livthet* deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 35 von Cduurd Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 6 Seiß und Feſebedingungen 1. Otensein der Bibliothe. Die Bibliothek ſteht zur Em. ſſ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. ſ 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 4 ſt 3. Cäution. Unbekannte Perſonen müſſen bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe ei welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet( wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und ff eträgt: für tchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —..————— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung ſ der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Anekdote. 67 115 238 „ Die Wofsjagd. (Ein kleiner Roman.) 1. Di⸗ Glaͤſer klirrten tonend in die Runde um die Tafel, und von allen Seiten erklang der Ruf: „Hoch lebe Herr Edwin Dittmar, der neue Gutsherr!“ Hoch, hoch! rief es auch draußen vor dem Fenſter, wo die Maͤnner der Gemeine, mit dem Dorfrichter an der Spiße, ſtanden, und zu dem Lebehoch die Hüte herzhaft ſchwenkten. Dankend verneigte der Gefeierte ſich vor den Gaͤſten, und ging dann hinaus zu den lieben neuen Unterthanen, auch ihnen den gebuͤhrenden Dank zu bringen, und ihnen nebenbei viel Gu⸗ tes zu verſprechen, was er, kraft ſeiner Herzens⸗ guͤte, auch zu halten ernßlich Willens war. Kein „gnaͤdiger Herr,“ ſprach er zu dem Richter, der ihn alſo begruͤßte;„wir Alle, ihr und ich, haben nur einen gnaͤdigen Herrn, da oben uͤber * und Liehe fur Treue geben!“ 2— den Wolken. Er ſegne gnaͤdig Eure Felder und meinen reinen WVillen, ſo ſoll es hoffentlich wohl ſtehen zwiſchen uns. Fuͤr das kommende Jahr ſey Euch die Halbſcheid der mir gebuͤhrenden Steuern hiermit erlaſſen; und iſt irgend Jemand in Feldberg, der außerdem meiner Huͤlfe beduͤrf⸗ tig und werth iſt, ſo redet; ich will fuͤr ihn thun, was ich vermag.“ Der Himmel vetgelte Ihnen das, lieber Herr, ſagte der Gemeine⸗Vorſteher und druͤck⸗ te ihm kraͤftig die Hand. Von uns hier iſt Nie⸗ mand, der, trotz der ſchweren Krieges⸗Jahre ganz herunter gekommen waͤre; aber der alte Voigt, der Ihrem Vorgaͤnger, Herrn von Hecht, mehr denn zwanzig Jahre tren und redlich diente und vor Altersſchwaͤche ſeit Kurzem erblindete, iſt ploͤtzlich verabſchiedet, außer Brod und Hoffnung geſetzt worden. Der Greis leidet Mangel. Fuͤr ihn bitten wir! Wir Alle! riefen die Landleute. Gern will ich ihm ein Jahrgeld ausſetzen, daß er gegen Nahrungsſorgen geſichert ſey! ge⸗ lobte der Bewegte. Da erhob ſich ein allſim⸗ miges Freudengeſchrei. „Seyd wackere Leute wie bisher,“ ſetzte der Geprieſene hinzu,„ſo will ich freie Menſchen in Euch achten, Euch Freund und Bruder ſeyn, * 3— Nit dieſen Worten ſchied er aus dem Krei⸗ ſe, der ihn ſegnete als den milden Herrn, von dem ſie Entſchaͤdigung hofften fuͤr allen Laſten⸗ druck, den Hert von Hecht mit eigenſuͤchtigem Sinn und harter Hand uͤber ſie gehaͤuft hatte. Ruͤcktehrend zur Tafel ward er von dem Nachbar, Herrn von Hecht, dem der Champag⸗ ner aus Edwins Keller die Zunge entfeſſelt hat⸗ te bei der Hand genommen und traulich gelieb⸗ koſet.„In der That,“ ſprach dieſer,„Sie ha⸗ ben einen guten Handel geſchloſſen. Das Gut Feldberg trug mir in den letzten Friedensjahren ſchon ſeine vollen zwölf Prozent, und ſegnet uns der Himmel, wie zu erwarten ſteht, mit noch hoheren Korn⸗ und Wollpreiſen, ſo können Sie es leicht bis zu funfzehn, ja ſogar auf achtzehn bringen. Und wollen Sie, wie ich, auch mit Getreide ſelbſt handeln, ſo— Rein, ſiel Edwin mit einem Anfluge von Schanmröthe auf den Wangen ein, das werde ich nie. Dieſer Hanbelszweig hat mir nie behagt. „Außerdem,“ fuhr Jener fort,„ſollen wir bald die ſtaͤndiſche Verfaſſung haben, bei welcher die Gutsbeſitzer immer den größten Einfluß erhalten werden; dafuͤr laſſ ich die Großen ſorgen, die Allmaͤchtigen am Ruder, die ſaͤmmtlich Guͤter A2 ——————— — 4— haben, und, nach dem beliebten Sprichwort vom Selbſt⸗Naͤchſten, ſich nie vergaßen und vergeſ⸗ ſen werden.“ Eia, waͤren wir da! rief Doctor Ditt⸗ mar, der an v. Hechts Seite ſaß, und das Wort Verfaſſung gehort hatte. Das waͤhrt et⸗ was lange. „Geduld!“ ſprach Herr v. Hecht.„Der Adler bruͤtet freilich laͤngere Zeit als der Gimpel, aber dafuͤr bringt er auch junge Adler, und keine Gimpel an's Licht.“ Doch, rief lachend der Doctor, hat der ſe⸗ lige Laͤmmergeier in Wetzlar manchen Gimpel ausgebruͤtet. Und ihnen in ewig ſchwebenden Bandwurm⸗ Prozeſſen die Federn arg gerupft! bemerkte Ma⸗ jor von Hecht, des Gutsherrn Bruder. Da lob' ich mir den Krieg, wo Einem alles raſch von der Hand geht, wo nichts geſchrieben, ſondern alles zerhauen wird. Auf meine Ehre, das Pa⸗ pier koͤmmt von Lumpen, und bei den vielen Schreibereien kommen auch nichts als Lumpereien und Lumpenhunde heraus. Die beſte Verfaſſung iſt uͤberhanpt diejenige, bei welcher wenig ge⸗ ſchrieben und viel gehandelt wird. Verfaſſung, Magnetismus, Hungerkur und Dentſchheit! ds ſind zur Zeit die Modeworte, brummte er, aber kein Menſch weiß noch, wie er mit dieſen Texten zum neuen Teſtamente daran iſt; ich lobe mir den alten Verſtand, mit welchem man ſich nicht um die ungelegten Eier bekuͤmmerte, bei welchem es weder Demokraten noch Ariſtokraten, ſondern nur brave Maͤnner gab, die den Großen das Re⸗ gieren und den Muͤſſiggaͤngern das Projectma⸗ chen uͤberlieſſen. „Jetzt zuruͤck zu unſerer Angelegenheit!“ fluͤ⸗ ſterte v. Hecht, zu Edwin gewendet.“ Durch die⸗ ſen Gutskauf ziehen Sie, mein Beſter, einen gauz neuen Menſchen an, und werden dadurch erſt ſo eigentlich Etwas, wenn Sie bisher, zu den Heuerleuten gehorend, Nichts waren. Leſen Sie hieruͤber Benzenberg den Einzi⸗ gen, und Sie erfahren: daß nur der Grundbe⸗ ſitzer einzig und allein ein Staatsbuͤrger, jeder andere Menſch aber eine Rull ſey die man nach athenienſiſchen Grundſätzen allenfalls ein Bischen todtſchlagen kann. Indem Sie Gutsbeſitzer wer⸗ den, gehn Sie gerade durch die Mitte, wo, nach dem Urtheil des unſterblichen aus Kloſter Bruͤg⸗ ge, allein Heil und Segen, die Kraft, die Macht und die Herrlichkeit iß. Pereat jeder Schollentreter! ſchrie hier der — Doctor uͤberlaut, der laͤngſt ſchon auf ſeinem Stuhle aͤrgerlich hin und her gerutſcht war. Stoßen Sie an, Herr v. Hecht! Der aber runzelte die Stirn, uͤberhörte das Begehren, wendete ſich ganz zu Edwin und ſprach: Der Herr Oheim ſind voll ſuͤßen Weins. Wir reden hernach weiter! Des Doetors Ausruf hatte das Ttommelfell der Gaͤſte, die faſt alle Gutsbeſitzer waren, unſanft beruͤhrt; man ſtand bald vom Tiſche auf, und fruͤher als gewoͤhnlich ging die S aus⸗ einander: 2. Herr von Hecht hatte vor und bei Tiſche ſeinen Nachfolger Edwin mit gllen anweſenden Guts⸗ nachbarn bekannt gemacht, und dieſer empfing von allen Seiten Einladungen zum baldigen Beſuch, denen er naͤchſtens zu folgen verſprochen und be⸗ ſchloſſen hatte. Er hoffte von ſolchen Ausfluͤgen viel unterhaltung, viel Erheiterung; ja er er⸗ wartete noch mehr davon, denn er war entſchloſ⸗ ſen, ſich unter den Tochtern des Landes umzu⸗ ſehen nach einer ſchoͤnen Gehuͤlfin— aber auch nur einer ſchönen— die um ihn ſey; ſein Herz ſowohl, das liebend ſich nach einem liebenden Herzen ſehnte, als ſein Spiegel, der — 7— ihm das Bild des Achtunddreißigers zuruͤck gab, mahnte ihn, daß ſeine Sonne hoch im Scheitel⸗ puncte ſtehe. Seufzend gedachte er bei ſolchen Bemer⸗ kungen an die Auftritte ſeiner Vergangenheit. Einem ſolchen Augenblick der Ruͤckſchau lebte er auch am Abend nach dem Feſte,— das er bei der Uebernahms ſeines Guts dem Vorgaͤnger und den Nachbarn gegeben hatte— als der Gaͤ⸗ ſte Schwarm zerſtoben war. Folgen wir bei die⸗ ſer Gelegenheit ſeinem Ruͤckblicke. Edwin war der Sohn eines beguͤterten Kaufmannes im ſuͤdlichen Deutſchlande. Der Vater noͤthigte ihn ſchon fruͤh, daſſelbe zu wer⸗ den, was er war, obgleich des Sohnes Neigung nicht dem Handel und den Zahlen zugethan war; nur zwangsweiſe folgte er dem Gebot des herri⸗ ſchen Vaters, und ging als Lehrling nach Lon⸗ don in die Handlung des Bruders ſeiner Mut⸗ ter. Gebildet im Hauſe ſeines Oheims, der ein glaͤnzendes Haus in der Hauptſtadt des Inſel⸗ reiches machte, kam er nach Jahren in das Va⸗ terhaus zuruͤck; nicht lange war er daſelbſt, als ſein Vater ihn in Handelsgeſchaͤften nach Wien ſandte. Mit Empfehlungsbriefen an die erſten Handlungshaͤuſer verſehen, traf er daſelbſt ein, und fand allenthalben ſo gute Aufnahme, als der Sohn und Erbe eines reichen Mannes ſie in der Regel findet. In die glaͤnzendſten Kreiſe des dritten Standes eingefuͤhrt, flog er von Feſt zu Feſt, von Genuͤſſen zu Genuͤſſen; doch bald winkte ihm ein lachendes Gluͤck, das er aller Welt Luſt und Glanz vorzog. Auf einem Tanzfeſt lernte er Hermine, das bluͤhendſte Maͤdchen der Stadt, kennen. So viel Liebreiz, ſo hohen Adel der Geſtalt bei be⸗ zaubernder Iugendfriſche glaubte er nirgends, „ weder in Britanniens Hauptſtadt noch in Deutſchland, erblickt zu haben, und doch traute er ſich Geſchmack und Schönheitsſinn zu. Der Zufall machte Hermine— die Tochter eines wackeren doch unbeguͤterten Malers— zu ſeiner Taͤnzerin. Er ſah ſie, und war unwiderſtehlich von ihrem Liebreiz angezogen; wie gluͤcklich pries er ſich, als er bei einer folgenden Zuſammen⸗ kunft mit Herminen uͤberzengt ward, daß er den Beifall der Holden beſitze! Und in der That, das Mädchen hatte noch keinen Mann gefunden, der ihr ſo liebenswuͤrdig, als Edwin— der frem⸗ de ſchone Juͤngling— erſchienen war. Bald kam es zu Erklaͤrungen, und ein ſcho⸗ ner Bund war geſchloſſen. Herminens Vater — 9— wohnte dem Hauſe gegenüber, in welchem Edwin als Gaſt lebte; man ſah ſich jeden Angenblick und von Stunde zu Stunde ward das Verhaͤlt⸗ niß unter den Liebenden traulicher; Edwin be⸗ ſuchte den Vater ſeiner Geliebten, erkaufte eini⸗ ge Gemaͤlde von Wagener, und fand auf dieſe Weiſe Zutritt bei dem Kuͤnſiler, deſſen Woh⸗ nung er aber auch beſuchte: wenn nur die ſchoͤ⸗ ne Tochter daheim war. Er warb jetzt foͤrmlich bei Herminen um ihre Hand; ſie verſagte ſich ihm nicht, wies ihn aber an den Vater. Der hatte nichts dawider, wenn Edwins Vater dieſe Verbindung gut heißen werde. Picht einen Au⸗ genblick an deſſen Einwilligung zweifelnd, ſchrieb er in Herminens und ihres Vaters Gegenwart die Meldung und Bitte an ſeinen Vater und ließ ſie durch des Malers Burſchen zur Poſt bringen.. Jetzt hatte der Juͤngling ſtuͤndlich Gelegen⸗ heit, die Liebliche zu ſehen, mit ihr zu koſen, die er als ſeine kuͤnftige Gattin betrachtete; auch Hermine ſah ſich ſchon im Geiſte an der Seite ihres geliebten Mannes. Dies ſuͤße Ver⸗ haͤltniß wiegte das Paͤrchen in ſeligen Schlum⸗ mer und Traum. Der Sturm der Ingendgluth uund die Kupplerin Gelegenheit fuͤhrte ſie einen — 10— Schritt uͤber ihr Verhaͤltniß hinaus doch, hier ſchien keine Gefahr zu drohen; man erwartete ja taglich die Genehmigung und Einwilligung des Bundes von dem alten Dittmar. Edwin durfte ja guf die Fuͤrſprache der Mutter zaͤhlen, deren Liebling er war, die ſtets bei dem Vater ſeine Sache gefuͤhrt, und an die er ietzt beſon⸗ ders geſchrieben, deren Mutterherz er in Anſpruch genommen hatte. Aber o weh! Statt des ge⸗ hofften Vaterſegens traf der beſtimmteſte Befehl zur ſchleunigſten Ruͤckkehr in die Heimath ein. „Angelegenheiten von der hoͤchſien Wichtigkeit gebieten,“ ſchrieb der Voter,„gebieten, daß Du augenblicklich mit Courierpferden abreiſeſt. Ue⸗ ber Deine Heiraths⸗Angelegenheit reden wir muͤndlich mehr. Die Sache hat vermuthlich keine Eile und nach beendigten Geſchaͤften magſt Du nach Wien zuruͤck gehen. Deine Mutter kraͤnkelt, und wuͤnſcht Dich bald zu ſehen.“ 3. Der Sohn kannte des Vaters Strenge und durfte nicht ſaͤumen, ihn nicht erbittern. Zudem leuchtete noch ein waͤrmender Hoffnungsſtrahl aus den Worten:„Du magſt nach Wien zuruck gehen,“ hervor. — 1T— Nach wiederholten Schwuͤren ewiger Be⸗ ſtaͤndigkeit und unter tauſend heißen Thraͤnen trennte ſich das Pgar. Edwin gelobte, recht bald in die Argne der Liebe zuruͤck zu kehren; er durfte auf die Vermittelung der guͤtigen Mut⸗ ter rechnen; er ſchied, und ach! auf immer von der Theuren. Er fand die Mutter— auf der Bahre; liſtig hatte der Vater, dem die Briefe ſeines Wiener Geſchaͤftsfreundes laͤngſt Edwins Liebeshandel gemeldet, ihn hinweg gelockt; er, der den Werth der einſtigen Schwiegertochter nur nach den Zahlen der zu hoffenden Ausſteuer maß, hatte mit Zorn erfahren; daß der Sohn ein armes Madchen heim zu fuhren ſtrebe. Da entwarf er kluͤglich den Plan, dieſen Bund zu vernichten, ohne jedoch den reizbaren Juͤngling gegen ſich aufzubringen. Darum ſpiegelte er ihm die Ausſicht vor, und zog den Getaͤuſchten damit in ſeine Naͤhe. „Mein Sohn,“ ſprach er jetzt,„unſer gan⸗ zes Heil ſteht auf dem Spiele, wenn Du nicht ſchleunig nach London reiſeſt. Du weißt, wel⸗ che bedeutende Summen wir in der Handlung meines Schwagers daſelbſt haben. Sein Haus wankt, und der Tod ſeiner Schweſter, Deiner Mutter, macht ihn fremd gegen uns. Geh in — 1— feuriger Eil nach London, und rette was Du vermagſt, rette uns vom Bettelſtabe!“ So ſprach der Schlaue, und Edwin gehorch⸗ te, denn mehr als je lag ihm die Erhaltung äußerer Guͤter ietzt um Herminens willen am Herzen. Was er in London aus dem Feuer riß, war ja ſein Erbe, das ſeiner einſtigen Gattin ein ſicheres Lvos bereiten, ihr manche ſuͤſſe Freude ſchafen ſollte. Mit dem feſten Vorſatz: ſo bald als thunlich zu der Braut zuruͤck zu eilen, rei⸗ ſete er ab, nachdem er Herminen brieflich gemel⸗ det, was ihn auf kurze Zeit— ſo hoffte er, ſo ſagte der Vater— von ihr und ſeinem Gluͤcke entferne. Edwins Oheim, Richard Oldes, empfing ihn mit der Nachricht, wie er Willens ſey, ihn mit ſeinem Sohne nach Jamaika zu ſenden, wo ſeine Pflanzungen in Gefahr ſchweben ſoll⸗ ten, von aufruͤhreriſchen Negern zerſtoͤrt zu wer⸗ den, wenn nicht ſchleunigſt Bevollmächtigte des Beſitzers daſelbſt erſchienen, die Unruhen zu er⸗ ſticen. Eh noch Edwin nach England abreiſte, hatte der alte Dittmar ſchon ſeinem Schwager der Dinge Lage gemeldet, und ihn erſucht, zu Edwins Heilung mitzuwirken. — 13— Der Juͤngling fluchte ſeinem Verhaͤngniſſe, aber er mochte ihm nicht entgehen; jede Ruͤck⸗ ſicht gebot Gehorſam und Ausharren; er ging nach Weſtindien, wo ein laͤngerer Aufenthalt der Europaͤer nöthig war. Er ſchrieb an Herminen und deren Vater Entſchuldigungen, Rechtferti⸗ gungen und Verſprechungen. Keine Antwort er⸗ folgte; der alte Dittmar unterſchlug die Briefe. Hermine, die ungluͤckliche Verlaſſene, ſtand auf dem Punkte, Mutter zu werden; ihr Vater ſluchte, tobte, ſchrieb bitter an den alten Ditt⸗ mar, und erhielt zur Antwort: wie man den Vater und die Tochter ſehr beklage, daß aber Edwin, einſehend: eine ſolche Verbindung ſey ſeinem Gluͤcke nur hinderlich, ſich außerhalb Europa mit einer reichen Erbin vermaͤhlt habe. Als Edwin an den Vater in dieſer Bezie⸗ hung ſchrieb, ward ihm gemeldet: Hermine habe ihn aufgegeben, eine unſittſame Lebensweiſe an⸗ gefangen und ſich ſodann anderweitig verheira⸗ thet. So hatte Dittmar den Plan entworfen, zwei liebende Herzen zu trennen, und leider ge⸗ lang es ihm. Der Sohn, bethört durch die Ver⸗ ſtelungskunſt des Alten, glaubte dem Vater aufs Wort, wollte Anfangs verzweifelnd ſich in die trug, ſchanderte, aber der Freier, der eine er⸗ 4 Meeresfluthen ſtuͤrzen, dann nach Europa ſegeln, um die Ungetreue zu todten; aber ein gewiſſer Leichtſinn, der ihm in der großen Welt angebil⸗ det war, hielt ihn von dieſem und jenem zuruͤck. Sein Vetter Toby nußte beſſeren Rath; er rieth dem Schwermuͤthigen Zerſtreuung und Er⸗ ſatz zu ſuchen, und ward ſein Fuͤhrer; in den Ar⸗ men einer ſchoͤnen Sklavin ſollte er geneſen vom Liebesweh, und Edwin— ſuchte endlich dort die Heilung. Ein Verſuch des alten Dittmar, ihn mit der Tochter eines reichen Pflanzers zu vermaͤhlen, ſchlug indeſſen gaͤnzlich fehl; der Juͤngling erklaͤrte: er werde nie ein Weib neh⸗ men, das er nicht liebe; und dabei blieb es. Unterdeſſen ward Hermine faſt ihres Grames Beute. Ihren Zuftand zu verbergen und ihre Niederkunft zu erwarten, reiſete ſie zu der Schwe⸗ ſter ihres Vaters, die im ſuͤdlichen Deutſchlande auf einem einſamen Landgute wohnte, und ge⸗ bar in dieſer Abgeſchiedenheit eine Tochter, von deren Daſeyn Niemand wußte, als die Tante. Bei ihrer Ruͤckkehr nach Wien, wo keine Seele ihre Mutterſchaft ahnte, fand ſich ein Gelehrter aus Nord⸗Deutſchland, der um ſie warb. Her⸗ mine, die noch immer Edwins Bild im Herzen —— — 15— traͤgliche Geſtalt und einiges Vermoͤgen beſaß, bat, der Vater drohte mit dem Fluche, wenn ſie ſich weigere, und Hermine— reichte dem Braͤu⸗ tigam die Hand. Bald nach der Hochzeit reiſe⸗ te ſie in des Vaters Geſellſchaft mit ihrem Man⸗ ne nach Berlin ab. Funfzehn Jahre waren ſeit Edwins Aufent⸗ halt in Wien vergangen, als der alte Dittmar ſtarb. Edwin, der ſeit Jahren ſchon nach Eu⸗ ropa ſich ſehnte, verließ jetzt Jamaika, ging nach London, und als er dort mit dem Oheim in Handelsangelegenheiten ſich auseinander geſetzt hatte, nach ſeiner Vaterſtadt zuruͤck. Mit Schrecken erfuhr er jetzt, wie ſein ver⸗ ſtorbener Vater ihn ruͤckſichtlich ſeines Verhalt⸗ niſſes zu Herminen getaͤuſcht, und daß dieſe erſt eine Eheverbindung geſchloſſen habe, als er ſie nach des Vaters Verſicherungen laͤngſt vermahlt glaubte. Sein ganzes Ungluͤck ſtand nun vor ihm und ſeine Phantaſie lieh wieder Herminens Bild den Glanz der Jugend und Schonheit. Aber ſie hatte dennoch einem Andern ſich gege⸗ ben, fruͤher oder ſpäter, gleichviel; er ſchalt ſie endlich doch eine Verrätherin, da er nicht wuß⸗ te, daß ſie, gleich ihm, durch falſche Rachricht betrogen worden. Er beſchloß, die Beſtandloſe — 16— ganz zu vergeſſen, und hinfort nur ſich zu le⸗ ben, von der bedeutendſten Folge ſeiner Verbin⸗ dung mit ihr ahnte er nichts. Den Handel, den er nie geliebt, gab er gaͤnzlich auf, und kaufte ſich ein Dorf am Rheine, wo er jeden Sommer verleben, den Winter aber in einer belebten Stadt, wie Frankfurtch, hinbringen wollte. Zu einem angenehmen Leben, wie er es ſich dachte, gehoͤrte, aber auch eine ſchöne, gute Gat⸗ tin, die ihn liebe, wie Hermine ihn einſt ge⸗ liebt hatte, in deren Beſitz er ſo gluͤcklich ſey, wie er mit Herminen ſelig war, uͤber die er das reizende Bild der erſten Geliebten, das noch je und je vor ſeine Seele trat, ganz vergeſſen koͤnne. Eine ſolche zu ſuchen, war jetzt ſein Beſtreben. 4. In den folgenden Tagen begann er die be⸗ ſchloſſene Rundfahrt zu den Guts⸗Rachbarn. Ueberall fand er offene Thuͤren und gut be⸗ ſetzte Tafeln, freundliche Geſichter und zuvor⸗ kommendes Benehmen, aber was er ſuchte, die Eva des neuen Paradieſes entdeckte er nirgends. Manches Fraͤulein, mit und ohne Von, dus ſei⸗ ne Abſicht errieth, ſtellte ſich ihm ſo gerade ge⸗ gen⸗ ——————— — 17— genuͤber, daß er ſie bemerken mußte; doch ſo uͤberſchwenglich liebreich dieſe Geſichter wa⸗ ren, ſo wenig liebreizend erſchienen ſie ihm, ihm, dem Herminens Bild als Maaßſtab galt, deſſen Geſchmack und Schönheitsſinn in der gro⸗ ßen Welt und in der Mitte treflicher Kunſtwer⸗ ke gebildet war, dem ein Ideal vorſchwebte, nach welchem er mit Umſicht und Sorgfalt ſuch⸗ te. Hier waren nur gewöhnliche Geſtalten, For⸗ men, die den Stempel der Mittelmaͤßigkeit tru⸗ gen; dort Zoge ohne Geiſt und Leben, verfehl⸗ tes Ebenmaaß, und wo ein ertraͤgliches Aeußere ihn Anfangs lockte, da ſtieß bei naͤherer Be⸗ kanniſchaft Gaͤnſe⸗Einfalt und Mangel an See⸗ len⸗Adel, an edle Weiblichkeit, ihn weit zuruͤck. Unmuthig ging er uͤberall hinweg, und voll Verdruß kehrte er am Schluß der Ausfluge nach dem einſamen Feldberg zuruͤck. Schon ging er mit ſich zu Rathe: ob es nicht zweckmaͤßiger ſey, den nahen Winter in der Stadt— in deren Freuden und Genuͤſſen er ſich freilich im entwichenen Jahre uberſättigt hatte— zu verleben, und bei Concerten, Baͤl⸗ len, Schauſpielen und Privatfeſten gegen die drohende Langeweile des Hageſtolzen⸗Daſeyns Schutz zu ſuchen, als der Zufall ihm eine ande⸗ B 2 re Bahn anwies, auf der ihm endlich fernher ſeiner ſtillen Wuͤnſche Ziel erglaͤnzte. Herr von Hecht⸗ der noch ein anderes gro⸗ ßes Rittergut⸗ drei Stunden von Feldberg ent⸗ legen, beſaß, lud ihn ein, dahin zu kommen, wo eine feierliche Wolfsjagd die Gaͤſte beluſti⸗ gen ſollte. Fuͤr Edwin hatte eine Vergnuͤgung dieſer Art wenig Reiz, aber der Oheim⸗Doetor, welcher ein entſchiedener Jagdfreund war, be⸗ praͤngte ihn mit Zureden, und die Unruhe, mit welcher Erinnerung und Wollen, Haß und Lie⸗ ve ihn beſtrickte, erpreßte ſein Ja. Er ſtrebte der Langenweile, dem Grame zu entgehen, des⸗ halb ſagte er zu und fuhr in des Doctors Ge⸗ ſellſchaft nach Hechts Gute, Theil zu nehmen an der Jagd⸗ Das weithin brauſende Geraͤuſch des Krie⸗ ges, der Donner der Feldſchlachten hatte im Laufe des entwichenen Sommers eine große Zahl von Wolfen im tiefen Dunkel des nahen Wald⸗ gebirges aufgeſcheucht, und ſie aus ihrem Ver⸗ ſtec hinab in die Gebuͤſche und Forſten der Ebene getrieben, wo ſie den weidenden Heer⸗ den, ja ſelbſt dem einzelnen Feldarbeiter gefaͤhr⸗ lich wurden. Mehr als ein ſchreckender Raub war durch ſie in und an dem Walde des Herrn ———— — 19— von Hecht begangen, und darum war ihre Aus⸗ rottung bei einem feierlichen Jagen beſchloſſen. Hierzu ſollte Edwin im Kreiſe mehrerer Genoſ⸗ ſen mitwirken, hieran ſich ergötzen. Der Wirth fuͤhrte viele ſeiner Gaͤſte, unter ihnen auch die beiden Dittmars, am Tage nach ihrer Ankunft in ſeinen Wald, um ihnen deſſen Oertlichkeit und die Schiupfwinkel der Raub⸗ thiere vorlaͤuſig zu zeigen. Am beſten kannte dies Alles der Forſter Traut, und man begab ſich deshalb nach ſeiner, in des Waldes finſterer Mitte belegenen, einſamen Wohnung, wo zu⸗ gleich fuͤr die Beſucher ein Fruhſtuck beſtellt war. Und in dieſer entlegenen unſcheinbaren Huͤt⸗ te fand Edwin, was er fruchtlos auf den Hoͤfen des Rachbar⸗Adels und in der Stadt geſucht hatte, ein jugendlich ſchones, hochſt liebenswur⸗ diges Maͤdchen, deſſen ganzes Seyn ihn anſprach, das durchaus dem Bilde glich, dem lieben Bil⸗ de, das ſeine Phantaſie entworfen hatte; ein Mädchen, das, dachte er es ſich als ſeine Gat⸗ tin, ihn ganz gluͤcklich machen mußte. Dieſes Maͤdchen war Gretchen, die reizende Dochter des Forſter Traut. B 2 5. ß Die erſie Bekanntſchaft war bald gemacht. 6 Das ſechszehnjahrige Gretchen war bei dem Fruͤh⸗ ſtuͤck die Hebe, die ſiinke Dienerin der Gäſte, und was ihr erſter Anblick bei Edwin begruͤndet, das innigſte Wohlgefallen, das ſicherte ihre lan⸗ gere Gegenwart, ihr ganzes Benehmen. Was die Wirkung des erſten Eindrucks vollendete, war Gretchens hohe Aufmerkſamkeit fuͤr ihn, mit welcher ſie ihn ſichtbar vor den andern Gaͤſten auszeichnete. Immer machte ſie ſich um ihn zu ſchaffen, und that fuͤr ihn alles mit einer un⸗ verkennbaren Sorgfalt und Geſchaͤftigkeit, die ähm wohl that. Und als er dann ſie in ein Geſpraͤch zog, als ſie mit beſcheidener Freundlichkeit ſeine Fra⸗ gen beantwortete, da drang der liebliche Ton 4 ihrer Stimme ihm tief in die Seele. In einer kurzen Unterhaltung bekundete ſie einen natuͤrli⸗ chen Verſtand und richtiges Gefuͤhl. Da ver⸗ ſtaͤrkte ſich das Wohlgefallen in ſeiner Bruſt, da näherte es ſich den Graͤnzen der Liebe, aber nicht jenem brauſenden, Fammenden Entzuͤcken, mit welcher der Juͤngling die Einzige erblictt, ſondern der wohlthuenden, ruhigeren Empfin⸗ dung, die den Mann am Lebens⸗Mittage bei „ 1 dem Anblick eines ſchoͤnen und guten Maͤdchens ergreift, mit dem er Leid und Freude und jedes Lebensgut theilen moͤchte. Gretchen ihrer Seits fand in dem fremden Herrn einen ſchoͤnen Mann, der, mit ſeinen ver⸗ ſtaͤndigen Reden, dem feinen Anſtande, dem ed⸗ len Verhalten, alle Maͤnner uͤbertraf, die ſie je geſehn; er gefiel ihr außerordentlich und noͤthig⸗ te ihr den hochſten Grad der Achtung ab. In ſich gekehrt, ſeine Empfindung und des Maͤdchens Vorzuͤge meſſend, ſaß Edwin da, als Gretchen nach dem Fruͤhſtuͤck das Zimmer ver⸗ laſſen hatte. Bald ward es ihm unwohl in dem Gemache, das ihre Gegenwart nicht mehr ſchmuͤck⸗ te. Er ging hinaus, nicht wiſſend: ob er nur den Laͤrm der halbberauſchten Jäͤger fliehen, oder ob er das liebe Maädchen ſuchen, ſehen, ſprechen wolle. Draußen aber ward es ihm klar, daß in der Hauptſache die zweite Ruͤckſicht ſeine Schrit⸗ te leitete, als Gretchen weder im Hofe, noch vor der Thuͤr, noch im Gaͤrtchen zu finden war, als er allenthalben vergebens nach ihr umſchauete. Von getaͤuſchter Hoffnung verſtimmt, wollte er zu der Trinkgeſellſchaft zuruͤckkehren, als er in einem Zimmer, dem er voruͤber ging, ein halblautes Geſpraͤch vernahm, in welches ſich auch Gretchen mit ihrer ihm befannten wohl⸗ tonenden Stimme miſchte. Unwillkuͤhrlich blieb er lauſchend an der Thuͤre ſiehen⸗ 6. So eben fluͤſterte der Jagerburſche Franz, der guch bei dem Fruhſtuck aufgewartet hatte, einige unverſtaͤndliche Worte, worauf Gretchen et⸗ was lauter erwiederte:„Es iſt wahr, und Va⸗ ter und Mutter duͤrfen es hoͤren: daß der Frem⸗ de mir vechtwohl gefaͤllt, und daß es mir Freude gemacht hat, wenn er mich freundlich anſah!“ Da hoͤrt Ihr es, Vetter, entgegnete Franz; ſie ſchaͤmt ſich nicht, es zu geſtehen. Und wenn er ſie bloß angeſehen hätte, ſo wollte ich noch ein Auge zudrucken, und denken; ſie kann es ihm nicht wehren; aber wie hat Gretchen ihn ange⸗ ſchaut. Hu! Schickt ſich das fuͤr ein Maͤdchen, das ſolchen Herrn zum Erſtenmal ſieht? Nun, ich ſag es, geſchieht das wieder, ſo geh ich aus dem Hauſe. Man muß ſich ſchaͤmen, der Vetter einer ſolchen Jungfer Gradezu genannt zu wer⸗ „Albernes Zeug!“ hrummte des alten För⸗ ſters barſche Stimme.„Lachen muß man. Der Burſche iſt eiferſuͤchtig. Ich mochte wiſ⸗ — 23— ſen, mit welchem Rechte. Er iſt nicht klug. Weiß er es? Das Madchen iſt ſechzehn Jahre und Er auch noch ein halbes Kind. Wenn Er den eiferſuͤchtigen Freier ſpielen will, ſo warte Er wenigſtens ſo lange, bis Er einen Bart und das taͤgliche Brod hat. Bis dahin iſt aber noch weit.“ Edwin hatte genug gehoͤrt, um frohlicher zur Geſellſchaft zuruͤck zu kehren, als er von ihr ausgegangen war. Das liebe Maͤdchen war ihm gewogen, von den ſchönen Lippen hatte er es vernommen; um ſeinetwillen hatte ſie dem Ver⸗ ehrer Franz abgeſagt; aus Gretchens Munde wußte er, daß er ihr wohlgefalle. Wie begluͤk⸗ kend war dies Bewußtſeyn fuͤr ihn! Still er⸗ freut kam er in das Gaſtzimmer zuruͤck, aus dem rauſchendes Jauchzen ihm entgegen hallte. Man trat den Ruͤckweg an, aber Edwin war nur halb bei der Geſellſchaft; mit blei⸗ chem Schimmer ſchien die Sonne auf verddete Felder herab, er ſah es nicht; ein friſcher Oſt⸗ wind blies ihm ins Geſicht, er fuͤhlte es nicht; eine Maſſe von verwittertem Laube, das der Wind vor ſich hertrieb, raſſelte laut uͤber Stop⸗ peln und gefurchte Aecker, er hörte es nicht; er gedachte der holden Jaͤgertochter; ſeine Seele war bei ihr; er ſah ſie an ſeiner Hand, ſich in 24— ihrem Arm, ein zufriedener Gatte, ein gluckli⸗ cher Vater. 7. „Sie ſind in tiefen Gedanken, Beſter!“ flͤſterte ihm ſein Nachbar Hecht grinſend zu⸗ „Was gilts, das niedliche Jaͤgermaͤdchen ſteckt Ihnen im Kopfe? So etwas hab' ich flugs weg.“ und wenn es waͤre?— fragte Edwin. „Wohlgethan!“ nickte Jener.„Es iſt ein Kernmaͤdchen, auf meine Ehre. Nun, nun, die Sache laͤßt ſich machen. Der Alte iſt mein Foͤr⸗ ſter; er ſoll ſie Ihnen nach Feldberg ſchicken. Sie haben ein Hausmaͤdchen noͤthig, oder eine Haushaͤlterin aufs Hochſte. Nicht wahr?“ Pfui, mein Herr! rief emport Edwin. Sie verkennen mich; ich bin kein Verfuͤhrer der Un⸗ ſchuld. „Ei du lieber Himmel⸗„ſprach Jener, „hundert Madchen hier herum wuͤnſchen nichts ſo ſehnlich, als von einem huͤbſchen und reichen Gutsbeſitzer verfuͤhrt zu werden. Nach einigen Jahren giebt man ſie einem Diener, Beamten oder Handwerker zur Ehehaͤlfte, und ſie ſind ge⸗ machte Perſonen; ich habe deren auch zwei ge 5 6 habt; die eine iſt Frau Kuͤſterin, die andere hat einen Barbier zum Manne.“ Sie haben mich mißverſtanden, ſprach die⸗ ſer; ich achte das Madchen hoch, und wenn ich Abſichten haͤtte, ſo wuͤrde ich Gretchen nicht zur Wirthſchafterin, ſondern zu meiner Frau nehmen. Da zuckte Hecht ſchweigend die Achſeln und nahm, in Mitleid uͤber die Bethorung des Nach⸗ bars und in Verlegenheit verſenkt, mehr denn eine Priſe Tabak. Der folgende Dag war zur Wolfsjagd be⸗ ſtimmt, die Geſellſchaft verſammelte ſich in der Huͤtte des Förſters, und Edwins Neigung er⸗ hielt aus Gretchens ſanftem Blick neue Nahrung. Der Streifzug in den Wald begann. Die Geſellſchaft theilte ſich, Edwin und der Doctor blieben beiſammen. Jetzt fand der Doctor die Spur der Woͤlfe, und folgte ihr in hochſter Eil; der Neffe, des raſchen Laufens ungewohnt, blieb weit zuruͤck, und verlor bald den haſtig laufenden Oheim aus dem Geſicht. In der Ferne faͤllt ein Schuß; Edwin, von duͤſterem Gebuͤſch umgeben, eilt der Richtung zu, in welcher der Knall laut ward. Da ſtuͤrzt plotz⸗ zum zweiten Sprunge, da entringen Gefahr und 6— lich in geſtrecktem Lauf ein Wolf auf ihn ein; er ſchlägt an, aber der Schreck macht ſeinen Arm erbeben, ſeine Haͤnde tittern; er druckt ab, und ſtreift nur das Ohr des Raubthieres; es ſtutzt, heult laut auf und dringt wuͤthender als zuvor auf ihn ein⸗ Edwin, jetzt huͤlflos, weicht zuruͤck, und ſieht ſich nach einem Baume um⸗ den er erklettern, auf dem er ſicher ſeyn konne; aber die naͤchſten zeigen zu hochgewachſene, zweig⸗ loſe Staͤmme, als daß er ſich hinauf ſchwingen tonne. Er laͤuft und immer folgt ihm das Un⸗ thier. Von Angſt und Eil erſchöpft und athem⸗ los, an jeder Huͤlfe verzweifelnd, ſtellt er ſich end⸗ lich mit dem Ruͤcken wider einen Eichbaum und wehrt ſich mit der Buͤchſe gegen den nahe ge⸗ fommenen Wolf; doch dieſe Waffe iſt nicht hin⸗ reichend, und ſchon ſieht er ſich, als des Raub⸗ thiers ſichere Beute an⸗ Der geoffnete Rachen gaͤhnt ihm entgegen⸗ die Augen blitzen; das Un⸗ thier ſpringt wider ihn empor, er ſchlaͤgt es mit der Buͤchſe zuruͤck, aber ſeine linke Hand wird von der ſcharfen Klaue des Wolfes verwundet, plutend, ſchmerzend. Dieſer Schlag nahm ihm den Reſi der Kraft. Das Raubthier ruͤſtet ſich ——— — 27— Ermattung ihm das Bewußtſeyn und ſchwach nur ſtemmt er ſich noch gegen das Niederſinken. 9. Der Foͤrſter Traut jagte einen Wolf aus dem Dickigt auf; er ſchießt, doch verwundet er nur das Raubthier und es eilt tiefer in den Wald; Traut folgt ihm und verliert es nach ei⸗ ner Weile aus den Augen; dennoch geht er der blutigen Spur nach, hoͤrt einen Schuß und eilt nach der Gegend, wo er gefallen. Da ſieht er mit Entſetzen Edwins Kampf gegen das ſchaͤu⸗ mende Thier, das ſich zum Sprunge gegen den Erſchoͤpften niederduckt, er reißt eilends die Dop⸗ pelbuͤchſe an die Wange, zielt und trifft; der Wolf ſtͤrzt wie vom Blitz getroßen zur Erde und Traut eilt dem Armen zu Huͤlfe, der eben zuſammen ſinkt. Ein gellendes Pfeifen auf dem Finger ruft den Jägerburſchen Franz herbei, der dem Alten und dem Bellen ſeines Hector nachgegangen war. Man hebt den Beſinnungsloſen empor, verbin⸗ det ihm die blutende Hand und ſieht mit gro⸗ ßem Vergnuͤgen auch den Doctor nahen, mit deſſen Huͤlfe man den Ohnmoͤchtigen bald wie⸗ der zuruck ins Leben ruft. — 28— Als Edwin die Augen wieder oͤffnete, ſaß er auf einem Huͤgel im Walde, von Traut und Franz unterſtuͤtzt, und der Doctor ſtand mit dem Flaͤſchchen voll Salmiakgeiſt vor ihm. Auf des Arztes Rath fuͤhrte man den Schwa⸗ chen nach des Forſters Huͤtte. Geiſterbleich ſtand Gretchen in der Thuͤr, als man ihn dort, blaß, ſchwankend und mit verbundener Hand einfuͤhr⸗ te. Und als ſie horte, was mit ihm geſchehen, fuͤllte ihr ſchones Auge ſich mit Thraͤnen, und in ihrem ganzen Weſen lag die Spur des Mit⸗ leids, der innigſten Theilnahme. Der Arzt unterſuchte oft des Neffen Pnls, und kopfſchuͤttelte und kuͤndigte endlich dem For⸗ ſier an: er werde Edwin, der ernſtlich krank zu ſeyn ſcheine, wohl wenigſtens bis zum morgen⸗ den Tage in ſeinem Hauſe Ruhe gonnen muͤſ⸗ ſen, daß man erſt ſehe, wo es mit ſeinem Uebel hinaus wolle, und ſowohl Traut als ſeine Re⸗ gina ſprachen ihr herzliches: Recht gern! Gret⸗ chen wetteiferte in der Geſchaͤftigkeit mit der dienſtfertigen Mutter, und that es, kraft der Gewandtheit der Jugend, ihr zuvor in der Sor⸗ ge für den lieben Kranken, der ſeine Schmerzen und Schwäche bei dieſem Anblick faſt vergaß. Ein heftiges Fieber, das Oheim Jakob die L e — 29— Folge des Schrecks und der erſchoͤpfenden To⸗ desfurcht nannte, war im Anzuge. Schon am andern Tage lag Edwin im fortwaͤhrenden Schlafe. Sein Kopf brannte, er verlor die Be⸗ ſinnung und ſprach nur in wilden Fiebertraͤumen. Gretchen war, ſo weit es die Schicklichkeit er⸗ laubte, die eifrigſte Waͤrterin des Kranken; ſie löſete die Mutter und den Vetter Franz ab; kein Schlaf beruͤhrte ihr Auge, das oft von Thraͤnen feucht war, wenn der Arzt ſich bedenk⸗ lich aͤußerte. Sorgſam fragte ſie bei dieſem nach den Mitteln, die ihm ſeinen Zuſtand erleichtern könnten, und wandte ſie raſch und geſchickt an; keine Minute ward uͤberſehen, in der ihm die Arznei gereicht werden ſollte; und Jakob lohnte mehr als einmal ihre liebevolle Aufmerkſamkeit und Thaͤtigkeit mit Haͤndedruck und Lobſpruch. Am neunten Tage ſtieg das Uebel zu einer gefaͤhrlichen Höhe; der Aermſte lag im tiefſten Schlafe, aber die Muskeln ſeines Geſichts zuck⸗ ten, der Athem ging hoch und fuͤrchterlich ſchnell; Jakob erklaͤrte: dies ſey ein entſcheidender Tag, an ihm werde es ſich zeigen, ob Edwin das Le⸗ ben behalte oder ſterbe. Bei dieſem Ausſpruche weinte Gretchen laut, und mußte aus dem Kran⸗ kenzimmer entfernt werden; ſelhſi der Doctor 36 fuhlte ſich ergriffen und bewegt von dieſen Thraͤ⸗ nen, und ſchwur: er werde dieſe Theilnahme an Edwins Lvos dem lieben Maͤdchen nie vergeſſen. Mitternacht war voruͤber, der Kranke regte ſich. Mutter Regina und Gretchen ſaßen zu des Bettes Fuͤßen; Edwin ſchlug die Augen auf, und ſah Gretchen mit rothgeweinten Augen an ſeinem Lager; in ihrer Thraͤne ſpiegelte ſich das Flaͤmmchen der Nachtlampe. Er fuͤhlte, wie aus einem ſchweren Traume erwacht, den Schmerz den ihm die Blaſenpfaſter machten? aber hoher empfand er das Vergnuͤgen: daß Gretchen um ihn weinte. Jakob erfaßte ſeine Hand und hielt ſie eine Weile feſt, das Maͤdchen ſah dem Arzte forſchend nach den Augen. Jett fluͤſterte er mit heiterem Geſicht den Wärterinnen zu„Gottlob er iſt gerettet! Es iſt voruͤber, er wird leben“ Da ſunk das Mädchen, von Frende und Dankvarkeit beſeelt, knieend zu Boden, faltete die kleinen Hände hoch empor und betete in ſtil⸗ ler Andacht zu dem hohen Erretter, dem Vater der Bebe, der ihr kindlich Fleben erhörte. Faſt hatte der erſchuͤtternde Anblick der Be⸗ terin den Kranken zu heftig fuͤr ſeinen Zuſtand vewegt, doch die Freude uͤberwog den Schmert, — 31— die Kraft der Hoffnung und der Jugend hielt ihn empor. Bei Jakobs treuer und umſichtiger Behand⸗ lung, bei Gretchens und ihrer Mutter liebevol⸗ ler Wartung und Pflege, erfolgte Edwins Her⸗ ſellung üͤhenus ſchnell und glůcklich. Es war, als ob die Naͤhe der lieben jungfraͤulichen Waͤr⸗ erin ihn ſtͤrke und neu belebe. an dem Mittage, als er wieder zum Erſten⸗ male in die friſche, vom Sonnenſtrahl freilich nur ſpaͤrlich erwaͤrmte, Luft ging, umarmte er den Oheim und aͤußerte Erkenntlichkeit für ſei⸗ ne Erhaltung. Da rief Jakob, auf Gretchen deutend, aus: Dieſer da magſt du danken z ſie hat, naͤchſt Gott, dir das Leben gerettet. „Tief empfind' ich es!“ verſicherte er, von Ruͤhrung durchſchauert.„Ewig will ich der Jagd gedenken!“ und druͤcte ſanft der Retterin Hand, deren roſige Finger raſchzuctend den Druck leiſe erwiederten. 10. In Gretchens Augen ſtanden klare Waſſer⸗ Perlen, als der Geheilte nun aus der Hutte ſchied; auch ſein Auge befeuchtete ſich. Kommen Sie bald wieder zu uns! rief einſtimmig der — 32— piedere Traut und ſeine gaſtfreundliche Regine. Edwin gelobte baldige Wiederkehr; ſein Herz heiſchte ſie. Auch Franz naͤherte ſich dem Scheidenden⸗ und bot ihm die Hand zum Abſchiede, doch ſah man es dem jungen Manne an, daß ihm dieſe Annaͤherung Zwang koſte, daß er den Fremden nicht liebe. Da habe ich einen Haſen fuͤr Sie geſchoſſen! ſprach er. Nehmen Sie ihn und moͤge er Ihnen wohl bekommen; Wildprett ſoll ia fuͤr Schwache eine zutraͤgliche Speiſe ſeyn! Verlegen und ſchweigend ſtand Edwin vor dem guten Burſchen, der ihm eine Gabe uͤber⸗ reichte, und dem er dagegen ſein Liebſtes auf der Welt entreiſſen wollte. Beſchaͤmt ſprach er ſodann einige dankende Worte zu ihm, und woll⸗ te dem Gutmuͤthigen, deſſen Wartung in ſeiner Krankheit ihm vehuͤlſtich war, ein Goldſtuͤck reichen; doch Jener wies das Dargebotene zu⸗ ruck, brummte mit ſcheuem Blick ein Lebewohl⸗ eilte raſch in den Wald, und ließ ſich erſt dann wieder ſehen, als Dittmar laͤngſt hinweg war. Nur zu bald kehrte Edwin wieder, mit dem feſten Willen, die Herzensſache ins Reine zu bringen. Die liebe Pflegerin, die alles war, was er wuͤnſchte, der er ſein Lehen ſchuldig gewor⸗ den — — 33— den ſollte ſein gutes Weib, die Freude ſeines Lebens werden und durch Liebe Vergeltung em⸗ pfangen fuͤr zarte Sorgfalt und Engel⸗Guͤte. 1I. Maͤdchen! rief er, als er nun mit ihr al⸗ lein war; Dich nenn' ich den Schutzgeiſt meines Lebens. Willſt Du auch forthin mein guter En⸗ gel ſeyn und als treue Gattin mir Lieb um Lie⸗ be geben? Errothend ſchlug Gretchen das ſchoͤne Auge zu Boden und rieb verlegen die kleinen Haͤnde. Rach einer Weile fuͤſterte ſie:„Gewiß, ich ha⸗ be Sie recht lieb, Gott weiß es! Aber ich bin auch dem armen Franz recht herzlich gut. Er ſpricht, er konne nicht leben ohne mich. Was ſoll aus ihm werden? Wenn Sie ihn zu ſich nehmen wollten, ſo waͤre dem auch geholfen; dann koͤnnte er mich immer ſehen! Was meinen Sie dazu?“ Das geht nicht an, gutes Maͤdchen! entgeg⸗ nete er. Du ſelbſt geſtehſt, daß Du ihm herz⸗ lich gut viſt; er liebt Dich. Wohin ſollte das fuͤhren? Nein, aber gern will ich fur ihn ſorgen, daß ihm nichts mangle. und biſt Du einmal von ihm entfernt, ſo wird er ruhig werden, ein C 84 anderes Maͤdchen finden, heirathen und zufrie⸗ den ſeyn. Glauben Sie wirklich?“ fragte ſie zweifel⸗ haft. Er nickte bejahend.„Nun wenn das iſt,“ ſprach ſie mit leiſem Seufzer,„ſo mag es darum ſeyn. Ich wiederhole es, Herr Dittmar, ich habe Sie ſehr lieb und moͤgte gern immer und ewig um Sie ſeyn. Sie ſind ſo ſehr gut und die Leute ſagen, Sie waͤren auch ſeinreit 3 das wahr?“ Allerdings— erwiederte er— beſitze ich ein nicht unbedentendes Vermoͤgen. „Und wenn ich Ihre Frau bin, werden Sie auch wol fuͤr meine lieben Eltern ſorgen, ſo recht wie ein Sohn? Nicht?“— Allerdings! verſicherte er. „Wenn Sie mir das verſprechen und auch den Franz verſorgen, ſo will ich Sie heirathen, wenn meine Eltern es zufrieden ſind!“ lispelte ſie, und ſah hinab auf ihr Buſentuch.— Ver⸗ laß Dich auf mein Wort! ſprach er. Ich bin ein ehrlicher Mann. „Sehn Sie nur, die Mutter weint oft in Stillen, wenn ich mit ihr allein bin,“ erzaͤhlte ſie;„ſie ſagt, unſer Herr, der Hecht naͤmlich— Sie muͤſſen es ihm aber nicht wieder ſagen— K v **—— 83 der iſt ein hartherziger Mann. Kann nun heut oder morgen mein Alter nicht mehr fort, ſo dur⸗ fen wir in unſern letzten Tagen noch den Bet⸗. telſtab in die Hand nehmen. Dieſe Klage der Mutter hat mich immer recht traurig gemacht. Nun iſt es gut; wenn Sie mein Mann werden, ſo hat Vater und Mutter zu leben, und es iſt nichts mit dem dummen Bettelſtabe. O, der Unterhalt der alten Leute wird Ihnen nicht viel koſten, ſie brauchen wenig.“ Ich nehme ſie zu mir, verſprach er. Dann biſt Du immer um ſie, und kannſt ſelber fuͤr ſie ſorgen. „Ja? O lieber Himmel, wie iſt das ſo ſchon! Welche Freude wird das ſeyn!“ jauchzte ſie.„O, das muß ich gleich Beiden ſagen!“ Und bei dieſen Worten ſprang ſie, gleich dem jungen Reh, zur Thuͤr hinaus. Der Ge⸗ danke an die gaͤnzliche Verſorgung der Alten und an deren beſtaͤndige Gegenwart bei ihr, ver⸗ . ſetzte ſie in das innigſte Entzucken, in welchem ſie alle uͤbrigen Empfindungen und Begriffe auf⸗ gab. C 2 — 36— 12. Der Freiwerber, begluͤckt durch der Gelieb⸗ ten freundliche zuſagende Antwort und ihre Kin⸗ desliebe bewundernd, ſtand einige Minuten ſchwei⸗ gend im Vollgenuß ſeiner Freude. Da trat der alte Forſter zu ihm ein. „Iſt es wahr, Herr Dittmar,“ fragte Traut, ſichtbar vergnuͤgt,„was mir das Maͤdchen ſagt?“ Ja, wuͤrdiger Greis! antwortete der Be⸗ fragte; ich war eben im Begriff, Euch um die liebe Hand meiner Retterin und um Euren See⸗ gen zu bitten. Gretchen iſt mir mit der Mel⸗ dung zuvor gekommen. Ich geſtatte mir hiermit jene Bitte. Antwortet guͤtig. 8 „Ach Herr!“ ſagte Traut;„das iſt ein großes Gluͤck fuͤr uns Alle, und ich fuͤr mein Theil gebe Ihnen auf der Stelle mit Freuden das Jawort, ſowohl fuͤr mich als fuͤr meine Frau; aber es iſt da noch ein Umſtand, der mich nöthigt, Sie um einen kurzen Aufſchub zu bit⸗ ten. Zudem iſt das Maͤdchen noch ſehr jung— Welch ein Umſtand? forſchte Edwin. Darf ich ihn wiſſen? „Freilich,“ erwiederte Jener,„es lebt eine Verwandte, die viel fuͤr Gretchen gethan hat, und die jetzt fern iſt. Wir muͤſſen ihre Einwil⸗ ligung zuvor nachſuchen; das iſt unſere Pflicht; aber ſie kann, ſie wird, wie die Sachen ſtehen, nichts gegen dieſe Verbindung haben. Das weiß ich ſicher. Beſorgen Sie deshalb nichts; in ſpaͤ⸗ teſtens vier Wochen kann Alles abgethan ſeyn; ſo lange gedulden Sie ſich.“ Edwins Antwort war ein graͤmliches Geſicht uͤber die unerwartete Verzogerung ſeines Gluͤk⸗ kes, das er, nach Gretchens Bejahung, ſchon ſo nahe waͤhnte; indeſſen mußte er ſich finden, und er gab nach; in dem Bewußtſeyn, daß dennoch die Hauptſache in Richtigkeit ſey.— Traut ſchien noch etwas auf dem Herzen zu haben, aber da kam, unter vielen Gluͤckwuͤnſchen und mit unaufhaltſamem Wortſtrom Regine, und er ſchwieg. Edwin blieb noch eine Stunde, ko⸗ ſend mit Gretchen und plaudernd mit der ge⸗ ſchwaͤtzigen, freudetrunkenen Alten. Als er ſich entfernte, begleitete ihn Traut, indem er eine Strecke neben dem Pferde her⸗ ging; und als der Alte Abſchied nahm, ſagte er halblaut:„Ich habe Ihnen noch etwas zu ſagen; aber Gretchen und mein Weib duͤrfen es nicht hoͤren. Ich komme in dieſen Tagen zu Ihnen hinuͤber! Somit ſprach er ſein Lebewohl, und 1 — 38— verließ den Reiter, dem die Neugier nach die⸗ ſem Geheimniſſe den Heimweg verlaͤngerte. 13. Gretchen war am ſpaͤten Abend nach ihrer Schlafkammer gegangen, da entſpann ſich noch unter dem Trautſchen Ehepaare ein Wortſtreit über die Angelegenheit, die Traut dem S Scheiden⸗ den zu offenvaren verſprochen hatte.— Du haſt groß unrecht, ſprach Regine, daß Du ihm die Sache anvertrauen willſt. „Aber Mutter,“ entgegnete Traut,“ ich te Dich, ſey doch nur einmal geſcheidt, und— Eben, weil ich es bin, ſiel ſie ein, ſo rathe ich Dir zu ſchweigen Du bedenkſt nicht, daß Du durch das Geſtaͤndniß uns um un⸗ ſere ſchone Hoffnung, um unſere ganze Verſorgung im Alter bringen kannſt. Weißt Du, ob Ditt⸗ mar nicht zuruͤck treten wird, wenn er erfaͤhrt, daß das Maͤdchen nicht unſere leibliche Tochter, ſondern ein Suͤndenkind iſt, das wir angenom⸗ men haben? He, haſt Du das auch bedacht? „Ja, ich hab es bedacht“ brummte der Alte. „Aber ich kann mir nicht helfen. Ich kann und will einen ehrlichen Mann nicht betruͤgen, der es mit uns und dem Maͤdchen gut meint. Beſ⸗ ſer, daß ich ihm jetzt alles ſage, jetzt⸗ da er Gret⸗ chen liebt, als daß er es hinterdrein von An⸗ dern erfaͤhrt. Jetzt iſt es noch moͤglich, daß er, von Liebe gefeſſelt, die Sache nicht zu Herzen nimmt. Wenn er ſpaͤter hinter die Sache kommt, zu einer Zeit dahinter kommt, da er nicht mehr zuruͤck kann, oder aber ſie nicht mehr ſo gern hat, und ſich durch uns getaͤuſcht ſieht, ſich unglucklich fuͤhlt, dann nennt er uns, wie billig, ſchaͤndliche Betruͤger, verachtet uns und haßt vielleicht gar ſein unſchuldiges Weib und verſtoßt es. Nein, lieber will ich betteln, ja lieber Hungers ſterben, als durch mein Schwei⸗ gen Gelegenheit zu ſolchem ungluͤck geben.“ Wie biſt Du denn? Wo ſind Deine Gedan⸗ ken, Alter! wandte ſie lebhaft ein. Auf welche Art, von wem ſoll er des Kindes Herkunft er⸗ fahren? He? Das Maͤdchen weiß nichts, haͤlt ſich fuͤr unſere wirkliche Tochter. Die Mutter hat uns das Kind als unſer Eigenthum uͤbergeben; ſie muß um ihrer Ehre, um ihres Gluͤckes wil⸗ len ſchweigen. Dazu lebt ſie weit von hier, und in unſerer ganzen Gegend gilt das Maͤdchen fur unſer juͤngſtes Kind. „Indere Zeiten, andere Meinungen; veraͤn⸗ derte Lage, andere Gedanken!“ bemerkte Traut. e 40— „Die Mutter kann in Verhaͤltniſſe kommen, in denen ſie es nicht fur nachtheilig haͤlt, Gretchen ihre Tochter zu nennen. Wie dann, wenn ſie erſchiene und ſelber den Mund oͤffnete? Wie ſtaͤnden wir da? Als Luͤgner, als Betruͤger! Rein, Regine, unſer Haar iſt mit Ehren grau gewor⸗ den. Laß uns nicht Schimpf und Fluch auf un⸗ ſere letzten Tage laden. Es bleibt dabei, mor⸗ gen am Tage wandere ich nach Feldberg hinuͤber und ſchenke ihm reinen Wein ein. Geh es, wie Gott will. Erklaͤrt er ſich guͤnſtig, ſo ſchreibe ich, meinem Verſprechen gemaß, ſogleich an die Mutter, ihr die Sachen zu melden, und um ih⸗ re Bewilligung zu bitten. So iſt es billig und recht. Und nun kein Wort mehr davon!“ Die Alte brummte noch eine Weile kraͤftig gegen Trauts Entſchluß fort; er that aber daſ⸗ ſelbe, was er bisher ſtets mit Erfolg gethan hat⸗ te; er ſchwieg ganz und gar zu der Gardinen⸗ predigt und ſtellte ſich, als ſchliefe er. Nun murmelte das Baͤchlein ihrer Rede immer leiſer und leiſer, bis endlich lautloſe Stille folgte.— Ein Fingerzeig fuͤr jeden Ehe Dulder, deſſen ſchoͤne Haͤlfte mit dem Widerſpruchs⸗Krampfe be⸗ haftet iſt, der noch laͤſtiger ſeyn kann, als der gefaͤhrliche Lach⸗ und Thraͤnen⸗Krampf. * — 41— Voater Traut zn⸗ wie er maͤnnlich und rechtlich beſchloſſen, am folgenden Morgen vor Dittmar, und beichtete ihm Wahrheit, unbeküm- mert, welche Folgen das offene Geſtaͤndniß ha⸗ ben moͤge. Pflichtmaͤßig entdecke ich Ihnen einen Um⸗ ſtand, Herr Dittmar, den Sie wiſſen muͤſſen, ſprach der biedere Greis. Entſcheiden Sie als⸗ dann, ob Sie bei Ihrem Vorſatz beharren oder davon abſtehen wollen. Gretchen iſt nicht mei⸗ ne Tochter, ſondern ein Pflegekind, ein unehe⸗ liches Kind, das in meiner Huͤtte geboren iſt und ich als eigenes Kind angenommen habe. Dieſem Geſtaͤndniß habe ich nur noch die hinzu zu fuͤgen: daß Sie mir gnzliches Stin⸗ ſchweigen geloben, wenn Sie Ihr Wort zuruck zu nehmen etwa fuͤr gut finden moͤgten. Edwin fuhr bei den erſten Worten etwas zuſammen; die Frage nach dem Reheren lag in ſeinem Antlitz. Jetzt reichte er, Schweigen ver⸗ ſprechend, dem Alten die Hand und forſchte dann nach dem Zuſammenhange. Traut erzahlte: Vor unſerer Verheirathung diente mein Weib auf einem Gute in der Nach⸗ barſchaft mehrere Vr 30. und beſaß das — 4— volle Vertrauen und Wohlwllen der Hausfrau, welche die Dienerin nur ungern entließ, als ich dieſe heimführte Regine war ihrer Gebieterin unentbehrlich geworden, und mußte ſie nach unſe⸗ rer Heirath noch jede Woche beſuchen; oft kam ſie auch zu uns, und war unſere Freundin, un⸗ ſere Wohlthaͤterin. Mein Weib gebar mir zwei Sthne und zwei Tochter, aber ſie Alle raffte fruh der Tod hinweg⸗ Regina erwartete ihre funfte Riederkunft, da beſuchte uns eines Tages unſere Gonnerin, die unterdeſſen Wittwe gewor⸗ den war. Ihr guten Leute, ſprach ſie geheimnißvoll, ollt mir einen Dienſt erweiſen, doch auch ve preche daß Alles unter uns bleibe⸗ Mei⸗ nes Brudels Tochter, ein ſonſt Muͤdchen, hat, ver durch Leichtſinn, Lieb' und Mein⸗ eid, eine Fehltritt begangen, und ſieht ihrer g entgegen; ſie iſt dieſe Nacht bei mir angeko en, und will ihre Niederkunft hier er⸗ warten; die Sache muß um ihres Gluͤckes, ſelbſt um meiner Ehre willen⸗ auf jeden Fall geheim bleiben; in meinem Hauſe aber iſt Entdeckung mnermeidlich. Wolt ihr nicht gegen eine Ent⸗ ſchädigung das arme Maͤdchen bei Euch aufneh⸗ nen?— unter den umſtaͤnden hatte ich kein 5 Bedenken. Wir ſagten zu. Die Perſon kam und gebar bei uns ein Maͤdchen: das iſt Gretchen. Einige Tage fruͤher ward mein Weib von einem Knaben entbunden; aber ach! auch dieſer ſtarb am Tage vor Gretchens Geburt. Regina ward nun der Kleinen Amme, und als die Frem⸗ de, die wir lieb gewonnen, und ihre Tante ver⸗ langten: daß wir das Kind bei der Abreiſe der Mutter zur Pflege behalten ſollten, waren wir es unter der Bedingung zufrieden: daß die Klei⸗ ne, die uns ſehr theuer war, uns als unſer ei⸗ genes Kind, als Erſatz fuͤr den Knaben, den wir jetzt eingebuͤßt hatten, uͤberlaſſen werde. Das gab die Mutter, obgleich unter tauſend Thrä⸗ nen zu; doch nahm ſie uns das Verſpehen ab: daß wir ihr von ihrer Tochter, beſonders bei wichtigen Vorfällen, immer Nachricht geben ſoll⸗ ten. Das gelobten wir, und ſo war die Sache abgethan, die vor Jedermann Geheimniß blieb, da ich meinen hingeſchiedenen Knaben im Stil⸗ len zur Erde beſtattet hatte, und das Kind der Fremden fuͤr das unſrige ausgab, das ich auf meinen Namen taufen ließ. Nur auf dieſe Wei⸗ ſe konnten wir der ehemaligen Gebieterin mei⸗ ner Regine, unſerer Goͤnnerin, ihre zahlloſen Wohlthaten vergelten, und uns die Freude ver⸗ ℳ — 44— ſchaffen, ein Kind um uns zu haben, deſſen Beſitz wir wuͤnſchten Die beiden Damen verlieſſen uns ſodann; wir haben die junge nie wieder geſehen, die al⸗ tere aber oft, und zuletzt noch, als ſie aus un⸗ ſerer Gegend ſchied und nach Preußen zog. Da⸗ mals zeigte ſie uns ihren neuen Wohnort an, wohin wir ihr die Nachrichten uͤber Gretchen ſenden ſollten. Das Mädchen iſt in der Mei⸗ nung aufgewachſen: daß ſie unſere leibliche Toch⸗ ter ſey; auch haben wir ſie, die wir lieben, wie ſie an uns haͤngt, immer mit Luſt als ſolche be⸗ trachtet, ſie gern bei ihrem Wahn gelaſſen. War⸗ um hätten wir ihr auch ſagen ſ en Du biſt ein uneheliches Kind⸗ eine vaterloſe Waiſe, de⸗ ren ſich die entfernte Mutter ſchämt!? Vie hůt⸗ e gute Seele ſo betruͤben können? Auf ſolche Weiſe iſt das Geheimniß wohl verwahrt geblieben; aber Ihnen, dem Braͤuti⸗ gam des Maͤdchens, muß ich es heut unter dem Siegel der Verſchwiegenheit offenbaren. Das fordert mein Gewiſſen, meine und Ihre Ruhe. 18. und wer iſt, wie heißt der Vater, die Mut⸗ ter? fragte Edwin mit gefurchter Stirn, auf 4 — 45„— welcher die leichte Unzufriedenheit mit der neuen Erfahrung ſich abſpiegelte. Der Name des Vaters iſt uns unbekannt, antwortete Traut, den Namen der Mutter wiſſen wir, haben uns aber verpflichtet: ihn ohne de⸗ ren eigene Erlaubniß keinem Menſchen auf der Welt zu nennen. Sie werden geſtatten, daß ich auch jetzt ihn verſchweige, bis ſie mir zu reden erlaubt. Edwin ging mit untergeſchlagenen Armen und ſchweigend durch das Zimmer. Er hatte dann ſeine neue Lage erwogen, ſeine Anſicht ge⸗ ordnet und gefunden: daß dieſe Veraͤnderung kei⸗ nen weſentlichen Einfluß auf ihn habe, daß er dieſerhalb das geliebte Maͤdchen weder aufgeben muͤſſe noch wolle. Er trat jetzt zu Traut und ſprach, indem er ihm die Hand reichte: Ich dank⸗ Euch, guter Vater, fuͤr Euer redliches Vertrauen. Mein Verſchwiegenheits⸗Geluͤbde werd ich erfuͤllen; ſchweigt auch Ihr wie nebrigens ändert dieſer umſtand in unſerm Ver⸗ hältniſſe nichts. Gretchen iſt ſchön, gut und die Pflegetochter wuͤrdiger Menſchen. Was kuͤmmert mich ihre uneheliche Herkunft? was das Verge⸗ hen ihrer Mutter, die vielleicht mehr ungluͤck⸗ lich gls laſterhaft war, ihres Vaters, den wahr⸗ — — 46— ſcheinlich ein hartes Verhaͤngniß um die Vater⸗ freude und den Vaternamen brachte? Alles bleibt unter uns beim Alten. Nur Eines iſt mir un⸗ lieb: die verhaßte Zögerung, welche Ihr fuͤr nothwendig haltet. Wer liebt, wuͤnſcht zu be⸗ ſitzen! Allerdings! ſagte Traut. Aber drei bis vier Wochen vergehen bald; und es iſt doch gut, und recht und billig: daß die entfernte Mutter um die Eheverbindung der Tochter wiſſe und ſie be⸗ willige. Da ſie aber ihr Kind aufgegeben, meinte Dittmar, es Euch gaͤnzlich uͤberlaſſen hat, und hier kein Grund zu einer Weigerung vorhanden ſeyn kann, ſo ſehe ich nicht ein, warum wir— Doch, Herr Dittmar, fiel der Alte ein, die Schicklichkeit, die Billigkeit und mein Verſpre⸗ chen legen mir die Verpflichtung auf, die Sie ſelbſt achten muͤſſen, wenn Sie ſich an meine Stelle denken. Was wuͤrden Sie in Zukunft von mir halten, wenn ich jetzt, Ihnen zum Ge⸗ fallen⸗ meine Zuſage broͤche? Ein wortloſer Mann iſt keinen Schuß Pulver werth! Sie wer⸗ den darum mich entſchuldigen und eine kurze Zeit noch abwarten.— Das gelobte denn end⸗ lich Edwin, wogegen Traut verſprach: die Sa⸗ Töchterchen gebar, Edwins Hermine war . — 47— che möglichſt zu beſchleunigen. So ſchieden die Männer von einander. Traut ſetzte ſich daheim ſogleich an den Tiſch und ſchrieb muͤhſam die Meldung an Gretchens Mutter: wie ein beguterter Freier, der Gutsbe⸗ ſitzer Herr Edwin Dittmar, ein Mann in den beſten Jahren, mit einem trefflichen Herzen und von dem vortheilhafteſten Rufe, um das Maͤd⸗ chen geworben habe, und der Geliebten Hand am Altare baldigſt zu empfangen wuͤnſche, wozu er denn die mütterliche Genehmigung erbitte, die ſie in moglichſt kurzer Zeit ertheilen moͤge. Dittmar war damit vor der Hand zufrieden, wartete jedoch ſehnſuͤchtig auf das bewilligende Ruͤckſchreiben. * 16. Hier nun, wo die Geſchichte ſchon ziemlich weit vorgeſchritten, hoͤlt der Verfaſſer, nicht we⸗ niger billig, als der alte Traut, es fuͤr recht und ſchicklich, auch offen zu handeln und den ge⸗ ehrten Leſern zu ſagen, was Mancher von ihnen vielleicht ſchon bei den letzten Abſchnitten der Darſtellung errieth oder vermuthete: daß jenes Maͤdchen, welche in Trauts Huͤtte insgeheim ein — 48— und folglich Gretchen Dittmars Tochter, die Frucht der innigſten Verbindung Beider iſt. Doch davon konnte weder er ſelbſt, noch Gret⸗ chen, noch deren Pflege⸗Eltern das Mindeſte ahnen. Hermine floh nach Edwins Entfernung mit ihrem Gram aus der Kaiſerſtadt hinweg, und zu der Tante, die in laͤndlicher Verborgenheit wohn⸗ te. Sie legte der Wittwe Dehner vertrau⸗ ungsvoll ihren grenzenloſen Kummer, ihre Ver⸗ zweiſſung und das Flehen um ſchonungsvolle Huͤlfe an das Herz, und die liebende Verwandte half wohlwollend und verſchwiegen, indem ſie die Aermſte in die unbeſuchte Huͤtte Reginens prachte. Was dort geſchah, und wie ihr Alles nach Wunſch ging, haben wir durch Träuts Er⸗ zaͤhlung erfahren. Hermine, die ihre Mutter⸗ ſchaft fuͤr immer verbergen zu muͤſſen glaubte, uͤberließ gern die Tochter dem Trautſchen Ehe⸗ paar, erfreut, um dieſen Preis ihr Geheimniß gut bewahrt zu wiſſen. Zudem liebte ſie das Kind nicht zu warm, das ſie an ihr ungluͤck, an ſeines Vaters Verrath erinnerte. Um jene Zeit ſaß Edwin bereits auf Ja⸗ maika, und erfuhr aus des Vaters erſtem Schrei⸗ bven Herminens angeblichen Ausſchweifungen. Nach „ — 49— Nach Wien zuruͤckgekommen, ſah dieſe ſich gedrungen, ſich mit einem ungeliehten Manne, dem Doctor Maaß, zu vermaͤhlen und ihm nach Berlin zu folgen. Auch war das wohlge⸗ than, denn wenig Monden darauf ging ihr Va⸗ ter in eine andere Welt. Hermine liebte den Gatten nicht, aber ſie ehrte ihn, ſeiner ruhigen Milde wegen, und zwang ſich ſo zu einem Benehmen, das er fuͤr einen Beweis ihrer Liebe nahm. Die Ehe blieb kinderlos, konnte aber nicht ungluͤcklich genannt werden.— Einige Jahre ſpaͤter trieb des Krie⸗ ges drangvolles Walten die gute Tante aus ih⸗ rem ſtillen Wohnort; ſie flchtete ſich nach Ber⸗ lin zu ihrer Nichte, und dankbar nahm Hermi⸗ ne ihre Wohlchäterin und Vertraute bei ſich auf. Durch dieſe erhielt ſie jetzt und ſpaͤter Nachrich⸗ ten uͤher ihrer Tochter gedeihlichen Zuſtand. Als Edwin bei Gelegenheit der Wolfs⸗ iagd durch Zufall in Trauts Huͤtte kam, wo er Gretchen ſah und lieb gewann, reiſete der Dortor Maaß, begleitet von Herminen und Frau Dehner, in Familien Angelegenheiten nach ſei⸗ ner in Heſtreich belegenen Vaterſtadt. Nach ei⸗ nem Aufenthalte von vier Wochen ſollte die Ruͤck⸗ reiſe nach Berlin angetreten werden, als eine D —— unpaͤßlichkeit Herminens Mann befiel, welche die Abreiſe hinderte und die Familie in dem Land⸗ ſtaͤdtchen feſthielt. Die letzte Nachricht uͤber Ed⸗ win hatte Hermine durch ihren Vater von dem alten Dittmar erhalten. Seine vermeinte un⸗ wuͤrdige Verratherei empoͤrte ſie im Innerſten; ſie beſtrebte ſich, ihn zu verachten, doch das miß⸗ lang ihr nicht ganz; ſie ſah ihn ſtets, verklaͤrt von Schoͤnheit und Jugend, vor ſich, und gedachte wider Willen der ſuͤßen Stunden an ſeiner Sei⸗ te, in ſeinen Armen, wie man ſich mit Luſt der heiteren Traͤume an ſchoͤnen Fruͤhlingsmorgen erinnert. Oft ſchalt ſie ſich ſelbſt um dieſer Schwaͤche willen in ruhigen Momenten, und doch ſchloß ſie in den naͤchſten wieder die Augen feſt zu, wenn Maaß ſie kußte, um mit Entzuͤk⸗ ken ſich wachend an Edwins Lippen zu traͤu⸗ men. Seine Ruͤckkehr nach dem Vaterlande blieb ihr gaͤnzlich fremd, da all ihre Beziehun⸗ gen mit jener Gegend, ſeit der Tante Entfer⸗ nung von dort abgebrochen waren, da ſie die Gattin eines Andern war. Wie konnte ſie auch⸗ bei dem, was ſie uͤber ihn zu wiſſen glaubte, der Wahrheit und ſeinen jetzigen Verhaͤltniſſen auf die Spur kommen! Edwin ſah in Herminen, ſeit er ſie füͤr ſch 5— verloren waͤhnte, eine Todte, und fragte nicht nach ihr; da aber das Bild der Treuloſen nicht ſelten ihn beunruhigte und wehmuͤthig ſuͤſſes Er⸗ innern und Sehnen in ihm weckte, ſo wollte er mit Gretchen ſich vermaͤhlen, um uͤber die Ge⸗ genwart die Vergangenheit zu vergeſſen.— und ſo folgen wir nun wieder dem Strome der Be⸗ gebenheiten mit der— freilich nicht neuen— Bemerkung: daß jene Macht, die wir Schickſal oder gufall nennen, oft noch ſeltſamere Launen hat, als die allerſchoͤnſte durch Gecken⸗Demuth und Weihrauchduft verwöhnte Kokette, was doch gewiß nichts Geringes heißen will. 15. Dittmar galt rings umher als Gretchens Verlobter, das Maͤdchen uͤberall als ſeine Braut. Heut war Edwin in Trauts Huͤtte, und morgen Gretchen mit den Eltern in Feldberg; die ganze Gegend ſprach von dem Gluͤck, das die ſchoͤne Jigertochter mache und Herr von Hecht ſchalt den Nachbar einen Thoren, der ſich, des Laͤrv⸗ chens wegen, eine Bettelprinzeſſin ſammt ihren hungrigen Alten, auf den Hals lade. Der ehrliche Franz war zu einem benachbarten För⸗ ſier in Dienſt gezogen, als Muhme Gretchen — 54— ihm geſagt: daß ſie Dittmars Frau werden wol⸗ le, um ihren Eltern ein ſorgenfreies Alter zu bereiten, was Franz ihnen ja doch, falls ſie ihn genommen, in Ewigkeit nicht haͤtte ſchaffen kon⸗ nen; und Franz hatte geantwortet; daß er kein Stbrer ſolchen Gluͤckes, aber auch kein Zeuge davon ſeyn moͤge. So war er unter Seufzen geſchieden. Edwin wartete mit großem Verlangen auf die Antwort von Berlin; ſie blieb lange aus⸗ Der Anblick der bluͤhenden Geliebten ſieigerte ſei⸗ ne Sehnſucht nach ihrem vollen Beſitz. Tage und Wochen vergingen; der als ſpateſtens be⸗ zeichnete Tag verſrich, der Brief kam nicht. Dittmar ward von Stunde zu Stunde un⸗ ruhiger und aͤußerte ſeinen Mißmuth. Va⸗ ter Traut ermahnte zur Geduld, Regina aber kopfſchuͤttelte und bedauerte den armen Herrn. Gretchens Mutter kann verſchollen, verſtorben ſeyn, bemerkte dieſer, und vergebens harren wir noch Monate lang auf einen Brief, deſſen In⸗ halt ja doch nur bejahend ſeyn kann. Beſſer waͤrs, wir feierten jetzt die Hochzeit und warteten dann die Einwilligung ab, die nicht ausbleiben kann! Regina meinte: das ſey gut; ihr Mann aber: das ſey uͤhel. Vergebens war der Alten — 53— Meinen, ruheloſes Plandern und Zureden bei Traut; er blieb felſenſinnig bei ſeinem Entſchluß, und verlangte: daß es bei dem alten Abkommen verbleiben und Edwin ſich gedulden muͤſſe. Dieſer brummte ein Lebewohl und ritt ubel⸗ gelaunt heim: Regina war in tauſend Aengſten, daß der reiche Herr im gerechten Verdruß ab⸗ ſpringen und das Maͤdchen ſitzen laſſen konne; doch auch dieſe Beſorgniß erſchutterte ihren Al⸗ ten nicht; noch mehr, er verbot ihr alle quaͤlen⸗ den Aenderungs Vorſchlaͤge. Der Bräutigam blieb zwei ganze Tage aus, Regina verging beinahe vor Furcht. Sie dachte hin und her, wie ſie den Freier beſaͤnftigen und feſthalten moͤge, und endlich ſiel ihr ein Mittel ein, daß ſie fuͤr zweckmaͤßig hielt, und welches ſie ihm ſogleich vorſchlagen wolite, wenn er nur noch einmal wiederkehrte.— und Edwin kehrte wieder. „ 18. Auch er hatte uͤber Mittel zum Zweck und Wege zum Ziel geſonnen, und war am Schluſſe der Grubelei dabei ſtehen geblieben: dem Alten die Verkuͤrzung der Friſt abzutrotzen. Eine Er⸗ dichtung ſollte zum Grunde ſeines Begehrens dienen. 83 hoſfe, Du wirſt vernuͤnftis ſeyn— Gott be⸗ — 54— Eben ſchickte Traut ſich an, in ſeinen Forſt zu gehen, als Dittmar in die Huͤtte trat, der ſodann planmaͤßig kuͤrzer, finſterer und kälter als je war. Im angeknuͤpften Geſpraͤch ſagte er zu Traut: daß er ihm jetzt die Wahl laſſe, ſeine unverzuͤgliche Vermaͤhlung zu bewilligen, oder die ganze Verbindung ruͤckgaͤngig zu machen. „Dringende Angelegenheiten nothigen mich,“ verſicherte er,„in wenigen Tagen eine Reiſe anzutreten, die mich einige Monate lang aus unſerer Gegend entfernt halten wird. Kann ich zuvor nicht die Hochzeit feiern, ſo leiſte ich mit Bedauern gaͤnzlich Verzicht auf Gretchens Be⸗ ſih!“ Regina erbebte bei der furchtbaren Dro⸗ hung. „Das thut mir leid, herzlich leid!“ entgeg⸗ nete der Alte.„Aber ich darf von dem, was ich fuͤr recht erkannt, nicht abgehn. Uebereilen Sie ſich nicht, Herr Dittmar!“ Die Alte murrte, wisperte ihre Meinung recht laut und ſtieß die Teller klappernd an ein⸗ ander, daß ihr Mann ihre laute Mißbihigung vernehmen ſollte. Aber der kehrte ſich nicht dar⸗ an.„Was giebt es da?“ fragte er barſch.„Ich fohlen!“ Zu Dittmar gewendet, ſprach er freund⸗ — 55— licher, indem er demſelben die Hand bot:„Wir ſprechen uns doch bald wieder!“ So nahm er die Buͤchſe, pfiff ſeinem Hector und ging nach dem Walde. Unſicher, was er nun ſagen oder thun ſolle, ſtand Dittmar, der des Alten letzte Aeußerung nicht beantwortet hatte, da, und ſchaute zum Fenſter hinaus, nach dem Hofe, wo Gretchen, begehrenswerther als jemals, beſchaͤftigt war, dem Geflͤgel Futter zu ſtreuen. Schweigend grollte er mit dem launenhaften Schickſal, das die Herrliche ihm noch auf lange hin entzog. „Hoͤren Sie, Herr Dittmar!“ fluͤſterte jetzt die Alte dicht hinter ihm. Er wandte ſich. Da ſand ſie mit liſtigem Antlitz vor ihm und z⸗ ſchelte:„Mein Alter iſt ein Brummbaͤr, mit dem nichts zu machen iſt, wenn er einmal ſei⸗ nen Kopf aufgefetzt hat. Mir aber wuͤrde es in der Seele weh thun, wenn die Sache zuruͤck ginge. Was meinen Sie, wenn Sie ſich ohne Vorwiſſen meines Alten trauen lieſſen?“ Dieſer Gedanke, den nur gutmuͤthige Wei⸗ berliſt finden konnte, fuhr ihm wie der Blitz durch den Sinn. Das war ihm nicht eingefal⸗ len, ſo nah es auch lag. Wie gern! erwiderte er. Doch, wird es angehen? 56 „Gar gut,“ antwortete ſie.„Mein Mann geht uͤbermorgen— das iſt ein Sonntag— zum Forſtmeiſter nach der Stadt und kommt erſt Montags Nachmittag zuruͤck. Sie laſſen uns mit Ihrem Wagen am Sonntag Vormittag ab⸗ holen; Ihr Prediger bietet Sie bei der Mor⸗ gen⸗Andacht ein fuͤr allemal auf, und traut Sie hinterdrein in Ihrem Schloſſe.“ Aber was wird Ihr Mann nachher dazu ſa⸗ gen? fragte er⸗ „Er wird allerdings bitterboſe ſeyn,“ ſprach ſie,„zanken, brummen, fluchen, toben. Aber was kann er machen? Was Gott zuſammen fuͤgt, ſoll kein Menſch ſcheiden! Was geſchehen iſt, macht er nicht ungeſchehen. Er fſindet ſich; das nehm ich auf mich. Unſers Gluͤckes wegen will ich einige boͤſe Stunden wol ertragen.“ und wird— wandte er ferner ein— Gret⸗ chen einwilligen? „Ach, das gute Kind thut, was ich will,“ entgegnete ſie;„uͤberdies aber werd ich ihr ſa⸗ gen: daß wir dem Vater eine heimliche Freude machen wollen; dann iſt ſie mit allem zufrieden.“ Edwin aͤußerte noch manches Bedenken, doch war es ihm damit nicht Ernſt, da er bei dieſem Vorſchlage leicht und ſchnell zum Ziele kam. Er — 37— willigte dankend ein, verabredete und uͤberſprach Alles noch mit der munteren Helfershelferin, und ſegnete ſtillentzuͤckt ihre Erfindung, die ihn auf die Tempel⸗Schwelle des Gluckes hob. Freu⸗ diger Ahnung voll, ſchlug er, als Gretchen nun erſchien, ſeinen Arm um die holde Jungfrau, bald ſein trautes Weib. 19. Der Sonntag daͤmmerte herauf. Traut war ſchon vor Tage auf, ruͤſtete ſich zur Reiſe, und beſtieg, an nichts Arges denkend, ſein Pferd, als eben der erſte falbrothe Strahl der Sonne die Morgennebel in ein Feuermeer verwandelte, das hoͤher und immer hoher hinauf wogte. Die duftige Himmelsblaue ward von duͤſterm Grau bedeckt, aus dem Nebel dunkles Gewolk, aus dem Weſtwind ein heulender Sturm. Schnell und tief ſogen ſchwarze Wolken, vom Orkan geſchlendert, nach Oſten hin. Um neun Uhr hielt Dittmars Wagen vor der Waldhuͤtte. Gretchen, die noch nicht erfah⸗ ren: warum die Mutter heut ſie ſo ſorglich ge⸗ ſchmuͤckt, trat im weißen Kleide aus der Thuͤr, und ſtieg, vom rauhen Wehen verletzt, unter Schauern ein. 55— Dahin rollte der Wagen durch den Wald, deſſen Wipfel vom Sturm gebeugt, erſeufzten. Zweige und Aeſte ſanken nieder; dumpf heulte und brauſete der Orkan durch die Baͤume, und aus blauſchwarzen Wolken ſtuͤrzten praſſelnde Schloßen auf die Decke des Wagens, klirrend an die Fenſier, ſtechend auf die Pferde, daß ſie ſchnaubend ſich ſchuͤttelten. Still aber war's im Wagen. Die Braut ſah ruhig hinaus in das Toſen der Zerſtorung⸗ wie die Unſchuld in die naͤchtige Zukunft. Sie war ſo gluͤcklich, denn fernher glaͤnzten ja durch ſie den Eltern goldene Tage. Regina aber ſchau⸗ derte in ihrer Ecke bei jedem Windſtoß; es war ihr oft, als draͤnge das Sturmgeheul ihr in die Bruſt und beruͤhrte die Saiten des Gewiſſens, die leiſe und doch bang ertonten; ſie aber ſprach in ſich:„Gut mein ich es, und will nur Gutes!“ O Eva⸗Regina! Den Apfel ſiehſt Du nur und nicht die Giftzunge der glaͤnzenden Schlan⸗ ge. Voreilig fuͤhrt die Selbſtſucht Dich und Deine Lieben in das Verderben der Reue, des Grames. Kurzſichtig reißt Deine Schlangenliſt den Vater an der Tochter Bruſt, die ſchuldloſe Tochter als Weib in des Vaters Arme, Beide in unnatuͤrliche Verbindung, Euch Alle in des — 509— Ungluͤcks wuͤſten Abgrund. Ein böſer Engel lei⸗ tet Dich, wenn Deinen biedern Gatten ein Schutzgeiſt umſchwebt. Er ruft Dir zu im Sturmgebrauſe:„Stehe ſtill! Es deckt Dein Haupt der Lebensreiff, weiß wie der Schnee, der eben uͤber Dein nahes Grab hernieder flockt. Willſt Du mit Leid hinunter fahren in die Gru⸗ be? Du ſaͤeſt Thraͤnenſaat und windeſt, ſtatt des Myrthenkranzes, die Dornenkrone um die Stirn der Braut!“ Doch die befangene Gluͤckstraͤu⸗ merin vernahm kein Wort der Warnung, und trug die Ruhe und das Gluck ſo Vieler dem Flammenſchwerdte des Schickſals blind entgegen. 90. Dittmar fuͤhrte daheim, wo Alles vorberei⸗ tet war, die Ankommenden in ſein Schloß; jetzt erſt erfuhr Gretchen, was man mit ihr vorhabe; ſie ſprach etwas dagegen; als ſie aber horte: daß Regina dem Vater nur eine freudige Ue⸗ berraſchung bereiten wolle, fuͤgte ſie ſich darein, daß ſie mit Edwin getraut werde. Die Mutter ſchlang jetzt die Myrthe in die blonden Locken der reizenden Braut, und ſeckte ihr den Ring an, den ſie bei der heiligen Hand⸗ lung verwechſeln ſollte. Tief erſeufzend dachte — 60— Gretchen an den armen Franz, aber laͤchelnd an der Eltern ſorgenfreien Lebensabend, und ging ſo mit dem Bräutigam nach dem Saale, wo hin⸗ ter dem kleinen weißbehaͤngten Tiſche der Geiſt⸗ liche ſtand, der es Herrn Dittmar, ſeinem Pa⸗ tron aufs Wort glaubte: daß Traut mit Allem einverſtanden ſey, und nur durch dringende Be⸗ rufsgeſchaͤfte gehindert werde, der feierlichen Handlung beizuwohnen. Daſſelbe glaubte auch der als Zeuge gegenwaͤrtige Doctor Dittmar. Jedes Hinderniß iſt gehoben, nichts der Trau⸗ ung im Wege. Sie beginnt in geſetzlicher Form. — Koſend leitet Edwin ſeine Holde an den Al⸗ tar⸗Tiſch, zu dem Geifllichen. Der redet in der kurzen Einleitung von dem ſchonen Zweck und ſuͤßen Gluͤck der Ehe, ſpricht ein bezie⸗ hendes frommes Gebet, und ſchreitet dann, von dem Brautpaare die Ringe begehrend, zu den feierlichen Gebraͤuchen ſelbſt fort.— Da entſteht draußen plotzlich ein Geraͤuſch. Man horcht. Stimmen rufen:„Haltet, haltet ein!“ Die Thuͤre jliegt auf, und herein ſtuͤrzt der alte Föorſter, hinter ihm eine Dame in Trauer. „Eingehalten, Herr Prediger!“ ſchrie Traut. „Ich mache Sie vor dem Himmel verantwort⸗ lich!“ — 61— „Sie verbinden den Vater mit der Toch⸗ ter!“ rief die Dame, zwiſchen Edwin und Gret⸗ chen tretend und ihre Haͤnde trennend. Es war Hermine. Geiſterbleich und bebend ſtand der Braͤuti⸗ gam da, weinend die Fremde, zuͤrnend der Alte, ſtaunend jeder Zeuge. Mit einem Stoßgebet ſank Regina beſinnungslos in einen nahen Seſ⸗ ſel; erſtarrt ließ der Geiſtliche die aufgehobenen Haͤnde ſinken, und Gretchen lehnte, von einem Schwindel befallen, blaß und geſenkten Blickes an dem Tiſche, gleich dem raſtenden Todesengel nach der Vernichtung des bluͤhenden Lebens. Ein grauenvolles Schweigen lag auf der Grup⸗ pe der Erſchreckten. 21. Wie die Rettung des Paares aus ungluͤckli⸗ cher Verwirrung zu guter Stunde kam, erfahren wir in Folgendem; und wer fruͤher mit mir die finſtere, neckende Laune des Schickſals ruͤgte, der preiſe nun auch hier die heitere„verſohnen⸗ de Wunderkraft. Hermine lebte in Oeſtreich, als Trauts Schreiben in Berlin eintraf; der Brief blieb in ihrer Wohnung daſelbſt einige Tage liegen und — 62— ward dann mit andern Sachen ihr zugeſandt. Sie empfing die Meldung am dritten Tage nach der Beerdigung ihres Mannes. Die Wittwe, von dem Verewigten zur Allein⸗Erbin ein⸗ geſetzt, trauerte ſtill aber tief um den Edlen; da kam der Brief, der ihr— o Wunder! von Edwin Dittmar Meldung that. Staunend las ſie, wie er wieder in Deutſchland lebte, um Gretchen warb und folglich unvermaͤhlt war, mindeſtens jetzt. Oft hatte ſie in ſtillen Stun⸗ den ihn ſchuldlos, verläumdet gedacht, und mit hellerem Farbenton ſtand jener Traum jetzt wieder in ihrer Seele. Sie war nun Wittwe. Die erſte Liebe iſt allmaͤchtig und unendlich wie Jehova ſelbſt, der Urquell der Liebe. Edwin zu ſehen und zugleich ſeine entſetzli⸗ che Verbindung mit der eigenen Tochter zu ver⸗ huͤten, entſchloß ſie ſich zur ſchleunigſten Abreiſe nach Suͤd⸗Deutſchland. Die Ausfuͤhrung folg⸗ te ſchon am naͤchſten Tage, nachdem ſie die Tan⸗ te Dehner gerichtlich zu ihrer Stelivertreterin in der Erbſchaftsſache beſtimmt hatte.— So war begreiflich, zu Dittmars Verdruß, ihre Ant⸗ wort gaͤnzlich ausgeblieben. Viter Traut war in der Stadt angekom⸗ men, hatte ſeinen Forſtmeiſter unpaͤßlich gefun⸗ — 63— den, die Weiſung zum Wiederkommen auf mor⸗ gen erhalten, und fragte im Poſthanſe nach dem endlichen Eingange des Briefes aus Berlin; da ſteigt dort eine Dame aus dem Reiſewagen. Kaum erblickte ſie den Forſter, ſo rief ſie ſeinen Namen; er erkannte Hermine, Gretchens Mut⸗ ter und erzaͤhlte. Sie bat um ſeine Begleitung nach der Huͤtte; er ſagte zu, und ſie fuhren. Weder Gretchen noch Regina war daheim; ſie ſeyen nach Feldberg abgeholt, hieß es. Hermi⸗ ne wollte eiligſt nach, der Poßtknecht fuhr, ge⸗ gen ein namhaftes Trinkgeld, Beide dahin. Faſt Riemand wurde ihre Ankunft im Schloſ⸗ ſe zu Feldberg gewahr, denn Alles war bei der Trauung im Saale, deſſen Fenſter hinaus nach dem Garten ſahen; nur ein bekannter Diener Dittmars rief dem Förſter vertraulich zu:„Sie kommen noch zurecht; eben geht es im Saale vor ſich!“ Was geht da vor ſich? fragte der Alte.„Nun, die Trauung!“ Hermine erblaßte, Traut aber, immer beſonnen, rief ſein: Halt! und zog die Wankende mit ſich fort in den Saal, wo ihre Ankunft den ſchlimmen Irrthum in Staunen und Schreck gufloßte. 64 22. Regine kam, als der Geiſtiche und jeder Ueberfluͤßige entfernt war⸗ aus dem Regen in die Traufe, aus der Ohnmacht in einen Wolken⸗ pruch gerechter Vorwuͤrfe von Seiten ihres Al⸗ ten.„Der grade Pfad, ſprach er am Schluſſe der Verweiſe,„iſt ſiets der ſicherſte, und nur zu oft faͤngt die Schlauheit ſich im eigenen Netze. Mich hat der Sinn fuͤr Redlichkeit und Schicklichkeit immer gut geleitet!“ Zerknirſcht bat ſie um Verzeihung und entſchuldigte ſich mit dem Gutmeinen. Unter Edwin und Hermine fanden ſich bald wechſelnde Erzaͤhlungen, Erklaͤrungen, Berichti⸗ gungen und in ihrem Gefolge vefriedigende Auf⸗ klaͤrungen. Man bewies ſich gegenſeitig: daß der alte Dittmar in verkehrter Eigenſucht den Einen wie den Andern mit falſcher Meldung betrog.— Die Verſohnung mußte erfolgen, ibre Seelen waren ſtets verwandt geblieben; leicht einte man ſich auch wieder in den aͤußeren Be⸗ ziehungen. Edwin tauſchte fuͤr die Tochter die Mutter ein, die freilich im vier und dreißigſten Lebens⸗ jahre nicht mehr wie Gretchen bluͤhte, die ihn iedoch ehemals ſo hoch begluͤckte, an der immer ſein — 65— ſein Herz liebend hing, und welcher er nun Er⸗ ſatz fuͤr mehr denn ſechszehn liebeloſe, kummer⸗ volle Jahre ſchuldig zu ſeyn glaubte; und die Wittwe, noch nicht ganz verbluͤht, noch immer in der Fuͤlle der Lebenskraft und Liebenswuͤrdig⸗ keit waltend, geiſtvoll, lebhaft und gut, reichte frendig dem wiedergefundenen Braͤutigam die Hanb, als die geſetzliche Trauerzeit vergangen war. 3 Wohl zauberte dieſes Wiederfinden nicht die Bluͤthen⸗ und Flammenzeit der Jugend, nicht das gluͤhende Entzuͤcken im Lebenslenze zuruͤck, doch erſtaͤrkten die Zufriedenen ſich mit ruhigem Blick im heiteren, waͤrmenden Strahl der Son⸗ ne des Fruͤhherbſtes, und pfluͤckten auf dem um⸗ grünten Pfade noch manche duftende Blume. Sechszehn finſtre Jahre lagen freilich wie graue Donnerwolken noch in ihrem Geſichtskreiſe, aber ſie lagen doch hinter ihnen. Das Gewitter war voruͤber, und wenn ſein Blitz gleich ſchoͤne Bluͤ⸗ then, Keime und Fruchte zerſtört hatte, ſo beleuch⸗ tete doch die Sonne noch immer einen verſchon⸗ ten hohen Reichthum, eine frendenreiche Erndte. Die Erinnerung an uͤberſtandene Leiden iſt auch ein Gluͤck! Am Herzen der Mutter lispelte Gretchen E — 6b— den Namen: Franz, und der ehrliche Burſche empfing jetzt mit ihrer Hand lohnende Vergel⸗ tung fuͤr das maͤnnliche Entſagen, ſ ie in dem Stillgeliebten das erſehnte Gluͤck. Was ſie im Geiſte edler Kindesliebe, mit eigener Opferung gewollt, that Edwin, indem er den ergreißten flege⸗Eltern ſeiner Tochter einen lebenslaͤng⸗ lichen, reichlichen unterhalt in ſeinem Hauſe ſicherte. Als vollſtäͤndige Entwickelung gilt die voll⸗ zogene Doppel⸗Vermaͤhlung Edwins mit Her⸗ minen, Gretchens und Franz, und beiſammen lebt, nach Lebensſtuͤrmen, in geraͤuſchloſer Ruhe und friedlichem Genuß, was Lieb und Treue, Zuneigung, Wohlthun und Verhaͤngniß zu ein⸗ ander fuͤhrte; ein freundlicher Kreis guter Men⸗ ſchen! II. Gleich 1n. d. S leich, , S 1. Mu gefurchter Stirn ſah Herr Seeger am Montag Morgen, lange nach neun uhr, in ſein Komtvir und fand es wuͤſt und leer wie die Welt am Morgen des erſten Schopfungstages. Un⸗ willig ſchob er die Sammtmutze von einem Ohr zum andern, zerrte den Schlafrock gleicherma⸗ ßen heruͤber und hinuͤber, und zog die Augen⸗ braunen dicht zuſammen doch all dieſe Bewe⸗ gungen brachten weder ſeinen Sohn Otto, noch tie beiden Komtvirdiener auf ihre bden Nätze im Schreibezimmer. Die Lippen im ſillen Grimm zwiſchen die Zaͤhne klemmend, ging er zu ſeinem Stuhl hin, und entwarf dort eine Buß⸗ und Strafpredigt fuͤr die Saͤumigen, abſonder⸗ ich aber fuͤr den Herrn Sohn, der ſeine Galle ————— — 68— um ſo mehr aufregte, als er ihn fuͤr den natuͤr lichſten Aufſeher uͤber die Gehuͤlfen anſah. Und eben Er gab jenen ein ſo uͤbles Beiſpiel. Der ſollte aber auch die ganze Ladung der Vorwuͤrfe empfangen, zu denen er bereits ſeit geraumer Zeit uͤberreichen Stoff geſammelt hatte. Leider fehlte es ihm nicht an der nöthigen Zeit, ſeine S afrede vollkommen durchzudenken und gehbrig zu ordnen, denn erſt nach zehn Uhr traten die Gehuͤlfen ein. Brummend erwider⸗ te er den Morgengruß derſelben und begann die Einleitung der entworfenen Strafpredigt mit der Bemerkung, daß es ſchon etwas viel uͤber neun Uhr hinaus ſey, wo man die Arbeit anfangen ſolle, und vermeinte ſie nach vorgebrachter Ent⸗ ſchuldigung baldigſt fortzuſetzen. Aber Herr Fink, der aͤlteſte von Beiden, ſchien nicht ein wenig verlegen um die Antwort zu ſeyn, vielmehr ſah er den vorgeſeßzten Redner mit geradem, klaren Blick an, und ſprach feſt und mannhaft alſo: Wie ich meine, Herr See⸗ ger, ſollten Sie in ſechszehn Jahren meine Puͤnktlichkeit und aͤngſtliche Ordnungsliebe wol erprobt haben, und vorausſetzen, daß ich nicht Schuld an der Verſpätung ſey, die mir ſelbſt ſo unangenehm iſt. Mit dem Schlage neun Uhr — 69— befand ich mich, ſammt dieſem Herrn Soltzer hier zur Stelle; wir fanden indeſſen den Schrank, in welchem alle Buͤcher und Papiere ſind, ver⸗ ſchloſſen und den jungen Herrn, der den Schluͤſ⸗ ſel bei ſich fuhrt, noch nicht anweſend. Da ging ich zu ihm auf ſein Zimmer, den Schluͤſſel zu fordern. Beſagter Schluͤſſel war jedoch nicht aufzufinden, und erſt nach einer Weile beſann der junge Herr ſich, daß er ihn geſtern Abend im Liebhabertheater in der Weſte ſtecken laſſen, die er als Predigerſohn in dem Maͤdchen von Marienburg getragen hat. Da begab ſich denn gegenwaͤrtiger Herr Soltzer nach der Garderobe, ſuchte unſern Schluͤſſel, fand ihn, und— ſo ſind wir jetzt erſt, doch gegen unſern Willen, ſo ſpaͤt hier. Der alte Herr ſah ſich nun ſelbſt zur Bitte um Entſchuldigung genoͤthigt, beſchloß aber auch, dem Herrn Sohn, wider den natuͤrlich nun ſein Lanzer Zorn ſich wendete, den Kopf tuͤchtig zu waſchen, und ſo dem ganzen Dinge mit der Schaubuͤhne, die den Otto ſo ganz beſchäftige, wo moglich ein vollſtͤndiges Ende zu machen. In dieſem Sinne ſchloß er das Geſpraͤch, und murmelte nur noch etwas uͤber die„dumme Gaukelei“ und ſo weiter. — 70— unterdeſſen hatte Herr Fink den Schrank ge⸗ öffnet, einen Brief hervorgenommen und fragte: „Wie wollen wir es mit dem pohlniſchen Ge⸗ treide halten? Vom Rhein her bietet man uns nur drei Prozent Gewinn; in acht Tagen koͤnnen wir aber wahrſcheinlich zehn vom Hundert er⸗ halten“ Weg damit! antwortete Seeger. Mit drei Prozent nach dem Rhein. Schreiben Sie. „Da verlieren wir aher.“— Sieben Prozent am Gelde, gewinnen aber ſiebzig Prozent am Be⸗ wußtſeyn und Gottesſegen, und dem Vaterlande werden vielleicht ſieben Prozent Menſchen erhal⸗ ten, die außerdem am Hunger⸗ oder Mangeltode ſterhen. Sehn Sie, Herr Fink, der Kaufmann, dem es bei dem erſten unentbehrlichſten Lebens⸗ mittel zur Zeit der Noth auf einige Prozente an⸗ kommt, iſt kein Kaufmann, ſondern ein Scha⸗ cherjude. Das war ich nie, und mag, ſo Gott will, es auch nicht erſt werden. Fort alſo mit dem Brodkorn! Endlich,— es war lange nach zehn Uhr— ſchlich Otto, langſam und unwirſch, wie der Bauer zum Frohndienſte herein, und ſtellte ſich mit einem halblauten: Guten Morgen! dem Va⸗ ter gegenuͤber, auf deſſen Stirn ſich bei ſeinem Anblick die Wolken verdichteten/ aus denen es blitzen ſollte⸗ — g. Da der alte Herr jedoch den jungen Mann, der immer ſein Sohn blieb, und der von Ju⸗ gend auf ein reges Ehrgefuͤhl beſeſſen, ſchonen zu muͤſſen glaubte, ſo berief er ihn zur Auhs⸗ rung der Bußpredigt auf ſein Zimmer, und be⸗ gann dort unter vier Augen, ihm den Tert zu leſen. „Hoͤr Otto“— ſprach er—„ich hab es gaͤnzlich ſatt mit Deiner Nachlaͤſſigkeit in Ge⸗ ſchaͤften, und es iſt das letzte Mal, daß ich mit Dir daruͤber reden will. Alles, was ich denke, ſollſt Du erfahren. Sage mir, biſt Du noch ent⸗ ſchloſſen, Kaufmann— das heißt ein in allen Dingen vernuͤnftiger, ordentlicher und zuverlaͤſ⸗ ſiger Menſch— oder Schauſpieler und Komb⸗ dienſchreiber zu werden?“ Dieſe Frage, mein Vater!— entgegnete der Sohn— Sie haben mir fruͤher erlaubt— „„Einige Rollen im Liebhabertheater zu uͤbernehmen. Ja. und das wuͤrde ich Dir auch noch heute erlauben, weil ich jedem Menſchen eine anſtaͤndige unterhaltung und Erheiterung, die außerdem anderen Leuten Vergnugen macht, gonne, weil ich kein pedantiſcher Brummbaͤr bin. Aber ich habe Dir keinesweges geſtattet, Dein Brodgeſchaͤft zur Nebenſache und das Schauſpiel zur Hauptſache zu machen, wie Du thuſt. Sieh, ich vin gutiger gegen Dich geweſen als der Schöpfer gegen die erſten Menſchen. Sechs Tage ſollſt Du arbeiten und am ſiebenten ruhen von Deinen Werken! ſprach der Herr; ich aber gab Dir ſechs Abende und einen ganzen Tag zu einer Erholung, die Dir Freude macht. Du aber nahmſt ſtatt des dargebotenen Fingers die ganze Hand. Das iſt nichts. Entweder Du biſt von heute an wieder erſt Geſchaͤftsmann— wo⸗ zu Du gute Anlagen, Kenntniſſe und Fertigkeit beſitzeſt— und Schauſpieler, wenn Du Muße haſt, oder Du hoͤrſt in der zweiten Quglitaͤt gaͤnzlich auf. Erklaͤre Dich daruͤber!“ Mein Gott, ich arbeite ja. „Nebenher, um den alten Vater bei noth⸗ duͤrftiger Laune zu erhalten; Dein eigentliches Denken und Trachten iſt aber die Schaubuͤhne. Das darf Dein Lebenszweck nicht ſeyn, obwohl dergleichen jetzt die Modethorheit iſt.“ Ich geſtehe gern, daß die trockenen Zahlen und Arbeiten—„Mich auekeln? Nicht wahr? Aber die feuchten Dramen und Tragodien ſchreibſt und ſprichſt Du mit Luſt. Die troctenen Zah⸗ len bringen Brod und Wohlſtand, wo dieſe nur — 73— zu oft Beides koſten. Mein Sohn, das iſt die verkehrte Welt.— Sieh, ich habe Dich be⸗ obachtet. Dſt biſt kein Genie; Du kannſt nur das leiſten, was der Fleiß hervorbringt. Haͤtteſt Du Anlagen zu einem ausgezeichneten Dichter, ſo wuͤrde ich aus herzlicher Achtung fuͤr eine ſchoͤne erheiternde Kunſt Dich gewaͤhren laſſen und ſprechen: Zieh hin, mein Sohn, den Weg, den der Geiſt Dich fuͤhrt! Da ich aber Deine Faͤhigkeiten genau kenne, und weiß, wie ſehr Du Dich anſtrengen mußt um nur etwas Er⸗ traͤgliches zu machen, ſo will die Vaterpflicht, daß ich Dich zuruͤckhalte. Du wirſt nie ein Garrick oder Eckhof, nie ein Schiller oder Sha⸗ keſpeare werden, und da jeder Halbmeiſter oder Viertelsmeiſter in der Kunſt ein erbaͤrmliches Geſchoͤpf iſt, ſo ſpreche ich: Laß ab und werde ein ganzer Kaufmann! Verſprich mir alſo, das Theater und die Schriftſtellerei. fuͤr einige Zeit aufzugeben.“ Das kann ich nicht. „Ich bitte Dich darum, mein Sohn!“ Unmoglich, ich lebe ganz in der Kunſt, der göttlichen; mein Daſeyn iſt aufs innigſte mit ihr verſchmolzen. „Floskeln! Beweiſe mir, daß Du kein Thor ½ 5 — piſt, daß Du meine Vaterſorgen und Vatertreue anerkennſt.“ Mein Herz liebt und ehrt Sie unendlich⸗ aber Ihnen hier zu gehorchen, vermag ich nicht. Außerdem fordert mein Verhaͤltniß zu Emilie Meinert, das Sie billigen, mein Ausharren⸗ „Gleich und gleich geſellt ſich! Emilie iſt eine Schauſpielnaͤrrin geworden/ wie Du ein Narr⸗ Als ich ſie zu Deiner Gattin beſtimmte, wart ihr Beide noch nicht Komddientoll; jetzt aber ſag ich: daraus kann gleichermaßen nichts wer⸗ den. Gott verzeih mirs, ich glaube, ihr wuͤrdet ſtatt Kinder nur Trauerſpiele in die Welt ſetzen, und wo ich Enkel zu erhalten hoffte, fände ich ruͤhrende Schauſpiele. Das aber ware fuͤr mich das groͤßte Trauerſpiel. Wein, dies Verhaͤltniß ſoll auch enden!“ Nimmermehr. „Wie? Ein Wort zwei Jahren ließ ich Dir die Beſtimmung. Du waͤhlteſt den Kaufmanns und darum ſollſt Du dabei bleiben. Laß doch ſehen, weſſen Wille reiner, feſter iſt und folglich gelten ſoll. Entweder Du gehorchſt mir im Be⸗ treff der Buͤhne, un yin, daß ſie davon avlaßt, oder Du gehſt aus fuͤr tauſende. Noch vor freie Wahl Deiner ſtand, d bringſt auch Emilien do⸗ . — — meinem Hauſe und lebſt fuͤr Dich und ganz durch Dich, bis Du zur Einſicht des Beſſern gelangt biſt. Einen Monat haſt Dn Bedenkzeit!“ Sie koͤnnten mich aus dem Hauſe weiſen? „Wahrhaftig, das kann ich, weil ich es muß, um mein Gewiſſen frei und rein zu erhalten. Der Arzt der ſich ſcheut, dem Kranken zur rech⸗ ten Zeit bittere Mittel zu verordnen, iſt ein weichlicher Stuͤmper. Ich weiß, was ich thue! Genug, in Monatsfriſt wirſt Du Dich erklaͤren. Bis dahin kein Wort mehr uͤber den aͤrgerlichen Handel!“ Sprachs und ging aus dem Zimmer. 3 Duͤſter und wortlos, im Innerſten gekraͤnkt und verwundet, ſtand Otto einen Augenblick in ſich verloren. Der Blick auf ſeine Lage war troſtlos. Zwar kannte er des Vaters guten Wil⸗ len, doch hielt er ihn fur zu aͤngflich, zu vor⸗ urtheilvoll; zudem hatte der alte Herr ihn bei der empfindlichſten Seite gefaßt, indem er ihm die Kuͤnſtlerfaͤhigkeit abſprach. und wenn er wirklich gefuhlt hätte, daß Papa Recht hatte, ſo wurde er das nie eingeſtanden haben; Ottv war am ſſolzeften auf das, was er als poetiſcher — 75— Kuͤnſiler geleiſtet hatte. Er konnte die Schau⸗ ſpielkunſt weder ganz noch theilweiſe aufgeben, denn er liebte ſie mit Leidenſchaft. Er konnte die Liebhaber⸗Schaubuͤhne nicht verlaſſen, denn dort hatte er Emilien kennen gelernt, und war, angeregt durch Schonheit und Talent der rei⸗ zenden Mitſpielerin, als deren Liebhaber er kraft ſeiner Rollen bei faſt jeder Vorſtellung erſchien, mit ihr in ein ſchones, von ſeinem Vater und Emi⸗ liens Oheim erlaubtes, Verhaͤltniß getreten; ihr Lob hatte ihn erhoben und beſeeligt, denn ſie war Dichterin und Verfaſſerin mehrerer Klei⸗ nigkeiten in geleſenen Taſchenbuͤchern und Zeit⸗ ſchriften und folglich kompetente Richterin in Kunſt⸗ und Geſchmacksſachen. Von ihr ermuntert, hatte er ſogar ſeit Kur⸗ zem ein romantiſches Schauſpiel zu ſchreiben an⸗ gefangen, und ſie, die gleichfalls eine Schickſals⸗ Tragödie faſt beendigt, ſprach ein ziemlich guͤn⸗ ſtiges urtheil uͤber die vorgeleſenen Stellen aus. und nun ſollte er all dieſe Freudenbluͤthen wel⸗ ken ſehn, alle Wonnen, welche Kunſt und dichte⸗ riſche Liebe gewaͤhren, für einen Platz am Haupt⸗ buche hingeben! Das war zu viel, und in ihm eimte und reifte ſchon jetzt der Entſchluß, ſeine uUnabhaͤngigkeit und Selbſiſtaͤndigkeit zu bewah⸗ —.—..——————————— — 77— ren, und eher das Vaterhaus zu verlaſſen, wenn es unvermeidlich ſey, als ſeine reizendſten Freu⸗ den und Genuͤſſe kraft des vaͤterlichen Gebots aufzugeben. Dieſer Vorſatz ward noch befeſtigt, als er Geliehten ſeine Unterredung mit dem Va⸗ ter mittheilte und ihren Rath und ihre Mei⸗ nung in der Sache forderte. Ich wuͤrde Sie nicht mehr lieben koͤnnen, ſprach Emilie, wenn Sie hier nachgaͤben. Auch ich bin bereit, der Kunſt jedes Opfer, ſey es auch das koſtbarſte, zu bringen. So waren ſie einig. Von nun an beſuchte der junge Mann das Komtvir nicht mehr, miethete eine Wohnung füͤr ſich, und erklaͤrte am beſtimmten Tage dem Vater ſchriftlich, daß er das vaͤterliche Haus verlaſſen werde, und von ſeinen Arbeiten als Dichter und Schriftſteller leben zu können hoffe. Und in dem Augenblick, als dieſe Erklaͤrung abgeſandt wurde, hatte er bereits all ſeine be⸗ wegliche Habe nach der nenen Wohnung geſchafft. 4. Der alte Seeger, der die Menſchen über⸗ haupt und ſeinen Sohn beſonders ziemlich ge⸗ der — 78— nau kannte, hatte Otto's Entſchluß vorausgeſe⸗ hen, und war bei dem Empfange der Erklaͤrung zwar betruͤbt, aber nicht erſchuͤttert. Er ant⸗ wortete ruhig aber feſt: er wuͤnſche ihm Gluͤck zu jedem ſeiner Schritte, und erinnerte ihn nur, daß er in der Verirrung nicht zu weit gehen und ſein Heil nicht ganz aus den Augen verlie⸗ ren moge. Zugleich gber ließ er auch in das bffentliche Blatt ſeines Wohnortes die Anzeige einruͤcken, daß Otto nach guͤtlicher Ueberein⸗ kunft mit ihm, ganz fuͤr ſich und unabhaͤngig von dem Vater lebe, weshalb Jedermann, der mit Otto in irgend ein Geſchoͤft oder eine Ver⸗ vindung treten wolle, ſich lediglich an denſelben wenden und halten muͤſſe. Der junge Mann war nun, ſeinem Wunſche gemaͤß, eben ſo unabhaͤngig, wie Emilie, die dem milden friedlichen Oheim in der Rechtfer⸗ tigung ihres Thuns ſo lange widerſprochen hat⸗ te, bis er, des Zwiſtes uͤberdruͤßig, nachgab und ſie gewoͤhren, das heißt; Rollenſpielen und Dich⸗ ten, ließ. Sie ſowohl, als Otto, waren jetzt uͤberaus fleißig bei der Bearbeitung ihrer dramatiſchen Werke, und uͤberſelig in dieſem Treiben. Um dieſelbe Zeit kam der Sekretair Sandau⸗ —— ⸗ Otto's Jugend⸗ und Buſenfreund, von einer Reiſe zuruͤck, und horte mit Befremden, was waͤhrend ſeiner Abweſenheit zwiſchen den bei⸗ den Seegers vorgefallen war. Der weltkluge, ſtets heitere und ſeinem Freunde ganz ergebene Mann ſchuͤttelte gewaltig den Kopf zu Otto's Schritte. Er hatte, hinſichtlich der Schaubuͤhne, ſo manche Erfahrung gemacht, und bedauerte den armen Freund, der, von einem Irrlichte geblen⸗ det und verlockt, einen ſo uͤbeln Weg einge⸗ ſchlagen hatte. Alsbald richtete er ſeine Schritte nach Ot⸗ to's Wohnung, und trat zu dieſem ein, der mit ſeinem Drama veſchaͤftigt war. 5. „Aber Herzensfreundchen,“ ſprach Sandau nach den erſten Begruͤſſungen:„was haben wir gemacht? haben die Fleiſchtopfe Egyptens ver⸗ laſſen, und das Vaterhaus, wo Milch und Ho⸗ nig ſleußt, um in der Wuͤſte Heuſchrecken und verhungerte Wachteln zu ſpeiſen?“ Otto erzaͤhl⸗ te ihm nun alles, und rechtfertigte ſeine Hand⸗ lung durch die gluͤhende Liebe fuͤr die Kunſt, durch ſeinen Sinn fuͤr Unabhaͤngigkeit. „Die Kunſt, die Kunſt!“ ſprach Sandau — 8 am Schluſſe der Darſtellung,“ ja, die Kunſt iſt ein Leuchtthurm in der Stockfinſterniß des All⸗ taglebens. Das bleibt ewig wahr; aber eben ſo wahr iſt es, daß unter gewiſſen umſtaͤnden die Kunſt noch eine zweite Kunſt mit ſich fuͤhrt, nämlich die Kunſt, mit Anſtand den Hunger zu ertragen. Haſt Du Geld, oder ein Einkommen?“ Nein, aber ich mache mir nichts aus dem Gelde, und habe ſehr maͤßige Beduͤrfniſſe, wie Du weißt. „Aber das Wenige, das unentbehrlich iſt, wie willſt Du es erhalten?“ Durch meine Arbeit, als Schauſpieldichter⸗ als dramatiſcher Schriftſieller. Da lachte der Horer lange und uͤberlaut, und ſprach ſodann:„Als Schauſpieldichter? Run, ſo nimm flugs Papier und Feder, und ſchrei⸗ be Deinen letzten Willen auf, denn ich ſage Dir, ehe eine ſaͤchſiſche Friſt verlaͤuft, biſt Du abge⸗ ſtanden!“ Wie? Haſt Du nicht ſelbſt Theaterſachen ge⸗ ſchrieben und drucken laſſen? Abſchriften Deiner Schauſpiele an die Buͤhnen⸗Unternehmer ver⸗ kauft, und Dich wohl dabei befunden? „Ubel befunden, Freundchen, ſehr uͤbel befun⸗ den. Sieh Otto, ich halte wenig vom Ueberlegen, aber 43 —— — 31— aber in dieſem Falle wuͤnſche ich Dir die ganze Bedachtigkeit und Weisheit eines deutſchen Bun⸗ destages, und bitte Dich recht herzlich: Ueberle⸗ ge, uͤberlege, uͤberlege! Beſtehſt Du auf Deinem Entwurf, ſo biſt Du ein verlorner Menſch. Als dramatiſcher Dichter in Deutſchland ſtirbſt Du entweder am Hungertode oder an der Schwind⸗ ſucht, das prophezeihe ich Dir, ohne eben der Bauer Adam Muͤller zu ſeyn. Folge meinem Rath, geh zuruͤck zum Vater und ſprich— wenn es ſeyn muß auf den Knieen—: Peccavi] Ein Ruͤckſchritt iſt beſſer, als anf langſamer Folter zu ſterben!“ Ich thue dieſen Ruͤckſchritt nimmermehr; im Vertrauen auf meine Kraft ſchreite ich vorwaͤrts. „Ich kenne Deine Kraft, und darum war⸗ ne ich Dich. Du biſt ein wackerer, geſcheidter und geſchickter Menſch, aber— nimm es mir nicht uͤbel— außerordentliches iſt nichts in Dir, wie in mir ſelbſt. Deshalb rufe ich Dir eben zu: Kehre zuruͤck!“ Schweig! rief mit Empſfindlichkeit Otto. Du willſt mich beleidigen. »Nein, nein, aber belehren. Gehe zuruͤck in des Vaters Haus, ſete Dich an Deines Va⸗ ters Tiſch, und ſchreihe in den Feierſtunden — 3— Komddien, ſo lange es Dir Freude macht; dage⸗ gen habe ich nichts, aber ergreife nicht als feſte Stuͤtze ein morſches, zerbrechliches Stocklein. Ich war auch Theaterdichter, gber ich blieb in meinem Amte, das mich naͤhrte, und betrachtete meine dramatiſche Arbeit als Erholung, als Spiel, als Nebenſache. So mache auch Du es.“ Ihr koͤnnt mich nicht beurtheilen. Genug/ ich habe mir mein Wort fuͤr Beharrlichkeit ge⸗ geben, und ich bin ein Deutſcher! „Dumme Streiche machſt Du genug⸗ um ein Deutſcher zu ſeyn. Wohlan, ich will Dit den Hauptabſchnitt aus meiner Laufbahn als Schauſpieldichter mittheilen, denn Du ſcheinſ zu glauben, ich haͤtte auf Roſen gewandelt. Viel⸗ leicht wirkt die wahrheitgemaͤße Darſtellung meht auf Dich, als meine Warnung und Bitte.“ So ſprach er, machte es ſich bequem, und wandte ſich ganz nach Otto hin, indem er er⸗ zählend begann: 6. „Verſtehe mich recht,“ ſprach er,„ich rede bloß, um Dich aufmerkſam zu machen, wie uͤbel Du thuſt, wenn Du Deine Liebhaberei als Er⸗ werb⸗ und Nahrungzweig betrachteſt. Vor —— — 83 zwölf Jahren zwang Neigung fuͤr die Schaubuͤh⸗ ne mich, ein Luſiſpiel zu fertigen; man nannte es unterhaltend, und bewog mich, Abſchriften davon den Theaterdirektoren gegen ei⸗ maͤßiges Honvrar anzubieten; ich that das, aber von al⸗ len Seiten erhielt ich meine Abſchriften auf meine Koſten zuruͤck. Ich kaufe uͤberhaupt keine handſchriftlichen Dramen, ſchrieb mir der eine Direktor; nur von beruͤhmten Schriftſtellern neh⸗ me ich dergleichen an, meldete mir der zweite, und ſo weiter. Nun, alle Abſchreibegebuͤhren und Verſendungs⸗Koſten waren zum Henker, aber ich verlor den Muth nicht. Hatte ich doch mei⸗ ne Beſoldung! Wohlverſtanden, Otto, ich hatte meine Beſoldung; die haſt Du nicht. Ich bot dns Stuͤck einem Buchhaͤndler zum Verlage an; er lehnte es ab.„Die Druckkoſten ſind wegge⸗ worfene Gelder,“ antwortete er mir,„wenn der Autor nicht großen Nuf hat und das Luſiſpiel nicht mit Beifall aufgefuhrt worden iſt. Nie⸗ mand lieſt, Niemand kauft Komodien. Wollen w. Wohlgebohrn mir aber einen Roman lie⸗ fern, ſo ein Stuͤc für Leſebibliotheken, eine See⸗ lenſpeiſe für leſeluſtige Poſumentiergeſellen und Stictermaͤdchen, ſo bin ich bereit, Ihnen ein Honorar von drei Thalern pro Bogen zu geben, F* — 84— weil Dieſelben recht unterhaltend ſchreiben.“ Da mich jedoch die Schauſpieler mehr anzogen, als die Poſamentiergeſellen, ſo ſchrieb ich keinen Roman, und verſchenkte meine Luſtſpielabſchrif⸗ ten an die Theaterdirektoren, die es nicht hat⸗ ten kaufen wollen, und nun nahmen ſie es und prachten es auf die Buͤhne. Es machte Gluͤck, wahrſcheinlich weil wir ſehr arm an ertraͤglichen Luſtſpielen ſind. Die dffentlichen Blaͤtter belob⸗ ten mein Machwerk, und nun bot mir ein Ver⸗ leger dreißig Thaler dafuͤr. Ich gab es ihm hin, obgleich es mich an Abſchriften und Porto fruͤ⸗ her mehr gekoſtet hatte, denn ich hatte mein Einkommen als Beamter. Ein zweites Luſſſpiel lief vom Stapel; ich verſandte es wieder. Zwei Theater kauften es fur ein maͤßiges Honorar; an⸗ dere Unternehmer antworteten mir gar nicht, ſo viel Achtung genießt der deutſche Theaterdichter! Noch andere ſandten es mir auf meine Koſten zuruͤck, mit der Aeuſſerung, es werde in ihrem Wohnorte nicht gefallen; es gefiel aber uͤberall ſehr, wo es gegeben ward, weit mehr, als das erſtere; alle Zeitſchriften ſtießen in die Lobpoſaune. Nun uber⸗ gab ich das Luſiſpiel dem Druck, und kaum wak es verſandt, als mehrere Theater⸗ die es nicht als Handſchrift hatten kaufen und mit einigen — 85— Thalern bezahlen wollen, es nun, da ſie es fuͤr einige Groſchen haben konnten, ſehr oft und ſtets bei laͤrmendem Beifall gaben. So wirth⸗ ſchaftlich ſind die deutſchen Theaterunternehmer! Viele von ihnen bekuͤmmern ſich den Henker um den innern Werth dichteriſcher Erzeugniſſe, ſondern nur um deren Eintraͤglichkeit. Die Kunſt, viel Geld einzunehmen, iſt ihre erſte Kunſt, die andere kommt dann wol nach. Doch wei⸗ ter in der Hauptſache; mein drittes Stuͤck trat in die bretterne Welt. Es gefiel an einem Or⸗ te ſehr und mißfiel am andern. Nun war es vorbei mit meinem Ruf als Theaterdichter und zugleich mit meiner Geduld—.* Das glaube ich, ſagte Otto. Da Dein Werk mißfiel. 5. „Und wer ſteht Dir dafuͤr, daß Deine Er⸗ zeugniſſe gefallen und immer gefallen werden? Der Theaterbeifall haͤngt an der Laune des Au⸗ genblicks, haͤngt an der augenblicklichen Stim⸗ mung der Zuhorer und der Schauſpieler. Wer mag dafuͤr ſtehen, wie ſie geſtimmt ſeyn werden! Dazu die Spaltung in Deutſchland. In Ber⸗ lin wird ein Stuͤck mit Beifall aufgenommen, — 85— das in Wien mißfaͤllt; und umgekehrt pfeift man in Berlin ein Wiener Erzeugniß aus. Es geho⸗ ren außerordentliche Kraͤfte, es gehdren Kotze⸗ bues Talente dazu, alle zu vereinigen. Ferner: Ein Verſtoß der Schauſpieler im erſten Aufzuge ſturzt das ganze Stuͤck. Eine Galleriefigur ſpitzt den Mund, und weg iſt die Dichterherrlichkeit; ein Schauſpieler hat zu wenig oder zu viel ge⸗ trunken, und wirft um; ein anderer hat nicht die Rolle erhalten, auf die er Anſpruche machte, er ſindet ſeine Aufgabe zu unbedeutend, und wirft um; er iſt dem Dichter abhold und ver⸗ hunzt deſſen Arbeit! Kurz, ein Theaterdichter ſteht nicht ſo feſt wie ein Schilfhalm; jeder Windſioß knickt ihn; ein Schauſpieldichter gleicht einem Luftſchiffer, der die Fuͤllung durch fremde Menſchen beſorgen laſſen muß. Unter den Arbei⸗ tern aber ſind Unwiſſende oder Boshafte. Gleich⸗ viel; der Ball ſteigt entweder gar nicht, oder, was noch ſchlimmer iſt, der Aeronaut ſtuͤrzt her⸗ ab. und dann gilt nirgends ſo ſehr als bei dem Schauſpieldichter das Sprichwort: Wer den Schaden hat, darf fuͤr den Spott nicht ſorgen! und dieſem allen willſt Du Dich Preis geben? Sey geſcheid, und laß es bleiben!“ Aber Orto hatte tauſend Einwaͤnde und Wi⸗ — 67— derſpruͤche, und beharrte. Er glaubte mehr Ta⸗ lent als Sandau zu haben, vielleicht auch mehr Gluͤck; er erklaͤrte fortgehen zu wollen auf ſei⸗ ner Bahn, und des Freundes gutgemeinte War⸗ nung war vergebens ausgeſprochen. 8. Uunterdeſſen hatte der angehende Dichter ſein dramatiſches Werk beendigt, und las der Braut ſeine Arbeit vor. Emilie fand dieſe Stelle ſchoͤn, jene allerliebſt, und das Ganze nicht uͤbel. Bald darauf war auch ihr Trauerſpiel vollendet und der Geliebte nannte es wunderſchoͤn. Beide wa⸗ ren durch ihre Schoͤpfungen gluͤcklich. Otto bot nun ſein Schauſpiel dem Unter⸗ nehmer des großen Stadttheaters an; der mach⸗ te jedoch umſtaͤnde mit der Annahme. Er woll⸗ te einige Stellen verbeſſert, mehrere Auftritte ganz weggelaſſen wiſſen; des Dichters Eitelkeit ward tief gekraͤnkt, aber er mußte die Kraͤnkung verſchmerzen, nachgeben, umarbeiten, denn er wollte in jedem Fall ſein Werk auf der Buͤhne ſehen. So willigte er denn unter der Bedin⸗ gung darein, daß ſein Name als Dichter nicht ofentlich genannt werde. Eine zweite Unan⸗ nehmlichkeit fuͤr ihn war es, daß ſich ſodann die — 88— Auffuͤhrung von einem Monate zum andern, von einer Woche zur andern verzogerte, und der Unternehmer immer neue Hinderniſſe fand: doch beruhigte ſich Otto mit der Hoffnung, daß ſein Stuͤck um ſo beſſer gedeihen werde, je laͤngere Zeit die Mimen zur Vorbereitung haͤtten. End⸗ lich war der Tag der Vorſtellung beſtimmt, und die Neuigkeit, das Seegerſche Stuͤck werde ge⸗ geben, lief durch die Stadt. Die Proben be⸗ gannen. Otto ſchlich ſich in Sandaus Geſell⸗ ſchaft in das dunkle Parterre; beide wuͤnſchten ſich aber bald hinweg, als ſie fanden, daß faſt kein Einziger der Buͤhnenmaͤnner ſeiner Rolle maͤchtig war. So ging es auch noch bei der letzten Probe. Sandau ermahnte den Nachbar, ſein Werk jetzt noch zuruͤck zu nehmen, aber Otto, der wohl wußte, wie es zuweilen bei den Proben herzugehen pflegt, hoffte, daß es am Abend runder gehn werde, hielt den boͤſen Willen fur unmöglich, und ließ Alles beim Alten. 9. Der Abend kam. Der Schauplatz war uͤber⸗ fuͤnt. Die Vorſtellung begann. Aber wehe! Hier eine Stockung dort eine Luͤcke; mehrere — 89— Chataktere in dem ohnehin nur mittelmaͤfigen Drama wurden vergriffen; ja man ging ſelbſi zu unrechten Thuͤren aus und ein, ſo daß alle Taͤu⸗ ſchung zerſtört ward nur die einzige blieb den Zuhdrern, daß ſie ſich taͤnſchten, als ſie fuͤr baa⸗ res Geld gute Unterhaltung zu finden waͤhnten. Hie und da ward es unruhig im Parterre, Stoͤk⸗ ke pochten, Einzelne gingen, hinlaͤnglich erquickt, zum Dempel hinaus, AIndere legten ſich, mur⸗ rend uͤber den Verluſt der ſchoͤnen Zeit und des Legegeldes, mit dem Antlitz auf die Bruͤſtung ihrer Loge, um bei Morpheus zu ſuchen, was Apoll ihnen verſagte, und ein penſtonirter Ge⸗ heimerath zog den benothigten Athem mit ſo ſchallendem Getön ein, daß die Polizei ihn von Amtswegen wecken mußte, weil das Wenige, was die Schauſpieler konnten, bei dem Uniſono des gar zu lauten Geheimeraths noch verloren ging. Als er erwachte, erklaͤrte er es fuͤr grauſam, daß man einen Menſchen nicht ſchlafen laſſe, den man doch mit Gewalt in den Schlaf gebracht habe, und ging gaͤhnend nach Hauſe. Am Schluſſe des dritten Aufzuges war kaum noch ein Drittel der Zuſchauer vorhanden, und dieſes Drittel theilte ſich wieder in drei Drit⸗ tel, wovon das eine pfiff, das andere pochte, — 90— und das dritte ſo ſanft ſchlummerte, als es bei dem Geraͤuſch möglich war; jetzt verließ Otto mit arbeitenden Pulſen und ſchweißtriefender Stirn den Schauplatz. Grollend mit dem Schick⸗ ſal, den Hiſtrionen und den vorlauten Kunſt⸗ pfeifern ſtrich er die Promenade auf und ab, und hatte dort noch nach einer Weile den Ver⸗ druß, von den Perſonen⸗ die aus dem Theater kamen, die krankendſten urtheile und den laute⸗ ſten Spott uber ſein Werk zu horen. Zerfallen mit ſich ſelbſt und der Welt, von tauſend Grillen geplagt, ſchlich er ſich nach ſei⸗ ner Wohnung, wo er die Nacht ſchlaflos und fieberkrank hinbrachte. 10. Emilie befand ſich an dem ungluͤcklichen Abende in einer Loge mit ihrem Oheim. Sie freute ſich auf den Beifall, den das Werk des Geliebten erringen wuͤrde, von deſſen Vorzug⸗ lichkeit ſie nach Ottos Vorleſung uͤberzeugt warz aber ſiatt des Beifalls ward Unzufriedenheit und Mißfallen geaͤußert, und ſie ſelbſt empfand bei den Auftritten, die ſie zuvor ſo gut unterhalten hatten, die unerträglichſte Langeweile. Der Oheim machte einige beiſſende Bemerkungen ⸗ — 91— und aus dem Parterre ſahen grinſende Geſich⸗ ter hinauf nach ihrem Sitz; die ganze Stadt tannte ſie ja als Geliebte und Verlobte des ge⸗ tadelten Dichters. Da konnte ſie einer bittern Empfindung ſich nicht erwehren; ſie neigte ſich bald zu der Mei⸗ nung des vollen Hauſes— daß das Stuck ſchlecht ſey— hinuͤber, und glaubte, daß ſie bei der Vorleſung ſich geirrt habe, als ſie es fuͤr gut hielt. Im Leſen, ſagte ſie zu ſich, geht man⸗ ches ſo leicht voruͤber, was bei der Darſtellung unangenehm auffallen kann. Nun aber war es in Emiliens Augen das größte Verbrechen, den Schauſpielfreunden zu mißfallen. So gut ſie auch von Herzen aus war, ſo irrthuͤmlich ur⸗ theilte ſie in dieſer Hinſicht. Der Laͤrm im Schauſpielhauſe mehrte ſich von Auftritt zu Auftritt; Emiliens Verlegenheit und Unmuth ſtieg mit ihm. Sie verließ mit dem Oheim die Loge. Sie ſollte den Abend noch in Geſellſchaft ſeyn, aber ſie ließ abſagen und blieb, gaͤnzlich verſtimmt, daheim. Ihre Eitelkeit war tödtlich verletzt; Sie die Braut eines ausgepochten Schriftſtellers! Der Gedan⸗ ke folterte ſie; und nach einer qualvollen Stun⸗ de entſchloß ſie ſich ſehr uͤbereilt, ihre Liebe fuͤr — 9 6 den jungen Mann zu unterdruͤcken, und mit ihm zu brechen. Sie geſtand ſich zwar ein, daß es nnedel ſey, den ungluͤcklichen in der Noth zu verlaſſen; doch ſein Ungluͤck— das ſie fuͤr fuͤrch⸗ terlich groß anſah— und den Hohn mit ihm zu tragen, dazu glaubte ſie ſich nicht ſtark ge⸗ nug. Sie ſagte ſich, daß ſein unfall großten⸗ theils auf die Rechnung der ungeſchickten oder poshaften Schauſpieler zu ſetzen ſey, die das Stuͤck verhunzt haͤtten, aber es hatte doch ein⸗ mal mißfallen. Das war unverzeihlich. Zwar gab ſie zu, daß Otto ein ſehr huͤbſcher Juͤngling, daß er geſchickt, brav, kenntnißreich, ſehr gebil⸗ det und hochſt liebenswurdig ſey, aber er hatte doch ein mißfallendes Schauſpiel geſchrieben, und all jene Vorzuge galten bei ihr nicht ſo viel, als die eingebuͤßte Dichter⸗Wuͤrde. Uund befangen und geleitet von ihrer bitte⸗ ren Empfindung, gab ſie den Befehl, daß ſie den jungen Seeger nicht mehr ſehen wolle, und daß man ihn unter icgend einem Vorwande ab⸗ weiſen ſolle, wenn er ſie zu beſuchen kaͤme. Sie ſeufzte aus tiefer Bruſt, als ſie dem Bedienten die harte Anweiſung gab⸗ aber ſie gab ſie doch⸗ und ſchon am andern Morgen erſchien Otto im Meinertſchen Hauſe, um an der Seite der ſchà⸗ S 6 nen Braut Vergeſſenheit, Troſt und Ruhe zu ſuchen. 11. Auf dem Gange dahin hatte er wieder ſchmerzliche Kraͤnkungen erdulden muͤſſen. Die Mitglieder der gebildeten Staͤnde, denen er auf der Straße begegnete, ſahen ihn mitleidig oder ſpottiſch an. Man merkte, daß die Erbaͤrmlichen geſtern Abend im Theater geweſen waren. Ein Paar ſeiner Bekannten, die ehemals, als er ih⸗ nen Gefaͤlligkeiten erwies, die Demuth und Ge⸗ ſchmeidigkeit ſelbſt waren, erwiederten nur fro⸗ ſtig und vornehm ſeinen Gruß, und ein juͤdiſcher Miops, der ſich zur ſchoͤnen Welt zählte, weil er in Liebhaber⸗Konzerten das Ohr der Hoͤrer mit elendem Geigenſpiel zerriß, rief, Otto nicht bemerkend, einem Bekannten zu:„Sein Sie geſtern im Theater geweſen? Dem jungen See: ger ſein Stuͤck— Sie kennen doch den jungen Seeger?— Nuͤ, das Stuͤck iſt kapores gegangen, ausgepfiffen, total ausgepßiffen. Gott, Gott!“ Wie boshaft lachte der iſraelitiſche Zierbengel da⸗ bei! Otto konnte ſich nicht halten, dem Manne vom Stamm Juda zur Strafe etwas hart(als oh es unverſehens geſchaͤhe) auf den Fuß zu — 94— treten. Der Ezechiel ſtand wie ein Kranich auf einem Fuße, vergaß vor Schmerz alle Bildung und gebildete Sprache und wimmerte im rein⸗ juͤdiſchem Jargon ſein lautes: A weih, a weih! Aber trotz dieſer Rache ſchmerzte ihn doch das Betragen jener Leute tief; er ging aus Men⸗ ſchenſcheu durch einige kleine Quergaſſen, und freute ſich herzlich, als er ſeine Emilie im Fen⸗ ſter ſah, in deren Arm er Entſchaͤdigung und Troſi zu finden hoffte. Er trat hoffnungsvoll in das Haus, und wollte gradezu/ wie bisher, nach Emiliens Zimmer gehen; da trat aber der Be⸗ diente ihm in den Weg, meldend, daß das Fraͤulein unwohl ſey und jeden Beſuch verbitte. Auch den meinigen? fraste er haſtig und mit gefurchter Stirn. Auch den Ihrigen! erwieder⸗ te der Dienſtbare mit einem Geſichte, als woll⸗ te er hinzuſetzen: den Ihrigen ganz beſonders! Otto glaubte ſeinen Augen und Ohren nicht trauen zu duͤrfen, aber das ganze kuͤhle Verhal⸗ ten des ſonſt ſo kriechenden Dienſtboten uber⸗ zeugte ihn nur zu vald, daß er richtig geſehn und gehoͤrt habe⸗ Kaum vermochte er es, eine Schmaͤhung zu unterdruͤcken, die ihm ſchon auf den Lippen ſaß⸗ taum den Fluch auf die Verrätherin zuruͤck zu — 25— halten; aber heißen Grimm in der Bruſt, mit gluͤhender Wange und pochendem Herzen ſtuͤrm⸗ te er fort aus dem Hauſe, das die Beſtandloſe barg. Seine Wuth war ohne Graͤnzen; in die⸗ ſem Augenblick haͤtte er mit dem Raͤuber Moor ein Baͤr ſeyn und die Baͤren des Nordlandes gegen das moͤrderiſche Geſchlecht anhetzen und den Ozean vergiften moͤgen, damit es den Tod aus allen Quellen ſaufe. 19. In der Naͤhe ſeiner Wohnung angekommen, rante er, blind vor Ingrimm, wider Sandau, der aus ſeiner Hausthuͤr trat. „Ei, guten Morgen Freundchen!“ je⸗ ner und bot ihm die Hand. Was giebt es? fragte ſinſer und nrnſ der Begruͤßte. „Nun, nun!“ ſagte Sandau,„ nonte Dich beſuchen, aber Du ſiehſt mich ja an, wie der Wallfiſch den jungen Tobias, daß ich ſchreien mögte,wie dieſer:„O Herr, er will mich freſſen! Komm Wilhelm! ſprach Otto etwas milder, und fuͤhrte ihn mit ſich auf ſein Zimmer. San⸗ dau's Freundlichkeit hatte ihm wohlgethan. Weißt Du—7 rief er jetzt. . — 96— „Ich war im Theater! Aber was thut das? Ein ſolches ungluͤck iſt klein; in vier Wochen iſt es vergeſſen, und fuͤr immer vergeſſen, wenn Du die Schaubuͤhne aufgiebſt.“ me?— „Ein Verſuch der Art iſt kein Verbrechen⸗ ſonſt waͤre jeder Schuͤtz, der die Scheibe verfehlt, jeder Lotterieſpieler, der eine Niete hat, ein Suͤnder. Du haſt weder Diebſtahl noch Raub begangen, nicht einmal ein unreifes Verfaſſungs⸗ projekt entworfen, oder einen nachtheiligen Frie⸗ den geſchloſſen. Wie kommt Dein guter Name ins Spiel?“ Man lacht, ſpottet, hohnt, tadelt.— „Das kann im Theater Jeder fur ſein bas⸗ res Geld. Ich hab es Dir ia geſagt⸗ Jeder, der dffentlich auftritt, wagt das, wagt es mit dem gehaltvollſten Werk. Ein Schuſterlehrling im Parndieſe oben kann das Machwerk der Kai⸗ ſerin Katharina auspfeifen, wenn ſie es auf die Buͤhne bringt.“ Verdammtes Poſſenwerk! Aber ich will fort von hier, weit fort. „Wenn Dich dergleichen belaͤſtigt, ſo reiſe“ Jo, ich muß hinweg⸗ Ach, Du kennſt mein Fuͤr die Ewigkeit! Aber mein guter Na⸗ gan⸗ ——,— ——————— ganzes Ungluͤck noch nicht. Denke, Emilie laͤßt fich heute vor mir verlaͤugnen. „Das kömmt Dir wunderlich vor? Mir nicht; ich hab es vorausgeſehen. Haͤtte Dein Stuͤck gefallen, ſo hinge ſie heut mit Entzuͤcken an Deinem Halſe; aber es hat kein Gluͤck ge⸗ macht, und die öberſpante Theaterfreundin weicht in dieſem Augenblick von dem getadelten Dichter zuruͤck; ihre Eitelkeit iſt in Dir ver⸗ letzt.“— Auf ewig meide ich die Wandelbare, die mich ſelbſt nie geliebt hat. „Wer ſagt Dir das? Sie liebt Dich, aber ſie hoffte, Deinen Ruhm zu theilen und ehrte Dich in ihrem Sinne hoͤher. Dieſe Hoffnung ward getaͤuſcht. Das ſchmerzt die Dame auf dem Steckenpferde. Aber das geht vor⸗ uͤber und ihre Reigung fuͤr Otto Seeger wird ſich einſt wieder neu bekunden, wenn die Verir⸗ rung aufhoͤrt. Das warte ab.“ Warum nicht gar? Nie will ich ſie wieder ſehn. „So liebſt Du ſie nicht“ Stark und innig hing ich an ihr. Doch Gottlob, das iſt vorbei. Die unwuͤrdige Ver⸗ raͤtherin hat ſich von mir geſchieden, und ich G. — 56 den neberreſt unſeres Verhaͤltniſ⸗ zerreiße auch ſes. „Hm, hm/ lauter Ettreme! Alſo Du reiſeſt? Gut. Wenn Du zuruͤck kehrſt, ſiehſt Du heller.“ Es klopfte. Otto dffnete und der alte Herr Fink trat mit abgemeſſener Verbengung und ern⸗ ſtem Anſtande ein, meldend, daß Herr Seeger ihn abgeordnet, den jungen Herrn um einen Be⸗ ſuch im Vaterhauſe zu bitten. 13 Der Eingeladene ſah den Freund mit ei⸗ nem um Rath fragenden Blick an. Sandau nickte bejahend, und Otto ſagte in einiger Ver⸗ legenheit dem Geſandten den Beſuch zu, worauf der alte Herr ſich unter Höſlichkeitsbezeugungen entfernte. Als aber dieſer fort war, erklarte der junge Mann, daß er nicht zu dem Vater gehen könne „Und warum nicht?“ forſchte Sandau. Ich ſchaͤme mich, daß er Recht hat. Schon ſein Anblick wird meine Wangen in Glut ſetzen⸗ „Falſche Schaam! Glaubſt Du auf ewig Dich von dem edlen Vater trennen zu konnen?“ Der Befragte ſeufite, und ſein Blick ſank zu Boden. — 99— „Wirſt Du des Vaters Liebe, ſeine Huͤlfe, ſeine Unterſtuͤtzung fuͤr immer entbehren koͤn⸗ nen? Rein⸗ fluͤſterte jener. Und wenn ich reiſen will, bedarf ich ſchon jetzt ſeiner Huͤlfe. Meine Kaſſe iſt leer. „So ſey kein Kind, und eile flugs zu ihm, da er den erſten Schritt thut und Dich einladet.“ Otto nickte und Sandau verließ ihn, um ihm Raum und Zeit zur Vorbereitung zu laſſen. Als aber der Beſucher fort war, ſtieg in dem Juͤngling die alte Grille wieder auf. Er ſcheuete den Anblick des Vaters, der, wie er wähnte, ſeinen Leichtſinn noch nicht ganz vergeſ⸗ ſen haben könne; er fuͤrchtete beſchaͤmende Vor⸗ wuͤrfe. 5. und doch mußte etwas geſchehen, denn er hatte den Vater noͤthig. So entſchloß er ſich, sn den alten Herrn zu ſchreiben, ſeinen Fehltritt zu geſtehen, um Verzeihung zu bitten— was ihm leichter ſchien, wenn es aus der Ferne chriftlich als in der Nahe muͤndlich gethan ward— die Erlaubniß zur Reiſe und beſonders Reiſegeld zu fordern. Er ſchrieb und ſandte das Schreiben ab, doch ſtatt der gehofften ſhriftlichen Antwort kam 6 — 100— Herr Fink, und wiederholte in denſelben Worten die väterliche Einladung. Jetzt ſchien Gehorſam dem Sohne nothwen⸗ dig; er kannte des alten Herrn Feſtigkeit, und nmußte fuͤrchten, durch beharrliche Weigerung es fuͤr immer mit ihm zu verderben. So folgte er denn, obgleich uͤbelgelaunt, Herrn Fink als ſei⸗ nem Fuͤhrer. 14. Als er zu ſeinem Vater eintrat, kam dieſet ihm mit ernſtem, aber freundlichem Blick entge⸗ gen · Du haſt an mich geſchrieben, lieber Sohn ſprach er, aber ich habe Augenſchmerz und kan Deinen Brief nicht leſen. Sey ſo gut, und lies mir ihn vor, damit kein Fremder erfahre⸗ was unter uns vorgeht. Otto, von mancherlei En⸗ pfindungen beſtuͤrmt, von Schaam und Rele vedraͤngt, befand ſich in der tiefſten Verlegenhei pei dieſem Begehren. Er ſollte jetzt doch ſeint Suͤnden muͤndlich beichten und Vergebung do fuͤr erbitten. Das hatte er aber gerade vermei⸗ den wollen, als er ſchrieb. Zögere nicht, Otto, bit der Alte. Was ein ehrlicher Mann ſchreiben kunn darf er auch ſprechen; ſollte ein uͤbelverſtandene * — 101— Stolz Dich zuruͤckhalten, wie ich fuͤrchte, ſo waͤ⸗ re dieſer Fehler großer, als der erſte. Lies, oder ich muß glauben, der Sohn habe alle Achtung und Liebe fuͤr den Vater verloren, waͤhrend er von ihm geſchieden war, und kenne die kindliche Liebe nur noch in Schauſpielen. Dieſe Zuſprache wirkte. Er liebte den Va⸗ ter herzlich, der außer Sandau der Einzige war, welcher ihn liebevoll behandelte. Darum nahm er ſchnell den Brief und las, obgleich leiſe zit⸗ ternd und erröthend⸗ ſeinen Inhalt, der alſo lautete: „Geliebter Vater! Eine jugendliche unbe⸗ ſonnenheit trieb mich aus Ihrem Hauſe, eine leichtſinnige Verirrung von Ihrem Herzen; doch ich leide ſchon jetzt die harte Strafe meines Fehlſchrittes, meiner Uebereilung; ich habe die Achtung meiner Mitbuͤrger verloren; ich wurde verzweifeln muͤſſen, hielte mich nicht die Hoff⸗ nung aufrecht, in Ihnen noch den liebenden Vater zu beſitzen, deſſen Herz das Vergehen des leichtſi nnigen Sohnes verzeiht.“— Er verzeiht, ſiel hier Seeger mit einem Tone ein, der von hoher Bewegung zeugte, denn ein Vater kann nicht lange zuͤrnen. Vergiß mein Sohn, was unter uns geſchehen, wie ich es vergeſſe. — Dieſer Angenblick verlöſcht alle fruͤheren, und wenn es Dir Ernſt mit der Erkenntniß und beſ⸗ ſern Vorſaͤtzen iſt, ſo iſt unter uns nichts vorge⸗ fallen, ſo iſt alles abgethan! Geruͤhrt von ſo viel Liebe, erhoben durch dieſe Guͤte, las Otto mit freier Bruſt und feuch⸗ tem Auge weiter: „Vom Irrwege wiederkehrend, fluͤchte ich an dieſes Vaterherz. Nehmen Sie den bereuen⸗ den, den liebenden Sohn wieder auf, der, be⸗ kehrt, gewarnt und gezuchtigt, nimmer weichen wird von der ebenen, graden Bahn zum wahren Heil.“ 5 Schweigend ſchloß hier der Vater ihn in ſeine Arme, und rief ſodann:„Es iſt geſchehen, was ich kommen ſah. Nun iſt alles gut. Und nun hore mich: Seit geſtern kann Dein Aufent⸗ halt in unſerm Orte Dir nicht angenehm ſeyn; das fuͤhle ich.“— Meine Mitbuͤrger— flͤſterte Otto— vel⸗ hoͤhnen den Thoren; vielleicht habe ich das ver⸗ dient, aber es ſchmerzt mich unſaglich. „Das begreife ich, und habe vereits auf Ab⸗ huͤlfe gedacht. Wenn Du wieder in das gewöhn⸗ te Geſchaͤftsverhältniß bei mir treten willſt, ſo 102— — 103— kannſt Du in Handels⸗Angelegenheiten auf ein paar Monate nach London gehen.“ Dieſe Bitte— rief Otto hocherfreut— mach⸗ te eben den Reſt meines Briefes aus. O, mein beſter, guͤtigſter Vater! „Alles iſt zu Deiner Abreiſe bereit!“ ſagte der Alte.„Du kannſt morgen abgehn!“ Der Sohn hatte kaum Worte fuͤr, ſein Dankgefuͤhl. Guter Entſchluͤſſe voll, empfing er am folgenden Tage Briefe und Reiſegeld, beur⸗ laubte ſich, innig bewegt, von dem Vater und dem frohſinnigen Sandau, und fuhr zum Thore der Stadt hinaus, in der ſo oft die reinſte Freu⸗ de ihn umfangen, zuletzt aber der Schauſpiel⸗ Aly ihn auch ſo grauſam hart gedruͤckt hatte. 15. Emilie ſollte ihr Heraustreten aus dem weib⸗ lichen Wirkungskreiſe, ihre Theatergrille und deren Folgen, nicht minder ſchwer buͤßen. Viel⸗ leicht wollte auch das Schickſal ihr Benehmen gegen Otto, den ſie ſo ungerecht behandelte, ahnden. 6 Sie hatte ihr fertiges Trauerſpiel noch ein⸗ mal durchgeſehen und gefunden, daß es ſich nicht fuͤr die Darſtellung auf der Schaubuͤhne — 104— eigene. Dennoch konnte ſie ihr Pfund nicht ver⸗ graben wollen; ſie ließ ihr Werk unter dem Li⸗ tel eines dramatiſchen Gedichtes auf eigene Ko⸗ ſten drucken, nannte jedoch ihren Namen nicht auf dem Titel, ſondern deutete ihn nur durch deſſen Anfangsbuchſtaben E. W. M.(Emilie Wil⸗ helmine Meinert) an, und gab es einem Buch⸗ haͤndler ihres Wohnortes in Commiſſion. Die⸗ ſer ſandte es in die Welt, und verſchwieg es eben ſo wenig, wie die ruhmſuͤchtige Emilie ſelbſt, wer die hoffnungsvolle Tragddie erſchaf⸗ fen habe. Die Verfaſſerin ſchwelgte nun in der Wonne, ihre Arbeit gedruckt und dereinſt be ruͤhmt werden zu ſehen. Ihre Freundinnen, de⸗ nen ſie ſie hatte leſen laſſen, hatten ihr aus Ar⸗ tigkeit manches Schöne daruͤber geſagt, und ſie fühlte ſich dadurch eben ſo ſehr erhoben und be⸗ gluͤctt, als Ottos Drama durchſiel. Vie tief ſtand nun der verungluckte Dich⸗ ter unter ihr! Zum Theil darum gab ſie ihm den Avſchied, der ihn großtentheils zum Vater zuruck und darauf nach England fuͤhrte. Der alte Seeger ſchͤttelte gewaltig den Kopf, wenn er von des ſonſt klugen, guten, ſittſamen Maͤdchens jetzigem literariſchen Verkehre durch Sandau unterrichtet ward; er betrauerte Emi⸗ — 105— liens Abſchweifung aufrichtig, denn er hatte das Madchen, ehe es mit der Buͤhne und Literatur in naͤhere Beziehung kam, geliebt, geachtet und zu ſeiner Schwiegertochter beſtimmt. Daraus könne nun aber, meinte er, nichts werden, denn er wolle lieber mit dem Propheten Daniel in der Loͤwengrube ſitzen, als mit ſolchen Schrift⸗ ſtellerinnen umgehen; wollte weit eher eine Feuerlaͤnderin, als eine öffentliche Kuͤnßtlerin ſei⸗ ne Tochter nennen. Sandau aber meinte, das haͤtte nichts zu ſagen; ſolche periodiſche Ueberſpannungen konn⸗ ten wol auch die beſten Menſchen anfallen; das daure aber in der Regel nicht lange, und es werde mit Emilien gehen, wie es mit Otto ge⸗ gangen ſey; ja, er hoffe, die gelehrte Jungfrau naͤchſtens in ein einfuches Maͤdchen und dann in eine gute Hausfrau verwandelt und als Ottos Gattin, als Seegers geliebte Tochter, an der Seite des alten Herrn zu ſehen. Da meinte jener, das muͤſſe wunderbar kom⸗ men; dieſer aber ſagte: er ſehe einen ſolchen Wechſel als ein ganz natuͤrliches Wunder an. 16. Bald nach Ottos Abreiſe erſchienen in den beiden Literaturzeitungen zwei Rezenſivnen des — 1e6— Trauerſpieles von Emilien, die uͤberaus tadelnd, pitter und folglich ſehr demuͤthigend fuͤr die Verfaſſerin waren. Die beiden Beurtheiler ſchie⸗ nen gewetteifert zu haben, welcher am beißend⸗ ſten und verwerfendſten abſprechen koͤnne. Der erſte belegte ſein mißfaͤlliges urtheil mit ausgehobenen Stellen des Trauerſpiels, die allerdings merkwuͤrdig waren. So gab der Held⸗ den das Schickſal in der Klemme hatte, fol⸗ gendes grelle Bild ſeines Zuſtandes, ſeiner Em⸗ pfindungen: „H, es brauſt in meinem Blute, „wie im Weltmeer der Orkan, „krachend bricht mein Lebenskahn, „wird zerſchellt wie eine Ruthe; „und es heulen tief im Grunde „mich begrüßend, Hölienhunde.“ Am Schluſſe des zweiten Erkenntniſſes hieß es:„Dies Machwerk kommt, dem Vernehmen nach, von weiblicher Hand. Das iſt wahrſchein⸗ lich, denn es iſt ſo bunt, wie der Inhalt eines Strickbeutels. Wollte man uͤbrigens von dieſer Arbeit auf den Vildungsgrad der Verfaſſerin ſchlieſſen, ſo konnte man aus den drei Buchſta⸗ ben: E. W. M Ein Waͤſcher⸗Maͤdchen leicht herausleſen. O wollte doch der Himmel, daß — 107— alle talentloſen Frauen ſich mehr mit der Waͤ⸗ ſche, als der Tragödiendichtung beſchaͤftigten! Bei jener iſt das Waſſer am rechten Srte, in dieſer aber vom Uebel.“ 1 Emilie ſchwindelte, als ihr die erſte Beur⸗ theilung zu Geſichte kam; als ſie die zweite las, ſank ſie bewußtlos nieder. Schon hatte ſie er⸗ fahren, daß die Literaturzeitungen im Orte von Hand zu Hand gegangen waren, und daß alle Männer die Achſeln uͤber ſie zuckten, und alle Weiber, uͤber welche ſie ſich hatte erheben wol⸗ len, wegen ihres Falles frohlockten. Der Spott, der auf Otto gelaſtet hatte, ſturzte mit tauſend- fachem Gewicht auf ſie; und ſie fühlte jetzt, daß ſie die Strafe verdiene, da ſie ſich ohne Beruf und gegen ihre Beſtimmung auf die ſchluͤpfrige Bahn der Offentlichkeit gewagt hatte. Von Vorwuͤrfen und Reue gepeinigt, ſaß ſie im ein⸗ ſamen Zimmer, und wagte es nicht, an das Fen⸗ ſter zu treten, wo die Vyruͤbergehenden ihr roth⸗ geweintes Auge ſehen und der Gedemuͤthigten ſpotten konnten. Sie warf ſich dem Oheim in die Arme; der aber wandte ſich, trotz ſeiner Sanftmuth, jetzt ab von ihr und ſprach: Es ge⸗ ſchieht Dir recht; als es noch Zeit war zu ho⸗ ren, da ſtand ich vor Dir, wie ein Prediger in 6 108— der WVuͤſte. Die ganze Erde iſt des Mannes Schauplatz, des Weibes Welt iſt das Haus; das laute Leben iſt fuͤr den Mann, daß Element des Weibes die Stille. Ein Maͤdchen, das, ohne hohen Beruf, hinaus tritt in die Oeffentlichkeit der Kunſt und Literatur, verläugnet ihr Ge⸗ ſchlecht, und wagt weit mehr, als ein ungeuͤbter Seiltaͤnzer; denn das iſt die beſte Frau, von der man am wenigſten ſpricht; je beruͤhmter ein weibliches Weſen wird, um ſo weniger bleibt es Weib. Alle ſchoͤnen Fertigkeiten, die ein Frauen⸗ zimmer ſich aneignet, gehoͤren nur fuͤr den en⸗ gen Kreis des Hauſes, fuͤr Freundſchaft und Lie⸗ be. Das fuͤhlten die Alten wohl, darum durf⸗ ten die Weiber weder die Schaubuͤhne betreten⸗ noch dffentlich ein Inſtrument ſpielen, deklami⸗ ren, noch ſchriftſtellern. Wir haben keinen weib⸗ lichen Homer, Orpheus oder Cicero; nur von einer Sappho leſen wir, die aber auch ihrer Ue⸗ berſpannung wegen zur Wahnſinnigen und Selbſt⸗ mörderin ward. Selbſt bei dem Ruhme des Mädchens, das dffentlich auftritt, ohne ſich ganz und gar der Kunſt geweiht zu haben, zichen alle Unvefangenen mit den Achſeln, und das Haͤnde⸗ klatſchen und Beifallrufen der Menge iſt das Grabgelaͤute der Weiblichkeit; der offentliche Anwandlung von Freude, daß es ihr, die ihn ſo tief gekraͤnkt, nicht beſſer geworden ſey, als ihm 5 gleich darauf aber that es ihm im Innerſten weh, und ſchon nach einer Minute entbrannte ſein Sorn gegen die boshafte Stadt, und ſein Haß wider die laͤſternden Schrift⸗Richter. Er fuhr ge⸗ waltig gegen dieſe auf, und wollte augenblicklich nach ihren Wohnſitzen reiſen, ſie fur ihren bos⸗ haften Hohn zu beſtrafen. Papa und Sandau hatten natuͤrlich ſehr viel gegen dieſen Rache⸗ plan einzuwenden; deshalb und weil er mit jeder Stunde kaͤlter und folglich auch wieder vernuͤnf⸗ tiger wurde, gab er den verwerflichen Gedan⸗ ken auf. Aber das Mitleid fuͤr die arme Emilie gab er nicht auf, und da er waͤhrend ſeiner Ab⸗ weſenheit ruhiger geworden war und die durch ſie erlittene Kraͤnkung zum Theil verſchmerzt hatte, ihr jetziges Streben und Wirken ihm auch ſehr wohl gefallen mußte, da er jetzt ſelbſt ein ähnliches Ziel vor Augen hatte, ſo regte ſich in ſeiner Bruſt, erſt leiſe, dann immer ſtärker, der Wunſch, daß das alte Verholtniß zwiſchen ihm und dem Maͤdchen, das er ſtets geliebt hatte, hergeſtellt werden möge. Papa vernahm die Aeußerung dieſes Wunſches mit großem Ver⸗ gnuͤgen, und gelobte, ſo bald und ſo gut als möglich alles wieder in das alte Gleis zu brin⸗ gen. Die Hoffnung, daß es gelingen werde, ſey nicht geringe, ſagte er, weil er vernommen, daß Emilie ihr Verhalten gegen ihn in der letzten Zeit tief bereut, und ſpaͤter nur vortheilhaft, mit Lob und Liebe, von ihm geredet habe. Alsbald machte ſich Papa Seeger, im Sonn⸗ tagsrocte und mit friſchgepuderter Peruͤcke auf den Weg zu Freund Meinert, Emiliens Oheim, das locker gewordene Band von Neuem wieder anzuknuͤpfen Meinert war das wohl zufrieden⸗ denn Emiliens Verbindung mit dem Sohne des Freundes, der noch dazu jetzt ein ordentlicher Menſch und ſolider Kaufmann geworden, war immer ſeine ſchonſte Hoffnung geweſen. und mit Entzuͤcken horte Emilie, die der Oheim herbei rief, daß Otto, der veleidigte Otto, die Ueber⸗ eilung verziehen, und ſie immer noch im Herzen geiragen habe, wie ſie ihn. Die erſte Zuſammenkunft der jungen Leute war ein Verſohnungsfeſt; ihr Liebesbund gebar ſich nach der Trennung und durch die Gleich⸗ heit ihres Looſes wieder neu, ſo wie die fallen⸗ de Kugel durch das Aufprellen an einen harten Koͤrper neue Flugkraft erhaͤlt. Nach acht Tagen war Verlobung⸗ nach ei⸗ nem — 113— nem Mönat die Vermaͤhlung; die Stadt ver⸗ gaß allmaͤhlig das Gerede von den Dhorheiten des Paares, um von deſſen Gluck und Verwand⸗ lung zu ſchwatzen. Das Brautpaar war natuͤrlich uͤberſeelig, aber auch Meinert, Seeger und Sandau freuten ſich dieſer Verbindung; ja, der alte Herr Fink weinte am Vermaͤhlungstage des Paares eine Freudenthraͤne, als er mit einem biedern Haͤnde⸗ druck dem Braͤutigam ein ſelbſigemachtes Hoch⸗ zeits⸗Carmen uͤberreichte, in welchem er das Gluͤck der Leute mit dem Groſchen im Evange⸗ lio verglich, der verloren war und wieder ge⸗ funden wurde. Nicht wahr, mein Freund, ſagte Otto an dieſem Tage dem Nachbar Sandau leiſe: nicht wahr, wir werden gluͤcklich ſeyn? „Gewiß,“ entgegnete dieſer.„Zum Ehe⸗ glck iſt die möglichſte Gleichheit nothwendig, und dieſe findet unter Euch ſtatt. Eure Jahre, Euer Vermögen und Stand, alles iſt einander ſo ziemlich gleich; am ahnlichſten aber ſeyd Ihr einander in Euern Neigungen, Erfahrungen und Schicſalen. Jeder Menſch macht im Leben ir⸗ Lend einen dummen Streich; Ihr habt den Eu⸗ 5 — 114— rigen auf gleiche Weiſe gemacht und auf gleiche Art ſeyd Ihr zur Einſicht, zur Reue und zur Beſſerung gelangt⸗ Ein ausgepfiffener Theater⸗ dichter“— ſetzte er laͤchelnd hinzu—„und eine„ heruntergeriſſene Schriftſtellerin. Das iſt Gleich und Gleich. Es muß Euch gut gehen!“ und puͤnktlich ward die Weiſſagung erfuͤllt. 1 III. er Nachdrucker. (Schwank.) 1. Pi Schelle der Ladenthuͤr bimmelte laut, hei⸗ teren Blickes ſah der Buchhaͤndler Pilatus durch die Brille von ſeinem Soll Haben auf und hinaus; doch ſtatt des erwarteten Kaͤufers trat nur die huͤbſche Nichte und Haushaͤlterin des Alten, Fraulein Amalia ein, die von der Fruͤh⸗ Andacht heimkehrte. Unwirſch entgegnete er nur ſo ſo den Morgengruf, und duldete in gleicher Art den beigefügten Kuß von der holden Jung⸗ ftau Incarnat⸗Lippen; ſie warf ſodann den Man⸗ tel ab und brachte, eine neue Hebe, dem Oheim das Fruͤhſtuer. Behaglich ſchluͤrfte er den Boh⸗ nen⸗Trank, und eroffnete dabei, um doch etwas zu ſagen, eine Unterhaltung, die mit der großen Frage anhub:„Was giebt es Neues? Ihr Wei⸗ H 3 — 116— ber“— ſetzte er hinzu—„haltet immer in der Kirche im Schauſpielhauſe und beim Thee eure Abrechnung an Neuigkeiten, wie wir Buchhaͤnd⸗ ler im Paulinum zu Leipzig uͤber unſere papie⸗ renen Waaren.“ Im Tempel Gottes, erwiderte das Maͤdch wo meine Seele ſich zum Quell des Lichtes u der Liebe ſchwingt, vergeß ich ſtets die Welt mit ihrem Treiben, und tief unter mir ſchwebt die Erde mit ihrem Weh und Reid, mit ihrem Jauch⸗ zen und Läſtern; dort hört' ich nichts, doch auf dem Heimwege hat meine Freundin Co rdchen mir erzahlt, daß geſtern Abend die Frau des Kaufmanns Leberecht aus dem Schauſpielhauſe mit einem fremden Offizier, der vor fuͤnf Jah⸗ ren in dem Hauſe ſein Quartier gehabt, entlau⸗ fen ſey. Im nahen Grenzorte, zu Paffdorf, ſind ſie ſogleich getraut worden, wie mir berichtet iſt, und darauf haben ſie flugs die Reiſe, Gott weiß wohin, fortgeſetz. Der Mann, der in der Nacht den Handel noch erfahren, hat ſchnell ſich aufgemacht, ſie einzuholen. „Wohl zu bekommen!“ ſprach ruhig der Alte.„Wer eines verlaufenen Weibes noch be⸗ gehrt, verdient den erſten Platz im Irrenhauſe“ Wer ſo hobe Begriffe von Ehe und ehelicher — 119— iſt vergebens. Du wirſt die Gattin meines Freundes, des beguterten Buchhaͤndlers Reine⸗ ke in Kriebelhauſen, dem ich Dich vor Kurzem zugeſagt.“ Des reichen Nachdruckers, ich weiß es lei⸗ der, ſagte ſie mit weinerlichem Tone; doch, wenn ich dieſem veraͤchtlichen Menſchen die Hand geben ſoll, ſo graͤme ich mich zu Tode. „Gern nehm in dieſem Falle ich Deinen Tod auf mein Gewiſſen!“ verſicherte lachend je⸗ ner.„An einer Heirath wider Willen ſtarb noch nie ein Maͤdchen. Anfangs entſteht freilich große Waſſersnoth in den Augen; doch bald ver⸗ ſiegen die Thraͤnenquellen. Wie bei dem Eſſen der Appetit, ſo findet nach der Hochzeit ſich die bendthigte Liebe ein. Reineke iſt Nachdrucker, ia, aber in ſeinem Wohnlande iſt das Rachdruk⸗ ken auslaͤndiſcher Werke geſetzlich erlaubt. Wer kann etwas Rechtliches dawider häben? Man ſoll ſich naͤhren, und er naͤhrt ſich reichlich; ſchon druckte er namhafte Summen zuſammen; mit dieſen will ich, ſelbſt gegen Deinen Willen, Dich bereichern, gluͤcklich machen, und einſt wirſt Du, das weiß ich ſicher, mir herzlich dafuͤr danken. Zudem iſt Reinike jung und von anſehnlicher Geſtalt, geiſwoll und ſiets guter Laune. Ich — 120— wette, er wird Dir gefallen, wenn er zur Zeit der nachſten Jubilate⸗Meſſe hier eintrifft als Dein Braͤutigam.“ Malchen ſchuͤttelte hier verneinend das En⸗ gelskdpfchen und ſchwieg, aber in ihrem Geſichte lag der Troſt: Wer weiß, was bis dahin noch geſchehen kann. Unverhofft kömmt oft. Es kann ja nicht immer ſo bleiben, hier unter dem wech⸗ ſelnden Mynd! und ſo weiter⸗ 2, Von Neuem ertoͤnte das Gloͤckchen, aber wieder kein Buchkäufer, ſondern der Dichter Herr Ferdinand Kronau, Malchens Vereh⸗ rer und Geliehter, trat ein, beide mit maͤnnli⸗ chem Anſtande begruͤſſend. Der Buchhaͤnder empfing ihn äuſſerſ hoflich, hieß ihn mit abge⸗ zogener Mutze willkommen, reichte ihm traulich die Hand und fragte artiglaͤchelnd, was er bringe. „Mancherlei, entgegnete Ferdinand;„zu“ erſt ein Merino Tuch aus dentſchem Werkhauſe zum Weihnachts⸗Angebinde fur Fräulein Amglie/ wenn der Herr Oheim es erlaubt.“ Der Herr Oheim erlaubte es und bewunder⸗ te, einſtimmig mit der Beſchenkten, die Weich⸗ tet des Stofts/ die einbelt pes Geßiunſe⸗ — 1a1— den guten Geſchmack und die edle Aufmerkſam⸗ keit des Gebers, dem von beiden Seiten ver⸗ bindliche Dankſagung ward. „Zweitens,“ fuhr jener fort,„fuͤr Sie, ge⸗ ehrter Freund und Gonner, eine Brille aus der Hauptſtadt, ganz eigen fuͤr Ihr Auge gefertigt. Verſuchen Sie!“ Der Begabte ſetzte die Nach⸗ huͤlfe auf, fand ſie treßlich, und pries wieder⸗ holt des Spenders Sorgfaſt. „Das dritte, was ich bringe,“ ſagte der Be⸗ ſucher,„iſt anderer Natur, eine Hiobspoſt fuͤr uns beide; mein neueſtes Werkchen, das Sie als Verleger in letzter Michaelis⸗Meſſe verſandten, mein von Schrift⸗Richtern hochbelobter Roman: Arnold iſt— nachgedruckt.“ Alle Donner; rief rothlich werdend der Al⸗ te. Es iſt nicht moglich. „Hier der Beweis!“ ſagte jener und hielt dem Staunenden ein, mit ſtumpfen Buchſtaben auf grauem Papier gedrucktes Titelblatt dar, uuf deſſen unterem Theile ſich die Firma Peter Hammer in Köln zeigte. Pilatus biß die Lippen ein, rieb die beben⸗ den Haͤnde und lief in ſeinem Grimme nit gro⸗ und raſchen Schritten das Zimmer auf und 6b. — 122— „Und kennen Sie auch den Nachdrucker?“ fragte Kronau. Zu vermuthen iſt er! antwortete dieſer. „Der ſaubere Reineke iſt es!“ verſicherte je⸗ ner;„ich hab es von guter Hand.“ Ja, ja, rief der Alte, ſeine Firma. Er iſt ein— „Ein Spitzbube!“ ſiel jener ein. Spitzbub! Spitzbub! ſchrie in ſeinem Bauer am Fenſter der Staarmatz, der gleichermaaßen ein Geſchenk Ferdinands war. Die Jungfrau, die hier den Wink des Herz⸗ geliebten ganz wohl bemerkte, ging jetzt hinaus, angeblich um in der uͤche nachzuſehen, in Wahr⸗ heit aber, um dem Verehrer Raum und Friſt zur Zwieſprache mit dem Oheim, die ſie betraß⸗ zu goͤnnen. 5. „Ein Nichtswuͤrdiger“— fuhr Kronau fort—„iſt dieſer ganze Reineke!“ Ein Tau⸗ ſendſaſa! ſprach mildernd der Alte. Stark iſt es gllerdings und verwegen. Er freiet um die Nichte, und druckt dem Oheim den Verlag nach; aber leben und leben laſſen. Der weiß zu ſpe⸗ kuliren; als Kaufmann lob ich ihn; ich für * — 123— mein Theil weiß was ich thue, denn auch ich bin nicht dumm. Er ſoll mir den Schaden er⸗ ſetzen; ich zieh es ihm an der Ausſteuer ab. „Wie?“ rief ſtaunend Ferdinand.„Bei all dieſer unverſchaͤmten Raubgier ſoll er noch Ama⸗ lien beſitzen?“ Iſt abgemacht, entgegnete dieſer, iſt alles im Reinen. Der Menſch hat mein Wort, ein ehrlicher Mann bricht es nie. „Dann hab ich nichts mehr mit Ihnen zu reden; wir ſind geſchieden auf immer!“ ſprach ernſt, doch ohne Hitze, Kronau.„Nur Eines mag ich Ihnen nicht verheelen. Daß ich Mal⸗ chen liebe, daß Ihre Nichte mir gewogen iſt, wiſſen Sie. An einen Elenden wollen Sie die Gute verſchleudern, den ſie verabſcheut? Das duld ich nicht. Ich vin ein Mann und kann als ſolcher, wenn es ſeyn muß, entſagen, aber Mal⸗ chen ſoll nicht die Beute der Verzweiflung wer⸗ den, bei Gott nicht. So ſchwör ich Ihnen!“ Er wendete ſich der Thuͤre zu. Nur ein Wort noch, mein Beſter! rief Pi⸗ latus und hielt ihn am Aermel feſt. „Laſſen Sie mich,“ btummte der Grollende; »was können Sie noch wollen? Wer ſo wie Sie — 124— mit einem Diebe ſich verbindet, blos weil er ein reicher Dieb iſt, hat meine Achtung verloren.“ Alle Donner, ſo horen Sie doch! ſchrie je⸗ ner und hielt ihn mit beiden Haͤnden zuruͤck. Leben und leben laſſen⸗ Wunderlicher Mann; mich hat der Menſch geprellt, und Sie ſind giftig daruͤber. Warum? Was verlieren Sie? Im Gegentheil⸗ Sie ſollten jauchzen, daß man es der Muͤhe werth haͤlt, Sie nachzudrucken. Bleiben Sie, verehrter Freund, und laſſen Sie mit ſich reden. Ich bin Ihnen Dank ſchuldig⸗ ja; aber meine Richte kann ich Ihnen nicht ge⸗ pen. Der Reinike iſt ſchlecht, hat aber Geld, viel Geld, und wird deſſen noch mehr erwerben. Auch Sie ſind ein vraber Nann, heißt das am Gelde; doch Sie muͤſſen zu Grunde gehn bei Ihrer Großmuth, ſind mit einem butterweichen Herzen behaftet, erziehen Waiſen, laſſen Kranke heilen, ſpeiſen alle hungrige und tränken alle durſtige Bettelleute. Was wird am Ende dar⸗ aus? Selbſt⸗Armuth⸗ Noth, Jammer und Elend⸗ Gegen ſolche Zukunft muß ich pflichtmaͤßig das Mädchen ſchirmen, das liebesblind die Hauptſa⸗ che vergißt. Von Dankgeheul wird niemand ſatt, von angewuͤnſchtem Himmelsſeegen keine leere Kiſte voll. Wären Sie anders, ſo ſollte — 125— Niemand als Sie mein Vetter werden. Aber ſo— Leben und leben laſſen. Seyn Sie billig! Emport von ſolchen Aeußerungen riß Ferdi⸗ nand ſich ſchweigend los, und foh. 4. Das neue Jahr kam, aber Kronau ließ ſich nicht wieder im Hauſe ſeines weiland Verlegers ſehen, ſo viel Muͤhe dieſer ſich auch gab, den gerngeleſenen Dichter an ſich zu ziehen, um von ihm zur naͤchſten Meſſe wieder ein Geiſt⸗und Phan⸗ taſie⸗Erzeugniß zu erhalten; der Gereizte wich ihm ſtets aus, ſah jedoch die Geliebte oft am dritten Orte, bei ihrer Freundin Cordula, auf der beſuchteſten Promenade und im Schauſpiel⸗ hauſe. Sie befeſtigten den Herzensbund durch das gegenſeitige Geluͤbde, daß ſie nur fuͤr ein⸗ ander leben und trotz aller äuſſern Gewalt durch⸗ aus keine andere Verbindung ſchlieſſen wollten. Von dieſem Verſprechen wyßte Pilatus nichts und hielt dergleichen auch, in ſofern von Mal⸗ chen die Rede war, fuͤr unmoglich. Er ſah die Nichte fuͤr ein gutes, gehorſames Kind an, das ſich, folgſam wie bisher, in ſeinen Willen fuͤgen wer⸗ de. Der gute Mann kannte— ſo viele ſeelen⸗ kundige Romane er auch ſchon verlegt hatte— — 126— das Weſen der Liebe nur vom Hörenſagen; es war ihm fremd, daß die Mädchen nur ſo lange im Geiſte des chriſtlichen vierten Gebotes han⸗ deln, bis Amor ihnen ſein heidniſches erſtes: Du ſollſt lieben! an das Herz legt. Er wußte auf ein Haar, ob ein Buch gutes Papier und ſchonen Druck habe, und ob es Abſatz finden werde, aber von den Räthſeln, dem Druck und Abſatz des Menſchenherzens war ihm, dem Ha⸗ geſtolzen, wenig oder nichts bekannt. Darum ließ er die Sache gehen, ſah es gern⸗ daß Malchen ihr Herzblatt zuweilen ſah, wie er erfuhr, und trug ihr ſogar auf, als die Meſſe immer näher kam, ihren Schatz dahin zu bewe⸗ gen, daß er ihn wieder beſuchen und ſein vol⸗ lendetes Werk ihm uͤberlaſſen moge. Malchen, dem des Geliebten Naͤhe ohnehin ſehr theuer war, fuͤhrte ihren Auftrag mit Er⸗ folg und Ehre gus. Bittend beſiegte ſie den Stolz des Dichters, bewies ihm, daß bei ſeiner Gegenwart in ihres Oheims Hauſe, ihnen noch manche ſchone Hoffnung bluͤhe, und fuͤhrte, als er um ſeiner Liebe willen nachgab, den verlor⸗ nen Schriftſteller⸗Sohn wieder dem verlegenden Vater zu. Ferdinands Roman ging in die Druckerei; alle Setzer und zwei Preſſen arbeiteten regſam, und als die Knospen ſich fuͤllten, der Raſen friſch ergruͤnte und Bluͤthenſchnee den Kirſchoaum ſchmuͤckte, war bereits die Halbſcheid des Buches vollendet. Um dieſe Zeit ging wieder ein Schreiben von Reineke an Pilatus ein, das dieſem die na⸗ he Ankunft des Braͤutigams als ganz ſicher ver⸗ kuͤndigte. Der Alte machte hieraus kein Ge⸗ heimniß, und meldete es dem Paare mit einem gewiſſen Sieges⸗Weſen. Die Leutchen waren bei dem Empfang dieſer Nachricht ſehr betruͤbt, obgleich ſie ihnen nicht unerwartet kam. Mal⸗ chen ſeufzte und erblaßte, Ferdinands Wange ergluͤhte und ein tiefer Seußzer entwand ſich ſeiner Bruſt, in der es heute an der linken Seite ſtaͤrker als gewöhnlich klopfte. 5. Amalie ging, der Wangen Bläſſe dem Oheim zu verbergen hinaus; Kronau aber entſchloß ſich, den letzten Rede⸗Sturm auf Pilatus zu wagen. „Freund,“ ſprach er zu ihm,„noch iſt es Zeit zur umkehr. Beſeeligen Sie mich durch Amgliens Hand ſie wird ungluͤcklich mit dem Menſchen, ich werde die Beute der Ver⸗ „ — 138 d wenn ich, aberreizt von Gram tollen Streich begehe, ſo tragen zweiflung Un und Zorn, einen Sie die Schüld.“ Sollte mir in der Seele weh thun, wäs Ihre Verzweiflung anbetrifft, erwiederte jener; daß jedoch meine Pflegetochter mit ihrem Be⸗ ſtimmten nicht ungluͤcklich wird, weiß ich ſicher; ich kenne ſie als ein geſcheidtet, gutes Kind, und ein ſolches läßt mit der Zeit die Liebes⸗Grillen fahren⸗ Schon manches Maͤdchen weinke vor der Hochzeit bittre Thraͤnen, und lachte hinter⸗ drein daruͤber, daß ſie bittere gaͤhren weinte⸗ Amalie wird auch lachen, wenn ſie ihres Man⸗ nes vollen Geldkaſten und ſich in der Herrlich⸗ keit der reichen Frau erblickt. Bei den Wei⸗ vern ſteht queer vor der Liebe noch die Eitel⸗ keit, und ſie veduͤrfen keines Lethebechers⸗ um uber den neuen Glanz den alten Verehrer zu vergeſſen; mein Nalchen wird ſich in die Sache finden. Und außerdem ſing ich mein altes Lied · Sie wiſſen nichts mit dem Gelde zu machen als es in Almoſen auszugeben. Hu, wie durfte da die Mitgift fliegen! Sehn Sie, ſö wuͤrde das Maͤdchen gerade mit ihnen ungluͤctlich. Den Fall geſetzt, ich könnte mein, an Reineke gege⸗ henes Wort auch zuruͤcknehmen und Ihnen ge⸗ hen/ — — 129— ben, was ich jenem verſprach, ſo erhielten Sie doch nimmermehr ihr Erbtheil; das ſpaarte ich auf zum Wittwen⸗Gut, und fruh genug wuͤrde ſie deſſen beduͤrfen. „Wohlan,“ rief Ferdinand,⸗ geben Sie mir Amalia unter dieſer Bedingung; ich leiſte Ver⸗ zicht auf jede Ausſteuer. Was ſoll mir auch das veraͤchtliche Geld?“ Daß Gott erbarm! ſprach ſeufzend der Al⸗ te und ſchlug die Haͤnde zuſammen. Geld ver⸗ ächtlich? O Sie Ketzer und ſchlimmer Gottes⸗ läugner! Können Sie ein Stuͤcklein Brod, ein Glaͤschen Wein ohne Geld haben? Gerechtigkeit empfangen ohne Gerichts⸗Gebuͤhren? Vergebung der Suͤnden ohne Beichtpfennig? He⸗ Das Lamm bringt ſeine Wolle mit zur Welt, dem Vogel wachſen ſeine Federn; wir aber konnen unſre Federn, unſere Wolle, unſere Genuͤße, ja ſelbſt den Sarg, nur mit Gelde erkaufen. Geld, das Lebens⸗Element, veraͤchtlich? Ja, das ſind die ſaubern Grundſaͤtze, bei denen die Poeten unterm Dach auf Stroh verenden; und eben darum, werther Herr, mag ich Sie nicht zu meinem Vetter, ſo ſehr ich Sie auch ſonſt verehre. „Das iſt zu arg!“ rief Kronau hochentruͤ⸗ ſtet:„Zum letztenmal, Sie wollen nicht; — 130— Aus vorgetragenen Gruͤnden kann ich nicht, entgegnete Pilatus. Und konnt ich ſelbſt das Unvergeßliche— das Geld— vergeſſen, ſo hat doch Reineke mein Wort, das hier entſcheidet. „Und wenn Amalia, die Hauptperſon, dem Nochdrucker ihr Wort verſagt?“ forſchte Fer⸗ dinand. Das wird ſie nicht, ſagte jener, und wollte ſie's, enterbe und verſtoß ich ſie. „Nun dann,“ ſprach Kronau mit Ernſt im Ton und Gluth im Auge,„ſo ſag ich Ihnen denn hiemit: nie wird Amalie des Buben Gat⸗ tin; daruͤber ſind wir beide einig; ſie will mein Weib und keines Andern ſeyn, und zwingen laß ich ſie nicht: eher ſchlag ich den literariſchen Langſinger todt—“ Leben und leben laſſen! ſiel erblaſſend Pila⸗ tus ein. Warum wollen Dieſelben ſich raͤdern laſſen? Beſſer, Sie ſchlagen dieſe gottvergeßne Liebe todt, als einen koſtbaren Mehrer unſerer Claſſiker. Waͤhlen Sie doch eine andere Braut aus unſern zahlreichen ehedurſtigen Schoͤnen, und laſſen Sie mir den Vetter in spe in Ruhe · „Wenn er erſchlagen iſi, laß ich ihn ruhen rief Ferdinand und eilte fort. — 131— Hart ſetzte der Alte darauf der Nichte zu, von der er ſtaunend vernommen, daß ſie mit dem Poeten im Bunde gegem ſeinen Willen und wider den erkornen Bräutigam ſey. Vorgefor⸗ dert bekannte ſie und laͤugnete nicht. Er droh⸗ te fluchte, und ſchreckte ſie ſo gewaltig ein, daß ſie Folgſamkeit und Ergebung in ſeine Entwuͤr⸗ fe gelobte; indeſſen ſchien es ihr nicht Ernſt zu ſeyn mit dem Verſprechen; ſie ſtrebte nur— wie zuweilen in der Noth die Großen— Zeit zu gewinnen. In ihrer Traurigkeit lag ein gewiſ⸗ ſes Etwas, das auf einen Hinterhalt deutete; je und je ward pie finſtere Miene von einem feinen Lächeln aufgehellt, ſo wie der Mond durch ſliehende Wolken ſchimmert; doch zugelte ſie raſch dieſe Anflüge wieder und ſchauete recht ernſthaft und gramvoll den Oheim an, der da⸗ durch getaͤuſcht, nicht minder durch ihre Schein⸗ Zuſage beſchwichtigt, ſis wieder, nach wie vor, ſein liebes Malchen nannte. Der Dichter ließ ſich nicht mehr in des Buchhanvlers Hauſe ſehen, doch ward der Lie⸗ beshandel heimlich fortgeſetzt. Cordula, Ama⸗ liens Freundin, war die verlobte Braut des Doctor Kronau, Ferdinands Bruder. Dort, ₰ 2 — 533— ſprach ſich das ſonſt ge⸗ trennte Paar, und uberſprach daſelbſt hinter ver⸗ ſchloſſenen Thuͤren die Angelegenheiten im ge⸗ heimen Rath, bei welchem Cordula den Vorſitz fuͤhrte. Da fluͤſterte man ganze Stunden lang⸗ entwarf Plane und faßte Beſchluͤſſe, die jedoch in den dichteſten Schleier des Geheimniſſes ge⸗ huͤllt wurden. Niemand, auſſer den Vieren, ver⸗ nahm das Geringſte von den Vorträgen und Er⸗ gebniſſen. Die letzte Zuſammenkunft fand ſtatt, als Pilatus ſeiner Richte meldete, wie er von Rei⸗ neke wieder ein Sendſchreiben empfangen habe, nach welchem ihr Beſtimmter innerhalb drei Ta⸗ gen eintreffen und nach einem viertaͤgigem Auf⸗ enthalte mit dem Oheim zur Meſſe nach Leipzig reiſen werde, wornach ſie ſich zu achten habe⸗ Bei der Ruͤckkehr von Leipzig ſolle ſracks die Hochzeit gefeiert erden, ſetzte der Verkuͤndiger hinzu, alſo ſey es beſchloſſen. Als Amalia dies der Geſellſchaft gemeldet und man einen geheimen Beſchluß ausgeſprochen hatte, wurden die Sitzungen aufgehoben und der geheime Rath loſte ſich auf. pei Cordchen, ſah und — 133— Ferdinand mußte folgenden Morgen ei⸗ ne Reiſe antreten, die ihn angeblich auf mehre⸗ re Wochen entfernte. Er wollte, ſo hieß es all⸗ gemein in der Stadt, erſt wiederkehren, wenn ſeines Maͤdchens furchtbare Verlobung voruͤber und der verhaßte Nachdrucker, den er nicht vor Augen haben wollte, wieder fuͤr immer abgereiſet ſey.. Am naͤchſten Dage war Malchen krank und blieb im Bette. Der herbeigerufene Arzt, Doe⸗ tor Spahn, kopfſchuͤttelte bedeutend und ſprach von einem gefaͤhrlichen Rerven⸗Uebel, das, von heftigen Gemuͤthsbewegungen erzeugt, im Anzuge Die boͤſe Weiſſagung ward nur zu bald er⸗ fuͤllt, am folgenden Morgen war die Kranke ſprachlos. Das kam dem Alten aus mehreren Gruͤnden hoͤchſt ungelegen; einmal ſo liebte er die Richte wirklich; zweitens ſollte noch heute der Braͤutigam eintreffen; und drittens ſtand die Verlobung und die Reiſe nach Leipzig bevor. Aengſilich fragte er daher den Arzt, was zu thun⸗ wie zu helfen ſey. Der meinte, die Kraükheit ſey einzig durch ein magnetiſches Verfahren zu meiſiern; und als Pilatus ihn erſuchte, damit — 134— alsbald zu beginnen, aͤuſſerte er, uͤber die magne⸗ tiſchen Jahre ſey er laͤngſt hinweg; nur junge Aerzte könnten ſolche Uebel bei Mädchen und Frauen heilen, und ſchlug zum Magnet⸗Arzt den Doctor Kronau vor. Jeit war das Koyfſchuͤt⸗ teln an Pilatus, der den Bruder Ferdinands nicht gern im Hauſe ſehen wollte; da indeſſen kein anderer Arzt im Orte war, der ſich mit magnetiſchen Heilungen befaßte, ſo blieb ihm nichts anders übrig, als nach dem Empfolenen zu ſenden, von dem er zum Troſt auch noch end⸗ lich hoffte, daß der Beguterte ſich mit den Ko⸗ ſten eben ſo uneigennuͤtzig verhalten werde, als ſein Bruder mit dem Ehrenſolde Der Doctor Kronau ſah die Kranke und ur⸗ theilte, daß das nebel ſehr bald gehoben wer⸗ den konne. Er begann die Heilung, und ſchon nach dem erſten Verſuche fand ſich Malchens Sprache in einigen einzelnen Lauten wieder⸗ Reineke kam an und vernahm mit Leidwe⸗ ſen, wie uͤbel es um ſeine Braut ſiehe. Er be⸗ gehrte ſie zu ſehen, um zu urtheilen, ob ihr auch das Bild, das Pilatus ihm geſandt, aͤhn⸗ lich ſey; aber Amalie wollte weder von ihm ge⸗ ſehen ſeyn, noch ihn ſehen. Nun ſprach Kronau dagegen; doch jener beſtand au, ſeiner Forde⸗ — 135— rung und Pilatus bewilligte ſie. Kaum hatte indeſſen die Kranke ihn erblickt, als ſie unruhig wurde, den tiefſten Widerwillen gegen ihn be⸗ zeigte, die Augen ſchloß, und auf alle Fragen keinem Laut erwiderte. Kronau forderte, daß der Fremde ſich ent⸗ fernen möge, und als dies geſchehen war, befand die Kranke ſich ſichtbar beſſer. Da beſtand der Doetor darauf, daß Reineke ihr nicht wieder vor die Augen kommen ſolle, ſo lange ſie unpaͤßlich ſey. Pilatus aber ſah der Sache auf den Grund, ahnte einen Plan, ein Einverſtaͤndniß der Kran⸗ ken mit dem Arzte, und nahm in dieſer Anſicht 3 ſeine Manßregeln; indeſſen glaubte er dem Krie⸗ ₰ belhauſener das wahre Sachverhaͤltniß verſchwei⸗ gen zu muͤſſen, aus Furcht, der reiche Freier ſi könne bei genauer Kenntniß der umſtände ſich 1 zuruͤck ziehen. So beſchloß er, daß die Verlo⸗ bung auf jeden Fall vor ſeiner, auf den morgen⸗ den Tag feſtgeſetzten, Abreiſe ſtatt haben ſolle. Er fragte bei dem Doctor Spahn an, ob er wol abreiſen und die Kranke verlaſſen duͤrfe. Da meinte dieſer, ſeine Entfernung koͤnne ehen ſo wenig ſchaden, als ſein Bleiben helfen. — 136— Der Doctor S war am Morgen vor der Abreiſe der Buchhäͤndler noch nicht im Kran⸗ kenzimmer, als Pilatus mit dem Nachdrucker vor Malchens Lager erſchien, und ihr verkuͤndig⸗ te, daß ſie ſich auf der Stelle mit dem Beſtimm⸗ ten verloben ſolle; doch die Kranke lag, wie im Starrtrampf, mit geſchloſſenen Augen und Lip⸗ pen da; ſie ſchien nichts von allem zu verneh⸗ men und ſagte weder Ja noch Rein, aber der verratheriſche Karmin der Wange deutete noch auf Lebensgluth im Innern. Jezt wurde es dem Braͤutigam zu arg; ſein kleines hechtgraues Auge blitzte, ſein flachsweißes krauſes Haar bor⸗ ſtete ſich empor; ſein rothes Antlitz ſpielte ins Braune, und er ſchrie mit ſeiner hellen Tenor⸗ ſtimme:„Das iſt Ziererei, mein Engel. War⸗ um ſperren Sie ſich?“ Ziererei, ſonſt nichts! rief Pilatus: Wohlan⸗ Herr Reineke, ſiecken Sie ihr den Verlobungs⸗ ring an den Finger! Der Flachskopf wollte die Anweiſung befol⸗ gen; aber das ging nicht, denn alle zehn Finger waren einwaͤrts gebogen, und krampfhaft geſchloſ⸗ ſen. Vergebens muͤhte er ſich bei ſteigendem Grimme, und zaͤhneknirſchend verſuchte er rohen — 137— Zwang anzuwenden; doch in demſelben Augen⸗ blick erſchien Doctor Kronau mit dem andern Arzte, und beide erklaͤrten, wenn man die Lei⸗ dende mißhandeln wolle, ſo ſeyen ſie uͤberffuͤßig und wuͤrden ſich entfernen, um der Obrigkeit pflichtmaͤßigen Bericht zu erſtatten, auf daß, wenn der Tod der Gepeinigten erfolge, man höheren Ortes die Grauſamkeit ahnden koͤnne. Reineke verſuchte trotzigen Widerſtand, aber Pilatus, von der Drohung erſchuͤttert, beſaͤnftigte ihn, und verwies ihn zur Geduld, zur Hoffnung, ver⸗ ſicherte jedoch ſpaͤter dem Doctor Spahn, als er mit dieſem allein war, er wiſſe recht gut, daß ſeine Nichte mehr an Eigenſinn als Krankheit leide, daß er hingegen feſt entſchloſſen ſey, ihr auf jeden Fall einen Strich durch die Rechnung zu machen. „Geſetzt“ ſprach, ſich raͤuſpernd, Spahn, „Sie vermuthen hier einen geheimen Entwurf, ſo duͤrfen Sie dennoch die verſtellte Kranke zu einem ſo wichtigen Schritt nicht zwingen. War⸗ ten Sie die Geneſung ab; ſie wird nicht ewig auf dem Siechenlager bleiben; mit der Geſun⸗ den ſchalten Sie nach Belieben.“ Aber die Leipziger Reiſe? rief Pilatus. — 138— „Schieben Sie die Verlobung auf,“ rieth Spahn,„bis zu Ihrer Ruͤckkehr.“ Das werd ich leider muͤſſen. Der Alte bearbeitete nun ſelbſt den Braͤuti⸗ gam, und dieſer bewilligte, ſobald man ihn uͤber⸗ zengt hatte, daß nichts anders zu thun ſey, den unangenehmen Aufſchub⸗ Pilatus befahl dem Laden⸗Gehuͤlfen, waͤh⸗ rend ſeiner Abweſenheit ein wachſames Auge auf Amalia zu haben; auch die Hausmagd ward in gleicher Art zur Huͤterin beſtellt, und die bei⸗ den Herren reiſten ab. Kaum waren ſie fort, da peſſerte es ſich von Stunde zu Stunde mit der Kranken; ſie erhielt alsbald die Sprache wieder, und ſchien mit veweglicher Zunge das Verſaͤum⸗ te nachholen zu wollen, ſobald der Doctor Kron⸗ au ſie beſuchte; ſie plauderte unaufhorlich mit ihm, ſo daß der Laden⸗Gehuͤlfe, der nebenher ein Satyriker war, vermeinte⸗ auf die Ebbe fol⸗ ge eine tuͤchtige Fluth, die der Herr Pilatus⸗ wenn er zugegen ſey, gewiß eine Suͤndfluth ſchelten werde; indeſſen halte er(der Gehuͤlfe) die Sache fuͤr ſehr natuͤrlich, denn wenn eine Dame mehrere Tage lang ſtumm geweſen ſey⸗ — 139— ſo habe ſich allerdings eine große Maſſe von Redeſtoff angeſetzt, der ſodann wol ausſtrömen muͤſſe. Am Nachmittage konnte Malchen ſchon auſ⸗ ſer dem Bette ſeyn, am andern Tage in den Garten, und am dritten ſogar mit Cordchen zur Kirche gehen. Der Gehuͤlfe verwunderte ſich uͤber die ra⸗ ſche Beſſerung und fragte die beiden Aerzte, ob die Geneſende ſich nicht etwa zu fruͤh hinaus wage. Im Gegentheil, ſprach Kronau. Bei ſolchen Uebeln iſt friſche Luft, Bewegung und Zerſtreu⸗ ung das wirkſamſte Heilmirttel. „Man hort es, guter Freund,“ ſagte Spahn, „daß Sie die Frauen und deren Nerven nicht kennen. Das iſt in dieſem Augenblick todtkrank und im naͤchſten kerngeſund.“ Ich daͤchte, erwiderte der Satyriker halblaut und lachend, das ſicherſte Mittel bei Fraͤulein Walchen waͤre, wenn ihr Oheim ſelbſt ihr Et⸗ was verſchriebe, ſo zum Beiſpiel: Becipe Herrn Ferdinand Kronau zum ehelichen Gemahl. De⸗ iur, signetur: Auf einmal zu nehmen! Beide gaben dem Schlaukopf Recht, mein⸗ „ — 140— uͤck derglei⸗ jedoch, der Alte werde zum Ungl ben wollen. ge nach dem Eſſen kam ordchen mit dem Wagen, fahrt nach einem nahen ten chen nimmer verſchrei An demſelben Ta Doctor Kronau und C Amalie zu einer Spazier Luſtort abzuholen. 10. unterdeſſen war Pilatus mit dem Kriebel⸗ hauſener in Leipzig angekommen und beide be⸗ trieben ihr Meßgeſchaͤft. Sie hatten ſich bereits über den Nachdruck des Kronauſchen Werkes ge⸗ einigt. Reineke verſprach, dem Oheim ſeiner reichen Braut die Halbſcheid des Gewinns zu geben⸗ Pilatus ſchwamm die erſten Tage in Ver⸗ gnuͤgen; ſeit Jahren hatte er nicht ſo viel Geld eingenommen⸗ Der erneuete Friedenszu and hatte dem Buchverkehr wieder Bluͤthe und Ge⸗ deihen verſchaft; doch bald goſſen die, durch den Ladengehuͤlfen eingeſandten poſitaͤglichen Berich⸗ te uͤber Malchens Thun und Treiben manchen vittern Tropfen in den Honigbecher; ihr In⸗ halt war ſo dunkel, geheimnißvoll und ſeltſam daß der Alte zuerſt nicht klug daraus werden tonnte, dann aber auf einen quaͤlenden Verdacht — 141— gerieth. Seine Sehnſucht nach der Heimath wurde gewaltig aufgeregt; er beſchleunigte ſeine Arbeiten, um ſobald als thunlich zuruͤck reiſen zu können. Dem Flachskopf verſchwieg er kluͤglich ſeinen Argwohn, weil derſelbe ihn in Anſpruch nehmen und in die tiefſte Verlegenheit ſetzen konnte. Gern waͤr er dieſerhalb heimlich ein Paar Tage fruͤher und ohne ihn abgereiſt, um erſt daheim zu ſehen, ob er Recht habe; indeſſen ging Reineke ihm nicht mehr vom Halſe. Endlich empfing er eine neue Meldung, und nun klieb ihm kein Zweifel mehr; ſicher hatten Ferdinand und Malchen zu Hauſe dumme Strei⸗ che— ſo nannte er es— gemacht. „O Satansengel, Höllendichter!“ ſchrie er, und quetſchte in ſeiner Fauſt den Brief zu einer Kugel zuſammen.„Und du, abſcheuliche Dirne! Iſt das Sittſamkeit, das Gehorſam?“ Die eingelaufenen Berichte ſagten nemlich, daß Malchen ſeit dem Nachmittage, da ſie mit Cordchen nach Paſſdorf gefahren, keine Nacht mehr nach Hanſe gekommen ſey, ſondern ſtets bei ihrer Freundin uͤbernachtet habe; ſpaͤter hat⸗ te man erfahren, daß Ferdinand insgeheim von ſeiner Reiſe zuruͤckgekehrt ſey, ſich jeden Abend půt in Cordchens Haus ſchleiche, die Nacht da⸗ — 142— ſelbſt zubringe, und erſt fruͤh Morgens ſich wie⸗ der entferne; jetzt hatte eine Magd in jenem Hauſe erlauſcht, daß Kronau mit Amalie jede Nacht, o weh! in einem und demſelben Zimmer ſchlafe. Man denke ſich des Alten verzweiftungsvol⸗ le Wuth, als er mit dem letzten Schreiben dieſe Kunde, die Beſtätigung ſeines peinigenden Arg⸗ wohns, erhielt. 5 Er hatte nun keine Ruhe mehr in Leipzig⸗ obgleich er noch nicht klar wußte, was er, wenn er daheim ſeine Vermuthung beſtaͤtigt faͤnde, ſagen und thun ſollte, denn mitten durch ſeine grimwigſten Entſchluſſe draͤngte ſich immer das, ihm zur Gewohnheit gewordene, milde Urtheil: Leben und leben laſſen! durch und ein; doch fort wollte und mußte er, die Ungewißheit gehoben zu ſehn; fort wollte er, um ſo mehr, da er mit den Geſchoͤften groͤßtentheils zu Ende und des Flachskopfs Naͤhe ihm unter den umſtaͤnden pein⸗ lich war; aber wie ſollte er loskommen von dem Aufdringlichen? Endlich kam ihm ein Einfall und den fuͤhrte er aus; als nemlich am Abend Reineke ihn verlaſſen hatte und ſchlafen gegan⸗ gen war, beſtellte er Poſipferde, und fuhr um Mitternacht ohne Geraͤnſch ab, ein Schreiben * 143— an den Kriebelhauſener zuruͤcklaſſend, in welchem er ihm meldete, daß er aus Gruͤnden, die zur Zeit noch ein Geheimniß bleiben muͤßten, heim⸗ gereiſt ſey, und wie er demſelben bei deſſen Durchreiſe durch ſeinen Wohnort das Naͤhere wiſſen laſſen werde. Weg war er. Staunend ſah am nachſten Morgen Reineke ſich verlaſſen von dem künfti⸗ gen Oheim. Scharfſinnig genug roch er den Braten, und weil er glaubte, daß doch vielleicht bei Pilatus noch etwas zu retten ſey, ſo beendig⸗ te er im Laufe des Tages raſch ſeine Geſchaͤfte, und fuhr gegen Abend, als die erſten Fleder⸗ maͤuſe ſichtbar wurden, gleichfalls zum Tempel hinaus, dem Alten nach. 11. Ferdinand und Malchen— doch wozu noch ein Geheimniß, das ohnehin der erfahrne Leſer leicht errathen hat?— waren ſeit dem Nach⸗ mittage, da die Geneſende nach Paffdorf fuhr, insgeheim verheirathet. Planmaͤßig hatte Amalie ſich krank geſtellt, um der widerwaͤrtigen Verlobung mit dem Ge⸗ haßten auszuweichen. Der Doctor Spahn, ein Freund und Gönnrr der Gehruͤder Kronau, war o — 144— bon Ferdinand gewonnen⸗ Nach der Abreiſe der Buchhaͤndler wollte das Paar von einem Prieſter jenſeits der Grenze ſich verbinden laſſen. So war es im geheimen Rath beſchloßen und alſo geſchah es. Ferdinand, ſcheinbar weit fort ge⸗ reiſet, ſaß in einem nahen Verſieck, und als Amalie mit Cordchen zu Pafſdorf ankam, ging das Liebespaar zu dem dortigen Geiſtlichen und ließ ſich von ihm vor Zeugen geſetzlich trauen⸗ Bei der Ruͤckkehr raͤumte Cordula ihren neuver⸗ maͤhlten Schuͤtzlingen ein Schlafzimmer ein⸗ Dies alles erfuhr Pilatus bei ſeiner Ankunft aus dem Munde Ferdinands, der nun zum Be⸗ kenner ward. Anfangs knirrſchte und donnerte der Alte, aber der neue Reffe und das liebe Malchen baten ſehr unterwuͤrfig um Verzeihung eines Fehltrittes zu welchem die Gewalt der Liebe ſie unwiderſiehlich hingeriſſen habe. Der Alte wiederholte darauf brummend ſein Klage⸗ lied uͤber Kronaus Unwirthlichkeit und ſeine dat⸗ auf gegruͤndete Furcht vor den Folgen ſolcher Verſchwendung. „Da iſt zu helfen,“ ſagte Ferdinand;„ich gebe die Häͤlfte meines jetzigen Vermogens, das heißt zwanzigtauſend Thaler, in Ihren Buchhan⸗ del zegeige Zinſen, bis zu Ihrem Ableben⸗ und — 145— und Sie behalten eben ſo lange Malchens Erb⸗ theil in Haͤnden.“ Das Geſicht des Alten verklaͤrte ſich einiger⸗ maaßen bei dieſen Worten. Er ſchaute einen Augenblick lang freundlicher zur Hohe, nickte bei⸗ fallig mehreremale, und ſprach ſodann: Hm, das laßt ſich hoͤren. So waͤren wir gedeckt. Ja. Leben und leben laſſen! Rur unter dieſen und noch zwei andern Bedingungen will ich fuͤr mei⸗ ne Perſon ein Auge zudruͤcken, und eine Ge⸗ ſchichte gutheißen, die doch einmal eine Ge⸗ ſchichte iſt. Erſtens liefern Sie mir zu jeder Jubilate⸗Meſſe einen Roman unentgeldlich, ſo lang ich lebe und den Buchhandel betreibe. Das ging Kronau ein. Dann muͤſſen Sie ſelbſt den Handel mit Reineke abmachen, fuhr er fort; der Menſch iſt etwas groblich, ich furchte ihn.„Ganz wohl“ entgegnete Ferdinand;„ich will ihm die nothi⸗ ge Erklaͤrung geben. Dafuͤr ſeyn Sie unbeſorgt. Ueberdies habe ich, als nachgedruckter Schrift⸗ ſieller, noch etwas mit ihm zu verhandeln. Gut, wenn er ſelber kommt und ſich die Abfertigung holt.“ Pilatus, der auf dieſe Weiſe noch mit einem blälichen Auge davon zu kommen glaubte, war 3 * — 146— nun mit Allem ziemlich zufrieden, gab den jun⸗ gen Eheleuten den verlangten Seegen⸗ und ſchrieb eigenhaͤndig die Verbindungs⸗Anzeige fuͤr das Wochenblatt. Daß die Geſeegneten mehr als blos zufrieden waren, verſteht ſich von ſelbſtz ſie ſtanden am leuchtenden Ziele. Alles, bis auf die Abfindung des Kriebelhauſeners, war ja im Reinen. Bald ſiellte dieſer ſich ein. Im Gaſthofe, wo er abgeſtiegen, vernahm er durch den Wirth die Neuigkeit von Malchens Vermaͤhlung, wel⸗ che die Stadt durchlief. Flugs nahm er Hut und Stock zur Hand, eilte in des Buch⸗ händlers Haus, und trat, mit Zorn in Blick und Ton, vor Pilatus hin, ihn zur Rede zu ſtellen wegen des Wortbruches. Der Alte entſchuldig⸗ te ſich mit wahrheitgemaͤßer Darſtellung des Vorganges, aber der Flachskopf tobte plunmaͤßig und ſprach von Entſchaͤdigung, von Geldſummen und Rechtsſtreit. Der Alte, nicht wenig verle⸗ gen, hatte bereits als Reineke eingetreten war⸗ den Reſfen rufen laſſen, und dieſer trat ſo eben ein. Da ſchöpfte Pilatus Athem, verwies den Polterer an Ferdinand, und druͤckte ſich in aller Eil zur Thuͤre hinaus. — 147— 12. Ei, ei, mein Herr, rief der Flachskopf die⸗ ſem patzig zu; was muß ich hören. Sie haben ſich unterfangen, meine Braut zu ehelichen? „Ja mein Herr,“ erwiderte der Befragte laͤchelnd und ruhig,„ich bin ſo frei geweſen.“ Aber ich hatte des Oheims Wort! ſchrie je⸗ ner. „So heirathen Sie den Oheim,“ ſagte die⸗ ſer;„Malchens Wort yatte ich.“ n Blitz und Donner! kreiſchte Reineke, und blies ſich auf. Wie konnten Sie ſich dergleichen unterſtehen? Sie ſind ein— „Ein Ehemann“— fiel dieſer kalt ein:„und damit genug. Als Braͤutigam war ich ein Nachdruck von ihnen, als Vermaͤhlter bin ich ein Vordruck von ihnen. Wir ſind nun ver⸗ heirathet: Was begehren Sie?⸗ R. Erſatz, Entſchaͤdigung! Sie haben mir die Braut geraubt. Das iſt geſchehen. Ich will bilig ſeyn, wenn Sie es ſind. Sie beſitzen Ver⸗ moͤgen. Entſchaͤdigen Sie mich für meinen Ver⸗ luſt durch eine Geldſumme, oder ich verklage Sie. F. Alſo, wenn ich bezahle, wollen Sie zu⸗ K 2 3 — 148— frieden ſeyn, und mir meine Frau laſſen? Ab⸗ kaufen ſoll ich ſie Ihnen? R. Nennen Sie es, wie Sie wollen, aber zahlen Sie, ſonſt klage ich. F. Ei nicht doch. Wollen Sie mich indeſſen ſo ungluͤcklich machen: Immerhin. Von etwas anderem zu reden. Sie ſind Nachdrucker? R. Beſitzer eines Comtvirs fuͤr Claſſiker zur Bildung des Volkes, ja. Die Buchhaͤndler neh⸗ men zu hohe Preiſe fuͤr ihre vielgeleſenen Ver⸗ lags⸗Artikel; ich gebe ſie den Leuten wohlfeiler. F. Begreiflich. Die rechtmoͤßigen Verleger bezahlen Ehrenſold; Sie nicht— Sie haben auch meinen Roman:„Arnold“ nachgedruckt. Mit welchem Rechte? Mit welchem Rechte drucken Sie uͤberhaupt Buͤcher nach? R. Daruͤber brauche ich Niemanden Rechen⸗ ſchaft zu geben. F. O⸗ ich bitte um Belehrung. Setzen Sie ſich nicht auf das hohe Pferd, ſondern unterrich⸗ ten Sie mich lieber. Bis jetzt hielt ich den Nachdruct fuͤr Diebſtahl. Sie wiſſen ſicher, daß Ihr Gewerbe edlerer Natur iſt, ſonſt trieben Sie es nicht. Alſo ſagen Sie mir, mit welchem Rech⸗ te drucken Sie Werke nach? 5 8 R. Einmal, weil mein Fuͤrſt den nicht beſtraft— F. So, ſo. Wenn er ihn beſtrafte R. Da ließ ich es bleiben. Zweitens, ſo ſind Gedanken und Geiſteswerke keines Men⸗ ſchen Eigenthum. F. Auch nicht, wenn ein Verleger ſie recht⸗ maͤßig gekauft und ſeinen Namen auf den Titel des Werkes geſetzt hat? R. Auch dann nicht. Gedanken und Tau⸗ hen ſind frei. F. und gedruckte Gedanken kann alſo Je⸗ dermann fangen und ſchießen? R. Allerdings. Der ſtaͤrkſte Grund fuͤr den Yachdruck iſt aber der, daß ich mit einer Sache, die ich gekauft habe, machen kann, was mir be⸗ liebt, alſo auch mit einem Buche. F. Was mir beliebt? Sehn Sie, das iſt wahr. Daran dachte ich nie. Wahrhaftig, das leuchtet mir ein. Bisher waͤhnte ich immer, ein Buch werde unter der ſtillſchweigenden Bedin⸗ gung von dem Verleger verkauft, daß man es blos leſen duͤrfe. Aber nein, man kann es auch abſchreiben, ausleihen nachdrucken. Nein, es iſt richtig. Mit einer Sache, die ich gekauft habe, kann ich machen, was mir beliebt. Nur — 150— einen Zweifel habe ich noch: Wenn jch einen Wechſel, einen Pfandbrief, ein Staatspapier ge⸗ 1 kauft habe, ſo iſt das Papier doch mein. Darf ich das auch nachmachen? R. Nein, das iſt verboten, und der Ver⸗ faͤlſcher wird beſtraft. F. Ja, ich verſtehe. Der Verleger darf nicht ſtrafen. So, ſo. R. Nun wiſſen Sie es. Und nun erklaͤren Sie ſich uͤber unſere Angelegenheit. Zahlen Sie oder ſoll ich klagen? F. Klagen Sie, damit ich erfahre, wer von uns beiden Recht hat— Aber, ei mein Hert, Sie tragen da einen ſchönen Baltimore⸗Stock. Wetter! So ſchoͤn ſah ich ihn noch nie. Ich bin ein großer Liebhaber ſolcher Stoͤcke. Die⸗ ſen da verkaufen Sie wol nicht? R. Mit Gewinn? Warum nicht? Ich ver⸗ kaufe den Rock vom Leijbe, wenn Vortheil dabei iſ. Der Stock koſtet mir drei Dukaten, fuͤr ſechs Dukaten koͤnnen Sie ihn haben. . F. Gut. Hier ſind ſie.(Er bezahlte und nahm den Stock) Dies iſt alſo mein Eigenthum? 5 ich habe es bezahlt, und kann damit machen was mir beliebt. Nicht wahr, mein Herr? R. Zuverlaͤſſig. — — 151— „Nun wohlan!“ rief Ferdinand,“ ſo will ich den beſten Gebrauch von meinem Eigenthums⸗ rechte machen!“ und ſchlug kraͤftig mit dem Stock auf Reineke's Ruͤcken los. Ins Teufels Namen, was machen Sie? ſchrie der Flachskopf aus vollem Halſe. „Ich mache mit dem gekauften Stocke was mir beliebt,“ ſagte jener, und hieb noch derber zu.„So thaten Sie auch mit meinem Buche, ſo thun Sie mit allen Buͤchern; ich drucke auch ein bischen nach.“ Reineke, zur Gegenwehr zu feig, bruͤllte. Erſt als eine Menſchenmenge ſich vor den Fen⸗ ſtern verſammelt hatte, hielt der Raͤcher ein, und uͤberließ es dem Gezuͤchtigten, ihn zu belangen. Das that der Kriebelhauſener freilich, aber Kronau war darauf gefaßt, und erklaͤrte ſich ſogleich be⸗ reit, die ihm zuerkannte Geld⸗Strafe gern zu bezahlen.„Ach,“ ſagte er laͤchelnd, als er das Geld erlegte!„Wie gern gaͤben die Dichter und Verleger in Deutſchland ſolche Summe fuͤr die Wolluſt hin, alle diebiſchen Nachdrucker auf glei⸗ che Weiſe zuͤchtigen zu duͤrfen!“ IV. Der Anſpruchloſe. (Erzählung) 1. De Orcheſter ſchwieg, der Vorhang rauſchte auf, das Schauſpiel begann. Der Rittmeiſter Hell befand ſich mit einem Freunde in der Lo⸗ ge, der Buͤhne grade gegenuͤber, wo man am beſten ſah und hoͤrte. Da bffnete ſich die Lo⸗ genthuͤr, und die ſchone Baronin Lichtenberg, begleitet von einer ältlichen Frau, trat ein. Hell und ſein Freund ſianden von ihren Sitzen in der erſten Reihe auf, und raͤumten ſie, der Art gkeit gemaͤß, den Frauen ein. Schon haite der Rittmeiſter die reitzende Lichtenberg mehr als einmal in Geſellſchaft geſehen, und kannte ſie; doch eine naͤhere Bekanntſchaft ward jeßzt geſchloſſen, zu welcher die Unterhaltung in den Zwiſchen⸗Acten fuͤhrte. Die Baronin war eine Wittwe von zwanzig 4 — 153— Jahren, und in jeder Hinſicht eine der anziehend⸗ ſten Erſcheinungen in der Frauenwelt. Die Schone, die Geiſtvolle nannte man ſie in den gebildeten Kreiſen, als die Gute pries ſie die Menge der unverſchuldeten Armen hoch. Seit dem Tode ihres Gatten, den ſie nur ſechs Mo⸗ nate beſaß, machte die Schaar der eheluſtigen Juͤnglinge aus der großen Welt ihr den Hof; doch hatte ſie in einem Jahre noch nicht die Scheu vor einer ungluͤcklichen Verbindung uͤber⸗ wunden, da ihre erſte ihr nur Gram ſtatt Freu⸗ den gab; indeſſen war ſie jetzt nicht gaͤnzlich abgeneigt, ſich aufs Neue zu vermaͤhlen; doch hatte ſie beſchloſſen, die Unabhaͤngigkeit, in wel⸗ che ſie der Tod ihrer gebietenden Verwandten ſeit Kurzem verſetzt hatte, zu einer durchaus freien Wahl zu benuͤtzen, und ſich nur dem Wuͤr⸗ digſten unter ihren zahlreichen Freiern zu geben, nur dem Manne, deſſen Werth und Liebe ihr der Zukunft Gluͤck verbuͤrgen konnte, dem ſie mit ihrer Hand auch ihr Herz anvertrauen duͤr⸗ fe Einen ſolchen aber hatte ſie bis daher nych nicht gefunden. Die Erſcheinung und die Naͤhe der Baronin wirkte allmaͤchtig auf den jungen Mann. Wenn ſein Blic mit Wohlgefalen uͤber die reitzenden „ — 154— Formen und das holde Antlitz der Nachbarin ſchweifte, ſo entzuͤckte ihn noch hoͤher das inni⸗ ge Wohlwollen, der gebildete Geiſt und der ed⸗ le Geſchmack, den ſie in ihren Aeußerungen offen⸗ barte. und Hell gefiel der holden Wittwe nicht minder. Zwar konnte er nimmer fuͤr einen Ado⸗ nis gelten, doch war er maͤnnlich ſchoͤn. Ink neun und zwanzigſten Lebensjahre ſtehend, von hohem Wuchs und edler Haltung, glich er dem Kriegsgotte; ſein dunkles Auge flammte ſanft; in kunſtloſen Locken krauͤſte ſich das braune Haar; durch bluͤhende Lippen ſchimmerten die weißen Zähne; der Stempel ſeiner Zuͤge war Regelmä⸗ ßigkeit, und die Stirn⸗Narbe, von einer ehren⸗ vollen, im Kampfe fuͤr das Vaterland erhalte⸗ nen, Wunde ſtand ihm ſchoͤn. In ſeinen Reden waltete natuͤrlicher Verſtand, Herzensmilde, Be⸗ geiſterung fuͤr das Große und Schoͤne, Geiſtes⸗ vildung, Beleſenheit, und Weltkenntniß; dennoch ſchien er der Anſpruchloſeſte in der geſammten Maͤnnerſchaar. So zog man einander gegenſeitig an, und jebes faͤllte in ſich uͤber den andern ein guͤnſti⸗ ges urtheil, doch der Wittwe gebot der Anſtand ruhigen Ruͤckhalt, den Mann leitete ſeine ge⸗ wohnte Beſcheidenheit; man lernte einander — 255„ zwar naͤher kennen, doch nicht genau; Eines naͤ⸗ herte ſich dem andern im Weſen, doch die Form hielt beide entfernt; und man ſprach von Außen⸗ dingen, um nicht ganz zu ſchweigen. Die Vorſtellung war geendet, Hell begleitete die Nachbarin bis an den Wagen, beurlaubte ſich dort hochachtungsvoll von ihr, und trat an das Thor zuruͤck. „Ein achtungswuͤrdiger Mann ſcheint die⸗ ſer Rittmeiſter,“ ſprach die Baronin zu ihrer Begleiterin im Vertrauen;„er unterſcheidet ſich vortheilhaft von der faden Menge!“ Die Ge⸗ ſellſchafterin war derſelben Meinung. Unterdeſſen ſtand dieſer Achtungswuͤrdige ſchweigend da, ſtarrte dem dahin rollenden Wa⸗ gen nach, und ſagte dann ſeufzend zu ſich:„Wie ſchoͤn, wie geiſivoll und wie gut ſie iſt! Aber eben durch dieſe Vorzuge ſteht ſie zu hoch, zu maieſtaͤtiſch da. Und dann ihr Reichthum. O, Liebenswuͤrdige, warum biſt du nicht unbegutert wie ich, und mir in allem gleich: Dann koͤnnte ich hoffen; doch nun, du holde Zauberin, darf ich mich Dir nur zagend naͤhern, Dir nur verſchwiegne Liebe weihn!“ Sinnend ging er ſeiner Wohnung zu, er⸗ freute ſich dort an den Spielen einer lebendi⸗ — — 156— 5 gen Einbildungskraft, die das Bild der Praͤchti⸗ gen vor ſeine Seele zauberte. Er traͤumte ſich eine ſeelige Zukunft; alle Hinderniſſe waren ge⸗ hoben, alle Schranken gefallen; er ruhte, Em⸗ mas gluͤcklicher Gatte, am Buſen der Herr⸗ lichen, an ihrem liebewarmen Herzen, und flog jetzt, begeiſtert und verzuͤckt von dieſem Traum an ſein Pult, um den Liebreiz und Adel der Ge⸗ liebten in einem Gedichte zu beſingen. Sein Genius trieb ihn zu dem Werke, doch als er den gelungenen Geſang beendigt, verſchloß er ſeufzend ihn in das geheimſte Fach des Schreibtiſches. 2. Wenige Tage ſpaͤter befand ſich die Baro⸗ nin auf der Promenade im Augarten; ſie hatte ſich dem Kreiſe ihrer zahlreichen— ja faſt zahl⸗ loſen— Liebhaber entzogen und ſich zum einzi⸗ gen Begleiter ihren Hausarzt, den Doctor Stieg⸗ litz, erkoren. Dieſer Mann hatte eine ausge⸗ breitete Bekanntſchaft unter den Hauptſtaͤdtern, änſofern ſie der vornehmen Welt angehoͤrten; er kannte das Leben jedes Einzelnen, ſein Thun und Treiben, und man nannte ihn deshalb oft ſpottweiſe die lebendige Biographie. Der Zufall fuͤhrte auch den Rittmeiſter 7 — 137— Hell herbei, der im Voruͤbergehen der ſchoͤnen Wittwe ſeine Hochachtung bezeigte. Er war heut in ſchlichter, buͤrgerlicher Kleidung. Die Baro⸗ nin bemerkte das, und fragte ihren Begleiter, der den Gruß des Voruͤbergehenden verbindlich erwiderte, ob er den Gruͤßenden genauer kenne? „Ob ich ihn kenne, genauer kenne?“ ſprach Stieglitz mit gelaͤufiger Zunge.„Allerdings, genau, ſehr genau, auf das genaueſte. Wer ſoll⸗ te den wackerſten jungen Mann in Deutſchland, in Europa, ja in allen fuͤnf Welttheilen nicht kennen? Er war es ja, der im juͤngſten Kriege bei der letzten Schlacht uns den Sieg verſchaff⸗ te, indem er dem Feinde ſeine Hauptbatterie entriß; dennoch ſpricht er niemals ein Wort von ſeinen Thaten, und waͤhrend Andere mit ihren oft unverdienten Auszeichnungen prahlen, traͤgt er nicht einmal ſeinen militairiſchen Orden, ſon⸗ dern geht in einfacher Buͤrgertracht einher. O, ich bitte, gnaͤdige Frau, vergleichen Sie ihn doch nur fluͤchtig mit dem Major Graf Golden⸗ der zu Ihren Verehrern gehort. Hell iſt durch Verdienſt geſtiegen, Golden durch Furſprache der vornehmen Verwandten, Hell iſt ein Offi⸗ zier, jener ein Affe, der nichts ſo gut verſteht, als ſeine hohe Perſon vortheilhaft aufzufuͤhren, 5 uͤber alles ſchwatzt, ſich ſchminkt, ſalbt und ſei⸗ nen angenehmen Koͤrper in eine Schnuͤrbruſt zwaͤngt, damit ſein Wuchs ſchoͤn ſey; Hell han⸗ delt wie ein Mann, der Graf wie ein gefallſuͤch⸗ tiges Maͤdchen; dieſer iſt der eitelſte Geck, jener die Beſcheidenheit ſelbſt. Die Dame laͤchelte hier uͤber die Verglei⸗ chung, aber ſie fand ſie ſehr treffend; ſie ſah den Grafen und ſeine Genoſſen in ihrer kleinli⸗ chen Bloͤße, und ihre Achtung fuͤr den Rittmei⸗ ſter ſtieg auf einen hohen Grad. Dieſer war unterdeſſen der Wittwe von fer⸗ ne gefolgt. Und ſiehe, da warf ſich in einer menſchenleeren Gegend des Augartens ein junges reinlich gekleidetes Weib, mit zwei kleinen Kin⸗ dern an der Hand, der Baronin zu Fuͤſſen, und dankte ihr unter Frendenthraͤnen fuͤr die Ret⸗ tung aus dem tiefſten Elende und vom Tode. „Sie haben mich fuͤr meine Kinder, fuͤr dieſe vaterloſen Waiſen erhalten!“ rief ſie und kuͤßte der Wohlthaͤterin den Saum des Kleides.„Sie ſandten mir den Arzt, erquickenden Wein und ſtaͤrkende Heilmittel. O verſchmaͤhen Sie nicht den Dank der Erretteten z ich weiß, daß Sie nicht prunken wollen mit ihrer Engelmilde. Sie haben ſich mir bisher verborgen, aber ich habe — 50 es doch herausgebracht, daß Sie meine Wohl⸗ thaͤterin, die Schopferin meines neuen Lebens ſind, und meine Dankbarkeit fuͤhrt mich zu Ihren Fuͤſſen; hier, wo mich niemand bemerkt, erlau⸗ ben Sie mir, Ihnen meinen Dank zu ſagen!“ Die Baronin antwortete ablehnend, ſah ver⸗ legen um ſich her, und bat den Arzt, das gute Weib zu beſchwichtigen. Dieſer rief die Mutter bei Seite und er⸗ ſuchte ſie, ſich zu entfernen.„Kein Aufſehen,“ ſagte er,„die gute Dame liebt dergleichen nicht. Gehn Sie mit Gott nach Hauſe, und erwarten Sie dort die gnaͤdige Frau, die zu Ihnen kom⸗ men wird. Am angenehmſten iſt ihr die Art von Erkenntlichkeit, die das wenigſte Geraͤnſch macht.“ Ja, wir wollen gehn, ſprach die Dankbare halblaut, aber— Nun, Gott lohn es Ihnen! Gott lohn es Ihnen! fuͤſterten die Kinder und ſchieden ſamt der Mutter von ihrer Wohlthaͤte⸗ rin. Hell, der ein bewegter Zeuge dieſes Auf⸗ trittes war, that ſich Zwang an, um nicht zu den Fuͤſſen der Holden anbetend hinzuſtuͤrtzen. „Zu groß, zu edel iſt ſie fur mich!“ ſprach er leiſe.„Und eben darum iſt meine Liebe eine Thorheit, die ich beſiegen muß!“ Verduͤſtert floh er aus ihrer Naͤhe, um in — 160— der Tiefe des Gebuͤſches ſeinen Grillen nachzu⸗ haͤngen; doch nach Augenblicken trat eine holde Maͤdchengeſtalt mit einer flammenden Factel in der ſchonen Hand vor ſeine Seele. Es war der bluͤhende Schutzgeiſt des Lebens, die Hoff⸗ nung. Bald darauf machte er in Geſellſchaft eines Freundes eine Spazierfahrt nach einem nahen Dorfe, das die ſchone Welt als Luſtort zu be⸗ ſuchen pflegte. Der Gutsbeſitzer hatte ihn, ſeinen Freund eingeladen, ihn in ſeinem Schloſſe zu beſuchen und einen guten Freund oder mehrere mitzubringen. Man wollte bereits zur Tiſchzeit hinaus, wo dort große Geſellſchaft war, doch der Bekannte ſah ſich von dringenden Geſchaͤften zu⸗ ruͤckgehalten, und man fuhr erſt Nachmittags. Der Gutsherr empfing ſie an der Thuͤr und fuͤhrte ſie in den ſchoͤnen Garten, in welchem eine große Zahl angeſehener Perſonen luſtwan⸗ delte. Hier erfuhr Hell, daß auch die Lichten⸗ berg in der Geſellſchaft ſey. Es draͤngte ihn, ie aufzuſuchen, um ſie— zu ſehen. Aber wo war ſie zu finden? Am Arm ſeines Begleiters durch⸗ — 161— durchſtrich er den ganzen Garten. Vergebens! Sie war nicht zu erſchauen. Jetzt traf ſein Freund einen Bekannten, mit dem er zu reden hatte, und bei dem er alſo ſtehen blieb. Helt ging langſam ſeines Weges fort, und ſtand jetzt vor einer ſchattigten Laube, deren Raſenſitze zur Ruhe einluden. Dieſe zu gen'eßen, trat er in die Laube und— ſchreckte zuruͤck, denn in ihrem Innern lag, der ſchlum⸗ mernden Goͤttin der Liebe gleich, ſanft zuruͤckge⸗ lehnt und entſchlafen, die ſchone Emma. So engelhaft, ſo begehrenswerth war ſie ihm noch nie erſchienen. Unentſchloſſen, ob er fliehen, ob er bleiben, was er thun ſolle, ſtand er einen Augenblick. Es draͤngte ihn ſehr, die ſchlummernde Göt⸗ tin zu kußen, aber ſeine Ehrfurcht meiſterte das kecke Geluͤſe. Obgleich er lange Soldat war, fehlte es ihm doch an der noͤthigen Kuͤhnheit bei Damen, die viele ſeiner Kameraden im Ue⸗ berſchwange beſitzen. Seltſam genug. Eine Bat⸗ terie hatte er dem Feinde abgenommen; ei⸗ nen Kuß zu nehmen war er nicht ſtark genu o guter Hell, geh in die Schule der groß Velt, und lerne leben!„ Schon war er entſchloſſen, ſich leiſe zu ent⸗ 5 L — 162— fernen, als er am Boden eine Schreibtafel lie⸗ gen ſah, die der Entſchlummerten aus der Hand gefallen zu ſeyn ſchien. Da kam ihm plotzlich der Gedanke, ihr ſeine verborgene Liebe anzu⸗ deuten, ohne jedoch durch muͤndliches Geſtaͤnd⸗ niß die ſchuldige Verehrung fuͤr die Schoͤne zu verletzen, und der Gedanke ward zur That. Er hob leiſe das Taſchenbuch auf, ſchrieb auf die naͤchſte Seite aus dem Stegreif die folgenden Verſe: „Fächelt ſanft, ihr Frühlingslüfte, mild wie weiblich edler Sinn, eine holde Schläferin; nährt den Schlummer, Blumendüfte! Möge dann ein heitrer Traum in dem grünen Schattenraum ihr das Bild des Mannes zeigen, der auf immerdar ihr eigen.“ legte das Taſchenbuch mit den aufgeſchlagenen Zeilen wieder auf ſeinen alten Platz am Boden und entfernte ſich mit befluͤgelten Schritten. „In der Naͤhe muß ich bleiben,“ fluͤſterte er dann ſich zu,„damit die holde Wittwe, wenn ſie aus der Laube tritt, mich ſehn und den Dichter jenes Geſtaͤndniſſes in mir erkennen möge.“ Ein guter Einfalls indeſſen machte das Schickſal und — 163— die Eigenſucht eines kuͤhneren Verehrers der Ba⸗ ronin, einen derben Queerſtrich durch dieſe Rech⸗ nung. Der zuruͤckgebliebene Freund, dem er ſeine ſtumme Liebe verbarg, ſuchte ihn auf, fuͤhr⸗ te ihn mit ſich fort aus der Naͤhe der Lauhe, und die Frucht ſeines Planes war verloren. Major Graf Golden, den wir aus der treffenden Schilderung des Doktors Stieglitz kennen, und der mit Emma bei dem Gutsherrn zur Tafel geweſen, uͤberhaupt aber auch ihr ewi⸗ ger Schatten war, ſuchte ſie auf, fand ſie ſchla⸗ fend in der Laube, erblickte neben der ſchoͤnen Schloͤferin das Taſchenbuch, hob es auf und las Hells Verſe, die ihm geſielen, und von denen er vermuthete, daß ſie ſo eben ein unbekannter Dichter niedergeſchrieben. Kraft ſeiner eigen⸗ ſuͤchtigen Reigung ſeel es ihm ein, daß er wol als Verfaſſer der Veerſe gelten könne. Und ſo ſchrieb er, unekuͤmmert um das Recht des wirk⸗ lichen Dichters, raſch ſeinen Ramen unter die Verſe, und verließ eben ſo ſtill als eilends die Laube, doch blieb er in der Nähe, die Frucht ſeines Thuns abzuwarten und zu genießen. Nach wenigen Minuten erwachte Emmaz ſie hob die Schreibtafel auf, bemerkte die Verſe, las ſie beifaͤllig laͤchelnd, und erblickte in dm⸗ nichts wußte, Emma gebe ihm zu erkennen⸗ daß — 164— ſelben Augenblick den Grafen, der eben an der Laube voruͤber ſchritt„Ein naͤrriſcher Menſch, dieſer Golden!“ urtheilte ſie;„aber das Dichter⸗ Talent hab ich nie in ihm vermuthet!“ Sein Name unter den Verſen mußte ſie taͤnſchen. Laͤchelnd trat er ihr entgegen, als ſie aus der Laube ſchied.„Sie ſahn,“ liſpelte er ſuͤß und kuͤßte ihre Hand,“ daß Ihre Ruhe mir hei⸗ lig iſt, obgleich Sie grauſam die meinige ver⸗ nichten.“ Die witzige Schmeichelei in dem Ge⸗ dicht und in dieſen Worten that ihr wohl, aber ihre Entgegnung war dennoch nur eine welttd⸗ nige Hoflichkeit, bei welcher ihr Herz kalt und ruhig blieb. Hell, viel zu verſchwiegen, um ſeinem Freun⸗ de etwas von dem kleinen Abentheuer mitzuthei⸗ len, begegnete jetzt der Baronin, die am Arm des Grafen luſtwandelte; Emmas Blick erheiter⸗ te ſich, als ſie den Rittmeiſter erblickte, den ſie ſo gern wiederſah; ſie geſellte ſich ſodann zu ihm und ſeinem Freunde, denn die faden Geſpraͤche ihres Begleiters waren ihr laͤſig geworden. Hell⸗ von jenem Blick und ihrem freundlichen Beneh⸗ men getaͤuſcht, war entzuͤckt, denn er waͤhnte⸗ da er von Goldens Erſcheinung in der Laube — 165— ſie den Dichter errathe, und dieſer Wahn mach⸗ te ihn uͤberſeelig.„Sie weiß nun daß ich ſie liebe!“ dachte er und ſein Herz ſchlug hoch und frendig. Armer Betrogener, wie ſehr biſt Du im Irrthum! Nicht eine leiſe Ahnung fuͤſtert ihr Deinen Namen zu. Graf Golden⸗ Kaliban hat Dein Verdienſt ſich angeeignet. Sie will Dir wohl, doch daß Du die Empfindung Dei⸗ ner Liebe ihr bekannteſt, das weiß ſie nicht. Indeſſen traͤume fort. Die ſchönen Traͤume ſind das hoͤchſte Gut des Erdenlebens. Ein Traͤumer nur iſt gluͤcklich, und mancher Wachende ruft Wehe uͤber ſich, daß ſeiner Traume ſchönſter ſo urplotzlich in rauhe Wirklichkeit zerſloß. 6„ 4. Der Gutsherr erſchien nun und lud ſehr artig den Rittmeiſter ein, den Abend uͤber ſein Gaſt zu bleiben, was Hell ſchon um der ſchönen Frau willen ſo gern annahm. Die Gaſtfreund⸗ lichkeit des Wirthes wies ihm bei Tiſche ſeinen Platz neben Emma an, auf deren andern Seite Graf Golden ſaß. Im Laufe der Unterhaltung erzaͤhlte die Baronin, wie ſie ſo eben eine Entſcheidung des Finanz⸗Winiſters in einer jur ſie ſehr wichtigen — — 166— Angelegenheit erwarte.„Dieſer Beſcheid ſoll bereits vollendet und mir ganz guͤnſtig ſeyn,“ ſetzte ſie hinzu,„es mangelt nur noch die Aus⸗ fertigung, auf die ich unbeſchreiblich neugierig bin. Sollte nicht auf irgend eine Weiſe dieſe Ausfertigung zu beſchleunigen ſeyn?“ Allerdings, entgegnete ſchnell der Graf mit vornehmer Mie⸗ ne, und ich erbiete mich mit Vergnügen dazu. Der Miniſter iſt mein Freund, und wird mit Freuden meinen Wunſch gewaͤhren. Morgen wird die gewuͤnſchte Ausfertigung in Ihren ſchoͤnen Haͤnden ſeyn! Emma dankte im Voraus. Hell, der des Maiors Prahlereien mit der Mini⸗ ſterfreundſchaft kannte, laͤchelte, und erbot ſich gleichfalls zur Befoͤrderung des Handels. Frei⸗ lich kenne ich nur den Geheimſchreiber des Mi⸗ niſters, ſagte er, doch auch dieſer Mann kann hoffentlich in dieſem Falle wirken, und ich ver⸗ ſpreche, ihn dazu zu vermoͤgen. Auch hier ward von Emma verbindlich, und mit dem freundlich⸗ ſten Blicke gedankt. Hells Hoffnung ſtieg bis zu den Sternen. Der Geheimſchreiber des Miniſters war wirklich ſein vertrauter Freund, von ihm hing die Ausfertigung ab; und da es dem Rittmeiſter mit ſeinem Verſprechen Ernſt war, ſo verließ er — S——— — 167— ziemlich fruͤh die Geſellſchaft, um noch am Abend den Seeretair aufzuſuchen. Er fand ihn und er⸗ hielt von dem Freunde das Wort, daß am an⸗ dern Morgen um zehn Uhr der Beſcheid zum Abholen bereit liegen ſolle. Was meine Hoch⸗ achtung fuͤr Sie thun kann, ſetzte der Secretair hinzu,wird ſicher geſchehen. „Ich will ihr das Papier einhaͤndigen,“ be⸗ ſchloß Hell,„und wenn ihr ſanftes Auge mir fuͤr den kleinen Dienſt Dank ſpricht, ſo ruͤcke ich meinem Ziele naͤher und bin gluͤcklich.“ Aber auch hier mißlang der Entwurf, Gol⸗ den kam ihm aufs Neue zuvor, um da zu ernd⸗ ten, wo Hell geſaͤet hatte. Der Geheimſchreiber that noch mehr als er verſprochen, was ſicher in der Naͤhe eines Gro⸗ ßen ſehr ſelten iſt, wo man haͤufig das Verſpro⸗ chene nur halb oder gar nicht thut. Der Be⸗ ſcheid lag bereits vor neun Uhr fertig da, in⸗ dem der Seeretair ihn dem Miniſter zur Unter⸗ zeichnung vorgelegt, ſobald die Execellenz aufge⸗ ſianden war. Mit dem Schlage neun uhr kam der Major Golden zu dem Geheimſchreiber, der ihn nur dem Namen nach kannte und bat um baldige Ausfertigung der Entſcheidung fuͤr die Lichtenberg. — 168— Sie iſt ſchon hier, ſagte jener, ihm das Pa⸗ pier zeigend, ich erwarte in einer Stunde den Rittmeiſter Hell, um ſie ihm zu geben. Ach mein Herr, bat Golden, die Wittwe verlangt ſehr darnach. Ueberlaſſen Sie mir den Beſcheid, daß ich ihn ihr uͤbergebe. Zudem iſt es ganz gleich, wer ihn der guten Dame bringt⸗ wenn ſie ihn nur ohne Aufſchub erhaͤlt. Jener, der das eigentliche Verhaͤltniß nicht kannte, weil Hell ihm davon nichts geſagt, ge⸗ waͤhrte, und Golden flog mit dem Papier zu Emma, machte ſich gewaltig breit, log, daß der Miniſter ſelbſt— der mit dem Major niemals ein Wort gewechſelt— ſeinen Wunſch eben ſo ſchleunig als freundſchaftlich gewaͤhrt habe, und nahm den Dank der Wittwe, die durch die⸗ ſes Papier um funßzigtauſend Gulden reicher wurde, ſelbſtgefaͤllig in Empfang. Mit Staunen hoͤrte Hell von dem Geheim⸗ ſchreiber, als er gegen zehn Uhr bei dieſem er⸗ 4 ſchien, daß Golden bereits die ausgefertigte Ent⸗ ſcheidung abgefordert habe. „Das thut mir ſehr leid!“ erwiederte er⸗ „Aber im Allgemeinen freue ich mich, daß der Barynin nur geholfen iſt, gleichviel durch wenz — 169— der Graf wird ihr wol ſagen, wie und was ich dabei wirkte.“ Das that aber der Graf nicht, wie wir wiſſen. Der Eigenſuͤchtler erwaͤhnte nur ſeines Antheils, ſeiner Bemuͤhung, gedachte Hells mit keiner Silbe, und hoffte durch ſeine Schlauheit das zu ſchmauſen, was jener ohne Prunk und Geraͤnſch zu erwerben ſtrebte. Das ſind die Werke der Leute, die keinen andern Noͤchſten baben als ſich ſelber!. 5. el war ſo anſpruchslos, daß er ſich um jene Angelegenheit nicht mehr bekuͤmmerte und es mit Gleichmuth hoͤrte, wenn das Geruͤcht ſagte, der Maior Golden ſey in jener Beziehung der Wittwe Lichtenberg ſehr nuͤtzlich geweſen. Ein Anderer als er haͤtte wahrſcheinlich die Ba⸗ ronin beſucht und ihr geſagt, was er bei jener Angelegenheit gethan hatte; aber das hielt der gute Mann fuͤr zu ruhmredig, den Beſuch fuͤr zu⸗ dringlich, und ließ darum die Sache gehen, wie ſie ging. Dazu ſah er ſeine Geliebte eine ge⸗ raume Zeit durchaus mit keinem Auge; doch ſtieg ſeine Zärtlichkeit füͤr ſie auf einen immer ho⸗ hern Grad. Trennung und Entfernung ſchwaͤch⸗ — I70— ten den Eindruck nicht, den ſie auf ihn gemacht; ſah er ſie ſelbſt gleich nicht, ſo umſchwebte ihn doch ihr Bild, das ſeine Phantaſie mit jedem Reiz ſchmuͤckte. Nach Monaten erſt traf er wie⸗ der mit ihr, doch nur auf einen Augenblick zu⸗ ſammen. Von nun an ward es ſeine Freude, ſein Gluͤck, ſie zu ſehen. Er war nach dieſem Wiederfinden recht— wie man es zu nennen pflegt— recht ſehr verliebt in ſie. Taͤglich wandelte er nun durch die Straße, in welcher ſie wohnte, und erblickte er ſie am Fenſter, er⸗ widerte ſie freundlich ſeinen Gruß, ſo eilte er im ſtillen Entzuͤcken nach Hauſe, und haͤtte je⸗ dem der ihm begegnete, zujauchzen moͤgen:„Sie hat mich mit Engelmilde gegruͤßt!“ Oft nahm er einen großen Umweg, um nur an ihrem Hau⸗ ſe voruͤbergehen zu koͤnnen. Genothigt eine neue Wohnung zu beziehen, ſuchte er nur in jener Straße und waͤhlte eine ſolche in dem Hauſe, das dem ihrigen gegenuͤber lag. Die Zimmer mißſielen ihm, der Preis war zu hoch, aber er nahm ſie dennoch, weil er in Emmas Naͤhe kam. und— O welche Wonne!— als ſie ihn das erſtemal dort im Fenſter erblickte, laͤchelte ſie bei der Erwiderung ſeines Grußes ſo holdſee⸗ lig, als waͤre ſeine Nachbarſchaft ihr lieb. Was — 171— haͤtte ihn mehr beſeeligen können! Er genoß nun taͤglich ihren Anblick, aber je liebenswerther er ſie fand, je mehr Schoͤnes und Edles er von ihrem Thun horte, um ſo ſchuͤchterner ward er aus uͤbermaͤßiger Beſcheidenheit. Aber Emma?— Sie ſah ihn ſehr gern; ſie verglich ihn oft mit ihren maͤnnlichen Bekann⸗ ten allen, und zwar ſtets zu ſeinem Vortheil; er noͤthigte ihr die innigſte Hochachtung ab; ſie wuͤnſchte insgeheim, daß er ſie liebe, daß er kommen und ſeine Empfindung ihr bekennen moͤge, doch er blieb fern und ſtumm, und ſie durfte, kraft ihrer ehrenwerthen Grundſatze nicht den erſten Schritt thun, ſondern denſelben von ihm erwarten. Sie lebte in der großen Welt und achtete deren Ton, aber ſie ehrte auch die Sitte, liebte im Sinne ſchoͤner Weiblichkeit die Tugend, und ihr unbeſcholtener Ruf war ihr theuer. So mußte denn Alles beim Alten bleiben. 6. An einem truͤben, regnichten Sommeraben⸗ de befand ſich Hell noch ſpaͤt im Fenſter ſeiner Wohnung, und ſchauete, wie er vft that, ſinnend hinuͤber nach Emmas Hauſe, deſſen Fenſter heu⸗ te dunkel waren; er hatte die Baronin am Nach⸗ — 172— mittage ausfahren ſehen und auch mehrere ihrer Bedienten hatten ſich entfernt, wie er wahrge⸗ nommen. Es gewaͤhrte ihm einen Genuß, das Haus anzuſtarren, dabei ſich an den bunten Spielen ſeiner Phantaſie zu ergoͤtzen, und ſich zu ſagen: Dort iſt ihr Schlafgemach, da das Gaſt⸗ zimmer, und hier wohnt ſie! Der Waͤchter verkuͤndigte ſchon den Eintritt der Mitternachtſtunde, als er noch an ſeinem Platze war. Jetzt ſchloß er das Fenſter und wollte ſich zur Ruhe bhegeben, aber da ſiel es ihm ein, daß Emma nun doch bald heimkommen muͤſſe, und er ſie folglich noch ſehen werde. „Daß will ich!“ ſagte er und ſetzte ſich am Fenſter nieder. Auf einmal glaubte er bei dem Schein der Straßenlaterne druͤben an dem Hau⸗ ſe zwei Maͤnner ſchleichen zu ſehen, die ſodann, der Thuͤr nahe, ſtehen blieben. Aufmerkſam ge⸗ worden ſah er, wie die beiden ſich muͤhten ein Fenſter im Erdgeſchoß ohne Geraͤuſch zu offnen. Es gelang, einer der Leute ſtieg hinein, lauſchend vlieb der zweite draußen ſtehen. Aufangs fuhr ihm der Gedanke durch das Gehirn, Emma habe einen geheimen Liebeshandel und ihr Liebhaber ſteige dort ein, doch er verwarf ſchon im nach⸗ ſten Augenblick den boͤſen Argwohn. Plötzlich 3 ſiel es ihm ein, daß dort wahrſcheinlich ein Dieb⸗ ſtahl veruͤbt werden ſolle, und wie er derglei⸗ chen nicht dulden duͤrfe. Mit Blitzesſchnelle flog er nun hinab und aus der Thuͤr. Der Lauſcher entfloh, und gleichzeitig ſprang der Dieb, mit einem Kaͤſichen unter dem Arm, durch das Fenſter heraus auf die Straße. Run war kein Zweifel mehr, daß er richtig geſchloſ⸗ ſen. Indem er nun uͤberzeugt war, was er ſa⸗ he, ſo erfaßte er eben ſo ſchnell als kraͤftig den Springer an der Bruſt; doch der Ergriffene ver⸗ ſetzte ihm plotzlich einen gewaltigen Stoß, und lief fort. Hell verfolgte ihn eilends. Da warf der Fluchtige das ſchwere Käſichen von ſich zur Erde, und lief noch ſchneller. Jetzt kam ein Mann die Straße herauf gegangen, dem fliehen⸗ den Diebe entgegen, und Hell rief ihm zu, er ſolle den Raͤuber aufhalten; der druͤckte ſich aber furchtſam an die Mauer und ließ den Dieb un⸗ aufgehalten an ſich voruͤber laufen. Als Hell nun zu dem Manne kam, fand er, daß es Graf Golden war, den, trotz des Säbels an ſeiner Seite, die Furcht entmannt hatte; noch zitterte er, als laͤngſt die getraͤumte Gefahr voruͤber war. Hell theilte ihm in der Eil den Hergang mit, zeigte auf das Kaͤſichen und ſagte:„Bewah⸗ — — 174— ren Sie dies, es gehoͤrt wahrſcheinlich der Ba⸗ ronin; ich verfolge den Raͤuber!“ Somit eilte er, obgleich unbewaffnet, weiter fort, dem Ver⸗ brecher nach; indeſſen hatte dieſer ihm einen zu großen Vorſprung abgewonnen; der Verfolger fand ſeine Spur nicht mehr, und ſah ſich ge⸗ drungen, die Ruͤckkehr nach ſeiner Wohnung an⸗ zutreten. In deren Naͤhe angekommen, fand er das von den Dieben geoffnete Fenſter verſchloſ⸗ ſen, und oben die Zimmer erleuchtet. Dies war ihm ein Beweis, daß Emma heimgekehrt und keine Gefahr fuͤr ihr Eigenthum mehr vorhanden ſey. und ſo ging er mit dem Bewußtſeyn, ſei⸗ ner Geliebten einen Dienſt geleiſtet, und ihr einen Theil ihres Gutes erhalten zu haben, ru⸗ hig nach ſeinem Zimmer, vermuthend, Golden werde der Baronin die Wahrheit ſagen und al⸗ ſo ſeiner Handlung erwaͤhnen. Aber dieſer war mit dem Kaͤſichen nach Emmas Wohnung geeilt, entſchloſſen in dem Bericht nur ſich, und keinen Andern aufzufuhren. 7. Als die ſchoͤne Frau um Ein Uhr aus der Geſellſchaft nach Hauſe kam, fand ſie daſelbſt den Major, der ihr erzahlte, wie er als er vor einer — 175— halben Stunde aus einem Kreiſe munterer Freun⸗ de zuruͤckgekehrt ſey, an ihrem Fenſter drei hand⸗ feſte Diebe entdeckt habe, die er ſogleich herz⸗ haft angegriffen, geſchlagen, verfolgt und ihnen ſomit das Kaͤſichen entriſſen, das ohne Zweifel ihr gehoͤre, weshalb er es ihr hiemit unterthaͤnigſt uͤberreichen wolle. Emma erkannte darin ihr Schmuckkaͤſichen, welches von großem Werthe fuͤr ſie war; ſie bewunderte eben ſo ſehr den gluͤcklichen Zufall, der ihn zu ihrem Schutz her⸗ beigerufen, als ſeine Tapferkeit, die ihr ein ſchaͤtz⸗ bares Eigenthum gerettet hatte. Sie fuͤhlte ganz das Verdienſtliche der Handlung in Bezug auf ſie, und bezeigte ihm ihre lebhafteſte Erkennt⸗ lichkeit. Wirklich zog die Dankbarkeit ſie in die⸗ ſem Augenblicke ſtaͤrker als je zu ihm hin. O, lieber Graf, rief ſie in hoͤherer Bewe⸗ gung; ſcheint es doch, als habe das Schickſal Sie erkoren, mir Verbindlichkeiten von Bedeu⸗ tung aufzulegen! Wie ſoll ich Ihnen vergelten? „Das Schickſal, das guͤtige, ſey geprieſen!“ entgegnete er, der, mit fremden Federn geziert, die ſchoͤne Gelegenheit ſeine Wuͤnſche unumwun⸗ den auszuſprechen, nicht ungenuͤtzt voruͤber ge⸗ hen laſſen wollte.„Bin ich Ihnen nuͤtzlich ſo gewinnt Niemand mehr dahei, als ich, denn 3 — 176— keinem irdiſchen Weſen diene ich ſo freudig als eben Ihnen. Sie fragen, wie Sie mir vergel⸗ ten ſollen? Es giebt eine Art der Vergeltung, die in Ihrer Macht ſteht und mich zum Engel weiht. Schenken Sie mir Ihr ſchones Herz und Ihre liebe Hand!“ Er kuͤßte ihre Rechte ſtuͤr⸗ miſch, und ſank mit flehendem Blick knieend zur Erde⸗ Verlegen aber nicht zuͤrnend wendete Emma ſich ab. Sie hatte dem Bittenden nach ihrer Meinung viel zu danken, und ſchwankte jetzt, ob ſie ſich ihm nicht zuſagen ſollte; aher da erblick⸗ te ſie plotzlich druͤben in Hells Zimmer ein Licht; mit dieſem Anblick ſtand zugleich jener ſchoͤne Mann in ſeiner ganzen Wuͤrde, mit allen ſeinen Vorzuͤgen vor ihrer Seele, und Golden verlor unſaͤglich bei ſeiner Erſcheinung, die ihren Be⸗ griffen eine andere Richtung, ihrer Empfindung eine verwandelte Stimmung und ihrer Seele neue Stäͤrke verlieh. „Gonnen Sie mir Friſt zur Ueberlegung!“ bar ſie jetzt und machte ſich von ihm los.„In vier Vochen ſollen Sie Antwort empfangen!“ Sie ſchien durchaus veraͤndert, wollte nichts mehr hoͤren, und beantwortete ſeine anderweiti⸗ gen ——————— — 177— gen Fragen mit kuͤhler Höſlichkeit wie ſonſt, bis er mit der Ergebung eines Hoͤflings ſie verließ. 8. Der Nachbar druͤben ahnte nichts von die⸗ ſem Auftritte und der Rolle, die ſein Schutzgeiſt ihn dort ſpielen ließ; dennoch ging er heute frohlich ſchlafen; er hatte eine gute That zum Vortheil der Herzgeliebten vollbracht. Der Ruͤck⸗ blick darauf wiegte ihn bald in ſuͤßen Schlummer; aber die folgenden Tage ſtimmten ſeinen Jubel ſehr herab, denn uͤberall hoͤrte er, wie man wieder nur den Graf Golden lobpries, als habe der al⸗ lein und ohne fremde Beihuͤlfe der Baronin zu ihrem geraubten Schmucke geholfen; ſeiner Thaͤ⸗ tigkeit dabei gedachte man mit keiner Sylbe. Da verſank er in die uͤbelſte Laune. „Dieſer Golden iſt mein Daͤmon, mein Quaͤlgeiſt!“ rief er.„Alles was ich fuͤr Emma zu thun gluͤcklich genug bin, eignet er ſich an; alles thue ich nur fuͤr ihn. Soll ich ihr das wahre Verhaͤltniß ſagen? Aber kann ich, wenn er kuͤhn genug waͤre, mich zu verlaͤugnen, meine Theilnahme an dem Handel beweiſen? und wie ſtehe ich ohne dieſen Beweis da Als Verlaäum⸗ der, als Großſprecher⸗ Nein, ich muß ſchweigen 3 M — 178— und in Geduld die Zeit der Entdeckung, eine beſſere Zeit abwarten!“ Dieſen Beſchluß fuͤhrte er aus, ſo unzweckmaͤßig er auch war, aber trotz der Schuͤchternheit bei Damen, welche eine man⸗ gelhafte blos maͤnnliche Erziehung in ihm erzengt hatte, trotz des beharrlichen Schweigens von ſei⸗ nen Thaten, leuchtete ihm ein guter Stern, wenn gleich durch Wolken. Sein Schutzgeiſt waltete und brachte ihn einen Schritt naͤher zu ſeinem Ziele. Der Gutsbeſitzer, in deſſen Gartenlaube Hell das Abentheuer mit Emmas Taſchenbuch beſtan⸗ den hatte, feierte ſeinen Namenstag auf dem Gute, und bat zur Verherrlichung des Feſtes ei⸗ ne Geſellſchaft von Freunden und Bekannten aus der Stadt. Unter den Eingeladenen befand ſich Emma, ihre Geſellſchafterin und liebſte Freun⸗ din, Ida von Gersdorf, Major Golden, Doetor Stieglitz und— Hell. Der Edelmann hatte bei jenem Beſuche dieſen naͤher kennen und achten gelernt, durch Stieglitz ſein Lob vernom⸗ men und bat ihn deshalb zu dem Feſte. Um es den Geladenen recht bequem zu machen ſandte er ſeinen Wagen in die Stadt und ließ darin die Baronin, Fraͤulein Ida, den Doctor und den Rittmeiſter abholen. Welche Wonne fuͤr den — 179— ſtummen Verehrer, ſeiner Herzgeliebten waͤhrend der Fahrt ſo nahe zu ſeyn, ſich mit ihr unter⸗ halten zu konnen! Und ſie ſchien heute in der roſenfarbenſten Laune und ganz Aufmerkſamkeit fuͤr ihn zu ſeyn⸗ Dennoch ſchwieg er gaͤnzlich von der Ver⸗ gangenheit und ſeinen Thaten, ſo guͤnſtig die Gelegenheit auch zur Mittheilung der Wahrheit war. Emma hingegen deutete mit geheimer Freude ſeine verſtohlenen Flammenblicke ganz richtig. Aber warum ſpricht er nicht? dachte ſie, und ſah ihre Vertraute, Fraulein Ida, fragend an. Die lächelte aber auch kopfſchuttelnd, als begreife ſie ſein Schweigen gleichfalls nicht. 9· Der Doetor Stieglit, welcher den Stummen naͤher kannte und ihn deshalb beſſer errieth als die Damen, veranftaltete es, daß er bei Tafel Emmas Nachbar ward; er wollte ihm Gelegen⸗ heit zu traulicher Annaherung, zum Geſtaͤndniß geben. Das gelang ihm indeſſen nicht vollkom⸗ men, und konnte ihm bei Hells Eigenthuͤmlichkeit nicht gelingen; der ſprach von allem, nur nicht von ſeiner Neigung fuͤr die ſchoͤne Nachbarin. Dennoch geſchah in des Doctors Sinne ein 2 — 180— großer Schritt, der ein Naͤhern des Paares hof⸗ fen ließ. Die Geſellſchaft war nemlich ſehr vergnuͤgt. Der Wein und der Zauber der geſelligen Freude machte den Rittmeiſter froher und geſpraͤchiger als jemals: er unterhielt Emma und ſeine zwei⸗ te Nachbarin Ida durch geiſtreiche Bemerkungen über das Leben, die Welt und ihre Verhaͤltniſſe. Emma fand den Bruder Redner immer liebens⸗ wuͤrdiger, bis auf die bewußte Zurckhaltung. Man blieb lange bei Tafel und trieb geſell⸗ ſchaftliche Spiele. Emma, eine entſchiedene Freundin der Dichtkunſt, ſchlug vor, jeder aus der Geſellſchaft moͤge ein Gedicht aus dem Stegreif herſagen. Der Gedanke geſiel, und man begann⸗ Die Reihe traf zuerſt den Grafen; der war anfangs etwas verlegen, half ſich aber bald wie ein Hofmann aus der Klemme, indem er ein eben ſo wortreiches als gedankenleeres Spottge⸗ dicht herſagte, das er unlaͤngſt in einer gedruck⸗ ten Sammlung geleſen hatte. Man war damit zufrieden, nur Emma nicht, welche die Verſe ſchon zu kennen glaubte. Der dritte im Kreiſe war Hell. Er errbthete leicht, als die Reihe an. ihn kam: aber er faßte ſich vald und ſprach ein nur kleines aher hochſtgelungenes Gedicht, das — 181— den Reiz und Werth der Frauenſchoͤnheit und Frauentugend pries. Er hatte Emma im Sinn, als er die Verſe bildete; er dachte an Emma, als er die Worte ſprach. Seine Empfindung verlieh ihm die Weihe des Dichters, das Feuer des Red⸗ ners, und darum machten ſeine Verſe einen gro⸗ ßen Eindruck auf die Mehrzahl in der Verſamm⸗ lung. Von allen Seiten zollte man dem Dich⸗ ter ſo lauten Beifall, daß die Wangen des Ge⸗ prieſenen ſich mit hoherem Roth faͤrbten. Em⸗ ma ſchien bezaubert von dem dichteriſchen Er⸗ zeugniß; ſie erſuchte ihn, ihr die Vetſe aufzu⸗ ſchreiben. „Wenn Ihre Nachſicht die Kleinigkeit ertraͤg⸗ lich findet,“ ſagte er halblaut und mit geſenk⸗ tem Blick,„ſo widerfaͤhrt mir großes Heil!“ Mit dieſen Worten zog er ein Blatt aus ſeiner Schreibtafel, ſchrieb mit Bleifeder das Stegreif⸗ gedicht darauf nieder, und reichte es ihr dar. Sie nahm es unter verbindlicher Dankſagung und bewahrte es in ihrem Taſchenbuche auf. Dieſer Vorfall hatte, obgleich er fuͤr den Au⸗ genblick unbedeutend ſchien, ſpater ſeine guten Folgen; und ſo war des Doctors Abſicht ns⸗ ſiens theilweiſe erreicht. Stieglitz war jedoch mit dieſem Erfolge nicht — 182— zufrieden. Er durchſchauete beider Herz, kannte beide als edle Menſchen, und haͤtte ſie deshalb gar gern durch eine Ehe⸗Verbindung gluͤcklich geſehen. Der Entwurf ward ihm immer theurer, und er nahm ſich vor, nicht zu ruhen, bis er die Leutchen einander naͤher gebracht haͤtte. Vor der Hand wollte er alle beide auszuforſchen ſu⸗ chen, um ſodann die nothigen Maaßregeln neh⸗ men zu können. Und darauf ging er jetzt mit feſtem, raſchem Schritte zu. 10. Der Verſuch, dem Rittmeiſter die Haupt⸗ ſache ſeines Geheimniſſes zu entreißen, ſchlug zwar fehl; doch ging aus deſſen Geſtaͤndniß ſo⸗ viel hervor, daß des Doctors Vermuthung rich⸗ tig war, und damit begnügte dieſer ſich einſtweilen. Bei Emma waren dem Forſcher die Umſtaͤn⸗ de guͤnſtiger. Er wandte ſich hier nemlich ver⸗ traulich an Fräulein Ida, die das Herz ihrer Freundin annte, und erfuhr von ihr, daß die Baronin wirklich dem jungen Manne mit Liebe zugethan ſey.„Daſſelbe glaube ich von Hell,“ entgegnete Stieglitz„er liebt die Baronin.“ Wenn das iſt, warum redet er nicht? fragte jene. Emma wuͤrde ihm nicht ſchi ant⸗ worten. ——— — 183— „Das meine ich auch,“ urtheilte jener; „aber der Menſch iſt untergegangen in ſtolzer 1 Beſcheidenheit und beſcheidenem Stolze. Es wird ſchwer halten, ihm Sprache abzugewinnen; doch, er ſoll mit der Zeit wol plaudern; ich laſ⸗ ſe nicht ab, wenn Sie nemlich meinen, daß es gut gethan ſey. Iſt Ihnen die Ausſicht auf die einſtige Verbindung der Leute lieb, ſo veranlaſ⸗ ſen Sie die Baronin, daß Sie den Nachbar nur einmal zum Beſuch einladet. Dann werde ich ihm ſchon die Nachhuͤlfe geben.“ Ida verſprach, dieſe Einladung zu veranſtal⸗ ten, und in der That erhielt Hell am dritten Tage eine Einladung zum Thee und Spiel bei der Wittwe. Wie freudig Hell davon uͤberraſcht war, laͤßt ſich ermeſſen. Er hielt dies fuͤr ein geichen von Zuneigung, und ſah hiedurch ſeinen Lieblingswunſch erfuͤllt. Waͤhrend er ſich im einſamen Gemache ſei⸗ nem Entzuͤcken 6 machte dort gegenuͤber Emma eine Entdeckung, die ihr nicht minder Vergnuͤgen gewaͤhrte. Sie hatte Hells Steg⸗ reif⸗Gedicht zufaͤllig in ihrem Taſchenbuche ne⸗ ben jene Verſe gelegt, die ihr in der Laube ein⸗ geſchrieben worden waren, und die ſie fuͤr Gol⸗ dens Arbeit zu halten gendthigt ward⸗ Bei ei⸗ * nem Blick auf beide Blaͤtter fiel ihr die wun⸗ derbare Aehnlichkeit der beiden Handſchriften auf. Je naͤher ſie dieſelben betrachtete, um ſo gewiſſer wurde es ihr, daß beide Gedichte von 34 einer, von Hells Hand geſchrieben waren. Aber unter ienem ſtand des Majors Name. Sie marterte ſich, um herauszubringen, wie das zu⸗ ſammenhinge. Ida, die herbeigerufen ward, um das Raͤthſel loͤſen zu helfen, kam der Wahr⸗ heit ſo ziemlich auf die Spur. „Und wenn er es geſchrieben,“ verſicherte Ida,„ſo hat er Ihnen ſeine Liebe ſchon geſtan⸗ den. Sehn Sie die letzte Zeile, da ſteht es aus⸗ druͤcklich:„Der aufimmerdar ihreigen!“ Ein ſtummer Leibeigener! ſprach bitterlä⸗ chelnd Emma.„Stieglitz will ihm die Zunge loͤſen, ſobald Sie das billigen,“ ſagte Ida. Wenn das mit Anſtand und ohne daß ich preisgegeben werde, geſchehen kann, ſo bin ich es zufrieden! entſchied di hoͤne Frau. Das vertraute Geſpraͤch wurde einen Be⸗ ſuch unterbrochen. — Hell erſchien am Abend in dem nur kleinen aber gewaͤhlten Kreiſe. Emma ſpielte mit Ida, — 185— Hell und dem Doctor an einem Tiſche. In ei⸗ ner Pauſe hielt Ida dem Rittmeiſter das Ta⸗ ſchenbuch der Baronin dar, und fragte, auf das Lauben⸗Gedicht zeigend, ob er das geſchrieben habe. Errothend bejahete der Befragte nach ei⸗ uer Pauſe, und ſah verſtohlen nach Emma. Die laͤchelte aber hold, und ſagte ihm eine Schmei⸗ chelei uͤber ſeine Arbeit, ſo daß er eher hoffen als zagen durfte. Wenn er ſich verwunderte, daß man ihn nicht als den Dichter errathen ha⸗ be, ſo that es ihm wohl, daß man ihn jetzt als ſolchen kenne und ihm nicht zuͤrne. Und Em⸗ mas Herz klopfte hoͤher bei dem Bewufßtſeyn, daß ſie von ihm geliebt werde. O wie hochſt widerwaͤrtig kam ihr jetzt der Major vor, der ſich nicht entblödet hatte, ſich auf Hells Koſten zum Dichter zu luͤgen. Da man einmal im guten Zuge war, ſo ſuchte der Doctor die Sache noch weiter zu brin⸗ gen. Er lenkte b darauf die Unterhaltung auf das Weſen der Liebe, wie ſie hier und da im Leben erſcheine, auf das oft ſeltſame Ver⸗ haͤltniß der Liebenden, deren Denkart und Em⸗ pfindung. „Unter meinen Bekannten iſt ein Paar,“ er⸗ zaͤhlte er,“ das ſich herzlich liebt und gegenſeiti⸗ 3 — 1586— gen Beſitz wuͤnſcht, aber der Liebhaber iſi zu blöde, den Mund zu oͤffnen. Hell errothete uͤber und uͤber, und ſtieß un⸗ ter dem Tiſche dem Doector wiederholt an den Fuß, ihn zu beſchwichtigen. Der ließ ſich aber nicht ſtoͤren und nahm keine Kenntniß von dem Wink. Jener Liebhaber hat ſehr Unrecht! urtheilte Ida. Er kann doch nicht fordern, daß ſeine Ge⸗ liebte ſich ihm anbiete. Was meinen Sie, Herr Rittmeiſter? „Ich meine,“ ſtotterte dieſer nach einer Weile,„daß man zuvor die Lage des Mannes kennen muͤßte, um uͤber ihn zu entſcheiden. Iſt er zum Beiſpiel von geringerem Stande, gerin⸗ gerem Verdienſt und unbeguͤtert, ſo kann ich ihn nicht tadeln.“ Doch, ſprach Emma, die ihn beobachtet hat⸗ te, jetzt mit Ernſt in Blick und Ton. Sie wol⸗ len doch nicht, daß zufaͤllige Guͤter des Weibes, als Stand und Vermoͤgen, fuͤr den Mann von Gehalt ein abſchreckendes Hinderniß werden ſol⸗ len? Hoch ſteht der edle Mann uͤber dem Wei⸗ be, und waͤr er auch der aͤrmſte. Die Liebe gleicht das alles aus! Das merken Sie ſich! fluſterte Stieglitz dem ———— — 137—. Nachbar zu. Erklaͤren Sie ſich, Sie wagen nichts! Aber das hielt jener fuͤr zu verwegen; die Geſellſchaft loͤſte ſich auf, und es war weiter nichts geſchehen, als daß Emma von Hells Liebe, aber auch von ſeinen ſchroffen Grundſaͤtzen, über⸗ zeugt worden war, und daß dieſer aus den mil⸗ den Geſinnungen ſeiner Herzgeliebten doch ein wenig mehr Muth geſchoͤpft hatte. Zweimal war er ſchon bei der Wittwe zum Beſuch geweſen, als Stieglitz ihn erſt dahin brachte, ihr ſeine Liebe ſchriftlich zu geſtehen. Das Sendſchreiben ward freundlich beantwortet. „Es iſt mir unendlich angenehm, von einem Mann geliebt zu ſeyn,“ erwiderte ſie,„der laͤngſt meine ganze Hochachtung beſitzt!“ Da haben Sie es, ſagte Stieglitz, uun ſchicken Sie gleich die Bitte um ihre Hand hinterdrein. Friſche Fiſche, gute Fiſche! Aber dieſe Fiſche waren ihm zu friſch. Der⸗ gleichen duͤrfe er doch noch nicht wagen, meinte er. Emma, die nun von Stunde zu Stunde auf ſeinen Heirathsantrag wartete, mißbilligte ſein Stillſchweigen, ſeine Zuruckhaltung, und ſprach mit Empfinblichkeit gegen den Befange⸗ nen. Ida hatte Muͤhe, ihn zu entſchuldigen und ſeine Sache bei ihr zu fuͤhren. — 183— Jezt trat eine Begebenheit ein⸗ die der ganzen Angelegenheit urplotzlich eine neue Wendung gab. 12. Es war Herbſt geworden. Idas Bruder, Herr von Gersdorf, der ein großes Rittergut, drei Meilen von der Hauptſtadt entlegen, beſaß, lud die Baronin und den Major Golden, ſo wie ſei⸗ ne Schweſter, zum Feſt der Weinleſe ein, und Ida forderte ihn auf, auch den Rittmeiſter und den Doctor zu bitten. Das geſchah. Man fuhr an einem heitern Morgen nach dem Gute, wo am folgenden Tage das Feſt begangen werden ſollte. Herr von Gersdorf empfing ſeine Gaͤſte eben ſo freundlich als er ſie freigebig bewirthe⸗ te. Die Ankömmlinge ſahen ſich gendthigt, ſo⸗ gleich ein treffliches Mittagsmahl einzunehmen; dann folgte eine Huſtfahrt nach den Weinbergen⸗ hierauf ein Concert im Gartenſaale, dieſem ein prächtiges Feuerwerk auf dem Landſee, dem die Gäſte von einem Tempel aus zuſchauten, der im Garten am ufer des Sees ſiand. Den Beſchluß machte eine reichbeſetzte Abendtafel. Sehr froh geſtimmt und von der Ausſicht auf die Freuden des morgenden Feſtes erheitert, legte man ſich zur Ruhe. — 189— Aber die Bedienten und die Köche ruheten nicht. Sie waren die ganze Nacht hindurch mit den Vorbereitungen zu der Feßlichkeit beſchaͤf⸗ tigt, tranken wacker dabei, gingen dann in der Schlaftrunkenheit nachlaͤßig mit dem Feuer und Licht um, und als der Morgen herauf daͤmmer⸗ te, ſtand plotzlich ein Fluͤgel des Schloſſes in lichten Flammen. Die Verſuche, das Feuer an⸗ fangs im Stillen zu loöſchen, mißlangen, und machten das Uebel nur aͤrger. Emma erwachte aus einem aͤngſtlichen Trau⸗ me, um faſt vor Schreck zu ſterben. Das ganze Gemach war von Dampf erfuͤllt; die Thuͤr und der Fußboden an dieſer Thuͤr brannte. Das un⸗ ter ihrem Zimmer ausgebrochene Feuer ſchlug lo⸗ dernd empor; dumpf rauſchend zuͤngelte draußen der Flammenſtrahl herauf an den Fenſtern, wel⸗ che klirrend zerſprangen. Der furchtbare Anblick, die nahe Glut brachte ſie zur Verzweiflung. Be⸗ bend fuhr ſie vom Lager auf, warf einen Ueber⸗ roc um, und woltte entſliehen, doch wohin? Die Hauptthuͤr ſtand im Feuer, jene war feſt verſchloſſen; Glut und Flammen uͤberall. Die dro⸗ hende Gefahr, die Furcht vor dem Tode entnerv⸗ te, der Dampf betaͤubte ſie; bit ſtaͤrzte ſie auf ihr Lager une „ — — 190— Hell, von dem Geraͤuſch der Loͤſchenden ge⸗ weckt, ſah von ſeinem Bette auf; da drang die Helle von dem brennenden Flugel druͤben in ſein Auge. Und in jenem Flugel ſchlief ſeine Gelieb⸗ te. Im Nu gekleidet, eilte er hinuͤber, die Hin⸗ tertreppe hinan, ſtieß die verſchloſſene Seitenthuͤr mit dem Fuße ein, nahm die ohnmaͤchtige, gei⸗ ſterbleiche Emma in ſeine Arme, trug ſie durch Dampf und Glut hinab, brachte ſie in den ſichern Gartenſaal, und legte die liebe Buͤrde auf ein dort befindliches Ruhebett ſanft nieder. Aber jetzt ſiet es ihm ein, daß Ida, Emmas theuerſte Freundin, in demſelben Fluͤgel ſchlafe, und daß man in der Verwirrung eben ſo wenig an ſie als an die Baronin gedacht haben werde⸗ Eiligſt ſtuͤrzte er zuruͤck in das Schloß, ſprang die, jetzt ſchon vom Feuer ergriffene, Trep⸗ pe noch einmal hinauf, und trug das wimmern⸗ de Maͤdchen gleichfalls aus dem Bereich der Ge⸗ fahr. 13. unterdeſſen war auch Golden erwacht. Er kleidete ſich zitternd, dachte an Niemand als an ſeine werthe Perſon, und flͤchtete ſich unter Laͤhnklappern der Angſt nach dem Gartenſaale „— — 191.— Dort fand er unerwartet Emma ohnmaͤch⸗ tig auf dem Ruhebette und allein. „Einer der Bedienten wird ſie hieher ge⸗ bracht haben,“ ſagte er zu ſich;„aber dieſen Zu⸗ fall könnte ich ja wol zu meinem Vortheil be⸗ nutzen und ſo als der Retter ihres Lebens er⸗ ſcheinen? Ja, das iſt moglich; ich verſuche es„ Der Einfall ward zur raſchen That. Schnell nahm der Gewandte die ſchoͤne Bemuſtloſe vom Lager auf, trug ſie nach dem, am Ende des Gartens belegenen, Tempel, und legte ſie dort in einen Seſſel nieder⸗ Durch die Erſchuͤtterung ward Emma aus der Ohnmacht geweckt. Ihre Erinnerung zeig⸗ te ihr die drohendſte Gefahr, der ſie entnommen war, und ſie fand ſich jetzt in des Grafen Ar⸗ men: wem anders als dieſem verdankte ſie die wunderbare Erhaltung und das neue ſchoͤne Le⸗ ben? Sie mein Retter? fluͤſterte ſie mit ſchwa⸗ cher Stimme. „Ich!“ erwiderte er mit ſuͤſſen Tönen: »Welchen andern Gedanken haͤtt ich denken kon⸗ nen, als Sie der Gefahr zu entreiſſen, in der ich Sie ſah? Sie, mir das Theuerße auf der Erde!“ — — Nie vergeß ich Ihnen das! verſicherte ſie, ſanft weinend. „O, lohnen Sie mir, Goͤttliche, auf die ſeeligſte Weiſe!“ bat er.„Ohnehin iſt die Be⸗ denkzeit bald voruͤber. Sprechen Sie Jan zu meiner Bitte!“ Es ſey! ſprach ſie, von Dankbarkeit bewegt. Zwar lieb ich Sie noch nicht, aber die Achtung fuͤr meinen Retter wird mir die ſchoͤnere Em⸗ vfindung verleihen. Ja, ich will dem mein Le⸗ ben weihen, der es ſo edel erhielt. „O der Wonne!“ rief er und druͤckte ſeine Lippen feurig auf ihre Hand.„Und nun noch eine Bitte: Laſſen Sie ſich noch heute von dem hieſigen Geiſtlichen in aller Stille mit mir ver⸗ binden.“ Auch das! ſagte ſie. Ihnen darf ich nichts abſchlagen. Sie gedachte ſeines Leichtſinnes, ſeiner Ei⸗ genſucht, und ein Schauer uͤberfloß ſie; ſie dach⸗ te an Hell, an deſſen maͤnnliche Liebenswuͤrdig⸗ keit und ſeufzte aus tiefer Bruſt; doch hier glaub⸗ te ſie die heilige Pflicht dankbarer Vergeltung erfuͤllen zu muͤſſen, wenn ſie ihr auch theure Opfer koſten ſollte.— So geſtimmt, ſo empfin⸗ dend, ſagte ſie ſich ihm zu und gelobte ihm auch noch 192— 8 — 193— noch das kluͤglich begehrte Schweigen bis nach der Trauung. Hell hatte auch das gerettete Fraͤulein nach dem Saal getragen und Emma nicht mehr dort gefunden. Das ſiel ihm indeſſen nicht auf. Er vermuthete, daß ſie erwacht ſey, ſich nach dem nahen Hauſe des Amtmanns begeben habe, und war ruhig. Aber die Gaͤſte, die nicht wußten, daß Emma von dem Rittmeiſter aus dem Feuer getragen worden ſey, ſuchten die Baronin uͤber⸗ all vergebens. Endlich kamen mehrere, von leb⸗ hafter Unruhe getrieben, in den Tempel, fanden die Vermißte daſelbſt bei Golden, und erfuhren von ihr, daß der Graf ſie angeblich gerettet ha⸗ be. Hell war beſchaͤftigt, Ida zu beruhigen und ſeine verbrannte linke Hand zu verbinden, als die Fremden, den Gutsherrn an der Spitze, her⸗ einſtromten in den Gartenſaal, und ihm ein⸗ fimmig verkuͤndigten, was der Graf fuͤr Emma gethan haben ſollte, und daß beide in dem Tem⸗ pel ſich befaͤnden. Der Zuhörer erſtarrte und ward leichenblaß, als er das Maͤrchen vernahm; aber der Ausdruck des gerechten Zornes leuchtete aus ſeinen Blicken und Geberden. Die Taube ward um Adler, das Lamm zum Tyger. Mit blitzen⸗ dem Auge eilte er dem Tempel zu, entſchloſſen, — 104— ſein Schweigen zu brechen, Goldens Taͤuſchun⸗ gen nicht ferner zu dulden und der Baronin die Augen zu oͤffnen. 1 ½. So trat er plötzlich in den Tempel vor Em⸗ ma und den Major hin, daß dieſer lebhaft er⸗ ſchrack. Zu Emma gewendet ſprach er:„Verzeihen Sie, gnaͤdige Frau, ich habe mit dieſem Herrn in Ihrer Gegenwart zu reden!“ Und nun ſagte er, indem er ſich zu dieſem kehrte und ſeine Hand erfaßte:„Herr Major; ich erſpaarte Ih⸗ nen damals die Schaamrdthe, als Sie Beſchleu⸗ nigung des Beſcheides fuͤr die Frau Baronin be⸗ wirkt haben wollten, da ſie doch allein mein Werk war, und Sie kein Verdienſt dabei hatten⸗ als jenes, die Ausfertigung ſtatt meiner abzufor⸗ dern und ſie zu uͤberbringen; ich nahm ferner den Dieben die Koſtbarkeiten dieſer edlen Frau ab und legte ſie zur Aufbewahrung in Ihre zit⸗ ternde Hand; Sie aber eigneten ſich, unedel ge⸗ nug, auch dieſe Handlung zu, und ich ſchwieg, weil ich keinen zu hohen Werth auf bloße Pflicht⸗ erfuͤllung lege. Sie gaben ſich endlich auch fuͤr den Verfaſſer jener Verſe aus, die ich, ergrifen — 195— von dem Liebreiz und der ſtillen Guͤte einer hol⸗ den Frau, niederſchrieb. Das alles habe ich ſchweigend ertragen; jetzt aber, da von der Le⸗ bensrettung eines mir uͤber alles theuren We⸗ ſens die Rede iſt, will und muß ich ſagen, daß ich es war, der ſein Leben wagte, um die edle Frau dem Tode zu entreißen. Ich trug die Be⸗ wußtloſe durch Glut und Rauch bis in den Gar⸗ tenſaal. Fuͤr die Wahrheit meiner Angabe buͤrgt meine vom Feuer verletzte Hand, das verſengte Haar, die angebrannten Kleider. Wo aber faͤn⸗ de man in Ihrem Aeußern auch nur die gering⸗ ſie Brandſpur? Die Chre dieſer That kann ich Ihnen nicht laſſen. Wollen Sie ſich ihrer noch ferner ruͤhmen, ſo fordere ich auf Ler Stelle blutige Genugthuung!“ Der Gruf war ſtumm wie ein Fiſch; zwar zuckte er vornehm die Achſeln und verſuchte zu lachen; doch das mirlang ihm; Hells Drohung machte ihn unfehig zum Hohnlcheln. Es gab eine lange Pauſe, in welcher ſich das Innere des Tempels mit Menſchen fülte. Auch Ida warf ſich, Freudenthraͤnen weinend, an die Bruſt der Freundin, welche, uͤberraſcht von dem was ſie hoͤrte, keines Wortes machtig war⸗ Ein Blick auf Hell gab ihr endlich Bewuſtſeyn und Spra⸗ 2 — 196— che wieder. Sie erkannte in ſeinem ganzen We⸗ ſen, in ſeinem Aeußern⸗ daß er Wahrheit rede und daß Golden ein erbärmlicher Prahler ſey. Dieſer ſtand wie ein Schulknabe da, der die fuͤrchterliche Ruthe kommen ſieht. Die enthuͤll⸗ te Vergangenheit mit den wichtigen Dienſten⸗ die anſpruchlos Hell ihr leiſtete, und die der Graf auf ſeine Rechnung ſetzte; und jetzt die Befreiung vom Tode und ihre Zäͤrtlichkeit fuͤr ihn: Dies alles ſprach in ihr zu ſeinem Gewinn und gegen den Luͤgner, der ſehr veraͤchtlich da⸗ ſtand. Ihr zuͤrnendes Auge ruhete auf dem Ma⸗ jor, deſſen Blick hingegen an den Boden gefeſ⸗ ſelt war. „Herr Graf,“ ſprach ſie, nachdem ſie ſich vollſtändig geſammelt hatte;„unter dieſen Um⸗ ſtänden nehme ich das bewußte Verſprechen zu⸗ ruͤck. Nur dem Schutzgeiſt meines Daſeyns gab ich mein Wort; Sie ſind es nicht und folglich“— Wo iſt der Beweis, ſiel mit zuſammenge⸗ raßtem Muthe dieſer ein, daß er der Retter ſeye Der Rittmeiſter runzelte die Stirn und eine heftige Antwort lag ihm auf der Zunge; da winkte der Doctor ihm und ſprach, zu Golden gewendet:„Erlauben Sie, daß ich dieſen Be⸗ weis fuͤhre; ich war Augenienge, wie er die — 197 gnaͤdige Frau aus der Thuͤr und in den Garten trug. Der Gaͤrtner war dabei und wird es gleich mir bezeugen.“ Bei meiner armen Seele, ich habe das ge⸗ ſehen, rief der alte Gaͤrtner, aus der Menge hervortretend, und mich von Herzen daruͤber ge⸗ freut, wenn Sie es nicht uͤbel nehmen! Da zwang Golden ſich zum Lachen, und ſag⸗ te keck:„Nun ja, ich will es geſtehen, es war ein Scherz, ein bloßer Scherz. Wer mag es mir verargen, daß ich die Huld der gnaͤdigen Frau mir erwerben wollte, da ich den Thaͤter nicht kannte!“ Eine leichte Verneigung vollzie⸗ hend, huͤpfte er hinaus ins Freie. Ein verdammter Spaaß, den man ſich auf anderer Leute Koſten macht! rief ihm Stieglitz nach. 15. „Herr Rittmeiſter, ſagte Emma jetzt mit leichtgerbtheter Wange,„Sie haben mir geſtan⸗ den, daß Sie mich lieben, und ich bekenne hie⸗ mit, daß Sie mir von Anbeginn thener waren. Sie wurden heute mein Schutzgeiſt. Dankbar gelobte ich mich dieſem. Hinweg dann mit je⸗ — 198— der falſchen Schaam. Freudig reiche ich Ihnen vor all dieſen Zeugen als Braut meine Hand.“ Ein beifaͤlliges Gemurmel durchlief den Kreis; doch Hell ſtand wie ein armer Suͤnder mit leichenblaſſem Antlitz da, und rieb verſchuͤch⸗ tert die Haͤnde⸗ „Vorwaͤrts, Freund, vorwaͤrts!“ gebot Stieg⸗ litz, und war ganz Eifer, ganz Bewegung. So ſchob er den Stummen zu Emma hin, und leg⸗ te deſſen Rechte in die dargebotene Hand der reitzenden Wittwe⸗ Gnaͤdige Frau, ſtotterte dieſer halblaut; ha⸗ ben Sie es auch uͤberlegt; ich beſitze leider kein Vermdogen, Sie ſind beguͤtert— „Sie werden das ſchwache Weib mannlich ſchͤtzen und deſſen Guͤter erhalten und mehren!“ erwiederte ſie⸗ Sie ſind von altem Adel; mir aber hat die Gnade des Monarchen erſt ſeit Kurzem den Adel ertheilt! wandte er ein⸗ „Der edle Mann und der Edelmann ſtehn bei allen Beſſern in gleichem Range!“ urtheilte ſie.„Der gufall gab mir Ahnen, die Tugend Ihnen Seelenadel und Mannes⸗Gehalt. Wer von uns heiden läͤßt ſich da zu dem andern hinab?“ — 199— Sie ſind viel beſſer als ich! ſetzte er hinzu. „Stille o ſtille!“ ſagte ſie, und legte die ſchoͤne Hand auf ſeinen Mund. Wohlan denn! rief er bewegt. So empfan⸗ ge ich mein Gluͤck aus Ihrer Hand; dankbar erkenne ich es, liebend will ich vergelten. So ſollen Sie, hoffe ich, Ihre Großmuth nie be⸗ reuen! „Vietoria, Victoria!“ jubelte der Doetor, und trocknete die Stirn.„Aber das hat auch Muͤhe gekoſtet, den Mann dahin zu bringen. Es iſt ein großes Gluͤck, daß nicht alle junge Maͤnner ſo beſcheiden ſind, wie dieſer, denn ſonſt blieben alle ſchoͤne Frauen ſitzen, und die Welt ſtuͤrbe aus!“ Der ſchoͤne Bund war geſchloſſen, und es regnete jetzt von allen Seiten Gluͤckwuͤnſche. Das Feuer hatte nur den einen Fluͤgel des Schloſſes ergriffen; das Uebrige war erhalten und die Flamme laͤngſt gelbſcht worden. Darum begab man ſich nun nach den Gemaͤchern im Schloſſe. Der Gutsherr verſchmerzte maͤnnlich den Verluſt; das Feſt der Weinleſe ward, trotz des Unfalles, ziemlich froh begangen: Am folgen⸗ den Tage, als alle Gäſte noch beiſammen waren, — 200— feierte man die Verlobung des zaͤrtlichen Pas⸗ res. Stieglitz hatte nicht geraſtet, bis dieſer ſein Lieblingswunſch erfuͤllt wurde. Zwiſchen der Verlobung und dem Vermaͤh⸗ lungsfeſte war es, als Hell in der Stadt den Geheimſchreiber des Finanz⸗Miniſters zu Em⸗ ma fuͤhrte, welcher der Wittwe ſagte, daß wirk⸗ lich er, und nicht Golden, fuͤr ſie gehandelt habe. Quch den Beweis, daß Hell das Käſichen dem Diebe abgenommen habe, fuͤhrte das Schick⸗ ſal, als der Entſprungene bald darauf wegen eines neuen Diebſtahls gefaͤnglich eingezogen ward. Er geſtand nun auch das alte Verbre⸗ chen ein, und ſagte aus, daß der Rittmeiſter, den er kannte, ihm den Raub abgeiagt habe. Dieſe ſeine Ausſage ward dem Rittmeiſter und ſeiner ſchoͤnen Braut zur Beſcheinigung der Wahrheit von der Gerichtsbehoͤrde zugeſandt. Der Vermaͤhlungstag des Paares weihete zwei edle Menſchen zu den gluͤcklichſten, und mancher ſchoͤne Tag folgte ihm. Hell blieb auch als Ehemann anſpruchlos, doch meint die Sage, daß er gegen ſein holdes Weib nicht mehr ſo ubertrieben beſcheiden ſey, als ehemals. Golden iſt noch unvermaͤhlt, und luͤgt und — 207— prahlt wie immer. Die Guten bemitleiden, die Weltleute verſpotten ihn; doch er gefaͤllt ſich in ſeinem anmaaßenden Treiben, und iſt des Gluͤcks nicht wuͤrdig und kennt es nicht, das jene ſiill⸗ entzuͤckt genießen. Der fremde Lord. (Erzaͤhlung.) Die reife Traube fiel vor des Winzers Meſſer⸗ das falbe Laub vom Btauſen des Nordwindes; der Herbſt war gekommen. Die Vornehmen des„ Landes hatten fuͤnf Monden lang auf dem Dorfe gegaͤhnt, und eilten nun nach der Hauptſtadt, dort des Jahres Reſt zu durchgähnen. unter dieſen befanden ſich diesmal aber auch zwei Menſchenkinder, die noch etwas thun woll⸗ ten, das, in der Regel, dem Gaͤhnen vorangeht; das heißt; ſie ſtrebten ſich zu verheirathen. Baron Hochſtein war der Eine; Frau Emma von Funck die Zweite. Er jetzt vier und dreyßig Jahre zaͤhlend, hatte gefunden, daß das Umherflattern zwar ſuͤß, daß Ruhen in gu⸗ ter Geſellſchaft nach des Tages Laſt und Hitze aber noch ſuͤßer ſey, und Emma, die junge und „ 4 — 203— ſchöne Wittwe, ſchien wahrlich eine liebe Ge⸗ ſellſchafterin. Dieſe meinte, ein Mann, der Geld zaͤhle, Buch und Rechnung fuͤhre, vorleſe und kuͤſſe, ſey fuͤr eine Frau von zwei und zwan⸗ zig Jahren, die nur ein Jahr vermaͤhlt geweſen, ein unentbehrlicher Hausrath; und Hochſtein war von den Maͤnnern nicht der nebelſte⸗ Die Leute ſahen einander in dem Hauſe der Frau von Broſe,(die einſtmals Kammerfrau bei Emma's Mutter geweſen, einen reichen be⸗ ijahrten Herrn als Ehemann gefiſcht hatte, und ſeit Kurzem Wittwe war) gefielen ſich gegenſei⸗ tig, ſagten das einander nach wenigen Wochen und verſprachen ſich zum Ehebunde, der im Fruͤh⸗ linge geſchloſſen werden ſollte. Wie denn aber all ſolche Menſchen, wenn der erſte Liebeszau⸗ ber geſchwunden iſt, uͤber das Wie der Liebe und deren Gegenſtand, zu Bemerkungen gelangen, ſo geſchah es auch bei Hochſtein und Emma, Er fand bald, daß ſie hoͤchſt liebenswerth, doch auch ſehr bekannt mit ihren Vorzuͤgen, hoͤchſt gefallſüͤchtig und etwas leichtſinnig ſey; und daraus ſchloß er, hier waͤr es ſchwer, allein Hahn im Korbe zu bleiben. Emma, die von — 204— dem Anbeter forderte, er ſolle ewig taͤndeln und koſen, fand ſich gekraͤnkt, als er ſie nicht immer umſchwebte, und auch fuͤr andere Frauen Augen hatte; ſie zog ſich oft kuͤhl werdend zuruͤck, und er warf ſich nicht, Verzeihung erflehend, zu der Goͤttin Fuͤſſen; vielmehr trat auch er ſtolz und kalt zuruͤck. Emma ſing an ihn zu meiden; er vefolgte das Beiſpiel. Als man ſich darauf wiederſah, gab es Vorwuͤrfe und Wortſtreit; die Schöne entfernte ſich noch mehr. Jetzt ſchien ſein Glaube an ihren Wankelmuth ihm gegruͤn⸗ det; er ſtrebte nun, hell zu ſehen, bis zu wel⸗ chem Grade Emma unzuverlaͤſſig ſey, und be⸗ ſchloß ihre Beharrlichkeit auf die Probe zu ſtel⸗ len; dem Entſchluß folgte die Ausfuͤhrung. Er entbot ſeinen Geheimſchreiber Ewald, den er auf dem Lande zuruͤckgelaſſen, zu ſich⸗ entdeckte dem Gewandten ſeinen Entwurf, und fand ihn bereit, das Werkzeug zur Pruͤfung Em⸗ ma's zu werden. Ewald war, als Schreiber ei⸗ nes hannbverſchen Edelmannes, eine Zeitlang in England geweſen, und daher beſchloß Hoch⸗ ſiein, ihn als einen Englaͤnder auftreten, und in dieſer Geſtalt in Emma's Naͤhe erſcheinen zu laſſen. Lord Edſon traf in der Hauptſtadt ein, ſtieg im erſten Gaſthofe ab, ward durch — 205— Hochſteins geheime Mitwirkung in die erſten Kreiſe und Haͤuſer eingefuͤhrt, und machte bald, theils durch ſeine Sonderlingslaunen bei den Maͤn⸗ nern, theils durch ſeinen Aufwand, am meiſten aber durch ſeine angenehme perſoͤnliche Erſchei⸗ nung bei den Frauen, nicht geringes Aufſehen. Emma ſah ihn mit Behagen, ſuchte dem vielbe⸗ lobten Britten zu gefallen, theils aus Eitelkeit, theils um Hochſtein zu peinigen, und fand mit geheimer Freude, daß Edſon ſie wor Andern ih⸗ res Geſchlechts auszeichnete. Hochſtein wuthete eiferſuͤchtig, und entwarf einen Plan, ſich auf das Empfindlichſte an der Treuloſen zu raͤchen. Das Mittel zur Vergeltung war bald ge⸗ funden; die Ankunft einer Franzoſin, der Graͤ⸗ fin Hortenſe de Dorette, die jung und nicht reizlos war, verſchaffte ſie ihm. Sie er⸗ ſchien als Fremde, nicht lange nach Edſons An⸗ kunft in der Hauptſtadt. Sie war die Nichte eines franzoſiſchen Verbannten, der in Paris un⸗ ter Bonaparte eine wichtige Rolle geſpielt hatte, nach ſeiner Entweichung aus dem Himmel der Franzoſen aber in Deutſchland Todes verblichen war. Von einem hollaͤndiſchen großen Hauſe — 206— empfohlen, ward ſie bei ihrer Ankunft von ih⸗ rem angeſehenen Gaſtfreunde im Hauſe der Frau von Broſe eingemiethet, und dieſer zur Ehren⸗ bewachung uͤbergeben. Hochſtein ſah die Frem⸗ de oͤfter, fand ſie zwar nicht ſo liebreizend als ſeine Emma, aber doch ſehr bluͤhend und ange⸗ nehm, naͤherte ſich ihr ftuͤndlich mehr, je kaͤlter er ſich von der Wittwe zuruͤckzog, ſetzte ſich zu ihr in das Verhaͤltniß eines Anbeters, und war uͤberaus aufmerkſam fuͤr ſie, um der Nebenbuh⸗ lerin, die faſt immer zugegen war, recht weh zu thun. Und Hortenſe war eine Franzoſin; ſie bemerkte kaum, daß der Baron ſich zaͤrtlich zu ihr neigte, als ſie ſeine Neigung erwiederte, im⸗ mer etwas mit ihm zu ſcherzen und zu ſchwatzen hatte und bald ſeine Muͤhe durch ſo vertrauliche Hingebung vergalt, daß Emma ſich tauſend Mei⸗ len weit hinweg wuͤnſchte. Sie liebte ihn innigſt, wie er ſie, aber die entbrannte Eiferſucht warf Beide auf die ſchreck⸗ lichſte Folter und leitete ſie auf unſichere Irr⸗ wege.. Eines Tages machte Hochſtein der Franzoͤſin ein Geſchenk mit einem Papagey; ſie erwiederte — 257— die Artigkeit durch eine bedeutende Gabe, indem ſie ihm mit dem ruͤckkehrenden Boten ihr, mit Edelſteinen beſetztes Bildniß zuſandte. Er bat ſie darauf um eine geheime Unterredung, und richtete die Sache ſo ein, daß Emmas Vertran⸗ te, Frau v. Broſe, Nachricht davon erhielt, als Hortenſe ſie ihm zugeſtand. Nun war er ſicher, daß auch Emma Kunde davon empfangen, und ſich, was das Ziel ſeiner Wuͤnſche war, recht ſehr beſtraft fuͤhlen werde. Herr Baron, ſagte Ewald bei einer gehei⸗ men Zuſammenkunft mit ſeinem Gebieter, Herr Baron, ich beſchwore Sie, nehmen Sie mir meine Rolle ab. Die Fran iſt fuͤr mich zu lieb⸗ reizend, zwar Wittwe, aber jung, ſchoͤn und friſch wie ein Maͤdchen, und das iſt jetzt ſelten, da man verſucht wird, faſt all unſre heutigen Maͤd⸗ chen fuͤr Wittwen zu halten. Ich ſtehe fur nichts. Jung bin ich, gerade kein Pavian, und beſitze, einem ſolchen Weibchen gegenuͤber, ein hochſt kitzliches Gemuͤth. O Herr, fuͤhr' uns nicht in. Verſuchung! Seyn Sie ruhig und nicht zu eitel, bemerk⸗ te Hochſtein. Wenn gleich Emma leichtſinnig und gefallſuͤchtig iſt, ſo— So hoffen Sie doch, daß in der andern — 208— Schaale der Wage die Tugend die Gefallſucht hinaufſchnelle? fragte jener. Gewiß, verſicherte dieſer; ich kenne ihr Herz, ſie denkt an Vermaͤhlung; aber ich moͤchte wiſ⸗ ſen, ob ſie mich um mein ſelbſt willen liebt, und wie weit ſie durch Leidenſchaftlichkeit ſich verlei⸗ ten laͤßt. und wenn nun— fragte Jener— die ſchö⸗ ne Frau noch andere Goͤtter neben Ihnen ha⸗ ben wollte; wenn ſie auf meinen Antrag, den ich ihr machen ſoll, bejahend antwortet? Dann uͤberlaß ich ſie Ihnen, oder jedem An⸗ dern und vermaͤhle mich mit der Graͤfin Doret⸗ te, die meine Erklaͤrung zu erwarten ſcheint, ſagte dieſer⸗ Hm, urtheilte Ewald, kein uͤbler Geſchmack. Hortenſe iſt ſchon, liebenswerth, aber— und was mach ich am Ende? Sie entdecken ſich dann, meinte Hochſtein, der Liebenden— Als buͤrgerlicher Geheimſchreiber Habe⸗ nichts? Schönen Dank! da zieh ich lieber in aller Eil und Stille von dannen! entgegnete Ewald. Wer weiß, ſprach Hochſtein, ob nicht Ihr Heil bei Emma bluͤht! Daß — 209— Das zu hoffen bin ich nicht eitel genug, er⸗ widerte der Getroſtete, wenn mir gleich ein gro⸗ ßer Theil der Eigenliebe zum Erbe ward. Rein, nein! Außerdem wird es, wie ich gewiß weiß, fur die Wittwe nothwendig, einen beguͤterten Gemahl zu waͤhlen; ſie hat einen Rechtshandel und mit ihm viel Geld verloren; ſie befindet ſich eben jetzt in dringender Geldverlegenheit. Geſetzt, ſie verzartlichte ſich wirklich in mich, und wollte bei meinem Stande ein Auge zu⸗ druͤcken, ſo muͤßte ſie doch zuruͤcktreten, wenn ich ihr— was ich ſchuldig bin— entdecte: daß es in meiner Caſſe ſo leer und wuͤſt ausſieht, wie in der Welt am erſten Schöpfungstage, daß ich nichts beſitze als frohe Laune, und nichts zu hof⸗ fen habe, als naͤchſtens Schulden halber einge⸗ ſperrt zu werden. Ja, Herr Baron, ſollte ich ſterben, ſo werden viele Thraͤnen um mich ver⸗ goſſen werden, naͤmlich von meinen Glaͤubigern. Deshalb ſeyn Sie unbeſorgt, entgegnete la⸗ chelnd der Baron. Sie dienen mir zwar erſt ein Jahr, aber Sie dienten redlich und geſchicktz und wenn Sie den gegenwaͤrtigen Auftrag zu meiner Zufriedenheit ausfuͤhren, ſo uͤbernehm⸗ ich Ihre Schulden. Auf jeden Fall? fragte Ewald. O — 210— Auf jeden Fall! verſicherte Hochſtein, und der Erkenntliche wußte kaum ſeinem Danke Ziel und Maaß zu geben⸗ Doch jetzt zur Sache zuruck, fuhr der Frei⸗ herr fort. Senden Sie dieſe brillantenen Ohr⸗ gehaͤnge an Emma mit einem Schreiben ab, in welchem Sie die Wittwe um eine Unterredung ohne Zeugen in ihrem Zimmer bitten. Deuten Sie in dieſem Schreiben auf Heirathsantrag hin, und zeigen Sie mir dann Emma's Ruͤck⸗ ſchreiben! Ewald gelobte punktliche Ausfuhrung und hielt Wort. Der Brief ſammt dem Geſchenk ging ab; die Empfaͤngerin dankte freundlich in Antwort, und bewilligte die Zuſammenkunft, von der ſie wußte, daß Hochſtein davon unterrichtet werden muͤßte; denn die Broſe war eine Schwatzerin, und dieſe machte Emma zu ihrer Vertrauten Der Baron gluͤhte vor Ingrimm, ſchalt die Ge⸗ prufte eine Leichtſinnige, eine Verraͤtherin, und befahl dem Eingeladenen; zu dem Beſieell zu gehen, den er im Nebenzimmer belauſchen wollte. Aber, bemerkte dieſer, ich daͤchte, Sie haͤtten an der Probe genug⸗ da ſie die Ohrgehange an⸗ genommen hat. — Noch haſche ich nach Entſchuldigungsgruͤn⸗ den, ſagte Hochſtein. Emma iſt, wie Sie ſelbſt erzaͤhlten, in Geldnoth; vielleicht bedurfte ſie eben jetzt der Huͤlfe, als das Geſchenk einging. Der Schiffbruͤchige greift nach jedem Brett, waͤr's auch nur klein. Aber die Zuſammenkunft? fragte Jener. Sie haͤlt den Englaͤnder fuͤr ſehr reich. Vielleicht rechnet ſie, ohne die Folgen zu erwa⸗ gen, auf Aushuͤlfe, auf eine Anleihe. Laß ſehn, wie weit ſie geht⸗ Lachend ſprach der Schlaue: Schon gut! Soll ich Ihnen ſagen, wie weit der ganze Handel geht? Nun? Die Eiferſuchtigen peinigen ſich gegenſeitig eine Zeitlang. Dann fuͤhrt Verſtand und Liebe ſie zur Verſthnung und zum Altar. Das weiß ich, ohne ein Adam Muͤller zu ſeyn⸗ und mir waͤrs ganz recht, wenn es ſchon dahin waͤre, denn unter zwei Liebenden ſteht der Pruͤfende am Schluß der Pruͤfung ganz erbaͤrmlich da. neberdies bin ich auch ein wenig eiferſüchtig auf Sie, Herr Baron, wegen der niedlichen Gräfin. Unter uns, die pruͤfte ich lieber, wenn Sie zu Emma wiederkehrten⸗ D3 — 212— Schweigend und den Groll auf der gefurch⸗ ten Stirn tragend, verließ Hochſtein den Schwa⸗ tzer. Was hör ich? ſprach Frau v. Broſe, als Em⸗ ma ihr eroͤffnete, daß ſie den Lord allein ſpre⸗ chen werde. Was kann Hochſtein dazu ſagen? Dem Beſtandloſen zur Pein beſchloß ich eben ſo zu handeln, erwiderte Jene mit hoöher gluͤhender Wange. Durch Eiferſucht foltert mich der Verraͤther, waͤhrend er mit der Graäfin ein trauliches Verſtaͤndniß unterhaͤlt. und was iſt, forſchte dieſe, Ihr eigentlicher Plan bei dem Handel? Den Meineidigen— entgegnete die Befragte, mit ſeiner Graͤfin zu uͤberfallen— wenn ſeine Un⸗ treue ganz erwieſen ſeyn wird, und, ihm zur Beſchaͤmung, vor ſeinen Augen dem Lord die Hand zu reichen. Zwar kenn' ich dieſen kaum und lieb ihn nicht, doch ſeine Auſſenſeite iſt er⸗ traglich, ſeine Laune veluſtigend, ſein Reichthum lockend. Wie ſchnell will ich meine Glaͤubiger vefriedigen! Welche glaͤnzende Feſte werde ich geben! Wie viel begehrenswerthe Dinge will ich kaufen! Unter uns; Edſon kam zur rechten Zeit. — 3— unter andern umſtaͤnden wuͤrd' er freilich kein Gluͤck bei mir machen, denn— ein Seufzer ver⸗ ſchlang hier den Schluß der Rede. Emma ſtand, eine Stunde ſpaͤter, mit der Broſe im Nebenzimmer, als Hochſtein die Graͤ⸗ ſin allein ſprach. Der Freiherr war Anfangs befangen, aber als er daran dachte, daß die Wittwe im Gemache nebenan lanſche, faßte er Muth. Hortenſe redete mit leiſem Vorwurf von ſeiner Verbindung mit Emma; da verſicher⸗ te er, daß er dieſes Verhaͤltniß laͤngſt aufgeho⸗ ben, und die Beſtandloſe gern Hortenſen aufge⸗ opfert habe. Zum Beweiſe— fuhr er aufge⸗ regt fort— zum Beweiſe der Wahrheit erlaube ich mir die Bitte um Ihre ſchone Hand. Rei⸗ chen Sie mir dieſe recht bald, noch heute! Die Graͤfin ſchwieg einen Augenblick und ſprach dann: Wohlan, es ſey. Sie haben mein Herz, nehmen Sie auch meine Hand; ich gehe die Vorbereitungen zu unſerer Verbindung zu treffen. Sie bot dem Ueberraſchten den Arm, der, einem Traͤumer gleich, neben ihr herging. Im Nebenzimmer aber biß Emma faſt die Lippen —= 214— wund, und ſprach jetzt zu der Broſe: Was ſagen Sie? das haͤtt ich nie von ihm geglaubt, fuͤr ſo bosartig ihn nimmer gehalten! Die Vertraute urtheilte lachend: Hier ſeh ich den Beweis, daß Liebende von choleriſchem Temperamente Kinder, und daher auch kindiſch ſind. In dieſem Augenblick ward Lord Edſon ge⸗ meldet. Gereizt wie Emma war, rief ſie als⸗ bald: Herein mit ihm! und bat die Freundin, ſie eilends zu verlaſſen. Die Gebetene gewaͤhr⸗ te, drohte aber bei dem Scheiden der Gluhen⸗ den, ſchalt ſie eine kleine Leichtſinnige und ging kopfſchuͤttelnd hinaus, um im anſtoßenden Zim⸗ mer den Bgron, den ſie erwartete, zum Zeugen eines aͤhnlichen Auftrittes zu machen, als er ſo eben ſelbſt ausgefuͤhrt, und auch ihn, wie die Wittwe, fuͤr Voreiligkeiten buͤßen zu laſſen. Er blieb nicht aus. Als Edſon zu Emma eintrat, ſtand Hochheim bereits mit hochklopfendem Her⸗ zen und horchendem Ohr an der Thuͤrſpalte. Es gab einen gewöhnlichen Auftritt. Lie⸗ besverſicherungen auf der einen, halb geduldete, halb abgewehrte Liebkoſungen auf der andern — 215— Seite; Hochſtein ſchmaͤhte in Gedanken jetzt die unbeſonnene, jetzt den kecken Schreiber, der ſei⸗ ne Rolle faſt zu gut ſpielte. Sagen Sie mir doch, fragte Edſon, iſt das wahr, ſchoͤne Frau, daß Sie einen gewiſſen Ba⸗ ron Hochſtein geliebt haben? Wahr, entgegnete ſie, doch jetzt haß ich ihn todtlich. Reden Sie mir nicht von ihm. Wohl. Alſo von mir, ſprach der Lord, ſich breit machend. Wie finden Sie mich? Huͤbſch? Nicht wahr? Run, Sie lieben mich, und Ihr Geſchmack iſt natuͤrlich gut, ſehr gut. Davon ein andermal! rief Emma ſchnell. Jetzt hören Sie mich. Man ſagt, Sie beſitzen ein großes Vermoͤgen? Iſt dem ſo? Dem iſt ſo! erwiderte Edſon. Sie werden einſt als Lady herrlich und in Frenden leben, und all Ihre Freundinnen uͤberſtrahlen. Sie werden alſo auch meine Finanzangele⸗ genheiten ordnen. Dazu gehoͤrt ein Betrag von vier und zwanzig tauſend Thalern. Eine rechte Kleinigkeit. Ein Sandkorn von meinem Geld⸗Cimboraſſo! Sollen erhalten, ſo viel Sie begehren. Doch zur Hauptſache: Wann feiern wir die Vermaͤhlung? Sobald es Ihnen gefaͤllt! entgegnete ſie — 216 c— vaſch und laut, als ſie an jener Thuͤr ein Ge⸗ raͤuſch vernahm, das Hochſtein machte, um die Antwort vollſtaͤndig zu horen. Und wenn ich Sie beim Wort naͤhme? ſag⸗ te Edſon, und Heute ſpraͤche? So wuͤrd' ich unbedenklich einwilligen! er⸗ widerte Emma, und legte ihre Hand in ſeine dargereichte Rechte. Vortreflich, jauchzte der Lord; ſo eil' ich zum Pfarrer! Zum Notar wollen Sie ſagen, ſprach Em⸗ ma, daß der den Contrakt fertige, in welchem Sie mir einen bedeutenden Theil Ihres Vermoͤ⸗ gens verſchreiben. Alles, alles! verſicherte er. Alſo zum No⸗ tar! Gut! Dankend kuͤßte er ihr die Hand und ging, indem er kaum das Lachen unterdruckte. Schoͤne Frau! ſagte er, als er die Thuͤr im Ruͤcken hatte, lachend, von meinem Vermogen wuͤrden Sie kaum täglich eine Rumfordſche Sup⸗ pe genießen duͤrfen. Der Baron, der unterdeſſen, wie uns be⸗ wußt, daneben auf einer Folter gelegen, die er ſelbſt erfunden, wollte bei den letzten Reden, mit welchen Emma ſich dem Schein⸗Lord ſo uͤber⸗ eilt ergab, ſchon hinausſtuͤrmen; doch die Broſe hielt den Verzweifelnden zuruͤck. 6 Seyn Sie gerecht! ſprach ſie. Wie duͤrfen Sie Emma tadeln, ohne ſich ſelbſt bitter zu ſchmaͤhen? War Ihr Benehmen in der Unterre⸗ dung mit der Graͤfin etwa beſſer, edler? Gehen Sie nicht weiter. Hinweg mit den Proben und Fallſtricken! Ihr Leutchen ſeyd gerade fuͤr einan⸗ der geſchaffen. Das bekundet das gleiche Ver⸗ halten. Darum rath' ich zur Ausſoͤhnung. Zur Ausſohnung? rief er heftig. Und zur Ruͤckkehr zum Narrenſeil? Nimmermehr! Mit dieſem Ausruf eilte er fort, um im einſamen Zimmer ſeinen Grimm und ſeine Klagen uͤber das tuͤckiſche Walten der finſtern Maͤchte auszu⸗ toben. Waͤhrend dieſes Selbſtgeſpraͤchs ſtand Ewald in der Kammer des Barons, und hoͤrte deutlich, wie dieſer ſich die voreilige Erklaͤrung an Hor⸗ tenſe vorwarf, die Graͤfin mit Emma verglich, dieſe dabei gewinnen ließ, und endlich wuͤnſchte, daß nichts geſchehen ſey, und er noch in dem ehemaligen angenehmen Verhaͤltniß zu der ſchd⸗ nen Wittwe ſtehen moͤge. Doch, ſetzte er hinzu, wie wuͤrde man ſpotten, wenn ich unmaͤnnlich — 218— und als reuiger Suͤnder zu ihr zuruͤckkehrte! Wie ſie ſelbſt den Schwachen hohnen! Nein, jetzt iſt alles zu ſpaͤt; ich muß beharren! Aber ich nicht! ſagte Ewald zu ſich. Ich nicht, nun ich gewiß weiß, wie die Dinge liegen⸗ Er muß wieder an Emma's Seite ſtehn, und wird mirs einſt danken, daß ich ihn dahin zu⸗ ruͤck fuͤhrte. Hortenſe liebt mich, ihn nicht. Das hab ich weg; ich mache mich an die Grä⸗ ſin. Hochſtein wird wuͤthen, und im Zorn ſich wieder an die geliebte Emma haͤngen. So er⸗ ſticke ich durch die zweite Eiferſucht die erſte, das Gift durch Gegengift. und ich? Schöne Hortenſe! Willſt du mein Hortenschen ſeyn? Aber ſie iſt Graͤfin und reich. Das ſind zwei dicke Aber. Doch laß ſehn, wie weit wir kommen. Sprachs und eilte mit ſeiner gewohn⸗ ten Keckheit nach dem Zimmer der Graͤfin, die wirklich einiger vielſagenden Blicke den Wild⸗ fang gewuͤrdigt hatte, und ihn jetzt mit großer Freundlichkeit begrußte. Die Achtungsbezeichnungen waren vorber. Da erſeufzte Hortenſe leiſe, als ſie gedachte: den häͤtt ich lieber als den Baron! — 219— Ewald bemerkte das Seufzen, und fragte nach deſſen Anlaß. eSie geſtand, daß ſie geheimen Kummer ha⸗ he, wollte jedoch ihn nicht naͤher bezeichnen. Sollte— forſchte er und beobachtete ſie ge⸗ nau— ſollte Ihrem Geliebten, dem Freiherrn Hochſtein dieſe leiſe Klage gelten? Sie laͤugne⸗ te das, und fragte; ob er den Baron kenne. Aufs Genaueſte, verſicherte er, wir ſind ver⸗ traute Freunde. So tonnen Sie mich wol von ſeinen Eigen⸗ thuͤmlichkeiten unterrichten⸗ Allerdings. Er iſt ein wackerer Mann; nur haͤlt er alles auf Stand und Reichthum. Er ruͤhmt ſich ſehr damit, daß Sie ihm Ihr Bild⸗ niß geſchenkt haben. Zweierlei iſt ihm wichtig daran. Erſtens: daß es mit Edelſteinen um⸗ geben, und zweitens: daß es das Bild einer Graͤfin iſt. Aus Ihrer Perſonlichkeit macht er ſich gar nichts. unruhig wandte Hortenſe den Blick bald da⸗ bald dorthin. Das Schlimmſte iſt, fuhr Jener fort, daß er Sie nicht ein Bischen liebt, ſondern ſich Ih⸗ nen nur naͤhert, um Frau von Funk zu aͤrgern. Er ſieht Sie als ein Rache⸗Werkzeug an, und — 220— wenn er Sie heirathet, ſo thut er es bloß aus Nun, ſagte Hortenſe, zu Boden ſehend, ſo wundere ich mich, daß Sie der Wittwe Funk den Hof machen. Die laͤßt ſich ja augenſchein⸗ lich nur mit Ihnen ein, weil Hochſtein ſie auf⸗ Haben Sie etwas gemerkt? fragte er. S nickte bejahend. Ich hab es auch gemerkt, fuht er fort, und beſchloſſen, die Frau aufzugeben, die mich als Nothhelfer und Diener des hoch⸗ nothpeinlichen Liebes⸗Gerichtes zu gebrauchen beabſichtigt. Wie waͤr⸗ es, meine Gnaͤdige, wenn wir Beide unſere Schaͤtzchen beſtraften, in⸗ dem wir ſie verabſchiedeten, und— wie waͤr' es ferner, wenn Sie mich ein Bischen lieb haͤtten und ein ſuͤſſes Verhaͤltniß mit mir begruͤndeten? Ja, ſchone Graͤfin, ſeit ich Sie kenne, bete ich Sie an! O ſprechen Sie ein gewaͤhrendes Wort zu meiner Bitte, und der beruͤchtigte Kroͤſus iſt ein armer Teufel gegen mich. Hier kuͤßte er ihre Hand ſtuͤrmiſch. Sie ſeufzte wieder und 1 ſagte ſichtbar verlegen: Wenn ich wuͤßte!— 3 Freilich mein Herz— O, flehte er, laſſen Sie dieſes entſcheiden! Ich liebe Sie, lispelte die Beſtuͤrmte, doch— Verzweiflung. Ich an Ihrer Stelle ſpraͤnge ab. * — — 221— Da ſank der Draͤnger knieend zu Boden und bedeckte ihre Hand mit Feuerkuſſen. Jetzt ſprang die Thuͤr auf. Hochſtein trat ein, und bebte, von dem Auftritt uͤberraſcht und aufgeregt, zuͤrnend zuruͤck. Vortrefflich! rief er. Indem ich Emmas untreue zu raͤchen ſtrebe, find' ich eine neue Treuloſe; indem ich ein Pruͤfungs-Werkzeng waͤhle, entdeck ich in ihm einen Verraͤther. Aber kennen Sie, Graͤfin, auch dieſen Unwuͤrdigen? Er iſt mein Schreiber. Mit zitternder Hand bedeckte Hortenſe die Augen. Die Larve fällt, ſprach aufſtehend Ewald, aus iſt der Spaß. Der Maͤnſefallen⸗Haͤndler geht ab. In dieſem Augenblick trat Emma mit der Broſe ein. Wie? fragte die Erſtere. Sie hier, Lord Edſon? Ein andermal die Erklaͤrung! erwiderte Ewald, und ſchlich in den Hintergrund. Und auch Sie, Herr Baron? ſagh⸗ die Bro⸗ ſe. Doch find' ich es begreiflich. Sie beſuchen die Verlobte. — 222— Verlobte? wiederholte Emma⸗ Herr Baron! Jetzt halte ich es fuͤr Pflicht, Ihnen zu ſagen⸗ daß dieſe Perſon keine Graͤfin, ſondern meine Geſellſchafterin Doͤris Biring, die Tochter meines Amtmanns iſt, die aus Gefaͤlligkeit fuͤr mich dieſe Rolle uͤbernahm, Ihre Beharrlichkeit zu pruͤfen⸗ Einein armen Suͤnder gleich, ſtand Hoch⸗ ſtein da⸗ So, ſo! ſprach im Hintergrunde Ewald⸗ Eine dito Maͤuſefalle; Mamſell in der Loͤwen⸗ haut unſers Gleichen? Deſto beſſer. Wie Sie die Pruͤfung beſtanden, fuhr die Wittwe fort, iſt Ihnen bekannt, und darum nehm' ich hiemit feierlich mein Wort zuruͤck⸗ Sie ſehen in mir die Braut dieſes Mannes, des Lord Edſon. Lord Schreibfeder! ſagte Ewald her⸗ vortretend. Aufzuwarten. Geheimſchreiber in Dienſten des Herrn Baron und gleichfalls eine Art von Verſucher in der Wuͤſte, werde daher ſchwerlich die Ehre haben koͤnnen, den Brauti⸗ gam lang' engliſch fort zu ſpielen. Lachend warf die Broſe ſich in einen Seſ⸗ ſel. Emma ſtand beſchaͤmt wie Hochſiein dieſem gegen uͤber, und wie er zu Boden ſtierend die — 2a3— Nägel biß, ſo zupfte ſie verlegen das Tuch faſt in Stuͤcken. Leben Sie wohl! gnaͤdige Frau! ſprach jetzt leiſe Hochſtein, und wendete ſich zum Gehen. Leben Sie wohl! fluͤſterte Emma, und ver⸗ barg die quellende Thraͤne. Wohl leben werdet Ihr nur beiſammen, und darum muͤßt Ihr bleiben! ſprach die Bro⸗ ſe, zwiſchen beide tretend, und nahm ihre Haͤn⸗ de. Halt da, aufgeſehen. Eine Zeitlang belu⸗ ſtigten mich Eure eiferſuͤchtigen Grillen, und die drolligten Formen, in welchen ſie ans Licht tra⸗ ten; doch laͤnger darf die Poſſe nicht waͤhren. Ihr habt Euch nun gegenſeitig beſtraft, ſeyd zu gut, um ungluͤcklich zu werden, fuͤhlt ganz gleich, wie die gegenſeitige Probe darthut, und kennt durch dieſe einander ganz. Allerdings! ſagte lachend Ewald. Hier wird nicht, wie man zu ſagen pflegt, die Katze im Sack gekauft. Denken Sie, hohe Herrſchaften, an den ſchoͤnen Martinſchen Zweiſang: Laſſet Frie⸗ den uns ſtiften! und verſohnen Sie ſich gefaͤl⸗ ligſt. Die Engel des Himmels rufen: Bravo! bei ſolchem Auftritt. Ein wenig mehr Beſonnenheit und ein we⸗ — 224— nig minder Eitelkeit von Seiten der gnäbigen Frau, fuhr die Broſe fort; ein wenig mehr Ver⸗ trauen und ein bischen weniger heißes Blut bei dem Herrn Baron; ein wenig Ruhe mehr auf beiden Seiten, und Euer Gluͤck, Ihr Leutchen, iſt gemacht, denn fuͤrwahr! Ihr liebt einander mehr, als eben zur Ehe nothwendig iſt. Und ſo fuͤhr ich Euch an den Platz, wohin Jedes gehoͤrt. und ſie zog die Schweigenden einander naͤher, und legte die erfaßten Haͤnde in einander⸗ Allerdings handelte ich zu raſch, gnaͤdige Frau! ſprach leiſe bei geſenktem Ange Hochſiein⸗ Koͤnnen Sie verzeihen? Unrecht, uͤbereilt handelte ich! erwiderte mit geroͤtheter Wange Emma. Wollen Sie vergeſſen? Hier und dort ein ſuͤßes: Ja! ein Haͤnde⸗ druck erzengte den zweiten, und jetzt ſchlug Herz an Herz unter frommen Vorſaͤtzen des Nicht⸗ mehrthuns⸗ Mit drolligen Verbeugungen naͤherte Ewald ſich der Amtmannstochter, und ſprach mit gedaͤmpf⸗ ter Stimme: Der Lord war freilich nur plat⸗ tirt, aber meine Liebe iſt maſſive Arbeit. Be⸗ fehlen Sie ein Seitenſtuͤck zu jener Umarmung? Ich ſiehe zu Dienſten. Wenn ſich— entgegnete ſchalkhaft Doris— nach 3 — 225— nach einem Jahre die Haltbarkeit wirklich er⸗ wieſen, ſo duͤrfte die ehemalige Graͤfin ein An⸗ ge zudruͤcken! Auch eine Probe? Gut, da weiß man doch, wie lange man ſich verſtellen muß. Es ſey. Wenn Jakob ſieben Jahr um Rahel diente, ſo kann ich es wol auf ein Jahr verſuchen. Doch eins beding ich aus: Bekommen Sie die Pocken, ſo nehm ich mein Wort zuruͤck. Doris nickte lachend, und legte die niedliche Hand in die ſei⸗ nige. Da rief er dem Baron zu, zeigte ihm die vereinigten Haͤnde, und fragte: Auf jeden Fall? Auf jeden Fall! erwiederte der Baron, Und die haͤusliche Einrichtung obendrein. Tauſend Dank! jauchzte er. Das iſt eine vortreffliche Einrichtung. Doch, Herr Baron, noch eine Bitte. Sollten Sie, was der Himmel ver⸗ huͤten moͤge, die gnaͤdige Frau wieder einmal zur Eiferſucht reizen wollen, ſo muß ich vitten, ſich nicht mehr an die bekannte Graͤſin zu wenden; ich mochte ſonſt auch wieder Lord Edſon werden! So nahm der Liebeszwiſt ein guͤnſtig Ende. Nach einem Jahre war Hochſtein und Emma ein gluͤckliches Paar, und beider Anhang, Doris und Ewald, nicht minder. — 226— VI. Die lebenden Bilder. (Erzaͤhlun g.) 1. Der Hofrath Albert und der Kaufmann Lan⸗ ge waren Nachbarn und Herzensfreunde. Wil⸗ helm, der Sohn des Hofraths, ward mit Hu⸗ go, dem Sprößling des Handelsherrn, gemein⸗ ſam erzogen; ſie ſchloſſen den Bund der Freund⸗ ſchaft, und blieben einander tren ergeben, von den Knabenjahren an bis in das Mannesalter; ſo waͤhlten auch beide ein und daſſelbe Geſchaͤft, den Handel. Hugo weinte fruͤh am Grabhuͤ⸗ gel ſeines Vaters, und Wilhelm weinte mit ihm; zwei Jahre ſpaͤter ſtarb auch der Hofrath⸗ und Hugo theilte nun des Freundes Schmerz und Trauer⸗ Beide ſtanden in denſelben Jahren, in glei⸗ cher Vermoͤgenslage, und waren auch in man⸗ chen Eigenthuͤmlichkeiten des Charakters einan⸗ der aͤhnlich; nur war Hugo munterer, lebhafter, reizbarer, Wilhelm ſanft, ruhig und ſchien tiefer zu empfinden; doch, ſah man ſie beiſammen, ſo fuͤgte Einer ſich gefaͤllig dem Andern. So hoͤrte Hugo gelaſſen zu, wenn Wilhelm ihm aus Schiller und Goͤthe vorlas, und dieſer las laͤchelnd mit jenem Langbeins Schwaͤnke. Die ununterbrochene Vereinigung der Jugend⸗ freunde naͤhrte das trauliche Verhaͤltniß und beider Charaeter ſicherte es; nur dann, als je⸗ der von ihnen ſein eigenes Handelsgeſchaͤft zu hetreiben anfing, entſtand je und je eine leichte Spaltung; ſie ſahen ſich nicht mehr ſtuͤndlich, doch immer noch oft genug; und ſo lange nicht ihr Gewerbe zur Sprache kam, waren ſie ſtets ganz einig. 2. Den jungen Maͤnnern gegenuͤber wohnten zwei ſehr huͤbſche Maͤdchen, die als Nachbar⸗ töchter von zarter Kindheit an, Freundinnen und ganz gleich geſtimmt waren, ſo wie Hugo und Wilhelm. Eines Tages ſtand Hugo— der ſein vier und zwanzigſtes Lebenjahr zuruͤckgelegt hatte, ſo P2 — 228— wie ſein Freund das fuͤnf und zwanzigſte— am Fenſter; da erſchienen gegenuͤber die ſchalkhafte Roſa und die ſanfte Bertha. Hugo ſchauete dahin und theilte ſeinem Wilhelm die Bemer⸗ kung mit, daß die Roſa da druͤben eine aller⸗ liebſte Roſe ſey, die ihm ſchoͤner und begehrens⸗ werther vorkomme als all ihre Schweſtern, welch eine uͤberſchwengliche Menge dieſer Blu⸗ men die Hauptſtadt auch enthalte—„Ja, ſie iſt liebenswuͤrdig,“ meinte Wilhelm,„aber ihre Geſpielin Bertha waͤr mir dennoch theurer; und ſollt ich einſtens mir die Gattin waͤhlen, ſo muͤßt es ſolch ein Schlag wie dieſe ſeyn und warum nicht Bertha ſelbſi? fragte Hu⸗ go. Sieh, mein Schatz, das waͤre herrlich, wenn ſie Deine Braut, Deine Hausfrau, und Roſa die meinige wuͤrde. Schon lange denk ich an ſo Etwas. Sie Freundinnen, wie wir Freunde ſind. Wo iſt ein ſchönerer Bund? „Ein himmliſcher Gedanke!“ urtheilte Wil⸗ helm.„Bertha mein, und ich waͤr der Seeli⸗ gen Einer.“.. Roſa, mein trauter Hausſeegen, das waͤr ein Götterleben!— rief Hugo, und pfiff die Weiſe von Schillers Hymne an die Freude— Wollen wir? fragte er lachend nach einer Weile⸗ — 229— Jener fand den Vorſchlag vortrefflich, und ging am Arm des Freundes ſchon des folgenden Tages in den Luſtgarten nach dem Orte, wohin die Mädchen zu luſtwandeln pflegten. Man fand die Huldinnen dort, ſchloß eine naͤhere Bekannt⸗ ſchaft mit ihnen, wie die Großen ihre Praͤlimi⸗ narien, ſprach nach einigen Wochen von Liebe, nach einigen Monden von Ehe, empfing das Ja⸗ wort aus ſchönem Munde, von Roſas Tante und Berthas Oheim, und ſchwamm am Vermaͤhlungs⸗ tage in einem Oecean von Entzuͤcken, wie faſt jeder Juͤngling, dem das Jenſeits des Zieles fremd iſt. 2 3⸗ Das Vier⸗Kleeblatt war nun immer bei⸗ ſammen, alle Wonnen genießend, mit welchen die Freundſchaft, die Liebe und der Reiz der Neuheit das Daſeyn ſeegnet. Die Maͤnner wa⸗ ren gut und jung und huͤbſch; und damit waren alle Wuͤnſche der jungen Weiberlein erfuͤllt; die Frauen waren liebenswerth, ſittſam, geiſtreich, und brachten, was bei den Handelsherren ſehr in Anſchlag kam, ihren Maͤnnern ein nahmhaf⸗ tes Suͤmmchen zu. Wos konnten die Freunde mehr begehren? — 230— Der Freundſchaftsbund blieb indeſſen den Frauen am heiligſten und thenerſten. Wenn die Maͤnner uͤber ihr Geſchaͤft hie und da verſchie⸗ dener Meinung waren, wenn ſie dabei auf ge⸗ trennten Wegen wandelten, ſo ſtorte, befing und ſchied jene nichts; ſie redeten nur von ihrem friſchen Gluͤck, uͤber deſſen Große beide einig waren, und theilten einander jede neue Erfah⸗ rung, jede Bemerkung und ſelbſt die leiſeſten Geheimniſſe ihres neuen Verhaͤltniſſes mit. Amor iſt friedlicher und zutraulicher als der leichtge⸗ reizte Hermes! So nah die Schoͤnen aber auch einander taͤglich waren, ſo wuͤnſchten ſie doch, es ſtuͤnd⸗ lich zu ſeyn, ſich immer ohne 3wang zu ſehen, eiander auch im Hauskleide beſuchen zu konnen, ohne durch die Zungen der loͤſternden Nachbar⸗ innen Spitzruthen zu laufen. Nichts war leich⸗ ter moglich als dies. Die beiden Gaͤrten hinter den Haͤuſern waren nur durch eine Mauer ge⸗ ſchieden: Eine Thuͤr in dieſer Mauer, und das heiße Sehnen war geſtillt. Roſa ſprach dieſen Einfall aus, und Bertha nahm ihn mit Luſt und Gluth auf. Die Frauen baten nun ſo ſuͤß, und die Bit⸗ ten der Frauen vald nach der Hochzeit ſind ih⸗ ren Maͤnnern wie die ehernen Tafeln des Moſes auf Sinai. Darum haͤmmerte auch bald der Maurer hier, und dort der Tiſchler, da der Schmidt, und in der laͤſtigen Scheidewand er⸗ ſchien ein Pfortchen, groß genug fuͤr die ſehnen⸗ de Freundſchaft. und ſiehe, die holden Geſtal⸗ ten ſchwebten nun fruͤh und ſpaͤt, im Morgen⸗ gewande wie im Nachtkleide, zu einander durch die Pforte, hinuͤber und heruͤber, wie Elfen im bleichen Mondſchimmer tanzen. 4. Aber, ach! ſchon nach wenig Monaten ward dieſe Himmelsthuͤr von beiden Seiten dicht und feſt verriegelt und geſperrt, und in dieſem wie in jenem Garten lag ein großes Schloß daran. und damit ging es folgendermaaßen zu. Hugo hatte eine bedeutende, Gewinnver⸗ ſprechende Handelsſpeculation ergruͤbelt, und ins⸗ geheim begonnen, auf welche Wilhelm gleichfalls laͤngſt geſonnen. Die Nebenbuhler begegneten ſich hier auf halbem Wege, und jeder argwoͤhn⸗ te, daß der andere ſeine Abſicht erfahren habe, und ihm vorſaͤtlich der Queer gekommen ſey. Das ſchien dem Einen wie dem Andern unver⸗ zeihlich, und Eigennutz, Misgunſt und Brodneid S 8 trennte plötzlich, was Zeit und Neigung, Gewöh⸗ nung und Liebe gegruͤndet und erhalten hatte. Der Eine blieb weg aus dem Hauſe des Andern, und dieſer befolgte das gegebene Beiſpiel. Zum Ungluͤck trafen ſich die Leute, zu einer Zeit, da ſie in der bitterſten Stimmung waren, am drit⸗ ten Orte, wo Einer dem Andern nicht auswei⸗ chen konnte, und die Sache zur Sprache kom⸗ men mußte. Es geſchah; ein Streit folgte, der durch Hugos beleidigendes Auffahren zum foͤrmlichen Zank wurde; man ging auseinander mit den Vorſatz, ſich nicht mehr zu ſehen, ſchloß da Pfoͤrtchen, auf daß auch die Frauen ſich nicht mehr beſuchen koͤnnten, und feindete ſich gegen⸗ ſeitig an. Man denke, wie ihre armen Weiber erſchra⸗ ken, als ſie aus dem Munde der Eiferer die bo⸗ ſe Geſchichte vernahmen, wie betruͤbt ſie waren, als die Paradies⸗Pforte ſich fuͤr immer ſchloß; ſie ſuchten ganz natuͤrlich mit Vermittelung ein⸗ zutreten, die Entzweiten zu verſohnen. Fruchtlo⸗ ſe Muͤhe; ihre leiſe Bitten verhalten ohne Er⸗ folg; die Eigenſuͤchtler blieben verſtockt; ſie fan⸗ den nur zu bald mit inniger Trauer, daß die Zeit der Flitterwochen voruͤber, die Gewalt der — 233— „ erſten Liebe gebrochen, und die Juliushitze der Verliebten in die Oetoberkuͤhle des geſaͤttigten Eheherrn uͤbergegangen war. Welche ſchmerzli⸗ che Erfahrung! Welche peinliche Lage! Lieb' und ſuͤßes Gewohnen hatte ſie in zarter Jugend ge⸗ einet; und jetzt die urplotzliche Trennung fuͤr immer. Wie? Sie ſollten ſich gar nicht mehr ſehen, ihre kleinen Geheimniſſe, ihr Leid und ihre Frenden nicht mehr theilen? Das war ent⸗ ſetzlich. Auf ſtille Seufzer folgten naſſe Au⸗ gen, laute Klagen und endlich eine Art von Ver⸗ zweiflung. 5. Nſu ſchauete eines Tages aus ſdem Fenſter; da befand ſich, o Frende! auch nebenan im Fen⸗ ſter die liebe Bertha. Klagen erſchollen, Thraͤ⸗ nen floſſen; dann ging man auf die ſteinharten Herzen der Maͤnner, zu deren Verwandlung in Brummbéren und Zwingherren uͤber, und ſchließ⸗ lich kam man an die wichtige Frage: „Quid faciemus nosꝰ Wie werden den Zwang wir los?“ „Es iſt hart, iſt grauſam!“ klagte unter Thraͤnen Bertha. Abſchenlich iſt es! rief Roſa, und ihre Wan⸗ — 234— ge gluͤhte, ihr Auge ſpruͤhte Funken.— Aber eben, weil es abſcheulich iſt, muͤſſen wir es nicht dul⸗ den. Gerade weil die barſchen Herren uns die Beſuche unterſagen, wollen wir nicht von ein⸗ ander laſſen. Ja, liebe Bertha, unſere Zuſam⸗ menkuͤnfte muͤſſen, wenn auch nur verſtohlen, fortgeſetzt werden. „Aber wie? Auf welche Weiſe?“ Nichts iſt leichter. Wir laſſen Nachſchluͤſſel zu der Gartenpforte machen, und zur Boͤrſenzeit und am Abend, kurz, ſo oft die Haustyrannen den Ruͤcken gewendet haben, ſind wir, huſch huſch, bei einander. Heute komm ich zu Dir, morgen ſeh ich Dich bei mir. „O, das waͤre wunderſchoͤn! Aber wie er⸗ halten wir die Nachſchluͤſſel?“ Auf die einfachſte Art. Wir nehmen bei erſter Gelegenheit unſern Maͤnnern insgeheim den Schluͤſſel auf kurze Zeit weg, druͤcken ihn in Wachs ab, und laſſen ihn nachmachen. Der Beſchluß ging durch und wurde— wie faſt alles, was kluge Frauen einmal beſchloſſen haben— ausgefuͤhrt. Der Schluͤſſel⸗Diebſtahl geſchah von beiden Seiten mit ſtiller Liſt und gluͤcklichem Erfolg. Die Nachſchluſſel waren fer⸗ tig. Sobald ein Ende des Vorhangs aus Rös⸗ — 235— chens und Berthas Fenſtern wehte, wußte man, daß beide Maͤnner auſſerhalb waren; dann ſa⸗ ßen flugs die Fauen beiſammen; die Zofen ſtanden auf der Lauer, und nahte einer der Manner, ſo erſcholl das Huſten der Jungfer, und wie Pfeile ſchoß es durch die Pforte, die wieder ſchnell verſchloſſen ward. Trat darauf der Hausherr ein, ſo ſaß lieb Weibchen ſo un⸗ ſchuldig und ruhig da, als ob gar nichts vorge⸗ fallen ſey. Wahrlich, es giebt keine ſtaͤrkere geheime Buͤnd⸗ lerei, als die der Weiber wider ihre Ehemaͤnner; man glaube ja nicht, daß das ſchöne Geſchlecht plauderhaft ſey, wenn es ſchweigen will. Wel⸗ cher Kundſchafter vermoͤgte es, ihnen ein Ge⸗ heimniß der Lieb und Freundſchaft zu entlocken? Ihr Bund iſt beinah ſo feſt und verſchwiegen, als das Buͤndniß und der Friedensſchluß unſerer Großen. 6. Die Herren hatten nicht die leiſeſte Ahnung von dem, was daheim vorging, wenn ſie ihre Haͤuſer verlaſſen hatten; jeder theilte deshalb der ſchonen Haͤlfte ſeine bitteren Bemerkungen uͤber und wider den Nachbar Neidhard mit. — 236— Lieb Frauchen wußte dann freilich nur Liebes und Gutes darein zu ſprechen, aber das verſoͤh⸗ nende Wort wirkte nicht. Alles blieb beim Alten. Der Stoff zu geheimen Unterhaltungen ging auf dieſe Weiſe den Frauen nimmer aus. Die Ehemaͤnner liefe ken ihn in jenen vertraulichen Mittheilungen. Man beſprach und beklagte alſo die Felſenhaͤrte der Gatten, ſchalt ſie hier ver⸗ ſtockt, wenn ſie in andern Faͤllen ziemlich nach⸗ gebend und zaͤrtlich waͤren, ſuchte vergebens nach Mitteln zu ihrer Annaͤherung, und ſchloß in der Verlegenheit immer die Zwieſprache mit dem gewagten Troſt: Es kann doch noch alles gut werden! Freilich iſt ſolches oft zu hoffen, aber hier, unter den obwaltenden Umſtaͤnden, ſollte es hei⸗ ßen: Ehe es gut wird, muß es erſtrecht ſchlimm werden! und es ward recht ſehr ſchlimm, denn es miſchte ſich ganz unerwartet ein bedeu⸗ tendes Etwas in das Spiel, ein Etwas, das zwar von Anbeginn viel Großes und Erfreuli⸗ ches ſchuf, aber auch viel unheil und Verwir⸗ rung erregte. Das war die Liebe! Mit dieſem Worte bezeichnet man aber frei⸗ lich mancherlei, hier die unſaͤglich begluͤckende Empfindung, durch welche Millionen Welten ihr Daſeyn feiern und Seeligkeit finden, dort den Kitzel, der das Blut in raſcheren umſchwung bringt, und die Köpfe verwirrt, wie der Thurm⸗ bau zu Babel die Sprachen. Von der letzteren Gattung der Liebe wurden Hugo und Wilhelm ergriffen. Sieh, rief einſtmals dem Vater ein Knabe zu: Dies Wort heißt Leben; lieſt man es aber ruͤckwaͤrts, ſo ſteht Nebel da, und unſer Leh⸗ rer ſpricht, das ſey ſchon recht ſo, das Leben gleiche durchaus dem Nebel. Dein Lehrer hat Recht und Unrecht! entgegnete der verſtaͤndige Alte. Wer ruͤckwärts lieſet, und wer ver⸗ tehrt lebt, der findet im Leben nur Nebel! So denn auch die Liebe; ſie macht den Beſſern zum Engel, den Luͤſiling zum Affen! 7. Die beiden Maͤnner ergaben ſich faſt gleich⸗ zeitig einer verkehrten Liebe, indem ſie— wun⸗ derbar genug— auf einmal fuͤr die Gattinnen ihrer Nachbarn und weiland Freunde in verbo⸗ tener Luſt ergluͤhten. Wie die verwerſtiche Rei⸗ gung ſich gebar, daruͤber meldet mein Gewaͤhrs⸗ mann Nochſtehendes: Hugo fand acht Monate nach ſeiner Hoch⸗ zeit, daß Roſa hei weitem nicht mehr ſo liebens⸗ — 238— wuͤrdig ſey, als vor acht Monden, daß Bertha viel ſchoͤner erſcheine, und wie er ſo eigentlich dieſe habe heirathen ſollen, die palmenhaft ge⸗ wachſen war und aus deren dunklem Auge ein zaͤrtliches Etwas flammte. Eben ſo entdeckte Wilhelm etwas ſpaͤter, daß die gediegene Fuͤlle der Nachbarin Roſa einer Frau viel beſſer ſiehe, als die zarte Form ſeiner Bertha, und wie die ewig heitere Laune jener dem Manne in ſtillen Stun⸗ den mehr zuſagen muͤſſe, als das thraͤnenſchwere Entzuͤcken. Der Reichthum, den wir beſitzen, erſcheint uns nie ſo werthvoll, als das Eigen⸗ thum des Andern! Beide ſchaueten jetzt die Nachbarin in die⸗ ſem Sinne an und glaubten die Bemerkung durch den Anblick gerechtfertigt. Die verbotene Flamme gluͤhte heller empor. Wilhelm war ſtun⸗ denlang am Fenſter, um Roſa zu ſehen, und Hugo ſchlich oft am Hauſe des Nachbars vor⸗ uͤber, Bertha zu erblicken. Jener beſeufzte es, der Frau wegen, daß er mit dieſem in Spannung ſey, und ſuchte Gelegenheit zur Herſtellung des fruͤheren Verhaͤltniſſes, doch Hugo, zu ſehr er⸗ bittert wider den mißguͤnſtigen Gegner, der ihn um einen bedeutenden Handelsgewinn gebracht hatte, wich ihm immer ſtarrköpfig aus, und ſieß ihn zuletzt mit der ihm eigenen Lebhaftigkeit zu⸗ ruͤck. Dies Benehmen empoͤrte den ſonſt gut⸗ muͤthigen Wilhelm aufs Neue, und er fiel nun auf den abentheuerlichen Gedanken, ſich an ihn zu raͤchen, indem er zaͤrtliche Verbindungen mit deſſen Gattin anknuͤpfe. 8. Unterdeſſen machte Hugo die Entdeckung, daß Wilhelm oft nach Roſa heruͤber ſah. Indem er nach der Veranlaſſung dazu ſuchte, kam er der Wahrheit auf die Spur, und bei der Ueber⸗ zeugung von der Tugend ſeiner eignen Haus⸗ frau, ſiel er auf den Entwurf, Bertha fuͤr ſich zu gewinnen. Das ſey die beſte Vergeltung, meinte er.„Bertha iſt ſanft und ſtill,“ ſagte er ſich,„aber die ſtillſten Waſſer ſind die tiefſten, und ihr Auge iſt ſo ſchmachtend. Gut, wir ma⸗ chen den Verſuch!“ Wie dieſer auf Berthas du⸗ ßere Ruhe, ſo baute jener auf Roͤschens Mun⸗ terkeit.„Wer gern lacht, liebt das Vergnuͤgen,“ ſchloß er,„und Roſa lacht ſehr gern. Da muß etwas zu machen, und an dem Manne volle Ra⸗ che zu nehmen ſeyn!“ So reichten neberdruß an dem eigenen ſcho⸗ nen Gute, Luͤſternheit nach fremden Schaͤtzen — 240— und Rachſucht bei den Herren ſich traulich die Hand, ſie vom rechten Pfade hinweg und zu gl⸗ bernen Streichen hin zu fuͤhren. Jeder ohn ihnen betrachtete die reizende Nachbarin mit ſo brennenden Blicken, daß die Angeſchaute nicht an der Abſicht des Irrwand⸗ lers zweifeln konnte. Roſa, die ein wenig eite⸗ ler war, als ihre Freundin, ſah es gern, daß man ſie liebenswerth fand, und auch Bertha fuͤhlte ſich nicht gekraͤnkt durch jene Blicke; ſie erhob ſich, trotz aller Vorzuge, doch nicht uͤber ihr Geſchlecht, dem im Allgemeinen die Vereh⸗ rung der Maͤnner immer ſchmeichelt; aber beide waren tugendhaft, und jene Schwaͤche ging folg⸗ lich vald voruͤber. Als ſie einander dieſe Be⸗ merkungen mittheilten, erſchrack jede Anfangs; dann aber fanden ſie den Umſtand aus einem andern Grunde nicht ganz uͤbel; die guten See⸗ len meinten nemlich, auf dieſe Weiſe konne viel⸗ leicht am erſten die Einigkeit der Maͤnner her⸗ geſtellt werden; ſie glaubten, der verliebte Nach⸗ var werde der Geliebten nichts abſchlagen loͤnnen⸗ Daß ſie dabei die Begehrlichen in den Schran⸗ ken der Sittlichkeit wurden halten konnen, ſchien ihnen bei ihrem unbefleckten Willen und Ver⸗ halten nicht ſchwer. So beſchloſſen ſie, die blin⸗ zeln⸗ zelnden Herren nicht zuruͤck zu ſtoßen, ſondern ſie vielmehr mit zuvorkommender Freundlichkeit zu behandeln. Sie fuͤhrten dieſen Beſchluß aus, und die Liebhaber, vom ſchmeichelnden Irrwahn bethort, laͤchelten ſtillentzuͤckt der verheißenden Zukunft entgegen⸗ 9. Hugo ſchlich jetzt öfter als jemals in die Kirche, denn Bertha war nicht ſelten dort, und Wilhelm beſuchte haͤufiger die Promenade, wo er Roſa fand. Blick und Geberdenſprache der Suchenden ward immer deutlicher, ihr Streben immer unverkennbarer. „Es iſt alſo richtig,“ ſagte Roſa bei einem Beſuch zu der Freundin;„Dein Mann iſt in mich verzaͤrtlicht!“ Wie der Deinige in mich, erwiderte Bertha; O Maͤnner⸗Leichtſinn, Maͤnner⸗Wankelmuth! „Leichtſinn? Wankelmuth? Schelmerey, Ver⸗ rath! Das ſind die rechten Worte. Willſt Du wie ich, ſo raͤchen wir uns!“ Rein, meine Beſte, das vermag ich nicht. Ich liebe meinen Wilhelm. „Wer konnte an meiner Zaͤrtlichkeit fur Hu⸗ 6o zweifeln?“ O — 242— uUebten wir Vergeltung, ſo ſuͤndigten wir wie ſie. Zudem wuͤrde dadurch ihre Verſoͤhnung gehindert, und dieſe iſt meine theuerſte Hoffnung. „Auch die meinige, und mein Entwurf fuͤhrt gerade durch ihre Beſchaͤmung zur Ausſoͤhnung. Laß uns nur erſt ſehen, ob ſie mit ihrer haͤßli⸗ chen Neigung Ernſt machen. Geſchieht das, ſo wollen wir gemeinſchaftlich handeln. Wir ſind ja Freundinnen, und Eiferſucht darf unter uns nicht ſtatt finden. Sie moͤgen nur weiter gehn; die ſchaamrothen Naͤſcher werden froh ſeyn, wenn wir ihnen unter der Bedingung ihrer Wieder⸗ Vereinigung verzeihen.“ Aber wenn ich einwilligte, und ſie— ich pebe hei dem Gedanken— wenn ſie zum Aeuſſet⸗ ſten ſchritten?— „Das werden ſie freilich, und wenn ſie das wollen, ſo laß ſie. Je tiefer ſie fallen, um ſo ſicherer gelangen wir zum Ziel. Keine Bedenk⸗ lichkeiten, Bertha, keine Aengſilichkeit. Du ſollſt meinen Plan erfahren und entſcheiden. Ohne⸗ hin ſehen wir uns ja faſt täglich, und koͤnnen ſtets das Rbthige verabreden!“ Das nebrige ſagte Roſa leiſe; Bertha erröthete, aber ſie wil⸗ ligte endlich, keinen andern Ausweg ſehend, 4. — Die Zofe huſtete jetzt, Hugo war im Anzuge, und ſie ſtogen dahin und dorthin. 10. Die Augenſprache der Verehrer ward nun durch ermunternde Blicke der Verbuͤndeten er⸗ widert, und die Taͤuſchung jener ſo verſtaͤrkt. „Wenn ich die Reizende nur auf einen Au⸗ genblick allein ſehen koͤnnte!“ ſeufzte Wilhelm. „Nur einmal moögte ich ſie unter vier Au⸗ gen ſprechen!“ wuͤnſchte im Stillen Hugo. Das aber ging vor der Hand nicht an; und man er⸗ ſann andere Mittel und Wege. Hugo ſuchte Berthas Dienerin durch Geſchenke dahin zu ver⸗ moͤgen, daß ſie der Holden ein ſuͤßes Briefchen von ihm uͤbergaͤbe, und das Maͤdchen ließ ſich, mit Bewiligung der Gebieterin, gewinnen. Wilhelm aber warf eines Abends einen zärtlichen Liebesbrief in Roͤschens offenes Fenſter. Dieſe Brieflein enthielten die buͤndigſten und feurig⸗ ſien Liebeserklaͤrungen, die Bitten um Entgeg⸗ nung, und Verſicherungen des tiefſten Schwei⸗ gens. „Da haben wir es!“ rief Roſa, als ſie der Frehndin das Papier zum Leſen gab.„So ſind. ſie, die heilloſen Maͤnner!“ Q 3 — 244— „So ſind ſie! entgegnete Bertha, und reichte der Kreuzgenoſſin gleichfalls den ſymboli⸗ ſchen Apfelbiß ihres Adams dar. und im geheimen Rath ward beſchloſſen, den zartlichen Briefſtellern hoffnungsreichen Beſcheid zu ertheilen. Hugo empfing das Ruͤckſchreiben aus der Hand der beſtochenen Iris, und rief, als er den zwar orakelhaften aber doch verſtaͤndlichen In⸗ halt geleſen hatte: Ich werde gluͤcklich! Dacht' ich es doch. So ſind ſie! und Wilhelm ſah, als er am naͤchſten Abend unter Roſas Fenſier lauſchend voruͤber ging, ein verſiegeltes Brief⸗ lein daraus herabfallen. Er hob es auf, las die dunkeln und doch bewilligenden Worte, und fluͤ⸗ ſterte wonnevoll in ſich hinein: Sie liebt mich! Ja ja, ſo ſind ſie! 11. Nach Empfang der Antwort ſchien beiden der begluͤckendſte Erfolg des Abentheuers gewiß; und ſo folgte dem erſten Briefe bald ein zwei⸗ ter, der, auf gleiche Art beſtellt, ohne Ruͤckhalt um eine geheime Zuſammenkunft bat. Die Ent⸗ ſcheidungen waren zuſagend, bewilligend— „Wenn ſie am Nachmittage den Roſenſtock ———— — 245— an meinem Fenſter erblicken,“ ſchrieb Bertha an Hugo,“ ſo finden Sie ſich Abends halb zehn Uhr in meinem Hauſe ein, wo mein Madchen Sie erwarten und in den Garten fuͤhren wird. Dort finden Sie mich im Dunkel der Laube! doch da im Garten nebenan ſich Leute beſinden koͤnnen, ſo mache ich es zur unerlaͤßlichen Bedingung⸗ daß Sie ſich kein Wort erlauben. Obgleich die treue Dienerin in der Naͤhe bleibt, ſo bin ich doch meinem guten Ruf und meiner Lage dieſe Vorſicht ſchuldig. Bertha.“ Der Empfaͤnger huͤpfte ein wenig vor Sre den, als er geleſen, und ſprach fuͤr ſich: O ia, mein Schatz. Stumm will ich ſeyn wie ein Fiſch, wenn ich nur gluͤcklich bin! Faſt mit gleichen Worten war von Roſa der Beſtell an Wilhelm geſchrieben; nur ſollte hier eine Hortenſia das Fenſter ſchmuͤcken, und er bald nach neun uhr erſcheinen; auch hier wurde jedes, auch das leiſeſte, Wort unterſagt, aber auch vieſer war bereit, die Bedingung einzuge⸗ hen, und ſah im Geiſte ſchon ſich vom weichen Arm der Liebreizenden umfangen. Drei Tage waren entwichen, da prangte an einem Nachmittage hier die Roſe, dort die Hor⸗ tenſia am Fenſter; und Wilhelm gab ſogleich — 246— bei ſeiner Frau einen Beſuch im entlegenſten Stadtviertel bei einem Freunde vor, der ihn wahrſcheinlich erſt ſpaͤt entlaſſen werde. Hugo mußte ſchnell nach einem nahen Dorfe gehen, wo er Geſchaͤfte hatte, und von wo er ſchwerlich fruͤh zuruͤckkehren konnte. Die Frauen glaubten ihnen alles aufs Wort, und entlieſſen ſie, wie gewöhnlich, mit dem Wunſche, daß ſie recht viel Vergnuͤgen haben mögten. Wilhelm fuͤhlte bei dieſem Wunſche ſein Herz etwas ſtaͤrker als ſonſt pochen, Hugo konnte ſich kaum des Lachens enthalten. Die Weiblein aber dachten:„Wartet nur, ihr treu⸗ loſen Ueberlaͤufer! Blind geht ihr in die Falleb“ 19. Es war am Abend eines ſtillen Maitages, als Hugo, nachdem es auf dem nahen Thurme neun Uhr geſchlagen, vor Wilhelms Hauſe ſtand⸗ Dort harrte er ein Weilchen, dann trat Berthas Jungfer huͤſtelnd in die halboffene Thuͤr. Er vertraute ſich der Fuͤhrerin an, die ihn durch den Garten nach der Laube zur rechten Hand leitete. „Harren Sie einen Augenblick,“ fluͤſterte ſie dort,„Ihre Geliebte wird ſogleich erſcheinen!“ ———— —.— — 247— So verließ ſie ihn. Er blieb allein in der ſchauer⸗ lich dunkeln Laube. Unendliche graue Wolken zo⸗ gen, alle Sternlein verhuͤllend, nach Oſten; nur der Abendſtern blinkte fernher durch jene Wol⸗ kenkluft; im nahen Garten ſchlug fidtend eine Nachtigall.„Schon recht,“ ſprach er fuͤr ſich, „Abendſtern und Nachtigall; auch ſie wird kom⸗ men: Geduld!“ und ſeine Einbildungskraft ar⸗ beitete nothduͤrftig. Es ſchlug auf dem Thurme halb und bald darauf rauſchte es in der Naͤhe.„Sie kömmt!“ dachte er und horchte, aber es blieb ſtill.„Die Abendluft ſpielt in den Gebuͤſchen!“ ſagte er ſich;„doch nun muß ſie bald kommen!“ Jetzt rauſchte es wieder; ja, das kam naͤher, im Eingange kniſterte es, er ſtreckt die Arme aus, eine weiche warme Hand erfaßt die ſeinige und druͤckt ſie ſanft. Sein Herz ſchlug hoher, die Wange gluͤhte, der ſchone Augenblick nahte. unterdeſſen war auch Wilhelm, als es halb zehn Uhr geſchlagen, an Hugos Hauſe angelangt, und von Roschens Dienerin empfangen worden⸗ „Alſo, noch einmal, kein Wort, kein Fluͤſtern!“ ſagte ſie.„Und damit Sie nicht erkannt wer⸗ den, wenn uns ungluͤcklicher Weiſe Jemand aus dem Hauſe begegnen ſollte ſo muͤſſen Sie Ihr — 248— BGeſicht verhuͤllen!“ Und bei dieſen Worten ſchlug ſie ihm den großen Kragen ſeines Mantels uͤber den Kopf, und trat dann mit dem Blinden die Wanderung nach dem Garten an. Sie ſtanden vor der Laube, da zog das Maͤdchen ihm die Verhuͤllung vom Antlitz hinweg, ſchob ihn in die Laube und verſchwand. Trotz der gewaltigen Finſterniß ſah er im Innern der Laube etwas Weißes ſchimmern, das einem Frauengewande glich. Er ſchritt leiſe darauf zu. Es war die liebe Beſtellerin; raſch und ſchweigend ſchloß er ſie, bei huͤpfenden Pulſen, in ſeinen Arm. 15. Plötzlich wie durch Zauberſpruch erhellten ſich die beiden Lauben in Wilhelms Garten mit grellem, blendendem Licht; Bertha's Oheim und Roschens Tante ſtanden vor den Lauben, in wel⸗ cher rechter Hand Hugo in mahleriſcher Stellung lehnte und die Hand ſeiner Gattin Roſa kuͤßte; dort zur Linken hatte Wilhelm ſeinen Arm um Berthas Nacken geſchlagen, und ſein Haupt ruh⸗ te an ihrem Buſen. Erſchreckt, faſt vergehend, flogen bei der ge⸗ faͤhrlichen Erhellung die Betrogenen empor und ſiarrten die weivliche Geſtalt und druͤben die Gruppe an. ——— — 249— „Ruhig!“ fluͤſterte Roſa jetzt ihrem Manne zu.„Verrathe Dich nicht, wenn Deine Ehre und unſer Gluͤck Dir theuer iſt.“ Stille! ſagte Bertha leiſe an Wilhelms Ohr. Soll man Boſes ahnen? Die Weiſung war ſo zweckmaͤßig, daß beide gehorchend wieder die fruͤhere Stellung einnahmen. Was heißt das? fragte der Oheim. Was 1 bedeutet das? forſchte die Tante. „Sie wuͤnſchten vor Kurzem,“ ſprach Roſa, 1 einmal lebende Bilder zu ſchauen; hier haben Sie ſolche. Das Bild der ehelichen Lieb und Treue, in zwei verſchiedenen Dar⸗ ſielungen!“ Die Blicke der Maͤnner ſanken zu Boden, und beider Wangen faͤrbten ſich braunroth. Wie klein ſtanden ſie neben ihren edlen Frauen⸗ Dankbarkeit fuͤr dieſe Schonung durchbebte ſie. „Und nun“— fuhr Roſa fort—„erlauben wir uns auch noch, Ihnen die Bilder der Ver⸗ ſoͤhnung und der Freundſchaft vorzufuͤh⸗ ren!“ Wilhelm zuckte, Hugo ziſchelte eifernd: Frau, biſt Du raſend?— Foige mir, fͤſterte Bertha ihrem Gatten zu und alles ſey verge⸗ ben Da gab er ſchweigend nach.— Nicht ge⸗ muckſt, gebot Roſa leife, oder alles wird bekannt ——————— — 2 c gemacht, und wir geſchieden von den Suͤndern! So zog ſie den Dulder mit ſich fort zu Wilhelm⸗ der von Bertha ihm entgegen gefuͤhrt ward⸗ Die Maͤnner ſtanden mit irrenden Blicken vor einander. „Die Arme ausgebreitet!“ befahl Roſa. Sie gehorchten.„Umarmt Euch!“ Sie umfingen einander.„Nun folgt der Bruderkuß!“ Verzeihung, Freund! rief Wilhelm in wirk⸗ licher Bewegung, und kuͤßte den Nachbar, der, von Schaam und Reue gebeugt, von Lieb und Milde uͤbermannt, den Kuß erwidernd ausrief: Alles ſey abgethan! Ja, ſo ſoll es ſeyn! ſagte Bertha mit feuch⸗ tem Auge, und ſank, zur Seite der Maͤnner, der Schweſter an das Herz⸗ „Hier das Bild der alten Freundſchaft dort das der erneueten!“ rief Roſa.„Sind ſie nicht gut gehalten?“ Bravo! ſprach der Oheim. Wie ſchon und natuͤrlich! urtheilte Tantchen. 14. Die lebenden Bilder waren auch ganz na⸗ tuͤrlich entſtanden. Hugo ward nach neun Uhr „ in Wilhelms Gartenlaube gefuͤhrt. Um halb —— — 251— zehn Uhr kam Wilhelm, der durch den Mantel⸗ kragen blind gemacht wurde. Die Zofe brachte ihn durch das bewußte Pfoͤrtlein in ſeinen eige⸗ nen Garten und ſtellte ihn vor die Laube linker Hand, wo Hugo ſchon in der zur Rechten harr⸗ te. Dieſer hoͤrte jenen kommen, als es rauſchte, aber von der dichten Finſterniß getaͤuſcht, hielt er den Nachbar fuͤr den Zephyr, der durch die Blaͤtter ſaͤuſele. Im naͤchſten Augenblick erſchien dann Roſa — fuͤr Bertha genommen— bei Hugo; Bertha aber erwartete ihren Mann ſchon dort. Die Beleuchtung war noch das Kuͤnſtlichſte bei dem Ganzen. Eine Anzahl von Blendlaternen, in bei⸗ den Lauben verborgen angebracht, bewirkte ſie. Als die Jungfer an der Schnur zog, that der Mechanismus ſeine Dienſte und im Nu flogen alle verhuͤllenden Seitenwaͤnde der Leuchten hin⸗ weg, und der hellſte Lichtſchein ſloß urplötzlich auf die Geſtolten hernieder. Der Oheim und die Tante wußten nichts von dem ganzen Handel und ſollten auch im Weſentlichen nichts davon erfahren; die Frauen hatten ſie nur als Zuſchauer eingeladen, etwas Neucs zu ſehen; nebenbei aber ſollte ihre Ge⸗ genwart die ſchuldbewußten Maͤnner einſchrek⸗ — 252— ken und ſie ſo zur Wieder⸗Vereinigung treiben. Dieſen Entwurf hatte Roſa fruͤher der Freundin mitgetheilt; Bertha errothete, als ſie einen frem⸗ den Mann zu ſich einladen ſollte, aber ſie ſagte zu, als ſie nur ihren eigenen Gatten empfangen ſollte.. Als der Oheim und die Tante darauf fort⸗ gegangen und jedes Chepaar daheim allein war, ſetzte es noch derbe Gardinen⸗Predigten, an de⸗ ren Schluſſe die Frauen ihren beſchaͤmten Zu⸗ horern goͤnzliches Schweigen uͤber deren leicht⸗ ſinnige Abſtecher gelobten, wenn ſie nemlich in dem erneueten freundſchaftlichen Verhalt⸗ niſſe beharren wuͤrden. Das verſprachen ſie, von der ſchonenden Huld und Liebe der Holden ge⸗ ruͤhrt und geheilt, gern am Herzen ihrer Trau⸗ ten, die dann, wie billig, nicht mehr grollten, und ihre Verzeihung liebend bethaͤtigten. Doch nicht alle Abſchweifungen von dem rechten Pfade gewinnen ein ſo gluͤckliches Ende. Wohl jedem Manne, der— wie Hugo und Wil⸗ helm— mit dem Schreck und einem blauen Auge entkommt! Heil allen Maͤnnern, die, wie dieſe, am Schluß von ihren Frauen mit Entzuk⸗ ken ruͤhmen duͤrfen: So ſind ſie! S— ——— —— VII. Das Danpfſchiff. Schwank) I. Der Sekretair Horſt beſaß ein kleines artiges Vermogen, und eine einzige Tochter; jenes hat⸗ te er durch regen Fleiß erworben und durch Spar⸗ ſamkeit erhalten; dieſe ſollte es von ihm erben. Friederike, ſo huͤbſch, als anſpruchslos, ſo ſittſam und gut, als beſcheiden, trat jetzt in ihr neunzehntes Jahr, und hatte, wie alle huͤb⸗ ſchen Maͤdchen in dieſem Alter, auch ihre Liebha⸗ ber. Wenn hier von einer Mehrzahl die Rede iſt, ſo ſoll doch das nur heißen: ſie hatte deren zwei. Das iſt freilich einer mehr als nothig waͤre, aber viel weniger, als manches Maͤdchen in einer großen Stadt nothig zu haben glaubtz und Friederike lebte in einer großen, ſehr gro⸗ ßen Stadt. Am Arm ihres Vaters machte ſie eines Fruͤh⸗ lingstages, als milde Luft, warmer Sonnen⸗ ſtrahl und der Nachtigallen Lied die Städter hinaus lockte, einen Spatziergang in's Freie. Da fand ſich in einem Garten, wo die ſchone Welt verkehrte, um zu ſchauen und geſehn zu werden, ein junger Mann von einnehmender Auſſenſeite zu Herrn Horſt, dem er als Beamter ſchon bekannt war. Es war der Rechenmeiſter Thieleke. Das Maͤdchen geftel dem jungen Manne und der junge Mann dem Maͤdchen recht ſehr; und Thieleke kam von dem Tage an oft, und immer ofter, zu Horſt und deſſen Tochter. Ein andermal ward Friederike bei einem kleinen Feſte die Nachbarin und Taͤnzerin des Bildhauer Reichard, den das wohlgebildete Maͤdchen bezauberte; wogegen Friederike mit Wohlgefallen den artigen Kuͤnſitler betrachtete, und mit Wohlwollen behandelte. So entſpann ſich eine Bekanntſchaft unter Beiden. Der Va⸗ ter gerieth in ein Geſpraͤch mit dem Juͤngling und dieſer entwickelte darin viel Geiſt und Her⸗ zensguͤte; das zog jenen an, und er bat den jun⸗ gen Mann zu ſich, der nicht ermangelte, der Einladung zu folgen. Er kam, und wurde von Vater und Tochter ſo artig aufgenommen, als — 255— es in Horſts Hauſe von jeher Sitte war. Ange⸗ zogen von der freundlichen Behandlung, wieder⸗ holte er ſeine Beſuche, und ward, ſo wie Thie⸗ leke, immer gern geſehen So kam die Jung⸗ frau zu zwei Verehrern. Zwar betrachtete Thieleke, als er den Kuͤnſt⸗ ler dfters da fand, den Nebenbuhler mit ſchee⸗ len Blicken, und erlaubte ſich, wenn Reichard abweſend war, manche ſutyriſche Aeuſſerung ge⸗ gen den Schweighart. wie er ihn wegen ſei⸗ ner manchmaligen Einſilbigkeit nannte; indeſſen gebot der Anſtand und das Beiſpiel der Familie ein ruhiges und freundliches Verhalten. An Reichard ſah man nicht, daß die Gegenwart des Rechenmeiſters ihm boſes Blut mache; er blieb ſich ſtets gleich in ſeiner ſanftmuͤthigen Beſchei⸗ denheit, in einer Tugend, die allerdings bei jun⸗ gen Maͤnnern in Hauptſtaͤdten nicht ſelten iſt. Der Kuͤnſtler benahm ſich gegen Thieleke, wie gegen einen Hausfreund der Familie, und belbtes ihm folglich gern die nöthige Achtung und ſelbſt „Gefaͤlligkeit, wenn er es vermogte. Friederike war mit Beiden gleich freundlich, wie der Vater es wuͤnſchte; aber im Stillen neigte ſich unvermerkt ihr Herz zu Thieleke hin⸗ uͤber, zu dem beſſeren Geſellſchafter, dem uner⸗ cherlei Lagen Welt⸗ und Menſchenkenntniß er⸗ — 256— ſchöpflichen Lobredner, der ihren Geiſt, ihr Ge⸗ muͤth und ihre Schoͤnheit mit feuriger Zun⸗ ge und gewinnendem Anſtande pries, und ſie unterhielt und erheite te, waͤhrend Reichard ihr in einer gewiſſen Ferne blieb, wenig ſprach, und ihr nur mit einem Blicke ſtillentzuͤckt huldigte, wenn ſie, wie oft geſchah, Beweiſe ihrer Kin⸗ desliebe, eines reinen Wohlwollens fuͤr alle Gu⸗ ten, eines regen Willens fuͤr das Schoͤne und Große gab. Nie erhob er ihren Liebreiz, wie jener, nie ſagte er ihr Schmeicheleien. Auf die⸗ ſe Weiſe war Thieleke der Beguͤnſtigte, ihr Ge⸗ liebter⸗ Horſt, der in einer fuͤnf und vierzigjahrigen Laufbahn ſich mehr als einmal an den ſcharfen Ecken der Erfahrung verwundet und in man⸗ —— worben hatte, beobachtete aufmerkſam die beiden jungen Maͤnner,(die offenbar auf der Tochter Hand Abſichten hatten) ſehr aufmerkſam, fragte ihre naͤheren Bekannten nach ihrem Lebenswan⸗ del, nach ihren Reigungen, Eigenthoͤmlichkeiten. und Verhaltniſſen, und entſchied ſich endlich, nach Zuſammenſtellung aller Nachrichten und Ergebniſſe ſeines Aufmerkens fuͤr— Reichard⸗ der * — — 257— der weniger gewandt und weltklug, aber ein ſehr wackerer, achtungswuͤrdiger Menſch war. Er ſprach uͤber dieſen Gegenſtand mit der Tochter, und theilte ihr unverholen ſein Urtheil mit, das ſie forderte; aber Riekchen trat, befan⸗ gen von Leidenſchaft, auf Thielekens Seite, und vertheidigte, entſchuldigte, rechtfertigte ihn uͤber⸗ all, wo Horſt ihn anklagte. „Sieh, mein Kind!“ ſagte der Vater: „Stets war ich mehr dein Freund und Rathge⸗ ber, als Gebieter; auch werde ich nimmermehr in dieſem Falle, wo Du Hauptperſon biſt, unbe⸗ dingten Gehorſam von Dir fordern; aber eben ſo wenig werde ich auch eine leidenſchaftliche Uebereilung billigen. Prufe und entſcheide!“ 2½ Bald darauf trat der Rechenmeiſter mit ei⸗ nem feierlichen Heirathsantrage bei Friederiken hervor. Sie geſtand, was er laͤngſt errathen, daß ſie ihm ſehr gewogen ſey, verwies ihn aber an den Vater. Er zuckte hohnlaͤchelnd die Ach⸗ ſeln— was der guten Tochter mißftel— und ging, ſelbſigenuͤgſam und ſeines Sieges gewiß, iu Horſt, ſeine Genehmigung der Form wegen zu fordern⸗ 3 R — 258— „Ich kann, mein Werther, nichts gegen Sie haben,“ entgegnete dieſer,„wenn Riekchen fuͤr Sie entſcheidet, aber eine wichtige Ruͤckſicht dringt mir die Forderung einer Bedenkzeit von vier Wochen ab. Auſſerdem wuͤnſche ich noch, daß Sie ſich in Hinſicht meiner Habe nicht taͤuſchen; dieſe iſt gering und ſteht in einem Handelshauſe, das in dieſem Augenblick nicht ganz ſicher iſt; ich gab dem Beſitzer, der mein Freund iſt, das Wort, das Geld noch einige Zeit zu ſeiner Rettung bei ihm ſtehen zu laſſen, ich liebe den redlichen Mann, der nur ungluͤck⸗ lich war. Faͤllt er, ſo iſt mein Maͤdchen ohne sſteuer. Das darf ich Ihnen nicht ver⸗ hehlen.“ Fuͤr wen halten Sie mich? erwiderte der Freiwerber mit einiger Empfindlichkeit. Mein Amt naͤhrt mich. Geben Sie Ihrer Tochter et⸗ was mit: Gut. Iſt ſie arm: Auch gut. Ihre Tochter wuͤnſche ich zu beſitzen, nicht Ihr Geld⸗ Friederike geben Sie mir, die ich liebe. „Es freut mich, wenn Sie ſo edel denken,“ ſagte Horſt.„In vier Wochen will ich antwor⸗ ten!“ Thieleke machte gute Miene zum boͤſen Spiel und fugte ſich, wie er ſtets im Großen * — und im Kleinen that, auch wenn er dabei etwas kriechen mußte. Richt lange, und auch Reichard erſchien bei dem Vater mit ähnlichem Begehr.„Etwas Wichtiges“— ſprach er—„muß ich Ihnen anvertrauen; ich wuͤnſche Ihre Tochter zur Gat⸗ tin. Lange habe ich nachgedacht und jetzt ge⸗ funden, daß mein Einkommen aucreicht, neben meiner blinden Mutter auch eine Frau zu er⸗ naͤhren/ wenn naͤmlich Friederike keinen Ueber⸗ fluß fordert, wenn ſie mich genug liebt, ſich ein⸗ zuſchraͤnken. Was meinen Sie, wuͤrdiger Mann?“ Redeten Sie ſchon mit ihr? forſchte dieſer. „Nein,“ antwortete jener,„Sie kennen Ih⸗ re Tochter genau, Sie werden wiſſen, ob ſie mich liebt. Waͤre das, ſo wuͤrde ich ſie um ihre Hand bitten; im andern Falle erſpare ich ihr gern eine Verlegenheit und mir eine ſchmerzli⸗ che Kraͤnkung; ich bin nicht ſolz, inbeſſen achte ich mich zu ſehr, um den Empfang eines Korbes zu wagen. Friederike ſcheint den Rechenmei⸗ ſter zu beguͤnſtigen!“ Ich weiß nicht genau, wie das Madchen in dieſem Augenblicke uͤver ihr Verholtniß denkt, erwiderte Horſt mit einem Haͤndedruck; aber Friederite achtet Sie und iſt ein verſtaͤndiges R2 — 260— Weſen. So hoffe ich, daß Sie mein Sohn wer⸗ den. Sie haben meinen vollen Beifall. Nur muß ich in Bezug auf die Aenßerung uͤber Ihr Einkommen noch bemerken, daß Sie nicht mit Sicherheit auf eine Mitgift rechnen konnen. „Daß der Mann durch ſein Wirken und Schaffen ſein Weib erhalte,“ entgegnete Reichard, „das wollte die Natur, als ſie dieſes Geſchlecht ſchwach, das unſrige aber ſtark ſchuf. Es giebt Volker, bei denen der Braͤutigam die Braut er⸗ kaufen muß, und das iſt recht, denn ein gu⸗ tes Weib iſt des Mannes hoͤchſtes Gluͤck; ich will mich nur durch Friederikens Beſitz berei⸗ chern, nicht durch ihre Ausſtener. Geben Sie mir Ihre Tochter, wenn dieſe einwilligt, ohne Mitgift!“ Horſt umarmte mit Hochachtung den ehren⸗ werthen Juͤngling deſſen nneigennuͤtzigkeit er bereits aus hundert glaubwuͤrdigen Rachrichten kannte, und verſprach ihm gleichermaaßen, nach vier Wochen auf ſeinen Antrag zu antworten⸗ 3. Als er ſeiner Tochter von Reichards Anſu⸗ chen Bericht erſiattete, ſah er von Neuem ganz klar, wie dieſe Botſchaft ihr zwar nicht uner⸗ — 261— wartet, jedoch ungelegen kam, daß Reichard ihr bei weitem nicht ſo werth, als ſein Mitbewer⸗ ber ſey, und wie ſie Vorwaͤnde ſuchte, ihm zu Gunſten des Letzteren, auszuweichen. Mild aber ernſt, legte der Vater ihr Gruͤnde ans Herz, aus denen ſie eine beſſere Anſicht entnehmen koͤnne. „Alles, was ich uͤber Beide vernommen,“ ſprach er,„bezeichnet den Kuͤnſtler als einen unbeguͤterten, aber achtungswuͤrdigen jungen Mann, Deinen Liebling aber nur als einen welt⸗ klugen, habgierigen Eigenſuͤchtler. Dieſer hat, wie ich ganz ſicher weiß, unter der Hand meine Vermogenslage erforſcht, und darauf zu einem vertrauten Freunde geaͤußert, ich haͤtte ihm mei⸗ ne Habe als unbedeutend und unſicher geſchil⸗ dert; da er aber laͤngſt beſſer unterrichtet gewe⸗ ſen ſey, ſo habe er in dieſer Sprache gleich den Pruͤfſtein erkannt, und ſich natuͤrlich geſtellt, als frage er nichts nach dem Gelde; er muͤſſe indeß geſtehen, daß, ob Du gleich ein ganz artiges Maͤdchen waͤrſt, ihm die Ausſteuer doch beſon⸗ ders am Herzen liege.“ Das Maͤdchen wechſelte die Farbe, und rief mit keckem Zorn: Das hat er wahrlich nicht ge⸗ ſagt! „ — 262— „Und wenn ich Dir zwei Zeugen bringe, die als Biedermaͤnner bekannt ſind?“ fragte Horſt.„Wirſt Du mir dann glauben?“ Nein, guch dann nicht! vericherte ſie mit thraͤnenſchwerem Blicke Es iſt Mißgunſt, Ver⸗ laͤumdung. Reichard iſt arm, er will nur das reiche Maͤdchen; daß aber Thieleke mich um mein Selbſt willen liebt, davon bin ich vollkom⸗ men uͤberzeugt. Wie aber, ſagte er,„wenn ich Dir re⸗ dende Beweiſe ſchaffe, daß Reichard Dich uͤber alles, Thieleke aber uur ſich ſelbſt und den Mam⸗ mon an Dir liebt? Wie dann?“ Wenn Sie das wirklich beweiſen, gelobte Riekchen, ſo gebe ich mich ohne Widerrede dem Kuͤnſtler. Hier meine Hand darauf „Ganz gut ſo,“ ſprach, die dargebhotene Hand nehmend, der Vater.„Der Beweis fuͤr Dich wird ſich finden; fur mich iſt, was ich ſprach, vorlngſt erwieſen.“ Seufzend ſtuͤtzte Rielchen das Köpfchen auf die Hand und dieſe auf den Tiſch. Die Sicher⸗ heit, die der Vater fuͤr ſeine Meinung zu haben ſchien, fiel ihr ſchwer und verletzend auf das Herz⸗ — 263— Der naͤchſte Sonntag war durch heiteres Wetter und milde Luft ungemein ſchoͤn; der herrliche Tag fuͤhrte den Vater und Tochter und deren beide Verehrer hinaus vor die Stadt in den Luſtgarten, wo am Ufer des Fluſſes, un⸗ ter duftenden Linden ſitzend, die ſchoͤne Welt den Kaffee trank. Die Luſtwandler nahmen einen Tiſch in dem bunten Kreiſe ein. Ueber des Maͤdchens Stirn flog heute man⸗ ches Woikchen, das die Erinnerung an Horſts hartes urtheil herauf trieb; doch verbarg ſie, nach dem vaterlichen Rathe, den Freiern ſo ziem⸗ lich ihren Unmuth, und ſchien ſelbſt hie und da Sfroher Laune, ſo ſchwer ihr auch die Erkuͤnſte⸗ lung des Gleichmuths ward. Reichard machte ſeine Begleiter auf manchen ſchönen Punkt der Umgebung aufmerkſam; er zeigte auf die Huͤtten, deren rothe Daͤcher ſich freundlich aus dem fri⸗ ſchen Gruͤn der Baͤume erhoben, auf das Wel⸗ lenſpiel der hohen Aehren und den bunten Schmelz der blumenreichen Wieſe jenſeits des Fluſſes, auf des Fluſſes ſanfte Flaͤche ſelbſt, in der des Himmels wolkenloſe Blaͤue und das le⸗ bende Bild der Naͤhe ſich reizend ſpiegelte. Thie⸗ leke aber machte bittere Anmerkungen uͤber die unermeßlichen Strohhuͤte der Nachbarinnen, de⸗ ren Weltallform ihm die Ausſicht auf all jene Herrlichkeiten ſperrte. Dann erzaͤhlte er ferner von der neuen Naſe, die ein beruͤhmter Arzt ei⸗ nem verſtuͤmmelten Kriegsmanne aus deſſen ei⸗ genen Arm hervorgerufen und angeheilt habe, von der neuen Mode der Schnuͤrleiber fuͤr jun⸗ ge Maͤnner, die eben jetzt im Aufkommen ſey⸗ und von dem Spottbilde auf Kornwucherer und Kornverſchlucker, das er geſtern geſehen habe. Horſt aber blies waͤhrend ſeiner witzigen Vortraͤ⸗ ge armdicke Rauchwolken haſtig aus ſeiner Ta⸗ bakspfeife; Reichard dachte waͤhrend dem an wer⸗ there Angelegenheiten, und ſprach nur hin und wieder ein kurzes Wort, das der Redner ihm ab⸗ fragte. Riekchen aber ſaß ſchweigend und in ſich gekehrt da. Jett ertonte das Klingeln eines Glöckchens in der Naͤhe.„Das Dampfſchiff, das Dampf⸗ ſchiff, die Suſanne fahrt ab!“ hieß es rings⸗ um, und Viele erhoben ſich von den Sitzen, an⸗ gelockt vom Neuheitsreiz, die Spazierfahrt auf dem Fluſſe nach dem nahen Staͤdtchen mitzu⸗ machen. Auch Horſt war geneigt, mit dem Schiffe einmal zu fahren, und Riekchen fand gleichfalls den Vorſchlag annehmbar, die Luſi⸗ — 2565— reiſe anziehend; Reichard erklärte ſich auch da⸗ fuͤr. Thieleke nur hatte manches dawider, doch ward er uͤberſtimmt. Man beſtieg das Schiff, auf dem ſich eine zahlreiche Geſellſchaft aus allen Staͤnden, von allen Altern, und von beiden Geſchlechtern be⸗ fand. Bunt war die Menge, laut der Jubel. Suſanne ſchwebte den Fluß hinab, erſt langſam, dann raſcher, je mehr die Maſchine in Wirk⸗ ſamkeit trat. Bald ſchoß das Fahrzeug ſchnell den Fluß hinunter, unter dem Jauchzen zahllo⸗ ſer Zuſchauer, die im Farbenſpiel der Geweaͤnder die ufer bedeckten. Nun aber zog am Horizont ein Wölkchen vor⸗ uͤber; es tropfelte— O Schrecken!— und Alles floh, von Furcht gejagt, von dem Verdeck. Unter lautem Gekreiſch der nebelhaft bekleideten Frauen fluͤchteten ſich die Haufen hinab in die Kajuͤten. „Es regnet, es regnet!“ ſchrie es aͤngſtlich uͤber⸗ all, und dem ſchoͤnen Geſchlechte folgte das ſtar⸗ ke, wie das Eiſen der magnetiſchen Kraft. Fuͤr Damen großer Staͤdte iſt allerdings ein Regentropfen eine zerſioͤrende Suͤndſluth; leicht ſtiehlt ſich das verderbliche Naß durch die aus Mondſchein gewebten Huͤllen auf die zarte Haut. Eine Erkaͤltung folgt, ihr oft der Tod bei den Verwöhnten. Das iſt das Loos des Schonen auf der Erde! 5. Horſt und Reichard aber wuͤnſchten auf dem Verdeck zu bleiben, um den Ueberblick der Ge⸗ gend zu genießen, nachdem ſie das Triebwerk im Innern beſchauet hatten; auch Riekchen ſchloß ſich an, da der Vater einen deckenden Regen⸗ ſchirm mit ſich fuͤhrte; Thieleke wollte, ſeines feinen Rockes wegen, mit den Andern hinab in den Raum; doch wurde er von der Mehrheit der Stimmen zuruͤckgehalten und blieb, indem er ſich nah an Riekchen und unter das Dach des Schirmes draͤngte, wo er ſodann keck erklaͤrte, ein deutſcher Mann duͤrfe freilich nicht ſo weichlich ſeyn. Die ufer mit ihren gruͤnenden Gaͤrten, Wie⸗ ſen, Buͤſchen, Baͤumen und farbigen Haͤuſern ſlogen im bunten Gemiſch voruͤber. Ein ergd⸗ tzendes Schauſpiel! Aber der kleine Rauchfang, aus dem der uͤberfluͤſſige Dampf lärmend herauf ſtieg, raſſelte gewaltig hinter ihnen. Das Geraͤuſch fuͤhrte zu einem Geſpraͤch uͤber die innere Einrichtung der Dampfſchiffe. Horſt gab einige Faͤlle aus Eng⸗ * land und Nordamerika an, wo das erſpringen des Dampfkeſſels das furchtbarſte Ungluͤck ange⸗ richtet, und Thieleke geſtand mit gelindem Zit⸗ tern, daß er nur deshalb von der Fahrt abgera⸗ then und mit Furcht die Suſanne betrachtet ha⸗ be. Horſt verſicherte, daß hier der Keſſel von Schmiedeeiſen, darum haltbarer und keine Ge⸗ fahr vorhanden ſey. Dieſer Meinung trat auch Reichard und das Maͤdchen bei; dennoch zuckte Thieleke zweifelhaft die Achſeln, verſicherte aber am Ende, er ſey ein deutſcher Mann, und ein ſolcher duͤrfe nicht leichtlich zagen. Unterdeſſen war ein Schiffknecht einigemale hin und her gelaufen, hinab geſtiegen und eilig herauf gekommen, dem Anſchein nach mit ver⸗ ſtortem Geſichte, was Alle bemerkt hatten. Jetzt ſtrich er wieder an dem Horſtſchen Kreiſe vor⸗ uber. „Was giebt es,“ fragte der Alte,„daß Ihr ſo fluͤchtig auf und ab rennt?“ Ei, der Teufel hat ſein Spiel, brummte er halblaut; trotz aller Vorſicht iſt der Keſſel uͤber die Maaßen gluͤhend. Wir thun, was wir ver⸗ moͤgen, daß er nicht platzen ſoll! Und peinlich ſchnell rannte er wieder hinab. Friederike erbleichte und bebte. Verlegen — 268— rieb Horſt die Haͤnde; Reichard kopfſchuttelte; Thieleke war blaß geworden wie eine Gipsbuͤſte und zitterte wie Espenlaub im Windhauch. „Platzen, platzen!“ kreiſchte er.„Halt, halt, ich will ans Land, ich will ausſteigen!“ und hielt ſich kaum auf den Beinen. Mann! rief Horſt. Was wird aus Ihrer Braut, aus Ihren Freunden? „Was kuͤmmert es mich?“ entgegnete er⸗ hin und her trippelnd.„Ich bin wir ſelbſt der naͤchſte!“ Mit flammenden Augen ſchlug Reichard ſel⸗ nen Arm um das Maͤdchen, reichte ihrem Vater die Hand und ſprach: Fuͤrchten Sie nichts; ich bin ein fertiger Schwimmer und ſtehe fuͤr Alles! Laut praſſelte der Dampf in der Röhre. Das Schif ſlog eben nahe an einer Landſpitze voruͤber. Da nahm Thieleke einen großen An⸗ lauf und ſprang, ſchnell wie der Blitz, hinuͤber nach dem ufer; indeſſen laͤhmte die Angſi ſeiner vebenden Glieder Schwungkraft, und Patſch lag er bis uͤber die Ohren im ſchlammigten Waſſer⸗ In dieſem Augenblick trat der Schiffknecht wieder heran mit der Meldung, die Glut des Keſſels ſey im Abnehmen und die Gefahr vor⸗ uͤber. — 269— Lächelnd zeigte Horſt hinab auf den deut⸗ ſchen Mann, der, uͤber und uͤber beſchmutzt und durchnaͤßt, einer geſchwaͤrzten Amphibie gleich, muͤhſam am ufer hinauf kletterte, und ſprach: „Sieh den Erfolg der Pruͤfung, mein Kind, den verſprochenen Beweis. Der liebt ſich ſelbſt und an Dir nur die zwolftauſend Thaler; aber Rei⸗ chard hat Dich um Dein ſelbſtwillen ſieb! Was ſprichſt Du nun?“ Der Beweis war erſchopfend gefuͤhrt. Horſt kannte einen der Schifftnechte, deſſen Bruder ſein Amtsbote war. Als der Regen die Men⸗ ge hinunter in den Raum trieb, glaubte er die Pruͤfung der jungen Maͤnner unbeachtet vollziehen zu konnen. Langſt hatte er dazu Ge⸗ legenheit geſucht. Er bewog den Knecht, die falſche Meldung von angeblicher Gefahr zu brin⸗ gen; und da auch Riekchen nicht das Geringſte von ihres Vaters Plan erfuhr, ſo ging der Han⸗ del, wie wir ſahen, beinah natürlich und brachte leicht und ſicher das Ergebniß. 6. Schamroth, den Blick zur Tiefe geſenkt, ſtand Friederike neben Reichard. O, wie hochſt jaͤmmerlich erſchien ihr jetzt jener Fluͤchtling, wie — 270— lieb und hold der Nachbar! Schnell reichte ſie nun dieſem die Hand und rief:„Ich bin die Ihrige mit meines Vaters Willen.“ Mit meinem Segen! ſagte Horſt, und druͤck⸗ te die vereinten Haͤnde feſter zuſammen⸗ Man rief nun dem Rechenmeiſtet zu, das Ganze ſey ein Irrthum, alle Gefahr habe auf⸗ gehort; der aber ſah im Geiſte die Suſanne ſchon himmelan huͤpfen, ſie gegen die Sterne in tauſend Splitter zerſchellt ſchlagen, und hoͤrte nicht den Ruf. Fort ſchoß er, wie ein Pfeil und wagte nicht die Ruͤckſchau. Wie, wenn die Trummer der geplatten Suſanne ihm die Raſe amputirten? Die Schopfung einer neuen Invali⸗ den⸗Naſe aus dem Ueberfuß des Arms ſchien ihm zu ſchmerzhaft und gefährlich. Erſt als er die vielhundertiaͤhrigen Eichen erreicht hatte, ſtand er hinter einer ſolchen ſtill, blinzelte um den Stamm herum und verwunderte ſich, daß die Suſanna noch im alten Stande ſey. Die Voruͤberwandelnden fragten lachend den Gefaͤrb⸗ ten, was mit ihm geſchehen. Da zeigte er be⸗ deutungsvoll auf das fortgleitende Schiff, und fluͤſterte unter Schauern und athemlos:— „Springen— gleich— tanſend Stuͤcke!“ Erwartungsvoll ſuhen jene dahin, den jüng⸗ ——— — 271— ſen Tag der Snſanne zu belauſchen. Thieleke aber eilte zahnklappernd heim, wechſelte die Kleider und fragte jeden, der vom Thore her⸗ ſchritt, ob er noch nichts vom Zetplates der Suſanne vernommen habe? und ein Geruͤcht— von ihm geweckt— durchlief die Stadt, das Dampfſchiff ſey nicht mehr vorhanden; aber nach wenigen Stunden kam es unverſehrt zuruͤck, und bald darauf ein Brieflein von Horſt in Thielekens Wohnung an, in welchem es weſentlich hieß: „Noch vor Ablauf der von mir geforderten Bedenkzeit melde ich Ihnen, daß meine Tochter heute ſich entſchloſſen, Herrn Reichard ihre Hand zu geben, nachdem ſie auf dem Schiffe die Ue⸗ berzengung erhalten hat, daß Sie dereinſt als Ehemann nicht Kreuz und Leiden mit ihr tra⸗ gen, wohl aber vor dem Krenz und Leid ſich auf die Beine machen wuͤrden. uebel beſtanden Sie in der Pruͤfung, die ich veranlaßte; Ihr Reben⸗ buhler aber bewaͤhrte ſich als Ehrenmann, als liebend, zuverlaͤſſig, als ein Deutſcher. Er ſey mein Sohn!“ Die Schuppen fielen von des Rechenmeiſters Augen, der ſich verrechnet hatte, und als Vogel⸗ 3 ſeller nach den zwöiftauſend Klingobgelchen ver⸗ — 272— rechnet war; darum gebehrdete er ſich auch wie toll, zerſchlug ſich, wie Buͤrgers Leonore, Stirn und Bruſt, zerraufte, wie jene, das Haar und be⸗ legte ſich ſelbſt mit namhaften Schandtiteln. Reichard aber war, ſeit Riekchen ſich ihm zugeſagt, wie verwandelt. Er prieß mit lautem Entzuͤcken ſein Verhaͤngniß, nannte die Braut mit ſuͤßen Namen, die aus des Herzens Fuͤlle ſiroͤmten, und traͤumte der Lieb' und Hoffnung wonnereichen Traum. Nach einigen Tagen war Verlobung. Er fuͤhrte ſtillentzuckt ſeinen Lebensengel zu der Mutter, und rief:„Seegne die gute Tochter, die Dir, als treue Pflegerin, den Abend zum Tage, die Dunkelheit zum Licht machen will. und die gute Alte ſah im Geiſie in der neuen Tochter eine ver Himmliſchen, und ſegne⸗ te unter Freudenthraͤnen des lieben Sohnes tief⸗ bewegte Braut. Nach vier Wochen kam der Hochzeittag und mit ihm des entzuͤckten Paares goldene Zeit. Thieleke las unter Zaͤhneknirſchen die Ver⸗ maͤhlungsanzeige im Wochenblatte, und fluchte im argen Grimm heidniſch auf die Dampf⸗ Suſanne, die ihn um ſo viel Geld und ne⸗ ben⸗ — 273— benbei um ein huͤbſches Maͤdchen brachte, und noch jetzt macht er bei dem Gedanken an dieſen Verluſt ein Geſicht, das viel Aehnlichkeit mit dem beruͤchtigten neunundzwanzigſten Bulletin Napoleons hat. VIII. Der Gottesbote. nekdote.) Wurz vor dem Schluſſe des entwichenen acht⸗ zehnten Jahrhunderts, erſchien eines Tages in der Hauptſtadt eines deutſchen Fuͤrſtenthumes ein fremder, wunderbarer Greis, der in wenig Ta⸗ gen durch das ungewohnliche ſeines Aeuſſern, ſeines Benehmens, ſeines ganzen Weſens allge⸗ mein auffiel, hier Verwunderung, dort Theil⸗ nahme erregte. Er trat, vom Fuß bis zum Kopfe ſchwarz gekleidet, auf, und ging an ſeinem gleichfalls ſchwarzen Stabe noch ſo aufrecht und ruͤſtig ein⸗ her, als zoͤhle er kaum funfzig Jahre; dafuͤr ſprach auch ſeine ganze uͤbrige Haltung, ſeine kraͤftige raſche Bewegung; und doch erkannte man auf dem tieſgefurchten Antlitz des hohen Alters ſichere Spur; doch war ſein Haupthsar und Bart ſchneeweiß; doch zitterte ſein Kopf und ſeine Hand, wie die Hand und das Haupt eines Hundertjaͤhrigen. Sah man jedoch wieder die Roͤthe ſeiner Wangen, die Glut des Blickes, der aus dem tiefliegenden Auge flammte, ſo wur⸗ de man aufs Neue irre an ihm. Von mehr als mittlerer Laͤnge und ſehr ha⸗ ger, hielt er ſich dennoch grade, und ſchritt mit Manneskraft ſeinen Weg. Am Tage ging der Alte dort und da in den Straßen und auf den Plaͤtzen herum; am Abend bettete er ſich auf den Raſen im Hofgarten des Fuͤrſten, und durchſchlief daſelbſt die Nacht. Sah er bei ſeinen Wanderungen durch die Stadt den Einzelnen oder eine Familie in den Haͤu⸗ ſern Speiſe oder Trank zu ſich nehmen, ſo ſtreck⸗ te er wie flehend die Haͤnde vor ſich aus, und in ſeinen Gebehrden lag die Bitte um ein Al⸗ moſen an Nahrungsmitteln. Bot man ihm aber Geld an, viel oder wenig, ſo ſchuͤttelte er lä⸗ chelnd den Kopf, lehnte die bare Gabe ab, und ward, wollte man ſie ihm aufdringen, ſichtbar zornig. Niemals beruͤhrte er die dargereichte Muͤnze. Redete man ihn an, ſo ſchwieg er in der Regel Anfangs eine Weile, dann aber öffnete er den Mund und antwortete in einer unbekannten S 3 — 276— und unverſtaͤndlichen Sprache; er redete nun raſch und lange fort, als halte er einen oͤffent⸗ lichen Vortrag, oder als ſchildere er Ereigniſſe aus ſeinem Leben; bei dem Steigen und Fallen ſeiner Stimme begleiteten feurige Blicke, aus⸗ drucksvolle Mienen und lebhafte korperliche Be⸗ wegungen den Wortſtrom. Zuweilen laͤchelte er bei ſolchen ſcheinbaren Darſtellungen; aber einen Augenblick ſpäter trat Ernſt und Trauer in ſein Geſicht, auf ſeine ganze Geſtalt; in ſeinem Auge ſtanden Thränen und tiefe Seufzer entſtiegen der hochathmenden Bruſt. Wenn dann die Zuhorer Befremden aus⸗ pruͤckten, oder zu erkennen gaben, daß man ihn und ſeinen Vortrag nicht begreife, ſo ſagte er am Ende mit großem Eifer in gutem reinen Deutſch:„Verſteht Ihr mich nicht? Ich bin der zungſte Bruder des Methuſalem, ein Bote Je⸗ hovas!“ Haͤuſig horte man von ihm in jener fremden Sprache Selbſtgeſpraͤche, bei denen er gleich⸗ falls die Arme ſtark bewegte. Am liebſten ſchien er jedoch zu reden, wenn eine zahlreiche Ver⸗ ſammlung ihn umgab. ——. — 277— Es verſteht ſich, daß unter dieſen ungewöhn⸗ lichen umſtaͤnden die Aufmerkſamkeit und Theil⸗ nahme der Hauptſtaͤdter fuͤr den wunderbaren Alten ſehr bald aufgeregt und unterhalten ward. Wo er ſich ſehen ließ, da ſtand eine Menge von Neugierigen um ihn her, folgte ein Haufen von Erwachſenen und Knaben ihm nach, rief ein Buͤrger dem andern zu:„Sieh da, der Bruder Methuſalems!“ So entſtanden Volksverſammlungen und Zu⸗ ſammenlaͤufe, welche ſchon nach wenig Tagen die Wachſamkeit der Ortspolizei aufriefen. Der Direktor beſchloß, den unbekannten Greis ſich vorfuͤhren zu laſſen, amtlich zu vernehmen, und ihn nach Befinden der umſtaͤnde einzuſperren, oder uͤber die Grenze zu ſchaffen, oder auch nur ihm die dͤffentlichen Vortraͤge in den Straßen zu unterſagen. und ſo wurden denn zwei Polizeidiener ab⸗ geſchickt, den fremden Alten aufzuſuchen und nach der Amtswohnung des Oberen zu fuͤhren. Sie fanden ihn im Hofgarten, auf dem mooſig⸗ ten Boden unter einer alten Eiche im tiefen Schlafe liegend, und brachten ihn zu dem Direk⸗ tor, der im Stadthauſe, das auch die Gefaͤng⸗ niſſe enthielt, wohnte. Der Greis ging ruhig — 278— 8 und gelaſſen zwiſchen ſeinen Begleitern bis in die Naͤhe des Stadthauſes; dann aber, als er die ſchwarzgrauen Mauern des Gebaͤudes und ſeine Fenſtergitter erblickte, verweigerte er ſtand⸗ haft die Nachfolge in das Innere. Man brach⸗ te ihn bis an die Thuͤr; hier ward er geiſter⸗ bleich; er zitterte, wie vom Fieber geſchuttelt, ſprang plotzlich mehrere Schritte zuruͤck, und ſchien die Flucht nehmen zu wollen. Als nun die Begleiter und deren herbeigerufene Gehuͤlfen ihn mit Gewalt der Thuͤre zufuͤhrten, gerieth er in Wuth; ſein Auge blitzte, ſeine Zaͤhne knirrſch⸗ ten; er packte einen von den Polizeidienern mit Ungeſtuͤm, ſchlenderte ihn heftig gegen die Wand, und bedrohte die nebrigen mit gleicher Feind⸗ lichkeit. Die Wache kam; der rauheſte Zwang ward nothwendig, denn der Alte ſchlug und biß ſogar um ſich. Erſt als er erſchopft und faſt ohnmaͤchtig war, konnte man ihn, halb getragen, in das Stadthaus bringen. Einige Stunden ſpaͤter ward ein Verhoͤr ver⸗ anſtaltet, aber der Greis war ſtumm, wie das Grab. Kein Bitten, kein Drohen gewann ihm einen Laut ab. Am folgenden Tage wiederholte man den Verſuch; durch mildes Be nehmen und freundliche Zuſprache brachte man ihn dahin, — 279— daß er den Mund öffnete; aber er begann wie⸗ der die alte fremde Sprache. Niemand verſtand ein Wort, und verlegen ſchloß der Direktor das Protokoll von wenigen Zeilen mit der Anmer⸗ kung, daß der Unbekannte der uͤblichen Landes⸗ ſprache nicht maͤchtig zu ſeyn ſcheine. Da es indeſſen nothwendig war, zu erfah⸗ ren, ob der Alte wirklich in einer lebenden Sprache rede, ſo erſuchte der Polizeivorſteher ei⸗ nen Lehrer der Oberſchule, der wegen ſeiner Kenntniß vieler lebenden und todten Sprachen beruͤhmt war, einem Verhöre beizuwohnen. Der Gelehrte kam, und erklaͤrte, nachdem er dem Greiſe eine Viertelſtunde lang zugehoͤrt hatte, daß das, was dieſer rede, ein Gemiſch von ebraͤi⸗ ſcher und verſtuͤmmelter perſiſcher Sprache ſey. Als darauf der Gelehrte ihn in ebräiſcher Sprache anredete, erwiderte er ſchnell und eifrig, doch war ſeine Antwort ohne Reihefolge, ohne Ordnung, ein neberſpringen von einem Gegen⸗ ſtande zum andern, ein Verweilen bei entfernten, zur Sache nicht gehoͤrenden, Stoffen. Seine Rede ſtrömte jetzt kraͤftig und eilends dahin, und in demſelben Augenblicke ſchmolz ſie zur Klage in weichen bewegenden Toͤnen. Hiebei fuͤllte ſein Auge ſich mit Thraͤnen und dann laͤchelte X — 230— er wieder dazwiſchen ſo fremd und ſeltſam, daß den Zuhoͤrern bang und unheimlich bei ihm ward⸗ Wenn der Gelehrte die Feder ergriff, um die Begriffe und den Stoff des Vortrages auf⸗ zuzeichnen, ſchwieg der Alte plotzlich ſtill und ſein Blick deutete Furcht und Angſt an; er off⸗ nete den Mund durchaus nicht eher wieder, als bis die Feder hinweg gelegt war. Was über den Namen, Stand, Lebenslauf und das Alter des Wundermannes dem Gelehr⸗ ten im Gedaͤchtniſſe blieb, war Nachſtehendes: „Mein Name iſt Makvel, mein Alter fuͤnf⸗ tauſend zweihundert und dreißig Jahre; mein Vater hieß Henoch, er zog mit ſeinen Heerden im heutigen Perſien umher. Er war ein heili⸗ ger Mann und Liebling des Unnennbaren. Sein Haus beſtand außer mir aus einundfunfzig Sdh⸗ nen und achtzig Toͤchtern. Mein aͤlteſter Bruder fuͤhrte den Namen Methuſalem, die Namen mei⸗ ner uͤbrigen Geſchwiſter habe ich in faſt fuͤnftau⸗ ſend Jahren, ſeit ich ſie nicht mehr geſehen, ver⸗ geſſen; nur das iſt mir noch bekannt, daß ſich meine Bruͤder oft im Genuß der Weintrauben verauſchten, ſich zu den Weibern unſerer Nach⸗ — barn ſchlichen, und haͤufig die Halbſcheid der ih⸗ nen anvertrauten Heerde des Vaters im Wage⸗ ſpiel verloren; ich aber mit Methuſalem lebte untadelhaft. Wir beteten oft gemeinſchaftlich und waren beide fromm, ich hielt mich jedoch noch ſtiller und fiömmer, als er.“ „Wenn ich die Heerden auf den Berggipfeln weidete, ſang ich heilige Loblieder dem Allvater, deſſen fanftgluͤhendes Auge mit holdem Strahl auf mich nieder ſchauete. So war ich auch als Juͤngling von neunzig Jahren eines Morgens in ſtiller Andacht verſenkt, als Gottes Auge aus dem fernen Meere liebevoll aufragte. Da ſchweb⸗ te, getragen von purpurnem Lichtſtrahl, ein En⸗ gel zu mir hernieder. Anbetend ſank ich zur Erde. Da redete er zu mir und ſprach: Der Herr ſendet mich zu Dir, ſeinem treuen Knecht, denn Du haſt Gnade gefunden vor ſeinen Au⸗ gen. Beſchloſſen hat der Erhabene in ſeinem Zorn den Untergang der verworfenen Volker die⸗ ſer Zeit, wenn nicht zu Reue und Beſſerung ſie bald ſich wenden. Du wirſt, ſo wills Dein Gott, ſie zu bekehren verſuchen. Makvel ſoll, ſo ſpricht der Herr, den Staub von ſeinen Fuͤßen ſchuͤtteln, die Heerden verlaſſen und durch das Land um⸗ her ziehen, mein heilig Wort zu lehren, die — 282— Suͤnder wieder zur Sittenreinheit, Einfalt und unſchuld der Vorwelt zuruͤck leiten, und meinen Namen herrlich machen auf der Erde weitem Raum! Verwalte treu und gehorſam Dein ho⸗ hes Amt und die Welt entgeht dem Zorngericht des Allgerechten. Kein Zaubet der Verruchten ſoll Dich verletzen duͤrfen; achttauſend Jahre giebt der Erhabene Dir als Lebensdauer, auf daß Du die Frucht Deiner Sendung ſehen und genießen mogeſt. Bereite Dich vor zu Deinem Amt durch eifriges Forſchen nach den Sitten und Gebraͤuchen, dem Glauben, Handeln, Wir⸗ ken und Leben der Vaͤter, durch Faſten, Opfer und Gebet. Wenn ich Dir wieder erſcheine, wirſt Du die Lehrfahrt beginnen!“ „So ſprach er und entſchwand meinen Au⸗ gen, ſich aufſchwingend in die gluͤhende Sonnen⸗ ſcheibe. Der hohe Auftrag, ſo ehrenvoll und an⸗ genehm, geſiel meinem Herzen wohl, und ge⸗ horſam forſchte ich wohl zweihundert Jahre lang vei den aͤlteſten Greiſen und Muͤttern nach Sa⸗ gen und Ueberlieferungen und Geſaͤngen von dem Alter der Welt und dem Thun und Glauben ihrer Bewohner und vernahm Merkwuͤrdiges, doch immer nicht genug fuͤr meine Wißbegierde.“ „Endlich, an einem ſchonen Fruͤhlingsmor⸗ — 283— gen, ſank wieder der Bote Jehovas aus der Fruͤhſonne zu mir herab. Und er ſprach zu mir, dem Anbetenden: Wohlan, Du frommer Hirt, nimm Deinen Stab zur Hand, die Zeit der Ar⸗ beit naht. Zeuch umher, richte Deinen Weg nach dem Aufgang der Sonne, von dort nach ihrem Lauf bis zum Niedergange, und verbreite das Gebot des Herrn und den Aufruf zur Be⸗ lehrung.“ „Und ich erhob mich gehorchend. Da be⸗ ruͤhrte die holde Lichtgeſtalt mit ſanftwarmer Hand meine Stirne, mich zum Gottesboten wei⸗ hend, und ein mildſtaͤrkendes Feuer ſtroͤmte aus ihrer Hand in mein Weſen uͤber. Als ich nun den Blick nach ihr erhob, war ſie verſchwunden.“ „Ich zog darauf von hinnen, durchwanderte viele Laͤnder und predigte dem verſammelten Volke Buße; doch die Wahrheitslehre regte mir uͤberall Widerſacher auf; hie und da ward ich verfolgt; hier wollte man mich ſteinigen, dort ſo⸗ gar toͤdten. Da entbrannte mein Zorn, ich rief zu Jehova, und eine große Waſſerfluth brauſete hernieder und herauf; alles Leben ward vernich⸗ tet; ich aber ſtieg auf den Gipfel der Gebirge im heutigen China, und ward erhalten. In ei⸗ ner Felſenhoͤhle entſchlief ich eines Abends, und — 284— als ich erwachte, regte es ſich wieder uͤberall im Thale zu meinen Fuͤſſen; ich ſtieg hinab zu den Menſchen; man zaͤhlte viele hundert Jahre nach der Suͤndfluth. Von Neuem begann ich mein Lehramt unter den Iſraeliten; man waͤhlte mich zum Volksvorſteher und nannte mich Moſes; ich fuͤhrte das Volk aus Egyptens Dienſtbarkeit durch das rothe Meer und die Wuͤſte nach dem gelobten Lande, entſchlief jedoch auf dem Berge Sinai von Neuem, als mir der Unnennbare ſelbſt in ſeiner Majeſtaͤt erſchienen war. Als ich zum zweitenmale erwachte, lag ich, ein neuge⸗ vornes Kind, in einer Krippe, und ich ward Je⸗ ſus geheißen. Mein Lehr⸗ und Wunderthaͤter⸗ amt wieder antretend, ſah ich mich auch von Reuem verfolgt; man wollte mich ergreifen und kreuzigen, aber ich verlieh ſchnell einem Anderen meine Geſtalt, und entkam unſichtbak meinen Feinden. Aber einer von ihnen folgte mir nach. Er war ein boͤſer Zauberer mit dem Hollengeiſte im Bunde, und fing mich unerwartet ein durch ſeine Kuͤnſte, und ich rang mit ihm, aber die Hoͤlle machte ihn ſtark; eben als ich ihm den Todesſtreich verſetzen wollte, preßte er mich zu⸗ ſammen; verſchloß mich in eine ſchwarzgraue Zauberbuͤchſe, und druͤcte Satans Siegel auf das 865 das Schloß. So verſenkte der Schreckliche mich in den tiefen Grund des unermeßlichen Welt⸗ meeres. Lange lag ich in der fuͤrchterlichen Tiefe; aber zu meinem Gluͤck entſtand auf mei⸗ ner Lagerſtatt im Meeresgrunde ein Vulkan. Die Erde borſt, die Flamme brach allmaͤchtig herauf, und ſchleuderte meinen Kerker weit, weit hinauf in die Wolken. Bei dem Niederſturzen der Buͤchſe auf einen Felſen zerſprang das Schloß, die Flammen hatten das Siegel geſchmolzen, und ich war frei; doch nach einiger Zeit fand der Zauberer mich wieder auf und wollte von Neuem mich einkerkern; aber durch Jehovas, meines Vaters, Huͤlfe erſchlug ich ihn, und wan⸗ dere ſeitdem wieder umher, Buße zu predigen und zu lehren. Vernehmt meine Stimme, horcht meinen Lehren und wandelt unſtraͤflich vor dem Herrn, daß ſein Grimm Euch nicht verderbe!“ Der Aufſchluß uͤber den Alten fand ſich nun in den Polizeiakten, die einige Steckbriefe ent⸗ hielten, in welchen auch die Perſonbeſchreibung des Greiſes mit vorkam. Vor drei Monaten war in einem benachbarten Fuͤrſtenthume das Zwang⸗ arbeitshaus in Feuer aufgegangen. Leider be⸗ T — 266— fand ſich in ſeinem Innern auch eine Anſtalt fuͤr Geiſteskranke, und mehrere Wahnſinnige ent⸗ flohen waͤhrend des Brandes; unter ihnen war ein ungluͤcklicher Greis, der Dorfprediger Stark, ein ehemals geehrter und tiefgelehrter Geiſtlicher, der durch uͤbermaͤßiges metaphyſiſches Forſchen in Geiſtezerruͤttung verfallen war, und ſeinen Kuͤſter, den er im wilden Wahn fuͤr einen feind⸗ lichen Zauberer hielt, toͤdtlich verwundet hatte. Dieſer That wegen ward er der Irren⸗Heil⸗ Anſtalt uͤbergeben; doch hatte ſein Uebel zu feſt und tief Wurzeln geſchlagen, als daß die Ge⸗ neſung haͤtte erfolgen können. In ſeinen Traͤumen war er des frommen Henochs Sohn, Methuſalems Bruder, und ſei⸗ ne Seele war aus Makvel in den Korper des Moſes und des Welterlöſers uͤbergewandert. Er nannte ſich abwechſelnd Makvel, Moſes, Chri⸗ ſtus, und glaubte noch beinahe dreitauſend Jah⸗ re leben und lehren zu muͤſſen. Bei dem Ein⸗ tritt ſeiner Geiſteskrankheit that er Niemanden etwas Leides; als aber der Kuͤſter, der ihm zum Waͤchter gegeben ward, ihm die Buͤcher weg⸗ nahm und das Predigen in ebraͤiſcher und per⸗ ſiſcher Sprache verbot, geſtaltete der ſich in ſei⸗ nen Augen zum Zauberer, der ihn verfolgte; — —— — 267— darum ſiel er ihn eines Tages an, mit dem Bei⸗ le in der Fauſt, und verſetzte ihm eine gefaͤhrli⸗ che Kopfwunde. Das Arbeitshaus, in welches er nun zur Sicherheit gebracht wurde, ſah er fuͤr eine Buͤchſe an, den Zuchtmeiſter fuͤr jenen Zauberer, ſeinen Widerſacher, der mit Satans. Huͤlfe ihn bezwungen hatte, den Arzt fuͤr einen Hoͤllenengel, der den Gottesboten quaͤle, ſeine Rezepte fuͤr Zauberbriefe. Nach ſeiner Flucht aus dem Arbeitshauſe ſchlug er den Weg nach ſeiner Wohnung ein, und nahm, als er ſie leer fand, die Kleider und den Stock ſeines Nachfolgers, und entfloh damit in die Waͤlder, wo er ſich faſt drei Monate ver⸗ barg. Dann nahm er den Weg nach der Haupt⸗ ſtadt, wo wir ihn fanden. Unſchaͤdlich lebte er bei milder Behandlung noch neun Jahre lang im Hauſe eines Ver⸗ wandten, der ihn mitleidig aufnahm. Aber die Heilung des Vermſten erfolgte leider nicht⸗ IX. Der Taſchenſpieler und die Bauern. (Anekdote.) Es giebt ein Karten-Wageſpiel, das man H äu⸗ feln nennt, weil das ganze Spiel Karten in Hau⸗ fen gelegt wird. Wer die hochſte Karte unter ſeinem Haufen hat, iſt der Gewinnende. Dies Gluͤckſpiel wird am haͤufigſten in den niedern Staͤnden geſpielt. Zu einem Jahrmarkte in einem Staͤdtchen an der Elbe fand ſich vor Kurzem auch ein Ta⸗ ſchenſpieler in einem Wirthshauſe ein, wo die Landleute einzukehren pflegten. Das Gaſtzimmer war voll Bauern. Er nahm ein Spiel Karten hervor, ſetzte ſich an den Tiſch damit, und fing an, um Liebhaber herbei zu ziehen, vor ſich das Haͤufeln zu ſpielen. Die Bauern ſchauten mit langen Hoͤlſen von — 289— ihren Tiſchen zu ihm hinuͤber. Endlich trat ei⸗ ner an den Tiſch des Spielers, ihm zuzuſehen, dann wieder einer, und bald hatte ſich ein gan⸗ zer Kreis von Zuſchauern gebildet. Verſucht es doch einmal mit mir zu ſpielen! rief jetzt der Fremde. Gegen jeden Groſchen, den ihr ſetzt, ſetze ich zehn, daß ich immer die hoͤchſte Karte unten habe! Die Zuſchauer ſahen einander an, lachten unſicher und man ſah es ihnen an, daß ſie ihre Groſchen eben ſo ſehr liebten, als ſie den Fremd⸗ ling fuͤrchteten. Niemand wollte anbeißen. Er wiederholte ſeine Aufforderung und hob das Zehn gegen Eins ſo hervor, daß Einer und der Andere Luſt bekam zum Spielen; mar griff in die Taſchen, beſann ſich indeſſen doch, und ließ im gerechten Mißtrauen den Beutel ſtecken. Von neuem machte jetzt der Kuͤnſtler meh⸗ rere Haufen und rief: Setzt; heran da! Zehne gegen Eins! Setzt; ich werde auf einen Augen⸗ blick hinausgehen; laßt mir aber die Karten ſo liegen, und ſeht nicht, was unten iſt, aher ſetzt etwas, ſetzt! Somit ging er hinaus. Dieſer Reiz war zu ſtart fuͤr die Landleute. Hier war offenbar nur zu gewinnen. Sie konnten hinunterſchauen „ — 290— und ſich die beſten Haufen waͤhlen, die niedrig⸗ ſte Karte dem Fremden liegen laſſen. Flugs beſah man die Haufen, beſetzte die hoͤchſten Kar⸗ ten mit zwei, vier und acht Groſchen, und ließ 4 1 das niedrigſte Blatt fuͤr ihn frei. Er trat jetzt wieder ein, ſah das Geld bei den Haufen ſtehen, ſetzte verſprochener Maßen immer zehn gegen je einen Groſchen, kehrte jetzt das Haͤuflein um, das man ihm hatte lie⸗ gen laſſen, und zeigte— ein As, das hochſte in der Karte. Mit einem Fingerſchlage hatte er bei dem 3 Aufheben die untere Karte verwechſelt. Starr und ſteif ſtanden die Bauern bei dem Anblicke des As und kratzten mit echt Hogart⸗ ſchen Geſichtern hinter den Ohren, als der Ta⸗ ſchenſpieler nun ihre Groſchen einſtrich. Selbſt dem, der nur einen Groſchen geſetzt, ſtanden le⸗ ſerlich die Worte auf dem Antlitze geſchrieben: „Dir folgen meine Thraͤnen!“ die das bekannte Volkslied ſpricht. 1 Gedruckt bei Johann Friedrich Starcke. — — Bei den Verlegern dieſes Werks ſind an empfehlungswerthen Romahen kuͤrzlich erſchienen, und um beigeſetzte Preiſe durch alle Buchhandlungen zu haben: Horn, D. Franz. Novellen 1r. Bd. 8. 1 Rthlr. 8 Gr. —— deſſen Die Dichter. Ein Roman in 3 Bän⸗ den. 8.. 3 Rthlr. Langbein, Aug. Fr. Ernſt, Magiſter Zimpels Brautfahrt und andere ſcherzhafte Erzaͤh⸗ lungen. Mit Kupf. von Ramberg und Jury 8. 1 Rthlr. 16 Gr. —— deſſen Schwaͤnke, 3te durchaus verbeſſerte Auf⸗ lage. Mit Kupf. von Ramberg und Meyer. 8. 1 Rthlr. 12 Gr. Laun, Fr. Des Paſtors Liebesgeſchichte. Ein Ro⸗ man. 8. 5 1 Rthlr. 8 Gr. —— deſſen Brautproben. Ein Roman. 8. 1Rthlr. 8 Gr. —— deſſen der gute Genius und die Braut. Zwei Erzählungen. 8. 1 Rthlr. 6 Gr. —— Erzaͤhlungen und Schwaͤnke. 2 Vande. 8. 2 Rthlr. 20 Gr. —— deſſen Geſpenſtergeſchichten tr. Vand. 8. 1 Rthlr. 10 Gr. Schaden, Adolf von, Der deutſche Don Juan. Ein Original⸗Roman. 8. 1 Rthlr. 16 Gr. —— deſſen Die ſpaniſche Johanna. Ein Hriginal⸗ Roman, als Gegenſtück zum deutſchen Don Juan. 8. 1 Rthlr. 8 Gr. Stein, Hofr. u. Prof. Carl. Der Nothhelfer. Ein komiſcher Roman in 3 Büchern. 8. 1 Rthlr. 8 Gr —— deſſen Der Luftgeiſt. Ein Roman. 8. 1 Rthl. 8 Gr. —— deſſen Die Verſchleierte. Ein komiſcher Ro⸗ man. 8. 2 1 Rthlr. —— deſſen Der Gaſthof zur ſilbernen Taube. Ein Roman in 3 Biüchern. 1 Rthlr. 8 Gr. —— deſſen Thalig. Veiträge für die deutſche Bühne. 8. 1 Rthlr. 4 Gr. Voß, Julius von, Das feindliche Brautpaar. 1 R Ein Roman. 8.. Rthlr. 6 Gr. —— deſſen Das ſchöne Geſpenſt in funfzigjaͤhri⸗ gen Wirkungen. Ein romantiſches Familienge⸗ mälde in 2 Bänden. 8. 2 Rthlr. 12 Gr. —— deſſen Der Vortrag, oder ſo gelangt die Wahrheit zum Thron. Ein Roman aus der Fürſtenwelt. 8.. 1 Rthlr. 8 Gr. —— deſien Die Flitterwochen. Ein Roman mit Prolog und Epilog. 8. 1 Rthlr. 10 Gr. —— deſen Geſchichte des Miniſters Grafen Sternthal, der mit einem franzöſiſchen Haar⸗ beutel anfing und mit einem altdeutſchen Bar⸗ rett endete. 8. 2 1 Rthlr. 10 Gr. —— deſſen Gemaͤlde der Verfinſterung in Abyſ⸗ ſinien. Seitenſtück zu Benjamin Noldmanns Geſchichte der Aufklaͤrung in Abyſſinien. Ein ſatyriſcher Roman. 8. 1 Rthlr. 8 Gr. — —