Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Cdnard Okkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih und geſebedingungen. 1 offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ vfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Cäution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: F für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 1. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſeldſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Das mitt⸗ lere derſelben zeigt ein reizendes Plateau, während die beiden rechts und links wild zerklüftet und un⸗ fruchtbar ſind. Die Küſte iſt dort für Fahrzenge unzugänglich, weil die Felſenriffe weit in dos Meer hinein fortſetzen und auch das Ufer von gewaltigen Felſentrümmern überſäet iſt. Das Vorgebirge zur Rechten iſt das höchſte und wird die Kokette genannt. Auf dem Plateau 6 „ des mittlern, hinter einer natürlichen aus den Felſen gebildeten Bruſtwehr, erbaute Guh von Luſignan um die Mitte des vierzehnten Jahrhun⸗ derts das Schloß Caſin⸗Grandes, das ſpäter Apanage einer Nebenlinie des Hauſes Luſignan wurde, deſſen Hauptlinie damals in Cypern herrſchte. Nach Erlöſchen jener Nebenlinie ließen die Könige von Sen das Schloß nebſt der zu ihm gehörenden Erbſchaft von Intendanten ver⸗ walten. 3 Die nach der See gewendete Seite des Schloſ⸗ ſes war in einem edlen Sthle aufgeführt. Zwei weitläufige Flüc⸗ A deſſelben erſtreckten ſich nach beiden Seiter, und beherrſchten die Vorgebirge links und pechts, von denen ſie nur durch einen Pfad von etwa zwanzig Fuß Breite geſchieden wurd, der aber von der Landſeite her durch zwei un kheuere Granitblöcke geſchloſſen ward. Dieſer hon von der Natur in der erwähnten Weiſe ge⸗ ſchützte Bau wurde außerdem auf der Landſeite durch einen vierzig Fuß breiten Graben und durch Thürme, die in Entſernungen von funfzig Fuß vertheilt waren, faſt unüberwindlich gemacht. Das ——— — 7 gewölbte Portal des prachtvollen Baues galt für ein Meiſterſtück der Baukunſt, und ein herrlicher Baumgang, den Guy von Luſignan angepflanzt hatte, führte zu der Zugbrücke. Zur Rechten und Linken endeten die beiden Vorgebirge in ſanften Abhängen, an denen Oliven, Rosmarin, Palmen, Saffran, Orangen, Myrthen und andere ſchöne Bäume wuchſen. Hatte aber das ſchöne Schloß nach der einen Seite hin die Ausſicht auf das weite Meer, wel⸗ ches von Ruderſchiffen der italieniſchen Freiſtaaten belebt wurde, ſo erblickte an nach der andern Seite eine der reizendſten Lendſchaften der Pro⸗ vence. Eine wohlunterhaltene Straße durchſchnitt das lachende und fruchtbare Thal, und jenſeits dieſer Straße ſah man die üppigen Fluren und ſchönen Meiereien, welche zu dem Lehen von Ca⸗ ſin⸗Grandes gehörten.— Es war an einem ſchönen Tage im Jahre0. Eine Frau war das einzige menſchliche We, welches in dem Augenblick, mit welchem unſre Er⸗ zählung beginnt, in dem wonnigen Thale am Fuße der Vorgebirge zu ſehen war. Die Anordnung ihrer Haare und der Schnitt ihres Gewandes ließen eine Griechin in ihr erken⸗ nen. In ihrer ganzen Erſcheinung herrſchte eine auffallende Unordnung, ihre Hagerkeit war zurück⸗ ſtoßend, ihre Augen rollten wild, ihr Antlitz war von Runzeln durchzogen, obgleich es noch immer Spuren von Jugend und Schönheit zeigte. Es war die Amme Clotildens, des einzigen Kindes Johann's II. von Luſignan, der vertrieben durch die Venetianer aus ſeinem Königreich Cy⸗ pern, mit ſeinen Schätzen, ſo viel er deren zu retten vermocht hatte, nach Caſin⸗Grandes geflohen war. Schweiß perlte über die eingeſunkenen und gelben Wangen der Amme, die unermüdet in ihrer Arbeit fortfuhr. Sie grub ein Grab, indem ſie mit Geiſter⸗ ſtimme dabei ſagte: „Mein Junge!— Du ſollſt Dein ehrlich Grab erhalten!— Armes Kind!“ Dann brach ſie in ein ſchallendes Gelächter aus, durch welches deutlicher, als durch jeden an⸗ dern Umſtand, der Wahnſinn verrathen wurde, welcher ihren Geiſt umfangen hielt. — „ Marie Stoub hatte ihre Vernunft damals ver⸗ loren, als ſie bei der Einnahme von Nikoſia, der Hauptſtadt von Cypern, ihren Sohn, vön dem Speere eines Feindes durchbohrt, fallen ſah. Da indeß ihr Wahnſinn Niemand ſchadete, ſo hatte man ihr den Beinamen der Unſchuldigen ge⸗ geben. Faſt war das Grab beendigt, als von einer kleinen Erhebung, welche der„Hügel der Lieben⸗ den“ hieß, ein junges Mädchen in kurzem Rocke, der damaligen weiblichen Tracht in der Provence, herbeieilte. Dieſes Mädchen war hoch und ſchlank ge⸗ wachſen und winkte ſo anmuthig mit ſeinem Taſchen⸗ tuche, daß man leicht merkte, es gelte einen Abſchied. Zu gleicher Zeit vernahm man die Hufſchläge eines galoppirenden Roſſes. Die Unſchuldige erhob neugierig das Haupt, ſah des jungen Mädchens Winken und lächelte boshaft. Als aber die junge Provencalin, wie ein Granatapfel roth, in die Nähe der Unſchuldigen kam, da ſenkte dieſe ihren Blick nieder und that, als habe ſie nichts bemerkt. 10 Jenes junge Mädchen, Joſette war ihr Name, war die Tochter des Intendanten Herkules Bom⸗ bans, dem der König von Chpern die Verwaltung der Herrſchaft Caſin⸗Grandes übertragen. Sie ſelbſt war ſeit der Ankunft des geflüchteten Königs auf Caſin⸗Grandes zum Geſellſchaftsfräulein der Prinzeſſin Clotilde ernannt. „Wie iſt es euch möglich geworden, aus dem Schloſſe zu entwiſchen, arme Marie?“ fragte ſie die Wahnſinnige. „Wie es Dir möglich geworden iſt, Deiner Herrin zu entrinnen, um den Männern nachzu⸗ laufen,“ antwortete die Gefragte. Dann richtete ſie einen glühenden Blick auf Joſette, lächelte wieder in boshafter Weiſe und ſagte: „Du wirſt Mutter werden!“ Damit entriß ſie Joſetten das Tuch, ſchwenkte daſſelbe, wie dieſe es gethan hatte, und umtanzte mit wilden Geberden das Grab. Joſette erblickte in dieſem Augenblick an dem Ende des nach dem Schloſſe führenden Ulmen⸗ ganges die Prinzeß Clotilde, welche von mehren —— Männern umgeben war. Die Amme ſetzte ihren griechiſchen Tanz mit voller Wuth einer Mänade fort, ſang griechiſche Lieder, kümmerte ſich nicht um die Unordnung ihrer Kleidung und verſuchte Jo⸗ ſette zu ergreifen, um ſie zu zwingen, mit ihr das Grab zu umtanzen. Das Gefolge der Prinzeß beſtand aus vier Männern, unter denen die einzigen vornehmen Herren waren, denen Johann II. erlaubt hatte, ihn auf ſeiner Flucht zu begleiten. Viele hatten dem Könige zu folgen verlangt, denn er wurde von ſeinen Unterthanen angebetet. Allein er ſagte zu ihnen die denkwürdigen, von einem gleichzeitigen Schriftſteller uns aufbewahr⸗ ten Worte: „Ein Bürger muß ſeine Familie höher ſchätzen, als ſich ſelbſt, aber nach der Menſchheit am höch⸗ ſten das Vaterland. Verlaßt daher Euer Vater⸗ land nicht, ſondern bedenkt, daß Ihr mir dient, wenn Ihr ihm dient, und wäre es auch unter der Herrſchaft der Venetianer! Euer Muth wird hier mehr glänzen, als in einer Verbannung, welche nur Euern Fürſten treffen darf. Ich darf die Orte 12 nicht länger bewohnen, welche Zeugen meines Falles ſind.— Lebt alſo wohl!“ Der faſt erblindete Johann II, konnte die Thränen nicht ſehen, von welchen die Augen ſeiner Getreuen bei ſeiner Abreiſe gefüllt waren. Ein auf ſolche Weiſe entthronter Monarch kann einer ewigen Herrſchaft verſichert ſein. Die vier Männer, denen Johann allein die Ehre zugeſtand, ihm in die Verbannung zu fol⸗ gen, begleiteten alſo die Prinzeſſin Clotilde. Der, welcher etwa vier Schritte hinter ihr ging, war ein kurzer, unterſetzter Mann, mit weit geſpaltenem Munde, aufgeworfenen Lippen, einge⸗ drückter Naſe. Sein Blick deutete Wildheit an, ſein buſchiger Bart verrieth Kraft, ſein Gang war der eines Mannes, welcher ſeine Kraft kennt, aber ſeine unedlen Züge verriethen eine gemeine Ab⸗ kunft. Statt aller Vertheidigungswaffen trug er nur einen Helm auf dem Kopfe, aber am Gürtel hing ein ſtark gekrümmter Säbel, an deſſen glän⸗ zenden Griff er oft ſeine Hand legte. Es war der Albaneſe Kaſtriota, der Einzi ge von des Königs Leibwache, welcher die E innahme 13 Z von Nikoſia überlebte, deſſen Gehirn nur von ei⸗ nem Gedanken erfüllt war, nämlich von dem: Al⸗ les zu vernichten, was ſeiner Meinung nach dem Könige oder deſſen Tochter nachtheilig werden könnte. Zwiſchen Kaſtriota und der reizenden Königs⸗ tochter ging ein langer, hagerer kahlköpfiger Mann deſſen Adlernaſe dünn wie ein Meſſerrücken war und derinnerlich ſeufzte, daß er zu Fuß gehen mußte Dieſer Mann war der Connetable Graf Kepha⸗ lein, deſſen höchſter Kummer war, daß er die ch⸗ priotiſche Reiterei nicht mehr befehligen konnte, und daß er von ſeinen herrlichen Pferden nur eins, ſei⸗ nen Liebling„Windesflügel“ gerettet hatte. Die Läſterzungen ſagten dem guten Manne nach, daß er ſchwachen Geiſtes ſei. Wichtiger waren die beiden Männer, in deren Mitte die ſchöne Clotilde ging. Der zur Rechten war Graf Ludowich von Moneſtan, Miniſter Johanms II., ein einfacher und frommer Greis von hinreißender Beredſamkeit und ſeltenem Biederſinn, aber leider! von einem blinden Eifer für die Religion beſeelt. 1 6 6 Dagegen beſaß der zur Linken Gehende, Hila⸗ rion d'Aoſti, Biſchof von Nikoſia und Almoſenier des Königs, die Gluth eines jungen Kriegers und die Verſchmitztheit eines Diplomaten. Sein ſtol⸗ zer Blick ſchien Kampfesluſt zu athmen, und da er für jetzt dieſe Luſt nicht auf dem Schlachtfelde bü⸗ ßen konnte, ſo hielt er ſich wenigſtens durch einen Wortſtreit ſchadlos, den er mit Moneſtan begonnen hatte. „Ich wiederhole es,“ ſagte der Letztere,„daß wir das Königreich verloren, weil wir in der Re⸗ liqion lau geworden.“ „Und ich, mein Herr,“ entgegnete der Biſchof, nich wiederhole, daß der Ewige für uns geweſen ſein würde, wenn wir dreißigtauſend Mann Kern⸗ truppen gehabt hätten.“ „Man vernachläſſigte den Gottesdienſt.“ „Man hatte die Feſtungswerke von Nikoſia verfallen laſſen.“ „Nur die Religion bildet gute Soldaten.“ „Aber zuvor muß man doch Soldaten haben! — Mein Herr, dreißigtauſend Mann, gleichviel ob Chriſten, Muhamedaner oder Heiden, ſind die 4⁵ nothwendige Grundlage jedes Widerſtandes, jedes Siegs; mit ihnen konnten wir das Königreich er⸗ halten, mit ihnen können wir es wieder gewinnen. Auch vernachläſſigt man zu ſehr die diplomatiſchen Verbindungen mit den übrigen Staaten von Europa.“ „Herr Biſchof,“ antwortete der Graf gereizt, „dreißigtauſend Mann können gar nichts, wenn ſchlechte Sitten ihren Muth gelähmt haben, und die diplomatiſchen Verbindungen ſind auch nicht vergeſſen. Aber bedenkt den Zuſtand von Europa und ſagt mir dann, welche Hilfe wir von anderen Mächten erwarten können. Hat nicht der König von Frankreich ſelbſt noch die Hälfte ſeines Landes wieder zu erobern, nachdem ihm die erſte Hälfte nur durch die wunderſame Jungfrau von Orleans wieder geworden iſt? Führt nicht König René, deſ⸗ ſen Comté wir bewohnen, in Jlalien einen Ver⸗ derben bringenden Krieg mit Aragon? Und Aragon ſelbſt liegt, wie auch Portugal, im Kriege mit den Mauern. Die Türken greifen Deutſchland an, in deſ⸗ ſen Innern bereits die Huſſiten hauſen; Konſtantino⸗ pel liegt in den letzten Zügen; Jeruſalem iſt verloren. Wie kann man da erwarten, daß noch Jemand nach dem kleinen Chpern blicken werde?“ „So komme ich alſo wieder darauf zurück, daß es am beſten geweſen wäre, wir hätten dreißig⸗ tauſend Mann gehabt, um uns ſelbſt helfen zu kön⸗ nen,“ nahm der Biſchof wieder das Wort. „Ach!“ ſeufzte Kephalein, wir wurden beſiegt, weil wir nicht genug Reiterei hatten.“ „Und was meinſt Du, Kaſtriota?“ fragte die Prinzeſſin lächelnd. „Nur zweitauſend Mann, wie ich, und Ihr wäret noch in Nikoſia.“ „Du haſt Recht, Kaſtriota,“ entgegnete ihm der Biſchof,„Du biſt das Muſter eines Soldaten.“ „Aber die Religionfehltihm,“ ſeufzte Moneſtan. „Das iſt mein Glaube und mein Gott!“ brummte Kaſtriota, indem er trotzig an ſeinen Sä⸗ bel ſchlug. — I. Während ſo Jeder nach ſeiner Weiſe ſprach, war man bei der armen Amme angekommen, welche bis zu dieſem Augenblick bemüht geweſen war, Jo⸗ ſette zu zwingen, daß ſie mit ihr tanze. Sobald die Unſchuldige die Prinzeſſin erblickte, legte ſich ihr Irrſinn. Ihre Züge falteten ſich; ſie ſchwieg und weinte. „Warum verließeſt Du das Schloß?“ fragte die Prinzeſſin ſauft. Die Unſchuldige richtete ihre ſchwarzen Augen auf Clotilde und weinte laut, als ſie den Klang ihrer Stimme vernahm. Dann trat ſie an Kaſtrio⸗ ta's Seite, denn ſie liebte ihn aus Dankbarkeit. Hatte er doch ihren Sohn vertheidigt. „Und Du, Joſette?“ wandte ſich dann die 2 18 Prinzeſſin an ihre Ehrendame.„Weißt Du nicht, daß Graf Enguerry, der Ungläubige, die Gegend durchſtreift,— daß ſeine Soldaten ſich Alles er⸗ lauben?“ Joſette erröthete, doch bemerkte nur die Prin⸗ zeſſin dieſe Erſcheinung, denn der Almoſenier ſagte in demſelben Augenblick zu Moneſtan: „Wir haben auch darauf zu denken, wie wir uns gegen dieſen Wüthenden ſichern, der überall Kriegsſteuern erhebt, plündert, mordet und die ganze Provence in Schrecken ſetzt, indem er den Umſtand benutzt, daß der Sohn von René dem Guten noch nicht angekommen iſt.“ Das Geräuſch eilender Männertritte ließ ſich vernehmen. Aller Blicke wandten ſich dahin, wo der Weg um den Hügel der Liebenden bog, denn von dort⸗ her ging das Geräuſch aus. Faſtriota legte die Hand an den Säbel und trat voran, um die Tochter ſeines Herrn nöthigen⸗ falls zu beſchützen. Die Schritte kamen näher, und bald erblickte man einen armen Flüchtling. Es war ein jun⸗ — . 19 ger Mann, der ſich in einen Mantel gehüllt hatte. Als er erſchien, ſah man hinter ſeinem Haupte am Himmel einen röthlichen Schein, der in Augen⸗ blicken von ſchwarzen Rauchwolken verdrängt wurde. Alles deutete auf eine gewaltige Feuersbrunſt, und ſelbſt der trotzige Albaneſe und die Unſchuldige wurden von Schrecken ergriffen. DerUnbekannte näherte ſich immer mehr; bald war er nur noch funfzig Schritte entfernt, und Kaſt⸗ riota zog ſeinen Säbel, um fürjeden Fallbereitzu ſein. Schon bemerkte man des Fremden gelockte Haare, die ſchwarz waren, wie Gagath, und deren Schwärze durch die blendende Weiße ſeiner Haut noch mehr gehoben wurde. Seine Züge deuteten auf große Angſt und ſeine in Unordnung gerathene Kleidung auf eilige Flucht. Dennoch vermochte Clotilde die Schönheit des Unbekannten zu bemer⸗ ken, und nur ein Kaſtriota konnte denſelben mit dem barſchen Worte anhalten: „Woher?“ „Von Monthrat.“ „Wohin?“ 2* „Hierher.“ „Warum?“ „Seht jenen Schein— das ſchöne Dorf iſt niedergebrannt. Es gehörte zu der Apanage Ga⸗ ſton's II., des Sohnes des Grafen von Provence. Ich hatte dort eine beſcheidene Wohnung, aber ſie iſt zerſtört von dem ungläubigen Enguerrh. Ge⸗ ſtern kam er, die Kriegsſteuern einzuziehen, die er uns Abends zuvor auferlegt hatte. Wir waren nicht im Stande, ſie zu gewähren. Er bezeichnete das Dorf mit einem rothen Krenze, und ſeit heute Morgen wurde es von ſeinen Kriegsknechten, die ſich in gräßlichem Hohne die Johanniter nennen, weil ihr Herr Johann von Enguerry heißt, aus⸗ geplündert. Jene Flammen deuten an, daß nun Alles vorüber iſt. Ich bin ohne Vaterland und ohne Obdach! Johann von Luſignan wird mir ein neues Obdach nicht verweigern.“ „Und warum nicht?“ fragte Kephalein, wie aus einem Traume erwachend. „Weil er das Unglück ſelbſt kennen lernte.“ Die Worte des Fremden waren für Clotilde eine köſtliche Muſik geweſen. Sie betrachtete mit 21 einem ihr neuen Gefühl den ſchönen Jüngling, deſ⸗ ſen Blicke ebenfalls ihre Reize zu verſchlingen ſchienen, welche noch mehr gehoben wurden durch die maleriſche griechiſche Tracht, die in einem ſchneeweißen Kleide beſtand, über welches eine Tu⸗ nica von himmelblauem Sammt gezogen war, de⸗ ven Enden in ſilberne Eicheln ausliefen. Kaſtriota wüthete, daß ein Fremder es wagen könnte, ſeine lüſternen Blicke auf eine Prinzeſſin von Cypern zu heften, hob ſeinen Säbel und don⸗ nerte dabei: „Wer biſt Du?“ Der Fremde antwortete nicht. „Wer Ihr auch ſein mögt,“ nahm Clotilde da⸗ rauf das Wort,„ſo ſichere ich Euch im Namen meines Vaters Gaſtfreundſchaft zu.“ „Mögen Andere ihren Stern im Himmel fin⸗ den,“ rief der Fremde aus,„der meinige iſt auf Erden! O, meine Wohlthäterin! Ihr waret heute meine Vorſehung,— ſeid es immer!“ Während er mit Kraft dieſe Worte ausſprach, wollte er ſeine Hände ausſtrecken, um die der Prin⸗ zeſſin zu ergreifen. Allein bei dieſer Bewegung 22 flog ſein Mantel weit zurück, und die Begleiter der Prinzeſſin ſchienen wie von einem Blitzegetroffen. „Ein Jude!“ riefen Alle. „Ein Verfluchter!“ ſetzte Moneſtan noch hinzu. Der Albaneſe holte mit ſeinem Säbel aus, um den Kopf des elenden Weſens vom Rumpfe zu tren⸗ nen, und würde ſicherlich ſeine Wuth befriedigt haben, hättte nicht Clotilde durch einen Angſt⸗ und Schreckensruf ſeinen Arm gelähmt. Als der Mantel des Fremden zurückgeflogen, war das kleine Rad von gelbem Tuch ſichtbar ge⸗ worden, welches die Juden auf Befehl Ludwig's X. tragen mußten, und zum Ueberfluß erblickte man jetzt auch noch an der grünen Mütze, welche der Fremde in der Hand hielt, die beiden rothen Hör⸗ ner, die das Geheiß Philipp's des Kühnen auf die Kopfbedeckung der Juden gepflanzt hatte. Der unglückliche Jude ſtand regungslos da, bis Kaſtriota, dem man es anſah, mit welcher Mühe er ſeinen Abſcheu überwand, ihn fragte: „Dein Name?“ „Nephthalh Jaffa.“ „Dein Vaterland?“ „Venedig.“ „Jude und Venetianer! das iſt zu viel!— Stirb!“ „Es ſoll kein Mord vor meinen Augen geſche⸗ hen!“ herrſchte die Prinzeſſin. „Iſt das ein Menſch?“ fragte der Almoſenier. „Ich hoffe, daß er weniger iſt, als ein Pferd,“ ſagte Kephalein. Kaſtriota harrte des Augenblickes, wo ſich Clo⸗ tilde abwenden würde, um den ſchönen Juden ſei⸗ nes Hauptes zu berauben. Allein die Prinzeſſin ließ den Albaneſen nicht aus den Augen. Dagegen that der Jude nicht einen Schritt, um ſich vor dem ihm drohenden Schickſal zu ſichern, wohl aber glänzte eine reine Freude aus ſeinen ſchwarzen Augen, indem er den Lilien auf den Wangen ſeiner Wohlthäterin Roſen folgen ſah. „So fliehe doch wenigſtens, Gottesmörder!“ ſchrie der Almoſenier mit zorniger Stimme;„laß Dich anderwärts hängen, Du Auswurf der Menſch⸗ heit!“ „Das könntet Ihr wohl in ſanfterem Tone ſa⸗ gen,“ bemerkte Graf Ludowich. „Meine Herren,“ ſagte Clotilde,„ich nehme dieſen Menſchen in meinen Schutz. Du aber, Kaſtriota, hüte dich wohl, ihm ein Leid zuzufügen.“ „Das iſt Euer Ernſt?⸗ fragte der wilde Al⸗ baneſe. „Ich befehle Dir ſo!“ Murrend ſtieß der Kriegsknecht den Säbel in die Scheide, indem er noch einen zweideutigen Blick gegen Nephthalh richtete. IM. Die Prinzeſſin ging in tiefe Gedanken verſun⸗ ken nach dem Schloſſe zurück. Als ſie aber die zu dem Schloſſe führende Allee erreicht hatte, wandte ſie ſich ſo, daß ſie einen Blick nach der Stelle werfen konnte, wo der Jude geblieben war. Dieſer kniete auf der Stelle, wo die Tochter Johann's II. geſtanden hatte, und dieſe konnte noch ſehen, wie er eine Eichel, die ſich von ihrer Tunica gelöſt hatte, küßte und in ſeinen Buſen ſteckte. Von dem Augenblick an, wo die Prinzeſſin Nephthaly nicht mehr ſehen konnte, eilte ſie mit ſolcher Eile nach dem Schluſſe, daß der Biſchof, Moneſtan und der Connetable ihr nicht mehr fol⸗ gen konnten. Ihre eilenden Schritte wurden aber durch ein Hemmniß unterbrochen. Dieſes Hemmniß war ein kleiner, dicker und kurzer Mann, deſſen Bauch ſich früher zeigte, als⸗ der Mann ſelbſt und durch ſeinen Umfang den An⸗ ſchein eines ſelbſtſtändigen Weſens erhielt. Aus dieſer ſchwarzgekleideten Maſchine flötete ein hel⸗ les Stimmchen, das dem Tone eines Flageolets glich: „Dame, ſollte die atmoſphäriſche Luftſäule die Verzweigungen Eures Nervenſyſtems angegriffen haben? Ich finde Eure Züge verändert! Ihr habt Euch im Denken übernommen. Das iſt gefährlich! Nichts hat derjenige, welcher ſich einer vollkom⸗ menen Geſundheit erfreuen will, mehr zu meiden, als Anſtrengung des geiſtigen Vermögens und Aufregung des Herzens. Warum befinde ich mich ſo wohl? Weil ich nie denke!“ „Ich verſichere Euch, Doctor Tronſſe,“ entgeg⸗ nete Clotilde lächelnd„daß mein Nervenſyſtem auf dieſem Luſtgange nicht im Mindeſten gelitten hat.“ „Seine königliche Majeſtät waren ebenfalls wegen Eueres längern Ausbleibens beſorgt und ſandten mich aus, nach Euch zu ſehen. Ich hatte bereits mein Befteck zu mir genommen, falls ein Unglück begegnet wäre, denn ich ſehe mich ſtets vor, operire auch gut, was übrigens natürlich iſt, da ich in Granada ſtudirte.“ Die Worte des Arztes veranlaßten Clotilde, ihre Schritte noch mehr zu beſchleunigen. Nur Jo⸗ ſette, Kaſtriota und die Amme vermochten ihr zu folgen. Vor den Thore des Schloſſes wandte ſich Clo⸗ tilde an Kaſtriota mit den Worten: „Schwöre mir bei Deinem Leben, daß Du dem Juden nie ein Leid zufügen wirſt.“ Der Albaneſe glich einem gefangenen Fuchſe, als er mit mißvergnügter Miene den verlangten Schwur ausſprach. Aber dieſer Schwur warfeier⸗ lich für ihn, und um keinen Preis würde er je ihn gebrochen haben. Ermuthigt ſchritt nun die ſchöne Clotilde beim Schalle der Hörner durch die Höfe und zwiſchen der Menge von Dienern und Cyprioten hindurch, welche ſich an beiden Seiten aufgeſtellt hatten. Da ſie ſo ſelten zwiſchen den treuen Leuten hin⸗ durchging, ſo erhoben dieſe ein Freudengeſchrei. Mehrere redeten ſie an, aber gegen ihre Ge⸗ wohnheit antwortete ſie nicht, und die Armen waren betreten, daß ſie ihre ſanfte Stimme und die theil⸗ nehmenden Worte nicht hörten, welche Clotilde ſonſt an ſie zu richten pflegte. Als ſie in den letzten Hof und an den Mittel⸗ flügel gelangt war, deſſen Vorderſeite nach dem Meeresufer ging, ſtieg ſie eilig zu den Gemächern des Königs hinauf. Johann von Luſignan hatte ſeine Wohnung im erſten Stock dieſes prunkvollen Flügels gewählt und ſich dort mit königlicher Pracht umgeben. Ein gewaltiger Saal für die Leibwache, welche Guy für ſeine Ritter erbaut hatte, überraſchte durch ſein kriegeriſches Ausſehen. Er war ge⸗ ſchmückt mit Trophäen, Rüſtungen und den Bild⸗ niſſen aller Könige von Cypern, welche Kepha⸗ lein aus der Plünderung von Nikoſia gerettet hatte. Dann kam der Audienzſaal, mit köſtlichen Stoffen des Morgenlandes geſchmückt, in welchem über die 29 andern koſtbaren Möbel der Thron und ein rother Thronhimmel hervorſtrahlten. Die Baluſtrade des Thrones war von reinem Golde. Dann folgte das königliche Kabinet, geſchmückt mit einem per⸗ ſiſchen Teppich und Möbeln in gothiſchem Ge⸗ ſchmack. Der plumpe Stuhl der berühmten Me⸗ lufine, von welcher das Haus Luſignan ſeinen Urſprung ableitete, bildete durch ſeine Gegenwart einen ſonderbaren Widerſpruch. Der entthronte König, gekleidet in eine mit Marder beſetzte Dalmatica, noch mehr aber geziert durch ſeine ehrwürdigen weißen Haare, durch welche die gutmüthigen Züge ſeines Antlitzes noch ehrwürdiger wurden, befand ſich damals in dieſem Zimmer. Er ſtrengte alle Kräfte ſeiner faſt er⸗ loſchenen Augen an, um ſeine Tochter aus der Menſchengruppe, die er einer wüſten Maſſe gleich auf dem Hofe ſah, herauszufinden. Plötzlich verließ der Greis das Fenſter, horchte und richtete dann, auf den Reſt ſeiner Augenkraft bauend, ſeine Schritte nach der Thür, indem er dabei an Alles ſtieß, was ihm im Wege ſtand. Clotilde war erſt im rothen Saale, und ſchon 30 unterſchied der gute Vater die leichten Tritte ſeiner Tochter. Seine bleichen Züge belebten ſich mit dem ganzen Incarnat, deſſen die Wangen eines Greiſes fähig ſind, und als Clotilde eintrat, erblickte ſie ihren Vater mit ausgebreiteten Armen vor ſich. „Biſt Du es, meine Tochter? Ich habe Dich heute noch nicht geſehen!“ Der Greis küßte die Jungfrau auf die Stirn, die er ohne Mühe fand. „Du biſt aufgeregt“, fuhr er dann fort;„ich höre Dein Herz pochen. Iſt es Glück oder Un⸗ glück, das Dich ſo aufregt?“ „Ich bin gekommen, mein Vater, des Königs Gnade anzuflehen, ohne noch zu wiſſen, ob ich die⸗ ſelbe finden werde. Das iſt es, was mich auf⸗ regt.“ „Alſo auch Du, meine Tochter, gehörſt zu den Verſchworenen, die mich glauben machen möchten, ich herrſche noch immer?“ „Ach! mein Vater, ich bitte für einen armen Juden!“ „Für einen Juden!— Du vergißt, daß Hein⸗ 3½ rich I. von der Hand eines dieſer Feinde unſers Heilandes gefallen iſt!“ „O, mein Vater,“ nahm Clotilde wieder das Wort und freute ſich, daß der Greis die Röthe nicht ſehen konnte, welche ihre Stirn überzog;„er iſt ſehr unglücklich; Enguerrh, der Ungläubige, hat heute Morgen ſeine Wohnung niedergebrannt; er iſt nun ohne Obdach und verlangt in Deiner Herr⸗ ſchaft zu wohnen.“ „Aus welchem Lande iſt er?“ Dieſe Frage des Greiſes war ſehr natürlich, da erſt ſeit Kurzem den Juden die Rückkehr nach Frank⸗ reich geſtattet war. „Aus Venedig,“ antwortete Clotilde zitternd. „O, meine Tochter, wir nehmen eine Schlange in unſern Buſen auf,“ entgegnete der alte König mißtrauiſch.„Hat nicht Venedig gewagt, mich von dem Throne meiner Väter zu ſtoßen?“ „So wird alſo der Unglückliche, der unſchul⸗ dig iſt an dem, was ſeine Vorfahren und an dem, was ſeine Landsleute thaten, ſterben?“ Der Greis ſchien ergriffen. „Der Ungläubige wird ihm das Leben nehmen.“ Der Monarch ſuchte auf einem Tiſche von Ebenholz ſeine goldene Pfeife und pfiff zweimal. Bald hörte man die ſchweren Tritte des Doe⸗ tors. „Laſſet den Herkules Bombans kommen,“ be⸗ fahl der König. Der Intendant zeigte gleich darauf ſein Ich, deſſen veraltete Kleidung auf Geiz deutete, während die Aengſtlichkeit, die ſich in ſeinen Zügen aus⸗ ſprach, kein reines Gewiſſen vermuthen ließ. „Woiſt der Jude?“fragte Luſignan ſeineTochter. „Am Hügel der Liebenden.“ „So geht dorthin,“ wandte ſich der König an den Intendanten,„und ſagt dem Juden, daß ich ihm ein Aſhl bewillige, aber unter der Bedingung, daß er zehn Schritte vom Schloſſe bleibe, widrigen⸗ falls er gehängt werden würde.“ Bombans ging. „Biſt Du befriedigt?“ fragte der Greis ſeine Tochter. Statt aller Antwort küßte ſie ihren Vater und leiſtete ihm den ganzen Abend Geſellſchaft, indem ſie ihm die beliebteſten Romanzen der damaligen 33 Zeit vorſang und ſich dazu mit ihrer Laute beglei⸗ tete. Dabei gab ſie tauſend Beweiſe innerer Freude, deren Grund Lufignan nicht begriff, und ſie ſelbſt eben ſo wenig. Der Intendant beſtieg ein altes Pferd, das er einem mit der Bezahlung des Pachtes im Rückſtand gebliebenen Pächter abgedrängt hatte, und beeilte ſich, des Königs Befehl auszuführen. Während er des Weges nach dem Hügel der Liebenden dahin ritt und überlegte, welchen Vor⸗ theil er aus dem ihm gewordenen Auftrage ziehen könnte, erſchallten plötzlich die furchtbaren Worte in ſeine Ohren: „Greift au!— Marſch!— Muth! dort iſt der Feind!“ Der Intendant, feige wie Alle, denen die Rein⸗ heit des Gewiſſens abgeht, glaubte, daß der Un⸗ gläubige ihn angreifen wollte, warf ſich von ſei⸗ nem Pferde, ſank auf die Kniee und flehte: „Gnade!“ In demſelben Augenblick galoppirte Kephalein mit ſieben oder acht Reitern vorüber, die er ein⸗ 3 „ übte, um ſeinem Fürſten eine neue Reiterei zu ver⸗ ſchaffen. „Ei, Bombans,“ rief er dem Knieenden zu, „die Zeit zum Morgengebet iſt längſt vorüber.“ „Geſtrenger Herr, ich bin vom Pferde gefallen.“ „Schlechter Reiter!“ entgegnete der Connetable im verächtlichſten Tone und ritt dann in geſtrecktem 3 Galopp weiter. Herkules Bombans aber ſtieg wieder auf ſein Pferd und befand ſich in Kurzem vor dem Iuden, welcher mit tiefer Wehmuth und Sehnſucht nach den Thürmen von Caſin⸗Grandes ſchaute. „Biſt Du ein Jude?“ fragte er in rohem Tone den Fremden. „Ja,“ antwortete Nephthalh mit ſanfter Stimme. „Gut, elender Feind des Heilandes! Der König gewährt Dir ein Aſhl in ſeiner Herrſchaft, aber nur unter der Bedingung, daß Du Dich nie auf zehn Schritte dem Schloſſe häherſt. Findet man Dich neun Schritte von demſelben, ſo wirſt Du auf der Stelle ge— hä hä—hängt.“ Der Intendant vermochte das Wort gehängt 35 nie deutlich auszuſprechen, weil ihm ſein Gewiſſen ſtets den Galgen zeigte, den er ſelbſt verdiente. „Außerdem haſt Du mir,“ fuhr er fort,„dem königlichen Intendanten, ſofort und ohne Quittung tauſend Pfund Tournvis für den Schutz zu zahlen, welcher Dir auf dem Gebiete des Königs gewährt werden ſoll.“ „Ich habe kein Geld, denn ich bin heute Mor⸗ gen erſt ausgeplündert,“ antwortete der Jude in klagendem Tone. „Halunke! Ein Jude läßt ſich Bet ſo leicht ausplündern. Bezahle!“ „So muß ich dieſe Gegend verlaſſen,“ verſetzte Nephthali und wandte ſich. Der Intendant dachte daher mit Schrecken an den Befehl des Königs und befürchtete, daß der Jude gehen möchte. Er verſuchte daher, ihn zu erſchrecken. „Mein gnädiger Herr hat mir befohlen, Dich auf der Stelle ins Gefängniß zu werfen, wenn Du Dich weigern ſollteſt.“ „O Gott Abrahams, Iſaaks und Jakobs!“ „Rufe immerhin Deinen Gott an, aber zahle!“ 3* Das Geſicht des Intendanten erheiterte ſich, als er den Juden in ſeinen Ausrufungen fortfahren hörte, denn er ſchloß daraus, daß ſich ſein Beutel öffnen werde. In der That ſchien Nephthaly von einem licht⸗ vollen Gedanken ergriffen zu ſein und zerriß das Futter ſeines Mantels, um Bombans einen Wech⸗ ſel zu überreichèn. „Nimm dieſe fünfhundert Pfund,“ ſagte er da⸗ bei in klagendem Tone.„Es iſt eine Anweiſung auf den Schatz des Königs René des Guten, Gra⸗ fen der Provence.“ „Bube! zahle tauſend Pfund!“ „Ich habe ſie nicht!“ „Ich werde Dir Deinen Mantel nehmen.“ „Nimm ihn, da iſt er!“ Dieſer kühne Entſchluß täuſchte den Indentan⸗ ten, dem es überdieß ſchien, als wäre Nephthaly bereits von ſeiner jüdiſchen Unterwürfigkeit ver⸗ laſſen. Indeß verſuchte er noch zu handeln, aber der Iſraelit richtete plötzlich ſeine ſchönen ſchwarzen Augen auf ihn und ſagte in entſchloſſenem Tone: „Herr Intendant, ſoll ich etwa dem Könige mittheilen, daß Ihr, obgleich Ihr Cypern nackt wie ein Wurm verlaſſen, dennoch jetzt für hunderttau⸗ ſend Pfund Güter in der Dauphiné, in den Be⸗ ſitzungen des Grafen Gaſton, des Sohnes von René dem Guten, beſitzt?“ Der beſtürzte Intendant zitterte. Es ſchien ihm offenbar, daß der Jude mit ſeiner Drohung eine Wiedererſtattung ſeines Geldes bezwecken wollte. „Ermuthigt Euch, Bombans,“ ſagte Neph⸗ thalh, der die Gedanken des Intendanten errieth. Ich laſſe Euch die fünfhundert Pfund, wenn Ihr mir mittheilen wollt, nach welcher Seite die Fen⸗ ſter des Schlafzimmers der Prinzeß Clotilde gehen.“ Obgleich der Gedanke in Bombans aufſtieg, daß der Jude böſe Abſichten haben könnte, ſo ſiegte doch der Teufel des Geizes bei ihm und er ant⸗ wortete mit einer Art von Wuth: Ja Zugleich aber ſetzte er ſeinem Gaule beide Sporen in die Seiten. Nephthaly ergriff aber mit Blitzesſchnelle das arme Thier beim 8 und fragte mit drohender Stimme: „Nun?“ Der Intendant verzog ſein Geſicht und ant⸗ wortete: „Das Schlafzimmer der Prinzeſſin iſt an der Ecke des Flügels, welcher ſich nach der Meeresſeite hinzieht. Eins ihrer Fenſter geht nach der Kokette, das andere nach dem Meere.“ Bombans hatte dieſe Worte mit einer Haſt ge⸗ ſagt, in welcher ſich ſeine Herzensangſt ausſprach. Dann drückte er ſeinen Wechſel feſt an ſich und entfloh, während die Gewiſſenspein des Verbrechers ihm auf den Ferſen folgte. „Indeß,“ tröſtete er ſich,„müßte es doch mit dem Teufel zugehen, wenn ein Unglück geſchehen ſollte. Die Kokette gleicht an jener Stelle einer Mauer von funfzig Fuß Höhe— ſie iſt unerſteig⸗ lich!— und überdieß, wenn er ſich nähert, ſo wird er ge— hä— hä— Das verfluchte Wort!“ Als es Nacht geworden war, begab ſich Clo⸗ tilde auf ihr Zimmer. Joſette zündete die mit wohlriechendem Oele gefüllte Lampe an und entfernte ſich dann. Die Prinzeſſin aber öffnete ihr Fenſter und ſchaute nach dem Meere hinaus, um die ſchöne Nacht zu genießen. Eine ſüße Schwärmerei, deren Reiz ſie bisher nicht gekannt hatte, ergriff ihren Geiſt und ſeltſame Gefühle füllten ihr Herz. Ein leiſes Geräuſch weckte ſie aus ihren Träu⸗ men— und zwar kam dieſes Geräuſch von der Kokette. Ihr Herz ſchlug lauter,— ſie eilte an das andere Fenſter und zog die reichen grünen Vorhänge zurück, welche der Handel der Venetia⸗ ner damals aus Perſien holte, um ſie über Eu⸗ ropa zu verbreiten. Da erblickte ſie den Juden, welcher über dem Abgrunde auf der Spitze eines kaum drei Fuß brei⸗ ten Felſens ſchwebte. Das ſanfte Licht des Mon⸗ des goß eine leichte Helligkeit um ihn aus und Clotilde ſah auf ſeiner Bruſt etwas glänzen, was ſie als die Eichel ihrer Tunica erkannte. Nephthaly blickte mit freudetrunkenen Angen nach dem Fenſter der Prinzeſſin, die ihrerſeits ih⸗ ren Blick nicht von ihm hinwegzuwenden vermochte. 40 Eine Stunde verfloß gleich einem Augenblick. Dann riß ſich Clotilde mit Gewalt von ihren Träu⸗ mereien los, zog haſtig die Vorhänge des Fenſters zu und warf ſich in ihr Bett. Aber noch in dem Augenblick, wo der Schlaf ſich ihrer Sinne bemächtigte, erblickte ſie das zarte Oval und die ſchönen Züge von Nephthaly's Geſicht. IV. Seit Anbruch des Tages, an welchem ſich die von uns erzählten Begebenheiten zutrugen, war der arme Flecken Monthrat der Schauplatz einer der gräßlichſten Plünderungen, welche uns in den Annalen des Mittelalters überliefert ſind. Auf dem großen Platze vor der Kirche befeh⸗ ligte ein Mann zu Pferde mit ſchrecklicher Kaltblü⸗ tigkeit die ſchauderhafteſten Grauſamkeiten. Er war wohl gewachſen und ſeine Züge hatten ſogar etwas Angenehmes, aber aus ſeinen Augen leuch⸗ tete die Falſchheit der Katzen. Seine ſtraff herab⸗ hängenden Haare hatten jenes brennende Roth, welches man den Haaren des Judas beilegt. Mit der größten Ruhe ſah er es an, wie ſeine Kriegs⸗ knechte die Thüren der Häuſer erbrachen und mit 42 Gewalt die unglücklichen Bewohner hervorzogen, welche keine Zeit gehabt hatten, in die Wälder zu entfliehen. Das verzweiflungsvolle Ringen junger Mädchen, das Krachen der erbrochenen Thüren, die Flüche der Kriegsknechte— der ſchrecklichen Johanniter, wie ſie in der Geſchichte der Pro⸗ vence genannt werden— die thörichte Vertheidi⸗ gung einiger Jünglinge und Greiſe, die Leichname und das vergoſſene Blut— das Alles bildete ein Gemälde, welches jedem Andern Thränen entlockt haben würde, nur nicht dem Grafen Johann vbn Enguerry, dem Ungläubigen. ⸗ großen Tiſche häuften die Johanni⸗ ter den Raub. Der Pfarrer des Orts ſeufzte über die Kirchengeräthe, manches junge Mädchen be⸗ weinte ſeine goldenen Kreuze und ſonſtigen Schmuck⸗ ſachen, die Züge der Greiſe trugen den Ausdruck jenes verbiſſenen Schmerzes, der ihnen eigen iſt— aber die Johanniter hörten nicht auf, den Tiſch zu belaſten, dennoch war die Summe nicht herbeige⸗ ſchafft, welche Enguerrh verlangt hatte. Plötzlich erſcholl ein Triumphgeſchrei unter den Johannitern, denn der Amtmann von Monty⸗ . 43 rat, welcher für den Reichſten des Ortes gehalten wurde, war aufgefunden und wurde herbeigeführt. Die gefangenen Bewohner von Monthrat ſeufz⸗ ten, als ſie ſahen, wie unwürdig ihr Wohlthäter von den Kriegsknechten behandelt wurde Der Sohn deſſelben befand ſich bereits unter den Ge⸗ fangenen. „Ha! da biſt Du!“ rief Enguerrh dem Greiſe zu.„Bekenne, wo deine Schätze ſind, und Dein Leben ſei Dir geſchenkt.“ Der Greis antwortete nicht. „Antworte dem Feldherrn!“ ſchrie ein Johan⸗ niter und ſchlug den Amtmann mit ſuene „Sucht meine Schätze ſelbſt,“ antwor ete der Greis,„ſie ſind nicht fern.“ Ein roher Soldat ſchlug den Greis mit flacher Klinge in das Geſicht, indem er dabei ſagte: „Sprich mit größerer Achtung vor unſerm Feldherrn!“ Der Greis blieb ruhig, wie zuvor. „Deine Schätze, Heuchler!“herrſchte Enguerrh. „Da ſind ſie!“ antwortete der Amtmaun, in⸗ dem er auf die gefangenen Bewohner von Month⸗ rat zeigte.„Die Herzen dieſer Aller gehören mir. Nimm ſie, wenn Du kannſt.“ „Du ſcherzeſt noch, alter Sünder?“ knirſchte Enguerry, zog ſein Schwert und richtete einen boshaften Blick auf den Sohn des Amtmanns. Und da der Alte noch immer ſchwieg, ſo trennte er mit einem Hiebe des Sohnes Haupt vom Rumpfe, ließ es drei Schritte von dem Greiſe auf den Tiſch ſtellen und fragte den unglücklichen Vater: „Wirſt Du nun antworten?“ „Mein Sohn!“ klagte der Greis und ſank todt zur Erde nieder. ol' ihn der Teufel!“ fluchte der Ungläubige. „Der Bärtige ſoll die Frau des Halunken ſuchen!“ „Der Bärtige iſt nicht unter uns!“ antwortete ein Soldat. „Er wird mit mir zu thun bekommen.— Ni⸗ col, ſuch' Du die Huuu deeſes Unglücks⸗Amtmanns!“ rief Enguerry dann einem Andern ſeiner Lieute⸗ nants zu. Bald wurde eine alte Frau herbeigeführt. Kaum hatte dieſe die Leichen ihres Sohnes und ihres Mannes erblickt, als ſie von wilder Ver⸗ zweiflung ergriffen wurde und Enguerrh zurief: „Räuber!— Mörder!— Du wirſt den Lohn Deiner Verbrechen erhalten. Elender! wäre nicht unſer guter König René in Neapel, ſo wäreſt Du längſt gehängt. Allein ſein Sohn Gaſton kann nicht zögern, und der Seiler dreht ſchon Deine letzte Halsbinde! Gern bezahlte ich den Hanf zu derſelben, Abſcheulicher!— Ungläubiger, der Gott leugnet!“ „Darum handelt es ſich jetzt nicht,“ entgeg⸗ nete der Ungläubige boshaft lächelnd.„Du haſt uns nur zu ſagen, wo Eure Schätze ſind.“ Die Alte antwortete nichts, ſondern betrachtete ſtarr das blutige Haupt ihres Sohnes. „Nicol, mache Oel ſiedend!“ befahl Enguerry. Die Johanniter trugen eilig verſchiedenen Hausrath zuſammen, zündeten ihn an, ſtellten einen großen Keſſel darauf und füllten dieſen mit Oel. Nicol aber hatte ſchnell einen Pfahl eingerammelt, über welchen er ein Querholz legte, das er mit einem Stricke befeſtigte. Als dann das Oel ſie⸗ dete, band er die Alte an das Ende des Quer⸗ 46 holzes, welches ſich über dem Oele ſchwebte, von“ welchem gelbliche Blaſen aufgeworfen wurden. „Wirſt Du nun ſprechen, alte Hexe?“ ſchrie Enguerrh. Die Alte aber blickte nur nach der Leiche ihres Kindes. „Wo ſind Deine Schätze?“ Die Alte bekreuzte ſich, während bereits das unheimliche Feuer des Wahnſinns aus ihren Blicken leuchtete. „Tauche ſie ein, Nicol!“ Der Befehl wurde erfüllt. Ein Schrei des Schauders wurde unter den Bauern laut, aber die Unglückliche ſelbſt ſchien nichts zu fühlen, ſondern richtete bis zu ihrem letzten Athemzuge den Blick unverwandt nach dem Haupte ihres Sohnes. Einer der Bauern ſtürzte vom Schlage ge⸗ troffen todt nieder. Enguerry's Wuth kannte keine Gränzen mehr. Er hieb ein Dutzend Bauern nieder und befahl ſeinen Johannitern den Ort niederzubrennen. Während ſich die Lohe gen Himmel erhob und die Johanniter nochmals die bereits brennenden ——— Häuſer durchſuchten, um Alles zu nehmen, was ihnen gefiel, belud Enguerry ein Pferd mit ſeiner reichen Beute an Silber und Gold. Beladene Wagen führten das Getreide und Oel fort. Der Flecken bot jetzt nichts mehr dar, was die Habſucht der Räuber hätte erregen können, und Enguerrh ſtieß in ſein Horn, um ſeine Johanniter zurückzurufen. Dieſe ſtellten ſich in Reihe und Glied und traten den Rückweg nach Enguerry's Burg an. Der Ungläubige folgte ſeiner Schaar. Jeder aber, der nur von Ferne die Chpreſſen⸗ zweige erblickte, welche die Johanniter an ihren Helmen trugen, entfernte ſich entweder oder be⸗ grüßte die ſchrecklichen Räuber auf das Demüthigſte. Auf der Hälfte des Weges zog ein wohlbe⸗ waffneter Reiter, welcher mit verhängten Zügeln herbeigaloppirte, die Aufmerkſamkeit des Ritters Enguerry auf ſich. Bald war der Reiter neben dem Ungläubigen angekommen. „Ha! biſt Du es, Bärtiger!“ ſagte der Un⸗ gläubige;„woher kommſt Du? Bch wette, von Caſin⸗Grandes?“ „Nein, geſtrenger Herr.“ „Woher kommſt Du, frage ich?“ „Ich bin nur bis an den Hügel der Liebenden gekommen, bis wohin ich die Flüchtlinge verfolgte.“ „Du lügſt! Du hatteſt ein Stelldichein!— Bärtiger, mein Freund, ein verliebter Soldat iſt ein unnützer Hausrath, den man fortwirft.“ „Ich ſage nichts, was ich nicht beweiſen kann, geſtrenger Herr,“ antwortete der Bärtige und zog einen Beutel mit Goldmünzen hervor.„Nehmt hin, es kommt von einem Juden, welcher mir entfliehen wollte. Als er aber merkte, daß ihm ſein Laufen nichts helfe, ließ mir der Fuchs ſeinen Schwanz.“ „Wir ſind wieder Freunde, Bärtiger! Be⸗ halte das Geld und ſtelle dich an die Spitze der Mannſchaft.“ Man gelangte an die Feſte Engnerry's, welche auf einem ſteilen Felſen lag. Sie gehörte zu jenen Plätzen, welche man vor Erfindung der Kanonen nicht einnehmen konnte, und in denen man dem Zorne aller Könige zu trotzen vermochte, wenn man nur ausreichend mit Lebensmitteln verſehen war. Die Kriegsknechte theilten treulich die gemachte Beute mit einander; dann tranken ſie, ſangen und lachten. Enguerry aber begab ſich in ſein Zimmer und verſchloß ſorgfältig ſeinen Antheil an der Beute in einen Schatzkaſten, der auf geſchickte Weiſe in den dicken Mauern der Feſte angebracht war. Einen Augenblick weidete er ſich an dem Anblick deſſelben, fand dann aber, daß er noch nicht bedeu⸗ tend genug ſei für die Ausführung der gewaltigen Pläne, die er hegte. Enguerrh ſtrebte nämlich nach der Eroberung eines Fürſtenthums, deſſen rechtmäßige Erbin dann gezwungen werden ſollte, ihm die Hand zu reichen. Was für ein Fürſtenthum das war, hat man nie erfahren. V. Enguerrh wollte ſich eben zur Ruhe legen, als ſein erſter Lieutenant, der Bärtige und ſagte: zu ihm eintrat „Geſtrenger Herr, ein Unbekannter verlangt Euch zu ſprechen.“ „Wer iſt es?“ „Er gibt ſich für einen Geſandten von Vene⸗ dig aus.“ „Ich werde ſogleich in den Hallen erſcheinen.“ Als der Bärtige auf den Hof zurückgekehrt war, fand er den Fremden unter den Gruppen der Kriegsknechte, die er mit ſichtlicher Freude betrach⸗ tete, während ſie das geraubte Geld verſpielten und den erbeuteten Wein zechten. Er blickte den Fremden aufmerkſam an und ſagte dann: „Bei allen Teufeln! Ihr gleicht ganz wüthend einem Manne, dem ich Urſache habe, wegen eines gewiſſen Streiches alles Böſe an den Hals zu wünſchen.“ „War das ein rechtſchaffener Mann? „Ich weiß nicht.“ „Nun, dann kann ich es erſt recht nicht wiſſen,“ lachte der Fremde. „So folge mir denn, Du magſt ein rechtſchaf⸗ fener Mann oder ein Schuft ſein.“ Der Venetianer wurde von dem Bärtigen im⸗ einen großen Saal des Erdgeſchoſſes geführt, der ganz mit Eichenholz getäfelt und mit großen Plat⸗ ten von ſchwarz und weiß geadertem Marmor gepflaſtert war. Die Fenſter waren mit kleinen runden Scheiben von verſchieden gefärbtem Glaſe verſehen, und gepolſterte Lehnſtühle hätten den einzigen Schmuck dieſer Halle ausgemacht, wäre nicht außerdem in der Mitte derſelben eine Er⸗ höhung von ſchwarzem Holz angebracht geweſen, über welche ein mit rothem Tuche überzogener 52 und auf einer Eſtrade ſtehender Seſſel hinweg⸗ ragte. Zur Seite ſtand ein Tiſch von Ebenholz. Enguerrh trat bald ein und ſetzte ſich auf ſei⸗ nen rothen Seſſel, während ſich der Bärtige an der Thür aufſtellte. „Habe ich die außerordentliche Ehre, mit dem Grafen Enguerrh zu ſprechen?“ fragte der Zta⸗ liener. „Der bin ich,“ antwortete der Ungläubige, indem er den Fremden mit forſchendem Blick be⸗ trachtete. „Geſtrenger Herr, ich habe mit Euch ſelbſt und ohne Zeugen zu ſprechen.“ Geh, Bärtiger!“ ſagte Enguerry, hob aber zugleich einen Finger empor, was für den Lieute⸗ nant ein Zeichen war, daß er vor der Thür ſtehen bleiben ſollte. „Mein Herr,“ ſagte der Italiener, nachdem der Bärtige gegangen war,„ich bin der berüch⸗ tigte Michel Angelo und ſtehe Jedem zu Dienſten, der Feinde und Gold beſitzt. Schon drei Fürſten ſendete ich in die andere Welt, hatte mir aber ſtets zuvor Abſolution ertheilen laſſen.“ „Spottet Ihr mit mir?“ „Keineswegs. Ich wollte Euch nur meine Perſönlichkeit erklären und komme nun zu meiner Sendung. Foscari, Doge von Venedig, ein recht⸗ ſchaffener Mann, aber als Doge nicht im Stande, innerhalb der engen Gränzen bürgerlicher Moral zu bleiben, hat mich an Euch abgeſandt.“ „Hm!“ „Es handelt ſich darum, den ehrbaren König von Chpern, Johann II. und ſeine niedliche Toch⸗ ter Clotilde gefangen zu nehmen. Der Rath der Zehn hat erfahren, daß Beide hier in der Nähe als Flüchtlinge leben. Nun kann aber die Re⸗ publik dieſe beiden Perſonen nicht leben laſſen, denn ſo lange ſie nicht in die andere Welt geför⸗ dert ſind, kann ſich die Republik nicht als recht⸗ mäßige Beſitzerin der im vorigen Jahre von ihr eroberten Inſel Chpern betrachten. Begreift Ihr nun, was die Republik von Euch verlangt?“ „Mit wie viel Gold⸗Beſans unterſtützt der ehrbare Foscari ſeinen Antrag?“ „Die Republik iſt freigebig; wie viel verlangt Ihr?“ 54 Livres.“ „Sie gibt das Dreifache: eine Million für Euch, das Uebrige für mich. Außerdem bewilligt ſie Euch einen Zufluchtsort in ihren Staaten und ein treffliches Segelſchiff, das ſchon bei Marſeille vor Anker liegt, zur Flucht.“ „Bärtiger!“ Der Gerufene erſchien. „Bringe uns von jenem herrlichen Wein von Orleuns, den wir den Schuften von Engländern abgenommen haben.“ Der Wein erſchien. „Trinkt, Herr Teufel oder Herr Angelo, wie Ihr heißen mögt, und zeigt mir Euer Beglaubi⸗ gungsſchreiben.“ Der Venetianer zog ein Pergament aus ſei⸗ nem Gürtel hervor. „Warum iſt die Wahl Euerer Republik gerade auf mich gefallen?“ „Weil ſie Euere Gewiſſenloſigkeit kennt,“ ant⸗ wortete der Geſandte und übergab auch noch den vom Dogen ausgeſtellten Wechſel, welcher nur im vollen Rath der Zehn bezahlt werden konnte und 55 die ausdrückliche canMe daß der ent⸗ thronte König mit ſeiner Tochter nach Venedig geliefert werden ſollte. „Allerdings beſitze ich das alberne Ding nicht, welches die gemeine Welt Gewiſſen nennt, aber ich liebe doch meine Ehre und halte daher an dem Grundſatze feſt, Niemand ohne Urſache anzugrei⸗ fen. Nun ſagt mir aber, welche Urſache ich haben könnte, den guten König Johann anzugreifen?“ „Nichts kann einfacher ſein. Ihr begebt Euch nach Caſin⸗Grandes und verlangt die ſchöne Clo⸗ tilde in die Che. Man wird ſie Euch abſchlagen.“ „Gewiß wird man dieſe Grobheit begehen.“ „Dann gerathet Ihr in wüthenden Zorn und alles Uebrige findet ſich von ſelbſt.“ „Ihr ſeid der Satan ſelbſt.“ „Allein es iſt große Eile nöthig, denn ich habe unterwegs hundert Bannerherren und tauſend Waffenknechte angetroffen, welche nach der Pro⸗ vence ſteuerten, wo Gaſton, Sohn des Königs von Neapel, ihrer wartet. Dieſer hat Paläſtina im verwichenen Jahre verlaſſen und befand ſich ſogar auf Chpern, als Nikoſia eingenommen wurde; 565 dort war er b. ihn ſein Vater mit der ſchönen Grafſchaft Provence belehnte. Ich glaube nicht, daß er Euch in Ruhe laſſen wird; Geld und einen Zufluchtsort, das iſt es daher, was Ihr recht ſchnell nöthig habt, und Beides biete ich Euch an.“ „Hölle und Peſt!— Du biſt doch ein braver Junge, Michel Angelo!— Trink!“ „Meiner Treu, geſtrenger Herr, ich bin ein eben ſo braver Kerl, wie jeder Andere. Ich diene der Tugend, denn wovon ſollte man denn die Tu⸗ gend unterſcheiden, wenn es nicht ſolche Schurken gäbe, wie wir ſind? Ich habe das Verbrechen von Grund aus ſtudirt und mich ihm mit Leib und Seele ergeben, ich liebe es ſeit meiner früheſten Kindheit. Betrügt nicht der Kaufmann, um Geld zu verdienen? Nimmt nicht der Gerichtsbote den Unglücklichen, was ſie im Schweiße ihres Angeſichts erwarben? Mordet nicht der Kriegsmann um be⸗ ſtimmtes Lohn? Und das Alles thun jene Leute um ihres Brotes willen.“ „Trinkt, Freund!“ ermunterte der Ungläubige, indem er die Humpen wieder füllte, denn er wünſchte, Wichel Angelo zu berauſchen, wei er veſſe Ver⸗ ſchlagenheit zu fürchten begann. Aber der Italiener war nicht der Mann, der Verſtand ſo leicht verloren hätte, und der Ungläubige gerieth früher in einen halbſeligen Zu⸗ ſtand, als der, welchen er in einen ſolchen verſetzen wollte. „Mein lieber Freund Angelo,“ ſagte Enguerry, indem ſeine Augen bereits glüheten;„ich habe ei⸗ nen Zweifel, den ich Dir offen mittheilen will. Dein verteufelter Rath der Zehn macht mir mit ſeiner Zahlungsbedingung viel zu ſchaffen. Vielleicht will man mich nur benutzen, um die gebratenen Kaſta⸗ nien ans dem Feuer zu ziehen? Vielleicht ſendet man mich ohne Bezahlung über die Seufzerbrücke denn man wirft nicht ſo leicht eine Million hinweg.“ „Geſtrenger Herr—“ „Freund Angelo, nenne mich nicht einen ge⸗ ſtrengen Herrn,“ entgegnete der Ungläubige, deſ⸗ ſen Gehirn bereits von den Dünſten des Weins ſtark umnebelt war,„ich bin ein Taugenichts, wie Du, und meine Grafſchaft—“ „Was wollt Ihr ſagen, gnädiger Herr?“ ſeinen — 58 „Dummkopfl ich bin ein tapfrer Kriegsmann und weiter nichts; allein, wenn man fünfhundert Waffenknechte hat, ſo iſt man Alles, was man ſein will.“ „Ihr ſprecht in Räthſeln.“ „Trinkt, Freund, trinkt!— Ihr ſollt Alles wiſſen, denn Ihr ſeid mein Mann. Nachdem ich Lieutenant der Herzöge von Burgund geweſen war, wurde ich Lieutenant des Grafen Enguerrh. — In der Schlacht von Azincourt wurde dieſer von den Engländern gefangen genommen, und faſt iſt mir, als wäre ich ſelbſt dabei behilflich geweſen. Ich rettete ſeine Compagnie und kam hierher, in⸗ n ich mich für ſeinen Bruder ausgab.“ S„„Fürchtet Ihr nichts von ſeinen Verwandten?“ S ungläubige machte eine Bewegung mit der Hand, durch welche er andeutete, daß er den⸗ ſelben die Köpfe habe abſchlagen laſſen. 6. „Aber Euere Soldaten?“ „Wiſſen nichts. Ich ſtellte ſie, einen nach dem andern, auf die gefährlichſten Poſten und ergänzte dann die Gefallenen durch neu Angeworbene. Von meinen jetzigen Kriegsknechten hat keiner den wah⸗ * ren Grafen Enguerrh gekannt.— Trinkt! es lebe Gott oder der Teufel!“ „Ich bin für den Teufel!“ bemerkte der Italiener. „So lebe denn der Teufel!— Aber der Sengt, mein Freund!“ „Der Senat iſt der Senat.“ „Das weiß ich. gut genug, allein ich weiß auch, daß man einem republikaniſchen, beſonders einem venetianiſchen Senate gegenüber Vorſicht anwen⸗ den muß.“ „Die funfzehnhundert tauſend Pfund liegen in dritter Hand.“ „Und wem iſt dieſe dritte Hand ergeben?“ „Mir.“ Dit 2 wirderholte d der Ungläubige, in deſſen Gehirn trotz ſeiner Trunkenheit ein lichter Gedanke au fscbämmert war. „Wolltet Ihr lieber, daß dieſer Dritte dem Senate ergeben wäre?“ „Es iſt ſchon gut. Wir wollen uns nun zur Ruhe begeben, und ich werde Alles überlegen, was Ihr mir vorgeſchlagen habt.— Bärtiger!“ Der Bärtige erſchien. „Führe den wackern Burſchen auf das rothe Zimmer. Und man ſoll ihn halten, wie mich ſelbſt.“ Bald herrſchte die größte Ruhe in der Feſte, und die Räuber ſchliefen eben ſo ſanft, wie die tugendhaften Bewohner von Caſin⸗Grandes. VI. Seit einer Stunde hatte die Sonne die Thürme von Caſin⸗Grandes vergoldet. Der Intendant weckte ſeine Tochter, damit ſie zu der Prinzeſſin eile und ihr helfe, das Morgen⸗ kleid anzulegen. „Man muß im Dienſte der Fürſten nie lang⸗ ſam ſein, mein Kind,“ ſagte er,„denn ſie belohnen unſern Eifer.“ „Ach! das iſt ſchon geſchehen,“ erwiderte Jo⸗ ſette, indem ſie eine reiche Börſe zeigte. „Gib her, mein Kind!“ ſagte Bombans, in⸗ dem er einen väterlichen Ton annahm.„Ich werde das Geld auf Zinſen anlegen und die Börſe ver⸗ kaufen, denn ſie iſt zu koſtbar für uns.“ „O, mein Vater, laßt ſie mir zum Andenken.“ 62 „Sie iſt zwanzig Angelots werth,“ ſagte der Intendant, indem er ſeiner Tochter die Börſe mit ſichtlichem Bedauern zurückgab.„Das hatte ich wohl geſagt, daß die Prinzeſſin freigebig wäre!“ „Und ſo gut und ſanft! Wir ſind wie zwei Freundinen mit einander.“ „Schön! dann wird ſie uns gegen den Neid ſchützen!“ „Ihr befürchtet immer das Schlimme! Schützt Euch nicht Euere Rechtſchaffenheit?“ „Ja, antwortete der Intendant beſtürzt,„aber ſuche auch die Prinzeſſin von meiner Rechtſchaffen⸗ heit zu überzeugen, denn die Großen glauben das Böſe zu leicht.— Beſonders richte mich nicht durch koſtbare Anzüge zu Grunde; ſeit vierzehn Tagen haſt Du ſchon zwei verſchiedene Kleider angezogen! Wir ſind nicht reich, denn ich habe mich im Dienſte des Königs aufgeopfert.— Nun gehe in das Vor⸗ zimmer Deiner Herrin.“ Das niedliche Mädchen aus der Provence ging, und ihr Vater durchſtöberte das ganze Zimmer, um ſich zu überzeugen, ob ſie nicht irgendwo Geld verſteckt habe. Allein ſein Nachſuchen war unnütz; daher ging er und zankte mit der Dienerſchaft des Schloſſes. Als Joſette bei der Prinzeſſin eintrat, erwachte Kaſtriota, welcher ſich quer über die Schwelle vor Clotildens Zimmer g gelegt hatte. Der Albaneſe hatte Alles wohl berechnet. „Ich muß den Untergang des Hauſes Luſignan verhindern,“ hatte er zu ſich geſagt;„wenn man den König ermordete, ſo wäre das allerdings en großes Unglück, allein wenn die Prinzeſſin das Leben verlöre, ſo wäre Alles verloren, denn mit ihr ginge das Haus unter.“ Clotilde war daher der Gegenſtand ſeiner g größ⸗ ten Sorgfalt, doch hatte er auch die Thür zu dem Zimmer des Königs geöffnet, ſo daß er zu gleicher Zeit Vater und Tochter bewachen konnte, denn die Halle der Leibwache war von Clotildens Vorzim⸗ mer nur durch das Periſthl einer marmornen Treppe getrennt. Auch Clotilde erwachte von dem Geräuſch in ihrem Vorzimmer und eilte ſogleich nach dem Fen⸗ ſter, um den Vorhang ein wenig zu lüften und — —— — ——————=——— nachzuſehen, ob der ſchöne Jude noch auf ſeinem Poſten ſei. Und wirklich erblickte ſie ihn, wie er ſeine ſchwarzen Augen mit einer Ausdauer nach ihrem Fenſter richtete, daß man hätte glauben ſol⸗ len, er bewundere Clotilde. Dann ſchaute er nach der höher emporſteigenden Sonne und machte die Geberden eines Mannes, welcher mit Kummer da⸗ ran denkt, daß er ſich zurückziehen muß. Der Felſen der Kokette fiel nach der Seite des Schloſſes ſenkrecht ab, gleich einer ſechszig Fuß hohen Mauer, wie wir bereits ſagten, und die Prinzeſſin war neugierig, zu ſehen, wie ſich ihr Anbeter von ſeinem unzugänglichen Standpunkte entfernen werde. Aber Nephthalh zog zwei ſtarke Dolche aus ſeinem Gürtel, ergriff mit jeder Hand einen der⸗ ſelben, ſetzte ſie in die Spalten des Felſens und gelangte, indem er die Dolche abwechſelnd aus den Felſenſpalten zog und in tiefere wieder einſtieß, an ihnen ſchwebend ſehr ſchnell an der Meeresküſte an, worauf er zwiſchen den Klippen und dem Schaume des Meeres verſchwand. Clotilde hatte in Todesangſt geſchwebt und 65 brach in einen lauten Freudenruf aus, als ſie den Juden glücklich gerettet ſah. Joſette vernahm den Ruf und eilte herbei. Was iſt Euch, Prinzeſſin?“ Nichts!— nichts!— Ich hatte Dich nicht ge⸗ rufen, Joſette: warum biſt Du herein gekommen?“ „Ich glaubte einen Schrei von Euch zu ver⸗ nehmen und befürchtete ein Unglück.“ Dann eilte das Geſellſchaftsfräulein nach den Fenſtern, um dieſelben zu öffnen. Zuerſt öffnete ſie das Fenſter nach der Meeresſeite, und als ſie zu dem kam, welches nach der Kokette ging, ließ ſie ein lautes Ach! hören. „Was gibt es?“ fragte Clotilde erſchreckt. „Ach! Prinzeß, die ſchönen Blumen!“ Clotilde trat hinzu und ſah friſch gepflückte Blumen im Fenſter liegen. „Wo ſind die hergekommen?“ fragte ſie, indem ſie zugleich eine wilde Roſe ergriff und den ver⸗ gänglichen Duft derſelben mit einer Art Gier einſog.“ „Wünſcht Hoheit die Blumen zu erhalten?“ fragte Joſette. C 66 „Wirf ſie hinab,“ entgegnete Clotilde haſtig, während tiefe Röthe ihre Wangen übergoß. „O, Hoheit, das iſt ſchade!“ verſetzte Joſette und ließ die Blumen in die Tiefe hinab fallen. „So war es recht, Joſette,“ ſagte die Prin⸗ zeſſin darauf, kleidete ſich unter tiefem Schweigen an und ſetzte i2 an ihren Stickrahmen. In dem Speiſeſua des Schloſſes, welchet ſich im Erdgeſchoß des Hauptflügels befand, hatten die drei Miniſter des Königs eben ihr Frühſtück beendet. Kephalein entfernte ſich, um ſeine Recruten zu üben, mit denen er Cypern wieder zu erobern ge⸗ dachte, während Graf Moneſtan und Biſchof Hi⸗ larion ſich nach dem königlichen Cabinet begaben, vor deſſen Thür ſie von dem Doctor Trouſſe, der einen Stab von Ebenholz in der Hand hielt, ange⸗ halten wurde. „Meine Herren, der König iſt noch nicht zu ſprechen.“ „Sollte er unwohl ſein?“ fragte Moneſtan. „Geſtrenger Herr, ein König ohne Königreich — — 6 befindet ſich allemal unwohl. Was Euch aber be⸗ trifft, edle Herren, ſo muß Euere Geſundheit eben⸗ falls ſtets ſchwankend ſein, weil die Staatsange⸗ legenheiten Euere Gedanken zu ſehr in Anſpruch nehmen, und je mehr Gedanken ſich entwickeln, deſto mehr Herrſchaft bekommt die Krankheit über uns.— Ich—“ Kaum hatte der Doctor⸗Thürſteher dieſes Lieblingswort ausgeſprochen, als man ein leichtes Geräuſch in dem königlichen Cabinet vernahm und er daher ſeine kleine runde Maſchine in dasſelbe bewegte, indem er zugleich bemüht war, ſo wenig wie möglich zu denken. „Sire,“ ſagte er,„die Miniſter zeigen ſich vor der Thür, um die Ehre zu haben—“ „Laßt ſie eintreten.“ „Meine Herren,“ wiederholte Trouſſe mit ei⸗ ner Verneigung, der König hat geſagt: Laßt ſie eintreten.“ Dann trat Trouſſe ehrfurchtsvoll zur Seite und rief mit ſeinem hellen Stimmchen: „Der Herr Graf von Moneſtan!— Der Herr Biſchof von Nikoſia!“ 5* Moneſtan begrüßte mit tiefer Verneigung Jo⸗ hann II., während der Biſchof mit ſehr ritterlicher Haltung eintrat. „Sire, wir erwarten Eure Befehle,“ ſagte Moneſtan. „Meine Herren, ich erlaube Euch wegen Eures hohen Alters Euch zu ſetzen. Dieſe Worte hatten ſeit drei Jahren jedes Mal als Eröffnung des Miniſte rraths gedient. Ein ziemlich langes Schweigen folgte und die beiden Miniſter blickteu einander an, als wollten ſie ſich fragen:„Was ſollen wir machen?“ „Meine Herren,“ fragte der König mit dem Ausdruck eines unter der Laſt ſeiner Geſchäfte er⸗ liegenden Mannes,„was haben Sie mir heute vorzutragen?“ „Sire,“ entgegnete der Biſchof,„wir könnten heute überlegen, wie die Inſel Cypern am ſicher⸗ ſten wieder zu erobern ſei.“ „Haben Wirbereits davon geſprochen?“ fragte der blinde Monarch mit Stolz;„wir haben zu ur⸗ theilen, wann und wie ſolches geſchehen muß.“ „Hat ſeine Majeſtät ſchon erfahren, daß ſich „ . 69 Graf Enguerrh der Ungläubige bis nach Monty⸗ rat gewagt hat?“ fragte Moneſtan. „Wir wiſſen es, denn es bleibt Uns nichts ver⸗ borgen.“ „Wäre das nicht ein wichtiger Gegenſtand für unſere Berathungen?“ fragte Hilarion. „Ja,“ unterbrach ihn der Monarch zornig; „auf dieſe gefährliche Nachbarſchaft wollten wir eben Euere Aufmerkſamkeit lenken; allein, glaubt nicht, meine Herren, daß Ihr uns überreden könnt, als herrſchten wir noch. In jedem Augenblick rufen die Umſtände uns unſre Ohnmacht in das Gedächt⸗ niß zurück, aber dennoch meinen wir, daß die Un⸗ verletzlichkeit unſrer Perſon noch immer einige Ach⸗ tung verlangt, und werden in unſerm Unglück mit größerer Aengſtlichkeit auf unſre königliche Würde Glaubt doch nicht, daß täglich ein Miniſterrath nothwendig ſei! Wir werden Euch ſchon zu uns entbieten laſſen, ſo oft die Rathsangelegenheiten ſolches wünſchenswerth erſcheinen laſſen.“ „Sire,“ nahm Moneſtan das Wort,„Ihr kennt unſere Ergebenheit; nie fiel es uns ein, das Kummervolle Eurer jetzigen Lage zu erhöhen.“ „Wir erkennen das an,“ antwortete Johann II. und drückte ſeinem alten Freunde die Hand. „Moneſtan,“ fuhr er dann fort,„welches iſt Euere Meinung bezüglich der Maßregeln, die ge⸗ gen Enguerrh zu ergreifen ſind?“ „Sire, ich meine nicht, daß es ſich mit der Würde eines Königs von Chpern und Jeruſalem verträgt, einem ſolchen Räuber entgegen zu gehen. Hat er fünfhundert Waffenknechte, ſo habt Ihr dagegen zweihundert Mann, welche für Euere Vertheidigung ſterben würden, wäre nicht das Schloß außerdem unüberwindlich.“ „Und Euere Meinung, Hilarion?“ „Sire, ich glaube im Gegentheil, daß es für Euch von Nutzen ſein würde, wenn Ihr Euch mit dem kräftigen Gefährten Johann's ohne Furcht ver⸗ bändet. Eriſt ein tüchtiger Feldherr, und ſeine un⸗ beſieglichen Soldaten,„denen das Volk den Namen Johanniter gegeben, würden ein guter Anfang zu unſern dreißigtauſend Mann ſein.“ „Wenn wir mit ſolchen Menſchen ein Bünd⸗ 71 niß eingingen,“ entgegnete Moneſtan, ſo würden wir die Verachtung aller Edlen und die Strafe des Himmels auf uns ziehen. Außerdem erwartet man ſchon mit Ungeduld die Ankunft des Prinzen Ga⸗ ſton, um von jener Geißel befreit zu werden, deſ⸗ ſen Räuberbande ſelbſt die Hölle verderben würde.“ „Herr Graf,“ bemerkte dagegen der Biſchof, „bei dem jetzigen Zuſtande Frankreichs iſt ein glück⸗ licher Rebell, wenn er fünfhundert Waffenknechte und eine unüberwindliche Feſte beſitzt, nie in Ge⸗ fahr. Ertheilt ſeine Schätze mit dem Könige, wenn er feig iſt, und ermüdet deſſen Geduld, wenn er Tapferkeit beſitzt.“ „Der Connetable iſt nicht zugegen?“ fragte der König. „Nein, Sire.“ „So müſſen wir ſeine Ankunft erwarten, da Ihr verſchiedener Meinung ſeid.“ Es entſtand ein kurzes Schweigen. „Wir haben Euch etwas Wichtigeres vorzutra⸗ gen,“ fuhr dann der König fort, indem ſeine Züge eine innere Zufriedenheit ausdrückten. Die beiden Miniſter blickten einander fragend an. „Unſere geliebte Tochter kommt nun in bas Alter, in welchem man ſich zu vermählen pflegt,“ hob der König an.„Ihre Schönheit, ihre An⸗ rechte auf die Throne von Cypern und Jeruſalem könnten uns einen mächtigen Bundesgenoſſen ver⸗ ſchaffen, allein der edle Ritter in ſchwarzer Rüſtung, welcher uns das Leben rettete, als die Venetianer unſern Palaſt erobert hatten, ſagte zu uns, wäh⸗ rend er uns nach dem von ihm gedungenen Schiffe geleitete:„Ihr habt eine Tochter!“ Dieſe Worte ſchienen anzudeuten, daß er ſeine Wohlthat nicht umſonſt vollbracht haben wollte. Da er jedoch bis jetzt noch nicht gekommen iſt, Clotilde von uns zu verlangen, ſo glaube ich—“ Der König wurde durch ein gewaltiges Pferde⸗ getrappel unterbrochen, das ſich vom Hofe her hö⸗ ren ließ. „Was gibt es?“ fragte er. Moneſtan trat an das Fenſter. „Der Connetable bringt einen gefeſſelten Hir⸗ ten,“ ſagte er dann. „Sire,“ rief Kephalein, indem er mit ſeinem Gefangenen eintrat, der von Kaſtriota geführt —— 73 wurde,„wir bringen hier einen Wildſchützen, der kühn genug war, ein Reh bis in den Park zu verfolgen und zu ſchießen.“ Johann ergriff ſeine Pfeife und Trouſſe er⸗ ſchien ſofort. „Meiſter Trouſſe,“ fragte der König,„auf weſ⸗ ſen Befehl habt Ihr den Connetable eintretenlaſſen?“ „Sire, ich war damit beſchäftigt, den Beweis zu führen, daß durch die zu feſt angezogenen Ban⸗ den das Nervenſyſtem des Gefangenen—“ Der Monarch unterbrach ungeduldig ſeinen Leibarzt und erlaubte dem Connetable, ſeinen Platz einzunehmen. Der junge Hirt ſtand keck und ſtolz da. Sein heiteres und geiſtreiches Antlitz ließ keine Furcht wahrnehmen, und ſeine verſtohlenen Blicke ſchienen eine ganz andere Perſon zu ſuchen. „Habt Ihr das Verbrechen begangen, deſſen man Euch anſchuldigt?“ fragte der König. „Ja, Herr!“ antwortete der Hirt. „Er verdient den Tod!“ rief der Biſchof. „Mit vollem Recht!“ ſetzte Kephalein hinzu, indem er mit ſeinem kleinen ſpitzen Kopfe nickte. 74 „Sire!“ ſagte dagegen Moneſtan in ruhigem und ſanftem Tone,„es wäre grauſam, einen Menſchen zu verurtheilen, weil er ein Wild ge⸗ ſchoſſen. Das Leben eines Menſchen ſteht höher, als das eines Rehes.“ „Das iſt wahr!“ bemerkte Kephalein. „Sire,“ nahm der Biſchof wieder das Wort, „es handelt ſich jetzt nur darum, den Elenden einen Begriff von Euerer Macht beizubringen. Zu viel Güte ſchadet den Fürſten.“ „Der Herr Biſchof hat Recht,“ ſagte der Con⸗ netable. „Wenn man heute die Rehe des Parks unge⸗ ſtraft tödten darf,“ fuhr der Biſchof fort, ſo wird man morgen ſchon weiter gehen.“ „Dann müſſen wir ihn hängen laſſen, um uns unſre Ruhe zu ſichern,“ meinte der Connetable. „Ohne ihn vorher zu verhören?“ fragte Mo⸗ neſtan. „Wir können ihn ja pro forma verhören,“ antwortete der weiſe Kephalein. „Weshalb haſt Du das Reh geſchoſſen? fragte der König den Hirten. 5 „Sire,“ antwortete der junge Hirte lächelnd, „ein Ritter war eben gelandet und ſtarb faſt vor Hunger. Ich konnte ſeinen Bitten nicht wider⸗ ſtehen.“ „Was für ein Ritter war das?“ „Ich weiß es nicht. Er iſt bemüht, ſein Antlitz den Blicken der Welt zu entziehen, ſeine Waffen ſind von gebräuntem Stahl und das Schiff, wel⸗ ches ihn am Ufer abſetzte, führte die engliſche Flagge.“ „Sollte das mein Wohlthäter ſein?“ rief der König aus. , Kichtige Ausrede!“ ſagte dagegen der Biſchof. „Die Geſetze verlangen den Tod dieſes jungen Rebellen.“ „Der Meinung bin ich auch,“ ſetzte Kephalein hinzu. Moneſtan ſeufzte. „Uns ſteht es nicht zu, ein Urtheil zu fällen,“ ſagte der König und zog ſich nachdenkend in ſein Zimmer zurück. Der Hirt wurde verurtheilt und in das Ge⸗ fängniß abgeführt. 76 Erſt gegen Abend erſchien Bombans, gefolgt von einem Küchenjungen, bei ihm, um ihm ſein letztes Mahl zu bringen. „Ihr ſeid der Intendant des Schloſſes?“ fragte der Gefangene. „Für den Augenblick wenigſtens.“ „Ich habe mit Euch zu ſprechen,“ ſagte der Gefangene, indem er einen angenehmen Ton in ſeiner Taſche hören ließ. „So geh doch, Dummkopf!“ wandte ſich der Intendant an den Küchenjungen.„Nun?“ fragte er dann den Gefangenen. „Ihr ſollt mich befreien!“ verſetzte der Hirt trotzig und ergriff den Intendanten bei ſeinem vom Alter mürbe gewordenen Rocke. Der Intendant blieb unbeweglich ſtehen, denn er begriff, daß jede Bewegung ſeinem Rocke Un⸗ heil drohe. „Wenn Du Dich nicht auf der Stelle an die Prinzeſſin Clotilde wendeſt,“ fuhr der Gefangene fort,„damit ſie ſofort meine Befreiung erwirke, ſo werde ich noch vor meinem Tode dem Könige mit⸗ 77 theilen, daß Du für hunderttauſend Pfund Grund⸗ ſtücke im Gebiete des Herrn Gaſton II. beſitzeſt.“ „Weiß denn das die ganze Welt!“ rief der In⸗ tendant erſchreckt aus. „Jämmerliches Spinngewebe!“ lachte in dieſem Augenblick Clotildens wahnſinnige Amme und zeigte Bombans einen Schvoß, den ſie von ſeinem Rocke abgeriſſen hatte. „Ich bin zu Grunde gerichtet!“ klagte Bom⸗ bans.„Der Rock hat drei Mark gekoſtet.“ „Man wird uns Beide an demſelben Stricke aufknüpfen, Meiſter Herkules!“ warnte der Ge⸗ fangene. Bombans verſchloß geſchwind die Thür des Gefängniſſes und eilte zu ſeiner Tochter, die er aufforderte, ſofort mit der Prinzeſſin zu ſprechen. Clotilde begab ſich auch ſogleich zu dem Könige, der ihre Bitte zwar gewährte, aber ihr auch unter⸗ ſagte, ſich ferner in Staatsangelegenheiten zu miſchen. Als der Mond aufgegangen war und Joſette ſich entfernt hatte, zog Clotilde die Vorhänge von dem nach der Kokette führenden Fenſter zurück und erblickte den Iſraeliten bereits auf der Spitze des Felſens. Lange ſchaute ſie nach ihm und erſt nach großer Anſtrengung gelang ihr die Selbſtüberwindung. Sie zog die Vorhänge wieder zu und ſchritt lang⸗ ſam nach ihrem Bette. Als ſie am folgenden Morgen erwachte, eilte ſie ſogleich wieder zum Fenſter. Der Iſraelit war auf ſeinem Poſten. Sobald er in die Tiefe hinabgeſtiegen war, öff⸗ nete Clotilde das Fenſter; ſie erblickte neue Blumen, athmete deren köſtlichen Wohlgerüche ein und warf ſie dann hinweg, damit ſie von Joſette nicht be⸗ merkt würden. VII. Es war am Morgen des ſiebenten Tages nach Clotildens erſten Begegnung mit dem Juden. Abermals lagen Blumen im Fenſter, und Clo⸗ tilde war entſchloſſen, dieſelben nicht wieder hin⸗ wegzuwerfen. Allein wie ſollte ſie es anfangen, um die Blu⸗ men zu behalten, ohne irgend einen Argwohn zu erregen? Der weibliche Erfindungsgeiſt half ihr bald aus der Noth. Clotilde kleidete ſich in aller Eile ſelbſt an und befahl Joſette, ihr zu folgen. Die beiden jungen Mädchen begaben ſich nach der Terraſſe, welche ſich nach der Meeresſeite hin am Fuße des Schloſ⸗ ſes erhob. Clotilde wollte dort die friſche Luft des Morgens einathmen und Blumen pflücken, denn 80 ſie liebte die Blumen, wollte deren in ihrem Zim⸗ mer haben und begriff nicht, wie ſie bis jetzt ohne Blumen habe leben können. Mußte ſie nicht die beiden prachtvollen Kryſtallvaſen, welche auf ihrem Gebetpulte ſtanden, mit Blumen füllen? Joſette fand dieſen Geſchmack ſehr plötzlich entſtanden, half aber dennoch der Prinzeſſin, und Clotilde ging mit einem herrlichen Strauße nach ihrem Zimmer zurück, indem ſie unter irgend ei⸗ nem Vorwande ihrer Dienerin voran eilte. Sie trat in ihr Zimmer und warf voll Abſcheu die Blumen, die ſie ſelbſt gepflückt hatte, in das Meer hinad. ₰ Nephthaly hatte von der Klippe aus geſehen, wie der Prinzeſſin weiße Hand die Blumen hin⸗ wegwarf. Er ſtürzte ſich in die Fluth, um die Blumen zu erhaſchen, während Clotilde an das andere Fenſter eilte und haſtig die Blumen des Iſraeliten ergriff, deren Wohlgerüche ſie mit einer Art Wolluſt einathmete. Jetzt erſt trat Joſette in das Zimmer und meldete ihrer Herrin, daß ſie die von ihr erhal⸗ tenen Befehle vollzogen habe. „Hoheit!“ fuhr ſie dann fort,„ſeit ſieben Ta⸗ gen ſeid Ihr nicht aus den Schloſſe gekommen.“ Bei dieſer Bemerkung fiel der Prinzeſſin ein, daß ſie noch nie die Felſenriffe beſucht habe, deren Gefahren der Jude täglich trotze Sie beſchloß da⸗ her, wenigſtens die Wege näher anzuſehen, welche Nephthalh wanderte. Der Doctor Trouſſe, Kaſtriota und der In⸗ tendant erhielten Befehl, die Prinzeſſin zu begleiten. Herkules Bombans, welcher glaubte, daß er in großer Gunſt ſtehe, wollte nichts verſäumen, um ſich dieſelbe zu erhalten. Da Clotilde die Aeußer⸗ lichkeiten liebte, ſo bekleidete er ſich mit einem mit großen Knöpfen befetzten Ueberrock, der vor zwölf Jahren noch ganz neu geweſen war, zog ſeine ſchönen ausgeſchnittenen und mit ſilbernen Schup⸗ pen beſetzten Handſchuhe an, nahm aus ſeinem Koffer perſiſche Strümpfe, ſchöne polniſche Schuhe und einen von ſeiner Tochter geſtickten Kragen. Dann ging er ſtolz durch die Höfe, ſpielte mit ſei⸗ ner Medaille und mit ſeinem Majordomusſtab, an welchem das Wappen des Königs von Chpern an⸗ gebracht war, und zeigte ſich gefliſſentlich allen den 6 82 Leuten, welchen er Achtung einflößen wollte. Von Angſt erfüllt blickte er aber auch nach dem Himmel und beruhigte ſich erſt dann, als nirgends auch nur das leichteſte Wölkchen zu erblicken war. Die Prinzeſſin erſchien bald, gefolgt von Kaſt⸗ riota und dem Doctor Trouſſe. Sie hielt in der Hand zwei ſehr ſeltene Blumen, welche der ſchöne Jude gebracht hatte, und von Zeit zu Zeit ſog ſie mit ſichtbarem Wohlbehagen die ſüßen Düfte der⸗ ſelben ein. „Der Herr Intendant iſt ja prächtig angezo⸗ gen,“ bemerkte Elotilde, als ſie den Intendanten erblickte. „Ach! Hoheit! ich bin noch das Geld für die⸗ ſen Anzug ſchuldig!“ antwortete der erſchreckte Geizhals. „Ihr müßt Euere Schulden bezahlen!“ „Das greiftſeine Nerven an!“ bemerkte Trouſſe. Du lieber Himmel! iſt er denn ſo arm?“ fragte Clotilde. Aber der Intendantwagte nicht, mehr zu ſagen, denn er ſah in den Augen des Albaneſen die Blitze eines nahenden Ungewitters leuchten. 83 Clotilde ging durch den Park und über den Pik der Kokette. Ihr leichter Schritt, der von dem Verlangen ihrer Sehnſucht noch beflügelt wurde, war zu raſch und ermattete auf ſchreckliche Weiſe den armen Trouſſe, deſſen Bauch für ſein zweites Ich gelten konnte. Um aber nicht in Ungnade zu fallen, ſo duldete er und ſchwieg. Als die Prinzeſſin den Gipfel der Kokette er⸗ reicht hatte, vermochte ſie die Schwierigkeiten zu beurtheilen, welche der Jude zu überwinden hatte, um nur auf das Riff zu kommen, welches die Ko⸗ kette von dem Ufer ſchied und ſo den rechten Win⸗ kel unterbrach, den außerdem Kokette und Ufer mit einander gebildet haben würden; der ſteile Abhang des Felſenufers gewährte nur ſelten Ungleichheiten und loſen Sand, auf denen ein Fußen möglich war, und hier und da deuteten die Ausgleitungen des Gerölles noch auf Nephthaly's Schritte. Etwa eine Achtel franzöſiſche Meile von dieſem Standpunkte entfernt, bemerkte man einen weni⸗ ger gefährlichen Pfad, denn das Meeresufer bot hier Krümmungen dar und wunderliche Grotten. Auch bemerkte man dort den ſogenannten Rieſ em 6* 84 einen Felſen, deſſen Gipfel einem ungeheuern, ge⸗ gen das Meer geneigten Menſchenhaupte glich. Die Prinzeſſin bemerkte die Eindrücke, welche Nephthaly's Hände und Füße hinterlaſſen hatten. Der Gedanke, dieſelbe Gefahr auf ſich zu nehmen, welcher der Jude täglich trotzte, gewann einen be⸗ ſondern Reiz für ſie; allein kaum hatte ſie dieſen Gedanken laut werden laſſen, als Trouſſe und der Intendant vor Entſetzen aufſchrien. „Prinzeſſin,“ ermahnte Trouſſe,„Ihr würdet Euere Nerven zu ſehr angreifen, denn Todesangſt iſt hier mit jedem Schritte verbunden, und ich, als Arzt, bin verpflichtet, mich zu widerſetzen. Bedenkt doch, daß ich, dick, wie ich bin, nimmer da hinab ſteigen kann.“ „So magſt Du Dich hinabkugeln,“ ſagte Kaſtriota. „Gnädigſte,“ flehte Bombans,„mein Rock!“ Ein ſchrecklicher Blick des Albaneſen machte die gelben Züge des Geizhalſes erſtarren. „Ein Wunſch der Prinzeſſin muß Befehl für uns ſein!“ rief Kaſtriota. Als er dieſe Worte geſagt, ſprang er an Clo⸗ 85 tildens Seite, welche, leicht wie ein Reh, von ei⸗ nem hervorſpringenden Steine auf den andern hüpfte und ihr niedliches Füßchen genau auf die Spuren ſetzte, die Nephthalh hinterlaſſen hatte. Die Prinzeſſin hatte die beiden Blumen, welche ſie bisher in der Hand hielt, ein wenig zerknickt und ſteckte ſie in den Buſen, da ſie vorausſah, daß ſie ſich ihrer Hände werde bedienen müſſen, um den Weg des Juden zu verfolgen. Der Doctor und der Intendant blieben er⸗ ſchreckt auf der Höhe des Felſenufers ſtehen und warfen einander muthloſe Blicke zu. „Man läuft Gefahr, in das Meer zu ſtürzen,“ ſagte Trouſſe. „Wenn es weiter nichts wäre,“ antwortete Bombans traurig, vaber mein Rock! aber meine Schuhe! Das hatte ich mir wohl gedacht, daß mir ein Unglück widerfahren würde!“ „Und ich bin zu dick, hier hinab zu klettern; die Geſammtmaſſe meiner Nerven würde mich in den Meeresgrund ziehen.“ Die Prinzeſſin und Kaſtriota lachten über die Verlegenheit der beiden traurigen Menſchen. 86 „Werdet Ihr nun herabkommen, weil die Prinzeſſin es will!“ ſchrie der Albaneſe;„oder ſoll ich Euch holen?“ ch ich komme!“ ſeufzte der Doctor, mehr erſchreckt durch die Drohung, als durch die Gefahr, empfahl ſeine Nerven dem Ewigen und kugelte ſich von der Höhe hinab, ohne ſich um die Riſſe zu kümmern, welche ſein ſchwarzer Rock dabei erhielt. Glücklicher Weiſe fing Kaſtriota ihn auf, denn ſonſt wäre er bis in das Meer gekugelt. Der Intendant kletterte dagegen auf Händen und Füßen hinab, indem er jede Beſchädigung ſei⸗ nes Anzuges auf das Sorgfältigſte vermied. Gleichwohl zerriß er ſeine Halskrauſe und ließ den Schnabel eines Schuhes in einem Felſenſpalt ſtecken. Die vier Perſonen waren endlich am Ufer des Meeres angelangt. Bombans und Trouſſe gingen wie auf glühenden Kohlen; die Furcht machte ſie ſchwindeln, während das Herz der Prinzeſſin vor Freude faſt hörbar ſchlug. Sie wollte die Fuß⸗ ſtapfen des Juden ſo weit verfolgen, als ſie die⸗ ſelben zu ſehen vermöchte. Während ſie ſich dem Rieſen näherten, überzog eine gewaltige ſchwarze Wolke den Himmel, deren Entſtehen Bombans bereits ſeit einer Stunde mit unbeſchreiblichem Grauſen verfolgt hatte. Es ſchien, als habe eine böſe Fee einen Trauer⸗ ſchleier über die Erde ausgebreitet und denſelben mit jenen kleinen Wölkchen geziert, welche auf Sturm und Hagel deuten. Als Clotilde und ihr Gefolge bemerkten, wie ſich das Tageslicht verdunkelte, wie die Wogen des Meeres dagegen ſich belebten, zu ſieden und zu kochen ſchienen, und wie ſie gleich muntern Läm⸗ mern ſchneller und ſchneller auf einander folgten, über einander herſtürzten und immer größer wur⸗ den, da wandten ſie ſich um und wurden von Ent⸗ ſetzen ergriffen. Selbſt Kaſtriota zitterte, aber nur für ſeine Gebieterin, denn jeder Muth war jetzt überflüffig geworden und man konnte nicht zweifeln, daß es durch die niederſtürzenden Regengüſſe unmöglich gemacht werden würde, das Ufer wieder zu er⸗ klimmen. Alle blickten einander mit jenem ſtummen 88 Schauder an, welchen der Anblick des Todes ver⸗ anlaßt, bis dieſes Schweigen endlich durch drei faſt zu gleicher Zeit ausgerufene Redensarten unter⸗ brochen wurde.. „Laßt uns wenigſtens die Prinzeſſin retten!“ forderte Kaſtriota auf. „Und mich!“ jammerte Trouſſe. „Mein Rock!“ klagte der Intendant. „Solchen Gefahren alſo trotzt er, um mir ſeine Blumen zu bringen dachte Clotilde. Schon folgte Blitz auf Blitz; ein furchtbares Brauſen ließ ſich über die See her vernehmen, und das Unwetter brach mit beiſpielloſer Wuth aus. Himmel und Meer ſchienen nur eins zu ſein, oder auch ſich nur zu trennen, um daun wieder einander deſto furchtbarer zu drohen. Das Waſſer ſtrömte rauſchend von dem hohen Felſenufer herab und ergoß ſich ſchäumend in die See. Kaſtriota zog ſeinen Rock aus, ſtemmte ſich gegen einen Felſen und ſuchte ein Dach für Clo⸗ tilde zu bilden. Allein bald führte der Sturm die Kleider des Albaneſen hinweg, und dieſer be⸗ gann nun zu fluchen. uche— — w Das Meer ſchwoll immer höher an. Seine Wogen ſchienen die Höhe des Felſenufers erreichen zu wollen. Schon benäßten ſie die Füße der vier Perſonen, während das vog der Höhe niederſtrö⸗ mende Waſſer den Boden unterwühlte und mit ſich fortführte. Einer dieſer Gießbäche nahm ſeinen Weg gerade nach dem kleinen Vorſprunge, auf welchem Clotilde ſtand. Der ſchützende Felsblock widerſtand nicht lange und die durchnäßte, vor Kälte zitternde Prinzeſſin ſank nieder, indem ſie ihre Hände auf die Stelle des Buſens drückte, wo ſie die Blumen verborgen hatte. Als der Albaneſe ſah, wie ſeine Gebieterin ausgeſtreckt da lag und das von den Felſen nieder⸗ ſtrömende Waſſer durch ihr Haupt in zwei Arme getheilt wurde, wie es ihre ſchwarzen Haare auf⸗ löſte und dieſe auf der trüben Fluth ſchwammen, da weinte und ſchäumte er vor Wuth, da wühlte er ſich faſt bis zur Hälfte ſeines Körpers in den Sand des Ufers ein, um die ſterbende Prinzeſſin mit ſeinen Armen unterſtützen zu können. Seinen Säbel aber ſetzte er quer über ihrem Haupte auf den Boden, um mit demſelben einen, wenn 90 auch ſchwachen Damm gegen das Waſſer zu bilden. Der Intendant hatte ſich an eine Felſenſpitze feſtgeklammert und ſah lautlos zu, wie der Regen die Farbe ſeines Rockes auswuſch und die ſilber⸗ nen Schuppen ſeiner Handſchuhe von dem Hagel abgeſchlagen wurden. Trouſſe ſuchte dagegen den Rieſen zu erreichen, deſſen ausgehöhlte Seitenflächen einen Zufluchts⸗ ort verſprachen. „Ich bin gerettet!“ rief er aus, als er den ſchützenden Felſen erreicht hatte. Kaſtriota hörte dieſe Worte und blickte ſich um. Geſchwind raffte er ſich empor, nahm Clotilde auf ſeine Arme und ſprang dann mit der Schnelligkeit des Blitzes, der eben die Wolken durchzuckte, über alle Felſen hinweg, worauf er glücklich den Rieſen in demſelben Augenblick erreichte, in welchem ein neuer Blitz an der Stelle einſchlug, an welcher Clotilde gelegen hatte. Bei den raſchen Bewegungen des Albaneſen fiel eine der Blumen des Juden aus Clotildens Buſen. Sie ſeufzte und eine Thräne trat in ihre 92 Augen, als ſie ſah, wie die geliebte Blume von der Fluth hinweggeführt wurde. Als der Intendant ſich allein ſah, rief er im tiefſten Schmerz aus: „Man hat mich verlaſſen; das wußte ich wohl, daß mir ein Unglück widerfahren würde!— Mein Rock iſt verloren, fünf und zwanzig Mark ſind ins Waſſer geworfen! Ich bin ein Kind des Todes! Wenigſtens habe ich noch den Troſt, daß mir Be⸗ gräbniß und Sarg nichts koſten werden.“ Dann ſuchte er ebenfalls den Rieſen zu er⸗ reichen, und Kaſtriota hielt ihm die Schneide ſeines Säbels hin, damit er ſich an derſelben halten könne; allein die beiden polniſchen Schuhe blieben zwiſchen den Felſentrümmern hängen, und Bom⸗ bans widmete ihnen noch einen wehmüthigen Blick, während die trübe Fluth dieſelben hinwegführte. „Ich habe nichts verloren,“ ſagte Trouſſe, als er den Seelenſchmerz des Geizigen erblickte;„nur meine Nerven ſind angegriffen; und die Eurigen, Prinzeſſin?“ Die Prinzeſſin antwortete nicht, denn ſie war vor Kälte faſt erſtarrt. 92 Indeß ſtieg die tobende See immer höher und zwang Clotilde nebſt ihrem Gefolge, ſich tiefer in die Höhle zurückzuziehen, in der ſie eine Zuflucht gefunden hatten. 5 Plötzlich hörte man einen ſchrecklichen Donner⸗ ſchlag, welchem ein noch furchtbareres Krachen folgte. Von dem Haupte des Felſens hatte ſich eine unförmliche Maſſe abgelöſt und fiel ſo nieder, daß ſie den Zugang der Höhle verſchloß. Ein ſchreck⸗ licher Schrei hallte durch die Grotte, aber deutlich konnte man in dem verworrenen Toſen der Stim⸗ men das unvermeidliche Ich des Doctors unter⸗ ſcheiden. Dann folgte ein tiefes Schweigen, denn der niedergeſtürzte Felsblock war zu einem Grabſtein der Unglücklichen geworden. Enguerry der Ungläubige hatte indeß nach achttägiger Ueberlegung beſchloſſen, ſich nach Ca⸗ ſin⸗Grandes zu begeben. Er ritt dem Zufluchtsorte des enttrohnten Königs von Cypern zu, indem er dachte: 93 1) Wenn der König ihm ſeine Tochter gäbe, ſo würde er deſſen Königreich erobern und ſeine Lieblingswünſche würden dann erfüllt ſein, Michel Angelv aber geopfert werden; 2) Wenn das Gegentheil ſtattfände, ſo würde er gleichwohl ſtets Herrdes vorſichtigen Venetianers bleiben; er hielte dann den König und deſſen Tochter in ſeiner Burg gefangen und lieferte ſie nur für gute Wechſel zum Betrage der verſprochenen Million aus; alle Bedenken, welche er in dem Auf⸗ trage des Venetianers gefunden, wären dann ge⸗ hoben, und er Meiſter des Senats von Venedig; 3) Da ſich Gaſton II., obgleich der Venetianer ſchon vor acht Tagen deſſen Ankunft gemeldet, noch immer nicht in der Provence zeigte, ſo könne er im Falle einer abſchläglichen Antwort Caſin⸗ Grandes in aller Sicherheit belagern. Dann gab er ſeinem Pferde die Sporen und galoppirte des Weges nach Caſin⸗Grandes dahin, indem er zugleich den Chpreſſenzweig von ſeinem Helme nahm, an welchem ihn Jeder erkannt haben würde. Als er etwa eine Stunde weit geritten war, 94 hielt jenes Unwetter, welches für die arme Clo⸗ tilde ſo ſchrecklich wurde, auch den Ungläubigen auf und zwang ihn, in einem Wirthshauſe einzu⸗ kehren, welches da lag, wo die Straße von Aix und die Straße nach Caſin⸗Grandes einander durchkreuzten. VII. Die Näſſe, welche Clotildens Kleider erfüllte, durchbebte ſie bis auf die Knochen. Ihr Blut er⸗ ſtarrte, ſie wurde bleich und kalt. Vergebens ſuchte Kaſtriota ſie wieder zu beleben. „Trouſſe!— Trouſſe!“ rief er. Aber der Doctor hörte nicht auf ihn, denn er war nur für ſich bedacht und ſpürte nach, ob er nicht eine Oeffnung fände, durch welche er ſich ret⸗ ten könnte. „Trouſſe!“ wiederholte Kaſtriota mit furcht⸗ barer Stimme. Der Doctor begab ſich zu Clotilde, die auf einem Felsblocke lag, während Kaſtriota das bleiche Haupt ſeiner Gebieterin mit ſeinen Knieen unter⸗ ſtützte. 96 „Ihre Nerven ſind zu ſchwach für ſolche Auf⸗ regungen,“ ſagte der Arzt,„aber ich ſelbſt—“ „Es handelt ſich nicht um Dich, ſondern um die Prinzeſſin. Heile ſie oder—“ „Wie kannſt Du verlangen, daß ich hier hei⸗ len ſoll, wo es weder Arznei noch Inſtrumente gibt.“ In dieſem Augenblick ließ ſich ein leichtes Ge⸗ räuſch hören und der Doctor athmete höher auf, weil er Hoffnung für ſein Leben faßte. „Sollte ſich Rettung für mich zeigen!“ ſagte er. „Könnte ſich Rettung für ſie zeigen!“ rief der Albaneſe aus. Beide lauſchten aufmerkſam, allein es war nur der Intendant, welcher das Waſſer aus ſeinem Rocke drückte. „Wenigſtens habe ich nun den Galgen nicht mehr zu fürchten!“ murmelte derſelbe.„Ich ſterbe den ſchönſten Tod, denn die letzten Tage meines Lebens werden mich keinen Pfennig koſten.“ Kaſtriota ſuchte die Hände der Prinzeſſin durch ſeinen Hauch zu erwärmen, und als endlich ein Strahl der Sonne den dichten Schleier des Ge⸗ wölks durchbrach, da ſah er, wie Clotilde ihre ſchönen Augen wieder aufſchlug. „Wo bin ich?“ hob ſie mit matter Stimme an. „Ach! Gnädigſte!“ klagte der Doctor,„ich bin aus der Liſte der Lebenden geſtrichen!“ „Mein armer Meiſter Trouſſe,“ entgegnete Clotilde, indem ſie die Blume des Iſraeliten aus ihrem Buſen zog und mit Wolluſt den Geruch der⸗ ſelben einſog;„ich fühle, wie groß meine Schuld iſt; ich bin die Urſache Euers Todes und deßhalb in Verzweiflung.“ „Das habe ich wohl gewußt, daß mir ein Un⸗ glück widerfahren würde!“ ſtöhnte in dieſem Augen⸗ blick der Intendant. Dann herrſchte neues Schweigen in der Grotte, als befände ſich kein Menſch in derſelben. Wenn aber die Unglücklichen einander verzweiflungsvolle Blicke zuwarfen, ſo war die Prinzeſſin die Einzige, auf deren bleichen Lippen das ſüße Lächeln der Liebe ſchwebte; ſicher des Todes, überließ ſie ſich ganz dem Reize, ſich ihre unſchuldige Gluth zu ge⸗ ſtehen. Sie wiederholte ſich in ihrer Erinnerung 7 98 die geringſten Ereigniſſe der verfloſſenen acht Tage und umgab ſie mit allem Zauber der Liebe. Kaſtriota weinte vor Wuth, indem er die hei⸗ tern Züge ſeiner Herrin ſah. „Sie hat mehr Muth, als ich!“ ſagte er;„und dennoch ſind die Luſignans nun verloren!“ Er erhob ſich und drängte ſich mit ſeinen Un⸗ glücksgefährten an die Spalten des Felſens, wo⸗ rauf Alle zu gleicher Zeit und mit der Kraft der Verzweiflung ſchrien:„Hilfe!— Hilfe!“ Sie hörten den Ton ihrer Stimmen über die weite Fläche des Meeres verhallen und von dem Echo der Felſen wiederholen— aber eine Antwort von irgend einem menſchlichen Weſen erfolgte nicht. Da ergriff Wuth ihre Herzen. Sie vereinigten ihre Kräfte gegen den Felſen, welcher den Ausgang der Klippe verſchloſſen hatte, glichen aber nur jenen Kindern, welche den Stein ſchlagen, an demſie ſich verletzt haben. Sie ließen ihre Wuth an der Baſaltmaſſe aus, indem ſie ver⸗ gebens verſuchten, dieſelbe zu erſchüttern. Kaſtriota zog ſeinen Säbel, um die ſchmale Oeffnung zu vergrößern, bemerkte aber, daß ſein ———— —— 80 Säbel bald an dem harten Geſtein abgenutzt ſein würde, ohne daß ſein Bemühen den mindeſten Er⸗ folg haben könnte. Entmuthigung ſchlich ſich in die Seelen der le⸗ bendig Begrabenen und verzehrte ihre Kraft ſo ſchnell, wie das Feuer ein Strohdach. Sie kehrten auf ihre Plätze zurück und nahmen dieſelben in ver⸗ zweiflungsvoller Haltung wieder ein. Nur die Prinzeſſin hatte die Gefahr vergeſſen und lebte in einer idealen Welt, bis der Anblick des dumpfen Schmerzes ihrer Gefährten ſie in die Wirklichkeit zurückrief. „Meine Freunde,“ ſagte ſie zu ihnen, ohne daß jedoch ihre bezaubernde Stimme einen Eindruck auf ſie machte, denn für einen Verurtheilten hat kein Mahl Geſchmack;„meine Freunde, warum betrüben wir uns, da doch unſer Schmerz den Spruch des Schickſals nicht rückgängig machen kann?— Laßt uns jetzt unſer ganzes Leben leben! Die letzte Stunde iſt bisweilen die ſüßeſte; es liegt oft ein unbegreiflicher Reiz im Lebewohl!“ „Ach! Prinzeſſin, das Leben iſt Alles!“ ſeufzte der Doctor. 7½ —— * 4 3 1 100 „Wenn man aber mit dem Tode gewinnt?“ fragte der Intendant. Dann trat wieder ein langes Schweigen ein. „Mich hungert!“ rief Trouſſe endlich. „Und Ihr, Prinzeſſin?“ wandte ſich der Al⸗ baneſe an Clotilde. „Ich dulde und ſchweige,“ antwortete ſie. „Hörſt Du wohl?“ fragte der Albaneſe den Doctor im Tone des Vorwurfs. Dann zog er die ſchwarzen Brauen zuſam⸗ men und warf von Zeit zu Zeit unheilvolle Blicke auf Herkules Bombans und den Doctor Trouſſe, indem er Beide mit einander zu vergleichen ſchien. Der arme Doctor begriff dieſe Blicke nur zu gut, und der Albaneſe hatte nicht erſt nöthig, ſeine gewöhnliche Erklärung hinzuzufügen, indemi er die Hand an den Säbel legte. „Ich— ich bin nicht ſehr fett,“ Trouſſe zitternd,„und dieſe Ereigniſſe werden, in⸗ dem ſie meine Nerven angriffen, mein Fleiſch ſo hart wie Leder gemacht haben. Außerdem bin ich ſchon ſechszig Jahre alt.“ 4 Er machte ſich um zwanzig Jahre älter, als er wirklich war. „Und ich bin ſiebenzig Jahre alt!“ rief Bom⸗ bans erſchreckt aus. „Das wird meinen Entſchluß nicht ändern,“ ſagte der unerbittliche Kaſtriota.„Sobald die Prinzeſſin Hunger ſpürt, ſchlachte ich zuerſt Trouſſe, als den fetteſten, dann den Intendanten und endlich mich ſelbſt.“ „Kaſtriota!“ rief Clotilde ſchaudernd aus, „hundert Mal lieber wollte ich ſterben!“ „Nein, Prinzeſſin!“ antwortete Kaſtriota in unerbittlichem Tone. „Kaſtriota, ich befehle Dir—“ „Prinzeſſin!“ fiel der Fanatiker ihr in die Rede,„jetzt bin ich Herr und—“ Die Prinzeſſin fiel in eine Ohnmacht und Kaſtriota wetzte mit größter Kaltblütigkeit ſeinen Sähel. Trouſſe und der Intendant warfen einander Blicke zu, verſtanden ſich und ſtürzten ſich dann auf den Albaneſen, um ihm ſeine Waffe zu ent⸗ reißen. 7 Es entſpann ſich ein Kampf, der aber nicht lange dauerte. Der Albaneſe ſtieß den Intendan⸗ ten mit ſolcher Kraft von ſich daß er ihn faſt an der Felſenwand zerſchmetterte, worauf er ſeinen Säbel ſchwenkte, um des Doctors Haupt vom Rumpfe zu trennen. In demſelben Augenblick erwachte die Prinzeſ ſin wieder, ſprang auf und fiel dem Albaneſen in die Arme, indem ſiennit herzzerreißender Stimme rief: „Ich habe keinen Hunger mehr!“ Da hallte ein ſchreckliches Krachen durch die Höhle und ſchien ein neues Unglück zu verkünden. Der Hintergrund der Grotte bewegte ſich. Die Prinzeſſin freute ſich, indem ſie hoffte, daß ein neuer Felſenſturz ſie Alle mit einem Male zer⸗ ſchmettern würde; der Intendant und Trouſſe zit⸗ terten, aber Kaſtriota hob die Arme empor, um die niederſtürzenden Felſen von Clotildens Haupt fern zu halten. Da verſchwand die Hinterwand der Grotte wie durch einen Zauber und ein lebhaftes Licht er⸗ leuchtete den Schauplatz des Schreckens. Inmitten eines unterirdiſchen prachtvollen Saales erblickte man den ſchönen Juden, deſſen Haupt von ſtrahlendem Lichte, wie von einem Heiligenſcheine umfloſſen ward.* Die koſtbarſten Stoffe, in ſorgfältige Falten gelegt, bildeten einen purpurnen Thronhimmel und fielen an den Seiten hinab, indem ſie die Baſalt⸗ wände der Grotte den Blicken entzogen. In der Mitte der gewölbten Decke zogen ſich alle wellenförmigen Falten des Stoffes zurück, um einer goldenen Roſette von ſchönſter Arbeit Raum zu geben, und von dieſer Roſette herab hing eine ſilberne Lampe mit wohlriechendem Oele gefüllt. Ein prächtiger perſiſcher Teppich verdeckte den Felſenboden, und um das ganze Gemach zog ſich ein Divan von Ebenholz, mit Gold reich geſchmückt. Weiche Kiſſen mit ſeidenen Quaſten lagen im Ueber⸗ fluß auf demſelben. In den vier Ecken erhoben ſich niedrige Säu⸗ len, welche goldene Dreifüße von ausgeſuchtem Geſchmack trugen, aus denen der bläuliche Rauch arabiſcher Wohlgerüche emporſtieg. Koſtbare Geräthe, Edelgeſtein, Seltenheiten, Bücher verſchönten dieſen reizenden Ort. Staunen ergriff die ſo plötzlich Geretteten, und der Intendant blieb mit offnem Munde vor den gewaltigen Reichthümern ſtehen, die an ein Mär⸗ chen aus Tauſend und einer Nacht erinnerten. „Prinzeſſin!“ hob der Iſraelit an,„ich zögere nicht, Euch ein Aſhl zu eröffnen, welches ſeit zwei⸗ hundert Jahren meiner Familie Schutz gegen den Haß der Völker und gegen die Macht der Könige gewährte.— Ich weiß, daß ich Alles verliere, in⸗ dem ich Euch rette, denn die Verfolgung der Un⸗ duldſamkeit hat kein Gedächtniß und keine Erinne⸗ rung in ihrem Herzen. Wenn man in der Folge uns nachſtellen wird, ſo wird dieſer Zufluchtsort, den die Klugheit meiner Vorfahren ſchuf, nicht mehr unerforſchlich ſein, und unſre Reichthümer werden eine Beute unſrer Verfolger werden. Den⸗ noch fühle ich eine unausſprechliche Wonne, indem ich Euch retten kann, während ich Alles für Euer Leben opfere!— Iſt doch Euer Leben mehr werth, als alle Schätze der Welt und als alle Juden, welche auf derſelben leben!— Kommt, o meine Wohlthäterin! kommt, damit ich Euch dem Lichte des Tages wiedergeben kann.“ Hundert Jahre hätte er ſprechen können, und hundert Jahre würde ihm Clotilde gelauſcht haben. Sie glaubte ihren Angen nicht und betrachtete den ſchönen jungen Mann mit erſtaunten Blicken. Dann überſchaute ſie mit flüchtigem Blicke den Ort, an welchem Nephthalh ſich vor der Welt barg. Auf einem reich mit Elfenbein und Gold aus⸗ gelegten Tiſche erblickte ſie in einer Alabaſtervaſe den Blumenſtrauß, welchen ſie an dem Morgen deſſelben Tages hinweggeworfen hatte. Ehe aber die Geretteten in die wunderſame Halle eintraten, eilte der Jude nach der Stelle, wo er gewöhnlich zu ſitzen pflegte und nahm die Eichel der Tunica hinweg, welche gleich einer koſtbaren Reliquie auf einem prachtvollen Kiſſen lag, damit Niemand dieſen ſeinen Talisman ſehe. Clotilde war ihm mit ihren Blicken gefolgt und wurde durch die erwähnte Zartheit gerührt. Zum Dank zog ſie die geliebte Blume aus ihrem Buſen. Der Jude erkannte dieſelbe, wurde erſt bleich, dann wieder roth, und rief aus: „Ach! ich fühle, daß man vor Freude ſterben kann,— wenn, man ſeine Wohlthäterin gerettet — — hat,“ ſetzte er dann ſchnell hinzu, als er die flam⸗ menden Blicke des Albaneſen bemerkte. Das Alles ging ſo raſch vor ſich, daß der Doe⸗ tor und der Intendant nichts davon bemerkten. Ueberdieß waren ſie zu ſehr damit beſchäftigt, die Stätte zu bewundern, welche ihnen der Thronſaal eines Gnomenkönigs zu ſein ſchien. „Ich muß einen Augenblick ruhen,“ ſagte Clo⸗ tilde und eilte, ſich des Platzes zu bemächtigen, welchen die zerknitterten Kiſſen als den andeuteten, an welchem der Jude gewöhnlich zu ſitzen pflegte. Die ſüßen Düfte, die wonnige Heimlichkeit die⸗ ſes Ortes, wo Alles nur von Nephthaly erzählte, die Erinnerung an die Gefahr, aus welcher er ſie errettet hatte, berauſchten Clotilde in einem ſolchen Grade, daß ſie ihre Augen nicht von dem Juden abzuwenden vermochte, während er ſeine Gäſte mit Hippokras und Wein von Chios bewirthete. „Nephthaly,“ ſagte Clotilde endlich,„Neph⸗ thaly, ich verſichere Euch, daß Niemand in Euer Aſyldringen ſoll, und wenn es möglich iſt, ſo werde ich ſogar ſelbſt vergeſſen, daß ich es ſah!— Was aber dieſe Leute betrifft, ſo ſeid von ihrer Ver⸗ „ 107 ſchwiegenheit überzeugt. Sie werden ſchweigen, wie der Tod, dem Ihr ſie entriſſen habt.“ Der Iſraelit richtete ſeine Augen fortwährend auf die Blume, mit welcher die Prinzeſſin ſpielte, und blieb ſtumm. Clotilde begriff ſein Schweigen. „Ein wackerer Mann!“ dachte der Intendant und nahm ſich vor, ihn recht bald wegen der fünf⸗ hundert Pfund zu mahnen, welche er noch von ihm fordern zu können meinte. Trouſſe genoß ſein Leben und ſagte nichts, ſon⸗ dern bemühete ſich, möglichſt wenig zu denken; aber Kaſtriota erhob ſich, trat auf Nephthalh zu, ergriff deſſen Hand und zog ſeinen Säbel, indem er dabei ſagte: „Mein Frennd, für mich biſt Du kein Jude mehr, da Du Dich aufgeopfert haſt, das Leben Deiner und meiner Wohlthäterin zu retten. Ge⸗ denke, daß Kaſtriota und dieſer hier(auf ſeinen Säbel deutend) Dich vertheidigen werden gegen alle Deine Feinde, wenn das Wohl und der Vor⸗ theil meines Königshauſes dem nicht widerſtreiten. und Ihr, meine Wohlthäterin, ich weiß, daß Ihr mich von der Straße aufgenommen habt, daß ich das Brot Eures Mitleids aß und daſſelbe mir köſtlich ſchmeckte! Prinzeſſin!“ fuhr er dann in ernſterem Tone fort,„ich glaube jetzt die Pflicht meiner Dankbarkeit abtragen zu können, indem ich verſchweige, daß Ihr in der Höhle eines Juden geweſen ſeid! Ueberhaupt wird mein Schweigen meiner Ergebenheit gleichen— es wird ewig dauern.“ Die Prinzeſſin dankte dem treuen Albaneſen mit einem jener Blicke, welche Entzücken und Wonne in das Herz zu rufen vermögen.⸗ „Ihr aber,“ fuhr dann Kaſtriota fort, indem“ er ſich an Trouſſe und Bombans wandte, welche fortwährend tranken,„wenn es Euch je einfallen ſollte, ein Wort zu ſprechen oder irgendwie etwas zu thun, wodurch dem Juden Nephthalh geſchadet werden könnte, ſo— Bombans, ſo ſage ich dem Könige, daß Du ein Vermögen beſitzeſt, welches—“ „Bſt!“ machte der Intendant,„ich werde ge⸗ horchen.“ „Und Du,“ fuhr der Albaneſe fort, indem er dem Doctor ſeinen Säbel unter die Naſe hielt, „wenn Du dieſes Aſyl nicht vergiſſeſt, ſo zerhacke ich Dich bei lebendigem Leibe in Kochſtücke! Ver⸗ ſtanden?“ „Ich—“ „Schweig', wenn Du Dein Leben lieb haſt.“ Die Prinzeſſin und Nephthalh verſchlangen einander mit ihren Blicken und hörten nichts von dieſer Unterhaltung. „Wie glücklich würde ich ſein, wenn ich ihn lieben dürfte,“ dachte Clotilde. „Zufrieden wollte ich ſterben, wenn ſie mir nur mit einem Worte ihre Liebe geſtände!“ dachte dagegen der Jude. „Nephthaly,“ ſagte die Prinzeſſin mit leiſer Stimme und deutete dem Angeredeten mit einer Handbewegung an, daß er neben ihr Platz nehmen möchte,„Nephthaly, wenn ich Euch nicht gleich⸗ giltig bin, ſo verſprecht mir, daß Ihr nicht wieder auf die Kokette kommen wollt.“ Eine Thräne trat in das Auge des Juden. „Prinzeſſin, Ihr befehlt mir zu ſterben, wenn Ihr mir gebietet, Euerem Anblick zu entſagen.“ „Nephthaly, wie oft wollt Ihr mich ſehen? Verlangt Ihr, daß ich—“ 110 Sie unterbrach ſich, denn ſie befürchtete, zu viel zu ſagen oder ſchon geſagt zu haben. Nephthalh wartete darauf, daß Clotilde weiter ſpreche. Als ſie aber ſchwieg und nur einen Seuf⸗ zer vernehmen ließ, da rief er aus: „Ach! ich weiß, was dieſer Seufzer mir ſagt. Iſt es möglich, daß ich Unglücklicher vergeſſen konnte, daß ich ein unreines Thier bin, ein Abſcheu für die Welt, welche uns Juden alle Menſchen⸗ rechte abſpricht! Seit dem Tage, daß ich Euch ſah, hat ſich mein Herz von der Ungerechtigkeit der Menſchen überzeugt! O Judas! wie viel Unglück⸗ liche haſt Du gemacht!“ „Welches iſt dennEuere Hoffnung, Nephthaly?“ Nun war die Reihe, zu ſeufzen, an ihm. „Was ſoll aus mir werden!“ Bei dieſen Worten erhob der Ffraelit ſeine Augen und ſeine rechte Hand nach oben, als wollte er Gott um ſeinen Beiſtand anflehen, und ſchaute dann wieder traurig auf die Prinzeſſin, als wollte er durch ihren Anblick Kraft gewinnen. Die Beſcheidenheit des ſchönen Juden, welcher nichts verlangte, ſein ſchweigſamer Dienſt der Liebe rührte die Prinzeſſin ſo ſehr, daß ihr Herz auf immer für ihn gewonnen wurde. Kaſtriota aber blickte auf eine prachtvolle Waſ⸗ ſeruhr und ermahnte dann: „Prinzeſſin, es iſt ſchon ſpät und der König wird in der größten Angſt ſein.“ Clotilde erhob ſich raſch, aber der Iſraelit zer⸗ ſchlug die garſtige Waſſeruhr in tauſend Stücke. Ein Blick der Liebe dankte ihm dafür. Nephthalh fühlte die tiefſte Trauer, als er ſeine Gäſte durch ein Labhrinth von Treppen und Grot⸗ ten führte, welches in das Innere des Rieſen ge⸗ arbeitet war und nach einer von dichtem Buſchwerk bewachſenen Stelle des Meeresufers führte. Nephthaly ſagte ein„Gott befohlen, meine Dame!“ welches ſelbſt dem ſchrecklichen Kaſtriota im Herzen wiedertönte. Die Prinzeſſin beurlaubte ſich von ihrem Be⸗ freier mit einer ſchwermuthsvollen Handbewegung und entfernte ſich dann mit langſamen Schritten. Die durch das Gewitter gereinigte Luft war an⸗ genehm geworden und das Meer beruhigt; die Blu⸗ men hauchten ihre ſüßeſten Wohlgerüche aus; der — 112 Geſang der Vögel hatte etwas Wollüſtiges,— kurz die ganze Natur ſchien im ſchönſten Einklange Clotildens Aufmerkſamkeit feſſeln zu wollen. Aber nein!— das junge Mädchen bemerkte nichts von all dem. Ihr leichter Fuß berührte kaum die Erde und ſie ſchien den Himmel zu verachten, ſo glücklich war ſie, ſo überfüllt ihr Herz von bisher unbekann⸗ ten Gefühlen. Das Glück macht uns ſo leicht zu Atheiſten!— Nur der Unglückliche blickt nach dem Himmel. X. Enguerrh ſaß hinter einem mit Wein gefüll⸗ ten Humpen in dem Wirthshauſe am Kreuzwege, aber ſein Herz wurde wie von glühenden Krallen gepackt, als er mehre durch ihn an den Bettelſtab gebrachte Bauern ſein Bild entwerfen und ihn verfluchen hörte. Er erhob ſich, und ging in dem Zimmer auf und nieder und erwartete mit Ungeduld das Ende des Gewitters. Endlich hatten ſich die Wolken verzogen, aber er mußte noch verweilen, weil die Waſſer ausge⸗ treten waren, und ſetzte ſich daher mürriſch zur Seite des großen Herdes wieder nieder. Ein junges und niedliches Mädchen ſuchte ebenfalls Zuflucht in dem Gaſthauſe. 8 114 Ihre Füße zeigten keine Spur von Schmutz, und ihre Kleidung war kaum benetzt. Dieſer Um⸗ ſtand lenkte die allgemeine Aufmerkſamkeit auf ſie, und ZJeder ſnchte zu errathen, wie dieſe kleine Hexe durch das Unwetter habe gehen können, ohne ſich auch nur die Füße zu beſchmutzen. „Ei, ſeid Ihr es, Jungfer!“ rief die Wirthin, indem ſie der Eintretenden mit einer gewiſſen Ehr⸗ furcht entgegen ging;„ſetzt Euch an das Feuer und— Platz gemacht! ihr Andern!— Dachte ich doch, daß Euer Dienſt bei der Prinzeſſin Euere ganze Zeit in Anſpruch nähme!— Wie geht es denn im Schloſſe?— Wie glücklich Ihr ſeid, um die Tochter eines Königs zu ſein! Wie befindet ſich Euer Vater, der Herr Herkules Bombans?“ An dieſer Fluth von Ausrufungen und Fragen, welche aus dem Munde der geſchwätzigen Wirthin quoll, erkannten die Bauern Joſette, die Tochter des Intendanten. Dieſe aber antwortete: „Meinem Vater geht es gut, liebe Frau, ſehr gut!“ „Iſt er noch immer ſo rüſtig?“ e 115 „Er iſt ein herrlicher Mann!“ ſagte ein Bauer, der in den nächſten Tagen ſeinen Pacht hätte be⸗ zahlen müſſen. „Und wo kommt Ihr her, wenn man fragen darf?“ wandte ſich die Wirthin wieder an Joſette. „Von Monthrat,“ antwortete die Gefragte erröthend. Das junge Mädchen war im höchſten Grade aufgeregt. Ihre bleichen Wangen, ihre in Unordnung ge⸗ rathenen Haare und ihre ermüdeten Augen deu⸗ teten darauf, daß ſie einen weiten Weg gemacht habe. Sie wagte kaum, die Augen zu erheben und ſchien von dem Bewußtſein einer Schuld gedrückt. Dennoch fand ſie Mittel, die Geſellſchaft mit klügern Augen zu prüfen, als ſie es an dem Morgen deſ⸗ ſelben Tages gekonnt hätte. Ihre Augen hatten dabei jenes Feuer, welches in den Blicken der Südländer zu liegen pflegt, aber dennoch herrſchte eine gewiſſe Erſchöpfung in ihren Zügen. Wenn man Ambroſia genoſſen, ſo bleibt ſtets ein gewiſſer Nachgeſchmack! 8* 116 Der Wirthin entging Joſettens Zuſtand nicht, und ſie fand in demſelben Stoff zu weitläufiger und anziehenden Geſprächen für den ganzen fol⸗ genden Tag. „Ihr ſeid alſo von Caſin⸗Grandes?“ wandte ſich der Ungläubige an Joſette. „Ja, mein Herr.“ „Ihr ſeid die Tochter des Intendanten?“ „Ja, mein Herr.“ „Dann könnt Ihr mir wohl ſagen, ob Prinzeß Clotilde—“ Enguerry beendete ſeine Frage nicht, denn er ward in demſelben Augenblick durch das Eintreten einer neuen, außerordentlich intereſſanten Perſon unterbrochen. Der Eingetretene war ein hoch und kräftig ge⸗ wachſener Ritter, und der Schaum, welcher ſein vor dem Wirthshauſe von einem Bauerburſchen gehaltenes Pferd bedeckte, ließ ſchließen, daß er ei⸗ nen ſehr eiligen Ritt gemacht habe. Der fremde Ritter trug einen ſehr ſchönen Helm von bronzirtem Stahl, von welchem ſchöne ſchwarze Federn herabwallten; ſeine Halskrauſe * 7 war ſchwarz, ſein Bruſtharniſch, ſeine Armſchie⸗ nen, ſeine Beinſchienen, die Scheide ſeines langen Schwertes, ſeine und ſeines Pferdes ganze Rüſtung — Alles war ſchwarz. Sein Schild zeigte kein Wappen, ſondern nur eine Sonnenblume mit der Deviſe: „Trauer dem, der nicht geliebt wird!“ Eine einfache und natürliche Hoheit verrieth ſich in allen Bewegungen des ſchwarzen Ritters. Er zeigte jene ungezwungene und ungekünſtelte Miene, an welcher man die Männer erkennt, die über dem großen Haufen ſtehen. Kaum vermochte man zu zweifeln, daß der un⸗ bekannte Ritter einer von jenen mannhaften Recken ſei, welche als Spätlinge der damals ſchon ver⸗ welkenden Ritterſchaft die Länder durchzogen, um das Unrecht zu ſtrafen und zu hindern, dem Schwachen gegen den Starken beizuſtehen, der unterdrückten Tugend zu dienen;— ein Sproß edler Familie, der zu Roß ehrende Abentener ſuchte. Kurz! er war jedenfalls einer von jenen Pa⸗ ladinen, wie ſie die damalige Zeit noch dann und wann hervorbrachte. 118 „Welcher Weg führt nach Caſin⸗Grandes?“ fragte der Ritter beim Eintreten, indem er ſich an die Wirthin wandte, zugleich aber mißtrauiſch den Ungläubigen beobachtete, aus deſſen Munde er den Namen der Prinzeß Clotilde gehört hatte. Die Wirthin zeigte den Weg, indem ſie zugleich mit großer Zungengeläufigkeit erklärte, daß der⸗ ſelbe für den Augenblick nicht wohl zu reiten ſein und der Herr Ritter daher beſſer thun würde, erſt das Waſſer verlaufen zu laſſen und indeß einen Humpen guten Wein zu trinken. Der ſchwarze Ritter und Herr Enguerth fuh⸗ ren während der Wirthin langer Rede fort, ſich mit der geſpannten Aufmerkſamkeit zweier Neben⸗ buhler zu beobachten; allein der Ungläubige konnte in keiner Weiſe das Antlitz des Fremden ſehen, da deſſen Viſir geſchloſſen und die Oeffnungen deſ⸗ ſelben ſo ſchmal waren, daß man durchaus nicht hindurchſehen konnte. „Iſt die Prinzeſſin Clotilde noch nicht ver⸗ obt?“ fragte Enguerry, indem er die Unterhal⸗ tung mit Joſette wieder aufnahm. „Nein, mein Herr,“ antwortete die Gefragte. 119 „So werde ich alſo das Ziel meiner Reiſe er⸗ reicht haben!“ Als Enguerry dieſe kecken Worte geſagt hatte, wandte ſich der ſchwarze Ritter in hochmüthiger Weiſe gegen denſelben, und ſeine Blicke, in denen ſich Staunen und Verachtung miſchten, ſchienen zu fragen: „Wer biſt Du, daß Du auf ein Muſter des weiblichen Geſchlechts, auf eine Königstochter, Deine Augen werfen kannſt?“ „Der Herr Ritter kommt von Air?“ fragte die neugierige Wirthin. „Kann ſein!“ antwortete der ſchwarze Ritter „Sagt man dort, daß der Prinz Gaſton wie⸗ der angekommen ſei von Jeruſalem, oder vielleicht vom Teufel, mit ſo und ſo vielen Bannerherren?“ „Davon weiß man nichts,“ antwortete der ſchweigſame Ritter. „Deſto beſſer,“ antwortete Enguerry;„ohne Zweifel ſeufzt er vor irgend einem ſeidenen Kleide, um zu erfahren, ob die Beſitzerin deſſelben ihn liebt oder nicht. So etwas iſt ihm lieber als ſeine Herrſchaft! Ueberdieß— iſt das ſo auch beſſer.“ Der Fremde ſtieß unwillig mit der Scheide ſeines Schwertes auf die Erde und rückte ungedul⸗ dig auf ſeinem Stuhle. „Wenn Ihr nach Caſin⸗Grandes reitet,“ fuhr der Ungläubige fort,„ſo können wir unſern Weg mit einander zurücklegen.“ Bei dieſen Worten erhob ſich Enguerry und der ſchwarze Ritter ahmte ihm nach, ohne ihn ei⸗ ner Antwort zu würdigen. „Wollt Ihr nicht mit den Beiden gehen?“ fragte die Wirthin die Tochter des Intendanten. „Nein!— denn ich muß auf meine Ehre hal⸗ ten.“ „Schon ganz recht— aber es ſind ihrer zwei!“ Ungeachtet dieſer Bemerkung der Wirthin wartete Joſette noch kurze Zeit und folgte alsdann den Rittern von ferne. „Man ſollte meinen, die müßte noch viel zu verlieren haben,“ ſagte die Wirthin naſerümp⸗ fend der Zofe nach. Der Ungläubige und der Unbekannte ſetzten indeß geraume Zeit ihren Weg neben einander fort, ohne ein Wort zu ſprechen. 121 Enguerry betrachtete den Wuchs und die Hal⸗ tung des ſchwarzen Ritters und meinte, daß er an demſelben eine vortreffliche Erwerbung machen würde. Der Bärtige hatte überdieß ſeine Unzu⸗ friedenheit erregt, denn er hielt ihn ſeit einiger Zeit für verliebt. „Guter Freund!“ redete er endlich den Unbe⸗ kannten an,„wenn ich nicht irre, ſo. Euch ſchon im Kriege verſucht.“ „Mehr, als ein Mal.“ „In Frankreich?“ „Nein.“ „Ichwette, daß Ihr tapfer ſeid.“ „Meine Feinde haben das erfahren.“ „Wie kann aber ein ſo tapferer Kämpe, wie Ihr ſeid, der Liebe nachjagen?“ „Woher wißt Ihr das?“ „Euer Wahlſpruch ſagt es mir.“ „Jeder hat ſeine ſchwache Seite,“ antwortete der ſchweigſame ſchwarze Ritter. „Folgt mir und entſagt einem ſolchen Traum⸗ bilde.“ „Einem ſolchen Traumbilde!— Hat nicht der Vater im Himmel ſelbſt die Liebe geſchaffen? Und iſt nicht das Herz einer Frau, die uns wahr⸗ haft liebt, eine Quelle alles Guten für uns? Wer das ſüße Joch der Liebe nicht liebt, den halte ich für einen Schurken.“ „Ihr habt viel Talent zum Reden, Freund⸗ chen! Dennoch iſt das alles dummes Zeug. Es gibt keine Liebe. „Das ſagt ein Lügner!“ Der Ton des Unbekannten war immer heftiger und bitterer geworden, während Enguerrh die Ueberlegenheit deſſelben fühlte und ſeiner Heftig⸗ keit eine gleiche Beſtimmtheit nicht entgegen zu ſetzen wagte. Ja, der Ungläubige war ſogar entzückt über das Feuer des ſchwarzen Ritters. „Wenn ich nun die Wahrheit meiner Be⸗ hauptung erwieſe?“ fragte er. „Das könnt Ihr nicht,“ entgegnete der Unbe⸗ kannte in milderem Tone. „Habt Ihr ſchon geliebt?“ „Ja, aber ohne Gegenliebe zu finden.“ ——— „Das ſpricht für meine Behauptung.— Und Ihr liebt noch jetzt?“ „Und zwar zum letzten Male.“ „Weßwegen liebt Ihr?“ „Um glücklich zu werden.“ „Was Ihr für Liebe haltet, iſt folglich keine Liebe, ſondern Selbſtſucht. Und ſo iſt in allen Fällen die Liebe beſchaffen. Wäre Liebe möglich, ſo müßte ſich dieſelbe nur auf den geliebten Ge⸗ genſtand beziehen, was aber nie der Fall iſt, in⸗ dem ſie ſich ſtets nur auf den Liebenden ſelbſt be⸗ zieht. Selbſt die Liebe der Eltern zu den Kindern iſt nicht das edle Gefühl, als welches Schwärmer und Oberflächliche ſie ausgeben. Auch die Eltern lieben die Kinder nur um der Freude willen, die ſie von ihnen hoffen oder erlangen. Wäre das nicht, ſo würde kein Vater, keine Mutter an dem Grabe eines Kindes weinen. Jubeln würden ſie vielmehr, denn glücklich iſt der zu preiſen, welcher dieſe Welt verlaſſen hat. Aber nein! Die Eltern weinen,— ſie weinen, weil ſie Egoiſten ſind. Der Egoismus klebt uns aber ſo an, daß wir ihn nie und nirgends von uns abzuſchütteln vermögen. Man ſagt vielleicht von einem Manne, daß er ein Wohlthäter der Armen ſei, man preiſt ihn deß⸗ halb!— Dummes Zeug! er gewährt das Almoſen nur, um ſich ſelbſt einen Genuß zu bereiten. Hört, Freund, es gibt keinen größeren Feind der Pfaf⸗ fen, als ich bin; allein dennoch ſtimme ich ihnen bei, wenn ſie ſagen, daß der Menſch durchaus verderbt, daß er des Guten nicht fähig ſei: Alles, was der Menſch thut, mag es von der Welt als böſe oder gut angeſehen werden, entſpringt einer Quelle: der Selbſtſucht! und zwiſchen den ver⸗ ſchiedenſten Handlungen der Menſchen iſt demnach nicht der mindeſte Unterſchied. Der, welcher mor⸗ det und plündert, und der, welcher als ein Muſter der Liebe und Barmherzigkeit angeſehen wird, ſtehen auf gleicher Stufe.“ „Haltet ein! ich bitte Euch, das iſt eine grau⸗ ſige Philoſophie. Ihr ſeid ein Ketzer, ein Un⸗ gläubiger!“ „Ihr habt mich bei meinem rechten Namen genannt. Nun bekennt noch, daß, habt Ihr ein⸗ mal aufgehört zu lieben, es Euch ſchwer fallen wird, Eure Geliebte noch ein zweites Mal zu —— eiheb 125 lieben. Saht Ihr je ein junges Mädchen in einen Greis verliebt? Und was erſt die alten Weiber be⸗ trifft, ſo ſind ſie keinen Pappenſtiel werth.“ „Ihr habt alſo keine Mutter?“ „Das gehört nicht hierher. Geſteht, daß man nur ſein Vergnügen ſucht, und in dieſer Beziehung Geſtalt Schönheit, Reichthum, Geiſt die Haupt⸗ punkte ſind, nach denen man je nach der in uns vor⸗ herrſchenden Reigung ſieht. In Frankreich liebt man aus Eitelkeit, in Deutſchland aus Berechnung, in Italien und Spanien aus Genußſucht;— jedes Land hat ſeine eigene Mode, aber die allenthalben übliche Mode iſt der eigene Vortheil. Die Liebe iſt alſo ein Bedürfniß, wie der Durſt, allein man trinkt nicht in einem fort, denn allzuviel macht übel.“. „Laßt mir meinen Irrthum,“ bat der ſchwarze Ritter in einem wehmüthigen Tone,„ich will noch einige Zeit an die Wahrheit der Liebe glauben, an jene edle Liebe, bei welcher man ſich überzeugt hält, daß man die Geliebte nur um ihretwillen liebt und von ihr nur um unſretwillen geliebt wird.“ 126 „Ich wiederhr e, daß die Liebe nur ein kurzer Wahnſinn iſt, und ſo dachte auch Johann ohne Furcht!“ „Dennoch hielt er auf die Ehre ſeiner Frau, denn er ließ, um deren Ehre zu rächen, den Herzog von Orleans ermorden.“ „Sagt lieber, daß er jenen Vorwand ergriff, um ſich an dem Herzoge rächen zu können.“ „Und warum ſind wir denn auf der Welt, wenn nicht um zu lieben und uns zu freuen?“ „Uns zu freuen! Da ſagtet Ihr ein wahres Wort. Deßhalb wollen wir trinken, lachen, herr⸗ ſchen, kämpfen und die Weiber, wie die ganze Welt, als nur um unfretwillen geſchaffen, anſehen. Seht, ein ſolches Leben muß der Mann führen, und ein ſolches Leben biete ich Euch an.“ „Wie meint Ihr das?“ „Ihr ſcheint mir ein guter Kumpan, und ich bin Enguerry der Ungläubige.“ Der Unbekannte fuhr ſichtbar zuſammen. „Fürchtet Ihr Euch vor mir?“ „Fürchten? Das Wort kenne ich nicht. Iſt es chineſiſch?“ 127 „Gut! Solcher Soldaten, wie Ihr, bedarf ich. Kommt mit mir, und Ihr ſollt Euer Glück machen. Gelingen meine Pläne, ſo verſpreche ich Euch eine Grafſchaft, ſo groß wie die Provence. Bis dahin aber ſollt Ihr ein gutes Leben haben. Nächſtens plündern wir das Schloß Caſin⸗Grandes und theilen uns in die Schätze des guten Königs Johann.“ „Wirklich!“ rief der ſchwarze Ritter aus, in⸗ dem er einen gleichgiltigen Ton anzunehmen be⸗ müht war. „Ich werde um die Hand der Prinzeſſin freien— man wird die Dummheit begehen, mir dieſelbe abzuſchlagen, und ich werde alsdann Alles niéderhauen.“ Hand?“ „Allerdings.“ „Habt Ihr viele Kriegsknechte?“ „Sieben⸗ bis achthundert Reiter.“ „Und Ihr ſeid Enguerry?“ fragte der ſchwarze Ritter in verächtlichem Tone weiter. „In eigner Perſon.“ „Ihr habt alſo Abſichten auf Clotildens 2 „In dieſem Falle iſt Eure Perſon entſetzlich dumm, da Ihr Eure Geheimniſſe nicht beſſer be⸗ wahrt.“ „Freund! Der Mächtige hat es nicht nöthig, ſeine Pläne zu verhehlen.“ „Der Mächtige? Für wen haltet Ihr den Herrſcher dieſes Landes? Fürchtet Ihr Euch nicht vor ſeiner Strafe?“ „Meine Burg trotzt der Macht aller Könige und könnte nur durch Ueberrumpelung einer ge⸗ wiſſen kleinen Pforte genommen werden, die aber ſtets wohl bewacht iſt. „Der Blitz ſchlägt allenthalben ein,“ bemerkte darauf der Fremde. „Nun ſagt, Freund, wollt Ihr ein Leben der Freude und des Genuſſes mit mir theilen?“ „Graf Enguerry,“ entgegnete der ſchwarze Ritter ernſt,„habt Ihr meine Sporen nicht be⸗ merkt?“ Nein „So ſehet her und erkennet, daß ich das Ge⸗ lübde als geſetzmäßiger Ritter abgelegt habe. Dunvis hat mir dieſelben angeſchnallt, und ich 129 würde meine Ehre verlieren, wenn ich einer von Euern Johannitern werden wollte, da Ihr alle die erſte Anwartſchaft auf den Galgen habt.“ Dieſe Worte waren die Loſung zum Ausbruch eines Ungewitters. Die beiden Reiter griffen einander an. Dicht wie Hagel fielen die Hiebe der Streitäxte. Joſette, die von ferne gefolgt war, bewunderte einen Augenblick Enguerry's Kraft und des Frem⸗ den Muth, entfloh aber dann nach Caſin⸗Grandes, indem ſie einen weiten Umweg um die Kämpfenden machte, und meinte, daß der ſchwarze Ritter faſt ſo viel werth ſei, wie ihr lieber Bärtiger. Nachdem die beiden Gegner eine Zeit lang gleich zwei Löwen gekämpft hatten, verſetzte der ſchwarze Ritter ſeinem Gegner einen ſo kräftigen Hieb, daß deſſen Helmbuſch zertrümmert wurde. Die eingebrochene Nacht erlaubte die Fort⸗ ſetzung des Kampfes nicht. „Genug, Ritter!“ rief der Ungläubige,„Du⸗ nois kannte ſeine Leute, und ich war ein Narr, mich über eine Wahrheit zu ärgern. Schlagt ein und ſeid mein Freund!“ 9 Allein der ſchwarze Ritter antwortete nicht, ſondern gab ſeinem Pferde die Sporen und galop⸗ pirte auf dem Wege nach Caſin⸗Grandes davon. Der Ungläubige folgte ihm nach. Als die beiden Gegner die Zugänge des Schloſſes erreichten, fanden ſie dieſelben, wie auch die Schloßhöfe, von Fackeln erleuchtet. Der uns ſchon bekannte Ziegenhirt war mit Blitzesſchnelle über die Höfe von Caſin⸗Grandes gelaufen und hatte dabei geſchrien: „Hilfe! die Prinzeſſin iſt in Gefahr!“ Dieſe Worte hallten durch das ganze Schloß. Jeder rührte ſich, Jeder bewaffnete ſich, und ſelbſt Marie begriff die Gefahr. In dem Miniſterrath des Königs war eben beſchloſſen, daß Moneſtan als Geſandter an den Hof des Königs abgehen ſollte, um dem guten René, welcher ſeit längerer Zeit Wittwer war, die Schönheit der Prinzeſſin Clotilde zu ſchildern, da⸗ mit er um die Hand derſelben werbe und das Kö⸗ nigreich Cypern für ſie wieder erobere. Da trat Ravul ein und erzählte, die Prinzeſſin 131 ſei am Ufer des Meeres gegangen, von dem Un⸗ wetter überraſcht worden und plötzlich ſeinen Blicken entſchwunden. „Aufgeſeſſen!“ rief Kephalein;„vaſch meine Reiterei herbei.“ Dann ſtürzte er aus dem Zimmer und der Hirt folgte ihm. „Herr!“ betete der fromme Moneſtan,„ich vertraue auf Dich, Du wirſt die Deinen nie ver⸗ laſſen!“ „Teufel und Donnerwetter!“ fluchte der Bi⸗ ſchof;„wäre die Prinzeſſin verloren, ſo wäre auch Chpern für immer verloren!“ „Verloren!“ klagte der greiſe König.„O, meine Tochter!“ Er ſtieg die Treppe hinab und wollte geführt von ſeinen beiden Miniſtern, ſelbſt zur Rettung Clotildens eilen. Jede Farbe des Lebens war aus dem ſchönen Antlitz des Greiſes gewichen. Man zündete Fackeln an und eilte nach dem Ufer. In wenigen Angenblicken war Kephalein auf der Höhe des Ufers dahin geſprengt. 9* 132 Raoul hatte ihn begleitet und der Connetable erſtaunte, als er ihn eben ſo geſchickt im Reiten ſah, wie er ſelbſt war. „Herrlicher Reiter!“ rief er ihm zu;„Du ſollſt Lieutenant meiner Reiterei werden!“ In dieſem Augenblick ſah er die Prinzeſſin, wandte ſein Pferd und galoppirte zurück, um als Erſter dem Könige die frohe Kunde zu bringen.“ „Sire, ſie kommt!“ rief er, und klopfte den Hals ſeines mit Schaum bedeckten Windesflügel. „Ach!“ war das einzige Wort, welches Jo⸗ hann II. vorzubringen vermochte. Dann ergriff er Kephaleins Hand und drückte dieſelbe dankerfüllt an ſeine Bruſt. Stolz blickte der Connetable auf ſeine Collegen. „Meine Tochter!“ rief dann der König unter Thränen der Freude, als er Clotildens Schritte hörte und das Rauſchen ihres noch feuchten ſeide⸗ nen Gewandes. „Mein Vater!“ Sie lagen einander in den Armen. Die ſüßen Küſſe eines jungen Weibes ſind wonnevoll, aber der Kuß eines Vaters, welcher die verloren geglaubte Tochter wiederfindet, trägt einen bewunderungswürdigen Charakter: in ihm liegt ein heiliges Gefühl, eine ganz beſondere Wolluſt. Die breite und würdevolle Stirn, die ſilber⸗ farbenen Haare, das ernſte und gerunzelte Antlitz Johanns II. bildete einen ſchönen Gegenſatz zu dem blendenden Weiß der Unſchuld, der Sanftmuth und dem ſchlanken Wuchſe der Prinzeſſin Clotilde. Sie lag in den Armen ihres Vaters, einer Roſe gleich, welche in dem hohlen Stamme einer alten Eiche ihre Knospen erſchloſſen hat. „So biſt Du wieder da, meine Tochter!“ rief Johann II. aus.„Es ſchien mir, als wäre ein halbes Jahrhundert verfloſſen.“ „Ich dachte, ich würde Euch nie wieder ſehen, mein Vater.“ „Ich habe ſie gerettet!“ rief Trouſſe,„denn ihre Nerven—“ „Halt's Maul, Elender!“ drohte Kaſtriota. „Und ich habe zehn ſilberne Schuppen von meinen Handſchuhen, meine Schuhe und meine Medaille verloren,“ klagte Bombans. „Ich erſetze Euern Schaden,“ tröſtete der Monarch. „Faſt habe ich meine Schuld abgetragen!“ ſagte beſcheiden der junge Ziegenhirt. „Jeder hat ſeine Pflicht gethan!“ ſagte der König und zog freudetrunken ſeine Börſe, um ſie dem ſchönen Raoul anzubieten. „Sire, ich bin ſchon bezahlt,“ antwortete die⸗ ſer mit anmuthiger Verneigung. „Potz Velten! ſo nimm doch!“ ſagte der In⸗ tendant und ſtieß den Hirten an. „Der Burſche hat Ehre,“ bemerkte der Biſchof. „Und gute Grundſätze,“ fügte Moneſtan hinzu, indem er dem jungen Manne die Wange ſtreichelte. „Junger Mann, ich biete Euch eine Stelle als Stallmeiſter an,“ ſagte Johann II. „Sire, Ihr vermögt die Talente der Men⸗ ſchen trefflich zu erkennen,“ bemerkte Kephalein. „Der Burſche reitet wie ich!“ „Danke, Sire,“ erwiderte dagegen der Hirt lächelnd und eilte in die Berge, ohne eine Antwort zu erwarten. In feierlichem Triumphzuge kehrte man nach dem Schloſſe zurück, und als man den Zugang zu demſelben erreicht hatte, da erſcholl der laute Freu⸗ denruf: „Es lebe Johann II.! Es lebe Clotilde!“ Dieſe Scene war es, welche dem Ungläubigen und dem ſchwarzen Ritter, die eben anlangten, eine ſo große Ueberraſchung bereitete. Beide gaben ihren Pferden die Sporen, um den Freudenzug ſchneller zu erreichen, und ſchloſ⸗ ſen ſich demſelben an. Xl. In der Mitte des Schloſſes wurde die allge⸗ meine Neugierde durch eine ſeltſame Erſcheinung erregt. Beim Scheine der Fackeln erblickte man in un⸗ beſtimiten Umriſſen eine weiße Erſcheinung, welche, einem Luftgebilde gleich, zehn Fuß hoch über dem Erdboden zu ſchweben ſchien. Unverſtändliche Laute gingen von der phan⸗ taſtiſchen Geſtalt aus, deren Haupt von einem Strahlenkranze umgeben ſchien, während grau⸗ ſiges Kettengeraſſel ihrem Geſchrei als Begleitung diente. Alle blieben ſtehen und ſchauten furchtſam nach der Erſcheinung, welche in dem rothen Schimmer der Fackeln noch grauſiger erſchien. Selbſt dem Muthigſten erſtarrte das Herz. ———— „Es iſt ein Nebelgebilde, das ſich aus den Ausdünſtungen des Schloßgrabens erzeugt hat,“ beruhigte der Biſchof. „Die heilige Schrift belehrt uns, daß der Herr oft Wunder vollbringt, um die Menſchen zu war⸗ nen,“ ſagte Moneſtan. Da vernahm man deutlich mit heiſerer Stimme geſprochene Worte, die offenbar von der Erſchei⸗ nung ausgingen. „Muth, König, Muth! Cypern wird wieder erobert werden!— Doch Leid und Kummer ſind noch nicht zu Ende gelangt!— Deinen grauſam⸗ ſten Feind ſehe ich nahen— dort iſt er!— aber auch der gute Engel kommt mit ihm!—“ Die folgenden Worte vermochte man nicht mehr zu verſtehen, weil das Kettengeraſſel zu ſtark wurde. Das Entſetzen der Anweſenden wurde auf den höchſten Punkt geſteigert, als man plötzlich wenige Schritte vor dem Könige die beiden Ritter be⸗ merkte, welche wie durch einen Zauber erſchienen waren. Niemand hatte ihre Annäherung bemerkt, 138 da Alle nur mit der vermeinten übernatürlichen Erſcheinung beſchäftigt geweſen waren. „Es iſt Marie!“ rief plötzlich Kephalein, der ohne Furcht bis zu der Zugbrücke vorgeritten war und die ſeltſame Erſcheinung genauer unterſucht hatte. Sie iſt an den Ketten der Zugbrücke empor⸗ geklettert und ſitzt rittlings auf derſelben.“ In der That ſtieg jetzt die Unſchuldige von ih⸗ rem luftigen Sitze herab, warf ſich mit fliegenden Haaren dem König zu Füßen und flehte: „Sire! gebt mir meinen Sohn wieder!“ „Arme Närrin!“ ſagte der König. Ein Blick von Clotilde brachte Marie zum Schweigen und rief einen flüchtigen Strahl der Vernunft in ihren Geiſt zurück. Kaſtriota umkreiſte indeß die beiden fremden Ritter mit mißtrauiſchen Blicken, und Moneſtan. redete dieſelben an:. „Wer ſeid Ihr, meine Herren, und was ver⸗ langt Ihr?“ „Unſere Sporen beweiſen Euch, daß wir Rit⸗ ter ſind,“ antwortete der Ungläubige,„und ich wüßte nicht, daß man uns je in einem Schloſſe gaſtliche Aufnahme verweigert hätte.“ „Meine Herren,“ entgegnete Johann,„nie hat ein Luſignan die Pflichten der Gaſtlichkeit ver⸗ nachläſſigt. Seid uns willkommen!“ „Ueberdieß haben wir Beſonderes mit Euch zu beſprechen,“ erwiderte der Unglänbige. Der ſchwarze Ritter war indeß ſo nahe wie möglich an die Prinzeſſin herangeritten und ſchien dieſelbe mit ſeinen Blicken zu verſchlingen. Die Prinzeſſin dagegen war nur mit dem beſchäftigt, was ihr widerfahren war, dachte nicht an die Un⸗ ordnung ihrer Kleidung, und noch weniger an die beiden fremden Ritter. Der gute König freute ſich, daß der Zufall ihm Gäſte zugeſandt habe, vor denen er den Reſt ſei⸗ ner Pracht und ſeiner Reichthümer entfalten könnte, und die Befehle, welche er an Bombans zu ertheilen hatte, wollten daher kein Ende nehmen. Während Clotilde nach ihrem Zimmer eilte, um ſich unter Joſettens Beiſtand umzukleiden, übergab er ſeine Gäſte unter dem Portale der Für⸗ ſorge ſeiner drei Miniſter und ſagte dabei: 1.— „Dieſes Schloß, ſo groß es auch ſein mag, iſt dennoch zu klein für den Reſt unſeres Hof⸗ ſtaates und unſers faſt erloſchenen Glanzes. Wenn wir noch in Cypern wären, ſo ſollte Euch ein beſſerer Empfang zu Theil werden.“ „Sire,“ antwortete der ſchwarze Ritter, „Eure Güte, Eure Freimüthigkeit ſchmücken Eure Gaſtfreundſchaft mehr als alle Pracht der Höfe.“ Als der König dieſe Worte und den Ton der Stimme vernahm, da ſchlug ſein Herz lauter, und er ſuchte den Reſt ſeiner Sehkraft aufzuwenden, um den Ritter zu erkennen. Allein es gelang ihm nicht; eine haſtige Bewegung verrieth ſeine Unge⸗ duld, und in träumeriſches Nachdenken verſunken entfernte er ſich. Kaſtriota vermehrte dem Befehle des Königs gemäß die Leibwache durch die zehn Recruten des Connetable, ſtellte ſich dann ſelbſt an die Spitze derſelben und ſuchte durch ſeine Haltung der Halle der Leibwachen ein kriegeriſches und großartiges Anſehen zu verleihen. Der Monarch legte ſeine mit Hermelin ver⸗ brämte Dalmatica an, ſchmückte ſich mit allen Zeichen ſeiner Macht und trieb die Lakaien zur Eile an, daß ſie ſchnell die Decken von der golde⸗ nen Baluſtrade und den Möbeln nähmen, dann aber die Wachskerzen der goldenen Candelaber anzündeten. Bombans entwarf ſchnell den Speiſezettel mit dem berühmten Koch Taillevant, der ſpäter im Dienſte des Königs von Frankreich war und ſogar ein Werk über die feinere Kochkunſt hinterlaſſen hat, das bei den durchgebildeten Gaſtronomen noch immer in hoher Achtung ſteht. Dann ließ der Intendant das goldene und ſil⸗ berne Geſchirr aus der Schatzkammer herbeiholen. Indeß hatte der Oberſtallmeiſter— ein Titel, der dem älteſten Reitknechte beigelegt war— die Pferde der fremden Ritter in Empfang genommen, und dieſe ſelbſt ergingen ſich mit den drei Mi⸗ niſtern der chpriſchen Majeſtät auf dem Hofe. Endlich wurde dem erſten Miniſter ein gehei⸗ mer Befehl von dem Könige überbracht, und er ſagte nun zu den Gäſten: „So es Euch beliebt, möget Ihr in das Schloß treten, da es doch nicht mehr hell genug 142 iſt, die Feſtungswerke in weiteren Augenſchein zu nehmen. Auf dieſe Bemerkung des Grafen Moneſtan näherten ſich alle der Marmortreppe des Hugues⸗ flügels. In dem Saale der Leibwache hatte Kaſtriota ſeine fünfzehn Soldaten in ſolcher Art vor den Trophäen und Panoplien aufgeſtellt, daß ihre Anzahl weit größer erſchien, als ſie wirklich war. „Das ſind die Hauptleute unſerer Ordonnanz⸗ Compagnien,“ ſagte der Biſchof zu Enguerrh, um dieſem einen hohen Begriff von der Kriegsmacht ſeines Monarchen beizubringen. Enguerry ſtaunte, denn er meinte jetzt, daß der Monarch von mindeſtens tauſend Mann um⸗ geben ſei. „Ich glaubte, der König habe gar keine Sol⸗ daten,“ ſagte er ziemlich kleinlaut. „Keine Soldaten?“ fragte der Biſchof ſtolz. „Wir warten nur noch, bis der Reſt unſerer dreißigtauſend Mann angeworben ſein wird, um alsdann Cypern wieder zu erobern.“ Man war vor dem Thronſaale angekommen. — Doctor Trouſſe, welcher im vollen Coſtum als Oberhof⸗Ceremonienmeiſter an der Thür ſtand, führte die Fremden in den Thronſaal, in welchem Alles von Gold und edlem Geſtein glänzte. Johann IMI. ſaß in majeſtätiſcher und ruhiger Haltung auf ſeinem Throne. Die drei Miniſter ſtellten ſich an den Seiten des Thrones auf, und zwei alte Diener, welche die Stelle von Edelknaben vertraten, ſechs Junker von der Inſel Cypern, drei Muſikanten, zwei Stallmeiſter des Königs, der Oberſtallmeiſter Verynel, der Jägermeiſter, der Wolfs⸗Jäger⸗ meiſter, der Schloßkaplan und fünf oder ſechs an⸗ dere Perſonen bildeten eine Art von Hofſtaat. Alle waren aber ſo glänzend gekleidet und wußten eine ſo würdevolle Haltung anzunehmen, daß der Ungläubige eitel Fürſten zu ſehen wähnte. „Ihr werdet ermüdet ſein, meine Herren Rit⸗ ter,“ begann der König,„und Wir erlauben Euch daher, Platz zu nehmen. Die beiden alten Edelknaben trugen mit weichen Kiſſen belegte Seſſel herbei. In demſelben Augenblick erſchien Clotilde, ge⸗ folgt von Joſette. Die Ritter erhoben ſich ſchnell von den Sitzen, welche ſie kaum erſt eingenommen hatten, und tra⸗ ten der Prinzeſſin entgegen, um derſelben ihre Huldigungen darzubringen. Der Ungläubige benutzte das Recht jener Feu⸗ dalzeiten, indem er Clotilde auf den Mund küßte, während der Unbekannte nur deren Hand ergriff und ehrfurchtsvoll einen Kuß auf dieſelbe drückte. Ein innerer Schander durchbebte Clotilde bei dieſem Handkuſſe. Sie hatte den ſchwarzen Ritter erkannt, der ihren Vater und deſſen Schätze aus den Händen der Venetianer gerettet hatte, und hielt ſich über⸗ zeugt, daß er gekommen ſei, den Lohn ſeines Dienſtes einzufordern. Und dieſer Lohn— was konnte es für ein an⸗ derer ſein, als ihre Hand! Wohl war ihre Hand noch frei, aber ihr Herz gehörte ſeit acht Tagen nicht mehr ihr, ſondern— Sie mußte es ſich bekennen, daß ihr Herz dem ſchönen Juden gehörte. —— Eine unſägliche Angſt ergriff das arme Mäd⸗ chen, und zu gleicher Zeit ließ ein Käuzchen, wel⸗ ches vor den hohen Fenſtern des Saales vorüber⸗ flog, ſeinen unheimlichen Ruf vernehmen. Ein böſes Vorzeichen! Clotilde ließ ſich tranrig an der Seite ihres Vaters nieder, der nur mit der Gegenwart der Fremden beſchäftigt, und alle Bewegungen und Handlungen derſelben mit den Ohren zu erſpähen bemüht war. „Wetter! iſt die ſchön!“ rief Enguerrh un⸗ willkürlich aus. „Begehrt Ihr etwa, Eure Waffen abzulegen?“ fragte der König. „Ein Gelübde verpflichtet mich, die meinigen nie abzulegen,“ antwortete der ſchwarze Ritter. „Was mich betrifft, ſo habe ich mich zu ſehr an die Waffen gewöhnt, um ſie gern abzulegen,“ ſagte Enguerrhy. Der Intendant trat ein. Er hatte ſich mit ei⸗ ner von Kephalein geborgten Dalmatica geſchmückt, allein ſein verſchrumpftes gelbes Geſicht, ſeine ge⸗ meinen und groben Züge, ſeine dicken Augen⸗ 10 * 146 brauen verriethen ſeine Niedrigkeit trotz ſeinem entlehnten Schmuck. Er blieb die Dohle, welche ſich mit Pfauenfedern geziert hatte. „Sire!“ wandte ſich der Intendant an den König,„das Mahl iſt bereitet, und man erwartet Euere Befehle.“ Der ſchwarze Ritter eilte auf Clotilde zu, um ihr ſeinen Arm anzubieten. Der König aber feierte jetzt ſeinen größten Triumph.. 3 Auf einem Schenktiſche von vergoldetem Silber ſah man ein Dutzend großer ſilberner Schüſſeln, Waſſerbecken, Confectſchalen und Näpfe, ſämmtlich von Silber; auf der Mitte des Schenktiſches glänzte ein großes Schiff von reinem Golde, an deſſen Seiten in getriebener Arbeit die zwölf Ritter von der Tafelrunde dargeſtellt waren, während das Ganze von vier Löwen getragen wurde, welche die Wappen des Königs hielten; dann ſah man von demſelben Metall noch eine große Schale, welche von vier Sirenen getragen wurde, Flaſchen und eine Menge von Bechern, Humpen und Maßen. Darauf kamen kleinere Schalen von vergoldetem ——————————— ——————————— Silber, zwölf goldene Salzfäſſer, dreißig ſilberne Löffel, eben ſo viele Gabeln u. ſ. w. Der Speiſetiſch war von Ebenholz und mit einer ſehr dicken ſilbernen Platte belegt, in die ein Weinberg eingegraben war. Darüber war eine Decke von feinem Sammt gelegt, aber auf eine ſolche Art, daß das Meiſterſtück der Goldarbeiter⸗ kunſt nicht ganz den Blicken entzogen wurde. Der gewaltige Saal, deſſen gewölbte Decke von gothiſchen Säulen getragen wurde, war an ſeinen vier Ecken mit großen Kronleuchtern ver⸗ ſehen, auf denen dicke Wachskerzen brannten; und um die Pracht noch zu vervollkommnen, hielten ſie⸗ ben glänzend gekleidete Diener Fackeln in ihren Händen. Am obern Ende der Tafel ſtand ein rother⸗ Thronhimmel, welcher den Sitz des Königs über⸗ deckte, und Enguerry ſah dort noch ein anderes goldenes Schiff, welches von Centauern getragen wurde und die goldbrochirte Serviette des Königs, deſſen Salzfaß, Humpen, Meſſer und Pfeife enthielt. Vor dem Sitze eines jeden Gaſtes ſtand ein goldener Humpen und eine mit dem ſchönſten Wein von Orleans gefüllte Kanne von demſelben Metall. Die Gerichte, welche in verſchwenderiſchem Ue⸗ berfluß aufgetragen waren, hatte man auf prächti⸗ gen goldenen Schüſſeln phramidenförmig aufge⸗ ſtellt; das Tiſchtuch war mit Roſenblättern beſtreut, und zwei in ſorgfältigem Ebenmaße aufgeſtellte Armleuchter erhellten die Tafel und die Gerichte, welche der damaligen Zeit angemeſſen waren: ver⸗ 5 goldete Hähnchen mit Eigelb belegt, Kapaune in Oel gebraten, Gallerte mit dem Wappen des Königs, Wildpaſteten, Pflaumen in Roſenwaſſer einge⸗ macht u. ſ. w. Auf einem gewaltigen Kamin, der mit Laub⸗ gewinden und Blumen verziert war, ſtand eine vrientaliſche Uhr, und von dem Mantel des Kamins hing ein Vorhang von grünem Taffet und mit Wolfs⸗ zähnen beſetzt herab, auf welchen die Wappen des Königs geſtickt waren. Der Ungläubige betrachtete mit gierigen Bli⸗ cken alle dieſe Reichthümer und wünſchte nichts ſehnlicher, als daß ihm Clotilde abgeſchlagen wer⸗ den möchte. —— Anmuthsvoll näherte ſich die Prinzeſſin den beiden Rittern und hielt ihnen ein mit wohlriechen⸗ dem Waſſer gefülltes Becken vor; ſie wuſchen ſich die Hände, und Clotilde reichte ihnen dann ein Tuch von Plüſch, um ſich abzutrocknen. Dann ſprach der Biſchof das Benedicite, und Jeder ſetzte ſich nun auf einen Seſſel von Cedern⸗ holz. Nur die für den Monarchen und deſſen Tochter beſtimmten Sitze waren mit Kiſſen ver⸗ ſehen. Die beiden letztern ſetzten ſich am obern Ende der Tafel unter den Thronhimmel, und an Clo⸗ tildens Seite ſetzte ſich Niemand. Zur Linken des Monarchen ſaß Moneſtan, dann kam der Biſchof und nach dieſem der Ungläubige, der ſich in der Nähe des Schenktiſches niederließ und den Con⸗ netable zur Linken hatte. Der ſchwarze Ritter wollte nicht eſen, ſondern ſetzte ſich abſeits neben den Kamin, indem er eine nachdenkende Haltung annahm. Der übrige Theil des Hofſtaates ſetzte ſich nicht, ſondern blieb in ehrfurchtsvoller Haltung ſtehen. Clotilde unterſtützte ihren Vater beim Eſſen, indem ſie ihm Alles zuſchob, deſſen er bedurfte. In der That bedurfte der Monarch dieſer Auf⸗ merkſamkeit heute mehr, als je, denn ſein Geiſt war nur mit dem ſchwarzen Ritter beſchäftigt, und als er getrunken hatte, ließ er die Hälfte ſeines Weines in dem Humpen und ſagte zu der Prin⸗ zeſſin: „Reiche dem Ritter den Reſt, mein Kind.“ Clotilde erfüllte des Vaters Befehl und der Unbekannte wußte es ſo einzurichten, daß er Clo⸗ tildens Finger leiſe drückte, indem er den Humpen ergriff. Die Prinzeſſin erröthete. „Sire!“ rief der Fremde aus, ehe er den Wein zum Munde führte,„Ihr erweiſt mir große Ehre und um ſo größere, als man, wenn man Euch ſieht, glauben ſollte, an der Tafel der Götter zu ſein, denen Hebe Nectar credenzt!“ Dann leerte er den Humpen und gab ihn mit zitternden Händen Clotilden zurück. Dieſe aber ſah durch das geſchloſſene Viſir die Augen des Ritters glühen und wurde von Todes⸗ froft durchbebt, indem ſie bedachte, daß ihr ſchöner Jude vor Schmerz ſterben würde, wenn er erführe, daß ſie die Gattin eines Andern geworden ſei. Sie kehrte wehmüthig an ihren Platz zurück, und auch der ſchwarze Ritter verſank wieder in ſeine frühere ſchwermüthige Haltung. Nachdem einige Zeit Schweigen an der Tafel geherrſcht hatte, wandte ſich der Biſchof an den Ungläubigen mit der Frage: „In welchem Lande habt Ihr Waffenthaten verrichtet?“ „Nur in Frankreich,“ antwortete Enguerry. „Ich kenne kein ſchöneres Handwerk, als das⸗ jenige des Kriegers,“ fuhr Hilarion fort. „Ach ja!“ verſetzte Moneſtan mit wehmüthigem Seufzer,„der Krieg verheert die Länder und ſaugt dem armen Volke das Mark aus den Knochen; der Krieg ſührt den Sohn aus dem Vaterhauſe und reißt den Gatten aus dem Kreiſe ſeiner Familie, damit er auf fremdem Boden Menſchen morde, die ihm nie etwas thaten, oder damit er von ihnen ſich tödten laſſe; der Krieg iſt der furchtbarſte Hohn auf das Ehriſtenthum, iſt eine Erfindung des Sa⸗ 152 tans, der dem Schlachtfelde, um eine unglückliche Menſchheit zu täuſchen, die lügenhafte Benennung „Feld der Ehre!“ gab, als ob es Ehre und nicht vielmehr ſchauderhafte Sünde und befleckende Schande ſei, zu morden und zu ſengen, die Saat der Thränen überall auszuſtreuen, wohin man kommt.“ „Moneſtan,“ erinnerte der blinde König, „Euere Worte ſind zu hart. Der Krieg iſt eine Krankheit der Geſammtmaſſe der Menſchheit und zwar eine heilſame Krankheit; bisweilen iſt der Krieg ſogar gerecht. Sollte nicht ein König, den man ſeines Landes beraubt hat, daſſelbe wieder zu erobern ſuchen.“ „Nach menſchlicher Satzung— ja! nach chriſt⸗ licher— nein! Wer uns auf die rechte Backe ge⸗ ſchlagen, dem ſollen wir auch die linke hinreichen, hat Chriſtus geſagt.“ „Bei ſolchen Grundſätzen können unſre Staa⸗ ten nicht beſtehen,“ ſagte der Biſchof.„Und über⸗ dieß: wie würde die Erde alle Menſchen ernähren können, wenn nicht der Krieg bisweilen die Maſſen derſelben lichtete.“ „Heht Biſchof,“ entgegnete der fromme Mo⸗ neſtan,„der, welcher die Lilien kleidet und die Vö⸗ gel unter den Himmeln nährt, wird auch für die Menſchen ſorgen. Die Erde iſt fruchtbar genug.“ „Oder vielmehr ſind die Kriege häufig genug!“ verſetzte Enguerry mit kaltem Hohn und leerte ſei⸗ nen Humpen. „Ihr habt Recht!“ ſagte der Biſchof zu ſann Nachbar, deſſen kriegeriſcher Geiſt ihm gefiel. „Beide Theile haben Recht und Unrecht,“ be⸗ richtigte der Monarch.„Wohl könnte die Erde noch mehr Menſchen ernähren. Nicht immer hat der Krieg die Erde verheert und dennoch reichten ihre Erzeugniſſe für die Menſchheit aus. Aber zu ſolchen Zeiten erſchienen die Peſt und anſteckende Krankheiten, deren Keim der Ewige in uns ge⸗ legt hat, und wir müſſen daher bekennen, daß eine unerforſchliche Weisheit ſo wohl das Gute, wie das Böſe, lenke.“ „Wir find demnach von Gott berechtigt, Krieg zu führen,“ bemerkte der Ungläubige. „Das möchte ich darum noch nicht behaupten,“ entgegnete der König. 154 „Und doch wird der Ewige ein Gott der Schlachten genannt!“ ſagte der Biſchof. „Nur nicht im Evangelium!“ fiel Moneſtan raſch ein. „Gott hat nirgends den Krieg gerechtfertigt,“ nahm der König wieder das Wort,„und wenn alle Fürſten weiſe und chriſtlich geſinnt wären, ſo hät⸗ ten wir längſt keinen Krieg mehr.“ Die drei Miniſter ſchwiegen und gaben auch Enguerry einen Wink, daß er ſchweigen möge, denn der König hatte die ſchwache Seite, ſtets das letzte Wort behalten zu wollen. Sprach man von der Leinweberei, ſo war er gewiß der beſte Leinweber und wußte ein Endurtheil abzugeben; handelte es ſich um die Reiterei, ſo war kein Reiter⸗General befähigter, ein Urtheil zu fällen, als er; die Staatskunſt, den Krieg, die Religionslehre, den Ackerbau— Alles kannte er durch und durch, von innen und von außen, und ärgerte ſich, wenn er nicht das erſte und das jetzte Wort gehabt hatte. Wie habt Ihr unſre Feſtungswerke gefunden?“ fragte der Biſchof den Ungläubigen. „In einem nur zu guten Zuſtande,“ antwor⸗ — — tete der Gefragte mit ſchlecht verhehltem Un⸗ willen. „Habt Ihr die Schloßgräben geſehen?“ fuhr der Almoſenier fort. „Gewiß,“ antwortete Enguerry. „Und die Dicke der Mauern?“ „Sie ſind unzerſtörbar.“ „Glaubt Ihr, daß ſie eine ſchwache Seite haben?“ „Nein.“ „Und doch, meine Herren,“ nahm Johann II. das Wort, um zu zeigen, daß er auch dieſes Mal Alles beſſer wiſſe, als andre Leute,„und doch iſt nichts leichter, als dieſes Schloß—“ Enguerry lauſchte athemlos. Der ſchwarze Ritter aber wandte ſich in dieſem Augenblick um und verurſachte dabei ein ſolches Geräuſch, daß ſelbſt Clotilde ſich aufrichtete, um nach ihm zu blicken. Der Ritter befürchtete, daß der König die ſchwache Seite ſeiner Feſte verrathen könnte und flüſterte daher Clotilde in das Ohr: „Jener Ritter dort iſt Enguerry.“ Clotilde ließ vor Schreck ihre goldne Gabel fallen und Moneſtan ſah ſie erbleichen. „Und doch, ich wiederhole es,“ fuhr der Mo⸗ narch fort,„iſt nichts leichter, als Caſin⸗Grandes einzunehmen.“ Die Prinzeſſin gab dem Grafen Moneſtan ei⸗ nen Wink, welchen derſelbe verſtand. „Wenn wir genug Soldaten haben könnten, die Vorderſeite zu vertheidigen“ fuhr der König fort. „Was ſagt Ihr, Sire,“ unterbrach der Biſchof raſch den König und ſetzte den geleerten Humpen vor ſich nieder.„Ihr vergeßt die funfzehn Com⸗ pagnien Lanzknechte, welche Euere Leibwache bilden!“ „Bildeten! guter Hilarion. Jetzt ſind wir nicht mehr in Cypern, ſondern in Caſin⸗Grandes, und es möchte ſchwer halten, außer Kaſtriota—“ Clotilde gab dem Miniſter einen neuen angſt⸗ vollen Wink. „— hier einen einzigen Soldaten zu finden ſchloß der König. „Der gnädige Herr will nicht, daß man ſeine 7 7 157 Kriegsmacht kennen lerne,“ ſagte Hilarion dem Ungläubigen in das Ohr. Moneſtan zog Hilarion an ſeinem Amtsge⸗ wande, um ihn an einer fernern Unterhaltung mit dem Fremden zu verhindern. Der hartnäckige Hilarion ſuchte dagegen Moneſtans Hand unter dem Tiſche hinweg zu ſchieben, und es entſtand auf dieſe Weiſe ein geheimer Kampf, während deſ⸗ ſen der Biſchof fortfuhr, leiſe mit ſeinem Nachhar zur Linken zu ſprechen und zu ihm ſagte: „Auch haben wir Staatsgründe, dem Könige ſelbſt zu verbergen, wie groß die Macht iſt, die wir bereits für ihn angeworben haben.“ Endlich ſiegte Moneſtan, und der Biſchof ſeufzte darüber. Der erſte Miniſter hatte den Almoſenier ſo feſt an ſeinem Amtsgewande gezogen, daß dieſer gezwungen war, nach jenem umzuſchauen, um zu erfahren, was er eigentlich von ihm wollte. Unglücklicher Weiſe lag aber eine ſo unendliche Sanftmuth in Moneſtans blauen Augen, daß es dem Biſchofe unmöglich war, den warnenden Blick des erſten Miniſters zu verſtehen. Er fuhr daher fort, dem Ungläubigen in das Ohr zu flüſtern. „Sire,“ ſagte Moneſtan darauf,„Ihr wißt alſo wirklich noch nicht, daß Ihr dreizehnhundert Kann im Schloſſe habt und außerdem zweihundert in Marſeille, fünfhundert in Aix Eurer Befehle ge⸗ wärtig ſind!— Eine ganze Armee iſt ſchon zu⸗ ſammen!“ „Eine Armee!“ wiederholte der König mit dem Ausdruck des größten Staunens. „Ja, mein Vater,“ beſtätigte Clotilde. Der Ungläubige wußte nicht, was er denken ſollte. i „O! das iſt noch nicht Alles,“ fügte Kephalein hinzu;„auch eine türkiſche Reiterei habe ich Euch geſchaffen, wenn es gleich die größte Mühe macht, dieſe Leute aus der Provence einzuexerciren.“ „Eine Reiterei!“ wiederholte Johann II. „Ja, Sire!“ rief der Biſchof aus, der in ei⸗ nem Meere der Wonne ſchwamm, da er ſich un⸗ terſtützt ſah.„Und bis jetzt haben Euch Euere Armeen noch nichts gekoſtet. Auf die Gefahr hin, in Euere Ungnade zu fallen, hat unſre Ergebenheit 159 für Euere Erfolge vorgearbeitet, und ſo bald unfre dreißigtauſend Mann nur erſt vollzählig ſind, ſo werdet Ihr nichts nöthig haben, als Euch an die Spitze derſelben zu ſtellen. Dann erobern wir Cypern, und von des Volkes Freudenruf begrüßt, ziehen die Luſignans in ihre Hauptſtadt wieder ein, in neuem Ruhme wieder zu glänzen!“ Der Biſchof hatte ſich von ſeinem Sitze erho⸗ ben und ſchwenkte ſeinen Humpen gleich einem Säbel, als er die letzten Worte ausſprach. „Und auch Jeruſalem werden wir wieder er⸗ obern,“ nahm Kephalein das Wort,„denn ich werde ein Mameluckenheer bilden, damit wir die furcht⸗ bare Reiterei der Türken nicht zu fürchten haben.“ „Was bedeuten dieſe Prahlereien?“ rief der König zornig aus, weil er die Beweggründe zu der allgemeinen Verſchwörung nicht errieth.„Ver⸗ geßt Ihr, wer wir ſind, daß Ihr ſo unzeitigen Scherz mit uns treibt?“ „Sire!“ riefen die Miniſter, angefenert durch die Blicke der erſchreckten Clotilde. „Schweigt!“ herrſchte der Monarch;„wir haben jetzt kein Heer, allein wir werden uns ein 400 ſolches ſchaffen, ſobald es uns belieben wird, denn wenn man unſere Schätze beſitzt, ſo kann man Al⸗ les. Angenommen aber, wir beſäßen jene Heeres⸗ haufen, von denen Ihr prahlt, ſo hättet Ihr uns belogen, indem Ihr damals von unfrer Hilfloſig⸗ keit ſprachet, als wir über die Maßregeln beriethen, die gegen die Geißel dieſes Landes zu ergreifen ſeien, gegen den ehrloſen Schandbuben—“ „Mein Vater!“ rief Clotilde erſchreckt und ſtieß den Becher des Königs um,„Euer Wein iſt ausgegoſſen.“ „Gegen den Landesverräther been⸗ digte der König ſeine Rede, ohne ſich beirren zulaſſen. „Landesverräther!“ wiederholte der Ungläu⸗ bige, erhitzt durch den reichlich genoſſenen Wein; „nie hat Graf Enguerrh das Land verrathen!“ „Himmel!— dieſer ehrloſeſte von allen Räu⸗ bern!“ rief der König. „Das lügt Ihr, wie ein Schuft!“ ſchrie der Ungläubige und ſchlug ſein Viſir weiter zurück. „Ich bin Enguerry!“ Schrecken verbreitete ſich über alle Ende des erſten Bandes. Druck von 2. Schnauß in Leipzig.