Leihbibliothet 5 S. deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ottmann in Gieſien, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. GLeih- und c e 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der B cher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines eieien Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus fbezahlt werden und beträgt; für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —.————— auf Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mt.— Pf. 4 „ 5. Answürtige Kponnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder vefecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der zum Erſatz des Ganzen verfiichtet Ausleihezeit. Dieſelbe i auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird es darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weit erverleihen der Bücher nicht ſtattfinden varf, indem D Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — ——— — —— = ——— — Die Braut in Zloster. Roman von Puul Stin. Zweiter Vand. Leipzig, Fr. Wilh. Grunow. 1862. —— Druc von C. C. Elbert in Leipzig. — Die Braut im Kloster. Stein, Die Braut im Kloſter. II. T⸗ N ———— Die Räume des Schauſpielhauſes waren nur mäßig angefüllt.— Ein Trauerſpiel wurde gegeben, noch dazu eine Schickſalstragödie, was dem Ge⸗ ſchmack der Zeit nicht mehr zuſagte, und nur noch hin und wieder einem Künſtler zu Gefallen über die Bretter ging, oder— was jedoch ſeltener geſchah— den einſt hochgefeierten Namen des Dichters der Nachwelt nicht ganz entſchwinden zu laſſen. Müllners„Schuld“, die an dieſem Abende zur Aufführung kam, hatte nur durch Eßlair ſich ihre frü⸗ here Anziehungskraft noch erhalten, und übte ohne den Zauber eines berühmten Namens keinen Reiz mehr auf das Publikum aus, das ſelbſt ſeine beſten Dichter über die franzöſiſchen Greuel⸗ und Sälon⸗ ſtücke zu vergeſſen begann, und ſich beſonders— für dramatiſirte Romane begeiſterte. Daß modernen Schickſalstragödien außer dem Geſchr —— 4 der Zeit lagen, hätte eine beſſere Richtung be⸗ kundet, wäre der eingeſchlagene Weg ein beſſerer geweſen, doch auch„Schiller und Gvethe“ füllten das Schauſpielhaus nicht mehr, wie konnte man es bei gewöhnlicher Beſetzung von einem Müll⸗ nerſchen Stück anders erwarten. Selbſt die abon⸗ nirten Plätze ſah man theilweiſe leer, obgleich Amalie Rauck die„Elvira“ ſpielte, und die leiden⸗ ſchaftliche Spanierin eine ihrer gelungenſten Dar⸗ ſtellungen war, auch ihre Perſönlichkeit ſich ganz beſonders für dieſe Rolle eignete. Und in der That, ſie war prachtvoll ſchön, wie ſie, an⸗ gelehnt an die Harfe, daſaß, trauernd um den verlorenen Seelenfrieden. Auch ſprach ſie ſehr ſchön, klangvoll, richtig; dennoch fehlte ihrem Tone jenes Etwas, das, aus tiefſter Seele kommend, die Seele mit unwiderſtehlicher Gewalt ergreift, jener Funke, der, wie ein Blitzſtrahl zündend trifft und das Genie bekundet. Amalie Rauck war ine talentvolle Schauſpielerin und eine ſchöne me, und ſie beſaß das Geſchick, ſich berühmt chen dazu die Klugheit, nicht allein mit e ſondern auch mit ihrer Perſönlich⸗ bieterin vor und hinter den Couliſſen zu ſein. Sie war die liebenswürdige Freundin der Recenſenten; alle möglichen Theaterblätter lagen in vielfachen Exemplaren bei ihr aufgehäuft, und in ihren angenehmen Zirkeln wußte ſie ſelbſt ihre Gegner zu verſöhnen, wie die jungen Drama⸗ tiker ſich zu verbinden, deren Stücke ſie zur Auf⸗ führung zu bringen verſprach, ſobald es die Ver⸗ hältniſſe des Theaters nur einigermaßen geſtatteten. Sie galt für eine Beſchützerin aufſtrebender Talente, und es debütirte manche Anfängerin, durch ſie prote⸗ girt. Allein ſie blieb ſtets der nicht zu verdunkelnde Stern und die geheime Beherrſcherin des Reper⸗ toirs wie der Rollen. Jede nur annähernde Rivalität wurde ſtolz und ſiegesgewiß von ihr zurückgewieſen. Ihre Stellung auf der oberſten Stufe des Theaterthrons ward nicht nur längſt ſchweigend anerkannt, man fing bereits an, ihren Herrſcherſtab zu fürchten, den eine unſichtbare Macht in ihrer ſchönen Hand feſthielt.— Blitzend fuhr ihr dunkler Blick, während die Töne der Harfe, die ſie als Elvira im Arme hielt, melancholiſch verklangen, über den Zuſchauerraum hin, und ein moquantes Lächeln verzog éinen Av blick ihren Mund, doch war dies nur vön 6 erſten Couliſſe aus bemerkbar; auch war ſie ſogleich wieder ganz bei ihrer Rolle, und heute ganz beſonders disponirt, voller Feuer und Leiden⸗ ſchaft, wie nicht oft. Das Publikum war entzückt; dankbarer Applaus erſchütterte die leeren Räume, und dieſe Stimmung hielt bis zum Aktſchluß an; dann ſah man ſich im Hauſe nach intereſſanten Perſönlichkeiten um, und hiebei fiel ein äußerſt hübſches, noch ſehr jugendliches Pärchen im Parterre auf, das in den wenig beſetzten Bänken ſogleich als nicht zu den Kindern der Stadt gehörig er⸗ kannt wurde. Der junge Mann ſchaute neugierig umher und bemerkte mit Vergnügen die auf ihn gerichteten Lorgnetten eleganter Damen; ſeine Begleiterin dagegen hielt das Auge faſt ganz geſchloſſen, und nur als er ſie anſtieß, um ihr einige Bemerkungen zuzuflüſtern, flammte ihr Blick einen Moment unwillig auf, während ſie ſagte: „Laß doch das dumme Geplauder, ich will denken über das, was ich geſehen.“ ieſe Worte hörte ein alter Herr, der in der or ihr ſaß; er drehte ſich um und ſah das freundlich und prüfend an.— Der Vor⸗ wieder in die Höhe und die Aufmerk⸗ ſamkeit des graubärtigen Mannes theilte ſich zwiſchen dem Fortgang des Stücks und der jugendlichen Zuſchauerin, die dieſem mit ganz außergewöhn⸗ lichem Intereſſe folgte. In dem nachherigen Zwiſchenakte verſuchte er ein Geſpräch mit ihr anzuknüpfen, ſie gab jedoch nur kurze Antworten, als möge ſie durch nichts den Eindruck ſich ſtören laſſen, den die Vorſtellung auf ſie mache. Und o war es auch. Wilhelmine ſah zum erſtenmal ein Schauſpiel, und dieſe Schickſalstragödie, mit dem poetiſchen Schwung und Bilderreichthum ihrer Sprache und ihrem romantiſchen, wunderlich ver⸗ worrenen Stoff, der, kurz zuſammengedrängt, ge⸗ ſtaltenvoll vor ihrem Auge ſich entwickelte, riß ihre Seele mit ſich fort. Die kleine Bühnenwelt, wie groß, wie herrlich kam ſie ihr vor, und ihr Herz jubelte: ihr werde ich angehören, ſie wird die erſehnte Freiſtatt mir werden, und in ihr werde ich all' das Glück finden, das in meinen bunteſten Zukunftsträumen mir vorſchwebte.— 1 Sie war mit Moritz, der ſie als treuer wt auf ihrer Flucht hieher begleitet hatte, um Bäschen Eliſe zu bringen, die ihr weiter helfen ſollte, gerade vor Beginn des Theaters eingetroffen, und ihr Begleiter mußte, ohne vor her die Verwandten aufzuſuchen, ſie in's Schau ſpielhaus führen. Es kam ihm nicht recht gelegen, allein Wilhelmine wollte es ſo, und er gehorchte, ſich damit tröſtend, daß man bei einer Tante auch noch nach dem Theater um Aufnahme bitten dürfe.— Das Stück ſelbſt ſprach ihn nicht beſon⸗ ders an, deſto mehr die ſchönen Augen, die ihn firirten, und er begriff nicht, daß Wilhelmine ſo gar keine Aufmerkſamkeit dafür hatte, ja ihm deutlich zu verſtehen gab, er ſolle ſie mit ſeinen Bemerkungen verſchonen.— Seine Nähe wurde ihr mit jedem Augenblick läſtiger, denn ſeine Langeweile nahm von Akt zu Akt zu, dadurch ſein unruhiges Umherſehen und ſein Verlangen, ſich mit ihr zu unterhalten. Wilhelmine kam dadurch in eine peinliche Aufregung und erſtaunte ſich, wie ſie nur eigentlich dazu gekommen, ſich von dem Verwaltersſohn auf ihrer Flucht begleiten lſſen, wie ſie überhaupt ſeine Galanterien ſo nicht nur ertragen, ſondern ſelbſt ermuntert und er auf Schloß Bardenberg ein faſt licher Umgang für ſie geworden war. Wie zudringlich und langweilig, ja geradezu un⸗ ausſtehlich erſchien er ihr jetzt mit ſeinen faden Bemerkungen, die ſie in ihren tiefſten Empfindungen ſtörten. Um ſeiner Unterhaltung zu entgehen, ſprach ſie jetzt lebhafter mit dem alten Herrn, und ſiehe, er war nicht nur freundlich und artig, er las tiefer in ihrer Seele, er ſprach von dem Theater mit ihr, und bald wußte ſie, daß er der penſionirte Souffleur deſſelben ſei und Julius Herz heiße, und trotz Allem und Allem noch immer mit Be⸗ geiſterung einer guten Darſtellung folge, noch immer ein herzliches Lachen für die Komik und Thränen für rührende Scenen habe. Sie drückte dem alten Herrn die Hand, zu dem ſie ein ſchnelles Vertrauen faßte und ihm in fieberhafter Haſt ent⸗ deckte, daß ſie hieher gekommen ſei, um zum Theater. zu gehen.— Er ſah ſie durchdringend an, dann den hübſchen Jüngling an ihrer Seite, und fragte: „Iſt das ihr Bruder oder ſonſt ein naher Verwandter, und will er auch Schauſpieler werden?“ „Er hat mich nur hieher begleitet;“ erwiden“ ſie etwas verlegen—„er iſt kein Verwandter ein guter Freund von mir.— Für's Theater, gla 10 ich, paßt er nicht, obſchon er Luſt bezeigte, meinem Beiſpiel zu folgen.“ „Laſſen ſie ihn ſeiner Wege gehen, wenn ich ihnen rathen ſoll, es würde ein übles Licht auf ſie werfen, in ſeiner Geſellſchaft zu erſcheinen.“ „Ach, ich will auch gar nicht bei ihm bleiben. 2² bin ihm wohl Dank ſchuldig, aber, aber—“ eine weiteren Verpflichtungen,“ fiel der alte r in. Das iſt gut, Mademoiselle, recht gut. Doch, ſagen ſie, welche Schritte haben ſie gethan in Betreff ihres Planes.“ „Hier noch keine. Anderwärts ſprach ich ſchon davon, doch man hinterging mich.— Ich bin erſt ſeit einigen Stunden hier, und hoffe Rath und Hilfe bei einer Freundin zu finden.“ „So. Wo werden ſie denn wohnen, wenn ich fragen darf?“ 4„Bei Morißz's Tante, dahin wollen wir nach em Theater gehen.“ Der Vorhang ging wieder in die Höhe. Das äch war dadurch abgebrochen, und Wilhel⸗ rgaß es faſt gänzlich unter dem Eindruck, Tragik der Schlußkataſtrophe auf ſie Uſ Moritz mußte ſie an den Aufbruch mahnen, ſo vertieft ſtarrte ſie auf den herabgefallenen Vor⸗ hang Jetzt fiel ihr auch der freundliche Herr wieder ein; ihr Auge ſuchte ihn und fand das ſeine lächelnd auf ſie gerichtet.— „Wo wohnt die Tante ihres Begleiters?“ fragte er ſie im Herausgehen. Sie nannte die Straße, die ſie von Moritz einmal gehört. „Ei ſieh, welch glücklicher Zufall!“ rief der alte Herr; da wohne ich ja ganz in ihrer Nähe. Wie heißt die Tante?“ „Es iſt die Wittwe Haber. Ihr Mann war Steuerbeamter. Kennen ſie vielleicht die Frau, und Eliſe, ihre Tochter?“ „Ja, ja, ſo oben hin.— Gefällt es ihnen vielleicht dort nicht recht, dann gehen ſie die Straße etwas weiter abwärts und ſuchen ſie Nummer dreiundneunzig. Da gehen ſie durch ein großes Ein⸗ gangsthor, dann über den Hof nach dem Garten; dort ſteht ein kleines Häuschen, und in dem wohn⸗ ich und meine Mice— das iſt nämlich mein Weib, und— nun vielleicht gefällt es ihnen de beſſer dort, als bei der Steuerbeamtenwittwe.“ Wilhelmine warf dem ſchnellerworbenen Freund einen dankbaren Blick zu; antworten konnte ſie nichts mehr; Moritz zog ſie raſch die Treppe hinab. dem Ausgang zu. Sie fragte ihn, ob er denn den Weg in die Roſengaſſe wiſſe? Und als er es verneinte, blieb ſie ſtehen und ſagte, auf den alten Herrn zeigend: „Herr Herz wird ſo gütig ſein, mit uns zu gehen, er wohnt in derſelben Straße.“— Das kam nun Moritz ganz gelegen, dem es anfing bange zu werden, ob er wohl auch die Wohnung der Tante noch finden könne. Es war bereits zehn Uhr. Die ſpäte Stunde machte auch jetzt Wilhelmine einiges Bedenken. Aber was war zu thun? Sie baute auf Eliſens Freund⸗ ſchaft und ſuchte damit ihr Herzklopfen zu be⸗ ſchwichtigen. Die Roſengaſſe lag ziemlich ent⸗ fernt von dem Theater; es war ein wahres Glück, daß ſie einen ſo dienſtfertigen Führer gefunden Jatten.— Ich hoffe ſie bald wiederzuſehen,“ ſagte Herr im Abſchied an dem dunkeln Haus, in dem Fante wohnen ſollte, und gab mit die⸗ Jilhelmine einen wahren Herzenstroſt, der es wirklich bange zu werden begann bei dem Gedanken an den Empfang in dieſem Hauſe. Sie hatte nun doch noch einen Freund, und noch dazu einen, der mit dem Theater ganz vertraut war.— Welche ſchöne Hoffnungen baute nicht gleich das junge Leben auf dieſen kleinen, gün⸗ ſtigen Schickſalswink! Er leuchtete ihr wahrhaft die dunkeln Treppen hinan, in das dritte Stock⸗ werk hinauf, wo die Tante wohnen ſollte. „So rufe doch,“ drängte ſie ungeduldig, als Moritz zweifelte, ob ſie nicht gar ſchon die Region der Tante paſſirt hätten und den Weg wieder abwärts ſuchen müßten. Da hörten ſie eine ſchel⸗ tende Stimme: „Wer rumort denn ſo ſpät in der Nacht noch da draußen herum?“ „Ach, Frau Tante, ſind ſie's?“ fragte Moritz halb froh, halb erſchrocken. „Tante— Tante! Wer iſt denn da?“ Ein Lichtſtrahl zeigte ſich und beleuchtete alſo⸗ bald eine hagere Frauengeſtalt in ſehr unanſpre⸗ chendem Negligée. „Ich bin's, Frau Tante! Moritz von Barde berg!“— —————————————— — —— „Ei, ei— Moritz, du? Sieh, ſieh. El' Eliſe— der Moritz iſt da!— Aber wen bringſt du denn da noch mit?“ unterbrach die Tante ihre freudigen Ausrufe, als ſie Wilhelmine erblickte.— „Das iſt Fräulein Wilhelmine, Eliſens Freun⸗ din, die ich hieher begleitet habe,“ ſtotterte Moritz. „Was, die Wilhelmine— die— die— die—“ „Die bringſt du mit!“ rief es jetzt unter der Thüre, und Eliſe trat heraus, nicht recht wiſſend, ob ſie lachen oder ſich ärgern ſolle.— „Eliſe, behalte mich nur eine Nacht bei dir,“ flehte Wilhelmine. Morgen will ich wieder fort.“ Es wurde ihr angſt und bang und ſie dachte ſehnſüchtig an den Souffleur und ſeine kleine Woh⸗ nung im Garten.“ „Es ſcheint mir, ihr habt ſchöne Streiche ge⸗ macht,“ bemerkte Eliſe altklug doch nahm ſie Wilhelminens Hand ziemlich freundlich, begrüßte Koritz, und zog ſie in die Stube. „Wie ſollen wir aber die Zwei logiren?“ jam⸗ nerte die Wittwe, und Wilhelmine war's, ſie e davonlaufen. Moritz aber verlangte trotzig: Racht's wie ihr könnt, behalten müßt ihr — 15 „Nun ja, ja. Sei doch zufrieden; das verſteht ſich ja von ſelbſt,“ beſchwichtigte Eliſe, und hielt dann ein leiſes Zwiegeſpräch mit ihrer Mutter, wyrauf Moritz das Kanapee als Nachtlager an⸗ ewieſen wurde, und Wilhelmine Eliſens Stüb⸗ theilen ſollte. „Wir wollen aber erſt zu Nacht eſſen,“ begehrte Moritz; doch dafür war nicht mehr Rath zu ſchaf⸗ fen, da ſich keine Speiſekammer in der Wohnung der Witwe befand. Moritz dachte recht verlan⸗ gend der guten Einrichtungen ſeiner Mutter; aber was half es, er mußte ſich zum erſtenmale in ſei⸗ nem Leben hungrig zu Bette legen, und fand dies Reiſeabentheuer durchaus nicht nach ſeinem Ge⸗ ſchmack. Eliſe und Wilhelmine plauderten noch lange miteinander; die Erſtere wollte Alles ſehr genau wiſſen, und war nicht wenig erſtaunt zu er⸗ fahren, daß die Beiden ſich heimlich von Barden⸗ berg entfernt hatten“ Sie nannte Wilhelmine leichtfinnig, ja ihre Handlungsweiſe der Verwal⸗ terin gegenüber geradezu unmoraliſch, und meinte, Moritz müſſe gleich am andern Morgen eder heimkehren. Damit war nun Wilhelmine zlei einverſtanden, weniger mit Eliſens Rachſch 16 in Betreff ihrer. Dieſe meinte nämlich, Wilhelmine ſolle Sängerin werden, da dies jedenfalls eine ein⸗ träglichere Carrière ſei, und ſollte einſtweilen eben in den Chor gehen, und bei irgend einer Ovche⸗ ſter⸗Familie ein billiges Unterkommen ſuchen. 3 bens beſchlich Wilhelmine, und hätte nicht die Theaterbekanntſchaft von heute Abend ihr einigen Troſt gewährt, der Muth wäre ihr wahrſcheinlich bei Eliſens durcheinandergemengten Anſichten, Rathſchlägen und moraliſchen Zurechtweiſungen wenigſtens für einige Zeit dahingegangen. Mor⸗ gen ſo früh als möglich den penſionirten Souffleur aufzuſuchen und ſich ihm ganz anzuvertrauen, war der Vorſatz mit dem ſie endlich einſchlief und der ihr ſelbſt anmuthige Traumbilder vorführte. Beim Frühſtück gab es ein Gezänke zwiſchen dem Neffen und der Tante. Dieſe wollte, er ſolle ſogleich wieder nach Haufe reiſen, allein jener eb dabei, da er nun doch einmal da ſei, erſt Stadt ſich genauer anzuſehen. Die Idee, Wilhelmine zum Theater zu gehen, welche ardenberg lebhaft beſchäftigt hatte, ver⸗ nvorigen Abend etwas von ihrem Eine Ahnung der Schwierigkeiten ihres vo . 13 17 Reize. Ein ſehr richtiges Gefühl ſagte ihm wäh⸗ rend der Schauſpiel⸗Vorſtellung: Nein, Moritz, das kannſt du nicht, und wenn die Wilhelmine durchaus dabei bleibt, laufen eure Wege aus⸗ einander. Er hätte ſie gern wieder auf Schloß 3 Bardenberg gehabt, aber das war eine unmög⸗ liche Sache geworden, fürchtete er ſich doch ſelbſt vor der Rückkehr. Darum verlangte es ihn auch ſo ſehr, die Stadt erſt genauer zu betrachten, und er kam endlich mit Eliſe dahin überein, daß man vorerſt ſeiner Mutter ſchreiben ſolle, er ſei wohl⸗ behalten bei der Tante angelangt, das Weitere, meinte er, würde ſich dann ſchon geben. Eliſe kam es gar nicht unwillkommen, den Vetter, der einſt Verwalter zu Bardenberg werden ſollte, ⁰ eeinige Zeit um ſich zu haben, aber Wilhelmine 3 mußte fort, ſie war eine zu gefährliche Rivalin um die Liebe des hoffnungsvollen Verwalters⸗ ſohnes, und ſie beſchloß, ihre Freundin um jeden 1 Preis irgendwo anders unterzubringen. Sie be⸗ 2 rieth ſich mit ihrer Mutter deshalb, doch es war ſchwer, hier einen Ausweg zu finden, denn man konnte ſich doch mit der Theaterliebhaberei dieſes zweideutigen Mädchens nicht weiter einlaſſen. Stein, Die Braut im Kloſter. II. 2 5 18 Endlich wurde beſchloſſen, ſie, bis Nachrichten von Bardenberg eingetroffen, bei einer armen Fa⸗ milie vor dem Thore unterzubringen. Eliſe ſchickte ſc zum Ausgehen an, um dieſes einzuleiten, zu⸗ gleich auch um Wilheminens Gepäck von der Eiſenbahn, wo ſie es geſtern Abend gelaſſen. hereinzubeſorgen, da ihre Habſeligkeiten wenig⸗ ſtens einige Garantie für etwaige Unkoſten boten, die ihr Hierſein mit ſich bringen konnten. Moritz war indeſſen ſchon ausgegangen, und auch Wil⸗ helmine war fort ohne zu ſagen wohin. Eliſens Eiferſucht wurde dadurch ſehr rege, und raſch eilte ſie von hinnen, um die gefährliche Freundin möglichſt bald los zu werden. Allein wie er⸗ ſtaunte ſie, als dies ganz ohne ihr Zuthun ge⸗ ſchah, Wilhelmine gar nicht mehr zurückkehrte, und auch ihre Effekten ſchon abgeholt waren, als ſie davon Beſitz nehmen wollte. Sie glaubte, Moritz habe die Hand dabei im Spiele, er⸗ kannte aber nachträglich doch, daß er ſich ernſtlich um Wilhelminens Entfernung ängſtige, und gleich ihr im Unklaren darüber ſei. Wo ſie hingekommen, blieb ein Räthſel, deſſen Intereſſe jedoch in den Hintergrund trat, als die Verwal⸗ 19 terin von Bardenberg ankam, um den verlornen Sohn wieder in Empfang zu nehmen. Sie wollte ihn ſchelten und recht ernſtlich böſe mit ihm thun, allein ihr Mutterherz war zu ſchwach dazu. Wei⸗ nend vor Freude ſchloß ſie den Flüchtling in die Arme, und war ganz verſöhnt, als er verſprach, mit ihr in die Heimath zurückzukehren. Doch mit dieſem Verſprechen war es Moritz durchaus nicht ſo ernſt, wie ſeine Mutter glaubte. Wil⸗ helminens unbegreifliches Verſchwinden erhöhte ſeine Leidenſchaft für ſie, und mit dem Eigenſinn eines verzogenen Knaben hing er ſich an den Gedanken, ihre Laufbahn zu verfolgen, und über⸗ wand auch damit das geheime Grauen, das er, ſeit er eine Vorſtellung mit angeſehen, vor einem theatraliſchen Verſuche empfand. Seine Eitelkeit kam ihm hiebei zu Hilfe und übertäubte die rich⸗ tigere Anſicht, die ihm jedes Geſchick dafür ab⸗ ſprach, mit der Phraſe:„Was Andere können, wird dir auch möglich ſein.“ Wilhelminens Ge⸗ ſpräch mit dem alten Herrn, das er zwar nicht verſtanden, erweckte ihm dennoch den Verdacht, ſie könne vielleicht bei dieſem ſich verborgen hal⸗ ten, und er fing an, Straße auf und ab zu 2 ſoll ſter ben 20 rekognosciren und zu ſpioniren, und entdeckte endlich die Wohnung des Herrn Herz.— Nun war kein Halten mehr, er ſuchte dort die Ver⸗ lorene, und fand ſie auch, ſchon ganz heimiſch und eingewöhnt bei dem alten Paare. Wilhelmine beſchwor ihn, ſie nicht zu ver⸗ rathen, weder Eliſe noch dem Abbé zu ſagen, daß er ſie gefunden, und mit ſeiner Mutter nach Bardenberg zurückzukehren. Bei dieſem Vorſchlag, der ſein Herz und ſeine Eitelkeit kränkte, wurde er leidenſchaftlich und ge⸗ ſtand ihr, daß er ſie liebe, und geglaubt habe, von ihr wieder geliebt zu werden, und daß er wohl eben ſo viel Talent beſitze wie ſie, und ein Künſt⸗ ler werden zu können; er wolle mit ihr die Welt durchziehen, und dergleichen Unverſtändiges mehr. „Ich liebe dich aber nicht, Moritz, und werde dich nie lieben;“ verſicherte ſie ihm und ſetzte hinzu:„Was ſoll dir darum auch das Theater, wenn du nur meinetwegen Schauſpieler werden willſt?“ Auf dieſe Frage gab er keine Antwort, er wollte nur von ihr wiſſen, wen ſie denn liebe, 21 wenn nicht ihn, mit dem ſie doch ſtets ſo freund⸗ lich gethan. „Ich liebe Niemand ſo, wie du's verſtehſt, werde nie Jemand ſo lieben;“ verſicherte ſie eifrig. „Ich glaube das nicht!“ entgegnete er ent⸗ rüſtet.„Willſt du mich nicht heirathen, ſteckt dir Graf Edgar noch im Kopf?“ „Heirathen!— Ich dich heirathen, Moritz, biſt du von Sinnen! Ich möchte zu Bardenberg nicht Gräfin, viel weniger Verwalterin ſein.“ „Aber ich ſage dir ja, daß ich Komödiant werden will um deinetwillen!“ „Ich aber heirathete dich doch nicht, nie, nie⸗ mals, du magſt werden was du willſt!— D'rum geh' wieder heim, Moritz, und heirathe ſpäter— Eliſe.“ „Jetzt gerade nicht! Ich will doch ſehen, wer mich zwingen kann, mich in Bardenberg zu lang⸗ weilen, und gar Eliſe zu heirathen. Nein, dir zum Trotze gehe ich jetzt nicht heim, und werde dir ſchon wieder zu begegnen wiſſen.“ Er rannte damit von dannen. Wilhelmine ſah ihm beſorgt nach, doch der Souffleur, der dieſe Scene belauſcht hatte, beruhigte ſie, indem 22 er ſie verſicherte, daß es gar nicht ſo leicht ſei, wie Moritz glaube, auf die Bretter zu kommen; er werde gar bald ſich davon überzeugen, und wieder heimwärts ziehen.— Der verwöhnte Sohn einer ſchwachen Mutter, wie Moritz es in hohem Grade war, fand es ganz in der Ordnung, dieſer am Abend vor der Abreiſe entſchieden zu erklären, daß er ſich erſt in der Welt noch mehr umſchauen wolle, ehe er wieder nach Bardenberg zurücktehre, und von ihr die nöthigen Mittel dazu zu verlangen. Das gab denn einen Auftritt voller Bitten, Drohun⸗ gen, Vorſtellungen und Thränen, aus denen je⸗ doch Moritz als Sieger hervorging, ſeiner Mutter Baarſchaft bis auf das Nöthigſte zu ihrer Heim⸗ reiſe ſich aneignete, und von der Tante und Eliſe einen triumphirenden Abſchied nahm, um, wie er ſagte, einige intereſſante Orte Deutſchlands kennen zu lernen. Ehe er die Stadt verließ, kaufte en ſich die neueſten und gangbarſten Theaterſtücke, um ſich die Helden derſelben unterwegs einzuſtudiren. Er trug ſich mit dem Gedanken, Wilhelmine zu überflügeln und ihr bald mit ſeinem glänzenden Ruf zu imponiren. Seine Mutter hatte ihm 23 hübſche Geldſendungen verſprochen, die er zu ſei⸗ ner Carriere benützen wollte. Sie baute dabei auf des Abbé's Freundſchaft und die Summen, die er von Edgar für Wilhelmine erhalten. Was war natürlicher, als daß man dieſe jetzt, da ſie entflohen war, auf beſte Weiſe verwendete. Die Undankbare war keiner Unterſtützung würdig, und trug ſie nicht allein die Schuld an Moritz's extra⸗ ordinären Wünſchen?— Es war darum nicht mehr als billig, ihn mit den für ſie beſtimmten Geldern reiſen zu laſſen, und ſie zweifelte nicht daran, dieſe als Pathengeſchenk von dem Abbé für ihren Liebling, der auch ihm theuer war, zu erhalten. Durch dieſe Gedanken ſich immer mehr über Moritz's Reiſe beruhigend, kehrte ſie wieder heim, während Eliſe die ſchwache Mutter ver⸗ wünſchte, die dem leichtfinnigen Sohn die Mittel in die Hand gab, mit einem ſo zweideutigen Mädchen wieder zuſammen zu treffen. Sie zweifelte nicht, daß eine Verabredung zwiſchen den Beiden ſtattgefunden habe, ſuchte jedoch vergebens ihrer Tante dieſe Meinung beizubringen. So Schlim⸗ mes konnte die zärtliche Mutter von dem Lieb⸗ ling ihres Herzens nicht für möglich halten, und 24 die eiferſüchtige Eliſe mußte eben geſchehen laſſen, was ſie vergebens zu ändern geſucht. In ihrem Innern aber ſchwur ſie der Sirene Haß und Rache, und ſelbſt, als ſie endlich entdeckte, daß Wilhelmine ganz zurückgezogen in ihrer Nähe lebte, konnte ſie ſich nicht mit ihr verſöhnen, denn jedenfalls war ſie es geweſen, die ihr Moritzs Herz geraubt, und wenn ſie auch nicht von dem Gedanken ließ, einſt doch noch Verwalterin auf Bardenberg zu werden, ſo war ſie eben jetzt um des Jünglings erſte zärtliche Gefühle betrogen. Wichelmine hatte vorerſt das Nöthigſte, eine freundliche Aufnahme gefunden; und vertraute dem alten Herrn, offener als ſie es je gethan, ihre ganze Vergangenheit an. Er, obwohl weni⸗ ger bekannt mit den Weltverhältniſſen, als den Eigenthümlichkeiten des Bühnenlebens, beſaß doch ſo viel Einſicht davon, um Wilhelminens mißliche Lage zu erkennen. Sie, ein Flüchtling aus einer Penſionsanſtalt, der ſie von ihrer Mutter über⸗ geben wodden, wurde unſtreitig dahin zurückge⸗ bracht, ſobald man ihren Aufenthalt entdeckte, und dieſes wünſchenswerth fand. Er rieth ihr deshalb, einen andern Namen anzunehmen, und ſie bat ihn, den ſeinen führen zu dürfen, was er ihr mit Freude geſtattete.— Die Hoffnung, Mut⸗ ter oder Bruder zu finden, ließ ſie vorerſt ſchwin⸗ den, da alle Nachforſchungen deshalb von Bar⸗ denberg aus erfolglos geblieben waren. Nur 26 ſich ſelbſt wollte ſie fortan vertrauen und dem Talent, das, wie ſie feſt glaubte, ſie in ſich trage. An die techniſchen Schwierigkeiten, die ſich auch dem größten Talente ſo oft hemmend in den Weg ſtellen, dachte ſie wenig, es erſchien ihr ſo leicht, die Geſtalten der Dichter, die ſie in ſich aufge⸗ nommen, wiederzugeben, daß ihr ſelbſt die Angſt vor einem erſten Auftreten entſchwand. Nur an dem Ideal hängend, das ihre Seele erfüllte, und gehoben von der dramatiſchen Kraft, die ihr inne wohnte, dachte ſie nicht an die äußern Schwierig⸗ keiten, denen auch ein höheres Streben unterwor⸗ fen iſt, und in weniger dachte ſie an die ſtören⸗ den Dinge, die in den Bühnenverhältniſſen, ſelbſt für das aufſtrebende Talent, nur zu häufig wie ein drückender Alp liegen. Davon wußte ſie ja nichts, wie überhaupt nur in der gänzlichen Unerfahrenheit dieſer Verhältniſſe die Kühnheit ihres Verlangens und ihr großes Selbſtvertrauen lag.— Der Exſouffleur ſchüttelte bedenklich das erfahrene Haupt zu dem kecken Muth des jun⸗ gen Mädchens, das ohne Bedenken gleich morgen ſchon in der bedeutendſten Rolle aufgetreten wäre. „Bis vor die Lampen, ja;“ ſagte er ſich, und 3 4 ſagte es dann auch Wilhelminen, und noch manches, was ihr doch nach und nach einiges Be⸗ denken brachte, und ſie williger auf ſeine Rath⸗ ſchläge hören ließ, die vor Allem Geduld und Ausdauer bedingten.— Er fing an, dies und jenes an ihr zu tadeln: ihre Ausſprache, ihre Haltung, ihren Gang, die Bewegungen der Arme und Hände, und meinte, vor allen Dingen müſſe ſie einen gründlichen Unterricht erhalten.— Er wolle um ihretwillen Madame Leibke, die ältere Anſtandsame, beſuchen, ſie hätte ſchon öfter Unter⸗ richt ertheilt, freilich ſtets nur auf Empfehlung der Fräulein Rauck, allein er meinte, es gehe viel⸗ leicht doch, wenn er auch dieſer Dame ſeine Auf⸗ wartung mache, und ſie um Protektion für ſeine angenommene Tochter, wie er ihr Wilhelmine vorſtellen wolle, bitte. Fräulein Rauck hatte ſchon manche Anfängerin beſchützt, doch bis jetzt war freilich noch kein Talent unter ihrer Protek⸗ tion zur Anerkennung gelangt. Ob dies jedoch Abſicht war oder in der Unbedeutenheit der Talente ſelbſt lag, wer hätte darüber im Publikum ein richtiges Urtheil haben ſollen? Und die Theater⸗ mitglieder ſwachen ſich nicht darüber aus, wenig⸗ 1 1. in ſoll ben ₰ 28 6 ſtens nicht zum Nachtheil der mächtigen Protek⸗ torin. Seufzend dachte der gutmüthige Herz daran, daß dieſe Protektion für ſeine Schützlingin eben durchaus nothwendig ſei, wolle er hier etwas für ſie erreichen. Er dachte ſelbſt noch weiter— ſo lieb war ihm das hübſche, ſtrebſame Mädchen ſchon geworden,— er wollte ſogar dem Regiſſeur und dem Dramaturgen des Theaters, die Beide mit Fräulein Rauck ſehr gut ſtanden, freundliche Worte geben, und ihnen das reizende Mädchen vorſtellen, damit ſie, wenn auch nur in's Geheim, ſich für ihr Fortkommen intereſſiren ſollten.— Sein Eifer für die Sache konnte nicht auf⸗ fallen, da er vorzugeben gedachte, Wilhelmine ſei eine verwaiſte Verwandte von ihm. Ebenſo hoffte er unter dieſer Benennung ihren Aufenthalt, ohne ſpeziellere Nachforſchungen zu vermitteln, da er aus Erfahrung wußte, daß man das polizeiliche Geſetz über Theaterangehörige ſehr milde hand⸗ habte. Er ſelbſt, obgleich er ſein enges Haus und ſeine Stellung darin, halb unter, halb über den Brettern, welche die Welt bedeuten, hundert⸗ mal zu allen Teufeln gewünſcht hatte, hing doch och mit allen Regungen ſeines Herzens an dem 7 Kunſtinſtitut, dem er mehr als dreißig Jahre eine ganz bedeutende Stütze geweſen. So glaubte er wenigſtens, und er hatte nicht ganz unrecht. Manches zweifelhafte neue Stück hätte ohne ihn, den aufmerkſamen Suuffleur, ſicher Fiasko gemacht, und mancher große Künſtler wäre in ſeinem Ruhm beeinträchtigt worden, hätte er nicht das Gedächt⸗ niß deſſelben ſo weſentlich unterſtützt, und ſchon auf der Probe ſich ganz genau alle ſeine Schwä⸗ chen eingeprägt.— Er galt darum auch für einen vortrefflichen Souffleur, und erntete ſelbſt zu⸗ weilen Liebkoſungen von zarten Händchen; frei⸗ lich manchmal auch unverdiente Vorwürfe von roſigen und bärtigen Lippen, wenn dieſe mehr Un⸗ ſinn geſchwatzt, als das lauſchende Publikum ver⸗ tragen wollte. Im Aerger darüber gelobte er zuweilen, jede andere Beſchäftigung ſeiner jetzigen vorzuziehen und nie mehr in den Kaſten zu ſchlüpfen, auf den ſo undankbare Blicke und Worte fielen;— allein das war immer nur eine üble Stimmung, die ſchnell vorüber ging, denn ſelbſt der größte Palaſt würde ihn nicht ganz ſchadlos gehalten haben für ſein kleines Haus, vor dem es ſich ſo bunt, ————————————— benz 30 2 ſo mannigfaltig bewegte, und von wo aus er ſo manches pikante Couliſſengeheimniß erſpähen konnte. Aber das Amt eines Souffleur macht den Körper mürbe, es iſt aufregend und auch an⸗ ſtrengend.— Herz, nachdem er dreißig Jahre aus⸗ gehalten, erkrankte gefährlich und wurde penſionirt. Damit geſchah ihm nun kein beſonderer Gefallen. Sein Weib hatte ſeine Penſionirung ohne ſein Dazu⸗ thun zu Stande gebracht, und überraſchte ihn da⸗ mit, als er ſein Schmerzenslager wieder verließ. — Da ſeine Kräfte nur langſam zurückkehrten, fügte er ſich anfangs geduldig hinein, wäre aber ſpäter gerne wieder in ſein kleines Gehäuſe ge⸗ ſchlüpft, wenn er es nicht bereits von einem jungen Manne ausgefüllt gefunden hätte. Er ſchickte ſich in das Unabänderliche, und machte ſich ſogar einige Zeit glauben, nun keinen Schritt mehr in das Theater zu thun. Allein dieſer Verſuch wankte bald, denn das ging wirklich nicht: wer ſo lange in der Atmoſphäre des Bühnenlebens geathmet, der kann nur mit dem Tod ſich ganz davon trennen. Der Erſouffleur verſäumte bald keine Vorſtellung mehr und war ſelbſt häufig auf den Proben zu⸗ gegen, und kannte keine größere Wonne, als zu⸗ weilen für ſeinen jungen Nachfolger einen Akt zu ſouffliren. Die älteren Mitglieder, an Herz gewöhnt, ließen ſich das gerne gefallen; die jüngern dagegen opponirten, als ſtörend für den Abend, und beſonders verbat ſich Fräulein Rauck den in⸗ terimiſtiſchen Souffleur, ja, ſie äußerte ſich ſehr ungehalten über ſeine Zudringlichkeit und verwies ihm dieſelbe ſehr hochmüthig. Darauf zog ſich Herz von der Bühne zurück und betrat ſie nicht wieder, und ſchaute ſie nur vom Parterre aus an. Daß in ſeinem gekränkten Gemüth dadurch eine bedeutende Abneigung, ja ein förmlicher Haß gegen die tragiſche Liebhaberin entſtand, war eine begreifliche Sache; und wie lieb er Wilhelmine haben mußte, um ſich zu einem Gang zu ihr zu entſchließen, iſt ebenſo einleuchtend.— Er ſetzte ſeinem Pflegekind, wie er das junge Mädchen am liebſten nannte, weitläufig auseinander, was nun Alles geſchehen müſſe. Ihr jedoch wollte dieſer langſame Gang nicht zuſagen, und allerei roman⸗ tiſche Ideen ſchwirrten durch ihren unruhigen Kopf, mit denen ſie ſchneller an das Ziel ihrer Wünſche zu kommen gedachte. Allein nichts wollte bei praktiſcher Anwendung ſich als ſtichhaltig erweiſen, und da ihr auch alle Geldmittel fehlten, um irgend etwas ſelbſtſtändig unternehmen zu können, mußte ſie ſich den Anſichten ihres Beſchützers fügen, der noch dazu ſo bereitwillig ſeine kleine Wohnung und ſein beſcheidenes Stückchen Brod mit ihr theilte. Sein Weib, ſeine Mice, wie er ſie nannte, meinte freilich auch, es ſollte raſcher mit der Sache voran gehen, damit das Mädchen bald etwas verdiene; zudem, wo ſollte das Geld für den Unterricht herkommen?— Sie baute darin viel weniger auf die Großmuth der Frau Leibke, als ihr Mann, der auf die Dankbarkeit derſelben rechnete; denn wie häufig hatte er ihre Gedächtnißſchwächen mit ſeiner Soufflirkraft ſo ausgezeichnet zu verdecken gewußt, daß es ſelbſt die Mitſpielenden nicht bemerkten. „Ich werde ſie an dies und das erinnern, an ihr totales Steckenbleiben, wenn ich nicht geweſen wäre,“ ſagte er ſeiner zweifelnden Ehehälfte, und meinte, ſie könne ſeine Bitte nicht zurückweiſen— Wilhelmine zu unterrichten.„Dann gehe ich ja auch noch zu ihr, die meine Seele haßt;“ ſetzte er ſeufzend hinzu,„und will ihr ſchön thun, himmliſch ſchön, damit ſie ſich herabläßt, das Kind zu protegiren; † 33 und Herrn Schwarz, den Regiſſeur, beſuche ich ja auch, habe ihm gleichfalls manchmal aus arger Noth geholfen, und Herr Streicher, unſer Drama⸗ turg, ſieht gern in ſchöne Augen; Wilhelmine wird Gnade vor den ſeinen finden, und er iſt Vorleſer bei Fräulein Rauck, Vermittler langweiliger Stun⸗ den, zwiſchen ihr und dem alten Herrn, den er ihr zu⸗ weilen, wie die Fama erzählt, einſchläfern hilft, mit dem endloſen Rührkram der neueſten Roman⸗ drama's.—“ „Glaub's dennoch nicht, daß du's durchſetzeſt“, beharrte Miece und fuhr eifrig fort:„Unſer Minchen iſt viel zu hübſch und zu talentvoll, um von ihr protegirt zu werden, die allein glänzen will.“— „Nun man verſucht es einmalz“ rief entſchloſſen der Exſouffleur, und ſeine Alte auf die Wange klopfend ſetzte er halb ſcherzend halb ärgerlich hinzu: —„Mice, miaue nicht zu viel im voraus, du äng⸗ ſtigſt ja ſonſt unſer Töchterchen damit.“ Dann ſtrei⸗ chelte er die ſtill daſitzende Wilhelmine, undrief heiter: „Wer hätte je gedacht, Miee, daß wir noch ein Elternpaar würden, Vater und Mutter eines ſo ſchmucken Kindes! Es iſt wahrlich ein ganz eigenes Gefühl das. Kann mir jetzt erklären die Stein, Die Braut im Kloſter. II. 3 „ 34 Affenliebe mancher Mutter. He, Mama Mice, biſt du nicht auch vernarrt in dein Kindchen?“ „Nu ja, ich bin ganz zufrieden mit ihrer Acqui⸗ ſition. Hätten wir nur mehr, daß wir ihr mehr geben könnten.“ „Wir geben ihr, was wir haben: Liebe und ein Stück Brod. Biſt du nicht zufrieden damit, Wilhelmine?“ „O ganz, ganz, Papa Herz! Nur iſt mirs leid, daß Mama Mice ihre Sorgen durch mich vermehrt ſieht.“— „Ach, was Sorgen; wir haben keine Sorgen, die Penſion kommt ja monatlich an und— man ſtreckt ſich nach der Decke. Ja, biſt du erſt eine große Künſtlerin, dann wird's anders ſein, dann haſt du's vollauf.“ O, dann ſollt ihr auch gute Tage haben,“ fiel Wilhelmine ſchnell ein.— „Hätteſt du ſie nur erſt ſelbſt“— krittelte Mice. —„Es geht ſo ſchnell damit nicht, und willſt du ein ehrlich Mädchen bleiben, kommſt du wohl nie dazu, und ſchleppſt dich eben ſo durch, da hilft auch das Talent nichts. Man hat Beiſpiele.“ „O, könnte ich nur einmal ſpielen, dann“— „Dann“— fiel der Exſouffleur ein—„dann müßteſt du noch ſehr oft ſpielen, bis du eine große Künſtlerin wärſt. Darin hat Mice recht, es geht ſo ſchnell nicht, Herzchen, nein, nein. Ge⸗ duld,— Geduld mußt du vor allen Dingen ler⸗ nen. Doch beruhige dich, ſchüttle nicht ſo un⸗ willig deinen Lockenkopf; ich verſpreche dir alles Mögliche zu thun. Morgen ſchon machen wir den Anfang bei der Leibke.“ Wilhelmine ſeufzte tief auf, und ihre Finger⸗ ſpitzen zitterten fieberiſch auf ihrem Schooße. Doch ſie hatte ja im Kloſter Selbſtbeherrſchung gelernt, ſie unterdrückte auch jest, was in ihr gährte und ſprudelte, und folgte am andern Tage geduldig Papa Herz, Beſuche zu machen Madame Leibke war gut disponirt, freundlich, ja ſelbſt herzlich mit dem ehemaligen Suuffleur, dem Eingeweihten in alle die kleinen und größeren Kabalen, die in und zwiſchen den Couliſſen ihr Weſen trieben. Dennoch aber wurde ſie froſtig, als er ihren Unterricht für Wilhelmine, ſeine ver⸗ waiſte Verwandte, erbat. Sie meinte mit affek⸗ tirter Kunſtentrüſtung: Alles wolle ſeit neueſter Zeit zum Theater gehen,— jedes hübſche Mäd⸗ 3* chen glaube ſich berufen dazu, und es ſei nicht nur im Intereſſe der Kunſt, ſondern auch der Moralität nothwendig, eine möglichſt enge Schranke hier zu ziehen und nur das wirkliche Talent zu unterſtützen. Auch wäre ſie viel zu beſchäftigt, um ihre Zeit zu verſchwenden, er möge deßhalb ſeine Pflegetochter erſt Herrn Schwarz vorſtellen— und vielleicht auch Fräulein Rauck, und wenn dieſe glaubten, daß Talent bei ihr vorhanden, wolle ſie ſehen, was zu machen ſei. Der Souffleur machte Anſpielungen auf ver⸗ gangene ſchöne Tage, oder vielmehr vergangene Theaterabende, allein das Gedächtniß der Ma⸗ dame Leibke ſchien heute mehr denn je an Schwäche zu leiden, ſie verſtand ihren einſtigen Helfer in der Noth nicht, oder— wollte ihn nicht ver⸗ ſtehen. „Die Undankbare!“ ſeufzte leiſe der Exſouf⸗ fleur, und Wilhelmine, die Madame Leibke einige Mal mit ſcharfem Blick angeſehen, während ſie unbedeutende Fragen an ſie gerichtet, welche jene kurz beantwortet hatte, gerieth in eine unruhige Bewegung, und ihr geſenktes Auge blitzte hin und wider flammend auf. Als ſie wieder auf der Straße waren, ſagte Wilhelmine zu ihrem Führer: „Ich gehe nicht weiter mit dir, Papa Herz. Das ſind böſe Beſuche.“ „Mußt dich an ſolche Ungelegenheiten gewöh⸗ nen; wirſt ſie noch öfter erfahren, Kind, ſei zu⸗ frieden, wenn's nicht ſchlimmer kommt.“ „Wir erreichen ſo nichts. Zu was noch wei⸗ tere Beſuche machen?“ „Geduld, Geduld.— Jetzt gehen wir zu Herrn Schwarz, da treffen wir auch Herrn Streicher; ſie ſind meiſtens zuſammen auf dem Theater⸗ bureau. Sie werden freundlicher mit dir ſein, als Madame, die Anſtandsdame, die Undankbare, die ohne mich vielleicht nie Anſtandsdame gewor⸗ den wäre, und die jetzt ſo allen Anſtand, alle Nobleſſe gegen ihren Wohlthäter aus den Augen läßt. Denn ich ſage dir, Wilhelmine, ich war in der That nicht nur Souffleur, ich war auch der beſorgte Freund Aller, die ihre Rollen nicht ge⸗ lernt oder wieder vergeſſen hatten.“ So plauderte der Souffleur, bis ſie in das Theatergebäude eintraten, wo auch das Theater⸗ bureau ſich befand. Dann muſterte er Wilhel⸗ mine mit einem wohlgefälligen Blicke und klopfte muthig an die Thüre, hinter der ſich vieles zu ihren Gunſten entſcheiden konnte. Der Regiſſeur und der Dramaturg betrach⸗ teten das pikante, junge Mädchen mit Intereſſe. Trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, zögerten ſie, in Betreff ihres Wunſches irgend eine be⸗ ſtimmte Meinung zu äußern. Die Sache ſollte überlegt werden, da man durchaus nichts ver⸗ ſprechen und noch weniger etwas darüber ent⸗ ſcheiden könne, indem man höhern Orts keine Anfänger mehr zu ſehen wünſche, weil ſchon ſo viele Verſuche mißglückt ſeien, und ſelbſt anſchei⸗ nend hübſche Talente ſich als nicht tauglich er⸗ wieſen hätten. Der Dramaturg ſagte Wilhelmine etwas ſchmeichelhaftes über ihre ſchönen Augen, und der Regiſſeur meinte, ihr Organ habe einen fri⸗ ſchen, kräftigen Klang. Damit wurde der Ex⸗ ſouffleur mit ſeinem Pflegekind freundlichſt, aber ziemlich hoffnungslos entlaſſen. „Siehſt du, ſolche Beſuche führen zu nichts, als höchſtens zu— einem guten Einfall;“ be⸗ merkte Wilhelmine und ließ ihn ſtehen und eilte ——— — 39 nach Hauſe. Herz ſetzte kopfſchüttelnd ſeinen Weg weiter fort— zu der, die ſeine Seele haßte. Mama Mice wollte das Töchterchen aus⸗ fragen, doch Wilhelmine bat: „Nur jetzt nicht, gute Mutter, ich muß über etwas nachdenken.“ Sie ſetzte ſich darauf an das kleine Tiſchchen in der Ecke neben dem Fenſter, und nahm Feder und Papier zur Hand. Papa Herz kehrte bald wieder von ſeinem Beſuch zurück. Er war ſehr vornehm empfan⸗ gen und mit bedauerndem Achſelzucken entlaſſen worden. Was ſollte er Wilhelmine ſagen? Welche Hoff⸗ nungen ihr bringen? Und er hätte ihr doch ſo gerne Tröſtliches von dem letzten Beſuche er⸗ zählt.— Er war froh, daß ſie ihn nichts fragte, daß ſie mit Schreiben beſchäftigt dort in der Ecke ſaß.— Er meinte, ſie ſchreibe nach Bardenberg, wohl an dem Abbé, und theile dieſem ihre miß⸗ liche Lage mit, und da der junge Graf früher ſo lebhaftes Intereſſe an ihrem Schickſal genom⸗ men, verlange ſie vielleicht Hilfe von dort.— Er wußte nur zu gut, daß das Geld auch zu 40 raſchem Emporkommen bei der Bühne erforder⸗ lich war, beſonders für ein junges Mädchen, das gleichſam ſo hergeſchneit kam, nicht von Kindheit an ſich zwiſchen den Cuuliſſen herumgetrieben und keine Protektorinnen hatte, nichts, als ihr bischen Talent und ein hübſches Geſicht mit ſtrahlenden Augen. Das Letztere war freilich eine gewichtige Sache, und konnte je nachdem von Vortheil aber auch von Nachtheil für ſie werden. Sie konnte leicht einen Protektor dadurch gewin⸗ nen, und beſaß ſie Talent, wie er nicht bezwei⸗ felte, raſch dann eine Carrisre machen;— aber auch ein moraliſches Verſinken war auf ſolchem Wege nicht nur möglich, ſondern ſogar wahr⸗ ſcheinlich. Der Souffleur hatte ſeine Erfahrungen auf dem ſchlüpfrigen Boden der Bühne geſam⸗ melt, und manches ſchöne Talent, das ſo begon⸗ nen, zu Grunde gehen ſehen.— Glaubte er auch nicht an die Möglichkeit einer ſtrengen Tugend bei den vielen Gefahren und auch Exiſtenznoth⸗ wendigkeiten, denen eine ſo junge Schauſpielerin ausgeſetzt iſt, will ſie ſchneller eine gewiſſe Stufe der Kunſt erreichen, ſo war er doch der Anſicht, daß, je länger zweideutige Protektionen vermieden —— 41 werden konnten, es deſto vortheilhafter in jeder Hinſicht ſei. Er hätte gerne Wilhelmine für im⸗ mer davor bewahrt, aber die erſten Verſuche dazu waren ſo ungünſtig ausgefallen, daß ihm der Ge⸗ danke faſt willkommen war: ſie ſchreibe nach Bar⸗ denberg um Hilfe. Denn jedenfalls war Graf Edgar nach allem, was ſie von ihm erzählt, ein ehrenhafter Charakter, von dem ſelbſt bei einem ſpäteren, intimeren Verhältniß weniger, als bei manchem anderen zu befürchten ſtand.— Das Talent bedurfte in jetziger Zeit ſo vieler Zu⸗ thaten, bis es nur ein wenig ſeine Schwingen entfalten konnte, es bedurfte des äußern Glanzes und der überſchätzenden Anpreiſung, um ſich Gel⸗ tung zu verſchaffen und gleich anderen in raſchem Laufe voran zu kommen. Das aber— überlegte Papa Herz— brauchte Geld, und daran man⸗ gelte es ihm, und zum erſtenmal in ſeinem Leben empfand er dieſen Mangel peinlich.— Wilhelmine hatte über dieſen Punkt wohl auch viel zu überlegen, denn ſie ſchrieb eifrig und zerriß es wieder und fing wiedet auf ein friſches Blatt zu ſchreiben an; ſo ging es wohl eine Stunde fort, dann legte ſie das Papier bei Seite; 42 der Brief ſchien nicht fertig werden zu wollen. Herz fragte ſie nicht darum: ſie hätte glauben können, er denke aus eigenem Intereſſe an eine Geldhilfe für ſie; Miee rechnete ihm ohnedies ſchon zu laut vor, was ſie um des Mädchens willen mehr bedürfe. Wilhelmine war viel heiterer, als er es er⸗ wartet; ſie fragte ihn, was ſie noch nie, gethan, über allerlei Verhältniſſe in der Stadt und bei Hofe. Vom Theater und den heutigen Beſuchen ſprach ſie nichts mehr. Er erſtaunte, doch war er froh, daß ſie ſo leicht darüber hinging, es konnte ſich ja am Ende doch noch etwas zu ihren Gunſten entſcheiden. Am andern Morgen war Wilhelmine ver⸗ ſchwunden, doch beſchwichtigte den augenblick⸗ lichen Schrecken ein Zettel, den ſie zurückgelaſſen 3 und worauf geſchrieben ſtand: „Beunruhigt euch nicht um meinetwillen, ich kehre bald wieder heim.“— Und ſo war es auch, in der Mittagsſtunde kam ſie wieder; und ſie kam mit freudeſtrahlen⸗ dem Geſicht und rief ſchon unter der Thüre: „Es iſt gelungen!“ 43 „Aber was denn, Kind?“ fragte Papa Herz, ihr entgegeneilend. „Endlich habe ich den rechten Weg eingeſchla⸗ gen!“ athmete ſie auf.„Ich habe dem Fürſten eine Bittſchrift überreicht.“ „Hexe, du! Was, wie, wo?“ „Ich erwartete den Fürſten am Palais, bis er mit der Fürſtin ausfuhr. Schnell drängte ich mich herzu, und ſie ſahen mich zwar überraſcht, doch freundlich an.— Ein reizendes Mädchen, flüſterte die Fürſtin; alſo gefiel ich ihr, Papa Herz; und gieb nur Acht, bald wird deine Pflege⸗ tochter auf dem Theaterzettel ſtehen, als Klärchen, als Luiſe— ach, und auch als Jungfrau von Orleans, als Iphigenia, als“— „Gemach, gemach, ſo hoch fängt man nicht an,“ . unterbrach der Souffleur Wilhelminens illuſoriſche Hoffnungen, und ſetzte etwas pathetiſch hinzu: „Man muß ſehr zufrieden ſein, mit einem Hann⸗ chen von Kotzebue, oder einem Riekchen von Iff⸗ land beginnen zu dürfen, und das erſt, wenn man das Couliſſenfieber hinter ſich hat.— Ja, erſt muß man an das Lampenlicht gewöhnt ſein, das Zittern und Herzklopfen überwunden haben. 44 Bleibt's doch ſelbſt nicht aus, wenn man ſo zu ſagen auf dem Theater groß geworden iſt, und du glaubſt, es werde dir nicht kommen. Nein, Herzchen, nein! und gieb nur acht, gerade du wirſt am ärgſten überfallen werden, weil du dei⸗ ner Sache ſo ſicher zu ſein glaubſt.“— Wilhelmine ſchüttelte ihren Kopf und ſeufzte— „Stünde ich nur erſt dort oben, wo's ſo herrlich iſt!“ „Stellenweiſe, Närrchen, ſtellenweiſe nur. Es iſt nicht alles Gold, was glänzt; du wirſt das noch übergenug erfahren.“ Zwei Tage ſpäter kam ein Ruf des Theater⸗ intendanten für Wilhelmine Herz, der ſie auf das Theaterbureau beſchied. Der Intendant, welcher zugleich Kammerherr der Fürſtin war, hatte ſeine Inſtruktionen in Be⸗ treff der hübſchen Bittſtellerin mit gnädigen Wor⸗ ten erhalten und empfing deshalb auch Wilhel⸗ mine ſehr freundlich. Er war überhaupt ein freund⸗ licher Herr, und hatte für ſeine Stellung als In⸗ tendant nur den einen Fehler, ſehr wenig von den Theaterverhältniſſen zu verſtehen und ſeine Kenntniſſe der dramatiſchen Kunſt auf einige mu⸗ ſikaliſche Fertigkeiten zu baſiren.— 45 Der Souffleur hatte nicht mehr unter ſeiner Herrſchaft geſtanden; Baron Lauchſen war ihm deshalb eine ziemlich unbekannte Größe, von der übrigens auch ſonſt wenig verlautete, und die ſelbſt am Theater nur ſcheinbar reſpektirt wurde.— Der Regiſſeur und der Dramaturg galten für die geheimen Räthe des Barons, und er ſelbſt erhob ſie gerne zu verantwortlichem Miniſter eines Staates, den ſo viele wunderbar verſchlungene Fäden zuſammenhielten, und der bei ſeiner glän⸗ zenden Außenſeite ſo manche ſchadhafte Stelle hatte, die nur mit ſehr umſichtiger Diplomatie überdeckt werden konnte. Wilhelminens Herz pochte gewaltig, als ſie das Terrain wieder betrat, von dem man ſie vor we⸗ nigen Tagen ſo ſchnöde zurückgewieſen; bei den Mienen aber, die ſie jetzt em⸗ pfingen, erkannte ſie gleich, daß ſie feſteren Fuß faſſen dürfe. Der Intendant äußerte ſeine Freude, der Ueber⸗ bringer ſo guter Botſchaft für ſie zu ſein und in ihr einen Zögling der hieſigen Bühne begrüßen zu dürfen. Madame Leibke ſei angewieſen, ihr Talent zu prüfen und auszubilden, und ihr eine 46 Unterſtützung bis zur Zeit ihres erſten Auftretens bewilligt. Dann werde ſich entſcheiden, ob ſie ferner bleiben oder ihr Glück bei einer anderen Bühne verſuchen ſolle. Herr Schwarz ſprach ſchöne Hoffnungen in Betreff ihres Talentes aus, und Herr Streicher ſagte ihr Schmeichelhaftes über die ſchönen Mit⸗ tel, die ſie beſitze, und meinte, ſie werde bald einen theatraliſchen Verſuch wagen können. „Ich hoffe es,“ gab ſie zur Antwort und ſetzte zum Intendanten gewendet hinzu:„Ich möchte gerne bald mich einer ſo großen Gnade werth i. Der Intendant lächelte verlegen, von ihren ſtrahlenden Augen angeſchaut und frappirt. Sie ſagte noch etwas von Dank und entfernte ſich dann, ohne eigentlich entlaſſen worden zu ſein. „Die wird raſch aufwärts ſteigen oder ebenſo fallen;“ bemerkte Schwarz, als der Intendant das Bureau verlaſſen. „Ich denke das letztere, trotz ihrer ſchönen Augen,“ erwiderte Streicher und wünſchte guten Morgen, um Fräulein Rauck zu beſuchen. Schon am folgenden Tage begann Wilhel⸗ 47 minens Unterricht bei Madame Leibke, und damit eine Geduldsprobe für ſie, die ſich zu einer Qual ſteigerte, welche ihr kaum möglich war zu be⸗ herrſchen. Sie mußte mit dem ABC der Kunſt begin⸗ nen, die gleich einer Gottheit vor ihrer Seele ſtand, welche ſie raſch mit ſich in ihren Himmel tragen werde. Am Laut des Buchſtabens begann die Schule, um zum Wort und dann in langſamen und langweiligen Uebungen zu einem beſtimm⸗ ten Ausdruck zu gelangen, der mit pedantiſcher Strenge durch hohen und tiefen Fall des Tones feſtgeſtellt wurde. So wohl nun auch Wilhelmine einſah, daß ihr manches von Nutzen ſei, daß ſie vieles zu lernen habe, beſaß ſie eben doch ein u heißes Talent, um hiebei nicht von innerer ngeduld verzehrt zu werden. Der Suuffleur ſuchte ſie von der Nothwendig⸗ keit dieſes Unterrichts zu überzeugen, in Hinſicht auf die Kunſt ſowohl, als ihre Stellung, die ein Widerſtreben unmöglich mache. Wilhelmine beugte ſich unter dieſe Nothwendigkeit und damit unter eine Methode, die ihr Gutes haben mochte, allein ſo gehandhabt, wie von Madame Leibke, erdrückend auf ihr Talent einwirkte, ſelbſt lähmend auf den . der unter der Mechanik der Sache feſt⸗ gebannt lag. So wurden nach kurzer Zeit dieſe nothwendigen Grundlagen der dramatiſchen Kunſt eine wahre Geiſtesfolter für Wilhelmine, deren naturwüchſiges Talent ſo gerne den Anfang ganz überſprungen hätte. Aber was half ihr anfäng⸗ liches Auflehnen dagegen? Das verſtehſt du nicht— ſo muß es ſein, ſagte die Lehrerin— und, ſie hat recht, du mußt dich ihren Vorſchrif⸗ ten fügen, ſetzte Papa Herz hinzu, und ſie ge⸗ horchte dem Zwang, der ſie zur Freiheit führen ſollte. Doch unwillkürlich verkroch ſich ihr Talent immer tiefer in der beengten Bruſt, und da das Denken ſie anfing zu ſchmerzen, und der Schmerz ſie nichts fruchtete, ordnete ſie ihre Gedanken gleichſam dem mechaniſchen Lernen unter, und ſie lernte richtig ſprechen, lernte ſchön deklamiren und ſich gerade halten und regelrecht bewegen. Elevin des Theaters, ſei eine andere Perſon, als Wilhelmine, die einſt ſo keck dem Kloſter ent⸗ ſprungen und auf gut Glück in die Welt gelaufen war. Dann erſchrak ſie über ſich ſe Zuweilen aber kam es ihr vor, Wilhelmine Herz, die 49 dem entflohenen Vogel wurden die Schwingen ge⸗ lähmt— nun konnte er nicht mehr fliegen, und immer ermatteter ſank er hernieder. Warum eilſt du nicht von hinnen? fragte ſie ſich oft ungeſtüm;— aber wohin ſich wenden?— Die Welt lag nicht mehr in dem zauberiſchen Licht einer gänzlichen Unkenntniß vor ihr, ſein roſigſtes Geflimmer war bereits verblaßt und damit der kecke Muth zurückgedrängt, der ſie bis hieher geführt hatte. Dazu kam, daß die trau⸗ liche Stube bei Papa Herz und Mama Mice ein bis jetzt nicht gekanntes Gefühl des Heimat⸗ lichen ihr gab, was bei all' ihrer künſtleriſchen Plage einen Zauber auf ſie ausübte, der ſie gleichſam in dem kleinen Raum dieſer Stube feſthielt. Sie fühlte ſich hier zu Hauſe, und da⸗ mit eine Sicherheit, die ſie ſelbſt, als Edgar ihr ſeinen Schutz verſprach, in ſolcher beruhigenden Weiſe nicht empfunden hatte. Eine Ahnung des Glücks, Eltern zu beſitzen, durchzog ſie; nahte nun auch in ſeinem Gefolge zuweilen der bittere Schmerz, ein verlaſſenes Kind öu ſein, wurde er von des Souffleurs freundlicher Theilnahme bald wieder beſchwichtigt, eigent⸗ Stein, Die Braut im Kloſter. II. 50 lich geliebt hatte ſie ihre Mutter niemals, es knüpfte ſich mehr nur das Bedürfniß des kindlichen Her⸗ zens nach Liebe an die Perſönlichkeit derſelben, an deren Stelle deshalb leicht eine andere treten konnte. Von ihnen ſich wieder trennen, die ſie mit Liebe aufgenommen, um wieder einem un⸗ beſtimmten Geſchick entgegen zu gehen, oder viel⸗ leicht gar in die kalten Mauern des Kloſters zurückzukehren— das wie ein Schreckgeſpenſt noch immer im Hintergrund ihrer Gedanken ſtand— erfüllte ſie mit Bangen, trotzdem, daß ſie zu be⸗ greifen anfing, wie ſchwer auch in der Welt die Freiheit, nach. der ſie verlangte, zu gewinnen ſei, und das Kloſter nicht allein Wollen und Han⸗ deln mit drückenden Banden umlege. Dieſe Erkenntniß, welche ihr der Zwang brachte, mit dem man ihr Talent niederhielt und auch ihren Trotz zu beugen wußte, wirkte erſchlaffend auf ihren Geiſt ein, und wehte ſie an wie dumpfe Luft eine friſche Blüthe. Sie neigte erbleichend das jugendliche Haupt: ihr eigenſtes Leben ſchien ihr verloren zu gehen, und tröſtete ſie ſich auch: ich werde mich wiederfinden, war es doch jezt eine Zeit namenloſer, innerer Qual für ſie.— 1 ——— 51 Allein ihre Lehrerin äußerte ſich zufrieden mit ihren Fortſchritten, wenigſtens ſagte ſie ſo zu Herz und auch der Rauck ſagte ſie eines Tages, als von Wilhelminens erſtem Auftreten die Rede Wari „Das junge Mädchen kann ſich einmal Bahn brechen;— ſie zeigt zwar kein bedeutendes Talent, allein ſie begreift ſchnell, was ich ihr ſage, und ihr Auge ſprüht zuweilen einen Funken, der von innerem Feuer ſpricht.— Die Anfangsregeln müſſen das niederhalten— allein es könnte den⸗ noch zu frühzeig hervorbrechen.“ „Nun hier nicht, beſte Leibke, hier nicht;“ fiel Fräulein Rauck ſchnell ein.„Sie ſoll ihrer Schule zwar alle Ehre machen, doch mehr nicht, ſie verſtehen wohl, und dann muß ſie, um Rou⸗ tine zu erlangen, einem kleinen Theater empfohlen werden, und kann ſpäter, wenn ſie ſich beſſer für unſere Bühne eignet, zurückkehren, oder— ander⸗ wärts ihr Glück machen.“ „Es heißt aber, die Fürſtin intereſſire ſich für das Mädchen.“ „Glauben ſie das nicht. Sie iſt längſt bei Hofe vergeſſen; und wenn ihr erſtes Debüt eine 4* 52 zweifelhafte Talentprobe wird, intereſſirt ſich Nie⸗ mand ferner noch für die unintereſſante An⸗ fängerin, in der man ſich getäuſcht.“ „Bauen ſie nicht ſo feſt darauf, liebſte Amalie, Minna wird bei Abend ſehr intereſſant ausſehen, ſie hat ein prächtiges Auge.“ Fräulein Rauck ging etwas aufgeregt im Zimmer umher und knickte die ſchönſten Blüthen an ihrer Freundin zierlichem Blumentiſch. Dieſe biß ſich auf die Lppen, ihren Aerger?“ darob keinen Laut zu erlauben. „In welcher Rolle ſoll ſich denn das intereſ⸗ ſante Talent zuerſt produciren?“ fragte die Rauck nach einer Weile. „Ich ſchlug ihr die„Emma““ in den Kreuz⸗ fahrern vor.“ „Ein allerliebſtes Stück, ganz im Geſchmack der Zeit!“ lachte die Schauſpielerin.„Wenn ihre Schülerin als Nonne kommt, freuen ſich ſicher die luſtigen Herren des Parterres.“ „Sie wären alſo mit dieſer Wahl einver⸗ ſtanden?“ „Vollkommen, ſie iſt ganz charmant.“ „So dachte ich auch; aber leider will min 53 Schülerin durchaus nicht als Nonne auf der Bühne erſcheinen, und ſo gefügig ſie ſonſt iſt, be⸗ harrt ſie eigenſinnig darauf, dieſe Rolle nicht zu lernen.“ „Ach was, ſie muß!“ Die Leibke zuckte die Achſeln und meinte, es laſſe ſich bei der erſten Rolle keine Wahl er⸗ zwingen. „Es iſt nur Eitelkeit von ihr,“ eiferte die Rauck.„Sie wird wohl fürchten, das Pilgerge⸗ wand wie das Nonnenhabit kleide ſie ſchlecht.“ „Vielleicht liegt ein tieferer Grund vor.“ „Welcher könnte es ſein?— Die Rolle der Emma iſt an und für ſich ganz hübſch, nur zu hübſch für eine Anfängerin.“ „Allerdings. Allein es geht ein Gerücht,— die Pflegetochter des Souffleurs ſei einem Kloſter entlaufen.“ „Wie, was ſagen ſie?— Wenn das wäre, käme ſie hier gar nicht zum Auftreten!“ „Laſſen wir beſſer dieſe Sache ruhen, liebſte Amalie.— Zu was ſolches Aufſehen erregen, zudem iſt es ein unverbürgtes Gerücht, und man würde ſie am Ende beſchuldigen, es aus Eiferſucht 54 erfunden zu haben. Was kann ihnen ein Debüt ſchaden, das nicht durchſchlagen wird?“— „Mir ſicher nichts! Ich würde mich ſelbſt vor einem berühmten Namen nicht fürchten, wie viel weniger vor ſolch unbedeutender Rivalität, wenn überhaupt von einer ſolchen dabei die Rede ſein kann.“ Frau Leibke gab ihr vollkommen recht, wobei ſie eine wahre Fluth von Lobeserhebungen über die Herrſcherin hinter den Couliſſen ausſchüttete. Als ſich dieſe jedoch von ihr verabſchiedet hatte, ſagte ſie ganz leiſe zu ihrem eben eintretenden Mann: „Die fürchtet ſich wahrhaftig vor Minna's erſtem Debüt. Da müſſen wir klug zu Werke gehen. Mein Contrakt geht zu Ende— wir wünſchen ihn auf zehn Jahre verlängert.— Die Gelegenheit iſt günſtig dafür; ſie findet ſich nicht leicht ſo wieder.“ Die Märzlüfte mit ihrem frühjahrlichen Hauche zogen über die Landſchaft und leckten die letzten weißen Spuren eines langen Winters hinweg.— Edgar befand ſich noch immer auf Schloß Barden⸗ berg, aus deſſen hohen Fenſtern ſehnſüchtig nach dem Süden blickend, woher die milderen Lüfte ihm entgegen wehten. Mahnende Grüße von Ella und Lorenzo, dachte er; ſie begreifen wohl nicht, warum ich ſo lange zögere mit der Wiederkehr. Sie nennen mich ſäumig— und mit welchem Unrecht, wie gerne wäre ich längſt wieder zu ihnen geeilt!— Und ſo war es auch. Seit dem Herbſt, wo er von dem Landhaus der Gräfin Maria hieher zurückgekehrt war, kam ein Hemmniß um's andere, das ihn wider Willen in Bardenberg feſt hielt. Erſt, und vor Allem, beſchäftigte ihn Ella's Brief, den er gleich nach ſeiner Ankunft erhalten. Der Ernſt, mit dem ſie über eine Sache zu ihm 56 ſprach, die er bis jetzt ſelbſt noch nicht ſo ernſt auf⸗ gefaßt hatte, das Dringende ihrer Ermahnungen, mit denen ſie ihn beſtürmte, das Weſen, welches ihm zur Gefährtin des Lebens beſtimmt ſei, nicht vorſchnell aufzugeben und wohl zu bedenken, welche heilige Pflichten er für daſſelbe habe;— befremdete ihn einigermaßen und erweckte in ihm anfangs ſelbſt ein peinliches Gefühl.— Ella, die für ein freies und ungebundenes Leben ſchwärmte, wünſchte das ſeine gefeſſelt durch unlösbare Bande.— Doch je öfter er ihren Brief las, deſto edler und lie⸗ benswürdiger fand er die darin niedergelegten Geſinnungen, und ſie beſtärkten ihn in dem Vor⸗ ſatz: den letzten Willen ſeines Vaters heilig zu halten. Auch erweckten Ella's briefliche Andeu⸗ tungen ihm allerlei Vermuthungen über die un⸗ gekannte Verwandte, welche ihre Mutter lieber im Kloſter wiſſen wollte, als in der glänzenden Stellung einer Gräfin Bardenberg. Daß man damit umging, ſie ihm zu entreißen und mit ihr auch das beträchtliche Erbe, welches durch ſie dem Haus Bardenberg wieder für immer zufallen ſollte, war Ella ſo klar, als ihm ſelbſt, und ſie ermuthigte ihn, das Geheimniß, das hier zu Grunde liegen 57 müſſe, genau zu erforſchen, hauptſächlich um jedem etwaigen Unglück, das für ſeine beſtimmte Braut darin verborgen liegen könnte, nach Pflicht und Gewiſſen vorzubeugen. Man forderte von ſeinem Edelmuth einen freiwilligen Rücktritt, man appellirte an ſeine religiöſen Gefühle, und wollte damit doch wohl nur das Erbe feſthalten; denn verweigerte die Braut ihr Jawort, war ſie deſſen verluſtig.— Das hatte ihm ſeine Mutter mitgetheilt, ehe er von Bardenberg ſchied, doch vergaß er faſt alle dieſe Nebenbeſtimmungen in der Luſt, welche ihm die Reiſe und die neuen Freunde brachten.— Erſt als er die Verlobte nicht fand, und Pater Eugenius mit gewandter Beredtſamkeit ihn zu beſtimmen ſuchte, freiwillig zurückzutreten, gedachte er ihrer wieder mehr, und unter dem Vorwande der ungenauen Kenntniß des Teſtamentes, entging er einem bindenden Verſprechen, zu dem man ſeinen jugendlichen Edelmuth hindrängen wollte Er kürzte ſchnell ſeinen Aufenthalt bei ſeiner Tante ab und reiſte zurück, theils um wirklich eine ganz genaue Einſicht von den Teſtamentsbeſtimmungen zu nehmen, theils auch aus Pietät für ſeine Mut⸗ 58 er, ohne deren Anſicht er in einer ſo wichtigen Sache nichts entſcheiden wollte. Er hätte es gerne brieflich abgemacht, hielt es aber doch bei reiflicher Ueberlegung für beſſer, nach Bardenberg zurückzukehren, hauptſächlich auch, um mit ſeiner Mutter zu überlegen, ob nicht eine gütliche Ueber⸗ einkunft zur Aufhebung dieſer Teſtamentsbeſtim⸗ mung mit dem Willen des Verſtorbenen in Ein⸗ klang zu bringen wäre. Ein vermittelnder Weg erſchien ihm das Erwünſchteſte; allein er fand bei genauerer Prüfung, daß ein ſolcher nicht wohl zu gehen ſei. Das Teſtament ließ keinerlei be⸗ liebige Deutungen zu; Alles war klar und weit⸗ läufig auseinander geſetzt: löſte ſich die beabſich⸗ tigte Verbindung durch ſeinen Rücktritt, blieb der Tochter Rudolfs ein Theil des Bardenberg⸗ ſchen Erbguts zur freien Verfügung, und das gräfliche Haus erlitt dadurch einen anſehnlichen Verluſt, beſonders an liegenden Gütern. War dagegen Gräfin Aline unfähig, durch geiſtige oder körperliche Gebrechen die Gemahlin Edgars zu werden, oder löſte ihr Wille die beſtimmte Ver⸗ bindung, blieb ihr nur eine unbedeutende jähr⸗ liche Rente. An dem zur Verlobung beſtimmten Tage ſollte ſich das entſcheiden. Edgars Mutter, ſchon empört darüber, daß durch die Abweſenheit Alinens und die Ausreden ihrer Mutter der Tag der Verlobung aufgeſchoben werden mußte, da Edgar wohl nicht mehr bis dahin wieder zurück ſein konnte, ſchrieb deshalb an ihre Schwägerin, und hob in dem Briefe hauptſächlich hervor, daß nach den beſtimmten Verfügungen der beiden Väter ſelbſt eine Löſung des beſchloſſenen Bünd⸗ niſſes nur in Gegenwart der beiden zunächſt da⸗ bei betheiligten Perſonen ſtattfinden dürfe, und ihr Sohn keinenfalls zurücktreten werde, ohne zu⸗ vor Gräfin Aline kennen gelernt zu haben. Nach mehreren Wochen erſt erhielt die Gräfin hierauf eine Antwort, und zwar von Pater Eu⸗ genius im Namen der Gräfin Maria, die, wie er mittheilte, krank darniederliege, und mit der er deshalb erſt in den letzten Tagen über dieſe Angelegenheit habe ſprechen können. Sie erkläre, daß ſie einer Verbindung ihrer Tochter mit dem Grafen Edgar durchaus nicht abgeneigt ſei, und nur der fromme Wunſch Dieſer, den Schleier zu nehmen, ſie veranlaßt habe, einen Rücktritt von ſeiner Seite zu fordern. Sie habe dabei auf 60 ſeinen Edelmuth, ſeine ritterlichen Geſinnungen und ſeine Religioſität gebaut, und das um ſo mehr, da der künftige Herr von Bardenberg ſich doch nicht wohl mit dem Erbe einer Braut zu bereichern wünſche, die er nicht als Gattin in die Burg ſeiner Väter einführe.— Die Klauſel des Teſtaments, daß nur bei einer Zuſammenkunft der beiden jungen Leute eine Löſung ihrer Ver⸗ pflichtungen gegeneinander möglich wäre, ſei doch wohl nicht von großem Belang, und des Grafen Zartgefühl würde dies erkennen, ſobald ſein Edel⸗ muth und ſeine Religioſität ihm den Rücktritt geböten, beſonders da nur in dem Kloſter, in dem Gräfin Aline ſich eben befinde, eine Zuſam⸗ menkunft möglich wäre, und dort ſich entſcheiden müßte, ob Graf Edgar das zarte Weſen, deſſen Sehnſucht ſich nur auf himmliſche Dinge richte, zur Gattin verlange, oder ſeine Rechte an ſie auf⸗ zugeben willens ſei. Edgars Mutter ſah in all' dieſem nur eine Intrigue der Gräfin Maria, das Erbe dem Hauſe Bardenberg zu entziehen, welches ihr durch den ungetreuen Gemahl ein verhaßtes geworden war, um dann ihre Tochter ſpäter mit einem andern Mann zu verbinden. Denn daß ſie beabſichtigen könnte, das reiche Gut ſammt ihrem Kinde dem Kloſter zu laſſen, lag den Geſinnungen der alten Gräfin, obgleich ſie eine gute Katholikin ſein wollte, doch zu fern, um daran ernſtlich zu glau⸗ ben.— Edgar dagegen, durch Ella, wie auch durch die düſtere Weiſe ſeiner Tante, noch mehr beſtärkt, neigte ſich zu der Anſicht hin, daß ſeine beſtimmte Verlobte das Opfer eines frommen Wahns zu werden drohe. Sie wurde ihm da⸗ durch werther, was ſeinen Entſchluß mehr noch befeſtigte, als die Erhaltung des Erbes, dem letz⸗ ten Willen ſeines Vaters, dem auch das Schrei⸗ ben des ſterbenden Grafen Rudolf ſich anſchloß, getreulich nachzukommen. Die Zuſammenkunft wurde endlich nach monat⸗ langen brieflichen Verhandlungen auf ein Jahr ſpäter, als der im Teſtament beſtimmte Tag feſt⸗ geſetzt— aus Rückſicht auf den Geſundheits⸗ zuſtand der Gräfin Maria, wie die zarte Conſti⸗ tution ihrer Tochter⸗ Während der Zeit dieſer iechan war Edgars Mutter leidend und blieb es den ganzen Winter hindurch, ohne daß ihr Zuſtand 62 gerade gefahrdrohend wurde. Allein Edgar konnte, als guter Sohn, ſie nicht wohl verlaſſen, beſon⸗ ders nicht auf längere Zeit, ehe ſie ſich nicht wie⸗ der ganz erholt hatte. Bei aller Theilnahme jedoch, die er für die leidende Mutter empfand, zehrte eine innere Ungeduld an ihm, wieder fort⸗ zukommen, hinweg von dem ſtillen, ſchneeumgebe⸗ nen Schloſſe, das in der weißen Landſchaft ſo einſam ſich erhob.— So viel er ſich auch mit Leſen, mit Reiten und Fahren, ſelbſt mit der Jagd beſchäftigte, blieben doch eine Menge lang⸗ weiliger Stunden übrig, die des Abbé's und ſei⸗ ner Mutter Unterhaltung ihm nicht ſonderlich noch im Schloſſe, denn obgleich ihm der Abbé recht viel Nachtheiliges von ihr erzählt hatte, be⸗ ſonders in Bezug auf ihre Flucht mit Moritz, die er mit ziemlich verdächtigen Farben ausmalte, behielt Edgar doch ein reges Intereſſe für ſie, und ſchenkte den Ausſagen des Abbé's nur be⸗ dingten Glauben. Er hätte gar gerne gewußt, wie es ihr draußen in der Welt ergehe, und ob ſie ihren Plan ausgeführt habe, Schauſpielerin zu werden.— Der Abbé, der durch die Verwal⸗ 4% 63 terin, die es von Eliſe erfahren, ihren jetzigen Aufenthalt kannte, ſchwieg wohlweislich darüber, denn wenn ihn etwas über Moritz's Flucht mit Wilhelmine tröſten konnte, war es der Gedanke, daß dadurch dem Grafen die gefährliche Geliebte entführt worden ſei.— Dann auch ſchwieg er noch aus einem andern triftigen Grund, nämlich, weil er befürchtete Edgar möchte, ſobald er er⸗ fahre, wo Wilhelmine ſich aufhalte, darauf be⸗ ſtehen, ihr die zu ihrem Fortkommen beſtimmten Gelder zu überſenden, und der gute Abbé hatte ſie doch bereits für ſeinen Pathen verwendet, und zwar mit vollſtändiger Gewiſſensruhe, da er in Wilhelmine die Urſache der Verirrungen deſſelben erkannte. Von ihm ſelbſt, dem verführten Land⸗ junker, waren ſeit längerer Zeit keine Nachrichten mehr nach Bardenberg gekommen, was ſeine Mut— ter ganz troſtlos machte, weshalb eben Eliſe bei ihr verweilte, um mit ihr zu klagen über den Unglücklichen, und zu ſchmähen auf ſeine leicht⸗ ſinnige Verführerin, die jene gerne in dem Ver⸗ dacht erhielt, als ſtehe ſie in fortwährender Ver⸗ bindung mit Moritz, und ſei es allein, die ihn abhalte, nach Hauſe zurückzukehren. Daß er 64 indeſſen ſchon den verführeriſchen Boden der Bühne betreten, wußte auch ſie nicht. In ſeinen Briefen ſchwieg er darüber, und erzählte nur im Allgemei⸗ nen, wie ſein Blick in die Welt ſich erweitere, und welch intereſſante Bekanntſchaften er mache. Seine theatraliſchen Verſuche waren auch noch von ſo zweideutigem Erfolg begleitet, daß er ſelbſt zu⸗ weilen wieder an ſeinem Beruf für die Bühne zu zweifeln begann. Allein die verſtändigeren Gedanken darüber bekämpften die Freunde, denen ſeine gefüllte Börſe gefiel, indem ſie ihn verſicher⸗ ten, daß von jeher die größten Genies auch mit. den größten Schwierigkeiten zu kämpfen gehabt, und er an ſeinem Talente, das den Sachverſtän⸗ digen ganz deutlich ſelbſt aus ſeinen Fehlern her⸗ vorleuchte, nicht zweifeln dürfe.— Solche Reden beſtachen ſeine Eitelkeit, und da es ihm überdies bei dem heitern Völkchen einer kleinen Bühne wohl gefiel, entſchloß er ſich, als Volontair ihr ſeine Dienſte anzubieten. Der Direktor engagirte den hübſchen Anfänger, der keine Gage verlangte, und da Moritz luſtig und freigebig war und zärt⸗ lichen Gefühlen leicht zugänglich, ſah er ſich auch bald in ein Liebesverhältniß mit der koketten 65 Soubrette verwickelt. Das muntere Mädchen übernahm nun auch Moritz's Kunſtausbildung, und er trat einigemale mit ihr als jugendlicher Liebhaber auf, ohne geradezu von dem undank⸗ baren Publikum ausgelacht zu werden. Daß Moritz unter den obwaltenden Umſtän⸗ den wenig mehr an Wilhelmine dachte, verſteht ſich von ſelbſt, beſonders da er in der Liebe der kleinen Soubrette viel ſüßeren Genuß fand, als durch Wilhelminens freundlichſten Blick oder Eli⸗ ſens zärtlichſten Händedruck. Was Wunder, daß er zu dem Glauben kam, das wahre Glück des Lebens bereits gefunden zu haben. Er amüſirte ſich ſo herrlich, wie er es früher nie für möglich gehalten, und er fing auch wirklich zu glauben an, ſeine Geliebte werde ihn noch und zwar bald zum großen Künſtler machen. War er dieſes, dann wollte er es triumphirend nach Bardenberg mel⸗ den und in den Sommermonden, wo die drama⸗ tiſche Kunſt der Ruhe pflegte, ſeine Geliebte dort als ſeine Braut vorſtellen und den elterlichen Segen zu einer Verbindung mit ihr verlangen. Seine Anſichten behielten trotz aller Ertravagan⸗ zen ſeines jetzigen Lebens doch etwas von dem Stein, Die Braut im Kloſter. II. 5 66 ſoliden Boden bei, auf dem er emporgewachſen, und es gab Stunden, in denen er der lachenden Soubrette von ihren künftigen häuslichen Freuden vorſchwatzte. Sie nahm dies ſo hin, als eine mögliche Ausſicht für die etwaige Miſore ſpäterer Tage; als aber die Gelder von Bardenberg aus⸗ blieben, der Abbs darauf beſtand, den leichtſin⸗ nigen Sohn auf dieſe Weiſe zur Rückkehr zu zwingen, überwand die Soubrette mit leichtem Sinn und Herzen ihre Neigung für den talent⸗ loſen Liebhaber, um ſich mit dem Charakterſpieler zu verbinden. Auch die Freunde zogen ſich von Moritz zurück, und mit Schrecken ſah er ſich plöt⸗ lich von Liebe und Freundſchaft verrathen. Mit dieſer Erkenntniß ſchwanden ſeine theatraliſchen Gelüſte bedeutend dahin, und wenn ihn ein Luft⸗ zug nach Bardenberg getragen, er hätte ſich dem⸗ ſelben freudig überlaſſen. Aber ſo aller Hilfe ent⸗ blößt, fern von der Heimath, blieb ihm nichts übrig, als langſam ihr näher zu kommen, ein ver⸗ kanntes und verrathenes Genie. Er traf unterwegs eine wandernde Truppe, und ſie erbarmte ſich ſeiner und führte ihn einige Zeit mit ſich herum. 67 Oft war er in Verſuchung, einen reuevollen Brief nach Hauſe zu ſchreiben, aber noch empörte ſich ſeine Eitelkeit und ſein Eigenſinn dagegen; auch kamen wieder Tage, in denen er ſich ganz gut unterhielt: wo ſeine hübſche Perſönlichkeit ihm Fortuna gewogener machte. Allein eine dauernde Gunſt ſchenkte ihm die launiſche Göttin nicht, und er hielt es endlich doch für das Räth⸗ lichſte, Bardenberg immer näher zu kommen. 5* Glückverheißender ſchien der heitere Frühlings⸗ himmel über Wilhelmine zu leuchten. Ihr erſtes Auftreten wurde beſtimmt, und zwar in der näch⸗ ſten Zeit ſchon, und als„Luiſe“ in„Kabale und Liebe“.— So erfüllten ſich denn ihre Wünſche in Beziehung auf die erſte Rolle, und doch äußerte ſie keine Freude darüber. Ohne jede ſichtliche Er⸗ regung hörte ſie ihr erſtes Debüt beſtimmen.— Sie hatte ſich nur ganz entſchieden gegen die Rolle der„Emma“ in den„Kreuzfahrern“ ausgeſpro⸗ chen— zu jeder andern Wahl gab ſie ſchweigend ihre Zuſtimmung. Ihr ganzes Weſen war über⸗ haupt ſeit einiger Zeit ſchon auffallend verändert, es lag etwas gedrücktes und zaghaftes darin, was nicht zu ihrem Charakter ſtimmte, und was wäh⸗ rend des Einübens ihrer Antrittsrolle in ſolchem Grade zunahm, daß Papa Herz nöthig fand, ſie darüber zu Rede zu ſtellen. Sie ſagte ihm, daß 69 der Unterricht der Leibke ſie namenlos beenge, obgleich ſie einſehe, daß er ſeine guten Seiten habe. Nun aber, da ſie bald auftreten ſolle, dränge es ſie, die Lehren desſelben zu überſprin⸗ gen, und aus ſich ſelbſt heraus ein Gebilde zu ſchaffen; allein jede Aeußerung deshalb, jeden aus ihrem eigenen Innern hervorgehenden Gedanken, ſcheuche die Lehrerin mit ſtrenger Mahnung zu⸗ rück, mit der Prophezeihung, ſie werde durchfallen, ſobald ſie nicht blind ihren Unterweiſungen folge. Dadurch aber gehe jedes Selbſtvertrauen in ihr unter, und ſtatt deſſen ziehe eiue namenloſe Angſt bei ihr ein.— Papa Herz meinte lächelnd, das ſei nichts als das bekannte Couliſſenfieber, das ſich jetzt ſchon bei ihr rege; er habe vorausgeſehen, wie ſie ſo gar nichts davon habe wiſſen wollen, daß es ſich gerade bei ihr in erhöhtem Grad einſtellen werde, das ſei einmal nicht anders, ſie möchte möglichſt darüber hinwegzukommen ſuchen, und hiebei ſei ihr nichts Beſſeres anzurathen, als ſich blind an die Vor⸗ ſchriften ihrer Lehrerin zu halten. Sie ſolle ja nichts anders thun wollen, ehe ſie uicht feſter auf den Brettern ſtehen gelernt, dann erſt ſei's an der 70 Zeit, den eigenen Genius walten zu laſſen, jetzt würde er ſie nur durch ſeine ungeregelten Sprünge zu Grunde richten; er kenne das aus langjähri⸗ ger Erfahrung. Das erſte Auftreten ſei eine Feuer⸗ probe, und bringe ſeine nicht zu vermeidenden Beängſtigungen mit ſich.— „Auch er verſteht, begreift mich nicht!“ ſeufzte Wilhelmine recht troſtlos bei ſich, doch entgegnete ſie nichts, als:„du wirſt ſehen, Papa Herz, es geht nicht gut.“ „Setze dir ſolche Grillen nicht in den Kopf.“ eiferte er und fuhr, ſie ermuthigend, fort:„Die Leibke ſagte mir, es fehle gar nicht, du müßteſt gefallen, wenn du über die erſte Befangenheit glücklich hinüberkämſt. Und das wird nach der erſten Scene der Fall ſein, das Angſtfieber legt ſich während des Spiels, verlaſſe dich darauf; ich kenne das.“ „Ja, wenn ich ſpielen dürfte, wie ich wollte— aber jetzt könnte ich das ſelbſt in dieſer Rolle nicht mehr.— So ſtand die Luiſe Millerin nie vor meiner Seele, ſo nicht, wie die Leibke ſie mir vorſpielt und ich ſie ihr nachſpielen muß.“ „Du ſpielſt ſie, wie ſie dir einſtudirt wird, guen zu ſchaffen?“ und ſo wird's gut ſein,“ ermahnte der Exſouffleur etwas diktatoriſch. Wilhelmine erwiderte nichts, ſenkte das Haupt und ging unruhig umher. Mice, die wie gewöhnlich in der Ofenecke ſaß und ſtrickte, ließ ſich jetzt etwas näſelnd ver⸗ nehmen: „Wenn aber eine Intrigue mit im Spiele wäre, zu der die Leibke bereitwillig die Hand böte.“ „Was du nicht für Schrullen im Kopf haſt! Ja, wenn ihre Ehre nicht dabei auf dem Spiele ſtünde.— Iſt ſie denn nicht ihre Lehrerin, und gewiſſermaßen verantwortlich für ihr erſtes De⸗ büt?“— widerſprach Papa Herz entrüſtet. „Wohl wahr— aber“ „Nun, was aber?“ „Aber die Leibke will Anſtandsdame bleiben, will noch lange nicht in's Mütterfach übergehen, und dazu braucht ſie Fürſprache, denn alt genug wäre ſie und“— „Und häßlich genug auch,“ fiel Herz ungedul⸗ dig ein.„Was aber hat das mit deinen Intri⸗ 72 „Wie du das fragen kannſt, und warſt ſo lange dabei! Ich, die ich nicht dreißig Jahr im Souffleur⸗ kaſten ſaß, muß hierin ſchärfer ſehen als du! Sie braucht die Rauck zu einem neuen Contrakt, und dieſe will kein junges, hübſches Mädchen neben ſich haben, das noch dazu talentvoll iſt, wie Wil⸗ helmine. Verſtanden?“ Der Souffleur brummte etwas von Weiber⸗ geſchwätz, und Wilhelmine bat: „O, ich bitte euch, ſchweigt von allen dieſen Dingen, ſie machen mich ſonſt vollends ganz confus.“ „Ich ſag's ja immer, wenn ſie miaut, lau⸗ fen nicht nur die Mäuſe, da laufen auch die Men⸗ ſchen davon!“ machte der Souffleur ſeinem Aerger Luft, nahm Hut und Stock und war zur Thüre draußen. Wilhelmine ging in ihr kleines Schlaftämmer⸗ chen und ſagte ſich: „Du mußt und wirſt auch dieſes überwin⸗ den.“— Aber trotzdem kam es ihr ſchwerer zu überwinden vor, als alles bisherige Schwere ihres jungen Lebens, und der Widerſtreit ihrer innern Kraft mit dem äußern Zwang, dem ſie ſich verfal⸗ 73 len ſah, erſchöpfte ſie dieſesmal. Ihre Fantaſie er⸗ lahmte unter dem Druck, mit dem man ihre Schwingen belegte, und die Kunſt, in der ſie ſich das Glück einer poetiſchen Freiheit geträumt, er⸗ ſchien ihr jetzt wie ein Kerker, aus dem ſie nur durch eiſerne Stäbe in die Ferne ſah. Sie war verſtändig genug, auf eine Zeit zu hoffen, wo dies anders kommen müſſe, aber um es einſt zu erreichen, legte ſich die Gegenwart allzuſchwer auf ſie. Sie mußte ausharren, ge⸗ duldig ſich fügen, wie noch nie, und die Selbſtbe⸗ herrſchung, die ſie frühzeitig gelernt, und die ihr jetzt zu ſtatten kam, wirkte nachtheilig auf ihr Inneres. Ihre Seele erkrankte; ihr dramatiſches Talent, deſſen freie Entwicklung man durch pedantiſche Regeln hemmte, verlor das Vertrauen zu ſich ſelbſt und damit ſeine Kraft. Sie empfand dies und wurde dabei immer muthloſer.— Die Freude ſchwand— die ſchöne Hoffnung— Angſt und Bangen traten an ihre Stelle, und mit wahrer Pein ſah Wilhelmine ihrem erſten Auftreten ent⸗ gegen. Als endlich der verhängnißvolle Tag dawar, fühlte ſie eine namenloſe Abſpannung, dennoch 74 ging die Probe ohne Störung vorüber. Frau Leibke war dabei zugegen und überwachte jeden Ton und jede Bewegung ihrer Schülerin mit lobenswerther Sorgfalt. Man machte der ge⸗ wiſſenhaften Lehrerin Komplimente, man rühmte ihre Schule, und zuckte die Achſeln über das Ta⸗ lent der Debütantin, doch glaubte man allge⸗ mein, es werde am Abend gut gehen, und Fräu⸗ lein Rauck, welche die Lady Milfort ſpielte, machte ſehr zuvorkommend Wilhelmine auf eine Menge Kleinigkeiten aufmerkſam, und meinte, wenn ſie ſich dies und das noch merke, werde das Lampenlicht und das gefüllte Haus das Uebrige ſchon bringen. Wilhelmine hörte Alles ſchweigend mit an. Die ganze Probe wirkte betäubend auf ſie, und mechaniſch that ſie, was ihr in vielen Stunden vorgeſagt worden. Dabei kam ſie ſich wie ein Opfer vor, das ſeinem Verhängniß nicht mehr entgehen kann. Papa Herz ſaß während der Hauptprobe im dunkeln Parterre und ſtarrte mit von Thränen umdunkelten Augen zu der matterleuchteten Bühne empor, ohne vor innerer Aufregung irgend ein 75 Urtheil über Wilhelminens Leiſtung zu gewin⸗ nen.— So war es ihm noch nie zu Muthe ge⸗ weſen, ſelbſt in jener Zeit nicht, in der er eine hübſche Sängerin liebte, die ſtets detonirte. Er erklärte darum auch bei der Nachhauſekunft, daß er der Vorſtellung nicht beiwohnen könne, ſein Benehmen würde allgemeine Aufmerkſamkeit er⸗ regen und Wilhelminens beſte Scenen dadurch geſtört werden. Mama Miee ſchüttelte den Kopf bedenklich dazu und ſeußzte: „Wäre nur dieſer Abend vorüber!“ Dann ordnete ſie die Garderobe, und nahm ſich vor, Wilhelmine heute Abend beim Anklei⸗ den behilflich zu ſein. Dieſe war ungemein ſchweigſam. Es war ihr ganz dumpf in Kopf und Herz, und ſie ſeufzte ſtille Mama Mice nach: „Wäre nur dieſer Abend vorüber!“ Wie heiß hatte ſie ihn nicht erſehnt, und jetzt wünſchte ſie ihn nur vorüber: nach dieſem Abend glaubte ſie wieder freier athmen zu können. Endlich ſchlug die verhängnißvolle Stunde; der Theaterwagen hielt an dem großen Thore. Die ganze Nachbarſchaft ſtreckte Köpfe her⸗ 76 aus. Wilhelmine ſah es nicht, faſt gedankenlos beſtieg ſie den Wagen. Leiſe memorirte ſie ihre Rolle, es fehlte ihr keine Sylbe, nur die Stich⸗ worte wollten ihr nicht einfallen. Mama Mice folgte mit dem Korbe, in dem ſorgfältig zuſam⸗ mengelegt der Anzug der„Luiſe“ lag: das einfache weiße Kleid und die ſchwarze Taffetſchürze, nebſt dem Umſchlagetuch zum Gang aus der Kirche, und zu dem zu der Lady. Als aber die gute Frau ſich anſchickte, Wilhelmine anzukleiden, un⸗ terſagte ihr die Garderobiere ziemlich unhöflich dies Geſchäft, beguckte den Anzug“ verächtlich und tadelte dieſes und jenes daran; dann wies ſie die Souffleurswittwe in eine Ecke des großen Ge⸗ machs und meinte: ſie wäre noch nicht lange genug Theatermama, um im Vordergrund einer Garderobe zu ſtehen, ſie hindere nur, und möge ſich darum auf dem entlegenſten Platze nieder⸗ laſſen.— Frau Herz gehorchte, doch ließ ſie kein Auge von ihrem Pflegekind. Wilhelmine ſah trübe vor ſich nieder; noch kümmerte ſich Niemand um ſie, die ſtolze Lady nahm alle Hände und Augen in Anſpruch. Die Zeit ging hin— Mama in der entfernten Ecke; 77 ſaß wie auf Kohlen, und wagte endlich die Frage: „Iſt's denn noch nicht an der Zeit, Wilhel⸗ mine anzukleiden?“ Ein verächtlicher Blick war die Antwort, doch fing jetzt die Garderobiere an, ſich auch mit der armen„Luiſe“ zu beſchäftigen, während ſie Blicke des Einverſtändniſſes mit der„Lady“ wechſelte.— Auch die Andern drängten ſich jetzt an die Debü— tantin. „Kinder, ich bitte euch, nicht ſo nah— wir müſſen eilen;“ mahnte die Garderobiere, indem ſie Wilhelmine das weiße Kleidchen überwarf. Dann fuhr ſie geſchwätzig fort:„Das Kleid ginge an, es iſt einfach, aber mein Gott! welche aus⸗ geſchnittene Taille, das geht nicht als„Luiſe“ da muß Alles hoch ſein bis unter das Kinn. Geben ſie das Tuch dort, liebes Kind,— ſo, damit müſſen wir nachhelfen.“ „Aber es iſt ſo groß“— ſtammelte Wilhel⸗ mine. „Es umhüllt zu ſehr die ganze Figur,“— ließ ſich eine Stimme hören. Sie kam von der Schauſpielerin, welche die Millerin ſpielte. 78 Nun erhob ſich ein kleiner Streit, in Form eines Kunſtgeſprächs über den richtigen Anzug der Muſikanten⸗Tochter, und die Garderobière, unterſtützt von Fräulein Rauck, drang durch, und Wilhelmine wurde völlig nonnenhaft mit dem weißen Wolltuche umhüllt, das ſie nur bei ihrem erſten Eintreten und zum Gang zu der Lady leicht hatte umwerfen wollen. Sie ſelbſt kam in dieſer Debatte nicht zum Wort, und jetzt war keine Zeit mehr dafür, der Friſeur mahnte und be⸗ mächtigte ſich Wilhelminens, indem er ihr den weißen Mantel umhing und ſie vor dem großen Spiegel auf den Stuhl niederdrückte. Dann glät⸗ tete er ihr unbarmherzig das lockige Haar, und klebte ihr den glänzenden Scheitel an die Schläfe, und legte noch ein paar ſteife falſche Flechten darüber, die viel heller als Wilhelminens Haar ausſahen. Nun konnte ſich Mama Miee nicht mehr hal⸗ ten, ſie ſprang auf und wollte ſich in's Mittel legen, wurde aber ſchnell wieder in den Hinter⸗ grund gedrängt. Die ſtolze Lady bot ſich eben an, ihre Rebenbuhlerin zu ſchminken, da ſie dieſe Kunſt wohl noch nicht verſtehe, und Wilhelmine 79 nahm es dankbar an. Als es geſchehen, warf ſie einen Blick, in den Spiegel und prallte er⸗ ſchrocken zurück, indem ſie ausrief: „Bin ich denn das wirklich ſelbſt!“ Man lachte über dieſe naive Frage und fand ſie allerliebſt und verſicherte der unerfahrenen Anfängerin, daß man beim Strahl der vielen Lichter nicht genug Schminke auftragen könne. Wilhelmine ſah ſich nach einem befreundeten Geſicht um, wohl um eine Beſtätigung dieſer Behauptung darin zu leſen; doch die gute Mama ſaß in der Ecke mit niedergeſchlagenen Augen, und Madame Leibke hatte ſich noch gar nicht blicken laſſen. Sie ſei wohl zu angegriffen, hieß es, um auf die Bühne zu kommen, die gute Dame habe ſo ſchwache Nerven und werde ohne Zweifel der Vorſtellung im Hintergrund einer Loge bei⸗ wohnen, um ihre Rührung zu verbergen. Wilhelmine war es, als ſei ſie ganz verlaſſen, verrathen und verkauft, und ſie wollte eben auf die einzige Seele, der ſie vertraute, zueilen, als der Inſpicient den Kopf zur Thüre hereinſteckte und rief: „Fräulein Herz, ſchnell, kommen ſie— es 80 ſchellt!“ Und in demſelben Augenblick klang ein durchdringender Glockenton herein. Wilhelmine erbebte und blieb dann regungslos ſtehen. „Kommen ſie, kommen ſie, damit ich ſie recht⸗ zeitig hinausſchiebe;“ rief der Mahner abermals und ſetzte lachend hinzu:„Es wird noth thun, damit dieſe Luiſe nicht ſchon gleich beim Anfang hinter der Couliſſe ſtirbt.“ Ein Gelächter folgte dem ſchlechten Witze. Wilhelmine blickte auf, die Rauck ſtand vor ihr, prachtvoll ſchön und ſo triumphirend, und das Lachen umher klang ihr wie ein Hohngeläch⸗ ter. Sie ſtürzte auf die Thüre zu, ſie wollte ent⸗ fliehen, aber der harrende Inſpicient ergriff ihre Hand und ſagte: „Nu, nu, Schätzchen, wer wird ſolches Cou⸗ liſſenfieber haben.“ Damit riß er ſie mit ſich fort an die Thür der Hinterwand, vor welcher bereits der Miller und ſein Weib ſich befanden. Das Orcheſter ſpielte. Wilhelmine wurde es bald glühend heiß, bald eiskalt, und müde ſtützte ſie ſich an die ſchwanke Wand. Es ſchellte, der Vorhang rauſchte in die Höhe, eine tiefe Stille herrſchte zwiſchen den Couliſſen, 81 und man hörte den Muſikanten mit ſeinem Weibe zanken. Der Intrigant, der den Wurm ſpielte, trat herzu, ſein Stichwort zu erlauſchen, doch ge⸗ ſchah das mit jener nachläſſigen Manier, welche die Routine erlaubt. Er ſcherzte zwiſchendurch mit der zitternden Debütantin, deren Todtenbläſſe die dick aufgetragene Schminke verbarg. Da auf einmal, mitten in einem Scherzwort, brach er ab und— ſtand auf der Scene;— kurz nachher ſtürzte er wieder heraus, kniff im Vorbeieilen Wilhelmine leicht in die Wange und ſagte: „Courage, jetzt geht's vor die Lampen!“ „Aufgepaßt!“ mahnte der Inſpicient. Millers„Donnerwetter“ wurde hörbar, und Wilhelmine fühlte ſich mit einem Rucke draußen. Es ſchwindelte ihr, ſie drohte umzufinken; keine Faſſung ihr möglich zu werden. „Guten Morgen, lieber Vater!“ klang es ihr leiſe aus dem Souffleurkaſten entgegen;— doch ſie vermochte es nicht nachzuſprechen.—„Guten WMorgen, lieber Vater!“ tönte es jetzt lauter von dieſer Bühnenunterwelt herauf und ſie trat einige Schritte vor; der alte Miller kam ihr ent⸗ Stein, Die Braut im Kloſter. II. 6 82 gegen und lispelte„Guten Morgen, lieber Vater!“ Die Millerin nahm ihr das Geſangbuch aus der Hand, drückte ſie ihr dabei in etwas derber Weiſe und mahnte: „So ſagen ſie doch: Guten Morgen, lieber Voter!“ Da ſtotterte ſie: „Guten Morgen, lieber Vater!“ und die Worte ihrer Rolle fielen ihr jetzt wieder ein, und ſie memorirte ſie ohne Fehler; ſie ſprach deut⸗ lich, korrekt, doch etwas leiſe und ohne inneres Leben. So blieb es auch in der Scene mit Ferdinand und als der erſte Akt beendet war, wußte das Publikum nicht recht, was es zu dieſem erſten theatraliſchen Verſuche ſagen ſollte. Eine gute Schule,— meinten Einige,— Andere dagegen fanden kein Talent; das ließe ſich nicht beſtim⸗ men bei der Befangenheit des erſten Auftretens, wurde entſchuldigend eingeworfen, doch ſogleich wieder behauptet, daß man keine ſo bedeutende Rolle zu einem erſten Verſuch wählen dürfe, wenn nicht ganz hervorragendes Talent dazu berechtige — 83 Das junge Mädchen aber ſei ja nicht einmal hübſch, wie man wenigſtens erwartet, und viel Verſtand und Geſchmack müſſe ſie auch nicht haben, denn eine ſo rothwangige Luiſe wäre doch über alle Maßen lächerlich, und ſo einge⸗ mummt brauche ſie ebenfalls nicht zu ſein, das ungraziöſe Tuch verberge den ganzen Wuchs, und gebe der Vermuthung Raum, daß er ebenſo viel zu wünſchen übrig laſſe, als das Spiel der De⸗ bütantin. Arme Wilhelmine! Es gelüſtete deine Richter ſchon, den Stab über dir zu brechen, und noch haſt du deine erſte Rolle nicht zu Ende ge⸗ ſpielt! Sie verſpürte auch eine ähnliche Empfindung, die ſich von Akt zu Akt ſteigerte. Es war ihr mitunter, als ſei Alles um ſie her nur eine Täu⸗ ſchung, ſie wandle im Schlafe, von einem böſen Traume aufgeſcheucht, indem ſich ihre ſchönſten Hoffnungen zu wahrer Höllenqual umgewandelt,. die all' ihre beſten Kräfte verzehre. Das Publikum, im Ganzen nachſichtig gegen alle erſten theatraliſchen Verſuche, bezeugte gerade kein Mißfallen, allein im ditten Akte machte ſich E 6* 84 doch eine unangenehme Unruhe bemerklich, welche die unveränderte Monotonie der„Luiſe Millerin“ hervorrief. Dagegen wurde„Lady Milfort“ mit Beifall überſchüttet. Sie ſpielte aber auch ganz magnifique und war gar zu ſchön; und welch' koſtbare Toilette! Aechte Brillanten ſogar in dem dunkeln Haar. Man verzieh der ſchönen Dame alle ihre Sünden, und begriff kaum, wie Ferdinand die unbedeutende Luiſe ihr vorziehen konnte. Schon war der vierte Akt im Gang.„Lady Milfort“ auf der Scene, ihre Nebenbuhlerin er⸗ wartend, die ganz erſchöpft an einer Couliſſe lehnte, kaum noch fähig, ſich aufrecht zu erhalten. Da legte ſich eine Hand auf Wilhelminens Schul⸗ ter, und eine wohlwollende Stimme flüſterte ihr zu: „In dieſer Scene könnten ſie noch durch⸗ ſchlagen. Nehmen ſie ſich zuſammen— man hat ſie von vornherein conſternirt, man will ſie nicht aufkommen laſſen.— Faſſen ſie Courage, treten ſie aus ſich heraus— laſſen ſie der Rauck nicht den alleinigen Triumph dieſes Abends. Schnell wiſchen ſie die entſtellende Schminke ab, werfen * 85 ſie die häßlichen Flechten in den Nacken— das Tuch hinweg— zeigen ſie wenigſtens dem Publi⸗ kum, wie ſie in Wahrheit ausſehen, und— legen ſie einmal los,— ſo recht los— iſt's auch nicht ganz am Platz in dieſer Scene— wenn's nur packt.— Courage, junges Mädchen, ſie haben Talent, ich ſehe es ihnen trotz Allem an.“ Wilhelmine ſah nicht gleich zu der Sprecherin auf, ſie hörte nur, und— es fiel wie Schuppen von ihren Augen, und ihre Bruſt athmete mit einem Male leichter und freier.— Als ſie ſich umwandte, ſtand Niemand neben ihr, doch hörte ſie die Schauſpielerin, welche die Millerin ſpielte, in der nächſten Couliſſe ſprechen— es war die⸗ ſelbe Stimme.— Darüber jedoch weiter zu den⸗ ken, hatte ſie weder Zeit noch Stimmung. Raſch riß ſie das umhüllende Tuch ab und wiſchte ſich damit alle Schminke aus dem Geſicht— die falſchen Flechten ſteckte ſie zurück, und ſogleich ringelten ſich kleine Löckchen um ihre hohe Stirne. Ihr Auge funkelte von innerer Auf⸗ regung und glänzte plötzlich ſo prachtvoll, wie ſeit Monden nicht mehr. War ſie auch durch die Entfernung der Schminke auffallend bleich— 86 es eignete ſich zu der kommenden Scene und con⸗ traſtirte intereſſant mit dem bewegten Ausdruck ihrer Züge. War das die„Luiſe“ dieſes Abends?— Man erkannte in ihr kaum die rothwangige und monotone Schauſpielerin von vorhin wieder. Die Veränderung war ſo frappant, daß Laute der Verwunderung hörbar wurden, doch ſie ver⸗ ſtummten in aufmerkſames Lauſchen, als„Luiſe“ ſprach— es war auch ein völlig anderes Organ, das man jetzt hörte: voll und klangreich, und die tiefſte innere Bewegung ſprach aus jedem Ton.— Selbſt„Lady Milfort“ war dadurch ſo überraſcht, daß ſie ganz aus ihrer Rolle fiel, und die Debütantin in dieſer Scene einen eben ſo unerwarteten, als unerhörten Triumph über ſie feierte. Stürmiſcher Applaus und Hervorruf bei offe⸗ ner Scene war Wilhelminens Lohn, dann ſank ſie halb ohnmächtig in die Arme der weinenden Mama Mice, die den ganzen Abend troſtlos hin⸗ ter den Couliſſen umhergewandelt war, einem verſcheuchten Geiſte ähnlich. Das Erſtaunen des Publikums war ein ſo großes, daß der Mono⸗ ————— 87 log und die Abſchiedsſcene der„Milfort“ ganz un⸗ beachtet blieb, und als der Vorhang fiel, Nie⸗ mand Zeit hatte zu einem Hervorruf. Man mußte vor Allem die Wunder einer ſolchen Wand⸗ hung ſich jetzt gegenſeitig zu erklären ſuchen, konnte iedoch den richtigen Schlüſſel nicht dazu finden Die Sache blieb räthſelhaft, und man erwartete ntt geſpannter Erwartung„Luiſens“ Sterbeſeene. Aber, als ob das Verhängniß an dieſem Abend Wilhelmine keine rechte Freude mehr gönnen wollte, und auch der ſchnell erwachte Enthuſias⸗ mu-s ſich wieder legen ſollte— wurde ihr in der Sterbeſcene eine ſo erſchütternde Ueberraſchung, daß ſie nicht ſo zum Sterben kam, wie man es erwartet und wie es hätte ſein ſollen. Der Ein⸗ druck des Schlußaktes wurde dadurch kein gün⸗ ſtiger für die„Luiſe“, und das Talent der An⸗ füngerin abermals bezweifelt. Wie ſie den Schreckensruf:„Gift, Gift, o mein Perrgott!“ ausſtieß, fiel zufällig Wilhelminens entſetzt emporgeſchlagenes Auge auf die Fremden⸗ loge des erſten Ranges und blieb gefeſſelt daran haften. Die Perſonen, welche ſich dort befanden. anſtarrend, vergaß ſie ihre Rolle, und ſelbſt„Fer⸗ 8 88 dinands“ furchtbare Beſtätigung:„Du haſt den Tod getrunken!“ ſchien ſie zu überhören.— Wohl ſprach ſie auf eine leiſe Mahnung von ihm die Worte ihrer Rolle weiter und ſie ſuchte ſich auch zu faſſen, ihren Blick von der Loge zu wenden, aber wie ſie ausrief:„Und meine Mutter“— flammte ihr Auge abermals dorthin, und ſtatt fortzuſprechen:„mein Vater— Heiland der Welt“— ſtammelte ſie:„Und ſie— und er“— und ſie brach zuſammen. Eine Pauſe trat ein, von einem Geräuſch in der Fremdenloge unterbrochen, aus der ſich raſch eine ältere und eine jüngere Dame entfernten, während ein ſchöner und ſehr eleganter, junger Mann, der neben ihnen geſeſſen, ſo vertieft auf die Bühne hinſah, daß er ihnen Platz zu machen vergaß, wodurch hauptſächlich das Geräuſch ent⸗ ſtanden war. Einige unwillige Töne ließen ſich im Parterre vernehmen, doch der junge Mann, völlig unbekümmert darum, hielt ſein Glas auf die ſterbende„Luiſe“ gerichtet, die von„Ferdinand“, einem gewandten Schauſpieler, unterſtützt, die Scene vollends ohne weitere Störung zu Ende brachte. Schon todt, konnte jedoch„Luiſe“ nicht 89 widerſtehen, das Auge noch einmal aufzuſchlagen, um es auf die Fremdenloge zu richten, und leiſe ſprach ſie vor ſich hin: „Sie waren es, und er— bei ihnen?“— cödgar, endlich wieder auf der erſehnten Reiſe nach Italien begriffen, machte hier für einige Stunden Halt. Sein Blick fiel auf den angehef⸗ teten Theaterzettel und er las: „Luiſe— Minna Herz, als erſter theatrali⸗ ſcher Verſuch.“— Der Name Minna erinnerte ihn an Wilhel⸗ mine, und ſchon der bloße Gedanke, daß ſie es vielleicht ſein könne, die unter dieſem Namen die Bühne betrete, war hinreichend, ihn zu beſtim⸗ men, die Nacht hier zu bleiben. Es war jedoch ſchon ſpät; das Theater hatte bereits begonnen, und er ſah nur noch die bei⸗ den letzten Akte, und ſomit Wilhelminens Triumph, wie ihre Verwirrung bei der Schlußſeene. Daß ſie die Loge, in der er ſich befand, fixirte, ent⸗ ging ihm nicht, und die Vermuthung, daß ſein 91 Erkennen ſie verwirrt habe, machte ihm einiges Herzklopfen. Der raſchen Entfernung der neben ihm Sitzen⸗ den ſchenkte er nur ſo viel Aufmerkſamkeit, als er nothgedrungen thun mußte, er hatte ſie nicht näher in's Auge gefaßt und nicht bemerkt, daß die eine der Damen jung und ſchön war, und die Neugierde der Herren im Parterre wie in den Logen bedeutend erregte. Wilhelmine war ihm für andere Beobachtungen heute Abend viel zu intereſſant, und er fühlte ſich ganz beglückt durch den glänzenden Erfolg, den ſie im vierten Akt errang. Von dieſem ſchloß er auf die vorher⸗ gegangenen und glaubte nicht anders, als ſeine ehemalige Schützlingin habe jetzt das Ziel ihrer kühnſten Wünſche erreicht. Er hätte ſie gern geſprochen, und die Beſtä⸗ tigung davon auch aus ihrem Munde vernom⸗ men, und auch von ihr gehört, ob er ihr in nichts mehr dienen könne. Noch unſchlüſſig darüber, ob er deshalb morgen hier bleiben und ſie auf⸗ ſuchen oder weiter reiſen ſolle, kehrte er in ſein Hotel zurück.— Er befahl ſein Abendbrot auf das Zimmer und wollte es ſich eben recht be⸗ 92 quem dabei machen, als ihm ein Herr gemeldet wurde, der ihn dringend zu ſprechen wünſche.— Edgar hieß ihn eintreten, und der penſionirte Souffleur des Hoftheaters ſtellte ſich dem Grafen von Bardenberg vor und überreichte ihm einen Zettel, worauf mit zitternder Hand geſchrieben ſtand: „Bei ihrer einſtigen Theilnahme für mich beſchwöre ich ſie, nicht eher abzureiſen, bis wir uns geſprochen. Wilhelmine“ Der Syuffleur erörtete mit vielem Ernſt ſeine väterliche Stellung zu der jungen Schauſpielerin, und ſetzte mit etwas theatraliſcher Würde hinzu: „Denken ſie ja nicht zweideutig von mir, Herr Graf, daß ich als Abgeſandter von meiner Pflege⸗ tochter zu ihnen komme, und noch dazu in dieſer Stunde. Es hat etwas gegen ſich, ich fühle das ſehr wohl, allein wenn ſie das arme Kind ge⸗ ſehen hätten, wie es halb todt von den Ein⸗ drücken dieſes Abends nach Hauſe kam und mich beſchwor, dieſen Zettel an ſie zu beſorgen, ſie würden meine Bereitwilligkeit begreifen, und ich hoffe, ſie faſſen ſie von dem richtigen Geſichts⸗ punkt auf, wenn ich ihnen ſage, daß Wilhelmine 93 mir zu verſtehen gab, eine große Gefahr drohe ihr, die nur ſie abwenden könnten.“ „Und welche Gefahr wäre dies?“ fragte Edgar mit Theilnahme. Der Souffleur zuckte die Achſeln und erwi⸗ derte: „Ich erwartete von ihnen darüber einige Auf⸗ klärung, Wilhelmine gab mir keine.“ Doch Edgar verſtand Wilhelminens Angſt noch weniger als der Souffleur und fragte ihn: ob denn ihre Stellung an dem hieſigen Theater keine geſicherte ſei? worauf er ſeufzend meinte: es gehörte eine lange Zeit dazu, um von einer geſicherten Stellung beim Theater ſprechen zu können, der Boden wäre ein gar ſchlüpfriger, und man müſſe ſich erſt daran gewöhnen, um nur einigermaßen feſten Fuß darauf zu faſſen. Nach dieſer Behauptung eines Sachverſtän⸗ digen, wie das der Souffleur doch wohl ſein mußte, nahm Edgar an, daß eben irgend eine Exiſtenzfrage Wilhelmine ängſtige, und bereit⸗ willig verſprach er ſeinen Beſuch auf morgen.— Es war ihm eigentlich mit dieſer Einladung ge⸗ dient; ſie kam ſeinem Wunſche, Wilhelmine zu 94 ſprechen, entgegen, und eine geheime Freude, ihr nützlich ſein zu können, bemächtigte ſich ſeiner. Doch miſchten ſich bald Beſorgniſſe in dieſe Fre der Gedanke, was es denn aber wohl ſein könne, das ſie ſo ängſtige. Des Abbé's Erzählungen theatraliſcher Abenteuer kamen ihm wieder zu Sinn, und es wurde ihm ganz heiß dabei, ſich Wilhelmine in einer Lage zu denken, wie der Abbé aus ſeinen pariſer Erinnerungen ſie von jungen Damen beim Theater geſchildert hatte. Damals hielt er es für Uebertreibung und Aehnliches nur in Paris denkbar, nun aber auf einmal traten auch für Wilhelmine Möglichkeiten vor ſeine Seele, die ihn wahrhaft beengten und ſeine Theilnahme für ſie erhöhten. Es ſchien überhaupt, als ob Alles, was der Abbé zum Nachtheil Wilhelminens vorbrachte, beſtimmt ſei, ſich in Edgars Herz zu ihrem Vorkheil zu ge⸗ ſtalten. Die Gedanken an ſie ließen ihn nicht zur Ruhe kommen; es ſchlug bereits Mitternacht, und noch lehnte er in der Sophaecke und dachte nicht daran, ſich niederzulegen. Da vernahm er das Rauſchen ſeidener Gewänder hinter der Flü⸗ gelthüre, an der das Sopha ſtand, auf dem er 95 iedergelaſſen und gleich darauf drang eine igendliche Stimme an ſein Ohr, deren friſcher n lebhaft an Ella erinnerte. Er horchte dieſer Umſtand machte ihn zum Lauſcher. jugendliche Stimme ſprach:„Ich bin über⸗ daß ſie uns nicht erkannte und unbegründet iſt, doch wenn es auch ie du ſagſt, zu was dich deshalb be⸗ Es wäre ohne dieſes räthlicher, du bemächtigteſt dich ihrer mit dem Recht, das dir zukommt.“ „Und was dann mit ihr?“ fiel eine ältere Stimme ein. „Was dann? Nun ich denke, das liegt ſehr nahe: du bringſt ſie wieder in's Kloſter.“ „Che ich Ella gefunden, möchte ich es nicht.“ Edgar horchte geſpannter. Doch das Geſpräch wurde jetzt ſo leiſe fortgeführt, daß er nur ein⸗ zelne Worte vernahm. Endlich ſprach die junge Dame wieder lauter: „Du hätteſt das Theater nicht ſo raſch ver⸗ laſſen ſollen, denn wenn ſie dich erkannte, geſchah es ſicher erſt in dieſem Augenblick.“ „Nein, nein— ihr Blick war früher auf uns 96 ½ gerichtet, dieſer ſtarre Blick war es mich von hinnen trieb. Wir hätte dem erſten Akt gehen müſſen.“ „Ich glaubte nicht, daß ſis es ſei; Scene mit der Lady erkannte ich von dir, in der Debütantin die wieder zu finden. Daß du dir darum machſt, iſt überflüſſig. Kom ſuche ſie morgen auf und bringe ſie in das Sz ſter zurück. Dort wirſt du dann ſchon wie weit du gehen kannſt.“ 8 „Und du, Franziska, was wird mit 6 werden?“ „Laß das meine Sorge ſein. Vorerſt beherrſche ich ſo ziemlich den Baron und genieße das Leben, Wer wird um die Zukunft ſich härmen?— Tren nen müſſen wir uns ja doch. Du Wiißt, welch Mühe es mich koſtete, den Baron zu bewegen, dich mit uns bis hieher zu nehmen; doch ſoll er dir die Mittel geben, damit du deinen Plan aus⸗ führen kannſt.“ „Wann und wie werde ich dich wiederſehen, Franzista?“ „Wie du grillenhaft geworden biſt, ſeit wir Paris verließen. Du machteſt dir doch ſonſt nicht viel S deine Kinder.“ „Auch noch Vorwürfe, Franziska!“ dir keine. Doch ich bitte dich, deſchdlinen üblen Launen.“ Sid rauſchte, eine Thürs fiel Jhart ins Schloß und Edgar vernahm noch einen bittern obgebrochene Worte— ein hef⸗ tiges Umhergehen— dann war Alles ſtill. Jetzt war ihm Wilhelminens Angſt erklär⸗ licher. Es war ihre Mutter, ihre Schweſter— und ſie waren es auch, die in der Loge neben ihm geſeſſen— Wilhelmine hatte ſie und ihn er⸗ kannt, wähnte ihn wohl in Verbindung mit ihnen, und wollte Aufklärung darüber.— Sie fürchtete für ihre Zukunft von dieſer Mutter, und mit Recht, und ihin vertraute ſie, trotzdem, daß ſie ihn anher Seite gefunden, das fleute ihn, und er gelb ſich, ſie— brüderlich zu Peſchützen. Es gräute ihm vor dieſer Frau, die ihr Kind ver⸗ folgen wollte, und faſt noch mehr vor Hieſer lieb⸗ loſen und frivolen Schweſter, und es ärgerte ihn, daß der Klang ihrer Stimme ihn an Ella er⸗ Stein, Die Braut im Kloſter. II. 98 innert, und daß auch dieſer Namg ihgen ausgeſprochen worden. In welch konnten denn ſie zu Ella ſtehen leicht in Paris mit ihr zuſam nehme Vermuthungen wollten wis keimen; er ſuchte ſie zu verdräß Ella's ſonderbares Verhältniß zu 2 immer wieder hervor. Verſtimmt legte er ſich endlich ieder u wachte erfriſcht als die Sonne ſchon hoch m Himmel ſtand. Raſch kleidete er ſich an und eilte in die Roſengaſſe in das kleine Gartenhäus⸗ chen, das der Souffleur bewohnte. Wilhelmine erwartete ihn mit der größten Unruhe. Die Ueberraſchung, Edgar an der Seite ihrer Mutter und ihrer ſchönen Schweſter zu ent⸗ decken, hatte ſie wahrhaft betäubt und aus aller Faſſung gebracht; dazu kam die Anſt, ihre Mut⸗ n und S ter könne ihre Rechte geltend machen woll ſie in das Kloſter zurück bringen. Sie n Edgar ſprechen und ihn an den Schutz mahnen, den er ihr einſt zugeſagt. So ungern ſie das auch that, es blieb ihr keine Wahl; denn was ſollte ſie beginnen, wenn ihre Mutter kam, der 99 Entflohenen ſich zu bemächtigen?— Nun war er bei ihr— und befangen, wie noch nie, ſtand ſie ihm gegenüber. Tauſend Fragen wollten ſich aus ihrer Bruſt drängen, doch zu keiner fand ſie die rechten Worte. Da begann er und erzählte ihr in ſchonender Weiſe, was er erlauſcht, und es wurde ihr klar, daß nur ein Zufall ihn mit ihrer Rutter und Franziska zuſammengeführt. Das erleichterte ſie, und ihr Vertrauen zu ihm kehrte in erhöhtem Grade wieder. Die Stunde im Schloßgarten zu Bardenberg lag wie ein Traum hinter ihr, der ſie nicht mehr ſtörte, wenigſtens jetzt nicht: ging ja ſeine Freund⸗ ſchaft für ſie daraus hervor. Und er zeigte ſich ſo theilnehmend, ſo beſorgt; ſie beriethen, was zu thun ſei, und der Souffleur ſollte entſcheiden. Doch was ſollte er dazu ſagen, ſeine Rechte als Pflegevater waren ſehr zweifelhaft einer Mutter gegenüber, die Anſprüche an ein minderjähriges Kind machte, das einer Penſionsanſtalt entlaufen war, der ſie es anvertraut hatte.— Wilhelmine konnte nur durch eine ſchnelle Flucht ſich vielleicht retten. Doch wohin ſollte ſie ſich wenden?— Sie ſah flehend auf Edgar, und er, raſch ent⸗ 100 ſchloſſen, reichte ihr die Hand und bat ſie, ihm ganz zu vertrauen, und mit ihm bis Wien zu reiſen, wohin er Empfehlungsbriefe habe, und ſie dort wohl in den Schvoß einer Familie bringen könne. Der Suuffleur ſchüttelte etwas bedenklich den Kopf zu dieſem Vorſchlag, allein was ſollte er beginnen— er konnte ſie hier nicht länger be⸗ ſchützen, und Edgar gelobte, Wilhelmine ein brü⸗ derlicher Beſchützer zu ſein. Wilhelmine ſah ihm fragend in das offene Auge, das treu und zuverläſſig ſie anſchaute, und ſie ergriff ſeine dargereichte Hand und ſagte: „Ich vertraue ihnen, Graf, nehmen ſie mich mit, nur fort von hier, fort aus der Nähe mei⸗ ner Mutter, dir mir mit Gefangenſchaft droht. Dann umarmte ſie weinend Papa Herz und Mama Mice und verſprach auch in der Ferne ihrer lie⸗ bend und dankbar zu gedenken. Der Souffleur hatte zwar noch manches Be⸗ denken bei der brüderlichen Freundſchaft eines jungen, reichen Grafen für eine hübſche Schau⸗ ſpielerin, allein hier, das ſah er wohl ein, war nach den Vorfällen des vergangenen Theater⸗ abends nur für Wilhelmine noch zu fürchten und wenig mehr zu hoffen, im glücklichſten Fall blieb ſie noch einige Zeit ein Zögling der Bühne, und dagegen ſträubte ſich ihre ganze Seele. Daß ſie fort müſſe— es anderswo verſuchen, hatte ihr der Blick der„Lady“ nach dem vierten Akt deutlich geoffenbart, und ſie ſich auch ſogleich dabei geſagt: nun laſſe ich mich nicht mehr de⸗ müthigen von euch; jetzt gehe ich meine eigenen Wege. Und das äußerte ſie auch gegen den Souf⸗ fleur, noch ehe ſie Edgar geſprochen. Nun kam noch ihre Kloſterfurcht hinzu, von der Liebloſig⸗ keit ihrer Mutter und Schweſter heraufbeſchworen⸗ und wie ein rettender Engel aus all' dieſen Ge⸗ fahren nahte Edgar und reichte ihr die brüder⸗ liche Hand zum Schutze. Kein Bedenken hielt ſie mehr zurück, ſeinen Vorſchlag anzunehmen. und unter Thränen und' guten Rathſchlägen packte Mama Miee in aller Schnelle ihre wenige Habe zuſammen, und Papa Herz legte, zwar mit etwas theatraliſchem Pathos, beim Abſchied ſeine Hände ſegnend auf ihr Haupt, doch ganz un⸗ gekünſtelte Thränen rannen mit dem letzten Kuſſe darauf nieder. In einer Vorſtadt Wiens ſtand ein altes Haus, deſſen winkelige Räumlichkeiten man dahin mo⸗ dernifirt hatte, daß man ſie, ſo gut es nur gehen wollte, in wohnliche Zimmer und Kabinete ein⸗ theilte. Sonſtige Bequemlichkeiten für einen Haus⸗ halt bemerkte man nicht, waren auch welche vor⸗ handen, wie Küchen und Kammern, lagen ſie doch ſo dunkel und verſteckt, daß man auf ihr Vor⸗ handenſein erſt aufmerkſam gemacht werden mußte. Dieſes Haus war von ſeinem dritten Stockwerk bis zum Parterre hinab zu„chambre garnie“ herge⸗ richtet, und ſeit etwa fünf bis ſechs Jahren im Beſitz einer Wittwe von etwas zweifelhaftem Ruf. Sie hatte es einem alten Makler abge⸗ kauft, der ein Dutzend ſolcher Gebäulichkeiten be⸗ ſaß, oder, wie die böſe Nachbarſchaft behauptete es dem geizigen alten Herrn mit ihrer Liebens⸗ würdigkeit abgeſchmeichelt, und noch obendrein — 103 ein Kapital, das zur Reſtauration des Hauſes und zur Einrichtung der möblirten Zimmer nöthig war, von deren Ertrag die Wittwe jetzt lebte. Wie ſie mit dem Verkäufer wegen Einnahme und Ausgabe ſtand, wußte Niemand genau anzugeben. Der gefällige alte Herr war, wie begreiflicher Weiſe, der Hausfreund der ſtattlichen Frau Peppi geworden und hatte ſogar ſein kleines Geſchäfts⸗ bureau im Parterre ihres Hauſes aufgeſchlagen, ein Umſtand, woraus manche ſchloſſen, er con⸗ trolire den Ertrag von Frau Peppi's Beſitzthum genauer, als es dieſer lieb ſei.— Wie dem je⸗ doch war, ſie ſtanden, einzelne kleine Streitig⸗ keiten abgerechnet, ſtets auf gutem Fuß mitein⸗ ander, und ſelbſt die eiferſüchtigen Launen des Herrn Mittermair wußte ſie ſtets zur rechten Zeit wieder in die gehörigen Schranken zurück⸗ zuweiſen. Ein Beweis, daß Frau Peppi eine ſehr kluge Frau war, denn ſie vermiethete, trotz dem Mißtrauen ihres alten Freundes, keineswegs die möblirten Zimmer nach ſeinem Geſchmack. ſondern ſtets nach dem eigenen, der ſich vorzugs⸗ weiſe zum Künſtler⸗ und Literatenthum hinneigte, von dem der Makler ſich nicht die gehörigen pe⸗ 104 kuniären Vortheile verſprach, und dabei noch von Serupeln wegen der Herzenstreue ſeiner Freun⸗ din geplagt wurde. Da aber Frau Peppi ihn ſtets zu überzeugen wußte, daß ſie ganz gut ſpe⸗ kulire, und ihre Zärtlichkeiten gegen ihn erhöhte, ſobald er mißtrauiſch werden wollte, überwand ſie auch immer wieder ſeine übeln Launen und Grillen. Und in der That, die kluge chambre garnie⸗Vermietherin wußte ihren pekuniären Vor⸗ theil, trotz ihrer entſchiedenen Liebhaberei für zweifelhafte Genies, zu wahren, und immer den rechten Augenblick zu finden, wo ſie auf Koſten des Einen den Nachtheil decken konnte, den ihr der Andere gebracht. Bei den vierteljährigen Berechnungen mit ihrem Freund fand ſich nie ein Deficit, ja ihre Kaſſe war ſelbſt oft gefüll⸗ ter, als es der praktiſchere Spekulant nur wün⸗ ſchen konnte.— Sie hatte freilich manche Plage und Sorge darum, aber ſie beſaß eben nun einmal eine Vor⸗ liebe, beſonders für alles, was zum Theater ge⸗ hrt⸗ und ſie rühmte ſich gerne, der Kunſt Opfer zu bringen und eine Beſchützerin junger Ta⸗ lente zu ſein. Das Theater der Vorſtadt, in der 105 ihr Haus ſtand, war darum auch von großem Intereſſe für ſie, ja ſie dehnte dieſes ſelbſt auf einige größere Bühnen der Kaiſerſtadt aus, und brüſtete ſich damit, an jeder derſelben gute Freunde zu haben. Auch mit Agenten und Re⸗ eenſenten kam ſie mitunter in Verkehr, denn ſie beſaß jene freundliche Zudringlichkeit und Neu⸗ gierde, die ſich nicht ſcheut, überall die Naſe hin⸗ einzuſtecken, und ſich mit kleinen Gefälligkeiten und herzlichſcheinender Theilnahme da und dort anzuſchmeicheln; dabei wohnte ſie recht hübſch im erſten Stock ihres Hauſes, und wenn ihr alter Freund in Geſchäften außerhalb war, machte ſie wohl auch die angenehme Wirthin. Die drei vorderen Zimmer nach der Straße zu hatte ſie für ſich äußerſt niedlich eingerichtet, und vermie⸗ thete in dieſem Stockwerk nur eine kleine Stube mit Alkoven, welche jedoch mit ihrer Wohnung zuſammenhingen, und mit derſelben Thüre von der Berührung der Auf⸗ und Abgehenden abge⸗ ſchloſſen war. Dieſe ihr ſo nahe liegenden Räume gab ſie nur an eine ihr angenehme Perſönlich⸗ keit ab, und das war ein Umſtand, welcher 66n6 die eiferſüchtigen Grillen ihres alten 106 Freundes aufſtachelte und worüber ſie zuweilen mit ihm in Streit gerieth. Um ſich ihm gefäl⸗ lig zu zeigen, verſprach ſie ihm bei dem letzten heftigen Auftritt wegen Vermiethung dieſes Zim⸗ mers an einen Liebhaber des Vorſtadttheaters, es künftig nur einer Dame von beſtem Ruf zu überlaſſen, und als ob der Himmel ſie für dieſen edlen Vorſatz zu belohnen gedenke, wurde ihr von einem Theateragenten ein junges Mädchen dafür vorgeſchlagen, die zum Theater gehen wolle, hier noch gänzlich fremd ſei, und von einem reichen Herrn unterſtützt werde, der jedoch nicht in Wien lebe, weshalb ſie ohne allen Anſtand das Mädchen unter ihren mütterlichen Schutz nehmen könne. Dieſes vortheilhafte Anerbieten war nicht zu⸗ rückzuweiſen, und Frau Peppi wurde in eines der erſten Hotels eingeladen, die junge Dame dort in Empfang zu nehmen. Es war Wilhel⸗ mine, die mit Edgar in Wien angekommen war, und das peinliche dieſer Reiſe ſchon unterwegs unangenehm empfunden hatte. Auch der Graf ſah bald ein, daß es doch eine mißliche Sache ſei, ſich zum Beſchützer eines hübſchen jungen 107 Mädchens aufzuwerfen. Er verſtand die zwei⸗ deutigen Blicke, die ſich auf Wilhelminen richte⸗ ten, und es that ihm hauptſächlich um ihretwillen leid. Sie deſſen ſo viel als möglich zu über⸗ heben, verwandelte er den anfänglich herzlichen Ton, in dem er mit ihr verkehrte, in einen kal⸗ ten, ceremoniellen, unter dem Wilhelmine litt. Sah ſie auch durch, weshalb es geſchah, brachte ihr die Erkenntniß ihrer Lage eine ſo unange⸗ nehme Empfindung, daß ſie den Augenblick her⸗ bei ſehnte, wieder von Edgar zu ſcheiden. Sie drängte ihn deshalb bei ihrer Ankunft in Wien, ſie ſchnellſtens in ein Privathaus zu btingen und wo möglich in den Schutz einer Frau, dann wolle ſie ſchon ſelbſt um eine Beſchäftigung beim Theater ſich umthun. Edgar brachte dieſe Sache viel größere Ver⸗ legenheiten, als er ſich gedacht, und nur mit Hilfe eines Bekannten des Abbé's, an den er einen Empfehlungsbrief hatte, gelang es ihm, eine Aufenthaltskarte für Wilhelmine zu erhal⸗ ten, und da er dieſem vertraute, daß das junge Mädchen Schauſpielerin werden wolle, wies er ihn, ſich Raths zu erholen, an einen Theater⸗ 108 agenten. Der Zufall wollte, daß dieſes ein Be⸗ kannter der Frau Peppi war, und er ſchlug die chambre garnie⸗Vermietherin als die geeignetſte Perſönlichkeit zur Aufnahme der jungen Dame vor, und dieſe hinwiederum, von dem guten Ge⸗ ſchäfte unterrichtet, das er für ſie angebahnt, verſprach ihm die gebräuchlichen Prozente, wofür er ihr ſeine Verwendung und ein Unterkommen an einem der kleinen Theater für Wilhelmine zuſagte. Edgar, kaum minder froh als Wilhelmine, einen, wie ſie beide glaubten, ebenſo paſſenden als anſtändigen Aufenthaltsort gefunden zu ha⸗ ben, zog keine weiteren Erkundigungen ein, und Frau Peppi führte unter vielen ſchönen Re⸗ densarten das anvertraute Gut in ihr Haus. Edgar ſagte dort Wilhelminen Lebewohl, um zu⸗ gleich ſich ſelbſt noch zu überzeugen, daß ſie gut aufbewahrt ſei, und fand, wie auch ſie, Alles ganz zuſagend. Frau Peppi erhielt von ihm einen ziemlich ausgedehnten Creditbrief an ein Banquierhaus in Wien, wobei er die Wittwe bat, ihrer Schutzbefohlenen nichts davon zu ſagen, und ſie wo möglich zu überzeugen, daß ſie 109 die Koſten ihres Aufenthalts ſelbſt beſtreiten könne. Frau Peppi kam das ſehr überraſchend und ſehr gelegen. Sie begriff ein ſo großes Zart⸗ gefühl des Beſchützers einer jungen Dame nicht, freute ſich aber, ihre Rechnung dabei zu fin⸗ den. Doch, wie ſchon erwähnt, Frau Peppi war eine kluge Frau; ſie mißbrauchte des Grafen Vertrauen nur ſo weit, als ſie es vor einem ver⸗ liebten, reichen Cavalier einſt verantworten zu können hoffte. Er hatte verſprochen, im Spät⸗ herbſt wieder zu kommen, und ſie verſprach ihm, bis dahin Wilhelmine nach beſtem Wiſſen und Gewiſſen zu hüten. Und ſie bewachte im eige⸗ nen Intereſſe das junge Mädchen auch mit wah⸗ ren Argusaugen. Wilhelmine fühlte ſich bald recht unbehaglich dabei, da aber Frau Peppi ſie verſicherte, daß ſie großmüthig und als die an⸗ erkannte Beſchützerin junger Talente an ihr handle, und auf ihre bald zu erwartende Gage hin alle ihre Bedürfniſſe einſtweilen beſtreite, wagte ſie nicht, ihrem Widerwillen Luft zu machen. Nur nach Beſchäftigung an einem Thea⸗ ter, welches es auch ſei, verlangte ſie, und nach 110 kurzer Zeit ließ ſie, auf Verwenden des Agenten hin, der Director des nahen Vorſtadttheaters ſpielen. Allein die Beſchäftigung, die ſie hier fand, ſagte ihr ebenſowenig zu, als das Thea⸗ ter ſelbſt, das himmelweit von ihrem Ideal ent⸗ fernt ſtand. Und ſo breit auch Frau Peppi ſie mit ihren mütterlichen Fittigen zu bedecken trach⸗ tete, mußte ſie doch manche Zudringlichkeiten er⸗ fahren, die ſie tief verletzten, und ſie hätte ohne Zweifel dieſes Engagement ungeſäumt wieder aufgegeben, wenn nicht der Gedanke, ihren Unter⸗ halt erwerben zu müſſen, ſie feſtgehalten. Frau Peppi nahm ſtets die kleine Gage in Empfang und pries jedesmal dabei ihre Großmuth, dafür alle Bedürfniſſe Wilhelminens zu beſtreiten.— Daß dieſe ſich unter den obwaltenden Verhält⸗ niſſen wieder beengt und unzufrieden fühlte, war nicht zu verwundern, und ſie bereute faſt, Papa Herz verlaſſen und ihr Schickſal nicht bei ihm geduldig abgewartet zu haben.— Sie erhielt nach einiger Zeit Nachricht von ihm, und das war ihre beſte Freude, obgleich er ihr von Un⸗ annehmlichkeiten ſchrieb, die ihre Flucht ihm ge⸗ bracht haben. Man legte ihm als Pflegevater die Undankbarkeit des Theaterzöglings zur Laſt und ſchmähte ihn, daß er eine ſo zweideutige Ver⸗ wandte bei ſich aufgenommen, und es gewagt habe, ſie den erſten Größen der dortigen Bühne als ein Muſter von Unſchuld und Sittlichkeit zu empfehlen.— Seine Ausſage, ſie ſei einem vor⸗ theilhaften Engagementsantrag nach Norddeutſch⸗ land gefolgt, wurde wenig Glauben geſchenkt, da ſich gleich nach ihrem Verſchwinden das Ge⸗ rücht verbreitete, ſie ſei mit einem reichen Lieb⸗ haber auf⸗ und davongegangen.— Herz begriff dieſe Verläumdung nicht, da ihre Abreiſe ſo ſchnell und ſo geheim als nur möglich bewerkſtelligt worden war.— Allein wie es bei ſolchen Dingen immer geht: bietet ſich nur ein Faden zur Ver⸗ läumdung, iſt gleich ein ganzes Gewebe fertig; und hier ſprach der Schein dafür, und auch Eliſe, die bei Wilhelminens erſtem Auftreten im Theater war und Edgar erkannt hatte, verbreitete ſogleich eine ganze Entführungsgeſchichte mit allerlei ro⸗ mantiſchen Zuthaten, wobei auch Wilhelminens Kloſterflucht eine Rolle ſpielte.— Den Namen des Grafen nannte die ungetreue Freundin je⸗ doch nicht, aus einiger Furcht vor der Verwal⸗ 112 terei auf Bardenberg; lein an ihre Tante ſchrieb ſie den ganzen Vorfall und dieſe hatte nichts eiligeres zu thun, als den Abbé davon zu unter⸗ richten. Welches Erſtaunen und welche Be⸗ ſchämung überkam den erfahrenen Herrn bei dieſen Entdeckungen. Er war alſo der Geprellte, der Hintergangene. Er hatte Edgar von Wilhelminens Liebe zu Moritz geſprochen, und der Graf ärgerte ſich ſcheinbar darüber, und nun war Edgar es ſelbſt, der ein Liebesverhältniß mit ihr unterhielt— Denn wie wäre er ſonſt gerade zu ihrem erſten theatra⸗ liſchen Verſuch zurecht gekommen, und nun hatte er ſie gar mitgenommen und amüſirte ſich wahr⸗ ſcheinlich in der Schweiz an einem romantiſchen Orte mit ihr, ſtatt nach Rom zu reiſen, wohin es ihm ſcheinbar ſo preſſirte. Um die Ueber⸗ raſchung des aufgebrachten Mannes noch zu mehren, traf jedoch ſchon in der nächſten Zeit ein Brief von Edgar aus Rom ein, was den guten Abbé von einer Alteration in die andere verſetzte. Die Vermuthung, Edgar habe Wilhelmine gar mit nach Italien genommen, erſchreckte ihn namenlos; das fand er denn doch gar zu unvorſichtig und unklug von ſeinem Zögling, und er ſchrieb ihm 7 113 deßhalb einen langen Brief voller Ermahnungen, Rathſchläge id warnender Beiſpiele, geſchöpft aus den Erfahrungen ſeines frühern Lebens, und er bat ihn, dieſes Verhältniß abzubrechen, oder es doch ſo leicht als nur möglich zu ſchürzen. Er erhielt jedoch keine Antwort auf dieſes Schreiben, was er ſo lange als eine Beſtätigung ſeines Verdachtes nahm, bis er von ſeinem Be⸗ kannten aus Wien Nachricht über die dortigen Verlegenheiten Edgars und Kunde von Wilhel⸗ minens theatraliſcher Laufbahn an einem Vorſtadt⸗ theater erhielt. Das Letztere erfüllte ihn mit einigem Mitleid für das Mädchen, deſſen ſchöne Augen noch immer in ſeinem Herzen nachleuchte⸗ ten, und er meinte, es wäre beſſer für ſie ge⸗ weſen, wenn er ſeine Rachegedanken, ſie wieder in's Kloſter zu bringen, ausgeführt hätte. Doch nun war es zu ſpät; er beklagte ſie als eine Verlorene und wünſchte nur, daß Edgar nie mehr mit ihr zuſammen kommen möchte. Stein, Die Braut im Kloſter. II. 8 Man muß klein anfangen, um groß aufzuhören, vertröſtete Frau Peppi ihre Schutzbefohlene, wenn dieſe über ihr Engagement außer ſich gerathen wollte, und auch der Agent, der zuweilen Beſuch im Hauſe machte, meinte daſſelbe und verſprach, bald für eine beſſere Beſchäftigung zu ſorgen, und ſetzte ſtets ſchmeichelnd hinzu:„Minna Merau,— dieſen Namen hatte Wilhelmine aus Vorſicht in Wien angenommen— werde bald als ein Stern erſter Größe an Deutſchlands Theaterhimmel ſtrahlen.“ — Aber ſolche Schmeicheleien empörten ſie nur, denn ſie wußte ja, daß nicht einmal das, was ſie bereits leiſten konnte, zur Anerkennung ge⸗ langte, und nirgends fand ſie Rath und Troſt, noch weniger Hilfe; und wo hätte ſie dieſes auch finden ſollen, da ſie Niemand kannte, mit dem ſie berathen, und dem ſie vertrauen mochte. 115 Auch Papa Herz wußte keinen Tröſt für ſie, als Geduld, und die ihre war völlig erſchöpft. Sie prüfte, ob denn nicht Jemand im Hauſe zu finden wäre, dem ſie ihren Kummer offen⸗ baren könne,— doch wer wohnte hier?— Un⸗ ter ihr eine zahlreiche Schauſpieler⸗Familie, welche kaum für ſich ſelbſt Rath zu ſchaffen wußte; dann einzelne Herrn des Vorſtadttheaters, die ſie nicht näher kennen zu lernen verlangte, im zweiten Stock ein blaſirter Literat, ein Maler in ſchwar⸗ zem Sammtrock ein Litograph und ein Weinrei⸗ ſender und über ihnen eine Sängerin außer Engagement, die, wie Frau Peppi behauptete. anſtandshalber demnächſt wieder ausziehen müſſe. Mit allen dieſen Einwohnern war Wilhelmine noch in keine Berührung gekommen, weniger noch aus Mangel an Luſt dazu, als Gelegenheit, was auch ihre Beſchützerin forgfältig zu vermeiden ſuchte, wahrſcheinlich wohl, damit ſie nicht mehr erfahren ſolle, als deren Intereſſe erheiſchte. Wilhelmine fühlte ſich in der geräuſchvollen Stadt und dem bevölkerten Hauſe faſt einſamer noch wie einſt in der ſtillen Kloſterzelle, und in Betreff ihres künſtleriſchen Voranſchreitens nicht 8 116 viel beſſer daran, als bei dem Unterricht der Leibke, denn ſie hatte weder Beſchäftigung noch Anweiſung, nicht einmal Bücher, und nur mit Mühe erhielt ſie endlich einige durch Frau Peppi. Routine wäre beſſer denn alles Studiren, meinte dieſe Kunſt⸗ kennerin, doch noch immer wollte ſich dafür keine Gelegenheit zeigen. Wilhelmine war oft ganz troſtlos, und dazu kam noch das peinliche Gefühl, ihrer Hauswirthin von Tag zu Tag mehr Ver⸗ pflichtungen ſchuldig zu werden, denn ſie ahnte ja nichts von Edgars Fürſorge und ſah ſich da⸗ durch der Frau, die alle ihre Bedürfniſſe be⸗ ſtritt, immer tiefer verpflichtet.— Es genirte ſie oft bis zu namenloſer Qual, denn ſie wurde ja dadurch gewiſſermaßen wieder eine Gefangene, und zwar in einem Hauſe, das, je länger ſie darin verweilte, ihr deſto zweideutiger vorkam.— Selbſt Sehnſucht nach dem Kloſter überfiel ſie zuweilen unter dieſen Verhältniſſen, und Manvelas liebes Bild ſtand wieder lebhafter vor ihrer Seele. — In ihrem lieben, frommen Herzen lebte gewiß noch Liebe für ſie und würde ſie ihre Flucht auch nicht rechtfertigen, war ſie gewiß, daß ſie ihr dem noch vergab, und wo ſie Zweifel hatte und für ihre 117 Seele bangte, nicht zürnte, ſondern Gottes und aller Heiligen Beiſtand für ſie anflehte.— Der Widerwille, mit dem ſich Wilhelmine in ihre Beſchäftigung bei dem Vorſtadttheater fügte, machte ſie zu einem wenig brauchbaren Mitglied deſſelben, und Frau Peppi ließ ſie bald empfinden, daß ſie allein ihrer Protektion ihre Stellung dort noch ver⸗ danke, und ſie gab ihr zu verſtehen, daß ſie ſich mehr Mühe geben müſſe, indem ihre Gage nicht hin⸗ reiche, nur die nothwendigſten Dinge für ſie zu beſtreiten.— Der Aufenthalt bei dieſer Frau wie ihr Engagement wurden Wilhelmine gleich uner⸗ träglich, und ſie bereute immer mehr, das kommende Schickſal nicht ruhig bei Papa Herz abgewartet zu haben. Aber nun war ſie hier, an eine Rück⸗ kehr war nicht zu denken, und abermals lag ſie wie mit eiſernen Banden feſtgekettet in einer Atmoſphäre, die ſie zu erſticken drohte. Es mußte anders mit ihr werden, lieber ſterben wollte ſie, als länger ſo fortleben.— Eines Abends, als Frau Peppi's wachſames Auge über ihren Miethberechnungen brütete, die ſie andern Tags ihrem alten Gönner vorzulegen hatte, ſchlich ſich Wilhelmine fort. Sie wollte nicht 118 entfliehen, denn wohin konnte ihr flüchtiger Fuß auch nur mit einiger Sicherheit eilen? Sie wollte ſich nur umſehen in der großen Stadt— als ob ein glücklicher Zufall ihr dabei zu Hilfe kommen könnte, und dann auch wollte ſie verſuchen, ob ſie ſich nicht in eines der großen Theater hinein⸗ drängen könne. Umſonſt hatte ſie ſeither Frau Peppi gebeten, nur ein einziges Mal mit ihr da⸗ hin zu gehen. Sie wurde von einer Woche zur andern vertröſtet, und da ſie keine Mittel dafür beſaß, wagte ſie auch nicht darauf zu beſtehen. „Wo kommt man zum Burgtheater?“ fragte ſie eine vorübergehende Frau. „Was wollens?“ war die Antwort, und noch ehe ſie weiter ſprechen konnte, ſchaarten ſich einige Herren um ſie und boten ihre Dienſte an. Wil⸗ helmine ſah ſich ſcheu um und ſtotterte: „Ich möchte im Burgtheater eine Tragödie ſehen.“ „Heute iſt eine Luſtſpielvorſtellung, und das iſt weit amüſanter, ſchönes Kind“— ſagte einer der Herren und bot ihr an, ſie dahin zu führen; da es jedoch noch zu früh dafür wäre, wollten ſie erſt in einer Reſtauration ſich erquicken. Bei dieſem 1¹9 Vorſchlag nahm er keck Wilhelminens Arm, die Andern lachten und drängten ſich enger um das Paar, indem ſie verſicherten, ſie wären auch da⸗ bei, ſich mit dem ſchmucken Mädchen zu amüſiren. Wilhelmine wollte ſich dem Arm des Zu⸗ dringlichen entziehen, es wurde ihr angſt und bange unter den frivolen Blicken, die auf ſie fielen. — Aber man hielt ſie feſt; ſie war dicht umringt und wurde trotz ihres Sträubens mit fortge⸗ zogen. Doch nur einige Schritte gelang dies. Ihre Entrüſtung gab ihr Kraft, und ihren Führer zurückſtoßend, rief ſie nach Hilfe.— Es erregte einiges Aufſehen; die luſtigen Herren entfernten ſich durch eine Seitenſtraße, und ihr wurde die Zu⸗ rechtweiſung, nach Hauſe zu gehen, indem ein ordentliches Mädchen nicht allein in der Dämmer⸗ ſtunde durch die Straßen wandle. Sie eilte davon und erreichte athemlos das Haus wieder, das ſie ſo gerne für immer verlaſſen hätte.— Erſchöpft kam ſie dort an, ſo daß ſie ſich an das Treppengeländer anlehnen mußte, um ein wenig auszuruhen. Kaum hatte ſie ſich etwas erholt, als der blaſſe Literat die Treppe herab kam und, neben ihr ſtehen blei⸗ bend, ſie mit geſchraubter Theilnahme fragte: 120 „Was iſt ihnen begegnet, ſchönes Kind? Hat man ſie mißhandelt?“ Und als Wilhelmine nur mit einem Kopfſchütteln erwiderte, faßte er ihre Hand und fuhr zu ihr hingebeugt halbleiſe fort: „Sie erregten ſchon längſt meine Theilnahme,— ich könnte einen andern Ausdruck wählen, holdes Mädchen— allein es möchte ſie erſchrecken— und ich will ihr Vertrauen gewinnen.“ Weßhalb, mein Herr?“ fiel Wilhelmine ein, ihm ihre Hand entziehend. „Weil man ſie, armes, unerfahrenes Kind, grauſam hintergeht, weil unſere Hauswirthin— doch es iſt nicht gut, hier darüber zu reden,— wenn ſie eine Viertelſtunde zu mir auf mein Zimmer kommen wollten— ich könnte ihnen Auf⸗ klärungen geben, Rathſchläge ertheilen und ihnen vielleicht auch zu einer ſchnelleren Carrière beim Theater verhelfen. Es käme nur darauf an, wie wir uns verſtändigten. Ich bin, wie ſie wiſſen, Literat, ich ſchreibe in Journale und Thea⸗ terzeitungen und habe ſchon glänzende Proben meines kritiſchen Talentes gegeben; mein Name iſt nicht unbekannt, er könnte ihnen eine Stütze werden, und ich— ich würde der glück⸗ 121 lichſte Sterbliche ſein, ihren Ruf als Künſtlerin begründet zu haben.“ Er küßte Wilhelminens Hand, die etwas ver⸗ wundert dem blaſſen Herrn zuhörte, unter dem ſie ſich ſeither ein wirkliches Genie vorgeſtellt hatte. Sie wollte ihm eben antworten, daß ſie ſeinen Vorſchlag überlegen wolle, als ſich eine ziemlich laute Stimme oben hören ließ: „Was ſchwatzt er ihnen vor? glauben ſie ihm kein Wort, er iſt ein Lügner durch und durch, ein Verräther— einer von den Brodſchwärmern, die Kunſtenthuſiasmus heuchlen, ihrer Exiſtenz zu⸗ liebe.“ Damit kam es klappernd die Treppe her⸗ ab, und die Sängerin ohne Engagement ſtand mit Blicken, als könne ſie den Literaten damit niederſchmettern, neben ihm. „Sie iſt eine Furie!“ flüſterte dieſer mit ver⸗ ächtlichem Achſelzucken Wilhelmine zu, fand es aber doch gerathen, ſich raſch zu entfernen. „Eine Furie! ei ſieh doch— ſie— ſie— Woſſerkopf!“ rief ſie ihm nach, dann nahm ſie Wilhelmine's Hand und ſagte zutraulich:„Das fehlte ihnen noch, in die Klauen dieſes Habichts zu kommen, da ſchon Frau Peppi mit den ihren 122 ſie umklammert hält. Doch kommen ſie ſchnell mit mir herauf in meine Stube, ich will ſie auf⸗ klären, ſie dummes Schäfchen ſie, mit ihren Schlan⸗ genaugen.“ Sie zog Wilhelmine mit ſich fort, und dieſe folgte ihr, halb verlegen, halb neugierig, die Andeutungen der Beiden näher erörtert zu ſehen. Die Sängerin wohnte für ihre Engagements⸗ loſigkeit in einer ziemlich hübſchen Stube des dritten Stockwerks. Dort angekommen, bemühte ſie ſich geſchäftig um Wilhelmine, nahm ihr das Tuch ab und drückte ſie dann in die Sophaecke, damit ſie ſich's recht bequem machen ſollte, auch holte ſie unter Chemiſetten und Bändern etwas Confekt hervor und nöthigte ihren Gaſt davon zu genießen. Während deſſen ſchimpfte ſie über die Unverſchämtheit des Literaten, der darauf ausgehe, junge Talente auszubeuten— er ſchreibe in einige Blätter, mache auch Gelegenheitsge⸗ dichte und verſehe die Bänder der Lorbeerkränze mit abgeſchmackten Verſen. Natürlich Alles für's Geld, mitunter auch für eine Zärtlichkeit, doch letzteres ſeltener— beides zuſammen ſei ihm das Erwünſchteſte,— ſie kenne das genau, und 123 Wilhelmine ſolle ſich ja nicht mit ihm einlaſſen, ſeine Feder nütze ihr doch nicht viel; da gebe es iganz andere Mittel und Wege für ſie, ein ſchnelles Glück beim Theater zu machen. Nach dieſem oberflächlichen Geplauder ließ ſie ſich vertraulich neben ihr nieder und legte, wie eine alte und liebe Bekannte, den Arm um ſie und ſprach in eindringlichem Tone weiter: „Ich bin ganz glücklich, dich armes Närrchen ein⸗ mal allein zu haben, denn du führſt ja ein Leben da unten, daß es einen Stein erbarmen könnte, um wie viel mehr alſo mich, die ich ein Herz habe, ein äußerſt gutmüthiges Herz, ſonſt wohnte ich wahrhaftig nicht hier im dritten Stockwerk. Aber man hat eben ſeine ſchwachen Stunden, und da läuft die Klugheit davon. Dich, Herzens⸗ kindchen, möchte ich davor bewahren, denn du biſt auf dem beſten Wege, ſammt deinem Talent, deiner Schönheit und deiner vornehmen Connexion ein Opfer zu werden. Die Peppi betrügt dich auf eine unerhörte Weiſe, denn du kannſt doch un⸗ möglich wiſſen, daß ſie bei dem Banquier⸗Haus W. Gelder für dich bezieht, ſo viel ſie nur will, da ſie dich ſo knapp hält und dabei noch um 124 eine ſchlechte Gage an ein Vorſtadttheater ver⸗ handelt hat.“ „Wie? Was ſagen ſie da?“ fragte Wilhel⸗ mine aufhorchend. „Laſſe doch das ſie weg, wir wollen ja recht vertraut mit einander werden,“ erwiderte die Sängerin mit einem Kuſſe und fuhr fort: „Dacht' ich's doch, daß du keine Ahnung da⸗ von haſt. Wie man aber nur ſo— ſo— unbe⸗ wandert ſein kann— ich würde es nicht glau⸗ ben, wenn ich dich nicht als leibhaftiges Beiſpiel vor Augen hätte. Aber das ſoll anders werden, und gieb nur acht, wir bringen das ganze Haus durcheinander.— Der Literat muß hinaus und auch der Weinreiſende, dem Maler geben wir noch eine Weile Pardon; allein auch auf ſeine Stube wird ſpekulirt, geht ſie gleich nach dem Hofe, wir können ſie doch gebrauchen, zur Garde⸗ robe etwa— wenn's einmal ſo weit iſt.“ „Aber wie ſoll ich denn dies alles verſtehen?“ fragte Wilhelmine, ihre neue Freundin voller Er⸗ ſtaunen anſehend.— „Deine Begriffe ſollen ſich ſogleich erweitern, mein ſüßes Goldkind;“ verſetzte jene.„ Alſo die 125 Peppi muß mit der Sprache heraus, das vor Allem; du mußt ihr drohen und ihr geradezu ſagen, du wüßteſt Alles, der Graf habe es dir ſelbſt geſchrieben, und du würdeſt ſie verlaſſen, wenn ſie nicht—“ „Aber was denn?“ fiel Wilhelmine ein. „Dir den Creditbrief ſogleich einhändige, auf den ſie Gelder für dich bezieht! Denn wiſſe, dein Graf oder Prinz, was er iſt, der dich hie⸗ her brachte, hat ihr einen ſolchen gegeben, doch wohl nur, damit es dix an nichts fehle.“ „Das that Edgar!“ „Ja, das that der edle, aber nimm mir's nicht übel, höchſt einfältige Menſch. Statt die⸗ ſes koſtbare Schreiben dir zu geben, überläßt er es dieſem Weib!“ „O,. wie edel und liebenswürdig iſt dies!“ „Auch noch?— Nun, da ſteht mir der Ver⸗ ſtand ſtill bei ſolcher Thorheit!“— „Könnte ich nur an Edgar ſchreiben, er müßte den Creditbrief ſogleich zurücknehmen.“ „Natürlich um ihn dir einzuhändigen, doch das können wir auch ohne ihn erreichen, und dann ſind wir die Herrinnen des Hauſes.“ 6 — 126 Wie?— Wie ſor⸗ „Verſtehſt du denn noch nicht!“ rief die Sängerin faſt ärgerlich.„Haſt du vielleicht dann nicht Geld genug? Dein Liebhaber ſcheint doch nicht geizig zu ſein.“ „Ah— du meinſt.“— „Ich glaube, was ich geſehen, daß ein vor⸗ nehmer Herr dich hiehergebracht hat. Thue doch nicht gar ſo unſchuldig, Täubchen, haſt's wahr⸗ haftig nicht nöthig bei mir. Ich will dir treulich beiſtehen. Dein Engagement giebſt du ſofort auf, und folgſt du meinen Rath, ſchwöre ich dir, in acht Tagen beziehen wir die ſchönſten Zim⸗ mer des erſten Stockes, leben luſtig darin, machen große Toilette, trinken Champagner und empfangen Beſuche. Ah, du wirſt ſehen, wie bald ſich ein Protektor für dich findet, der dir den Weg auf ein größeres Theater bahnt, und haſt du nur einiges Talent, für Blumenſträuße und glänzende Recenſionen ſorgt.— Dann iſt dein Glück gemacht; dein Graf iſt ja fern, und wäre er ſo eiferſüchtig wie Othello, wir machen ihm doch ein 4 für ein U, ſobald er wieder⸗ kehrt.“— 127 Die Sängerin war im Eifer ihres Geſprächs ſehr laut geworden und geſtikulirte mit großer Lebhaftigkeit. Wilhelmine dagegen ſaß regungs⸗ los da, bald lief es heiß, bald kalt durch ihre Glieder: War das die Freiheit und das Glück, von dem ſie geträumt? Mußte denn der Zauber des Bühnenlebens, der ihren Geiſt einſt ſo be⸗ glückend umſtrickte, ihr ſo grauſam zerſtört wer⸗ den?— Rein, nein! ſie hatte nur den rechten Weg noch nicht gefunden, ſie war ſtatt auf den Roſenpfad, in umſtrickendes Unkraut gerathen; doch ſie ſah das ja ein, und ein Mittel mußte ſich finden, ſie daraus zu erretten. Ohne ihrer Rathgeberin zu antworten, ohne ſie noch eines Blickes zu würdigen, ſprang ſie auf und wollte davon eilen. Doch jene hielt ſie feſt und mahnte: „Halt, halt! ſo ſchnell geht es nicht, wir müſſen erſt einen klugen Schlachtplan entwerfen, wollen wir ruhmreich ſiegen.“ „Laſſen ſie mich!“ rief Wilhelmine empört und entriß ſich ihr. „Was fällt dir ein?“ verſetzte die Sängerin und ſtellte ſich vor die Thüre, ihr Weggehen zu verhindern. Sie begriff das junge Mädchen 128 nicht, das mit einem freigebigen Grafen hieher gekommen war und ſich ſo leicht ein angenehmes Leben ſchaffen konnte, und ſie ſtürmte abermals mit einer wahren Fluth von Vorſtellungen auf ſie ein. Sie wollte ihren Plan, den ſie, ſeit Frau Peppi ihr die Wohnung gekündet, gefaßt hatte, nicht ſo leicht wieder aufgeben, nicht um allein die geizige Hauswirthin zu ärgern, ſondern auch um Vortheile für ſich daraus zu ziehen. Sie war nie eine hervorragende Bühnenerſchei⸗ nung geweſen und gehörte ſchon ſeit längerer Zeit zu den ſtimmloſen Sängerinnen, die nur durch einen Glücksfall noch ein vorübergehendes Unterkommen finden. Auch war ihre Jugend⸗ blüthe gänzlich vorüber, und ſo leichtſinnig ſie auch war, dachte ſie doch manchmal mit Schrecken an kommende Zeiten. Einem jüngern und glücklicheren Talent ſich anzuſchließen und es mit ihren Erfahrungen auf eine beſſere Carrière hinzuweiſen, ſchien ihr ein nicht unpraktiſches Auskunftsmittel, ſich ſelbſt noch gute Tage zu ſchaffen, und die hübſche Wilhelmine, die ein reicher Graf ſo großmüthig unterſtützte, kam ihr ganz geeignet dazu vor. 129 „Ich will fort!“ verlangte Wilhelmine, und ihr Auge blitzte die geſtikulirende und ganz außer Athem ſich ſprechende Rathgeberin ſo zornig und ſo gebietend an, daß dieſe etwas von der Thüre hinwegtrat. „So überlege es doch erſt vernünftig,“ bat ſie wiederholt, allein Wilhelmine, endlich unter der Thüre ſtehend, ſagte nur noch: „Sie haben ſich vollkommen in mir getäuſcht, Mademoiſelle. Begegnen wir uns nie wieder!“ Und ſie war draußen, die Thüre hinter ihr zu; und die Getäuſchte hielt jetzt einen leidenſchaft⸗ lichen Monolog in ziemlich derben Ausdrücken; dann nahm ſie Hut und Shawl, um ihren Ver⸗ druß durch einen Ausgang zu zerſtreuen. Auf dem Vorplatz war es völlig dunkel, da ſich kein Fenſter dort befand, um nur etwas, Himmels⸗ oder Lampenlicht hereinzulaſſen; doch wohl bekannt mit der ertlichkeit, ſchritt die Sän⸗ gerin raſch der Da war es ihr, ſie höre unterdrücktes Weinen und ſie blieb ſtehen und fragte: „Biſt du's, Täubchen, die hier ſentimentali⸗ ſirt, oder bereuſt du vielleicht deine Tugendent⸗ Stein, Die Braut im Kloſter. II. 9 130 ſchlüſſe. Iſt das der Fall, ſo bin ich bereit, dir großmüthig zu vergeben.“ „Nimmermehr! Eher ſterben, als ſo leben,“ klang dumpf, doch deutlich Wilhelminens Stimme. „In Gottesnamen denn, ſo ſtirb, du empfind⸗ ſame Seele!“ lachte die Sängerin ärgerlich und war, eine Seala trillernd, die Treppe hinunter. 1 WVithelmine lehnte, ringend mit ihrem Schmerz und Groll, an der Wand des dunkeln Vorplatzes. So rathlos und unglücklich hatte ſie ſich ja kaum vor ihrem erſten theatraliſchen Verſuche gefühlt. Damals ſchimmerte wenigſtens doch noch ein Hoffnungsſtrahl aus der Zukunft ihr entgegen. Jetzt aber wollte ihr auch dieſer entſchwinden, denn wohin ſollte ſie ſich wenden?— wie konnte ſie dieſem Hauſe und dieſer Stadt wieder ent⸗ kommen, in der Edgars Großmuth ihr eine Hei⸗ math zu gründen wähnte? Ach, und dieſe Groß⸗ muth ſelbſt, wie drückte ſie dieſelbe nieder bei dem Gedanken, daßzie ſo mißbraucht werde. Das mußte um jede Preis anders werden, doch noch war ſie zu verworren, um das„Wie“ her⸗ auszufinden. Hätte ſie nur Edgars Adreſſe ge⸗ habt, ſie hätte ihm geſchrieben, ihm Alles mit⸗ getheilt und ihn um ſeinen Rath gebeten. Aber 9 132 ſie wußte nur, daß er nach Rom gereiſt; ſie kannte nicht einmal den Namen ſeiner dortigen Freunde, und durch den Abbe konnte ſie ihm doch unmöglich Nachricht geben. Was blieb ihr übrig, als hier zu bleiben und ſeine Rückkehr ab⸗ zuwarten.— Er hatte ihr verſprochen, im Spät⸗ herbſt wieder zu kommen;— hielt er aber auch Wort?— Es war ihr, ſie müſſe fort— müſſe ihn aufſuchen— ihn abermals um ſeinen Schutz anflehen, und doch war dies ja ganz unmöglich. Wie verlaſſen fühlte ſie ſich— ſie empfand— und es war ihr wohl auch zu verzeihen— Mitleid mit ſich ſelbſt und ihre Thränen floſſen immer reichlicher. So hatte ſie noch nie geweint, ſelbſt in den unfreundlichſten Stunden ihres Kinder⸗ lebens nicht, und im Kloſter überwog ſtets ihr Trotz den Schmerz, denn dort trennte ſie ſchein⸗ bar nur eine Mauer von ihren Wünſchen und Hoffnungen. Nun hielt ji wohl keine verſchloſ⸗ ſene Pforte mehr; es ſeitherigen Er⸗ fahrungen, die ſie vor einem neuen Gang in die Welt zurückſchreckten. Mit ihren Glücksträumen wonkte auch ihr Muth, und die natürliche „ Schwäche ihres Geſchlechtes machte ſich geltend, 133 die einen liebenden Schutz erſehnt bei den Ge⸗ fahren des Lebens, und ohne einen ſolchen ſich leicht ſelbſt verliert. „Was ſoll ich beginnen?— Wohin mich wenden?“ ſchluchzte ſie und preßte das jugend⸗ liche Haupt wie in tiefſtem Weh zwiſchen die zarten Hände. Da gleitete ein ſchwacher Lichtſtrahl über ſie hin, der aus einer Thürſpalte drang, aus der ein greiſes Haupt, von dünnen, ſilbernen Löckchen umflattert, nach dem weinenden Mädchen her⸗ auslugte. Der Lichtſtrahl traf ihr Auge. Sie fuhr erſchrocken zuſammen und wollte entfliehen. „Bleiben ſie doch noch ein wenig;“ bät eine zitternde, doch ungemein gemüthliche Stimme, und ſie drehte ſich um und ſah die gebeugte Ge⸗ ſtalt eines Mannes unter der Thüre einer ärm⸗ lichen Kammer ſtehen. „Wer ſind ſie erſtaunt, denn ſie hatte von dieſem Einwohner noch nie gehört. „Ich? nun ich bin der alte Pauli, und lebe ſo ſtill vor mich hin in dem Kämmerchen da drinnen. Drum werden ſie wohl noch nichts von dem alten Manne vernommen haben. Thut 134 aber nichts zur Sache, ſie könnten vielleicht doch ein wenig Troſt bei ihm finden wenn ſie ihm vertrauen wollten.“ „Woher kennen ſie mein Leid?“ st Wil⸗ helmine, ihm näher tpetend. 3 „Die Wände ſind dünn hier oben; verſetzte er mit einem Blick auf die Stube der Sängerin. „Ahl ſie hörten— „Ja freilich, ich hörte, ohne ein Lauſcher zu ſein. Und dann hörte ich ſie weinen, und ver⸗ nahm das Lachen Jener, die ihnen ſo gute Rath⸗ ſchläge gab. Das that mir weh.— Doch hier iſt kein Ort zum vertraulichen Plaudern, da drü⸗ ben wohnt noch Jemand; wenn ſie ſich nicht ſcheuen, in das arme Kämmerchen einzutreten, ſo möchte ich ihnen wohl noch allerlei ſagen.“ „Ich mich ſcheuen in dieſe Stube zu treten; ich!— die ich nicht einmal einen ſolchen Winkel mein eigen nennen uni Wilhelmine, und drängte ſich mit dem Alteſ in das ſchräg ab⸗ laufende Stübchen, das, ſo klein es auch war, dennoch leer ausſah, denn es befand ſich nichts darin, als eine Lagerſtätte, ein Stuhl und eine mürbe Kiſte 135 „Sie ſind wohl erſt hier eingezogen?“ fragte Wilhelmine im Eintreten. „Nein, nein, ich wohne ſchon bald drei Jahre hier.“ „Wie, in dieſer kalten Stube auch den ganzen Winter über?“ „Warum nicht? Was es im Winter hier oben zu kalt iſt, dafür giebt's deſto mehr Hitze des Sommers. Das gleicht ſich aus, wie alles Uebel im Leben,— in des Uebels Weiſe.“ „Armer Mann!“ „O, beklage du mich nicht, junges Mädchen, die du ſo ſchön, ſo jung ſchon ſo bitter weinen mußt. Bin ich nicht glücklicher als du? Ich hab's hinter mir, was Thränen erpreßt. Ich weine ſchon lange nicht mehr. Und habe ich nicht hier Platz genug zum Sterben?“— „Haben ſie denn Niemand mehr, der für ſie ſorgt, der ſie liebt?“ „O ja.— Sie mich vor drei Jahren aus dem Hoſpitale, wo ich zu ſterben glaubte und doch nicht dazu kam, hieher gebracht, denn es erinnerte ſich noch Einer des alten Pauli, der brachte mich in dieſe Stube und ſorgte auch für 136 eine Suppe des Tages, und wenn er's nicht ver⸗ gißt, ſendet er mir auch ein kleines Monats⸗ geld.— Das bleibt nun freilich oft aus, und ihn darum angehen mag ich nicht: da begnüge ich mich denn eben mit der Suppe allein.— Doch davon wollte ich ja zu dir nicht ſprechen, liebes Kind. Ich wollte dich fragen, was dich ſo un⸗ glücklich macht. Kann mir' zwar ſo ungefähr denken, du aber ſollſt mir ſagen, wie's zuſammen⸗ hängt. Vielleicht kann ich dir einen guten Rath geben; gar mancher, der jetzt einen großen Namen in der Kunſtwelt trägt, hat ſich einſt Rath's bei mir erholt.— Ja, Mädchen, bracht' ich's auch nicht zum Lorbeer, verſtand ich's nicht wie ſie mich damit zu ſchmücken— ich hätte ihn doch vielleicht, mehr noch als mancher von ihnen, verdient.“ „Sie waren einſt Schauſpieler?“ „Ja, Kind, und ich ein Lieblingsſchüler von dem großen Iffland und habe unter Goethe in Weimar geſpielt und mich an den Schöpfungen unſers Schiller erfreut, wie ſie friſch aus ſeiner Feder kamen.“ „So haben ſie dieſe großen Männer geſehen, 137 gekannt? O wie glücklich ſind ſie! Solche Er⸗ innerungen müſſen auch ein S Alter ver⸗ ſchönern!“ „Ja, das thun ſie auch, ſo weit es möglich iſt, Kind. Aber es kommen eben doch Stunden, wo ein einſames Alter das Gemüth recht traurig ſtimmt. Aber ſieh doch— wie das Alter ſo ge⸗ ſchwätzig iſt und am liebſten von ſich plaudert, ſchon wieder bin ich bei mir angekommen und wollte doch nur von dir reden. Wie kamſt du denn eigentlich in dieſes Haus, und was du in der großen Stadt?“ „Nichts, nichts, guter Mann, was mir zu⸗ ſagt, und das iſt ja eben mein Unglück! Ich kam mit ſchönen Erwartungen hieher und ſehe mich verdammt, in einer Welt zu leben, die nicht die meine iſt.“ „So. Wie lebſt du denn, und wo wäre denn deine Welt?“ „Wie ich lebe?— Ach, man hat mich hier auf ein Vorſtadttheater gebracht, ich muß kleine Rollen ſpielen in der Poſſe und dem niederen Luſtſpiel, während die Geſtalten eines Schiller, eines Gvethe, eines Shakeſpeare in mir leben!“ „Und du konnteſt mit tikn Ideaken in der Bruſt keinen andern Weg finden, als zur Poſſe?“ „Das iſt ja das Miſere meines Lebens! Ich werde von einem böſen Geſchick umhergeworfen, das ich nicht zu bezwingen vermag, ſo ſehr ich mich auch ſchon gefügt und mich dagegen geſträubt habe.— Das Glück, nach dem ich greifen will, entflieht mir wie ein trügeriſches Meteor ſtets wieder, und ich bleibe zurück in trauriger Wirk⸗ lichkeit, in der mein Talent untergehen muß, noch ehe es zum Aufblühen gekommen. Ach, ich werde, wenn es noch eine Weile ſo fort geht, jung ſchon ſterben, einſam, verlaſſen, hoffnungs⸗ leer, wie du mit dem greiſen Haupt, ja viel trauriger noch, denn deine Seele nimmt ſchöne Erinnerungen mit, die meine nur Qualen.“ Wilhelmine brach in Thränen aus und fuhr leidenſchaftlich fort:„Verſtoßen von der Heimath, ein ungeliebtes Kind der Eltern, wurde ich der ungeliebte Zögling eines Kloſters.— Die Seele erfüllt von Sehnſucht nach Liebe, Freiheit und Glück, entfloh ich— die Liebe nahte mir wie ein Phantom, das in meinem Arm zerrann; ſchnell entſchloſſen entſagte ich ihr und ſuchte ſie als — 139 reundſchüft zu halten, als ſtützende Brücke zur Freiheit, die ich vereinigt mit der Kunſt in Tha⸗ liens Tempel zu finden hoffte. Doch Alles, Alles will zuſammenſtürzen die Liebe, die ich zur Freund⸗ ſchaft werden ſah, bringt mir unverdiente Schmach, die Kunſt, die mir Freiheit und Glück verſprach, ward zur beengenden Feſſel für mich und ſtellt mich auf ihre niederſte Stufe. Wo iſt da noch ein Halt, ein Hoffnungsſtrahl zu erblicken?— Ach, laß mich bei dir bleiben, alter Mann, und mit dir ſterben!“— Wilhelmine ſank nach dieſem heftigen Aus⸗ bruch lange verhaltener Qualen vor dem greiſen Künſtler nieder, der auf der mürben Kiſte ſaß und, die Hände über den Knieen zuſammengefaltet, ihr zugehört hatte. Nun legte er die zuſammen⸗ gefalteten Hände auf ihr Haupt und ſprach, in⸗ dem er zu lächeln verſuchte: „Du biſt noch viel zu jung zum Sterben, und wie mich bedünken will, auch viel zu talent⸗ voll, um unterzugehen. Wo der ächte Funken glimmt, muß es ſchon recht hart hergehen, wenn er ganz ausgelöſcht werden ſoll.— Senke nicht ſo muthlos das junge Haupt; blicke auf! So— 140 ſo iſt's recht— die innere Gluth verzehrt ſchon das ſalzige Waſſer in deinem Auge, und es leuch⸗ tet wieder der helle Strahl daraus, der das Licht der Seele bekundet.— O, das darfſt du nicht erlöſchen laſſen, nach ſo kurzen Stürmen ſchon.— Ei, was fällt dir denn ein, kleiner Trotzkopf? Glaubſt du, daß man ſich ſo ungeſtört auf die Höhe der Kunſt ſchwingen kann? Nur Wenige ſind ſo glücklich das zu können, und ſie bleiben nicht immer die ächten Künſtler. Sie ſind Kin⸗ der des Glücks, und der Genius, der ihnen inne wohnt, geräth bei einem ſo leichten Fluge auf⸗ wärts, auch leicht auf gefährliche Höhen, wo die Sonne zu heiß brennt, die glänzenden Schwin⸗ gen daran verſengen und ſich mit unreinen Flecken bedecken.— Ich könnte dir Namen nennen, doch zu was dieſes?— Es iſt ſo, glaub's dem er⸗ fahrenen Mann, und werde nicht muthlos ſchon im Beginn deiner Laufbahn: nach ſchwerem Kampf iſt der Sieg am lohnendſten.“ „Aber wenn ich nimmer ſiegen werde.— Ja, wenn du, ehrwürdiger Mann, mich leiten, führen könnteſt, wie du ſchon bei Andern gethan, dann wäre noch Hoffnung für mich!“ 14] „Was ich noch für dich thun kann— ich weiß es nicht, denn du ſiehſt ja, was aus mir gewor⸗ den iſt. Doch laß es uns einmal überlegen, laß es uns verſuchen. Ich will dein Talent erproben, wenn du zu mir heraufkommen willſt.— Aber ſieh, nicht einmal meine Bücher haben ſie mir gelaſſen— die Kiſte iſt leer, nur noch als Sitz dienlich. Die Frau unten hat ein Buch nach dem andern geholt— zur Deckung der Miethe, ſagte ſie— ich weiß es nicht, ob ſie wahr ſprach; doch es mag wohl ſein; denn wie das Monatsgeld vergeſſen wird, kann es auch mit der Miethe ge⸗ ſchehen, und am Ende wird dies Schickſal auch noch die Suppe treffen.“ „Das ſoll nicht geſchehen, ich werde daran denken, alter Mann!“ rief Wilhelmine aufſprin⸗ gend, und fuhr eifrig fort:„Auch deine Bücher ſollſt du wieder haben; ich glaube, ſie ſind dir geraubt worden für mich, und Graf Edgar wird ſie bezahlen müſſen. Aber ich will mit ihr reden, der falſchen Wirthin, ich will ihr zeigen, daß, wenn ſie die Schmach von ſeiner Wohlthat auf mich wälzt, ich auch dieſelbe genießen will O, nicht für mich, aber für dich, armer, verlaſſene. 142 Greis! Morgen ſchon ſoll es anders werden; ich will bei dir lernen und dir dafür beſſere Tage bereiten. Ich will Edgars Großmuth be⸗ nützen, mögen ſie dazu ſagen, was ſie wollen, nun iſt mir's einerlei, kann ich nur deine letzten Lebenstage damit erhellen, armer Mann!“— „Ich verſtehe dich nicht, Kind. Was meinſt du denn?“ „Frage nicht weiter. Laß mich nur machen. Bald ſind wir vertraulich zuſammen in einer beſſern Stube des Hauſes, und du wirſt mein Lehrer, mein Freund. O, du wirſt mich beſſer verſtehen, als ſie, die mich gerne zu todt un⸗ terrichtet hätte. Das erzähle ich dir ein ander⸗ mal. Heute will ich nur noch ſorgen, daß du mehr als deine Suppe erhältſt, und dein Lager ein weicheres wird.“ „Mache keine Umſtände, Kind. Meine Suppe hat mich geſättigt und mein Lager iſt ganz gut. Hab' ich keine böſen Träume, und iſt's nicht gar ſo kalt, ruht es ſich ganz gut darauf.“ Wilhelmine ſchüttelte ihr Haupt; die Aerm⸗ lichkeit dieſer Stube ſchmerzte ſie bei ſeinen Worten nur um ſo mehr. Er aber fuhr immer heiterer fort: 143 „Nun ich auch nicht mehr ſo ganz allein bin, du zu mir kommen willſt, und ich auch meine Bücher wieder haben ſoll, wird's ganz ſchön hier unter dem Dache werden. Was ſollte ich auch für die wenigen Tage meines Lebens noch Beſ⸗ ſeres verlangen? Das wäre ja lächerlich. Um meine Lebensbedürfniſſe habe ich ſchon längſt keine Sorgen mehr, iſt auch das Lager hart und die Suppe oft kalt, was ſchadet das?— Meine Wünſche, wenn je ſolche ſich noch in mir regten, knüpfen ſich nur noch an das Grab, nicht mehr an das Leben, und biſt du einſt der Engel, der darüber ſteht und in Liebe meiner gedenkt, dann— doch was ſpreche ich da ſchon wieder von mir!“ „Nein, ſage— ſprich, welcher Wunſch bewegt deine Seele?“ „Nun, wenn du's durchaus wiſſen willſt— ſo höre; doch du nennſt es wohl eine Schwäche, und es mag auch eine ſolche ſein, aber ſieh, jedes Herz hat eben einmal ſeine Schwachheiten, über die es nicht hinwegkommt mit allem Verſtand und aller Philoſophie. So hängt z. B. das meine an der Idee, einſt einen Gedenkſtein auf meinem Grabe zu haben, mit einer Inſchrift darauf, die 144 unter meinen Papieren ſich findet— ich habe ſie ſelbſt niedergeſchrieben— und wenn dann eine liebe Hand einen Lorbeer darum ſchlänge, dann, ſo iſt mirs, würde ich gut, ſo recht gut in der kühlen Erde ruhen.“— „Du ſollſt ihn haben, den Lorbeer, wenn meine Hand noch ein Reis von einem Baume brechen kann!“ „Gutes Kind, wenn das dein Ernſt wäre nun dann— es geht ja dann in einem hin— ſo leg' auch ein Zweiglein auf mein Haupt, daß mir im Tode noch werde, was das Leben mir vorenthalten.“ „Und warum wurde deinem würdigen Haupt der Lorbeer nicht?“ „Ich lernte bei dem großen Iffland Beſchei⸗ denheit. Wer dachte da in jungen Jahren ſchon den Lorbeer zu verdienen, wie es heut zu Tage geſchieht.— Als ich ſpäter an der Pforte des Ruhms anlangte, kam das Kriegsgetümmel, und die Kunſt lag darnieder. Das Vaterland mußte erſt wieder auch für die Kunſt gerettet werden. Da ſchloß ich mich den Kämpfenden an, als aber wieder Ruhe einkehrte, zog es mich auch wieder zum Theater. Doch noch waren alle Verhält⸗ 145 niſſe ſo zerfahren; beſonders wollte es mir nicht in den größern Städten gefallen, und ich ſchloß mich dem wandernden Thespiskarren an.— So viel Miſore ich nun auch dabei fand, trat mir doch auch hin und wieder ein wahres, tüchtiges Talent entgegen, und, längere Zeit Direetor klei⸗ ner Bühnen, ward es mir möglich, Manchem den Weg zu Ruhm und Glück anzubahnen. Doch ſie vergaßen Alle meiner— bis auf Einen, der nicht gerade zu den glücklichſten unter ihnen ge⸗ hört, er verſchaffte mir dieſen Aufenthalt.—“ „Welch kärgliche Dankbarkeit!“ rief Wilhel⸗ mine entrüſtet. „Murre nicht darüber, junges Mädchen; ſie hat mir wohl gethan, denn ſie kam von einer Seite, wo ich ſie am wenigſten erwartete.“ „Und wo du ſie hätteſt mit Recht erwarten können, fandeſt du ſie nicht!“ „Auf Dank muß man in der Welt niemals hoffen; findet man einmal eine kleine Spur da⸗ von, iſt es anerkennenswerth.“ „Es iſt traurig, alter Mann, daß du ſolche Erfahrungen machteſt. Doch habe Vertrauen, es ſollen dir noch beſſere werden. Ich will es nim⸗ Stein, Die Braut im Kloſter. II. 10 146 mer und nimmer vergeſſen, daß du es warſt, der mir in meinem größten Leid Troſt und Muth einſprach!“ „So ſagten Alle; doch ich glaube dir, glaube dir gerne, gutes Kind. Vor Allem aber laß uns jetzt zuſehen, wie weit dein Talent ſchon ausge⸗ bildet iſt.“ Das Techniſche habe ich inne— ſchon mehr, als gut iſt, inne,“ fiel Minna ſchnell ein und ſetzte begeiſtert hinzu! Auch die Gebilde der Sich ter ſtehen lebendig in meiner Seele!“ „Ei, da wärſt du ja fertig, wenn dir das Darſtellungstalent nicht gebricht; das wollen wir morgen prüfen, ſobald du mit den Büchern kommſt. Ach, daß ich die wieder haben ſoll— ſie waren noch meine einzige Freude“ „Und nun komme ich noch dazu, deine Schü⸗ lerin, guter Pauli, und ſo denke ich⸗ ſoll's wieder etwas beſſer bei dir werden.“ „Ja, ja!“ beſtätigte er mit hervorbrechenden Thränen, die erſten, die er ſeit Jahren wieder weinte;„du ſiehſt gerade ſo aus, als ob du, eine ſchöne Blume, über meinem Grabe zu ſtehen kämeſt; eine holde Blüthe, die an den vergeſſenen 147 Künſtler erinnert, und keinen Neid und Spott an den Lorbeer kommen läßt, den ſie ihm als letzte Gabe dereinſt darbringt. Ja, du wirſt es einſt nicht verläugnen, daß dein Ruhm auch ein klein wenig ihm gehört, wirſt es nicht machen wie jene, die ihre Ehre beeinträchtigt glaubten, wenn ſie dem armen, alten Manne ein Blättchen nur von ihren Lorbeern gönnten. Nein, nein, aus deinem Auge ſpricht eine größere Seele und ein Funke leuchtet mir aus ihm entgegen, der mich an dein Talent glauben läßt.“ Von jetzt an begann für Wilhelmine ein helleres Leben in dem Hauſe, in dem es ihr angefangen ſo unheimlich zu dunkeln. Was ihr ſeither gefehlt, was ſie geſucht und nirgends gefunden: ein Verſtändniß ihres innerſten Weſens wurde ihr bei dem greiſen Künſtler, deſſen Anſichten und Lehren ihr Talent einer raſchen Entwicklung und Vervollkommnung entgegen führ⸗ ten. Jetzt erſt lernte ſie die großen Dichter recht verſtehen und in dem Eingehen in ihre Schöpfungen das innere Menſchenleben begreifen. Ihre Auf⸗ faſſung und Darſtellung vereinte darum auch, frei von aller Künſtelei, Poeſie und Natur in an⸗ ſprechendſter Weiſe Sie lernte in der kleinen Stube des alten Mannes, welche nur bevölkert war von ihnen Beiden und den Geſtalten der Dichter, die Welt wieder hoffnungsfreudig lieben, die ſie, herab⸗ geſtürzt aus ihren geträumten Himmeln, nahe 149 daran war, als eine Hölle anzuſehen. Das Leben auch im ſeinen Schattenſeiten gewann jene Poeſie für ſie, die ein junges und höher getragenes Gemüth leicht in Allem findet. Waren die Unterrichtsſtunden zu Ende, erzählte Pauli ihr aus ſeinem Leben, und wie die Jugend⸗ jahre für die Erinnerung ſtets den meiſten Reiz haben, verweilte auch er vorzugsweiſe gerne bei ihnen: in jener Zeit, wo er unter Iffland ſeine Laufbahn begonnen, bei den damaligen Theater⸗ verhältniſſen, wie den Darſtellungen der gro⸗ ßen Mimen und den dramatiſchen Dichtern jener Zeit, deren Geiſtesfülle gleich einem Licht in däm⸗ meriger Nacht über Deutſchland hereingebrochen war. Und wie er Wilhelmine die Darſtellungen ihrer Werke in Berlin und Weimar ſchilderte, ver⸗ tiefte er ſich mit ihr in die herrlichen Poeſien und lebte gleichſam jene ſchöne Zeit noch einmal durch, in der er, ein begeiſterter Jünger der Kunſt, an ihrem Ernſt ſich erbaute. Die herrlichen Frauenge⸗ ſtalten ſeiner Lieblingsdichter traten in ſeiner Schülerin verkörpert vor ihn hin und erfüllten ihn wieder mit wahrhaft jugendlichem Entzücken. Mur ſchwer trennte er ſich von dieſen großen 150 Schöpfungen, um mit ſeiner Schülerin zu den neuen Erzeugniſſen überzugehen, die bis auf wenige ſo gar nicht ſich jenen anreihen wollten. Allein es mußte ſein, ſollte Wilhelmine ihre Laufbahn bald praktiſch beginnen, denn elaſſiſche Stücke waren ſelten geworden auf den Theaterrepertvirs. Das Publikum hatte ſich entwöhnt, ſie zu ſehen, die Schauſpieler, ſie zu ſpielen. Der Zeitgeſchmack ſei ein anderer geworden, meinte man, das Ideelle ihm entrückt unter den reellen Beſtrebungen nach allen Seiten hin, und man bemühte ſich, auch in der Kunſt ganz reell zu werden, die Poeſie aus dem Drama zu verdrängen, während doch Poeſie und Ideal die ſchönſten Kinder der Wirklichkeit ſind. Pauli meinte, beide Schulen der dramatiſchen Kunſt, die ideelle und reelle, ſeien auf Abwege gerathen, und müßten ſich über dem Boden des Lebens, dem ſie entſproßten, die Hand zum einigen Bunde reichen, dann erſt gehörten ſie ihm ſo recht wieder an, und das Theater ſei wieder, was es ſein ſolle: eine erhebende Freude dem Menſchen. Deralte Künſter lehrte ſeine ſtrebſame Schülerin, Naturwahrheit in veredelter Form wiedergeben, ſie aus den Tiefen der menſchlichen Seele zu ent⸗ 151 wickeln und mit ideellem Gewande zu bekleiden. Er ſuchte ſelbſt da, wo in dem Zerrbild einer ſo⸗ genannten guten Rolle kaum noch naturgemäße Spuren zu finden waren, ſie auf, um ſo viel als möglich durch die Darſtellung die Mängel des Darzuſtellenden zu decken. Das war dem alten Mann die ſchwerſte Arbeit, und nicht ſelten über⸗ trafen hier die Ideen der Schülerin die des Meiſters, und dann konnte er ſich auch über eine ſolche Rolle freuen und vergaß darüber das mehr als zweifelhaſte Kunſtwerk des Dichters. Wil⸗ helminens Kunſtausbildung machte raſche Fort⸗ ſchritte und, befriedigt durch das innere Bewußt⸗ ſein, endlich die rechte Bahn gefunden zu haben, verlangte es ſie nicht mehr ſo ungeſtüm nach dem öffentlichen Erfolg. Wenn Pauli ihr ſagte: ich bin mit dir zufrieden, machte ſie dies ſo glücklich, daß ſie nicht nach weiterem Beifall verlangte.— Allein die äußeren Verhältniſſe drängten ſie, eine Eriſtenz für ſich und ihren alten Freund zu grün⸗ den, denn obgleich ſie nach einigen heftigen Auf⸗ tritten mit ihrer Hauswirthin ſo viel erreicht hatte, daß ſie nicht nur das fatale Engagement aufgeben, ſondern auch für Pauli anſtändig ſorgen konnte, blieb es ihr doch peinlich, Edgars Großmuth ſo lange in Anſpruch zu nehmen. Sie wünſchte ſehn⸗ lichſt, daß er komme möge, um ihm zu danken und den Creditbrief ihm wieder einzuhändigen. Indeſſen ſchrieb Pauli da⸗ und dorthin, um ein paſſendes Engagement für ſie zu finden, und es gelang ihm auch endlich, bei einem Bekannten aus früherer Zeit, der Direktor eines mittelgroßen Theaters in Norddeutſchland war, Wilhelmine als erſte jugendliche Liebhaberin auf„Gefallen“ und„Nichtgefallen“ zu engagiren; mit ſehr be⸗ ſcheidener Gage zwar, doch mit vorausſichtlich vieler und vielſeitiger Beſchäftigung. Das war es, was ſie jetzt vor Allem bedurfte, und über dieſen Haupt⸗ punkt vergaß er, und ihr kam es gar nicht zu Sinn, welche äußern Erforderniſſe ein erſtes Rollen⸗ fach bedinge. Frau Peppi, die ſich nun auch in dieſe Angelegenheit einmiſchte, erinnerte daran und meinte, der Creditbrief des Grafen könnte auch dafür benützt werden. Doch Wilhelmine, die ſich mit ihrem Engagement reich und glücklich fühlte, wies dieſen Vorſchlag entrüſtet zurück, und er⸗ wartete nur um ſo ungeduldiger Edgars Wieder⸗ kehr. Sie hätte gern dieſe Angelegenheit ganz 153 geordnet, ehe ſie Wien verlaſſen mußte. Den Dank, den ſie ihm ſchuldete, von Tag zu Tag ſich mehren zu ſehen, quälte ſie wahrhaft, da das, was er für ſie gethan, ihr zuweilen ſo vorkommen wollte, als beabſichtige er damit, die Schuld jener gefährlichen Stunde im Schloßgarten zu Bardenberg abzu⸗ tragen. Sein heißer Kuß damals— fiel ihr oft plötzlich wieder ein und genirte ſie viel mehr als früher, wo ſie ſeine Bedeutung weniger ver⸗ ſtanden; jetzt laſtete er in manchem Augen⸗ blick ſchwer auf ihr, und ſie hätte viel darum gegeben, jene Stunde ganz aus ihrem Gedächtniß verwiſchen zu können. Daß er ſie nie mehr daran erinnert hatte, dankte ſie ihm, und doch ſchmerzte es ſie auch wieder: es beleidigte den erwachten Mädchenſtolz und kränkte auch ihr Herz, denn er war doch nicht ſo recht ihr Freund geworden, ſo wie ſie es geglaubt und auch für nöthig fand, um jenen Kuß zu heiligen.— Er ſorgte edelmüthig für ihre äußern Bedürfniſſe, aber er dachte nicht daran, durch einen Austauſch der Gedanken ſie zu ehren und ſie damit über jene Stunde zu er⸗ heben.— Und das ſollte, das mußte er noch.— Vor ihr, der Künſtlerin, ſollte er ſich einſt noch 154 beugen müſſen, ſich geehrt fühlen, ihr ſo nahe geſtanden zu haben, und es ihm vergönnt geweſen, ihr Beſchützer zu ſein.— Das waren die einzigen, perſönlichen oder vielmehr ſelbſtſüchtigen Wünſche, die ſie von dem Ruhm ihrer künftigen Tage hegte. Alle ihre ſonſtigen Erwartungen von einem berühmten Künſtlernamen, waren mehr ſeeliſcher Natur und knüpften ſich auf's innigſte an Pauli's getragene Kunſtanſichten. Er, der greiſe Künſtler, verjüngte ſich indeſſen wahrhaft im Umgang mit Wilhelmine und der ſchönen Entwicklung ihres Talentes. In ihr erſtanden ihm noch ein⸗ mal ſeine ſchönſten Erinnerungen ſo recht lebendig. In ihr fand er das längſt aufgegebene und ſchmerzlich vermißte Gut wieder: die Liebe, und zwarin ihrem edelſten und reinſten Sinn. Es war ihm gleichſam, als finde er jetzt erſt, am Ende ſeines Lebens, den Zweck deſſelben. Was hinter ihm lag, was er gelitten und was ihn einſt entzückt, faſt wie ein Traum nur kam es ihm vor, der ihn nach langer Täuſchung zu ſchöner Wahrheit geführt, zu einer Wahrheit, aus der ſein Ideal ihm lächelnd die Hand reichte und mit Liebe ſich an ſein Herz anſchmiegte, in der Geſtalt eines 155 ſchönen Mädchens, das mit Begeiſterung der Kunſt ſich hingab, und aus deſſen leuchtendem Auge der Götterfunke des wahren Talentes her⸗ vorbrach.— Und er war berufen, dieſes Talent der höchſten Entfaltung entgegenzuführen, als letztes und beſtes Werk ſeines langen Künſtlerlebens. Er hatte zwar ſchon öfter aufſtrebenden Talen⸗ ten den Weg gezeigt, ſelbſt manche bis zu der Grenze geleitet, wo ihr beſſeres Streben in Ei— telkeit und Ueberſchätzung unterging. Dann zog er ſich mit ſchmerzlichem Bedauern zurück von ihnen, um— das eben Aufgegebene von neuem zu verſuchen, bis er endlich, alt und krank, ſich von jeder Berührung mit dem Theater zurückzog, und ihm zuletzt nichts übrig blieb, als dem Mitleid die ärmliche Stube und ein Stück Brod zu verdanken. Nun, wo er längſt alle Lebenswünſche zu Grabe getragen und ſehnlichſt hoffte, ihnen bald nach⸗ zufolgen ſandte ihm der Himmel in Wilhelmine einen Engel, der berufen ſchien, ihn wieder zum Leben, zu der Kunſt, ſeinem Lebenselement, zurück⸗ zuführen. Und wie er durch ſie von ſeiner Kraft wieder gewann, erſtarkte durch ihn ihr Talent, und ihr Muth, ihr Selbſtvertrauen tehrten ihr 156 wieder, und hafteten jetzt viel feſter als da⸗ mals, wo eine gänzliche Unkenntniß der Sache ſie ihr gegeben. Damals mußten ſie bei den ſich häu⸗ fenden Schwierigkeiten ſchwinden, jetzt aber, wo ſie feſtere Stützen gewonnen, lehnte ſich auch Wilhelmine mit begründeter Zuverſicht an ſie an, und etwaige Hemmniſſe, die noch kommen konnten, erſchreckten ſie nicht mehr. Dieſer höhere Muth gab ihr eine große innere Freudigkeit, die ſie leicht über alle Unannehmlich⸗ keiten, welche im Augenblick noch zu beſiegen waren, hinwegbrachte. Sie erwartete noch immer Edgar, aber erwollte nicht kommen, und er ſchrieb auch nicht. — Da ſie keine Ahnung von den Teſtamentsbe⸗ ſtimmungen hatte, die ihn zum Verlobten einer nie geſehenen Verwandten machten, glaubte ſie nicht anders, als er werde auf ſeiner Rückreiſe nach Bar⸗ denberg über Wien kommen. Es that ihr leid, ihn nicht erwarten zu können, und es war ihr namenlos peinlich, ohne mit ihm geſprochen zu haben, noch einmal ſeine Großmuth in Anſpruch nehmen zu müſſen. Aber ſie konnte es nicht ändern. Die weite Reiſe ſtand bevor, und den Greis konnte ſie doch nicht zurücklaſſen, er gehörte von jetzt 157 an zu ihrem Leben und bedurfte ihrer Liebe, wie ihr die ſeine nöthig war. Edgars Credit⸗ brief allein konnte ihr die Mittel zu der Reiſe für ſie Beide geben. Mit dieſem letzten Gebrauch davon, wollte ſie ihn aber auch vernichten, und kam darüber in noch viele Unannehmlichkeiten mit Frau Peppi, die ihren Vortheil dabei, und zwar in recht unverſchämter Weiſe, gewahrt wiſſen wollte. So lange Wilhelmine noch in ihrem Hauſe lebte, lagen die Verhältniſſe und Noth⸗ wendigkeiten mitunter recht unangenehm auf ihr; ſobald ſie aber mit ihrem alten Freund der glückverheißenden Ferne zueilte, erſchien ihr die Welt wieder im roſigſten Lichte, und in einem viel klareren, als einſt in ihren bunten Träu⸗ mereien in der Kloſterzelle. Sie empfand eine Sicherheit und Freude, wie ſeit ihrer Flucht von dort nicht mehr. Auf alle überſtandene Gefah⸗ ren und Drangſale ſah ſie gleichſam mit einem Siegerblickzurück.— Derhoffnungsfrohe Uebermuth der Jugend kehrte bei ihr ein, als ſie ſo in eilendem Fluge an belebten Flüſſen, an maleri⸗ riſchen Städten und ſonnigen Dörfern vorüber⸗ kam und an dem Anblick geſegneter Fluren und 158 prächtiger Wälder ſich labte und das unendliche Himmelszelt ſo weit über ſich ausgeſpannt ſah. Und wenn ſie in die blaue Ferne hineinſchaute, war es ihr, dort am Ziel ihrer Reiſe müßte Fortuna ſie mit offenen Armen empfangen. Sie fühlte ſich ſo leicht, ſo frei und wohl— wie ein Vogel, der nach langer Gefangenſchaft in den bläuen Aether ſich ſchwingt. Wie ſchwärmte ſie in die Zukunft hinein: der Tempel der Kunſt ſtand weit geöffnet vor ihr— ſie eine Prie⸗ ſterin darin.— Was konnte ſie beſſeres, ſchöne⸗ res vom Leben erwarten? Jeden Schatten, der in dies ſonnige Bild fallen wollte, wies ſie mit der Sorgloſigkeit ihres Alters zurück, wähnte ihr wieder kräftig erwachter Muth ſchon im vor⸗ aus beſiegt. Glückliches Mädchen!— Noch biſt du es, ſo lange du ſo frohen Muth haben kannſt und mit ihm der Zukunft entgegen eilſt! Haſt du auch ſchon Thränen geweint, bitterem Schmerz ent⸗ quollen— waren ſie doch ſo herbe nicht, um von einem milden Luftzug nicht getrocknet zu werden. Noch lag in den Erfahrungen deines unſteten Lebens nichts, das dir den ſchönen Glau⸗ 159 ben an das Glück wirklich verſcheucht hätte. Noch lebt er in dir und zeigt dir als etwas Wirkliches und Faßbares dieſes grillenhafte Meteor, das beim Näherkommen wohl auch dir entfliehen wird. Mit friſchem Muthe hängſt du dich wieder an dieſes Blendwerk des Lebens und hoffſt auf ſeine Dauer für dich in einer Welt, die ſelbſt nur eine ſchöne Täuſchung iſt, die ſich in Dunkel hüllt, ſobald der Vorhang fällt, und deren Kunſtgebilde ſchnell entſchwinden, wie— dein Liebesglück, holde„Julie“ in„Romeo's“ Arm,— wie deine hohe Wonne, ſüßes„Klär⸗ chen“ an„Egmonts“ Bruſt. cs war ſchon ſpät am Abend, als Wilhelmine an ihrem Beſtimmungsort ankam. Sie wußte in der winkligen Stadt ſich nicht zurecht zu finden, auch Pauli kannte ſie nur von früheren Durch⸗ reiſen und konnte ſich durchaus ihrer Straßen und Lokalitäten nicht mehr erinnern. Sie fragten nach einem Gaſthof zunächſt am Theater, und ein jun⸗ ger, eleganter Herr, der ſchon einige Stunden Wegs mit ihnen gereiſt war, bot ſich zu ihrem Führer an und verſprach auch das Gepäck zu beſorgen, indem er hier ganz bekannt wäre. Wilhelmine kam die freundlich dargebotene Gefälligkeit in der Verlegenheit der Ankunfts⸗ ſtunde ſehr gelegen, und ſie nahm ſie dankbar an.— Ein Geſpräch knüpfte ſich auf dem ziemlich weiten Wege an, indem Wilhelminens Begleiter erfuhr, daß ſie eine neuengagirte Schauſpielerin des hieſigen Theaters ſei. Nachdem er das heraus hatte, wurde er bis zur Zudringlichkeit gefällig, 161 und ſie war froh, als ſie endlich den Gaſthof er⸗ reichten. Ihr Begleiter verhieß ſeinen Beſuch auf morgen früh und wünſchte„Gutenacht“, ehe ſie oder Pauli gegen dieſes Verſprechen eine Ein⸗ wendung machen konnten.— „Das iſt einer von den jungen Tonangebern, oder den unbeſchäftigten Schöngeiſtern, welche ſich die Langeweile mit der Kunſt oder vielmehr den Künſtlern zu vertreiben ſuchen,“ bemerkte Pauli kopfſchüttelnd und ſetzte mit ärgerlichem Humor hinzu:„Müſſen wir gleich beim Eintritt ſolchem Theaterballaſt begegnen.“ Wilhelmine fühlte ſich mit einemmale můde und abgeſpannt, und unterließ deßhalb jede wei⸗ tere Frage. Es verlangte ſie nach Ruhe; doch am andern Morgen war ſie wieder ganz friſch⸗ Mußte ſie doch jetzt dem Direktor ſich vorſtellen und von ihm ihre Antrittsrolle erfahren. Raſch kleidete ſie ſich an; ſie brannte von Verlangen, das Schauſpielhaus zu ſehen und den Direktor kennen zu lernen. Sie traf ihn nicht zu Hauſe. Man wies ſie in's Theater, wo ſie ihn auf der Probe finden werde.— Das Schauſpielhaus war alt und grau, und Stein, Die Braut im Kloſter. II. 1 162 ſteckte ſo recht mitten in den engſten Straßen der Stadt; man ſah nur wenig von ſeiner eigent⸗ lichen Form, was übrigens vortheilhaft war, da es der Phantaſie freien Spielraum ließ. Wilhel⸗ mine hatte ſich ein helles, freundliches Gebäude vorgeſtellt, doch was ſchadete das Aeußere, wenn es nur innen ſo war, wie ſie es ſich dachte. Mit Herzklopfen ſtieg ſie die kalte Treppe hinan, die auf die Bühne führte; unhörbar wand ſie ſich zwiſchen Vorſatzſtücken und allerlei umherliegenden Gegenſtänden durch, die bei der fahlen Beleuchtung, welche durch einige ſtaubumflorte Fenſter herein⸗ fiel, etwas Grauenhaftes für den Uneingeweihten hatten. Doch Wilhelmine war ja ſchon daran gewöhnt und hatte es noch viel unanſprechender auf dem Vorſtadttheater geſehen. Am Abend machte ſich das Alles anders; zu dieſer Wunder⸗ welt gehörten die brennenden Lampen. Auch ſchim⸗ merten einige zwiſchen den Couliſſen und ein Licht vornean auf den Tiſch des Regiſſeurs und zwei an dem kleinen Hauſe des Suuffleurs. Papa Herz fiel ihr bei dem Blick dahin ein, und ſie dachte an ſeine Freude, wenn er von ihrem Engagement hören werde. Sie hatte ihm ſeit län⸗ 163 gerer Zeit nicht mehr geſchrieben, und wollte erſt, nachdem ſie hier aufgetreten war, es thun.— Sie fragte einen Arbeiter nach dem Direktor, und dieſer zeigte auf den Herrn an dem kleinen Tiſche neben dem Souffleurkaſten. Da jedoch eben probirt wurde, wollte ſie ihn nicht ſtören, und ſie blieb an einer der hin⸗ terſten Couliſſen ſtehen und horchte dem Gang der Seene. Sie kannte das Stück nicht, auch wurde leiſe und etwas nachläſſig probirt, ſo daß ſie wenig davon verſtand. Etwa eine halbe Stunde ging ſo vorüber. Einige Neugierige waren indeſſen ab- und zugegangen, Wilhelmine von oben bis unten muſternd. „Wahrſcheinlich eine neue Choriſtin,“ hörte ſie neben ſich ſagen. Sah ſie ſo aus?— Ihr Anzug war allerdings höchſt einfach, das fiel ihr bei dieſen Worten und dem Rauſchen eines ſeidenen Kleides auf, das ſie eben vernahm. Es war die jugendliche Anſtandsdame, welche die Scene verließ. Der Akt war zu Ende.— Auch der Direktor erhob ſich jetzt. 1 164 „Aktus drei!“ rief der Souffleur und ſchlüpfte für einige Augenblicke aus ſeinem Kaſten. Es plauderte und lachte durcheinander, und einige ſetzten ſich zum Stricken in die Couliſſen, und um Stadt⸗ und Theaterneuigkeiten einander zu erzählen. An das aufzuführende Stück ſelbſt ſchienen nur wenige zu denken, nur der Liebhaber las eifrig, auf⸗ und abſchreitend, in ſeiner Rolle, von der bis jetzt der Souffleur mehr wußte, als er. Wilhelmine ſtand neben der erſten Couliſſe vor dem Direktor, der ſich ihrer äußeren Er⸗ ſcheinung erfreute und ihr ſchon auf die nächſte Woche ihr erſtes Auftreten verſprach. Er hatte dafür aus ihrem eingeſandten Repertoir eine jener dankbaren Rollen voll unergründlicher Raivetät und Gefühlsergießungen gewählt, um die Neu⸗ engagirte dem Publikum gleich in der vortheil⸗ hafteſten Weiſe vorzuführen. Sie ſprach von einem elaſſiſchen Stücke. „Das zieht nicht“— wandte er ein,„das Publikum langweilt ſich dabei, und was das Schlimmſte iſt, die Kaſſe bleibt leer; wir Direk⸗ toren der mittleren Stadtbühnen find aber darauf 165 angewieſen, die Kaſſe zu füllen, und dürfen darum nur geben, was Geld einbringt. Höhere Kunſt⸗ ideen, mein charmantes Kind, dürfen uns nicht leiten, und auch ſie werden beſſer daran thun, ſich mit dem neuen franzöſiſchen Kram und den Birchpfeiffer'ſchen Stücken zu befaſſen, als mit Schiller, Goethe und gar Shakeſpeare. So etwas kommt nur höchſt ſelten daran, auf einen Ge⸗ burts⸗ oder Todestag des Dichters— oder wenn einmal ein Devrient, ein Döring oder ſonſt eine Kunſtgröße ſich bei uns darin zeigen will.“ „Aktus drei,“ rief der Souffleur wieder, indem er gewandt in ſein enges Haus hinabrutſchte.— „Es bleibt dabei,“ nickte der Direktor freund⸗ lich Wilhelminen zu und ſetzte ſich dann wie⸗ der an ſeinen Tiſch. Die Probe nahm ihren Fortgang, und Wil⸗ helmine verließ die Bühne, etwas durchſchauert von der kühlen Couliſſenluft.— Es war ihr im Nachhauſegehen, ſie möchte weinen, doch ſie ärgerte und ſchämte ſich dieſer Regung; galt es auch noch einen Kampf— war ſie doch gewiß, ſie werde ihn glorreich beſtehen.— Bei Pauli traf ſie den Galan von geſtern 166 wieder. Der alte Herr ſchien wenig erbaut von dieſem Beſuche. Noch weniger war es Wilhel⸗ mine, die den Zudringlichen etwas unhöflich be⸗ deutete, daß ſie keine Beſuche wünſche, auch eben im Begriff ſei auszugehen, um ſich eine Woh⸗ nung zu miethen. „Chambre garnie— natürlich.— Ich werde ihnen einige recht hübſche zeigen,“ verſetzte der Zudringliche. „Ich aber wünſche ihre Begeitung nicht,“ ent⸗ gegnete Wilhelmine verdrüßlich. „Wie, ſie weiſen meine Dienſte zurück!“ rief er beleidigt.„Sie, ein junges Talent, das ohne Zweifel hier vorwärts zu kommen wuüſchbl „Ja, das iſt ſo, mein Herr,“ fiel Pauli ein, und fuhr beſchwichtigend fort:„Nehmen ſie In⸗ tereſſe daran, ſo beweiſen ſie es im Theater.“ „Daß man mich beleidigt und meine Dienſte zurückweiſt! Ja das, mein prüdes Fräulein, hätte ich große Luſt, ihnen gleich bei ihrem erſten Auf⸗ treten zu beweiſen.“ „Wie?— Ich glaube gar, ſie wollen mir dro⸗ hen,“ erwiderte Wilhelmine verächtlich.„Ich ſage ihnen aber, daß ich ſie und ihresgleichen nicht 167 fürchte. Nur meinem Talent will ich den Sieg verdanken, ſonſt nichts, mein Herr, und einen ſol⸗ chen werden auch ſie mir nicht rauben können!“ „Sehen ſie zu, ſie großes Talent, wie weit ſie bei uns damit kommen!“ rief der Beleidigte, und entfernte ſich raſch. Wilhelmine lachte ihm verächtlich nach. „Der Einfältige!“ „Du wirſt eine Claque gegen dich haben, das iſt nicht gut,“ ſagte Pauli. „Wie, ſprachſt du nicht ſelbſt verächtlich von ſolchem Getreibe?“ „Ja ja, ich habe auch nie darauf geachtet, hab's drum aber auch nur zur Dachſtube gebracht. Bei dir ſoll das anders werden, und meine Sorge um dich ernt mir manches wieder, das längſt ver⸗ geſſen war, und was mir, ſo lange wir uns in meiner kleinen Stube nur mit den Dichtern und deinem Talent beſchäftigten, nicht eingefallen iſt. Jetzt aber ſo nah dem Theater und deinem erſten Auftreten, kommt mir's wieder, und das, was mich um meiner ſelbſtwillen nie beängſtigte, will es um deinetwegen thun.— Doch, das iſt eine Schwäche, Kind— eine Altersſchwäche wohl; laß es dich 168 darum nicht anfechten und gehe ruhig deiner Wege⸗ Das Talent, ſo es ſich nur ſelbſt treu bleibt, ſiegt über alle derartigen Gefahren, und macht gewöhn⸗ lich nach kurzem Kampf die Kabale zu Schanden⸗ Uebrigens iſt es doch gut, ihr, wo's möglich iſt, aus dem Wege zu gehen, denn immerhin kann ſie ein Hemmſchuh werden.“— Wilhelmine machte ſich wenig Sorge darum, viel mehr um die Wahl ihrer Antrittsrolle. Sie klagte darüber, doch Pauli ſuchte ſie damit zu⸗ frieden zu ſtellen, daß er ie verſicherte, ſie werde nach kurzer Zeit einer nothwendigen Routine, auch dazu kommen, ihre Lieblingsrollen zu ſpie⸗ len, und zwar, wie er hoffe, auf den erſten Thea⸗ tern Deutſchlands.—— Sie ergab ſich ohne fernern in die Beſtimmungen des Directors, und es ge⸗ ſchah nicht mit jener frühern Reſignation, die ſie herabſtimmte, oder ihren innern Trotz heraufbe⸗ ſchwor. Sie fügte ſich mit der Sicherheit, welche ihr die innere Ueberzeugung gab, dennoch bald ein ſchönes Ziel zu erreichen. Und das Nächſte, und vorerſt Nothwendigſte ward ihr nach kurzem Kampfe. Die Kabale, die ſich ihrem Talent ent⸗ 169 gegenſtellte, erlag bald unter dem richtigen Ge⸗ fühl des allgemeinen Publikums, das ſelten, ja eigentlich nie, eine Ungerechtigkeit gegen das wahre Talent duldet, beſonders nicht, wenn es ſich ſo entſchieden zeigt, wie es bei Wilhelmine der Fall war. Sie blieb unbeſtreitbare in dem Kampf um ihre Exiſtenz an dem Theater, das ſie auf„Gefallen“ und„NRichtgefallen“ engagirt hatte, und wurde gerade dadurch, daß ſie käm⸗ pfen mußte, ſchneller als es vielleicht ſonſt ge⸗ ſchehen wäre, der erklärte Liebling des Publikums. Ihre Gegner ſtreckten die Waffen und auch die Federn, welche ſchon geſpitzt zu ihrem Verderben waren. Was Wilhelmine in der Freude ihres Triumphes zuweilen ſtörte war das mangelnde Repertoir das ſelten etwas wirklich Gutes brachte und ſich hauptſächlich nur in ſogenannten Effeet⸗ ſtücken, dem leichten Luſtſpiel und der Poſſe bewegte. Der Beifall, der ihr wurde, befriedigte ſie darum auch weniger, als ſie davon erwartet hatte. Da, wo Rolle und Darſtellung ihr ſelbſt am wenig⸗ ſten genügten, fand ſie gewöhnlich die lebhafteſte Anerkennung, und das konnte ſie ſogar verſtim 170 men. Sie war noch ſo gewiſſenhaft, ſich ſtrenge Rechenſchaft über ihre Leiſtungen zu geben, und ihr Lehrer prüfte ſie nicht minder ſtrenge. Er kannte aus vielſeitiger Erfahrung nur zu wohl., wie leicht Selbſtüberſchätzung zur erſten Stufe abwärts wird.— Und Wilhelmine ſtand dieſer Gefahr nahe, und wäre ſie geiſtig minder begabt geweſen, oder hätte ſie den ehrwürdigen Künſtler nicht als treuſte Stütze zur Seite gehabt, ſie wäre vielleicht auch davon ergriffen und mit fortge⸗ riſſen worden.— Sie ſah ſich von Schmeichlern umgeben und von Beifall überſchüttet. Sie war eine in die Mode gekommene Schauſpielerin geworden, und dieſes ſchnell errungene Glück iſt ſo beſtechend, und legt auch Rückſichten auf, die oft nur zu ſchnell auf Abwege führen. Ihre Zeit wurde vielſeitig in Anſpruch genommen; ſie war zu Dank und Freundlichkeiten verpflichtet, wo ſie beſſer ihren Studien und dem belehrenden Um⸗ gang ihres alten Freundes ſich hingegeben hätte. Und bei all dem ſcheinbaren Glück, das ſie um⸗ gab, fühlte ſie heraus, daß wirkliche Liebe und eine tiefergehende Theilnahme weder für ſie noch 171 für die Kunſt darin lag. Das Intereſſe, das man an ihr, der Schauſpielerin, nahm, war von jenem Egoismus begleitet, der ſich daran vergnügt, ſeinen kleinen Götzen mit buntem Flitterwerk herauszuputzen, um ſich langweilige Stunden mit ſeinem Anblick zu vertreiben. Ein höheres Kunſtintereſſe entdeckte Wilhel⸗ minens ſcharfer Blick nirgends, wenn auch in den Kreiſen, die ſie beſuchte, darüber hin und her geſprochen wurde, geſchah es eben nur, um ſich einmal eine Stunde beim Thee äſthetiſch zu unterhalten. Selbſt unter den Trägern ihrer Kunſt fand ſie wenig wahre Begeiſterung. Da⸗ gegen im Familienleben derſelben häufig eine Anhänglichkeit und Gemüthlichkeit, die ihr wohl⸗ that, und die ſie nur ſelten mehr ſchmerzlich be⸗ rührte, da ſie das Gefühl ihrer Verlaſſenheit bei Pauli faſt ganz überwunden hatte. Doch auch jene Gewohnheiten, welche die Künſtler mit der Freiheit ihres Standes und der Unſtetigkeit ihres Lebens rechtfertigen, lernte ſie kennen, und ſie ſtimmten nicht mit der ſchönen Freiheit, von der ſie einſt in der Zauberwelt des Theaters ge⸗ träumt. 132* Es durchzog ſie oft mitten in ihren Triumphen das wehmüthige Gefühl, daß, ſo ſchöne Stunden auch ein Künſtlerleben in ſich ſchließe, doch jenes hohe Glück nicht in ihm liege, von dem ein voller Erſatz für eine vermißte Heimath und Liebe zu hoffen ſei. Sie ſagte ſich wohl, die Bühne ſei ihre Heimath geworden, und in der Kunſt liege das höchſte Glück ihres Lebens dennoch aber ward ihr Herz nicht ganz befriedigt dadurch, wenig⸗ ſtens jetzt noch nicht. Sie hoffte von der Zu⸗ kunft noch immer dies höchſte Glück, und wenn Stunden kamen, in denen ihr Herz in ungeſtillter Sehnſucht ſchlug, kehrte es in der kleinen Kloſter⸗ zelle ein, die Manuela umſchloß, das liebe, hei⸗ lige Kloſterkind! Wie gerne hätte ſie noch einmal eine jener Stunden mit ihr verlebt, in der das liebevolle Herz ſo warm und offen ihr entgegen ſchlug. Sie machte ſich Vorwürfe, daß ſie oft unwahr gegen Manuela geweſen, und ſie war überzeugt, trotz den Verſchirdenheiten ihres jetzigen Lebens könnte ſie das nun nimmer ſein, und Manvela müßte klar in ihrer Seele leſen und ſie dennoch lieben. Sie gedachte jetzt viel öfter der Freundin im Kloſter, 173 als ihres unſteten Lebens, und Sorge um* überkam ſie zuweilen, und die F Frage drätäke ſich ihr auf, ob ihre fromme Schwär⸗ neti ſe wohl noch glücklich mache.— Was hatte ſie nicht Alles für das Kloſterkind thun und erreichen wollen, wäre ſie nur erſt draußen in der Welt, und kaum hatte ſie Zeit gefunden, an Manuela zu denken; und nun war ſie zu der Einſicht gekommen, ſich nimmer in ihr Schickfal miſchen zu können, aber dennoch war es ihr wieder, ſie müſſe ihr noch einmal nahe kommen— ſie, die Schauſpielerin der Kloſterge⸗ weihten, ihre Liebe müſſe ſie wieder zuſammen⸗ führen, ob in der lauten Welt oder der ſtillen Zelle, und dann würden ſie Herz an Herz liegen und ſich ſagen: Schweſter meiner Seele, ich liebe dich, ob Nonne ob Schauſpielerin, dem Herzen gehören ſeine Rechte hier wie dort, und der keuſche Schleie birgt ein Herz, das weint und lacht und liebt und ſchwärmt, wie das der Künſtle ſei's nun im füßen Wahne himm⸗ e, ſei's in der Aufregung irdiſcher aber findet ſich das wahre Glück Ma⸗ 174 nuela?“ fragte einmal Wilhelmine laut, als ſei die Freundin zugegen, und es war ihr, ſigant⸗ worte mit ihrem holdeſten Lächeln:„In allein, wenn ſie keine Täuſchung iſt. oTdgar hatte, beruhigt über Wilhemine's Schickſal, Wien verlaſſen, und n Rom von Ella 8 und Lorenzo auf das freudigſte begrüßt. Sie waren in der ewigen Stadt ſchon ganz heimiſch geworden und führten unter ihren groß⸗ artigen Erinnerungen und im Anſchauen ihrer Kunſtſchätze ein ſchönes und freies Leben, das ſie über die gewöhnlichen ſoeialen Rückſichten erhob. In dieſem Sinne hatte ſich auch ein Kreis von Künſtlern und frohen Menſchen um ſie gebildet, die gleich ihnen gekommen waren, hier zu lernen und zu genießen, frei von den beengenden Ban⸗ den und Vorurtheilen des geſellſchaftlichen Lebens in der Heimath. Lorenzo's bedeutendes Malertalent hätte wohl bald auch in weitern Kreiſen ehrende Anerken⸗ nung gefunden, aber er zog ſich gerne um Ella's willen zurück, und ſie wählten eine entlegene — ——— ——— 176 Villa zu ihrem Aufenthalt.— Ella's Schönheit er⸗ regte Aufſehen, was durch das eigenthümliche Ver⸗ hältniß, in dem ſie als ſeine Schülerin hier lebte, noch erhöht werde. Sie war zu wenig eitel, um nicht finden, ein Gegenſtand der Neu⸗ gierde zu ſein. Sie zog darum den Kreis der Freunde möglichſt enge um ſich, und mit ihnen und Lorenzo v te ſie ſchöne Stunden und Tage in der reizenden Vill den Ueberreſten alter Herrlichkeit, auf einem der ſchönſten Punkte in der Umgebung Roms lag.— Edgar war in möglichſte Nähe gezogen und ein täglicher Gaſt bei Ella. War ſie an ihrer Staffelei beſchäftigt, brachte er ſeine Zeit in der kühlen Halle oder dem Garten zu, wo Roſen und Lorbeer zu ſchattigen Lauben ſich verſchlangen⸗ Ella war ſo ſchön und ſo liebenswürdig und von jenem Nimbus geiſtiger Höhe umgeben, der keinen kleinlichen Zweifel an ihrem Leben auf⸗ ſo ſehr es auch gegen die Sitte kommen ließ, anſtieß. Der Freundeskreis dachte niemals daran⸗ ſten Tadel nur darin einen Grund für den leiſeſt zu finden. Lorenzo nannte ſie ſeine Schülerin, — in welchem andern Verhältniß ſie noch zu ihm unangenehm zu emp a, die, umgeben von 177 ſtand, danach wurde ebenſowenig geforſcht, als nach ihren früheren Verhältniſſen in Paris. Vage Gerüchte, die von dort aus einen Weg hieher gefunden, blieben von Ella's näheren Bekannten gänzlich unbeachtet, wurden aber dafür in wei⸗ teren Kreiſen zu ihrem Nachtheil ausgebeutet, da es guten Stoff zu beliebter Unterhaltung gab. Ein intereſſanter Maler mit einer auffallend ſchönen Schülerin in einer reizenden Villa lebend, war ganz geeignet, die vornehme Damenmlt zu beſchäftigen.— Doch was kümmerte das Ella in ihrer geiſtig ſo belebten Einſamkeit und den Kunſt⸗ ſtudien, denen ſie ſich hingab. Blieb ihr nur zudringliche Neugierde fern, von dem andern ver⸗ nahm ſie ja nichts, und in weitere Kreiſe wollte ſie erſt wieder eintreten, wenn die Kunſt ihr einen berühmten Namen gegeben. Ihre Villa war in⸗ zwiſchen der angenehmſte Aufenthalt. Jeder, dem geſtattet war, hier aus und ein zu gehen, fühlte ſich beglückt, denn er fand ſtets eine zwangloſe und ſchöne Unterhaltung Ella verſtand es, geiſtige Freuden mit ſinnlichen Genüſſen in ſchöner Har⸗ men zu vereinen, und ſobald ſie im Kreiſe der Freunde erſchien, wurde die geſellige Freude Stein, Die Braut im Kloſter. I. 12 178 ſchwunghafter; ſie war dann gleichſam geadelt durch die Kunſt, der ſie lebte, erhöht durch Poeſie, die ſie liebte, und anmuthig durch leichten Scherz und treffenden Witz.— Der Schmerz von Ella's Vergangenheit ſchien aus löſcht, die Thränen für immer in ihren ſchön n Augen verſiegt zu ſein unter Italiens ſonnigem Himmel.— „Auch Edgar wurde von dem Zauber gefeſſelt, der ſch durch ſie über Alles, was ſie umgab, ausbreitete, und bald war er gebannt in den Freis, der die kleine Villa belebte, obgleich er ſich ihm innerlich nicht ganz ſo nahe verwandt fühlte, als es den Anſchein hatte, und Ella gerne glaubte. Die Eindrücke ſeines frühern Lebens, wie die Grundſätze, die ihm ſeine Erziehung und auch tieferliegende Motive eingeprägt, widerſtreb⸗ ten der genialen Freiheit eines ſolchen Fühlens und Denkens. Er fand es in ſeiner Art ſchön, und ſein Herz hatte ſo wenig einen Vorwurf für Ella als ſein Verſtand, er fühlte ſich dafür zu glücklich, ſelbſt gehoben bei ihr; ſie verkehrten vertraut mit einander; ſie erfreuten ſich gemeinſam des ſüdlichen Himmels, Roſen und des Lorbeers, die unter 479 ihm gediehen. Sie begeiſterten ſich durch die Geſänge italieniſcher Dichter, die Ella ſo ſchön vorzutragen verſtand, und Edgar dankte ihr erſt das volle Verſtändniß derſelben. Er kam ſich oft wie ihr Zögling vor, und ſie nahm das liebende Intereſſe an ihm, das geiſtreiche Frauen ſo häufig an noch unentwickelten, männlichen Charakteren nehmen. Dazu kam, daß der letzte Sproſſe der Bardenberg ſie noch ganz beſonders intereſſirte, und ſie gab ſich in manchen Stunden einemſo leb⸗ haften und tiefen Gefühl für Edgar hin, daß es der Liebe glich, und Lorenzo mehr als je eine äuf⸗ keimende Leidenſchaft ſeiner Freundin für den jun⸗ gen Grafen entdecken wollte. Dagegen anzukämpfen lag weder in ſeiner Macht noch in ſeinem Willen, auch fürchtete er nicht, daß Ella durch eine Lie⸗ besleidenſchaft unglücklich werden könne, dafür erſchien ihm ihr Geiſt zu kräftig; allein ſchon der Gedanke, daß es ihr ein Leiden, wenn auch ein vorübergehendes, bringen könnte, ängſtigte ihn. Und welches Glück konnte für Ella, ſelbſt wenn der Graf ſie wieder liebte, daraus erwachſen?— Er mußte bald wieder ſcheiden, ſich verloben, vermählen, und löſte ſich auch dieſe Verpflich⸗ 2 180 tung für ihn, konnte er doch nicht Ella's Gemahl werden, dagegen ſtritten alle äußeren Verhält⸗ niſſe, und Edgar war nicht der Mann, der kühn jedes Vorurtheil mit Füßen trat. Er, der letzte Bardenberg, hing mit zähen Banden an der Ehre ſeines Hauſes und den Ueberlieferungen deſſelben; das bewies ſeine Bereitwilligkeit, die letzten An⸗ ordnungen ſeines Vaters zu erfüllen.— Nur ganz unberechenbaren Ereigniſſen oder einer all⸗ mächtigen Leidenſchaft war es vorbehalten, ihn auf die Höhe jener Anſichten zu führen, wo ein Schritt möglich wurde, der ſeinen jetzigen Be⸗ griffen von Ehre und den Verpflichtungen ſeines Standes entgegenlief. Auch beſaß er nicht jenen erweiterten Blick in das Leben, der in einer ſchrankenloſen Liebe ein Glück erkannte. Und zu⸗ dem bezweifelte es Lorenso noch, daß Edgar eine Leidenſchaft für Ella empfinde Der Zauber ihrer Schönheit und ihres Geiſtes umſtrickte ihn und brachte ihn vielleicht ſelbſt zu dem Glauben, er liebe ſie. Doch dieſer Glaube. mußte er nicht ſchwin⸗ den bei dem Austauſch der innigſten Gefühle, da gerade dieſer Austauſch am geeignetſten war, die Verſchiedenheiten ihrer Naturen herauszuſtellen?— F Lorenzo beobachtete Ella's Umgang mit Edgar. ſo weit es die Freiheit ihres beiderſeitigen Lebens zuließ, das keinerlei Bevormundung geſtattete. Doch auch ſein beobachtender Blick hätte Ella wohl nimmer abgehalten, Edgar zu bekennen, daß ſie ihn liebe, wenn dieſes Gefühl in ſeiner ganzen Macht bei ihm und ihr eingezogen wäre. Allein ſie blieben ſich ſelbſt zweifelhaft über ihre Empfindungen; auch ſtand Edgars Verlobte— die Tochter des Grafen Rudolf— zwiſchen ihnen, wie überhaupt ihre beiderſeitigen Lebensverhält⸗ niſſe, die ihnen nur eine geſetzloſe Vereinigung geſtattet hätten, ein Geheimniß für den Austauſch ihrer Gefühle, und ſo frei Ella auch über dieſen Punkt dachte, hatte ſie doch ſchon zu ſchmerzliche Erfahrungen machen müſſen, wie unheilvoll ge⸗ rade hier die Ueberhebung über Sitte und Geſetz in das Leben eingreife— um nicht ein geheimes Grauen davor zu empfinden, und dieſes Grauen durchdrang ſie jedesmal wie eine geſpenſtiſche Warnung, wenn ſie in aufgeregten Stunden an Edgars Seite ihr Herz ſtärker pochen, ihr Blut heißer wallen fühlte. Sich davor zu wahren, ſprach ſie viel mit ihm von ſeiner Braut im 182 Kloſter, und ſie entwarf dann immer ein ſo rüh⸗ rendes Bild von ihr, daß Edgar ſie oft ſcherzend unterbrach und meinte, ſie ſollte an ſeiner Stelle ſein— er empfinde mehr Furcht als Freude bei dem Gedanken an dieſe Kloſterbraut und würde ſie gern den heiligen Mauern laſſen, wenn es nur einigermaßen mit ſeinen Verpflichtungen zu vereinbaren wäre. Eine ſolche Gewiſſenhaftigkeit in Betreff der Beſtimmungen längſt Verſtorbener widerſprach zwar Ella's Anſichten, dennoch aber wagte ſie hier nicht zu widerſprechen, da es Ru⸗ dolfs Tochter betraf, ein ihr durch deſſen Todes⸗ angſt geheiligtes Weſen. Das ſichtliche und tiefe Intereſſe, das ſie an ſeiner Verlobung nahm, be⸗ fren ete zuweilen Edgar, wie ihre Beziehungen zu ſeillem verſtorbenen Oheim. Daß dieſer ſeine letzten Lebensjahre mit einer jungen und ſchönen Geliebten in Paris zugebracht, hatte ihm der Abbé vertraut; eine peinliche Vermuthung lag nahe, doch er wies ſie zurück: Ella konnte ja unmöglich die Geliebte eines alten, frivolen Man⸗ nes geweſen ſein. Dennoch wünſchte er genauer von ihren Verhältniſſen unterrichtet zu ſein, und als ſie eines Abends ſo recht vertraulich plau⸗ 183 dernd bei einander ſaßen, wagte er es, ſie mit vebender Stimme um einen Blick in ihre Ver⸗ gangenheit zu bitten. Einen Moment blitzte ihr Auge flammend auf, dann aber ſeine Hand faſſend, ſagte ſie weich: „Sie ſollen als mein Freund ſcheiden, Edgar, kein Mißtrauen gegen mich mit ſich nehmen. Ich möchte ihre Freundin für alle Zeit bleiben, und wenn einſt häusliches Glück auf Schloß Barden⸗ berg eingezogen iſt, mich hin und wieder daran erfreuen, und das kann ich nur, wenn ſie klar in meine Vergangenheit ſehen, wenn ſie epfahren daß ihre künftige Gemahlin— meine— meine— Schweſter iſt.„ „Ihre Schweſter, Ella!— Ihre Schw „Graf Rudolf war mein Vater.— Er be⸗ trog meine Mutter durch die traurige Poſſe einer falſchen Vermählung.— Mich, ſein Kind, ließ er in England erziehen.“ „Und ihre Mutter?“— „Sie gab ihr Kind auf— doch genug hie⸗ von, Edgar— ſie kennen nun das Verhältniß, das mich in Paris mit ihrem Oheim verband. * 184 und ſie werden begreifen, von welch' hohem In⸗ tereſſe mir ihre Verbindung mit der Gräfin Aline iſt.“ „Mit ihrer Schweſter, Ella!“ „Ich habe kein Recht, ſie ſo zu nennen, ich heiße nicht Ella von Bardenberg.“ „Aber ſie ſind meines Oheims Kind. O, warum adoptirte er ſie nicht?“ „Er konnte es nicht wohl thun, da ſeine recht⸗ mäßige Gemahlin noch lebt, und er ſchon mit ihr verbunden war, als er meine Mutter kennen lernte.“ „Der Unſelige! Er hat beide Frauen un⸗ glucklich gemacht, und ſelbſt ein luſtiges Leben geführt bis an ſein Ende.“— „Aber ſein Ende war ſchrecklich, Edgar!“ er⸗ widerte Ella ſchaudernd und fuhr leiſe fort:„Ich liebte meinen Vater— man ſprach mir nur im⸗ mer von ihm, nie von ihr— der Mutter; ich wähnte ſie geſtorben, erſt, als er todt war, theilte mir Joſepha mit, daß ſie vielleicht noch am Leben ſei. Doch ſie liebte mich nicht, ſonſt hätte ſie nüch nicht verlaſſen, drum wollte ich ihrer auch nicht in kindlicher Liebe gedenken.— Ich war ſehr un⸗ 185 glücklich, Edgar— Auf ſeinem Todtenbett theilte mir mein Vater die traurige Geſchichte mit, die alle meine damaligen Glücksträume vernichtete.— Verzweiflung erfaßte mich, und ohne Lorenzo lebte ich wahrſcheinlich nicht mehr.“ Ella ſenkte ihr Haupt. Eine Pauſe trat ein. Edgar ſchien noch eine weitere Aufklärung zu er⸗ warten, doch ſie ſprach nichts mehr. Die Frage ſchwebte auf ſeinen Lippen, ob ſie Lorenzo liebe. Da rief jener ihnen zu aus dem Garten herauf, ſie ſollten herabkommen, der Abend ſei ſo ſchön, und die Freunde würden bald da ſein. „Kommen ſie, Graf, und bewahren ſie feſt in ihrer Bruſt, was ich ihnen anvertraute; ich will durch nichts mehr daran erinnert ſein, und Nie⸗ mand ſoll es weiter erfahren, daß er mein Vater war, auch Aline nicht, Edgar.“ Mit dieſen Worten eilte Ella ihm voran in den Garten und ging einigemale raſch durch die Roſen⸗ und Cypreſſengänge, dann ſchloß ſie ſich dem Freundeskreis an, der ſich inzwiſchen um einen Marmortiſch verſammelt hatte, auf dem Erfriſchungen ſtanden. 186 Ella wurde wieder heiter, und als ſie ein Paar dunkeläugige Kinder mit Mandolinen in den gebräunten Armen am Thore ſtehen ſah, rief ſie ihnen zu, hereinzukommen und ein Lied zu ſingen. Die Kleinen folgten freudig der erwar⸗ teten Aufforderung. Sie lagerten ſich zwiſchen die blumigen Hecken und ſangen? „O Jugend, wenn in deiner holden Blüthe Der junge Lenz noch deine Wangen ſchmückt, Dann ſei dein zarter Geiſt und dein Gemüthe Richt von des Ruhms, der Tugend Glanz berückt! Nur wer ergreift, wonach ſein Herz entglühte, Iſt weiſe, wer die reifen Früchte pflückt. So ruft Natur— Soll ſie vergebens locken? Willſt du für ihr Geheiß dein Herz verſtocken? Verſchleudern wollt ihr Thoren das Ergötzen, Das euch Natur in kurzem Lenze gönnt? Nur Namen ohne Gegenſtand, nur Götzen Sind, was als Preis und Werth die Welt erkennt; Der Ruhm, der wohl mit ſüßem Ton zu letzen Die Stolzen pflegt, den ihr ſo reizend nennt, Iſt Echo, Traum, ja Schatten eines Traumes, Vom Wind verweht, wie Blaſen leichten Schaumes Der Leib genieß' an heitern Gegenſtänden Befriedige der Geiſt der Sinne Luſt! Eilt von vergangenem Leid euch abzuwe Beſchleunigt nicht, erwartend den Verluſt! Laßt dann den Himmel ſeinen Blitz verſchwenden, Vernehmt ſein Drohn mit ſorgenfreier Bruſt! nden, 187 Nur dies iſt Weisheit, dies ein glücklich Leben, So lehrt Natur, ſo hat ſie's angegeben. Ella's Auge ſuchte Edgar— das ſeine hing in der Ferne.— Bei wem mochten ſeine Gedanken verweilen? Bei der Braut im Kloſter oder der ſchönen Wall⸗ fahrerin, die Lorenzo's Pinſel zur Madonna er⸗ hob?— Ella hatte es noch nicht über ſich ver⸗ mocht, Edgar an die Staffelei zu führen, worauf dieſes Bild eben ſeiner Vollendung entgegenging und Lorenzo's Künſtleruf feſter begründen ſollte. Auch liebte es Lorenzo nicht, unvollendete Bilder Andern zu zeigen. Ella nahm dieſe Eigenheit als Vorwand, um Edgar von einem Beſuch in ſeinem Atelier abzuhalten; dagegen durfte er manche Stunde in ihrem Arbeitszimmer verweilen. Sie malte ſelbſt, wenn er zugegen war, und ſich indeſſen mit Leſen beſchäftigen wollte. Der Geſang der Kinder regte Ella auf; ſie entließ ſie bald wieder und ſagte früher als ſonſt den Freunden gute Nacht, und auch Edgar ent⸗ fernte ſich bald darauf. Ella's Geſtändniſſe be⸗ ſchäftigten ihn; ſie kam ihm dadurch näher, und mit ihr auch die Verlobte, die ihre Schweſter war. 188 Er wollte ſich ein Bild von ihr mit Ella's Zügen entwerfen,— doch umſonſt, unwillkürlich ver⸗ wandelten ſie ſich in das zarte Angeſicht der from⸗ men Wallfahrerin, und mit dieſem holden Bild tauchte auch die Erinnerung an Wilhelmine wie⸗ der in ihm auf, und ſie alle drei umgaukelten ſeine Träume. In Ella's Villa waren abermals die Freunde verſammelt, und zwar zu Edgars Abſchiedsfeier. Lorenzo hatte dies ohne Ella's Wiſſen ſo ver⸗ anſtaltet, er wollte ſie über das Scheiden leicht hinwegbringen, denn er wußte gar wohl, daß Trennungsſtunden für ein erregtes Herz immer etwas gefährliches haben. Und auch aus Ed⸗ gars Auge ſprach recht ſichtliche Wehmuth, wenn er des Abſchieds gedachte; man erkannte deutlich, daß er nur ungern ſich trennte, und mit viel weniger Ruhe als früher dem Tag entgegen⸗ ging, an dem er ſeine Verlobte zum erſtenmal ſehen ſollte. Die Beſtimmungen eines, wenn auch geliebten Todten über ſeine Zukunft, fingen an, ihm pein⸗ licher zu werden; die freiern und heitern Lebens⸗ anſichten ſeiner jetzigen Umgebung übten ihren Einfluß auf ihn aus, und ohne daß er es wollte 190 und Ella unmittelbar darauf einwirkte, erwachte ſein inneres Widerſtreben in ſo verſtärk' nGrade, daß er es kaum noch zu bewältigen te. Wie ein geſpenſtiges Weſen erſchien ihm di im Kloſter, an die er mit unlösbaren Ban 4 gebunden werden ſollte.— Er ſuchte nach einem Rettungsweg vor dieſem Geſchick, und das Erbe ſammt der Braut hinzugeben, lag ſeinen Ge⸗ danken nahe. Doch noch immer hielten die an⸗ erzogenen Begriffe ſeine Thatkraft in Banden, und auch Ella's Flehen für die unbekannte Schweſter, in der ſie ein unglückliches Opfer ſah, ließen ihn zu keinem Entſchluſſe kommen, der ihn phyſiſch und moraliſch ſo frei gemacht hätte, kühn den letzten Willen ſeines Vaters umzuſtoßen. Und noch war keine allesbezwingende Leiden⸗ ſchaft in ſeinem Herzen erwacht; fühlte er auch heftigere Erregungen, und riß ſein jugendlich wallendes Blut ihn zu ſinnlichen Genüſſen hin, und machte Ella's Geiſt und Schönheit auch einen tiefen Eindruck auf ihn— es ging mit der ſchönen Stunde wieder in eine ſanftere Wal⸗ lung über, und wenn er ſie wieder ſah, war er der unbefangene Freund wie zuvor. Tiefer haf⸗ 191 tete 3 n an die ſchöne Wallfahrerin, und dadz gedachte er auch öfter Wilhelminens, alsh hſonſt geſchehen wäre; er nannte ſich 1geh pen Freund und Beſchützer, und es war in Abſicht, ſie bei ſeiner Zurückreiſe in Wien zu Mſuchen, um ſich zu überzeugen, ob es ihr wirklich wohl ergehe, und zu ſehen, was er für ihne Zukunft, ohne ſie zu beleidigen, thun konnte. Wr gedachte, von dem Landhauſe ſeiner Tante, wohhin ſein Weg ihn zunächſt führte, allein weiter zu Jeiſen, und den Umweg über Wien machen zu köhnnen, ohne verſpätet an dem Ort Pulnßen⸗ o Gräfin Aline ſich in der † klöſterlichen Penſio befand. Allein er kam nicht ſo zeitig von Ry⸗m weg, als er ſich vorgenommen; 6 Frbehn⸗ en in ihrem Kreiſe ſteſte Termin war um nur noch rechtzeitig bei ſeiner Tante einzutreffen. Dort mußte er erſt erfahren, wo er Aline finden und mit iyr zuſammen treffen ſollte. Ella, die gern den letzten Abend nur mit Edgar und Lorenzo verbracht hätte, war un⸗ angenehm überraſcht, als der Letztere kam, um 192 ſie in die Halle abzuholen, wo ſich Edgar bereits im Kreis der Freunde befinde. 52 5 Sie ahnte Lorenzo's Abſicht, und folgte ihm verſtimmt, doch machte ſie ihm keinen Vorwurf, und bemühte ſich auch, unbefangen und heiter zu erſcheinen. Man müſſe bei einem Abſchied ſtet an Freude des Wiederſehens denken, m inte Lo und die Freunde ſtimmten mit Wuabe et⸗ 6 3 klang ein. Edgar verſprach baſd wieder zu kom⸗ men und flüſterte Ella zu: „Sobald die Verlobung hinzu: feln dann, 1 ihrer jetzigen Umgebung ſie Aline bis zur V umählung zu ihrer Als ihr— Gatte und 3 das S pt des ½ 193 kurze Zeit— es iſt mir, ſie würden dann glück⸗ licher mit ihr werden. Doch das ſind vergebene Wünſche.— Erſt ſpäter— erſt wenn ſie ihre Gattin und glücklich in ihrer Liebe iſt— werde ich ſie ſehen. Dann kommen ſie mit ihr hieher zu uns, oder wir beſuchen ſie auf Bardenberg. Dochenein— nein— nicht in Bardenberg, nur hier können wir zuſammen glücklich ſein.— Das Schloß ihrer Ahnen, Edgar, würde mich er⸗ drücken.“ Sie wandte ſich nach dieſen Worten ſchnell von Edgar hinweg, und ſprach mit ihrem Nachbar zur andern Seite und bemerkte dabei, daß am Ende der Halle ein verhülltes Bild aufgeſtellt war. Sie befragte ihn darum, doch er wußte nur, daß es ſchon hier geweſen, wie er gekommen, und ſie wohl einer der malenden Freunde mit einem Kunſtwerk von ſeiner Hand überraſchen wolle.— Sie forſchte nicht weiter, auch wurde eben ein feines Mahl aufgetragen, und die theilts zerſtreut Umherſtehen⸗ den, theils im Garten Umherwandelnden ließen ſich jetzt an der länglichrunden Tafel nieder, und fröhliche Scherze umkreiſten ſie alſobald. Der Champagner ſchäumte, und ſprudelnder Humor glitt Stein, Die Braut im Kloſter. U. 13 S 194 wie ſein perlender Schaum über die Lippen der Gäſte.— Das Weh des Abſchieds ſchien in Luſt umgewandelt; nur Ella's Auge blickte etwas trübe in das fröhliche Treiben hinein, und Edgars Schmerz ging in eine gefährliche Aufregung über, in der ſein Auge ſich glühender an Ella hing, und ſein Arm es wagte, verſtohlen um ihre weiche Taille ſich zu legen.— Sie zuckte zuſammen und ſah ihn ſtrafend an; er ſprang auf und trat aus der Halle hinaus in die friſche Abendkühle und ging unruhig bewegt durch den Garten, der von ſüßen Düften angefüllt war. Lorenzo folgte ihm nach einer Weile ſeinen Arm in den Edgars legend, und ihn weiter hin⸗ wegziehend, ſagte er zu ihm: „Mein junger Freund, wir ſcheiden jetzt, und es wird gut ſein, wenn wir uns erſt nach Jahren wiederſehen.— Erſt wenn der Graf Bardenberg klarer erkannt, was er ſich, und was er ſeinen Ahnen ſchuldet und— was wirklich zu ſeinem Lebensglück nöthig iſt, Noch iſt ihr Wünſchen und Sehnen ein unbe timmtes, und ihre Lebens⸗ anſchauungen liegen noch im Kampfe: die Gewohn⸗ heit und der ſelbſtſtändige Begriff haben ſich noch — — 2 . — — * 195 nicht geſondert.— Sie müſſen nun erkennen lernen, was ihrem eigenſten Weſen gehört, was dem an⸗ erzogenen, und erſt dann, Edgar, entſcheiden ſie mit Beſtimmtheit über ihr Leben.— Sie folgen jetzt dem Rufe einer Pflicht, die ihnen eine heilige erſcheint, doch prüfen ſie wohl, wenn ſie dem Weſen gegenüberſtehen, das ein anderer Wille an ihr Leben gekettet, hat, ob dieſe Kette ſie nicht allzuſchwer drückt, und es nicht räthlicher wäre, ſie mit kecker Hand zu zerreißen, als ſich ein ganzes Leben lang von ihr drücken zu laſſen. Ella iſt befangen von dem Andenken und den Todeskampf ihres Vaters und dem romantiſchen Intereſſe, das ſie für Aline empfindet; ſie möchte ſie deßhalb be⸗ ſtimmen, um jeden Preis das arme Opfer zu retten, daß ſie ſich in dem Kinde vorſtellt, deſſen Andenken der letzte Reueſeufzer eines Sterbenden galt, der zu ſpät die traurigen Folgen ſeines frivolen Lebens erkannte.“— „Mein Oheim liebte wohl Ella, das Kind eines geliebten Weibes, mehr, als Aline?“ fragte der Graf. „Das iſt ſchwer zu entſcheiden. Für Ella trug er Sorge, daß ſie eine glänzende Erziehung genoß. Aline blieb ihrer Mutter überlaſſen, was, wie die 13* 196 Verhältniſſe lagen, ſehr begreiflich iſt, da, ſcheinbar wenigſtens, alle Schuld der Trennung den Grafen traf.— Durch die Teſtamentsverfügung, zu der er ihren Vater beſtimmte, glaubte er die Zukunft dieſes Kindes geſichert und kümmerte ſich nicht weiter um daſſelbe. Ebenſo überließ er Ella den Erziehern, die er reichlich bezahlte— Er ſah ſie erſt in ihrem vierzehnten Jahre wieder, und überraſcht von ihrer Schönheit, beſchloß er, ſie einſt ſelbſt in die Welt einzuführen, und hatte die Schwäche, als er zwei Jahre ſpäter dies that, ſie Ella von Bar⸗ denberg zu nennen, und ihr den Glauben zu laſſen, daß ſie ſeine rechtmäßige Tochter ſei. Damals lernte ich Ella kennen, und bald auch vernahm ich⸗ daß der Graf, unter dem Titel einer Tochter, ſeine junge Geliebte in den Kreiſen, die er beſuchte, ein⸗ führe. Man kannte ſeine ehelichen Verhältniſſe, und wußte, daß er nur eine Tochter beſaß, die bei der Mutter lebte Einige glaubten, daß Ella ſein natürliches Kind ſei, allein die Mehrzahl traute ihm nicht zu ein ſolches mit dem Glanze zu umgeben, wie es bei Ella geſchah, und lachte über eine Ver⸗ muthung, die dem frivolen Grafen freilich ſehr un⸗ ähnlich ſah. Ella, ahnungslos, zeigte ſich, wie ſie 497 war, ſtolz und glücklich ſelbſt übermüthig im Gefühl ihrer Stellung, ihres innern Werthes. Dieſes, und daß ſie ſich mit ſo freier Miene eine Tochter des Grafen nannte, rief ein ſchärferes Urtheil über das muthmaßliche Liebesverhältniß hervor, als es ge⸗ wöhnlich ähnliche Verhältniſſe trifft; und als der Graf ſtarb, wurde ſie mit Geringſchätzung behan⸗ delt und ihr ſolche entehrende Anträge gemacht, daß ich es für gerathen fand, ſie aus Paris zu entfernen, und das um ſo mehr, da des Ster⸗ benden Entdeckungen ſie von allen ihren Him⸗ meln herabgeſtürzt und der Verzweiflung nahe gebracht hatten.“— „Aber ſie, Lorenzo— ſie glaubten an Ella!“ „Ja, und zwar vom erſten Augenblick an. Es erging mir ganz eigen mit ihr; kaum war ſie einige Stunden meine Schülerin, als ich mich unwiderſtehlich zu ihr hingezogen fühlte, ohne eine Leidenſchaft für ſie zu empfinden. Ich war damals freilich ein ſchon etwas blaſirter Mann, und eben auf einem fatalen Punkt meines Lebens ange⸗ langt. Ich hatte mein ganzes Vermögen verloren und war zum erſtenmal darauf angewieſen, um Er⸗ werb zu arbeiten.“ 198 An Ella's jugendlichem Sinn und ihrer Gei⸗ ſtesfriſche ſtärkte ſich meine dem Erſchlaffen nahe Seele wieder. Ein dankbares Gefühl erwachte dafür in mir, das mich ihr nahe brachte, ohne mein Herz leidenſchaftlich zu erregen, noch meine Sinne zu reitzen; aber es veranlaßte mich, ihre Verhältniſſe genauer zu prüfen, und ein tiefes Mitleid kam hinzu, als ich erkannte, wie völlig unſchuldig ſie an der Schmach war, mit der man ihr Leben belaſtete.— Ich hatte nie an dieſelbe geglaubt— ihr Auge ſprach anderes, dennoch war es mir lieb, an dem Krankenlager des Gra⸗ fen Ueberzeugung für meinen Glauben zu gewinnen. Ich wich nicht mehr von ihrer Seite, und mit Vertrauen meine Hand ergreifend, kam ſie über jene ſchreckliche Zeit hinweg und ging mit der früheren Geiſtesfriſche wieder aus ihr hervor. Seitdem blieben wir zuſammen. Ich bin ihr Freund, ihr Bruder, Edgar— ſonſt nichts— dieſe Ueberzeugung nehmen ſie mit, doch möchte ich ihnen auch die geben, daß Ella nur in einem freien, ungebundenen Leben ihr Glück finden und, wie ich feſt überzeugt bin, dauernd nur die Kunſt und— mich lieben wird. Darum nahm ich auch keinen Anſtand, als Freund und Künſt⸗ ler mich mit ihr zu verbinden, und dies um ſo weniger, als ich überzeugt war, daß die Schmach, die man an ihre Perſon knüpfte, ſie in der Welt ver⸗ folgen würde, bis die Kunſt ihren Namen ge⸗ adelt und ſie in dieſem höhern, geiſtigen Streben allein wieder ganz erlöſchen könne. Es iſt leider in der Welt ſo, daß der Ruf einer Frau, ein⸗ mal angetaſtet, ſelbſt durch das reinſte Leben nicht ganz wieder gereinigt wird. Wir Männer han⸗ deln darin viel zu gewiſſenlos und geben oft für den augenblicklichen Gewinn ein ſchönes Leben preis, und machen uns nicht einmal einen Vorwurf daraus, und ſelbſt die Ehe iſt nicht immer das Mittel, den Flecken abzuwaſchen, den wir verſchuldet. Ein berühmter Name verwiſcht leichter ſolche Spuren, wenn ihn das Weib wirklich verdient. Vergißt man ſie auch nicht ganz— wird ſie doch entſchuldigt, und ſie muß es wenigſtens nicht ſo empfinden, wie es ſonſt nur zu oft in der härteſten Weiſe geſchieht. Sie ſtellt ſich gleich⸗ ſam über die Verhältniſſe, in denen man kein Abweichen von der Sitte und der Moral dul⸗ det, und man bewundert an ihr, als Genialilät, 200 was man ſonſt tadelnswürdig findet.— Wir Künſtler und ſogenannte Genies ſündigen leider zu viel auf dieſe Nachſicht,— allein bei einer wirklich höher getragenen Seele iſt dies nicht zu befürchten; und ein berühmter Name ſoll Ella nur vor dem Miſere eines Lebens ſchützen— das ſie zum Kind gewiſſenloſer Eltern gemacht, und ihr auch diejenige Freiheit geben, die eine Künſtlernatur bedarf.“ „Möge Ella ein ungetrübtes Glück darin finden! Bleiben ſie ihr eine feſte Stütze, Lorenzo!“ rief Edgar bewegt, und ſeine Gedanken eilten zu Wilhelmine und jener Stunde, in der auch ihr, der Heimathloſen, durch ſeine Schuld Ehre und Glück ſo leicht für immer hätte dahin gehen können. Mit recht ſchmerzlichem Vorwurf dachte er ihrer, doch ſchon zog ihn Lorenzo wieder in den Kreis der Freunde, die in ihrer Heiter⸗ keit ſie kaum vermißt hatten. Nur Ella's Auge ſchweifte anhaltend in den mondbeglänzten Gar⸗ ten hinaus, und ſie fühlte, daß es gut ſei, daß Edgar ſcheide, ſolle nicht eine Schwäche ihres Herzens ſie in ihren Kunſtſtudien ſtören. Als Lo⸗ renzo mit Edgar wieder eintrat, ſprach er mit 201 lauter und ernſter Stimme zu der fröhlichen Ge⸗ ſellſchaft: „Unſer Freund ſoll nicht ſcheiden mit dem Eindruck unſers guten Humors allein, er ſoll auch eine ſchöne Erinnerung an unſer künſtleri⸗ ſches Streben mit ſich nehmen. Dort hinter dem grünen Vorhang iſt mein erſtes Kunſtwerk ver⸗ borgen, auf das ich einigermaßen ſtolz bin. Es enthülle ſich vor Edgars ſcheidendem Blick und ſein Eindruck begleite ihn mit der Erinnerung an die frohen Stunden, die er mit uns verlebte.“ Damit zog er raſch den Vorhang von dem Bild hinweg und ein Ausruf der Bewunderung folgte nach.— Das Bild ſtellte die fromme Wallfahrerin mit dem blauen Himmelsblick dar: als Madonna, ſchwebend in leuchtenden Wolken, die einen gött⸗ lichen Schein über ſie ausgoſſen. „Erkennen ſie ſie wieder?“ fragte Ella den in ſtummes Staunen verſunkenen Edgar. „Das himmliſche Bild— ſie iſt es—“ war ſeine leiſe Antwort. Dann, als die erſte ſtille Bewunderung in lautes Lob, Fragen und Be⸗ 202 merkungen über die Entſtehung dieſes Kunſt⸗ werkes überging, trat Edgar zu Lorenzo, und ſeine Hand faſſend, bat er: „Mein Freund, wenn ſie einmal von dieſem Bilde ſich trennen wollen, ſo mache ich An⸗ ſprüche darauf. Kein Preis iſt mir für daſſelbe zu hoch.“ „Das Bild gehört Ella; für ſie malte ich dieſe Madonna, die wir zuſammen als Wall⸗ fahrerin ſahen. Nur von Ella können ſie es er⸗ 3 halten.“ Ella, die herzugetreten war, ſah Edgar prü⸗ fend an, dann ſagte ſie: „Wenn ſie mir ſchreiben werden, daß ihre 3 Verbindung mit Gräfin Aline ſie beglückt, ſoll dieſe Madonna mein Hochzeitsgeſchenk ſein. Dann mögen ſie das heilige Bild auf dem Altar der Schloßkapelle zu Bardenberg aufſtellen, damit es ſegnend auf ſie niederblicke, wenn der Prieſter Alinens Hand mit der ihren vereint.“ Edgar ſenkte das Haupt. Lorenzo zog den Vorhang wieder über das Bild. Und Ella ent⸗ fernte ſich, ehe Edgar wieder aufgeblickt hatte. — Sie kehrte nicht wieder, und die fröhlichen 203 Freunde entführten, als der Morgen graute, Edgar dem Hauſe, in dem er ſo viele ſchöne Stunden verlebt. „Auf baldiges Wiederſehen!“ klang es ihm nach. Er glaubte nicht mehr daran. Das trübe Haus der melancholiſchen Tante— die geheim⸗ nißvollen Mauern des Kloſters, in denen ſeine Verlobte weilte, und das ſtolze Schloß ſeiner Ahnen erhoben ſich drohend und gebietend vor ihm und ſtellten ſich dieſer Hoffnung entgegen, die ja auch mit Lorenzo's und Ella's Wünſchen nicht im Einklang ſtand.