[ſaſſinen oder die Eroberung der Königsperle d urch den Bund der Plutigen. Eine hiſtoriſch-romantiſche Geſchichte von F. von Stengel. Mannheim. Im Verlag bei Eobias Löffter 1 8 3 5. Während ich die Aſſſſinen ſchrieb, ſah ich die Nothwendigkeit ein, denſelben ge⸗ draͤngt die Geſchichte dieſes Ordens bis zu dem Tode Kiabuſurgomid's vorher gehen zu laſſen; was mir durch Hammer's Geſchichte der Aſſaſſinen und andeter Geſchichtſchreiber Bemerkungen uͤber dieſen Muuchlerverein moͤglich wurde. Mit Kiabuſurgomid haͤtte ich den Auszug der Geſchichte der Aſſaſſinen ſchließen konnen; da ich aber uͤberzeugt bin, daß ein kurzer Ueberblick der ganzen Geſchichte jenes 4 00 Ordens nicht unintereſſant ſeyn kann, ſo uͤbergebe ich dieſen hiermit meinen Leſern. Zuvor aber bitte ich noch, mir die in meinem Romane manchmal vorkommenden Abweichungen von der Geſchichte und den Regeln des Ordens, z. B. die Einnahme der Königsperle unter Kiabuſurgomid, ob⸗ wohl dieſe ſchon unter Haſſan genommen wurde; als Freiheiten zu verzeihen, die man bei den Romanſchreibern gewöhnt iſt. — — Geſchichte des Ordens. Mohammed, aus dem edelſten Blute der Araber entſproſſen, fühlte den hohen Beruf in ſich, ſein in der Abgötterei verſunkenes Volk zur Erkenntniß des einzigen wahren Gottes zurückzuführen, und ſich durch ſeine Verkündigungen und Lehren als Geſetzgeber, Propheten und Gottgeſandten zu beglaubigen. Er fand großen Anhang, und ſchon nach wenigen Jahren hatten ganz Arabien, Sy⸗ rien, Egypten, Perſien und mehrere andere bedeutende Länder Aſien's und Afrika's die neue Lehre angenommen. Mohammed ſtarb ohne ſeinen dachfolger zu ernennen. Dadurch wurde die erſteLvoſun zur Trennung zwiſchen den Bekennern Lehre gegeben. Mohammed 6 hatte als deſſen nächſter Verwandte das größte Recht zum Chalifen ernannt zu wer⸗ den. Doch gelangte er erſt nach Ebubekr's, Dmar's und Osman's Regierungen dazu, und kurze Zeit darauf beſprützte ſein Blut den mühſam errungenen Thron. Mit ſeinem Tode wurde der Saame der Uneinigkeit im höchſten Grade ausgeſtreuet und Mohammed's Anhänger in zwei feindliche Partheyen, die Sunniten und Schiiten, getrennt. Dieſe zerfielen wieder unter einander, ſo daß die Kirchengeſchichte des Islams nicht weniger als 72 Sekten zählt. Unter den Partheyen, welche unter den Anhängern Ali's entſtanden, waren lange Zeit die Ismailiten oder Siebner eine der mächtigſten. Sie erkennen nur 7 offenbare Imame an, als: Ali, Haſſan, Hoſſein, Ali Seinolabidin, Mohammed Baker, Dſchafer Sadik, und deſſen Sohn Ismail, von wel⸗ chem ſie auch den Namen Ismailiten erhiel⸗ ten. Durch die Dynaſtie der Fatemiten er⸗ hob ſich zuerſt ihre Herrſchaft an der See⸗ tuſte und im innern Afrika's zu Mahadia und Fahira, dann in Aſien in dem gebirgi⸗ gen Irak und an der ſyriſchen Küſte. Die — Riſchaburi, der einer der erſten kehrer der 3 7 . afrikaniſchen Ismailiten hießen die weſtli⸗ chen, die aſiatiſchen die öſtlichen Ismailiten.— Das Ausdehnen ihrer Macht genügte aber den Ismailiten noch nicht. Sie wollten nicht die Herrſchaft theilen, und nach ihrer Lehre ſollten alle Mohammedaner in einem Glauben, unter einem einzigen rechtmäßi⸗ gen geiſtlichen Oberhaupte vereinet werden. Deshalb wurden gleich nach der Gründung des Throns der Fatemiten Weisheitsgeſell⸗ ſchaften zu Kahira geſtiftet, die in politi⸗ ſcher Hinſicht den Sturz des Chalifats der Familie Abbas zu Gunſten der Fatemiten bezweckten. In dieſen Geſellſchaften wurden Miſſionarien gebildet, die in allen morgen⸗ ländiſchen Provinzen geheim die Lehre der Ismailiten auszubreiten und dadurch die Zahl ihrer Anhänger zu vermehren und zu⸗ gleich den Geiſt der Widerſetzlichkeit gegen die Chalifen von Bagdad zu verbreiten hatten. Zu dieſen Miſſionarien gehörte Haſſan Ben Sabah Homairi; Stifter. der Aſſaſſinen. S Haſſan war in der Lehre der 12 J erzogen, ein Schüler des berühmten Mowafe e 8 Sunna war. Schon in früher Jugend ent⸗ brannte Haſſan's Ehrgeitz, aber doch lebte er ſtill und unbekannt bis zu der Thronbe⸗ ſteigung Melekſchah's, des Sultans der Seldſchugiden. Unter dieſem erhielt er an⸗ geſehene Titel und Einkünfte. Als er ſich aber Melekſchah's Ungnade zuzog, ſo begab er ſich nach Rei und dann nach Ißfahan, wo er den Plan entwarf: ſich an dem Sul⸗ tane rächend, deſſen Macht, die ſich damals von Antiochien bis Kaſchgar erſtreckte, zu ſtürzen, und ſich dann ſelbſt ein Reich zu gründen. Zwanzig Jahre arbeitete er daran. Während dieſer Zeit ging er zu den Ismaili⸗ ten über, und zeichnete ſich bald durch ſeinen Eifer in der Ausbildung der Lehre dieſer Sekte aus. Nachdem er ſchon in Perſien geheim die Stelle eines Miſſionärs verſehen hatte, eilte er nach Egypten. Die Auf⸗ nahme die er bey Moſtanßar, dem Chalifen der Fatemiten erhielt, erweckte den Neid einiger Großen, und er wurde von dieſen in ein Schiff gebracht das nach Afrika ſe⸗ gelte. Ein der Fahrt ungünſtiger Wind trieb dies ſtatt nach Afrika an die ſyriſche Küſte. Haſſan ſchiffte ſi ſich aus, und ging † — * nach Haleb, dann nach Bagdad, Chuſiſtan, Ißfahan, Jeſd und Kerman, allenthalben ſeine Lehre, ſcheinbar für den Vortheil des Chalifen von Kahira, in Wirklichkeit aber für ſeine Pläne und ruchloſe Herrſchſucht, predigend. Auch Damaghan ſuchte er auf, wo er viele Proſelyten machte, von welchen er die Beredetſten nach Alamut und in noch andere Schlöſſer ſandte, um durch dieſe die Ausführung ſeiner kühnen Abſicht vorzube⸗ reiten. Endlich, nachdem er Anhänger ge⸗ nug erworben hatte, bemächtigte er ſich des Schloſſes Alamut und noch anderer Feſtun⸗ gen in deſſen Nachbarſchaft, die er, ſobald er ſie gewounen, auch zu behaupten wußte. Hierauf maßte er ſich förmlich eine unab⸗ hängige Obergewalt an, während er vorgab, dieſe im Namen des fatemitiſchen Chalifen, deſſen Abgeſandten er ſich nannte, auszuüben. Was auch ſeine zwey erſten Nachfolger im Großmeiſterthum des Ordens der Aſſaſſinen, den er nun gründete, thaten. Um ſeinen Plan zu erreichen, dem er noch jenen den Chalifen von Bagdad, den Feind ſeines neuen Glaubens, zu ſtürzen, 2 beifügte, bedurfte er blinde Werkzeuge ſeines 10 Willens, und dieſe fand er in ſeinen An⸗ hängern, die er auf verſchiedenen Wegen zu den pünktlichſten Vollſtreckern ſeiner blutigen Befehle zu machen wußte, und auf immer an ſich band, indem er ſie zu einem Orden vereinte. Die Lehren der Weisheitsgeſell⸗ ſchaften behielt er in demſelben bey. Die⸗ ſen fügte er noch ein Ordensbrevier, das aus 7 Punkten beſtand, hinzu. Die Grund⸗ maxime der Politik des Ordens war die: ſich durch Liſt in den Beſitz der Burgen und Schlöſſer zu ſetzen, um dann ohne bedeutende Mühe die dazu gehörenden Landſchaften zu gewinnen, und dadurch Fürſten und Völker von ſich abhängig zu machen. Für die innere Sicherheit des Ordens, war durch ſtrenge Beobachtung der poſitiven Religions⸗ gebote geſorgt. Von deſſen Unterthanen, den öſtlichen Ismailiten, wurde nur die Erfüllung der Pflichten des Islams gefodert. Unmittelbar unter dem Großmeiſter, den man auch den Scheich von Alamut oder den Alten vom Gebirge nannte, ſtanden die Großprioren, ſeine Statthalter in den 3 Pro⸗ vinzen, in welchen die Macht des Ordens ſich nach kurzer Zeit verbreitet hatte; näm⸗ 11 lich in Dſchebal, Kuhiſtan und Syrien. Nach dieſen kamen die Meiſter oder Einge⸗ weihten, dann die Geſellen, Handlanger und Layen.— Der Großmeiſter, wie alle Glieder des Ordens, waren weiß und roth gekleidet. Sultan Melekſchah ſah dem auführeri⸗ ſchen Treiben Haſſan's anfangs mit Verach⸗ tung und Nachläſſigkeit zu. Endlich fand er es aber für nöthig, demſelben eine Streit⸗ macht entgegen zu ſtellen. Haſſan's Anhän⸗ ger ſchlugen dieſe. Und Niſamolmulk, der Veſir der Seldſchugiden, ſiel als das erſte große Opfer der Rach⸗ und Herrſchſucht Haſſan's unter den Dolchen ſeiner Einge⸗ weihten. Auch Melekſchah's Tod erfolgte ſchnell darauf, und nicht ungegründet ſcheint der Verdacht, daß ein Aſſaſſine ihm Gift eingegeben. Nun entſtand eine fürchterliche Zeit des Mords und der Rache. Die Feinde der Lehre der 7 Imame verbluteten unter den Dolchen der Aſſaſſinen, dieſe unter den Schwertern der Fürſten. Auch erließen die größten Imame und Geſetzgelehrten Fetwa's und Gutachten, in welchen die Ismailiten als die gefährlichſten Feinde des Throns 12 und Altars verflucht und dem rächenden Arme der Gerechtigkeit im offenen Kriege oder vogelfrei preis gegeben wurden. Haſſan's Anhänger achteten hierauf wenig. Sie bemächtigten ſich nach und nach der feſteſten Schlöſſer in Irak, ſelbſt der von Melekſchah erbauten Königsperle in Ißfahan. Dann der Schlöſſer Dirkul und Chalend⸗ ſchan bei Iſapahan; des Schloſſes Waſtamkuh bei Abhar; des Schloſſes von Tambur, des Schloſſes von Chalauchan zwiſchen Fars und Chuiſtan; der Schlöſſer Damaghan, Firuskuh und Kirdkuh in der Landſchaft Komis; dann jener von Tabs, Kain, Tun in Kuhiſtan, und mehrerer im Diſtrikte von Muminabad. Auch Esdahan und Lamſir fielen in Haſſan's Hände. Haſſan Sabah, deſſen Macht ſich täglich mehr ausbreitete, überlebte die treuſten ſeiner Jünger und die nächſten ſeiner Verwandten. Sein Neffe und Großprior in Syrien, Abulfettah war unter dem Schwerte der Feinde; Hoſſein Kain, der Großprior in Kuhiſtan unter dem Dolche eines Meuchlers gefallen. Seinen eigenen Sohn, Oſtad, und deſſen jüngern Bruder opferte er ſelbſt * — 7—— — 13 mit Würgerluſt einer ſchrecklichen Politik auf, welche dem Orden das Zerreißen aller Bande der Verwandſchaft gebot. Als der Stifter des Ordens, der kinder⸗ mörderiſche Haſſan, den nahenden Tod fühlte, berief er Kiabuſurgomid, den Er⸗ obrer von Lamſir, auf das Schloß Alamut, das er während ſeiner Regierung, die 35 Jahre dauerte, nicht verlaſſen hatte, und ernannte dieſen zum Großmeiſter des Or⸗ dens. Kurz darauf ſtarb er in einem ſehr hohen Alter, nachdem er ſeine Macht bis an die äußerſten Grenzen Charaſſan's und Syrien's ausgedehnt, und ſeine ruchloſen Pläne, bis auf den gänzlichen Sturz des Chalifen von Bagdad, und der Nachfolger Melekſchah's vollführet hatte. Kiabuſurgomid war Haſſan's würdiger Nachfolger. Während ſeiner Regierung wurden Maimundis und Banias und die Feſtung Sarmin und noch viele andere Schlöſſer und Burgen gewonnen.— Die Macht der Aſſaſſinen ſtieg unter ihm am höchſten. Selbſt die Kreutzfahrer verbanden ſich auch einige Zeit mit dem Orden. Auch bluteten viele große und berühmte Männer 14 unter den Dolchen ſeiner Eingeweihten. Den Anfang davon machte Kaſſimeddewlet, der Fürſt von Moßul, von den Kreutzfahrern und Aſſaſſinen gefürchtet. Er wurde von 8 als Derwiſche verkleideten Aſſaſſinen in der Moſchee zu Moßul niedergeſtoßen. Nach ihm ſanken noch zahlloſe Opfer. Ja ſelbſt der Chalife von Bagdad, Moſtarſchedbillah Abu Manßur Faſl, verhauchte ſein Leben bei Maragha unter den Eiſen der Aſaſſ⸗ ſinen. Vierzehn Jahre und drei Tage war Kiabu⸗ ſurgomid Großmeiſter des Ordens. Wie Haſſan ſo ſtarb auch er den natürlichen Tod des Alters, den beide durch ihre Verbrechen nicht verdienten. Vor ſeinem Tode, der kurz auf jenen Moſtarſchedbillah Abu Manßur Faſl's folgte, ernannte Kiabuſurgomid ſeinen Sohn Mohammed zu ſeinem Nachfolger. Durch dieſe Handlung wich er von der Ver⸗ ordnung Haſſan's, die alle Rückſicht auf Verwandſchaft verwarf, ab, und von nun an blieb das Großmeiſterthum, bis zum Sturze des Ordens, erblich in der Familie Kiabuſurgomid's.— Mohammed begann wie ſein Vater endete— mit Chalifenmord. — — —————— — — ——— Und mehr noch wie ſeine Vorgänger ver⸗ ſandte er die Eingeweihten des Mords, die ſich während ſeiner Regierung über ganz Aſien verbreiteten. Auch gewann er die Burgen Kadmos, Kahaf und Maßiat. Al⸗ lein als Vater war er unglücklich, denn ſein Sohn Haſſan handelte ſchon während ſeinem Leben ganz gegen die Lehre des Or⸗ dens. Auch ſah er den Fall des fatemiti⸗ ſchen Chalifen, durch welchen die Ismailiten in Egypten erlagen, worauf Salaheddin, der Sieger über das Chalifat der Familie Ali, ſich als der Aſſaſſinen gefährlichſter und mächtigſter Feind zeigte. Und nicht blieb ihm die Abnahme der Begeiſterung der Aſſaſſinen verborgen, die eintreten mußte, da dieſen allmälig mancher Betrug, mit dem man ſie täuſchte, bekannt wurde; was ſicher nicht wenig zu dem Untergange des Ordens beitrug, indem dieſem bey der Mon⸗ golen Erſcheinen die begeiſterten Jünglinge fehlten, die unter Haſſan und Kiabuſurgomid das undenklichſte vollzogen.* Nach Mohammed nahm deſſen Sohn Haſ⸗ ſan II. von dem Großmeiſterthum Beſitz. Gleich nach ſeines Vaters Tode überließ ſich 16 der neue Großmeiſter nicht nur allen mög⸗ lichen Ausſchweifungen, ſondern er foderte auch den ganzen Orden auf, mit ihm daran Theil zu nehmen. Dabey war er ſo unvor⸗ ſichtig, noch völlig alle Geheimniſſe des Ordens zu verrathen, welche nach Haſſan Sabah's Vorſchriften, ſelbſt den meiſten Eingeweihten geheim gehalten werden ſoll⸗ ten.— Mit einemmale gab er ſich für den Imam ſelbſt aus, indem er ſeine Ab⸗ kunft aus dem Blute der fatemitiſchen Cha⸗ lifen herzuleiten wußte. Er ſchaffte nun die äußeren Gebräuche des m ammedani⸗ ſchen Gottesdienſtes ab, erlaubte den Ismai⸗ liten ſogar das Weintrinken, und ſprach ſie von allen Verbindlichkeiten frei, welche die Lehre Mohammed's und. ihren Be⸗ kennern auflegt. Doch däherte ſeine laſter⸗ hafte Regierung nur 4 Jahre. Er ſtarb auf dem Schloſſe Lamſir als Martyrer ſeiner — neuen Lehre, inde ſein Schwager, über dieſelbe empört⸗ ihm den Dolch in die ruchloſe B ſtieß. as erſte Regierungs⸗ Geſchäft ſeines Sohnes und Nachfolgers, Mohammeb's II., war die Blutrache ſeines Vaters, indem er — 17 deſſen Mörder, ſammt allen ſeinen Ver⸗ wandten, männlichen und weiblichen Ge⸗ ſchlechts, unter des Henkers Beil brachte. Das unnatürliche Ende Haſſan's I. ſchreckte ihn aber nicht, und er trat ganz in deſſen Fußſtapfen, während er wie dieſer die Lehre der Ruchloſigkeit predigte, und ſch in der oberſten Imamswürde behauptete. Allein auch den Studien der mathematiſchen und metaphyſiſchen Wiſſenſchaften gab er ſich hin; dabey beſchützte er die Dichtkunſt, welche unter ſeiner 46 Jahre langen Regie⸗ rung in Perſien dem Gipfel ihres höchſten Glanzes nahte. Außer dieſem Schützen der Poeſie und Wiſſenſchaften gebührt ihm aber der Fluch der Völker und der Fürſten, der ihn auch im volken Maaße getroffen. Nach Mohammed II., der vergiftet wor⸗ den ſeyn ſoll, trat deſſen Sohn, Dſchela⸗ leddin Haſſan, der 3te Großmeiſter dieſes Namens, als Wiederherſteller der wahren Religion nach den ſtrengſten Grundſätzen des Islams auf. Was ſein Vater und Großvater erlaubt hatten, verbot er; die von beiden niedergeriſſenen Moſcheen wur⸗ den aufgebaut, und der aufgehobene Gebet⸗ 2 18 ausruf wiedereingeſetzt. Auch ſchickte er Geſandte an den Chalifen von Bagdad, an den Sultan Transoxrana Mohammed Cho⸗ waresmſchah, und an andere perſiſche Dy⸗ naſten, ſie von der Reinheit ſeines Glau⸗ bens zu überführen. Ja, er verbrannte ſogar öffentlich die Bücher, die er für die geheimen Verhaltungsregeln des Ordens ausgab, und verfluchte den Ordensſtifter und die Großmeiſter, ſeine Ahnen. Dadurch gewann er ſich die bisherigen Gegner des Ordens, die ſich nun ſelbſt für die Recht⸗ gläubigkeit ſeiner Lehre verbürgten, und ihm nicht allein den Ruf unbeſcholtener Orthodorie verſchafften, ſondern auch den Rang eines regierenden Fürſten ertheilten; was allen frühern Großmeiſtern verweigert worden war. Selbſt des Statthalters von Chilan, Keikawuß Tochter, erhielt er zur Gemahlin. Aber trotz dem allen brachte ſeine 12ährige Regierung die Aſſaſſinen nicht zu dem Einfluß und Anſehen, das ſie früher bey mehreren Fürſten gefunden; und nicht konnte ſie völlig die Spuren der Auf⸗ klärung unter dem Volke verwiſchen.— Kein Mord befleckte die Regentenzeit Haſ⸗ 19 ſams III., auch ſtimmte ſein Betragen mit ſeinem Bekehrungsſyſteme überein, aber doch zweifeln die Geſchichtſchreiber an der Auf⸗ richtigkeit ſeiner Bekehrung zur Lehre des Islams, und ſehen in ſeiner öffentlichen Ab⸗ ſchwörung der Lehre der Ruchloſigkeit, nichts als Heuchelei und wohlberechnete Politik, um dadurch nicht allein ſich Vertrauen, ſon⸗ dern auch den Fürſtentitel zu verſchaffen. Was nicht ganz grundlos ſeyn mag⸗, da ſpäter entdeckt wurde, daß er bey jenem Bücherbrande die ganze Bibliothek der Frei⸗ geiſterei und Sittenloſigkeit, nebſt Haſſan Sabah's Werken, geheim erhalten hatte. Wie Mohammed lI. ſo ſtarb auch Haſſan II. an Giſt, und viele wollen behaupten, daß ſein 9jähriger Sohn, Alaeddin Mohammed, an dieſem Morde Theil gehabt. Auch wider⸗ legt des Knaben Charakter dieſe Behaup⸗ tung nicht. Dieſer trat nach Haſſan's Tod als Großmeiſter unter dem Namen Moham⸗ med II. auf, und blindlings vefolgten die Ismailiten und Aſſaſſinen die Mordbefehle des vjährigen Ungeheuers. Nachdem Mo⸗ hammed III. fünf Jahre die Dolche lenkte, die täglich von dem Blute der Tugend und 20 des Verdienſtes gefärbt wurden, verfiel er in eine Geiſteskrankheit, die ihn nicht mehr verließ. Deſſen ungeachtet blieb er eines der blutdürſtigſten Ungeheuer, die je die Welt getragen, bis er endlich, durch einen Pfeil, den ein von ſeinem Sohne Rokneddin ge⸗ dungener Meuchler auf ihn abſandte, zu einer Leiche wurde. Der Vatermörder Rokneddin wurde nun Großmeiſter. Mit ihm ging der ſchon lange wankende Orden durch die Mongolen unter. Wie ein Sclave benahm ſich Rokneddin ge⸗ gen dieſe mächtigen Gegner; wie ein Sclave wurde er von denſelben ermordet. Die Schlöſſer der Aſſaſſinen fielen ſchnell nach einander. Der ganze Stamm Kiabuſurgo⸗ mid's wurde ausgerottet, über die Aſſaſſinen ein gräßliches Blutgericht gehalten, und der größte Theil der Ismailiten hingeſchlachtet.. Schrecklich, wie die Herrſchaft des Ordens der Aſſaſſinen geweſen, war ſein Ende. Von den Mongolen, den Rächern der 170 Jahre blutenden Menſchheit wurde er zer⸗ treten, ſo daß er gänzlich, wie er es ver⸗ diente, von der Erde verſchwand. Reſte der IJsmailiten findet man noch in — 2¹ Perſien und Syrien, aber ohne allen An⸗ ſpruch auf Herrſchaft. Ja, ſie kennen kaum das Andenken ihrer frühern Größe, und fremd ſind ihnen die Lehren der Weisheits⸗ geſellſchaften zu Kahira, wie die Meuchler⸗ taktik der Aſſaſſinen. Zu Chech, einem Dorfe im perſiſchen Diſtrikte Kum, reſidirt noch jetzt ein ismailitiſcher Imam. Die ſy⸗ riſchen Ismailiten werden von Reiſenden wegen ihrer Gaſtfreiheit, Häuslichkeit, Sanft⸗ muth und Religioſität gerühmt. Doch leben ſie, ſeit 1809 wo die Noßairi's ihr Eigen⸗ thum verwüſteten, höchſt kümmerlich. Streng hängen ſie aber noch immer an ihrem Sepa⸗ ratismus in der Religion. Die Glieder jenes Meuchlerordens erhiel⸗ ten, nach der Behauptung mehrerer Ge⸗ ſchichtſchreiber, den Namen die Aſſaſſinen, von einem Oppiate aus Hyoschamus(Haſchi⸗ ſchi), mit dem die erſten Großmeiſter ſich blinde Werkzeuge für ihre ruchloſen Pläne verſchafften, da beim Beginnen der Macht des Ordens dieſes Oppiat noch nicht in den, den Mohammedanern unterworfenen Län⸗ dern bekannt war. Von dem Genuſſe deſ⸗ ſelben nannte man ſie Haſchiſchin, woraus — ———— n W der Name Aſſaſſinen entſtanden ſehn ſoll. Auch leiten einige ihren Namen von Haſſan, als Haſſaniten, andere von dem arabiſchen Worte Chaſſas, ein Kundſchafter, her. Doch iſt die erſte Herleitung von Haſchiſchi aller Wahrſcheinlichkeit nach die richtigſte. Sonne neigte ſich zum Untergange, und vergoldete die hohen Thürme des ſtolzen Schloſſes, die Königsperle genannt, das Sultan Melekſchah auf eine früher uner⸗ ſteigliche Felſenplatte erbauet hatte. An den Fuß jenes Felſens, auf dem die Königsperle thronte, ſtieß ein Wald. Aus dieſem kam, bei dem Scheiden des letzten Sonnenſtrahls, eine Reiterſchaar, welche den noch immer ſehr ſteilen Weg nach dem Schloſſe nahm. In ihrer Mitte befand ſich ein Jüngling von edler Abkunft, was ſein Turban*) verrieth. Seine hohe, ſchlanke Geſtalt, und ſeine ſchönen Züge, auf welchen ein Anflug von Schwermuth ruhte, wie ſeine ſchwär⸗ *) Nach Löhrs Länder und Völker der Erde, unterſcheiden ſich die Stände in der Turkei, de⸗ ren Kleidung von jeher keiner Mode unterwor⸗ fen war, durch die Verſchiedenheit des Turbans. 24 meriſchen, ſprechenden Augen waren höchſt einnehmend.— Schon hatte er mit ſeinen Begleitern, die ſeine Diener ſchienen, eine ziemliche Strecke zurückgelegt, als er auf einem Seitenwege Pferdegeſtampf vernahm, und kurz darauf zwei Reiter erblickte, die gleichfalls gegen das Schloß einlenkten, in⸗ dem ſie grüßend an ihm vorüberritten. Er beſann ſich einen Augenblick, dann eilte er ſeiner Schaar vor, und fragte, ſobald er die Weiterreitenden erreicht hatte:„Ihr ſcheint „gleich mir zu der Königsperle, dem ge⸗ „wöhnlichen Wohnorte Abulfeda's, des „mächtigen Emirs und Freundes des Seld⸗ „ſchugiden Sultans, zu verlangen. Und ich „hoffe, daß Ihr hier weniger fremd als „ich ſeyd, und mir deßhalb auch ſagen „könnt, ob ich Abulfeda nicht vergeblich in „jener unüberwindlichen Feſte aufſuche.“ Forſchend ſahen die Befragten auf ihn und ſeine Begleiter, und erſt nach einer Pauſe ſprach der Jüngere und Vornehmere der zwei Männer:„Ihr habt Euch nicht geirrt. „Unſer Weg führt nach dem Schloſſe. Auch „werdet Ihr in demſelben Abulfeda finden.“ „Habt Dank für dieſe Nachricht,“ hob —— ——. —„— 25 nun der Jüngling, der ſich beiden zugeſell⸗ te, während ſeine Begleiter einige Schritte hinter ihm zurückblieben, an.„ Ich komme „ferne her, und wäre nur ungern weiter „gezogen, um Abulfeda in einer ſeiner an⸗ „dern Beſitzungen aufzuſuchen. Denn meine „Zeit iſt mir gemeſſen, und mein Auftrag „an den mächtigen Emir nicht ohne Wich⸗ „tigkeit.“ 6 Dieſe Rede erweckte, wie der Sprechende erwartete, beider Reiter Neugierde, und faſt gleichzeitig fragte der Jüngere, wie der Aeltere.„Wie, Ihr ſeyd ein Botſchaf⸗ „ter an Abulfeda* Der Befragte bejahte dies mit wenigen Worten, und der Jüngere der Reiter ſprach hierauf:„Wenn dies iſt, ſo heiße ich Euch „willkommen, wie dies Abdollah, dem „Sohne Abulfeda's, geziemt.“ Der Angeredete ſah den Sprechenden über⸗ raſcht an. Ein freudiges Lächeln floh über ſein Angeſicht, und mit vieler Gewandheit begrüßte er des Emirs Sohn. Alsdann ſagte er:„Ich komme aus den Gebirgen „des Antilibanon. Richt weit von Maßiat 26 „liegen die Beſitzungen meines Vaters Atha⸗ „miſch. Bahcam heiße ich.“ „Ihr ſeyd des weiſen Athamiſch's Sohn?“ fragte Abdollah's Begleiter überraſcht. Und mit Wärme ſprach er weiter:„Viel habe „ich ſchon von Euerem großen Vater ge⸗ „hört, der in der Mitte der Ismailiten „ſeinen Glauben treu bewahrt, und ſelbſt „von den Ruchloſen geachtet wird. Ihr aber „könnt ſicher manches mir noch unbekanute „von ihm erzählen, da Ihr aller Wahr⸗ „ſcheinlichkeit nach unter ſeiner Leitung „viele Jahre verlebtet.“* „Hierin irrt Ihr“ anwortete Bahcam. „Mein Vater war nicht der Führer meiner „Jugend, und nur kurze Zeit lebte ich in „ſeiner Nähe.“ „Wie kam's,“ fragte der andere,„daß „Euch Euer Vater von ſich entfernte? „Weiß ich doch, daß er ſtets viel Liebe auf „die Erziehung ſeiner Söhne verwandte.“ „Glaubt mir,“ erwiederte Bahcam,„mein „Vater hat mich deßwegen nicht ſtiefväter⸗ „lich behandelt. Und ich habe noch nie „mit ihm gegrollt, daß er mich ſchon als „Kind aus meiner Heimath ſandte, und W „ſich weniger mit mir beſchäftigte, als mit „meinen älteren Brüdern, ſo ſehr ich ein „Glück darin ſehe, unter ſeiner Leitung in „des Jünglings, in des Mannes Sphäre „zu treten.“ Und nach einem kurzen Schwei⸗ gen ſagte er:„Mancherlei zwang ihn mich „von ſich zu entfernen. Daß er mich deß⸗ „halb aber doch gleich meinen Brüdern „liebt, bewies er ſchon öfter, vorzüglich „aber nun, da er mich mit einer Botſchaft „an den mächtigen und weiſen Abulfeda „beehrte.“ „Ihr mißverſtandet meine Frage, wenn „ Ihr glaubt, daß ſie den geringſten Zwei⸗ „fel an Eueres Vaters Liebe zu Euch aus⸗ „drücken ſollte,“ antwortete der andere mit einiger Verlegenheit. Und Abdollah fiel hei⸗ ter ein:„Laßt es gut ſeyn, Taher! Da „Bahcam der Gaſt meines Vaters werden „wird, ſo wird er Euch noch öfter als „Frager kennen lernen, und deßhalb nicht „mit Euch über dieſe, eine Euerer erſten „Fragen zürnen. 4. Hierauf erſolgte eine Pauſe, die jedoch Taher, dem ſie drückend war, mit den Wor⸗ ten unterbrach:„Ihr kommt aus einer ſchö⸗ „nen Gegend. Ich kenne ſie. Nur ſchade, „daß ſie größtentheils von Ismailiten be⸗ „wohnt iſt.“ „Und warum bedauert Ihr dies?“ fragte Bahcam.„Kennt Ihr die Ismailiten? Ich „glaube kaum. Und doch mag ich mir nicht „denken, daß Ihr zu jenen gehört, die „eine Sekte blos dem Scheine nach verdam— „men.— Seyd überzeugt, die Ismailiten „ſind nicht ſchlimmer als ihre Gegner. Ich „ſpreche aus Erfahrung, denn ich habe „lange Zeit täglich Gelegenheit gehabt, ſie „kennen und achten zu lernen.“ „Ich verdamme die Sekte der Ismailiten „nicht dem Scheine nach,“ entgegnete Ta⸗ her.„Iſt ihre Lehre auch größtentheils ge⸗ „heim, ſo ſprechen ihre Thaten doch laut. „Unter der Larve der Religion ſuchen ſie „alle Religion zu vernichten, die Throne „zu untergraben und zu ſtürzen. Und wa⸗ „rum dies? Doch nur um die verbrecheri⸗ „ſchen Pläne eines herrſchſüchtigen Aben⸗ „theuerers, was Haſſan Sabah geweſen, „zu vollführen, um einen eigenen Staat im „Staate zu bilden.“ „Ihr ſeyd im Irrthume,“ unterbrach ihn 29 Vahcam.„Ihr verwechſelt die Ismailiten „mit den Aſſaſſinen, die Ihr, wie mich „Euere Rede lehrt, ſo ſehr verkennt wie „jene.— Haſſan Sabah, der Gründer des „Ordens der Aſſaſſinen, war kein herrſch⸗ „ſüchtiger Abentheuerer. Er lebte und „wirkte für das Wohl der Völker, und war al⸗ „lein nur ein Gegner der ſchwachen Regie⸗ „rungen, der blinden Fürſten. Dabei war „er ein treuer Anhänger des ismailitiſchen „Glaubens. Dieſen allgemein zu verbreiten, „war ſein Wunſch, ſein Streben, wie es „nun der Wunſch und das Streben ſeines „Nachfolgers und der Glieder jenes Or⸗ „dens iſt.“ „Nach Eueren Worten ſollte man glau⸗ „ben, Ihr wäret ſelbſt ein Ismailit, oder „gar ein Aſſaſſine,“ entgegnete Taher, nicht ohne einen Ausdruck von Abſcheu. Bahcam ſah ihn finſter an, und fragte: „Habt Ihr nicht gehört, daß ich Atha⸗ „miſch's Sohn bin?“ Und wenige Augen⸗ blicke ſpäter fuhr er fort:„Iſt meine Ver⸗ „theidigung der Ismailiten und Aſſaſſinen „ſo etwas fremdes?“ Er ſchien auf Ant⸗ wort zu harren, als Taher aber ſchwieg, 30 ſagte er:„Das Haus der Wiſſenſchaft zu „Kahira, oder die öffentliche Schule der f „Loge, in der ſich die Ismailiten bilden, „iſt ein Tempel der Wiſſenſchaften und ein „Muſter aller Akademien; es iſt eine wohl⸗ „thätige, menſchenfreundliche, lichtverbrei⸗ „tende Anſtalt, und was aus ihr hervor⸗ „geht, verdient Bewunderung und Achtung. „Da es aber einmal herkömmlich iſt, daß „alles Große und Schöne geſchwärzt und „befleckt wird, ſo hat der Neid und die „Eiferſucht derjenigen, die durch ihren 4 „Glauben von der Theilnahme jener Weis⸗ „heitsgeſellſchaften, jener Lehren ausge⸗ † „ſchloſſen ſind, und auch die Dummheit, „nichts geſparet, die Sekte, die durch ſie „groß wurde, der faſt alle Sunniten „bald den Namen der Gleichgültigen, oder „der Gottloſen, bald der Freigeiſter beile⸗ „gen, als verdammungswerth zu ſchildern. „Aber doch iſt ihr Glanbe rein und unver⸗ „werflich. Ich bin davon überzeugt, ob⸗ 6 „wohl ich Athamiſch's Sohn, und deßhalb 1 „ſchon ein Anhänger des Chalifen von Bag⸗ „dad bin.— Ein Zweig der Ismailiten „ſind die Aſſaſſinen. Auch ſie werden ver⸗ eeEn— —————— 34 „kannt. Sie werden es, weil viele ihre „Thaten nicht begreifen, viele davor erbe⸗ „ben, wie ſtets das Laſter vor der Tugend „bebt.“ „Die Lehre des Meuchelmords und aller „ſtaatsanflöſenden Verbrechern, die von „Alamut ausgehet, könnet Ihr doch nicht „vertheidigen!“ fiel ihm Taher in's Wort. „Ihr ſeyd ſtreng in Eueren Ausdrücken,“ entgegnete Bahcam.„Doch ſagt mir, wel⸗ „che ſtaatsauflöſende Verbrechen gingen „ſchon aus dem Orden der Aſſaſſinen her⸗ „vor?— Er will die Völker mündig und „glücklich ſehen, und nie wird er dies er⸗ „reichen, ſo lange Fürſten, wie Aſien ſie „aufweiſet, die Menſchheit am Gängelbande „leiten. Er will der Völker Wohl, deß⸗ „halb wird er von den Regenten gehaſſet, „vor allen aber von dem Chalifen von Bag⸗ „dad, weil ſeine Glieder wie die Ismaili⸗ „ten ihn nicht als Oberhaupt anerkennen, „ſondern dem Chalifen von Kahira hul⸗ digen Abdollah, der unterdeſſen ſtill, aber auf⸗ merkſam an Bahcam's Seite ritt, warf nun einen flüchtigen Blick auf Taher, und ſprach 32 leiſe, allein zu Bacham gewendet, als ſchene er Taher's Tadel:„Ihr überraſcht mich „mit Eueren Anſichten, und ich hoffe, auf „dem Schloſſe wird ſich mir Gelegenheit „darbieten, mehr noch über dieſen Gegen⸗ „ſtand von Euch erfahren zu können. Schon „lange ſehne ich mich nach Aufklärung über „ſo manches, was die Religion der Ismai⸗ „liten und ihr politiſches Streben betrifft.“ Noch hatte Bahcam auf dieſe Worte Ab⸗ dollah's nicht geantwortet, als ihn Taher, der nichts davon verſtanden, fragte:„Da „Ihr aus dem Antilibanon kommt, und ſo „ſehr für die Aſſaſſinen und Ismailiten ein⸗ „genommen ſeyd, die ich trotz Euerer Ver⸗ „theidigung Ruchloſe und Freigeiſter nenne, „ſo könnt Ihr uns ſicher auch etwas ge⸗ „naues über den Großmeiſter der Erſtern „ſagen. Von Haſſan, Sabah's Sohn, der „jüngſt geſtorben, weiß ich manches, doch „nur weniges von ſeinem Nachfolger, dem „fürchterlichen Kiabuſurgomid.“ „Dann geht es Euch wie mir. Was Ihr „leicht werdet begreifen können, da ich erſt „vor kurzem meine in der frühſten Kind⸗ „heit verlaſſene Heimath wieder betrat, antwortete Bahcam.„So wenig es aber „nur iſt was ich von Kiabuſurgomid weiß, „ſo iſt dies doch genug, um nicht mit Euch „einzuſtimmen, wenn Ihr ihn den Fürch⸗ „terlichen nennt.“ Eine neue Frage ſchwebte auf Taher's Lippen, doch wurde er verhindert ſie aus⸗ zuſprechen, indem ſie an den Eingang des Schloſſes kamen, der auch ſogleich geöffnet wurde, da Abdollah ſich mit einem Zeichen ankündigte.— Viele Diener drängten ſich nun geſchäftig um die Reiter, und ſchon nach einigen Minuten ſtand Bahcam, an der Seite Abdollah's Abulfeda gegenüber. Bahcam begrüßte dieſen nach der Landes⸗ ſitte, und überreichte ihm, doch erſt, nach⸗ dem Abdollah ihn als Athamiſch's Sohn vorgeſtellt hatte, ſein Beglaubigungsſchrei⸗ ben. Abulfeda hieß ihn auf das herzlichſte willkommen, durchlas das Schreiben, und ſtellte ihn dann den um ihn verſammeltez Großen vor. Bahcam wollte nun ſich ſeines Auftrages entledigen. Allein Abulfeda ließ ihn nicht zu Worte kommen, indem er ihn auf den nächſten Tag verwies und ermahnte, mterdeſſen an den geſelligen Freuden, die 3 er ihm anbot, Theil zu nehmen. Dieſe Zö⸗ gerung war Bahcam nicht unwillkommen, da ihm ungemein viel daran lag, nicht ſo ſchnell, als er es zu wünſchen vorgab, aus der Nähe Abulfeda's entlaſſen zu werden. Aber doch erweckten die Beluſtigungen, die ſo ganz für ſeine Jugend paßten, und nun ſtatt fanden, kein großes Intereſſe in ihm, und es entging dem neugierigen Taher, dem Höflinge Abulfeda's, nicht: daß er mehrmals minutenlang träumeriſch vor ſich hinſtarrte, dann zuſammenfuhr, ſich die Stirn rieb, und leuchtende Blicke umher warf. Schon war die Nacht weit vorgerückt, als ſich die Männer trennten, um in ſtillen, ein⸗ ſamen Gemächern einige Stunden Ruhe zu ſuchen. Bahcam war nicht wenig froh darüber. Statt ſich aber auf die weichen Kiſſen, die ſeiner harrten, zu werfen, trat er auf den an ſein Zimmer ſtoßenden Balkon, von dem er eine weite Landſchaft, die der Mond be⸗ leuchtete, überſehen konnte. Der Weg, den er gekommen, lag vor ihm. Weiter hinaus gewahrte er Wälder, dann Felſen und him⸗ melhohe Berge, die ſeinem Blicke eine Schranke zogen. Auf der einen Seite des Schloſſes 35 thürmten ſich gleichfalls Berge, auf der andern aber entzückte ſeine Augen eine la⸗ chende Flur, die in der Ferne von einem Fluſſe durchſchnitten wurde, der wie ein Silberſtreif in dem Mondlichte glänzte. Lange Zeit ſah er unbeweglich in die ſtets herrliche Natur, endlich richtete er den bis⸗ her in die Tiefe geſenkten flammenden Blick zum nächtlichen Himmel empor, und über ſeine Lippen wehte leiſe und ſehnſüchtig: „Emina!“ Kaum hatte er dieſen Namen ausgeſpro⸗ chen als in einiger Entfernung, doch noch in dem Schloſſe, die weichen Klänge einer Zither ertönten). Schmeichelnd drangen ſie zu ſeinem Herzen. Horchend ſah er zu *) Obwohl der arabiſche Geſetzgeber den Mos⸗ lem alle muſikaliſche Inſtrumente unterſagte, ſo iſt doch kein Volk der Erde ſo ſehr fuͤr die Muſik eingenommen, als die Othomanen. Die gewöhn⸗ lichen Inſtrumente, die ſie ſpielen, ſind: die Geige, Baßgeige, Guitarre, Zither, Laute, Flöte, die Pfeife des Pan, das Neib, die Handtrommel, das Pſalterion. Siehe Muradgea d'Ohſſon's allgemeine Schilderung des othomani⸗ ſchen Reichs. der Gegend wo ſie entſtanden, als könne ſein Blick die Mauern durchdringen und die künſtleriſche Hand erreichen, die ſo liebliche, ſchmelzende Melodien aus den Saiten rief. Ein heiteres Lächeln zeigte ſich gleich bei den erſten Zithertönen auf ſeinem Angeſichte. Und er ließ ſich denſelben lauſchend nach wenigen Augenblicken auf ein Ruhekiſſen nieder. Endlich ſchwiegen ſie, er aber blieb ſitzen. Bilder die er liebte, ſtanden vor ſeiner Seele; vergangene, ihm theuere Tage, zogen an ihm vorüber. Er war manchem Fernen nahe, und manchen kühnen Wunſch ſah er im Geiſte erfüllt. Während dem ent⸗ ſchwand der Mond, dunkel und immer dunkler wurde es um den wachen Träumer. Doch auch ſeine hellen Phantaſien und Träume entwichen allmälig, indem ſein Geiſt ſich wieder zur Gegenwart wandte. Die Abſicht, die ihn zu Abulfeda führte, der jener Auf⸗ trag ſeines Vaters nur zum Vorwande diente, ſiel ihm ein und beſchäftigte ihn. Lange ſann er über dieſelbe und über die Art, wie er ſeine eigentliche Sendung er⸗ füllen ſollte, nach. Darüber bemächtigte ſich ſeiner der Schlaf. Und er ſchloß die Augen 37 bis er, wie die um ihn ſchlummernde Natur, von der aufgehenden Sonne geweckt wurde. Heiter lächelte der Morgen den Erwa⸗ chenden an. Dieſer erhob ſich nach einigem Beſinnen. Nur flüchtige Blicke warf er auf die Umgegend, die nun ganz anders vor ihm lag, wie in der verwichenen Nacht; und hatte ſie jetzt auch neue Reitze, ſo ſchenkte er ihr doch bei weitem nicht ſo viel Aufmerkſamkeit als vor einigen Stunden, in welchen er ſo lange auf ſie hinſtarrte. Raſch zog er ſich hierauf in ſeine ihm angewie⸗ ſenen Gemächer zurück. Er wechſelte in einem derſelben einiges an ſeiner Kleidung, und ſtand gerade im Begriffe dieſes zu ver⸗ laſſen, als Taher mit einigen Dienern Abul⸗ feda's, die ihm köſtliche Erfriſchungen über⸗ reichten, erſchien, und ihn dadurch zurück⸗ hielt. Auf einen Wink Taher's entfernten ſich die Diener, und Bahcam bemerkte ſchon in deſſen erſten Reden, daß ihn die Neu⸗ gierde, ſeinen Auftrag zu erfahren, zu ihm geführet. Bahcam war beſſer geſtimmt wie den verfloſſenen Abend. Ihn verdroſſen die Fragen des Neugierigen nicht; es machte ihm ſogar Freude, ſeine Nengierde auf däs äußerſte zu ſpannen, ohne dieſelbe zu befrie⸗ digen. Lange mühte ſich Taher mit Fragen und ausgeſprochenen Vermuthungen ab, und glaubte er endlich auf dem wahren Wege zu ſeyn, Bahcam auszuforſchen, ſo warf dieſer muthwillig einige Worte dazwiſchen, die ſeine Freude, endlich die Wahrheit entdeckt zu haben, wieder gänzlich vernich⸗ teten und ihn auf neue Vermuthungen brach⸗ ten, die Bahcam aber nach einiger Zeit wie die Erſtern als völlig falſch erſcheinen ließ. Aber doch ermüdete, trotz ſeiner ver⸗ geblichen Verſuche, Taher nicht, und er würde noch lange damit fortgeſetzt haben, wäre nicht Vahcam der Neckereien, die er ſich gegen Taher erlaubte, überdrüßig ge⸗ worden. Auch erwartete er, daß von dem Neugierigen er ſelbſt manches erforſchen könne, was die Vollführung ſeines eigentli⸗ chen Auftrages ſehr zu erleichtern vermöge. Er begann deßhalb vorſichtig damit, ſo daß in Taher nicht der geringſte Verdacht auf⸗ ſteigen konnte. Und viel glücklicher war Bahcam mit ſeinen Fragen als Taher mit den ſeinen. Denn noch waren keine 2 Stun⸗ den entwichen, ſeit Taher bei Bahcam ein⸗ 39 getreten war, und dieſer hatte ſchon weit mehr von dem nicht nur neugierigen, ſon⸗ dern auch redſeligen Taher erfahren als er anfangs erwartete. Während dem war es lebendig in dem Felſenſchloſſe geworden. Auch Abdollah hatte ſein Lager verlaſſen, und eilte in einem leichten Morgenanzuge durch die weiten Hallen der Königsperle, um in dem auf dem urbar gemachten Felſenabhange ange⸗ legten Garten, den Morgen zu genießen. Sein Weg führte ihn durch den Theil des Schloſſes, in dem einige Gemächer den Dienern Bahcam's angewieſen waren. Bei dieſen war es noch ganz ſtille. Er ſchritt gedankenlos weiter, bis er hinter ſich die Tritte eines Mannes vernahm, worauf er umſah, und einen Diener Bahcam's ge⸗ wahrte, der, allem Anſcheine nach, dieſelbe Abſicht, wie er, hegte. Auch ihn hatte der Fremde geſehen. Und Abdollah erwartete, daß dieſer nun ſeine Schritte verkürzen werde, um einer Höflichkeitsbezeigung aus⸗ zuweichen, die er ihm, dem Sohne Abulfe⸗ da's darbringen mußte, und die Abdollah's edler Sinn als eine Erniedrigung erkannte, der, wie er glaubte, ſelbſt der geringſte Sclave zu entgehen ſucht, wenn es ihm möglich iſt. Doch irrte er. Denn ſchnell ging ihm der Fremde nach, und als er ihn eingeholt hatte, warf er ſich vor ihm mit ſclaviſcher Ehrerbietung auf ſein Angeſicht nieder. Abdollah befahl ihm mit wenigen Worten, ſich zu erheben und ſeinen Weg weiter zu verfolgen. Der Diener Bahcam's that dies auch, doch ging er nun langſamer wie früher, ja er hielt faſt ganz gleichen chritt mit Abdollah. Dieſer betrachtete hhn ſchweigend. Auffallend war ihm das Aeußere des Fremden. Er ſchien kein Knecht zu ſeyn, obwohl ſeine Kleidung ihn als einen ſolchen verkündete. Er war ein gro⸗ ßer kräftiger Mann, der ungefähr 50 Jahre zählte. In ſeinem Gange, ſeiner Haltung lag etwas Gebietendes; ſeine Geſichtszüge waren regelmäßig, ſeine ſchwarzen Augen durchdringend, ſie drückten Stolz und Geiſt aus, wie auch die hohe Stirn um die der Turban nachläſſig gewunden war. Abdollah glaubte zu bemerken, daß es in ſeiner Ab⸗ ſicht lag, ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich zu ziehen. Doch verfehlte der Fremde, wollte 41 er dies wirklich, ganz ſeinen Zweck. Denn gerade weil Abdollah, dem jede Zudring⸗ lichkeit zuwider war, dies zu bemerken glaubte, ſo wandte er ſich gleichgültig von ihm ab, obwohl er ſein Intereſſe erweckte.— In dem Garten kam er ihm noch einigemal nahe, was ſicher abſichtlich geſchah; Abdollah achtete aber nicht darauf. Später erfuhr er zufällig von dem frageluſtigen Taher, daß jener Diener Bahcam's, Ahmed heiße, und die Aufſicht über die andern führe. Durch Taher war Bahcam nach dem lan⸗ gen Geſpräche, mit dem ſie einen Theil des Morgens hinbrachten, zu Abulfeda ge⸗ führt worden. Nach den erſten Höflichkeits⸗ bezeigungen theilte Bahcam dem Emir, in Taher's Gegenwart, den Auftrag ſeines Vaters mit. Dieſer betraf eine bei dem Gebiete Athamiſh's gelegene, Abulfeda an⸗ gehörende Landſtrecke, die Athamiſch dem Emir um eine bedeutende Summe Geldes und noch andere, höchſt annehmbare Bedin⸗ gungen abzukaufen wünſchte.— Nach kur⸗ zem Ueberlegen war Abulfeda mit Atha⸗ miſch's Vorſchlage zufrieden, da er bis jetzt nicht den geringſten Vortheil aus jener Be⸗ 42 ſitzung zog, die von 3 Seiten von den Is⸗ mailiten, von welchen ſie unaufhörlich ver⸗ heert wurde, eingeſchloſſen war; und ihm bei dem Antrage Athamiſch's nicht das ge⸗ ringſte auffiel, indem er wußte, daß dieſer ſtets in Einigkeit mit den Ismailiten lebte, deswegen die Verheerungen jenes Landſtri⸗ ches nicht zu befürchten hatte, ſobald derſelbe ſein Eigenthum geworden. Nur bei einem Punkte in den ihm ertheilten Bedingungen verlangte er eine Aenderung. Bahcam ſuchte ihn davon abzubringen, um, wie er ſagte, ſeinen Auftrag gänzlich vollendet zu ſehen, und ſeine Heimreiſe gleich wieder antreten zu können. Doch that er dies mit ſo wenig Beredſamkeit und Ernſt, daß alle ſeine Ein⸗ wendungen zu nichts führten, als Abulfeda in ſeinem gefaßten Vorſatze nur noch mehr zu beſtärken. Bahcam gab endlich nach. Auch willigte er in den Vorſchlag Abulfeda's ein, nach welchem er einen ſeiner Diener mit Abulfeda's Einwendung an Athamiſch abzuſchicken, ſich ſelbſt aber bis zur Rück⸗ Neyr jenes Dieners auf dem Felſenſchloſſe als des Emirs willkommener Gaſt zu be⸗ trachten hatte. Abulfeda wollte dem Diener 43 Bahcam's noch einige ſeiner Leute mitgeben. Bahcam widerſetzte ſich aber mit vielem Ei⸗ fer dagegen, und verließ Abulfeda, ſobald dieſer ihm darin ſeinen Willen that, um ſo⸗ gleich den Boten an ſeinen Vater abzuſenden. Mit großem Ernſte trat Bahcam unter ſeine Begleiter, die ſich auf einen Wink von ihm in einer der Vorhallen des Schloſſes, in der ſich keiner von des Emirs Leuten be⸗ fand, verſammelt hatten.—„Euch“, ſprach er,„iſt der Zweck meiner Reiſe bekannt. „Und Ihr wißt, daß, um dieſen zu erlan⸗ „gen, mein hieſiger Aufenthalt nicht von „kurzer Zeit ſeyn darf.— Mir iſt es ge⸗ „lungen, Abulfeda, durch den Auftrag mei⸗ „nes Vaters, der, wie ihr bereits erfah⸗ „ren, ein geheimer Anhänger unſeres Groß⸗ „meiſters iſt, Vertrauen einzuflößen. Auch „log meine Hoffnung nicht, als ſie mir „ſagte, daß Abulfeda nicht ohne wenigſtens „einen Punkt der Bedingungen, die ich „vorlegte, zu verwerfen, in den Verkauf „jenes Landſtriches einwilligen wird, der „meinem PVater auch ohne den Plan des „Ordens willkommen iſt. Dadurch erreichte „ich meine damit bezweckte Abſicht, indem 44 „ich auf unbeſtimmte Tage der Gaſt Abul⸗ „feda's geworden bin.“ Schweigend ſah er nun einige Augenblicke in dem Kreiſe umher, dann wandte er ſich zu einem ſchon alternden Manne und ſprach: „Ihr Mowaffek! verlaſſet heute noch die „Königsperle. Statt aber, wie Abulfeda „wähnt, in die Gebirge des Antilibanon „zu meinem Vater, eilt Ihr auf das Euch „bekannte Schloß, unſeres Anhängers Saleh, „der Kiabuſurgomid's Plan kennt und mich, „iſt es nöthig, unterſtützen wird. Dort „haltet Euch vor jedem Fremden verbor⸗ „gen, bis Euch eine Botſchaft von mir wie⸗ „der hieher zurück, oder an einen andern „Ort, zu einem andern Geſchäfte ruft.— „Geht, Ihr wißt nun meinen Willen! Von „Ahmed werdet Ihr das Nothwendige zu „Eurer Reiſe erhalten.“ Mowaffek entfernte ſich. Und Bahcam ſagte zu den andern:„Auch Ihr habt nun „zu handeln. Ihr wißt auf welche Weiſe, „doch vergeſſet dabei die höchſte Vorſicht nicht.“ Hierauf entließ er dieſe bis auf Ahmed, mit dem er noch einiges ſprach. Sobald er damit zu Ende war, ſchied er 45 von ihm; aber nicht wie von einem Diener, ſondern wie von einem Manne, der ihm Achtung und Ehrfurcht abzwang.— Schon nach einer Stunde ſprengte Mowaffek aus dem Schloſſe. Bahcam begab ſich nach der Zuſammen⸗ kunft mit ſeinen Begleitern zu Abdollah, der ihn erwartete. Dieſer führte ihn neuerdings zu Abulfeda. Vereint brachten ſie nun un⸗ ter verſchiedenen Zerſtreuungen die Zeit hin. Sie verſchwand ſchnell, und der Abend brach an, ohne daß ſie ihn erwarteten. Bahcam nahm jedoch, wie den verwichenen Abend, nur oberflächlich an den Unterhal⸗ tungen, die man hervorſuchte, Antheil. Der Plan, der ihn in das Schloß führte und eine theuere Erinnerung, lag ihm zu ſehr vor Augen. Und er ſuchte ſogar die Stun⸗ den, die dem Vergnügen beſtimmt waren, zu benutzen, um ſich ſeines wichtigen Auf⸗ trages allmälig zu entledigen. Dieſer be⸗ ſtand in nichts geringerm, als Abulfeda und mit dieſem deſſen Unterthanen für die Politik ſeines Gebieters, des Alten vom Gebirge und die Religion der Ismailiten zu gewinnen, ſo daß er mit den ſeinen von 46 dem Sultane der Seldſchugiden, ſeinem Lehnsherrn und dem Chalifen von Bagdad, ſeinem geiſtlichen Oberhaupte, abfalle und ſich mit dem Großmeiſter der Aſſaſſinen und den Ismailiten gegen jene verbinde. Nur langſam und vorſichtig durfte Bahcam da⸗ mit zu Werke gehen, da Abulfeda von die⸗ ſem Plane keine Ahnung erhalten ſollte, ehe er ihn dafür gewonnen hatte. Doch nicht unvorbereitet begann er deſſen ſchwierige Ausführung. Trotz aller Mühe die er ſich gab, war der Abend doch ſchon weit vorgerückt, als es ihm endlich möglich ward, einiges über die Verhältniſſe der Ismailiten gegen die übrigen Mohammedaner zu erwähnen. Al⸗ lein ſchon bei dieſem erſten Verſuche mußte er erfahren, daß Abulfeda ein zu guter Sunnite ſey, um, ohne die vollkommenſte Ueberzeugung, der allegoriſchen Weiſe bei⸗ zutreten, mit welcher dee Ismailiten die Lehren des Mohammedism erklärten, und ſeiner Pflicht untreu zu werden, nach wel⸗ cher er keinen andern geiſtlichen Oberherrn als den Chalifen von Bagdad, aus der Fa⸗ milie Abbas, und keinen andern weltlichen Fürſten als den Sultan Sandſchar, aus der Familie Seldſchuk, anerkannte. Auch ſtimmte er in die Fetwa's und Gutachten der größten Geſetzgelehrten und Imame ein, in welchen die Ismailiten als die gefährlich⸗ ſten Feinde des Throns und Altars, als verhärtete Böſewichte und ruchloſe Freigei⸗ ſter verdammt wurden. Hätte er gewußt, daß Bahcam zu jener Sekte gehörte, daß auch Athamiſch ſich zu ihrem Glauben be⸗ kannte und ein geheimer Anhänger der Aſſaſ⸗ ſinen, ein verborgenes Werkzeug ihrer Pläne war, er hätte ſich nie in jene Unterhand⸗ lung, den an das Gebiet der Ismailiten grenzenden Landſtrich betreffend, eingelaſ⸗ ſen.— Dagegen fand Bahcam bei Abdollah Anſichten, welche für ſeinen Glauben und des Großmeiſters Plane ſprachen und ihn hoffen ließen: daß es ihm gelingen werde, ihn dafür gänzlich einzunehmen. Endlich trennten ſie ſich, ohne daß Abul⸗ feda und deſſen Sohn eine Ahnung von Bahcam's Abſicht erhielten. Kaum war Bahcam, den Abulfeda's Grundſätze nicht wenig entmuthigten, in ſeinen Zimmern an⸗ gekommen, ſo hörte er wieder die fernen 48 Zitherklänge wie die vergangene Nacht. Und er ſtand ſchon im Begriffe auf den Balkon zu eilen um ſie deutlicher vernehmen zu können, da ſie eine ſelige Erinnerung in ihm er⸗ weckten, als Ahmed ihn daran verhinderte, indem er leiſe und vorſichtig zu ihm eintrat. Bahcam ging ihm mehrere Schritte entge⸗ gen und ſah ihm fragend in die Augen. „Ich komme,“ ſprach Ahmed, nachdem er ſich überzeugt hatte, daß er mit Bahcam allein war;„um von Euch neue Maaßre⸗ „geln für den nächſten Tag zu holen. Da „ich nicht weiß, wie weit Ihr, ſeit ich „Euch geſprochen habe, bei Abulfeda ge⸗ „kommen ſeyd.“ „Wie weit ich gekommen bin?“ fragte Bahcam.„Nicht weiter als ich bei unſerer „Zuſammenkunft geweſen kam ich, und ich „fürchte ſo kann es noch lange gehen. „Abulfeda's Grundſätze ſind kein ſchwacher „Damm; dem durchbrechenden Strome wer⸗ „den ſie manche Anſtrengung koſten.“ Mit dieſen Worten warf er ſich auf eine Othomane nieder. Ahmed folgte ſeinem Beiſpiele. Nachdem er neben Bahcam Platz genommen hatte, ſagte er:„Bei Ali! ich — 49 „habe mir nicht gedacht, daß Ihr, der „Schüler Mothi's, ſiegen wolit, ohne zu „kämpfen.“ „Ihr verkennt mich,“ fiel ihm Bahcam ins Wort,„wenn Ihr wähnt, ich fürchte „den Kampf. Warum ſchickte mich Kiabu⸗ „ſurgomid nicht jenen Feinden entgegen, „die das Schwert wider ihn gezogen haben „und ihm laut mit dem Untergange drohen? „In der Schlacht zu ſiegen wäre mir will⸗ „kommener als hier durch Liſt und Ueberre— „dung.“ Und unmuthig und übereilt fuhr er fort:„Ich muß geſtehen, mein Auftrag „gefällt mir nicht.“ „Dieſes Geſtändniß würde den Stab „über Euch brechen, und Euch aus der „Reihe der Aſſaſſinen wegſtreichen, wollte „ich es anzeigen,“ entgegnete Ahmed mit der größten Strenge.„Ihr habt ſo viel „ich weiß, den ganzen Kurs unſerer Lehre „durchgemacht; man hat Euch die höchſte „Stufe der Weltweisheit gezeigt; und nun „kennt Ihr Euere erſte Pflicht nicht einmal. „Soll ich Euch daran mahnen? Sollen Euch „jene Jünglinge, von welchen unſere Ge⸗ „ſchichte ſtets ſprechen wird, Soliman und 4. 50 „Juſſuf, beſchämen? Nicht ſo ſehr wie „Ihr wurden ſie ausgezeichnet, aber dennoch „unterwarfen ſie ſich blindlings dem Willen „des Großmeiſters. Kennt Ihr ihren Ge⸗ „horſam nicht?— Der Sultan der Seld⸗ „ſchugiden, Melekſchah, hatte einen Abge⸗ „ordneten an Haſſan, Sabah's Sohn, ge⸗ „ſendet, und ihn durch dieſen zum Gehor⸗ „ſam und zur Unterwürfigkeit aufgefodert. „Kaum hatte der Abgeordnete ſeinen Auf⸗ „trag beendet, ſo ſprach Haſſan zu Soli⸗ „man, der gegenwärtig war:„Morde „„Dich!“ Und dieſer ſank von eigener Hand „erdolcht zu Boden. Zu Juſſuf ſagte Haſ⸗ „ſan:„Stürze Dich vom Walle hinab!“ „Und der Jüngling lag zerſchmettert in der „Tiefe.„Auf dieſe Weiſe gehorchen mir 70,000 Getreue,“ ſprach hierauf Haſſan „zu dem Seldſchugiden.„Dies bringt „ Euerem Herrn zur Antwort.“ Kiabu⸗ „ſurgomid kann daſſelbe ſagen. Euch aber „kann er nicht zu dieſen Getreuen zählen, „denn Ihr murret ſchon bey dem geringen „Auftrage, den er Euch ertheilte, der nur „Euere Geduld, Eueren Verſtand, nicht „Euer Leben fodert.— Nie hätte ich es „geglaubt, daß Kiabuſurgomid ſich in Euch „ſo ſehr täuſchen könnte, hätte ich mich „nicht ſelbſt davon überzeugt. Ihr ſeyd „kein Aſſaſſine.“ „Ich bin ein Aſſaſſine,“ unterbrach ihn Bahcam.„Ich bin es mit ganzer Seele, „und fühle, daß mein Mißmuth über den „Auftrag mit dem Kiabuſurgomid mich „ehrte, obwohl ich noch ſo jung an Jahren „bin, ein Unrecht iſt, ja ein doppeltes Un⸗ „recht, da ich ihn meinen größten Wohl⸗ „thäter nenne. Denn nur ihm danke ich „es, daß ich zu den Eingeweihten gehöre. „Ohne ihn wäre ich nie dafür erzogen wor⸗ „den. Und dann gab er mir ja auch, mit „dieſem Auftrage die Hoffnung, ſelbſt die „Gewißheit, daß nach deſſen Vollbringung „meiner der ſchönſte Lohn, das höchſte „Glück in den Armen Emina's harret.“ Bei dieſen Worten glühten Bahcam's Blicke. Ein ſeltſames Lächeln flog über Ah⸗ med's Züge, und erſt nach einer minuten⸗ langen Stille ſprach dieſer, mit einem Tone des größten Befremdens:„Von welchem „Lohne, von welchem Glücke ſprecht Ihr, 4 52 „und was iſt's mit Emina? Kennt Ihr „jemanden mit dieſem Namen?“ Eine Purpurröthe überzog Bahcam's Ge⸗ ſicht, und er ſprach mit Feuer:„Ob ich je⸗ „manden mit dieſem Namen kenne? Bei „Ali! dieſe Frage zu beantworten, iſt „ſchwer.— Ich kenne Emina, das holdeſte „Weſen, und doch weiß ich auch wieder „nicht, ob ſie iſt, ob ſie wirklich die Erde „mit ihrem ſüßen Daſeyn beglückt.“ Ahmed fuhr ſobald Bahcam ſchwieg mit der Hand über deſſen brennende Stirn, in⸗ dem er ſpöttiſch fragte:„Wacht Ihr wirk⸗ „lich, oder ſprecht Ihr ſchon im Traume „oder im Fieber?“ Unwillig ſtieß Bahcam Ahmed's Hand von ſich, dieſer ſprach mit ſchnell angenom⸗ menem Ernſte weiter:„Seyd nicht ſo hitzig, „junger Mann! Und ſagt, was iſt's mit „Emina.“ „Ich träume nicht, auch bin ich nicht „fieberkrank,“ antwortete Bahcam. Und nach einer Pauſe, in der er ſinnend vor ſich niederſah, fuhr er fort:„Verſprecht „mir zu ſchweigen, und dann hört mich 53 „ruhig an, ſoll ich Euch mein theuerſtes „Geheimniß enthüllen.“ Ahmed verhieß dem Jünglinge mit einigen Worten Verſchwiegenheit. Hierauf ſprach dieſer:„Ich achte Euch, und bin überzeugt, „obwohl Ihr gern ſpottet, daß Ihr dies „nicht thun werdet, habe ich ausgeredet.— „Ihr wißt, daß ich erſt wenige Jahre zäh⸗ „lend Kiabuſurgomid's Gunſt ſo ſehr er⸗ „langte, daß er meinen Vater bat, mich „ihm zu überlaſſen, und daß dieſer in ſei⸗ „nen Wunſch einwilligte, da er ſein Freund „war, und ihn dann auch ſein Verſprechen „reitzte: mich zu dem Gründer unſeres Or⸗ „dens, unſerm erſten Großmeiſter, Haſfan, „zu bringen, damit dieſer mich in jene „treffliche Anſtalt aufnähme, in der Haſſan „damals ſchon viele junge Ismailiten von „den vorzüglichſten Lehrern, an deren Spitze „der große Mothi ſteht, zu Aſſaſſinen er⸗ „zogen hatte. Auch hielt Kiabuſurgomid, „den um dieſe Zeit Haſſan zum Großprior „in Irak erhob, Wort, und ich wurde „wirklich mit noch vielen andern zu einem „Aſſaſſinen gebildet; ohne daß die Sunni⸗ „ten, die mich in einem fernen Lande bei 54 „einem Vermandten meines Vaters wähn⸗ „ten, eine Ahnung davon erhielten. Als „meine Erziehung, während welcher ich „weder Kiabuſurgomid, noch meinen Vater „oder irgend jemanden meiner Familie ge⸗ „ſehen, ihrem Ende nahte und ich bereits „den Eid des Gehorſams und Schweigens „abgelegt hatte, mußte ich meine erſte „Wallfahrt nach Nadjef, dem Begräbniß⸗ „orte Ali's antreten.*) Ich bereitete mich „zu dieſem ernſten, heiligen Gange mit „aller Andacht vor, und verließ an einem „hellen Morgen, nur von einem Diener be⸗ „leitet, meinen bisherigen Aufenthalt, wo „ntir manche glückliche Stunde voräberge⸗ „zogen. Mit edeln Betrachtungen, mit „kühnen Hoffnungen durcheilte ich den mir „vorgezeichneten Pfad. Es wurde Abend, „und ich hatte ſeit dem Beginnen meiner „Wanderung nur ein einzigesmal geruhet „und mich mit einigen Erfriſchungen er⸗ „quickt. Jetzt aber fühlte ich mich ſehr er⸗ müdet, und ein heißer Durſt überfiel mi „ Die Ismailiten wallfahrten anſtatt nac Mekka nach Nadjef, à Tagreiſen von Bagdad. „Dem Orte, wo ich zu übernachten ge⸗ „dachte, war ich ungefähr nur noch eine „Stunde fern; leicht konnte ich dieſe, hatte „ich kurze Zeit geruhet, in des Abendkühle „zurücklegen. Ich warf mich deshalb unter „eine Ceder nieder, und foderte von meinem „Diener etwas zum Trinken. Dieſer über⸗ „reichte mir in einer Schaale ein angeneh⸗ „mes mir unbekanntes Getränke, das er, „wie er ſagte, ſelbſt zubereitet hatte. ch „trank aus Durſt alles, und verfiel gleich „darauf in einen feſten Schlaf. Er währte „lange, ja Tage währte er, wenn das was ich „ſah, im Traume ſah, wirklich nur ein Traum „geweſen. Zwar kann ich dies nicht glauben, „obwohl mich alles zu dem Glauben daran „zwingt; ich kann mir nicht denken, daß „es möglich iſt, ſo lange und ſo lebendig „zu träumen. Und doch kann ich nur ge⸗ „träumt haben, da alles was ich in jenem „Zeitraume erlebte, da all mein Glück und „alle Wonne in der Wirklichkeit wieder „von mir gewichen war.“ Bahcam ſchwieg einige Augenblicke in ſüße Erinnerungen verloren. Ahmed ſah erwar⸗ tungsvoll auf ihn, und mit vielem Ernſte 56 horte er ihm zu als er alſo fortfuhr:„Ich „muß Euch räthſelhaft erſcheinen, iſt mir „ſelbſt ja doch ſeitdem manches zum Räthſel „geworden. Ich ſchlief, und— erwachte. „Wenigſtens war es mir als erwachte ich, „obwohl ich dies nur kann geträumt haben, „da ich mich ja doch erſt ſpäter wirklich „aus dem Schlafe losriß, um nimmer den „Traum, der in ihm mir vorüberzog, „vergeſſen zu können.— Ich erwachte, „oder ich träumte vielmehr zu erwachen, „und befand mich, ſtatt auf der Stelle wo „ich eingeſchlafen, in einem ſeligen mir „gänzlich unbekannten Lande. Ich blickte „ſtaunend umher und konnte nicht begrei⸗ „fen, wie ich in die ſchöne Gegend gekom⸗ „men, die der Schilderung vom Paradieſe „ähnlich war. Die Neugierde trieb mich „endlich weiter. Ich hatte mich bisher in „einem blumenprangenden Thale befunden, „das grüne Höhen umzogen, welchen viele „Quellen ſpielend entfloſſen. Jetzt kam ich „auf eine duftende Wieſe; ihr zur Seite „glänzte ein ſtiller See, um deſſen Ufer „blühten tauſenderlei Blumen. Ich war „entzückt von allem was ich ſah, und ver⸗ 57 „lor mich immer tiefer in die wunderſchöne „Landſchaft. Mit einemmale vernahm ich „einen wilden Lärmen; ich wandte meine „Schritte zu demſelben und trennte mehrere „verwachſene Gebüſche, die meinem Blicke „die Ausſicht misgönnten. Kaum lagen „dieſe hinter mir, als ich einen Waſſerfall „gewahrte, der ſich von einem hohen Fel⸗ „ſen brauſend in einen ſchäumenden Bach „ſtürzte. Des Baches Lauf lockte mich mit „ſich. Bald floß er ſchweigend, ſilberrein „durch grüne Gefilde. Ein Wald mit ſeinen „dunkeln Schatten leitete mich von dem „hellen Bache hinweg in ſeine kühlen Räume. „Süße Früchte labten mich in ihm, wäh⸗ „rend auf jedem Baume die ſchönſten Vögel „ſangen, der laueſte Weſt mich umwehte „und mir die gewürzigſten Blumendüfte „zuhauchte. Ich ging weiter und immer „weiter, und ſtand endlich vor einem höchſt „kunſtvoll gebauten Schloſſe. Ich nahte „dem Eingange des herrlichen und bewun⸗ „derungswerthen Gebäudes. Eine bezau⸗ „bernde Muſik ſchlug daraus an mein Ohr, „indem die reinſten Zythertöne ein wolluſt⸗ „volles Lied begleiteten. Ich konnte es 58 „nicht unterlaſſen, ich mußte in das Schloß, „zu ſeiner Bewohnerin, der kunſtgeübten „Sängerin. Ich riß die Thür des Ein⸗ „ganges auf. Meine Blicke flogen umher. „Manches Schöne, Herrliche ſah mir unter „dem köſtlichſten Dufte entgegen, nur die „Sängerin nicht. Ihr Geſang aber drang „durch die balſamiſchſte Luft zu mir, und „erweckte in meiner Bruſt ein namenloſes „Sehnen, und führte mich in ein Gemach, „in dem eine murmelnde Quelle in ein „Marmorbecken rann, und eine ſanfte Helle „herrſchte, die durch die Decke niederfloß. „Ich trat zagend ein, obwohl ein ſeliges „Gefühl, eine ſüße Ahnung mich ergriff. „Sobald mein Fuß das kühle Gemach betrat, „ſchwieg die holde Sängerin. Doch meinem „Blicke war ſie nun nicht mehr fern. Das „ſchönſte Weib, das ich bisher geſehen, ſaß „vor mir auf einer weichen Othomane, die „Zyther ruhte noch in ihrer Hand. Erlaßt „es mir die Reitzende zu beſchreiben, denn „ich vermag es nicht. Ich nahte ihr, ich „„ſank vor ihr auf die Kniee. Ich ſprach, „ſie antwortete; ich hörte den Klang ihrer „Rede, und fühlte mich berauſcht davon. „Bald befand ich mich an ihrer Seite; ich „durfte ſie mit meinen Armen umfaſſen— „und ſie ward mein, und die ſeligſten „Stunden zogen mir nun vorüber. Emina „nannte ſich die Holde, Emina nannten ſie „ihre Dienerinnen. Schön, wie die auf⸗ „brechende Roſe, waren alle; doch keine „konnte ſich mit Emina vergleichen. Mir „floſſen nun mehrere himmliſche Tage, we⸗ „nigſtens träumte ich dies, mit der Gelieb⸗ „ten in ihrem Himmelsaufenthalte vorüber. „Sie wurde mir immer theuerer, immer „unentbehrlicher. Unzählig oft ſchwur ich „ihr ewige Liebe; unzählig oft betheuerte „ſie, nur mir, mir allein angehören zu „wollen, und mit flammenden Küſſen beſie⸗ „gelte ſie ſtets ihre Betheuerungen. Doch „ich will kurz ſeyn, wie es mein Glück ge⸗ „weſen.— Beſeligt ruhte ich eines Abends „in Emina's weichen Armen; ſanft breitete „der Schlaf ſeine Flügel über mich aus, „frohe Träume folgten ihm, ſie bemächtig⸗ „ten ſich meiner, und ich träumte in dein „Traume. Sie ſchwanden wieder, der „Schlaf entfloh, mit ihm mein Glück. Ich „erwachte, erwachte in der Wirklichkeit. 60 „Heiß brannte die Sonne über mir. Der „Wohnſitz Emina's war entſchwunden— „ſie hatte ich verloren! Ich rieb mir die „Augen, ich fühlte mich an; ich wachte, „wachte unter jener Ceder unter der mich „der ſeligſte Schlaf überfallen, und ſtatt „Emina gewahrte ich an meiner Seite mei⸗ „nen ſchlaftrunkenen Diener. Mich ergriff „ein heftiger Schmerz. Ich verſuchte es „auf's neue ſchlafen zu können, hoffend „dann wieder von Emina und der Selig⸗ „keit in ihren Armen zu träumen. Mein „Wunſch blieb unerfüllt. Ich raffte mich „endlich empor. Ich fragte meinen Diener „um die Zeit; ich wollte von ihm wiſſen, „wie lange ich geſchlafen— doch auch er „war erſt erwachet. Tage lang hatte aber „mein und auch ſein Schlaf gewährt, davon „überzeugte ich mich bald.— Allein an „mein zerronnenes Glück, an Emina den⸗ „kend, und im Kampfe mit der Ueberzeu⸗ „gung daß ich nur geträumet, und jener „daß dies nicht möglich ſey, ſetzte ich meine „Wallfahrt fort. Ich hatte nun keinen an⸗ „dern, keinen heißeren Wunſch als Emina „wiederzuſehen. Dieſer Wunſch begleitete 6⁴ „mich nach Nadjef, er verließ mich an dem „Grabe Ali's nicht, er folgte mir auf mei⸗ „nem Rückwege, er iſt noch jetzt mein „treuer Begleiter, er wird es bis zu mei⸗ „nem Tode ſeyn. Bei meiner Heimkehr „warf ich mich wieder unter jenen Baum, „wo ich ſo ſüß, ſo himmliſch ſüß geträumt. „Ich hoffte noch einmal unter ihm zu träu⸗ „men. Ich hoffte vergebens! Kein Schlaf „ſchloß meine Augen, kein Traum ſank auf „mich hernieder.— Trübe, ſchwermüthig „kam ich zu meinen Jugendgenoſſen zurück. „Ihre Freuden, ihre Vergnügungen erreg⸗ „ten in mir nur Eckel; was mich ſonſt an⸗ „gezogen, war mir znwider geworden.— „Gleich nach meiner Rückkehr ſtarb Haſſan, „nachdem er vor ſeinem Tode Kiabuſurgo⸗ „mid, den getreuſten Verbreiter ſeiner Lehre, „zu ſeinem Nachfolger ernannt hatte. Kurz „darauf mußte ich den letzten Eid ablegen, „wodurch ich zu einem Eingeweihten wurde. „Nun wurde ich in die Farbe der Unſchuld „und des Blutes, wie alle Aſſaſſinen, ge⸗ „kleidet und mit einem geheiligten Dolche „bewaffnet, und nach Alamut geſendet, um „auf des neuen Großmeiſters Befehle zu —————— „harren. In Alamut ſah ich nach vielen Jah⸗ „ren Kiabuſurgomid endlich wieder. Weiß „gekleidet mit einem rothen Turban, rothen „Stiefeln und einem Gürtel von derſelben „Farbe, wie alle des Ordens es tragen, „trat er mir entgegen. Er hatte manche „Frage, manche Lehre, bevor er mir den „Auftrag, der mich hieher führte und den „Ihr kennt, übergab. Hierauf fing er von „Emina, von der ich doch nur träumte, „zu ſprechen an. Er erzählte mir von ihr, „von ihrem Aufenthalte, von dem Glücke „das ich bei ihr genoſſen; dann aber auch „von neuen Wonnen, die meiner in ihren „Armen harren, ſobald ich das Werk voll⸗ „bracht habe, für das er midh beſtimmte „und das mit dem Auftrage begann, den „ich nun zu vollziehen im Begriffe ſtehe. „Dabei nannte er Emina aber mehrmals „nur ein ſchönes Traumgebild, das erſt „durch meinen Gehorſam Leben erhalten „werde. Viele Fragen erfüllten mich, doch „hatte ich nicht den Muth ſie auszuſprechen. „Und ich verließ an der ſchönſten Hoffnung „reich Kiabuſurgomid, der meinen Traum „wußte, den ich doch keinem Menſchen ver⸗ 6 7 65 „traute, und meinen Schmerz und meine „Sehnſucht kannte, ohne daß ich ihm mein „Inneres entfaltete. Haſtig und verkleidet, „damit man mich nicht als Aſſaſſine er⸗ „kennt, eilte ich zur Vollführung ſeines „Willens. Im Fluge ſah ich meinen Vater, „meine Brüder, weil es Kiabuſurgomid „verlangte; mächtig aber zog es mich fort, „hieher, und jeder Aufenthalt durchſchnei⸗ „det mein Herz, denn er entfernt mich von „Emina.“ „Jetzt verſtehe ich Euch,“ ſprach nun Ahmed.„Und ich begreife, daß Ihr unge⸗ „duldig und verdrüßlich ſeyd, ſeit Ihr die „Entdeckung gemacht, daß Abulfeda nicht „ſo leicht, als Ihr wahrſcheinlich erwartet „habt und als Ihr wünſchet, zu gewin⸗ „nen iſt.“ „Schweres fodert der Alte vom Gebirge „von mir,“ unterbrach ihn Bahcam.„Ei⸗ „nen langſamen Weg, den der Liſt und „Ueberredung, hat er mir als den zu mei⸗ „nem Glücke gezeigt, auf deſſen Wieder⸗ „kehr ich nun aber zuverſichtlich hoffe, da „er es mir verhieß.“ Noch ſprach er, als auf's neue die fernen — Zythertöne ſich hören ließen, die gleich beim Beginnen ſeiner Erzählung geſchwie⸗„ gen hatten. Er lauſchte einige Augenblicke, dann ſagte er:„Geſtern ſchon glaubte ich „Emina's Zyther, Emina's künſtleriſches „Spiel zu vernehmen. Ach, alles muß mich „an die Reizende, an den Traum von ihr „erinnern, und meine Sehnſucht ſteigern!“— Und nach einer Pauſe fragte er:„Wißt „Ihr nicht, wer ſo ſeelenvolle Geſänge dem „melodieenreichen Inſtrumente entlockt?“ Ahmed antwortete:„Auch ich hörte ge⸗ „ſtern die überaus anziehende Muſik, und „erfuhr, auf meine Fragen danach, von „den Dienern des Emirs, daß deſſen Toch⸗ „ter Fatima, die von mir bewunderte „Künſtlerin ſey.“ Hierauf kam er auf Bahcam's Traum zu⸗ rück. Er ſprach manches darüber, wie auch über die Verheißung des Scheich's von Alamut; und gab Bahcam durch mehrere Beiſpiele, die er erzählte, die Verſicherung: daß das Glück, das er träumend einige Tage genoſſen habe, ſicher nur eine Vorah⸗ nung von dem weit größeren geweſen ſey, das er ſich durch ſeinen Gehorſam gegen Kiabuſurgomid's Befehle erwerben werde. Mit Entzücken hörte Bahcam auf den Spre⸗ chenden, und als dieſer geendet hatte, ſank er ihm heftig an die Bruſt. Ahmed ſah mit einem Triumpheslächeln auf den entzück⸗ ten Schwärmer, den er endlich verließ. Dieſer durchkreuzte noch einige Zeit das Gemach, dann warf er ſich auf ein Ruhe⸗ bett nieder, wo der Schlaf auf mehrere Stunden ihm die Arme öffnete. Die folgenden Tage war Bahcam uner⸗ müdlich auf die Weiſe, die er ſich ausge⸗ dacht, Abulfeda und Abdollah für die Sache des Großmeiſters zu gewinnen. Bei dem Erſteren blieben jedoch alle ſeine Verſuche vergeblich. Bei Abdollah war er aber bald ſo weit, daß er es wagte, ſich ihm als Is⸗ mailit, ja ſelbſt als Aſſaſſine zu erkennen zu geben. Denn dieſer hatte ſchon früher mit ismailitiſchen Miſſionarien Bekanntſchaft gemacht, und nicht waren ihre Lehren bei ihm ohne Wirkung geblieben, obwohl er ſich bisher noch immer gegen dieſelben er⸗ klärte. Mehr aber noch als durch Bahcam's Be⸗ mühungen wurde Abdollah durch Ahmed's . 5 — Beredſamkeit gewonnen, mit der dieſer ihn nach kurzer Zeit überzeugte, daß die Lehre der Ismailiten die allein wahre ſey. Kaum war dies Ahmed geglückt, ſo bat ihn Ab⸗ dollah, der ihn unterdeſſen unter ſeiner Larve als einen der erſten der Aſſaſſinen hatte kennen gelernt, im Namen des fate⸗ mitiſchen Chalifen ſeine Huldigung anzu⸗ nehmen. Was auch nach einer erkünſtelten Weigerung von Ahmed's Seiten geſchah. Gegen den Orden der Aſſaſſinen blieb Ab⸗ dollah aber fortwährend eingenommen. Deſ⸗ ſenungeachtet verhehlte ihm Bahcam, ſobald er dazu Gelegenheit fand, nun nicht mehr länger: daß der Auftrag ſeines Vaters, ob⸗ wohl dieſer jenen Landſchafts⸗Verkauf ernſt⸗ lich vorgeſchlagen, doch nur ein Vorwand ſey, um ſich damit Eingang und einen Grund zu einem Aufenthalte auf dem Schloſſe zu verſchaffeh. Alsdann theilte er ihm aus⸗ führlich den Plan des Alten vom Gebirge mit. Nach einigem Bedenken willigte Ab⸗ dollah in denſelben ein. Hierauf ſagte er: „Euer Verſuch, meinen Vater zu gewin⸗ „nen, iſt gut ausgedacht. Aber doch wer⸗ „det Ihr Euch täuſchen. Denn dieſer wird 67 „nicht von ſeinen Grundſätzen, und dem, „was ihm ſeit vielen Jahren als Pflicht „erſchien, weichen. Ihr ſeid deßhalb noch „um keinen Schritt der Ausführung Eue⸗ „res Auftrages näher gerückt. Mit jedem „Tage kann Euer Bote zurückkehren, und „Ihr habt hier noch nichts durchgeſetzt. „Durch deſſen Zurückkehr wird Euch aber „die Ausſicht auf ein längeres Bleiben ge⸗ „nommen, da nicht zu zweifeln iſt, daß „Athamiſch in die begehrte Abänderung in „ſeinen Bedingungen willigen wird, und „Ihr durch Euere bisher vorgeſchützte Un⸗ „geduld über die Verzögerung Euerer Ab⸗ „reiſe, meinem Vater den Muth genom⸗ „men habt, Euch ferner hier aufzuhalten.“ „Seyd unbeſorgt,“ entgegnete Bahcam. „Mein Bote wird nicht eher zurückkehren, „als bis ich es verlange, denn er iſt nicht „gegen Maßiat zu meinem Vater, der mir „unbedingte Vollmacht zur Abſchließung je⸗ „nes Handels gegeben, ſondern zu Saleh, „dem Anhänger unſeres Ordens, der mit Kia⸗ „buſurgomid's Planen bekannt iſt, gezogen, „und harret auf Saleh's Schloſſe auf mei⸗ „ne fernern Befehle. Ja, nächſtens werde 5 „ 68 „ich ſchein bar einen zweiten Boten an mei⸗ „nen Vater abſenden, der aber denſelben „Weg wie jener Erſte einſchlagen wird, „um neuerdings Abulfeda irre zu leiten. „Während er die Rückkehr meiner Diener „erwartet, wird es mir doch endlich ge⸗ „lingen, ihn für des Großmeiſters Sache „einzunehmen. Geſchähe dies aber auch „nicht, ſo habe ich noch andere Mittel, „meine Entfernung aus Euerem Schloſſe „zu verzögern. Doch haſſe ich jede Ver⸗ „zögerung, und es wäre mir lieb, ich „hätte die Abſendung eines zweiten Boten „nicht nöthig. Ihr kennt Eueren Vater, „und wißt gewiß, wie ich ihn für eine „Sache geneigt machen kann, gegen die er „ſich bisher erklärte.“ Abdollah zuckte die Achſeln, und antwor⸗ tete:„Ich kenne meinen Vater, aber ge⸗ „rade deßhalb kenne ich auch die Schwierig⸗ „keiten, die bei ihm dem Plane des Scheich's „von Alamut entgegenſtehen. Soll ich Euch „rathen, ſo verſucht es, ihn auf dem Wege „der Wahrheit und des Vertrauens für des „Großmeiſters Sache zu ſtimmen. Sagt 69 „ihm unverhohlen den wahren Grund Eue⸗ „res Hierſeyns.“ „Dies darf ich nicht,“ erwiederte Bah⸗ cam.„Ausdrücklich hat mir dies Kiabu⸗ „ſurgomid verboten.“ „Dies iſt ſchlimm, und gefällt mir an „Kiabuſurgomid nicht,“ entgegnete Abdol⸗ lah.„Wahrheit, Offenheit liebe ich. Der „Scheich von Alamut geht aber ſtets auf „ Schleichwegen. 4 Unwillig fuhr Bahcam auf. Abdollah ſprach weiter:„Laßt Euch durch meine „Rede nicht beleidigen. Ich bin Euer, „bin dem Scheich und werde ihm dienen „gegen ſeine Widerſacher, den Chalifen von „Bagdad und den Sultan Sandſchar. Meine „Meinung aber über ſeine gewöhnlich hinter⸗ „liſtige Handlungsweiſe bleibt immer die⸗ „ſelbe, und den Bund der Aſſaſſinen „haſſe ich.“ Bahcam riß zornflammend das Schwert von der Seite, und rief:„Dieſe freche „Rede fodert Blut. Der Aſſaſſine duldet „keine Beleidigung ſeines Bundes. Ziehet!“ Abdollah erwiederte:„Mäßigt Euch, „und ſeyd kein Thor. Euer Großmeiſter 70 „wird es Euch wenig danken, wenn er er⸗ „fährt, daß Ihr im Zorne mich niederge⸗ „ſtoßen habt, oder daß Ihr von meiner „Hand gefallen ſeyd; da Ihr durch einen „blutigen Streit mit mir, ſeine Pläne, „meinen Vater betreffend, doch ſicher durch⸗ „aus zerſtört.“ „Ziehet, ſtatt zu ſprechen!“ rief der Gereitzte den Boden ſtampfend.„Ziehet!“ „Gegen meines Vaters Gaſt hebe ich „das Schwert nicht,“ antwortete Ab⸗ dollah. „Weil Ihr feige und nicht würdig ſeyd, „Abulfeda's Sohn zu heißen!“ ſchmähte Bahcam. „Das iſt zu viel!“ rief nun Abdollah, und zog ſeinen Säbel. In demſelben Au⸗ genblicke ſtürzte Ahmed, der den Lärmen hörte, herbei, und trennte die Erhitzten.— „Denkt an Emina, an die Verſprechungen „des Alten vom Gebirge,“ ſagte er leiſe zu Bahcam.„Ehrt den Gaſt Eueres Va⸗ „ters, den Boten Kiabuſurgomid's, und „Eueres neuen Glaubens Genoſſen,“ ſprach er zu Abdollah. Und zu beiden ſagte ers „Bedenkt„zu was Euer Streit führen tann. — 71 „Steckt Euere Säbel ein, und reicht Euch „die Hände.“ Bahcam und Abdollah beſolgten Ahmed's Willen. Wenige Worte entdeckten dieſem den Grund ihres Zwiſtes. Er ſchüttelte un⸗ zufrieden das Haupt, und warf einen miß⸗ billigenden Blick Bahcam zu. Dieſer reichte hierauf nochmals Abdollah die Hand, und bat ihn ſehr herzlich, ihm ſeine Heftigkeit zu verzeihen. Abdollah ſchloß ihn völlig ausgeſöhnt in die Arme. Und nun ſetzten ſich die 3 Verbündeten zuſammen, um zu berathen, auf welche Weiſe Abulfeda am erſten für des Großmeiſters Abſichten zu gewinnen ſey. Ahmed hatte manchen Vor⸗ ſchlag, Abdollah verwarf aber alle, in⸗ dem er deren Nichtigkeit bewies. Endlich ſagte er:„Ich weiß nur einen Weg, auf „welchem es nicht durchaus unmöglich iſt, „meinen Vater zum Abfalle von ſeinem bis⸗ „herigen Herrn, dem Sultane der Seld⸗ ſchugiden zu bewegen, und ihn dann ſei⸗ „nem Glauben, mit dem er an dem Chali⸗ „fen von Bagdad hängt, untreu zu machen.“ Und nach einigem Sinnen fuhr er fort: „Doch nein, für uns iſt er nicht. Und es W „war Unſinn von mir, nur eine Sylbe da⸗ „rüber zu verlieren.“ Bahcam und Ahmed ſahen ihn fragend an, und drangen in ihn, ihnen ſeine ſo ſchnell Idee mitzutheilen. Er antwortete:„Ihr werdet ſelbſt, ſobald ich „ ſie Euch geſagt habe, ihre Albernheit ein⸗ „ſehen. Denn ich habe zu ihrer Ausfüh⸗ „rung keine Mittel in Händen, und Euch „liegen ſie noch weit ferner als mir.“ Und nach einer kurzen Pauſe, in der Bah⸗ cam einige Ungeduld verrieth, ſprach er weiter:„Ich habe eine Schweſter, Fatima „heißt ſie. Sie iſt der Liebling meines „Vaters. Und was bisher noch niemand „über ihn vermochte, das gelang ihr. „Wäre ſie nun für die Sache Eueres Groß⸗ „meiſters zu gewinnen, ſo könnte es mög⸗ „lich ſeyn, daß ihrer Ueberredung es ge⸗ „länge, meinen Vater dafür geneigt zu „machen. Doch wie ſie gewinnen 5— Ich „bin mit ihr entzweit; ſie will mich nicht „ſehen. Auch übte ich noch niemals Ein⸗ „fluß auf ſie aus. Ihr aber habt keinen „Zutritt bei ihr, und keiner ihrer Diener „taugt für unſern Plan. Deßhalb war es 73 „Thorheit, daß ich darauf verfiel; obwohl „ſie die einzige iſt, die hierin mit Erfolg „für uns handeln könnte.“ Ahmed hatte mit der größten Aufmerk⸗ ſamkeit auf ein jedes Wort Abdollah's ge⸗ hört. Er ſann nun einige Zeit nach, dann ſagte er:„Was Ihr ſo ſehr ſchwer findet, „iſt doch immer keine Unmöglichkeit. Fatima, „glaubt Ihr, kann uns Eueren Vater ge⸗ „ben. Warum könnt Ihr dies aber nicht „auf dieſelbe Weiſe wie ſie?“ „Ich vermag von jeher nichts über ihn,“ antwortete Abdollah.„Was ich auch ver⸗ „ſuchen wollte, würde vergeblich ſeyn.“ „Nun denn,“ hob Ahmed mit Zuverſicht an,„ſo ſoll Fatima unſer Geheimniß er⸗ „fahren, ſo weit ſie es erfahren darf. „Bahcam muß mit ihr ſprechen.“ „Dies zu ſagen iſt leicht, wie aber wollt „Ihr das Geſagte ausführen?“ entgegnete Abdollah. „Noch weiß ich es nicht, doch hoffe ich „es bald zu wiſſen,“ antwortete Ahmed. Und mit ſtolz erhobenem Haupte und flam⸗ menden Blicken fuhr er fort:„Es iſt Euch „bekannt, daß ich ein Aſſaſſine, ein geprüf⸗ „ter Aſſaſſine bin, und Ihr könnt noch fra⸗ „gen. Ihr verwerft unſeren Orden, deſſen⸗ „ungeachtet kennt Ihr dieſen wie uns ſchlecht. „Wißt Ihr doch nicht einmal, daß uns al⸗ „les was zu erreichen möglich, auch erreich⸗ „bar iſt, daß wir in allem geübt ſind, und „daß der würdige Aſſaſſine mit der größten „Umſicht und Kühnheit handelt und nichts „fürchtet.“ Abdollah gab dies zu. Aber doch zwei⸗ felte er an der Möglichkeit der Ausführung des Planes, Fatima zu ſprechen und zu ge⸗ winnen, den Ahmed zu entwerfen und mit Bahcam zu vollführen verſprach. Bahcam aber ſah voll Vertrauen auf den nun nach⸗ ſinnenden Ahmed. Und höchſt zuverſichtlich blickte er ihm nach, als er ſie kurz darauf mit dem Verſprechen verließ: ſie ſehr bald mit ſeinem Entwurfe, der jetzt noch ganz verworren ſeinen Kopf durchkreuze, bekannt zu machen. Des andern Tags bekam Bahcam Ahmed lange nicht zu Geſicht. Und als er nach ihm bei ſeinen Begleitern fragte, ſagten dieſe ihm: ſie hätten ihn ſchon in aller Frühe zu Taher ſchleichen und noch nicht von 75 dieſem zurückkommen geſehen. Auch war Taher, der ſonſt überall zu finden war, nirgends zu entdecken. Bahcam und auch Abdollah waren überzeugt, daß Ahmed durch Taher Fatima beizukommen ſuche. Abdollah ſah darin keinen ſchlechten Plan, da Taher viel bei Fatima galt und täglich bei ihr er⸗ ſcheinen durfte. Bahcam aber fürchtete Ta⸗ her's Geſchwätzigkeit und Neugierde, ob⸗ wohl er gewiß war, daß Ahmed ihm nicht den wahren Grund entdecken würde, der ihn nach Fatima's Gegenwart verlangen machte. Erſt des Nachmittags ließ ſich Ta⸗ her wieder blicken. Er that äußerſt geſchäf⸗ tig, warf auch Bahcam einigemal bedeu⸗ tungsvolle Blicke zu, die dieſer jedoch nicht verſtand, da er noch nicht mit Ahmed ge⸗ ſprochen hatte. Auch dieſen ſah Bahcam nun zu ſeinen Genoſſen eilen, doch fand er ihn nicht, als er ihn ſpäter bei denſelben aufſuchte. Des Abends trat endlich Ahmed in Bah⸗ cam's Gemächer, wo ſich auch Abdollah be⸗ fand. Gleich nachdem ſie ſich begrüßt hat⸗ ten, ſagte Ahmed zu Bahcam:„Haltet Euch „bereit, in einer Stunde wird Taher kom⸗ 76 „men um Euch zu Fatima abzuholen. Sie „erwartet Euch.“ „Wie iſt Euch das gelungen?“ fragten Abdollah und Bahcam zugleich. „So gar ſchwer war es nicht,“ antwor⸗ tete Ahmed.„Ein Unglück, das Abulfeda's „Haus vor vielen Jahren traf, diente mir „dazu. Ich erfuhr die traurige Geſchichte „gleich in den erſten Tagen unſeres Hierſeyns „von den Dienern Abulfeda's. Euch Bah⸗ „cam iſt ſie, ſo viel ich weiß, unbekannt; „darum vernehmt ſie jetzt von mir. Was „ich dabei überhörte, oder jene, die ſie „mir erzählten, vergaßen, mag Abdollah „ergänzen; denn es iſt durchaus nöthig, „daß Ihr alles wißt, um Fatima auf einige „Zeit zu täuſchen.“ Bahcam und Abdollah blickten ent voll auf den Sprechenden, dieſer fuhr alſo fort:„Es ſind nun 16 Jahre, daß Abul⸗ „feda's Gemahlin, die Mutter Abdollah's „und Fatima's, die reizende Emira, zum „drittenmale niederkam, und dem glücklichen „Abulfeda ein liebliches Mädchen ſchenkte. „Wer das Kind geſehen, war entzückt von „ihm; vor allen aber war es Abulfeda, 77 „der in dem zarten Weſen ganz das Eben⸗ „bild ſeiner geliebten Emira erblickte. Sein „Entzücken währte aber nur wenige Tage. „Die dritte Nacht, die dem Kinde aufging, „brach Feuer in einigen Zimmern des „Schloſſes aus. Es entſtand ein fürchterli⸗ „cher Lärm und eine große Unordnung, in⸗ „dem viele ſich und ihre Habe zu ſichern „ſuchten, während wieder andere alles auf⸗ „boten das Feuer zu löſchen. Emira lag „mit ihrem neugeborenen Mädchen in jenem „Theile des Schloſſes, den jetzt Fatima be⸗ „wohnt. Ganz auf der entgegengeſetzten „Seite tobte das Feuer, für die Wöchnerin „war deshalb nichts zu befürchten; deſto „mehr aber für Abdollah und Fatima, „die ſeit Emira's Niederkunft, nach Abul⸗ „feda's Willen, gänzlich von ihr und ihren „Dienern getrennt waren, und gerade in „zwei der brennenden Zimmer ſchliefen. „Abulfeda eilte in dieſe, ſeine Lieblinge zu retten. Auch gelang ihm dies. Er brachte „dieKleinen in Sicherheit, und bemühte „ſich dann, gleich manchem andern, das „Feuer zu bezwingen. Unterdeſſen, ſo er⸗ „zählten die Wärterinnen, die bei Emira 78 „und dem Kinde in Todesangſt zurückge⸗ „blieben, hatte eine heftige Unruhe Emira „befallen. Die anweſenden Frauen ſuchten „ſie davon zu befreien. Während ſie dies „thaten, war eine hohe, in einen weiten „dunkeln Mantel gehüllte, männliche Ge⸗ „ſtalt in das Gemach geſchlichen und zu „dem Bette des Kindes getreten. Emira „bemerkte dies zuerſt und ſchrie ängſtlich „auf. Jetzt ſahen auch die andern die Er⸗ „ſcheinung. Einige behaupteten es ſey ein „Geiſt geweſen, doch andere verwarfen dies. „Alle ſtimmten aber darin überein: daß die „Geſtalt, ſobald ſie ſich bemerkt geſehen, „einen furchtbaren, durchdringenden Blick „den Erſchreckten zugeworfen, mit der Hand „ihnen gedrohet, dann ſchnell ſich zu dem „Kinde gewendet, es ergriffen und unter „den Mantel verborgen, und mit eilenden „Schritten, und einem höhniſchen lauten La⸗ „chen über das allen Anweſenden der letzte „Funke des Muthes erloſchen ſey, das Ge⸗ „mach verlaſſen habe. Erſt als ſich die be⸗ „benden, aus Furcht faſt bewußtloſen Wär⸗ „terinnen wieder erholt und einigermaßen „geſammelt hatten, machten ſie Lärmen. 79 — „Anfangs wurde darauf aber nur wenig „geachtet, da das Feuer noch nicht erſtickt, „der Mehrſten Aufmerkſamkeit daher zu die⸗ „ſem gewendet war. Als man endlich die „Weheklagenden mit Ruhe und Geduld an⸗ „hörte und Anſtalten traf den Kindesräuber „zu verfolgen, denn nur wenige glaubten „an die Erſcheinung eines Geſpenſtes, war „dieſer entflohen und nicht das geringſte „von ihm aufzufinden. So groß Abulfeda's „Freude nach der glücklichen Entbindung „Emira's geweſen, ſo unbeſchreiblich war „nun ſeine Verzweiflung. Denn er hatte „nicht allein ſein holdes Kind, ſondern „auch ſeine vielgeliebte Gattin, Emira, ver⸗ „loren. Der Schrecken hatte ſie getödtet. „Als eine Leiche fanden ſie die wiederkeh⸗ „renden Frauen, die ſie nach der erſten „Angſt verlaſſen hatten, um durch ihr Jam⸗ „mern den Raub des Kindes zu verkünden.“ „So iſt es,“ ſprach Abdollah.„Mir „wurde die Schweſter geraubt und dadurch „die Mutter gemordet.— Ich war damals „noch ein kleiner Knabe. Aber doch werde „ich jene Nacht und die Verzweiflung mei⸗ „nes Vaters nicht vergeſſen. Auch wird 80⁰ „nie das Bild meiner ſchönen, todten Mut⸗ „ter, die man uns Kindern des andern „Morgens zeigte, in meiner Erinnerung „erlöſchen.— Was aber ſoll dies? das „Unglück meiner Familie werdet Ihr doch „nicht für Eueren Auftrag benutzen wollen?“ „Und warum denn nicht?“ fragte Ah⸗ med.„Ich kann damit keine Wunde in „Euerer Schweſter Bruſt aufreißen, da ſie „nur ein Kind war als dies trauerige Er⸗ „eigniß geſchah, ſie kaum die Mutter, kaum „die Schweſter kannte, und ſie Mutter „und Schweſter und jene unſelige Nacht „ſicher ſchon nach den erſten Tagen, die „darauf folgten, vergeſſen haben würde, „hätte man ſie nicht immer wieder daran „erinnert, durch die unaufhörlichen Erzäh⸗ „lungen davon.“ Er ſchwieg nach dieſer „Entgegnung einige Augenblicke, dann ſagte „er gegen Bahcam gewendet:„Noch lange „ſtrebte Abulfeda eine Spur ſeines Kindes „zu entdecken. Es war umſonſt, und er „betrauert nun ſchon ſeit geraumer Zeit das „Verſchwundene als todt.“ „Iſt er vielleicht hierin im Irrthume?“ unterbrach ihn Abdollah raſch.„Lebt meine „Schweſter noch, und wißt Ihr von ihr „Ich?“ fragte Ahmed.„Wo denkt Ihr „hin? Habt Ihr vergeſſen, daß ich nur das „erzählte, was ich durch Eueres Vaters „Diener erfuhr?— Mir war ehe ich hie⸗ „her kam nicht das mindeſte von der gan⸗ „zen Sache bekannt, und ich weiß nicht ob „Euere Schweſter lebt, oder ob ſie bei den „Todten iſt. Aber doch regt ſich jetzt ſchon „die Hoffnung ſie lebe, durch Taher, der „gleichfalls daran glaubt, aufgeweckt, in „Fatima's Bruſt. Und Bahcam wird Fa⸗ „tima ſehen, um ſie noch mehr in dieſer „Hoffnung zu beſtärken.“ „Wie aber kann ich dies, da ich von jenem „Ereigniſſe nicht mehr weiß, als was ich eben „von Euch erfahren habe?“ fragte Bahcam. „Ich werde hierin Euer Lehrer ſeyn,“ antwortete Ahmed.„Was ich Euch von „dem geraubten Kinde Abulfeda's erzählte, „erzählt Ihr Fatima wieder. Taher wird da⸗ „bei gegenwärtig ſeyn. Während dem ſucht „dem mittlern Fenſter des Gemaches in dem „ſie Euch, wie ich durch Taher weiß, em⸗ „pfangen wird, und das gewöhnlich offen 6 82 „iſt, zu nahen. Seyd Ihr am Ende von „dem, was Ihr über jenen Kindesraub von „mir vernommen habt, ſo laßt, wie zufällig, „Euer Taſchentuch zu dem Fenſter hinausfal⸗ „len. Es wird gleich darauf ein von mir ver⸗ „anlaßtes Geräuſch entſtehen. Ihr haltet Euch „dann nicht ſicher. Auch iſt zu erwarten, „daß Taher auf Euere Entfernung dringen „wird, und Ihr verlaſſet deshalb Fatima „mit der Bitte: ſie wiederſehen zu dürfen, „um ihr Euere Vermuthung über das Le⸗ „ben ihrer Schweſter völlig mitzutheilen; „indeſſen aber nichts ihrem Vater davon „zu vertrauen, weil Euch dies, aus irgend „einem Grunde, nicht rathſam ſcheine. Fa⸗ „tima wird ohne Zweifel, ſobald ihr mög⸗ „lich iſt, die Fortſetzung Euerer Mitthei⸗ „lung verlangen. Ihr ſeht ſie wieder, und „dann iſt es an Euch, während Ihr ſie mit „der Hoffnung, die Schweſter zu finden, „hinhaltet, ſie für uns und unſern Glau⸗ „ben zu gewinnen, damit Kiabuſurgomid „durch ſie Abulfeda gewinnt.“ Ahmed ſchwieg nun, Abdollah ging nach⸗ denkend umher, und Bahcam rüſtete ſich zu ſeinem geheimen Beſuche. Endlich blieb 83 Abdollah ſtehen und ſprach zu Ahmed: „Euerem Plane kann ich keinen Beifall ge⸗ „ben. Und eine Stimme in mir ſagt; daß „ich in denſelben nicht einwilligen ſoll. 3u „was Fatima täuſchen?“ „Was kann ihr dieſe Täuſchung denn „ſchaden, da ſie, wie ich ſchon bemerkte, „den Schmerz eine Schweſter, eine Mutter „verloren zu haben, nicht kennen kann?“ fragte Ahmed ungeduldig.„Euer Vater „aber erfährt nichts davon, und wir erlan⸗ „gen vielleicht durch dieſe Täuſchung die „Entſcheidung unſerer Abſicht. Oder wißt „Ihr ein anderes Mittel? Sagtet Ihr doch „geſtern ſelbſt, daß es nur durch Fatima „möglich ſey, Eueren Vater für unſere „Sache zu ſtimmen. Ich habe lange nach⸗ „gedacht, doch ſonſt nichts aufgefunden. „Auch iſt mein Plan nun nicht mehr zu än⸗ „dern, da Fatima bereits durch Taher weiß, „daß Bahcam Vermuthungen hat, daß ihre „Schweſter noch am Leben ſey, und ſie ihn „in der nächſten Stunde erwartet, indem ſie „meiner Lüge glaubt: daß er bis jetzt nur „ihr, und höchſtens in Taher's Beiſeyn, „auf deſſen Gegenwart ſie durchaus beſtand, 84 „ſeine Vermuthungen mitzutheilen ver⸗ „möge.“ „Wie aber konntet Ihr Taher, den Ge⸗ „ſchwätzigen, Neugierigen zum Vertrauten „machen?“ fragte Bahcam. „Wer ſagt Euch, daß er dieſes iſt?“ entgegnete Ahmed ſtolz.„Er dient mir „blos, da ich ihn brauche.— Wer ſollte „außer ihm Fatima beſtimmen, Euch zu ſe⸗ „hen? Wer Euch zu ihr geleiten?— Auch „fürchte ich nicht, daß er ſchwatzen wird. „Denn er hat mir mit ſeinem Worte Ver⸗ „ſchwiegenheit verheißen, und ich bin, wie ich „ihn kenne, überzeugt: er bricht dieſes nicht.“ Nochmals wollte Abdollah, wie ſeine Züge ausdrückten, Einwendungen gegen den von Ahmed angegebenen Plan machen. Allein er kam nicht dazu, da Taher ein⸗ trat. Dieſer wurde einen Augenblick ver⸗ legen als er Abdollah, den er nicht er⸗ wartete, erblickte. Er verbarg dies jedoch mit vieler Geſchicklichkeit und gab eben ſo geſchickt, während er über einen ganz unbedeutenden Gegenſtand mit Abvollah ſprach, Ahmed geheim einen Wink, mit dem er die Entfernung Abdollah's ver 85 langte. Jener verſtand ſogleich den Höf⸗ ling, und wußte auch auf eine feine Art, um Taher zu täuſchen, deſſen Willen zu befolgen. Abdollah lächelte bei den unter⸗ thänigen Worten des ſo ſehr in der Ver⸗ ſtellung geübten Ahmed's, und verließ das Gemach. Sobald er ſich entfernt, und Ahmed noch einige Verhaltungsmaaßregeln leiſe ſeinem Verbündeten, deſſen Diener er aber ſeit Taher's Gegenwart ſchien, zuge⸗ flüſtert hatte, begaben ſich auch Taher und Bahcam aus demſelben. Ahmed blieb darin noch einige Zeit zurück, dann ging er, wie es ſein Plan verlangte, zu ſeinen Genoſſen. Dieſe hatten zuvor ſchon ihre Rollen erhalten, und harrten nun mit ihm unter jenem verabredeten Fenſter des Harems, auf das herabfallende Taſchentuch Bahcam's, um dann deſſen Geſpräch mit Abulfeda's Tochter zu unterbrechen. Bahcam, in dem bisher jeden Abend Fa⸗ tima's Zyther ſüße Erinnerungen erzeugt hatte, war unterdeſſen, nicht ohne freudige Erwartung, die Künſtlerin, deren Saiten⸗ ſpiel ſo ſehr zu ſeinem Herzen ſprach, ken⸗ nen zu lernen, mit Taher in ihre Gemächer 86 geeilet, und durch eine Seitenthür, ohne daß es bemerkt wurde, in jenes getreten, in dem Fatima, wie Ahmed durch Taher wußte, den Gaſt ihres Vaters erwartete. Daſſelbe war durch mehrere Lampen beleuch⸗ tet; der höchſte Reichthum und Geſchmack herrſchte darin. Fatima war mit vieler Pracht gekleidet. Sie ſaß auf einer ſeidenen Othomane und beſchäftigte ſich mit einer künſtlichen Stickerei. Dieſe legte ſie zur Seite, ſobald ſie die Eintretenden erblickte, und zog einen Schleier über ihr Geſicht*), dann begrüßte ſie jene, und winkte ihnen ſich ihr gegenüber niederzulaſſen. Beide be⸗ folgten ihren Wink. Bahcam's Blicke ruhten mit Wohlgefallen auf ihrer hohen, ſchlanken Geſtalt, und ihren ſchönen Formen. Und er begann, nach einem flüchtigen Schweigen, die Erzählung Ahmed's. Mit der geſpann⸗ *) Zu jeder Zeit gingen im alten Griechenlande und in verſchiedenen Ländern Aſiens Frauensper⸗ ſonen verſchleiert; der genaue Umgang zwiſchen beiden Geſchlechtern war auch ſtets den Bürgern aller Stände verboten. Der Coran beſtätigte dieſe Sitte. Siehe Muradgea d'Ohſſons aig. Schilderung des oth. Reichs. 87 teſten Aufmerkſamkeit hörte Fatima den Sprechenden an. Taher's neugierige Blicke wichen nicht von ihm. Mehrmal aber un⸗ terbrach er ihn mit Fragen, die Bahcam, wäre er weniger gewandt geweſen, in Ver⸗ legenheit hätten ſetzen müſſen. Fatima ſprach, während Bahcam erzählte, keine Syhlbe. Bei Taher's Fragen drückte ſie aber ihre Ungeduld einigemal durch unmuthsvolle Zei⸗ chen aus. Bahcam war unterdeſſen zu dem Schluſſe der Erzählung gekommen. Er ſah ſich nach dem ihm angegebenen Fenſter um. Dieſes war zu ſeinem Verdruſſe verſchloſſen. Doch wußte er ſeiner Rede geſchickt eine ſolche Wendung zu geben, daß es weder Fatima noch Taher auffiel, als er ſeinen eingenommenen Sitz verließ, an jenes Fen⸗ ſter trat, es öffnete und an demſelben wei⸗ ter ſprach, indem er zuweilen hinausdeutete und auf ferne Stellen hinwies. Sobald er geendet hatte, warf er, ohne daß es die Gegenwärtigen bemerkten, ſein Taſchentuch, wie ihm aufgetragen war, hinab in die Tiefe. Wenige Augenblicke darauf, entſtand ein Geräuſch in der Nähe des Gemaches, in dem ſie ſich befanden. Fatima erhob ſich 88 raſch. Sie horchte einen Moment aufmerk⸗ ſam. Das Geräuſch wurde lauter, und nun bat ſie Taher und Bahcam mit der ſeelen⸗ vollſten Stimme, ſie zu verlaſſen. Taher gerieth in große Verlegenheit, und er drang, während Fatima noch nicht ausgeredet hatte, in Bahcam, ſich eiligſt mit ihm zu ent⸗ fernen; obwohl dieſe Unterbrechung ihm höchſt unangenehm war, da ſeine Neugierde gereizt aber keineswegs befriedigt worden. Bahcam zeigte ſich auch gleich bereit, beider Wunſch zu erfüllen. Er verbeugte ſich vor Fatima und wandte ſich zum Gehen, kehrte aber wieder zu ihr zurück, indem er ſprach: „Verſchweigt noch das, was ich Euch eben „erzählte, Euerem Vater. Ich ſelbſt werde „ihn ſpäter, wenn die Zeit dazu gekommen „iſt, mit allem bekannt machen. Eine vor⸗ „eilige Mittheilung könnte mehr ſchaden als „frommen. Verſchweigt es überhaupt jeder⸗ „mann, bis Ihr mir wieder das Glück ver⸗ „gönnt, Euch zu ſprechen und dann alles, „was mir nur ſelbſt bekannt iſt, zu ent⸗ „decken.“ „Ihr wollt es,“ entgegnete Fatima,„und „es ſey!“ ——— 89 Immer näher kam während dem das Ge⸗ räuſch; Fatima wurde unruhig, und Taher faßte Bahcam bei dem Arme und zog ihn durch die Seitenthür, durch die er ihn zu Fatima geführt hatte. Bahcam ließ dies willig geſchehen, da dies alles in Ahmed's Plane lag. Wunderſam hatte ihn aber Fa⸗ tima's Silberſtimme ergriffen. Sie klang ihm ſo bekannt, und es war ihm leid ſie nur ſo wenig gehört zu haben. Taher be⸗ gleitete ihn in ſeine Gemächer. Seine Neu⸗ gierde war auf das höchſte geſpannt, und er ſuchte nun noch denſelben Abend eine Fortſetzung der ſo unerwartet unterbro—⸗ chenen Mittheilung zu erhalten. Allein Bahcam ſchwieg und verwies ihn auf jene Zeit, die Fatima zu deren Fortſetzung wäh⸗ len würde. Taher war mit dieſer Zögerung ſehr unzufrieden, ja er wurde zuletzt em⸗ pfindlich über Bahcam's Hartnäckigkeit, in der zu verharren dieſer gezwungen war, da er ſelbſt nicht mehr von der ganzen Sache wußte, als Fatima und Taher bereits er⸗ fahren hatten. Zwei Tage verſtrichen hierauf, ohne daß die Neugierde Tahers Befriedigung erlang⸗ 90 te; da Fatima, die von ihm, ſo oft ſie ihn ſah, an die noch zu erhaltende Entdeckung Bahcam's gemahnt wurde, während dieſen Tagen keine Gelegenheit fand, Bahcam wie⸗ der geheim eine Stunde zu ſchenken. Dieſer erhielt unterdeſſen von Ahmed neue Verhal⸗ tungsmaaßregeln, für den Fall, daß ihn Fatima begehre, ohne daß Abdollah davon etwas erfuhr. Abulfeda hatte von dem allen keine Ah⸗ nung. Sein Gaſt mißfiel ihm aber täglich mehr, denn es entging ihm nicht, daß in deſſen politiſchen wie religiöſen Geſprächen eine nicht gewöhnliche Abſicht lag. Auch fiel ihm auf, daß Bahcam's Bote, der nun ſchon längſt hätte zurückgekehrt ſeyn ſollen, immer noch auf ſich warten ließ, und daß Bahcam, ſo ſehr er ungeduldig über das Ausbleiben ſeines Boten ſchien, doch keine Anſtalten machte, darüber Nachricht zu er⸗ halten. Ja, es ſtieg ſogar Verdacht wider Bahcam in ihm auf. Doch ſprach er dieſen gegen niemanden aus. Bahcam fand es nun ſelbſt aber für nothwendig, einen zweiten Boten ſcheinbar an ſeinen Vater abzuſenden. Allein auch dieſer ging, mit derſelben Wei⸗ 9⁴ ſung, die Mowaffek erhalten hatte, auf Saleh's Schloß. Am Abende des dritten Tags nach jenem an dem Bahcam Fatima geſprochen hatte, wurde dieſer endlich von Taher zum zweiten⸗ male zu ihr abgeholt. Auf dem Wege nach dem Harem vernahm Bahcam die lieblichen Töne von Fatima's Zyther, die ſchon den erſten Tag ſeines Aufenthaltes auf dem Schloſſe ſo ſehr zu ſeinem Herzen gedrungen und ihm unterdeſſen wirklich lieb geworden waren. Fatima befand ſich wieder in dem Gemache, in dem ſie ihn und Taher jüngſt erwartete. Wie damals ihre Stickerei, ſo legte ſie nun ihre Zyther neben ſich. Und gleich nach der gewöhnlichen Begrüßung ſagte ſie zu Bahcam:„Ich hoffe, daß Euere „Güte mir heute alles mittheilet, was Euch „von dem Schickſale meiner armen Schwe⸗ „ſter bekannt iſt.“ Bahcam fing nun abermals nach der ſchrift Ahmed's zu erzählen an. Manche Vermuthung theilte er der gläubigen Fati⸗ ma und dem aufmerkſamen Taher mit; man⸗ ches führte er beiden vor, was ihre Hoff⸗ nung, die Verſchwundene wieder zu finden, 92 nur beleben konnte. Doch wußte er, vor⸗ bereitet auf dieſes Geſpräch, ganz unbe⸗ merkbar davon ab, und auf ſeinen Plan zu kommen. Fatima hörte ihn ernſt an, ſeine Reden ſchienen ihr nicht zu mißfallen. Taher aber ſuchte ihn einigemal darin zu unter⸗ brechen. Bahcam achtete jedoch nicht darauf. Er fuhr fort, und gab ſich alle Mühe, Fa⸗ tima für die von ihr ſo ſehr gefürchteten Ismailiten zu gewinnen, doch ohne daß ſie oder Taher eine Abſicht darin gewahrte. Darüber verſtrich die Zeit, und Bahcam mußte ſich wieder entfernen, und noch hatte er ſeinen Bericht über Abulfeda's geraubtes Kind nicht beendet; was zwar ganz in ſei⸗ nem Plane lag. Er ſchied, nachdem er mit Fatima verabredet hatte, den künftigen Abend um dieſelbe Stunde mit Taher wie⸗ der bei ihr zu erſcheinen, um endlich ihr das völlig mitzutheilen, was er über ihre Schweſter wiſſe. Bei ſeinen intereſſanten und wichtigen Abendbeſuchen wurde Bahcam die Gegen⸗ wart Taher's nicht nur läſtig, ſondern er fürchtete auch, daß er, der ſich bei jeder Gelegenheit als ein entſchiedener Gegner 93 der Ismailiten zeigte, ſeinem Plane gefähr⸗ lich werden könne. Er wünſchte deßhalb allein bei Fatima zu erſcheinen. Lange ſann er nach, wie er dies möglich zu machen ver⸗ möge, ohne Fatima zu beleidigen, oder Ta⸗ her gegen ſich aufzubringen. Endlich fand er auch dafür ein Mittel.— Schon den verwichenen Tag hatte Abdollah mit ihm verabredet, den kommenden Nachmittag ei⸗ nige Stunden der Jagd zu ſchenken. Taher liebte zwar dieſes Vergnügen nicht, doch hielt er es für eine Pflicht ſeines Amtes, den Sohn des Emirs bei dieſer Unterhaltung zu begleiten, und fehlte deßwegen niemals dabei. Bahcam trug daher einigen ſeiner Begleiter, die im Schloſſe, gleich Ahmed, als ſeine Diener galten, auf: ſich in den nahen Wald, in dem gejagt werde, zu be⸗ geben, Taher's Aufmerkſamkeit auf ſich zu ziehen, ihn von der Geſellſchaft abzulenken, und dann in die Irre zu führen, ſo daß es ihm unmöglich werde, vor Mitternacht in das Schloß zurückzukommen. Zur verabredeten Stunde verließen Ab⸗ dollah, Bahcam, Taher und noch einige Jäger des Emirs die Königsperle, und 94 eilten in den Wald, wo bereits die Beauf⸗ tragten des jungen Aſſaſſinen auf Taher harrten. Pünktlich vollzogen ſie das ihnen anbefohlene. Abdollah achtete wenig auf das Verſchwinden Taher's. Er, wie die andern waren überzengt, daß er nicht lange aus⸗ bleiben werde. Und als ſich die Jagenden wieder ſammelten, und zur Heimkehr wand⸗ ten, ohne daß Taher erſchien, ſo vermuthete jedermann, er ſey einem angenehmen Aben⸗ theuer nachgegangen, und alle waren wegen ihm völlig außer Sorgen. Bahcam, der ſeine Abſicht erreicht, und Taher entfernt, zugleich aber auch den Weg nach dem Harem durch Fatima's Vorſicht frei hatte, eilte auf dieſelbe Weiſe wie bis⸗ her zu ihr, ſobald die Stunde angebrochen war, in der ſie ihn und Taher erwartete. Fatimawar unangenehm überraſcht, als ſie ihn ohne Taher erblickte. Bahcam theilte ihr ſchon bei ſeinem Eintreten mit, daß Ta⸗ her im Walde verſchwunden, und noch nicht heimgekehret ſey; er ſich deshalb genöthigt geſehen habe, ſich allein zu ihr zu begeben. Gleich darauf begann er, ohne den Gegen⸗ ſtand zu erwähnen, der, wie Fatima glaubte, — 95 —— ihn zu ihr geführet, ſeinen Plan zu verfol⸗ gen. Und er wußte ſie bald zu überzeugen: daß Ismail der letzte offenbare Imame ſey, und daß die Ismailiten allein den wahren Glauben haben. Sie ſelbſt verwarf nun den Chalifen von Bagdad, und ſchwärmte mit Bahcam zu den Weisheitsgeſellſchaften zu Kahira, und mit ihm nannte ſie ſieben eine heilige Zahl. Auch waren ihr die Ismaili⸗ ten, die ſie bisher fürchten gelernt hatte, nicht mehr fürchterlich, ſobald ihr jugendli⸗ cher Lehrer ſich ihr als ein Ismailit zu er⸗ kennen gab, und ſeinen Glauben mit ſo hellen und feuerigen Farben ſchilderte. Seine Beredtſamkeit riß ſie immer mehr hin, und er gewann ſie ſchneller für ſeine Sache als er es erwartet hatte. An die verlorene Schweſter dachte ſie nun ſelbſt nicht. Ihre Seele war bei dem begeiſterten Ismailiten, bei ſeinen Schilderungen und Lehren. Sie verſprach ihm alles aufzubieten, ihren Va⸗ ter für ſeinen Glauben und den Chalifen der Fatemiten zu gewinnen. Entzückt warf ſich Bahcam zu ihren Füßen nieder. In demſelben Augenblicke ſank zufällig der Schleier von ihrem Angeſichte, und ſie ſtand 96 —— in hoher Schönheit vor ihm da. Er ſprang auf und betrachtete ſie mit flammenden Au⸗ gen. Bekannte Züge ſprachen ihn an, ein Augenpaar glänzte ihm entgegen, das ihn an Emina's himmliſchen Blick erinnerte; es war ihm überhaupt, als ſehe er in Emi⸗ na's Angeſicht. Fatima erröthete, haſtig wollte ſie den Schleier wieder über ſich wer⸗ fen. Bahcam's Hand hielt ſie aber davon ab, und er flehte:„O laſſet dies, laſſet „mich in Euer reitzendes Antlitz ſchauen. „Verberget das, was mir der Zufall zeigte, „nicht wieder mit dieſem neidiſchen Gewebe.“ „Kennt Ihr unſer Geſetz nicht?“ fragte Fatima würdevoll.„Wißt Ihr nicht, daß „es mir nicht geziemt, Euch mit unver⸗ „hülltem Angeſichte gegenüber zu ſtehen? „Oder wollt Ihr mich fühlen laſſen, wie „ſehr ich bereits gegen das Geſetz fehlte, „als ich Euch bei mir Zutritt geſtattete; „obwohl ich es nur gethan habe, um über „meine unglückliche Schweſter Nachricht zu „erhalten.“ Mit dieſen Worten hatte ſie ihre Hände Bahcam, der ſie feſtgehalten, entzogen; der Schleier ſank nun wieder über ihr Angeſicht. — 97 Dies erhitzte Bahcam. Er war nicht ge⸗ wöhnt, Widerſtand zu finden, und in ſei⸗ ner Erziehung lag es, daß ein einmal in ihm aufgekeimter Wunſch, der ſeinen Sin⸗ nen ſchmeichelte, war er nicht durchaus un⸗ möglich, auch vollzogen werden mußte. Er wollte Fatima ſehen, unverhüllt ſehen, und drang deshalb mit der höchſten Leidenſchaft in ſie, ſich zu entſchleiern. Sie war in ſichtlicher Bewegung; deſſenungeachtet wies ſie mit Stolz ſeine kühne Hand zurück, mit der er den ſie verhüllenden Schleier heben wollte. Betroffen ſah Bahcam auf ſie, und es bemächtigte ſich ſeiner ein Gedanke, den er aber augenblicklich verwarf. Allein ſo ſchnell er ihn verwarf, ſo ſchnell ergriff er ihn wieder, da er ſich von Fatima beleidigt wähnte. Seine Sinnlichkeit war erwacht, als er ihr blendendſchönes Angeſicht geſehen; der Widerſtand, den er bei ſeiner Bitte fand, reizte ihn. Er wollte ſich dafür nun rächen. Liebe zu heucheln, und dann die Getäuſchte zu verlachen, ward in ihm zum Vor⸗ ſatze. Und er ſprach mit erzwungener Reue: „Fatima verzeiht, verzeiht mir meine un⸗ — 7 98 „beſcheidene Heftigkeit, und ſeyd überzeugt, „ich wollte Euch damit nicht beleidigen.“ Fatima erwiederte lange nichts. Bahcam aber beſtürmte ſie mit Bitten, bis ſie end⸗ lich die Worte:„Ich verzeihe Euch!“ aus⸗ ſprach.. Nun fing Bahcam von ihrer verlorenen Schweſter und den Vermuthungen, daß ſie noch am Leben ſey, zu ſprechen an. Er hatte dies klug ausgedacht. Fatima's Ver⸗ trauen gewann er dadurch wieder. Von dieſen Vermuthungen, kam er auf ſein früheres Geſpräch zurück. Fatima ward aufs neue von ſeiner Beredſamkeit hinge⸗ riſſen. Er umſchlang ſie, indem er von ſei⸗ ner Religion und dem politiſchen Streben der Ismailiten ſchwärmte. Sie duldete es einige Zeit, dann aber ſuchte ſie ſich ſanft aus ſeinem Arme loszumachen. Sobald ihr dies gelungen war, verließ ſie die Otho⸗ mane, auf die ſich Bahcam während er ſprach neben ſie niedergelaſfen hatte. Bah⸗ cam erhob ſich mit ihr. Er ergriff raſch ihre Hand und ſagte, mehr ſeinen Vorſatz als ſeinen und des Ordens Plan vor Au⸗ gen habend, mit dem erheuchelſten, weich⸗ 99 ſten Tone:„Fatima! darf ich Euch das ge⸗ „ſtehen, was mich ſo ſehr erfüllt. Seit ich „Euch zum erſtenmale ſah, liebe ich Euch. „Werdet deshalb mein. Ich bin Athamiſch's „Sohn, dadurch Euch durch Rang und Ge⸗ „burt gleich. Euer Vater ehrt den meinen; „er wird Euch mir nicht verweigern.— „Entſchließet Euch! werdet mein. Ziehet „mit mir als mein Weib in meine Heimath, „und machet mich zu dem glücklichſten „Sterblichen.“ Fatima trat überraſcht einen Schritt zu⸗ rück und antwortete:„Ihr ſagt, mein „Vater ehre Athamiſch. Soll ich dies glauben, „dann darf ich ihn mir nicht als Ismailit „denken, denn bis jetzt haßt mein Vater ei⸗ „nen jeden dieſer Sekte.“ „Er wird es nicht mehr lange thun,“ fiel ihr Bahcam in's Wort.„Ihr werdet „ihn von ſeinem Irrthume über unfere Re⸗ „ligion abbringen. Bis Euch dies gelun⸗ „gen iſt, laßt ihn in dem Glauben, daß „wir beide, Athamiſch und ich, nicht zu „Ali's Anhängern, nicht zu den Anhängern „der fatemitiſchen Chalifen gehören. Unter⸗ „deſſen erfüllet meine Bitte. Nochmals „wiederhole ich ſie: werdet mein!“ „Wie kann ich das. Wißt Ihr doch ſelbſt, „daß Euere Religion eine Verbindung mit „mir, der Sunnitin verwirft?“ entgegnete Fatima, die zwar den Glauben Bahcam's als den wahren erkannte, ſich aber trotz dem nicht als deſſen Bekennerin betrachten konnte. „O nicht doch!“ rief Bahcam.„Unſere „Religion verwirft nur ſo lange eine Ver⸗ „bindung mit Euch, als Ihr unſerer Sekte „fremd ſeyd. Befreundet Euch mit ihr, „und der Chalife aus dem Hauſe Ali, und „meine Brüder werden Euch liebreich auf⸗ „nehmen. Bedenkt, daß Ali der würdige „Nachfolger Mohamed's geweſen, daß er „allein die Stelle des Geſetzgebers und „Oberprieſters des Islamism erſetzen, und „das Werk vollenden konnte, das Moha⸗ „med unvollendet hinterlaſſen hat. Be⸗ „denkt, daß die Welt des Islams nur Ei⸗ „nem geſetzmäßigen Chalifen zu gehorchen „hat, und daß dieſer der Chalife der Fa⸗ „temiten iſt. Reißt Euch deshalb völlig „von Euerem Irrglanben los, ſtreift ſelbſt 161 „äußerlich deſſen Feſſeln ab, und werdet „eine Ismailitin.“ Fatima ſah ſchweigend, bebend vor ſich nieder. Bahcam fuhr fort:„Euer Bruder „Abdollah hat ſich bereits geheim zu unſe⸗ „rem Glauben gewendet. Folget ſeinem 5 Beiſpiele, und werdet dann mein Weib.“ Fatima ſchwieg noch immer. Bahcam wie⸗ derholte abermals ſeine Bitte, worauf ſie endlich ſprach:„Ich habe nicht die Macht „„über mich ſelbſt zu gebieten. Meinem Va⸗ „ter gehöre ich an, nur er kann über mich „beſtimmen.“ „Von Euerem Vater alſo darf ich Euch „erbitten!“ fragte Bahcam.„Und Ihr „wollt, wenn er mir meine Bitte gewährt, „mein und eine Ismailitin werden?“ „Ich werde meinem Vater und dann, „wie dieſem bisher, meinem Gatten gehor⸗ „chen,“ antwortete Fatima. Bahcam wollte ſie leidenſchaftlich umfaſ⸗ ſen. Sie aber wies ihn ernſt zurück, und bat ihn, ſich nun zu entfernen.—„Wanit „ſehe ich Euch wieder?“ fragte Bahcam. Fatima antwortete:„Durch Taher er⸗ „fahrt Ihr, wann dies wiedergeſchehen 4 702 „kann, ſobald ich nach Euerem Begehren „alles aufgeboten habe, meinen Vater für „Eueren Glauben und den Vortheil Eueres „Chalifen und Euerer Sekte geneigt zu „machen. So lange verhehlt ihm aber auch „Euren mich betreffenden Wunſch. Erſt „wenn ich ihn Euch erworben habe, erſt „dann ſuchet von ihm mich zu erlangen.“ Bahcam verließ hierauf Fatima, und dieſe warf ſich mit Gefühlen, die ſie bis⸗ her nicht kannte, auf eine Othomane. An⸗ fangs ſtürmte es in ihrer Bruſt. Als es aber ruhiger in ihr wurde, überdachte ſie alles, was ſie von Bahcam gehört hatte, und neuerdings ſtimmte ſie dafür. Die Religion, an der ſie bisher hing, hatte nie tiefe Wur⸗ zeln in ihrem Innern gefaßt; denn ſonſt wäre es Bahcam nicht ſo leicht geworden, dieſe ſo ſchnell daraus hinweg zu reißen. Selbſt ihre bisherige Abneigung gegen die Ismailiten war nur eine Gewohnheit. Dieſe Gewohnheit gab ſie gern hin, da ihr Bah⸗ cam ſo beredt das Gegentheil von dem, was ſie von ſeinem Glauben wußte, verſicherte. Und nicht war ihr bekannt, daß die allent⸗ halben gefürchteten, und von ihr wegen ih 103 ren Thaten, die ſie erfahren, auf das tiefſte verachteten Aſſaſſinen aus der Sekte der Is⸗ mailiten entſprangen. Eben ſo wenig wußte ſie, daß Bahcam ſelbſt dazu gehörte. Hätte ſie dies nur geahnet, ſo würde ſie nie in die Zuſammenkünfte mit ihm eingewilligt haben. Ueber ſein Betragen ſann ſie nicht lange nach. Sein Aeußeres hatte ſie gleich Anfangs beſtochen, und dann kannte ſie auch die Männer faſt gar nicht oder nur aus romantiſchen und phantaſiereichen Er⸗ zählungen, mit welchen ihre Selavinnen ſie täglich unterhielten. Dadurch flog ihr Herz ihm entgegen, noch ehe er ihr von Liebe ſprach; und ſie fühlte, ſeit er ſie um ihren Beſitz gebeten, daß ſie ſein ſey, ſollte ihr Vater ſie ihm auch verweigern. Des andern Tags begab ſie ſich mit po⸗ chendem Herzen zu Abulfeda,*) um bei ihm für den Glauben ihres Geliebten und die *) Es iſt dem Moslem nicht verboten, ſeine Tochter, Schweſter, Tante, und jede nahe Ver⸗ wandtin, die in einem zur Ehe unerlaubten Grade ſteht, zu ſehen. Doch muͤſſen ſie ſittſam angebleidet ſeyn. Siehe Muradgea d' Ohſſon's ällgemeine Schilderung des othomaniſchen Reichs. 104 Politik der Jsmailiten zu ſprechen. Freund⸗ lich, wie immer, empfing er ſie. Kaum aber hatte ſie begonnen, ſo verfinſterte ſich ſein Blick, und Unmuthswolken lagerten ſich auf ſeine Stirn. Fatima ließ ſich da⸗ durch nicht ſchrecken. Sie fuhr fort. Sie ſprach mit Bahcam's Lebendigkeit. Abulfeda war damit nicht zu beſtechen. Er gebot ihr zuletzt zu ſchweigen, und ihn mit einer Ver⸗ folgung ihrer Rede nicht noch länger zu kränken. Sie that dies nun auch, doch mit dem feſteſten Vorſatze, die erſte Gelegenheit zu benutzen, um den abgeriſſenen Faden ih⸗ rer Rede wieder anzuknüpfen. Einige Tage ſpäter gelang ihr dies. Sie hatte neue Gründe geſucht, und auch auf⸗ gefunden, die ihren Vater für Bahcam's Glauben, den fatemitiſchen Chalifen und das Intereſſe der Jsmailiten gewinnen ſollten. Allein Abulfeda wies ſie mit Beſtimmtheit zurück. Während Fatima noch immer ver⸗ ſuchte ihre Beredtſamkeit geltend zu machen, trat Abdollah zu den Sprechenden ein. Kaum hörte er den Inhalt des eben ſtatt habenden Geſpräches, als er daran Theil nahm, indem er Fatima auf das leb⸗ 105 hafteſte unterſtützte. Dadurch mit ihm ver⸗ ſöhnt, reichte ihm Fatima die Hand, und beide beſtürmten nun vereint Abulfeda. Abul⸗ feda's Geduld wurde endlich erſchöpft. Er gerieth in Feuer und ſchwur bei dem Grabe Mohamed's, nie von ſeinem Glauben zu weichen, nie von ſeinen Pflichten zu laſſen, und wider den Sultan der Seldſchugiden, oder die andern Anhänger des Chalifen von Bagdad aufzutreten. Dieſer Schwur ver⸗ nichtete durchaus die Hoffnung der Geſchwi⸗ ſter. Ihm fügte Abulfeda noch die Worte bei:„Ich ahne, woher dies alles kommt. „Bahcam iſt nicht, was er ſcheint. Er iſt „ein Anhänger des ſchwachen Ali's. Seine „Reden haben ihn mir längſt verrathen. „Euch Abdollah, hat er beſtochen und ver⸗ „führt, und was er an Euch gethan, tha⸗ „thet Ihr an Fatima.“ Abdollah wollte Bahcam und auch ſich vertheidigen, allein Abulfeda fuhr fort: „Wenn das wirklich wahr iſt, was mir „ein Gerücht vor einigen Tagen ſagte, dem „ich jedoch nicht eher glauben will, als „bis ich völlige Gewißheit darüber habe, „obwohl ich bereits in mehreren Reden 106 „Bahcam's dieſe Gewißheit hätte finden „können; daß nämlich Athamiſch geheim ein „Bekenner des Glaubens der Siebner ſey, „daß er ſogar in Verbindung mit dem blut⸗ „dürſtigen Haſſan geſtanden habe, und nun „dem fluchwerthen Kiabuſurgomid diene, „der wie Haſſan mit der Sichel des Meu⸗ „chelmords erndet; dann iſt Bahcam nicht „allein ſein Geſandter, ſondern auch ein „Geſchöpf des Alten vom Gebirge, ein „verworfener Aſſaſſine.“ Bei den letzten Worten Abulfeda's ent⸗ fuhr ein Schrei des Entſetzens Fatima's er⸗ bleichenden Lippen, ſie bebte und ſank in Ab⸗ dollah's Arme. Schnell aber ſammelte ſie ſich. Sich aufraffend leuchtete des Stolzes Flam⸗ me aus ihren Augen. Abulfeda ſah ſie über⸗ raſcht an und ſagte:„Ihr habt Recht, ſo „zu erſchrecken bei dem Namen jener Un⸗ „gehener, die als Unglänbige, Abtrünnige „und Aufrührer verflucht ſind; deren Reue „man ſelbſt nicht annehmen kann, da Mein⸗ „eid eine ihrer Satzungen iſt.“ Fatima trat, während Abulfeda alſo ſprach, dicht zu ihm, und bat, ſobald er 107 ſchwieg:„Vater, vergebt, wenn ich irrtel' „Und erlaubt, daß ich mich in meine Ge⸗ „mächer zurückziehe, um meinen Irrthum „zu bereuen, zu vergeſſen.“ Thränen zeigten ſich bei dieſen Worten unwillkührlich in ihren Augen. Sie trock⸗ nete dieſe aber ſchnell, als ſchäme ſie ſich derſelben, und verließ mit haſtigen, jedoch ſchwankenden Schritten Abdollah und ihren Vater, nachdem der Letztere ſie herzlich um⸗ armt und mit ſchmeichelnden Worten ent⸗ laſſen hatte. In ihren Zimmern kämpfte ſie lange mit ſich. War das, was ihr Vater im Unmuthe ſprach, wahr, dann hatte Bahcam ſie auf das tiefſte gekränkt, denn er hatte ſie be⸗ trogen. War er ein Aſſaſſine, dann war ſie ſelbſt gewiß, daß er ſogar mit ihrem Her⸗ zen ein Spiel getrieben, und dies doch nur um eine geheime Abſicht zu erreichen, um der Willkühr ſeines Oberhauptes zu fröhnen. War er wirklich ein Aſſaſſine, dann mußte ſie vor ihm zurückbeben, und ihre Schwäche beklagen, mit der ſie ſeinen Worten ge⸗ getrauet; dann war auch die ganze Ge⸗ ſchichte von dem Leben ihrer Schweſter, al⸗ 108 ler Wahrſcheinlichkeit nach, nur eine Er⸗ findung. Konnte ſie dies aber glauben? Er ſprach mit ſo vieler Wahrheit, ſeine Ver⸗ muthungen hatten bisher die vielverſprechend⸗ ſten Hoffnungen in ihr erweckt; aber den⸗ noch konnten ſie Lügen ſeyn. Ja ſie er⸗ ſchienen ihr immer mehr als ſolche, je län⸗ ger ſie darüber nachdachte, je öfter ſie ſich ſeine nie beendete Erzählung vorführte.— Anfangs wollte ſie ihn nicht mehr ſehen. Doch verwarf ſie dies wieder. Sie hatte ihm ja verſprochen, ihm ihres Vaters Ent⸗ ſchließung mitzutheilen, und war er auch ein Betrüger, was doch noch nicht ge⸗ wiß war, ſo berechtigte dies ſie nicht, wort⸗ brüchig zu ſeyn. Auch wollte ſie in dem nächſten Zuſammentreffen mit ihm, Gewiß⸗ heit über ihres Vaters Vermuthung erlan⸗ gen. Deshalb entſchloß ſie ſich„ den erſten Abend, wo es möglich ſey, Taher, der nicht über ſeine Verirrung auf der Jagd, die er nicht begriff, zu klagen aufhören konnte, aufzutragen: Bahcam zu derſelben Stunde, wie bisher, zu ihr zu bringen. Gleich, nachdem Bahcam Fatima verlaſſen hatte, bereute er ſein Benehmen gegen ſie, und 109 er machte ſich Vorwürfe darüber. Fatima's Vertrauen hatte ſolchen Betrug nicht ver⸗ dient; und dann konnten auch unangenehme Folgen für ihn daraus entſpringen, ſobald es Fatima gelang, Abulfeda für die Reli⸗ gion der Ismailiten und die Politik des Alten vom Gebirge zu gewinnen, da dann nicht der entfernteſte Grund vorhanden war, in die Verbindung, die er ihr ſo leichtſin⸗ nig vorgeſchlagen, nicht einzugehen. Den Vorſchlag konnte er ihr zwar abläugnen. Wie verrächtlich hätte er dann aber Fatima erſcheinen müſſen!— Und er wurde immer unzufriedener mit ſich ſelbſt, je länger er über ſein Betragen gegen ſie nachdachte, und nicht konnte er ſich über die Rache, die ihm ſo ſchnell gelungen freuen. Mit flüchtigen Worten erzählte ihm Ab⸗ dollah nach ſeiner und Fatima's Unterredung mit Abulfeda, wie ihre Hoffnung, dieſen zu gewinnen, vernichtet ſey. Er wieder⸗ holte den Theil des Geſpräches Fatima's und ihres PVaters bei dem er gegenwärtig geweſen, und bat Bahcam vorſichtig zu ſeyn, da Abulfeda einen Aſſaſſinen in ihXm vermuthe. Bahcam knirſchte mit den Zäh⸗ 140 nen, und rief raſch nach Ahmed. Bald wußte dieſer alles. Er wurde todtenbleich. Nach wenigen Augenblicken aber hatte er ſich wieder geſammelt, und nun überlegte er mit vieler Klugheit, was zu thun ſey. Von der Königsperle durfte Bahcam ſich nicht entfernen, bevor er von dem Alten vom Gebirge den Befehl dazu erhalten. Deshalb mußte dieſem auf das ſchleunigſte der beſtimmte Widerſtand Abulfeda's ange⸗ zeigt und ſeine fernern Verhaltungsbefehle verlangt werden. Bahcam und Abdollah waren damit einverſtanden; nur waren ſie nneinig, wer als Bote abgehen ſollte. An⸗ fangs wollte Ahmed ſelbſt nach Alamut eilen. Doch gab er dieſen Vorſatz wieder auf, ohne den Grund dafür anzugeben, und beſtand darauf, daß Hamadan, einer der verkleide⸗ ten Aſſaſſinen, die Bahcam begleitet hatten, die Königsperle ohne Zögerung geheim ver⸗ laſſen und von Abulfeda's unbeugſamer Ab⸗ neigung gegen den Orden und die Ismaili⸗ ten, und den vergeblichen Verſuchen Bah⸗ cam's, ihn davon abzubringen, auf das genaueſte unterrichtet, nach Alamut jagen müſſe. Was auch nach mehreren Widerſprü⸗ 114 chen von Abdollah's und Bahcam's Seiten wirklich geſchah. Sobald Hamadan das Schloß verlaſſen hatte, ſtellte Ahmed Bahcam vor, daß er nun aber auch durchaus darauf bedacht ſeyn müſſe, Abulfeda von ſeinem Verdachte abzu⸗ bringen, oder ihn ſo zu ſtimmen, daß er nichts wider ihn unternähme. Bahcam ſah dies gleichfalls ein. Deſſenungeachtet wil⸗ ligte er erſt nach einigem Widerſtreben in den Plan, den ihm Ahmed über ſein Ver⸗ halten bis zur Rückkehr Hamadan's vorlegte. Damit Hamadan's Abweſenheit nicht bemerkt wurde, ſprengten Ahmed und die übrigen der ſcheinbaren Diener Bahcam's die Lüge, er ſey plötzlich erkranket, aus. Und damit über ſeine Krankheit kein Zweifel entſtehen konnte, hielten ſich immer einige ſeiner Ge⸗ noſſen in ſeinem von ihm verlaſſenen Ge⸗ mache auf, auch ließen ſie ſich für den an⸗ gegebenen Kranken mehrere Arzneimittel bereiten. Abulfeda ehrte fortwährend in Bahcam ſeinen Gaſt; auch unterdrückte er ſeinen Ver⸗ dacht, den er im Unmuthe gegen ſeine Kin⸗ der ausgeſprochen hatte, und machte dadurch 412 Ahmed's Plan, für Bahecam's, ſeine und ſeiner Verbündeten Sicherheit, durchaus überflüſſig. Dabei ermangelte er aber nicht mehrere ihm nöthig dünkende Vorſichtsmaaß⸗ regeln zu gebrauchen. Schon war Hamadan mehrere Tage von dem Schloſſe entſernt, als Fatima einen Abend fand, an dem ſie ihren Vorſatz aus⸗ führen und Bahcam durch Taher zu ſich ver⸗ langen konnte. Nicht ohne unangenehme Gefühle nahte ihr Bahcam an Taher's Seite. Sie empfing ihn mit Würde. Mit vieler Feſtigkeit erzählte ſie ihm, mas er ſchon rch Abdollah wußte. Und als ſie damit geendet hatte, fragte ſie mit unerſchüttertem Tone:„Seyd Ihr wirklich das, was mein „Vater in Euch vermuthet? Seyd Ihr ein „Aſſaſſine“ Gleich beim Beginnen von Fatima's Rede ſchrak Taher zuſammen. Während derſelben trat er mit einem Gemiſch von Abſcheu und Furcht mehrere Schritte von Bahcam hin⸗ weg, und mit der höchſten Spannung ſah er bald auf ihn, bald auf Fatima. Bahcam antwortete nicht. So ſtark Fatima auch bis⸗ her geweſen, ſo koſtete es ſie jetzt doch 113 nicht wenig Anſtrengung, alſo weiter zu ſprechen:„Ich verſtehe Euer Schweigen. „Auch begreife ich, daß Euere Vermuthun⸗ „gen über das Leben meiner Schweſter, „nur Erfindungen waren. Ich verzeihe „dies Euch, wie ich Euch überhaupt das „Spiel, das Ihr mit mir ſpieltet, verzeihe. „Doch nun ſind wir zu Ende. Geht, wir „ſehen uns nicht mehr wieder.“ „O nicht ſo entlaſſet mich!“ entgegnete Bahcam.„Ihr verkennt mich.“ „Thue ich das wirklich?“ fragte Fatima mit einer freudigen Bewegung.„So ſprecht, „ſprecht nur die wenigen Worte aus, die „mir verſichern, daß Ihr kein Aſſaſſine, daß „Ihr nicht von dem Scheich von Alamut „hieher geſendet ſeyd.“ Ein inneres Gefühl verbot Bahcam aber⸗ mals zu lügen. Aber doch mußte er's, ſollte nicht durch Fatima der Plan Kiabuſurgo⸗ mid's untergehen, und er dadurch der Erſte des Ordens ſeyn, der des Großmeiſters Be⸗ fehle nicht zu deſſen Befriedigung vollzogen. Deſſenungeachtet vermochte er es nicht, ſeine Verbindung mit dem Orden der Aſſaſſinen gegen Fatima zu verläugnen. Und er ent— 8 — 144 ſchloß ſich, ſich ihr als Aſſaſſine zu erkennen zu geben, da ihm, wie er glaubte, ein Ausweg blieb, ſie dennoch an ſich zu feſſeln. Er bebte zwar einen Moment davor zurück, aber doch betrat er denſelben, indem er ſagte;„Was ſoll ich lügen, Euch belügen. „Ich bin ein Aſſaſſine. Ich bin hier, weil „ich hier ſtehen muß. Doch nicht iſt das „Erfindung, was ich jüngſt mit Euch ſprach, „und der Wunſch, der Euch und mich be⸗ „traf, iſt mir nicht von dem Scheich von „Alamut eingegeben; mein Herz lehrte ihn „mich. Er iſt Wahrheit, und nochmals „erneue ich ihn: Fatima werdet eine Is⸗ „mailitin, werdet mein!“ „Dem Aſſaſſinen?“ fragte Fatima mit Verachtung. Eine flammende Röthe überzog Bahcam's Geſicht. Leidenſchaftliche Worte ſchwebten ſchon auf ſeiner Zunge, doch unterdrückte er dieſe; und er ſagte nun, ſtatt heftig auf⸗ zubrauſen, was er im erſten Augenblicke wollte, mit verſtellter Gelaſſenheit:„Wie „Ihr die Ismailiten verkanntet, ſo verkennet „Ihr auch die Aſſaſſinen. Seht mich an! „Bin ich ſo fürchterlich, wie man Euch die 1⁵ „Eingeweihten des Ordens geſchildert? „Gleiche ich dem blutdürſtigen Tiger, der „gräßlichen Hhäne, daß Ihr ſo vor mir „zurückſchrecket?— Ihr kennt unſern Or⸗ „den nicht; ſo wenig wie Ihr, kennen „jene ihn, die ihn ſchmähen. Und gerade „weil ſie ihn nicht kennen, weil ſein Sy⸗ „ſtem allen Uneingeweihten geheim gehalten „wird, gerade deshalb wird er verläumdet „und Thaten auf ihn gewälzt, die er nicht „gethan. Rein würdet Ihr unſere Lehre „finden, dürfte ich ſie Euch mittheilen, wie „jene der Ismailiten. Da ich es aber nicht „darf, ſo laſſet Euch wenigſtens verſichern: „daß das Lüge iſt, was unſere Feinde aus⸗ „ſprengen, um das Volk zu ſchrecken; daß „der Orden kein Ungeheuer erzieht, und „daß weder Kiabuſurgomid noch ich mehr „von Euerem Vater wollten, als ihn dem „wahren Glauben, dem rechtmäßigen Nach⸗ „folger des Propheten zuführen. Seht Ihr „darin ein Verbrechen, ſo nennt es mir.“ Er harrte einige Sekunden auf eine Er— wiederung, als dieſe aber nicht erfolgte, fragte er:„Spricht Euer Herz nicht mehr „für mich. Verwerft Ihr mich wirklich?“ 8* 116 Fatima hatte unterdeſſen vor ſich nieder⸗ geſehen. Sie kämpfte mit ſich. Raſch be⸗ antwortete ſie nun aber ſeine letzte Frage, indem ſie ſprach:„Ich verwerfe Euch.“ Bahcam fuhr zuſammen, und mit ſchneiden⸗ dem Tone ſagte er:„Jetzt gehe ich, denn wir „ſind zu Ende! Doch noch eines müßt Ihr „wiſſen. Wagt Ihr's, Eueres Vaters Ver⸗ „muthung zu beſtätigen, und ihn durch die „Mittheilung meines Bekenntniſſes zu über⸗ „zeugen, daß ich ein Aſſaſſine bin; ſo fallen „nicht allein er und Abdollah, ſondern alle „Bewohner des Schloſſes durch die Dolche „der Aſſaſſinen, die, werden ſie gereizt, „wirklich zu blutgierigen Hyänen werden.“ Fatima wandte ſich mit Abſcheu und Stolz von ihm ab. Sie wollte das Gemach verlaſſen. In demſelben Augenblicke erwachte ein ihm ganz unbekanntes Gefühl in ihm. Er eilte ihr nach, hielt ſie zurück und fragte mit dem Ausdrucke der höchſten Empfindung, den ihm nicht ſein Vorſatz, ſondern dieſes Gefühl, erpreßte:„Bleibt Ihr wirklich da⸗ „bei: verwerft Ihr mich?“ Fatima riß ſich von ihm los, alſo ſpre⸗ chend:„Freut Euch die Wiederholung die⸗ 177 „ſer Worte. Nun, ſo vernehmt ſie aber⸗ „mals: ich verwerfe Euch.“ „Fatima!“ ſchrie Bahcam außer ſich. „Iſt dies unwiderruflich Euer Wille?“ Vergeblich harrte er aber auf die nochma⸗ lige Beſtätigung des ſchon geſagten, das auf ihn einen ſo heftigen und von ihm nicht erwarteten Eindruck gemacht, denn Fatima hatte eiligſt das Gemach verlaſſen. Mit geballten Fäuſten ſah er vor ſich hin, dann warf er ſich auf ein Kiſſen nieder und verhüllte ſich das glühende Angeſicht. Die Waffe, die er wider Fatima abgedrückt, war durch ihren Stolz, ihre Verachtung auf ihn zurückgekehret; obwohl ihr Stolz, ſo ſehr er ihn auch verletzte, ihm einen doppelten Reiz hatte, da er bisher die Frauen nur ſchwach und ſich hingebend kannte; denn er betrog ſich, indem er glaubte, denſelben beſiegen zu können. Dies erzeugte eine Leidenſchaft in ihm, die zwar jener die ihn an Emina kettete nicht glich, dieſelbe aber auch weit überſtieg. Lange ſaß er. Taher war die ganze Zeit über in der höch⸗ ſten Angſt. Er wollte ſich endlich entfernen, da Bahcam ſich immer nicht bewegte. Da⸗ 118 durch weckte er dieſen aus ſeinem Hinſtar⸗ ren auf. Raſch ſprang Bahcam empor. Er wandte ſich mit einem fürchterlichen Blicke gegen Taher und ſprach:„Wenn Ihr ver⸗ „rathet, was Ihr in dieſer Stunde gehöret; „wenn Ihr es nur mit dem geringſten Zu⸗ „cken Euerer Augen verrathen wollet, dann „ſeyd Ihr der Rache der Aſſaſſinen, die „Ihr ſicher kennt, preis gegeben. Ihr ent⸗ „fliehet Ihr nicht.“ Taher hörte ihn zitternd an. Bahcam ſah verächtlich von ihm weg und verließ un⸗ geſtüim das Gemach. Taher wagte kaum aufzugthmen und folgte ihm zagend, was der Eilende jedoch nicht eher bemerkte, als bis er an ſeine Zimmer gekommen war. Jetzt erſt gewahrte er den ihn begleitenden angſtvollen Höfling. Finſter blickte er auf ihn, mit einem furchtbaren Ausdrucke in den Zügen wiederholte er ſeine Drohung und befahl ihm dann, ihn allein zu laſſen. Mit großer Schnelligkeit befolgte Taher dieſen Befehl Bahcam's. Und dieſer verlor ſich mit ſturmbewegter Bruſt in ſeine einſamen Ge⸗ mächer.— Fatima's Stärke war dahin, ſobald ſie 119 ſich allein ſah. Heftig weinend rang ſie nun die Hände. Sie liebte Bahcam und mußte ihm entſagen, ſo ſehr er um ihren Beſitz flehte, da er ein Aſſaſſine war. Aus zahlloſen Erzählungen kannte ſie den Orden der Aſſaſſinen, und mochte darin auch man⸗ ches übertrieben und Lüge ſeyn, ſo war etwas doch immer davon war, und das ge⸗ ringſte war ſchon hinreichend, den ganzen Orden zu verdammen. Sie that es von jeher, ſie that es auch jetzt noch; aber doch ſchlug ihr Herz für Bahcam, obwohl ſie ihn als Aſſaſſine und auch wegen ſeinem Be⸗ tragen gegen ſie verachten mußte. Und er hatte nicht nöthig ihr ſo fürchterlich zu dro⸗ hen, verrathe ſie ihn an ihren Vater. Sie hätte es auch ohne dieſe Drohung nicht ge⸗ than, wiewohl ſie ungeachtet derſelben kurze Zeit kämpfte und mit ſich nneins war, ob es nicht rathſam ſey, ihren Vater mit allem bekannt zu machen. Konnte ſie es aber, da ſie überzeugt war, daß ſie dadurch den Geliebten in Gefahr bringen würde? Sie war daher bald entſchloſſen und ſchwieg. Für ihren Vater fürchtete ſie im Ganzen wenig, obgleich ſie die Aſſaſſinen kannte. 120 Denn Bahcam's zuletzt gezeigte Leidenſchaft zwang ſie neuerdings zu dem Glauben, daß er ſie liebe, und ſo ſah ſie in ihm den Ver⸗ mittler zwiſchen ihrem Vater und ſeinem Orden. Ihr Herz aber blutete an der oft unheilbaren Wunde hoffnungsloſer Liebe. Mehrere Tage verſtrichen abermals. Abul⸗ feda's Betragen blieb unverändert gegen ſeinen Gaſt. Dieſer mied ihn, ſelbſt Ab⸗ dollah und hieit ſich am liebſten in der Ein⸗ ſamkeit auf; wo ihn bald ſein beleidigter Stolz, bald ein heißes, ſehnſüchtiges Ge⸗ fühl, das ihm Fatima's reizendes Bild vor⸗ führte, bald Reue über ſein Benehmen ge⸗ gen ſie quälte. Darüber kehrte Hamadan zurück. Laut freuten ſich nun die getäuſch⸗ ten Diener des Emirs über ſeine Herſtellung, denn ſie hatten Hamadan lieb gewonnen und unterdeſſen ſehr vermißt, da ihnen jeder Zutritt zu ihm, aus ganz natürlichen Grün⸗ den, die jedoch ſie nicht kannten, auf das beſtimmteſte verſagt geweſen. Kaum war Hamadan auf dem Schloſſe ſichtbar geworden, ſo begab ſich Ahmed zu Bahcam. Dieſer war in der verzweiflungs⸗ vollſten Stimmung.„Wißt Ihr Kiabuſur⸗ 12¹ „gomid's neuen Auftrag?“ rief er dem Eintretenden, auf deſſen Zügen ein freudi⸗ ges Lächeln ſpielte, entgegen.„Wißt Ihr „was er mir nun befiehlt?“ Ahmed bejahte es, und Bahcam fuhr fort: „Zum Mörder ſoll ich werden, zum Meu⸗ „chelmörder! Dafür alſo wurde ich meinem „Vater abgefodert, dafür von Mothi er⸗ „zogen.“ „Bahcam frevelt nicht!“ fiel ihm Ahmed ins Wort.„Erinnert Euch an Eueren Eid, „der unbedingten Gehorſam von Euch fo⸗ „ dert Bahcam ſprach ohne auf Ahmed zu hören weiter:„Abulfeda's Blut ſoll meine Hand „beflecken. Abdollah und Fatima ſollen „meiner fluchen. O nimmer, nimmer kann „ich Kiabuſurgomid's grauſamen Befehl „vollziehen.“ „Was ſprecht Ihr?“ unterbrach ihn Ahmed.„Soll Kiabuſurgomid Eueren Un⸗ „dank, Eueren Ungehorſam erfahren?— „Zu jung hat Euch Mothi entlaſſen, Kiabu⸗ „ſurgomid zu frühe Euch vertraut. Einige „Jahre ſpäter, nach ernſtlichern, ſtrengern „Prüfungen wäret Ihr ein beſſerer Einge⸗ 122 — „weihter, als Ihr es jetzt ſeyd, geworden. „Doch ſagt, was macht Euch ſo ſehr vor „den Befehlen des Scheichs zurückſchaudern? „Auf Euch fällt nicht die That, ſie iſt „ſein— und Ihr müßt ſeinem Willen fol— „gen, wollt Ihr nicht auf ewig verfluchet „ſeyn.— Abulfeda iſt nicht für den wah⸗ „ren Glauben, nicht für unſere Macht zu „gewinnen. Darum muß er von der Liſte „der Lebenden weggeſtrichen werden, wie „nach und nach alle die unſere Feinde Bahcam verhüllte ſich das Geſicht und ſchwieg. Ahmed warf einen durchdringen⸗ den Blick auf ihn, dann fragte er:„Habt „Ihr Kiabuſurgomid's Verheißungen und „Emina vergeſſen?“ „Sie lockt mich nicht, und nicht locken mich „die Verſprechungen Kiabuſurgomid's!“ ent⸗ gegnete Bahcam.„Ich habe ein höheres ken⸗ „nen gelernt als Emina's Hingebung. Seit „ich Fatima's ſtolzes Herz erkannte, iſt mir „Emina nichts.“ Dieſe Worte Bahcam's überraſchten Ahmed höchſt unangenehm. Doch verbarg er dies und ſprach:„Alſo Fatima macht Euch Kiabu⸗ 128 „ſurgomid's Aufrag ſo ſchwer, ſo unaus⸗ „führbar?— Schämt Euch und verbergt „Euch vor Euch ſelbſt. Ein Weib macht „einen Aſſaſſinen ſchwanken!— O, was „werden unſere Brüder dazu ſagen. Wie „werden ſie Euch deshalb verrachten und „verſpotten!“ Ahmed harrte einige Sekunden auf eine Erwiederung. Als dieſe aber nicht erfolgte, und er auch ſah, daß ſeine letzte Rede bei Bahcam nicht die Wirkung, die er erwartete, hervorbrachte; ſo ſuchte er ſchnell nach einer andern Weiſe ihn dennoch für Kiabuſurgo⸗ mid's blutigen Auftrag aufzuregen, und er ſagte, ſobald er dieſe gefunden, mit dem größten Ernſte:„Ihr verlangt Fatima. „Seyd Kiabuſurgomid gehorſam, und er „wird Euer Verlangen erfüllen. Ihr wißt „daß ſeine Güte unermeßlich iſt.— Die „Erreichung eines ſchönen Traumes, die „Erlangung Emina's, verſprach er Euch. „Hat dieſer Lohn Euch keinen Werth mehr, „ſo kann er ihn verwechſeln. Iſt es ihm „leicht einen Traum wahr zu machen, ein „Gebild Euerer Phantaſie zu beleben, ſo iſt „es ihm doch wohl noch leichter, Euch eine 124 „Lebende in die Arme zu führen. Seyd „deßhalb gehorſam, Kiabuſurgomid, wird „Euch dafür belohnen, doppelt belohnen, „wenn er erfährt, wie groß der Kampf „geweſen, der Euerem Gehorſame voran⸗ „gegangen.“ „Ihr ſeyd kein ungeübter Verführer!“ ſprach nun Bahcam nach einem langen in⸗ nern Streite. Und mit flammenden Blicken fuhr er fort:„Doch, es ſey! Abulfeda „falle. Fatima aber, die ſtolze, die mich „verachtende, werde mein.“ „So ſeyd Ihr unſeres Bundes wieder „würdig!“ frohlockte Ahmed, ſeine Hand faſſend.„Doch jetzt gebt Euch nicht ermat⸗ „tenden Träumereien hin, damit alles vor⸗ „bereitet iſt, und uns nicht zu frühe der „Abend mit Saleh und Mowaffek und des „Erſteren tapferer Schaar überraſchet. Ihr „wißt, ſobald ſich die Sonne neigt, wer⸗ „den ſie ſich, wie es Kiabuſurgomid gebot, „in dem nahen Walde, wo kein Späher⸗ „Auge ſie entdecken wird, lagern, und auf „den Euch angezeigten Wink harren, um „auf das Schloß zu eilen, deſſen Thore „wir ihnen öffnen. Abulfeda muß zu der⸗ 125 „ſelben Zeit in ſeinem Blute ſchwimmen, „und Abdollah uns, entweder mit einem „heiligen Eide Treue geſchworen haben, „oder in Feſſeln liegen; denn Kiabuſurgo⸗ „mid zweifelt an der Dauer ſeiner Bekeh⸗ „rung. Ihn auf immer zu gewinnen oder „zu bezwingen, iſt mir aufgetragen. Der „Emir iſt Euer. Laßt uns ſehen, wer am „beſten Kiabuſurgomid's Auftrag vollziehet. „Säumet nicht; übereilt Euch aber auch „nicht, da wir erſt mit dem Scheiden der „Sonne Unterſtützung durch Saleh er⸗ „halten.“ „Geht, Ihr ſollt mich nicht übertreffen,“ entgegnete Bahcam.„Abulfeda fällt, und „ich triumphire über das ſtolze Weib, die „es wagte, mich zu verachten, die es wag⸗ „te, mich zu verwerfen.“ Ahmed entfernte ſich nun, nachdem er noch einiges mit Bahcam verabredet hatte. Dieſer beſchäftigte ſich hierauf mit man⸗ chem, was geſchehen mußte, bevor die Son⸗ ne ſank und die Stunde anbrach, die von dem Scheich von Alamut als Abulfeda's letzte bezeichnet war. Dadurch, und durch den Gedanken, wie ſehr ihn Fatima belei⸗ 126 digt hatte, unterdrückte er die Stimme, die gegen die blutige That, für die er ſich vor⸗ bereitete, noch vor kurzem ſo laut in ſei⸗ nem Innern geſprochen. Mit dem Nahen des Abends brachte ge⸗ heim ein Bote den Aſſaſſinen in dem Schloſſe Königsperle, die Nachricht von Saleh's An⸗ kunft im benachbarten Walde. Jetzt war alſo der Zeitpunkt da, wo Bahcam des Scheich's empörenden Auftrag erfüllen mußte. Er ſandte auf die vorſichtigſte Weiſe Saleh's Boten mit dem von Kiabuſurgomid beſtimm⸗ ten Zeichen, auf das Saleh den Schloß⸗ thoren zu nahen hatte, wieder zu dieſem zurück, und begab ſich dann einen ſcharfen Dolch im Gürtel zu Taher, der in den we⸗ nigen Tagen, wo er einen Aſſaſſinen in Bahcam erblickte, aus Angſt einem Ge⸗ ſpenſte ähnlich geworden war. Taher er⸗ ſchrack heftig, als er den Eintretenden und deſſen finſtere, todtverkündende Züge ge⸗ wahrte, und ſtammelte:„Was wollt Ihr. „Bei dem Propheten! ich habe Eueren Wil⸗ „len auf das getreueſte erfüllt. Ich ſchwieg. Ich „wagte es nicht einmal, zu denken, was 127 „Ihr ſeyd, um Euch nicht in Gedanken mit „dem ſchrecklichen Namen zu nennen.“ „Schweigt!“ befahl Bahcam barſch.„Jetzt „kann davon nicht die Rede ſeyn.“ Und mit gemildertem Tone fuhr er fort:„Ich „habe nothwendig mit dem mächtigen Emir „Abulfeda zu ſprechen. Bringt mich zu ihm.“ „Euer Verlangen zu erfüllen, wird „in dieſer Stunde nicht möglich ſeyn,“ant⸗ wortete Taher verlegen.„Denn der Emir „iſt bei Fatima.“ „Bei Ihr!“ ſprach Bahcam halb laut. „Auch dieſes noch.“ Und bitter lachend ſetzte er hinzu:„Warum nicht auch die⸗ „ſes!“— Hierauf ſagte er gegen Taher gewendet gebieteriſch:„Auf, nicht gezögert! „Was kümmert es meinen Auftrag, fin⸗ „det er Abulfeda bei den Weibern oder „allein. Fort, ich will es! Ich will und „muß ihn ſprechen, und iſt es auch bei „Fatima!“ Taher wagte keine Einwendung mehr. Voll Angſt führte er den ſeit wenigen Ta⸗ gen ſo ſehr gefürchteten durch lange Gänge zu den Gemächern Fatima's. Bei dieſen ſprach er mehreres mit deren Dienern. 128 Während dem zeigten ſich in einiger Ent⸗ fernung Hamadan und ein Theil von Bah⸗ cam's Begleitern. Bahcam gab ihnen einen Wink, den jedoch nur ſie bemerkten, worauf ſie wieder verſchwanden. Nach einem kurzen Harren vor Fatima's Gemächern wurden Taher und Bahcam in dieſelben gelaſſen. Abulfeda war mit Fati⸗ ma in dem Zimmer, in welchem ſie ſich ge⸗ wöhnlich aufhielt. Sie gerieth in eine ſicht⸗ liche Beweguug, als ſie Bahcam erblickte. Ihr Vater ging ihm entgegen, und fragte ihn nach dem Grunde ſeines Geſuches, ihn ſelbſt in dem Harem zu ſprechen. Bahcam warf einen brennenden Blick auf Fatima, dann ſagte er zu Abulfeda:„Ihr werdet „entſchuldigen, daß ich die Sitte ſo ſehr „beſeitigte. Doch mein Auftrag verlangte „es. Er iſt für Euch höchſt wichtig, denn „er fodert Euer Leben.“ Mit dieſen Worten hatte er nach ſeinem Dolche gegriffen, und dieſen mit vieler Ge⸗ wandtheit in Abulfeda's Bruſt geſtoßen. Laut aufſchreiend wankte Abulfeda. Bahcam hob den blutigen Dolch hoch empor, und ſtieß ihn noch einmal in die Bruſt des nun 129 ſinkenden Opfers. Fatima warf der Schrecken bewußtlos zu Boden. Taher aber eilte, ſtatt zu ſeinem Gebieter, jammernd und um Hülfe rufend aus dem blutbeſpritzten Gemache. Bahcam wandte ſich von Abulfeda, der heftig ſtöhnte, und mit dem Tode rang, und trat zu der bewußtloſen Fatima, die entſchleiert, todtenbleich, aber noch weit ſchöner als er ſie jüngſt geſehen, vor ihm lag. Mit dem höchſten Mitleidsgefühle und einer Wuth gegen ſich ſelbſt, die ihn bei ihrem Anblicke ergriff, ſah er zu der Un⸗ glücklichen nieder. Unterdeſſen war Lärm auf den Gängen entſtanden; Schwerterge⸗ klirr und Kriegsgeſchrei ertönte. Ihn küm⸗ merte dies wenig, er dachte nur an Fati⸗ ma und ſeine meuchleriſche That. Während er noch auf die Ohnmächtige ſtarrte, drang Ahmed zu ihm ein. Dieſer hatte die Die⸗ ner⸗Kleidung von ſich geworfen. Als Aſſaſ⸗ ſine, mit einem rothen Turban, Gürtel und Stiefeln von derſelben Farbe und weißen Kleidern ſtand er da. Seine Angen glüh⸗ ten, ſie flogen zur Erde auf Abulfeda. Ein höhniſches Lächeln überzog ſein Angeſicht, als er dieſen mit dem Tode kämpfend er⸗ 130 blickte. Und er trat dicht zu dem Sterbenden, beugte ſich über ihn nieder, und fragte ihn mit einem furchtbaren Tone:„Kennt Ihr „mich?— Ich bin Ahmed, der von Euch „betrogene Ahmed.“ Abulfeda's Züge verzogen ſich, während Ahmed alſo ſprach; mit einem feſten aber kurzen Blicke, in dem ſich Haß und Ent⸗ ſetzen ſpiegelte, betrachtete er dieſen; dann ſuchte er ihn mit der Hand von ſich hin⸗ weg zu winken. Ahmed aber grinzte teuf⸗ liſch, und beugte ſich noch tiefer zu ihm nieder. Abulfeda ſchloß die Augen, um da⸗ durch ſeinem Anblicke zu entgehen. Ahmed legte nun ſeine Lippen, leiſe einiges ſpre⸗ chend, dicht an des Unglücklichen Ohr. Die⸗ ſer wollte ſich aufraffen, ſeine Hände ball⸗ ten ſich, während er einen lauten Schrei des Abſcheues ausſtieß, worauf er zuſam⸗ menſank, und nicht mehr war. Fürchterlich lachte jetzt Ahmed, ſo, daß Bahcam, der in Gedanken vertieft daſtand, auffuhr, er⸗ ſchrocken aber ſich von dem Genoſſen wandte, der ihm in dem Augenblicke ſelbſt entſetzlich erſchien. Ahmed beachtete die Bewegung Bahcam's nicht. Er eilte auf ihn zu, ſchüt⸗ 134 telte ſeine Hand, und zog ihn dann fort aus dem Gemache, das ſich über Abulfeda's Leiche, und der noch immer bewußtloſen Fa⸗ tima wölbte. In ihm war für beide ja nichts mehr zu thun. Früher ſchon hatten Ahmed und die übri⸗ gen Aſſaſſinen, mit Abdollah's Beiſtande, den größten Theil von Abulfeda's Die⸗ nern und Wachen gewonnen. Dieſe wa⸗ ren nun, auf ein Zeichen Ahmed's, gegen ihren bisherigen Gebieter aufgetreten, in⸗ dem ſie, während Bahcam den Dolch in Abulfeda's Bruſt ſtieß, mit Bahcam's Be⸗ gleitern und ihren neuen Verbündeten, die wenigen treuen Untergebenen des Emirs, theils niedermetzelten, theils in Feſſeln leg⸗ ten. Taher war unter den Gefangenen. Hierauf beſetzten Saleh's Truppen das Schloß, und pflanzten des Ordens Banner auf deſſen Zinnen.— An dem Tage, an welchem Abulfeda fiel, wurden auch ſeine übrigen Beſitzungen auf ähnliche Weiſe wie die Königsperle, von den Aſſaſſinen einge⸗ nommen; ſeine Unterthanen wurden allent⸗ halben durch Verſprechungen und Drohun⸗ 9 7* 132 gen bezwungen, und dadurch zu Sclaven des Alten vom Gebirge. Abdollah war mit den Feinden ſeines Va⸗ ters einverſtanden, da er bereits für den Glauben der Ismailiten gewonnen war, und auch großen Vortheil, den ihm Ahmed und Bahcam verhieß, aus ſeinem öffentli⸗ chen Uebertritte zu dem Chalifen von Kahira erwartete. Er hatte ſogar jenen Eid, den Ahmed von ihm foderte, geſchworen. Durch dieſen Eid war er unauflöslich an die Is⸗ mailiten und ſelbſt an die Aſſaſſinen gebun⸗ den. Er ſchwur ihn, denn er ſah die Ab⸗ ſicht Ahmed's nicht, und glaubte, dies ſey nöthig, um völliges Vertrauen zu erhalten. Auch willigte er in die Uebergabe des Schloſ— ſes ein, da er ſich überzeugt hatte: daß ſein Vater auf keinem andern Wege als dem der Gewalt, für den Vortheil des fatemiti⸗ ſchen Ehalifen zu gewinnen ſey, der, wie er erwartete, dann ſeinem neu erworbenen Anhänger, nach dem Schrecken, in den die Einnahme des Schloſſes dieſen verſetzen mußte, wieder zu demſelben verhelfen wür⸗ de. Von dem Befehle, den Bahcam er⸗ halten, hatte er keine Ahnung. Sobald er 133 aber die Ermordung ſeines Vaters erfuhr, ward es helle vor ſeinen Augen; er ſah in ſeinen Verbündeten nur Ungeheuer, und ihn ergriff ein heftiger Schmerz aber auch ein namenloſer Haß gegen die Fremdlinge, die in ſeines Vaters Schloß ſo keck einge⸗ drungen waren. Er ſtürzte, ſeinen Eid ver⸗ geſſend, unter die von ihm ſelbſt verführten Diener und Wachen ſeines Vaters. Mit der größten Beredſamkeit ſchilderte er die⸗ ſen den Betrug, den man an ihm und ih⸗ 1 nen verübte; eben ſo ſtellte er ihnen die Güte und Milde ſeines Vaters vor, und herzdurchbohrend klagte und jammerte er über deſſen blutiges Ende. Nur wenige hör⸗ ten auf ihn, nur wenige ehrten ſeinen Schmerz; der größere Haufen ſpottete ſelbſt ſeiner, oder nannte ihn einen Thoren, der nicht wiſſe, was er wolle, der bald für dieſe, bald für jene Parthei ſtimme. Keiner aber trat zu ihm über, keiner griff gleich ihm nach dem Schwerte, um das äußerſte zu verſuchen. Er ſtand allein, ſich verwün⸗ ſchend, Nacht war es um ihn. Seine Seele ſann auf Rache; doch ſann ſie zu ſpät darauf. Seine kühnen Reden, 134 ſeine verzweiflungsvollen Verſuche waren bis zu Bahcam und Ahmed gedrungen. Der Letztere ſah ein, daß es dem Ver⸗ zweifelnden nicht zu ſchwer ſey, ſelbſt den heiligſten Eid zu verletzen. Er fürch⸗ tete Abdollah, und ließ ihn deßhalb, gleich ſo manchem andern, in Ketten wer⸗ fen. Bahcam erklärte ſich dagegen, allein Ahmed hatte ihn bald überwunden, und ſein Wille geſchah. Ein von den bewohnten Gängen des Schloſſes entlegener Kerker nahm Abdollah auf. Zähneknirſchend zerrte er an ſeinen Ketten. Wie wahnſinnig ſchlug er ſie an ſein Haupt, ſich und ſeine Leichtgläubigkeit verfluchend. Als es Nacht geworden war, hörte er mit einemmal Männertritte. Mit wilden Blicken ſah er auf. Seine Züge aber ſprachen den höchſten Abſcheu aus, als ſein Kerker gesffnet wurde, ein Lichtſtrahl in denſelben fiel, und er Bahcam, der in den engen Raum des Kerkers trat, mit ei⸗ nigen Bewaffneten erblickte. Die Letzteren blieben auſſen, doch ſo, daß ſie von ihm und Bahcam konnten geſehen werden. Bah⸗ cam nahte dem Gefangenen und löſte deſſen 135 Ketten. Dieſer bebte, als ihn die Hand berührte, die ſeines Vaters Blut verſpritzte. Bahcam ſah dies, ſeine Züge blieben aber unbeweglich ernſt. Als er geendet hatte und Abdollah von ſeinen Ketten befreit, mit Haß flammenden Blicken vor ihen ſtand, ſagte er:„Ihr ſeyd frei, weil ich es will. „Folget mir, ich führe Euch aus der Kö⸗ „nigsperle. Ihren Mauern fern, könnt „Ihr Euch leicht retten.“ Abdollah zögerte. Mißtrauiſch ſah er auf den Sprechenden, und ein heftiger Kampf herrſchte in ihm. „Ihr haſſet mich,“ fuhr Bahcam fort. „Und Ihr habt ein Recht dazu. Doch haſ⸗ „ ſet Euch darüber nicht ſelbſt. Streckt Ihr „nur die Hand gegen mich aus, ſo ſeyd „Ihr meinen Begleitern übergeben. Ein „jeder führt ein Schwert; Euer Blut wür⸗ „de ein jedes färben.“ „Glaubt Ihr, ich fürchte dies, ich fürchte „den Tod?“ fragte Abdollah.„Schon oft „ſah ich ihm in's Auge, und nicht erbebte „ich. Auch jetzt thue ich's nicht. Wahn⸗ „ſinnig müßte ich aber ſeyn, wollte ich Euch, den Bewaffneten, den ſeine Scla⸗ „ven noch ſchützen, unbewaffnet angreifen.“ Und nicht ohne Widerwillen fuhr er fort: „Ihr gebt mich frei, und ich nehme es an, „wenn Ihr mir die Freiheit unter billigen „Bedingungen gebt.“ „Ich kam nicht hieher, um mit Euch zu „handeln,“ entgegnete Bahcam.„Ihr „ſeyd frei ohne Bedingungen.“ „Bin ich es vielleicht, um im Hinterhalte „meuchlings gemordet zu werden?“ fragte Abdollah. „Ihr miskennt mich,“ erwiederte Bah⸗ cam.„Was ich jetzt thue, geſchieht aus „eigenem Willen; was ich früher that, war „nicht meine Wahl. Es geſchah auf den „Befehl eines Höheren.“ Abdollah, den Bahcam's letzte Worte an deſſen Abhängigkeit von dem Alten vom Ge⸗ birge mahnten, und ihm die Ueberzeugung aufdrängten: daß durch ſeine Freilaſſung jener ſich einer großen Verantwortlichkeit ausſetze, hielt es nach allem, was geſchehen und trotz ſeiner Gemüthsſtimmung und dem Abſcheu wider den Mörder ſeines Vaters, doch für ſeine Pflicht, gegen Bahcam, der nach ſeinen eigenen Worten, nur das ge⸗ 137 than, was ihm befohlen worden war, der nnn gegen ihn ſich großmüthig zeigte, dies nicht weniger zu ſeyn, und ihn auf die ihm durch ſeine Freilaſſung drohende Ge⸗ fahr aufmerkſam zu machen. Denn er dachte nicht an ſeinen Eid, er wähnte ſich in der Freiheit wieder ganz frei, und glaubte dann, das ausüben zu können, was jetzt ſein größ⸗ tes Streben war. Er fragte ihn deshalb: „Fürchtet Ihr jenen Höheren, der ſo viel „über Euch vermag, daß Ihr, weil er es „wollte, ſogar zum Meuchelmörder wurdet, „nicht, indem Ihr mich frei gebet; da dies „unmöglich ir ſeinem Willen liegen kann? „Fürchtet Ihr ihn nicht, wenn ich durch „Euch dieſe Mauern verlaſſe, und bei den „Freunden meines Vaters, bei den vielen „Feinden der Aſſaſſinen-Herrſchaft, Schutz „gegen Euch und jenen Höheren, Rache an „Euch und jenem Höheren ſuche. Wenn „des Krieges Fackel durch mich in ſein „Gebiet geſchlendert, und das Blut „ſeiner Treuen erbarmungslos, wie jenes „meines Vaters, vergoſſen wird. Habt Ihr „dann nicht Rechenſchaft über die Schonung, „die Ihr mir erzeigtet, zu geben?“ 1.38 „Ich hätte es, wenn Ihr Euere Drohung „ausführen könntet,“ antwortete Bahcam. „Glaubt mir, ich ſpiele kein gewagtes Spiel; „denn ich kenne Euch, und kenne den Eid, „den Ihr Ahmed geſchworen, durch den „Ihr für immer unſer oder der Hölle ſeyd.“ Bei dieſen Worten Bahcam's wurde Ab⸗ dollah leichenblaß. Einige Sekunden blieb er bewegungslos, dann ſtampfte er den Bo⸗ den, und verhüllte ſich mit beiden Händen das Geſicht. Bahcam ſprach nun:„Ihr „konntet ihn auf Augenblicke vergeſſen, doch „nur auf Augenblicke des höchſten Schmer⸗ „zes und der Wuth. Jetzt denkt Ihr da⸗ „ran, und ich bin gewiß, Ihr werdet nicht „meineidig, und handelt nicht gegen die „Sekte der Ismailiten und den Scheich von „Alamut, was dieſer allein von Euch be⸗ „gehrt, da Ihr doch nicht zu ſeinem An⸗ „hänger taugt.“ Abdollah war vernichtet. Dumpfſchwei⸗ gend ſtand er vom tiefſten Weh verzehrt. Seine Augen wurden dunkel, und ein kal⸗ ter Grabesſchauer ſchien ihn zu durchbeben. Bahcam betrachtete ihn nicht ohne Rührung. Nach einer Minute, die darüber verfloß, 139 gab er dem Unglücklichen ein Zeichen, ihm zu folgen. Abdollah that es mechaniſch. Schweigend durchſchritten ſie die Gänge des Schloſſes, in einiger Entfernung von den Bewaffneten begleitet, die vor dem Kerker geharrt hatten. Bahcam führte Abdollah bis vor das Thor der Königsperle. Als ſie ſich im Freien ſahen, blieb er ſtehen. Abdollah, der mit ſich widerſprechenden Gefühlen rang, ſtarrte auf ihn, und unterbrach endlich die bisher herrſchende Stille, indem er mit be⸗ bender Stimme und einigem Stocken fragte: „Was iſt aus Fatima geworden?“ „Fatima,“ antwortete Bahcam bewegt, „iſt in den Händen ihrer Frauen. Seyd „unbeſorgt über ſie, wir werden ihr Un⸗ „glück ehren.“ „Und ſie nicht als Sclavin verkaufen, „oder Unwürdiges von ihr verlangen?“ fragte Abdollah raſch. Bahcam zögerte mit der Antwort, und Abdollah fuhr fort:„Könnt Ihr mir die⸗ „ſen Troſt nicht mit auf die Flucht geben? „könnt Ihr es nicht?“ Bahcam entgegnete:„Ich bin nicht Herr „ihres Schickſals. Doch werde ich alles 140 „aufbieten, es ihr ſo leicht, als nur mög⸗ „lich iſt, zu machen.“ Aodollah ſeufzte tief, Bahcam fuhr fort: „Gehet, denn ſonſt könnte Euere Rettung „mislingen, da Ahmed Euch noch in Ketten „wähnt. Erhält er einen Wink, daß Ihr „es nicht ſeyd, ſo wird er alles aufbieten, „Euch zu ereilen.— Geht, und gedenket „Eueres Eides!“ „Müßt Ihr mich nochmals daran mah⸗ „nen?!“ fuhr Abdollah heftig auf. Gemä⸗ ßigt, aber mit dem Ausdrucke nur ſchlecht unterdrückten Schmerzes, ſprach er weiter: „Seyd überzeugt, ich werde ihn nie ver⸗ „geſſen, obwohl ich es auf kurze Zeit konnte. „Mir zur ewigen Pein wird er in meinem „Gedächtniſſe ſtehen, und mich bewahren „durch Meineid nicht noch tiefer zu ſinken „als ich ſank, da ich Euch und Eueren Ge— „noſſen traute und jenen Schwur aus⸗ „ſprach.“ Nach dieſen Worten eilte er mit ſchnellen Schritten und ohne umzuſchauen von dan⸗ nen, und entſchwand ſehr bald aus Bah⸗ cam's Blicken in die finſtere Nacht. Bah⸗ cam, der ihm nachgeſehen, kehrte nun um 144 und ging mit geſenktem Haupte ſeinen Be⸗ gleitern ins Schloß voran. Des andern Tages mußte er die heftigſten Vorwürfe von Ahmed, über ſeine willkührliche Befreiung Abdollah's, hören. Er vernahm ſie gelaſſen, und befolgte ſchwermüthig aber ſehr pünkt⸗ lich die Befehle des Großmeiſters. Ahmed ſandte dem flüchtigen Abdollah einige Reiter nach. Allein dieſe kamen ohne den Ge⸗ ſuchten zurück. Fatima war hei der Leiche ihres Vaters nach einiger Zeit in das Leben, doch nicht in das Bewußtſeyn erwacht. Sie wurde von dem Todten hinweg gebracht. Die ſchrecklichen Bilder, die ſie ſeit dem Ent⸗ ſchwinden ihrer Ohnmacht ängſtigten, ver⸗ ließen ſie aber nicht in der Entfernung von ihm. Allein nicht nur ihr Geiſt, war bei dem Entſetzlichen, das in ihrer Gegenwart geſchah, erkranket, ſondern auch ihr Körper. Sie ſank auf das Siechbett, und lange Lei⸗ den harrten ihrer. Baheam dachte nun nicht mehr daran über Fatima zu triumphiren, ſondern allein nur noch ihr ihr Unglück zu erleichtern. Feſt nahm er ſich vor, ſie ſich, ſobald ſich ihm 142 dazu Gelegenheit darbiete, von Kiabuſurgo⸗ mid als Lohn für ſeine blutige That zu er⸗ bitten, um ihr dann ihre jetzigen Leiden vergüten zu können. Auch wurde ſie nach ſeinem Willen von ihren Frauen auf das ſorgfältigſte verpflegt, ohne daß Ahmed da⸗ gegen etwas einwandte. Fatima's körperliche und geiſtige Krank⸗ heit zeigte noch nicht die geringſte Beſſerung, als neue Befehle vom Alten vom Gebirge einliefen. Nach dieſen mußten Ahmed und Bahcam mit ihren Begleitern ſchleunigſt das gewonnene Schloß verlaſſen und ſich nach Maßiat begeben. Saleh erhielt den Befehl über die Königsperle. Auf das dringendſte empfahl nun Bahcam dieſem Fatima, dann verließ er den Schauplatz ſeiner Mordthat, von dem Ahmed mit dem Frohlocken der be⸗ friedigtſten Rache ſchied. Nur wenige Stunden hatten Bahcam und Ahmed die Königsperle hinter ſich, als ſie erfuhren, daß Sultan Sandſchar, empört über die hinterliſtige Ermordung ſeines Emirs und die Wegnahme des Gebiets mit dem ſein Vorgänger jenen belehnte, die Waffen ergriffen habe und gegen den Orden 143 zu Felde ziehe. Dieſe Nachricht kam Bah⸗ cam willkommen, denn er hoffte, daß nun ſein Wunſch erfüllt werden würde und er ſich im offenen Kampfe zeigen könne. Allein er ſah bald wie ſehr er ſich tänſchte. Denn kaum war er in Maßiat angekommen, ſo erhielt er neue geheime Aufträge, die ſeine Gegenwart in einer entfernten Landſchaft foderten. Seinen Plan, Fatima für ſich zu begehren, mußte er nun auch bis zu ſei⸗ ner ſehr unbeſtimmten Rückkehr aufgeben. Seine bisherigen Begleiter bis auf Ahmed, den eine Ordre nach Alamut rief, wurden zu jenen Truppen geſendet, die dem Atabegh Schirghir, der die Landſchaft Rudbar mit einem Heere bedrohte, entgegen zogen. Auch ſchlugen ſie vereint mit dieſen Truppen die Feinde in die Flucht und trugen noch reiche Beute davon, während Bahcam, wie⸗ der verkleidet mit wenigen Dienern, die ihm folgten, auf das genauſte die ihm ertheilten Befehle des Großmeiſters voll⸗ führte. 2 Kaum war er damit zu Ende, ſo empfing er abermals Aufträge, die ihn in immer entlegenere Gegenden brachten. Nur ſelten 5 144 erhielt er nun Nachrichten aus ſeiner Hei⸗ math; dadurch wurden ihm alle Ereigniſſe darin völlig fremd. Die Zeit verſtrich. Aber doch vergaß er nicht, über ſo manches was ihm nach und nach begegnete, den in ſeinem Blute röchelnden ſterbenden Abulfeda, die bleiche Fatima und den flüchtigen Ab⸗ dollah. Immer weniger aber führten ihn ſeine Gedanken und Träume zu Emina. Endlich hatte er alles vollbracht, was Kiabuſurgomid von ihm foderte, und er kehrte wieder in ſeine Heimath zurück, in der unterdeſſen manches Wichtige vorgefallen war; was er nun erſt erfuhr.— Siegreich waren die Aſſaſfinen nicht allein aus dem Kampfe mit dem Snltane Sandſchar her— vorgegangen, ſondern auch das Kriegsheer, das nach dem Tode Sandſchar's, deſſen Nachfolger, Sultan Mahmud, gegen ſie ſandte, war von ihnen zurückgeſchlagen wor⸗ den. Später war zwar durch Liſt Mahmud tief in ihr Gebiet vorgedrungen, dafür mußte er aber mit dem Leben büßen, was ſein Heer zerſtreute. Hierauf hatten ſie ſelbſt Kaswin bedroht und viele Turkomanen erſchlagen.— Abu Haſchem, ein Nachkömm⸗ 145 ling Ali's, der ſich in Ghilan der Imams⸗ würde angemaßt, war von den durch Aſſaſ⸗ ſinen angeführten Ismailiten in Dilem ge⸗ fangen und nach einem Kriegsrathe dem Scheiterhaufen überliefert worden. Auch hatten ſie das Schloß Banias und die Fe⸗ ſtung Sarmin und das Thal der Dämonen gewonnen, von dem aus ſie ſich der herum⸗ liegenden Schlöſſer bemächtigten, und da⸗ durch feſten Fuß in Syrien faßten. Kaum wagte es noch ein Fürſt jemanden wider ſie zu beſchützen. Die Sunniten verſtummten, und Aſien bebte vor ihren Dolchen. Denn ſchon war Kaſſimeddewlet, der tapfere Fürſt von Moßul, durch Aſſaſſinen gefallen; nach ihm ſank durch ihre Dolche Moineddin, der Veſir des Sultans der Seldſchugiden. Auch Buſi, der Fürſt von Damaskus, und deſſen Sohn Schemſolmoluck; der gerechte Abuſaid Herawi; der Mufti von Kaswin, Haſſan Ben Abilkaſſem; der Reis von Ißfahan und jener von Tebris, alle waren von Kia⸗ buſurgomid's Untergebenen hingeſchlachtet worden. Bahcam ſtaunte, ſchauderte aber zugleich vor dem vielen Blute zurück, das durch 10 146 ſeine Verbündeten gefloſſen. Klippenvoll war ſein Weg geweſen, in Blut aber hatte er ſeit Abulfeda's Ermordung ſeine Hand nicht mehr zu tauchen gehabt, und er war des Blutvergießens durch ſeine lange Anwe⸗ ſenheit in fernen, friedlichen Ländern ent⸗ wöhnt. Aber doch machte er es ſich zum Vorwurfe, daß er im Innern die Thaten des Ordens größtentheils nur tadeln und verwerfen konnte, und daß es oft Augen⸗ blicke gab, in welchen er mit ſich ſelbſt un⸗ eins und die Verbindung ihm drückend war, in die er nicht einmal aus freier Wahl ge⸗ treten. Sein Weg führte ihn durch Abulfeda's Beſitzungen, auf welchen Saleh nun im Na⸗ men des Großmeiſters befehligte. Gern wäre er dieſem Landſtriche ausgewichen, denn ein höchſt unangenehmes, ja vorwurfvolles Gefühl bemächtigte ſich ſeiner, je näher er demſelben kam. Doch konnte er dies nicht ohne einen großen Umweg zu machen, auch wußte er, daß es ſich für einen Aſſaſſinen nicht gezieme vor begangenen Thaten zurück⸗ zuſchrecken, die dadurch, daß ſie der Alte vom Gebirge befohlen, in den Augen der „ 147 Eingeweihten geheiligt wurden. Er ſchlng deshalb gerade den Weg auf das von Saleh bewohnte Schloß Königsperle ein. Seine Gedanken kehrten, während er denſelben verfolgte, zurüͤck zu der Vergangenheit, in der er auf dem ſtolzen Schloſſe geweſen. Und an Fatima dachte er, an ihren Vater, ihren Bruder, ſelbſt der neugierige Taher ſtand vor ſeiner Seele. Dabei bemeiſterte ſich ſeiner eine Wehmuth, die ihn ſeit Abul⸗ feda's Tode ſehr oft ergriffen, die er aber allmälig von ſich zu verbannen gewußt hatte. Schon in der Entfernung von wenigen Stunden erblickte er das Felſenſchloß mit ſeinen hohen Thürmen. Doch zeigte ſich dieſes ihm von einer andern Seite, wie an jenem Abende, an dem er zum erſtenmale darin eingezogen. Noch trennte ihn ein dichter Wald von demſelben, der es ihm nun auch wieder verbarg. Ungeduldig durchritt er dieſen, denn er hatte ſich vor⸗ genommen, noch vor Anbruch der Nacht das Schloß, in welchem er den nächſten Morgen erwarten wollte, zu erreichen, und ſchon war es Abend geworden. Der Weg 10* 148 den er eingeſchlagen, war aber auch nicht geeignet, ſeine Eile zu unterſtützen; da er an manchen Orten von Felſen, an andern von undurchdringlichen Geſträuchen oder von ſchwindelnden Tiefen unterbrochen und durch⸗ aus ſteil war. Bahcam hatte ihn früher nicht gekannt, und nun nur deshalb ge⸗ wählt, weil er ihn für den nächſten hielt, der in dieſer Richtung auf das Schloß führte. Unmuthsvoll über alle Beſchwerden, die ſich ihnen auf dem mühſamen Wege entgegen⸗ ſtellten, folgten ihm ſeine Diener. Plötzlich hörte derſelbe gänzlich auf. Auch wurde es völlig Dunkel, während Bahcam mit den Seinen ſuchend umher irrte; was mit großen Schwierigkeiten, beſonders der Pferde we⸗ gen verknüpft war. Nach langem Wandern waren ſie durchaus in die Irre gekommen, und ſchon hatte Bahcam, trotz ſeiner Un⸗ geduld auf die Königsperle zu gelangen, ſich entſchloſſen, ſich unter den Bäumen, unter welchen er ſich gerade befand, bis zum kymmenden Morgen niederzulaſſen, als er mit einemmale, nicht ſehr ferne, einen Lichtſchimmer erblickte. Seine bisher mur⸗ renden und über Hunger und Miüdigkeit 149 klagenden Diener jubelten, als auch ſie das Licht gewahrten, und Bahcam ihnen ſeinen ſchnell gefaßten Vorſatz, zu demſelben zu ei⸗ len, kund that. Aufs neue belebt folgten ſie nun behutſam, ihre Pferde durch die bis⸗ her unbetretene Wildniß führend, ihrem Gebieter, der gleich ihnen längſt von dem Seinen geſtiegen war. Bald hatten ſie das Licht erreicht, das, zu ihrer Freude, durch das hölzerne Fenſter⸗ gitter eines aus gebrannten Ziegeln erbauten Hauſes ſiel. Bahcam ging an die Thür, und klopfte an dieſe. In dem Hauſe hörte man einiges Geräuſch, auch wurde das Licht darin von ſeiner Stelle gebracht; was Bah⸗ cam nicht nur die Helle, die es durch das Fenſter warf, ſondern auch einer ſeiner Be⸗ gleiter ſagte, der daran getreten war, und neugierig und ungeduldig durch daſſelbe blickte. Aber doch dauerte es einige Zeit, bis die Thür den Harrenden geöffnet wur⸗ de, und ein altes, häßliches, nicht ver⸗ ſchleiertes Weib*) Bahcam mit einem Lichte *) In den Provinzen, beſonders auf den In⸗ ſeln des Archipels erheben ſich die Weiber über 150 daraus entgegenkam. Dieſer trat bei ihrem Anblicke einige Schritte zurück, denn noch nie hatte er ein ſo abſtoßendes Angeſicht und eine ſo verwachſene Geſtalt geſehen. Und doch trotz ihrer Häßlichkeit verkündete die Alte Eitelkeit, denn ſie hatte ſich nicht allein ſchwarze Kreiſe um die Augen gemalt, ſondern auch ihre welken Lippen blau ge⸗ färbt, was das widerliche ihres Aeußern nur noch erhöhte. Schnell aber verwies ſich Bahcam im Stillen ſeinen Abſcheu vor der jeden Zwang; ſie erſcheinen ſogar öffentlich ohne Schleier. Siehe Muradgea d' S allg. Schil⸗ derung u. ſ. w. Auch erzählt Joſeph von S in ſeinem Umblick auf einer Reiſe von Conſtantinopel nach Bruſſa u. ſ. w. folgendes, bei ſeinem Beſuche während der Kurzeit in Tawſchandſchil:„Die „türkiſchen Weiber, ſelbſt von der Hauptſtadt, „weichen hier von dem ſtrengen Geſetze der „Sitte ab, die ihnen verbietet, ſich entſchleiert „zu zeigen(beſonders wenn ſie ſich unbeachtet „von Türken glauben). Wir fanden einige „derſelben am Geſtade, die entſchleiert uns zu⸗ „riefen, und ſich in's Geſpräch einließen, das „aber bald durch die Erſcheinung von Männern „unterbrochen ward.“ „ 154 häßlichen Alten, deren Gaſtfreundſchaft er ſo ſehr bedurfte. Und er begrüßte ſie nun höflich, und erſuchte ſie um Aufnahme in ihrer Wohnung für dieſe Nacht, und um einige Nahrung für ſich und ſeine Diener. Die Alte war gleich bereit, ihm ſeinen Wunſch zu erfüllen. Sie winkte ihm, ihr in das Innere des Hauſes zu folgen, nachdem ſie den Dienern mit einer krähenden Stimme, eine ſchnelle Wiederkehr mit einigen Erfri⸗ ſchungen verſprochen hatte. Bahcam em⸗ pfahl dieſen hierauf die erſchöpften Pferde, und eilte dann ſeiner Führerin nach. Doch hatte er nur wenige Schritte bis zu der Kammer zu gehen, aus der die Helle drang, welche die Verirrten angelockt hatte. In derſelben ſtellte die Alte das Licht nieder, und hieß ihren Gaſt mit einer unangeneh⸗ men Freundlichkeit willkommen. Während ſie ſprach, bewegte ſich etwas in einer Ecke der Kammer. Bahcam ſah darauf hin, und erblickte einen Mann, der ſich von einem Teppiche, der auf dem Bu⸗ den lag, erhob, ihn anſtarrte, die Pfeife, die er in dem Munde hatte, weglegte, ſein Haupt dann vor ihm beugte, und die rechte 152 Hand auf die Bruſt drückte. Doch voll⸗ brachte er dieſe Begrüßung mit einer ſo gro⸗ ßen Langſamkeit, daß Bahcam nicht allein Zeit hatte, während dieſer, ihn und die häßliche Alte, ſondern auch die Kammer ganz genau zu betrachten. Der Grüßende ſchien in denſelben Jahren zu ſeyn, wie das widerliche Weib, das ſich ſehr bald als ſeine Ehegenoſſin ankündete. Doch theilte er nicht ihre Häßlichkeit, da er ein großer, wohlge⸗ bildeter Mann war, mit ſchwarzen Augen und einer Habichtsnaſe in dem vollen Ge⸗ ſichte, deſſen Hauptzierde ein langer Bart ausmachte. Er hätte ſogar für ſchön ge⸗ halten werden müſſen, wäre in ſeinen Zü⸗ gen und in ſeinen Augen nicht die größte Trägheit abgedrückt geweſen. Er trug weite Beinkleider, über dieſe mehrere Röcke von verſchiedenen Farben, und aus ſeinem Gür⸗ tel ſah ein Dolch hervor. Die Turban ähn⸗ liche Mütze, die ſein Haupt bedeckte, war aus Lämmerfellen gemacht. Der Anzug ſei⸗ ner Genoſſin war dem Seinen ziemlich gleich. Auch hatte ſie ſich nicht allein das Geſicht bemalt, ſondern ſelbſt ihre am Hinterkopf zuſammengebundenen und in mehrere Zöpfe 1 153 geflochtenen, wahrſcheinlich von dem Alter gebleichten Haare, wie die Nägel ihrer Hände roth gefärbt. Die Einrichtung der Kammer war in dem höchſten Grade arm, denn nicht viel mehr als der Teppich, von dem ſich der Hausherr bei dem Eintreten ſeines Gaſtes erhoben hatte, war darin zu ſehen. Die Alte, die ſich Melula nannte, holte aus einem andern Theile der Wohnung ei⸗ nen zweiten Teppich, den ſie jenem ihres Mannes gegenüber legte, indem ſie Bahcam auffoderte, ſich darauf niederzulaſſen. Bah⸗ cam, der ſehr müde war, ſetzte ſich auch gleich zu ſeinem Wirthe, der ſich nach ſei⸗ ner Begrüßung wieder auf ſeinen Teppich be⸗ geben, und die weggelegte Pfeife in den Mund genommen hatte. Ykelula hatte draußen bei Bahcam's Begleitern einiges zu beſorgen, ſie verließ deßhalb nochmals die zwei Män⸗ ner. Bahcam griff nun auch nach ſeiner Pfeife. Er richtete mehrere Fragen an ſei⸗ nen Wirth, doch dieſer hatte in ſeiner Träg⸗ heit, die ſein Geſicht ſehr richtig ankündigte, nur die allerkürzeſten Antworten darauf, ſo daß Bahcam alles fernere Fragen aufgab. 154 Bkelula trat endlich wieder mit ziemlich ſchlecht zubereitetem Reiße ein. Bahcam theilte mit ihr und ihrem trägen Manne, den ſie Osmin hieß, dieſes Gericht, das ihm nach ſeiner beſchwerlichen Wanderung ſo gut ſchmeckte, als ſey es auf die feinſte und künſtlichſte Weiſe zubereitet. Während dem Eſſen ſüchte er mit Melula ein Geſpräch anzuknüpfen, was ihm auch gelang. Dsmin aber ſchenkte demſelben nicht die geringſte Aufmerkſamkeit. Er aß langſam, wuſch ſich hierauf, ſah noch einige Zeit mit ſeiner Pfeife im Munde mit der größten Gleich⸗ gültigkeit vor ſich hin, nahm dann ſeine Mütze ab, und dehnte ſich mit ſeiner langen Pfeife auf ſeinem Teppiche aus, und ſchlief bald darauf, nachdem dieſe erloſchen war, ein. Unterdeſſen hatte Bahcam ſich bei Ykelula nach mancherlei in der Umgegend erkundigt. Melula wußte ihm über alles ſehr ausge⸗ führt oft ins langweilige ausartend Aus⸗ kunft zu geben. Während er mit ihr ſprach, ergriff ihn der Gedanke, daß ihr vielleicht auch Fatima's Schickſal nicht unbekannt ſey, und er ſagte deßhalb zu ihr, die Ausge⸗ dehntheit in ihren Reden nicht fürchtend, 15⁵ ſobald ſich ihm eine günſtige Gelegenheit da⸗ für darbot:„Auf meiner Reiſe hieher „hörte ich viel von Abulfeda erzählen. Sein „Ende war traurig. Aber auch von einer „Tochter Fatima ſprach man. Was iſt aus „dieſer geworden?“ Ein Seufzer drang bei dieſer Frage Bah⸗ cam's über Melula's gefärbte Lippen, und nach einer Pauſe antwortete ſie:„Die ar⸗ „me Fatima! o ihr Schickſal iſt hart, weit „härter als jenes ihres Vaters es geweſen. „Er hatte es verdient, und dann endete er „auch ſchnell. Sie aber mußte das Unnenn⸗ „bare leiden— wahrſcheinlich leidet ſie „noch.“ „Wollt Ihr mir nicht erzählen, was mit „Fatima geſchah,“ bat nun Bahcam.„Ihr „wißt es ſicher am beſten.“ „Darin habt Ihr nicht ganz Unrecht,“ entgegnete Relula.„Obwohl ich, ſeit Fa⸗ „tima's Schweſter von einem Zauberer ent⸗ „führt wurde, worüber ihre Mutter ſtarb, „nicht viel auf dem Schloſſe geweſen bin, „ſo habe ich mich doch immer um das gute „Kind, die liebe Fatima, die ich ſo oft „auf meinen Armen getragen, wie um ihren 156 „Bruder Abdollah intereſſirt, und wußte „daher lange Zeit auch alles was mit bei⸗ „den geſchah.— Vor jenem traurigen „Tage, der Abulfeda's Emira zum Todes⸗ „tage wurde, war ich Dienerin auf dem „Schloſſe. Nach Emira's Tode wollte man „mir nicht mehr wohl und ich erhielt meine „Entlaſſung. Ich hatte mir einiges erwor⸗ „ben. Osmin war auf dem Schloſſe ange⸗ „ſtellt. Er hatte die Habichte, die für die „Jagd abgerichtet waren, zu beſorgen. Er „war ein ſchöner Mann, und ich wurde „ſein Weib. Er verließ nun den Dienſt, „denn er arbeitete nicht gern, und glaubte „mit meinem Erworbenen ausreichen zu „können. Auch wäre dies möglich geweſen, „hätte uns das Unglück nicht verfolgt. Wir „kamen zurück, immer weiter zurück, bis „wir uns in dieſe elende Wohnung ver⸗ „graben mußten. Und arbeitete ich nicht, „ſo wäre Osmin längſt aus Hunger ge⸗ „ſtorben.“ „Aber Fatima?“ fragte Bahcam unge⸗ duldig. „Nun ja Fatima,“ antwortete Ykelula. „Wo ſie jetzt iſt, das weiß ich nicht. Wahr⸗ 157 „ſcheinlich in dem Harem des fürchterlichen „Alten vom Gebirge, da ſie nach Alamut „gebracht wurde, obwohl ſie den Verſtand, „während der Schreckenszeit in der die Aſ⸗ „ſaſſinen das Schloß gewannen, verloren „hat. Daß die Königsperle in Feindes „Hand fallen würde, war zu erwarten, „und wäre ich Sultan Melekſchah geweſen, „ich hätte ſie nicht erbaut. Ihr müßt wiſſen, „daß ihm dazu der Geſandte des Kaiſers „von Conſtantinopel gerathen, als er mit „dieſem in dieſer Gegend jagte, und ſich „zufällig ein Hund auf jene damals uner⸗ „ſteigliche Felſenplatte, wo jetzt das Schloß „ſteht, verlief. Und der Sultan war wirk⸗ „lich thöricht genug, den Rath des Frem⸗ „den zu befolgen und die Königsperle auf⸗ „zubauen, ohne daß ihm dabei einfiel, daß „eine Feſte, deren Lage ein Hund angezeigt „und zu deren Erbauung ein Ungläubiger „gerathen, nur zum Verderben führen kann, „ was bereits geſchehen. Doch Ihr werdet „ungeduldig. Euch ſcheint Abulfeda's Toch⸗ „ter mehr als ſein Schloß am Herzen zu „liegen. Darum ſollt Ihr auch alles hören, „was ich von ihr weiß.— Früher ſchon, „ehe die Königsperle von Abulfeda's Fein⸗ „den eingenommen wurde, hatte ſich ein „junger Aſſaſſine, derſelbe der Fatima's „Vater niedergeſtochen, bei ihr eingeſchli⸗ „chen. Sie kannte ihn nicht als einen Aſ⸗ „ſaſſinen, und er gewann ihr Herz.“ „Er gewann ihr Herz!“ fuhr Bahcam ſichtbar bewegt auf. Melula ſprach weiter: „Ihr glaubt dies nicht. Ich hätte es auch „nicht gethan, hätte nicht eine von Fatima's „Dienerinnen, die der Gefangenſchaft ent⸗ „flohen und ſich einige Zeit bei mir ver⸗ „barg, bei dem Propheten geſchworen, als „ſie es mir erzählte, daß das was ſie ſage „wahr ſey. Und wiſſen konnte ſie es, denn „Fatima hielt immer viel auf ſie.— Fa⸗ „tima's Herz gehörte bereits dem ruchloſen „Aſſaſſinen, da erfuhr ſie, daß er dieſes ſey, „daß er ſich nur an ſie gewendet, nur bei „ihr eingeſchlichen habe, um ſeine empören⸗ „den Plane auszuführen, daß er mit ihr „eine Spielerei getrieben. Sie durchkämpfte „nun die Tage und Nächte. Sie ſuchte „ihn zu vergeſſen, weil ſie ihn verachten „mußte; doch es wollte ihr nicht gelin⸗ „gen!— Der Schändliche drang ſelbſt in —— e.——— —.——————————— ⸗ ———.— „ihre Gemächer um ſeinen Blutdurſt zu ſtil⸗ „len. In ihrer Gegenwart ſtieß er Abulfeda „nieder. Darüber ging ihr ſonſt ſo heller „Verſtand unter. Lange Zeit lag ſie krank „auf der Königsperle, die Saleh unterdeſ⸗ „ſen für die Aſſaſſinen in Beſitz genommen „hatte. Sie wurde von dieſem ziemlich gut „behandelt. Endlich kam ein Befehl, daß „ſie mit den anderen Gefangenen, die auf „dem Schloſſe ſeufzten, nach Alamut geſen⸗ „det werden ſollte. Noch war ſie nicht ein⸗ „mal körperlich geneſen. Saleh hatte aber „nicht den Muth, die Ausführung des Be⸗ „fehles des Alten vom Gebirge zu verzö⸗ „gern. Wie eine verachtete Ungläubige „wurde die Arme auf einen Eſel gebracht; „Taher, einer der Höflinge Abulfeda's und „die anderen Gefangenen mußten dieſem „zu Fuße in ihren neuen Kerker folgen. „Seitdem habe ich nur noch wenig von dem „lieben Kinde, der armen Fatima erfahren; „und dies wenige iſt ſehr ungewiß. Zu „ihrem klaren Verſtande ſoll ſie nicht mehr „gekommen ſeyn.“ Bahcam hatte mit der größten Unruhe auf die Sprechende gehört, und er fragte 460 nun:„Was iſt aus Fatima's Bruder, aus „Abdollah geworden?“ „Dies weiß niemand,“antwortete Melula. „Er wurde gefangen, verſchwand aber in „ſeinem Gefängniſſe, und wurde von dieſer „Zeit an nicht mehr geſehen. Wahrſchein⸗ „lich haben ihn die Dibhs*) ermordet und „ſeine Gebeine in die Lüfte zerſtreut, damit „alle Spur von ihm verloren ging. Denn „die Aſſaſſinen werden oft von dieſen überall „umherziehenden und Unheil verbreitenden „Weſen unterſtützt.“ Bahcam hatte auf dieſe Antworten Yelula's keine Luſt weiter zu fragen. Mkelula ſchwatzte noch mancherlei, ſchwieg aber endlich, als ſie bemerkte, daß Bahcam's Aufmerkſamkeit nicht mehr bei ihren Reden war. Dadurch bemächtigte ſich ihrer der Schlaf; ſie nickte einigemal, fuhr aber immer wieder empor und ſuchte ſich wach zu erhalten. Es gelang ihr jedoch nicht; ſe endlich feſt ſchlafend zuſammen. Bahcam blieb noch immer, in Gedanken Yelula's Erzählung über Fatima hörend, *) Böſe Geiſter. 164 ſitzen. Als aber ſeine häßliche Wirthin im Schlafe unruhig wurde, zu ſprechen begann und mehrmals einige Namen rief, da wurde es ihm unheimlich ihr und ihrem bewegungs⸗ loſen Manne gegenüber. Er ſtand auf und blickte, um nicht ſo nahe Melula's lautes Träumen zu hören, durch das Fenſtergitter in das Freie, wo ſich ſeine Diener bei den Pferden gelagert hatten. Die-Verſtand be⸗ raubte Fatima, die ihn liebte, die über ſeine blutige That wahnſinnig geworden, ſtand vor ihm; allenthalben gewahrte er ſie. Heiß wurde ihm dabei das Haupt. Er ſuchte Melula's Erzählung als Lüge zu er⸗ kennen; allein er vermochte es nicht. Denn hatte ihn Fatima auch verworfen, ſo hatte ſie dies doch erſt gethan, als ſie erfahren, daß er ein Aſſaſſine ſey. Ihr Betragen, ehe ſie dies wußte, mußte ihn überzeugen, daß ihr Herz nicht gleichgültig gegen ihn geblieben.— Seine damals lügenhafte Verſicherung ſeiner Liebe und deren Wieder⸗ holung, mit welcher er ſie noch zu täuſchen ſuchte, als ſie ihn bereits als einen Aſſaſſinen kannte; wie die Schonungsloſigkeit, mit der er ſogar ihren Vater in ihrer Gegen⸗ 11 162 wart niederſtieß, hatte er ſchon bereut, als ſie bei deſſen Leiche ohnmächtig zu ſeinen Füßen gelegen, und manchen innern Vor⸗ wurf machte er ſich ſeitdem darüber, obwohl er bisher die Bewußtloſigkeit, in der er ſie auf der Königsperle verlaſſen, für vorüber⸗ gehend und eine natürliche Eigenſchaft ihrer Krankheit gehalten. Jetzt aber fiel dies alles Zentnerſchwer auf ihn. Denn war das wahr, was Melula ſagte, dann war er ein großer Verbrecher: der Mörder von Fatima's Verſtande. Der Tod ihres Vaters lag nicht auf ſeinem Gewiſſen; er durch⸗ bohrte dieſen, weil er es mußte. Das Spiel aber, das er mit ihr geſpielt, hatte er aus freiem Willen unternommen, und blos ſein war die Grauſamkeit, die ſie zur Zengin ſeines Mordes machte; denn leicht hätte er ſie entfernen oder ihren Vater an einen andern Ort verlangen können. Auf ihm ruhte deßhalb die gräßliche Folge da⸗ von. Und hatte dies Fatima verdient? Dieſe Frage konnte er nur verneinen. Denn das Vertrauen, mit dem ſie ihn behandelte, der Glaube, den ſie für ſeine Worte hatte, und ihr ſtolzes, tugendhaftes Benehmen, —,— —,—— — —— ——,— 163 verdienten Achtung, ja ſelbſt Liebe. Und er mußte es ſich eingeſtehen, daß ſie ihn mit ihrer Liebe hätte beglücken müſſen, wäre er nicht der Niederträchtige geweſen, der ſie und auch ſich um das Glück der Liebe, des Lebens beſtahl. Lange ſtarrte er, mit eigenen Vorwürfen ſich quälend und an Fatima denkend, vor ſich hin. Endlich verließ er das Fenſter. Langſam, mit geſenktem Haupte, durch⸗ kreuzte er die Stube. Ykelula wurde immer unruhiger. Sie hatte zu ſprechen aufgehört, dagegen ſtöhnte ſie nun laut. Dadurch zog ſie Bahcam's Aufmerkſamkeit, die, ſeit er zu dem Fenſter geeilet, ganz von ihr ab⸗ gewendet war, wieder auf ſich. Er trat ihr näher und ſah zu ihr nieder. Ihr ohne⸗ dies widerwärtiges Geſicht war auf das abſcheulichſte verzerrt. Die Angſt des er⸗ tappten Verbrechers ſtand darauf geſchrieben. Ihr ganzer Körper war in krampfhafter Bewegung. Bahcam betrachtete ſie mit⸗ leidig. Ueber ihre erträumte innere Qual vergaß er auf Augenblicke ſeine eigene, die ihre Erzählung veranlaßte. Er wollte ſie wecken und dadurch von der Angſt, die ſie 11 164 im Schlafe folterte, befreien. Schon bückte er ſich zu ihr nieder, da ſchrie ſie auf: „Sie iſt todt— ich habe ſie gemordet!“ Bei dieſem Ausrufe fuhr Bahcam zurück: ihn ergriff Entſetzen vor der ſcheußlichen Geſtalt, und haſtig wandte er ſich von ihr ab. Sie grimmte ſich noch immer und ſtöhnte nun wieder. Bahcam ſah in der Kammer umher. Sein Blick fiel auf den ſchlafenden, ſo ruhig ſchlafenden Osmin. Der Ausdruck der Trägheit war nun von deſſen Geſichte gewichen, und er dadurch wirklich ein ſchöner Mann. Ruhig lag er da, ſeine Züge verriethen einen ſüßen Schlummer, den nicht die Träume einer ſchuldbeladenen Bruſt ſtörten. Friede herrſchte in ihm, während Melula kämpfte, ſtöhnte; während ſie mit Schreckbildern rang und ſich als Mörderin verklagte. Ihr Mund konnte lügen; ja es war ſogar wahrſchein⸗ lich, daß er im Schlafe eine Lüge ausſprach. Bahcam aber konnte dies kaum glauben; auch vermochte er es nicht, noch länger in ihrer Nähe zu verweilen, denn immer ent⸗ ſetzlicher und abſtoßender wurde ſie ihm. Er verließ deßhalb die Kammer und Woh⸗ 165 nung und eilte im Freien einige Zeit umher. Wirre Bilder verfolgten ihn. Er wähnte, das Stöhnen und laute Träumen Ykelula's auch jetzt noch zu hören; dazwiſchen ver⸗ nahm er wieder abgeriſſene Theile ihrer Erzählung über Fatima. Dieſe Racht ver⸗ wünſchend, dünkte ſie ihm eine Ewigkeit. Aller Schlaf floh ihn, trotz ſeiner Ermüdung. Endlich fing der Morgen zu grauen an. Mit brennenden Blicken warf er ſich unter einen Baum nieder; ſehnſüchtig ſah er zu der Stelle, wo das Morgenlicht ſich zuerſt zeigte, ſehnſüchtig ſah er dem neuen Tage entgegen. Allmälig wurde es lebhaft um ihn; die bisher ſchlummernde Natur erwachte; auch ſeine Diener hörte er. Er ging zu dieſen. Melula war unter ihnen und verſorgte ſie mit einem Frühſtücke. Bahcam konnte es nicht über ſich gewinnen, Theil daran zu nehmen, ſo ſehr ihn Ykelula dazu einlud. Auch mochte er nicht mehr in die Wohnung zurück. Er eilte die widerwärtige Alte, über deren Gaſt⸗ freundſchaft er ſich keineswegs zu beklagen hatte, zu verlaſſen. Kaum waren ſeine Die⸗ ner zum Aufbruche bereitet, ſo trat er an 166 das Fenſtergitter, durch das er in die Kam⸗ mer ſehen konnte. Osmin ſaß auf ſeinem Teppiche, wieder rauchend und ſo träge und gedankenlos, wie die erſte Zeit der verwi⸗ chenen Nacht. Bahcam rief ihm einige Worte, die ſeinen Dank ausſprachen, zu. Gleichgültig hörte ihn Osmin an, und ohne ſich zu bewegen oder zu antworten, harrte er auf die Entfernung ſeines Gaſtes. Die⸗ ſer ſprach nun, obwohl mit widerſtrebendem Herzen, einiges zu Melula, und indem er ihr für ihre Gaſtlichkeit dankte, drückte er ihr einen anſehnlichen Lohn dafür, in die eckelhafte, bemalte, magere Hand. Doch hörte er nicht auf ihren Dank und ihre Wünſche, da er ſich haſtig, während ſie dieſelben ausſprach, zu ſeinem Pferde be⸗ gab, ſich darauf ſchwang und mit ſeinen Dienern aus ihren Blicken entſchwand, be⸗ vor ſie damit völlig zu Ende war. Ehe Bahcam Mkelula's Erzählungen ver⸗ nommen hatte, war es ſein Vorſatz, Saleh auf der Königsperle zu beſuchen. Nun aber war dieſer Vorſatz gänzlich von ihm gewi⸗ chen, und eine Stimmung hatte ſich ſeiner bemächtigt, in der es ihm nicht möglich 167 ſchien, die Mauern zu betreten, aus denen Fa⸗ tima gefangen und Verſtand beraubt gebracht worden war. Deshalb wandte er ſich, ſobald ihn Melula's Stimme nicht mehr erreichen konnte, zu ſeinen Dienern und that dieſen ſeinen Willen, ſich nicht auf das Schloß zu begeben, mit wenigen Worten kund. Auch ritt er wirklich, zu derſelben großem Ver⸗ druſſe, auf dem von Melula beſchriebenen Wege daran vorüber. — Eiligſt zog er nun gegen Alamut. Er 8 ſehnte ſich nach neuen Geſchäften, die ihn zerſtreuen ſollten, und erwartete dieſe bei Kiabuſurgomid. Allein er wurde in ſeiner Eile geſtört, ehe er die Landſtrecke zurückge⸗ legt hatte, die ſich damals noch zwiſchen der Königsperle und dem Gebiete der Js⸗ mailiten ausdehnte. An einem Donnerſtage, dem Tage an dem die Mohammedaner ihre Hochzeiten halten, kam er in eine nicht unbedeutende Stadt. Es war ſchon Abend, als er darin anlangte. In einiger Entfernung hörte er eine heitere Muſik, doch achtete er nicht darauf. Auf⸗ 2 merkſam nach einer Wohnung, wo er über⸗ 168 nachten konnte, umherblickend, ritt er durch die Straßen; auch hatte er bald ſeinen Zweck erreicht. Kaum war er aber von ſeinem Pferde geſtiegen, als ein junger Mann, der Herr des Hauſes, zu ihm trat, ihn höflich grüßte, und ihm mit wenigen Worten mit⸗ theilte, daß ſein Bruder ſeine Hochzeit feiere; worauf er ihn erſuchte, mit ihm zu dieſem zu eilen und an der Frende ſeiner Familie Theil zu nehmen. Bahcam weigerte ſich die⸗ ſer Einladung zu folgen. Als ſein Wirth aber nicht mit Bitten aufhörte und er ſah, daß er ihm wirklich eine Freude mache, wenn er ihn zu dem Feſte ſeines Bruders begleite, ſo willigte er endlich in des jun⸗ gen Mannes Wunſch ein. Jedoch mit dem Vorſatze, nur einige Zeit bei der fröhlichen Menge zu verweilen, da er den nächſten Morgen ſchon ganz frühe wieder ſeine Reiſe anzutreten gedachte. Er änderte nun einiges an ſeiner Kleidung, dann folgte er ſeinem Wirthe. Auf dem Wege ſagte dieſer zu ihm:„Meinem Bruder ſtelle ich Euch noch „nicht vor; dies kann ſpäter geſchehen, „wenn wir ihm ſeine ſchöne Braut, auf „die er mit meinen Eltern in ſeiner Woh⸗ 169 „nung wartet, überbracht haben. Jetzt „eilen wir zu ihr.“ Um die Wohnung der Braut, ja die ganze Straße hin bis zu derſelben, dräng⸗ ten ſich die Menſchen. Nicht ohne Mühe kam Bahcam durch die Menge, bei der die Luſikanten und Tänzerinnen ſtanden, die bei ſolchen Feſten nicht fehlen durften. Das ganze Haus war verſchwenderiſch beleuchtet und überall mit Gäſten angefüllt. Kaum war Bahcam mit ſeinem Führer darin ein⸗ getreten und einigen Männern vorgeſtellt, ſo ordneten ſich alle zu einem Zuge, um die Braut in die Wohnung ihres künftigen Gemahls zu bringen. Bei dieſem Ordnen entſtand ein großes Gedräng. Bahcam wurde deshalb von ſeinem Begleiter auf einen er⸗ höhten Platz geführt, von dem aus er alles ungeſtört überblicken konnte. Auch verwan⸗ delten die vielen Fackelträger, welche auf den beiden Seiten des Zuges gingen, des Abends Dämmerlicht in die deutlichſte Helle.— Zuerſt kamen die Muſikanten. Sie waren feſtlich geſchmückt und bemüht ihre Kunſt zu zeigen. Dieſen folgten leicht gekleidete Tän⸗ zerinnen, die alles aufboten den feierlichen 170 * Abend durch ihre Geſchicklichkeit zu verherr⸗ lichen. Hinter dieſen wurden von Männern auf den Schultern in offenen mit rothſeidenen Decken überlegten Kaſten die Geſchenke getra⸗ gen, welche auserleſen und höchſt koſtbar wa⸗ ren, und auf den Reichthum des Bräutigams und der Verwandten der beiden Familien, die ſich nun vereinten, und der geladenen Gäſte hinwieſen. Auch Bahcam hatte nicht erman⸗ gelt denſelben eine Gabe beizufügen. Hie⸗ rauf folgten die Verwandten der Brautleute, und dann die übrigen Gäſte. Bahcam wollte ſich dieſen anſchließen, ſein Führer hielt ihn aber zurück, indem er ſagte:„Bleibt nur. „Ich weiß ein Seitengäßchen; wenn wir „durch dieſes eilen, ſo können wir, nach⸗ „dem wir den ganzen Zug an uns vorüber „gehen gelaſſen, doch noch auf dem halben „Wege zu demſelben gelangen.“ Bahcam war damit zufrieden. Kaum hatte der Sprechende geendet, ſo zeigte ſich die Braut, die bisher in dem Innerſten ihrer Gemächer geweſen. Sie war ſehr reich ge⸗ kleidet. Viele Perlen, Steine, Ketten und Ringe hingen um ſie herum; doch war ſie wie ihre weibliche Begleitung dicht in einen — — ,————— ————— ——— —,— —— 6— 174 rothen Schleier verhüllt. Ein vom Bräuti⸗ gam geſendetes Pferd harrte ihrer. Sie beſtieg es mit vieler Grazie und überließ deſſen Führung einer jungen Verwandtin. Dieſer voraus ſchritt eine Brautdienerin, die auf dem ganzen Wege ihrer Gebieterin einen Spiegel vorhielt. Nach der Braut kamen noch einige Begleiter zu Pferde, die den langen Zug, dem ſich die Menge nach⸗ wälzte, ſchloſſen. Mit ſchnellen Schritten leitete nun der Bruder des Bräutigams Bahcam durch eine ſehr enge Straße. Bald hatten ſie dieſe durcheilt; und ſie kamen wirklich, wie jener geſagt hatte, noch zur rechten Zeit bei dem Zuge an, um ſich dem⸗ ſelben anzureihen. An der Wohnung des Bräutigams empfingen deſſen Eltern die neue Tochter. Nach einigen Ceremonieen führten ſie dieſe in dieſelbe und brachten ſie in ein Zimmer, in dem der Bräutigam, ein ſchöner Mann, ihr entgegen kam. Nochmals fanden einige Feierlichkeiten ſett. Alsdann entfernten ſich die Brautleute. Bald aber kehrte der Bräutigam wieder, und nun folg⸗ ten Vergnügungen auf einander. Bahcam wollte ſich, nachdem dieſe ſ 172 einige Zeit gewährt hatten, entfernen, allein er mußte bleiben und an der nun beginnen⸗ den Abendmahlzeit Theil nehmen. Während dieſer wechſelten Tanz und Muſik, auch er⸗ ſchienen mehrere Märchenerzähler. Bahcam achtete anfangs wenig auf die Letzteren, denn er fand nur ſelten Unterhaltung bei dieſen Leuten, die faſt allgemein die höchſte Spannung erweckten und mit der größten Aufmerkſamkeit angehört wurden. Einige deklamirten Stellen aus Dichtern, andere intereſſante gewöhnlich ſelbſt verfaßte Mär⸗ chen. Mehrere hatten ſchon mit ihrem Vor⸗ trage geendet, als abermals einer ihrer Ge⸗ noſſen auftrat. Ein freudiges Gemurmel lief bei ſeinem Erſcheinen durch den Saal, worin die Gäſte ſich ſeit der Mahlzeit be⸗ fanden. Bahcam war unterdeſſen durch einige ſehr gute Erzählungen, die er bereits gehört hatte, aufmerkſam geworden. Mit Intereſſe blickte er auf den Eintretenden, der, wie man ihm zuflüſterte, der beſte je gehörte Erzähler ſey. Bahcam ſtutzte ſobald er denſelben gewahrte, denn er ſchien Taher zu ſeyn. Seine Züge, ſeine Geſtalt, ſein Gang und Haltung ſprachen dafür. Aber ———— 6———— ———— 173 doch zweifelte Bahcam wieder daran, denn ganz grau, faſt weiß war des Fremden Bart, und jener von Taher war ſchwarz. Auch ſchien der Erzähler viel älter als Ta⸗ her, und dann wußte er Taher in der Ge⸗ fangenſchaft des Scheichs von Alamut, und deshalb ſchon war es nicht wahrſcheinlich, daß er frei und ein Märchenerzähler gewor⸗ den ſcy. Bahcam wandte ſich mit einigen Fragen nach dem Erzähler zu ſeinem Nachbar. Die⸗ ſer konnte ihm aber nichts von ihm ſagen, als daß er ganz vortrefflich erzähle. Auch begann er, wie er ſagte, ein von ihm ſelbſt erfundenes Märchen. Bei den erſten Wor⸗ ten die er ſprach, überzeugte ſich Bahcam, daß er Taher ſey, denn er vernahm nicht allein ſeine Stimme, ſondern auch ganz ſeinen Vortrag. In der höchſten Spannung und mit dem Vorſatze, ihn ſobald er geendet habe, über ſeine und der übrigen Gefan⸗ genen beſonders Fatima's Schickſale zu be⸗ fragen, hörte er auf den Erzählenden. Die⸗ ſer hatte bis jetzt von ihm weg zu einem andern Theile der Geſellſchaft geblickt. Mit einemmale wandte er ſich zu der Seite wo Bahcam ſaß. Seine Augen fielen auf den verkleideten Aſſaſſinen. Das höchſte Entſe⸗ tzen ſpiegelte ſich in demſelben Momente auf ſeinem Geſichte ab. Er verſtummte und erſt nach einer langen Pauſe hob er, mit niedergeſchlagenen Blicken, den abgeriſſenen Faden ſeiner Erzählung wieder auf; allein ſeine Stimme zitterte, und Thränen rannen über ſeine bleichen Wangen herab. Noch erzählte er weiter, er verwirrte ſich aber darin ſo ſehr, daß er genöthigt war, damit einzuhalten. Bahcam erhob ſich. In dem⸗ ſelben Augenblicke warf der Märchenerzäh⸗ ler einen ſcheuen Blick auf ihn. Des Er⸗ zählers Lippen bebten, er wankte, raffte ſich jedoch zuſammen, und als habe er das er⸗ ſchrecklichſte geſehen, ſo floh er nun mit allen Zeichen der Furcht aus dem Saale und der Wohnung, und verlor ſich auf der Straße unter die um das Haus ſtehende Menge. Bahcam folgte ihm mit noch eini⸗ gen der Gäſte nach. Den Letzteren war das Erſchrecken und plötzliche Entfliehen ihres Lieblingserzählers höchſt räthſelhaft. Sobald er aber aus dem Hauſe war, war er auch aus ihren Blicken entſchwunden, und alle ——— ſahen ein: daß ſie ſich nur vergeblich bemü⸗ hen würden, wollten ſie ihn unter der Menge, in der unterdeſſen eingetretenen Nacht, aufſuchen. Sie kehrten daher wie⸗ der in den von ihnen verlaſſenen Saal zu⸗ rück, wo bereits eine andere Unterhaltung die Stelle des flüchtigen Erzählers ausge⸗ füllt hatte. Baheam aber hatte keine Ruhe unter der feſtlichen Menge. Er war gewiß, daß der Erzähler Taher ſey, und es drängte ihn dieſen zu ſprechen. Er ſuchte deshalb den Bruder des Bräutigams auf, zog ihn in eine Ecke des Saals und bat ihn: ihm alles, was er von dem ſeltſamen Alten wiſſe, mit⸗ zutheilen.„Dies iſt ſehr wenig,“ ant⸗ wortete dieſer.„Er nennt ſich Omar und „iſt erſt ſeit kurzem in unſerer Gegend, in „der er bis heute den größten Beifall durch „ſeine wirklich ſchönen Erzählungen ein⸗ „ärndete. Wo er aber herkommt, wo er „früher geweſen, dies iſt mir, wie allen, „die ihn in unſerer Landſchaft kennen, un⸗ „bekannt. Er ſcheint nicht darüber ſprechen „zu wollen, und uns intereſſirte es auch „wenig.“ — — Sd „Und wo hält er ſich gewöhnlich auf?“ fragte Bahcam. „Bald hier, bald dort. Wo er gerade „etwas zu verdienen weiß,“ erhielt er zur Antwort.„Er ſcheint arm zu ſeyn, ja „doppelt arm, da ſeine Tochter, wie er „ſagt, ſchon ſeit einiger Zeit krank iſt, und „ihn oft verhindert, ſeinem Erwerbe nach⸗ „zugehen.“ „Seine Tochter,“ fiel Bahcam dem Sſ chenden ins Wort.„Kennt Ihr dieſe?“ „Ich kenne ſie nicht,“ antwortete der Gefragte.„Nur wenige Menſchen haben 1„ſie bisher geſehen. Zwar begleitet ſie „ihren Vater auf ſeinen Wanderungen, .„doch folgt ſie ihm nicht an die Orte, wo „er mit ſeiner Kunſt glänzt.“ „Könnt Ihr mich nicht zu ihr bringen?“ fragte nun Bahcam nach einem flüchtigen Nachdenken mit Haſt.„Ich muß ſie ſehen, „ich muß mich überzeugen, ob ſie es iſt —— 5„oder nicht, und ob Bkelula wahr geſpro⸗ „chen hat.“ Staunend ſah ihn der Angeredete an und ſagte:„Wenn Ihr wollt, ſo will ich Euch „morgen zu Omar bringen.“ ———— 173 „Morgen erſt!“ rief Bahcam ungeduldig. „Nein, ſo lange kann ich nicht kwarten. „Auch wird ſie morgen nicht mehr zu finden „ſeyn. Sie wird fliehen, mich fliehen, ſo⸗ „bald ſie meine Nähe erfährt, wie es Taher „oder Omar, wie er ſich nennt, gethan hat. „Heute noch, jetzt, muß ich zu ihr. Darum „zögert nicht.“ Mit dieſen Worten ergriff er ſeinen bis⸗ herigen Führer bei dem Arme und ſuchte ihn gegen den Ausgang des Saals zu zie⸗ hen. Dieſer ſchüttelte den Kopf, folgte aber dem Ungeduldigen, indem er ihm ver⸗ ſprach: ihn zu jenem Hauſe zu bringen, in dem Omar gewöhnlich verweile. Auch ſtan⸗ den ſie bald davor. Bahcam klopfte an die verſchloſſene Thür, bis dieſe geöffnet wurde. Haſtig fragte er nun nach Omar.„Eben „hat er uns verlaſſen,“ erhielt er zur Antwort. „Und ſeine Tochter?“ fragte Bahcam leidenſchaftlich. „Sie iſt ihm gefolget,“ ward ihm er⸗ wiedert.„Beide ſcheinen die Gegend ver⸗ „laſſen zu wollen; wenigſtens verriethen „dies einige Worte Omar's.“ 12 178 Bahcam hatte gegen dieſe Ausſage meh⸗ rere Zweifel, die er ſeinem Begleiter, wie dem Herrn des Hauſes, in der erſten Hitze, höchſt unzart mittheilte. Der Letztere fühlte ſich darüber beleidigt, aber doch ſprach er: „Ueberzeugt Euch ſelbſt. Tretet in die „Kammer, welche die Kranke bewohnte, „und durchſuchet mein ganzes Haus.“ „Nicht doch!“ entgegnete Bahcam, dem nun erſt die Beleidigung bemerkbar wurde, die er durch ſeine Zweifel jenem zufügte, „nur in ihre Kammer will ich. Vielleicht „blieb dort etwas von ihr zurück, und be⸗ „weiſet mir, daß ſie wirklich die iſt, die „ich ſuche.“ „So folget mir!“ ſprach der Hausherr. Bahcam und deſſen Begleiter thaten dies. Die Kammer war leer. Bahcam's Hoff⸗ nung ſah ſich getäuſcht. Er ſtand einige Augenblicke ſinnend, dann fuhr er auf: „Und wohin haben ſich beide gewendet?“ „Das weiß ich nicht,“ gab ihm der Herr des Hauſes zur Antwort.„Ich begleite „meine Gäſte nicht, und ſehe auch niemals „auf den Weg, den ſie einſchlagen.“ „Zu Fuße, nicht wahr, zu Fuße ſchieden 79 „ſie von Euch?“ fragte Bahcam haſtig. Und als ihm dies bejaht wurde, ſagte er voll Zuverſicht:„O dann können ſie auch „nicht weit gekommen ſeyn, und ich kann „ſie noch erfragen und ereilen.“ Und zu ſeinem Begleiter ſprach er:„Kommt, führt „mich in Euere Wohnung. Ich muß fort, „ſchnell fort!“ Dieſer machte ihm einige Vorſtellungen. Bahcam aber hörte nicht darauf— Mit der größten Ungeduld weckte er ſeine Diener, welche ſich augenblicklich zum Aufbruche be⸗ reiten mußten. Während dieſes geſchah, zog er bei ſeinem Wirthe Erkundigungen über die Umgegend ein. Alsdann bat er dieſen, mit Tagesanbruch einige Boten nach Dmar auszuſenden, überhaupt nach dem⸗ ſelben zu forſchen.„Ich werde ſelbſt wieder⸗ „kehren,“ fuhr er fort,„oder doch wenigſtens „einen meiner Diener ſenden, um den Er⸗ „folg Euerer Bemühungen zu erfahren. „Entſchuldigt inzwiſchen meine Eile; thut „es auch bei Euerem Bruder und ſeinen „Gäſten.“. Unterdeſſen waren ſeine Diener mit dem Satteln der Pferde fertig geworden. Er 12 480 eilte nun, ohne ſelbſt zu wiſſen wohin, durch das Dunkel der Nacht ins Freie. Einige Tage durchſtrich er die ganze Um⸗ gegend, ohne von Omar eine Spur zu ent⸗ decken. Endlich kehrte er mißmuthig in jene von ihm ſo eiligſt verlaſſene Stadt zurück. Zuvor hatte er ſchon einigemal Diener da⸗ hin abgeſendet, aber immer dieſelbe Antwort, Omar ſey noch nicht gefunden, erhalten. Dies wiederholte ihm nun auch ſein ge⸗ fälliger Wirth. Daß Omar Taher ſey, war er überzeugt. Wer aber ſollte deſſen kranke Tochter ſeyn? Kinder hatte Taher nicht; dies wußte Bahcam. Gefangen war er nach Alamut mit Fatima gebracht worden; Fatima war, nach Melula's Verſicherung, bei ihrer Ent⸗ fernung aus der Königsperle, geiſteskrank und auch körperlich noch nicht geneſen. Sie nur vermuthete er in des Märchenerzählers kranken Tochter. Auch ſuchte er noch ein⸗ mal den Wirth Omar's auf, um von die⸗ ſem das Aeußere der Kranken zu erfahren. Die Antwort, die er erhielt, war nicht ſehr beſtimmt, aber doch beſtärkte ſie ſeine Ver⸗ muthung: daß es Taher gelungen ſey, ſei⸗ — * 181 nem Gefängniſſe zu entfliehen und Fatima zu befreien, und daß er nun, um unerkannt und unentdeckt zu bleiben, oder auch aus Noth ſich entſchloſſen habe, als Märchen⸗ erzähler aufzutreten. Begreiflich war ihm dabei Taher's Entſetzen bei ſeinem Anblicke, ſelbſt ſeine ſo plötzliche Flucht. War er ja doch ein gefürchteter Aſſaſſine, der Mörder Abulfeda's, der Verräther an Fatima's Herzen, ja ſelbſt der Räuber ihres einſt klaren Geiſtes. Nochmals zog es ihn fort, Fatima auf⸗ zuſuchen, um ihr, wenn er ſie gefunden, das zu vergüten, was er ihr gethan; um durch ſeine Reue, ſeine Selbſtanklage, ihr vielleicht den geraubten Verſtand wieder⸗ zugeben. Und er durchſtrich aufs neue einige Tage die Gegend, doch wie das erſte⸗ mal durchaus vergeblich. Als er keine Hoffnung mehr hatte, Fatima zu finden, da ergriff ihn ein namenloſes Schmerz⸗ gefühl, und bittere Vorwürfe über ſein Betragen, das ſie geiſteskrank gemacht, zer⸗ riſſen ſein Herz. Wachend und träumend ſchreckte ihn Fatima's Bild, da er ſie ſich nicht anders als krank und wahnſinnig den⸗ ken konnte. Sein unnützes Suchen gab er nun aber auch auf, indem er in der finſter⸗ ſten Stimmung ſeine weitere Reiſe nach Ala⸗ mut fortſetzte. Endlich erblickte er Alamut, von dem Volke das Adlerneſt genannt. Der Sitz Kiabuſurgomid's prangte hoch auf einem Berge von der Geſtalt eines auf den Knieen liegenden Löwen, welcher den Hals auf die Erde ſtreckt. Alamut's Mauern ſtiegen aus Felſen empor; ſie wölbten ſich zum Schutze der Beſatzung, die nur aus Aſſaſſinen be⸗ ſtand. Und faſt unerſteigbar war die Höhe, auf der jene ſtolze Feſte ruhte. Trübe zog Bahcam darin ein. Schon den erſten Tag ſeiner Ankunft ſtieß er auf Ahmed. Dieſen fragte er nach Fatima. Ahmed wich ſeinen Fragen aus, und als er dadurch nicht ermüdete, ihn immer wieder zu fragen, ſo ſagte dieſer ihm endlich: daß Fatima auf eine unbegreifliche Weiſe mit Taher ent⸗ flohen, und bisher nicht zu erforſchen ge⸗ weſen ſey, wohin beide ihre flüchtigen Schritte gewendet. Hierauf erfuhr Ahmed von Bahcam, deſ⸗ ſen Begegnen mit Taher, und wie dieſer — w 8 ihn geflohen, und daß er vermuthe, daß Taher's Begleiterin, die derſelbe als ſeine Tochter ausgegeben, Fatima geweſen. Ah⸗ med wurde anfangs verlegen, doch ver⸗ barg er dies den Blicken Bahcam's. Als Bahcam geendet hatte, fragte er ihn mit ſcheinbarer Gleichgültigkeit nach einigem, was ihm dieſer nur oberflächlich mitgetheilt. Bahcam antwortete ihm unbefangen, und ſagte zuletzt, doch nicht ohne den Ausdruck ſchlecht verhehlter Angſt:„Iſt das wahr, „was mir Melula von Fatima erzählte. „Hat ſie wirklich den Verſtand verloren?“ „Ykelula?“ fragte Ahmed betroffen. „Wer iſt dies?“ Flüchtig erzählte ihm nun Bahcam ſein Zuſammentreffen mit Osmin's Weibe Melula, und das, was dieſe mit ihm geſprochen hatte. Ahmed hörte mit der größten Auf⸗ merkſamkeit auf ein jedes Wort Bahcam's. Und als dieſer ſchwieg, ſagte er;„Ich „kenne dieſe Melula. Sie iſt ein Weib, „die zu allem zu gebrauchen iſt, ſobald ih⸗ „rer Eitelkeit geſchmeichelt wird.“ Und höchſt gleichgültig fuhr er fort:„Während „unſeres Aufenthaltes in der Königsperle, „ſah ich ſie einigemal in der Umgegend. „Sie ſiel mir auf, und ich machte aus Lan⸗ „gerweile ihre Bekanntſchaft.“ „Aus Langerweile,“ wiederholte Bah⸗ cam.„Ich weiß mich nicht zu erinnern, „damals Langeweile gekannt zu haben. Auch „ſeyd Ihr ſtets beſchäftigt geweſen.“ „Und doch hatte ich noch Zeit genug, „ein altes Weib kennen zu lernen, und mit „ihr Minuten zu verſcherzen,“ entgegnete Ahmed. „Auch wird dies jedermann ganz gleich⸗ „gültig ſeyn,“ unterbrach ihn Bahcam. „Habt Ihr doch, trotz dieſer widerlichen „Bekanntſchaft, Eueren Auftrag auf das „getreueſte vollzogen. Nun aber ſagt mir, „ſprach Melula wahr. Iſt Fatima's Ver⸗ „ſtand erkranket?“ „Was Rkelula ſagte,“ erwiederte Ahmed, „ſagen auch noch andere. Ich will es nicht „widerlegen, nicht behaupten; denn ich ha⸗ „be das, was einen Weiberkopf beherrſcht, „nie geſunden Verſtand geheißen.“ Bahcam ſah mit finſteren Blicken auf Ah⸗ med. Dieſer achtete aber nicht darauf, und fing über vinige Gegenſtände, welche t —— 185 Intereſſe des Ordens betrafen, zu ſprechen an. Bahcam's Seele war jedoch nicht bei dem neu angeknüpften Geſpräche. Ahmed brach es deshalb bald wieder ab. Und nun trennten ſie ſich. Wenige Stunden ſpäter wurde Bahcam zu Kiabuſurgomid gebracht. Dieſer über⸗ gab ihm zum Beweiſe ſeiner Zufriedenheit den Oberbefehl über das Schloß Damaghan in der Landſchaft Komis, und ſprach dann weiter:„Bereitet Euch vor, die geträumte „Emina lebend, wie ich es Euch verſpro⸗ „chen habe, in Euerem neuen Wohnorte „zu finden. Ihr habt ſie durch Eueren „Gehorſam verdient— ſie iſt nun Euer.“— So ſehr ſich Bahcam durch die Oberbefehls⸗ haberſtelle auf Damaghan geehrt fühlte, ſo ſchwächte dies doch nicht den unangenehmen Eindruck, den Kiabuſurgomid's Verheißung, Emina betreffend, in ihm erzeugte. Erwie⸗ dern konnte er aber nichts darauf, da ihn jener mit derſelben verließ. Bahcam begab ſich nun, doch erſt, nach⸗ dem er ſeinen Vater aufgeſucht, und bei dieſem, mit Kiabuſurgomid's Erlaubniß, ei⸗ nige Zeit verweilt hatte, auf das Schloß 186 Damaghan. Des Großmeiſters letzte Rede wurde wirklich wahr. In dem Innerſten ſeiner Gemächer trat ihm Emina, die er nur geträumt hatte, mit ihren von ihm noch ſehr gut gekannten Dienerinnen entgegen. Mit ſchmeichelnden Worten ſank ſie zu ſei⸗ nen Füßen nieder. Er ſtand wie verzaubert, keiner Sylbe mächtig.„Ich bin Emina. Euere „Emina, die Euch liebt, der Ihr ſo lange ent⸗ „riſſen waret, die nun aber Euer, für immer „Euer iſt,“ ſprach das ſchöne Mädchen vor dem Ueberraſchten knieend. Mit ſichtbarem Widerwillen hob er ſie, nachdem ſie alſo geſprochen hatte, auf; kalt und ſtumm blickte er auf ſie, dann auf ihre Die⸗ nerinnen.—„Bahcam, kennt Ihr mich nicht „mehr?“ fragte ſie nach einer Pauſe. Kennt „Ihr nicht mehr Euere Emina, die Euch allein „angehöret, für die Ihr nur leben wolltet.“ „Einſt wähnt ich dies. Doch ich träumte „damals, und alles war nur ein vorüber⸗ „gehender Traum,“ entgegnete Bahcam. „Zum zweitenmale will ich mich nicht necken „laſſen. Auch bin ich älter und leiden⸗ „ſchaftloſer geworden. Ich weiß nun, daß „ich Euch, als Ihr in meinen Armen la⸗ 187 „get, nicht liebte; daß ich Euch, ſelbſt lebet „Ihr, niemals lieben kann.“ Emina erbleichte, und ſank weinend in die Arme einer ihrer betroffenen Begleiterin⸗ nen. Es herrſchte nun eine peinigende Stille, bis Bahcam ſich wandte, um das Gemach zu verlaſſen. In demſelben Augen⸗ blicke faßte ſich Emina, ſie erhob ihr Haupt, und trat einige Schritte auf ihn zu, indem ſie flehte:„O bleibet, und nehmt die „harten Worte zurück, die mein Herz zer⸗ „reißen. Ihr ſeyd aufgebracht, daß man „Euch täuſchte. Ich that es ja nicht— „ſeyd deßhalb gütig gegen mich. Ich lebe, „lebe wirklich. Auch lebte ich damals, als „Ihr mein geweſen, ich lebte und ahnte „in jenen überſeligen Stunden nicht, daß „ich Euch verlieren würde; ich ahnte nicht, „daß Ihr glauben könntet, Ihr hättet nur „von mir geträumt. Ueberzeugt Euch von „meinem Leben, überzeugt Euch von meiner „Liebe, und bleibet, und ſeyd der wieder, „der Ihr einſt geweſen.“ „Seitdem hat ſich manches geändert,“ mur⸗ melte Bahcam. „Doch nicht ich, nicht meine gc 188 ſchmeichelte Emina.„Ihr kennt mich nicht. „Ihr haltet mich für ein ſchnell vorüber⸗ „ziehendes Schattenbild. Ich bin es nicht. „Ich lebe, lebe wie Ihr. Lernt mich ken⸗ „nen, und erfahret ein Geheimniß, daß „Euch das enträthſeln wird, was Euch jetzt „noch, wie mir Euer ganzes Benehmen „verrathet, unbegreiflich vor der Seele liegt; „und Ihr werdet mich dann nicht mehr mit „ſo ſcheuen Blicken betrachten, Ihr werdet „mir wiedergegeben ſeyn.“ So ſprechend hatte ſie Bahcam's Hand ergriffen. Dieſe liebkoſend führte ſie ihn zu einer Othomane, auf welche ſie ihn nie⸗ derzog, indem ſie ſelbſt darauf Platz nahm. Dann entfernte ſie mit einem Winke ihre Begleiterinnen, und nach einer Minute, in der ſie mit der höchſten Zärtlichkeit in Bah⸗ cam's Augen blickte, fuhr ſie fort:„Es „iſt mir nicht möglich, Euch zu ſagen, wo „ich geboren bin und wer meine Eltern „ſind, da mir dies ſelbſt ein Geheimniß „iſt.— In einem ſchönen Schloſſe, das „in det Mitte eines üppigen Gartens ſtand, „wuchs ich mit noch vielen Mädchen, die „theils in meinem Alter, theils jünger oder „— 189 „älter als ich waren, heran. Auf unſere „Bildung wurde viel verwendet. Vor al⸗ „lem aber lernten wir die Liebe, das „höchſte Glück des Lebens kennen. Für ſie „wurden wir erzogen; ihr zu leben, hieß „unſere einzige Beſtimmung. Als ich älter „wurde, ward mein Herz zum Altare „der Liebe. Auch erhielt ich neue Lehrer, „und von dieſen einzeln Unterricht. Ich „war eine fleißige, wißbegierige Schülerin, „denn ihre ganze Lehre beſtand nur aus „der Schilderung des Jünglings, der al⸗ „lein meiner Liebe werth ſey, und eine „jede war ein Bild von Euch. Dadurch „lebtet Ihr in meiner Seele, noch ehe ich „Euch geſehen, und ich liebte Euch, noch „ehe ich Gewißheit hatte, daß Ihr auch „wirklich die Welt ſchmücktet.— Viele von „meinen Jugendgenoſſinnen hatten bereits „meinen ſchönen Aufenthalt verlaſſen. Was „aus ihnen geworden, wohin ſie gekom⸗ „men, konnte ich bisher nicht erfahren. „Doch bin ich überzeugt, ſie folgten ihrer „Beſtimmung, und ſind glücklicher als ich! „— Jüngere Mädchen, ſelbſt Kinder füll⸗ „ten ihre Stellen wieder aus; dadurch ver⸗ 190 „minderte ſich niemals unſere Zahl. Auch „ich durfte endlich in die Welt treten. Ei⸗ „nes Morgens wurde ich von meinem lie⸗ „ben Wohnplatze hinweg in jenes Schloß „gebracht, wo wir uns wenige Tage ſpäter „ſo unerwartet trafen. Mein Herz ſchlug „Euch entgegen, ſobald ich Euch erblickte; „ſchlug es ja doch ſchon für Euch, noch ehe „meine Angen Euch ſahen. Was man mich „von der Liebe gelehret, war nichts gegen „das was ich nun fand, in Eueren Armen, „in Euerer Liebe fand. O damals trennte „uns nichts, damals waret Ihr anders!“ Thränen floſſen aus Emina's ſchönen Au⸗ gen. Bahcam ſah erwartungsvoll auf ſie. Sie ſprach weiter:„Ihr entſchlämmertet „eines Abends in meinen Armen. Lange „noch küßte ich Eueren ſelig lächelnden „Mund, Enuere heitere Stirn und blühen⸗ „den Wangen. Endlich ſchlief auch ich ein. „Als ich erwachte, erwachte ich zu einem „langen, unausſprechlichen Schmerze. Ihr „waret mir ferne. Aengſtlich ſuchte ich „Euch in dem Schloſſe— ich fand Euch „nicht. Ich fragte nach Euch— niemand „hatte Euch geſehen. Mit jedem Schritte, — — „den ich that, ſtieg meine Angſt, meine „Verzweiflung. Ich durcheilte den Garten, „den zum Garten gehörenden Wald; Euch „konnte ich nicht finden. Ich rief Euch „beim Namen; Ihr antwortetet mir nicht. „Meine Stimme wurde heiſer, meine Augen „trübe; ich aber hörte nicht auf, Euch zu „ſuchen, Euch zu rufen, bis ich endlich todt⸗ „müde niederſank.— Mehrere der Die⸗ „nerinnen, die ich in dem Schloſſe erhal⸗ „ten hatte, waren mir ſtets von ferne ge⸗ „folgt. Jetzt nahten ſie mir. Ich rang „weinend die Hände. Sie ſuchten mich zu „tröſten; ich hörte nicht darauf. Euch hatte „ich ja verloren! der Schmerz mir „dieſer Gedanke bereitete, nahm mir faſt die „Sinne, und immer mehr bemächtigte er „ſich meiner. Auch boten mir jene Diene⸗ „rinnen ſcheinbar mit der höchſten Theil⸗ „nahme, kühlende Getränke und erquickende „Backwerke an. Ich wies ſie zurück; mir „war alles, ſelbſt das Leben zuwider. Als „alle ihre Bemühungen umſonſt blieben, „öffnete eine derſelben, ganz in meiner „Nähe, ein Büchschen; eine Flamme ſchlug „daraus hervor; in dieſe ſtreute ſie ein 492 „Pulver. Ein köſtlicher, aber betäubender „Wohlgeruch verbreitete ſich augenblicklich. „Meine ohnedies ſchon faſt entſchwundenen „Sinne, verließen mich nun völlig, und „ich entſchlummerte. Mein Schlaf war feſt. „Er ſollte es auch ſeyn, ich ſollte ſobald „nicht erwachen. Als dies aber endlich ge⸗ „ſchah, ſo befand ich mich nicht mehr in „dem paradieſiſchen Aufenthalte, wo Ihr „mir lebtet, wo ich Euch gefunden um Euch „nur zu bald wieder zu verlieren. Enge „Mauern ſchloſſen mich ein. Nur auf we⸗, „nige Menſchen war ich beſchränkt. Dieſe „ſuchten mich zu tröſten, indem ſie mir ver⸗ „ſicherten, daß alles wieder anders werden „würde, daß nur eine Prüfungszeit für „Euere und meine Liebe eingetreten ſey. Die⸗ „ſen Troſt und die Hoffnung, daß es an⸗ „ders werden, daß ich Euch wiederfinden, „wiederbeſitzen werde, bedurfte ich aber „auch um nicht zu verzweifeln, um das öde⸗ „leere Daſeyn zu ertragen. Mit meinen „Thränen, meinen Seufzern erfüllte ich „meine Gemächer. Euch rief meine Stimme, „zu Euch eilte meine Sehnſucht, bei Euch „weilten meine Träume, bei Euch war 5 193 „mein Herz. Langſam, o unausſprechlich „langſam! verſtrich die Zeit. Denn jeder „Tag hatte ſo viele Stunden, und eine jede „Stunde wieder ſo viele Minuten, und in „dieſen gab es noch Augenblicke, mir von „der Länge einer Ewigkeit. Noch begreife „ich nicht, wie ich dieſe Ewigkeiten durch⸗ „leben konnte. Auch würde ich es nicht ge⸗ „könnt haben, wäre mir die Hoffnung Euch „einſt wiederzuſehen nicht geblieben. End⸗ „lich wurde ſie und meine Träume erfüllt. „Aber ach! ſo nicht wie jetzt ſah ich Euch „im Traume, ſo nicht ſaßet Ihr darin „Euerer Emina zur Seite.— Doch Ihr „wiſſet noch nicht alles! Vernehmet was „ich erſt geſtern erfuhr, nachdem ich hier „auf dem Schloſſe angekommen, wo, wie „man mir ſagte, ich Euch wiederfinden „ſollte.— Die Mädchen, die einſt mein ge⸗ „hörten, traten mir bei meiner Ankunft ent⸗ „gegen. Ich konnte mich darüber nicht „freuen. Meine Seele war nur bei Euch. „Man hielt mich für traurig, und ſuchte „mich zu zerſtreuen und aufzumuntern, in⸗ „dem man mir einen alten Mann, einen „Märchenerzähler, Omar genannt, brachte. 48 194 „Er erzählte mir vielerlei was recht heiter „war. Zuletzt aber wußte er eine trub⸗ „ſinnige Geſchichte von einem unglücklichen „Mädchen, die einen Jüngling liebte, auch „von dieſem ſich geliebt wähnte, ſich aber „endlich betrogen ſah, da dieſer Jüngling „ihren Vater in ihrer Gegenwart nieder⸗ „ſtieß, worüber ſie wahnſinnig wurde. „Mich machte dieſe Geſchichte ſehr traurig, „und ich weinte manche Thräne aus Mit⸗ „leiden über die betrog ene Unglückliche.“ Bahcam wurde unruhig. Emina bemerkte es und ſprach:„ Verzeiht, dies gehört nicht „hieher.— Omar hatte noch nicht geendet,, „als Mowaffek, der mich ins Schloß ge⸗ „bracht hatte, mit einigen Begleitern in „mein Gemach trat, um mir eine Meldung „mitzutheilen. Sobald Omar die Eintre⸗ „tenden gewahrte, ſtieß er einen Schrei „aus, wankte und ſank ſinnlos zuſammen. „Mowaffek hielt dies für einen Zufall. Er „ließ den Ohnmächtigen in eine einſame „Kammer bringen und befahl für ihn zu „ſorgen. Ich war allein in Gedanken bei „Euch, deshalb dachte ich auch kaum noch „an Omar, ſobald er von mir weggebracht 105⁵ „worden war. Von Euch träumend war „mir die Nacht ſchon zur Hälfte entſchwun⸗ „den, als mir eine Dienerin nahte, und „mich im Namen Omar's, der im Sterben „liege, beſchwur, zu ihm zu eilen, da er „mir ein wichtiges Geheimniß zu entdecken „habe. Ich zögerte nicht. Ohne daß es „jemand gewahrte, führte mich jene Die⸗ „nerin zu dem Kranken, den man allein „gelaſſen hatte. Er litt ſehr. Aber doch „entdeckte er mir ſeinen wahren Namen, „ſeine Geſchichte, und die Geſchichte der „unglücklichen Tochter des unglücklichen „Abulfeda's.“ „Fatima's Geſchichte?!“ rief Bahcam. „Omar,“ antwortete Emina,„nannte „ſie Fatima. Er empfahl ſie mir ehe er „die Augen für immer ſchloß. Sovald er „todt war, riß mich meine Begleiterin von „ihm weg. Auch folgte ich ihr willig, denn „mich ſchreckte der bleiche, ſtarre Mann, „mit dem noch zum ſprechen geöffneten „Munde. Kaum hatten wir die Kammer „des Todten verlaſſen, als wir Männer⸗ „tritte hörten. Uns überfiel eine große „Angſt, und meine Begleiterin drängte 18 196 „mich in ein Gemach, das ganz finſter „war. An dieſes ſtieß ein anderes, in „welchem ich Mowaffek mit einem Manne „ſprechen hörte. Wir verhielten uns ruhig, „und wurden deshalb von beiden nicht be⸗ „merkt. Sie ſprachen von einem Jüng⸗ „linge, der für eine große That beſtimmt „ſchien. Manches was mich wenig intereſ⸗ „ſirte wurde erörtert. Endlich aber wurde „ich aufmerkſamer, als jener Mann, den „Mowaffek Mothi nannte, alſo ſprach: „„Nehmt dieſes Fläſchchen. Mittel werdet Ihr finden, das Getränke das es enthal⸗ tet, denjenigen für den es bereitet iſt, und den Ihr nun kennt, trinken zu laſſen. Er wird einſchlafen, und dann wiſſet Ihr was Ihr zu thun habt.““„„Aus was beſteht dieſes Getränke?““„fragte Mo⸗ waffek.“„Euch darf ich es vertrauen,“ antwortete Mothi,„„denn Ihr ſeyd be⸗ währt. Aus Indien drang manche Kennt⸗ niſſe zu uns, auch dieſe, dieſes Oppiat zu bereiten. Den Moslimin iſt es noch un⸗ bekannt, bis auf einen geringen Theil der Aſſaſſinen. Auch ſoll es unbekannt bleiben, denn aus dieſem unzahlbaren Geheimniſſe 197 geht größtentheils die Macht des Ordens hervor. Ihr kennt den Hanf. Aus deſſen Blättern bereiten wir, die in dieſes Ge⸗ heimniß eingeweihet ſind, dieſen ſüßlichen Trank, oft auch Back⸗ oder Räucher⸗ werke. Dieſe Zubereitungen, deren Genuß den tiefſten Schlaf erzeugt, benutzet der Alte vom Gebirge gewöhnlich, um junge Ismailiten, die ſchon nach ihrer ganzen Erziehung Aſſaſſinen ſind, in jenes geheime, Euch aber nicht mehr unbekannte, mit allem denkbaren Reichthume und Glanze ausge⸗ ſchmückte Schloß zu bringen, in welchem ſie die ſchönſten Frauen, die für ſie erzogen wurden, finden. Bei ihrem Erwachen ver⸗ ſetzet ſie alles in eine Entzückung, die der Vernunft keine Herrſchaft läßt; ſie wiſſen oft ſelbſt nicht einmal mehr ob ſie noch leben, oder ob ſie ſchon die Glückſeligkeit des Himmels gewonnen haben, die ihnen ſo häufig geſchildert wurde. Und gern ge⸗ ben ſie ſich allen Verführungen preis, von welchen ſie umringt ſind. Haben ſie genug geſchwelgt, dann wird nochmals, ohne daß ſie es wiſſen, daſſelbe Mittel benutzt, durch welches ſie in jenen Zauberſitz ge⸗ 198 bracht wurden, um ſie wieder daraus zu entfernen. Erwachen ſie nun, ſo beſtärken wir ſie in der ihnen von uns auf verſchie⸗ dene Weiſe eingegebenen Meinung, daß ſie nur geträumet, und in dem Traume ei⸗ nen Vorgeſchmack der Seligkeit genoſſen haben, welche der Getreuen harret, die ihr Leben im Dienſte des Glaubens und im Gehorſame ihrer Obern aufopfern. Und wir weihen ſie dadurch völlig zu blinden Werkzeugen der Plane des Ordens.““ „Hat Euch dieſes wichtige Geheimniß nie⸗ „mals betrogen?“ fragte Mowaffek hierauf. „Noch niemals!“ antwortete Mothi.„„Mo⸗ hammed Naßihi, Behram von Aſtrabad, der ſelbſt vor dem Blute ſeines Oheims nicht zurückbebte, und Abulwefa wurden durch daſſelbe willige Vollſtrecker der Befehle des Großmeiſters. Wie auch Bahcam, der neue Oberbefehlshaber Damaghan's. Er trank von unſerem Oppiate auf dem Wege nach Nadjef, ſah dann Emina, und war ſpäter überzeugt, ſie durch den ſtrengſten Gehor⸗ ſam zu gewinnen. Und er hat ſich in dem Letzteren nicht geirrt. Zum Lohne für ſeinen Gehorſam harret ſie nun ſeiner. Gleich 199 ihm hat auch ſie die Wirkung des Hanfes empfunden, indem ſie von deſſen Rauch betäu⸗ bet wurde.““—„Noch andere nannte er. „Dann entfernten ſich beide. Und wir, ich und „meine Begleiterin hatten den Muth, uns „unbemerkt in mein Gemach zu begeben.“ Bahcam hatte faſt athemlos auf die Spre⸗ chende gehört, und er fragte nun:„Iſt „das, was Ihr eben ſagtet, aber auch „wahr? Lügt Ihr nicht, bin ich wirklich „hintergangen?— Doch ich kann's nicht „glauben. Solcher Gaukeleien bedient ſich „Kiabuſurgomid nicht. Ihr lügt— Ihr „müßt lügen!“ „Ich ſprach die Wahrheit. Fragt mei⸗ „ne Begleiterin, ſie wird Euch daſſelbe „erzählen,“ antwortete Emina.„Oder „glaubt auch Ihr dieſer nicht, ſo fragt „Mowaffek oder Mothi.“ „Ich werde mich überzeugen, ob Ihr „ wahr geſprochen habt,“ erwiederte Bah⸗ cam. Und nach einer langen Pauſe, in der er alles, was er von Emina erfahren, überlegte, und es mit dem, was ihm aus ſeinem eigenen Leben bisher unbegreiflich war, verglich, worauf er kaum noch an 200 der Wahrheit ihrer Ausſage zweifeln konnte, ſagte er in ſich hinein, ſo daß es Emina nicht verſtand:„Was wird mir aber, log „ſie wirklich nicht, dieſe Ueberzeugung hel⸗ „fen? Mit unzerreißbaren Ketten bin ich „feſt an den Orden gebunden, und wurde „auch mit mir und meinen Gefährten ein „Spiel getrieben, ſo bin ich doch ſei Verzweiflungsvoll ſtarrte er nach dieſen Wor⸗ ten vor ſich hin. Endlich fuhr er auf: „Doch Ihr ſeyd ja noch nicht fertig. Von „der von Euch angegebenen Betrügerei der „Erſten der Aſſaſſinen, über die Ihr und „Euere Begleiterin ſchweiget, wollt Ihr „Euer Leben nicht auf die gräßlichſte Art „durch eine noch unausgeübte Strafe des „beleidigten und allwiſſenden Ordens ver— „lieren, habe ich nur gehört, nichts von „der Geſchichte Omar's und der Tochter „Abulfeda's.“ „Sie wird Euch wenig intereſſiren,“ entgegnete Emina.„Doch Ihr wollt es, „und ſo ſey's.— Kaum war ich bei Omar „eingetreten, ſo ſagte er zu mir: ch ſah Thränen in Eueren Augen, als ich Euch von der unglücklichen Wahnſinnigen er⸗ — 204 zählte. Dies kündet mir Mitleiden an, das die arme Wahnſinnige ſo ſehr be⸗ darf. Ich ſterbe, ſterbe an Gift, das mir ein Ungeheuer eingegeben; ſie aber lebt, und iſt Abulfeda's Tochter. Nehmt Euch ihrer an, da ich es nicht mehr kann.““ „Nach dieſen Worten überfiel ihn ein hef⸗ „tiger Schmerz, der einige Zeit währte. „Als dieſer nachließ, fuhr er fort:„„Ich bin Taher, Abulfeda's Diener. Das trau⸗ rige Schickſal ſeiner Tochter Fatima, kennt Ihr größtentheils ſchon aus meiner Erzäh⸗ lung von ihr. Ich habe Euch deßhalb nur noch wenig hierüber beizufügen, um ſo mehr, da ich ſelbſt im Dunkel über ihre Behandlung in Alamut bin, wohin ſie mit mir und den andern Gefangenen von der Kö⸗ nigsperle gebracht worden war. Denn ich wurde dort von ihr getrennt, und die Arme hatte ſpäter auf meine Fragen danach niemals eine Antwort.— Was uns in Alamut drohte, habe ich nicht erfah⸗ ren. Doch ſicher war es das gräßlichſte, da wir in der Aſſaſſinen Gewalt waren Viele Tage verſtrichen mir in jenem Adler⸗ neſte im Gefängniſſe. Ich ſah lange nie⸗ 202 manden als den Mann, der mir täglich Speiſe brachte, doch niemals eine Sylbe zu mir ſprach, ſo ſehr ich ihn auch in der erſten Zeit mit Fragen beſtürmte. Eines Tages kam er wieder; ſchweigend, wie gewöhnlich, ſtellte er die Schüſſel, in wel⸗ cher ich meine Nahrung fand, vor mich hin, und blieb, ſtatt ſich zu entfernen, ſtehen. Einige Angenblicke ſah er auf mich, dann ſprach er mit einer mir ſehr bekannten Stim⸗ me:„„Taher, verzweifelt nicht. Ihr und Fatima ſollt gerettet werden.““ „„Jetzt erſt blickte ich auf ihn, und er⸗ ſchrack nicht wenig, als ich in ihm nicht den gewöhnlichen Gefangenwärter, obwohl er deſſen Aeußeres ſehr täuſchend angenom⸗ men hatte, ſondern einen Mann erkannte, der bei jenem Aſſaſſinen geweſen, durch welchen die Königsperle in die Gewalt des Ordens kam. Mein Erſchrecken bei ſeinem Anblicke war natürlich, denn er hatte früher meine Leichtgläubigkeit auf das höchſte ge⸗. mißbraucht; auch bin ich überzeugt, daß er, den ſie Ahmed nannten, obwohl er als Diener auftrat, größtentheils Abulfeda's Mörder leitete. Er ſah, wie ich vor ihm 203 zuſammenfuhr, und ſprach weiter:„„Ihr „erkennet mich, doch das thut nichts zur „Sache. Fatima muß gerettet werden, weil „ſie mich jammert. Sie hat einen Beglei⸗ „ter nöthig. Ihr ſeyd der einzige, dem „ich ſie unter den Gefangenen anvertrauen „mag; darum müßt auch Ihr die Freiheit „erhalten. Ich ſage Euch dies jetzt, um Euch „darauf vorzubereiten. Die Nacht werde „ich Euch abholen.— Hier nehmt dieſes „für einen unvorhergeſehenen Nothfall!““ „„Mit dieſen Worten warf er mir eine ſchwere Geldbörſe zu, dann verließ er mich, ohne daß ich Zeit hatte, ihm das geringſte zu erwiedern. In der höchſten Spannung brachte ich den noch übrigen Tag und einen Theil der Nacht hin. Endlich wurde mein Gefängniß geöffnet, und Ahmed trat mit dem Gefangenwärter, der in Reiſekleidern, war, und eine Lampe trug, zu mir ein.„Fol⸗ „get mir,“ ſprach Ahmed, nachdem er mich von meinen Ketten befreite. Ich hatte nun mehrere Fragen an ihn, er aber ſah mich mit einem ſo befehlenden Blicke an, ſo oft ich die Lippen öffnete, daß jedesmal die Worte darauf erſtarben. Einige Gänge 204 hatten wir bereits durchſchritten, als wir in einen Garten kamen. An deſſen Ende, wo ich einen Pavillon bemerkte, ſagte Ah⸗ med einiges zu dem Gefangenwärter, der uns gefolget war; dann eilte er in jenen Pavillon, und ließ mich mit dem bisher gegen mich ſo Wortarmen allein. Ich richtete nun einige Fragen an dieſen; er aber gab mir wie früher keine Antwort. Nach kurzer Zeit kam Ahmed wieder. Er führte Fatima in ganz einfacher Kleidung an der Hand. So⸗ bald ich ſie erblickte, ging ich auf ſie zu. Sie erkannte mich nicht; mit ſcheuen, ver⸗ wirrten Blicken ſah ſie mich an. Ahmed winkte mir und unſerm Begleiter; wir folg⸗ ten ſchweigend ihm und Fatima. Doch dauerte dies nicht lange, da wir vor die Mauern Alamut's kamen, wo wir drei Pferde, die ein Diener hielt, fanden. Ah⸗ med hob mit Hülfe des Gefangenwärters Fatima auf eines derſelben, dann gebot er mir, auf das andere zu ſteigen. Während ich dies that, ſchwang ſich der Gefangen⸗ wärter auf das noch freie Pferd, und Ah⸗ med ſprach zu mir auf jenen deutend: „„Dies iſt Euer Führer. Er wird Euch 205 „zu Ykelula dem Weibe des ehemaligen „Habichtaufſehers Abulfeda's, bringen. Sie „erwartet Euch und wird Euch in ihrer Woh⸗ „nung verbergen, bis ich komme, um Euch „ſelbſt in völlige Sicherheit zu leiten. Denn „ich halte es nun, da ich ſo weit gegangen „bin, für meine Pflicht, mich ferner Fati⸗ „ma's anzunehmen.““—„„Wir traten hierauf unſere Reiſe an. Ich that es mit der größten Angſt, und ich hatte wahrlich Recht. Es iſt möglich, daß Ahmed es gut mit Fatima meinte; gut that er aber nicht, als er ſie einem ſo gemeinen und habſüch⸗ tigen Menſchen, wie dem Gefangenwärter, anvertraute. Vergebens bemühte ich mich, ihm, der angewieſen war für Fatima's und meinen Unterhalt, während unſerer Flucht bis zu Melula, zu ſorgen, die Baarſchaft zu verbergen, die ich von Ahmed erhalten hatte. Bald hatte er ſie entdeckt. Kaum lag das Gebiet des Scheich's von Alamut hinter uns, ſo führte er ſeinen bübiſchen Plan aus. Er wußte uns von der Haupt⸗ ſtraße ab, auf einen ganz ungangbaren Seitenweg zu leiten. Stumm ritt er uns einige Zeit voran. Pötzlich kehrte er um, 206 kam auf mich zu, ſetzte mir einen Dolch auf die Bruſt, und foderte die von Ahmed em⸗ pfangene Börſe. Ich hatte nicht den Muth, ſie ihm zu verweigern, und überreichte ſie ihm bebend. Doch dies war ihm nicht ge⸗ nug. Sobald er mein Eigenthum einge⸗ ſteckt hatte, riß er mich vom Pferde he⸗ rab, wandte ſich dann zu Fatima, und nö⸗ thigte dieſe, das ihre zu verlaſſen. So ängſtlich ich auch gewöhnlich bin, ſo wollte ich mich doch dieſer Unthat wider⸗ ſetzen. Allein er war der Stärkere, und lachte meiner Wuth, indem er die beiden Pferde an einander befeſtigte, worauf er nach wenigen Minuten mit dieſen aus un⸗ ſern Blicken entſchwand. Fatima ſah ihm gleichgültig nach. Ich war in Verzweiflung. Der Unmenſch hatte uns alles genommen, zu Bettlern waren wir geworden. Außer mir warf ich mich unter einen Baum; ich war lange keines Entſchluſſes fähig. Fatima hätte ſich mir gegenüber niedergeſetzt; ſie zerrupfte ſchmerzlich lächelnd die um ſie duftenden Blumen. Endlich fing ſie mit klagender Stimme zu ſingen an. Dies ſteigerte meinen Schmerz aufs höchſte. Ich 207 ſprang auf. Mit dem unnennbarſten Ge⸗ fühle ſah ich auf ſie; ſie war noch weit ärmer, noch weit unglücklicher als ich, denn ich hatte ja doch noch nicht den Verſtand verloren. Alles rief mir zu, daß es meine Pflicht ſey, für ſie zu ſorgen. Ich ſann nach, denn ich konnte es nicht über mich gewinnen, mich zu Ykelula's Hütte mit Fatima zu betteln, und bald fand ich einen Weg, ſie und mich ehrenvoll zu erhalten. Ich wurde zum Märchenerzähler. Nur langſam konnten wir aber weiter kommen, da Fatima's Geiſteskrankheit die größte Geduld foderte, und wir auch zu Fuͤße wanderten. Ich wurde bald bekannt und geſucht und er⸗ langte reichlichen Gewinn, was ich jedoch ſtets verhehlte, um nicht neuerdings mich der Gefahr auszuſetzen, beraubt zu werden. Nun aber nahm ich mir vor, Melula nicht aufzuſuchen, da ich hoffte„einſt Fatima's Eriſtenz ſichern zu können, und in mir ein Gefühl ſich immer ſtärker meinem erſten Vorſatze, ſie zu Melula zu bringen und ſie dadurch Ahmed, der doch immer zu den Aſſaſſinen gehöret, zu überliefern, widerſetzte, 208 je mehr ich mich Melula's Wohnorte näherte, der ja doch auch unter die Herrſchaft des Ordens durch die Einnahme der Königs⸗ perle gekommen war. An den Sultan würde ich mich gewendet haben, hätte ich nur die geringſte Hoffnung gehabt, daß Fatima von ihm einige Unterſtützung erhalten würde. Melekſchah war todt, auch Sand⸗ ſchar und Mahmud waren ihm gefolget. Meſſud kannte Fatima's Vater nicht, und wußte vielleicht nichts von deſſen Verdien⸗ ſten. Wie eine Bettlerin hätte ſie dann vor ſeinem Throne ſtehen müſſen, und wahr⸗ ſcheinlich wäre ſie wie eine ſolche von dort abgewieſen worden. Dies ſollte ſie aber nicht, ich wollte ſie davor bewahren.— Schon fing ich an, mit meinem Schickſale zufriedener zu werden, als ich aufs neue in Furcht geſetzt wurde. Ich war zu einer Hochzeitfeier geladen. Faſt waren ſchon alle Feſtlichkeiten zu Ende und ich gerade im Begriffe, eine Erzählung vorzutragen, als meine Augen auf jenen fürchterlichen, jungen Aſſaſſinen fielen, der Abulfeda ermordete und Fatima zur Wahnſinnigen machte. Er war es, ich täuſchte mich nicht. Auch er —— —— 209 erkannte mich— und ich wußte nichts beſſeres zu thun, als zu entfliehen. Jener Aſſaſſine und ein Theil der Geſellſchaft eilten mir nach; doch verloren ſie mich in dem Ge⸗ dränge auf der engen Straße. Ich floh in meine Wohnung. Mit wenigen Worten vermochte ich meinen Wirth, mich und Fatima zu verbergen, denn ich fürchtete, daß Abulfeda's Mörder mich aufſuchen würde. Auch ge⸗ ſchah dies. Kaum waren wir in Sicherheit, ſo kam er und durchſuchte, nach mir und Fatima forſchend, deren nun leere Kammer. Als ſeine Bemühung vergeblich war und er nichts von uns entdeckte, entfernte er ſich wieder, und verließ, wie mir mein Wirth berichtete, noch in derſelben Nacht die Stadt, in der wir uns ſo unvermuthet be⸗ gegneten. Ich wagte es jedoch nicht, meinen Verſteck mit Fatima zu verlaſſen, da der Aſſaſſine zurückzukehren und nach uns zu fragen verhieß. Die gualvollſten Tage brachte ich mit Fatima, die durchaus ins Freie verlangte, in unſerer Zuflucht zu. Der Fürchterliche kam wieder. Er war unermüdlich; doch entfernte er ſich endlich aus unſerer Nähe, da er alle Hoffnung, 14 20 uns zu finden, aufgegeben hatte. Allein auch jetzt hatte ich nicht eher den Muth, meine Verborgenheit zu verlaſſen, als bis mich Fatima's ungeduldiges Sehnen nach der ihr von jeher ſo lieben Natur dazu zwang. Ich trat nun wieder als Mährchenerzähler auf. Kurz nachher erhielt ich einen Ruf in eine andere Gegend. Ich folgte dem⸗ ſelben. Dadurch kam ich, ohne daß ich es wußte, in das Gebiet des Scheich's von Alamut, das ſich täglich mehr durch die Gewaltſtreiche der Aſſaſſinen ausdehnt. Fatima's Körper, der von der Krankheit, die ihn nach Abulfeda's Tode überfallen hatte, in Alamut gänzlich geheilt worden war, erkrankte plötzlich wieder, und nöthigte mich dadurch, in dem Lande der Ruchloſen zu bleiben. Zufällig erfuhr ich, daß Mothi, der geſchickteſte Arzt in ganz Aſien, ſich hier auf dem Schloſſe Damaghan befindet. Iſt Mothi auch der Aſſaſſinen Lehrer und ſelbſt ein Aſſaſſine, ſo bezwang ich dennoch meine ſo begreifliche Furcht, und eilte, da ich doch einmal die Grenze des Gebiets der Aſſaſſinen überſchritten hatte, hieher, mit dem Vorſatze, ihn aufzuſuchen. Denn ich 211 hoffte, daß es ihm möglich ſey, Fatima, die er nur als meine Tochter, die Tochter eines Märchenerzählers kennen lernen ſollte, von ihren beiden Uebeln, dem Wahn⸗ ſinne und ihrer körperlichen Krankheit zu befreien. Allein ich wurde nicht bei Mo⸗ thi, der ſich, wie man mir ſagte, nur ſehr kurze Zeit hier aufhalten wird, vorgelaſ⸗ ſen. Und meine Hoffnung war lügenhaft, denn ſtatt Fatima Hülfe zu verſchaffen, fand ich den Tod.— Ich wurde zu Euch gebracht; ich ſollte Euch mit meinen Er⸗ zählungen zerſtreuen. Auch gelang mir dies, bis ich Mowaffek, einen Diener jenes Aſ⸗ ſaſſinen der Abulfeda's Blut vergoß, mit einigen ſeiner Genoſſen bei Euch eintreten ſah. Unter dieſen befand ſich der Räu⸗ ber, den Ahmed Fatima und mir zum Führer mitgegeben, und der uns zu Bett⸗ lern gemacht hat. Mich überfiel der hef⸗ tigſte Schrecken. Er war mein Mörder, denn dadurch erkannte mich jener Böſe⸗ wicht. Die Mittel, die man mir reichte, die ich nur mit Widerwillen nahm, hat ſicher ſeine Hand zubereitet. Ich fühle es, lange lebe ich nicht mehr. Fatima aber 14* . 212 liegt einſam; ſie wird verſchmachten, wenn Ihr ſie nicht rettet. Ihr zeigtet Mitleiden als ich Euch einen Theil ihrer Schickſale in der Abſicht ſchilderte, durch Euch Zutritt bei Mothi zu verlangen. Beweiſet es ihr jetzt, und vergeſſet ſo lange ihr traueriger Zuſtand dauert, daß Ihr zu den Anhängern der Aſſaſ⸗ ſinen gehöret, die jedem Sunniten Haß geſchworen.———“„ Abermals ergriff „den Sprechenden ein großer Schmerz. Er „ſchwieg und wies alle Hülfsmittel, die „meine Begleiterin ihm bot, zurück. Er „kämpfte lange. Ich hatte noch nicht alles „vernommen, denn ich wußte nicht wo ich „Fatima aufſuchen ſollte. Ich fragte ihn „deshalb danach. Er aber war nicht mehr „im Stande mir zu antworten. Und er „ſtarb ohne daß ich erfuhr, wo Fatima zu „finden iſt.“ „Wie,“ rief Bahcam,„er ſtarb ohne „daß Ihr erfahren wo Fatima iſt, wo die „Arme leidet?!“ „Ich habe es nicht erfahren,“ antwortete Emina.„Taher war todt, und meine mir „gegebenen Diener und Dienerinnen konn⸗ „ten mir nichts von der Kranken ſagen. „ „ 213 „Auch Mowaffek wußte nichts von ihr.“ „Ihm habt Ihr doch nicht verrathen weſ⸗ „ſen Tochter ſie iſt?“ fragte Bahcam haſtig. „Ich verſchwieg ihm durchaus ihre Her⸗ „kunft,“ entgegnete Emina.„Denn ich „erwartete von ihm keine freundliche Geſin⸗ „nungen gegen die Tochter Abulfeda's.“ „Habt Ihr aber nicht augenblicklich Bo⸗ „ten ausgeſendet, die Unglückliche aufzuſu⸗ „chen?“ unterbrach ſie Bahcam. „Ich that es, allein ihre Nachfor⸗ „ſchungen waren vergeblich,“ erwiederte Emina. „Sie waren es, weil ſie träge und herz⸗ „los ſind,“ fiel ihr Bahcam ins Wort. „Und Ihr ermüdetet auch gleich. Taher hatte „Unrecht Euch zur Vertrauten zu machen, „Euch die Unglückliche zu empfehlen.“ „Und Ihr zürnt mir deshalb,“ weinte Emina.„Ihr, der Ihr allein Schuld ſeyd, „daß ich nicht alles aufbot, die Wahnſin⸗ „nige zu finden. Doch ich konnte es nicht, „ſo lange ich der heißerſehnten Stunde in „der ich Euch erwartete, entgegenſah. Fa⸗ „tima vergaß ich, denn nur mit Euch war 214 „ich beſchäftigt; nur bei Euch waren meine „Gedanken. A „Wären ſie es weniger geweſen, ich hätte „Euch dafür gedankt,“ entgegnete Bahcam. Und raſch aufſpringend ſagte er:„ Fatima „muß in dieſer Gegend ſeyn. Die kranke „Wahnſinnige zu ſuchen, ſey nun mein ein⸗ „ziges Geſchäft.“ Nach dieſen Worten wollte er ſich eiligſt entfernen. Emina hielt ihn aber zurück, in⸗ dem ſie bat:„Verlaſſet mich nicht ſo unge⸗ „ſtümm! Verlaſſet mich nicht ohne daß Ihr „mir die Verſicherung gegeben, daß Ihr „wieder ſo gegen mich geſinnt ſeyd, wie „einſt in jenem zauberiſchen Garten.“ „Laßt mich!“ zürnte Bahcam.„Dieſe „Verſicherung erhaltet Ihr niemals. Und „damit Ihr darüber Gewißheit habt, ſo „wiſſet: Fatima, die Wahnſinnige iſt es, „die ich liebe, die allein in meinem Herzen „lebet; obwohl ich der Aſſaſſine bin, von „dem ſie ſich, als ihr Verſtand noch helle „war, betrogen ſah; obwohl ich der Un⸗ „glückliche bin, der ihren Vater nieder⸗ „ſtieß So ſprechend ſchied er mit ſchnellen Schrit⸗ 2¹5⁵ ten. Emina ſah ihm leichenblaß nach. Dann ſtrömten heiße Thränen über ihre Wangen und der Verzweiflung war ſie nahe. Bah⸗ cam hatte ſie aus ihrem Himmel geſtürzt, und ihre ſchönſten Hoffnungen zertrümmert. Er liebte ſie nicht, er liebte eine andere. Dies Wiſſen zerriß ihr Herz, in dem nach kurzer Zeit Rachegedanken erwachten. Sie fragte nun nach Bahcam, er hatte ſich aus dem Schloſſe entfernt. Sie ſandte nach Mowaffek und Mothi. Der Erſtere hatte noch vor Bahcam's Ankunft, der andere gleich nach derſelben Damaghan verlaſſen, da ihnen dies befohlen war. Nun ſchickte ſie nochmals Boten, allein ganz im Gehei⸗ men, nach Fatima aus. Dabei floſſen aber fortwährend ihre Thränen und ihr verminderte ſich nicht. Bahcam durchſuchte mit großer Aengſtlich keit die Umgebung Damaghan's. Von Fa⸗ tima entdeckte er nicht die geringſte Spur, auch erfuhr er nur wenig von Omar, dem Märchenerzähler. Nach langem, vergebli⸗ chem Suchen kehrte er wieder auf das Schloß zurück. Auf Emina und ihre Einladungen achtete er nicht. Nur wenige Stunden hielt er ſich auf demſelben auf; während dieſen ertheilte er mehrere nothwendige Anordnun⸗ gen. Dann verließ er mit einigen Dienern abermals Damaghan. Er konnte dies ohne Gefahr für die Sicherheit des Schloſſes, da nicht im entfernteſten ein feindlicher Ueber⸗ fall während ſeiner Abweſenheit zu befürch⸗ ten war. Gleich nachdem er Emina verlaſſen, hatte er nach jenem Begleiter Mowaffek's, dem frühern Gefangenwärter in Alamut, der Fa⸗ tima und Taher beſtohlen, geforſcht. Dieſer hatte ſich mit Mowaffek aus dem Schloſſe entfernt. Sobald Bahcam dieſes erfuhr, ſandte er einen Boten an Mowaffek, mit dem Auftrage, ſich bei dieſem über jenen Menſchen zu erkundigen. Dieſer Bote war nun, während er ſelbſt die Umgegend durch⸗ zog, wieder mit der Antwort von Mowaffek zurückgekehrt: daß derſelbe vor einiger Zeit bei ihm Dienſte geſucht und auch erhalten, dieſe aber gleich nach ſeiner Entfernung aus Damaghan eigenmächtig wieder verlaſſen habe, da er nach allem Vermuthen entflohen ſey.— Auch wollte Bahcam an Mothi einen Diener abſenden, und von dieſem 2¹7 ſchriftlich Aufklärung über jene Zubereitun⸗ gen aus dem Hanfe, und den Betrug zu welchem dieſelben nach Emina's Entdeckung gebraucht wurden, verlangen. Nach kurzem Ueberlegen unterließ er dieſes aber, da es ihm nicht rathſam ſchien. Doch beſchloß er bei der erſten Gelegenheit die ſich ihm dazu darbiete, perſönlich darüber Auskunft zu fo⸗ dern, und ſey es von dem Großmeiſter ſelbſt. Denn er hatte nie die abgötteriſche Verehrung für Kiabuſurgomid empfunden, die faſt alle Aſſaſſinen für ihren Großmei⸗ ſter hegten. Und dann hatte ſeine Achtung für dieſen, und ſeine Begeiſterung für den Orden auch längſt, durch ein ernſtes und vorurtheilfreies Nachdenken über deſſen Tha⸗ ten und Grundſätze, das in ſeiner Jugend künſtlich angefachte Feuer verloren, das ſelbſt in derſelben öfters dem Erlöſchen nahe war; da Mothi's, wie überhaupt des Or⸗ dens Lehren, niemals in die Tiefe ſeines Herzens, in welchem der Keim des Guten nicht ganz konnte vertilgt werden, gedrun⸗ gen waren.— Daß Emina und die Die⸗ nerin, die ſie begleitet hatte, über jene Zu⸗ bereitungen aus dem Hanfe zum Nachtheile 218 des Ordens nichts ausbreiten würden, war er überzeugt. Da nicht allein Furcht ſie da⸗ von abhalten mußte, ſondern auch ihre Stellung dazu viel zu untergeordnet war, und ſie gewöhnlich nur mit den Harems Dienern, die allein in dem engen Frauen⸗ kreiſe Einfluß hatten, in Verbindung ſtan⸗ den.——— Emina's Boten waren ſchon nach wenigen Stunden zurück gekommen. Nach ihrer Rückkehr wurde Emina ruhiger. Als ſie aber Bahcam's zweite und allem Anſcheine nach auch lange Entfernung aus Damaghan erfuhr, da ergriff ſie neuerdings der heftigſte Schmerz— und nur Thränen und Seufzer erfüllten ihre Gemächer. Bahcam, der ſich Fatima bald todt, bald noch am Leben dachte, zog nun abermals nach ihr forſchend umher. Dadurch kam er nicht nur aus der Landſchaft Komis, ſondern auch aus dem Gebiete der Jsmailiten. Fa⸗ tima oder einen Beweis ihres ſehr mögli⸗ chen Todes, da ſie nach Taher's Angabe doppelt krank geweſen, fand er jedoch nicht. Zufällig ſtieß er aber eines Tages auf Yke⸗ lula, die gleich ihm in Reiſekleidern war. Sein Widerwille gegen ſie hatte ſich unter⸗ 9 deſſen vermindert. Er wußte daß ſie Fa⸗ tima kannte, und fragte ſie deshalb nach ihr. Kaum war er damit zu Ende, ſo ſagte ſie:„Beim Propheten! Ihr thut da eine „Frage, die ich eben an Euch thun wollte. „Denn ſchon viele Tage durchziehe und „durchſuche ich einen Ort nach dem andern, „ohne daß ich von Fatima und ihren Be⸗ „gleitern nur das geringſte gewahrte.“ „Sucht Ihr ſie denn auch?“ fragte Bahcam. „Gewiß!“ antwortete Ykelula.„Ich „mußte dies dem Ismailiten Ahmed, der „ſie einige Zeit vergeblich bei mir erwartete, „verſprechen. Auch hat er noch andere „Leute nach ihr ausgeſendet, und einen „Tag beſtimmt, an dem er wieder bei Os⸗ „min, dem er einen Diener zurückließ, ein⸗ „treffen wird. An dieſem Tage will er Fa⸗ „tima unter meinem und Osmin's Dache „finden, oder die ſtrengſte Rechenſchaft über „unſere Bemühungen nach ihr fodern.“ „Und wann iſt dieſer Tag?“ fragte Bahcam. „Den Erſten des künftigen ant⸗ wortete Ykelula. 220 Bahcam ſann einige Augenblicke nach, dann fing er von einem unbedeutenden Ge⸗ genſtande zu ſprechen an. Unbemerkt wußte er aber bald wieder auf Ahmed zurückzu⸗ kommen. Ykelula wurde treuherzig. Sie erzählte nach einiger Friſt mancherlei von Ahmed, was bewies, daß ſie ihn ſchon lange kennen und er auch einiges Vertrauen zu ihr haben mußte. Und Bahcam fragte ſie nun gelegentlich:„Seit wann ſeyd Ihr mit „Ahmed bekannt?“ „Wie lange dies iſt, kann ich nicht genau „beſtimmen,“ erwiederte Ykelula.„Da er „ſchon früher als Abulfeda mein Gebieter „war. Seitdem hat ſich zwar manches ge⸗ „ändert. Doch nun diene ich ihm wieder.“ „Wie aber kommt es, daß er ſo großen „Antheil an Fatima nimmt?“ fragte Bahcam. „Ich begreife es nicht,“ entgegnete Pke⸗ lula.„Ich würde an ſeiner Stelle Fatima „nicht aufſuchen. Doch es iſt einmal ſo! „Nichts iſt unbeſtändiger als der Menſch.“ „Kannte er denn ſchon Fatima ehe ſie „gefangen wurde?“ unterbrach ſie Bahcam. „Das weiß ich nicht!“ antwortete Mke⸗ lula.„Allein ihre Mutter kannte er. Und „dieſe hat es nicht an ihm verdient, daß „er die Tochter aufſuchet. Vielleicht thut „er es aber auch nur um ſich an der „Schuldloſen noch zu rächen.“ „Glaubt Ihr?“ fragte Bahcam.„Aber „warum? Und was hat Fatima's Mutter „Ahmed gethan?“ „Laßt das Fragen! Ich rede nicht gern „davon,“ entgegnete Relula. Und nach einigem Nachdenken fuhr ſie fort:„Auch „würde Ahmed mir ſchlecht lohnen, wenn „er erführe, daß ich Euch ſchon ſo viel „geſagt habe.“ Bahcam ſchwieg nun eine zeitlang. Hierauf verſuchte er noch einigemal der Alten, das, was ſie über Ahmed und Fatima wußte, zu entlocken. Allein es gelang ihm nicht. Und er trennte ſich endlich von ihr, ſobald er gewiß war, daß ſie ihm nichts mehr über beide mittheilen werde.— Wie bisher, ſo zog er wieder weiter Fatima oder eine Kunde ihres Todes ſuchend. Doch ſchlug er zuletzt den Weg zu Melula's Wohnung ein, um dieſelbe an dem Abende des Tags zu erreichen, den ihm Ykelula als denjeni⸗ gen genannt hatte, wo Ahmed wieder darin eintreffen würde. An jenem Tage war er dem Wohnorte Melula's aber noch ziemlich fern, als die Dämmerung ungewöhnlich frühe anbrach und mit dieſer ein ſchweres Ungewitter nahte. Er und die ſeinen ſpornten ihre Pferde und trieben ſie zur Eile. Denn ſchon lagerten ſich ſchwarze Wolken auf die Felſen, bang ſuchte das Wild das Dickig, und die Vö⸗ gel irrten ängſtlich umher, und noch war Melula's Wohnung nicht zu entdecken. Un⸗ erträglich ſchwül und drückend wurde die Luft, indem ſich das Gewölke immer tiefer und tiefer ſenkte. Doch blieb ſie dies nicht lange; da mit einemmale des Sturmes Stimme ſich erhob, alle Schwüle verjagend und furchtbar durch das Gebirge heulend, ſo daß die ſtärkſten Stämme erbebten. Es wurde nun, obwohl es kaum Abend war, finſtere Nacht, die allein flüchtige Blitze er⸗ hellten, welche unter hautem Donner die wetterſchwangern Wolken zerriſſen. Und immer gewaltiger raſte das Ungewitter. Die Gipfel der ſtolzeſten Bänme brachen; der Blitz fuhr in Feuerbächen nieder und 223. ſpaltete bald einen weltalten Felſen, bald einen emporragenden Baum; oder er wühlte wie im tollen Uebermuthe, die Erde auf. Dabei ſtrömte der Regen unaufhörlich. Bah⸗ cam's Begleiter murrten und zagten, er aber verfolgte mit ſtummem Ernſte den beſchwer⸗ lichen Pfad zu Osmin's und Melula's Aufenthalte. Noch immer hatten ſie bis zu dieſem eine bedeutende Strecke, denn das Unwetter hemmte jede Eile, als plötzlich der Regen zu Schnee und Eis erſtarrte, und eine ſchneidende Kälte der Reiſenden Glie⸗ der ſchüttelte.“) So, daß dieſe nicht wenig froh waren, als ſie endlich nach noch lan⸗ gem Wandern, während die Natur ſich ge⸗ rade im höchſten Aufruhr zeigte, die heiß erſehnte Wohnung Mkelula's erreichten. Bahcam ritt darauf zu. Doch mußte er ſehr lange klopfen bis ihm deren Pforte von Melula geöffnet wurde. Dieſe war über⸗ *) Solche ſchnelle Veränderungen der Atmo⸗ ſphaͤre und plötzliche Uebergänge des Wetters von einem Aeußerſten zum Andern ſind in je⸗ nen Gegenden nicht ſelten. Siehe Hammer's Geſchichte der Aſſaſſinen. 5 224 raſcht, eben ſo aber auch verlegen, als ſie Bahcam erblickte. Er grüßte ſie mit we⸗ nigen Worten, und ſagte ihr, während er ſein Pferd verließ, daß er mit ſeinen Die⸗ nern bei ihr zu übernachten gedenke. Hierauf wollte er in das Innere der Wohnung tre⸗ ten. Melula hielt ihn aber zurück, indem ſie ſprach:„Es iſt mir leid, daß ich Euch „bei dieſem Unwetter nicht aufnehmen kann. „Ich habe aber kein Winkelchen mehr für „Euch und Euere Diener, da Ahmed mit „ſeinen Leuten bei mir angekommen iſt.“ „Wie,“ fragte Bahcam;„Ihr werdet „mich doch nicht abweiſen wollen? Ich „bin um weiter zu reiten zu müde, auch „iſt die Nacht dazu zu gräßlich. Meine „Diener können es eben ſo wenig. Ihr „müßt uns deshalb aufnehmen.“ „Ich darf es nicht,“ entgegnete Ykelula. „Ahmed will es nicht.“ „Iſt er Herr in Euerem Hauſe?“ fragte Bahcam unmuthig.„Hat er ein Recht darin „zu befehlen?“ „Das gerade nicht,“ antwortete Bkelula. „Aber doch folge ich ihm gern. Ich bin „es noch von frühern Zeiten her gewöhnt.“ 225 „Nun, ſo ſagt ihm: der jüngſte Sohn „Athamiſch's ſey hier, und könne vor Er⸗ „müdung nicht weiter,“ ſprach Bahcam un⸗ geduldig.„Sobald er dieſes erfährt, „wird er mich gewiß ſelbſt in Euere Woh⸗ „nung führen, und auch für die meinen „noch einigen Raum darin haben.“ „Mich würde dies um eueretwillen freuen,““ entgegnete Ykelula. Hierauf murmelte ſie einige unverſtändliche Worte; plötzlich wand⸗ te ſie ſich, und warf raſch die Thür des Hauſes hinter ſich zu. Bahcam, der dadurch wieder ganz von ihr abgeſchnitten war, ſah mit zornflammenden Blicken auf die zuge⸗ worfene Thür; ſeine Begleiter aber ſpra⸗ chen einige Drohungen aus, die ſie ſicher würden ausgeführt haben, hätten ſie nicht gleich nach Melula's Entfernung gehört, daß wieder der Thür genahet und dieſelbe geöffnet wurde. Ahmed trat mit Ykelula Bahcam entgegen.„Seyd Ihr es wirklich?“ fragte jener ſtaunend.„Wie kommt Ihr „hieher?“ „Laßt mich und meine Diener erſt in's „Trockene, und dann fraget,“ antwortete Bahcam. Ahmed verweigerte ihm und den 15 ſeinen nun auch keinen Augenblick den Ein⸗ tritt in die Wohnung. Worauf Bahcam ſprach:„Ich ſuchte Euch, da ich Euch „manches zu fragen habe. Doch kann ich „dies nicht vor Zeugen.“ „So kommt,“ erwiederte Ahmed.„Yke⸗ „lula wird uns eine freie Kammer über⸗ „laſſen, damit Ihr ſprechen könnt. Wäh⸗ „rend dem mag ſie Euere und meine Die⸗ „ner bewirthen.“ Er wandte ſich nun zu Wkelula, und redete leiſe mit dieſer. Yke⸗ lula nickte beifällig mit dem Kopfe, und führte dann Ahmed und Bahcam in eine leere Stube, obwohl ſie erſt vor kurzem dem Letztern verſicherte, daß ſie kein Win⸗ kelchen mehr für ihn habe. Kaum hatte ſich Melula entfernt, ſo fragte Bahcam:„Habt Ihr Fatima gefunden? „Und was wollt Ihr mit ihr?“ „Wie kommt Ihr zu dieſen Fragen?“ entgegnete Ahmed. „Ich ſuche ſie ſchon viele Tage— auch Ihr „thut es,“ antwortete Bahcam.„In wel⸗ „cher Abſicht Ihr es thut, weiß ich nicht. „Doch glaube ich, ſie iſt gut, da ich weiß, „daß Ihr Fatima aus dem Kerker befreitet, W „und mir nicht denken kann, daß es Euer „Wille geweſen, daß der Mann, den ſie „von Euch zum Begleiter erhalten, ſie be⸗ „raubte, und dann ihrem Schickſale über⸗ „ließ.“ Ahmed ſah anfangs Bahcam überraſcht an, jetzt aber fragte er haſtig:„Was ſprecht „Ihr? Wer hat Fatima beraubet? Und wo „iſt dies geſchehen? „Euer Helfershelfer hat dies gethan,“ antwortete Bahcam. Und als ihm darauf Ahmed verſicherte, daß er von dem Schick⸗ ſale Fatima's, ſeit er ſie aus ihrem Kerker in Alamut gerettet habe, nichts wiſſe, daß er darüber in großer Beſorgniß ſey, ſo er⸗ zählte er, was er von Emina und dieſe von Taher über die Tochter Abulfeda's erfahren hatte. Mit der geſpannteſten Erwartung hörte Ahmed auf Bahcam, und kaum hatte dieſer geendet, ſo fragte er:„Und Ihr ſrh „keine Spur von ihr?“* „Ich habe ſie, ſeit ich Taher's Tod „ſeine und ihre Schickſale aus Emina's „Munde vernommen, vergeblich aufgeſucht,“ entgegnete Bahcam.„Und ging es Euch „ ie wie mir, dann iſt ſie wahrſchein⸗ 15* „lich bei den Todten. Denn ich weiß nur „noch wenig Stellen, wo es nicht Unſinn „iſt, ſie zu vermuthen.“ „Was aber veranlaßte Euch, ſie, die „Euch einſt durch ihren Stolz ſo ſehr belei⸗ „digte, zu ſuchen?“ fragte Ahmed. „Menſchlichkeit!“ antwortete Bahcam. „Doch nein, Liebe iſt es, was mich ſie „ſuchen heißt. Liebe zieht mich von Ort „Liebe!“ wiederholte Ahmed.„Die Lei⸗ „denſchaft, die Euch einſt für ſie durch⸗ „glühte, war doch nicht Liebe.“ Und nach einem ernſten Kopfſchütteln fragte er:„Und „Ihr ſucht Fatima wirklich aus Liebe, ob⸗ „wohl Ihr unterdeſſen Emina gefunden?“ „Sie fand ich, um ſie für immer zu „fliehen,“ antwortete Bahcam.„Sagte ich „Euch doch ſchon auf der Königsperle, daß ich „ihre zudringliche Zärtlichkeit verachte, ſeit „ich Fatima in ihrem Stolze geſehen, ſeit „mich Fatima verworfen.“ „So wie Ihr Fatima geſehen, ſo wer⸗ „det Ihr ſie nicht mehr wieder ſnhent 4 entgegnete Ahmed. 229 „Ich weiß es,“ erwiederte Bahcam. „Sie iſt wahnſinnig. Ich aber habe ſie „wahnſinnig gemacht. Von der Stunde an, „in der ich dieſes erfahren, liebe ich ſie „erſt mit wahrer Liebe. Auch kenne ich „ſeitdem, bei Ali! nichts heiligeres, als, „wenn ſie noch athmet, ihr nachtumfange⸗ „nes Daſeyn zu erhellen, und für ſie zu „leben.— Von Yrelula erfuhr ich, daß „auch Ihr ſie ſuchet. Ich hoffte, daß Euch „das vielleicht gelungen ſey, was mir bis „jetzt mißlang, und daß ich ſie hier finden „werde.“ „Hierin irrtet Ihr,“ entgegnete Ahmed. „Fatima ſcheint von der Erde verſchwunden.“ „Wie aber kommt es, daß Ihr ſie befrei⸗ „tet und nun aufſuchet?“ fragte Bahcam. „Damit Ihr dies begreifet, muß ich Euch „eine lange Geſchichte erzählen,“ antwor⸗ tete Ahmed.„Dafür habt Ihr mir nur zu „verſprechen, ſo lange ich lebe, an Nie⸗ „manden zu verrathen, daß ich Fatima „aus ihrem Kerker befreite. Wollt Ihr „dies, ſo ſetzt Euch hier zu mir.“ Mit dieſen Worten ließ er ſich auf einen Tep⸗ pich, der auf dem Boden lag, nieder. Bah⸗ 230 cam that daſſelbe, und Ahmed fuhr nach ei⸗ ner kurzen Pauſe fort:„ Frühe verlor ich „meine Eltern; ich war ihr einziges Kind „und erbte von ihnen ein großes Vermögen. „Abulfeda's Vater war der Bruder des „meinen; er nahm mich zu ſich und erzog mich „mit Abulfeda, dem ich im Alter gleich war. „Wir wuchſen nun mit einander auf, und „liebten uns wie Brüder.— Längſt waren „wir Jünglinge, als mein Oheim ſtarb⸗ „Durch ſeinen Tod wurde Abulfeda in meh⸗ „rere Geſchäfte verwickelt, die ihn auf un⸗ „beſtimmte Zeit aus ſeiner Heimath weg⸗ „riefen. Die Trennung von ihm, dem ge⸗ „liebten Freunde und Verwandten, that „mir unnennbar wehe. Und ich fand mich „erſt hinein, als ich Emira, das ſchönſte „Weib, das je die Erde getragen, erblick⸗ „te, und ſie mein liebſter Gedanke wurde. „Theuer erwarb ich ſie mir. Der Preis, „für den ich ſie gewann, galt mir aber „nichts, da ſie dadurch mein ward, und „ich mich von ihr geliebt wähnte.— Abul⸗ „feda kam endlich wieder. Ich eilte ihHm „mit der höchſten Innigkeit in die Arme; „gleich zärtlich umſchlang er mich. Im 234 „Uebermaaße meines Glückes einen Freund „und das herrlichſte Weib zu beſitzen, fre⸗ „velte ich gegen das Geſetz, und brachte „ihn zu Emira. Ich traute ihm und ihr; „mein argloſes Herz kannte keine Furcht, „keinen Zweifel. Abulfeda war wie immer, „auch Emira wußte mich zu täuſchen. Da⸗ „durch erreichten ſie ihre Abſicht. Täglich „konnten ſie ſich ſehen, ſelbſt allein ſehen, „und ich war thöricht genug, zu glauben, „nur Freundſchaft zu mir, führe Abulfeda „zu meinem Weibe. Lange währte dies, „ich ahnte nichts. Er liebte ſie, ſie ihn— „zu Verräthern wurden ſie an mir. Ykelu⸗ „la, die ich nicht erſt während unſeres „Aufenthaltes auf der Königsperle kennen „lernte, wie ich Euch in Alamut ſagte, da „ich ſie viel früher täglich bei meinem „Weibe geſehen, deren Lieblingsdienerin „ſie war, wurde die Vertraute ihrer ver⸗ „brecheriſchen Leidenſchaft. Sie zu gewin⸗ „nen fiel Abulfeda nicht ſchwer, da er ehr⸗ „los genug war, ihrer an Narrheit gren⸗ „zenden Eitelkeit zu ſchmeicheln, ihr ſogar „vorzuſpiegeln, er liebe ſie noch weit mehr als „Emira. Auch gelang es ihm, Emira zu bered⸗ 232 „ten, mit ihm zu entfliehen; denn er fing an, „eiferſüchtig zu werden auf jeden Blick, den ich „von ihr erhielt, und es entging ihm nicht, daß „gerade dadurch Verdacht in mir erwachte. „Mkelula fehlte es nicht an Mitteln, Emira un⸗ „bemerkt ihrem Buhlen zuzuführen. Er ent⸗ „floh mit ihr und nahm Wkelula mit. Sie „eilten in ferne Landen. Emira wurde „Abulfeda's Weib— ich aber war lange „Zeit der Verzweiflung preis gegeben. Ich „verfolgte die Ehrvergeſſenen. Doch ſehr „lange vergebens!— Unterdeſſen lernte ich „Kiabuſurgomid, den Eroberer von Lamſir „kennen. Er war damals der vorzüglichſte „Verbreiter der Lehre und die zuverläßigſte „Stütze der Größe Haſſan's. Ich erweckte „in ihm Intereſſe, er in mir Vertrauen; „mein blutendes, von der Freundſchaft und „Liebe zerriſſenes Herz flog ihm entgegen. „Bald kannte er mein Schickſal. Er ſchenkte „mir die innigſte Theilnahme, und ich ward „in kurzer Friſt unter ſeiner Leitung zum „Ismailiten, und nach einigen Jahren zum „Aſſaſſinen. Meine Racheplane verließen „mich darüber aber nicht. Auch wollten „dies Kiabuſurgomid und Haſſan, dem ich —,——— 233 „unterdeſſen in ſeinem Schloſſe Alamut vor⸗ „geſtellt worden war, nicht. Beide haßten „Abulfeda, der während dem von dem „Sultan Melekſchah die Königsperle und „die Landſchaft, die dieſe umgibt, erhalten „hatte, wegen ſeiner Macht und ſeinem „Glauben. Doch hatte ich es aufgegeben, „jetzt ſchon nach ſeinem Blute zu verlangen, „da ihn ohne vorhergehende namenloſe Lei⸗ „den zu morden, nach des Alten vom Ge⸗ „birge und Kiabuſurgomid's Meinung, der „ich nicht anders als beiſtimmen konnte, „nur eine arme und geringe Rache gegen „ſein großes Verbrechen geweſen wäre. „Tauſend Wunden, die nicht tödten, ſei⸗ „nem verrätheriſchen Herzen zu ſchlagen, „war nun mein höchſtes Streben. Der „Großmeiſter und deſſen Freund, Kiabu⸗ „ſurgomid, unterſtützten mich darin. So „verſtrichen Jahre; doch keines verſtrich in „dem ich nicht unausſprechlich wehe meinem „Feinde gethan; keines verſtrich, ohne daß „ich es ihm zu einem martervollen bereitet „habe. Auch gelang es mir immer, ihn ſo „zu martern, geiſtig zu quälen, daß er da⸗ „bei ſtets mich, den er ſo ſehr betrogen, 234 „als den Urheber ſeiner Leiden erkannte, „ohne daß er mir beikommen konnte. Schon „hatte er viel durch mich gelitten, mein „Durſt nach Rache war aber noch lange „nicht geſtillt, als Emira ſich zum dritten⸗ „male Mutter fühlte, und Kiabuſurgomid „mich einen Racheplan lehrte, wie er ge⸗ „wiß noch in keines Menſchen Kopf entſprun⸗ „gen. Mein Herz jubelte, als ich denſel— „ben von ihm erfuhr, und Haſſan ihn bil⸗ „ligte, und ich eilte hieher, ihn zu voll⸗ „ziehen.— Dieſe Mauern waren damals „von fleißigen und rechtlichen Leuten be⸗ „wohnt. Sie nahmen mich gaſtlich auf, „und bekümmerten ſich wenig um mich „und mein Treiben. Der Vorſicht wegen „hatte ich einen falſchen Namen angenom⸗ „„men, mich auch äußerlich ſo ſehr entſtellt, „daß ich ſicher war: daß mich weder Abul⸗ „feda noch einer ſeiner Diener erkennen „würden. Um den Plan, den ich vor Au⸗ „gen hatte, ausführen zu können; mußte „ich mir Eingang im Schloſſe verſchaffen, „und dann eine Dienerin Emira's gewin⸗ „nen. Ich durchſtrich deßhalb die ganze „Umgegend. Ueberall zog ich auf die vor⸗ 235 „ſichtigſte Weiſe Nachrichten über Abulfeda „und ſeine Hausgenoſſen ein, und erfuhr „einſtimmig, daß Ykelula auf das höchſte „mit Abulfeda unzufrieden ſey, da ſie ſich „bald in ihren Erwartungen getäuſcht ſah, „wodurch ſie die Ueberzeugung gewann: „daß ſie nur ein Mittel geweſen, ſeine ver⸗ „brecheriſchen Wünſche zu erfüllen. Laut „hatte ſie ſchon bereut, daß ſie ihn bei der „Flucht meines Weibes unterſtützte, und „ſtets dabei den Wunſch geäußert, ihr Ver⸗ „gehen an mir wieder verbeſſern zu können. „Dieſe Nachricht kam mir äußerſt willkom⸗ „men. Sie, die einſt Abulfeda den „Weg zur Flucht mit meinem Weibe ge⸗ „zeigt, ſollte mir nun den Weg zu der „Treuloſen, ſobald ſie des Verräthers „Kind geboren, den Weg zur ſüßeſten Ra⸗ „che zeigen. Groß war mein Plan, oder viel⸗ „mehr der Plan, den mich Kiabuſurgomid ge⸗ „lehret. Groß war er, ſelbſt der Himmel zollte ihm Beifall, denn er vollbrachte das, was „meine Hand, in dem Momente der Ent⸗ „ſcheidung, nicht vermochte.“ Ahmed ſchwieg einige Augenblicke, wie es ſchien in die Vergangenheit verloren. Dann 236 fuhr er fort:„Doch auch Ihr werbet ihn „kennen wollen, um mit mir den Geiſt be⸗ „wundern zu können, der ihn gebar.— „Ihr habt bereits erfahren, daß Emira „ihrer Niederkunft entgegenſah; ſchon hatte „ſie ihrem Verführer Abdollah und Fatima „geſchenkt. Er liebte beide Kinder, doch „ſetzte er auf keines ſo viel Hoffung wie „auf das noch nicht geborene, obwohl ihm „geweiſſagt worden war, daß es eine Toch⸗ „ter ſey, da derſelbe prophetiſche Mund „ihm auch geſagt hatte: daß durch dieſe „Tochter, die von ihm ſo gehaßte Aſſaſ⸗ „ſinenherrſchaft ihren Untergang finden „würde. Dies war Kiabuſurgymid und „Haſſan bekannt geworden. Sie lachten „über die tolle Prophezeiung, durch die ich „meinen Feind doppelt verwunden konnte. „Und Kiabuſurgomid entwarf nun, auf „Abulfeda's Hoffnung ſich ſtützend, den von „mir auszuführenden Plan: die Geburt des „Kindes abzuwarten, Emira dann zu töd⸗ „ten, das Kind zu rauben und es dem „Großmeiſter zu überbringen, damit es in „unſerem Glauben und für den Jüngling „erzogen würde, durch den einſt nach vie⸗ 237 „len qualvollen Jahren, Abulfeda, der be⸗ „reits bei denjenigen ſtand, die von dem „Orden dem Tode beſtimmt waren, ſobald „er dafür reif geworden, fallen ſollte. „Auch ertheilte Haſſan, gleich nachdem er „dieſen Plan genehmigte, den Befehl: in „jenem Schloſſe für des Kindes Ankunft „alles vorzubereiten, in welchem, wie Ihr „ſicher bereits wiſſet, ſchon ſeit längerer „Zeit junge Schönheiten für die geheimen „Zwecke des Ordens ausgebildet werden.— „Ich war über Kiabuſurgomid's Plan ent⸗ „zückt, und empfand ſchon in dem Gedan⸗ „ken daran eine Paradieſesluſt. Nichts ge⸗ „fiel mir aber darin ſo ſehr, als daß der „junge Mann, der einſt Abulfeda's Blut „zu vergießen hatte, von ſeinem Blute „dazu begeiſtert werden ſollte.“ „So iſt das Schändliche, das ich von „Emina erfuhr doch wahr,“ brach endlich Bahcam, der bisher keine Gelegenheit ge⸗ funden hatte, ſich über die Entdeckung die ihm Emina gemacht zu erkundigen, nach einer innern Erſtarrung, die ihm auf einige Augenblicke die Sprache raubte, mit dem Ausdrucke des empörteſten Gefühles, das acd c nahe an Verzweiflung grenzte, los.„Wir, „die man uns Eingeweihte nennt, oder „wenigſtens viele von uns, ſind wirklich „Betrogene. Denn wenn es ſolch ein Schloß „gibt, dann gibt es auch ein Oppiat mit „welchem man uns auf das Niederträchtigſte „hintergeht.“ Ahmed, den Bahcam's Leidenſchaftlichkeit höchſt unangenehm überraſchte, da ſie ihm zeigte, daß er zu viel geſagt hatte, entgeg⸗ nete mit einem verweiſenden Tone:„Ihr „ſeyd noch immer der Schwärmer, der Ihr „früher geweſen, und taugt dadurch wenig „in den Orden. Die Mittel, die der Groß⸗ „meiſter gebraucht um Vollſtrecker ſeiner „Plane zu gewinnen, ſind durch ihre „Zwecke geheiligt. An uns iſt es nicht „darüber zu grübeln.“ „Ihr ſeyd ſtets ein Vertheidiger des „Großmeiſters und des Ordens!“ ſpottete Bahcam. „Und Ihr habt immer daran zu tadeln,“ verſetzte Ahmed.„Ihr thut es, weil Euer „Geiſt noch nicht ſo weit iſt, des Groß⸗ „meiſters Plane und des Ordens Abſichten „zu faſſen. Mothi war Euer Lehrer. So 239 „groß Mothi genannt, ſo ſehr er auch be⸗ „wundert und ſeine Weisheit geprieſen „wird ſo taugt er doch als Lehrer wenig. „Dies zeigte er an Euch. Ich war hierin „glücklicher als Ihr. Ich wurde von Kiabu⸗ „ſurgomid zu einem Aſſaſſinen gebildet. „Mehr aber noch von Haſſan, unſerem er⸗ „ſten Großmeiſter, indem ich Zeuge war, „wie dieſer für das Wohl des Ordens ſelbſt „ſeine beiden Söhne nicht ſchonte, und „durch ihre Hinrichtung nicht allein den „Profanen und Eingeweihten ein Beiſpiel „gerächten Ungehorſams wider die Gebote „des äußeren Kultus und die Regeln der „inneren Disciplin gab, ſondern auch be⸗ „wies: daß mit dem Eintritte in den Or⸗ „den alle übrige Bande aufgelöſet ſeyn „müſſen.“ „Ihr bewundert dieſe That Haſſan's,“ entgegnete Bahcam.„Ich that es auch. „Doch nun bebe ich davor zurück, da ich „darin nichts als eine unnatürliche Grau⸗ „ſamkeit ſehe. Denn was hatte Oſtad ge⸗ „than? Wurde er nicht des bloßen Verdach⸗ „tes wegen, daß er an dem Tode Hoſſein's „von Kain Antheil gehabt, hingerichtet? 290 „Und fiel ſein jüngerer Bruder aus einem „andern Grunde als weil er Wein ge⸗ „trunken?“ Ahmed wollte hierauf etwas erwiedern, Bahcam aber ließ ihn nicht zu Worte kom⸗ men, indem er alſo fortfuhr:„Erſparet „Euere Bewunderung für ſolche Thaten, „bei mir iſt ſie nicht angewendet. Und ich „bleibe dabei, daß Haſſan's Söhne ſchänd⸗ „lich geopfert wurden. Doch nicht allein ſie, „ſondern noch viele Hunderte verbluteten „unſchuldig, und nur deshalb weil ſie der „Herrſchſucht unſeres Vereines im Wege „ſtanden.— Ihr ſeht mich ſtaunend an⸗ „Und warum? Was ich Euch eben ſagte, „wiſſet Ihr doch ſchon längſt. Denn wie ich, „ſo habt auch Ihr Muſe gehabt, während „Ihr dem Orden dientet, dieſem, ſelbſt „gegen Eueren Willen, nach und nach die „Larve der Scheinheiligkeit abzunehmen, „mit der er ſich ſogar vor unſeren Augen „zu bedecken ſucht.“ „Euer Geiſt iſt krank,“ unterbrach ihn Ahmed. „Ihr mögt hierin Recht haben,“ ſiel ihm Bahcam ins Wort.„Er iſt es auch. ——— ———————.— 241 „Er mußte es werden, ſobald er meinen „gräßlichen Beruf erkannte, und nun keinen „Ausweg ſieht, mich davon zu befreien.“ „Wie könnt Ihr Eueren Beruf einen „gräßlichen nennen?“ fragte Ahmed. „Ich kann es, weil er's iſt,“ antwortete Bahcam.„Gebt Euch keine Mühe mich „zu bekehren, es wird Euch nicht gelingen. „Ich kenne den Verein, zu dem auch ich „gehöre, mehr aus ſeinen meuchleriſchen „Thaten wie aus Mothi's Lehren, da nicht „ein Tag vergeht, wo durch ihn kein „Blut fließet, um dem Gebäude der Herr⸗ „ſchaft, das Haſſan durch Betrug gründete, „neue Stärke und Ausdehnung zu geben.“ Ahmed wollte auffahren. Bahcam hielt ihn aber davon ab, indem er ſehr gelaſſen weiter ſprach:„Beruhigt Euch. Was ich „eben ſagte, ſage ich Euch nur allein. Und „nie kann meine Abneigung gegen den Or⸗ „den dieſem gefährlich werden, da ich nicht „zum Verräther werde. Auch wird ſich un⸗ „ſer Großmeiſter niemals über meine Voll⸗ „ſtreckung ſeiner Befehle zu beklagen haben. „Erkenne ich ſelbſt eine Ruchloſigkeit darin, „ſo vollziehe ich ſie dennoch gewiſſenhaft, 16 242 „weil dies die Pflicht eines Aſſaſſinen iſt, „und ich ein Aſſaſſine bin.— Doch laßt „dies, und ſetzet die Erzählung Euerer „Geſchichte fort, die ich durch meinen Un⸗ „muth unterbrochen habe.“ Ahmed ſprach ungeachtet Bahcam's Er⸗ klärung doch noch einiges für den Orden, dann fuhr er alſo fort:„Ihr wiſſet ſchon „einen Theil von dem, was ich Euch noch „zu enthüllen habe; da Euch das Verſchwin⸗ „den von dem Kinde Abulfeda's bekannt „iſt.— Ich fand Ykelula ſo unzufriedeu, „wie man ſie mir geſchildert hatte, und „gab mich ihr zu erkennen. Freudig wil⸗ „ligte ſie in meine Wünſche, denn ſie war „nicht allein gegen Abulfeda aufgebracht, „„ſondern ſie haßte auch aus Eiferſucht „Emira.— Emira gebar wirklich eine „Tochter. Ich erhielt ſogleich durch Yke⸗ „lula Nachricht davon, wie von dem Entzücken „Abulfeda's über die Geburt dieſes Kindes. „Das Letztere fachte das Rachefeuer, das „in mir glühte, auf das Höchſte an. Und „ich eilte zur Ausführung des mir von „Kiabuſurgomid gezeigten Planes. Ich fand „Mittel, Feuer in dem Theile der Königs⸗ 243 „perle, wo Abdollah und Fatima wohnten, „in der dritten Nacht, die dem neugebore⸗ „nen Kinde aufging, anzulegen. Bald ſtand „das Gebäude in Flammen. Faſt alle „Männer im Schloſſe ſtürzten mit Abulfeda „zu dem Feuer. Niemand achtete auf mich. „YMelula zeigte mir den Weg zu Emira. „Nur wenige Frauen waren bei ihr und „dieſe ergriff, wie ich erwartete, bei mei⸗ „nem Erſcheinen ein paniſcher Schrecken. „Schon hatte ich nach dem Dolche gefaßt, „deſſen Spitze Emira's Leben vernichten „ſollte, da fiel mein Auge auf ſie, und „alle Gefühle, die mich einſt durchflamm⸗ „ten, als ſie mein geworden, als ſie zum „erſtenmale an meine Bruſt ſank, erwach⸗ „ten in mir. Sie zu tödten, war mir nicht „möglich. Ich wandte mich von ihr ab, „und erblickte ihr und Abulfeda's Kind. „Sein Anblick rief meine Rache wieder auf. „Sie konnte ich nicht tödten; ihr und ihres „Verführers Kind aber erweckte kein mildes „Gefühl in mir. Zum Theile wenigſtens „ſollte Kiabuſurgomid's Plan vollführet „werden. Haſtig griff ich nach dem Kinde, „haſtig verließ ich mit ihm das Gemach. 16* 244 „Ykelula leitete mich heimlich aus dem „Schloſſe, und nach wenigen Stunden lag „es ſchon weit hinter mir. Ykelula blieb „zurück, um mir ferner Nachrichten über „Abulfeda und ſeine vorhergeſehene Ver⸗ „zweiflung zu ertheilen. Was ich nicht „vermochte, vollbrachte Allah, der meine „Rache billigte. Emira ſtarb aus Schrecken „— und Abulfet war unglücklich, ſo lange „er lebte. Von Melula, die ich reichlich „belohnte, ſo daß ſie die gleich nach Emi⸗ „ra's Tode erfolgte Entlaſſung aus Abul⸗ „feda's Dienſten verſchmerzen konnte, er⸗ „hielt ich noch einigemal Nachricht. In „einer jeden fand ich einen Triumph. Spä⸗ „ter erreichten mich ihre Boten nicht mehr, „da ich als Miſſionär in fernen Landen „wirkte. Erſt als ich mit Euch bei Abulfeda „angekommen war, hörte ich wieder von ihr, „und erfuhr ihr Schickſal, das ſich wäh⸗ „rend dem ſehr traurig geſtaltet hat. Doch „ſuchte ich ſie nicht auf, da ich ſie nicht „bedurfte, und auch keine Luſt hatte, die „Bekanntſchaft ihres Mannes zu machen. „Als ich mich aber entſchloß, Fatima aus „der Gefangenſchaft zu befreien, da wandte —————— —————— 245 „ich mich abermals an ſie, und ſie war „neuerdings bereit, mir zu dienen.— Das „geraubte Kind Abulfeda's wurde erzogen, „wie es verabredet war. Für Euch wurde „es erzogen, denn Emina iſt Abulfeda's „Tochter.“ Bahcam ſchauderte zuſammen, und rief: „O gräßlich, gräßlich war Kiabuſurgomid's „Plan!“ Ahmed fuhr fort:„Haſſan ſtarb. Kiabu⸗ „ſurgomid wurde von dem Sterbenden zum „Großmeiſter ernannt. Auch ſtand Abulfeda „durch lange Leiden, die ich ihm immer⸗ „während bereitete, und durch ſeinen fort⸗ „dauernden Haß, den er bei jeder Gelegen⸗ „heit uns und unſerer Sekte zeigte, an dem „Punkte, den der Orden ihm als den Letz⸗ „ten ſeines Lebens geſetzt hatte. Zwar „glaubte Kiabuſurgomid, ehe er ihn ver⸗ „nichtete, einen Verſuch mit ihm wagen zu „müſſen; denn er hielt es für rathſamer, „Abulfeda durch Ueberredung oder Liſt dem „Orden und dem wahren Glauben zu ge⸗ „winnen, als ihn durch ſeinen Tod un⸗ „ſchädlich zu machen. Er theilte mir ſeinen „neuen Plan mit. Obwohl ich mir es nicht 246 „denken konnte, daß Abulfeda zu uns über⸗ „gehen werde, ſo widerſprach ich Kiabu⸗ „ſurgomid doch nicht. Denn möglich war „es ja immer, und der nur im entfernte⸗ „ſten zu vermuthende Vortheil unſerer Macht „galt mir mehr als mein Triumph, den „ich in Abulfeda's Tode fand, der trotz al⸗ „len Qualen, die ich ihm bereitete, doch „das Ziel meiner Rache war. Haſſan, „der ſeine Söhne opferte, lehrte mich dies. — Allein Abulfeda war nicht zu gewinnen. br fiel durch Euere Hand, durch Euch „den Emina liebet, für den ſie nur noch „lebet. Er fiel, und ich war Zeuge ſeines „Falles!— Die Jahre hatten mich entſtellt. „Ich war vor jeder Entdeckung ſicher, und „foderte von Kiabuſurgomid Euch begleiten „zu dürfen, da mich Euere Jugend ſchreckte, „und ich dann auch die Hartnäckigkeit Abul⸗ „feda's vorherſah, und mir die Luſt nicht „nehmen laſſen wollte, ihn endlich fallen, „und weil es die Politik unſeres Ordens „foderte, auch ſein Haus zuſammenſtürzen „zu ſehen. Was wirklich geſchah, ohne „meine Gegenwart wahrſcheinlich aber nicht „geſchehen wäre; da Ihr nahe daran wa⸗ ——— 247 „ret Fatima's Sclave zu werden, und Ihr „dann die Befehle des Großmeiſters nicht „vollzogen, ſondern Abulfeda am Le⸗ „ben und ſeine Familie im Beſitze ihrer „Macht gelaſſen hättet.“ Ahmed warf triumphirend die Blicke um⸗ her. Nach einer flüchtigen Pauſe ſprach er weiter:„Meine Rache war nun befriedigt. „Mit Abulfeda's Leben hörte ſie auf. Zwar „war es mir leid, daß Abdollah entkam; „doch nicht weil ich ihn haßte, nicht weil „er Abulfeda's Sohn iſt: ſondern weil er, „trotz ſeinem Eide unſerer Herrſchaft ein „furchtbarer Feind werden kann, und weil „es unſere Pflicht iſt, dieſe vor jedem Feinde „zu bewahren. Doch er ſcheint entweder „feige, oder ſeinem Eide wirklich treu, „was zwar ſein Betragen nach der Einnahme „der Königsperle nicht verhieß, oder todt „zu ſeyn; denn nichts zeugt von ihm. Auch „Fatima haßte ich nicht. Sie war ja „Emira's Tochter, und es gab eine Zeit „wo mich Emira beglückte. Ich aber hatte „keine Gewalt über ſie, da ſie wie die an⸗ „deren Gefangenen auf dem Schloſſe Kö⸗ „nigsperle Saleh übergeben und ſpäter kit 248 „nach Alamut gebracht worden war. Auch „hoffte ich Kiabuſurgomid würde großmü⸗ „thig mit ihr verfahren. Als ich aber ver⸗ „nahm, daß ſie für das Harem des Veſirs „Taher, dem Sohne Saad's von Maſdeghan, „beſtimmt ſey, da foderte mich alles auf, „ſie geheim zu befreien. Ich that es, wurde „aber, wie Ihr mir ſagt, betrogen, und „ich muß fürchten: ſie iſt, wenn ſie nicht „geſtorben, nun durch die Geldgier des „Mannes, der ſie zu Melula bringen „ſollte, wo ich ſie ſobald als möglich abzu⸗ „holen gedachte um künftig für ſie zu ſor⸗ „gen, in ein noch weit größeres Elend ge⸗ „rathen, als das iſt vor dem ich ſie behüten „wollte. Vergebens ſuchte ich ſie in der „ganzen Umgegend auf.“ „Verzweifelt und ermüdet nicht!“ hob Bahcam, den vor allem Fatima beſchäftigte, ſobald Ahmed ſchwieg, an.„Ihr waret „raſtlos bei der Ausführung Euerer gräß⸗ „lichen und viele Jahre fortdauernden Ra⸗ „cheplane; ſeyd es nun auch in Euerem „guten Vorſatze. Vereint Euch mit mir. „Noch hofft mein Herz: wir werden Fatima „oder doch wenigſtens ihre Ruheſtätte finden.“ „ 249 „So lange Kiabuſurgomid, der keine „Ahnung hat, daß ich Fatima befreite, „mein Umherſtreifen erlaubt; ſo lange werde „ich es nicht aufgeben nach ihr zu ſuchen,“ antwortete Ahmed.„Und gern thue ich es „gemeinſchaftlich mit Euch.“ Beide verabredeten nun, welche Wege ſie noch nehmen wollten, und welche Mittel anzuwenden ſeyen, Fatima aufzufinden oder doch Nachricht über ſie zu erhalten.— Das grauſenvolle Unwetter tobte noch immer fort. Gegen Morgen aber legte es ſich. Und we⸗ nige Stunden ſpäter herrſchte eine ſolche Ruhe in der Natur, und der Himmel glänzte wieder ſo friedlich, daß Bahcam und Ahmed mit ihren Begleitern im Stande waren auf⸗ zubrechen, und ihre vereinten Nachforſchun⸗ gen zu beginnen. Sie verließen deshalb Osmin's Wohnung. Melula folgte ihnen, ungeachtet Bahcam's Einwendungen, da ſie darauf beſtand und ſchwur: nicht eher zu⸗ rückzukehren, als bis Fatima oder ihr Grab gefunden ſey. Ahmed ließ daher, wie er es ſchon früher gethan, dem trägen Osmin bis zu Bkelula's Rückkehr einen ſeiner Diener. Bahcam's Friede war nun aber, ſeit er den Orden, zu dem er gehörte und für den er handeln mußte, ſo genau hatte kennen gelernt, gänzlich vernichtet. Und ein unbe⸗ ſchreiblicher Mißmuth bemächtigte ſich ſeiner; denn ſo ſehr ihn die Ketten drückten die er trug, ſo konnte er ſie doch nicht abſtreifen, und nicht losſagen konnte er ſich von dem Vereine, den er erſt ſo ſpät in ſeiner wah⸗ ren Geſtalt erblickte. Sein Mund ſprach aber ſeine Gefühle nicht aus, ſelbſt ſeit ſei⸗ ner Unterredung mit Ahmed, in welcher er über das größte und ſchändlichſte Geheimniß des Ordens Gewißheit erhalten hatte, nicht mehr gegen dieſen. Er ſchwieg und ver⸗ wünſchte blos im Innern ſein unglückliches Loos, das ihn ſchon als Kind in die Hände der Aſſaſſinen geworfen, ſo daß er zu einem Aſſaſſinen wurde ohne daß er es wollte. Lange zog er mit Ahmed umher. Oft wurden beide durch falſche Nachrichten über Fatima geneckt und aufgehalten. Ihre Ge⸗ duld ermüdete dabei nicht, ihre Hoffnung entſchwand aber immer mehr. Ueberall wo ſie ſich nur denken konnten, Fatima könne zu finden ſeyn, waren ſie bereits geweſen— doch Fatima war ſpurlos verſchwunden. 251 Zum zweitenmale durcheilten ſie die ſchon durchzogenen Gegenden, aber wieder ver⸗ gebens. „Wäre es nicht möglich, daß gerade bei „Damaghan Fatima noch irgendwo verbor⸗ „gen iſt?“ fragte Ahmed eines Tags ſeinen jungen Begleiter.„Da ſie bei Taher's Er⸗ „ſcheinen auf dem Schloſſe in deſſen Nähe „oder doch gewiß an der Grenze von Komis „geweſen ſeyn mußte.“ „Gern würde ich dies mit Euch vermu⸗ „then,“ erwiederte Bahcam,„hätte ich „nicht bereits Komis und ſeine Nachbar⸗ „ſchaft durchſtrichen, ohne nur das geringſte „von der Unglücklichen zu entdecken.“ „Euch iſt jene Landſchaft und ihre Um⸗ „gebung unbekannt,“ verſetzte Ahmed.„Und „es iſt daher nicht unmöglich, daß Euch „eine Stelle darin entgangen iſt, und daß „gerade dieſe Stelle Fatima aufbewahret.— „Ich meine deshalb, wir ſollten unſere „Schritte dahin wenden. Weiß ich ja doch „kaum mehr, wohin wir uns außer der „Gegend von Damaghan begeben können; „denn allenthalben wo Fatima nur zu ver⸗ 5 252 „muthen iſt, ſind wir nun ſchon zum zwei⸗ „tenmale geweſen.“ Bahram überlegte dieſen Vorſchlag einige Augenblicke, dann ſagte er:„Es ſey! Ich „thue es zwar ungern, aber doch mag es „geſchehen, da es wahr iſt: daß ich Komis „und die daran ſtoßenden Landſchaften „durchaus nicht kenne, und es ſeyn kann, „daß ich einzelne Theile davon überſehen „habe.“ Raſch eilten ſie nun dem Schloſſe Damag⸗ han zu. Dort angekommen ſetzten ſie gleich ihre Nachforſchungen fort. Bahcam ſah Emina nicht.— Während er mit Ahmed und noch einigen andern Männern unermü⸗ det umherſtreifte und nach Fatima forſchte, blieb Melula im Schloſſe. Sie wurde bald mit vielen der Dienerſchaft, wovon manche ſich ſehr derbe Scherze gegen ſie erlaubten, bekannt, und es gefiel ihr unter dieſen ganz wohl. Mahmud, ein Diener im Schloſſe bewarb ſich ſogar um ihre Gunſt, oder er log ihr dies wenigſtens vor; da er bei ihr einigen Reichthum vermuthete, den er ſich zuwenden wollte. Melula ſah in ſeinen heuchleriſchen Worten nur Wahrheit, und S 253. benahm ſich nicht wenig toll mit dem grauen Betrüger. Er hatte nur ſelten Zeit ſie des Tags allein zu ſehen und zu ſprechen, was gegen ſeine Plane war, und verabredete daher mit ihr geheime Zuſammenkünfte, die des Abends in einem ganz entlegenen und leeren Theile des Schloſſes, von dem der Aberglauben vielerlei Spuckgeſchichten erzählte, was aber Melula nicht wußte, ſtatt finden ſollten. Doch ſchon bei ihrer erſten Zuſammenkunft wurde Melula nicht wenig erſchreckt, als ſie mit einemmale in den Gemächern an welchen ſie ſich befanden, die Mahmud und ſie, wie alle im Schloſſe, durchaus unbe⸗ wohnt wußten, ein lautes Seufzen, dann gleich darauf herzzerreißende Klagen ver⸗ nahm“ Um keinen Preis blieb Ykelula län⸗ ger, und nur ſchwer gelang es dem furcht⸗ loſen Mahmud, der zwar gleich ihr jenes Klagen hörte, ſie zu bereden, ihn den näch⸗ ſten Abend wieder an dem unheimlichen Orte aufzuſuchen. Er aber nahm ſich vor, die Urſache dieſer Störung, wenn es nicht zu ſpät ſey, den künftigen Abend vor Yke⸗ lula's Erſcheinen zu ergründen; da ihn die 254 Geängſtigte nun nicht loslies, ſo lange ſeine freie Zeit währte. Dieſe mußte ihm deshalb auch verſprechen, keine Sylbe über jenes Seufzen und Klagen laut werden zu laſſen. Den nächſten Abend ging Mkelula mit pochendem Herzen in den furchterweckenden Theil des Schloſſes, wo Mahmud ſchon an⸗ weſend war. Er kam ihr mit einer wichti⸗ gen Miene entgegen. Aengſtlich ſah ihn Ykelula an. Er winkte ihr zu ſchweigen und führte ſie, doch nicht ohne mehrmals umzuſehen, wieder eine Strecke den Gang zurück auf dem ſie gekommen, dann blieb er ſtehen und flüſterte:„Wenn Ihr mir ver⸗ „ſprecht, keinen Lärmen machen zu wollen, „ſo will ich Euch etwas gar ſonderbares zei⸗ „gen, und Ihr werdet dann auch jenes Seuf⸗ „zen und Klagen von geſtern begreifen.“ „Der Prophet bewahre mich!“ unterbrach ihn Melula voll Angſt.„Davon will ich „nichts mehr hören.“ „Seyd nicht furchtſam!“ entgegnete Mah⸗ mud.„Euer geſtriger Schrecken war durch⸗ „aus grundlos. Denn das iſt kein Geiſt, „was ſo klagte und ſeufzte.“ Kaum hatte Mahmud alſo geſprochen, als 255 er und Melula wieder das Stöhnen wie den verwichenen Abend vernahmen. Melula hätte laut aufgeſchrieen, hätte Mahmud ihr nicht den Mund zugehalten.„Kommt mit „mir,“ ſprach er.„Es iſt ein Weib, was „ſo ſtöhnet. Ich habe ſie geſehen, mit die⸗ „ſen Augen geſehen. Seyd muthig und „überzeugt Euch ſelbſt.“ Lange weigerte ſich Ykelula nur einen Schritt vorwärts zu ſetzen. Mahmud, der ihren Rath bedurfte, da er ohne dieſen nicht wußte, wie er aus ſeiner gemachten Entdeckung ſicheren Vortheil ziehen konnte, ermüdete nicht ſie aufzufodern, daß ſie ihn begleite. Doch entſchloß ſie ſich erſt dazu, nachdem er alſo geſprochen hatte.„Sicher „iſt hier ein Geheimniß verborgen. Laßt „es uns gemeinſchaftlich unterſuchen. Zwei „Menſchen entdecken doch immer mehr als „ein einzelner, und des Weibes Blick iſt „auch ſchärfer als der des Mannes. Viel⸗ „leicht erwächſt uns aus dieſem Gange ein „großer Gewinn.“ Langſam und zitternd folgte nun Ykelula ihrem Führer. Das Stöhnen, dem ſie im⸗ mer näher kamen, währte fort. Mahmud 255 ſchlug in einen Seitenweg ein und trat vor eine Thür, die er ſachte öffnete, worauf er Melula in ein Gemach zog. An dem Ende deſſelben erblickte dieſe wieder eine Thür. Sie machte Mahmud darauf aufmerkſam. „Sie iſt verſchloſſen,“ antwortete er leiſe. „Schon vorhin, als ich auf Euch wartete „und es noch etwas heller war, überzeugte „ich mich davon. Allein hier iſt ein an⸗ „derer Weg, und iſt er auch zu eng für „uns ſelbſt, ſo iſt er dycit genug für „unſere Blicke.“„ Mit dieſen Worten leitete er an die Wand, in der die verſchloſſene Thür angebracht war. Er fühlte einige Iugen⸗ blicke ſuchend daran umher; plötzlich zog er einen Schieber davon hinweg, und ein ſchwa⸗ cher Lichtſchimmer fielndurch eine Oeffnung, durch welche Ykelula und Mahmud zugleich blicken konnten. Neugierig aher noch immer zitternd, trat Melula davor. Doch kaum hatte ſie daran Platz genommen, als ihr der Ausruf:„Fatima!“ entfuhr. In demſelben Augenblicke hörte das Ge⸗ ſtöhne auf und Mahmud verſchloß haſtig die Oeffnung.„Seyd Ihr toll!“ zürnte er mit gedämpfter Stimme.„Wie konntet Ihr „Euch ſo vergeſſen.“ „Beim Propheten, es iſt Fatima!“ trium⸗ phirte Melula. Doch that ſie dies ſo leiſe, daß man ſie in dem anſtoßenden Gemache nicht hören konnte.„Es iſt die Wahnſin⸗ „nige, die Bahcam und Ahmed ſchon ſo „lange vergeblich ſuchen und oft als todt „beklagen. Heute noch müſſen ſie es erfah⸗ „ren. O jetzt kann es uns nicht fehlen.“ kelula's überzeugten nun as Weib, das er eben geſe⸗ ima ſey; und er ſtimmte mit in de über dieſe Entdeckung ein. Da⸗ nte er ſie zur Vorſicht. Sie nickte ifall zu, und er ſprach Laßt uns ob die Hleiche, ſeltſame Gefangene, ueren unerwarteten Ausruf, nicht und beunruhigt wurde. Es iſt „ſehen „durch Er zog wieder jenen Schieber zurſick und ſah mit Melula in den beleuchteten Raum. Es war ein Gemach von unbedeutender Größe. Eine Lampe erhellte daſſelbe. Auf der Erde lag eine Matraze. Auf dieſer war Fatima, als Pkelula ſie zuerſt erblickte, ge⸗ 1 253 ſeſſen. Jetzt ſtand ſie in der Mitte des Zimmers. Sie zitterte ſichtlich und ſtarrte lange mit ſeelenloſen Blicken auf einen Punkt, mechaniſch mit ihren unordentlich herabhän⸗ genden Locken ſpielend. Ihr Geſicht war eingefallen und leichenblaß, ihre Geſtalt hatte etwas geiſterhaftes, und ihre Kleidung war höchſt nachläſſig. Endlich hob ein ſchwerer Seufzer ihre Bruſt; ſie ging einige Schritte, dann warf ſie ſich auf den Boden und weinte heftig. e. Nun drängte Mahmud prcula von der beiden ſo wichtigen Oeffnung hinweg. Leiſe verſchloß er dieſe, dann führte er Pkelula behutſam in das bewohnte Gebäude. Auf dem Wege zu demſelben verabredeten ſie: ſich ſogleich zu Bahcam und Ahmed, die, ehe ſie ſich zu ihrer Zuſammenkunft einſtell⸗ ten, von einem kurzen Ausfluge zurückge⸗ kommen waren, zu begeben, und ihnen ihre gemachte Entdeckung vorzutragen; aber an keinen andern Menſchen etwas davon ver, lauten zu laſſen. Sie fragten nach beiden und erfuhren, daß ſie in dem gemeinſchaft, lichen, ihnen aber unzugänglichen, Bade ſeyen. Pkelula und Mahmnd machten des⸗ 259 halb ihr Geſuch, ſie zu ſprechen, dringend. Doch wurde Mahmud erſt dann vorgelaſſen, als er erklärte: er habe eine äußerſt wichtige Entdeckung, in Betreff der geſuchten Wahn⸗ ſinnigen gemacht. Bkelula mußte aber zu⸗ rückbleiben und auf Mahmud's Rückkehr harren, was ſie mit vieler Ungeduld that. Mahmud wurde in einen ſehr großen und hohen Saal gebracht. Der Boden darin war mit weißem Marmor gepflaſtert, und die Wände mit färbigem Marmor und goldnen Schnitzwerken verziert. Eine Kup⸗ pel mit Fenſtern von buntem Glaſe, durch welches des Tags das Licht fiel, wölbte ſich über dem Eintretenden. In der Mitte des Saales ſprudelte aus einem Springbrunnen das klarſte Waſſer in ein marmornes Becken. Um dieſes ſtanden Tiſchchen und Othomanen, und in den Niſchen hatten viele Gefäße mit den koſtbarſten Räucherwerken, und zahlloſe brennende Lampen ihren Platz. Von dieſem Saale kam er in einen zweiten, aus wel⸗ chem ihm die ſtärkſten Wohlgerüche entge⸗ genſtrömten. Mit einer tauſendarmigen Lampe wurde derſelbe beleuchtet. Ahmed und Bahcam befanden ſich darin. 47 5 SRe. enee e 260 Sie hatten ſich bereits aus ſteinernen Ge⸗ fäßen warmes Waſſer über den Leib gießen, und ſich von Badedienern mit wohlriechen⸗ den Eſſenzen einreiben laſſen, als ihnen das Begehren Mahmud's gemeldet wurde. Haſtig kleideten ſie ſich hierauf an, ohne die ferneren Badegebräuche zu beobachten. Ja Bahcam ſtieß ſogar den Badeknaben, der ihm die vorn und hinten mit Abſätzen ver⸗ ſehenen Pantoffeln überreichen wollte, die der aus dem Bade Steigende gewöhnlich an⸗ zieht damit er ſich die Füße auf dem kalten Marmor nicht erkältet, ſo unſanft von ſich, daß dieſer weinend den Saal verließ. Auch bedienten ſie ſich nicht des Mokka⸗Knaſters und des Kaffees, der für ſie bereitet war. Ungeduldig ging Bahcam Mahmud entge⸗ gen. Dieſer berichtete ihm, was er geſehen, und fügte Bkelula's Behauptung, daß die bleiche Gefangene Fatima ſey, bei. Kaum hatte Mahmud geendet, ſo riß ihn Bahcam mit den Worten fort:„Kommt, zeigt mir „Fatima, und ich will Euch reichlich be⸗ „lohnen!“ Ahmed folgte beiden, und Belula, die —.— ,— ——— — — ———— 261 an dem Bade⸗Eingange harrte, trippelte ihnen eiligſt nach. Bald hatten ſie jenes Gemach mit dem Schieber erreicht. Mah⸗ mud zog dieſen leiſe von ſeiner Stelle. Ahmed und Bahcam ſahen nun durch die dadurch ſich zeigende Oeffnung. Fatima ſaß auf dem Boden. Sie ſtützte ihr Haupt ſchwermüthig auf ihre rechte Hand und mur⸗ melte leiſe einige unverſtändliche Worte. Bahcam's Herz zerriß, als er ſie in dieſem traurigen Zuſtande erblickte. Er rief ſie ℳ mit dem ſanfteſten Tone beim Namen. Sie, ſah mit ihren großen, wahnſinnigen Augen auf.„Ruft ihr!“ ſprach ſie, und ſchmerz⸗ lich fuhr ſie fort:„Er war es nicht! Er „ſoll es nicht geweſen ſeyn. Und doch war „er es, der meinen Vater mordete. Ja, ich „ſah es, ſah es—“ Bahcam konnte ſich nicht länger halten. Er eilte an die zu ihr führende Thür. Un⸗ geſtüm ſuchte er ſie einzuſprengen; Mah⸗ mud und Ahmed unterſtützten ihn. Bei dem Lärmen den dies verurſachte, raffte ſich Fa⸗ tima erſchrocken empor; ſie flüchtete, wie Bkelula ſah, in eine Ecke und rief in To⸗ desangſt:„Allah! rette, rette mich. Es 262 „ſind Aſſaſſinen, die nahen; gräßliche, blut⸗ „dürſtige Aſſaſſinen!“ Nach einer großen Anſtrengung der drei Männer ſprang endlich die Thür auf. Bah⸗ cam eilte auf Fatima zu, er ſtürzte vor ihr auf die Kniee nieder und ſah flehend in ihr Angeſicht. In demſelben Momente begegnete ihr Auge dem ſeinen, und ſie ſank mit einem lauten Schrei ohnmächtig zu Boden. Bah⸗ cam war außer ſich und keines Gedankens fähig. Ahmed ließ deshalb die Ohnmächtige in ein eingerichtetes Gemach des bewohnten Schloßtheils bringen. Bahcam wich nicht von ihrer Seite. Als ſie aber wieder die Augen aufſchlug, mußte er ſich entfernen, da ſie ſich mit allen Zeichen des Entſetzens von ihm wandte, und Mothi, der gerade in dem Schloſſe anweſend war, darauf be⸗ ſtand.—— Mothi fand Fatima nicht allein geiſtig ſondern auch im höchſten Grade kör⸗ perlich krank, und zeigte wenig Hoffnung für ihre Geneſung. Doch verſprach er alles mögliche dafür aufzubieten. Sobald Bahcam Fatima verlaſſen hatte, war es ſeine erſte Frage, wie ſie in das Schloß gekommen und wer ſie ſo ſtreng vor —.————— ——————— 263 aller Blicken verborgen habe. Auch Ahmed forſchte danach und erfuhr von einem Diener Emina's, daß das Letztere auf ſeiner Herrin Befehl geſchehen ſey. Augenblicklich theilte er dies Bahcam, deſſen Fragen bisher un⸗ peantwortet blieben, mit. Dieſer wüthete und eilte zu Emina, die er ſeit jenem Tage, wo er ſie auf dem Schloſſe gefunden, nicht mehr geſehen hatte, ſo ſehr ſie ihn auch dazu auffodern ließ. „Weichet zurück!“ rief er der ihm Ent⸗ gegenkommenden zu.„ Und geſtehet, was „wolltet Ihr mit Fatima? Iſt das die Sorge, „die Taher von Euch erflehte: ſie einzuſper⸗ „ren, ſie aller menſchlichen Geſellſchaft und „Pflege zu berauben. Und warum ver⸗ „ſchwiegt Ihr mir ihre Gegenwart? Ihr „wußtet doch, daß ich ſie ſuche, ſo lange „vergeblich ſuche.“ „Verzeiht!“ flehte Emina. „Sprecht,“ zürnte Bahcam,„was that „Euch Fatima, daß Ihr ſie ſo behan⸗ „Ihr liebet ſie!“ weinte Emina. „Und deshalb hieltet Ihr ſie gefangen?“ 264 fragte der Zürnende.„Doch wo fandet „Ihr ſie?“ „Sobald Ihr, nachdem ich Euch das Ge⸗ „ſtändniß Taher's vertraut hatte, Euch ent⸗ „ferntet um Fatima zu ſuchen, ergriff mich „Worte, auch Euer ganzes Benehmen hatte „mir geſagt, was Euch Fatima iſt, und „daß ich über ſie Euch verloren;“ ant⸗ wortete Emina nicht ohne Zagen.„Ich „ſandte geheim verſchwiegene Boten nach ihr „aus, und ſchon nach wenigen Stunden „wurde ſie mir, ohne daß es bemerkt wurde, „mir nicht die letzte Hoffnung, Euere Liebe „mir wieder zuwenden zu können, ver⸗ „ſchwinden. Deshalb ließ ich ſie in jenes „einſame Gemach ſperren, zu dem aus dem „Harem ein verborgener Gang führet. Zwar „reute mich dies gleich nachdem es geſche⸗ „hen war, denn ich wähnte, daß die Sinn⸗ „Herzen zu verdrängen vermöge. Nun aber „war es zu ſpät. Ich konnte das Ge⸗ „ſchehene nicht ungeſchehen machen. Ich „fürchtete Fatima's lichte Stunden, in wel⸗ „Verzweiflung, denn nicht allein Euere „gebracht. Ihr durftet ſie nicht ſehen, ſollte „beraubte mich nicht auf lange aus Euerem — 265 „chen ſie verrathen könnte, daß ich ſie ge⸗ „fangen gehalten, und Eueren Zorn, der „auf eine ſolche Entdeckung folgen würde. „Ich ließ Euch deshalb in dem Glauben, ſie „ſey irgendwo in der Gegend verborgen, „abreiſen. Und da auch nach Euerer Ent⸗ „fernung ich es nicht für rathſam hielt, ſie „aus ihrer Haft zu befreien, ſo beſchloß „ich, ſie ſo lange ihr Leben währet, ge⸗ „fangen zu halten. Meine Vertrauten rie⸗ „then mir, ſie ermorden zu laſſen. Ich „konnte mich aber nicht dazu entſchließen, „obwohl ich dadurch ihre Leiden geendet „hätte, da ſie ſehr krank war als man ſie „in das Schloß brachte. Auch ſoll ſie, wie „man mir ſagt, es noch ſeyn. Niemals „vermochte ich es, mich ſelbſt davon zu „überzeugen. Ich kann ſie nicht ſehen. Mit „allem Nothwendigen ließ ich ſie aber ſtets „verſorgen, ja ich hatte öfters inniges Mit⸗ „leiden mit der Unglücklichen. Nur der „Gedanke an Euch und Euere Liebe zu „ihr, konnte dieſes wieder aus meiner Bruſt „verbannen.“ „Erbärmliches Geſchlecht mit ſeiner Ei⸗ „ferſucht!“ rief Bahcam mit Verachtung. 266 Und nach einer Pauſe ſagte er mit einem ſchreckenden Ernſte:„Beiſpiellos wollte ich „Euch beſtrafen. Doch geht, geht! Ver⸗ „bergt Euch in das Innere Euerer Gemä⸗ „cher und laßt Euch nie mehr vor mir bli⸗ „cken. Euer Mitleiden, Euer momentanes „Mitleiden rettet Euch das Leben. Geht, „und dankt Ali! daß Fatima's Blut nicht an „Eueren Händen klebt, daß ſie nicht in „ihrem elenden Gefängniſſe aus Elend und „Jammer geſtorben; denn Ihr hättet dann „eine Schweſter gemordet, da ſie Euere „ältere Schweſter iſt.“ Emina verhüllte bei dieſer Rede Bahcam's das Geſicht. Sobald er aber geendet hatte, verſuchte ſie es, ihr Betragen gegen Fatima, das doch nur aus Liebe zu ihm entſprang, zu vertheidigen und ihn zu verſöhnen. Al⸗ leinz ein flammender Blick Bahcam's machte ſie verſtummen, und ſie verließ ihn nun auf eine Dienerin, die Zeuge dieſer Scene geweſen, geſtützt, und verbarg ſich, wie er befahl, nachdem Ahmed ſie überzeugt hatte, daß Fatima wirklich ihre Schweſter ſey„in das Innere des Harems. Noch einige Tage währten Fatima's Lei⸗ 1½ — —— —— ———— 267 den. Alle Anſtrengungen Mothi's konnten ſie nicht retten; ihr Körper hatte zu viel gelitten. Die letzte Stunde ihres Lebens erhielt ſie ihren klaren Verſtand wieder. Selbſt Bahcam's Anblick konnte ſie ertra⸗ gen. Ihm verzeihend verſchied ſie. Bahcam war der Verzweiflung nahe. Er nannte ſich Fatima's Mörder, und weder Ahmed noch Mothi konnten ihn beruhigen.— Auf die heftigſten Ausbrüche des namenlo⸗ ſeſten Schmerzes verſank er in ein ſtarres Hinbrüten. Mothi fürchtete für ihn, wenn er nicht aus demſelben geriſſen würde. Auch hatte ihn Ahmed mit Bahcam Abnei⸗ gung gegen den Orden bekannt gemacht, was ihn zu dem Geſuche bei dem Großmeiſter veranlaßte: daß der Unzufriedene beſchäftigt, demſelben aber Ahmed als geheimer Aufſeher zur Seite gegeben werde. Was auch Kiabu⸗ ſurgomid, ohne daß Bahcam eine Ahnung von dem Letztern erhielt, bewilligte, indem er Ahmed und Bahcam zugleich an die Spitze einer Heeresmacht ſtellte, die dem Fürſten von Dilem, der ſich gegen den Orden bewaffnete, entgegenzog. So ſehr Bahcam niedergedrückt war, ſo vernahm 268 ———— weiſe mit Lebhaftigkeit, denn ſchon längſt wünſchte er ſich in einen offenen Kampf. Und dann fühlte er auch, wie nothwendig ihm Zerſtreuung ſey, ſollte er ſich nicht gänzlich in einen lebensmüden Tiefſinn ver⸗ lieren. Er begab ſich deshalb ohne zu zö⸗ gern mit Ahmed zum Heere, wo beide mit ihren Tapferen ſehr bald Gelegenheit genug fanden, ihre Waffen an jenen der drohen⸗ den Feinde zu prüfen. Während Bahcam mit den Streitern des Fürſten von Dilem kämpfte, zog Yrelula, über ihre Erwartung beſchenkt, wieder zu ihrem Osmin; nachdem ſie ſich überzeugt hatte, daß Mahmud nicht ſie, ſondern das bei ihr geſuchte Geld liebte. Doch ſtarb ſie und Osmin kurz darauf an der Peſt, die unter den Leuten Saleh's, wovon ſie einen großen Theil hinraffte, ausbrach, und bald auch in der Umgegend herrſchend wurde. Alle bis zu Meſſud regierende Sultane der Seldſchugiden hatten, obwohl ſie ſich unter dem Scheine der Beſchützer des Cha⸗ lifats von Bagdad die weltliche Herrſchaft angemaßt, doch ſtets die beiden höchſten er doch dieſe Veränderung ſeiner Lebens⸗ — — — 269 Majtſtätsrechte des Islams: die Münze und das Gebet von der Kanzel am Frei⸗ tage, den Chalifen aus der Familie Abbas gelaſſen. Kaum aber hatte Meſſud den Thron beſtiegen, ſo beſtellte er den Frei⸗ tagsvorbeter auf ſeinen eigenen Namen. Und ſchwieg über dieſe Anmaßung auch an⸗ fangs Moſtarſchedbillah Abu Manßur Faſl, der 29te Chalife aus der Familie Abbas, ſo verband er ſich doch wegen derſelben nach einigen Jahren mit mehreren unzufrie⸗ denen Heeresfürſten Meſſud's und rückte mit dieſen gegen den Sultan zu Felde. Daß dieſes ſo weit kam, hatte Kiabuſurgo⸗ mid durch geheime Anhänger veranſtaltet; da er aus dieſem Kriege den Untergang des Chalifen erwartete, den ſchon ſein Vor⸗ gänger beabſichtigte. Bahcam und Ahmed rief er nun von ihrem nur kurz angetre⸗ tenen Poſten wieder zurück, obwohl der Kampf zwiſchen den Aſſaſſinen und dem Fürſten von Dilem noch unentſchieden war. Beiden übergab er bei ihrer Rückkehr eine Streitmacht, die dazu beſtimmt war, die Bewegungen des Heeres des Sultans und jenes des Chalifen zu beobachten und ge⸗ 270 ſchickte Momente zu ergreifen, bald dieſem, bald dem andern Heere zu ſchaden; denn auch mit Meſſud lebte er in Fehde. Nicht ohne Mismuth empfing Bahcam dieſen Auftrag, der ihn aus einem rechtlichen Kampfe zu einem heimtückiſchen Auflauern rief. Und nicht ohne Mis⸗ muth eilte er zu deſſen Vollziehung. Bald ſtieß er auf feindliche Schaa⸗ ren. Mehrere kleine Gefechte fielen vor. Er kämpfte mit der höchſten Tapferkeit, auch ſiegte er wo er erſchien. Froh wurde er aber nicht darüber, und nicht zer⸗ theilten ſich die trüben Wolken ſeiner Stirne. Nach manchen Neckereien kam es endlich zu einer Schlacht zwiſchen dem Heere des Chalifen und jenem der Seldſchugiden. Die Streitmacht der Aſſaſſinen ſtand dem Schlacht⸗ felde ziemlich nahe, verhielt ſich aber bis zu des Kampfes Entſcheidung völlig ruhig. Schon lagen viele tauſend Seldſchugiden unter den Füßen der Reiter von Bagdad. Aber eben ſo viele tauſend Schädel der Krieger des Chalifen waren in den Staub getreten, der Kampſfplatz mit zahlloſen ver⸗ —6 — ————— — 271 ſtümmelten Leichen bedeckt, und noch war der Sieg ungewiß, und in beiden Heeren nicht ein Funke des Muthes erloſchen. Auf den wüthendſten Angriff folgte ſtets der be⸗ herzteſte Widerſtand. Gegen Abend aber verwirrten ſich die Reihen des Heeres des Chalifen. Nun ſtürzten ſich Bahcam und Ahmed mit ihren Kriegern, wie Adler auf ihre Beute, in den Rücken der bagdadiſchen Kämpfer. Dadurch geriethen dieſe in die größte Unordnung. Der bedeutendſte Theil von ihnen ergriff die Flucht. Deſſenunge⸗ achtet widerſetzte ſich der Chalife noch einige Zeit den herandringenden Siegern. Darüber wurde er aber gefangen, was das Ende der Schlacht beſchleunigte. Sobald die Aſſaſſinen Moſtarſchedbillah Abu Manßur Faſl in der Gewalt Meſſud's wußten, zogen ſie ſich zurück; denn für den Augenblick hatten ſie ihre Abſicht erreicht. Meſſud wandte ſich nun gegen Maragha; der gefangene Chalife mußte ihm folgen. In einiger Entfernung zogen ihm die Aſſaſ⸗ ſinen nach. Als ihr Großmeiſter aber er⸗ fuhr, daß der Chalife mit dem Sultane ei⸗ nen Vergleich abgeſchloſſen, ſo erhielten 272 Bahcam und Ahmed von dieſem, da er durch dieſen Vergleich ſich in ſeinen Erwartungen betrogen ſah, den Auftrag: des Sultans Heer zu überfallen, und den Chalifen zu ermorden. Ahmed jubelte darüber. Bah⸗ cam aber rüſtete ſich ſchweigend und mit Widerwillen zu deſſen Ausführung.— Der Zufall war dem Willen Kiabuſurgomid's günſtig. Meſſud hatte ſich mit einem gro⸗ ßen Theile ſeines Heeres aus ſeinem Lager, das zwei Faraſangen von Maragha ſtand, entfernt. Seine Abweſenheit benutzend, über⸗ ſielen die Aſſaſſinen das Lager. Ein bluti⸗ ges Gefecht begann. Mit Hyänengrimme wurde der Chalife niedergeſtoßen, und wäh⸗ rend der fürchterlichſte Kampf wüthete, hat⸗ ten einige Eingeweihten nach Zeit, ſeinen Körper auf die abſcheulichſte Weiſe zu ver⸗ ſtümmeln. Nachdem Ahmed und Bahcam ſich von des Chalifen Tode überzeugt hatten, ſuchten ſie ihre Macht wieder zu ſammeln, um ſich dann zurückzuziehen, da ihr Auftrag vollzo⸗ gen war. Allein dies war nicht möglich. Die wildeſte Schlachtluſt hatte ihre Krieger ergriffen, ſo daß dieſe nicht mehr auf ihre Befehle hörten. Während ſie alles aufbo⸗ ten unter den Kampferhitzten doch einiger⸗ maßen die ſo nöthige Ordnung herzuſtellen, nahte der durch Eilboten zurückgerufene Sultan. Seine ihn begleitenden Schaaren wälzten ſich nun auf die Feinde, vernich⸗ tend, wie losgeriſſene Felſentrümmer, die dem Bergſtrome herunterſtürzen. Eine fürch⸗ terliche Schlacht oder vielmehr ein fürchter⸗ liches Morden begann, während welchem kein Aſſaſſine ſeine willkührlich eingenom⸗ mene Stellung verließ. Ahmed erhielt an Bahcam's Seite den Todesſtoß. Auch die⸗ ſer blutete ſchon aus mehreren Wunden. Deſſenungeachtet ſtand er muthentbrannt dem kühnſten Haufen gegenüber, bis er endlich vom Blutverluſte erſchöpft und bewußtlos von ſeinem Pferde auf einen Hügel von Leichen ſank. Doch auch das Sinken ihrer beiden Anführer machte des Ordens Streiter nicht von ihrem Platze weichen. Ein jeder fallende Aſſaſſine entzündete ein wildes ver⸗ zehrendes Feuer in der noch Stehenden Bruſt. Sie kämpften, kämpften bis auch ſie fielen; denn Gefangene machte an dieſem mörderi⸗ ſchen Tage nur der Tod. 18 Als die Schlacht vorüber war, und die Sieger ſich von dem Schlachtfelde entfernt hatten, da dieſes ihnen nicht mehr zum La⸗ ger dienen konnte, erwachte Bahcam aus ſeiner Bewußtloſigkeit. Er richtete ſich em⸗ por, und ſah umher. Einige Bewohner der Umgegend bemerkten ihn. Sie erkannten einen Aſſaſſinen in ihm, aber doch flohen ſie ihn nicht; ſie hatten vielmehr Mitleiden mit dem Hülfbedürftigen. Sie unterſuchten ſeine Wunden, und brachten ihn hierauf, während er von ihnen den Ausgang der Schlacht, auf ſeine Fragen danach, erfuhr, in eine nahe Wohnung, welche die Wuth der Kämpfenden verſchont hatte. Ein jun⸗ ger Mann trat ihnen darin entgegen. Die⸗ ſer erblaßte, als er den todtwunden Bah⸗ cam erblickte, und war in den erſten Augen⸗ blicken keines Wortes mächtig. Ueber Bah⸗ cam's Geſicht zog ſich eine leichte Röthe, denn er erkannte in dem ihm Entgegentreten⸗ den, Abdollah. Die Männer, die Bahcam trugen, achteten wenig auf beider Bewe⸗ gung. Sie legten Bahcam auf einige Kiſ⸗ ſen, verbanden ſeine Wunden, und verlie⸗ ßen ihn dann, ihn Abdollah empfehlend. 218 Abdollah kämpfte während dem einen gro⸗ ßen Kampf. Ja er entfernte ſich ſogar aus ſeiner Wohnung, kehrte aber bald etwas beruhigter wieder, und ſuchte nun, da er mit ſeinem verwundeten Gaſte allein war, für dieſen zu ſorgen. Doch konnte er den Widerwillen, der ihn dabei ergriff, nicht ganz unterdrücken. Bahcam ſah ihm meh⸗ rere Minuten ſchweigend zu, dann ſagte er:„Bemüht Euch nicht; es hilft doch „nichts. Meine Zeit iſt aus, und ich bin „froh, daß ſie aus iſt. Laßt jetzt den Groll, „und verzeiht mir, daß ich that, was ich „mußte.“ Abdollah antwortete nicht. Bahcam fuhr fort:„Folgt dem Beiſpiele Fatima's. Sie hat „mir verziehen.“ Und nun erzählte er Ab⸗ dollah, was mit Fatima ſeit ſeiner Entfer⸗ nung von dem Schloſſe Königsperle ge⸗ ſchehen war; auch theilte er ihm Ahmed's Bekenntniß mit, und zuletzt geſtand er ihm ſeine Liebe zu Fatima. Aufmerkſam und mit der größten innern Bewegung hörte ihn Abdollah an, und als er geendet hatte, ſagte dieſer:„Euch ver⸗ „zeihe ich! Ich verzeihe Euch ſelbſt die Er⸗ 18* „mordung meines Vaters, den Wahnſinn „meiner Schweſter. Doch Ahmed kann ich „nie den Eid, den er von mir gefodert, „und den ich geſchworen, verzeihen; denn die⸗ „ſer war die Quelle der größten Qualen, „die ich litt, der höchſten Kämpfe, die je „in einer Menſchenbruſt tobten. Zu haſſen, „nach Rache zu dürſten, tauſend Gelegen⸗ „heiten zu erblicken, dieſe Rache auszuüben, „und es nicht zu dürfen, weil mit einem „Eide man's verſprochen, und allen Ver⸗ „ſuchungen widerſtehen zu müſſen, um nicht „meineidig zu werden, dies iſt die größte „Pein, die einen Sterblichen quälen kann. „Mir ward ſie zu Theil; Ahmed verhängte „ſie über mich.“ „Ahmed iſt gefallen— hadert nicht mit „dem Todten!“ bat Bahcam. „Ich kann nicht anders!“ entgegnete Ab⸗ dollah.„Er hat meine Jugend, meine Le⸗ „benskraft mit dieſem Eide gemordet; er „hat mich zu einem müßigen Träumer ge⸗ „macht; denn ich darf da nicht handeln, „wo ich will, wo ich's darf, da eckelt's „mir. Allein gegen die Aſſaſſinen mag ich „kämpfen. Gegen ſie aber darf ich nichts —— 277 . „unternehmen— Als ich Euch verließ, „empfand ich nur oberflächlich die Qual „an einen Schwur gebunden zu ſeyn, „denn ich war damals nicht Herr meiner „Sinne. Nachdem mir aber der Königs⸗ „perle fern das Bewußtſeyn wieder kam, „ſo feſſelte ſie ſich an meine Ferſe an. „Rache zu üben, ward mein Denken, mein „Sehnen. Mein Eid aber zog ihm unüber⸗ „ſteigbare Schranken.— Ich nahm Dienſte „bei Meſſud. Ich kämpfte gegen Chowa⸗ „resmſchah, und hoffte im Kampfe meine „innere Qual zu vernichten. Es war ver⸗ „gebens. Der Chalife von Bagdad rüſtete „ſich inzwiſchen gegen den Sultan. Mit „Chowaresmſchah machte dieſer deßhalb „Friede, und ich mußte meine Entlaſſung „fodern, da ich nicht gegen den Chalifen „fechten mochte. Denn zu meinem Glauben, „den ich nur in einem Anfalle von Wahn⸗ „ſinn verlaſſen konnte, war ich wieder zu⸗ „rückgekehrt. Gegen Kiabuſurgomid aber „durfte ich es nicht; und allein mit dieſen „beiden ſtand Meſſud im Kampfe. Wie „ein Feiger zog ich mich in dieſe Hütte zu⸗ „rück.— Ich ſah den heimtückiſchen Ueber⸗ 278 „fall der Aſſaſſinen. Das Mordgefecht be⸗ „gann; der Chalife fiel. Mich drängte es „hinaus, denn meine Feinde ſtanden mir ſo „nahe— ich aber konnte mich nicht in das „Kampfgetümmel ſtürzen, da ich geſchworen „hatte: nichts gegen den Scheich von Ala⸗ „mut zu unternehmen. Hier ſaß ich wäh⸗ „rend der Kampf raſte. In meinem In⸗ „nern kochte es, doch ich durfte meine in⸗ „nere Gluth nicht kühlen. Ich wüthete da⸗ „rüber ohnmächtig gegen mich ſelbſt.— „Man brachte Euch. Ich wähnte, man „bringe mir einen verwundeten ſeldſchugi⸗ „diſchen oder bagdadiſchen Krieger. Ihr „waret's! Ihr, der Mörder meines Va⸗ „ters, mein Verführer, der Verführer Fa⸗ „tima's!— Ihr waret es! Eine neue „Prüfung ſing für mich an. Ich habe ſie „beſtanden; ja ich verzieh Euch ſogar. Doch „Ahmed verzeihe ich niemals.“ Baheam verſuchte es Ahmed zu entſchuldi⸗ gen, doch es gelang ihm nicht.— Da er nach wenigen Stunden fühlte, daß ſein Le⸗ pen nicht mehr lange währen konnte, ſo foderte er Schreibzeug, und ſchrieb einiges nieder. Als er damit fertig war, ſprach ———— 279 er:„Abdollah, Ihr habt von mir erfah⸗ „ren, daß Ihr eine Schweſter in Emina „beſitzt. Sie lebt auf dem Schloſſe Da⸗ „maghan. Eilt zu ihr.— Dieſe Zeilen „enthalten meinen letzten Willen, denn mein „Ende iſt da. In demſelben übergebe ich „Euch Emina, die mein gehört, und die „beträchtlichen in Damaghan aufbewahrten „Reichthümer, die ich mir erworben habe. „Zeigt dieſe meine Handſchrift dem jetzigen „Befehlshaber Damaghan's, und er wird „Euch mein Vermächtniß ausliefern.— „Sucht mit Emina das zu vergeſſen, was „die Aſſaſſinen Euch gethan. Euer Eid „wird Euch dann nicht drücken. Bringt „auch Emina meinen Gruß, und ſagt ihr, „daß ich ihr verzeihe.“— Nach dieſen Worten fiel Bahcam in eine Bewußtloſigkeit, und kurz darauf endete er ſein Leben, das ihm zur Qual wurde, ſeit er den Orden, zu dem er gehörte, als ei⸗ nen Laſterverein hatte kennen gelernt. Einige Tage nach Bahcam's Tode, Abdollah auf das Schloß Damaghan. Bah⸗. cam's Reichthümer verſchmähte er. Arm, wie einſt die Königsperle, verließ er Da⸗ 280 maghan, und begab ſich nach Damaskus, der Reſidenz Nureddin's. Emina begleitete 4 ihn. Sie weinte heiße Thränen dem Ge⸗ liebten nach. Ihr Schmerz aber war nicht unvergänglich, denn ſchon nach wenigen Jahren verheurathete ſie ſich, worauf ſie ſich ſo glücklich fühlte, wie es bei den Frauen der Muſelmänner nur möglich iſt. Auch wurde die Prophezeihung, die über ſie er⸗ gangen, wahr. Da ihr das, was ſie auf Damaghan von Mothi, über den Gebrauch jener Zubereitung aus dem Hanfe gehört hatte, kein Geheimniß dünkte, das ſie zu ehren für nöthig fand, ſobald ſie ſich unter dem Schutze Nureddin's ſah. Was bisher als Mittel diente, feurige Vollſtrecker der ruch⸗ loſeſten Thaten zu erlangen, ward durch ſie. bekannt, und ſank zu einem alltäglichen — Genuſſe herab. Und gerade dadurch wurde die Macht des Ordens untergraben, der endlich nach 170 gräuelvollen Jahren zu⸗ ſammenſtürzte.— Abdollah ging zu jenen Schaaren, die Nureddin den Kreutzfahrern entgegenſandte, und ſiel auf dem Felde der Ehre.— B — „—— -—— orlg oo0/ snu eben pe wollek uss onig 2 SoounuO 3 2½ 6 5 6 5 ſob0 84 8 S pi 6 . * 5