————— Das In Briefen von Jonathan Slick, Esg., aus Weathersſield, Connecticut. Fünf Theile. . Stuttgart. 1847. Teben in Uewyork. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. Erſter Brief. Erſter Eindruck von Newyork.— Beſuch in dem Comptvir eines Vetters in der Stadt.— Rath an ſeinen Buchhalter. — Beſchreibung eines Hanſes in der Stadt und ſeiner Bewohner. An Mr. Zephaniah Slick Friedensrichter und Kirchen⸗ Aelteſten in Weathersfield im Staate Connecticut. Lieber Papa! Bin hier nach einer langen und langweiligen Fahrt, ſtromab und die Küſte entlang, wohl und geſund ange⸗ kommen. Der Captain überließ mir die Führung der Sloop ſo ziemlich allein. Die faule Gans that auf Gottes Erdboden Nichts, als rohe Rüben eſſen und Civerbrannt⸗ wein trinken, und ich will nicht geſund ſein, wenn er die ganze Zeit nicht mehr als halb voll war. Will euch meine Meinung ſagen; könnt mit dem Burſchen nichts Beſſeres machen, als ihn ſeine Wege gehen heißen, ſobald er heimkommt; verdient das Salz zur Suppe nicht. Als die Sloop am Peckquai beigelegt hatte, machte ich mich auf den Weg und ging nach den Läden am Fultonmarkt, den Ciderbranntwein und das Gemüſe zu verkaufen. Cap⸗ tain Doolitte wollte mitgehen, ſandte mich aber als ein Stück Supercargo herunter, und wollte ſich nicht ſchicken, ihn Leben in Newyork. 1 2 eine Naſe in meine Geſchäfte ſtecken zu laſſen. Kenne das Geſchöpf durch und durch; wäre heimgekommen und hätte überall erzählt, koͤnne meine Geſchäfte hier in Newyork nicht ſelber beſorgen. By gracious! ſtand da und ſperrt's Maul auf, als ich alle die hübſchen Mädchen und ſchönen Frauen auf dem Markte zwiſchen den Pyramiden von Kohlköpfen und rothen Rüben auf und abgehen ſah. Schauten mächtig um ſich, und caleulire, hatte auch meinen Antheil an ihrer Aufmerkſamkeit. Wollte mir aber ſchier nicht ge⸗ fallen, daß ſie mich ſo ſcharf anſahen; hatte nichts als meine Alltagskleider an, und außerdem ſchnürte mir die Halsbinde, die mir Mama aus ihrem alten Bombaſſin Petticvat gemacht hatte, das Kinn ſo ein, daß ich mich nicht bücken konnte, einem der Mädchen in's Geſicht zu ſchauen, ſo gern ich's gewollt hätte. Glaube, Mutter und Judy White haben mehr als ein Viertel Amidem in's Futter gethan. Sie iſt unvernünftig ſteif, das iſt ein Feat. Gut, verkaufte die Ladung, in Betracht der ſchlechten Zeiten, mit ziemlichem Nutzen. Ging dann zur Sloop hinunter, mich in meinen Sonntagsſtaat zu werfen, und ſchob mit vollen Segeln wieder ab, um Vetter Beebe aufzuſuchen. Sein Laden ſollte in Pearlſtreet, faſt an der Betterie ſein. So ging ich vorwärts, ſo ſchnell ich durch die Kiſten und Fäſſer kommen konnte, die auf der Straße lagen, bis ich vor einem großen Hauſe aus Back⸗ ſteinen ſtehen blieb, wo Vetter Beebe's Name an der Thür ſtand. Scheint, John iſt mit einem Mr. Co in Compagnie gegangen, denn der Name ſteht mit großen Buchſtaben hinter John ſeinem auf dem Schilde. Wußte aber, daß er und John Whenler in Compagnie gegangen waren und calculirte alſo, daß ſie mehr Geld gebraucht, als jeder von ihnen aufbringen konnte und darum dieſen Mr. Co nahmen, damit er ihnen auf die Beine helfe. Sag' auch, machte einen durſtig, die Tonnen voll 3 Rum und Moloſſe, die Theekiſten und Zuckerfäſſer anzu⸗ ſehen, die in dem Laden aufgeſpeichert waren. Sah präch⸗ tig aus, ging aber gerade durch, zum andern Ende in's Comptoir, wo Vetter John ſein ſollte. Gut, kam zuletzt alſo in's Comptoir und war ein nettes, kleines Zimmer, ganz tapeziert und aufgeputzt, wie eins unſerer beſten Zimmer in Connecticut. Hatte hier noch keinen ſo netten Laden geſehen. John war nicht da, konnte aber ſehen, er hatte noch alle ſeine alten Ge⸗ wohnheiten, denn eine Laſt zertretener Kaſtanienſchalen lag um den Ofen und eine gehoͤrige Portion leerer Flaſchen ſtand unter dem Tiſch und hinter den Pulten. Der Magen drehte ſich einem um, wenn man nach dem Spucknapf ſah, das mehr als halb voll von Cigarren⸗ ſtummeln und Tabacksenden war, die ausſahen, als ſeien ſie mehr als ein Dutzendmal gekaut. Möchte nur wiſſen, wo Vetter John das Rauchen und Kauen gelernt: ſoll mir keiner ſagen in alt Conncticut, die Yorker brauchen nicht über die Yankees zu reden, ſind noch zehnmal ſo ſchlimm. Kann mich noch wohl der Zeit erinnern, wo John die Naſe rümpfte, ſobald er eine Cigarre roch; iſt jetzt aber ein Gentleman geworden und weiß kein Menſch mehr, was er noch aus ſich macht. Stand da ein Burſch an dem Pulte und hatte ſeinen Hemdkragen über die Halsbinde geſchlagen, daß es wie ein alter, verkehrt umgebundener Geiferlatz ausſah, das Haar gekräuſelt und friſirt wie ein Mädchen, ſagte mir gleich, das iſt Vetter John nicht, ging alſo auf ihn zu und ſagte: „Können Sie mir nicht ſagen, Freund, wann Mr. Beebe zu Haus iſt.“ Er zog eine Uhr aus der Taſche, nicht dicker wie ein Ninepence und ſagte: „Genau,“ ſagte er,„weiß ich es nicht, meine aber, in einer halben Stunde oder ſo was. Die Banken wer⸗ den bald geſchloſſen.“ „Gut,“ ſagte ich,„denke, kann hier auch warten, habe gerade keine große Eile.“ Damit ſetzte ich mich⸗ ſtreckte mein Sohlleder unter den Ofen und fing an, den jungen Herrn etwas auszufragen. „Schlechte Zeiten das für den Kaufmann, gelt?“ ſagte ich, üͤber die Zeitung wegſehend. „Sehr ſchlechte,“ ſagte er und ſchnitt ſeine Feder, „müſſen zufrieden ſein, wenn wir uns über Waſſer halten, ehe die Banken brechen. Mr. Beebe iſt fort und ſieht zu, ob er Nichts flott machen kann.“ „Wie ſo?“ ſagte ich. „Muß Geld aufnehmen, die eigenen Wechſel zu honoriren und findet er keins, ſo weiß ich nicht, was wir anfangen ſollen.“ „Oho,“ ſagte ich zu mir ſelbſt, das iſt der neue Compagnon, Mr. Co; muß ein ſchönes Stück Geld im Geſchäfte haben, nähm's ſich ſonſt nicht ſo zu Herzen. „Machten ſchöne Geſchäfte,“ ſagte er und ſchüttelte den Kopf,„bis die Philadelphia Banken ihte Baarzah⸗ lungen einſtellten. Wollte, ſie wären gefallen.“ „Nein, nein,“ ſagte ich,„meine, es iſt uns ange⸗ boren, einer Bank ſo gut wie einem Menſchen einen freund⸗ ſchaftlichen Stoß zu geben, wenn's bergab geht. Verſtehe übrigens nicht viel von den Dingen, Mr. Co.“ „Mein Name iſt nicht Co,“ ſagte er, mich anſtar⸗ rend,„ich heiße Smith.“ „So,“ ſagte ich,„haben Sie denn noch einen andern Compagnon?“ „Nein,“ ſagte er und wurde einigermaßen roth,„ich bin der Buchhalter.“ Hätte beinahe gerade rausgepfiffen. Der eingebildete Geck!„Gut, ſagte ich nach'nem Augenblick,„nehmen Sie meinen Rath an, Mr. Smith; ſein Sie nicht ſo bei der Haud wir zu ſagen und ſchwatzen Sie nicht über die Geſchäfte Ihres Principals mit einem Fremden in der erſten Viertelſtunde. Das thut nie gut und kann nur Schaden bringen. Bei mir zu Lande hat ſich ein Buch⸗ ——.—— — — 5 halter nur um das zu kümmern, wofür er bezahlt iſt, und kümmert er ſich zu viel um andere Dinge, ſo finden wir meiſtens, er ſei keinen Heller werth.“ Sag' euch, machte ein curioſes Geſicht dazu, als ich das fagte, wechſelte die Farbe wie ein Truthan und agirte mit Händen und Füßen, als wollte er mich freſſen. Bekümmerte mich aber nicht mehr viel um ihn, nahm eine Zeitung und fing an zu leſen, als ob er gar nicht im Zimmer wäre;z nach und nach vertiefte ich mich ſo darin, daß ich ihn und Vetter Beebe und Alles vergaß. Schaut, Vater, wenn ihr den„New⸗York Evennig Erpreß,“ noch nicht kennt, ſo ſtreckt nur gerade die Hand in die Taſche und ſubſeribirt euch darauf. Sag' euch, iſt'ne Capitalzeitung das. Braucht's mir aber nicht auf's Wort zu glauben, denn dieſer Brief iſt ſo ewig lang ge⸗ worden, daß das Porto mehr ausmachen würde, als die Zeitung für ein ganzes Jahr koſtet. Habe darum die Notion, will den Redacteuren den Brief geben, daß ſie ihn in ihrer nächſten Nummer abdrucken, dann habt ihr meinen Brief und die Zeitung miteinander für 5 Cents. Will euch grade eine kleine Notion geben, wie ſie den Erpreß machen, denn ich habe ihn ſchier ganz durchge⸗ leſen, ehe Vetter John kam: die Redacteure nehmen alle Blätter aus dem ganzen Lande zuſammen— grave wie wir unſre Aepfel zur Moſtzeit ſammeln— dann gehen ſie an die Arbeit und nehmen Alles, was des Leſens werth iſt, heraus und ſetzen es in eine große Zeitung, die ſie für 2 Cents verkaufen; ſo könnt ihr wiſſen, was jeder Zeitungsſchreiber im Norden oder Süden, rechts oder links ſagt, und braucht doch nur ein einziges Blatt zu leſen; gerade wie wir den Saft von einem Buſhel Aepfel in einer einzigen Pinte Moſt haben, wenn ſie einmal durch die Mühle gegangen ſind. Sage euch, hat mir ungemein gefallen, die Manier und bin der Meinung, ſie wird nach und nach von Allen angenommen, ſo daß ich ſchier Luſt habe, den Zwiebelhandel aufzugeben und für —————— ½ das Blatt zu ſchreiben. Wollen bei Gelegenheit darüber reden, wenn ich die Redacteure geſehen habe. Major Jack Downing ſchreibt auch ſchon für ſie und vielleicht — bin aber mit mir noch nicht eins, obwohl es mir die ganze Zeit, daß ich im Comptoir las, durch den Kopf ing. 63 Gut, warf gerade einen Blick in die Anzeigen, als Vetter John hereintrat. Glaube wahrlich, ihr hättet das Geſchöpf nicht erkannt, ſo hat er ſich verändert. Er iſt ſchier ſo dick und fett, wie der alte Advocat Sikes bei uns, meine aber, es ſteht ihm gut. Will euch was ſa⸗ gen, ſeine Kleider müſſen ihn ein ſchönes Stück Geld koſten. Er hatte einen Ueberrock von feinem Tuch an, das ihn 10 Dollars die Mard gekoſtet hat, ſo gut wie 'nen Pfennig, daran ſetz' ich meinen Hals. Konntet euch in ſeinen Stiefeln ſpiegeln und ſein Haar war mitten auf dem Kopfe in zwei Hälften getheilt und fiel zu beiden Seiten über den Kragen herab, daß er mehr wie ein Mäd⸗ chen in Mannskleidern, denn ſonſt was ausſah. Meinte, ich müßte ihm gerade ins Geſicht lachen, obwohl es mich ärgerte, daß er ſo eine ewige Gans aus ſich gemacht hatte. Dachte, wollte doch ſeh'n, ob er mich kenne, legte alſo juſt ein Bein über das andere, lehnte meinen Stuhl zurück und fuhr ſo ungenirt wie ein Korkzieher fort zu leſen, grade um zu ſehen, was er anfangen würde. Gut, ging grade auf den Ofen los, nahm ſeinen Rockſchoß unter den Arm und fing an zu pfeifen, als wenn Niemand im Zimmer wäre. Wenn ich aber bis⸗ weilen über die Zeitung ſchielte, ſah ich wohl, wie er mich anſah, als wüßte er nicht, kennt er mich oder nicht. Das Herz fing mir an zu klopfen, denn die alten Zeiten kamen mir in den Sinn, als wir miteinander die Zwiebel jäte⸗ ten und den Hügel herabfuhren. Konnt's nicht länger aushalten, warf die Zeitung auf den Boden und ſagte: „Wie geht's Better Beebe?“ Stierte mich zuerſt wie ein geſtochenes Kalb an, bin ——— aber der Meinung, er freute ſich doch, mich zu ſehen, als er mich erkannt hatte. Schüttelte mir herzlich die Hand und ſagte:„Mr. Slick,“ ſagte er,„freut mich, Sie bei uns in der Stadt zu ſehen, wie gehts dem Kirchenälteſten und Tante Eunice und den Müllermädchen. Sie ſehen, ich habe alte Zeiten nicht vergeſſen.“ Damit kamen wir in ein Geſpräch über die Weathers⸗ fielder u. ſ. w., das gute zwei Stunden nach der Stadt⸗ uhr dauerte. Endlich zog Vetter John ſeine Uhr, die auswendig und inwendig ganz von Gold war, heraus und ſagte: „Es geht auf vier, Mr. Slick, eſſen Sie mit uns zu Mittag?“ Calculire, ich ſtutzte einigermaßen, um die Tageszeit zum Mittagseſſen eingeladen zu werden; da ich aber ſeit heute Morgen außer einem kalten Biſſen an Bord der Sloop nichts genoſſen hatte, ſo war die Ausſicht auf ein gutes, warmes Mittageſſen gar nicht zu verachten. „Beſſer ſpät, als niemals,“ ſagte ich zu mir ſelber, ſetzte meinen Hut auf, ſteckte die Hände in die Hoſen⸗ taſchen und war fertig. Wie wir aber hinausgehen wollen, kommt ein Menſch herein, der mit Vetter Beebe zu thun hat, ſo daß dieſer mir ſagt: „Da iſt unſere Hausnummer, Mr. Slick; denke Sie gehen voraus und ſagen Mrs. Beebe, daß ich nur ein kleines Geſchäft abmachen muß und bald nachkomme. Sie wird Sie nicht für einen Fremden anſehen.“ „Caleulire, ſie wird nicht,“ ſagte ich unv nahm das kleine Stück Papier, auf das er geſchrieben hatte;„thut ſie's, ſo hat ſie ſich mächtig geändert, ſeit wir miteinan⸗ der in die Singſchule gingen.“ John ſah den Fremden von der Seite an und wurde unruhig, ſagte ihm alſo, ich könnte den Weg ſchon finden und verſchwand; hatte aber die Notion, der Menſch wollte ihn bewegen, ſeinen Namen unter einen Wechſel oder ſo was zu ſetzen und wollte ihm die Chance geben, nein zu ſagen. By gracious! gäb' doch ein Quart Seife drum, wärt ihr oder die Mama bei mir geweſen, wie ich Broadway hinabging. Mußte ſchier einen Schritt um den andern ſtillſtehen und den Leuten in die Fenſter ſehen. Einige waren voll Uhren und Ohrringen und ſil⸗ bernen Löffeln, die wie ein Fächer ausgebreitet waren, und Laſten von Ringen, die über ein Stück ſchwarzes Tuch gezogen waren, damit ſie recht glänzten. Will ver⸗ dammt ſein, wenn mir die Augen vom bloßen Anſehen nicht ſo weh thaten, als wäre ich eine Woche lang ſchnee⸗ blind geweſen. Trat in einen Laden grade neben den Park und kaufte einen ſilbernen Fingerhut für Mama, und wäre auch bald in einen der Läden, wo ich ſolch'ne Menge Calicos ſah, gegangen und hätte ihr ein neues Kleid gekauft. Kann euch aber nur eine ſchwache Notion geben, von dem, was ihr auf Broadway zu ſehn be⸗ kommt. Schämte mich weiß Gott unſrer Mähren und beſonders der alten Polly, als ich die Wagen mit den prachtvollen Thieren und Kutſchen herumfahren ſah. Sag' euch, das glänzt und ſcheint, wenn ſie durch die Straßen raſſeln, voll ſchöner Mädchen mit Federhüten und Pelzen. Der Broadway iſt aber lang; ging wohl zwei Meilen auf den ewig harten ſteinernen Trottoirs und hatte Blaſen an den Füßen, ehe ich nach Bleekvoſtreet kam, wo Vetter Beebe wohnte. Gut, war alſo vor dem Hauſe, wußte aber nicht wie ich hineinkommen ſollte. War unvernünftig hoch und eine ſteinerne Treppe führte zur Thüre hinauf mit einer Art eiſernem Geländer, das zu beiden Seiten voll Schnorkeln war. Schaute an der ganzen Thür nach einem Klopfer um, konnte aber nichts der Art finden, als ein viereckiges Stück Silber, auf dem Vetter John's Namen geſchrie⸗ ben war. Ich ſchlug mit einer Fauſt dagegen, bis mir ———— 9 die Haut von den Knöcheln ging, aber Niemand wollte mich hören, und kam mir ſchon in den Sinn, die Leute wären nicht zu Haus und ich käme um mein Mittageſſen. Wollte grade wieder nach Packſlip hinunter ſchieben, als einer der Vorübergehenden ſlill ſtand, als wollte er mit mir reden. „He, Sir!“ ſagte ich,„können Sie mir nicht ſagen, ob die Leute, die hier wohnen, zu Hanſe ſind oder nicht? Kein Menſch hört mich.“ „Warum ziehen Sie denn nicht die Glocke?“ ſagte er und ſchaute mich an, als hätte er ſeiner Lebtag noch keinen Menſchen geſehen. Ich ſtieg die Treppe herunter und ſchaute zum Dach hinauf, das aber ſo verdammt hoch war, daß ich Nichts ſehen konnte, was einem Glockenſtuhl ähnlich war, und wenn auch ein Dutzend darauf geweſen wäre. „Soll mich Gott verdammen, wenn ich eine Glocke ſehe,“ ſagte ich dem Burſchen, der ſein Maul verzog, als wollte er grade herauslachen. „Sie ſcheinen in der Stadt zu ſein,“ ſagte er und biß die Lippen zuſammen, denn ich caleulire, er ſah, daß mir das Blut zu Kopfe ſtieg. „Ja wohl,“ ſagte ich,„in was weiter?“ „O Nichts, ich meine nur ſo,“ ſagte er und gab klein bei:„Ziehen Sie nur an dem kleinen ſilbernen Knopf und man wird ſie ſchon hoͤren.“ Damit ging ich die Treppe wieder hinauf, und gab dem Knopf, wie er das Ding nannte, einen allmächtigen Ruck, denn es ärgerte mich, daß er mich ausgelacht hatte. Die Thüre flog auf und ein großer vierſchrötiger Neger ſtand darin und glotzte mich an, als wollt' er mich freſſen, ohne Eſſig und Oel. „Gut,“ ſagte ich,„was glotzſt Du mich an, Schnee⸗ ball? Scheer dich aus dem Wege und laß mich ein.“ „Zu wem wünſchen Sie?“ ſagte der unverſchämte Schlingel, ohne ſich einen Fingerbreit zu bewegen. 10 „Was geht Dich das an, Du verdammtes Stück Holzkohle?“ ſagte ich;„ſteck Deine Naſe in Deine Sa⸗ chen und geh' aus der Thür. Gab ihm damit einen Stoß und trat in die Hausflur. Als der Neger ſich wie⸗ der aufgepackt hatte, ſagte ich ihm, er ſolle gehen und Mrs. Beebe ſagen, ihr Vetter Jonathan Slick von Wea⸗ thersfield, Connecticut, wünſche ſie zu ſprechen. Hättet ſehen ſollen, wie der Burſche die Augen ver⸗ drehte, als ich das ſagte. Mußte ſchier laut auflachen, als ich ihn ſeine Bücklinge und Kratzfüße machen ſah. „Treten Sie gefälligſt ins Vifitenzimmer,“ ſagte er, eine Thür öffnend,„ich will Mrs. Beebe ſagen, daß Sie da ſind.“ Bei Jingo! hab' meiner Lebtage meinen Fuß noch nicht in ſolch ein Zimmer geſetzt. Meinte ſchier, meine Stiefel ſänken in den Boden, ſo dick und weich war der Teppich. War euch, als ginget ihr über Zwiebelbeete, wenn ſie juſt im Frühling gerecht und bepflanzt ſind. Die Fenſtervorhänge waren ganz von gelber Seide und dicke Büſchel von blauen Quaſten hingen an den Ecken; es nahm kein Ende mit den kleinen viereckigen Bänken, von der Groͤße wie Mamas Milchkuh und ganz bedeckt mit Lämmern und Kaninchen, die auf Häufen von Blumen ſo natürlich lagen, als ob ſie lebendig wären Die Stuhl⸗ lehnen waren von ſolidem Mahagoni oder Kirſchbaumholz oder ſo etwas, und waren abgerundet und ausgezackt wie ein umgekehrter Butterſtecher. Zwei Stühle waren ge⸗ polſtert und mit glänzendem ſchwarzen Zeug überzogen, und auf dem Kaminſims ſtand etwas, deſſen Gebrauch ich nicht errathen konnte. Es war ein Klumpen, der wie Gold ausſah und obenauf lag ein Frauenzimmer, die wie ein goldener Knopf glänzte. Wollte es vorſichtig anfühlen, konnte es aber nicht, denn es lag ein Glas darüber; kriegte dennoch bald heraus, es ſei eine der neumodiſchen Uhren, von denen wir gehört haben; ſieht freilich den 11 Uhren, die unſer Samuel verkauft, nicht mehr ähnlich, als Kreide Käſe. Gab noch zwei ſo Dinger wie die Uhren, auf bei⸗ den Ecken des Geſimſes, waren aber nicht ſo groß und hatten auch keine Zeiger und kein Frauenzimmer oben auf, und ſtatt der Glasglocke hingen lauter lange Glas⸗ ſtücke um ſie herum, wie Eiszacken im Winter um unſre Brunnenröhre. Lupfte ſie ein klein wenig, juſt um zu ſehen, woraus ſie gemacht ſeien, die Gläſer fingen aber an zu klingeln, daß ich ſie vor Schreck beinah fallen ließ und ſie ſchnell wieder hinſetzte. Gut, kriegte allmälig lange Weile und ſetzte mich auf eins der Dinger, die wie die Stühle mit glänzendem ſchwarzen Zeug überzogen waren, caleulire aber, ich ſprang ſchnell genug wieder in die Höhe. Habe meiner Lebtage noch Nichts ſo nachgeben ſehen, wie den Sitz und meinte zuerſt, ich ſänke mit Stiefeln und Sporen in die Erde. Kriege gern Langeweile, wenn ich ollein in einem Zimmer bin und fing darum an, etwas Toilette zu machen; mochte ober anfangen, was ich wollte, die neuen Caſimirhoſen, die Judy White mir gemacht hat, rutſchten mir immer in die Höhe, bis über die Stiefeln ſchier, kann nicht be⸗ greifen, wie die Newyorker ihre Hoſen ſo glatt machen, ſind euch, als wären ſie darin hineingetaucht, wie Mama ihre Lichter in die Formen hineingießt. Gut, hatte mich lange genug mit den ewigen Dingern abgequält, trat vor einen gewaltigen Spiegel, der ſchier von der Decke bis auf den Boden reichte und nahm mir juſt den Burſchen aufs Korn, der mir gegenüber ſtand. Sag' euch, hab ſchon häßlichere geſehen; war gar nicht zu verachten, obwohl er für einen Sechsfüßigen gewaltig klein in dem mächtigen Spiegel ausſah. Calculire, hättet ihn ausgelacht, wenn ihr geſehen hättet, wie er ſich ab⸗ quälte, ſeinen Hemdkragen über die verherte ſteife Bom⸗ baſſin Halsbinde zu kriegen, die Mama mir machte, und ſeine ſchmalen Manſchetten herauszuzupfen, damit ſie unter den Aufſchlägen hervorguckten, und ſein Haar mit beiden Händen glott zu ſtreichen; wollte aber eineweg nicht ſtehen. Gibt auch nichts ſo Eigenſinniges als das Haar, wenn es ſich mal in den Kopf geſetzt hat in die Höhe ſtehen zu wollen, als ein Schwein. Hatte mich, alles zuſammengenommen, ziemlich heraus⸗ geputzt und ſteckte gerade meine Tuchnadel ſo, daß man ſie beſſer ſehen konnte, als die Thür ſich öffnette und Bäs⸗ chen Marie hereintrat. War aber ſo aufgedonnert, daß ich ſie nicht erkannt hätte, hätte ich ſie nicht erwartet. Sie hatte einen ſeidenen Rock mit Falten beſetzt an, und ihr Haar, durch das ſie eine goldene Keite gewunden hatte, hing in langen, ſchwarzen Locken bis auf den Buſen herab; eine andere goldene Kette lag um ihren Hals und ihre Taille war nicht dicker wie ein Schoppenglas. Mein ganzes Lebelang war ich noch nicht ſo verlegen; denn ſtatt auf mich zu zu kommen und mir die Hand zu drücken oder einen Kuß zu geben— wäre grade keine Sünde geweſen, wir ſind ja Geſchwiſterkinder— ſetzte ſie einen Fuß ein wenig vor, zog den andern zurück, zitterte mit den Schultern, neigte ſich vorwärts und machte einen ſtädtiſchen Knir. Sagt' ich zu mir ſelber:„Will's da hinaus, ſo ſollſt Du ſehen, daß wir auch einen Tanzmeiſter in Weathersfield haben, ſeit Du fort biſt.“ Setzte alſo den rechten Fuß vor den linken, zog ihn bis in die Kniebeuge in die Höhe, ließ die Arme ſenkrecht herunter hangen und verbeugte mich, wie ihr ein Taſchenmeſſer zuſchnappen laßt, wenn ihr Angſt habt, euch zu ſchneiden; dabei ſah ich ihr ſteif in's Geſicht, obwohl ich die Augen ein wenig in die Hoͤhe ziehen mußte und gab ihr ein reſpectables Beiſpiel von einem Weathersfielder Knix, daß ſie mit ihrem Yorker Knir abziehen mußte. „Nehmen Sie gefälligſt Platz, Mr. Slick,“ ſagte ſie, ihren Mund zu einem Lächeln verziehend, merkte aber, woher der Wind blies und wollte ihr nicht nachſtehen, ſo hart 13 es mir ankam.„Mrs. Beebe,“ ſagte ich und verſuchte auch zu lächeln,„nach Ihnen ſchickt's ſich für mich.“ Damit ſetzte ſie ſich auf eine von den Rocking⸗Chairs, ſtützte den Ellbogen auf ihren Arm, ließ den Kopf in ihre Hand fallen als wäre ſie ſchon halb todt und ſagte: „Nehmen Sie eine Ottomane, Mr. Slick.“ Calculire, ich wurde roth im Geſichte, denn ich hatte keine Jdee von dem, was ſie meinte, ſetzte mich aber auf einen von den Seſſeln. „Wie geht's Mr. und Mrs. Slick?“ ſagte ſie dann. „Ich hoffe, ſie ſind wohl.“ Es ärgerte mich, vaß ſie ihres eignen Mannes rechtem Onkel und Tante ſolchen Namen gab und ſagte: „Ihr Onkel und Tante ſind noch ſo ziemlich auf den Beinen, Mrs. Beebe, Dank der Nachfrage,“— und kaum waren die Worte heraus, als ein Geläute anfing, daß ich aufſprang und einen Augenblick nachher kam Vetter John herein. Euer zärtlicher Sohn Jonathan Slick. Zweiter Brief. Ein Mittageſſen en famille und Wirkungen des Ciders. An Mr. Zephanjah Slick, Friedensrichter und Kirchen⸗ Aelteſten in Weatherfield im Staate Connecticut. Lieber Vater! „Haben den Weg gefunden, wie ich ſehe, Mr. Slick,“ ſagte er.„Iſt angerichtet, liebe Marie?“ Sie hatte kaum Zeit zu antworten, als zwei Thüren auseinanderflogen, die in ein anderes Zimmer führten, dem, worin wir waren, ſo ähnlich, wie zwei Erbſen in einer Schote. In Mitte ſtand ein Tiſch voll ächtem Porzellan und feinen geſchliffenen Gläſern und einem ſil⸗ bernen Ding, die Pfefferbüchſe hineinzuthun— könnt euch nicht denken, wie fein das Alles ausſah. Aber ſo wahr ich lebe, da ſtand der ewige Neger in Lebensgröße auch hinter dem Tiſch. Wußte nicht recht, was ich daraus machen ſollte, ſagte aber zu mir ſelber:—„Iſt Vetter Beebe ein Abolitioniſt geworden und meint, ich ſoll mit einem Neger eſſen, ſo irrt er ſich gewaltig, oder ich will verdammt ſein.“ Brauchte mich aber nicht ſo zu ereifern, das Geſchöpf ſtand nur hinter dem Tiſch und reichte Alles herum, was wir brauchten. „Nehmen Sie Verminſilly,“*) ſagte Miß Beebe und biß die Worte ab, als fürchtete ſie, ſich daran zu verbrennen. Darauf nahm ſie den Deckel von einer der Schüſſeln und begann Suppe mit einem großen ſilbernen Löffel, der wie ein neues Fünfzigcentſtück glänzte, heraus⸗ zuſchöpfen. „Nein, danke,“ ſagte ich,„nehme lieber einen Teller Suppe, wenn Sie Nichts dagegen haben.“ Das Geſchöpf verzog grade den Mund als hätte ſie was Lächerliches gehört, Vetter John ſah ſie aber ſo finſter an, daß ſie ſchnell eine andere Miene machte. Mochte wohl ſehen, daß mir's grade nicht zum Beſten war und ſagte drum freundlich: „Sie meint Vermicelliſuppe, Vetter Slick. Nehmen Sie einen Teller, Sie mögen Sie gewiß.“ „Meinetwegen,“ ſagte ich, nahm einen eurioſen Löffel, der neben meinem Teller lag und wollte eſſen; mochte es aber anfangen wie ich wollte, die Suppe lief immer wie⸗ *) Verminſilly— ſchlechte Ausſprache für vermicelli, Fadennudeln. 15 der durch den Loffel. Verſuchte und verſuchte, einen guten Löffel voll zu kriegen, hätte aber eben ſo gut den Conner⸗ ticut in ein Sieb ſchöpfen koͤnnen: ſiſchte nichts als ein Paar weiße kleine Dinger vom Grund, die nicht übel ſchmeckten, dürſt mich aber todtſchlagen und ich kann doch nicht ſagen, woraus ſie gemacht waren. Hatte ſo eine Ewigkeit gefiſcht und getaucht, um einen guten Löffel voll zu kriegen, damit ich ſagen könne, was es ſei, als ich aufſah und der Neger vor mir ſtand, der die Zähne blöckte und die Augen aufriß, wie eine Katze im Dunkeln. Machte mich wild, meinte, er lache über mich, daß ich mich ſo mit der Suppe abquäle und konnte mich nicht länger halten, ſprang auf, warf den Löffel verächtlich auf die Erde und ſagte zu dem Neger: „Was ſtehſt Du da, Wollkopf,“ ſagte ich,„und ſperrſt das Maul auf? Pack Dich und hol' mir'nen Löffel, der keine Ritzen hat; möchte eben ſo lieb mit einem Rechen eſſen, als mit dem Ding da.“ „Ha, ha, ha!“ grinſte der ewige ſchwarze Schlin⸗ gel,„dachte gleich, die Gabel thäte es nicht.“ Miß Beebe lachte hell auf und Vetter John ſah auch aus, als hätte er Leibweh, ſagte aber doch dem Neger: „Seid jetzt ſtill, hebt die Gabel auf und gebt Mr. Slick einen Löffel.“ Sag' euch, war nicht in der beſten Laune, ſetzte mich aber doch wieder und nahm den rechten Löffel, der auf einem Handtuch lag, das neben meinem Teller zuſammen⸗ gefaltet war, ſagte kein Wort und fing an zu eſſen; hätte aber doch einen Dollar gegeben, hätten ſie mich aufſtehen und den Neger ledern laſſen. Gut, hatte einen guten Löffel voll Suppe gegeſſen und konnte doch nicht herausbringen, woraus ſie gemacht war, konnte mich auch nicht entſinnen, den Namen, mit dem Miß Beebe ſie genannt, je im Lericon gefunden zu haben.„Siſt vielleicht Latein,“ ſagte ich zu mir ſelber und dachte nach, was es wohl heißen könne, und ob mir Niemand ſeine Bedeutung geſagt, als ihr mich noch in die lateiniſche Schule ſchicktet. Verminſilly! Verminſilly! Verminſiliy! das ging mir die ganze Zeit im Kopfe herum. Daß silly dumm hieß, wußte ich wohl und mit einem Male fiel mir auch ein, daß vermia von dem lateiniſchen Worte vermis käme, was Wurm bedeutet. Wurmſuppe! By gracious, der bloße Gedanke machte mir Leibweh! Hatte es aber auch wiſſen können, wenn ich nur je von ſolchen Sachen gehoͤrt, denn die ſchmalen weißen Dinger, die in der Brühe herumſchwammen, ſahen abgekochten Regenwürmern ſo ähnlich wie nur möglich. Als ich mal heraus hatte, woraus ſie gemacht war, cal⸗ culire ich, ſie kriegten mich nicht wieder zu ihrer Ver⸗ minſillyſuppe, ſtieß alſo den Teller über den halben Tiſch und wiſchte mir den Mund gehorig mit meinem Taſchen⸗ tuche ab. Der Neger packte die ganze Beſcheerung zu⸗ ſammen und ich war froh, daß ich ſie los war. „Wozu in der Welt haben ſie mir auch nur das Handtuch dahingelegt?“ ſagte ich zu mir ſelber, und ſchielte nach Vetter Beebe hinüber, um zu ſehen, ob er auch eins hatte, oder ob ſie nur den Gäſten ſolche Hand⸗ tücher geben. Vetter John hatte gerade ſo eins, das er über ſeinen Schvoß breitete, und ſo nahm ich meines denn auch, und deckte es über meine Cafimirhoſen. Abgeſehen davon, daß keine Zwiebeln auf den Tiſch kamen, war das Mittageſſen nicht ſo übel. Ich dachte an's Weggehen, als der Neger eine Menge blaue Glas⸗ ſchalen, die halb voll Waſſer waren, hereinbrachte. Hatte nicht die geringſte Notion, zu was ſie dienen ſollten, be⸗ hielt Vetter John aber ſcharf im Auge und als ich ſah, daß er ſeine Finger hineintauchte und ſie mit einem rothen Handtuche abtrocknete, das der Neger mitgebracht, machte ich das Manöver nach, als hätte ich's mein Lebenlang getrieben. Gut, während wir über die Banken, alte Zeiten und wie die Leute in Weathersfield ſo weggeſtorben, plau⸗ — 17 derten, kramte die Gans von Neger den Tiſch rein ab und ehe ich recht begriff, was er wollte, kam er wieder und ſetzte einen ganzen Haufen Karaffen auf den Tiſch und zwei Civerflaſchen, deren Hals mit dünngeſchlagenem Blei umwickelt war; und dann brachte er zwei filberne Körbe, von denen der eine mit Orangen und der andere mit großen rothen Weintrauben gefüllt war. Sag' euch, das Waſſer lief mir im Munde zuſammen, als ich die großen Büſchel über den Rand des Korbes hangen ſah. Wollte grade eine mächtige Traube auf einen kleinen Por⸗ zellanteller legen, den der Burſche vor mich hingeſtellt hatte und überlegte, ob es genteal ſei, die Trauben mit einem kleinen, ſilbernen Löffel, der neben dem Teller lag, zu zer⸗ ſchneiden, als auf einmal puff, neben mir etwas ſo laut, wie ein Piſtolenſchuß losging. Sag' euch, war wie der Blitz auf den Beinen, hatte der Neger aber bloß eine von den Ciderflaſchen geöffnet und ſchenkte mir ein großes, langes, dünnes Glas voll ein, das ich auf einen Schluck, ohne Athem zu holen, austrank. Bei Jingo, war das capitaler Cider! hatte ein einziges Glas getrunken und war ſchon ſo luſtig wie ein Grasſpringer. „He da, Schneeball!“ ſagte ich,„ſchenk uns noch ein⸗ mal ein, dieſe Gläſer ſind ſo jämmerlich klein, trinke den Cider gern aus einer Quartflaſche.“ „Nehmen Sie ſich in Acht,“ ſagte Vetter John, „ich fürchte, Sie werden bald finden, daß der Cider, wie Sie ihn nennen, zu Kopfe ſteigt.“ „Kein Gedanke dran,“ ſagte ich,„kann alle Tage mein Quart vertragen. Hier, Bäschen, ſtoßen Sie an! Haben doch alte Zeiten nicht vergeſſen? Werden hier in Newyork keine Aepfel ſchneiden und Quilting⸗Frolicks*) haben? wie?“ *) Amerikaniſche Feſte. Das Erſte erklärt der Name; beim zweiten kommen die jungen Leute im Hauſe einer Braut zuſammen und helfen Decken ſteppen. Leben in Newyork. 2 18 Weiß nicht mehr, was fie ſagte, aber weiß, daß mir die Augen im Kopfe brannten, und ehe ich aufſtand, mußte der Neger mehr als zwanzig Körbe mit Trauben auf den Tiſch geſtellt haben und die Orangen wurden mit jedem Augenblick dicker und dicker, und es waren dreimal ſo viel Gläſer und Karaffen auf dem Tiſch, als im Anfang. Denke, es war nicht weit von Theezeit, als ich aufſtand, um nach der Sloop zu gehen. Wollte Bäschen Marie abſolut einen Kuß geben, ehe ich fortging, und es war mir beinah ſo, als hätte ich dem Neger die Hand gegeben, als ich die Treppe herunterging. Iſt mir nicht recht klar im Kopf heute Morgen und meine, am Ende will ich doch nach Weathersſfield zurück⸗ kommen. Der Yorker Cider, ſcheint's, bekommt mir nicht. Iſt mir curios um's Herz herum ſeit ich ihn ge⸗ trunken und habe das Heimweh noch dazu. Euer zärtlicher Sohn Jonathan Slick. Dritter Brief. Jonathan beſucht das Comptvir des Erpreß. Seine Gefühle, ſich gedruckt zu ſehen. An Mr. Zephanjah Slick, Friedensrichter und Kirchen⸗ Aelteſten in Weathersfield im Staate Connecticut. Lieber Vater! Seit ich euch meinen letzten Brief ſchrieb, weiß ich nicht, wo mir der Kopf ſteht vor lauter Arbeit. Hatte 19 ſchier zwei Nächte darüber nachgedacht und wurde dann mit mir eins, ich wollte mich hier eine Weile in Newyork niederlaſſen und euch von Zeit zu Zeit ein Paket Briefe ſchicken, die, wie ſchon geſagt, in dem Penur Erpreß gedruckt werden ſollten. Bin bei den Herausgebern geweſen; ſie bitten mich, ich ſoll da bleiben und bin der Anſicht, ich finde nicht ſo bald beſſere Gelegenheit, als Schriftſteller meinen Un⸗ terhalt zu wenn ich dieſe zurückweiſe. War anfangs der Meinung, auch noch andere Zei⸗ tungen zu beſehen und zu verſuchen, ob ich nicht einen höhern Preis koͤnnte, hatte mir aber gefallen der Erpreß und dachte, es lohne nicht der Mühe. War übrigens nicht darum, weil hier nicht genug Zeitungen ſind; könnt keine drei Schritt machen oder ſtolpert über ein Zeitungsbureau und iſt kein Ende der Zeitungen, die auf der Straße herumgetragen werden. Wo ihr geht und ſteht, hält euch ein kleiner kniehoher Knirps eine Zei⸗ tung unter die Naſe und fragt euch ohne Umſtände, ob ihr ſie nicht kaufen wollt. Glaube dennoch, der Newyork Erpreß iſt die beſte von allen, ob ſchon ihrer mehr ſind, als Fröſche nach einem Frühlingsregen, und beſchloß kurz und gut für ihn zu ſchreiben; denn, ſogte ich, Mojor Jack Donning, der Capitalburſche, ſchreibt guch für ihn und ich meine, wir wollen ſchon an demſelben Stri ziehen. Gut, war alſo eins mit mir und machte mich ſtracks auf den Weg zu dem Comptoir. War ſchon einmal da geweſen, um meinen erſten Brief in den Briefkaſten zu werfen und als ich alſo vor einem hohen Haus ſtand, an dem„Comptoir der Neu⸗York ge Erpreß“ geſchrie⸗ ben war, wußte ich ohne zu fragen, das ſei das Comp⸗ toir. Ging alſo hinüber und blieb ein wenig ſtehen, denn das Herz kiopfte mir gewaltig. War mir in meinem Leben noch nicht ſo zu Muthe geweſen. Der Brief, den ich Ihnen zum Drutten gegeben hatte, lag mir ſo ſchwer 20 auf dem Herzen, daß ich faſt gewillt war, wieder rechts um zu machen und in die Sloop zu gehen. Gut, ſagte ich, kann aber doch nicht ſchaden, vorher die Gebäulichkeiten ein wenig anzuſehen. Könnt einen Menſchen zur Hälfte nach dem beurtheilen, wie es um ihn herum ausſieht. Stellte mich alſo vor ein Brett an einem Ende des Hauſes, das voll Bilder und alter Zei⸗ tungen war, ſteckte die Hände in die Taſche und fing an mir die Dinge zu betrachten. Gut, ſagte ich zu mir ſelber, ſo'n friſcher Wind, wie wir in Connecticut hatten, als Squire Sike's Scheune umgeriſſen wurde, machte das Haus einigermaßen wackeln. Möchte bei einem ſteifen Nordoſter nimmermehr auf dem Boden ſein. Aber, ſagte ich, was in der Welt können die Herausgeber mit dem kleinen bretternen Stall machen, der dort drüben iſt? Hatte es aber bald. Sind den Herausgehern grade die Weisheitszähne gewachſen, und haben den Unterſchied zwiſchen gutem, ſoliden Schweinefleiſch, das mit reellem Wälſchkorn gefüttert iſt, und dieſen magern, dünnen, auf⸗ geſchoſſenen Dingern gefunden, die hier im Schmutz herum⸗ liegen und ſich in der Goſſe wälzen, daß einer ſchier keine weiße Hoſen anziehen kann, aus Furcht, die dreckigen Schlingel laufen gegen einen. Sagte zu mir ſelber, die Herausgeber wiſſen, woran ſie ſind, wollen ihre Schweine ſelber mäſten und wiſſen, womit ſie gefüttert ſind. Kamen mir aber die alten Zei⸗ ten beim Anblick des leeren Stalles zu Sinn und dachte an das Vieh und die Ferkel, die Judy White ſo gut be⸗ ſorgte, bis mir die Thränen in die Augen traten vor Heimweh. Gut, ſtand da auf dem ſteinernen Trottvir, hatte meine Hände beträchtlich tief in den Hoſentaſchen vergra⸗ ben und ſchaute mir immer das Schild über dem Comp⸗ toir an, als Jemand hereintrat und die Zeitungen zu leſen anfing, die draußen an dem Schweineſtall ſteckten. Wiſchte die Thränen drum mit meinem Rockärmel ab, denn ich 21 wollte nicht, daß Jemand einen Burſchen von meiner Größe in Newyork auf offener Straße weinen ſähe, weil er zufällig an zu Hauſe und alte Zeiten denkt, faßte mir ein Herz und ging ſtracks in das Comptoir. Hinter einem Art Ladentiſch, auf dem eine Menge zuſammengefaltete Zeitungen lagen, ſaß ein Burſch, der aufblickte und dann wieder fortſchrieb, als ob Niemand da wäre. „Wird der Evening Erpreß hier gedruckt?“ fragte ich mit heller Stimme, denn der Gedanke an den Briof ſchnürte mir die Kehle zuſammen. „Ja,“ ſagte er, aufſtehend,„wollen Sie ein Eremplar?“ „Meinetwegen,“ ſagte ich, ein Sercentſtück aus der Hoſentaſche nehmend. Was beſonders drin, heute?“ „Etwas beſonders grade nicht,“ ſagte er,„aber kom⸗ men Sie morgen, wir werden einen Capitalbrief von einem gewiſſen Jonathan Slick von Weatherefield drucken.“ Hüpfte mir das Herz doch im Leibe, wie ein Kanin⸗ chen, das im Winter ein Stück Apfel findet!„Wird nicht ſein,“ ſagte ich und gab mir alle Mühe, meine Freude zu verbeißen, konnte meinen Mund aber nicht zum Stillſtehen bringenz werde ihm wohl in's Geſicht gelacht haben, wie ein Affe, der über einer heißen Kaſtanie iſt. Mußte mich zuſammennehmen, daß ich nicht über den Ladentiſch ſprang und dem Burſchen um den Hals iel, ſo vergnügt war ich. Schien ſich nicht viel darum zu kümmern, ſondern ſchrieb ruhig weiter, als ſei nichts vorgefallen; ich packte alſo meine Zeitung zuſammen und machte mich fort, trat aber hoch auf, denn ich mußte immer daran denken, was ihr und Mama und Judy White ſagen würden, wenn ihr euch da mit großen Buchſtaben gebruckt ſähet. Als ich herauskam, ſtand der Burſch, der die Zei⸗ tungen geleſen hatte, noch da. Wollte auf ihn zugehen, ihm die Hand geben und ihm Alles erzählen, ſo voll war ich von dem, was mir der da drinnen über meinen Brief geſagt hatte, that's aber doch nicht. Ging alſo zur Sloop und wollte es Captain Dolittle erzählen, ſagte mir aber ſelber, willſt es heute verbeißen und wenn ihm mor⸗ gen die Augen dann nicht übergehen, will ich nicht Jona⸗ than Slick heißen. Sag' euch, ließ mir das Gras nicht unter den Fü⸗ ßen wachſen, als der Donnerſtag kam, ſondern lief in das Comptoir des Erpreß, als wenn mir der Kopf brenne. Das Herz wollte mir ſprengen, ſo war es mir drum, die Zeitung zu ſehen. Nahm mir nicht die Zeit, Athem zu holen, ſondern ging ſtracks in das Comptoir, wo hinter dem Ladentiſch zwei Männer ſaßen, die ſo ſteif und ge⸗ lehrt wie etwas ausſahen. Sagt' ich zu mir ſelber, es gilt, diesmal habe ich die Herausgeber gefunden. „Hätte gern fünf Zeitungen,“ ſagte ich, einen Vier⸗ teldollar auf den Tiſch legend; mit dem ſtand auch ſchon einer der Herausgeber auf, machte ein honigſüßes Geſicht, drückte mir den Vierteldollar wieder in die Hand und ſagte: „Mr. Slick, von Ihnen nehmen wir kein Geld;z da ſind die Zeitungen, nehmen Sie einen Stuhl und ſetzen ſich zu uns, wir haben ein Wort mit Ihnen zu reden.“ Gut, ich ging hinter, der Groͤßte von den Beiden gab mir einen Stuhl und ſagte:„Wir haben Ihren Brief gedruckt, Mr. Slick, und hätten gern noch mehrere ſolche.“ Ich rückte etwas auf meinem Stuhle hin und her und ſagte:„Gut, wenn wir über den Preis eins werden, bin ich nicht abgeneigt, Ihnen dann und wann einen zu ſchicken.“ „Welche Gegenſtände denken zu behandeln, Mr. Slick?“ ſagte der Kleine. „Habe noch nicht darüber nachgedacht,“ ſagte ich; „meine aber, ich nehme etwas Pikantes.“ „Wenn Sie ſich im Politiſchen verſuchten,“ ſagte der 23 Lange.„Major Jack Downing hat ſchon hübſche Sachen der Art geliefert. Außerdem iſt die Wahl vor der Thür und Sie könnten keine beſſre Zeit für den Anfang finden.“ „Gut,“ ſagte ich, will mich umſehen und probiren, wie mir's gefällt.“ „Abgemacht alſo,“ ſagte der Andere.„Aber Mr. Slick, wenn es erlaubt iſt, wie lange ſind Sie denn in Newyork?“ Mußte heimlich in den Bart lachen, wie der ſchlaue Fuchs um den Brei herumging und heraushaben wollte, wer ich ſei und ſo weiter. Sagte zu mir ſelber, weiß noch nicht recht, was ich aus dem Langen machen ſoll, will aber dies und das ſein, wenn er einen Tropfen Yan⸗ keeblut in ſeinen Adern hat. Ein Mann, der das Herz auf dem rechten Fleck hat, wäre gerade mit der Sprache herausgerückt und hätte gefragt, wer er ſei und woher er komme, wie viel er werth ſei und was er habe und neben⸗ her ein Paar ſchlaue Fragen nach Weib und Kind, wenn ihm daran lag. Gut, ſagte ich, hat keine Erziehung genoſſen und iſt drum nicht zu tadeln, wenn er's nicht weiß, ſchlug alſo ein Bein über's andere und ſagte: „Iſt gar nicht nöthig, Gentleman, um den Brei herumzugehen, wie der alte Paſtor Milos in ſeinen Pre⸗ digten, die weder ein Ende, noch eine Mitte und einen Anfang hatten. Will Ihnen gerade heraus ſagen, wer ich bin und was ich will. „Denke, werden von Samuel Slick gehört haben, der das intereſſante Buch über Canada, hoͤlzerne Uhren und ſonſt allerlei Dinge geſchrieben hat?“ „Sie meinen Sam Slick?“ ſagte der lange Heraus⸗ geber. „Nein, nein,“ ſagte ich und richtete mich ſteif auf, „er wurde in dem alten Presbyterianiſchen Bethaus in Weathersfield Samuel getauft und keinem Menſchen, als den Zeitungeſchreibern iſt es eingefallen, ihn Sam zu nennen. Iſt das eine ſchlechte Notion, einem Manne das Ende ſeines Namens abzuſchneiden und ſieht aus, als wäre der Vater ſo jämmerlich arm geweſen, daß er ſeinen Kindern keinen ganzen Namen hätte geben können. Gut, Samuel Slick, Esquire, iſt mein leiblicher Bruder; fällt mir nicht ein, mich mit meinen Verwandten zu brüſten, denn es iſt meine Notion, in einem freien Lande muß jeder ſein eigenes Futter ſchneiden; hat ein Verwandter aber einmal einen Namen in der Welt, ſo wäre es alberne Beſcheidenheit, das nicht ſagen zu wollen.“ „Ja, ja,“ ſagte der Lange,„Mr. Samuel Slick iſt ein Verwandter, auf den Jedermann ſtolz ſein kann.“ Mußte ein wenig lächeln.„Allerdings,“ ſagte ich, „Samuel wußte, wie er's mit euch Zeitungsſchreiber machen mußte. Werden finden, daß ich nicht viel hinter ihm zurückbleibe; will die Tage etwas über mein Leben in Weathersfield ſchreiben und Ihnen zum Drucken ſchi⸗ cken. Will mir außerdem eine Wohnung um Cheryſtreet herum miethen, und wenn ſie meine Briefe drucken wollen, ſehen, ob ich nicht mein Auskommen unter den Porkern finden kann, auf die Weiſe oder die andere. Will grade ſehen, ob das geht, und gehts nicht, ſo befolge ich Sa⸗ muels Plan und werden finden, daß Jonathan Slick, Ihr ergebenſter Diener, ein Span von demſelben Holze iſt, da⸗ mit baſta.“ Stand damit auf und ſetzte meinen Hut auf den Kopf, als mir gerade mein Sexpenceſtück einfiel; wandte mich alſo an den Menſchen, der dort ſchrieb und ſagte: „Sie da, ich meine, ich habe geſtern vergeſſen, mei⸗ nen Serpence zu wechſeln. Will grade die drei Cent nehmen, wenn Sie nichts dawider haben.“ Der Burſch langte mir die drei Kupferſtücke herüber, ich ſteckte ſie ein und ging zur Thür hinaus.„Ein geſparter Pfennig iſt ſo viel wie zwei verdiente,“ ſagte ich zu mir ſelber. Als ich auf der Straße war, konnte ich mich nicht länger halten, blieb bei der Poſt ſtehen und öffnete eine von den Zeitungen. Meiner Seel, war das erſte, was 25 ich ſehe, nicht mein eignes Bild, wie ich leib' und lebe, das flottweg voran in der Zeitung ſtand! Das Comp⸗ toir des Expreß, der kleine Stall, alles miteinander, wie ich es zum erſten Mal geſehen hatte. Mußte auf der Straße ſchier laut auflachen! Lief in aller Eile zur Sloop hinunter und erzählte Captain Dolittle Alles haar⸗ klein. Glaubte doch, er würde vor Lachen ſterben, als er das Bild ſah; ſang eben ein anderes Lied, als er las, was ich in dem Briefe von ihm geſagt hatte. Wurde gewaltig böſe, ich ſaß aber ſtill da und nahm das Ding auf die leichte Schulter. „Schaut her, Captain Dolittle,“ ſagte ich,„liegen Advocaten und Zeitungsſchreiber ſich in den öffentlichen Blättern nicht immer in den Haaren? Sagen ſie ſich nicht alle Schande und drücken ſich dann die Hände und becomplimentiren ſich, wenn ſie wieder zuſammen kom⸗ men? Wenn ihr die Ehre haben wollt, mit Jemanden umzugehen, der in die Zeitungen ſchreibt, ſo müßt ihr eine ewige Gans ſein, wenn ihr falſch werdet, weil er drucken läßt, daß ihr gern Branntwein trinkt und rohe Rüben eßt. Sag' euch, werdet nicht viel Zeitungsſchreiber ſinden, die ſo ſtreng bei der Wahrheit bleiben, wie ich. Zieht drum eure Hoͤrner ein und ich will Papa in einem eignen Briefe ſchreiben, daß das, was ich über euch geſagt, nur dichteriſche Freiheit geweſen ſei, wie die Zeitungsſchreiber es nennen, wenn ſie einen Bären aufgebunden oder die Wahrheit ein wenig zu deutlich geſagt haben, denn heut zu Tage iſt das Eine ſo ſchlimm als das Andere.“ „Recht,“ ſagte er,„thut ihr das, ſo will ich zufrie⸗ den ſein, aber hart iſt es, Jonathan, und was zum Beſten geben müßt ihr dafür.“ Der Burſch dauerte mich; ging alſo in ein Brannt⸗ weinhaus mit ihm und die Cigarren und der Rum, die ich kommen ließ, brachten ihn bald wieder zu ſich ſelber, denk' ich. Vierter Brief. Die politiſche Verſammlung und ihre böſen Folgen. An Mr. Zephanjah Slick, Friedensrichter und Kirchenälteſten in Weatyerfielb im Staate Connecticut. Lieber Vater! Kam mir vor ein Paar Tagen in den Sinn, eine der politiſchen Verſammlungen zu beſuchen, welche mir die Herausgeber anempfohlen hatten und zu ſehen, wie ſie es dort treiben. Ging alſo mit Captain Dolittle in einen der großen Säle, die zu dem Zweck gemiethet ſind und arbeiteten uns allmählig hinein, denn das ganze Haus war ſchon lange, ehe wir kamen, lebendig voll. Nach vielen Rippenſtößen kamen wir an ein Fenſter, von wo aus wir das Ganze überſehen konnten. Sah meiner Leb⸗ tage noch nicht eine ſolche Menge Hornvieh beieinander. Einige von ihnen waren barfuß und viele von ihnen hatten nur zu fünft einen Rock oder ein Paar Hoſen. Ein Kerl, grade neben mir, hatte die Krempe ſeines Hutes ſo lange herabgezogen, bis ſie ihm auf die Schulter herab⸗ hing und der Deckel war eingedrückt; mit einem Auge ſchielte er und das andere war blau angelaufen.„Ihr da,“ ſagte er zu mir,„warum klaſcht ihr nicht, wenn wir klatſchen?“ „Weil ich nicht'mag,“ ſagte ich. In dem Augen⸗ blick quälte ſich ein dicker, kleiner Advocat durch den Haufen, bei deſſen Anblick alle einen Spectakel anfingen, daß mir die Haare zu Berge ſtanden. Habe noch nie ſo etwas gehört. Sie ſchrien und grölten, als wollten ſie das Dach zerſprengen. Der dicke 27 Menſch, der ſeinen Hut bis in die Mitte der andern Woche hinabgedrückt hatte, arbeitete mit ſeinen Ellbogen ſo lange, bis er Platz genug hatte, ſeinen Fidelbogen über eine verkrüppelte Geige zu ziehen, an der die Hälfte Saiten geriſſen und der ganze Reſonanzboden geſprungen war. Ratſch, ratſch, ging die Fidel dicht neben meinem Ohr, wie ein Schwein, das gekniffen wird, Ein Haufen Menſchen, von denen den einen die Rockſchöße abgeriſſen waren, den andern ein Paar Tuchleiſten die Stelle der Hoſen vertraten, der dritte ſo ſchwarz wie Steinkohlen war, fingen bei den Tönen auf einmal an den Saal auf und ab zu tanzen, machten aber Springe und Pas, daß man vor Lachen ſterben mußte. Unſre alte weiße Kuh tanzt mal ſo gut, wenn ſie ihre Einfälle kriegt.„Ein Hurrah für unſre Seite! Hurrah! hurrah!“ grölte der lange Kerl neben dem Fidler, deſſen Mund und Naſe auseinander gingen, als ob ſie ſich wie Hund und Katze haßten, damit nahm er ſeinen Strohhut ab und warf ihn mitten unter die Tänzer. Er fiel einem Burſchen auf den Kopf, der gerade über eine Bank voltigirte. „Heda, guter Freund, ſchickt den Hut wieder zu⸗ rück!“ ſchrie der lange Keri und ſtürzte Hals über Kopf ſeinem Hut nach. „Will verdammt ſein, wenn ich's thue!“ rief der andere und machte ſich der Thüre zu, den Hut mit beiden Händen haltend, als wäre er ein ſolches Ding nicht ge⸗ wöhnt„Alles gleich zur Wahlzeit! Ein Hurrah für gleiche Rechte!“ In dem Augenblick kam ein Haufen Kerle herein, die wie beſeſſen ſchrien und die Beine warfen. Sie brach⸗ ten friſche Neuigkeiten über die Wahl mit. „Um Gottes Willen, was ſind das für Kerle?“ ſagte ich zu Captain Dpolittle. „Ein Haufen Irländer; ſeht ihr nicht, wie ihr Haar abgeſcheuert iſt von dem Ziegelſteintragen?“ ſagte der Captain. „Nicht möglich!“ ſagte ich;„na, die praſſeln ihre Worte ſchön durcheinander,“ hätte aber ebenſo gut zu einem Stück Eiſen reden können, denn die Kerle fingen auf einmal an zu ſchreien, daß einem die Ohren zerſprin⸗ gen wollten. Habt ihr je hunderttauſend wilde Katzen und Bären und Woͤlfe und Nachteulen zuſammen ſchreien und heulen und winſeln gehört? Habt ihr. ſo kann ich euch keinen Begriff davon geben, wie die Kerle grölten und ſchrien. Das war ein Rufen, ein Stampfen, ein Tanzen, ein Fiedeln, daß man ſeine eigenen Worte nicht mehr verſtehen konnte. „Jetzt ſtimmet eure Pfeifen rein, Mitbürger,“ ſagte der kleine Mann am Fenſter, und laßt uns eins ſingen; ich habe ein gedrucktes mitgebracht, ſo daß jeder mitſin⸗ gen kann und wer nicht leſen kann, mag den Yankee Doodle oder Heil Columbia ſingen.“ Damit warf er einen Haufen Texte unter die Leute und fing aus Leibeskräften an zu ſchreien, bis die Uebri⸗ gen mit einſtimmten. Allmälig kamen ſie alle in Gang und es war eine ohrenzerreißende Muſik, ſag' ich euch. Der ſang die, der andere jene Melodie— jeder ſeinen eignen Stiefel. Der kleine, dicke Kerl fuhr wie ein Blitz über ſeine Geige hin und der Krummnaſige blies ſich auf einer gellenden kleinen Pfeife den Athem aus der Lunge. Lange konnte ſo ein Haufen natürlich nicht zuſammen ſchreien, und wie Einer nach dem Andern abfiel, rief der dicke Fiedler:„Ein Hurrah für das Lied! dreimal hoch die Sänger!“ Und dann ging es an ein Trampen und Schreien und die Hüte in die Höhe werfen, als ſei der Gott ſei bei uns ſelber in ſie gefahren. By gracious! ſo viele weiße Indianer ſind noch nie zuſammen geweſen und kommen auch nie wieder zuſammen. Ein dicker Kerl, ſo rund wie ein Mehlſack nach der Ernte, der neben mir ſtand, grunzte ſeine Worte ſo heraus wie ein Schwein, dem man das Sprechen gelehrt hat. 29 „Der iſt aus Yorkſhire, wett' ich,“ ſagte Captain Dolittle. „Und wer iſt denn der, der dort mit dem Spitz⸗ nafigen ſpricht und aus allen a ein o macht. Wenn ich der Kleine wäre, ich ſagte ihm nicht Dank dafür, daß er mir ſo ins Geſicht bellt. Der Kerl reißt's Maul auf, als wollte er den andern bei jeder Sylbe verſchlucken. Wißt Ihr nicht, wer das iſt, Captain?“ „Präeis grade nicht, ealeulire aber nach ſeiner Sprache, 's iſt ein Holländer,“ antwortete der Captain. „Schaut dort mal hin,“ ſagte ich und zeigte auf einen, der grade an den Holländer herangetreten war. Er war grade nicht ſauber gekleidet, aber eine große meſ⸗ ſingene Vorſtecknadel ſtak an ſeiner Bruſt und er figurirte mit den Händen herum, daß ein ehrlicher Menſch ihn mit einer zehnfußlangen Stange nicht erreicht hätte. Ich ſtieß Captain Dolittle den Ellbogen in die Rippen, daß er mir ſagen ſollte, wer es wäre, aber er ſah anderswo hin und wollte mich nicht hören. Allmälig fing der Kerl mit dem Holländer an zu ſprechen. Er warf ſeine Arme wie Windmühlenflügel herum und ließ ſolch einen Strom von Kauderwälſch über ſeine Lippen laufen, daß ich ihm hätte grade in's Geſicht lachen müſſen. Die Worte liefen zuſammen wie Mama's dicke Milch, wenn ſich der Käſe nicht ſetzen will. Alle fünf Minuten machte dann der Hölländer das Maul auf und warf ihm ein rentnerſchweres Wort in's Geſicht. Dachte bei mir, wenn das nicht eine Probe von den todten Sprachen iſt, ſo weiß ich's nicht, denn das bloße Anhoren kann einen ja umbringen. Am Ende ſchien er ſich über ſich ſelbſt zu ſchämen und fing an ächter Amerikaniſch zu reden, ſo ſchwer es ihm auch wurde. Merkte dann bald, es ſei ein Franzoſe, denn ein langer Kerl, der grade von den grünen Bergen herkam, ging auf ihn zu und ſagte:„Halt's Maul, verfluchter Franzmann! Wenn Dir unſer Land und unſre Weiſe nicht gefällt, ſo geh hin, wo Du hergekommen biſt. Wirſt dort auch ſatt Froſchſuppe kriegen können, ohne daß Du über uns ſchimpfſt.“ Der Franzoſe wurde ſo roth wie ein Truthahn und fing an um ſich zu geifern wie ein Verrückter. Der Andre aber ſteckte grade ſeine Hände in die Taſche und ſagte:„Geh hin, wo Du hergekommen biſt—“ mehr konnte ich nicht verſtehen, denn auf einmal fingen alle an zu ſchreien und zu gellen:„Eine Rede! eine Rede!“ Dann ſtand ein Mann mit Brillen auf, um zu ſprechen, ſtreifte ſeine Hemdsärmel auf und ſpie in die Hände, als wollte er Holz ſpalten und fing mit Mund und Hände an zu arbeiten. Will ewig verdammt ſein, wenn mir das Blut nicht an zu kochen fing bei dem Gerede. So einen Strom von Unſinn hatte ich noch von keinem Menſchenkinde gehört. Am Ende wurde ich ſo wild, daß ich mich nicht länger halten konnte, ſondern gerade herausplatzte als er aufge⸗ hoͤrt hatte. „Mitbürger von Newyork,“ ſagte ich auf die Fen⸗ ſterſchwelle ſteigend und meinen Arm ſo ſteif wie einen Hebel hinausſtreckend,„bin nicht gewöhnt, öffentlich zu reden, muß euch aber ein Paar Worte ſagen.“ „Hurrah für den Yankee! heraus damit, Gelbſchna⸗ bel! gib uns eine Rede, eine reelle, handgreifliche Rede!“ ſchrie es aus mehr wie einem Dutzend Kehlen und Alle kehrten ſich zu mir und ſperrten ihre Mäuler auf, als wäre ich ein wildes Thier. „Mitbürger,“ ſagte ich,„habe euch den ganzen Abend zugehört,(war jetzt Alles mäuschenſtill) und mein reelles amerikaniſches Blut hat mir im Herzen gekocht, ſolches Treiben zu ſehen, und ſolche Worte zu hören, als der Burſch da geſprochen hat.(„Hinaus mit ihm! wollen ihn kielholen! ſtill ihr Krüppel!) Als ſie wieder ſtill waren, fuhr ich fort:„Seit ich in dieſe Stadt gekommen bin, habe ich geſehen, daß kein reeller, heißblutiger Pa⸗ triot unter euch allen iſt, links wie rechts, und daß der 31 geringſte Tropfen Wahrheit euren Politikern ebenſo gut ſchmeckt, wie einem tollen Hunde Waſſer und nicht ſo viel beſſer!“(Hurrah, für den Yankee!) Ich ſtreckte beide Arme aus und fuhr fort:„In der Revolutionszeit war's noch der Mühe werth, ein öffentlicher Character, Soldat oder Patriot oder Politiker zu werden; die Leute hatten noch nicht Zeit, ſo viel zu lügen, wie heut zu Tage. In jenen glorreichen Tagen konnte einer ſein Bajonet ſchultern und ſeine Politik den Feinden in's Herz ſchrei⸗ ben, und keiner konnte ſich in der Handſchrift irren.(Mäch⸗ tiges Stampfen und Klatſchen.) Wenn ſie Freiheit rie⸗ fen, ſo denk' ich, die Britten wußten, was ſie meinten. (Drei Chneos für den Yankee! und dann ein Lärmen und Schreien, daß mir die Haare zu Berg ſtanden.) „Mitbürger, macht mich ſelber beinahe fluchen und ſchwö⸗ ren, wenn ich daran denke. Wenn die Leute heutzutage Freiheit rufen, ſo weiß man nicht, ob ſie einen Mehlladen ſtürmen oder einen Neger braten wollen.“(Sag' euch, bei den Worten wurde der Hälfte von ihnen unwohl; ſchrien heraus als ob ſie's Fieber hätten.)„Wundere mich nicht, daß die alten Revolutionsmänner ſo wegſterben; was ich heute von Politik geſehen, iſt genug, ihre alten treuen Herzen zu brechen und ſie ins Grab zu ſchicken, weil ihnen die Schaam auf ihren runzligen Wangen brennt über die Nachrichten, die ſie General Washington in die andere Welt bringen müſſen.“ Hoͤrte einen Augenblick, auf um Athem zu ſchöpfen und wollte gerade meine Arme ausſtrecken, um wieder anzufangen, denn ich fühlte mich löwenmuthig und die Worte ſtrömten mir zu, daß ich nicht Raum genug für ſie ſinden konnte. Aber die verfluchten Kerl fingen ein Geheul an, daß einem bange wurde und ehe ich wußte, wo mir der Kopf ſtand, packten ſie mich, warfen mich die Treppe hinunter und ließen mich unten in der Goſſe lie⸗ gen. Wie ich wieder zu mir kam, fühlte ich etwas ſich unter mir bewegen, und ein großes, ſchwarzes Schwein, das in der Goſſe gelegen hatte, fing an zu grunzen und gab mir einen Stoß, daß ich gerade auf die Naſe fiel. Dann ging es grunzend weiter, als wärxe es ſchon ge⸗ wohnt, ſo geweckt zu werden und ſuchte ſich ein ruhigeres Nachtquartier. Gut, raffte mich ſo gut ich konnte wieder auf und ging ſo gerade wie ein Kreideſtrich in das Comptoir des Erpreß. Fand den Langen hinter dem Tiſche ſitzen und über die Wahl calculiren.„Da ſchauen Sie her, Herr Redacteur!“ ſagte ich und zeigte ihm meinen Rock, von dem ſie beim Hinunterwerfen mir den Schooß abgeriſſen und wie das verdammte Schwein meine neuen Kaſimir⸗ hoſen mit Dreck beſchmutzt hatte.„Mr. Slick,“ ſagte er und konnte das Lachen nicht verbeißen,„müſſen ſich keine grauen Haare darüber wachſen laſſen; iſt mir mehr als einmal ſchlimmer gegangen.“ „Meinetwegen,“ ſagte ich voll Zorn,„meine aber, daß ſie nicht Hals über Kopf auf das Schwein in die Goſſe geworfen ſind.“ „Verſuchen Sie es noch einmal, Mr. Slick,“ ſagte er und that Alles, um nicht herauszuplatzen,„werden ſich nach gerade an die Dinge gewöhnen.“ „Will ewig verdammt ſein, wenn ich's thue, und damit Punktum,“ ſagte ich, meine Fauſt ballend.„Wenn ich über Nichts als Politik ſchreiben kann, ſo gehe ich lieber heute als morgen nach Weathersfield, das kann ich agen.“ Das Ende vom Liede war, daß ich in die Sloop zurückging und mir alle Glieder am ganzen Leibe weh thaten. Heute kann ich nicht ausgehen, darum habe ich den Brief geſchrieben. Euer zärtlicher Sohn Jonathan Slick. 33 Fünfter Brief Eine Epiſode aus Jonathans Herzensangelegenheiten. 5 b An den Herausgeber des Cxpreß. Gelt, mein Wort iſt ſo gut wie Gold. Hatte kaum den andern Brief durchgeleſen, als ich mich auch ſchon hinſetzte und einen neuen anfing. Bei Jingo! das Herz opft einem höher, wenn man ſeine Sachen gedruckt ſieht und die Leute darüber ſprechen hört. Wollte, hätte den Morgen, nachdem mein erſter Brief gedruckt war, meine Stube ſehen können. Dachte, der Racken würde mir ſteif vor all den Bücklingen, die ich den Leuten ma⸗ chen mußte, die zu mir kamen und guten Rath für meine Briefe geben wollten. Einer von ihnen wurde gewaltig böſe über das, was ich über Politik geſchrieben hatte; ſagte ihm aber gerade heraus, ſolle ſeine Naſe in ſeine eignen Sachen ſtecken, caleulirte, hätte auch die Weis⸗ heitszähne gekriegt, wie ich vom Lande gekommen ſei, und zeigte ihm die Thür, als er unverſchämt wurde. Als er ſich noch nicht zufrieden geben wollte, gab ich ihm gerade eine kleine Probe von Weatherefielder Sohlleder — doch es lohnt nicht die Mühe, über einen ſolchen Schlingel zu ſchreiben. Sie wiſſen jetzt, wer ich bin, und werden ſich nicht wundern, wenn ich ſage, wie mich der Gedanke plagte, welch gute Gelegenheit, die Welt zu ſehen, meine Alten dem Samuel gegeben, während ſie mich an die Zwiebel⸗ beete ſo feſtgebunden hielten, wie Frau Jones es mit ihrem kleinen Schreihals machte, der ſo quer war, daß ſeine Zähne nicht gerade herauskonnten, ſondern bunt durch⸗ einander aus dem Zahnſleiſch hervorſtaken. War mir trübſelig zu Muthe, als ich den Samuel Leben in Newyork.„ 3 mit ſeinem Wagen voll von buntgemalten hölzernen Uhren, die ſo glänzten, wie die Newyorker Mädchen am Sonn⸗ tag, abfahren ſah. Hätte einen Bretternagel auseinander beißen können, ohne es zu fühlen! Mußte aber doch ſtillſchweigen. Der Alte ſagte immer, ich ſei noch nicht ausgewachſen und das war freilich wahr, denn das ewige Bücken über den Zwiebelbeeten hatte mich nicht recht zum Wachſen kommen laſſen. Sag' euch,'s war eine harte Arbeit. Wären die Wintermonate nicht geweſen, ich würde ſo krumm, wie ein Ochſenjoch geworden' ſein. Brauchte immer von Michaeli bis Oſtern, um die Knicke wieder aus dem Rücken zu bringen. Schimpfte heimlich und ertrug es, ſo gut es gehen wollte, und die Wahrheit zu ſagen, ſo hart war es ge⸗ rade nicht, ſo lange Judy White bei Mama war. Für eine Taglöhnerin war Judy White ein capitales Ge⸗ ſchöpf, und es gab in ganz Weathersfield kein Mädchen, das es mit ihr im Zwiebelaufreihen aufnehmen konnte. Nichts auf der Welt bringt einen jungen Burſchen ſo auf die Beine, als wenn er an derſelben Deichſel mit einem jungen Mädchen zieht, und unter uns, es war keines⸗ weges unangenehm, mitten auf einem Zwiebelbeet zu ſitzen und mit einem Mädchen zu arbeiten, wie Judy White war. Will nichts ſagen, aber by gracious! mein Herz ſchlug bisweilen wie ein Rebhuhn gegen einen dürren Baum, wenn ich einen Blick unter ihrem großen Stroh⸗ hut hervor erhaſcht hatte. Wollte ihr einer aber zu nahe, ſo wußte ſie ihn ſchon in gehoriger Entfernung zu haltenz meine Backen können davon erzählen, denk' ich. Iſt aber beſſer, daran zu denken, als davon zu ſprechen. Will nicht ſagen, daß Judy etwas gegen ein ordent⸗ liches Sparken*) hatte, wenn Sonntag Abends die pa⸗ 4) To spark, freien, ähnliche Sitte, wie vas ſchwei⸗ zeriſche Chiltgehen, die Liebhaber ſteigen des Nachts zu ihren Mädchen, d— —— 35 pierenen Vorhänge herunter und die Alten in's Bett waren. Saßen oft bis zwei und drei Uhr auf und Indy war nicht wie eine alte Jungfer. Am Ende fing die Alte Spektakel an, weil wir ihr ſo viele Talglichter verbrann⸗ ten. Sie brauchte nicht ſo viel Aufhebens davon zu machen, denn es war doch nichts, als altes Seifenfett und han⸗ fene Dochte, und es war gewiß nicht meine Schuld, daß wir ſo viele verbrannten. Ich wäre von Herzen froh geweſen, im Dunkeln zu ſitzen, aber Judy wollte nichts davon wiſſen. An einem Montag Morgen vor dem Frühſtück, kriegte die Alte mal ihre Einfälle. Sie gab Judy alle mögliche Namen, nur nicht den eines braven Mädchens und warf ihr vor, daß ſie arm ſei und mir nachſtelle. Da ſetzte Indy aber auch ihren Kopf auf und trumpfte die Alte gehörig ab, mein' ich. War in einer böſen Lage zwiſchen den Beiden, ſag' ich euch. Die Alte fing an von Samuel zu renommiren, denn ſie thut ſich gewaltig viel auf ihn zu gute, ſeit man ihm unten in Kanada das Mittageſſen gegeben hat, und ſagte zu Judy: „Kann mir auf Gottes Erde nichts Unverſchämteres denken, als mit meinem Jonathan herumzufreien. Was, iſt mein Samuel nicht einer der erſten Schriftſteller im Lande, iſt er nicht auf du und du mit all den Richtern und Advokaten und Newyorker Zeitungsſchreiber und all den Vornehmſten weit und breit? Mußte wiſſen, daß meine Knaben nicht von der gewöhnlichen Sorte ſind und Jeder von ihnen höher hinaus will, als eine, die um's Taglohn arbeitet, zu nehmen. Wer weiß, ob mein Jo⸗ nathan heute oder morgen nicht ebenſo berühmt wird, als ſein Bruder.“ Könnte Ihnen keine Vorſtellung machen von dem Wortſtrom, den die Alte über das arme Mädchen aus⸗ ſchüttete. War aber, py gracious, an die Rechte ge⸗ kommen. Hättet Judy White's Geſicht ſehen ſollen! wechſelte bei Gott glle Regenbogenfarben in einer Minute. Dachte wahrlich, das Geſchoͤpf wollte aus der Haut fah⸗ ren, ſo wild war ſie. „Scheere mich nicht ſo viel um euern Sohn,“ ſagte ſie und ſchlug der Alten ein Schnippchen ins Geſicht. „Kann alle Tage Beſſere haben. Möchte ihn nicht, und wenn jedes Haar auf ſeinem Kopfe voll Diamanten wäre, und wenn er vor mir auf den Knien liegen wollte! Macht ein gewaltiges Weſen daraus, daß Samuel unter ordent⸗ liche Leute gekommen iſt; iſt am Ende doch uur ein Uhrenkrämer, und was euch angeht, altes Eſſiggeſicht—“ Sie wollte Mama gerade eine gewaltige Ohrfeige geben, denke aber immer, ein Sohn muß ein Eſel ſein, wenn er ſtill ſteht und ſeine Mutter ſchimpfen hört, ſie mag es nun verdienen oder nicht. Stand alſo auf und ſtellte mich gerade vor Judy und ſah ihr ſteif in's Geſicht und ſagte:„Will vas nicht länger horen, Judy, ſchweigt jetzt alle Beide ſtill, Mutter und Du, denn ich leid's nicht länger.“ Mama nahm ihre Linſeh-Schürze vor's Geſicht und fing an zu weinen und ſagte:„Es kommt einem hart an, in ſeinem eignen Hauſe geſcholten zu werden, und ich ertrag's nicht länger.“ „Na, Judy,“ ſagte ich freundlich,„mach's wieder gut, ſie iſt eine herzensgute Frau und das Weibervolk muß nun mal bisweilen miteinander zanken.“ By gracious! wollte lieber alle Tage mit ein Paar wilden Stieren ackern, als zwei Weiber verſöhnen, die ſich zanken. Und Judy White hatte den Teufel im Leibe, wenn ſie mal angefangen haite. „Pack Dich Deiner Wege, Du langes Talggeſicht!“ ſagte ſie und gab mir eins hinter die Ohren, daß mir die Zähne wackelten.„Ich mag Dich mit keinem Finger anrühren und ärgere mich nur, daß ich je mit Dir auf⸗ geblieben bin. Ich verlaſſe das Haus auf der Stelle.“ Damit ſtürzte ſie wie ein Sturmwind zur Stube 37 hiraus, packte ihre Siebenſachen zuſammen und rannte nach Hauſe ohne Jemand Adieu zu ſagen. Es iſt ſonderbar, wie ſich doch ein Menſch an Alles gewöhnen kann Will gar nicht läugnen, daß ich nicht ein Auge auf Judy White hatte, als ich aber der Alten die Thränen in die Augen kommen und über ihre großen ſtählernen Brillen herablaufen ſah, ſtand mir das Waſſer auch in den Augen, ich mochte mich wehren, wie ich wollte. Iſt alſo kein Wunder, daß es mir nicht lieb war, daß die beiden ihre Geſchichten miteinander anfingen. Der Alte ſaß aber da und kaute einen Apfel und lachte in ſeinen Bart, als ſähe er zwei Katzen gegen einander ſpeien und kratzen. Ich fragte ihn, wie das möglich ſei, aber er lachte nur noch mehr und ſagte, die Weiber hätten es nun einmal ſo und das Beſte ſei, ſie gewähren zu laſſen. Wäre nun ein Leichtes geweſen, zwei oder dreimal in der Woche zum alten White hinüberzugehen, und hätte Judy nur einigermaßen den erſten Schritt gegen die Alte gethan, ſo wär's auch geſchehen; aber ein Mäd⸗ chen ſtößt den Milchtopf um„wenn ſie ſich recht trotzig gegen einen zeigt, der gerade anfängt, ihr den Hof zu machen. Konnte mich nicht bequemen, einem Geſchöpfe nachzugeben, das einen ſo ſteifen Kopf gezeigt hatte und ließ ſie alſo den nächſten Sonntag allein aus der Sing⸗ ſchule nach Haus gehen. Ich ſah ſie ſich zwei oder drei⸗ mal eifrig umſehen und das Herz wurde mir in der Bruſt zuſammengeſchnürt; machte aber die Oberlippe ſteif und ging weiter, als ſähe ich ſie nicht; und ſie warf den Kopf zurück und fing an zu ſingen, als wollte ſie mir zeigen, daß ſie ſich keinen Pfifferling aus mir mache. War mir zwei oder drei Tage lang gar nicht recht, müßte einer aber doch ein Eſel ſein, wenn er einem Mäd⸗ chen nicht den Laufpaß gibt, wenn er meint, ſie verdient es. Hätte Judy die Blattern gehabt und wäre über und über voll wie eine Honigſcheibe geweſen, ich hätte bis 38 zum letzten Augenblick bei ihr ausgeharrt; konnte ihr aber die hölliſche Ohrfeige nicht verzeihen, die ſie Mama geben wollte. Habe gern, wenn man alte Leute ordentlich behan⸗ delt, ſie mögen anfangen, was ſie wollen, und ein Mäd⸗ chen kann keine Kinder recht erziehen, wenn ſie ihren eignen Willen nicht im Zaum hat. Hat außerdem nicht viel ächte, wahre Liebe für einen Mann, wenn ſie ſeinetwegen nicht die Fehler ſeiner Verwandten erträgt. Gut, das Ende vom Liede war, daß ich die Judy White laufen ließ und nicht viel Aufhebens davon machte. Hatte aber doch viel Langeweile in der Einſamkeit und kriegte Luſt, die Welt zu ſehen. Als Vater alſo eine Stloop mit einer Ladung nach Newyork ſchicken wollte, gab ich ihm, wie Samuel, gute Worte und erzählte ihm, wie viel beſſer ich die Zwiebeln und Kohlköpfe verkaufen könnte und ſagte am Ende, ich möchte als Supercargo mit hinunter. So ſchüttete er den Raum voll Kartoffeln, legte Gemüſe auf's Deck, und wir ſegelten ſtromab. Hatte große Luſt, in der Stadt zu bleiben, wenn ich mal von Haus fort war, könnt aber denken, daß ich den Alten kein Wort davon ſagte, denn es that mir leid, Mama traurig zu ſehen und wollte Vater auch nicht ſo viel fluchen hören, da er doch einmal Kirchenälteſter iſt. Brauchten drei Tage, den Strom herabzukommen und es machte mich wild, die faule alte„Cleopatra“ an uns vorbei nach der Stadt und wieder zurückkommen zu ſehen, ehe wir nur in den Enſtriver einliefen. Riefen ihr zwar ein Hurrah zu, kam aber nicht aus dem Herzen. Kamen endlich geſund und wohl am Packflip an, und wenn ich nicht ſo fidel wie ein Grasſpringer an's Land ſprang, ſo ſollen keine Schlangen auf den grünen Bergen ſein, das iſt ein Feat. Jonathan Slick. Sechster Brief. Jonathau's Meinung über die Einmiſchung der Geiſtlichen in Familienverhältniſſe.— Eine Einladungskarte und eine Abendgeſellſchaft bei Vetter Beebe, in der Jonathan einige Mißgriffe und eine Damenbekanntſchaft macht. An Mr. Zephanjah Slick, Friedensrichter und Kirchen⸗ Aelteſten in Weathersfield im Staate Connecticut. Lieber Vater! Habe grade euren Brief erhalten und ſetze mich gleich hin, ihn zu beantworten; denn was ihr darüber geſchrie⸗ ben, daß ich Captain Dolittle tractire und ſchlechte Re⸗ densarten gebrauche, hat mir weh gethan. Weiß nicht warum, iſt aber einer von Haus, ſo kränkt ihn der Ge⸗ danke, etwas gethan zu haben, das Papa und Mama nicht recht ſein kön e, gewaltig. Was nun Captain Dolittle angeht, ſo kann man mir, meim ich, keine Vorwürfe machen. Was ich über ihn geſchrieben, kränkte den armen Burſchen ſo, daß ich es nicht anders wieder gut machen konnte, als mit Trac⸗ tiren und ſo gab ich ihm Neu⸗England Rum und ein Paar Cigarren; trank aber ſelbſt kein Glas, und es war nicht ſchoͤn vom Pfarrer, mit euch nach der letzten Pre⸗ digt davon anzufangen, und zu ſagen, ihr hättet mich nicht in der Zucht und Ehrbarkeit des Herrn erzogen, und wenn man„Goddam“ ſage, ſo ſei das ſo ſchlimm als fluchen und ſchwören. Iſt gemein von ihm, euch zu ſagen;„wie man den Baum zieht, ſo wächst er,“ und hätte es nicht gelitten an eurer Stelle. Er weiß ſo ge⸗ wiß, als zwei mal zwei vier iſt, daß es nicht eure Schuld iſt, wenn ich nicht recht gezogen bin, denn es wäre gegen Menſchennatur, mich anders als mit dem Kopf voran aufzubringen, in Betracht, daß ich die Zwiebelbeete ge⸗ hörig jäten ſollte. Die Wahrheit von der Sache iſt, daß es mir vor⸗ kommt, als ob eure Pfarrer in Connecticut die Zügel ihrer Pfarrkinder bisweilen ein wenig zu ſtraff anziehen, und ſtatt euch gute, heilſame, aus der Bibel genommene Lehren zu geben, und die Kartoffeln und Aepfel und das Holz und die Hühner und Welſchhühner anzunehmen, die ihnen die Aelteſten und alten Jungfern ſenden, ihr Amt als Pfarrer bisweilen mißbrauchen, um ihre Naſen in Dinge zu ſtecken, die ſie nicht angehen. Fürchte, meine Worte gefallen euch nicht; kann aber nicht dafür; es hat mich wild gemacht, zu hoͤren, daß er euch aus der Pfarrgemeinde zu ſtoßen droht. Laßt euch aber deßwegen keine graue Haare wachſen. Er ſtößt euch nicht mehr aus der Gemeinde, als er ſeinem eigenen Beutel zu nahe tritt, wenigſtens nicht ſo lange, als ihr die beſte Farm in ganz Connecticut habt und ihm jeden Buß⸗ und Bettag einen fetten Welſchhahn ſchickt, außer⸗ dem, daß ihr die Kirchenſtuhltare zehlt. Weiß nicht, was er thäte, wenn ihr mal Unglück hättet und umwürftz ſobald einer arm wird, kriegen die Pfarrer allerlei Be⸗ denken über ſeine Religion und Moralität, iſt aber keine Gefahr. Sagt ihm grade, wenn er euch wegen meites Treibens hier in Newyork wieder mit Ausſtoßung droht, ihr wolltet ihm's machen, wie das engliſche Parlament mit ihren Königen, wenn ſie aufſätzig wurden, und wie es mit ihrer kleinen, quicken Königin verfahren würde, wenn ſie ihre eignen Wege gehen wollte. Sagt ihm, ihr würdet„die Subſidien verweigern.“ Schickt ihm keinen Welſchhahn nächſten Buß⸗ und Bettag und ſagt Mama, ſie ſoll ihm keine einzige Doughnuß*) und kein Bund *) Poughuuts, eine Art Gebäck. Garn beim nächſten Spinnfeſt geben. Denke, das wird ihn zur Vernunſt bringen. Von mir aus kann er Gras und Sumpfheu freſſen, bis er ſo fett wird wie Nebucad⸗ nezar. Gehöre gar nicht zu ſeinen Pfarrkindern, und thäte ich's, bäte ihn, ſich nicht um mich zu bekümmern. Weiß was ich zu thun habe, und brauche ſeinen Rath nicht. Weiß ſo gut wie er, daß es in Newyork geng nichtsnutziges Volk gibt und weiß, daß dort genng reelle, rechtſchaffene, vollblütige Leute ſind. Und wenn die Wei⸗ ber auch gräulich herausgeputzt ſind und ihre Männer faſt mit Putz und Geſellſchaften ruiniren, ſo gibt's doch auch andere darunter, die nicht zu verachten ſind. Will dem Pfarrer nicht zu nahe treten, aber er ſoll euch nicht drohen, oder es thut nicht gut, das ſag' ich. Gut, der Pfarrer hat jetzt meine Meinung gratis, iſt's alſo in der Ordnuug, daß ſch euch weiter über New⸗ york ſchreibe. Kam neulich ein kleiner ſchwarzer Bube mit einem Paufen Briefe in meine Stube, gab mir einen, ohne ein Wort zu ſprechen und ging wieder fort. Machte den Brief auf und ein viereckiges Stück weißen Pappendeckel fiel heraus, auf das mit zierlichen kleinen Buchſtaben ge⸗ druckt war:„Mrs. Beebe zu Hauſe— Donnerſtag Abend.“ Brabo, ſagte ich zu mir ſelbſt, wenn das nicht über's Bohnenlied geht!— Bäschen Marie iſt ſo ausläuferiſch geworden, daß ſie bei ihren Bekannten herumſchickt und es ſagen läßt, wenn ſie mal einen Abend zu Haus iſt. Wundere mich nur, wie Vetter Beebe das aushalten kann. Könnt's ihm nicht verdenken, wenn er zu trinken anſinge, oder in ſchlechte Geſellſchaften ginge, wenn ſeine Frau es ſo macht; denn wenn eine Frau nicht zu Hauſe blei⸗ ben und alles in Ordnung halten will, wenn ihr Mann von ſeinen Geſchäften kommt, ſo muß ein Mann gewal⸗ tig gutmüthig ſein, wenn er nicht auch ſeine eignen ege zu gehen anfängt. ——— 8 42 Setzte mich, legte die Füße auf den Ofen und fing an nachzudenken, bis es mir meine Pflicht ſchien, zu Bäs⸗ chen Marie zu gehen, und ſie über ihr Betragen zur Rede zu ſtellen. War ſie doch ſo ein hübſches, gutes Geſchöpf geweſen, als ſie noch in Connecticut lebte; und dann dachte ich, wie ſie ſich verändert hätte, ſeitdem ich ſie hier geſehen und hatte Mühe, die Thränen zurückzuhalten, denn wenn Bäschen Marie meine eigne Schweſter geweſen wäre, hätte ich ſie nicht lieber haben können, als ſie noch ein Mädchen war. Gut, hatte das Alles wohl überlegt und ſtand auf, um zu John zu gehen und ihn zu fragen, ob er nicht meinte, es ſei das Beſte, ich ſpräche mit ihr, denn ich miſche mich nicht gern in andrer Leute Dinge, wenn man mich nicht dazu auffordert, und erwartete auch nicht viel Dank für meinen Rath, denn wenn einer zwiſchen Mann und Frau tritt, ſo iſt's, als wollte er Katze und Hund auseinander bringen; kann froh ſein, wenn die eine ihn nicht kratzt und der andere halb todt beißt. Schaute das Stück Pappendeckel aber wieder an und wurde mir klar, etwas müſſe geſchehen, und wenn John nicht wolle, wollte ich's verſuchen. Haſſe nichts mehr auf der Welt, als ein ausläuferiſches Weib, und wollte mir nicht in den Sinn, daß ich Bäschen Marie ſchon aufgeben mußte. Gut, nahm meinen Hut, ſteckte die Hände in die 1 Hoſentaſchen, und ſchlenderte langſam durch Cherryſtreet bis ich nach Franklin Square kam. Sah weder rechts noch links, denn das Herz war mir ſchwer von Gedanken an die alten Zeiten. Schaute die Steine vor mir an und fühlte mich ſo allein, als wäre ich in einem Connec⸗ ticutſumpf, gingen aber doch mehr als fünfzig Perſonen den Platz auf und ab. Stand grade vor dem alten Waltonhauſe, das vor der Revolution gebaut wurde, war aber fo tief in Gedanken, daß ich die Wappen der alten Tory⸗Familie nicht ſah, die über der Thüre eingehauen waren, ehe ſie General Washington von Haus und Hof trieb, als mir plötzlich Jemand einen Schlag auf die Schulter gab, daß ich bis mitten in die nächſte Straße hineinſprang. Sah in die Höhe und da ſtand Vetter John, der mich über mein Zuſammenfahren auslachte. „Holla, Vetter Jonathan,“ ſagte er,„über was zum Teufel grübeln Sie denn?“ „Ueber das,“ ſagte ich, das Stück Pappendeckel aus der Poſentaſche nehmend;„ein kleiner Neger hat's mir gegeben.“ „Was ſoll damit?“ ſagte Vetter John;„iſt Alles in der Ordnung und hoffe Sie werden kommen.“ „Ja,“ ſagte ich,„war grade auf dem Wege zu Ihnen, um darüber zu reden, und wenn es Ihnen recht iſt, will ich auf der Stelle zu ihr gehen und mit ihr ſprechen; ich fühle, ich kann ihr ſo ins Herz reden, daß es brechen muß, und wenn es ſo hart iſt wie Stein.“ Damit lachte Vetter Beebe grade heraus.„Recht ſo,“ ſagte er,„mit Ihnen geht es raſch vorwärts; ſpre⸗ chen Sie nicht von einem Herzen, zweifle nicht, Sie brechen ein Dutzend— ihr Literaten ſeid Meiſter in dem Punkte.“ Konnte ihn nicht begreifen, kam mir vor, als ſpottete er mich aus, daß ich ſeiner Frau guten Rath geben wollte, ſagte alſo: „Wenn Bäschen Marie noch ein brechen hat, ſeit als ich glaubte.“ John ſtierte mich an und platzte wieder heraus. „Haben doch etwa nicht den Einfall, Marie den Hof zu machen?“ ſagte er.„Auf mein Wort, Vetter Slick, Sie ſchütteln alle guten Gewohnheiten verdammt ſchnell ab. In der Regel muß ein junger Mann doch erſt einige Monate in guter Geſellſchaft gelebt haben, ehe er es un⸗ ternimmt, eines Andern Frau den Hof zu machen.“ „Weiß wahrlich nicht, was Sie meinen, Veiter John! gutes Herz zu ſie hier in der Stadt iſt, ſo iſt ſie beſſer, Hören Sie auf, oder ich werde böſe. Iſt mein Vater nicht Kirchenälteſter? Bin ich nicht ſchon in Miſter Smith's Predigten gegangen, als ich noch kniehoch war? Siiſt'ne Schande, ſo zu reden, als wollte ich irgend Je⸗ mand den Hof machen, geſchweige denn eines Andern Frau. Sag' Ihnen, Herr, wenn ich eine lieben will, ſo muß es ein ehrliches Herz und ein ganzes ſein; will nie⸗ mals roth werden, wenn ich einem Mädchen unter die Augen trete und ſie frage, ob ſie mich will. Und was die verheiratheten Frauen angeht, ſo könnnn Sie ohne Sorge ſein. Keiner, und wenn er der Unverſchämteſte iſt, wird ihnen den Hof machen, wenn ſie nicht zuerſt anfangen. Da wir aber mal ſo weit gekommen ſind, ſo ſehen Sie Vetter Beebe, was mir ihre Frau geſchickt hat.“ Damit gab ich ihm das Papier, in welchem der Pappendeckel eingewickelt geweſen war und auf das Bäs⸗ chen Marie geſchrieben hatte:„Mrs. Beebe hofft Mr. Slick wird nicht ermangeln zu kommen.“ Vetter John las es und ſagte:„Gut, was iſt denn Böſes dabei? Es war recht aufmerkſam von Marie und ich freue mich darüber. Sie kommen alſo; es wird eine große Geſellſchaft da ſein, die alle neugierig ſind, Sie zu ſehen, ſeit Ihre Briefe in dem Expreß erſchienen ſind.“ „Wie,“ ſagte ich,„Miß Beebe will eine Geſellſchaft haben? warum ſagte ſie das aber nicht?“ „O, es iſt nur eine Swarry,*) wie ſie oft hat,“ ſagte er. „Was!“ ſagte ich. „Eine Swarry, eine converſationanny,“ ſagte er. Ich wußte nicht, was er meinte, fiel mir aber ein, daß Marie vor ihrer Verheirathung oft hyſteriſche Anfälle hatte und dachte, ſie gäben dem Dinge in Newyork einen andern Namen. „Thut mir leid, will kommen,“ ſagte ich,„wenn ) Soirée. 45 helfen kannz vermuthe aber, ſie wird einen Doctor haben.“ „O ja,“ ſagte er,„zwei oder drei„außer einer Menge junger Advocaten, Dichter und Schriftſteller.“ „Was will ſie denn mit allen denen machen?“ „Das weiß Marie ſchon,“ ſagte er; ſie verſteht das recht gut, obwohl ſie auf dem Lande erzogen iſt.“ „Aber ich meinte, wir ſollten uns ihrer annehmen,“ ſagte ich. „Natürlich, Sie machen ſich ſo angenehm, als Sie können. Es werden viele ſchöne Damen da ſein und Sie unterhalten ſich gewiß gut in der Geſellſchaft.“ „Eine Geſellſchaft!“ ſagte ich;„will Miß Beebe eine Geſellſchaft geben2“ „Freilich,, ſagte er verwumert;„verſtanden Sie das nicht aus dem Billet und der Einladungskarte?“ Mir fiel ein Stein vom Herzen und ich hätte vor Freude tanzen mögen. Ich glaubte, Richts macht einen Vergnüg⸗ ter, als wenn man gefunden hat, daß man gegen Jemand, den man lieb haben muß, einen falſchen Verdacht gehabt hat. Vetter John ſah mich an und ich wurde ſehr ver⸗ legen, denn es ſchien mir, er könnte Alles in meinem Ge⸗ ſichte leſen, was ich Schlimmes von ſeiner Frau gedacht hatte. Nach einigen Augenblicken zog ich meine Hand * der Taſche, ergriff die ſeine, ſchüttelte ſie kräftig und agte: „Bin ein gewaltiger Narr geweſen, Vetter John; wußte nicht, was das Stück Pappendeckel bedeuten ſollte und—“ „Laſſen Sie das gut ſein, Vetter Jonathan,“ ſagte er mir die Hand wieder ſchüttelnd;„Sie wiſſen jetzt, was es bedeutet und kommen am Donnerſtag. Aber, fällt mir grade ein, Sie müſſen einen anvern Anzug nehmen. Der blaue Rock mit den gelben meſſingenen Knöpfen war gut genug für Weathersfield, aber hier könnte ein etwas moderneres Kleid nicht ſchaden. Denke, Sie gehen zu den Schneidern auf Broabway und laſſen ſich neun equipiren.“ „Nichts davon,“ ſagte ich, meinen Rockſchoß in die Hand nehmend, und die Knöpfe mit meinem rothſeidenen Taſchentuche abwiſchend.„Das Bild, das von mir in dem Erpreß ſteht, iſt in dieſen Kleidern gemacht und wenn Sie nichts dagegen haben, ſo behalte ich ſie an.“ Vetter John ließ ſich nicht ſo leicht abfertigen und beſchwatzte mich am Ende, daß ich einſtimmte, mir einen Anzug nach Newyorker Schnitt für Geſellſchaften machen zu laſſen. So ſagten wir uns Adien, er ging in ſeinen Laden, und ich in meine Wohnung. Vorher ging ich aber bei dem Comptoir des Erpreß vorbei und holte mir etwas Geld, venn ſie bezahlen mich gut, ſeit ich für ſie ſchreibe und können meine Briefe nicht genug loben. Sie ſagten, Jedermann leſe ſie, und jeder fände was Beſon⸗ deres in ihnen und eine Menge junger Damen hätten mein Bild geſehen und ſtürben vor Ungeduld, meine Be⸗ fanntſchaft zu machen. Das wunderte mich nicht mehr. Nachdem ich ſo viel Poeſie in meine Briefe gebracht hatte, war ich überzeugt, die Mädchen würden von mir ſprechen. Nichts fängt ſie eher, als Poeſie. Wußte, was ich that, als ich das ſchrieb, kann's euch ſagen. Mußte geſtehen, das Lob kizelte michz wird einer aber bald daran gewöhnt und fragt am Ende nicht mehr viel darnach. Steckte das Geld alſo ein und ging in einen Schnei⸗ derladen. War ein merkwürdig ſchöner Platz und zwei oder drei geſchniegelte Burſchen ſtanden herumz ſahen mich aber ſehr von der Seite an, als ſähe ich nicht ſo aus, als wollte ich etwas kaufen und ſchauten beſonders meinen Rock an, als ob er mir nicht recht paſſe. Ge⸗ ſtehe, ſchämte mich nachgerade des alten Blauen, als ich die ſchönen Röcke und Weſten und Hoſen herumhän⸗ gen ſah. „Haben Sie hier ertrafeine tuchene Röcke und Hoſen — * 47 zu verkaufen?“ ſogte ich und klinkerte ein wenig mit meinem Gelde in der Taſche, um ihnen zu zeigen, daß ich ſo gut wie ihre Banken ſei und noch baar zahlen könne. „Ja wohl,“ ſagte einer der Ladendiener und machte einen Bückling.„Welche Farbe wünſchen Sie?“ „Pah, ich denke Kaffeebraun oder ein echtes Indigo; kommt mir grade nicht drauf an; nur muß es ganz nach der Mode ſein, neueſter Schnitt u. ſ. w. Gehe n eine Swarrh und möchte glänzen wie ein neuer Knopf.“ Während ich ſo plauderte, kam Jemand aus dem hintern Zimmer, und als er ſah, daß mir einer von den Röcken gefiel, trat er heran und fing an zu ſprechen. Er zeigte mir das ſchone ſeidene Futter und wie er unter den Armen wattirt war und wollte, ich ſollte ihn anpro⸗ biren. Zog alſo den alten Rock aus und den neuen an. Sag' euch, faſt wie geſchmiert, war keine Falte oder Runzel darin, von der Spitze des Sammetkragens bis zum Ende des Schoßes. Sah ſo fein und genteel, wie nur möglich aus, und als ich mich ganz zugeknöpft hatte, ſchien ich um vie Taille herum nicht dicker wie ein Quart⸗ topf zu ſein. Sagte der Gentleman:„Der paßt vortrefflich, Herr, können keinen beſſern nehmen.“ „Kann's nicht läugnen, gefällt mir ſelber,“ ſagte ich. „Wie viel Lerlangen Sie dafür 2“ „Das iſt ein Rock erſter Qualität,“ ſagte er,„fein⸗ ſtes Tuch und gut gearbeitet; os ſind aber ſchlechte Zei⸗ ten und Sie ſollen ihn billig für baar Geld haben.“ Damit machte er den Preis.„Aber,“ ſetzte er hinzu, „Sie dürfen Niemand ſagen, wie billig Sie ihn haben, ich könnte keinen mehr zu dem Preis verkaufen.“ „Gut, ſagte ich,„will ihn alſo nehmen. Jetzt zeigen Sie mir aber auch Weſten und ein Paar Hoſen; werde etwas abdingen müſſen, denn ich fürchte, ich komme mit meinem Gelde nicht aus.“ „Hat keine Noth,“ ſagte er, zog eine Schieblade auf und nahm einen ganzen Haufen Weſten und Hoſen heraus. Nachdem ich eine Zeitlang drin herumgeſucht hatte, nahm ich ein Paar ſchoͤne, carrirte heraus und kaufte eine ſchwarze Weſte mit gelben Streifen; fand, unter uns ge⸗ ſagt, aber doch, daß es ein beträchtliches Loch in meinen Geldbeutel machte, als ich Alles bezahlt hatte. Der Mann hatte tie Sachen zufammengepackt und ich wollte ſie gerade unter den Arm nehmen und heimgehen, als er ſagte: „Wohin ſoll ich die Kleider ſchicken, Herr?“ Ich dachte einen Augenblick nach.—„Schicken Sie ſie an Mr. Jonathan Slick in das Comptoir des Erpreß, wenn Sie ſo gut ſein wollen.“ Hättet den Burſchen ſehen ſollen! Schien in die Erde zu ſinken, und die Ladendiener ſahen ſich einander an und kamen auf uns zu, als hätten ſie noch nie einen geſehen, der in die Zeitungen ſchreibt. „Mr. Slick,“ ſagte der Mann und verbeugte ſich bis auf die Erde,„danke Ihnen ſehr für Ihre Kundſchaft und hoffe, Sie werden wieder kommen. Finden Sie, daß die Kleider Ihnen paſſen, ſo ſchicken Sie vielleicht einen Ihrer Freunde, die etwas in dem Artikel gebrauchen, in unſer Etabliſſement. Wir werden es uns immer zur Shre rechnen, Mr. Slick oder ſeinen Freunden gefällig zu ſein.“ Dabei machte er einen neuen Diener, und ich trat einen Schritt zurück und verbeugte mich etwas, um ihm zu zeigen, daß ich ſeine Schmeichelei verſtanden und ſagte: „Ja, ſa, will die Kleider probiren und wenn ſie gut ſind, rede ich vielleicht in einem meiner Briefe davon. Viele junge Burſchen um Weathersfield herum wollen grade heirathen, und es wird ihnen recht ſein, wenn ſie wiſſen, wo ſie ihre Hochzeitskleider kaufen müſſen.“ 49 Der Schneider verbeugte ſich wieder und ſagte: „Mr. Slick, wohin können wir die Ehre haben, Ihnen eine ganz feine Weſte oder ein Paar Hoſen zu ſchicken Ich will Ihr Maaß nehmen und ſie eigens für Sie machen.“ „Weiß nicht, ob ich jetzt noch mehr kaufen kann,“ ſagte ich; aber wenn dieſe aufgetragen ſind, will ich wie⸗ derkommen.“ „O,“ ſagte er, ſich die Hände reibend und lächelnd und lauter Bücklinge machend,„laſſen Sie mich das Maaß nehmen, über das Zahlen wollen wir nicht ſtreiten. Wir werden ſtolz darauf ſein, Ihnen gute Waare zu liefern und wenn Sie es annehmen wollen, iſt die Ehre—“ „Oh!“ ſagte ich,„Sie ſind ſehr gütig, Mr.—“ „Und wohin ſollen wir ſie ſchicken, wenn ſie fertig ſind,“ ſagte er. „Wie die frühern an Mr. Jonathan Slick, bei den Herausgebern des Erpreß abzugeben. Aber, apropos, Mr., es wäre mir lieb, wenn Sie es ſo machen koͤnnten, daß die Hoſen unten blieben und nicht immer über die Stie⸗ felſchäfte heraufrutſchen.“ „Ganz nach Gefallen,“ ſagte er und begleitete mich an die Thür.„Empfehle mich Ihnen, Mr. Slick, und danke vielmal für die Ehre Ihres Beſuchs,“ damit machte er noch einen Bückling, den ich erwiedert, und voller Freude ging's vorwärts nach Cherryſtreet. Als der Donnerſtag herankam, lag mir die Geſell⸗ ſchaft doch ein wenig in den Gliedern. Ich hatte alle die Kleider in meine Stube geſchickt und einen feinen Hut noch dazu und ein Paar Stiefel nach der neueſten Mode, die mir wie angegoſſen ſaßen. Sobald es dunkel geworden war, ſchloß ich mich ein und fing an Toilette zu machen. Muß geſtehen, habe meiner Lebtag noch nichts geſehen, das ſo paßte, als die carrirten Hoſen; ſaßen mir am Bein wie die Blechform Leben in Newyork. 1. 4 50 um ein Paar Talglicher zur Winterszeit. Nachdem ich ſie angezogen und feſtgeknöpft hatte, ſchien es, als ob ich in den blaumelirten Socken, die Mama zuletzt für mich ſtrickte, auf den Ball gehen ſollte, denn meine Füße hingen in einem Stück Leder, das quer an den Saum der Hoſen feſtgenäht war und ich wußte nicht, wie ich ſie herausziehen ſollte, um meine Stiefel anzulegen. Ich zog und ſtieß, bis mir beinahe meine Hoſenträgerknöpfe ſpran⸗ gen, aber ſie wollten kein Haarbreit nachgeben, bis ich das Leder ſelbſt anfaßte und ihm einen allmächtigen Ruck gab, daß es mir über die Hacken hinüberrutſchte, und dann ſchob ich die Hoſenbeine in die Höhe, bis ich meine Stiefel anziehen konnte. Nachdem ich ſie wieder herunter⸗ gelaſſen hatte, ſtanden die Leder hinter den Stiefeln her⸗ vor, als wenn ich Sporen anhätte. Es ſaß mir gerade nicht bequem, aber dachte, wen kümmert das, wenn er ſich in Newyork nach der Mode kleiden will. Sobald mir meine Hoſen ordentlich ſaßen, legte ich die Weſte an, die auch wie auf den Leib genäht war, denn hinten waren Löcher und Bänder, die man wie ein Mäd⸗ chencorſet ſchnüren konnte, und ich ſag' euch, ich ſchnürte ſie gehörig zuſammen. Was die gelben Streifen doch glänzten! und als ich die neue Halsbinde, die ich mit den Kleidern kaufte, angelegt hatte, war ich ein ganzer Kerl. Sie war über und über geblümt mit rothen und gelben Tupfen, und machte meinen Hals glänzen, wie unſern alten Hahn, wenn er ſich reckt, um zu zählen, wie viel Hennen und Küchlein er um ſich hat. War aber doch in einer ſolchen Eile, meine neuen Sachen anzuziehen, daß ich vergeſſen hatte, mir Hände und Geſicht zu waſchen, bis ich den Rock anziehen wollte. Ich guckte in den kleinen Spiegel, den ich in meinem Zimmer aufgehängt habe und ſah, daß mein Haar wild durcheinander ſtand und meine Zähne ſo gelb waren, als hätte ich die ganze Woche Tabak gekaut. Wußte nicht, was ich anfangen ſollte, nahm aber den Expreß zur Hand 51 und ſchaute in die Anzeigen, ob ich nichts finden könnte, mein Gebiß weiß zu machen, fand aber nichts. Da fiel mir ein, daß ich Doctor Sherman's Zahnpulver in einem Blatte hatte geſehen, und obwohl ich Niemand patroniſiren will, der nicht in unſerm Blatte anzeigen läßt, dacht ich vo ch, in Betracht meiner Eile, es wäre das Beſte, ich ginge hin und holte etwas. Schlüpfte alſo in meinen alten Rock, ging Naſſauſtreet hinunter, faſt bis an die Ecke von Fuitonſtreet und kaufte mir eine kleine Büchſe voll von dem rothen Zeug und lief wie der Blitz wieder in meine Wohnung. Wußte nicht, wie ich das Zeug gebrauchen ſollte, dachte aber, mußt irgendwie deine Zähne damit reiben, that alſo etwas davon in die Ecke meines Handtuches und fing an, nach Leibeskräften darauf los zu poliren. Es dauerte keine zwei Minuten und meine Zähne waren ſo weiß wie Elfenbein; wuſch darauf in meinem Waſch⸗ becken ab und machte mich an mein Haar und meine Nägel. Wie dieſe Yorker ihr Haar ſo kräuſeln können, iſt mir ein Räthſel. Verſuchte meins an beiden Seiten auf⸗ zuwickeln, haif aber nichts. Kämmte es mit einem feinen Kamme aus, that etwas Schweinefett mit Pfeffermünzöl, das Mama mir gab, um es gegen Magenweh zu ge⸗ brauchen, hinein, und wickelte ſie um den Finger, blieben aber keine Minute kraus. Wurde des Dinges am Ende überdrüſſig und zog in hellem⸗ Zorn meinen Rock an. Calculire, habe zwanzig Meilen in der Runde keinen manierlicheren Br urſchen gefunden als mich, als ich meine gelben Handſ dſchuhe ange zogen und mein neues rothſeivenes Taſchentuch ſo in meine Rocktaſche geſteckt hatte, daß man gerade noch einen Zipfel davon ſehen konnte, auf den ich einen Tropfen Pfeſſermünz geſchüttet hatte. Machte mich dann auf die Beine über Bearl Street nach Broadway. Brauchte auch in Newyork eine Zeit, Toilette zu machen und vonlte mich lieber für zwanzig Quiltings anziehen 52 als für eine Swarry. War mir todesangſt, ich käme zu ſpät, denn es war ſtockdunkel, als ich von Haus fortging, und ſo ließ ich mir das Gras nicht unter den Füßen wachſen, bis ich bei Vetter Beebe's ankam. Als ich vor ſeiner Thür war, zog ich leiſe an dem ſilbernen Knopf, denn es wurde mir etwas Angſt, daß ich in einen Saal voll vornehmer Leute gehen ſollte; zog alſo meine Halsbinde ein wenig in die Höhe und ſah nach, ob mir das Taſchentuch auch gehörig heraushinge, bis der Neger die Thür öffnete. Endlich kam er und als ich fragte, ob ſie zu Hauſe wären, fing er an wie früher ſeine Zähne zu blöcken. „Ja,“ ſagte er,„aber ſie ſind noch nicht herunter.“ Damit trat ich herein und ſagte:„Hör', Alter, laß das Lachen und kümmere Dich um Deine Sachen; ich bin gekommen, um die Swarry zu ſehen, die Miß Beebe ge⸗ kauft hat, um ihre Gäſte zu tractiren; mach alſo Dein verdammtes Maul zu und zeig' ſie mir.“ „So,“ ſagte er und biß ſich auf die Lippen,„die Swarry wird im Beſuchzimmer ſein, treten Sie ein.“ „Wie, iſt ſie noch nicht da?“ fragte ich;„und wo ſind die Leute alle? Ich meinte, es gäbe auch eine Ge⸗ ſellſchaft?“ „Allerdings,“ ſagte der Neger,„aber es iſt noch Niemand gekommen.“ „Na, wenn das nicht über Alles geht,“ ſagte ich zu mir ſelberz„in Connecticut wäre es beinah Zeit nach Haus zu gehen; aber dieſe Yorker ſind die faulſten Kerle von der Welt.“ Trat alſo in das Zimmer, hatte aber meiner Lebtage noch nie ſo etwas geſehen! Blendete einen ſchier. Die beiden Flügelthüren waren beide auf und das Ganze ſah wie ein großer Tanzſaal aus. Außerdem gingen noch zwei große Fenſter am andern Ende in eine Art Garten. Wußte nicht was ich daraus machen ſollte, denn es war voll von Blumenſträuchen, die ſo friſch und grün ausſahen, als wären wir mitten im Juli, und drau⸗ 53 ßen war es ſchneidend kalt. Ging das Zimmer hinun⸗ ter und ſteckte meinen Kopf durch das Fenſter, und ſo wahr ich lebe, es war ein kleines Kabinet voll Sträuchen und Roſen, die auf Bänken ſtanden; hatte ein gläſernes Dach und die Seiten waren ein großes allmächtiges Fen⸗ ſter, über das kleine Reben herabhingen und in der Mitte ſtand ein großer Baum, der ganz voll von Früchten war die wie Drangen ausſahen. Zwiſchen den Sträuchen hingen fünf oder ſechs Kä⸗ ſige mit kleinen gelben Voͤgeln, und hinter dem Baum voll Orangen ſtand eine marmorne Frau, die einen Büſchel Trauben in die Höhe hielt, die in Marmor ausgehauen waren, und um die ſich ganz natürlich grüne Blätter ſchlängelten. War prächtig, machte mich aber doch ver⸗ legen, ſie da ſo unter den Sträuchen ſtehen zu ſehn, denn ſie hatte nicht den geringſten Lumpen, ſich zu bedecken, und ich ſchämte mich, daß ſie die Trauben ſo über ihren Kopf hielt, als wollte ſie die Leute verführen, ſie anzu⸗ ſehen. Dachte bei mir ſelber, das wird die Swarry ſein, die Vetter Beebe gekauft hat, um ſie der Geſellſchaft zu zeigen. Calculire aber, hätte beſſer gethan, ihr einen Ca⸗ licorock oder ſonſt etwas zu kaufen, um ſie damit zu⸗ zudecken. Konnte ſie nicht länger anſehn, drehte mich alſo raſch herum und ſtand da und ſperrte Augen und Ohren auf, denn am andern Ende war grade ſo ein Garten mit Sträuchen und einer nackten Swarry. Ging darauf los, blieb aber bald ſtehn und lachte mich ſelber aus, denn es war nichts, als derſelbe Garten, der ſich in dem groß⸗ mächtigen Spiegel, von dem ich euch neulich ſchrieb und der grade vor mir hing, reflectirte. Warf noch einen halben Blick auf den Orangenbaum und die Swarry, und ſteckte dann meine Hände, ſo gut es gehen wollte, in die Taſchen, denn ſie waren ſehr ſtraff, ſtellte einen Fuß vor den andern, lehnte mich an den Fenſterrahmen und betrachtete mir den Saal. Eine heiße 54 Mittagsſonne in den Hundstagen konnte nicht prächtiger ſein, als hier Alles glänzte. Mitten in beiden Zimmern hingen zwei große Geſchirre an Ketten herunter, die mit hundert und hundert Glasſtücken überſät waren; ſie waren über und über voll von Lichtern, die brannten und ſchie⸗ nen, bis alles wie Eis und Schnee glänzte, das in dem Feuer dahinſchmelzen ſollte. Beide Ofengeſimſe waren voll von den kleinen Sachen, von denen ich euch ſchrieb, und die wie Gold glänzten. Einige von ihnen waren Lampen und in andern ſtaken große weiße Lichter. Zwi⸗ ſchen allen dieſen Dingen herum ſtanden eine Menge Blu⸗ men, die ſo ſüß wie friſches Heu rochen und in den präch⸗ tigſten Farben glänzten. Das beſte von allen war, daß die gewaltigen Spiegel an beiden Enden die Zimmer noch mal ſo groß machten und viel mehr Dinge zeigten, als wirklich darin waren. An den beiden Seiten ſtanden zwei Tiſche aus einem dunkeln Stein, etwa ſo groß wie Ma⸗ mas kirſchbaumener Theetiſch der mit kleinen Bildern und allerlei Spielzeug bedeckt war, und auf dem eine Menge Bücher in Ledereinband und goldenem Schnitt, ſo durch⸗ einander lagen, als hätte ſie Jemand in der Eile auf den Tiſch geworfen, ohne die Zeit zu haben, ſie aufzuſtellen. Außerdem hatten ſie noch eine Menge von den Seſ⸗ ſeln gebracht, von denen ich euch erzählte, und auf die beiden Ottomanen hatten ſie viereckige Rückenkiſſen mit Blumen und Troddeln gelegt, und noch eine Menge Dinge, die ich nicht alle aufſchreiben kann. „Moͤchte nur wiſſen,“ ſagte ich zu mir ſelber,„woher Vetter John in dieſen harten Zeiten all das Geld her⸗ nimmt, denn das muß eine hübſche Summe koſten.“ Während dem kam der Alte herein.„Wann kommt denn die Geſellſchaft, Schneeball? Habe die Swarry jetzt lange genug betrachtet und das Herumſtehn und Richts⸗ thun jetzt bald ſatt.“ „In einer Stunde oder zwei, denke ich,“ ſagte erz „es iſt noch nicht acht Uhr.“ 55 „Fällt mir nicht ein, hier länger allein zu bleiben;“ ſagte ich, knöpfte meinen Rock zu und ging in die Apollo⸗ Gallerie, um die Gemälde zu betrachten, bis es Zeit für die Geſellſchaft war. Habe jetzt keine Zeit über die vie⸗ len ſchönen Bilder zu ſchreiben, die ich da ſah, und denke überhaupt euch nächſtens ausführlich darüber zu ſchreiben, denn ſie ſind das Anſehen werth. Machten mir ſolches Vergnügen, daß es lange nach neun Uhr war, ehe ich wieder an die Geſellſchaft dachte. Ging alſo juſt nach Vetter Beebe's. Als ich diesmal hereintrat, waren die Zimmer ganz voll Menſchen und ich kriegte einen Todes⸗ ſchrecken. Knöpfte meinen Rock alſo auf, zupfte mein Halstuch ein wenig zurecht, fuhr mit der Hand durch's Haar, hielt den Kopf hoch in die Höhe, meinen neuen Hut in der Hand und trat herein; grade wie ich in Wea⸗ thersfield in die Singſchule zu gehen pflegte. Dachte, will ihnen auch zeigen, daß ich nicht umſonſt Tanzſtunde gehabt habe. Hielt meinen Hut alſo bei der Krempe etwas vor mir und machte nach beiven Seiten hin eine genteele Verbeugung. Dann ſetzte ich mich auf eine der Ottomanen und ſchaute nach Bäschen Marie herum, denn ich war einigermaßen verlegen und meinte faſt, ſie würde auf mich zukommen und mir den Hut abnehmen, wie ſie es in Weathersſield zu machen pflegte. Aber ich ſaß da und drehte meinen Hut zwiſchen den Fingern herum, als wäre es eine heiße Kartoffel und ſie kam immer nicht. Fühlte mich äußerſt verlegen, denn eine ganze Schaar hübſcher Mädchen ſtand um mich herum und ſah mich an und verzogen die Lippen, als hätten ſie gern grade heraus gelacht. Nach einiger Zeit kam Vetter John auf mich zu, und ſagte: „Freut mich, Sie zu ſehen, Veiter Slick; treten Sie in's nächſte Zimmer und nehmen ein Glas Wein mit mir. Mrs. Beebe iſt jetzt ſo umringt, daß ſie ſchwerlich zu ihr kommen.“ Ich ſtand aufz wir gingen zuſammen durch den 56 Gang und Vetter Beebe ſagte zum Neger:„Da Ben, nimm Mr. Slick's Hut.“ Der Neger nahm meinen Hut und brachte ihn die Treppe hinauf und Vetter John kam auch nach einigen Minuten wieder in das Zimmer, wo die Geſellſchaft war, aber ſagte kein Wort mehr von dem Wein. „Es wäre am beſten, Sie gingen jetzt zu Marie,“ ſagte er mir leiſe,„ſie ſteht dort bei dem Grafen—.“ Ich konnte den Namen nicht recht verſtehen, aber es war ſo ein vertrackter, der einem in der Kehle ſtecken bleibt. Hatte mich noch nicht recht umgeſehn, als ich herein⸗ trat, denn es ſchwamm mir Alles vor den Augen, als aber Vetter John mit mir geſprochen hatte, kriegte ich mehr Muth und ſchaute mich dreiſt um. Geſtehe, ſah noch nie Jemand in ſolchem Staate wie Bäschen Marie. Sie hatte ein Kleid von Atlas mit kleinen rothen Tupfen darin an, und rund herum war ein weiter Faltenbeſatz. der aus einem Stoff gemacht war, der ſo zart und durch⸗ ſichtig war, wie ein Schleier, den ein Mädchen nach dem Hochzeitstage trägt, und dieſer Beſatz war an der einen Seite halb in die Höhe genommen, und wurde von einer rothen Roſe feſtgehalten, die aus lauter Bändern beſtand, deren Enden faſt wieder herunter bis auf die Erde reich⸗ ten. Eine Menge glänzenden Zeugs lag um ihre Bruſt herum und hing über ihre Arme herab, denn die Aermel ihres Kleides waren ganz kurz wie bei kleinen Kindern, und ſie hatte ein Paar weiße Handſchuhe an, die faſt bis an den Ellbogen gingen. Einer von ihnen wurde durch einen weiten goldenen Ring über dem Gelenke feſtgehalten, und den andern ließ ſie herunter gleiten, um ihren Arm zu zeigen, der blendend weiß war, denn ſonſt, meine ich, hätte ſie ihn den Leuten nicht gezeigt. Marie hatte immer einen hübſchen, kleinen Fuß, aber er kam mir noch nie ſo klein vor, als in dem glänzenden weißen Schuh, den ſie anhatte; und, um die Wahrheit zu ſagen, ſie ſchien ſich gar nicht zu ſchämen, ihn zu zei⸗ 57 gen, denn ſie ſteckte ihn unter ihrem Beſatz ſo ungenirt wie nur möglich hervor, als wäre ſie jeden Augenblick bereit, einen Knix zu machen. Nur eins wollte mir nicht in den Kopf. Mariens Haut war nie ganz weiß geweſen, aber an dem Abend ſah ſie wie Wachs aus und ihre Wangen blühten wie eine Federnelke. Statt daß das Roth ihr aber in's Geſicht getreten und wieder verſchwun⸗ den wäre, wie es ein Mann gern hat, wenn er mit einem Mädchen ſpricht, blieb Mariens Farbe immer dieſelbe; glaube, ein Ervbeben hätte ſie nicht zum Erbleichen ge⸗ bracht. Ihr Haar hing ihr in langen Locken um Wangen und Schultern, grade ſo wie neulich, und eine große weiße Roſe, die grade ausſah, als ſei ſie eben gepflückt, ſtak auf der einen Seite in ihren Locken. Kann euch ſagen, ſah ſie ſcharf an, und denke, John könnte ſtolz auf ſie ſein, hätte ſie ſich nicht hier in New⸗ York ihr geziertes Weſen angewöhnt. Nichts auf der Welt thut ſie ſo natürlich, als da ſie noch als Mädchen in Connecticut lebte. Statt aufrecht da zu ſtehen und ihren Gäſten zu ſagen, ſie freue ſich, ſie zu ſehen, ſtand ſie da, den einen Fuß vor den andern, die Hände gefaltet und ein wenig vorn vorübergebeugt, als könnte ſie kaum allein ſtehen. Hatte in meinem Leben noch keinen menſchlichen Rücken ſo groß wie ihren geſehn, und fürchtete wahrhaf⸗ tig, ſie kriegte die Gliederkrankheit, daß ich voll Angſt auf F Beebe zuging, ehe ich mit ihr ſprach und ihn leiſe ragte: „Vetter John, wie hat Ihre Frau denn den Scha⸗ den auf dem Rücken bekommen? Geſtehe,'s thut mir leid, den großen Höcker zu ſehen, der ihr aus dem Rücken gewachſen, ſeitdem ſie von Connecticut weg iſt.“ Vetter John ſah ſie an und lächelte, aber ich konnte doch ſehen, daß es ihm nicht recht von Herzen kam. „Still, Vetter,“ ſagte er,„reden ſie nicht ſo laut; es iſt wahr, Marie hat ein wenig zu viel gethan, aber es iſt nun einmal die Mode.“ Ich ſah mich um, und aller⸗ vings hatten alle Mädchen ſolch einen Hocker an ihrem Rücken. Sah doch meiner Lebtag noch nicht ſolch einen Haufen buckliger Geſchöpfe miteinander ſchwatzen und lachen! Und dann ihr Putz! Einige Frauenzimmer hat⸗ ten Federn im Haare, andere Blumen und goldene Ketten zwiſchen die Locken geflochten und alle miteinander ſtrotz⸗ len von Sammet und Seide. Den Herren hätte ich aber gradezu in's Geſicht lachen können; ſtand da einer von ihnen und der mit Miß Beebe plauderte; ſein Haar hing ihm zu beiden Seiten des Geſichtes weit über den Rockkragen herab, wie einem jungen Mädchen, ehe ſie einen Kamm, trägt und über ſeinen Oberlippen ſtaken unter der Naſe ein Paar Büſchel Haare hervor, wie bei einer Katze, wenn ſie den Rücken ktumm macht. So oft er ſprach, hob und bewegte ſich das Haar, daß man hätte laut auf⸗ lachen moͤgen. Wäre ein Spaß geweſen, den Burſchen eſſen zu ſehen. Wenn ihm die Hälfte der Lebensmittel nicht in den Haaren ſtecken bleiben, muß er gut mit Meſſer und Gabel umzugehen wiſſen. Als ich herumblickte, ſah ich wenigſtens ein Dutzend Stutzer mit ſo beborſteten Oberlippen. Dachte, ſie ſagen bei uns in Connecticut, manche Menſchen wären Schweine, wenn ſie nur Borſten hätten; was braucht dieſe nicht zu hindern, Bekanntſchaft mit den Straßenpoſſen zu machen. Drei oder vier ſolche Stutzer ließen das Haar nicht über der Oberlippe ſtehen, ſondern es vom Kinn bis an den Mund in Form eines lateiniſchen A wachſen; dabei tru⸗ gen ſie große Backenbärte und ſahen um den Kopf herum ſo rauh aus, wie eine Zwiebel, die in Samen geſchoſſen iſt. Verſichere euch, ſah noch nie eine ſolche Heerde von Narren bei einander. Schienen ſich aber doch nicht zu ſchämen, ſondern ſchwänzelten um die Mädchen herum und ſigurirten mit ihren weißen Handſchuhen und Cambrie⸗ Taſchentücher, die ſie wahrſcheinlich von ihren Schweſtern geliehen hatten. Wollte nicht mit Miß Beebe ſprechen, bis der bor⸗ 59 ſtige Narr weg war: denn ich fürchtete; ich müßte ihm in's Geſicht lachen, wenn ich ihn recht anſähe. Weiß in der That nicht, was ſchlechter ausſah, die Männer, die in ordentlicher Geſellſchaft mit Borſten unter der Naſe herumliefen oder die Mädchen, die ſich Buckel machten, um nach der Mode zu ſein. Endlich ging der Borſtige mit einem jungen Mäd⸗ chen in das Zimmer, wo die Sträuche waren, um die Swarry zu ſehen, denk' ich; ging alſo auf Miß Beebe zu, machte eine Verbeugung und ſagte: „Ein vergnügter Abend, Miß Beebe.“ „Ja,“ ſggte ſie,„recht vergnügt.“ Es kam iir vor, als ſtände ich nicht recht comfor⸗ table, ſetzte alſo den andern Fuß vorwärts und putzte mir die Naſe in meinem rothen Taſchentuche. „Nichts Neues?“ ſagte ich. „Nichts Beſonderes, daß ich wüßte,“ ſagte ſie. Ich wechſelte wieder die Füße. „Dachte erſt es würde regnen, glaube es jetzt aber nicht,“ ſagte ich. „Ja freilich,“ ſagte ſie. Vir ſtanden einen Augenblick ſtill, ich ſteckte mein Taſchentuch wieder in meine Rocktaſche und ſagte: „Haben heute Abend aber einen Haufen hübſcher Mädchen hier, Miß Beebe. Habe mich wahrlich ſchon in einige verliebt.“ „Das dürfen Sie auch,“ ſagte ſie lächelnd;„können nicht glauben, wie viel man ſchon von Ihnen geſprochen hat. Sie ſind in der That ein Löwe geworden, ſeit Sie angefangen haben zu ſchreiben, Mr. Slick.“ „Was bin ich geworden?“ ſagte ich. „Ein literariſcher Löwe,“ ſagte ſie mit einem ihrer alten, freundlichen Weathersfielder Blicke. „Ein curioſer Name,“ ſagte ich;„'s iſt mir aber einerlei, wie Sie mich heißen, wenn Sie mich nur nicht zu ſpät zum Mittageſſen gehen heißen.“ In vem Augenblicke kam ein ſchlanker, hübſcher, jun⸗ ger Mann auf uns zu; Miß Beebe wandte ſich an ihn und bat ihn mit halbgeſchloſſenen Augen und leiſer Stimme, als wenn ſie ſchon halb todt wäre, er ſolle etwas ſingen. Der junge Mann lächelte und ſagte, er könne nicht, er ſei ganz heiſer. Wer aber nicht auf den Kopf ge⸗ fallen war, konnte ſehen, daß er ſich nur bitten laſſen wollte. Eine Menge junger Mädchen verſammelten ſich darauf um ihn und beſtürmten ihn mit Bitten, bis er nicht mehr wußte, wo ihm der Kopf ſtand. Er ſetzte ſich alſo, warf den Kopf zurück, machte die Augen halb zu und fing an zu ſingen. Die Thränen kamen mir beinah in die Augen; es war ächte, wahre Muſik. Aber kaum hatte er angefangen, ſo liefen die Mädchen, die ihn vor⸗ her ſo gebeten hatten, zu ſingen, umher und plauderten und lachten, als hätte er nicht gethan, was ſie gewünſcht hätten. Der Herr that mir leid, aber er ſchien es nicht zu merken, denn er ſang fort, als ob alle aufmerkſam zu⸗ hörten. Da gerade rief mich Vetter Beebe von der andern Seite des Zimmers bei meinem Namen. Wollte, hättet geſehen, wie ſie alle die Augen aufriſſen. Dauerte keine 10 Minuten, ſo wollten ſie alle durch Vetter John mir vorgeſtellt werden, die Herren mit den Borſten nicht aus⸗ genommen. Die hübſcheſten Mädchen betrachteten mich von allen Seiten, als hätten ſie vorher noch nie jemand geſehen, der für die Zeitungen ſchreibt, das war ein ſüßes Geſchwätz und Geflüſter! kann doch niemand einem Manne ſo zart ſchmeicheln wie ein junges Mädchen. Lächeln und Worte laufen ſo durcheinander, daß es einem im Herzen ſitzt, ehe man es weiß. Ich ſprach mit einem Capitalmädchen, mit einem Paar der ſchwärzeſten Augen, die ich je geſehen, als Jemand anfing, Clavier zu ſpielen und zwei oder drei Paar hervortraten, als ob ſie tanzen wollten. 61 „Tanzen Sie Quadrille, Mr. Slick?“ ſagte das ſchwarzäugige Mädchen, als ob ſie wünſchte, daß ich ſie zum Tanz auffordere. „Habe das Ding noch nie verſucht,“ ſagte ich;„denke aber Sie werden mir es zeigen.“ Damit nahm ich die Spitze ihres weißen Handſchuhs zwiſchen die Finger meines gelben und wir traten in die Mitte des Zimmers. Wußte nicht, welchen Tanz ſie tanzten, hatte aber keine Furcht, denn in Weathersfield konnte keiner beſſer einen„douple shuflle““ oder„pigeon wing““*) ohne Muſik machen. Die Mufik fing an und einer von den borſtigen Herren fing an mit halbgeſchloſſenen Augen und hangenden Armen über den Boden hinzugleiten, und ſah dabei ſo trübſelig aus, als käme er von einem Begräbniß. Habt ihr je eine Ente auf einem Mühlenteich ſchwimmen oder ein Huhn, wenn es trinkt, die Angen verdrehen ſehen 2 Grade ſo ſah's aus, wie der faule Burſch tanzte. Dachte, ich könnte mich nicht mehr halten; aber die Mädchen ſtreckten ihre kleinen Füße aus und machten es alle grade ſo. Kommt die Reihe an Dich, ſagte ich zu mir ſelber, ſo willſt du ihnen doch zeigen, wie man tanzen muß. Wollte nur, ich hätte ein wenig klein Geld zum Klingeln Taſche geſteckt, euch zu zeigen, wie gut ich Tact halte. Eine junge Dame, die ihr Haar ganz mit weißen kleinen Blumen durchflochten hatte, ſchwebte auf mich zu, wie ein Vogel und die Reihe war an mir. Ich that zwei Schritte vorwärts, machte einen famoſen pigeon wing und endete mit einem leiſen Uebergang in den double shuffle, aber meine Hoſen waren ſo enorm ſtraff, daß ich die Beine nicht recht werfen konnte. Außer⸗ Pouble shuffle und pigeon wing— amerika⸗ niſche Tanzfiguren. dem glich die Muſik einer Tanzweiſe ebenſo ſehr als Greenbank oder Old Hundred. Am Ende ging ich zu der Dame, die ſpielte, und ſagte: „Geben Sie uns jetzt auch mal etwas Luſtiges zum Beſten.— Yankee Doodle oder Money muss vder die iriſche Waſchfrau oder Paddy Carey. Ich kann mich nicht nach der Weiſe herumdrehen und winden.“ Die jungen Herren mit den haarigen Lippen hielten ihre Cambirc⸗Taſchentücher vor den Mund und die jungen Mädchen verzogen ihre Lippen, als hätten ſie etwas Lächer⸗ liches gefunden. Statt aber abzutreten und die eingebil⸗ deten Fante meinen zu laſſen, ich könne nicht tanzen, wurde ich wild und ſagte zu mir ſelber:„Sollſt ihnen grade zeigen, daß du nicht in den Wäldern aufgewachſen biſt, um dich vor Eulen zu fürchten,“ wandte mich alſo raſch an meine ſchwarzäugige Tänzerin und ſagte: „Kommen Sie, Miß Miles, wollen ihnen grade zeigen wie man tanzen muß,“ und damit ging's links und rechts, vorwärts wie ein Blitz. Dauerte keine zwei Minuten, als ich die Mädchen einander zuflüſtern horte: „Wie ſeltſam— wie fremdartig— ganz die Ercen⸗ tricität des Genies— dieſe literariſchen Löwen thun Nichts wie andere Leute!— Wundere mich nicht, daß Miß Beebe ſtolz auf ihn iſt!“ Die jungen Herren ſtimmten mit ein und ließen ihr Lachen ſo ſchnell wie möglich, als ſie ſahen, von welcher Seite der Wind kam;z und als ich aufhörte und das ſchwarzäugige Mädchen zu einem der Seſſel führte, war der Lobeserhebungen, die ſie mir alle zuriefen, kein Ende. Sagte ich zu mir ſelber: mußt den aufgeblaſenen Stu⸗ tzern nur die Zähne weiſen; wiſſen am Ende doch nicht, was genteel iſt und was nicht.“ Dann fing die Muſik wieder an und einer von den bärtigen Herrn nahm ein hübſches kleines Mädchen, das hochſtens achtzehn Jahr alt ſchien, zog ſeine weißen Hand⸗ ſchuhe etwas ſtraffer an und umarmte ſie, ſo wahr ein 63 Gott lebt, vor unſer aller Augen. Er legte den einen Arm um ihren ſchmalen Leib, grade über den Höcker auf dem Rücken und nahm eine von ihren Händen in ſeine, dann ſah ſie ihm in die Augen und er in ihre, wie zwei verliebte Katzen, und ſie fingen an ſich auf dem Teppich herumzuwirbeln, bis man nicht mehr unterſcheiden konnte, wer er und ſie war. Alles Blut ſtieg mir iws Geſicht; ſchien mir durchaus nicht anſtändig und wäre das Mädchen eine Verwandte geweſen, ich hätte den Burſchen zu Boden geſchlagen. War fuchswild für einen Augenblick, ſagte mir aber dann: „Am Ende iſt der Burſch aber doch nicht ſo zu tadeln, das Mädchen iſt ſelber Schuld daran; wenn ſie ſo vor den Leuten umarmt und herumgewirbelt ſein will, ſo wäre der Burſch ja ein Narr, wenn er es nicht ebenſo gern thäte, wie ſie; meine, wenn das Mädchen glaubt, ſie kriegt noch einen Mann, ſo irrt ſie ſich, denn kein ehr⸗ licher Mann heirathet ein Mädchen, das ſich ſo vor fünf⸗ zig Perſonen hat herumziehen laſſen.“ Kaum hatten ſich die Beiden wieder geſetzt, als die Herren ihren Damen den Arm gaben und aus dem Zim⸗ mer ſtrömten. Dachte, könnte auch wohl ſehen, wohin ſie gingen, machte meinen Arm alſo krumm und das ſchwarzäugige Mädchen, legte ihren hinein und wir gingen über den Gang in ein hinteres Zimmer, wo die ganze Geſellſchaft um einen Tiſch ſtand, auf dem alle möglichen Dinge, die nur gut ſchmecken, aufgeſtellt waren. Ich dachte, der Tiſch, den ich früher bei John ge⸗ ſehen, als ich bei ihm zu Mittag aß, überträfe Alles, aber mit dieſem war er nicht zu vergleichen. Die ſilber⸗ nen Schüſſeln und Körbe mit Blumen und Trauben und Orangen und allen moglichen Dingen nahmen kein Ende, und dazwiſchen ſtanden mehr wie ein Dutzend kleine Thürme, aus rothem und weißem Zucker gemacht, voll Blumen und allerlei kleinen Zuckerfiguren, und ſolche Haufen Kuchen und Eingemachtes und Gelée und Dinge, die ich noch nie in meinem Leben geſehen hatte. Dachte vor lauter Sehen gar nicht an's Eſſen. Daneben ſtand ein anderer kleiner Tiſch voll Caraffen und ſolcher Cider⸗ flaſchen, von denen ich euch ſchon erzählte; hütete mich aber wohl davor, kann's euch ſagen. Vetter John trat mit einer ſolchen Flaſche in der Hand auf mich zu und ſagte: „Vetter Slick, ein Glas.“ „Danke, danke vielmals,“ ſagte ich,„kann euren YPorkeider nicht vertragen.“ Vetter Beebe lächelte und ſagte:„Müſſen auch ga⸗ lant ſein und Miß Miles etwas anbieten, ſie hat noch keine Erfriſchungen.“ Sah nach dem ſchwarzäugigen Mädchen, und meiner Seel, da ſtand ſie und blickte vor ſich hin, während alle die Uebrigen aßen. Ging auf ſie zu, verbeugte mich und ſagte: „Miß Miles, was nehmen Sie? Nach Ihnen ſchickt es ſich für mich und ich fühle ſo etwas wie Hunger.“ Ich ſah, wie ihr vllerliebſter kleiner Mund ſich etwas verzog, als wollte ſie einen Spaß machen, aber ſie ſah mir in's Geſicht und ſagte: „Ich nehme etwas blue monge. ²) Wußte nicht, was ſie auf der Welt damit meinte; ſah aber etwas in kleinen blauen Gläſern, das grade wie Seifenſchaum ausſah; nahm alſo eins von ihnen aus dem ſilbernen Ding, in dem es ſtand und rührte es ein wenig mit dem Löffel um, ehe ich es ihr gab. Weiß wahrhaftig nicht, was mit dem plue monge geſchah, hatte es aber kaum berührt, als des Glas auch ſchon beinah leer war. Miß Miles lächelte und ſagte: „Der Syllnbub*²) iſt mir ebenſo lieb. Geben Sie mir auch noch einige Trauben und etwas Gelée.“ *) Blanc manger. **) Eine Miſchung aus Milch, Wein und Zucker. „Aber,“ ſagte ich, das Glas in der Hand haltend und meinen Blick über meine neuen Hoſen auf den Tep⸗ pich gleiten laſſend,„wohin iſt denn nun die monge ge⸗ kommen. Ich hoffe, Sie haben nichts auf Ihr ſeidenes Kleid bekommen, Miß Miles.“ „O, nein,“ ſagte ſie,„ich bitte nur um die Wein⸗ trauben.“ Ich nahm einen Teller und gab ihr eine großmäch⸗ tige Traube von einer der Schüſſein, verbeugte mich und agte: „Noch ſonſt etwas Miß Miles? Ich thue, Ihnen zu gefallen, Alles auf der Welt.“ Sie lächelte holdſelig und ſagte:„Ich will die Ro⸗ ſenknoſpe nehmen, die von dem Traubenkorb fiel, als Sie dieſe herausnahmen.“ Verſichere euch, ſie ſah wunderſchön aus und ich blickte ihr die ganze Zeit über ſteif in's Geſicht. Das Herz zappelte mir in der Bruſt wie ein Huhn, dem der Kopf umgedreht iſt, als ſie das ſagte. Ich nahm die Roſe zwiſchen die Finger meiner gelben Handſchuhe, trat einen Schritt zurück, machte eine ſo genteele Verbeugung, als ich auf dem kleinen Platze konnte und ſagte: „Ich hoffe, Sie werden ſie zum Andenken an mich nehmen.“ Sie lachte wieder ſo holdſelig, ſteckte die Roſe in ihren Vuſen und ſagte freundlich: „Was ſoll ich Ihnen geben, Mr. Slick? Dieſer Myrthenzweig wird länger grün bleiben, als ihre Roſe.“ „Nein, danke,“ ſagte ich und ſah ſie ſo ſchmachtend wie möglich anz„ich will ihn nehmen, aber ich brauche Nichts, um mich an ſie zu erinnern.“ Ich erwartete, ſie würde etwas erröthen, aber dieſe hen erröthen nicht ſo leicht. Sie lächelte und agte: „Mr. Slick, Sie müſſen aber auch kommen und Leben in Newyork. 5 66 ſehen, wie gut ſich Ihre Roſe bei mir hält. Mrs. Beebe wird ſie begleiten.“ „Aber ich weiß nicht,“ ſagte ich,„ob es Ihnen an⸗ genehm ſein wird, mich zu ſehen; Sie müſſen ſo viele An⸗ beter haben, daß ich Ihnen vielleicht im Wege bin.“ Sie wollte grade antworten, als der ewige bärtige Fant auf ſie zukam und ihr eine Schüſſel anbot. „Nehmen Sie etwas Gelée, Miß Miles,“ ſagte er. Hätte den Burſchen gern in die Mitte der nächſten Woche hinein geſchlagen, ſo wild war ich; aber da ſtand er und machte Kratzfüße und lächelte durch ſeine haarigen Lippen, wie ein Affe, der Leibweh hat, und ich konnte tein Wort über die Zunge bringen. Konnte keinen Biſſen eſſen, ſondern nahm eine von den Ciderflaſchen ohne zu wiſſen, was ich that und trank zwei Gläſer hintereinander hinunter, und dann fühlte ich mich etwas beſſer; aber ich will verdammt ſein, wenn ich nicht mit den Zähnen knirſchte, als ich ſah, daß der Burſche Anſtalten machte, Miß Miles ſeinen Arm zu geben und ſie in das andere Zimmer zu führen. Sie ſah ſich um, um zu ſehen, wo ſch ſei, und dann ging ich grade auf ſie zu und ſagte ihm; „Nach mir ſchickt es ſich für Sie.“ Damit nahm ich ihre kleine Hand in meinen gelben Handſchuh, legte ſie ſo genteel wie nur möglich in meinen Arm und ging mit ihr in das andere Zimmer. Sie ſetzte ſich auf eine der Ottomanen, ich ſchob einen Seſſel grade neben ſie, und da ſaßen wir ſo gemüthlich wie nur mög⸗ lich, bis die ganze Geſellſchaft wieder zurückgekommen war. Dann mußte ich aufſtehen und einem bleichen Mäd⸗ chen meinen Platz räumen; aber ich blieb neben dem Seſſel ſtehen, bis Vetter Beebe auf mich zukam und ſagte: „Kommen Sie einen Augenblick mit mir, Vetter Slick.“ Er ging grade vurch die ſeidenen Fenſtervorhänge in vas Zimmer, wo die Sträuche, und die Vögel und Swarry waren und ſagte; 67 „Vetter Jonathan, wußten Sie, daß die Strippen an Ihren Hoſen unter den Stiefeln weggerutſcht ſind?“ „Iſt nicht möglich,“ ſagte ich und blickte hinunter um zu ſehen, wie er ſie befeſtigt hatte, denn er ſollte nicht merken, daß ich ſie abſichtlich ſo gelaſſen hatte; war aber doch verlegen, als ich ſah, daß er ſie unter der Sohle ſeiner Tanzſchuhe feſtgeknöpft hatte. „Heben Sie Ihren Fuß nur ein wenig auf,“ ſagte er. Ich hob den Fuß auf und er zog die Strippen ganz ſchnell hinüber, aber es war mir, als hätte er mich ein⸗ geſchnürt. Wunderte mich jetzt nicht mehr, daß die Her⸗ ren ſo herumſchlichen, als ſie tanzen wollten, denn in einem ſolchen Paar neumodigen Hoſen kann man um's Leben keinen ordentlichen Schritt machen. „Hoͤren Sie einmal, Vetter Beebe,“ ſagte ich, grade als er hinausgehen wollte, und zeigte auf die nackte mar⸗ morne Frau, die unter dem Gebüſch ſtand, und auf die das Licht aus dem andern Zimmer ſo fiel, daß ſie wie ein ſchöner Geiſt ausſah, der im Mondſchein im Gebüſch ſpaziren ging;„wenn Sie eines Narren Rath annehmen wollen, ſo kaufen Sie Ihrer ſchoͤnen Swarry da ein Kleid und einen Unterrock, ehe Sie wieder eine Geſell⸗ ſchaft geben. Wie müßte es Ihnen werden, wenn ein junges Mädchen hier hereinträte?“ John lachte grade heraus, und ich dachte, er wollte gar nicht wieder aufhören. „Nun, was iſt denn ſo Lächerliches dabei,“ ſagte ich, einigermaßen boͤſe,„wenn mir die Hoſen hier etwas in die Höhe gerutſcht find. Ich denke, es wird Niemand außer Ihnen geſehen haben.“ „O laſſen Sie das,“ ſagte er und verſuchte ernſthaft zu ſein, aber die Thränen liefen ihm über die Backen. „Wenn Sie es geſehen haben, ſo geben Sie es wieder für eine Ercentricität des Genies aus, wie die jungen Damen ſagen. Ihr Schriftſteller könnt heut zu Tage thun, was ihr wollt.“ 68 „Ich glaube es nachgerade auch,“ ſagte ich, denn in dem Augenblicke fiel mir ein, daß mir das hübſche Ge⸗ ſchöpf, Miß Miles, vaſſelbe geſagt hatte, und ich ſah hin, ob der Myrthenzweig auch noch in meinem Knopfloch wäre. Als wir wieder ins Zimmer traten, war faſt die ganze Geſellſchaft fort. Ich ſtellte mich an eine der Thüren, bis ich Miß Miles herunterkommen ſah; ſie hatte ihr hübſches Geſicht faſt ganz in eine große ſeidene Ka⸗ putze verſteckt. Ich ging mit ihr an die Thür, wo ihr Wagen hielt und ein Neger am Schlage ſtand, nahm ihre Hand und half ihr beim Einſteigen. Dann fühlte ich mich ſo einſam, vaß ich Bäschen Marie gute Racht ſagte und heimging. Will euch aber lieber nicht erzäh⸗ len, was ich träumte: ihr alten Leute, lacht uns jungen doch gern aus und da ich doch im Sinne habe, Buß⸗ und Bettag zu Haus zu kommen, will ich nicht zu ſehr ge⸗ foppt ſein. Euer zärtlicher Sohn Jonathan Slick. 69 Siebenter Brief. Scenen in Broadway.— Jonathan begegnet dem Grafen und macht Miß Miles den Hof. An Mr. Zephanjah Slick, Friedensrichter und Kirchen⸗ Aelteſten in Weathersfield im Staate Connectieut. Lieber Vater? Kann mir wohl denken, daß ihr böſe ſeid, weil ich Buß⸗ und Bettag nicht nach Hauſe gekommen binz konnt's aber nicht über's Herz bringen. Weiß wahrlich nicht, was ich aus mir machen ſoll, aber ſeit Miß Beebe's Ge⸗ ſellſchaft iſt's mir ganz ſchwach und elend geworden. Sag' euch, brachte mich den ganzen folgenden Morgen in Fie⸗ berhitze, als ich aufſtand und den Myrthenzweig, den Miß Miles mir gegeben hatte, auf der Erde liegen ſah, grade da, wo er mir aus dem Knopfloch meines neuen Rocks gefallen war. Ließ mir kaum die Zeit zum Ankleiden und rannte dann in eine Glaswaarenhandlung, um einen Becher zu kaufen, in den ich ihn ſtellen könnte; ſetzte ihn dann auf meinen Schreibtiſch und verſuchte ein wenig zu ſchreiben, denn ich hatte keinen Appetit zum Frühſtuͤck. Half aber alles nichts; alle meine Gedanken firirten ſich immer auf die Myrthe und Miß Miles und die Geſellſchaft. Konnte keine zwei Worte nacheinander ſchreiben, ſondern zeichnete allerlei Figuren auf's Papier, kleine Köpfe, Bethäuſer und Heuſchober; will aber gehangen werden, wenn ich zwei vernünftige Zeilen ſchreiben konnte. War mir überall ſo ſonderbar, und konnte doch nicht ſagen, wo es mir 70 fehle; war grade kein unangenehmes Gefühl, ſchien mir aber, als wenn ich noch immer träumte und zwar von der ewigen kleinen Miß Miles. Immer ſtand ſie mir mit ihren hellen ſchwarzen Augen und ihren langen Locken leibhaftig vor Augen⸗ Fing wahrlich an zu fürchten, ſie hätte es mir angethan und ſagte zu mir ſelber:„Mr. Jonathan Slick, ſo geht's nicht. Nach dem, was Du von Weibernatur an Judy White erfahren haſt, müßteſt Du doch ein Eſel ſein, wenn Du Dir die Finger noch einmal an dem Feuer verbrennen wollteſt.“ Kann einer aber eben ſo gut zu viel Wein trinken, und dann von ſeinem Kopf verlangen, er ſoll nüchtern ſein, als verſuchen, Ver⸗ nunft anzunehmen, wenn er den Kopf voll Weiber hat. Iſt nie einer Ratte guten Rath geben, wenn ſie das Bein in der Falle hat. Das Ende vom Liede war, daß ich nicht ſtill ſitzen konnte und an nichts Anders auf der Welt dachte als an die Weiber; ſprang darum raſch auf und ſagte zu mir ſelber:„So oder ſo, grad oder krumm, will ſie noch ein⸗ mal ſehen!— ja, bei Gott, das will ich! hilft Nichts, es hinunter zu würgen, kann mir höchſtens einen Korb geben, und ſie wäre das erſte Mädchen, von dem ich einen kriegte; will ihr das ſagen, wenn ſies thut.“ War ſo eilig, daß es mir eine Ewigkeit dünkte, ehe ich in meinem neuen Rock und Hoſen war. Mein Ta⸗ ſchentuch roch noch ziemlich ſtark nach Pfeffermünzeſſenz; ſteckte es alſo in die Taſche, zog meine gelben Handſchuhe an und ſteckte den Myrthenzweig in mein Knopfloch, nach⸗ dem ich noch einen Blick in den kleinen Spiegel geworfen hatte, der in der Ecke meiner Stube hängt. Denke, es ließ ſich gegen mein Ausſehn nicht viel einwenden, als ich Cherryſtreet herunterging, den Kopf in den Nacken warf und die Spitzen meiner gelben Handſchuhe in die Hoſentaſchen ſteckte. Der Teufel ſoll den Broadway⸗ Schneider holen! hat mir die Hoſen ſo eng gemacht, daß ich eher fliegen konnte, als die ganze Hand hineinſtecken. 71 Miß Miles wohnt nahe beim vordern Ende von Broadway, ging alſo queer über den Park und Aſtor⸗Houſe entlang. Eine Menge Stutzer ſtand auf der Treppe und ſchaute die hübſchen Mädchen an, die vorbeigingen und voll Pelzwerk und Putz wie ein blühender Garten waren. Mögen von England und Frankreich und Deutſchland und den andern großen Plätzen reden, die man auf der Landkarte finden kann, glaube für meinen Theil aber nicht, daß es einen Platz auf der Welt gibt, wo die Weiber ſich ſo koſtbar kleiden, wie hier in New⸗York. Kann einen in Harniſch jagen, wenn man die hübſchen Geſchöpfe auf den Trottoirs in Sammet und Seide mit Federn und Pelzwerk herum kniren und tanzen ſieht, während die Männer ſich zu Hauſe zu Tod arbeiten, daß ihre Wechſel nicht proteſtirt werden. Kommt einem nicht recht vor, obwohl ſie verwünſcht ſchön in ihrem Pelzwerk ausſehen, das läßt ſich nicht abſtreiten. Eins machte mich aber doch zornig, als ich ſo dahin ging, das iſt ein Fact. Jeder, der nicht mit beiden Augen blind war, konnte ſehen, daß die jungen Mädchen alle wie beſeſſen auf die fremden bärtigen Herren waren. Alle Augenblick ging einer von den unverſchämten Gecken an mir vorüber und hatte ſeinen Kopf unter eine Weiber⸗ haube geſteckt und ſprach ſo honigſüß, wie eine alte graue Katze, die um ein Vogelbauer herummiautz und die Mäd⸗ chen ſchienen voller Freude und kicherten und lachten, um ihre Zähne zu zeigen und waren auf die unverſchämten Gecken ſo ſtolz wie Pfauen. Will verdammt ſein, wenn die Burſchen zu Haus nicht alle Barbiere und Perrücken⸗ macher waren, und herüber kamen nach New⸗York, als ſie hörten, wie die Yorker alle Thiere, die aus fremden Ländern kommen, hofiren und die Naſe über einen echten, eingebornen Amerikaner rümpfen, wenn ſie ſo einen bor⸗ ſtigen Burſchen kriegen können, um den Mädchen den Hof zu machen und einen neuen Haarſchnitt aufzubringen, vamit ſie was zu thun hätten, wenn ſie wieder nach Haus 72 kämen. Dachte, wäre kein ſchlechter Spaß, wenn eins von den Mädchen, die jetzt nur den Burſchen nachjagen, den Bart und all das Uebrige, in das ſie verliebt ſind, nach einem halben Jahre in ſolch einen Seſſel geſtopft kaufte, als ich bei Miß Beebe ſah. Glaube,'s iſt ſchon Unwahrſcheinlicheres paſſirt. Machte mich ärgerlich, ſchlanke, ſchöne, ächte Ameri⸗ kaner, in deren Adern Revolutionsblut floß, auf den Trep⸗ pen ſtehen und ſo trübſelig wie Mäuſe in einer leeren Mühle, Straß auf und ab gehen zu ſehen, während ihre eignen Landsmänninnen, die über ſich ſelbſt hätten errö⸗ then ſollen, mit dem Pack plauderten und lachten und n thaten. Machte mir das Blut heiß, kann's euch ſagen. Fürchte, ihr werdet es nicht für chriſtlich halten, daß ich über dieſe Burſchen ſo losziehe; iſt aber wahr, ich haſſe ſie wie Gift. Hätte ich eine Menagerie, der Teufel ſoll mich holen, wenn ich nicht einige von der Gattung fing, in Käfige ſteckte und für Geld ſehen ließ. Kann's ihnen ſagen, würden dann nicht mehr Broadway auf und ab ſtolziren und ſich umſonſt ſehen laſſen. Schwatzen ſo viel von Yankee⸗Spekulationen, wäre das nicht eine capitale? Hätte man nur eine gute Falle, ſo könnte man leicht hübſche Mädchen finden(ſolche die in ſchönen Häuſern wohnen und die Naſe ſo hoch tragen, als wären ſie Königinnen), die ſich gern als Koder ge⸗ brauchen ließen. Werdet euch nicht wundern, daß ich über die Bur⸗ ſchen ſo wild bin, wenn ich euch ſage, was mir bei Aſtor⸗ houſe begegnete. Dachte an dies und das und blickte plötzlich in die Höhe; ſah da Miß Miles, die ſo friſch und ſchön wie eine Butterblume ausſah, auf mich zukom⸗ men, und neben ihr den Grafen mit dem vertrackten Namen, den ich bei Miß Beebe ſah und der ſeinen Kopf ſo zu ihr niederbog, daß die lange weiße Feder, die ſie auf ihrem Hute trug, ihm immer durch die Augen fegte. 73 Dachte, ich ſollte grade herausplatzen, wenn ich nicht ſo böſe geweſen wäre. Mein Mankeeblut ſtieg mir in den Kopf, ich ſteckte beide Hände tief in die Hoſen und ging, wie eine Hyäne grinſend, grade auf ſie zu, denn ich wollte ihnen zeigen, daß ich mir keinen Pfennig daraus machte, daß ſie mit einander gingen. Sie waren ſo eifrig im Geſpräch und ſteckten die Köpfe ſo zuſammen, daß ſie mich nicht ſahen, bis ich ſo ſteif wie ein Stemmeiſen grade vor ihnen ſtand und den einen Fuß ſo ungenirt vor⸗ ſtreckte, wie ein ächter, vollblütiger Pankee thun muß, wenn er ſieht, daß man ihn zum Beſten hat. Irrte mich diesmal in Miß Miles nicht. Sie ſchrie leiſe auf und wurde ſo roth wie ein Hahnenkamm, und dann ſah ſie ſich ängſtlich um, ob es auch jemand be⸗ merkt hätte, wie ich ſie abgefaßt hatte. War weiß Gott nicht zum Lachen aufgelegt, wäre aber doch beinah heraus⸗ geplatzt, als ich ſah, wie der haarige Graf ſich gebehrdete, da ich vor ihm ſtand. Er that einen Schritt rückwärts, ſtellte den einen Fuß etwas auf die Seite, als wollte er eine Verbeugung machen und ſteckte dann den Kopf wie eine Schildkröte in die Höhe, die nachſehen will, ob ihr Jemand zu nahe tritt. Dann nahm er ein Ding aus ſeiner Weſtentaſche, das er an einer goldenen Kette um ſeinen Nacken trug, hielt es vor das eine Auge und ſtarrte mich an und ſträubte ſein Haar, wie ein Affe. Schien ihn nicht zu bemerken, ſondern ſchaute Miß Miles ſcharf ins Auge und ſagte: „Wie geht es, Miß Miles2“ Sie wußte zuerſt nicht, was ſie aus mir machen ſollte, ſah den Burſchen und dann wieder mich an und ſagte nach einer Weile: „O, Sie ſind es, Mr. Slick.“ „Denke beinah, ich ich bin's,“ ſagte ich;„möchte Sie aber nicht in dem Geſpräch mit ihrem Anbeter ſtören.“ „O, Mr. Slick,“ ſagte ſie und ſah mir wieder ſo 74 freundlich wie geſtern Abend ims Geſicht,„wie die Genies doch alle ſeltſam ſind! Ich bin überzeugt, der Graf 86 56 ſehr über Ihre Geſellſchaft freuen, nicht wahr raf?“ Sie nannte den Gecken bei ſeinem vollen Namen, begreife aber nicht, wie ſie das Wort aus ihrem kleinen Munde herausbringen konnte. Dann wandte ſie ſich zu ihm und ſagte ihm etwas leiſe. Sie lächelte ſo holdſelig und ihre Stimme war ſo einſchmeichelnd, daß ich den Burſchen ganz vergaß, aber daß ſie mit ihm ſprach, weckte mich wieder und grade, als er das halbe Paar Brillen vom Auge wegnahm und ſein Geſicht wieder in die gewöhnlichen Falten legte, trat ich dicht an ihn heran und ſagte; „Scheint, Sie wollen mich das nächſte Mal genau kennen, wenn Sie mir wieder begegnen.“ „Sar?“ ſagte er und richtete ſich in die Höhe und riß ſeine ſchwarzen Augen auf, bis ſie wie Feuer und Schwefel glänzten. „Und was denn weiter?“ ſagte ich. „Sie ſind impertinent,“ ſagte er. „Das iſt nicht der Name, auf den ich getauft bin. Will euch was ſagen, Mr. Haarlippe, bin nicht gewohnt, daß ihr oder ſonſt wer mir Namen gibt,“ ſagte ich und zog beide Hände aus der Taſche und zog gerade die Hand⸗ ſchuhe ein wenig herunter, um ihm zu zeigen, daß meine Fäuſte zum Gebrauch gemacht ſeien. Des Burſchen Lippen wurden weiß, aber er kräuſelte ſie, um mich glauben zu machen, er kümmere ſich nicht um meine Worte. „Sar,“ ſagte er,„wiſſen Sie, mit wem Sie ſprechen?“ Freilich,“ ſagte ich und lachte ein wenig,„denke es wenigſtens, obwohl ich nicht weiß, zu welcher Race Horn⸗ vieh Sie ſich zählen; gäben ſich alle ſo ſeltſame Namen 75 und denke, werden wohl ſo gut wie die Andern bei Gele⸗ genheit einen erwiſcht haben.“ Bei den Worten wurde er ſo weiß wie ſaure Milch und ſagte: „Das iſt zu viel, Sar! Bedenken Sie, daß Sie mit einem Grafen ſprechen.“ Kam da mit einem Namen zum Vorſchein, der ſo lang und ſo krumm war, wie eine Saſſafraswurzel. „Iſt nicht möglich,“ ſagte ich. „Ich bin Edelmann,“ ſagte er und wollte mir grade einen andern langen Titel vorkauen, aber ich trat mit einem Fuße vor und ſagte: „Hören Sie, Herr, kümmere mich nicht den Teufel um alle ihre Namen; wir haben keine andere Grafen in dieſem freien Lande der Freiheit, als ſolche, die ihre har⸗ ten Thaler auf den Tiſch zählen können und ehe ſie das konnten, haben ſie ehrlich arbeiten müſſen, ſag' ich Ihnen. Was euch Edelleute betrifft, ſo haben wir einen neuen Stamm in dieſem Lande der Freiheit geſchaffen. Im Revolutionskriege ſetzte eine ganze Schaar von ihnen ihren Titel unter unſre glorioſe Unabhängigkeitserklärung, und da werden ſie ſo hell wie die Sterne bis in Ewigkeit und länger ſtehen bleiben. Wir fragen unſre Edelleute nicht, wer ihr Vater war oder wie ſie geboren ſind. Große Thaten, oder was daſſelbe iſt, gute Thaten, machen hier zu Lande Edelleute. Jedermann muß ſich ſeinen eigenen Titel verdienen und wenn er ſtirbt, ſo hin⸗ terläßt er ihn nicht irgend einem Schwachkopf von Sohn, ſondern ſchreibt ſein Datum in die Geſchichte ſeines Lan⸗ des ein, und nimmt ihn mit hinüber zu dem, der ihm die Kraft gab, ihn zu verdienen. Was euch andere Edel⸗ leute betrifft, obwohl ich glaube, daß ächte Lords und Grafen ſo ſelten hier herüberkommen, wie Hennenzähne“ (das ſchien dem Grafen nicht zu gefallen)„ſo kümmern wir ächten Amerikaner, wir reellen, vollblütigen Yankees, uns nicht mehr um ihre Titel, als um die Straßenſteine 76 da, auf die wir treten. Nur die halben Amerikaner, die in Europa gebacken ſind, und unſere albernen, putzſüchti⸗ gen Mädchen laufen ihnen nach. Ein ehrliches Mankee⸗ mädchen würde euch eben grade für das nehmen, was ihr als Männer ſeid, und wenn es das thut, ſo können wir, meim ich, mit allen denen am ſelben Joche ziehen, die über's große Waſſer kommen.“ Dabei warf ich Miß Miles einen Blick zu, der ſie zuſammenknicken machte, wie eine Roſe in der Mittags⸗ ſonne.„Mr. Slick,“ ſagte ſie beinah weinend,„ich bitte, ich flehe, laſſen Sie uns weiter gehen. Die Leute ſehen uns alle an.“ „Gut,“ ſagte ich, beinah beſänftigt,„ich thue doch Nichts, deſſen ich mich ſchämen müßte?“ „O nein,“ ſagte ſie,„das wollte ich nicht damit ſagen.“ „Gut alſo, es gibt Nichts auf der Welt, das ich einem ſo ſchönen Geſchoͤpf wie Sie nicht zu gefallen thäte,“ ſagte ich und ging auf ihre andre Seite. Sie lächelte mir wieder freundlich zu und das ſchien mich zu beſänf⸗ tigen. So gingen wir vorwärts, bis wir wieder an Aſtorhouſe kamen. Der Graf ſah ſo ſauer wie Eſſig aus, vermuthlich, weil ich ihm nicht von der Seite wich, ließ es mich aber nicht anfechten und ging ſo ſteif wie eine Bohnenſtange nebenher. Miß Miles lächelte wieder und ſprach ſo freundlich wie nur möglich mit ihm, aber ich konnte kein Wort verſtehen, denn ſie ſprach nicht ächtes Amerikaniſch und drehte nur hie und da, wenn ich böſe werden wollte, ihr Geſicht nach mir und lächelte mir ſchmeichelnd zu, ſo daß ich ihr nicht böſe werden konnte. Als der Graf ſah, daß er mich nicht los werden konnte, ſtarrte er mich noch einmal an, verbeugte ſich dann gegen Miß Miles, lüftete ſeinen Hut einen Zollbreit vom Kopf und ging dann in Aſtorhouſe. Weiß wahrlich nicht warum, aber von dem Augenblick, daß er uns ver⸗ ließ, fühlte ich mich ſo zaghaft, daß ich kein Wort her⸗ 77 vorbringen konnte. Nahm alſo mein rothes, ſeidenes Taſchentuſch heraus, ſchwenkte es ein Paar mal und ſteckte es dann wieder ein. „Haben Sie den Geruch von Pfeffermünzeſſenz gern, Miß Miles 2“ ſagte ich. 2 ſ 55 bin eine große Freundin von Wohlgerüchen,“ agte ſie. „Aber ich hoffe, Sie haben den Stoff nicht gern, den der Graf in ſeinem Taſchentuch hatte,“ ſagte ich.„Ver⸗ ſichere Sie, er machte mich beinah krank, denn er roch mehr nach einer Moſchusratte, denn nach irgend etwas andern.“ „Sie können nicht verlangen, daß Jedermann Ihren Geſchmack in der Auswahl der Wohlgerüche für ſeine Toilette habe, Mr. Slick,“ ſagte ſie und lächelte, daß ihr Mund wie eine rothe Kleeblume voll Honig ausſah. „Verſichre Sie, Wiß Miles, Sie ſind heute Morgen ſo ſchön wie eine aufgeblühte Roſenknoſpe,“ ſagte ichz ves iſt kein Wunder, daß ich die ganze letzte Nacht nicht ſchlafen konnte.“ Dann ſah ich ſie wieder an, während wir weiter gingen, denn ich wußte nicht, was ich mehr ſagen ſollte. Glaube nicht, daß alle die Dinge, die ſie anhat, weniger als fünfzig Dollars koſten, wofür man alle' Mädchen in Weathersfield hätte ausſtaffiren können. Sah nie ſo etwas ſonderbares, wie ihren Ueberrock. Er reichte ihr nur bis an die Knie und war aus ächtem Seidenſammet gemacht. Wußte, daß es Seide war, denn ich hatte meinen Hand⸗ ſchuh ausgezogen und ihn leiſe befühlt, als ich neben ihr ging. Er war purpurfarben, wie die Zwetſchen in unſerm Kornfeld und mit langem Pelzwerk verbrämt. Darunter trug ſie ein anderes Kleid von ſchwarzem Seidenſammet, der in der Sonne wie der Rücken einer Krähe glänzte. Der Ueberrock hatte große mit Pelzwerk eingefaßte Aermel, die rund um ihre Arme hingen; aus ihrem kleinen, ſchwarzen Muff ſtack die Spitze ihres Taſchentuchs hervor, 78 ſo vaß ich grade ſehen konnte, wie hübſch es geſtickt war. Unter ihrem Hut trug ſie an beiden Seiten ein Blumen⸗ bouquet, und ihre Augen waren ſo hell, ihre Backen ſo roth, daß einem ſchier der Athem ausging. Je mehr ich ſie anſah, deſto boͤſer wurde ich auf den Grafen. Hätte ihr gerne etwas darüber geſagt, aber ich wußte nicht, wie ich es anfangen ſollte. Nahm wieder mein Taſchen⸗ tuch heraus, putzte meine Naſe und ſieckte es wieder ein; betrachtete dann die Finger meiner gelben Handſchuhe, um zu ſehen, wie ſie das Wetter aushielten. Am Ende kam ich aus dem Schritt und brauchte gewiß drei Minu⸗ ten, um wieder hineinzukommen. Zuletzt platzte ich aber grade heraus: „Ehrlich geſprochen, Miß Miles, machen Sie ſich denn wirklich etwas aus dem Grafen?“ Sie blickte mich mit ihren ſchelmiſchen ſchwarzen Augen an und ſagte:„Wie können Sie ſolch eine Frage thun, Mr. Slick?“ „Das iſt durch und durch YPankeeiſch,“ ſagte ich; „Sie haben mir noch nichts geſagt und mir nur mit einer andern Frage geantwortet.“ „Und warum möchten Sie es wiſſen?“ ſagte ſie freundlich. „O, für nichts Beſonderes, war nur neugierig,“ ſagte ich. Dachte, willſt ſie ein wenig eiferſüchtig machen und fuhr fort: „Wiſſen Sie, Miß Miles, daß ſie mein Bild in Michigan und Cincinnati abgedruckt haben? Denke, will die Tage mal hinuntergehen und ſehen, wie mir die Leute im Weſten gefallen; habe die Yorker nun bald ſatt.“ Hatte mich nicht geirrt, das brachte ſie ſchnell wieder zu Verſtand. „Haben Sie wirklich die Abſicht die Stadt zu ver⸗ laſſen 2“ fragte ſie und ſah mich ernſt an. „Weiß noch nicht,“ ſagte ich:„die Verleger im We⸗ ſten dringen gewaltig in mich. Einer von ihnen ſchrieb 59. mir, es gäbe eine Menge hübſcher Mävchen in ſeinem Staate.“ „Iſt das Bildniß im Weſten ſo gut ausgefallen?“ ſagte ſie. „O ja,“ ſagte ich,„es gleicht ſo ziemlich, wenn man berückſichtigt, daß es in meinen alten Kleidern gemacht iſt.“(Dabei nahm ich die Zeitung heraus und zeigte ſie ihr).„Ich denke, es iſt das Beſte für mich, wenn ich hingehe,“ ſagte ich und legte das Bild zuſammen;„ich fürchte, der Graf bildet ſich ein, ich wollte ihn ausſtechen.“ Ich ſah ſie ſcharf an, als ich das ſagte, aber ſie ſtreichelte mit ihrer kleinen Hand den Pelz an ihrem Muff, und als ſie ſprach, mußte ich meinen Kopf herun⸗ ter beugen, um zu verſtehen, was ſie ſagte. Ehe ich aber recht heraushatte, was ſie meinte, be⸗ gegneten uns ein Paar hübſche Mädchen, redeten ſich an und ſchienen ſich halb todt zu freuen, ſie zu ſehen. Dachte, würde jetzt nicht viel mehr ſagen können, empfahl mich alſo und ging nach Haus. Dachte bei mir ſelber, als ich durch den Park ging, am Ende ſind die Menſchen doch überall dieſelben. Sehe keinen großen Unterſchied zwiſchen den Mädchen in Wea⸗ therfield, die Calicokleider und Strohhüte tragen, und die⸗ ſen Newyorker Zierpuppen in Sammt und Seide. Gehen überall ſechs auf ein halbes Dutzend. Ohne den Grafen hätte ich wohl gewußt, was ich Miß Miles ſagen wollte. Wenn ein Mädchen mit halber Stimme ſpricht und ihren Muff ſtreichelt, wie ſie es that, ſo iſt das ein ſicheres Zeichen, daß in ihrem Herzen ſich das Wetter bald än⸗ dert, aber der verdammte Graf brachte mich ganz aus der Faſſung. Doch was macht's? ſagte ich zu mir ſel⸗ ber. Wenn nur zwei Männer auf der Welt wären und das wären der verdammte Kerl und Jonathan Slick und ſie ſollte einen von uns heirathen, ſo wette ich, ſie würde nicht lange ſchwanken, ob ſie den Mann wegen des, was er im Kopf hat oder wegen des Haares, das ihm daran 8⁰ wächst, nehmen ſolle; ein Mädchen kann doch mit einem halben Auge ſehen, daß, wenn einem alles Gehirn in's Haar gewachſen iſt, nicht viel Verſtand drin geblieben ſein kann. Wenn aber alle Mädchen dieſen Herren ſo nachlau⸗ fen, ſo kann man nicht abſehn, was für eine Chance ein einfacher, ehrlicher Kerl, wie ich, unter ihnen haben kann. Will mein Glück aber doch morgen verſuchen, denn wenn ich ſie nicht ſehe, ſo werde ich krank, das iſt gewiß. Euer zärtlicher Sohn Jonathan Slick. Achter Brief. Der Morgenbeſuch.— Das Ankleidezimmer einer Kokette. An Mr. Zephanjah Slick Friedensrichter und Kirchen⸗ Aelteſten in Weathersfietd im Staate Connecticut. Lieber Vater! Nächſten Morgen früh ſtand ich auf und zog wieder meine neuen Hoſen an, ſetzte mich vor's Feuer und ließ mir allerlei Gedanken durch den Kopf gehen, bis es neun ſchlug, dann ſtrich ich mein Haar zurecht und machte mich wieder auf den Weg nach Broadway. Erwartete jeden Augenblick, ich würde Miß Miles begegnen, wie geſtern, ſchien aber Niemand auf der Straße zu ſein. Kein ein⸗ ziger von den bärtigen Herren war zu ſehen und alle Mädchen, die mir begegneten, ſchienen mir ihre Werktag⸗ 81 kleider anzuhaben. Sah zwei oder drei recht häuslich und beſcheiden ausſehende Mädchen, waren aber nicht geputzt und trugen Hutſchachteln oder dergleichen. Einmal wurde ich böſe, d Negerweib, das auf einem der Trot⸗ toirs mit einer langen, großen Bürſte ſtand und die Fen⸗ ſter an einem großen Hauſe wuſch, ſchlenkerte die Bürſte gerade, als ich vorbeiging und überſpritzte meine neuen Hoſen mit einem Strahl ſchmutzigen Waſſers. „Kannſt Du nicht beſſer zuſehen, Du ewiger Neger Du, und Dein Seifenwaſſer für die ſparen, die gewaſchen ſein wollten?“ ſagte ich. Sie lachte nur und fuhr fort zu bürſten, als hätte ich ihr kein Wort geſagt. Dachte aber, es wäre nicht. gut, wenn Dich hier Jemand mit einem Negerweib zan⸗ ken ſähez trag's alſo, denn Nichts zeigt eher, daß einer nicht viel Grütze im Kopf hat, als wenn er ſich mit Je⸗ manden zankt, der ſo tief unter ihm ſteht, daß er Nichts gewinnen kann, auch wenn er die Oberhand bekommt. Steckte es alſo ein, nahm mein Taſchentuch heraus, wiſchte meine Rockärmel ab und ging weiter; war aber nicht leicht hindurch zu ſteuern, ohne zum zweitenmal getauft zu werden, denn alle Neger in York ſchienen draußen zu ſein und die Fenſter zu waſchen. War zwei oder dreimal nahe daran, auszuglitſchen, ſo naß waren die Steine alle vor den Häuſern. Sag euch, dieſe Morgenbeſuche find kein Spaß, beſonders wenn man ſeine Sonntagskleider anhat. Die Neger beſprengen einem den Rock, wenn es der Schneider vergeſſen hat, ohne was vafür anzurechnen. Ehe ich an das große vierſtöckige Haus kam, wo MWiß Miles wohnt, wurde es mir wieder einigermaßen bange. Dachte, was auf der Welt ſollſt du ihr ſagen, wenn du bei ihr biſt? Ueberlegte mir alſo eine hübſche kleine Rede, die ich halten wollte. Hatte in Romanen geleſen, daß die Herren immer knieten, wenn ſie mit ſo großen Damen, wie Miß Miles, zärtlich reden wollten; Leben in Newyork. 6 konnte mich aber um's Leben nicht dazu verſtehen! Das Mädchen mußte etwas Anderes als Fleiſch und Blut ſein, die Jonathan Slick je dazu bringen konnte, daß er kniete, mein' ich. Caleulirt ſie alſo, daß ich ſolch einen Gecken aus mir machen werde, ſo mag ſie weinetwegen gehen, wohin ſie will. E Und wie könnte ich auch in dieſen neumodigen Hoſen niederknien, wenn ich's auch wollte! Ueberlegte hin und her und wurde endlich eins, daß das Niederknien vor den Mädchen hier in York nicht mehr Mode ſein müßte, ſeit⸗ dem die Herren nicht mehr geſchlitzte Hoſen mit Puffen trügen. Das beruhigte mich einigermaßen über den Punkt; dachte alſo weiter, was ich Miß Miles ſagen ſollte, wenn ich bei ihr wäre.*. So leicht es nun aber iſt, treffliche Reden im Kopfe auszuarbeiten, wenn einer auf dem Wege zu einem Mäd⸗ chen iſt, das ihm gefällt, das Schlimme dabei iſt doch, daß er jedes Wort vergißt, wenn er dahin kommt, wo das Mädchen iſt. Wurde mir gewaltig angſt, grade ehe ich vor dem Hauſe war, und mein Herz klopfte mir in der Bruſt, wie der Stößel in einem altmodigen Maismörſer. War mir, als ob mir Jemand nachſähe und es wüßte, daß ich beim hellen Tageslicht auf die Freite ging, was einem ehrlichen Burſchen, der an ſolche Dinge, außer Sonntag Nachts, wo es in der Ordnung iſt, nie gedacht hat, lächerlich ge⸗ nug ſtehen mag. Kam alſo endlich por das Haus und blickte an den Fenſtern hinauf; dachte, vielleicht ſchaut Miß Miles her⸗ aus. War aber Nichts zu ſehen und ging alſo die brei⸗ ten Marmortreppen hinauf, die ſo weiß wie Schnee aus⸗ ſahen und an beiden Seiten ein ausgeſchweiftes Marmor⸗ geländer hatten, und ſtand ſtill, denn mein Herz ſchlug mir ſo, daß es mich ſchier erſticken wollte. Hätte ich gefangen werden ſollen, ich hätte nicht an dem kleinen ſilbernen Knopf ziehen und Jemand rufen können, der 83 mich herein ließ; denn hier in York iſt es Mode, die Thü⸗ ren den ganzen Tag verſchloſſen zu haben, ſo daß jeder draußen ſtehen muß, er mag noch ſo große Eile haben, bis der Neger kommt und ihn einläßt. Nach einer Weile ſteckte ein ſchwarzes Mädchen den Kopf unter den Stufen hervor, als ob ſie ſprechen wollte. Kehrte der Thür alſo den Rücken, ſteckte beide Hände in die Taſchen und fing an ſo ungenirt wie möglich zu pfei⸗ ſen, um ihr zu zeigen, daß ich nicht bange wäre, hinein⸗ zukommen. Ging darauf die Treppe wieder herunter, fing den Pankee Doodle an und ging vor dem Hauſe auf und ab, um Muth zu faſſen. Am Ende kam ein Mädchen aus der Thür mit einer zinnernen Schüſſel in der Hand und fing an die ſilbernen Knöpfe zu ſcheuern. Ging alſo grade die Treppe hinauf und ſagte zu dem Mädchen: „Iſt Miß Miles zu Haus?“ Sie ſtarrte mich an, als wollte ſie mich fragen, was ich wünſche, hatte aber keine Luſt dazuſtehn und mit ihr zu ſchwatzen, ſondern ging vorwärts und kam in die Haus⸗ flur. Niemand war da, aber eine von den Mahagoni⸗ thüren ſtand auf der einen Seite offen und ich trat hinein. Die beiden großen Zimmer waren wahrlich noch ſchöner, als die bei Vetter Beebe; die Schemel, Ottoma⸗ nen und Stühle waren alle mit glänzendem rothem Sammet überzogen, ſtanden aber rings auf dem Teppich zerſtreut, zwei oder drei kleine ſteinerne Tiſche ſtanden mitten in dem Zimmer; einer von ihnen war mit Karaffen und Weingläſern bedeckt, und einige von den Büchern mit gol⸗ denem Schnitt lagen auf dem Teppich. Die Roſte waren alle mit ſolidem Silber eingefaßt, aber kein Funken Feuer war noch in ihnen, und Aſche lag dick auf den ſteinernen Herden. Ein Theil der großen ſeidenen Fenſtervorhänge war in die Höhe gebunden und die andern fielen grade über die Fenſter auf den Boden, daß die Sonne ſo hell dadurch ſchien, wie durch hundert Gläſer voll Rothwein. Dachte, was iſt den Leuten denn eingefallen? Sollte 84⁴ meinen, ſie hätten noch nicht geſrühſtückt, ſo ſieht es aus, und iſt doch beinah zehn Uhr und Niemand, der ſich durch⸗ bringen will, wird doch mit dem Frühſtück bis nach ſechs warten. War eine Zeitlang in den Zimmern umhergewandert und kam wieder in die Hausflur; unterdeſſen war das Mädchen, das ich geſehen hatte, auf einen Stuhl geſtiegen und hatte ein rundes gläſernes Ding herabgelaſſen, das an einer Kette an der Decke der Hausflur hing. Als ſie mich aus den Zimmern kommen ſah, ſchrie ſie auf, als wüßte ſie nicht, daß ich vorher da war. „Was wollen Sie da?“ ſagte ſie ſo unverſchämt wie möglich. „Halt Dein ewiges Maul, Du Geſchöpf Du,“ ſagte ich,„und ſag mir ſchnell, wo Miß Miles iſt; ſch bin ge⸗ kommen, ihr einen Morgenbeſuch zu machen. Das Mädchen ſchien ein wenig beſtürzt und ſagte einem kleinen Negerbuben, der grade die Treppe herauf⸗ kam: Da iſt ein Gentleman, der Miß Miles zu ſehen wünſcht— iſt ſie ſchon auf?“ Iſt das York aber der unverſchämteſte Platz, den ich je ſah! Kein Neger iſt darin, der ſich nicht über euch luſtig macht oder Waſſer oder ſonſt was über den Kopf ſchüttet. Soll mich nur wundern, ob dieſe kleinen Schlin⸗ gel meinen, ich ſei dumm genug und glaube ihnen, daß ein ordentliches, ſchönes Mädchen wie Miß Miles um zehn Uhr noch im Bett liegt. Solch einen Bären binden ſie mir nicht auf, obwohl ich vom Lande komme. „Welchen Namen ſoll ich melden?“ ſagte der kleine Neger ſich tit „He, keinen beſondern,“ fagte ich,„magſt einen melden, der Dir am beſten gefällt; aber ſag mir, wo ſie iſt, denn ich bin des Herumſtehens und Wartens bald müde.“ Der Negerbube ſah das Mädchen an und beide ſn⸗ gen an zu kichern. 85 „Schau her, Du kleines Kupfergeſicht Du,“ ſagte ich dem Neger,„jetzt gehſt Du im Augenblick hinauf oder kriegſt eine allmächtige Ohrfeige!“ Der arme kleine Teufel fuhr zuſammen und ſagte ſo demüthig er konnte;„Wer, ſoll ich ſagen, will Miß Miles beſuchen?“ „Bekümmre Dich darum nicht,“ ſagte ich,„geh voran und ich meine, ſie wird ſchon ausfindig zu machen ſein.“ Damit ging der Neger die Treppe hinauf und ich in aller Eile hinterher. Er wandte ſich um, als wollte er etwas ſagen, grade als er vor einer Thür im obern Stock⸗ werk ſtehen blieb; ſagte ihm aber, er ſolle vorwärts ge⸗ hen und ſeinen Mund halten, deun ich wollie nicht länger warten. Er klopfte an und Jemand rief:„Herein.“ Die Kehle wurde mir zuſammengeſchnürt, denn ich erkannte die Stimme, und es war mir, als wäre ich kopfüber in einen Mühlenteich geſtürzt. Der Neger öfinete die Thür und ſagte:„Maam, da iſt ein Gentleman, der heraufkommen wollte.“ Ich horte Jemand leiſe aufſchrein, ſtieß den Neger auf die Seite und ſagte:„Miß Miles, wie geht's?“ Weiß Gott, das arme Mädchen dauerte mich, ſo erſchrocken war ſie. Was Schuld daran war, weiß ich nicht, aber es war mir zu Muthe, als hätte ich etwas gethan, was nicht recht ſei und ich konnte ihr nicht gleich in's Geſicht ſehen. Als ich aber meinen Kopf in die Höhe hob und meinen Fuß vorſetzte, um ein Compliment zu machen, ſtand ſie gerade vor mir. Beim lebendigen Gott, ſo erſchrocken war ich noch nie in meinem Leben! Ihr wißt, was ich früher von Miß Miles erzählt habe, von ihrer vollen runden Figur, ihren rothen Lippen und ihren Roſenwangen— und ich will verdammt ſein, wenn noch etwas davon da war. Hätte ſie nicht wieder erkannt, wären ihre Augen und ihre Sprache nicht geweſen. Ihr Hals, der ſo weiß und ſchön ausſah, als ich ſie früher bei Vetter Beebe ſah, war ſo gelb wie Saffran. In 86 ihrem ganzen Geſicht war nicht die Idee von Roth und ihr Haar war kraus und hinten in einem Büſchel zuſam⸗ mengebunden, der nicht größer war, als ein Hühnerei! Sie hatte einen großen häßlichen Rock an, der ſie mal ſo dick wie gewöhnlich machte und grade wie ein Manns⸗ hemd ausſah. Er ſaß ihr auch nicht beſonders und ihre beiden kleinen Schuhe waren hinten niedergetreten⸗ Da ſtand ich und ſah ſie mit offnen Augen an— mein Fuß war in die Höhe gezogen und meine Arme hin⸗ gen ſtraff herunter in der Haltung, wie ich die Verbeu⸗ gung hatte machen wollen. Ich fühlte es, daß mein Mund aufſtand und ich ſie ſtärker anſtarrte, als ſchicklich war. Konnte es aber nicht helfen und hätte es die beſte Farm in ganz Weathersfield gekoſtet, ſo überraſcht war ich, ſie in einem ſolchen Aufzug zu ſehn. Geſtehe, es dauerte zwei Minuten, ehe ich ein Wort hervorbrachte, und am Ende fuhr Miß Miles den kleinen Neger zornig an: „Konnteſt Du den Herrn nicht in das Beſuchzimmer führen?“ „O geniren Sie ſich nicht,“ ſagte ich, trat ganz in's Zimmer, ſetzte mich auf einen Stuhl und nahm meinen Hut zwiſchen die Knie,„ich ſitze hier gerade ſo gern wie anderswo.“ Sie ſah aus, als hätte ſie vor Zorn weinen moͤgen, ſetzte ſich am Ende aber doch und gab ſich den Schein, als freue ſie ſich, mich zu ſehen. Sie entſchuldigte ſich wegen ihres Ausſehens und des Zimmers und ſagte, ſie ſei den Morgen nicht ganz wohl und hätte im Negligée angefangen ein neues Buch zu leſen. „O entſchuldigen Sie ſich nicht,“ ſagte ich,„es iſt nicht das erſte Mal, daß ich ein Mädchen im Seifenſchaum erwiſcht habe. Mama ſagt immer, wenn ſie recht ſchlecht angezogen ſei, käme in der Regel Beſuch.“ „Wollen Sie mich einen Augenblick entſchuldigen, Mr. Slick?“ ſagte ſie bald darauf und ſah auf ihr häß⸗ liches Kleid, als ob ſie ſich ſchämen müßte. 87 „Gewiß,“ ſagte ich, betrachten Sie mich nicht als einen Fremden.“ Sie öffnete die Thür und ging in ein Zimmer neben an. Warf raſch einen ſcharfen Blick hinein, als ſie durch die Thür ging. War ein äußerſt ſchönes Zimmer. In der Mitte ſtand eine große Mahagonibettſtelle mit einem großen Federbette, und darüber eine weiße Decke und große viereckige Kiſſen mit Puffen, und die Fenſtervorhänge waren weiß und blau geſtreift. Mehr konnte ich in der Eile nicht ſehen, denn ſie ſchlug die Thür ſchnell hinter ſich zu.„By gracious,“ ſagte ich zu mir ſelbſt, als ſie hinaus war,„wer hätte gedacht, daß Miß Miles ſo alt wäre. Wer ſie geſtern geſehen, hätte darauf geſchworen, ſie ſei nicht mehr als achtzehn, aber heute ſieht ſie ſo alt aus wie die indianiſchen Hügel. Wenn ſie wieder dreißig ſein will, muß ſie ſechs oder ſieben Jahre wie ein Krebs zurückgehn.“ Was mich am meiſten wunderte, war, wie ſich das Mädchen ſo jung machen konnte— dauerte aber nicht lange und wurde mir ſo klar, wie Paſtor Sykes Predigten. Nachdem ſie hinausgegangen war, nahm ich das Zimmer etwas näher in Augenſchein. Alles lag drunter und drüber. Der ſchönen Kleider war kein Ende, aber es that einem weh, zu ſehen, wie die Sachen, die ſo viel Geld gekoſtet hatten, ſo unordentlich herumlagen. Je mehr etwas koſtete, deſto weher thut es einem, wenn man es ſo vernachläſſigt ſieht, wie hier. Calculire, ſie läßt nicht oft Leute in das Zimmer, aber ein wohlerzogenes Mädchen hält das Zimmer, das ſie für ſich hat, und in des nie Jemand einen Fuß ſetzt, ebenſo ſauber, als ob es jeden Tag in Augenſchein genommen würde. War von Herzen froh, daß ich ſie geſtern nicht ge⸗ fragt hatte, ob ſie mich haben wolle, denn wäre ſie auch ſo jung, wie ſie ausſah, und ſo ſchön wie ein Engel, ſo möchte ich ſie nicht, nachdem ich ihr Zimmer geſehen. Ein feines, mit Spitzen eingefaßtes Taſchentuch lag auf dem Sopha, ſah aber ſo ſchmutzig aus, als hätte es für 88 den Anblick eines Waſchzubers alles gegeben. Der Tep⸗ pich war ſo dick und weich wie nur möglich und über und über mit Blumen beſät, aber dicht neben dem Ofen war ein großer Fettfleck, als hätte Jemand eine Lampe umgeſtoßen, und in den Ecken und Winkeln ſah es aus, als hätte er ſeit Ewigkeit keinen Kehrwiſch geſehen. Eine Kommode von ſolidem, polirten Mahagoniholz mit einem runden Toilettſpiegel ſtand an der einen Seite, und über ihm hingen wahrlich die ſchönen langen Locken, die ich an Miß Miles geſehen hatte, als ſie bei Bäschen Marie in Geſellſchaft war. Dachte bei mir, das geht über Alles! Was meint ihr, daß ich darauf ſah? Einen gläſernen Becher halb voll Waſſer, auf deſſen Boden drei niedliche, kleine, weiße Zähne lagen! Mußte wahrlich leiſe vor mich hin pfeifen, als ich ſie ſah. Dachte, heute wird Miß Miles wohl nicht ſo lächeln und ihre Zähne zeigen, wie geſtern. Ferner waren zwei kleine, porzellanene Töpfe, neben denen die Deckel lagen; in dem einen war ein weißer Stoff, der ungefähr wie Mehl ausſah und der andere war voll von etwas, das ganz wie zu Pulver geriebene Roſen⸗ blätter anzuſehen war. Ein kleines Stück Baumwolle ſtak darin, wußte aber nicht, was ich daraus machen ſollte. Auf der Kommode lagen zwei oder drei ſeidene Kiſſen voll Nadeln und die kleinen, vergoldeten, gläſernen Flaſchen, die auf dem Ofengeſimſe, den Tiſchen und Kom⸗ moden herumſtanden, nahmen gar kein Ende. In einer Ecke des Zimmers ſtand ein großer Spie⸗ gel, der ſich zwiſchen zwei Mahagonipfoſten bewegte und über ihm hingen mehrere ſeidene Kleider. Fing an, eines ein wenig zu befühlen, denn ich konnte nicht begreifen, wie die Perſon es anfing, ſo rund und voll auszuſehen. Brauchte aber nicht viel herumzufingern, um es herauszu⸗ haben. Der obere Theil ihrer Kleider war an beiven Seiten mit etwas ausgeſtopft, das ſich recht weich und elaſtiſch anfühlen ließ. Hatte gerade noch Zeit, das Kleid ——— 89 hinzuwerfen und mich wieder zu ſetzen und ein ſo unſchul⸗ diges Geſicht zu machen, als ob mir keine Butter im Munde ſchmelzen könnte, als Miß Miles wieder herein⸗ trat. Sie hatte ein andres, faltiges Kleid angezogen und ihr Haar ſo aufgebunden, daß es etwas dicker ausſah, hatte aber keine Zeit gehabt, ſich ganz herauszuputzen, obwohl ihr Geſicht etwas weißer als vorher ausſah. Sie hatte am Rücken keinen Buckel mehr und war rund herum ganz natürlich gewachſen. War übrigens recht verlegen, denn ſie mußte erwar⸗ ten, ich würde da fortfahren, wo ich geſtern aufgehört hatte; aber der bloße Gedanke daran macht mich ſchon krank. Rutſchte auf meinem Stuhle hin und her, ſah Alles im Zimmer, nur ſie nicht an, nahm meinen Hut, balancirte ihn auf zwei Fingern und ſagte endlich: „Nun, Miß Miles, ich denke, ich kann eben ſo gut wieder gehen.“ „Eilen Sie nicht ſo,“ ſagte ſie und verſuchte zu lä⸗ cheln, hütete ſich aber wohl, ihre Lippen zu oͤffnen,„ich hoffe, Sie betrachten ſich hier wie zu Hauſe.“ Ich ließ meinen Hut fallen und nahm ihn wieder auf. „Was für ein Buch,“ fragte ich,„laſen Sie?“ um nur etwas zu ſagen. „Das neueſte Werk der Gräfin Bleſſington,“ ſagte ſie, ein vortreffliches Buch. Gefallen Ihnen ihre Schrif⸗ ten, Mr. Slick?“ „Weiß nicht,“ ſagte ich,„las nie eins von ihren Büchern; kommt mir aber ſo vor, als ſei nicht viel da⸗ hinter.“ „Sie müſſen nicht ſo ſtreng kritiſiren, Mr. Slick,“ ſagte ſie,„Sie wiſſen Mr. Willes beſuchte ſie und war ganz entzückt von ihr.“ „Mag ſein,“ ſagte ich,„iſt aber meine Meinung, daß Mr. N. P. Willes nicht ſchwer zu befriedigen war, wenn eine Dame einen Titel vor ihren Namen hatte; wundert mich nur, wie er es anfing, drüben in England mit der vornehmen Welt ſo bekannt zu werden. Denke, will die Tage auch mal hinübergehn und mein Glück auf die Weiſe verſuchen, ſie ſcheinen ganz vernarrt in uns Man⸗ kees zu ſein; wenn aber am Ende ein Mann nach Eng⸗ land gehen muß, um ſich von Lords und Verlegern in den Himmel erheben zu laſſen, bis Jemand Notiz von ihm nimmt! ſo hätte er beſſer was Andres angefangen. Iſt aber meine Meinung, daß er noch Nichts geſchrieben hat, ſeitdem er zurück iſt, das halb ſo gut iſt wie ſeine frühe⸗ ren Sachen. Kannte ihn drunten und iſt ein ganzer, vollherziger Mann und ein ächter Dichter dazu. Aber ich muß jetzt wahrhaftig gehen. Miß Miles, Sie glau⸗ ben nicht wie viel ich zu thun habe.“ Damit ſtand ich auf und machte eine Verbeugung. Sie machte einen Knir und ſagte:„Mr. Slick, kommen Sie bald wieder, wir werden immer froh ſein, Sie zu ſehen.“ „Gewiß,“ ſagte ich, verbeugte mich noch einmal, und lief raſch die Treppe hinunter auf die Straße. Miß Miles kann aber eher ein Wieſel im Schlaf fangen, als ſie mich wieder in ihr Haus kriegt. Der Graf mag ſie, oder was von ihr übrig geblieben iſt, heirathen und meinetwegen zum Teufel gehn. Euer zärtlicher Sohn Jonathan Slick. Neunter Brief. Ein Newyorker Emporkömmling.— Jonathan's Erzählung von ſeinem Vetter Jaſon Slick, und wie Jaſon zu faul zur Arbeit war und durch Speculationen reich wurde.— Das Mittagsmahl eines Connecticuter Küſtenfahrers.— Yankee Ahnen.— Wie ein Yankee ſpeeulirt und Staaten, Eiſenbahnen und Banken erwirbt. An Mr. Zephanjah Slick, Friedeusrichter und Kirchen⸗ Aelteſten in Weathersfield im Staate Connecticut. Lieber Vater! Iſt beinah Mitternacht nach dem Neujahrstage, bin aber noch ſo wach wie eine Eule und klar im Oberſtüb⸗ chen. Denke alſo,'s iſt das Beſte, ich ſetze mich nie⸗ der und ſchreibe euch über das Neujahr hier in York. Muß euch vorher aber von alle der Unruhe und Ar⸗ beit erzählen, die ich ſeit meinem letzten Briefe gehabt habe; glaube nicht, daß man einem Menſchenkinde noch ſo nachjagt. Behaupten, Cherryſtreet ſei nicht faſhionable, will aber verdammt ſein, wenn es eine genteelere Straße in der Stadt gibt. Die Leute, die an einem Orte woh⸗ nen, machen ihn genteel vder nicht, und wenn Cherryſtreet in wenig Wochen nicht an der Spitze ſteht, ſo wird es vaher kommen, daß ich ausgezogen bin, denn die großen glänzenden Equipagen, die zu allen Tageszeiten v nei⸗ ner Thür halten, nehmen kein Ende. iſt ſpaf haft ge⸗ nug, die dicken fetten Herren in den aus gepolſterten Kut⸗ 92 ſchen, ganz mit Fellen bedeckt, wie ein kleines Kind in einer Gehmaſchine ſitzen zu ſehn. Neulich kam einer dieſer fetten Herren in meine Wohnung und wollte mir glauben machen, ich ſei ein Verwandter von ihm. Wollte es nicht gleich glauben, denn ſeit ich meine Briefe in dem Erpreß drucken laſſe, will Jedermann mit mir verwandt ſein, wenn ich auch früher kein Wort von ihm gehört habe. Gut, nach langem Hin⸗ und Herreden bewies er mir endlich, vaß er ein weitläuftiger Vetter von mir und in Weathersfield ge⸗ boren und erzogen ſei. War über und über Honig und konnte nicht genug erzählen wie oft er an uns alle ge⸗ dacht und wie er Sam und mich in ſein Herz geſchloſſen hätte. Wollte, ihr hättet ſehen können, wie er den Mund aufriß und durch die Naſe blies und ſich breit machte. Geberdete ſich grade wie unſer alter Truthahn, wenn er ſeine Jungen im Hofe herumführte und ſeine Flügel aus⸗ breitet und mit dem Schwanze ein Rad ſchlägt. Hatten über'ne Stunde ein Langes und Breites von allerlei Dingen geſprochen, als er anfing, wie ſchwer es einem jungen Mann würde, durch die Welt zu kommen, ohne Jemand zu haben, der ihm unter die Arme greiſt, und daß es nicht davon abhinge, wie viel Talent und Genie Jemand beſäße, wenn er nicht einen reichen und einfluß⸗ reichen Freund hätte, der ihn in die Höhe höbe. „Ja, Vetter Slick,“ ſagte er(könnt nicht glauben, wie leicht ihm der Vetter über die Zunge kam),„es iſt Ihnen bis jetzt ziemlich gut gegangen in Newyork, wenn man bedenkt, daß Sie keinen andern Freund als Mr. Beebe hatten, Sie müſſen aber eine Stufe höher, wir müſſen Sie in die Ariſtokratie einführen.“ „In was?“ ſagte ich. „In die Ariſtokratie,“ ſagte er und lehnte ſich zurück und ſteckte die eine Hand in ſeine Hoſentaſche, als wollte er etwas herausnehmen. Dachte, wenn er lange genug geſucht hat, wird er 93 dir wohl zeigen,— Ariſtokratie iſt, wenn er es wie das Uebri herumträgt; aber er holte nur i Ding heraus und fing an, ſich in und nachdem er fertig war, ſing er wieder an: „Ich denke, ich habe Mr. Beebe bei dem Neu⸗Eng⸗ ittageſſen und noch an ein Paar Plätzen geſehen, hin immer Alles kommt, und für einen Kaufmann, der noch nicht genug hat, um ſein Geſchäft aufgeben zu kön⸗ nen, iſt er ein ſehr ach tbarer Mann, aber er gehört doch nicht zu— zit ſe, in die ich Sie einführen will, Mr. Slick; eine C die Ahnen verlangt, Män⸗ von guter Familie, die ſich, wie die unſere, zurück⸗ ren läßt. rer C zu de 38.„ich denke, wir hatten viele wir uns zu ſchämen brau⸗ Papa pflegte gew öhnlich zu n, daß Großvater Slick das beſte Paar S uh von Ochſenleder in Weathers⸗ ſield machte, und was Onkel Joſh angeht, ſo will ich verdammt ſei wenn einer ein Pferd beſſer beſchlagen konnte, als er. Sag' euch, waren beide Burſche von ächtem Schrot und Korn. Fällt mir aber grade ein, var doch ein fanler Schlingel in der Familie, der nicht arbeiten wollte; ging aber fort, als ich ein kleiner Bube var und unſre Leute wiſſen nicht, was aus ihm geworden hte ns nicht viel Ehre, das iſt ein Fact.“ Weiß wahrlich nicht, was meinen dicken Vetter auf einmal ſo unruhig machte; er rutſchte auf ſeinem Stuhl hin und her und wurde ſo roth wie ein Winterapfel. Sagte endlich: „Vetter Slick, das iſt nicht die Art, wie ein Gentle⸗ man beweist, daß er Fnuie hat. Wäre das der rechte Weg, ſo gite es nicht viele im Lande, die zwei Genera⸗ tionen zurückgehen könnten, ohne über einen Schuſterblock oder Ambos zu ſtolpern. gate mir ein gut Theil Mühe gegeben, unſern Stammbaum ausſfindig zu machen und —— der einzige Weg, alle Formen und Handwerker hinaus⸗ zuſchaffen, war, leiſe die Kaufleute, Advocaten und Geiſt⸗ lichen zu berühren, und beſonders bei denen zu verweilen, die groß lebten und nichts thaten. Heutzutage iſt es auch gut, wenn man einen Schriftſteller darunter aufzählen fann, und frührr galt es viel, wenn einer aus der Fa⸗ milie Mitglied des Congreſſes geweſen war. Seitdem ſie ſich aber einen uin den andern Tag im Capitol zanken und wie Katzen und Hunde Feuer gegen einander ſpeien, halfen ſolche Verbindungen nicht viel mehr, außer wenn es einer iſt, der gute Sitten genug hat, ſich der andern zu ſchämen. Freut mich nachgerade, daß keiner aus un⸗ ſerer Familie ſich viel mit Politik abgegeben hat; aber laſſen Sie uns vor die Thür treten und ich will Ihnen das Wappen zeigen, das ich an meiner Kutſche habe.“ „Meinetwegen,“ ſagte ich,„obwohl es einen hart an⸗ kommt, bei der Kälte den warmen Ofen zu verlaſſen.“ Mit den Worten ſtieß ich den Stuhl zurück, nahm meine Füße vom Ofen herunter und ging vor die Thür. By gracious! ſtand da aber eine Prachtkutſche. Ein großer, vierſchrötiger Neger ſaß auf einer Art Stuhl mit einem ſchmalen Rücken, der mit feinem braunem Tuch überzogen und mit Quaſten und Troddeln behängt war, und über ſeine Kniee lag ein großes Bärenfell, das mit rothem Tuch eingefaßt war. Die Pferde übertrafen Alles, das ich bis jetzt geſehen; ſie waren rabenſchwarz und ich wußte nicht, was mehr glänzte, die glatten Leiber oder ihr Ge⸗ ſchirt, das ganz mit Silber ausgeſchlagen war. Zu beiden Seiten des Kopfes hatten ſie große gelbe Roſen, wie ein Mädchen im Putze. Mein dicker Vetter öffnete die Thür und ſagte: „Sehen Sie, Vetter, iſt das nicht hübſch?“ „Schaute hinein und ſah ein kleines Zimmer, groß genug, daß Vetter Beebe ſeine Swarry hätte hineinſtellen können, wenn er ſie mit ſich herumführen wollte. Alles war mit Kiſſen belegt und voll Troddeln und Franſen 95 wie ein Himmelbett. Auf dem Boden lagen zwei große eingefaßte Felle und an beiden Seiten waren kleine Glas⸗ thüren mit Treppen. Es war in der That ſo ſchön und glänzend, daß es einen blenden konnte. Sah meinen dicken Vetter an und ſagte:„die Kutſche läuft allen den Rang ab, die je vor meiner Thüre gehalten haben, und kann Ihnen ſagen, waren ihrer genug da und einige mit ſchönen Mädchen darin.“ „Ja, ja,“ ſagte er mich unterbrechend,„aber Sie noch nicht das Wappen geſehen, von dem ich Ihnen agte.“ Mit den Worten zeigte er mit dem Finger auf ein Bild, das über und über voll Gold am Kutſchenſchlag angebracht war. „Nun ja,“ ſagte ich,„die beiden Dinger, die dort unten liegen, ſind nicht ſo übel, aber der Hahn oben auf übertrifft ſie doch.“ Ich ſehe, Sie verſtehen ſich nicht ſehr auf die Heraldik,“ ſagte mein dicker Vetter;„ich meine, es iſt beſſer, wir gehen wieder hinein.“ „Meinetwegen, möchte aber doch gern wiſſen, was der Hahn bedeuten ſoll, ehe wir gehen,“ ſagte ich. Können Sie nicht errathen, welchem Theil der Slick'ſchen Familie er angehört?“ ſagte er und rieb ſich die Hände ſo ſtolz er konnte. „Weiß nicht,“ ſagte ich,„wenn nicht Tante Lydia, Papa's Schweſter, der alten Jungfer, die wegen ihrer Hühnerzucht berühmt war. Niemand hat je gehort, daß ihr ein Ei verdarb oder eine Ente fortſchwamm.“ s. iſt kalt, Vetter,“ ſagte er,„wollen wir nicht hinein gehen;“ denn der Kutſcher und Bediente warfen ſich eurioſe Blicke zu, als ich das ſagte. Stiegen alſo hinauf und ſobald wir wieder im Zim⸗ mer waren, ſagte mein dicker Vetter:„Vetter Slick, ich habe Sie aufgeſucht und die Abſicht, etwas für Sie zu thun, etwas Rechtes, Sie können ſich darauf verlaſſen. Kommen Sie nächſten Neujahrstag zu mir und lernen Sie meine Leute kennen, und dann brauchen Sie ſich um nichts mehr zu bekümmern. Ich bin ziemlich in der Stadt bekannt und ein Verwandter von mir kann ſich überall zeigen. War neulich in Aſtorhouſe,“ ſagte er, ſich ver⸗ ſchnaufend und beide Beine lang ausſtreckend, während er die Hände tief in die Taſchen ſteckte,„und da waren der fremde Graf und Miß Miles Bruder, die nach Ihnen herumliefen und ſchwören, ſie wollten Ihnen lebendig das Fell über die Ohren ziehen, ſobald ſie Sie wieder in Broadwah ſähen; ging aber auf ſie zu und ſagte: Der junge Gentleman iſt ein naher Verwandter von mir und was ſie gegen ihn ſagen, nehme ich auf mich. Können nicht glauben, Vetter Jonathan, was das für einen Ein⸗ pruck machte. Brauchen ihretwegen alſo nicht die geringſte Furcht zu haben, ſo lange ich Ihnen zur Seite ſtehe— ſie kennen mich. Damit ſtand mein dicker Vetter auf, gab mir die Hand, ſtieg in den Wagen und fuhr fort. Möchte euch gern einen Begriff von ihm machen, Vater. Betrachtetet ihr wohl einmal einen Welſchhahn vor Buß⸗ und Bettag? Will weiter nichts ſagen, mußte ihm aber laut nachlachen. Sobald mein dicker Vetter fort war, ſetzte ich meinen Hut auf und ging nach Peckſtip hinunter, denn Captain Doolittle war grade wieder mit einer Ladung Gemüſe angekommen; dachte, er kann dir vielleicht etwas über den Burſchen ſagen, denn er kennt alle Leute, die in Weathersfield gewohnt haben. Der Captain ſaß grade am Mittageſſen hinter einem Stück kalten Schweinefleiſch und einer rohen Zwiebel und ließ es ſich tüchtig ſchmecken, während auf der Kiſte vor ihm ein Topf mit etwas Heißem ſtand. „Nun, Jonathan,“ ſagte er und ſchaute meine neuen Hoſen an,„wollt ihr euch nicht ſetzen und einen Biſſen nehmen?“ „Möchte es wohl,“ ſagte ich,„aber morgen iſt Neu⸗ 97 jahr und ich muß zu einer Menge von dieſen Newyorker Mädchen und fürchte, mein Athem wird nach den Zwie⸗ beln riechen.“ Wollte, hättet ſehen können, wie Captain Doolittle mich anſtarrte; brachte ſein Geſicht keine zwei Zoll von meinem, gab ſeinem Taſchenmeſſer einen Schwung, ſtieß das dicke Ende deſſelben auf die Kiſte und ſagte: „Jonathan, verderben euch hier in York, thun es wahrhaftig! Sag' euch, geht nach Haus und heirathet Judy White, die weiß, was ſie will, und ſag' euch, dieſe Yorker Mädchen, die die Naſe rümpfen, wenn ſie Zwie⸗ beln riechen. Haben keine Erziehung gehabt. Haben euch ſchon gegen Zwiebeln eingenommen und es wird nicht lange dauern, ſo haben ſie euch gegen eure eignen Ver⸗ wandten gehetzt.“ „Sagt das nicht, Captain Doolittle, das kränkt mich, denn ich habe es nicht verdient. Ein Burſch, der ſich durch Geld, oder einen Nameu, oder das ſchönſte Mäd⸗ chen, die je in ihren Schuhen ſtand, gegen ſeinen eignen Vater einnehmen läßt, verdient, daß er von Grasſpringern zu Tode getreten wird.“ Schien den Captain einigermaßen zu beſänftigen, ſchälte aber eine andere Zwiebel und ſagte: „Gut, Jonathan, freut mich, daß ihr noch etwas von eurer alten Geſinnung habt, wißt aber, rede nicht, wenn ich eſſe; wenn ihr alſo nicht mithalten wollt, ſo ſchweigt ſtill, bis ich noch ein Stück Schweinefleiſch und dieſe Zwiebel verarbeitet habe; nachher bin ich Euer Mann.“ Damit ſchnitt er ein Stück Schweinefleiſch ab und ein Stück Zwiebel dazu, daß mir das Waſſer im Munde zuſammenlief. Nach einer Weile wiſchte er ſein Taſchen⸗ meſſer an ſeinem Rockärmel ab, klappte es zu und ſteckte es in die Hoſentaſche; dann nahm er einen Schluck aus der Kanne, ſteckte ſich eine Cigarre an, ſtreckte ſeine Beine aus und ſagte: Leben in Newyork. 7 „Nun, Jonathan, weßhalb kommt ihr denn, wenn ihr nicht miteſſen wollt?“ Setzte mich alſo und erzählte ihm alles, was ich von meinem dicken Vetter wußte. Der Captain drehte ſeine Cigarre dermaßen im Munde herum, daß ich ſehen konnte, er hatte ſchon früher von ihm gehört; als ich ihm aber von dem Wagen, dem Hahn und ſo weiter erzählte, warf er ſeine Cigarre auf die Seite, legte ſeinen Daumen an die Naſe, zwinkerte mit einem Auge und zitterte mit den Fingern, ohne ein Wort zu ſagen. Nach einer Weile fragte er mich nach dem Namen des Burſchen, und als ich ihm den ſagte, ſprang er in die Hoͤhe, drehte ſich auf einem Bein herum, ſtellte ſich grade vor mich hin, zwin⸗ kerte mit dem andern Auge und ſagte: „Hoͤrt, Jonathan, erzählte euer Vater euch nie von Joſe Slick, dem faulen Kerl, der ſich verheirathete und nach dem Weſten ging, weil er ſo übermäßig faul war, vaß er ſich nicht wie andere Leute ernähren konnte? Laßt mich nur ein wenig verſchnaufen und ich will euch alles erzählen.“ Der Captain fegte die Zwiebelſchalen weg, wir ſetzten uns auf die Kiſte und er fing an:„Vielleicht hat euer Vater euch nie erzählt, was für ein fauler Kerl der Joſe war, aber er that auf der Welt nichts, als Taſchenmeſſer verkaufen und Kopf oder Schrift ſpielen. War aber ein Meiſter im Fangen der Moſchusratten und Fuchsſchießen und ſchickte gewöhnlich ſeine Felle nach York. Werdet nicht oft finden, daß ein fauler Strick knapp mit ſeinem Gelde iſt, aber Joſe war ſo geizig wie eine Spinne, und hätte einem Muskito, der Haut und des Talges wegen, das Fell abgezogen. Glaube nicht, daß der Kerl in ſeinem Leben tractirt hat, glaub' es wahrlich nicht.“ „War übrigens kein ſchlechter Burſche; als er ſah, daß ihn alle Mädchen von der Seite anſehen und ihn nicht zu ihren Quiltings einluden, überredete er mich, ich ſollte ihn mit nach York hinunter nehmen. Er ſchickte 99 gewöhnlich ſeine Felle durch mich, und ich konnte ihn wohl leiden, behielt ihn auch noch lange Zeit im Auge. Hielt ſich in der erſten Zeit ziemlich gut, kaufte einen Handkarren und ſchaffte den Leuten ihr Gepäck von den Dampfſchiffen, die am Peckſlip anlegten; das konnte ihm auf die Dauer aber nicht gefallen, weil er zu viel arbeiten mußte; lieh hier und da alſo Geld zuſammen und fing einen Rumladen dicht am Slip an.“ Der Captain nahm ſeine Cigarre wieder und zündete ſie an; dann fuhr er fort:„Verlor ihn darauf aus den Augen, hörte aber, er habe ſeinen Laden aufgegeben und ſei in den Weſten. Na, zwei Jahre ſind ſchnell herum, Jonathan, das wißt ihr, oder wenn ihr's nicht wißt, ſo werdet ihr's erfahren, wenn ihr ſo alt ſeid wie ich, und es kam mir nicht ſo lange vor, als er mir eines Tages grade in die Hände lief, als ich Wallſtreet hinaufſteuerte, um Münze für eine Fünfpfundnote einzuwechſeln. By gracious! machte ſich dick mit ſeinem glänzenden ſchwar⸗ zen Rock und den Petſchaften, die an ſeiner Uhr herun⸗ terbummelten. Schien mich anfangs nicht zu kennen, ging aber grade auf ihn zu und ſagte: „Wie geht's Joſe?“ Vergeß es nie, was für'n Ge⸗ ſicht er machte. Streckte erſt feine Hand aus, zog ſie aber wieder zurück und ſagte:„Wie geht's, Sir?“ und ſchien ſehr verlegen. That aber, als ſähe ich es nicht, ſteckte meine Hände in die Taſchen, wie ihr auf eurem Bilde, Jonathan und ſagte: „Friſch und wohl, wie immer. Aber wie iſt's euch die Zeit über gegangen?“ „Hatte Mühe das Lachen zu verbeißen, als ich ſah, wie der Burſch den Kopf hin und her drehte und die Leute anſah, die zu beiden Seiten auf und ab gingen, als fürchtete er, ſie ſähen uns, der Tropf! Nach einigen Augenblicken ſagte er:„„Ich habe jetzt Eile, Captain, denke aber, ihr werdet an eurem gewöhnlichen Platz zu finden ſein. Guten Morgen.““ „Damit ſteckte er beide Hände unter die Rockſchöße und ſegelte die Straße hinnnter, wie ein Schwein, ehe es geſchlachtet wird. Mußte hellauflachen, knickte ein wenig mit den Knieen, ſteckte beide Hände in die Taſche, und ſandte ihm einen Pfiff nach, daß die Leute aufſchauten. War wohl nicht höflich, gehörte ihm aber. Bin ſein Freund geweſen, Jonathan, als er einen brauchte, und wer ſich ſeiner Bekannten ſchämt, weil er ein Paar Dollar mehr in der Taſche hat, iſt ein jämmerlicher Wicht, das iſt wahr und ausgemacht.“ „Als ich den Joſe auf der Straße ſo aufgeblaſen ge⸗ ſehen hatte, erkundigte ich mich ein wenig nach ihm, was er die Zeit über getrieben habe und ſo weiter, und fand bald heraus, was ihn ſo übermüthig machte. Ihr begreift, er hatte geſehn, daß man ſich in York nicht durchbringen kann, ohne zu arbeiten, machte ſich alſo fort und ging in den Weſten.“ Da trieb er ſich eine Zeitlang als Trapper*) in den Wäldern herum, bis er das Ding ſatt bekam und ſich auf einer Section Congreßland niederließ und ein Mittel aus⸗ findig machte, Geld zu verdienen, ohne zu arbeiten. Ging nämlich in allen Schenken herum und erzählte von der Gegend, in der ſein Land läge, und wie capitales Land es ſei und was für gutes Waſſer und wie ſchweres Bauholz. Schickte nach York hinunter und ließ ſich eine Karte ma⸗ chen, die voll von Waſſerrechten und dergleichen Dingen war, bis er die Leute wirklich glauben machte, er habe den Platz gefunden, wo das tauſendjährige Reich beginnen müſſez einen Platz, wo jeder hohle Baum voll wilden Honig ſei, wo die wilden Katzen wie die Kaninchen herumſprängen, und die Habichte herunterkämen, um den Hennen ihre Jun⸗ gen füttern zu helfen.“ „Dauerte nicht lange, ſo fing ſeine Speculation un⸗ *) Trapper, ein Jäger, der das Wild durch Schlingen fängt. 101 ter den Gelbſchnäbeln an zu wirken, wie Geſt unter dem Teig von Doughnuts. Wenn ihr eine Heerde Schafe in einer Hürde eingeſchloſſen geſehen habt, Jonathan, ſo habt ihr was über den menſchlichen Charakter lernen können. So wie es einem einfällt, über die Mauer zu ſpringen, ſo folgen ihm die andern alle durcheinander, als wäre der le⸗ bendige Teufel in ſie gefahren. So weit kannte euer Vet⸗ ter Joſe die menſchliche Natur— er brachte das erſte Schaaf zum Springen, und hurrah! es dauerte nicht lange, ſo war ſeine ganze Station in Bauſtellen zerſchnitten, und Mühlen mit drei Gängen ſtanden, wo kein Quart Waſſer war, um ſie zu treiben. War kein Ende der Wege und Brücken und großen Wagen, voll Weiber und Kinder und Hausrath, Körben und Keſſeln, die Jahr aus Jahr ein hineinreisten. Und als Jedermann neugierig war, was er nun nächſtens machen würde, verwandelte er ſein Territo⸗ rium in einen Staat, legte Eiſenbahnen in allen Richtun⸗ gen an, daß Alles ſo ſchnell im Preiſe ſtieg, wie Pilze in einer Sommernacht.“ „By gracious! Der Kerl war damit noch nicht zu⸗ frieden, ſondern ſtellte etwas Anderes an, das Alles über⸗ traf. Weiß nicht, wie er es anfing, aber verwandelte alle ſeine Aecker und Eiſenbahnen in Scrips*), ſteckte ſie in ſeine Rocktaſche und ging nach York. Es dauerte nicht lange, ſo hatte er alle dieſe Scrips für kleine rothrückige Scheine mit Bildern darauf eingetauſcht, die ſie hier in Newyork feil bieten. Dann fing er auf ſeine eigne Fauſt eine Bank an und machte Geld nach Leibesfräften. Kann euch ſagen, er hat eine gute Chance, denn ihm gehört Alles in der Bank; ſo iſt er Präſident, Caſſier und Alles Serip, die Unterzeichnung auf einen einzelnen Gegenſtand der verſchiedenartigen Verſchreibungen(zuſam⸗ mengenommen omnium genannt), nach denen eine Anleihe zu Stande kommen ſoll. Eine Abkürzung von Subscrip- tion. Flügel. in einer Perſon und trotz ſeiner Faulheit iſt er jetzt ein gutes Stück Geld werth.“ Es hatte mir Mühe gekoſtet, an mich zu halten, während der Captain ſprach. War über und über ge⸗ ſpannt und mein Mund ſtand weit offen, um jedes Wort aufzuſchnappen. Kaum war er fertig, ſo ſprang ich auf und rief: „Hurrah! wenn das nicht ein Mankee iſt! Zweifle keinen Augenblick an dem, was er ſagt. Iſt ein Slick durch und durch. Glaubt ihr, daß ein anderer, als ein vollblütiger Cönnecticut Yankee durch Nichts als Speeu⸗ lationen reich geworden wäre? Will euch was ſagen, Cap⸗ tain, bin ſtolz darauf, den Mann zu kennen. Hat ſeinen Lebtag was Gutes gethan, denn Niemand kann reich wer⸗ den, ohne auch Anderen auf die Beine zu helfen Um ſich ſelber zu viel zu nützen, muß man andern auch ein wenig nützen, mein' ich.“ „Ja,“ ſagte der Captain,„iſt aber eine ewige Schande, daß dieſe Kerle ehrliche Leute über die Achſel anſehen.“ „Ja freilich,“ ſagte ich, ſetzte meinen Hut auf und gehen, aber Captain Drolittle hielt mich zurück und agte: „Wenn ich ihr wäre, Jonathan, ſo müßte der mit ſeinem Gelde herausrücken, oder ich zöge nicht mit ihm herum. Er iſt verſeſſen darauf, Jemand zu haben, mit dem er groß thun kann; konnte auch nicht denken, was er ſich jetzt, ſeitdem er reich geworden iſt, für Mühe gibt, den Leuten weiß zu machen, er verſtehe etwas. Er ſchwatzt von Ariſtokraten. Die Talente bilden die wahre Ariſto⸗ kratie in unſerm Lande, und er hofft unter ſie aufgenom⸗ men zu werden, wenn er ſich für euren Verwandten aus⸗ gibt, weil ihr in die Zeitungen ſchreibt. Denke, ihr geht ihn an, er ſoll euch ein Paar Tauſend Dollars leihen.“ „Keine Rede davon,“ ſagte ich;„wenn ich nicht mein eignes Futter ſchneiden kann, gehe ich wieder nach Haus.“ 103 „Aber,“ ſagte der Captain,„könnt ihn vielleicht be⸗ wegen, daß er euch hilft, daß ihr eure Briefe in ein Buch gedruckt kriegt. Euer Vater freute ſich zu Tode, wenn ihr ein Buch wie Sam drucken ließet.“ „Das hat noch keine Eile,“ ſagte ich einigermaßen ſtolz;„und wenn ich eins drucken laſſe, und es zahlt nicht ſeine Koſten und noch etwas mehr, ſo mags der Kukuk holen.“ Damit ſagte ich Captain Doolittle Adieu und ging wieder in meine Wohnung. Euer zärtlicher Sohn Jonathan Slick. . X W Zehnter Brief. Nenjahrbeſuche.— Ein ächtes Yankee⸗Frühſtück aus Dough⸗ nuts in Cider.— Jonathans Gedanken über den Unterſchied zwiſchen der Wohnung einer wirklichen und einer nenge⸗ backnen Dame.— Jonathans Gedanken über Liebe und Weiber. Un Mr. Zephanjah Slick, Friedensrichter und Kirchenälteſten in Weathersfield im Staate Connecticut. Lieber Vater! Hatte mich erkundigt, was hier am Neujahrstag Sitte wäre und gefunden, daß es Mode ſei, anfzutiſchen und jeden Beſuchenden zu tractiren. Legte alſo in der Frühe ein reines weißes Handtuch über den kleinen Tiſch in meiner Stube, ging in die Vorrathskammer, wo ich meine neuen Kleider, mein Brennholz, meine Zahnbürſte und ſolche Dinge aufbewahre, die ich nicht alle Tage ge⸗ brauche, und zapfte ein Quart von dem vorzüglichen Cider ab, den ihr mir durch Captain Doolittle ſchicktet. Mußte einen Appetit machen, der mich mit dem vollen Cider⸗ kruge in der einen Hand, und in der andern einen Kiſ⸗ ſenüberzug voll Doughnuts ſah, die mir Mama neulich geſchickt, und außerdem noch mit einem tüchtigen Stück Käſe und einem Haufen trockner Aepfel unter dem andern Arm. Häufte einen Haufen Doughnuts auf der einen Seite des Tiſches auf, ſetzte die Aepfelkiſte auf der andern und machte für den Käſe und den Cider in der Mitte Platz; that mir wirklich leid, daß Mama nicht ſehen konnte, wie hübſch ich Alles aufgeputzt hatte. Dachte,'s werden nicht viel Leute in York ſein, die ihren Beſuchen beſſer auftiſchen, als ich. Gut, wer kommt zuerſt herein, als Vetter John Beebe, um zu ſehn, wie mir's immer geht. Setzte ihm Stuhl an den Ofen, gehe auf den Tiſch zu und age: „Denke, wir nehmen eins Vetter John;'s iſt ein infam kalter Tag und Sie ſehen ganz verftoren aus.“ My gracious! der machte Augen, als er ſah, was ich aufgetiſcht hatte. That alſo reichlich Ingwer in den Cider, ſetzte ihn auf den Ofen und rührte ihn mit einem kleinen elfenbeinernen Dinge um, das mir ein hübſches Mävchen geſchickt hatte, um die Briefe damit zu falten. Fing bald an zu dampfen und zu ziſchen, nahm alſo einen Schluck, um es zu probiren, und reichte es dann Vetter John und ſagte: „Da, Vetter John, nehmen Sie einen Schluckz* iſt nicht wie das verdammte Zeug, das Sie mir gaben, als ich bei Ihnen zu Mittag aß. Macht keinen Dunſt im Oberſtübchen, ſondern geht gleich dahin, wo es ſoll, daß einem im Augenblick wohl wird.“ Vetter John 105 ſchien ſich vor dem Quart nicht zu fürchten, that einen ordentlichen Zug, daß ſeine Augen glänzten, und ſagte: „Das iſt capitales Getränk, Jonathan! Wo in der Welt haben Sie das her? Ich habe York gewiß ein Dutzendmal von einem Ende zum andern durchſucht, konnte aber keinen Tropfen finden.“ Damit ſetzte er wie⸗ der an und that einen neuen Zug, holte dann tief Athem und ſagte:„Das iſt doch unverfälſchter, reiner Stoff.“ „Iſt's nicht der wahre?“ ſagte ich, mich vorwärts beugend und meine Hände behaglich reibend.„Machte mir beinah Heimweh, als ich zum erſtenmal davon trank, ſo brachte er mir Weathersfield vor die Seele. Papa hat mir ein ganzes Faß voll durch Captain Doolittle geſchickt.“ „Iſt alſo von zu Haus gekommen,“ ſagte er und liebäugelte wieder mit dem Quart;„muß noch einmal auf das Wohl deſſen trinken, der ihn geſchickt hat.“ Damit trank er das Quart grade leer, und als er ihn niederge⸗ ſetzt hatte, holte er tief Athem und ſagte:„Das iſt capital!“ „Gelt,“ ſagte ich und ſtand auf, um das Quart wieder zu füllen, denn es freute mich zu ſehn, wie es ihm ſchmeckte und wie er ſich in meiner Stube zu Haus fühlte. Als ich wieder heraufkam, ſah John erſt das Quart und dann die Eßwaaren an, die ſo verführeriſch dalagen. „Verſetzt mich ganz wieder in die Zeit, da wir Kin⸗ der waren, Jonathan,“ ſagte er. Ich ſetzte den Tiſch zwiſchen uns, und die Art, wie wir in die Eßwaaren ein⸗ hieben, war ein Compliment für Mama. Nachdem Vet⸗ ter Beebe zehn Doughnuts und ein Stück Käſe, wie eure Fauſt groß, gegeſſen hatte, hört er auf und ſagte: „Jetzt thut's ſich, Vetter; wenn wir uns ganz ſatt eſſen, finden wir kaum Platz mehr für die andern Speiſen und Getränke, die uns die Leute heute vorſetzen, wenn wir Beſuche machen.“ „Sagen Sie einmal, Vetter,“ ſagte ich einigermaßen verlegen.„Sie wiſſen, ich bin ein Neuling in Newyork, denn wir haben bei uns dieſe Sitten nicht. Wie wär's alſo, wenn Sie mir ungefähr ſagten, wie's die Leute hier machen u. ſ. w. Möchte mich nicht gern lächerlich ma⸗ chen und mein dicker Vetter will mich abholen und in ſeinem Wagen mit herum nehmen, um mich, denk' ich, den Leuten wie eine Swarry zu zeigen; und mache ich nicht Alles, wie ich muß, ſo wird er roth und rutſcht her⸗ um, wie eine alte Henne, die Enten ſtatt Hühnchen aus⸗ gebrütet hat. Was muß ich denn den Frauenzimmern ſagen und wie mich benehmen?“ Vetter Beebe ſaß einen Augenblick ſtill und knupperte an einer Doughnuts, als ob es ihm leid thäte, aufzuhören; endlich ſagte er: „Wenn Sie in ein Haus kommen, wo Sie einen Beſuch machen wollen, ſo gehen Sie gerade in das Zim⸗ mer, wo die Damen empfangen; nach einiger Zeit, wird man Sie auffordern, einige Erfriſchungen zu nehmen; dann treten Sie an den Tiſch, auf dem Wein u. dgl. ſteht, wenn Sie keine Tentokoller ſind, und wenn ſie's ſind—“ „Brauchen mir nicht zu ſagen, wie die's machen,“ ſagte ich,„beſuche Niemanden, der ſich für klüger hält, als unſer Heiland. Der verwandelte Waſſer in Wein, und wenn ich beſſer als er werde, dann will ich auch kei⸗ nen mehr trinken, aber nicht früher. Wollte, Sie könn⸗ ten Paje über das Capitel mit den Paſtoren disputiren hoͤren. Denke—“ Vetter Beebe fiel mir in die Rede und ſagte:„Sie ſchenken alſo den Damen ein Glas halb voll, keinen Trop⸗ fen mehr, und für ſich ganz voll—“ „Ganz voll?“ ſagte ich. „Allerdings,“ ſagte er. „Sieht mir aber doch gierig aus,“ ſagte ich,„ſich ſelbſt mehr als dem Frauenzimmer zu geben; will mir nicht gefallen.“ 107 „Iſt aber die Mode,“ ſagte er.* „So, ſo,“ ſagte ich;„denke aber, werden ſich ſchon zu bedienen wiſſen, wenn der Herr fort iſt. Habe immer bemerkt, daß die Frauenzimmer, die ſich vor den Leuten anſtellen, als lebten ſie nur von der Luft, hinter der Spei⸗ ſeſchrankthür nach Leibeskräften eſſen können.“ John lächelte, als ſtimmte er bei und ſagte:„Das bei Seite, wenn Sie ven Wein eingeſchenkt haben, verbeu⸗ gen Sie ſich und ſagen:„Viel Glück zum neuen Jahr,““ oder ſonſt etwas Verbindliches, das Sie wünſchen. Eine Perſon von Ihrem Genie ſollte nie in Verlegenheit ſein, etwas Angenehmes zu ſagen. Dann trinken Sie von dem Wein, nehmen irgend etwas von dem, was auf dem Tiſch liegt und gehen wieder.“ „Denke, was ich ſagen ſoll, kann ich ſchon behalten,“ ſagte ich;„wäre mir aber lieb, wenn wir das Manöver mit dem Wein grade probirten, wenn Sie Nichts dawider haben.“ „Recht gern,“ ſagte er;„ich bin alſo Sie und Sie ſind die Dame.“ „Gut ſo,“ ſagte ich. „Geben Sie alſo Acht,“ ſagte er, und nahm das Quart. Er machte eine kleine Verbeugung und that einen tüchtigen Zug. Merkte wohl, wo das hinauswollte, und dachte, Du haſt jetzt dein Theil.„So,“ ſagte ich, ſtreckte beide Hände aus und nahm ihm das Quart vor dem Mund weg. „Will probiren, ob ich's kann,“ ſagte ich, ſo nüchtern wie ein Kirchenälteſter, machte eine kleine Verbeugung, winkte ihm mit einem Auge über den Topf zu, und als ich abſetzte, fing er herzlich an zu lachen; ich ſtimmte mit ein, und wir lachten, daß die Fenſter klirrten. Nachdem wir uns wieder geſetzt hatten, lud John mich ein, Marie einen Beſuch zu machen und ging dann nach Hauſe, um ſich zum Ausgehen anzuziehn. Hatte nur noch Zeit, fortzulaufen und ein Stück Gummi elaſticum zu kaufen, um meine gelben Handſchuhe damit rein zu machen, als mein dicker Vetter mit ſeiner Kutſche ange⸗ raſſelt kam. Der lange Kerl ſprang hinten herunter und klopfte an die Thür. „Herein,“ rief ich und ſuchte in der Stube nach einer Nadel herum, um mein Hemd zuſammenzuſtecken, an dem die verwünſchte Waſchfrau den Knopf weggewaſchen hatte. Der Burſch war wie ein Generalmajor angezogen, gelb und blau, ſo fein wie eine Fiedel und lachte ein we⸗ nig, als er meinen Tiſch ſah, und daß ich noch nicht an⸗ gezogen war; als ich ihm aber in's Geſicht ſah, nahm er ſich zuſammen und ſagte ſo unterthänig wie moͤglich: „Mr. Slick, mein Herr wartet unten.“ „Sag ihm, ſich nicht zu übereilen,“ ſagte ich,„ich bin noch nicht fertig.“ Damit ging er hinaus, ich zog in aller Eile meine Hoſen an, ſteckte einen trocknen Apfel und ein Paar Doughnuts auf alle Fälle in die Taſche und folgte ihm. Er ſtand da, hielt die Glasthür offen, eine kleine mit Teppichen belegte Treppe hing bis auf den Boden herab und der Neger klatſchte mit ſeiner Peitſche den Pferden um die Köpfe. Konnte grade noch ſehen, daß John ſeinen Löwen und Hahn auch auf die Umhänge der Kiſſen hatte ſetzen laſſen, und ſprang ſo luſtig wie ein Grasſpringer in den Wagen. Der lange Burſche klappte die Tritte zuſammen, ſchlug die Thüre zu und fort ging's wie der Blitz. Sag' euch, dieſe Kutſchen gehen ſo glatt, wie Fett über den Boden weg; war mir grade, als ſäße ich in einem Rocking chair. Mein dicker Vetter ſchien jede Minute größer zu werden, als er ſah, wie verwun⸗ dert ich Alles betrachtete und ſagte: „Jetzt Vetter, wollen wir einige Leute beſuchen, mit denen bekannt zu werden ſich der Mühe lohnt, und wenn ſie hören, daß Sie mein Verwandter, ſo werden Sie wohl aufgenommen werden. Setzen Sie alſo den beſten Fuß . Dachte bei mir ſelber,'s iſt ein Glück, daß Vetter 109 Beebe mir Alles gezeigt hat, hielt aber fein den Mund und ſagte kein Wort, denn es war bitter kalt, und die Worte ſchienen zu gefrieren, ehe ſie heraus waren. Der Neger fuhr drauf los wie Feuer und Dampf und es dauerte nicht lange, bis wir vor einem großen Hauſe hielten und der lange Kerl herunterſprang, die Thür öffnete und den Schlag herunterließ, als erwartete er, wir würden ausſteigen. „Das iſt mein Haus,“ ſagte mein dicker Vetter,“ ge⸗ hen Sie hinein und machen Sie den Damen einen Beſuchz ich will noch bei zwei oder drei Häuſern vorfahren und Sie gelegentlich wieder abholen.“ War mir grade nicht recht, allein hineinzugehen, aber der lange Burſche hatte, ehe ich ein Wort ſagen konnte, die Treppe aufgeſchlagen, der Thür einen Schwung gege⸗ ben, war hintenauf geſprungen und wie der Blitz ging's weiter. Stand einen Augenblick da und ſah mich um. Es war ſo kalt, daß einem die Ohren verfrieren konnten, ſteckte daher, ſo gut es gehen wollte, die Hände in die Hoſen und fing an, mit den Füßen auf dem Trottvir zu ſtampfen. Es war komiſch, die Straße voll Herrn zu ſe⸗ hen, die auf und nieder⸗, hin⸗ und herliefen, als wenn der Leibhaftige in ſie gefahren wäre. Jeder hatte ſeine Sonn⸗ tagskleider an, und alle hatten ihr Haar auf beiden Sei⸗ ten niedergeſtrichen, ſo daß viele von ihnen wie Mädchen in Mannskleivern ausſahen. War kein Stückchen Potti⸗ wak von einem Ende von York bis zum andern zu ſehen und wollte einem bedünken, als wäre die ganze Stadt für heute in Männer verwandelt worden. Die Straßen ſahen wirklich einſam aus, denn es kommt einem am Ende doch unnatürlich vor, wenn man ausgeht und keinen Mädchen und Frauen mit ihren hübſchen Geſichtern und ſchönen Kleidern begegnet. Eine Stadt ohne ſie ſieht wie ein Wold ohne Unterholz und Blumen aus. Weiß nicht warum, aber wenn ich an einen Ort komme, wo nur Männer ſind, ſo ſchien es mir, als wenn aller Sonnen⸗ ſchein ſort wäre, und als ich ſo vor meines dicken Vetters Haus ſtand, machte es mich ganz trübſinnig, daß ich nir⸗ gends das Ende eines rothen Shawls oder eines Pel⸗ zes irgendwo ſah. Glaube am Ende, daß wenn Jemand in Verlegen⸗ heit iſt, wie er etwas angreifen ſoll, es das Beſite iſt, wenn er grade ausgeht, ohne ſich viel Gedanken darüber zu machen. Sobald ich daher einigermaßen zu mir ge⸗ kommen war, ging ich hinauf und zog tüchtig an dem Knopfe. An der Thür war eine tellergroße Silberplatte auf die mit allerlei verzierten Buchſtaben Jaſon Slick geſchrieben ſtand. Dachte bei mir ſelber: wundert dich doch, daß er nicht auch ſeinen Löwen und ſeinen Hahn angebracht hat. Nach einigen Secunden, kam ein langer Kerl, der dem, welcher hinter dem Wagen auſſtand, auf's Haar glich, und ſtellte ſich mit ſoviel Bücklingen und Kratzfüßen in die Hausflur, vaß es ausſah, als ob er mich tanzen lehren wollte. Sein Hinundherfahren, als er die Thür öffnete, brachte mich nun gar zum Lachen. Ehe ich recht wußte, wo mir der Kopf ſtand, war ich mitten in einem großen Zimmer, deſſen bloßer Anblick einen hätte blind machen können. Die Sophas waren alle brennend roth und glänzten von dicken Kiſſen. Große, ſchwere, gelbe Vorhänge hingen über lange, goldene Stangen die Fenſter herab und waren voll großer blauer Quaſten und rother Franſen. Der Teppich war ſo dick und weich, wie ich noch keinen ſah, und wenn man die Figuren, die hinein⸗ gewirkt waren, alle anſah, konnte einem ſchwindlich wer⸗ ven. Alles im Zimmer war ſo koſtbar und ſchön wie möglich; ſah aber aus, als wenn jedes Stück nach ſeinem eigenen Willen dorthin gekommen und ſo ſtolz auf ſich ſelbſt wäre, daß es keinen Umgang mit ſeinen Nachbarn haben wollte. Das ganze Zimmer ſah aus, als wäre es voll Mohnköpfe, Sonnen⸗ und Ringelblumen und die großen 11¹ Spiegel verdoppelten Alles. An der einen Seite ſtand ein Tiſch grade vor einem der mächtigen Spiegel, der alles noch einmal ſo prächtig ausſehen machte. Er war ganz voll von ſilbernen Körben und Meſſern und Gabeln und Glä⸗ ſern und allem moglichen, was man nur eſſen und trinken konnte. Zu beiden Enden ſtanden kleine Kirchthurme von Zuckerkandis und ganze Haufen von Kuchen mit allerlei Figuren. Sah in meinem Leben noch keinen ſolchen Tiſch voll Leckereien. Der bei Vetter Beebe reichte ihm nicht das Waſſer; aber Alles lag ſo übereinander und von Allem war eine ſolche Maſſe da, daß es nicht halb ſo genteel wie bei Bäschen Marie ausſah. Muß aber jeden⸗ falls eine gewaltige Maſſe Geld gekoſtet haben. Ich war von dem Zimmer und dem Tiſch ſo über⸗ raſcht, daß es lange dauerte, bis ich die Leute, die darin waren, bemerkte. Nach und nach entdeckte ich jedoch eine fette Frau, die in einem rothſammtenen Rockingchair ſaß. Sie ſaß dicht beim Feuer, als ich jedoch näher trat um meine Verbeugung zu machen, ſtand ſie auf und machte einen Knir— aber ſolch einen Knir, wie ich mein Lebtag noch nicht ſah— halb wie das Flattern eines Huhnes und halb wie das Watſcheln einer fetten Ente. Mußte mich zuſammennehmen, um nicht grade heraus⸗ zulachen, hielt aber an mich und ſagte mit einer neuen Verbengung:„Sie ſehen, Maam, ich fühle mich hier gleich zu Hauſe. Mr. Slick, mein dicker Vetter, hat. mich erſucht, Ihnen einen Nenjahrsbeſuch zu machen.“ Wollte, ihr hättet geſeh'n, wie ſich die Alte bei dieſen Worten aufblähte; mußte ihr aber doch einfallen, wer ich wäre, denn ſie neigte auf einmal ihren Kopf auf die eine Seite und fing aufs Freundlichſte an zu lächeln. Dann ſtreckte ſie beide Hände aus, kam auf mich zu und ſagte: „Freut mich, Sie zu ſehen. Vetter Mr. Slick ſprach mir geſtern von Ihnen und, ſagte ich, lade ihn auf alle Fälle ein. Es iſt nicht oft, daß wir uns mit einem Ver⸗ wandten einlaſſen können, ſie ſind alle ſo anmaßend. In der That, einige von Mr. Slicks Familie ſind uns ſchon recht läſtig geworden, denn ſie ſcheinen unſre Stel⸗ lung gar nicht zu begreifen; aber Sie, Vetter, der ſo viel Geiſt hat, werden das Alles verſtehen.“ Che ich noch ein Wort vazwiſchen reden konnte, nahm ſie meine Hand, mit dem gelben Handſchuh und allem zwiſchen ihre beiden und führte mich ans Feuer. Nachdem ich mich geſetzt hatte, fingerte ſie an meiner Hand herum, als ob ſie ihr gehore. Dachte, was kann die Alte wollen? Will verdammt ſein, wäre ſie fünfzehn Jahre jünger geweſen, ſo hätte ich gedacht, ſie hätte die Familie Slick ſo in ihr Herz geſchloſſen, daß es ihr nicht darauf ankäme, wie vielen ſie ihre Liebe ſchenke. Sobald ich meine Hand los werden konnte, ließ ſie ihre ſo zärt⸗ lich, wie eine verliebte Katze, auf meine Knie fallen, brachte ihr Geſicht ganz nahe an meines und ſagte: „Sie können nicht denken, Vetter, wie viel Vergnü⸗ gen es mir gemacht hat, Ihre Briefe im Erpreß zu leſen. Es freut mich, wenn ſolche Emporkömmlinge, wie die Beebe's, mitgenommen werden. Der bloße Gedanke, Geſellſchaften zu geben, und ihr Mann hat ſich noch nicht aus dem Geſchäft zurückgezogen! Als ich den Brief las, ſagte ich zu Mr. Slick: Bring den jungen Gentleman hieher, wo er etwas von ächtem vornehmen Leben ſehen kann; es wäre Schade für ihn, wenn er ſein Talent wegwürfe, ſolche Lappalien wie bei Mr. Beebe's zu be⸗ ſchreiben.“ Dabei ſah ſie ſich in ihrem glänzenden Saal ſo ſtolz wie nur immer möglich um, als hätte ſie gern geſehen, wenn ich ihr ihre Schmeicheleien zurückgäbe; aber ich ärgerte mich über das, was ſie über den Vetter ſagte und wollte den Wink nicht verſtehen; ſagte alſo: „Bitte um Verzeihung, Maam, aber Mr. Beebe iſt mein Freund und Verwandter, und wer ſtill ſitzt, wenn ſein Freund geſcholten wird, verdient meiner Meinung nach keinen. Was Bäschen Marie betrifft—“ 113 „O,“ ſagte Mrs. Slick und wandte ſich wie ein Aal, „ſie iſt ohne Zweifel eine liebenswürdige Dame. Ich hätte ſie ſchon längſt beſucht, wenn man aber ſo viel ſolche Bekanntſchaften im Kopfe haben muß, ſo findet man nie Zeit genug zu Beſuchen.“ Dachte bei mir ſelber:„wenn Du nicht früher einen Beſuch machſt, bis Marie Dich einladet, ſo brauchſt Du nicht zu eilen 3“ dachte das aber nicht, denn in dem Augenblick ſchien ihr etwas einzufallen und ſie rief:„Liebe Jenimea!“ Zu gleicher Zeit rauſchte einer der gelben Vorhänge auseinander, und ein junges aufgeputztes Mädchen, das dort geſtanden hatte, um die Herren auf der Straße vorübergehen zu ſehen, kam hervor. Das flog und glänzte von Gold und Bändern, als ſie ihre Aufwartung machte. Sie hopfte und tanzte durch das Zimmer, und als ſie grade vor mir war, machte ſie grade ſo einen Knir wie ihre Mutter. Die Alte ſitreckte ihre Hand aus und ſagte: „Das iſt Mr. Slick, Dein Vetter, theure Jenimea, deſſen Briefe Dir ſo gefallen haben.“ Damit knirte ſie noch einmal und ſah aus, als wäre ſie froh geweſen, wenn ſie gewußt hätte, was ſie ſagen ſollte; aber die Alte ließ einen Strom von Worten los, daß ſie Jedermann für einen grade vom Himmel gekom⸗ menen Engel in roſarothem Atlascoſtüm hätte halten müſſen, wenn man der Mutter auf's Wort glauben wollte. Dachte bei mir, als ich die Alte und das Mädchen an⸗ ſah, ihr bloßer Anblick ſel genug, einen krank zu machen. Die Junge war nicht ſo übel, aber ſo ein junges Geſchöpf, das mit Putz überladen iſt, kommt mir immer widerwär⸗ tig vor. Die Weiber kommen mir wie Blumen vor, und die ſchönſten Blumen, die im Walde wachſen, haben im⸗ mer nur eine Farbe außer ihren Blättern. Habe Mäd⸗ chen auf dem Lande geſehen, die bloß Strohhüte und Calicokleider anhatten, und doch ſo friſch und füß wie aufgeblühte Roſenknoſpen ausſahen, Mädchen, die gut Leben in Rewyork. 8 1¹4 jeden Vergleich mit euren Yorker Zierpuppen aushalten konnten, und wenn ich mir ein Weib nehme, ſo ſuche ich mir's gewiß nicht hinter Backſteinhäuſern und Trottoirs. Die Alte hatte ſich lächerlich aufgeputzt. Um ihren Kopf hatte ſie eine Menge Atlaß und glänzendes dünnes Zeug gewickelt, daß es wie ein Horniſſenneſt ausſah, und mitten drinn, grade in den kleinen friſirten und gekräu⸗ ſelten Locken, ſaß ein Vogel, ein ächter, wahrer Vogel mit Federn, die in allen Regenbogenfarben glänzten, und ſteckte ſeinen Schnabel herunter in ſeinen Schwanz in die Höhe, als wollte er ſich einen Platz für ſein Neſt ſuchen. Sah noch nie etwas der Art, denn ſein Schwanz glich einer Handvoll Kornähren, ſo goldgelb glänzte er; dachte bei mir ſelber,'s muß wohl eine neue Art Spechte ſein, denn die gehen immer dem Hohlen nach, und wenn er der Alten erſt mal auf den Kopf kommt, ſo wird er wohl an zu trommeln fangen. Sie hatte einen kurzen, dicken Nacken, der ganz mit Ketten, Spitzen und ſolchen Dingen bedeckt war; eine kleine, ganz mit Edelſteinen beſetzte Uhr, hing ihr an der Seite, und ihre dicken, fleiſchigen Finger ſtaken ſo voll Ringe, daß ſie ſo geſprenkelt, wie der Rücken einer Kröte ausſahen. Um den Saum ihres Kleides hatte ſie einen großen, weiten Beſatz, wie Bäs⸗ chen Marie einen in ihrer Geſellſchaft trug, ſo daß ſie wie ein Bantamhahn ausſah, der Federn an den Füßen hat. Dachte bei mir ſelber, das gäbe eine prächtige Bug⸗ ſpritfigur für Captain Doolittle's Sloop, moͤchte wohl wiſſen, was ihr Mann für ſie, wie ſie da ſteht, mit Be⸗ ſatz in Allem fordern würde? Hätte nicht ſo viel Notiz genommen, wenn ſie mich nicht mit einem Strom von Geſchwätz über ihre Tochter überſchüttet hätte. Wenn ein Frauenzimmer aber einmal anfängt, mich mit dem Lobe ihrer Kinder zu quälen, ſo denke ich ſo ſchnell wie mög⸗ lich an was Andres. Braucht euch nur hie und da zu verbeugen und„o gewiß Maam,“ zu ſagen, ſo geht Alles gut. Ein Weib ſchwatzt in einem fort, wenn ſie einmal 11⁵ gehen laßt, und es erſpart auch ſelbſt die Mühe zu ant⸗ worten. Nachdem ſie ſich außer Athem geſprochen hatte, ging ſie auf den Tiſch zu, breitete ihre Hände aus und ſagte:„Nehmen Sie einige Erfriſchungen, Mr. Slick.“ „Gut,“ ſagte ich, bin grabe nicht hungrig, fühle aber einigermaßen Durſt; alſo meinetwegen.“ Ging auf den Tiſch zu, ſchaute mir die Karaffen und Ciderflaſchen eine Weile an, und fand einen, der mir ſo ausſah, als ſei was Gutes drin, ſchüttete alſo einen Fingerhut voll in zwei Weingläſer und ſchenkte mir ſelbſt eins voll. Mrs. Slick und ihre Tochter nahmen die Gläſer, ich trat zurück, machte eine tiefe Verbeugung und ſagte:„Viel Glück zum neuen Jahre over ſonſt etwas Verbindliches, das Sie wünſchen. Eine Perſon von Ihrem Genie.“— Hier blieb ich ſtecken, denn ich hatte vergeſſen, was mir Vetter Beebe weiter geſagt hatte. Die Alte lächelte aber und knirte, als hätte ich Alles recht zu Ende geſagt; die Kleine machte daſſelbe Manöver durch und lachte ſo albern und ſtrich ihre langen Locken mit ihren weißen Handſchuhen zurück— denn ſie trug Handſchuhe, obwohl ſie zu Haus war— und ſagte:„O Mr. Slick,“ und dann fiel ihr die Mutter in die Reve und ſagte:„Da Sie einmal das Wort Genie ausge⸗ ſprochen haben, Mr. Slick, ich glaube, meine Jenimea hat viel Talent für Poeſie.“ Dachte,'s iſt wahrlich zu verwundern, wie viel Genie in dieſen Yorkern Backſteinhäuſern vergraben iſt! Habe noch keine Familie geſehen, die nicht eine Tochter gehabt hätte, die ſo ſchön ſchreiben konnte, wenn ſie nur nicht ſo ſtolz und ſo ſchüchtern und ſo beſcheiden wäre, daß Nie⸗ mand ſie bewegen könne, etwas drucken zu laſſen. Dachte, wenn das kleine aufgeputzte Ding an zu dichten fängt, dann gibts Feuer in den Zeitungen. Ich erinnerte mich an Vetter Beebe's Worte, daß ich mir ſelbſt etwas zu eſſen nehmen müſſe, ſetzte mich alſo an den Tiſch, nahm einen Teller und that, als ſei ich zu Hauſe. Häufte eine Maſſe Confekt auf meinen Teller und fing mit einem kleinen ſilbernen Meſſer und Löffel an zu arbeiten. Mrs. Slick trippelte umher und bot mir dies und das an, daß ich wirklich glauben mußte, ſie freue ſich, daß es mir ſchmecke, wenn ſie mir nicht bei jedem geſagt hatte, wie viel es koſtete. War gerade mit einer Schüſſel fremder Confituren fertig, als es ſchellte und fünf oder ſechs aufgeputzte Herren hereintraten. Sie ſahen ſich alle ſo ähnlich wie Bohnen aus derſelben Schote, und ihr Haar war in derſelben lächerlichen Weiſe zu bei⸗ den Seiten glatt heruntergekämmt. Während die Alte und ihre Tochter mit den Schultern zwinkerten und knir⸗ ten, dachte ich, es ſei Zeit für mich, aufzuſtehen und mich zu ſtreichen. Steckte alſo den letzten Löffel voll Einge⸗ machten in den Mund und zog mein rothſeidenes Taſchen⸗ tuch hervor, um mir den Mund abzuwiſchen. Dachte, es ginge mir ziemlich hart aus der Taſche, gab ihm alſo einen Ruck und perdauz! rollten drei Boughnuts heraus, die ich für den Fall eingeſteckt hatte, daß das Futter rar ſein würde, und liefen über den Teppich hin. War im erſten Augenblick in Verlegenheit, denn die jungen Herrn verzogen die Lippen und Miß Jenimea Slick lachte laut auf. Sah erſt ſie und dann die Herren an, und dann, ſtatt verlegen zu ſein, lachte ich hell auf, als wüßte ich nicht, woher ſie kämen und ſagte: „Hat man jemals?— Sagte kein Wort mehr, ſondern verbeugte mich gegen Alle und wollte grade gehen, als Miß Slick mich beim Arm nahm, mir ſagte, ich ſolle mich der Doughnuts we⸗ gen nicht geniren und mir zuflüſterte, ſie wolle den Herrn ſagen, ich ſei ein Verwandter von ihnen, und dann ſei nicht zu fürchten, daß ſie über mich ſpotteten. Dachte, jetzt weißt du, wie du herauskommſt; die wird gedacht haben, du ſeiſt ſo knickeriſch, ihr keine von den Dough⸗ nuts anzubieten, die du in der Taſche hatteſt; ſollſt ihr 117 ſagen, du hätteſt ſie als ihr Verwandter zum Neujahr mitgebracht. Kehrte alſo wieder um, nahm die Dinger auf, legte ſie in eine Hand, machte eine tiefe Verbeugung, wie ich ſie ihr hinhielt und ſagte: „Dachte, Sie wollten mal wieder verſuchen, wie ertra⸗ feine Weathersfielder Doughnuts ſchmeckten; habe alſo einige eingeſteckt, um ſie ihnen zu bringenz langen Sie zu, ich gebe ſie gerne und habe noch genug zu Hauſe.“ Sie ſah die Gentlemen an und wurde roth, als wiſſe ſie nicht, was ſie aus der Sache machen ſolle. „Brauchen ihretwegen keine Angſt zu haben,“ ſagte, „ſie ſind extra gut; voll von Molaſſe und in ſchneeweißem Schmalz gebacken.“ Sie nahm ſie mir aus der Hand, legte ſie auf den Tiſch und ſagte mit gezwungenem Lächeln:„Die Genies ſind ſo drollig.“ Dachte, biſt ſo noch gut weggekommen, und iſt das Beſte, du packſt jetzt auf. Machte alſo noch eine Ver⸗ beugung, und ging gerade als die Herren ſich alle ver⸗ beugten und einer nach dem andern:„Viel Glück zum neuen Jahr!“ wie in einer Kleinkinderſchule ſagten, hin⸗ aus. War kaum vor der Thür, als mein dicker Vetter vorgefahren kam, ſtieg alſo ein, und wie der Blitz ging es Broadway hinunter bis wir vor einem der ſchönſten Häuſer in York hielten; war nicht mit Schnitzwerk und eiſernen Geländern überladen, ſondern aus ſoliden Steinen erbaut. Die Treppen waren von Marmor und hatten Einfaſſungen von demſelben Stein. Die Thür ging tief hinein und hatte keinen ſilbernen Schild mit des Eigen⸗ thümers Namen in der Mitte; calculire alſo, er dachte, Jeder müſſe wiſſen, wo ein ächter faſhionabler Gentleman wohne, ohne daß er ein Schild aushänge, um es den Leuten zu ſagen. Jaſon wollte eben einen Zug am Knopf thun, ſchien ſich aber zu beſinnen und rief dem Langen zu, der hinter heruntergeſtiegen war: 118 „Warum klingelſt Du nicht?“ Dieſer langte die Treppe hinauf und es dauerte keine Sekunde, ſo öffnete ſich die Thür, und ein netter alter, höchſt ſauber gekleideter Mann, aber nicht voll Treſſen, ſtand inwendig. Nachdem er ſich verbeugt hatte, offnete er eine Mahagonithür und machte eine kleine Bewegung mit v Hand, die ſo viel als„treten Sie ein“ bedeuten ollte. Jaſon ſchien im erſten Augenblick wirklich in Ver⸗ legenheit und ich mußte trotz ſeines Geldes denken, daß der alte Mann ſich mehr wie ein Genlleman ausnähme, als mein dicker Vetter. Macht einem übrigens Richts ſo viel Muth, als der Reichthum. Nachdem Jaſon einen Augenblick mit ſeinen Pettſchaften geſpielt hatte, trug er den Kopf ſo hoch wie eine Schildkröte in der Sonne und trat ein. Ich hielt mich ſo dicht an ihn, wie die Schale an der Kaſtanie, denn in meinem Leben fühlte ich noch nie ſolche Angſt. Das Haus ſah weder wie das von Miß Miles, noch wie das von Vetter Beebe oder meinem dicken Vetter aus. Es war ebenſo als wenn man aus einem brauſen⸗ den Sturmwind in ein ſanftes Schneegeſtöber kam, wenn man von einem Haus in das andere trat. Alles war ſo ruhig und ſtill, daß ich es mit nichts vergleichen kann, das ich je geſehen habe. Vetter Slick trat zuerſt ein, und eine ſchlanke, ſchöne Dame ſtand von einem Stuhl auf, auf dem ſie neben dem Feuer geſeſſen hatte und kam auf uns zu. Nachdem Jaſon ein kleines Geſpräch über das Wetter u. ſ. w. angeknüpft hatte, trat er einen Schritt zurück, breitete ſeine Hände ungefähr wie ſeine Frau aus, und ſagte: „Mrs!— Mr. Jonathan Slick, ein junger Ver⸗ wanvdter von mir.“ Geſtehe, das Herz klopfte mir, als ich ſie ſo hold⸗ ſelig lächeln ſah; ſie knirte ſo ſanft und leicht wie ein Vogel und rumorte nicht mit den Schultern und Füßen 119 wie die andern, ſondern bog ſich nur ein wenig nieder und hieß uns dann Platz nehmen, und in demſelben Augen⸗ blick fühlte ich mich ſo zu Hauſe als hätte ich ſie von Kindesbeinen an gekannt. Statt des müßigen Geplauders, mit dem mich die andern Frauen plagten, fing ſie gerade an von Connectieut, und ſolchen Dingen, die mir gefallen mußten, zu reden, und ihre Stimme war ſo ſanft, ihr Lächeln ſo freundlich, daß ich noch nie in einer ſo ange⸗ nehmen Stimmung war, als während dieſes Geſpräches. Endlich richtete ſie an Jaſon einige Fragen über den Weſten und ich benutzte die Gelegenheit, mich ein wenig umzuſehn. Anſtatt herausgeputzt zu ſein, als wollte ſie ſich für Geld ſehen laſſen, trug ſie nur ein einfaches ſei⸗ denes Kleid und hatte ein ſchmales Sammtband um ihr ſchönes ſchwarzes Haar gebunden, das ſo hell wie der Rücken einer Krähe glänzte und ich habe noch nie Haar ſo ſchön aufgebunden geſehn. Sie hatte weder Gold noch Pelzwerk an ſich, nur eine kleine Nadel, die wie Feuer glänzte und das Sammtband grade vor ihrer weißen Stirn zuſammenhielt. Weiß in der That nicht, warum ich euch nicht ſagen kann, was in dem Zimmer war, wie ich es bei den andern gemacht habe; kann euch auch nicht einmal gut den Unterſchied angeben, denn es waren eben⸗ ſowohl Sophas und Stühle und Tiſche darin, und doch ſah es keinem einzigen Zimmer, das ich bis jetzt ſah, nur im mindeſten ähnlich. Es glänzte nicht von Gold und Silber und doch wollte es mir nicht aus dem Kopf, daß Alles, was im Zimmer war, noch einmal ſo viel koſte, als wenn es noch ſo ſehr in's Auge gefallen wäre. Das Zimmer ſchien genau für die Sachen, die darin waren, gemacht zu ſein, und Alles paßte vortrefflich an ſeinen Platz hin. Etwas war darin, das mächtig ſchön aus⸗ ſah, und noch dazu ganz ächt war. Es war ein ſchlan⸗ ker grüner Baum, der mir faſt an den Kopf reichte und gewiß mit zwanzig der größten weißen Roſen bedeckt war, die ich je geſehn habe. Er ſtand grade unter den 120 beiden Fenſtern und wenn die Sonne durch die Vorhänge auf die weißen Sträuße fiel, ſchienen ſie ſich wie Pfirſich⸗ blüthen zu färben; und doch waren ſie von Natur ſo weiß, wie die reinſte Handvoll Schnee, die ihr je geſehn habt. Der Baum wuchs aus einem großen marmornen Blumentopf und als ich die Dame nach ſeinem Namen fragte, ſah ſie ſo ſüß und freundlich wie eine der Blumen aus, und ſagte er käme von Oſten her aus Jagan. An der Wand hingen einige Bilder, die mir ſo gefielen, daß ich nicht ſatt werden konnte, ſie anzuſehen. Als ſie ſah, daß ich ſie ſo anſchaute, ſagte ſie: „Nicht wahr, das iſt ein ſchönes Bild, Mr. Slick? Doughtin's Bilder haben etwas Eigenes, weßhalb ich ſie ſo gern habe; ſein Gras und ſeine Hügel ſind ſo weich und grün, und ſeine Luft übertrifft Alles, was die Ame⸗ rikaner gemalt haben. „Ich verſtehe mich nicht viel auf Gemälde, Maam, ſagte ich, aber es gefällt mir viel beſſer, als Vetter Ja⸗ ſons Lowen und Hähne. Es ſcheint nicht ſo ſehr in's Auge und die Bäume ſehen ſo natürlich und die Kühe, die darunter liegen, ſo faul aus; macht mir ſchier Heim⸗ weh nach Weathersſield, wenn ich es anſehe.“ In dieſem Augenblick trat Jaſon mir mit ſeinem harten Stie⸗ fel auf den Fuß. Dachte, was haſt du denn jetzt geſagt? und ſah der Dame in's Geſicht, ob ſie lache; aber ſie ſah ſo freundlich und ungezwungen wie nur möglich aus, und da Jaſon gerade eine Bewegung machte, als habe er Eile, ſtand ſie auf, ging durch's Zimmer und ſagte: „Nehmen Sie etwas Kuchen und Wein.“ Sie trat an den Tiſch, auf dem einige Karaffen und Gläſer und ein ſchneeweißer Kuchen ſtanden. Friſchge⸗ pflückte Blätter und Blüthen waren um den Rand des Kuchen gewickelt und in der Mitte ſaß eine kleine weiße Zuckertaube. Vetter John füllte die Gläſer und ſagte einige Worte, aber es war mir, als könnte ich der ſchoͤnen Dame keine 121 Silbe ſagen, ſo ſanft und doch ſo ſtolz wieder ſah ſie aus. Alles, was ich thue, war den Wein zu trinken und mich dann zu verbeugen, aber in meinem Herzen wünſchte ich ihr ein glückliches Neujahr. Als wir fortgingen, lud ſie uns ein wiederzukommen und war äußerſt höflich gegen mich. Gehe ich nicht, ſo geſchieht es aus Angſt, denn kein Geſchöpf in Petticvats hat noch ſolchen Eindruck auf mich gemacht. Sobald wir an der Thür waren und Jaſon ſich hin⸗ aus gekratzfußt hatte, ſetzten wir uns in den Wagen. „Nun wie gefällt Ihnen Mrs—, Veiter?“ fragte er. „Wie ſie mir gefällt?“ ſagte ich;„als ob die einem nicht gefallen müßte. Das iſt keine von euren auf⸗ geputzten Dingern, ſondern eine wahre, ächte Dame, das iſt keine Frage.“ „Nur Schade, daß ſie nicht mehr Geſchmack hat, ihr Haus zu ſchmücken,“ ſagte er.„Sie weiß in der That keine Figur zu machen und ihr Mann iſt doch ſo reich wie ein Jude.“ „Weiß nicht, was ich vavon denken ſoll,“ ſagte ich. „Wenn Alles ſich ſo ſanft abſchattirt und in einander übergeht, wie in dem Zimmer der Dame, ſo gefällt es mir gerade. Weiß nicht warum, aber das ganze Zimmer kommt mir wie ein Bild vor und ich meine, daß—“ Wollte gerade etwas Schneidendes gegen die aufge⸗ vonnerten Häuſer und Leute in York ſagen, als der Wa⸗ gen vor einer andern Thür hielt. Wir gingen hin, aßen, tranken und dann wieder hinaus und ſo ging es von einem Hauſe zum andern mit Eſſen und Trinken fort, bis es dunkel wurde und alle das Confect, das ich den ganzen Tag über gegeſſen hatte, mir ſchon anfing übel zu machen. So ein Neujahrstag in Newyork iſt ſo gut wie ein zur Schan ſtellen, ſolche Haufen Mädchen und Eß⸗ waaren kriegt man zu Geſichte. Gäbe aber doch kein Buß⸗ und Bettag⸗Eſſen mit einem guten Welſchhahn in 122 Sauce für dies Parker Neujahr. Hätte ihn zehnmal lieber gegeſſen, als dieſe Haufen von Kuchen und Zuckerzeug. Bin gewiß, daß es mir in einem Monat nicht wieder recht wohl wird. Caleulire, ihr Weathersſielder Tentotaliſten hättet Augen gemacht, wenn ihr die jungen Herrn bei Nacht hättet die Troitoirs entlang ſchwanken ſehen; ſag euch, einige von ihnen waren ziemlich über der Linie. Ich ſah eine Menge Frauen und Mädchen, Bäschen Marie auch unter ihnen, und als ich nach Haus kam, konnte ich kei⸗ nen Schlaf in die Augen kriegen. Mein Kopf war die ganze Nacht voll von Mädchen; könnt nicht begreifen, was für ein Geſchwirr in meinem Oberſtübchen war. So oft ich die Augen ſchloß, war das ganze Zimmer ge⸗ vrängt voll von ſchönen Mädchen und Federn und Gold und Karaffen und geſchliffenen Gläſern, bis es mir am Ende ganz wirr wurde. Als ich aber einſchlief, war das Letzte, was mir im Kopf blieb, die ächte Dame und meines Vetters aufgeputzte Frau. Kann euch aber nicht Alles erzählen, was ich die Nacht geträumt. Bin der Meinung Doughnuts und Zuckerkandis ſind nicht gut für den Magen und der An⸗ blick vieler ſchönen Mädchen nicht gut für meinen Kopf. Es überkommt einen jungen Mann ein ſeltſames Gefühl, wenn er den ganzen Tag unter hübſchen Mädchen geweſen iſt und heimkommt und ſich in's Bett legt. Hat er nur ein Mädchen feſt im Kopf und Herzen, wie ich Judy White, ſo iſt er ſo ruhig wie ein Lamm und ſein Kopf ſteht ganz ſtill; iſt er aber in der Welt, wie ich herumgefahren, ſo wird ſeine Natur aufrühreriſch, die Hefe kommt in die Hohe und durchdringt Alles. Verliebtſein hat viel Aehnlichkeit mit Betrunkenſein: je mehr einer hat, deſto mehr möchte er, wenn ſein Herz lick tack, tick tack geht, ſo ſtürmt Alles ſo, daß er den Kopf nicht oben halten kann. Als Judy White zuerſt ihre Hand auf meinen Arm gelegt hatte, gab ich dem 123 Rockärmel auf derſelben Stelle einen herzlichen Kuß und der Rock gefiel mir beſſer, als alle andern, die ich hatte; meine gelben Handſchuhe gefallen mir aber nie beſſer, weil ich allen Porker Mädchen darin die Hand gegeben habe. Miß Miles habe ich aus dem Kopf, aber tauſend andere Geſichter habe ich wieder drin. Der liebe Gott weiß, was aus mir werden ſoll, Vater, wenn es mir mit den Frauen noch lange ſo geht, wie heute am Neujahrs⸗ tag! Wenn ein junger Mann unter ſie kommt, ſo muß er in Weathersfield in guter Zucht aufgewachſen ſein, um in Newyork ſtandhaft zu bleiben. Kommt mir vor, es wird auf dieſe Weiſe nicht lange mehr dauern und ich bin nicht beſſer als der Graf, und laufe Broadway auf und ab und ſtehe bei Nacht mit Guitarren und Floten und Bäſſen den Mädchen unter den Fenſtern. Kann einem hübſchen Mädchen nicht in's Geſicht ſehen, oder das Herz in der Bruſt fängt mir an zu ſprin⸗ gen. Wärmt mich in dieſen kalten Tagen und bringt ein Leben in mein Herz, daß mir das Blut ſo heiß durch die Adern rennt, als käme es aus einem Dampfbootkeſſel. Und dann haben die ewigen Dinger ſo tauſenderlei Schliche, einen zu packen, daß ich glaube, kein Mann kann ſie mit ihren ſchönen, rothen Lippen lächeln ſehen, ohne daß ſein Mund ſich auch zum Lächeln verzieht, und wenn ſie mich mit ihren ſchwarzen Augen anſehen, ſo ſchmelze ich hin, wie geſchnittnes Gras in der Sonne.*s iſt mir angeboren und iſt nicht mehr zu ändern. Bin aber unter guter Zucht aufgewachſen, das wißt ihr, Vater, und gehe ſo wie es Sonntag wird, regel⸗ mäßig zweimal in Dr. Spring's Predigt. Wenn einem Burſchen mal ein hübſches Mädchen im Herzen ſitzt, ſo hält ihn das auch wieder von andern Thorheiten ab und ein Verliebter läuft nicht in Rumhäuſer, ſpielt nicht und treibt ſich des Nachts nicht auf den Gaſſen herum. Die Liebe iſt nach meiner Anſicht ein guter Anker für unſere Reiſe durch's Leben; ſie bringt uns wieder auf 124 die Beine, wenn wir einmal zu viel Segel beigeſetzt haben. Bei der Gelegenheit kommt mir in den Sinn, wie wir mit Captän Doolittles Sloop durch Hell Gate fuhren; denn gerade als die Fluth und der Wind uns gegen den Felſen treiben wollten, ließen wir den Anker fallen und ſtanden feſt. Die Frauen kommen mir wie die Ueber⸗ ſchwemmungen vor, die im Frühjahr den reichen Boden aus dem Connectieut auf unſre Wieſen in Weathersfield bringen. Weiß es, machen in ihrer Frühlingszeit viel Weſens mit ihren Bändern und Treſſen und Narrenthei⸗ dingen, haben ſie aber einem Burſchen einmal die Hand gegeben, ſo ſind ſie die wahren Zwiebelbeete ſeines Lebens. Thut uns zuſammen und der Boden bringt Alles hervor— haltet uns aber auseinander und es gibt nichts als Neſſeln und Diſteln. Euer zärtlicher Sohn Jonathan Slick. Eilfter Brief. Beſuch im Park⸗Theater.— Erſter Eindruck der Poeſie des Tanzes, welche die Füße der Fräulein Cöleſte in die Luft dichten.— Erſter Schrecken bei dem Anblick eines Ballets in Coſtüm, begleitet von dem„Zwinkern“ von Cöleſte's Füßen. An Mr. Zephanjah Slick, Friedensrichter und Kirchen⸗ Aelteſten in Weathersfield im Staate Connecticut. Lieber Vater! Habe mir alle Mühe gegeben, Zeit zu einem Briefe zu finden, muß aber noch außer den Schlittenpartien, Bällen u. ſ. w. in ſo piel Geſellſchaften gehn, daß ich beinah nie gewußt habe, wo mir der Kopf ſteht. Schämte mich außerdem zu ſchreiben, denn ich wußte nicht, ob Du und Mama nicht über Alles, was ich ſeit meinem letzten Briefe gethan habe, böſe werden würdet. Bin aber jetzt zu einem Entſchluß gekommen, und will euch Alles ſchrei⸗ ben, wie es iſt, denn am Ende wäre es doch feig, etwas zu thun, ſei's nun gut oder ſchlecht, und ſich hinterher zu ſchämen, es zu ſagen. Neulich Abend kam Mr. Beebe nach Sonnenunter⸗ gang auf meine Stube und ſagte:„Wollen wir nicht ins Park⸗Theater heut Abend gehen, Vetter Slick und Madame Cöleſte tanzen ſehn?“ Die Worte ſchnürten mir die Kehle zuſammen, denn der bloße Gedanke in's Theater zu gehen, regte mich auf. So lange ich in York bin, hatte ich immer Luſt, ein's 126 von ihren Stücken zu ſehn, beruhigte mich aber nach Kräften und hielt mir alle die Predigten vor, die ihr da⸗ gegen gehalten: wie ihr ſagtet, ſie ſeien voll ſündiger Sprüche und Gemälde von des Teufels eigner Hand und wären nichts mehr und nichts weniger, als Fallſtricke der Hölle, die armen Sterblichen auf Erden zu verführen. Hatte große Luſt, zu gehen, ſtatt aber Vetter John gleich nachzugeben, ſetzte ich mich und ließ eine eurer Predigten los; er ſchien nicht viel darauf zu geben und ſagte:„Vetter, würde es Sie Recht dünken, wenn Je⸗ mand gegen ihre Briefe im Erpreß losführe und hätte ſie nicht geleſen?“ „Mochte wohl mal einen Burſchen darauf ertappen,“ ſage ich. Aber halten ſie es denn für Recht, gegen das Theater zu ſchimpfen, ehe Sie etwas davon geſehn haben?“ ſagte er. „Kenne es freilich nicht, ſagte ich, aber hat nicht mein Vater, ein bejahrter Mann und Kirchenälteſter, mich davor gewarnt? Und was nützt denn eines Mannes Er⸗ fahrung, wenn ſeine Kinder ſie nicht benutzen wollen, ſo lange er noch am Leben iſt?“ „Das iſt wahr,“ ſagte Vetter John,„aber ſind Sie denn auch gewiß, daß Ihr Vater je in ſeinem Leben im Theater geweſen iſt 2 „Was!“ ſagte ich und hob beide Hände auf,„mein Vater im Theater! Mr. Zephanjah Slick, Esquire, Frie⸗ densrichter und Kirchenälteſter im Theater! Hoͤrt, Vetter John, warum fragen Sie nicht auch, ob er nicht ſpielte und ſinge. Er könnte das eine ſo gut als das andere thun.“ „Wie kann er denn aber,“ ſagte John hartnäckig, „über Dinge urtheilen, die er nicht geſehn hat? Kommen Sie, kommen Sie, ziehn Sie ſich an und dann gehen wir.“ Er hörte nicht auf, bis er mich überredet hatte und 2 127 wir fortgingen. War mir aber doch ſonderbar zu Muthe, denn ich dachte, was ihr ſagen würdet, wenn ihr erführet, wo ich geweſen ſei. An der Außenſeite des Theaters war nichts auszuſetzen. Dachte, als ich es anſah, wenn das der Tempel des Gott ſei bei uns iſt, ſo hat er ſich nicht viel Mühe gegeben, ihn aufzuputzen. Viele Kirchen in Newyork übertreffen ihn bei weitem. Sieht eher wie ein Kaufhaus oder eine Taverne aus, denn ſonſt was. Als wir in den Eingang kamen, zog Veiter Beebe einen Dollar aus der Taſche, ging an eine kleine Höhle, die in die Mauer ausgehauen war, ſteckte ſeine Hand hin⸗ ein und ſagte:„Eine Karte.“ Das geht gut! dachte ich bei mir; alſo ge⸗ ſpielt wird hier auch.„Sie brauchen keine Karte,“ ſagte Vetter John. „Gewiß nicht,“ ſagte ich, denn wenn ich etwas haſſe, ſo iſt's das Spiel. Wollte ihm gerade meine Meinung darüber ſagen als er eine Thür aufſtieß, die mit grünem Flanell überzogen war, ſeine Karte einem langen Manne, der ſo ernſt wie eine Nachteule ausſah und neben der Thür ſtand, gab und auf mich zeigend ſagte:„Der Herr gehört zur Preſſe.“ Der Burſch ſah mich ſcharf an und blätterte in einem Papier, als wüßte er nicht recht, was er thun ſollte; endlich ſtreckte er aber ſeine Hand aus und ſagte, die Preſſe ließe gewoͤhnlich Karten an der Thür zurück. War meiner Lebtage noch nicht ſo über⸗ raſcht. Meinen die, ſagte ich, daß ein Mann, der ſich überreden läßt, in's Theater zu gehn, jetzt auch gleich Kartenſpiel und alles Richtsnutzige treiben muß 2 Soll mich nicht wundern, wenn er mich nächſtens auffordert, zu fluchen und zu ſchwören. Schaute ihm ſcharf in's Auge, ſteckte meine Hände feſt in die Taſche und ſagte: „Habt keinen Spieler vor euch, Herr; bin keiner von den fremden Landläufern, die vom Kartenſpiel leben. Müßt nicht viel Grütze haben, daß ihr das nicht auf den erſten Blick ſeht. Habe doch kein Haar auf der Ober⸗ 128 lippe, trage weder einen Stockdegen, noch carrirte Bein⸗ kleider, braucht alſo auch nicht nach Karten bei mir zu fragen. Habe kein ſo'n verwünſchtes Ding angerührt, ſeit Mama ihren zinnernen Loͤffel auf meinem Kopf zer⸗ brach, weil ſie mich als Buben beim Kartenſpiel in der Scheuer erwiſchte.“ Der Burſch riß die Augen weit auf, als ich das ſagte, aber drei bis vier Modenarren mit weißen Hand⸗ ſchuhen und kleinen Röckchen kamen an die Thür und lachten wie ſo viel hungrige Affen. Vetter John flüſterte mir zu: „Er will Ihren Namen, wenn Sie keine Karte haben, ſchreiben Sie ihn auf ein Stück Papier.“ Der Mann gab mir ein Stück Papier und Vetter Beebe ſeinen goldenen Bleiſtift. Dachte: wenn ſie meinen Namen wollen, ſo ſollen ſie ihn auch recht haben, zog alſo den Schwanz des J über's ganze Papier weg und ſchnörkelte das S zuſam⸗ men, daß es wie eine ſchwarze Schlange in der Sonne ausſah. Sag' euch, der Burſche ſtutzte, als er den Na⸗ men ſah. Die Lacher kamen, ſahen ihn an, und ver⸗ ſchwanden, ſobald ſie ihn betrachtet, der Lange bückte ſich bis auf die Erde und ſagte: „Treten Sie gefälligſt ein, Mr. Slick; Mr. Simp⸗ k hat ihren Namen ſchon lange auf die Freiliſte ge⸗ etzt.“ Wollte ihn bitten, Mr. Simpſon zu ſagen, ich ſei ihm ſehr verbunden, obwohl ich nicht wußte, was er mit ſeiner Freiliſte meinte, aber in dem Augenblick war in⸗ wendig ſolch ein Spectakel von Fiedeln und Trommeln und Hörnern, daß ich faſt aus der Haut fuhr. War mir, als ob ein Dutzend herumziehender Banden auf einmal angefangen hätten. Vetter John faßte mich beim Arm und zog mich vurch eine kleine Thür iu einen großen Saal, der halb wie eine Kirche und halb wieder anders ausſah. Hatte 129 die Geſtalt eines Hufeiſens, und die Flur war voller Bänke, die mit rothen Kiſſen bedeckt waren; außerdem waren vier Gollerien mit gemalten Pfeilern an den Sei⸗ ten, die von Gold glänzten. In der zweiten Gallerie waren fünf oder ſechs Abtheilungen von den andern ge⸗ trennt, und ſo voll von Malereien und Vorhängen, daß ſie wie die Schlotſtellen auf einem Dampfſchiff ausſahen. Sie waren voll von ſchönen Mädchen und ſtolzen Herren, die nach Herzensluſt mit einander lachten und plauderten. Das Dach war gewaltig und ſo bunt, daß es wie ein Sonnenuntergang ausſah, wenn die Purpurwolken alle mit Gold geſäumt ſind. Wir ſetzten uns auf einen der rothen Bänke in der unterſten Gallerie, ich kam allmälig wieder zu mir und ſchaute mich ein wenig unter den Leuten um. War kein Wunder, daß. die Muſik mich ſo in die Höhe ſpringen machte, als ich im Eingang ſtand, denn an einem Ende war eine ganze Bank voll Fiedler, Hor⸗ niſten und Trommelſchläger, die einen Höllenlärm voll⸗ führten. Mußte wahrlich nach Luft ſchnappen, wie eine Henne, die in den letzten Zügen liegt, und meine Füße ſchlugen den Takt und meine gelben Handſchuhe ſetzten ſich in Bewegung, als ob ſie gar nicht wieder aufhören wollten. Grade über dem Platz, wo die Fiedler ſaßen, hing ein großes Bild, das die ganze eine Seite des Hau⸗ ſes einnahm. Dachte an eure Worte, daß das Theater voller Bilder von des Teufels eigner Hand ſei; konnte mich aber nicht überreden, daß dies eines von ihnen ſei, denn es war ſo grün und kalt und ein bleicher Mann, der auf einen Haufen Steine in der Mitte gemalt war, ſah ſo froſtig aus, als hätte er das kalte Fieber; außer⸗ dem war noch Waſſer hingemalt und jetzt weiß doch Je⸗ dermann, daß der Gottſeibeiuns nicht genug Tertolaller iſt, um ſeine Bilder voll Waſſer und Wolken u. dgl. zu machen, ohne nur einen Funken Feuer, um ſein Herz dran zu erlaben. Leben in Newyork. 1. 9 Nach und nach ſtrömten durch die kleinen Thüren eine Menge Leute herein, die alle angezogen waren, als ob ſie auf den Ball gehen wollten, bis alle Plätze voll waren; ſah noch nie ſolch einen Schimmer von ſchönen Augen und Federn und Blumen. Ein hübſches kleines Mädchen ſetzte ſich dicht neben mir und ich ſchielte dann und wann nach ihr hinüber, denn ſie war weiß Gott allerliebſt und hatte die ſanfteſten Augen von der Welt. Wundert mich nur, woher es kommt, daß ich nicht neben einem hübſchen Mädchen ſitzen kann, ohne daß mein Herz wie ein Fiſch am Angelhacken zappelt. Dachte bei mir, wenn heute Nacht getänzt wird, ſo machſt du ge⸗ wiß einen mit dem hübſchen Mädchen. Konnte aber nicht begreifen, woher die Leute Platz zum Tanzen nehmen wollten, denn in dem ganzen Gebäude war nicht mehr Raum, ein Bund Flachs aufzuhängen. Wollte Vetter John grade danach fragen, als die Fiedler einen Augenblick aufhörten, als das Gemälde auf einmal einen Ruck bekam und gerade in's Dach over der Herr weiß, wohin ging. Mußte gerade in die Höhe ſpringen, als ich's ſah Grade hinter dem Vorhang war ein hübſcher kleiner Garten geweſen, ſo natürlich wie eins unſrer Zwiebel⸗ beete. Er war voll Bäume und Blumen, ein ſauberes Häuschen ſtand an der einen Seite, und hinter dem Him⸗ mel lag das blaue Waſſer ſo ruhig und freundlich, wie nur möglich da. Wufßte nicht, was ich daraus machen ſollte; es war nicht wie ein Bild und ich konnte doch nicht glauben, daß ſie Raum genug hatten, um ſolch einander auf einmal an zu plaudern und zu lachen wie 4 einen Platz neben dem Theater zu haben. Während ich mich vorüber lehnte und meine gelben Handſchuhe auf jedes Knie ſtemmte, und wie ein geſtochenes Kalb mit offenem Munde ſtarrte, kam ein Haufen Leute, in kurzen Fräcken und Hoſen, die bis an die Knie reichten, ge⸗ kleidet, aus dem Hauſe getanzt, und alle fingen an mit⸗ 131 eine Heerde Vögel. Sie ſchienen ſo luſtig wie Fiſche im hohen Waſſer und die Burſchen ſcharwenzelten in einem fort um die Mädchen herum. Die Mädchen waren aber zu ſchlecht angezogen. Ihre Kleider waren weiß Gott ſo kurz, daß ich ſie nicht an⸗ ſehen konnte; zeigten wahrlich ihre Beine bis halb an die Knie. Mußte mich nur für das hübſche Mädchen, das neben mir ſaß, ſchämen. Dachte, die iſt gewiß über und über roth und ſchaute ſie nach einer Weile an; ſaß aber ſo ſtill da wie ein Lamm und machte ein Geſicht, als ob die Butter in ihrem Mund nicht ſchmelzen könne, und ſchaute den Garten ſo ſteif an, ohne ſich um die Beine der Mädchen mehr zu kümmern, als ob es Beſenſtiele geweſen wären. Dauerte aber nicht lange, ſo feſſelte was Anderes meine Aufmerkſamkeit. Ein alter, drolliger Mann kam aus dem Garten, und fing an zu ſchwatzen, und zu lachen, und ſeine Arme herumzuwerfen und zu erzählen, daß ein hübſches Mädchen, die er Madeline nannte, ſich verheirathen wolle. Gut, während er ſo plauderte, kam ein Mann in rother Uniform um das Haus herum, hatte ein Pack Briefe in der Hand und tutete in ein Horn, als ob er uns allen zum Eſſen rufen wollte. Zeigte ſich, daß er ein Briefbote war; er gab dem komiſchen Alten, dem das Haus gehörte, einen Brief, aber in dem Brief war nur wieder ein anderer für das Mädchen, das Hochzeit machen wollte. Wurde am Ende neugierig, das Mädchen zu ſehen, von dem ich ſo viel hatte reden hören. Der Briefbote aber fuhr hin und her und commandirte die Leute, wie mein dicker Vetter; war aber ſonſt flink und gewandt und gefiel mir wohl. Kam auf einmal das hübſcheſte Geſchöpf hervor, das meine Augen noch geſehn; tanzte und hüpfte durch den Garten, wie ein Vogel unter den grünen Bäumen und 132 ihre Stimme klang ſo fröhlich wenn ſie ſprach; ſie biß die Worte ſo zierlich ab und lispelte ſo ſüß, daß jedes Wort wie Honig klang. Das Herz ging mir auf, ſo oft ſie ſprach. Ihre Augen waren ſo hell wie Sterne und ſie ſah überglücklich aus. Ein kleiner weißer Hut ſaß ihr ſchief auf dem Kopf, daß die blauen Bänder auf die Schultern herabfielen, und hinter dem Ohr ſtak ihr eine ſchöne weiße Roſe, die aber nicht weißer als ihre Stirn und ihr Nacken ausſah, denn die ſahen ſo weiß wie der Schaum von friſcher Milch aus. Sie hatte ein blauſei⸗ denes Kleid an, das meiner Meinung nach aber doch zu kurz war, und auch ihre zierlichen kleinen Füße fuh⸗ ren ein wenig zu ſtark in den neuen Schuhen herum. Sah noch nie etwas ſo Zierliches in meinem Leben. Kaum trat ſie in den Garten, ſo fingen alle Leute in den Gallerien und den untern Bänken an zu ſtampfen, und zu ſchreien und zu hallohen, daß ich fürchtete, ich ſei irre gegangen und wieder in einer politiſchen Verſamm⸗ lung. Sie fing an zu knixen und legte die Hand auf die Bruſt und knirte wieder, und ſah die ganze Zeit über ſo holvſelig aus, daß ich ſie hätte eſſen moͤgen Am Ende wurden ſie ſelber der Thorheit müde und ſie fing an unter den Leuten im Garten herumzugehen und ihnen Geſchenke zu machen, weil ſie den andern Tag einen reichen Edelmann, der in der Nähe wohnte, heirathen ſollte. Auf einmal rief der komiſche Alte„Madeline!“ und gab ihr den Brief, den der Poſtbote für ſie gebracht atte. Nachdem ſie in's Haus gegangen war, erzählte er den Leuten, ſie ſei eine arme kleine Franzöſin, die er bei ſich erzogen und gerettet habe, als in ihrem Vaterlande Jeder in Lebensgefahr geweſen ſei, und daß ſie noch einen Bruder habe, deſſen Leben keinen Pfenning werth ſei, wenn er einen Fuß auf engliſchen Boden ſetze. Sie mach⸗ 133 ten uns nämlich glauben, daß das Alles in England vor ſich ginge. Gut, nachdem ſie alle fort waren, kam Madeline wieder heraus und hatte den Brief in der Hand. Konnt' es nicht helfen, das arme Geſchöpf that mir leid. Sah aus als hätte ſie ſich die Augen ausgeweint, und küßte den Brief und las ihn laut und weinte die ganze Zeit⸗ ſo daß wir erfuhren, er komme von ihrem Bruder und daß er ſie den andern Tag abholen wolle; und das ſchien ihr leid zu thun, weil er nicht wußte, daß ſie dann ge⸗ rade Hochzeit halten wollte. Als ſie den Brief geleſen hatte, ging ſie wieder in das Haus und ſah ſo elend wie ein krankes Lamm aus. Als der Vorhang wieder aufgerollt war, war der Garten fort, und die arme Madeline ſaß neben einem Schrank, der voll Frauenkleider war, und ein hübſcher junger Mann, den ſie ſehr lieb zu haben ſchien und Bru⸗ der nannte, ſtand ihr zur Seite. Während ſie mit einander ſprachen und ſie noch nicht Zeit gehabt hatte, ihm zu ſagen, daß ſie ſich verheirathen wolle, entſtand draußen ein gewaltiger Lärm und ſie ſprang ſchneller wie eine Katze auf. Sie wurde ſo weiß wie ein Bettuch und rang die Hände und ſchrie. Denn ſie ſagte, die Polizei ſei gekommen, um ihren Bruder als Spion zu hängen. Sie umarmte ihn einen Augen⸗ blick, rang ihre Hände, und ſah ſich dann ängſilich um einen Platz um, wo ſie ihn verſtecken könne. Endlich lief ſie auf den Schrank zu, warf die Kleider heraus, ließ ihn hineinſteigen, hing die Kleider dann alle wieder hinein und bedeckte ſie mit einem großen rothen Shawl. Sie hatte ſich kaum wieder geſetzt und ihr Nähzeug ge⸗ nommen, als ein großer Kerlk, der mich böſe machte, ſo oft ich ihn anſah, hereintrat, und mit noch einem andern den armen jungen Mann, den ſie verſteckt hatte, zu ſuchen anfingen. Wir konnten ſehen, daß das arme Mädchen vor Angſt faß 134 ſtarb, denn ſie wurde ſo weiß wie ein Geiſt; ſie legte aber ein Bein über das andere und nähte ſo ſchnell fie konnte. Machte mich wahrlich boͤſe, wie der Kerl das arme Mädchen anfuhr. Sah meiner Lebtag noch keine ſo tückiſche Augen, als der Kerl hatte. Der Beamte konnte nichts finden, und wollte wieder fortgehen; aber der lange Schlingel, der bei ihm war, ging auf den Schrank zu und ſtöberte unter den Klei⸗ dern herum und fragte ſie, was ſie da habe. Sie er⸗ bleichte, faßte ſich aber ſchnell, ſprang auf, nahm einen Rock, und zeigte ihn den Beamten, und dann einen Shawl und ſagte, das ſei ihr Hochzeitsſhawl, und fing an herumzulaufen und zu lächeln und ſo ſchmeichelnd zu plaudern und breitete die ganze Zeit den Shawl aus, bis der junge Mann aus dem Schrank in ein anderes Zim⸗ mer gekrochen war, während ſie den Shawl vor ihn hielt. Sie gingen brummend und mißvergnügt fort, denn es war eine Belohnung für den Bruder der hübſchen Fran⸗ zoͤſin verſprochen worden, und der Böſewicht meinte, er könne ſich zugleich an ihr rächen und das Geld ver⸗ dienen. Ich ſah das Zimmer eifrig an, als auf einmal Alles verſchwand und der Garten wieder da war und das Haus und Alles unter den Bäumen pechfinſter war. Darauf kam der Boͤſewicht wieder und ſtellte ſich grade unter das Fenſter der armen Franzöſin, und der gute Edelmann, den ſie heirathen ſollte, kam auch und ſah in ihr Fenſter, wie es die Leute machen, wenn ſie recht ver⸗ liebt ſind. Darauf kam die Franzoͤfin ans Fenſter, und der junge Mann, den ſie verſteckt hatte, ſprang heraus, und ſie umarmte ihn ſo zärtlich, als ob ihr das Herz ſprin⸗ gen wollte. Als ihr Bruder fort war, ging ſie wieder in's Bett, aber der Edelmann und der Böſewicht hatten ſie geſehen, und das machte einen unerhörten Spektakel. Im Augenblick war der ganze Garten voll. Alle die Frauenzimmer, denen ſie Geſchenke gemacht hatte, kamen zuſammen, und liefen um ſie herum und ſagten, ſie hätten nie gedacht, daß ſie beſſer ſei, als andere. Der Edeimann ſagte, er wolle ſie nicht mehr zur Frau neh⸗ men, und der Alte warf ſie vor die Thür. Dachte, ich müßte laut weinen, als ich ſie mit einem Bündel unter dem Arm und laut weinend aus dem Hauſe kommen ſah, als hätte ſie keinen Freund mehr auf der Welt. Sie ging langſam und bekümmert fort, als der Squire auf ſie zukam, ihr eine Summe Geld anbot, denn ſie ſchien ihn doch zu dauern, obſchon er glaubte, daß ſie ihn betrogen habe. Sie ſah ihn ſo ruhig und doch ſo ſtolz an, als ob ihr Herz voll Kummer wäre, aber ſein Geld wollte ſie nicht annehmen. Endlich ſagte er ihr, der Mann, den ſie bei ſich gehabt habe, ſei Gefangener. O wie geber⸗ dete ſie ſich da! Sie rang die Hände und ſeufzte und ſchrie, daß einem Angſt und bange wurde, und ſagte, jetzt da ihr guter Ruf dahin und ihr Bruder gefangen ſei, wolle ſie ſterben. Der Edelmann war gerührt, als er hörte, der Mann ſei ihr Bruder. Er verſoͤhnte ſich mit ihr, ſie ſtieg zu Pferde und ritt davon um ihres Bruders Begnadigung zu holen. Bald kam ſie mit dieſer zurück und dann gab es ein Schreien und Küſſen und Händedrücken wie ich noch nie gehört. Freute mich herzlich, das arme Mäd⸗ chen mal glücklich zu ſehn. Darauf klingelte ein Glöckchen. Der Vorhang rollte auf, und die Fiedler fingen wieder an drauf los zu kratzen. Statt des Gartens war ein Tanzſaal mit ganzen Reihen glänzender Säulen da. Es war ſo hell wie bei Tage und hinter den Pfeilern ſchienen noch Lichter zu ſein, außer einer Reihe von Lampen, die grade vor der Bank der Muſiker ſtand. Ich riß die Augen ſo weit ich konnte auf, als auf einmal das ſchönſte Geſchopf von der Welt mitten in das Zimmer geflogen kamz da ſtand ſie 136 auf einem Fuß, breitete ihre Arme aus, und wandte ihr Geſicht uns zu und ſah ſo keck und lächelnd aus, als ob ſie ihrer Lebtage nichts Andres gethan hätte. War ſo überraſcht durch ihr erſtes Auftreten, daß ich nicht wußte, wo mir der Kopf ſtand. Das arme Geſchöpf wor mehr als halb nackt. Konnte ſie wahrlich nicht recht anſehn, weil das blauäugige Mädchen bei mir ſaß. War zuerſt außer mir, daß ich Nichts als ein hübſches Geſicht und ein Lächeln unter einer Menge von Blumen, und nackte Arme und Beine und Nacken, die ſich wie eine Wind⸗ mühle drehten, ſehen konnte. Wurde mir ſo heiß, als wäre ich über und über roth. Stand bisweilen auf, um hinauszugehn und ſetzte mich dann wieder, ſo ſchwach wie mageres Schweinefleiſch und bedeckte mein Geſicht mit meinen gelben Handſchuhen, konnte aber meine Hände nicht zuſammenhalten, die Finger gingen einem auseinan⸗ der und ich mußte das ewige, ſchöne, indecente Geſchöpf anſehn, wie es ſprang und ſich drehte und ihre nackten Arme nach uns zu ausſtreckte, und lächelnd und ſchmei⸗ chelnd und die Herrn anſehend daſtand. Will aber ver⸗ ſein, wenn Jemand es laſſen konnte ſie anzu⸗ ehn. Habe einen Vogel durch eine ſchwarze Schlange be⸗ zaubern ſehen— Nichts im Vergleich mit dem. Den einen Augenblick huſchte ſie ſanft durch den Saal, wie ein Vogel, der grade anfangen will zu fliegen, dann ſtand ſie auf einem Fuß und zwinkerte mit dem andern ſo zierlich gegen den Knöchel, daß ihr's gar nicht begreifen könnt, dann ſprang ſie vorwärts und kreuzte die Arme auf ihrer Bruſt und ſtreckte ein Bein nach hinten aus, und ſtand eine Ewigkeit auf einem Zeh, bis wir ſie alle genug in der Stellung geſehn hatten. Dann hüpfte ſie wieder in die Höhe, hob ihren rechten Fuß allmälig, und fing an ſich wie im Kreiſel zu drehen, während ſie ihr eines Bein grade ausgeſtreckt hatte. Wie ſie grade daſtand, war ihr weißes Kleid ganz mit Silber bedeckt und ſah wie eine —— Schneewolke aus, aber es reichte ihr nicht halb an die Knie und ſtand hinten gewaltig hinaus. Ich hatte noch nicht gewagt, die Finger vom Geſicht wegzuziehn und zitterte am ganzen Leibe, ganz verwundert, was ſie jetzt anfangen würde, als ſie ſich herumwirbelte, ihre Hand küßte und luſtig wie ein Grasſpringer forthüpfte, grade wie ſie hereingekommen war. Konnte noch nicht recht zu Athem kommen und hätte um keinen Preis dem hübſchen blauäugigen Mädchen in's Geſicht ſehen mögen; ſchielte aber doch hinüber, denn ich war neugierig zu ſehn, wie roth ein Mädchen werden könnte, und da ſaß ſie und lächelte und ſah aus, als ov ihr der Spaß wirklich geſiele. Sie flüſterte mit einem jungen Herrn, der neben ihr ſaß, und ſagte: „Iſt es nicht ſchön! Ich hoffe, man wird ſie her⸗ ausrufen.“ „Sie wird gewiß kommen,“ ſagte der Herr lachend und fing an zu ſtampfen und in die Hände zu klatſchen und Alle ſchrien und tobten wie beſeſſen:„Cöleſte behan⸗ delt die Amerikaner wie ein Liebhaber ſein Mädchen.“ „Wie ſo?“ fragte das Mädchen neugierig. „Sie kann ſie nicht verlaſſen, ohne immer wieder zurückzukommen und Abſchied zu nehmen,“ ſagte er lachend. „Aber da kommt ſie.“ Und wahrhaftig ſie kam und fing alle ihre Geſchich⸗ ten noch einmal an. Allmälig ließ ich meine Hände vom Geſicht heruntergleiten, und als ſie zuletzt wieder ihr Bein ausſtreckte und ſich herumwirbelte, ſaß ich da und ſtarrte ſie ganz verwundert grade anz denn wahrhaftig, die hübſche kleine Franzofin, die ſo ſanft und beſcheiden war, und dies kecke, ſchone Geſchöpf, die die Beine aus⸗ ſtreckte und die Arme um den Kopf ſchwang und ihren Mund weit genug öffnete, um ihre Zähne zu zeigen, waren daſſelbe Geſchöpf und beide waren Madame Cöleſte. Ich ging nach Haus, aber die Beine und Arme und 138 der Rock mit Blumen wirbelten mir die ganze Nacht im Kopf herum und ſind wahrlich noch nicht heraus. Euer zärtlicher Sohn. Jonathan Slick. Zwölfter Brief. Jonathan erhält eine Einladung zu einem Maskenball.— Verlegenheit wegen des Anzugs.— Wahl eines Charakters ꝛe. An Mr. Zephanjah Slick, Friedensrichter und Kirchenälteſten in Weathersfield im Staate Connecticut. Lieber Vater! „'s iſt weiß Gott das ſchlimmſte Geſchäft, das einer anfangen kann, dies Briefſchreiben. Hat man hier in York mal einen Namen, ſo iſt die Ruhe dahin; und ſie wollen ſogar, ich ſokl dieſen meinen chriſtlichen Namen aufgeben. Kann Charryſtreet nicht hinuntergehen, ohne daß mich Jemand anredet, der heraus haben will, wer meine Briefe ſchreibe. Der Eine meint, es ſei ein Mann aus Portland, der ein Buch über den Oſten geſchrieben hat, und der Andre behauptet ſteif und feſt, es ſei Major Jack Downing. Bin des Dinges jetzt aber ſatt und will es hier den Yorkern ſchriftlich geben, daß ich meine Briefe ſelbſt ſchreibe. Major Jack Downing kenne ich gar nicht und habe ihn neulich in meinem Leben zum erſten Mal ge⸗ ſehn, und weder er noch ſonſt einer hilft mir, ſondern 139 alle Briefe, die meinen Namen und Umterſchrift tragen, ſind von mir. Jonathan Slick, Esg. Cherry Street. Das iſt meine Karte, wie ſie im Theater ſagen, und jetzt wiſſen die Yorker, wer ich bin und werden mich hoffentlich in Ruhe laſſen. Nachdem ich neulich im Parktheater geweſen war, wollte mir das ganze Leben hier nicht mehr gefallen, und ich nahm mir ſchon vor, wieder nach Weathersfield zu kommen und das alte Leben anzufangen. Konnte die nackten Arme und Beine u. ſ. w. der Maam Cöleſte nicht aus dem Kopf kriegen, und wurde mir ganz unbehaglich dabei zu Muthe. Solche Sachen taugen bloß für Lampen⸗ licht und ein Mann muß halb verloren ſein, wenn er ſich nicht für alle die Frauen ſchämt. Bin der Anſicht, daß wenn ein Mann eine ſchlechte Meinung von den Frauen faßt, dies beweist, daß in ſei⸗ nem eignen Herzen nicht Alles in der Ordnung iſt;'s iſt aber ſchwer ſein Herz in Ordnung zu halten, wenn ſo ſüße, hübſche, indecente Geſchöpfe wie dieſe Coleſte ihre Beine in die Höhe werfen und damit alle quere Gedanken in ſeinen Kopf bringen. Nachdem ich ſie ihren weißen kurzen Rock ohne Unterrock vor den Leuten hatte ſchwin⸗ gen ſehen, fing ich an die Mädchen wie Gift zu haſſen; ſchienen mir gar nicht mehr für Weiber oder Mütter oder Schweſtern zu paſſen. Dauerte eine ganze Woche, 140 bis ich mich wieder entſchließen konnte, meine Stube zu Lerlaſſen und der bloße Anblick einer Schürze machte mich krank. Eines Morgens war ich aufgeſtanden, hatte mich mit geſtreckten Beinen neben den Ofen geſetzt und klim⸗ perte mit der Kupfermünze in den Hoſentaſchen, als Vetter John mit dem vergnügteſten Geſichte von der Welt hereintrat. „Jonathan,“ ſagte er,„ich habe eine Einladung zum Maskenball auf heute Abend für Sie, und komme jetzt, um Sie zu fragen, was Sie anziehen wollen u. ſ. w. „Bin ſolches Zeug ſchier ſchon müde,“ ſagte ich trübſinnig;„ſcheint, ich kann die vielen Geſellſchaften nicht ertragen, will aber doch hingehn.“ „Was wollen Sie denn anziehn?“ ſagte Vetter Joh n. Was ich anziehn will?“ ſagte ich;„was anders als meine neuen Kleider; denke doch, ſie werden noch nicht abgetragen ſein.“ „Aber Sie müſſen in einem Charakter auf dieſen Ball gehen,“ ſagte er. „Ich denke, Vetter, Sie haben mich noch nirgends ohne Charakter geſehn und könnten ſich die Bemerkung erſparen,“ ſagte ich. John wurde roth und lachte und ſagte:„Müſſen Nichts übel nehmen, Jonathanz wollte Sie nicht beleidi⸗ digen; die Sache iſt nur, daß Sie eine etwas andere Kleivung wie gewöhnlich anlegen müſſen. Ich denke, Sie maskiren ſich als Türke.“ „Was!“ ſagte ich,„wie ſo ein Kerl, die eine ganze Karawane von Weibern in ihre Häuſer einſperren? Danke ſchön, will's aber lieber bleiben laſſen. Möchte eben ſo lieb zu Bette gehn und träumen, ich ſei eine Bremſe in einem Horniſſenneſt.“ „So kleiden Sie ſich als Indianer, gefällt Ihnen 141 das?“ ſagte er.„Ich will Marie als Sqaw*) maskiren und ſie können miteinander hineingehen.“ „Meinetwegen,“ ſagte ich,„will lieber ein Indianer, als ſo ein Türke ſein; was werden aber die Leute den⸗ ken, wenn wir ſo angezogen kommen? Ich werde ſo ver⸗ legen wie welkes Gras ſein.“ „Im Gegentheil,“ ſagte er,„ſie werden ſich freuen, Sie als Indianer zu ſehn. Da gibt's Könige und Kö⸗ niginnen, Nonnen, Schotten, Engländer und Frauen, die vor 200 Jahren gelebt haben u. dgl.“ „Gerechter Gott, was ſchwatzen Sie für Zeug!“ ſagte ich, denn er ſchien ſo ernſt wie ein Joch Ochſen. „Haben die denn Einladungen über's Waſſer geſchickt?“ „Werden's ſehn,“ ſagte John und lächelte behaglich und rieb ſich die Hände;„Sie müſſen mir aber einen Gefallen thun und mir ihre alten Kleider leihen.“ „Wos! den alten Blauen mit den blanken Knoͤpfen und die Pfeffer⸗ und Salzhoſen?“ ſagte ich.„s iſt mir recht,“ ſagte ich,„wär' mir aber lieber, Sie nähmen den neuen Anzug, er ſieht manierlicher aus.“ „Nein, nein,“ ſagte er, ich will grade den, in wel⸗ chem Sie abgemalt ſind.“ „Werden Ihnen gut ſitzen,“ ſagte ich.„Die Hoſen ſind vielleicht etwas, dürfen aber die Hoſenträger nur nicht ſo ſtraff anziehen, und es ſind reſpectabel weite Taſchen drin.“ „Ich will für Ihre Kleidung ſorgen,“ ſagte er. „Kommen Sie in unſer Haus, wir können miteinander hingehen.“ Damit ging John fort und ich ſetzte mich hin und überlegte hin und her, warum ich mich wohl wie ein ge⸗ borner Indianer anziehen ſollte. Je mehr ich aber dar⸗ *) Sqaw, amerikaniſche Indianerin. 142 über nachdachte, deſto dummer wurde, ſo daß ich gerade⸗ zu aufſtand und das Denken ganz ſein ließ. Euer zärtlicher Sohn Jonathan Slick. Dreizehnter Brief. Jonathan Slick und der große Maskenball.— Jonathan als Indianer und Vetter Beebe als Jonathan.— Bäschen Marie als Jonathans Sqaw.— Jonathan unter Königen und Königinnen, Spaniern, Türken und Juden.— Jona⸗ than begegnet ſeinem dicken Vetter als Türken, und ent⸗ wiſcht ihm. An Mr. Zephanjah Slick, Friedensrichter und Kirchenälteſten in Weathersfield im Staate Connecticut. Lieber Vater! Donnerſtag Abend kurz vor Dunkel packte ich alſo ven alten Blauen und die Pfeffer⸗ und Salzhoſen zuſam⸗ men und machte mich nach Vetter Beebe's auf den Weg Der Neger ließ mich ein und führte mich die Treppe hinauf in ein kleines Zimmer, wo John in einem großen Stuhl ſaß und einen mächtigen Haufen Federn und ſolches Zeug um ſich herum hatte. Er ſprang auf, ſobald er mich mit dem Bündel unter dem Arm ſah und ſagte: „Schnell jetzt, Vetter, ziehen Sie ſich aus, ich will 143 Sie malen.“ Damit machte er ſich über einen Topf voll rothen Zeugs und fing an ihn mächtig umzurühren. Das ſieht eben nicht einladend aus, dachte ich, muß es mir aber mal gefallen laſſen; zog alſo meinen Rock aus, ſchnallte meine Halsbinde ab und ließ ihn wirth⸗ ſchaften. Fuhr mir mit dem Pinſel im Geſicht herum, daß mir ich weiß ſelbſt nicht wie wurde. Dann ſtrich er alle meine Haare in die Mitte des Kopfes zuſammen, und band es ſo feſt, daß ich die Augenlider nicht zu⸗ machen konnte; murte aber nicht und ließ ihn gewähren. Zog mir darauf ein rothes Hemd und ſolchen Negerplun⸗ der an, daß wer mich ſah, lachen mußte. Als er alle Federn, die er finden konnte, feſtgeſtellt und angebunden hatte, führte er mich vor einen Spiegel. Gauly oppalus! was für ein Kerl war ich. Wollte ſchier berſten vor Lachen. Mein Haar war mitten auf dem Kopf zuſam⸗ mengebunden und ſtack voll rother Federn, daß es wie ein großes Blumenbeet ausſah; das Geſicht hatte er mir zie⸗ gelroth angemalt und zwei oder drei gelbe und ſchwarze Querſtriche darin angebracht. Ich hatte eine Art leder⸗ nen Nachtrock ohne Aermel an, der mit Glasperlen, Fe⸗ dern und Schellen ſo behangen war, daß er bei jedem Schritte einen Lärm machte, wie die Eiszapfen an einem Baum nach einem kalten Regen. Außerdem hatte ich ein Paar lederne Hoſen, die mir nur bis an die Knie gingen und voll Franſen waren. Die Schuhe waren capital und ſaßen mir doch wie angegoſſen und waren ſo weich wie Sammet; und überall mit Perlen und Seide geſtickt, wie ihr noch nichts geſehn habt. Weiß nicht, was in mir gefahren war, aber wie ich das Indianiſche Koſtüm am Leibe hatte, fühlte ich mich ſo flink und ſchlank wie ein Aal und warf die Beine, daß Madame Cöleſte Nichts dagegen war. Ich dachte, Vetter John wolle vor Lachen ſterben.„Sparen Sie Ihre Beine, bis auf den Ball,“ ſagte er.„Haben Sie denn je einen wirklichen Indianer geſehn?“ 144 „Das will ich meinen,“ ſagte ich. „Glauben Sie alſo einen ſpielen zu können?“ ſagte er. „Warum nicht?— Sehen Sie her, geht es nicht wie geſchmiert; ſagte ich und machte ein Geſicht ſo wild wie ein Fleiſcherbeil und ſpreizte mich wie ein Welſch⸗ hahn in der Sonne. „Recht ſo,“ ſagte John;„jetzt müſſen Sie aber auch noch etwas Medicin nehmen.“ „Und ich wette einen Penny, daß ich keine nehme,“ ſagte ich; haſſe alles Doktern, und wenn Sie mir von Ihrem Rhabarber oder Calomel oder Brandreth's Pillen hinunter bringen, ſo habe ich meine Wette verloren.“ John lachte wieder wie eine zerbrochene Kaffee⸗ mühle, diesmal wurd ich aber ärgerlich, ging grade auf ihn zu und ſagte:„Müſſen nicht lachen, noch glauben, daß Sie mich beſchwatzen. Werden mich nie glauben machen, daß es hier in York Sitte iſt, Pillen zu nehmen, ehe man auf einen Ball geht. Das iſt meine Meinung.“ Dauerte eine Zeitlang, bis John wieder zu Athem kom⸗ men konnte. Endlich ſagte er:„Sie werden aber doch Nichts vagegen haben, dies zu tragen und es Medicin zu nennen?“ „Nichts auf der Welt,“ ſagte ich, nahm ein ausge⸗ ſtopftes junges Murmelthier unter den Arm, und ging hinunter, um Bäschen Marie zu ſehen. Da ſaß ſie meiner Seel ſchon ganz aufgeputzt. Ihr Haar war in lange Flechten zuſammengebunden und ganz mit Gold und Silber und rothen Federn überhängt. Eine Reihe kleiner rother und gelber und blauer Federn ging ihr um den Kopf, und wurde auf der einen Seite durch ein goldenes Band zuſammengehalten, mit zwei Quaſten von Perlen, die auf ihre Schultern herabſielen, und wie eine reife Traube in der Sonne glänzten. Gebe es zu, Marie war eine hübſche kleine Sqaw⸗ Ihr Kleid war aus ganz weißem Leder gemacht und glich meinem Rocke ohne Aermel, nur daß es viel ſchöner und ganz rund war. Es ging nicht ganz bis auf den Boden 145 hinunter und ihr kleiner Fuß und Knochel ſaß allerliebſt in den glänzenden Schuhen und ſeidenen Strümpfen. Hätte mich aber beinah todtgelacht, als ich Vetter Beeben in meinem alten Blauen und meinen Pfeffer⸗ und Salz⸗ hoſen, den Hut tief auf dem Kopf und die Hände in den Taſchen, hereinkommen ſah. Ich war es ganz, Stiefel aus Rindöleder, rothes Taſchentuch und Alles. Mit dem kam der Neger und ſagte, der Wagen ſei vor der Thür, wir ſtanden auf, ſtiegen ein und fort ging's vie Stadt hinunter bis wir vor einem großen Hauſe in der neunten Straße hielten. Als wir bald da waren, konnten die Pferde kaum durchkommen, ſolch eine Reihe von Wagen bewegte ſich einer hinter dem andern dem Hauſe zu. Kamen mir vor wie ein aufgeweichter Hau⸗ fen Zwiebeln, ſo dick waren ſie aufeinander. Nach langer Zeit fuhren wir endlich vor dem Trottvir, über das große Tücher geſpannt waren, damit die Leute im Trocknen ſeien, an und gingen grade die Treppe hin⸗ auf, wo uns ein Paar ſtolze Herren, die rothe Bänder im Knopfloch hatten, durch einen langen Gang, der blen⸗ vend hell beleuchtet war, an eine Treppe führten. Ich hätte gern bei einem ſteinernen Tiſch, der hinten in dem Gange ſtand, Halt gemacht, um ein Glas Punſch zu nehmen; aber ehe ich einen Schluck nehmen konnte, waren John und Marie ſchon halb die Treppe hinauf, und ich ging ihnen voll Verdruß, den guten Punſch ſtehn laſſen zu müſſen, nach. Marie trat in ein großes, ſchönes Zimmer, das ganz voll Mädchen war, wie ich mit einem raſchen Blick ſah; Vetter Beebe und ich gingen in ein anderes Zimmer und warteten, bis ſie wieder da wäre. Dann gingen wir wieder durch den Gang, bis wir an eine Thür am vordern Ende kamen. „Warum gaben Sie Marie nicht ihren Arm?“ ſagte John zu mir, als wir durch die Thür traten. Leben in Newyork. 10 „Wenn ich heute Nacht ein Indianer bin, ſo will ich auch nach meinem eignen Gutdünken handeln,“ ſagte ich.„Habe noch nie einen Indianer mit ſeiner Sqaw Arm in Arm gehen ſehen; Marie kann hinter mir her⸗ gehen, wenn ſie nicht zu ſtolz iſt.“ Damit nahm ich das Murmelthier unter den Arm, trug den Kopf hoch und trat ein. By gracious! das war ein Zimmer! Rings herum ſtanden gelb und blaue Sophas und Bänke und ſolche Dinge, wie bei meinem dicken Vetter, und ein ſeltſames Gewirr von Menſchen tanzte und glitt darin hin und her. Auf dem Boden lag kein Teppich, und wenn ſie gewollt hätten, hätten ſie ordentlich tanzen können, ſtatt deſſen knirten und hüpf⸗ ten ſie aber herum, als eben ſo viel Bachſtelzen auf einer Sandbank. Machte mich ärgerlich, eine Partie Menſchen zu ſehen, die von allen vier Enden der Welt zuſammen⸗ geholt waren und nicht einmal einen ordentlichen Schot⸗ tiſchen zu Stande brachten. Schienen uns nicht zu be⸗ achten, als wir hereintraten, ſonſt hätte ich mich geſchämt, als Indianer mit Marie dazuſtehn. Wußte aber, daß mich Niemand erkennen würde, trug alſo die Naſe hoch und betrachtete mir das Treiben der fremden, vornehmen Welt. In der Mitte des Saals waren eine Menge hüb⸗ ſcher Mädchen, die um einander herumknirten, als wollten ſie einen glauben machen, ſie tanzten. Eine unter ihnen hatte einen langen ſchwarzſeidenen Rock mit Aermeln an und ein weißes Handtuch davor hängen, wahrſcheinlich um ſich beim Eſſen den Wein und die Sauce nicht über ihren Staat zu gießen, und ſah halb wie ein Knabe und halb wie ein Mädchen aus. Neben ihr ging ein wun⸗ derſchön gekleidetes Mädchen. Ihre Schuhe waren mit rothen Bändern über einen zierlichen Fuß, der zum Dreinbeißen ausſah, zuſammengebunden, und ſie hatte drei offne Kleider, aus dünnem, weißem Seidenſtoff mit Gold⸗ ſtreifen, eins über das andre an; die Aermel hingen wie an einem Mannshemd herunter, hatten aber keine Man⸗ 147 ſchetten, ſondern ſtanden weit auf, ſo daß man ihren ſchönen weißen Arm ſehen konnte. Sie hatte zwei mäch⸗ tig große Buſennadeln, eine wie die Sonne vor der Bruſt und eine am Gürtel, ganz voll Steine, daß ſie wie ein Haufen Funken aus einer Schmiede glänzten. Vor der Stirn hatte ſie aber ſo eine kleine glanzende Sonne; ihre langen glänzenden Locken hingen ihr bis auf die Schulter und ein weißer Schleier, der wie eine Wolke, auf welche Sonne int, ausſah, ſiel über ſie herab. Ich fragte hen Marie leiſe, wer das hübſche kleine Geſchöpf ſein könne. Sie ſagte mir, ſie käme vor Peru und ſei eine Sonnenprieſterin oder ſo etwas. Ehe ich noch weiter fragen konnte, ſprang ein hübſches kleines ſchwarzäugiges Mädchen mit einem Stock in der Hand und langen, über die Schultern herabfallenden Locken auf mich zu. „Halloh, das gilt nicht!“ ſagte ich, als ſie meinem Murmelthier einen Schlag mit dem Stock gab, aber ſie lief davon und lachte, daß ſie ſich die Seiten hielt. Ehe ich wußte, wo mir der Kopf ſtand, kam eine andere Schaar ſonderbar ausſehender Mädchen, ſo klein, daß ſie um dieſe Zeit eher in's Bett, als hieher gehörten. Sie hatten kurze Röcke an und glänzten wie Schneeflocken; weiß aber nicht, woher ſie kamen, denn ſie hatten alle Flügel an den Schultern, und ich habe noch nie von ſolchen geflägelten Geſchöͤpfen auf dieſer Welt geleſen, und es wollte mir nicht in den Kopf, daß man Kinder aus der andern Welt auf einen Ball nach York ſchicken würde. Ehe ich aber nur Jack Robinſon fragen konnte, waren ſie fort und dann kam eine haar verſchieden geklei⸗ deter Herren und F man am Ende nicht mehr wußte, wo einem der Kopf ſtand. Hielt mich dichte an der Thür, ſtreichelte mein Mur⸗ melthier und wunderte mich, wie der Herr, der die Ge⸗ ſellſchaft gab, überall die gen hatte hinſch können, um die Leute zuſammenzubringen, als auf einmal Veiter Beebe vor mir ſtand, und ich hell auflachen mußte. Ja, da ſtand er, mit offenem Munde und beide Hände in den Taſchen meiner Pfeffer⸗ und Salzhoſen vergraben und ſtierte wie ein geſtochenes Kalb. Darauf machte er ſich an die kleine Spanierin mit dem glänzend ſchwarzen Haar und den Falkenaugen und dem langen ſchwarzen Schleier, der ihr über den Rücken herabfiel, und forderte ſie ſo manierlich zum Tanz auf, als ich es nur ſelber gekonnt hätte. Potz Hagel! warf Der die Rindsleder⸗ ſtiefeln aber herum! Wie er ſich in den Hüften wiegte und die Füße warf, war ächt Weathersfieldiſch. Der alte Blaue und die Pfeffer⸗ und Salzhoſen hatten wieder einen Men⸗ ſchen aus ihm gemacht, glaube, er fühlte ſich nie ſo wohl, ſeit er Weathersfield verließ. Marie wollte vor Luſt ver⸗ gehen, und ich mußte mich fortmachen, um nicht gerade herauszuplatzen. Ging durch eine große Thür in einen Saal, wo lauter Muſikanten ſaßen, und Leute aus der Türkei und Amſterdam die Mädchen herumwirbelten. War aber kein einziges unter ihnen, die wie eine ächte Amerikanerin ge⸗ kleidet war, und ihre Manieren und die Beleuchtung und Alles kam mir wie eine ächte Yorker Geſellſchaft vor. Mochte es nicht länger anſehen und betrachtete mir die hübſchen Bilder, die an der Wand hiengen und lauſchte der Muſik; wurde am Ende aber auch deſſen überdrüſſig, ging alſo und ſuchte die Könige und Koͤniginnen, denn ich war neugierig, zu ſehen, aus welchem Stoff ſie ge⸗ macht ſeien. Gut, ging alſo durch den Gang, nahm mir Zeit, einen Schluck an dem ſteinernen Tiſch zu nehmen, und trat in das Zimmer, wo ſie die Könige und Königinnen hielten. Das Licht ſtrömte hell über den dicken, rothen Teppich und die Sopha's, und Seſſel glänzten wie ein Tulpenbeet in der Sonne. Schnürte mir aber ſchier den Athem ein, die Königinnen anzuſehn, ſah noch nie ſo ſchöne Geſchöpfe. Eine ſaß auf einem Schemel und hatte ihre Füße wie ein lateiniſches K gekreuzt. Sie 149 hatte ein Paar glänzende Hoſen an und einen weiten ſei— denen Rock, und ganze Reihen Perlen um den Hals und die Arme und in ihrem dicken Haar, bis ſie glänzte, als ſäße ſie unter einer Schaar von Johanniswürmchen. Daneben war ein kleiner, buckliger Kerl, ganz voll Atlas, Federn und Sammet und Golde, ſah aber quer aus für einen Koͤnig. Machte mich alſo bei dieſem und ſeiner lächerlichen Königin, die auf dem Schemel hockte, ſammt meinem Murmelthier vorbei und trat zu einer ſchönen, ſchlanken, geputzten Königin, die mit einem Herrn ſprach, der eine lange Feder auf der Mütze hatte und den ſie einen Ritter nannten. Sie hatte ein langes, ſammtnes Kleid an, das hinten wie der Schweif eines Kometen hinaus ſtand, und trug eine ächte Krone auf dem Kopf, die bei jeder Bewegung wie Feuer glänzte. Sagte zu mir ſelber;„Gut, haſt noch nie mit einer Königin geſprochen, aber Indianer hin, Indianer her, ſollſt's jetzt wagen.“ Wußte nicht recht, wie ich's anfangen ſollte, hatte aber gehört, daß die Leute niederknieten, wenn ſie mit einer hohen Perſon ſprachen, dachte alſo, was ſich für einen Weißen paßt, paßt ſich auch für einen Indianer. Kniete alſo nieder und ſagte:„Hören Sie mal, Madame Königin, möchten Sie nicht ein ächtes Yankee⸗Murmel⸗ thier ſehen? Kann Sie verſichern,'s ſind kurioſe Ge⸗ ſchöpfe.“ Damit hielt ich das kleine Ding in die Höhe und ſtreichelte ſeinen Rücken, als wenn es ein Kätzchen ge⸗ weſen wäre. Die Königin fuhr in die Höhe, trat einen Schritt zurück und rief:„O Herr Jeſus!“ und ein kleiner, auf⸗ geputzter Knabe, der hinter ihr ſtand und das Ende ihres Kleides hielt, fing erſt an zu kichern und lachte am Ende ganz laut. Nach einer Weile begann die Königin auch zu lächeln und als ſie ihren Mund wie eine Roſen⸗ knospe öffnete und ihre kleinen weißen Zähne zeigte, war ſie gewiß das ſchönſte Geſchoͤpf von der Welt. „Ehe ich deine Medizin nehme, ſagte ſie, mußt Du mir fagen, zu welchem Stamme Du gehörſt.“ —Wußte, weiß Gott, nicht, was ich ſagen ſollte, denn ich konnte nie einen von den vertrackten indiſchen Namen über die Zunge bringen, dachte aber bei mir ſelber: Calculire, am Ende iſt eine Königin doch auch nur ein Weib, und ſie wird noch mehr von mir denken, wenn ich ganz geheimnißvoll thue; ſagte alſo: „Das hieße aus der Schule ſchwatzen, Maam. Sind nicht das erſte Mävchen, das mich hat ausfragen wollen, 6 kommt mich aber hart an, hier zu knieen, will alſo aufſtehen, wenn Sie Nichts dagegen haben. Möchte aber wirklich, Sie ließen ihren kleinen Knaben da mein Mur⸗ melthier eine Zeitlang tragen, ich bin müde von dem ewigen Herumſchleppen.“ Die andern Königinnen und Könige und Ritter kamen alle um uns herum und wollten hören, wos wir mit einander ſprächen, genirte mich aber, daß mich ſo viel fremdes, vornehmes Volk anſtarrte, ſteckte meinen Ellbo⸗ gen alſo aus und ſagte zur Königin: „Wollen Sie nicht meinen Arm nehmen, damit wir ſehen konnen, ob wir nicht irgendwo einen Biſſen zu eſſen finden, ich ſpüre nachgerade Hunger.“ Sie ſchien einen Augenblick zu zögern, aber alle andern beſtürmten ſie, mitzugehen; ſo legte ſie alſo ihre kleine weiße Hand auf meinen Arm und fort gings, daß das Ende ihres Kleives hinterherſchleppte, und der kleine Knabe ſich daran hielt, wie ein Kätzchen an dem Schwanz ihrer Mutter. „Gut,“ dachte ich,„könnte Mama doch nun ſehen, wie ich mit einer ächten Königin unter einem und einem ausgeſtvpften Murmelthier unter dem andern Arm, einher⸗ ſteige, waͤhrend eine ganze Schaar Könige und Koͤniginnen 15¹ hinter uns her läuft; ſie müßte geſtehen, daß ich um ein Paar Stufen hoher geſtiegen bin, ſeitdem ich hier in York bin. Sah meiner Lebtage noch nicht einen Tiſch, der dem, welchen wir in dem großen Zimmer eine Treppe hoch antrafen, das Waſſer gereicht hätte. Das Silbergeſchirr, die Glä⸗ ſer, die Eßwaaren und Getränke nahmen gar kein Ende. Die Gäſte konnten nur an die eine Seite des Tiſches kommen, während auf der andern ein Haufe Aufwärter und Neger wie ein Weſpenſchwarm umherlief. Gab der Königin einen ganzen Haufen guter Sachen, und freute mich, wie ſie es ſich ſchmecken ließ; ſie wurde mit den Gelées und eingemachten Sachen ſo ſchnell fertig, als wäre ſie ein Yorker Mädchen und keine Königin ge⸗ weſen. Nachdem ſie genug gegeſſen hatte, gab ich ihr mei⸗ nen Arm, und wir gingen die Treppe wieder hinunter, grade wie wir herauf gekommen waren: Könige und Kö⸗ niginnen und Ritter und Indianer— Alles durcheinander und hinter uns her. Sobald ich einen Stuhl für die Königin gefunden hatte, machte ich mich ſo ſchnell wie moglich fort. Wollte ihr erſt einen Bückling machen, wußte aber nicht, ob die Indianer ſolche Dinge lernen; kehrte mich alſo um und zog ab voll geheimer Freude über die Aufnahme, die ich gefunden. Schaute mich eben nach Bäschen Marie um, als ein kleines, ſchlankes, aufgeputztes Ding mit fliegenden, gelben Haaren und ausgebreiteten Flügeln auf mich zu⸗ geſprungen kam, und ehe ich wußte, was ich that, rief ich aus: „Akle Wetter, wenn das nicht meines dicken Vetters aufgeputzte Tochter iſt!“ Das Geſchöpf horte mich, lief fort und ſprach mit einem fetten alten Türken in einem Rock und weiten Hoſen, der ein rothes Taſchentuch um den Kopf gewun⸗ ven hatte. Er ſtand auf, flüſterte einer dicken Frau, die ganz mit gelber Seide beveckt war, und vor lauter Gold und Edelſteinen wie eine Eisſcholle glänzte, etwas in's Ohr, und alle drei kamen wie Hühner, wenn ſie eine Handvoll Körner ſehen, auf mich zu, und das dicke Weib rief: „O Vetter Slick, ſind Sie das? Ich muß geſte⸗ hen, es freut mich ungemein, daß Jeminea Sie erkannt hat. War das nicht ſcharfſinnig von ihr? Sie wiſſen aber, ſie iſt—.“ Mehr hörte ich nicht, denn die fremden Herrſchaften kehrten ſich alle um und ſchauten uns mit großen Augen an. Ich lief wie ein gejagtes Huhn fort, bis ich vor der Thür war, denn weiß Gott, mein dicker Vetter und ſeine Frau waren Türken geworden. War mir ſchon in ſei⸗ nem ſchwarzen Frack und Hoſen zu aufgeblaſen und weiß wahrlich nicht, was ich gethan hätte, wenn er ſich mir in ſeinem Türkenrock und weiten Hoſen als meinen Verwand⸗ ten präſentirt hätte. Mochte nicht wieder hineingehen, aus Furcht, den aufgeputzten Thieren noch einmal zu begegnen, und konnte mich nur ſchwer entſchließen, umzukehren und Vetter, Beebe und Marie zu ſuchen. Sie tanzte mit dem kleinen buckligen König und John mit einer Dame in einem ſchwarzen Sammtkleid, das ganz mit ſilbernen Sternen beſäet war. Freute mich, wie gut er den double shuffle machte, drängte aber zum Fortgehen, weil ich fürchtete, den Türken wieder zu begegnen. Iſt am Ende doch meine Meinung, daß dieſe Frem⸗ den um kein Haar breit genteeler ſind als wir ächten Amerikaner. Kommt vielleicht, weil ſie noch nicht an unſre Weiſe gewöhnt ſind, aber einige ſahen ganz verle⸗ gen in ihren Kleidern aus, wahrſcheinlich weil wir frei⸗ gebornen Amerikaner ſo ungenirt mit ihnen umgingen. Euer zärtlicher Sohn Jonathan Slick. Vierzehnter Brief. Guter Rath von Haus.— Jonathans Urtheil über ſeines Bruders Samuel Buch.— Jonathan langweilt ſich in guter Geſellſchaft.— Jonathan tritt in einen Putzmacherladen und ſchießt einen Bock wegen eines Damenſattels. An Mr. Zephanjah Slick Friedensrichter und Kirchen⸗ Aelteſten in Weathersfield im Staate Connecticut. Lieber Vater! Iſt mir in der That nicht angenehm, daß ihr mir ſo viel guten Rath in eurem Briefe gebt. Moͤchte euch gern gefallen, und bin gewiß der Meinung, daß ein Menſch nie genug lernen kann, um ſeines Vaters Rath zu verachten, bin aber auch der Anſicht, daß ihr einen Burſchen, wenn ihr ihn habt mal von Haus gehen laſſen, am beſten auch ſein eignes Futter ſchneiden laßt. Habt mir, ſo viel an euch gelegen, eine vortreffliche Erziehung gegeben, habt mich gelehrt, ehrlich und fleißig, aber auch ſcharf wie ein Raſirmeſſer zu ſein. Die Wahr⸗ heit iſt, habt mich ungefähr ſo behandelt, wie eure Zwie⸗ belbeete; wenn ihr ſie aber umgegraben und den Samen hineingeſäet und das Unkraut ausgeriſſen habt, bis die kleinen Pflanzen Wurzeln gemacht haben und aufgeſchoſ⸗ ſen ſind, habt ihr da nicht gefunden, es ſei am Beſten, ſie der Natur nach wachſen zu laſſen und ſie dem Nacht⸗ thau und der fetten Erde und dem warmen Sonüenſchein zu überlaſſen? und reifen ſie nicht, und geben Samen und Wurzeln und bringen das harte Geld ein, als hättet ihr vom Morgen bis zum Abend dran rumgegraben? Wenn 154 ihr das Unkraut herausreißt, ſo lange ſie jung ſind, und den Boden im Frühling gut bearbeitet, ſo iſt keine Ge⸗ fahr, daß die Erde auf einmal ſteinhart wird, oder daß das Unkraut ſo ſchnell wächſt, daß es eine gute, zähe Zwiebel erſticken kann. Das iſt ganz der Natur gemäß, fragt nur euren Prediger. Habt meinetwegen alſo keine Angſt, wenn ich auch einmal ins Theater gehe oder mich als Indianer verkleide, es hat keine Gefahr, ſag' ich euch. Wenn einer die Weisheitszähne gekriegt hat, ſo ſieht er Thorheit genug, und kann oft genug im Stillen lachen, ohne zu vergeſſen, daß er auf der Welt iſt, um Gutes zu thun, und nicht um ſeine Zeit zu vertroͤdeln. Macht euch alſo keine Sor⸗ gen meinetwegen, weder ihr noch die Mama. Bin viel⸗ leicht noch etwas grün, wachſe aber gerade in die Hoͤhe, das ſag' ich euch. Bin heute nicht recht aufgelegt, denn ich habe Sam's neues Buch über den Great Weſtern geleſen. War bei Vetter Beebe, als dieſer es nach Haus brachte, und es Marie vorzuleſen anfing. Hatte aber noch keine zwanzig Seiten geleſen, als Bäschen Marie Kopfweh vorſchützte, wie die Weiber immer thun, wenn etwas ſie genirt, und mit dem rotheſten Geſichte fortlief. Vetter John ſagte: „Jonathan, wenn die Leute in Canada Samuel nicht zum Richter gemacht hätten, ſagte ich Niemand, daß er mein Verwandter iſt; man kann ſein Buch in der That nicht Frauen vorleſen.“ Wäre gern für Samuel aufgetreten, wußte aber wahrlich nicht wie, denn das Buch iſt ein gräuliches Ding, das iſt ein Fact; dachte ader, was für rohe Worte die Setzer bisweilen in meine Briefe an euch bringen, wenn ich ganz etwas anderes geſchrieben habe, und dachte alſo, willſi's den Setzern und Verlegern zuſchieben; denn ich will wetten, die haben einen eben ſo großen Fehler ge⸗ than, das Buch herauszugeben, als Samuel, es zu ſchrei⸗ ben. Sagte alſo: 155 „Samuels erſtes Buch war ein Pfeiler und eine Ehre für die Familie, und ich bin überzeugt, dies wäre eben ſo gut geworden, wenn Samuel nicht das erſte hätte übertreffen wollen und ſo die Stränge riß. Will wetten, im Herzen iſt er noch immer der Alte, und zweifele nicht, daß die Setzer dies nicht verdorben haben. Sie ändern bisweilen meine Worte ſo, daß ich ſelbſt nicht mehr weiß, ob ich ſie geſchrieben habe, und vann, Vetter John, kennen auch nicht alle das ächte Engliſch, wie wir es in Wea⸗ thersfield ſprechen, buchſtabiren,“ Vetter John lächelte und ich fuhr fort: „Machte mich oft ärgerlich, ſolche Dinge zu leſen und zu denken, daß die hübſchen Mädchen glauben wür⸗ den, ich hätte ſie geſchrieben. Konnte es meinen Vater nicht verdenken, daß er mir eine lange Ermahnungsepiſtel über ſolche Worte ſchrieb; aber er hätte mich beſſer ken⸗ nen ſollen und wiſſen, daß ich ſolche Worte nicht hinein gebracht. Iſt nicht meine Natur, etwas zu ſchreiben, das das zarteſte Mädchen nicht laut vor allen Herren in der Welt leſen könnte, und wenn eine etwas ſähe, das nicht ſo iſt, wie es ſein ſollte, ſo kann ſie dreiſt glauben, es iſt nicht von mir.“ Schweigt ja von mir ſtill, Vater, und wenn ihr einem den Text leſen wollt, ſo thuts Samuel, an dem findet ihr genug Federn zu pflücken; ich aber bin erſt kaum aus dem Neſt gekrochen. Will euch jetzt erzählen, wie es mir ſeit dem glän⸗ zenden Ball, auf dem ich Eingemachtes mit einer Königin aß, hie gegangen iſt. Nachgerade langweilte mich die ganze Geſchichte, denn die Geſellſchaften und Mädchen ſind alle eine wie die andere und werden einem ſo zuwider, wie ihr Zuckerzeug und ihr Cider, womit ſie einen vollſtopfen. In vornehme Geſellſchaften gehen, kommt mir vor, wie in einem großen Hotel zu logiren; im Anfang weiß man gar nicht, was man mit all den ſchönen Sachen auf dem Tiſche vor lauter Vergnügen anfangen ſoll, zuletzt 156 aber will der Magen nichts mehr von den Hühnern und Truthahnen und Spanferkeln wiſſen und ſehnt ſich wieder nach Speck und Bohnen und Hausmannskoſt. Ein ähnliches Gefühl kam nach dem Ball über mich. Die hübſchen Geſchöpfe, die Broadwah auf und ablaufen, mit kleinen runden, ſeidenen Dingern vor dem Geſicht, die nicht größer wie ein Pilz ſind und die Sonne abhalten ſollen, wurden mir ganz zuwider, und ich beſchloß, meine Pfeffer und Salzhoſen wieder anzuziehen und ein wenig Natur unter den Mädchen zu ſehen, die ſich ihr Brod mit ihrer Hände Arbeit verdienen müſſen und ſich zu Tode quälen, damit die aufgeputzten Geſchöpfe auf Broadway ſo hübſch ausſehen, wie ſie ausſehen. Hatte erzählen hören, daß in den Putzläden in Divi⸗ ſionſtreet und Bowary eine Menge hübſcher Mädchen im⸗ mer arbeiteten, wußte aber nicht recht, wie ich mit ihnen bekannt werden ſollte. Bin niemals in Verlegenheit, wenn ich mit vornehmem Volk, wie meines dicken Vetters Frau oder Miß Miles, umgehen ſoll; wenn ich aber ein hüb⸗ ſches unſchuldiges junges Mädchen des Morgens früh aus⸗ gehen und Abends ſpät heim kommen und wie einen Hund arbeiten ſehe, um ſich ehrlich durch die Welt zu bringen, ſo wird mir das Herz zuſammengeſchnürt, und ſtatt mit ihnen zu plaudern, wie ich es mit den vorneh⸗ men Püppchen mache, fühle ich mich ganz niedergeſchla⸗ gen, als ob ich den Hut abnehmen müßte, um ihnen zu zeigen, daß ein Ehrenmann ſie deßhalb mehr reſpectirt, weil ſie allein ſind und Niemand haben, der ſich ihrer annimmt. Kann nie eins der hübſchen jungen Geſchoͤpfe allein nach Haus gehen ſehen, wenn ſie den ganzen Tag hart gearbeitet haben, um ihr Brod zu verdienen, oder viel⸗ leicht noch ihre Eltern zu ernähren, ohne zu denken, wie ein rechter Mann ſie dafür hochſchätzen ſollte, daß ſie brab und fleißig und tugendhaft bleiben, da ſie in der Regel wenig Ermuthigung zum Guten und viel Verſuchung zum 157 Boͤſen haben, ſtatt ſie von der Seite anzuſehen oder ſie hinter der Leute Rücken zu Sünde und Schlechtigkeit zu verleiten. Das Blut ſteigt mir jedesmal zu Kopf, wenn ich dieſe fremden Stutzer, wie den bärtigen Grafen bei Tage bei den Mädchen ſo hochmüthig vorbeigehen ſehe, als wären ſie es nicht werth, daſſelbe Pflaſter mit ihnen zu treten, und wenn dieſelben ihnen dann im Dunkeln nachlaufen und ihnen an den Straßenecken aufpaſſen, wie Füchſe um einen Hühnerſtall; Männer, die einem mit ihren Stockdegen durch den Leib rennten, weil einer ihre Frau oder Schweſter von der Seite angeſehen, wollen ein ehr⸗ liches Mädchen betrügen, wenn ſie es können und es noch für einen Spaß halten. Verdammt ſeien ſolche Burſchen! ſind das Hängen nicht werth! Will euch was ſagen, Vater, mögt reden ſo viel ihr wollt von Freiheit und Unabhängigkeit und daß die Menſchen frei geboren— ich glaube, es gibt keinen Ort in der Welt, wo jeder den andern mehr in den Koth zu treten ſucht, wie hier in York. Will aber mit der Predigt aufhören, daß eure Pa⸗ ſtoren nicht fürchten, ich wollte ſie ausſtechen, und euch blos ſagen, wie ich auf alle dieſe Gedanken gekommen bin. Werdet nicht vergeſſen haben, daß Judy White eine Baſe hat, die hier nach York gekommen iſt, um ein Ge⸗ ſchäft zu lernen. Sie war ein hübſches, liebes Geſchöpf als ſie Weathersfield verließ, ſo rund wie ein Rebhuhn und mit friſchen rothen Backen. Ich mußte Judy ver⸗ ſprechen, ihre Baſe zu beſuchen, wenn ich nach York kämez wenn man aber immer mit dieſem vornehmen Volk um⸗ geht, ſo vergißt man leicht ſeine alten Bekannten und erſt heute wieder ſiel mir Suſanna Reed ein. Machte mich alſo gleich auf den Weg nach Bowary, um den Platz zu finden, wo fie arbeitete und zu ſehen, wie es ihr gienge. Ich hatte die Nummer vergeſſen, als ich aber an ein Haus kam, das lauter Fenſter in der Fronte hatte, die voll Hauben und Hüte und Bänder und Blumenſträuße hingen, ſo dachte ich, diesmal hätte ich den Nagel anf den Kopf getroffen und ging hinein. Eine kleine, aufgeputzte alte Jungfer ſtand hinter dem Ladentiſch, der ganz voll Federn und Hauben war, die ſo verſühreriſch ausſaben, daß einem der Geldbeutel grade aus der Taſche ſpringen wollte. Sie hatte eine Haube mit Roſabändern auf, die das kleine runzlige Geſicht cu⸗ rios genug kleidete, ein großgeblümtes Calicokleid an und eine große Krauſe um den Hals. Ihre Taille war nicht dicker, wie eine Quartflaſche und ſie ſteckte ihre Hände ſo natürlich in ihre Schürzentaſche, als ich es ſelber nur gekonnt hätte. Wollte ſie gerade fragen, ob Suſanna Reed da arbeitete, als eine Dame hereintrat, und eine Haube kaufen wollte, und im Augenblick ging das Han⸗ veln und Anprobiren von rothen und gelben und blauen Hauben los. Die Putzmacherin ſetzie eine nach der andern auf und ſchwatzte ſich ſchier die Lunge aus dem Leibe, während die Dame ſich in einem großen Spiegel betrachtete, und ihren Kopf hin und her drehte, wie ein Vogel auf einem Brom⸗ beerbuſch, ſie wiſſe noch nicht, ſie wolle ſich ein wenig weiter umſehen, und vielleicht wieder kommen und derglei⸗ chen Geſchwätz, wobei das kleine alte Frauenzimmer aus⸗ ſah, als hätte ſie eine Maaß Eſſig getrunken. Während die Dame zur Thüre hinausging und die Alte ſie mit einer blauen Haube und einer langen weißen Feder in der Hand begleitete, warf ich einen Blick in die Glaskaſten, die ganz voll Spitzen und Beſätzen hingen⸗ War außerdem ein ſonderbares Geſtell drin, das ich lange anſah, ehe ich herauskriegte, was es ſeiz fand am Ende, es ſei einer von den neumodigen Damenſatteln, und nahm mir vor, ihn zu kaufen und an Mama zu ſchicken. Als die kleine alte Jungſfer alſo wieder zurück war von der Thür, zeigte ich grabe auf den Sattel und ſagte: „Was koſtet denn das Ding da?“ 159 „Das,“ ſagte ſie und vergrub ihre Hände, die wie Habichtsklauen ausſahen, in ihre Schürzentaſchen;„Sie ſollen es für 12 Dollars haben;'s iſt franzöſiſche Ar⸗ beit, elaſtiſche Schulterbänder, vorn geſteppt, voll Fiſchbein und ſchließt ſich dem Körper wie eine Aalhaut an.“ Gerechter Gott! wie ging's der kleinen Perſon vom Maule. Ich konnte kein Wort dazwiſchen werfen, bis ſie aufhörte, um Athem zu holen und dann ſagte ich: „Ich denke, Sprungriemen und Gurt u. ſ. w. geben Sie dazu.“ „Was?“ ſagte ſie und trat einen Schritt zurück und ſah mir in's Geſicht, als wollte ſie das ganze Geſchirr nicht um den Preis geben. „Den Sprungriemen und Gurt, ſagte ich;'s iſt aber möglich, daß ſie hier in York andere Namen dafür haben. Ich meine die Dinger, die vorne herumgeſchnallt werden, um die Bruſt heraus zu bringen, und das Ding, womit man in der Mitte feſtgürtet. Mama wüßte das neumo⸗ diſche Zeug nicht zu gebrauchen, wenn ich nicht Alles mit⸗ ſchickte.“ „Ja ſo, ſagte die Putzmacherin, ich verſtand Sie zu⸗ erſt nicht; Sie meinen die Schnüre und den Stahl vorne; ja wohl, das bekommen Sie dazu. Der Stahl iſt mit feinem Leder überzogen und die Schnüre ſind von der ſtärkſten Seide.“ „Gut, ſagte ich, habe zwar nie von ſtählernen Sprung⸗ riemen gehört und fürchte, ſie werden ſich nicht genug biegen laſſen.“ „O,“ ſagte ſie,„Sie können ihn doppelt zuſammen⸗ biegen, ſo elaſtiſch iſt er.“ „Was Sie ſagen!“ ſagte ich;„die Leute erfinden jetzt alle Tage was Neues. Aber meinen Sie nicht, daß ein ſeidener Gurt ein wenig zu ſchwach iſt?“ „O nein,“ ſagte ſie, ſie ſind ſtark genug; ſehen Sie doch nur die Damen auf Broadway an, die tragen nichts Andres und ſind doch ſtark genug geſchnürt, denk' ich.“ 160 Ich wußte wahrhaftig nicht, wo das hinaus wollte; ſie ſah, daß ich verlegen war und glaubte vielleicht, ich würde den Sattel nichl kaufen, ſtemmte alſo beide Hände in die Seite und ſagte; „Sehen Sie, ich habe ſelbſt eins an, ſo daß Sie be⸗ urtheilen können, wie ſtraff ſie angezogen werden können.“ „Gauly oppalus!“ ſagte ich und lachte und guckte das kleine aufgeputzte Ding an; dachte aber, es ſei nicht hoͤflich, grade herauszulachen und gab mir alio alle Mühe, es zu verbeißen.„Gracious me ſagte ich',„wundert mich jetzt nicht mehr, wenn die Yorker Mädchen ſolche Klumpen am Rücken haben, da ſie Sättel wie die Pferde tragen.“ Endlich als ich mich ein wenig geſammelt hatte, kam mir in den Sinn, die alte Schachtel möchte ſich vielleicht über mich luſtig machen, denn ich konnte nicht begreifen, daß die Yorker Mädchen ſo dumm ſein ſollten, ſich aufzugürten wie ein vierjähriges Füllen. Dachte alſo: warte nur, dich krieg' ich ſchon. Machte ein honig⸗ ſüßes Geſicht, als glaubte ich ihr Alles und ſagte ſo un⸗ ſchuldig wie ein Kaninchen in der Falle: „Wenn die Frauenzimmer hier anfangen, Sättel zu tragen, ſo werden ſie doch auch die Zäume nicht ver⸗ geſſen haben, und ich mochte dieſen für ein Paar alte Jungfern in unſrer Gegend mitnehmen. Wenn's nach mei⸗ nem Willen ginge, ſo müßten ſie überhaupt alle aufge⸗ zäumt werden, ſobald ſie um die erſte Ecke ſind. Sind gewöhnlich gräßliche Klatſchmäuler die alten Jungfern, nicht wahr Maam?“ ſagte ich und ſah ſie an, um ihr zu zeigen, daß ſie nicht mit einem Gelbſchnabel zu thun habe. Die machte aber Augen! Ihr faltiges kleines Ge⸗ ſicht drehte ſich zuſammen, daß ſie ausſah wie ein von Froſt zuſammengeſchrumpfter Apfel. Ich ſchien nicht Acht darauf zu geben, ſteckte meine Hände in die Taſche und fing den Yanke Doodle an zu pfeifen⸗ 161 „Sie haben alſo keine Zäume?“ ſagte ich nach einer Weile, denn ſie ſah aus, als wollte ſie Feuer ſpeien und ſteckte die Hände ſo tief in die Taſche, daß ich fürchtete, ihre Schürzenbänder würden reißen. „Zäume? nein,“ ſagte ſie ſo verächtlich wie ein Fleiſcherbeil:„Aber ich will von Herzen gern nach einem Halfter für Sie ſchicken!“ „Der Tauſend, ſagte ich, Sie ſind ja ſchlau wie eine Stahlfalle.“ „Ja,“ ſagte ſie noch verächtlicher,„wenn ſie nach einen Thiere wie Sie ſchnappt, das nicht Verſtand genug hat, ſich vor ſeinen Zähnen zu hüten.“ Mr. Jonathan Slick, Esg., dachte ich,'s iſt Zeit für dich, die Hörner einzuziehn; biſt kein Mann, der es mit einer Frau aufnimmt; verſtehens alle zu ſchwatzen, bis einem die fünf Sinne vergehen.“ „Meiner Treu, ſagte ich, Sie haben mich beſiegt, werde ſchwach, wie mageres Schweinefleiſch unten im Faß. Werde doch nicht mit einer hübſchen Dame wie Sie an⸗ binden? Müſſen aber auch nicht ſo zornig werden, das entſtellt ihr ſchönes Geſicht, würde Sie wahrlich jetzt für vreißig halten, hätte ich vorher nicht den Unterſchied geſehn.“ . wech die aber mit dem ganzen Geſichte! In einem Augenblick war ſie hingeſchmolzen. Ich glaube, es waren ihr in ihrem Leben noch nicht 20 Jahr von ihrem 50 ſo ſchnell fortgenommen. Liegt aber nicht in der menſchlichen Natur, ſich auf einmal zufrieden zu geben, beſonders nicht in einer alten Jungfer; als ich daher ſah, daß ihr Mund ſich zum Lächeln verzog, ſagte ich ihr noch ein paar Schmeicheleien, daß ſie wie ein Kohlblatt in der Sonne und dann zeigte ich auf den Glaskaſten und agte: „Jetzt wollen wir den Handel abſchließen; ich habe merkwürdige Luſt zu dem neumodiſchen Damenſattel. Wenn Leben in Newyork. 11 Sie alſo das Geſchirr dazu geben, ſo zahle ich 10 Dollar baar auf den Tiſch. „Was!“ ſagte ſie und ſah erſt den Sattel und dann mich an, und ihr Mund ſtand offen und ihre Augen ſahen wie ein paar geſchälte Zwiebeln aus.—„Was!“ „Na, den Sattel,“ ſagte ich ungeduldig. „Den Sattel, ſagte ſie, den Sattel! Wie, Herr, hielten Sie die franzöſiſche Schnürbruſt für einen Sattel?“ Damit ſiel ſie auf einen Stuhl, hielt beide Hände vor ihr Geſicht, und lachte, bis ich glaubte, ſie würde zer⸗ ſpringen; die Art, wie ſie ſich vorüber und zurückbog und lachte und geſticulirte, hätte einen presbyterianiſchen Miſ⸗ ſionär zum Fluchen bringen können. „Den Sattel!“ ſagte ſie und zog beide Hände vom Geſicht weg und lachte wieder.„Den Sattel! v ich ſterbe! Hielten Sie gewiß die franzöſiſche Schnürbruſt für einen Damenſattel? O ich ſterbe vor Lachen.“ Fühlte mich jetzt aber verlegen, denn ich ſah, vaß ich mich blamirt hatte.„Gott verdamm das Zeug,“ ſagte ich und hatte Mühe mich zurück zu halten daß ich nichtmit dem Fuß in den Glaskaſten trat und ihn auf die Straße warf. Ich fühlte, daß das Blut mir ims Geſicht ſtieg, und als die alte Jungfer wieder losplatzte, und ich eine Menge hüb⸗ ſcher Mädchen an eine Glasthür kommen ſah, von der ſie den Vorhang zurückgezogen hatte, hätte ich durch ein Aſtloch kriechen konnen, ſo ſchämte ich mich. Wer auf der Welt konnte aber auch denken, daß ſo ein ſteifes, indecentes Ding für ein hübſches Mädchen gemacht ſei. Es war mir höchſt fatal, mit einer Frau ſo lange von eines Mädchens Unterkleid geſprochen zu haben, beruhigte mich aber nach einiger Zeit. Die Frau, die ſolche Dinge auf die Straße hinausſteckt, daß junge Herren es anſehn, brauchte keine Krämpfe darüber zu kriegen, daß einer nach dem Preiſe fragt. Rachdem die alte Jungfer ſich ausgelacht hatte, lief ſie in das Zimmer, wo die Mädchen waren. Es dauerte — 163 keine Minute und ein unglaubliches Gelächter und Spektakel fing an, und die Mädchen fingen an zu ſpringen, wie ge⸗ roſteter Mais auf einer heißen Schaufel. Sie lachten und ſchrien, daß ich es nicht mehr aushalten konnte. Auf einmal hörte ich aber Jemand ſagen: „My gracious! Das iſt Mr. Jonathan Slick aus unſrer Gegend.“ Da wurden Alle auf einmal ſo ſtille wie Mäuſe in einer Mehlkiſte. Ich ſah durch die Glasthür und da ſtand Sufanna Reed, mit einer Hand den Vorhang haltend und mich durch die Scheiben anſehend, um ſich zu überzeugen, daß ich es ſei. Sag' euch, das Mädchen ſah wie ein Bild, und noch dazu wie ein ſchönes Bild aus, als ſie in ihrem dunkeln Kleide und ihrer ſchwarzſeidenen Schürze, die ihren Hals und ihre Stirn ſo weiß wie eine Lilie ausſehen machte, daſtand und den rothen Vorhang zurück hielt. Die rothen Backen, die ſie in Weatherlsfield hatte, waren fort und ihre Augen ſchienen mir viel größer wie früher ge⸗ worden zu ſein. Ich weiß nicht, aber noch nie hat ein Mädchen ſolchen Eindruck auf mich gemacht, als ſie, da ſie in der Thür ſtand. Nach einer Weile warf ſie ihren Kopf zurück, daß ihre langen glänzenden Locken über ihre Schulter fielen und ich hörte ſie ſagen: „O laſſen Sie mich hinaus, ich bin gewiß, er iſt es?“ „Was ſoll das?“ hörte ich die Alte ſo ſauer wie Eſſig krächzen; es wird kein Verwandter ſein?“ „Mein!“ ſagte Suſanna, den Vorhang fallen laſſend mit einem Tone, als wollte ihr das Herz überlaufen; „aber er kommt von Wheatersfield, wir gingen mit ein⸗ ander in die Schule; er kommt von zu Hauſe; ich muß mit ihm ſprechen.“ Damit öoͤffnete ſie die Thür und kam auf mich zu und ſtreckte die Hand aus uud verſuchte zu lächeln; aber die Thränen ſtanden ihr in ihren großen blauen Augen, und ich dachte, ſie wollte hell aufweinen. Ich wußte, fie 164 dachte an zu Haus, wie ich daran dachte, wie die ver⸗ dammten Advokaten ihre alte Mutter von Haus und Hof getrieben hatten, fühlte ich mich ſo weich, daß ich auch hätte weinen koͤnnen. Ich ging auf ſie zu, gab ihr die Hand und ſagte: „Wie geht's, Suſanna? Ihr Anblick thut wahrhaf⸗ tig kranken Augen gut, und erinnert an die alten Zeiten.“ Sie lächelte ein wenig, und ſagte: „Wie geht's in Weathersfield?“ „O ſo ziemlich,“ ſagte ich;„waren alle auf den Beinen, als ich fortging. Sally Sikes hat geheirathet.“ „Und wie geht's Bäschen Judy?“ ſagte ſie. „'s geht ſo,“ ſagte ich, und es kann ſich Niemand denken, wie mir zu Muthe war, als ich Judy's Namen ſo weit von Hauſe nennen hörte. Wollte grade etwas ſagen, damit ſie nicht mehr nach dem Mädchen fragte, als die alte Jungfer herauskam und ſagte: „Miß Reed, ich bezahle Sie nicht dafür, daß Sie mit jungen Herrn im Laden ſchwatzen.“ Gaullyl ſtieg mir aber das Blut zu Kopf. Hätte die Alte zu Boden ſchlagen konnen; aber Suſanna ſah ſo bittend aus und ſagte: „Beſuchen Sie mich in meinem Koſthaus, Mr. Slick, ich möchte ſo gern von alten Zeiten ſprechen. Die Thränen traten ihr in die blauen Augen, ſo fühlte ſie das Heimweh. „Wann ſoll ich kommen?“ fragte ich, ihr an die Glasthür folgend. „Ich habe keine Minute für mich, bis Abends nach 8 Uhr,“ ſagte ſie;„aber es ſoll mich recht freuen, wenn Sie an einem Abend kommen wollen.“ „Ich komme gewiß,“ ſagte ich,„drückte ihr die Hand, ging aus dem Laden nach Haus in meine Stube, und hatte Heimweh und mehr menſchliches Gefühl im Herzen, als je, ſeit ich in York bin. Euer zärtlicher Sohn, Jonathan Slick. Fünfzehnter Brief. Jonathan beſucht das Putzmachermädchen.— Gedanken über ihre Lage. An Mr. Zephanjah Slick, Friedensrichter und Kirchen⸗ Aelteſten in Weathersfield im Staate Connectirut. Lieber Vater! Hatte keine Ruhe, bis ich Suſanna geſehn. Sie wohnte in einem dunkeln Hauſe, nahe bei Drydock. Ich klopfte mir beinahe die Knocheln ab, ehe Jemand mich hörte. Endlich kam Suſanne ſelbſt und führte mich eine mit zerriſſenem Teppich bedeckte Treppe hinauf in ein kleines vollgepfropftes Stübchen mit einem Ofen darin. Zwei kleine Schreihälſe ſpielten auf dem Boden, und eine hübſche Frau, die aber gerade nicht ſauber angezogen war, ſaß in einer Ecke und nähte. Suſanna war grade ſo gekleidet, wie ich ſie in dem Putzladen gefehen hatte; ſie ſah bleich und elend aus, ſobald ſie ſich aber geſetzt hatte, fing ſie wieder aus Leibeskräften mit der Frau zu nähen an. „Sie ſcheinen ſehr fleißig zu ſein,“ ſagte ich. Sie lächelte traurig und ſagte ſo leiſe, vaß ich die Worte kaum verſtehen konnte: „Ich muß wohl, wenn ich nicht vor Hunger ſterben Dachte, da iſt etwas, was nicht iſt, wie es ſein ſoll, und fing über den Preis der Arbeit an zu ſprechen, bis ich herausfand, daß ſie ſich trotz ihrer harten Arbeit kaum mit Ehren durchbringen konnte. Dann ſprach ich von zu 166 Hauſe und der Zeit, wo ich ihr meine Handſchuhe lieh, als ſie noch ein kleines Mädchen war und kalte Hände hatte, aber trotz alle dem wurde ſie nicht, aber das andere Frauenzimmer wurde geſprächig, und erzählte mir eine Menge Geſchichten von Putzmacherinnen uud Nähmävchen, und als ich nach Haus ging, nahm ich mir vor, eine da⸗ von für den Expreß aufzuſchreiben. Eine von ihnen will ich nächſte Woche hinſchicken, aber ſie müſſen mir mehr Geld dafür, als für meine Briefe zahlen, denn ich habe zwei Tage im Lexikon nach den langen Worten ſuchen müſſen und doch noch nicht halb genug finden können. Ging deßhalb zu Vetter Beebe, und der meinte, es möchte vielleicht beſſer ſein, wenn ich einige frühe engliſche Schriftſteller ſtudirte, ehe ich an⸗ fing, Geſchichten zu ſchreiben, ſonſt möchten mich Waſhing⸗ ton Irving oder Cooper oder ſonſt einer von denen aus⸗ ſtechen. Wußte gerade nicht, was er unter den frühen Schriftſtellern verſtand, dachte aber, er meinte ſolche, die als Knaben angefangen hatten und ging alſo in einen Buchladen, und ſagte, ich moͤchte gern ein gutes Buch kaufen, das von irgend einem jungen Engiänder ge⸗ ſchrieben wäre. „Da iſt ein Werk von Boz,“ ſagte er, mir ein dickes Buch herunterlangend;„er fieng am jüngſten an und ſchreibt von allen am beſten jenſeits des Waſſers.“ Kaufte das Buch und ging in meine Wohnung zurück. Gaully appolus! Das iſt aber ein ganzer Kerl der Boz. Wenn ich wie der ſchreiben könnte, ſo zerſprengte ich doch vor Stolz meine Dandy⸗Weſte. Ich las beinah die ganze Nacht und mußte mehr wie einmal laut weinen. Das kleine Nell, von dem er ſchreibt, iſt doch das liebenswür⸗ digſte Geſchöpf, das man ſich denken kann. Ich wollte, ihr könntet die Geſchichte leſen. Dann kommt noch ein Mr. Quilz darin vor, der ſiedend heißen Branntwein aus einem Schädel trinkt, und ein armes kleines Geſchöpf, ſeine Frau, faſt zu Tode prügelt, uud wenn er ſie nicht 167 zur Hand hat, ein holzernes Bild ſchlägt. Das Blut kochte mir, als ich ſo gräßliche Geſchichten las, während ich aber jetzt alles überdenke, will es mir vorkommen, Boz habe die Saiten zu ſtraff geſpannt: Die menſchliche Natur iſt ſo ſchon ſchlecht genug. Aber mein Papier iſt zu Ende und ich habe gerade noch Platz, mich zu unter⸗ ſchreiben. Euer zärtlicher Sohn Jonathan Slick. Sechszehnter Brief. Miß Joſephine Vurgeß. Eine Erzählung, in der Jonathan das Elend der Nähmäd⸗ chen ſchildert.— Beſchreibt einen Tammany-Hall⸗Ball.— PutzmacherinnenAriſtokratie.— Unterrichtet den Leſer, wie Miß Joſephine Burgeß einen ſchlanken Mann mit einem Backenbart in ihr Geſchäft nimmt, und wie dieſer es ihr macht.— Die Verzweiflung eines kleinen Apothekers.— Seine Heirath und wie Miß Joſephine Burgeß aus dem Laden in das Arbeitszimmer ſteigt. Miß Joſephine Burgeß war ein ſo hübſches Mäd⸗ chen, als je in ihren Schuhen ſtand; ſetzte ſich aber aller⸗ lei Ideen in den Kopf, als ihr Vater, der alte Schuh⸗ macher, ſtarb und ihr ſeinen Verdienſt hinterließ. War aber nicht auf den Kopf gefallen, und wußte ſo gut 168 wie eine, auf welcher Seite ihr Butterbrod geſchmiert war. Statt die 700 Dollars, die der alte Schuhmacher in harten Thalern hinterließ, zu verthun, fing ſie einen Putzladen in Bowery an, und es hätte des Alten Geiſt noch im Grabe gefreut, hätte er geſehen, wie ſie die Sirpences und halben Dollars, die er ſo lange in einem alten Strumpf, aus Furcht ſie zu verlieren, aufbewahrt hatte, umtrieb. Hatte aber ein gutes Geſchäft, die Miß Burgeß, und wußte beſſer wie eine in Bowery ihre Sache in Schwung zu bringen; hatte eigentliches Genie im Haubenfache. Mit ihren eigenen hübſchen Fingern ſchnitt und ſpitzte und nähte und ſteckte ſie den glänzenden Stoff zu den Hauben zurecht, welche die zehn bleichſüchtigen Mädchen, welche von den vierundzwanzig Stunden des Tages zwölf in dem Hinterzimmer des Hauſes, in dem Miß Joſephine Burgeß ihren Laden hatte, zuſammen nähten. Die armen Geſchoͤpfe hätten ſich übrigens recht gut unterhalten können, wenn ſie nur gewollt hätten. Brauchten nur in die Höhe zu blicken, wenn ſie müde waren;'s gab keine ſchönere Ausſicht. Wenn ſie mal mit ihren hellen Augen aufſahen, um ein Stück Himmel zu ſehen, ſo war ein ganzes Regiment Schornſteine da, die Rauch ausſtießen, wie eine Kompagnie Floridaſoldaten; und wenn ſie auf die Erde blickten, ſo waren eben ſo viel blecherne Töpfe da, die Schwefeldampf in die Höhe jag⸗ ten, in denen alte Strohhüte zum Bleichen hingen. Miß Joſephine Burgeß war im Grunde auch noch eine ganz gute Meiſterin. Sie ließ ihren Mädchen eine halbe Stunde zum Mittageſſen, und wenn eine von ihnen erſt um 7 Uhr Morgens in den Laden kam, ſo zog ſie nie mehr als einen halben Taglohn ab. Sie war ziemlich leicht auf⸗ brauſend, ſtatt die Mädchen aber dann, wie eine andere auszuzanken, zankte ſie blos über ihre Arbeit und ließ ſie es noch einmal machen. Das war eine viel bequemere Weiſe, ihrem Aerger Luft zu machen und ihr auch noch einige Pfennige in den Sack zu bringen. Denn wenn es 169 einen halben Tag brauchte, eine Arbeit zu machen, und einen andern halben, ſie zu ändern, ſo machte ſie die ar⸗ men Mädchen um einen halben Taglohn verlieren; und wenn ihnen das nicht gefiel, ſo ſtellte ſie es ihnen immer frei, ſich einen beſſern Platz zu ſuchen; was, wenn man berückſichtigt, daß die Hälfte Nähterinnen in New⸗York immer arbeitslos ſind, gewiß ſehr menſchenfreundlich war. Außerdem hatte ſie noch eine Menge kleine Wege, Pfen⸗ nige zu gewinnen. Wenn die armen, bleichen Geſchöpfe Sonnabends Abends um 12 Uhr aus ihrem Arbeitszimmer kamen,(denn Miß Joſephine Burgeß war ſo fromm, daß ſie ſie nur ſelten in den Sonntag hineinarbeiten ließ) ſo fand ſie, indem ſie ihren Wochenlohn bezahlte, immer ein Verſehen in der Arbeit, entweder war ein Stück Seide verſchnitten, oder ein Strohhut beim Bleichen verbrannt, was die zwanzig Schillinge, die jede haben mußte, auf achtzehn oder gar auf zwei Dollars herabbrachte; gewiß zur großen Satisfaction und Freude der Mädchen, die zwei Dollars für die Koſt bezahlten und für die übrigen fünfundzwanzig Cent Kleidung und Wäſche beſtreiten mußten. Und wenn es ihnen nicht geſiel, ſo ließ ſich Miß Jöſephine auch keine grauen Haare darüber wachſen. Sie ermüdete ſie durch ſtrenge Arbeit vorher immer ſo, daß ſie nicht leicht harte Worte zu fürchten brauchte, wenn ſie ihnen den Lohn verkürzte. Bisweilen kamen ihnen die Thränen in die Augen, und manche hatte keine andere Heimath, die ſie ihr eigen nannte, als das kleine Dachſtübchen, für das ſie bis über die Ohren in Schul⸗ den ſtaken, und weinten und feufzten dann, als hätten ſie keinen Freund auf der Welt. Das Weinen iſt aber wie das Trinkenz es ſchadet dem, der ſich daran hält, am meiſten. Miß Joſephine Burgeß gab keinen Pfennig für die Thränen und Seufzer; ſie war ſchon varan gewöhnt. Miß Joſephine Burgeß hatte wirklich Talent für ihr Geſchäft. Niemand kannte ſo piel vernünftige Wege, Geld zu ſparen. Sie pflegte ſich wie eine Königin zu kleiden 170 und ihr Sonntagsſtaat war das Koſtbarſte, was man ſehen konnte. Jeden Sonntag ging ſie in einem ganz neuen Hut in die Kirche, und wenn eine von ihren gut⸗ müthigen Kunden, die zu Haus geblieben waren, weil er nicht fertig war, grade ſo einen am Montag Morgen er⸗ hielt, ſo mußte das kleine Mävchen, das auf die Hut⸗ ſchachtel wartete, ſagen, ſie hätte Sonnabend Nacht in einem fort geſucht, aber das Haus nicht finden können. Verdirbt keinen Staatshut, wenn er einmal getragen iſt. Miß Joſephine ließ ihre Kunden nie länger wie einen Sonntag warten, ausgenommen, ſie hatte viel zu thun oder war vorausbezahlt worden. Leute, die ſich ein Ge⸗ ſchäft daraus machen, über andere zu ſprechen, nannten Miß Joſephine putzſüchtig und eitel; aber ſie wußten nicht, daß ſie über Richts ſprachen. Das Macherlohn koſtete ihr nichts, denn die Mädchen waren gewöhnt, Sonnabend Nachts bis zwölf Uhr dazubleiben, wenn es viel zu thun gab, und wenn es nicht viel zu thun gab, ſo hatte Miß Joſephine immer für ſich ſelbſt einen Rock oder etwas der Art zu machen. Aus den Röͤcken ließen ſich dann wieder prächtig Hüte machen und die Aermel und das Leibchen gaben Püffen und Beſätze. Miß Joſephine Burgeß verſtand es vortrefflich, ihren Kunden gute Worte zu geben und wußte ihre Hüte und Hauben wie friſche Semmel fortzubringen. Wenn einem Kunden die Geſtalt oder Farbe eines Hutes geſiel, ſo be⸗ ſtand ſie darauf, vaß er ihn vor dem Spiegel anprobire; und wenn die Dame gutmüthig war und ſich ſelber ge⸗ fiel, ſo zupfte Miß Joſephine an den Bändern herum und ſagte, wie hübſch Alles ſei und wie der Hut zu dem Ge⸗ ſicht ſo gut ſtehe. Das Geſicht habe ihr grade vor Augen geſtanden, als ſie den Hut gemacht— ſo zart, ſo anmuthig— ſo— ſo ſehr ſchön. Einige Leute hätten nicht den geringſten Begriff von Harmonie und Anmuth, es thäte ihrem Herzen ordentlich wohl, für eine Dame zu arbeiten, die ſich auch darauf verſtände. Solche Hüte 17¹ hielte ſie immer für ihre faſhionableſten Kundenz gewöhn⸗ lichen Leuten würde ſie einen ſolchen Hut unter keiner Bedingung verkaufen und ſie wüßte in der That nicht, wie dieſer auf den Ladentiſch gekommen ſei, aber Ladenmäd⸗ chen wären die nachläſſigſten Dinger auf der Welt. Manch⸗ mal ſähe ſie es wohl, daß ſie nicht mehr mit ihnen aus⸗ kommen könnte, aber die Zeiten wären ſo hart, ſie möchte ihnen nicht die Arbeit nehmen und müßte ſehen, wie ſie ſo gut wie möglich mit ihnen durchkäme. Dann brach Miß Joſephine kurz ab und ließ ihre Kunden ſich im Spiegel beſehen, und warf nur hie und da ein Wort dazwiſchen. Dann ſchob ſie den Hut ein wenig nach vorne, ſchob die Locken der Dame ein wenig zurück, hielt ihren Kopf auf die Seite, um einen Ueber⸗ blick zu haben, hob dann beide Hände in die Höhe und ſagte:„wundervoll!“ als wenn ihr das Wort von den Lippen käme, ohne daß ſie es wüßte. Dann faltete Miß Joſephine Burgeß ihre Hände über ihre ſchwarzſei⸗ dene Schürze und trat einen Augenblick zurück, um ihrem Kunden Zeit zu laſſen, ſich im Spiegel zu beäugeln und zu überlegen, ob die Putzmacherin den Hut oder ihr Ge⸗ ſicht oder Beides zuſammen meinte, als ſie„wundervoll“ ſagte. Das Ganze endete gewöhnlich damit, daß Miß Joſephine Burgeß den Hut verkaufte und die Dame über und über geſchmeichelt, wie ein Wälſchhahn fortrauſchte. Wenn einem Kunden der Hut dagegen zu mißfallen ſchien, ſo wußte Miß Joſephine ihren Ton bald umzu⸗ ſtimmen. „Leute mit gewöhnlichen Geſichtern,“ meinte ſie, „müßten allerdings wähleriſch in den Farben ſein, andern ſtände wieder Alles und im Grunde ſei doch das Geſicht und nicht der Hut die Hauptſache. Es gäbe Leute, die ſo eine weiße Haut hätten, daß ſie hell Orange tragen könnten und doch ſo friſch wie eine Roſe ausſähen. Bis⸗ weilen ging ſie freilich etwas zu weit, brachte im Gan⸗ zen aber doch meiſtens einen Handel zu Stande, außer wenn ſie es mit einem recht pfiffigen Kunden oder gar mit einer andern Putzmacherin zu thun hatte, die umher⸗ lief, um neue Muſter aufzutreiben. Außer ihren Ladengeſchäften, dem Zuſchneiden u. ſ. w. fand Miß Joſephine Burgeß auch noch Zeit, nebeüher einen kleinen Liebeshandel mit einem Exemplar von einem Apotheker, der ihr gegenüber ſeine Quackſalbereien ver⸗ kaufte, zu treiben. Sie verwandte aber nicht viel Zeit darauf, und war überhaupt kein Mädchen, das ihr Herz mit dem Kopf weglaufen ließ. Während der kleine Apo⸗ theker ſeinen Laden gegenüber zuſchloß und Stundenlang mit den kleinen Bandſchnitzeln ſpielte, die Miß Joſephine Burgeß mit der ſcharfen, ſpitzigen Scheere, die an einem ſchwarzen, ſeidenen Band an ihrer Seite hing, abſchnitt und in einemfort ihr allerlei Unſinn, ſo ſüß wie Bonbons und Pfeffermünzkügelchen, die er in ſeiner Hoſentaſche mitbrachte, vorſchwatzte, ſaß ſie ſo unbekümmert wie ein Korkzieher da, ſetzte einen Fuß auf einen Haubenſtock, und machte Puffe und ſteckte Nadeln und Federn in einen Haufen Seidenſtoff und Putzwaaren. Von Zeit zu Zeit machte ſie eine Pauſe, um ein Pfeffermünzkügelchen in ihren kleinen Mund zu ſtecken, und dem kleinen Apotheker einen ſo ſchmachtenden, tödtlichen Blick zuzuwerfen, daß er, wie eine Spicknadel durch eine Kalbsbruſt, grade in ſein Herz fuhr. War nichts Luſtigeres, als das Paar mitanzuſehen, ſeitdem ſie angefangen hatten, ſich zu verſtehen. Der Apotheker war ein ausgezeichneter Rechner; er hatte ſchon dreimal Dayboll's Arithmetik durchgemacht und konnte das große Einmaleins in einem Athem herſagen. Daher revidirte er manchmal die Bücher der Putzmacherin, nicht als hätte er wiſſen wollen, wie ſie ſtände, ſondern nur weil die Frauenzimmer ſo leicht betrogen würden. Er ſchrieb ihre kleinen Rechnungen aus und beſorgte ihre Caſſage⸗ ſchäfte, denn ſie kannte das Geld nicht gut, und ſchickte ihre Banknoten ihm immer hinüber, damit er nachſähe, 173 ob ſie ächt ſeien, oder nicht. Alle dieſe Kleinigkeiten machte ſie ſo zart und verbindlich, daß es dem Apotheker ſo wohl that, daß er davon dick und fett wurde. Wie hätte es auch anders ſein können. Miß Joſephine Burgeß ſaß hinten in ihrem Laden⸗ ſtübchen und dachte an den Apotheker und an die Dol⸗ lars und Cents, die ſie aus der Mädchen Wochenlohn genommen, die ſie um halben Lohn arbeiten ließ, weil die Zeiten ſo ſchlecht ſeien, als der Apotheker durch den La⸗ den trippelte und ſo vergnügt ausſah, als hätte er einen Sirpence gefunden. Er zog zwei Eintrittskarten zum Ball aus ſeiner Weſtentaſche, hielt eine der Putzmacherin hin und ſtand da und lächelte und verbeugte ſich, bis ſie die Karte geleſen hatte. „Ich weiß wirklich nicht, was ich darauf ſagen ſoll,“ ſagte ſie,„ich bin noch nie auf dem Tammany⸗Ball ge⸗ weſen und—“ „Es wird der feinſte Ball der Saiſon,“ ſagte der Apotheker,„ſie ſind ſehr ſparſam mit ihren Einlavungen, nur die Genteelſten erhalten Karten.“ Miß Joſephine Burgeß lächelte und ſagte:„fie wiſſe nicht, ſie fürchtete mit Leuten aus der arbeitenden Klaſſe zuſammenzukommen, ſie—“ „O reden Sie nicht ſo, es bricht mir das Herz, ge⸗ wiß,“ ſagte der Liebhaber.„Bringen Sie mich nicht dazu, daß ich ihretwegen Gift nehme.“ Miß Joſephine Burgeß fuhr auf, that einen leiſen Schrei und ſagte, ſie wollte nicht Schuld ſein, daß der Apotheker Gift nähme und ihn auf den Ball begleiten. Kaum hatte ſie das geſagt, ſo gerieth der kleine Apotheker in Verzückung, er ſiel grade auf ſeine Knie nieder und ſchien die vier kleinen Finger, die aus Miß Joſephine Bur⸗ geß rechten Aermel hervorſtanden, verſchlingen zu wollen. „O ſagen Sie noch ein Wort und ich bin ſo glück⸗ lich, daß ich aus der Haut fahre!“ rief er in Ekſtaſe. 174 „Was meinen Sie, Theurer? Ich bin ganz außer mir,“ ſagte ſie. „Hier auf meinen Knieen, bitte, flehe, beſchwöre ich Sie ſchönſtes aller Frauenzimmer, begleiten Sie mich nicht nur auf dieſen Ball, ſondern durch das ganze irdiſche Leben, das ſich, wie ein großer Garten vor uns ausbreitet, der ganz voll blühenden Wurmkraut, Rhabarber und Sal⸗ bei iſt. Erröthen Sie nicht, mein Engel, reden Sie!“ Miß Joſephine Burgeß wußte nun freilich ſo gut wie eine, daß man bei ſolchen Anläſſen in Ohnmacht falle, oder doch wenigſtens über und über erröthen müſſe; aber das Stück Baumwolle, mit dem ſie gewöhnlich ihr Roth aufſetzte, ſteckte vorn in ihrem Strumpf, und ſie konnte es nicht nehmen, ohne geſehen zu werden. So ſaß ſie alſo da mit offnem Munde, als wäre grade ihre Großmutter geſtorben. „O laſſen Sie mich nur ein Wort der Hoffnung hoͤren,“ ſagte der kleine Apotheker in ſeiner Angſt und vrückte die Hand der Putzmacherin, ſammt Aermel und Allem, in ſeinen beiden, und lehnte den Kopf auf eine Seite, und verdrehte die Augen wie ein Huhn, das ge⸗ trunken hat. „O Theurer, was kann ich antworten?“ ſagte Miß Joſephine Burgeß, und hielt die eine Hand vor ihr Ge⸗ ſicht;„ſo war mir noch nie in meinem Leben zu Muthe.“ „Stoßen Sie mich nicht fort von dieſen kleinen Füßen, ſo kann Sie Niemand wieder lieben!“ ſagte der arme Burſche, und drückte in der Fieberangſt ſeine Hand auf ſein Herz, das unter ſeiner gelben Weſie flog, wie eine Ente, die in einer Pfütze zuddelt. k „Stehen Sie auf!“ ſagte Miß Joſephine Burgeß, und warf verſtohlen durch die Finger einen Blick auf den Apotheker. „Ein Wort der Hoffnung,“ ſtöhnte der arme Burſch 175 und ſchlug ſich wieder gegen die Bruſt;„ſag, daß Du mein biſt!“ „Ich will es überlegen,“ ſeufzte Miß Joſephine Bur⸗ geß durch ihre Finger. „Sag, daß Du mein ſein willſt, oder ich ſterbe hier auf der Stelle, und werde der Nachwelt als ein lebendes Denkmal weiblicher Hartherzigkeit überliefert,“ ſagte der Apotheker und fuhr ſich mit der Hand durch die Haare, die in wilder Verworrenheit ſein Haupt umſtarrten. „Willſt Du meinen Körper zu einem Mörſer machen und mein liebes Herz mit dem Stößel der Verzoögerung in Stücke ſtoßen. O rede und ſage, daß meine Liebe er⸗ wiedert iſt.“ „Sie iſt es,“ liſpelte Miß Joſephine Burgeß hinter ihrer Hand hervor „Engliſches Geſchöpf!“ ſagte der Liebhaber. „Jetzt verlaſſen Sie mich,“ ſagte Miß Joſephine Burgeß. „Schönſte, aller Frauen! ich will,“ ſagte der Apo⸗ theker. „O wie mir das Herz ſchlägt!“ ſagte Miß Joſe⸗ phine Burgeß. „Und meines,“ ſagte der Apotheker, und breitete ſeine fünf Finger über ſeiner gelben Weſte aus. „Verlaſſen Sie mich jetzt,“ ſagte Miß Joſephine Burgeß. „Theures Geſchopf, ich will es ja,“ ſagte der Apo⸗ theker. Damit ging er quer über die Straße, öffnete ſeine leere Geldſchieblade und blickte ſie mit einem Kopfſchüt⸗ teln an, als wollte er ſagen:„Wenns mit Dir nicht bald anders ſieht, ſo ſoll mich—“ und trank dann ein Glas kaltes Waſſer mit etwas Branntwein. Miß Joſephine Burgeß ſaß mäuschenſtill bis der Apotheker verſchwunden war, dann ließ ſie ihre Hände fallen, und warf einen Blick in den Spiegel, um zu 176 ſehen, wie ihr ihr Geſicht ſtünde. Dann ging ſie zu einer großen Schieblade, in der ſie ihre beſten Stoffe hatte und ſchnitt ein großes Stück rothen Sammet ab, das ſie mit hinauf nahm, und dem Mädchen, welches die Aufſicht über das Arbeitszimmer hatte, den Auftrag gab, ein Ballkleid daraus machen zu laſſen, ehe die Mädchen nach Haus gingen. Die zehn müden, armen jungen Mäd⸗ chen hatten grade im Sinn, zum Nachteſſen nach Haus zu gehen, ſetzten ſich aber wieder und ſahen ſich, ohne ein Wort zu ſagen, mit betrübtem Geſichte an. Das arme Mädchen, das die Aufſicht über das Arbeitszimmer hatte, bemerkte, ſie würden in der nächſten Woche eine Menge rother Sammethüte zu verkaufen haben. Darauf ſah ſie Miß Joſephine Vurgeß ſo zornig an, als hätte ſie ein ganzes Papier voll Nähnadeln verſchluckt und befahl ihr, den Mund zu halten und ſich um ihre eigenen Sa⸗ chen zu bekümmern. Das junge Mädchen richtete ſich auf und wollte der Putzmacherin wieder herausgeben, aber es ſfiel ihr ein, daß es freilich ſchlimm ſei, Grobheiten von einem eingebildeten Geſchöpf einzuſtecken, aber noch ſchlim⸗ mer, vor Hunger zu ſterben; verſchluckte alſo, was ſie auf der Zunge hatte und ging an die Arbeit, aber ihr Herz ſchlug ihr in ihrer ſchönen Bruſt, wie einem Vogel, wenn er eben gefangen iſt. „Laſſen Sie die Mädchen nicht über der Arbeit ein⸗ ſchlafen,“ ſagte Miß Joſephine Burgeß, als ſie die Treppe hinuntergehen wollte. Das junge Mädchen, das die Aufſicht über das Ar⸗ beitszimmer hatte, ſagte halblaut etwas von Gefühlloſig⸗ keit der Leute. „Was ſagen Sie da?“ ſagte Miß Joſephine Budgeß, zornig wieder zurückkommend. „Nichts,“ ſagte das junge Mädchen, das die Auf⸗ ſicht über das Arbeitszimmer hatte. „Sie haben Recht daran,“ ſagte die Putzmacherin, und ging die Treppe herunter, und die armen, abgematteten 177 Geſchöpfe, kamen vor zehn Uhr nicht zum Abendeſſen nach Hauſe, weil ſie den Ballſtaat der Miß Joſephine Bur⸗ geß fertig machen mußten. Miß Joſephine Burgeß ſaß im vollen Ballſtaat in dem kleinen Zimmer über ihrem Laden, als die kleine Lehrjungfer heraufkam und ſagte, der Herr von gegenüber warte an der Treppe. Die Putzmacherin ſprang auf, beſchaute ſich nach allen Seiten im Spiegel, um zu ſehen, ob das rothſammtne Kleid, die goldene Kette und der Blumenſtrauß, den ſie in ihr Haar geflochten hatte, auch alle in der Ordnung ſeien, und rauſchte dann im vollen Staate die Treppe hinunter. Der Apotheker ſtand vor dem Spiegel und verſuchte ſein Haar zu kräuſeln, und zupfte das eine Ende ſeiner weißen Atlaskravatte in die Höhe, und das andere her⸗ unter. Er hatte einne kleinen Schmutzfleck auf ſeine ſei⸗ denen Strümpfe und ſeine glänzenden Tanzhoſen bekom⸗ men, als er über die Straße ging, und zog nun ſein weißes Taſchentuch aus der Taſche, um ſie weg zu wi⸗ ſchen, als aber Miß Joſephine Burgeß hereintrat, hörte er ſchnell auf, trat gegen die Mauer zurück, breitete beide Hände aus, als wiſſe er nicht, was er ſagen ſolle, und rief aus: „Sah man je ſo etwas? Redet mir noch von der Venus von Medicis oder den Yorker Schönheiten— dem kann nichts gleich kommen!“ Nachdem er ſo ſeinem Gefühle Luft gemacht, ſprang er vorwärts, ergriff ihre Hand und küßte ſie, als wollte er ſie aufeſſen. Der liebeskranke Burſche ſchien nicht ge⸗ nug kriegen zu können. Als er es aber zu weit trieb, empörte ſich die Tugend der Putzmacherin, er ließ alſo ab und bat ſie um Verzeihung, aber, ſagte er, er könne ſich nicht helfen, er könne es wahrhaftig nicht, ſein Herz ſei zu voll, und ſtröme über. Die Leute ſtaunten, mein ich, als der kleine Apv⸗ Leben in Newyork. 12 S—— 178 theker mit Miß Joſephine Burgeß in ihrem rothen Sammt⸗ kleid und goldenen Ketten in den Tammanyballſaal trat. Solche Vögel waren nicht auf jedem Ball zu ſehn. In der Haltung des Kopfes und in der Handbewegung des kleinen Apothekers lag wirklich etwas Ariſtokratiſches, und als ſie zum Tanzen aufſtand, faßte Miß Joſephine ihr rothes Sammtkleid an, ſetzte einen Fuß vor und machte einen Knir, ſo elegant wie nur eine der Mäd⸗ chen auf Broadway; aber gerade in dem Augenblicke, als ſie tanzen wollte, ſtand Niemand anders als das Mäd⸗ chen, welches die Aufſicht über das Arbeitszimmer hatte, vor ihr. Die Putzmacherin hatte gerade eine Falte ihres rothen Sammtkleides zwiſchen Daumen und Zeigefinger, und machte den zierlichſten Pas, aber kaum erblickte ſie die Nähterin, als ſie den Kopf zurückwarf, dem Apotheker ihren Arm gab, und mit einem Ausdruckverletzter Würde, der bewundernswerth war, auf ein Sopha zuſchritt. Sie wolle nicht unter ſo gemeinen Geſchöpfen tanzen, ſagte Miß Joſephine Burgeß, ſetzte ſich neben dem Apotheker, aß Pfeffermünzkügelchen, plauderte mit ihm und rümpfte jedesmal die Naſe, ſo oft die hübſche Nähterin in Schuß⸗ weite kam. „Wer mag der Herr ſein, der mich ſo durch ſein Glas anſieht?“ ſagte Miß Joſephine Burgeß zu dem Apotheker,„haben Sie ſchon je einen ſo hübſchen Bart geſehn?“ „Ich kann nichts Genteeles an ihm finden,“ be⸗ merkte der Apotheker, und ließ die Unterlippe hängen „ich begreife wirklich nicht, wie die Damen Geſchmack an ſo vielem Haar finden können.“ „Aber wie geſchmackvoll er angezogen iſt,“ ſagte ſie. „Ich bin grade kein Freund von bunten Weſten und carrirten Hoſen,“ erklärte der Apotheker. „Er kommt auf mich zu,“ meinte die Putzmacherin, und rückte hin und her;„ich hoffe, er wird mich nicht anreden.“ 179 „Ich auch nicht,“ ſagte der Apotheker, und machte ein Geſicht, als hätte er grade eine Citrone ohne Zucker gegeſſen. Der Herr ging auf ſie zu und ſtand bald neben ihnen. „Wollen wir nicht auf die andere Seite des Saals gehen?“ flüſterte der Apotheker der Putzmacherin ins Ohr und warf dem Fremden einen zornigen Seiten⸗ blick zu. „Noch nicht,“ ſagte die Putzmacherin, und liebäugelte mit dem Fremden. Der Mann ſah nicht ſo übel aus und Blödigkeit war gerade nicht ſein Fehler, denn es dauerte keine fünf Minuten, ſo forderte er die Putzmacherin zum Tanz auf, und nahm ſie dem Apotheker ſo ungenirt wie möglich vor der Naſe weg. Der arme Burſch ſah aus als hätte er Bauchgrimmen. Da ſtand er allein in ei⸗ nem Winkel und fühlte ſich ſo elend als hätte er eine Unze Rhabarber verſchluckt, und hatte gut da ſtehen; denn nachdem der Lange mit Miß Joſephine Burgeß ge⸗ tanzt hatte, ſetzten ſie ſich in eine Fenſterecke und fingen ſo zärtlich wie zwei Voͤgel auf einem Apfelbaum im Früh⸗ jahr an zu plaudern. Dem armen Apotheker half es nichts, böſe zu werden, und ihr Zeichen zu machen, ſie ſchien nichts zu merken. So ſtand er da und knirſchte mit den Zähnen, denn es war ihm, als wenn die Putz⸗ macherin und das rothe Sammtkleid, die Rechnungs⸗ bücher, der Laden und das harte Geld wie ein naſſer Aal durch die Finger glitten. „Hol der Henker den Burſchen!“ ſagte er, nachdem er es ſo lange wie möglich ausgehalten hatte, ging auf Miß Joſephine Burgeß zu, und fragte ſie demüthig, ob es nicht Zeit ſei, nach Haus zu gehen?“ Die Putzmacherin ſagte, es habe noch keine Eile, und plauderte wieder mit dem Langen fort. Der arme Liebhaber mußte ſich zuſammennehmen, um nicht gerade herauszuweinen yder zu fluchen, er wußte ſelbſt nicht, 180 was er lieber ſollte. Ganz zuſammengeſchrumpft ging er wieder in ſeine Ecke, und fühlte ſich ſo einſam, wie eine Gans ohne Männchen. Nach einer Weile kam die Putzmacherin zu ihm und ſagte, ſie ſei jetzt bereit, fortzugehen; der Lange ging die Treppe mit hinunter und warf ihnen Kußhände zu, bis ſie auf der Straße waren. Der Apotheker wollte ſchier platzen und hielt ihr eine lange Predigt, als ſie die Cha⸗ tham Straße hinuntergingen. Sie antwortete ihm nicht viel, denn ſie hatte den Kopf voll von den ſüßen Worten des Langen und hörte ſein Keifen nur zur Hälfte. Der kleine Apotheker ging nach Haus und ſtürmte in's Bett, aber kein Schlaf wollte in ſeine Augen kom⸗ men. Des Morgens ſtand er zeitig auf, hatte aber kei⸗ nen Appetit zum Frühſtück, ſondern legte ſich über die Ladenthür, um zu ſehen, ob Jemand zu der Putzmacherin ginge und überlegte, ob es nicht das Beſte ſei, wenn er hinüber ginge und ſähe, welchen Eindruck ſeine Worte von geſtern Nacht gemacht hatten. Gerade als er ſein Haar bürſtete und ſeinen Hut nahm, um hinüber zu ge⸗ hen und ſein Glück zu verſuchen, hielt ein ſchöner, grüner Einſpänner vor der Putzmacherin und der lange Herr mit dem Backenbart ſprang heraus. Der Apotheker wurde ſo weiß wie ein Bettlaken und ſchwor und fluchte nach Lribeskräften. Er hatte Zeit ge⸗ nug, ſeinen Zorn austoben zu laſſen, denn es dauerte länger als drei Stunden, ehe der grüne Einſpänner wie⸗ der fortfuhr. Kaum war er aus dem Geſichte, als der Apotheker in voller Eile über die Straße ſtürmte. Miß Burgeß ſaß im vollen Staate in ihrem kleinen Hinter⸗ zimmer. Das machte ihn noch ärgerlicher, denn für ihn hatte ſie ſich nie angezogen und er ging alſo grade auf ſie zu und ſagte zornig: „Miß Joſephine Burgeß, was ſoll ich von dem Be⸗ tragen denken?“ Die Putzmacherin ſah ſo unſchuldig wie ein Lamm 181 aus, als könne ſie nicht im Entfernteſten denken, was er meine. „Welches Betragen?“ ſagte ſie ſo freundlich wie möglich. Dem Apotheker war es, als ob er erſticken müßte; er ballte ſeine Hände und die Worte kamen ihm wie heiße Kugeln aus dem Munde. „O Du treuloſes Geſchöpf!“ ſagte erz„wie kannſt Du mir in's Geſicht ſehen, nachdem Du drei volle Stun⸗ den bei dem langen nichtswürdigen Kerl ſitzeſt, mit dem Du geſtern den ganzen Abend getanzt haſt?“ „Ich verſtehe wahrlich kein Wort von alle dem; ich habe geſtern Abend mit einem Herrn getanzt, und er iſt heute Morgen hier geweſen, aber ich begreife nicht, was Sie das angeht,“ ſagte Miß Joſephine Burgeß und fing an zu arbeiten, und nähte ſo eifrig, wie nur je in ihrem Leben. Der Apotheker war ſo außer ſich, vaß er vor Zorn ganz heiſer wurde und rief:„Hören Sie mich an, Miß Joſephine Burgeß! ſind wir nicht ſo gut wie verheirathet? Haben Sie mir nicht Ihr Wort gegeben? und war das nicht gerade am Tage vor dieſem verfluchten Ball?“ „Nicht daß ich wüßte,“ ſagte Miß Joſephine Bur⸗ geß, eine Roſaſchleife an den Hut ſteckend, an welchem ſie arbeitete und ihn vor ſich haltend, um zu ſehen, wie es ſich mache;„ich weiß wirklich nicht, was Sie meinen.“ Der Apotheker zitterte am ganzen Leibe; es brachte ihn außer ſich, daß er ſie ſo kalt wie eine Gurke da⸗ ſitzen ſah. „Sie wiſſen nicht, was ich meine?“ ſagte er.„Bin ich nicht länger als ein Jahr bei Ihnen aus und einge⸗ gangen? Habe ich nicht ſeit einer Ewigkeit Ihre Bücher geführt, Ihre Rechnungen ausgeſchrieben und alle Ihre Geſchäfte außer Hauſe beſorgt? Habe ich Ihnen nicht Unzen auf Unzen von Bruſtbonbons gegeben, einen ganzen 182 Krug Citronenſaft geleert und Sie mehr als halb in Schminke und Pommade frei gehalten?“ „Sie brauchen nicht ſolchen Lärm davon zu machen, daß Jedermann es hört,“ ſagte die Putzmacherin und ar⸗ beitete die ganze Zeit fort, aber der kleine Apotheker war einmal im Zuge und es half kein„Oha!“ ſagen. Feuer und Flammen fuhr er fort: „Bin ich nicht Schuld, daß Sie aufgehört haben, die verfluchten Brandrath's Pillen zu nehmen? Sagte ich Ihnen nicht, ſie ſeien nicht beſſer, als Gift und keine wahre Dame verſchlucke ſolche Quackſalbereien? Ich wollte, ich hätte Sie fünfzig Schachteln voll ſchlucken laſſen, weiß Gott, ich wollte es!“ „Machen Sie nicht ſolchen Spektakel,“ ſagte die Putzmacherin,„ich ſag' Ihnen, es thut nicht gut.“ „So, ſo? ich danke. Das ſollen Sie auch finden. Wenn ich nicht wegen Verletzung des Eheverſprechens klage, ſo heißen Sie mich, wie Sie wollen.“ Der Apotheker wollte gerade wieder anfangen, als einige Kunden in den Laden traten. Miß Joſephine Burgeß legte ihre Arbeit nieder und ging hinaus, als wäre Nichts vorgefallen. Der Apotheker wartete noch einige Augenblicke, um ſeinen Aerger abkühlen zu laſſen, warf dann einen Haubenſtock durchs Zimmer, ſtieß einen Stuhl um und rannte wie beſeſſen durch den Laden. Die Putzmacherin handelte mit ihrem Kunden, ſah auf und lächelte zufrieden, als der arme Teufel durch den Laden ſchoß— das war Alles. Der kleine Apotheker ging in ſeinen Laven und ſchlug die Thür zu, daß das Haus zitterte. Dann ging er hinter in ſein Comptoir, nahm eine Büchſe voll Arſenik und ſchüttete etwas davon in einen Becher. Es mußte aber in dem Gedanken an einen plötzlichen Tod etwas liegen, was nicht ganz mit ſeinem Begriffe von Comfort übereinſtimmte, denn er ſchüttete das Gift wieder in die Büchſe und nahm ſtatt deſſen ein niederſchlagendes Pul⸗ 183 ver, das ihn ein wenig abkühlte und kam ſo allmälig von dem Gedanken, Gift zu nehmen, wieder zurück. Drei Wochen lang hielten alle Tage der grüne Ein⸗ ſpänner und der lange Herr mit dem Backenbarte vor Miß Joſephine Burgeß Thür. Der Apotheker ſah, ſo oft er den Einſpänner zu Geſicht bekam, das Gift ver⸗ zweifelnd an. Und als er hörte, daß Miß Joſephine Burgeß ihr Hochzeitskleid machen ließ und einen fremden Herrn heirathe, der ſo reich ſei, wie ein Jude, und deſſen Bekanntſchaft ſie auf dem Tammany⸗Ball gemacht habe, füllte er den Becher noch einmal bis an den Rand, und ſchleuderte dann das Gift in den Kamin und ſagte, er wolle verdammt ſein, wenn er noch länger ſolch ein Narr wäre; die Perſon wäre keine Doſis Salz, ge⸗ ſchweige denn einen Becher voll Gift werth. Dann er⸗ trug er's wie ein Mann und als er eines Tags den grünen Einſpänner etwas früher wie gewöhnlich kommen und den langen Herrn in vollem Staate, mit weißen Handſchuhen und einem weißen Taſchentuch, das aus der Rocktaſche hing, herausſpringen ſah, biß er die Zähne zuſammen und blieb am Fenſter ſtehen, bis Miß Jo⸗ ſephine Burgeß mit einem weißſeidenen Hut und einem langen wehenden Schleier heraustrat und ſich mit dem langen Mann mit dem Backenbart in den Einſpänner ſetzte. Es war ihm nichts Neues, als er hörte, daß Miß Joſephine Burgeß verheirathet ſeiz als er aber hörte, das Mädchen, welches die Aufſicht über das Arbeitszim⸗ mer hatte, hätte einen Verwandten überredet, den Laden für ſie zu kaufen, glänzte das Geſicht des Apothekers vor Freude, und man hörte ihn ſagen, das junge Mädchen, welches die Aufſicht über das Arbeitszimmer hätte, ſei nicht zu verachten und ſeiner Meinung nach ebenſo hübſch wie Miß Burgeß. Es war nicht anders.— Miß Joſephine Burgeß hatte in der That den langen Herrn mit dem Backenbart geheirathet und ihren Laden dem Mädchen verkauft, wel⸗ — 184 ches die Aufſicht über das Arbeitszimmer hatte. Drei Tage ungefähr nach der Hochzeit ſaß eben dieſer lange Herr mit dem Backenbarte in dem kleinen Zimmer über Miß Joſephine Burgeß ehemaligem Laden und die, welche Miß Joſephine Burgeß ſelbſt geweſen war, ſaß dem lan⸗ gen Herrn auf dem Schooß und hatte einen Arm um ſeinen Nacken gelegt. Ihre hübſchen kleinen Finger hat⸗ ten ſo lange mit ſeinem glänzenden ſchwarzen Haare ge⸗ ſpielt, daß etwas von der ſchwarzen Farbe losging, und ihre kleinen weißen Finger beſchmutzte. Dann und wann klopfte ſie dem langen Herrn auf die Backe und nannte ihn einen Böſewicht und fragte ihn, wie viele Mädchen er ſchon geliebt habe, bevor er ſie geſehn; und der lange Herr ſagte:„nicht eine Einzige, auf Ehre!“— Darauf klopfte ſie ihn wieder auf die Backe und ſagte, ſie glaube kein Wort davon. Darauf rollte der lange Herr mit dem Backenbarte die Augen, als wenn er wirklich den Weibern gefährlich geweſen wäre, und ſagte, er wolle es nicht leugnen, er hätte wie alle Männer von Welt hie und da ſeine kleine Liebſchaften gehabt, aber in ſeinem Leben ſei es ihm noch mit keiner Ernſt geweſen, wie mit ihr. Darauf ſchlang die geweſene Miß Joſephine Burgeß beide Arme um den Nacken des langen Herrn, und rief aus, es gäbe auf der ganzen Welt kein ſo ſtolzes und glückliches Geſchöpf wie ſie. Gut, darauf nahm der lange Mann mit dem Backen⸗ barte die goldene Kette, welche ſeine Braut um den Hals hatte und ſagte:„Ich kann Dich wirklich nicht mit ſo altmodiſchen Dingen ſehen, liebes Kind. Das war gut genug für Dich, als Du noch Putzmacherin warſt, aber jetzt muß all Dein Schmuck nach der neueſten Mode ſein; pack' alſo den ganzen Kram, Deine alte Uhr da und das Uebrige zuſammen, und ich will es gegen einen Moſaikſchmuck vertauſchen. Wenn ich Dich nach Haus nehme, ſo würden meine Leute über ſolche altfränkiſche Dinge lachen.“ t 185 Die Braut fühlte ſich ganz beklommen und ſchleppte alles, was ſie an Goldſachen hatte, zuſammen, ihre Uhr und ihre große ſchwere Kette und ihre Ohrringe u. drgl. Der lange Herr ſteckte es Alles in ſeine Taſche, nahm ſeinen Hut und ſagte:„Ich will das Zeug bald los werden und auch was Rechtes mitbringen.“ Die geweſene Miß Joſephine Burgeß ſagte, es gäbe kein liebevolleres Geſchoͤpf auf der Welt, und gerade um ihr das zu beweiſen, kehrte er wieder um, als er ſchon an der Thür war und fagte:„Da ich mal fortgehe, will ich auch grade die kleine Summe Geld nehmen und ſie für Dich in eine Bank legen; ich brauche Nichts davon und hier unter all den Nähmädchen ſcheint es mir wirk⸗ lich nicht ganz ſicher zu ſein. Die geweſene Miß Jo⸗ ſephine Burgeß ging an eine Schublade, nahm einen Haufen Banknoten heraus und gab ſie ihm. Der lange Herr mit dem Backenbart ſteckte die Banknoten in ſeine Hoſentaſche, knöpfte ſie feſt zu, gab der Taſche einen klei⸗ nen Schlag und wollte wieder gehen. Aber die geweſene Miß Joſephine Burgeß ging ihm nach, ſteckte den Kopf zur Thüre hinaus und flötete: „Du haſt etwas vergeſſen, mein Engel!“ „Was Du ſagſt,“ ſagte der lange Herr mit dem Backenbarte und ſah ihr ſteif in's Geſicht,„was denn?“ noch mehr Schmuck, mein Schatz?“ „Kannſt Du's nicht rathen?“ ſagte die geweſene Miß Joſephine Burgeß, lehnte den Kopf auf die Seite und ſpitzte ihr Mündchen. „O,“ ſagte der Herr mit dem Backenbarte und dann hökte man ein leiſes Geräuſch, wie wenn man den Kork aus einer Flaſche Wein zieht. „Du kommſt doch gleich wieder?“ ſagte die gewe⸗ ſene Miß Joſephine Burgeß, noch einmal an die Thür laufend:„nicht wahr?“ „Gewiß, mein Engel,“ ſagte der lange Herr mit dem 186 Backenbarte, blieb auf der Treppe ſtehn und warf ihr Kußhändchen zu. „Adieu!“ ſagte die geweſene Miß Joſephine Burgeß. „Adieu!“ ſagte der lange Herr mit dem Backenbart. Die geweſene Miß Joſephine Burgeß ſetzte ſich an's Fenſter und ſah dem langen Mann bis nach Chatham⸗ ſquare nach. Sie wartete eine ganze Stunde und er kam nicht; dann wartete ſie zwei Stunden, dann die ganze Nacht, dann die nächſte Woche und wieder die nächſte, bis ſie drei ganze Monate gewartet hatte und der lange — mit dem Backenbarte ſchien durchaus keine Eile zu aben. Ungefähr ein Jahr nach dem Tammany⸗Ball ſaß der kleine Apotheker in dem Hinterſtübchen des ehemali⸗ gen Ladens der Miß Joſephine Burgeß und ſeine Frau, die die Aufſicht über das Arbeitszimmer hatte, ſtand dicht bei ihm, und der Apotheker durchblätterte ſeiner Frau Journal. Grade als er eine lange Reihe Zahlen addirte, kam eine der Arbeiterinnen die Treppe herunter und wollte fortgehen. „Hören Sie, Miß Joſephine Burgeß, oder was für einen Namen ſie ſonſt haben;„wenn Sie in ſo preſſan⸗ ten Zeiten auf den Schlag grade nach Hauſe gehen, ſo thäten Sie gut, ſich nach einem andern Platz umzuſehen.“ Das Blut ſtieg der armen Frau in's Geſicht, aber es war jetzt an ihr, ſich anfahren zu laſſen, ohne zu ſagen, daß ihre Seele ihr eigen ſei. Statt alſo aufzubrauſen, ſagte ſie ſo ſanft wie möglich:„Ich bin nicht recht wohl, ich habe ſtarkes Kopfweh.“ „Kann nichts dafür,“ ſagte der Apotheker;„wir zahlen den höchſten Lohn, 20 Schilling die Woche, nicht für's Nichtsthun; können alſo mit ihrem Kopfweh wieder in's Arbeitszimmer gehen oder ich ziehe Samſtag Abend 50 Cents ab. Fort, Sie ſind weder Herrin noch Herr hier im Laden.“ Nun hatte Miß Joſephine Burgeß ihren eignen * 187 Kopf, aber ſie war für die Koſt ſchuldig und verließ alſo ihren Zorn und ging traurig die Treppe wieder hinauf. Des Apothekers Frau hatte ein gutes Herz, und es that ihr leid, daß ihre ehemalige Herrin ſich ſo behandeln laſſen mußte. „Fahre ſie nicht ſo an,“ ſagte ſie zum Apotheker— „ſie ſieht wirklich angegriffen und krank aus; du thuſt ihrem Herzen weh.“ „Poſſen!“ ſagte der Apotheker, ſich ſtreckend und ſeine Hände behaglich in die Hoſentaſchen ſteckend;„haben Nähterinnen auch ein Herz?“ „Ich war auch eine Nähterin,“ ſagte des Apothe⸗ kers Frau. „Nun gut und wie hat Dich das verwünſchte Ding da behandelt— he?“— ſagte er. Des Apothekers Frau antwortete nicht, aber kaum war ihr Mann fort, ſo ging ſie in die Küche und nahm eine Kanne ſtarken Thee mit in's Arbeitszimmer hinauf. Die geweſene Miß Joſephine Burgeß ſaß auf ihrem Stuhl und ſah ſo böſe wie ein Märzhaſe aus; ſobald des Apo⸗ thekers Frau hereintrat, fing ſie ſo eifrig wie moͤglich an zu nähen; als die gute Frau ihr aber eine Taſſe Thee gab und ſagte, das ſei gut für ihr Kopfweh, ſchluchzte die arme Näherin laut. Jonathan Slick. Siebenzehnter Brief. Jonathan wird frank und hat Heimweh.— Widerſteht al⸗ len Aufforderungen nach Waſhington zu gehen und entſchließt ſich, mit Captain Dovlittle heimzufahren. An Mr. Zephanjah Slick, Friedensrichter und Kirchen⸗Aelteſten in Weathersfield im Staate Connecticut. Lieber Vater! Gut, nachdem ich die Geſchichte über die Nähmäd⸗ chen geſchrieben hatte, wurde mir Newyork bald ein zu heißes Pflaſter. Alle die Beſitzerinnen von Putzläden in York fingen einen ſolchen Spektakel an, daß ich fürchtete, ſie kämen mir in meine Wohnung in Cherryſtreet und wollten einen vierten Juli*) oder einen Convent ſpielen und mich in einer der verdammten franzöſiſchen Schnür⸗ brüſte zu Tode ſchnüren. Aber die blaſſen armen Nähte⸗ rinnen freuten ſich faſt zu Tode über die Geſchichte und kamen zu mir und lachten und weinten und dankten mir, daß ich ihre Partie genommen. Eins aber kränkte mich bei der Sache. Die aufgeputzte alte Jungfer wurde ſo falſch, daß ſie Suſanna Reed aus dem Dienſt jagte und ihr noch dazu von ihrem Wochenlohn abzog. G—tt v— mme ſie! wenn ich nur daran denke, macht es mich ſchon boͤſe. Wäre aber beſſer geweſen, ſie hätte es ge⸗ laſſen, denn fange ich nochmal mit ihr an, ſo höre ich *) Den 4. Juli 1776 erklärten ſich dreizehn Staaten für unabhängig. 189 nicht eher auf, als bis ſie kleiner iſt, als ein zuſammen⸗ geſchnitzeltes Hölzchen.*) Gut, der Frühling kommt und es iſt mir gar nicht recht; bin alle Morgen übel, ſo oft ich aufwache. Mag aber wohl daher kommen, daß ich kein Schweinfleiſch und junge Zwiebeln, friſch aus der Erde, wie zu Haus bekomme. Die Herausgeber des Erpreß riethen mir, ich ſollte ein Vomitiv nehmen, ſagte ihnen aber, ich könnte an ſo etwas nicht denken, es ſei gegen die Naturmächte, machte ein ernſtes Geſicht, wie ich immer thue, wenn ſie eins ihrer franzöſiſchen Worte gebrauchen, die ich nicht verſtehe, und nahm mir vor, die Bedeutung vom Vomitiv in Boyer's Lericon nachzuſehn, ſobald ich nach Haus käme. „Gut,“ ſagten ſie,„wenn Sie das nicht wollen, Mr. Slick, ſo machen Sie einen Ausflug nach dem Sitz des General⸗Gouvernements, und ſehen, was die Loco⸗ focos**) treiben, das wird daſſelbe thun.“ „Gut,“ ſagte ich, nachdem ich die Sache reiflich überlegt hatte,„meine, ich ſehne mich nach den grünen Bäumen, nach Wieſen und Kühen, wo der Wind grade vom Himmel herab kommt, und man ihn nicht erſt, wie hier in York, aus der zweiten Hand einathmen muß. Glaube, ich würde ein ganz andres Geſchöpf, wenn ich nur ein Paar Tage nach Haus gehen und die jungen Zwiebeln jäten könnte.“ Damit dachte ich an zu Hauſe und wie es jetzt gegen die Pflanzzeit gehe; ſagte mir: Papa wird Dich die Zeit über entbehren, und Mama auch, denn ſie hat Niemand, der für ſie melkt, wenn es regnet, der ihr Waſſer holt, und alle die Kleinigkeiten beſorgt, die ich ſonſt zu thun pflegte. Dann warſs mir wieder, als ob ich unſern Obſtgarten ganz in Blüthe ſähe, *) Die Yankees pflegen, wenn ſie einen Bargain- Handel machen, ein Stöckchen zu zerſchnitzeln, um ſich durch keine Mienen zu verrathen. **) Locoforos(Zündhölzchen)— Spitzname für die demokratiſche Partei in den Vereinigten Staaten. 190 und auf der alten Mauer ſäße, wie ich als Knabe zu thun pflegte, und das Gras wachſen ſah und überlegte, wie lange es noch dauern würde, bis es grüne Aepfel gäbe. Da war die Brunnengabel und Stange und der Eimer daran, als ſtände es mir grade vor Augen, und der Pfirſichbaum daneben voll“ rother Blüthen. Dann wart ihr da und ließet die Ochſen heraus zum Pflügen, und Mama, im Garten hinter dem Hauſe, holte Gemüſe, und hatte ihren alten Sonnenhut auf und eine zinnerne Schüſſel für das Gemüſe in der Hand. Guter Gott, wie bekam ich Heimweh! Hätte grade heraus weinen können, wenn es was geholfen hätte, als ich zu mir kam und ſah, daß ich im Comptoir des Ex⸗ preß ſaß und nichts weiter ſehen konnte, als Bilder vor dem alten Burſchen, dem General Harriſon, und Zeitun⸗ gen, die überall auf dem Boden herumlagen. „Gut,“ ſagte der Herausgeber,„was meinen Sie dazu, Mr. Slick? Sie ſollten wirklich nach Waſhington gehen und den Präſidenten und die Löwen beſuchen.“ Legte ein Bein über das andere, drückte die Augen⸗ lider zu, damit er nicht ſähe, wie nahe mir das Weinen ſei und ſagte nach einigem Beſinnen: „Zweifle gar nicht, daß Waſhington eine capitale Stadt iſt; möchte aber eben ſo lieb nach Haus gehen, wenn Sie nichts dagegen haben.“ „Ja,“ ſagte er,„ich glaube es wohl; aber wenn Sie einmal aus der Stadt gehen, ſo iſt es ja einerlei, welchen Weg Sie einſchlagen.“ Sah wohl, er hatte ſeinen eignen Kopf; dachte aber, ſollſt ihm zeigen, daß er es mit einem zu thun hat, der auch zäh iſt und ſagte: „'s iſt mir wahrlich ſo, als müßte ich ein wenig doktern, und iſt einer krank oder nicht aufgelegt, ſo muß er nach Haus, da wird's ihm wohl und keiner kann einen pflegen, wie ſeine eigne Mutter. Ich weiß gut, wie es kommen wird; ſo wie ich nach Hauſe komme, macht die 191 Alte ein Wurzelbier, ſucht den ganzen Wald aus nach Saſſafras⸗Blumen, um Thee zu kochen, und läßt mich Fenchelſamenſchnaps Maaßweiſe trinken. Ich muß gehen, ich fühle es; wollen alſo keine Worte mehr darüber ver⸗ lieren. Werde ſo blank wie ein neuer Thaler wieder kommen.“* Wenn es ein zähes Thier auf der Welt gibt, ſo iſt es ein Yorker Herausgeber; eine Lamprete iſt nichts da⸗ gegen. Sie gehen ihren eignen Weg und wenn der Sa⸗ tan in Lebensgröße vor ihnen ſtände. Endlich rückte er mit der Sprache heraus und ſagte ſo ſanft, als hätte er das ganze Maul voll Honig: „In Weathersfield können Sie aber keine Briefe für uns ſchreiben. Machen's Sie alſo kurz, es iſt ja noch immer Zeit, nach Haus zu gehen.“ „Muß aber doktern,“ ſagte ich. „So nehmen Sie eine Schachtel von Sherman's Huſtentabletten,“ ſagte er lächelnd;„Sie wiſſen, die eurir⸗ ten Sie letzten Winter.“ Und dann fing er an zu ſchmei⸗ cheln und ſagte:„Ein Mann von Ihrem Talent ſollte ſich nicht auf dem Lande vergraben; die Congreßmitglie⸗ der und die Mädchen in Waſhington, ſogar die Frau des ruſſiſchen Geſandten, ſind alle neugierig, Sie zu ſehen.“ Es war nicht menſchenmoöglich, länger zu widerſtehen; ſchwankte hin und her. „Sie ſcherzen nur,“ ſagte ich und rückte mit mei⸗ nem Stuhl;„ich glaube nicht, daß die Mädchen in Waſhington in ihrem ganzen Leben von mir gehoͤrt haben.“ „Glauben Sie das nicht,“ ſagte er. „Leugne nicht, hätte wohl mal Luſt mir die Con⸗ greßleute zu betrachten. Iſt mir ſo, als würde ich ſelbſt einmal als Candidat auftreten. Glaube nicht, daß es Jemand in York gibt, der ſich beſſer dazu eignet. Als ich von Weathersfield kam, konnte ich alle Burſchen, groß und klein, werfen, und kommt mir vor, als könnte ich alle miteinander auf dem Capitol ledern, wenn ſie auch etwas mehr Uebung wie ich haben.“ Der Herausgeber des Erpreß lachte wohlgefällig und ſagte:„Alſo abgemacht, Mr. Slick, und je eher Sie gehen, deſto beſſer iſt es.“ „Will's überlegen,“ ſagte ich. Gut, ging alſo nach Haus und ſetzte mich in meine Stube; war mir aber doch nicht recht, ſo weit von Hauſe, wie Waſhington iſt, zu gehen, und wollte doch auch gern dem Herausgeber des Erpreß einen Gefallen thun. Aber die Gedanken an zu Hauſe gingen mir im⸗ mer wieder durch den Kopf, bis ich es am Ende nicht mehr aushalten konnte und wie ein krankes Kind weinte. Während ich ſo daſaß, öffnet jemand die Thür meiner Stube und hereintrat Captain Doolittle und ſtreckte mir beide Hände entgegen und lachte mit dem ganzen Geſicht, vor Freude mich wieder zu ſehen. Ich ſprang auf und ſchüttelte ihm die Hand, wäh⸗ rend ich mein Geſicht abwandte und es mit dem Rockſchoß abtrocknete, denn ich ſchämte mich, daß ich ge⸗ weint hatte. Der alte Burſch läßt ſich aber nicht irre machen, hat Augen wie ein Falke. „Was iſt, Jonathan!“ ſagte er;„ſeid weiß Gott ſo mager wie ein Maifiſch im Sommer, und ſoll mich der Teufel holen, wenn ihr nicht geweint habt!“ „Habt falſch gerathen dießmal,“ ſagte ich und ver⸗ ſuchte eine ſteife Oberlippe zu machen. Der alte Burſche ſah mir erſt in's Geſicht und dann auf meinen Rockſchoß; ſchlug die Arme übereinander, trat zurück, ſah mich von oben bis unten an und ſagte endlich: „Eins weiß ich, Jonathan, entweder habt Ihr geweint, oder einem alten Freunde etwas aufgebunden, oder—“ 193 „ Oder was?“ ſagte ich und wiſchte meinen Rock⸗ ſchoß an meinen Hoſen ab;—„oder was?“ „Oder ihr ſeid entartet,“ ſagte er,„entartet von der Weathersfielder Art!“ „Weiß wahrhaftig nicht, wo das hinaus ſoll,“ ſagte ich. „Jonathan,“ ſagte er im ernſteſten Tone,„Ihr hat⸗ tet Thränen im Auge und ſchämtet Euch darüber. Sol⸗ cher Thränen aber, die einem braven jungen Mann in die Augen treten, braucht man ſich nicht zu ſchämen; wenn er an zu Hauſe, an alte Freunde, oder vielleicht an ſolche, die todt und fort ſind, denkt, ſo ſind die Tro⸗ pfen, die unvermuthet ſeine Augen netzen, heilſam für ſeine Natur. Ich habe eine Zeit gekannt, Jonathan, wo eine Predigt das Herz nicht halb ſo ſehr erleichterte. Ein ehrlicher Burſch könnte ſich ebenſo gut ſchämen, das Va⸗ terunſer zu beten, denn die Thränen, welche der Gedanke an unſre Lieben erregt, haben ebenſoviel Religion in ſich, als das Singen und Beten und Kirchengehen alles mit⸗ einander. Gebet, Jonathan, Gebet fällt auf das menſch⸗ liche Herz, wie die warme Sonne auf ein junges Zwie⸗ belbeet, und Thränen, ächte Thränen, die von zärtlichen Gedanken kommen, Jonathan, Gott verdamm' mich, wenn die nicht der Regen ſind, der die jungen Sproſſen grün hält. Jetzt hättet Ihr Euch aber nicht geſchämt, daß ich ſolche Thränen geſehen habe, Jonathan, und Ihr habt viel zu viel Mutterwitz, daß Ihr weinen ſolltet, weil es Euch ſchlecht geht, das behaupte ich.“ „Calculire, ihr könnt das,“ ſagte ich. „Gut, Jonathan,“ ſagte der Captän, ſeine Arme über das rothe Hemd faltend, das ſeine Bruſt bedeckte, „bleibt nur eins übrig, die Sache zu erklären. Habe es nie glauben wollen, aber Ihr ſeid entartet. Dieſe YPorker haben Euch gelehrt, Euch zu ſchämen, daß Ihr Zwiebeln eßt. Es iſt gerade nach dem Mittageſſen— ich durch⸗ Leben in Newyork. 13 ſchaue Alles— Ihr habt an zu Haus gedacht und eine rohe Zwiebel verſucht, Eure Augen ſind jetzt nicht daran gewöhnt und das macht ſie ſo roth und trübe. Habe die Zeit geſehn, Jonathan Slick, daß Ihr eine ganze Reihe voll aufeſſen konntet, ohne mit den Augen zu zwinkern, habe geſehn, daß Ihr hineinbiſſet, wie in einen ſüßen Apfel, und jetzt, nun Ihr in York lebt, iſt das das Ende davon.“ „Kommt her, Captän,“ ſagte ich und ſtreckte meine Hand aus,„ſeid kein Narr, ich kann noch ſo gut als je eine rohe Zwiebel eſſen, ohne mit den Augen zu zwinkern. Da ich aber ſehe, daß Ihr ſo tief in einen Mühlſtein ſehen könnt, ſo will ich meinetwegen beichten und das Ding kurz machen. Es iſt wahr, ſeit es Frühling ge⸗ worden, habe ich das Heimweh. Da ſitze ich die ganze Zeit allein und denke an alte Zeiten und zu Hauſe, und das machte mich weinen, ehe ich's ſelber wußte. Das iſt die reine Wahrheit, und es wäre mir eben ſo lieb, ihr wüßtet es nicht, als ſo.“ Captän Doolittle drückte mir die Hand und ſagte: „Recht ſo, Jonathan, ehrlich geſtanden wie ein Mann; ergreife das Ding jetzt, habt das Heimweh, wie Einer, und das paßt mir grade in den Kram. Der alte Sloop iſt ſegelfertig, packt Euren Mantelſack zuſammen, ſpringt an Bord, und es ſoll nicht lange dauern, bis wir in Weathersfield ſind. Der Vater und die Mutter, Judy White und die andern Leute werden ſich ſchier todt freuen, Euch zu ſehen.“ Das Herz wollte mir vor Freude ſpringen, fiel mir aber bald wieder in die Hoſen, als mir einfiel, daß ich eben erſt verſprochen hatte, nach Waſhington zu gehen. „Captän,“ ſagte ich,„ich fürchte, ich kann nicht, habe mein Wort gegeben, nach Waſhington zu gehn.“ „V— mmt Waſhington!“ ſagte er, ging in meine Hinterſtube und holte meinen Mantelſack hervor.„Um die Jahreszeit reicht Waſhington Weathersfield nicht das 195 Waſſer. Glaubt nicht, wie friſch und grün Alles aus⸗ ſieht; die Fliederbäume vor Eurem Hauſe ſind über und über voll Blüthen, ſeit drei Wochen haben wir jungen Lattich— he! jungen Lattich mit gutem, ſcharfen Eſſig, genug Pfeffer und Salz und eine Handvoll junger Zwie⸗ belſpitzen, grade wie ſie mit den Keimen aus dem Boden kommen. Bei Gott, läuft Euch das Waſſer nicht im Munde zuſammen, Jonathan?“ „Wahrlich, Captän, da iſt kein Bleiben, ich muß fort.“ „Gewiß müßt ihr fort; die Alte führe aus der Haut, wenn ich ohne Euch heim käme, und Judy White — die Judy iſt ein braves Mädchen, Jonathan. Soll Euch von ihr ſagen, der Obſtgarten ihrem Hauſe gegen⸗ über ſei ganz voll Blüthen und jeder Aſt voll Roth⸗ kehlchenneſter. Könnt den Obſtgarten eine halbe Meile weit riechen, Jonathan; Judy aber ſagt, es macht ſie traurig, wenn ſie die Bäume ſo blühen ſieht, und die Vögel vom Morgen bis zum Abend ſingen hoͤrt und Nie⸗ mand hat, der ſich mit ihr darüber freut.“ „Ich komme! Gaully offalus, ich komme!“ ſagte ich.„Aber was werden die Herausgeber des Erpreß ſa⸗ gen, wenn ich mich ſo aus dem Staube mache.“ „Laß den Erpreß ſagen, was er will,“ ſagte Cap⸗ tän Doolittle, und packte meine Pfeffer und Salzhoſen in den Mantelſack. „Fällt mir ein,“ ſagte ich und half ihm den Man⸗ telſack zuſchnallen,„ich will einen Brief nach Haus ſchrei⸗ ben und ſagen, daß ich grade abreiſen will und ihn durch den Erpreß abſchicken; dann erfahren die Herausgeber zu⸗ gleich, was ich vorhabe.“ „Thut das,“ ſagte Captän Doolittle,„und ich will den Mantelſack mit in die Sloop nehmen. Bin geſtern Abend erſt angekommen, habe heute Morgen ausgeladen, und ehe die Sonne untergeht, wollen wir wieder auf dem Eaſtriver ſein. Geht ſchnell, Jonathan, gelt?“ 196 „Ja, ja, Captän,“ ſagte ich. „Gut alſo,“ ſagte er und packte den Mantelſack auf, „ſchreibt Euren Brief und kommt grade herunter. Kann's Euch ſagen, dürft das Gras unter Euren Füßen nicht wachſen laſſen. Eure Mutter wird ſich zu Tode freuen, wenn Ihr wieder da ſeid; ſie hat eine ganze Laſt Win⸗ teräpfel für Euch aufgeſpart. Wollte, Ihr hättet es„ ſehen können, wie die Alte die langen Winterabende weg⸗ geſtrickt hat, um Euch Socken zu machen; ſie hat alle ihre Kunſt aufgeboten, weil es für Euch war, Jonathan.“ „s iſt nicht möglich,“ ſagte ich, und weinte wieder beinah;„aber jetzt macht, daß ihr fort kommt, ich will meinen Brief ſchreiben.“ Damit ſchob ſich der Captän mit ſammt dem Man⸗ telſack. Ich ſetzte mich darauf und ſchrieb dieſen Brief in aller Eile. Will ihn jetzt auf das Erpreßcomtoir ſchicken, und wenn es gut geht, ſo ſoll es nicht lange dauern, wenn ihr ihn geleſen habt, bis ich euch die Hand drücke. Euer zärtlicher Sohn Jonathan Slick. Achtzehnter Brief. Jonathan Slick iſt wieder zurück. Jonathans Ankunft in Newyork von den Zwiebelbeeten in Weathersfield.— Jonathan ſchlägt ſein Quartier im Aſtor⸗ Houſe auf.— Seine Gedanken über den Haufen Steine.— Jonathans Anſicht über ein Newyorker Cabriolet und den gewöhnlichen Streit zwiſchen Fremden und Kutſchern.— Erregt Aufſehen im Aſtor⸗Houſe. An Mr. Zephanjah Slick, Friedensrichter und Kirchen⸗ Aelteſten in Weathersfield im Staate Connecticut. Lieber Vater! Hurra! bin hier wieder in York, wie ich leibe und lebe, und ſo elaſtiſch wie eine ſtählerne Falle. Iſt einem eigen, die ſteinernen Trottvirs wieder unter ſein Sohl⸗ leder zu nehmen. War mir zu Muthe, als ſollte ich über die Häuſer ſpringen, wie wir am Packſlip landeten. Cap⸗ tän Dovlittle demonſtrirte mir eine ganze Stunde lang vor, es zieme ſich nicht für einen ächten Mankee, ſich ſo nach dem Yorker Spektakel zu ſehnen. Iſt aber meine Meinung, daß Captän Doolittle kein ſchlechter Richter über Zwiebeln und anderes Gemüſe iſt, auch die alte Sloop ſo glatt wie Schmalz heruntergeführt hat, wenn er aber von genteeler Geſellſchaft ſprechen will, ſo muß er ſich noch andern Wind um die Naſe wehen laſſen. Habe ich euch denn auch vom Aſtor⸗Houſe erzählt, Vater? Wenn ichs nicht gethan habe, ſeht, ſo denkt euch, daß alle ſteinerne Mauern in Connectieut abgetragen und auf zwei Acker geringeltes Land über einander gelegt wä⸗ ren, bis halb in den Himmel hinein, und noch darüber; dann denkt euch Fenſter und Thüren darin, und allmäch⸗ tige Steinblöcke als Treppen davor, und ſteinerne Pfeiler, dicker wie der dickſte Baum, den ihr je geſehen,— und dann habt ihr ungefähr einen Begriff, was für eine Maſſe das Aſtor⸗Houſe iſt. Wußte anfangs nicht recht, ob ich dort logiren ſollte, denn, dachte ich, laſſen ſie ſich nach der Größe des Hau⸗ ſes zahlen, ſo werde ich in meinem Beutel bald Grund ſehen; aber, dachte ich, in den beſten Wirthshäuſern lo⸗ girt's ſich immer am wohlfeilſten; wollen alſo einen Ver⸗ ſuch machen. Gab einem Negerbuben am Ufer 2 Cents, damit er mir einen Wagen hole, denn ich wollte das Ding genteel machen und mich nicht lumpen laſſen, da ich mal ange⸗ fangen hatte. Außerdem war die Kajüte ſo voll Zwie⸗ beln und rothen Kohl, ohne die Rüben und Winterfrüchte, daß ich keinen Platz hatte, mich zu putzen, bis ich an⸗ derswo ein Unterkommen gefunden hatte, und meine Dan⸗ dyhoſen waren auch ſchon eiwas abgetragen, und machten nicht mehr den vollen Staat. Ich hatte kaum noch Zeit, ſie mit einer Hand voll Haferſtroh, das ich aus einem der Apfelkörbe nahm, etwas abzureiben, und mein Haar mit beiden Händen glatt zu ſtreichen, als der Neger zurückkam und ſagte, er könne keinen Wagen finden, habe aber ein prächtiges Cabriolet gekriegt. In der That, war eines der querſten Thiere, die je hinter einem Pferde herliefen, das Cabriolet. Sah aus wie eine Treppe auf Rädern, und darüber ein halboffner, großer lederner Koffer. Das Pferd war an die unterſte Stufe geſpannt, und auf der oberſten balancirte ein Kerl mit einer großen, langen Peitſche und Zügeln, die über die ganze Geſchichte weg dem Pferde bis an den Kopf gingen, in der Luft, und das war der Kutſcher; aber er 199 machte ein Geſicht, als wärs ihm nicht wohl daoben und einigermaßen ſchwindlich. Es war luſtig anzuſehn, wie der Kerl ſeine Zügel oben auf den Wagen legte und die Treppe herunterkroch, um meinen Mantelſack und den Seehundskoffer, den Mama mir gegeben, aufzupacken. Als er fertig war, hob ich nur einen Fuß auf, und da ſaß ich in einem kleinen Stall mit Kiſten, wie ein Hahn in einem fremden Hühnerhaus oder eine Ratte in einem leeren Mehlfaß. Der Kerl ſchlug die Thür zu, kletterte wieder die Treppe auf, und dann fiengen die Zügel über meinem Kopf an, ſich zu bewegen, wie ein Paar Blind⸗ ſchleichen in der Sonne; darauf gings vorwärts wie ein umgekehrter Schiebkarren mit einem Pferd vorn, einem Kutſcher hinten, und einem armen Tropf, wie mich, mit einem Mantelſack zum Geſellſchafter in der Mitte. Gut vorwärts gings mit Hiſt und Hot durch Karren und Pferde, bis wir vor dem Quai waren, und dann ging's etwas regelmäßiger, bis das Pferd auf einmal von ſelbſt vor dem Aſtor⸗Houſe ſtill ſtand. „Gut,“ ſagte ich zu dem Kutſcher, und langte nach einem Ninepence in die Hoſentaſche, denn der Neger hatte mir geſagt, daß dieſe neumodigen Cabriolets den Wagen Conecurrenz machen; ſagte alſo: „Was bin ich ſchuldig?“ „Nur einen Dollar,“ ſagte er, warf meinen Mantel⸗ ſack und Koffer auf die ſteinerne Treppe, und ſah meine alten Dandykleider ſo verdächtig an, als meinte er, es würde kein leichtes Stück Arbeit ſein, das Geld da her⸗ auszubringen. Wurde erſt einigermaßen wild, beſann mich aber ſchnell, daß kein ächter Gentleman ſich je über ſolch einen Grobian ärgert, ſah ihn alſo an und ſagte: „Was ſagt ihr?“ Damit gab ich ihm einen Vierteldollar, denn ich“ wollte nicht geizig ſcheinen, aber der Kerl fing einen Höllenlärm an und hielt an den Dollar, wie ein Hund an einer Saſſafraswurzel, und als einige Kellner herunter⸗ 200 kamen, um meine Sachen zu holen, lief er hinterher, packte den Mantelſack und ſagte, er gäbe die Sachen nicht bis er ſein Geld hätte. Darauf ging ich auf hn zu: „Pack Dich fort, Du ewiger Schlingel Du! oder ich gebe Dir eine Probe von Weathersſielder Schuhleder, wie Du noch nie geſehen haſt, die Dich ſchneller auf Deinen Schubkarren werfen ſoll, als Du heruntergekommen biſt. Brauchſt mich nicht anzuglotzen, es iſt mir Ernſt, oder ich will nicht Jonathan Slick heißen. Heiliger Gott! wie kroch der Kerl zuſammen, als ich das ſagte; er zog ſeinen Hut ab und ſagte ſo demü⸗ thig wie eine erfrorene Kartoffel: „Ich wußte nicht, daß Sie es waren.“ „Glaub' es beinah, daß Du es nicht wußteſt,“ ſagte ich⸗ Der Kerl ſah ſo verlegen aus, daß er mich dauerte, und ich ihm noch einen Vierteldollar gab. Damit ſtieg ich die Treppe hinauf, einen Tritt nach dem andern, bis ich in eine große ſteinerne Halle kam, die gewaltig hoch war, und an der einen Seite eine Schenkſtube hatte. Es war eine Art von ſteinernem Spaziergang in einem Hauſe, denn eine Menge Leute gingen ſo behaglich plaudernd auf und ab, als wären ſie auf offener Straße geweſen. Ich ging in die Schenkſtube, wo ein Kerl ſaß, der ausſah, als ob er das Heimweh hätte und fragte ihn: „Nehmen Sie hier Koſtgänger?“ Der Kerl betrachtete mich von Kopf zu Fuß, als hätte er ſeiner Lebtag noch keinen ächten Mankee geſehen, rückte auf dem Stuhl hin und her und ſagte am Ende: „O ja, bisweilen, aber vielleicht haben Sie anders⸗ wohin wollen.“ „Ich meine es nicht,“ ſagte ich.„Was nehmen Sie für die Woche? Ich zahlte 2 Dollars 50 C. in Cherry⸗ ſtreet, aber vielleicht gehen Sie bis 4 Dollars oder mei⸗ netwegen 4 Dollars 50. 201 Der Burſch ſah ganz verwundert aus, dachte alſo, ich ſei noch nicht hoch genug hinaufgegangen. „Es iſt freilich viel Geld, ſagte ich, aber da es das Aſtor⸗Houſe iſt, will ich meinetwegen fünf Dollars geben, wenn die Wäſche noch mit dreingeht. Ich mache nicht viel ſchmutzig; ein Hemd, drei Kragen und ein Paar Socken alle Woche und ein ſeidenes Taſchentuch alle vier⸗ zehn Tage.“ Der Burſch wurde über und über roth, als freute er ſich zu Tode über ſolch ein Gebot. Biſt doch, bei Gott, dachte ich bei mir ſelber, kein Eſel geweſen, und haſt zu viel geboten! Ich wurde ſo böſe, ehe der Burſch ſprach, daß ich auf irgend eine Weiſe wieder los zu kommen trachtete. Ich bemerkte ein großes Tagebuch neben ihm auf dem Tiſch, und ſagte: „Ich ſehe, Sie geben auch Credit, wenn ich aber alle Sonnabend zahle, werden Sie es wohl etwas billiger ge⸗ gen baar Geld geben.“ Der Burſch biß ſich vor Lachen auf die Zunge, und te: „Das iſt kein Tagebuch; wir halten es blos für Leute, die hieher kommen, und ihre Namen einſchreiben. Dachte, ſollſt auch Deinen Namen einſchreiben, viel⸗ leicht läßt er von den 5 Dollars etwas nach, wenn er ihn liest. „Ja ſo,“ ſagte ich,„will alſo dableiben, und meinen Namen auch für Sie einſchreiben.“ Der Burſch gab mir die Feder. Ich ſtreckte meinen rechten Arm aus, ſchlug den Aufſchlag zurück, und machte ein langeſchwänztes J, daß die Dinte über das ganze Buch ſpritzte, dann ſchnörkelte ich ein S und ſchloß mit einem k, daß Mr. Goldſmith, der Schreibmeiſter in n roth geworden wäre, wenn er es geſehn ätte. Wollte, ihr hättet den Burſchen im Aſtor⸗Houſe geſehn, als er meinen Namen geleſen hatte. Er ſah aus, ſag als wüßte er nicht recht, was er thun ſollte, am Ende trat er aber einen Schritt zurück, machte einen Bückling, und ſagte: „Mr. Slick, wir ſind froh, Sie im Aſtor⸗Houſe zu ſehen, und hoffen, Sie werden bei uns bleiben, ſo lange Sie in der Stadt ſind.“ Ich verbeugte mich ebenfalls ein wenig, denn ich wollte nicht, daß er ſich einbilden ſollte, ich bleibe gern da, ehe das Koſtgeld feſtgeſetzt war. „Und der Preis für die Koſt?— Ich hoffe, Sie wer⸗ den von meinem Gebot etwas nachlaſſen, es iſt mir zu theurer Preis.“ „O laſſen Sie das Koſtgeld ſein, Mr. Slick, wir wer⸗ ven nicht theuer gegen Sie ſein. Der Mann wird Ihnen ein Zimmer zeigen, und ich hoffe, Sie werden ſich bei uns zu Hauſe fühlen.“ Darauf trat ein Burſch heran, der in das dicke Buch ſah, flüſterte einem andern etwas ins Ohr, und es dauerte keine zwei Minuten, bis ein ganzer Haufen Leute um uns verſammelt war, als könnte man einen Bären um einen Pfennig ſehen. Einer von den Burſchen lief wie beſeſſen die Treppe hinauf, als wollte er noch ſonſt Jemand holen; ich dachte alſo, es ſei Zeit für mich, mich zu ſtreichen, rief einem Kellner, und ſagte ihm, er ſolle mich hinaufführen, wohin er meinen Koffer gebracht habe. Der Kellner ging voran und ich folgte hinterher. Will euch was ſagen, es braucht einen ſteifen Kopf, durch alle die Gänge und Treppen, die Kreuz und Quer zu ſchiffen, wie ich es mußte, bis ich an eine Stubenthür, im Giebel des Hauſes, kam. Mein Kopf ging mir rund herum, wie eine Fliegenfalle. Als die Thür zu war, wurde es mir ſo beklommen, daß ich ein Fenſter öffnete und hinausſchaute, um zu ſehen, ob mir die friſche Luft nicht wohl thäte. Gerechter Gott! der Athem blieb mir ſtehen, als ich ſah, wie hoch ſie mich hinaufgeſchafft hat⸗ 203 ten. Die Wolken ſchienen mir ganz nahe Nachbarn zu ſein. Ich ſah gerade über die hoͤchſten Bäume im Park weg, als wären es Ellernſträuche geweſen, und meine Naſe war gerade in einer Linie mit der Stadthausuhr. Es machte mich ſchier ſchwindlich in den Broadway hin⸗ unter zu ſehn. Die Leute liefen wie eine Schaar auf⸗ rechtgehender Ratten umher, und die Mädchen unter ihren Sonnenſchirmen waren die zierlichſten Dinger, von denen ich je geträumt hatte. Es war, als wenn alle Wachs⸗ puppen in der ganzen Stadt aus den Läden geſprungen wären, und jetzt herumliefen, und jede hätte einen Pitz, um die Sonne abzuhalten. Das Ganze zuſammengenom⸗ men, Herren und Damen, Wagen, Cabriolets, Bäume und Pferde bildeten den komiſchſten Anblick, den ich je gehabt. Es war auch der Mühe werth, an der Front des Hauſes herunterzuſehen, wenn es nur nicht immer geweſen wäre, als müßte man Kopfüber herunterfallen. Das Fen⸗ ſter in meinem Zimmer war keins von den größten, und draußen ging eine Rebe, in Stein ausgehauen, herum, und eben ſolche runde Dinger waren rechts und links, wie eine Reihe von Bildern. Dachte, wenn jetzt einer in, die Hohe ſähe, und mich da ſtehen ſähe, ſo könnte er das ähnlichſte Bruſtbild von Jonathan Slick, in einem Rah⸗ men ſehen. Ich wollte einer der Yorker Künſtler hätte mich grade ſo gemalt, denn es muß, weiß Gott! grade wie ein Bild ausgeſehn haben, als ich da im Fenſter ſtand, aber ich zog den Kopf bald zurück, denn es machte mich ſchlimmer, ſtatt beſſer. Nachdem ich mich im Waſchbecken ordentlich mit Seife gewaſchen hatte, ſchnallte ich meinen Mantelſack auf, und wollte mich ein wenig anziehen, denn es kam mir ſo vor, als röchen meine Kleider noch nach Zwiebeln, da ich ſo lange in der Kajüte geſchlafen hatte. Seit ich zu Haus geweſen bin, iſt mein Haar ordentlich gewach⸗ ſen, nur iſt es ein wenig von der Sonne verbrannt; wenn ich es aber mit einem ſchönen elfenbeinernen Kamme glatt heruntergekämmt und mit Pomade eingerieben habe, iſt nicht viel davon zu ſehen. Ich theilte es gerade in der Mitte in zwei Theile, und ſtrich es mit beiden Händen herunter, bis es wie eine ſchwarze Katze im Dunkeln glänzte. Nachdem ich das zu meiner Zufriedenheit abgemacht hatte, ſetzte ich mich und zog die blau und roth carrirten Hoſen an, die Mama mir nach dem Schnitt meiner Yorker Dandyhoſen gemacht hatte. Sie ſitzen wie ange⸗ goſſen, nur find ſie ein wenig zu eng um die Hüften und am Knie; ſind aber nicht zu verachten, ebenſowenig wie mein neuer Rock, der baumwollene Kragen, den du mit Judy White für mich machteſt, legte ſich hübſch um's Jinn und unter die Ohren und war nicht zu unterſcheiden von Leinwand. Als ich das buntſeidene Halstuch, das Judy mir zum Andenken gegeben hatte, als ſie wegen meiner Reiſe nach York wieder zufrieden war, um mei⸗ nen Hals gebunden hatte und die langen Enden mit den Franſen nachläßig über meine grün und rothgeſtreifte Weſte hängen ließ, war ich herausgeputzt, wie ihr ſobald nicht einen Burſchen von meiner Größe geſehn habt.— Ihr kennt die große ſchöne Tuchnadel, für die ich letzthin die Ladung Aepfel in Hartfort gab? Gut, ich ſteckte ſie grade in mein Bruſthemd und dachte, was für ein ſtattlicher Burſch mich aus dem Spiegel anſähe, als Jemand an die Thür klopfte. Ich zog erſt meinen Hemd⸗ kragen etwas herunter, ſchüttete ein Paar Tropfen Pfeffer⸗ münzöl in mein Taſchentuch und ging dann an die Thür. Einer der Burſchen, die ich unten auf der Treppe geſehn hatte, war da. Er ſagte kein Wort, ſondern machte eine Verbeugung und gab mir ein Stück Papier, ungefähr ſo groß wie Pique⸗Aß, auf das in die Mitte „Fanny Elsler“ gedruckt war. — Gut, dachte ich, was auf der Welt kann das be⸗ veuten? Seit ich in Newyork bin, habe ich noch kein 205 Hausthor und keine Ecke geſehn, oder der Name war daran, und jetzt hat er mich weiß Gott! hier bis in die Spitze vom Aſtor⸗Houſe verfolgt. Während ich ſo dachte, drehte ich das Papier in der Hand um, und auf der andern Seite war eine Menge der zierlichſten kleinen Schreiberei, die ich je geſehn. Es war ſo deutlich wie Gedrucktes und ſo fein wie Spinngewebe, aber ich konnte um's Leben kein Wort davon herauskriegen. War meiner Lebtage noch nicht ſo in Verlegenheit, glaubte es aber nach einer Weile heraus zu haben. Je⸗ mand hatte gewiß einen neumodigen Brief an Fanny Elsler geſchrieben und in mein Zimmer ſtatt in ihres ge⸗ ſchickt. Ich lief auf den Gang hinaus und rief dem Kerl aus Leibeskräften: Hallo! nach, aber er verſchwand und ſo ging ich wieder zurück. Wußte wahrhaftig nicht, was ich machen ſollte. Den Brief behalten wolite ich nicht, und doch hatte ich keine Luſt, ihn ihr zu bringen, aus Furcht, ſie möchte mich für einen der langhaarigen Herren halten, die um ſo fremde Mädchen herumſtreichen, wie hungrige Hunde um einen Knochen. Dachte am Ende aber doch, es könne nicht ſchaden, ſie wenigſtens in Augen⸗ ſchein zu nehmen. Stand alſo auf, trat vor den Spie⸗ gel, fuhr mit der Hand durch die Haare und überzeugte mich, ob auch Alles in Ordnung ſei. Kann euch ſagen, war nicht viel an dem Burſchen auszuſetzen. Alles war ſo glatt, daß eine Fliege ausge⸗ glitten wäre, hätte ſie ſich draufgeſetzt. Ich zog den Zipfel meines Taſchentuches noch ein wenig hervor, ſetzte meinen Hut auf die Seite und verſchluckte, während ich die Treppe hinunterging, eine Handvoll Pfeffermünzkügelchen, denn ich hatte den Geruch der gebratenen Zwiebeln, die Captän Dovlittle mir am Bord der Slovp zum Frühſtück gegeben hatte, noch nicht ganz verloren. „Schaut her,“ ſagte ich einem der Burſchen, dem ich 206 auf dem Gange begegnete, als ich die Treppe hinunter⸗ ſchiffte,„wißt ihr nicht, wo herum Miß Elsler wohnt?“ „Ja wohl,“ ſagte er und blieb ſtehn,„ſie hat den großen Saal nach vorn in der zweiten Etage, grade über der Hauptthür.“ „Wie! ſie wohnt doch nicht hier im Aſtor⸗Houſe?“ 2 ſagte ich. „Allerdings,“ ſagte er. „Iſt nicht möglich,“ ſagte ich. „Doch, doch,“ ſagte er lachend. „Gut, jetzt geht mir ein Licht auf! ſagte ich.„Aber ihr werdet wohl nichts vawider haben, mit mir zu gehen und mir die Thür zu zeigen.“ „O nichts Beſondres,“ ſagte er und lief die Treppe hinunter, die Kreuz und Quer und ich hintenher wie ein Schwanz am Drachen, bis er am Ende vor einer Zimmer⸗ thür ſtehen blieb, ſagte:„Dies iſt das Zimmer,“ ſich ver⸗ beugte und fortlief, ehe ich Zeit hatte, zu fragen, wie ſich ſeine Maam befände. Euer zärtlicher Sohn Jonathan Slick. 207 Neunzehnter Brief. Jonathan Slick und Fanny Elsler. Ein ächter Yankee und die Pariſer Tänzerin.— Fanny ſchickt ihre Karte und Jonathan macht einen Beſuch.— Yankeeſprache und franzöſiſches Engliſch verſtändigen ſich ſchwer miteinander.— Jonathan wird von Fanny's Kniren und Pas hingeriſſeu.— Ein kleines Liebesverhältniß.— Jonathan wird eingeladen, Fanny als Nathalie zu ſehen, und ſagt zu. An Mr. Zephanjah Slick, Friedensrichter und Kirchenälteſten in Weathersfield im Staate Connectieut. Lieber Vater! Die Beine knickten mir zuſammen und der Athem ging mir aus, als ich ſah, daß ich allein hineintreten mußte, und als ich die meſſingene Thürklinke anfaßte, brannte mir das Blut im Geſicht, wie der heiße Saft in einem Zuckerkeſſel. Ich öffnete die Thür ſachte zur Hälfte und machte ſie dann ſachte wieder zu; darauf holte ich tief Athem, klopfte an die Thür, zog meinen Hemdkragen über die Halsbinde, um ihnen zu zeigen, daß ich durch⸗ aus nicht in Verlegenheit ſei und klopfte dann noch ein⸗ mal an. Gracivus! ehe ich meine Hand zurückzog, ging die Thür wie geſchmiert auf, und ein Frauenzimmer mit einer Haube voll Blumen, von dem man nicht recht ſagen konnte, ob ſie ſchön ſei, oder nicht, ſtand in der Thür und ſah mir ſo frei in's Geſicht, als hätte ſie mich von der Wiege her gekannt. Ich ſetzte meinen Fuß vor, um ihr eine capitale Verbeugung zu machen, überlegte mir aber noch das Ding und dachte, es könnte vielleicht doch nicht Miß Elsler ſein, ſie ſah mir zu alt dafür aus, zog alſo meinen Fuß wieder zurück, machte mit der Hand eine genteele Bewegung und ſagte: „Wie befinden Sie ſich, Ma'am?“ Sie ſah mich ſchelmiſch an, verzog die Lippen zu einem Lächeln und ſagte:„Wie befinden Sie ſich?“— indem ſie die Worte wie Zwieback abbiß. „So ziemlich, Dank der Nachfrage,“ ſagte ich.„Miß Elsler zu Hauſe?“ Die Perſon betrachtete mich ſo ruhig wie ein Fiſch, obwohl ſie innerlich äußerſt froh zu ſein ſchien, und den Kopf in's Zimmer wendend einen Schwall von Worten losließ. Es war nicht Sprechen, nicht Singen, nicht Zanken, und auch nicht Weinen, ſondern Töne liefen ihr ſo ſanft von der Zunge, wie ein Bach über Kieſelſteine und beinah auch ſo ſchnell. Sie bewegte die Hand auf und ab, als wollte ſie zu ihrem eignen neumodigen Ge⸗ ſange den Takt ſchlagen, bis auf einmal von dem andern Ende des Zimmers ein Frauenzimmer hervorkam, die ganz in Weiß gekleidet war, als hätte man ſie eben aus einem Putzladen genommen. Ihr ſchoͤnes ſchwarzes Haar war zu beiden Seiten des Geſichtes glatt geſtrichen und hinten in einem großen Knoten zuſammengeſchlungen, durch den eine große goldene Nadel geſteckt war, grade wie Mama eine Spindel durch ihren Flachs ſteckt. Der Kopf der Nadel war ſo groß wie eine Wallnuß und mit einem Stein beſetzt, der wie ein Mädchenherz war,— nicht zwei Minuten gleich, bald roth, bald gelb, bald grün, und dann floſſen alle dieſe Farben wieder ſo zu⸗ ſammen, daß man keine mehr genau unterſcheiden konnte. Es glänzte weiß Gott! ſo daß ich ſchier vergaß, daß es 209 auf einem Weiberkopf ſtak, der mir ſo freundlich wie möglich in's Geſicht ſah. „Der Herr wird ſich im Zimmer geirrt haben?“ ſagte ſie. Die Worte waren kurz abgebiſſen, aber o! ſo ſüß; Zucker und Kandis in jeder Silbe. Die Perſon ſprach ſo ſanft, als wäre ſie von lauter Pfirſichen und Honig groß geworden; und dabei lächelte ſie ſo unbefangen wie nur möglich. Dachte bei mir, der Eſel hat dich vielleicht in den falſchen Gänſeſtall geführt, kannſt's jetzt aber nicht mehr ändern. Trat alſo einen Schritt vor und ſagte: „Wie befinden Sie ſich, Ma'am?“ Ich denke, es braucht nicht viel Aufhebens, wenn ich falſch gekommen bin. Iſt Mrs. Elsler nicht zu Hauſe, ſo mache ich rechts⸗ um und komme ein andres Mal; will aber doch den Brief hier laſſen, ſie könnte ihn gebrauchen. Irgend ſo'n Tölpel hat ihn oben bei mir abgegeben, wird es aber wohl nicht beſſer gewußt haben. Manche von dieſen Yorkern ſind ſo grün wie junge⸗Kartoffeln— gelt Ma'am?“ Ich wartete nicht auf Antwort, ſondern gab ihr den Brief und wollte mich davon machen; aber ſie ſah den Brief und dann mich ſo verwundert an, daß ich nicht wußte, was ich daraus machen ſollte. Nach einigen Au⸗ genblicken ſagte ſie: „Aber das iſt die Kart', ick hab' geſchickt für Mr. Slick, einen der Redactör von der Expreß, der grad iſt angekommen; er wird gewiß nicht ſein ſo bös, ſie wieder⸗ zuſchicken.“ Gracious! dachte ich, Jonathan Slick, diesmal haſt du deinen Zwiebelfaden aßgeriſſen⸗ „War der Herr nicht bei ſich?“ ſagte ſie, abwech⸗ ſelnd den Brief und mich anſehend. Dachte bei mir ſelber:„Du thäteſt beſſer, wenn Du ſeine Mutter danach fragteſt, denn er weiß ſelber nicht, wo ihm dieſen Augenblick der Kopf ſteht.“ Darf Leben in Newyork. 14 210 ſich aber Niemand verblüffen laſſen, der in Newyork vurchkommen will. Streckte alſo meine Hand aus, nahm das Papier wieder, ſchlug mich vor die Stirn und ſagte: „Kann man ſich aber auch ſo irren!“ Mit den Worten ſteckte ich die Hände in die Taſche und ſuchte in allen Winkeln, als hätte ich ihr das falſche Papier gegeben und ſuchte nun nach dem andern. Ich ruhte nicht eher, bis ich mein Taſchentuch hervorgezogen und es aus⸗ geſchüttelt hatte. „Iſt das nicht noch beſſer?“ ſagte ich,„jetzt habe ich es gar verloren. Thut aber nichts, kann einen andern Brief ſchreiben. Sein Sie nut ſo gefällig und ſagen Miß Elsler, daß Mr. Slick bei ihr geweſen iſt, um ihn für das hübſche kleine Andenken zu danken, und daß es ihm äußerſt leid geweſen iſt, Sie nicht zu Haus zu treffen.“ Das Frauenzimmer, das zuerſt an die Thür gekom⸗ men war, ſah die andere an und begann wieder ihr Kau⸗ derwälſch; darauf ſagte die Schwarzhaarige: „O Miſter Slick, Pardon, Pardon! Thut mir leid, Sie ſo lange haben ſtehn zu laſſen. Treten Sie ein! Bin charmirt, Gentleman von der Preſſe zu ſehen, beſon⸗ ders Mr. Slick.“ Mit den Worten machte ſie den zier⸗ lichſten Knir, den ich je geſehn; grade wie eine gefleckte Forelle in einem Teiche ſpringt und nichts als ein leichtes Kräuſeln auf dem Waſſer zurückläßt. „O Jonathan Slick,“ ſagte ich,„haſt wieder im unrechten Beete gejätet. Das hübſche Frauenzimmer iſt, ſo wahr ich liebe, Fanny Elsler; kein Menſch als ſie kann ſolch einen Knir machen.'s iſt wahr, ich wurde ein wenig roth, da ich aber nicht mehr ausweichen konnte, wollte ich auch nicht zurückbleiben an Höflichkeit, trat alſo einen Schritt zurück, ſchwenkte meinen Fuß, daß die Näthe an meinen neuen Hoſen krachten, zog meinen rech⸗ ten Haken bis an die linke Kniehöhle in die Höhe, und verbeugte mich mit ſtudirter Gentilität vorwärts, bis ich 211 meine Augen in die Höhe ziehn mußte, um ſie anzuſehn. Darauf ſchnellte ich wie ein Taſchenmeſſer wieder empor, endete mit einer zierlichen Handbewegung gegen meinen Hut und ſtand kerzengerade vor ihr, wie es einem freige⸗ bornen amerikaniſchen Bürger ziemt. „Miß Elsler,“ ſagte ich,„wie geht's? Können ſich nicht vorſtellen, wie es mich freut, Sie zu ſehen.“ Die Worte und mein Compliment thaten's. Sa noch nie ein Frauenzimmer ſo geſchmeichelt. Die Grüb⸗ chen tanzten um ihren hübſchen Mund auf und ab, wie die Blaſen in einem Glas Cider von der beſten Sorte. Ihre Augen glänzten ſo ſchelmiſch, daß ſie mit jeder Mi⸗ nute ſchöner wurde, und am Ende wie ein Bilderbuch ausſah, in dem ich bei jedem Blick ein neues Blatt um⸗ chlug. Sie ging auf eine gepolſterte Bank zu, die ſo ſchmuck ausſah, daß man ſich ſcheute, ſich darauf zu ſetzen, und winkte mir dann mit ihrer weißen Hand, als wollte ſie ſagen:„Setzen Sie, Mr. Slick, aber nicht zu weit von dieſen viereckigen Kiſſen, denn ich werde mich dagegen lehnen. Ich machte eine halbe Verbeugung, erhob meine Hand und ſagte: „Nach Ihnen ſchickt es ſich für mich.“ Das Frauenzimmer wußte, was gute Sitten heißen wollen. Ihre Augen glänzten und ihre Lippen lächelten wie aufgeblühte Roſenknospen. Fühlte mich nachgerade bei mir zu Hauſe, und nahm alſo, nachdem ſie ſich alſo ge⸗ ſetzt hatte und mir mit ihren ſchelmiſchen Augen in's Geſicht ſah, meine Rockſchöße unter beide Arme und ſetzte mich. Als ich nun aber da ſaß, konnte ich weiß Gott, kein Wort hervorbringen. Ich ſtreckte einen Fuß auf den Teppich aus und legte den andern darüber und dann machte ich's umgekehrt, gerieth aber in immer groͤßere Verlegenheit, bis ich ſie am Ende anſah und als eine Art Einleitung ſagte; 212 „Nichts Neues, Miß Eleler?“ „Wie meinen Sie?“ ſagte ſie lächelnd. „O nichts Beſonders,“ ſagte ich;„aber weiß Gott, Miß Elsler, Sie haben einen r—t ſchönen Fuß, das muß wahr ſein.“ Damit jagte ich mit meinem gelben Handſchuh eine Fliege fort, die ſich auf der Spitze ihres zierlichen ſeidenen Schuhes geſetzt hatte. Dann faltete ich mein Taſchentuch auseinander, putzte meine Naſe und ſteckte es wieder in die Taſche. Darauf dachte ich, es ſei das Beſte, von was anderem anzufangen und ſagte: „Schones Wetter für die Jahreszeit, nicht wahr? es war geſtern doch ein herrlicher Tag.“ „O ja, gewiß. Ich war geſtern am Bord einer franzöſiſchen Fregatte im Hafen und ſo vergnügt.“ „Was für'n Geſchäft war es?“ ſagte ich;„ne Sloop wohl?“ „O nein,“ ſagte ſie,„es war La belle Poule. „Möglich, daß ſie ſie in Frankreich ſo nennen. Aber Miß Glsler, haben Sie ſchon eine ächte Connecticut Sloop geſehn? Das ſind die ächten Vögel. Mein Alter hat grade eine bei Peck-Slip liegen, die alle bell Pulls oder wie ſie heißen mögen, aus dem Felde ſchlägt, das gilt die Wette. Sollte Ihnen eigentlich das Geſchäft zeigen, Captän Doolittle würde ſich zu Tode freuen. Denke, wir gehen nächſtensmal'nunter, um ſie anzuſehn und nehmen ein Glas Cider und einen Biſſen Kaltes in der Kajüte. Was meinen Sie dazu?“ „O es wird mich ſehr freuen,“ ſagte ſie, ſah aber voch etwas verlegen aus; fuhr alſo fort, um ſie zu be⸗ ruhigen. „Laſſen Sie ſich keine graue Haare darüber wachſen. Captän Doolittle iſt immer auf ſolchen Beſuch gefaßt; wollen aber voch übermorgen feſtſetzen, daß er Zeit hat, vie alte Sloop ein wenig aufzuputzen.“ „Wann es Mr. Slick gefällt;“ ſagte ſie mit einer Verbeugung. 213 Weiß Gott, Vater, ich wollte, ihr hörtet das Frauen⸗ zimmer ſprechen. Einige Worte beißt ſie ab und andere zieht ſie wieder in die Länge, wie ein Kind, das erſt ſprechen lernt. Die Art, wie Sie das„Mr. Slick“ hinauszieht, iſt ſo komiſch, daß man meint, ſie hätte ihre Zunge eigens dazu geſchmiert. Gut, nachdem vie Sache mit der Sloop abgemacht war, kam wieder eine Todtenſtille und es wurde mir wieder unbehaglich, ſtand alſo auf und trat an einen Tiſch, der faſt ganz mit Bechern und porzellanenen Scha⸗ len bedeckt war, die ganz voll Blumen ſtaken; nahm alſo eine von ihnen, ſteckte meine Naſe mitten hinein und roch herzhaft daran. Während deß kam Miß Elöler auch, ſtellte ſich dicht neben mich und ſah ſo verführeriſch aus, daß ich grade herausplatzte: „Weiß Gott. Miß Elsler, die ſind beinah eben ſo lieblich, wie Ihr Geſicht.“ Sie ſah mich trotzig an, als ſei ſie nicht gewohnt, daß die Leute ſie rühmten; deßhalb zog ich vie Segel ein und ſagte: „Sind Sie eine Freundin von Blumen?“ Sie lispelte einige weiche Worte, die ich nicht ver⸗ ſtehen konnte. „Sie haben einen ganzen Haufen da,“ ſagte ich. „Gewiß haben Ihre Anbeter ſie Ihnen geſchickt.“ Sie lächelte und ſagte:„Sie ſind mir geſtern Abend alle auf die Bühne geworfen. Die Newyorker Gentle⸗ men ſind ſo galant.“ Ich ſagte kein Wort, ließ mir aber allerlei durch den Kopf gehen. Es war kein einziger ordentlicher, ächter Strauß darunter; lauter kleine zierliche Roſen und Knos⸗ pen und Blätter und kleine weiße Blümchen, wie es ein junger Burſch einem Mädchen zu geben pflegt, das ihm gefällt, aber für ein Eremplar wie Miß Elsler ebenſo wenig paſſen, als ein Pſalmbuch vor der Miſſion. Sie band einen von den Sträußen los, ſteckte einige Blumen in ihren Buſen, wand dann das Band um eine hübſche rothe Roſe und einen Haufen grüner Blätter, verzog ihren Mund zu dem lieblichſten Lächeln und gab mir den Strauß. Aber klopfte das Herz mir und flog mir das Feuer in die Augen! Ich ſteckte die Roſe mit meiner Vorſtecknadel in meinem Hemde feſt und ſah dann die Blumen an, die ſo verführeriſch auf ihrem Buſen lagen. „O wär' ich voch eine Biene!“ ſagte ich;„ich wette, ich weiß, auf welchen Strauch ich mich niederlaſſen würde.“ Sie wußte nicht, wie ſie es nehmen ſollte, und ich ſchämte mich beinah zu Tode über das, was ich geſagt hatte. Na, dachte ich, wenn's das nicht thut, Jonathan, ſo iſs am beſten, Du gehſt Deiner Wege; zog alſo meine Uhr heraus und ſagte: „Ei der Tauſend, jetzt iſi's aber Zeit, daß ich gehe. Vergeſſen Sie unſre Verabredung wegen der Sloop nicht, Miß Elsler.“ Damit ſteuerte ich auf die Thür zu, machte meinen beſten Bückling, und ging hinaus, ohne daß ich recht wußte, wo mir der Kopf ſtand. Bilde mir aber doch ein, daß ſie mir nichts groß übel nahm, denn ſie knirte und lächelte auf's beſte. Kaum war ich aus dem Zimmer, als mich die Neu⸗ gier plagte, und ich wiſſen wollte, was in dem Brief ſtände, den Miß Elsler mir geſchickt hatte. Alles was ich herauskriegen konnte, Madame ma Selle Elssler und ein Wort wie Complimente, aber falſch geſchrieben. Könnt euch nicht denken, wie neugierig ich war. Drehte das Papier nach allen Seiten, wußte aber nicht, ob es Latein oder Griechiſch war, und legte es am Ende ver⸗ drießlich auf das Ofengeſimſe. Rief aber doch in meinem Zorn aus: „Wollte aber doch bei Gott, die Madame ma Selle Elssier ſchriebe eine deutlichere Handſchrift.“ Nach einer Weile nahm ich das Ding wieder her⸗ 21⁵ vor, denn es ärgerte mich, daß ein Mädchen mehr Latein ſchreiben, als ich leſen konnte, der ich ſo lange in die lateiniſche Schule gegangen war; half aber nichts. Dachte am Ende, ſollſt hinunter gehn in's Schenkzimmer, viel⸗ leicht kriegſt Du's da heraus. Ging alſo hinunter und ſagte dem Mann ſo en passant: „Haben alſo eine Auction hier?“ Der Burſch ſah mich vom Kopf bis zu den Füßen an und ſchien mich nicht gleich zu kennen; endlich aber rief er lachend: „Ja ſo, Sie ſind's, Mr. Slick! Eine Auction— nein, daß ich nicht wüßte.“ „Haha!“ ſagte ich und drehte das Papier zwiſchen den Fingern herum, als wenn ich eifrig darin läſe, und lehnte mich gegen ihn als vergäße ich ganz, daß er da ſei. Er ſchielte hinein und ſagte: „Ne hübſche Handſchrift, Mr. Slick,— von'nem Frauenzimmer ſcheint's.“ „Haben die Hand wohl ſchon früher geſehn,“ ſagte ich gleichgültig, als hätte ich das Ding ſchon ein Dutzend⸗ mal geleſen.„Vertrackte kleine Schnörkel, nicht wahr?“ Damit reichte ich es ihm ganz in Gedanken hin⸗ über und er ſchien es wie Waſſer zu leſen. „Das iſt ihre eigene Handſchrift, Mr. Slick; ein großes Compliment für Sie. Mancher würde, ich weiß nicht was darum geben, ſolch ein Billet von der Elsler zu erhalten. Aber Sie nehmen doch ihre Einladung auf heute Abend in's Theater an?“ „In's Theater? ja— meinetwegen.“ „Fragen Sie nur nach der Aſtor⸗Loge,“ ſagte der junge Menſch und nahm wieder das Billet;„wie zierlich ſie doch dieſe Schmeicheleien auf franzöſiſch zu geben wiſſen.“ „Auf was?“ ſagte ich. „Auf franzoſiſch,“ ſagte er. 216 „Ja, ſo,“ ſagte ich und wurde immer neugieriger, was mir das franzoͤſiſche Frauenzimmer geſchrieben hätte. Wie hübſch iſt dieſe Wendung über ihre Talente,“ ſagte er. „O pa,“ ſagte ich innerlich wie ein Ofen aber von Außen ſo kalt wie eine Gurke.„s gilt aber doch eine Wette, Sie können ſie nicht ſo ſchnelk wie ich in ächtes Eugliſch überſetzen und ich will Ihnen noch die Vorhand laſſen.“ Der Burſch lachte und ſagte:„Wenn Sie Yankee⸗ Engliſch ſagten, ſo gäb' ich's zu, aber im Engliſchen möchte ich's noch mit Ihnen wagen.“ „Wer ſich als einen Schwimmer zeigen will, muß in's Waſſer gehen,“ ſagte ich. „Es gilt alſo,“ ſagte er, nahm das Papier und las vom Blatt weg: „Miß Elsler empfiehlt ſich Mr. Jonathan Slick und hofft, er wird heute Abend einen Platz in einer Pri⸗ vatloge im Theater annehmen, wo ſie in der Nathalie und einer Cachuca auftreten wird.“ Dann kamen eine Maſſe der ſchmeichelhafteſten Ausdrücke über mein Talent und beſonders über meine Urtheile über Frauenzimmer, die mich ganz roth machten; aber er las ſo ſchnell, daß ich kein Worl mehr davon niederſchreiben könnte. „Gut ſo,“ ſagte ich freundlich, als er fertig war, und will meine Wette verloren geben,„'s ging Ihnen wie Waſſer vom Munde. Hätten wohl auch ein Paar lange Wörter hineinbringen können, aber tadeln iſt leichter als beſſer machen, und ſo will ich mich für beſiegt er⸗ klären.“ Damit ging ich wieder in mein Zimmer. Euer zärtlicher Sohn Jonathan Slick. —„—„— Zwanzigſter Brief. Jonathan geht in das Comptvir des Erpreß.— Seine Meinung über Zeke Jonas und Bruder Jonathan.— Ent⸗ ſchuldigt ſeine Abweſenheit und ſchließt einen neuen Kontrakt mit den Heransgebern. An Mr. Zephanjah Slick, Friedensrichter und Kirchenälteſten in Weathersfield im Staate Connecticut. Lieber Vater! Nach meinem Beſuch bei Mißi Elsler ging ich auf mein Zimmer, wie ich ſchon ſchrieb, und überlegte, was ich Alles geſagt hatte. Setzte mich einigermaßen in Ver⸗ legenheit, daß ſie mich für einen der Herausgeber des Er⸗ preß gehalten hatte, während ich in Todesangſt war, ob ſie meine Briefe wieder drucken würden, nachdem ich ihnen ſo nach Weathersfield davongelaufen war. Konnte nicht annehmen, daß die Leute wüßten, was Heimweh iſt, und fürchtete, ſie möchten mir rund heraus erklären, ſie wollten nichts mehr mit mir zu thun haben. Dachte aber, s wird das Beſte ſein, du trägſt die Naſe hoch und rückſt den Herrn grade auf den Leib, ſetzte alſo meinen Hut auf und ging graden Wegs in's Comptoir, feſt entſchloſſen, das Ding auf einmal abzumachen. Gut, lief alſo ſpornſtreichs vorwärtsz als ich nun aber das Comptvir zu Geſicht bekam, wurven meine Schritte immer kürzer und ich mußte am Ende ſtill ſtehn und Athem holen. Ging aber trotz der Beklommenheit vorwärts und ſteckte beide Hände in die Taſche, denn ich 218 ſchämte mich der geſtreiften wollenen Handſchuhe, die Mama für mich gemacht hatte, als meine gelben abgetragen waren und die nicht ganz zu meinem andern Anzug paßten. Die Leute blieben, weiß Gott, ſtehen, und ſahen mich an. „Das iſt ja Mr. Slick!“ ſagte der Eine;—„Ja freilich,“ der Andre.—„Aber er ſollte ja todt ſein,“ ein Dritter. Nach und nach kriegte ich wieder etwas mehr Muth und ſagte zu mir ſelbſt: Meinetwegen mögen die Heraus⸗ geber ärgerlich ſein, daß ich nicht nach Waſhington ging, aber es war übermäßig warm und grade Pflanzzeit. Haben meine Briefe was getaugt, ſo ſind ſie auch jetzt wieder froh darüber, und wenn ſie es nicht ſind, ſo will ich ihnen zeigen, daß ich ein ächter, in der Wolle gefärbter Ameri⸗ kaner bin, der in der alten Sloop wieder nach Haus geht und ſich den Teufel daraus macht. Ging alſo gradeswegs in's Comptvir und fühlte mich ganz zu Haus, als ich die Thür öffnete; Alles ſah mich ſo bekannt an. Da ſaß der kleine Kaſſier, wie ſonſt, die Taubenneſter ſteckten voll Zeitungen, ein Stapel weißes Druckpapier lag in der einen Ecke, und der Buchhalter, ein ächter Yankee, ſaß daneben und ſchrieb Notizen auf kleine braune Papierſchnitzel, als wenn ihm der Kopf brenne. Streckte nur gerade den Kopf in vie Thür und ging die Treppe hinauf, ob ich Niemand Bekanntes finden könnte. Wolite ihr hättet's geſehn, wie ſich die Drucker einander anſahen, als ich hereintratz kehrte mich aber nicht dran, ſondern ging durch ein Zimmer, das ganz von Lehrlingen n bis ich an ein kleines Cabinet, ungefähr ſo groß Wie ein Kälberſtall, kam und darin ſaß er ſelbſt, ganz in Zeitungen vergraben. Das Herz ging mir auf, als ich ihn ſah, ſo ſchmunzelte er und ſo dick und rund war er geworden; will wetten, er hat gewiß zwei Zoll um den Leib herum zugenommen. — — 219 „Wollte, er könnte mir auch das Recept geben, dachte ich; aber was hat er da, das ihm ſo gefällt?“ Während ich ſo dachte, blickte der Herausgeber auf, und da ſtand ich, als wäre ich ſeit dem letzten Sommer auf demſelben Platz feſtgewachſen. Gauly offalus! warf er die Zeitung weg, als er mich erkannte, merkte wohl, er freute ſich zu Tode, daß er mich wieder ſah. „Biſt hier noch gut angeſchrieben,“ ſagte ich zu mir ſelber, ging auf ihn zu und ſtreckte ihm die Hand mit⸗ ſammt dem Handſchuh entgegen. „Wie geht's immer?“ ſagte ich. „Was der Tauſend, Mr. Slick, woher kommen Sie?“ agte er. „Direct von Haus,“ ſagte ich;„aber wie iſt es die ganze Zeit gegangen? hoffentlich gut immer.“ Da ſchien es ihm auf einmal einzufallen, er müßte eigentlich boſe ſein; machte alſo ein Geſicht ſo kalt, als hätte er einen ganzen Korb Gurgen gegeſſen. „Jetzt kommt's,“ dachte ich. „Mr. Slick“ ſagte er, und ſah aus, als hätte er Schuhnägel zum Frühſtück gehabt; Mr. Slick, es freut mich, Sie wieder zu ſehen, aber um Gottes Willen, was iſt Ihnen eingefallen, uns mit Ihren Briefen von Waſ⸗ hington ſo ſitzen zu laſſen?“ „Haben Sie jemals Heimweh gehabt?“ ſagte ich, ſteckte beide Hände in die Taſche und beugte mich vor, bis meine Naſenſpitze mit der ſeinen parallel war. „Allerdings,“ ſagte er und zuckte die Achſeln. „Und das Fieber dazu,“ ſagte ich. „Sprechen Sie nicht davon,“ ſagte er und ſchüttelte ſich bei dem bloßen Gedanken. „Iſt ein boͤſer Geſell, das Fieber; gelt?“ ſagte ich. „Entſetzlich,“ ſagte er. „Schüttelt euch die Knochen zuſammen, als wollten ſie nie wieder ſtill ſtehn,“ ſagte ich. „Abſcheulich,“ ſagte er und lachte. 220 „Habe das Fieber aber nicht gehabt,“ ſagte ich. „Was baben Sie denn gehabt?“ ſagte er unge⸗ duldig. „O, es war mir nur ſo, als würde ich's kriegen, wenn ich nicht nach Haus ging, und dokterte,“ ſagte ich. „Aber das war doch kein Grund, ſo davon zu lau⸗ fen,“ ſagte er. „Meinen Sie nicht?“ ſagte ich;„aber das war auch nicht Alles. Ich kriegte einen Brief von Papa, und der ſchrieb mir, die Mutter ſei krank, und mit ihm ſelbſt ging es auch bergab, und ſo ſei kein Menſch da, die Zwiebeln zu jäten, als Judy White und die ſei in der letzten Zeit ſo melancholiſch und—“ „O ich begreife,“ ſagte er und fiel mir in die Rede. Sah vielleicht, daß mir das Blut ins Geſicht ſtieg, denn er lenkte das Geſpräch auf andere Dinge. Schwatzten alſo über das und das, und der Heraus⸗ geber ſieng wieder an in den Zeitungen zu ſtöbern und hin und her zu laufen, als ob ich nicht da wäre. Kriegte alſo meine Handſchuhe heraus, denn es war bitter kalt für die Jahreszeit, zog ſie an, und ſtrich dran auf und nieder, als wollte ich gehen, und hätte doch keine Eile. Nach'ner Weile ſtand ich auf und ſagte:„Na, adien, ich denke, es iſt Zeit für mich, zu gehen.“ „Warum ſo eilig, Mr. Slick?“ ſagte er, immer in den Zeitungen blätternd. Dachte:„Wenn ihr meine Briefe drucken wollt, ſo wird's jetzt bald Zeit;“— aber er las immer weiter, und ich ging auf die Thür zu. „Wäre nicht ſo eilig, aber ich muß nach dem Com⸗ tvir des Bruder Jonathan vorgehen, um meinen Lands⸗ mann, Zeke Jonas zu beſuchen. Prächtiger Kerl, der Zekel einer von denen, die man voll Stolz anſieht. Wa⸗ ren die dickſten Freunde, ehe wir anfingen zu ſchreiben. Habe ihn ſeither nicht geſehn, aber ſeine Geſchichten ſind aus dem Leben gegriffen, und bringen einem die Thränen 221 in die Augen. Er wird ſich freuen, mich zu ſehn, und kann vielleicht den Hernusgeber beſtimmen, daß ſie einige von meinen Briefen in ihrer großen Zeitung abdrucken.“ Dachte:„Wenn dir das nicht zeigt, wo's hinaus will, ſo weiß ich's nicht.“ Das Wort war mir aber kaum aus dem Munde, als der Burſch auffuhr: „Mr. Slick, ſagte er, werden doch nicht für eine andere Zeitung, als die Newyork Expreß ſchreiben wol⸗ len? Das kann ich nimmer Können nicht den⸗ ken, was wir für Angſt hatten, Sie wären todt, als wir keine Briefe mehr kriegten, wie Sie in Wenthersfield wa⸗ ren. Was denken Sie nun? Wollen Sie in Newyork bleiben? Ziehn Sie die Handſchuhe aus und nehmen Platz.“ Schien einen Augenblick nachzudenken, denn er ſollte nicht wiſſen, daß ich nach New⸗York gekommen war, um da zu bleiben; ſagte alſo nach einer Weile: „Will mirs überlegen. Papa wird zwar alt, hilft der Wutter am Ende aber doch gern den Winter über füttern, und vielleicht bleibt Captän Doolittle auch den Winter daheim und hilft ihnen. Aber ich weiß noch nicht recht, wie ichs machen ſoll. Ich habe keine Sonntags⸗ kleider, die ganz ſind, wie ſie ſein ſollten. An meinen Dandy⸗Hoſen brachen mir gleich die Kniee, als ich das erſte Mal in ihnen niederknieete, um Zwiebeln zu jä⸗ ten, und ich weiß wirklich nicht, mit was für Augen die Mädchen in Broadway den Anzug anſehn würden.“ „O, Kleinigkeiten, Mr. Slick,“ ſagte er,„was kümmert das Schriftſteller,“ und Lamit betrachtete er meine Hoſen mit ſolchem Wohlgefallen, als hätte er gern ein Muſter davon gehabt. Das beruhigte mich wie⸗ der ein „Das verſteht ſich von ſelbſt,“ ſagte ich.„Aber nun ich ſie recht ſ meine ich, ſie ſind doch nicht zu ver⸗ achten— gelt?“ Mama hat ſie ſelber für mich geſpon⸗ nen und gemacht, ehe ich von Haus fort ging. Sie hat ſie nach meinen Dandy Rock und Hoſen zugeſchnitten und das Ding gut getroffen. Werden's alſo wohl thun. Je⸗ dermann in Weathersfield wollte ſeine Kleider nach mei⸗ nem Schnitt haben“— ſagte ich renommirend, denn, wißt ihr, es gibt Leute, bei denen man immer den beſten Fuß vorſetzen und den Mund etwas voller nehmen muß, als man eigentlich ſollte. Der iſt ein großer Narr, der zu viel aus ſich ſelber macht, aber das habe ich yür in Newyork ſchon erfahren, daß wer Andern eine gute Moinung von ſich beibring will, mit ſeinen Vorzügen nicht hinter'm Berge halken darf.„Ein gutes Aeußere für die Welt und ein gutes Herz im Innern war die beſte Lehre, die ihr mir in Wea⸗ thersfield gegeben habt. Sagte alſo dem Herausgeßer, indem ich ſo grade wie ein Beſenſtiel daſtand, meinen Hut ſtrich und dann beide Hände in die Taſche ſteckte, um recht gleichgültig auszuſehen: „Wenn Sie alſo meinen, die thun's, ſo will ich meinetwegen wieder ein Geſchäft mit Ihnen machen. Viel⸗ leicht kömmt's mir aber wieder in den Sinn, nach Waſ⸗ hington oder Weathersſield zu gehen und dann ſtehe ich für Nichts: Will Ihnen übrigens ein Paar Briefe geben, obwohl meine Hand ganz aus der Uebung gekommen iſt. Kann Ihnen ſagen, Zwiebeln aufweichen und Briefe für genteele Leute ſchreiben, iſt ein Unterſchied. So, wären jetzt alſo im Reinen und ich will machen, daß ich fort⸗ komme.“ Damit gab ich dem Herausgeber des Erpreß die Hand und ging wohlgemuth wieder zur Sloop. Euer zärtlicher Sohn Jonathan Slick. 1 5 Einundzwanzigſter Brief. Jonathan beſucht Mr. Hogg's Garten und nimmt einen Strauß.— Wundert ſich über die Forderung, ihn zu be⸗ zahlen.— Kauft ein“ und geht in's Theater. An Mr. Zephanjah Slick, Friedensrichter und Kirchenälteſten in Weathersfield im Staate Connecticut. Lieber Vater! Kaum war ich in der Sloop, als ich meinen Rock auszog, denn in Aſtor⸗Houſe war es mir noch nicht heim⸗ lich genug, um da zu ſchreiben. Ich ſetzte mich in die Kajüte, ſtreckte meine Beine auf ein Butterfaß, ſtreifte meine Manſchetten herauf und ſchrieb den Brief, den ich euch neulich ſchickte, auf einer Zwiebeltonne, ohne aufzu⸗ hören, denn es drängte mich, euch wiſſen zu laſſen, wie es mir geht. Mußte aber plötzlich aufhoͤren, denn es kam Jemand an Bord, um mit Captän Dolittle um die Ladung Cider und Gemüſe zu handeln. Fürchtete aber, ſie möchten mir in meinem Schreibpult herumſtöbern, machte mich alſo alle, ſieckte den Brief nach Schriftſteller Weiſe in mein Hutfutter und ging in das Comptoir des Expreß. Ich ließ den Brief dem Buchhalter und fragte ihn, wo man wohl einen rechten Blumenſtrauß kriegte, wenn einem die Luſt dazu anwandelte. Er ſagte mir, ich ſollte nur den Eaſt⸗River entlang zu Mr. Hogg gehen, oder noch beſſer an Bord einer der Harlem Kutſchen gehen, die brächte mich für einen Ninepence grade hin. 224 „Gut,“ ſagte ich,„das Geld bringt einen nicht um, will alſo fahren.“ Gut, ſteckte mich alſo in eins von den Dingern, die wie eine Kleinkinderſchule auf Rädern ausſehen, und nachdem ich meine Ninepence gezahlt hatte, ging's vor⸗ wärts, bis wir bei der Aſtoria⸗Fuhre ungefähr hielten. Suchte ein wenig herum, bis ich Mr. Hogg's Garten fand und trat ein. Ein großer, ſchlanker Burſch mit einem gutmüthigen Geſicht kam auf mich zu, während ich mich da umſah, und ſah ſo ordentlich aus, daß ich mich ganz wie zu Haus fühlte. „Wie geht's?“ ſagte ich,„freut mich, Sie zu ſehen. Man hat mir geſagt, Sie hätten hier Bougquets, aber ich ſehe noch keine.“ „Kommen Sie nur mit mir,“ ſagte er,„Sie werden ſo viel finden, als Sie wünſchen.“ „Gut, ich wünſche eine gute Portion, beſonders Ringelblumen und Herbſtroſen,“ ſagte ich. Anſtatt nun mit mir in den Garten zu gehen, öffnete er die Thür eines großen, langen, niedrigen Hauſes, das ein mächtig großes Fenſter im Dache hatte und ſagte: „Treten Sie näher.“ Ich denke, ich trat näher, denn das Haus war voll der ſchönſten Bäume und Sträuche, die ich je geſehn, und alle waren voll Blüthen und rochen ſo ſuüß, daß ein Beet Zwiebeln, wenn es in ein Schneegeſtöber von Blü⸗ then ausbricht, Nichts dagegen iſt. Aber zog ich's mit großen Zügen ein. Dieſe Blumen zwiſchen Bäumen und Sträuchen kommen mir wie die jungen Mädchen in der Welt vor; ſind ſie auch zu nichts nutz, ſo ſind ſie doch hübſch anzuſehen, und ohne ſie wäre die Welt dunkel und langweilig. Einige Weiber mögen ſchlecht genug und boſe wie Schierling ſein, aber ich will doch lieber Sträuche mit Dornen, als gar keine. Einer von den Bäumen zog meine Augen beſonders auf ſich, als ich hereintrat; er hing ganz voll von großen, 225 dicken Orangen, und ihr dürft mich einen Lügner ſchelten, wenn nicht zu gleicher Zeit ganze Hände voll weißer Blü⸗ then durch die grünen Blätter hervorbrachen, und das an denſelben Zweigen, an denen die Orangen hingen. War weiß Gott, als wenn ſich Frühling und Sommer in ein⸗ ander verliebt hätten und einander auf demſelben Baum in den Armen lägen. Und welch ein Duft ſtrömte einem von dem Baum entgegen! Ich fühle es mir in die Naſe ſteigen, mein Haar durchdringen, bis mir ſelber ſo ſüß zu Muthe war, als wäre ich in einen Keſſel voll gekochter Roſenblätter getaucht. Mr. Hogg ging zwiſchen den langen Reihen der Bäume umher, die von einem Ende des Hauſes bis zum andern faſt an's Dach reichten, hatte ein Meſſer in der Hand und ſchnitt hier und dort grüne Blätter und roche Roſen ab, daß er im Augenblick einen Strauß zuſammen hatte. War mir aber doch noch nicht recht, denn er nahm nicht die großen aufgeblühten Blumen, ſondern lauter kleine Knospen, als wüßte er nicht, für wen ich ſie haben wollte. „O gehen Sie,“ ſagte ich, als er mir eine ganze Handvoll mitten in den grünen Blättern reichte;„meinen Sie, Sie koͤnnen mich damit abſpeiſen das iſt noch kein Flohbiß gegen das, was ich möchte. Jezt nehmen Sie mir ein Paar Herbſtroſen und Ringelblumen, und Mohn und wenn ſie ein Paar große Hortenſien haben, deſto beſſer, ſo ſteckt man ſie in die Mitte. „Mr. Hogg ſperrte Naſe und Mund auf, als wüßte er nicht, was er dazu ſagen ſollte.“ „Die Jahreszeit iſt für dieſe Blumen vorüber und ich habe keine in's Warmhaus gethan,“ ſagte er. „Nun ſo thun Sie nur, was in Ihren Kräften ſteht, ſagte ich, nehmen Sie überall die größten Blumen und ſein Sie nicht ſparſam, denn es ißt für ein Capitalmädchen.“ Mr. Hogg ſuchte alſo noch einige große rothe und gelbe Blumen und ſteckte ein Paar lange blaue hinein, Leben in Newyork. 15 226 und es dauerte nicht lange, ſo gab er mir einen ganz anſtändigen Strauß. Nachdem ich es von allen Seiten betrachtet, machte ich Mr. Hogg eine Verbeugung und ſagte: „Ich bin Ihnen ſehr verbunden, wenn Sie mal im Sommer nach Weathersfield kommen, wird Mama Ihnen mit der größten Freude eben ſo viel geben. Sie verſteht ſich prächtig auf das Blumenziehen.“ Er ſah mir ganz ernſt in's Geſicht, ſchien aber doch nicht ſo recht zufrieden zu ſein, und nachdem er ſein Meſ⸗ ſer ein Paar Mal auf und zugeklappt hatte, ſagte er: „In der Regel verkaufen wir unſre Bouquets.“ „Gut,“ ſagte ich,„möglich, daß ich dieſe Tage ein Paar gebrauche; will dann vorkommen, bleibe Ihnen in⸗ zwiſchen für die Blumen aber doch verbunden.“ Ich wollte ihm einen Fourpence für ſeine Mühe in die Hand drücken, aber er ſah nur zu ſehr wie ein Gent⸗ leman und Weathersfielder Kirchenälteſter aus, ſo daß ich mich ſchämte, ihm Geld anzubieten. Machte ihm alſo noch eine Verbeugung und ging fort, während er mir nachſah, als hätte ich ihm ein Schaaf geſtohlen. Ich wollte ſeitdem, ich hätte ihm den Fourpence angeboten, denn er ſchien ſo etwas zu erwarten. Auf dem Heim⸗ wege trat ich in einen Laden vor und kaufte eine Elle breites gelbes Band. Das band ich mit einer doppelten Schleife um meinen Strauß, daß die beiden Enden her⸗ unterhingen, nahm ihn in die Hand und ging in's Thea⸗ ter, denn es war beinah dunkel. Euer zärtlicher Sohn Jonathan Slick. Zweiundzwanzigſter Brief. Jonathan gibt eine Beſchreibung des Theaters, der Sperr⸗ ſitze n. ſ. w. Seine Anſichten über Miß Elslers Tanz und im Allgemeinen darüber, daß Maͤdchen tanzen.— Jona⸗ than nimmt Williams in dem komiſchen Liede:„Wer kauft alte Jungfern und Junggeſellen,“ für einen Auk⸗ tionator, der„la belle Fanny“ dem Meiſtbietenden zu⸗ ſchlägt.— Jonathan ärgert ſich, daß ſie nach einem ſo hohen Gebot nicht ſein iſt.— Er wirft ſeinen Strauß Fanny zu Füßen.— Geht hinter die Conliſſen und ſchil⸗ dert, wie es dort ausſieht.— Iſt galant und begleitet Fauny heim nach Aſtor⸗Honſe. An Mr. Zephanjah Slick, Friedensrichter und Kirchenälteſten in Weathersfield im Staate Connecticut. Lieber Vater! Der Thürhüter im Parktheater ſchien mich zuerſt nicht zu kennen, doch kaum hatte ich meinen Namen mit allen Schnörkeln aufgeſchrieben und ihm hingereicht und geſagt, ich hätte gern die Loge des Aſtor⸗Houſe, als er auf einmal ſo hoͤflich, wie ein Korb voll Späne wurde. Er übergab mich einem andern Burſchen, der mich die Treppe hinauf durch eine lange, dunkle Gallerie führte, bis er vor einem hübſchen kleinen Verſchlag ſtehen blieb, der über und über mit rothſeidenen Gardinen behangen war, und hübſche Mahagony⸗Rahmen hatte, die vorne mit rothen Kiſſen belegt waren.— Der Burſch ſchloß hinter mir zu, ich ſetzte mich auf 228 einen der Stühle und betrachtete mir das Theater in aller Ruhe. Von meinem Platz betrachtet, ſah es aus, als hätte Jemand ein ungeheures Hufeiſen zum Muſter hingelegt und dann eine Reihe Bänke nach der andern darüber gebaut, bis er des Dinges müde geworden und eine Art Himmel mit Gemälden und allerlei goldenen Schnörkeleien darüber hergebreitet hatte. Vor der Bühne hing ein meineidig großer Vorhang mit einem indiſchen Grabhügel in der Mitte, auf dem ein Haus gebaut war. Rund herum trieben ſich eine Menge gemalter Burſchen, Indianer und Neger in allen möglichen Stellungen herum. Einer der Burſchen hatte ſich neben einem Pfoſten niedergekauert, und im Buſen etwas, das wie ein Büſchel Zwiebel ausſah, und hielt eine kurzſtielige Bratpfanne in der Hand, als wartete er nur auf das Feuer, um ſich eine Mahlzeit zu kochen. Ich ſaß noch nicht lange da, als die Leute wie ver⸗ rückt in's Theater ſtrömten; meiſtens Männer, hie und da ein Paar Frauenzimmer dünn dazwiſchen geſät. Es dauerte nicht lange, ſo war das ganze Theater von unten bis oben voll, ſo daß ich mich ſchier ſchämte, ſo viel Platz für mich allein zu haben, während die an⸗ dern ſich ſo zuſammen preſſen mußten, daß keine Nadel⸗ ſpitze zu Boden fallen konnte. Dachte aber am Ende doch, Jeder ſorgte für ſich ſelbſt; ſei zufrieden, daß Du bequem ſitzen kannſt. Lehnte mich alſo über die Brü⸗ ſtung und ließ eine Hand ſo gleichgültig herunterhängen, als gehörte das ganze Theater mir. Nach einer Weile rollte ſich der Vorhang in die Höhe, und es ſah zum Lachen aus, als ſich die gemalten Kerle zuſammenlegten, erſt die Füße, dann die Beine, dann Kopf und Schultern, endlich auch der Grabhügel mitſammt dem Hauſe, bis endlich Alles— Gott weiß wie— an einer Stange unter dem Dache hing. Gut, der Vorhang war alſo aufgerollt und dahinter ein Bild, das wohl der Mühe werth war, anzuſehn. Ein 229 großer, hoher Berg war in der Mitte, mit Zäunen und Brücken und Bäumen, ſo natürlich, daß man ſich gern in ihren Schatten gelegt hätte; auf dem Wege, der ſich zur Spitze ſchlängelte, waren Ochſen und Kühe mit ihren Hirten, und am Fuße, des Berges ein kleines Haus, halb in Weinlaub und Geisblatt verſteckt, das mir ſchier Heimweh machte. Auf einmal hörte man ein Hirtenhorn zwiſchen den Felſen, wo ein Haufen hübſcher Mädchen tanzte und lachte und ſprang den Berg hinunter, mit fliegenden Locken und Blumenſträußen, weißen Röcken und einer Menge Bändern, und Füßen— ja Füßen, daß einem der Athem in der Bruſt ſtecken blieb, wenn man ſie unter ihren weißen Röcken hervorgucken ſah. Sobald ſie auf dem flachen Platz vor dem Hauſe angekommen waren, fingen ſie an zu tanzen und die Beine links und rechts zu werfen, daß alle Yorker Mäd⸗ chen dagegen nur einpacken konnten und ſich ſchämen mußten. Sag' euch, ging über Alles, war ächt yankee⸗ iſch von Kopf bis zu den Füßen. Hatte große Luſt hinunter zu gehen und eins mit ihnen zu verſuchen. Wäre der Mühe werth geweſen, mit ſolchen Mädchen und ſol⸗ cher Muſik einen double shuffle zu machen. G.. v.—„ Vater, das Blut wäre euch auch durch eure alten Adern gerollt, obwohl ihr Friedensrichter und Kirchenälteſter ſeid. Nach einer Weile kam eine Figur auf's Theater, die gerade wie ein Zinnkrämer außer Arbeit ausſah; ein ſchlei⸗ chender Kerl mit einem Hut mit umgeſtülptem Rande auf dem Kopfe. Er trampte umher und warf die Arme, bis die Mädchen wieder auf den Berg an die Arbeit lie⸗ ſ wie eine Brut Küchlein, die ein Hühnerhabicht ver⸗ olgt. Der Kerl geberdete ſich wie ein Truthahn, als auf einmal Miß Elsler, noch hundertmal ſchoͤner, wie in ihrem Hauſe hereinkam und einen Schiebkarren vor ſich her ſchob. 230 Gaully oppalus! Das war aber ein Stück! Die andern waren gegen ſie wie ein Gänſeblümchen gegen eine Sonnenroſe. Wie eine Bachſtelze über die Kieſel trippelte ſie einher. Sie hatte einen an beiden Seiten in die Höhe geſchlagenen Strohhut, der ihrem Geſicht einen ſo ſchelmiſchen Ausdruck gab, auf und trug eine neumodige Jacke mit offnen Aermeln, die ein Paar der rundeſten Arme und eine kleine Hand, ſo weiß wie But⸗ termilch zeigten. Mit dem Hut und der Jacke hätte man ſie für einen hübſchen Jungen halten können, das Uebrige ließ aber keinen Zweifel aufkommen. Mary Beebe konnte keinen größern Buckel aufweiſen als ſie hinten hatte. Im Uebrigen trug ſie ungefähr ebenſo viel Mädchen⸗ als Jungenkleider, und das kurze Röckchen zeigte einen ziem⸗ lichen Theil des Geſtelles, das in ein Paar Füßchen aus⸗ lief, die um die Welt nicht ſtill geſtanden hätten. Alles in Allem, muß Jeder geſtehn, daß ſie ein Muſter von Schönheit iſt und die anmuthigſten Manieren von der Welt hat. Kaum war ſie herein, als die Leute im Theater an⸗ fingen zu ſtampfen, zu ſchreien und einen Höllenlärm zu machenz ſie ließ im Augenblick ihren Schiebkarren fallen, als wäre es eine heiße Kartoffel und fing an zu kniren und zu lächeln, und legte ihre hübſche Hand auf ihr Herz, daß ſich meine Bruſt wie ein Blaſebalg hob. Dauerte beinah drei Minuten, bis die Kerle mit ihrem Spectakel aufhörten. Als ſie ein klein Wenig nach⸗ gelaſſen hatten, nahm ſie ihren Schiebkarren und tänzelte den Berg hinauf, wie ein junges Füllen, dem man ein Gebiß anlegen will. Der Zinnkrämer war gleich hinter her und ſchwän⸗ zelte um ſie herum, daß mir das Blut zu Kopfe ſtieg Wollte ſie mal einen Pankee haben, warum nahm ſie denn nicht einen Burſchen, der auch das Anſehn werth war? Es kommt einem aber, weiß Gott, bisweilen vor, als ob die Mädchen, und wenn ſie die Geſcheidteſten ſind, 231 nicht Weizen von der Spreu unterſcheiden können. Will's grade nicht behaupten, aber es kam mir ſo vor, als hätte ſie einen Blick nach der Aſtorhouſe⸗Loge geworfen. Das hätte den Kerl toll gemacht, wenn er's geſehn hätte. Am Ende kamen die beiden Leute wieder mit einan⸗ der zurück. Das Mädchen hatte ein rothes Band in der Hand und ihren Strohhut irgendwo im Gebüſch verlo⸗ ren. War, weiß Gott, wunderbar, wie ſie den Hans⸗ Dampf mit dem rothen Band foppte; zuerſt that ſie, als wollte ſie es ihm geben, und wenn er grade zugreifen wollte, zog ſie es ihm durch die Finger und ſchwenkte es um den Kopf, als wäre es ein Blitz, mit dem ſie ſpielte. Freute mich ſchier zu Tode, was für ein dummes Geſicht der Kerl machte, wie ſie ihm bald ihren ſchmeichelnden Mund dicht unter die Naſe ſteckte, und ſich dann herum ſchwenkte, daß ihm das rothe Band um den Kopf flog. Aber, oh gracious! hätte ich in den Schuhen des Burſchen geſtanden, ohne Kuß wäre ſie mir nicht davon gekommen, und Ihr ſelbſt, Vater, glaube ich, hättet ihr einen Schmatz gegeben, wenn Ihr da geweſen wäret, ſo alt Ihr ſeid. Sie ſchmeichelt und kost, daß einem das Blut im Herzen kocht, und wenn er ſo alt und ſo kalt wie Methuſalem wäre. Wundert mich jetzt uicht mehr, daß die Leute ſtam⸗ pfen und in die Hände klatſchen; ich ſelbſt ließ auch ein kleines Erdbeben los. Ich wollte aufhoören, half aber Alles nichts. Das Mädchen iſt wie eine Rakete; ſie platzt auf einmal los und nimmt einem in der Geſchwin⸗ digkeit alle fünf Sinne mit fort. Ich ſetzte mich wieder, und knickte zuſammen wie ein Kohlkopf in der heißen Sonne. Nach einer Weile kamen die Mädchen wieder von dem Berge und machten ihre Capriolen, und mit ihnen kam ein ſchlanker, hübſcher Mann, mit einer Federmütze und ganz mit Gold und Edelſteinen bedeckt, der eine un⸗ menſchlich lange Frau, die ganz in Grün wie ein Laub⸗ 232 froſch gekleidet war, an der Hand führte. Sie gingen in ein kleines Haus mit Glasfenſtern und ſetzten ſich, um dem Tanz zuzuſehen. Aber fegten die auch herum! Luſtig, heiſſa hopſaſa! Hurrah! Jungen ſprangen herum, wie Schafe zur Salz⸗ zeit. Endlich gaben ſie's auf, und Fanny trat mit dem kleinen Pankee hervor, als wollten ſie eins mit einander wagen. Sie hatte einen andern gelb und blau geſtreiften Rock angelegt, die aber ſtatt herauf und herunter zu ge⸗ hen, einen Fuß breit waren und wie Faßreifen rund herum liefen. Ihren Hut hatte ſie nicht mehr, und eine Maſſe des ſchwärzeſten Haars, das ich je auf einem Mädchenkopf ſah, war an beiden Seiten heruntergeſtrichen und hinten in einen Knoten zuſammengebunden, in dem ein Strauß rother Roſen ſteckte und ein roſa Band, das etwa ſo lang wie Euer Zopf, Vater, wenn Ihr in die Kirche geht, über ihre Schultern herabhing. Der kleine Kerl fing zuerſt an zu tanzen und es war zum Todtlachen, wie er ſich abquälte, während ſie daneben ſtand, ihr Köpfchen auf die Seite legte und ſo vergnügt ausſah, als wollte ſie alle Augenblick los⸗ platzen; und doch ſah er nicht, wie ſie ihn ausſpottete. Als der Burſch fertig war, kam Miß Elsler ſo leiſe wie ein Schneegeſtöber herangetrippelt, wirbelte ihre Füßchen herum und tauchte unter, als ob ſie in der Luft ſchwämme. Sie ſchwamm aber wahrlich auch. Es war wie ein Vogel im Frühling auf einem Apfelbaum, oder ein Kinderdrachen, der im Südwind ſteigt und fällt. Sie machte keine Pas und Shuffler, wie ich es von den Andern geſehen hatte; und ſchob und drehte auch nicht, wie die faulen Modedinger, ſondern war ſo luſtig wie ein Vogel, ſo flink wie ein Grasſpringer und ſo ſanft wie eine mehlige Kartoffel, von der die Haut abgezo⸗ gen iſt. Plötzlich hoörte ſie auf, breitete ihre Arme aus und 233 verneigte ſich gegen den Burſchen, als wollte ſie ſagen: „Mach's beſſer, wenn Du's kannſt.“ Dann fing er wieder an, und dann ſie wieder, die Reihe herum, bis ſie am Ende losging, wie ein Schwär⸗ mer am 4. Juli. Ein Fuß flog in die Höhe wie ein Flügel und brrr!— drehte ſie ſich herum, wie ein los⸗ gelaſſener Komet. Dann ließ ſie ihren Fuß allmälig herunter, wie ein Falk ſeinen Flügel faltet, und hüpfte leichtfüßig auf die Seite, indem ſie den Yankee durch einen Knir und eine Handbewegung noch einmal heraus⸗ forderte. Der Burſch machte ſich aber aus dem Staube, als wagte er's nicht und der ganze Schwarm kam varauf wieder und plauderten wie Taubſtumme unter einander durch Zeichen. Es nähme aber eine Woche von Sonn⸗ tagen weg, wenn ich Euch alles erzählen wollte. Das Ende vom Lied war, daß ſie den hübſchen Burſchen, der mit ihr fortlief, heirathete, und dann kam ſie wieder heraus, ganz in Weiß gekleidet, Diamanten im Haar und um den Hals, und ihr Kleid glänzte wie ein bethauter Schneeballbuſch im Frühſommer. Guter Gott! iſt ſie aber ſchön, ohne Schminke und Putz, und tanzt ſie! Die Leute ſtampften und ſchrieen wie ein Haufen India⸗ ner, als der Burſch ſie um den Leib faßte und ſie auf einem Bein ſtand und das andere ausſtreckte; ihr Köpf⸗ chen hatte ſie gegen ſeine Bruſt gelehnt, wie ein weißer Schwan, der fortgeflogen wäre, wenn er ihn nicht ſo feſt⸗ gehalten hätte. Es war einem wahrlich, als ſträubten ſich die weißen Federn vor lauter Luſt, fortzufliegen. Der verdammte Kerl! es machte mich wild, daß er ſie ſo feſt hielt, als wenn Niemand auf der Welt wäre, als er ganz allein. Ich will gehenkt werden, wenn ich ihn nicht mit Seelenfreude zu Boden geworfen hätte. Es war ſein Glück, daß der Vorhang ſchnell herunter⸗ fiel, ſonſt weiß ich nicht, was ich gethan hätte. Ich hatte die Auction faſt ganz vergeſſen, denn 234 nachdem mir der Kellner in Aſtor⸗Houſe die Karte vorge⸗ leſen hatte, dachte ich, es müſſe ein Irrthum untergelau⸗ fen ſein. Auf einmal kam aber ein komiſcher kleiner Kerl heraus und ſang eine Menge Frauen und Männer ab, die verauctionirt werden ſollten. Dachte bei mir:„Hole mich der Kukuk, überbiet mir einer das ſchöne Mädchen, ſo gibt's böſe Händel, meiner Seel!“ Er ſchlug eine alte Jungfer und eine Wittwe und einen Irländer los und rief grade einen al⸗ ten Junggeſellen aus, als ich mir in den Kopf ſetzte, ich wollte auf ſie bieten und wenn ich auch die alte — und das Gemüſe und Alles miteinander verkaufen müßte. Ich wußte, daß die Sloop und die Ladung nicht mein waren, aber das Mädchen ſaß mir ſo feſt im Kopf, daß ich nicht mehr gut und böſe unterſcheiden konnte. Für den Augenblick vergaß ich Judy White und alle Mädchen auf der Welt. Der Burſch fuhr fort zu ſingen und loszuſchlagen, aber ich hörte Niemand bieten, dachte drum, ſie thäten es durch Kopfnicken. Das ſei die Mode bei den großen Auctionen in York, hatte man mir ge⸗ ſagt. Grade am Ende der Liſte, ſagte er, jetzt käme das Beſte für junge Leute, ein Mädchen von achtzehn Jahren, und dann fing er an ſie zu loben— aber ich weiß nicht mehr Alles, was er ſagte, ich war zu aufge⸗ regt. Dachte bei mir, das iſt Fanny Elsler, ſo gewiß als zwei mal zwei vier iſt, und der T— ſoll mich ho⸗ len, wenn mich einer übernickt. Stand alſo auf, lehnte mich über das Kiſſen und zwinkerte dem Auctionator mit den Augenlidern zu, daß es gräßlich anzuſehen war. „NRiemand mehr!“ rief er und hob ſeine Hand aufz —„Niemand mehr.“ Ich winkte ihm aus Leibeskräften. „Zum Erſten und Zweiten!“— Ich nickte mit meinen Augen, bis ſie Feuer ſprühten und ſtreckte beide Hände aus. Das Herz klopfte mir vor Spannung.„Und zum 235 Dritten,“ rief er, machte dem Publikum eine Verbeugung und ſprang fort. k. 33 zurück und nahm beide Hände vor die Au⸗ gen, denn ich dachte, trotz meines Winkens, hätte ein Anderer das hübſche Mädchen gekriegt. War anfangs ſo wild, daß ich einen Nagel in einem Ruck durchge⸗ biſſen und ſchier laut aufgeweint hätte. Beruhigte mich aber am Ende und dachte, Niemand könne mit einem Auge ſo ſtark winken, wie ich mit beiden, wollte alſo nachher den Auctionator zur Rede ſtellen und mein Recht geltend machen. n Dann kam ein anderes Stück, aber ich fühlte mich ſo niedergeſchlagen, daß ich hinausging, um den Auctio⸗ nator zu ſuchen, aber Niemand ſchien mich zu verſtehn, wen ich ſuchte, bis ich am Ende, nachdem ich wie eine Katze in einem fremden Revier herumgeirrt war, den Mann vor der Thür fragte; der ſagte mir, er ſei fortgegangen, würde aber den andern Morgen wieder kommen. „Gut,“ ſagte ich,„will wieder kommen und er ſoll ſehen, daß er ſeinen Mann findet, der ſich nicht bei der Naſe herumführen läßt, obwohl ich vom Lande bin.“ Damit ging ich wieder zurück in die Aſtor⸗Houſe⸗ Loge, grade noch zur rechten Zeit, um Fanny Elsler, auf die ich geboten hatte, wieder auf der Bühne zu ſehen. Da war ſie, ganz in gelbe Seide gekleidet, mit einer Menge ſchwarzer Bänder und ſprang und hüpfte, wie eine verliebte Goldamſel hinter ihrem Männchen. In jeder Hand hatte ſie eine Klapper und raſchelte damit bei jeder neuen Wendung; bisweilen ging es klapper, klapper, klapper, ſo ſchnell wie ein Blitz und dann wieder klepp, klepp, klepp; jetzt ſtieß ſie mit dem Kopf beinah gegen die Decke und der Höcker auf ihrem Rücken war dicker wie je; dann hielt ſie die Arme über den Kopf, und die Klappern machten einen ganzen Hagelſturm von Lärm, 236 dann wieder ſtreckte ſie beide Arme aus und fuhr mit den Beinen hierhin und dorthin, daß ich wirklich nicht wußte, was ich daraus machen ſollte, bis ich auf das Papier ſah, das mir der Mann gegeben hatte und ſah, daß ſie eine Cachuca mache; wenn es aber kein Tanz war, ſo war es wenigſtens verwandt damit. Vielleicht Cachuca auch auf Franzöſiſch Tanz— ich weiß es nicht. Zuletzt warf ſie ihren Fuß hinaus, die Arme in die Höhe und wollte grade fort, wie eine Forelle an der Angel, das Volk fing aber an zu ſchreien und zu ſtam⸗ pfen, bis ſie wieder zurückkam, ſie mochte wollen, oder nicht. Ganz beſcheiden kam ſie zurück und knirte und lä⸗ chelte und ſah ſo freundlich aus, daß ich meinte, die Männer würden durch ihr Schreien das Dach vom Hauſe blaſen, ſo ſtampften und ſchrieen ſie, als auf einmal eine Unmaſſe von Blumen ſo dick wie Hopfen auf ſie nieder⸗ geflogen kam. War aber kein einziger unter ihnen, der dem, welchen ich in meinen Hut geſieckt hatte, das Waſ⸗ ſer reichte. Ich ſprang auf, nahm das Ding in beide Hände, zog, als die andern fertig waren, die Arme zurück, und warf es über die Lampenreihe, daß die gelben Bänder hinterher flatterten, Fanny Elsler grade vor die Füße⸗ Gaully oppalus! die ſprang in die Höhe und das Publikum fing wieder an zu ſchreien, daß das Dach auf's Reue in Gefahr kam. Den Burſchen ſchien auf einmal der Kopf aufzugehn, wie ein Blumenſtrauß eigentlich ſein müſſe, als ſie meinen unter all den kleinen Dingern ſahen. Nach dem erſten Schrecken ſchien Miß Elsler ganz außer ſich vor Freude über den Strauß, der ſo duſtend und verführeriſch zu ihren Füßen lag und ſchickte einen ihrer mörderiſchen Blicke nach einem nicht unebnen Bur⸗ ſchen, der ſich mit ſeiner karrirten Weſte über die Aſtor⸗ 237 Houſe⸗Loge lehnte. Ich will weiter nichts ſagen, aber Jonathan Slick iſt nicht von Kindesbeinen auf bei hus- king frolicks und Apfelſchneidefeſten geweſen, ohne daß er den Blick eines Mädchens verſteht, wenn ein jun⸗ ger Mann ihr gefällt und ſie ihn bei ſich zu ſehn wünſcht. Ich nickte mit dem Kopfe zum Zeichen, daß ich ſie verſtehe, und ſaß dann ganz ſtill, aber voll Ungeduld, bis ein Mann kam und einen ganzen Arm voll Blumen⸗ ſträuße aufhob. Wie er zu meinem Strauß kam, mußte er ſich auf ein Knie niederlaſſen und hatte ſeine Noth, bis er ihn unter die andern hineingebracht hatte; und als Miß Elsler ſie alle in ihre Arme nahm und wieder ihre Knixre machte, lag der Strauß richtig oben auf, dicht an ihrem Buſen und bedeckte faſt ganz ihren ſchönen, weißen Nacken. Grade als ſie abging, warf ſie mir wieder einen ihrer verführeriſchen Blicke zu, und ſteckte dann ihr hüb⸗ ſches Geſicht ſo anmuthig in meinen Blumenſtrauß, daß ich mich nicht länger hielt, ſondern aufſtand und den Schließer beſchwatzte, daß er mir den Weg nach dem Theater zeigte, wo ſie war. Der Burſch führte mich durch eine Gallerie, dann die Treppe hinauf durch eine kleine Thür und ließ mich dann an einer Treppe ſtehn, die ausſah, als würde ſie mich grade in den Keller führen. Sag' euch, habe noch nie ſo ein dunkles, krummes Ding geſehn, das iſt ein Jact. Wollte abermal vorwärts, und dann hält mich Nichts auf, ging alſo holterdibolter hinunter, mitten durch die Farbentöpfe, Latten und qualmigen Lampen, und kam, nachdem ich wie die verirrten Kinder im Walde herum⸗ gelaufen war, grade in ein Zimmer, das voll von den Tänzerinnen war, in die ich mich heute Abend beinah verliebt hätte. Oh gracious! der bloße Gedanke, was für ein Eſel ich geweſen, macht mich krank. Einige von den Perſonen, die ich mir ſo hübſch dachte, waren ſo alt wie die Ge⸗ birge und ſo rumplig wie Saſſafraswurzeln Die Schminke 238 lag einen Zoll dick auf ihren Geſichtern und ſie liefen im Saale herum wie Schafe, wenn ſie geſchoren ſind; und das waren die hübſchen Geſchöpfe, die mich bald außer mir gebracht hätten! Weiß Gott, ich wurde beinah böſe auf das ganze Weibervolk, weil es mich ſo angeführt hatte.. Das Zimmer war voll von Menſchen, alte und junge, in allen Koſtümen, wie ich ſie im Stück geſehn hattes genau betrachtet, ſahen ſie ſich aber ſo wenig ähnlich, wie Kreide friſchem Milchkäſe. Der kleine Yankee war auch da, und während ich überlegte, ob ich ihn anreden ſollte, oder nicht, ſtand der Auctionator, der die alten Jungfern und Junggeſellen und Fanny Elsler losgeſchlagen hatte, leibhaftig vor mir. Als ich ihn ſah, ſtieg mir das Blut ims Geſicht und ich fragte den kleinen Yankee: „Können Sie mir nicht ſagen, wer der Herr iſt?“ Der Yankee ſah ſich um und ſagte: „Das iſt Billy Williams, der bravſte Komiker von der Welt. Kennen Sie ihn nicht? Ich meinte, Jeder⸗ mann kenne Billy Williams.“ „Ich denke, es wird nicht lange dauern, ſo habe ich ſeine Bekanntſchaft gemacht,“ ſagte ich, ſah den Auctio⸗ nator grimmig an, ſteckte beide Hände tief in die Taſchen und ging grade auf ihn zu. „Wie geht's, Herr? Moöchte wohl ein Paar Worte mit Ihnen reden, wenn Sie nichts dagegen haben.“ „Von Herzen gern,“ ſagte er ganz freundlich, ſtand auf und ging zum Zimmer hinaus und ich hinterher, bis wir auf den großen Platz kamen, der durch den Vorhang von dem übrigen Theater getrennt war. Einige weite, leere Heuboͤden, oder ſo was gingen drüber her, und alles war voll von rohen Pfählen mit ganzen Reihen qualmi⸗ ger Lampen, und allerlei buntgemalten Brettern, zwiſchen denen der Wind hindurchpfiff, daß mir die Zähne klap⸗ perten. Ich war ſo neugierig, wozu all das Zeug dienen 239 könne, daß ich den Auctionator ganz vergaß, bis er mich gutmüthig fragte, was ich von ihm wünſchte. „Hören Sie,“ ſagte ich ſo zornig, als ich vor Kälte ſein konnte,„ich will das Mädchen, auf das ich heute Abend im Theater geboten habe; das iſt aus und vorbei und machen Sie nur keine Umſtände.“ Der Burſch ſtarrte mich wie ein geſtochenes Kalb an, lachte mir dann grade in's Geſicht. „Horen Sie,“ ſagte ich,„müſſen nicht meinen, daß Sie mich mit Ihrem Lachen da übertölpeln können. Ich will das Mädchen, auf das ich geboten habe und kümmere mich nicht viel um den Preis. Sie ſollen das Geld haben, ſobald Sie mit mir zu einem Advokaten gegangen ſind und der Kaufbrief aufgeſetzt iſt. Ich bin überzeugt, vaß ich Jedermann im Theater überwinkt habe, und der T— ſoll mich holen, wenn ich mein Recht aufgebe.“ „Er ſah mich wieder wie ein Kalbskopf an und lachte mir dann noch einmal grade in's Geſicht, daß ich ihn vor Zorn beinah auf einen der leeren Kornböden ge⸗ worfen hätte. „Wollen Sie das Mädchen herausgeben oder nicht,“ ſagte ich;„ich bin den Unſinn jetzt müde.“ „Aber haben Sie mich denn in vollem Ernſt für einen Auctionator gehalten?“ Ich war einigermaßen in Verlegenheit, was ich ſagen ſollte, und ging ſo etwas um die Sache herum, denn es kam mir beinah in den Sinn, als wäre das Ganze nur eine Komödie geweſen und ich auf dem Punkt, einen Eſel aus mir zu machen. „Aber Sie haben es weiß Gott ſo natürlich wie möglich gemacht! Gelt? man hätte es beinahe für baare Münze nehmen koͤnnen. Hat mir wahrlich noch Nichts gefallen, als das— das.—“ „Das komiſche Lied,“ ſagte er. „Ja, ja, ich wollte Ihnen nur ſagen, daß Sie das Ding ſo natürlich wie möglich gemacht haben; möchte 240 auch mal ſehen, wie die Dinge da hinter dem Vorhang ausſehen. Wollen mal zu dem Haus und dem Berge gehen, wenn's Ihnen gefällig iſt.“ Ich ſchwatzte in einem fort, damit er nicht merkte, wie ich mich ſchämte, daß ich ſo dumm geweſen war, zu glau⸗ ben, er verkaufe im Ernſt Fanny Elsler. „Aber Sie ſind ja mitten unter den Bäumen und bei dem Hauſe, das Sie von vorn ſahen,“ ſagte er mit gutmüthigem Lächeln. „Oho, mein Freund, ſägte ich, ſo jung bin ich nicht, daß ich das glaube.“ Er ſah ſich jetzt nach einem Haufen alter, angemalter Bretter um, die ſchräg und ſchief überall an die Pfoſten und Heuboͤden gelehnt waren, und ſagte: „Dies iſt im Ernſt die ganze Scenerie, die Sie von vorn geſehen haben. Sie ſtehn auf der Bühne, grade hinter dem Platz, wo ich mein komiſches Lied geſungen habe, und das iſt der Vorhang.“ „Was, das alte Sloopſegel?“ ſagte ich.„Weiß Gott, das kann ich nicht glauben.“ „Treten Sie nur näher,“ ſagte er,„und ſehen Sie bei der Seite hindurch.“ Er ging hin, zog die Seite zurück und ich warf einen Blick hindurch. Meiner Seel', das Theater ganz voll Leute, war gerade ſo vor mir, wie ich es verlaſſen hatte, und der Verſchlag mit den Fiedlern ſandte mir einen Strom von Muſik grade in's Geſicht, daß ich mein eignes Wort nicht mehr verſtehn konnte. Als ich mich wieder umwandte und ſah wie ſchwarz und kalt Alles ausſah und mit Mr. Williams durchein ganzes Univerſum von Balken und Latten und gemalter Leinwand und Lampen herumging, lief mir ein Froſt über den ganzen Leib, als wäre ich draußen im Regen geweſen und hätte kein an⸗ deres Obdach als eine alte Sägemühle gefunden. Nur eine alte Scheuer mit einem Haufen weißer Fichtenklötze konnte ſo jämmerlich ausſehen. 241 „Wenn das das Theater iſt,“ ſagte ich,„ſo dauern mich die armen Leute, die ihr Leben darauf zubringen müſſen.“ „Es iſt leider Gottes ſchlimm genug,“ ſagte Mr. Williams und lächelte, ſah aber aus, als wollten ihm die Thränen in die Augen kommen.„Wir kehren eben die beſte Seite nach Außen.“ „Ich ſollte es meinen,“ ſagte ich und ſchaute mich rund um; in dem Augenblick aber ſah ich den Schatten einer Figur, die ganz in einen Mantel gehüllt war, über die Balken und Pfoſten hinſchlüpfen, und ich kriegte bald heraus, wer es war, denn Niemand auf der Welt konnte ſo gehen, wie Fanny Elsler. Mein Herz klopfte laut, und ich lief, ohne von Mr. Williams Abſchied zu neh⸗ men, wie beſeſſen hintendrein. Sie trat grade aus einer dun⸗ keln Gallerie, die aus dem Theater führte, als ich ſie erreichte. „Wie geht's, Miß Elöler 2“ ſagte ich, ganz außer Athem;„werde ich das Vergnügen haben, Sie in Ihrem Hauſe zu ſehn?“ Damit machte ich meinen Ellbogen krumm und ſah ſo ernſt wie möglich in das ſchönſte Augenpaar, denn ich hatte große Angſt, einen Korb zu bekommen; ſie aber blickte in die Höhe, um zu ſehen, wer neben ihr ſtünde, lächelte mir zu und ſagte: „Sind Sie's, Mr. Slick? es freut mich, Sie wieder zu ſehn.“ Mit den Worten legte ſie ihre hübſchen kleinen Finger ſo ungenirt auf meinen Rockärmel, als wäre ich ihr Zwillingsbruder geweſen. Guter Gott, alles Blut ſchoß mir in den Arm und dann wieder in's Herz zurück, als die hübſche kleine Hand meinen Arm berührte; wie ich ſie aber die dunkle Treppe hinunterführte und meinen Arm um ihren Leib legen mußte, damit ſie nicht aus⸗ glitſche, da fühlte ich das Blut in meinen Adern fiebern, wie noch nie in meinem Leben. Es war mir, als könnte ich die ganze Ewigkeit mit ihr auf einem Fuß tanzen und würde nie Hunger und Durſt fühlen. Dicht vor der Treppe am Theater ſtand eine Kutſche und ein Bedienter Leben in Newyork. 16 hielt den Schlag offen. Miß Elsler zögerte einen Augen⸗ blick, als ſie einſteigen wollte, ich mußte ihr ein wenig helfen, und ſtieg dann hinter ihr ein, grade als ob ich zu Hauſe wäre. Das Innere des Wagens war voll Blu⸗ men; ich ſaß mitten darunter und das ſüße Geſchöpf mit ihrem anmuthigen Geplauder mir grade gegenüber, bis„ wir am Aſtor⸗Houſe ankamen. Ob gracious! ich war ſo glücklich, wie eine Biene im rothen Klee! davon wißt ihr Nichts, Vater. Euer zärtlicher Sohn Jonathan Slick. Dreiundzwanzigſter Brief.. Jonathan wird von ſeiner Liebe zu Fanny Elsler curirt. — Empfängt von ſeinem dicken Vetter eine Einladung zu einem Buß⸗ und Bettagseſſen mit Einſchluß eines dreiecki⸗ gen Briefes für Lord Morpeth.— Jonathans Anſicht über reiſende Lords und demokratiſche Gaſtfreiheit. An Mr. Zephanjah Slick, Friedensrichter und Kirchenälteſten in Weathersſield im Staate Connecticut. 5 Lieber Vater! Als ich nach dem Theater Miß Elsler nach Hauſe gebracht hatte, konnte ich die ganze Nacht vor lauter Gedanken an ſie kein Auge zumachen. Sie ſteigt einem in den Kopf wie ein Glas von Vetter Beebe's Cider, und tanzt drin herum, bis alles Andere hinausgeworfen iſt. 243 Ihr ſchönes Geſicht ſchien ſich immer über meins zu leh⸗ nen und mir durch die dunkle Nacht zuzulächeln, daß mir kein Schlaf in die Augen kam. Bisweilen war es, als wenn ſie auf dem Bettpfoſten ſtände und ſich auf einem Bein herumwirbelte und die Arme verführeriſch nach mir ausſtreckte. Dann wieder ſtand ſie in einer Ecke des Zim⸗ mers, legte einen Finger auf den Mund und lachte ſo ſchelmiſch, daß ſie mich die ganze Nacht wach hielt. Ich ſtand früh auf, aber da war kein Gedanke dran, daß ich irgend etwas hätte thun können. Nachdem ich verſucht hatte einen Brief zu ſchreiben, ohne daß ich ein vernünf⸗ tiges Wort auf's Papier gebracht hatte, zog ich mich an und ging in Miß Elslers Zimmer, feſt entſchloſſen, bei ihr zu bleiben, bis wir miteinander, wie verabredet, in die Sloop gingen, um ein kaltes Frühſtück zu nehmen. Ich war doch in Verlegenheit, obwohl ſie mich ein⸗ geladen hatte, ſie zu beſuchen, klopfte aber ſchnell an die Thür und ging grade herein, als wäre ich zu Hauſe. Miß Elsler lag halb auf einem der Sopha's, von denen ich euch ſchrieb; ihr Kopf war durch Kiſſen und Polſter mit Troddeln unterſtützt und ihre kleinen Füße guckten eben aus einem rothen Shawl hervor, den ſie über die⸗ ſelben gelegt hatte. Sie ſtand raſch auf, als ich herein⸗ trat und wollte lächeln, aber, gerechter Gott! wie ſah ihr Geſicht aus. Ich blieb mitten in dem Bückling, den ich machen wollte, ſtecken und ſtarrte ſie mit großen Augen an. Sie hatte das kalte Fieber und ihr hübſches Geſicht war ſo verdreht, als hätte ſie einen ganzen Monat nichts als Holzäpfel gegeſſen. Ihre Backen waren ein wenig geſchwollen und ſo roth wie Zinnober, und ihre Augen ſo eingeſunken, daß ſie kaum blinzeln konnte und wenn ſie lachen wollte, fuhr der Mund an der einen Seite in die Höhe und an der andern hinunter, daß er ihr ſchräg durch's Geſicht hin⸗ lief. Mir wurde ganz unheimlich zu Muthe ſie ſo zu ſehen, und ich ſah bald, daß nicht viel Ausſicht für unſer 244 kaltes Frühſtück da war, dachte aber, mußt's mit dem Doctorn verſuchen. Ließ mir alſo alle Mittel, die Mut⸗ ter für das kalte Fieber hat, durch den Kopf gehen, rief den Kellner und ſagte ihm, er ſolle mir einen Topf voll Hopfen mit kochendem Eſſig bringen. Als der Burſch kam, band ich eine tüchtige Hand⸗ voll in ein roſaſeidenes Tuch, das ich auf einem Stuhl liegen fand, legte es ihr über's Geſicht und band es oben in einen Knoten zuſammen. Der Hopfen mußte ihr aber zu heiß ſein, denn ſie ſchrie aus Leibeskräften, bis ich ihn wieder abnahm, und den Kellner nach einem Ingwer⸗ Pflaſter und einem Sack voll heißer Aſche ſchickte. Nach⸗ dem ſie das einige Minuten drauf gehabt hatte, ſchien der Schmerz nachzulaſſen, aber ihr Geſicht ſchwoll auf, wie eine warme Semmel im Ofen. Dachte, es ſei jetzt keine Ausſicht weder für Captain Doolittles Frühſtück, noch für eine lange Unterhaltung. Unterdeſſen war die alte Jungfer, die ich früher ge⸗ ſehn hatte, hereingekommen und machte mir ein Paar Augen wie eine wüthende Katze. Schob mich alſo und blieb nun unter der Thür ſtehen, um eine kleine Verbeu⸗ gung zu machen und ihr zu zeigen, daß ich meine Lebens⸗ art nicht vergäße, wie ſie es auch gethan hätte. Ich ging in mein Zimmer und ſchämte mich eini⸗ germaßen, daß ich Miß Elsler ſo nachgelaufen ſei. Nichts auf Gottes Erdboden hatte mich an die Perſon gefeſſelt, als ihr hübſches Geſicht und ihre zierlichen Manieren, und jetzt hatte ein Fieber alles das weggeblaſen. Mußte mich ſchämen, ich mochte wollen oder nicht. Mama ſagt immer, daß Kräuterthee gegen Alles gut iſt; iſt mir aber nie eingefallen, ihn gegen Liebesweh zu nehmen, und am Ende fürchte ich, wird Miß Elslers Geſicht eher eurirt, als mir die Gedanken aus dem Kopf kommen. Als ich in mein Zimmer trat, lag ein Brief auf dem Geſimſe, der mit einem großen Siegel, einem O, 245 ſo groß wie ein Centſtück und einem Hahn in der Mitte zugemacht war. Ich erbrach die Geſchichte und fand, daß es eine Einladung von Vetter Jaſon Slick zum Buß⸗ und Bettagseſſen war. Nachdem er eine ganze Seite voll Schmeicheleien geſchrieben hatte, ließ er endlich die Katze aus dem Sack. Ein engliſcher Lord wohnt hier im Hauſe, und er möchte, ich ſollte ihn zu ihm zum Mit⸗ tagseſſen einladen und ſagt, Lord Morpeth würde es ge⸗ wiß annehmen, wenn ich ihn darum erſuche, da wir Beide auf eine gewiſſe Art litterariſch wären. Wenn ich aber etwas auf der Welt verachte, ſo iſt es einen ächten Yankee, der den großen Lords, die zu uns herüberkommen, nachläuft, einzig, weil ſie einen langen Schwanz an ihren Namen haben. Für meinen Theil fällt es mir nicht ein, mich ſo zu erniedrigen. Wenn ein Lord ſich aufführt, wie ſich's gehört, ſo iſt er ſo gut, wie ein Yankee, und er verdient eben ſo behandelt zu werden, und der ächteſte Republikaner unter uns braucht ſich nicht zu ſchämen, ihn einzuladen, einen Loͤffel Suppe mit ihm zu eſſen und ein Glas Wein mit ihm zu trinken. So lange ſie uns der Schicklichkeit gemäß behandeln, wenn wir über's Waſſer gehen, iſt es nicht mehr wie billig, daß wir es eben ſo machen und artig gegen ſie ſind. Wir müßten uns ja ſchämen, wenn wir mit all unſerem Land und unſern Scheuern voll Korn, ohne Murren einem Fremden nicht zu eſſen und zu trinken geben könn⸗ ten, ohne daß wir uns zu Tode freuen, daß ſie nicht zu ſtolz ſind, mit uns zu eſſen. Jaſon hatte einen kleinen, zierlichen Brief in meinen hineingelegt, der eingefaltet und an den Ecken wie ein altmodiger dreieckiger Hut zuſammengelegt, ſo ſüß wie Nelkenwurzel roch. Die Adreſſe war höchſt zierlich ge⸗ ſchrieben: An Se. Herrlichkeit dem achtbaren Lord Mor⸗ peth Howard, Parlamentsmitgliede ꝛc. 2c.“ Na, dachte ich, der Engländer braucht nicht bange zu ſein, daß ſein Drache wegen Mangel eines langen 246 Schwanzes unter den Yankees nicht fliegt, wenn ſie Burſche ſo dick wie Vetter John dazu ſetzen. Fällt mir aber gar nicht ein, meines dicken Vetters Bedienten zu machen. Wenn John ſeine dreiſpitzige Ein⸗ ladung an einen Lord ſenden will, ſo kann er ſein eigner Neger ſein oder ſie durch die Poſt ſchicken, ich habe keine Luſt, es für ihn zu thun. Kein Lord wird beſſer von einem Republikaner denken, wenn er ſich geberdet, als fürchtete er ſich, ihn zum Mittageſſen einzuladen oder freue ſich zu Tode, wenn der Andere nicht zu aufgebla⸗ ſen iſt, eine einfache Pankee⸗ Einladung anzunehmen. Caleulirte alſo, hat Lord Morpeth Luſt, am Buß⸗ und Bettag bei John zu eſſen, ſo wird es ihm einerlei ſein, ob er die Einladung durch die Poſt oder auf einem andern Weg erhält. Nahm drum das Ding, als ich durch den Park ging, zwiſchen Daumen und Zeigfinger, um es ja nicht zu beſchmutzen, und ſchob es durch einen Spalt in den Briefkaſten, der für die Stadtbriefe ange⸗ bracht iſt, dann ging ich weiter und lachte innerlich bei dem Gedanken, wie der Poſtbediente gucken und die Naſe rümpfen würde, wenn er ſo ein kleines wohlriechendes Ding mit lauter Namen in den Ecken und an einen Lord gerichtet, in die Hände kriegt und müßte Lord Morpeth John nicht für einen rechten Einfaltspinſel halten? Wahr⸗ ſcheinlich, denke ich, aber das iſt nicht meine Sache. Das Gute hat unſer Land, daß Niemand wegen ſeinen Ver⸗ wandten getadelt wird. Euer zärtlicher Sohn Jonathan Slick. R 247 Vierundzwanzigſter Brief. Beſchreibung von Vetter Jaſons Equipage.— Welche Fi⸗ gur Mrs. Jaſon und ihre Tochter machen.— Manieren eines edlen Lords.— Das Mittageſſen.— Jaſon prahlt mit ſeiner Herkunft und ſeinem Wappen.— Jonathan er⸗ regt große Beſtürzung, indem er einen Schuhmacher für das Haupt der Familie erklärt.— Hält eine Rede. An Mr. Zephanjah Slick, Friedensrichter und Kirchenälteſten in Weathersfield im Staate Connectient. Lieber Vater! Gut, den folgenden Tag war Buß⸗ und Bettag und da kam ein anderer Brief an, der beſagte, Lord Morpeth käme, und John wollte uns ſeine nagelneue Kutſche in's Aſtor⸗Houſe ſchicken, um Lord Morpeth und mich zum Mittageſſen abzuholen; und er gab mir zu verſtehen, wenn ich den Wagen eine Zeitlang vor der Thür halten laſſen könne, daß die Leute das neue Wunderding ſähen, ſo ſchade das nichts. Der eitle dicke Narr! Wenn mir einer eine Albernheit zumuthet, ſo ſteigt mir immer mein Yankeeblut zu Kopfe und ich bin wie ein ſtätiges Pferd, Berg hinaufrennt, während ihr es herunterführen wollt. Vorher hatte ich meinen Geldbeutel durchgeſingert, ob ich zu Lynde und Pemmings gehen könne und mir einen neuen Rock mit ſchmalem Kragen und ein Paar Hoſen nach der Mode kaufen, da ich doch mit einem 248 Lord zu Mittag eſſen wollte; da aber dieſer Brief kam, war ich entſchloſſen, in meinem alten Anzug zu gehen, um dieſem Lord und meinem vicken Vetter einen echten Man⸗ kee zu zeigen, der ſich ſeines ſelbſt geſponnenen Rocks und ſeiner Hoſen nicht ſchämt. Wuſch mich aber doch gehörig mit Seife und raſirte mich, daß kein Härchen ſtehen blieb, verwandte auch ertra Sorgfalt auf mein Haar und mein Halstuch, ſchnitt mir die Nägel und putzte mir die Zähne mit dem Zipfel eines braunen Handtuchs, das ich in meinem Mantelſack fand; denn ich ſehe nicht ein, warum ein ächter Ameri⸗ kaner ſich nicht ſauber halten ſoll, obſchon er ſeine eignen Zwiebeln jätet und einen ſelbſtgeſponnenen Rock trägt. Man kann in dieſem Lande der Freiheit leben und es einen Lord fühlen laſſen, ohne ſich wie ein Froſch aufzu⸗ blaſen, um die Engländer auszuſtechen, oder wie ein Schmutzfink einherzulaufen, als ob wir Seife und Waſſer beſteuerten. Nachdem ich mit meinem Anzug ganz fertig war, ging ich hinunter, das Ende meines carrirt ſeidenen Hals⸗ tuches fiel auf die geſtreifte Weſte herunter, mein Haar war an beiden Seiten glatt geſtrichen, mein Geſicht glänzte wie eine neue Nadel, und meine Stiefel waren gewichst, daß ſie wie ein Weiberauge ſchienen. Mein gelbſeidenes Taſchentuch ſteckte ich feſt in die Rocktaſche, denn ich wollte nicht Alles auf einmal zeigen und zupfte, wie ich durch eine doppelte Reihe von Stutzern hinunterging, die alle herausgeſtrömt waren, um meines dicken Vetters neue Kutſche zu bewundern, nachläßig an meinen neuen wollenen Handſchuhen und ſtrich die blau und rothen Franſen daran herunter. Der Wagen, der da vor dem Hauſe in Broadway ſtand, war aber auch das Schönſte, was man ſehen konnte. Die Räder ſtanden weit heraus und waren ſo ſchwarz wie eines Pfarrers Katze, und über ihnen hing ein großer, ſchö⸗ ner Kaſten, der glänzte, daß man vom bloßen Anſehn ——— ——— 249 blind wurde. Auf jeder Seite war eine Thür, ſo groß wie eine Kanzel in einem Vereinshauſe, mit großen Glasſcheiben und Wappen und Löwen und all dem Zeug. Hinter der ganzen Geſchichte war eine flache, breite Treppe, auf der zwei dicke Kerle ſtanden, die jeder einen Quaſt, der an der Kutſche hing, in der Hand hielten und wie Komödianten angezogen waren. Vorn war ein viereckiger Sitz mit einem großen Kiſſen, das mit dem feinſten Tuch und ſchweren gelben Franſen überzogen war, und an allen Ecken glänzten die Wappen wieder, daß ſie die Sonne überſtrahlten, und die war für einen Novembertag ziemlich hell. Auf dem hohen Thurm ſaß ein Burſch, der wie die hinten gekleidet war und eine große Peitſche neben ſich ſtecken hatte, und zwei treffliche ſchwarze Pferde hielt, die vor der Kutſche waren und unter dem glänzend ſchwarzen Geſchirr und den goldenen Schnallen ſo ſtolz daſtanden, daß es eine Freude war. Auf der ganzen Welt gefällt mir nichts beſſer, als ein ſchönes Pferd; ich war ſtolz auf die ſchönen Thiere, die den Kopf in die Höhe warfen, als brauchten ſie die Sonne nicht und hätten genug Feuer in ihren eigenen Augen und mit ihren zierlichen Vorderfüßen den Boden ſtampften, wie eine Schaar hübſcher Mädchen, die den Kopf ganz voll Muſik haben und ſie gerne wegtanzen möchten. Als die Burſchen mich die Treppe vor dem Aſtor⸗ Houſe herabkommen ſahen, ſprang einer von ihnen hinten herunter, öffnete die Thür und ließ eine lange Treppe auf die Erde herab, die mit dem Teppich überzogen war, daß es ausſah als hätte man ganze Körbe voll Blumen darüber hergeſchüttet, die ich mit meinen Stiefeln nieder⸗ treten mußte. Grade als ich überlegte, ob es nicht beſſer für Lord Morpeth ſei, wenn er käme, ehe ich einſtiege— denn ich wollte mich ſtreng an die gute Sitte halten— kam ein 250 feingeputzter Herr, der einen Rock über ſeinen Arm hängen und den Hut ein wenig ſchief geſetzt hatte, ſo daß man die ſchöngekräuſelten Haare darunter ſehen konnte, die Treppe herunter. Da ſprang der andre Burſch, der hinter dem Wa⸗ gen ſtand, herunter und ſtellte ſich an die Seite der Thür. Dachte, meiner Seel, das iſt Lord Morpeth! zog alſo den einen Fuß, den ich auf den Schlag geſetzt hatte, wieder zurück, machte eine leichte Verbeugung und ſagte: „Steigen Sie ein, Lord Morpeth, ich folge.“ Der Herr ſah mich von oben bis unten an und rümpfte die Naſe, als roche er etwas, das ihm nicht be⸗ hage. Er machte keine Verbeugung, ſondern trat einen Schritt zurück, als wiſſe er nicht, was er thun ſollte. Ich griff an meinen Hut, trat noch einen Schritt zurück und ſagte: „Nach Ihnen ſchickt es ſich für mich. Thun Sie, als ſeien Sie zu Hauſe Lord Morpeth.“ Der Herr ſah mich noch einmal an, trat dicht an den Bedienten, der den Schlag hielt und ſagte, Lord Morpeth könne noch nicht gleich kommen, wir ſollten nur fortfahren, er würde ſchon nachkommen, unv damit ging er ohne ein Wort zu ſagen, die Treppe wieder hinauf. Herr Gott, war ich aber grimmig, daß die Yorker Stutzer es mit angeſehen hatten, wie mich der Lord be⸗ handelte. Da ſtanden ſie und ſchnitten Geſichter wie die Affen, die ſich ſehn laſſen und ich ſtand dabei, ſo kläg⸗ lich wie der Kläglichſte unter ihnen, hatte aber bald wieder mein Yankee⸗Selbſigefühl. „Gott v. m mich,“ ſagte ich halb laut und zog ſo heftig an meinen Handſchuhen, daß mir ein ganzer Büſchel Wolle an den Fingern hängen blieb;„ſchämte ſich der aufgeblaſene Hansdampf mit einem ehrlichen Yankee zu fahren, weil er keinen Titel hat! Will fünfundzwanzig haben, wenn irgend ein Lord in der Welt wieder einen Strohhalm gute Manieren bei mir ſieht.“ 251 Damit ſprang ich in den Schlag, ſiel wie ein junges Erdbeben in der Kutſche nieder und ſaß auf einem der ſchoͤnſten Kiſſen, das ganz von Seide und über und über mit blauen und weißen Roſen bedeckt war. Rund um die Kiſſen, die Thür und alle Ecken lief eine Einfaſſung, und das ganze machte den Eindruck auf mich, als wenn ich in eine Hutſchachtel eingeſperrt wäre. Ich war ſo verdrießlich, daß ich in Gedanken einen meiner Stiefel auf das Kiſſen legte und einen Fettfleck auf den blauen und weißen Blumen zurückließ, der größer war, als Vetter Jaſon lieb ſein mochte. Dieſe Wagen gehen euch ſo ſanft und leicht, wie ein geſchmierter Biitz, und man weiß gar nicht, wie ſchnell man vorwärts kommt. Es däuchte mir nicht mehr wie ein Augenblick, als wir im Galopp vor John's Haus an⸗ fuhren. Die beiden Burſchen mit ihren weißen Hand⸗ ſchuhen ſprangen herunter, die Thür flog auf und ich hinaus. Ich brauchte den filbernen Knopf gar nicht zu ziehen die Thür ſchien von ſelbſt aufzufliegen, und nachdem ich der kleinen gelben Jeminea, die hinter den Vorhängen herausguckte, um zu ſehen, wer mit mir käme, einen Blick zugeworfen hatte, ging ich graden Wegs hinein. In der Hausflur nahm mir ein Bedienter den Hut u. ſ. w. ab und fragte mich nach meinem Namen, aber leiſe, als ſchämte er ſich deſſen halb; und kaum hatte ich ihn ausgeſprochen, als er die Thür des Empfangzimmers öffnete und hineinrief: „Mr. Jonathan Slick.“ Ich trat hinein. Da ſaß mein John in einem großen Lehnſtuhl, ſo roth und fett, wie ein Truthahn vor Weih⸗ nachten. Er kam auf mich zu, machte aber ein verdrieß⸗ liches Geſicht, als er ſah, daß Niemand bei mir war. Auch ſeine Frau ſtand auf, ſtreckte mir ihre fleiſchige Hand entgegen und fragte nach meinem Befinden und warum Lord Morpeth nicht käme; und Jeminea kicherte 252 ſchlimmer als je und warf ihre langen gelben Locken um Schultern und„Vetterte,“ ohne Aufhören um mich erum. Ich erzählte John, wie Lord Morpeth mich behan⸗ delt hätte; ſchien ſich aber nicht viel daraus zu machen, als er hörte, daß er doch noch kommen würde, und ſo ſetzten wir uns denn. Sah mir inzwiſchen die Einrich⸗ tungen an. Es macht mich jedesmal ärgerlich, wenn ich ſehe, daß Jemand ſeine Sachen verkauft, weil ſie nicht mehr ganz in der Mode ſind. Ich könnte um keinen Preis einen Stuhl oder Tiſch verkaufen, auf dem meine Freunde geſeſſen oder von dem ſie gegeſſen hätten. Denkt nur um Gotteswillen, wie es euch ſein würde, wenn Groß⸗ papas Lehnſtuhl oder die Kommode, in der Mama meine Spielſachen hatte, als ich klein war, verkauft würden! Der bloße Gedanke thut mir weh! In Vetter John's Zimmer aber ſtand kein Stück mehr auf dem Flecke, wo es das letzte Mal geſtanden hatte. Alles ſah funkelnagel⸗ neu aus, und er hatte ſein ganzes Haus friſch ausſtaffirt, aus keinem andern Grunde, als weil ein Lord bei ihm zu Mittag aß. Die Teppiche waren faſt alle roth mit roſen⸗ farbenen und gelben Rändern und Blumen, als hätte Je⸗ mand einen ganzen Korb voll Herbſtblumen darüber aus⸗ geſchüttet. Große, mächtige Spiegel reichten vom Boden bis an die Decke und ein ganzer Laden voll rothſeidener Gar⸗ dinen mit gelben Franſen fielen über ein Paar vergoldete Stangen herab und bedeckten die ganze Seite mit Aus⸗ nahme der Spiegel. Unter einem der Kamine hing ein Bild von John in Lebensgröße, wie er in ſeinem roth⸗ ſammtnen vergoldeten Lehnſtuhl ſaß und ein Buch las, und über dem andern ſeine Frau, ganz voll Federn und Blumen und Atlas und Seide, aus denen ihr dickes rothes Geſicht hervorglänzte, und das Ganze war mit breiten goldenen Rahmen eingefaßt. Vetter John hatte ſich hinter die ſchonen Künſte ge⸗ 253 macht, als er Hoffnung auf einen Lord bekam und Jemi⸗ nea's Kopf ſtand in einer Ecke in Marmor ausgehauen. Er war faſt wie eine halbe Swarry mit ſteinernen Locken, die wie Eiszapfen herunterfielen, und die ihre Augen auf eine andere Ecke des Zimmers gerichtet hatte. Zwei ſon⸗ derbare Frauen mit Flügeln, die ausſahen, als ſeien ſie erſt von Gold gemacht und dann mit einem ſchwarzen Tuche abgewiſcht, ſo daß eine Amalgamation von Gold und Schwarz herauskam, ſtanden zu jeder Seite der Spie⸗ gel und hielten die ſeidnen Vorhänge zurück, die ſonſt uͤber das ganze Zimmer herabgefallen wären. An der Decke war ein goldener Baum aufgehängt, der über und über mit Glasſtücken behangen war, die wie Thränen in einem Mädchenauge glänzten, wenn ſie böſe geworden iſt. Außerdem lagen auf dem Boden große runde ſeidene Kiſſen, ſo groß wie Mutters Käſefaß, und eine Maſſe Dinge, die zu betrachten ich nicht mehr Zeit hatte, da die Thür aufgeriſſen wurde. Ein ſchlanker Mann in einem blauen Rock mit vergoldeten Knöpfen ſtand auf der Schwelle. Die Knöpfe waren wie unſere Zehnſousſtücke gepreßt, hatten aber ſtatt des Adlers einen Löwen und ein andres unförmiges Thier, das ich nicht erkennen konnte. Ehe ich dieſe bunten Knöpfe ſah, dachte ich, es müßte Lord Morpeth ſein, denn er trat ſo leiſe und doch ſo un⸗ genirt wie Jemand, der überall zu Hauſe iſt, aber doch nicht über andere Leute wegtreten will, wie ſonſt die großna⸗ migen Fremden thun. Ein zweiter Blick lehrte mich aber, daß es nicht die Perſon war, die ich im Aſtor⸗Houſe ge⸗ ſehn hatte; er war glatt rafirt und hatte kein Haar im Geſicht, als auf dem Kopf und den Augenbrauen, die etwas ins Graue ſpielten. Dachte alſo, der Andere wird der Lord geweſen ſein, und dies ſein Bedienter, der John ſagt, daß ſein Herr nicht kommen kann. Denn kein Lord der Geld hat, ſich Pomade zu kaufen, würde mit grauen 254 Haaren in eine Geſellſchaſt kommen. Würde trotz ſeiner Lordſchaft ſonſt keine einzige unſrer Yorker Schönen fangen. Sah John noch nie ſo zornig, als da er des Bur⸗ ſchen anſichtig wurde; denn nachdem er einen Blick auf die Knöpfe geworfen hatte, ſagte er: „By gracious! Der Lord läßt ſagen, er könne nicht kommen.“ 4. Damit ging er an die Thür und ſagte zu dem Mann: „Bringen Sie mir ein Billet oder ſonſt etwas?“ Und dann ſtellte er ſich mitten an die Thür, ſo dick und feſt wie ein Maſtſchwein, ehe es geſchlachtet wird, und der ſchlanke Mann ſtand ihm grade gegenüber und blickte ihm mit ein Paar Augen, die ſo ſchwarz und ſo kühn wie die eines Wieſels waren, mit ſchalkhafter Gut⸗ müthigkeit grade in ſein rothes Geſicht. Er nahm ſeinen Hut ab, verbeugte ſich und ſagte: „Mr. Slick?“ Das ſagte er ſo ſanft und demüthig, daß es John einigermaßen zu begütigen ſchien; er trat einen Schritt vorwärts, machte eine gnädige Handbewegung und ſagte ſo herablaſſend wie möglich: „Setzen Sie Ihren Hut auf, lieber Herr; ich bin ſelbſt ein armer Mann geweſen. Was läßt mir Se. Herrlichkeit ſagen? Fürchten Sie ſich nicht.“ Der Herr ſah John an, und ich bemerkte, wie ſeine Lippen ſich verzogen und ſeine Augen glänzten, als unter⸗ vrückte er gewaltſam ein Lächeln. Er verbeugte ſich noch einmal und gab ihm ein kleines viereckiges Stück Pappen⸗ deckel, gerade wie das, das Miß Elsler mir gegeben hatte. Ach Gott! machte mein Vetter aber ein Geſicht, als wollte er in den Boden ſinken! Er ſchmolz ſichtlich zuſammen, und ſah wie ein Truthahn nach einem Regen aus; als er aber ſah, daß Lord Morpeth es nicht zu be⸗ merken ſchien, daß er ihn für den Bedienien genommen, 255 trat et ins Zimmer und überſchüttete ihn mit einem Strom von Entſchuldigungen und Willkommen und Freundſchaftsverſicherungen, wie eine Ciderflaſche, von der der Stöpſel geflogen iſt. Lord Morpeth trat in's Zimmer, als wäre er darin zu Hauſe, und John ſchlug wieder ein Rad und ſtellte ihm ſeine Frau vor. Lord Morpeth machte eine leichte kleine Verbeugung, Mrs. John Slick gab ihrem Turban einen Ruck, breitete ihren kirſchrothen Sammetrock auseinander, ſteckte ihren fetten Fuß darunter hervor und fing an zu kniren, daß einem Angſt wurde, die ganze Maſſe würde auf dem Tep⸗ pich liegen bleiben. Dann kam die Reihe an Jeminea, die mit Händen und Füßen herum vagirte und ihre Zähne und Locken zeigte, während Lord Morpeth ſich verbeugte. Weiß Gott, das Blut ſchoß mir in's Geſicht, wie die Dinger ſich ſo lächerlich machten! Kam denn die Reihe an mich. Ich lehnte an dem Kamin, und war entſchloſſen, dem Lord zu zeigen, daß wenigſtens nicht alle Slicks ſolche Affen ſeien, wenn's auch ein paar von ihnen ſich in den Kopf geſetzt hätten. Hätte meinetwegen ſein können, wo der Pfeffer wächſt, oder noch weiter, ehe ich mich eine Linie tiefer gebückt hätte, wie er. Gut, Lord Morpeth verbeugte ſich, ohne ſeinen Nacken ſehr anzuſtrengen, und ich zahlte ihm mit gleicher Münze zurück, meiner Seel! Und doch hatte der Menſch was an ſich, was mir beſonders gefiel. Er ſah weder hochmüthig aus, noch, als wenn er uns auslache, ſondern ſetzte ſich ganz ruhig auf einen der geſchnörkelten Seſſel und fing ein Geſpräch über das Wetter und dergleichen an, g'rade wie's bei uns geſchieht. Miß Slick ſetzte ſich neben ihn, und brachte bald ihren Yorker Quark auf's Tapet. Sie wollte faſt in Ohnmacht fallen bei dem Gedanken, daß Lord Morpeth nicht gefahren ſei; es ſei fürchterlich, unter dem gemeinen Volk auf der Straße zu gehen; Jeminea hätte neulich einen Arbeiter mit dem Rand ihrer Tunika 256 geſtreift, als ſie Broadway herunterkam, und ſeit der Zeit hielten ſie es für ihre heiligſte Pflicht, ſie vom Spa⸗ zierengehen abzuhalten. Bei dieſen Worten ſchlug Jeminea, die auf einer Bank, dicht neben dem Seſſel ſaß, die Augen in die Höhe und ſeufzte, daß Lord Morpeth wieder den Mund zum Lachen verzog, und als Miß Slick aufſtand, und ihm einige Verſe gab, die Jeminea, ſagte ſie, gemacht habe, als ſie Lord Morpeth's Ankunft in unſerm Lande erfahren, da guckte ihm das Lachen aus den Augen her⸗ aus, und er trat mit dem Blatt an das Fenſter, als wolle er es noch einmal leſen. Miß Slick ſetzte ſich, und ſah John und Jeminea und mich mit einem Blick an, als wollte ſie ſagen: „Das iſt der Punkt auf dem J. Wenn Lord Mor⸗ peth nicht jetzt von meiner Tochter entzückt iſt, ſo ſage ich nichts mehr.“ John drehte ſeinen goldenen Uhrſchlüſſel zwiſchen den Fingern, und ſchielte uuter den Augbrauen nach Lord Morpeth hervor; Jeminea bog ihr Köpfchen auf die Seite und ſah aus, als könnte ſie es nicht erwarten, bis Lord Morpeth wieder vom Fenſter zurückkam, und ſo ſüß ausſah, wie eine graue Katze, die Rahm an ihrem Schnurr⸗ bart hat, grade als hätte er ſich hinter dem Vorhang zu Tode gelacht; ſage euch,'s war mir wie einer erfrornen Kartoffel, daß ich Slick hieß. Miß Slick ſpreizte ſich wieder auf ihrem Seſſel neben Lord Morpeth und gab ihm eine neue Doſis von ihrem Geſchwätz, daß mir das arme Geſchöpf in der Seele leiv that. Sie hob ihre beiden fetten Hände in die Höhe und verdrehte die Augen wie nicht geſcheidt, als Lord Morpeth ihr ſagte, an welcher Seite von Broadway er gegangen ſei; denn er ſagte ihr, da auf der Weſtſeite am meiſten Menſchen geweſen ſeien, ſo habe er die andre genommen. „Denk' nur, Jeminea,“ ſagte Mrs. Slick,„Lord Mor⸗ peth iſt auf der Oſtſeite von Broadwah gegangen.“ Jeminea hob ihr Köpfchen, ſah Lord Morpeth mit 257 einem Blick an, ſo ſüß wie eine ganze Zuckerdoſe, und ſagte, es ſollte ſie nicht wundern, wenn es nach dem Vor⸗ falle Mode würde auf der Seite zu gehen. Lord Morpeth verbeugte ſich wieder, und ſah ſo ſanft wie friſche Milch aus, und es ſchien mir, als hätte er von Allem in der Welt lieber als von dem geſprochen, aber meine dicke Couſine war auf ihn verſeſſen, wie ein Hund auf einen Knochen. „Nun, mein Lord,“ ſagte ſie, und legte ihre flache Hand, Ringe und alles, auf die ſeinige,„da Sie die Ge⸗ dichte meiner Tochter geleſen haben, ſo geben Sie uns auch Ihr Urtheil darüber; wir werden uns wohl hüten, irgend etwas von ihr drucken zu laſſen, ehe wir wiſſen, ob es faſhionable iſt, für engliſche Lords und Ladies ſich mit Literatur zu beſchäftigen; aber nicht wahr, Jeminea iſt ſo voll Poeſie, und ſchreibt ſo ſüß und weich 2“ „Sehr weich,“ ſagte Lord Morpeth ſo nüchtern wie ein Kirchenälteſter, warf aber verſtohlen einen Blick auf Jeminea, wie ſie daſaß und den Mund verzog, die Augen halb zumachte und ihre gelben Locken ſchüttelte, bis ſie ihr in den Schooß fielen und ſich alle Mühe gab, wie ein Kche Rothkelchen auf einem Apfelzweig auszu⸗ ehen. „Sie koͤnnen ſich gewiß keine rechte Idee davon ma⸗ chen,“ ſagte Miß Slick,„wenn Sie Jeminea ihre Gedichte nicht ſelbſt leſen hören; aber ſie iſt ſo beſcheiden, ſo gefühlvoll— vielleicht überreden Ihre Herrlichkeit ſie aber doch.“ Lord Morpeth blinzte noch einmal nach dem kleinen, aufgeputzten Ding hinüber und ſagte, er fürchte ſich, eine ſun um etwas zu bitten, was ihrem Gefühl wider⸗ rebe. „O ſie thut es ihnen gewiß zu Gefallen,“ ſagte Miß Slick darauf;„und unſer literariſcher Vetter hier wird ſie auch gewiß bereden; damit ging ſie quer durch das Zim⸗ Leben in Newyork. 17 256 mer auf mich zu, legte ihre Hand auf meinen Rockärmel und ſagte:„Nicht wahr, Vetter 2 „Laſſen Sie mich ungeſchoren,“ ſagte ich,„hat Jeminea Luſt, ſich lächerlich zu machen, ſo kann ſie das auch ohne meine Einladung thun.“ Lord Morpeth ſtutzte, und ſah mich ſtarr aber doch nicht unwillig an. „Aber, Vetter Slick,“ ſagte meine dicke Coufine, und ließ ihre Hand fallen, als hätte ſie eine heiße Kartoffel angefaßt. „O Gott!“ ſagte Jeminea. John ließ ſeinen Uhrſchlüſſel fallen, und wurde ſo roth wie eine Preißelbeere.„Was auf aller Welt meinen Sie damit, Mr. Jonathan Slick?“ „Nichts Anderes, als was ich ſage,“ ſagte ich, und ſteckte meine Hände in die Hoſentaſche, kreuzte ein Bein über das andere und lehnte mich an das Kamin.„Wenn etwas auf der Welt einem Mann das ganze Weibervolk zuwider machen kann, ſo iſt es dies ewige Plagen, den Männern zu zeigen, daß ihre Strümpfe auch im Farb⸗ keſſel geweſen ſind, und daß ſie das, was ihnen an Gehirn fehlt, durch Unverſchämtheit erſetzen wollen. Ich möchte tein Mädchen heirathen, das vor einem ganzen Zimmer voll Fremder aufſtehen kann, ihre Locken ſchüttelt, ihre Augen wie eine durſtige Henne verdreht, und Geſichter ſchneidet über einem Haufen Verſe, ſeien es nun ihre eigenen oder fremde. Weiß Gott, ich mochte ſie nicht heirathen, und wenn ihr Herz ein Klumpen pures Gold und jedes Haar ein Strang mit Diamanten wäre. Das iſt meine Meinung, und möge ſie Baſe Jeminea wohl bekommen.“ Ich wollte, Ihr hättet John und vas Weibervolk ſehen können, als ich mit der Rede losplatzte. Wurden roth und weiß, eins um das andere. Und Lord Morpeth? Habe noch nie eines Menſchen Geſicht ſich ſo ſchnell auf⸗ heitern ſehen, wie ſeins. John gab mir ſeinen Arm, und 259 bat mich, einen Augenblick mit ihm in das Vorzimmer zu kommen. „Aber Vetter Slick, das iſt zu arg,“ ſagte er und weinte faſt;„Sie müſſen ſich wegen dieſer Reden bei Lord Morpeth entſchuldigen, was wird er von amerikaniſcher Sitte denken!“ „Was er denken wird?“ ſagte ich; ſoll mich der Henker holen, wenn's mich kümmert, was er denkt. Iſt er ein ächter Gentelman, der geſunden engliſchen Menſchen⸗ verſtand hat, ſo denkt er kein Haar breit beſſer von uns, wenn wir uns abquälen, mehr zu ſcheinen, als wir ſind und wird ein Gradeheraus lieber haben, als nur zartes Geſchwätz. Meint er aber, daß das ganze amerikaniſche Volk tanzen ſoll, wie er aufſpielt, ſo muß er enttäuſcht werden, und das iſt das Lange und das Kurze von der Sache. Und wenn er meint, daß unſer Weibervolk vor Fremden von Verſen und Gedichten überfließen ſoll, oder daß ein ächtes amerikaniſches Frauenzimmer ſolche Dinge braucht, ſo wäre er beſſer zu Hauſe geblieben und hätte die Bücher der Miß Trollope geleſen. Jetzt haltet nur um Gotteswillen den Mund, John, ſagte ich, als er wieder ſprechen wollte, ich habe doch Recht, und wenn wir dieſen engliſchen Lords eine rechte Idee von uns geben wollen, ſo redet wie euch der Schnabel gewachſen iſt, heißt ihn herzlich willkommen, aber ſtreicht ihm nicht ſo um den Bart herum. Grade als ich ausgeſprochen hatte, läutete es, und ein ganzer Haufen vornehmes Volk ſtieg aus dem Wagen und kam herein. Es waren drei oder vier hübſche Frauen und Mädchen darunter, die ganz in Sammt und Seide gekleidet waren; ihre Kleider waren unten herum beſetzt, lagen um den Nacken aber ſo knapp, wie die Haut an einem Aal an, und zeigten die vollen Schultern ſo ſchön, als wie ich's noch je geſehn. Die Männer hatten ſchnee⸗ weiße Handſchuhe an, die ausſahen, als kämen ſie eben aus dem Putzladen. Während John von einem zum andern 260 herumſchoß, ging ich in das andere Zimmer, feſt ent⸗ ſchloſſen, nichts mehr mit dem Burſchen ſchaffen zu wollen. Miß Slick und Jeminea ſahen ſo bös aus, daß die Milch davon ſauer werden konnte; Lord Morpeth aber kam auf mich zu und fing mit mir an zu ſprechen, als wären wir Zwillingsbrüder. Er fragte mich über Alles und noch mehr, wie wir Zwiebeln und Gemüſe bauen, wie viel Heu die Wieſen in Weathersfield per Acre geben, über unſere Bezirkſchulen, Kirchen und die alten blauen Geſetze von Connectieut. Als ich ihm erzählt, daß ein Mann um fünf Dollar gebüßt ſei, weil er ſein Weib nach vier⸗ jähriger Abweſenheit an einem Sonntage geküßt habe, lachte Lord Morpeth grade heraus. Dann drehte ich das Ding herum und fragte ihn nach Alt⸗England, und er antwortete friſch weg, wie ein Mann, der die Dinge ver⸗ ſteht, obwohl er ein Lord iſt. Der Mann gefiel mir wirklich, obwohl ich zuerſt Nichts von ihm wiſſen wollte, und ich ſchaute ihn ſcharf an, während wir miteinander ſprachen. Er iſt grade nicht ſo hübſch und recht von Ausſehn, wie ein gewiſſer junger Burſch, den ich namhaft machen könnte, wenn ich nicht zu beſcheiden wäre, aber er hat eine hohe Stirn grade über den Ohren, die ausſieht, als ſei ſie ſo voll Hirn wie ein Ei voll Dotter. Seine Augen find nicht große ſchwarze Gucker, wie die gewiſſer Leute, aber ſo hell wie Diamanten und ſo ſcharf wie ein ganzes Papier voll Cambric⸗Nadeln, und können einen auf den erſten Blick durch und durch ſehen. Bald darauf kamen die Damen und Herren herein und ich konnte nicht mehr mit Lord Morpeth ſprechen. Er wurde wie ein Vollblutpferd von Miß Slick und Je⸗ minea herumgeführt und nachher kam auch die Reihe an mich; denn da ſie ſahen, daß wir ſo dick miteinander waren, dachten ſie, ich hätte doch was Rechtes geſagt und nahmen es für Ercentricität des Genies ſtatt für ge⸗ ſunden Menſchenberſtand. W w 261 Das Mittageſſen. Wir hatten uns kaum geſetzt, als der große Spiegel, von dem ich Euch erzählt habe, hinter den Vorhängen bis an das untere Ende des Zimmers zurückzugleiten ſchien, und da war by Gauly! wieder ein Zimmer und in der Mitte darin ein Tiſch ganz voll ſilberner Schüſſeln und Suppenteller und Porzellan. Darüber hing an der Decke einer jener Bäume von Gold und Glas, der ganz erleuchtet war und einen ſolchen Glanz auf das Silber⸗ geſchirr warf, daß einem der Athem in der Bruſt ſtockte. Lord Morpeth gab ſeinen Arm meiner dicken Cou⸗ ſine, John einem hübſchen Mädchen, das dicht bei ihm ſtand, und ich klinkte Jeminea unter, denn ich wollte wieder gut machen, was ich über das Leſen des armen Dinges geſagt hatte; ſie kann ja nichts dafür, daß ſie ſo grün iſt. Die Uebrigen gingen, zwei bei zwei, hinterher, und es dauerte nicht lange, ſo ſaßen wir alle rund um den Tiſch und hatten ſechs große ſtarke Kerle in blau und weißen Uniformen mit Handſchuhen an all ihren zwölf Händen hinter unſern Stühlen ſtehn. Von dem was wir zu eſſen hatten, kann ich Euch keinen Begriff geben, denn ſie nannten Alles mit ſo kauderwälſchen Namen und tru⸗ gen die Sachen ab und zu und brachten den Leuten reine Teller von purem Silber, daß es mich ſchier ſchwindlich machte, wie die Dinger den Burſchen in der Hand her⸗ umflogen. Sie hatten alle möglichen Sorten mit ſchweren Namen dazu und Fiſche, ganz überdeckt mit Sauce, Butter und andern Dingen, und eine ſolche Menge Zeug, daß ich nicht weiß, wo ich anfangen ſoll, zu erzählen. Ich ver⸗ ſuchte von Allem, ſo daß ich ziemlich voll war, als die Puddings und Paſteten und Kuchen kamen. Und als die abgetragen waren, meinte ich, ich hätte ein gutes Buß⸗ und Bettag⸗Eſſen gehabt, abgeſehn davon, daß ich nicht zu Hauſe war, und ich weiß nicht die Zeit, daß ich mich ſo dick gegeſſen habe; aber grade, als ich dachte, wir wären jetzt fertig, kamen die Burſchen und fingen an, Alles vom Tiſch zu nehmen, und dann kamen ſie wieder mit ſilbernen Körben voll Trauben und Orangen und Pflaumen und Aepfel von der beſten Qualität, daß es einen ärgerte, ſchon ſo viel gegeſſen zu haben, ſo lockend hingen ſie zu beiden Seiten über die Koͤrbe, und ſo hell glänzten ſie in dem Licht, das das Geſchäft da oben über ſie ausſtrömte. Das Weibervolk hatte kaum ein Paar Trauben oder ein Stückchen Orange gegeſſen, als Miß Slick aufſtand und alle in das andere Zimmer gingen, aber doch noch einen ſehnſüchtigen Blick zurückwarfen, grade wie Eva, als der Engel das arme Bing aus dem Paradies jagte. Kaum war das Weibervolk alle geworden, als die Bedienten wie beſeſſen herumfuhren und ein ganzes Regi⸗ ment von Karaffen und Flaſchen mit bleiernen Mützen aufmarſchirt kam, und hinterher ein Regiment Gläſer, einige bauchig und dunkelgrün, andere ſo weiß wie Eis, und dann wieder andere kucze, breite und karrirte und ſo roth wie eine Mädchenlippe, und außerdem die langhal⸗ ſigen Cidergläſer, die wie ein General ausſahen, der ſeine roth und grüne Miliz gegen den ganzen Haufen Karaffen und Flaſchen führen wollte, bis eine Partie nachgegeben hätte. Die Bedienten thaten den erſten Schuß, denn jeder ergriff eine Flaſche und pop, pop, pop! flogen die Körke fort und dann marſchirten die rothen und grünen und weißen Gläſer auf und kamen voll bis zum Ueber⸗ laufen wieder zurück. Was mich betrifft, ſo nahm ich ſo einen langhalſigen Burſchen und verſuchte den Cider, und Lord Morpeth machte ſich an die grünen Gläſer, wie ich aber erſt ein Paar Gläſer Cider geſchluckt hatte, war's mir einerlei, was ich trank. Bisweilen ſtand einer auf und wollte einen Toaſt*) haben; ich habe zwar nie ge⸗ hört, daß man ein Buß⸗ und Bettag⸗Eſſen mit geroſtetem *) Toaſt bedeutet auch geröſtetes Brod. 263 Brod beſchließt, aber es heimelte mich doch an, und dachte darum, ich könnte auch eine nehmen. „Hör mal,“ ſagte ich dem Burſchen, der hinter mei⸗ nem Stuhl ſtand: mach' mir auch einen Toaſt, aber keinen von euren trocknen Dingern, ſondern einen wie ihn Mama machte— weißt Du noch John 2“ ſagte ich; eine halbe Pinte heiße Milch mit einem Stück Butter, ſo dick wie ein ordentliches Stück Kreide; das geſchmolzen, und dann das geroſtete Brod hinein— hausbacken iſt das beſte— eine Scheibe über die andere. Jetzt pack' Dich,“ ſag' ich, „und mach was Rechts,“ ſagt⸗ ich zu dem Burſchen. „Was fällt Dir ein, Jonathan? ſagte John mit einem freundſchaftlichen Rippenſtoß.„Wir meinen's nicht ſo, wir wollen einen Toaſt trinken?“ „Meinetwegen, ſagte ich,„wenn der Burſch ihn aber macht, wie ſich's gehört, ſo iſt er zu feſt, um ihn unge⸗ kaut hinunter zu bringen.“ „Ich ſage,“ ſagte John wieder,„wir wollen Lord Morpeth einen Toaſt in Wein trinken.“ „Habe gar Nichts dawider, wenn Lord Morpeth einen Toaſt in Wein trinken will; er muß ſelber wiſſen, was gut iſt. Aber ich halt's mit einer ächten Bowle Toaſt und Cider, nach Weathersfielder Manier, geröſtetes Brod hineingebrockt, ordentlich warm und genug Zucker darin, das iſt mein Geſchmack. Mama kann das machen— der bloße Gedanke macht einem die Naſe kriebeln. Gelt, Vetter John?“ war kein Reden mit ihm; er ſtand auf, nahm ſein Glas in die Hand, ſchwenkte es und rief wie beſeſſen: „Unſerm edlen Gaſt, Lord Morpeth!“ Alle am Tiſch ſprangen auf, mit Ausnahine von Lord Morpeth und mir, nahmen die Gläſer zur Hand und tranken wie ein Zwiebel⸗ beet nach ſechs Wochen Dürre. Lord Morpeth und ich aber ſaßen ſtill und thaten, als wüßten wir nicht, was die Leute wollten. Kaum aber hatten ſie ſich geſetzt, als er wie ein Blitz aufſprang und durch ſeine Witze und herrlichen Sachen, die er ſagte, aller Augen glänzen machte. Weiß Gott, er that's mir ſchier zuvor, mit ſeiner angenehmen Stimme und ſeinen feinen Manieren. Es war gar nicht uneben, ſeinen Worten über Alt⸗England und ſeinen Freiheiten zuzuhören, und ich hätte ihm ſchier die Hand gedrückt, obwohl er ein Lord iſt. Dann wurde es ein allgemeines Geſpräch, wie Citronen und Zucker und Rum in einer Bowle untereinander, und ſo traulich wie eine Brut Hühnchen in einem Korb, bis John am Ende der Kamm ſchwoll und er Lord Morpeth über die Slicks vorzuſchwatzen anfing und über die Löwen, die zum Familienwappen gehörten. Er gab uns allen zu verſtehen, die Slicks ſeien eine Familie, die kein Lord über die Achſel anzuſehen brauche und erklärte ziemlich deutlich, wie ein alter Ritter oder Lord der erſte des Namens in England geweſen wäre; dann ſiel er in ein Geprahle über alte Geburt und reines Blut, das von einem Geſchlecht zum andern flöſſe, ohne durch irgend etwas befleckt zu ſein, ſeit die Slicks in dieſem Lande wären, und das ſei grade nach den Pilgrimmen der Fall geweſen und noch viel mehr ſolches Zeug, wie es nur ſo ein umgezauberter Karrenſchieber zu Tage bringen kann. Ich hatte auf meinen Cider zwei oder drei Gläſer„Hochheimer,“ wie die Burſchen es nannten, geſetzt und war wohl zu Wege, ſo daß ich John in ſeinem eigenen Lager angreifen mochte. „Hoͤr' mal, Vetter John, ſagt, warum um Gottes Willen wollt ihr auch was anders aus den Slicks ma⸗ chen, als was ſie ſind, denn gibt es uns als YMankees und echten Republikanern nicht tauſend mal Credit, wenn wir ſagen, daß wir unſern eigenen Acker haben aufhacken müſſen und daß er ſteinig genug war? Jetzt wißt Ihr aber gut genug, daß Ihr trotz Eurer Löwen und Wap⸗ pen, die Ihr, Gott weiß wo? aufgegriffen habt, zuerſt Euer Leben damit anfingt, daß Ihr mit einem Schieb⸗ karren Geld am Packſlep verdientet, und daß Eure Frau ausging, andrer Leute Kinder zu warten, bis ihr ſie hei⸗ — — rathetet, und das bringt weder ihr noch Euch Schande, ſo lange Ihr nicht mehr aus Euch machen wollt, als Ihr ſeid. Es iſt meiner Treu eine Schmach, daß Ihr eine engliſche Vornehmheit aus Euch machen wollt, da Ihr Euch als einen ſo guten Gentleman, wie je einer lebte, ausweiſen könnt, wenn Ihr auf unſern Großvater zurück⸗ geht, den alten braven Schuhmacher, der ſeinen Klopfſtein über die Schulter hing, als die Revolution ausbrach, zu den Patrioten ſtieß, als ihre Sache ſo dunkel war, wie das Grab. Der alte Mann wich nie einen Schritt, ſon⸗ dern focht wie ein Löwe, wenn's auſ's fechten ankam. Er hielt zu ſeinen Landsleuten im Guten und Böſen, und litt das Schlimmſte, ohne je den Muth zu verlieren, ſon⸗ dern wenn er den Tag ſtreng marſchirt war, ſo band er des Abends ſeinen Klopfſtein los, nahm ſein roſtiges Handwerkszeug hervor, hämmerte und flickte die halbe Nacht ſeinen müden Kameraden für ihre wunden Füße die Schuhe, wenn er nur irgendwo ein Stück Sohlleder oder Kuhhaut finden konnte.“ Ich wollte fortfahren, aber Lord Morpeth ſtand auf und ſagte:„Laſſen Sie uns auf das Wohl des Groß⸗ vaters von Mr. Slick, des braven Schuhmachers, trinken.“ John machte ein böſes Geſicht zu meinen Worten, konnte es aber nicht ändern, und als Lord Morpeth mit einſtimmte, wurde wieder ein Haufen Weingläſer in Be⸗ wegung geſetzt. Als die Andern ſich geſetzt hatten, war's mir, als könnte ich nicht ſo aufhoͤren, meinte vielmehr, es wäre am rechten Platz, ihnen eine Probe von Weathers⸗ fielder Zungengeläufigkeit zum Beſten zu geben, beſonders da ein Lord unter den Zuhorern war: „Nun läßt ſich aber keinesweges läugnen,“ ſagte ich, „daß wir Yankees viel auf hohe Geburt und reines Blut und alle die Dinge geben, womit die Engländer ihren Thron ſo viele hundert Jahre gehalten haben, und ich ſelbſt fühle Liebe und Hochachtung für jede Familie, deren Blut von einem Geſchlecht zum andern durch brave Män⸗ ner und gute Frauen gefloſſen iſt, bis es voll von war⸗ mer, edler Natur in dem Herzen eines ächten Gentleman fließt, ob er nun einen Titel hat, oder nicht. Es gibt das einem Manne Stolz und einen Anlaß, ſich ſelber brav und tüchtig zu halten. Ein Mann muß ſo gemein wie eine Vettel und noch gemeiner ſein, wenn er eine ſchlechte Handlung begehen kann und doch weiß, daß ſein Blut ſo rein wie Quellwaſſer von einer Reihe von bra⸗ ven Menſchen gehalten iſt, die jetzt ruhig in ihren Gräbern ſchlafen. „Was hat aber am Ende,“ ſagte ich,„der Adel von Altengland mehr, als was wir Pankees in Anſpruch neh⸗ men können? „War Wilhelm der Eroberer, auf den ſie ſich ſo viel zu Gute thun, etwas in Vergleich mit unſerm Waſhington? War ſeine Eroberung von Altengland ein halb ſo großes und ſchwieriges Stück Arbeit, als wir hatten, Neuengland in unſer Vaterland umzuwandeln? Aber wahr iſt es, Blut iſt wie Wein: je älter er iſt, deſto klarer und ſtär⸗ ker iſt er. Wäre das nicht, ſo hätten wir Yankees, die wir Vorfahren im Revolutionskriege haben, eben ſo gutes Recht, auf unſer reines Blut ſtolz zu ſein, als das größte und älteſte Geſchlecht des ſtolzen Englands.“ Bei den Worten hielt ich gerade ſo lange inne, Lord Morpeth ein Kompliment zu machen, und fuhr dann wieder fort, mei⸗ nen Arm ausſtreckend:„Ich ſage, es gibt keinen ächten Amerikaner auf der Welt, der nicht genug engliſchen Sinn und Stolz in ſich hat, um für einen engliſchen Lord, der ſich benimmt, wie er ſoll, eine Art von Reſpekt zu haben; thut er vas aber nicht,“ ſagte ich,„ſo haben wir ein Recht, ihn mehr zu verachten, als einen Andern, wenn er ſchlecht handelt; denn er ſchändet ſich nicht allein ſelbſt, ſondern alle ſeine Ahnen, auf die er ſtolz ſein ſollte, und ein Mann, der das thun kann, muß gemeiner ſein, als die Gemeinheit ſelber! Im Ganzen,“ ſagte ich und ſah Lord Morpeth dabei an,„find wir Yankees und die Engländer ſich ziemlich ähnlich. Wenn ſie ihre Lords und Herzöge und Prinzen haben, ſo haben wir unſere Hauptleute und Generäle und Kirchenälteſten und Squiros — freilich„kleine Kartoffeln“ gegen die engliſchen, aber es zeigt doch eine angeborne Anhänglichkeit, die wir für ſolche Dinge haben, und das ſchadet Nichts. In hundert Jahren werden wir Amerikaner aber unſern eignen repu⸗ blikaniſchen Adel haben. Wie die Titel ſein werden, weiß ich nicht, wenn aber die„Theegeſellſchaft“ und„Schlacht bei Bunkerhill“ ſo klar in unſerer Geſchichte liegt, wie Wilhelm der Eroberer in der engliſchen, ſo braucht Vet⸗ ter John keine Geſchichte über ſeine brittiſchen Vorfahren aufzutiſchen, denn dann wird das reine Blut im Lande das ſein, welches direkt zum Revolutionskriege zurückgeht. Jeder Yankee⸗Edelmann wird ſeinen Titel auf der Pen⸗ ſionsliſte des vorigen Geſchlechtes ſuchen; und der alte Mann, der jetzt 20 Dollar monatlich bezieht, wird der Gründer eines Geſchlechtes ſein, das ſo edel iſt wie eines, das je in dem Herzen von Alt⸗England entſprang. Das iſt meine Meinung, rund herausgeſagt. Und darzuthun, daß wir Slicks grade nicht zu den ſchlechteſten gehören, wäre auch kein hartes Stück Arbeit, denn wenn wir auch keine andern Ahnen haben vor dem alten Schuhmacher, von dem ich eben ſprach, ſo wiegt der doch einen ganzen Stammbaum auf. Als die Munition bei Bunkerhill aus⸗ ging, da warf er ſein Gewehr fort, und griff ein ganzes Regiment auf eigne Fauſt an, bis er am Ende todtge⸗ ſchoſſen wurde und noch ein Stück von dem alten Klopf⸗ ſtein in der Hand hatte, das er wie Indianer mit ſeinen ſteifen Fingern feſt umklammert hielt. Alt⸗England, muß ich geſtehen, hat eine Menge edler Familien und großer Männer, die ihm ſeine Ehre und ewiger Ruhm ſind, das Blut aber, das in des alten Mannes Herz floß, war ſo roth und ſo brav und ſo edel, als je in England zur Zeit Wilhelms oder eines andern Eroberers vergoſſen wurde! und würde ich je hochmüthig und wollte ein Wappen an meinen Wagen ſetzen, ſo meine ich, ich würde mich nicht 268 ſchämen, Jonathan Slicks Wappen zu haben: eine zuge⸗ kniffne Hand, die einen Klopfſtein hält. Denn wahrlich, wenn wir, oder einer von uns, es zu etwas bringen, ſo verdanken wir es dem alten Schuhmacher! Ich ſchäme mich nicht, das zu ſagen.“ Damit nahm ich wieder einen Schluck Hochheimer und wollte fortfahren, aber auf einmal drehte ſich Alles mit mir rund herum: aus dem Tiſch wurde ein Dutzend. und es ſchien, als habe das gläſerne Geſchäft über uns ein ganzes Dutzend Kleine um ſich, die herum tanzten und den Glanz im Saale verbreiteten, und die Weinflaſchen und Karaffen, und Trauben und Aepfel— Alles wurde rebelliſch und fing an zu tanzen. Die Aufwärter in ihren Uniformen wurden länger und länger und Lord Morpeth hatte, weiß Gott, ein Dutzend Burſchen neben ſich, die ihm ſo ähnlich ſahen, wie Zwillingsbrüder. Am Ende fing der Boden auch unter mir an zu wackeln, da mußte ich's aufgeben, ſetzte mich alſo, hielt meinen Stuhl mit beiden Händen, und rief aus Leibeskräften: oha! oha! Denn es ſchien, als wollte ſich Alles rund herum drehen, und es kam mir vor, als ob die Andern, mich ausgenom⸗ men, ziemlich halb über Bord waren. Ich hielt mich aber ſtandhaft wie ein Richter, und ſaß ſteif und unabhängig wie ein ächter Republikaner da, der den Engländern ein gutes Beiſpiel geben will. Es war kein Wunder, daß ſie ein wenig angeſpitzt waren, denn ſie hatten alle Wein getrunken, ich aber nur von dem weißen Cider und Hoch⸗ heimer; ich wollte mich wohl hüten, einen Narren aus mir zu machen, und wurde vom bloßen Anſehen ihres Treibens ſchon beinahe krank. Nach einer Weile gingen wir in das Geſellſchafts⸗ zimmer, und da ſaßen die Frauenzimmer auf den rothen Bänken und tranken Kaffee aus kleinen, zierlichen Taſſen; bin aber der Meinung, ſie hielten ſich nicht ſo gerade, wie Frauenzimmer in der Geſellſchaft ſollten; ihr Kopf ſchien mir, ſo oft ich ſie anſah, auf den Schultern zu wackeln. Ich trank John zu Liebe eine Taſſe Kaffee und fing dann ein vertrauliches Geſpräch mit einem jungen Mäd⸗ chen an, das neben Jeminea ſaß, während John Lord Morpeth ſeine Marmorbüſte und die koloſſalen Bilder von ihm und ſeiner Frau zeigte. Als er damit fer rtig war, machte Lord Morpeth eine Verbeugung und ging fort. Es war mir auch nicht mehr drum, deshalb machte ich an der Thür eine Kapitalver⸗ beugung für alle mit einander, nahm meinen Hut und folgte Lord Morpeth. Es war verdammt kalt und mir ganz recht, als ich ſah, daß John's Wagen vor der Thür ſtand. Lord Morpeth trat zurück, als er mich neben ſich ſah, und machte eine Bewegung mit der Hand, als wollte er ſagen: Steigen Sie einz ich trat aber zurück und ſagte:„Bin beſſer erzogen worden, als zuerſt einzuſteigen“ — damit ſtieg er ein, und ich hinterher. Wir hatten ein lebhaftes Geſpräch im Wagen, und als wir Beide ausſtiegen, drückte Lord Morpeth mir die Hand, als wäre ich ſein Zwillingsbruder, und bat mich, ich ſollte ihn in ſeinem Zimmer beſuchen, daß wir mit ein⸗ ander über Gemälde und Literatur und die Dinge im All⸗ gemeinen reden könnten. Ich drückte ihm herzlich die Hand, und ſagte:„Lord Morpeth können ſich auf den Burſchen verlaſſen; ſagt ihnen die Wahrheit und kein haarbreit Anders. Nahm zuerſt nicht viel Notiz von Ihnen, denn es iſt nicht meine Sache, den Leuten nachzulaufen, weil ſie einen Titel haben, aber Sie gefallen mir trotz dem, und Lord hin oder her, Sie find ein braver, fideler Kerl, und das iſt genug. Damit drückte ich ihm noch einmal die Hand, und ging die Treppe hinauf in's Bett. Fanny Elsler hielt mich die Nacht nicht wach; der Hochheimer iſt ein mäch⸗ tiger Schlaftrunk, Vater. Euer zärtlicher Sohn Jonathan Slick. Fünfundzwanzigſter Brief. Jonathan hat eine dicke Backe.— Freundliche Vehandlung im Aſtor⸗Honſe.— Ein Beſuch.— Jonathans Meinung über einen Politiker in Petticvats. An Mr. Zephaniah Slich, Friedensrichter und Kirchenälteſten in Weathersfield im Staate Connectieut. Lieber Vater! Entweder muß ich mich in der Nacht, wo ich bei Vetter John die Rede hielt, gräßlich erkältet haben, oder Miß Elslers Backe hat mich angeſteckt; was es aber auch ſei, ſeit drei Tagen bin ich ſo krank, wie nur einer ſein kann. Ich dachte in der That, ich würde nie wieder geſund werden, ſo hatte mich das Zeug gepackt. Es hat keiner ſolch ein Pech, als ich, ſeit ich in dem Aſtor⸗Houſe bin. Das Blut ſtieg mir zu Kopfe, als ich alle die Wagen voll hübſcher Mädchen vorbeifahren ſah, und ich muß hier ſitzen, und an der dicken Backe herum doktern. Ich wolite, ihr hättet mich am erſten Tage meiner Krankheit geſehn. Wenn mein Mund nicht gerade in die Höhe ſtand, ſo weiß ich Nichts mehr, das iſt Alles. Gut, eines Tages kommt der kupferfarbige Neger ins Zimmer geſprungen, und ſagt;„Mr. Slick, es iſt eine Dame unten, die mit Ihnen zu ſprechen wünſcht.“ „Nicht moͤglich,“ ſagte ich, nahm das Taſchentuch, mit dem ich mein Geſicht verbunden hatte, und ſteckte es mit ſammt dem Hopfen in die Hoſentaſche. 271 „Was ſoll ich mit der unverſchämt dicken Backe ma⸗ chen?“ ſagte ich.„Schau mal her, Neger, weißt Du keine Salbe, die mir den Geſchwulſt da im Augenblick wegſchafft? Gebe Dir vier und einen halben Penny in hartem Gelde, wenn Du's kannſt, meiner Seele! denn ich moͤchte aus der Haut fahren, daß mich ein hübſches Mäd⸗ chen in dem Aufzuge ſehn ſoll.“ Der Neger kratzte ſich hinter den Ohren, half aber Nichts, konnte mich nicht euriren: ſetzte mich alſo wie⸗ der, und that mein Möglichſtes, den Mund in grade Linie zu bringen, aber das eine Ende wollte immer Bekannt⸗ ſchaft mit meinem Ohr machen, und das andere mit mei⸗ nem Hemdkragen. Je mehr ich mich abquälte, deſto querer wurde das Ding, ſo daß ich am Ende die Geduld verlor, und rief:„Soll mich der Teufel holen! ich kann heute Niemand ſehen, und mag nicht! Geh nur, Woll⸗ kopf, und ſag dem Mädchen, ich ſei ſterbenskrank.“ „Soll ich nicht ſagen, Sie ſeien nicht zu Haus?“ ſagte er mit ſchlauer Miene;„das iſt ſo der Aus⸗ druck.“ „Hör', Schneeball,“ ſagte ich,„ſag keine Lügen über mich, ich leide es nicht.“ „Das ſind keine Lügen, Maſſy; die Damen ſagen ſo, wenn ſie noch nicht angezogen ſind. „Halt's Maul!“ ſagte ich, einigermaßen zornig;„ich will kein Wort gegen das Weibervolk hören!'s iſt meine Meinung, daß ein Mann, der ſie mit ruhigem Blut ver⸗ unglimpfen hören kann, keinen Schuß Pulver werth iſt. Niemand ſagt ein Wort gegen die Weiber, als dieſe ewigen Lumpen, die ſelber nicht wiſſen, was ſie ſind, und kein anderes Vergnügen haben, als Alles Schöne und Evle auf Erden ſo klein zu machen, wie ſie ſind; grade als wenn ſo'n dickes, jahraltes Rind in einen Blumengarten kömmt, und alle die grünen Blätter und rothen Blumen niederdrückt, ohne daß es ihm in's Gehirn kommt, wie ſüß ſie ſind, oder wie viel Honig unter ſeinem Huf ſtirbt 272 Haſt Du je eine Biene um ein Blumenbeet fliegen ſehen, Wollkopf? erſt ſteckt ſie ihren Kopf mitten in eine Blume, und dann in eine andre, und dann bedeckt ſie ihre hübſche gelbe Bruſt mit den rothen Blättern und ſummt mit den Flügeln um die runden Kelche herum, bis ſie zittern, und noch eins ſo ſchön werden, während ſie den Honig fortnimmt. Siehſt Du,'s iſt ein gut Theil Menſchennatur in der Biene; ſtatt die Blume zu zerreißen, oder ſie mit Gift füllen, daran ſie welken und ſterben, ehe es ihre Zeit iſt, ſchlürft ſie nur all den Honig ein, den ſie auf ehrliche Weiſe kriegen kann, und läßt dem Kelch all ſeine Süßigkeit, daß er nach Belieben Thau trinken, und noch eins ſo ſchön werden kann, wie zuvor. Was meinſt Du dazu, Neger?“ Ich wollte ihm noch einen Haufen ſolcher Betrach⸗ tungen zum Beſten geben, denn wenn ich vom Weibervolk mal anfange, iſt mir das Herz zum Ueberlanfen voll, aber da ſtand der Neger, und kratzte ſich ſeinen Wollkopf, und zwinkerte mit ſeinen aufgeworfenen Lippen, als ver⸗ ſtände er weder A noch B von Allem, was ich ſagte. Ich ſchämte mich wahrlich, daß ich ſo was dem Neger geſagt hätte, und dachte, die heilige Schrift habe doch recht, wenn ſie ſagt, man ſolle keine Perlen vor die Säue werfen. Sagte alſo dem Neger: „Geh' hinaus und ſag' dem Frauenzimmer: ich wolle fie beſuchen, ſobald meine dicke Backe wieder gut ſei.“ Gut alſo, der Neger war kaum die Treppe hinunter, da klopfte es leiſe an meine Thür, und ich rief: „Herein!“ Die Thür ging auf, und eine froſtig ausſehende alte Jungfer mit einem ganzen Pack Traktätchen unter dem Arm, kam mit der größten Ungenirtheit von der Welt herein. Sie hatte einen alten Hut auf, der wie eine zerdrückte Zuckerſchaufel ausſah, einen kattunenen Rock und einen ausgezackten Vandyk⸗Kragen mit Gänſepelz 273 beſetzt, der ſo ſchmutzig ausſah, als hätte die arme ſich grade in einer Pfütze gebadet, ehe man ſie rupfte. „Ich glaube, Sie ſind fehl gegangen, und in das falſche Zimmer gekommen,“ ſagte ich, mich an's Fenſter retirirend, denn ſie kam mit ihrem Pack ſo unverſchämt auf mich zu, wie ein Exerziermeiſter. „Iſt Ihr Namen nicht Mr. Slick?“ ſagte ſie, mir ſcharf in mein geſchwollenes Geſicht ſehend—„Mr. Jonathan Slick von Weathersfield?“ „O ja, die Leute nennen mich ſo, in Ermanglung eins beſſern Namens.'s iſt mir übrigens einerlei, wie ſie mich heißen, wenn ſie mich nur nicht zu ſpät zu Tiſch gehen heißen,— verſtehen Sie, Ma'am.“ „Habe viel von Ihnen gehört, Mr. Slick,“ ſagt ſie, „und möchte Ihnen einige von meinen Büchern verkaufen.“ Damit ſchwenkte ſie ihre Traktätchen und ſagte:„Nur der Wunſch, mein Vaterland vom Verderben zu retten und die Menſchen zu erleuchten, veranlaßt mich, die Leute zu erſuchen, meine Bücher zu kaufen, aber ich meine, wenn dies Land je regenerirt werden ſoll, ſo müſſen wir Frauen es thun.“ „Nicht möglich,“ ſagte ich, und hatte Mühe, dem Geſchöpf nicht grade in's Geſicht zu lachen; biß mir aber auf die Zunge, und ſagte:„War mir noch nie in den Sinn gekommen, daß unſer Land der Freiheit von einer alten Jungfer mit einer Handvoll Mäßigkeitstraktätchen aufrecht erhalten werden müßte; ich brauche ſie aber nicht zu kaufen, denn ich habe das Rauchen aufgeſteckt, und keinen Tropfen Rum getrunken, ſeit ich Captän Dovlittle aufwichste.“ „Das ſind keine Traktätchen,“ ſagte ſie, indem ſie die Lippen verzog, und ſich auf die Zehen ſtellte. „Aha!“ ſagte ich,„ſind alſo ſo ein Stück von einem weiblichen Miſſionär, gelt?'s iſt aber einerlei, bin heute Leben in Newyprk. 18 274 Morgen gar nicht aufgelegt. Sie thun drum beſſer, Sie gehn hinunter und ſehn zu, vb Sie dort Niemand bekehren können.“ Damit nahm ſie eins der Traktätchen aus Ihrem Bündel, hielt es mir trotz allen Abwehrens hin und ſagte: „Ich bin weder Miſſionär, noch Ten⸗tolaler, noch etwas der Art, ſondern ein freigebornes Weib, das bereit iſt, für ſeine Sache zu ſterben— ich bin daſſelbe Weib, das durch ſeine Schriften gegen Martin Van Buren den ganzen Staat Pennſylvanien gegen ihn kehrte und für General Harriſon Blockhütten und rauhen Cider*) gewann.“ „Was Sie nicht ſagen,“ ſagte ich und fühlte mir den Kamm ſchwellen über dem ewigen Unſinn, den das Weiber⸗ volk zu Tage brachte. „Ja,“ ſagte ſie mit den Händen geſticulirend und die Augen rollend,„ich gewann Pennſylvanien für General Harriſon, und als dieſer große Staat gegen Van Buren war, da war Alles gegen ihn— ſo daß ich im Grunde das ganze Land gewann, Ich mit meiner eignen Feder! Jetzt ſagen Sie mir noch, daß die Weiber Nichts vermö⸗ gen! Leſen Sie nur meinen letzten Brief an den Präſiden⸗ ten, wie ich ihn wegen der Flotte mitgenommen habe. War in der That froh, als ich hörte, daß Sie für eine politiſche Zeitung ſchrieben, Mr. Slick, denn Sie und ich, wir können die ganze Regierung im Boden erſchüttern. Kaufen Sie alſo eins meiner Bücher und dann wollen wir uns zuſammen hinſetzen und den Stand der Dinge hier in der Stadt prüfen.“ Hatte Mühe, mich zurück zu halten, während das Weibsbild ſchwatzte. Wollte anfangs höflich gegen ſie ſein, weil ſie ein Frauenzimmer war; dachte am Ende aber bei mir ſelbſt, wenn die Weiber ſelbſt ihre Stellung ver⸗ geſſen, ſo können Sie es uns auch nicht übel nehmen, wenn wir es auch thun. Steckte alſo die Hände in die *) Parteizeichen der Anhänger des Genkral Harriſon. e 275 Hoſentaſchen, ſtellte einen Fuß vor den andern und fing an— „Schauen Sie, Maam, wenn es etwas auf der Welt gibt, wofür ich ſterben könnte, ſo iſt das ein ächtes Frauen⸗ zimmer. Frage nicht viel danach, ob ſie ſchön oder häß⸗ lich iſt, ſo lange ſie ſich wie ein Frauenzimmer zu beneh⸗ men weiß; meiner Meinung nach aber iſt der Platz einer Frau ihr eignes Haus, wo ſie für ihre Kinder ſorgt und ihrem Mann die Strümpfe ſtopft. „Habe Nichts dawider, wenn ſie ſo viel lernt, als zu lernen ſie Zeit hat; denn wenn ſie verheirathet iſt, ſo wird ihr Mann ſie dann nicht blos als ſeine Frau, ſondern auch als eine Art Freund betrachten, und ſie wird wiſſen, wie ſie ihre Söhne zu braven Patrioten und rechten Männern erzieht. Je mehr ſie weiß, deſto beſcheidner ſollte ſie ſein; denn je mehr einer lernt, deſtv mehr ſieht er ein, wie viel er noch nicht weiß, und das ſollte ihn demüthig ma⸗ chen. „Was nun die Politik betrifft, ſo glaube ich, daß die Weiber ebenſowenig Recht haben, ſich hineinzumiſchen, als eine Katze Hoſen zu tragen; und um Ihnen die wahre— Herzensmeinung von Jonathan Slick zu ſagen, ich meine, man kann vor keinem Frauenzimmer, als ſolchem, Reſpect haben, das ſich je mit Politik befaßte; ſie find gut genug für dieſe Art halb Weiber, halb Alligatoren, wie die Miß Martineau und Anna Royal, noch ein Paar ſolche, die ich nicht anführen mag— die Anweſenden ſind natürlich immer ausgenommen— aber ich habe immer gefunden, daß ſich hübſche Mädchen und rechte Frauenzimmer nie mit Politik abgegeben habenz's iſt blos das Volk, das keinen Mann kriegen kann, und die dann von ſich ſprechen machen wollen, die ſich mit der Wiedergeburt ihres Va⸗ terlandes abgeben, wie Sie ſagen. „Wollen Sie einem Extra⸗Tractätchenverbreiter, einen weiblichen Politiker, oder den Vorſfitzer Tenino dieſer Anti⸗ Geſellſchaften haben, ſo nehmen Sie eine Portion von 276 dieſen alten Jungfern, und ſchicken einige davon nach Waſhington, um dem Congreß Unterricht zu geben, andere in die Trinkſtuben mit Mäßigkeitsſchriften, und wieder andre in ſolche Häuſer herum, in denen ſich brave rechtliche Frauen nicht gern ſehen laſſen: und ich bin überzeugt, die Sache wird gehen. Die Männer müſſen doch Eſel ſein, die nicht einſehen, daß eine kecke Stirn und eine Handvoll Traktät⸗ chen den Charakter einer Frau überall aufrecht halten können, ſie mag geſehen werden, wo ſie will— nicht wahr, Maam?“ ſagte ich,„wenn Sie Nichts dawider haben?“ Damit zog ich meinen Fuß zurück und machte ihr ein Staatscompliment, um ſie ein wenig zu beſänftigen, denn ſie ſah ſo wild aus wie ein Hagelſturm im März, und es war luſtig anzuſehen, wie ſie ihren langen Hals unter ihrer Zuckerſchaufel verdrehte. Endlich warf ſie den Kopf in den Nacken und ſagte: „Mr. Slick, Sie ſind kein Gentleman.“ „Weiß wahrhaftig nicht, ob ich mich je für einen ausgegeben habe,“ ſagte ich lachend;„will Ihnen aber die Wahrheit ſagen, Maam. Es iſt mir auffallend, daß alle dieſe weiblichen Politiker ſo ſelten mit einem Gent⸗ leman, wie Sie es nennen, zuſammenkommen. Sie legen ihre beſten Manieren nur an, wenn ſie meinen, daß ſie auch verſtanden werden, eben ſo wenig als ſie ihre Sonn⸗ tagskleider anziehn, um die Schweine zu füttern. Bin der Meinung, daß Weiber, die ich nennen könnte, in ihrem ganzen Leben mit keinem Gentleman zuſammenkommen.“ Damit fuhr ſie auf und ſagte:„Sie vergeſſen, Mr. Slick, daß ich ein Frauenzimmer bin.“ „Ich weiß nicht, ob Jemand etwas vergeſſen kann, vas er nie gewußt hat,“ ſagte ich;„wenn Sie aber je eins geweſen ſind, ſo müſſen Sie es lange vergeſſen ha⸗ ben, ehe Sie mit politiſchen Büchern in den Straßen her⸗ umzulaufen anfingen; und wenn eine Frau ſich ſelber Ler⸗ gißt, ſo darf ſie die Männer nicht tadeln, daß ſie kein 277 beſſeres Gedächtniß haben. Will Ihnen aber ſagen, Maam, es iſt kein leichtes Stück Arbeit, zu predigen, wenn einem der Mund ſo ſchief im Geſicht ſitzt, wie mir und wenn er ſeinen gekochten Hopfen in die Hoſentaſchen geſteckt hat; wenn Sie alſo Nichts dawider haben, ſo will ich meinen Kopf wieder verbinden und den Neger rufen, daß er Ih⸗ nen die Treppe hinunter leuchtet. Ich wollte von Herzen gern hoflich ſein und es ſelber thun, aber dieſer Backen da ſchmerzt mich wie beſeſſen.“ Damit ſtampfte ich ungeduldig auf den Boden, der Neger kam und ſein Compliment und ſein Augenrollen gegen den weiblichen Politiker brachten mich zum Lachen, daß mir das Geſicht ſpringen wollte. Sie blieb ſtehn, als ob ſie noch etwas ſagen wollte, aber ich nahm mei⸗ nen Kopf in beide Hände und beugte mich vor und rück⸗ wärts, als könnte ich es nicht mehr aushalten. So ging ſie denn allmälig mit ihren Traktätchen die Treppe hin⸗ unter und der Neger lachend hinterher. Kaum war ſie fort, als ich die Thür zuſchloß und den Schlüſſel in die Taſche ſteckte, aus Furcht, der Nächſte möchte der Leib⸗ haftige ſelbſt ſein. Ihr könnt Euch nicht denken, wie freundlich der Wirth hier in Aſtor⸗Houſe gegen mich iſt. Wenn der kein geborner Gentleman ohne Hülfe eines Schneiders iſt, ſo habe ich meiner Lebtage keinen geſehn. Es wird Euch im Herzen freuen, wenn Ihr ſähet, wie viel er ſich mit mir abgibt, und wie viel Zeit er ſich nimmt, dafür zu ſorgen, daß alle die Miethsleute in dem großen Hauſe ihre Sache recht haben. Kaum hörte er, ich ſei krank, als er in mein Zimmer kam, und Mutter wäre ganz außer ſich gekommen, hätte ſie geſehn, wie hoflich er war. Habe noch nie Jemand geſehen, der mir ſo gefallen hätte; jeder Zoll an ihm iſt ein Mann. Als ich ihm ſagte, daß mir der Zahn ſo weh thäte, ſchickte er mir gleich ein Neger⸗ mädchen zur Aufwartung. Er ſchickt mir die Zeitungen alle Morgen.. 278 Sag der Mutter, der guten alten Frau, meine beſten Grüße und nimm auch Deinen Theil davon. Geſund oder krank, ich bin immer Euer liebender Jonathan Slick. Sechsundzwanzigſter Brief. An die Herausgeber des Bruder Jonathan, an⸗ Zeitung unten in York. Hochgeachtete Herrn! Ich meine, Ihr Brief kam wie ein Kreideſtrich von York, bin aber ſeit meiner Zurückkunft ſchier ganz aus der literariſchen Welt herausgekommen, und habe kein Wort vernommen, bis zum 22. April, grade als ganz die Kleider für die andre Welt angezogen atte. Hatte den ganzen Tag in den Zwiebelbeeten gearbei⸗ tet, und dachte gegen Abend, es könnte nicht ſchaden, wenn ich ein wenig ausritte, um die Knicke aus meinem Rücken 8 zu bringen. Ging alſo in die Scheuer, maß etwas Rog⸗ gen aus, ſattelte die alte Mähre, ging in's Haus, um Säcke zu holen und dachte, ich wollte in die Mühle rei⸗ ten und auf dem Rückweg bei den alten Whites anſpre⸗ chen, um zu ſehn, was Judy ſeit der letzten Singſtunde mache. 5 Gut, ging alſo durch den Baumgarten, und das Herz im Leibe lachte mir, als ich die Rothkehlchen auf den 279 Apfelbäumen ſingen horte und ſah wie rund herum über mir die Knospen aufbrachen, und unter mir das Gras auf⸗ ſchoß und Alles ſo friſch ausſah wie ein Mädchenmund. Die Pfirſichbäume hinten im Garten fingen grade an zu blühen; ſie waren noch nicht in vollen Blüthen, aber ſie ſchienen über ihre eigene Faulheit zu erröthen; und der alte Birnbaum beim Brunnen ſah aus, als hätte der liebe Gott einen Mehlſack darüber ausgeſchüttet, und doch hatte er wie die übrigen erſt angefangen. Ich war nicht dur⸗ ſtig, aber die Luft roch ſo ſüß, und das Waſſer im alten Eimer, der ein wenig leckte, fiel in einem fort ſo verfüh⸗ reriſch tropf, tropf, tropf in den Brunnen hinunter, daß ich nicht vorbeigehn konnte, ſondern die Brunnenſtange faßte, den Eimer hinunterließ und einen Zug that, der mich recht erquickte. Gut, ging alſo durch den Hof und öffnete die hintere Küchenthür, um Mutter nach den Säcken zu fragen, und da ſaß ſie in ihrer Werlſay⸗Schürze dicht beim Tiſch, gerade wie ſie das Geſchirr vom Frühſtück aufgewaſchen hatte. Ihr graues Haar guckte unordentlich unter der Haube hervor, ihre ſtählerne Brille war halb auf die Noſe heruntergerutſcht, die große Bibel lag vor ihr und ſie las eifrig im Propheten Baniel. Die arme Frau ſah jäm⸗ merlich aus, als hätte ſie ein Hahnenei gefunden, und wußte noch nicht, was für ein Küchlein es geben ſolle. „Mutter,“ ſagte ich,„wenn Ihr mir die Säcke ge⸗ ben wollt, will ich in die Mühle reiten, das letzte Mehl muß ſo ziemlich alle ſein.“ Sie ſaß ſtill, ſchaute in die Bibel und that, als hörte ſie nicht, was ich ſagte. Sie ſchüttelte wehmüthig den Kopf, daß ihr die Byille auf der Naſe klapperte und dann ſtöhnte ſie etwas vom Feuer und Schwefel und vom Ende aller Dinge, und wiſchte ſich die Augen mit der Schürze aus, als wär's ihr ganz jämmerlich um's Herz. „um Gottes Willen, was fehlt Euch denn, Mutter?“ 280 ſagte ich;„Ihr ſeht ja ſo traurig aus, daß ich grade herausweinen möchte.“ Mutter ſprang auf, ſah ganz erſchrocktß aus und ſagte;—„Ach du lieber Gott! biſt Du es, Jonathan?“ „J, freilich,“ ſagte ich;„wo ſind die Säcke 2“ „Ach, Jonathan,“ ſagte ſie,„haſt Du auch an das Ende gedacht?“ „Ja,“ ſagte ich,„die beiden Stricke da ſind feſt genug, alle Säcke im Hauſe zuzubinden.“ Mutter ſchüttelte wieder den Kopf und ſah ſo traurig drein, wie ein Mädchen, dem der Freier drausgelaufen iſt und ſagte:„Jonathan, haſt Du auch an das Thier mit den Hoͤrnern gedacht?“ „Kann grade nicht ſagen,“ ſagte ich und ſteckte beide Hände in die Hoſentaſchen,„daß ich viel an das Geſchäft gedacht habe; wenn Ihr und der Alte wollen, daß ich die Ochſen nehmen ſoll, ſo habe ich nichts dawider, obwohl mir die ſchwarze Stiere lieber geweſen wären.“ Mutter ſchüttelte den Kopf immer bedenklicher. „Na, meinetwegen will ich die Ochſen nehmen,“ ſagte ich,„aber ſeid nun wieder zufrieden und ſagt mir, wo die Säcke ſind.“ Damit ging ich die Hintertreppe hinauf und fand das Zeug ſelber, als ich aber hinausgehen wollte, rief ſie mir nach:„Jonathan, Jonathan, treibe es nicht ſo fort, du armer ungerathener Sohn, was brauchen wir denn, eſ denn den Müller und ſein Verſprechen ver⸗ geſſen?“ „Ach, wie ſollt ich das auch vergeſſen,“ ſagte ich, die Säcke über die Mähre werfend; er kennt ſeine Sache aus dem Grunde und hat verſprochen, gutes Mehl zu liefern; ich ſagte ihm, Ihr wäret ärgerlich über das letzte.“ Damit führte ich das Pferb hinaus; theilte den Roggen, daß er an heiden Seiten gleich unter mir war, gab dem Zügel einen Ruck und trabte fort voll Ver⸗ 281 wundrung, was der Alten in den Kopf gefahren ſei. Grade als ich um die Gaſſe nach Squire White's bog, ſah ich mich um, und da ſtand ſie am Fenſter, rang die Hände, hatte die Haube auf einer Seite und ſah wie wahnſinnig aus. Grade in dem Augenblick kam auch Vater durch's Kornfeld, wo er und Onkel White gepflanzt hatten, und ich erzählte ihm, wie ſich Mutter um die Ochſen und das Mehl angeſtellt hatte. Vater ſchüttelte den Kopf und ſagte:„Der Teufel ſoll den Müller holen! die ganze Zeit brütet ſie den Unſinn von dem Kerl, daß ſie des Nachts kein Auge zuthut, und da nun grade der 23. heranrückt, ſo wird die Geſchicht von vorn wieder anfangen.“ „Soll ihn doch der Böſe holen!“ ſagte ich;„jetzt geht mir auch auf einmal ein Licht auf, was der Mutter fehlt. Der ſchleichende alte Eſel ſollte von Nachteulen zu Tode geſungen und von verkrüppelten Grasſpringern bis in die Mitte der nächſten Woche hineingeſtoßen werden!“ Damit ritt ich weiter und Vater ging nach Haus und aus als wüßte er ſelber nicht, ob er fluchen oder weinen ollte. Den ganzen Weg nach der Mühle war's mir nicht recht, denn es wollte mir gar nicht in den Kopf, daß jetzt Alles zu Grunde gehen ſollte. Ich hatte grade keine Angſt, aber Alles um mich herum, kam mir doch ſo un⸗ heimlich vor. Die Mühle war verſchloſſen, ich ſtellte alſo mein Korn vor die Thür, ſtieg wieder auf die alte Mähre und wollte in die Stadt reiten, um mich aufzu⸗ heitern. Grade als ich bei der Poſt vorbeikam, ſprang ein Kerl heraus und ſagte mir, es ſei ein Brief aus Newyork franco für mich angekommen. Ich hielt an, legte der Mähre den Zügel auf den Hals, erbrach den Brief und las ihn. By Gauly! das Herz ſprang mir geradezu in den Mund!'s war mir aber doch nicht ganz recht. Ich wäre von Herzen gern gekommen, aber Vater wollte kein Wort von York hören, ſeit meiner Geſchichte 282 mit Miß Elsler im Aſtor⸗Houſe und ich fürchtete, er würde nein ſagen. Dann waren Mutter und Judy White auch alle beide gegen York und haßten Miß Elsler wie böſes Gift. Wenn ich mir übrigens was in Kopf ſetze, ſo geht's doch, und ich dachte dem Ding nach, bis ich an Mr. While's Haus kam. Judy kam mit ihrem großen Sonnenhut heraus und ſah zum freſſen aus. „Komm, Judy,“ ſagte ich,„ſpring hinten auf und geh' mit mir nach Haus; Mutter iſt ganz aus dem Häus⸗ chen über den verdammten alten Muller und du mußt ſie ein wenig aufheitern.“ Judy trat an den Zaun und ich trieb die alte Mähre heran, während ſie ihre earrirte Schürze abnahm und hinten ausbreitete. Hot, hot! ſagte ich zur Mähre und ſie trat ſo dicht an den Zaun, daß ſie mir ſchier das Bein zerdrückte und machte dann wieder einen Sprung. Judy weiß ſich aber zu helfen, ſprang zu und ſaß quer auf der Croupe, einen Arm um mich geſchlungen. Die Mähre bockte noch einmal, Judy flog in die Hoͤhe, hielt ſich aber noch feſter an mir und lachte, daß ich nicht wußte, was den ſüßeſten Lärm machte, ſie oder die Roth⸗ kehlchen, in des alten White Obſtgarten. Als ich mich umkehrte, um ſie zu halten, guckten mir ihre rothen Lippen grade in's Geſicht; das hübſche Geſchöpf hielt ſich aus Leibeskräften an mir feſt, und ſo oft ſie lachte, hauchte ſie mir ihren ſüßen Athem gerade in den Mund. Weiß Gott, ich gab ihr einen Kuß, ehe ich's wußte, und als ſie wie⸗ der lachte, mußte ich ihr mit der Hand den Mund zuhal⸗ ten, das Pferd wäre mir ſonſt ſcheu geworden. „Aber Jonathan,“ ſagte ſie, und richtete ſich ſteif in die Höhe,„ſchämſt Du Dich denn nicht?“ Die verwünſchte alte Mähre fing mitten in der Straße noch einmal an, ihre Sprünge zu machen, und ich hatte genug zu thun, ſie feſtzuhalten, ſo daß mir keine Zeit blieb, Judy mit einem andern Kuß zu beſänftigen. Sie wollte den ganzen Weg nach Haus kein Sterbens⸗ 283 wort ſagen, ſondern ſaß da und hatte einen Arm loſe um mich gelegt, als hätte ſie ſich gern an etwas Anderm feſt⸗ gehalten, wenn ſie's nur gekonnt hätte, und hielt mit der andern Hand ihren Sonnenhut, daß ich nicht die kleinſte Ecke von ihrem Geſicht gewahren konnte. Es war ziem⸗ lich dunkel, als wir heim kamen. Die Kühe ſtanden am Gitter und blöckten, daß ſie gemolken würden, die alten Hühner ſaßen rund herum, als wären ſie zum Sterben hungrig, und als wir in die Küche kamen, ſtand der Tiſch noch da mit dem ſchmutzigen Geſchirr, wie wir ihn nach dem Frühſtück verließen; das Seihetuch lag zuſammenge⸗ gedrückt im Trichter, und die Katze leckte den Rahm von einer Milchſchüſſel, die auf einem Stuhl an der Käſe⸗ kammerthür ſtand. Mutter war fortgegangen und hatte ſich in ihrer Kammer mit ihrer Bibel und einem ganzen Haufen der Midnight ery ²) Zeitung eingeſchloſſen. Es wurde mir ſchier weh um's Herz, wie ich Alles im Hauſe herumliegen ſah. Es gab keine ordentlichere Frau auf der Welt als Mutter, und jetzt ſah das ganze Haus wie ein Schweinſtall aus. Judy und ich fingen an zu arbeiten, ſie vergaß, daß ſie böſe auf mich war und wuſch die Schüſſeln und machte das Nachteſſen, wäh⸗ rend ich hinausging, um zu melken. Mutter wollte nicht zum Eſſen kommen, und Vater erſtickte faſt an jedem Biſſen, den er in den Mund ſteckte, und doch ſah er aus, als hätte er eben ſo viel Mühe, ſeinen Zorn zurückzu⸗ halten, als die Thränen, die ihm aus den Augen an der Naſe heruntertropften. Ich wette, Sie ſahen noch nie ſo traurige Leute, wie wir bis Mitternacht in unſerer Küche herumſaßen, denn Mutter wollte nicht zu Bett gehen, und wir hatten Angſt, ſie in ihrem Zimmer mit dem gehoͤrnten Thier, das ihr gerade in's Geſicht ſchaute, allein zu laſſen. Als die alte Uhr zwölf ſchlug, hörten wir die äußere Thür aufgehen, *) Mitternachts⸗Geſchrei. und Mutter kam in die Küche, wo wir ſaßen. Sie hatte ein weißes Gewand wie einen Nachtrock an, weiße Schuhe an ihren alten Füßen und ihr Haar hing ihr in den Nacken herab, daß der bloße Anblick einem das Blut er⸗ ſtarren machte. Ich habe nicht das Herz, Alles niederzuſchreiben, was Mutter in der Nacht und am folgenden Sonntag anſtellte— es iſt mir, als ſpottete ich meine eigne Mutter aus. Sie ging von einem Zimmer in's andre, rang die Hände und weinte ſich die Augen aus, weil wir die Klei⸗ der nicht anziehn wollten, die ſie für uns gemacht hatte und uns nicht ohne Widerrede in den Himmel ſpediren laſſen wollten. Ich dachte, es könnte nicht ſchaden, wenn ich ihr andre Gedanken als das gehoͤrnte Thier in den Kopf brächte. „Mutter,“ ſagte ich auf einmal,„ich kann noch nicht an die andre Welt denken. Ich habe grade einen Brief von York gekriegt, und wenn Ihr mit aller Gewalt in den Himmel gehen wollt, ſo denke ich, iſt York ein Platz für mich.“ Mutter ſprang grade in die Höhe und ſagte;„Jona⸗ than, was meinſt Du?“ Das Herz klopfte mir, es war das erſte Lebenszeichen, das ſie heute von ſich gab. Vater ſah mich an, und ſein Kinn zitterte, denn er meinte, ich ſpottete die alte Frau aus, und Judy White rückte dicht an mich heran und ſagte:„Iſt das Dein Ernſt, Jonathan?“ „Und wenn es wäre, ließeſt Du mich nicht gehn?“ ſagte ich. Machte die aber ein Geſicht!„Ich mag nicht dran denken!“ rief ſie, und ehe ich's wußte, fing ſie an zu weinen und lief zur Thür hinaus. Ich ging ihr nicht nach, denn Mutter lag wieder auf ihren Knien, und ſah durch ihre Brille nach einer großen ſchwarzen Gewitterwolke, die den ganzen Himmel überzog, als wenn in der That die Welt untergehen ſollte, und alle Neger in der Schopfung vorangingen. Mutter ihr Geſicht war ſo weiß wie eine Talgkerze, und mit ihrem weißen Kleid und ihren gerungenen Hän⸗ den ſah ſie wie verrückt aus. Ich dachte, ich wollte ſie ein wenig aufheitern, aber Nichts ſchlug an, und ſie lag wie ein Stock da, die Arme in die Höhe, den Kopf zu⸗ rückgeworfen, daß die grauen Haare ihr am Rücken her⸗ unterhingen und der helle Blitz von ihren Brillengläſern wiederſchien. Die Haare ſtanden mir zu Berge. Allmä⸗ lig fing der Donner an über uns zu rollen, daß die Fel⸗ ſen zitterten, und der Blitz zuckte in breiten Streifen her⸗ unter, als wenn die ganze Natur in Aufruhr wäre, und alle Ziegelbrennereien, Kohlengruben und Schmelzhütten ſpielten in den Wolken und heulten und ziſchten durch den Regen, der in Strömen herunterfloß. „Da, ſchaut hin!“ ſagte Mutter auf einmal und ſtreckte ihren Arm durch's Fenſter.„Ich bin bereit, ich komme! Schau hin, Kirchenälteſter Zephaniah Slick, ſchau hin, ungerathener Sohn, ſchau hin!“ Und weiß Gott, etwas ganz Weißes ſtand grade dem Fenſter gegenüber im Baumgarten. Vater und Judy White— denn ſie war wiedergekommen, als ſie ſah, daß ich ihr nicht nachging— ſprangen auf und wurden todten⸗ blaß. In dem Augenblick tönte ein lautes Geräuſch— ſnort, ſnort, ſnort— aus dem Baumgarten.„O Gott,“ ſagte Mutter, die Trompete, die Trompete“ und fiel wie⸗ der auf die Knie. „Will doch ſehen, was das Ding iſt,“ ſagte ich, trat an's Fenſter, und rief:„Halloh, he, fort da!“ aber ich rief nicht laut genug, die Worte blieben mir wie Wachs in der Kehle ſtecken, und das Geräuſch kam noch viel lauter und unheimlicher wieder. Ich dachte bei mir:„Weiß Gott, Du mußt es noch einmal verſuchen,“ klatſchte alſo in die Hände, und rief „Halloh! fort da! Du Ketzer, marſch!“ Ich denke, ich ſchrie wie aus einer Kanone heraus. Der weiße Geiſt ſchien das auch zu empfinden, denn er 286 ſchwenkte die Arme in der Dunkelheit und gab uns einen neuen Stoß aus ſeiner verdammten Trompete. In dem Augenblick zuckte gerade der Blitz herunter, und ſiehe da!— es war nur die alte weiße Mähre, die im Baumgarten ſchnarrte und tanzte. Ich ſetzte mich, und lachte grade heraus, daß ich mir den Bauch halten mußte, bis Vater und Judy mit einſtimmten, daß das Haus wackelte. In dem Augenblick ſchlug es zwolf. „Hurrah!“ ſchrie ich,„Mutter! der 23. April iſt gekommen und gegangen, der Sturm iſt vorüber und der Mond noch immer nicht blutig geworden. Hurrah!“ Ich wollte der alten Mutter grade einen Kuß geben, aber Vater hatte ſie ſchon umarmt, und küßte ihr weißes Geſicht und weinte laut auf. Da der Kuß aber mal fer⸗ tig war, und zu ſchwer für einen Mund, ſo gab ich ihn Judy, und als Quittung reichte mir der Sackermenter eine Ordentliche herüber. „Du lieber Gott,“ ſagte Mutter nach einer Weile, daß ich ſo einen Haufen Baumwollenzeug umſonſt zer⸗ ſchnitten habe!“ Wir ſagten Mutter in der Nacht nicht viel, als Va⸗ ter und ſie aber zu Bette gingen, warf ſie einen eignen Blick auf ihren Rock, und ſah uns dann von der Seite an. Ich konnte das Lachen kaum verbeißen, aber ich ver⸗ ſchluckte es, und Vater ſagte:„Du kannſt es zu einem Nachtrock gebrauchen.“ Als die Alten fort waren, gingen Judy und ich in's Vorderzimmer, und da es Sonntag Nacht war, ſo rückten wir unſte Stühle dicht zuſammen, und ſetzten uns, wurden bis gegen Morgen über dem Ge⸗ plauder nicht ſchläfrig. Ich ſagte Judy kein Wort, vaß ich nach York wollte, denn wenn ſie ihren Kopf mal auf⸗ geſetzt hat, ſo iſt bös mit ihr fahren, und ich denke, es iſt das Beſte, ich gehe ſo fort und ſchreibe ihr nachher einen Brief. Sie iſt eiferfüchtig auf die Yorker Mädchen, und haßt die, welche wie Fannh Elsler tanzen, wie eine Katze heißen Seifenſchaum. Ich denke, ich komme doch, aber wohl noch nicht gleich. Erſt muß ich alle die Zwiebeln hereinbringen und dann noch beim Korn helfen. Dann ſollen Sie mich in Lebensgröße in Bruder Jonathan's Comptoir ſehen. Vater wird kein Wort davon hören wollen, das weiß ich ſchon, er war über mich und Miß Elsler ſo boͤſe, daß er mich direkt aus dem Comptoir des Expreß holen ließ; er hält politiſche und tanzende Weiber für die ſchlimmſten Dinge, denen ein Burſch nachziehen kann. Ich will aber Captän Doolittle hinter ihn ſchicken, und wegen Mutter bin ich nicht bange, die läßt jetzt fünf grade ſein. Ich vachte, ich wollte ihr ein wenig um den Bart gehn, ging alſo heute Morgen zu meinem Zwiebelbeet hinter der Scheuer, wo die Sonne vom Morgen bis Abend iſt, und zog eine Hand voll Zwiebeln aus, daß einem das Waſſer im Munde zuſammenlief. Sie hatten die zarteſten grünen Köpfe, und als ich ſie in die Höhe hielt und die Erde abſchüt⸗ telte, ſahen ſie wie eine Hand voll Schneeballen aus, die am verkehrten Ende blühten. Die gab ich der Mutter, grade als ſie ſich zum Frühſtück ſetzte. Sie freute ſich faſt zu Tode darüber, und das iſt ein guter Schritt nach Neuyork, denke ich. Vielleicht bin ich in York, ehe Sie einen neuen Brief von hier bekommen, vielleicht auch nicht; ich weiß nicht, wenn ich fort kann. Der Ihrige Jonathan Slick. Siebenundzwanzigſter Brief. Jonathan kommt in Newhork an.— Reist auf des Kir⸗ chenälteſten Mähre.— Hat Geſchichten mit dem Füllen. — Beſucht das Comptvir des Bruder Jonathan.— Schifft ſich am Packſlip auf Captän Dovlittles Sloop ein, um dem Präſidenten einen Beſuch zu machen.— Seine Ein⸗ führung.— Jonathans Anſicht von der kalten Collation. — Der Empfang.— Landung im Schloßgarten.— Revne der Truppen.— Der Zug u. ſ. w. An Mr. Zephanjah Slick, Friedensrichter und Kirchenälteſten in Weathersfield im Staate Connectieut. Lieber Vater! Da bin ich, friſch und geſund, aber todtmüde. Ehe ich nach Bridgeport kam, bereute ich faſt, daß ich nicht mit Captän Doolittle in ſeiner Sloop gegangen war, denn das erſte, was ich ſah, als ich zu Vetter Smith in Bridgeport kam, war die alte Sloop, die mit vollen Se⸗ geln und über und übervoll Gemüſe, wie ein Vierſpänner, den Strom heruntergeſchoſſen kam. Es kam mir vor, als ſähe ich Captän Doolittle ſelbſt auf dem Deck ſtehn, wie er mich ausſpottete, daß ich auf der alten Mähre heruntergekommen war. Auch das arme Füllen war todt⸗ müde, und ich kriegte Angſt, es möchte dem Thier was zuſtoßen, ehe ich nach York käme. Mein Aufenthalt koſtete mich aber Nichts und Vetter Smith ſteckte mir ein ordentliches Futter in das eine Ende des Mantelſacks, und gab dem Füllen einen Trunk warme Milch, ehe wir am 289 Morgen aufbrachen, und ſo trabten wir alle drei im beſten Zuſtand nach Stamford zu. Unſer Vetter in Stamford war nicht zu Hauſe, ſo daß ich die alte Mähre und das Füllen im Wirthshaus einſtellen mußte; ich ſelbſt aß eine Portion von Mutter ihren Doughnuts, daß es meinen Mantelſack ziemlich erleichterte, und blieb bis am Morgen. Der Wirth ließ mich drei Yorker Schillinge für die Pferde zahlen. Ich machte ein ſaures Geſicht, wollte aber keinen Spektakel haben und zahlte alſo aus, und ritt auf alle Vetter fluchend, weiter. Wozu ſind die Kerle denn gut, wenn ſie nicht zu Hauſe find, wenn man ihres Weges reist? Es war ziemlich früh am Morgen, als ich nach York kam, die alte Mähre war todtmüde, und ich fürch⸗ tete, ſie würde keine gute Figur machen. Aber grade, als wir in die Bowery einbogen, ſielen ihr die großen Eiſenbahnkarren in die Augen, die ſie für einen Stall zu halten ſchien, der davon laufen wollte; denn ſie fing an zu wiehern, ſteckte den Schwanz in die Hoͤhe, ſpitzte die Ohren, und lief wie eine Lokomotive hinterher. Das Füllen ſprang wie beſeſſen hinterher, meine Rockſchöße ſchwebten in der Luft, mit der einen Hand hielt ich den Dreimaſter, mit der andern zog ich am Zügel und rief aus Leibeskräften:„Ju! ju!“— denn ich wollte nicht, daß die Leute glauben ſollten, es ginge mir zu ſchnell, und wenn es eine Maſchine mit Feuer und Schwefel ge⸗ weſen wäre, ſtatt einer hübſchen braunen Stute mit ihrem Füllen. Grade unten in Bowery hielten die Karren, und die Stute kam an ſie heran, und da ſie ſah, daß es nur ein Kaſten voll Menſchen war, bockte ſie, bis ich faſt auf der Straße lag. Das Füllen kam auch heran, und ſchlug mit ſeinen dünnen Beinen gegen die Karren aus, wie die Mutter es vorher gemacht hatte, und ſo kamen wir Cha⸗ tam⸗Street wie ein geölter Blitz herunter, bis ich der Leben in Newyork. 19 290 Mähre einen Ruck gab, daß ſie grade vor dem Comptoir des Bruder Jonathan ſtill ſtand. Das iſt ein koloſſales Gebäude, fünf Stock hoch, und voll Fenſter bis unter's Dach. Als ſie mich der alten Mähre: Oha! zurufen hörten, guckten ein ganzer Haufen Köpfe aus jedem Fenſter heraus, und ein ganzer Schwarm Zeitungsjungen kam um mich herum, und ſperrte Maul und Naſe auf, und ſchrieen Hurrah! wie das Donner⸗ wetter. Einer von ihnen nahm den Zügel, ich ſtieg ab und ging, drei Tritte auf einmal nehmend, grade die Treppe hinauf ins Comptvir. Ein Zimmer war ganz voll hübſcher Mädchen, die das Papier falteten, drei andre voll Männer, die härtere Arbeit hatten. Ich ging grade durch in das Kabinett des Herausgebers, ſtreckte die Hand aus, und ſagte: „Wie geht's2“ Zwei oder drei junge Burſchen waren noch im Zim⸗ mer, hübſche Herren, und einer von ihnen mit hellen Haaren und blauen Augen, die bei jedem dritten Worte Feuer fingen, wie ein Streichhölzchen, fuhr wie eine Springfeder in die Höhe, und ſagte: „Wie geht's Mr. Slick? Freut mich, Sie in der Stadt zu ſehen. Wir hatten Sie ſchon aufgegeben— ſetzen Sie ſich, nehmen Sie Ihren Hut ab und laſſen Sie den Wind durch Ihr Haar ſpielen— ſchöne Bäume, die im Park— ein herrlicher Tag, nicht wahr? das iſt recht, werfen Sie einen Blick auf die Fontaine— präch⸗ tig, nicht wahr?— wie eine Schlacht weißer Kriegsroſſe — geflügelte Roſſe, die gen Himmel ſteigen— ihre Mähnen fliegen im Winde, und ihre Hufe donnern in der Luft— paſſen Sie auf, jetzt ändert's ſich, da ſtrömt es durch die Bäume— wie ein Strahl von Diamanten und lauter Perlen, und—“ „Halloh, hallohl ſag' ich, Mr. Neal— ziehen Sie 8 Segel ein, ſage ichz das ſind Sie, wie ſie leiben und eben.“ 291 „Wie geht's? Was das Geſchäft da angeht, ſo ſieht's ſo wenig einem Geſpann Roſſe ähnlich, wie ich einem Säugling. Meiner Meinung nach,“ ſagte ich, und ſteckte beide Hände in die Taſchen,„meiner Meinung nach, ſieht's wie ein wahnſinniges Schneegeſtöber zwiſchen den Bäumen aus, oder wie ein ehrgeiziger Mühlbach, der den verkehrten Weg laufen will; die Bäume ſind auch nicht beſonders, unſere daheim ſind ein gut Theil grüner.“ „Wenn Sie da ſind,“ ſagte er lachend. „O gehen Sie,“ ſagte ich. In dem Augenblick ſchlug es auf dem Stadtthurm. Mr. Neal ſprang auf und ſagte: „Wir ſind zu ſpät, das Boot iſt fort. Da iſt Ihr Billet, Mr. Slick, aber es nützt Ihnen jetzt nichts.“ Ich nahm das Billet, das er mir gabz es war eine Einladung, dem Präſidenten entgegen zu fahren und das Boot war fort. „Verdamme mich, wenn ich ihn nicht einhole!“ rief ich und rannte, ohne ein Wort zu ſagen, die Treppe hin⸗ unter. „Hör', ſagte ich zu dem Buben, der die Mähre hielt, wenn der Präſident kommt, ſo führe mein Roß an den Landungsplatz und ich gebe Dir ein 4%½ Penceſtück. Willſt Du?“ „Ich will,“ ſagte der Knabe. „Du wirſt noch ein Mann, eher als Deine Mutter,“ ſagte ich, als ich um die Ecke bog, um den kürzeſten Weg nach Pock⸗Slip einzuſchlagen. Captän Doolittle wollte grade landen, aber ich ſchwenkte den Hut und rief:„Halt, halt, alter Kerl, alle Segel hinter dem Präſidenten!“ Damit ſprang ich in ein Boot, und ehe ich die Sloop erreichte, waren die Anker oben und ſie zur Abfahrt bereit. Der Wind kam den Eaſtriver gerade herunter, und als ich an Bord ſprang, riefen Captän Dovlittle und der Neger Hurrah, und wie ein Pfeil ging's durch's Waſſer. Wir gingen den Hafen grade hinunter, bis wir zwei Dampfböte auf uns zukommen ſahen, die ganz voll von Leuten waren; die bunten Wimpeln und Flaggen wehten, die Pfeifen und Hörner blieſen: Yankee⸗Doodle und die Trommeln ſchlugen„Heil Dir Columbia!“ und die Rä⸗ der rührten das Waſſer auf, daß es ausſah, als finge es in der heißen Sonne Feuer und ſtürze ſich dann wieder in die Wellen, um ſich abzukühlen. „Hißt eine andere Flagge auf, Captän,“ ſagte ich. Der Captän ſchob das Stück Taback in die andere Backe und ſagte:„Ich habe keine.“ „Ich meine, ich habe aber,“ ſagte der kleine Neger und lief hinunter in die Kajüte. In einer Minute kam er wieder und hatte eins von des Captäns rothwollenen Hemden an eine Stange ge⸗ bunden, die er auf dem Stern des Schiffes aufpflanzte, grade als wir auf die Dampfböte zukamen. Ein ſchlanker Burſch mit einem freundlichen Geſicht, aber der greulichſten Habichtsnaſe, die ich je geſehn, ſtand unter einem Haufen Leute auf dem Deck des Bootes, das die meiſte Muſik hatte. Ein alter Herr mit einem blauen, über und über gelb eingefaßten Rocke, und einem aufgeſchlagenen Hut auf dem Kopfe, der ſich über ſeine Naſe wie ein Hühnerweih krümmte, der ihm die Augen auspicken wollte, die beiden Beine von ein Paar gelb und ſchwarzen Stiefeln verſchlungen, ſtand dicht neben dem Mann mit der Naſe. „Captän Doolittle,“ ſagte ich,„hole die alte Flinte herauf, da iſt der Präſident.“ „Was, der alte Kerl mit den gelben Beinen und der gelben Bruſt,“ ſagte er,„der wie ein überjähriger Grasſpringer ausſieht, der aus dem vorigen Jahrhundert in dies geſprungen iſt?“ „Eben der iſt der Präſident der Vereinigten Staa⸗ ten,“ ſagte ich;„alſo drei Hurrahs und dann ſchießt los!“ Der Neger ging hinunter und holte die alte Flinte. S ——— Captän Doolittle lud ſie gehörig, ſtieß die Ladung mit dem Ladſtock hinunter, ſchuttete Pulver auf die Pfanne, legte ſie an die Backe und rief: „Jetzt kann's losgehn, Jonathan!“ Ich warf einen raſchen Blick auf den Neger, um zu ſehen, ob Alles fertig war, nahm den Dreimaſter ab, rief „jetzt!“ ſchwenkte ihn in der Luft und„Hurrah!“ ſchrie ich wie ein Kanonenſchuß, und„Hurrah!“ rief Captän Doolittle am andern Ende des Schiffes und„Hurrah!“ guäkte der kleine Neger. Mit dem ging die alte Flinte los, und der Mann mit der Naſe verbeugte ſich und winkte uns mit der Hand, und ich ſah Alderman Purdy, der in das Comptoir des Erpreß zu kommen pflegte, als ich da war, und kaum ſah er mich, als das Bvot auf einmal ſtill hielt, und zu ziſchen und auf dem Waſſer wie ein krankes Meerſchwein zu tanzen anſing und Jemand rief:„Kommen Sie an Bord!“ Captän Doolittle und der Neger legten das Boot bei, und ehe ich's wußte, ſtand ich mitten auf dem Dampfſchiffe. Kaum war ich an Bord, als die Burſchen auf dem Verdeck mit ihren Tuthörnern, Pfeifen und Trom⸗ meln ein ganzes Donnerwetter von Muſik zum Beſten gaben. Captän Doolittle ſchoß die alte Flinte wieder los, der kleine Neger hatte ein Extrahemd aufgezogen und ließ noch ein kleines„Hurrah!“ horen und Mr. Purdy agte: „Mr. Slick, der Präſident wünſcht Sie zu ſehen.“ „Ich habe Nichts dawider, ſagte ich, geben Sie mir nur einen Augenblick Zeit, daß ich mich ein wenig in Wichs ſetze.“ Damit nahm ich mein Taſchentuch heraus und ſtäubte meinen Rock und meine Hoſen etwas ab, ſtrich mein Haar herunter und ging mit Mr. Purdy zu dem Platz, wo der Präſident mit ſeinen gelben Hoſen und ſpitzen Hut ſtand. „Mr. Tyler, wie geht's?“ ſagte ich, eine Hand aus der Hoſentaſche herausnehmend und ſie ihm hinhaltend. 294 Der gelbe Burſch trat einen Schritt zurück, und der lange mit der Naſe ſchüttelte mir die Hand und ſagte: „Es freut mich, Sie zu ſehen, Mr. Slick.“ „Sind mir beinah ein wenig zu ſchnell dreingefah⸗ ren,“ ſagte ich, aber in dem Augenblick flüſterten Alderman Purdy mir in's Ohr: „s iſt ja der Präſident,“ ſagte er. „Gauly oppalus! ſagte ich,'s iſt nicht möglich!“ „Herr Präſident, wie geht's zu Hauſe? Alles wohl auf, hoffe ich?“ Damit nahm ich die Hand des Alten zwiſchen meine beiden und arbeitete damit auf und nie⸗ der, als wollte ich einen Eimer Waſſer aus ihm heraus⸗ pumpen, ehe ich ihn los ließ. „Nun, Captän,“ ſagte ich,„denke, Sie werden jetzt eine Zeitlang in York bleiben, da Sie mal da ſind.'s gibt hier jetzt grade ein Paar verdammt hübſche Mädchen, Capitalſtücke an Schönheit, wie Sie noch keine geſehen haben“— und dabei zwinkerte ich ihm mit den Augen ſtieß ihn mit der Fingerſpitze in die Rippen— ge t. Der Captän lachte und ſagte:„O nein, ich mache nur eine durchaus nicht beabſichtigte kleine Tour.—“ „Eben ſo,“ ſagte ich,„ein zufälliger Beſuch.“ Der Captän gab mir einen Wink, ich verbeugte mich und ſagte:„Eben ſo; aber die Leute ſcheinen ganz ver⸗ gnügt über ſolche Zufälle, gelt?“ Das ſchien den Captän wieder ein wenig zu beſänf⸗ tigen und ich wollte grade eine neue Rede vom Stapel laſſen, als ein Burſch mit einem großen grün und roth und weißen Buſch im Knopfloch herauf kam und dem Präſidenten was zuflüſterte, und der Präſident ſah ſich nach mir um und ſagte: „Man meldet mir, Mr. Slick, daß die Kollation fertig iſt. Wollen Sie mit mir in die Damenkajüte gehn und eine meiner ſchönen Freundinnen hinunter führen?“ B B 295 Ich machts ihm eine Verbeugung ganz nach der Regel, und ſagte: „Meinetwegen, ich weiß gar nicht, was für eine Art von Hornvieh eine Kollation iſt; da Sie's aber ſind, ſo will ich hinunter gehen, und wäre es nur, um mit einer ſchoͤnen Freundin von Ihnen bekannt zu werden.“ Der Captän nahm ſeine Cigarre aus dem Mund und warf ſie ins Waſſer. Ich ſteckte beide Hände in die Taſchen und ſagte zu dem Manne mit dem Buſch: „Vorwärts, alſo, ich denke,'s iſt Zeit für Sie und mich und den Präſidenten, ſich auf die Beine zu machen. Wo haben Sie denn das Geſchäft da?“ „Was für ein Geſchäft?“ ſagte er. „Na, die Kollation,“ ſagte ich. „Unten in der Kajüte,“ ſagte er. „Gut, ich hoffe, das Thier wird ordentlich zahm ſein; aber wer wollte ſich fürchten!“ Damit gingen Captän Tyler und ich und der gelbe alte Burſch mit einem ganzen Schwarm Leute hinter uns her in einen kleinen vom Verdeck getrennten Raum, und da waren, weiß Gott! fünf oder ſechs Frauenzimmer mit⸗ ten unter all den Herren, grade wie ein Blumenbeet zwi⸗ ſchen einem Bienenhaufen und ſahen ſeelenvergnügt aus. „Na,“ dachte ich,„die haben auch keine Angſt.“ Der Präſident ſchien ſie zu kennen, denn er faßte mich ſo haſtig unterm Arm, daß er mir faſt die rechte Hand aus der Hoſentaſche herausgebracht hätte und ſagte: „Ladies, Mr. Slick, von der Newyorker Preſſe.“ Ich nahm meinen Hut ab, ſetzte einen Fuß vor, zog den andern bis an die Kniekehle in die Höhe und klappte wie ein Taſchenmeſſer zuſammen; ich mußte die Augen⸗ brauen in die Höhe recken, um den Damen in's Geſicht zu ſehen, und ſagte: „Ladies, ich hoffe Sie ſind alle wohl?“ Eine von ihnen ſtand halb auf; ſie war ein rechtes Frauenzimmer und ſah ſo gutmüthig und freundlich wie ein Rothkehlchen im Frühling aus, und hielt mir ihre kleine weiße Hand hin und lächelte ſo ſanft und ſagte: „Mr. Slick, wir freuen uns, Sie zu ſehen.“ Ein anderes hübſches Geſchöpf in einem karrirten Kleide, eine echte Schönheit ohne Schminke, gab ihrem kleinen Fuß einen Wirbel und wollte niederkniren, ſo daß ich auch meinen linken Fuß ausſtreckte und meinen Nücken beugte; aber gerade als ich mich wieder aufrichten und meinen Händen die gewöhnliche Poſition geben wollte, ſah ich, wie ſie eine andere anſah und mit den Lippen zuckte, daß ſie wie ein Paar Erdbeeren ausſahen, die ab⸗ fallen wollen. Ich ſteckte beide Hände in die Taſchen und ſtand kerzengerade, wie es einem echten„Amerikaner“ ziemt, da. „Maam,“ ſagte ich,„was halten Sie vom Wetter?“ und lachte ihr grade in's Geſicht;„ſchauen Sie, nehmen Sie eine Lehre von mir an; ich öhle mein Mundwerk alle Morgen; dies halbe Lächeln taugt bei Leibe nicht für den Mund, ich verſichere Sie.“ Sie wurde über und über roth, bis ſie ſo ſüß wie ein Apfel ausſah, und aus ihren Augen die helle Schel⸗ merei herausguckte, dann fing ihr kleiner rother Mund an zu zittern und zu arbeiten wie eine Roſenknoſpe, die auf⸗ brechen will, und endlich lachte ſie hell auf, und zwei kleine Frauenzimmer in ſchwarzer Seide ſtimmten mit ein, und eine andere, die älter und voller war, wie ſie, lachte ſo natürlich, als hätte ſie eine ganze Woche Nichts als Zuckermelonen gegeſſen;z und endlich ſtimmte der Präfident auch mit ein und die ganze Kajüte war ein helles Ge⸗ lächter. Grade in dem Augenblick kam ein kleiner Herr, mit einem ganzen Kopf voll gelber Haare herein und die gutmüthige Dame im grauen Kleide machte ſich an den Präfidenten, und ein langer, dickköpfiger Herr, der einen Rock und Hoſen wie ein Kind hatte, mit goldenen Knöpfen auf der ganzen Bruſt und einem goldenen Streifen quer 297 über die Schulter, machte dem hübſchen Mädchen in dem karrirten Kleide eine Verbeugung, der ewige Haggel— aber in dem Augenblick ging ich auch grade auf ſie zu, hielt meinen Ellenbogen hin und ſagte, ſo höflich ich konnte: „Nach mir iſt's Sitte für Sie.“ Der Kerl ſah aus, als wollte er mich freſſen ohne Eſſig und Oel, that aber, als merkte ich Nichts. Das hübſche Mädchen hatte ihre Finger ſo zutraulich auf mei⸗ nen Rockärmel gelegt, wie eine junge Rebe ſich um eine Ulme ſchlingt; und wenn ich ein ſchönes Mädchen am Arm habe, kann der Teufel meinetwegen alle Herren auf der Welt holen. Die alten Soldaten und die Herren mit den ſeidenen Bändern ſchloßen ſich uns an und hinaus⸗ ging's, die Treppe hinunter. Die Muſik fing an zu ſpie⸗ len, und einer der Herrn mit einer rothſeidenen Roſe rief: „Platz für den Präſidenten!“ und die freigebornen Ameri⸗ kaner auf dem Verdeck traten zurück, und machten eine Gaſſe für uns. „Platz für den Präſidenten und ſeinen Schatz!“ rief der Burſch wieder. Dachte: Halloh, das geht nicht! Das Mädchen mit dem Präſidenten iſt meiner Treu hübſch; ſoll mich der Kukuk aber holen, wenn meine nicht noch hübſcher iſt; rief alſo: „Platz für Jonathan Slick und ſeinen Schatz!“ Damit ging ich die Treppe hinunter, mein Mädchen am Arm, ſo unabhängig wie ein Korkzieher. Gaury! gab's da aber Futter! nur daß es kalt war. Solche Stücke Rindfleiſch und Schinken und Schweinefleiſch und ſolche Haufen Brod und Ciderflaſchen habt ihr eurer Lebtage nicht geſehn, es müßte denn am Morgen nach einem Buß⸗ und Bettag geweſen ſein. Wir ſetzten uns alle an ein Ende der Tafel, und ehe wir einen Biſſen hatten nehmen konnen, öffneten ſich die Thüren, und die ganze Schaar freier Bürger kamen alles unter einander vom Verdeck 298 herunter, ſchwarze Röcke, rothe Röcke, blau, grün— kurz alle Farben von der Welt, und Soldaten, Schuſter, Schneider— alle Arten zweibeiniger Geſchöpfe darunter, und aßen und tranken aus Leibeskräften dem Präſidenten und mir und all den hübſchen Geſchöpfen um uns, grade in's Geſicht hinein. Weiß Gott, ich ſchämte mich, und das hübſche Mädchen neben mir ſah auch aus, als wäre ſie lieber anderwärts. „Wollen Sie nicht einen Biſſen verſuchen?“ ſagte 3 und legte ein Stück kaltes Schweinefleiſch auf ihren eller. „Sie ſteckte ein ganz kleines Stück zwiſchen ihre hubſchen Lippen, ſchien aber noch nicht mit Vergnügen zu eſſen.„Ich wollte,“ ſagte ich, mich über den Tiſch beu⸗ gend und ihr ins Geſicht ſehend,„ich könnte nur in die Sloop, und ihnen einen Büſchel der beſten Zwiebel brin⸗ gen. Warten Sie nur einen Augenblick, und ich bin wie⸗ der da.“ „O nein, nein,“ ſagte das ſüße Geſchöpf;„verlaſſen Sie mich doch nicht, Mr. Slick.“ „Fällt mir nicht ein, Zwiebeln hin und Zwiebeln her!“ ſagte ich, war mir aber doch nicht ganz recht, denn ein Büſchel weiße Zwiebeln mit ſammt den Spitzen wäre ein Kapitaleſſen zu dem kalten Schweinefleiſch ge⸗ weſen, ſchwieg aber ſtill, wie ein Herr einer Dame gegen⸗ über in dem Fall muß; war mir aber gleichwohl nicht ganz kauſcher im Magen. Als der Präſident aufſtand, um wieder auf's Deck zu ſehn, ſah ich dem Mädchen in's Auge und gab mir Mühe, nicht hungrig zu ſein. Sag' euch, Vater, ich wollte, ihr hättet bei uns auf dem Verdeck geſtanden, als wir hinauf kamen! War ein ewig ſchöner Anblick. Das Waſſer glänzte um uns her in der Sonne und war ganz bedeckt mit Booten und Sloops und Schiffen aller Art. Dann grade vor uns lag die Stadt York, Kirchen, Häuſer und Werften, Alles auf einander gehäuft, und dazu eine unzählige Schaar H H 299 Menſchen, die nach dem Strand ſtrömten, und auf den Schiffen wimmelten, und an die Maſten hinauf kletterten, wie Bienen, wenn ſie ſchwärmen. Zwei große Schiffe lagen grade der Batterie gegenüber mit einem ganzen Regiment Menſchen, in weißen Kleidern, die den Präſi⸗ denten und uns ankommen ſehen wollten. Die Hügel um Revoklyn waren dick mit Leuten bedeckt, die hurrahten und ihre Hüte ſchwangen, und eine kleine Inſel bei York war über und über voll von Menſchen. Als wir gegen die großen Schiffe kamen, ſchwenkten die Leute auf dem Verdeck ihre Hüte, und riefen uns ein donnerndes Hurrah zu. Der Präſident nahm ſeinen Hut ab, und ich und der alte gelbe Kerl hoben ihn auf einen Stuhl, damit ihn Jedermann ſehen könne. Mr. Curtis wollte ihn auch am Rockſchoß halten, aber der alte gelbe Kerl und ich ſchoben ihn ſchnell bei Seite. „Fort, fort!“ rief ich; wenn ein Präſident der Ver⸗ einigten Staaten nicht ohne die Hülfe eines Haufens Beamter ſtehen kann, ſo iſt's beſſer, wenn er fällt. Da iſt der alte Revolutionsſoldat und ich— das Heer und das Volk, wenn wir ihn nicht halten können, ſo mag ihn der Teufel holen.“ Während wir aber ſo plauderten, lösten die beiden Schiffe alle ihre Kanonen, und die Matroſen riefen wieder Hurrah! und ehe wir's uns verſahen, waren wir in eine warme Dampfwolke eingehüllt, der Stuhl zerbrach und der Präſident fiel kopfüber grade unter die Beamten. Der alte gelbe Kerl und ich ſchüttelten die Köpfe, und waren einigermaßen beſchämt. „Ich fürchte, er iſt'ne taube Nuß,“ ſagte ich, als der alte Kerl ſeinen Dreimaſter wieder aufſetzte. „Ein unglücklicher Zufall,“ ſagte Jemand neben uns. „Nicht ſo unglücklich, wie Sie meinen,“ ſagte Cap⸗ tän Tyler aufſpringend, und ſich die Naſe mit einer Hand putzend;„ich habe ſchlimmere Fälle wie die gehabt, und bin am Ende immer wieder auf die Beine gekommen. Hebt mich noch einmal in die Höhe, meine Mitbürger; ich bin bereit.“ Die Beamten wollten ihm helfen, hatten aber bei Gott! nicht Grütze genug, einen Grasſpringer aus einem Sumpf heraus zu holenz ich und der gelbe General faß⸗ ten ihn und hoben ihn wieder auf ſeinen Platz, ehe der Rauch verflogen war. Grade als Alles fertig war, donnerte die große Ka⸗ none am Ende unſeres Schiffes. Wir riefen dem Schiff ein Hurrah! zu, und kaum waren wir fertig, als auch Captän Doolittle und der Neger ein ſchwaches Hurrah hören ließen und grade unter unſerm Stern die Flinte losſchoßen. Darauf fuhren wir mit voller Muſik und wehenden Flaggen um beide Schiffe herum, und Captän Dovlittle war hart hinter uns, das rothe Hemd flatterte luſtig vom Bugſpriet, und der kleine Neger verdrehte ſeine Augen und blies auf einer krummen Pfeife aus Leibeskräften den Yankee⸗Doodle. Bei Gott! es war ge⸗ nug, einem den Patriotismus wie friſches Bier in Gäh⸗ rung zu bringen. Wir gaben dem Schiff noch ein Hurrah und fuhren nach der Batterie, Captän Doolittle immer dicht hinter uns. Die Kanonen auf der kleinen Inſel don⸗ nerten, als wir vorüberfuhren, und die Leute auf der Batterie ſchwenkten ihre Hüte und ſchrien, daß ſie die Kanonen, die alle Augenblicke brüllten, ſchier übertönten, bis wir am Ende gegen die Bäume und ein ganzes Re⸗ giment Soldaten kamen. Der Captän und wir ſtiegen an's Land und gingen grade in Caſtle⸗Garden. Er war voll von Bürgern und Soldaten, und der Major erwartete uns. Er überſchüttete den Captän mit einer ganzen Brühe von ſchönen Worten, und der Captän ſtreckte ſeinen Arm aus und gab dem Major volles Maaß, oder noch eine Pinte drüber, zurück. Dann gingen wir unter die Bäume, der Captän beſtieg ein Pferd mit goldbeſetztem Geſchirr, und die kleinen Buben, die an den Bäumen ſo S S C* 301 dick wie Buchnüſſe im Herbſt hiengen, ſchrien. In dem Augenblicke ſah ich den Zeitungsbuben, der mir die Mähre brachte. Ich drückte ihm ein Vierpenceſtück in die Hand. und war von Herzen froh, wieder einmal ſitzen zu können. Die Mähre hatte Feuer im Leib, das kann ich euch ſagen, Vater. Die Muſik und die Kanonen und das Geſchrei hatten ihr das Blut ſo in Bewegung gebracht, daß ſie wie ein zweijähriges Füllen tanzte, das eben von der Waide kommt. Ich ritt durch den Schwarm zu dem Präſidenten, und das Füllen kam hinterher und ſchlug rechts und links nach Weibern und Kindern aus. Ich ritt dicht hinter dem Captän, und er und ich und der Reſt ritten an den Soldaten vorüber. Der Mähre ſchien es aber nicht zu gefallen, daß ſie ihr alle die Gewehre vorhielten; ſie ſchlug ſtellenweiſe aus und wieherte ihnen ins Geſicht wie ein Tuthorn, wenn's Mittag iſt. Als wir ungefähr halb durch die Soldaten waren— und es ſchien, als hätte alle Welt Uniform angezogen— wurde die Mähre we⸗ gen ihres Füllens ängſtlich und bockte, daß ich beinah aus dem Sattel gekommen wäre. Ich wollte ſie vor⸗ wärts treiben, aber ſie bohrte ihre Füße feſt in den Grund, und bockte, daß mir die Galle überlief. Jemehr ich den Zügel anzog, deſto toller wurde ſie, bis ſie am Ende ſtock⸗ ſtill den Kopf ſchüttelte, mit dem Fuß ſtampfte und wie ein liebeſieches Mädchen nach ihrem Füllen wieherte. Die Leute fingen an mich auszulachen, als das Fül⸗ len durch die Bäume galopirte und mit jedem Sprung einen ganzen Haufen Weiber und Kinder in die Flucht jagte, bis es am Ende mit vielen Capriolen um uns herumtanzte. Das beruhigte das Thier einigermaßen, und nachdem es das Füllen beſchnüffelt hatte, ging es ſo geduldig wie ein Lamm vorwärts, und das Füllen hinter⸗ drein, bis wir wieder beim Captän waren, der alle Augenblick ſtill hielt, und den Soldaten ſo ſcharf ins 302 Geſicht ſah, daß dieſe grad heraus lachten, wie der Cap⸗ tän und ich ſie ſo anſahen. Es war der großte Anblick, den ich je geſehn. Die Batterie iſt eine der ſchönſten Plätze der Erde, ganz mit Gras und Bäumen bedeckt, und eine ganze Armee Sol⸗ daten darauf, einige in braunen, andere in grünen Unifor⸗ men mit gelben Federn, und andere in rothen, gelben, blauen und allen möglichen Farben, die unter den Bäu⸗ men auf und abmarſchirten, daß einer wohl ſtolz auf ſein Vaterland werden konnte. Als wir an das Thor am Ende von Brvadway ka⸗ men, ſtieg Captän Tyler in einen Wagen und lud mich auch ein, ich war aber wegen der Mähre beſorgt, und ſo beſchloſſen Robert Tyler(der Burſch mit den gelben Haa⸗ ren) und ich, miteinander weiter zu reiten. Eine ganze Armee von Soldaten mit klingendem Spiel und wehenden Fahnen kam vorauf, dann Robert Tyler und ich und das Füllen und ein ganzer Haufen andrer großer Männer und dann kam der Präfident, mit entblößtem Haupte und nach allen Fenſtern und Treppen im Vorübergehen grüßend. Aber die Fenſter und Treppen und Dächer ſahen aus! Jede Glasſcheibe und jeder Vorſprung, der einen Menſchen tragen konnte, waren voll Leute. Ich habe in meinem gan⸗ zen Leben nicht ſo viel hübſche Mädchen geſehen. Es ſchien, als hätte jeder in Newyork ein Exemplar ſeiner Familie ausgehängt, damit die jungen Leute kommen und wählen könnten. Es kam mir vor, als ob alle die hübſchen Mäd⸗ chen um den Präſidenten und mich herumſchwärmten, wie Schmetterlinge um eine Sonnenblume, alle nach einem Lächeln von uns ſchmachtend. Das Blut ſtieg mir in's Geſicht bei dem Gedanken, daß eine ganze Batterie von hellen Augen auf uns feuerte. Ich begreife nicht, wie der Präſident es aushielt. Er hätte es auch nicht gekonnt, wenn nicht die Schaaren freigeborner Bürger, die ihn auf Schritt und Tritt umgaben, immer die Hände in den Wa⸗ gen hineingeſtreckt und geſchüttelt hätten, daß er ganz hin — — war, ehe er noch an das Comptoir des Jonathan kam. Als die Zeitungsbuben mich und das Füllen ſahen, ließen ſie ein Hurrah los, das Alles übertraf, was wir ſeit der Batterie gehört hatten und alle die hübſchen Falzmädchen wehten mit ihren Taſchentüchern aus dem zweiten Stock und alle Fenſter waren gedrängt voll und ſahen nach mir und Bob*) Tyler und dem Füllen; ich hob die linke Hand, nahm den Hut ab, zog den Zügel ſtraff an, daß die Mähre zuſammenfuhr, und ſechs Sprünge nach einander machte, bis meine Stirn faſt den Hals des Thieres berührte. Sie riefen mir noch einmal drei Hurrahs zu, als ich mich aber umſah, erblickte ich Bob Tyler, der ſeinen Hut abgenommen hatte, und ſeinen gelben Haarwuchs ſchüttelte, als wenn unſre Zeitungsbuben oder ſonſt Jemand ihm Hurrah riefen, während ich neben ihm war. „Das iſt recht, Mr. Slick,“ ſagte er, als er ſah, daß ich meinen Hut abgenommen hatte. „Papa der Präſident muß todtmüde von all den Bück⸗ lingen und Händedrücken u. ſ. w. ſein, es iſt ganz in der Ordnung, daß wir es ein wenig für ihn thun.“ „Na,“ ſagte ich,„wenn ihr nicht ein eingebildeter Narr ſeid, ſo kenne ich keinen!“ Er ſah aber ſo unſchul⸗ dig wie ein Lamm aus, ſo daß ich fürchtete, er hielte es nicht aus, wenn ich loslegte; ſetzte den Hut drum wieder auf, gab ihm aber doch noch einen kleinen Ruck, denn ich mußte meinen Zorn irgendwie beſänftigen. „Um auf etwas Andres zu kommen, Mr. Tyler, wollen wir unſre Pferde tauſchen? Meine Mähre und das Füllen gegen euer hübſches Thier, Sattel und Zaum darin?“ Er lächelte, gab aber keine rechte Antwort; drehte mich alſo um, lehnte eine Hand auf die Croupe und pfiff dem Füllen, das luſtig herangetanzt kam. „'s iſt ein luſtiges Thierchen, ſag' ich euch, und die *) Familiär für Richard. alte Mähre iſt ihr Gewicht in Silber⸗Dollars werth. Hat nur einen Fehler.“ „Und der wäre?“ ſagte Mr. Robert Tyler. „Die Würmer plagen ſie bisweilen, aber das iſt nicht der Rede werth.“ Mr. Robert Tyler antwortete Nichts, ſondern ſchüt⸗ telte nur den Kopf. „Na!“ ſagte ich,„es ſcheint, wir können nicht han⸗ deln; ein anders Mal alſo; ändern vielleicht morgen die Meinung.“ „Hallo!“ rief ich,„was iſt das?“ Captän Tyler's Wagen hatte rechts um gemacht und jagte Broome⸗ſtreet hinunter. Mr. Robert Tyler drehte ſein Pferd und er und ich ritten in aller Eile hinter dem Präſidenten her. Wir kamen grade an, als er von dem Howard Hotel ausſteigen wollte. Er war ſo todtmüde, daß er mich dauerte; denn ich glaube auch, was die Leute fagen, daß er's Herz auf dem rechten Fleck hat und es Allen recht machen möchte, wenn er nur wüßte wie. Er konnte den Kopf kaum mehr aufrecht halten und mußte noch ins Theater gehn. Als 6 ihn anſah, kam mir eine Idee in den Kopf und ich agte:. „Setzen Sie nur einen Augenblick Ihren Hut auf, Captän, und fahren Sie zur Sloop hinunter; ich hab' etwas, das Ihnen in die Naſe ſtechen und ſo friſch machen ſoll, wie ein Eichhörnchen im Herbſt.“ „Mr. Robert,“ ſagte ich,„ſagen Sie den Frauenzim⸗ mern, daß wir im Augenblick kommen werden“— und ſo gingen wir hinunter. Ich half dem Präſidenten in den Wagen, und im Augenblick waren wir da und gingen an Bord der Sloop.“ Captän Doolittle war an's Land gegangen und es war Niemand an Bord, wie der kleine Neger. Ich ſandte ihn auf die Werfte, um einen Krug kaltes Krolon⸗Waſſer zu holen und nöthigte dann den Captän in die Kajüte. Sie war aufgeräumt, und der Tiſch, der in der Mitte ſtand, war ſo weiß wie Milch, und Captän Doolittle hatte die carrirten Vorhänge, die Mama für ihn gemacht hat, aufgehängt, daß es ſo einladend ausſah, wie unſer Fremdenbett. Ich gab dem Captän einen Stuhl und er ſetzte ſich an den Tiſch, während ich einen Verſchlag öff⸗ nete und eine ganze Schüſſel voll Doughnuts hervorholte, die Mama für mich gekocht hatte, ehe ich fort ging⸗ Grade, als ich ſie auf den Tiſch ſtellen wollte, kam der Neger mit dem kalten Waſſer. Ich nahm es auf den Verſchlag und miſchte es mit Eſſig und Zucker, ſo wie es Mama als für die Taglöhner macht, ſeit ihr das Pfand ³*) genommen habt. Nachdem ich es gut umgerührt unb einen Schluck genommen hatte, um zu ſehen, ob es recht ſei, holte ich einen Becher, füllte ihn für den Präſidenten und ſagte: „Jetzt, Captän, thun Sie, als wären Sie zu Hauſe und langen Sie zu.“ Er ließ ſich nicht lange bitten, denn der Trank war ächter Stoff, ſüß und doch ſäuerlich und kalt wie eine Gurke, und die Doughnuts waren vortrefflich. Der Captän hatte kein halbes Dutzend gegeſſen und ungefähr eben ſo oft ſeinen Becher gefüllt, als er ſich er⸗ holte und wieder friſch und geſund ausſah. „Mr. Slick,“ ſagte er,„das iſt ein prächtiger Im⸗ biß“— aber mir ſleckte ich grade eine halbe Doughnut im Munde, die ich hinunter waſchen mußte, ehe ich ant⸗ worten konnte.“ „Helfen Sie ſich ſelber, Captänz nur zugelangt! wo die waren, find noch mehr,“ ſagte ich, den letzten Mund⸗ voll hinunterſchluckend. „Danke, ich meine, ich habe meine Schuldigkeit ge⸗ than,“ ſagte er, ſtreckte ſich und ſteckte die Hände in die *) Pledge, die zinnerne Münze, die ſolche erhalten, welche dem Genuß geiſtiger Getränke entſagen— teetotaller werden. Leben in Newyork. 20 306 Taſche;„jetzt bin ich wieder zu mir ſelbſt gekommen. Das iſt ein prächtiges Getränk, Mr. Slick.“ „Nicht wahr,“ ſagte ich,„ein kühlendes Getränk; ſoll ich noch eine Kanne miſchen?“ „Nein, nein,“ ſagte er,„aber das Recept müſſen Sie mir aufſchreiben.“ „Recht gern,“ ſagte ich;„es freut mich, wenn ich Ihnen dienen kann. Finde weiß Gott Gefallen an Ihnen, Captän. Halte Sie für einen echten Kerl, wenn die ver⸗ dammten Burſchen Sie nur laſſen würden. Alles was Ihnen fehlt, iſt ein ehrlicher Burſch, der Ihnen die Wahr⸗ heit ſagt, daß Sie ſich drauf verlaſſen können. Der wäre einen ganzen Haufen Whigs und Cocofocos werth.“ „Aber wo ſoll ich ihn finden?“ ſagte der Captän melancholiſch. „Schauen Sie her!“ ſagte ich, einen Arm über den Stuhl lehnend, und den Ellbogen auf den Tiſch ſtützend; „ſchauen Sie her!“ Der Präſident hatte beide Hände in den Taſchen, ſah mir lange ins Geſicht und ſagte am Ende: „Mr. Slick, wollten Sie mit mir in mein Hotel gehen und heut Nacht bei mir ſchlafen? Ich moͤchte ein Paar Worte mit Ihnen reden und Sie begleiten mich wohl in's Parktheater.“ „Von Herzen gern,“ ſagte ich,„und ich denke,*s iſt jetzt Zeit zum Gehen. Nehmen Sie noch einen Schluck, Captän, und ſtecken einige Doughnuts in den Sack; die werden gut ſein im Theater.“ Der Captän ſagte, er habe genug, ſo folgte ich alſo meinem eignen Rath, ſteckte bei, was ich konnte, und ging mit ihm fort, nachdem ich den Neger hinaufgeſchickt hatte, die Mähre und das Füllen zu holen.— Es iſt aber ſchon ſpät und vor nächſter Woche kann ich nicht mehr ſchreiben; vielleicht hört ihr dann von mir, denn der Präſident und ich gingen in's Theater und ſchliefen zuſammen und ſind 307 jetzt ſo dick, wie drei in einem Bette, und wenn er Nichts vagegen hat, ſo ſchreibe ich Alles genau über ihn auf. Ob ich es euch aber direkt ſchicke oder im Bruder Jona⸗ than abdrucken laſſe, weiß ich noch nicht. Ich ſchicke euch mein Bild und das des Captän, aber ſie ſind in der Eile gemacht und nicht halb ſo hübſch wie wir; bald will ich aber ein anderes ſchicken und dann ſollen Euch die Augen übergehn. Euer gehorſamer Sohn Jonathan Slick. Achtundzwanzigſter Brief. Jonathan Slick in Mewyork. Jonathan wartet dem Präſidenten in Howard⸗Houſe auf. — Beſucht das Parktheater mit dem Präſidenten und ſeiner hübſchen Tochter.— Geht mit Mr. Robert Tyler, um ſich das Haar bei Clairhugs ſchneiden zu laſſen.— Nimmt mit den Damen Erfriſchungen im Howard⸗Houſe.— Schlafzimmerſcene mit dem Präſidenten.— Nachtmuſik u. ſ. w. An Mr. Zephaniah Slick, Friedensrichter und Kirchenälteſten in Weathersfield im Staate Connecticut. Lieber Vater! Es geht mir jetzt wieder etwas beſſer, aber noch lange nicht, wie es ſollte. Ich glaube, ich wäre drauf⸗ * gegangen ohne die Senſpflaſter und die Zwiebeln, die Captän Dovolittle mir außen und innen gab, daß ich am Ende meinte, ich würde ſelber grün werden. Weiß Gott! packt einen dieſe Grippe mal, ſo kommt ein ehrlicher Kerl nicht ſo bald wieder davon. Es iſt die gräulichſte Er⸗ kältung und noch zweimal ſo ſchlimm, und ſeid ihr nicht ſo zahm und ſo geduldig, wie ein Lamm, fo geht ſie in ein hitziges Fieber über, und was das Schlimmſte iſt, ſie nimmt euch mit fort, ihr mögt wollen oder nicht. Na, laßt ſehen; ich ſprach zuletzt vom Präſidenten, und wie ihm die Doughnuts und der Trank am Bord der Sloop ſchmeckten. Der alte Burſch fiel darüber her, wie ein Säugling über die Bruſt, und wenn er nachher nicht friſch auf war, ſo weiß ich nicht wie ein kerngeſun⸗ der Menſch ausſieht. Wir gingen alſo miteinander ins Howard⸗Hotel und der Präſident ſprang ſo luſtig wie eine Katze aus dem Wagen und liefen beide die Stufen hinan, die nach Maiden Lane führten, um eine ganze Schaar Beamte los zu werden, die auf uns an der Hauptthür in Broadway warteten. Der Präſident nahm ſeinen Hut ab und ſtrich ſein Haar auf dem Gange glatt; ich zog meinen Kragen ein wenig in die Höhe, ließ eine Ecke meines Halstuches her⸗ ausgucken und ſagte: „Gehen Sie voran, Captän, ich bin fertig.“ Captän Tyler holte nachläßig ſein Taſchentuch her⸗ vor, ſchneuzte ſich und trat grade in das ſchönſte Zimmer, das meine Augen je erblickt. Nichts, das ich je im Aſtor⸗ Houſe geſehen, kam ihm gleich. Der ganze Teppich war voll Blumen und Rebenlaub, die ſo natürlich auf dem Boden lagen, daß es einem war, als ginge man auf lauter Roſen, mitten im Mondſchein und Blumenduft. Ein gewaltig großer runder Tiſch aus einem Stück und mit dem feinſten Mahagoniholz ausgelegt, ſtand mitten im Zimmer wie ein großer Pilz, und darauf war 309 ein großes meſſingenes Geſchäft mit einer allmächtigen Glasglocke darüber. Die Fenſter konnte man nicht ſehen, denn ein ganzer Laden voll Mouſſelin hing davor, der mit blanſeidnen Schleifen über eine goldene Stange be⸗ feſtigt war, die an beiden Enden hervorſah. Alle die hübſchen jungen Mädchen, die vorher an Bord waren, faßen ſo dichtgedrängt herum, daß man kaum die ſchönen Seſſel ſehen konnte; die Kiſſen waren ganz voll von ſeidnen Troddeln und mit Sammet bedeckt, ſo weich wie ein junges Mädchenherz und ſo blau wie eine alte Jungfer, die zu gelehrt iſt. Gauly, oppalus! das glitzerte und ſchien und ſchwamm, wie ein Blumenbeet in der Sonne, als die Mädchen mit ihren ſeidnen Kleidern und langen Locken ſich ſo leicht und anmuthig hin⸗ und herbewegten. Wahrlich, der bloße Gedanke macht mir das Herz klopfen! Ich ſage kein Wort mehr, Vater, ſonſt kochte auch euer altes Blut, obwohl ihr ein Squire und ein Kirchenälteſter ſeid. Wie der Captän es aushielt, begreife ich nicht. Er und ich waren grade wie zwei verirrte Ferkel in einem fremden Kürbisfelde, die halbtodt ſind und doch nicht zu⸗ beißen mögen, aus Furcht, daß der Eigenthümer huſch! huſch! ruft. Der Caplän ging auf eins der Sophas zu und ſetzte ſich mitten unter einem Haufen der ſchönſten Mäd⸗ chen. Sie rückten zuſammen, um Platz für ihn zu machen und lachten ſo freundlich und freuten ſich, daß er unter ihnen ſaß. Ich ſtand ganz allein kerzengrade da und war ſo verlegen wie ein Paar alte ausgewaſchne baumwollne Hoſen. Das hübſche Geſchöpf, das das ear⸗ rirt ſeidne Kleid an Bord trug, ſaß nahe bei der Thür, und da ſie mich ſo allein daſtehn ſah, winkte ſie mit ihrer kleinen weißen Hand und ſagte: „Warum ſetzen Sie ſich nicht, Mr. Slick 2 „Meinetwegen, Ihnen zu Liebe,“ ſagte ich und ſetzte mich, aber das Kiſſen gab ſo nach, daß ich wieder in die 3¹⁰ Höhe ſprang, und da ich es wieder ganz glatt und ſanft ſich erheben ſah, ſah ich ſie an und ſagte: „Haben Sie ſchon ſo etwas geſehn?“ „Er iſt elaſtiſch,“ ſagte ſie lächelnd. „Weiß den Namen nicht,“ ſagte ich,„gefällt mir aber wohl und will's noch mal probiren.“ „Die Kiſſen ſind ſehr ſchoͤn und nett,“ ſagte ſie. „ O ja,“ ſagte ich, mein Taſchentuch über das Kiſſen breitend, indem ich mich ſetzte,„ſo weich und blau wie Ihre ſchönen Augen, aber nicht halb ſo glänzend.“ Sie lächelte und fing an mit einem Quaſten zu ſpielen, der an einer Ecke ihres Seſſels hing, und dann kam ſie mit dem vicken Frauenzimmer, das neben ihr ſaß, in ein eifriges Geſpräch. Der Captän war ſo luſtig wie eine Amſel und ſcharwenzelte um die ſchönen Mädchen herum, wie eine Forelle um den Angelhaken. Allmälig wurde ich böſe, daß ich ſo allein daſitzen mußte. Grade mir gegenüber hing ein großes Bild in einem goldnen Rahmen an der Mauer, ein Mann und eine Frau, die ſich küßten und voll Liebeswonne in die Augen ſchauten;— als wenn nicht lebendige Geſchoͤpfe genug herum wären, daß mun einem Burſchen das Herz noch durch Gemälde weich machen müßte. So ſaß ich da, hatte den Hut auf den Knien, ſchaute den Präſidenten, dann das Bild und dann wieder das ſchoͤne Mädchen an, das mir am Morgen ſchon ſo geſiel, bis ich am Ende nicht wußte, was ich machen ſollte. Da ſaß ſie ganz weiß angezogen; die braunen Locken fielen ihr auf den Hals herunter und die runden weißen Schultern blickten durch den Mouſſelin, der in weiten Falten über ihren Buſen lag und ihre blauen Au⸗ gen ſchauten allerwärts hin, nur nicht nach mir. By Golly! das war zu viel für ein ſterbliches Herz! Aber ich wollte nicht, daß ſie meine Verlegenheit merken ſollten, nahm den Hut in die Höhe und fing an den Yankee⸗ „ 31¹ Doodle auf dem Rand zu trommeln, ſchlug mit dem Kopf den Takt dazu und warf hie und da einen verſtoh⸗ lenen Blick nach dem hübſchen Mädchen, um zu ſehn, was ſie für ein Geſicht dazu mache. Das hübſche Ding begriff das Geſchäft, als wäre ſie ein gelernter Muſiker, gab das vicke Frauenzimmer auf, und ich ſah wie ſie mit ihrem kleinen Fuß auf dem Teppich den Takt ſchlug, bis der Saum ihres Kleides, das in weiten Falten um den Stuhl herumlag, an zu tanzen fing, wie ein Zwiebelbeet in der Blüthe, durch das der Abendwind geht. Dachte bei mir, wenn die Muſik die Beine erſt mal in Bewe⸗ gung ſetzt, ſo iſt's nicht mehr weit davon, daß das Herz auch tanzt; gab den Fingern alſo einen ertra Krack und ſpielte vom Yankee⸗Doodle nach Heil Columbia hinüber und wieder zurück, bis kein Menſch mehr ſagen konnte, was es eigentlich ſei; dabei hatte ich das Geſicht immer auf die Seite gekehrt und ſchaute ihr tief in die blauen Augen, bis ich am Ende ſah, daß ihr das Blut in die Wangen ſtieg und ihre roſigen Lippen an zu zittern fingen und ſie mich anſah, als wollte ſie es dem Mädchen auf dem Bilde nachmachen und dicht zu mir kriechen. Habt ihr ſchon mal geſehn, wie eine Ringelnatter einen Vogel bezaubert? Den Kopf hat ſie hoch erho⸗ ben, den Rachen weit auf, die kleine geſpaltene Zunge züngelt umher, die Augen glänzen und das Gift ſteigt in die Höhe. Habt ihr dann geſehn wie der hübſche kleine Vogel halb todt vor Angſt iſt und doch immer näher und näher flattert, bis er am Ende grade in ihren Rachen fliegt und ſie ihn verſchlingt. Nehmt das Gift weg und ich und der alte Hut machten's grade ſo mit dem Mäd⸗ chen. Wollte ſie aber nicht gar zu ſehnſüchtig machen⸗ denn Nichts kann einen Burſchen ſo ſehr von der Liebe heilen, als wenn er ſieht, daß ein Mädchen zu ſehr hinter ihm her iſt; änderte alſo ſchnell die Melodie und ſpielte: „Schier dreißig Jahre biſt du alt,“ daß ſie im Augen⸗ blick ihre Füße unter den Rock zog. Allmälig kamen die Herren, die den Strauß im Knopfloch hatten, in's Zimmer, der Präſident ſtand auf und ſagte, es ſei Zeit, im's Theater zu gehn. Alles folgte ſeinem Beiſpiel und wir gingen in ein andres großes Zimmer, in dem die freigebornen Bürger geweſen waren. Ich wollte dem hübſchen Mädchen grade meinen Arm reichen, als ich Robert Tyler erblickte, der ſo ſcharf aus⸗ ſah, wie ein Federmeſſer mit zwei Klingen; aber ſein Haar fiel in dicken Locken auf ſeinen Kragen herunter, daß ich es weiß Gott nicht mehr mit anſehn konnte, das Mädchen ihrem guten Glück überließ, auf ihn zuging und ihm in's Ohr flüſterte: „Ich denke, Mr. Bob Tyler, wir machten einen Spaziergang miteinander?“ Er drehte ſich um, ſah mir gutmüthig in's Geſicht und folgte mir auf die Straße. „Mr. Tyler,“ ſagte ich, als ich vor der Thür war und meine Hände behaglich in die Taſche geſteckt hatte, „Mr. Tyler, unter uns geſagt, will mir Ihr Haarwuchs nicht gefallen; Sie ſehn wie eine Zwiebel aus, die in Saamen ſchießen will. Der Sohn des Präſidenten der Vereinigten Staaten ſollte bekannt ſein wegen dem, was er im Kopfe hat, aber nicht wegen eines Haarbüſchels wie der da.“ Zuerſt wollte er böſe werden, aber er hat doch das Herz auf dem rechten Fleck und wenn einer ihm erſt mal die Wahrheit ſagte und auf ſeinen Weg ſchiebt ſo geht er grade vorwärts. „Mr. Slick,“ ſagte er nach einer Pauſe,„Sie möch⸗ ten Recht haben, aber dieſe freigebornen Bürger haben alle Augenblicke etwas an mir auszuſetzen, und einigen gefallen meine Ideen eben ſo wenig wie mein Haar.“ „Wenn Sie meine Meinung wiſſen wollen,“ ſagte ich, „ſo kann ich es Ihnen nicht übel nehmen, wenn Sie nicht viel davon halten. Wenn einer ſo Alles in's Haar hinauswachſen läßt, ſo muß er ein ganzer Kerl ſein, wenn ———— — ,————— 313 er für Anderes noch was übrig hat; ſo ein Haufen muß ja den reichſten Boden in zwei Jahren ausſaugen. Kommen Sie, es thut mir leid, daß die Kinder auf der Straße nach einem ſo hübſchen Menſchen, wie Sie ſonſt find, mit Fingern zeigen, weil er ſolch einen enormen Haarwuchs hat.“ Mr. Tyler gab mir ſeinen Arm und ſagte:„Kom⸗ men Sie, Mr. Slick.“ „So iſt's Recht,“ ſagte ich.„Ich weiß da grade ein Haus, wo ich neulich war. Der Mann, der es hält, verſteht ſein Geſchäft und ſingt weiß Gott wie ein Du⸗ tzend Spottvögel am Sonntag Abend.“ „Wie heißt er?“ fragte Mr. Tyler. „Wie er heißt— wartet nur, ich habe den Namen beinahe vergeſſen, aber nur Geduld!“ Damit trat ich an eine Straßenlaterne, nahm die Büchſe Pomade hervor, die ich für Mutter gekauft habe und ſuchte ihn zu leſen. „Clairhuge's Trichopherus“ buchſtabirte ich langſam heraus, konnte das Wort aber um keinen Preis ausſpre⸗ chen. Ich huſtete:„Der Huſten plagt mich auch ſo, daß mir die Wörter im Hals ſtecken bleiben,“ „Zeigen Sie,“ ſagte Mr. Tyler und wollte die Büchſe nehmen. „Nehmen Sie ſich in Acht und ziehn Sie den Kork nicht heraus; der bloße Geruch macht das Haar ſo wach⸗ ſen, daß ein Joch Ochſen es nicht zurückhalten kann. Ziehn Sie Handſchuhe an oder Ihre ganze Hand wird mit Haaren bedeckt ſein.“ Er hielt aber die Büchſe an die Naſe und las ohne Mühe: „Clairhuge heißt er.“ „Gelt, ſagt ich's nicht? Kommen Sie jetzt mit.“ Damit nahm ich ihn unter dem Arm und in weni⸗ gen Minuten waren wir an Ort und Stelle. Es war ein langes Zimmer mit Teppichen und die Wände waren rings um mit Spiegeln bedeckt, die ſich einander gegen⸗ über hingen, ſo daß das Zimmer noch mal ſo groß aus⸗ ſah, wie es war, und man meinte, man brauche eine halbe 314 Stunde um an's Ende zu kommen, und am Ende war es doch ſo groß nicht. Wir waren kaum in das Zimmer getreten, als einer der Spiegel ſich öffnete, Herr Clairhuge hereintrat und einen Bückling machte, an dem ſelbſt ich nichts auszu⸗ ſetzen wußte. Kann Euch ſagen,'s iſt ein ſauberer Burſch, kein Mitglied unſerer Aſſembly hat beſſere Manieren oder ſpricht beſſer. Sobald er Mr. Tyler erblickte, ſchien er unſere Abſicht zu errathen, ſchnappte mit den Scheeren und ſprach: „Nach der neueſten Mode, denk ich.“ „Freilich,“ ſagte ich. Kaum war mir das Wort aus dem Munde, als ein ganzer Haufen gelber Haare am Boden lag. Mr. Tyler ſprang auf und machte ſo ein verblüfftes Geſicht, daß er mich dauerte; ehe ich aber eine Sylbe ſprechen konnte, kam ein anderer Haufen herunter, und in einem Augen⸗ blick war der Burſch verändert, daß keine Seele mehr ihn kennen konnte. Mr. Clairhuge rieb ihm den Kopf mit einem Stoff ein, der ſo ſüß roch, wie der Athem eines ſchönen Mädchens, und als Mr. Thler aufſtand, ſah er in der That nach was aus, denn er iſt ein fauberer Burſch, wenn er ordentlich gekämmt und gewaſchen iſt. Ich wollte, Ihr hättet die Augen ſehen können, die die Leute machten, als wir wieder nach Howard's Hotel kamen! hatten aber nicht mehr lange Zeit zu verlieren, denn die hübſchen Mädchen, die Herren und der Präſident ſties grade in die Kutſchen, um in's Theater zu fahren, und ſo ſtiegen wir denn auch in den erſten Wagen, in dem Platz war.. Seitdem ich zuletzt da war, haben Sie das Park⸗ theater recht herausgeputzt. Der große Vorhang, von dem ich früher ſchrieb, iſt fort und ein noch viel ſchonerer da; aber ich hatte nicht lange Zeit, Bemerkungen zu machen, denn das Theater war voll Menſchen, die anfingen, die Hüte zu ſchwenken und wie Beſeſſene zu ſchreien, als wir 3¹⁵ hereintraten. Die Yorker wiſſen ſich vor Freude nicht zu laſſen, daß ich wieder zu ihnen gekommen bin. Der Prä⸗ ſident und ich ſtanden beide auf, legten unſte Hand auf vie linke Weſtentaſche, und fingen an zu nicken wie zwei Rothkehlchen in einem Erlenbuſch und große Augen zu ma⸗ chen, bis ſie ſich ſchier zu Tode ſchreien wollten. Als ſie müde waren, ſetzten der Präſident und ich uns auf einen der Bänke, ich gab dem hübſchen Mädchen einen Wink, ſich zu mir zu ſetzen und dann kam der ganze Haufen herein. Der Mayor wollte ſich neben dem Captän ſetzen, als er mich aber ſah, verzog er ſich natürlich und ſuchte einen andern Platz. Der Mayor iſt weiß Gott ein rech⸗ ter Kerl, ein ganzer Gentleman, das iſt ausgemacht und vorbei. Ich weiß grade nicht, ob er ein Locofoco oder ein Whig iſt, aber ein Kerl, der mitzählt in der Men⸗ ſchenreihe iſt er gewiß. Sie ſagen, er habe das beſte Herz für die Armen und ich glaubs auch. Das Stück, das ſie ſpielten, konnte einem die Thrä⸗ nen in die Augen bringen. Der alte Großpapa Weißkopf war ſo alt und ſchwach, daß er kaum noch gehen konnte und bei einem ſeiner Söhne lebte und beinahe den ganzen Tag mit ſeinem Enkel ſpielte, und all ſein Geld ausgab, um hölzerne Pferde u. dgl. für den alten Knaben zu kau⸗ fen. Der alte Großvater war einſt reich geweſen, aber ein Burſch, den er als Sohn in's Haus genommen hatte, hatte ihn um all das Seine betrogen, und gab ihm jetzt des Jahrs zweimal ein Paar Thaler, um ſeine Seele wie⸗ der vom Teufel loszukaufen. Des alten Großvater Sohn aber kam in Schulden, hatte kein anderes Geld, als das ſeines Großvaters, und der gab es im Augenblick für Spielzeug und Leckerzeug für ſeinen Sohn hin, denn der alte Mann wußte nicht, daß ſein Sohn Geld brauchte. Zu was für ſchlechten Kerlen macht uns doch das Schul⸗ denmachen! Als des alten Großvaters Sohn erfahren hatte, daß das Geld fort ſei, fing er an zu fluchen, und wollte 316 den alten Großvater vor die Thür werfen; der alte Mann hört das und war nahe dran, ſich um's Leben zu bringen; er nahm ſeinen Hut, küßte ſeinen kleinen Enkel, als wollte ihm das Herz brechen, und ging in einem kalten Schnee⸗ geſtöber fort und hatte doch weder Haus noch Hof, das ihn vor dem Sturm hätte ſchützen können.„ Weiß Gott, ich konnte es nicht länger aushalten, ſondern mußte laut aufweinen, und wenn mich auch Alle rund herum auslachten. Aber die Mädchen und Frauen rund herum weinten auch, und ich habe noch nie ſolch ein Schluchzen gehört. Das ſchöne Mädchen neben mir ſchrie ſo laut, als ob ſie ſterben wollte; wenn ſie mir früher auch ganz gleichgültig geweſen wäre, ſo hätte ich mich jetzt in ſie verlieben müſſen. Denn ein ſchoͤnes Mädchen iſt am Ende wie ein ſchönes Bild und wenn ſie kein Herz für Andere hat, ſo gewinnt ſie auch nie eines Mannes Herz. Sonſt hätte ich ihre kleine Hand um keinen Preis mit den Fingerſpitzen angerührt, jetzt ergriff ich ſie aber herzlich, ehe ich's wußte, und ſagte ihr unter Schluchzen: „Sie müſſen ſich's nicht ſo zu Herzen nehmen— hören Sie!“ Sie antwortete aber nur durch ein neues Schluchzen, und ich wußte auch nichts Anders zu thun, als in den Chor miteinzuſtimmen. Indeſſen kam ein Burſch heraus, der mit dem Hal⸗ lunken zuſammen lebte, der den armen Großvater Weiß⸗ kopf um ſein Geld betrogen hatte, und fand die arme Seele faſt erſtarrt vor der Thür liegen. Seine Glieder„ zitterten vor Froſt, ſeine weißen Haare waren mit Schnee⸗ flocken bedeckt und er nahm ihn und ſetzte ihn an's Feuer und gab ihm ein Stück Brod und ein Glas Schnaps, daß der alte Mann davon ſo ziemlich wieder zu ſich ſel⸗ ber kam; mit dem kam auch ſeine Enkelin, die ihn geſucht hatte, und als der alte Mann hörte, daß ſein Sohn im Gefängniß ſei und ſeine Familie kein Obdach habe, ſtand er auf und rang ſeine Hände, daß es ein Erbarmen war. 3₰ 3 317 Dann lief er fort, klopfte an alle Thüren und kam am Ende an das Zimmer, wo der Hallunk lag, der ihn um ſein Geld betrogen hatte, und ſagte ihm alle Schande. Der aber war krank, dem Tode nah und ſah erbärmlich aus, und in der Todesangſt zahlte er das Geld und jetzt war der alte Mann vor Freude eben ſo außer ſich, wie vorher vor Trauer. Da leuchtete das Geſicht des Mädchens auch wieder auf! Die Augen waren noch naß von den Thränen und jetzt glänzten ſie wie die Sonne, die nach einem Gewitter⸗ ſchauer auf einen milden Roſenbuſch ſcheint. Der alte Mann auf der Bühne machte aber in einem fort Bück⸗ linge nach uns zu, und da der Präſident zu faul war, ſo ſtand ich auf, und machte ihm wieder ein Staatscompli⸗ ment, denn ich wollte des Präſidenten wegen nicht für unhöflich gelten. Grade als ich mich erhob, ſiel der Vorhang, und die Leute ſtanden auf und gaben mir drei Hurrah's, daß mir das Herz im Leibe tanzte. Dann ſtieg ein kleiner, jäm⸗ merlicher Stellenjäger auf die Bank und rief;„Drei Hur⸗ rah's für den Präſidenten!“ Aber bei Gott man kann keine Hurrah's aus den freige⸗ bornen Bürgern herausholen, wie Hechte aus einem Muͤl⸗ lerteich. Drei oder vier Kerle wie er, riefen Hurrah, aber an den Köder wollte kein Fiſch beißen. Indeß wollte ich den Präſidenten nicht eiferſüchtig machen, ſchwenkte alſo den Hut und rief;:„Drei Hurrah's für meinen Freund, den Captän!“ Das half! Gerechter Gott, war das ein Hutſchwen⸗ ken und Tücherwehen und Geſchrei, daß das Parktheater noch nie ſolch einen menſchlichen Donner gehoͤrt hat! „Das thut's, mein' ich, Captän; jetzt wollen wir gehen.“ „Ja, aber ich muß noch in's Chatham Theater ge⸗ hen,“ ſagte der Captän und nahm ſeinen Hut.„Sie 318 wiſſen, Mr. Slick, die Demokraten müſſen unſre erſte Sorge ſein.“ „Sie gehn aber nicht mit, Mr. Slick?“ ſagte das hübſche Mädchen und ſchaute mir grade in die Augen und legte zwei kleine Finger auf den Rand meines Hutes. „Ich denke nicht,“ ſagte ich, mein gelbes Taſchentuch über die weiße Hand fallen laſſend, denn ſie ſah ſo ver⸗ führeriſch aus, daß ich fürchtete, der Präſident mochte ſie nehmen, denn einigermaßen hat ein Präſident immer etwas voraus bei dem Weibervolk, und nur ſelten iſt eine ver⸗ nünftig genug, zu wiſſen, wo ihr Platz iſt. „Wenn Sie mit dem Thier, wie Sie's da nennen, anbinden wollen, Captän, gut, tragen Sie Ihre eigne Haut zu Markte. Ich halt's mit der Menſchennatur, und davon, mein' ich, ſeien die Frauenzimmer das beſte Theil, alſo will ich, wenn Sie Nichts dagegen haben, mit den Frauenzimmern nach Hauſe gehen.“ Darauf ging der Captän Tyler und der Major und die andern Herren weg, Robert Tyler und ich aber hiel⸗ ten's mit den Frauenzimmern und brachten ſie nach Ho⸗ wards Hotel. Der Wirth ſchickte uns was zu trinken und Aepfel in einer Weinſauce, die ſo verführeriſch darin la⸗ gen, daß ſie einen Teetotaller hätten verlocken können, ſein Wort zu brechen. Die Frauenzimmer ſetzten ſich um den Tiſch herum, ich ſuchte das hübſche Mädchen, zog einige von Mutter ihren Doughnuts aus der Taſche, drückte ſie ihr in die Hand und ſagte: „Da, ich bin nicht geizig, aber ich habe nicht genug, um herum zu langen. Sie wurde ganz roth und lachte beinah grade heraus, aber ſie verſtand mich und verſteckte ſie in ihrem Taſchen⸗ tuch, um die Uebrigen nicht eiferſüchtig zu machen. Darauf machte ich mich fort, lief zur Sloop und aß etwas, denn ich fühlte mich gewaltig blöde im Magen auf die Aepfel. Als ich wieder zurückkam, war der Cap⸗ tän auch da und wollte grade zu Bett gehen. Die Mäd⸗ 3¹9 chen ſahen müde genug aus, und jetzt auf einmal— ſoll mich— wenn's nicht wahr iſt!— ſtand der Captän auf und gab jeder einen Kuß, ehe er fortging. Darauf ſtand ich auch auf, wiſchte mir den Mund ab und ſagte: „Captän, nach Ihnen ſchickt's ſich für mich.“ Die Mädchen fuhren zuſammen, wie Küchlein, einige ſchrien leiſe und Alle waren außer ſich. Die Armen meinten gewiß, ich würde nur die ſchönſten küſſen, aber ſie kannten mich nicht. Ich macht's wie Mutter mit den Winteräpfeln, nahm die häßlichſten zuerſt und gab allen einen herzhaften Weathersfielder Schmatz, der ſo ziemlich nach den Zwiebeln riechen mußte, welche ich die ganze Woche gegeſſen hatte, und nach des Captäns Tabaklippen ihnen vortrefflich ſchmeckte. Außerdem iſt des Captäns Naſe etwas zu lang, ſo daß er immer von der Seite küſ⸗ ſen muß. Als ich die Reihe herum war, zog ich mit dem ſchön⸗ ſten Mädchen ab, aber küſſen konnte ich ſie nicht, denn wenn man ein Mädchen wirklich gern hat, ſo iſt man ſo ſcheu, wie ein jähriges Füllen. Ich berührte ihre rothen Backen nur eben mit den Lippen und die kleine Berührung machte mich ſchon über und über zittern und trieb mir das Blut mehr ins Geſicht, als alle die andern Küſſe den Abend, und es waren doch lauter herzhafte, recht auf die Lippen und einige von beträchtlicher Länge. Grade waren wir fertig, als der Wirth mit einem Leuchter von ſolidem Silber hereinkam und ſagte: „Wünſchen Ihre Ercellenz ſich zurückzuziehn?“ Jetzt iſt meine Meinung geweſen, er hätte das dem Captän ſagen ſollen, aber ich bin immer ein ercellenter Burſch geweſen, ſo weit ich denken kann und ſagte alſo: „Ich habe nichts darwider; meinen Sie nicht auch, Captän, daß es Zeit iſt, zu gehen?“ Der Captän ſchien mich nicht zu horen, und ſo folgten wir dem Wirth in das ſchoͤnſte Zimmer, das ich je geſehen habe, mit einem Bett darin, deſſen bloßer Anblick einen ſchläfrig machte. Der Captän zog Rock und Stiefel aus, wuſch ſich Geſicht und Hände und ſagte: „Gott ſei Dank, jetzt iſt's mir wieder beſſer;“ wäh⸗ rend er ſich mit einem Handtuche abtrocknete, das ſo fein war, wie eines Mädchens Taſchentuch. Ich quälte mich, meine neuen Stiefeln auszuziehen, aber die verdammten Dinger wollten keinen Zoll breit rücken. Ich kam ganz außer Athem, warf mich in einen zit Stuhl, hob das Bein auf und rief:„Captän, einen uck!“ „So iſt's“, rief er lachend,„Jeder will einen Ruck haben, und Keiner denkt daran, ihn zurückzugeben.“ Er faßte indeſſen den Stiefel und zog nach Leibes⸗ kräften, daß ich Geſichter ſchnitt, endlich gab's nach, und jetzt flog der Captän zurück und fiel mit dem Stiefel in der Hand der Länge nach auf den Boden hin. Ich ſprang vom Stuhl, hob ihn in die Höhe und ſagte: „Ich hoffe, Sie haben ſich nicht weh gethan?“ „Durchaus nicht,“ ſagte er,„ich bin an ſolche Stöße gewöhnt, wenn ich meinen Freunden helfe.“ „Glaub's meiner Seel!“ ſagte ich„dieſe verdammten Freunde werden Sie noch zu Tode quälen. Aber friſchen Muth; da ſchaut!“ Mit den Worten zog ich eine Flaſche Cider aus der Taſche, die ich aus der Sloop mitgebracht hatte, that einen Schluck und reichte ſie dem Präſidenten. Der that auch einen mächtigen Zug, holte tief Athem, und fing wieder an, daß man hören konnte, wie es die Kehle hin⸗ untergurgelte. Es that mir wohl, ihm zuzuſehn. Nachdem der Captän genug hatte, ſetzte er die Flaſche nieder und trat an den Marmortiſch, nahm eine kleine weiße Bürſte, die da lag und fing an ſeine Zähne zu putzen. Ich ſchaute ihm ſcharf zu, denn ich wollte nicht, daß er meinen ſollte, ich ſei in den Hinterwäldern groß geworden: wie er alſo fertig war, ging ich auf ihn zu und ſagte: 321 „Ich denke, meine könnten auch ein wenig Bürſten brauchen.“ Er ſtockte einen Augenblick, dann gab er mir die Bürſte. „Sie ſind ein ächter Demokrat, Mr. Slick,“ ſagte er. „Warum nicht?“ ſagte ich, meine Zähne bürſtend. „Jetzt geben Sie mir auch das Handtuch, wenn Sie fer⸗ tig ſind.“ Damit nahm ich das Waſchbecken und wuſch mich, daß das Waſſer umherſpritzte, und wie ich mich abtrock⸗ nete, ſtand der Captän im Hemd da und hatte eine ſei⸗ dene Nachtmütze mit einem Klunker auf, der ihm bis auf den Kragen herabfiel. Unter uns geſagt, ſieht der Cap⸗ tän Tyler gar nicht ſo uneben aus, wenn er ſeinen-Rock ausgezogen hat. Der Captän nahm noch einen Zug aus der Cider⸗ flaſche und ſprang in's Bett und ich hinterher. Das muß wahr ſein, er iſt ein guter Schlafkamerad, er nimmt nicht mehr als die Hälfte des Bettes und drängt auch nicht. Als ich mich zuerſt niederlegte, war das Bett ſo weich und ich ſank ſo tief ein, daß ich mich an dem Captän hielt, um nicht durch und durch zu fallen. Statt darüber böſe zu werden, wie ein anderer aufgeblaſener Tropf das gethan hätte, meinte er immer, ich wollte anders liegen, und drehte ſich herum. Jetzt fuhr aber der verdammte ſeidene Klunker mir im Geſicht herum und kitzelte mir ſo in der Naſe, daß ich laut nießen mußte. Als das vorbei war, fragte mich der Captän nach meiner Anſicht über die Dinge im Allgemeinen. Ich ſprach grade heraus wie ein freigeborner Bürger, und wir hatten ein vertrauliches Geſpräch— müßt aber nicht mei⸗ nen, daß ich anderer Leute Geheimniß ausplaudere. So ſchwatzten wir bis Mittternacht, als auf einmal ein gan⸗ zer Sturm von Muſik unter dem Fenſter losbrach. Der Captän und ich ſprangen auf und ſteckten den Kopf zum Leben in Newyork. 21 Fenſter hinaus. Es war ein ganzer Haufen Menſchen da, die wie Katzen im Februar ſangen. Als ſie den Captän und mich ſahen, fingen ſie den Pankee⸗Doodle an, und ſchrien, bis wir ſelber mit einſtimmten.— Ich wurde heiſer, that einen Zug aus der Ciderflaſche, trat dann wieder an's Fenſter, nahm des Captäns Nachtmütze, ſchwenkte ſie und rief: Hurrah! Damit war's aus; der Mayor beſuchte uns noch, um zu ſehen, wie wir in's Bett gekommen ſeien. Er iſt ein rechter Kerl; ſchickt ihm das nächſte Mal ein Fäßchen Zwiebeln mit, Captän Doolittle. Der Mann gefällt mir. Jetzt bin ich müde und kann heute Nacht nicht mehr ſchreiben. Euer zärtlicher Sohn Jonathan Slick. Neunundzwanzigſter Brief. Jonathan Slick in Mewyork. Jonathan Slick will Maeready ſehn.— Beſchreibung des Theaters.— Macht die Bekanntſchaft eines hübſchen Mäd⸗ chens.— Fängt eine Liebſchaft an.— Verſpricht ſie zu beſuchen.— Jonathan hat eine neue Methode, ſich einen faſhionabeln Anzug zu verſchaffen.— Streit mit Captän Dovlittle.— Verſöhnt ſich und bricht auf, um dem ſchönen Mädchen einen Morgenbeſuch zu machen. An Mr. Zephaniah Slick, Friedensrichter und Kirchenälteſten in Weathersfield im Staate Connecticut. Lieber Vater! Da bin ich wieder friſch und geſund, und ſo froh wie ein Grasſpringer im Sonnenſchein. Will Euch aber ſagen, ein Paar ordentliche Frolios zu Hauſe mit hüb⸗ ſchen Mädchen dazu, hinterher ein Aepfelſchnittfeſt oder ſo, wie wir es bei uns hatten, wo Vater und Mutter ſo luſtig wie jährige Füllen zwiſchen all den jungen Leuten herumſprangen, und das Ganze durch eine Woche Zwie⸗ belaufreihen geſchloſſen, und mit Judy White und ihren hübſchen Lippen an der einen und zwei oder drei hübſchen Weathersfielder Mädchen an der andern Seite, das iſt voch ein viel vernünftigeres Leben, und iſt einer daran gewöhnt, ſo gefällt's ihm tauſendmal beſſer, als der ganze Yorker Kram. Die alte Sloop hatte gerade am Abend vorher am Pack Slip beigelegt, als Mr. Macready, ein großer Schau⸗ 324 ſpieler aus dem alten Lande, im Parktheater angekommen war, wo er ſo ſpielen ſolle, daß einem vom bloßen Zu⸗ ſehen die Haare zu Berge ſtehn. Dachte alſo: Willſt mal hingehn, der Burſch wirft viel Staub auf, wollen ſehen, was dahinter iſt. Ging alſo hinunter, legte einen reinen Kragen an und ſtrich mein Haar mit einem Talg⸗ ſtumpen glatt. Captän Doolittle iſt ſo geizig, daß er kein neues Fäßchen Schmalz anbrechen wollte, damit ich mich ſchön machte! Nachdem ich es mit einem Stroh⸗ wiſch, den ich aus meinem Zwiebelfaß genommen, glatt gebürſtet hatte, ging ich auf's Deck und glänzte wie eine neue Nadel. Es war ſchon beinah Nacht, drum machte ich mich auf der Stelle auf den Weg ins Theater, das mir vorkam wie ein alter Freund in einem neuen Rock, oder wie ein Mädchen in ihren Sonntagskleidern, ſo glatt und blank war Alles. Der Mann an Thür kannte mich zuerſt nicht, ich nahm aber nun meinen Hut ab und dann hatte es ſich. „Wie geht's, Mr. Slick? treten Sie herein!“ Ich ſetzte meinen Hut wieder auf und trat hinein. Aber mein Gott, das Haus war ſo voll, daß kein Apfel zur Erde fallen konnte, und ich ſah nicht, wo ich einen Platz finden ſollte. Der Mann an der Thür ſagte aber: Für Sie muß ich ſchon einen Winkel finden. Haben Sie aber das Parktheater aufgeputzt! Die ganze Decke iſt neu gemalt, und es iſt einem, als fielen lauter Blumen⸗ ſträuße auf einen nieder; und rund herum hängen große goldene Kronleuchter und Gemälde und rothe ſeidene Vor⸗ hänge, und was der Sachen mehr find, daß mir die Au⸗ gen ſchier blind werden. Ich ſetzte mich alſo auf eine Bank, die ganz voll hübſcher Mädchen war, die ſich eng zuſammendrückten, um mir Platz zu machen. Ich hatte keinen Raum, um beide Arme auf einmal herunter zu laſſen, legte alſo den einen über die Lehne, und ehe ichs ſelber wußte, um das ſchoͤnſte Mädchen, das ich je geſehen hatte. Habt Ihr je⸗ — 1 n 325 mals ein Racepferd vor einem Wettrennen geſehen? Sein Hals iſt ſtolz zurückgebogen, ſeine Haut glänzt und glitzert und die ſchwarzen Augen ſprühen Feuer. Grade ſo war das Mädchen, das ich beinahe umarmte, ehe ich ſie ange⸗ ſehn hatte. Gut, ſie fuhr ein wenig zuſammen, und ſah mich dann mit den großen, ſchwarzen Augen an, daß an mir jetzt die Reihe war, in die Höhe zu ſehen, und daß ich ihr in's Geſicht ſtarrte, als hätte ich gar keine Manie⸗ ren. Spinnräder und Käſepreſſen!— war das ein Mäd⸗ chen! ſo ein Paar Lippen, roth wie eine Runkelrübe und glänzend wie eine Handvoll Wintergrünbeeren. Wäre eine Biene im Theater geweſen, ſo wäre ſie gewiß grade hin⸗ ein geflogen, und wenn ſie darin nicht ſüßern Athem als in einem ganzen Blumenbeet gefunden hätte, ſo müßte der Schein dann gewaltig trügen. Ihr Nacken und ihre hohe Stirn waren leicht gebräunt, wie eine Haſelnuß, ehr ſie abfällt, und ich ſah nie eine Krähe ſo ſchwarz in der Sonne glänzen, als ihr Haar, das in langen Locken, die von ächten goldenen Ketten feſtgehalten wurden, um ihr ſchönes Haupt herunter hingen. Mein Gott, es war das erſte Mädchen, bei dem es Jonathan Slick zu Muthe wurde, als wäre er nicht in guter Geſellſchaft. Unſer ſchwarzes Füllen, mit ſeinen ſchlanken Gliedern, ſeiner weichen Mähne und den ſchwarzen Augen, die in der Sonne wie Feuer glänzen, iſt eher ein gemeines Cider⸗ mühlenpferd, als ſie ſich mit dem übrigen Weibervolk vergleichen läßt. Sie war beinahe ſo groß, wie ich bin, und doch voll ein Capitalmädchen, das mir den Athem ſtocken machte, ſo oft ich ſie anſah. Hätte mich einer in die Mitte der nächſten Woche hineingeſchlagen, ſo hätte ich die Augen nicht von dem hübſchen Geſchoͤpf abwenden können, und auch ſie ſchien nach dem erſten Blick eben ſo viel Gefallen an mir zu finden, und als ſie ein wenig auffuhr, that ſie es nur, um ſich näher zu mir zu ſetzen, als vorher, und es koſtete 326 mich alle Mühe, daß nicht auch ich meinen Arm vor alle den Leuten etwas enger um ſie ſchlang. Ich ſah den Abend nicht viel von dem Stück, ſondern ſaß da und wußte nicht, wo mir der Kopf war. Sie ſah aber ſo ſanft wie eine mehlige Kartoffel aus und flüſterte mir zu:„Sie ſehen nicht gut, wollen Sie ein Glas nehmen.“ „Ich danke,“ ſagte ich, und machte mich ſo gerade, wie ein Mann thun ſoll, der die Pledge genommen hat, und der in Verſuchung geführt wird.„Ich danke eben ſo, als wenn ich ein Quart getrunken hätte, aber ich bin ein Teetotaller.“ Sie ſah mich mit ihren ſchwarzen Augen, die immer größer wurden, während ich das ſagte, groß an. Ihre Wangen wurden röther und röther wie ein Apfel im Herbſt. Dachte bei mir:„Haſt was Schönes angerichtet, Jonathan Slick! Deinen eignen Milchtopf umgeſtoßen; biſt nicht beſſer wie die andern, die ihr Lob auch in die Welt hinauspoſaunen müſſen. Wollen aber ſehn.“ Da⸗ mit beugte ich mich ein wenig ſeitwärts und ſagte: „Ihre Augen, Maam genügen, um fünfzig Burſchen, wie ich, zu berauſchen, ohne daß es Spiritus braucht, und ich habe nichts dagegen, mich an denen bis an den jüngſten Tag und noch einen Tag länger zu berauſchenz ſtecken Sie alſo die glänzende kleine Flaſche weg.“ Sie hatte indeß ein niedliches Fläſchchen, über und über vergoldet, und mit einem Griff von demſelben Stoff, der auf und ab glitt, hingehalten; es war ein merkwürdig hübſches Ding und konnte kaum mehr wie einen halben Schoppen halten. Als ich das ſagte, ließ ſie es in ihren Schooß fallen, als wäre es eine heiße Kartoffel, und da lag es wie vergraben in den Falten des glänzend ſchwar⸗ zen Sammets, aus dem ihr Kleid gemacht war, und ihr hübſches Geſicht kehrte ſich voll Verwunderung nach mei⸗ nem, und dann lachte ſie, bis ihr Auge und ihr Mund mit einander an zu ſchwatzen fingen, wie ein ganzes Neſt . 327 voll junger Rothkehlchen, die verſuchen zu ſingen, und doch hört man keinen Ton. Ich lächelte auch und ſagte wieder zu mir:„Biſt noch einmal ein Eſel geweſen, Jonathan Slick.“ Um das Ding aber wieder in's Gleis zu bringen, nahm ich des Mädchens Taſchentuch aus ihrer Hand, legte es über die Flaſche und ſagte: „So, wollen das Ding zudecken; Sie ſind ein gutes Kind und jetzt kein Wort mehr davon.“ Sie zuchte ein wenig zuſammen und ließ ihre Hand fallen, als wollte ſie das Taſchentuch wieder aufheben, ehe ich aber wußte wie, hatte ihre hübſche kleine Hand meine geſaßt und ſie lagen unter dem Taſchentuch ſo ruhig zuſammen, wie zwei Mäuſe in einem Mehlfaß. Klopfte mir das Herz aber! für 50 Cents hätte ich ihr nicht in's Geſicht ſehen können; ich ſaß aufrecht da und guckte mit aller Gewalt vor mich hin, denn ich erwartete jeden Au⸗ genblick, daß ſie mir vor all den Leuten eine Ohrfeige geben würde. Brauchte mich darüber aber nicht zu grämen. Ihre Hand ſtahl ſich in meine, wie ein Kätzchen zur warmen NMilch und lag ſo ruhig drin, wie ein Vogel, der unter einem Zwiebelbeet ſchläft. Nach einer Weile ſchielte ich zu ihr hinüber, und ſie ſaß ſo unbefangen da, als könnte ihr kein Butter zwiſchen ihren verführeriſchen Lippen zergehen. Ein Lamm in einem Kleefeld ſah nicht halb ſo unſchuldig aus. Verlegen war ich jetzt nicht mehr, aber auch nicht ganz zufrieden. Ich ſchlage meine Aepfel und Birnen gern ſelber herunter und wenn ſie mir ſo um die Ohren fallen, ſo find ſie faſt immer zu weich, als daß ſie noch recht gut ſchmecken. Die Mädchen wiſſen nicht, auf wel⸗ cher Seite ihr Butterbrod geſchmiert iſt, wenn ſie ſich von den Männern zu leicht beſchwatzen laſſen. Dachte am Ende aber, was macht's?— nicht jeder findet gerade 328 eine ſo kleine weiße Hand in ſeiner, am erſten Abend, wo er in York iſt. Gut, ſo ſaßen wir, bis der Vorhang fiel und alle Leute aufſtanden, um nach Haus zu gehn. Das Mäd⸗ chen ſtand auf, nahm die Flaſche und das Taſchentuch in eine Hand und ſchien ſich nach Jemand umzuſehn. Ich ſtreckte meinen Arm aus und hatte ſchon geſagt:„Kann ich das Vergnügen haben, Sie in Ihrem Hauſe zu ſehn, Ma'am?“ wie wir es in der Singſchule machen, als ein aufſtand und ihr ganz ungenirt ſeingn Arm hin⸗ ielt. Das Mädchen drehte ſich und ließ, während ſie that, als legte ſie ihren Shwal zurecht, ein viereckiges Stück Papier im meine Hand fallen, legte dann die kleine Hand, die in meiner geruht hatte, auf des Herrn Arm, und ging fort, als wenn Nichts paſſirt wäre. Ich ſah ihnen nach und erblickte noch grade ihre ſchwarzen Augen und einen großen Schnurrbart und dann ſtand ich, wie die Andern, unter einer Lampe und verſuchte die kleine Hand⸗ ſchrift herauszubuchſtabiren. Nach vieler Mühe kriegte ich endlich heraus, daß es eine Einladung war, das Mädchen am andern Morgen in ihrem Hauſe in der— Straße zu beſuchen. Ich faltete das Papier zuſammen, ſteckte beide Hände in die Taſche, betrachtete mich von oben bis unten und ſagte zu mir ſelber: „Na, Jynathan Slick, Du mußt ein gut Theil ſchöner ſein, als Du Dir ſelber je eingebildet haſt.“ Ich konnte die ganze Nacht nicht ſchlafen, ſondern mußte immer an das Mädchen denken, und Captän Doo⸗ little lag dabei und ſchnarchte wie ein Bär. Endlich kam das Tageslicht ſo langſam in die Kajüte gekrochen, als es nur je gegangen iſt, und als die Sonne aufgegangen war, machte Captän Doolittle das Frühſtück zurecht. Er und ich und der kleine Neger ſetzten uns nieder, mir ————„—— ————————,— 329 wollte aber kein Biſſen ſchmecken, ſo daß der Captän und der Neger für mich miteſſen mußten. Nach einer Weile kriegte ich die Kerle zur Kajüte hinaus und jetzt fing ich an, mich zu putzen. Zuerſt machte ich ein Fäßchen Schmalz auf, nahm ein Stück, zerrieb es in meiner Hand und ſalbte mein Haar ſo glän⸗ zend wie noch nie. Dann nahm ich Captän Doolittles Pfeife, ſteckte das Mundſtück in den Oſen, und kräuſelte, als es heiß genug war, meine Locken eine nach der an⸗ dern darum. Eine Locke legte ich grade über die Stirn, daß ſie auf die Naſenwurzel herunterfiel und ich ganz aus⸗ ſah, wie einer dieſer neumodiſchen Dichter. Hätte Mutter nur nicht meine karrirten Hoſen ſo ſchändlich eng gemacht. Die ächten Stutzer tragen ſie jetzt ganz weit, ein Paar Taſchen auf jeder Seite und ohne Hoſenträger. Was konnte ein Mädchen von meinen Hoſen denken, in denen meine Beine ſtecken, wie zwei Talglichter in einer Lichtform. „Gauly oppalus!“ rief ich auf einmal,„das thut's!“ und war mit einem Satze bei dem Koffer. Mit den Worten hob ich den Deckel auf und nahm ein Paar karrirte Hoſen von Captän Dolittle heraus, die er ſich nach Matroſenſchnitt hatte machen laſſen. Der Captän iſt grade von meiner Größe und noch dicker als ich. Ich og ſie alſo an und ſteckte ſie um den Leib mit Nadeln ſes, daß ſie an allen Seiten wie eine Sonnenblume hin⸗ ausſtanden, die ſich grade öffnen will. Das war ganz nach der Mode, kein Menſch konnte ein Wort dagegen ſagen. Die Taſchen waren zwar nicht ganz am rechten Platz, ich zog ſie aber ein wenig herum, ſteckte mein gelbes Taſchentuch hinein und machte, es mit Nadeln feſt, damit ich es nicht verlöre. Kurz und gut es war Nichts daran auszuſetzen, und als ich meine bunte Weſte und meinen blauen Frack angezogen hatte, war ich gewiß nicht zu verachten. Ich bürſtete meinen Hut mit meinem Rockärmel, ließ den Blick nochmal die Hoſen heruntergleiten und ging dann auf's Verdeck, fühlte mich aber doch ſo unbehaglich wie eine Schlange, die ihre alte Haut verloren und noch keine neue hat. Captän Doolittle und der kleine Neger ſtanden auf dem Verdeck. Der Neger lachte mir grade in's Geſicht, aber ich ſtopfte ihm bald das Maul, und ich ſah nur* noch, wie er die Treppe hinunterlief und beide Hände vor's Geſicht hielt, um nicht wieder herauszuplatzen. Dennoch war es mir nicht ganz leicht um's Herz, als Captän Doolittle ſich umdrehte, um mich zu be⸗ trachten; ich war überzeugt, der alte Kerl würde aufbe⸗ gehren, wenn er ſeine Hoſen wieder erkannte, denn er war ſein Lebtag geizig, ſo oft er was ausleihen ſollte. Der alte Kerl ſtellte ſich erſt feſt auf die Beine, ſteckte dann beide Hände tief in die Taſche, ſah mich von Kopf bis zu Fuß an und rief: „Halloh, Jonathan Slick, was wollt Ihr mit mei⸗ nen neuen Hoſen?“ Ich ſtellte mich grade ſo, daß ſein Auge auf die Taſche mit dem Tuch fallen mußte und ſagte:„Was ſchwatzt Ihr da 2, „Hoho!“ ſagte er und ſpitzte die Lippen, als wenn er pfeifen wollte.„Wäret Ihr jetzt im Walde, ſo würden die Eulen ſich zu Tode lachen.“ „Ihr mögt vielleicht nicht der beſte Richter über das ſein, was einen Gentleman kleidet oder nicht,“ ſagte ich ärgerlich, denn der Kerl ſtand da und betrachtete mich während er ein Stück Taback in den Mund„ ob. „Na, nur nicht böſe!“ ſagte er, machte ſein Taſchen⸗ meſſer zu und ſteckte es mit der Tabackrolle in die Taſche. „Ich bin nicht hinter'm Buſch geboren, daß ich mich vor jedem Ding fürchte, wollt Ihr aber die Wahrheit hören, ſo muß ich Euch ſagen, daß Ihr eher wie ein junger 33¹ Hahn ausſeht, als wie ein Menſch, den Sohn des Kir⸗ chenälteſten ganz bei Seite gelaſſen.“ „Captän Doolittle,“ ſagte ich ganz außer Athem, denn das Blut ſtieg mir zu Kopf,„laßt jetzt meine Hoſen in Ruh und kehrt vor Eurer eignen Thür oder— oder—“ „Oder was 7“— ſagte er und grub ſeine Hände noch tiefer in die Taſchen ſeiner alten Hoſen,„ſprecht zu Ende, oder was?“ „Oder ich ſtecke Euch eins, Ihr alter Filz, Ihr,“ ſagte ich, denn ich war jetzt ſo ſchartig geworden wie ein altes Fleiſcherbeil. „Thut's, wenn Ihr Courage habt; ich fürchte mich nicht,“ ſagte er. Ich weiß, Vater, jetzt werdet Ihr grade hinaus⸗ ſchreien; denn bei Gott, ich holte aus und gab dem alten Kerl einen Schlag, daß er gegen den Maſtbaum fiel. Ich war ſo zornig, daß ich nicht wußte, was ich that, bis er mich mit beiden Händen bei meinem Halstuch faßte, als wenn er mich ſchütteln wollte. Ich fühlte ſeinen Athem mir heiß wie Dampf in's Geſicht wehen, dann ließ er auf einmal ſeine Hände fallen, und ſein Geſicht wurde kreideweiß. Er taumelte rückwärts, ſetzte ſich auf einen Aepfelſack, bedeckte ſein Geſicht mit beiden Händen und ſaß ſo da. So war's mir meiner Lebtage noch nicht zu Muthe. Ich wäre durch ein Nadelöhr gekrochen, ſo kleinmüthig war ich. Ich ſchaute den Alten an, der auf dem Aepfel⸗ ſack ſaß, ſein Geſicht mit beiden Händen zuhielt und aus⸗ ſah, als wollte ſein Herz brechen. Ich konnte ſehen, wie es gegen das rothe Hemd pochte, bis ſeine Hände am Ende nachließen, und die warmen Thränen an den alten runzligen Fingern herunterliefen, wie der Regen im Herbſt durch die dürren Blätter trieft. Sagt mir kein Wort davon, Vater, wenn ich nach Haus komme. Es war mir leid genug, was ich gethan hatte, ohne daß es mir einer vorhielt. Anfangs war 332 es mir, als wenn mir der Alte das Halstuch zugeſchnürt hätte, ſo eng war's mir. Als ich es aber losreißen wollte, hing es in loſen Falten da, und ich wußte nicht, was mich erſticken wollte, bis mir die Thränen die Backe her⸗ abliefen, und mir die Beine in Capfain Dolittles Hoſen als hätte ich etwas Schreckliches auf dem Ge⸗ wiſſen. Der kleine Neger ſteckte ſeinen Kopf auch auf's Ver⸗ deck und heftete ſeine großen weißen Augen erſt auf mich und dann auf den Captän, als wüßte er nicht, woran er ſei. Ich ſchämte mich, weiß Gott, dem Burſchen in's Geſicht zu ſehn. Wärt Ihr oder die Mutter dageweſen, ſo wäre ich grade in den Boden geſunken. Alles, was Captän Doolittle für mich gethan hatte, trat mir auf einmal vor Augen. Ich ſah ihn in unſer Haus kommen, und mir Feigen und Roſinen bringen, als ich noch ein kleiner Bube war; ich dachte an die Zeit, wo er mir Schlitten machte und ſie den Hügel hinaufzog, wenn ich müde war; wie er meine Zwiebeln noch aufreihte, nach⸗ dem er ſein eigen Tagwerk ſchon gethan hatte und mir nach zehn Uhr noch meine Erempel ausrechnete, damit mich der Lehrer am folgenden Tage nicht ſchlüge. Der Gedanke, daß er in unſrem Hauſe geſchlafen und Euch geholfen hatte, lange ehe ich geboren war— und jetzt, jett hatte ich die Hand gegen ihn erhoben! Es war mir wie Judas Iſcharioth, ais ihm die 30 Silberlinge in der Hand hrannten und er Anſtalten machte, ſich zu hängen. Und doch wollte ich vor dem Neger nicht davon reden. Je länger der Alte aber da ſaß, deſto bänger wurde mir's um's Herz, ſo daß ich es nicht mehr aushalten konnte, grade auf ihn zuging und mit ſchlichten Worten ſagte: „Nehmt's nicht ſo auf, Captän! Ich wollte, die Hand wäre mir abgehauen, ehe ſie das that. Es thut mir, weiß Gott, von Herzen leid.“ Der Alte ſchlug die Finger zuſammen, ließ die Hände dann auf's Knie fallen, zwinkerte mit den Augen 333 ſchüttelte den Kopf, daß die Thränen herunterfielen, damit ich nicht glauben ſollte, er habe geweint und ſagte: „Thut's Euch gewiß leid, Jonathan?“ „Captän,“ ſagte ich und hatte Mühe das Schluch⸗ zen zu unterdrücken;„Captän, wenn Ihr mein eigner Vater geweſen wäret, ſo könnte es mir nicht mehr leid thun. Ich kann euch nicht ſagen, wie jämmerlich es mir iſt.“ Der Allte ſchüttelte den Kopf noch ſtärker, um die Thränen aus den Augen zu bringen und ſagte: „Laß gut ſein, Jonathan. Ich war noch viel mehr zu tadeln, daß ich Euch reizte.“ Das machte mich noch elender.„Kein Gedanke dran,“ ſagte ich.„Wenn ein Burſch wie ich, ſeine Hand gegen einen alten Freund mit grauen Haaren aufheben kann, ſo ſollte er von Grasſpringern zu Tode getreten werden; hängen iſt noch zu gut für ihn.“ „Müßt nicht ſo gegen Euch ſelbſt ſprechen,“ ſagte der Captän. Und als er mich anblickte, lächelte er, daß ſein Geſicht ausſah wie ein erfrorner Apfel, der an⸗ fängt aufzuthauen. „Ich war ein alter Eſel, daß ich Euch herausfor⸗ derte, mich zu ſchlagen. Ich konnte es mir denken, daß vas Euch außer Euch bringen mußte. Euer Vater hätte es nicht ausgehalten und wenn er auch ein Kirchenäl⸗ teſter iſt.“ Ich wollte, der Alte wäre aufgeſtanden und hätte mit beiden Fäuſten dreingeſchlagen, anſtatt daß er ſich ſelber Vorwürfe machte; das wäre mir noch eins ſo lieb ge⸗ weſen. Ich hätte 50 Cents gegeben für einen Schlag von dem Neger, aber auch der ſtand da und weinte ſchier. Und da ſtand Captän Doolittle und die Guthmüthigkeit zuckte aus ſeinen feuchten Augen, und der Taback ſtak ihm zwiſchen den Zähnen, denn er hatte in der Aufre⸗ gung vergeſſen, ihn zu kauen. Da ſtand er, hielt mir die 334 eine Hand hin, wiſchte ſich mit der andern die Augen aus und ſagte: „Komm, Jonathan, jetzt iſt's vorbei!“ Ich drückte ihm die Hand, daß ſeine Thränen wieder liefen, und ſchüttelte ſie ihm auf und nieder, als hätte ich alle Thränen herauspumpen wollen. „Schaut,“ ſagte ich, denn es war mir nicht recht geheuer in den Hoſen,„ich wollte ſie nicht auftragen, ohne Euch ein Wort davon zu ſagen.“ „Was auftragen?“ ſagte er, meiner Hand einen neuen Ruck gebend. „Die Hoſen,“ ſagte ich. „Zum Teufel mit den Hoſen!“ ſagte er,„was gehen ſie mich an?“ „Ich werde ſie immer wie Gift haſſen,“ ſagte ich, weil ſie Streit unter uns gebracht und Eure alten Augen naß gemacht haben.“ „Meine Augen naß?“— ſagte der Alte und ſtrich mit der Hand über's Geſicht;„jetzt ſchweige ſtill, Jona⸗ than, ſonſt werde ich im Ernſt böſe; ich habe ſeit 20 Jahren nicht geweint.“ „Gut ſo,“ ſagte ich; wir ſchüttelten noch einmal die Hand und dann kam mir das hübſche Mädchen wieder in den Kopf. „Jetzt muß ich gehen, Captän, ſagte ich;„aber gelt, es war Euch nicht Ernſt, was Ihr von den Hoſen ſagtet. Schaut her, ſind ſie nicht capital?“ „Ich verſtehe mich nicht viel darauf, meine aber, ſie werden's wohl thun,“ ſagte er.„Vielleicht können wir 'nen Handel machen, ich gebe ſie billig.“ „Gut, ſagte ich, wollen ſehen, wenn ich wieder zu⸗ rück bin.“ Damit drückten wir uns die Hand, und ich ging fort in die Straße, wo das ſchöne Mädchen wohnte. Ich habe jetzt nicht Zeit, Euch Alles von ihr, in dem Hauſe, worin ſie wohnt, und was ſie mir geſagt hat, zu ſchreiben; aber ſchaut nächſte Woche in den Bruder Jona⸗ 335 than, darin will ich Alles beſchreiben. Zeigt es aber um Gotteswillen nicht Judy White, die käme ſonſt außer ſich. Eins iſt gewiß, ſie iſt ein Capital⸗Frauenzimmer, und kein anderes von allen, die ich geſehen habe, kann ihr den Schuhriemen auflöſen, was Schönheit und Manieren betrifft, das Herz klopft mir ſchon, wenn ich an ſie denke und an Alles, was ich in dem Hauſe geſehn habe. Nächſte Woche will ich es Euch gewiß erzählen. Der Captän und ich find jetzt wieder die dickſten Freunde, grämt Euch deßhalb nicht über das, was ich Euch von ihm geſchrieben habe. Euer gehorſamer Sohn Jonathan Slick. Dreißigſter Brief. Jonathan beſucht das ſchöne Mädchen.— Beſchreibt ein Spielhaus, wie es am Morgen ausſieht, ehe es aufgeputzt iſt.— Beſucht das Bondvir der Dame.— Beſchreibt die Möbeln, die Dame, ihren Anzug und ihr Geſpräch.— Wird von dem Herrn des Hauſes unterbrochen.— Geht mit dem Verſprechen fort wieder zu kommen, und Miß Sneers in Mad. Caſtellans Concert zu begleiten. An Mr. Zephanjah Slick, Friedensrichter und Kitchenälteſten in Weathersfield im Staate Conectient. Lieber Vater! Gut, ich war zuletzt dabei, daß ich durch die Straßen ging, bis ich grade vor dem Hauſe ſtand, das in dem Papier bezeichnet war, das mir das hübſche Mädchen ge⸗ 336 geben hatte. Ich ging auf die andere Seite, um erſt einen allgemeinen Ueberblick zu haben, ehe ich hineintrat. Es war ein großes, ſchönes Gebäude; ich zählte vier Reihen Fenſter und noch zwei Reihen junge darüber, die bis unter's Dach gingen. Eine große ſteinerne Treppe führte zu der Hauptthür, und an beiden Seiten war ein eiſernes Geländer mit allerlei Schnoörkelwerk. Die Fenſter waren alle mit grünen Läden geſchloſſen. Die Thür hatte dieſelbe Mode, und das ganze Geſchäft ſah aus, als wenn es gegen den Winter vermacht wäre. Ich ging alſo wieder über die Straße, und grade die Treppe hinauf. An der Thür war eine viereckige ſilberne Platte und ein Namen darauf, und darunter ein ſilberner Glockenzug. Ich zog tüchtig, und drinnen ging ein Geklingel los, als ob ein alter Schafbock mit einer Glocke um den Hals Trepp' auf und Trepp' ab ſpränge. Kaum hatte ich den Knopf losgelaſſen, als die Thür offen ging und ein Reger darin ſtand, der mich von Kopf bis zu Fuß anſah, als hätte er Appetit nach Menſchen⸗ und wollte mich grade ohne Eſſig und Oel ver⸗ zehren. „Wie geht's?“ ſagte ich ſo ſanft wie eine Kartoffel, die grade aus dem Topf genommen iſt.„Wie befinden ſich die Leute heute Morgen? will hoffen gut?“— Der Kerl glotzte mich an und ſchüttelte die beiden Haarbüſchel, die an jeder Seite ſeines Kopfes heraus⸗ guckten; dann ſah er im's Haus, dann auf die Straße und dann wieder auf mich.„Was wollen Sie?“ ſagte er endlich. „Gut,“ ſagte ich, und grub beide Hände dahinein, wo die Taſchen ſein ſollten, verlor aber beinah das Gleich⸗ gewicht, als ich Nichts fand.„Ich meine, ich will Je⸗ mand ſehen, der ein wenig mehr iſt, als Ihr zu ſein ſcheint, und drum hineintreten.“ Damit gab ich dem Burſchen einen Stoß und trat 337 ſo ſtolz in die Hausflur, wie ein Tambourmajor an der Spitze ſeines Regiments. „Wie heißen Sie und wen wollen Sie ſprechen?“ ſagte der Neger ärgerlich und ſchüttelte ſeine Haare, wie eine Sonnenblume bei Regenwetter. „Hört einmal,“ ſagte ich,„Du ſollteſt nach Connecti⸗ cut gehen und lernen, wie man fragen muß; wenn Eure Zunge nur halb ſo glatt wäre, wie Euer Geſicht, ſo hättet Ihr das noch einmal ſo gut herausbringen können. Für Euch habe ich keinen Namen, und Alles, was ich verlange, iſt, daß Ihr dem hübſchen Frauenzimmer, das hier wohnt, ſagt, ich wäre hier, wartete ſo munter wie ein Grasſpringer auf, und ſehnte mich unmenſchlich dar⸗ nach, ſie zu ſehen.“ Der Burſch ſah mich forſchend an. Zuerſt betrach⸗ te er meine Pumphoſen, dann meinen Hut, zuletzt mich elber. „Sie können der Gentleman nicht ſein, von dem fie mir ſprach,“ ſagte er;„erwartet Miß Sneers Sie?“ „Ich meine beinah.“ „Dann treten Sie in dies Zimmer, und ich will gehen und nachſehn.“ „Das iſt manierlicher,“ ſagte ich, und folgte dem Burſchen in ein Zimmer par terre, wo ich mich ſetzte, den Hut auf's Kniee legte und mich umſchaute. Es war ziemlich dunkel, denn die Jalouſien ließen nicht viel Licht herein, doch konnte ich ſehen, daß das Zimmer noch nicht in Ordnung gemacht war. Zwei Stühle lagen auf dem Boden, die Tiſchdecke hing weit herunter, und war voller Weinflecken, die noch naß waren; eine Karaffe mit etwas Wein oder vielleicht auch Branntwein, ſtand auf dem Tiſch, wo das Tuch heruntergeglitten war, und ein ſchönes Weinglas lag zerbrochen am Boden. Unter dem Tiſch und rund um meinen Stuhl herum waren eine Menge Karten zerſtreut, als hätte Jemand im Aerger das ganze Spiel auf den Boden geworfen. Ich hob grade zwei Leben in Newyork. 22 338 oder drei Karten auf, als der Neger wieder hereintrat und ſagte: „Es hilft Nichts; ich kann der Madam nicht ſagen, wer Sie ſprechen will, wenn Sie mir nicht Ihren Na⸗ men ſagen oder eine Karte geben.“ „Wenn Ihr das Eine vder das Andere haben müßt, ſe iſt da eine Karte, ſagte ich; jetzt macht, daß Ihr ſortkommt und laßt mich Euer gelbes Geſicht nicht wieder ſehen, als bis ich's verlange. Damit reichte ich ihm den Schippenbuben; der Kerl betrachtete aber mit ſeinen großen, naſeweiſen Augen erſt die Karte und dann mich wieder, als wüßte er nicht, was er damit machen ſollte. So viel ſah ich, er war noch nicht zufrieden, aber ich hatte auch keine Luſt, länger zu warten, und ſagte: „Da habt Ihr ja'ne Karte und noch'ne ſchöne da⸗ zu— mein Name iſt Jonathan Slick von Weathersfield; mein Vater iſt Kirchenälteſter, meine Mutter war Jeruſcha Pettebone, mein— aber wenn Ihr jetzt nicht zufrieden ſeid, ſo könnt Ihr zum Teufel gehn, und das ſchöne Mädchen dazu!“ Der Neger drückte ſich, ehe ich halb fertig war und kam mit lauter Bücklingen zurück, als hätte er ſich unter⸗ wegs neue Gelenke angeſchafft. „Madam wünſcht zu wiſſen, ob Sie der Gentleman ſind, den ſie geſtern im Theater geſehn hat?“ „Ja wohl,“ ſagte ich, und warf die Schippenzehen und Eckſteinaß wieder unter den Tiſch, denn ich mag das Zeug einmal nicht anrühren. „Wollen Sie ſich nicht die Treppe hinaufbemühn,“ ſagte er, und verbeugte ſich faſt bis auf den Boden. „Meinetwegen,“ ſagte ich, hinter ihm hergehend. Ich nahm den Hut ab, und fuhr mit der Hand ein paar Mal durch die Haare, während ich die Treppe hin⸗ aufſtieg; dann zog ich meine Hoſen zurecht, und ließ das Ende des Taſchentuches noch etwas weiter hervorgucken. f ——,— 339 Auf den Treppen, die mit Teppichen belegt waren, und goldene Geländer hatten, ging es ſich weiß Gott ſo weich wie auf einer Wieſe. Ganz oben ſtand eine nackte, ſchwarze Figur, legte eine Hand auf den Mund und hielt in der andern eine Lampe, die von ſelbſt zu brennen ſchien, denn es war kein Tropfen Oel darin, und der Docht ſo ſchwarz wie eines Negers Augenbrauen. Ich folgte ihr in einen andern Gang, wo wieder eine Figur ſtand, die ſo weiß wie Milch war. Sie hatte einen Fuß in die Höhe gehoben, als ob ſie tanzte; ein Arm war über den Kopf zurückgebogen, und in ihren bei⸗ den hübſchen kleinen Händen hatte ſie Blumen, die aus⸗ ſahen, als wären ſie in den Schnee gepflanzt und immer mit Milch begoſſen worden, ehe die ſchöne, halbbekleidete, unanſtändige Perſon ſie fand. Sie ſah wie ein ſchönes Mädchen aus, das erfroren war, weil ſie keine Kleider gehabt hatte. Während ich da ſtand, und das arme Ding betrach⸗ tete, hatte der Neger die Thür geöffnet, und ſtand da und winkte mit der Hand wie unſer Pfarrer, wenn er die Ge⸗ meinde entläßt, und zu faul iſt, beide Hände zu ge⸗ brauchen. Ich trat zu ihm und ſtand in der Thür wie ein ge⸗ ſtochenes Kalb. Weiß Gott, Vater, ſo ein Zimmer habt Ihr Eurer Lebtage noch nicht geſehn. Der Boden war mit Teppichen wie mit lauter Frühlingsblumen bedeckt, und das Zimmer roch auch ſo ſüß, als ob es voller Blu⸗ men wäre; es ſchien übrigens nicht ſo ſehr groß zu ſein, und ein ungeheurer Spiegel nahm das ganze eine Ende ein, trotzdem wurde es nicht beſonders hell darin, denn ein ganzes Magazin von glänzender Seide, ſo dünn wie ein Heuſchreckenflügel und ſo roſig wie eines Mädchens Geſicht nach dem erſten Kuß hieng von den Fenſtern hernnter. Ich ſah blos zwei Stühle im Zimmer, aber die mußten von ſolidem Golde gemacht und mit Seide ge⸗ 340 polſtert ſein, auf der noch röthere Blumen waren, wie auf den Vorhängen. Am Fenſter ſtand eine Bank auf goldenen Löwenfüßen, die mit eben ſolcher Seide bedeckt war, wie die Stühle. Neben der Thür war das ſchönſte Geſchäft, das ich je geſehn. Es war eine Art runder Tiſch, in der Mitte entzweigeſchnitten, und mit weißem, faltigen Zeug, gerade wie ein Mädchen, wenn es rechten Staat machen will, behangen. Darauf ſtand ein Spiegel in einem goldenen Rahmen, der wie Rebenlaub ausge⸗ ſchnitten war, daß die goldenen Trauben über das Glas herunter hiengen. Der Glanz biß einen ſchier in die Augen. Oben lag eine goldene Uhr, ſo groß ungefähr wie ein Ninepenceſtück und allerlei kleine Käſtchen von rothem Saffian mit einer Menge Kleinigkeiten und Items. Außerdem ſtand noch ein großer Leuchter, faſt ſo hoch wie ich ſelber auf Beinen da, und ſchien auch aus ſolidem Gold gemacht zu ſein, und war über und über mit Figuren bedeckt. Oben war eine Saucenſchale, und aus der ſtieg eine Rauchſäule hervor, die ſich im ganzen Zimmer verbreitete, daß man grade wiſſen konnte, es ſei irgendwo ein Feuer. Und hinter dem großen Leuchter war eine Figur, halb Vogel und halb Kind, das ſchlauſte Geſchöpf, das ich je geſehn. Sie hatte Flügel an den Schultern und ſchaute mich lächelnd durch den Rauch an, daß ich meinte, ſie würfe etwas in die Saucenſchale. Das Geſchöpf war ſo weiß wie ein Grabſtein, und hätte ich es nicht angefaßt, ſo hätte ich gemeint, es ſei leben⸗ dig. Da ſtand ich mit offnem Munde, hatte den Hut in beiden Händen und guckte die kleine Figur an, die mir zu winken ſchien; auf einmal ſagte Jemand: „Bitte, Mr. Slick, treten Sie näher!“ Ich ſprang in die Hoͤhe und ließ den Hut fallen, denn ich meinte, das Mädchen ſpräche mit mir; als ich mich aber bückte, um den Hut wieder aufzuheben, drehte ich mich etwas um;z und da ſaß auf einer Bank, die mit 341 Seide gepolſtert war, wie die andere, von der ich ſchon ſagte, das Mädchen, das ich geſtern Abend geſehen hatte; — aber wie viel ſchöner war ſie geworden! Sie hatte ein weißes Kleid an, das den ganzen Körper, vom Nacken bis zu den kleinen Füßen bedeckte, die wie zwei ſchwarze Eichhörnchen auf einem Schemel lagen. Der Stoff, aus dem ihr Kleid gemacht war, war ſo dünn, daß man ihren ganzen Arm dadurch hätte ſehen können, wenn die Aermel nicht ſo weit gemacht geweſen wären, daß bei jeder Bewegung ihr Arm mehr wie halb entblößt wurde. Der Athem blieb mir in der Kehle ſtecken, als ſie auf⸗ ſtand und mir ihre weiße Hand hinhielt und die ganze Zeit lächelte, als freue ſie ſich zu Tode, mich zu ſehn. Ich drückte ihre Hand leiſe und ſah mich nach einem Stuhl um, auf den ich mich ſetzen könnte, denn es fing mir zwiſchen all der Seide und dem Gold ordentlich an, unheimlich zu werden, ehe ich jedoch ganz nieder war, lehnte ſie ſich gegen die Lehne zurück, nahm das eine Füßchen von dem Schemel und richtete das Kiſſen neben ſich für mich her. Während ſie leiſe mit der einen Hand auf die Blumen tippte, hob ſie die ſchwarzen Augen zu mir auf und lächelte mich an— o ſo ein Lächeln exiſtirt gar nicht weiter mehr. Jetzt werdet Ihr doch nicht denken, daß ich dumm genug war, mich in den großen Stuhl zu ſetzen, Vater? Rein, im Augenblick drehte ich mich herum, und ſaß dicht neben dem ſchönen Geſchöpf, daß ich ihren Athem in meinen Haaren fühlen konnte; und doch ſaß ich ſo weit davon, als es nur möglich war, ganz an der Ecke der Bank; leider war ſie aber ſo kurz, daß ich doch dicht bei ihr ſitzen mußte, und es mich in allen Fingern kitzelte. Ihre kleine Hand, die ſo weich und ſo weiß wie eine Schnerball war, lag gerade hinter mir auf den geſtickten Blumen, und ich brauchte mich nur zurückzulehnen, und ihr Arm hätte rund um mich gelegen. Ich ſaß aber da, ſah bald ihre Hand, bald ihr Geſicht, und dann wieder 342 meinen Hut an, und wußte nicht, was anfangen. Nach⸗ dem ich ungefähr eine Minute ſo dageſeſſen hatte, ſah ich ſie verſtohlen an, und ſie lächelte. Dann rückte ich wie⸗ der ein klein wenig näher, ſchaute den Hut aber ſo ſteif an, als ob ich ihn eſſen wollte. Das ſchöne Geſchoͤpf ſchien nicht böſe zu werden, drum ließ ich meinen Hut fallen, hob ihn auf und lehnte mich dann grade gegen das Kiſſen⸗ Ich konnte ihre Hand auf meinem Rücken fühlen; ſie krabbelte wie ein Eichhörnchen in ſeinem Neſt; dachte aber, jetzt biſt du gefangen und mußt ſchon ſtillhalten. Damit drehte ich mich, lächelte ein wenig, grade um die Spitzen meiner Zähne zu zeigen, und ſagte dann: „Wie geht's, Madam?“ Habt Ihr ſchon mal eine Quelle auf einmal im Sonnenſchein glänzen ſehen, nachdem ihr das Moos und Geſträuch, das ſie bedeckte, wegräumtet? Dann könnt Ihr Euch einen Begriff von dem Lächeln machen, das auf einmal über das Geſicht des ſchönen Mädchens, ſeine ro⸗ then Lippen und ſeine blauen Augen lief. Ich konnte ſehen, wie ſie ſich auf die Lippen beißen mußte, um mir nicht grade ins Geſicht zu lachen, und es dauerte eine Zeitlang, bis ſie ſprechen konnte. „Ich hoffe, Sie amüſiren ſich gut in der Stadt, Mr. Slick?“ ſagte ſie. „Grade jetzt wenigſtens ſehr,“ ſagte ich. Damit lächelte ſie wieder, und die andere kleine weiße Hand kroch aus dem Aermel hervor, als wenn ſie mit meiner Bekanntſchaft machen wollte, und meine Fauſt hatte Nichts dagegen einzuwenden. „s iſt heute ordentliches Wetter für die Jahreszeit,“ ſagte ich. „In der That,“ ſagte ſie, und ſah den langen Leuch⸗ ter ſo weich wie Sommerbutter an. „Es iſt jetzt angenehm, in den Wald zu gehen, und zu ſehn, wie die Bäume alle Farben, grün, gelb und roth annehmen; wie die Haſelnüſſe reifen und die Wallnüſſe 343 hie und da durch das dürre Laub rauſchen. Wenn Sie nur mal ſehen könnten, wie die Eichhörnchen jetzt ſo luſtig die Nüſſe in die Vorderfüße nehmen und die Kerne her⸗ ausſchälen. Haben Sie ſchon mal ein Eichhörnchen auf den Bäumen herumhüpfen ſehen, nachdem der Froſt ihnen alle die Blätter ausgezogen hat?“ Dabei fingen meine Finger auch an zu krabbeln und zu arbeiten. „O ich habe ein kleines Eichhörnchen ſehr gern,“ ſagte ſie. Jetzt war meine Hand an das Ende ihrer Reiſe ge⸗ langt und kehrte ein. „Schöne Geſchöͤpfe das,“ ſagte ich, und konnte Lor Beklemmung faſt keinen Athem holen. Captän Dovlittle hat ein ſchoͤnes an Bord, kohlſchwarz und ſeinen Schwanz hat es auf die Seite gekräuſelt, wie ein Mädchen ſeine Feder am Strohhut, und ſeine Augen ſind ſo hell und ſcharf, als wären ſie aus ihren herausgeſchnitten. Ich will es dem alten Kerl abſchwatzen und es Ihnen mit ſammt dem Käſig bringen, wenn Sie Freude daran haben.“ Inzwiſchen waren ihre Hand und meine ſo vertraut geworden wie zwei junge Rothkehlchen in einem Neſt, und es ſchien mir, als ſchlingen ſich ihre Finger immer enger um meine, während ich von dem Eichhörnchen erzählte, und als ich aufhörte, wandte ſich ihr Auge zärtlich zu mir, und gab mir einen Blick, daß mein Herz wie eine Ente in einem Miſtpfuhl flutterte. „Sie ſind ſehr freundlich,“ ſagte ſie. „O,“ ſagte ich,„das iſt noch nichts gegen das, was ich thun will; ich bin nicht ſo geizig, wie andere. Ich habe noch keinen eine Halbe zahlen laſſen, wenn er mit mir getrunken hat; fragen Sie nur Captän Doolittle, wenn Sie mir nicht glauben.“ Das Geſchöpf ſah mich wieder an, und lächelte ſo verführeriſch, daß ich ihre Hand ergriff und einen Kuß varauf drückte, ehe ich's wußte. Es ſchien, als wollte ſie 344 die Hand zurückziehen, und ſie wandte ihren Kopf weg, ſo daß ich ihr Geſicht nicht ſehen konnte. „Sie ſind doch nicht böſe?“ ſagte ich, und ließ ihre Hand los.„Sie fahen ſo ſüß aus, daß ich es, weiß Gott, nicht laſſen konnte.“ Sie ſtand auf, und ging an den Tiſch, roch an den Blumen und ſetzte ſich dann wieder ſo gutmüthig neben mir, wie eine Katze, die ſpinnt. Ich war aber in ſolcher Angſt, ſie böſe gemacht zu haben, daß ich immer verlegner wurde; endlich ſagte ich: „Da wir doch vom Walde geredet haben, ſind die Ahornbäume nicht hübſch? Haben Sie ſchon jemals die Blätter geſehn, wenn ſie grade roth werden wollen, und an den Zweigen zittern, als ob ſie ſich fürchteten, herunter zu fallen; ſo roth ſind ſie dabei, daß mir's oft vorge⸗ kommen iſt, als wollte der Zucker durch die Blätter hin⸗ aus und hätte ſie gefärbt. Apropos, da wir grade von Zucker reden— mögen Sie Ahornzucker?“ „Sehr gern,“ ſagte ſie. „Schön,“ ſagte ich,„wenn ich wieder komme, bringe ich Ihnen einen ganzen Klumpen mit, paſſen Sie mal auf, ob ich's nicht thue!“ In demſelben Augenblicke machte der Burſch, den ich am Abend vorher im Theater geſehn hatte, die Thür auf und trat grade herein. Ich ſprang in die Höhe, und ließ ihre Hand, die ich, weiß nicht wie, wieder in meine ge⸗ kommen war, fallen, als wäre es eine heiße Kaſtanie. Der Burſch ſah ſich aber nur um, machte eine kurze Verbeugung und ging wieder fort. „Ich meine, es iſt jetzt Zeit für mich, zu gehen,“ ſagte ich ganz außer Athem, denn das Herz war mir bis in den Hals geſtiegen. „So bald ſchon,“ ſagte ſie, und ſah mich melan⸗ choliſch an. Ich welkte grade zuſammen, wie ein friſchgepflanzter Kohlkopf in der Mittagsſonne, ———— 345 „Wer iſt denn der Herr?“ fragte ich, da es mir doch noch nicht wohl ums Herz war. „O es iſt nur mein Bruder,“ ſagte ſie;„geniren Sie ſich ſeinetwegen nicht. Sind Sie ein Liebhaber von Muſik, Mr. Slick?“ „Ei freilich,“ ſagte ich;„wenn der Organiſt fort iſt, leite ich immer den Geſang.“ „Haben Sie die Caſtellan ſchon gehört?“ ſagte ſie. „Nein,“ ſagte ich,„ſo viel ich weiß, kenne ich das Inſtrument nicht;„aber ich bin ſtark auf dem Contra⸗ baß, und konnte ſchon die Pauken ſchlagen, als ich erſt drei Käſe hoch war.“ Ich weiß nicht, was es iſt, aber ſie lächelt, ich mag ſagen, was ich will. „Wollen Sie heute Abend mit mir gehen, und ſie hoͤren?“ ſagte ſie.„Es wird ſehr ſchöne Muſik ſein.“ „Wenn Sie es ſagen, verſteht ſich das von ſelbſt,“ ſagte ich mit einem Bückling. „Sie wollen alſo gehen?“ ſagte ſie. „Freilich,“ ſagte ich,„lieber zwei⸗ als einmal,“ außer mir vor Freude. ſe„Gut,“ ſagte ſie,„ich will um halb acht fertig ein.“ „Werde nicht ermangeln,“ ſagte ich.„Jetzt muß ich aber gehen, ich bin noch nicht im Comptoir des Bruder Jonathan geweſen.“ Damit nahm ich meinen Hut, machte einen tiefen Bückling, und wollte fort; da fiel mir noch zu rechter Zeit ein, was ich für'n Eſel ſei, und kehrte mich wie⸗ der um. „Habe ich doch beinah vergeſſen,“ ſagte ich,„Sie zu fragen, warum Sie mich zu ſehen wünſchten.“ Bei Gott, es war mir, als hätte man eine ganze Handvoll von den Ahornblättern, von denen ich vorhin geſprochen, ihr in's Geſicht geworfen hätte, ſo roth wurde ſie; ehe ſie aber ſprechen konnte, hörte ich den Burſchen wieder kommen; darum machte ich ihr einen kurzen, ra⸗ ſchen Bückling, wie ein ſchnell auf⸗ und zugemachtes Ta⸗ ſchenmeſſer, und ſchob mich fort. Von Eurem zärtlichen Sohne Jonathan Slick. Einunddreißigſter Brief. Jonathan Slick in Mewyork. Jonathan verkauft die Ladung.— Beſucht Miß! Sneers. Findet ſie an ihrer Toilette.— Jagt ihr und ſich einen Todesſchreck ein.— Beſchreibung ihres Anzuges und wie ſie ſich anzieht. Spaziergang auf Broadway.— Beſchrei⸗ bung des Concertſaales, der Caſtellan und ihres Geſanges. An Mr. Zephanjah Slick, Friedensrichter und Kirchenälteſten in Weathersfield im Staate Connecticut. Gut, wie ich ſagte, Vater, kaum hatte ich den Fuß auf die Straße geſetzt, ſo fing ich an zu handeln. Cap⸗ tän Doolittle und ich liefen umher und verkauften einen Theil der Ladung aufs ſchnellſte. Das Gemüſe und die Zwiebeln gingen wie warme Semmeln für baar Geld ab. Auch mit dem Schweineſchmalz und den Aepfeln ging's ziemlich, und nach dem Buchweizenmehl war allgemeine Nachfrage. Die Leute haben jetzt ihre Oefen aufgeſetzt, und dann geht's überall an's Kuchenbacken. Apropos, da wir von Oefen ſprechen, ich habe den — 347 ſchönſten von der Welt gekriegt, wenn ich den Winter in York bleibe. Es iſt ein ſogenannter Windofen, ein win⸗ ziges, kleines Ding, und eine Handvoll Holz hält ihn einen ganzen Tag und eine Nacht warm; man braucht ſich nicht viel darum zu bekümmern, und ſie brennen faſt ihre eigne Aſche auf. Wenn Ihr das Geſchäft ächt haben wollt, ſo geht zu Mr. Thompſon in Laurentſtreet, der das Zeug zuerſt in York erfunden, und meinen auch gemacht hat. Ich ſag' Euch, er zieht wie ein Joch Ochſen, wenn Ihr wollt, und geht wieder wie ein Säugling, wenn Ihr ihn nicht ſo ſtreng haben wollt, und dabei ſind ſie noch ſpottwohlfeil. Hol' der Teufel aber die Windöfen! Was braucht man von denen zu ſchreiben, wenn man mit hübſchen Mädchen zu thun hat. Nachdem wir alles, bis auf die alte Mähre und das junge Pferd verkauft hatten, war es dunkel geworden; darum eilten wir, und nachdem ich un⸗ gefähr eine Stunde in der Kajüte zu meinem Anzug ge⸗ braucht hatte, ging ich fort, ſo ſauber wie eine neue Na⸗ vel, und ſo ſtark nach Pfeffermünz riechend, daß ich Cap⸗ tän Doolittle vom Magenweh curirte, nur dadurch, daß ich im Vorbeigehen das Taſchentuch herauszog. Ging alſo in aller Eile nach Miß Sneers Hauſe, und kam zu rechter Zeit an. Der Neger bückte ſich bis auf den Boden, als er mich ſah. 8 „Wollen Sie nicht gefälligſt die Treppe hinaufgehen,“ ſagte er mit der Hand winkend⸗ „Warum nicht,“ ſagte ich, und nahm immer zwei Stufen auf einmal, denn es war mir recht ſpringig zu Muthe. Die kleine ſchwarze Figur oben an der Treppe hatte eine Lampe in der Hand, und die andere weiße war halb in der Dunkelheit verſteckt, als ſchäme ſie ſich ihrer Nackt⸗ heit. Ich warf nur raſch einen Blick hin, als ich meinen Hut abnahm und mit der Hand durchs Haar fuhr, denn der Neger öffnete die Thür, und das hübſche Geſchoͤpf 348 ſtand in einem Staat da, daß einem die Augen übergin⸗ gen. Sie ſtand grade vor dem Spiegel, der, wie ich ſchon früher ſagte, auf dem weißen Tiſche war. Zwei große Lichter waren an jeder Seite des goldenen Rahmens, und ich konnte das ſchöne Geſchöpf in dem Glaſe ſehn, wie es beide Arme erhoben hatte, eine kleine goldene Kette durch ihr ſchwarzes Haar zu winden, und ſich ſelber zu⸗ lächelte. O das Haar war ſchön! Es war wie fünfhun⸗ dert Peitſchenleder zuſammen geflochten, und bildete hinten einen großen Knoten, den zwei große Nadeln von Gold zuſammenhielten, die an beiden Händen blaue Köpfe, ſo groß wie ein Rothkehlchenei hatten. Die goldene Kette, die durch die ſchwarzen Haare geflochten war, kam mir grade wie ein Blitz in einer dunkeln Wolke vor; und von da ging ſie grade um den Kopf herum bis an die Stirn, wo ſie von einem Schloß feſtgehalten wurde, das ausſah, als wäre es aus fünf oder ſechs zuſammengefrornen Waſſertropfen gemacht, in denen die Lichter viele Regen⸗ bogen abſpiegelten. Oh Gauly oppalus! Vater, hättet Ihr ſehen können, wie dieſe Haare faſt eben ſo ſehr glänzten, wie das Gold; es war, als wäre jedes Haar ein Feuerfunken, ſo oft ſie ſich bewegte. Ein Kleid hatte ſie an, das einem auch die Augen übergehen machen konnte; es war blau, und wenn das Licht von einer andern Seite darauf fiel, wieder gelb, wie eine Wolke vor Sonnenuntergang. Die glänzende Seide lag in Falten über ihrem Bußen, und ließ ihn viel weiter bloß, als es eigentlich nöthig war. Um den Hals hatte ſie ein ſchwarzes Sammetband mit kleinen Steinen beſetzt die wie Thautropfen auf einem Mohnkopf funkelten. Dies ſchwarze Band ließ ihren Nacken noch viel weißer erſchei⸗ nen wie ſonſt, und wenn ſie lächelte, konnte ich die Spitzen ihrer Zähne im Spiegel erblicken, und es ſah aus, als hätte ſie den ganzen Mund voll Kokosnuß, und äße ſie jetzt auf. Ich ſtand mauſeſtill, während ſie die ſtrammen ſei⸗ 349 denen Aermel den Arm herunterſtrich und ſie am Gelenk mit einer goldenen Spange befeſtigte. Dann nahm ſie einen kleinen Handſchuh, ſetzte ihn an die lächelnden Lippen und blies ihn auf wie einen Schneeball; ſteckte die eine Hand hinein und ſchlüpfte dann behaglich vorwärts, bis er wie angegoſſen ſaß. Als ſie es mit dem andern auch ſo machte, wurde es mir Angſt, ſie möchte mich ertappen, wie ich ſie heimlich beobachtete, und grade als ſie halb in den Handſchuh geſchlüpft war, ſchlich ich mich auf den Zehen heran, legte meinen Mund beinahe faſt gegen ihr Ohr und rief: Buh! Spinnräder und Käſepreſſen! fuhr ſie aber zuſammen; ich dachte wahrlich, ſie wollte in Ohnmacht fallen. Hätte ich ſie nicht rund um den Leib gefaßt, ſo wäre ſie weiß Gott! gefallen. Ihr Kopf ſank auf meine Schulter, und ihre vollen Lippen berührten meine Wangen feſt und ich durfte ſie nicht mehr berühren, als wenn es Schuhleder geweſen wäre. Das war zu viel! Ein kleiner Knabe, dem die Hände auf den Rücken gebunden ſind und der einen Korb Erdbeeren grade vor der Naſe hat, eine Katze, die durch's Fenſter auf einen Topf warme Milch ſchaut, können ungefähr meine Empfindungen be⸗ greifen. Weiß Gott, ich glaube, mein Mund wäre am Ende auf die ſchönen Lippen gefahren, wie eine Biene auf eine Zwiebelblüthe, wenn ſie den Kopf nicht auf die Seite gedreht und mich mit einem Lächeln weggeſtoßen hätte, das fagen wollte:„Huſch, huſch! wie Mutter der Katze zuruft, wenn ſie hinter ihren Rahm will. Ich ließ ſie los, und ſtand da und war ſo verlegen wie ein Tiger, der zur Schau ausgeſtellt wird, denn ich fürchtete, ich hätte ſie böſe gemacht. „Werden Sie nur nicht böſe,“ ſagte ich, drehte den Hut verlegen zwiſchen den Fingern herum;„ich dachte nicht, daß ich Sie ſo erſchreckte.“ Sie hatte ihren Handſchuh ausgezogen und ſtrich ihr Haar wieder glatt, denn ich hatte es einigermaßen in Unordnung gebracht, und dann drehte ſie ſich um und ſah mir auf einmal lächelnd in's Geſicht. „Es macht Nichts; Sie haben mich nur ein wenig erſchreckt.“ Damit hielt ſie mir ihre Hand her und ich ſchüttelte ſie, wie es unſre Katze mit einer Maus macht, mit der ſie ſpielen will, ehe ſie ſie verſchlingt. „Wollen Sie ihn nicht zuknöpfen?“ ſagte ſie mir, und drehte den weißen Arm ſo, daß er mir wie der Hals einer Gans vorkam. „Freilich will ich, freilich,“ ſagte ich und ſetzte den Hut auf den Boden. Darauf zog ich meine gelben Hand⸗ ſchuhe aus, legte ſie auf den Hut und ſchlug langſam meine Rockärmel zurück, denn ich wollte ihr meine Freude nicht zeigen. Dann nahm ich den Arm zwiſchen Daumen und Zeigefinger und ging ernſtlich an die Arbeit. Ihr wißt aber, einer der gekochte Zwiebeln gern hat, ißt ſie nicht auf einen Biſſen, und ſo iſt auch nicht zu erwarten, daß ich mit der Arbeit zu ſehr eilte, wäh⸗ rend ihre Hand ſo behaglich in meiner lag, wie eine Taube die auf den Eiern ſitzt. Aber leider Gottes haben die ſüßeſten Sachen ein Ende ſo gut wie die andern. Nach⸗ dem ich mich lange mit dem Knopf abgequält hatte— denn ich machte ein Geſicht ſo ernſt wie ein Pfarrer— fuhr er auf einmal in's Loch hinein und ich mußte los⸗ laſſen. Warum kann ſo etwas auch nicht immer dauern. Während ich meine Handſchuhe anzog und den Hut wieder aufnahm, ging ſie einen Augenblick hinaus und kam gleich darauf wieder zurück und hatte ein roth und ſchwarzes Art Tuch um den Kopf gebunden, deſſen Enden in Falten auf ihre Schultern fielen. Das Ding ſah ſo ſchlau äus, daß ich Mühe hatte, die Hände davon zu halten. Dann zog ſie über ihr Kleid einen Mantel von glänzendem Sammet mit Pelz verbrämt und das Ganze ſo ſo einladend aus, daß ich nicht umhin konnte, ihr zu agen: 351 „Sie ſind wahrlich zum Dreinbeißen ſchön, Miß Sneers!“ Sie lächelte mich wieder an und ſetzte ihren Hut ſo ſchelmiſch wie ein Eichhoͤrnchen auf eine Seite, während ſie an den Tiſch ging und einige Blumen mit einem Band zuſammenknüpfte. Dann nohm ſie aus einem der Käſt⸗ chen von Saffian ein Horn ganz aus Gold, ſteckte die Blumen hinein, hielt es in die Höhe und ſagte; „Iſt das nicht ſchön?“ „O gewiß,“ ſagte ich, beugte mich vorwärts und ſah ihr grade in's Geſicht,„hübſcher als alle Blumen auf der Welt.“ Sie nahm die kleine Uhr, legte ſie wieder hin, und hüllte ſich, ein ganzer Haufen Schönheit, in den ſammet⸗ nen Mantel. „Ich denke, es wird jetzt Zeit zum Gehn ſein,“ ſagte ich und ſetzte den Hut auf, war aber doch in Verlegen⸗ heit, denn ich wußte nicht, ob es hier Mode ſei, einem Mädchen im Hauſe den Arm zu geben, oder vor der Thür. Während ich aber ſo überlegte, ſchlüpfte ſie durch die Thür und die Treppe hinnnter und ich in aller Eile hinterher. Als wir auf dem Söller waren, machte ich meinen Arm krumm und ſagte, grade wie wir zu Haus zu thun pflegen; „Wollen Sie meinen Arm nehmen, Ma'am?“ Sie ſagte nicht:„Wenn's erlaubt iſt,“ und klinkte unter, wie unſre Mädchen es machen, ſondern legte gerade⸗ zu ihren Arm auf meinen Rockärmel, daß ihre Finger an der Ecke meines Handſchuhes lagen und der kleinſte gerade mein Handgelenk berührte, als wenn es ihr Eigenthum wäre,— der Rock, die Hoſen, der Hut und Alles. Wir gingen nach Broadway und kamen in einen ganzen Haufen Menſchenvolk, der die Straße hinaufzog und plauderten und lachten miteinander und ſahen uns ins Geſicht, wie zwei Vögel auf einem Apfelbaum, wenn's Frühling iſt. Ich ließ den Kopf leicht auf eine 35² Selte hängen, als wenn mir der Hut ein wenig zu ſchwer wäre, und das brachte mein Geſicht in eine vertrauliche Nähe zu ihrem. Sie hing an meinem Rockärmel ſo zärtlich wie eine Rebe um eine Ulme und hob hie und da ihre tiefen blauen Augen und ihren Mund zu mir empor, der ſo roth war wie eine Roſe, die grade auf⸗ brechen will. Dabei ſprach ſie ſo leiſe, daß ich mich ordentlich niederbeugen mußte, um nicht ein Paar von den ſüßen Worten zu verlieren. Gut, wir traten in ein großes, hübſches Haus und gingen durch einen langen, langen Gang, bis zu einem Mann, der neben einem ganzen Haufen kleiner viereckiger Papierſtücken an einem Tiſche ſaß. Er hielt mir zwei davon entgegen und ich nahm ſie eigentlich ihm bloß zu Gefallen, denn er ſah gar ſo ernſthaft aus, und wollte eben weiter gehen als der Burſch auf einmal ſagte: „Sie koſten zwei Dollars.“ „Was koſtet zwei Dollars?“ ſagte ich. .„Die Billete,“ ſagte er und zeigte auf die Papier⸗ ſtücke. „Was! die kleinen viereckigen Stücken Pappe?“ ſagte ich;„ſie ſind keine zwei Pfennige werth.“ „Ohne ſie können Sie nicht hineinkommen,“ ſagte er. „Sie machen Spaß,“ ſagte ich.„Drei und neun Pence, baar Geld, werden's auch thun— he?“ „Nicht weniger wie zwei Dollar,“ ſagte er ſo ſteif wie ein Stemmeiſen. „Nehmt's und geht zum Henker!“ ſagte ich und warf zwei Harte auf den Tiſch;„und hätte ich das hübſche Mädchen nicht am Arm, ich wollte Euch ſagen wie Ihr die Leute behandeln müßt.“ Damit warf ich den Kopf in den Nacken und ging mit ſteifer Oberlippe weiter, grade ſo ärgerlich, wie einer ſein kann, der zwei Harte für zwei Stück Papier gegeben hat. Ich konnte mich die ganze Treppe hinauf nicht recht 353 zufrieden geben, bis wir in ein großes, unermeßliches Zimmer kamen, wo die Wände mit feuerrothen Bäumen und Büſchen und Menſchen bemalt waren, zwiſchen denen durch eine ganze Reihe großmächtige Spiegel ſtanden. Dabei hingen in der Mitte und an den Wänden eine Anzahl goldene Lichter, unter denen die Bänke ganz voll von lauter hübſchen Frauenzimmern, faſt alle im bloßen Kopf ſaßen, und einige ſogar merkwürdig ſchön waren, ſich aber doch noch lange nicht mit meinem Mädchen ver⸗ gleichen konnten. Es war auch eine hübſche Menge Männer zwiſchen ihnen geſprenkelt; einige darunter hatten Schnurrbärte, wie eine ſchwarze Katze, andere ſahen wie häßliche Mädchen aus, nur daß ſie Hoſen anhatten, ſonſt war ihr Haar geradeſo gekräuſelt. Es war, weiß Gott, wie in einem Garten, Vater, wenn man durch all die hübſchen Geſichter ging; ich denke aber ein junger Menſch, von meiner Größe etwa, mit einem Haar in lauter zierlich gedrehten Locken, den Frack hinten queer abgeſchnitten, mit Pumphoſen und dem hübſcheſten Geſchöpf am Arm, die jemals in ihren Schuhen geſtanden, war gerade nicht zu verachten, wie er ſich, den Kopf zurückgeworfen, durch ſie alle drängte, bis er zu einem Sopha an der Wand kam; dort nahm er die äußerſten Fingerſpitzen der kleinen Hand zwiſchen ſeine gelben Handſchuhfinger, trat einen Schritt zurück, um Platz zu haben, ſtreckte den rechten Fuß aus, beſchrieb einen Kreis damit und beugte ſich auf einmal ſchnell nieder, daß ſein Hut faſt des Mädchens Geſicht berührte. Gauly oppalus! machten die Leute aber Augen! Ich wette, ſie ſahen nicht alle Abend ſo ein ſchönes Paar; erſt ſahen ſie mich und dann das ſchöne Mädchen an, die Weiber fingen an zu flüſtern und die Männer ſtarrten. Ich that, als bekümmerte ich mich nicht darum, ſaß ſo unabhängig wie ein Korkzieher da, hatte den Hut auf den Knien, die gelben Handſchuhe auf dem Schvoß und 23 Leben in Newyork. drehte die beiden Daumen behaglich umeinander, um ihnen zu zeigen, daß ich mich wenig um ihr Glotzen kümmerte. Allmälig füllte ſich das eine Ende des Zimmers mit Fiedlern und Horniſten; ſie ſetzten ſich auf ein Geſtell und dann kam ein Burſch und fing an mit beiden Hän⸗ den auf ein weißes Geſchäft in der Ecke zu ſchlagen, das wie eine Reihe neuer Pferdezähne ausſah, und ſo oft er ſie berührte, eine Maſſe der ſüßeſten Muſik herauslief; und dann ſtimmten die Fiedler und Horniſten mit ein⸗ Die Finger des Burſchen hüpften über die Reihe von Zäh⸗ nen und tanzten von einem zum andern wie heiße Kaſta⸗ nien im Feuer und die ſüßeſte Mufik kam ſinkend und ſchwellend daraus hervor. Am Ende hörte er auf und während die Lampen flackerten und die großen gläſernen Geſchäfte über uns zitterten, ſtand der Mann an der Kiſte auf, öoͤffnete eine Thür und kam dann wieder und führte ein hübſches Mäd⸗ chen herein, das ſo weichmäulig ausſah, als könnte ihr keine Butter zwiſchen den Lippen ſchmelzen, und ßiellte ſie mitten unter den ganzen Haufen Fiedler. Sie ſah grade wie eine Waſſerlilie am Morgen aus, ehe die Sonnenſtrahlen ſie verwelkt haben. Ihr Kleid hatte ungefähr die Farbe des Himmels, wenn weiße Wolken darüber laufen; ihr Haar war, wie bei meinem Mädchen, hinten im Nacken in einem dicken Knoten zu⸗ ſammengebunden, und wo es am dickſten war, blühten einige Roſen daraus hervor. Sie hatte eine breite goldne Spange um den Arm, aber der Arm ſtach das Gold bei weitem aus. Die Herren fingen alle an zu ſtampfen und zu klatſchen, als wollten ſie mit Gewalt ihre weißen Hand⸗ ſchuhe zerreißen, ehe ſie wieder hinaus waren. Ich habe Herren noch nie einen ſolchen Höllenlärm vollführen hören. Sie machte aber nur einen kleinen Knir und ſah mit ihren ſchwarzen Augen wie ein ver⸗ ſtörter Vogel um, dann nahm ſie ein Blatt Papier, der 355 Herr ſetzte ſich wieder an den Kaſten, und ſie öffnete ihren Mund, wie ein Spottvogel ſeinen Schnabel öffnet, wenn er ſeinen Geſang losläßt. Aber, o Gauly, ich ſprang faſt auf, als ich den erſien Ton hörte. Es war, als wenn tauſend Vögel in ihrer Kehle ſängen; ſie war ganz Muſik— Lippen, Augen, Wangen und jedes Glied. Die Tone ſprangen wie Blitze aus ihren Augen und fielen von ihren kleinen rothen Lippen wie Ahornſyrup aus dem Zuckerkeſſel. Mir fing das Blut an zu kochen, als ob mich Jemand in ein Faß Wein geſteckt hätte, um mich darin einweichen zu laſſen. Ich weiß auch gar nicht, wie ſie fertig wurde, denn die Muſik hatte mich unverſehens in die Mitte nächſter Woche hineingebracht und da ſaß ich, nachher fingen die Fiedler wieder an, und dann ſetzte ſich der Andre wieder an den Kaſten und ſo fort. Wenn das noch lange gedauert hätte, ſo müßte ich entweder Krämpfe bekommen oder grade vom Fleck weg losgetanzt haben, ſo ging mir die Muſik zum Herzen; es währte jedoch nicht lange, bis die ganze Geſchichte auf⸗ hörte und ich nahm mein Mädchen wieder unter den Arm und trollte mich Broadway hinunter; die Muſik arbeitete mir aber noch im Kopf herum, wie Hefen im Brodtaig. Miß Sneers war ſo ſanft und lieb wie nur möglich und ſchien über Alles, wie ich zu denken, und ſchien ſich für Alles, was ich ihr über die Ladung und die Pferde und andere Dinge erzählte, zu intereſſiren, als wenn ſie meine Schweſter wäre. Iſt das nicht ein gutes Zeichen, Vater, wenn ein Mädchen anfängt, im Ernſt von Handel und Wandel zu ſprechen* Ich ging die Treppe hinauf und blieb eine Weile bei Miß Sneers. Der lange Leuchter ſtrömte eine Wolke Wohlgeruch aus, der mich ſchier ſchläfrig machte, daß ich wie eine Blume in der Sonne hinwelkte. Miß Sneers nahm Hut und Mantel ab und ſetzte ſich freundlich zu mir und ſchwatzte von dem Schiff und der Ladung und Eurem Hof, daß ich ſie hätte küſſen mögen und für ein Mädchen hat ſie einen ordentlichen Schick zur rbeit. Es war ziemlich ſpät, als ich aufſtand, ſie drang aber doch noch in mich und wollte mich nicht eher los⸗ laſſen, als bis ich ihr verſprach, ich wollte am folgenden Abend wiederkommen, und mit ihrem Bruder und einigen Herrn, die meine Bekanntſchaft machen möchten, zu Nacht eſſen. Sie reichte mir die Hand beim Fortgehn und ich drückte einen herzhaften Kuß darauf. Sie wurde nicht böſe, ſondern küßte dieſelbe Hand nach mir, und winkte mir die Treppe hinunter, bis ich ſie nicht mehr ſehen konnte. Es ſchienen viele Lichter und wimmelte von Leuten in den untern Zimmern, aber das ging mich Nichts an, und ſo ging ich nach der Sloop. Ich hoffe nicht, daß Judy White dieſe Briefe zu ſehen kriegt, ſie würde ſonſt ſchier außer ſich kommen. Seitdem ich dies verführeriſche Geſchopf geſehen habe, muß ich immer an Judy denken. Sie iſt ein gutes Mädchen, und wenn ich etwas mit dem Yorker Mädchen anfinge, ſo würde ſie ſich, glaube ich, zu Tode grämen. Ich bitt' Euch, daß ſie ja nicht dieſe Briefe ſieht! Der bloße Gedanke macht mich melancholiſch. Das arme Kind! ich habe die ganze Nacht an ſie gedacht. Von dem Nachteſſen ſchreibe ich Euch vielleicht die nächſte Woche. Euer gehorſamer Sohn Jonathan Slick. Zweiunddreißigſter Brief. Jonathan Slick in Mewyork. An Mr. Zephanjah Slick, Friedensrichter und Kirchenälteſten in Weathersfield im Staate Connectieut. Lieber Vater! Seit meinem letzten Brief habe ich mehrmals ver⸗ ſucht, Euch zu ſchreiben, aber es war mir immer ſo ſchlecht, daß es mir trotz aller Anſtrengung unmöglich war. Ich bin ernſtlich krank geweſen und das ärmſte Geſchöpf unter Gottes Sonne. Der Anfang will mich ſchier tödten, aber die Wahr⸗ heit muß doch einmal heraus, und ein Burſch, der ſich nicht ſchämt, unrecht zu handeln, muß ein feiger Kerl ſein, wenn er nicht auch den Muth hat, die Wahrheit wie ein Mann zu ſagen. Es iſt aber doch ein hartes Stück Arbeit, zu geſtehen, daß Ihr ein rechter Eſel und noch ein wenig mehr wie das geweſen ſeid. Doch heraus damit! — Ich ſagte Euch alſo, daß Miß Sneers mich zum Nachteſſen eingeladen habe. Ich zog mich an und ging hin, war aber doch nicht recht aufgelegt, und mußte den ganzen Weg an Judy White denken. Das ſchöne kleine Geſchöpf hatte eine ſolche Revolution in meinem Gehirn hervorgebracht, daß ich nicht mehr wußte, wo meine Ge⸗ danken ſtanden; es war mir aber immer ſo, als ginge Judy hinter mir und legte ihre Hand auf meinen Arm und zoͤge mich zurück, und einmal war ich beinahe dran, umzukehren und nie wieder an dies Yorker Mädchen zu denken. Ich glaube, die Thränen ſtanden mir in den Augen, als ich die Treppe hinaufging, ich mußte immer an zu Hauſe venken, und es war mir, als hieltet Ihr und Mutter meinetwegen Familiengebete. Ich glaube, daß die Geiſter derer, die wir lieben, uns eben ſo gut umſchwe⸗ ben, wenn ſie lebendig ſind, als wenn ſie todt ſind. Ich zog alſo die Glocke, ziemlich leiſe, denn die Gedanken an zu Hauſe und das Andere hatten mich den ganzen Tag über verſtimmt. Der Neger war im Augenblick da. Er öffnete die Thür, machte Bucklinge und ſchüttelte den Wollkopf, bis ich in der Flur war. Ich wollte die Treppe hinauf, aber der Neger öffnete eine Seitenthür und ſagte: Treten Sie herein.“ Ich ging durch die Thür in ein Zimmer, das auf vas vornehmſte herausgeputzt war. An den Fenſtern hin⸗ gen ſchwere rothe Gardinen, die bis an die Erde reichten, und die Bänke und Stühle glänzten und glitzerten im Widerſcheine einer der hängenden Glasleuchter, der flam⸗ mend und Licht ausgießend mitten im Zimmer angebracht war, wie lauter Gold. Grade darunter, wo das Licht am hellſten hinfiel, war ein runder Tiſch, ungefähr ſo groß wie Mutter ihre Käſeſtande, und mit einer rothen Decke voll Figuren überhangen, die bis auf den Bo⸗ den ſiel. um den Tiſch ſaßen zwei oder drei Herren, plauder⸗ ten und lachten mit einander, hatten die Stühle zurück⸗ gelehnt und ſchienen ganz zu Hauſe zu ſein. Ich ſeh mich nach Miß Sneers um, aber ſie war noch nicht da, und die Herren am Tiſch ſchienen nicht zu merken, daß ich daſtand und die beſten Bücklinge umſonſt machte. Grade als ich wieder fortgehen wollte, ſtand ein Herr, der in einem dieſer neumodigen Stühle mit zwei Armlehnen lag, auf, und ich ſah, daß es der Herr war⸗ mit dem ich Miß Sneers zum erſten Mal im Theater geſehen hatte. Er kam auf mich zu, und ſchien ganz außer ſich zu ſein vor Freude, mich zu ſehen. Er ſagte 359 den Herren am Tiſch, wer ich ſei, und ſie ſtanden auf und freuten ſich ebenfalls, mich zu ſehen. Ich ſetzte mich auf einen Stuhl, ſchlug ein Bein über das andere, wiegte mich ungenirt, und ſchaute nach Miß Sneers aus. Sie war noch nicht da und das ver⸗ ſtimmte mich. Der Mann, den ich im Theater bei ihr geſehen hatte, ſetzte ſich aber dicht zu mir und fing ſo vertraulich mit mir an zu ſprechen, als hätten wir uns hundert Jahre gekannt. Ich hatte noch keine rechte Ge⸗ legenheit gehabt, ihn zu betrachten, aber jetzt, da er bei mir ſaß, nahm ich ihn ſcharf in's Auge. Er war ein ſchlanker großer Mann und ſein Haar ſo dick und ſchwarz wie Mitternacht. Seine Augen waren ſchwarz und ſo ſcharf wie Nähnadeln, aber ſie ſahen mich nie länger wie eine Minute an, denn der Burſch ſcheute, wenn man ihm gerade ins Geſicht ſah. Seine Stimme war ſo ſanft wie eine mehlige Kartoffel, und er ſchlich ſo un⸗ ſchuldig durch's Zimmer wie eine graue Katze. Er ſprach vom Landbau, vom Bruder Jonathan, und dem Preis der Produkte in York, und ſchien in allen Dingen, auf die vas Geſpräch kam, zu Hauſe zu ſein. Die Andern ſtimmten auch mit ein und wußten meine Briefe im Jo⸗ nathan nicht genug zu rühmen, und ſchwatzten ſo, daß man am Ende nicht mehr wußte, ob es Schmeichelei oder Ernſt war. Nach wenigen Minuten trat Miß Sneers herein: das Herz ſprang mir in die Kehle und das Blut in's Geſicht. In meinem Leben war ſie mir noch nicht ſo ſchön vorgekommen, wie in dieſem glänzenden blauen Sammetkleide, aus dem der runde ſchneeige Nacken ohne weitere Decke, als eine feine goldene Kette, wie ſie auch eine durch die ganze Maſſe ſchwarzen Haares hindurch gewunden trug, hervorſchaute. Sie glitt ganz leiſe wie eine Forelle unten im Bach in's Zimmer; ihre Wangen ſahen dabei ſo voll und friſch aus wie ein Paar eben aufgegangene Roſen, und die kleinen Lippen kamen mir 360 gerade wie ein Paar Erdbeeren vor, die ſo reif ſind, daß ſie eben abfallen möchten. Sie machte den Herren, die am Tiſch ſaßen, eine leichte Verbeugung, und kam dann gerade auf mich zu und ſtreckte mir beide Hände entgegen, als wäre ſie außer ſich vor Freude, mich zu ſehen. Die beiden kleinen Hände waren nur eine Hand voll für mich, und ich eilte gerade nicht ſo ſehr, ſie loszu⸗ laſſen, nachdem ich fie mal gefaßt hatte. Auch ſie ſchien ſie nicht wieder haben zu wollen, ſondern ſetzte ſich grade zwiſchen mir und ihren Bruder, und lächelte mir in's Geſicht und fragte mich ſo eifrig nach meinem Befinden, daß ich ihr vor Wolluſt kaum antworten konnte. Sie ſchien in der That Euch und Mutter lieb gewonnen zu haben. Sie erkundigte ſich, ob ich keine Nachricht von Euch hatte und fragte, weiß Gott! ſogar nach Captän Dovlittle, als ob er ihr eigner Vater wäre. Dann neigte ſie ſich etwas und flüſterte mir zu: „Jetzt muß ich auch mit den andern Herren ſprechen; Sie machen mich Alles außer ſich vergeſſen.“ Damit gab ſie mir einen leiſen Druck und ging an den Tiſch. „Es ſcheint, Sie haben Langeweile; wollen Sie nicht ein Spiel machen, bis das Nachteſſen fertig iſt?“ „Wenn Mr. Slick nichts dagegen hat,“ ſagte er und ſah mich fragend anz„ſein Vater iſt Kirchen⸗ älteſter.“ Sie drehten ſich alle um, und ſahen mich an, als wenn ein Mann, der nicht Karten ſpielen möchte, in den Wäldern erzogen wäre. Es machte mich verlegen und ich ſagte:„O, geniren Sie ſich nicht, ich fürchte mich nicht vor einem Kartenſpiel, und wenn mein Vater auch ſchon Kirchenälteſter iſt.“ „Spielen Sie bisweilen Karten?“ ſagte Miß Sneers und lächelte wie eine Juniſonne. „Nicht piel mehr ſeit meinen Kinderjahren,“ ſagte 361 ich,„wo ich high low jack*) mit einem Arbeiter in Vaters Scheuer ſpielte, und ich war damals ein Haupthahn.“ „Wie wär's denn, wenn Sie's mal wieder verſuch⸗ ten?“ ſagte Miß Sneers Bruder. Es war mir gerade nicht recht ums Herz bei dem Gedanken, Karten zu berühren, nachdem ich Euch Vater, wie Ihr mich in der Scheuer erwiſchtet und durchprügel⸗ tet, in die Hand verſprochen hatte, keine mehr zu berüh⸗ ren. Miß Sneers ſtand aber gerade vor mir, miſchte mit den kleinen weißen Händen, ein ganz neues Spiel, und ſah mich dabei ſo verſchmitzt freundlich an, daß ich mich kaum halten konnte, aber mich immer noch nicht entſchließen mochte. „Ich fürchte nur, ich habe Alles vergeſſen,“ ſagte ich. „Das macht NRichts,“ ſagte einer der Herren in einer roth und grünen Weſte und cartirten Hoſen;„Mrs. Sneers wird es Ihnen zeigen.“ „Gewiß,“ ſagte das hübſche Mädchen und lächelte mich an,„ſoll ich Ihr Lehrer ſein, Mr. Slick.“ „Top,“ ſagte ich,„ich ſpränge meine eigne Kehle hinunter, wenn Sie es wollten.“ Damit ſetzte ich mich an den Tiſch, legte ein Bein über das andere und putzte meine Naſe. „Was wollen wir ſpielen?“ ſagte der Mann in den carrirten Hoſen. „O high low jack, Mr. Slick kennt kein ande⸗ res,“ ſagten die Andern lachend. Ich wurde ärgerlich. „Ich glaube, Mr. Slick kennt noch ein oder zwei außer⸗ dem,“ ſagte ich;„er iſt nicht in den Wäldern erzogen.“ Das ſteckten ſie ein. Einer miſchte die Karten, ich hob an und der mit den carrirten Hoſen gab. Ich hatte das erſte Mal ein gutes Spiel— Aß, Bube, Zwei und Zehn in Trumpf. Miß Sneers beugte ſich über mich, *) Ein beliebtes amerikaniſches Spiel. daß ich ihren warmen Athem an meiner Backe fühlen konnte, und das regte mich ſo auf, daß mir die Karten vor den Augen tanzten. Wir fingen an zu ſpielen, Miß Sneers fuhr immer mit ihren kleinen Fingern in meinen Karten herum, zog die Karten, die ich ausſpielen mußte, ein bei ein hervor, und ehe ich's ſelber wußte, hatte ich drei Spiele hinter einander gewonnen. Miß Sneers freute ſich faſt zu Tode, daß ich ſo geſchlagen hatte, und die Herren, beſonders der in den carrirten Hoſen, ſahen ziemlich verdrießlich aus. Wir wollten gerade ein neues Spiel geben, als die Thüren vor mir in der Mauer zurück⸗ fuhren, und ich ſah ein anderes prächtiges Zimmer. Es war von einem Ende bis zum andern ſo hell wie der Tag, und in der Mitte ſtand eine prächtig gedeckte Tafel, die über und über glänzte. Teller, Meſſer und Gabeln, Löffel— Alles war von ſolidem Silber; ja Alles mit einander, außer den geſchliffenen Gläſern, in denen ſich das Licht in tauſend Farben brach, war Silber. Miß Sneers legte ihre Hand auf meinen Arm, daß ihr kleiner Finger gerade mein Gelenk berührte, und mir alles Blut in die Adern ſchoß. Wir gingen einer hinter dem andern. An jeder Seite der Thür ſtand ein großer Neger mit weißen Handſchuhen und einer Serviette unter dem Arm; ſie beugten ſich bis auf die Erde, als wir vorübergingen, und traten hinter unſere Stühle, ker⸗ zengerade wie Rekruten auf dem Exercierblatz. Sie ho⸗ ben die Deckel von einer Menge Schüſſeln ab und der Dampf ſtieg zwiſchen dem Silbergeſchirr und Gläſern empor, als wollte er ſie in eine Wolke einhüllen. Ich könnte gar nicht anfangen zu beſchreiben, was Alles in den Schüſſeln war: kleine nievliche Vogel, die mit Kopf und Kragen gebraten waren, gefüllte Rebhühner, ſo dick wie Vetter John, Eichhörnchen, die in den Schüſſeln lagen wie kleine Kinderchen, und allerlei wildes Geflügel, wor⸗ nach ein Menſch ſich nur ſehnen kann. Die NReger fuhren jetzt umher, füllten die Teller und 363 reichten ſie wie der Blitz herum. Miß Sneers und ich wir bekamen jeder einen kleinen Vogel, weiß aber nicht, was es war, wenn nicht etwa ein gebratner Specht. Ich ſchämte mich ordentlich, mit der Gabel hineinzuſtechen und ſpielte erſt auf dem Teller herum, bis Miß Sneers mit ihrem Vogel gänzlich vertraut geworden warz denn ich wollte erſt ſehen, ob es hier Sitte ſei, die Dinger ganz hinunterzuſchlucken oder ſie erſt klein zu ſchneiden. Sie hatte ihren ſchon ziemlich fertig als ich meine Kinnlade auch in Bewegung ſetzte. Der Vogel glitt paſſabel ſchnell die Kehle hinunter und ſchmeckte delicat, wenn mich die Knochen auch ein wenig im Halſe kratzten. Dann ging's hart an die Eichhörnchen und anderer wilde Thiere her, bis ich Durſt fühlte; bei jedem Teller ſtand eine kleine Flaſche Waſſer und ich wollte eben etwas herausſchütten, um zu trinken, als Miß Sneers ihre Hand auf mein Glas legte und ſagte: „Ich will Ihnen ein Glas Wein einſchenken, Mr. Slick.“ „Nein,“ ſagte ich, mit einer Verbeugung,„ich bin ein realer Teetotaller.“ „Ach, ich vergaß das,“ ſagte ſie und ſah ihren Bru⸗ der an. Der nahm den Kork von einer Flaſche mit lan⸗ gem Halſe und ſagte: „Dann nehmen Sie etwas von dieſem Ciderz ich verſichere Sie, es iſt kein Alkohol darin.“ Ich wollte eben nein ſagen, aber Miß Sneers hielt ihr Glas hin und während er ſchäumend und ſprudelnd hineinziſchte, ſchaute ſie mich mit den lächelnden, freund⸗ lichen Augen hell an, berührte dann das Glas, als dieſes voll war mit dem Munde, und nahm einen ganz, ganz kleinen Schluck, daß ihr eben die niedlichen Lippen feucht röther als je wurden und ſagte, mir das Glas rei⸗ end: „Sie müſſen das trinken, Mr. Slick.“ Ich fühlte das Blut mir in's Geſicht ſteigen, halb ſtreckte ich die Hand aus, dann zog ich ſie wieder zurück und ſagte: „Ich habe die pledge genommen.“ „Nicht gegen dieſen harmloſen Cider!“ ſagten alle zuſammen. „Nicht, wenn eine Dame das Glas küßt,“ ſagte Miß Sneers, hielt mir das Glas hin und ſah ſo ängſtlich aus, als wenn ſie weinen würde, thäte ich es nicht. „Nehmen Sie es mir zu Liebe,“ ſagte ſie, ſich zu mir neigend und hielt mir das Glas gerade vor die Lip⸗ pen. Alle ſahen mich an und lächelten, als wenn ich es nicht nehmen dürfte. „Sie ſehen, Mr. Slick thut es nicht mal Ihnen zu Liebe, Miß Sneers,“ ſagte der Mann mit den carrirten Hoſen.„Erlauben Sie mir, das Glas auszutrinken, das ihre ſüßen Lippen geküßt haben.“ „V— t ſeid Ihr!“ rief ich, nahm den Cider und trank ihn in drei Zügen aus. „Bravo!“ riefen Alle.„Auf die Geſundheit der Da⸗ men!“ Miß Sneers hielt mein Glas wieder hin, ihr Bruder hob die Flaſche und diesmal ſpritzte der Cider über ihre kleine weiße Hand, als wollte er mir gerade in den Mund hineinſpringen. Ich ärgerte mich, daß ich ſo viel Umſtände um ſo n wenig Cider gemacht hatte und trank das Glas ſchnell aus. Als ich mal den Boden ge⸗ ſehn hatte, kümmerte ich mich nicht viel mehr um die fol⸗ genden. Jemehr ich aber trank, deſto heller und unruhi⸗ ger ſchienen die Schüſſeln zu werden. Die Vögel, die auf den ſilbernen Tellern lagen, wurden immer kleiner, bis ſie am Ende, wie junge Rothkehlchen in einem Neſt aus⸗ ſahen. Die Weinkaraffen wurden röther und röther, und die Ciderflaſchen pufften wie Ingwerbier im Sommer. Auch die Leute wurden immer unruhiger und es war mir, als hätte der Herr mit den carrirten Hoſen mir gegenüber einen Zwilling gefunden, der eben ſo eine roth und grüne Weſte anhatte. —,— 365 Das kann ich mich noch erinnern, daß Miß Sneers fortwährend mein Glas küßte, bis ich das Ding endlich umdrehte und ſie ſtatt deſſen küßte. Dann ging ſie in ein anderes Zimmer, wir hinterher und hinter uns die Neger mit den Karaffen und Flaſchen. „Nun,“ ſagte Miß Sneers,„jetzt wollen wir wieder ein Spiel machen und ich wette, Mr. Slick.“ „Und ich wette, er thut's!“ ſagte Miß Sneers und zeigte mir einen Platz am Tiſch und ſah zum Dreinbeißen aus. Ich ſetzte mich nieder und der Burſch mit der grü⸗ nen Weſte fing aus Leibeskräften an zu miſchen, Miß Sneers bog ſich aber zu mir hin und ihr Bruder ſetzte ſich und nahm ab. Ich gewann wieder und jemehr ſich die Andern darüber zu ärgern ſchienen, deſto gutmüthiger und freundlicher wurde Miß Sneers und lehnte ſich ſo weit zu mir hinüber, daß im nächſten Spiel ihre Wange faſt die meine berührte; ich gewann weiß Gott, noch ein⸗ mal, und die grüne Weſte wurde ſo ärgerlich, daß ſie die Karte auf den Tiſch ſchlug, daß man es auf der Straße hören konnte, warf ſie auf den Tiſch und ſagte:„Ich wette fünfzig Dollars, diesmal gewinnen Sie nicht und da⸗ mit lachte er, und zog den Schnurrbart in die Hohe, daß ſeine Zähne wie bei einem knurrenden Hunde ſehen onnte. „Unſinn—“ ſagte Miß Sneers,„wir konnen zwan⸗ zig ſolche Burſchen ſchlagen; Sie und ich, Mr. Slick, nicht wahr?“ „Das meine ich,“ ſagte ich. „Ich wette fünfzig Dollars, daß wir ſie alle beide caput machen,“ ſagte die carrirte Hoſe.“ „Ich wette nein,“ ſagte ich, ärgerlich werdend. „Heraus mit dem Geld denn!“ ſagte er, mit den Karten ſchlagend,„die Harten auf den Tiſch.“ „Ich holte die alte Brieftaſche hervor, und rollte die Banknoten auf, die ich vom Verkauf der Ladung drin 366 hatte und ſagte:„Meinen Sie, ich hab's nicht! Hurrah für alt Connecticut“ Die Andern rückten auch heraus und ein ganzer Haufen Banknoten lag auf dem Tiſch. Miß Sneers ging einen Augenblick fort und beugte ſich dann mit einem friſchen Glas weißen Cider über mich; ſie hielt mir das Glas an die Lippen und wollte es nicht wegneh⸗ men bis ich es ganz ausgetrunken hatte. Das war capitaler Cider und ich war bald wieder durſtig, ſo daß ich bald ein anderes Glas nahm, und dann ging's drauf und dran. Sie gewannen in der That das Spiel und als ſie ſahen, wie ärgerlich ich wurde, ſetzten ſie mir hundert Dollars für das nächſte Mal. Ich weiß nicht, wer das Mal gewann, denn alles war mir wie ein Traum und die Karten tanzten mir wie lebendig vor den Augen herum. Nur das weiß ich, daß ich die alte Brief⸗ taſche manches Mal hervor nahm und daß Miß Sneers Bruder ſagte:„Thut nichts, mein Freund, wir nehmen Ihr Autograph.“ „Ich halte ſo neumodiſche Thiere nicht.“ „Schreiben Sie nur Ihren Namen dahin,“ ſagte er, mir ein Stück Papier herreichend. „Recht ſo,“ ſagte ich, die Feder nehmend, die er mir hinhielt;„aber halten Sie doch das Papier ſtill, ich kann nicht ſchreiben, wenn es ſo auf dem Tiſch hin⸗ und her⸗ rutſcht.“ „Ihre Hand rutſcht ſo.“ „Was— meine Hand.“ Endlich brachte ich ein langgeſchweiftes J. heraus, bei dem S nahm ich einen friſchen Anſatz und brachte es ſo zu Stande. Dann ſpielten wir wieder und ſie ſchienen an meinem Namen großen Gefallen zu finden, denn ich mußte ihn alle Augenblicke ſchreiben, bis ich fortging. Ob Miß Sneers dabei war, oder nicht, weiß ich nicht mehr recht, und eben ſo wenig wie ich fortkam; aber am näch⸗ ſten Morgen erwachte ich in meiner Koje mit dem gräß⸗ 367 lichſten Kopfweh. Captän Doolittle ſaß in der Kajüte, ſah mich an und weinte wie ein Kind. „Was iſt, Captän?“ ſagte ich mich umkehrend. „Jonathan,“ ſagte er aufſtehend und beide Hände in die Taſche ſteckend;„Jonathan, es iſt Zeit für uns, nach Haus zu machen.“ Die Thränen rannen ihm über das alte Geſicht, als das ſagte, und er wandte es ab, damit ich ſie nicht ſehen ollte. Ich dachte nach, was die Schuld ſein möchte. Mein Kopf klopfte wie eine Trommel; ich dachte an Miß Sneers und den Cider. Ich ſah Captän Doolittle an, er hatte die leere Brieftaſche in der Hand, und ſeine Thränen fie⸗ len darauf herunter. Ich legte mich wieder, verbarg mein Haupt in den Kiſſen und weinte grade heraus. So lag ich gewiß zehn Minuten und weinte wie ein Kind und der Captän ſaß da und hatte die leere Brief⸗ taſche in der Hand. Endlich ſtand ich auf, ſah dem Cap⸗ tän ſo gut ich konnte in's Geſicht und ſagte: „Captän, was ſoll ich thun?“ Der Captän ſah auf und ſagte: „Jonathan, es wäre beſſer, Ihr ſagtet mir, was Ihr ſchon gethan habt.“ So erzählte ich ihm denn die ganze Geſchichte von Miß Sneers, dem Theater, dem Cider und dem Kartenſpielen. Als ich fertig war, ſchüttelte er trau⸗ rig den Kopf und ſagte: „Das iſt'ne boſe Geſchichte, Jonathan; Ihr ſeid ein ſ geweſen und habt all Eures Vaters Geld ver⸗ pielt.“ „O ſagt das nicht,“ ſagte ich und bedeckte mein Ge⸗ ſicht mit beiden Händen;„ich bin elend genug, ohne daß man mir Vorwürfe macht.“ „Ich weiß wohl, es iſt nicht nobel, einen Burſchen zu ſchlagen, der am Boden iſt,“ ſagte der Captän. „Aber was ſoll ich thun? das iſt die Frage.“ „Steht auf,“ ſagte der Captän, und zieht Euch an, wir wollen in das v— te Spielhaus gehen und ſehen, ob wir das Geld wieder kriegen können. Miß Sneers wird ſich ohne Zweifel zu Tode freun, Euch wieder zu ſehn.“ Ich ſtand auf und zog mich ſo gut ich konnte an, denn der Kopf wollte mir vor Schmerz auseinanderſprin⸗ gen. Der Captän ſchüttete mir einen ganzen Eimer Waſſer über den Kopf, machte mir eine Taſſe ſtarken Thee, und das Kopfweh beſſerte ſich, aber v weh! wie war mir's um's Herz! Ich konnte kein Wort ſprechen und ſo ſteuerten wir auf das v— te Haus zu. „So, Jonathan,“ ſagte Captän Doolittle, als er den erſten Schritt auf die Stufen ſetzte,„thut, als ſei ich ein Polizeidiener, haltet die Oberlippe tief und ſchellet. Ich komme denn hinterher und will das Ding im Augenblick abgemacht haben.“ Ich läutete. „Iſt Miß Sneers zu Hauſe.“ „Nein,“ ſagte der Neger, ſo ſchnell wie der Blitz; „ſie iſt heute Morgen auf's Land gegangen.“ Ich wollte ſagen, ich hätte ſie geſehn, als der Cap⸗ tän hereintrat, den Neger auf die Seite ſtieß und ſagte: „Nur vorwärts, Jonathan, thut, als wäret Ihr zu Hauſe.“ Damit trat er in die Flur und ich hinterher; ich öffnete die Seitenthür und ſah in das Zimmer, aber es war Niemand darin. „Niemand da?“ ſagte er;„geht die Treppe hinaufz ich will den Neger kuranzen, wenn er Umſtände macht, und dann nachkommen.“ Ich ging die Treppe hinauf und klopfte grade an Miß Sneers Thür, als ich ſah, daß ſie ein wenig offen war. Ich blickte hindurch und ſah, daß der lange Herr, den ſie ihren Bruder nannte, zur andern Thür hinaus⸗ ———— 369 ſchlüpfte; klopfte noch einmal an und ſtieß die Thür offen. Miß Sneers ſaß in einem weißen Kleide auf einem Sopha und ihr Haar war noch grade ſo geflochten, als hätte ſie es ſeit geſtern Abend nicht angerührt. Sie ſprang auf, als ſie mich ſah, ſetzte ſich aber wieder und ſah mich mit großen Augen an, als wiſſe ſie nicht recht, wer ich ſei. Ich ging grade auf ſie zu und hielt ihr meine Hand hin:„Wie geht's Miß Sneers, heute Morgen,“ ſagte ich. Sie lehnte ſich zurück, ſah mir grade in's Geſicht und ſagte mir: „Sie müſſen ſich im Zimmer geirrt haben. Ich em⸗ pfange hier gewöhnlich nicht.“ Sie ſprach, bei Gott! ſo ſteif und kalt, als ob ſie ein Stück Eis verſchlungen hätte. Ich ſah mich einen Augenblick um und ſagte dann wieder: „Sie ſcheinen heute Morgen grade nicht ſehr erfreut zu ſein, mich zu ſehn; drum will ich mich im Augenblick fort machen, ſobald Sie mir Ihren Bruder gezeigt haben.“ „Sie ſind im Irrthum,“ ſagte ſie froſtig,„mein Bru⸗ der iſt nicht im Hauſe.“ „Dann ſoll ich meinen eignen Augen wohl nicht glauben; vor drei Minuten habe ich ihn geſehn.“ Sie wurde bei den Worten etwas roth und dann ſagte ſie ſo kalt wie eine Gurke; „Sie ſahen nicht meinen Bruder, es war mein Mann.“. Das Blut ſtieg mir zu Kopf und das Geſicht glühte mir.„Ihr Mann?“ Dann lachte ich wild und ſagte: „und Sie ſind—“ „Seine Frau, Sir“— ſagte ſie mit höhniſchem Lä⸗ cheln;„und da ich jetzt gerade beſchäftigt bin, ſo verlaſſen Sie vielleicht das Haus.“ „Noch nicht,“ ſagte Captän Doolittle, der iws Zimmer getreten war,„wir haben noch ein Geſchäft mit Ihrem Mann, Maam.“ Lehen in Newyork. „Und wer ſind Sie,“ ſagte die Frau Naſeweis. „Das geht Sie nichts an,“ ſagte er, ein viereckiges Papier aus der Taſche ziehend.„Ich will den Burſchen, den Sie ihren Mann nennen, und ich wette, wir werden genauer miteinander bekannt, ehe ich dies Haus verlaſſe.“ Sie knickte auf einmal zuſammen, ihr Geſicht und. ihre Lippen wurden ſchneeweiß und ſie zitterte trotz aller Anſtrengung. „Sie haben doch die Polizei nicht mitgebracht?“ ſagte ſie mich anſehend und ihre ſchönen Augen ſchwammen in Thränen. Mir wurde weich um's Herz. „Seid kein Eſel, Jonathan,“ ſagte Captän Doo⸗ little und gab mir einen Rippenſtoß. Dann ging er grade auf ſie zu und ſagte: „Wundert mich nicht, daß Sie überraſcht ſind, Maam? Kriegen nicht oft einen ehrlichen Burſchen wie 3 mich in das Neſt; kommt aber mal einer, ſo kehren wir„ in der Regel rein aus. Vielleicht iſt Ihr Mann nicht der einzige, der gefaßt wird; ich habe ſchon hübſchere Frauen wie Sie, vor Gericht geſehn.“ Sie zitterte und ſah mich ſo flehend an, wie ein 3 Haſe in der Schlinge. „Hilft Nichts;“ ſagte Captän Doolittle;„Nichts kann Sie retten, wenn Sie nicht blechen. Mr. Slick at mit der Sache Nichts mehr zu thun, da er es dem Gericht übergeben hat. Jetzt haben Sie es nicht mit einem weichherzigen Burſchen zu thun.“ „Aber was wollen Sie!“ ſagte ſie und ſchüttelte ſich,„ wie vor Kälte. „Das Geld, das Sie aus dieſem jungen Burſchen geſtern Nacht herausgeſchwindelt haben,“ ſagte er.„Das Geld und die Wechſel, die er hat unterſchreiben müſſen, und wenn ich's in zehn Minuten nicht habe, ſo ſoll mich der T— holen, wenn nicht alle miteinander im ganzen 3 Hauſe mitmüſſen. Dem armen Geſchöpf wurde immer bänger, ſie wandte 371 ſich an mich und ſagte:„Sie haben das Haus alſo an⸗ gezeigt?“ Ich wußte grade nicht, was ſie damit meinte, aber Captän Dovlittie ſtieß mich an und ſagte:„Werdens bald erfahren: da Ihr Mann aber nicht kommen will, ſo denke ich, will ich ihn holen.“ Damit ging er in das andere Zimmer, wir hörten ein Geräuſch von Ringen, und dann kam er wieder heraus und führte des Mäd⸗ chens Bruder oder Mann am Ohr. Er hatte tüchtig zu⸗ gegriffen, und der Burſch ſah ſo roth wie ein Krebs aus. „Wollen Sie jetzt zahlen oder nicht?“ ſagte der Captän. Der Burſch that einen Ruck, aber der Captän hielt nur noch feſter. „Wir haben Eile,“ ſagte der Captän und wollen Sie eben ſo lieb behalten wie das Geld.“ Der Burſch ſchüttelte ſich wieder, aber der Captän hielt ſo feſt wie eine Kneipzange. „Jacke, Jacke!“ rief der Burſch. „Wenn Ihr Neger ſo heißt, ſo fürchte ich, er hört's nicht,“ ſagte der Captän, während er mit der einen Hand den Burſchen hielt und mit der andern ein Stück Tabak in den Mund ſchob. „Ich hab' ihn unten in einen Schrank eingeſchloſſen, laſſen Sie ihn ruhig drin.“ Der Burſch gab dem Captän einen Rippenſtoß, aber der Captän warf ihn gegen die Thür und ſagte dann kaltblütig:„Rufen Sie die Andern, Mr. Slickz mit dem Burſchen will ich ſchon fertig werden; aber vielleicht braucht die Lady zwei Schätze.“ Die Arme that mir leid, ſie ſprang auf und faßte den Burſchen mit beiden Armen und ſagte: „Das ertrage ich nicht. Du ſiehſt, ſie thun es.“ „Sag ihm, daß er mein Ohr losläßt, und ich will das Geld herausgeben, vorausgeſetzt, daß er uns dann in Ruhe läßt.“ „Recht ſo,“ ſagte der Captän und ließ ihn losz „heraus damit!“ Der Burſch langte in die Taſche und holte eine Handvoll Banknoten und fünf Streifen Papier mit mei⸗ nem Namen heraus. „Gebt auf ihn Acht,“ ſagte der Captän, auf den Burſchen zeigend; ich will nachſehen, ob Alles in Ord⸗ nung iſt.“ Damit ſetzte er ſich auf das Sopha, dicht neben das Mädchen, legte ein Bein über das andere und zählte das Geld nach. Es war recht! er ſteckte es in die Brief⸗ taſche und gab es mir. „So, Mr. Slick,“ ſagte er,„jetzt können wir ab⸗ ziehen.“ Damit ſagte er dem Burſchen, er würde den Schlüſſel unten im Zimmer finden und wir gingen die Treppe hinunter. „Jetzt haben wir's Jonathan,“ ſagte der Captän; „aber warum macht Ihr ſo ein Jammergeſicht?“ „Ich weiß nicht,“ ſagte ich, mir die Augen wiſchend; „aber es iſt mir, als hätte ich was verloren, das mehr werth iſt, als alle das Geld.“ „Und was iſt das?“ ſagte er. „Es iſt das erſtemal, daß ich glauben kann, daß Weiber in der That ſo ſchlecht ſein können. Es iſt mir, als könnte ich nie wieder gut von ihnen denken und als wäre ein Theil meines eignen Herzens aufgetrocknet. Cap⸗ tän! Captän! lieber wollte ich Tag und Nacht um Geld arbeiten, als dies Gefühl der Einſamkeit im Herzen tragen. Eben ſo lieb wollte ich ohne Sonnenlicht in der Welt leben, als den Glauben an Weibertreue aufgeben!“ Ich verbleibe Euer gehorſamer und liebender Sohn Jonathan Slick. Ende. Inhalt. — Erſter Brief. Erſter Eindruck von Newyork.— Beſuch in dem Comptvir eines Vetters in der Stadt.— Rath an ſeinen Buchhalter.— Beſchreibung eines Hauſes in der Stadt und ſeiner Bewohner„ Zweiter Brief. Ein Mittageſſen en famille und Wirkungen des Giders Dritter Brief. Jonathan beſucht das Comptoir des Expreß. Seine Gefühle, ſich gedruckt zu ſehen Vierter Brief. Die politiſche Verſammlung und ihre Folgen„ Fünfter Brief. Eine Epiſode aus Jonathans Liebesangelegenheiten Seite 13 374 Sechster Brief. Jonathans Meinung über die Einmiſchung der Geiſt⸗ lichen in Familienverhältniſſe.— Eine Einla⸗ dungskarte und eine Abendgeſellſchaft bei Vetter Beebe, in der Jonathan einige Mißgriffe und eine Damenbekanntſchaft macht. Siebenter Brief. Scenen in Broadway.— Jonathan begegnet dem Grafen und macht Miß Miles den Hof Achter Brief. Der Morgenbeſuch.— Das Ankleidezimmer einer Neunter Brief. Ein Newyorker Emporkömmling.— Jonathan's Er⸗ zählung von ſeinem Vetter Jaſon Slick, und wie Jaſon zur Arbeit zu faul war und durch Speculationen reich wurde.— Das Mittags⸗ eſſen eines Connecticuter Küſtenfahrers.— Yankee⸗ Ahnen.— Wie ein Yankee ſpeculirt und Staa⸗ ten, Eiſenbahnen und Banken erwirbt Zehnter Brief. Neujahrsbeſuche.— Ein ächtes Yankeefrühſtück aus Doughnuts und Cider.— Jonathans Gedanken über den Unterſchied der Wohnungen einer wirk⸗ lichen und einer emporgekommenen Dame. Jo⸗ nathans Gedanken über Liebe und Weiber.. Eilfter Brief. Beſuch im Parktheater.— Erſter Eindruck der Poeſie des Tanzes, welche die Füße der Fräu⸗ Seite 39 69 80 94 103 375 lein Cöleſte in die Luft dichten.— Erſter Schre⸗ cken bei dem Anblick eines Ballets in Coſtüm, begleitet von dem„Zwinkern“ von Cöleſtes Zwölfter Brief. Jonathan erhält eine Einladung zu einem Masken⸗ ball.— Verlegenheit wegen des Anzuges.— Wahl eines Characters u. ſ. w.„ Dreizehnter Brief. Jonathan Slick und der große Maskenball.— Jo⸗ nathan als Indianer und Vetter Beebe als Jo⸗ nathan.— Bäschen Marie als Jonathans Sqaw. — Jonathan unter Konigen und Königinnen, Spaniern, Türken und Juden.— Jonathan be⸗ gegnet ſeinem dicken Vetter als Türken und ent⸗ wiſcht ihm zeoſe e Vierzehnter Brief. Guter Rath vom Haus.— Jonathans Urtheil über ſeines Bruders Samuels Buch.— Jonathan langweilt ſich in guter Geſellſchaft.— Jonathan tritt in einen Putzmacherladen und ſchießt einen Bock wegen eines Damenſattels Fünfzehnter Brief. Jonathan beſucht das Putzmachermädchen.— Ge⸗ danken über ihre Lage Sechszehnter Brief. Miß Joſephine Burgeß.— Eine Erzählung. Siebenzehnter Brief. Jonathan wird krank und hat Heimweh.— Wider⸗ Seite 138 142 153 165 167 376 ſteht allen Anforderungen nach Waſhington zu gehen und entſchließt ſich mit Captän Doolittle heimzufahren Achtzehnter Brief. Jonathans Ankunft in Newyork vor den Zwiebel⸗ beeten in Weathersfield.— Jonathan ſchlägt ſein Quartier in Aſtor⸗Houſe auf.— Seine Gedanken über den Haufen Steine.— Jonathans Anſicht über ein Newyorker Cabriolet und den gewöhnlichen Streit zwiſchen Fremden und Kut⸗ ſchern.— Erregt Aufſehn im Aſtor⸗Houſe„ Neunzehnter Brief. Jonathan Slick und Fanny Elsler.— Ein ächter Yankee und die Pariſer Tänzerin.— Fanny Elsler ſchickt ihre Karte und Jonathan macht einen Be⸗ ſuch.— Yankeeſprache und franzoſiſches Engliſch verſtändigen ſich ſchwer mit einander.— Jonathan wird ganz hingeriſſen von Fanny's Knixen und Pas.— Ein kleines Liebesverhältniß.— Jonathan wird eingeladen, Fanny als Ratalie zu ſehn und ſagt zu. Zwanzigſter Brief. Jonathan geht in das Comptoir des Erxpreß.— Seine Meinung über Zek⸗Jones und den Bru⸗ der Jonathan.— Entſchuldigt ſeine Abweſen⸗ heit und ſchließt einen neuen Contract mit den Herausgebern Einundzwanzigſter Brief. Jonathan beſucht Mr. Hogg's Garten und nimmt einen Strauß.— Wundert ſich über die Forderung, Seite 188 197 207 21 377 Seite es zu bezahlen.— Kauft ein Band und geht ins hester Zweiundzwanzigſter Brief. Jonathan gibt eine Beſchreibung des Theaters, der Sperrſitze u. ſ. w.— Seine Anſichten über Miß Elslers Tanz und im Allgemeinen darüber, daß Mädchen tanzen.— Jonathan nimmt Williams in dem komiſchen Liede;„Wer kauft alte Jung⸗ fern und Junggeſellen,“ für einen Auktionator, der„la belle Fanny“ dem Meiſtbietenden zu⸗ ſchlägt.— Jonathan ärgert ſich, daß ſie nach einem ſo hohen Gebot nicht ſein iſt.— Er wirft ſeinen Strauß Fanny zu Füßen.— Geht hin⸗ ter die Couliſſen und ſchildert, wie es dort aus⸗ ſieht.— Iſt galant und begleitet Fanny heim nath Aſtot⸗Ssüſt 222 Dreiundzwanzigſter Brief. Jonathan wird von ſeiner Liebe zu Fanny Elsler curirt.— Empfängt von ſeinem dicken Vetter eine Einladung zu einem Buß⸗ und Bettags⸗ eſſen mit Einſchluß eines dreieckigen Briefes für Lord Morpeth.— Jonathans Anſicht über rei⸗ ſende Lords und demokratiſche Gaſtfreiheit 242 Vierundzwanzigſter Brief. Beſchreibung von Vetter Jaſons Equipage.— Welche Figur Mrs. Jaſon Slick und ihre Tochter ma⸗ chen.— Manieren eines edlen Lords.— Das Mittageſſen.— Jaſon prahlt mit ſeiner Her⸗ kunft und ſeinem Wappen.— Jonathan erregt große Beſtürzung, indem er einen Schuhmacher für das Haupt der Familie erklärt.— Hält eine Ride Fünfundzwanzigſter Brief. Jonathan hat eine dicke Backe.— Freundliche Be⸗ handlung in Aſtor⸗Houſe.— Ein Beſuch.— Jonathans Meinung über einen Politiker in P Sechsundzwanzigſter Brief⸗ An die Herausgeber des Bruder Jonathan, einer gewaltig großen Newyorker Zeitung Siebenundzwanzigſter Brief. Jonathan kommt in Newyork an.— Reitet auf des Kirchenälteſten Füllen.— Seine Plage mit dem Thier.— Beſucht das Comptoir des Jonathan. — Schifft ſich am Peckſlip in Captän Doo⸗ littles Slovp ein, um dem Präſidenten entgegen zu fahren.— Seine Einführung.— Jonathans Gedanken über kalte Küche.— Die Aufnahme. — Landung in Caſtle Garden.— Revüe der Truppen.— Die Prozeſſion u. ſ. w.„ Achtun dzwanzigſter Brief. Jonathan macht dem Präſidenten in Howards⸗Houſe ſeine Aufwartung.— Beſucht das Parktheater mit dem Präſidenten und ſeiner hübſchen Toch⸗ ter.— Geht mit Mr. Robert Tyler und läßt ſich ſein Haar bei Clairhugh's ſchneiden.— Nimmt Erfriſchungen mit den Damen in Howard⸗ Houſe.— Schlafzimmerſcenen mit dem Präſi⸗ denten.— Nachtmuſik u. ſ. w. Neunundzwanzigſter Brief. Jonathan Slick will Macready ſehen.— Beſchrei⸗ bung des Theaters.— Führt ſich ſelbſt bei Seite 270 278 288 307 — 379 einem hübſchen Mädchen im Theater ein.— Fängt eine Liebſchaft an.— Verſpricht fie zu beſuchen.— Jonathan befolgt eine neue Methode, ſich einen faſhionablen Anzug zu verſchaffen.— Streit mit Captän Doolittle.— Verſöhnt ſich und geht, um dem hübſchen Mädchen einen Be⸗ ſuch zu chen Dreißigſter Brief. Jonathan beſucht das hübſche Mädchen.— Be⸗ ſchreibt ein Spielhaus am frühen Morgen.— Beſucht der Lady Boudvir.— Beſchreibt die Umgebung, die Dame, ihren Anzug und ihr Ge⸗ ſpräch.— Wird durch einen Gentleman vom Hauſe unterbrochen und verſpricht wiederzukom⸗ men und Miß Sneersein das Concert der Ma⸗ dame Caſtellane zu begleiten Einunddreißigſter Brief.. Jonathan verkauft ſeine Ladung.— Beſucht Miß Sneers.— Findet ſie bei ihrer Toilette.— Erſchreckt ſie und ſich halb zu Tode.— Beſchreibt ihr Coſtüm.— Promenade auf Broadway.— Beſchreibung des Concertſaals, der Caſtellan, ihres Geſanges und der Audienz„ Zweiunddreißigſter Brief. Joynathan Slick in Newhork Seite 323 * g 14 v1Eehqae