Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ottmann in Gießen. Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Weih und eſebedingungen. 10Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeven Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. esepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen. müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe, hinterkegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus ibezahlt werden und beträgt; ß für wochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— . 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Es machte ſich ſeit einigen Jahren hauptſächlich durch das neue Gewand bemerklich, das ihm umgelegt worden und möglichſt zu ver⸗ bergen ſuchte, was der Zahn der Zeit an ihm zernagt hatte. Die ſchmale Vorderſeite dieſes Hauſes ging nach einem freien Platze zu, der nach und nach aus engen Gaſſen hervorgegangen war. Sie zeigte wenig bemerkenswerthes eine ſelten ſich öffnende Pforte, gekrönt mit der lebensgroßen Figur eines Heiligen, war das einzige, welches dem beſchauenden Auge etwa auffallen konnte. Zu beiden Seiten des Gebäudes zog ſich eine hohe Mauer hin, was ihm ein abgeſchloſſenes Ausſehen gab, das ſich nicht recht zu der heitern Phyſiognomie der Stadt paſſen wollte, die ſchon einige hehend e eifrigſt bemüht war, aus ihrer 1. 4 grauen, überkommenen Schale ſich loszulöſen und mit ſichtlichem Vergnügen die bunten Farben der Neuzeit trug.* Das Haus, von der hohen Mauer umſchloſſen, war auch mit einem Thurme verſehen, der ſich inmitten ſeines im Zickzack laufenden Dachwerkes erhob und auf ſeiner Spitze ein vergoldetes Kreuz zeigte. Die Bewohner der lebensluſtigen Stadt ſahen etwas verwundert das Gebäude, welches eine ziem⸗ lich lange Reihe von Jahren profanen Zwecken gedient, wieder ſeiner urſprünglichen Beſtimmung zurückgegeben, und die ſeither für Handel und Speculation benützten Räume ſich in die ſtillen Zellen eines Kloſters umwandeln. Doch der Sinn der Bevölkerung war mehr ein fröhlicher, gut⸗ müthiger und etwas leichter, als geſchäftlicher und ſpeculativer Sinn, darum auch ein äußerſt duld⸗ ſamer ünd humaner. Man ließ Jedem gerne ſein Recht und auch ſeinen Willen, ſowohl in der Welt, als im eigenen Hauſe, wie in der eigenen Bruſt. Weder ſociale, noch politiſche, noch reli⸗ giöſe Verſchiedenheiten rieben ſich herbe aneinander. Seit dem Frieden, welcher aus den Stürmen der franzöſiſchen Revolution und ihren nachfol⸗ genden Kämpfen hervorgegangen war, hatte man in der nun wieder von ſchwerem Druck befreiten Stadt ſich in gegenſeitiger Duldung geübt und dieſe ſo feſt eingebürgert, daß auch die Umwandlung des alten Gebäudes wenig Widerſpruch fand. Wie es nun vollendet in ſeiner neu⸗alten Geſtalt daſtand, ſah man es neugierig an und pries die Veränderung, ihr Gutes in's Auge faſſend. Als des Glöckleins heller Klang zum erſten⸗ mal zur Andacht in die Kloſterkapelle rief, drängte ſich Alt und Jung hinzu, und die es mit anſahen, meinten, der leichtfertigen Jugend, wie dem ge⸗ brechlichen Alter, könne häufigerer Kirchenbeſuch nur von Nutzen ſein.— Wie dem auch war Alter und Jugend füllten ſtets das kleine, neu herge⸗ richtete Gotteshaus; und wie war es auch ſo hehr und traulich darin, beſonders beim Schein der Kerzen und dem Geſang der Nonnen, der in hei⸗ liger Lieblichkeit von dem vergitterten Chore herab⸗ drang, über dem die Kuppel wie ein ſternbeſäeter Himmel ſich wölbte. Wenn dann die duftenden Weihrauchwölkchen aufwärts ſtiegen und leicht darüber hinzogen, war es ſo wunderbar, ſo ge⸗ heimnißvoll, daß Sinne, Herz und Gemüth ſich daran labten. Was wunder, daß beſonders die jugendlichen Beſucherinnen der Kloſterkapelle ſich von Tag zu Tag mehrten.— An einem frühzei⸗ tigen Herbſtabend, als eben des Glöckleins Klang wieder zur Andacht rief, und Alt und Jung durch das kleine Seitenpförtchen in die Kapelle drängte, fuhr ein Wagen— was höchſt ſelten geſchah— in die enge Gaſſe ein, in welche dieſes mündete. Doch hielt er an, bis die Letzte der noch eilends Daherkommenden eingetreten war, dann erſt lenkte er gleichfatls an das Pförtchen, und ſein Schlag öffnete ſich. Eine Frau in Mantel und Schleier gehüllt ſtieg aus, von einem kleinen Mädchen gefolgt, das etwas ſcheu umherſah. Die Frau ergriff des Kindes Hand und zog es mit ſich fort in den Kloſterhof; doch, dort eingetreten, folgte ſie nicht dem frommen Geſang, der zur Kapelle rief; ſie ging nach raſchem Umherblick einer Thüre zu, durch welche eine Treppe ſichtbar ward, die in das erſte Stockwerk des Hauſes führte. Ohne Zögern ſtieg ſie dieſelbe hinan, das kleine Mädchen nach ſich ziehend, das ſchwerfällig folgte. Oben im — Corridor angelangt, ſchien man ſie erwartet zu haben, denn eine dienende Schweſter trat ihr ſo⸗ gleich mit einem Liht entgegen und leitete ſie, nach einem frommen Gruße, ohne weitere Frage, durch einen langen Gang, der in einen Seiten⸗ flügel führte, den der Kloſtergarten umgab. Hier öffnete die Nonne eine Thüre und zeigte auf eine andere, die Frau bedeutend, daß ſie dort eintreten möge. Dieſe legte Mantel und Schleier ab, und eine ſtattliche Geſtalt kam zum Vorſchein, die jenes Frauenalter bekundete, das ſich nur ſchwer ent⸗ wöhnt, mit der Jugend in die Schranken zu tre⸗ ten. Ihr Geſicht trug die noch deutlich ausgepräg⸗ ten Spuren früherer Schönheit, welche jedoch nicht jene milde Würde zeigten, die ihren beginnenden Verfall vergeſſen macht. Es lag etwas leichtſinniges und dabei hochmüthiges in der regelmäßigen Bil⸗ dung dieſes Geſichtes, das ſelbſt der freundlichſte Aus⸗ druck deſſelben nicht ganz zu verwiſchen vermochte. Ehe ſie an die bezeichnete Thür trat, um an⸗ zupochen, ſtrich ſie über die dunkeln Locken des Kindes hin und mahnte bedeutungsvoll: „Sei artig, Wilhelmine.“ Das Kind gab keine Antwort und blieb dicht an der Thüre ſtehen, als die Frau, auf ein leiſes: Herein! ſie geöffnet und wieder hinter ihnen zugedrückt hatte. Es war ein geräumiges Gemach, in das ſie eingetreten, hoch und ſtaublos bis zur äußerſten Reinheit, die Wände in matter Farbe gehalten, der Fußboden von blendender Weiße. Alterthüm⸗ liche, etwas ſchwerfällige Meuble ſtanden in höchſt geordneter Weiſe umher; in einer Ecke war ein Betpult angebracht, mit einem Crueifir darauf, das künſtliche Blumen und Wachskerzen auf ſil⸗ bernen Leuchtern umgaben. In der Mitte des Gemaches befand ſich ein länglich⸗runder Tiſch, mit einer geſtreiften, wollenen Decke überdeckt, die mit den Ueberzügen der Seſſ el in Farbe und Muſter übereinſtimmte. Von einem derſelben erhob ſich beim Eintritt der Frau eine weibliche Geſtalt in dem Ordenskleide des Kloſters, das ein goldenes Kreuz ſchmückte. Sie neigte ihr Haupt ein wenig und bewill⸗ kommte die Eingetretene mit einem frommen Gruße Der T Ton, in dem ſie ihn ausſprach, war vollkommen ruhig und hatte keinen andern Klang, als den der Andacht.* 9 Dieſe Bewillkommnung ſchien die Frau zu überraſchen; faſt beſtürzt ſah ſie einen Augenblick auf die Nonne, dann aber, raſch auf ſie zugehend und beide Hände ihr entgegen! ſtreckend, ſagte ſie vorwurfsvoll: „Eliſabeth, ſo kannſt du mich empfangen!“ Die Nonne faltete die Hände über dem Kreuz auf ihrer Bruſt und erwiderte mit gehobener Stimme: „Zwiſchen dem Jetzt und Damals eine geraume Zeit, vergiß das nicht, Leonore.“ „Nicht mehr als zehn Jahre,“ fiel dieſe etwas aufgeregt ein.„So lange iſt es her, daß ich— „Schweige!“ unterbrach ſie gebietend die Nonne „Vergiß den Schwut nicht, den du mir 5 als wir uns für immer trennten. Du haſt ſe dem an den üppigen Freuden der Erde dich er⸗ götzt, ich habe mein Herz dem Himmel zugewendet und will nicht mehr an das erinnert ſein, was ich durch Buße und frommen Wandel geſühnt.“ „Willſt nichts, gar nichts mehr von ihr und ihm hören?“— „Nichts— nichts.“ Und die Nonne ſenkte einen Augenblick ihr Haupt, dann, es wieder er⸗ hebend, ſprach ſie würdevoll: 10 „Die Priorin dieſes Kloſters ſteht vor dir, Leonore, und dort iſt dein Kind. Laß uns zu dieſer Angelegenheit kommen.“— Ein höhniſcher Zug ſpielte um Leonorens Mund; doch die Priorin bemerkte es nicht; ſie winkte eben das kleine Mädchen zu ſich her, das noch an der Thüre ſtand und mit ſeinen großen Augen an den kahlen Wänden hinaufſtarrte. Nur langſam folgte das Kind dem einladen⸗ den Winke. Der prüfende Blick der Priorin ver⸗ finſterte ſich etwas beim Näherbeſchauen der Klei⸗ nen, deren Geſicht von kränklicher Bläſſe und wenig anſprechenden Zügen war. Selbſt das Auge, deſ⸗ ſen Schnitt und Glanz ſchön genannt werden mußte, ſah aus dem hagern Geſichtchen ſo un⸗ heimlich groß heraus, daß es einen mehr pein⸗ lichen, als angenehmen Eindruck machte. „Wie heißt du, und wie alt biſt du?“ fragte die Priorin das Kind, während ſie eine Schublade aufzog und ſüßes Backwerk herausnahm, um es ihm zu geben. „Ich heiße Wilhelmine; wie alt ich bin, weiß ich nicht,“ antwortete die Kleine. Wie, Wilhelmine,“ fiel ihre Mutter ein,„du 8 11 weißt das nicht?— Feierten wir denn nicht im Frühjahr deinen zwölften Geburtstag?“ „Ich habe das vergeſſen,“ verſetzte das Kind. Die Priorin ſprach noch einige Worte mit ihm und hieß es dann dort in der letzten Fenſterniſche das Backwerk verhehren. Wilhelmine gehorchts, doch biß ſie nur ein wenig in die Naſcherei, legte ſie dann auf das Geſimſe, drückte die heiße Stirn an die kalten Fenſterſcheiben und ſtarrte hinaus in die begin⸗ nende Dunkelheit. Leonore ließ ſich auf einem Seſſel neben der Priorin nieder, und nach einer Pauſe, in der ſie nach dem richtigen Tone eines Geſpräches zwiſchen ihr und der ehemaligen vertrauten Freundin ſuchte, begann ſie endlich etwas unſicher: „Weshalb, Eliſabeth, wieſeſt du meine Bitte, um Aufnahme meiner Tochter ſo lange zurück?“ „Hauptſächlich nur deshalb,“ war die gemeſ⸗ ſene Antwort,„weil unſer Penſionat nur eine feſtbeſtimmte Anzahl Zöglinge aufnimmt, und dieſe ſchon auf Jahre voraus vergeben war, als die Beſtimmung mir wurde, Priorin dieſes neuerrich⸗ teten Kloſters zu werden.“ „Vertauſchteſt du gerne deinen Aufenthalt in Frankreich damit?“ warf Leonore ein. „Ein höherer Wille verfügt über uns, und unſere Wünſche haben nur das eine Ziel, dem Himmel zu gefallen,“ verſetzte die Priorin, demü⸗ thig das Haupt neigend; dann fuhr ſie fort:„Es koſtete mich Mühe, die Regel des Hauſes um deines Wunſches willen zu umgehen, und wenn, nicht bereits von Frankreich aus ein Kind, als überzählig, mir hieher hätte folgen dürfen, wäre die Zahl zehn nie überſchritten worden, ſo wurde die Zwölfte geſtattet, doch nicht der Zahl der Pen⸗ ſionärinnen eingereiht. Wilhelmine iſt gleich Ma⸗ nuela überzählig und nur aus beſonderer Rück⸗ ſicht aufgenommen.“ „Sie iſt unter deiner Aufſicht, das genügt mir;“ erwiderte Leonore ſchnell.— „Doch weshalb verlangte dich ſo ſehr, dieſes Kind in einem Kloſter und nicht, wie deine ältere Tochter, in der Welt zu erziehen?“ „Das hat verſchiedene Gründe. Erſtens iſt Wilhelmine ein ſeltſames— ja, ich muß es dir ſagen, ein böſes Kind, dem ich mich nicht mehr gewachſen fühlte; dann auch,“ fuhr ſie etwas be⸗ 13 klommen fort,„ſind unſere Verhältniſſe nicht mehr ſo glänzend, wie ſie nach meines Mannes über⸗ ſeeiſchen Speeulationen geworden waren. Damals — ich muß dich daran erinnern— kamen einige günſtige peeuniäre Vortheile den einen ſchon vor meines Ma nn weißt daß 8 Rückkehr aus du“ Indien wieder hingeben Die Priorin zuckte zuſammen, und Leonore erörterte nach kurzem Beſinnen wei⸗ doch ſprach ſie nichts ter:„Jener pecuniäre Verluſt fiel mir minder ſchwer, als der, den mein Herz dadurch erlitt“— Die Priorin preßte ihre Hände feſter auf das Kreuz an ihrer Bruſt„Es mußte ſein.— Mein Mann brachte bald darauf Leonore fuhr fort: Schätze nach Hauſe; das Vermögen ſeines Sohnes aus erſter Ehe war wieder vollſtändig erſetzt, er ſtand er, der eben volljährig geworden war, überließ ihm jetzt freiwillig ſein mütterliches Erbe und ver⸗ langte ſeitdem keine Rechenſchaft darüber. Zufrie⸗ den damit, wenn die beſtimmte Jahresrente nicht fehlt, lebt er größtentheils im Ausland, ſeinem Vergnügen, theils den Künſten und Wiſ⸗ ſenſchaften, die ihn von Kindheit an mehr in⸗ ihm gerechtfertigt, ehrenvoll gegenüber, und theils 14 tereſſirten, als die kaufmänniſchen Geſchäfte ſeines Vaters.— Dieſer treibt ſich in bald glücklichen, bald verfehlten Speevlationen herum, wovon lei⸗ der die letzteren oft bedenklich überhand nehmen.“ „Du ſollteſt ihn vom Gewagten abzuhalten ſuchen;“ fiel die Priorin ein. „Das iſt nicht wohl mehr thunlich,“ entgegnete Leonore,„er hat in den letzten Jahren ſo viel verloren, daß Wagniſſe dies allein wieder erſetzen können.“ „Es iſt aber Sünde, fremdes Gut auf ein ge⸗ wagtes Spiel zu ſetzen;“ warf die Priorin ein. „Des Sohnes Vermögen iſt kein fremdes Gut, gewinnt er damit, kommt ja ein Theil des Vor⸗ theils auch ihm zu.“ „Verliert er es aber, iſt der Sohn ein Bettler, wie der Vater.“ Leonore zuckte die Achſeln, und die Priorin, als wolle ſie ſich ſchützen gegen zu lebhaften An⸗ theil an den Dingen aus der Welt, drückte das goldene Kreuz an ihre Lippen und ſagte dann: „Sprich mir nur von Wilhelmine.“ Leonore warf einen ſtechenden Blick auf ſie und ſprach: 15 „Dieſes Kind kam, wie du weißt, erſt nach der Abreiſe meines Mannes zur Welt. Als er wiederkehrte, war es ein fremder, oft ſelbſt läſtiger Gegenſtand für ihn. Wilhelmine war kränklich, dadurch ein unerfreuliches Kind, das er lieber in der Kinderſtube, als um ſich haben mochte.— Ich, durch das geſellige Haus, das wir jetzt mach⸗ ten, und durch die Erziehung der ältern Tochter ſehr in Anſpruch genommen, mußte Wilhelmine fremden Händen überlaſſen. Das wirkte ungün⸗ ſtig auf die ohnedies nicht glücklichen Anlagen des Kindes ein, deſſen Zukunft mich anfing zu beäng⸗ ſtigen. Da drang dein Name nach langer Zeit zuin erſten Male wieder an mein Ohr: ein Zufall machte mich damit bekannt, daß du aus dem Kloſter in Frankreich als Priorin hieher verſetzt worden ſeieſt. Sogleich reifte der Entſchluß in mir, dich um Wilhelminens Aufnahme in dies klöſter⸗ liche Penſionat zu bitten und das Kind an dein Herz zu legen. Wie tief es mich ſchmerzte, daß zwei Jahre hingehen mußten, ehe du meine Toch⸗ ter zu dir nahmſt, wirſt du begreifen, wenn nicht alle Erinnerungen an die Vergangenheit in dir erloſchen ſind.“ S Die Priorin erhob ſich bei den letzten, ſcharf betonten Worten raſch von ihrem Sitze, und ihren Arm wie abwehrend gegen Leonore ausſtreckend, ſagte ſie: „Es iſt genug, laß uns zu Ende kommen.“ Dann nahm ſie einige gedruckte Blätter vom Tiſche und reichte ſie Leonoren mit den Worten: „Lies, es iſt das Programm unſeres Penſio⸗ nats, du mußt dich genau damit bekannt machen, denn da Wilhelmine ein ſo ſeltſames Kind iſt, wie du ſagſt, könnten Fälle einkreten, wo ihr Hierſein unmöglich würde.“ Levnore nahm das Dargereichte zur Hand und las darin, die Priorin griff indeſſen zu einem Buche.— Das Kind ſtand noch immer in der Fenſter⸗ niſche, unbeobachtet von den Beiden; es ſelbſt ſchien übrigens auch weder ein Augenmerk noch ein Ohr für ſie zu haben; was jedoch ſeine Ge⸗ danken beſchäftigen mochte, war ſchwer zu enträth⸗ ſeln, ſo wechſelnd auch der Ausdruck ſeiner Züge war. Man konnte nur annehmgen, daß die kind⸗ liche Phantaſie, aus den unbeſtimften Gegenſtän⸗ den in der Dunkelheit draußen, ſich wunderlich Dinge geſtalte, um ſich daran zu erfreuen zu grauen, jedenfalls aber ſich damit zu unter⸗ halten, denn Wilhelmine war ſo lebhaft mit den eigenen Gedanken beſchäftigt, daß ſie erſchrocken zuſammenfuhr, als die Priorin ihren Namen rief, und erſt ſich ſammeln mußte, um ſich in ihre Um⸗ gebung hineinzufinden.— Sie blieb eine Weile wie taumelnd ſtehen und antwortete nicht; da rief auch ihre Mutter ihr zu, und jetzt erſt nahte ſie dem Tiſche, an dem dieſelbe noch neben der Prio⸗ rin ſaß, doch ohne Laut und mit geſenktem Blicke. „Das Mädchen iſt klein und ſchmächtig für ihr Alter,“ bemerkte die Priorin. „Wilhelmine war viel krank,“ ſagte gleichſam entſchuldigend die Mutter. Dann zog ſie das Kind an ſich heran und ſprach zu ihm:„Ich ſcheide jetzt auf lange Zeit von dir; doch du biſt wohl geborgen, du bleibſt in einem gottgeweihten Hauſe zurück. Sei brav, ſei folgſam; beſſere dich, Wil⸗ helmine; laß mich bald Gutes von dir hören.“ Sie ſtrich bei dieſen Worten recht zärtlich über das Haupt des Kindes hin und drückte einen Kuß darauf, währenMihr Auge forſchend auf der Priorin weilte, die ohne ſichtliche Erregung da⸗ Stein, Die Braut im Kloſter. I. 2 18 neben ſtand. Ebenſo nahm Wilhelmine die Zärt⸗ lichkeiten ihrer Mutter auf: ſie ſchmiegte ſich nicht inniger an ſie an, noch hatte ſie einen durch Thränen lächelnden Abſchiedsblick für ſie. „Grüße den Vater,“ ſprach ſie ſo hin, nur, wie um etwas zu ſagen;— vielleicht auch in dem dunkeln Gefühl, das peinliche der Abſchieds⸗ minuten damit zu beſchleunigen. „Soll ich eine Schweſter Franziska nicht auch von dir grüßen?“ fragte die Mutter mit Vorwurf. „Mache das, wie du willſt; Franziska wird es einerlei ſein;“ erwiderte Wilhelmine, und ihr umflortes Auge blitzte einen Moment ſtechend auf. Eine kleine Pauſe trat ein, dann murmelte die Mutter etwas von Trotz, Eigenſinn und Lieb⸗ loſigkeit, wobei jedoch nicht zu unterſcheiden war, ob dieſe Anſchuldigungen Wilhelmine oder Fran⸗ ziska galten, oder Beiden zugleich. Leonore nahm jetzt Abſchied von der Priorin, einen gemeſſenen, formellen Abſchied, wobei ſie in Betreff des Kindes nur noch ſagte: „Ich ſcheide ruhig, denn nirgends wüßte ich einen Ort, wo ſie beſſer aufgehoben wäre, als hier bei dir.“ ————— Dann küßte ſie Wilhelmine auf Wange und Mund und wandte ſich raſch zum Gehen. Des Kindes Arme zuckten, als die Mutter der Thüre zuſchritt: ſie wollten ſich emporheben, wie um ſie zu halten, aber ſogleich ſanken ſie wieder ſchlaff herab; als aber die Thüre ſich öffnete und wieder ſchloß, fing Wilhelmine zu zittern an und ihr ganzer Körper bewegte ſich unruhig, ihr Blick wurde unſtät, beklemmte Athemzüge rangen ſich in krampfhafter Haſt aus ihrer Bruſt, und ihre Hand, die mechaniſch einen Halt an dem Tiſche geſucht, taſtete fieberhaft auf ſeiner Decke umher. Endlich, wie von einer nicht mehr zu bezwingen⸗ den Gewalt niedergeworfen, ſtürzte ſie in die Knie, und ihr Geſicht in das Polſter eines Stuhles einwühlend, ſchluchzte ſie laut. Die Priorin, ihre eine Hand auf die hohe Lehne dieſes Stuhles ſtützend, ſah eine Weile regungslos auf das weinende Kind nieder; da— eine Thräne, vielleicht eine unbewußte Thräne, glitt über ihre ſchmale Wange, und ihr Haupt neigte ſich immer tiefer abwärts und, wie plötz⸗ lich einen Druck fühlend, hob ſie mit raſcher Be⸗ wegung die herabhängende Hand an die Stirne 28 ————————————————— 20 emnpor und ſtrich darüber hin, als wolle ſie zu tief fallende Locken zurückwerfen. Aber nicht ſei⸗ denweiche Haare, der wollene Schleier war es, den ſie anfaßte und, als ſchmerze ſie dieſe rauhe Berührung, drückten ihre Züge eine heftige und bittere Empfindung aus, und ihre Schrift war in dieſem Augenblick keine klöſterliche mehr,— doch ebenſo ſchnell, wie dieſe Chiffern, von an⸗ dern Dingen, als heiligen erzählend, ſich darauf gepreßt, erloſchen ſie wieder, und das Antlitz der Nonne war ſtill, ernſt und würdevoll wie zuvor. Sie überließ das Kind noch eine Weile ungeſtört ſeiner heftigen Erregung, und erſt als ſein Schluch⸗ zen in ſanfteres Weinen überging, beugte ſie ſich zu ihm hinab, und richtete es mit ſanfter Gewalt und liebreichen Worten empor. Wilhelmine ſah ſie ſcheu, faſt furchtſam an, doch wurde ſie ruhiger. Die Priorin gab ihr ein Buch mit ſchönen Bildern, hieß ſie auf einen Schemel in die Helle der hängenden Lampeſich ſetzen und darin leſen, bis es Zeit zum Abendeſſen ſei. Sie ſelbſt nahm gleichfalls ein Buch zur Hand und wollte vielleicht in ſeinen Inhalt Gedanken ver⸗ . ſenken, die immer noch nicht ſo tief ruhen mochten, 2⁴ als ſie es wünſchte und ihre Stellung es er⸗ forderte. Wilhelmine blätterte in dem Buche; zum Leſen hatte ſie keine Stimmung, auch die illuminirten Bilder feſſelten ſie nicht. Es war ihr noch ſo unruhig zu Sinn, noch ſo unbehaglich in dem weiten, ſtillen Gemach, allein mit der klöſterlichen Geſtalt. Sie fürchtete ſich faſt vor ihr, ſie hatte ſo etwas fremdartiges, etwas geſpenſtiſches, wie erſtanden aus längſt vergangenen Zeiten, wo die Ritter noch ihre wunderbaren Abenteuer beſtanden, und die Welt voller Burgen und Klöſter war. Sie ſchloß die Augen, um nichts mehr zu ſehen, und ihre Bangigkeit, ihre Furcht ging nach und nach in verworrene, dann ſchöne Traum⸗ bilder über. So entſchlummerte ſie zu den Füßen der Nonne, die es nicht bemerkte, bis der ermü⸗ dete Körper der Kleinen zur Seite ſank und, keine Stütze findend, hart zu Boden fiel.— Wilhelmine fuhr erſchrocken empor und rief: „Die Schlange, die Schlange! Fort, fort! Tamino, ſie tödtet uns!“ Sie hatte von der Zauberflöte geträumt, in 22 die ihre Mutter ſie unlängſt mitgenommen, um damit ihr Sträuben gegen die Kloſterpenſion zu beſchwichtigen. „Ach— ach— ich träumte ſo ſchön,“ klagte Wilhelmine;„und erſt, als ich ſo hoch herunterfiel, erſchrack ich vor der Schlange, ich wußte es ja, daß ſie dem ſchönen Prinzen nichts zu Leide thut, und die drei ſchwarzen Damen kommen ſie zu tödten.“ Dann vor die Priorin tretend, fragte ſie:„Soll ich ihnen von der Zauberflöte erzählen, oder was ich ſonſt ſchon im Theater geſehen? Ich weiß das Alles noch ganz genau.“ „Von ſolchen Dingen erzählt man hier nicht;“ mahnte die Priorin ſtrenge, ſetzte jedoch milder hinzu:„Du mußt ſie dir ganz aus dem Sinne ſchlagen; mußt nicht mehr daran denken, dann wirſt du auch nicht mehr davon träumen.“ „Kann man denn vergeſſen, was man nicht vergeſſen will? Und muß man denn nicht träu⸗ men, was man eben träumt?“ fragte Wilhelmine und ſah mit ihren großen Augen die Priorin ſo forſchend an, daß dieſe eine Beklommenheit ver⸗ ſpürte und zögernd erwiderte „Man träumt nur von dem, an das man viel 23 denkt.“ Dann griff ſie nach einer Schelle, auf deren Ruf die dienende Schweſter von vorhin eintrat. „Bringe Manuela hieher,“ befahl die Priorin. Wilhelmine ſetzte ſich wieder auf den Schemel nieder und ſtützte den Kopf in die Hand. Die Priorin ging im Zimmer auf und ab, langſam und ſchweigend.— Nach kurzer Friſt kehrte Schweſter Beate mit einem Mädchen von Wilhelminens Alter zurück. Die Priorin nahm ſie bei der Hand und ſprach in ungemein ſanftem Tone zu ihr, indem ſie auf Wilhelmine zeigte: „Das, Manuela, iſt die neue Penſionärin, die wir erwartet; befreunde dich mit ihr, ſpiele und lerne mit ihr, und bete auch mit ihr. Sie ſoll in die Zelle kommen, wo du und Beate ſchläfſt, nicht in den Saal zu den Andern.“ Manuela betrachtete theilnehmend den ihr ſo ſpeziell zugewieſenen Ankömmling, dann trat ſie zu Wilhelmine hin, reichte ihr die Hand und ſagte: „Wir wollen uns lieb haben.“ Dieſe faßte eifrig das zarte, weiße Händchen des freundlichen Kindes und ſprang haſtig vo dem Schemel auf, ihn zurückſtoßend, ſo daß er hart an den maſſiven Fuß des Tiſches anprallte. „Sei nicht ſo heftig!“ gebot die Priorin. „Du haſt mich erſchreckt!“ ſagte Manuela, doch lächelte ſie dabei. „Ich will mit dir gehen,“ flüſterte Wilhel⸗ mine der neuen Geſpielin zu. „So komm mit herab. Sie darf doch, Mutter Hildegard? Frau Thereſe iſt im Arbeitszimmer, den Penſionärinnen vorzuleſen.“ „So nimm ſie mit, Manuela, und ſei recht gut mit ihr,“ ſagte die Priorin und küßte ſie auf die Stirne. Dann legte ſie ihre Hand auf Wil⸗ helminens Schulter, daß der ſchmächtige Körper des Kindes ſich darunter beugte, und ermahnte ſie, ja recht ſanft zu ſein und aufmerkſam der Vorleſung von Frau Thereſe zu folgen. Wilhelmine, die ſchwer drückende Hand faſt ge⸗ waltſam abſchüttelnd, ſah mit einem lebhaften Blitzſtrahl ihres großen Auges auf, und dieſer Blick machte die Priorin abermals phhhgen.— Sie winkte Beate, und dieſe entfernte ſich mit den beiden kleinen Mädchen. „Jawohl, ein ſeltſames Kind, dieſes bleiche „ kleine Weſen,“ ſprach ſie vor ſich hin, als ſie allein war.„Wie ſonderbar, wie unheimlich, wie inhaltſchwer iſt dieſes Auge.— Es weckt, es mahnt— o weg damit— ich hätte nimmer ſie, noch ihr Kind in dieſes heilige Haus einlaſſen ſollen.“— Sie ſah ſich nach dieſen halblaut gemurmelten Worten ſcheu um, als hätte Jemand ſie belauſchen und damit die innerſten Gedanken ihrer Seele er⸗ gründen können.— Dann ergriff ſie das Kreuz, das ihre Bruſt ſchmückte, küßte es inbrünſtig, beugte ſich tief vor dem Crucifir auf dem Bet⸗ pulte, worauf ſie langſam von dannen ſchritt, ihrer Zelle zu. Wilhelmine an Manuela's Hand war indeſſen in der Stube angekommen, wo die Penſionärinnen an einem großen Tiſche ſaßen, mit Handarbeiten beſchäftigt; in ihrer Mitte befand ſich Frau The⸗ reſe, das aufgeſchlagene Buch vor ihr liegend. Noch hatte ſie mit der Vorleſung nicht begonnen, es fehlte ihr noch Manuela, die ſie ungern dabei vermißte, denn ſie war ſtets die aufmerkſamſte von Allen.— Doch heute ſetzte ſich Manuela nicht an ihre Seite, ſie zog ſich mit Wilhelmine 26 in den Hintergrund der Stube zurück, wo neben dem großen Ofen eine niedere Bank ſtand. Auf dieſer ließen ſie ſich nieder. Was Manuela that, wurde nie gerügt, ſo auch dieſe Abweichung von dem Gewohnten nicht. Frau Thereſe nickte ihr freundlich zu und begann dann zu leſen. Wilhelmine lauſchte kaum minder aufmerkſam, als Manuela, was dieſe mit großem Vergnügen bemerkte und ihr den Ankömmling gleich lieber machte, als alle die Andern, die mit ſo zerſtreuten Mienen am Tiſche ſaßen, und während der Vor⸗ leſung der Nonne mit verſtohlenen Blicken und Winken ſich von ans andern Dingen unterhielten. Daher kam es auch, daß ſie nie wieder zu erzählen wußten, was Frau Thereſe geleſen, und die gute Nonne gar nicht begreifen konnte, warum nur die Jüngſte, Manuela, das Talent des Wie⸗ dererzählens beſaß. Während einer Pauſe flüſterte dieſe Wilhel⸗ mine zu: „Heute mußt du die ſchöne LegenblMei Tiſch erzählen, das wird Mutter Hildegard erfreuen, und die großen Mädchen müſſen ſich ſchämen, die nie etwas wiſſen. Du kannſt doch erzählen?“ 27 „Freilich, und warum auch nicht?“ fiel Wil⸗ helmine raſch ein, und ſetzte ebenſo hinzu:„Soll ich's gleich jetzt thun?“ „Jetzt? wie könnteſt du das, da wir den Schluß noch nicht v fragte Manuela verwundert. „O, das thut nichts. Ich wüßte ſchon ein ſchönes Ende für dieſe Geſchichte.“ „Woher?“ forſchte Manuela, doch Frau Thereſe begann eben fortzufahren und ſie mußten ſtille ſein. Als ſie zu Tiſche gingen, ſagte Wilhelmine zu Manuela:„Der Schluß gefiel mir nicht. Der meine iſt viel ſchöner.“ Und als ſie von der Vor⸗ leſerin gelobt wurde wegen ihrer Aufmerkſ ſamkeit, und die Priorin ſie aufforderte, die vorgeleſene Legende zu erzählen, ſprach ſie ohne Zögern: Ich will es thun, aber ein anderes Ende will ich euch ſagen.“ „Das ſollſt du nicht,“ verwies die Priorin; „nur was du gehört, ſollſt du wieder erzählen.“ „Ich aber den Schluß nicht mehr,“ e harrte Wilhelmine. „So erzähle ſo weit du mit Aufmerkſamkeit gefolgt biſt.“ 28 „Ich weiß nichts mehr, gar nichts, ich kann nicht erzählen.“ „Wilhelmine!—“ drohte die Priorin. „Laß mich erzählen, gute Mutter,“ bat Ma⸗ nuela mit flehendem Blick auf die neue Pen⸗ ſionärin. Und ſie erzählte mit kindlicher Anmuth, was die Nonne monoton vorgetragen, und Alle hörten ihr aufmerkſam zu; ſelbſt Thereſe kam die oft ge⸗ leſene Geſchichte, aus ihrem Munde anders vor; ihre Stimme hatte einen ſo lieblichen Klang, daß ſelbſt der Neid davor verſtummte, und alle die jungen Mädchen mit liebender Theilnahme auf das zarte Kind ſchauten, deſſen feines Geſicht von der innern Erregung roſig angehaucht, ſich in wunderbarer Schöne verklärte. Auch Wilhelmine folgte mit ſteigender Bewunderung Manvela's Er⸗ zählung, doch war es weniger der Inhalt dieſer, als das lichte Weſen Jener, was ſie ergriff; denn als ſie geendet, ſagte ſie zu ihr: „Klang das Ende aus deinem Munde auch beſſer als aus dem der Frau Thereſe, weiß ich doch einen Schluß, der noch viel ſchöner iſt. Wenn wir ſchlafen gehen, erzähle ich ihn dir.“ 29 Allein zur Ausführung dieſes Vorſatzes kam ſie nicht. Schweſter Beate wich nicht aus der Zelle, bis die beiden Mädchen feſt eingeſchlafen waren, und vergebens ſuchte Wilhelmine die er⸗ fahrene Hüterin zu täuſchen. Sie wartete mit Geduld den Zeitpunkt ab, wo der Schlaf ſeinen bezwingenden Kuß auf die verſtohlen blinzelnden Augenlider der bewachten Jugend drückte, und ihm jedes geheime Verlangen in ſüßen Schlum⸗ mer einwiege. Auch Wilhelmine, trotzdem, daß ſie ſich feſt vorgenommen hatte, Beate zu täuſchen, fiel den⸗ noch in den umſtrickenden Arm des Schlafes, dem ſelten ein Vorſatz oder Verlangen des kindlichen Alters widerſteht, und ſtets Freude wie Leid von ihm umfangen läßt. Wie vieles wollte Wilhelmine der ſchnell ge⸗ wonnenen Freundin erzählen!— Manuela hatte ſie ja lieb, das empfand ſie ſchon, als dieſe die Hand ihr entgegenreichte, wurde ihr deutlicher beim Zu⸗ ſammenſitzen auf der Bank am Ofen, und zur Gewißheit, als Jene das ſtrafende Wort der Priorin mit flehendem Ton und Blick zurückhielt. Da war es ihr plötzlich, ſie müſſe ihr Alles mit⸗ theilen, was ſeither ihr Leben getrübt und er⸗ heitert, all ihren kindlichen Gram und Groll, ihr Verweilen im Elternhauſe, ihre Einſamkeit in der Kinderſtube, und dennoch ihren Schmerz bei der Trennung von derſelben. Dann wollte ſie ihr auch von Franziska, der ungeliebten Schweſter, erzählen, und von dem fernen Stiefbruder, den ſie mehr liebte, obgleich ſie ihn nur ein paarmal geſehen; und daß die ſchöne Franziska der Lieb⸗ ling von Vater und Mutter ſei, und man um ſie oft tagelang ſelbſt die Mutter ſich nicht bekümmert, auch wenn ſie krank war nicht. Alle dieſe Laſten der jungen Bruſt drängte es ſie auszuſchütten in ein liebes Herz; doch auch von den Freuden ihres Lebens wollte ſie Manuela ſprechen: von den Spazier⸗ fahrten, die ſie zuweilen mit der Mutter machen durfte, von dem prächtigen Theater, indem ſie ein paarmal geweſen, den Mährchen, die ſie geleſen, und aus denen ihr ein Schluß für die Legende eingefallen war. Damit wollte ſie eigentlich be⸗ ginnen, gleichſam als vermittelnde Einleitung für die Eröffnung und das Verſtändniß des Nachfol⸗ genden. Aber ſiehe, Alles verſchwamm in verwor⸗ renen Traumbildern, in denen nur Manuela's 31 lichte Geſtalt deutlicher hervortrat, durch den wohlthuenden Eindruck, den ſie auf ihr verküm⸗ mertes und gereiztes Gemüth gemacht hatte, das der Sonnenſchein heiliger Liebe nie erwärmt, und das abgeſperrt, in ſich ſelbſt zurückgedrängt, wenig erfreuliche Blüthen getrieben. Den Drang nach Mittheilung rief zuerſt Manuela's liebes Weſen leb⸗ hafter in ihr hervor; ſie hatte ihn früher nie ſo em⸗ pfunden, und ſie wäre der erſten Eingebung freudig gefolgt. Doch eine Nacht mit ihrem Schlaf trat dazwiſchen. Das Glöcklein zur frühen Morgen⸗ andacht rief Wilhelmine erſt wieder wach. Beate trieb zur Eile. Die Ordnung des Tages begann mit ihrem ſtetigen Gange. Der Tagesſtrahl vergönnte ein genaueres Beſchauen der umgebenden Gegen⸗ ſtände. Wilhelminens Inneres wurde zerſtreut, während die ſtrenge Regel des Hauſes kein Ab⸗ weichen von der gewohnten äußern Ordnung zu⸗ ließ. Alles nach dem Schlage der Uhr: wie der Unterricht, ſo der Gang durch den Garten; das Sitzen bei Tiſche wie das Knien am Altar.— Wilhelmine fühlte ſich dabei beklommener noch, als in ihrer entlegenen Stube im Elternhauſe, und nur Manuela's bittender Blick, ihr ſanftermah⸗ 32 nendes Wort, ihre ſichtliche Liebe, hielten Wilhel⸗ minens widerſtrebenden Geiſt im Zaume. Das zarte Kind übte mit ſeiner ſtillen Weiſe einen großen Einfluß auf Wilhelminens Thun und Laſſen aus, weniger auf ihre innere Natur, die ſich wohl zurückdrängen, aber nicht umwandeln ließ. Dadurch wurde ſie unwahr: ſie that das ihr Widerſtrebendſte oft mit ſcheinbarer Freude, von Manuela dazu ermuntert. Sie zu kränken, machte ihr Schmerz, darum unterließ ſie es, aber eben darum wurde auch Manvela nicht die Ver⸗ traute der innerſten Regungen ihrer Seele, ſie war nur der holde Engel, den ſie lieben mußte, ohne ſich ihm gerade geiſtig nahe verwandt zu fühlen. Noch gab ſie ſich darüber keine Rechenſchaft, es kam eben ſo und blieb ſo, vom erſten Tage an, der jener Nacht folgte, in der ſie ſo gerne Alles, Alles Manuela anvertraut hätte. Doch fand ſie auch außer Manuela keine an⸗ dere Vertraute. Alle die jungen Mädchen, die kamen und gingen, ſtanden ihr viel ferner, als Jene, die ſie liebte. Sie theilte wohl hin und wieder kleine Geheimniſſe mit den Penſionärinnen, wozu beſonders das Leſen verbotener Bücher gehörte, 33 allein Alles drehte ſich im Kreiſe der Kloſterräum⸗ lichkeiten und um kleine Dinge. Das Bedeuten⸗ dere in und außer ihr ſuchte ſie möglichſt abzu⸗ ſchließen vor dem Blicke Anderer, und das Unent⸗ hüllte ihres Weſens ſpukte mitunter koboldartig durch die ſtillen Räume des Kloſters, das in ſeinem gleichmäßigen ſteten Gange— morgen wie heute— keine Erwartung, keine Spannung des Kommen⸗ den zuließ. Das langweilte Wilhelmine namen⸗ los und machte ſie erfinderiſch, mit liſtiger Ge⸗ wandtheit bald das Gebotene zu umgehen, bald Verbotenes auszuführen. Gelang es nicht, brach zuweilen ihr innerer Groll unaufhaltſam hervor und ſie war dann ſo erſchreckend heftig, ſo unbändig und leidenſchaftlich, daß die Frage durch das Klo⸗ ſter hallte:„Warum wird ſie hier geduldet, die Ueberzählige, der kleine Satan, der nicht in das heilige Haus gehört?“ Manuela vermittelte dann immer wieder, auch bei der Priorin, die ſchon einige Male die Feder zur Hand genommen, Wil⸗ helminens Heimkehr von ihrer Mutter zu verlan⸗ gen. Sie, das ſanfte Mädchen, das Alle liebten, wußte ſtets den Sturm wieder zu beſchwichtigen, den Wilhelmine über ſich heraufbeſchworen, und Stein, Die Braut im Kloſter I. 3 34 ſo ward ſie denn immer wieder geduldet; doch geliebt wurde ſie nur von Manuela, die, von dem Augenblick an, wo Mutter Hildegard— wie ſie allein die Priorin nennen durfte— ihr geſagt: ſei gut mit ihr, ſpiele, lerne und bete mit ihr, ſich gleichſam berufen fühlte, ſie zu lieben und über ihr zu wachen. War Wilhelmine böſe, ſagte ſich Manvela, das kommt von der Welt draußen, denn man hatte ſie gelehrt: dort herrſche allein die Sünde, und wahrhaft für den Himmel leben könne man nur im Kloſter. Sie faßte das leicht, denn ſie hatte weder einen richtigen Begriff von der Sünde, noch irgend einem Weltverhältniſſe. All ihr Wiſ⸗ ſen knüpfte ſich an den engen Raum, dem jede ihrer Erinnerungen angehörtén. Sie war in noch ſo zartem Alter einem Kloſter in Frankreich über⸗ geben worden, daß ſie ſich deſſen nicht bewußt war Dort blühte ſie, einer zurten Blume gleich, die kein anderes Sehnen kannte, als in einem um⸗ ſchloſſenen Garten emporzublühen. An ein mögli⸗ ches anderes Leben für ſich, dachte ſie niemals, man hielt dieſe Gedanken ihr auch fern, und da ſie Liebe fand, das Element ihres Seins, erwachten 35 ſie auch nicht in ihr. Die Priorin, früher als Schweſter Hildegard in demſelben Kloſter, empfand eine ganz beſondere Vorliebe für dieſes Kind, und auch Manuela ſchien ſie nicht mehr entbehren zu können. Als von ihrer baldigen Entfernung dort, ihrer Verſetzung in das neuerrichtete Kloſter in Deutſchland die Rede war, erkrankte das Kind und bat und weinte ſo lange, bis die Erlaubniß ihm wurde, bei Frau Hildegard bleiben zu dürfen. Von da an nannte ſie Manuela Mutter Hilde⸗ gard, und ſie wurde von Allen das Kloſterkind genannt, und blieb der Liebling Aller, dem man gerne zu Gefallen lebte. Man fragte niemals nach dem Herkommen des Kloſterkindes, als ob es eben ein Engel dem heiligen Hauſe zum Ge⸗ ſchenk gebracht hätte, und keines dachte je daran, daß Manuela in die Welt zurückkehren werde; nur Wilhelmine ſpürte tiefer mach, doch auch ihre ſchlauſten Fragen blieben erfolglos; ſie wurden zurückgewieſen, oder dahin beantwortet: des Kin⸗ des Beſtimmung ſei von der Geburt an das Klo' ſter geweſen Ein„Warum?“ war hier nicht er⸗ laubt, und Wilhelmine unterdrückte es auch; aber deſto ungeſtümer regte ſich in ihr ein Auflehnen * 3* gegen das beſtimmte Geſchick von Geburt an, und ſie dachte: bin ich nur erſt wieder in der Welt draußen, dann will ich laut nach dem Warum? und— Manuela rufen. Das Schlimme, was ſie im zarten Alter ſchon in der Welt erfahren, verwiſchte ſich, wie es über⸗ haupt in jungen Jahren mit dem Schmerzlichen zu geſchehen pflegt, und nur die wenigen Licht⸗ punkte ihres Kinderlebens blieben lebendiger in ihrer Seele haften, und an dieſe knüpfte ſie ihre Hoff⸗ nungen, ihre Wünſche und Zukunftsgebilde an, und ihr Verlangen, der klöſterlichen Penſion wie⸗ 1 der zu entkommen, regte ſich mit jedem Zeitab⸗ ſchnitt lebhafter in ihr. Allein einer nach dem andern ging hin, und keine Stimme rief ſie in das Elternhaus zurück. Die Penſionärinnen wech⸗ ſelten, dieſe gingen, jene kamen, nur Manuela und Wilhelmine blieben.— Sie ſchienen vergeſſen zu ſein von der Welt und ihrer Familie. Manuela wußte von beiden nichts und verlangte nicht dar⸗ 1 nach, aber Wilhelmine war es oft, ſie müßte die Mauern durchbrechen, die ſie gefangen hiel⸗ ten, wie einen Vogel im Bauer. Fragte ſie ein⸗ mal: kommt meine Mutter noch nicht, mich ab⸗ — 37 zuholen? war die ſtete Antwort: ſie ſchreibt nichts davon. Wilhelmine hatte in den erſten Jahren hin und wieder ein kleines Briefchen erhalten als Ein⸗ ſchluß an die Priorin, doch das hatte längſt auf⸗ gehört, und trotzig, wie ſie war, fragte ſie auch nicht darnach. Jünf Jahre gingen ſo hin. Manuela blühte wie eine duftige Mairoſe auf, doch Wilhelmine's Wan⸗ gen wollten ſich nicht röthen, ihr Körper nicht rund, friſch und anmuthig werden.. Es war, als ob der Drang nach Freiheit, den ſie gewaltſam in ihrer Bruſt bannen mußte, ihre Entwicklung beeinträchtige; ſie blieb klein, ſchmäch⸗ tig und bleich, unſchön bis auf das Auge, in dem ſich die verborgene Gluth der Seele abſpiegelte, und deſſen wechſelnder Glanz ihre geheime r½ regungen zu verrathen drohte, ohne die gewohnte Senkung der Lider mit dem dunkeln Wim ſchleier Eines Abends, es war kurz vor Wi minens ſiebzehntem Gebzrtstage, ließ die Prio ſie zu ſich in ihre Zelle rufen. Es war dies et⸗ was ſo Außergewöhnliches, daß ſie ein leichtes Erſchrecken nicht unterdrücken konmg, und obgleich ſie gemeſſenen Schrittes dem Befehl folgte, ihr Herz ſtärker zu pochen begann, als ſie das 39 leiſe„Herein“ der Priorin vernahm. Dieſe ſaß am Fenſter und hielt einen offenen Brief in der Hand. Sie winkte Wilhelmine zu ſich heran⸗ indem ſie ſagte: „Ich habe Nachrichten von deiner Mutter er⸗ halten, über die ich mit dir ſprechen muß. Sie ſind ſchmerzlicher Art und geben dich meiner Obhut und Sorge ganz anheim.“— Wilhelmine erbebte und wagte keine Frage die Priorin fuhr nach tiner kleinen Pauſe fort: „Schon ſeit mehreren Jahren nahmen die Ver⸗ hältniſſe deines Vaters eine ſehr ungünſtige Wen⸗ dung. In wie weit es ſeine eigene Schuld iſt⸗ wollen wir vnerörtert laſſen— deine Mutter ſprach erſt nur in Andeutunhen davon, doch bald vrückten ihre Briefe ſich beſtimmter aus.— Was konnte ich dabei thun? Für dich ſorgen wie zu⸗ 8 war däs Einzige was in meiner Macht lag. Es ſchien mir überflüſſig, dein junges Leben da⸗ jetzt, da es ſo weit gekom⸗ 6 nit zu belaſten, doch men iſt, muß ich offen mit dir darüber ſprechen; auch biſt du alt genug, um verſtändig zu ſein.“ „Aber wg iſt es?“ bebte es von Wilhelminens erbleichenden Lippen. Die Priorin ſah ſie eine Weile forſchend an. 40 dann ſagte ſie ruhig:„Dein Vater iſt als Ban⸗ krotirer entflohen. Viele Familien, die ihm ihr Hab und Gut anvertrauten, ſind dadurch an den Bet⸗ telſtab gebracht.— Das ganze Vermögen deines Stiefbruders iſt verloren. Deine Mutter hat mit Franziska die Heimat verlaſſen, um in der Ferne Schutz und Hilfe zu ſuchen.“ Wilhelmine verhüllte einen Augenblick ihr Ge⸗ ſicht, dann aber, dicht vor die Priorin hintretend, fragte ſie heftig: „Weshalb erfahre ich das Alles jetzt erſt?⸗ „Dieſer vor einigen Stunden erſt angekom⸗ mene Brief brachte die ſchlimmen Nachrichten,“ erwiderte die Priorin kalt, indem ſie das Schrei⸗ ben zuſammenfaltete.* „Warum rief meine Mutter mich nicht zu ſich, ehe das Unglück hereinbrach?“ rief Wilhelmin mit ausbrechendem Schmerz.— „Was ſollteſt du deiner Mutter? Ihre Laſt noch mehren durch deine Gegenwart?“ fragte die Priorin ſich erhebend. „Ihre Laſt mehren, wenn ich das Unglück mit ihr getragen?“— 6 Die Priorin legte ihre Hand auf Wilhelminens 41 Schulter— es ſchmerzte ſie, wie damals bei ihrem erſten Zuſammenſein, und ſie zuckte wiederholt, als jene verweiſend ſagte: „Was vermögen dieſe ſchwachen Schultern denn zu tragen?— Danke Gott, daß du hier biſt, wohl gehütet und gepflegt.“ „Aber was ſoll aus mir nun werden, da ich keine Heimat mehr habe?“ klagte das junge Mäd⸗ chen, unter der Macht dieſes Gedankens gebeugt. „Du biſt ja hier;“ beruhigte die Priorin. „Ohne Penſionsgeld!“ erwiderte Wilhelmine rückſichtslos. „Das wurde ſchon Jahre her nicht mehr für dich entrichtet,“ verſetzte die Priorin ebenſv. Eine Pauſe trat ein. Wilhelmine fühlte ſich gebeugt, verlegen, unſchlüſſig; geſenkten Hauptes ſtand ſie da. Die Priorin betrachtete ſie eine Weile aufmerkſam, dann küßte ſie ihre Stirne und ſprach in liebreicherem Tone zu ihr: „Deine Mutter war meine Jugendfreundin, ſie vertraute dem Nachklange dieſer Freundſchaft und überließ dich mir. Ich werde ferner für dich Sorge tragen, wie ich es ſeither gethan. Sieh unſer heiliges Haus als deine Heimat an.“ 42 Wilhelmine wurde todtenbleich, doch erwiderte ſie nichts. Die Priorin legte den Arm um ſie und faſt unwillkürlich neigte ſie ihr Haupt an die Bruſt derſelben. „Ich habe dich lieb, Wilhelmine,“ ſprach jene leiſe und bewegter, und möchte dich, gleich Ma⸗ nuela, bei mir behalten; bezwinge dein böswil⸗ liges Weſen und du ſollſt wie ſie mich Mutter nennen.“ „Und ein Kind des Kloſters ſein!“ hallte es in Wilhelmine nach, und ſie entriß ſich der zärt⸗ lichen Umarmungund ſtarrte die Priorin fragend an. „Was haſt du?“ fragte dieſe überraſcht. „Ich— ich möchte wiſſen,“ erwiderte Wil⸗ helmine ſchnell ſich bezwingend,„warum es ſo— ſo— ſchlimm mit meinem Vater ging? Er war doch ſo reich, Feſte wurden in unſerm Hauſe ge⸗ geben, deren fröhlicher Klang bis in meine ent⸗ legene Stube drang. Meine Mutter ging immer prächtig gekleidet und Franziska auch. und ſie fuh⸗ ren täglich aus, auf die Promenade, in Geſell⸗ ſchaften, in's Theater. Um das letztere beneidete ich meine Schweſter allein; ach, durfte ich einmal 6 mit, war ich wieder glücklich auf Wochen!“ 43 „Danke Gott, daß du ſolcher Zerſtreungen entwöhnt wurdeſt, daß deine Kränklichkeit dich zu Hauſe hielt, ſie war eine weiſe Fügung des Himmels, dir den Weg hieher zu bahnen und dich dem harten Loos zu entrücken, das jetzt deine Schweſter trifft. Es iſt ein furchtbar ſchweres Geſchick, verwöhnt von den Freuden und dem Lurus des Lebens, plötzlich zu den Herunterge⸗ kommenen zu gehören. Du kannſt dies Unglück nicht in ſeiner ganzen Größe begreifen, weil du die Verhältniſſe des Lebens nicht kennſt, aber glaube mir, beſſer iſt's, von der Geburt an in elender Hütte zu wohnen, als vom Reichthum zur Armuth herabzuſteigen. Dir wurde das beſte Loos unter den Deinen; du bleibſt, wo du hei⸗ miſch geworden biſt, ein Kind des Hauſes, deſſen liebender Schutz dir bleiben wird, ſo lange du dich ſeiner würdig zeigſt. Wilhelmine griff an ihre Stirne, als müſſe ſie ſich erſt überzeugen, ob es wahr, daß ſie wirklich ſo verwaiſt geworden, um nur bei frommer Mild⸗ thätigkeit noch eine Heimat zu finden. Doch die Priorin ließ ihr zum Nachdenken keine Zeit; ihre Hand auf Wilhelminens Haupt legend, ſprach ſie 44 liebreich, doch mit einem Beigeſchmack jener ernſten Salbung, die mehr einſchüchtert als be⸗ ruhigt und keinen Widerſpruch erlaubt: „Wo könnteſt du auch beſſer aufgehoben ſein, als hier unter meinem und des Himmels Schutz? Hier biſt du geborgen gegen alle Anfechtungen der Welt. In ihr lauert die Sünde und das Verderben und — der Schmerz. Wohl denen, die nie in Ver⸗ ſuchung kommen, ihr Leben fließt dahin wie die ſanft murmelnde Quelle durch friedlich⸗ſtille Gründe bis an das Meer der Ewigkeit.— Gehe jetzt beten, liebes Kind; in der Kapelle iſt es ſtill heute; geh und ſuche dich zu ſammeln an heiliger Stätte. Gottes Engel werden dich dort umſchweben und Maria, die gnadenreiche Mutter, wird dir ſüßen Troſt ſpenden und dei⸗ nen unſteten Sinn zuſammenfaſſen in frommem Lieben, Hoffen und Glauben.“ Nach dieſen Worten machte ſie das Zeichen des Kreuzes über Wilhelmine, die leiſe erzitternd daſtand, küßte abermals ihre Stirne, wand dann einen Roſenkranz um ihre Hand und drängte ſie ſanft zum Gehen. Als Wilhelmine die Zelle der Priorin ver⸗ 45 laſſen, warf ſie das geſenkte Haupt wie im Trotze empor, doch gleich es wieder beugend und die Hände über den Roſenkranz gefaltet ſchritt ſie, wie ihr geheißen, der Kapelle zu. In einer Seitenniſche derſelben befand ſich ein kleiner Altar der Muttergottes geweiht. Er war mit Blumen geſchmückt und blendend weiße, reich geſtickte Tücher bedeckten ihn. In ſeiner Mitte erhob ſich eine Statue der Himmelskönigin, mit goldener Krone und Purpurmantel angethan; ſie ſah bei der magiſchen Beleuchtung, die durch die bunten Fenſterſcheiben hereinfiel, recht anſprechend aus. Auch gehörte die Statue wirklich zu einem der gelungeneren dieſer zweifelhaften Kunſtwerke, an denen die katholiſche Kirche ſo überreich iſt. Das Antlitz der Heiligen war weich und mild, ihr Haupt, obgleich 8 die Krone trug, neigte ſich demüthig hinab zu dem göttlichen Kind, das in ihrem Arme ruhte. Sie war Königin, Mutter und Magd zugleich und ſo eine Heilige, zu der ſich's gerne beten ließ; auch war ihr Altar ſel⸗ ten unbeſucht, doch an dieſem Abend war es leer in der Kapelle; es war ein Tag der ſtillen An⸗ dacht für das Kloſter geweſen, deſſen Ende das Glöcklein kurz zuvor angedeutet hatte, ehe Wil⸗ helmine eintrat. Sie ging zu dem Muttergottesaltare hin und ſank auf ſeiner unterſten Stufe auf die Kniee nie⸗ der, doch zu beten vermochte ſie nicht, vermochte es wenigſtens jetzt noch nicht. Was ſie in der letzten Stunde erfahren, ſtürmte durch ihre Seele und klang darin nach wie„ewiges Gefangenſein“ und, was bis jetzt noch nicht zu ſo recht leben⸗ diger Anſchauung in ihr geworden, wachte mit einem Male in ihr auf, geweckt von dem einen gewaltigen Verlangen nach Freiheit. Seither war ihr Bleiben ein bedingter Zwang geweſen, der ſie in der klöſterlichen Penſion gehalten, jetzt war ihr Leben gewiſſermaßen dieſem Zwange ganz ver⸗ fallen, ihm unterthan, und es ſträubte ſich dagegen mit dem ihm innewohnenden Drang nach Selbſt⸗ ſtändigkeit. Dazu kamen alle ſeitherigen Träume von der unbekannten Welt draußen, alle Hoff⸗ nungen und Erwartungen einer unbeſtimmten Zukunft, die heute plötzlich eine andere und be⸗ ſtimmtere Geſtalt angenommen, durch die Vernich⸗ tung der Heimat im Elternhauſe. Doch wie es auch in ihr durcheinander wogte, ſie verharrte äußerlich in ihrer ruhigen Haltung. Und ſo groß iſt die Macht der Gewohnheit, daß Wilhelmine ſelbſt die Perlen des Roſenkranzes durch ihre Finger gleiten ließ, und ihre Lippen ſich bewegten wie zum Gebet. Auch ihr Auge ſchlug ſich wiederholt zu dem Gnadenbilde auf, und da das Verlangen nach Troſt und Beruhi⸗ gung überwiegend wurde, richtete ſie es immer inbrünſtiger zu der himmliſchen Mutter empor. Ihr Gedächtniß ſuchte nach einem Gebet, da ihr Herz keines fand, welches ſie hier auszuſprechen wagte. Ihre Hände, vom Roſenkranz umſchlungen, preßten ſich auf ihre Bruſt, gleichſam den Sturm darin niederzuhalten, während ihr Mund, halb⸗ verworren dem Gedächtniß folgend, eine Litanei an die Himmelskönigin murmelte: „Herr, etbarme Dich unſer! Chriſti, erbarme Dich unſer! Heilige Matis erbarme Dich meiner!“ In dieſem Augenblick blitzte ein letzter Son⸗ nenſtrahl über die Statue hin und blieb an ihrer goldenen Krone haften, deren Steine wunderbar flimmerten und blitzten. Wilhelmine hielt in ihrem Gebet inne und 48 durch das wogende Meer ihrer Gedanken, ihrer Wünſche und ihres Sehnens eraltirt, und immer verwirrter, ſprang ſie über einige Sätze der Litanei hinweg und flehte jetzt lauter und inbrünſtiger: „Mutter der göttlichen Gnade! Du Sitz der Weisheit, Du ſchimmernde Roſe— Du Thurm Davids— Du— Du— Königin des Himmels— Mit Deiner goldenen Krone. Ach, wie ſie leuchtet, wie ſie ſtrahlt Deine Krone und Dein Purpurmantel, Wie prächtig biſt Du doch, gebenedeite Mutter! Heilige Jungfrau— o. Du gütige Mutter bitt' für uns— für mich! Ach, Du gnadenreiche Mutter — Du ſüße— Du reiche Mutter— gewähre gnädig mir— des Lebens ſchöne Freude verleihe Du mir Schwin Mauern hinweg, hinaus i, die ja auch anbetend Dir zu Füßen liegt. Mit ihr möchte ich zu Dir beten— mit ihr lachen, weinen, mich des Him⸗ mels und der Erde freuen— laut— laut— laut— nicht ſo einſam, ſo ſtille wie hier und koſten möchte ich von der Erde höchſter Luſt bis zu ihrem tiefſten Leid!“ ag über dieſe 49 Wilhelmine, die während dieſes ſeltſamen Ge⸗ betes, den Kopf in den Nacken geworfen und mit ihrem glühendſten Blick hinaufgeſchaut hatte zu dem Gnadenbilde, ließ ihn jetzt wie erſchöpft nach vorn ſinken. Ihre Gedanken verloren ſich in die Welt außerhalb dieſer Mauern, und was ihr Mund jetzt noch murmelte, war kein Flehen mehr um höhern Schutz, es waren nur noch die einzel⸗ nen, abgeriſſenen Laute eines lange zurückgedräng⸗ ten Sehnens, die ſich bald hoffnungsfreudig, bald ſchmerzlich aus der übervollen Bruſt hervorrangen. Ort und Zeit entſchwanden ihr, doch verharrte ſie in ihrer andächtigen Stellung, und man hätte ſie, die Hände mit dem Roſenkranz umwunden, für die inbrünſtigſte Beterin halten können. Manuela, die ſich langſam und unhörbaren Schrittes dem Altare nahte, glaubte es nicht an⸗ ders. Sie hatte von der Priorin das Unglück vernommen, welchem die Familie ihrer Freundin anheimgefallen war, und auch gehört, daß Wil⸗ helmine zum Gebet in die Kapelle gegangen ſei. Manuela wollte mit ihr beten, mit ihr weinen und ſie zu tröſten ſuchen; deshalb folgte ſie ihr nach und fand ſie noch, wie ſie erwartet, an den Stein, Die Braut im Kloſter. I. 4 50 Stufen des Altares, an dem ſie ſtets mit einan⸗ der zu beten pflegten. Wilhelmine bemerkte jedoch ihr Nahen nicht, ja ſie bemerkte nicht einmal, als Manuela ne⸗ ben ihr niederkniete. Dieſe ſprach ein ſtilles Ge⸗ bet, dann ſah ſie wieder auf die noch immer tief in ſich verſunkene Wilhelmine. Sie ſchlug ihr Gebetbuch auf und las darin, bis es dämmerig wurde. Wilhelmine mit ihrem unverſtändlichen Gemurmel und ihren zuckenden Bewegungen fing an ſie zu beunruhigen. Darum ſprach ſie jest laut„Amen, Amen.“ Wilhelmine ſah empor, wie aus einem ſchönen Traume aufgeſchreckt. Sie fuhr mehrere Male über ihre Stirne, ihre Augen, als könne ſie ſich noch nicht in das Erwachen finden, dann ſtam⸗ melte ſie: „Manuela, du— du hier?“ „Ich betete mit dir“ ſprach dieſe ſanft. „Du, Manuela, du! Und du hörteſt mein Gebet?“ „Wer wird Gebete belauſchen?— Nein, Wil⸗ helmine, ich ſah nur, wie inbrünſtig du beteteſt. — Arme Freundin, dir ward heute ein herbes 51 Leid zu Theil; ich mußte dir hierher folgen; mein Herz ängſtigte ſich um dich. Wir ſind kleinmü⸗ thig, wenn es ſich um das Weh Anderer handelt. Doch deine Thränen waren ſchon verſiegt, als ich kam; die ſüße, die milde Himmelsmutter hatte dich bereits getröſtet.— Wie mich das erfreut, nein nicht erfreut, es beſeligt mich, denn mein liebſter Erdenwunſch knüpft ſich daran: Du für immer hier bei mir.“ Wilhelmine machte eine raſche Bewegung und ihr Mund öffnete ſich, als wolle ſie etwas ent⸗ gegnen, doch ſie ſah Manuela's glückliches Lä⸗ cheln und ſagte nur: „Wie meinſt du dies?“ Manuela ſchlang den Arm um ſie und zog ſie in einen Betſtuhl, der zur Seite des Altars ſtand, und flüſterte ihr zu: „Laß uns hier niederſitzen und noch ein wenig miteinander plaudern.“ Dann fuhr ſie, ihr innig in's Auge ſehend, fort:„Beglückt der Gedanke dich nicht auch, daß wir zwei hier für immer beieinander bleiben ſollen? Ich wüßte nicht, was du Beſſeres wollen könnteſt. Kir graut vor dem Draußen, deſſen dumpfer Lärm mich ängſtigt, 4* S 52 ſo oft er an mein Ohr dringt. Hier im Kloſter iſt's ſo ſtill, ſo friedlich und ſo heilig, und wenn ich daran denke, du auch für immer in dieſen Mauern, wird es mir ganz ſelig zu Muth; dies eine nur fehlte mir ſeither, wie oft betete ich darum, und nun will es ſich erfüllen.“ Sie um⸗ faßte die Freundin inniger, und wie aus tiefſter Seele kommend, klang es leiſe an ihr Ohr:„Wir lieben uns ſo recht, recht von ganzem Herzen; nicht wahr, meine liebe, liebe Wilhelmine?“ Wilhelmine drückte einen heißen Kuß auf die zarte Wange ihrer Freundin, dann neigte ſie das Haupt an ihre Bruſt, und Manuela ſprach mit unnachahmlich holder Stimme: „Wir werden nach und nach ganz eins wer⸗ den, unſere Seelen in der einen höchſten Freude ganz verſchmelzen: Bräute des Himmels zu ſein.“ Wilhelmine erhob einen Augenblick ihr Haupt, ließ es aber ſogleich wieder an Manuela's Bruſt ſinken, und dieſe fuhr fort: „Die unheiligen Gelüſte, die noch mitunter ihr falſches Weſen in dir treiben, werden gans entſchwinden, ſobald nur erſt der Vorſatz, dem Dienſte Gottes dich zu weihen, feſte Wurzel in dir geſchlagen hat; dann wirſt du, wie ich, ſelige Wonnen empfinden; geheime, heilige Freuden dir werden, die alles Erdenglück überwiegen. Ich will dir ganz vertrauen, Wilhelmine, biſt du doch jetzt meine Schweſter.— Sieh, oft in den Stunden der Nacht, wenn ihr Alle ſchlummert, und Mond und Sterne mir leuchten, zieht es mich hieher, in dieſes Heiligthum; und wenn ich dann lange am Altare der himmliſchen Mutter in frommem Gebete gelegen, wird es hell um mich her, wunderbar hell, und heilig ſchöne Ge⸗ bilde erſtehen vor mir. Aus dem Garten dringt der Jasmin⸗ und Roſenduft herein, und von der Kuppel herab ertönen ſüße Melodien. Aus den Wänden treten heilige Geſtalten, von bläulichem Lichtglanz umfloſſen, und über ihnen ſchweben Engel mit roſigen Schwingen;— in ihrer Mitte naht er, der Göttliche, mit dem Strahlenſcheine um ſein ſchönes, ſein heiliges Haupt, ſein Gewand iſt weißſchimmernd, wie der Schnee in ſternheller Nacht, ſeine Locken golden, wie die Sonne, ſein Auge dunkel, wie der tiefblaue Maihimmel, und er lächelt mir zu und tritt dort an den Hochaltar, und alle die Heiligen und Engel ſchaaren ſich um 54 ihn.— Da ſehe ich mich dann ſelbſt neben ihm ſtehen; meine Seele tritt gleichſam aus ihrer Hülle in eine andere— und ich empfinde, wie der Gött⸗ liche mich mit ſeinem Kuſſe zur Himmelsbraut weiht, wie der Myrthenkranz mein Haupt berührt, der weiße Schleier mich umwallt und ich ſinke nieder vor ihm und dem Prieſter, der im biſchöf⸗ lichen Ornate am Altare ſteht, mich einzuſegnen, und in heiligem Entzücken jauchzt meine Seele: „Deine Magd bin ich, o Herr, auf immerdar!“ Manuela's gefaltete Hände legten ſich auf Wilhelminens Haupt und preßten es noch feſter an ihre hochwogende Bruſt, während ihr Auge mit Thränen gefüllt, die Mutter des göttlichen Sohnes ſuchte, dem ihr Leben zu weihen, ſie mit unnennbarer Wonne erfüllte. „Manuela, Manuela! ich fürchte, dein Weg iſt gefährlicher noch, als der meine,“ ſprach leiſe und bebend jetzt Wilhelmine und entwand ihr Haupt dem Druck ihrer Hände und ſah ſie voll Beſorgniß an. So unerfahren ſie ſelbſt auch noch in allen Dingen war, empfand ſie doch, daß die fromme Schwärmerei ihrer Freundin eine gefähr⸗ liche ſei, kaum minder gefährlich, als ihr eigenes 55 heißes Verlangen nach den Freuden der Welt⸗ „Du mußt dich ſolchen Viſionen nicht hingeben. Manuela,“ warnte ſie;„ſie ergreifen dich zu ſehr. O Gott, wie du bleich biſt, und— du weinſt!“ „Schmerzlich ſüße, ſelige Thränen!“ flüſterte jene und lehnte erſchöpft ihr Haupt an Wilhelmi⸗ nens Schulter. „O, könnten wir beide fort, hinaus in die Welt!“ rief es in Wilhelmine, und ſie fragte: „Dachteſt du denn nie daran, das Kloſter wieder zu verlaſſen?“ „Ich, fort von hier!“— rief Manuela ſtaunend. „Weißt du denn gar nichts von einer Hei⸗ mat draußen?“ Manvela ſchüttelte langſam ihr Haupt und verneinte es. „Gedachteſt du denn nie einer Mutter oder ſonſt eines lieben Weſens, das dir draußen lebt?“ Sie dachte ein wenig nach, dann ſagte ſie: „Man erzählte mir, meine Mutter habe mich ſchon vor meiner Geburt dem Kloſter geweiht.“ „Und du fragteſt nicht, wer deine Mutter war, wie man ſie nannte—2 Du weißt wohl 56 nicht einmal, ob ſie geſtorben oder noch lebt?“ drängte Wilhelmine eifrig. „Von Alledem weiß ich nichts,“ erwiderte Ma⸗ nuela nach einer Pauſe. „Armes Kind!“ murmelte Wilhelmine— doch war ſie nicht auch arm, gleich ihr? Fehlte ihr nicht auch jede andere Heimat, außer dem Klo⸗ ſter? Und war Manuela nicht glücklicher, als ſie, die ſie dieſem Zufluchtsort um jeden Preis entkommen wollte? Durfte ſie die Freundin in dem Glücke ſtören, das ſie hier fand? Lag doch ihre eigene Zukunft noch ſo nebelhaft vor ihr, und war die Hoffnung auf der Zukunft Glück auch die überwiegende in ihr, wie in jedem jungen Herzen, hatte ſie doch Scharfſinn genug, um ſich zu ſagen: auch das Verderben könne ſie ereilen bei einer Flucht aus dem Kloſter. „Komm in unſre Zelle, es wird düſter hier,“ ſprach ſie nach einigen ſtillen Minuten, und ſie zog Manuela mit ſich fort. In ihrer Zelle angekommen, gewahrte ſie mit Schrecken, wie bleich und angegriffen Manuela aus⸗ ſah; ſie wollte Beate rufen, doch Manuela gab es nicht zu. Sie ſetzte ſich neben ihr Lager und lehnte 57 ihr Haupt müde daran. Wilhelmine ließ ſich auf den Schemel zu ihren Füßen nieder und nahm ihre Hand. Sie war glühend heiß und zitterte. „Ob meine Mutter wohl noch lebt,“ ſprach Manuela leiſe vor ſich hin, ſo leiſe, als ob ohne den Willen der Gedanke einen Laut gefunden, und noch leiſer und zitternd klang es nach einer Weile nach:„Sie iſt wohl im Himmel und ſieht von da auf mich herab.“ Dann brach ſie in ein heftiges Weinen aus, welches ſo krampfhaft wurde, daß Wilhelmine nach Hilfe rief.— Manuela erkrankte und zwar ſo heftig, daß man einige Tage für ihr Leben fürchtete. Mit ihrer Wiedergeneſung ging es langſam; ſie blieb Monate lang in einem ſo geſchwächten Zu⸗ ſtande, daß ſelbſt Wilhelminens Nähe nicht oft geſtattet wurde. Sie durfte nie mehr ohne Erlaub⸗ niß bei ihr eintreten und nur unter Aufſicht mit ihr ſprechen.— Das machte ihr den Aufenthalt im Kloſter ganz unerträglich, was ſich noch ſtei⸗ gerte, als ihr die Priorin mittheilte, Manuela werde künftig ihre Zelle mit Beate allein bewoh⸗ nen, und ſie neben Frau Thereſe das kleine Schlaf⸗ 58 gemach beibehalten, das ihr während Manuela's Krankheit angewieſen worden. Sie fühlte aus dieſer Verordnung nicht nur die Nothwendigkeit für Manuela's Geſundheitszuſtand heraus, ſondern auch die Abſicht, dieſe ihr fern zu halten. Ueberhaupt bemerkte ihr ſcharfer Blick, daß ein gewiſſes Miß⸗ trauen ſie verfolge: man ließ ſie nie mehr mit Ma⸗ nuela allein, auch wie dieſe wieder ganz hergeſtellt war. Am Morgen eines nebligen Spätherbſttages fehlte Wilhelmine beim gewohnten Gebet in der Kapelle. Thereſe, welche ziemlich ſtumpf geworden war, meinte nach der Betſtunde, ſie müſſe wohl krank ſein und ſie wolle gleich nach ihr ſehen.— Sie that dies auch, fand jedoch Wilhelmine nicht mehr in ihrem Schlafgemach und nahm an, ſie ſei zum Frühſtück der Penſionärin⸗ nen hinabgegangen, das dieſe unter Aufſicht einér 2 Kloſterfrau einnahmen; die älteren Nonnen früh⸗ ſtückten in ihren Zellen und auch Thereſe gehörte zu dieſen. Erſt beim Mittagstiſch ſtellte ſich her⸗ aus, daß Wilhelmine weder unwohl war, noch ſich bei den Penſionärinnen eingefunden hatte. Man ſuchte, man rief nach ihr, jedoch vergebens, ſie war nirgends zu finden, und eine große Auf⸗ 59 regung kam deshalb unter die Bewohnerinnen des Kloſters. Die Priorin, im höchſten Grade beunruhigt, that ſogleich alle möglichen Schritte zur Auffindung der Entflohenen, doch keine andere Spur wollte ſich von ihr zeigen, als die Spur des Weges, den ſie aus dem Kloſter genommen: ſie hatte die Lei⸗ ter des Gärtners benützt, der die Bäume des Klo⸗ ſtergartens gerade in dieſen Tagen beſchnitt, und war mit ihrer Hilfe über die Mauer geſtiegen. Wohin jedoch ihr Weg ſie weiter geführt, blieb räthſelhaft. Es war, als ob der tiefe Schnee, der gleich nach ihrer Flucht alle Fluren bedeckte, die Spuren ihres Fußes gänzlich verwiſcht habe. Für das Kloſter blieb der Vorfall ein ärger⸗ licher, den man möglichſt geheim zu halten ſuchte. Dennoch drang er als ein Gerücht in die Stadt hinaus, das alſobald, eine pikante Neuigkeit, ſich mit allen möglichen gehäſſigen und romantiſchen Zuſätzen ausbreiten wollte, doch von vielen Sei⸗ ten als eine Erfindung müßiger Köpfe zurückge⸗ wieſen und damit nach kurzer Zeit der Vergeſſen⸗ heit wieder überantwortet wurde. di Viele Stunden von der Stadt entfernt, in der das Kloſter lag, das Wilhelmine in kecker Flucht verlaſſen, erhob ſich in einer fruchtbaren und ſchö⸗ nen Gegend, am Eingang eines Thales ein Schloß, ſtolz, grau und epheureich. Seine Thürme und Balkone ſpiegelten ſich in dem Fluſſe, der ſich an ſeinem bewaldeten Fuße durch Wieſengründe und Rebenpflanzungen ſchlängelte. Die Anhöhen dieſes anmuthigen Thales ſahen mit ihren bewaldeten Häuptern noch leuchtend in ſeine ſchattige Tiefe hinab, als ein langer Zug Wanderer die Straße daher kam, beſtaubt und ſichtlich ermüdet, dennoch aber ſingend und die Fahnen hoch emporhaltend, die ſie in ihrer Mitte trugen. Es war eine wallfahrende Prozeſſion die wohl ſchon von weither gekommen ſein mußte Neugierige Kinderaugen verfolgten ſie, bis ſie die felſige Ecke eines Bergvorſprungs verſchwa dann wandten ſich dieſe heimwärts, als ob S n in ¹9 nd ie tte n, 61 heute nun nichts mehr zu ſehen, da der Feier⸗ abend bereits angebrochen ſei. Es wurde nach und nach ganz ſtill in dem Thale, wie es ein vorgerückter Abend nach heißem Tage auf dem Lande mit ſich bringt. Die langen Schatten der ſinkenden Sonne hüllten das Thal in trauliche Dämmerung, während die Spitzen der Bäume am hohen Rand des Gebirges und die Fenſter und Thürme des Schloſſes noch helle leuchteten. Die Umriſſe der letzteren zeichneten ſich ſcharf vor dem blauen Him⸗ melshintergrunde ab und ragten mit ihrer dunkeln Maſſe recht imponirend in den lichten Raum hinein. Auf der einſam gewordenen Straße kam jetzt noch ein mühſam wanderndes Paar daher. Es war eine alte Frau in gutem, ländlichen An⸗ zug, geführt von einem jungen Mädchen, das eine ähnliche Kleidung trug, nur daß ihr Haupt mit einem weißen Tuche bedeckt war, während die Frau eine ſchwarze Haube und einen grünen Au⸗ genſchirm zur Kopfbedeckung hatte. Der Arm der Alten legte ſich immer ſchwerer auf die jungen Schultern ihrer Führerin, ſo daß dieſe zuweilen tief aufſeufzte, ohne jedoch eine an⸗ dere Klage auszuſtoßen. Endlich aber, als ob es ihr plötzlich zu viel werde, drängte ſie mit einer etwas ungeſtümen Bewegung das Weib nach dem Rande des Weges hin, indem ſie ſagte: „Wir wollen uns hier niederſetzen und ein wenig ausruhen.“ Und ſie ſaß auch ſchon auf dem ſchmalen Ra⸗ ſenſtück, das längs der Straße hinlief und hatte die Alte neben ſich niedergezogen. Dann langte ſie aus dem Körbchen, das ſie am Arm getragen⸗ einige Speiſereſte und reichte ſie ihr mit den Wor⸗ ten hin: „Da nimm und iß; ich mag nichts mehr.“ „Du biſt ſorgſam und gut,“ ſagte das Weib, gleichſam für das Dargereichte dankend, dann fuhr ſie mehr vor ſich hin, als zu dem Mädchen gewen⸗ det, fort:„Jo, ja, ich habs nicht zu bereuen, daß ich ſie in meiner einſamen Hütte aufnahm, als ſie halb verhungert an meine Thüre klopfte. Ich will ſie auch in mein Teſtament ſetzen, die mich beſſer pflegt und führt als jene, die für Alles Geld haben wollen.“ Nach dieſen Worten wandte ſi ſich zu dem Mädchen hin, als möchte ſie gernee forſchen, welchen Eindruck ihre Aeußerung auf ſi 63 gemacht. Doch es ſchien beinahe, als habe dieſe gar nichts davon vernommen, oder lege ſie keinen Werth darauf, denn ihr Auge hing unverwandt an den Fenſtern des Schloſſes, von denen noch einige goldene Spuren der Sonne trugen. „Wer da hinauf könnte!“ ſeufzte ſie.— In dieſem Augenblick läutete ein Glöcklein in der Ferne zum Abengebet und klang recht feierlich durch das ſtille Thal. Die Alte faltete die Hände und auch das Mädchen that wie ſie. Da plötz⸗ lich zuckte ſie zuſammen und ſah auf, und ihr Auge traf einen jungen Mann in feiner Kleidung und von auffallend hübſchem Aeußern. Doch nur einen Moment hing ihr Blick ſtaunend an ihm, dann ſuchte er weiter die Straße entlang“ woher ein lieblicher Geſang kam, der in ſeiner frommen Weiſe gar harmoniſch zu der Abendglocke ſtimmte. In einiger Entfernung wurde eine kleine Pro⸗ zeſſion ſichtbar, der zwei Kloſterfrauen und ein Prieſter voranſchritten. Das Mädchen zog die Alte haſtig empor, in⸗ dem ſie ihr zuraunte: „Komm, komm ſchnell hinweg, es naht Gefahr!“ Und ſie mit ſich ziehend, an dem jungen Manne vorüber, ſuchte ſie ein Gebüſch zu erreichen, das ſie dem Blick von der Straße aus entzog. Dort kauerte ſie ſich mit dem Weibe nieder und ſpähte verſtohlen durch die Zweige nach den Kommen⸗ den. Der hübſche, junge Mann bemerkte voller Erſtaunen dieſes Thun, doch hatte er keine Zeit darüber nachzudenken, denn ſchon nahte die Pro⸗ zeſſion, und ſie war von der anſprechendſten Art. Ein junges Mädchen von ſchlanker, faſt ätheriſcher Geſtalt folgte dem Prieſter, der zwiſchen den zwei Kloſterfrauen voranſchritt; nach ihr kamen fünf Paare von eben ſo jugendlichem Alter und ganz in derſelben nonnenhaften Kleidung, doch minder zart und ſchön wie ſie. Kloſterfrauen, Prieſter und Laien beſchloſſen den kleinen Zug, der ſeine ſingende Abendandacht mit einem Gebete beendete. Doch noch ehe dieſes beſchloſſen, war er auch ſchon an der Ecke des Berges verſchwun⸗ den. Der junge Mann ſtarrte ihm jedoch noch immer nach. Ein blauer Engelsblick aus dem Auge der ſchönen Wallfahrerin bannte ihn wie ein ſüßer Zauber, und ihre Stimme, die er deutlich unter den andern hervortönen gehört, klang in ihm fort wie ein himmliſcher Laut. Noch ſtand er 65 gefeſſelt davon, unbeweglich an derſelben Stelle, als das Mädchen die Alte wieder hinter dem Buſch⸗ werk hervorzog und ſich abmühte, ſie über den Graben auf die Straße zu bringen. Allein ver⸗ gebens; die Kräfte des Weibes waren gänzlich erſchöpft, ermattet ſank ſie immer und immer wie⸗ der zuſammen. „So helft mir doch Herr!“ bat endlich das Mädchen, wie halb in Verzweiflung den unbeweg⸗ lich daſtehenden jungen Mann, und ſogleich ſprang er bereitwillig hinzu. Er hatte ihre Verlegenheit nicht bemerkt, doch entſchuldigte er ſich deshalb nicht, er half nur, und bald war die Alte auf der breiten Straße. Doch auch hier wollte es nicht mit ihrem Weiterkommen gehen, das ſah der junge Mann ſogleich ein, wäre auch des Mäd⸗ chens flehender Blick nicht auf ihn gefallen. Die⸗ ſer jedoch erhöhte ſein Mitleid bedeutend, denn es war ein gar ſchönes und ausdrucksvolles Auge, das ſich flehend auf ihn richtete. Ja, es war ein Auge, faſt noch ſchöner als das der Wallfahrerin, wenn auch von gans anderem Ausdruck beſeelt. „Wo wollt ihr denn heute noch hin?“ fragte er ſie, die den großen Blick zu ihm aufgeſchlagen hielt. 5 Stein, Die Braut im Kloſter. 1. 66 Sie ſchüttelte den Kopf, als wiſſe ſie das ſelbſt nicht recht und erzählte nur, daß ſie zu den Wall⸗ fahrern aus ihrer Gemeinde gehörten, dieſe aber ihnen vorausgekommen wären, da das alte Weib nicht gleichen Schritt mit ihnen hätte halten können. „Bleibt heute Nacht hier; morgen geht's dann wieder beſſer,“ ermunterte der junge Mann. „Hier?— Hier auf der Straße?“ fragte das Mädchen verwundert. „Nein, da oben im Schloſſe, da iſt Platz genug für euch.“— „Sollen wir um ein Rachtlager betteln?“ fiel jetzt das Weib ein.„Wir können's zahlen.“ „Aber wo findeſt du eins für dein Geld?“ engegnete das Mädchen ungeduldig.— Da, hinauf in das ſchöne Schloß, das gefiel ihr, und ſie nickte dem Rathgeber beiſtimmend zu. „Ihr könnt ja nicht mehr weiter,“ ſagte der junge Mann zu dem Weibe, das ſeinen Kopf ſtörrig ſchüttelte. „Auch da hinauf nicht,“ brummte ſie. „Ich helfe euch, Mütterchen,“ entgegnete er mit lobenswerther Geduld und griff ihr unter 67 Das Mädchen faßte ſie an der anderen Seite, und ſo geſtützt ließ die Alte ſich endlich fortſchlep⸗ pen, und die beiden brachten ſie mit jugendlichem Eifer ziemlich raſch den ſteilen Schloßberg hinan. Die Anſtrengung erhitzte das Mädchen; ſie warf ihre Kopfbedeckung in den Nacken, mit ihr zwei lange dunkle Flechten, von blauen Bändern zuſammengehalten. Ihre Wangen waren hoch geröthet, das gab ihrem Geſicht eine ungemeine Friſche und Klarheit, während ihr gräuliches Auge in dunklerem Glanze ſchimmerte. Das ländlich gekleidete Kind hatte ganz den piquanten Reiz, der nie verfehlt, die Männer zu beſtricken und ſelbſt jede heiligere Regung ihres Herzens, wenn auch auf eine flüchtige Stunde nur, zu verdrängen. Das fing der junge Mann zu empfinden an, und noch ehe ſie mit einander den Schloßberg ganz erklommen hatten, rollte ſein Blut ſtärker, ſo oft er das hübſche Mädchen anſah, und je öfter er das that, deſto duftiger und unfaßbarer umſchwebte ihn das zarte Bild der frommen Wallfahrerin. „Ihr kommt wohl von weit her?“ fragte er bei einer ruhenden Pauſe ihres Ganges. 5. wohl ſein, Herr,“ er⸗ „Sechs Studen mögen's wiederte das Mädchen. „Nicht weiter! Ei Gegend.— Mir war ommen, liebes Kind.“ ld drüben,“ fiel das ſelig war Kohlenbren⸗ — ſo ſeid ihr ja aus dieſer s, du müßteſt ſehr, ſehr weit herk „Wir wohnen am Wa Weib ein.„Mein Mann ſ dort und baute ſich ein Häuslein in dem ner t her, Herr, als er ſtarb, Walde; das gab ich nich und da wohne ich mit Minchen darin.“ „Du heißt Minchen? Ein lieber Name,“ ſagte das ſchöne Kind tiefer anblickend. Herr, heiße ich, und die Alte *gab ſie raſch zur Ant⸗ der junge Mann, „Mine Merau, da iſt meine Großmutter, wort. Das Weib ſprach etwas dazwiſchen, doch war es bei ihren teuchenden Athemzügen nicht ver⸗ ſtändlich. Endlich hatten in den Schloßhof doch ohne langes Bedenken zog d an einer Schelle, und zwar ſo ra ein Befehl klang. „Wenn man uns zurückweiſt,“ ſagte n ſie das Thor erreicht, welches führte. Es war verſchloſſen er junge Mann ſch, daß es we 69 Merau etwas zaghaft, als ſie das ſtolze Gebäude ſo ganz in der Nähe ſah. Einige Doggen ſchlugen an, während ein Die⸗ ner eilends das Hofthor öffnete, und alsbald ſtießen die Hunde ein Freudengebell aus. „Ihr ſcheint hier bekannt zu ſein; das iſt gut,“ ſagte das Mädchen mit einem leichteren Athemzuge; wie ſie aber über den Hof ſchritten, und Alle, die ihnen begegneten, ihren Begleiter ehrfurchtsvoll grüßten, blieb ſie plötzlich ſtehen, ſah ihn mit ihrem größten Blicke an und ſtammelte:„Ihr ſeid wohl gar der Herr dieſes Schloſſes?“ „Nein, mein Kind,“ erwiderte er lächelnd,„nur der Sohn dieſes Hauſes, deſſen Herrin meine Mutter iſt.“ „So ſeid ihr doch ein Prinz, ein Graf, ein Ritter, oder ſo etwas dergleichen!“ rief ſie und maß ihn vom Kopf bis zur Ferſe. Er lachte. Ihre naive Verwunderung gefiel ihm, und jetzt trat auch ein ungemein heiterer, faſt glücklicher Ausdruck in ihre Züge, der ſie unge⸗ mein verſchönte, und ſie ſagte in beſſerer Spache, als ſie ſeither geredet, zu ihm: „Sie ſind wohl ein recht reicher, mächtiger Herr?“ Doch, als erſchrecke ſie über ſich ſelbſt, er⸗ blaßte ſie ein wenig und ſetzte ſchnell in ihrem früheren Dialekte hinzu:„Ich meine halt ſo, weil das große, ſchöne Schloß eurer gnädigen Frau Mutter gehört.“— Er warf einen forſchenden Blick auf ſie, und es fiel ihm plötzlich auf, daß dieſes Bauermädchen ein anderes Ausſehen habe, als alle die, welche er bis jetzt geſehen, und deren waren nicht we⸗ nige, denn der junge Graf Bardenberg war in ländlicher Luft, auf dem Schloſſe ſeiner Ahnen erzogen worden, unter der Aufſicht einer ſtrengen Mutter zwar, doch eines nachſichtigen Hofmeiſters, der ihm manche Stunde ſchuldloſer Freiheit gönnte, da er, außer ſeinen Zögling mit den Wiſſen⸗ ſchaften, den Verhältniſſen der großen Welt und der Geſchichte ſeines adligen Stammbaumes be⸗ kannt zu machen, auch noch die Verpflichtung hatte, der Gräfin Wittwe die langweiligen Stun⸗ den zu verkürzen, und als Entſchädigung dafür, ſich das Leben in dem einſamen Schloſſe ſo be⸗ quem wie nur möglich zu machen ſuchte. Edgar lernte zwar manches Schöne und Rützliche bei ſeinem Hofmeiſter, doch ließ er ihm noch hinrei⸗ 71 chend Zeit, in Wald und Feld herumzuſchwär⸗ men und ſeine künftigen Unterthanen kennen zu lernen. Im Schloſſe angekommen, befahl der junge Graf dem Hausmeiſter, ein Zimmer im Erdgeſchoß den müden Wallfahrerinnen zu öffnen und auf's Beſte für ihre Bewirthung zu ſorgen. Mit etwas befremdeten Blicken that dieſer, wie ihm der künf⸗ tige Herr des Schloſſes befohlen, und das alte Weib wie ihre Enkelin ſahen ſich erſtaunt in einem prächtigen Gemache. Der junge Graf wollte ihnen eben folgen, wohl nur, um ſich zu überzengen, ob auch dem Zimmer nichts zur Wohnlichkeit für eine Nacht fehle, allein in dem Augenblick, wo er eintreten wollte, legte ſich eine Hand auf ſeine Schulter, gleichſam, ihn davon zurückzuhalten, und die Stimme eines ältlichen Herrn in feiner, ſchwarzer Kleidung drang an ſein Ohr: „Die Frau Gräfin erwartet ſie, Edgar, und ſie wiſſen, ihre Mutter Erlaucht wartet nicht gern lange. Die Theeſtunde ging ohne ſie vorüber; und als die Frau Gräfin am Fenſter nach ihnen ſpähete, bemerkte ſie die ſonderbare „Begleitung, in der ſie kamen, und wünſcht nun 72 zu wiſſen, wie es ſich damit verhalte. Während dieſer Auseinanderſetzung ſpähte der Sprecher durch die halboffene Thüre nach Edgar's Schütz⸗ lingen, und ſein Auge fand das hübſche Mädchen, welches eben etwas neugierig auch nach ihm her⸗ ſchaute.— „Es ſind Wallfahrer, die vor Müdigkeit nicht mehr weiter konnten,“ erörterte Edgar. Man muß mildthätig und barmherzig ſein, das lehrten ſie mich, Abbé, und meine Mutter lehrte mich es auch, darum nahm ich ſie mit herauf in's Schloß.“ „Das iſt ſchön und löblich von ihnen, allein drüben in der Verwalterei wäre Platz genug für ſolche Gäſte geweſen,“ verſetzte der Abbé; doch Edgar's Antwort war eine erneuerte Weiſung an den Hausmeiſter, dem alten Weib und ihrer En⸗ kelin es ja an nichts fehlen zu laſſen, was zu ihrer Bequemlichkeit und Stärkung nöthig ſei. Der Hausmeiſter warf einen fragenden Blick auf den Abbé, als Edgar die breite, teppichbelegte Treppe hinan ſtieg, und dieſer beantwortete denſelbei mit einer bejahenden Senkung des Hauptes, dann folgte er ſeinem Zögling nach, der ſich ſeit eini⸗ 73 gen Jahren ſchon ſeines hofmeiſterlichen Herr⸗ ſcherrechtes zu entziehen trachtete und eigentlich nur aus einer gewiſſen gutmüthigen Pietät ihr noch ſcheinbar ſich unterordnete. Anders war es bei ſeiner Mutter: ſie hielt in feſter Hand den Herrſcherſtab nicht nur über ſein künftiges Erbe, ſondern auch über ihn ſelbſt. Ihr Wille, von je⸗ her der maßgebende, blieb es, und würde es blei⸗ ben— das fühlte er mitunter peinlich— bis er einſt emanzipirt aus der Welt zurückkehren werde. Daß er noch nicht in ihr gelebt, noch gebannt war auf das Schloß ſeiner Ahnen, lag in dem letzten Willen ſeines Vaters, der beſtimmte, daß der Erbe des Hauſes und des Namens hier er⸗ zogen werden müſſe und vor ſeinem zweiund⸗ zwanzigſten Jahre nicht in die Welt eintreten dürfe; dann ſolle er reiſen; allein auch daran knüpfte ſich wieder ein Familienbeſchluß, den Edgar jedoch noch nicht kannte, und der ihm erſt unmittelbar vor ſeiner Abreiſe eröffnet wer⸗ den ſollte. Seine Mutter hatte bis jetzt nur in Andeutungen mit ihm davon geſprochen, und er dachte nicht viel darüber nach; nur an die Reiſe dachte er, ſeiner Wünſche Ziel. Es war ihm 74 nahe: der Herbſt ſollte ihn in die Schweiz und dann nach Italien führen, und ſchon ſtand der Frühlingshimmel über ihm mit all' ſeinem won⸗ nigen Hoffnungsſchimmer. Im Gemache der Gräfin hrannte bereits die Lampe, als Edgar, von dem Abbé gefolgt, eintrat. Sie ſelbſt ſtund eben vor dem lebensgroßen Bild⸗ niß eines Mannes von ſchönen, doch etwas zu weichen Geſichtsformen. Edgar glich dieſem Bilde ſo auffallend, daß man ſogleich erkannte, er müſſe der Sohn dieſes Mannes ſein, nur war ſein Aus⸗ ſehen jugendlicher und auch friſcher und kräftiger. Die Gräfin wandte ſich in gemeſſener Bewe⸗ gung nach dem Eingetretenen um, und ihr Auge fiel nicht freundlich auf den einzigen Sohn, in deſſen Weſen ſich ſeit einiger Zeit eine Oppoſition gegen den mütterlichen Willen zeigen wollte. Ge⸗ wöhnt ſeit ihres Gatten Tod, und laut Teſta⸗ ment bevollmächtigt dazu, unumſchränkt in dieſen Räumen zu ſchalten und zu walten, und herſch⸗ ſüchtig von Natur, liebte ſie den Sohn und Er⸗ ben nur bedingungsweiſe: ſo lange ſie lebte, ſollte er dem mütterlichen Willen unterthan ſein. und ſeine Mutter innig fügt, als mit ſeinen erheißene Reiſe, die wie eine Mährchenwelt voll wunderbaren Glückes und Abentheuer vor ihm lag, beſchwich⸗ tigte das ungeſtüme Sehnen ſeiner Bruſt, und bannte die Auflehnung ſeines Willens gegen den mütterlichen, den er von Kindheit an zu verehren gewohnt war. Allein je näher der Zeitpunkt ſeiner Reiſe rückte, deſto heftiger wurde das Verlangen darnach, und der Abbé und Ex⸗ hofmeiſter mußte dies mitunter ſchwer empfinden, und ſelbſt die Gräfin verſpürte zuweilen etwas davon, was ihr durchaus nicht zuſagen wollte und ſie hin und wieder in einen kleinen Conflikt mit dem Erzieher ihres Sohnes kommen ließ, der am Ende doch nicht viel mehr noch weniger gethan, als ſie von ihm verlangt, und auch nur ſelten 1 ſſen hatte, was ſie ihm anempfohlen. freundlichen Blick ſeiner Mutter vemerkte, entſchuldigte ſein verſpätetes Kommen mit dem ſchönen Abend und dem Mondenſcheine der ihn in der Länge des Tages getäuſcht habe. Daran nun knüpfte er die Erzählung ſeines Aben⸗ Edgar, weich und gut liobend, hatte ſich länger ge Jahren verträglich erſchien. Die v etwas unterla Edgar, der den un 77 theuers mit den zwei ermüdeten Wallfahrerinnen, was er etwas erregt und mit romantiſcher Fär⸗ bung vortrug. Als er geendet, fragte die Gräfin den Abbé halb ſcherzend: was er dazu ſage, daß ſich Edgar zum Ritter ſolcher Damen aufgeworfen? „Ich meine, Erlaucht,“ erwiderte dieſer ernſt⸗ haft,„daß der wohlthätige Sinn des Grafen Edgar nicht genug zu rühmen iſt. Freilich,“ ſetzte er lä⸗ chelnd hinzu,„hätte er ſeinen Schützlingen einen andern Aufenthalt anweiſen können, als im Schloſſe ſelbſt. Doch die Jugend thut ja bekanntlich überall gern zuviel.“ Edgar fuhr ſich einigemale unruhig durch das lockige Haar, doch ſprach er nichts zu den Bemer⸗ kungen des Abbé, den er im Grunde ſeines Her⸗ zens liebte, und der dies eigentlich auch verdiente. Wie oft hatte er ihm geſagt, daß er um ſeinet⸗ willen allein nicht mehr nach Paris zurückgekehrt ſei, von wo ihn ſeine Mutter, nach dem Tode ſeines Vaters gerufen habe, um ſich der Erziehung des gräflichen Sprößlings anzunehmen. Und der Abb ſeufzte dabei jedesmal ſo tief auf, daß Edgar ihn bedauerte, ein ſchönes Leben in der Weltſtadt 78 um ſeinetwillen mit dem einſamen Aufenthalt im Schloſſe Bardenberg vertauſcht zu haben. Er fühlte ſich ihm dafür dankbar verpflichtet, uud der Aer⸗ ger, den er zuweilen im Stammſitz ſeines gräflichen Hauſes empfand, galt mehr dem bezwingenden Willen ſeiner Mutter, als dem Hofmeiſter, dem er ſeine langweiligen Stunden gerne zur Laſt legte, wohl nur um ſeine innere Verſtimmung wenigſtens eine dabei betheiligte Perſon empfin⸗ den zu laſſen, da es ihm unmöglich war, das bei andern, beſonders ſeinen Untergebenen zu thun. Mit dem Hofmeiſter rang er um die Herrſchaſt des Willens, darum durfte er ihn auch ſchon zu⸗ weilen ohne Gewiſſensſerupel etwas quälen, den⸗ noch aber ſtanden ſie meiſtens auf freundlichem Fuße miteinander; allein je näher die Reiſe rückte, je heftiger das Verlangen nach Emanzipation in dem jungen Manne wurde, deſto häufiger mußte der Abbé die innere Ungeduld ſeines Zög⸗ lings empfinden. Ihn zu beſchwichtigen, erzählte er ihm dann von der Welt und ihren Freuden mehr, als ſich mit den Anſichten der Gräfin vertrug, die es für beſſer hielt, ihrem Sohne die Welt voller Verdebrniß zu ſchildern, und ſie 79 ihm von religiöſem und moraliſchem Standpunkte aus als die gefährlichſte Klippe für ein junges und edles Gemüth darzuſtellen. Edgar war nicht unzugänglich für die mütterlichen Ermahnungen, allein ſie wirkten doch nicht mächtig genug, um ſeine Illuſionen zu zerſtören, noch des Abbé's an⸗ muthigere Schilderungen aus dem Bereiche ſeines Hoffens und Glaubens zu verdrängen. Zwar war er von edlen Grundſätzen und Tugendent⸗ ſchlüſſen erfüllt, und auch von der Ritterlichkeit ſeines Standes, wie es nur ein ſo junger Mann, ſo er⸗ zogen und in ſolchen Verhältniſſen ſein konnte; dennoch aber blieb es zweifelhaft, ob bei der Weichheit und Erregbarkeit ſeines Weſens der Sirenengeſang der„verderbten“ Welt nicht bald den Sieg davontragen werde, da jetzt ſchon der Zwang, der ihn in die Stammburg ſeines Ge⸗ ſchlechtes bannte, ihm ihre ehrwürdigen Hallen ſammt allen ihren ſtolzen Erinnerungen langwei⸗ lig machte. Wäre der Hauch der Mutterliebe ein wärmerer für ihn geweſen, es hätte ihn wohl weniger hinaus verlangt in die weite Welt, und das vertraute Mutterherz ihn gehalten, wo ihn jetzt nur die 80 Pietät für das Andenken ſeines Vaters hielt, und der anerzogene, ja angeborene Reſpekt vor dem letzten Willen, den das Haupt des Hauſes nieder⸗ gelegt. Dieſer galt ſtets für unumſtößlich, ſo weit die Annalen des Hauſes Bardenberg reich⸗ ten; und noch nie war in ihm, den letzten Sproſſen dieſes Hauſes, der Gedanke aufgeſtiegen, der erſte Bardenberg zu ſein, der anderes zu thun ſich er⸗ dreiſten könnte, Daß er jedoch mit innerer Un⸗ geduld den Zeitpunkt herbeiwünſchte, wo das Ver⸗ mächtniß ſeines Vaters ihm erlaubte, dem Ort, der ſich über der Gruft deſſelben wölbte, zu ent⸗ fliehen, war ſeiner Jugend leicht zu verzeihen, ebenſo, daß dieſe Ungeduld ein Meer von Hoff⸗ nungen und Wünſchen in ſeiner Bruſt zuſammen⸗ häufte, die dieſe oft zu durchbrechen drohten. Die Eindrücke dieſes Abends durchzitterten ihn wie Freudenklänge aus der Welt, in die er nun bald ſich ſtürzen durfte. Er hätte ſich ihnen gerne un⸗ geſtört überlaſſen, allein ſeine Mutter und der Abbé hielten ihn bei ſich zurück, mit jener Gewalt, welche Gewohnheit und gute Erziehung auferlegt. Doch endlich, als es gar zum Whiſttiſch gehen ſollte, ſprang er auf, ſchützte heftigen Kopfſchmerz 81 vor, ſagte gute Nacht, und zog ſich in ſeine Zimmer zurück. Dieſe lagen nach dem Garten zu. Seine Schützlinge wohnten auf der andern Seite des Hauſes. Das hatte er nicht bedacht, als er dem Hausmeiſter befahl, ihnen hier ein Zimmer zu öffnen. Es ärgerte ihn jetzt. Vielleicht lag auch das junge Mädchen gleich ihm am Fenſter und ſah in die ſternhelle Nacht hinaus, und dann hätte er ihr ein„Gutenacht“ zurufen können.„Es iſt ein ſeltſames Mädchen,“ ſagte er ſich, und ſeine erregte Fantaſie vermiſchte ihr Bild mit dem der blauäugigen Wallfahrerin. Sie Beide ſo ſehr ver⸗ ſchieden durch eigenthümliche Reize, kamen ihm dennoch wie zuſammengehörig vor: ſein Herz, ſeine Fantaſie und ſeine Sinne, einmal erregt, er⸗ gingen ſich in den wunderlichſten Vorſtellungen.— Da drang ein leiſer Geſang zu ihm herauf, ſüße Töne, jenen ganz ähnlich, welche die frommen Wallfahrerinnen geſungen. Ja es war ihm, die Stimme des ſchlanken Mädchens ſei es, die ſein Ohr berühre, und er beugte ſich immer weiter über die Brüſtung des Fenſters hinaus, um deut⸗ licher zu vernehmen, oder vielmehr das Weſen zu erſpähen, das ſo holde Töne ſang. Stein, Die Braut im Kloſter. I. 6 82 Doch der Mond beleuchtete allzuſpärlich die belaubten Gänge des Gartens, er konnte mit dem Auge nichts entdecken, und auch ſein Ohr vernahm kaum merklich, daß ein leichter Fuß den feinen Kies berührte.— Er mußte hinab, mußte die Sängerin ſehen,— antaſten— fühlen, ob ſie ein Weſen dieſer Erde gehörig ſei, ob nicht ein Phantom; dieſe Töne ein Nachklang vielleicht nur in ſeinem Herzen?— Oder, ſollten ſie wohl von dem Landmädchen herrühren⸗ das jetzt erſt in ſeiner wahren Geſtalt ſich ihm zei⸗ gen wollte?— Was finnt und träumt nicht Alles ein junges, erhitztes Gehirn, von unruhigen Her⸗ zensſchlägen verwirrt, in ſo erfahrungsloſem Alter, wie das von Edgar war! Schon eilte er noch der Thüre, ſchon riß er ſie auf, um hinabzueilen; aber mußte er nicht durch den langen Corridor, an den Zimmern ſeiner Mutter vorbei, wo ſie mit dem Abbé noch ſpielte, oder in frommen Ge⸗ ſprächen ſich mit ihm erging? Und es hallte ſo laut in dem weiten Corridor, er konnte nicht un⸗ bemerkt vorüber kommen. Was thun?— Hinab mußte er, ehe die Sängerin wieder entfloh, und ſchon verſtummte ihr frommes Lied, vom Schlag der Nachtigall abgelöſt, und nur noch das leichte Geräuſch ihres Fußes war vernehmbar.— Da ergriff er die bunten Fenſtergardinen, mit ihren Kordeln und Quaſten, und riß ſie herab und band ſie zuſammen, befeſtigte ſie am Fenſter und im Nu war er unten. Ein leiſer Ruf, halb der Freude, halb des Schreckens, ward hörbar, und leichte Schritte eilten pfeilſchnell durch den be⸗ laubten Gang. Er ihnen nach. Flatterte nicht dort ein weißer Schleier?— Ah— wer war es? Athemlos erreichte er die Fliehende und hielt ſie feſt, und aus dem weißen Tuche, das ihr Haupt umwand, blitzten dunkelglühende Augen ihn an⸗ „Du biſt es, Minchen?“— rief er halb⸗ freudig, halb enttäuſcht. Sie wandte ſich verlegen zur Seite und ſagte: „Warum eilten ſie mir nach, Herr Graf? Ich wollte noch ein wenig mit den Sternen reden, ihnen meine Angſt und mein Leid klagen, und ſie ſtören mich darin.“ „Wie, was ſagſt du? Wer biſt du? ſprich! du biſt nicht, was du ſcheinſt,“ er raſch und aufgeregt. 6 „Was kümmert es ſie, wer ich bin, ich armes Kind!“ erwiderte ſie mit einem Anflug von Ko⸗ ketterie, während ſie ſich wieder nach ihm hin⸗ wandte und ihn groß anſah.. Seltſames Mädchen, welch Geheimniß um⸗ giebt dich? Sprich, vertraue es mir;“ drängte er wieder und faßte ihre Hand feſter— ihr Puls⸗ ſchlag berührte den ſeinen— ſein Blut wallte auf. ſein Herz ſchlug heftig ſein heißer Athem be⸗ rührte ihre Wange, und ſi erzitterte und ſtammelte: „Ich will fort!“ „Nein, nein! erſt ſollſt du mir ſagen, wer du biſt!“ verlangte er, den Arm um ſie legend, da⸗ mit ſie nicht entfliehen ſolle. „Wer ich bin?— ach, ein armes, verlaſſenes Kind bin ich, das man gefangen gehalten und das nach Freiheit lechzt.— O, ſchützen, retten ſie mich vor den Gefahren, die mir drohen, ich will ihnen ewig dankbar dafür ſein.“ „Niemand ſoll dich kränken, liebes Kind, ich ſchwöre es dir!“ gelobte er warm und ritterlich. „Wirklich, ſie wollten mich ſchützen!“ rief ſie lauter, als es klug und räthlich in ihrer Lage war, und ſie blickte zu ihm auf ſo dankbar und ſo voll ⸗ 85 lebendigen Feuers, daß es ihm ganz wunderbar zu Muth wurde, ſo glühend heiß, ſo verwirrt und ſo ganz bezwungen von ihrem Reiz; er wußte nicht mehr recht, was er ſagte, was er that, und ihr ging es kaum minder ſo. V „Sind das die Freuden der Welt,“ zitterte es durch ihre Seele, ihren Körper. „Das iſt wohl die Liebe!“ rief die ntlamnte Reinlichkeit in ihm, und er ſprach verworrg ne Worte von ſeinen Gefühlen, ihrer Schönheit* nd dergleichen mehr, und ſie ſtammelte von ihrem 6 Unglück und ihrer Verlaſſenheit in der Welt. Da ſchwor er abermals ſie zu beſchützen und drückte zur Beſieglung dieſes Gelöbniſſes einen glühenden Kuß auf ihren Mund.— Die Nachtigall trillerte in den Roſengebüſchen, und der Mond verſchleierte ſein helles Angeſicht mit einer Wolke— da rief oben aus dem Fenſter eine mahnende Stimme:„Edgar,— Edgar! welch böſer Geiſt iſt denn in ſie gefahren.“ Es war der Abbé, der, von der Gräfin beauf⸗ tragt, nach ſeinem Zögling ſehen wollte, ob ſein Kopfſchmerz noch andaure oder von dem Schlafe beſiegt worden ſei. Er gedachte leiſe anzupochen, und 86 fand zu ſeinem Erſtaunen die Thüre geöffnet, das Lager unberührt und an dem offenen Fenſter die improviſirte Strickleiter. Er lauſchte etwas er⸗ ſtaunt ob ſolcher Streiche des unerfahrenen, jun⸗ gen Mannes in den Garten hinab, und unbe⸗ ſtimmte Laute erreichten ſein Ohr, denen er jedoch ſogleich die richtige Deutung zu geben verſtand; und aus eigener Erfahrung damit vertraut, wie v rführeriſch ein Rendezvous beim Mondenſcheine und erwägend, daß dies für ein unerfahrenes Herz geradezu gefährlich werden könne, ließ er ſeinen mahnenden Ruf erſchallen. Das erglühte Paar erſchrak, als ſei es auf einem Verbrechen ertappt worden, und Wilhel⸗ mine wollte davon eilen; doch noch hielt er ſie feſt und flehte: „Wann ſehe ich dich wieder?“ „An dem Wallfahrtsort. Kommen ſie da⸗ hin; ich erwarte ſie dort zu meinem Schutze— dann erzähle ich ihnen Alles.“— 6 Sie entriß ſich ihm und eilte davon, beſorgt, das Fenſter noch offen zu finden, aus dem ſie zu ihrem nächtlichen Spaziergang geſtiegen war.— Nachdem er ſie am Abend verlaſſen und ſie vielleicht in einer andern Zeit hart abgewieſen; 87 ſich ein wenig ausgeruht hatte, trieb ihr unruhi⸗ ger Geiſt ſie von dem ſchlafenden Weibe fort; auch vielleicht das geheime Verlangen, dem Grafen noch zu begegnen. Sie fühlte ſich eines kräftigen Schutzes bedürftig, ſeit ſie mit der Alten die ver⸗ borgene Waldeshütte verlaſſen, die ſie auf ihrer Flucht aus dem Kloſter als rettendes Aſyl ge⸗ funden hatte. Ohne beſtimmten Plan war ſie damals in die Welt hineingelaufen, doch wohl erkennend, welche Gefahr ihr drohe, hatte ſie die einſamſten Wege aufgeſucht und nur in den ärm⸗ ſten Hütten um ein Stück Brod gebettelt, in⸗ ſtinktartig fühlend, daß ihr da der wenigſte Verrath drohe und das meiſte Mitleid zu Theil werde.— So kam ſie endlich von Kälte und Hun⸗ ger gänzlich erſchöpft an das kleine Haus im Walde, das unfern einer Kohlenbrennerſtätte ſtand, deren Rauch ſie hieher gelockt hatte.— Die Alte, menſchenſcheu und mürriſch, hätte ſie doch die Noth war zu erſichtlich, ihr Mitleid regte ſich, und wohl noch mehr beſtimmt von einem Uebelbefinden, das ihr eine junge Stütze nöthig machte, nahm ſie Wilhelmine auf. Ein Augen⸗ 88 leiden, das ſie ſchon ſeit dem Herbſt peinigte, hatte ſich beim Anblick der weißen Schneedecke bis zu halber Blindheit geſteigert, ſo daß ſie ohne Ge⸗ fahr ihr einſames Haus kaum noch verlaſſen konnte. Hilfe für Geld zu ſuchen, war ſie zu geizig, vom Mitleid ſie anzunehmen, zu hochmüthig. Sie hatte eine kleine Baarſchaft im verborgenſten Winkel der Hütte liegen, und war ſtolz darauf, wie nur Jemand auf den größten Schatz, den er mühſam erworben, es ſein konnte.— Nur im Tode wollte ſie von ihm ſcheiden, ihn erſt dann ſammt dem Hauſe guten Händen anvertrauen. Doch noch hatte ſie dieſe nicht dafür auserwählt, als Wil⸗ helmine im traurigſten Zuſtand an ihre Hütte pochte.— Sie ließ ſie ein, und jene, froh, nur Wärme, Brod und Ruhe zu finden, zeigte ſich in jeder Weiſe gefällig und zuvorkommend gegen ihre Wohlthäterin. Sie nahm ihr die Arbeit um das kleine Hausweſen ab, ſie unterhielt ſie mit den Erzählungen frommer Geſchichten, und las ihr den Morgen⸗ und Abendſegen ſo ſchön vor, wie ſie es noch nie vernommen. So ſchlich ſich das fremde Kind in ihr Herz ein, und ſie beſchloß, es ganz bei ſich zu behalten und es 89 einſt zum Erben allez ihrer irdiſchen Habe einzu⸗ ſetzen. Wilhelmine, im Gefühl der Sicherheit, das ihr die faſt gänzlich eingeſchneite Hütte brachte, erholte ſich ſchnell wieder, ja ſie blühte friſcher und ſchöner auf als zuvor; und als das Früh⸗ jahr kam, und der ſtärkende Waldesduft in die Hütte drang, und ſie am jungen Grün und an den ſproſſenden Blumen ſich erfreute, und, wie ein Vogel, der dem engen Bauer entſchlüpft, ſich an der gewonnenen Freiheit ergötzte, da war es, als käme die Jugend mit ihrem Füllhorn der Schön⸗ heit und ſchütte es mit einemmale über ſie aus, das Verſäumte doppelt nachzuholen. Doch mit der wärmer ſcheinenden Sonne, den Blumen und Blü⸗ then und dem Geſang der Vögel erwachte ihr auch die Sehnſucht wieder: weiter nur weiter, in die Welt hinein.— Das Verlangen des Weibes, der großen Wallfahrt nach dem berühmten Mirakel ſich anzuſchließen, kam ihr ganz gelegen. Dennoch, als es feſt beſchloſſen war, erfüllte ſie Furcht vor Entdeckung, und ſie hätte gerne die Alte wie⸗ der davon zurückgehalten; allein dieſe hoffte auf Linderung ihres Uebels von der heiligen Fahrt, und die Sache blieb eine abgemachte. Wilhelmine 90 ſuchte ſich in dem bäuerlichen Kleide möglichſt zu verſtecken, und hoffte ſo unter der Menge uner⸗ kannt zu bleiben; lag doch das Floſter, dem ſie entflohen, in weiter Entfernung, ſodaß ſie an⸗ nehmen konnte, die Wallfahrt werde von dort aus nicht beſucht. Und wer kannte ſie ſonſt?— So wanderte ſie, dem Wallfahrtszug der Um⸗ gegend ſich anſchließend, mit dem Weibe fort, blieb jedoch bald mit ihr zurück und kam am erſten Tage nicht weiter, als bis an den Fuß des Ber⸗ ges, auf dem Schloß Bardenberg lag. Ihr Zuſammentreffen mit Edgar und ſeine warme Theilnahme brachten ſie über den Schrecken hinweg, den ihr die kleine Kloſterprozeſſion verur⸗ ſachte, bei der ſie Manuela und die Penſionärinnen nur zu wohl erkannt hatte, wie auch den Geiſt⸗ lichen, den Beichtiger des Kloſter und die beglei⸗ tenden Kloſterfrauen mit Beate, der dienenden Schweſter. Sie wäre ohne Zweifel nicht weiter mit der Alten gewandert, und wäre lieber wieder auf's Unbeſtimmte in das Weite gelaufen, wenn ſie nicht in Edgar einen Beſchützer gefunden hätte. In dem vornehmen Grafen, der ein ſo ſtolzes Schloß beſaß, glaubte ſie auch einen mächtigen hehhleeeeeneceeehheeeeeeereeeea 91 Schutz zu haben, ſobald er ſie nur beſchützen wolle. Ihre Unkenntniß aller Weltverhältniſſe ließen ſie gar nicht zu der Frage kommen, ob er auch wirk⸗ lich in einem Falle der Gefahr ſie beſchützen könne, dann auch vertraute die ſüße Erregung, in die ſein Kuß ſie verſetzt, ihm nur zu gerne als rettendem Ritter.— Trotz der ſtrengen Aufſicht im Kloſter, hatten ſich doch in den Koffern der Penſionärinnen Ritterromane eingeſchlichen, auch Goethe, Schiller, Körner und andere Dramatiker waren nicht ganz unbekannte Namen geblieben, und was von ihren Werken und Geheimniſſen im Kloſter herum ſpukte, hatte gewiß Wilhelmine erforſcht und als Preis der Verſchwiegenheit auch geleſen.— Ritterthum und Theater waren denn auch zwei Ideale, die ihr vorſchwebten, be⸗ ſonders aber das Letztere, mit dem ſich ihre beſten Kindererinnerungen verknüpften. In Edgar fand ihre Fantaſie ein feines Ab⸗ bild des ritterlichen Weſens, das in romantiſchen Schöpfungen an ſie herangetreten war, und das auch in den Legenden und frommen Geſchichten, welche die kleine Kloſterbibliothek enthielt, eine bedeutende Rolle ſpielte. Die Erregung ihres 92 Herzens kam nun noch hinzu, die den ſchönen Grafen, der ihr ſchwur, ſie zu beſchützen, gerne als einen Ritter ohne Furcht und Tadel, und als ihren Ritter erkannte.— Daß er ihr an den Wallfahrtsort folgen werde, bezweifelte ſie nach der Gartenſcene nicht mehr, und als man ſie und ihre Begleiterin noch vor Tagesanbruch weckte und ihnen ſagte, daß ſie zu Wagen vom Schloſſe aus nach einem Dorfe gebracht werden ſollten, um ſich dort einer Prozeſſion anzuſchließen, hielt ſie das für Edgars Anordnung, der ſie wohl jeder Unannehmlichkeit im Schloſſe dadurch entziehen wollte. Ohne Bedenken folgte ſie darum auch freudig dieſer Weiſung, und mit dem Gedanken, ihren Ritter an dem Mirakel bald wieder zu finden.— Was dann dort weiter?— Sie hoffte faſt auf ein Wunder. Erwartete man denn nicht Wunder dort?— Konnte ſich nicht auch an ihr eines erfüllen?— War es denn nicht ſchon ein halbes Wunder zu nennen, daß ſie Edgar gefun⸗ den, ſo unerwartet, ſo plötzlich?— Sie glaubte es ſo, weil ſie es gerne ſo glaubte, und während auf dem weiteren Wallfahrtsgange die Perlen des Roſenkranzes durch ihre Finger gleiteten, 7 93 wiegte ſich ihr Herz und ihre Fantaſie in ſchönen Zukunftsträumen.— Doch nicht Edgar war es, der ſie ſo früh von dem Schloſſe entfernte, es war der beſorgte Abbe, der noch in der Nacht, nachdem er ſeinen Zög⸗ ling im Garten aufgeſucht und unter allerlei vermittelnden und beſchwichtigenden Redensarten in ſein Zimmer zurück gebracht, mit dem Haus⸗ meiſter deshalb Rückſprache genommen und es ſo eingeleitet hatte.— Einige Stunden nach Wilhelminens Entfernung aus dem Schloſſe, ließ ſich der Abbé bei der Grä⸗ fin durch ihre vertraute Dienerin melden, die frühe Stunde mit einer dringenden Sache digend. Die Gräfin ließ ihn ſogleich eintreten, und er theilte ihr die Ereigniſſe dieſer Nacht in ſcho⸗ nender Weiſe mit, ſetzte jedoch mit einigem Vor⸗ wurf hinzu, daß bald noch ganz andere Dinge mit Edgar ſich ereignen würden, wenn ſie ihn noch länger auf dem Schloſſe zurückhielte. „Wie kann ich anders!“ warf ſie ein— „das Teſtament meines ſeligen Gatten“— MNun ji, es beſtimmt den nächſten Herbſt erſt zu Edgars Abreiſe. Ich aber ließe ihn jetzt, gleich jetzt reiſen, gnädige Gräfin, denn glauben ſie mir, es iſt die höchſte Zeit damit.“ „Sein Weg ſoll ihn aber direct auf das Landhaus ſeiner Tante führen, und ſie wiſſen doch, Abbé—“ „Welche Beſtimmung ſich daran knüpft“ fiel dieſer ein.„Ja, ich weiß es, und ſage leider dazu; doch es iſt nun einmal nicht zu ändern, ſo mag er denn zuerſt ſeine zukünftige Gemahlin begrüßen, am beſtimmten Tage wiederkehren und ſich nach Vorſchrift mit ihr verloben. Findet ſein liebebedürftiges Herz in der beſtimmten Braut den erwünſchten Gegenſtand, deſto beſſer, dann wird ſeine Reiſe ſich nicht allzuweit ausdehnen und das Landhaus an der italieniſchen Grene ein ganz geeigneter Ruhepunkt für ſeine Ausflüge werden. Findet er jedoch in der Verlobten nicht, was Herz und Sinne verlangen, wird er die zwei Jahre Friſt, die zwiſchen dem Verlobungstag iiiccobchi ————— und der Trauung liegen, als junger reicher Ca⸗ valier genießen und ſich dann dem letzten Willen des ſeligen Herrn Grafen mit Anſtand fügen wie es ſich einem Sproſſen des gräflich Barden 1 95 berg'ſchen Hauſes ziemt. Was ſpäter kommen wird— wer möchte das jetzt ſchon ergründen? Eines aber iſt vor Allem noth, daß ſchleunigſt zur Abreiſe gerüſtet wird. Gräfin Maria wird es nicht auffallend finden, wenn es Edgar ver⸗ langt, ſchon einige Monden vor der Verlobung ihre Tocher kennen zu lernen.“— „Aber ſie wiſſen ja, Abbé, daß die Gräfin ihre Tochter von ſich entfernt erziehen läßt.— . So ſagten wenigſtens alle Erkundigungen, die mir möglich wurden, ſeit dem Tode meines Gatten von ihrem Leben einzuziehen. Früher kümmerte mich dies wenig. Ich lernte Gräfin Maria nur flüchtig, als Braut meines Schwagers kennen, und ſie machte keinen günſtigen Eindruck auf mich. Ich begreife, wie der Leichtſinn ihres Gemahls ſie ſchwermüthig machen konnte, doch nicht, wie es möglich war, daß ſie bei der Trennung von ihm, auch von dem kaum geborenen Kinde 5 ſich trennen konnte, und das um ſo weniger, da ihr kurz zuvor ihr einziger Sohn geſtorben war.“— „Die Tiefen des menſchlichen Herzens ſind unergründlich;“ erwiderte mit einigem Pathos 96 der Abbé und fragte dann:„Sie erfuhren nicht, wem Gräfin Maria ihre kleine Tochter übergab?“ „Am Todtenbette meines Gemahls,“ erwiderte die Gräfin nach einigem Beſinnen,„ſprach ſein Bruder die Vermuthung aus, daß ſeine Tochter in einer klöſterlichen Penſion ſich befinde. Warum er bei der Gräfin ſelbſt keine directe Erkundigung darüber einzog, lag in ſeinem unſteten Leben und den Sünden, die er an ihr begangen.— Kaum mit ihr vermählt, verließ er ſie, um ſich ander⸗ wärts zu ergötzen. Vier Jahre lebte er getrennt von ihr, bald do, bald dort, meiſtens aber, wie das Gerücht ging, bei einer Freundin, die er liebe und unterhalte. Gräfin Maria, ſchwermüthig, dem Irr⸗ ſinn nahe, verlangte von meinem Gatten, als dem Haupt des Hauſes, den ungetreuen Gemahl zurück, um, wie ſie ſagte, in ſeinen Armen zu ſterben.“— Die Gräfin machte eine Pauſe, die der Abbé nicht unterbrach. Dann ſprach ſie leiſe weiter:„Sie wiſſen, lieber Abbé, ich vertraute ihnen das ſchon früher: auch meine Ehe war keine glückliche, nicht geſtört zwar durch Unfrieden, allein auch nicht beglückt durch tiefe, innige Zuneigung.— Mein Gemahl hätte eine ſolche vielleicht in mir erwecken —— ᷣ ů, 97 können, wenn ſein Charakter mir mehr im⸗ ponirt hätte, allein er war mir zu weichlich, auch liebte er nur ſein Haus und vor Allem ſeinen jüngern Bruder, der unbegreiflicher Weiſe, trotz ſeines unmoraliſchen Lebens, den größten Einfluß auf ihn ausübte, und es bedurfte dazu nicht ein⸗ mal ſeiner Gegenwart, ein Brief von ihm war hinreichend den Grafen zu Allem zu beſtimmen.— Ach, er beſaß eine wahrhaft dämoniſche Gewalt über Alle, die ihm nahe kamen, was ſich auch am Sterbebette ſeines Bruders wieder bewährte. Die teſtamentariſchen Verfügungen, wie die Klauſel wegen der Verheirathung Edgars, ſind allein ſein Werk; mich konnte dieſes Arrangement nicht er⸗ freuen.“ „Das Teſtament aber wurde doch ganz zu ihren Gunſten angefertigt.“ „Ja, ich blieb im unbeſchränkten Beſitz aller Reichthümer und aller Macht des gräflichen Hau⸗ ſes, bleibe es bis zur Verheirathung Edgars— dann—“ ſie erhob ſich und ging einigemal im Gemache auf und ab.— „Auch dann werden ſie bleiben, was ſie jetzt ſind,“ beruhigte der Abbé nach Ser Stein, Die Braut im Kloſter. I. „Edgar hat ein weiches Gemüth und iſt ihnen 6 mit der größten Ehrfurcht ergeben. Kehrt er mit einer geliebten Gattin zurück, dann wird er die Tage mit ihr verträumen, durchſchwärmen; liebt er ſie nicht, zieht er wohl das Leben in der großen Welt mit ihr vor, wozu ſie ihm die Mittel ge⸗ ben, oder er geht auf Reiſen und betrachtet Schloß Bardenberg nur als eine Ruheſtation.“ „Doch wie, wenn er die ihm beſtimmte Braut nicht fände?“ warf die Gräfin ein. „Das iſt unmöglich, denn daß ſie noch lebt iſt unzweifelhaft,“ erwiderte der Abbé,„ſonſt wäre ja ihre Todesnachricht hieher gedrungen, um in das Familieuregiſter des gräflichen Hauſes einge⸗ tragen zu werden. Da ſie alſo noch lebt, wird ſie auch zu finden ſein, und ſomit die beſchloſſene Verbindung möglich werden, an die, wie ſie die Gewogenheit hatten mir vor einiger Zeit mitzu⸗ theilen, noch einmal der ſterbende Graf Rudolf ſie in beſchwörender Weiſe erinnerte.“ „Ja. Der Brief, der mir nach ſeinem Tode von Paris aus zukam, mahnte mich mit wahrer Todesangſt an die Erfüllung des letzten Willens meines ſeligen Gatten. Doch hätte es dieſer Mah⸗ 99 4 ung nicht bedurft; was der ſelige Graf als Vater 5 und als Haupt des Hauſes ſterbend niederlegte, iſt mir heilig, wie es Edgar heilig war und ſein wird.“— „Es iſt jetzt etwa vier Monden her ſeit ſie des Grafen Rudolf Schreiben aus Paris erhiel⸗ ten, wo er ſein unruhiges Leben geendet hat?“— „Sagen ſie vielmehr ſein ſtrafbares Leben,“ fiel die Gräfin mit ungewohnter Heftigkeit ein. „Welch' ein Charakter war dieſer jüngere Sohn! — Was war ihm heilig?— Kein Gefühl des Herzens, kein Geſetz der Pflicht, ſelbſt der Glaube ſeiner Väter nicht, und nicht das Andenken an ihre Tugenden!— Unſtet, ruhelos war ſein Le⸗ ben— verſchwenderiſch, flatterhaft ſein Herz.— In ſeiner erſten Jugend bewarb er ſich um mich, und— leichten Sinnes trat er vor ſeines Bru⸗ ders Werbung zurück, im Taumel ſeines Lebens nicht erwägend, was mein Herz dazu ſprach.—— Ich ſah ihn erſt wieder, als er uns die ſchöne, doch düſtere Braut vorſtellte, die ſein Bruder ihm zur Gattin auserwählt. Sie war die Schweſter eines kurz verſtorbenen Freundes meines Gemahls, der in Italien gedient hatte und ſie dort er⸗ 7 5. 100 ziehen ließ.— Gräfin Maria verlor ſchon as Kind ihre Eltern.— Der beſorgte Bruder em⸗ pfahl ſie ſterbend dem Freund, und dieſer be⸗ ſtimmte ſie zur Gräfin Bardenberg. Rudolfs Einwilligung zu dieſer Verbindung blieb mir ein Räthſel“ 4 „Deſſen Löſung vielleicht darin zu finden wäre,“ fiel der Abbé ein,„daß er ſich verpflichtete, die Wahl ſeiner Gattin dem Bruder zu überlaſſen, wenn dieſer ihm die wilden Liebhabereien ſeiner Jugend nicht mit der Macht beeinträchtige, welche ihm als Haupt der Familie von ſeinem Vater überkommen war.“ „Wie dem ſei,“ fuhr die Gräfin fort,„Ru⸗ dolf vermählte ſich mit Maria und trennte ſich wieder von ihr, noch ehe ſein Sohn zur Welt kam. Vier Jahre ſpäter fand, auf meines Ge⸗ mahls Wunſch und dringende Mahnungen, eine Wiedervereinigung ſtatt; doch auch ſie war von keiner Dauer. Welche Kataſtrophe jedoch dieſe abermalige Trennung herbeiführte, blieb mir un⸗ bekannt; jede Forſchung darnach wies der ſelige Graf entſchieden zurück, und mir blieb zweifelhaft, ob er die Urſache kannte.— Ich hörte nur noch, 101 daß Rudolfs Sohn geſtorben. Das Kind, welches die Gräfin nach ihrer zweiten Vereinigung mit ihm gebar, ſah er niemals. Seine abermalige Tren⸗ nung nahm eine geſetzliche Form an: die Tochter blieb der Mutter, die Vermögensverhältniſſe wur⸗ den geordnet, der Gräfin eine jährliche Rente ausgeſetzt. Sie blieb in dem Landhauſe, das nach ihrer Verheirathung Graf Rudolf an der italie⸗ niſchen Grenze angekauft, und ſchloß ſich dort förmlich von der ganzen übrigen Welt ab.— Man nennt ſie ſchwermüthig, und von Edgars beſtimmter Braut weiß man nur, daß ſie einer Erziehungsanſtalt übergeben worden ſei. Bis zu meines Gatten Tod bekümmerte ſich Rudolf, ſchein⸗ bar wenigſtens, um dieſes Kind nicht. Da, plötz⸗ lich ſchien deſſen Zukunft ihn zu beängſtigen, und er wußte den ſterbenden Bruder men, ſeine damals erſt vier Jahre alte Tochter mit dem neunjährigen Edgar zu verloben, und alle Anordnungen des Teſtamentes ſo damit zu verknüpfen, daß eine beabſichtigte Aenderung, auch abgeſehen von der Pietät gegen den Todten, gar nicht denkbar war. Alle Vermögensverhältniſſe baſirten darauf, beſonders auch die Rechte der 102 gräflichen Wittwe. O, nicht umſonſt wurden dieſe ſo hochgeſtellt,— Rudolf überlegte recht wohl, daß ſie einſt alle auch ſeinem Kinde werden ſollten.“ „Wenn aber dieſes geſtorben wäre?“ forfchte der Abbé.— „Dann wäre Edgar Herr ſeines Willens, und das Erbe der todten Braut fiele an das gräf⸗ liche Haus zurück, folglich an ihn, denn er iſt nach ſeines Oheims Tod noch der einzige Träger des Namens der Grafen Bardenberg.“ „Wer aber erbte das Privatvermögen des Grafen Rudolf?“— „Wer!“ rief die Gräfin, ſich raſch erhebend, „ah, der Verſchwender! Mit ſeinem Leben waren auch ſeine Reichthümer dahin!“ „Ex ſoll in den letzten Jahren allerdings noch venderiſch in Paris gelebt haben; allein es iſt doch kaum anzunehmen, daß er ſo gar nichts hinterlaſſen,“ bemerkte der Abbé, und ein ſarka⸗ ſtiſches Lächeln umſpielte ſeine feinen Lippen.— „Das nehme auch ich nicht an,“ verſetzte die Gräfin erregt,„ja ich glaube ſogar, daß außer dem prächtigen Schmuck, den er mir, als ſein letz⸗ tes Gut, für Edgars künftige Gattin nach ſeinem — 103 Tode zu überſenden befahl, ein recht ſchönes Theil noch in andere Hände fiel, in Hände—“ ſie ſtockte— „Die fein und zart, doch den Grafen in ſeinen letzten Lebensjahren feſtzuhalten wußten,“ ergänzte der Abbeé. „Ich vermuthe ſo,“ warf die Gräfin verächt⸗ lich hin.* „Wohl möglich, daß ſie ſich nicht täuſchen,“ fuhr der Abbé fort,—„die junge Dame, welche die letzten Jahre des Grafen erheitert haben ſoll. ſei, wie mir geſchrieben wurde, von wunderbarer Schönheit geweſen, und was noch ſtaunenswerther, auch von einer rührenden Anhänglichkeit an ihn; ſein Tod ſoll ſie ganz außer Faſſung gebracht haben.— Nun das Erbe mag tröſtend für ſie geweſen ſein, wenn es ſich ſo damit ver! wie ſie vermuthen, Erlaucht.— „Vermuthen— ach Abbé— genißhen iſt es doch wohl, daß ein junges Mädchen, welches bei einem gealterten Grafen lebt, kein ſelbſtſtändiges Vermögen beſitzt, wie es ſich nach ſeinem Tode herausgeſtellt hat.“— „Hätte man die Sache nicht auf ge Wege angreifen können?“„ 104 „Wie, Abbé!“ rief die Gräfin ſich ſtolz em⸗ porrichtend und vor ihn hintretend.„Sie glau⸗ ben doch wohl nicht im Ernſte, daß ich, ich, die Wittwe des Grafen Hugo von Bardenberg, nur den Gedanken flüchtig haben konnte, mit der Mai⸗ treſſe ſeines Bruders zu prozeſſiren?“ „O, Vergebung, Gnädigſte!“ flehte der Abbé, ihre Hand küſſend.„Die Frage entſchlüpfte mir eben ſo. Wir vom Geſchick auf eine niedere Stufe geſtellt, ſehen ſolche Verhältniſſe mit anderen Augen an. Ich begreife ihr Gefühl, ihre Ent⸗ rüſtung. Beſte Erlaucht, ſie wiſſen ja, ich ver⸗ ſtehe ihre Empfindungen.“ Bei dieſer Bemerkung entzog die Gräfin dem Abbé ihre Hand, doch nicht in zürnender Weiſe. Man vernahm jetzt einen raſchen Tritt im Vorj „Es iſt Edgar.— Laſſen ſie ihn reiſen, Er⸗ laucht,“ ſagte der Abbé raſch und trat etwas zur Seite. Der Genannte trat in ſichtlicher Erregung ein, und ein bitteres Lachen verzog ſeinen Mund, als er den Abbé, nach einem Kuß auf der Gräfin Hand, flüchtig grüßte und ſagte: „Sie miſchen ſich gar zu eifrig in meine An⸗ 105 gelegenheiten, Abbé Molliau; die Zeit iſt um, wo ich das zu dulden geneigt bin.“ „Warum ſo heftig, Edgar?“ beſchwichtigte die Gräfin.„Sollte es dir denn nicht angenehm ſein, wenn der gute Abbé mich veranlaſſen will, dich jetzt ſchon reiſen zu laſſen?“ „Wie, die große Reiſe?“ fragte dieſer über⸗ raſcht.— „Ja, die Reiſe auf Jahre, die mit dem Spät⸗ herbſt erſt ihren Anfang nehmen ſollte. Er meint, es entſpreche deinen Wünſchen, ſie jetzt ſchon an⸗ zutreten.“ „So bald als möglich!“ rief Edgar voller Freude.„Alſo deshalb der frühe Beſuch bei mei⸗ ner Mutter, Abbé?“— Dieſer nickte und lächelte bedeutungsvoll.— Edgar ging auf ihn zu, faßte ſeine Hand und ſagte:„Das iſt ſchön von ihnen, recht ſchön.“ Dann flüſterte er ihm zu:„Aber ſie waren's doch, der meine Schützlinge ſo raſch entfernte.“ „Es mußte ſein,“ erwiderte der Abbé ſo leiſe als möglich und mit einem bedeutſamen Blick auf die Gräfin. Sie weiß alſo nichts, dachte Edgar, und zu ſeiner Mutter ſich wendend, ſagte er, er 106 wolle ſich für ein paar Tage von ihr verabſchieden, die er zu einem kleinen Ausflug benutzen werde; ſie möge indeſſen wegen der großen Reiſe noch das Nähere mit dem Abbé beſprechen und ſie möglichſt beſchleunigen. Er will ihr nach, dachte der Abbé, und miſchte ſich in bedauerndem Tone ein, indem er ſagte: „Das iſt aber wirklich ſchade, daß ſie jetzt, gerade jetzt einen Ausflug von mehreren Tagen machen wollen, woran ſie ſonſt nicht denken. Ich wollte ſpeben der Erlaucht Mutter einen Vorſchlag zu einer gemeinſamen Tour machen, die uns gewiß Erholung, Unterhaltung und auch Erbauung ge⸗ bracht hatte, nämlich den kleinen Reiſewagen für morgen richten zu laſſen, um uns an den berühm⸗ ten Wallfahrtsort zu bringen. Mit Pferdewechſel erreichen wir ihn in ſechs bis acht Stunden— und da die Wallfahrt eine Woche und drüber dauert und erſt vor einigen Tagen ihren Anfang nahm, kämen wir morgen noch zeitig genug, unſere allſeitigen Wünſche zu befriedigen.“ „Ich dachte auch ſchon daran, Abbé, das Mi⸗ rakel zu beſuchen,“ ſtimmte die Gräfin zu; doch plötzlich fiel ihr die junge Wallfahrerin ein, die 107 der Abbé für nöthig gefunden in früher Morgen⸗ ſtunde wieder aus dem Schloſſe zu entfernen, und ſie ſah ihn fragend an. Edgar ebenſo: errieth der Abbé, wohin er einen Ausflug machen wollte und kam ſeinen Wünſchen entgegen— oder— wollte er ihn überwachen?— Dieſer aber that, als ob er weder der Gräfin noch Edgars fragende Blicke verſtünde und fuhr fort, für ſeinen Vorſchlag bei Beiden zu werben, und Beide ſtimmten endlich bei, morgen in aller Frühe nach dem bezeichneten Orte zu reiſen. Edgar jedoch zeigte ſich erſt bereit, als ſeine Mutter ihm beſtimmt erklärt hatte, daß er heute bei ihr bleiben müſſe, indem ſie ihm wichtige Eröff⸗ nungen zu machen habe, die Beſtimmungen ſeines Vaters betreffend, welche ſich mit ſeiner Reiſe verknüpften. So konnte er Wilhelmine doch nicht mehr einholen, und morgen, mit Poſtpferden, im be⸗ quemen Reiſewagen, ließ ſich der Weg ſchnell und leicht zurücklegen. Am Orte ſelbſt angekommen, erſchien es ihm nicht ſchwer, den lauernden Blick des Abbé zu täuſchen, da dieſer ſich ja hs lich ſeiner Mutter widmen mußte. Nachdem die Sache feſt verabredet war, ging der Abbé die Reiſeanſtalten zu treffen, und Edgar blieb mit ſeiner Mutter allein. Er lehnte ſich mehr gedanken⸗ als erwartungs⸗ voll in die weichen Polſter des Sopha's; ſie ging im Zimmer umher, bald auf das Bild ihres ver⸗ ſtorbenen Gatten, bald auf Edgar ſchauend, dann ließ ſie ſich neben dieſem nieder, und ſeine Hand vertraulicher als ſonſt faſſend, ſprach ſie zu ihm: „Mein lieber Edgar, du ſcheideſt jetzt bald von mir, um in der Welt dich umzuſehen, und was dir noch mangelt, dir anzueignen: Kenntniß der Menſchen, mehr Einſicht in ihr Treiben und mehr äußere Gewandtheit in deinem Benehmen. Dein Vater, nach deſſen Willen du hier auf dem Schloſſe erzogen wurdeſt, war ein ehrenhafter, doch etwas unzugänglicher Charakter; er liebte mich, dennoch gewann ich wenig Einfluß auf ihn, und unſer eheliches Verhältniß wurde kein inniges; ſelbſt dein Daſein brachte uns einander nicht näher. Nur gegen einen Menſchen in der Welt war er nachgiebig, beinahe bis zur Schwachheit; näm⸗ lich gegen ſeinen einzigen Bruder, deſſen Fehler alle er mit übergroßer Nachſicht behandelte. Es 109 waren ihm große Rechte über dieſen jüngern Bru⸗ der eingeräumt, da ſein Vater den unſteten Geiſt deſſelben wohl erkennen mochte. Doch es nützte wenig. Rudolf führte ein unruhiges, verſchwen⸗ deriſches Leben, und dein Vater gab ihm, trotz ſeines Kummers darüber, die Mittel dazu: er ließ ihn unumſchränkt über die Hälfte des väterlichen Erbes verfügen, ungeachtet er dieſes ſehr bedeu⸗ tend hätte beſchränken können. Nur in einem Punkt gab er Rudolfs Wünſchen nicht nach; er mußte ſich ſtandesgemäß mit ſeinem dreißigſten Jahre vermählen. Mir ſchien es, als hätten ſie früher ein feſtes Uebereinkommen deshalb getrof⸗ fen. Wie dem auch war— Rudolf ging auf ſeines Bruders Vorſchlag ein, die Schweſter eines ihm eben geſtorbenen Freundes zu ehelichen. Sie be⸗ ſaß keine Reichthümer, doch einen edlen Namen; auch war ſie ſchön, allein ihre Schönheit von einem ſo düſtern Charakter, daß ſie unmöglich dem lebensluſtigen Rudolf zuſagen konnte; zudem ging das Gerücht, daß er ein Liebesverhältniß mit einem bürgerlichen Mädchen angeknüpft habe. Wir nahmen natürlich keine Notiz davon. Er vermählte ſich mit Baroneſſe Maria— und daß 110 er ſich bald wieder von ihr ſchied. weißt du und weißt auch, daß ihr Sohn ſtarb, und nur ihr jüngſtes Kind, eine Tochter, am Leben blieb. Das Daſein dieſer Tochter nun, die der Vater niemals ſah, ſcheint ihm doch manche leichtfinnige Freude be⸗ einträchtigt zu haben. Er hatte ſie der Mutter ganz überlaſſen, und Beſorgniß, wie die Schwer⸗ müthiggewordene wohl dieſes Kind erziehen werde, mag ihn mit recht beängſtigt haben. Um nun ihre Zukunft unabänderlich feſtzuſtellen und auch ihr Erbe dem Hauſe Bardenberg zu ſichern, wurde zwiſchen den Brüdern eine Uebereinkunft getroffen und als letzter und unumſtößlicher Wille deines Vaters teſtamentariſch niedergelegt“— die Gräfin hielt einen Augenblick inne, dann fuhr ſie mit feſter Stimme fort—„daß Gräfin Aline in ihrem ſieb⸗ zehnten Jahre mit dem Grafen Edgar von Bar⸗ denberg verlobt werden ſoll.“ „Mit mir,“ ſtammelte Edgar. „Ja, mit dir, mein Sohn. Und wohl, damit nicht andere Eindrücke dir dieſe Verbindung etwa ſchwer machen könnten, wurde zugleich beſtimmt, daß du im Schloſſe deiner Väter bleiben ſollſt bis zur Zeit deiner Verlobung. Meinem mütter⸗ 111 lichen Einfluß verdankſt du, daß die Vermählung der Verlobung erſt zwei Jahre ſpäter nachfolgen ſoll; ich habe darauf feſt beſtanden, als man mir, freilich etwas ſpät, dieſe Uebereinkunft mittheilte⸗ — Dein Vater ſtarb wenige Tage nachher.“— „So ſoll ich jetzt zunächſt zu meiner Tante reiſen, ſoll——“ rief Edgar aufſpringend⸗ und mit dem ganzen Verdruß einer plötzlichen und großen Enttäuſchung.— „Sollſt thun, was der letzte Wille deines Va⸗ ters dir beſtimmt, der zugleich auch der des Haup⸗ tes der Familie iſt.“ Edgar fuhr ſich ungeſtüm durch die blonden Locken und murmelte: „O, lebte dieſer Graf Rudolf noch, ich wollte mit ihm rechten!“ „Wie, Edgar, du könnteſt auch nur den Ge⸗ danken hegen, dem Teſtamentsbeſchluß deines Va⸗ ters entgegenhandeln zu wollen?“ „Nein, Mutter, nein, ich werde es nicht, aber daß ich es möchte, daß in meinem Innern eine Stimme dagegen laut werden will— ich kann's nicht ändern.— An dem Gedanken der endlichen Freiheit mich ergötzend, umgiebt des Vaters letzter —— 112 Wille mich mit einer Feſſel, die mir faſt uner⸗ träglich erſcheint. Doch beruhige dich, ich werde nicht wagen ſie abzuſchütteln. Nein, nein, dafür iſt mir das Angedenken an den Vater zu heilig, dafür weiß ich zu wohl, was ich der Ehre unſers Hauſes ſchuldig bin.— Doch war's nicht ſo, zum Spätherbſt erſt ſollte ich reiſen? So laß mich wenigſtens bis dahin ziehen, wohin es mir beliebt“ „Wenn du auf Umwegen das Landhaus dei⸗ ner Tante erreichſt“— gab die Gräfin etwas widerſtrebend zu—„mag's drum ſein, die Schweiz bietet dir dazu die ſchönſte Gelegenheit, doch willſt du jetzt ſchon reiſen, muß auch das erſte beſtimmte Ziel deiner Reiſe ſein, deine künftige Gattin auf⸗ zuſuchen. So war es deines Voaters Wille— und du, ein guter Sohn, wirſt ihn nicht allzu abſichtlich umgehen wollen; auch denke ich, ſoll's dich verlangen, Gräfin Aline kennen zu lernen; ich hoffe, du findeſt in ihr das Ideal deines Her⸗ zens. Morgen geht ein Schreiben an deine Tante ab, das ihr deine Ankunft im Lauf des Sommers meldet und ſie beſtimmt, ihre Tochter, im Fall dieſe noch in einer Penſion verweilte, nach Hau⸗ zu rufen.— Ach, mein Sohn, ich wünſche recht — 113 ſehnlich, bald von dir zu hören, daß dieſe Verbin⸗ dung dich beglückt; doch wäre es nicht ſo, wirſt du dich mit Anſtand und dem Entſchluß hinein⸗ fügen, deiner künftigen Gattin ein angenehmes Leben zu ſchaffen. In den zwei Jahren, die zu größern Reiſen vor dir liegen, wirſt du leicht er⸗ meſſen lernen, was in dieſem Falle für euch Beide angenehm ſein wird.“— So ſind doch zwei Jahre mein, mein allein, dachte Edgar und ſuchte ſich mit dem leichten Sinn der Jugend, dem zwei Jahre eine Ewigkeit erſcheinen, zu tröſten, ſo gut es gehen wollte. Der morgende Ausflug nahm ſeine Gedanken bald wieder in Anſpruch.— Wilhelmine und das Ge⸗ heimniß, das ſie umgab, beſchäftigten ſein Herz und mehr noch ſeine Phantaſie, und auch der Ge⸗ danke, vielleicht der heiligeren, ſo wunderbar ſchö⸗ nen Wallfahrerin an dem Mirakel wieder zu be⸗ gegnen, ſchlich ſich, eine verlangende Hoffnung, in ſeine Seele ein. Stein, Die Braut im Kloſter. I. 8 3 Wie wogte es doch um den alten Ort! Welch Gedränge in ſeinen Straßen! Welch buntes Leben zwiſchen ihren geſchmückten Häuſerreihen, und drau⸗ ßen an dem Fluſſe voll bewimpelter Schiffe!— Iſt es ein fröhliches Feſt, ein Jahrmarkt, eine Kirchweih, oder dergleichen etwas?— Fahnen flattern, Geſang und Muſik erſchallt— die Menge ſtrömt ab und zu, und Verkäufer bieten ihre Waaren aus. Und doch— es iſt kein profanes Feſt — Weihrauchduft erfüllt die Luft und der Ge⸗ ſang, der durch die Straßen drängt, iſt ein from⸗ mer, wenn auch mitunter ein unharmoniſcher; auch Glockengeläute miſcht ſich ein und mahnt, daß dieſe Feier keiner weltlichen Freude angehört, ſondern beſtimmt iſt, den Himmel zu erringen. Gebete ſteigen zu ihm empor um Gnade, und betend nahen die langen Prozeſſionen dem Mira⸗ kel: Troſt, Erhebung, auch Wunder von ihm er⸗ wartend. ———— 415 Viele ſehen ſich getäuſcht, doch auch manche finden das Gehoffte.— Der Glaube macht ſelig — und— dem Reinen iſt alles rein— dem Ein⸗ fältigen überall das Himmelreich offen.— Doch nicht die Gläubigen allein nahen ſolch wunderſamem Orte,— auch der Fanatismus kommt in ſeinem finſteren Gewande, und der Zweifel und die Neugierde und die Speculation drängen ſich in gar mancherl ei Geſtalt herzu. Das Heilige und d das Profane miſcht ſich ſo bunt durch⸗ einander, daß es kaum zu unterſcheiden iſt; und da, wo die innere Rührung überwältigen will, tritt eine äußere Störung an ſie heran.— Nur der Süden mit ſeiner glühenderen Andacht und ſeinem heiteren Sinnesleben eignet ſich ſo recht zu ſolchen frommen Feſten. Dort iſt erſt alles An⸗ dacht, Glaube, dann alles Luſt und Fröhlichkeit— Das beendete Gebet, dem Himmel dargebracht, führt zu erhöhten Wonnen dieſer Welt. Nirgends tritt eine Störung ein, aus der Andacht ent⸗ ſpringt die Erdenfreude, drum iſt ſie gemeinſam wie dieſe und hat eine durchaus heitere Färbung, was dort dieſe Feſte viel anſprechender macht, als ſie unter unſerem ernſteren Himmel es ſind, der 8 ½ 116 mehr nach der Bedeutung der Wolken fragt, die an ſeinem Horizonte aufziehen. Doch, was uns zunächſt, ja uns eigentlich allein beſchäftigen ſoll, ſind einige Perſonen, welche wir an dem Wallfahrtsorte kennen lernen, oder ihnen wieder begegnen wollen, denn wir wiſſen ja, der junge Graf befindet ſich dort, um mit Wilhelmine zuſammenzutreffen, und auch wo mög⸗ lich ſeine Heilige noch einr il zu ſ ſchauen.— Doch, ehe wir ihn entdecken, treten wir in die Kirche, wo das Mirakel ſich befindet. Dasſelbe iſt auf hoher Eſtrade, zu der Marmorſtufen hin⸗ anführen, in prächtigem Schreine ausgeſtellt. Es iſt eine Reliquie aus alter Zeit, und dem Gläu⸗ bigen von hoher Bedeutung, obgleich an und für ſich ein geringer Gegenſtand. Die Kirche, alt und ehr⸗ würdig, iſt von der Frühe des Morgens bis zum Abend angefüllt mit Wallfahrern ſowohl, als neugierigen Beſchauern. Zu den Letztern gehörte eine kleine Geſellſchaft, die ſich in einer Art Loge befand, gerade über dem Mirakel, und aus dem erſten Hotel der Stadt hieher einen Weg zu fin⸗ den gewußt hatte. Unter dieſen Neugierigen zeichnete ſich eine 1 junge Dame von auffallender Schönheit aus. Sie ſaß vorn an der Brüſtung; dicht hinter ihr, an ihren Stuhl gelehnt, ſtand ein Mann von intereſſantem, doch etwas blaſirtem Ausſehen, und an ihrer Seite befand ſich eine ältliche Frau, die einer bevorzugten Dienerin glich.— Die Dame, obſchon von noch ſehr jugendlichem Alter, hatte dennoch etwas Entſchiedenes in ihrem ganzen Weſen, das von dem Leben in der großen Welt und Lebenserfahrungen ſprach. Das zarte Colorit der erſten Jugendblüthe fehlte ihrem Angeſicht, obgleich ſie kaum achtzehn Jahre zählen mochte; es war auffallend bleich, doch von einem unge⸗ mein ſtrahlenden Auge belebt, und durch ein an⸗ muthiges Lächeln graziös. Ihre Kleidung, dunkel und einfach, war äußerſt elegant in Stoff und Schnitt, und der ſchwarze Spitzenſchleier, der leicht gefaltet um Haupt und Nacken lag, zur Seite mit einer Brillantnadel befeſtigt, gab ihm ein eigenthümliches und vornehmes Ausſehen. Die ſchöne Dame ſah bald aufmerkſam zu den an der Reliquie vorüberziehenden Betern hinab, bald in das Menſchengewoge im Schiff der Kirche; doch, als fühle ſie ſich abgeſpannt, 118 lehnte ſie ſich plötzlich müde zurück, und zu dem hinter ihr ſtehenden Herrn gewendet, ſagte ſie: „Ich glaube, mein Freund, wir ſpähen ver⸗ gebens nach Ausbeute für ihr Skizzenbuch, wie für das meine. Sie möchten Genrebilder mit ſich neh⸗ das eine noch das andere will ſich nach unſerem Wunſche zeigen.“ „Ich habe einige Gruppen hier angedeutet,“ erwiderte er, auf ein kleines Buch zeigend, das er in der Hand hielt;„nun ſollte ſich doch auch noch etwas für ſie finden, Ella.“ Sie ſchüttelte ungläubig ihr Haupt, doch beugte ſie ſich wieder nach vorn; er mit ihr, indem er ihr zuflüſterte: „Sollte ſich denn unter den Tauſenden, die hieher wallfahren, nicht eine Madonna finden?“— „Noch ſah ich nur unbedeutende Phyſiognomien, den Ausdruck einer wahren, tiefen Frömmigkeit fand ich noch nicht. Ach, und gar eine Madonna, Freund, iſt in dieſem Gewoge da unten mit ſeinen verworrenen Tönen ſicher nicht zu entdecken.“ „So laſſen ſie uns gehen. Die übrige Ge⸗ ſellſchaft entfernt ſich eben. Es iſt Abend gewor⸗ 9 den, Ella, die freie Luft wird uns nach der dumpfen Atmoſphäre hier wohl thun.“— Ella erhob ſich, noch einen Blick über die Menge werfend und— ſie blieb ſtehen, und Lorenzo's Hand ergreifend, zeigte ſie auf einen kleinen Zug, der eben durch das Schiff der Kirche ſingend nahte. Es waren lieblichere Töne, als alle, welche ſie ſeither ver⸗ nommen, auch der Zug ſelbſt bot mehr Intereſſe. Kloſterfrauen eröffneten ihn, denen weißgekleidete Mädchen folgten. Unter ihnen machte ſich ſchon aus der Ferne eine einzeln Voranſchreitende be⸗ merklich durch ihren ſchlanken Wuchs und ihren ſchwebenden Gang, der gleichſam eine höher ge⸗ tragene Seele bekundete. Je näher die kleine Prozeſſion der Eſtrade kam, deſto gefeſſelter hing Ella's und auch Lorenzo's Blick an der ſchlanken Geſtalt, die ihnen immer außergewöhnlicher vor⸗ kam; und als ſie auf der Eſtrade niederſank zu heiliger Anbetung und das blaue Auge aufwärts ſchlug, groß, fromm, demüthig, da ſagte Lorenzo leiſe zu ſeiner Freundin: „Nun wäre die Madonna gefunden.“ „O ſtille, ſtören ſie nicht,“— bat ſie ebenſo. So Himmliſches verweht ein Hauch.“ Und ſie 120 beugte ſich weit über die Brüſtung hin, das Auge auf ſie, nur immer auf ſie gerichtet, deren ganzes Weſen licht wie das eines Engels war. Da ſtörte ein Geräuſch auf den Stufen der Eſtrade; unwillig wandte Ella den Blick, und er traf einen jungen Mann, der, die Ordnung der walffahren⸗ den Züge umgehend, von der andern Seite her⸗ auf kam, und jeder Abwehr ungeachtet, die Eſtrade beſtieg, dann aber, auf die Knie ſinkend, in ſtiller Anbetung verharrte. Allein ſein Auge war nicht auf die Reliquie gerichtet, es hing an der Madonna, die davor kniete. Die kleine Gruppe blieb län⸗ ger in ihrer andächtigen Stellung, als es ſonſt zu geſchehen pflegte. Sie ſchien die Anbetung des heutigen Tags zu beſchließen, darum wurde ſie auch nicht von Nachdrängenden geſtört. Ella und Lorenzo konnten dieſes Bild ſo recht in ſich aufnehmen. Lorenzo hätte ſelbſt Zeit für einige Striche in ſein Skizzenbuch gefunden, allein er dachte nicht daran, ganz Auge, ſog er das Bild in ſeine Seele ein. Ella dagegen wurde zerſtreuter, ſeit der junge Mann auf der Eſtrade erſchienen war, und als der kleine Zug ſich ent⸗ fernte, hing an ihm ausſchließend ihr Auge.— X 1 5 121 Er, im Begriff der Madonna zu folgen, die mit ihrer Begleitung den angeordneten Weg nach einer Seitenpforte nahm, wurde hinabgedrängt in das Schiff der Kirche, wo er durch die Menge ſich hindurchwindend, den nächſten Ausgang zu gewinnen ſuchte, doch noch ehe er dieſen erreicht, faßte ihn ein ländlich gekleidetes Mädchen mit dichter Kopfumhüllung an; er blieb ſtehen und ſie ſprachen eifrig mit einander; dann zog ſie ihn nach einem Pfeiler hin, als ob ſie dort Jemand aufſuchen wollte.— Was weiter geſchah, konnte Ella nicht mehr ſehen; auch hatte Lorenzo ihren Arm gefaßt und bat ſie: „Wir wollen jetzt einen Spaziergang machen.“ „Später Lorenzo.— Erſt nach unſerm Hotel, um auszuruhen;“— gab ſie ermattet zur Ant⸗ wort.“ cCs war eine prächtige Nacht, die dieſem Tage folgte. Der volle Mond ſtand am Himmel, wie ein glückicher Sieger über die Finſterniß und be⸗ leuchtete milde die geſchmückte Stadt und ihre Umgebung.„ Auf dem Fluſſe, der an den grauen Mauern vorüberzog, lagen viele bewimpelte Schiffe; ſie ſahen in der Halbbeleuchtung reizend aus, wie das jenſeitige Ufer mit den Zeichen ſeiner Kultur und ſeinen geheimnißvollen Bergumriſſen. Die grünumrankten Thore der Stadt boten in ihren koloſſalen Formen und mit ihren tau⸗ ſendjährigen Erinnerungen ein impoſantes Bild. Das Treiben hinter ihnen drang nur wie ein dumpfer Ton heraus und ſtörte die Beſchauung der nächtlichen Landſchaft nicht.— Ella athmete tief auf, als ſie aus der alten Pforte heraus in die freie Natur trat.— „Wie herrlich! wie großartig und anmuthig 123 zugleich!“ rief ſie aus, ihren Arm aus dem Lo⸗ renzo's ziehend, als beläſtige ſie jetzt auch die leich⸗ teſte Feſſel. „Sie ſchwärmen in dem ſchönen Landſchafts⸗ bild; mein Auge hängt ſich mehr an die gigan⸗ tiſchen Baudenkmale einer untergegangenen Zeit. Sehen ſie auf die rieſige Porta zurück, durch die wir eben geſchritten, wie bot ſie allen Stür⸗ men Trotz, und der Geiſt, der dieſen Bau gedacht, die Kunſt, die ihn geſchaffen, ſie ſind dahin, ſelbſt die Geſchichte findet nur hier noch ihre Spur. Heilige Schauer ergreifen mich ſtets beim Anblick ſolcher ſtarren und doch wieder ſo lebendig zeu⸗ genden Ueberreſte. Wie winzig ſtehen wir vor ihnen, wie klein!— Was vermögen wir Ella — wir, die wir ſelbſt ſo eitel ſind, uns große Geiſter zu nennen?“— „Nein das thun wir nicht; wir ſtreben nur empor nach einer Höhe in der Weiſe, die uns zuſagt, und liegt in dieſem Streben Begeiſterung, werden wir etwas erreichen, ſo winzig wir auch ſind.“ „Wir werden mit irgend einem Bilde die Kunſtausſtellungen bereichern, ja das werden wir.“ 124 „O pfui Lorenzo— wie können ſie ſo häßlich reden unter dem geſtirnten Himmel und mit der Erinnerung an eine lebende Madonna? Kann mein Beiſpiel ſie denn nicht mit fortreißen, ſie, der mich emporrichtete, als Schmerz und Täuſchung mich erdrücken wollten? O warum prahlen ſie mit Leere, wo ihre Bruſt doch noch ſo voll und warm zu ſchlagen weiß?— das muß, muß wieder ganz anders werden, mein Freund! Drum laſſen ſie uns möglichſt eilen, bald unter Italiens blauen Himmel zu kommen.— Morgen reiſen wir wei⸗ ter.— Noch einmal, Lorenzo, werde ich weinen müſſen, dann aber ſoll die Kunſt uns für immer ihre beglückende Pforte öffnen, und wir werden freudetrunken durch ſie einziehen in den Tempel des Ruhmes und der Freude. Ich, ihre Schü⸗ lerin, ſchmücke ſie einſt mit dem Lorbeer, und ſie reichen mir die Hand zum Emporglimmen, immer höher, höher hinan!“—* „Sie ſchwärmen, Ella, und werden wieder ver⸗ zweifeln wollen, wenn die Wirklichkeit an ſie her⸗ antritt.“— „Mahnen ſie mich jetzt nicht an meine Schwä⸗ chen und die Vergangenheit! Lorenzo, nur das 125 jetzt nicht! Zu kurz erſt iſt das Schreckbild ge⸗ bannt. Soll ich es denn nicht vergeſſen ler⸗ nen?“ „Sie wollen das Vergangene vergeſſen, und eilen an die Orte, wo Schmerz und Gram ſie am heftigſten faſſen wird.“— „So glauben ſie, ich nicht. Ich glaube viel⸗ mehr, ich finde mich vollends dort mit Allem ab.— Weinen werde ich noch einmal, ja, Freund, heiße und bittere Thränen werde ich weinen müſſen— ſo ſchwach werde ich ſein.— Aber es ſei der letzte Tribut, den ich vergangenen Dingen zahle, dann, ich ſchwöre es ihnen, geht's mit friſchem Muth in das neue Leben hinein, und auch ihr— Welt⸗ ſchmerz wird ein Ende haben.— Der Zukunft wollen wir fortan gehören, der Gegenwart nützen, des ſchönen Augenblicks uns erfreuen. Ich will glücklich werden, darum muß es auch ſo kommen, und wer könnte es hindern?“ „Nur ſie ſelbſt, Ella. Das eigne Herz, das nach Glück verlangt und es doch nirgends findet.“ „Wenn das Herz ein eigenſinniges Kind bleibt, ja, das mit dem Schmerz zu ſpielen verlangt. Ich aber will ihm nicht lange mehr ein Recht in meiner 126 Bruſt einräumen. Hab' ich nicht ſchon ſiegreich gekämpft? Mit dem letzten Ringen ſchleudre ich ihn für immer in die dunkle Tiefe, aus der er zu mir aufgeſtiegen iſt.“— „Ja könnte man begraben, was man begra⸗ ben will.— „O, ſchweigen ſie mit ihren Zweifeln!— Fort mit Allem, laſſen ſie uns jetzt nur den ſchönen Abend genießen.“ 1 Sie waren an die Brücke gekommen, die über den Fluß führte. Ella wollte hinüber, weiter in die mondbeglänzte Landſchaft hinein. Am jenſeitigen Ufer lagen Gärten und zer⸗ ſtreute Häuſer. Sie waren theilweiſe zu Herber⸗ gen hergerichtet, zur Unterkunft der unbemittel⸗ teren Wallfahrern, und alle ſchienen überfüllt. Es lärmte und ſummte hier unangenehm. Ella wollte umkehren, da fiel ihr ein Paar auf, das eilends an ihnen vorüber ging, einem Hauſe zu, das etwas zur Seite lag und weniger beſucht, als die andern zu ſein ſchien.— Haſtig zog Ella ihren Begleiter dem Paare nach und ſagte: „Die muß ich genauer ſehen.“ Und als ſie im Lichterſchein des Hauſes ſtanden, erkannte Ella deutlich den jungen Mann, der in der Kirche ſo inbrünſtig zu dem Heiligenbild aufgeſchaut; doch ſie war es nicht die holde Madonna, welche ſein Arm eben umſchlang, es war das ländlich gekleidete Mädchen aus der Kirche, deſſen Kopfumhüllung jetzt zurückgeſchlagen war und ein paar prächtige Augen voll Gluth und Leben erkennen ließ. „Alſo beim erſten Tagesſchein ſei bereit, unter⸗ halb der Brücke,“ ſagte er. „Ich komme,“ war ihre Antwort, und ſie trat raſch in's Haus, wo eine ſcheltende Stimme ſie empfing. Er wandte ſich um, und ſein und Ella's Auge begegneten ſich; raſch eilte er an ihr vor⸗ über, ſie folgte an Lorenzo's Arm ihm langſam nach und theilte dieſem ihre Bemerkungen in der Kirche mit und ſchmähte auf die leichtbeweglichen Männerherzen. Lorenzo lachte und meinte, wenn man die Eine anbete ſei es ganz in der Ordnung, die Andere zu küſſen. Er habe dies vielmals gethan; jetzt freilich ſei er nur noch empfänglich für die Freundſchaft, das beweiſe ihr Verhältniß, von dem es ihm, trotz Ella's Schönheit, unmöglich ſei, ſich 128 mit dem Gedanken an ein zärtlicheres zu tragen, ein Glück für ihn, da ſie ihn doch nie lieben würde. Sie lachte, doch ſagte ſie recht warm: „Sie ſind mir wie ein väterlicher Freund.“ „Das rechte Wort.— Doch beſſer, nennen ſie mich Bruder, das klingt zuſagender, wenn unſre Freundſchaft eines ehrwürdigen Titels bedarf.“ „Sie braucht keine Beſchönigung!“ erwiderte ſie eifrig und ſtolz.—„Freundſchaft iſt ein hei⸗ liges Wort. Wer eine Schuld aus unſerem Freundſchaftsbündniß machen will, mag es thun. Ich habe Schwereres ſchon erfahren müſſen; und ſie, Freund, machten ſich wohl wenig daraus, für meinen Geliebten zu gelten!“ „Um meinetwillen gewiß nicht.“ „Und um meinetwillen ebenſo, wenn ich bitten darf. Ella Carren iſt eine emancipirte Englän⸗ derin.“— „Sie gleichen keiner Tochter Albions.“ „Einer leichtſinnigen Franzöſin etwa?“ „Ebenſowenig.“ „Nun wem denn ſonſt? ½ „Sich ſelbſt, ſonſt Niemand. Ella bleibt Ella, 67 6 3 5 129 ob Gräfin, ob Künſtlerin, ob im Salon von Huldigungen umgeben, ob an der Seite eines armen Malers. Und verliert Ella ſich ſelbſt, zeigt der Freund ihr den rechten Weg, tröſtet und erhebt er ſie. Nicht wahr, Lorenzo, ſo iſts?— Darum nun aber auch keine Zweifel an der Zukunft mehr; ſie ent⸗ ſchädige uns für vergangene Dinge.“ Stein, Die Braut im Kloſter. I. 9 Am früheſten Morgen des andern Tages harrte Edgar mit einer Poſtkutſche an der Brücke, und nicht lange vergebens. Von der kleinen ſeitwärts gelegenen Herberge nahte Wilhelmine eilenden Laufes, ſchwang ſich in den Wagen, und dieſer rollte davon.— Sie hatte Edgar in der Kirche aufgefunden und ihn feſtgehalten. Es war kein günſtiger Augen⸗ blick für ſie, denn noch war er ganz erfüllt von dem Eindruck, den die Heilige auf ihn gemacht, allein er war zu ritterlich geſinnt, um ſeines Ver⸗ ſprechens nicht eingedenk zu ſein, und auch noch jung genug, um nicht nach kurzer Friſt von Wil⸗ helminens ſchönen Augen wieder lebhaft angeregt zu werden und der Liebesſcene im Garten ſeines Schloſſes zu gedenken.— Er hte mit ihr nach dem alten Weibe, doch ſie von Wilhel⸗ 5 mine verlaſſen, an Bekannte aus der Heimat ange⸗ ſchloſſen und war mit ihnen in die gemeinſame Herberge gegangen, hoffend, das Mädchen dort zu finden. Wilhelmine, welche die vorige Nacht ſchon mit der Alten hier zugebracht, beſtimmte Edgar, als ſie nach langem Umherlaufen in den Straßen ſie nicht gefunden, mit ihr dorthin zu gehen. Unterwegs erzählte ſie ihm von ihrer Flucht aus dem Kloſter und ihrem unglücklichen Verhältniſſe im Elternhauſe, ſprach von ihrer jetzi⸗ gen Rathloſigkeit, und ihrer Furcht vor Entdeckung, und bat ihn, ſie vorerſt an einen Ort zu bringen, wo ſie unerkannt noch einige Zeit könne; ſie wolle von da aus mit ſeiner e nach ihrer Mutter und ihrem Bruder forſchen, über⸗ haupt überlegen, was aus ihr werden ſolle. In das Kloſter kehre ſie nimmer zurück, eher laufe ſie auf gut Glück immer weiter, weiter fort, in die Welt hinein.— Edgar kam, trotz ſeiner Neigung für ſeinen hübſchen Schützling, in keine geringe Verlegen⸗ heit. Wo ſollte er das junge Mädchen hin⸗ bringen?— Nach n blieb ihm kein andere 9* 13 „ Wahl als Bardenberg; freilich nicht das Schloß ſelbſt, das durfte er nicht wagen, aber die Ver⸗ walterei, die einige hundert Schritte hinter dem Schloſſe lag, bot einen geeigneten Aufenthalt. War er doch der künftige Herr; die Nachfolge des jungen Verwalterſohns in die Stelle ſeines Vaters hing einſt von ihm allein ab. Man mußte ihm gefällig ſein. Wilhelmine mit einem Schreiben dorthin vor⸗ auszuſenden, hielt er, da ihm durchaus nichts Beſſeres einfallen wollte, für das Räthlichſte, und er verabredete mit ihr die Reiſe für den andern Morgen. Er wollte ſie bis zur erſten Poſtſtation begleiten, dann ſollte ſie allein weiter reiſen, am Fuße des Schloßberges ausſteigen, um jedes Auf⸗ ſehen zu vermeiden, und mit ſeinem Briefe Auf⸗ nahme in der Verwalterei verlangen. Sie konnte noch Vormittags in guter Zeit eintreffen, wo gewöhnlich Alles, bis auf die Verwalterin, im Feld und Garten beſchäftigt war. Er wollte mit derſelben Poſtkutſche zurück, die ſie nach der Station brachte, und daß der Poſtillon in der möglichſt kürzeſten Zeit mit ihm wieder zurück war, dafür mußte das reiche Trinkgeld ſorgen. 133 Es war dies um ſo nothwendiger, da auch ſeine Mutter beabſichtigte, an dieſem Tage wieder ab⸗ zureiſen. Das bunte Gewirre, die Unruhe, der Lärmen griffen ſie an. Die Nachtruhe fehlte ihr, die gewohnten Bequemlichkeiten, und es fiel ihr ſchwer, ſelbſt an des Abbé's Arm, dem Heiligthum ihre Verehrung darzubringen. Nachdem dies ge⸗ ſchehen, ſehnte ſie ſich wieder hinweg— nach Hauſe. „Ich werde krank, wenn ich noch einen Tag länger bleibe,“ hatte ſie ſchon am Abend des erſten Tages zu Edgar geſagt, und jeden Widerſpruch damit algeſchnitten. Dieſer, damals noch in Ungewißheit über Wil⸗ helmine und von der Sehnſucht befangen, die ſchöne Wallfahrerin noch einmal zu ſehen, wollte, dem mütterlichen Willen entgegen, zurückbleiben, und hatte dies dem Abbé ſchon angedeutet, der zwar ein Liebesabentheuer ſeinem Zögling nicht zur Sünde anrechnete, allein dergleichen Freuden doch gerne für ſeine größere Reiſe aufgeſpart ge⸗ ſehen hätte, und in Verlegenheit war, wie er die Gräfin mit Edgars längerem Verweilen hier ver⸗ ſöhnen ſolle. Er war zwar ſo klug geweſen, ſie 134 zu verſichern, daß die alte Frau mit ihrer Enkelin, da ſie ſich für den weiten Weg zu ſchwach gefühlt, wieder heimwärts gezogen ſei, und Edgars beab⸗ ſichtigter Ausflug ohne Zweifel dahin gegangen wäre, weshalb er auch dieſe Tour ſo eifrig vor⸗ geſchlagen habe.— Allein deſſenungeachtet konnte ſie auf die Vermuthung kommen, daß das hübſche Mädchen dennoch hier ſei, und er ſie täuſchen wolle oder ſelbſt getäuſcht worden wäre.— Er wollte deshalb am Morgen, ehe die Gräfin zum Frühſtück befahl, mit Edgar eindringlich reden, ſtand deshalb früher auf, als ihm angenehm war, und klopfte an ſeines Zöglings Thüre. Da kam der Kammerdiener der Gräfin hergeſchlichen und vertraute ihm, daß er erfahren, der junge Herr Graf habe ſchon heute Morgen um drei Uhr das Hotel verlaſſen. Des Abbé's Hoffnung, daß Edgar das Mäd⸗ chen noch nicht gefunden, ging mit dieſer Ent⸗ deckung hin, und etwas kopfſchüttelnd begrüßte er den beim Frühſtück erſcheinenden Edgar, deſſen Ausſehen und vernachläſſigte Toilette Eile und Aufregung verrieth. Auch die Gräfin bemerkte dieſes und rügte es und meinte, daß es gut ſei. 135 ſogleich die Anſtalten zur Heimkehr zu treffen. Der Abbé rückte unruhig hin und her, einen Wider⸗ ſpruch Edgars befürchtend, doch dieſer zeigte ſich zu ſeinem Erſtaunen ganz damit einverſtanden, und ſtand ſogleich auf, die nöthigen Befehle zur Abreiſe zu ertheilen. „Wie die Zeiten ſich ändern,“— philoſophirte der Abbé bei ſich;„ſcheint dieſer Jüngling doch ſchon mit dem erſten Liebesrauſche fertig zu ſein. Pah, ſolch' ſchönes Kind ließ ich jetzt noch nicht ſo ſchnell los. Nun, es iſt gut, daß es bei mei⸗ nem Zögling anders iſt, wegen der ſtrengen Er⸗ laucht Mutter; hätte aber doch nicht gedacht, daß meine Theorien ſo nachwirken würden, wenn die verführeriſche Praxis ihnen einmal entgegenträte.“ Als Edgar ſeine Mutter zum harrenden Reiſe⸗ wagen führte, ſtand dicht hinter demſelben eine Droſchke mit Koffern und Schachteln bepackt; und mit ihnen zugleich trat Ella an Lorenzo's Arm aus dem Hotel. Faſt unwillkürlich verneigte ſich der Abbé gegen die ſchöne Dame, und Edgar ſah ebenfalls nach ihr und erröthete.— Er erkannte ſie wieder vom vorigen Abend. Halb beſchämt neigte er 136 ſein Haupt vor ihr. und ſie grüßte ihn und den Abbé mit ſo anmuthigen Lächeln, das dem letzte⸗ ren ganz warm um's Herz wurde. Raſch folgte Edgar ſeiner Mutter in den Wagen, der Abbeé that es nur zögernd und unter wieder⸗ holten Blicken nach Ella, die eben mit Lorenzo die Droſchke beſtieg. Der wappengeſchmückte Reiſewagen fuhr unter Poſthornklang ab, die be⸗ ſcheidene Droſchke ihm nach, doch ſchon am Thore trennten ſie ſich; jener eilte dem Schoſſe Barden⸗ berg zu dieſe bewegte ſich langſamer nach dem Fluſſe hin, auf dem ein kleines Dampfbvot der Reiſenden harrte. Ella ſuchte etwas verſtimmt nach einem Platze auf dem überfüllten Boot und beugte ſich, als ſie endlich einen Sitz gefunden, weit über die Brüſtung deſſelben hinab, um in dem Geplätſcher des auf⸗ ſchäumenden Waſſers das Geſumme um ſich her zu verſenken. „Was werden wohl die nächſten Tage ſchon bringen?“ ſprach ie mehr in das Waſſer hin⸗ ein, als zu Lorenzo, der ſich neben ſie gedrängt hatte. Allein er vernahm es doch und fragte: „Sind ſie muthlos, Ella?“ 137 „Das ärgert mich eben, daß ich ſo etwas dergleichen in mir verſpüre;“ verſetzte ſie auf⸗ ſehend,„doch nein, nein, weg damit! Nichts ſoll mir mein ſchönes Zukunftsbild verküm⸗ mern!— Ihre Hand, mein Freund, mein theu⸗ rer Freund, ſie wird mich in ſchwachen Stun⸗ den ſtützen, wie ſie es ſchon gethan, als Alles um mich her zuſammenbrach, und meine ſtolzen Träume zerrannen in Schmach und Erniedrigung.“ „Ruhig Ella, ruhig,“ bat Lorenzv. „Ruhig?— Nein ruhig will ich nicht ſein. Nur in der Aufregung finde ich Glück, kann ich⸗ es finden.— Wenn wir einmal ruhig ſein kön⸗ nen, und glücklich dabei, dann wird vielleicht jenes Haus, in dem wir bald einkehren wer⸗ den, ein Aſyl für uns, und wir gehen darin, von glücklichen Erinnerungen umgaukelt, dem Grabe zu.“ „Ich wollte, Ella, ſie gäben es auf, von die⸗ ſem Erbe, wenigſtens jetzt ſchon, Beſitz zu nehmen, oder ſie überließen es mir allein, das liche deshalb zu ordnen.“ „Nein, Lorenzo, nein! Dieſer Becher mit bit⸗ teren Thränen gefüllt, muß geleert werden, ganz 138 geleert, dann mag er aufſchäumen von ſüßem Champagner; o, und wir wollen ihn ſchlürfen, Freund, mit Wonne und Luſt, ſchlürfen bis zur Neige.“ WVilhelmine war in der Verwalterei von Schloß Bardenberg angekommen, ziemlich unbemerkt, wie es Edgar wünſchte, ſie hatte auch die Verwalterin allein getroffen und ihr den Brief des Grafen übergeben, der dringend empfahl, ſeinen Schütz⸗ ling bis zu ſeiner Ankunft vor jedem neugierigen Auge zu bergen. Die gute Frau kam in keine kleine Noth. Erſtens behagte ihr die ganze Sache nicht; und wie konnte ſie das Mädchen in ihrem Hauſe ver⸗ bergen in dem Knechte und Mägde aus⸗ und ein⸗ gingen, und noch dazu ein junger Sohn und eine Nichte anweſend waren. Vor allem wollte ſie ihren Mann in's Geheimniß ziehen, denn obgleich ſie keinen beſonderen Troſt darin ſah, erſchien es ihr doch zu ſchwer, dies Geheimniß zu tra⸗ gen. Auch gab's dabei gar manches zu bedenken. Die Gräfin war eine ziemlich ſtrenge Gebieterin, und man hatte bis jetzt nur ihren Befehlen zu 140 gehorchen gehabt; doch Edgar wurde bald voll⸗ jährig, und dann konnte ſeine Herrſchaft anfangen. Freilich, der Abbé meinte, die alte Gräfin werde das Ruder doch in der Hand behalten, allein wer verbriefte dies, und ihr einziger Sohn hing viel⸗ leicht einſt ganz von Edgar ab. That ſie nicht, wie er begehrte— was konnte nicht Alles in der Folge daraus entſtehen; willfahrte ſie ihm unbe⸗ dingt, und die Gräfin erfuhr es— erfuhr, daß ſie— doch wahrſcheinlich wohl, ein Liebchen Ed⸗ gars verborgen gehalten, dann konnte das Schlimmſte hereinbrechen.— Zaudernd ging ſie mit ſich zu Rath und kam endlich zu dem guten Einfall: das Mädchen eben einſtweilen oben im Gaſtſtübchen einzuſperren, und da der Abbé jeden⸗ falls mit Edgar zurückkehrte, auf jenen dann die ganze Laſt dieſer difficilen Sache zu werfen.— Mit Wilhelmine verfuhr ſie diplomatiſch, ſie war weder zuvorkommend noch unhöflich gegen ſie, und führte ſie, nach des Herrn Grafen Wunſch, in ein Manſardenſtübchen, das, wie ſie verſicherte, der einzige Ort im Hauſe ſei, wo ſie einen Tag un⸗ bemerkt ſich aufhalten könne. Sie ſorgte für die nöthigen Erfriſchungen, ordnete das Bett und 141 ſagte dann Wilhelminen Adieu.— Das Alles war gut; wie ſie aber die Thür abſchloß, fuhr Wilhel⸗ mine auf und rief: ſie wolle von innen verſchließen. Doch ſie erhielt keine Antwort, und großen Lär⸗ men machen wollte ſie doch auch nicht.— So war ſie jetzt eine Gefangene in einem ziemlich kleinen Behälter, und ſie konnte nicht ein⸗ mal hinabſchauen, um ihre nächſte Umgebung zu prüfen; das ſchräg ablaufende Dach hinderte ſie daran; nur zum Himmel auf konnte ſie blicken und hinüber an einen Wald.— Der Troſt, daß Edgar heute noch nachzukommen verſprochen, wollte ihr die langweiligen Stunden nicht kürzen, im Gegentheil, ſie dehnten ſich dadurch zu einer marternden Ewigkeit aus. Die ängſtliche Spannung während ihrer Flucht hieher hatte ſie verlaſſen; ſie fühlte ſich ſicher, und wäre ihre Thüre nicht verſchloſſen geweſen, ſie hätte wohl wahrſcheinlich gar nicht daran ge⸗ dacht, ſich hinauszuwagen, aber nun ſie ſich gleich⸗ ſam gefangen ſah, hätte ſie Fenſter und Thüre einſchlagen mögen, nur um hinauszukommen. Ueber das, was ſie für Edgar fühlte, war ſie ſich ſelbſt nicht recht klar: in der nächtlichen Stunde 142 und ohne des Abbé's mahnenden Ruf wäre es ohne Zweifel zu einem ſtürmiſchen Austauſch ju⸗ gendlicher Liebesempfindungen gekommen; ſo war es mit einer flüchtigen, leidenſchaftlichen Scene vorübergegangen, die allerdings einen ſüßen Nach⸗ klang zurückgelaſſen, doch keinen allzu bedeutſamen. Wilhelmine wünſchte wohl Edgar mit großer Sehn⸗ ſucht herbei, doch war es weniger die Sehnſucht eines liebenden Herzens, als das Verlangen, durch ihn ihre Wünſche erfüllt zu ſehen.— Ihre Wünſche— über die ſie ſich ſelber noch nicht klar war, die nur gleich phantaſtiſchen Bildern vor ihrem innern Auge vorüberzogen.— Was wollte ſie in der Welt, und was ſollte dieſe ihr?—„Freu⸗ den bringen, die Freiheit, das Glück!“ Dies al⸗ les zuſammen vereinte ſich ihr nicht in Edgar, wie es hätte ſein müſſen, wenn die Macht der erſten Liebe ſie zu ihm hingezogen, und dennoch erfüllte ſie die Erinnerung an die nächtliche Stunde mit geheimer Luſt und auch dem geheimen Wunſche der Wiederholung, wenn auch in etwas anderer Weiſe. Sie dachte ſich gern mit Edgar ig der Welt draußen, hier hätte ſie nicht bei ihm bleiben — im Garten hatte ſeine Leidenſchaft ſie ergriffen, ———— 143 mögen, und nun gar nicht mehr, ſeit ſie ſich in eine kleine Stube eingeſperrt ſah. Da ſie ſich haupt⸗ ſächlich mit dem Verlangen nach Freiheit ſchon Jahre lang getragen— vermochte ſie nicht, ſelbſt dies niedliche Gefängniß mit Liebesphantaſien zur ſüßen Haft zu geſtalten. Im Gegentheil, ſie wurde immer ungeduldiger mit dem Ablauf der Stunden und meinte, ſie müſſe zu dem kleinen Fenſter hinausfliegen, welches das ſchräge Dach durch⸗ ſchnitt; endlich, als die Abendluft hereinſtrömte, ging ihr durch den Sinn, ſich auf das Dach zu ſetzen, um beſſer die Friſche zu genießen. Das Fenſter lag hoch über dem Fußboden; ſie nahm einen Tiſch zu Hilfe und ſtellte ſich darauf, um erſt zu recognosziren, und ſie fuhr beim erſten Blick erſchrocken zurück: der braune Krauskopf eines Jünglings tauchte eben am Rande des Da⸗ ches auf, den eine Leiter um einige Sproſſen über⸗ rägte. Auch er ſchien etwas verblüfft durch ihren inerwarteten Anblick, aber keineswegs unange⸗ hm überraſcht zu ſein; denn nach kurzem Be⸗ nnen ſtieg er höher hinauf und ſtand bald ſeiner (rgeing⸗ nach auf einer der oberſten Sproſſen Siter. Auch Wilhelmine erholte ſich von 144 ihrem erſten Schrecken und ſah jetzt dreiſter zum Fenſter hinaus, erwiderte den freundlichen Gruß ihres rothwangigen Gegenüber und fing dann zu lachen über dieſe ſonderbare Begegnung, Jn ſogleich ein lautes Echo bei ihm fand. Die Si⸗ tuation wurde dadurch eine ganz heitere, und ein Geſpräch begann zwiſchen den beiden jungen Leu⸗ ten das ſchnell zu einer gewiſſen Vertraulchteit führte. Er geſtand ihr, daß ihn die Abſicht, ſie zu ſehen, auf das Dach geführt; er habe ſchon gleich bei ſeiner N Nachhauſekunft von Eliſe, ſeinem Bäschen, erfahren, daß ſeine Mutter hier oben ein junges Mädchen unter Schloß und Riegel ge⸗ legt, und als dieſe es geleugnet, habe ſeine Neu⸗ gierde keine Ruhe finden können, weshalb er zu der Beſteigung des Daches ſeine Zuflucht genom⸗ men habe. Als er ſeine Bekenntniſſe beendet, wollte er nun auch von ihr wiſſen, woher ſie komme, und weshalb man ſie hier oben eing F Da hatte ſie denn gleich ein Mährchen das allerdings ſeltſam klang, doch eben darum dem unerfahrenen Landjunker höchſt intereſſant vorkam; nur das eine wollte ihm nicht recht be⸗ hagen, daß Graf Edgar eine ritterliche Rollet in, 145 ſpielte, denn er ſpürte alſobald Luſt in ſich, auch eine ſolche bei der geheimnißvollen Schönen zu übernehmen. Er hätte ihr das auch vielleicht noch angedeutet, allein ein ſchallendes Gelächter in dem nahegelegenen Garten hielt ihn davon ab. Er wandte den Kopf und erblickte Bäschen Eliſe zwi⸗ ſchen den Gemüſebeeten, wie ſie daſtand und nach ihm kufzeigend ſo überlaut lachte.— „Sei doch ſtill, die Mutter hört's ja ſonſt!“ rief er grimmig zu ihr hinab. „Sie kommt eben aus dem Hauſe,“ entgegnete die Muthwillige; ſprang aber ſcheinbar recht gut⸗ müthig hinzu, hielt die Leiter und drängte:„Raſch hinauf oder herunter, Moritz, ſonſt ſieht ſie dich!“— Dieſer, nicht recht wiſſend, was zu thun, griff, als ſie gewaltig an der Leiter rüttelte, nach einem Haken im Dache und ſaß im Nu darauf; die Leiter lag um und Eliſe war wieder im Garten und jätete ruhig fort, als ob ſie nichts von Mo⸗ ritz und ſeinem luftigen Sitze wiſſe.— Dieſer ſah mit einiger Angſt hinab, den Blick ſeiner Mutter fürchtend, doch ſie kam gar nicht zum Vorſchein, ſie ſaß in der Stube und berathſchlagte eben auf's angelegentlichſte mit ihrem Manne. Stein, Die Braut im Kloſter. I. 10 146 wie ſich am beſten aus dieſer mißlichen Affaire zu ziehen ſei. Moritz, deſſen Sitz nicht nur unbe⸗ quem, ſondern ſelbſt gefährlich war, entſchloß ſich endlich auf Wilhelminens Anrathen, Eliſe um Gnade zu bitten, doch bat er lange umſonſt, ſo lange, bis er in ſehr entſchiedenem Tone erklärte, nun hinabzuſpringen, wenn ſie die Leiter nicht wieder anlege. Sie thut es jetzt, doch neckiſch— und als er unten bei ihr ſtand, drohte ſie ihm, ſeine Neugier zu verrathen, wenn er ihr nicht ſo⸗ gleich bekenne, was ihm der ſonderbare Gaſt da oben anvertraut habe. Er, ſchnell verſöhnt, er⸗ zählte ihr die wunderliche Geſchichte der Gefan⸗ genen noch wunderlicher, und als er geendet, rief ſie lachend aus: „Das iſt alles gelogen! Ich weiß es beſſer, obgleich mich die Neugier nicht auf's Dach getrie⸗ ben hat: das hübſche Mädchen iſt daſſelbe, das Graf Edgar vor einigen Tagen auf der Land⸗ ſtraße fand und aus Barmherzigkeit in's Schloß gebracht hat— Der Abbé aber ſchaffte den ge⸗ fährlichen Fund ſchon vor Tagesanbr ich wieder fort.— Ach, der weiſe Abbé!— ja, ja, die Liebe iſt witziger, als ſo ein alter Herr! Der gefundene 147 Schatz wird jetzt in der Verwalterei aufbewahrt, bis der rechte Augenblick kommt, wo Edgar ihn wieder an's Licht ziehen kann.“— Moritz wollte dieſe Zuſammenſtellung nicht gel⸗ ten laſſen, ja er wurde recht bös, daß Eliſe glauben konnte, zu ſo etwas gebe ſich ſeine Mutter her.— Allein Eliſe, ein Stadtkind, entſchuldigte ſich altklug mit ihrer Kenntniß der Welt und ihrer Einſicht in die Verhältniſſe Anderer, die von ſo vielen Dingen abhängig wären, wie ja auch ſeines Vaters Stellung hier und ſein eigenes künftiges Loos.—„Und auf Bardenberg Verwalterin zu ſein, iſt eine ſo hübſche Sache,“ ſetzte ſie etwas erröthend hinzu;„daß man ſchon dem künftigen Herrn ein Opfer deshalb bringen kann, wenn er es verlangt. Das kleine Intermezzo mit dem Verwalters⸗ ſohn zerſtreute Wilhelmine für eine Stunde, dann kehrte ihre Ungeduld in erhöhtem Grade zurück. Der Abend kam, die Nacht brach herein und Ed⸗ gar blieb noch immer aus. Ihre Spannung wich endlich einer völligen Erſchöpfung; ſie ſank in den großen ledernen Seſſel und entſchlief. Sie träumte, Lichterglanz umflattere und Muſik umtöne ſie, 10 148 und ſie ſei wieder ein Kind und ſitze im Theater und ſchaue hinab auf die Bühne, auf der in bun⸗ tem Durcheinander ſich prächtige und ungeheuer⸗ liche Dinge zutrugen unter betäubendem Geräuſch, Pauken⸗ und Trompetenſchall. Dann wurde es ſtiller, und all die Begebenheiten der Dramen, die ſie zuweilen im Kloſter Gelegenheit gefunden verſtohlen zu leſen, ſchritten geſtaltenvoll an ihr vorüber und weckten die ſchlummernde Sehnſucht in ihr zur Erkenntniß: mit dieſer farbenreichen Welt das eigene Leben zu verſchmelzen. Sie erwachte unter gewaltigem Herzpochen.— War die Löſung des Räthſels gefunden, das ſie unauf⸗ haltſam aus dem Kloſter getrieben?— Es ſchwin⸗ delte ihr, fieberheiß glühten ihre Wangen.— War es denn nicht auch ſchon ihr Traum in der Hütte im Wald geweſen, der ihr die langen Winter⸗ abende kürzte?— Ja, hatte er ſie nicht ſchon ahnend im Kloſter durchbebt?— Wo konnte ſie eine beſſere Freiſtatt finden, als in dieſer zaube⸗ riſchen Welt, die ihr unantaſtbar vorkam und jedem gewöhnlichen Lebensverhältniß entrückt.— tun, endlich war etwas gefunden, mit dem ſie Edgar entgegentreten konnte und ſagen: das will 149 ich; dieſer Beſtimmung führe du mich entgegen, der du mich liebſt und mein Beſchützer ſein willſt. O, hätte ſie jetzt nur gleich alle Schauſpiel⸗ bücher der Welt durchleſen können! Es war ſo weniges, was ſie verſtohlen kennen gelernt, doch war das wenige feſt in ihr haften geblieben, und ſie memorirte es jetzt laut, in der kleinen Stube auf⸗ und abſchreitend. Sie fragte ſich nicht, wie das Licht wohl hereingekommen und die Leckerbiſſen, die auf dem Tiſche ſtanden; ſie bemerkte es kaum, bedachte auch nicht, daß es wohl Mitternacht ſei, da alles ſo ſtill im Hauſe: mächtiger klang ihre Stimme, alle Fibern ihrer Seele und ihres Kör⸗ pers erzitterten, ihre Bruſt hob ſich, ihr Auge flammte, bis ſeine Gluth in einem Thränenſtrome unterging und ſie laut weinend auf ihr Lager ſank. Der Morgen erſt brachte ihr erquickenden Schlaf, ſie erwachte ſpät, erſt als die Verwalterin ihr die Meldung brachte, Graf Edgar wünſche ſie zu ſprechen. Schnell hatte ſie Toilette gemacht und ihr Zimmer in Ordnung gebracht. Edgar kam herauf zu ihr, und ihr Wiederſehen war kühler, als ſie es wohl ſelbſt erwartet hatte. Sie brannte, ihm 150 das Verlangen ihrer Seele mitzutheilen, war aber um das rechte Wort verlegen. Er fühlte ſich beengt durch die Verlegenheit, in die ihn ihr Hier⸗ ſein und der Verwalterin moraliſche Anſpielungen verſetzten. Er hätte ihr gerne etwas Erfreuliches geſagt, wußte aber in der That nicht, was er ihr ſagen ſollte. Endlich fragte er ſie, ob es ihr hier gefalle, und ob ſie in der Verwalterei bleiben wolle, er würde dann Sorge tragen, daß man ſie. freundlich behandle. Er ſelbſt müſſe auf längere Zeit verreiſen, und ſie könne ſich vielleicht hier nützlich machen und auch angenehm leben; unter⸗ deſſen ſolle nach ihren Verwandten geforſcht wer⸗ den, und ſei ihr Bruder gefunden, habe ſie ja den beſten Schutz. Edgars kühles Benehmen kränkte ſie; ſie hätte ihn gern begeiſtert geſehen, um ihn in ihre eige⸗ nen Begeiſterung für eine Sache hineinzureißen, die ihm fremd und unerwartet kommen mußte. Es wurde ihr immer ſchwerer, mit ihm darüber zu reden, endlich gab ſie es für heute auf und bat ihn nur, ihr Bücher zu ſchicken; ſie nannte Schiller und Goethe, und dann ſagte ſie ihm auch, ſie wolle bis morgen über ſeine Vorſchläge nachdenken. 151 Unterdeſſen gelang es der Verwalterin, den Abbé aufzufinden, und da ſie mit ihm ziemlich vertraut ſtand, erzählte ſie ihm ohne lange Um⸗ ſchweife das Abenteuer Edgars. Der Abbé wußte nicht recht, ſolle er ſich darüber mehr freuen oder ärgern. Er gönnte ſeinem Zög⸗ ling das Vergnügen einer erſten Liaiſon, nur daß ſie auf dem Schloſſe, ſo zu ſagen unter ſeinen Augen ſich fortſpann, kam ihm nicht gelegen.— Allein er überlegte wohlweislich, daß jedes un⸗ mittelbare oder gar gewaltſame Einſchreiten die Sache nur verſchlimmern könne, und er gab der Verwalterin den Rath, nichts zu thun, als was der Graf verlange, ihre moraliſchen Serupel zu beſchwichtigen und vorerſt der Sache ihren freien Lauf zu laſſen. Für den Zorn der Gräfin Er⸗ laucht, bei etwaiger Entdeckung, ſtehe er ein, wie auch dafür, daß das ganze Abenteuer einen raſchen Verlauf nehmen werde, indem ſpäteſtens in acht Tagen der Graf eine größere Reiſe antrete. Auch gab er ihr noch die Weiſung, ſie ſolle Edgar den Vorſchlag machen, das Mädchen als eine Verwandte in ihrem Hauſe aufzuführen und ſie wie ihre Nichte zu kleiden.— 152 Beruhigt wegen etwaiger ſchlimmer Folgen, kehrte die Verwalterin nach Hauſe zurück und that ſehr freundlich mit dem unwillkommenen Gaſte. Wilhelmine vertiefte ſich in die Bücher, die ihr Edgar geſandt. Und nachdem ihr die Ver⸗ walterin einen Anzug von ihrer Nichte gebracht und ſie damit bekleidet war, ging ſie hinaus in's Freie, befreundete ſich ſo obenhin mit Eliſe und erneuerte ihre Bekanntſchaft mit Moritz. 5 waren zwei nette junge Leute, ſtets fröhlich und guter Dinge. Moritz' Herz theilte ſich wiſchen ſeinem hübſchen Bäschen und der verwünſchten Prinzeſſin,“ wie Eliſe Wilhelmine nannte. Edgar kam täglich, doch immer nur kurz, und von Lebe wurde nicht mehr unter ihnen geſprochen, auch jede ſtille Zärtlichkeit unterblieb; nur einmal in traulicher Dämmerſtunde wurde er wärmer, und dieſe Stunde hätte leicht wieder zu einer zärtlichen werden können, wenn nicht Wilhelmine, durch ſeine wärmern Worte ermuthigt, ihm von ihrem Ent⸗ ſchluß, zur Bühne zu gehen, geſprochen und ihn um ſeinen Rath und ſeine Hilfe gebeten hätte. Er erſchrak vor dieſem Plane und trat etwas ſcheu von ihr zurück, doch ſagte er ihr die mög⸗ 153 lichſte Hilfe zu; wie aber die Sache anzufangen, wußte er eben ſo wenig, wie ſie, und er meinte, man müſſe darüber mit dem Abbe ſprechen, der allein hier Rath ſchaffen könnte, und ſagte ihr zugleich, daß er ſich überhaupt vorgenommen, vor ſeiner Abreiſe ſie dem Schutz des Abbé zu em⸗ pfehlen. Er habe freilich dadurch eine andere Be⸗ ſtimmung für ſie anbahnen wollen, nämlich die, ˙ ſie in's Schloß zu ſeiner Mutter zu bringen, da es doch ungewiß ſei, welche Stütze ſie in ihren Verwandten haben werde, ſelbſt wenn man ſie auf⸗ ſinde Im Schloſſe Bardenberg wäre ſie ſicher 3 vor jeder Verfolgung; in wie weit dies bei der Bühne der Fall ſei, wiſſe er nicht, doch jedenfalls enne der Abb alle dieſe Verhältniſſe genau und ſei vielleicht ſelbſt im Stande, ihre Flucht mit dem betreffenden Kloſter durch Vermittlung auszu⸗ gleichen. „Gut, ſo ſprechen ſie mit dem Abbé,“ gab Wilhelmine nach kurzem Bedenken zu,„denn ich bedarf nothwendig einer erſten Anleitung, dann will ich mir ſchon ſelbſt helfen.“ Der Zauber, den ſie bei ihrer erſten Begeg⸗ nung auf Edgar ausgeübt und der eben wieder 154 ſeine Macht ausüben wollte, entſchwand mit ihrem ausgeſprochenen Wunſche, zur Bühne zu gehen. Das empfand ſie; es verletzte ihre Eitelkeit, kränkte auch ihr Herz, und dunkel ſchwebte ihr vor, das werde und müſſe ſich einſt rächen; dies ließ ſie jede empfindliche Aeußerung über ſeine Kälte un⸗ terdrücken, und ſie bemühte ſich, noch kälter als er zu erſcheinen, und als ſie es war.— Einerſeits ⸗ beruhigte Edgar ihr Benehmen, doch reizte es ihn auch wieder, und wäre nicht ſeine Abreiſe ſo nahe geweſen, das Verlangen des jugendlichen Blutes wäre wohl wieder überwiegend geworden. Der Abbe hatte, trotz den Verſicherungen der Verwal. terin, daß es nur Mitleid und Freundſchaft von Seiten des Grafen wäre, dennoch die feſte Ueber⸗ zeugung, ſein Verhältniß mit dem jungen Mäd⸗ chen ſei ein ganz intimes; und als Edgar den Tag vor ſeiner Abreiſe ihm endlich die ganze Geſchichte entdeckte und ihm Wilhelminens Wohl auf das dringendſte anempfahl, erſtaunte er über ſeines Zöglings vernünftige Selbſtbeherrſchung, und ver⸗ ſprach ihm zum Lohne dafür, für ſeinen hübſchen Schützling auf das beſte zu ſorgen. Edgar ſprach ihm von Wilhelminens Plänen; der Abbé zuckte 155 die Achſeln und meinte: das werde ſich ſchon fin⸗ den und ſei wohl nur eine romantiſche Schrulle in dem jungen Köpfchen, die bald einer beſſern Idee Platz machen werde. Jedenfalls wolle er ſich auf das angelegentlichſte mit des jungen Mäd⸗ chens Zukunft befaſſen und für ihre Sicherheit und auch ihr Glück Sorge tragen. Edgar theilte Wilhelmine mit, daß der Abbé die Sorge für ſie bereitwillig übernommen, und bat ſie, ihm zu vertrauen und ja keine unvorſich⸗ tigen Schritte zu thun.— „Ich will nur das Eine,“ erwiderte ſie ihm mit Beſtimmtheit,„fort von hier, in die Welt, nach der es mich verlangt. Bietet der alte Herr mir dazu ſeine Hand, wohlan, ſo ergreife ich ſie mit Freuden; im andern Falle muß ich mich eben auf mein gutes Glück verlaſſen, denn lange halte ich's nicht mehr hier aus;— beſonders da ſie jetzt gehen,“ ſetzte ſie mit einiger Koketterie hinzu.— Edgar entſchuldigte, bedauerte, und es war ihm auch, als hätte er freundlicher mit ihr ſein ſollen, und als habe er ſelbſt badurch das meiſte verlo⸗ ren. Er fühlte Reue, doch morgen ſchon war der Tag der Abreiſe.— Er ſprach von baldigem Wie⸗ 156 derſehen, und wünſchte, daß es hier im Schloſſe ſein möge. Sie ſchüttelte unwillig den Kopf dazu und ſagte: „Nur fern von hier begegnen wir uns wieder.“ Er widerſprach nicht mehr; er wollte dies dem Abbé überlaſſen, dem er auch noch eine Summe Geldes anwies zu Wilhelminens anſtändiger Equi⸗ pirung und zur Deckung der Koſten, die ein et⸗ waiger theatraliſcher Verſuch von ihr haben könnte. — Er ſelbſt, äußerte er ſich gegen den Abbé, wage es nicht, ihr ſolche Hilfe anzubieten. Zu dieſem zarten Bedenken lächelte der alte Herr im Stil⸗ len, zeigte ſich aber ſehr einverſtanden damit und freute ſich in'sgeheim, gleich in nobelſter Weiſe ſich bei der kleinen Schönen einzuführen. Auch bezweifelte er nicht, daß ſein Zögling über ſolche Serupel bald hinüber ſein werde und ſeine Börſe während der Reiſe öfter zu derartigen Zwecken gefüllt werden müſſe. Edgar ſchied, um ſich auf Umwegen in das Landhaus ſeiner Tante zu be⸗ geben, ſeine zukünftige Gattin dort zu begrüßen⸗ dann in den größern Städten Oberitaliens zu verweilen bis zum Tage der Verlobung, und dann— o Glück— zwei Jahre, frei wie der 157 Vogel in der Luft, nach dem eigenen Gelüſte zu leben. Der Gedanke an die ſpätere Vermählung wollte wohl mitunter dieſes Glück trüben, allein die ſchönen zwei Jahre lagen ſo reizend dazwiſchen, daß er des unangenehmen Nachher nicht viel ge⸗ dachte, nicht viel darüber denken wollte. Der letzte Wille ſeines Vaters mußte ſich erfüllen, das ſtand feſt, war unabänderlich, weshalb ſich darüber ſo frühzeitig grämen? war er doch nicht einmal willens es ſpäter zu thun. Sein Herz, noch nicht von ernſtlicher Liebe erfüllt, ſah die beſtimmte und ſtandesgemäße Verbindung als keinen allzuſchweren Zwang an, mehr lag in ſeinem Kopfe ein Wider⸗ ſpruch dagegen, doch auch dieſer wagte es nicht, ſich gegen die Norm aufzulehnen, die von alten Zeiten her das gräfliche Haus der Bardenberg aufgeſtellt hatte, und die ihm noch beſonders ehr⸗ würdig war durch die Hand, die ſie ihm vorge⸗ zeichnet. Die zwei Jahre Freiheit führten ihn wie beſchwingte Roſſe von dannen, und kaum arf er noch einen halbwehmüthigen Scheideblick auf die Thürme ſeines ſtolzen Schloſſes zurück. Auch an Wilhelmine dachte er nur wenig; der Abbé war jedenfalls ein beſſerer Rathgeber für ⸗ 158 ſie, und ſeine Leidenſchaft für das hübſche Mäd⸗ chen hielt nicht Stand bei der Luſt, die ihm die Reiſe machte: das endlich erreichte Ziel ſeiner langjährigen Sehnſuchtswünſche. Greich nach Edgars Abreiſe beſuchte der Abbé die Verwalterei und war äußerſt charmant gegen die junge Verwandte, wie man jetzt Wilhelmine dort nannte. Der freundliche Herr, dem viel lang⸗ weilige Stunden im Schloſſe drohten, gab ſich alle Mühe, Wilhelmine für ſeinen Plan zu ge⸗ winnen, ſie nämlich der Gräfin als eine hilfloſe Waiſe vorzuſtellen, und ſie ihr zu einer Art Ge⸗ ſellſchafterin, Vorleſerin oder ſo etwas dergleichen vorzuſchlagen, um doch ein wenig die Lücke auszu⸗ füllen, die Edgar hinterlaſſen.— Er zweifelte nicht, daß es ihm gelingen werde, die Gräfin da⸗ für zu ſtimmen, wenn nur Wilhelmine auf ſeine klugen Unterweiſungen hören wollte. Allein er ſtieß mit ſeinen wohlmeinenden Rathſchlägen auf entſchiedenen Widerſpruch bei ihr; doch da ihm deſſenungeachtet das Mädchen immer beſſer gefiel, verſuchte er Umwege, um dennoch zu ſeinem Ziele zu kommen. 160 Er ſtimmte ſcheinbar ihren Wünſchen bei, ſandte Annoncen in Blätter, um in verblümter Weiſe nach ihren Verwandten zu forſchen.— Offen konnte man es wegen der Kloſterflucht nicht thun, ſo ſagte er ihr wenigſtens. Dieſe Thatſache ſollte ihm überhaupt als Schreckbild dienen. Er über⸗ zeugte Wilhelmine, daß, ſobald man ſie entdecke, ſie auch unwiderruflich wieder in's Kloſter ge⸗ bracht werde und dänn wohl nie mehr Gelegen⸗ heit zum Entfliehen ſinde. Er wußte ihr dies mit ſo vielen Beiſpielen und in ſo beſorgtem Tone vorzuführen, daß ſie mehr Furcht als je davor verſpürte. Dann überzeugte er ſie auch, daß ihre Bühnengelüſte im Augenblick unausführbar wã⸗ ren, indem die kleineren Theater alle im Sommer geſchloſſen ſeien und deshalb erſt mit Beginn des Winters ſich etwas anbahnen laſſe, da jedenfalls nur bei einer kleineren Bühne der Anfang ge⸗ macht werden könne. So zog ſich Wilhelminens Bleiben auf Bardenberg in die Länge. Sie be⸗ freundete ſich indeſſen mehr mit Eliſe und Moritz und weihte erſtere halb und halb in ihren Plan ein, und ſie, die gerne das kluge Stadtkind herausſtellte, kramte viel Wiſſenſchaft über Thea⸗ 161 terverhältniſſe aus, was jedoch Wilhelmine nur verwirrte. Es klang alles, was Eliſe davon erzählte, ſo durcheinander und ſo gewürzt mit Sachen, die ihr gar nicht dazu zu gehören ſchienen, ſo daß des Abbeé's Auseinanderſetzungen ihr im⸗ mer noch beſſer zuſagten, und ſie deshalb auch ſeinen Rathſchlägen williger horchte. Der Abbé meinte, wenn er das junge Mädchen nur einmal im Schloß habe, werde er auch darin zu feſ⸗ ſeln wiſſen. Er gab ſich dem eiteln Wahne der meiſten älteren Herren hin, daß ſeine Liebens⸗ würdigkeit die fehlende Jugend erſetze, und ein junges Mädchen in ſeinem Umgang die grauen Haare nach und nach vergeſſen könne. Man legt in dieſen Punkt mit Unrecht die größere Selbſt⸗ täuſchung dem weiblichen Geſchlechte bei. Schon der Spott, dem ſie dadurch verfallen, ſchützt ſie davor, wo beſſere Einficht fehlen ſollte, während die älteren Männer nur äußerſt ſchwer von dem Glauben laſſen, das jüngſte Herz noch entzünden zu können. So malte ſich auch der Abbs ein mögliches, zärtliches Verhältniß mit der verlaſſenen Geliebten ſoines Zöglings aus, in welchem ſie ſich nicht nur über Edgars Kälte tröſten, ſondern von Stein, Die Braut im Kloſter. I. 11 162 ihm geliebt, ſich ſelbſt glücklich fühlen werde. Die Gräfin glaubte er leicht täuſchen zu können, viel weniger die Verwalterin, die an einer ge⸗ wiſſen Eiferſucht ihm gegenüber litt und ein gar ſcharfes Auge für ſein Thun hatte. In ihrer Nähe mußte er ſich ſehr zuſammen nehmen und wünſchte deshalb Wilhelmine je eher je lieber auf's Schloß zu bringen, und überbrachte ihr auch eines Tages einen Ruf da Erlaucht, dem ſie ſich jedoch nicht gleich fügen wollte. Die Verwalterin mußte nun ſelbſt die Hand dazu bieten: der Abbé gab ihr Winke, daß die Gräfin Verdacht geſchöpft und er dahin vermittelt habe, indem er Wilhelmine als ein ihrem guten Herzen übergebenes Mädchen ge⸗ ſchildert, für deſſen Unterkommen ihr zu ſorgen eine ſchwere Laſt ſei. Die Verwalterin, obgleich nicht ganz von Verdacht gegen den Abbeé frei, bot jetzt doch Alles auf, Wilhelmine zu beſtimmen, ſich von ihm der Gräfin vorſtellen zu laſſen. Auch Eliſe drang in ſie, in's Schloß zu gehen und ſich dort zu vergnügen, bis ſich eine gün⸗%½ ſtige Gelegenheit für's Theater zeige; für ihre Perſon, meinte ſie, würde ſie eine Stelle bei der vornehmen Dame vorziehen, verſprach jedoch v 163 ihrer Nachhauſekunft ſogleich nach den nähern Verhältniſſen der dortigen Bühne zu forſchen und zu Gunſten ihrer Freundin ſich zu verwenden. In einigen Wochen kehrte ſie zu ihrer Mutter zurück, dann war es gerade noch Zeit bis zur Wiedereröffnung des Theaters, etwas für Wil⸗ helmine zu thun. Auch der Abbé ließ dieſen Ge⸗ genſtand nicht fallen, meinte nur, daß es einſt⸗ weilen beſſer für Wilhelmie ſei, im direeten Schutz der Gräfin zu leben, deren vornehme Be⸗ kanntſchaften in der Welt ihr ſpäter von weſent⸗ lichem Nutzen ſein könnten. So wurde die Zö⸗ gernde überſtimmt und Edgars Mutter, die von dem ganzen Zuſammenhang der Sache nichts er⸗ rieth, zu einer Stelle im Schloſſe vorgeſchlagen. Die Verwalterin und ihre Nichte thaten alles Mögliche, Wilhelmine auf das Vortheilhafteſte zu kleiden, und ſie ſah ſo intereſſant aus mit ihren prächtigen Augen und den blaſſen Wangen, daß die Gräfin ſich gleich geneigt zeigte, ſie um ihre Perſon zu beſchäftigen. Sie ſollte ſie in ihren —. Handarbeiten unterſtützen, vorleſen und vor Allem 3 ihr etwas vorplaudern in langweiligen Stunden. ers Abweſenheit machte ihr das Schloß ſo 85 164 einſam, wie ſie nicht für möglich gehalten; doch ließ ſie es ihre Umgebung nicht merken, daß ſie den Sohn vermiſſe, ja ſie ſelbſt wies dieſen Gedanken ſtrenge zurück, allein er kehrte deſſen ungeachtet wie⸗ der; eine Zerſtreuung durch das junge Mädchen war ihr nicht unerwünſcht. So kam Wilhelmine gegen ihren Willen in eine Lage, um die Gliſe ſie faſt beneidete, ie Verwalterin ſie mit ſchar⸗ ſem Auge beobachtete und Moritz unwillig machte, weil ſie ihm die Gelegenheit raubte, mit ihr, ſo viel er wollte, zu verkehren.— Dieſen Umſtand jedoch begrüßte Eliſe mit Freude, da ſie ein ganz beſonderes Wohlgefallen an dem jungen Vet⸗ ter G der einſt Verwalter hier werden ſollte. Der Abbé war äyßerſt vorſichtig in ſeiner Annäherung an Wilhelmine, es war doch eine defieilere Sache, als er ſich gedacht— ſo unter den Augen der Erlaucht, die einen ſo kalten Blick hatte, ein zärtliches Verhältniß anzuknüpfen. Er hoffte auf die langen Winterabende und die etwas abgelegene Schloßbibliothek, in der Wilhelmine ſich viel zu thun machte. Sie hätte gerne alle die ſchön eingebundenen Bücher auf einmal geleſen und nahm ſie oft ſtoßweiſe von den Geſtell herab, legte ſie um ſich her und ſetzte ſich mitten hinein. Bald vertiefte ſie ſich in dieſes, bald in jenes Werk. Es blieben ihr viel freie Stunden dazu da die Gräfin ſie immer weniger für ſich in Anſpruch nahm.— Sie überwand ihr geheimes Ver⸗ langen nach dem Sohn, und dadurch wurde ihr die Nähe des jungen Mädchens wieder entbehr⸗ licher, ja ſie genirte ſie ſogar zuweilen, und ſie hätte ſie gerne wieder entfernt, wenn ſie nicht zugleich ein gutes Werk in ihrer Aufnahme ge⸗ ſehen, indem der Abbé ihre hilfloſe Lage ihr recht ergreifend geſchildert hatte.— Je mehr nun die Gräfin Wilhelmine wieder von ihrer Perſon entfernte, deſto mehr Gewinn hoffte der Abbé für ſich, allein, an ſeinen Umgang zu ſehr gewohnt, ließ ihn die Gräfin nur ſelten los, und dann meiſtens nur in ſolchen Stunden, in denen Wilhelmine um ſie war. Der rechte Augenblick, vertrauter mit ihr zu werden, wollte für den guten Abbé nicht kommen, und zu ſeinem Verdruß mußte er bemerken, daß ſie manche Stunde der Freiheit mit dem hübſchen Verwaltersſohn vertändelte, der, ſeit Eliſens Auge ihn nicht mehr bewachte, zu jeder Tageszeit das Schloß umſpähte und jede Gelegenheit ergriff, mit Wilhelmine zuſammenzutreffen.— Endlich aber ſchlug doch auch die erſehnte Stunde für den liebenswürdigen alten Herrn, in der er lange zurückgehaltene Wünſche ſeinem ſchönen Schützling offenbaren konnte. Die Gräfin, etwas unwohl, entließ ihn früh⸗ zeitiger als ſonſt, und— o Glück— er ſah Licht im Bibliothekzimmer— nur Wilhelmine konnte dort ſein.— In hoffnungsvollen Empfindungen trippelte er durch den langen Seitengang und ſtand, ohne daß es Wilhelmine bemerkte, hinter ihr und lugte über ihre Schulter in das Buch, in dem ſie eifrig las.* Es war„Romeo und Julie“ und ſie ſo ver⸗ tieft in die herrliche Dichtung, daß der Abbé faſt eine Scheu empfand, ſie zu ſtören. Halblaut, in unnachahmlichem ſprach ſie jetzt vor ſich hin: „Der Liebe leichte Schwingen trugen mich, Hier über dieſe Mauern. Keine Schranke Von Steinen hemmt die Liebe, und was ſie Vermag, das unternimmt die Liebe auch Hier brach ſie ab, blickte über das Buch hin⸗ weg und ſprach weiter, doch in völlig anderer Weiſe: „Iſt denn die Liebe allein ſo mächtig, nicht auch das heiße Verlangen nach etwas anderem?“ Sie ſtieß das Buch zur Seite, ſprang auf und rief mit Pathos: „Nein, keine Schranke hält mich mehr!“ Der Abbé applaudirte; ſie wandte ſich er⸗ ſchrocken um, und als ſie den Störer erblickte, wurde ſie dunkelroth und fragte heftig: „Was wollen ſie hier?“ „Ihr dramatiſches Talent bewundern; wirk⸗ lich, ſie deklamirten allerliebſt!“ „Wenn ſie das anerkennen, warum laſſen ſie mich hier ſo lange ſchmachten, warum unter⸗ ſtützen ſie meine Wünſche nicht, wie es ihnen doch gewiß Graf Edgar geboten hat?“ „Graf Edgar unterfing ſich nie, mir etwas zu gebieten; er empfahl mir nur über ihr Wohl zu wachen.“— „Und warum thun ſie das nicht? Bin ich hier viel beſſer dran, als in dem Kloſter, dem ich entlief?“— „Ich ſollte doch denken, daß es ſo wäre. Sie 168 haben jede wünſchenswerthe Freiheit, haben ein ruhiges, ſorgenloſes Leben.“ „Das will ich aber nicht. Abbé! Ich will ein bewegtes Leben haben, und wäre dieſe herrliche Geſellſchaft nicht hier“— ſie deutete auf die Bücher⸗ reihen—„ich wäre längſt auch dieſem Schloſſe entlaufen, wie einſt dem Kloſter!“ „Ei, ei, ſo heftig! Bedenken ſie doch, daß die Zeit noch nicht da iſt für ihre— romantiſchen Pläne.“ „O, die wird nie da ſein, wenn es auf ſie ankommt! Ich durchſchaue ſie, ſie möchten mich gerne ganz hier behalten, den langen Winter ihnen kürzen zu helfen; aber ich ſage ihnen, Abbé, das geſchieht nicht! Mit was könnten denn ſie auch für ein ſolches Opfer ſchadlos halten?“ „Ein Opfer nennen ſie ihr Hierſein— ein Opfer— während ſie längſt wieder im Kloſter wären, wenn wir uns nicht ihrer angenommen hätten. Sie ſind undankbar, ſehr undankbar.“ „Nun ja denn, ich bin Edgar, bin ihnen Dank ſchuldig; aber ich ſagte ihnen ja längſt, daß ich hier nicht bleiben kann, nicht bleiben will.“ „Und weshalb, ſchöne Minna, weshalb?— Wollten ſie nur ein wenig freundlicher mit mir ſein, ſie ſollten ſehen, ja ſie ſollten ſchon ſehen.“— „Nun was denn?“— fragte Wilhelmine lang⸗ ſam und ſah ihn groß an.— „Was ich nicht Alles für ſie thun könnte!“ „So reden ſie.“— Er nahm ihre Hand, ſtreichelte ſie und ſagte ſchmunzelnd: „Die Erlaucht ſollte uns ſchöne Tage machen, wenn wir einverſtanden wären. Sie iſt eine ſtolze Frau, aber doch zu lenken. Ich würde ihr dieſes und jenes vorſchlagen; in ihrem Intereſſe, Wil⸗ helmine.“— „Zum Beiſpiel?“ „Zum Beiſpiel, heute eine Spazierfahrt, mor⸗ gen ein neues Kleid, übermorgen ein Armband. Die Erlaucht iſt gut, wenn man ſie an der rechten Stelle zu faſſen verſteht. Sie darf es nur nicht merken, daß ſie einem andern Willen gehorcht, als dem eigenen.“ „Und weiter, weiter Abbé.. Alſo ein neues Kleid, eine Spazierfahrt, ein Armband und dann“— „Dann— nun dann noch meine Galanterie, 170 die dem Beiſpiel der Gräfin folgen würde.— Sie reichten mir dafür das liebe Händchen,— ſie lächelten mich freundlich an. Ach, wenn ſie wüß⸗ ten, wie mich das beglückt— wie mein Herz wieder jung dabei wird.— Edgar denkt nicht mehr an ſie, aber ich, ich würde ſie ewig lieben!“ „Das wäre lang, ſehr lange, Herr Abbé“— lachte Wilhelmine, und ihr Auge blitzte ihn funkelnd an und dann bedeutungsvoll zur Seite, wo ein Schatten ſichtbar wurde. Von der warmen Hand, die er noch immer in der ſeinen hielt, ganz elektriſirt, legte der alte Herr den Arm um das junge Mädchen und wollte ſie küſſen. Da aber war ſie wie hinweggeblaſen, fort— das Licht ausgelöſcht und er gepackt und im Kreiſe herumgewirbelt, daß ihm Hören und Sehen verging. Athemlos lag er nach kurzer Friſt am Boden zwiſchen den Büchern, und ein höhni⸗ ſches Lachen drang an ſein Ohr, und obgleich er weder furchtſam noch abergläubiſch war, wurde es ihm doch unheimlich zu Muth, und er war in ſtarker Verſuchung nach Hilfe zu rufen. Allein ſeine Klugheit überwand dieſen Ausbruch der Furcht; er raffte ſich auf und fand auch in der 171 Dunkelheit den wohlbekannten Weg zurück in ſein Zimmer, wohin er ſich einige Stärkungen be⸗ ſchied, um ſich von dem Unfall dieſes Rebes⸗ abenteuers zu erholen. Er nahm ſich vor, damit jeder Herzens⸗ und Sinnenerregung für immer Lebewohl zu ſagen, und Wilhelmine aus dem Schloſſe zu entfernen. Dazu mußte man freilich eine paſſende Gelegenheit abwarten, und er trug ſich mit dem Gedanken, die Gräfin von Wilhelmi⸗ nens Kloſterflucht zu unterrichten, und ſie zu beſtim⸗ men, das entlaufene Mädchen wieder in jenes Aſyl zurückbringen zu laſſen, allein es bangte ihm, die ſtrenge Erlaucht möchte dann Alles erfahren und zwar von Wilhelminen ſelbſt; er hielt ſie deſſen fähig, und dann auch empfand er doch wieder Mit⸗ leid mit ihr. Als er ihr am andern Tag im Vorgemach der Gräfin begegnete, machte ſie ein ſehr ernſtes Geſicht und ſagte mit 8 empor⸗ gerichteten Augen. „Welcher Spuk, Abbé!“ Ich bin noch durch und durch von Schauern erfüllt.“ Er drohte: „Die Schauer werden ſich noch mehren in dunkler Zelle!“ 172 „Erbarmen!“ flehte ſie und ging lachend an ihm vorüber „Hexe, du ſollſt büßen;“ S er ihr 46. Doch es wollte ihm keine paſſende Strafe für ſie einfallen, und er ſollte dieſer Sorge auch über⸗ hoben werden.— Zwei Tage ſpäter war Wilhelmine verſchwun⸗ den, mit all' ihren kleinen Beſitzthümern, die ſie Edgar und der Gräfin verdankte, und mit der Verwalterin größtem Schatz,— mit Moritz, ihrem einzigen Sohn, dem hoffnungsvollen Erbprinzen der Verwalterei Bardenberg. jetzt verwahrloſt aus umwucherndem Buſchwerk In einem wenig gekannten und ſelten beſuch⸗ ten Thal der Schweiz ſtand ein Haus, von Bäumen und Geſträuchen faſt ganz verſteckt in dem grünen Einſchnitt eines Berges. Es war von hübſcher Bauart, doch vernachläſſigtem Aus⸗ ſehen, und lag ganz abſeits der gewöhnlichen Touren Reiſender, einſam, dem Sitz eines ge⸗ brochenen oder überliebereichen Liebelebens ähn⸗ lich. So hübſch auch das Thal und beſonders die Lage des Hauſes war, bot es in dem an Naturſchönheiten reichen Lande doch keinen ſo beſonders romantiſchen Reiz, der die Neugierde oder Naturſchwärmerei bis hieher verlockt hätte.— In früherer Zeit ſtand hier eine Mühle, die jedoch, des nöthigen Verkehrs wegen, ſchon lange Jahre ihr geſchäftiges Klappern eingeſtellt hatte und dem Verfall nahe war, als ein Fremder ſie kaufte, und an ihre Stelle das Haus erbauen ließ, das 174 und hoch emporragenden Bäumen hervorſah. Wie einſt aus der alten Mühle, ſchien auch aus dieſem neueren Gebäude jeder Laut des Lebens entwichen, denn nichts regte ſich darinnen und darum her⸗ was eine menſchliche Spur bekundet hätte, nur das Murmeln des Baches und der Vögel Geſang war vernehmbar. Lauſchte man genauer nach dieſer geheimnißvollen Wohnung hin, ſo erſpähte man durch den üppigen Blätterſchmuck, der ſie umgab, einen verwilderten Garten von einem Zaune umfaßt, den ein eiſernes Thor abſchloß. Die grünen Jalouſien des Hauſes, die man beim Näherkommen bemerkte, ſchillerten ins Gräuliche, und man ſah es ihnen an, daß ſie wohl manches Jahr nicht geöffnet worden. Der einzige helle Punkt, den man gewahren konnte, war ein Fen⸗ ſter im Erdgeſchoß, welches jedoch ſo verſteckt lag, daß man es außerhalb des Gartens kaum an⸗ ſichtig wurde. Den Reiſenden, die ſich eben dem einſamen Gebäude nahten, kam es deshalb auch unbewohnt vor. Sie ſtanden unſchlüſſig an dem gebrechlichen Steg, den ſie noch zu überſchreiten hatten, um die eiſerne Eingangsthüre zu er⸗ reichen. Da rief die ſchöne Dame, die ſich erſt 175 8 noch bebend am Arm ihres Begleiters gehalten, entſchloſſen aus: „Lorenzo, wir müſſen hinüber!“— Und ehe er ſie aufzuhalten vermochte, ſtand Ella auf der ſchwanken Brücke, die unter ihr einzuſtürzen drohte— doch pfeilſchnell war ſie hinüber. Lo⸗ renzo folgte etwas vorſichtiger nach, dann kam Joſepha, Ella's Dienerin, und zwei Knaben, die Gepäck trugen.— Der mürbe Steg hielt die Laſt aus, und wohlbehalten ſtanden ſie Alle vor der verſchloſſenen Pforte. Lorenzo zog an einer Schelle, doch ſie war unbrauchbar geworden; da fing er zu klopfen an, und Joſepha rief laut den Namen: Konrad, und die Buben riefen: Koni, Koni mit heller Stimme nach. Hundegebell war die Ant⸗ wort, und ein ſchwarzes, zottiges Thier ſprang mit allen Zeichen der Wuth gegen den Eingang.— „Ein guter Willkomm!“— ſeufzte Ella. „Wir finden doch das Haus bewohnt, und hoffent⸗ lich noch von dem alten Müller,“ beruhigte Lorenzo. „Dort kommt er;“— ſagte Joſepha, auf eine gebeugte Geſtalt zeigend, die langſam dem Hunde nach kam.— „Iſt das Konrad?“ fragte Ella. 176 „Er iſt's, Fräulein— obſchon ſehr gealtert.“— „Wie lange iſt's, daß ſie Ella von hier fort⸗ getragen?“— fragte Lorenzo.— „Sechzehn Jahre ſchon— es iſt auch eine lange Sei „Sie waren aber ſpäter noch hier?“— „Ich mußte leider zurück und blieb ſo lange, bis der Graf mich nach England ſchickte ſie zu pflegen, ſie war auf den Tod erkrankt, das arme Kind. Wie fand ich es verändert. Von da an verließ ich das Fräulein nicht mehr.“— Ella warf einen Blick liebender Dankbarkeit auf die treue Dienerin. Konrad hatte indeſſen das Thor aufgeſchloſſen und ſah finſter auf die draußen Stehenden. „Kennſt du mich nicht mehr, Müller Koni?“ fragte die Dienerin. „Du biſt Joſepha von drüben aus dem Dorfe,“ anwortete er nach einem prüfenden Blick. „Ja, Joſepha— aus dem Dorfe drüben“— wiederholte ſie. „Du ſiehſt ganz anders aus— freilich die Jahre thun das— ja, ja— ich bin auch nicht mehr der Koni von damals.“ 176 „Aber was willſt du, Joſepha und jene Andere? Niemand darf herein.— Er hat abgeſchloſſen, als er das letztemal hier war, und geſagt, nur der, der den Schlüſſel bringt und meinen Siegelring, dem öffne das Thor, alter Koni.“— „Hier iſt der Schlüſſel“, ſagte Joſepha, einen ſolchen aus der Taſche ziehend.— „Und hier der Ring,“ ſetzte Ella hinzu, indem ſie ihren Handſchuh auszog und ihm die Hand hinreichte.— „Gerade ſo ſchön und weiß, wie ihre Hand“— murmelte Koni—„und der Ring iſt's auch— und der Schlüſſel auch.— So kommt herein; meine Hut hat jetzt ein Ende.“ „O nein Alter!“ entgegnete Ella freundlich, und klopfte ihm auf die Schulter,„du ſollſt mir mein Eigenthum noch lange hüten, ich will nur einmal Einſicht davon nehmen.“— „Wer iſt ſie?“— fragte Koni Joſepha.— „Ellchen, alter Müller— erkennſt du ſie nicht mehr? Gelt, die iſt groß geworden?“ Er ſah Ella genauer an und ſchüttelte den Kopf. „Glaub's wohl, Alter, daß du Ellchen nicht in Stein, Die Braut im Kloſter. I. 12 178 ihr erkennſt; das kleine Kind war lange nicht ſo ſchön, als Fräulein Ella es iſt.“— „Nein, Ellchen war ein bleiches, hageres Kind, und weinte viel. Das Fräulein dort hat hellere Augen, und ſieht aus wie eine Roſe, und iſt freund⸗ lich.— Ellchen lachte nur mit dir, wenn es an deiner Bruſt getrunken, ſonſt mit Niemand, drum gab's auch ſeine Mutter her.“— „Oh, ſie hatte das Kind lieb, Koni. 4 „Nein. Sie verließ es ja.— Iſt ſie geſtor⸗ ben, Joſepha?“— Joſepha gab keins Antwort hierauf, auch kamen ſie jetzt an das Haus, an das Ella mit Lorenzo vorausgeeilt war. Sein Hauptthor war verſchloſſen, nur ein Seitenpförtchen offen, das zu Koni's Wohnung führte.— Ella ſtreckte ihre Hand nach dem Schlüſſel aus, den Joſepha trug; doch dieſe bat, zuerſt ein⸗ treten zu dürfen, um erſt die Zimmer etwas zu ordnen und auszulüften, da die Läden ſchon ſeit ſo vielen Jahren verſchloſſen ſeien.— Lorenzo wollte es auch ſo— doch Ella ergriff haſtig den Schlüſſel und ſagte: „Nein. Mein Fuß ſoll dieſe Schwelle zuerſt überſchreiten! Ich will allein, ganz allein zum erſtenmale wieder dieſe Räume betreten. Sie ſteckte den Schlüſſel ein, doch das Schloß widerſtand ihrem Druck. Lorenzo's kräftigere Hand mußte nachhelfen. und die Pforte that ſich knarrend auf. Düſterheit und modriger Geruch kam ihnen entgegen. Ella ſchauerte unwillkürlich zuſammen, ihre Bruſt beengte ſich, und ſie wehrte Lorenzo nicht länger, ihr zu folgen. Er öffnete ſchnell einige Läden.— Wie trübe ſah es doch aus in dem Hauſe, das ſein Hüter allzu gewiſſenhaft ver⸗ ſchloſſen gehalten. Ein unfreundlicher, grauer Staubüberzug bedeckte Möbel und Wände und gab allen Gegenſtänden die ähnliche Färbung. Die Gardinen hingen vergilbt und zerriſſen an den Fenſtern und vermehrten noch das Unheimliche der Zimmer. So hatte Ella es ſich wicht gedacht, nicht überlegt, daß lange unbenützte und nicht ſorgfältig gepflegte Räume, wie Alles, dem Zahn der Zeit gar bald erliegen.— Nirgends fand ſich auch nur ein Kabinet, das wohnlich anſprach. Seußzend ſagte ſie: „Wie uns doch unſre Einbildungskraft täu⸗ 180 ſchen kann, wenn ſie ſich mit vergangenen Dingen beſchäftigt, die uns intereſſiren. So hätte ich geſchworen, ich erkenne alle dieſe Räume mit ihrer ſpeziellen Bedeutung ſogleich wieder, obſchon man mich als ein Kind von kaum zwei Jahren von hier wegbrachte. Mir war es ſtets, ich ſei älter geweſen, und könne mich noch der meiſten Dinge genau erinnern, die mich umgeben; beſonders ſah ich meine Mutter oft ganz deutlich vor mir ſtehen; und darin werde ich mich doch wohl nicht auch getäuſcht haben? Ihr Bildniß befindet ſich hier! der Graf ſprach in ſeinen letzten Stunden davon.— O, kommen ſie ſchnell, Lorenzo, wir wollen es ſuchen.“ „Vielleicht bedeckt es jener Vorhang,“ meinte Lo⸗ renzo, und nahte ſich einem verhängten Gegenſtand. Ella wollte ihm ſchnell zuvorkommen, doch er wehrte ihr und bat, das Bildniß erſt vom Staube befreien zu dürfen, damit, wenn es wirk⸗ lich ihre Mutter darſtelle, ſie gleich den vollen, ungetrübten Anblick habe. Sie nickte bejahend und trat in ein anderes Gemach.— So ſehr ſie ſonſt der bloße Gedanke an dieſen Ort ſchon bewegt hatte, und ſo ſehr ſie ſich vor der mächtigen Aufregung eines Beſuches 181 hier oft gefürchtet, war doch der Eindruck jetzt ein völlig anderer, als ſie erwartet: er war mehr pein⸗ licher als ſchmerzlicher Art. Nicht ſo wie ſie ge⸗ glaubt, erbebten alle Faſern ihres innerſten Seins; war ſie auch ergriffen, war es doch lange nicht ſo tief, ſo allgewaltig ſchmerzlich,— viel minder ſelbſt, als in manchen Stunden des Angedenkens. Sie zauderte, Lorenzo's Ruf zu dem Bilde, das eine ſchöne Frau vorſtelle, zu folgen. Waren es wohl die Züge, die ihr noch von der längſt Getrennten, vorſchwebten, von einer Mutter, die ſie liebte um ihres Unglücks willen, obgleich ſie von ihr verlaſſen worden.— Sie war todtenbleich, als ſie dem Bildniß nahte. Seine Farben waren unverblaßt, ſein Aus⸗ druck höchſt lebendig: eine ſchöne Geſtalt in Lebens⸗ größe, zart und doch voll reizender Fülle, mit lichten Locken und wunderbar ſchönen Augen.— „Meine Mutter— das meine Mutter Lorenzo!“ — ſtammelte Ella.—„So nicht— nein, ſo ſah ich ſie nicht in meinen Träumen, da war ſie viel grö⸗ ßer— majeſtätiſcher— ihre Haare waren dun⸗ kel— ihr Auge tief blau— wie ver Himmel.“— 182 Lorenzo lächelte und ſagte: „Ihre Erinnerung, Ella, reicht unmöglich ſo weit zurück.— Sie ſehen in ihrem eigenen ſchö⸗ nen Bild die Mutter— finden unbewußt in den bekannten Zügen, die ſich dennoch nur un⸗ ſicher von dem eigenen Selbſt einprägen, eine leb⸗ hafte Erinnerung an die theure Getrennte.“— „Es iſt möglich, daß es ſo iſt, und iſt nicht gut,— dieſes Bild, ſo anſprechend auch— es läßt mich kalt— wie Alles hier.— Lorenzo, werfen ſie den Vorhang über— mein Herz ſchmerzt mich, Freund, doch anders, als ich es ge⸗ dacht. Kommen ſie ſchnell in's Freie— Joſepha mag indeſſen einige Stuben möglichſt gut zum Bewohnen herrichten— Vielleicht finde ich draußen, was mir im Hauſe mangelt: eine befriedigende Uebereinſtimmung mit meinen Erinnerungen.“ „Oder vielmehr den Bildern ihrer Phantaſie, mit denen ſie die Vergangenheit ausſtatteten. Daß ſie ſich getäuſcht finden, iſt nicht anders möglich, täuſcht uns doch ſelbſt die getreuſte Erinnerung an Dinge, die ein hohes Intereſſe für uns ha⸗ ben. Wir legen zu viel von unſrer eigenthüm⸗ lichen Anſchauung hinein, die ſich im Lauf der 183 Zeiten nicht gleichbleibt. Ebenſo ſchmücken wir gar zu gerne die Zukunft mit den Farben unſerer Wünſche aus, die, bis wir ihnen nahe kommen, verblaſſen.— Drum, Freundin, nur nicht zu Schönes von der Zukunft erwartet!“ „Dieſe ewigen Mahnungen voll Zweifel är⸗ gern mich anfangs, Lorenzo! Zu was ſelbſt Illu⸗ ſionen trüben, wenn man in ihnen den Muth zum Leben wieder findet? Und zudem, iſt es nicht das beſte Omen für mein Glück, daß ich den Schmerz hier nicht finde, den ich gefürchtet? Ich nehme es dafür, wenn auch mein Herz ſich im Augenblick noch darauf capricirt, Gram darum zu empfinden, daß ihn nicht beſchieden, was als Gewißheit eigenſinnig ſich bei ihm eingeniſtet hatte, und nun bedauern will, durch dieſes öde Haus nicht ſo tieſſchmerzlich ergriffen zu ſein, als es erwartete. Das iſt einfältig, Lorenzo, nicht wahr?— Warum ſchelten ſie mich nicht darum?— Soll ich dieſes Erbe nicht veräußern, um einen Ballaſt Erinnerungen damit los zu werden?“ „Wenn mit dieſem Beſitzthum wirklich die Erin⸗ nerung an dasjenige, was ſich daran knüpft, in ihnen ausgelöſcht werden könnte, dann, Ella, ſollte 184 es ein Scheiterhaufen werden, der heute noch auf⸗ flammte. Allein was wir einmal wiſſen, was als wahr in uns eingezogen iſt, bleibt haften. Wir können es überdecken, in ein Winkelchen zurück⸗ drängen, ganz aus uns herausbringen nimmer⸗ mehr. Doch zu was auch, ſobald wir nur die Kraft in uns verſpüren, uns über die Verhält⸗ niſſe zu ſtellen, gewiſſermaßen uns auf der Höhe einer Situation zu halten, die uns einen ruhi⸗ gen und freien Ueberblick vergönnt.— Mehr dürfen wir nicht verlangen, mehr wird uns nie werden, Ella, und es iſt auch genug, wenn ſie nicht allzu illuſoriſche Hoffnungen hegen, und ſobald ſie das ganze Erbe, das ihnen des Grafen Teſta⸗ ment geſichert, hinnehmen als ein Mittel, ihr Le⸗ ben zu lichten, werden ſie ſich auch dies kleine Beſitzthum ſo anſehen. Wer weiß, ob es nicht in ſpätern Jahren ein anſprechender Ruhepunkt für uns wird.“ 8 Sie kamen unter dieſem Geſpräche in den Garten, deſſen Wege kaum noch gangbar waren, ſo hatte das Unkraut ſie überwuchert, und die Gebüſche ſie beengt. „Hier trug mich wohl einſt Joſepha herum,“ 185 ſagte Ella.„Die treue Seele liebte mich gewiß am meiſten. Ich ſoll ein kränkliches, alſo auch unliebenswürdiges Kind geweſen ſein; dennoch liebte ſich mich über die Maßen und war troſt⸗ los, als man mich ihr nahm, und noch troſtloſer darüber, daß man ihr nicht einmal ſagte, wem ich gebracht worden ſei. Ich ſelbſt erinnere mich nur noch ſo viel, daß ich mit einem Kind ſpielte und dann über ein großes Waſſer fuhr; es war wohl das Meer. In der Penſion in England kam ich eigentlich erſt zu Verſtande; man nannte mich dort, wie ich mich jetzt wieder nenne, Ella Karren. Mein ſpäteres Leben in Paris kennen ſie, denn mit meinem Eintritt in den glänzenden Salon des Grafen lernte ich ſie kennen. Sie wurden mein Lehrer, mein Freund, und wohl mir, daß ſie beides geblieben, auch dann noch, als das Un⸗ glück über mich hereinbrach— als ich ſo tief, ſo tief geſunken mich fühlte.“— „Und mit welchem Unrecht, Ella?— Es war die Verzweiflung über getäuſchte Lebenshoffnungen, die ihrer jungen Seele ſich bemächtigt hatte.“ „Sie richteten mich wieder auf, Freund!— ewig Dank dafür.“— 186 Sie reichte ihm die Hand, und ihr Auge ſchim⸗ merte feucht— doch mit einer raſchen Bewegung die Locken zurückſtreichend, rief ſie heiter: „Laſſen ſie uns vorwärts ſchauen, nicht zu⸗ rück! Was beginnen wir in der nächſten Zeit?“— „Ich werde das Geſchäftliche möglichſt raſch mit Hilfe Koni's abzumachen ſuchen, dann reiſen wir wieder.“ „Nach dem Landhaus an der italieniſchen Grenze?“ fragte ſie. „Wollen wir es nicht umgehen, Ella? Was ſollen ſie dort?“— „Ich weiß es ſelbſt nicht recht.— Ich möchte ſie ſehen und möchte es auchwieder nicht.— Wir wollen auf der Weiterreiſe darüber entſcheiden. Machen ſie jetzt nur, daß wir bald wieder fortkommen; es iſt mir zu ſtill und einſam hier und“—ſetzte ſie lachend hinzu,„am Ende kämen wir gar in die Gefahr, an ſolchem Orte uns ineinander zu verlieben, um nur möglichſt viel böſe Geiſter heraufzubeſchwören.“ Dieſes Schickſal würde Ella wenigſtens nicht ereilen, meinte Lorenzo— die Morgenröthe und ein ſchon verblaſſender Tag könnten ſich nimmer in zündenden Strahlen berühren. „So verſchieden ſind wir nicht!“ widerſprach ſie eifrig;„doch nicht in den Strahlen der Liebe, nur an denen der Kunſt wollen wir uns gemeinſam erwärmen! O, warten ſie nur, bis Italiens Him⸗ mel über uns leuchtet und wir in Rom unſer Atelier eingerichtet haben. Dann malen wir auch die Madonna, Lorenzo, es muß ihr erſtes Bild ſein.“ „Warum nicht das ihre?“— „Ich möchte wohl jene Heilige malen können, aber das vermag der Pinſel ihrer Schülerin nicht, Lorenzo, dazu gehört eine Meiſterhand. Wie wunderbar ſchön war ſie doch. Gleichſam alles lichtumfloſſen an ihr. Noch nie hat mein Auge eine Geſtalt ſo tief in meine Seele getragen. Sie und jener blonde Jüngling, der ſo inbrünſtig auf ſie blickte, ſchweben mir ſtets lebendig vor. Und fanden ſie nicht kuch etwas Bekanntes in ſeinen Zügen?“ „Ich ſah nur auf das Madonnenbild.“ „Sie müſſen die ſchöne Beterin als Madonna malen, wie ſie in den Wolken über dem Jüng⸗ ling ſchwebt, der mit irdiſchen Wünſchen zu ihr aufſchaut bis ihre himmliſche Schöne ſie in Andacht verwandelt,“ verſetzte Ella mit einiger Schwärmerei. 188 Lorenzo ſah ſie überraſcht und prüfend an.— War es das heilige Feuer der Kunſt allein, was in ihrem Auge leuchtete, oder hatte der ſchöne junge Mann einen tieferen Eindruck auf ihr Herz ge⸗ macht?— Es fiel ihm mit einemmale ein, daß, als ſie am Hotel der Wallfahrtsſtadt mit ihm zu⸗ ſammengetroffen, ihr Arm in dem ſeinen gebebt hatte. Es wollte ihn etwas beunruhigen; ſie warphantaſie⸗ reich und leicht erxaltirt— und ſchwebte darinn auch in der Gefahr, einen momentanen Eindruck enthu⸗ ſiaſtiſch in ſich aufzunehmen und ihn mit den glän⸗ zendſten Farben auszuſchmücken; doch hielt ſie nicht eigenſinnig daran feſt, ſobald ſie die Unhalt⸗ barkeit ihrer Farben erkannte, und beſaß genug kräftigen Sinn, um über eine Täuſchung hin⸗ wegzukommen. Uber ſie zu wachen, hatte ſich Lorenzo zur Aufgabe geſtellt, als er ihren Bitten nachgab, ſie nach Italien zu begleiten, um ihr Talent für die Malerei dort vollends auszubilden. Ihm ſelbſt kam eine Reiſe dahin erwünſcht, nur war es ihm peinlich, nicht die ſelbſtſtändigen Mit⸗ tel dafür zu beſitzen. Das machte ihm Bedenk⸗ lichkeiten, die ſie jedoch dadurch überwand, indem ſie ihn überzeugte, wie nothwendig ſeine Beglei⸗ 189 tung für ſie ſei, und zugleich auch wie nothwen⸗ dig die Reiſe für ihn ſelbſt, um eine größere Zu⸗ kunft als Künſtler ſich anzubahnen.— Er hatte ſein Vermögen verloren, auch den friſchen Muth; er fühlte ſich nach einem ſchnellen Leben abgeſpannt als das Unglück ihn traf. Ihr Geſchick feſſelte ihn, und mehr noch der ſprudelnde Geiſt der in ihr lebte, und ſelbſt unter Verzweiflungstönen ſich regte. Er bot ihr treue Freundſchaft und ſtützte damit ihre erſchütterte Kraft. Erkennend, daß ſie einander von hohem Werthe ſeien, blieben ſie zu⸗ ſammen, unbekümmert, was die Welt dazu ſagen würde. Er empfand eine faſt väterliche Liebe für ſie; beſorgt folgte ſein Auge ihren Schritten, ſeine Seele den Regungen der ihren, und ſein eigen Leben gewann dadurch wieder ein Intereſſe, das er nicht mehr für möglich gehalten. All' ſein Denken, Streben und Thun veredelte ſich dadurch; und die Fähigkeiten ſeiner Seele erſtanden auf's neue in jugendlicher Kraft. Was er ſchon aus⸗ gelöſcht wähnte, tauchte wieder auf. Die Träume ſeiner Jugend, die in einem unſteten Leben nicht zu der reellen Entwicklung gekommen waren, welche den Mann allein beglücken kann, traten mit der 190 ernſten Mahnung an ihn heran: noch iſt nicht Alles verloren— Verſäumtes läßt ſich nachholen. Und Ella unterſtützte dieſe geheime mahnende Stimme mit ihrer hellen lebendigen, und nach⸗ dem ſie noch manches unangenehme der eindrin⸗ genden Verhältniſſe geordnet hatten, traten ſie die Reiſe an, deren Ziel Rom und die Kunſt war. Das einſame Haus in der Schweiz war unter anderem Ella's Erbe geworden, und ſie kam hieher, Beſitz davon zu nehmen, doch mehr noch, um die Stätte zu betreten, an die, ihre längſten Kindererinnerungen ſie knüpften. Lorenzo, der ſie ſchon vorher nur als Fantaſie⸗ gebilde erklärt hatte, war nicht überraſcht, als Ella Alles ſo ganz anders fand; doch ihr, obgleich ſie nun leichter über den Schmerz ihrer Erinnerun⸗ gen hinwegkam, wurde dadurch der Aufenthalt hier unanſprechender. Alles ward ihr ſo fremd, es —heimelte ſie nichts an, und ſie ſehnte ſich wieder hinweg. Lorenzo ordnete möglichſt ſchnell das Geſetz⸗ liche ihrer Anſprüche, die ihr das Haus mit Allem, was ſich darin befand, als Eigenthum zu⸗ ſchrieben. So klein das Beſitzthum ſich anſah, 3 191 hatte es doch einen ziemlich großen Werth, denn in dem Hauſe befanden ſich viele werthvolle Gegenſtände, die in verſchloſſenen Kaſten und Schubladen aufgehäuft waren. Joſepha wußte größtentheils davon und hatte es auch ihrer Gebieterin mitgetheilt. Doch dieſe, die wenig geachtet, war ganz erſtaunt, als die treue Diene⸗ rin einen Schatz nach dem andern an das Tages⸗ licht zog.— Das gab einige Zerſtreuung, während Lorenzo die Dokumente der Erbſchaftsanſprüche von der betreffenden Behörde legitimiren ließ und ſie dort niederlegte. Ella, ſobald ſie unbeſtreitbare Beſitzerin ge⸗ worden, war nun nicht länger mehr hier zu hal⸗ ten.— Es drängte ſie unaufhaltſam weiter, es war ihr ſo enge hier in dem engen Thale. Hin⸗ auf auf die Berge und über ſie hin dem ſchönen Himmel Italiens entgegen, war ihre Sehnſucht; und ſie ordnete an und beſtand darauf, daß Joſepha mit dem Gepäck, auf der gewöhnlichen Straße nach Mailand vorausreiſen ſolle, während ſie mit Lorenzo über die Berge wandere, die mit ihren glänzenden Eiſeshäuptern ſo einladend zu ihr herabſchauten. Es zog ſie hinauf in die ein⸗ 192 ſamen Gletſcherregionen, in ihre reine Atmoſphäre, als ob ſie dort erſt dem Vergangenen ſo recht mit erleichtertem Herzen Lebewohl ſagen könnte. Jenſeits dieſer Berge lachte Italiens heitere Sonne— winkte ihr wieder die Freude, das Glück.— Hier fehlten ihr ja ſelbſt die erleichternden Thränen; ſie konnte ihren Schmerz nicht aus⸗ weinen, wie ſie gehofft, ihre Stimmung war eine vollkommen andere;— es war ihr, ſie habe etwas verloren, nach dem ſie vergebens hier geſucht, und philoſophirte ſie auch ſcherzend darüber, eine Pein blieb in ihrer Seele, die ſie hoch über dem engen Thale auslöſchen wollte. Wlie ſchon halb erlöſt davon, blickte ſie zu dem blauen Himmel auf, als ſie an Lorenzo's Seite, den Alpenſtock in der Hand, die Berge hinanſtieg. Lorenzo hatte für zuverläſſige Führer geſorgt, die zum Zeichen einer gefährlichen Gletſcherfahrt den tiefblauen Flor um die Hüte gewunden hatten, doch luſtig jodelnd die noch gefahrloſen Pfade voranſchritten, gleichſam einen leichtfertigen Gruß zum Abſchied in die grünen Thäler hinabſendend, die immer miniaturartiger unter ihnen lagen. Erſt ging es raſch und leicht die ſchmalen Pfade hinan, von enthuſiaſtiſchen Ausrufen begleitet, und den Erzählungen der Führer gewürzt, die ſich in abentheuerlichen Schilderungen dieſer und jener ähnlichen Fahrt überboten. Auf den Hauptber⸗ gen waren ſie Alle ſchon geweſen, und keiner, der nicht ſein Leben hundertmal eingeſetzt hatte Sie prahlten damit und hielten es dabei für eine unabänderliche Beigabe ihres Lebens; doch ſahen Stein, Die Braut im Kloſter. I. 13 194 ſie Alle trotz ihren überſtandenen Todesgefahren ſo friſch und kräftig aus, wie ihre Natur, und verſchmitzt, wie die Kultur, die mit den Reiſenden in ihre Berge gekommen, ſie gemacht hatte. Als jedoch die Moränen kamen, wurde ihr Humor etwas gedämpft. Die beſchwerliche Wanderung über das Steingerölle hatte ſchon eine gefährliche Seite, man konnte leicht mit ihm in eine Untiefe gerathen. Lorenzo und Ella gingen jetzt in der Mitte ihrer Führer, und ſuchten möglichſt raſch über dieſe Region hinwegzukommen, da ſie beide keine geologiſchen Kenntniſſe beſaßen und ſich auch nicht dafür intereſſirten.— Ella bemühte ſich durch Scherze den beſchwerlichen Weg zu kürzen und ſich durch Blicke hinab und hinauf dafür zu entſchädigen. Für Lorenzo, der ſtiller werden wollte aus Beſorgniß um ſie, hatte ſie taſenderlei Fragen, ſie fühlte ſich ſo heiter, ſo lebendig angeregt, daß ſie weder Sorge noch Er⸗ müdung ſpürte. Als ſie die Moränen überſchrit⸗ ten hatten, gebot ſie Halt, und ſie lagerten ſich an einem herrlichen Punkte, den ſie auswählte, um ſich zu laben und auszuruhen. „So jetzt,“ ſagte ſie wieder aufſtehend,„wollen 195 wir der Welt unter uns ein Lebewohl zurufen, und nur aufwärts, aufwärts ſchauen, bis wir auf dem höchſten Punkte angelangt ſind, wo wir dann recht triumphirend auf ſie hinabblicken wollen.“ Sie ſuchte ihre heitere Laune feſtzuhalten, aber je höher ſie hinauf kamen, deſto ſtiller wurde auch ſie, und als ſie in die Eiſesregionen eintraten, konnte ſie eines leichten Erzitterns ſich nicht er⸗ wehren. Staunend ſah ſie an den grotesken For⸗ men empor, die anfingen ſie von allen Seiten zu umgeben, und mit ihrem ſtarren Geſichte, voll unergründlichen Lebens, ihr von wunderbaren Ge⸗ heimniſſen zu ſprechen. Hier hoben ſich die Eismaſſen ſpitz undfarbenreich bis zu den Wolken empor, dort lagen ſie zerklüftet, wie eine gewaltſam zerſtörte Herrlichkeit, in jähe, dunkle Abgründe hinabzeigend, und da übereinandergeworfen, zuſammengewälzt zu haushohen Grotten, deren innere Wölbnng den reinſten Azur widerſtrahlte, während unter ihnen, in geheimnißvoller Tiefe, ein Toſen, ein donnerähnliches Brauſen ſich hören ließ, als ob unter den ſtarren Koloſſen ein ganzes Heer ge⸗ ſchäftiger Kobolde ſein Weſen treibe.— „Wie das Alles ſo geheimnißvoll und ſo ewig, 13* 196 ſo unveränderlich ausſieht!“ athmete Ella auf, mit einem Blick auf Lorenzo. „Und doch,“ verſetzte er,„wandeln auch dieſe Eispyramiden, von unwiderſtehlicher Lebenskraft getrieben— langſam. unaufhaltbar— vorwärts — einer endlichen Auflöſung entgegen.— Auch hier der Wandel der Erde, das ewige Naturge⸗ ſetz des Entſtehens und Vergehens.“ Ella blieb ſtehen, und Lorenzo's Hand er⸗ greifend, ſagte ſie: „Mir graut faſt, weiter voran zu ſchreiten. Iſt dieſes Eisfeld nicht einem ſchönen Leichen⸗ kleide ähnlich? Und iſt es nicht allzuverwegen darüber hinzuwandeln und neugierig in eine Welt einzudringen, die ſcheinbar kein Leben mehr birgt, und die mir plötzlich vorkommen will wie eine Brücke in das Jenſeits hinüber. Ja könnte man ſie raſch überſchreiten, Freund!— Ah, ſehen ſie, wie die Eiſeszacken erglühen in dem wunderbarſten Farbenſpiel!— Möchte man da nicht hinauf, immer höher hinauf, bis in die Wolken hinein!— Doch ach! ſo kommt man nicht in den Himmel! erſt heißt es, hinab in das Grab, in die dunkle Todes⸗ ſchlucht.— Warum nicht ſo hinein, ſo hinauft— 197 Ich könnte jetzt Alles aufgeben, die ganze Erden⸗ zukunft— alle Bilder des Glückes in dieſen Abgrund verſenken, wenn ich da mit dir hinauf⸗ könnte, Lorenzo— ganz hinauf— immer höher— höher, dort auf die roſige Spitze— und nur einen — einen einzigen Blick werfen in den Himmel hinein.“ „So kann Ella ſchwärmen, die ſo heiß nach reellem Lebensgenuß verlangt?“ ſagte Lorenzo und zog ſie weiter fort.— Der Weg wurde immer mühſamer und auch gefährlicher, doch gerade die Spannung ſtählte ihre Kräfte, und die reine, leichte Luft wehte ſie wohlthuend an. Eine Sennhütte, an einem ſüdlichen Abhange, im Schutze überragender Felſen gelegen, war das Ziel ihrer heutigen Fahrt. Es konnte auf viel kürzerem Wege erreicht werden, doch Ella zog dieſen vor, um ſo recht in die Eisregion hinein⸗ zukommen. Als die Führer nach der Richtung der Senn⸗ hütte hinlenkten und ſich ſeitwärts wieder mehr bergabwärts wandten, fühlte ſich Ella plötzlich ſehr ermüdet.— Die Spannung ihrer Seele ließ 198 nach; ſie ſehnte ſich nach Ruhe, und war froh, als ſie das kleine, unanſehnliche Haus er⸗ blickte. Es erſchien ihr ſo einladend hier in die⸗ ſem unwirthlichen Theil der Erde, ſo freundlich, ſo zuſagend, ein ſchützendes Dach und Menſchen zu finden. Die gewohnten Lebensbedürfniſſe mach⸗ ten ihre Rechte geltend, und Ella klagte, wie müde und hungrig ſie ſei. Bald war die Hütte erreicht, und ſo wenig ver⸗ heißend ihr Inneres auch ausſah. Ella war ganz zu⸗ frieden damit, und wo Lorenzo bedauerte, fand ſie es gut und ſchalt ihn ungenügſam.— Lebensmittel hatten ſie mitgebracht;— Ella theilte ſie mit der Familie des Hirten und den Führern. Die klei⸗ nen Knaben vor der Hütte mit ihren Geſpielen, den Ziegen, unterhielten Ella; es war wie eine unzertrennliche Familie in dieſer abgeſchiedenen Welt, dieſe Menſchen und dieſe Thiere. Sie ver⸗ ſtanden ſich auch, beſonders die Kinder mit den jungen Ziegen, es war eine närriſche Unterhaltung und doch wieder rührend durch ihre Naivetät.— Ella ſetzte ſich mit Lorenzo vor die Thüre und ſah dem Spiel der Kinder zu, und die reine Luft erquickte ſie.— Schon war rund umher faſt Alles 199 in Dunkelheit gehüllt— da plötzlich— wie vom Auge Gottes angeſchaut, erglühten die gegenüber⸗ liegenden Eiſeskuppen in roſigem Scheine. Ella ſprang empor, als geſchehe ein Wunder. Die Wandlung ging ſo ſchnell vor ſich, daß ihre Wirkung eine überwältigende ſein mußte. Als Ella aufgeſprungen, ſtand ſie bewegungslos, ihre Hand auf Lorenzo's Arm legend— gleichſam ihn damit bedeutend, ganz ruhig zu ſein.— Wie das Alpenglühen verglommen war, ſagte ſie leiſe zu ihm: „Iſt es nicht— als könnten wir mit unſrem Hauche ſchon dieſes Naturwunder zerſtören?— ſo duftig iſt ſein roſiges Licht, ſo mährchenhaft, ſo zauberiſch. Ich wagte nicht mich zu rühren, kaum zu athmen. Ach, dieſer letzte Scheidekuß der Sonne, dem höchſten Gipfel der Berge aufge⸗ drückt, iſt ein ſüßer, ein himmliſcher Liebeskuß— ein glühendes Gutenacht.“— „Gutenacht,“— tönte eine weiche, ſonore Stimme wie ein Echo nach.— In kleiner Entfernung hatte es ein Wanderer ſeinem ſcheidenden Führer zu⸗ gerufen.— Dann trat er mit dem Sennhirten, der, wie es ſchien, ihn weiter unten in Empfang genommen, näher, und grüßte die Anweſenden, 200 die der Feuerſchein vom Herde beleuchtete. Er ſelbſt ſtand noch im Schatten, doch ſchon hatte Ella Lorenzo zugeflüſtert:— „Er iſt's!“— „Wer, Ella?“— Da erkannte auch er ihn:— den blonden Jüngling aus der Kirche,— den vornehmen Kavalier, der den wappengeſchmückten Reiſewagen beſtiegen.— Eine Unterhaltung knüpfte ſich an. Man er⸗ innerte ſich, einander ſchon irgendwo geſehen zu haben, und ſtellte ſich gegenſeitig einander vor. Als Edgar ſeinen Namen nannte, entfärbte ſich Ella und Lorenzo warf einen beſorgten Blick auf ſie. Sie ſchützte Ueberanſtrengung vor, und ließ ſich wieder auf die Bank nieder. Der Senne brachte einige Stühle aus der Hütte und Edgar und Lorenzo mit den Knaben und ihren vierfüßigen Geſpielen gruppirten ſich um Ella. Der Mond ſtieg eben hinter der gegenüberliegenden Eiskuppe empor und gab dem nächtlichen Bild etwas ſo wunder⸗ bares und geheimnißvolles, das Schweigen gebot. Als Edgar endlich eine Unterhaltung begann, zitterte Ella's Stimme merklich— er hörte darin einen Nachklang der tiefen Empfindung, den die 201 ſeltene Herrlichkeit dieſes Abends ihr verurſache; Lorenzo aber faßte ihre Hand, drückte ſie ermu⸗ thigend und ſah ſie dabei bittend an. Sie lächelte ihm ſchmerzlich zu, doch fing ſie jetzt lebhafter ſich mit Edgar zu unterhalten an, und ſie ſprachen bald recht vertraut, wie alte Be⸗ kannte miteinander.— Edgar fühlte ſich von Ella und Lorenzo ſehr angeſprochen, und viel min⸗ der müde als ſie, dachte er nicht an das„Gute⸗ nacht“.— Auch Ella ſchien es trotz ihrer Mü⸗ digkeit zu vergeſſen. Es war ſo anziehend, ſp bei einander zu ſitzen auf einer grünen Matte, drei Menſchen, ſich ähnlich an Bildung und Alter,— hoch über dem kleinlichen Weltgetreibe in nächtli⸗ cher Beleuchtung, zwiſchen Felſen und Eisbergen: eine Idylle voll Poeſie. Man ſprach von dem folgenden Tage und ſeinen Plänen; Ella wollte nicht mehr in das Eisfeld mit ſeinem ſchönen und großartigen Grauen,— ſie wollte noch einige freund⸗ liche Punkte beſuchen und dann ſchnell nach Ita⸗ lien hinüber. Edgar ſagte, er reiſe planlos um⸗ her, und wolle ſich ihnen anſchließen, wenn es ſie nicht ſtöre. Ella willigte lebhaft ein; doch über Lorenzo's Stirne zog ſich eine ernſte Falte, 202 allein weder Ella noch Edgar bemerkten es. Da mahnte Lorenzo zur Ruhe. Ella nahm von der Stube Beſitz, die Herren lagerten ſich unter einem Schuppen, wo die Sennerin Laub zu einem Lager aufgehäuft hatte— die Buben ſchliefen bei ihren Ziegen, und auch der Senne und ſein Weib ge⸗ ſellten ſich dazu.— Als jedes ſeinen Platz ge⸗ funden, keines mit dem andern mehr ſ ſprach, fiel es Edgar erſt auf, daß die ſchöne Dame allein mit einem Herrn reiſe, mit einem Maler, der in Italien ſeiner Kunſt leben wollte.— Er fand es ſonderbar, nach den anerzogenen Begriffen ſogar unanſtändig; doch was kümmerte ihn das weiter, beſonders jetzt, wo er auf der Reiſe war— ihre Bekanntſchaft mehrte ſein Vergnügen, und mit dem Entſchluß, ſich dieſem ſo lange als möglich hinzugeben, ſchlief er ein. „Er, ein Graf Bardenberg!“ ſprach Ella laut vor ſich hin, wie ſie ſich allein ſah, als könnten Töne die volle Bruſt ihr erleichtern.—„Er, jener Edgar, der— o, mein Himmel, und ich— ja, ich muß— ich will ſie ſehen, ſie und das Kind— ſein letzter Schmerz— ſeine letzte Sorge.— Welch' ein Verhängniß, das mich mit ihm zuſammen⸗ 203 führt, und gerade jetzt!— Wolan, ich will noch eine Zeitlang um ihn bleiben, will ihn kennen lernen, und auch ſie, die künftige Gräfin— Edgar Bardenberg!“ — . Zur Seite des Comoſees, da wo ſeine na ſchen ufer ſich ins Gebirge verlieren, lag auf mäßiger Anhöhe ein Landhaus. Es mochte wohl vor Jahren frei herabgeſchaut haben in die reizende Landſchaft, die vor ihm ausgebreitet lag, jetzt ſteckte es faſt ganz verborgen in Bäumen und Buſchwerk, das da und dort noch künſtlich zuſam⸗ mengezogen war, es mit grünem Laubwerk mög⸗ lichſt zu verſchleiern. Ueberhaupt ſchien jede hei⸗ tere Lebendigkeit von hier verdrängt zu ſein. Faſt lautlos ſah man hie und da einen Diener durch den blumenloſen Garten wandeln, leiſe die Thüre des Hauſes öffnen und ſchließen und die dunkeln Rouleaux der Fenſter auf⸗ und niederziehen. Rür die gefiederten Sänger waren nicht zu entfernen; je dichter das Gebüſch und je höher die Bäume wurden, deſto größer wurde ihre Zahl, deſto fröh⸗ licher ihr Getriller, deſto heimlicher ihr Liebesleben. — War es eine Gewohnheit oder Schickung in 205 das Unvermeidliche, die Herrin dieſes abgeſchlo[⸗ ſenen Hauſes, aus dem nur ſelten ein Laut drang, achtete nicht mehr darauf.— Nicht aus den Fen⸗ ſtern folgte ihr Auge dem Ohr, an das die Tril⸗ ler der Nachtigall ſchlugen, nicht wenn ſie lang⸗ ſam im Schatten der umen wandelte. Stets den Blick zu Boden geſenkt, ſchien ſie nur der Stimme in der eigenen Bruſt zu lauſchen, für ihre Töne noch empfänglich zu ſein.— Aus ſt ch tiefer Gram; ſeine verwitter⸗ Zeigten keine Spur früherer Schönheit mehr.— Geſtalt, groß und hager, hatte in dem dunkeln Gewand etwas Geſpenſtiſches, das ſich noch vermehrte, wenn ſie das trübe Auge aufſchlug. Es war die Gräfin Maria Bidenbetgſ die Wittwe des jüngern Grafen, dem Edgars Mut⸗ ter nicht vergeben konnte, daß er einſt bei der Bewerbung um ihre Liebe zurückgetreten war und ſich entfernte, um dem ältern Bruder ihre Hand zu überlaſſen.— Es war die ſchwermüthige Frau, die ſich nach der Trennung von ihrem Gemahl hier von der Welt abſchloß, um ihren trüben Ideen nachzuhängen; die Mutter, welche in zar⸗ . 206 tem Alter ſchon ihre einzige Tochter einer Penſion übergeben hatte, deren Erziehungsreſultate der Vater fürchtete und ſie durchkreuzen wollte, indem er ſeinen ſterbenden Bruder beſtimmte, ſie ſeinem Sohne zu verloben. Gräfin Maria hatte auf den Brief von Sch Bardenberg, der ihr Ed ₰ gars Ankunft meldete, keine Antwort gegeben. Doch ſchrieb ſie mehtht Briefe gleich n und auch eine gewiſſe Unruhe zeigte ſich von da an in ihrem Weſen. Sie ſchloß einen lä mehr geöffneten Schreibpult auf un ſa lang vor Schriftſtücken, die ſie dur hlas und wie⸗ der durchlas. Dann kam auch eines Tages ein Beſuch: ein freundlicher Herr in ſchwarzem Kleide, und blieb, was ſchon öfter geſchehen, als Gaſt im Hauſe. Die Lebensweiſe veränderte ſich dadurch weſentlich; Küche und Keller thaten ſich weiter auf, und die Gräfin machte Spazierfahrten mit dem Gaſte und erging ſich auch öfter mit ihm im Freien. Sogar einige Veränderungen im Garten wurden gemacht. Diejenigen Diener, die den Gaſt noch nicht geſehen, waren verwundert darob, doch Anton, das greiſe Haupt, hielt alle neugierigen Fragen zurück. Er war der älteſte 207 Diener im Hauſe, gewiſſermaßen der Hausmeiſter darin, kam jedoch nur höchſt ſelten in perſön⸗ liche Berührung mit der Gräfin, deren vertraute Dienerin alles Geſchäftliche mit ihm beſorgte. Es konnten Jahre hingehen, ohne daß er ein Wort mit der ſchwermüthigen Herrin wechſelte: auch ſuchte er dies faſt abſichtlich zu vermeiden und lebte ſonſt ſo ſtille dahin, wie Alle im Hauſe. Nun aber wurde er plötzlich belebter und war äußerſt zuvorkommend gegen den Gaſt, der die Dienſtfertigkeit des alten Mannes freundlich auf⸗ nahm und ſich ihn, wie auch ſchon früher geſchehen, zu ſeiner ſpeziellen Bedienung erbat. Die Gräfin, aus dem gewohnten, trüben Gang ihres Lebens aufgeſtört, verfiel mitunter in eine ängſtliche Erregung, und es war dann, als ſcheuche ein böſer Geiſt ſie umher. Sie ging dann unruhig Treppe auf und ab, bald in den Garten, bald in die oberſten Räume des Hauſes. „Es iſt das Gewiſſen, das, aufgeſchreckt, keine Raſt mehr findet,“ ſagte ſie zu ihrem Gaſt, der ſie bat ruhiger zu werden. „Ihre Schuld iſt längſt geſühnt, wenn wirk⸗ lich eine vorhanden war,“ ſprach er zu ihr,„denn 208 wenn geſchehen was ſie fürchten, wäre es nur die Schuld des Grafen.“ „Er verließ mich, weil mein düſteres Naturell ſein heiteres zurückſtieß; weil ich ihn zur Bekeh⸗ rung mahnte— weil ich ſeine Seele retten wollte,“ ſprach die Gräfin düſter vor ſich nieder. „Sie thaten nur, was ihre Pflicht erheiſchte.“ „Ja, und verfiel darob in Wahnſinn,“ ſtieß ſie ſchauernd aus.„Ich haßte. und liebte meine Kinder gleich ſtark— weil ſie auch die ſeinen waren,— wiſſen ſie es denn nicht mehr?“ fuhr ſie mit verſtörten Blicken fort,„damals, als der Böſe meine Sehnſucht nach ihm ſchürte und ich, wie er alle meine Briefe unbeantwortet ließ— den Knaben, ſein Ebenbild, mit der Wuth des Haſſes und der Liebe an mich drückte— uh— das ſchlafende Kind, über deſſen Wiege ich mich warf, bis es nicht mehr athmete— kalt— o, ſo kalt wurde— und wie ich dann aufſchrie— und es wieder erwärmen wollte— da, da— ſagten ſie, es ſei an einem Schlage geſtorben, und der Schmerz habe mich wahnſinnig gemacht.“— „So war es auch, Gräfin. Faſſen ſie ſich. Der Allgütige hat ihren Geiſt ja wieder gelichtet.“ 209 „Ja— ja; und dann glaubte ich es mitunter ſelbſt— ich wollte es glauben, feſt glauben, als neine Verzweiflung ihn zurückbrachte— zurück an mein Herz.— Aber meine böſen Träume ſchreckten ihn wieder fort von mir— er ſagte kalt und beſtimmt: es iſt unmöglich, ich kann nicht länger mit dir leben, und wär's auch nur ein böſer Traum, der dich quält.— Und ging und kehrte nicht wieder.— Mit ſeinem Gehen wachtem alle böſen Geiſter wieder in mir auf, und das Kind, das ich gebar, mahnte mich nur an das Getödete.“ Sie verhüllte ihr Geſicht, und freundliche Gaſt verſetzte tröſtend: „Sie waren krank, ſehr krank. Ich erkannte dies, als man, zu ihrem Troſte, mich hieher ſandte. Auch fanden ſie ja bald in dem Opfer Beruhi⸗ gung, das ſie durch die Hingabe ihres Kindes brachten; und gewiß, ſie haben ſich den Himmel ganz damit verſöhnt. Ihre Tochter iſt ein Engel ſchon hinieden, der Engel der Verſöhnung. Su⸗ chen ſie ſich zu faſſen, Gräfin, auf daß 6 Opfer nicht vergeblich ſei.“ „Er kann jede Stunde eintreffen,“ erwiderte ſie ängſtlich—„ſie müſſen ſprechen für mich, ich Stein, Die Braut im Kloſter. I. 14 210 vermag es nicht, vermag ihren Namen nicht über meine Lippen zu bringen, ohne zu erbeben; er würde das fürchterliche Geheimniß ahnen;— ja — ja— ſchütteln ſie nicht ihr Haupt— nicht er allein, Alle, Alle werden es noch erkennen— und Kindesmörderin mir zurufen.“ „Um Gotteswillen, Gräfin— ſie verfallen in böſe Träume. Ich ſage ihnen ja, nicht ſie waren die Urſache von dem Tod des Knaben— ihr kranker Geiſt leidet nur an dieſer fixen Idee. Der plötz⸗ liche Tod ihres Sohnes zerſtörte ſeine ſchon ge⸗ brochene Kraft. Sie waren ſeit ſo vielen Jahren ruhig, gottergeben; warum verläßt ſie ihre Faſſung, ihr Glaube jetzt? Wir wollen beten, Gräfin, daß die Ruhe ihnen wiederkehrte. Sie müſſen dem Grafen Edgar gegenüber ruhig und entſchieden auftreten.“ „In die Kapelle, frommer Vater— in die Kapelle zum Gebet,“ hauchte die Unglückliche und eilte ihm voran, wie ein ruheloſer Geiſt.— Unterdeſſen verzögerte ſich Edgars Ankunft viel länger, als die Gräfin nach dem Briefe ſei⸗ ner Mutter annehmen mußte. Die Zuſammenreiſe mit Ella und Lorenzo war ihm zu angenehm, um 211 ſie kürzen zu wollen, einer ungeliebten Braut wegen. Er überließ es Ella, den Scheidetag zu beſtimmen, und ſie wußte immer wieder einen ſchönen Punkt zu nennen, den ſie noch beſuchen wollten. So rückten ſie der italieniſchen Grenze nur langſam näher, allein endlich kam ſie doch, und am Comoſee machten ſie Halt. Hier ſollte geſchieden werden. Ella wollte mit Lorenzo Mailand beſuchen und noch einige Städte Oberitaliens, dann wollten ſie weiter nach Rom, um dort mehrere Jahre zu bleiben. Edgar verſprach, ſie in Mailand einzuholen und in Rom mit ihnen zu verweilen. Doch Ella meinte, die junge Verlobte werde ihn halten.— Er hatte ihr den Zweck ſeines Beſuches auf dem Landhauſe ſeiner Tante mitgetheilt, wie eine Sache, die zwar unangenehm für ihn war, doch gerade nicht be⸗ ängſtigend. Es lag durch ſeine Erziehung zu tief eingeprägt in ihm, einen ſo feſtbeſtimmten Fami⸗ lienbeſchluß anzuerkennen und ihn ohne entſchie⸗ denen Widerwillen aufzunehmen. Ella begriff ihn hierin nicht recht, obgleich ihr Lorenzo das zu er⸗ klären verſuchte und Edgar in Schutz nahm, wenn ſie ihn darum tadeln wollte.— — 14* 6 — 212. Dagegen begriff Lorenzo Ella nicht ganz. Si nahm ein ſo ſichtliches Intereſſe an Edgar, daß es oft an aufkeimende Leidenſchaft grenste, dann aber behandelte ſie ihn wieder wie ein unerfah⸗ renes Kind, welches man ſpielend unterrichtet. und war dabei ſo heiter, ſo unbefangen, daß er die Sorge zurückdrängte, welche Ella's Herz tiefer dabei betheiligt wähnte.— Lorenzo war ein er⸗ fahrener Mann im Punkte der Liebe und des weiblichen Herzens, und doch lernte er die Capricen deſſelben nicht alle kennen, noch weniger ſeine ganze geheimnißvolle Tiefe ergründen. Selbſt Ella, die er ſo ganz zu durchſchauen glaubte, blieb ihm ein Räthſel Edgar gegenüber.— Vielleicht war ſie es ſich ſelbſt.— Am Abend vor dem Trennungs⸗ tage, als ſie bis ſpät in die Nacht am Ufer des ſchönen See's zuſammen waren, fühlte ſich Edgar ſehr wehmüthig geſtimmt, und die letzte Beſtim⸗ mung ſeines Vaters, deren Erfüllung ihm heilige Pflicht war, lag ſchwer wie noch nie auf ſeiner Seele. Das nahe Landhaus mit der ſchwermü⸗ thigen Tante und der ungeliebten Braut und die Trennung von den liebgewonnenen Reiſegefähr⸗ ten drückte ihn nieder, und als ihre Unterhaltung 213 vertraulicher wurde, wagte er zum erſtenmale ſein Geſchick zu beklagen, das ihn zum Vollſtrecker eines andern Willens machte. Ella, ſchon im Begriff, mit der ganzen Gluth und Execentrität ihrer Seele das Unrecht, das da⸗ durch an Edgars jungem Leben begangen werde, in beredten Worten auszuſtrömen, hielt plötzlich inne. Der Gedanke überraſchte ſie, ob nicht ſelbſt⸗ ſüchtige Wünſche hiebei im Spiele waren. Das machte ſie befangen und nahm ihr den Muth, Edgars Pietät für das Andenken an ſeinen ver⸗ ſtorbenen Vater zu zerſtören. Und war es benn nicht denkbar, daß Edgar das Glück ſeines Lebens in den Beſtimmungen des Geſtorbenen finden konnte?— Seine zukünftige Gattin kennen zu lernen— dieſer Wunſch ſteigerte ſich bei ihr bis zu unwi⸗ derſtehlichem Verlangen, und als Edgar halb ſchüchtern bat, ſie möchten noch einen Tag hier verweilen, damit Lorenzo ihn auf das Landhaus begleiten könne, da ihm vor dem erſten Beſuche dort wahrhaft bange, willigte ſie ſogleich ein. Lorenzo machte Einwendungen, er meinte, das paſſe ſich nicht; wie er denn ſein Erſcheinen dort recht⸗ ——————————————— —— 214 fertigen ſolle. Doch auch dafür wußte ſie Rath. — Er kam als ein Freund Edgars, der ihn auf ſeiner Reiſe begleitet, und als Maler, den er ge⸗ beten, ſeine Verlobte für ſeine Mutter zu malen, die es darnach verlangte, das Bildniß ihrer zu⸗ künftigen Tochter zu beſitzen. Sie ließ keine Ein⸗ wendung mehr zu, und ſo wurde beſchloſſen, daß Lorenzo morgen mit Edgar in das Land⸗ haus ſeiner Tante gehen ſolle. Gorenzo kehrte ſchon ehe der Morgen um war, wieder zurück. Ella eilte ihm haſtig entgegen, um von ihm zu hören, was ſie in den nächſten Ta⸗ gen ſelbſt zu ſehen hoffte. Sie hatte unterdeſſen allerlei Pläne geſchmiedet, unter welchem Vor⸗ wand auch ſie das Landhaus beſuchen könne, denn nicht eher wollte ſie weiter reiſen, bis ſie Edgars Braut kennen gelernt. „Schnell, ſchnell erzählen ſie!“ rief ſie ihm entgegen. Doch er wußte nur wenig zu erzählen. Gräfin Maria hatte Edgar freundlich doch kalt und ceremoniell empfangen und ihn ſelbſt kaum beachtet; ſie ſprach überhaupt nur ſehr wenig, und die Hauptperſon, ihre Tochter, war nicht zugegen. Als Edgar nach ihr fragte, antwortete ſtatt ihrer der Gaſt des Hauſes, der ihnen als Pater Euge⸗ neus vorgeſtellt worden war, daß die junge Gräfin ſich noch in einer klöſterlichen Penſion befinde und erſt ſpäter dem Grafen vorgeſtellt werden ſolle. 216 Lorenzo empfand, wie wenig willkommen er war, und verabſchiedete ſich. Edgar wollte am Abend nachkommen, ihnen Lebewohl zu ſagen.— „Was aber halten ſie von der ganzen Sache?“ fragte Ella ihren Freund. Er meinte, daß über dieſem Hauſe und ſeiner ſchwermüthigen Herrin noch ein anderes Leid ſchwebe, als der Kummer um den ungetreuen Gemahl, und des Vaters Angſt um ſein Kind nicht unbegründet geweſen ſein möge.— „Und glauben ſie, daß man Edgars Braut ihm vorenthalten will?“ „Faſt ſcheint es ſo; und da ihm ſelbſt dieſe Verbindung läſtig iſt, kommt es vielleicht zu einer befriedigenden Löſung.“ „Wie, Lorenzo— und wenn dieſes Kind un⸗ glücklich wäre? Wenn die krankhafte Gemüths⸗ ſtimmung ſeiner Mutter ihm ein viel ſchwereres Geſchick beſchieden hätte, als dem unbekannten Manne ſich zu verloben?— Solche Ahnungen erfüllten den Grafen vor ſeinem Tode, beunruhig⸗ ten ſeine letzten Stunden und waren es haupt⸗ ſächlich, die mich zur Vertrauten ſeines ganzen Lebens machten.“ — 217 „Es war Unrecht, ihnen Alles zu enthüllen, zu dem Schmerz, den er ihnen aufbürdete, mußte auch noch dieſe Sorge hinzutreten, denn was können ſie in dieſer Sache thun?“ „Nichts, ich weiß es wohl, ſehe hier nirgends die Möglichkeit einer Einmiſchung von meiner Seite, und doch ſchien der Sterbende darauf zu hoffen, wenn man verhindern ſollte, ſeine Tochter mit Edgar zu verbinden.“— Ella ging unruhig umher, ſie ſchien ſehr be⸗ wegt; dann, plötzlich vor Lorenzo ſtille ſtehend, ſagte ſie: „Man muß Edgar zu beſtimmen ſuchen, ſeine Rechte zu wahren. Er muß ſeine Braut ſehen, ehe er entſagen darf. Er wird kommen, über⸗ laſſen ſie mir das, Lorenzo.“ „Sie wollen das, Ella, ſie?“ „Um des Geſtorbenen willen, deſſen Sorge und Angſt um das niegeſehene Kind mich ei⸗ nigermaßen wieder mit ihm verſöhnte.— O, dieſe Geſtändniſſe, Lorenzo— wer ſie vergeſſen könnte!“ „Sie wollten es doch, und bleiben hier?“ „Nur noch bis ich Edgar geſprochen, bis ich 218 weiß, warum er ſeine Braut nicht fand, und— wenn er ſie ſehen ſoll.— „Und wenn er zurückträte, dieſe beſtimmte Braut ausſchlüge?— wenn er ſie liebte, Ella?“— „Mich!— mich, Lorenzo! an deren Namen ein ewiger Makel kleben wird, die er kennen lernte in ihrer Geſellſchaft, als ihre Begleiterin?— mich ſollte ein Graf Bardenberg— dieſer Graf Bardenberg lieben können, der noch für einen reinen Stammbaum ſchwärmt, und bereit iſt, das Opfer ſeines Lebens dem Andenken eines Todten zu bringen?— O, Lorenzo, wie können ſie ſo bitter ſcherzen, als ob ich je vergäße, welche Schmach an meinem Leben haftet.— Den ſtolzen Namen, welcher mir gebührt, darf ich nicht tra⸗ gen, der unbedeutende, den ich angenommen, muß erſt durch mich ſelbſt einen guten Klang erhalten — und dann erſt, wenn Ella Karren ſich Künſt⸗ lerruhm erworben hat, ein Lorbeer ihre Stirne ziert, dann erſt wird, was als Schmach auf ihr laſtet, in reinerem Lichte erſcheinen. Denn ſagen ſie ſelbſt, Lorenzo, wer kann an meine Tugend glauben? War ich nicht in Paris die Gebieterin in dem glänzenden Salon des Grafen Rudolf?— 219 Ach, ich lebte in einem ſo göttlichen Wahne.— Wie gräßlich war ſein Erkennen!“ „O, denken ſie daran nicht!“ „Sie allein, ſie allein glaubten noch an mich. ————— Sagen ſie Lorenzo, warum thaten ſie es? Warum verachteten ſie mich nicht auch?“ „Weil ich an ſie glauben mußte, weil aus ihrem Auge jener geiſtige Strahl leuchtet, der mit Allem verſöhnt.— Es gehört dies mit zu den Dingen, deren Warum ein Räthſel bleibt und dennoch mit lebendiger Wahrheit uns erfüllt.“ „Ihr Glaube an mich war meine Rettung, i Lorenzo!“ „Sie hätten auch ohne mich ſich ſelbſt wieder⸗ gefunden; ich aber nimmermehr mich wieder er⸗ hoben aus der Blaſirtheit meines Lebens. Meine Kräfte waren erſchöpft, als das Unglück mich traf, es bedurfte eines ſo friſchen Naturells wie das ihre, um mich zu einiger Thatkraft wieder anzu⸗ ſpornen.“ „So waren wir uns gegenſeitig eine Noth⸗ wendigkeit,“ lächelte Ella;„und daraus iſt es auch leicht erklärlich, daß wir nur Freunde wurden und kein anderes Gefühl ſich in unſer Verhältniß ein⸗ 220 miſchte, denn wie mich dünkt, iſt bei der Liebe etwas widerſtrebendes durchaus nöthig, ſoll ſie ſich nicht als ein weichliches und wenig haltbares Gefühl erproben.“ „Man ſchwärmt von Uebereinſtimmung der Seelen.“— „Aber Frieden erſt nach dem Kampfe, Freund, ſonſt iſt ihm nicht zu trauen; ſo denke ich wenig⸗ ſtens, und wenn ich einmal lieben werde, müßte mein Liebesglück erſt aus Kämpfen hervorgehen, ſollte ich daran glauben. Doch vorerſt wollen wir nur die Kunſt lieben, mein Freund, und Rom zu erreichen ſuchen, wo unſer Atelier bald Auf⸗ merkfamkeit erregen ſoll. „Werden ſie mit der Madonna beginnen?“ fragte er leichthin, doch ſein Blick war forſchend. Sie ſchwieg eine Weile, dann ſchüttelte ſie ihr Haupt und verſetzte: „Nein, Lorenzo!— Sie allein können dieſe Madonna malen, jene Heilige, die wir beten ſahen.— Wenn ich nur wüßte, ob Edgar ſie kennt; oft ſchon ſchwebte mir eine Frage deßhalb auf den Lippen, aber immer drängte ich ſie wie⸗ der zurück. Es kam mir, ſobald ich den Mund 3 4 dazu öffnen wollte, ſtets wie eine Entheiligung der Gefühle vor, die jenes holde Weſen dem Gra⸗ fen eingeflößt haben mag.— Sie ſahen es nicht, wie er zu dem Heiligenbild aufſchaute?“ „Nein, ich ſah nur ſie, die fromme Beterin.“ „Und ſie werden ſie malen?“ „Wenn ſie es wünſchen, ja, als Madonna.— Und womit wollen ſie beginnen?“ „Vorerſt will ich von ihnen lernen— und dann, Freund, möchte ich es verſuchen, Edgars Braut zu malen, wie man ſie, die liebesſehnſüch⸗ tig an den beſtimmten Bräutigam denkt, in ein⸗ ſamer Zelle gefangen hält?— Graf Rudolf ſagte mir, er vermuthe, daß ſie in einer klöſterlichen Pen⸗ ſion erzogen werde, und er ſagte auch, die Teſta⸗ mentsbeſtimmung mache Edgar zum Erben ihres Vermögens, ſobald Umſtände eintreten würden, die eine Verbindung zwiſchen ihr und ihm un⸗ möglich machten, und nur dann, wenn Edgar— ohne Gründe, ganz freiwillig zurücktrete, und ſei⸗ nes Vaters letzten Willen nicht anerkenne, ſtehe es ſeiner Tochter zu, frei darüber zu verfügen.— Edgar darf nicht freiwillig zurücktreten, am wh ſtens, ehe er ſie geſehen.“— 222 „Daß ſie noch nicht anweſend, ſpricht zu Gun⸗ ſten der äußeren Erſcheinung der jungen Gräfin; und verräth auch, daß ihre Verbindung mit Ed⸗ gar von der Mutter nicht gewünſcht wird.“ „Wie ſich dieſe Sache noch entwickeln mag!“ „Wir werden Edgar noch ſprechen, dann aber reiſen wir, nicht wahr, Ella?“ „Ja, Lorenzo, ja. Nach Rom,— dort wollen wir ihm wieder begegnen, nicht früher.— Unſern Aufenthalt in Mailand und Florenz kürzen wir möglichſt. In der ewigen Stadt, mit ihrer ewigen Pracht, werden wir alle dieſe Lebenswirrniſſe als eine viel leichtere Laſt anſchauen. Dort wollen wir dann beide knien vor ihrem Werke, und der Madonna danken, daß ſie uns eingeführt in die Weelt der Kunſt, die fortan die unſre ſein ſoll. Nicht ſo, Lorenzo?“— Er nickte zuſtimmend. Sie erwarteten am Abend Edgar, doch er kam nicht, und etwas beunruhigt reiſte Ella am andern Morgen ab.— In Mailand erreichte ſie ein Brief von ihm, worin er ihnen mittheilte, daß er nach Deutſch⸗ land zurückreiſen müſſe, um die Teſtamentsver⸗ 23 fügungen ſeines Vaters einer genauen Prüfung zu unterwerfen. Gräfin Maria ſcheine zu wünſchen, daß die Verbindung nicht ſtattfinde, erwarte aber von ihm einen freiwilligen Rücktritt. Ob dies jedoch möglich, und was Alles davon abhänge, wiſſe er nicht, da er verſäumt habe, ſelbſt Einſicht von dem letzten Willen ſeines Vaters zu nehmen. Er müſſe dies leider jetzt nachholen, doch hoffe er dennoch bald in Rom mit ihnen wieder zuſammen⸗ zutreffen. Ella ſchrieb ſogleich an Edgar nach Schtoß Bardenberg, uns beſchwor ihn, nicht vorſchnell zu handeln, und jedenfalls darauf zu beſtehen, nur dann zurückzutreten, wenn er ſeine beſtimmte Braut geſehen.— Es laufe unzweifelhaft ein Geheimniß oder eine Intrigue neben her, das er erſt ergründen müſſe, ehe er einen entſcheidenden Schritt thue.— Ihr Schreiben athmete das höchſte Intereſſe für das Kind der ſchwermüthigen Frau, die einſt mit einem Manne verbunden geweſen, mit dem auch ſie in innigſter Berührung geſtan⸗ den, und dem ſie, obgleich die Geſtändniſſe auf ſeinem Todtenbett ſie der Verzweiflung nahe ge⸗ bracht und die unangenehmſten Folgen für ſie hatten, dennoch ein liebendes Andenken zu be⸗ wahren ſuchte, und was auch in ſeinem frühern Leben zweideutiges, ja ſelbſt verabſcheuungswür⸗ diges lag, nur allzugerne der Vergebung würdig hielt. ——————— — ———— N .——————————