gwmnitu⸗ ſend Mark— das ſind zwei Millionen Livres!“ „Ei! Räuber, mein Freundchen, ſeid Ihr denn durchaus mit Blindheit geſchlagen? Wenn Jene zwanzigtauſend Mark beſitzen, ſo ſind ſie auch Euer, und obendrein bekommt Ihr die zehntauſend Mark vom Senate.“ Das leuchtete dem Ungläubigen wieder ein. Er kehrte zu den Geſandten zurück und ſagte: „Meine Herren, ich kann in Euere verfäng⸗ lichen Vorſchläge nicht einwilligen.“ „Wohl denn! ſo werdet Ihr das Opfer ſein,“ antwortete Moneſtan, indem er faſt von Zorn er⸗ griffen wurde. Dann nahm er eine würdevolle Haltung an, bedeckte ſein Haupt und fuhr in ernſtem Tone fort: „Im Namen Johanns II., Königs von Chpern und Jeruſalem, erkläre ich Euch den Krieg!“ „Lebt wohl, Herr Enguerrh,“ verſetzte darauf der Biſchof,„das Schwert wird nun zwiſchen Euch und uns entſcheiden!“ 81 „Ja, das nehme ich mit Freuden an,“ antwor⸗ tete der Ungläubige,„und ohne länger zu warten, werde ich unter den Mauern von Caſin⸗Grandes Euern Gruß erwidern.“ „Ihr werdet uns dort treffen!“ entgegnete der Biſchof in einem ſo ſtolzen Tone, daß ſelbſt der Ungläubige ſtutzig wurde. „Ja, Ihr werdet uns dort treffen, unterſtützt von unſerm guten Recht und unſern Heerſchaaren!“ ſetzte Moneſtan hinzu. „Deſto beſſer für Euch!“ entgegnete der Un⸗ gläubige. Die Geſandten traten ab. Als ſie aus den Ringmauern des Schloſſes waren, da athmete Trouſſe tief auf und ſagte: „Dem Himmel ſei Dank! ich lebe noch!“ Dann befühlte er ſeinen Puls. „Faſt hätte ich eine fixe Idee aus Furcht be⸗ kommen, welche mit der Zeit den Sieg über mich davon getragen haben würde.“ In dem unglücklichen Schloſſe Caſin⸗Grandes verbreitete ſich die größte Entmuthigung, als die 6 Nachricht von dem ſchlechten Erfolge der Geſandt⸗ ſchaft allgemein bekannt wurde. Nur der König blieb ſich gleich. „Meine Herren,“ ſagte er mit hoheitsvoller Würde zu den Miniſtern,„ich danke Euch für Euere Bemühungen. Indeß iſt noch nicht Alles verloren. Laßt uns jetzt hinunter gehen, unſere Kräfte zu prüfen und unſere Mannen zu ermu⸗ thigen.“ VXI. Nie mag eine Kriegserklärung einen ſolchen Schrecken unter einem Volke verbreitet haben, wie jetzt die Gewißheit, daß der Krieg mit dem Un⸗ gläubigen nicht ferner zu vermeiden ſei, in Caſin⸗ Grandes hervorrief. Und dieſer Schrecken war gewiß nicht ohne Grund, denn Jeder hatte das Bewußtſein ſeiner Schwäche, und bei der obwaltenden Lage der Dinge unterlag es keinem Zweifel, daß ein Wider⸗ ſtand in offener Heeresſchlacht zu den Unmöglich⸗ keiten gehöre. Daher der ſtarre Schauder und das gränzen⸗ loſe Entſetzen der drei Heereshaufen, ſo wie der Bauern. Selbſt dem kriegsluſtigen Prälaten war nicht ganz wohl zu Muthe, denn er erkannte, daß es 6* 84 nicht möglich ſei, dem Feinde ein ſchlagfertiges Heer entgegen zu ſtellen. Endlich wurde der Beſchluß gefaßt, nur eine Belagerung auszuhalten. Als der König, von Moneſtan geleitet, in die Mitte ſeines kleinen Häufleins von Unterthanen hinabſtieg, da entſtand unter den Bewaffneten eine Begeiſterung, welche das Feldherrntalent des Prälaten geſchickt zu benutzen wußte. Mit kräftiger Stimme rief er: „Auf die Wälle!“ Und die begeiſterte Menge wiederholte in hun⸗ dertſtimmigem Rufe: „Auf die Wälle!“ Es iſt bekannt, welchen gewaltigen Einfluß das Geſchrei eines Haufens auf die Einzelnen, aus denen der Haufen beſteht, ausübt. Es entwicelt ſich bei ſolchen Gelegenheiten ein geiſtiger Rauſch, welcher den Gedanken an jede Gefahr vergeſſen läßt. Daher wurde lauter und lauter wiederholt: „Auf die Wälle! Es lebe Johann IF.!— Auf die Wälle!“ 85 Während dieſes allgemeinen Rufes eilte Jeder auf ſeinen Poſten. „Sire,“ ſagte der Prälat,„derjenige Ort, welchen wir bei der Vertheidigung vorzugsweiſe im Auge behalten müſſen, iſt die Vorderſeite des Schloſſes. Dorthin müſſen die Bogenſchützen, die Frauen und das Corps der Greiſe geſtellt werden. Es wird ſchwer ſein, denſelben dort bei⸗ zukommen, wogegen ſie von dort die Belagerer mit Strömen ſiedenden Oels und Wurfgeſchoſſen begrüßen können.“ „Ich erlaube Euch, Euere Befehle demgemäß zu ertheilen,“ antwortete der König, betrübt, daß ſein Augenlicht zu ſchwach ſei, um auch hier den Anordnungen ſeiner Miniſter vorgreifen zu können. Das Corps der Greiſe, der Kinder und der Frauen, kurz Alles, was nicht zu den übrigen Heereshaufen gehörte, erſtieg muthig die Mauern und lagerte ſich dort, um ſtets bereit zu ſein, die Vorderſeite zu vertheidigen, von der Alles abhing. Man bildete eine Art Kette und trug mit an⸗ geſtrengteſtem Eifer Oel, Steine, Waſſer, Holz und Wurfgeſchoſſe herbei. 86 Es wird ſchwer ſein, uns zu beſiegen, Sire,“ ſagte Moneſtan, der allein bei dem Könige geblie⸗ ben war.„O! wie könnte ich mich beglückt fühlen, könntet Ihr den Eifer und die Liebe dieſer treuen Diener und Unterthanen ſehen!“ „Stände es doch in meiner Macht, ſie wür⸗ dig dafür zu belohnen!“ entgegnete der König, der eben ſo gerührt war, wie ſein Miniſter. „Sire, Ihr verdient dieſe Treue und Liebe.“ „O, mein Freund Moneſtan, die Liebe der Völker iſt der ſchönſte Schmuck der Könige.“ Der Connetable und der Biſchof kehrten jetzt zu dem Könige zurück. „Sire,“ begann der Connetable,„welches iſt Euere Anſicht bezüglich der Aufſtellung der beiden übrigen Heereshaufen?“ Man ſah es dem Könige an, welche Freude er darüber empfand, daß ſeine Meinung zuerſt begehrt wurde. „Es iſt unſere Meinung,“ antwortete der Kö⸗ nig,„daß wir den zweiten Heereshaufen in zwei Abtheilungen bringen, welche die beiden Seiten⸗ flügel von Caſin⸗Grandes zu beſchützen haben wür⸗ den; die Leibwache wird für das Portal aufbe⸗ wahrt und die Reiterei decken, falls dieſe Bſp machen ſollte.“ „Gewiß wird ſie Ausfälle machen, Sire,“ rief Kephalein aus, indem er mit ſeinem ſpitzen Köpfchen nickte.„Ich werde hier ein zweites Edeſſa finden, wo ich den Staat rettete durch einen An⸗ griff, welcher—“ „Und wenn die Feinde bis an das Portal ge⸗ langen ſollten,“ unterbrach der Monarch den Connetable,„ſo wird die Leibwache daſſelbe ver⸗ theidigen. Dieſer Plan ſcheint mir der richtige. Was meint Ihr dazu, meine Herren?“ „Hannibal hätte keinen beſſern entwerfen kön⸗ nen,“ ſagte der Prälat. Man iſt am meiſten zu Schmeicheleien aufge⸗ legt, wenn man ſich glücklich fühlt. Der Prälat war aber glücklich, denn er ſchwebte in einem Himmel der Wonne, ſeit er die Ueberzeugung hatte, daß es einen hitzigen und ernſten Kampf geben werde. Als die Vertheidiger von Caſin⸗Grandes in der erwähnten Weiſe aufgeſtellt und bis an die 88 Zähne bewaffnet waren, bemerkte man auf den Höfen des Schloſſes nur noch die Leibwache, die Reiterei und einige alte Diener, welche den König und ſeine Miniſter umgaben. „Würde es jetzt,“ nahm Moneſtan das Wort, „da alle menſchliche Vorſichtsmaßregeln getroffen ſind, nicht zweckmäßig ſein, daß wir uns in die Kapelle begäben und den Herrn um ſeinen und Beiſtand anzuflehen?“ Der Biſchof ſchüttelte das Haupt bei dieſem Vorſchlage. Dagegen ſagte der fromme Monarch: „Allerdings iſt das nöthig, und wir wollen ſogleich den Weg nach unſerm kleinen Tempel ein⸗ ſchlagen. Der Gott, deſſen Krippe und Grab wir aus den Händen des Ungläubigen befreiten, wird uns nicht vergeſſen!— Sollte er uns aber ver⸗ laſſen, ſo werden wir dennoch ſeine Weisheit und Gerechtigkeit verehren und nicht aufhören, ſeine mächtige Hand anzubeten, denn ſeine Beſchlüſſe ſind unveränderlich und voll unergründlicher Weisheit. 80 Der kleine Haufen trat demnach den Weg nach der Kapelle an. Jeder trat voll heiliger Ehrfurcht ein, nur nicht der Biſchof, der mit der Miene eines Mi⸗ niſters, der ſein Portefeuille in Empfang nehmen will, dahin ſchritt. Der König ſetzte ſich unter ſeinen Thronhim⸗ mel und der Prälat, welcher ſchnell ſein Meßge⸗ wand umgeworfen hatte, erſchien gleich darauf, gefolgt von dem Abbé Simon und dem Meßdie⸗ ner, welcher keine Zeit gehabt hatte, ſeine Rüſtung zuvor abzulegen. Die alten Diener ſtellten ſich in tiefem Schwei⸗ gen um den Altar auf. Die gemalten Fenſterſcheiben hielten das grelle Eindringen des Sonnenlichts ab und verbreiteten ein Dämmerlicht, wodurch über die ganze Scene etwas Feierliches ausgegoſſen wurde. Das tiefe Schweigen, die majeſtätiſchen Ge⸗ wölbe, die gothiſchen Pfeiler, die Haltung des niedergeknieten Königs, der ſich demüthigte vor dem König aller Könige, die Zerknirſchung der Greiſe, die Inbrunſt Moneſtans und— was noch — weit mehr war— der Gedanke an die unmittel⸗ bare Gegenwart des Cwigen erweckten ein Ge⸗ fühl, das man nicht anders erklären und ſchildern kann, als durch das einfache und doch ſo unendlich vielſagende Wort Religion. Der moraliſche Geſammtbegriff, welchen man dem ſo ſelten in ſeinem ganzen Umfange begriffe⸗ nen Worte Religion ertheilen muß, wird außer ſei⸗ nem tröſtenden Reize ſtets noch etwas Angenehmes und Poetiſches haben; wenn dieſe Greiſe ihre Hände gegen das gewölbte Schiff der Kapelle em⸗ porreckten, ſo drückten ſie durch dieſe einzige Be⸗ wegung ſchon die Hoffnung aus, daß ein allwiſſen⸗ des Auge aus den fernen Räumen des Himmels herab auf ſie ſchaue! Die weißen Haare eines zur Erde geneigten Hauptes, andächtige Menſchen, welche ihre Sün⸗ den bekennen, zum Gebet gefaltete Hände werden ſtets etwas Rührendes haben und ſelbſt auf den Gottesleugner einen tiefen Eindruck hervor“ bringen. Der Biſchof ſang den Pſalm, in welchem Da⸗ vid die Hilfe des Herrn anrief gegen ſeinen Sohn und die aufrühreriſchen Unterthanen, welche dem⸗ ſelben anhingen.— Es liegt in der trauernden Einförmigkeit des Kirchengengeſanges ein Ausdruck klagender Schwermuth, den man ſtets bewunderungswürdig finden muß; unter den damaligen Umſtänden aber war er großartig und erhaben. Nur Einer war nicht mit ganzem Herzen und ganzer Seele bei dieſer erhabenen Feier. Und dieſer Eine war der kriegeriſche Hilarion. Er legte in ſeine an den Ewigen gerichteten Anrufungen einen kriegeriſchen Ausdruck und konnte nicht umhin, die Rüſtungen zu betrachten, welche an den Pfeilern der Kapelle aufgehängt waren. Am Ende des erſten Verſes ſeufzte er darüber, daß dieſe Rüſtungen unbenutzt geblieben wären. Am Ende des zweiten Verſes folgerte er aus der Weite der Bruſtharniſche, daß die Menſchen zu den Zeiten des Grafen Hugues von Luſig⸗ nan kräftiger und größer geweſen ſein müßten. Bei dem dritter Verſe belebte ſeine Einbil⸗ dungskraft die Rüſtungen mit den Körpern der Ritter, denen ſie angehört hatten. 92 Bei dem ſiebenten Verſe bedauerte er, daß er die hundert Ritter und die Waffenknechte des Gra⸗ fen Hugues nicht habe. Endlich gewann ſeine Lieblingsidee dermaßen die Oberhand bei ihm, daß er bei dem zehnten Verſe ſtatt der lateiniſchen Worte des Pſalmes die profanen Worte herſagte: „Ach! hätten wir dreißigtauſend—“ Dieſe Worte vernichteten den himmliſchen Reiz der frommen Scene. Der Ewige wird ohne Zweifel in ſeiner Barm⸗ herzigkeit verziehen haben; nicht ſo der König. Er öffnete den Mund, um Hilarion zu ermahnen, und Moneſtan blickte verwirrt und verlegen den Bi⸗ ſchof an. Da ertönte zum Glück für den letztern ein lau⸗ tes Geſchrei und furchtbarer Lärm. Eilende Tritte und verworrenes Getöſe hallten an den Mauern der Kapelle wieder und deutlich unter⸗ ſchied man die Unheil verkündenden Worte: „Zu den Waffen!— der Feind iſt ge⸗ kommen!“ — 93 Alle verließen ſchnell die Kapelle und der Bi⸗ ſchof eilte im Meßgewande auf die Mauer. Welch ein Anblick bot ſich ihm dar! Der Ungläubige zog an der Spitze von ſechs⸗ hundert Gewaffneten in den Zugang zum Schloſſe ein und ſtimmte mit ſeinem wüſten Haufen ein Geſchrei der Freude und des Sieges an. Die Helme und Rüſtungen der Kriegsknechte erglänz⸗ ten im Sonnenſchein und eine Staubwolke erhob ſich weit über die Gipfel der hundertjährigen Bäume hinweg. Endlich war der ganze feindliche Haufen heran⸗ gekommen und ſtellte ſich den Mauern des Schloſ⸗ ſes gegenüber auf. Er breitete ſich bis zu jenen ungeheuern Felsblöcken aus, welche den breiten Graben ſchloſſen, den die Kokette mit dem ihr ge⸗ genüberliegenden Berge bildete. Einige Zelte wurden aufgeſchlagen und die Feinde lagerten ſich. Dann erblickte der Biſchof in weiterer Ferne noch einen zweiten Trupp. Es waren die Handarbeiter, welche Belage⸗ rungswerkzeuge und Reifigbündel herbeitrugen. 94 Schon hieben die Barbaren auch die erſten Bäume der zu dem Schloſſe führenden Alleen nie⸗ der, um ſie bei der Belagerung zu benutzen. Die alten Ulmen krachten beim Falle und die Erde ſeufzte unter dem Gewichte ihrer geliebten Kinder. „Mit ſolchen Maſſen werden ſie bald unſere Gräben ausgefüllt haben,“ klagte der Biſchof, als er ſah, daß es nun Ernſt werde mit den Kämpfen, von denen er ſo lange nur geträumt hatte. Dunkle Rauchwolken erhoben ſich am Horizont und die auf den Zinnen des Schloſſes ſitzenden Vertheidiger deſſelben gewahrten, daß die Dörfer der Herrſchaft in Flammen aufgingen. Ein Schrei des Grauſens und der Entrüſtung erhob ſich, aber der Muth der Belagerten wurde nur erhöht durch die Verzweiflung, welche ihre Herzen erfüllte. Sie ſahen in wenigen Augenblicken die väter⸗ lichen Dächer von den Flammen verzehrt, ſo daß ihnen nichts blieb, als das Leben. Dieſes beſchloſ⸗ ſen ſie aber mit allen ihnen zu Gebote ſtehenden Kräften zu vertheidigen. „Fluch über Enguerrh, ſeine Soldaten, Freunde 95 und Anhänger!“ rief der Biſchof aus.„Ich ſtoße ſie, kraft meines von Gott mir verliehenen Amtes, aus der Gemeinſchaft der Gläubigen, ſie und alle ihre Nachkommen!“ Dann ſprach der Biſchof die grauſige Formel der Excommunication aus. Noch größer war dadurch der Muth und die Zuverſicht der Belagerten geworden. Sie riefen: „Sie ſind excommunicirt!— Wir werden ſie beſiegen!“ „Glaubt es nur!“ ſeufzte der arme Trouſſe, der kaum zu athmen vermochte, weil er in eine Rüſtung eingezwengt war, welche für ſeinen kör⸗ perlichen Umfang die genügende Weite nicht beſaß. Der Glaube an den Sieg hatte ſich durch die Reihen der Räuber verbreitet, und die Männer von Caſin⸗Grandes blickten auf ihre Feinde mit jener Zuverſicht, die man durch das Bewußtſein des höhern ſittlichen Werthes erhält. Der Biſchof ſtieg wieder von der Mauer herab und überbrachte dem Könige die Nachricht, daß die Feſte nun angegriffen ſei. Zugleich meldete er aber auch die Begeiſterung der Truppen. Die letzte Vorſichtsmaßregel wurde nun er⸗ griffen, indem man alle Schätze des Königs in ein Gewölbe unter der Kapelle verſenkte und dort ver⸗ mauerte. Bald deckte die Nacht mit gleichem Schleier die Belagerer wie die Belagerten. Der unſichtige Biſchof ſtellte einen Wächter auf die Warte, damit im Falle eines Angriffs Jeder ſchnell auf ſeinen Poſten gerufen werden könnte. Dann beſuchte er nebſt Kephalein und Kaſtriota die verſchiedenen Poſten und Wachen, indem er durch ſeine Worte den Schwachen Muth verlieh und auch den Muthigen noch größere Kraft erweckte. Der edle Moneſtan machte ebenfalls eine Runde. Er verſprach den Leibeignen, welche ſich auszeichnen würden, die Freiheit und verhieß daſ⸗ ſelbe auch für die Kinder der Leibeigenen, welche im Kampfe fallen würden. Darauf kehrte der kleine Stab zu dem Könige zurück, um ihn von dem befriedigenden Zuſtande 97 der Vertheidigungsmannſchaft in körperlicher wie geiſtiger Hinſicht zu verſichern. Demnach ging es an der Tafel Johauns II. ſehr ſtill und traurig zu. Clotilde wagte nicht, an dem heutigen Abend zu ſingen und der Monarch brachte denſelben in tiefes Nachdenken verſunken zu. Er ſtützte das Haupt auf ſeine Hände, verblieb in dieſer Haltung und zeigte in ſeinen Zügen den Ausdruck einer ſo großen Bekümmerniß, daß ſeine Umgebungen den größten Antheil nahmen und durch ſein Schweigen ſchmerzlicher berührt wur⸗ den, als wenn er laut geklagt hätte. „Ihr ſeid ſehr nachdenkend, mein Vater, und bemerkt nicht einmal, daß Eure Tochter zugegen i unterbrach Clotilde endlich das Schweigen. „Ol ich möchte wohl, daß ich Euch tröſten könnte, allein ich vermag nur, Euern Kummer zu theilen.“ keine Tochter, ich habe Dich nicht vergeſ⸗ ſen. Höre ich doch das ſtete Wogen Deines Bu⸗ ſens an meiner Seite!— Ach! wenn ich noch jung wäre und das Licht meiner Augen noch beſäße, ſo 7 würde ich mich bei dem Gedanken an Kampf und Schlachten freuen!“ „Ihr werdet ſiegen, mein Vater!“ „Darauf hoffe ich, allein es iſt auch möglich, daß ich unterliege! Und was würde dann aus Dir werden, Clotilde?“ Die Prinzeſſin ſah ſich jetzt in Gedanken ent⸗ flohen dem eingenommenen und in Flammer ſtehen⸗ den Schloſſe, umherirrend, verwaiſt, ohne Hoff⸗ nung und Zufluchtsort, dann aufgenommen an geheimnißvoller und verborgener Stätte von dem ſchönen Juden. Es ſchien ihr klar, daß nur aus dem höchſten Unglück ihr höchſtes Glück entſpringen könne. Da⸗ her ſeufzte ſie und ſagte: „Auch das Unglück hat ſeine Wonnen!“ „Was bedeuten dieſe Worte, meine Tochter? Es liegt in denſelben ein Sinn, der für Deine Jahre viel zu tief iſt. Ich meine, daß ein Ge⸗ heimniß dahinter liegt.“ „Sire, würdet Ihr nicht glücklich ſein, wenn Ihr Eure Tage in einer Hütte zubrächtet, fern von dem unruhigen Treiben der Welt, ſorgſam und Deine Gedanken nicht errathen?“ —— 99 gepflegt von Eurer Euch liebenden Tochter, nur mit den wahren Gütern beſchäftigt, welche die Natur uns ſchenkt, heiter und ohne beläſtigende Sorgen? Gewiß, Ihr würdet dann glücklicher ſein, als jetzt!“* Sie hatte dieſe Worte mit jungfräulicher Of⸗ fenherzigkeit ausgeſprochen, und es miſchte ſich mit ihnen etwas Flehendes und doch auch Hoff⸗ nungsvolles, daß der Greis ſein Haupt aufrich⸗ tete und durch die ſichtbare Anſtrengung ſeiner Augen zu erforſchen ſuchte, was in Clotildens Herzen vorginge. „Clotilde,“ ſagte er dann, nachdem er kurze Zeit nachgedacht hatte,„aus den von Dir ge⸗ träumten Idyllen erkenne ich, daß Du liebſt.“ In dem Wahne, daß es der ſchwarze Ritter ſei, welcher von ſeiner Tochter geliebt werde, fuhr der König alsdann fort: „Ach! wenn ich beſiegt werde, ſo kann ich Euch nicht glücklich machen, und Euere Liebe wird Euch viele Leiden auferlegen!— Habe ich Dein Herz 7* 100 Das junge Mädchen zitterte, wie ein Baum unter den Hieben der Axt. Der Greis aber ergriff ihre weißen Hände, drückte dieſelben und fuhr fort: „Du zitterſt, meine Tochter! dieſem Zeichen würde ich Dein wenn ich mich nicht ſchon läng keit meiner Ahnung überzeugt Clotilde, gibt es noch Ehre jhf dieſer Erde und hat dieſelbe nicht ſchon längſt ihre Schritte nach andern Welträumen gericht t ſo ſollſt Du glück⸗ lich werden!“ Das junge Mädchen weinte, denn der Irr⸗ thum ihres Vaters war offenbar genug. Eine Thräne rann aus ihren Augen auf die Hand ihres Vaters. „Ermuthige Dich Clotilde,“ fuhr der gute Greis fort,„er liebt Dich!“ Das war der grauſamſte Dolchſtoß für das Herz, welches ſo zärtlich den ſchönen Israeliten liebte. „An Deinen Thränen erkenne ich, daß Du ihn ebenfalls liebſt,“ nahm Johann 1I. abermals Schon an iebe erkennen, on der Richtig⸗ tte. Tröſte Dich, 101 das Wort.„Glückliche Kinder, Eure Liebe er⸗ wärmt auch mein altes Herz wieder!— O, meine Geliebte, ſiehe, das war eben der Grund meiner Trauer— ich fürchtete mehr ſür Euch, als für Eure Liebe, denn iſt er nur ein einfacher Ritter, ſo kannſt Du nicht verlangen, daß er die Tochter eines Königs heirathen ſolle, welcher Obdach, Krone und Reichthum verloren hat.“ Clotilde weinte noch ſtärker als zuvor. „Auch hoffe ich, daß ich leben bleiben werde, wenn ich nur noch ein Gegenſtand des Mitleids ſein werde, einem verfallenen Denkmale gleich, das nur noch eine Erinnerung gewährt an das, was es war. Nein, wenn meines Unglücks ungeach⸗ tet der ſchwarze Ritter treu bleibt, ſo wird mein Grab Euer Traualtar ſein. Ihr werdet dann wohl bisweilen nach demſelben wallen, um einen guten Vater zu beweinen, und mein Tod wird nicht mehr ſo ganz bitter ſein, wenn ich Dich glücklich weiß, Clotilde.“ Clotilde vermochte nicht, den Anblick ihres Vaters länger zu ertragen. „Gute Nacht, mein Vater!“ rief ſie ihm zu 102 und drückte einen glühenden Kuß auf des Greiſes Wange. Der Ausdruck, in welchem dieſes Lebewohl ge⸗ ſprochen wurde, ließ Johann II. bis in das In⸗ nerſte ſeines Herzens erbeben. Er erhob ſein Haupt, ſuchte ſeine Augen auf Clotilde zu richten und antwortete: „O, meine Tochter, wie viele Thränen! Ja, ein gutes Kind, wie Du biſt, mußt Du natürlich auch den auf das Innigſte lieben, welcher ſpäter⸗ hin die Stelle eines Vaters bei Dir vertreten wit Auf ihr Zimmer zurückgekehrt, ſah Clotilde die Blumen des ſchönen Israeliten, und dieſer An⸗ blick trocknete alle ihre Thränen. Joſette hatte ſchon lange auf ihre Herrin gewartet. „Prinzeſſin,“ ſagſt die geſchwätzige Zofe, „mein Mann iſt nicht unter den Belagerern. Of⸗ fenbar iſt ihm die Bewachung der Feſte über⸗ geben.“ Die Prinzeſſin war zu ſehr mit der Betrach⸗ tung ihrer Blumen beſchäftigt, als daß ſie auf die Worte der Zofe hätte achten ſollen. In allen ih⸗ ren Zügen erkannte man den Rauſch der Liebe, welcher ihr Herz erfüllte. Sobald Joſeite ſich entfernt hatte, eilte Clo⸗ tilde mit der Leichtigkeit eines Rehes an das Fenſter. Der Jude war auf ſeinem Poſten. „Nephthaly,“ ſagte Clotilde mit zitternder Stimme,„Fürchtet Ihr nicht, daß die Schildwache Euch erblicken möge?“ „Sie ſchläft!— Ach! morgen früh wird ſie mich lange vor dem Erſcheinen der Morgenröthe vertreiben.“ Er unterbrach ſich, ſchwieg einen Augenblick und fuhr dann in Kagendem Tone fort: „Morgen werde ich Euch nicht ſehen!— Die Morgenröthe wird dann ohne Reiz, der Tag ohne Glanz für mich ſein.“ „Nephthalh, die Nacht, welche uns ſtets um⸗ gab, iſt von trauriger Vorbedeutung für uns!“ „O, meine Wehlthäterin, wenn ich wagte—“ „Genug, Nephthaly!“ „Darf ich hoffen, daß ich Euern Zorn nicht 104 erregen werde, wenn ich Euch offen meine Ge⸗ fühle mittheile?“ „Nephthaly!“ „Ich liebe Euch!“ Wenn zwei Liebende ſich zum erſten Male ein ſolches Geſtändniß gemacht haben, ſo meinen ſie, daß die ganze Welt ſie gehört haben müſſe. Daher entſtand auch jetzt ein Augenblick ängſt⸗ lichen Schweigens, worauf Nephthalh mit einem Ausdruck, der aus dem Herzen kam, fortfuhr: „Ich kann nicht länger die Flamme verhehlen, welche mich erbarmungslos verzehrt. Ach! zu lei⸗ den, ohne daß Ihr es wißt, das heißt ſeine Leiden tauſendfach erdulden. Beſtraft mich für meine Kühnheit, aber erkennt auch meine Gluth!“ „Nephthaly!“ „Ach! Prinzeſſin, ich weiß, daß ich Euch be⸗ leidige.— Allein Ihr ſeid ſelbſt der Grund mei⸗ ner Beleidigung und die Urſache meiner Leiden.— Ol welcher Wahnſinn hat ſich meiner bemäch⸗ ügt!— Unglücklicher, der ich bin!“ „Nephthalh!“ „Ol vergrößert meinen Schmerz nicht!— ſchürt nicht ferner das hölliſche Feuer, welches in meiner Seele brennt, indem ihr ſo ſanft meinen Namen ausſprecht, wenn Ihr mich dennoch nur verbannen wollt.“ „Nephthaly!“ entgegnete jetzt die Prinzeſſin, „ich fühle, daß Ihr mehr für mich ſeid, als ein Bruder, und wenn ich Eure Stimme höre, wenn ich Euch ſehe, wenn ich nur an Euch denke, ſo er⸗ greift mich im tiefſten Innern meines Herzens eine Aufregung, von der ich früher keine Ahnung hatte. Ich bin eine ganz Andere geworden, als ich früher war, ſeit ich Euch zum erſten Male ſah. Ich vertraue mich Euern Händen an, Nephthaly, denn mit meiner Herrſchaft über mich iſt es vor⸗ bei. Ich könnte befehlen— aber ich will Sclavin ſein.— Werde ich damit Recht haben?— wer⸗ det Ihr beſtändig ſein?— werdet Ihr treu blei⸗ ben und meine Schwäche achten?“ Clotilde ſah bei dem Demant⸗Gefunkel der Sterne, wie ſich der Jude an dem Felſen feſtklam⸗ merte, als wäre er ſchwindlich geworden, als be⸗ fürchte er dem Uebermaße ſeines Glücks zu unter⸗ liegen. . Endlich antwortete er: „Ich nehme das gefährliche Geſchenk an, wel⸗ ches Ihr mir dargebracht habt, und nie ſoll je ein Geizhals ſeine Schätze mit ängſtlichern Augen bewacht haben, als ich Euch bewache, meine Clotilde!“ Kaum hatte der Jeraelit dieſe Worte geſagt, als ein furchtbarer Lärm durch die Lüfte hallte. Die Sturmglocken ſandten ihre unheimlichen Töne in die dunkle Nacht hinaus, die Höfe und die Gebäude erdröhnten von den eilenden Schritten der Gewaffneten, und von den Mauern und Fel⸗ ſen hallte das Geſchrei wieder: „Zu den Waffen!— Zu den Waffen!“ Fackeln und Kerzen wurden angezündet, die Zinnen füllten ſich mit Kriegern, der Lärm ging von allen Punkten des Schloſſes und ſeiner Feſtungswerke aus. Man eilte hin und wieder, indem man die Stelle ſuchte, wo die Gefahr drohte, die Gott⸗ heiten des Schreckens und des Krieges ſchienen ihr furchtbarſtes Regiment aufgeſchlagen zu haben, 107 allgemeine Verwirrung hevrſchte unter den Ver⸗ theidigern des Schloſſes. Da bebte die Marmortreppe unter den ſchwe⸗ ren Tritten eiſenumpanzerter Männer. Die Tritte kamen näher, ſie ließen ſich auf dem Corridore hören, ſie kamen auf Clotildens Zimmer zu. Clotilde ſtand noch, unbeweglich vor Schrecken und Schauder, an ihrem Fenſter. Als ihr jedoch kein Zweifel mehr blieb, daß ihr Zimmer das Ziel der Nahenden ſei, da rief ſie dem Juden zu: „Rettet Euch, Nephthalh!“ Der ſchöne Jude begriff den Werth dieſer Worte und erfaßte zu ſchnell ſein Seil. Clotilde hörte einen dumpfen Fall aus der Tiefe, dann einen leiſen Seufzer. Sie lauſchte, während ihr Herz zu ſchlagen aufhörte, und an ihre Ohren ſchlug der kla⸗ gende Ton: „Clotilde!“ Dieſer Name ward von dem armen Juden in jenem langſamen und ſchmerzenreichen Tone aus⸗ — 108 geſprochen, in welchem ſich ein Menſch ausdrücken würde, der zu gleicher Zeit den Himmel anklagt und ihm auch dankt. „Er iſt todt!“ ſagte die Jungfrau erbleichend und ſank nieder, während die Schleier einer Ohn⸗ macht bereits ihre Augen umdunkelten. Ihr Zimmer wurde geöffnet. „Er iſt für mich geſtorben!“ Das waren die letzten Worte, welche von den bleichen Lippen der Prinzeſſin kamen. XVII. Mit entblößtem Säbel in der Hand ſtürzte der treue Albaneſe an der Spitze einiger Gewaffneter in Clotildens Zimmer. Aber erſtarrt blieb er ſtehen, als er die Prin⸗ zeſſin mit glanzloſen und gebrochenen Augen am Boden liegen ſah. „Prinzeſſin!“ rief er im Tone der Ehrfurcht und Verzweiflung. Clotilde blieb unbeweglich, wie zuvor, und ſchaute gerade aus, ohne jedoch etwas zu ſehen und ohne dem Albaneſen zu antworten. „Prinzeſſin!“ wieherholte Kaſtriota. „Er iſt todt!“ ſagte Clotilde leiſe. „Aber, Prinzeſſin! ſo kommt doch zu Euch,“ fuhr der Albaneſe fort;„es war ja nur Marie, welche uns auf eine grauſame Probe geſtellt hat. 110 Sie hat den Aufruhr in der Feſte verbreitet, und Ihr allein vermögt ſie zu beruhigen. Die Prinzeſſin folgte mechaniſch dem Alba⸗ neſen. Sie ſtieg die Treppen hinab und ſchritt über die ſchwach erleuchteten Höfe. Bald gelangte ſie an das Portal und erblickte hier die Unſchuldige. Dieſe glich einer Göttin der Zwietracht; ihre Haare waren aufgelöſt, mit der Hand ſchwenkte ſie eine brennende Fackel und wüthend ging ſie auf die Leibwache zu, welche es verſuchte, ſie zu zügeln. Als Clotilde ihre Amme erblickte, begriff ſie erſt, warum man ſie geholt habe. „Marie,“ ſagte ſie,„meine gute Marie!— Du weißt nicht, was für ein Unglück Du bewirkt haſt. Du machteſt mich ebenſo unglücklich, wie Du biſt, denn wenn Du Deinen Sohn verlorſt, ſo verlor ich—“ Die Prinzeſſin unterbrach ſich und ſah er⸗ ſchreckt auf die ſie umſtehenden Soldaten. Marie aber kam wieder zu ihrem Bewußtſein, als ſie die Stimme ihrer geliebten Milchtochter hörte. 111 Thränen traten in ihre Augen, und ſie ſchien eine gewiſſe Scham zu empfinden, indem ſie auf die blickte, welche allein in ihrem für alle Freuden erſtorbenen Mutterherzen noch einige Saiten an⸗ zuſchlagen und den Funken der Vernunft zu wecken vermochte. Die Ruhe trat nach und nach wieder ein, und Jeder kehrte auf ſeinen Poſten zurück. Marie wurde wieder in ihre Zelle geſchloſſen, die man aus Verſehen offen gelaſſen hatte, und auch Clo⸗ tilde kehrte, gefolgt von Kaſtriota, nach ihrem Zimmer zurück. Hier ſank ſie auf einen Seſſel und blieb unbe⸗ weglich auf demſelben ſitzen, bis die Morgenröthe den öſtlichen Himmel vergoldete. Jetzt eilte ſie nach dem Fenſter, ſchaute hinab — und entdeckte Blutſpuren. Ein eiſiger Froſt durchſchauerte ihre Glieder, während eine drückende Hitze auf ihrem Gehirne laſtete. Vor ihren Augen ward es ſchwarz, und mit den Worten:„Ich wurbe geliebt!“ ſank ſie neben dem Fenſter nieder. Die niedliche Gattin von Enguerry's erſtem bheeet 112 Lieutenant hatte lange auf den Ruf ihrer Herrin gewartet. Endlich wagte ſie es, auch ungerufen einzu⸗ treten. Man denke ſich ihren Schreck bei dem Anblick der leblos daliegenden Prinzeſſin. Sie hob dieſelbe auf, nahm ſie in ihre Arme und trug ſie auf ihr Bett, das ſie zu ihrer Verwun⸗ derung noch unberührt fand. Sie verſuchte, die Prinzeſſin durch Reiben zu erwärmen, rief wei⸗ nend ihren Namen aus und ließ ihre Thränen auf ſie fallen. Endlich bewegte Clotilde mit Mühe ihre ſchwe⸗ ren Augenlieder und zeigte ihre Augen; allein dieſe waren matt, und in ihnen war die Flamme er⸗ loſchen, welche ihnen ſonſt einen ſo zauberiſchen Reiz verlieh. „Ach! Prinzeſſin!“ „Joſette!“ antwortete die Angerufene und blickte gedankenlos um ſich. Endlich trafen ihre Blicke auch auf die Kry⸗ ſtallvaſen, in denen die Blumen des Israeliten ſtanden;— ein Thränenſtrom brach ſich bei die⸗ ſem Anblick Bahn, und Clotilde war gerettet. Die Prinzeſſin befahl ihrer Zofe das gewiſſen⸗ hafteſte Schweigen über das, was ſie geſehen hatte, zu beobachten, und erklärte zugleich, daß ſie auf ihren Zimmern bleiben wollte, indem ſie die Belagerung des Schloſſes als den Grund die⸗ ſes Entſchluſſes vorſchützte. Beim erſten Anbruch des Tages hatten der Biſchof, Moneſtan und der Connetable zunächſt den König begrüßt und waren dann auf die Beob⸗ achtungsthürme geſtiegen, um zu ſehen, was das feindliche Heer beginnen würde. Nicht ohne den größten Schrecken erkannten ſie die Abſichten des Ungläubigen. Zweihundert Arbeiter hatten die ganze Nacht über Reiſigbündel, Baumſtämme und Steine her⸗ beigetragen. Dieſe Stoffe bildeten zwei gewaltige Haufen, und da ſie zu beiden Seiten der Stelle lagen, wo die Zugbrücke ſich niederſenkte, ſo er⸗ kannte man ſofort, daß es die Abſicht des Feindes war, den breiten Graben gerade dem Portal ge⸗ 8 114 genüber auszufüllen, um dann das Portal ſelbſt einzurennen. Dieſer Plan verlangte zu ſeiner Ausführung kaum acht Stunden. Die drei Miniſter blickten einander traurig an, und ihre Mienen boten der in einiger Entfernung vor ihnen ſtehenden Menge wenig Ermuthigendes. Die Soldaten und Arbeiter Enguerry's fuhren indeß bei der Füllung des Grabens mit einer Ent⸗ ſetzen erregenden S fort. Man begrüßte ſie von der Feſtung aus mit Steinen und Wurfgeſchoſſen, tödtete auch einige von ihnen; allein nun erhoben die Feinde ihre Schilde, bildeten ſo ein ſchützendes Sturmdach über ſich und ſetzten ihre Arbeiten fort, ohne ſich weiter um die Bemühungen der Belagerten zu kümmern. „Wie, meine Herren!“ rief da der tapfere Kephalein aus,„ſollen wir hier müßig zuſehen, wie unſer Untergang vorbereitet wird? Laßt uns niederſteigen und die Zugbrücke ſenken! Ich ver⸗ ſpreche Euch, einen Angriff zu machen, wie da⸗ mals bei Edeſſa, wo ich den Staat rettete, und wo ich zum Connetabe gemacht wurde und—“ 115 „Gut, College,“ unterbrach Moneſtan den Sprechenden, um die von dem Connetable oft wie⸗ derholte Erzählung ſeines Reitergefechtes bei Edeſſa zu vermeiden,„wir wollen den Bogen⸗ ſchützen befehlen, daß ſie mit uns hinabſteigen, um uns zu decken.“ Des Biſchofs Herz kropfte faſt hörbar, und von Wonne berauſcht rief er: „Vorwärts!“ 6„ Von der Hälfte der Bogenſchützen Fer. ſtiegen die Miniſter nach dem Hofe hinab; mit leiſer Stimme ward der Befehl zum Aufſitzen ge⸗ geben, und auf dem erſten Hofe Alles zum Aus⸗ falle vorbereitet. Die dreiunddreißig Reiter ſtellten ſich je drei und drei auf, die Leibwache ſchied ſich in zwei Haufen, welche an beide Seiten der Reiſigen tra⸗ ten, um die Zugänge der Zugbrücke zu vertheidi⸗ gen; die Uebrigen erhielten den Befehl, das Por⸗ tal nicht zu verlaſſen und nur auf ein beſtimmtes Zeichen ihre Geſchoſſe niederzuſenden. Der Biſchof bewaffnete ſich mit einer Streit⸗ axt, Moneſtan beſtieg ſein geduldiges Roß, und Kaſtriota warf ſich auf das vierunddreißigſte Pferd, ſowie ſechs treue und muthige Bauern die noch übrigen ſechs Arbeitspferde beſtiegen. Kephalein ergriff das Commando, ritt zwei⸗ oder dreimal um ſeine Schwadron herum und winkte Allen mit 2 Hand die größte Stille zu. Der Thürſtcher ließ die Zugbrücke mit der größten Schnelligkeit nieder und die Reiterei ſprengte unter einem lauten Kriegsgeſchrei hinaus. Man überraſchte die Arbeiter und die reiſige Windesbraut verbreitete Tod und Verderben vor und um ſich, während die Bogenſchützen ihre Pfeile über die Reiter hinausſandten und die beiden Haufen ſich zu beiden Seiten der Zugbrücke aufſtellten. Eine ſolche Kühnheit hatte der nicht erwartet. Er war eben mit der Unterſuchung beſchäftigt, ob er ſeine Soldaten nicht auf die Granitblöcke klettern laſſen könnte, welche den Schloßgarten deckten, um dann auch von den Seiten her das Schloß anzugreifen. Seine Leute waren daher ohne Anführer und Kephalein's Angriff war aus dieſem Grunde um ſo erfolgreicher. Die beſtürzten Belagerer ließen ſich ſe ohne Widerſtand tödten. Namentlich thaten ſich der Biſchof und Ka⸗ ſtriota durch ihren Eifer hervor. Da der Prälat die Vorſchriften der Kirche nicht verletzen wollte, welche ihren Dienern das Blutvergießen verbietet, ſo ſchmetterte er die ihm unter die Hände kommenden Johanniter mit ge⸗ waltigen Hieben ſeiner Streitart nieder, während Kaſtriota türkiſche Kreiſe mit ſeinem Säbel be⸗ ſchrieb und die Stellen zwiſchen dem Halskragen ſehr geſchickt zu treffen wußte, daß die Köpfe um ihn gleich Hagel zur Erde ſielen. Kephalein aber durchbohrte die Gegner mit ſeinem langen Schwerte und leitete zu gleicher Zeit den Angriff mit einer Kaltblütigkeit und Umſicht, die jedem Feldherrn Ehre gemacht haben würde, wobei er noch immer Zeit fand, dem Feinde zu zei⸗ gen, daß Windesflügel wie ein leichter Schmetter⸗ ling caracoliren könne. toneſtan endlich ergriff alle Vorſichtsmaß⸗ 118 regeln, welche für den Fall eines Rückzugs nöthig waren. Indeß war der Ungläubige herbeigeeilt. Das Siegesgeſchrei der Gegner und die Flüche ſeiner Johanniter belehrten ihn genügend über den Zuſtand der Dinge. Zorn kochte in ſeiner Bruſt. Er beſtieg ſein Pferd und eilte, ſeine Leute zu ordnen, worauf das Treffen bald ein ernſthafteres Ausſehen gewann. An der Spitze der Reiterei von Caſin⸗Grandes zeigten ſich Kephalein, der Biſchof, Kaſtriota und die Unerſchrockenſten der kleinen Truppe; ſie voll⸗ brachten Wunder der Tapferkeit, und der Ungläu⸗ bige fand an ihnen Gegner, deren Beſiegung ſchwieriger war, als diejenige der armen Bauern, welche er bisher geplündert hatte. Der Biſchof rief fortwährend, ſo laut er konnte: „Haut ein! ſie ſind excommunicirt!“ Dieſe Worte, welche donnernd über dem Ge⸗ filde verhallten, gleich den Poſaunenſtößen des jüngſten Gerichts, verliehen den Leuten von Ca⸗ ſin⸗Grandes neuen Muth. Enguerry ſelbſt wurde durch den Biſchof und Kaſtriota von den Seinen abgeſchnitten, und ohne Nicol's Dazwiſchenkunft hätte der Säbel des Al⸗ baneſen Caſin⸗Grandes befreit. „Zu mir, Johanniter!“ brüllte der Ungläu⸗ bige wüthend, und veranlaßte dann eine Schwen⸗ kung ſeiner Truppen, welche ſeinen Gegnern Ver⸗ derben bringen mußte. Die Trümmer des erſten und zweiten Heeres⸗ haufens des Ungläubigen hatten ſich zu beiden Seiten der chpriotiſchen Reiterei wieder geſam⸗ melt, und der Ungläubige eilte, mit ſeinem dritten Heereshaufen ſeine Gegner von der Zugbrücke ab⸗ zuſchneiden. Moneſtan hatte jedoch die Gefahr vorherge⸗ ſehen, Feuer aus dem Schloſſe holen laſſen und die Berge von Holz und Reiſig angezündet, welche zu beiden Seiten der Zugbrücke von den Belage⸗ rern aufgethürmt waren. Auf der andern Seite hatte auch der Conne⸗ table die Schwenkungen des Ungläubigen begriffen und Befehl zum Rückzuge gegeben. Fortwährend kämpfend wich er nach der Zug⸗ brücke zurück und wünſchte ſich Glück, daß er ſeine Reiterei auch im Zurückweichen geübt habe. Geſchützt durch die Flammen der beiden ge⸗ waltigen Scheiterhanfen, welche der Wind mit Macht anblies, indem er zugleich Rauch und Aſche den Johannitern in das Geſicht trieb, gelangten ſie vor Enguerrh nach der Zugbrücke. Der Ungläubige machte jetzt jede nur mögliche Anſtrengung, um die chpriotiſche Reiterei zu ver⸗ nichten, ward aber mit einem Hagel von Pfeilen von Seiten der Leute von Caſin⸗Grandes empfan⸗ gen, welche auf beiden Seiten der Zugbrücke ſtan⸗ den und durch die Flammen ſo beſchützt wurden, daß ſie ſelbſt unangreifbar waren. Auch von der Mauer herab regnete es Steine, Pfeile und die verſchiedenſten Wurfgeſchoſſe, unter deren Schutze ſich die Reiterei in das Schloß zu⸗ rückzog. Der Biſchof, Kaſtriota und Kephalein waren die Letzten, welche über die Zugbrücke ritten. Voll Wuth ſetzte Enguerry ihnen nach, aber ſchon hob ſich die Zugbrücke. Schnell entſchloſſen warf er ſich von ſeinem Pferde und rettete ſich auf dieſe Weiſe, aber ſein Pferd verwickelte ſich in den Ketten und ſchwebte mit der Zugbrücke empor. Das arme Thier ward an das Portal ge⸗ klemmt und ſtöhnte in kläglicher Weiſe, bis der edle Moneſtan Befehl ertheilte, die Zugbrücke et⸗ was zu ſenken, worauf es in den Graben ſtürzte und gleich darauf verendete. Enguerry war genöthigt, ſich vor dem zu mör⸗ deriſchen Hagel der Geſchoſſe in eine Entfernung zu retten, wo er nichts mehr zu beſorgen hatte. In ſeiner Wuth ſpaltete er einem armen Reiter des Connetable, der ſo unglücklich geweſen war, von ſeinem Pferde zu ſtürzen, den Kopf. Die Vertheidiger von Caſin⸗Grandes, welche dieſe Grauſamkeit ſahen, ließen einen Schrei des Ent⸗ ſetzens laut werden. Die drei Miniſter begaben ſich aber ſofort zu dem Könige, um ihm Bericht von der erſten glän⸗ zenden Waffenthat abzuſtatten. „Sire!“ rief der Kriegsminiſter aus, als er ſeinen Bericht beendet hatte,„wir haben nur einen Mann verloren, und ich bin deshalb in Verzweif⸗ lung!“ „Und das mit Recht, mein lieber Connetable,“ entgegnete der gute König,„denn auch der geringſte unſrer Unterthanen muß uns lieb und theuer ſein.“ „Es iſt weniger ſein Tod, der mich betrübt,“ antwortete der Connetable,„aber er iſt vom Pferde gefallen, und man könnte meinen, ich hätte ihn weniger gut eingeübt, als die Andern.“ „Man wird eine Meſſe für ihn leſen,“ ſagte der Biſchof, der ſich auf ſeine Streitaxt ſtützte, wie Herkules auf ſeine Keule geſtützt dargeſtellt wird. Moneſtan lächelte, war aber zu hochſinnig, um den Triumph des Connetable durch die Bemerkung zu ſchmälern, daß die Reiterei verloren geweſen ſein würde, wenn er nicht das Nöthige zur Deckung derſelben angeordnet gehabt hätte. „Sire,“ fuhr indeß der begeiſterte Connetable fort,„ſeit jenem Angriff bei Edeſſa, in deſſen Folge Ihr mich zum Connetable machtet, kennt man in 123 der ganzen Geſchichte der europäiſchen Reiterei eine ſo glänzende Waffenthat nicht.“ Der Muth der Belagerten war durch den er⸗ rungenen Eyfolg auf den höchſten Gipfel erhoben. Hoffnung erfüllte Aller Herzen, und kühn rief man Beleidigungen nach den Johannitern hinab. Enguerry legte dagegen einen furchtbaren Schwur ab, daß er noch vor Einbruch der Nacht Herr der Feſte ſein und den Tod ſeiner Streiter rächen würde. Eine Muſterung bewies ihm, daß er hundert und dreißig Mann ſeiner tapferſten Soldaten verloren habe. Der Biſchof hatte allein zwölf derſelben niedergeſchmettert. Während die Bewohner des Schloſſes früh⸗ ſtückten, um neue Kräfte zu gewinnen, traf der Un⸗ gläubige Vorkehrungen, welche in ½ einen ta⸗ lentvollen Feldherrn erkennen ließen. Er ließ von Neuem Bäume fällen und die Gräben mit ihnen füllen, indem er ſeine Arbeiter dabei in einer ſolchen Weiſe vertheilte, daß ſeine Unternehmung mit der größten Schnelligkeit vor⸗ ſchritt. Dabei wurden die Soldaten in einer ſol⸗ 124 chen Weiſe zwiſchen den Arbeitern vertheilt, daß ſie die letztern mit ihren Schilden decken konnten. Zwei Abtheilungen wurden unter Nicol's Befehl aufgeſtellt, um die Ketten der Zugbrücke zu zer⸗ hauen, ſobald ſich dieſe niederſenken würde. Das übrige Heer vertheilte er in drei Haufen, von denen er zwei unter den Ulmen der Allee auf⸗ ſtellte, um die Leute von Caſin⸗Grandes bei einem neuen Ausfalle von der Zugbrücke abzuſchneiden, während er ſich mit dem dritten S Haufen hinter den Arbeitern aufſtellte, um ſofort nach 2 Ausfüllung des Grabens den Sturm zu beginnen. Als Keph alein, der Biſchof und Moneſtan auf die Wälle zurückkehrten, erkannten ſie zwar die Abſichten des Feindes recht wohl, meinten aber dennoch, daß auf ihrr Seite der Muth erſetzen würde, t ihnen an der Meuge der Streiter. abging. Indeß wurde der Graben mit einer ſo furcht⸗ baren Schnelligkeit gefüllt, daß man erkannte, wie lüſtern die Feinde nach den Schätzen von Caſin⸗ Grandes wären. Die Miniſter ließen nun Hel und Waſſer ſie⸗ dend machen, ſo wie Alles zu einer verzweifelten Vertheidigung vorbereiten. Zugleich ließen ſie die Abtheilungen, von denen die Seitenflügel bewacht wurden, in die Höfe herab⸗ kommen. Ich ſehe nicht ein, warum wir nicht einen zwei⸗ ten Ausfall machen ſollten,“ ſagte Kephalein. „Meine Herren,“ entgegnete Moneſtan da⸗ rauf,„ich bin derſelben Meinung. Nur Helden⸗ muth kann uns retten. Mögen wir noch einen Ausfall machen oder nicht— wir ſind jedenfalls verloren, wenn nicht der Himmel ein Wunder für uns thut. Daher werde ich meine Seele dem Herrn empfehlen und mich auf Tod und Leben ge⸗ gen den Feind ſtürzen, weil ich lieber ſterben, als den Untergang des Königs mit anſehen will. Wit vermögen nicht, den Sturm abzspehren und wollen daher lieber ausfallen und unſer Leben theuer verkaufen. Den König aber möge der Herr in ſeinen gnädigen Schutz nehmen.“ „Herr Graf,“ antwortete der Prälat, ergriffen von ſeines Collegen Rede,„noch iſt nicht Alles ver⸗ loren! Vernehmet daher auch meinen Vorſchlag. 126 In wenig Augenblicken werd der Graben gefüllt ſein; wenn dann die Räuber auf dieſem kleinen Raume ſich nähern, ſo empfangen wir ſie mit Oel, Waſſer, Steinen und Holzblöcken; iſt aber dieſe Hilfsquelle erſt verſiegt, ſo laſſen wir ſchnell die Zugbrücke nieder und zerſchmettern mit ihr Alle, welche ſich unter ihr befinden, worauf wir ſchnell einen Ausfall machen und mit Gottes Hilfe noch ſiegen werden!“ „Siegen oder ſterben!“ rief Kephalein. Und von allen Seiten her wurde ſein Ausruf wiederholt. Auf dem Hauptthurme blieben die Frauen, um den Feind mit den genannten Maſſen zu empfan⸗ gen, während ſich die Heereshaufen auf den Höfen verſammelten. Der Gpaben war gefüllt, die Johanniter be⸗ gannen den Sturm, aber zugleich war der Augen⸗ blick des Triumphs für die Frauen gekommen. Ihr ſiedendes Oel fand ſeinen Weg zwiſchen den Rüſtungen hindurch und verbrannte die Angrei⸗ fenden ſo, daß ſie unter Qualen ſtarben. Andere wurden von Steinen und Baumſtäm⸗ 101 men zerſchmettert, und ſchon wichen die Belagerer entmuthigt zurück. Zu neuem Sturme trieb Enguerry die Sei⸗ nigen zurück, die Frauen von Caſin⸗Grandes hatten ihre Vorräthe erſchöpft, nur noch dann und wann fiel ein von den Zinnen abgebrochener Stein nie⸗ der, und das Freudengeſchrei der Räuber erfüllte die Lüfte. „Nun, im Namen Gottes! meine Freunde,“ rief jetzt der Biſchof,„laßt die Zugbrücke nieder!“ Mit Blitzesſchnelle führ die eiſenbeſchlagene Brücke nieder und zerſchmetterte funfzig Menſchen unter ſich. Und mit gleicher Blitzesſchnelle ſtürmte die Reiterei von Caſin⸗Grandes über die niederge⸗ laſſene Brücke hinweg, unter der zu beiden Seiten Ströme von Blut hervorquollen. Die Räuber wichen vor dem furcarn An⸗ griffe zurück, aber Enguerry verlor die Beſinnung nicht. Die Ketten der Brücke wurden zerhauen, die unter den Ulmen aufgeſtellten Abtheilungen eilten der chpriotiſchen Reiterei entgegen; aber auch die Fußtruppen des Königs kamen jetzt über die Brücke, um an dem Kampfe Theil zu nehmen. Auf beiden Seiten war das Gemetzel furchtbar, aber die Streitaxt des Biſchofs that Wunder. Das Geſchrei der Verwundeten und der Kämpfen⸗ den drang bis in die Zimmer des Königs und er⸗ weckte ſelbſt Clotilde aus ihren Träumereien. Erſchreckt flüchtete die Prinzeſſin zu ihrem Vater. XVIII. Seit einer halben Stunde hatten die helden⸗ müthigſten Anſtrengungen gedauert, als Kephalein, der Biſchof, Moneſtan, Verynel, Kaſtriota und die ſechs Junker von Cypern ſich mit ſolcher Wuth auf den Kern der Feinde warfen, daß dieſer ſich auflöſte und den Rücken wandte. Kephalein rückte zu hitzig nach, ſeine Reiterei wurde von der Linie des Fußvolks getrennt, und Enguerry brach in die entſtandene Lücke ein. Bald war die heldenmüthige Reiterei umzin⸗ gelt, und auch das Fußvolk, welches unter dem Befehle des Intendanten mit muſterhaftem Muthe kämpfte, wurde geworfen. Jetzt entſtanden Einzelkämpfe, in denen ſich ſo⸗ gar Trouſſe hervorthat. Er hatte das Glück, auf 9 einen Soldaten zu treffen, der noch feiger war, als er, und der Kampf endete damit, daß der Doctor ſeinem Gegner eine Pulsader öffnete. Von Kaſtriota dagegen erzählte man ſich ſpäter, daß er einem der Feinde, welcher ihn um das Leben gebeten, geantwortet habe: „Freund! Alles, was Duwillſt, aber nur nicht das Leben!“ Der Biſchof ließ bei der Gefahr, in welcher die Reiterei ſchwebte, dieſelbe einen Kreis bilden, ſo daß der Umfang dieſer Runde nur die mit Eiſen gepanzerten Köpfe der Pferde zeigte, ſo wie die Häupter der unerſchrockenen Streiter, welche ſich mit Löwenmuth vertheidigten, obwohl ihrer nur noch dreiunddreißig waren. „Laßt neue Truppen anrücken! der Sieg iſt unſer!“ rief der Biſchof mit laut hallender Stimme. Enguerry erſchrak bei dieſem Rufe und Trouſſe benutzte den Vorwand dieſer Botſchaft, um in das Schloß zurückzuflüchten. Bald erſchienen die von ihm gerufenen neuen Truppen: das Corps der Frauen und Greiſe. Enguerryh lachte laut auf, als er den Zuſtand 131 dieſer Hilfstruppen bemerkte und erneuerte nun den Kampf mit neuem Muthe. Er befand ſich in dieſem Augenblicke gerade Moneſtan gegenüber und führte mit ſeiner Streit⸗ axt einen ſolchen Hieb nach dem Haupte des Grei⸗ ſes, daß derſelbe mit den Worten: Ora pro nobis! vom Pferde ſank. Der Biſchof wollte dieſen Verluſt rächen und führte einen furchtbaren Hieb nach der Schulter des Räubers, aber die Linie war nun gebrochen und die Reiterei des Ungläubigen drang in den Kreis ein. In demſelben Augenblick wurde auch das Fuß⸗ volk des muthigen Bombans geworfen, und der Ungläubige ſtürzte ſich, von einem wüthenden Hau⸗ fen gefolgt, gegen die nicht mehr vertheidigte Zug⸗ brücke. Das Gemetzel war furchtbar. Nur noch hier und da widerſtanden die Tapferſten, und der Bi⸗ ſchof, Kaſtriota und Kephalein bildeten ein Klee⸗ blatt, dem Niemand zu nahen wagte. Sie waren von einem Wall von Todten umgeben, ſahen aber auch, wie die Zugbrücke genommen war und Sie⸗ 9* ger und Beſiegte in buntem Gewirr über dieſelbe ſtrömten. Wohl entſpann ſich ein neuer verzweiflungs⸗ voller Kampf auf den Höfen, aber Enguerry tri⸗ umphirte, der Sieg war auf ſeiner Seite und mit etwa funfzig Mann drang er auf den Ehrenhof ein, um dann nach den Gemächern hinaufzuſteigen und ſich des Königs und der Prinzeſſin zu bemächtigen. In dieſem Augenblick begann Trouſſe, der auf den Thurm geflüchtet war, die Sturmglocke zu läuten. Gleich darauf ließ ſich von der Meeresſeite her ein ungewöhnlicher Lärm vernehmen. Erſchreckt blieb Enguerry ſtehen und deutlich vernahm er den furchtbaren Ruf: „Montjoie Saint-Pénis!“ Und aus den Pforten des Speiſeſaales ſprengte eine Wolke von Rittern, deren Anzahl mit ſolcher Schnelligkeit wuchs, als würden ſie von der Erde ausgeſpieen. Mit einer Wuth ohne Gleichen ſtürz⸗ ten ſie ſich auf den Ungläubigen, und in ihrer Mitte bemerkte man den ſchwarzen Ritter. Ein paniſcher Schrecken ergriff die Räuber, 133 welche von den einhundert und funfzig Rittern, die der Speiſeſaal geliefert hatte, eifrig verfolgt, nie⸗ dergehauen und getödtet wurden. Auch die Leute von Caſin⸗Grandes gewannen jetzt neuen Muth, und in dem Augenblick, als Enguerryh auf den erſten Hof zurückfloh, regnete es Steine von den Wällen auf ihn. Von allen Seiten angegriffen, wußte er nicht, wohin er ſich wenden ſollte. Von den Seiten tödte⸗ ten die Königlichen ſeine Pferde und ſeine Reiſi⸗ gen, von vorn griffen ihn die fremden Ritter an, von hinten bedrohten ihn die von den Wällen regnen⸗ den Steine der muthigen Weiber vonCaſin⸗Grandes. Seine Krieger glaubten, daß ſich Himmel und Erde zu ihrem Untergange verſchworen hätten und entflohen in wilder Unordnung über die Brücke. Allein hier wurden ſie von Bombans empfan⸗ gen, der den Reſt des Fußvolks, etwa ſechszig Mann, um ſich verſammelt hatte. So wurde die Niederlage der Johanniter eine vollſtändige, und Enguerrh rettete ſich mit etwa dreihundert Mann, während die hundertundfunf⸗ zig Ritter ihn verfolgten.— 134 Michel Angelo hatte indeß mit Ungeduld die Rückkehr des Ungläubigen erwartet. Schon war es Nacht geworden, als er beim Scheine des Mondes eine Wolke von Kriegern er⸗ blickte, welche mit verhängten Zügeln auf die Feſte zu eilten. Im nächſten Augenblick waren die, welche die flüchtigſten Pferde ritten, unter den Mauern an⸗ gekommen und riefen in angſtvollem Tone:— „Schnell die Zugbrücke nieder!“ Der Bärtige, welcher zur Bewachung der Feſte zurückgeblieben war, erblickte einen zweiten Haufen, welcher den Flüchtigen auf den Füßen folgte, rieb ſich vergnügt die Hände, aber ohne daß es von Jemand bemerkt wurde, und gab dann Befehl, die Zugbrücke niederzulaſſen. Kaum war der Ungläubige mit ſeinen letzten Mannen in ſeine Burg eingezogen, und die Zug⸗ brücke wieder in Bewegung geſetzt, als auch derfurcht⸗ bareHaufen derRitter an dem Burggrabenanlangte. Noch eine Secunde, und die Gegend wäre von ihrer grauſamſten Geißel befreit geweſen. „Wo ſind unſre Gefangenen— der greiſe ſ 135 König und die ſchöne Clotilde?“ fragte der Vene⸗ tianer, als Enguerry in die Halle des Erdgeſchoſ⸗ ſes trat. „Der Teufel ſoll mich holen, wenn ich nicht den⸗ noch mein Ziel erreiche!“ fluchte Enguerry. „Was iſt Euch denn begegnet?“ fragte der Venetianer. „Ich habe vierhundert Mann verloren!“ „Man ſoll ihnen das de profundis ſingen.“ „Geh zum Henker mit Deinen Scherzen.“ „Schämt Euch! Trinkt und ſeid fröhlich, das tröſtet für alles Ungemach.“ Enguerry warf Schwert und Streitaxt von ſich, ſetzte ſeinen Helm ab, leerte einen vollen Humpen und erzählte dann dem Venetianer das Vorgefallene. „Vetterchen,“ fuhr er dann ruhiger geworden fort,„es wird nun Zeit, daß Du Dich auf die Strümpfe machſt, denn ich möchte von meinem Vorhaben abſtehen, um nicht auch den Reſt mei⸗ ner Leute noch einzubüßen.“ „Ei, ei, Vetterchen,“ antwortete der Venetia⸗ ner,„ſo will ich die Sache mit meinem kleinen Finger zu Ende bringen. Ihr kennt nur die offene 136 Gewalt, aber von Liſt verſteht Ihr gar nichts!— Wenn ich die Leute in Caſin⸗Grandes nicht alle vergifte und mir noch obendrein einen großen Dank erwerbe, ſo ſollt Ihr mich für einen aus Holz geſchnitzten Heiligen halten!— Gött ſtraf⸗ mich! wenn ich an die köſtlichen zwei Millionen denke, ſo fühle ich hier in meinem Herzen eine ge⸗ wiſſe Erregung und Bewegung, daß ich ſelbſt das Kreuz und den Gekreuzigten abſchwören könnte. — Zwei Millionen!— Was liegt nicht Alles in dieſen zwei Worten! Freude und Wein, Mädchen und Liebe, Glanz und Macht, Lob und Schmeiche⸗ leien! Mit zwei Millionen wird man ein Muſter aller Tugenden genannt, wird man von Fürſten und Prälaten verehrt.— Zwei Millionen ſind eine Encyklopädie aller Freuden des Weltalls; ſie erlauben uns, unfre Leidenſchaften zu befriedigen, unſre Launen zu entfeſſeln!— Zwei Millionen! bedenkt nur, daß wir dann zwei kleine Heilige ſein werden, daß man mit einer ſolchen Summe ſelbſt ein Conclave blenden und Papſt werden kann!“ Während der Italiener dieſe Worte ſagte, leuchteten ſeine kleinen grünen Augen gleich denen einer Katze, und der Ungläubige wurde durch ſeine Beredtſamkeit in hohem Grade begeiſtert. Er glaubte bereits die zwei Millionen vor ſich zu ſehen. „Nun laßt uns nochmals trinken,“ ermahnte der Venetianer,„und dann auch für die Labung Derer ſorgen, welche das Unglück nicht gehabt ha⸗ ben, gleich braven Leuten auf dem Felde der Ehre zu fallen.“ Der Ungläubige und der Venetianer verließen, von dem Bärtigen gefolgt, die Halle und begaben ſich zu den Räubern, welche ſich damit beluſtigten, von den Wällen aus Pfeile nach den Rittern zu ſenden, die vergebens bemüht waren, das Ausfalls⸗ pförtchen einzurennen. Auf Befehl des Ungläubigen wurde Wein her⸗ beigebracht und in großen Krügen der Kummer des unglücklichen Tages ertränkt. Während der Venetianer die Räuber mit ſei⸗ nen Witzen erheiterte, überzählte Enguerry dieſel⸗ ben und fand, daß ihm mit Einſchluß derer, welche die Feſte bewacht hatten, noch vierhundert Mann geblieben waren. 138 „Hört, Vetterchen,“ ſdgte er dann zu dem Venetianer,„ich werde nach Coſin⸗Grandes zu⸗ rückkehren und nicht anders wiederkommen, als wenn ich Euch gute Nachrichten bringen kann.“ Dann ſtiegen Beide von den Zinnen hinab und legten ſich ſchlafen. Freilich ſchämen wir uns, bekennen zu müſſen, daß der Italiener und En⸗ guerrh eben ſo ſanft ſchliefen, wie tugendhafte Leute — XX. Es wird Zeit, daß wir einen Blick nach dem Schloſſe von Caſin⸗Grandes werfen. Kaum hatte ſich Bombans als Herrn der Wahlſtatt geſehen, als er ſich auch ſofort als mu⸗ ſterhafter Intendant zeigte. Er ließ die Ketten wieder befeſtigen, die Ver⸗ wundeten in das Schloß tragen, das den Graben füllende Holz verbrennen und die herrenlos um⸗ herirrenden Pferde auffangen. Dann ging er planmäßig an die Plünderung der Gefallenen, zu deren Univerſalerben er ſich erklärte, indem er jedoch alle werthloſern Gegen⸗ ſtände der Beute der Bauern und die Leichname den Raben überließ. Nur acht mit Rüſtzeug beladene Wagen, welche — 140 Enguerry zurückgelaſſen hatte, lieferte er an das königliche Zeughaus ab. Dann ließ er die Zugbrücke emporziehen und kehrte in das Schloß zurück, in welchem noch Alle über die unerwartete Befreiung erſtaunt waren.— Der König und ſeine Tochter hatten bei der Erſtürmung des Schloſſes einen letzten Zufluchts⸗ ort in der Capelle geſucht. Hierher hatten auch Kaſtriota, der Biſchof und Kephalein den betäub⸗ ten Moneſtan getragen, und ihnen gefolgt waren einige Greiſe, die Junker von Chpern, Joſette und fünf bis ſechs Soldaten, welche die treuen Reſte der Leibwache waren. Alle dieſe Edlen erwarteten den Augenblick, wo ſie bei der Vertheidigung des Königs fallen würden. Das Schweigen, welches unter dieſer kleinen Gruppe herrſchte, wurde unterbrochen durch die Schritte der herbeieilenden Menge, welche im Innern der Capelle wiederhallten und ſelbſt den Muthigſten erzittern ließen. Pforte der Capelle, denn Bombans folgerte ſo⸗ — — „Sieg!— Sieg!“ ſchrie die Menge vor der —— — 141 gleich, daß ſich der König in dieſe verſchloſſen ha⸗ ben möchte. Drinnen blieb es indeß ſtill, denn man ver⸗ mochte noch nicht zu unterſcheiden, ob das Sieges⸗ geſchrei von Freunden oder Feinden ausgehe. „Aufgemacht!— Wir ſind es!“ wurde aber⸗ mals gerufen. Allein die Furcht bewirkte, daß man auch jetzt die Stimmen nicht erkannte. „Ich bin es!“ rief Trouſſe, der ſeine Rüſtung ſchon wieder abgelegt hatte. „Sire, die Feinde ſind beſiegt!“ rief Bombans. „Das iſt die Stimme meines Vaters,“ ſagte Joſette und eilte zu öffnen. Sogleich eilten Bombans, Trouſſe, die ſechs⸗ zig übriggebliebenen Soldaten und die zehn dem Tode entgangenen Reiter nebſt den Frauen und allen Uebrigen in die Capelle, deren Gewölbe wie⸗ derhallte von dem Rufe: „Sieg!— Sieg!“ „Sire!“ ſchrie Trouſſe,„ich habe das Schloß gerettet! Ich habe die Sturmglocke gezogen, durch 142 deren Töne die himmliſchen Ritter herbeigerufen wurden.“ „So hat uns alſo der Herr gerettet!“ ſagte Moneſtan, indem er aus langer Ohnmacht wieder zu ſich kam, mit ſchwacher Stimme. Kaſtriota weidete ſeine entzückten Blicke an dem Monarchen und der Prinzeſſin, ohne ein Wort zu ſagen. „Singt doch ein Te Peum!“ ermahnte Moneſtan. Sogleich beſtieg der Biſchof in ſeiner Rüſtung das Altar. Alle knieten nieder, und Hilarion von Avſti ſtimmte den ambroſianiſchen Lobgeſang an, der vielleicht nie mit größerer Andacht geſungen wor⸗ den iſt. Nach Beendigung deſſelben ſagte der König: „Meine Freunde, wir werden Euere Dienſte zu erkennen wiſſen; wir ſchenken allen Leibeignen, die zu dieſem Schloſſe gehören, die Freiheit, und gewähren daſſelbe Geſchenk den Kindern Derer, welche auf dem Schlachtfelde gefallen ſind. Außer⸗ dem werden wir Alle reich beſchenken und ihre ver⸗ 143 wüſteten Hütten wieder aufbauen. Längſt habt Ihr das Recht erworben, meine Kinder zu heißen, und kennten wir einen ſchönern Namen, ſo würden wir Euch auch dieſen heute gewähren.“ Thränen traten in die Augen des guten Königs, und einer Muſik der Engel gleich hallten ſeine Worte in den Herzen der Unterthanen wieder. Dann kehrte der König in Begleitung ſeiner Miniſter und ſeiner Tochter nach ſeinen Zimmern zurück. Bombans aber ſchien ſich zu vervielfältigen, um die Ordnung überall in dem Schloſſe wieder herzuſtellen. Die Höfe wurden gereinigt, die Tod⸗ ten beerdigt, die erledigten Stellen an die muthig⸗ ſten der Bauern vertheilt,— und als die Nacht erſchien, hätte man gar nicht glauben ſollen, daß das Schloß Caſin⸗Grandes eine Belagerung aus⸗ gehalten habe. Indeß vernahmen der König und ſeine Mini⸗ ſter in dem rothen Saale die verſchiedenen Aus⸗ ſagen über die wunderbare Erſcheinung der Ritter, und ſuchten zu erforſchen, woher dieſe Hilfe ge⸗ kommen wäre.* 144 „Meine Herren,“ ſagte der König, nachdem er die verſchiedenen Anſichten vernommen hatte,„wir glauben, daß kein Anderer unſer Befreier ift, als der ſchwarze Ritter.“ „Wo aber wäre er hergekommen,“ fragte der Biſchof,„und wie kam er gerade in dem rechten Augenblick?“ Eine Antwort auf dieſe Frage war nicht möglich. „Du wirſt glücklich werden, mein Kind,“ ſagte der König zu ſeiner Tochter und drückte die Hand derſelben.„Laß jede Furcht fahren und ſeufze nicht ferner, denn mein Herz hat in dieſem Augenblick eine Vorahnung, und eine ſolche hat mich nie ge⸗ täuſcht.“ Clotilde wurde durch dieſe Worte ihres Vaters, welche troſtvolle für ſie hatten ſein ſollen, noch trauriger geſtimmt. „Wie hat er aber unſre Gefahr erfahren?“ fragte Moneſtan. „Mein Freund,“ antwortete der König,„die Liebe iſt der ſchnellſte und ſicherſte aller Boten.“ Die Prinzeſſin, deren Bläſſe jetzt die allge⸗ — meine Aufmerkſamkeit erregte, deutete an, daß ſie ſich zurückzuziehen wünſche. „Aber Du wirſt doch wiederkehren?“ ſagte ihr Vater.„Wir werden heute Abend und mor⸗ gen offene Tafel halten, denn wir müſſen unſern Befreier ehren, wer er auch ſein mag.“ Clotilde entfernte ſich mit langſamen Schritten. Es war Nacht geworden, und ſie hatte ſich den ganzen Tag über nach der Nacht geſehnt, weil ſie von ihr zu er fahren hoffte, ob der ſchöne Jude noch lebe oder nicht. „Wird er da ſein?“ fragte ſie ſich, als ſie in ihr Zimmer trat, und lauſchte auf die Ahnungen ihres Herzens.„Wird er da ſein?“ Sollte ſie den Vorhang lüften, um die vielleicht ſchreckliche Wahrheit zu erfahren? Oder ſollte ſie die Ungewißheit vorziehen? Endlich wagte ſie es, ſich dem Fenſter zu näherd. Es war ihr, als vernähme ſie ein leichtes Ge⸗ räuſch von der Kokette. Sie ſchiebt den Vorhang zur Seite und ſieht den Vielgeliebten.— Sie öffnet das Fenſter 10 146 und findet friſche Blumen auf der Brüſtung deſ⸗ ſelben.. Wer vermöchte die Wonne zu ſchildern, welche das Herz eines Mädchens erfüllt, wenn es den für verloren gehaltenen Geliebten wiederſieht! Das iſt eine Fluth von Gefühlen, welche die Natur in dem kleinen Raume zuſammengedrängt hat, den wir unſer Herz nennen. Man fühlt ſich dann ſo glücklich, fühlt den Körper ſo leicht, daß man ſo⸗ gleich zum Himmel emporſchweben möchte. „Clotilde!“ rief der Jude. „Nephthaly!— Ihr lebt noch!“ „Ja, weil ich Euch ſehe.“ „O Nephthalh, wagt Euer Leben nicht ferner auf dieſem Felſen, denn Euer Tod würde auch der meinige ſein. Wie viel habe ich nicht heute ge⸗ duldet!“ „Geduldet!— für mich?— O! wie könnte es noch eine Gefahr für mich geben?“ „O, Nephthaly! alle unſtt Hoffnung iſt ver⸗ loren!— Ein Andrer wird konunen—“ Sie unkerbrach es, weil es ihr war, als er⸗ bleichte der Jude. 147 „Ach! Clotilde!“ rief er aus, und ſein ſchönes Haupt ſank auf ſeine Bruſt. „Wir ſind für einander todt!— Lebt wohl!“ Statt aller Antwort zeigte Nephthaly nur nach dem Himmel. „Ja, nur dort wird unſer Glück blühen,“ fuhr Clotilde fort.„Hört, Nephthaly, nur ein Troſt iſt uns übrig geblieben: daß unſre Herzen einander ewig verſtehen werden!“ Sie nahm die Blumen, ſchmückte mit denſelben ihren wogenden Buſen und warf noch einen Blick nach dem Geliebten ihres Herzens hinüber. Dann begab ſie ſich, unglücklich und glücklich zu gleicher Zeit, nach dem rothen Saale zurück. Hier hatte man unterdeß den Weg erfahren, auf welchem die rettenden Ritter gekommen waren. Während Bombans die vergrabenen Schätze wieder an ihren Ort bringen und den Speiſeſaal ſchmücken wollte, entdeckte er nämlich, daß die nach der Meeresſeite führende Pforte erbrochen ſei. Indem er ferner den von den Roſſeshufen zu⸗ rückgelaſſenen Spuren folgte, fand er, daß man zwiſchen den Felſenriffen eine ziemlich große Menge „ 148 von Schaluppen habe auf den Grund fahren laſſen, um ſo eine Art Schiffbrücke zu bilden, auf welcher die Ritter ihre Pferde bis zur Esplanade hätten führen können, deren Blumen und Sträucher von den Pferden niedergetreten waren. Er eilte natürlich, den König von Allem zu be⸗ nachrichtigen. „Sie haben mir Alles vernichtet,“ ſchloß Bom⸗ bans ſeinen Bericht;„auch das Getäfel des Saa⸗ les iſt zertreten, und es wird viel Geld koſten, Alles wieder in Stand zu ſetzen.“ „Ihr werdet Alles in Rechnung bringen!“ rief der erfreute Monarch ſeinem Intendanten zu. Bei dieſen Worten erheiterte ſich das Antlitz des Intendanten, denn er dachte an die Summen, welche bei einer Reſtauration des Saales in ſeinen Säckel fließen würden. Clotilde trat in dieſem Angenblick in den Saal, und kurz darauf verkündete Hörnerſchall, daß ein fremder Ritter Einlaß begehre. „Connetable,“ ſagte Johann II., geht unſerm Befreier entgegen und führt ihn zu uns. Man ſoll ein Freudenfeſt für ihn bereiten und heute Nacht die Befreiung von Caſin⸗Grandes feiern.“ Clotilde ließ ſich neben ihren Vater auf dem Throne nieder, und der ganze kleine Hofſtaat nahm eine würdevolle Haltung an. Kaſtriota ſuchte nach Kräften die drei Cyprioten zu erſetzen, welche an dem Morgen dieſes Tages gefallen waren. Kephalein gelangte auf den erſten Hof, als eben der ſchwarze Ritter auf einem mit Schaum bedeckten Roſſe über die Zugbrücke ritt. „Willkommen, Herr Ritter,“ ſagte der Conne⸗ table, indem er dem Fremden beim Abſteigen be⸗ hilflich war,„und folgt mir ſchnell, denn der König erwartet Euch mit Ungeduld.“ Der König erkannte den ſchwarzen Ritter, nachdem derſelbe eingetreten war, an ſeinem Gange und rief aus: „Er iſt es!— Kommt zu mir, mein Sohn!“ Dann ſtieg der König von ſeinem Throne und eilte dem Ritter entgegen, um ihn an ſeine Bruſt zu drücken. „Zwei Mal verdanken wir Euch nun das Le⸗ ben,“ fuhr der freudetrunkene König fort,„und ach! wir haben nur eine Tochter und ein Herz!“ „König,“ antwortete der Ritter,„fürchtet nichts mehr, denn meine Ritter ſind den Feinden gefolgt und werden bald ſiegreich zurückkehren.“ Dann fuhr er zu der Prinzeſſin gewandt fort: „Ihr aber, ſchöne Clotilde, wollet nicht glau⸗ ben, daß ich für das, was ich gethan, einen Lohn verlange. Ich that nur, was Menſchenliebe und Pflicht von mir erheiſchten. Bis jetzt kann ich Euch noch keinen andern Beweis meiner Liebe an⸗ bieten, als meine Beſtändigkeit, aber ich werde auf jede Weiſe Euere Zuneigung zu erringen ſuchen und erkläre mich jetzt vor Gott und dieſem Hofe für Euern Knecht und Euern Ritter. Glücklich werde ich mich ſchätzen, wenn ich durch die Auf⸗ merkſamkeit meiner Liebe Euere Kälte beſiegen kann.“ „Kälte!“ wiederholte der gute Johann II.; „fürchtet nichts, mein Sohn! Wir wollen die Geheimniſſe unſerer Tochter nicht verrathen, aber ſehet ſie nur an, und die glühende Röthe ihres Angeſichts wird Euch genug ſagen.“ ——— ————— 151 Leichenbläſſe überzog das Antlitz der Jungfrau, auf die ſich die verwunderten Blicke aller Anwe⸗ ſenden hefteten. „Nun, meine Tochter, feierſt Du die Gegen⸗ wart unſeres Retters nicht?“ fragte der König, der ſich allmählich über die Stille wunderte, welche um ihn herrſchte. „Herr Ritter,“ ſagte darauf Clotilde in einem Tone, dem man ihren tiefen Schmerz anhörte, „die einfachen Wünſche meines Vaters ſind mir Befehle, denen ich ſtets gehorchen werde. Wenn ich Euere Belohnung ſein muß, ſo werde ich durch Uebergebung meiner Hand die Schuld des Königs von Cypern abtragen.“ „Prinzeſſin, nicht Gehorſam iſt es, worum ich bitte—“ verſetzte der Ritter mit leiſer Stimme. Der König ergriff die Hand des ſchwarzen Ritters, um ihn zu ermuthigen, allein das trau⸗ ernde Ausſehen der Prinzeſſin war nicht geeignet, Hoffnung zu erwecken. Der ſchwarze Ritter ſagte darauf: „Prinzeſſin, beim Anblick Euerer Schönheit möchte ſich mancher beeilen, das väterliche Anſehen 152 zu benutzen, um in Euern Beſitz zu gelangen,— von mir aber fürchtet das nicht: nur Euch ſelbſt will ich Euch verdanken.“ Dann ergriff er Clotildens Hand und fragte mit leiſer Stimme: „Ihr liebt mich alſo nicht?“ Clotilde erröthete in Folge dieſes Vorwurfes und antwortete weinend: „Ich werde Euch lieben, Herr Ritter!“ Bombans hatte indeß mit M keiſter Taillevant die größten Anſtrengungen gemacht, ein der heu⸗ tigen Feier würdiges Mahl herzurichten. Er erſchien jetzt, um mitzutheilen, daß der feſt⸗ lich geſchmückte Speiſeſaal nur noch auf die Gäſte warte. Der unbekannte Ritter bot Clotilden den Arm und geleitete ſie die Treppe hinab, weigerte ſich dann aber, an dem Mahle Theil zu nehmen, indem er ein Gelübde vorſchützte. Er blieb hinter Clotilden ſtehen und bediente ſie, indem er auf die geringſten ihrer Wünſche achtete, ihre Teller wechſelte, ihr zu trinken ein⸗ ſchenkte, das Brot ihr darreichte und dabei es ſtets † 153 ſo einrichtete, daß er ihre Finger, ihre Haare oder ihre Kleider berührte. Zugleich half er ihr, ihren Vater zu bedienen, und der gute Greis war auf dem höchſten Gipfel der Freude, weil er meinte, daß ihre Herzen ebenfalls im Einklange wären, da ſie ihre Bemühungen in ſolcher Weiſe vereinten. Als die Stunde der Mitternacht ſchlug, ſagte der König zu dem ſchwarzen Ritter: „Herr Ritter, Euere Waffengefährten laſſen lange auf ſich warten.“ „Wenn ſie mit Tagesanbruch noch nicht hier ſind, ſo werde ich ihnen entgegen eilen müſſen. Vielleicht iſt es dem Betrüger, dem falſchen En⸗ guerry, gelungen, ſich in ſeine Burg einzuſchließen, ehe ſie ihn zu erreichen vermochten, und ſie ver⸗ ſuchen, die Burg zur Uebergabe zu bringen. Allein das iſt vergebens, denn ich kenne jene Feſte: man bedarf zu ihrer Eroberung ein ſtärkeres Heer und Maſchinen, daher ich mit Ungeduld den Reſt mei⸗ ner Truppen erwarte, welcher durch Stürme an ſeiner Ankunft behindert iſt. Ich freue mich in⸗ deß, daß mir der Graf von Foir dieſe hundertund⸗ .. 154 funfzig tapfern Bannerherren noch zu rechter Zeit zugeführt hat.“ „Woher aber erfuhret Ihr unſre Noth?“ fragte Moneſtan. „War ich nicht zugegen, als der Ungläubige ſo gewaltige Drohungen gegen Euch ausſtieß? Ich war damals betrübt genug, daß es mir an Kräften gebrach, um Euch ſofort zu Hilfe zu eilen.— Glücklicher Weiſe landeten jene wackern Edelleute geſtern an der Küſte von Jonquières, und mein Stallmeiſter beeilte ſich, ihnen mitzutheilen, wo ich mich befände und was ich von ihnen verlangte. Sobald meine Truppen erſt angekommen ſein wer⸗ den, ſo werde ich mich offen in dieſer Gegend zei⸗ gen, und der Ritter Enguerry wird ſeine Schand⸗ thaten am Galgen büßen. Er hat es gewagt, ſich das Erbe eines edlen Ritters anzumaßen, allein dieſer iſt jetzt befreiet aus ſeinen Banden und ge⸗ kommen, ſeine Habe zurückzufordern und die Menſchheit zu rächen.“ „Das wird eine Belagerung geben, bei der ich wohl zugegen ſein möchte,“ ſagte der Biſchof. * „ch kenne die ſchwache Seite der Burg,“ entgegnete der ſchwarze Ritter. Nach aufgehobener Tafel befahl der König, für den folgenden Tag ein glänzendes Feſt zu Ehren ſeiner Befreier zu veranſtalten, worauf der ſchwarze Ritter auf ſein Zimmer geführt wurde, aber zuvor noch dem Doctor Trouſſe ſagte, daß man ihn vor Tagesanbruch wecken ſollte. Die arme Clotilde aber kehrte nach ihrem Zimmer zurück und ließ ſich von Joſetten ausklei⸗ den, ohne daß ſie ein Wort ſagte. „Prinzeſſin,“ nahm die geſchwätzige Zofe das Wort, nachdem ſie lange vergebens gewartet hatte, daß die Prinzeſſin eine Unterhaltung eröffne, „Euer Glück wird nicht lange mehr auf ſich warten laſſen.— Ach! wie dieſer ſchwarze Ritter Euch lieb hat! Ihr konntet nicht die geringſte Bewe⸗ gung machen, ohne daß er aufmerkſam geworden wäre; und ſeine Haltung iſt ſo edel, ſein Wuchs ſo ſchön!“ „Madame,“ entgegnete die Prinzeſſin in einem beleidigenden Tone,„es iſt unſchicklich, daß Ihr „Wer iſt mein Nebenbuhler?“ mich unterhalten wollt, während ich Euch keinen Befehl dazu ertheilt habe.“ „Ja, Prinzeſſin, ich habe gefehlt,“ antwortete Poſette beſtürzt. „Schlaf wohl, Joſette,“ ſagte Clotilde darauf mit ſanfter Stimme, um die Zofe wieder zu er⸗ muthigen, die über die erhaltene ſtrenge Zurecht⸗ weiſung ſehr betrübt war. „Schlaft wohl, Prinzeſſin,“ ſagte auch Joſette und entfernte ſich weinend. Clotilde ſchlief wenig, und kaum warf die Morgenröthe den erſten bleichen Schein in ihr Schlafzimmer, als ſie auch an das Fenſter eilte, um ſich von Nephthalh's Daſein zu überzeugen. Der ſaß getreulich auf ſeinem Felſen, und als ſie das Fenſter geöffnet hatte, gingen ihre Blicke und ihre Seelen in einander über, und die Liebe trug die Prinzeſſin auf ihren Schwingen in einen Himmel der Wonne. „Nephthaly,“ ſagte ſie mit einer flehenden Stimme,„werdet Ihr mir verſprechen, Euch nie Euerm Nebenbuhler entgegenſetzen zu wollen?“ ——— „Ein gewaltiger Ritter in ſchwarzer Rüſtung und mit dem Wahlſpruch: Kummer dem, der nicht geliebt wird!“ „Clotilde, Ihr liebt ihn nicht!— Geſteht es mir!“ „Ich werde ihn heirathen müſſen,“ entgegnete die Prinzeſſin ſeufzend. „Großer Gott!“ „Uns bleibt nichts übrig, als reine Herzens⸗ liebe.“ „Clotilde!— wenn ſich die Zeit Euerer Ver⸗ mählung nahet, dann verſprecht mir noch eine ein⸗ zige Zwieſprache, und ich verſpreche Euch dagegen, daß ich ein Mittel zn unſrer ewigen Vereinigung finden werde.“ „Einer ewigen Vereinigung!“ wiederholte Clotilde in einem Rauſche der Liebe. „Einer ewigen Vereinigung!“ betheuerte der Jude nochmals.„Dann werde ich ſehen, ob Du mich liebſt.“ „O, mein Geliebter! ein ſolches Mittel ſolltet Ihr beſitzen!“ „Ich beſitze ein ſolches Mittel, und Jeder be⸗ ſitzt es! Aber es iſt die letzte Zuflucht der Ver⸗ zweiflung, und wir dürfen nicht eher an ſeine An⸗ wendung denken, bis alle Hoffnung verloren iſt.— Willigt Ihr ein, Chotilde?“ „Ob ich einwillige!— ich ſchwöre es Dir zu bei Deinem Haupte!“ „So lebe denn wohl, ſüße Freundin. Du ge⸗ hörſt nun mir an!— Lebe wohl!“ Und noch einen ſüßen Kuß ſandte er ſeiner Geliebten auf den Schwingen der Zephyre zu. Dann kehrte er nach dem Felſenufer zurück, kniete dort nieder und fandte der Geliebten noch einen Kuß, während dieſe die neuen Blumen nahm und ihren Buſen mit denſelben ſchmückte. Sie war glücklich und rief jubelnd aus: „Wir werden vereinigt werden!“ XX. Joſette trat ein, als Clotilde auf dem höchſten Gipfel der Freude ſchwebte. „Nun, Joſette, was fehlt Dir, daß Du ſo 13 kummervoll ausſiehſt?“„ 3„Prinzeſſin, der König läßt Euch auffordern, 36 ſo bald wie möglich zu ihm zu kommen.“ „Was kann er von mir wollen?“ „Ich weiß es nicht. Prinzeſſin hat mir ver⸗ boten, mich um Dinge zu bekümmern, welche Aller⸗ höchſtdieſelbe angehen.“ „Aber, Joſette, ich ſagte das ja nur, weil ich— 1* wovon ſprachen wir denn?“ „Prinzeſſin iſt alſo nicht mehr böſe?“ „Bin ich denn je böſe geweſen, Joſette?— Siehſt Du dieſe Blumen, Hoſette? aus denen müſſen wir einen Kranz machen, den ich auf den —— 160 Kopf ſetzen werde. Und auch dieſe Roſe hebe mir auf,— ich werde ſie an meinen Buſen ſtecken.“ Joſette wußte nicht recht, was ſie von ihrer 3 Herrin denken ſollte. „Geſtern ſo traurig, heit⸗ ſo ausgelaſſen!“ dachte ſie;„wie wird ſi heute Abend ſein?— Aber ſo ſind die Fürſten!— Man kann nie mit Beſtimmtheit bei ihnen auf etwas rechnen.“ * Ende des zweiten Bandes. Druck von L. Schnauß in * ——— Farbkarte 61 3 B. /. G. .