deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Otimann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. SLeih- und geſebedingungen. 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em. pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 8 Uhr offen. 7 Uhr bis Abends 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von Leihbiblivth jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Cäution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mr.— Pf „„ 25 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Gn Noman in ʒweiTh Wayt S o ſem, 180 4, 8 2 Einleituns Jn einer Reichsſtadt, die nahe an dem ſchauerlichen Walde, den man den Speſ⸗ ſart nennt, liegt, ſtand dem Criminal⸗ Gerichte ein Mann vor, der, wie es bey dieſen Mäunern ſo ſelten der Fall iſt, mit einer menſchlichen Thräne im Auge das Urtheil über einen armen, von Umſtänden und Hunger geſtürzten Miſſethäter aus⸗ . ſprach, deſſen dreißigjährige Amtsführung ſein Herz nicht verhärtet hatte, der unter den nothwendigen, aber doch harten und oft die Menſchheit empörenden Spriſchen 3 2 S und Strafen, ein mitempfindender Menſch geblieben war. Auch hatte nicht freye Wahl, ſon⸗ dern der Wille ſeines Vaters, der in eben dieſem Amte dem Staate diente, ihn zum Criminal/Richter geſchaffen. Oft beſeufzte er ſein Loos, das ihn gra⸗ de dahin Zeſtellt hatte, wo er ſo un⸗ gerne ſtand, und nur dann machte ſeine Pflcht ihn froh, wenn er durch Anſehn und Vollmacht ſeines Amtes die Strafe eines Unglücklichen mildern konnte, oder, wenn, indem er die Gefängniſſe durchſah, der Dankruf der durch ſeine Fürſorge veinlich gekleideter und beſſer verpflegter Elenden ihm aus den dunklen Gräbern entgegen hallte, dann hob ſein ſchönes Bewußtſehn ſein Herz höher, und er ſprach dann oft mit Gellert: Ein jeder Stand hat ſeinen Friedenk dankbar zum Firmamente hinuf. —. 5. Seine häuslichen Freuden ſchuf ihm, ſeit ſeine Gattin die Erde verließ, Amö⸗ na, die Tochter ſeines vor Jahren nach Oſtindien gewanderten Bruders Ludwig, ſie beſorgte ſeine Wirthſchaft, und las ihm in ſeinen Esholungsſtunden vor⸗ Er hatte ihr bey ihrer Aufnahme die Rechte ſeiner Tochter gegeben; auch nann⸗ te ſein längſt gemachtes Teſtament ſie die einzige Erbin ſeines kleinen Vermö⸗ gens. Amöna liebte und ehrte den Greis ſo warm und innig, wie er es verdiente, er die pflegende Nichte nicht minder, und ſie hatte bis jetzt dieſe Lien be im hohen Grade verdient. Sie war ein liebes herrliches Geſchöpf, mit einem Herzen voll Güte und Unſchuld, und ihre Geſtalt das Muſter einer Grazie für den bildenden Künſtler. Die Schö⸗ nue, nannten ſie die jungen Männer der Stadt und Gegend; die Wohlthätige, — 6 prieſen ſie die Armen; die Gute, rief ſie der graue Oheim. 4 War ein Fehler in ihr, ſo war es Schwätmereh die Erziehung und die Lectüre des Zeitalters gebildet, und öf⸗ tere Einſamkeit genährt hatte; doch ſchwärmte ſie bis jetzt nut für das Schö⸗ ne. Gute und Große. Und, wer nennt nicht mit mir unter dieſen Umſtänden ein ſchönes eine— Schwärmerin? Vatet Schumann ſtand jetzt am En⸗ de der Sechziger, und man gab ihm dieſes Alters wegen gern die Erlaubniß, die Verbrecher in ſeinem Hauſe zu ver⸗ hören, um ihm den Gang nach dem Inquiſitoriat und die dortige für ſeine Jahre unbequeme Anweſeuheit zu erſpa⸗ ren. Freilich hatte dieſer Umſtand oft für das Mädchen ſein Widriges, doch auh das Gute, daß ihr die Gelegenheit ward, für dieſen zu bitten, jenem ein kleines Geſchenk, eine Erleichterung, Troſt, oder nach Befinden mögliche f Hoffnung geben zu können, und im halb⸗ geöffneten Nebenzimmer lauſchte ſie ängſt⸗ lich auf jeden Umſtand in den Bekennt⸗ niſſen, um ihn zum Stoff der Fürbitte bey dem Onkel zu gebrauchen. Gerne gewährte der Greis, wenn und wo er Möglichkeit ſah, und küßte freudig die dankbare Thräne von der gerötheten Wange des lieblichen fanften Mädchens auf. 5 . Die Räuber im Speſſart. In finſtern Gehölze des Speſſarts, deſſen tiefes Dunkel der Wanderer mit Herzklopfen durchſtrich, haußte um dieſe Zeit eine Schaar wilder Männer, die den Bewohnern der Gegend und der im Walde liegenden Dörfer als Wildſchü⸗ tzen bekannt waren, die als Jäger ge⸗ kleidet meiſtens in einer kleinen, an der Landſtraße belegenen Schenke ihren Auf⸗ enthalt nahmen. Hier ruhten ſie von den Beſchwerden der angeblichen Jagd aus, ſangen beym Moſt oder Wein ſchallende Lieder, und jagten durch ih⸗ ren lärmenden Jubel den Wanderer fort, — der dies zur Herberge und Raſt gewählt hatte. Während die Männer im Buſche umher ſtreiften, und nach ihrer Ausſa⸗ ge ihre Büchſen das ſchnelle Reh und den aufgeſchreckten Haſen fällten, berei⸗ teten einige unter ihnen befindliche Wei⸗ ber ein nährendes Mahl, und harrten der Rückkunft der Schützen. Die Nachbarn des Waldes ſugten ſich beym Anblick eines ſolchen Wild⸗ ſchützen in's Ohr: Glaube nicht, Bru⸗ der, daß ſie nur dem Wilde das Fell über die Ohren ziehen, ſie thun es auch den Menſchen! Viele beraubte Wande⸗ rer ſagten einſtimmig aus, daß ſie von jägermäßig bekleideten Schnapphähnen geplündert worden; da man aber im Kreiſe von drey Meilen um die Schen⸗ ke nichts von Räubereyen hörte; da dieſe Gegend grade die ſicherſte und ſiill— — 10 ſte im Forſte war, ſo xut die Schü⸗ tzen unverdächtig. War einer jalſo na⸗ ſeteis, auf den Grund der Sache zu rathen, ſo fehlte es an Beweiſen, und jeder ſchwieg aus Futcht vor Rippenſtö⸗ ßen oder Naſenſtübern, zumal, da ein Holzwärter, der vor kurzem ſo etwas geäußert hatte, plötzlich verſchwunden war. Man blieb bey Vermuthungen und Glauben im Stillen ſtehen, achtet es Würklichkeit war. Ja, die Männer trieben vrtich Räubergeſchäfte, belagerten in einer ge⸗ wiſſen Entfernung von ihrem Schlupf⸗ winkel der Schenke, die durch den Speſ⸗ ſart laufenden Heerſtraßen, und erleich⸗ terten den Reiſenden ihre Laſten, das heißt, ſie nahmen ihnen Alles von Werth, und entließen ſie dann mit betäubten Köpfen, voilem Herzen und leeren Ta⸗ ſchen oder Koffern. Widerſetzte ſich ein ——— — 12—— Unzlücklicher, ſo entblödeten ſie ſich auch nicht, ihn in eine Welt zu ſchicken, wo es keine Straßenräuber geben ſoll. Die Bande war ſtark, und hatte, außer dem perſönlichen Aufenthalt in der Schenk⸗, noch mehrere im Wald⸗Dickigt verbor⸗ gene Hölen und Löcher, wo ſie ihre Beu⸗ te bis zum Verkauf verſteckten, oder ih⸗ re Baarſchaften, wie in eine Schatz⸗ kammer, niederlegten. Dieſe Hölen wußten nur die Männer, den Weibern waren ſie verborgen. Einer aus der Mitte der Ehrenmän⸗ ner, Strohbach genannt, hatte die Schen⸗ ke gekauft, und hatte für den Reiſen⸗ den jetzt die Rolle des Gaſtwirths, de⸗ nen Räubern aber war er noch immer Bruder⸗Mitglied dieſes Bundes, den man den ſchrecklichen, die Geißel der Menſchheit nennen kann. — 12—— Vorſicht, Klugheit, Thätigkeit, und ihre, unter ihnen beſtehenden Geſetze, erhielten ſie lange in einem gewiſſen Grade von Wohlſtand, ſogar von Glück, wenn man dieſer Handthierung, dieſer Art zu leben, Glück zugeſtehen kann, und ſchützten ſie vor den tiefen Blicken und langen Armen der ſpähenden und er⸗ greifenden Gergchtigkeit, die ſie oft mit gellendem Gelächter in ihrem Schlupf⸗ winkel verſpotteten.„ — Der S Gii ihr Hauptmann, war der Ver⸗ ſchlagenſte und Kühnſte des Haufens, und deshalb der Erſte unter ihnen. Wo ein Anſchlag glücken ſollte, da muß⸗ te er ihn ordnen, und der Thätigſte bey der Ausführung ſeyn. Wenn er dann am Ziele ſtand, blickte er mit ſeinen gro⸗ Ben, ſchwarzen, feuerwerfenden Augen frey um ſich her, und ſprach: Wohl mir, Menſchenbrut, daß ich Wort halten, daß ich das Recht der Wiedervergeltung üben kann! — 14—— So ſprach er, und doch hob ein un⸗ willkührlicher Seufzer ſeine Bruſt, und doch hatte er ſeit geraumer Zeit ſeinen Untergebenen den Befehl gegeben: nur bey der hartnäckigſten Gegenwehr eines Pilgers ihm den Tod zu geben; auf Raub allein ſollten ſie ſich einſchränken, die härteſte Strafe ſollte den ereilen, der wider dieſen ſeinen Willen handelte, und ſeine Hände in Blut w ep ten tauchte. Woher dieſer Wierſuruch entſtand, wird ſich im Gange der Geſchichte ent⸗ räthſeln. Genug, er fühlte menſchlich, und war doch der Obere der blutgieri⸗ gen Banditen; er haßte die Menſchen, wie Kotzebues Meinau, und that, ſ gern wie jener, ſeinen Brüdern Gutes, zog mit eben dem ſchönen Willen ein Seſchöpf aus dem Elende, wie Mei⸗ nau den Grafen aus dem Vaſſe. ———— So ſtrenge wie das Verbot des Mor⸗ des, war auch jenes: keinen Armen zu berauben, und kam die übertretung deſſelben zu ſeiner Kenntniß, ſo wurde der Ungehorſame mit Gefängniß beſtraft, mußte dem Beraubten den zwiefachen Werth ſeines Verluſtes zurück, ihm ein Schreck; und Schmerz⸗Geld bezahlen, und obendrein dieſe Bonification, oft mit Lebensgefahr, den ſchon Entfernten ein⸗ händigen. Der darwider Murrende ſoll⸗ te am Leben geſtraft werden, wenn ihn nicht der Hauptmann begnadigte. Alle befolgten pünktlich ſeine Befehle, weil ſie Mannestugenden, Heldenſinn und Güte zugleich in ſeinem Character fan⸗ den und verehrten, und ging er finſter einher, ſo ſuchte jeder alles hervor, ihn zu erheitern. Lieder, Schwänke, Ge⸗ ſchwätz wechſelten mit einander, und wenn er dann wieder(ein ſeltner Fall) lächelte, ſo jubelten dieſe Geſchöpfe, die ſonſt Menſchen⸗Freuden nicht kannten, unempfänglich dafür, und für Lachen oder Weinen einer ganzen Welt todt waren. Ein Einziger befand ſich in der Ban⸗ de, Namens Funk, den er ſeines Ver⸗ trauens würdigte, ſeinen Freund nannte, den er immer auf ſeinen einſamen Gän⸗ gen zum Begleiter wählte, und der da⸗ für mit unbeſchreiblicher Anhänglichkeit, Verehrung und Liebe an ihm, wie der fromme Chriſt an ſeinen Heiligen, hing. Dieſer Funk liebte ein Mädchen, Roſe, die verwaiſte Tochter eines Koh⸗ lenbrenners in der Nähe einer Stunde von der Schenke, dahin ging er oft, von Guſtavs Erlaubniß, oft von ihm ſelbſt, be⸗ ₰ 17— begleitet. Hier genoſſen die beiden Freunde auch die Wonne der Menſchheit, die ihnen ſonſthferne war. Funk hielt ſein Mädchen umſchlungen, der Freund ſaß neben oder gegenüber dem liebenden Paate, mit erheiterten Blicken, und freute ſich ihres Glückes. Hier und noch an einem andern Orte verlte zu⸗ weilen eine Freudenthräne über ſeine — er eer des JFammers, 5 Ort war eine e tteine ärm⸗ liche Hütte am Eingange eines Dörf⸗ chens im Walde, deſſen Bewohner ge⸗ wiß die ärmſten Menſchen in Europa waren. Der ſandigte Boden umher er⸗ zeugte nur ſpärlich die nothwendigſten Le⸗ bensbedürfniſſe für ſie, die übrigen muß⸗ ten vom Holzfällen oder Kiehnrußbrennen befriedigt werden. Einſt an einem fin⸗ ſtern Winterabende, während Funk bey der geltebten Roſe glücklich war, ſpwarmn⸗ te der Hauptmann in der Nähe des Dörf⸗ chens im Walde umher, er hatte dieſesmal in trüber Erinnerung chemaligen ähnli⸗ — 6 chen Glückes ſich pon der Seite der Lie⸗ benden unmnhig fortgeſchlichen, und die nächtliche ſtille Einſamkeit ſollte lindern⸗ den Balſam in ſein wundes Herz träu⸗ ſein. In ſich ſelbſt verſunken ging er im Mantel gehüllt auf einem ſich durch das Geſträuch windenden Fußpfade fort, als er auf einmal ein Wimmern in eini⸗ ger Entfernung von ſich hörte. Ermun⸗ tert von ſeiner Gedankenloſigkeit blickte er unter dem tief in's Geſicht gedrückten Hute hervor, und nach der Gegend zu, woher der Laut tönte. Da ſchimmerte ihm vom Eingange des Waldes ein Feuer entgegen⸗ und eine halbnackende Geſtalt ſtand dargn. Natürlich Fel es ihm auf, an enen Dermberabend ſolch ein Schauſpiel zu ſehen, und eben ſo natüriich war ſein Entſchluß, dis Urſache davon zu erfor ſchen, und das Ganze in gröherer N. B 2 20 he zu ſehen. Er ging und ſtand bald dem kleinen Feuer nahe. Ein Mädchen von ohngefähr acht Jahren, nur mit einem kurzen groben Hemochen bekleidet, war am Feuer, wärmte die zitternden Händchen, ünd hob einen erſtarrten Fuß um den undern auf, ihn am Feuer auf⸗ zuthauen; laut weinte es dazu. Ohn⸗ gefähr ſechs Schritte davon war ein eben ſo unbekleideter Knabe von zehn Jahren beſchäftigt, mir ſeinen von Käl⸗ te blauen Händen den Schnee vom Vo⸗ den zu raffen, und aus dem harten Bo⸗ den einige faſt auf der Oberfläche liegende Wurzeln zu brechen. Mit zerriſſenem Herzen ſahe Guſtav dieſem empörenden Schauſpiele einen Augenblick zu; ale aber das ſchmerzliche Wimmern des Kna⸗ ben von neuem wieder in das Weinen det Schweſter einſtimmte, als deb Kleine, der die gefundenen Wurzeln zum Feuer tragen —₰ 21— wollte, auf den durchfrornen Füßen 4* nicht mehr ſtehen konnte, und nun zur beſchneyten Erde hülf“ und troſtlos hin⸗ ſank, da eilte er hinzu, um zu helſen⸗ Die Kinder ſchienen zuerſt beſtürzt, doch auf Guſtavs Fragen und Mitleidsäuße⸗ rungen kam der Muth zu ihnen zurück. Er trug den Knaben zum Feuer, warf mehr Holz darauf, daß es hell emporlo⸗ derte, und fragte dann nach ihrem Na⸗ men, Wohnort und Urſache öre ſonder⸗ baren Gegenwart. Meine Mutter— ſagte der Knabe, indem er nach dem Dorſchen zeigte— wohnt dort in der letzten Hüttes ſie iſt ſehr krank, und ſie und wir hatten ſchon ſeit drey Tagen nichts zu eſſen, die Nachbarn haben uns ehemals wohl et⸗ was gegeben; aber ſie ſind auch ſo arm, daß ſie jetzt damit aufhören müſſen⸗ Nun, da uns der Hunger unerträglich 4 — ward, und unſte liebe Mutter vor Man⸗ gel weinte, ſchlug ich vor, Wurzeln im Walde zu ſuchen zu unſerer Rahrung, das thue ich nun, doch wir können uns für Kälte nicht mehr bewegen, und müſſen vor Froſt und Hunger ſterben. Warum bekleidet ihr euch in dieſer Johrszeit nicht beſſer? oder habt ihr keine Kleidetr?— Wir haben keine, ſchluchzte der Knabe. Guſtav ſchauderte. Arme Kleinen!— rief er— War⸗ tet! Euch ſol, geholfen werden! raffte die zitternden Geſchöpfe auf, nahm ſie unter den wätmsnden Mantel und wan⸗ derte mit ſeiner ſeufzenden Laſt der Hüt⸗ te zu. Der Knabe öffnete die Thür, Guſtav trat in ein dunkles Gemach, woraus ihm beym Eintveten ein wider⸗ licher Dampf enthegen qualmte, und worin er jetzt kaum aufrocht ſtehen konn⸗ ke, weil ſein Kopf die Decke berührte. Ein ächzen vom Boden ſchlug an ſein Ohr. Seyd ihr da?— frug matt eine weibliche Stimme— Bringt ihr Wurzeln, meinen Hunger zu ſtillen? Rein, keine Wurzeln, liebe Mutter— antwortete der Knabe— aber einen kann, der uns Hülfe gelobte. Unter der Antwort hatte der Bube mit einem Kiehnſpahn in einem Koh⸗ lenhaufen auf dem Heerde gewühlt; jebt brannte der Spahn in ſeiner Hand und beleuchtete die Scene. Am Boden lag auf modernden Stroh eine weibliche Figur, deren Auße⸗ res mehr das Gepräge einer Leiche, als einer noch Athmenden trug. Nur ihre Bewegung, ſich aufzurichten, und ihr Stöhnen überzeugte den bebenden Zu⸗ ſchauer, daß dies Weſen lebe. übrigens war das ganze Gemach ähnlicher einer Todtengruft, als einem menſchlichen —— Wohnorte. Die Möbeln deſſölben be⸗ ſtanden aus einem ſtarken Baumſtamm, der in der Mitte ſtehend, zum Tiſche zu dienen ſchien, und zwey kleineren, die, nach Wahrſcheinlichkeit berechnet, die mangelnden Stühle erſetzten, der Heerd von Leimen und ein altes Sriumd. Das war Alles. Gott!— rief Guſtav: kann das menſchliche Elend dieſen hohen Grad er⸗ reichen!— und entfernte ſich; aber nach wenigen Augenblicken kam er mit einigen nothdürftigen Gewändern für Mutter und Kinder zurück, die er im Dorfe gogen hohe Bezahlung erhalten; und ein ihn begleitender junger Bauer trug in einem Korbe mancherley Victua⸗ lien. Guſtav nahm ſie ihm ab, ſagte: Wie ich beſtellt habe, und der Bur⸗ ſche ging. Bald darauf aber trat er wieder mit einer Schüſſel voll rauchen⸗ der Suppe ein. Heißhungerig und mit gierigem Auge blickten Mutter und Kin⸗ der nach der Speiſe, wie Tyger nach der erſpähten Beute; auch war es wahr⸗ lich die höchſte Zeit zur Hülfe, denn am folgenden Tage wahrſcheinlich hätte der brennende Hunger die Mutter getödtet, und bald darauf wären ihr die hülflo⸗ ſen Kleinen gefolgt. Der Bauer ent⸗ fernte ſich, und Guſtav rückte den tiſch⸗ artigen Stamm an das Lager der Ent⸗ krüfteten. Die Kinder drnglen ſich her⸗ um, als kaum noch die Schüſſel darauf ſtand. Eilig fielen alle drey darüber her, und der Retter war kaum im Stande die Familie vom ſchädlichen Ver⸗ ſchlingen der Rahrung abzuhalten, und ſie zu mäßigem und en Genie⸗ ßen zu bereden. Ihr ſeyd Siir— frug er die Mutter. ₰ 26 ₰ I„ch bins— antwortete ſie, mit hervorbrechenden Thränen. Im vorigen Vinter ging mein Mann nach einer langwierigen und harten Krankheit zum erſtenmale wieder in den Forſt, Holz zu Fällen, und kam nicht wieder zurück. Ein fallender Baum hatte ihn zerſchmet⸗ tert. Als eine Kranke, als Mutter von fünf Kindern, ohne Brod, Troſt und Ausſicht blieb ich zurück 8 der Welt. Der Herr hat es wohl gemacht, er nahm bald darauf in den Blattern drey mei⸗ ner kleinen Würmchen zu ſich. Gott⸗ ob! Sie dürfen dort, oden nicht hun⸗ gern, wie ich und ihre Seſchwiſter hie⸗ nieden. Guſtay trocknete eine Thräne. Ja, Hetr 6 fuhr ſie fort— ſo weit iſt es mit mir gekommen, daß ich, die Mutter, für meiner geliebten Kin⸗ der Tod Gott danken muß. —½— 2—— Arme Mutter! rief der gerührte Zu⸗ hörer. 5 F nun. Bald habe ich ausgekrankt, ich werde auch bald hinüber gehen, und meine Kinder ſpringen mir als Engel Gottes fröhlich entgegen, ſie hob den bethränten Blick an die Decke, als ſä⸗ he ſie die Geliebten ſtehen, und ihre zitternden Arme breiteten ſich zur Umar⸗ mung und zum Willkommen aus— Eine feyerliche Minute, Guſtav endigte das Stillſchweigen durch die Frage: und was ſoll aus dieſen werden⸗ die noch auf mütterliche Pflege rechnen? und zeigte auf die zu ſeiner Seite ſtehenden Finder. Die Mutter blickte niedet zu den Kleinen und ſeufzete. Ihr habt noch heilige Pflichten für dieſe Welt— fuhr Guſtav fort— dieſe eure Kinder?— ſie ſeufzte wieder— ich will helfen, wie und wo ich kann, tröſtete Guſtav; aber 28—— auch ihr müßt nicht durch Kleinmuth meine Hülfe erſchweren, ihr werdet wieder geſund werden, werdet Peben, dann müßt ihr Mutter eurer noch le— benden Kinder ſeyn, nicht aber durch Hinüberſehnen und ſchwarze Träume euch dem Leben und eurer Mutterpflicht entziehen. Verzeiht mir!— ſprach ſie dann weinend— ich will alles thun, ich ſrach thörigt, in eurer Erſcheinung ſehe ich ja von Neuem, daß Sott allmãchtiʒ und gnädig iſt. 3 Nun kam der Bauer mit friſchem Stroh, und bereitete für die Familie ein beſſeres Lager— das iſt nur für dieſe Nacht, tröſtete Guſtav die Armen; WMWorgen ſoll Alles beſſer werden. Die Blicke der Geretteten zollten ihm wohl⸗ thätigen Dank, für Hülfe und die Hoff⸗ nung, die zu ihnen zurück gekehrt war. Nach einigen Stunden, die er hier ℳ 4. unter ſanften und wehmüthigen Einpfin⸗ dungen verlebt hatte, verließ er die e⸗ kenntliche Familie, die in ihm den En⸗ gel der Rettung und des Schutzes ſahe. Die Kinder küßten mit Thränen ſeine Hände, und auch die kranke Alte wollte, als er zum Abſchiedé ihr die Hand reich⸗ te, dem Beyſpiele der Kleinen folgen, och, er duldete es nicht⸗ Ich bin taue ſendfach belohnt, und euer Dank wu⸗ chert mir hier zu hohen Zinſenk ſagts et, auf ſeine Bruſt deutend, in welcher heute ſein Herz ſo unbeſchreiblich froh * ſchlug. Die Kranke faltete auf ihrem weicheren Lager die Hände über ihre dankerfüllte Bruſt, ſah zum Himmel und als Guſtav eben die Thür hinter ſich ſchloß, hörte er von ihrem Munde noch ein: Gzott vergelte es! rufen. Gott⸗— vetgelte es! ſtimmten die Kinder mit ihr ein, und er gins, mit Gefühlen, die jeder einer anlign ſchönen That im Buſen un n der W zupück. 7 ihnn Schon am folgenden iep ſeinem Verſprechen gemäß, der Reſt des Siendes aus der Hütte. Funk brachte anſtändige Kleider, reinliche Wäſche und Puun, und einer aus der Bande, der⸗ edem die Chirurgie ſtudirt, und jetzt 5 practicirender Arzt unter den Räuherm war, brachte heilende Mittel, und fing an wider Krankheit und Entkräftung zu kämpfen. Roſe, die junge Köhlerin, ward als freywillige Wärterin geſandt, und in weuiger als einem Moñath⸗ in welchem er ſelbſt einigemale ſeinen⸗ Beſuch wiederholt hatte, kam ſchon dic, Geneſene mit ihren Kindern dem Ret⸗ ter chres Lehens geſtärkt und froh, ein Stück des Weges im Walde, entgegen. Unter dieſen guten, Erkenntlichkeit 3— ſeine Geſchöpfe waren, weil, ohne ihn, die nächſten Tage ſie alle ins Grab ge⸗ worfen haben enoß er mehre⸗ re glückliche Stunden. Hiet tuhte er , den Beſchweiden ſeines ihn jetzt an⸗ cnden Gtwetbes⸗ hicher entftoh er h ben Aublick des Luſters ſeiner Genöſſeh, und dem Mahntn ſünes Geinne, dat er hier die Abrechnlng der Wohlchätfokeit vtiegte, und träumte ſich unter dieſen guten Weſen ſelbſt wieder zurück in dit Tage ſeiner Unſchuld.“ 0 215 306 WPihrlich, es it ein belhnenbe nungsloſen gegeben zu haben. Dieß Ge fühl macht den Armen zum Ptäſſer, den Gefallenen züm Engel, und pflanzt ftende Frühlingsblumen auf dem herbſt⸗ des n— gin upreliſhe Si En z ne in der Nh Voes ſetzte die Ranbbrüder in ullge⸗ eine Thätigkeit; ſie wußten, daß die dapon zurückkehrenden Kaufteute der Gegend das für jhre Waaren gelſte Geld bey ſich führten, ſärker wurden daher alle Straßen beſetzt, und ſie han⸗ delten ſo, daß der Erfolg würklich ihrer reichen Hoffnung entſprach; ſie witden wohlhabender durch dieſe Speculation, als mancher Commiſſair bey einer Lie ferung für die hungernde Armee, dere Mangel ihm überfluß giebt. Zugle aber ſetzten ſie die Geplünderten in die fatale Nothwendigkeit, die huldvoll ſchlum⸗ ſchlummernde Polizey aufzuſchreyen, ihr das Leid zu klagen, und Hülfe zu hei⸗ ſchen; ſie erwachte, rieb ſich die Augen, räuſperte ſi ſich, und ſpruch Harret ein wenig, wir wollen nachſuchen. Finden wir etwas, ſo wollen iié, wenn in ein paar Jahren, nach Abzug ber Koſten, Sporteln, und Aecidenzien nöch etwas übrig ſeyn ſollte, es Len zutilt geben. Fiat! Run ward ein Miuutetnmii in den Speſſart geſchickt, und die re⸗ ſpectiven Dorfobrigkeiten und Amter er⸗ hielten den Befehl in einer ünd derſeb⸗ ven Stünde eines Atends Line allge⸗ meine Hausſuchun in Häuſern und Hütten det Gegend zu halten. An dem dazu beſtimmten Abende, in det anbofohlnen Stunbe ſaß der Hauptmann in der bekänten Hütte u⸗ ter ſtien danthären Fleunsen. Der C Dorfſchulze öffnete plötzlich die unver⸗ ſchloßne Thür, und trat mit ſeinen zahl⸗ reichen Begleitern herein. Er, der ganz unbefangen da ſaß, nichts von dem Ge witter geahndet hatte, das fürchterlich drohend über ſeinem Haupte hing, und jetzt in einem verheerenden Schlage ihm bemerkbar ward, erſchrack, doch die Faſ⸗ ſung verließ ihn nicht; er ſtand auf, und blickte ſeitwärts nach dem kleinen Fenſter, das er ſchon in Gedanken zum Orte der Flucht beſtimmte. Zu ſeinem Unglück aber ragte vor demſelben ein Kopf über den andern herver, deren Beſizer die Neugierde herbey geführt hatte; auch die Thüre war ſtark beſetzt, alſo kein Ausweg, doch ſchnell bedachte er, daß, wann er vor der Thüre ſey, er ſich leicht entfernen könne, und er nar wieder rihig. Wer iſt der Fremde?— hrummte der dicke Schulze, in einem Fett⸗Baß⸗ Unſer zweiter Vater! ſprachen die Kinder. Unſer Wohlthäter! rief die Mutter. Schulze(nit zuſammengezogenen bor⸗ ſtigen Augenbraunen, gezogen.) So7— Em!— Ja— Ey, man kann dem einen wohl und zu gleicher Zeit dem andern weh thun— iſt das der frem⸗ de Mann, der faſt täglich aus dem Walde hieher kömmt? Einige von den Bauern. Ja, ja, er iſt es. Schulze. Wo iſt euer Paß? ter Freund! Guſtav, der ſonſt eine S Wen⸗ ge Päſſe von verſchiedenen Sorten be⸗ ſaß, jetzt aber zum Unglück keinen einzi⸗ gen bey ſich hatte, und jetzt keinen Ver⸗ rath an Sent Wohnort oder an ſeinen G2 - 36—. Brüdern begehen durfte, antwortete un⸗ befangen ſcheinend und mit freyem Blick auf den Frager— Verlohren! Ein langes: So! entſtrömte aber⸗ mals dem Munde des Schulzen. Da⸗ bey nahm er gravitätiſch eine Priſe Ta⸗ back und ſetzte dann mit dem ganzen Amtsgewicht eines Dorf„Vice⸗Regenten hinzu: Ihr ſeyd bis zu eurer Legitima⸗ tion mein Gefangener! Heulend war⸗ fen ſich die Hüttenbewohner ihm zu Fü⸗ ßen, und flehten um. Wohlthäters Freyhei Ey, brummte er mit Würde: Bit⸗ tet nür für euch ſelbſt, chr gebt ver⸗ dächtigen Leuten Hehl und Aufenthalt, und kommt deshalb ſelbſt in Unterſuchung. Mutter und Kinder 8 ſind unſchuldig. Der Schulze ſahe um ſich, und unh fort: Ey, da ſehe ich ja ſelbſt, was ich immer gehört habe, Kleider, Bet⸗ ten, Stühle, Tiſche, wie ich, der Schulz, ſie ſelbſt kaum habe. Wo kommt der gewaltige Reichthum her? Er gab es uns, der Großmüthige! antworteten die Befragten. Ein drittes lunges— So— des Schulzen— und das ſoll mit rechten Dingen zugehen? Ihr ſeyd mit Dieben im Bunde, ihr Schelmenpack! ſchrie er⸗ 55 Du lügſt, Elender! rief Guſtav mit leuchtenden Augen dem Schreyer zu, der den Stock aufhob; aber von Jenes Blick ſo ſtark getroffen ward, daß er ihn wie⸗ der ſinken ließ, unwillkührlich nach der Sammetmütze griff, und kleinlauter ſprach: Ich bin eine obrigkeitliche Per⸗ ſon! wenn ihr unſchuldig ſeyd, ſo iſt es gut; ich erfülle meine Schuldigkeit, und ihr dürft deshalb nicht gleich ſchimpfen⸗ Auch bin ich kein eiender Schulz— re⸗ dete er weiter, und ſchlug auf ſeinen Spitzbauch— Hm— wendete er ſich zu den Bauern neben ſich: Auf Be⸗ fehl ſeiner Durchlaucht gebiete ich euch, dieſen Jäger, der keinen Paß hat, wo⸗ mit er beweiſen kann, daß er aus einem geſunden Lande komme, als einen Ge⸗ fangenen zum geſtrengen Herrn Amt⸗ mann zu führen. Die Bauern nahmen die Mützen ab, und griffen nach den Armen Guſtavs, ihn zu führen. Hin⸗ weg, mit euren Händen— ſagt dieſer — ich gehe freywillig, und die Banetn fuhren erſchrocken zurück. Unter ihnen ging er aus der Thür. Die geängſtig⸗ ten Kinder, welche bey des Schulzen Ausruf— ihr Schelmenpack!— wie vernichtet in den änßerſten Winkel mit der traurenden Mutter zurück geiichen waren, ſaßen noch imtmer do und Nie⸗ x. 39 mand von ihnen wagte, den zu Wiheittt. Draußen ſtieß der 3uh der Reugie rigen zu dem aus der Hütte, und des Hauptmanns Plan, im Dorfe zu ent⸗ ſpringen, und geſchützt vom nahen Wal⸗ de zu fliehen, mißlang. Nach dem Am⸗ te zu wallte der Zug, unter Flüſtern und Murmeln, Fragen und Antworten der nügierigen Landleute. Beſtimmung ſchten es, Guſtav ſolle diesmat durch eine Verkettung widriger Zuſal ret⸗ tungslos wetden⸗ „ Als man in des Amtmanns Zim⸗ mer trat, meldete der Schulz mit meh⸗ reren Krazfüßen den Vorfall, und pro⸗ ducirte den Eingefangenen. Eben ſaß der Amtmann mit ſeiner Frau, und de⸗ ren Bruder, einem Kaufmann, am Ti⸗ 8 S 40 ſche. Wit dem Lichte in der Pand ſtand der Amtmann auf, ging zu dem Gefangenen, leuchtete ihm in's Geſicht, und frug nach ſeinem Namen und Stan⸗ de. Der Schwager ſah vom Liche aus das Gelcht des Fremden: Leufelt ſagte er zu ſeiner Schweſter, der Amt⸗ männin— der Kerl kommt mir bekannt vor, ſtand auf, kam gleichfals näher, ſah ihn genau an, und erſtarrte. Herr Schwager!— tief er nach einem Au⸗ genblick— das iſt der Satan, der mit drey andern mich vorgeſtern drey Mei⸗ len von er im Walde überſie und plünderte. He!— ſprach er zu unſerm Guſtav kennſt du dieſe Wunde, die mir dein über meine Hand gleitendes Soran ſchnitt? 6 6 Frtuch war 6 ſo. 3. iie natürlich der vyih doch das half ℳ nichts Zuweilen iſt die Juſtiz ſchnell: ſo hier, und aus einleuchtenden Grün⸗ den: der Beraubte war mit dem ge⸗ ſtrengen Herrn Juſtiz⸗Amtmann ver⸗ wandt. Matürlich wurden alſp gleich Ketten gebracht, der Miſſethäter drey⸗ fach geſchbſſen, und bis zu weiterm Tranſporr in den Amts⸗ Srer gelieſert, wo er ſuchend üher den Paniß Zufall und ſein feindliches Schichſal, al⸗ ein, im nächtlſchen Dankel, bueb. Hie Söreben⸗ 6e Ven Beutegewinn des Jahrmarkts zechten in der Schenke die Bundesbr⸗ der in ſorgwoſer Hriterkeit, ſtießen die Glaßr klirrend an einander, und brachten ihrem Schutzpatron Merkurins und dem braven Hauptmann ein Vivat nach dem andern; da ſtürmte einer, der auf Spä⸗ he ausgeſandt war, athemlos in die Stu⸗ be, ſchlug auf den Tiſch, daß die Glä⸗ ſer tanzten, und ſchrie: Auf, ihr Jun⸗ gens! der Satan iſt los; es iſt heute eine allgemeine Landviſitation, unſertwe⸗ gen, und die Soldaten⸗Bengel ſind ſchon auf dem Wege hieher! Funk, der in einem Winkel ſaß, ſprang ſchuell auf, rief: Iſt das wahr? und auf des Hiobsboten Betheuerung Fitze er mit dem Ausruf: Mein Haupt⸗ mann! zur Thüre und zum Hauſe hin⸗ aus, in den Wald, auf dem Wege nach dem Dorfe zu. Guſtav hatte ihm ge⸗ ſagt, daß er bey einem Vorfalle ihn dort finden könne. In der Schenke rannte alles unter einander, alle Hände waren beſchäftigt, ſede Spur des Verdächtigen auf die Sei⸗ te zu ſchaffen; in weniger als einer Vier⸗ telſtunde waren alle Indizia der Wahrheit bis auf ihr Andenken verſchwunden, und die Männer, auf deren Gegenwart der Cutſus der Polizeh berechnet war, zogen mit Sack und Pack aus, in eine dunkle Höhle in der Rähe; nur der Wirth mit Weib und Kind blieb zurück, und als eine Viertelſtunde ſpäter die Handlanger der Gerechtigkeit t, die Soldaten, an das 44 ℳ Haus pochten, war es ſo ſtill darinnen, daß man die aufgeſchreckte, in ihr Loch laufende Maus hören konnte.„ Der Pirch. frug, wer da poche, und ſchloß auf Be egehren auf. ſchien von dem über⸗ fau und Wißtrauen gekränkt; als man ihm aber bedeutete: daß dieß heute jedem Hauſe im Lande geſchähe, und ihm die Urſache davon ſagte, bekam er ſeine See⸗ lenruhe wieder, ſchloß jede Thür, jeden Schrant, jeden Kaſten auf, ließ ſuchen, ſpendete dann den Martie Sohnen eini⸗ e Flaſchen Landwein, die ihm dafür eine geruhige Nacht wänſchten, und fürbaß zogen. Erſch! Etſch! ein nirtiſher Fri. unter den Banditen.— Ange⸗ ſihet und ſchabte den dahinziehenden eine Rübe auf ſeinem dicken Finger; daß aber ihr Befeblshaber in dieſem Augeublcke der Angeführte war, das 6 ahnbeten weder ſeine Collegen, noch dt frivole* 2 Funk lief wie ein ruſſiſches Cvurier⸗ pferd, ſtolperte in der Finſterniß hun⸗ dertmal über die Baumwurzeln im We⸗ ge, achtete es nicht, nicht der zerſtobe⸗ nen Füße, noch der blutigen Hände, die er mit jedem neuen Fall aufs neue be⸗ ſchüdigte. Weder dieſe übel noch das heftigſte Milzſtechen hemmte ſeinen Lauf, bis er am Dorfe ohne Luft und keuchend niederſtürzte, einige Minuten beynahe ſinnlos lag, dann aber wieder aufſprang, ſo ſchnell als möglich nach der Hůtte eilte, und beym Eintreten, da er ſeinen Freund nicht im Gemache ſah, heftiß erſchrocken, und mit Stürmwinbſchtü die Frage nach ihm ausſtieß. Schon die troſtloſe Stollung der noch immer be tubten Familit wat ihm ſchrecklich, und — 46—₰ er errieth das übrige; aber er mußte Gewißheit haben, ſo zermalmend auch die Laſt derſelben ſeyn mochte— Man yat ihn nach dem Amthofe geführt— ſchluchzete die Mutter zur Antwort. Mit dem Rufe;: Tod und Hölle! ſprang er zurück aus der Hütte, und lief dem Amtsgebäude zu. Als er an die Ecke kam, wohinum ſich der Weg nach dem Amte bog, erblickte er noch den Zug, der, von ſchimmernden Laternen begleitet, weit ſichtbar war. In demſelben Au⸗ genblicke war ſein Entſchluß gefaßt, den ſchnellſten Lauf, welchen Lunge und Kraft ihm geſtattete, ſtos er nach dem Wirths⸗ hauſe zu, ſahe auf der Mitte ſeines We⸗ ges die Soldaten ihm entgegen kommen, nahm einen Umweg durch das Gebüſch, kam in der Schenke an, wohin ſich die Brüder ſchon wieder zurück begeben hat⸗ ten, und ſo eben mit dem Saft der Traube den überſtandenen Schreck hin⸗ unter ſpülren. Blaß, wie ein Geiſt, vor Sorec, Kummer und Ermattung trat er zu ih⸗ nen, daß die Beherzteſten erbebten. und rief ſchrecklich mit heiſerer Stimme: Unſer Hauptmann, unſer Freund iſt gefangen; wer es ehrlich mit ihm, mit uns allen meint, der waffne ſich zur Rettung, und folge mir eilend! Unbeſchreiblich würkten dieſe Worte auf die erſtarrten Hörer. Alle ehrten, trotz ſeiner Strenge, den braven Obern, den treuen Gefährten ihrer Thaten, und daher entſtand jetzt das Große einer Sce⸗ ne, die gewiß kein Mahler zeichnet, kein Kupfer ähnlich wieder giebt. Erſtarrt ließ dieſer das Glas vom Munde ſinken; ein anderer ſprang raſch auf, als wolle er in dieſem Augenblicke die Erlöſun 9 Leginnen; einen lanten Schrey ieß je⸗ — 46 ner aus. Krämpfhaft verzog ſich das Geſicht des vierten; an's Schwetdt griff jeder unwilltühilich, und nach einigen Minuten wälzte ſich die ganze Gruppe aus der Thůt. Die noch in der Nähe befindlichen Genoſſen wurden aufgeboten, und mit Gewehren, Piſtolen, Meſſern und Schwetptern Sb ins eilis fort. Wahrſcheimlich war es allen, doß der unglückliche dieſe Racht im Amtskerker verwahrt würde, und da dieſer einſum im Hintergebäude, in einiger Entfernung vom Dorfe lag, ſo ſchien es ihnen leicht und möglich, ihn der. Unaufhaltſam eilte Funk dem nu voran, unaufhörlich empfahl et den Ge⸗ fährten die möglichſte Schnelle, raſtlos ſprach er denen Muth ein, die der Zuſpra⸗ che nicht bedurften, denn alle waten Gu⸗ ſtavs ſtavs Freunde. Um ihre Ausdauer anzu⸗ feuern, wiederholte er ihnen manchen her⸗ votſtechenden braven Zug aus ſeines Freundes Thaten, den alle kannton. etzt waren ſie am Dorfe, hier theil⸗ ten ſie ſich, um unverdächtig zu ſeyn, und das Aufſehen zu vermeiden, in drey Hau⸗ fen, gingen ungehindert durch die Hütten⸗ Reihen, und ſtiehen jenſeits hinter dem Amthauſe wieder zuſammen, wohin das kleine Fenſter des Gefängniſſes ſah. Ohne ſich lange zu beſinnen, zerbrach man das es klirrte darinnen mit Ketten. S du hier, Guſtav?— ſtus Funk flüſternd hinein. Ja, ich bin's!— antwortete eine Stimme im Gemache, und wenig fehlte, daß nicht vor Freuden der ganze laut aufjauchzte- Funk ſprang mit ein paar der Andern D ———-—-—————— . 50—— hinein, und umarmte den Gefangenen ſtürmiſch. Pſt!— entgegnete dieſer, und folgſam ſchwiegen die Befreyer. Die Kette ward abgedreht, die ihn an einen Block feſſelte, und leiſe auf den Boden gelegt, und aus dem Fenſter ging es mit größter Eile. Stile, wie man gekommen war, doch freudiger als damals, nahm man den nächſten Weg nach dem Walde, im ſcharfen Trotte der Fußgänger, und der Erlöſte ging, von Funk brüderlich um⸗ faßt, neben demſelben. Jetzt waren ſte am Eingange des Waldes und die Zwei⸗ gs der erſten Waldbäuine waren über ih⸗ ren Häuptern. Der Mond trat hinter einer Wolke hervor, die ihn einige Zeit umhüllt hatte, und ſchien ihnen ſilberhell in's Geſicht. Plötzlich ſtand Funk wie angewurzelt, und ſtarrte einen Augen⸗ blick den Befreyten an, dann rief er gepteht: Um Gotteswillen, Brlder! Wir ſind betrogen; dieſer iſt unſer Hanpt⸗ mann nicht— Entſetzen lähmte Aller Füße, hieß ſie auf der Stelle ſtehen; jeder ſtieß ſchnell ſein lautes: Wie? hervor, trat näher und ſah in das Ge⸗ ſicht— eines Unbekannten⸗ Schurke! Wer biſt du?— frug, wie aus einem Munde, heftig der gan⸗ ze Trupp. Ich bin Förſters Guſtad— antwor⸗ tete der zähnklappernde Fremdling. Der Muth derer Männer, die ſonſt dem grinſenden Tode in's ſchreckende Auge trotzten, war jetzt bis auf den kleinſten Reſt aus ihrer Bruſt gewichen. Der einzige Funk hatte noch ſo viel Sinn und Kraft zu fragen: wie das zugegan⸗ gen und warum ſich der Verwechſelte nicht früher entdeckt habe? Ach— ent⸗ gegnete jener— ich wußte ja nicht⸗ * wie mir geſchah. Ich habe des geſtren⸗ gen Herrn Amtmanns Lieblings⸗Hund, der uns immer das Wild verſcheuchte, auf Anrathen meinet Brüder erſchoſſen. Darum ſaß ich gefeſſelt im Kerker. Vo⸗ rige Nacht kam einer meiner Kamera⸗ den an's Fenſter, der mich zu der That mit überredet hat, und ſagte mir: ich ſolle mich nur nicht fürchten, und Nie⸗ mand verrathen; er wolle mich mit Hül⸗ fe der Andern befreyen; weil ich ſo un⸗ ſchuldig dazu gekommen— Als ich nun heute merkte, daß das Gitter ausgebro⸗ chen ward, glaubte ich meine Collegen zu hören; als man rief, biſt du hier Guſtav antwortete ich freudig: Ja— weil ich würklich auch ſo heiße. Als ich aus dem Fenſter war, ſah ich wohl, daß es ein Irrthum, und ich im Kreiſe mir ganz fremder Menſchen ſey; aber nun war ich voll Furcht, wußte nicht, was ich thun oder ſagen ſollte, und ging wie ein Träumender, wohin ihr mich führtet. Geh zum Teufel!— ſprach der lu⸗ ſtige Räuber, zog ſein Schwerd, chieb den armen Teufel einigemal hart über den Rücken, und trieb ihn ſo waldein, daß der überreſt der Kette, der nöch an ſeiner Hand hing, laut durch die Nacht klirrte, und das ſchlafende Echo weckte. Im Frohgefühle ſeiner Freyheit ach⸗ tete er des Schmerzes nicht viel, und lief ſchnellfüßig fort. Da ſtanden nun unſere Helden, ver⸗ zugt und unſchlüſſig, bis Funk den Rath gab, noch einmal zurück zu gehen, und auch das andere Gefängniß noch zu durchſuchen. Auf dem Wege dahin, be⸗ gegnete ihnen ein Mann aus dem Dor⸗ fe, und einer aus ihrer Mitte frug: Weißt du nicht, Landsmann, wie es mit dem fremden Maune geworden, den man heute in der letzten Dorfhütte ge⸗ fangen nahm Er iſt vor einer Stunde geſchloſſen, und von vielen Soldaten bedeckt, nach der Stadt abgeführt worden, weil es ſich ausgewieſen, daß er ein Straßen räuber ſey— antwortete er. So ſteht eine Heerde Schaafe, de⸗ nen der Blitz in's Geſicht leuchtet, wie unſere Männer. Der Landmann ging kopfſchöttelnd weiter, und der Haufe zoß mit geſenk⸗ ten Häuptern, bewußtlos wie Mond⸗ ſüchtige, nach dem Forſte zurück. — ₰ 6 ₰ Die klare Wahrheit hatte der be⸗ fragte Landmann geſagt. Durch einen, der unglücklichen Umſtände, die heute Guſtays Glück, wie Sturmwinde den auf der Höhe ſtehenden Baum, zertrüm⸗ mern zu wollen, ſchienen, kam, kurz nach ſeiner Gefangennahme, das zurück⸗ kehrende Soldaten⸗Commando im Dorſe au, um pier Nachtnuartter zu nehmen. Der Amtmann übergab dem commandi⸗ renden Offizier den Gefangenen mit der Bedeutung, daß ſein Amtsgefängniß nicht feſt genug für ſo einen gefährli⸗ chen Miſſethäter ſey; der noch dazu viel⸗ leicht im nahen Walde hundert Befreyer hätte— war froh, ihn ſo ſchnell, und auf ſo gute Art los zu werden; und ſo ward der Bedrängte dem Offizier über⸗ liefert, der(durch des Amtmanns War⸗ nung ängſtlich gemacht, und ohnehin ſtrenge), ohne Raſt mit ſeinen Leuten 66— wieder aufbrach, unſern Helden gefeſſelt, auf einen Wagen ſetzen ließ, und ihn noch in dieſer Racht nach ſeiner Gar⸗ niſon, der vom Dorfe drey Meilen ent fernten Stadt transpottirte. Hier ward Guſtav in's Gefängniß geführt; und hier war es, wo der alte Schumann Cri⸗ minal⸗Rath war, deſſen Oberaufſicht er auch bey ſeiner Ankunft übergeben ward. Sum Traume wandelt ſich die Ver⸗ nunft, wenn Sötterempfindung Liebe mit ihrem Mohn den ſweiſ. Da Atte ſuß Morgens mit ſeiner Rich⸗ te Amðna beym Frühſtück, als der Haupt⸗ mann zu ihm in's Zimmer gebracht ward. Anſtändig veineigte ſi ſich dieſer: jener rückte die Mütze, und aufſtehend nahm er die Papiere von dem, den Ttanſport begleitenden Unteroffizier. Das M ädchen warf einen Blick auf 5 den Gefeſſelten, und ſah einen Mann, der in Feſſeln ruhig und groß, nicht mit Frechheit, aber wohl mit vollende⸗ ter Faſſung frey umher blickte. Sein ganzes Rußeres war ſo anziehend, um in einem Momente einen unauslöſchli⸗ chen Eindruck auf ſie zu machen. So wie ihn, hatte ſie ſich von je⸗ her einen liebenswürdigen Mann ge⸗ dacht, noch nicht in der würklichen Welt, nur in ihren Romanen gefunden, und nun ſtand auf einmal das ſeelenerfüllte Ideal, gleich einem Phantom, ihr ge⸗ genüber— aber leider ein Verbrecher. Plötzlich ſenkte ſich die Unruhe in ihren Buſen, Ein unnennbares Gefühl, froh und doch ſchmerzlich, nagend und wohl⸗ thuend, erfüllte ihr Inneres, Welch eine erwünſchte Stlegenhei wäre hier für manchen Hoch⸗ und Tief⸗ Gelehrten, die ſchnelle Tendenz zu ana⸗ tomiren, und phyſiſche Luzinden⸗Wallun⸗ gen zu ſeciren; doch, ſo etwas kann nur von Schlägeln geſchlagen werden, und meine Wenigkeit beſcheidet ſich gern, nicht in der Reihe grober Gelehrten ſte⸗ hen zu wollen; auch wollte es bey Amö⸗ nen nicht ſo. Man verzeihe dieſen Schritt auf den kleinen Seitenweg, und gehe wieder mit mir zur Landſtraße zur Noch haben wir unſern Helden nicht nahe betrachtet;(das heißt.⸗ ſein Ruße⸗ res, und auf ſein eigentliches Ich,— ſein Inneres nur ſchwache Blicke geworfen) jetzt, da das Mädchen ſeine Geſtalt üher das Alltägliche erhaben findet, wol⸗ len wir in ihrer Geſellſchaft ihn doch auch beſehen. Er war jetzt im zwey und dreißigſten Jahre. Seine Figur war die eines ſchönen Mannes, ganz das, was man mit dem Worte ſagen will. Bey einer Höhe von ohngefähr„ Zollen preußiſchen Maaßes war Ebenmaaß in allen Theilen ſeines Körperbaues, ₰ 60— und das Geſicht voll Ausdruck und Re⸗ gelmäßigkeit, entſprach dem übrigen, wie dem Begriffe des Schönen. Seine Ad⸗ Jernaſe zwiſchen männlich rothen Wan⸗ Ven; die hochgewolbte Stirn, auf der tiefer Ernſt throntes das ſchwarze Auge, aus welchem Flammen zu ſprühen ſchie⸗ nen, von dunklen Braunen überdeckt, und ein ſanfter Zug um den Mund, der jenes Furchtbare milderte. Das ſchöngeformte Oval des Ganzen ſtempel⸗ te ihn zu dem, was ich von ihm,(na⸗ türlich mit etwas Neid, denn ich bin nicht ſo hübſch) ſagen muß. Seine an⸗ ſtandsvolle Stellung, ſein feſter Tritt, und die auf ſeinem ganzen Weſen ver⸗ Preitete gebieteriſche und doch ſanfte Gra⸗ zie chatacteriſirte ihn zum Helden, zum Mann. So ſah ihn Amöna. Nachdem der Alte die Papiere ge⸗ leſen, ſah er Guſtav an, und ſprach? Cy, ey, guter Freund! Straßenräuber mit geſundem jugendlichem Körper? Mein Herr!— entgeguete dieſer: die Menſchen haben mich beraubt; ich habe ihnen blos vergolten! Der Ton, mit dem er dieſe Worte ſprach, die Worte ſelbſt vermehrten bey⸗ Amönen, was ſeine Erſcheinung, ſeine Grſtalt begonnen, Der Criminal⸗Rath gab die Weiſung, ihn in das Stockhaus zu führen, er ging, mit einem tiefen Seufzer trat das Mäde chen ans Fenſter und ſah ihrem Ideale nach. Bey'm Mittage fand der Alte die Suppe nicht geſalzen, den Bratan ver⸗ brannt, und Amöng antwortete Rein, auf die an ſie gerichtete Frage, wo ein Ja hin gehörte, und ſo auch umgekehrts ſie war zerſtreut und übelgelaunt. War⸗ um?— Guſtavs Anblick hatte die bren⸗ — —½ 62—* neude Flamme der erſten Liebe in ihr Herz geworſen, und der Mann ihrer erſten Liebe ſaß im Stockhauſe.. Lächelt nicht mit Hohn, ihr Weiſen! Rümpft nicht das ſchöne Näschen, hol⸗ de tugendhafte Mädchen! daß Amöna beym erſten Erſcheinen eines Räubers das für ihn fühlt, was nach dem Gebote des kältern Verſtandes ein Mädchen erſt fühlen darf, wenn Herz und Thun des ſo edel als ſein Körper iſt, Monate wenigſtens ihn n wenn er ein guter Menſch auf das arme eſchöpf⸗ das heißt, auf ihre Bildung, auf ihre Verhältniſſe, auf ihr Herz, dann trete einer oder eine auf, hebe den Stein, und urtheile⸗ ob er 5 auf unſere Amöna dürfe oder aatsbürger iſt— Werft lieber mit ue beobachtenden Blick . Mädchen bildete ihre Begriſfe ſich ſelbſt Amöſla's Muttet war kurz nach ih⸗ rem Werden in's Grab gegangen, ihre Erziehung war von ihrem Vater begon⸗ nen, von ihrem Oheime vollendet. Kein weibliches Weſen war mit ihrer Erſah⸗ rung ihr zur Seite gegangen. Niemand hatte ihr die nöthige Warnung: Bewah⸗ re deinen Fuß, daß du nicht gleiteſt! mir erläuternden Beyſpielen zugerufen; ſie ging allein und ſorglos auf dem ſchlüpfri⸗ gen Wege des Lebens. Der Onkel dachte: Das Mädchen hat ein gutes Herz! und dieſer Gedanke war ihm genug, um ſie vor dem Falle ſicher zu glauben. Daß gute Herzen auch' wei⸗ che und empfängliche Herzen ſind, daran duchte er nicht viel, und dachte er auch dar⸗ an, ſo ſagte er ſich: Sie liebt mich, und wird es nicht über dieſe Liebe vermögen, mich durch einen Fal zu kränken. Das nach Romanen, ohne Auswahl eines Verſtändigen, und ſog aus der Lectüre⸗ ihrer Zeit,(die nichts als verzerrte Lie⸗ be, Entführung, Mondſcheinempfindung, Bachesmurmeln, Philomelenfloten und„ Tod aus Rarrheit, athmete, wie ich ſchon in der Einleitung ſagte) ſchädliche, überſinnliche Schwärmereyen in ſich⸗ So erzogen, gebildet, in dieſem Wahne lebend, und von Niemand beachtet⸗ Wie konnte es anders kommen? Guſtavs Rußeres bezauberte, ſeine Lage verwundete ſie. Mitleid war, nach ihrem Dafürhalten, das Wenigſte, was man einem Leidenden geben kann, daß auch das Mitleid mit Hipogryphen⸗Flü⸗ geln ſich in die höhern Sphären ſchwin⸗ gen kann, wußte ſie aus ihren Büchernt aber die Gränzen kannte ſie nicht, und wenn ſie ſie wußte— t Zum Traume wandelt ſich die Ver * nunft, . . B+ 65— nunft, wenn Götterempfindung Liebe mit ihrem Mohn den Sterblichen ſpeiſt. Wer Menſchen⸗Herzen kennt, weiß, wie leicht, wie ſo ſehr leicht, das Mit⸗ leid der verſchwiſterten Liebe die Hand reicht, und ihre Pfade ebnet, der err. Die Stele des Gefangenen war zu ſehr mit ſeinem Zuſtande beſchäftigt geweſen, als daß er das Mädchen bemerkt hätte, und überhaupt waren ihm die Menſchen, wenn nicht Alle gleich haſſenswürdig doch gleichgültig und beſonders ſeit einigen Jahren das weibliche Geſchlecht. Als er in ſeinem Behälter augelangt war, hatte er Muße genug, über ſein Schickſal nachzudenken, und von neuem ₰ 66 ₰. in ſich ein Spielzeug des Mh ſten Geſchicks zu finden. Auf ſeiner Bank ſitzend, die 5n in der einen Hand haltend, und auf der andern den Kopf geſtützt, durchelitterte er die Vergangenheit, und znirſchte oft mit den Zähnen, doch jede Sache hat ne⸗ ben der ſchlimmſten Seite auch eine gute; ihm gab die Erinnerung an Rettungen aus ſo manchen Gefahren Muth und trö⸗ ſtende Hoffnung auf eine diesmalige Be⸗ freyung, welcher, wenn er an ſeinen Freund Funk, an ſeine Bundesbrüder und deren Unternehmungs⸗Geiſt dachte, keine Unmöglichkeit im Wege ſtand. Er⸗ heitert ordnete er ſeinen Plan, den fol⸗ gender Monolog bekannt macht: Muß ich— ſagte er— muß ich hier bis zum Verhöre bleiben, ſo ſoll uber mein vorheriges Leben die ſtrengſte Wahrheit mein Geſtändniß dictiren, da⸗ —2 6—½ mit die Richter wiſſen, daß nicht Wol⸗ luſt, Geiz, Langeweile oder Lüderlichkeit mich unter den Auswurf der Menſchheit brachte, daß nur die Rache mich dahin leitete, und mit welchen Foltern meine Menſchenbrüder mich marterten; dann aber muß ich, um nicht Verräther mei⸗ ner Brüder zu werden, meine Werke ver⸗ ſchleyern, unſern Auſenchais⸗Ort ver⸗ bergen, und dafür einen falſchen nen⸗ nen, ſo biete ich damit ſogleich die Hand zu meiner Eeloſung. Meine Angabe des Schlupfwinkels ſoll ſo dunkel und zweydeutig ſeyn, daß man gezwungen wird, mich ſelbſt in den Wald zu füh⸗ ren. Meine Gefährten werden davon Kunde erhalten, und mich meinen Heu⸗ kern mit bewaffneter Hand oder Liſt ente reißen. Ja, ja! beſchloſſen iſt leicht ein Ding; aber, aber! 11— E2 60—₰ Ewig und ewig fährt die mächtige Hand des unerbittlichen Schickſals un⸗ ter den Plänen, Wünſchen und Hoff⸗ nungen der Sohne Adams einher, än⸗ dert hier nach Launen, und zerſtört dort mit Eigenſinn! So war es auch hier der fatale Fall. Immer dichter, ſchwärzer und grau⸗ envollet zogen ſich die Wolken über den Scheitel des Eingekerkerten zuſammen; mit jedem Tage engte ſich ſeine Ausſicht auf einſtige Freyheit und Leben ein, denn täglich kamen Geplünderte, ihn zu ſchen. Mehrere kannten ihn, und ſag⸗ ten aus, daß ſie von einer Menge Buſchklepper, über welche dieſer Gegen⸗ wärtige befohlen, deren Befehlshaber er zu ſeyn geſchienen, beraubt wären, und das Reſultat dieſer Behauptungen war: daß er in ein unterirrdiſches Loch gewor⸗ fen, noch härter geſchloſſen und behan⸗ delt, und ſeine Wache verdoppelt ward, denn: Wie viel ließ ſich nicht von dem Hauptmann einer großen Räuberbande fürchten? 5 Funk kam zwar auf Kundſchaft herz doch der Käficht war zu feſt, zu gut be⸗ wacht, der Kerkermeiſter zu ehrlich, die Nähe zu bewohnt und lebendig; ſo, daß alle ſeine Pläne ſcheiterten, und er end⸗ lich hoffnungslos ablaſſen mußte. Guſtavs Verhör und Geſchichte, ehe er Vanditen⸗Erſter wrd⸗. Nach zehn langen Tagen fielen die Riegel von Guſtavs Gefängniß⸗Thüre, die Wa⸗ che trat ein, und führte ihn in das Haus des Criminal⸗Raths zum Verhör. Hier ſaßen in einem geräumigen Zimmer an einer ſchwarz bekleideten Tafel der alte —— würbige Crimtnal⸗Richter, zwey Aſſeſſo⸗ res und ein Schreiber. Man ermahnte ihn zum offüen Bekenntniſſe der Wahr⸗ heit, und legte ihm die gewöhnlichen Fragen vor, die er denn auch treu be⸗ Se 1 Im etwas geöffneteh ebeninbwe ſand Amöna, ¶die ihn ſchon am Fenſter kommen geſehen, und ſeinem Schickſale einige Thranen geweint hatte) mit einem Strickzeuge in der Hand, horchte mit hochklopfendem Herzen auf ſeine Worte, und manche Maſche entfiel der Nadel, aber noch mehr dem ſchönen Auge. um nicht mit allen weitſchweifigen und langweiligen Fragen eines gewohn⸗ lichen Verhors zu ermüden, ſetze ich die Antworten unſers ünglücklichen in eine einzige Erzählung zuſammen: 3 1n„Mein Vater war Theodor von S5 — 71 rau, Beſitzer eines Rittergutes in Sſtreich; unter ſeiner Aufſicht ward ich hier erzogen, und dann, wie es gewöhn⸗ lich bey den jungen von Adel der Fall iſt, zum Offizier in der Armee aufgs⸗ nommen,“ „Tage des Gincs— im vä⸗ terlichen Hauſe durchlebt, v verlebte ich auch noch in meiner frühern Dienſtzeit, und um ſo heftiger erſchütterte das bald auf mich ſtürmende Unglück mein ganzes Weſen. Zwey Jahre war ich Sekonde⸗ Leutnant geweſen, erbetene und ertheilte Dimiſſionen, Sterhefälle und das daher entſpringende, ſehr ſchnelle Avancement hatte meine Vordermänner befordert, ich war der erſte dieſer Stufe⸗ und durfte bey der nächſten Veränderung auf den Rang des Ober Leutnants rechnen; als der erſte meiner vielen widrigen Zufälle ein⸗ trat.“ — 72 ℳ „Der Sohn des Generals, welcher Commandeur des Regiments, in dem ich diente, war, hatte zwey Jahle ſpäter als ich ſeine militairiſche Laufbahn begönnen, war folglich durch dieſen mſtad, und noch mehr durch Unwiſſenheit, durch Un⸗ bekanntheit mit unſerm Fache) höch weit hinter niir zurück, und boch ſprang et, durch Pruttetion„auf Verwendung ſeines Va⸗ ters über mich herauf. auf die nir gebüh⸗ Sült. weiner wenißſtens vurubto wd eß uic war, und ſielte bey der Gelegenheit, in Gegenwart des über mich Gehöbenen auf 3 den Vorfall und die wirkliche ket des jungen Menſchen an“ k „Eiiſt etzãhlte er beh ver ltade, ein Kaufmann in unſerer Garniſon habe das größte Lotterie⸗Loos gewonnen, mit der Bemerkung, daß ſich das Sprichwort: das Glück iſt des Dummen Vormund!— an dieſem höchſt einfältigen Manne bewäh⸗ re. Nicht immer, antwortete ich, iſt das Wahrheit, und ſah ihn bitterlächelnd ins Angeſicht— Sie halten ſich gewiß nicht für dumm, und ſind doch auch ſchon Pre⸗ mier⸗Lentnant. Bemerkte er ſelbſt den Stich nicht, ſo hatten andre, die um uns ſtanden, und die ihm, des Vaters wegen, ſchmeichelten, den Sinn der Sottiſe be⸗ greiflich gemacht; kurz, er wandte ſich, mit einer Klage über mich und meine Bon⸗ mots, an den Vater, und des Alten Haß wandte ſich in der ganzen Stärke, deren er, in einem wilden, vacheerfüllten Herzen, fähig war, wider mich; ſtrenge wie Re⸗ meſis, die Rachgöttin, ahndete er den kleinſten unwichtigſten Fehter mit Verwei⸗ ſen und Strafen, und bald war der Auf⸗ —— 74— euthalt in der Wache mein ganz gewöhn⸗ hicher.“ 1 „Unterdeſſen hatt⸗ ich die Lochter ei⸗ nes in der Stadt wohnenden Edelmannes kennen gelernt, und liebte ſie jetzt mir der Zanzen Stärke des jugendlichen Herzeus, das in der erſten Liebe ſo feurig und ſeelig ſchlägt. Alles hätte ich für meine Caro⸗ line geopfert, und wir hatten uns wieder⸗ holt ewige Treue geſchworen. Einmal, als ich eines Verſehens beym Exerciren wegen, wieder wie gewöhnlich im Arreſte ſaß, bat ich den wachthabenden Leutnant, einen braven Jungen, meinen Freund, um die Erlaubniß, Abends einen Spazier⸗ gang machen zu dürfen. Er kannte mich als einen ſoliden Jüngling, liebte mich, und bewilligte meine Bitte gern. Mein Herz trieb mich, der, ſeit einigen Tagen nicht geſehenen Geliebten einen Beſuch zu machen, und ſo ging ich, als es dunkel . geworden, im Mantet, um die Stadt⸗ mauer. In voller Vergeſſenheit meiner Widerwärtigkeiten, und in der ſchönen Poffnung einiger glüchlichen Augenblicke wandelte ich an dem Zaune, der den Garten meines Mädchens umgränzte, hin, um durch das bekannte Hinterpfört⸗ chen einzugehen. Dunkel war's um mich, in meiner Seele ſtrahlte helles Licht, ich eilte ja einer frohen Stunde eutgegen. Indem ich an der Stelle vorbeyſchlich, wo eine Gartenlauhe, in der ich ſo oft im Arm des geliebten Mädchens glücklich ge⸗ weſen, ſich an den Gartenzaun lehnte, hörte ich ein leiſes Flüſtern in der Laube, und bald überzeugten mich meine Ohren, daß ich betrogen ſey, daß ſchon ein Ande⸗ rer den Platz eingenommen, deſſen Allein⸗ beſitz ich geträumt hatte; vernichtet ſtand ich, eine ſeelenlofe Figur. Seufzer ziſch⸗ ten, Wechſelküſſe hallten, und zärtliche — 76—— Ausrufungen ſchlugen an mein Ohr— Caroline!— Eduard!— Carolinens Stimme erkaunte ich, und Eduard war der Name des Sohnes vom Generäl- Meine Zähne ſchlugen, im Fieberſchauer tlappernd, an einander, und meine Wuth ward unmenſchlich.“ „Bald darauf hörte ich, daß man aus der Laube ging, ich ſchlich mich an die kleine Thür, und ſiehe da, ich hatte ganz recht gehört und geſchloſſen; mein Feind trat leiſe heraus, und küßte dankbar zum Abſchiede die dargebotene Hand der Unge⸗ treuen. Trug ich Waffen, ich ermordete ſie beide; ſo mußte ich mich begnügen, ſchnell vor ſie hin zu treten, und ihr den gerechten Vorwurf des Meineides zuzuru⸗ ſen; der Bube floh von meinem Anblick geſchreckt, die Dirne ſank mit einem Schreh ohnmächtig zurück, und ich ging, unter den marterndſten Gefühlen der Ver⸗ 3 zweiflung nach der Hauptwache zurück. Der Vorfall hatte mich aus dem Himmel in eine Hölle geworfen, mir das Leben verekelt, manchen ſchönen Glauben, die beſten Hoffnungen zerſtört, und mir die ſeeligſte Empfindung des Menſchen, die Liebe genommen; ich war ſehr, ſehr unglücklich,* nur die Ausſicht nach dem Grabe troſtete mich.“ „Wer zu lieben aufhören muß, der hö⸗ re auf zu leben, denn er ſchleppt nur die Laſt eines qualvollen Daſeyns mit ſich herum!“ „Nach einigen Tagen erhielt ich meine Freyheit, doch nicht meinen frohen Muth wieder, auch avaneirte ich bald darauf, aber jetzt erfreute mich die erklimmte Rangſtufe nicht— ich war ein einſames ungeliebtes Weſen.“ Heil der Jugend, daß ſie ſchneller und leichter als das reife Alter einen Zug „ ₰ aus dem Lethe trinkt! Sch vergaß nach und nach meinen Verluſt, und ſagte mir endlich mit Ruhe: ich habe nur eine fal⸗ ſche Heuchlerin geliebt, und mehr gewon⸗ nen als verlohren, da die frühe Ent⸗ deckung mich vor ſpäterm Unheil ſi⸗ cherte.“ „Zum zweitenmale feſſelte mich ein Mädchen, Leondre, nur die Tochter eines Feldwebels im Regiment, aber das rei⸗ zendſte, ſittſamſte Geſchöpf, von gebilde⸗ ten Kopf und Herzen, und ſchön wie ein freundlicher Morgen, deren Tugenden und Geſtalt den kleinen Flecken der Ge⸗ burt, in meinen Augen, bedeckten. Ich fing wieder au, empfänglich für die Liebe zu werden, denn Leonore war eine ſanfte Führerin zu ihren Freuden. Mit wirk⸗ 3 licher ungethetlter Zuneigung, und hatb aus noch kochender Rache gegen die heuch⸗ leriſche Caroline, knüpfte ich dies Band . . —— 70—½. mit Leokoren. Sie ſollte meine Gattin werden. Den Conſens des Hofes zu er⸗ ſchweren, mühte ſich der General, doch der würdige Vater meiner Braut und ich wandten uns vereint an den Kriegsmi⸗ niſter, und von ſeiner Fürſprache unter⸗ ſtützt, ſeyerte ich bald mein ſtilles Hoch⸗ zeitsfeſt. Der nun folgenden Zeit erinne⸗ re ich mich mit Schmerz und Wonne. Mein Glück war nicht von langer Dauer; aber— ein glückliches Jahr überwiegt ein freudenleeres Seculum! Ja, nur ein Jahr war ich ganz glücklich. Der Gene⸗ ral ſchien ſeine Rache unterdrückt, oder befriedigt zu haben, mein Weib liebte mich, mein Vater hatte in dieſer Zeit ſein Landgut verkauft, das Geld in die Hand⸗ lung ſeines Freundes, eines reichen Kauf⸗ manns gegeben, lebte von den Zinſen in meiner Garniſon, und ſo war ich ein ge⸗ liebter Sohn, ein beneidenswerther Gat⸗ 8o—— * te, im Kreiſe meiner Lieben der ſte Sterbliche.““ 8 „Der Krieg brach aus, und mein Stand rief mich in's gefahrvolle Feld. Die ſchmerzliche Trennung von meiner Fami⸗ lie milderte die Hoffnung baldigen frohen Wiederſchens, und das Bewußtſeyn auch in der Ferne treu für mich Her⸗ zen zu ahnden.“. „Nichts erreicht das—„ ge⸗ tiebt zu wiſſen“ h n— „Kaum waren wir der Nindung. feindlichen Kanonen nahe, als ſchon ein Treffen das andre jagte, eine Schlacht die andre drängte. Muth und Glück beför⸗ derten mich bald zum Hauptmann einer 6 Compagnie, wogegen ſelbſt der Neid des gehäſſigen Generals nichts thun konnte; denn nur meine Thaten wurden belohnt. Meine böſen Sterne gingen nun wieder auf, als der General, der ſeinen Haß aut 3 -— 8¹— einige Zeit, mit Aufwand aller Verſtel⸗ lungskunſt mastirt hatte, mich plötzlich über ſeinen Sohn, der fortwährend aus Todesfurcht im Spital lag, heraufgeho⸗ ben ſah. Er ſchwur, alles zu meinem Vorderben aufzubieten, und ein einziger Schlag ſollte nicht allein mich, ſondern auch, was mit angehorte, zerſchmettern. So denken, ſo handeln Geſchöpfe, die des Meiſters Hand nach ſeinem Eben⸗ bilde einſt formte!“ „Mein Schwiegervater, der Feldwe⸗ bel, ging während eines dreytägigen Waf⸗ fenſtillſtandes in einer Nacht mit einem Trupp Soldaten die Patronille an un⸗ ſerm Lager hinab. Ein feindlicher Feld⸗ webel begegnete ihm in eben dieſer Quali⸗ tät— Halt, Kammerad! rief der jen⸗ ſeitige im ſchlochten gebrochenen Deutſch⸗ Wir haben ſeit doey Tagen ſchon keinen Tropfen Gotrank im Luger. Kannſt du 5 ½ 982 ₰ mich nicht mit einem Glaſe Wein erqui⸗ cken; ich durſte, und wir ſind ja jetzt nicht Feinde!“ „So ein guter Soldat auch mein Ver⸗ wandter war, ſo ſehr war er überzeugt, daß er kein Verbrechen begehe, wenn er, unter dieſen Umſtänden, dem Durſtenden zu trin⸗ ken reiche. Er that es. ZJener frug⸗ als er getrunken: ob nicht mein Schwiegerva⸗ ter franzöſiſch ſpräche? und als er fand, daß dieſer der Sprache mächtig ſey⸗ ſing er an ſich ſehr geläufig mit ihm zu unterhal⸗ ten. Er frug nach dieſes Geburtsort, und erzählte ihm ſeine Geſchichte, kehrte nach einigen Augenblicken mit ſeiner Mannſchaft um, und ging ſprechend ne⸗ ben meinem Schwiegervater und unſern Leuten her, bis ſie einer kleinen uns ge⸗ hörenden Schanze nahe kamen, da blieb jener ſtehen, nahm Abſchied, dankte dem Vater meiner Frau für den Wein, und 8— ging mit den Seinen zurück, währenb die Unſtigen wieder in unſer Lager wan⸗ derten.“ „Der Genvral erfuhr dieſen Umſiund won einem ſeiner Auflaurer, und beuutzte ihn, den alten würdigen Feldwebel als Vevräther des Vaterlandes anzuklagen. Der Greis kam in's Verhör und nannte ſich unſchuldig. Er habe— ſagte er— nichts mit dem Feinde als Alltäglichkeiten geſprochen, die weder den Krieg noch den Staat betroffen, der Waffenſtilſtand nur hätte ihn vermocht, ſich jenem zu nähern, und ſeine unverfänglichen Fragen zu be⸗ antworten. Er habe ſo lange treu gen dient, und werde nicht mit grauen Haar ten, und mit einem Fuße im Grabe ſte⸗ hend zum Schurken werden. Nichts hal⸗ fen ſeine Betheurungen, dir dabey befind⸗ lich geweſenen Soldaten wurden herein gerufen, und von dieſen geſagt: Es wé⸗ re in einer, ihnen unverſtändlichen Spra⸗ che geredet worden. Freilich, widerlegte der Beklagte, iſt franzöſiſch geſprochen⸗ weil jener die deutſche Sprache nicht gut redete; aber ich bin unſchuldig, und will in dieſem Augenblicke darauf ſterben— Umſonſt, ſein Tod war ſchon vom Ge⸗ neral, dem dieſer Vorfall den ſchönſten Vorwand, den Alten mit dem Schein des Rechtes zu verdammen, lieh, beſchloſſen, und das Verhör war nur eine befohlne Form, die er befolgen mußte, die ihn aber dennoch nicht von ſeinem Entſchluſſe abhielt. Die fremde Sprache zeugte wi⸗ der den Verräther, und daß er dem Fein⸗ de zu trinken gereicht, war ein Hauptver⸗ brechen. Indeſſen, da der Beſchuldigte eine nähere Verbindung mit dem Fein⸗ de läugnete, ſo ward er zurück ins Get fängniß gebracht. Am folgenden Tage, da der Waffenſtillſtand ſein Ende erreicht 35— hatte, griff der Feind zuerſt die Seite des Lagers, wo die Zuſammenkunſt⸗ſtatt ge⸗ funden, an, warf die Beſatzung der klei⸗ nen Schanze, wo ſie ſich getrennt hatten, und nahm ſie. Ein ſonſt nichts bedeuten⸗ der Umſtand; jetzt aber im Munde des tückiſchen Generals der ſprechendſte Be⸗ weis für des Greiſes Verbrechen; dirſer Vorgang hatte ihm noch zur größern Voll⸗ kommenheit des Rechtſcheins gefehlt. Er jubelte, und ich— man überdenke die niedrig boshafte, und unmenſchliche Granſamkeit— ich ſollte als Mitglied des Kriegsrechtes, einer ſeiner Richter, ihn zum Tode verurtheilen. Herz und Kopf empörte ſich, mein Blut wallte. Wü⸗ thend antwortete ich dem Adjutanten, der mich commandirte: Das iſt des Monar⸗ chen Wille nicht, Unmenſchen in ſeinen Dienſten zu haben. Sagen Sie dem Ge⸗ neral: wenn er Tyger genug ſey, mir den — 86-— Befehl zu gebon, ſo ſey ich in ſeinen Schu⸗ ſe, es noch nicht genug geworden, dem Gebote der Unmenſchlichkeit zu gehorchen; überhaupt ſey in der Geſchichte meines Schwiegervaters die Hand der Rache zu unverkennbar; und ich würde deshalb hö⸗ hern Ortes um. Unterſuchung bitten.“ „Die Folge dieſer Antwort war— mein Arreſt. Am folgenden Morgen ward mein Schwiegervater erſchoſſen; ich hövte die Gewehre knallen, frng, ward verichtet, und knirſchte mit den Zähnen. Nichts vermochte ich, als auf die Men⸗ 3 ſchen fluchen, und wider den ſataniſchen N Rächer zu toben. Er erfuhr es, und— ha, ha, ha! der Barmherzige veranſtal⸗ tete, daß ich, wegen Verfinſterung mei⸗ nes Velſtandes, verabſchiedet, und als Wahnſinniger auf eine Feſtung gebracht wad.“ S nn Etwas mochte auch wohl daran ſeyn, 6— denn es gab Augenblicke, in welchen ich wider Vorſehung und Menſchheit wüthete, und eine Waffe begehrte, um mein Da⸗ ſeyn im Selbſtmorde zu endigen.“ „Der Sohn des Generals ward an meiner Stelle Hauptmann, obgleich er während des Feldzuges aus dem Spi⸗ tale kam.“ „Hätte der gute und grohe Monarch die Ungerechtigkeiten des Dieners erfah⸗ ren, den er nur als treu und bieder durch deſſen Creaturen kannte, wahrlich, er hätte ihn zu ewigem Gefängniſſe ver⸗ dammt; aber leider hängen tauſend Schleyer vor Fürſtenblicken, und während ich litt, ſagte ſich der gute Regent: Meie ne Unterthanen ſind, von Gerechtigkeit und Geſetzen geſchützt, zufrieben und glücklich!— Heil ihm! daß ſein Ange nicht hell ſah, es würde bald wit Thräs nen gefüllt worden ſeyn,“ es— „Nachdem ſich auf der Feſtung der Sturm meiner Empfindungen in etwas gelegt, bemerkten die mich Umgebenden wohl Schwermuth, aber nicht Wahnſinn an mir, und in Jahres⸗Friſt ward ich, auf das Zeugniß des Arztes und den Rapport des Commandanten, meiner h entlaſſen.“ „Mit leichtem Herzen ich den Staub von meinen Füßen, wie alle Verhältniſſe, die mich an verhaßte Bos⸗ hafte und Thoren gebunden, von mir ab⸗ gefallen waven, und eilte der Heimath zu.“ „Die Gegend, in der. die Me zeit des Lebens, Kinder? und Jünglings⸗ Jahre froh verlebt hatte, ſollte nun wie⸗ der die Wiege meiner neuen Freuden wer⸗ den.“ nu „Am hon d des geliebten Weibes, an der Hand des biedern gerhrten Vaters wolite ich den Pfad des Lebens füvder 8 und—— von der Maſ⸗ der giucki— nur mir, meinen Lieben, und der Natur leben.“ 155 Bald betrat ich die Gränzen des Paterlandes„und heiße Sehnſucht trieb mich Tag und Nacht unaufhaltſam fort. Während die Flamme des Krieges im Auslande das Glück der Bewohner ſeng⸗ te. lag ſtille Ruhe auf den Fluren des Landes, wo ich gehohren war und nur der Seufzer der Väter, deren Söhne als Kriegsknechte entfernt waren, trübte das Glück jenes Erdſtriches.“ fü ns n o „„In dem glücklichen Dörfchen, wo ich zuerſt die Welt geſehen, und das mir darum unbeſchreiblich werth war, verweilte ich ei⸗ nen Tag, und mit wohlthuender Wehmuth ſaß ich auf den Plätzen, wo ich als Kna⸗ be ſpielte, am Bache, der mir oft zum ₰ 9 ₰ tuhlenden Bade gedient, in dem Zimmer, wo ich an der Mutter Bruſt liegend, einſt die Freude der beſten Eltern war, im Garten, wo ich meine lateiniſchen Voca⸗ beln memorirt hatte. Alles ſtand noch einmal wie damals vor meiner Seele, eine Thräne ſtieg in mein Auge, und in mein Herz der Wunſch, noch einmal ein *ueſnier Knabe b ſ n n 66 mich die Woino⸗ ner am folgenden Morgen ſcheiden, auch mein Auge ward bey der Trennung von den herzlichen unverdorbenen Geſchöpfen naß, nur die unzertrennliche Gefährtin meiner Reiſe, die Liebe zu den Meinigen, ſpornte mich weiter, und ſo erreichte ich in zwey Tagen die Reſidenz, wo, nach frühern Nachrichten, mein Vater nach meinem Ausmarſche ſeine. vommen hatte.“ i ₰„— „Während ich zum Thor herein fahr⸗ ſah ich nach der Addreſſe, und ließ mich ſogleich dahin bringen. Der Wagen hielt vor dem bezeichneten Hauſe, da trat ein ſchwarz gekleideter Mann aus der Thüre, winkte dem Kurſcher weiter zu fahren, zu⸗ Zleich drängte ſich ein Leichenzug aus dem Hausthore, und auf der Straße ſtanden Menſchen, die Wachslichter, Kreuze und Fahnen trugen. Raſch ſprang ich vom Wagen und frug einen neben mir Stehens den, in welcher Etage mein Vater woh⸗ ne?— Eben— antwortete er— be⸗ gräbt man ihn.“ „Mein Odem ſtockte, die Häuſer tanzten um mich her in der Runde und es ward ſchwarz vor meinen Augen.“ „Als ich wieder zur Beſinnung kam, fand ich mich in den Armen zweyer Lei⸗ chenmänner; ein Pöbelhaufe ſtand um mich her gedrängt, dumpfes Glockengelän⸗ ₰ 92 te und ferner Trauergeſang ſchallte in mein Ohr, und die Leiche wurdein ſchon ziemlicher Entfernung von mir dahin ge⸗ tragen. Ich muß ihn ſehn, den Seeli⸗ gen, meinen biedern Vater! rief ich⸗ und raffte meine Kraft zuſammen, dem Sar⸗ ge nachzueilen. Kaum trugen meine Fůü⸗ ße mich aufrecht, meine Knie ſchlotterten⸗ die Leichenmänner unterſtützten mich, und ſo wankte ich, ſelbſt eine Leiche, der Lei⸗ che nach. Am n x„ ein.“ „echlieht mir den— 1— ich ſo laut, ale meine dürre und gelähmte Zunge mir geſtattete, auf der noch jetzt die Kraft des heftigſten Schreckes 4— er iſt mein Vater!“ „Die Umſtehenden ſtaunten, betnch⸗ teten mich mit mitleidigen Blicken, und erfüllten meinen Wunſch.“ „Der Sarg ward geöffnet.“ „Die überreſte meines guten Vaters lagen vor mir, ich konnte nichts als nur mit wildem Blick darauf hinſtarten, denn meine Bruſt war beklommen, meine Pul⸗ ſe ſtürmten, als wollte das kochende Blut die Hülle, die es beſchränkte, zerſprengen. Mein Weſen ſtand an den Pforten ded Auflöſung, und keine gewünſchte — mein Auge.“ „Die Anweſenden, vom Mgeſuy ergriffen, fingen an für meinen Verſtand zu fürchten, und zogen mich gewaltſam einige Schritte hinweg, Menſchen traten vor die Bahre, entzogen ſie dadurch mei⸗ nem Auge; ich hörte nur, hin und wie⸗ der, wie im Traume, ein einzelnes Wort von der Leichenrede des Geiſtlichen, dunit ward der Sarg in die Gruft hinab golaſ⸗ ſen. Erdklöße fielen, dumpf wicderhal⸗ kend, darauf, mit jedem ſank eine Cent nerlaſt auf mein Herz, und weiſetzte ihm eine brennende Wunde. Die Glocken ſchlugen wieder an, und die Menge ſang ein Grablied. Plötzlich löſte mit einem tiefen Seufzer ſich mein Athem, und eine warme Thräne rollte über meine Wange⸗ auf die Erde, die man auf meines Vaters Sarg ſchaufelte.“ „Hinweg, und in die ehemalige Woh⸗ nung meines Vaters ward ich von den Lei⸗ chenmännern geführt. Hier lag ich zween grauenvolle Tage im ſtarren Anſchauen der Spuren ſeiner einſtigen Gegenwart, und meine Sinne ſammelten ſich wieder⸗ um die Urſache ſeines Todes zu erfahren. Ein neues Beyſpiel von Menſchen⸗Tu⸗ gend, das ihn ins Grab ſtürzte, und mein Elend noch um unzählige Grade er⸗ höhte.“ „Mein Vater, der ſchon lange nicht mehr ganz geſund war, erhielt ein Schreiz ben von einem Freunde aus der Armee, ₰ ₰. das ihm meinen Unfall und Aufenthalt in der Feſtung meldete; den liebenden Vater ſetzte dieſe Botſchaft in eine verzweiſ⸗ lungsvolle Stimmung, den Kranken rück⸗ te ſie näher an das offene Grab. Kurz nachher traf ihn dir Schreckenspoſt, daß ſein Freund, in deſſen Handlung ſein Vermögen ſtand, fallirt, und wahrſchein⸗ lich boshaft fallirt habe. Nun ſah er mich, den geliebten Sohn, als Bettler, und ſein Alter troſtlos. Er fluchte dem nicht, der ihn um Alles betrogen; er rief nur: Armer Guſtav! verſank in eine Dhnmacht, und war nicht mehr. Mit dem Gedanken an mich, und an das Elend meiner Zukunft war er hinüberge⸗ ſchlummert, in eine Welt, wo er im ſchö⸗ nen Lohne der Vatertreue ſchwelgt. Ein Prozent erhielt er noch von der treuen Freundſchaft, alſo von dreyßig tau⸗ 2 Thalern, drey Hundert. Dieſe Summe ward mir jetzt übergeben, und nachdem ich davon die Begräbnißkoſten be⸗ zahlt, floh ich mit dem überreſte, von er⸗ neutem Menſchenhaſſe erfüllt, aus einer Stadt, wo mich Alles an den großen Ver⸗ luſt des verewigten Mannes, der mir das Daſeyn gegeben, und mit Treue über mei⸗ ne Lebensfreuden gewacht hatte, erinnet⸗ te, deren Geräuſch wieder die lebhafte Er⸗ innerung an die Bos⸗ und Thorheiten der Menſchen in meinem Gehirn erneute, und ſchöpfte aus meinem letzten glücklichen Verhältniſſe zu dem geliebten Weibe, de⸗ ren Wohnung ich jett zueilte, und aus dem lebendigen Weben der großen Natur auf meinem Wege neuen Troſt.“ 2 „Mein Unglück iſt groß— dachte ich — doch bleibt mir noch immer eine erfren⸗ liche Hoffnung, ein Erſatz für alle Leidei mir von den Menſchen angethan; im A me des trouen Weibes will ich velgeſſen, die — ₰.— 97—— die übrigen Laſterhaften mir jetzt Frem⸗ den verachten lernen, in eihem ſtillen glücklichen Erdwinkel bey Arbeit und Lie⸗ be wieder froh ſeyn— ſo verſuchte ich die Heilung meines wunden Herzens.“ „Uum Mitternacht rollte mein Wagen in die ehemalige Garniſon, den Aufent⸗ halt meiner Frau, ich ließ am Thore hal⸗ ten, denn überraſchung war mein Plan, und mit hoher Freude dachte ich mir ihre Wonne, den wiedergefundenen Gat⸗ ten nach zweijähriger Trennung wieder an ihre Bruſt drücken zu können. k Leiſe klopfte ich an die bekannte Thür; der Wirth des Hauſes öffnete. Wohnt hier noch die Leutnantin Ehrau? frug ich. Ein Ja war die Antwort, und nicht er⸗ kannt von ihm, ſchlich ich die Treppe hin⸗ auf, öffnete eben ſo leiſe die unverſchloß⸗ ſene Thür des Schlafzimmers und trat hinein.“ G — „Wahrlich, ich hatte viel gelitten; aber alle meine traurigen Erfahrungen reichten nicht den tauſendſten Theil an die nun folgende Scene. Noch jetzt bebe ich, bey der Rückerinnerung. Erlauben Sie mir einen Augenblick Erholung, daß ich meine verwirrten Sinne wieder ſammle.“ Guſtavs Geſicht verzog ſich hier ſchmerzlich, und in einem Momente wech⸗ ſelte hohe Röthe mit Leichenbläſſe einige⸗ male darinnen ab, dann fuhr er mit oft ſtockendem Odem in der Erzählung fort. „Zwey Jahre war ich entfernt— und bey dem Schein— einer Nachtlampe— ſah ich eine Wiege— vor meinem Bette ſtehn, in der— ein kleines Kind lag — das in einem Alter— von höch⸗ ſtens drey Monaten— zu ſeyn ſchien— ich ſchauderte— glaubte mich träumend — rieb mir die Augen— und blickte— nach dem Bette— 90— Hier ſchlug er ein wildes Herzangrei⸗ fendes Gelächter auf, und ſchwieg einige Minuten. Richter und Beyſitzer ſchüttelten die Häupter und Amöna ſchluchzte hin⸗ ter der Thür, denn Guſtavs Vorbe⸗ reitung, ſein Unglück und ſein Knir⸗ ſchen, wie die jetzige Pauſe, machte tiefen Eindruck auf die Hörer und Augenzeugen. Er erhählte mit zerſtörtem Weſen weiter. „An meines Weibes Seite lag ein junger Mann— mein ehemaliger Freund — und der Buhlerin Arm hatte den Schändlichen umſchlungen.“ „Die Empfindung des armen Sün⸗ ders auf dem Rade iſt Seeligkeit gegen meine damalige, und ich finde keine Wor⸗ te ſie zu bezeichnen. Heftig zitternd ſtand ich eine Zeitlang, in welcher mein Schutz⸗ G 2 ₰ ₰ mit ſoh und die N Weiſhlchket aus meinem Herzen wich.“ „Plößzlich riß ich mein Schwerdt dus der Scheide, in einem Augenblick waren beide dichbohit, ihr Blut ſtromte mir zur Liüng. Wolluſt ſchuf mir ihr Wim⸗ mern, ihr Kümmen in Todeskampfe. Zur Fucht tiech mir nun ein Schimmer der rücktehrenden Vernunft und ich folgte dieſem. Der Wirth ließ mich, nichts ahndend, aus dem Häuſe. Die niedrige Stadtmauer ward überſprungen, und ſo rannte i6 miauſheßilen der Grnze zu, die ich güctch erreichte. „Daß uit im Vithshu über der Gränze, wo ich die Racht zubrachte mei⸗ ne kleine Baarſchaft Sſht, und mein noch gutes Kleid mit eitem weit ſchlech⸗ tern vertauſcht ward ſige ich nur im Vorbehgehen; unzuteicet als ich ſchon war, konnte mich dieſe Kleinigkeit nicht machen; wohl aber gab ſie meinem Men⸗ ſchenhaſſe einen ſten zuſatn. A das ärmſte und clendeſte der Weſen zinz ich am Morgen aus dem Hauſe, den⸗ rien beſten W Weg— Vohin!— das tümnierte mich nicht. Ohne Nchfrage ging ich fort, wich allen Stäkten, allen Dörfern aus, denn dort wohnten Wenſchen, meine ver⸗ haßteſten Feinde. In abgelegenn Hüt⸗ ten erbetzelte ich das Brod zu meiner enr⸗ gen Nahrung. Endlich ſollte ein Waſ⸗ ſer, an dem ich vorben ging, das Ende meines. Etends, meines Lebens weiden, Schon ſtand ich auf dem Rande, um hin⸗ abzuſpringen, da war es mir, als hielte mich jemand am Fleide zurück, ich ſah mich um, und erblickte keine Spur eines Gegenwärtigen;; aber in demſelben Augen⸗ blicke kam mir der Gedanke, mich an der Menſchheit zu rächen, ehe ich endete. Ich verlachte jetzt meinen thörichten Ent⸗ ₰ 102 ₰ ſchß.* ſich ſelbſt zu morden, und wan⸗ der te, über uſend entheuerlichen Rch⸗ Piun brütend, weiter. „Bald wollte ich, ein Eitzelner, in die valkreichen Firchen dringen, und mit zweiſchneidigen Meſſern eine Menge der betenden Chriſten durchbohren, bald auf einer großen Heerſtraße die Vorüberziehen⸗ den morden, oder auch in die Apotheken einbtechen, alle Gifte ſtehlen, und ſie in die Brunnen ſchütten. Einen Monath mochte ich ſo verträumt haben, w wobey ich mit gröhter Eile einen weiten Weg zu⸗ cücgeleht hatte, als ich in den Speſſart tam. Schon zwey Tage war ich in ſei⸗ nem Dunkel ohne Nahrung herum geirrt, zum drittenmale breitete die Nacht ihre Bece über mich, und hinderte mich am weitern Gehen, da kam ich wieder auf eine ziemlich große Landſtrahe; ich freute mich, ſo ſehr ein Verzweifelter es ver⸗ 103— mag, und hofte nun bald ein Dorf zu er⸗ reichen, wo ich meinen wüthenden Hun⸗ ger ſtillen könne; aber bald trieb mich die höchſte Entkräftung, den Plan aufzuge⸗ ben: und ein Nachtlager unter den Bäu⸗ men mir zu bereiten, worauf ich dem er⸗ müdeten Körper Ruhe und Erholung ſchaffen wollte, da erblickte ich dem We⸗ ge nahe eine Höhle, die in den Felſen lief, und mir zum Nachtaufenthalte be⸗ guem ſchien. Ich ging hinein, machte mir im Hintergrunde ein Lager von Hei⸗ dekraut und ſank ermattet darauf hin. Eben wollten meine Augen ſich ſchließen, als ich ein paar in die Höhle tretende Männer bemerkte, die ſich im Eingange der Höhle, in einiger Entfernung von mir lagerten, und ein Geſpräch begannen, aus welchem ich vernahm, daß ſie zu einer Räuberbande in dieſem Walde gehörten — Willkommen! rief ich für mich, denn X 104— der Entſchiuß, das Wiedervergeltungt⸗ werk am Menſchengeſchlechte mit dieſen Männern vereint zu beginnen, war auf der Stelle gefaßt. Um mich ihnen be⸗ merkt zu machen, huſtete ich, ſie ſpran⸗ gen auf. Bleiben Sie ruhig⸗ meine Freunde!— ſprach ich— ich habe Ihre Worte gehörtzaber ich habe ſie mit Ent⸗ zücken gehört, denn ich bin ein Bettler, der ſehr froh iſt, ein Männerpaar zu fin⸗ den, denen er ſeinen Wunſch, ihr Ge⸗ fährte zu werden, vortragen kann. Ja, meine Herren, in meiner Lage kenne ich kein größeres Glück, als ein Mitglied ih⸗ res Bundes zu ſeyn. Sie traten bewaff⸗ net näher, und eine jetzt geöffnete Blend⸗ laterne beleuchtete mich. „Wie muß meine Geſtalt t meinen Jammer gepredigt haben, denn ſelbſt die Unmenſchen fuhren, von meinem Anblick geſchreckt, zurück 5 3 2 — „Armer Teufet!— ſprachen ſie— Biſt du aus dem Grabe auferſtanden? Erfüllung meines Wunſches konnten ſie mir nicht auf der Stelle verſprechen; aber ſie ſpeiſten mich gaſtfreundlich und führ⸗ ten mich dann zu ihrem Hauptmann. Nach mehreren prüfenden Fragen, die ich der Wahrheit gemäß, beantwortete, ward ich in den Bund aufgenommen, deſſen Geſetze ich dann beſchwop, und zum erſtenmale nach langer Zeit war ich wie⸗ der froh beym L uderkuſſe der Banditen⸗ denn hiermit war ich zur Straf⸗Geißel der Menſchen⸗ ein⸗ aeiht— ₰ 16 ₰. Hoffnung, Hofſnung: Kind des Himmels, Mider Pilger Tröſterin! 7 Durch die Graun des Weltgetümmels Biſt du unſre Führerin⸗ Guſtav ward in ſein Gefängniß zurück⸗ geführt, weil, während ſeiner ſo weit ge⸗ diehenen Erzählung die gewoͤhnliche Zeit verfloſſen war. Oft hatte der Richter ſein graues Haupt voll Mitleiden gebengt, oft geſchüttelt, als wollte er ſagen: Wer über — gewiſſen Dingen den Verſtand nicht ver⸗ liert, der hat keinen zu verlieren, und — wer in ſolchen Fällen kein Böſewicht wird, muß entweder ein Halbgott oder ein Schaf ſeyn! und Amöna?— In hellen lichten Flammen für den Unglücklichen 6 ſtand jetzt ihr Herz; denn ſeine Erzäh⸗ lung hatte vollendet, was Romanenſinn, Schwärmerey und ſchwache Herzensgüte zeg ündet, hatte jeden Zweifel an ſein Verdienſt gehoben, und der Vorſatz, den Verſuch ſeiner Rettung zu wagen, ſtand nun unabänderlich feſt in ihrer Seele. So ſchafft die Liebe Helden aus Mäb⸗ chen, entwickelt den Keim ihrer Kräfte für Rieſenwerke, und ſtählt ihre zarten Rerven zur Haltbarkeit für Götterthaten. Sie kannte ihre Gewalt über des Oheims Herz, und dies ward das Funda⸗ ment, auf welchem ſie das Gebäude eines höchſt abentheuerlichen Planes zu ſeiner Erlöſung, aufführte. Am Abend dieſes Tages entſpann ſich bey Tiſche unter On⸗ kel und Richte ein Geſpräch das nur eine Einleitung zu mehreren war, die während Guſtavs Gefangenſchaft abgehal⸗ ten wurden, worin ſie ihren Liebling als — 108— einen unglücklichen Edeln vertheidigte, und ſeine Dhaten nur Werke der Vert zweiflung⸗ und ſein Herz eines der beſten nannte. Der Alte widerlegte nicht ſeht gründlich, und ſtimmte oft ſelbſt mit der Nichte zuſammen, denn ſeine empfundene Rührung machte ihn nachgiebig; nur als ſi äußerte, mau ſolle eigentlich ſolch einen Menſchen der Haft entlaſſen, da widerz ſproch er und ſagtes Es ſey menſchlich, dem Verbrecher Mitleid zu geben, doch ihn frey laſſen, hieße einen Löwen von der Feſſel laſſen, jener würde Schaden anrichten, wie dieſer. Amöna verſtumm⸗ te einen Augenblick; aber n 6 mehr. In dem Geßriche. erreichte ſie dennoch ein Theil ihres Zwe ckes, nämlich, ſie erhielt die Erlaubniß, die dem Gefangenen beſtimmte Diät von Brod und Waſſer aufzuheben, ihm von 109. des Alten Tiſche zuweilen Cbey ihr hießz das imimer) einen Teller Eſſen und eine Flaſche Wein aus ſeinem Keller zu ſenden/ und ſo unſers Helden Lage, wenigſtens 5 oberflächlich, um ein Großes zu verbeſſern. Würklich aber erhielt auch ſeine Seele hiebey ſeine Portion Nahrung. Auch der Elendeſte vergißt in ſeinem Abgrunde, beh einem gutbeſetzten Tiſche, in einem Glaſe Wein, wenigſtens auf Augenblicke ſeine Roth, und öbethört das Klirren ſeiner Ketten, dann aber warf dieſer Umſtand auch einen Strahl von Hoffnung auf ſei⸗ ne Zukünft. Ein mitfühlendes Herz— ſchloß er, das den Mangel deines Kör⸗ pers mindert, wird, wenn es einen Schimmer von Möglichkeit abndet, auch auf dein beſſeres Ich Rückſicht nehmen. 0 Hoffnung, Hoffnung! Welch rin unzerbrechlicher Stab biſt du! Du, die Einer die Amme des Lebens, der Andere ₰ 0 aber die größte Betrügerin auf dem wei⸗ ten Erdboden nennt. Stimmt eure Leyt ern, ihr unſterblichen Sänger unſerer Zeit! Singt ein Lied der Hohen, Herr⸗ lichen. Zwar iſt ſie nur ein Traum, der oft mit dem Erwachen ſchwindet; doch was ſind(mehr vder weniger) alle Freuden der Sterblichen? Ein ſchöner Traum iſt auch Seeligkeit!* Bey jenem Gedanken fächelte ein küh⸗ lendes Lüftchen ſeine Wange, und ein ſanftes Noth überflog ſie. In ſeinen jetzigen Geſtändniſſen wa⸗ ren immer kleine Wahrheiten mit groben Lügen vermiſcht, ſo, daß ich nicht nöthig finde, das Verhör weiter zu continuiren; wohl aber, das Ende ſeiner würklichen Beſchichte aus andern Quellen geſchöpft aufzutiſchen, für ſachdienlich halte. Ende der Geſchichte Guſtav Ehraus. Als man ihn zu den Miſterien der Kunſt des Raubens und Mordens durch den Bruderkuß bevollmächtigt hatte, gab man ihm die erforderlichen Waffen, und ein Alter aus der Bande übernahm es, ihn mit der Conſtitution des Bundes bekannt zu machen, und ihm das Nähere ſeiner Pflichten zu definiren. Leicht begriff der Lernbegierige, und lechzte nach Gelegen⸗ heit, ſeinen Brüdern zu zeigen, wie er, des grimmigſten Haſſes voll, ſein Gewer⸗ be, die Vernichtung der Menſchenbrut ſo recht con Amore treibe. Nach zween Monden, die er, u Prüfungszeit, unthätig in der Scenle zubringen müßte, durfte er den Zug be⸗ gleiten, der heute nach der großen Land⸗ ſtraße ging, die ein ausländiſcher Fürſt paſſiren ſollte, und wo er heute die Pro⸗ ben ſeines Muthes und ſeiner Geſchicklich⸗ ablegen ſolite. Man lagerte ſich zu beiden Seiten des wi und bald kam ein Späher, der die Ankunft des fürſtlichen Pilgers melde⸗ te. Der Haufe theilte ſich nun, und Gu⸗ ſtav mußte in der Nähe des Hanptman⸗ nes bleiben, um unter ſeinen Augen zu handeln. Fürchterlich geſpannt war des Schülers Begierde zur Vergeltung. Jetzt rollten die Wagen daher. Wie ein Hagelwetter ſtürmten die Banditen aus dem Dickigt darauf hin, und Guſtav war der Erſte unter ihnen. Den Fut⸗ 6 wurde gebieteriſch; Halt! zugeru⸗ — ſeltner Fäll— die Reiſen?. — en nnerſchrocken. Statt der Ant“ ₰- Antwort wulden von den Kutſchböcken, aus den Wägen und hinten herab ihnen Piſtolen entgegen gefeuert; die Fuhrleute peitſchten luſtig auf die Pferde los; und im hellen Gallop ſetzten die ſchnaubenden Hengſte an, als Guſtav wie ein Pfeil de⸗ nen Vorderpferden in die Gcbiſſe ſchoß, ſie packte duß ſie ſtuzten, und beyden ſein Schwerdt in die Bruſt ſtieß. Sie ſunken. Der Hauptmann bemerkte es im Gerüm⸗ mel, und vief ihm ein Bravd zu. Unterdeſſen war eine zweite Salve von den Rriſenden gegeben, dik won den Banditen ganz gewiſſenhaft erwiedert wurde. Nun kam es zum Handgemen⸗ ges der Füsſt ſprang aus dem Wagen, und focht, wider Gewohnhett det an hö⸗ ſiſche Weichlichkeit gewohnten Herrſchet, *„ L- 11 3 muthig und gewandt, und bald war Vunn mi Mann in Hammint. De auptmann ſprang den Fhrſten an; und H ₰ 11 4—— hartnäckig war das Gemetzel. Von beb⸗ den Seiten fielen Verwundete; endlich neigte ſich der Sieg zu den Räubern; aber da kam von der entgegen geſetzten Seite des Weges ein Haufe Militair, die von einem Commando retournirten, nä⸗ her. Rach Hülfe riefen die Angefallenen⸗ der Trupp eilte herbey, und verband ſich mit den Reiſenden. Guſtav hatte mit einem ehemaligen Offizier, jetzt fürſtlichen Kammerherrn, einem wackern Kämpfer, geſochten, jetzt trat noch ein Corporal zu Jenem, hnd gegen ihn; aber bald ſank der Unteroffizier, in den Hals getroffen, zur Erde, der Kammerherr ſtuzte, als der Fallende an ihn taumelte, und dieſen Au⸗ genblick benutzte Guſtav, ihm ſein Schwerdt in die Bruſt zu bohren; auch dieſer fiel. Hochathmend ſahe der Sieger um ſich her, und ſiehe, der brave Hauptmann war von vier Streitern umringt; blutig * 115 ₰* und mit ſteherden Kräften hatte er ſich zur Vertheidigung an eine Eiche gelehnt. Im Nun ſlog er hin, lief ſein Schwerdt einem der Viete durch den Leib, daß er aufſchriee und ſtürzte. Als er eben den Zweiten verwundete, wand ſich dieſer mit dem Dritten gegen ihn, doch die Kraft des Verwundeten floß mit ſeinem Blute dahin, und bald war auch der Letzte un⸗ ſchädlich, Guſtav ſchien Löwen⸗ Tyger⸗ und Luchs⸗Eigenſchaften in ſich zu vereinen Der Fürſt allein ermüdete noch den blei⸗ chen Hauptmann, eben hatte er dieſem das Schwerdt aus der Hand geſchlagen, und war im Begriff, ihn zu durchſtößen, als 5 Guſtav hier fertig war, und dort hin blick te. Ein herzhafter Hieb, und des Für⸗ ſten Arm hing, halb vom Köper getrennt, herab; die Waffe lag am Boden, und der Hauptiann war frep. Der Kampfplatz war geleert, und das iin Saſide fließende 6 2 —— Blut, nebſt der zurückgebliebenen Beute zeugte nur noch von dem, was hier geſchoh⸗ Der Hauptmann umarmte auf der Wahl⸗ ſtatt den braven Anfänger für ſeine Le⸗ hensrettung. Dieſer verband ihm jest ſeine Wunden. Er kam nun nicht mehr von ſeiner Seite, und als in den nächſten Gefechten die Bravour des jungen Man⸗ nes beinahe die Möglichkeit überſtieg, er⸗ nannte der ſchon hoch bejahrte Räuberfürſt unſern Ehrau zu ſeinem einſtigen Nach⸗ 116— ches auch die Scheelſucht nichts einwen⸗ den konnte, denn, ſo wie er hatte noch kei⸗ ner aus der Bande in Blutthaten ercellirt. Bald nachher ſtar der Hauptmann an einigen Wunden, in des Jünglinas Ar⸗ men, der wiederholt von demſelben der Ban⸗ de als ihr Oberer noch vor ſeinem Ende empfohlen war; zwey Tage ſpäter huldig⸗ te der Trupp ihm als ihrem Befehlshaber. Noch einige Monden war er grauſam gegen ſeine Menſchen⸗Brüder aber bald drängten ſich ſeine eigenthümlich beſſern Gefühle wieder vor, er gab das Verbot des Mordens und der Plünderung der Armen? und hoffte durch gute Thaten manche böſe aus ſeinem Schulbregiſte wieder zu löſchen. So ſtanden die Sachen, als wir ihn als zweyjährigen Räuberhauptmann ſS nen lernten. Noſendrehen und Vergeltung. Die Würklichkeit verſchwieg er, da, wo ſie ihm ſchaden konnte, bedächtig ſeinen Richtern, ſo wie ſeinen eigentlichen Auf⸗ enthalt in der Schenke, und als man an die Frage darnach kam, nannte er, unbe⸗ fangen ſcheinend, eine, unweit dem Land⸗* 1 „ 118„. woge befindliche Höhle, die ſetner Angabe nach voll Räuber und Schätze ſeyn ſollte — Seine Hoffuung auf Befteyung ſtieg⸗ Das Gericht ſandte eine Menge Sucher hin; dieſe fanden leere Höhlen genug, und kamen denn auch natürlich mit keeren Händen zurück. Der Gefangene verſi⸗ cherte die Wahrheit geſagt zu haben, ſetzte aber auch hinzu, daß ſie, ohne ihn, dis rechte, ſehr verſteckte Höhle, nie finden würden. Die Männer des Gerichts leg⸗ ten die Finger au die kleinen⸗, großen⸗ und Mittel⸗Raſen, und ſagten: Aha! — denn ſie erriethen den Schlauen. Ja — ſagten ſie— ſo muß man ihn ſelbſt dahin führen. Unſer Mann lachte in ſich über die Thoren, er lachte noch, als er ſchon, feſt geſchloſſen, auf dem Wagen ſaß⸗ deun er hoffte bald von der drückenden Kette befreyt zu werden; aber das Lachen 119 verging ihm, als er an das Thor kam, und auf jeder Seite des Wagens ohnge⸗ fähr zweyhundert Musquetiere ſah, von denen jeder ſechszig ſcharfe Patronen in ſeinem Beyſeyn erhielt, wovon er ſogleich ſeiner Muskete eine zum Frühſtück gab, und dann wallte der ganze mit zum Thore hinaus. pout Fehlgeſchoſſen? So ſtark war die Bande nicht, ſich an Vierhundert Eiſenfreſſer zu wa⸗ gen; es ging waldein, und 400 Augen hefteten ſich auf ihn, indeſſen die andern vierhundert unaufhörlich in den Wald blickten, um auch die Ferne zu recognos⸗ ciren. Der überliſtete fluchte den Liſtigen. Endlich zeigte er ihnen eine im Ge⸗ büſche verborgene Felshöle; die Hälfte ſei⸗ ner Begleiter ging hinein, ſuchte, und fand— ein paar blutige Kleider, ein halb —— nung ärmer. t* 120 ₰ Butzend Todtenköpfe und ein altes Schieß⸗Gewehr ohne Schloß. Guſtav betheuerte: Dies ſey der ehe⸗ malige Schlupfwinkel und die ſonſt gefüll⸗ te Schatzkammer ſeiner Bundesbrüder, und ſchloß mit der Vermuthung: Die Zunft würde dieſen Vorfall geahndet, die Hohle ausgeräumt, und ſich entfernt ha⸗ ben, und dieſe Vermuthung ut Wh ſcheinlichkeit. Die Soldaten brachten ihn, die Klei⸗ der, Todtenſchädel und das alte Gewehr nach der Stadt in criminelle Obhut. Von den Räubern hatte ſich keiner ſe⸗ hen laſſen, und Ehrau war um eine Hoff⸗ — 121—— Ppläne zur Befreyung⸗ Funt und Compagnie ſpeculirten unterdeſ⸗ ſen nach Mitteln zu ſeiner Erlöſung, doch kaum war eins derſelben mit Kopfbrechen ausſtudirt, ſo zerſchellte es an der Unmög⸗ lichteit wie ein Holzpfeil an den Felſen der Alpen. Ihre vorige Handthierung kam ganz in Vergeſſenheit; der Wald war wieder, wie vormals, das Aſyl der tiet⸗ ſten Stille, und die fameuſe Schenke, wo ſonſt beym Gläſerklang nur Finanz⸗Spes culationen erſonnen wurden„war jetzt im eigentlichſten Sinne des Worts ein Rath⸗ haus geworden, wo der ſich in Gefahr be⸗ findende Staat verſammelte, wo die Brit der ſaßen und Rath hielten; aber am En⸗ Sde ſtutzte gewöhnlich jeder den Kopf in die Hand, und den Ellbogen auf den Tiſch, 6* denn, man mußte ſich von dem, was man ergrübelt, ſagen: Es geht nicht! Einmat trat Funk mit. einem Vort ſchlage hervor, der ſogleich unter Jauch⸗ zen acceptirt war. Es war ein Deſpera⸗ tions⸗Coup. In der Nacht darauf wur⸗ den in der Stadt, wo Guſtav gofangen 6 ſoß, die Sturmglocken geläutet, die — Trommeln geſchlagen, und der Ruf: Feu⸗ * er, Feuer! durchtönte die Stadt. An zwanzig Stellen zugleich loderten 2 Flammen empor, doch die Löſch⸗Anſtalten waren ſo ſchnell als gut, die Gefängniſſe in demſelben Augenblicke zu zweckmäßig bedeckt, als daß Funks Tendenz reußiren konnte. W Abermals hängende Köpfe, unterge⸗ ſchlagene Arme und Verzweiflung. Auch 125—— Amöna ſann und ſannz aber nirgends ein Punkt, wo ihr nicht eine Colliſion drohte⸗ In einem Falle litt der Geliebte und ſie, im andern der biedere Onkel mit ihr⸗ Endlich hatte ſie etwas erklügelt, und nun ging ſie triumphirend, doch ſtill, umher. jun gräume bedonten nichts!— Wie?— n n nnen Eines Abends ſaß Ehrau auf dem Block in ſinem Bauer, und übevdachte ſein Schickſat; in der neulichen Feuersbrunſt ſah er die Wahrheit, ein fehlgeſchlagenes Rettungsmittel von ſeinen Freunden an⸗ gewandt, dachte an den geſcheiterten Pian von ſeiner Erfindung, nämlich, mit der Hohle, und das Reſultat dieſes Nachden⸗ teus war, daß das Hochgevicht mit dem ſchrecklichen Rade, oder, im beſten Fallo —— 124—— ewige Sclaverey vor ſeinem Blicke ſtand. Unter Schauern, die ſich an dieſe Bilder unmittelbar reihten, entſchlummerte er, und ein Traum, entführte ſeine Seele dem im Wachen erduldeten Gram. Er ſaß freylich im Kerker, doch die Wände waren nicht ſo ſchwarz wie ſie ihm im Wachen vorkamen, durch die Lücke ſchien die Sonne freundlich auf ſeine Ketten, und aus der Ferne hallte eine Muſik von ſanfttönenden Inſtru⸗ menten. Der Klang kam näher und nä⸗ her, und immer lieblicher, immer freu⸗ diger gleitete der Hall ihm n— S. Herz. Plötzlich brachen die Mnhhn nicht gewaltſam zertrümmert, nur wie vom Hauche der Luft angeweht, aus ein⸗ onder, und ein Genius, deſſen Antlitz wie die Sonne glänzte, trat zu ihm, be rührte ſeine Ketten, und ſie fielen zerbro⸗ — 128 chen von ſeinen Händen und Füßen zu Boden. Jetzt ſah er umſi ſich; auch die Spur der Mauern war verſchwunden, er ſtand im Freyen, nur von grünenden Fruchtbäu⸗ men und duftenden Blumen eingekerkert, der Genius hielt ſeine Rechte und ſpracht Du biſt frey!— In dieſem Augenblicke raſſelte es draußen würklich an ſeiner Thür, und die Riegel fielen. Er erwachte, und dachtet Eine ungewöhnliche Zeit! Die Thüre ward aufgethan, ein Mädchen, eine Graziengeſtalt trat herein, und auf ihn zu. Verwundert heftete ſein Auge ſich auf die ungewöhnliche Erſchei⸗ nung. Dieſe ſah ihn einen Augenblick mitleidig an, ſchauderte, und ſprach laut? Ich bringe Ihnen hier eine Flaſche Wein, und etwas Eſſen— und ſetzte ein Pa⸗ quet, im weißen Tuche eingebuuden, ah 126„ ihn auf den Boden; indem ſie ſich herab beugte, flüſterte ſie ihm leiſe zu: Hoffen Sie. Ihre Erlöſung iſt nahe! Wer— frug er betäubt— nimmt ſich eines Unglücklichen an?— Eine Freundin!— war die Antwort; die Ge⸗ ſtalt verſchwand, und die Thüre ward wieder verſchloſſen. Natürlich war es Amöna; ſie hatte des Onkels Erlaubniß, den Eingekerker⸗ ten je und je zu erquicken, benutzt, und brachte heute zum erſtenmale ſelbſt, um den Liebling zu ſehen, und zu dem Ziele den erſten Schritt zu thun, ihm ſein Geſchenk an Nahrung und Hoffnung. 16 1½ Der Kerkermeiſter ließ die bekannte Pflegerin der Gefangenen, die Richte ſei⸗ nes Gebierers, verdachtlos ein, ahndete in dieſem Beſuche nur einen hohen Grad der Menſchenliebe, und brummte daher, als er draußen vor der Thür auf ihre ₰ 127„ Rückeunft harrte, vor ſich: Das iſt eit Frauenzimmerchen wie ein Engel! Ehrau ſaß nach ihrer Entfernung verz wirrt da. Ratürlich. Eine, ihm frem⸗ de, holde Geſtalt drang in ſein Gefäng⸗ niß, ſprach ihm Worte des Troſtes zu, und entfernte ſich wieder. Was ſollte er davon denken? Er gerieth in Verſuchung, das Gan⸗ ze für eine Fortſetzung ſeines Traumes zu halten; aber als er nach einem Augenbli⸗ cke zu dem Paquete griff, und es öffnete, da überzeugte er ſich mit Wonne von der Würklichkeit. Ein Stück Braten war in einen Bo⸗ sen Papier gewickelt, und auf demſelben ſtanden einige Worte geſchrieben, Worte, lo troſibringend, als er ſie nie mehr zu leſen, gehofft hatte, die ganz mit denen aus dem Munde des Mädchens, die er gehört, übereinſtimmten— Moch eini —— 128— ge Tage Geduld— hießen ſie— danſ ſind Sie frey!— Vernichten Sie dies Papier!— Er las die Schrift noch ein⸗ mal, und las ſie immer wieder, denn er traute jetzt ſeinen Augen, wie vor eini⸗ gen Augenblicken ſeinen Ohren nicht. Endlich aber ermannte er ſich, zerriß ge⸗ horſam die Stelle in unzählige Stücke, verbarg ſie in ſeinen Buſen, und warf einen dankenden Blick an die Decke des Kerkers, der hindurch zum Himmel duang; 4 So treflich wie heute hatte ſeit langer Zeit ſein Mahl ihm nicht gemundet. Sehr begreiflich. Vor wenig Augenbli⸗ cken hatte er noch Sclaverey und Todt vor ſich geſehen, und jetzt erblickte er Le⸗ ben und Freyheit: und das Gefühl mach⸗ te ihn beneidenswerth glücklich. Er legte ſich, nachdem er das Papier und die Flaſche geleert, nieder, um zu ſchla⸗ ſchlafen; der Schlummer ſioh vot ihm, doch wünſche ich meinem Herzens Freun⸗ de zutitilen eine ſolche Wlftſe Nucht wir Güſtads heutige. Schöne Bildet wallten den Augen ſeiner Stele votüber, und warf dit Furcht auch ſt zuweilen einen ſchwachen Schtttin varäuf; ſo watd ör von der ſtrahlenden Woffnung ſeicht berjagt; nur als der junge Morgen ſchon eine Weile durch Ji Gitter gekuckt hatte. ent⸗ ſlunmette er, voch nut, um ſich auch trzumend zu fietn. Was er grſehet, gehört und einßfunden, ſch, horte und empfand er emnt in Mahe— Bekunntlich ſind ſchlaftude Trãumet noch zuctichet als wachendt. Am näch⸗ ſten Abende kum Amöna wiedet, brachte ihm Wein, Eſſen, und etwäs, das füt ihn mehi Weich harte als eine Königsta 5 130— fel, ein geſchriebener Unterricht und ein halb Dutzend Schlüſſel. Heute hatte ſie den Kerkermeiſter nicht bey ſich; deshalb verweilte ſie ein paar Minuten bey ihm, ſprach ſehr theilneh⸗ mend zu ihm, und ging dann wieder, nachdem ſie ihn ſeiner Hoffnung ſo ſehr vergewiſſert hatte. Sie hatte heute die Thurm⸗ und Gefängnißſchluſel aus dem Schranke des Onkel Criminal Raths ge⸗ nommen, wo ſie gewöhnlich aufbewahrt wurden, und hatte bloß dem Gefangen⸗ wärter geſagt, daß ſie in den Kerker gehe⸗ Da im Schranke des Alten manche Schlüſſel in Duplo hingen, ſo vermuthete ſie, daß auch ein paar davon vielleicht zu den Kettenſchlöſſern paſſen würden, ſie nahm deshalb einige und brachte ſie dem Geſchloſſenen; und ſie hatte ganz recht vermuthet, denn als Guſtav viere derſelben verſucht hatte, waren ſeine beiden Schlöſ⸗ —— 231— ſer geöffnet. Er verſchloß ſie eilig wieder, und verſteckte die Schlüſſel in ſeinem Stroh⸗ lager ſo gut, daß am Morgen der viſiti⸗ rende Kerkermeiſter nicht das geringſte fand. Das Mädchen wiederholte nun ihre Beſuche in den folgenden Tagen pünktlich, nur mit dem Uuterſchiede, daß ein Knecht aus Schumanns Hauſe, der den Korb mit Guſtavs Lebensmitteln trug, ſie be⸗ gleitete. n Am achten Lage nach ihrem erſten Er⸗ ſcheinen, ging ſie, wie gewöhnlich, Abends um ſieben Uhr vom Hauſe weg, und der Knecht mit dem Eßkorbe hinter ihr. Die Schildwachen riefen ihr: Wer da? der Knecht antwortete gut Freund! und ſchloß die Thurmthüre auf. Den Soldaten war dieſe Erſcheinung nicht neu, ſie hatten das Mäbchen mit ihrem Begiiter ſchon ein vaar mal um dieſe Zeit hier geſehen. Die Beiden gingen an des Gefangen⸗ 3 — .. wärters Zimmer vorüber und nach dem Gefängniſſe zu, der Knecht entriegelte alle verſchloſſene Thüren, und endlich zuch die letzte zu Guſtavs Behätß 6 Sie traten hinein. Kaum ruhte ihr Fuß hier um Boden, als der boshafte Gefangene, deb ſich ſchon vorher von ſeinen Ketten“ beſteht und der Thüre nahe geſtellt hatte, hervor ſrang, mit ſtarkem Arm den Knecht umfaßte, ihn zür Erde niederwarf, ein Tuch in den Mund ſtopfte, und ihm Hände und Füße band. Antöna war begreiftich ſchon im erſten Augenblicke vor Schteck in Ohn⸗ macht gefüllen; jetzt zog det Abſcheuliche ein Meſſer hervor, ſetzte es bem bebenden, ſich bin vtholenben, atinen Mädchen auf die Bruſt, heiſchte von iht vollkommene Beftsyung und den Schwn des Schwei⸗ gens. Händeringend ſtand ſie da, doch was ſollte ſie thun? ſie mußte der Gewalt weichen. Der Menſch rief ihr ein don⸗ nerndes Fort zu, nahm den vom Knecht mitgebrachten Korb in die Hand, ſchob das Mädchen vor ſich hinaus, und ging in der Stelle des gebundenen Knechtes mit ihr durch Pforten und Schildwachen, bis ſie in ein düſtres Rebengäßchen kamen, wo beide einen Augenblick ſtehen blieben. Wahrſcheinlich bat hier der Beleidiger we⸗ gen der Gewalthätigkeit die Beleidigte um Verzeihung, und das muß ihm ſo ziemlich gelungen ſeyns denn, nachdem ſie leiſe ge⸗ ſprochen, kübte er heftig ihre Hand, ſie wünſchte ihm Lebewohl, undoſagteß ſie hoffe, er werde Wort halten, und insge⸗ heim von ſichehören laſſen; darauf ſchieden ſie. Guſtav eilte durch das nächſte Thor mit ſeinem Korbe am Arm unaufgehalten ins Freye, und Amöna in ihres Haus zurück, m nu —0.— 6 nDt 5F orgo De Greis ſah bey ſeiner Arbeit, als Amöna in das Zimmer trat, und ſich ihm bebend nahte; er blickte lächelnd auf aber ſein Lächeln zorfloß in Ernſt, als er ihe Zitteru bemerkte. Was iſt dir, Amöna? — ftug er ſanft: Woher dein Beben? — Ach, guter Oheim! Ich habe einen dummen Streich gemacht, vder vielmehr könnte ich ſagen: Ich war Wie?. Mein weiches Herz z mich iere ge führt: ein Schändlicher hat mein Mitleid 11 gemißbraucht, und mich betrogen. WVer —. 155— Der Gefangene. Run, was iſts? Rede. Sie erzählte ihm nun von dem Vor⸗ fall, was er wiſſen durfte, ünd dem ar⸗ men alten Manne ſiol die Feder aus der Hand. Amöna hatte wohl etwas derglei⸗ chen voraus geſehenz aber doch packte ſie des Alten Schreck ſo hart an den zarten Faſern des Gefühls, daß ihr helle nen in die Augen traten. Armer Oheim!— ſprach ſie in ſich, und bereute in dieſem Augenblicke gewiß recht ſchmerzlich ihre That. Schumann wiegte verlegen und ver⸗ drüßlich ſein Haupt, und war unentſchloſ⸗ ſen, was er ihr ſagen, was er thun ſollte. Vorwütfe hatte ſie verdient, denn ſie war ohne ſein Wiſſen und wider das Ge⸗ bot des Schicklichen in den Thurm gegan⸗ gen, und der Streich war nicht unbedeu⸗ tend übet; aber er konnte demungeachtet 136% die ſchon Weinende nicht noch mehr krän⸗ ken. Denn die Triebfedeß ihret Hand⸗ lung war, nach ſeinem Dafürhaltyn, Wohl⸗ thätigkeit und Menſchenliebe⸗ Tugenden⸗ ſchonen zu müſſen glaubte. Wo hätte er Härte genug hernehmen ſollen„guf ſie zu ſchwälen? Er legte ſeine Aeten weg, ſprach: Laß es gut ſeyn, es iſt einmal ge⸗ ſchehen; der WMenſch läht ſich die Sache vielleicht zur Warnung dienen entfernt ſich aus unſter Nahe, und Peſſert ſicht Dich aber mache der Handel vorſichtig!— ſo offnete er die Thur, rief den Bedien⸗ ten, ſandte ihn in den Thnem, den dort liegenden gebundenen Knecht durch den Kerkermeibet bofreyen zu laſſen, nohm Hut und Stock, und ging zum Comman⸗ danten, ſeinem Freunde, ihm den Unfall zu molhen, der Richte Handlung mit den beſten Farben zu ſchildern, und ſo das Harte und Schädliche det Folgen im Kei⸗ men zu erſticken⸗ n nn mi n Der Commandant perſprach zu thun vortheilhafteſten Ausdrücken. Der Fürſi ſcien gwar verdrßlich dch nicht gehhſ znig, wls er wohl hättz ſeyn konn⸗ uyd der altt biedere Solbat ging zuftiden aus dem Schloſſe, ſandte dom Flüchtigen nach, und ernannte des Fürſten Befehl ge⸗ mäß vine Commiſſion zur Unterſuchung. n Dirſe begann, undraußer einiger Ua⸗ vorſichtigkeit, die man im Thun des Mäd⸗ chens fand, wurden Alle unſchuldig befun⸗ den. Nachdem nun auch⸗ das dem Entflo⸗ henen nachſetzende Militair unverrichteter Commandant dem Regenten die letzte Mel⸗ dung in dieſer Sache zu thun. Jeder und belonders der Redliche hat Feinde, und der alte Schumann war eiter der Redlich⸗ ſten im Lande. Einer ſeiner Widekſuchet, det es nur wat/ weil/ als er fiüher mit der ſchönen Amöna etwas tiebeln wollte⸗ dus Mädchen ihm einen Korb gab. Die⸗ ſer Erzürnte alſo, der ein Hoſting war, hatte unterdeſſen dem Fürſten(was man ſo nehht) einen Fioh ins Ohr geſetzt, und damit dem biedern Wnni 585 Sn— n eimuß 6 der alte Sn een jungen Regenten auf und abgehen, ürchtete für ſeinen Freund, und wagte eine Fürbitte; aber er ſelbſt bekam einen Verweis, und von Schumann ſagte der Fürſt: Genug, ich verkenne die Verdien⸗ ſte des Criminal/ Rathes nicht; aber ich vin meinen Unterthanen Sicherheit und Schutz wider einen zweiten Fall dieſer Arr ſchuldig. Gehen Sie, ich werde de⸗ eretiten!— und mit war der Alte be⸗ mt n h in Am Tage darauf echielt Squiit vom Hofe ein Papier folgenden Inhalts? „Wegen Alter und Schwäche wird det bisherige C. N. Schumann ſeiner Dienſte entlaſſen; jedoch behält derſelbe ſeiner viel⸗ jährigen Amtsführung wegen, ſeinen vol⸗ len Gehalt, als Penſion. Adolph, Fütſt.“ Das hatte der Greis nicht erwartet, und da dieſe Dimiſſion nach dieſer Ges ſchichte eine Strafe für ihn war, ſo beug⸗ te die Sache ihn tief, demohngeachtet aber hörte die Nichte auch nicht den kleinſten Vorwurf von ihm. Er litt im Stillen, zeigte ihr immer ein heiteres Geſicht; aber der Wurm des Grams nagte um ſo hefti⸗ ger an ſeinem Leben, da er alles in ſich verſchloß, und ſeine Bürde nicht durch Mittheilung erleichterte. Ambna, die nach glöcklicher Ausfüh⸗ 140—— rung des Streiches im Stillen triumphirt hatte, als auch ihr Onkel ſo ruhig ſchien⸗ erhielt jekt von ihrem Gewiſſen, dem Da⸗ hinwelten des betümmerten Oheims⸗ und nn vpn—— Set die mar⸗ init 6 5400 ꝛlonn „Sie ſah, daß⸗—— Pehlhtt peinic litt, und beh dem geringſen Nach⸗ denken mußte ſie in ſich die Uchederin ſei⸗ n8 Grams erkeunen⸗ wenn guch ſein Mund ſchonend ſchwieg. n n Die andere Seite der nelednue voit war die Stadt, die in ſolchen Fällen ſo gern die ſtrengſte Unterſuchung frehwil⸗ ig übernimmt. Cientlich tonnte man wohr öffentlich nichts übles, nichts anders ſagen⸗ als daß ſie leichtſinnig geweſen; aber deſte indiſtreter murmelte man heim⸗ lich davon, das heißt in Klubbs, auf echmäuſen, und beſonders in Caffen und — Thee⸗Geſellſchaften, wo in der Mitte thö⸗ richter und neibiſchet Wiiber die ſcandali⸗ ſirendſte Mebiſance chreß Thtn aufſchlaßt Hier wald ihr güter Natne in tauſtnd Stücken zerzauſt; hier kamen ſie(was ſonſt ſo ſelten der Fall iſt) der Wahtrheit auf die Spur. Was hatte ſie im Thurm zu ſuchen— fiug man wenn nicht bite Sheime Abſicht ſie dahin leitett? Vie hatte ſich das alles ſo fügen können, wenn ſie nicht die Maſchinetie dirigirt hãtt 2 Ihr Name wutd mit Beywörtern ge⸗ nannt, und eine Cprouique ſandaleuſe, mit malitibſen Zuſätzen ausſtuffirt, fabri⸗ zirt, die ſich die Schnatternden mit ge⸗ ſänſiger Zunge einander in die dhi Bald war die Sache eins der öffentli⸗ chen Geheimniſſe, und es konnte nicht ſehlen, auch die Hauptperſon mußte ſie erfahren. Als ſie eines Abends vom Be⸗ ſuch einer Jugendfreundin zu Hauſe ging, hörte ſie ein Geſpräch über ſich, welches mit einer Heftigkeit geführt ward, daß die Frauen Nachbarinnen, von denen eine aus der Theegeſellſchaft kam, die vorüber⸗ gehende Amöna nicht ſahen. Za,— ſprach die eine— glauben Sie mir, es iſt ſchon weltbekannt: die Mam⸗ ſell hat den ganzen Handel angeſtiftet, hat dem Kerl die Schlüſſel⸗ im Brodte geba⸗ cken, geſchickt, und alles dermaßen ar⸗ rangirt, daß es wohl gehen mußte. Die Andere. Der Spitzbube ſoll ihr ja ein Meſſer auf dic Bruſt geſetzt habeu. Erſte. Ey ja doch, daß es der Bauer nicht merkt, ſo pro Formas zum Schein. Wir wiſſen es beſſer. Zweite. Alſo ſie meinen, eine ab⸗ geredete Farte? Erſte. Nun freylich! eit Sehn Sie einmal. Wa Sie mir ſagen— Erlebt man nicht Dinge (ſie wackette mit dem Kopfe, und ſchnalzte ver⸗ wundernd die Zunge,) e 8 Erſte. Ja, ſo gehts, Wer hätte von der hochnäſigten Jungfer ſo etwas gedacht. Zweite. Hat ſie nicht dem pucklich⸗ ten Hofrat) Katzmann, der ſie heyrathen wollte, einen Korb gegeben. Erſte. Der Mann iſt reich, und von jedermann hochgeehrt, und nun, ha, ha, ha! einen Straßenräuber, einen Spitbuben. 5 Bweite. O pfui! Aber das iſt nun die Strafe. Erſte. Nicht wahr? und die ganze Stadt— in allen Geſellſchaften nennt man ſie nun: die Banditenbraut. Amöna konnte kaum weiter gehen, ſo heſtig wirkten die letzten Worte auf ſie. Selbſt der Troſt ihrer Romanen war von ihr genommen. Wie tief bin ich gefallen? An rach ſie iſe zu ſich im Gihen und als ſie zu Haüſe anlaugte, warf ſi ie 2 Unmuth auf ihr Lage Uunter heiben T Thränen und gend lag ſie da, und machte in einem Mo⸗ dem qrinen Horzen Luft. Ich habe werdient— ſagte ſie ſi ſich— der Gegenſtand der allgemeihen Löſteruns zů ſehn; ſie ſpröchen nur Wahrheit!“ Bie Bandittnbraut! rief ſie ſchmotz⸗ haft, und verwſchte ihre That, die ihr ſchon früher ſo manchen mhvollen Sumpf. ſpäter im Anſchauen ihres Oheims ſ man⸗ chen bittern Seufzer gekoſtet hatte. Von der Würklichkeit ſo unſanft aus ihren Träumen gerüttelt, empfand Ke ſo voll 8 kommen die Geißelſchläge der Rue) und ſie würde dein eben gefubten Vorſatze, nicht mehr an die Geſchichte zu denken, eü geblieben ſchn, wäre nicht eine“ lebhofi Erinnerung urplötzlich vor ihr Au get rückt. Aber kaum wat der Entſchluß ge⸗ faßt⸗ als ſchon die nächſte Minute ihn mit Allgewalt zertrümmerte⸗ Man klopfte an ihre Thüre, ein frem⸗ der Mann trat herein, und frug; Ob er die Ehre habe, die Demoiſelle Amöna Schumann zu ſehen. Sie bejahete das. Er übergab ihr einen Briet, und eilte nach den Worten; Wenn Sie antworten wol⸗ len, ich komme morgen früh um 8 Uhr wieder her, zur Thüre hinaus. Sie erbrach, und las; „Wohlthätige Retterin meines Le⸗ bens. Ich bin in Sicherheit und brin⸗ ge Ihnen, hier, wo meine Bruſt wie⸗ der frey athmet, zwar meinen beſten, doch nur ſchwachen Dank, Wo fande ich Worte zur Schilderung meiner Em⸗ pfindnug; auch die ſchonklingendſten Worte vergelten Thaten, wie die Ih⸗ rige, nicht,“ — 46— „Ich hoffe Ihren Beſehl ganz er⸗ füllen zu können; der Anfang iſt ge⸗ macht. Unter dem Vorwande, daß Verborgenheit und Unthätigkeit uns nur ſicher erhalte, gab ich den Befehl, ſich jedes Geſchäftes zu enthalten. Iſt nun eine geraume Zeit darüber hinge floſſen, ſo werde ich meine ganze über⸗ redungskraft aufbieten, ſie zu tugend⸗ haften Menſchen, zu nützlichen Weltbür⸗ gern umzuſchaffen,/ und ich ſelbſt— Wer wäre ich, wenn ich die gelobte Bedin⸗ gung; ein guter Menſch zu werden, nicht nach Kraften und mit dem vein⸗ ſten Willen erfüllte? Ein Thier, nichts mehr. Sie zogen mich aus dem Gra⸗ be, das iſt wenig, denn Leben iſt nicht immer Glück; aber Ihr Edelmuth löſch⸗ te den Menſchenhaß aus meinem In⸗ nern, gab mir den verlornen Glauben an reine Seelengüte, an Engeltugend in 1 — Menſchenherzen zurück, und dafüt ge⸗ be Ihr Geſchick Ihnen Lebensfreuden und Seelenfrieden, die Sie in vollem Maaße verdienen. Zum Andenken an einen dankbaren Menſchen ſende ich Ihnen mein Portrait.“ „Guſtav Ehrau.“ „N. S. Haben Sie Befehle, ſo wird mein Bote zu übernahme der⸗ ſelben willig ſeyn.“ Sie ſtarrte das Bild an, und— Gu⸗ te Nacht, Vorſätze und Entſchlüſſe! OD menſchliches Herz! Auch ſogar Grundſätze ſchwinden beym Anblick der Ziftigen Lockſpeiſe! Mit dem Portrait erſchien Guſtavs ganze männliche Liebenswürdigkeit ihr wieder, und ſein ehemaliges Unglück. Dieſer Umſtand, der dankathmende Brief, und die läſternde Stadt; dies aller zuſammen genommen rückte ſie wieder den K 2 148 ſchwärmeriſchen Jdeen näher, von denen ſie ſich entfernen wollte. Jetzt wiederholte ſie ſich das Vort Banditen⸗Braut ſchon ohne Thränen und Schander, denn die Braut eines ſchönen Mannes, den die Menſchen zum Unge⸗ heuer gemacht hatten, den ihre Handlung wieder auf den Weg der Beſſerung geführt hatte, worauf ſie ihn zu erhalten und zum Ziele zu leiten, hoffen durfte, der ihr noch dazu ſehr theuer war— die Braut dieſes Mannes zu ſeyn, hatte in dieſem Moment nicht das mindeſte Empörende mehr für ſie. Ja, ſie war ſo verändert, daß, wenn nicht Bande der Dankbarkeit und Verehrung ſie an den braven, jetzt kranken und ihrer Wartung bedürfenden Oheim gefeſſelt hätten, ſie hätte noch heu⸗ te den zweiten gefährlichen Schritt gethan, mit dem Boten zu ihrem— von der Stadt ſo genannten Bräutigam zu fliehen. „ Sie ſchrieb ſogleich die Antwort, in welcher ſie ihn mahnte, dem Verſprechen der Rückkehr zur Tugend nachzukommen, und öfters im Stillen von ſich hören zu laſſen, ſie dankte für ſein Portrait und ſchloß mit der Verſicherung, daß ſie ſeine wärmſte Freundin ſey⸗ dit Am Morgen erſchien Funt, der Bote, und empfing die Antwort. Kaum war er fort, ſo ward Amöna zum Bette ihres Pflegevatets gerufen. Er war in der ver⸗ gangenen Racht kränker geworden, und ſo eben hatte, ein Zu⸗ fall getroffen. 3 38 6 Die heißen Thränen, womit ſe ſeine Hände und Wange benetzte, waren nicht vermögend, ſein mattes Auge wieder zu, erhellen, und die erſtorbene Lobenskraft zurück zu rufen. Auf ihr Angſtgeſchrey ſchienen jedoch die fliehenden Sinne noch einmal wieder in die zerbrechliche Hülle 1 zu kehren. Er blickte ſie an, verſuchte ihren Namen zu nennen, doch die ſtarre Zunge vermochte es nicht mehr, dann legte er ſeine zitternde Hand ſeegnend auf ihr Haupt, ſahe zu dem auf, den er bald von Angeſicht zu Angeſicht zu ſchauen hoffte, und ſein Geiſt floh dem Blicke nach, aus der irrdiſchen Heimath in die beſſere des ewigen Lichts. Eine Ohnmacht enttiß Amona der ſchneidenden Wuth des erſten Schmerzes; aber welcher unſrer größten Seelenmahler zeichnet treffend den troſtlo⸗ ſen Zuſtand ihres Innern, als ſie nach ih⸗ vem Erwachen ſich ats die Morderin des Braven anklagte, als ſie daran dachte, daß auch die Wels ſie bald und mit eini⸗ gem Rechte ſo nennen würde. Im dumpfen Hinbvüten bohrte die Verzweiflung in ihr blu⸗ tendes Herz. 1 Hätten nicht die Zerſtreuungen der yäuslichen Geſchäfte, die jetzt alle von ihr beſorgt werden mußten, ihre Denkkraft auf andere Gegenſtände vertheilt, ſie wäre dein Verſchiedenen bald gefolgt; indeſſen auch die Beſorgungen des Leichenbegäng⸗ niſſes, gaben ihr mit der immer neuen Er⸗ innerung ihres Verluſtes auch immer neue Wunden. ⸗ So iſt jede Handlung eine Pilgerin, die Lohn oder Strafe von ihren Ferſen ſchüttelt. Merkt es euch, Mädchen und Jüng⸗ linge! Leichtſinn iſt auch Laſter! Ein einziger kleiner Schritt vom Tugendwege führt oft zum Fall in den bedeckten Ab⸗ grund, und keine jugendliche Kraft erklet⸗ tert ohne Herzenswunden die ſchroffe Wand wieder. Nach dieſer kleinen Ex⸗ vurſivn kehre ich zu Guſtavs Flucht zurück. 6 2 2320 Frehheit! Freyheät! zwitſchert der dem Bauer entſtohne Vöger luſtig durch die Luft, mit Hoch⸗ gefühlen athmet der Ertöſte Freyheit! Freyheit! Er kam, wie wir wiſſen, glücklich aus dem Thore. Mit geflügelter Eile rannte er fort, und bald waren die ſchwarzen Stadtmauern weit hinter ihm. Die Bo⸗ kanntheit mit den Umgebungen deb Stadt trieb ihn nach einem der Landſtlaße nahe liegenden Meyethofe. Während die Be⸗ wohuer deſſelben beym Abeudbrodt ſaßen, ſchlich er in den Stall, zäumte ſich das erſte beſte Pferd, führte es leiſe zum Stall nd zut Hiuterpforte hinaus, ſchwang ſich auf, galloppirte dem Speſſart zu, und als die ihm Nacheilenden aus dem Stadt⸗ thore ritten oder gingen, hatte er ſchon mehr als eine Meile zurückgelegt. Es war ein ſchöner mondheller Früh⸗ üingsabend, junge B Blumendüfte vom lei⸗ ſen Weſtwinde getragen, umgaben den befreyten Flüchtling; das neue Grün der Bäume that dem Auge wohl, das ſeit lan⸗ ger Zeit nur die falbe Kerkerdämmerung geſehen, ſo wie die milde Luft ihm auf den 2 und k cend war. ½ 13 Im höchſten hen Sn genoß er das neue Glück, die vorhin gepreßte Bruſt war wieder frey und unbeklommen, und aus dem vollen Herzen ſtrömte der Ausruf: Freyheit! Freyheit! leiſe, aber enpfunden über ſeine Lippen. Immer leichter und froher ward er auf dem Wege, und als er endlich in die wohlthätige Finſterniß des heimiſchen — 154—— Speſſarts einritt, ſandte er noch einen dankbaren Blick nach der Gegend zurück, wo die Stadt lag, in der Amöna, die Erretterin lebte. Rrtfmemi pln em n10 ſaene Emu langſamer ritt er im Wolde, theils den ſchon ermüdeten Gaul in etwas zu ſcho⸗ nen, theils weil er hier ſich ſchon ſicherer als im Freyen gleubte; großtentheils aber⸗ um ſeinen Gedanken nachzuhängen, zu denen er in der Geſchichte der letzten acht Tage Stoff genug fand, worin ſeine Be⸗ freyerin eine ſo Rolle ſpielte. Ihr erſtes Kommen hatte etwas Wunderbares bey ſich geführt. Gerade⸗ als ſeine Seele in den düſtern Kreiſen der. Verzweiſtung umher taumelte, erſchien 3 ihm im Traume ein Engel, der mit den (freylich nur Traum) Worten: Du biſt frey! ſeine Sinne in eine wohlbeha⸗ gende Stimmung ſetzte, und als er die Augen aufſchlug, ſtand eine Geſtalt, die eine Schweſter des mit dem Traume ent⸗ flohenen Schutzgeiſtes ſchien, vor ihm und öffnete würklich die ſchon verſchloſſene Aus⸗ ſicht auf Leben und Freyheit ſeinem Em⸗ pfindungsvermögen. Freude und Dank⸗ barkeit zogen ſchweſterlich in ſeinen Buſen ein. In der Folge ſah er bey den öftern Erſcheinungen des Schutzengels, daß er ſich ihm in der Hülle eines ſchönen Mädchens nahe— Hätte die häßlichſte der Furien ihm Erlöſung verheißen, er hätte ihr die knöcherne runzelvolle Klaue küſſen mögenz jetzt, da die Freundin jung und reizend war: nahm ſeine Dankbarkeit einen hö⸗ hern Schwung, und als er wirklich durch dieſes holde Weſen frey ward, da trugen die Flügel der Erkenntlichkeit ihn weit über das Alltägliche hinaus, ſo, daß er jetzt be⸗ reits im Sonnenkreiſe der Liebe ſchweb⸗ te, und mit glühender Dankbarkeit betete er die helfende Gottheit an. Ferner, das ihm nun ſo theure Mäd⸗ chen war— ein Mädchen, und es konnte nicht fehlen, daß eine kleine erbſündhafte Eitelkeit ihm zuflüſterte: Deine nicht üble Figur zog des lieben Geſchöpfs Aufmerk⸗ ſamkeit auf dich, und die Hand der Liebe miſchte die Karten mit— dem gewonne⸗ nen Spiele! Das Bewußtſeyn von einem ſyonen guten Mädchen geliebt zu werden, hat ſo etwas Stolz gebendes, ſo etwas Beglü⸗ ckendes, das auch den Stoiker nicht kalt läßt, Guſtav blieb nicht kalt. Stoiker war er, wie wir wiſſen, ehe⸗ dem nicht geweſen; aber ſeitdem zwey weibliche Unholdinnen ihn ſo abſcheulich — 157 getäuſcht, war ihm das andre Geſchlecht verhaßt, ſo, daß, wenn er ſeinen Freund Funk von ſeiner Roſe umarmt ſah, er in der erſten Zeit recht bitter lachte; ſpäter hatten die vielen Beweiſe von der Treue der jungen Köhlerin ſeinem Weiberhaſſe ſchon einen erſchütternden Stoß verſetzt⸗ Jetzt wandelte die Großmuth ſeiner ſchö⸗ nen Erlöſerin den Reſt deſſelben in warme Verehrung des ſchönen Geſchlechts über— haupt, beſonders aber für die Holde, wel⸗ che ſeine Ketten ſprengte, und der Wunſch, daß ſeine Ahndung Wahrheit ſeyn, daß ihre Liebe ihn beglücken möge, durchſchnitt mit einem leiſen Seufzer die ihn umgeben⸗ de Luft.* Wageſtüick iſt alles unter dem Monde; bas ſchüchterne Flehen des Bettlers und der donnernde Machtſpruch des Königs; ſo die Regung der Lieve, als der Sturm des Haſſes— Wageſtück akes! und nur das entſcheidende Ende ſtempelt den Kühnen zum Weiſen oder zum Narren! Unterdeſſen hatte er glücklich die Schenke erreicht, jetzt ſtieg er ab vom dampfenden Gaule und klopfte. Der Wirth öffnete das Fenſter und frug: Wer da ſey? Mit freudiger Eile ward die Thür entriegelt, als Guſtav ſich zu erkennen gab, und kaum war er eingetreten, als alle ſeine Gefährten, vom Wirthe ſchnell geweckt, ſich um ihn verſammelten, und mit Küſ ſen, Händedrücken und naſſen Augen ihn bewillkommten. Selbſt die kränklicht Wirthin kroch mit ihren beiden Kindern aus dem Bette, und Mutter und Kinder boten ihm traulich die Hand. Bald um⸗ gab froher Jubel den ſchon verloren Gege⸗ benen und jetzt Wiedergefundenen, und die ſeit vier Monaten öde Schenke war heute wieder der Wohnplatz der lauteſten Freude. Zwanzig Fragen, deren Beunt⸗ wortung zwanzig andeve verdrängten, durchkreuzten ſich und fielen ihn an, und Funk ſprang wie ein Trunkener kindiſch umher, wenn er ihn wiederholt an ſeine Bruſt gedrückt hatte. Der Wiederkehren⸗ de war bis zu Thränen gerührt; denn nichts bewegt leichter, als wenn man beym Wiederſehen verlaßner Freunde Frende und Liebe wahrnimmt⸗ Gegen Morgen ging man in die veb⸗ borgenſten Höhlen der Nahe, um ſich den Nachforſchungen der Städter zu entzie⸗ 35 7 —— 460—— hen, die auch wirklich, aber Eifolg begannen. Darauf ward das s heinich genomme⸗ ne Pferd zurück geſandt, und als eines Morgens der Eigenthümer aus dem Fen⸗ ſter ſah, ſtand der Rothſchimmlan einen Baum gebunden, vor der Thüre, ein Tuch, in deſſen Zipfel ein Goldſtück eingebunden ar, hing am Deckengurt, und— der Ritt war gut bezahlt. Die erſten vierzehn Tage, die der Nachforſchungen und Steckbriefe wegen, unſerm Guſtav gefährlich waren, lebte er mit ſeinen Leuten in den verſteckteſten Höhlen, dann, als die größte Gefahr vor⸗ über ſchien, erbot ſich Funk, der, nach Chraus Erzãhlungen und Nachdenken⸗ ſei⸗ nen Freund durchſchaute, mit einem Brie⸗ fe nach der Stadt zu gehen, und Guſtav ſchrieb den Brief, welchen wir ſchon ken⸗ nen. Wahrheit war es, was er darin⸗ nen nen von dein Vorſatze ſeiner, und ſeiner Kameraden— in Rüctſchr 6 das Metier ſchtieb. nb Die Einſamkeit in den vierzehu Ta⸗ gen voll Unthtigkeit vberzeußte ihn voll⸗ kommen daßet die Holde liecbe, und ver Wunſchder Gehenliebe beſtiritite ihn, ihr ſein Pouttait mitzuſenden. Funt kehrte mit der Machricht von Schumanns Tode, die er kurz vor ſeiner Abreiſe aus der Stadt erfahren, und der Antwort zurück!. Fornob etzählte Funk das vernonſinene Stadtgettätſch, Amb⸗ nas Behhal. n, und vuß, als er in Amðnens Gemachlgetreten, ihr Auge von Thränen hoöthet und aufgeſchiollelt war. Der Himmel weiß, wie dieſe Bot⸗ ſchaften ſo ſchnell einen gewiſſen Funken in das Inwendige unſers Mannes war⸗ fen. 2 6— Plötzlich ſuhie er den ſo ſehr gewag⸗ ten Eneſchluß, in die Stadt zu gehen, der Gebeugten Troſt oder gar Hülfe zu ſchaffen. So ſagte er,auch trug wohl dieſe Idee einen großen Theil zu ſeinem Vorſatze bey; aber die Haupturſache war: Wiederſehen der Geliebten, und der Ver⸗ ſuch, in ihrem Unglück ſein Glück zu findenz(das heißt im Sinne des Wortes.) 40 Stnn Rieſenhaft war freylich ve aber nicht unnatürlich. Inauhen Sandr Blümchen, und ſiveckt kühn ſeine Blü⸗ chen durch ſtarre Diſteln hervor, und dies Plümchen heißt?— Liebe na 1 — 5Di W5 nderungr n. Von Funk begleitet und gut bewaffnet. ging er Tags davauf in einer Verklei⸗ dung nach der Stadt. Mit anbrechen⸗ dem Tage verließen ſie die Schenke, wanderten durch Umwege, und ſtanden Abends, als es dämmerte, vor dem There. ſ nn undnl Hier blieb Guſtav in einem kleinen Gebüſche, indeß Funk zu Amönen ging, ſie von ſeiner Gegenwart zu benachrich⸗ tigen, und zu bitten, ihm ein Geſpräh von wenig Minuten zu erlauben. Das tiebende Mädchen vergaß des Oheims Tod und alles übrige, als ſie § 2 * 16 ½ ₰ von ſeiner Anweſenheit hörte. Heftig war ihr Schreck, als ſie das Wageſtück erfuhr; aber ihr Auge glänzte bey dem Gedanken: Er achtet Freyheit und Leben weniger als meinen Anblick, und ſie be⸗ willigte ſohleich, ſich über alle Perhält⸗ niſſe hinausſchwingend, eine — wor der Stadt! nn n ze Mit dieſer evfreulichen— kehr⸗ te Funk zu dem Frounde zurück, dem nun die Stunden zu Jahren wurdeü, bis es auf dem Thurme neun Uhr brumm⸗ te; das war die veraßredete Stunde. Amöna wandte einen zerſtreuenden Spaziergang vor, und ging dem Gebü⸗ ſche zu, das Funk ihr bezeichnet hatte, an welchem er auch ihrer harrte, und ſi zu ſeinem Freunde führte. Dieſor eilte ihr entgegen, warf ſich vor ihr auf ein Knie, und drückte einen heißen Kuß auf ihre Hand. — 55— Funk umſchlich während ihrer un⸗ terredung, der überläſtigen, Horcher und möglicher überraſchung willen, Ge⸗ bůſch.* Vergeben Sie!— ſrch wcin— ich konnte mir die Wonne nicht verſas gen, jetzt, da ich mich ſo ziemlich au⸗ ßer Gefahr glaube, meine Wohlthäterin wieder zu ſehen, und ihr den Dank zu zollen, den das gelungene Werk meiner Befreyung verdient.* Amöna. Ihre gufiſhenhiis 8h. re glückliche Zukunft 6. meine— Vergeltung. Guſtav. Ich nc wie groß das Geſchenk Ihrer Güte für mich war. Sie laſen mein Schreiben, und ahnden bey ihren eigenen Gefühlen, was ich Ihnen alles verdanke. Amöna. Die Dankbarkeit guter Menſchen iſt ein geſegnetes Feld, ſie ₰ 66 ½ giebt eine tnuſendfache Erndte— doch laſſen Sie uns davon abbrechen— Es geht Ihnen alſo jetzt recht wohl? Guſtav. Recht ſehr, auch ſteigt meine Hoffnung noch für die Zukunft— und Ihnen:— ich höre, Ihr Oheim ſtarb. Amöna(nit Ahrinen.) Nein Vater; mein Wohlthäter!. Guſtav(ſehr theilnehmend.) Warum ſind gute Menſchen doch ſo oft unglück⸗ liche Menſchen?— Ein großer Verluſt! Gutes Mädchen ceine Thräne trocknend) ich fühle ihn ganz mit Ihnen. Erfah⸗ rung belehrt mich, wie gerecht Ihre Thränen ſließen; auch ich verlor einſt einen Vater. uni nn Amöna. Ich weiß es. Guſtav. Wie? Sie kennen meine Leidensgeſchichte? Amön Aus Ihrem Verhöre, 4 157—— ganz; ſie bewog vi. Bie S Giiv. Edles Mädchen!— Daß doch das harte Scictſal mir verbeut, hnen zu ttgeten— Wns tan ich z Ihrem Lroſte thun? Amöna. Dieſer gute Wille giebt mit Troſt(ſeufzend Wahrlich ich kann mir den Wunſch nicht verſagen: Mein Herz würde leichter ſchlagen, wüßte ich ein mitfühlendes Weſen in meiner Nähe, einen Freund wie Sie; mein Gram wür⸗ de Ihnen nicht läſtig werden. Sie wür⸗ den mit mir weinen. Ach, ich bin al⸗ lein in der Welt! Keine theilnehmende Seele ſchließt ſich der meinigen an. Kalt und höhnend ſreifen die Maſchinen an mir vorüber. Seit mein biederer Ver⸗ waudter ſtarb, ſtehe ich, ein einzelner Strauch in der umthlühin Wüſte der Welt. — 166— Guſtav. Die Vorſehung iſt gerecht, nicht ewig wird ſie eines ihrer teſtren e ſchöpfe, das ſp gern beglückt, im Unglücke dulden iſtn. Poffen Sie! 2 Amona. O ja, ich hoffe, doch nur auf Ruhe im Schooße der mntteri⸗ chen Erde. Da heilen butznde Herzen qe zeigt 5. einer Seite.) Dort, wo die hohe umei im Wonvſirahle glänzt, ſchläft meine aut verewigte Mutter. An ihrer Seite werde ich ſanft ſchlummern. Gyſap. Hinweg mit den ſchwarzen Träumen Guem er ſanft ihre Bont areit Waſum in der Blüthe der Johre, bey Ihren Anſpr üchen auf Lebensfreuden ſchon uich jenem Ziel der Lebensſatten ſußzen? So dürfen Sie erſt nach einer langen Reihe von Jahren, die Sie im Armeines redlichen Gatten roh vertebten, ſich nach dem Grabe ſhnen. i t Amöna(lächette titter vey ten wour — 469— im Arzn, binzs redlichen Satten, und jetzt ſagte ſn wauant 5 Die Panditenbraut! Fie Guſtav. Wie? was iſ d das?— reden Sie, ich verlaſſe Sie nicht cher, bis ich den Sinn dieſes Wortes habe, das Sie zu brtümmern ſchien. G umfaßte ſie mit ſanfter Gewalt) Amt öna. So wiſſen Sie denn; abe mir ſehlen Worte zur Cuträthſeung. Verläumdung— Spott— ihre Rettung, Boshafte Geſchöpfe ß die Ban⸗ ditenbraut. Gu ſtav. Ha, vie Sin — Aber iſt denn jene Wauer die Gränze Ihrer Zufriedenheit. Flichen Sie die Hitern. und mein Schutz— 32985 Umöna(fühlte ihre Wangen vich lühen, verlegen unterbrach ſie die Rede wird Zit zur Rücktehr⸗ ehe man meinem Spaziergange wieder eine hämi⸗ ſche Deutung giebt. ₰ 70— Suſtab. Durf ich— ich weiß, wie viel ich bitte— darf ich das Glück, Sie u eiumil u ſchen, hofen? Amöna. In einigen Tagen, wenn — mein Oheim begraben iſt⸗ hoffe ich Sie an dieſet Stelle zu finden, falls e Moöglichkeit und Ihre Scherhet ge⸗ tite. i m Guſtav.— Man hat mich vergeſſen, und wäre es nicht.— Was kümmern mich Gefahren.(mit wiruc) Gebieten Sie, und das ſchwerſte Wage⸗ ſuc ſoll mir zum Kinderſpiet werden— Amöna. Um Gottes willen nicht! Guſtav. Hercules brachte einſt den Cerberus aus dem Holienſchlunde gefun⸗ gen ans Lageslicht. Amöna. Wenn meine Ruhe Ihnen eiwas gilt, ſo geloben Sie mir Vorſicht! Güſtat⸗ Ich ſchwöre! 2. er hob ſeine Hand empor. S. 171— 6 Amöna. Können Sie jenen W ſchen zurück zu mir ſenden? Guſtav. Meinen Freund2— Et bleibt ſogleich hier. 8 Amn. Gut, durch ihn beſtimme ich die Zeit. Bis dahin leben Sie wohl! 6 drückte teiſe ſeine Hand.) 3*. Guſtav(mit einem feurigen Kuß auf die dargebotene Hand.) Leben Sie guckicht — Bald— hoffe ich— recht bald rit mich Ihr Befehl. 4 Amöna. S „(noch immer ihre Hand ſeſt⸗ haltend) Vergeſſen Sie das Geſchöpf Ihrer Großmuth nicht ganz! Ein unverkennbarer Blick Amönens war die Antwort, und ließ den Freuder trunkenen in Frin uhz ging ſie. WMeine Ahndungen täuſchten mich nicht, ſie liebt mich! ſagte er ſich leiſe 6 gen, und— dies ſchien ein verabredetes 4 17„½ und ſarrte ihr nach, bis ihm Nacht und Ferne den letzten Punkt ihrer Ge⸗ G verbaßgen. Funk blieb, mit einem peß und guten Zeugniſſen als reiſender Jä r verſehen, in der Stadt, bot pro orma dem hohen Adet ſeine Dienſte z. ſhug aber ſo enorme Bedingungen vpt/ daß ihn niemand engagiren konnte oder mochte, und das wollte er eben; er wollte nur ſeinem Freunde und der lieben Amöna in Maske dienen. Unſer Glücelicher 6 n tauſend bunten Luftſchlöſſern im Gehirn nach ſeinem Walde zurück, und harrte dort auf den 3 zu einem wen B v veb der er⸗ blaßte Criminal⸗Rath zu Grabe getra⸗ d Zeichen fur die Läßetmltt zu ſih von neuem und Käfiiger als je) übet das fehlgetretene Mädchen herzufallen.“ Ein ſchönes Welb in Liältt und Thränen kann gewöhnlich auf hohe Sch nung vechnen, ſolbſt wenn ſie als Ver brecherin den Weg zum Schaffot heht⸗ ie hämiſchen Mtbürgel und Mit⸗ bürgetinnen der vhehin Gekt inkten mach⸗ ien vieſe Reflexlon nicht. ne2— Sobald der Alte, für weſcheh ſis immer etwas wiel Roſpect gehabt, in die guift geſentt wu, hötit bie Arne bon allen Seiten eitwedes wahre, doch bos⸗ haft aufgeputzte, oder Iügenhafte Anmst⸗ kungen über ihr⸗ Handlung und des“ ten Ableben; ſolbſt das Geſinde wav fuech genug, ihr die giftigen Pobel⸗Sagen mit zutheiſen, und Leiden dadinch mög⸗ lichſt zu erhöhen. So gedtängt) woz denn auch ihr Vetußtſehn mänches — Wörtchen beyfügte, ging ſie zu einem Sbi über, der endlich über ent⸗ — im Köpfr 3 im Herzen Guſtavs Biid und; ſein Kaßn vor W die Fe Von allen. Sn Seuten und Gefühlen raſtios beſtinmts — kein Wunder, wenn ſie jetzt den ſchon im Anfange ihrer Leiden entworfenen Plan wieder überſahe berichtigte, gut fand, und dann ihn auszuführen beſchloß⸗ Setzt einen Mann von feſten Grund⸗ ſätzen in ähnliche Lage, er wird nicht ſin⸗ ten: aber wanken wird er anfangs· Amöna war ein ſchwaches Weib, ſie wankte und ſel. ntit b Nach beendigtem Streite mit anders Fnſchtn ward Funk gerufen und mit Aufträgen abgeſandt; ihr Schmuck von⸗ 174—8 4 der ſeeligen Mutter ererbt, ward einge⸗ vackt, die hinterlaſſene, in threm Per⸗ wahrſam ſich befindende Baarſchaft des Verſtorbenen hinzugethan, alles übrige dem Vormunde übergeben; und am ſie⸗ benten Tage nach dem Siege über die Vernunft ſtand ſie in Männer⸗Kleidern, ein ſchöner Züngling da, entſchloſſen in die Welt zu gehn, und das ihr beyges legte Prädicat: die Danbtnraut würk⸗ lich zu verdienen. ₰ O die Armſte! Vit Ah in ſ. aut, daß keine thrilnehmende Seele ſich der ihrigen Inſchließe. Verlaſſn, in grauenvoller Einſamkeit; nur von einem dankbaren Banditen geliebt, faßt ſie den unglücklichſten der Entſchlüſſe, 10 Sie hat den Scheidertg hinter ſich⸗ . Fuß ſchreitet auf dem Wege des Elends raſch fort, und kein warnender Schubgeiſt naht ſicher ihr die fernen dun⸗ b tein Abatunde, wo Schlungen unter ip⸗ pigen Bluimen ziſchen⸗ zu zeigen. Per⸗ zweiftung nbe i 2it Sn ben Weitt ten an! Die ſwhe Schniliht bettitt allein, vhue Fühter und mit vielleicht fuſſchem Situetmaun das ſecke Boot⸗ um unter Stürmen des—— wil⸗ den Wogen zü fahten. 5 Vehe det Aumen nin die ſich trämend vom ſihern Geſab ent⸗ fünt! jckwünſchend aber nicht ahn⸗ zend ſehen wir iht tt autigen Blickes näch! Zwt hätte ſie mit jenem unſesli⸗ Fn Entſchluſſe zugleich den edleh gefaßtt Unter allen Utſtänden und immer des Tugend treu zů bieiben 4 doch wie buld kämpfen Gefühle und Schickſalsdrang zuch die Felſevotſüte ver— zu Bobden. än n bn Ehrau im ennn⸗ an, an, Funk trat zu Amönen ein) ſie warf den von demſelben mitgebrachten Ma nnes⸗ Mantel um, öbergab ihm das Paquet und folgte⸗ Schweigend; aber zerriſſenen Herzens ging ſie neben ihrem Begleiter her. Eilf uhe war es, als ſe das Thor im Rücken hatten; im Subeiglanz des Mondes lag die Steinmaſſe det Städt mit ihren grauen Thürmen⸗ Der be⸗ kannte Ton der Glocke klang ihr ins Herz, ſie dachte daran daß ſie ihn nun nie meht horen werde, und dieſer Ge⸗ danke ſetzte ſie in Wehmuth. Bhr Blick weilte lange auf der Stadt, ſie durch⸗ nief die Vorzeit, ſah ſich als Kind an der Hand der liebenden und geliebten Muk⸗ ter, ſpäter an der Seite des würdigen Oheims, und iht Buſentuch ward naß von den Zengen glücklicher Rückerinne⸗ rung; endlich wandte ſie ſich ſchnell, als M — 76— die letzten trüben Tage wor ihr ſtanden, ſie trocknete die Augen, ſahe noch ein⸗ mal hin nach dem Orte ihrer Freuden und Leiden, und ging nun ruhiger dem Gebüſche zu, aus M*. entgegen trat. Sie ward von ihm dahin wo vor kurzem ihre Gegenwart ihm ſo frohe Angenblicke gegeben. 6 Funk übernahm wieder die Rolle der Schildwache. Hier bin ich— ſprach— mich Ihnen zu überliefern. Viel wage ich freylich, doch auch nichts, wenn Sie mein Freund ſind. 5 Guſtav. Dann wagen ei nichts. Freund? Nie hatten Sie einen treuern. Amöna(ſeußt.) Guſtav. Wie glücklich machen St mich, da Sie mich in den Stand ſe⸗ ten, einen kleinen Theil Ihres Edelmu⸗ — 179 ches wieder zu vergelten— Amöna— zürnen Sie nicht, daß ich Sie von nun an bey dieſem Namen nenne— Glau⸗ ben Sie mir. Sie werden dieſen Schritt nie bereuenz lich halte Ihnen in jedem Sinne Wort— Amöna. So weit Ihre Ktäft reichen. Ehraut Können Sie mich aber auch gegen das zürnende ſchützen Guſtav. Ich hoffe. Amöna. Sie verſprechen viel. Guſtav. Meine— O, laſſen Sie mich alles ſagen!— Meine Lie⸗ be wird mir Muth geben, mehr für Sie zu thun, als wenſcen⸗ kraft wütkt. Amöna. Liebe? Giſtint— Spricht ihr Mund Lieben Sie mich? 6 Guſtav. Bey dem Hohen! der mich M2 190 hört! Mein Daſeyn iſt Ihr Eigenthum, und der Wunſch Ihrer Gegenliebe füllt einzig und gllein meine Bruſt!„ Amöna(mit geſenktem Blicke) Nun dann— ſo hören Sie. Auch mich be⸗ imn Liebe für Sie zur— und zu dieſem Schritte. Guſtav. So waren die bon gen meines Glückes Wahrheit.„ Amöna. Ja, ich bin die Ihrige, und— Endem ihr gehobener Blick auf ihn ruht— ohne Schüchternheit, ohne Schaam geſtehe ich Ihnen: Mein Herz flog Ihnen zu, als Sie kum erſtenwale in Feſſeln meines ſeeligen Oheims Zim⸗ mer betratenz das Siegel meines Ge⸗ ſtändniſſes iſt dieſer Kuß(ſie küßt ihn.) Guſtnv) O, ſo bin ich der Seeligen einer(indem er ihre Hand mit giühenben Kiüſſſen bedect) Mädchen! die Gottheit 3 Amöna. Aber, Ehrau! dieſe über⸗ gabe, dieſes Vertrauen auf Ihre Red⸗ lichkeit legt Ihnen heilige Pflichten auf. Kennen Sie dieſelben in 3, ganzen umfange? enn Guſtav. Ich(mit dargebotener Rechte) nund gelobe Erfüllung. Amöna. Wohl, ſo folgen Sie mir. Sie ergriff ſeine Hand und führte ihn fort. Funk kam auf Guſtavs Ru⸗ fen nach. Stumm gingen ſie neben eins ander her, bis ſie zu einem Kirchhofe kamen; hier trat Amöna mit Ehrau durch das Pförichen hinein, und zu einem ſchon etwas verſunkenen Grabhüs gel, an in ein noch ganz friſcher anſchloß. Dies hier— ſprach ſie— iſt mei⸗ ner Mutter Grab: jener Hügel deckt die Gebeine meines Oheims!— Sie ſank zwiſchenden Gräbern auf die Knie nie⸗ 182 der—„Hier ſchwören Sie mir zu erſül⸗ len, was ich von Ihnen heiſchen werde.“ Ihr Auge ſtrahlte auf ihren Wan: gen lagerte ſich hohes Roth, und der feyerliche Ausdruck in Ton und Geſtalt gab ihr die Grazie einer Himmliſchen. Schwören Sie mir!— fuhr ſie fort— mein Beſchützer in Gefahren der mir fremden Welt zu ſeyn⸗ meine unſchuld zu ehren, mich der Tugend immer zu erhalten. So wahr Gott ihr Flehen in der Todesſtunde hören wolle Ich ſchwöre!— rief der Knieende, mit gehobener Hand und teen tn Herzen. 4 5 uUnd ich— autwortete Amöna— gelobe dagegen in dieſem feyerlichen Mo⸗ mente: Wenn Sie Ihr ehemaliges Ge⸗ werbe ganz verlaſſen, und zurück in die Reihe der, auch von der Welt erkann⸗ ten, Tugendhaften getreten ſind⸗ dann —— —— —— hinter ihnen, bis ſie zu einem Platze ₰ 183 früher nicht!— bin ich die Gefähr⸗ tin Ihres Lebens, Ihre treue Gattin! Der über uns ſah herab, und hörte un⸗ ſue Eide, die Schatten meiner abgeſchie⸗ denen Theuren umſchweben uns— ſie zeugen einſt vor Gott wider den, deſ⸗ ſen Meineid die ew vige Gerechtigkeit zur Rache auffordert.— Er ſtrafe den nensnten mit Höl⸗ denquaalen!— ſchloß. Guſtav. Sie umarmten ſich auf den bern und ſtanden ſo auf. Ein leiſes Lüftchen bewegte die Blät⸗ ter der Umen, in deren Zweigen eine Nachtigall ihr Abendlied flötete; der freundliche Mond beleuchtete die Stene, und ſpiegelte ſich im klaren Auge des Mädchens. Schweigend aber glücklich gingen ſie dann Arm in Arm durch die Stille der Nacht, Funk, der Getreue, kamen, wo ein Wagen ihrer wartete, und der bald leicht auf dem Wege nach dem Walde fortrollte. Ohne das ge⸗ ringſte Hinderniß ſetzten ſie ihre kleine Reiſe fort, Amöna ſaß neben ihrem Trauten, von ſeinem Arm umſchlungen. Funk unterhielt ſich mit dem Fuhrmann, dampfte geſellſchaftlich mit ihm ein Pfeif⸗ chen. So langten ſie gegen Morgen in dem Dörfchen an, wo Guſtav einſt das Dyfer ſeiner Wohlthatigkeit geworden war. Von hier ſandten ſie den Fuhr⸗ mann zurück, traten den Weg nach der Schenke zu Fuße an, und bey der dor⸗ tigen Ankunft unſerer Heldin ward ſie ſogleich in die für ſie bereitete einſame Kammer geführt. Ende des erſten Bandes⸗ —— 3 f — — ——— 1 . 3 6 1 3 5*3 6 13 eis vnendue⸗ H8