Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 8 Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Ceih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. S 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus fbezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mt.— Pf. *„ C S 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Nachdem die Lichter hier erloſchen waren, wurde es auch bald in den übrigen Theilen des großen Hauſes ſtill und dunkel. Einzelne Lichtlein, die noch hin und wieder verſtohlen in einer Zelle brannten, ſchimmerten ſo matt, daß man ſie draußen kaum bemerkte, be⸗ ſonders wenn der Himmel mit Sternen beſät war. Heute jedoch leuchtete ein etwas hellerer Strahl aus einem kleinen epheuumrankten Fenſter. Er drang aus der Zelle der Priorin, die, plötzlich erkrankt, in der Abendandacht gefehlt hatte, und wohl jetzt ſchlummerlos darniederlag. Außer Bea⸗ tens Hilfleiſtungen hatte ſie jede andere Theil⸗ 1* 4 nahme zurückgewieſen, und auch die dienende Schweſter blieb nicht lange bei ihr, wollte jedoch mit Manuela in ihrer Nähe Wache halten, damit alle Andern ſich beruhigt niederlegen konnten. So⸗ pald Beate die Priorin verlaſſen hatte, erhob ſie ſich wieder von ihrem Lager, auf das ein heftiger Krampfanfall ſie geworfen. Sie hüllte ſich feſter in den wollenen Schleier, um die Schauer, die ſie noch immer durchzitterten, zu verdrängen, und kniete dann in dem Betſtuhl nieder, der eine Ecke des kleinen Gemaches einnahm, und griff nach einem Buch, das aufgeſchlagen hier lag. Doch nur wenige Minuten haftete ihr Auge darauf, beweg⸗ ten ſich ihre bleichen Lippen zum Gebet.— Das Buch fiel zu Boden, und die Hand, die es gehal⸗ ten, taſtete zitternd in den Falten des weißen Gewandes und zog einen Brief daraus hervor. Sie faltete ihn auseinander, jedoch, als kenne ſie bereits ſeinen Inhalt, zerknitterte ſie ihn während des Oeffnens und barg ihn dann an ihrer Bruſt, indem ſie beklommen ſtöhnte: „Könnte ich doch beten! Gebet verleiht Troſt und Kraft— giebt Beruhigung— Faſſung— und dieſe muß mir werden, muß bis morgen ſchon mir werden.— Warum auch die Verſpätung dieſer Nachricht!— Soll ich ſo ſchwer noch ge⸗ prüft werden, nach langen Jahren der Buße, der Demuth und— Erhebung zu Gott?— Daß ich ſo gar nicht in dieſes Geheimniß eindrang, nicht eine innere Stimme mir davon erzählte bei ihrem Anblick. Hat ſie denn ſo gar keine Aehn⸗ lichkeit mit ihm?—— Es iſt das ſchöne Blau ſeines Auges, das in dem ihren ſich wiederſpiegelt. doch ſein Blick iſt es nicht, ſein bezwingender Schlan⸗ genblick, mit dem er die Herzen ſtahl, nur das wunderbar leuchtende Blau iſt es, das auch ihr Auge ſo unwiderſtehlich macht, ihr ſanftes, from⸗ mes Auge; und ihr ſüßer Mund— ja, wenn er lächelt, ähnelt er dem ſeinen, aber ſein Mund, die⸗ ſer ſchöne Mund, lächelte ſo verführeriſch, und wenn er ſchmeichelte, und wenn er küßte, ah— welche Erinnerungen! o weg, weg damit!— Wohin verlierſt du dich, Priorin Hildegard?— Fort, fort mit ſolchen Empfindungen; der Satan lauert in ihnen Haſt du ſie denn nicht längſt alle begraben? — Sollen deine Sünden eine Auferſtehung halten mit ihren Qualen und ihrer Luſt?—— O mein Gott, hab' Erbarmen, und löſche aus meinem Ge⸗ vächtniß jene Zeit, in der ich ihm ewige Liebe und Treue ſchwur, ihm mehr glaubte, als der war⸗ nenden Stimme meines Innern, und ich den Fluch der Eltern auf mich nahm, um ihm anzugehören. Löſche aus meinem Herzen ſein Angedenken— denn es erzeugt Haß oder ſündige Liebe.— Liebe — ihn lieben, nein, nimmermehr, und wärſt du auch nicht Hildegard, wärſt du noch Eliſabeth, nur haſſen kannſt du ihn noch.— Nein, auch nicht haſſen darfſt du ihn; unter dem heiligen Schleier iſt kein Raum für den Haß.— Haß und Liebe— jede irdiſche Leidenſchaft haſt du geopfert am Altar des Herrn.“ Ihr Haupt ſank tief herab. auf die ſchwerathmende Bruſt, und leiſe ſprach ſie weiter:„Nur beten darfſt du noch für ihn und — lieben nur ſein— ihr Kind. Manuela— Gräfin Aline Bardenberg, des letzten Bardenbergs Verlobte.— Er kommt, ſie mir zu entreißen, ſie, das geweihte Gut des Kloſters! O, nimmermehr darf das geſchehen! nicht ſtatt des heiligen die Grafenkrone ihr zartes Haupt ſchmücken. ſen ſtolzen Traum, Rudolf, vernichtet meine die Hand der Priorin, der es zur Aufgabe ge⸗ ſtellt iſt, deine Tochter und ihr reiches'Erbe der Kirche zu erhalten. Ich löſe ſie, dieſe Aufgabe, nicht nur, weil ihr es gebietet, die ihr geheimniß⸗ voll über mir waltet, nein auch, weil es Eliſa⸗ beth will, deren Eigenthum Manuela bleiben ſoll; ein Erſatz für das Gut, das ſie einſt in Ver⸗ zweiflung und Gewiſſensqual hingab.— Ein höherer Wille vertraute ſie mir an, auf daß ſie eine Braut des Himmels werde, und nicht der ſtolze Name ihr bleibe, der meinem Kinde nur zur Schmach gereichen ſollte.“ Nach dieſen heftig ausgeſtoßenen Worten ſank die Priorin zu Boden und blieb eine Weile regungslos liegen. Als ſie ſich langſam wieder emporrichtete, war die Lampe dem Erlöſchen nahe, ſie gewahrte es nicht. Zu⸗ ſammengekauert auf dem Betſchemel, ſprach ſie leiſe vor ſich hin:„Er iſt todt— es ſei ihm ver⸗ geben— Manuela aber bleibe mein, ich liebe ſie — ja, ja, ich liebe ſie auch jetzt noch, da ich weiß, wer ſie iſt— doch nur im Kloſter ſoll ſie glück⸗ lich ſein, nicht in dem ſtolzen Schloß der Barden⸗ 6 mein Fuß nicht betreten, deſſen Namen Kind nicht tragen durfte.— Glaubſt du, daß der Luxus des Lobens, mit dem du es wohl umgeben haſt, dein Verbrechen an mir und ihm ſühnen könne?— O, warum gab es Leonore dir hin, die Eidbrüchige!— Ach, die Freundſchaft hat mich hintergangen, wie die Liebe! Aber der falſche Eid rächt ſich an dir, Leonore, in deinem eigenen Kind, in Wilhelmine, die du mir ver⸗ trauensvoll überließeſt, wie ich einſt Ella dir.— Aber ich, ich brach keinen heiligen Eid, wie du, ich erfüllte meine Pflicht an ihr, der Undankbaren, die ohne meine Schuld dem Verderben zueilt.— Sie iſt eine verlorene Seele—— und Ella?— O, mein Gott, was wird aus ihr werden, oder ſchon geworden ſein, in deiner Schule, Rudolf?— Doch— ſtille, ſtille, wohin verlierſt du dich wie⸗ der, Hildegard!— Hinweg, hinweg mit allen die⸗ ſen Gedanken!— Faſſung und— Ergebung er⸗ heiſcht der morgende Tag, an dem die Gräfin Maria Bardenberg dieſes Kloſter betritt, begleitet von Pater Eugenius,—— du darfſt keine Schwäche zeigen, Priorin Hildegard, kein Blick kein Wort. keine Bewegung den Aufruhr deines Innern ver⸗ rathen. 5 Sie umhüllte ihr Geſicht mit dem rauhen Schleier. Das Licht erloſch— Wie eine Trauer⸗ geſtalt lehnts ſie eine Weile regungslos an dem * * — Betſtuhl der dunkeln Zelle. Dann erzitterten die Falten ihres weißen Gewandes, und ſie preßte den ſchwarzen Schleier feſter an die Augen, die her⸗ vorquellenden Thränen damit auszulöſchen. Doch unaufhaltſam floſſen ſie, und dieſe beſchwichtigen⸗ den Freunde bitterer Qualen wandelten auch die ſchwere Pein ihrer Seele in eine mildere Stimmung um. Sie vermochte jetzt zu beten, und fand darin wieder einige Beruhigung. Noch flehte ſie geſenkten Hauptes zu Gott um Kraft für die nahenden Stunden, als es leiſe an die Thüre pochte. Sie erhob ſich, und jetzt erſt bemerkte ſie, daß das Licht erloſchen war. Schnell fachte ſie ein anderes an und öffnete dann die Thüre, die von innen verſchloſſen war.— Beate trat mit Manuela ein, zog ſich aber ſo⸗ gleich wieder zurück, das Kloſterkind mit der Prio⸗ rin allein laſſend. Manuela, roſig, doch faſt durchſichtig zart, küßte die Hand der Mutter Hildegard und ſagte mit ihrem holdeſten Lächeln: „Du kannſt nicht ſchlafen, liebe Mutter Hilde⸗ gard, und willſt mich um dich haben. Soll ich mit dir beten, oder dir eine ſchöne Legende erzählen?“ 10 Die Priorin küßte ſtatt der Antwort Manue⸗ la's Stirn, indem ſie den Blick flehend aufwärts hob, als fehle ihr noch immer die nöthige Faſ⸗ ſung. Dann ließ ſie ſich in einen Lehnſtuhl ſin⸗ ken und zog Manuela auf den Schemel zu ihren Füßen nieder. Das zarte Kind ſah lächelnd, ahnungslos zu ihr auf und ſchmiegte liebevoll ſein Haupt an ihre Seite an. Die Priorin legte ihre Hand auf das weiße Tuch, das Manuela's goldene Haare barg, und ſagte, etwas zu ihr niedergebeugt, mit ſanftem, doch ernſtem Tone: „Ich habe Wichtiges mit dir zu reden, liebes Kind, über Dinge aus der Welt, die leider auch in dein ſo ſorglich gehütet Leben eindringen. Nur ungern mache ich dich damit bekannt, da ich weiß, wie es deine reine Seele peinlich berühren wird. Aber es muß ſein, Manuela. Siehe es als eine höhere Prüfung an und bewahre dir die Kraft deines frommen Herzens, damit der heilige Frie⸗ den deines Lebens nur eine ſchnell vorübergehende Störung erleide.“ „Was kannſt du nur meinen?“ fragte Ma⸗ — ſetzte ſie mitWebender Sti doch in der We Niems i — Wilhelmine.“ Die Priorin machte eine abwehkende Bewe⸗ gung, als verurſache die Nennung dieſes Namens ihr Pein, und verſetzte etwas erregt: „Nenne die Undankbare nicht mehr, du mußt ſie ganz zu vergeſſen ſuchen.“ Manuela flehte: „Vergieb, o vergieb, gute Mutter Sitdegard — ich kann es nicht, kann ſie nicht vergeſſen, die ich ſo ſehr liebte und immer fortlieben muß, obgleich ich ſchon dagegen anzukämpfen verſuchte. Es iſt aber umſonſt, und dann auch kann ich nicht glauben, daß ſie ſo böſe ſein ſoll, ich—“ Manuela hielt einen Augenblick inne, als ſie den ſtrengen Blick der Priorin ſah, und ſchüchtern fuhr ſie fort:„Ich darf doch beten für ſie?“ „Beſſer wäre es, du verbannteſt ihr Anden⸗ ken. Dränge es jetzt wenigſtens ganz in den Hintergrund deiner Seele, denn was ich dir mit⸗ zutheilen habe, iſt von ſo ſchwerer Art, daß du alle deine Gedanken zuſammenfaſſen⸗und auf dich ſelbſt richten můßt?— Prr L Tag ent⸗ ſcheidet über dein Leben, Manuela“ „Du erſ wetkſt mich!— Was wäre denn in meinem. zu entſcheiden?“ „Es handelt ſich darum, ob du für immer bei uns bleiben oder dieſes heilige Haus mit der Welt vertauſchen ſollſt.“ „Wie?— Was ſagſt du? Willſt du mich denn verſtoßen, und wohin ſoll die arme Ma⸗ nuela, wenn ſie nicht hier bleiben darf?— O mein Gott, wie du mich erſchreckt haſt!“ „Verſtehe mich recht; man macht draußen in der Welt Anſprüche an dich; man will dich uns entreißen.“ „Nimmermehr! Verbirg mich, beſchütze mich, ehrwürdige Mutter!“ „Ich kann und darf dich nicht verbergen vor dem ſcheinbaren Recht, das man an dich zu ha⸗ ben glaubt. Du allein biſt fähig, es zu vernich⸗ ten, aber du mußt ſtark ſein. Manuela, ſtark und demüthig, und dich ganz meinen Vorſchriften un terwerfen.“ 13 „Sprich, was ſoll ich thun?“ „Höre mich ruhig an und merke wohl auf.— Dein Vater— Gott hab' ihn ſelig, er ſteht vor ſeinem Richterſtuhl— beſtimmte ſchon frühzeitig über dein Geſchick, und ganz anders, als es bei deiner Geburt deine fromme Mutter gethan. Ihr Gelübde weiht dich dem Kloſter, der ſpätere Wille deines Vaters beſtimmt dich zur Gattin dem Sohne ſeines Bruders, und dieſer legte den gemeinſchaftlichen Beſchluß als ſeinen letzten Wil⸗ len nieder. Er war das Haupt ſeines Hauſes, und viele wichtige Beſtimmungen knüpfen ſich an dieſen Beſchluß, ſo daß er nur ſchwer zu löſen iſt. Doch kann es geſchehen durch dich.“ „Ich bin ganz verwirrt, gute Mutter, von dem, was ich höre. Du ſprichſt mir von einem Vater, einer Mutter, von Verwandten,— von einem Hauſe, dem ich angehöre— von Beſtim⸗ mungen, die ich nicht faſſe. O, ſage mir nur das eine deutlich: lebt meine Mutter denn noch?“⸗ „Sie lebt noch“, antwortete die Priorin et⸗ was beklommen. „Und ſoll ich auch ſie wiederfinden in der Welt draußen?“ 14 „Nein, ſie kommt zu dir. Beſinne dich, ihr Gelübde weihte dich dem Kloſter.“ „Sie kommt zu mir— bald— o ſprich— wie mich das beglückt. Wilhelmine fragte auch einmal nach meiner Mutter, da meinte ich aber, ſie müſſe längſt geſtorben ſein, weil ſie nicht zu mir komme.— Nun iſt es doch anders und ich werde ſie ſehen. So ſagteſt du doch?“ „Morgen ſchon, Manuela, kommt ſie zu dir.“ „Morgen ſchon— ach, meine Mutter, meine Mutter!“ „Gieb dich nicht zu großer Freude hin, denn mit ihr naht auch der Mann, der dich uns ent⸗ reißen will.“ „Nimmermehr! Wer könnte ſo grauſam ſein wollen.“ „Es iſt der dir beſtimmte Gemahl, Graf Ed⸗ gar von Bardenberg!“ „Graf Edgar von Bardenberg!“ ſprach Ma⸗ nuela ſtaunend nach.—„Hörte ich denn recht? Wie könnte ein ſo vornehmer Herr nach Ma⸗ nuela verlangen?“— „Du biſt nicht, was du ſeither in frommer Demuth geſchienen: das arme Kloſterkind— 15 heißeſt nicht Manuela, ſondern Aline von Bar⸗ denberg, und biſt die nahe Verwandte des Man⸗ nes, der dich deiner heiligen Beſtimmung entrei⸗ ßen will, ohne deine Mutter, ohne deinen Willen.“ „O, mein Herr und Heiland, beſchütze mich!“ „Er wird dir Kraft verleihen, der drohenden Gefahr mit weiſem Sinn zu begegnen.“ „Wie kann ich es? O ſprich, rathe, helfe, be⸗ ſchütze mich, ehrwürdige Mutter! Ich bin ſo verwirrt von Allem dieſen, ganz betäubt. Iſt denn Alles wirklich ſo?“ „Es iſt ſo. Faſſe dich, und merke wohl auf das, was ich dir ſage: Nahe dem Mann, der dich in ſündhaftem Wunſch zur Gattin begehrt, in frommer Demuth und flehe ihn an, dir zu entſagen; denn nicht du darfſt das Bündniß lö⸗ ſen, das eure Väter geſchloſſen, er muß zurück⸗ treten, aus freiem Antrieb es thun— und ohne einen Grund von deiner Seite ſeine Rechte an dich aufgeben.“ Manuela ſchien über die Worte der Prio⸗ rin nachzudenken. Dieſe fuhr nach einer Pauſe fort: „Deine Bitten müſſen ihn rühren, deine Thrä⸗ 16 nen ſein Herz erweichen, daß der ſtolze Wille ihm unterliegt. Verſtehſt du, Manuela?“ „Wenn es ſo geſchieht“— erwiderte 3 mit kindlicher Gewiſſenhaftigkeit—„bin ich aber doch 6 die Urſache ſeines Rücktritts“ Die Priorin, etwas überraſcht von dem 3 Scharfſinn des unerfahrenen Kloſterkindes, ſah Manuela einen Augenblick forſchend an, und eine unerklärbare Aehnlichkeit mit Wilhelmine fiel ihr plötzlich in dem zarten Geſichte auf, und mit ſtrengerem Tone ſagte ſie: „Gehorche, und frage nicht. Jeder Zweifel iſt ſchwere Sünde, wo höhere Einſicht uns leitet. Verſtehe darum wohl, was ich dir ſagte: du darfſt den Grafen nicht laſſen, bis du ſein Verſprechen erhalten, daß er es iſt, der deine Verpflichtung löſt. Sie iſt eine ſündhafte und falſche und ge⸗ —— ——,— & hört der Welt mit ihren eitlen Gedanken an, darum jeder Weg geheiligt, der dich davon befreit. Führſt du es gut zu Ende, gehörſt du uns für immer an, und das fromme Gelübde deiner Mutter er⸗ fült ſich, die in Verzweiflung enden müßte, wenn 1 es anders käme. Denn eine ſchwere Schuld frühe⸗ rer Zeit ſoll dadurch geſühnt werden, du, ihr —i— 17 Kind, der Engel ſein, der ihr und— deinem Va⸗ ter den Weg zum Himmel bahnt.“ „Meine Mutter iſt unglücklich!“ ſprach Ma⸗ nuela ſchmerzlich.„O warum blieb ſie mir ſo lange'fern, ich hätte ſie mit meiner Liebe tröſten beruhigen, hätte mit ihr beten können.“ „Sie mußte bis jetzt die Qual ihres Lebens allein tragen. Forſche nicht weiter nach. Spä⸗ ter, wenn du uns ganz angehörſt und erſt älter geworden biſt, ſollſt du Alles erfahren. Jetzt denke nur daran, dich dem Gelübde deiner Mut⸗ ter zu erhalten.“ „Gelübde ſind heilig, ſind unantaſtbar“ ſprach Manuela mehr zu ſich ſelbſt, als zu der Priorin, und fuhr ebenſo fort:„Sünde iſt, es nur anders zu denken.“— Dann etwas haſtig der Priorin Hand faſſend, flehte ſie: „Kannſt du denn nicht an meiner Statt mit dem fremden Manne reden, der ſo ſündhaft iſt, in dieſes heilige Haus einzudringen, um ein from⸗ mes Gelübde zu brechen?“ „Du ſelbſt, du allein nur kannſt das Schwere vollbringen, und du wirſt es, dafür bürgt dein frommes, demüthiges Herz. Doch ſei wohl auf 2 Stein, Die Braut im Kloſter. III. 4 18 deiner Hut, daß du keine Schwäche kund giebſt, die ihn Ergebung in ſeinen Willen hoffen ließe. Bei dem heiligen Gelübde deiner Mutter, bei ihrem und deinem Seelenheil, Manuela, gelobe mir dieſes.“ „Ich ſchwöre es bei Gott und allen Heiligen, treu zu erfüllen, was du mir gebieteſt!“ „Ich werde dich ſtützen, nicht von deiner Seite weichen; auch deine Mutter wird bei dir ſein und ein frommer Mann, der mit ihr kommt. Und dein Lohn ſoll das Novizengewand werden, das ich dir in den nächſten Tagen ſchon anlegen will, damit die heilige Sehnſucht nach Vereini⸗ gung mit deinem himmliſchen Bräutigam nach einem kurzen Jahre dir erfüllt werden kann. Doch gehe jetzt zur Ruhe, es iſt längſt Mitter⸗ nacht vorüber, und morgen in früher Stunde ſei meines Rufes gewärtig.“— Auf Manuela's Lippen ſchwebte noch eine Frage nach ihrer Mutter, doch ſie unterdrückte dieſelbe und verließ, ſich gegen das Crueifix auf dem Betpult verneigend, die Zelle. ð̃s war um die elfte Stunde des andern Tages. Die Bewohnerinnen des Kloſters hatten ſich in die ihnen von der Priorin angewieſenen Gemächer zurückgezogen. Außer Beate und der Pförtnerin zeigte ſich kein lebendes Weſen, weder auf dem Hofe, noch in einem der Gänge; auch die Kapelle war abgeſchloſſen, der Garten einſam, und ſelbſt in den ökonomiſchen Räumlichkeiten ſchien heute alles Leben erſtorben. Es handle ſich um Manuela's Einkleidung — hieß es— und ihre nächſten Verwandten ſeien erwartet, dieſes feſt zu beſtimmen, ſie noch einmal zu ſehen, und dann für immer von ihr zu ſcheiden, die ſo ſichtlich dem Himmel an⸗ gehöre.— In dem Sprachzimmer, deſſen Gitter weit geöffnet war, befand ſich die Priorin mit Edgar und dem Pater Eugenius. Gräfin Maria war 2. 20 noch bei ihrem Kind.— Edgar fand es gerecht, die Mutter voraus geheß zu läſſen, und wandte, ſelbſt auf die Gefahr hin, daß ſie ſeiner nicht vor⸗ theilhaft gedenken werde, nichts dagegen ein. Gräfin Maria war ſchon in früher Morgenſtunde in das Kloſter gegangen, wähtend für ihn und den Pater die Mittagsſtunde zum Empfang be⸗ zeichnet wurde. Edgar war in Geſellſchaft ſeiner Tante und des Paters hieher gereiſt, da ihm doch zu einem Umweg über Wien keine Zeit mehr geblieben, und eine Verſchiebung der Sache nicht wohl mehr möglich war, er auch eine ſolche nicht wünſchte. Es verlangte ihn, den Druck, den dieſes Ver⸗ hältniß ihm auferlegte, auf irgend eine Weiſe beſeitigt zu ſehen, wenigſtens Gewißheit zu haben, wie es ſich für ſein Leben geſtalte. Pater Eugenius machte noch verſchiedene Vor⸗ ſtellungen, ihn von dem Beſuch im Kloſter abzu⸗ halten, doch Edgar blieb dabei, dieſes Verhältniß, wie das Teſtament es vorſchreibe, nur im Beiſein der Gräfin Aline zu ordnen. Seit die Entſcheidung ſo nahe lag, bangte ihm weniger davor, als es vor ſeiner Abreiſe von Rom geweſen, wo ſo manches — 21 ſchwankend in ihm geworden war. Er empfand, daß er ſich auch von dieſen Einflüſſen. wie von jenen auf Bardenberg, frei machen müſſe, wolle er zu ſelbſtſtändigem Handeln gelangen. Die Frage um die Braut und das Erbe mußte ſich nun entſcheiden, und er nahm ſich vor, ſich und ſeinem Hauſe nichts zu vergeben. Ihm ſelbſt war der materielle Theil der Sache entgegen, und er hätte gern ſeine Vortheile hin⸗ gegeben, wenn er es nicht für eine Pflicht an⸗ geſehen, das Erbe Alinens, welches in liegenden Gütern beſtand, dem Hauſe Bardenberg zu er⸗ halten. Doch nahm er ſich vor, wenn ſeine Ver⸗ lobte zurücktreten werde, die jährliche Rente, die ihr dann zufalle, nach eigenem Gutdünken zu be⸗ ſtimmen. Lag ihrem frommen Sinn wirklich das Kloſterleben näher, als ein Leben an ſeiner Seite— mußte das ja bald entſchieden ſein— es bangte ihm mehr vor einem Jawort, das ihn als Gatten an die Unbekannte band. Er bewahrte jedoch, was in ihm vorging, vor den lauernden Blicken des Paters, der gerne ſchon im Voraus ganz klar geſehen, wie die Scene im Kloſter ſich entwickeln würde.— Daß das Gelübde der Gräfin Maria. 22 welches ihre Tochter dem Himmel weihte, ſich jedenfalls erfüllen müſſe, war keine Frage für ihn, und nur, wer von den beiden Verlobten zu entſagen hatte, der Punkt, um den es ſich eigent⸗ lich handelte, und der ihm einige Sorge machte, weil mit ihm das Erbe zuſammenhing.— Be⸗ harrte Edgar auf dem Beſitz der Braut, ging es dem Kloſter verloren,— und das allein war es, was Pater Eugenius, den Freund und Rath⸗ geber der Gräfin Maria ſeit der Geburt Alinens, mit immer größerer Unruhe erfüllte, je ruhiger ſich Edgar zeigte und je näher ſie dem Ort kamen, an dem es ſich entſcheiden mußte. Es fiel ihm faſt ſo ſchwer als der Priorin, die gewohnte äußere Würde aufrecht zu erhalten; doch gelang es Beiden, ſich gegenſeitig zu täuſchen, und nur Edgar zeigte, ſeit ſie im Kloſter ein⸗ getreten, eine aufgeregtere Stimmung. Der Mo⸗ ment war da, wo ſich ſo Wichtiges für ſein Leben entſcheiden ſollte— was Wunder, daß ſein junges Herz unruhiger zu pochen begann. Der Pater und die Priorin unterhielten ſich über ganz gewöhnliche Dinge; Edgar trat an das Fenſter und ſah in den ſtillen Kloſtergarten 23 hinab. Er war recht ſchön geordnet, und viele bunte Herbſtblumen blühten noch darin; doch ſchon bedeckten vergilbte Blätter die Wege, Bäume und Buſchwerk ſahen entleert aus und trauernd, und Edgar fragte ſich zweifelnd:„Hier ſollte eine duftende Frühlingsblume, ſo wie mein Herz ſie begehrt, mir erblühen?“— Leiſe Tritte nahten durch den Gang.— Die Priorin und der Pater erhoben ſich zu gleicher Zeit. Edgar wandte ſich um, das Auge durch⸗ bohrend auf die Thüre geheftet. Doch wie ſie ſich langſam aufthat, ſchlug er es nieder,— es war ihm, er dürfe ſo nicht den Blick auf die Ein⸗ tretende richten, und ſein Herz pochte in bangeren Schlägen. Die ſchwermüthige Gräfin, unruhig und mit verſtörteren Blicken als ſonſt, trat zuerſt ein— Manuela folgte ſtiller und langſamer nach, das Auge zu Boden geſchlagen, die Hände um den Roſen⸗ kranz gefaltet und andächtig auf die Bruſt gelegt. Die Priorin und Eugenius gingen begrüßend auf ſie zu, und jetzt erhob auch Edgar ſein Auge wieder: es fand die erblaßte Braut, und— ſprachlos ſtand er da. —— Die Priorin nahm Manuela's Hand und führte ſie Edgar einige Schritte entgegen, indem ſie ſagte: „Der Graf von Bardenberg will mit dir ſprechen, mein Kind; hier iſt er.“— Manvela erhob zögernd das Auge— es fand Edgars Blick— und wie ein Hauch der Frühlingsmorgenröthe zog es über ihr zartes Antlitz, und ſein ſtaunendes Erſtarren löſte ſich in den leiſen Freudenlaut auf: „Sie, ſie iſt es wirklich!“ Dann zu der Priorin gewendet ſprach er noch immer ſtaunend: „Das iſt Gräfin Aline, meine Verlobte!“ „Wir nennen ſie Manuela;“ erwiderte ſie. „Laſſen wir ihr dieſen Namen, damit das arme Kind nicht noch verwirrter werde, als es ſeine Lage ſchon mit ſich bringt.— Herr Graf, es iſt doch recht grauſam, recht hart von ihnen, ein zweifelhaftes Recht ſo zu mißbrauchen.“ Edgar vernahm dieſen Vorwurf kaum. Ma⸗ nuela's Auge ſuchend, das ſie wieder nieder⸗ geſchlagen, ſagte er zu ihrer Mutter, die eben herzutrat und ſie krampfhaft anfaßte: 25 „Warum, Tante, warum ſoll dieſes holde Kind der Welt und— der Liebe entſagen?“ Die Gräfin ſah mit verſtörten Blicken um⸗ her und erwiderte im Tone beginnenden Irr⸗ ſinns: „Sie iſt dem Himmel geweiht— ſie muß beten fort und fort— für mich— für ihn— entweiche von ihr, Satanas— entfliehe, Aline— entfliehe vor dem Böſen, der ſich in der Geſtalt eines Bardenberg dir naht, um dich der Hölle zu weihen— Oh— oh— wie— wie mich.“ „Um Gotteswillen, Gräfin, was reden ſie da!“ fiel Eugenius ein, und ſuchte ſie von Ma⸗ nuela zu entfernen. Die Priorin, mit dem Ge⸗ danken beſchäftigt: ſie iſt noch unglücklicher als du— ſtarrte auf die Wahnſinnige und vergaß einige Augenblicke, Manuela zu überwachen. Edgar faßte ihre beiden Hände— und zog ſie näher zu ſich her und flüſterte: „Folge mir— ich will dich lieben, holdes Kind, mit der ganzen Kraft meiner Seele. Schon lange trage ich dein heilig Bild in mir— Ma⸗ donna— fromme Wallfahrerin!“— Ihr Haupt neigte ſich nach ihm hin, und kaum 26 hörbar, und als ob nur ihre Seele die Worte aushauche, zitterte es von ihren Lippen: „So nahte mir mein himmliſcher Bräutigam in meinen ſeligſten Träumen.“— „Oh, dann nimm mich hin zu deinem irdiſchen Gemahl!“ ſprach er innig und drückte einen Kuß auf ihre zarten Hände.— Da entfiel ihnen der Roſenkranz; Manuela erbebte und wandte ſich von ihm ab, und ihr Auge fiel auf die Priorin, die wieder an ihrer Seite ſtand, ſie drohend an⸗ ſah und feierlich mahnte: „Manuela, deine Mutter iſt dem Wahnſinn nahe— bedenke ihr Gelübde— bedenke, was du gelobt. Soll ſie— ſollſt du verloren gehen?“ Da ſank Manuela zu Edgars Füßen und flehte: „O, laſſen ſie mich dem Himmel leben, ich gehöre ihm, ihm allein nur an; entſagen ſie groß⸗ müthig, da ich es nicht darf. Ach, ich würde ja draußen ſterben, in Angſt und Seelenqual ver⸗ gehen müſſen— ich könnte ſie nicht glücklich machen. Manuela, das Kloſterkind, verſteht nichts von dem Leben in der Welt und iſt erfüllt von Angſt und Grauen davor.“ 27 „Du ſollſt es kennen lernen an der Hand der Liebe, ſie ſoll dich in das neue Leben einführen, und glaube mir, du ſollſt dich daran erfreuen, ich verpfände mein Wort dafür, meine Ehre: du ſollſt glücklich werden als die Gattin des Grafen Bardenberg!“ „Es iſt der Satan, der zu dir ſpricht!“ rief Gräfin Maria in den ſchreckhaften Tönen des Wahnſinns, der, ſchon lange ihre Seele durch⸗ ſchleichend, in der Aufregung dieſer Stunde zum Ausbruch kam. „Das Haus der Bardenberg iſt der Hölle ver⸗ fallen!“ fuhr ſie mit rollenden Augen fort.— „Du mußt die Sühne dafür ſein, du, Aline— und mußt beten— beten, beten— oder ſterben, wie dein Bruder— ich— ich ſelbſt erwürge dich!“ Sie ſtürzte auf die Erſchrockene zu, und kaum hatte Edgar noch Zeit, ſie vor ihr zu ſchützen. Mit dem einen Arme Manuela umſchlingend, hielt er den andern der Raſenden entgegen, die Pater Eugenius zu beſänftigen ſtrebte. Das Kloſterkind lag am Herzen des Ver⸗ lobten und ſchloß das Auge, und trotz allen Schrecken um ſich her, von einem neuen namen⸗ loſen Gefühle ſüß durchzittert. Gräfin Maria, zwar etwas ruhiger, doch im⸗ mer noch wirre und grauſige Worte durcheinander redend, nahm Eugenius' ganze Aufmerkſamkeit in Anſpruch. Nur hin und wieder warf er der Priorin einen gebietenden Blick zu, der ein ſchnel⸗ les und deutliches Verſtändniß zwiſchen ihnen her⸗ vorrief. Die Priorin ergriff jetzt Manuela, ſie Edgars umſchlingendem Arm zu entwinden, doch ehe er ſie ließ, ſagte er zu ihr, indem er ihr ſanft über den goldenen Scheitel hinſtrich: „Blick auf, Aline! ſchaue in mein Angeſicht, und ſage, ob du mir nicht dein Leben anver⸗ trauen willſt. Ich will dich lieben und ſtützen, dich heilig halten und ſorgſam pflegen, wie eine zarte Blume, und gewiß, du würdeſt an meinem Herzen zur Freude erblühen.— Ich führe dich ein in die Burg unſerer Väter, und ein ſchönes, friedliches Leben ſoll dir dort werden.— Du kannſt dann hinausſchauen in die unbekannte Welt, feſtgehalten von meinem Arm, und gewiß, du wirſt ſie mehr lieben lernen, als dieſe engen 29 Räume mit ihren engen Begriffen, die dich Un⸗ glückſelige ſo feſt umſchloſſen halten.“ „Er läſtert unſer heiliges Haus, Manuela!“ fiel die Priorin ein, und jene wich erbebend von Edgar zurück, und einen furchtſamen Blick auf ihn werfend, einen entſetzensvollen auf ihre Mut⸗ ter, ſtürzte ſie auf den kleinen Altar zu, der ſich im Hintergrund des Zimmers befand, und rief im Tone höchſter Angſt: „Heiland, erbarme dich mein! Dir nur will ich leben, dir will ich ſterben, mach' mich, o Jeſu, auf ewig ſelig. Amen.“ Nach dieſem Ruf eines gequälten Herzens, das mit plötzlich erwachten, natürlichen Regungen und längſt genährten und geſchraubten Empfin⸗ dungen rang und von Gewiſſensſcrupeln gefoltert wurdg, ſank Manuela bewußtlos zuſammen.— Die Priorin, Edgar ſtrenge zurückweiſend, be⸗ mühte ſich um die Ohnmächtige.— Eygenius trat nun auch herzu, und auf die Erblaßte zei⸗ gend, ſagte er zu Edgar: „Es kann nicht ihr Ernſt ſein, zu hoffen, daß dieſe zarte Blume auf anderem Boden gedeihen und ihnen ein wirkliches Glück bringen werde. 30 Dem Orte entriſſen, in dem ſie aufgeblüht, wird ſie, in andere Luft geſetzt, welken, wird ſterben, ſelbſt in den Armen der Liebe. Ueberlegen ſie das wohl, Graf. Alinens Leben und Glück ruht in ihrer Hand. Die Verlobte wird ihre Gattin, wenn ſie darauf beſtehen; doch die Braut, dem Kloſter entriſſen, wird ſicherlich bald in die Gruft ihrer Väter gebettet werden. Oder wagen ſie, es anders zu hoffen beim Anblick dieſer kalten, bleichen Verlobten?“ Edgar warf einen ſchmerzlich fragenden Blick auf die todtenähnliche Braut und ſagte dann klagend: „Sie wird auch hier ſterben.“ „Manuela war glücklich bis zu dem Tag, wo ſie von ihnen und dem Geſchick, das ſie treffen ſollte, vernahm;“ fiel die Priorin mit Vorwurf ein.— In Edgars Auge trat eine Thräne, und flehend hing es ſich an die Heilige ſeines Herzens. „Sie wird bald wieder geneſen und in from⸗ mer Heiterkeit ihre Tage hinbringen wie zuvor;“ fuhr die Priorin nach einer kleinen Pauſe fort und bat:„O ſtören ſie nicht länger ihren Seelen⸗ frieden, ſeien ſie edelmüthig, Graf, treten ſie zurück, und beweiſen ſie, daß nicht kleinliches In⸗ tereſſe ſie treibt, ſich einer Braut zu bemächtigen, die in ihren Armen ſterben würde.— Sehen ſie dort Manuela's Mutter in Irrſinn verfallen, aus Angſt, ihr Gelübde werde ſich nicht erfüllen, und ſehen ſie hier das erbleichte Kind, das der Schrecken vor ihnen zu tödten droht; und ſie ſoll ihre Gat⸗ tin werden, ſie, die Kloſtergeweihte, den Stamm der Bardenberg fortpflanzen? Graf von Barden⸗ berg, was daraus entſteht, entſtehen muß, es falle auf ihr Haupt!“— Fliehe in die Hölle zurück, böſer Geiſt, der du entſtiegen biſt,— ſchnell— ſchnell unter den heiligen Schleier mit ihr— ſonſt erfaßt ſie Tod und Verdammniß!“ ſchrie die Wahnſinnige und ſchlug ſich an die Bruſt und raufte die Haare. „Bringen ſie Manuela hinein, ehe ſie zum Leben erwacht;“ bedeutete Eugenius die Priorin. Dieſe rief nach Beiſtand, und Edgar, noch einen ſchmerzlichen Blick auf Manuela werfend, ſagte zu der Priorin: „Ich entſage Manuela, wenn es ihr Wille iſt; und er wird es ſein.“— Dann küßte er ihre 32 erkaltete Hand und ſchwur ſich, dieſes zarte Da⸗ ſein durch nichts mehr zu ſtören. Als ſie hinweg⸗ gebracht worden war, ſprach er mit dem Pater wegen der Abtretung des Erbes: die liegenden Güter ſollten der Grafſchaft bleiben, ihr Werth geſchätzt und Manuela übermacht werden.— Es war ihm ein unerträglicher Gedanke, mit ihrem Erbe ſich zu bereichern, und alle Beſtimmungen des Teſtamentes traten in den Hintergrund bei ihrem Leiden, und nichts ſchien ihm zu theuer, den Frieden ihres Lebens zu ſichern. Keine rauhe Berührung durfte ihr ferner nahen— und konnte er mit ſeiner Liebe ſie nicht auf einen andern Lebenspfad geleiten, ſie nicht beglücken, ſollten ihr hier in dem ſtillen Kloſter die mög⸗ lichſt höchſten Freuden beſchieden ſein. Sie ſollte den Reichthum, den ſie ihm als Gattin gebracht hätte— ungeſchmälert beſitzen und frei darüber ſchalten— thun, was ihr frommer Sinn begehrte, ihn an das Kloſter verſchenken, in dem ſie lebte, oder zu wohlthätigen Zwecken beſtimmen. Er wollte die Sache ordnen, und zugleich mit ſei⸗ nem ewigen Lebewohl Manuela von dieſen Ver⸗ hältniſſen in Kenntniß ſetzen, damit nur nach 33 ihrer Willensmeinung über das Erbe verfügt werde. Eugenius war nicht ganz zufrieden mit dem Erfolg dieſer Zuſammenkunft; er wünſchte des Grafen beſiegelte Erklärung über ſeinen Rücktritt in Händen zu haben. Doch Edgar entſchloß ſich nicht dazu und meinte ſtolz, ſein Wort ſei vor⸗ erſt genügend. So trennten ſie ſich. Eugenius brachte die geiſteszerrüttete Gräfin wieder auf das Landhaus an der italieniſchen Grenze und übergab ſie dort der ganz beſonderen Obhut des alten⸗ Dieners, auf den er ſich verlaſſen zu können glaubte. Ed⸗ gar reiſte Bardenberg zu, mit den wehmüthigſten Gefühlen in ſeiner Bruſt, um dort die nöthigen Schriftſtücke anfertigen zu laſſen, die einen freien Rücktritt ſeinerſeits beurkundeten und Manuela in den Beſitz eines Erbes ſetzten, das bis dahin einer eigenen Verwaltung unterworfen geweſen und als zur Grafſchaft Bardenberg gehörig betrachtet worden war. Stein, Die Braut im Kloſter. III. 3 Moachdem Manuela von einem fieberiſchen Zu⸗ ſtand in einen faſt lethargiſchen Schlaf gefallen war, entfernte ſich die Priorin von ihrem Lager, ſie Beatens Obhut überlaſſend. Sie zog ſich in ihre Zelle zurück, um, wie ſie ſagte, ſich nach den Ereigniſſen dieſes Tages, die ſo ganz außer dem Gang des klöſterlichen Lebens lagen, im Gebet wieder zn ſammeln. Jede Störung unterſagte ſie ſtrenge; ſelbſt Beate ſollte nur kommen, wenn Manuela's Zuſtand Beſorgniſſe errege.— Sie fühlte ſich geiſtig und körperlich aufge⸗ regt und angegriffen, wie ſeit langen Jahren nicht mehr. Manuela's Erkennen als Rudolfs Tochter— der Empfang ſeiner Gattin— Ed⸗ gars Erſcheinung, in deſſen jugendlichſchönen Zügen ſie das Bild des einſt ſo heiß geliebten Mannes annähernd wiederfand— beſchwor die Vergangenheit mit ihrer Luſt und ihrem Schmerz 35 ſo lebhaft herauf, daß alle ihre Kraft ſich in der Anſtrengung erſchöpfte, die ruhige Würde der Prio⸗ rin aufrecht zu erhalten. Schon an Manuela's La⸗ ger konnte ſie ein Erzittern und ſchmerzliches Stöhnen nicht mehr zurückhalten.— Man ſchrieb es dem Mitleid mit der Kranken zu, und nur Beate ſah tiefer. Sie war aus früheren Zeiten her mit den Verhältniſſen der Priorin genau be⸗ kannt, bei deren Eltern ſie Dienerin geweſen. Sie war es, die die erſten Zuſammenkünfte des Grafen Rudolf mit Eliſabeth, der Tochter eines bürgerlichen Hauſes, vermittelt hatte— Auch zu ihrer Flucht mit dem Grafen war ſie behilflich. wie die Eltern der Tochter dieſes Liebesverhält⸗ niß ſtrenge unterſagten, als das Gerücht ſich ver⸗ breitete, der vornehme Fremde ſei bereits vermählt. Eliſabeth glaubte nur ihm, doch beſtand ſie auf einer heimlichen Trauung, die der Graf zu ver⸗ anſtalten und ſie damit zu täuſchen wußte. Er lebte längere Zeit mit Eliſabeth bald da. bald dort, und erſt als ſie ſich Mutter fühlte, wählte er auf ihren Wunſch das einſam gele gene Haus in der Schweiz zu ihrem Aufenthalt. Rudolf hatte ſich kurz zuvor, ehe er ſie ken⸗ 3* *. nen lernte, von ſeiner Gattin getrennt, deren Lebensanſchauungen und ihr Hang zur Schwer⸗ muth ihm unerträglich geworden waren. Er ging nach dieſer Trennung, die jedoch keine ge⸗ ſetzliche Form annahm, in ein deutſches Bad, wo er Eliſabeth ſah, deren Schönheit ihn entflammte. Gewohnt, alle ſeine Wünſche erfüllt zu ſehen, ſcheute er kein Mittel, in ihren Beſitz zu kom⸗ men. Auch liebte er ſie inniger, als es ſonſt ſei⸗ nem leidenſchaftlichen und leichtſinnigen Naturell eigen war. Doch das zurückgezogene Leben in der Schweiz fing bald ihm an langweilig zu werden, beſonders da Eliſabeth leidend wurde und in ihn drang, um des erwarteten Sprößlings willen die öffentliche Anerkennung ihres Bünd⸗ niſſes zu beſchleunigen. In dieſe Zeit fielen die Mahnungen ſeines Bruders, ſich wieder mit ſei⸗ ner verzweifelnden Gattin zu verſöhnen und ſich an dem Gedeihen ſeines Sohnes zu erfreuen. Er war ſeinem Bruder viele Verpflichtungen ſchul⸗ dig und wyßte, aß dieſer ihn ſehr beſchränken konnte, ſobald er es wollte. Er willigte deshalb nach einigem Widerſtre⸗ ben in ſein Verlangen ein, Gräfin Maria wieder 36 7 zu beſuchen. Als er zu dieſem Zweck Eliſabeth verließ, ſchützte er dringende Geſchäfte vor und verſprach, bis zu dem Zeitpunkt ihrer Niederkunft wieder da zu ſein. Allein er blieb länger aus; ſein kleiner Sohn, der Erbe ſeines Namens, ge⸗ wann ſeine väterliche Neigung, und dadurch em⸗ 05 pfand er auch wieder einige Theilnahme für ſeine düſtere Gattin.— Doch zu ſehr an ein unſtetes und flüchtiges Leben gewöhnt, war er auch bald von dieſen Freuden geſättigt. Sehnſucht nach Eliſabeth kam hinzu, und er kehrte zu ihr zurück und fand ſie als Mutter eines Töchterchens.— Sein langes Ausbleiben hatte ihr Mißtrauen er⸗ regt und ſie wurde ihm durch ihre Fragen und ihr Drängen um Anerkennung als Gräfin Bar⸗ denberg unangenehm. Er verließ ſie wieder und ſuchte ſeine Verſtimmung in Paris zu überwinden⸗ Dort trafen ihn Nachrichten von dem Landhaus ſeiner Gemahlin, die ihn veranlaßten, ſofort dahin zu eilen. Als er ankam, fand er ſeinen Sohn todt— ſeine Gattin dem Irrſinn nahe, theils aus Schmerz darüber, doch mehr noch aus Eiferſucht: ſie hatte ſein Liebesverhältniß in der Schweiz er⸗ kundet und ſich von da an wie eine Wahnſinnige 38 geberdet. Pater Eugenius war ſchon vor dem Grafen angekommen, ſie zu beruhigen. Er hielt ihn zurück, näher in eine Sache einzu⸗ dringen, die denſelben mit Entſetzen erfüllte. Der einzige ihm ergebene Diener im Hauſe theilte ihm nämlich mit, daß die leiſe Vermuthung umgehe, der Knabe ſei nicht an einem Schlagfluß geſtor⸗ ben, ſondern an einer erſtickenden Umarmung ſei⸗ ner Mutter, die ihn mit wahnfinnigen Liebkoſun⸗ gen im Schlafe überfallen habe. Der Graf ent⸗ floh dem traurigen Hauſe, nachdem er ſeine Gat⸗ tin nur flüchtig noch geſehen, und zum erſtenmale in ſeinem Leben wirklich erſchüttert, ſuchte er Troſt in Eliſabeths Liebe zu finden und enthüllte ihr nun auch alle Verhältniſſe, wie ſie waren, über⸗ zeugt, ſie werde ſich darein finden und ihre Be⸗ ziehungen zu einander ſich dadurch ſo geſtalten, wie er es wünſchenswerth fand, und es mehr zu ſeinen leichten Lebensanſichten paßte. Doch er täuſchte ſich in der Geliebten, die er mit einem ihr heiligen Band betrogen, und bald trieben ihn ihre Vorwürfe, ihre Thränen, ihre Drohungen von hinnen, und dem Grundſatz huldigend: alles Peinliche möglichſt ſchnell zu vergeſſen, ſtürzte er 39 ſich mehr als je in ein wildes und wüſtes Le⸗ ben. Als er, etwas abgeſpannt davon, in die Schweiz zurückkehrte, mit dem Wunſch, Eliſabeth, die er noch immer liebte, möchte einſtweilen zur richtigen Einſicht gekommen ſein, fand er ſie nicht mehr. Sie und das Kind waren ſchon ſeit län⸗ gerer Zeit ſpurlos verſchwunden.— Koni wußte nicht, wohin ſie gekommen, und wies deshalb den Grafen an Joſepha, die in einem Dorfe in der Nähe verweilte, doch auch ſie geſtand nur, daß ſie das Kind einer Frau übergeben habe, die kurz zuvor bei ihrer Herrin geweſen ſei. Sie habe das kleine Weſen in der Nacht forttragen müſſen bis in die nächſte Stadt, wo jene Frau ſie erwartet habe. Als ſie zurückgekommen, ſei auch die Mutter des Kindes fort geweſen, und ſie habe nicht erfahren können, welchen Weg ſie eingeſchlagen.— Daß ſie wohl nicht viel mehr wußte, erkannte der Graf in ihren Thränen, mit denen ſie ihn anflehte, nach dem Kind zu forſchen, es nicht ſo ganz fremden Händen zu überlaſſen und wo möglich ſie wieder zu ihm zu bringen. Es gelang ihm auch nach einiger Zeit, den Aufenthalt ſeiner kleinen Tochter zu erkun⸗ 40 den, und er beſchloß, ſich ihrer zu bemächtigen und Eliſabeths Kind auf das Beſte erziehen zu laſſen, auch für ſeine Zukunft zu ſorgen. Von Eliſabeth ſelbſt vernahm er nichts mehr und ver⸗ gaß ſie in den Zerſtreuungen ſeines Lebens. Zu ſeiner Gattin kehrte er nie mehr zurück; ihre gegenſeitigen Verhältniſſe wurden geordnet und erhielten bei dem Tod ſeines Bruders eine feſte Geſtalt. Rudolf bezog aus einem Grundbeſitz, den ihm der ältere Bruder überlaſſen, ſo bedeu⸗ tende Einkünfte, daß derſelbe, nach Uebereinkunft zwiſchen ihnen, unangetaſtet bleiben mußte, und als Erbe ſeines Kindes mit dieſem wieder dem Haus Bardenberg zufallen ſollte. Die Klauſeln, welche ſich an dieſe Beſtimmung knüpften, ent⸗ warf Rudolf und beſtimmte den kranken Bruder dazu, ſie als ſeinen letzten Willen niederzulegen. Er glaubte damit den Erben von Bardenberg feſt an Aline gebunden, und das beruhigte ihn vollkommen über die Zukunft eines Kindes, deſ⸗ ſen Erziehung er einer ſchwermüthigen Mutter überlaſſen.— Was zuweilen als eine ernſtere Mahnung an ihn herantrat, überwand er mit dem egviſtiſchen 41 Leichtſinn, der, einmal über die Schranke der Sitte s Geſetzes hinweggekommen, keine Rück⸗ ſicht und kein anderes Gebot mehr kennt, als das eigene Selbſt, und ſich glauben macht, auf einem Standpunkt des Lebens angelangt zu ſein, der tſ und de weit über den beſchränkten Anſichten der Jetztzeit ſtehe und ſomit jeden Hohn gegen die menſch⸗ liche Geſellſchaft erlaube. Um das Kind der Geliebten bekümmerte er ſich auch nur ſo viel, als er die Penſion beſtimmte, in der es erzogen werden ſollte, und die Gelder dafür anwies. Erſt bei einem viel ſpäteren Auf⸗ enthalt in London ſah er Ella, und die Schön⸗ heit des vierzehnjährigen Mädchens überraſchte ihn ſo, daß er beſchloß, ſie in einigen Jahren ganz zu ſich zu nehmen und auf's Glänzendſte für ihre Zukunft zu ſorgen. Es wäre übrigens vielleicht doch nicht geſchehen, wenn er nicht mit einem⸗ male die Folgen ſeines unruhigen und üppigen Lebens empfunden hätte. Er ließ ſich, des herumziehenden Schwärmens müde, in Paris nieder und nahm die ſechzehn⸗ jährige Ella zu ſich, die für ihre Jahre körperlich wie geiſtig außerordentlich entwickelt war. Ihr 42 friſches und liebenswürdiges Weſen wirkte wohl⸗ thuend auf des Grafen verfinkendes Leben ein, und er ſuchte die ſchöne Tochter mit ſeinem Reich⸗ thum zu beglücken. Da Ella einen ſehr ſtolzen Sinn verrieth, ver⸗ barg er ſein wahres Verhältniß zu ihr, und ſie gab ſich dem Wahne hin, eine Gräfin Barden⸗ berg zu ſein. Durch die väterlichen Gefühle, die ſie in ihm erweckte, dachte er auch wieder an das Kind, das er nie geſehen, und wenn Ella ſich ſo voller Luſt den Freuden des Lebens hingab, mußte er unwillkürlich an das bleiche Weſen in der klei⸗ nen Kloſterzelle denken, das ihm ſo nahe ſtand wie ſie. Er wußte durch die Nachrichten, welche ihm von Zeit zu Zeit der alte Diener ſandte, daß Aline einer klöſterlichen Penſion übergeben worden ſei. Bis jetzt hatte er das gut gefunden, nun aber ſchlich ſich nach und nach Mitleid mit dieſem Kind im Kloſter in ſein Herz ein, das zunahm, je mehr Ella's Schönheit und Geiſt in den Zirkeln glänzte, in denen man ſie— mit einigem Achſelzucken zwar— als Gräfin Bardenberg gelten ließ. Da Ella völlig unbefangen war, fielen ihr die zwei⸗ 43 deutigen Blicke nicht auf, welche ihr begegne⸗ ten. Des Lebens und ihrer glänzenden Stel⸗ lung ſich freuend, überließ ſie ſich den Genüſſen, die ein gütiger Vater mit vollen Händen ihr ſpendete. Rudolf nahm ſich indeſſen vor, nach Barden⸗ berg zu reiſen, Edgar kennen zu lernen, mit ſei⸗ ner Schwägerin ſich zu verſöhnen und in Ge⸗ meinſchaft mit ihnen nach Aline zu forſchen. Je mehr ſeine phyſiſchen Kräfte abnahmen und damit die Luſt an dem Leben, wie er es ſeither geführt, deſto öfter mahnte eine geheime Angſt ihn an die Zukunft Alinens, und er fing zu zweifeln an, ob auch wohl alle teſtamentariſch niedergelegten Beſtimmungen ſich erfüllen wür⸗ den. Allein ſein Vorſatz, deshalb nach Barden⸗ berg zu reiſen, wurde vereitelt. Ein langwieriges und ſchmerzhaftes Leiden ſtellte ſich bei ihm ein, von dem er nicht wieder geneſen ſollte. Die langſam dahin ſchleichenden Tage und Nächte eines ſchmerzhaften Krankenlagers nahmen ſeinen oberflächlichen und frivolen Grundſätzen Q jeden Halt, und die Qualen einer unfruchtbaren Reue wurden zur Gewiſſensangſt, die ſich, je 44 näher der Tod rückte, in deſto graſſeren Ver⸗ zweiflungstönen äußerte. Ella, von Schrecken erfaßt, ſuchte mit lieben⸗ den Worten den Kranken zu beruhigen, und er klammerte ſich an ſie an mit dem Verlangen, einen vergebenden Engel für alle ſeine Ver⸗ gehungen in ihr zu finden.— Er beichtete ihr, und dieſe Beichte vernichtete alle ihre Glücks⸗ träume. Doch ſie brach nicht zuſammen, ſo lange er noch athmete; in ſtarrem Entſetzen vernahm ſie die flehenden Seufzer des Sterbenden, ſeinen letzten Angſtruf, der Aline galt. Dann faßte ſie Verzweiflung, die ohne Lo⸗ renzo's Freundſchaft ſie vielleicht zum Selbſtmord geführt hätte.——— Doch kehren wir zu der Priorin zurück, die, nachdem ſie noch eine Weile in ihrer Zelle um⸗ hergewandelt, dann wohl eine Stunde in dumpfes Brüten verſunken geweſen, ſich eben erhob, um Si— zum Gebet niederzuknieen, als es leiſe an die Thüre pochte, und Beatens Stimme um Ein⸗ laß bat. mit Beſorgniß die Eintretende. „Was iſt mit Manuela?“ fragte die Priorin 45 „Sie liegt noch in tiefem Schlummer;“ war die beruhigende Antwort. „Zu was aber kommſt du dann, Beate, wo du doch weißt, wie ſehr es mich verlangt, un⸗ geſtört— allein zu ſein?“ „Ein Gaſt iſt im Kloſter angekommen, der ſie dringend zu ſprechen wünſcht;“ erwiderte Beate zögernd. „Wer iſt's? Doch gleichviel— ich kann heute Niemand mehr ſehen. Auch kann keine Penſions⸗ angelegenheit ſo dringend ſein.— Ich begreife dich nicht, Beate. Geh und ſage, morgen wolle ich den Beſuch empfangen.“ Als Beate zaudernd ſtehen blieb, machte die Prio⸗ rin eine befehlende Bewegung nach der Thüre hin, doch die dienende Schweſter gehorchte nicht und ſagte langſam, und als ob es ſie Anſtrengung koſte: „Es iſt Wilhelminens Mutter.“ Die Priorin ſtreckte, wie abwehrend, die Hand gegen Beate aus und ſtöhnte: „Auch dieſes noch! War es denn heute nicht ſchon übergenug, meine Kraft zu prüfen!“ „Soll ich ſie abweiſen— auf morgen be⸗ ſtellen?“ fragte Beate nach einer Weile. 46 Die Priorin gab keine Antwort. Sie preßte die zuſammengefalteten Hände auf die Lehne des Stuhles und ſtützte das Haupt darauf. 1 Beate blieb ruhig ſtehen, bis ſie ſich wieder erhob, dann richtete ſie einen fragenden Blick auf ſie: „Bringe ſie;“ ſprach ſie mit dumpfem Tone, dann fuhr ſie leiſe, wie zu ſich ſelbſt redend, fort: „Sie iſt ungeſtüm und auch unvorſichtig— beſſer iſt's, ich ſpreche ſie gleich.“ Darauf gab ſie Beate einen Wink, ſich zu entfernen; und das goldene Kreuz, das ihre Bruſt ſchmückte, an die Lippen preſſend, murmelte ſie unverſtändliche Worte. Als es nach einer Weile wieder leiſe an die Thüre pochte, richtete ſie ſich hoch empor, und an das Betpult ſich anlehnend, ſprach ſie mit großer Anſtrengung ein lautes und feſtes: „Herein!“ Levnore, einen dichten Schleier über das Ge⸗ ſicht geworfen, trat ein. Beate zog ſich zugleich zurück und ließ ſich wie zur Weße auf dem Gange nieder. 47 Einige Minuten herrſchte eine lautloſe Stille in der Zelle, die ſelbſt nicht der gebräuchliche, fromme Gruß unterbrach. Endlich, als entrüſte ſie die regungsloſe Haltung der Priorin, ſchlug Leonore etwas heftig den Schleier zurück und nahte ihr indem ſie mit ſchar⸗ fer Betonung ſagte: „Ich bin da, dich nach Wilhelminens Schickſal zu fragen.“ „Du erkundigteſt dich beſſer draußen in der Welt nach dem undankbaren und leichtſinnigen Geſchöpf, als hier in unſerem friedlichen Hauſe, aus dem ihr unruhiger Geiſt ſie trieb. Du weißt es ohne Zweifel, daß ſie uns entfloh, denn ich ließ es dir nach verſchiedenen Orten hin melden.“ „Und du verfolgteſt ihre Spur nicht, Eliſabeth?“ „Es geſchah, doch lange umſonſt, endlich wurde in Erfahrung gebracht, daß ſie als Schauſpielerin an einem Vorſtadttheater in Wien figurire und in zweideutiger Weiſe unterſtützt werde, denn ſie lebe in einem Hauſe und bei einer Frau, was dieſe Vermuthung nur zu wahrſcheinlich mache.“ „Du vernahmſt dies; du wußteſt ihren Aufent⸗ halt und riefſt ſie nicht zurück?“ 48 „Die leichtſinnige Schauſpielerin, Minna Merau, wie ſie ſich jetzt nennt, iſt für uns unmöglich ge⸗ worden. Ich mußte ſie ihrem Schickſal überlaſſen und es Gott anheimſtellen, ob er es noch zum Guten wenden werde.“ „Oh, über eure einſeitigen, frömmelnden Anſich⸗ ten! Wenn ihr erkennt, daß dieſes Mädchen auf dem Weg zum Abgrund iſt, warum haltet ihr es nicht auf?“ „Wir haben unſere Pflicht an ihr erfüllt, und an dir, der Mutter, iſt es, über dein Kind Wache zu halten. Was in dieſer Penſionsanſtalt für Wilhelmine geſchehen konnte, geſchah. Du mußt für das Weitere Sorge tragen.“ Leonorens Auge flammte; ihre Bruſt hob ſich, und es war, als wolle ein inhaltſchweres Wort von ihren Lippen kommen. Doch ſie bezwang ſich ſo weit, daß ſie nur ſagte: „Haſt du denn dein eigen Kind ſo ganz ver⸗ geſſen, daß du ſo leicht das meine aufgeben konnteſt?“ „Gabſt du es nicht zuerſt auf, als du es von dir entfernteſt, und haſt du das meine vielleicht treuer bewahrt?“ fragte die Priorin dagegen und 49 fuhr aufgeregt fort:„Oh ſchweige mit Vorwürfen, ſie treffen dich, dich allein! Haſt du mir nicht ge⸗ ſchworen, Rudolf den Aufenthalt ſeines Kindes zu verbergen, und du gabſt es ihm dennoch hin — überließeſt es ihm, dem Leichtſinnigen. O, mein Gott— was iſt wohl aus Ella geworden?“ Sie verhüllte nach dieſem Ausbruch eines lang verhaltenen Schmerzes ihr Angeſicht und ſank er⸗ mattet in einen Stuhl. „Das hätteſt du früher bedenken müſſen— ehe du dein Kind verließeſt, um in einſamer Zelle das verlorene Glück zu beweinen.“ „Ich mußte Buße thun— den nthißth⸗ ten Fluch meiner Eltern zu ſühnen.— Ich habe gebüßt— und wähnte mich gereinigt. Du riefſt zuerſt das Geſpenſt der Vergangenheit wieder wach, und dann— ach Alles, Alles ſtürmt auf mich ein— ich erliege.“— Sie brach in heftiges Weinen aus, dann aber, als ſchäme ſie ſich dieſer Schwäche, richtete ſie ſich wieder hoch auf, und ihre Thränen trocknend, ſagte ſie: „Mache es kurz. Leonore. Sage einfach, was dich zu mir führt.“ Stein, Die Braut im Kloſter. 1II. 4 50 „Wilhelmine und Ella, weiter nichts,“ war die kurze und inhaltsſchwere Antwort. „Ich entkomme ihr nicht,“ murmelte die Prio⸗ rin, und nach kurzer Pauſe ſprach ſie, Leonorens Hand faſſend, mit bebender Stimme: „Du haſt mich ſchwach geſehen, und ich will dir auch noch bekennen. daß Buße und Reue Ver⸗ gangenes nicht ganz auszulöſchen vermag. Es hat heute ſchon ſo Vieles auf mich eingeſtürmt, das jene Zeiten wieder heraufbeſchwor, in denen ich in der Welt lebte. Mag denn dieſer Tag, wie er begonnen, enden— ein Tag der Verſuchung, der Sünde, der Qual!— Ich will ihn wieder ſühnen durch Buße und Gebet.— Sprich, ich will es hören— was kannſt du mir von Ella ſagen?“ Leonore zögerte mit ihrer Antwort, dann be⸗ gann ſie: „Daß Rudolf todt iſt, weißt du ohne Zweifel.“ Die Priorin ſenkte bejahend das Haupt. Leonore fuhr fort:„Ich ſuchte ihn auf, als das Unglück über uns hereinbrach,— ich hoffte auf Hilfe, für mich und Franziska, von ihm. Schon in früherer Zeit ſchrieb ich ihm wiederholt, denn er 51 hielt nicht, was er mir verſprochen, nämlich mir öfter Nachricht von dem Kind zu geben, das er nach England bringen ließ, um es dort als die Tochter eines reichen Mannes erziehen zu laſſen. Ich erfuhr zu meinem Schmerz nichts weiter von— Ella, als einmal mit flüchtigen Worten, daß es ihr wohl ergehe.— Ihn ſelbſt aufzuſuchen, war mir nicht möglich; meine häus⸗ lichen Verhältniſſe geſtatteten dies nicht, und dann auch führte der Graf ein zu unſtetes Leben.— Der Gedanke, ihn in meinem Unglück aufzufinden, wäre mir wohl auch nicht gekommen, wenn ich nicht erfahren, daß er ſich in Paris niedergelaſſen habe. Dorthin ging ich nun mit Franziska— aber wie ich ankam, war der Graf gerade ge⸗ ſtorben und hatte, wie das Gerücht ging, eine verzweiflungsvolle Geliebte hinterlaſſen, die man Gräfin Ella nannte und die unter dem Titel einer Tochter bei ihm gelebt habe.— Was lag näher, als daß Ella das Kind ſei, das ich ihm übergeben, und nur Verläumdung ſie als ſeine Geliebte bezeichnete! Ich wollte ſie aufſuchen. mich davon zu überzeugen, doch ein Freund hatte ſie aus Paris entfernt, und ich konnte nicht er⸗ 4* 52 fahren, wohin ſie mit ihm gegangen.— Da eines Tages, als ich in das Hotel des Grafen mich wagte, um wo möglich nähere Erkundigungen über ſie einzuziehen, bemerkte ich meinen Stiefſohn dort, der, wie man mir ſagte, beauftragt ſei— die geſchäftlichen Angelegenheiten des Verſtorbenen zu ordnen.— Von ihm hätte ich vielleicht er⸗ fahren können, wohin Ella ſich mit ihrem Freund zurückgezogen, allein ihm mochte ich am allerwe⸗ nigſten gegenübertreten, da ſein ganzes Vermögen bei uns verloren gegangen war. Ich zog mich ſchnell wieder zurück; und dann auch nahm jetzt Franziska meine ganze Aufmerkſamkeit in An⸗ ſpruch. Ein reicher Ruſſe intereſſirte ſich für ſie, und ich hoffte, eine eheliche Verbindung werde zu Stande kommen, doch noch iſt Franziska nur mit ihm verlobt— allein—“ „Unglückliche!“ unterbrach ſie die Priorin, „ſo geht dir auch dieſes Kind verloren, wie Wil⸗ helmine— ach, und wie wohl auch Ella!“ „Franziska— hat mich verlaſſen und iſt, wie ich vermuthe, mit dem Baron nach Rußland ge⸗ reiſt.— Sie zu miſſen, iſt der größte Schmerz meines Lebens, denn bei allen ihren Fehlern war 53 ſie ſo— ſo— ſchön— und auch gut; ich habe ihr nur zu viel den eigenen Willen gelaſſen— laſſen müſſen— weil— weil— „Du eine allzuſchwache Mutter warſt:“ fiel die Priorin ein. Leonore ſeufzte und widerſprach nicht. Nach einer Weile, in der ſie Beide geſchwiegen und ihren Gedanken nachhängen mochten, trat Leo⸗ nore näher zu ihrer Jugendfreundin hin und ſagte: „Ich kam zu dir, dich um die Mittel zu bit⸗ ten, Ella und Wilhelmine aufſuchen zu können. — Ich möchte dein Kind finden und es dir bringen, vielleicht ſiehſt du dann ein daß ich meinen Schwur treuer hielt, als du annimmſt.“ „Nein— nein— das kann, das darf nicht ſein. Ella bei mir, hier im Kloſter,“ wehrte die Priorin. „Weßhalb nicht? Vielleicht wenn ſie er⸗ fährt, daß du ihre Mutter biſt, nimmt ſie, gleich dir, den Schleier.— Ich dachte es ſchon einmal ſo, und wer weiß, ob es nicht noch möglich wer⸗ den kann“ „Ella, das Weltkind, das Rudolf erziehen ließ! — O, nimmermehr kann ſie mit mir ſich verei⸗ 54 nen!— Doch du ſollſt die Mittel haben,— ſie aufzuſuchen. Reiſe nach Paris, und ziehe ge⸗ naue Erkundigungen nach jener Ella ein, welche die Welt des Grafen Geliebte nannte, und haſt du erfahren, wo ſie zu finden iſt, ſei dir kein Weg zu weit, kein Opfer zu ſchwer, ſie zu erreichen und ſie zu retten, wenn ihr Verderben droht!“— „Und Wilhelmine?“ fragte Leonore mit Nach⸗ druck—„ſie ſcheinſt du ganz zu vergeſſen.“ „Nein, nein, auch ſie ſuche auf, und bringſt du mir ſie reuig wieder, will ich ſie aufnehmen, will ihr liebend vergeben. Fühlte ich mich doch einſt beglückt durch den Gedanken ſie gleich Ma⸗ nuela für immer bei mir zu behalten. Doch eile; eile zuerſt denn nach Wien, und thue für Wil⸗ helmine, was dir gut dünkt; dann aber verfolge Ella's Spur, und findeſt du ſie beglückt und— rein— ſtöre ſie nicht— und ſprich ihr nicht von mir. Iſt ſie aber der Sünde verfallen, ſteht ſie am Abgrund des Verderbens, laß kein Mittel unverſucht, ſie zu retten. Gieb mir Nachricht, wenn du ſie gefunden, Beate kann das vermit⸗ teln, ſie ſoll noch mit dir darüber Rückſprache nehmen. Und jetzt nimm hin den letzten Schatz, den ein⸗ 55 zigen, den ich noch als Eigenthum beſitze— weil — ich mich nicht davon zu trennen vermochte.“ Bei dieſen Worten trat ſie an ein Schreib⸗ pult— ſchloß ein geheimes Fach deſſelben auf und nahm ein zierliches Käſtchen heraus, das einen werthvollen Perlenſchmuck enthielt. Sie neigte das reiche Geſchmeide gegen das Licht und betrachtete es ſchmerzlich, indem ſie ſagte: „Er ſchmückte mich damit, als er mich zum falſchen Traualtar führte„„Perlen bedeuten Thränen““, ſpricht Emilia Galotti ahnungsvoll vor ihrem Hochzeitsgange.— Mir aber erſchienen ſie nur Verkünder des Glücks, und im Uebermuth höchſter Liebeswonne ſchlang ich ſie triumphirend um den Myrthenkranz, wand ich ſie freudig um meinen Nacken. Aber es rächte ſich— der fehlende Segen der Eltern— das leichtſinnige Spiel mit heiligen Dingen.— Dieſe Perlen— dieſer betrügeriſche Brautſchmuck, wurden zu Millionen Tropfen des Schmerzes, die brennend meinem Auge, meinem Herzen entquollen und an meine Seele ſo feſt ſich hefteten, daß ſie ſtechend oft ihre heiligſte Andacht ſtörten. Ich ſpreche zu mir:„Die Buße hat dich gereinigt.“ Der Beichtiger ſagt:„„Dir iſt vergeben,““ und ich erhebe mich in Demuth und Glauben als eine geläuterte Magd des Herrn. Aber dennoch hier im innerſten Herzen brennt eine Stelle fort in Schmerz und Qual: eine Perle aus dieſem Schmucke— ſeine koſtbarſte — ſeine thränenreichſte: Das Kind— das ich hingab— das ich vergeſſen wollte und nicht vergeſſen kann, und das anklagend vor mir erſtehen will, ſelbſt in den Stunden tiefer Andacht.— Doch, was rede ich da!— Geh, Leonore; geh— und vergiß die menſchliche Schwäche der Priorin; vergieb ſie Eliſabeth. Leb wohl, und Gott geleite dich auf deinen Wegen.“ Nach dieſen Worten ſank ſie an dem Betpult nieder, das Haupt tief geſenkt, die Hände gefaltet, und ſie ſchien den Abſchiedsgruß Leonorens nicht zu vernehmen, denn kein Leid und keine Be⸗ wegung verrieth einen Antheil daran.— Als Beate nach Mitternacht eintrat,— beſorgt, weil es gar ſo ſtille nach Leonorens Weggang in ſie der Zelle geblieben, fand die Priorin bewußtlos am Boden liegen, und ſie hatte Mühe, die Er⸗ kaltete auf das warme Lager zu bringen und ſie wieder zu beleben. Die Furcht vor neugierigen Nachfragen hielt ſie ab nach Hilfe zu rufen, doch als die frühe Bet⸗ glocke ertönte, fand ſie es nöthig anzuzeigen, daß die Priorin gefährlich erkrankt ſei. Die grauen Thürme von Bardenberg waren von einem wolkenſchweren Himmel bedeckt, als Edgar ihrer wieder anſichtig wurde. Die trübe Beleuchtung ſeines Stammſitzes ſtimmte mit der Melancholie ſeines Herzens, das ſich mit der bleichen Kloſter⸗ braut beſchäftigte. Er gedachte jenes Abends, wo er ſie hier vorüberziehen ſah und ſagte ſich: wenn er ſie damals hätte in ſeine Arme nehmen und herauftragen können in das Schloß ihrer Väter, dann wäre ſie noch dem Glück und der Liebe zu retten geweſen, dem Leben in und mit der Welt, das jedes Menſchen Beſtimmung iſt. Jetzt, das ſah er mit tiefem Schmerze ein, wäre es ein zu ſchwerer Kampf geworden mit den Feſſeln, die ſich, ein heiliger Wahn, allzufeſt um ihr junges Herz gelegt hatten. Ihr zartes Leben ſtand dabei auf dem Spiel, der Frieden ihrer Seele, der an beſchränkten Begriffen hing, die durch ihre Umgebung wie den 59 Anblick der wahnſinnigen Mutter leicht zum Fana⸗ tismus ſich ſteigern konnten. Edgar bereute ſeine Entſagung nicht. Er konnte beim Anblick Ma⸗ nuela's nach ſeiner Denk⸗ und Empfindungsweiſe nicht anders handeln, und ſelbſt als er ſein ſtolzes Schloß wieder erblickte, kam ihm kein Bedenken über die Umgehung der väterlichen Beſtimmungen. Das Bewußtſein, zum erſtenmal ganz nach der eigenen Ueberzeugung gehandelt zu haben, erhob ſeinen Geiſt, und es war zu erwarten, daß der Schmerz ſeines Herzens um die verlorne Braut bald dem männlichen Willen ſich unterordnen werde.— Die Gräfin wie der Abbé erwarteten Edgars Ankunft oder Nachrichten von ihm mit großer Spannung. Sie, die ſeit ſeiner Abweſenheit die alleinige, gebietende Herrin bis in die kleinſten Dinge war, empfand doch oft, daß ihr Leben ohne den Sohn ein recht einſames ſei, und ihr an der Seite eines kalten und ungeliebten Gemahls erkaltetes Herz verlangte es, ſeinen Stolz unter die Macht der Mutterliebe zu beugen, und die Farben des hochmüthigen Glücksphantoms, das ihr Leben erhellte, wollten verblaſſen. Gleichſam als 60 ob die mißhandelten naturgemäßen Empfindungen des Weibes, der Mutter nicht zu Grabe gehen ſollten, ohne an ihre ewigen Rechte ein Herz zu mahnen, das ſeine ſchönſten Blüten zerknickte, Blüten, die ihm das höchſte Glück und auch die höchſte Ehre gebracht hätten. Allein ſobald der ſtolze Sinn das Herz bei derartigen Empfindungen überraſchte, bezeichnete er ſie als eine unverzeihliche Schwäche und bannte ſie wieder unter ſeine kalte Herrſchaft, welcher das ohnedies wenig gemüthliche Weſen der Gräfin gehorchte ſeit ein gebietender Wille ihr mit der Hand des ältern Sohnes die Grafenkrone der Bardenberg, ſtatt mit der des jüngern ein liebendes Herz gereicht hatte. Rudolf gab mit eben dem Leichtſinn, mit dem er einſt ihr Herz eroberte, es auch wieder auf. Ja, er war ſelbſt dankbar dafür, als ſein älterer Bruder Familienrückſichten halber ſich entſchloß, eine mißlichgewordene Sache mit ſeiner Hand auszugleichen. Er gelobte dafür in einem gewiſſen Alter ſich nach der Wahl des gefälligen Bruders zu vermählen, wenn er ihm bis dahin geſtatte, das Glück der Freiheit mit vollen Zügen zu genießen. An dieſem Uebereinkommen wurde nun 61 auch feſtgehalten, und der ältere Bruder geſtattete dem jüngern mit einer Nachſicht, die an Schwäche grenzte, eine Verſchwendung, die er, als Haupt des Hauſes, und dem Recht, das ihm ſein Vorfahr über⸗ tragen, in jeder Weiſe hätte beſchränken können. Der Graf, ſonſt ein ſchwankender und beſchränkter Charakter, zeigte allein in der Liebe zu ſeinem Bruder eine Conſequenz, welche ſeine Gemahlin nicht begreifen konnte, und die ihren Haß gegen den ungetreuen Geliebten ſteigerte. Alle ihre Einwände und Vorſtellungen fruchteten jedoch nichts, und nur an der gelobten Vermählung hielt der Graf feſt und zeigte ſich in dieſem Punkt unnachgiebig gegen Rudolf. Er hielt in ſeinen Gedanken zwei Dinge eigenſinnig feſt, nämlich, daß eine Vermählung Rudolfs wegen dem Fort⸗ beſtehen des Hauſes Bardenberg nothwendig ſei, und darin, daß Rudolfs wildes Leben dadurch ſein Ende erreichen werde. Er ſelbſt hatte wenig Hoffnung auf einen Erben, da ſeine Ehe bis jetzt kinderlos geblieben war, und auch, als ihm nach zehn Jahren dieſe Hoffnung noch wurde, brachte es keine Aenderung in ſeine vorgefaßte Meinung. Er ſchlug Rudolf, als es ihm die ſpäteſte Zeit 62 dafür erſchien, die Schweſter eines Freundes zur Gattin vor, der vor kurzer Zeit in Italien, wo er in öſterreichiſchen Dienſten ſtand, geſtorben war, und ihm die in einem Kloſter Italiens erzogene Baroneſſe dringend anempfahl. Sie beſaß keine Reichthümer, abrr einen alten, fleckenloſen Namen, und das Bild, welches ihr ſterbender Bruder dem Grafen zu ſenden befohlen, zeigte ein intereſſantes Aeußere.— Rudolf, der einſah, daß er ohne die Gefahr, ſich mit ſeinem Bruder zu überwerfen, ſein gegebenes Wort einlöſen müſſe, verſtand ſich endlich dazu, ſich mit Baroneſſe Maria zu verbinden, und da ſie in Italien zu leben wünſchte, und auch fern vom Geräuſch der Welt, kaufte er den ſchönen Land⸗ ſitz in der Nähe des Comoſees. Daß dieſe Verbindung ſeinem Leben keinen Zügel anlegte, ſahen wir bereits. Die Teſtaments⸗ beſtimmungen, zu denen er dennoch ſeinen Bruder zu bewegen vermochte, wurden ohne das Wiſſen der Gräfin abgefaßt und ihr erſt mitgetheilt, als ſie beſiegelt waren, doch um ſie zu verſöhnen, ihr in dem Teſtament Rechte eingerämt, wie ſie dieſelben als Wittwe nur wünſchen konnte. Ru⸗ 63 dolf durchſchaute ihre herrſchſüchtigen Gelüſte, und da ſie ihm keinen Nachtheil mehr bringen konn⸗ ten, räumte er ihnen gerne einen Platz ein, be⸗ ſonders da es in ſpätern Zeiten ja auch ſeinem Kind von Vortheil war; auch hoffte er ihren Haß gegen ihn damit zu beſchwichtigen. Doch hierin täuſchte er ſich, und den Wünſchen der Gräfin lag es nahe, nach ihres Gatten Tod das Teſta⸗ ment anzugreifen. Allein ſie ſah bei ruhigerer Ueberlegung ein, daß ein Prozeß ihr nur Scha⸗ den bringen könne, abgeſehen davon, daß ein ſolcher auch ihrem Hochmuth widerſprach. Den „Groll ihres Innern ſuchte ſie mit ihren ſtolzen Rechten zu überdecken und Befriedigung in ihnen zu finden. Da ſie das Teſtament als vollgültig aner⸗ kannt, mußten auch alle ſeine Beſtimmungen ſich erfüllen; ſo wollte es der kalte Geiſt, der lieber an das Wort ſich band, als dem wärmeren Ge⸗ danken eine Macht einzuräumen, ſo, das Herz, das erkaltet dem ſtolzen Sinn ſich beugte und lieber herrſchen als lieben wollte. Und Edgar wurde ſtreng gewiſſenhaft nach den Anordnungen des Teſtaments erzogen, und die Mutterliebe ver⸗ 64 mittelte nicht mit weiſer Milde, was der befan⸗ gene Sinn des ſterbenden Grafen unter dem Ein⸗ fluß ſeines Bruders niedergelegt hatte. Edgars gute und weiche Natur bot wenig Widerſtand und entwickelte ſich erſt ſpät zu ſelbſt⸗ ſtändiger Anſchauungsweiſe. Feſtgebannt durch den Machtſpruch eines theuren Todten in das einſame Schloß, wurde ihm unter des Abbé's Leitung eine ziemlich gute, wiſſ ſenſchaftliche Bil⸗ dung, doch nur verworrene und ſchwankende Be⸗ griffe von dem Leben, welche jedoch hinreichten, ihm die beſtimmte Reiſe als das heißerſehnte Ziel aller ſeiner Wünſche zu bezeichnen. Die beſtimmte Verlobung beeinträchtigte die Freude daran der⸗ ſelbe Zwang, der ſeine ganze Jugend belegt, be⸗ gleitete ihn auch in die Welt hinaus und ſuchte ihn in Feſſeln zu halten. Nun waren ſie abgeſchüttelt, und mußte es auch mit einem tiefen Herzensſchmerz geſchehen, gab es ihm doch zum erſtenmale ſo recht das Bewußtſein des eigenen Willens, denn er war bei ſeiner Entſagung nicht das Spiel der einge⸗ leiteten Intriguen geworden: er gab die Braut auf, weil er in ſeinem Arm ihr Daſein gefährdet 65 ſah, und das Erbe, das er leicht ſich hätte er⸗ halten können, gab er ihr hin, weil ſein edler Sinn und ſein Herz es ſo gebot— doch er entzog es nicht ſeinem Hauſe und war bereit, mit perſönlichen Opfern es dieſem zu erhal⸗ ten, ſein einſtiges Privatvermögen dafür hinzu⸗ geben. So ſollte nun die Sache geordnet und damit, ſo weit es in den Verhältniſſen des Lebens thun⸗ lich erſchien, der Stimme gehorcht werden, die aus dem Grabe ſprach. Dieſe Angelegenheit bot jedoch viel mehr Ver⸗ wicklungen und Schwierigkeiten, als es Edgar gedacht, der ſich noch wenig mit Geſchäftsſachen befaßt hatte. Er lernte dadurch einſehen, daß ihm dies nöthig ſei, und beſchloß, ſeinen Aufent⸗ halt in Bardenberg dafür zu benützen. Er bot ihm dieſesmal ohnehin wenig Erfreu⸗ liches dar, und eignete ſich deshalb ſehr wohl dazu, ihn zu nützlicher Thätigkeit zu veranlaſſen. Seine Mutter, die den Erfolg der Braut⸗ werbung im Kloſter mit Ungeduld erwartet, und die ſich ſeit Rudolfs Tod mit dem Ge⸗ danken, in ſeiner Tochter Edgars Gemahlin zu Stein, Die Braut im Kloſter. III. 5 66 ſehen, vertrauter gemacht hatte, war über ſeinen Rücktritt im höchſten Grade entrüſtet. Vergebens ſuchte Edgar ihr ein richtiges Verſtändniß der Scene im Kloſter beizubringen; ſie ſah darin nur eine ſchlaue Ueberliſtung ihres Sohnes, und der Gedanke, einſt die von ihr geſammelten Reich⸗ thümer für die Auslöſung der Güter, in denen das Erbe Alinens beſtand, hingeben zu müſſen, machte ihr einen Schmerz, den ſie Edgar ſchwer empfinden ließ. Daß er ſein Wort halten werde, bezweifelte ſie nicht, und es erhob ſich auch da⸗ gegen keine Stimme in ihrem Innern, aber daß er ſein Wort geben konnte, faßte ſie kaum, und die Liebe, die ſich in der letzten Zeit mächtiger für den Sohn in ihrem Herzen geregt, drohte der Verdruß über dieſe Sache gänzlich auszulöſchen. Edgar, noch mit der Wehmuth um Manuela ringend, empfand die Kälte ſeiner Mutter ſo ſchmerz⸗ lich wie noch niemals, und er zog ſich ſo viel als möglich in ſeine Zimmer zurück und vertiefte ſich in die Bücher und Dokumente ſeiner Herrſchaft, deren thätige Antretung nur von ſeinem Willen abhing. Doch erſt wollte er ſich mit allen Ver⸗ hältniſſen genau bekannt machen und beſchloß, zu 67 dieſem Zweck den Winter über in Bardenberg zu bleiben, ſo peinlich auch ſeine Stellung ſeiner Mutter gegenüber zu werden drohte. Es war ein geheimer Kampf um die Herrſchaft, der ſich zu entwickeln begann, und den der gute Abbé mit beſorglichem Kopfſchütteln bemerkte.— Er begriff überhaupt ſeinen Zögling nicht mehr, am aller⸗ wenigſten aber ſeine Handlungsweiſe im Kloſter. Wie konnte man in Edgars Jahren eine Braut laſſen, die man ſo ſchön fand, wie er ſie ihm in einer vertraulichen Abendſtunde geſchil⸗ dert?— Er, der ſich ſo viel auf ſeine Menſchen⸗ kenntniß zugute that, faßte dieſe Entſagungs⸗ ſchwärmerei eines jungen und edelmüthigen Her⸗ zens nicht, das mit dem ſchwerſten Opfer am beſten ſeine Liebe zu bekräftigen glaubt. Auch ſtand es über alle ſeine ſittlichen und religiöſen Begriffe, daß ein junges Mädchen, und wäre ſie eben erſt vom Himmel gefallen, nicht in den Ar⸗ men der Liebe jedes überſinnliche Entzücken vergeſ⸗ ſen würde. Zu ſeiner Zeit hatten auch ſpirituali⸗ ſtiſche Empfindungen ihr Weſen getrieben, doch ein ähnlicher Fall war ihm noch nicht vorgekom⸗ men, er lag gänzlich außer dem Bereich ſeiner 5* 68 Erfahrungen, und vergebens ſtudirte er an der Löſung dieſes Problems. Pater Eugenius mahnte im Namen der Gräfin Maria um geſetzliche Ordnung der wichtigen An⸗ gelegenheit; Edgar ſchrieb zurück, daß dies län⸗ gerer Zeit bedürfe, und ſeine Tante ſich einſt⸗ weilen damit begnügen ſolle, ihre Tochter wie⸗ der zufrieden und heiter zu wiſſen. Die Erb⸗ ſchaftsangelegenheit müſſe ſachverſtändigen und ge⸗ ſchickten Händen anvertraut werden, und er wolle das Mögliche thun, ſie zu betreiben.— Obgleich nun die ganse Sache zu Gunſten Manuela's, oder vielmehr derjenigen, welche über ihr Leben beſtimmten, ſich geſtaltet hatte, bot ſie doch keine genügende Sicherheit, denn ſtarb Ma⸗ nuela, ehe die rechtsgültige Entſagungsurkunde aus⸗ geſtellt war, fiel das Erbe an das Haus Barden⸗ berg, und Edgar erklärte, nur nach geeigneter Ablöſung der Güter das zu thun. Auch konnte man, trotz des Grafen Wort, es doch nicht wohl wagen, Manuela früher einzukleiden, als er ſei⸗ nen freiwilligen Rücktritt beurkundet hatte Wurde ſie früher Nonne— lag die Unmöglichkeit einer Verbindung mit Edgar in ihr, und konnte unter 69 Umſtänden Veranlaſſung zu einem zweifelhaften Prozeſſe geben.— Eugenius reiſte deshalb nach Schloß Bardenberg und bot ſeine ganze Beredt⸗ ſamkeit auf, Edgar zu einem ſchriftlichen Aus⸗ druck ſeines Willens zu vermögen; doch er wies ganz entſchieden dieſe Zumuthung ab, und die Gräfin behandelte den Pater mit ſo kaltem Stolz, daß ihm der Aufenthalt in Bardenberg höchſt unangenehm wurde. Deſſenungeachtet blieb er acht Tage ein unwillkommener Gaſt im Schloſſe, und dem guten Abbé wurde viel äußere und in⸗ nere Qual dadurch bereitet. Er hätte ſich gern in dem dunkelſten Winkel von Bardenberg ver⸗ borgen, um Eugenius' lauernden Blicken und Fragen, wie ſeinen indirekten Zumuthungen zu entgehen. Der Abbé, welcher, in Beziehung auf ſeinen Stand, von jeher ein ziemlich harmloſes Leben geführt, und nur hin und wieder eine ihm nicht ganz gelegene Mahnung daran verſpürt hatte, empfand jetzt mit Schrecken, daß man von ihm einen ihm höchſt ungelegenen Gehorſam verlangen und ihn an verſäumte Pflichten mahnen könnte. Es fiel ihm, ſich davor zu wahren, nichts Beſſeres 70 ein, als ſich den Anſchein eines völlig geſchwächten Geiſtes zu geben, was ihm auch ſo wohl gelang, daß die Gräfin davor erſchrak, Edgar ihn mit Erſtaunen beobachtete, und Eugenius an der Brauchbarkeit des alten Mannes verzweifelte. Als der Pater das Schloß wieder verlaſſen hatte, wurde der Abbé wieder ein Anderer, gab aber vor, wirklich die ganze Zeit über ein körperliches Uebelbefinden und eine damit verbundene geiſtige Ohnmacht empfunden zu haben. Die Verſtimmung zwiſchen Mutter und Sohn hatte ſich während dieſes Beſuches etwas gehoben. Er war der Feind ihrer gemeinſamen Intereſſen, und ohne ein Wort der Verſtändigung darüber, kamen ſie ſich während Eugenius' Anweſenheit wie⸗ der näher. Dennoch kehrte kein herzliches Verhält⸗ niß ein, und der Abbé bemühte ſich vergebens, ein ſolches herbeizuführen.— Gar manche ſeiner Mutter widerſtrebende Anſichten entwickelten ſich bei Edgars Beſchäftigung; bald fand er eine Aenderung in dieſem oder jenem Zweige der Ver⸗ waltung wünſchenswerth. Der Geiſt des Fort⸗ ſchritts, welcher die Zeit bewegte, hatte bei Edgar Wurzel gefaßt, und in dieſer Hinſicht die Reiſe und beſonders ſein Umgang mit den Freunden in Rom mächtig auf ihn eingewirkt. Lag in ihrer Denkweiſe auch manches ihm nicht Zuſagende, er⸗ weckte es doch ganz neue Ideen in ihm und machte ihn aufmerkſam auf den Pulsſchlag der Gegen⸗ wart, der ihm jetzt erſt verſtändlicher wurde und ſich ihm nun auch aus den Geſchichten vergange⸗ ner Zeiten offenbaren wollte, mit denen ſeine Er⸗ ziehung hauptſächlich nur beſchäftigt geweſen war. Bei Edgars thätigerem Eingreifen aber mehrte ſich die Spannung zwiſchen ihm und ſeiner Mut⸗ ter wieder, die ihre Herrſcherrechte durch den Sohn und Erben angetaſtet ſah und ſich deshalb mit erneuter Kraft an ihre alten Ideen anklammerte. Der Abbé zürnte Edgar über ſein Auflehnen gegen den gewohnten Willen, den auch er ſo weit verehrte, als eine unſchuldige Liſt ihn zu umgehen räthlich und gut erſchien. Edgar aber ſagte geradezu, wie er es anders wünſchte und für beſſer halte, und das fand der Abbé unrecht, beſonders jetzt ſchon, wo er entſchloſſen war, noch mehrere Jahre auf Reiſen zu gehen, alſo doch ſeiner Mutter die ungeſchmälerte Herrſchaft vor⸗ erſt laſſen mußte. 72 Edgar wollte bald wieder fort, aber noch war er nicht entſchloſſen, wohin er reiſen ſollte— Rom, das ihm bei ſeiner Ankunft in Bardenberg als das erwünſchteſte Ziel vorſchwebte, hatte er aufgegeben. Ella's Briefe verletzten ihn. Sie tadelte ſeine Handlungsweiſe mit einer Freimüthigkeit, die vielleicht Auge in Auge gegenüber ihn weniger gekränkt hätte, als es der Fall war, wie es ihm auf dem Papier entgegentrat. Aus den ſchwarzen Buchſtaben wehte ihn et⸗ was an, das er in Ella's Nähe nicht oder doch nur zuweilen leiſe empfunden, und er erkannte, ſo ſehr ſie ſich auch verſtanden und liebgewonnen hatten, doch eine Kluft zwiſchen ihnen, die ihm, fern von ihr, unausfüllbar vorkam. Er tadelte, beſonders ſeit er ihre Lebensver⸗ hältniſſe genauer kannte, das emancipirte Weib nicht in ihr; allein die Lebenshöhe, auf die ſie ſich geſtellt, hatte dennoch etwas Widerſtrebendes für ihn, was er mehr empfand, als ſich erklärte, und das ihn, ſeit er ihr ferne war, mit Bangen für ihre Zukunft erfüllte. Er wünſchte oft ſelbſt, ſie möchte Lorenzo lieben und ſein Weib werden, 73 damit ihr der natürliche Schutz, den das Weib in allen Lebenslagen bedürfe, nicht fehle: der feſte Halt an dem ſtärkeren Mann.— Lorenzo konnte, trotz ihres freundſchaftlichen Verhältniſſes zueinander, das nicht ſo ſein, wie es Edgar für ein Weib nöthig hielt.— Dagegen ſprach die einmal angenommene Sitte, die ſich auf mora⸗ liſche, ſoeiale und politiſche Rechte ſtützt, und die nur in ſeltenen Fällen, ja nie ganz ungeſtraft umgangen wird und ſtets äußere Unannehmlich⸗ keiten oder innere Qual zur Folge hat.— Gleich⸗ ſam als Rache der allgemein angenommenen, nothwendigen, moraliſchen und phyſiſchen Geſetze, zur feſten Begründung des Familienlebens, in deſſen beſſerem Gedeihen die Wohlfahrt der Völ⸗ ker ruht. Ella überhob ſich über die gebotenen Lebens⸗ rückſichten, weil das Leben ſie mißhandelt hatte. Wer konnte ihr darob zürnen?— Nur fürchten konnte man, daß ſie das geträumte Glück nicht dabei finden werde. Dieſe Furcht hätte Edgar vielleicht wieder in ihre Nähe gezogen und ſie ihm inniger ver⸗ bunden, wenn die Sprache ihrer Briefe ihn nicht 74 allzuſehr daran gemahnt, daß ſie auf chrem Stand⸗ punkte keines männlichen Schutzes bedürfe, daß ſie ihn nicht vermiſſe, und er ihr nur wieder nahe ſtehe, wenn er ſein zu raſch gegebenes Wort zu⸗ rückgenommen und Aline dem Kloſter entriſſen habe Sie fand es alſo erlaubt, ſein Wort unter Um⸗ ſtänden zu brechen— ſie erwartete—ja forderte es ſelbſt von ihm; das verletzte ſein Ehrgefühl, ſeinen Stolz.— In ihren Augen war er noch immer der unerfahrene Jüngling, welcher der Bevor⸗ mundung bedurfte— und— der junge Graf Bardenberg fing eben an, ſeine Selbſtſtändigkeit zu empfinden und auch zu behaupten.— Alles dies wirkte zuſammen, ihm im Laufe dieſes Win⸗ ters den Aufenthalt in Bardenberg zu trüben: die Erinnerung an Manuela— Ella's Briefe— die Kälte ſeiner Mutter, des Abbé's ſtete Vor⸗ würfe, Ermahnungen, Bitten und all die kleinen Quälereien, welche ſeine Gutmüthigkeit nicht mit Härte zurückweiſen wollte; kurz, Alles was auf ihn eindrang, machte ihm den Aufenthalt im Schloſſe ſeiner Väter höchſt überdrüſſig und er beſchloß, mit dem beginnenden Sommer eine See⸗ 75 reiſe zu mächen, und dann London und Poris zu beſuchen.— Er theilte dies ſeiner Mutter als eine be⸗ ſchloſſene Sache mit, die keinen Widerſpruch zu⸗ ließ, und ſie kam zu der Einſicht, daß der Sohn und Erbe des gräflichen Hauſes ſich einſt ſeine Rechte auch ihr gegenüber zu waähren wiſſen werde— und er dieſe entſchiedenere Emancipa⸗ tion aus dem Kloſter mitgebracht habe, wo er ſeinen Willen ohne Bedenken über den des ver⸗ ſtorbenen Vaters geſtellt, indem er ſeine eigen⸗ ſten Empfindungen höher gehalten, als die ihm von Kindheit an eingeprägten Anſichten und Grundſätze. In dieſe unangenehmen Tage kam ein Er⸗ eigniß, des dem Abbé und Edgar einige Zer⸗ ſtreuung bot. Moritz, der verlorene Verwalters⸗ ſohn, traf nämlich wieder in ſeiner Heimath ein. Man hatte lange Zeit gar nichts mehr von ihm vernommen, ſelbſt Forderungen um Geldhilfe blieben aus, und der Verlorengeglaubte wurde darum auch von ſeiner Mutter mit Thränen der Wonne, und mit verzeihendem Lächeln von Eliſe, die ſich der trauernden Tante unentbehrlich 76 gemacht hatte, begrüßt, jedoch mit etwas ingrim⸗ migen Blicken von ſeinem erboſten Vater em⸗ pfangen. Allein das Alles war für Moritz im Augenblick Nebenſache. Gänzlich erſchöpft an Körper und Seele, hatte er nur noch nach dem Daheimſein verlangt— und das war ja jetzt glücklich erreicht. Alle ſeine Kunſtfahrten hatten nur ſchmähliche Erfolge gehabt und mühſam kam er endlich mit einer wandernden Truppe wieder ſeiner Heimath näher, in der ſeine erſten Worte das Gelöbniß waren, ſie nie mehr zu verlaſſen. Das beſtach denn vollends die zärtliche Mutter, die doch wohl ſonſt nachträglich noch mit Vorwürfen gekommen wäre; wie ſie ihn aber ſo zerknirſcht ſah, nichts als Mitleid mit dem leichtfinnigen Sohn empfand. Auch Eliſe zeigte ſich ſo liebenswürdig und theilnahmvoll gegen den ungetreuen Vetter, daß er ganz gerührt davon war und in dieſer An⸗ wandlung recht zärtlich gegen ſie wurde. Nur mit ſeinem Vater wollte die Verſöhnung nicht ſo raſch gehen, er verbat ſich ſeine Gegenwart in der Wohnſtube, was jedoch Eliſe zu ſtatten kam, denn ſie konnte doch den leidenden Vetter 77 nicht lange allein in dem oberen Stübchen laſſen, beſonders da dieſer Aufenthalt ihn wieder leb⸗ hafter an Wilhelmine erinnern mußte. Das war denn nun auch wirklich der Fall, und dazu kam, daß er ſie vor kurzer Zeit erſt und zwar als beliebte Schauſpielerin wieder ge⸗ ſehen hatte. Seine damalige Noth brachte ihn beinahe zu dem Entſchluß, ihre Hilfe in Anſpruch zu nehmen, allein ſchon an ihrer Thüre kehrte er wieder um. Dieſer Demüthigung konnte er ſich doch nicht unterwerfen, lieber wollte er als Bettler Bardenberg zuwandern. Daß er ſie wiedergeſehen und zwar mit Ruhm bedeckt, konnte er in dem kleinen Oberſtübchen voll Erinnerungen an ſie nicht,— ſelbſt Eliſe nicht verſchweigen, und ſie erzählte es ſogleich der Tante wieder, dieſe hinwiederum dem Abbé, und der alte Herr, der zwar überlegte, ob er Edgar da⸗ von ſprechen ſollte, empfand ein ſo großes Vergnü⸗ gen darüber, daß das Bedenken ſchnell verſtummte, und er mit dieſer Neuigkeit nicht eilig genug in das Schloß zurückkehren konnte. Auch machte dieſe Nachricht einen recht erſicht⸗ lich freudigen Eindruck auf Edgar, und er bat 78 den Abbé, Moritz zu ihm zu bringen, damit er ihn ſelbſt über Wilhelmine befragen könne. Das war ihm nun faſt zu viel, allein, einmal das Beden⸗ ken überſprungen, was war da noch zu machen? — Moritz wurde zu dem Grafen gerufen, was ſeine Mutter allſogleich zu einem Verſöhnungs⸗ verſuch bei ihrem Mann benützte, in der Ueber⸗ zeugung, daß bei dem Intereſſe, welches der künf⸗ tige Herr an dem künftigen Verwalter nahm, ſein väterliches Herz ſich erweichen müſſe. Und ſie täuſchte ſich nicht; während Moritz im Schloſſe war, durfte Eliſe ein Verſöhnungsmahl bereiten, und der Abbé ſandte einige Flaſchen des beſten Weines aus dem Schloßkeller dazu. Moritz, der nur von Wilhelmine erzählen ſollte, konnte es nicht unterlaſſen, ſeine Abenteuer mit einzuflechten, die er möglichſt intereſſant zu machen, alle ſeine Beredtſamkeit aufbot, und plau⸗ dern hatte er gelernt von der munteren Soubrette; auch leichtere Manieren, auf die er ſich viel zu⸗ gute that, die jedoch allzuſehr nach Komödian⸗ tenthum ſchmeckten, um Edgar nicht unangenehm aufzufallen. Mit einigem Schrecken gedachte er dabei des 79 Mädchens, daß er gern vor allen Lebensgefahren geſichert gewußt hätte. Erzählte ihm auch Mo⸗ ritz Lobenswerthes von ihr,— ihr Lob aus ſei⸗ nem Mund klang ihm ſo zweideutig, mitunter ſelbſt beleidigend, daß er ſehr bereut haben würde, ihn über Wilhelmine zu befragen, wenn er nicht dadurch ihren jetzigen Aufenthaltsort erfahren hätte.— Sie aufzuſuchen und von ihr ſelbſt zu hören, wie es ihr ſeither ergangen, wurde zu zu einem ſchnellen Entſchluß, der um ſo raſcher reifte, als er ſich Vorwürfe machte, Ella zulieb ſeine Reiſe nach Wien aufgegeben zu haben. Es. beunruhigte ihn, weshalb ſie wohl dieſe Stadt wieder verlaſſen, wo er ſie ſo wohl geborgen glaubte, und was ſie in ſo weite Ferne getrieben. Er kannte die Theaterverhältniſſe zu oberflächlich, um ſich auch nur annähernd ein richtiges Bild davon zu entwerfen, und was Moritz erzählte, der enttäuſchte Künſtler, brachte ihm keine ſchmei⸗ chelhaften Vermuthungen darüber bei. Als Mo⸗ ritz mit der Erzählung ſeiner Abenteuer zu Ende gekommen und ſich wieder entfernt hatte, ſagte Edgar recht lebhaft zu dem Abbé: „Ich werde Wilhelmine beſuchen, ehe ich 80 reiſe, um mich ſelbſt zu überzeugen, wie es ihr geht.“ „Wie— was, das wollten ſie?— giegt ja aber ganz außerhalb der entworfenen Reiſe⸗ route!“ widerſprach der Abbé eifrig. „O, man macht ja jetzt ſo leicht weite Um⸗ wege und meine Zeit erlaubt mir ſolche“, ent⸗ gegnete Edgar lächelnd, als er die Unruhe ſeines Erziehers bemerkte. „Gräfin Erlaucht werden aber nicht gut dazu ſehen „Meine Mutter muß ſich ſchon daran gewöh⸗ nen, beſter Abbé, meinen Willen in meinen An⸗ gelegenheiten als den geltenden anzuerkennen.“ „Wie ſie ſeit einiger Zeit— ſeit ſie wie⸗ derkehrten, ſo— ſo reſpeetswidrig gegen ihre Mutter Erlaucht ſich zeigen! nein Edgar, das ſollten ſie wirklich nicht.“ „Lieber Abbé, ich bin kein Kind mehr; ich muß anfangen ſelbſt über meine Handlungen zu ent⸗ ſcheiden, das erleichtert ja ihnen und meiner Mutter die Sorge um mich, die ihr ſeither all⸗ zugewiſſenhaft übernommen habt. Ich will mich jetzt ganz nach meinem Dafürhalten noch einige Zeit 81 in der Welt umſehen, um, wenn ich einſt hieher genug Einſicht zu beſitzen, zu wiſſen, was mir frommt.“ „Sie werden aber doch nicht daran denken, den Herrn hier ſpielen zu wollen, ſo lange ihre Mutter lebt? Nein, Edgar, das dürfen ſie nicht, das hieße die Erlaucht geradezu an ihrer empfind⸗ lichſten Seite verwunden. Sie nehmen jetzt ſchon mitunter einen Ton an— einen Ton— den ich, ihr Erzieher, nicht billigen kann.“ Edgar lächelte und ſagte:„Was kommen wird, laſſen ſie es uns ruhig erwarten. Vorerſt reiſe ich— oder vielmehr, guter Abbé, ich be⸗ ſuche vor allen Dingen Wilhelmine, für die ſie ſich, wie es mir vorkommt, ſelbſt einmal recht leb⸗ haft intereſſirten.⸗ „Auf ihre Bitten und Empfehlungen hin, Graf, nur darauf hin. Was denken ſie— ich! — Wahyrlich, dieſe Undankbare iſt nicht werth, ſo viel an ſie zu denken.“ „Laſſen wir das, Abbé, und helfen ſie mir ur Reiſe rüſten; ich habe noch ſo Vieles zu ord⸗ nen und möchte möglichſt bald fort von hier. Es iſt beſſer für mich und die Mutter, und wenn ſie Stein, Die Braut im Kloſter. III. 6 82 uns Beide lieb haben, ſo bereiten ſie einſtweilen die Gräfin darauf vor, daß ihr Sohn der Erbe ſeines Vaters iſt und nicht nur den Namen deſ⸗ ſelben tragen möchte, ſondern auch, gleich ihm— Herr von Bardenberg ſein.“— „— Aber Edgar—“ „Ich liebe und ehre meine Mutter“,— fuhr Edgar erregter ſor„aber ich fühle, daß ich mich nur zu lange ihrem Willen untergeord⸗ net habe; ihre Erziehungsweiſe, wie die ihre, Abbé, und Alles, was damit zuſammenhing. paßt nicht mehr in unſere Tage. Darum war auch eure Mühe eine undankbare. Sobald der Käfig, in den ihr und der Wille des Todten das junge Leben ſperrtet,— geöffnet war— vegann ſein freier Flug, und es lernte ſeine Schwingen gebrauchen, ihre Kraft erkennen, die nach und nach ihre Urſprünglichkeit wieder erlan⸗ gen ſoll.“ Nach dieſen Worten verließ Edgar den er⸗ ſtaunten Abbé, der ihm kopfſchüttelnd nachſah und zu ſich ſprach: „Ich dachte es doch immer im Stillen: zu lange in Unſchuld erhalten, taugt nichts. Nun, 83 die Gräfin Erlaucht mag ſehen, wie ſie ſpäter mit dem Herrn von Bardenberg fertig wird, da ſie den Sohn von ihrem Herzen ferne gehalten hat.“— „Ochnell Mädchen, ſchnell das Spiritusflämmchen angefacht, den Theekeſſel darauf, daß das Waſſer ſprudelt, bis ſie kommt!“ rief Pauli ſchon die Treppe herauf der leuchtenden Dienerin zu, die Wilhelminens kleines Hausweſen beſorgte.„Sie wird mir auf dem Fuße folgen“, fuhr er geſprächig fort,„denn ich konnte mich nicht, wie ich dir ver⸗ ſprochen, vor dem Fallen des Vorhangs entfernen. Ich war ſo ergriffen, daß ich, wenn ſie mich nicht mit fortgezogen hätten, wohl noch im Parterre ſäße, denn ich ſage dir Mädchen, das war eine Julie— ganz ſo wie der Dichter ſie ſchildert, in ihrem Liebesglück, ihrem Schmerz, ihrem Tod.— O meine Minna, Kind meiner Seele— du warſt heute groß,— du haſt den alten Künſtler, der Iffland und alle Größen ſeiner Zeit geſehen, glück⸗ licher gemacht, als er es je geweſen!“— „Was ſie da ſagen⸗ Herr Pauli. Unſer Fräu⸗ lein war alſo heute wieder einmal eine wahre Göttin!— Warum ſie aber nur ſo traurige Rollen ſpielen mag? Iſt ſie doch ſo reizend, wenn ſie lacht, und ſcherzt und kokettirt; da ſind ſie ja rein toll mit ihr. In die traurigen Stücke geht Niemand gern. Es war gewiß recht leer heute.“ „Mäßig beſetzt, ja. Aber eine Stille, ſage ich dir, eine Andacht, wie in einer Kirche.“ „Was, kein Applaus, kein Hervorruf! Sie erſchrecken mich wahrhaft mit ihrer Andacht und Stille. Das Theater iſt doch keine Kirche.“, „Heute war es ein Haus der Andacht. Doch das verſtehſt du nicht, Mädchen.“ „Will's auch nicht verſtehen, Herr Pauli. So hoch hinaus kann ich nicht. Aber die Hauptſache iſt und bleibt doch immer der Beifall, der laute, ſo recht eklatante Beifall. Ach, wenn's ſo klatſcht. und ſtampft und ruft nach jeder Scene, ſo recht mitten drin, und man Alles darüber vergißt:— wieder und wieder heraus!— und gar Kränze und Blumenſträuße zu Dutzenden fallen, und hätte man auch die meiſten beſtellt oder ſelbſt gemacht und ſie in's Orcheſter geſchickt zum Werfen bei 86 dieſem und jenem Applaus— es iſt doch gar zu ſängerin, Kammerjungfer war, da war ich ganz darauf eingeübt, und, als ſie einmal zwei große Parthien ſchnell nacheinander ſang, nahm ich die⸗ ſelben Kränze wieder und machte nur andere Schleifen daran. War das nicht recht praktiſch, Herr Pauli?— und ihr war es eine Freude, ſage ich ihnen, eine Freude, die ich freilich ſelbſt kaum vegriff. Der Schein— nun der kann ſchon beglücken, das leuchtet ein— aber, daß ſie ſelbſt vor den Kränzen niederknieen und ausrufen konnte: Wie glücklich bin ich, ſo berühmt zu ſein! das ging nun auch über mein Faſſungsvermögen, wie ihr Entzücken über eine ſtille Andacht im Theater.“ Unter dieſem Geplauder hatte die Schwätzerin das einfache Abendbrod gansz zierlich geordnet, und das Waſſer fing eben an aufzudampfen, als es die Treppe heraufkam, doch nicht ſo flüchtigen Schrittes, als Wilhelmine zu kommen pflegte, dennoch konnte es ja Niemand als die Erwartete ſein, und Roſette eilte mit dem Lichte entgegen. — Aber ſiehe da, die ſchlanke Geſtalt eines gar ſchön! Wie ich bei Fräulein H., der Coloratur⸗ * „„ 5 hübſchen Mannes ſtand auf der Treppe und fragte, ob hier Fräulein Merau wohne. Roſette bejahte erſtaunt, ſetzte aber ſogleich etwas ſchnippiſch hinzu, daß Fräulein Merau in ſolcher Stunde keine Beſuche empfange, am allerwenigſten von jungen Cavaliers, die ſie ſelbſt nur ausnahmsweiſe, nur in ganz beſondern. Fäl⸗ len des Vormittags vorlaſſe. „Ich bin ein alter und guter Bekannter von dem Fräulein,“ entſchuldigte Edgar,„und wollte ſie nur heute Abend noch ſchnell begrüßen, und nahm keinen Anſtand, da ich hörte, daß ſie unter dem Schutze eines alten Künſtlers lebt, den ſie Vater nennt.“ „Das iſt ſo, allein dennoch muß ich ſie bitten, morgen wieder zu kommen.“ „Was giebt's da draußen zu verhandeln?“ miſchte ſich Pauli ein, indem er unter die Thüre trat. In dieſem Augenblick ſprang es die untere Treppe herauf. Wilhelmine war's, von einer alten Frau gefolgt, welche den Korb mit der Theater⸗ garderobe nachtrug.— Der Fremde wandte ſich eben zum Gehen, und ſein Auge begegnete dem Wilhelminens, däs 88 unter Kapuze und Schleier hervor ſich erſtaunt, doch freudig, auf ihn richtete, von einem leichten Ausruf der Ueberraſchung begleitet. Dann blieb ſie einen Augenblick regungslos ſtehen. Edgar reichte ihr die Hand entgegen und bat: „Zürnen ſie nicht, daß ich einen ſo ſpäten Beſuch wage, aber erregt von ihrer Darſtellung und voller Sehnſucht, ſie wieder zu ſehen, war es mir, ich müſſe ſie heute noch begrüßen.“— „Nun ſie einmal da ſind,“ erwiderte Wilhelmine raſch,„mögen ſie auch noch eine Stunde bleiben und den Thee mit mir und Vater Pauli trinken.“ Dieſer und Roſette ſahen einander überraſcht an, und die Augen der letzteren wurden noch größer, als Wilhelmine dem alten Herrn den Grafen Edgar von Bardenberg vorſtellte, und dieſer mit großer Herzlichkeit dem jungen Mann die Hand entgegenreichte.“ „Ein Graf und, ein ſo ſchöner Graf, ſagte ſich das Mädchen wiederholt und begriff nur nicht recht, daß ein ſo vornehm ausſehender Cavalier nicht auch reich ſein ſollte— und das mußte doch wohl nicht der Fall ſein, da ihre Gebieterin mit ſehr vielen pecuniären Verlegenheiten zu kämpfen — 89 hatte, und ihre Garderobe ſo beſcheiden, ja mangel⸗ haft gegen die der meiſten andern Damen beim Theater war, was, nach ihrer Meinung, gar man⸗ cher ſchönen Rolle weſentlichen Eintrag that und ſelbſt zuweilen von der Kritik getadelt wurde. Sie hatte bis jetzt einen ungeheuren Reſpekt vor Wilhelminens ſeltener Tugend empfunden, und auch ſelbſt heute Abend, wo ſie einen ſchönen Grafen beim Thee neben ſich ſitzen hatte, konnte ſie nichts herausfinden, was dieſen Reſpekt beein⸗ trächtigt hätte. Wilhelmine ſchien zwar etwas erregt, allein, das konnte auch von der eben geſpielten Rolle her⸗ rühren, und der Graf ſprach hauptſächlich nur von dieſer Rolle und ihrer trefflichen Darſtellung derſelben, und der alte Pauli kam dann gleich wieder in ſeine Kunſtgeſpräche hinein, ſo daß gar nichts von einem frühern, zärtlichen Verhältniß der Beiden herauszufinden war.— Edgar ſchied und verſprach morgen wieder zu kommen, und erſt bei dieſem zweiten Beſuche kam die Rede auf Wien, und Wilhelmine dankte ihm erröthend für ſeine Sorge um ſie und ver⸗ barg ihre Entrüſtung nicht über den Mißbrauch, 90 den Frau Peppi damit getrieben. Daraus ent⸗ ſpann ſich die Erzählung ihres Lebens im Hauſe dieſer Frau und ihr Zuſammentreffen mit Pauli, dem ſie ihre Errettung aus einem Miſere, das ihr Talent abermals zu vernichten gedroht, ver⸗ danke, wie ihre Stellung an einem beſſern Theater. Pauli wollte ſein Verdienſt nicht ſo hoch an⸗ geſchlagen wiſſen und theilte Edgar die Noth mit, in der ihn Wilhelmine gefunden und ſprach von ihrer kindlichen Liebe und Sorge, die ihn mindeſtens um zehn Jahre verjüngt hätten, und ſetzte hinzu, daß ſie ſeine und er nicht ihre Stütze ſei. Doch dieſem widerſprach ſie aufs Eifrigſte und geſtand mit einer Dankesthräne im Auge, daß ſie ohne Edgars und Pauli's Schutz wohl längſt zu Grunde gegangen oder wieder im Kloſter wäre.— Edgar aber machte ſich Vor⸗ würfe, ſo läſſig nur für ſie geſorgt zu haben und wünſchte nichts mehr, als jetzt noch im Stande zu ſein ihr nützlich zu werden, um das Verſäumte nachholen zu können. Sie dankte ihm und ſagte: „Nun kann ich mir ſchon ſelbſt forthelfen. 91 und ſo lange ich meinen guten Vater und Lehrer zur Seite habe, fühle ich nicht mehr, daß ich von frühe⸗ ſtey Zeit an ein verlaſſenes und ungeliebtes Kind war, und dann hoffe ich auch, daß die Kunſt mir immer erfreulichere Bahnen eröffnet, und ich in ihr das Glück finden werde, das ein heimathloſes Weſen, wie ich eines bin, nur zu finden vermag.“ Wilhelmine kam Edgar verändert und viel liebenswürdiger als früher vor, und doch war ſie 3 ganz daſſelbe Weſen, das im Kloſter ſeine ſpukhaften Spiele getrieben und von dort ſo keck entfloh, wie ſpäter von Barden⸗ berg. Der kindiſche Trotz nur, den eine liebloſe Behandlung erzeugt, war durch die Erreichung eines feſtgeſetzten Zieles zu einer Selbſtändigkeit geworden, die in ihrem Anſchmiegen an den greiſen Künſtler etwas ſo Liebenswürdiges hatte, daß es wahrhaft rührte und den kecken Sinn zur anmuthigſten Weichheit umformte. Das Unſtäte ihres Geiſtes, was wie ein Irrlicht umherge⸗ flackert und Edgars aufkeimende Neigung für ſie weſentlich beeinträchtigt hatte, zeigte ſich jetzt als eine höhere, geiſtige Erregung, die ſie unge⸗ mein verſchönte. Was ſie aber in Edgars Augen 92 noch ganz beſonders liebenswerth machte, war ihr offenes Bekenntniß, daß ſie ſich eines lie⸗ benden Schutzes bedürftig fühle, und ſie ohne den alten, treuen Freund kein rechtes Herzens⸗ glück finden, und ſich überall heimathlos vor⸗ kommen würde. Er verglich ſie mit Ella; Beide ſtrebten einem ähnlichen Ziele zu: in künſtl eriſchem Streben eine ſelbſtändige Lebensſtellung 3 inden, unbe⸗ engt von dem Zwang der Verhält⸗ niſſe, und in dem Verlangen, Trübes in der Vergangenheit damit zu bedecken. Ella ſtellte ſich kühn über jedes Vorurtheil und überſchritt wohl auch die äußerſte Schranke, die das Weib umgiebt, wenn es ihr individuelles Glück be⸗ dingte, wenn ſie darin die geträumte Freiheit zu finden wähnte. Wilhelmine dagegen, die, eingeengt in die Mauern eines Kloſters, in ihren unbeſtimmten Begriffen von den Fren des Lebens, auch von einer ſchrankenloſen Frei⸗ heit geträumt hatte, ſchrak beim Näherbeſchauen einer ſolchen davor zurück und umfaßte, mit dem heißen Verlangen nach liebendem Schutz, den greiſen Künſtler, in deſſen Umgang ſie die 93 beſte Freude ihres Herzens fand. Mit kindlicher Liebe und den zarteſten Gefühlen der Dankbar⸗ keit, hing ſie ſich an ihn, und dieſes weichere Ele⸗ ment, das in ihr Leben eindrang, milderte die Schroffheit ihres Weſens, und das höhere Ver⸗ ſtändniß, das ihrem Geiſt durch Pauli aufging, leitete jede Verirrung deſſelben dem richtigen Wege zu, deſſen direktes Ziel die dramatiſche Kunſt und git ihr das tiefere Erſchließen des menſchlichen war, was beides bei Wil⸗ helmine bildend und veredelnd auf das eigene Herz zurückwirkte und ihr jene bezaubernde, weib⸗, liche Anmuth verlieh, welche unwiderſtehlich feſſelt. Sie war dieſelbe noch, nur wie aus edlerem Guſſe jetzt hervorgegangen, der auch die kleinſte und unvollkommene Stelle ausge⸗ glichen hatte. Edgar fühlte ſich bald ſo wohl und heimiſch bei ihr in der kleinen Stube mit dem Schmucke ihrer einfachen Blumen und den blendend weißen Gardinen, von grünen Schlingpflanzen umrankt, daß ihm der Gedanke an ein baldiges Scheiden recht ſchmerzlich war. Doch Wilhelmine mahnte daran; denn auch die äußere Ehre war ihr heilig 94 geworden, ſeit ſie dieſelbe erkennen und einſehen lernte, wie manches Leben an ihrer Geringſchätzung ſcheiterte, und wie auch das ihre nahe daran geweſen, an der Wichtigkeit dieſer ſo tief in alle Verhält⸗ niſſe eingreifenden Sache zu Grunde zu gehen.— Edgar fühlte das Gewicht ihrer Mahnung und ſetzte ſeine Abreiſe auf den folgenden Tag feſt. Den Abend aber ſollte ſie ihm noch ſchenken, und ſie beſchloſſen, ihn im Freien zu verbringen. Es war ein ſo wonniges Frühlingswetter ein⸗ getreten. Edgar beſtellte einen Wagen, und ſie fuhren nach einem reizend gelegenen Dorfe am Abhang der jenſeitigen Berge. Dort angekom⸗ men wählten ſie den friſchen Raſen eines länd⸗ lichen Gartens, überwölbt von blühenden Bäu⸗ men, zu ihrem Ruhepunkt. Vor ihnen lag das weite Thal, grün und frühjahrlich die Stadt mit ihren vielen Thürmen umſpannend. Die Berge im Südweſt leuchteten heller in den Strah⸗ len der abwärts neigenden Sonne, während ſich in der Tiefe die Schatten weiter ausbreiteten. Edgar und Wilhelmine ſahen in den ſchönen Abend hinein, ſchweigend als ob ſein Reiz ſie 95 feßle, und doch bemerkten ſie ihn wenig. Der nahe Abſchied machte ſie ſtille und beſchäftigte ihre Gedanken. Pauli plauderte mit den Kin⸗ dern, die neugierig hinzugetreten waren, und bald war ein ganzer Kreis um ihn verſammelt, der ihn lärmend in ſeine Mitte nahm und ihn mit ſich fort zog. weiter den Abhang hinab. Edgars und Wilhelminens Schweigen ging nach und nach in vertrauliche Worte über, es war ihnen, ſie hätten ſich noch ſo wenig erzählt, und Wilhel⸗ mine machte ihm den Vorwurf, daß er nur immer von ihrem Leben wiſſen wolle und ihr eigentlich noch nichts von dem ſeinen geſagt habe; von ſeinem Aufenthalt in Rom, und was ihn abge⸗ halten, ſeine Rückreiſe über Wien zu machen. Er geſtand ihr den Zauber, mit dem die Freundin ihn zurückgehalten, und dann den Grund der unaufſchiebbaren Reiſe. Es war das Erſte⸗ mal, daß er mit ihr darüber ſprach, und ſeine Stimme zitterte, wie er der beſtimmten Verlobung im Kloſter erwähnte. Er wollte ſchnell darüber hinweggehen, doch Wilhelmine faßte ſeine Hand in einer Erregung, die ihm auffallen mußte, und ihren größten Blick auf ihn heftend, flehte ſie: 96 „Edgar, ich beſchwöre ſie, erklären ſie mir Alles, Alles. Im Kloſter lebt das Weſen, das ſie lieben ſollten— o, reden ſie, in welchem Kloſter, in welcher Stadt, und wie nennt ſich ihre Verlobte.“ „Aline von Bardenberg;“ erwiderte Edgar etwas erſtaunt. „Aline von Bardenberg,“ ſprach ſie tief auf⸗ athmend nach und ſetzte dann lächelnd hinzu: „Ach, ich wähnte, dieſe Kloſterbraut müſſe Ma⸗ nuela, der Engel meiner Kindheit, ſein. Wie man doch ſo wunderliche Einbildungen haben kann und Dinge—“ „Manuela— ja, Manuela nannten ſie Aline im Kloſter;“ unterbrach ſie Edgar und ſagte ihr den Namen der Stadt und des Kloſters, wo Aline weile. Wilhelmine ſprach nur:„weiter, Edgar, weiter.“ Ihr Auge hing an ſeinen Lippen; er ſollte nur erzählen von Manuela, und ſie erfuhr Alles, und als er geendet, brach ſie in Thränen aus und rief ſchmerzlich: „O, mein ſüßes Kind! ſo glücklich konnteſt du werden, und man raubte dir dein Glück!“ Sie ſtand auf und ging im Garten umher, ſie mußte ſich erſt wieder faſſen, ehe ſie weiter mit †⸗ reden konnte Dann erzählte ſie ihm von Manuela und ihrer Liebe zu einander, von den Tagin im Kloſter, und den Stunden, in denen Manukla's Liebe ſie glücklich gemacht, ihrer Sorge um die ſpiritualiſtiſche⸗ Freundin, und ſie beklagte ſchmerzlich, daß Edgar ſie nicht aus den beengen⸗ den Feſſeln des Kloſterlebens gerettet habe. Als jedoch ihre Aufregung ſich etwas gelegt, begriff ſie recht wohl die Entſagungsſcene und Edgars Handlungsweiſe, die ſie um ſo höher ſtellte, als ſie empfand, daß Manuela ihm theuer war— theuer ſein mußte, und dies wurde ihr noch kla⸗ rer, als nun auch des Abends gedacht wurde, an dem er ſie und Manuela zuerſt geſehen. Sie ſagte ſich, daß ſeine damalige Erregung für ſie nur ein ſinnlicher Nachklang des Eindrucks von Ma— nuela's holder Erſcheinung geweſen, und ein leiſer Schmerz durchzog ihre Bruſt; ein hohes Roth be⸗ bedeckte ihre Wangen, doch ſie kam raſch darüber hinweg und ſie fragte Edgar, ob denn gar keine Möglichkeit einer Aenderung dieſer Sache vor⸗ handen wäre, und ein Glück für Manuela außer⸗ halb des Kloſters nicht denkbar ſei. Edgar ver⸗ neinte es, und dieſe Verneinung klang recht Stein, Die Braut im Kloſter. III. 7 98 wehmüthig— ſo glaubte es wenigſtens Wiheh) mine, und der Gedanke, die Freundin im Kloſter noch einmal aufzuſuchen, den ſie ſchon öfter ge⸗ habt, wurde zu einem feſten Vorſatz, den ſie um jeden Preis ausführen wollte.— Sie mußte Manuela's Herz erforſchen, ehe dieſe mit heiligem Gelöbniß der Welt entſagte, und es war ihr ein großer Troſt, von Edgar zu hören, daß die ge⸗ ſchäftlichen Angelegenheiten, mit denen ſein Rück⸗ tritt zuſammen hing, noch längerer Zeit zu ihrer Ordnung bedurften. Edgar und Manuela noch zu vereinen, ſtand als eine ſchöne, wenn auch ſchwe⸗ re Lebensaufgabe vor ihr, und Alles, was da⸗ gegen ſprach, wies ſie zurück, und wohl gerade deshalb mit allen möglichen Gründen, weil dieſe Gründe ihr Schmerz machten, und der Gedanke an Manuela's Glück in Edgars Liebe ſie mit einer Pein erfüllte, die ſie ſich nicht verzeihen konnte, und die ſie vor ſich ſelbſt erröthen machte. Je befangener ſie dadurch Edgar gegenüber wurde, um ſo leidenſchaftlicher ſprach ſie von Manuela's holdem Reiz und ihrer Berechtigung zum höchſten Erdenglück, und ſie beſchwor Edgar, die Sache zu verzögern; es könne und müſſe noch ein günſtiger Zufall kommen, der Manuela aus ihrer Körper⸗ und Seelenhaft befreie. Vergebens ſtellte Edgar ſeine Gründe dagegen hauf; die bewegte Stimme, mit der er es that, beſtärkte nur Wilhelmine in ihrem Vorhaben, und obſchon ſie ihm daſſelbe nicht mittheilte, ver⸗ langte ſie doch ſein Verſprechen, ſobald ſie ihn rufe, zu ihr zu kommen. S Gern willigte er in dieſen Wunſch und meinte. 6 er werde eher wieder bei ihr ſein, als ſie es wün⸗ 13 ſchenswerth finde. Pauli kam wieder zu ihnen; er hette ſich der entledigt und mahnte an die Heim⸗ kehr.— Es fing bereits an zu dunkeln. Heraufziehende Wolken bedeckten die Sterne, und der Mond kam erſt ſpät„ Edgar ſaß im Wagen Wilhelmine gegen⸗ über. Ihre Hand lag in der ſeinen; ſie wußten Beide nicht, wie es gekommen und dachten auch nicht darüber nach. Mit halbem Ohr horchten ſie auf Pauli's Geplauder. Sie ſelbſt ſprachen en es war ja die letzte Stunde des Bei⸗ ſammenſeins. 7 100 „Auf baldiges Wiederſehenz“ ſprach ſie leiſe, als der Wag n an ihrem Hauſe hielt⸗ Ein warn Druck der Hand, ein Kuß auf ihren Arm Edgars Antwort⸗„ Er hob den alten Mann aus dem Wagen dann unterſtützte er Wilhelmine, ihr Fuß glitt aus, und einen Moment lag ſie in ſeinem Arm⸗ und er fühlte den heftigen Schlag ihres Herzens. Sie eilte mit einem ſchnellen Lebewohl in's Haus Er folgte ihr nicht. Den andern Morgen, als ſie etwas ſpät aus ihrem Schlafkabinet kam, war das Zimmer, in dem ſie ſtets mit Edgar zuſammen on den ſchönſten Frühlingsblüthen angefüllt. „Wohl Edgars Abſchiedsgruß;“ ſagt lächelnd zu Pauli. Er nickte betrübt, und raſch beugte ſie ſich zu der ſchönſten Roſe nh eine hervorbrechende Thräne zu verbergen. ſie Heit Edgar Rom verlaſſen, betrieb Ella ihre Kunſtſtudien mit dem größten Eifer, und machte unter Lorenzo's Leitung und dem Umgang und den Belehrungen auch anderer Künſtler, raſche Fortſchritte. „Die Schülerin wird bald den Meiſter über⸗ treffen,“ ſagte eines Tages Lorenzo, als er an ihre Staffelei getreten, um ein bald vollendetes Bild zu prüfen. „Ich werde dir den Lorbeer nicht ſtreitig machen,“ erwiderte ſie heiter, indem ſie Pinſel und z⸗ zur Seite legte, dann ſeinen Arm ergriff und mit ihm auf den Balkon trat, indem ſie fortfuhr:„Man hat dich ja des Lorbeers würdig erklärt, ſeit du deine Madonna aus⸗ ſtellteſt.“ „Du haſt es gethan, nicht ich,“ fiel er raſch ein.— 102 „Ich that es um deines Ruhmes willen. Es iſt das Beſte, was du gemalt.— Hätte Edgar die Kloſterbraut den Erdenfreuden gerettet— das Bild wäre ſein Eigenthum geworden, trotz meinem heißen Verlangen nach Ruhm für dich. Es wäre verhüllt geblieben bis zum Tag ſeiner Vermählung, an dem es den Altar der Schloß⸗ kapelle in Bardenberg ſchmücken ſollte. Nun aber, mit ſeiner— großartigen Entſagung, wie du es nennſt, gingen alle ſentimentalen Wünſche meines Herzens dahin, und nur der Ruhm ſtand wieder vor mir als beglückende Gottheit. Wäre mein Schmerz nicht um das arme Kind Rudolfs, das als ein unglückliches Opfer enden wird, ich müßte Edgars Handlungsweiſe preiſen, da ſie mich mir ſelbſt wieder gab; denn wer weiß, Lorenzo, ob dieſe Schwäche meines Herzens ſich nicht zur Leidenſchaft geſteigert, wenn er die Braut aus dem Kloſter als liebendes Weib auf die Burg ſeiner Väter geführt hätte. Als du bei ſeinem Abſchied die Madonna vor ihm enthüllteſt, und ich den Eindruck gewahrte, den das Bild auf ihn machte, empfand ich ſo etwas in mir, und ich hatte zu kämpfen mit meinem Herzen, das die Roſen ſüßer, beglückender, als den Lorbeer finden wollte. O, wäre ich doch ein Mann, Lorenzo! dein Bruder— welch' ein Glück wäre dies! So muß ich wohl mein Taglebens empfinden, daß ich eben ein Weib bin.“— „Ella!“— „Widerſprich mir nicht. Ich ſpreche jetzt nicht von der Schwäche des eigenen Herzens, ich habe ſie beſiegt; ich rede von den kleinlichen Hemm⸗ niſſen und Widerlichkeiten, denen das Weib aus⸗ geſetzt iſt, ſobald es aus der enggezogenen Schranke heraustritt, welche daſſelbe in den Kreis des häus⸗ lichen Lebens bannt. Mein Geſchick und mehr noch meine Neigung haben es mir geboten, und ich ſtrebte in dieſer Ueberhebung über mein Ge⸗ ſchlecht nach Glück, eine Sache die nur allein in freier Bewegung werden kann. Ich werde es finde ja, beſitze ich es denn nicht ſchon? Führen wir nicht ein ſchönes Leben?— Und dennoch, Lorenzo,— ich will es dir offen be⸗ kennen— iſt es mir zuweilen, ich bedürfte eines feſteren Haltes als dich, Freund, um mich auf die Lebenshöhe zu ſchwingen, nach der mich verlangt.“ — 8 — 104 „Sprich dich ganz aus, Ella.“ „Du vermagſt es mit all deiner Freundſchaft und deiner Aufopferung nicht, micht vor den Störungen zu bewahren, die an mich als Weib herantreten. Man ſieht in dir nur meinen Ge⸗ liebten, und ſelbſt unter den Freunden iſt hin und wieder Einer, der es mich empfinden läßt, durch einen Blick, eine Aeußerung, die mich verletzt.— Es wäre vielleicht anders, wenn wir uns liebten, aber ſo ärgert mich auch der leiſeſte trübe Schat⸗ ten, der auf unſer Bündniß fällt. Ich dachte mir das anders, dachte, keine noch ſo ſchlimmen Verläumdungen könnten mich Jach dem⸗ was ich erfahren, noch kränken; doch es iſt eine empfind⸗ liche Sache, ſchuldig zu ſcheinen, wo man es nicht iſt. In der Leidenſchaft der Liebe kann man ſich wohl über Alles erheben, über jeden moraliſchen Einwand,— wie jedes Vorurtheil, mit dem man ſie belegt.“ „Wenn dein Name einſt helle in der Kunſt⸗ welt ſtrahlt, wirſt du über das Alles hinweg⸗ kommen, was dich bis jetzt noch mitunter be⸗ engend drückt. Werde nicht grillenhaft, Ella! Einſt erhobſt du mich mit deiner friſchen Kraft 105 und willſt jetzt, wo du ſo vieles hinter dir haſt, zaghaft werden?“ „Nein, Lorenzo! verſtehe mich recht— ich fange nur an zu zweifeln, ob es wirklich eine Stellung für das Weib giebt, in der ſie wie der Mann ſagen kann: ich bin frei, bin ſelbſtſtändig, bin mir ſelbſt Stütze und Halt genug.“— „Zu was willſt du das auch, bin ich dir nicht zur Seite?“— „Ich möchte dich zum Bruder haben, dann wäre es wohl anders. Vieles, was mich jetzt är⸗ gert und ſtört, würde dann nicht mehr an mich herantreten können.“ „Da ich mich nicht zu deinem Bruder machen kann“ verſetzte Lorenzo nach einer Pauſe,„will ich dir einen andern Vorſchlag machen: nimm mich zum Mann. Als meine Gattin, als des Künſt⸗ lers Weib und ſelbſt Künſtlerin, wirſt du über alle dieſe Dinge hinwegkommen, und deine Frei⸗ heit wird durch dieſes Band nicht beengt wer⸗ den.“ „Ich liebe dich ja aber nicht, Lorenzo!“ ent⸗ gegnete Ella, von dieſem Vorſchlag unangenehm überraſcht. 106 „Es handelte ſich ja auch nur um eine Schein⸗ ehe, das ſie bleiben könnte, bis wir uns lieben lernten. Glaubſt du denn gar nicht an dieſe Möglichkeit?“ „Nein“; erwiderte ſie ruhig. Dieſes ruhige Nein ärgerte ihn, und den Arm um ihre Taille legend und ſie in das Atelier zurückziehend, ſagte er wärmer: „Die Liebe im Bund mit der Kunſt ſollte dir wirklich Fht als ein Glück erſcheinen kön⸗ nen? „Doch, Lorenzo.— Ich möchte einmal lieben können mit der ganzen Gluth meiner Seele und ebenſo geliebt werden als Weib und als Künſt⸗ lerin. Das wäre wohl das höchſte Glück für mich. Aber bei uns iſt das nicht möglich, mein Freund — die Leidenſchaft der Liebe ſteht unſerem Bunde ſo fern, wie das Leuchten des Blitzes dem klaren Himmel. Sprich mir davon nicht mehr;— ich mag deinen Vorſchlag nicht einmal überlegen, denn verlangt es mich auch in der Freiheit mei⸗ nes Lebens mitunter nach einem ſo recht feſten, ſichern Halt, ich komme bald wieder über dies ſchwächliche Verlangen hinweg, das mich ſtets mit 107 Verdruß erfüllt. Drum, Lorenzo, möchte ich ein Mann, möchte dein Freund, dein Bruder ſein.“— „Ella, biſt du denn nicht die Schweſter mei⸗ ner Seele?— Wolle nichts anderes, als was eben möglich iſt, und vertraue mir, wie einſt in deinen ſchwerſten Stunden.“ Er umfaßte ſie, ihr Haupt ſank an ſeine Bruſt, und ſie ſagte bewegt: Vergieb, Lorenzo, treuer Freund!— Ich weiß es ja, unſer Bund iſt mein beſter Halt.“ In dieſem Augenblick that ſich die Thüre langſam auf, und eine Frau trat ein in abge⸗ blaßter Kleidung, der man die Spuren eines langen Gebrauchs ebenſo anſah, wie dem ver⸗ witterten Geſichte die Strapatzen einer unange⸗ nehmen Zeit. Ella, ihr Angeſicht an Lorenzo's Bruſt an⸗ ſchmiegend, gewahrte das Eintreten der Frau nicht; doch ein Erbeben Lorenzo's bemerkte ſie, und ein verzweiflungsvoller Schrei drang an ihr Ohr. Erſchrocken erhob ſie das Haupt, und ſchon war ſie umſchlungen von den Armen des Weibes, die wie eine Wahnſinnige auf kam 108 und ſie mit übermenſchlicher Kraft Lorenzo's Arm entriß und heftig zur Seite ſchleuderte. „Berühre ſie nicht mehr,“ kreiſchte ſie mit allen Zeichen des Entſetzens,„bis du mir geſagt, ob du der Künſtler biſt, mit dem ſie hier lebt!“ „Das bin ich.— Doch was wollen ſie und wie kommen ſie dazu, ſich in meine Ange⸗ legenheiten zu miſchen?“ erwiderte Lorenzo ent⸗ rüſtet. Die Frau gab auf dieſe Fragen keine Ant⸗ wort— ſie ſtarrte auf Ella, dann wieder auf ihn, und dann umklammerte ſie ſeine Arme, daß es ihn ſchmerzte, und ſagte mit lautloſer Stimme: „Alſo, ſie— ſie— iſt— deine Geliebte?“— „Mein Weib, ſobald ſie unſern Bund mit dieſer Feſſel umgeben will,“ gab Lorenzo zur Ant⸗ wort, indem er ſich bemühte, dem krampfhaften Druck ihrer Hände zu entkommen.* Ella, die einen Augenblick betäubt dageſtan⸗ den, trat jetzt herzu und fragte: „Was will denn das wahnſinnige Weib?“ „Ich bin nicht wahnfinnig!“ rief dieſe,„du aber— d irſt es werden und er, wenn ihr erfahrt“ 109 „Was denn, Unſelige, ſprich!“ drängte Lorenzo, indem er ſie jetzt faßte und ihr drohend in's Auge ſah. Doch ſie konnte nicht mehr ſprechen, ihre Lippen erbleichten und verzogen ſich convul⸗ ſiviſch und ſie ſtürzte unter krampfhaften Zuckun⸗ gen zu Boden. Ella rief nach Hilfe, und wollte ſie in ein Hoſpital bringen laſſen, in dem Glauben, es ſei eine Verrückte, die ihrer Aufſicht entlaufen. Da theilte ihr Lorenzo mit, daß die Unſelige ſeine Stiefmutter ſei, die aus ihm unbegreiflichen Ur⸗ ſachen hieher gekommen; ſie möchte ſie darum in. der Villa behalten und in ein abgeſondertes Zimmer bringen laſſen. Es geſchah, und Ella nahm ſich der Kranken mit aller Sorgfalt an. Ihr Zuſtand ging in ein Fieber über, das Beſorgniſſe erregte. Was ſie in ihren Fieberträumen ausſprach, hielt Ella für Fantaſien, doch Lorenzo lauſchte oft mit der geſpannteſten Aufmerkſamkeit, und warf dabei beſorgte Blicke auf Ella. Endlich ließ der heftige Fieberausbruch nach. Die Kranke hatte Stunden des Bewußtſeins, und in einer ſolghen rief ſie Lorenzo und Ella an ihr Lager 110 daß ſie ſterben werde, ſie fühle es, doch nicht ſterben könne, ohne ihre Bruſt von einem ſchwe⸗ ren Geheimniß zu entladen und damit ein Ver⸗ brechen zu enden, das durch ihre Schuld be⸗ gangen worden. Sie wolle jenſeits dafür büßen, doch ſie nur, ſie ſollten ihr vergeben. Dann theilte ſie ihnen in abgebrochenen Sätzen, unter häufigen Unterbrechungen mit, daß ſie Ella habe aufſuchen wollen, um ihr zu ſagen, ſie ſei es geweſen, die ſie einſt dem Grafen Rudolf als ſein Kind über⸗ laſſen, daß ſie aber nicht Rudolfs, ſondern ihre eigene Tochter wäre. Sein Kind habe ſie bei ſich behalten, theils um den Eid nicht zu brechen, den ſie der Mutter deſſelben feierlich geſchworen, doch mehr noch, um ihrem Kind eine glänzende Zukunft zu ſichern, da ſie vorausgeſehen, wie ihre Verhältniſſe enden würden. Sie habe ge⸗ hofft, durch den Grafen häufig Nachrichten von ihrem Kind zu erhalten, und daß ſie ſo wenig von ihm erfahren, habe ſie oft mit Reue über ihre That erfüllt und ihr Rudolfs Kind verhaßt ge⸗ macht Sie habe es deshalb von ſich entfernt, habe verſuchtzes wieder ganz mit ſeiner Mutter zu vereinen, und es in daſſelbe Kloſter gethan, 123 wo dieſe weile; doch ihr Plan ſei mißlungen. Ihre That räche ſich furchtbar nach allen Seiten hin.— Franziska, ihr geliebteſtes Kind— habe ſie lieblos verlaſſen, und dennoch, um ſie nur noch einmal zu ſehen, ſei ſie ihr erſt nachgereiſt, ehe ſie nach Ella ſich näher erkundigt, und ihr dabei die Mittel zur Reiſe ausgegangen, weß⸗ halb ſie in ſo elendem Zuſtand hier angekommen ſei. Vor Franziska habe ſie den Tauſch der Kinder nicht bergen können, und das habe ſie dem Eigenwillen derſelben von immerher unterthänig gemacht. Ihrem Gatten, der da⸗ mals auf einer weiten Reiſe geweſen, hätte ſie es zu verbergen gewußt, und Wilhelmine, des Grafen Kind, etwas jünger als das ihre, habe die kleine Geſpielin vergeſſen. Als ſie in ihrem Unglück den Grafen habe aufſuchen und ihm Alles habe entdecken wollen, ſei er ſchon todt ge⸗ weſen und Ella nicht mehr in Paris.“— Nach dieſen Geſtändniſſen, die von wirren Worten unterbrochen wurden, verfiel die Kranke wieder in einen gefährlichen Zuſtand, und Lorenzo erkannte die Qual ihrer Seele, die in ihm, dem Bruder Ella's, auch den Geliebten derſelben zu 1 12 finden glaubte. Doch Ella fiel das weniger auf, da ſie, ſobald die Wahrheit dieſer Entdeckung ſie durchdrang, ſie ſich ſo glücklich fühlte, daß es ſie ſelbſt über das Peinliche erhob, in dieſer Frau ihre Mutter zu finden. Sie hatte ſeit den Ge⸗ ſtändniſſen des Grafen nur mit bedingter Liebe einer Mutter gedacht, die ſie, ein ſo zartes Kind noch, verlaſſen konnte; die Mutter, die ſie jetzt in Leonore fand, war noch weniger geeignet, ihre kindliche Liebe zu erwecken, denn ſie hatte ja aus niedrigeren Gründen noch ihr Kind hingegeben, als es wohl jene Frau gethan, die ſich ſo furcht⸗ bar in ihrer Liebe betrogen ſah. Sie wünſchte faſt, dieſe wäre ihre Mutter geblieben, und nur, daß ſie in Lorenzo den Bruder fand, war es, was ihr eine größere Theilnahme für die Kranke erweckte⸗ Lorenzo ſuchte ſeiner Stiefmutter den Wahn zu benehmen, daß Ella ſeine Geliebte ſei, doch ſie kam zu keinem ſo klaren Bewußtſein mehr. um es zu begreifen, und ſie ſtarb gefoltert von den gräßlichſten Gewiſſensqualen. Eine gerechte, nur zu kleine Strafe für den Leichtſinn ihres Lebens.— war für Ella keine Frage.— 113 An ihrem Grabe weinte ihr Ella eine Thräne kindlicher Liebe nach. Der Tod. dieſer beſte Ver⸗ ſöhner mit den Sünden des Lebens, legte auch auf ihren Sarg die milde Hand der Vergebung. Doch was ſie in der letzten und wohl auch in ihrer erſten, wirklichen Gewiſſensangſt gebeichtet, hatte für Ella's Verhältniſſe die wichtigſten Folgen. Sie konnte unmöglich noch länger im Beſitz eines Reichthums bleiben, den ihr der Graf in dem Wahn, ſie ſei ſeine Tochter, übermacht hatte. Dieſes Vermögen gehörte dem Kind, das Leonore als das ihre erzogen, und daß ſie daſſelbe auf⸗ ſuchen müſſe, um ihm das Erbe zu übergeben, Lorenzo ſollte mit ihr nach Deutſchland zu⸗ rückkehren, um Wilhelmine aufzufinden. Die Kranke hatte nur wenig von ihr ge⸗ ſprochen, und hauptſächlich nur aus ihren Fieber⸗ phantaſien entnahm Lorenzo, daß jenes Kind, das ſie einem Kloſter übergeben, demſelben ent⸗ flohen und zum Theater gegangen ſei. Wie dieſes aber zuſammenhing, blieb ihm wie Ella ein Räthſel; die Letztere dachte nicht an die Mög⸗ lichkeit daß Wilhelmine jenes Mädchen ſein könne, Stein, Die Braut im Kloſter. III. 8 von dem ihr Edgar ſchon flüchtig geſprochen. Sie drang auf eine baldige Abreiſe; es war ihr, ſie habe ſchon viel zu lange das Erbe im Beſitz; daß ſie es verlor, war kein Schmerz für ſie und ein Sporn für Lorenzo, durch ſeine Arbeiten die theure Schweſter für alle Zukunft vor jeder Ent⸗ behrung zu ſchützen. Doch eben deshalb reiſte er nicht ſo ſchnell, als ſie es wollte; er mußte erſt noch ein Bild vollenden, das ihm einen reichen Lohn verſprach, und als ſie ſeine Abſicht merkte und ſeinen größern Fleiß ſah, griff auch ſie wie⸗ der mit friſcher Kraft zu Pinſel und Palette, und die beiden Gemälde, die ſie nach kurzer Zeit vollendeten, wurden auch alſobald das Eigenthum eines kunſtliebenden, reichen Mannes. Es war die erſte Arbeit ihrer Hand, die Ella verwerthete, und ſie fühlte eine ungemeine Befriedigung darin, gemeinſam mit dem geliebten Bruder einem Ziel entgegen zu ſtreben, und durch eigene Kraft ſich ein ſchönes Leben zu geſtalten. Das Erbe, das der Graf hinterlaſſen, hatte ihnen Beiden den Weg dazu geebnet, und ſie hatten dies wohl auch um ihn verdient. Doch noch länger es gebrauchen, erſchien ihnen ein Verbrechen, und ſie rüſteten zur Abreiſe. Unterdeſſen war es wie ein hellwerdender Tag an Roms kirchlichem und politiſchem Him⸗ mel heraufgezogen, und Lorenzo koſtete es Ueber⸗ windung, die ewige Stadt jetzt zu verlaſſen. Er verſprach, bald wiederzukehren, doch noch ehe er ſchied, zogen ſich bereits wieder ſchwere Gewitter⸗ wolken über St. Peter zuſammen, die mit Stur⸗ mesbrauſen ſich weiter und weiter auszubreiten drohten. Das Jahr 1848 war angebrochen. 8 Wilhelminens Ruf als Schauſpielerin verbreitete ſich ſchnell, das Glück war ihrem Talente hold, es unterſtützte ihre Laufbahn; ſie ſah ſich in einem Zeitraume von nicht ganz zwei Jahren auf einem Standpunkt angelangt, der ihr das nur zu Wünſchende bot.— Man bewunderte und beneidete ſie— denn, hatte ſie nicht erreicht, was ein ſo junges Künſtlerleben nur erreichen konnte? Pauli nannte ſie ein Glückskind und meinte, es tauge nicht, ein ſolches im Anfang ſeiner Laufbahn ſchon zu ſein; es erlahme das höhere Streben und führe zur Selbſtüberſchätzung. Mit der Theorie war es ihm ernſt, mit der praktiſchen Anwendung auf Wilhelmine nicht. Daß ſie die Kunſt ſtets um ihrer ſelbſtwillen lie⸗ ben werde, war er gewiß: ſie war ja das Kind ſeiner Seele, und dann, blieb er nicht der ſtrenge Richter ihrer Leiſtungen, und war ſie nicht dank⸗ E bar dafür?— Jene Eitelkeit, welche den jungen Talenten ſo gefährlich iſt, beſaß ſie nicht; ſie ſelbſt war jetzt weniger zufrieden mit ihren Dar⸗ ſtellungen, als ſie es früher geweſen; ſie ſchienen ihr immer weniger das zu ſein, was ſie damit wollte; neben ihre Begeiſterung drängte ſich die Kritik ihres ſcharfen Verſtandes und beeinträch⸗ tigte ihr Glück. Der innere und äußere Zauber. der ſie ſo mächtig zu der Bühnenwelt gezogen. verlor ſich im Lauf der Zeit ſo weit, als eben das Ideal, das ſie davon in ſich getragen, nirgends eine genügende Realifirung finden wollte. Pauli's Theorie der dramatiſchen Kunſt, die ſich auf die Iffland'ſche und Goethe'ſſche Schule bafirte und als anzuſtrebenden Vereinigungs⸗ punkt beider: Schönheit und Naturwahrheit als höchſtes Prinzip aufſtellte, in dem Eßlair und die Schröder das Höchſte geleiſtet,— erhoben ihre Seele weit über die meiſten der neuern Kunſtbeſtrebungen, denen ſich ihre Darſtellungen anzuſchließen hatten, und die in ihrem Streben nach Naturwahrheit— die ſogenannte reelle Schule— der Schönheit. ohne welche kein Kunſt⸗ werk denkbar iſt, nur zu häufig keine Rechnung 118 trugen und dieſen leichtern Weg vorzogen, da Wahrheit ohne Schönheit denkbar und auch leichter darſtellbar iſt, als die Schönheit, die, ein nothwendiges Attribut der Kunſt, ohne Wahr⸗ heit nicht denkbar und darum beides in ſich zu vereinigen hat. Wilhelminens Darſtellungen wollten ſich des⸗ halb auch nie ſo recht dem Ganzen anpaſſen, in deſſen harmoniſcher Uebereinſtimmung die drama⸗ tiſche Kunſt ihren Höhepunkt findet. Sie fühlte das ſchmerzlich und erkannte mit wahrhaftem Kum⸗ mer, von welchen Motiven die Träger der Kunſt, in der ſie ſo gerne das Ideal ihres Lebens ge⸗ funden hätte, meiſtens geleitet wurden, wie ſie ſich ſelbſt täuſchten, getäuſcht wurden und das Publikum zu täuſchen ſuchten. Der Beifall, der ſie mit ſeinen beſtechenden Spenden umrauſchte, verlor darum an Werth für ſie, und hatte ſie auch Momente der Aufregung, in denen ſie ſich glücklich fühlte, wirkten ſie nicht wohlthuend nach, nicht wie eine geheiligte Freude der Kunſt es hätte thun müſſen. Auch die Selbſtſtändigkeit, nach der es ſie einſt ſo heiß verlangte, konnte eben doch nicht ganz den 119 Schmerz nach der vermißten Heimat, nach Eltern⸗ und Geſchwiſterliebe erſetzen; ſie gab ihr nun ein ſicheres Gefühl, das jede Kloſterfurcht verdrängte, wie jede Furcht vor Mutter und Schweſter. Der Name Minna Merau wurde überall, wo ſie hinkam, ehrend genannt, und ſelbſt in der Stadt in der ſie als Wilhelmine Herz ihren erſten thea⸗ traliſchen Verſuch gemacht, feierte ſie, trotz allen Kabalen der Fräulein Rauck, einen glänzenden Triumph. Die Fürſtin, welche ſich einſt für die hübſche Anfängerin intereſſirt hatte, wünſchte die Künſtlerin jetzt auch zu ſehen, und dieſer Wunſch. beſiegte jedes geheime Ankämpfen gegen ein Gaſt⸗ ſpiel der Fräulein Merau. Frau Leibke brüſtete ſich jetzt ſtolz, als Wilhelmine mit Beifall über⸗ ſchüttet wurde: „Der Erfolg meiner guten Schule, ja ja, das wirkt nach— und ihr Talent war damals ſchon unbeſtreitbar, ich ſagte das ja immer.“ Papa Herz und ſeine Miee aber ſchwammen in einer wahren Seligkeit über ihr berühmt ge⸗ wordenes Pflegekind, und Wilhelmine bezeigte ihnen in aller Weiſe ihre Anhänglichkeit und ihre dankbare Liebe.— 120 Sie grollte ſich oft ſelbſt, daß ſie bei alledem ſich nicht ſo glücklich fühlte, als man ſie glücklich pries, und dachte ſie darüber nach, was ihr denn eigentlich fehle, war es nicht allein das künſtleriſche Mißbehagen, das in den allgemei⸗ nen Theaterverhältniſſen begründet lag, es war noch ein anderes Etwas, was das junge Herz ſeit Edgars Wiederſehen bewegte: ein unerreich⸗ bares Glücksphantom, das, ihre innere Zufrie⸗ denheit ſtörend, vor ihr erſtieg, und das ſie, um es für immer zu bannen, ununterbrochen den Ge⸗ danken feſthalten ließ: Manuela mit Edgar trotz allen Hinderniſſen noch zu vereinen. Bis jetzt war es ihr nicht möglich geweſen, in jene Stadt zu kommen, in der das Kloſter ſtand, wo Ma⸗ nuela ohne Zweifel noch weilte. Contractver⸗ pflichtungen banden ſie. und eine Gaſtrollenreiſe dahin hatte ſich noch nicht arrangiren laſſen, trotz verſchiedenen Bemühungen darum. Jetzt endlich bot ſich eine günſtige Gelegenheit, mit dem Di⸗ rektor des dortigen Theaters deshalb zu unter⸗ handeln, und die erſte Hälfte des März wurde dazu beſtimmt. Wie pochte ihr das Herz. Ma⸗ nuela wiederzuſehen, denn daß ſie das müſſe. 121 lag ihr außer aller Frage, obgleich ſie noch nicht abſah, wie ſie in das Kloſter eindringen könne, ſie, die Schauſpielerin, die einſt daraus ſo keck Entflohene, zum Beſuch der Novize?— Allerlei Pläne durchkreuzten ihren Kopf, keiner wollte recht paſſen— aber dennoch, ſie mußte Manuela um jeden Preis ſehen und ſprechen, und ſollte ſie ihre Kunſt zu Hilfe nehmen und unter anderer Geſtalt in das Kloſter eindringen. Ehe ſie abreiſte, ſchrieb ſie an Cdhr. ſie werde nun endlich Manuela ſehen, doch bat ſie ihn nicht, daß er zurückkehren ſolle; mußte ſie doch erſt abwarten, wie ihr Plan gelang, und vor Allem, wie ſie Manuela fand. Edgar erhielt dieſen Brief in Paris, als ſich dort eben in dumpfem Grollen das Gewitter verkündete, welches in Wechſelwirkung mit dem Sturme ſtand, den Pius X. wohl in ganz andexer Er⸗ wartung heraufbeſchworen. Der junge Graf, obgleich er noch keinen recht hellen Blick in die politiſchen Zuſtände der Gegenwart gewonnen hatte, erkannte doch, daß die revolutionairen Ideen von Frankreich aus einen ſchnellen Weg nach Deutſchland finden würden, und er beſchloß 122 dahin zurückzukehren, um ſeiner Mutter zur Seite zu ſtehen und ſeine Rechte als Graf von Bar⸗ denberg ſich zu wahren, ſo weit, als es mit dem freieren Geiſt der Neuzeit verträglich erſchien. Daß er hiebei mit ſeiner Mutter auf einen ſchweren Standpunkt kommen würde, ſagte er ſich, doch auch, daß es an der Zeit ſei, die Stelle einzunehmen, die ihm als Erbe der Grafſchaft gebühre, und' beſonders jetzt— wo der Kampf des Neuen mit dem Alten entſchie⸗ dener begann und eine bedenkliche Geſtalt anzu⸗ nehmen drohte.— Er rüſtete gerade zur Abreiſe, als Wilhel⸗ minens Brief eintraf, und der Gedanke, ob dieſer beginnende Kampf nicht auch die Pforten der Klöſter ſprengen könnte, überraſchte ihn, und er wußte nicht, ob er es um Manvela's willen wünſchen ſollte. So innig er auch ihrer gedachte, und ſo oft ihr holdes Bild ihn umſchwebte, erwachte doch kein heißeres Verlangen nach ihrem Beſitz in ihm. Er hätte ſie gerne glücklich ge⸗ wußt, ſie auch gerne beglückt, aber der Zweifel, ob ſeine Liebe ſie je beglücken könnte, war zu der Ueberzeugung in ihm geworden, daß jeder Ver⸗ — „ 123 ſuch dazu ſie tödten würde, und hielt dadurch jede glühendern Wünſche in Banden.— Es äng⸗ ſtigte ihn, daß Wilhelmine auf ihrem Vorſatz beharrte, Manuela im Kloſter zu beſuchen, denn er war überzeugt, daß man ſie in ihrer wahren Geſtalt nicht einlaſſe, und nur ein Wag⸗ niß ihr dies möglich machen werde. Er nahm ſich deshalb vor, ſobald er ſeine Mutter geſehen, zu Wilhelmine zu eilen, um ſie von unüber⸗ legten Schritten zurückzuhalten.— Daß eine Ver⸗ bindung zwiſchen ihm und Manuela eine Sache der Unmöglichkeit ſei den nur unter ganz ver⸗ änderten Verhältniſſen noch eine andere Geſtalt gewinnen könnte, ſagte er ſich, und daß deshalb auch jeder Verſuch, die Kloſtergeweihte in andere Ver⸗ hältniſſe zu bringen, allzu gefährlich für ſie ſein wüce. Er ahnte Wilhelminens Abſicht und fürch⸗ tete für Manuela von dieſer warmen und opfer⸗ bereiten Freundſchaft. Wollte Wilhelmine nur die Freundin wiederſehen— wie gönnte er Ma⸗ nuela dieſes Glück, aber ſie durfte keinen Sturm bei ihr heraufbeſchwören, dem kein Sonnenſchein nachfolgen konnte.— Sorge um Manuela und Wilhelmine ließ 124 ihn ſeine Abreiſe beſchleunigen, allein, in Bar⸗ denberg angekommen, konnte er es nicht ſo ſchnell wieder verlaſſen, als er gehofft.— Er fand ſeine Mutter erſchüttert von den be⸗ drohlichen Anzeichen, die an das blutige Ende des vorigen Jahrhunderts mahnten, welches, ein Schrecken der älteren Ariſtokratie, ſie in jeder freieren Anſicht ein blutiges Ungeheuer fürchten ließ. Vergebens ſuchte Edgar ſeine Mutter zu be⸗ ruhigen und ihren ſtolzen und befangenen Sinn mit dem Geiſt der Zeit zu befreunden, dem man ſein Recht laſſen müſſe, um feſten Fuß in der Gegenwart zu faſſen. Sie entſetzte ſich über Edgars Anſichten und die Entſchiedenheit, mit der er überkommene Dinge angriff, welche ihr ſeither ganz unantaſtbar erſchienen waren. Was hatte die ſorgfältige und beengte Erziehung Edgars nun gefruchtet? Kaum einige Jahre draußen in der Welt, formte ihn ſchon die Schule des Lebens anders! Sie ſah ihre alte Macht vor ſeiner jungen Kraft zuſammenſinken, und gebrochen an Körper und Seele, wollte ſie ſich in ihre einſamſten Gemächer von Allem zu⸗ 125 rückziehen; kalt und ſtolz dem Herrn des Hauſes weichen. Da erwachte Edgars kindliche Liebe in verſtärktem Grad, und zu ihren Füßen liegend, bat er ſie: ihn zu lieben, ihren Stolz und ihre Kälte zu beſiegen, ihn als Sohn an das Herz zu ſchließen, und vereint in Liebe mit ihm ein gegenſeitiges Verſtändniß zu ſuchen. Er küßte ihre welken Hände, ſeine Thränen benetzten ſie. und der ſtolze Sinn der Gräfin wollte ſich unter der Macht der Mutterliebe beugen, aber nur kurz hielt dieſe weichere Empfindung an. Ihre Hand legte ſich auf ſein Haupt vön ſie ſagte kakt:„Ich liebe dich, wie von immerhin, mein Sohn; doch du biſt jetzt das Haupt des Hauſes, deſſen Herrin ich ſeither geweſen.— Wir können nicht zuſammen herrſchen, dafür ſind unſere An⸗ ſichten zu verſchieden. Möge gut ſein, wie du es zu machen gedenkſt. Du übernimmſt ein ge⸗ ordnetes, wenn auch nach deinen Anſichten ver⸗ altetes Haus, gieb wohl acht, daß das neue Gerüſte, mit welchem du es zu überkleiden gedenkſt, nicht den alten Bau ganz erdrücke, und unter ſeinen Trümmern der Reichthum und die Macht der Grafen von Bardenberg zu Grabe gehe.“— 126 Nach dieſen Worten entfernte ſie ſich und blieb auch am kommenden Tage für Edgar un⸗ ſichtbar. Der Abbé bat ihn, keine weiteren Ver⸗ ſuche jetzt zu machen, mit ſeiner Mutter ſich zu. verſtändigen; es wäre vergebene Mühe und würde die Kluft zwiſchen ihnen nur erweitern. Er ſolle es der Zukunft überlaſſen; das Herz der alten Erlaucht ſei ſo hart nicht, als es den Anſchein habe, und beſſere Tage könnten noch kommen.— Der Abbé hoffte darauf, weil er es ſo ſehr wünſchte; ob er jedoch ernſtlich an eine völlige Aenderung des ſtolzen Sinns der Gräfin glaubte, iſt zu bezweifeln. 4 Edgar traf noch einige Anordnungen und eine Mut⸗ verließ dann Bardenberg wieder, ohne ſ ter vorher noch geſehen zu haben. Auch theilte er dem Abbeé nicht mit, wohin ſeine Reiſe gehe, doch ſchloß dieſer zu ſeinem Troſte aus den Be⸗ fehlen, die Edgar ſeinen Untergebenen zurückließ, daß er nicht allzulange ausbleiben werde. Die Zeit von Manuela's Noviziat konnte für beendet gelten; da jedoch das Erbſchaftsrecht noch immer nicht ſo feſtgeſtellt war, als es das Ge⸗ ſetz erheiſchte, um keinen Zweifel mehr zuzulaſſen, herrſchten wegen ihrer Einkleidung noch einige Bedenklichkeiten.— Und Manuela verlangte doch ſo ſehnlich nach dieſem Glück einer entſagenden Seele. Das ſüße Weh, welches nach Edgars Beſuch ihr Herz durchſchlichen, hatten Zeit und fromme Uebungen bald überwunden, und ſie lächelte wieder ſo hold und freundlich, wie in den Tagen ihres Kinderlebens. Allein, als ob eben jedes Herz, und ſei es noch ſo ſehr von frommer Unſchuld und Himmelsſpeiſe erfüllt, etwas haben müſſe, das es durch ein liebes Band mit dem Boden verknüpfe, dem es entſprungen und zunächſt an⸗ gehöre, dachte Manuela nach der überwundenen 128 Ahnung irdiſcher Liebesſeligkeit mehr als früher noch an Wilhelmine, und Sehnſucht nach ihr erfüllte ihre Träume und ſchlich ſich oft ſelbſt in ihre Andacht ein. Als ſie dies gewahrte, betete ſie, um keine Sünde dadurch zu begehen, in⸗ brünſtiger für die Freundin, der in der Welt Sünde und Verderben drohte, und ſo kam ſie ihr bald, als eine wieder Gereinigte vor. Sie ſprach ja täglich zu den Heiligen von ihr und erzählte ſelbſt der milden Gottesmutter von ihrer unaus⸗ tilgbaren Liebe für die Entflohene, und dann gewahrte ſie jedesmal ein vergebendes Lächeln in dein Angeſicht der Heiligen. Wilhelmine, wurde gleichſam das Geheimniß, das ſie mit dem Himmel hatte, ihr Erdenglück das ſie ſeiner Gnade empfahl, da ſie anderwärts kein mildes Verſtändniß dafür erwarten durfte. Was aber der Himmel gnädig aufnahm, konnte keine Sünde ſein, und Manuela glaubte dies, weil ſie ein ſo ſüßes Glück darin empfand, ein Glück, das ja ſelbſt die Stunden einer ängſtlichen Verſuchung ihr ferne hielt. Die Erinnerung an Wilhelmine verwiſchte Edgars Bild, und konnte ſie ſeine Züge auch nicht ganz aus der Erſcheinung ihres himmliſchen Bräu⸗ 129 tigams verdrängen, wurden ſie doch immer ver⸗ klärter, und ſie empfand keinen Schmerz und keinen Vorwurf mehr dabei. In ihren naiv ſpiritualiſtiſchen Anſchauungen gingen wie früher, die naturgemäßen Liebesem⸗ pfindungen ihres jungen Lebens auf, und ihre Stelle füllte in Wilhelmine— das reinere Gefühl der Freundſchaft aus. Die Priorin ließ Manuela ungeſtört gewähren, ſobald ſie erkannt hatte, daß in ihrem ſchüchternen Herzen auch eine wirklich erwachte Liebesempfin⸗ dung ſich in unſchuldigen Phantaſien wieder in Schlummer wiegen würde. Daß Manuela's Herzens⸗ erregung ſich um ſo wärmer der entflohenen Freun⸗ din zuwenden werde, ahnte ſie nicht. Sie glaubte Wilhelmine, als eine Verlorene, dem Gedächtniß des frommen Kindes entrückt, da Manuela nie mehr von ihr ſprach. Die Erinnerung an Wilhelmine war das einzige Glück, das Manuela ſich ohne ihr Wiſſen erlaubte, das ſie nur allein ſich ſelbſt und dem Himmel vertraute. Manuela bat um ihre Einkleidung, es war ihr, unter dem heiligen Schleier ſei ſie im ganz beſonderen Schutze Gottes; war ihr denn nicht der himmliſche Gemahl ein Stein, Die Braut im Kloſter. III. 9 Schutz gegen jede rauhe Berührung der Erde?— Warum verzögerte man dieſen Tag des höchſten Glückes für ſie? Sie befragte die Priorin darum, und dieſe ſagte ihr, daß nur ihre Mutter noch zu dieſer Feier erwartet werde, und ſie ſei krank, es ſei noch unbeſtimmt, wann ſie reiſen könne. Die wahre Urſache wollte ſie Manuela nicht ſagen: ſie wagte es nicht, mit dem Handel um das Erbe ihren reinen Sinn zu berühren. Manuela, demüthig wie immer, ergab ſich darein und harrte ſehnſüchtig der Mutter, von der ſie nur noch ein unbeſtimmtes Bild, in trübe Farben getaucht, in ſich trug. An dem Tage der heiligen Feier mußte Alles ſich. klären— meinte ſie, ſomit auch dieſe bange Erinnerung.— Es war eine ſtürmiſche, kalte Nacht. Die Lichter in den Zellen waren früher, als ſonſt er⸗ loſchen, eine außergewöhnliche, frühe Morgenan⸗ dacht war für den nächſten Tag feſtgeſetzt: ein Gebet um Ruhe und Frieden in der Welt draußen, in der Stürme ſich erheben wollten, wie heute Nacht um die Mauern des heiligen Hauſes.— „Nach Mitternacht wurde ein Klopfen an der Kloſterpforte gehört; ängſtlich lauſchte die Pfört⸗ 1 nerin durch den kleinen Schieber in die dunkle Nacht hinaus— das Klopfen wurde ſtärker; ſie fragte, wer in ſo ſpäter Stunde es wage, Einlaß zu begehren. „Meldet Pater Eugenius der ehrwürdigen Frau Priorin, und gebt ihr dieſes Schreiben,“ war die Antwort. Nach wenigen Minuten öffnete ſich die Kloſter⸗ pforte und zwei dicht eingehüllte Geſtalten traten ein, von einem Mann gefolgt, der einiges Reiſe⸗ gepäck nachtrug. Die Pförtnerin geleitete ſie in das Sprech⸗ zimmer, in das in demſelben Augenblick die Priorin von der andern Seite eintrat. Eugenius legte den umhüllenden Mantel ab. begrüßte ſie freundlich, und bat: „Vergebung wegen dieſer Störung, ehrwürdige Frau, allein außergewöhnliche Ereigniſſe müſſen außergewöhnliche Thaten entſchuldigen. Doch vor Allem bitte ich, ein entlegenes Gemach für die Frau Gräfin Maria anzuweiſen. Sie iſt völlig erſchöpft von der raſchen Reiſe und ihr Geſundheitszu⸗ ſtand ohnedies kein günſtiger. Der alte, treue Diener ihres Hauſes wird bei der Frau Gräfin 9 132 wachen, und da er ihre Pflege am beſten ver⸗ ſteht, werden ſie ſein Hierſein dulden, ehrwürd ige Frau.“ Die Priorin neigte das Haupt und zog an einer Klingel. Beate trat ein und winkte nach einem leiſen Befehl dem Diener, der die halbohn⸗ mächtige Gräfin in ſeine Arme nahm und von hinnen trug. „Iſt ihr trauriger Zuſtand noch immer der⸗ ſelbe?“ fragte die Priorin, indem ſie ihnen nachſah. „Ihr wildes Raſen iſt einem ſtillen Wahnſinn gewichen, doch erfordert auch dieſer Zuſtand die ſtrengſte Wachſamkeit, weshalb ich den alten Melchior mitnahm, der die Gräfin am beſten zu behandeln weiß.— Doch ich bin ihnen zunächſt Aufklärung über unſer unerwartetes Kommen ſchuldig.“ „Laſſen wir es bis morgen. Sie ſind hier, Pater Eugenius; die Gaſtfreundſchaft des Kloſters ſteht ihnen jederzeit offen.“ Der Pater neigte, wie zum Dank, ein wenig das Haupt, ſagte jedoch, daß die Zeit dringe und erkeine Minute zu verſäumen habe. Ohne etwas zu erwidern, ließ ſich die Priorin 133 auf einen Stuhl nieder und gab ihm ein Zeichen⸗ daſſelbe zu thun. Er rückte ihr ſo nahe, als es der Anſtand erlaubte, und ſprach leiſe und gedrängt zu ihr von den bedrohlichen Ereigniſſen in Rom, der Ermordung des Grafen Roſſi und dem damit verbundenen Aufſtand und die zu pefürchtende ſchnelle Verbreitung der revolutionären Ideen- Der unruhige Geiſt treibe bereits ſein Weſen allenthalben, und der einſam gelegene Landſitz der Gräfin habe keine rechte Sicherheit mehr ge⸗ boten. Er habe deßhalb ſchnell das Nöthigſte dort geordnet und in Sicherheit gebracht, um mit der Gräfin hieher zu eilen, ſie in dem Schutz des Kloſters zu laſſen und Manuela's Einkleidung zu beſchleunigen. Die Priorin fragte, ob die Erbſchaftsange⸗ legenheit denn geordnet ſei. Der Pater verneinte es, meinte aber, daß dies nicht länger ein Ab⸗ haltungsgrund ſein dürfe, indem man nicht wiſſen könne, was die nächſte Zeit ſchon bringe, und es jedenfalls unter den obwaltenden Umſtänden beſſer ſei, wenn Gräfin Aline durch ein Gelübde dem Kloſter angehöre. Die Priorin möchte darum 134 die Vorbereitungen zu dieſer Feier ſo beſchleu⸗ nigen, daß ſie in den nächſten Tagen ſchon ſtatt⸗ finden könne. Er ſelbſt wolle morgen die noch nöthigen Schritte dafür thun. Außergewöhnliche Verhältniſſe heiligten auch außerordentliche Maß⸗ regeln, und es ſei keine Zeit zu verlieren. Doch ſolle die Feier der Einkleidung Manvela's eine ganz ſtille, nur dem Kloſter bekannte ſein. Nach dieſer Auseinanderſetzung trennten ſie ſich. Die Priorin beugte ſich ohne Widerrede dem höhern Machtſpruch, deſſen Ueberbringer Pater Eugenius war, und traf ſchon am frühen Morgen die nöthigen Anſtalten zu Manuela's Einkleidung. Sie ſelbſt, die das Gelübde, das ſie mit unlösbaren Banden in die ſtillen Mauern eines Kloſters feſſelte, ausſprechen ſollte,— empfand eine heilige Freude darob, nur die raſche Weiſe machte ihr bange; ſie glaubte zu ſolch hehrer Feier ſich nicht ſo ſchnell würdig vorbereiten zu können. Die Priorin ſprach ihr Muth ein und nahm es auch zum Vorwand, daß Manuela ihre Mutter nicht mehr zuvor ſehen ſollte, und ſie ſelbſt wollte es nicht, ſie hatte jetzt nur mit dem Himmel zu verkehren. —— 185 Außer den Prieſtern, die zu dieſer Feier nöthig waren, ſollte ſie Allen, die nicht in dem Kloſter lebten, ein Geheimniß bleiben; und es war nicht ſchwer es zu wahren. Ganz andere Intereſſen, als was in dem ſtillen Haus vorging, das man ſich gewöhnt hatte, mehr für eine Penſionsanſtalt, als für ein Kloſter anzuſehen, beſchäftigte eben die Einwohner der Stadt. Die revolutionäre Aufregung nahm alle Gedanken in Anſpruch und durchzog halb ſchreckhaft, halb freudig die Ge⸗ müther und drängte alles Andere in den Hin⸗ tergrund. Doch auch im Kloſter ſelbſt vermied man dieſer Feier jeden andern Prunk zu geben, als es eben die religiöſe Bedeutung derſelben erheiſchte. Mit einer ſtillen Ruhe, die an's Erzwungene grenzte, wurde Alles für den Ausputz der Kirche zuſammengetragen. In abendlicher Stunde erſt ſollte ſie geſchmückt werden, erſt wenn die ge⸗ bräuchliche Abendandacht beendet war.— Das Glöcklein rief, wie alle Tage, auch an dem, welcher der Einkleidungsfeier voranging, die Einwohner der Stadt zum Gebet in die Kloſterkapelle; doch füllte ſie ſich nicht mehr wie 136 in frühern Jahren, und heute waren der Be⸗ ſucherinnen gar wenige. Als ſie ſich wieder entfernt hatten und die Kloſterpforte feſt verſchloſſen war, ſchickte man ſich an, das kleine Gotteshaus zu ſchmücken. Die Penſionärinnen, welche ſehr neugierig dieſer Feier entgegenſahen, und ſich kindiſch auf die intereſſante Begebenheit in ihrem klöſterlichen Penſionsleben freuten, machten ſich jetzt, trotz den Winken der Kloſterfrauen, mit jugendlicher Lebendigkeit daran, Alles recht ſchön herzurichten. Sie Alle liebten das Kloſterkind und wollten ihm dieſen heiligen Ehrentag möglichſt mit irdiſchem Schmuck ver⸗ ſchönern. Leider fehlten dem Garten noch die Blumen, und man hatte nur wenige künſtlich gezogene Frühlingsblüthen. Sie ſchmückten den Hochaltar und er duftete von Veilchen und Hya⸗ zinthen. Tannenreiſer, die man geheim hereinzu⸗ bringen gewußt, wurden mit künſtlichen Blumen untermiſcht zu Guirlanden gebunden und die Wände und Heiligenbilder damit verziert. Auch um den Altar der Muttergottes ſchlangen die jungen Mädchen einen ſchönen Kranz, und eine ſchwang ſich ſogar hinauf, der Himmelskönigin 137 ein Veilchenſträußchen in die Hand zu drücken. Da aber, als ob dies eine Entheiligung wäre, wurde ganz deutlich ein Ton im Innern des Altars gehört, einem tiefen Seufzer ähnlich— und die Veilchen fielen zu Boden; erſchrocken traten die Mädchen hinweg.— „Ein Wunder,“ ſtammelten die Einen, die Andern aber meinten, es ſei Sünde geweſen, den Altar zu betreten, ſie wollten davon ſchweigen, ſonſt gebe es Strafe, und ſcheu traten ſie hinweg; der kleine Seitenaltar wurde nicht weiter ge⸗ ſchmückt. Als Alles, was das Kloſter Koſtbares und Schönes an Blumen, Bändern und heiligen Ge⸗ räthen aufzuweiſen hatte, möglichſt ſymetriſch angebracht worden war, und bei dem matten Schein der wenigen Kerzen, deren man zur Ar⸗ beit bedurft hatte, recht phantaſtiſch und geheim⸗ nißvoll ausſah, meinte das junge Mädchen, das ſo keck geweſen, den Altar der Himmelskönigin zu betreten: man ſolle jetzt Manuela rufen, daß ſie ſich an dem Anblick der ſchön geputzten Kirche erfreue, und ſie fragte die Priorin: ob denn nicht ſo eine Art Probe für die morgende Feier nöthig 138 wäre. Ein ſtrenger Blick hieß die Näſeweiſe ſchweigen, und ſie flüſterte einer der Penſio⸗ närinnen zu: „Ich möchte keiße Nonne werden, 5 dir iſt dein hübſcher Couſin lieber als—“ „Schweig,“ unterbrach ſie jene, n du ſicher für ſolch' ſündige Gedanken als alte Jungfer ſterben.“ „Hat keine Gefahr damit, dafür bin ich zu hübſch und auch zu reich.“ war die leichtſinnige Antwort. „Die arme Manuela!“ ſeußzte leiſe eine Andre. „Es iſt eine ſchöne, aber doch furchtbare Feier!“ klang es als kaum hörbare Antwort aus einem roſigen Munde; und ein braun geſcheitel⸗ tes Köpſchen ſteckte ſich dazwiſchen und ſagte weich: „Ich wollte, die Feier wäre ſchon vorüber. Manuela wird krank werden; ich ſah ſie vorhin, als ich an ihrer Zelle vorbei ging— ach, ſie iſt ſo bleich!“ „Warum iſt ſie aber auch mit dem ſchönen Herrn nicht davongegangen, der einmal hier ge⸗ 139 weſen ſein ſoll, ſie zu heirathen,“ miſchte ſich die tecke enpewenn ein. „Bſt, bſt“— machten Alle, und die Stimme der Priorin mahnte jetzt, zu einem kurzen Gebet niederzuknien. Man gehorchte— auch die jungen Mädchen knieten nieder, aber ſo nahe zuſammen, daß ſie unbemerkt leiſe mit einander ſprechen konnten, und ſie ſprachen von dem Kloſterkind, das ſich ganz unbegreiflicher Weiſe von einem ſchönen Ritter nicht habe entführen laſſen, und die Mei⸗ ſten geſtanden, in ähnlichem Falle anders als Manuela zu handeln. Als die Kirche wieder leer und es im Kloſter ruhig geworden war, kam Manuela durch den Chor, die enge Treppe herab, deren? Thüre Beate ihr aufſchloß und ſich dann wieder entfernte. Durch eine kleine Thüre hinter dem Hochaltar ſchritt faſt zu gleicher Zeit der Prieſter ein, dem ſie zu beichten hatte. Die Kerzen waren aus⸗ gelöſcht bis auf zwei, die auf dem Muttergottes⸗ altar brannten, der zunächſt dem Beichtſtuhl lag, in den der Geiſtliche, nach einem grüßenden Nei⸗ gen des Kopfes gegen Manuela, ſich begab. Sie 140 war ganz weiß gekleidet und ihr Haupt ſchleier⸗ artig umhüllt. Ihr Angeſicht, faſt durchſichtig weiß, ſelbſt die Lippen erbleicht, zeigte dennoch zwei wunderbare Roſen auf den ſchmalen Wan⸗ gen, und ihre großen blauen Augen durchdrangen mit brennendem Glanz den dämmerigen Raum, wie zwei Sterne einen wolkenumhüllten Himmel. Unhörbar nahte ſie dem Beichtſtuhl, und nach⸗ dem ſie die gebräuchlichen Formeln beobachtet, beichtete ſie, als vielleicht einzige Sünde ihres Lebens, ihre unauslöſchliche Liebe zu Wilhelmine, dem Weltkind, der Kloſterentflohenen. Die hohe Heiligkeit des kommenden Tages hatte einen kleinen Zweifel deßhalb in ihr er⸗ regt: ob dies Gefühl doch nicht zu mächtig, zu vorherrſchend bei ihr walte, da ſelbſt die bevor⸗ ſtehende Feier es nicht ganz zu verdrängen ver⸗ mochte, und ſie zwiſchen ihren andächtigſten Ge⸗ beten manchmal denken mußte: wäre doch Wil⸗ helmine noch zugegen. Sie geſtand das dem Beichtiger mit großer Gewiſſenhaftigkeit, und er bezeichnete es als eine Sünde, die ſie noch zu bereuen habe, und nannte ihr Gebete, welche ſie deßhalb am Altare der 141 Muttergottes heute Nacht ſprechen ſollte.— Es klang wie ein leiſer Seufzer aus Ma⸗ nuela's Bruſt, und als habe er ein Echo gefun⸗ den, hallte ein ähnlicher Ton von dem nahen Altare her. Als die Beichte beendet, verließ. der Prieſter das Gotteshaus auf dem Weg, den er gekommen, und ſchloß die Thüre hinter ſich ab.— Manuela war allein. Sie ſollte noch die Sünde abbeten, Wilhelmine zu lieben. Und ſie knieete am Altare der Himmelskönigin nieder und ſah flehend zu ihr empor.— Wil⸗ helmine nicht mehr lieben— ach, ſie wollte es ja, da es Sünde war— aber vermochte ſie es auch?— und ſie flehte: „Gebenedeite Jungfrau, heilige Mutter, gieb mir Kraft, dieſe Liebe zu ertödten, wenn ſie ſünd⸗ haft iſt.“— Da fühlte ſie ſich von weichen Armen um⸗ ſchlungen, ihr Haupt an eine wogende Bruſt ge⸗ drückt und ihr Angeſicht mit Küſſen bedeckt.— Auch Thränen fühlte ſie auf ihrer Wange. Sie wußte nicht, wie ihr geſchah, und wußte es doch, daß Wilhelmine es war, die ſie mit heißer Liebe 142 umfing. Ein beglückendes, ſeliges Gefühl durch⸗ drang ſie, und das Auge ſchließend, ſtammelte ſie: „Wilhelmine, kommſt du, ein Engel des Him⸗ mels zu mir?“ „Ja, ich möchte dein Engel werden, holdes, geliebtes Kind,“ erwiderte dieſe unter hervorbre⸗ chenden Thränen.„Möchte dich befreien von all' dem, was dich hier umgiebt, dich hinaustragen aus dieſen Mauern und dich in den Arm der Liebe legen, die dich mehr beglücken ſollte, als der fromme Wahn, der dich umfangen hält. Biſt du nicht Edgars Verlobte? Was hält dich hier zurück? Willſt du frei ſein, ſo biſt du es auch! Erhebe dich, Manuela! armes, theures Opfer! die Liebe, das höchſte Glück des Lebens, winkt dir! Edgar wird dir die höchſten, irdiſchen Freuden bieten, denn er liebt dich— ja, er liebt dich,— wie wäre es auch anders möglich?— und— und, er wird dich ewig lieben. Faſſe Muth, ich will dir treu zur Seite ſtehen, vertraue mir, eine günſtige Zeit iſt es eben, dich zu be⸗ freien.“ Wilhelmine hatte während dieſer ſchnell ge⸗ ſprochenen Worte die betäubte Freundin feſt in 143 ihren Armen gehalten und ſank jetzt auf den Stufen des Altares nieder. Manuela's Haupt lag in ihrem Schooße, und ſchwere Athemzüge rangen ſich aus ihrer Bruſt. Sie faßte nicht, was Wilhelmine wollte— begriff überhaupt nicht, wie ſie hieher gekommen, und das Ganze fing an, ihr als ein betrügeriſches Spiel der Hölle vorzukommen, ſie vor der heiligen i arge ilhel⸗ Verſuchung zu führen. Sie wollte ſich mine entreißen, dem böſen Phantom, das die liebe Geſtalt der Freundin angenommen, aber wie ſie ihr in's Auge ſah, vermochte ſie es nicht, und ſie ſtammelte: „Biſt du denn wirklich Wilhelmine?“ Bei dieſer Frage entſchwand ihr das eben Ge⸗ hörte; ſie lauſchte nur der Antwort, und dieſe war ein warmer Kuß auf ihren Mund, ein glück⸗ ſeliges Lächeln.— „Wie biſt du denn hereingekommen?“ fragte Manuela wieder.— Ihre Furcht entſchwand— die Freude, Wilhelmine wieder zu ſehen, war über⸗ wiegend. „Während der Abendandacht, im Gewand einer alten Frau, kam ich herein,“ erzählte Wilhelmine. 144 „Dort in der Höhlung des Altars liegt die ſchützende Verkleidung, in der ich mich ſeither ver⸗ borgen hielt. Ich war entſchloſſen, heute Nacht, morgen, und noch länger hier auf einen günſtigen Augenblick zu harren, dich zu ſprechen. Ich habe mich mit Nahrungsmitteln vorgeſehen, die ich unter meinem Mantel trug. Niemand weiß, daß ich hieher ging, ich ſchützte eine kleine Reiſe vor, was glaublich, da das Theater einige Tage ge⸗ ſchloſſen bleiben ſoll wegen der Unruhen. Doch, das gehört nicht hieher. Ich bin bei dir, und das iſt die Hauptſache, und du ſollſt mir ſagen, ſollſt dein Herz mir erſchließen, offen bekennen, was verborgen in ſeiner tiefſten Tiefe ruht.“— „Ich verſtehe dich nicht recht, Wilhelmine, außer meinem höchſten Wunſch, meinem himm⸗ liſchen Bräutigam mich zu vermählen, biſt du das ſüßeſte Glück meiner Seele— mein einziges, irdiſches Glück.“ „Und Edgar— dein Verlobter?“ „Nenne ihn ſo nicht Er hat entſagt, und ich will ſeiner wie eines Freundes, eines Bruders gedenken, damit ich ihn in mein Gebet einſchließen kann.“ 145 „Und kein Wunſch lebte je in dir, ihm näher anzugehören?“— Manuela ſchwieg eine Weile, dann ſagte ſie, wie in Erinnerungen verloren: „Als mich ſein Arm umfing, wie die wahn⸗ ſinnige Mutter auf mich zuſtürzte, war es mir, ſo möchte ich immer ruhen, ſo ſüß, ſo ſicher— und ein Weh— wohl eine Sehnſucht darnach, e einige Zeit innun zurüc Aber Gett ie ſchützte mich— es ging dahin, und Manuela ge⸗ hörte ihrer heiligen Beſtimmung wieder ganz an und war froh und zufrieden und— liebte dich dich, Wilhelmine.— Aber was iſt das!— o mein Gott! ich vergeſſe die morgende Feier!— Laß mich. o, laß mich— entferne dich; du häufſt ſchwere Sünde auf mein Haupt!“— „Wir ſind hier bei einander eingeſchloſſen, Manuela,“ ſagte Wilhelmine nach einem prüfenden Blick auf die Geängſtigte.„Erkenne darin eine Fügung des Himmels. Komm; werde wieder ruhig, ich habe dir noch viel zu ſagen, dir noch viel zu enthüllen. Du mußt mich hören, Ma⸗ nuela— das iſt, jetzt deine erſte Pflicht, das Wohl deines ganzen Lebens hängt davon ab.“ Stein, Die Braut im Kloſter. II. 10 146 Wilhelmine ſprach dies in ſo überzeugendem Tone, daß Manuela wieder ruhiger wurde, und jene den Vortheil des weiterdenkenden Geiſtes auf ihrer Seite, und die bezwingende Macht der Beredſamkeit, verbunden mit dem heißen Verlangen, Manuela Edgars Liebe zu retten, hätte ohne Zweifel ſie an ihrer Seite feſtgehalten und ihr ein klares Verſtändniß aller der Verhältniſſe bei⸗ gebracht, deren Opfer ſie war. Allein wie ſie eben begann, Manuela dies Alles auseinander zu ſetzen, öffnete ſich die Thüre der kleinen Treppe, und die Priorin ſtand vor ihnen. Manuela ſtürzte mit einem lauten Aufſchrei in ihre Arme. Das ganze Gewicht dieſer Stunde und des mor⸗ genden Tages fiel auf ihre befangene Seele. Nacht umhüllte ihr Auge, und nur ihre Angſt um Wilhelmine hielt ſie noch bei einiger Befin⸗ nung. Die Priorin, die gekommen, nach Manuela zu ſehen, hatte ſchon oben auf dem Chor Wilhelmi⸗ nens halblaute Stimme vernommen, und leiſe die kleine Thüre öffnend, einen Theil ihres Geſpräches gehört. Ihr Plan war ſchnell gefaßt. Sie gab der 147 harrenden Beate ein Zeichen, und dieſe zog die halbohnmächtige Manuela mit ſich ſort. Wilhelmine wollte ihr nach, doch die Priorin warf die Thüre in's Schloß und ſtand nun mit ihr allein, abgeſperrt in der geſchmückten Kapelle. „Du hoffteſt, ſie ihrer heiligen Beſtimmung entreißen zu können?“ ſprach ſie nach einer ſchweren Pauſe.„Das rächt ſich an dir, auch du ſollſt vorerſt nicht mehr in die Welt zurückkehren, aus der du dich hieher gewagt.“ Wilhelmine taumelte einige Schritte zurück. doch ſchnell ſich faſſend, trat ſie ſtolz der Priorin gegenüber und ſagte: „Sie können nicht wagen, mich hier zurückzu⸗ halten. Man würde nach Minna Merau ſuchen und ſie finden. ½ Das erſtere mag kommen, das letztere wird nicht geſchehen, ſo lange ich es nicht will.“ „Du bleibſt meine Gefangene, bis Manuela eingekleidet iſt, und wenn du dich dagegen ſträubſt, werde ich Mittel und Wege finden, dich von hier zu entfernen und ſo lange, als es für Manuela's Heil nothwendig erſcheint, in ſichern Gewahrſam 10* 1 148 zu bringen. Noch iſt das Recht, das deine Mutter an mich abgetreten, in meinen Händen, und ich kann, ſobald ich es will, gegen die Entflohene davon Gebrauch machen.“— Welches Recht beſitzen ſie denn aber an mich, die einſtige Penſionairin?“ wandte Wilhelmine ein.„Glauben ſie nicht, daß ich das Kind noch bin von ehemals.“ Du biſt mir gegenüber nichts als die Ent⸗ flohene, das Kind, das deine Mutter mir, der Priorin dieſes Kloſters, übergab, und als ſie kein Penſionsgeld mehr für dich entrichten konnte, und als dein Vater entfloh— mir ihre Mutter⸗ rechte überwies und mich anflehte, dich ganz bei mir zu behalten, deine Zukunft zu beſtimmen. Glaubſt du denn, wenn ich es gewollt, es wäre mir nicht längſt gelungen, dich wieder in dieſem Hauſe zu haben. Wir aber gaben dich auf, die Schauſpielerin, die— doch genug— jetzt iſt S es räthlich dich hier zu halten, und darum ge⸗ ſchieht es. Folge mir ohne Widerſtand, er würde zu nichts fruchten.“ Wilhelmine überlegte einige Augenblicke. Doch kam ſie in der erſten Ueberraſchung über die feſte 149 Haltung der Priorin zu keinem recht klaren Beſinnen. Sie könne ihr doch jetzt nicht entkom⸗ men, dachte ſie, und dann auch wollte ſie bleiben um Manuela's willen. Sie bereute nur, nicht einmal Pauli von ihrem Kloſterbeſuch unterrichtet zu haben. Doch in einigen Tagen ſollte ſie ja im„Fiesko“ auftreten, und man forſchte dann gewiß nach ihr. Die Priorin öffnete die kleine Pforte wieder und hieß ſie vorangehen. Sie that es ohne Widerſpruch und ſah ſich forſchend nach allen Seiten um. Niemand begegnete ihnen; es war unheimlich ſtill und düſter in dem langen Gang. Beate harrte an ſeinem Ende, die Priorin ſprach einige leiſe Worte mit ihr, und ſie geleitete Wil⸗ helmine in einen abgelegenen Theil der Hauſes, den dieſe früher nie betreten, und der, wie ſie ſich erinnerte, noch unausgebaute Räume enthal⸗ ten ſollte. Er war durch eine Thüre abgeſchloſ⸗ ſen, die Beate mit einem mächtigen Schlüſſel öffnete. Neugierig ſah Wilhelmine ſich um, doch der ſchwache Strahl der Lampe, die Beate trug, ließ ſie wenig erkennen. Es ſah roh und un⸗ heimlich hier aus. Beate ſchloß abermals eine 15⁰ Thüre auf, dann ging es eine enge Treppe hin⸗ an, und hier, hinter einer großen und rohge⸗ arbeiteten Thüre, zeigte ſich ein ſchmaler Gang, in den mehrere kleine Thüren mündeten. Beate ſchloß die erſte davon auf, ein Kabinet mit ſchrägablaufender Vorderſeite und ziemlich gut eingerichtet, zeigte ſich.— „Hier ſoll ich bleiben?“ fragte Wilhelmine. „Es ſind die Kabinette für unwillkommene Gäſte, die Störungen in unſer heiliges Haus zu bringen drohen;“ erwiderte die dienende Schweſter. „Es ſieht faſt wie ein Gefängniß aus. Aber ich ſage dir, Beate, wenn ich morgen nicht wie⸗ der herauskomme, ſo will ich einen Lärmen hier oben machen, daß das ganze Kloſter in Allarm kommen ſoll.“ „Thue das nicht, Wilhelmine, du könnteſt ſonſt an einen Ort kommen, wo deine Stimme ſpurlos verhallte.— Sei ein paar Tage ruhig, dann kannſt du wieder gehen.“ „Und Manuela?“ „Wird morgen eingekleidet.“ „O, mein Gott!“ 151 „Was kümmert dich das? Iſt ſie doch ein ſo frommes Kind, daß ihr auf Erden nichts Beſſeres werden könnte.“ „Sie ſollte aber nicht Nonne, ſie ſollte Gräfin Bardenberg werden.— Beate, liebe Beate,“ fuhr Wilhelmine, die Hände der Schweſter ergreifend, in bezwingendem Tone fort,„war ich auch recht böſe und habe dir manchen Scha⸗ bernack geſpielt, du haſt mich doch ein wenig lieb gewonnen, ich bitte dich, gute, liebe Beate, ſage mir die Wahrheit, ſprich, glaubſt du, und glaubt die Priorin nicht auch, daß Manuela glücklicher in der Welt draußen geworden wäre, als ſie es hier unter dem Schleier der Entſagung ſein wird?“ „Wie kannſt du nur denken, daß wir ſolches annehmen könnten, wir— die wir dem Kloſter mit Leib und Seele angehören?“ Wilhelmine ſeufzte tief auf und ließ die Hände der dienenden Schweſter los und klagte: „Arme Manuela.“ „Bedaure ſie nicht; ſie wird glücklicher ſein in ihrem himmliſchen Frieden, als du in deinem fündhaften Wandel.“ 152 Wilhelmine gab keine Antwort darauf, ſie ließ ſich recht troſtlos auf das weiße Lager nie⸗ der, doch als Beate ſich entfernen wollte, ſprang ſie wieder auf, und ſie zurückhaltend, bat ſie mit flehender Stimme:„So laß mich wenigſtens insgeheim der morgenden Feier beiwohnen; ich verſpreche dir, ganz ſtille mich zu verhalten, ja nur in einer Verkleidung mich dahin zu wagen. Unter dem Altar der Gottesmutter liegt das Gewand einer alten Frau; ich kam in demſelben herein, ich könnte mich auch morgen darin bergen.“ „Komödie ſpielen auch hier bei uns willſt du, willſt es in der Kirche ſogar?“ entgegnete Beate mit Entrüſtung, und ſich bekreuzend, war ſie ſo raſch zur Thüre draußen, daß Wilhelmine es nicht verhindern konnte. Sie wollte ihr nach, doch die Thüre war verſchloſſen— ſie eine Gefangene im Kloſter, ſie, Minna Merau, die freie Künſtlerin! Wie bereute ſie der Priorin aus der Kirche gefolgt zu ſein. Dieſe habe ſie in der erſten Ueberraſchung überliſtet, ſagte ſie ſich, der feſte und gebietende Ton der Frau, welcher ſie ſo lange Jahre zu 153 gehorchen gehabt, ſie verwirrt, wie ihre Liebe zu Manuela, der heiße Wunſch ihr nahe zu ſein.— Nun war ſie abgeſchloſſen in einem ganz ent⸗ legenen Theil des weitläufigen Gebäudes— ab⸗ geſperrt von der theuren Freundin, und auch allen ihren Beziehungen zu der Welt. Wer würde hier nach ihr ſuchen, wer ſie hier finden?— Eine namenloſe Angſt überkam ſie, die ſich noch ſteigerte, als ſie, nicht weit von ſich entfernt, einzelne ſchauerliche Töne vernahm, wie aus Entſetzen und verzweifelndem Schmerze gemiſcht. Es war die wahnſinnige Gräfin Maria, die man ebenfalls in eines dieſer abgelegenen Zim⸗ mer gebracht hatte, in das entlegenſte, am Ende des Ganges, und die in der Nacht ihre böſen Stunden hatte— während ſie bei Tage ge⸗ wöhnlich in dumpfes Brüten verſunken war. Pauli, der mit Roſette Wilhelmine zu ihrem Gaſt⸗ ſpiel begleitet hatte, gerieth in große Unruhe, als dieſe im Lauf des andern Tages nicht wieder zurück⸗ kam. Es war das erſtemal, daß ſie ein Geheimniß vor ihm hatte, und obgleich er ihr vollkommen vertraute, beähgſtigte es ihn doch, beſonders da es in der Stadt von Stunde zu Stunde unruhiger wurde. Wie leicht konnte ihr ein Unfall zuſtoßen oder ſie doch rauhen Worten ausgeſetzt ſein. Auch die niedliche Roſette bedenklich das Haupt über dieſes unbegre flür e Abenteuer, zu dem ihr jeder Schlüſſel fehlte. Der greiſe Künſtler, welcher der begeiſterten Aufregung, die im Anfang der Märzrevolution die Gemüther erhitzte, gänzlich ferne ſtand, da in ſeinem alten Haupt nur noch Kunſt⸗ ideen einen Platz fanden, wie in ſeinem Herzen allein Wilhelmine noch, konnte kein Verſtänd⸗ niß für dieſe außergewöhnliche Bewegung finden, 155 und ſie kam ihm nur als ein roher Ausbruch über⸗ müthiger Jugend vor und ängſtigte ihn um Wilhelminens willen immer mehr, je näher die Nacht heranrückte. Schon die vergangene Nacht hatte ſie gefehlt, doch darauf war er vorbereitet geweſen; aber am andern Tag verſprach ſie wieder⸗ zukommen. Und es war auch nothwendig; die Aufführung des„Fiesko“ in der man ſie beſtimmt hatte, die Leonore zu übernehmen, konnte jeden Augenblick angeſetzt werden. Als es zu dunkeln anfing, ging er ernſtlich mit ſich zu Rath, ob er nicht die Polizei in Anſpruch nehnen ſolle, um † Wilhelminens Aufenthalt nachzuſpüren, doch dem widerſprach Rofette ganz entſchieden und meinte, das würde ein ſchönes Gerede geben und hieße den guten Ruf ihrer Herrin geradezu zu Grund richten. Die ängſtliche Spannung des alten Mannes nahm ſo überhand, daß er bei jedem Geräuſch im Hauſe an die Thüre eilte und hinausſpähte, immer hoffend, nun werde ſie es doch gewiß ſein. Sie hatten ſich in einer etwas abgelegenen Straße für die Zeit ihres Aufenthalts hier eingemiethet. Wilhelmine trat, wo ſie hinkam, äußerſt beſcheiden auf und vermied es, ein Anziehungspunkt für die Hotels 156 zu werden. Der gangbare Charlatanismus des Theaterruhms widerte ſie an und beein⸗ trächtigte ihr dies auch etwas den äußern Triumph, ſie fand kein Glück in ſolcher Ver⸗ ehrung; ihre beſte Befriedigung lag darin, durch die Macht ihrer Kunſt allein die Herzen zu ge⸗ winnen. Schallte dieſer Triumph auch leiſer von Ort zu Ort, hinterließ er doch tiefere Spuren; ſie blieben da haften, wo der Mime ſie ſich allein wirk⸗ lich bewahren kann: in der Seele ſeiner Zuſchauer.— Als eben Roſette Licht angezündet, damit in der Dämmerung die ängſtlichen Grillen des alten Herrn ſich nicht mehren ſollten, hörte man deutlich unten nach Fräulein Minna Merau fragen. „Sie wohnt hier!“ rief Pauli ſogleich die Treppe hinab, und die Fragen:„Was iſt mit ihr? Wo iſt ſie? Iſt ſie endlich da?“ folgten ebenſo ſchnell nach. Ein Herr und eine Dame kamen ohne zu antworten die Treppe herauf und fragten wieder nach Fräulein Minna Merau. „Sie iſt ausgegangen;“ miſchte ſich Roſette ein, neugierig die ſchöne Dame und den intereſſanten Herrn betrachtend. 157 „Ach, was ausgegangen“— murrte Pauli, „fort, fort iſt ſie, und Gott weiß, wenn ſie wieder⸗, kehrt.“ „Aber, Herr Pauli.“— „Laß dein Aber, Roſette, ich bin in Todes⸗ angſt um das Mädchen, da hören die Abers auf! Doch kommen ſie in die Stube, meine Herrſchaften, und ſagen ſie mir gefälligſt, was ſie von Minna wollen.“ „Sie beſuchen, beſter Herr,“ erwiderts die ſchöne Dame. Wir haben viel Wichtiges mit ihr zu ſprechen. Doch wo iſt ſie? Es ſcheint, ſie wiſſen nicht, wo das Fräulein ſich eben befindet. Wir ſuchten ſie in Wien auf, man ſchickte aus von dort hieher. Minna Merau und Wilhelmine Helling iſt doch eine und dieſelbe Perſon?“ „Ja, ich glaube ſo war ihr Name, ehe ſie Wilhelmine Herz und dann Minna Merau hieß. Das arme Kind hatte viele traurige Schickſale, bis ſie es ſo weit gebracht. O, ſie iſt jetzt eine brave Künſtlerin!“ Nun war Pauli bei ſeinem Lieblingsthema angelangt und vergaß faſt ſeine Angſt darüber. Ella hörte ihm aufmerkſam zu. Es gewährte ihr eine ſchöne Freude, aus den Worten des greiſen Künſtlers ſich ſo ziemlich Wilhelminens jetziges Leben und die Stufe ihrer Bildung zuſammenzu⸗ ſtellen. Das Reſultat war ein ſo befriedigendes, daß ihr alle beſorglichen Vermuthungen wegen Wilhelmine entſchwanden, die nothwendig ihr kommen mußten, wenn ſie bedachte, welche Mut⸗ ter erſt ihre Erziehung geleitet, und wie ſie wohl dazu gekommen ſein möchte, den Weg aus dem Kloſter auf die Bühne zu finden. Das löſte ſich jetzt durch Pauli's rührendes und glaubwür⸗ diges Geplauder in anſprechendſter Weiſe, und auch Lorenzo fühlte ſich freudig davon bewegt, wenn er des bleichen, ungeliebten Kindes im Hauſe ſeiner Eltern gedachte, und er wünſchte, ſo ſehnlich wie Ella, Wilhelmine endlich zu ſehen. Es hatte ſie Mühe gekoſtet, ihre ſichere Spur aufzufinden und ſie in der Schauſpielerin Minna Merau zu entdecken, und jetzt, am Ziel ihrer Reiſe, entzog ein Zufall ſie ihnen abermals. Doch es handelte ſich ja wohl nur um einen Tag, und ob⸗ gleich weder Pauli noch Roſette eine Ahnung hatten, wohin ſie gegangen, ſo war es doch ganz wahrſcheinlich, daß ſie morgen zurückkeh⸗ 159 ren werde, da ſie es auf heute ſchon verſprochen hatte. Das Gelärme, welches ſelbſt in die abgele⸗ gene Straße drang, ängſtigte Lorenzo und Ella um Wilhelminens wegen wenig. Sie, die Künſt⸗ lerin, das junge Mädchen, hatte doch ſicher nichts mit dieſer Bewegung zu ſchaffen. Ella ſuchte Pauli zu beruhigen, und beauftragte Roſette ein Abendeſſen zu bereiten; ſie wollten noch einige Stunden bleiben, um zu ſehen, ob Wilhelmine nicht doch noch an dieſem Abend zurückkehren werde. Ella machte es ſich bequem; ſie war müde von der Reiſe, die ſie ſehr raſch hieher gemacht hatten. Dennoch hörte ſie nicht auf, mit dem größten Intereſſe nach Wilhelminens Lebensſchick⸗ ſalen zu forſchen, und obgleich Pauli den Namen Edgars nicht nannte, ſtieg doch die Vermuthung in ihr auf, daß ſie das Mädchen ſei, das er theil⸗ nehmend beſchützte. Es erhöhte ihr Intereſſe für Wilhelmine, und ſie lauſchte bald kaum minder begierig, als Pauli, jedem Laut, der ihr Nahen verkünden konnte. Doch nur der Theaterdiener kam jetzt eilig die Treppe herauf, für morgen um neun Uhr die Probe des„Fiesko“ anzuſagen, da man ſtürmiſch die Aufführung deſſelben ver⸗ lange. Pauli erbleichte, doch Roſette fiel ein: „Es iſt gut; ich werd's dem Fräulein mel⸗ den, ſobald ſie nach Hauſe kommt.“ „Wenn ſie aber nicht kommt?“ jammerte Pauli, deſſen Angſt in verſtärktem Grad zurück⸗ kehrte. „Dann iſt's morgen früh noch immer Zeit, ſie krank zu melden“ meinte die erfahrene Thea⸗ terkammerjungfer. „Das könnte dieſesmal doch eine nißliche Ausrede werden,“ bemerkte Lorenzo,„denn es ſcheint, das Volk will vorerſt ſeine Widlenstraft an kleinen Dingen erproben.“ „Pah, wer wird es wagen, Minna Merau zu beleidigen und behaupten, ſie ſei geſund, wenn ſie krank ſein will?“ Ein raſcher Tritt unterbrach dieſen beginnen⸗ den Disput, und ohne anzuklopfen ſtürzte Edgar herein und ſah— Ella, wo er Wilhelmine zu finden geglaubt. Wie groß war ſein Staunen, ſeine Ueber⸗ 161 raſchung, viel weniger war dies bei Ella der Fall, deren Vermuthung durch ſein Erſcheinen eben zur Gewißheit wurde. Pauli hing ſich zitternd an den Grafen und klagte: „Sie iſt fort, und wir wiſſen nicht wohin.“ Lorenzo miſchte ſich in dieſe Verwirrung und beruhigte Edgar über Wilhelminens Abweſenheit, die ſich ohne Zweifel bald aufklären werde; über ſein und Ella's Daſein wolle er Edgar ſpäter, wenm ſie allein wären, Rechenſchaft geben, da ein Geheimniß damit verflochten ſei. Es blieb aber deſſenungeachtet eine kleine Spannung, die Pauli's Aengſtlichkeit vermehrte. Edgar meinte, ja er war es überzeugt, daß Wil⸗ helmine in das Kloſter gegangen ſei, um Ma⸗ nuela zu ſprechen.— Ella, die wußte, daß hier das Kloſter war, in dem Edgars Verlobte ſich befand, war doch ſehr überraſcht von den innigen Beziehungen dieſer Beiden zu einander, die Schwe⸗ ſtern waren und, ohne dies zu ahnen, ſich ſo innig liebten. Sie ſehnte ſich allein zu ſein und bat, Lorenzo und Edgar ſollten nun gehen, ſie wolle die Nacht hier bleiben und ſo⸗ Stein, Die Braut im Kloſter. III. 11 162 bald Wilhelmine wiederkehre, Roſette zu ihnen ſenden.— Lorenzo ſolle indeſſen Edgar mit dem Grund ihrer Hieherreiſe bekannt machen.— Edgar war voller Erſtaunen über die Ent⸗ deckungen, die ihm Lorenzo machte, und freute ſich ungemein, in ihm Ella's Bruder zu finden. So hatte ſie doch jetzt einen natürlichen Be⸗ ſchützer, der ihr ſo nahe ſtand, als es für ihre gewagte Stellung nöthig war. Viel mächtiger noch aber ergriff es ihn, in Wilhelmine das Kind ſeines Oheims zu finden, die Schweſter Manvela's, wie mußte das letztere ſie beglücken, und das erſtere, wenn man es ihr ſchonend mittheilte, konnte ſie lange nicht ſo ſchmerzlich berühren, als Ella, welche die Sünden des Grafen von ihm ſelbſt, dem Sterbenden, in— dem ſie ihren Vater ſah, erfahren mußte. Auch Ella konnte durch dieſen Tauſch, der ihr einen theuern Bruder gab, nur befriedigt ſein. Daß ſie aber das Erbe ſo unbedingt an Wilhelmine abtreten wollte, ängſtigte Edgar einigermaßen. Er fand es, wie Lorenzo, nicht anders möglich, und doch, wenn er bedachte, wie Ella erzogen 163 worden, an wie viele Bedürfniſſe ſie gewöhnt war, und was ſie um des Grafen willen gelitten hatte, wollte es ihn bedünken, ſie dürften das Erbe nur miteinander theilen. Doch weiter dar⸗ über nachzudenken, war jetzt keine Zeit. Wil⸗ helminens Abweſenheit ängſtigte ihn mehr, als er ſagen mochte, obgleich Lorenzo meinte, die Klöſter in unſeren Tagen hätten nur noch für ganz gläubige Seelen Gefahren, und Wilhelmine, die Schauſpielerin, habe bei einem Kloſterbeſuche nichts zu befürchten. Als aber der Morgen kam, und Ella keine Nachricht ſandte, beſchloß Edgar, in dem Kloſter Einlaß zu begehren und nach Wilhelmine zu for⸗ ſchen.— Er befahl, raſch das Frühſtück zu brin⸗ gen und ließ Lorenzo rufen, der ſich ſogleich an⸗ bot, ihn auf ſeinem Gang in das Kloſter zu be⸗ gleiten. Edgar ſchellte ungeduldig nach dem Kellner; jede Minute Verzögerung peinigte ihn, und er mochte ſeine ganze, innere Angſt Lorenzo nicht offenbaren. Sie kam ihm bei ruhiger Ueberlegung ſelbſt übertrieben vor, und doch wurde es ihm nicht möglich ſie zu beſchwichtigen. Da ſtürzte Roſette 147 herein und gleich darauf kam auch Ella athemlos an und beſtätigte, was dieſe erzählte: Durch die Straßen wälze ſich eine aufgeregte Menge Volks und dränge ſich um das Theater und begehre Minna Merau zu ſehen. Das Gerücht habe ſich, wahrſcheinlich vom Theater aus, wohin Pauli gegangen, ihr Nichterſcheinen auf der Probe zu erklären, verbreitet, und der geängſtigte Direktor, von dem man die Afführung des„Fiesko“ verlange, habe wohl in ſeiner Verzweiflung erklärt: man halte die Darſtellerin der Leonore im Kloſter gefangen. Daran hätten ſich nun ſogleich alle möglichen politiſchen Vermuthungen gereiht und Minna Merau drohe das Loſungswort zu einem allgemeinen Aufſtand zu werden. Man wolle das Kloſter ſtürmen— und Roſette meinte halb ängſt⸗ lich, halb triumphirend, es würden ganz ſchreckliche Thaten geſchehen, ihrer berühmten Herrin zulieb. „Da müſſen wir eilen,“ ſagte Edgar, Loren⸗ zo's Arm ergreifend, und Ella hing ſich an ſeine andere Seite und beſtand darauf, mitzugehen und wäre es in den größten Straßentumult. Roſette ſollte den alten Pauli aufſuchen und ihn wo mög⸗ lich beruhigen. 165 Es war ein furchtbares Gedränge in den Straßen und ein noch furchtbarerer Lärmen in denſelben; man verſtand nur einzelne Ausrufe deutlicher, wie:„Minna Merau“—„Fiesko“, „Theater“ und„Kloſter“,„Freiheit und Gleich⸗ heit!“— wildes Lachen, Jubelrufe und Verwün⸗ ſchungen Alles miſchte ſich wirt durch einander. Doch ein Ziel war gefunden— das Kloſter, in dem die Schauſpielerin eine Gefangene war, um die Vorſtellung des„Fiesko“ zu hintertreiben. Dieſe Thatſache ſtand in der allgemeinen Anſicht feſt— daran war kein Zweifel mehr— und man mußte die Schauſpielerin befreien, und ſollte das heilige Haus demolirt werden— man wollte „Fiesko“ um jeden Preis heute Abend ſehen, und mit dem Rufe:„Es lebe die Freiheit! Hoch Minna Merau!“ wälzte ſich der revolutionäre Strom nach den ſtillen Mauern des Kloſters. VWie ein unvorhergeſehener, furchtbarer, Gewitter⸗ ausbruch nahte es dem heiligen Hauſe, deſſen Pforten feſt verſchloſſen waren. Allein was ſchützen Schloß und Riegel vor dem Andrang einer entflammten Menge, die in ihrem vollen Recht zu ſein glaubt und in entfeſſelter Leidenſchaft eine wilde Luſt empfindet. Nicht das kleine Seitenpförtlein allein wich dem Druck ſtarker Arme, auch das große Portal an der ſchmalen Vorderſeite des Kloſters wurde zertrümmert, mit ihm die ſtille Figur des Heiligen, die zu ſeinem Schutze ſeit Jahrhunderten hier ſchon gethront hatte Jubelnd und zerſtörend zog der Haufe durch die Räume, die ihm nicht mehr heilig waren, ſelbſt die Zellen wurden aufgeriſſen, und rohe Witze verfolgten die fliehenden Kloſter⸗ frauen, die in der Kapelle Schutz vor frechen Blicken und Worten ſuchten. Auch die Penſiv⸗ 167 närinnen flüchteten ſich an den Muttergottesaltar, und das Eindringen auch in dieſes Heiligthum verhinderten die Beſonneneren durch Aufſtellung einer Wache davor, was man ſich gefallen ließ, ſobald man ſich überzeugt hatte, daß die ver⸗ mißte Schauſpielerin ſich nicht hier befand. Man ſuchte mit blinder Wuth in den weit⸗ läufigen Gebäulichkeiten nach ihr, im Garten, in den Kellern und auf den Speichern des Hauſes. Der kleine Raum, der die Manſardenkabinette in ſich ſchloß war noch nicht entdeckt. Da gewahr⸗ ten einige eine ſpukhafte Geſtalt in dieſem Flü⸗ gel des Hauſes verſchwinden. Es war Melchior, der Hüter der wahnſinnigen Gräfin, den Neu⸗ gierde— oder— vielleicht auch Abſicht herabge⸗ trieben, und der die Thüren ſo hart hinter ſich zuſchlug, daß man ſeine Spur leicht verfolgen konnte. Doch noch ehe ein Paar Dutzend der Verwegenſten ſich recht vrientirt hatten, vernahm man ein wahnſinniges Geſchrei oben, und Wil⸗ helmine, von der Gräfin fortgeriſſen, ſtürzte die enge Treppe herab. Die Wahnſinnige, durch den dumpfen Lärm, der auch hier heraufdrang, auf⸗ geſchreckt aus ihren düſtern Träumereien, hatte 168 ihre Stube verlaſſen und vernahm Wilhelminens rufende Stimme, die, als ſie die Bewegung im Hauſe vernahm, ihre ganze Kraft aufbot, ſich bemerklich zu machen.— Sie hatte dies früher ſchon einige⸗ male vergebens verſucht, nur die ernſte Drohung war ihr dadurch geworden daß man ſie ſtrenger verwahren werde, wenn es noch einmal geſchehe. — Sie war deshalb entſchloſſen geweſen, einige Tage geduldig abzuwarten, aber wie ſie laute Stimmen unten vernahm, hielt ſie kein Bedenken mehr zurück, und verzweiflungsvoll rief ſie um Hilfe.„Die Wahnſinnige, verlaſſen von ihrem Hüter— lauſchte geſpanst dieſen Tönen. Da kam Melchior die Treppe herauf, und ein ſtarker Druck ſeiner Hand öffnete die Thür der Gefan⸗ genen, die ihn ſchon einigemale darum angefleht hatte, und er rief ihr zu: „Enfliehen ſie!“ Doch ſchon hatte die Wahnſinnige ſie gepackt, und ſie mit ſich fortreißend, ſchrie ſie: „Er will dich dem Himmel entreißen, Aline — komm, komm, fort von hier. Hörſt du das Jubeln der Hölle— rette mich— rette mich— unter deinen heiligen Schleier— bleiches Kind ——— 169 — oh, es iſt dein Leichentuch— doch, nur beten — beten— Aline. Laß mich nicht zur Hölle fahren!“— Mit übermenſchlicher Kraft, die der Wahnſinn oft erzeugt, riß ſie Wilhelmine die Treppe hinab durch den Gang— an den Stau⸗ nenden vorüber, die dieſe Scene verſtummen machte und mit Schauder erfüllte— doch drän⸗ ten ſie nach— um ein etwaiges Unglück zu ver⸗ hüten— aber man verſuchte nicht ſogleich, dieſes intereſſante Intermezzo zu unterbrechen. Die Wahuſinnige ſtürzte mit Wilhelmine der Zelle Manuela's zu, doch dort hielt ſie Lorenzo auf, der ſich hier mit⸗noch Andern poſtirt hatte, die Andringenden bedeutend, daß eine ſterbende Nonne in dieſer Zelle liege. Dieſes Wort hielt ſelbſt die Roheſten zurück und — ſie vergnügten ſich anderwärts. Wilhelminens und Lorenzo's Blick begegneten ſich, und eine ſchnelle Ahnung, durch ihr wunderbares Auge hervorgerufen, ſagte ihm, daß es Wilhelmine ſei, das ungeliebte Kind ſeines Elternhauſes— die Tochter Rudolfs— Manuela's Schweſter.— Er entriß ſie der Wahnſinnigen, deren ſich jetzt Melchior mit Hilfe noch einiger Männer be⸗ 170 mächtigte und ſie an den Ort, dem ſie entſprungen, zurückbrachte. Mit den Worten:„Faſſe dich, Wilhelmine— und ertrage ſtandhaft, was du erfahren mußt,“— öffnete Lorenzo ihr die Thüre und ſchob ſie in die Zelle— ſie blickte noch ein⸗ mal zurück und ſtammelte,—„Lorenzo, mein Bruder“— doch ſchon zog er die Thüre zu, und ſie ſah— Manuela auf einem Ruhebett liegen, bleich— einer Todten ähnlich,— mit ſchmerz⸗ lichem Lächeln und geſenktem Blick.— Edgar ſtand an ihrer Seite, faſt ſo bleich wie ſie. Die Priorin lehnte, mit dem wollenen Schleier das Antlitz bedeckend, in einem Seſſel; Ella beugte ſich zu ihr herab und ſprach mit ihr, das ſchwere Geheimniß ihr enthüllend, das ſie in Wilhelmine ihr Kind erkennen ließ. „Sie iſt da;“ ſagte Ella leiſe zu der Priorin, als Wilhelmine eintrat, und dieſe, den Schleier zurückſchlagend, ſah mit Schmerz und verlangen⸗ der Liebe nach ihr hin. Doch Wilhelmine hatte keinen Blick für ſie. An Manuela's Lager nie⸗ derſinkend, bedeckte ſie die heiße, zitternde Hand derſelben mit Thränen und Küſſen. „So haben ſie dich doch endlich freigelaſſen,“ „ —————— 171 ſagte Manuela, und der ſchmerzlich verzogene Mund erhielt ſein ſüßeſtes Lächeln wieder.„Mut⸗ ter Hildegad wollte es nicht, da ſagte ihr jenes ſchöne Weib, du ſeiſt ihr Kind— und da holte dich wohl Beate.— Willſt du denn doch im Kloſter bleiben, ein Kloſterkind, und eine Him⸗ melsbraut werden, wie Manuela?— Ja, dann möchte ich wohl noch länger leben.“ „Wenn es dein Leben erhält, ſo bleibe ich bei dir— immer, ewig“— gelobte Wilhelmine. „Nein, nein, du ſollſt es darum nicht.— Er ſagte einſt, zu dem mein Auge ſich nicht erheben darf: es ſei ſchön in der Welt draußen— an der Hand der Liebe zu wandeln— ich aber durfte ſie nicht ergreifen, dieſe Hand— denn meine Liebe gehört Gott allein— mein Leben der Sühne einer ſchweren Schuld. Aber du, die du in der Welt draußen lebſt und auf gefähr⸗ lichen Pfaden in ihr wandelſt— du faſſe ſtatt Manuela dieſe liebe Hand, auf daß ſie dich bewahrt vor allem Leid und aller Sünde. Ach, welch' ein Glück, wenn du, meine theure Schweſter, den Pfad zum Himmel an der Hand der Liebe findeſt, und wir alle drei uns dort einſt angehören!“ 172 Wilhelmine verbarg ihr Angeſicht in Manue⸗ la's Gewand; auf dem Antlitz der Priorin leuch⸗ tete es plötzlich helle auf— wie eine ſtolze Hoff⸗ nung, und ſie richtete den fragenden Blick auf Edgar, den letzten Grafen Bardenberg. Dieſer ſtand erbebend da, die Hand auf das bewegte Herz gelegt, das tiefes Mitleid mit Manuela ſchmerzlich zuſammenzog, während ihre holden Worte ihn die Vorurtheile ſeines Standes ſchwer empfinden ließen. Er ſenkte ſein Auge ab⸗ wärts, indem die bleiche Nonne das erſtemal, ſeit er an ihr Lager getreten, das ihre zu ihm auf⸗ ſchlug, dann ihre zitternde Hand mit liebendem Druck auf das theure Haupt der Freundin legte, von der die ſchöne Fremde ihr geſagt, es ſei ihre Schweſter, und was ſie, ohne daß ſie es begriff, doch mit Wonne glaubte. Ella prüfte forſchend und theilnehmend dieſen innern Lebenskampf in der kleinen Zelle, während es draußen wieder wilder durcheinander lärmte „Wir wollen ſie jetzt hinwegbringen!“ „Fort mit ihr aus dem Kloſter!“ „Im Triumph bringen wir ſie in's Theater!“ „Wir wollen den„Fiesko“ haben!“ „Hoch die Freiheit!“ „Hoch, Minna Merau!“ Lorenzo trat jetzt in die Zelle, und Wilhelmine mit ſanfter Gewalt emporrichtend, ſagte er ein⸗ dringlich zu ihr: „Du mußt dich faſſen, mußt dich jetzt von hier losreißen. Sie wären im Stande, dich mit Gewalt hinwegzubringen, oder gar das Kloſter in Brand zu ſtecken, wenn ihr Wille nicht geſchähe.“ „Ich kann— kann es nicht, Lorenzo— kann von ihr nicht ſcheiden;“ erwiderte Wilhelmine, und mit dem tiefſten Ausdruck des Schmerzes und der Liebe zeigte ſie auf Manuela, die ſich plötzlich emporrichtete und geiſterhaft auf ſie hinſtarrte. „Man ſoll ſie zu nichts zwingen; ich dulde das nicht!“ miſchte ſich Edgar ein und wollte hinaus⸗ eilen, doch Lorenzo hielt ihn zurück und mahnte: „Laſſen ſie das, Graf; ſie machen das Uebel nur ärger; ſchon ihr alter Name wäre hinreichend, ſie blinder Wuth auszuſetzen.“ „Aber Wilhelmine?“— „Muß thun, was nicht zu ändern iſt. Die Aufregung hat einen gefährlichen Grad erreicht, und wenn die verſprochene Aufführung des„Fiesko“ 174 verhindert wird, kann ſie leicht den ſchlimmſten Charakter annehmen. Die Befreiung der Schauſpielerin, die man gewiſſermaßen zu einer politiſchen Perſon gemacht, feſſelt das Intereſſe, wie der erwartete Theater⸗ abend die aufgeregten Gemüther beſchäftigt. Sieht man ſich aber getäuſcht, ſucht man ſich anderwärts dafür zu entſchädigen, und das ſchlimmſte Unheil kann daraus entſtehen.— Es pleibt darum keine Wahl; die befreite Schau⸗ ſpielerin muß heute Abend im„Fiesko“ ſpielen.“ Der Lärmen draußen mehrte ſich. Die Thüre drohte geſprengt zu werden. „Führe mich fort, Lorenzo,“ ſagte Wilhelmine mit erlöſchender Stimme. Manuela rang mit erſtickenden Athemzügen— Edgar mußte ſie ſtützen. Ella war mit der Priorin beſchäftigt, die Wilhelmine zu umklammern und feſtzuhalten ſuchte; und auf Manuela zeigend, be⸗ ſchwor ſie Alle, ruhig, nur ruhig zu ſein um ihretwillen. Lorenzo zog die halb bewußtloſe Wilhelmine mit ſich fort. Noch einmal warf ſie den umflor⸗ ten Blick auf Manuela zurück, und es war ihr, 175 ein blutig rother Streifen ziehe über ſie und Edgar hin. Zuſammenſchauernd, von Entſetzen gepackt, wollte ſie ihr Angeſicht an Lorenzo's Bruſt verbergen; doch ſchon umrauſchte ſie ein masßloſer Jubel; wurde ſie mit Enthuſiasmus begrüßt und umringt. „Wir wollen ſie auch ſehen!“ „Wir auch!“ „Wir auch!“ rief es von allen Seiten, und Lorenzo hob die Zu⸗ ſammenſinkende in ſeinen Armen empor und trug ſie unter einem wahren Beifallsſturm in den harren⸗ den Wagen, der, von einer Anzahl junger Enthu⸗ ſiaſten gezogen, im Triumph dem Theater zufuhr. Lorenzo war trotz einiger mißbilligender Aeuße⸗ rungen zu der faſt lebloſen Wilhelmine in den Wagen geſtiegen und ſuchte ſie zu einiger Faſſungzu bringen. Doch umſonſt, ſie phantaſirte von der ſterbenden Freundin in leiſen, klagenden Tönen, und erſt als ſie auf der Bühne angelangt war und ein Thränen⸗ ſtrom ſie etwas erleichtert hatte, begriff ſie wieder, was man eigentlich von ihr wollte. Entſetzt ſah ſie umher. Pauli führte ſie in die Garderobe, wo bereits Roſette mit dem Ko⸗ 176 ſtüm der„Leonore“ ſich eingefunden hatte, denn die Vorſtellung mußte wohl der Probe unmittelbar nachfolgen. Der Director bat— faſt in Ver⸗ zweiflung, die lärmende Menge, die der befreiten Schauſpielerin gefolgt war und neugierig zwiſchen den Covliſſen herumſtöberte, ſich doch zu entfer⸗ nen, indem ſonſt keine Probe möglich ſei und ohne Probe keine Vorſtellung. Man ſah dies endlich ein und zog ſich in die angrenzenden Straßen zurück, begierig das Oeff⸗ nen des Theaters erwartend. Die Probe konnte endlich ihren Anfang neh⸗ men und Wilhelmine, von Pauli begleitet, der ihre Rolle in der Hand hielt und ihr ſoufflirte, ſprach die Worte derſelben— mechaniſch— lautlos Der alte Künſtler warf flehende Blicke gen Himmel, und Lorenzo fragte ſich? wie wird das enden?— Gleich nach der Probe mußte mit dem An⸗ kleiden begonnen werden. Roſette hatte während derſelben für einige Stärkungen geſorgt und nöð⸗ thigte ſie ihrer Herrin unter allerlei ermuntern⸗ den Troſtſprüchen auf. Wilhelmine ſuchte ſich zu faſſen, in das Un⸗ abänderliche ſich zu finden, und alle ihre Seelen⸗ kräfte ſpannten ſich bis zur Ueberreizung an. Die Vorſtellung begann, und wie ſie auf die Scene trat, kam das ganze Haus in die leben⸗ digſte Bewegung. Beifallruf, Applaus und ein wahrer Blumenregen, mit Lorbeerkränzen unter⸗ miſcht, empfingen ſie. Man hatte alle Gewächs⸗ häuſer geplündert, um Siegestrophäen ihr, der Befreiten, zu Füßen zu legen.— Doch regungslos ſtand ſie da und beugte ſich zu keiner dieſer Spenden nieder, ſie aufzuheben. „Wie angegriffen ſieht ſie aus— bleich ſelbſt unter der Schminke“, bemerkten Viele, und neue Theilnahmsbezeugungen wurden ihr; das Orche⸗ ſter mußte jetzt mit einſtimmen— wiederholt wurde dies verlangt, der Spektakel wollte kein Ende nehmen. Lorenzo, der mit Pauli in der erſten Couliſſe ſtand, ſah in Todesangſt auf die wankende Wil⸗ helmine. Der Director, um der Sache ein Ende zu, machen, trat jetzt vor, und der Heldin des Tages einen Lorbeerkranz auf das Haupt ſetzend, führte Stein, Die Braut im Kloſter. III. 12 Aceneeeeeet 178 er ſie unter dankenden Verbeugungen ab— wäh⸗ rend auf ſeinen Wink Einige vortraten, die Blu⸗ menbouquets aufzuleſen. Der Vorhang mußte noch einmal fallen; Wil⸗ helmine an Pauli's Bruſt noch einmal ihrer Auf⸗ gabe gedenken, und dann ſpielte ſie die Leonore und ſpielte ſie mit einer Meiſterſchaft, die Lorenzo kaum faßte.— Pauli beobachtete ſie immer ängſtlicher. „Sie iſt überreizt— ſie wird es nicht zu Ende bringen,“ klagte er. Doch das Stück ging ſeinem Ende zu, und Wilhelminens Spiel blieb daſſelbe, nur Pauli und Lorenzo bemerkten, daß ſie zuweilen krampfhaft zu⸗ ſammenzuckte, und ihre Geſichtszüge ſich momen⸗ tan verzerrten. Als der Todesſtoß ſie traf, ſank ſie mit einer Naturwahrheit zuſammen, daß lauter Beifall die ermordete„Leonore“ überſchüttete. Von dem Mantel überdeckt, in dem ſie in liebender Angſt dem Gatten gefolgt war, lag ſie jetzt regungslos da.— Als„Fiesko,“ den Mantel zurückſchlagend, ſein Weib erkannte, ſtieß er einen ſo durchdringenden 179 Schreckensruf aus, daß unwillkürlich einige im Parterre aufſprangen, und auch in den Logen eine unruhige Bewegung ſich bemerklich machte. „Fiesko“,— die Hand der todten Gattin er⸗ greifend, bebte abermals zurück und warf einen bedeutſamen Blick auf ſeine Umgebung.— „Was iſts?— Was giebts?“ ließen ſich jetzt Stimmen im Publikum vernehmen, und man ſtürzte in's Orcheſter, um auf die Bühne zu glimmen. Die regungsloſe Schauſpielerin flößte mit ei⸗ nemmale ein allgemeines Entſetzen ein.— Lorenzo trat mit Pauli aus der Couliſſe, An⸗ dere folgten; der Vorhang fiel in demſelben Augen⸗ blick, und der Schreckensruf: „Sie iſt todt!“ ſchallte durch das Haus und— „Man hat ſie im Kloſter vergiftet!“ folgte es dieſem Rufe nach. Ein noch größeres Unheil drohte dem heiligen Haus, als am Morgen. Doch ſchon war es mit Wachen umſtellt, und die Beſonnereren ſuchten das Kloſter vor einem erneuerten lngriff zu ſchützen; und auch nur ein Haufe der Verwegen⸗ 180 ſten drang durch das Seitenpförtlein ein und— blieb an der weit geöffneten Pforte der Kapelle gefeſſelt ſtehen. Vor dem Hochaltar, auf einem erhöhten Ge⸗ ſtelle, lag, von brennenden Kerzen umgeben, eine weiße, regungsloſe, doch wunderbar holde Geſtalt, mit bleichem Angeſicht von himmliſch verklärten Zügen, einem Engel der Liebe und des Friedens ähnlich. Rund umher knieeten die Kloſterfrauen, mit gedämpfter Stimme heilige Lieder ſingend, und weiß gekleidete Knaben ſchwangen Weihrauch⸗ gefäße uber ſie hin, und duftende Wölkchen dutch⸗ zogen das kleine Gotteshaus. Ein Prieſter ſtand an dem Hochaltar und erhob ſegnend die Hände gegen den Sarg und betete für das Seelenheil der Frühverſtorbenen, die doch hienieden ſchon ein Engel war. Leiſe ſchlichen ſie wieder hinweg, die lärmend gekommen waren, und Manuela's Todtenfeier blieb ungeſtört von dem Geräuſche der Welt. Der Tod in ſo holder und feierlicher Geſtalt überwältigt auch die entfeſſelte Leidenſchaft mit einen ahnungsvollen, heiligen Schauern. Die ſich überſtürzenden Zeitereigniſſe drängten die Kloſter- und Theatergeſchichte bald ganz in den Hintergrund. Man ſprach wohl noch einige Tage davon und intereſſirte ſich auch noch für das Schickſal der Schauſpielerin, die man leblos auf der Bühne geſehen; allein man fand jetzt keine Zeit, genauere Nachforſchungen anzuſtellen und begnügte ſich mit vagen Gerüchten und Ver⸗ muthungen. Die Einen meinten: Minna Merau ſei wohl durch die zu große Aufregung, welche ihr der unerhörte Triumph gebracht, ohnmächtig geworden und habe ſich ohne Zweifel bald wie⸗ der erholt und erfreue ſich nun im Stillen des denkwürdigen Tages, an dem ſie eine ſo wichtige Rolle geſpielt. Man vermuthete ſogar, daß viel Gemachtes an der Kloſtergeſchichte geweſen, und die Schau⸗ ſpielerin eben eine Rolle darin geſpielt habe, die — 182 ſie allerdings meiſterhaft durchgeführt. Andere dagegen behaupteten dreiſt: Minna Merau ſei unter ſehr verdächtigen Symptomen noch in der⸗ ſelben Nacht geſtorben und ihre Leiche ſogleich heimlich fortgebracht worden, um eine gefährliche Demonſtration zu vermeiden. Ja Viele meinten ſogar, ſie ſei noch in derſelben Nacht in dem Gewand einer Nonne im Kloſter beigeſetzt wor⸗ den, um jede Spur von ihr zu verwiſchen. Gewiß war, daß Minna Merau in der Stadt nicht mehr geſehen wurde, und Pauli mit Ro⸗ ſette am andern Tag allein die Rückreiſe nach dem Ort ihres Engagements antrat, und dort ihren Contrakt unter der Angabe löſte, ſie ſei ſo gefährlich erkrankt, daß man auf ihre Wieder⸗ geneſung kaum noch hoffen könne. Roſette beſtätigte dies unter bittern Thränen, tröſtete ſich aber nach Pauli's Abreiſe bald wieder mit dem Geſchenk von Wilhelminens kleinem Haushalt, den er ihr zurückließ, und der ſie endlich an das gewünſchte Ziel langjähriger Wünſche brachte: ſich mit einem beim Theater beſchäftigten Mann zu verheirathen. Man forſchte in der unruhigen Zeit, welche ohnedies der Kunſt nicht günſtig, nicht weiter —————— 183 nach dem Schickſal der Schauſpielerin, deren Name ſchneller noch aus der Bühnenwelt verſchwinden zu wollen ſchien, als er in ihr aufgetaucht war. Und da ſie auch, wie es wieder ruhiger wurde, nichts mehr von ſich hören ließ, nahm man all⸗ gemein an, ſie ſei geſtorben. Selbſt Roſette glaubte es nicht anders, doch war ſie vielleicht die Einzige, die ihr hin und wieder, wenn ihre Heirath ſie reuen wollte, einen Klageſeufzer nach⸗ ſandte. Sie hätte dann auch wohl gerne ge⸗ wußt, was aus dem alten Kunſtenthuſiaſten, wie ſie Pauli nannte, geworden ſei, und ob der' ſchöne Graf jetzt wieder eine andere Geliebte beim Theater habe. Doch ſie mußte ſich mit Ver⸗ muthungen begnügen und hatte auch niemals Gelegenheit, den wahren Sachverhalt kennen zu lernen, und vergaß, wie die übrige Welt, im Lauf der Jahre Minna Merau und jenen revolu⸗ tionären Theaterabend. Corenzo und Ella hatten Wilhelmine ſo ſtille und ſo ſchnell als nur möglich aus der unruhi⸗ gen Stadt gebracht, um ſie vor jeden etwaigen, weiteren Anforderungen zu bewahren. Schon am frühen Morgen nach dem entſetzensvollen Tage, waren ſie einige Stunden weit von ihr ent⸗ fernt. Bis hieher hatte ſie auch Edgar begleitet, den Lorenzo, nachdem er nach der Theatervor⸗ ſtellung Wilhelmine Ella's Sorge übergeben, aufgeſucht und in ſeinem Hotel gefunden hatte, noch auf das Schmerzlichſte ergriffen von Ma⸗ nuela's Tod, deren Leben, bereits in hohem Grad gefährdet bei Wilhelminens Weggang, einem Blut⸗ ſturz vollends erlegen war.— An dieſer heiligen Leiche flehte ihn die er⸗ ſchütterte Priorin an, ihr Andenken in Wilhel⸗ minens Herzen nicht mit Haß zu trüben, ſie den Tod dieſes Engels nicht entgelten zu laſſen und — ——— 185 ihrer Vergangenheit ein mildes Urtheil zu ſchen⸗ ken. Sie habe ihr Kind einſt in Verzweiflung und Gewiſſensqual hingegeben, und auch, um ſich an Rudolf zu rächen, der es geliebt. Sie ſei befriedigt, daß jene Ella und nicht ſein Kind es geweſen, die ſeine letzten Lebensjahre erleichtert, denn Kindesliebe habe er ſo wenig als treue Frauenliebe verdient. Doch er möge in Frieden ruhen; ſie werde für ihn beten, und er, Edgar, möge Sorge für Wilhelmine tragen, die ja ſeine Verwandte und, wie ſie vermuthe, auch ſeine Freundin ſei. Er ſolle ſie zu beſtimmen ſuchen, das Theater zu verlaſſen, und wolle ſie in ſtillem Frieden leben, ſtehe das Kloſter und die Arme ihrer Mutter ihr offen. Edgar zeigte ſtatt einer Antwort hierauf— auf die erkaltete Manuela. „O, mir keinen Vorwurf wegen ihr!“ rief ſie ſchmerzlich aus.„Ich liebte ſie und liebte ſie fort, als ich in ihr das rechtmäßige Kind Rudolfs er⸗ kannte und an die Schmach dachte, die das meine traf. Dann ſprach ſie nach einer Pauſe weiter: „Als mein Kind das Licht der Welt erblickte, ſah ich in ihm eine Gräfin Bardenberg.— Oh, 186 es ſollte mir fürchterlich tagen.— Doch ſtille, ſtille davon.— Verlaſſen ſie Wilhelmine nicht — wachen ſie über ihr Glück, ihre Ehre, daß ſie wenigſtens dieſes Namens würdig bleibe.“ „Sie iſt deſſen würdig;“ ſagte Edgar mit vieler Wärme.„Ihr Leben, obgleich es mitunter ſelbſt ein abenteuerliches war. iſt doch ſo rein, wie das dieſes holden Kindes; denn das, was ſie gewor⸗ den iſt, beweiſt den höhern Geiſt, der in ihr lebt, bekundet das vortrefflichſte Herz, das je eine Bruſt bewegte. Was Unſtetes und Schlimmes ſich bei ihr gezeigt, war nur die Folge ihrer erſten lieb⸗ loſen Erziehung und des Zwanges, dem ihr ſtarker Geiſt ſich hier beugen mußte. Ging doch ſelbſt dieſes ſchmiegſame Weſen darunter zu Grunde.“ „Manuela war ein ſtilles, frommes Gemüth, nur hier konnte es ſeine Heimat finden, und daß ihr zarter Körper erlag— wenn die Schuld hie⸗ bei Jemand trifft, ſind ſie es zunächſt und— Wilhelmine.“ „Nein, der Geiſt iſt es, der ſie hieher ver⸗ pflanzte— auf dieſen unnatürlichen Boden, dem keine friſche und kräftige Blüthe entkeimen kann, — —— 187 weil er den höheren Geſetzen Gottes, der den Menſchen zu einem thätigen Antheil an allen Lebensverhältniſſen beſtimmt, nicht zur Einſamkeit in einem abgeſchloſſenen Hauſe, widerſtrebt. Es mögen Zeiten geweſen ſein, in denen ſich dies rechtfertigen ließ, dieſe aber ſind längſt dahin, un⸗ ſere helleren Tage bedürfen deſſen nicht mehr— ihnen gehört der freie Blick in das Leben.“ „So ſpricht der Erbe von Bardenberg, jetzt, wo auch ſeiner Macht der Einſturz droht?“— „Das gegründete Recht wird zu allen Zeiten bleiben, auch aus einer Revolution wieder hervor⸗ gehen. So glaube ich es wenigſtens und hoffe, daß der Stammſitz meines Geſchlechtes nicht in Trümmer fällt, und nur ein neuer und ein hel⸗ lerer Bau ſich darüber erheben wird.“ „Mögen ſie ſich nicht täuſchen, Graf, und nicht alles Längſtbeſtehende ein Raub der— Nepzeit werden, die ſo keck ſelbſt in das Heiligſte einzu⸗ dringen wagt. „Vielleicht ſehen wir uns einſt wieder, und ſie ſollen mir über dem Grabe dieſes holden Kindes dann ſagen—“ „Nein— nein— unterbrach ihn die Priorin 188 flehend und gebietend zugleich:„Sie werden dieſes heilige Haus nicht mehr betreten, nicht ſie und auch nicht Wilhelmine darf ich wiederſehen.— Schon zu lange verweilte meine Seele bei andern Empfindungen, als denjenigen, denen allein ſie noch angehören ſoll.— Mit dem Sturm, der dieſes ſtille Haus durchtobte, mit dem Sturm, der in dieſer Bruſt eine ganze, begrabene Vergangenheit wieder aufwühlte, bleibe mir für immer jede Be⸗ rührung mit der Welt ferne.— Ich hoffe, mein Wunſch wird ſich erfüllen, mich einem ſtrengeren Orden einverleiben und meine Würde als Priorin dieſes Kloſters niederlegen zu dürfen.— Wir ſcheiden heute für immer; keinerlei Berührung wird ferner mehr zwiſchen uns ſtattfinden, und da mit Manuela's Tod auch die Frage um das Erbe ſich entſchieden hat, über das noch nicht ge⸗ ſetzlich anders verfügt worden, als es in dem Teſtamente ihres Vaters geſchehen iſt, haben wir nichts mehr miteinander zu verkehren. Sie ſind jetzt der unbeſtrittene Herr deſſelben geworden.“ Die Erwähnung dieſes Gegenſtandes jetzt und neben Manuela's Leiche machte den peinlichſten Eindruck auf Edgar, und noch einmal, wie zum 189 letzten Liebeszeichen, ſeine Hand auf ihre kalte Stirne legend, riß er ſich los, und der Priorin ein kurzes Lebewohl ſagend, entfernte er ſich für immer aus dem Hauſe, in dem er ſo Schmerzliches erleben mußte. Es war ihm nicht möglich, trotz ſorgender Gedanken um Wilhelmine, von Manuela's Zelle aus das Theater zu betreten.— Er kehrte in den Gaſthof zurück, wo er ſich in ſein Zimmer einſchloß, bis Lorenzo kam, um ihm das Vorge⸗ fallene mitzutheilen, wie die für Wilhelmine noth⸗ wendige Abreiſe noch in dieſer Nocht.— Edgat erkannte Lorenzo's Plan für den beſten, ſie mit Ella auf das einſam gelegene Haus in der Schweiz zu bringen, und ihr erſt ſpäter, erſt wenn ſie ſich ganz wieder erholt habe, ihre per⸗ ſönlichen Verhältniſſe auseinander zu ſetzen. Pauli ſollte ihre Verpflichtungen beim Theater löſen und dann nachfolgen. Später, wenn wieder mehr Ruhe in die Welt und auch in Wilhel⸗ minens Gemüth zurückgekehrt wäre, konnte ſie ja wieder, wenn ſie es wollte, ihrer Kunſt leben, oder bei ihnen bleiben. Sie wollten, wo⸗ rauf ſie ja jetzt auch angewieſen ſeien, eine mög⸗ 190 lichſt kurze Pauſe in ihre künſtleriſchen Arbeiten eintreten laſſen, und nur eine kleine Weile zuſehen, wo ſich künftig der geeignetſte Ort dafür finde. Edgar bat um das Bild der Madonna, und Lo⸗ renzo verſprach, daß Ella es ihm nach Barden⸗ berg ſenden ſolle. Sie reiſten mit Wilhelmine ein Strecke zu ſammen, und man ſuchte ſie vor jedem äußern Ein⸗ dringen, auf ihr zerrüttetes Nervenſyſtem mög⸗ lichſt zu bewahren. Abgeſpannt bis zur Apathie, ließ ſie Alles mit ſich geſchehen, und ſelbſt nicht ein Blick des Dankes noch der Liebe traf die theilnehmenden Freunde. Der geſtrige Tag hatte ſie in den Tiefen ihrer Seele bis zum Tode ver⸗ wundet. Von der ſterbenden Freundin hinweg riß man ſie, ein Gegenſtand des Jubels, und ſie ſchauderte vor ſich ſelbſt zurück, daß es ihr mög⸗ lich geweſen an Manuela's Todestag ihre Kunſt auszuüben unter einer Agitation, die ihr dieſelbe erniedrigte, ja ſie ihr ſo verhaßt machte, daß ſie mit dem innern Gelöbniß, niemals mehr die Bühne zu betreten, ihre Rolle als Leonore endete und dann kalt und ſtarr auf den Boden nieder⸗ ſank, auf dem man ſie mit Blumen und Lorbeer 297 und endloſem Jubel überſchüttet hatte, während man Manuela zu Grabe trug. Als ob ihr Herz ganz gebrochen, ihr Geiſt völlig zerſtört ſei, zeigte ſie für nichts eine Theil⸗ nahme mehr; auch als Edgar ihr Lebewohl ſagte und ſie anflehte, ſich zu faſſen, Lorenzo's und Ella's Freundſchaft und auch der ſeinen zu vertrauen, ſchüttelte ſie nur kaum merklich das Haupt und flüſterte: Manuela. Der ganze Schmerz ihrer Seele concentrirte ſich in dem einen Worte, ſie konnte nichts anderes denken und füh⸗ len, als Manuela. Edgar ſchied mit der größten Seelenangſt von Wilhelmine. Wie theuer ſie ihm war, em⸗ pfand er bei dieſer Trennung. Sie und Manuela, das holde Schweſterpaar, verſchmolzen ſich zu einem lieben Weſen in ſeinem Herzen. Ella er⸗ kannte dies, und es bereitete ihr kein Weh. Sie geſtand ſich, daß ihr Herz nur mit Edgars Bild getändelt, ſeit ihr Auge von ſeiner Schön⸗ heit überraſcht, ihn zu der Heiligen ſo inbrünſtig beten ſah. Später kam die romantiſche Begeg⸗ nung in der Schweiz hinzu und ſein Erkennen als Graf von Bardenberg, der, wie ſie wähnte, 192 zum Gatten ihrer unbekannten Schweſter be⸗ ſtimmt war. Alles dies beſtrickte ihre Fantaſie, und der noch unentwickelte Charakter des jungen Mannes beſchäftigte ihre Gedanken und machte ihn ihrem Herzen zu einem liebenswerthen und intereſſanten Gegenſtand. Die Gefahr, die da⸗ rin für ihr Leben lag, war keine bedeutſame, und ſie hatte ſie ja auch bereits ſiegreich überwunden, als ſie in Lorenzo ihren Bruder erkannte. Es bedurfte dieſer freudigen Entdeckung nicht ein⸗ mal mehr, ihr Herz ganz zu beruhigen über ein kaum geträumtes Liebesglück.— Sie ſagte ſich, daß nur mächtige Aufregungen ſie wirklich beglücken konnten, ſei es nun die Liebe oder der Ehrgeiz, der ſie erzeugte. Bis jetzt war es hauptſächlich nur der letztere, der ihre Bruſt bewegte, und vereint mit dem Bruder erhielt ihr Name auch bald einen hellen Klang in der Kunſt⸗ welt. Ob auch die Leidenſchaft der Liebe ihr glückliche Stunden brachte, überhaupt ihr Künſt⸗ lerleben ſie ſo beglückte, wie ſie es einſt gehofft— wiſſen wir nicht. Noch lebt ſie an Lorenzo's Seite als Künſt⸗ lerin in Italien, und führt dort, wie früher, ein 193 freies und auch ein ſchönes Leben. Seit ihr Name als Künſtlerin höher ſteht, und der Ruhm ihn ſchützt, iſt das Geſchwiſterpaar überall mit Auszeichnung aufgenommen, wo es erſcheint. Doch kehren wir zu der viel minder glück⸗ lichen Künſtlerin zurück, die im höchſten Lebens⸗ ſchmerz der Kunſt entſagte und von da an in dem abgelegenen Haus in der Schweiz mit ihrem alten Freunde lebte. Lorenzo und Ella hatten ſie verlaſſen, nach⸗ dem ſie wieder geneſen war, bis auf eine tiefe Wehmuth, die immer unheilbarer zu werden drohte. Was ihr Ella Alles endeckte, erſchütterte ſie weniger, als jene befürchtet hatte. Sie gab gerne eine Familie auf, die ſie nie geliebt, und Lorenzo war ihr jetzt noch theurer geworden, als er es früher geweſeß, obſchon ſie ſeiner immer wärmer, als der Andern, gedacht. Das Einzige, was ſie tiefer berührte, war: in der Priorin ihre Mutter zu fin⸗ den, mit ihrem Andenken verwob ſich zu ſchmerzlich Manuela's bleiche Geſtalt, um einen wohlthuenden Eindruck auf ihr Herz zu machen.— Was Ella ihr von ihrem Vater mittheilte, geſchah in ſo ſcho⸗ Stein, Die Braut im Kloſter. III. 13 4 194 nender Weiſe, daß ſie keine Abneigung gegen ihn empfand, doch auch eben ſo wenig Liebe für ihn in ihrem Herzen erwachte.— Das Einzige, was freund⸗ licher auf ſie einwirkte, war, daß Edgar ihr gleich⸗ ſam dadurch näher gerückt wurde. Die Liebe zu ihm ging aus all' dieſen Wirren und dieſem Schmerz als ein nicht mehr zu erlöſchendes Ge⸗ fühl hervor, das von ſeinem erſten Kuſſe an in ſie eingezogen war und, ihr ſelbſt verborgen, da⸗ rin fortlebte, bis ihr gegenſeitiges Näherkommen ſein volles Verſtändniß ihr brachte. Als ſie ſich deſſen in ihrer Einſamkeit ganz bewußt wurde, gab ſie ſich auch keine Mühe mehr, dieſe mächtige Empfindung zu verdrängen, und ohne irgend eine ſchönere Hoffnung daran zu knüpfen, bewahrte ſie dieſelbe als ihr höchſtes Gut, als das einzige Glück, welches ihr geblieben. Nachdem es wieder allenthalben ruhiger ge⸗ worden, mahnte ſie Pauli, in die Kunſtwelt zurück⸗ zukehren, doch ſie ſchüttelte das Haupt und ſagte: „Wir ſind Beide indeſſen zu alt dafür ge⸗ worden, guter Vater. Ich denke, wir bleiben hier zuſammen— und ſterbe ich vor dir, pflanzeſt du mir Blumen auf mein Grab, ich dagegen ver⸗ — 8 „ 4 3 195 ſpreche dir, wenn ich dich beſtatten muß, das deine ſtets mit friſchen Lorbeern zu umranken.“ Pauli konnte ſich nicht recht erklären, warum ſie hier bleiben wollte— für immer hier an dem ſtillen Orte. Ihm ſelbſt war es indeſſen ganz wohl an dieſem ſtillen Ruhepunkt. Seine Kör⸗ perkräfte ſchwanden allmälig hin, und auch ſein Geiſt wurde nach und nach wie der eines Kin⸗ des. Wilhelmine leitete und führte ihn wie eine liebende Mutter. Dieſe Sorge war eine Wohl⸗ that für ſie an den einſamen Orte, an dem ihr Geiſt, an Aufregungen und eine beſtimmte Thä⸗ thigkeit gewöhnt, ſich ſonſt leicht in unheilbare Melancholie hätte verlieren können. Doch das Leben des greiſen Künſtlers hatte ſein Endziel erreicht; an einem ſchönen Früh⸗ lingsmorgen hauchte er ſanft und leicht, faſt unmerk⸗ lich ſeine Seele in Wilhelminens Armen aus.— Sie ließ ihn an der höchſtgelegenen Stelle des Gartens beſtatten, die einen Blick in die Ferne gewährte, in den bläulichen Vordergrund des Thales und auf die Spitzen der Eiskuppen, die in ihrem wunderbaren Farbenwechſel über den grünen Bergen ſich in die Wolken erhoben. 13*„ 196 Auch für ein ſchönes Denkmal ſorgte ſie, und den Lorbeer, den ſie ihm einſt verſprochen, und die Thränen kindlicher Liebe fehlten ſeinem blu⸗ mengeſchmückten Grabe nicht. Als ſie den Lorbeer um das eben fertiggewor⸗ dene Denkmal ſchlang, ſagte ſie leiſe vor ſich hin: „So, jetzt iſt Alles erfüllt, was ich eigentlich noch zu erfüllen hatte. Was habe ich noch zu thun? — Ohne meine Liebe zu dir, Edgar, hätte mein Leben gar keinen Werth mehr; drum will ich ſie treu bewahren und deiner in Liebe gedenken, bis ich hier neben ihm ruhe.— Ja— und auch dann noch, drüben bei Manuela.— Sie ſenkte das bleiche Haupt an die Urne, die der Lorbeer umſchlang, und ſie weinte lange und ſchmerzlich. Es dämmerte ſchon und noch immer verweilte ſie auf dem Grabe. Da kamen raſche Schritte durch den Garten und eine ſchlanke Geſtalt wurde zwiſchen den blühenden Geſträuchen ſichtbar. Ein freudiger Ausruf drang an Wilhelmi⸗ nens Ohr— ſie lag an Edgars Bruſt und jedes Wort verſtummte in einem langen, ſeligen Kuſſe.— Er konnte nicht früher zu ihr kommen, und wie es zwiſchen ihnen werden ſollte, wollte er ihr — „ 7 1 197 nur ſelbſt ſagen, und er hatte erſt noch manches zu überwinden, bis er auf dem Standpunkt an⸗ langte, wo es ihm möglich wurde, ſie für immer in ſeine Arme zu ſchließen: Daß er das Kind der Liebe Rudolfs und eines Bürgermädchens Kind— die Kloſterentflohene, die Schauſpielerin, nicht ohne ſeiner Mutter den Todesſtoß zu geben, als Gräfin Bardenberg in das Schloß ſeiner Väter einführen dürfe, erkannte er nur zu wohl, und machte deshalb auch keinen Verſuch dazu, der noch gewagter erſchien, da ſeine Mutter von den eindringenden Zeitverhältniſſen ſo ſchmerzlich betroffen worden, daß für ihre Geſund⸗ heit das Schlimmſte zu fürchten war. Dazu kam noch, daß eben dieſe Verhältniſſe ſeine ganze Thätig⸗ keit in Anſpruch nahmen, und er viel Schweres und Unangenehmes durchzukämpfen hatte, bis ſeine Stellung wieder eine geordnete und geſicherte war. Er ſuchte dem Geiſt der Zeit Rechnung zu tragen, und der junge Graf von Bardenberg galt für einen der humanſten und duldſamſten Träger eines altadlichen Namens. Doch gerade dieſes raubte der Gräfin, ſo ſchonend Edgar ihr auch Alles auseinanderſetzte was ihr nicht vorzuenthalten war, * 198 vollends ihre Lebenskraft, und ſie ſtarb in den Armen des Sohnes mit der Ahnung, daß ſie noch glückliche Tage hätte erleben können, wenn ſich ihr ſtolzer Sinn von jeher unter der Mutterliebe gebeugt. Edgar und der Abbé folgten trauernd ihrem Sarge, ſonſt beweinte ſie Niemand; obgleich ſie vielleicht, außer dem eigenen Kind, Niemand ein Unrecht gethan. Nachdem Edgar alle Angelegenheiten geordnet, ſchrieb er an Lorenzo, der damals mit Ella in Brüſſel lebte, ſie ſollten in das einſame Haus in der Schweiz kommen, er wolle dort mit ihnen zuſammentreffen. Dem Abbeé ſagte er, daß er etwa ein halbes Jahr ausbleiben, dann aber für immer zurückkehren werde, und zwar mit einer jungen Frau. Dieſe Ausſicht elektriſirte den alten Herrn wahrhaft, und er verſprach, einſtweilen einen guten Haushalt auf Schloß Bardenberg zu führen. Wenige Tage nach Edgars Ankunft, welche Wilhelmine die Erfüllung ihrer höchſten Glück⸗ ahnungen brachte, kam auch Lorenzo und Ella an und ſahen mit Freude ihre Vermuthung be⸗ ſtätigt: Wilhelmine als glückſelige Braut Edgars. * 6 —3 199 Die Liebenden wurden von dem Geiſtlichen eines nahen Dorfes getraut und reiſten dann gemein⸗ ſchaftlich mit den Freunden nach Italien, wohin dieſe, und zwar für immer, zurückkehren wollten. Edgar veranlaßte Lorenzo durch die Wärme und Herzlichkeit ſeiner Freundſchaft, was noch von Wilhelminens Bitten unterſtützt wurde, das Erbe, das dieſe nur ungern und widerſtrebend angenommen hatte, in Ella's Namen zurückzu⸗ nehmen. Die Gräfin Bardenberg bedurfte es ja nicht mehr, und dem Künſtlerpaar gab es eine freiere und unabhängigere Stellung im Leben, und brachte es in die angenehme und ſorgenloſe Lage, die dem Künſtler, ſchon im Intereſſe der Kunſt, nie fehlen ſollte.— Edgar kündete nach einer halbjährigen Reiſe ſeine Ankunft in Bardenberg mit der jungen Gräfin dem Abbé an. Der gute, alte Herr traute kaum ſeinen Augen, als er Wilhelmine erkannte— und insgeheim dankte er Gott, daß die alte Erlaucht im Grabe ruhe, war aber durch Wilhelminens Liebenswürdig⸗ keit und den heiteren Sinn, den ſie in das ſtille 200 Schloß brachte, bald verſöhnt mit dieſer ſtandes, widrigen Wahl. Edgar führte Wilhelmine an der Mutter Sarg, in die Gruft ſeiner Väter und ſagte:—„Sieh, wie ſie Alle ſo ruhig hier liegen, die ſtolzen Häupter! Keiner von ihnen war gewiß je ſo glücklich wie ich, der ich dem Herzen und nicht den Vorur⸗ theilen folgte, und glaube ſicher, wenn es wirk⸗ lich ſo iſt, daß ſie ſich noch um die hienieden Lebenden bekümmern, werden ſie klarer erſchauen, was zu ihrem Glücke frommt, und dem Enkel nicht zürnen, der es anders machte, als ſie. Doch komm jetzt hinauf in die Kapelle, zu der ſchützenden Gott⸗ heit 8 zu Manuela, der Heiligen dieſes Hauſe Sie traten vor den Altar, über dem, als herr⸗ Schmuck, Lorenzo's ſchönes Bild: Manuela s Madonna thronte. Wilhelmine, mit andäch⸗ 33 Liebesblick zu der verklärten Freundin auf⸗ ſchauend, ſchmiegte ſich inniger an Edgars Bruſt, der ſie feſt umſchlang. Was ſie hier vor dieſer Heiligen dachten und empfanden, war wohl das beſte und frommſte Gebet, was je beglückte Liebe gen Himmel ſandte. 6 Farbkarte 613