— 1 œ Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leiß und ceſebedingungen. 1. ofonsein der hibliothek. Die Bibliothet ſteht zur Em- pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Cäution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. „ 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für nochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: TN— f 1W 2 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Dieſe nahmen ihn im Vergleich zu ſeinen frühern Leiſtungen nur wenig in Anſpruch, er behielt ſehr viel freie Zeit, und dieſe ſuchte er nun mit wiſſen⸗ ſchaftlichen Studien auszufüllen. Aber bald kam er zu der Einſicht, daß ſeine Gedanken zu ſehr durch die die letzten Erlebniſſe in Anſpruch genommen ſeien, als daß er dieſelben mit der frühern Freudigkeit den Bü⸗ chern zuwenden könne; entweder das Bild Alicens tauchte in ſeiner Seele auf und erfüllte ihn mit Weh, und Schmerz, er verſank dann in endloſe Träumereien oder eine unbezwingliche Sehnſucht nach der it Steffens, Ein Wechſel. 1 1 2 ergriff ihn, wo er ſo viel Liebe erfahren und man ſeine Gegenwart allſeitig als ein Glück betrachtete. Unzufrieden mit dem Leben, das ihm bisher nur ſo wenig an wahren Freuden geboten, warf er die Bücher zur Seite und verſenkte ſich in ein langes Nachdenken über den Zweck des Lebens und die von demſelben zu erwartenden Genüſſe. Was hatte er von der Zukunft zu hoffen, wenn er, wie bisher, ſeine Zeit nur dem Emporſtreben in der Welt widmete? Der Ehrgeiz lag ihm noch fern, eine ſorgenfreie Exiſtenz hatte er erreicht, mit den Aeltern war er verſöhnt, er hätte glücklich ſein können, wenn nicht die Liebe zu Alice ihm ein herbes Weh zu bereiten im Stande geweſen wäre. Und ſie war für ihn unerreichbar, er durfte alſo auf Befriedigung des höchſten Wunſches nicht rechnen, ſomit erſchien ihm das Daſein reiz⸗ und freudlos. Vergeſſen konnte er ſie nie wieder, davon war er überzeugt. Aber wie machte es mancher Andere, dem das Schickſal eine nie heilende Wunde geſchlagen? Er konnte in den materiellen Genüſſen des Lebens Erſatz ſuchen. Arthur hatte bisher nur wenig einem luſtigen Treiben nachgehangen, jetzt wurde der Vorſatz in ihm rege, ſich dem Vergnügen in die Arme zu werfen und ſo ſein Leid zu betäuben. — 3 Der Herbſt kam heran. Der junge Baumeiſter ſuchte und fand mehrere Freunde, die das Leben ſo viel als möglich auszubeuten wußten. Mancherlei Vergnügungen boten ſich ihnen, und Arthur, der bisher ſo thätige Menſch, verwandte ſeine freie Zeit faſt ausſchließlich darauf, öffentliche Lokale zu frequentiren, Concerten und Bällen beizuwohnen, pünktlich im Theater zu er⸗ ſcheinen oder in der Mitte ſeiner neuen Bekannten dem Bacchus zu huldigen. Aber auch dieſe Lebensweiſe war nicht geeignet, dem Baumeiſter wirklich angenehme Stunden zu be⸗ reiten. Die Zeit floh allerdings an ihm vorüber, ohne daß er Langeweile empfand, und oft vergaß er auch ſein Weh und beſchwichtigte das Sehnen in der Bruſt für Augenblicke; aber wenn er dann endlich ſpät in der Nacht heimkehrte und, aufgeregt von den Sinnengenüſſen, ſich ſchlaflos auf ſeinem Lager hin und her warf, dünkte ihm ſein jetziges Treiben ge⸗ haltlos und verächtlich, er ſelbſt erſchien ſich als ein dem Verſinken in gräßliche Leidenſchaften naher Menſch. Und mit der ihm innewohnenden Geiſtesſtärke raffte er ſich wieder empor, fing an, ſeine Freunde und ihren Umgang zu meiden, erſchien nicht mehr bei allen öffent⸗ lichen Vergnügungen, ſondern lebte wieder ganz ſeinem 4 Beruf und dem Andenken der Lieben in der Heimat, ſowie ſeiner verlorenen Geliebten. An einem ſtürmiſchen Herbſtabend kam Arthur ermüdet von der Bauſtrecke und begab ſich in einen Gaſthof, um hier zu ſpeiſen und ſeinen Durſt zu ſtillen, ehe er die Einſamkeit der eigenen Wohnung aufſuchte. Das unangenehme Wetter hatte dazu beigetragen, die Gaſtzimmer in ungewöhnlicher Weiſe zu füllen, faſt ſämmtliche Tiſche waren beſetz. Arthur gewahrte meh⸗ rere ſeiner nähern Bekannten, die um eine Tafel grup⸗ pirt waren und ſich lebhaft unterhielten. Er wurde von ihnen unter Scherzen und Witzen begrüßt und ſah ſich genöthigt, an ihrer Seite Platz zu nehmen. „Bleiben Sie während des Abends hier, Baumeiſter, oder wollen Sie ſich auch heute bald wieder zurück⸗ ziehen?“ fragte ein junger Aſſeſſor. „Ich habe eine Arbeit vor, die mich jetzt viel in Anſpruch nimmt“ antwortete Arthur ausweichend.„Ha⸗ ben Sie ſchon zu Abend geſpeiſt?“ „Noch nicht, aber ich ſpüre Appetit, es wird eben angerichtet.“ Indem erſchien eine Truppe Spielleute in dem Lokal, zwei Männer und drei junge Mädchen, die ge⸗ 5 neigt ſchienen, die Geſellſchaft durch Geſang und Muſik zu unterhalten. „Sehen Sie da, das iſt herrlich!“ rief der Aſſeſſor. „Es gibt einen angenehmen Abend. Welch reizendes Geſicht! Betrachten Sie einmal die kleine Blondine ge⸗ nauer, liebſter Baumeiſter.“ Arthur ſandte einen gleichgültigen Blick zu den drei Mädchen hinüber, aber ſein Auge blieb wie feſtgebannt auf dem einen derſelben haften; er hatte nie ein ſo wunderſchönes Geſchöpf unter dieſer Klaſſe von Men⸗ ſchen erblickt. „Nun, was ſagen Sie dazu?“ fragte lächelnd der Aſſeſſor. Arthur überhörte die Frage, er war ganz in dem Anſchauen des lieblichen Weſens verſunken, das ſich unweit von ihm niedergelaſſen hatte. „Baumeiſter, wie gefällt Ihnen dieſe Kleiner⸗ fragte der Aſſeſſor von neuem, den Arm des Freundes berührend. „Sie beſitzt in der That ein Engelsgeſicht und einen graziöſen Körperbau. Ich möchte wohl wiſſen, ob ſie ebenſo tugendhaft als ſchön iſt“ entgegnete Arthur be⸗ geiſtert. „Ich kenne ſie nicht näher und weiß daher nichts über ihre Tugend zu berichten; aber heute Abend 6 haben wir ja Gelegenheit, dieſe auf die Probe zu ſtellen. Sie ſind ein von der Damenwelt geſchätzter Mann, verſuchen Sie doch einmal Ihr Glück bei der Kleinen.“ „Nein, Aſſeſſor, derartige Unternehmungen überlaſſe ich Ihnen, ich bin unbewandert auf dieſem Felde.“ „Wirklich? Nun gut! Doch ſehen Sie, da kommen einige Offiziere; die pflegen ſich ſonſt nicht hierher zu verirren; gewiß ein Treffort mit den Mädchen. Da ſind unſere Verſuche umſonſt, ſie haben in der Regel nur Blicke und Aufmerkſamkeiten für das Militär.“ „Um ſo beſſer, dann haben wir kein Geld für ſie.“ Die Neuangekommenen, drei noch ſehr junge Män⸗ ner, ließen ſich in der Nähe der Mädchen an einem freigewordenen Tiſch nieder und begannen ſogleich, dieſe mit ihren Blicken in einer Weiſe zu beehren, die dar⸗ auf ſchließen ließ, daß ſie entweder die nähere Bekannt⸗ ſchaft der Damen gemacht hatten oder doch willens waren, ihre etwaige Schüchternheit zu beſiegen. Das Concert begann. Die Künſtlergeſellſchaft ſpielte und ſang recht gut. Die Zuhörer, die durch den reich⸗ lichen Genuß von Bier oder Wein in eine muntere Stimmung verſetzt worden waren, ließen es an Kund⸗ gebungen ihres Beifalls, namentlich durch reichliche Geldſpenden, nicht fehlen, und dies war die Veran⸗ 7 laſſung, daß ſich auch die Concertgeber ganz wohl fühlten. Die beiden ältern Mädchen hatten zuerſt bei den Gäſten die Runde gemacht und deren Gaben einge⸗ ſammelt, manchen luſtigen und zweideutigen Scherz hingenommen, ohne zu erröthen, ſie waren daran ge⸗ wöhnt; auch hier und da einen Händedruck empfangen, aber nichts hatte ſie beleidigt. Jetzt ergriff die von Arthur bewunderte Schöne einen Teller und trat zögernd unter die Herren. Der Baumeiſter wandte kein Auge von ihr, er ver⸗ folgte jede ihrer Bewegungen. Jetzt nahte ſie ihm. Arthur warf ein Geldſtück auf den Teller und fragte gleichzeitig:„Sind Sie ſchon lange bei der Geſellſchaft, mein Kind?“ Das junge Mädchen erröthete heftig und er⸗ widerte halblaut:„Ich bin heute zum erſten Mal mitgegangen, um auf dieſe Weiſe meinen Unterhalt zu erwerben.“ „Finden Sie denn Geſchmack daran, Ihr Geſangs⸗ und muſikaliſches Talent bewundern zu laſſen?“ fragte Arthur weiter. Das Harfenmädchen blickte ihn einen Augenblick ſchüchtern an, dann entfloh ein Seufzer ihrer Bruſt 8 und leiſe entgegnete ſie:„Nein, ich möchte lieber zu Hauſe bleiben, aber ich muß ſingen und ſpielen.“ „Sie wohnen hier in E.2“ „Ja, bei meiner Mutter, die gegenwärtig krank iſt und die ich daher zu ernähren habe.“ „Armes Kind!“ vief Arthur, weich geſtimmt.„Wol⸗ len Sie mir wohl Ihre Wohnung ſagen?“ ſetzte er fragend hinzu. Ohne Zögern nannte das junge Mädchen Straße und Hausnummer ihrer Wohnung, dann wandte ſie ſich weiter, ihr längeres Verweilen an der Seite des Baumeiſters war ſchon auffällig geworden. „Sie wollen der Kleinen wohl einen Beſuch machen?“ fragte lächelnd der Aſſeſſor, nachdem das Harfenmäd⸗ chen weiter gegangen. „In der That, ich bin dazu aufgelegt und glaube, daß man hier ein gutes Werk ſtiften kann, wenn man das wirklich reizende Mädchen veranlaßt, aus einer Stellung zu treten, in der es früher oder ſpäter tief herabſinken würde.“ „Aber, Freund, ſind Sie denn ſo feſt davon über⸗ zeugt, daß ſie nicht bereits tiefer geſunken iſt, als man nach ihrem Alter erwarten darf? Der Schein trügt leider oft ſehr, und ich glaube feſt, daß ein Mädchen nicht dieſe Art von Erwerb wählt, wenn es ſich nicht —————— —— —— 9 fähig fühlt, über kleine moraliſche Scrupel hinweg⸗ zuſehen.“ „Ich wette meinen Kopf, daß dieſes herrliche Ge⸗ ſchöpf ſo rein iſt wie die Sonne am Himmel, ihr gan⸗ zes Benehmen ſpricht rief Arthur zuverſichtlich, beinahe gereizt. „Und ich bin außer Stande, Ihre Behauptung zu widerlegen; aber ſehen Sie, dort unterhält ſich die Kleine mit einem Offizier, er hat ihre Hand gefaßt, ſie lächelt— und nun— er flüſtert ihr etwas ins Ohr. Was ſagen Sie jetzt?“ Arthur ſah, wie das Harfenmädchen ſich vergeblich bemühte, die Hand ihrem Gegenüber zu entziehen, ſie war erbleicht und zitterte vor Entrüſtung, jetzt warf ſie das Auge bittend zum Baumeiſter hinüber. Im Nu hatte dieſer ſeinen Platz verlaſſen und ſtand au der Seite des Mädchens. Hatte der junge Menſch, der das Hinzutreten des Baumeiſters veranlaßt, eingeſehen, daß es Zeit ſei, ſich paſſiv zu verhalten, oder war es bloßer Zufall, genug, Arthur's Schützling erfreute ſich in demſelben Augenblick der Freiheit, als er ihr nahe kam, und eilte, ihm einen dankenden Blick zuſchickend, weiter. Arthur begab ſich zu dem Aſſeſſor zurück, und die Offi⸗ ziere verließen gleich darauf das Lokal. Je länger das Concert währte, deſto größer wurde die Fröhlichkeit und muntere Stimmung der Zuhörer, aber deſto öfter wurden die jungen Mädchen auch einer Zudringlichkeit ausgeſetzt, die nur die jüngſte anſchei⸗ nend ſtets mit Entrüſtung zurückwies. Arthur blieb beſtändig in ihrer Nähe und ließ ſie keinen Augenblick unbeobachtet; er war weit entfernt, Liebe für ſie zu empfinden, aber ihre große Schönheit feſſelte ihn und die ſchiefe Stellung, in der ſie ſich be⸗ fand, erregte ſein Intereſſe; er hatte ſich in den Kopf geſetzt, ihr Retter zu werden, falls ſich ſeine Annahme bewähre, daß ſie eines Beſchützers bedürfe. Es war gegen Mitternacht, als endlich die Künſtler⸗ geſellſchaft das Trinklokal verließ, um den Heimweg anzutreten. Unbeachtet entfernte ſich jetzt auch Arthur und folgte den Mädchen in einiger Entfernung. Doch kurz vor ihm hatten noch andere Herren das Gaſthaus verlaſſen, die Harfeniſtinnen erhielten mehrere Begleiter, die ſich vertraulich in ihre Nähe drängten. Arthur war neugierig, wie ſich ſein Schützling den Herren gegenüber verhalten werde; er ſchritt an dem Trupp vorüber, doch ſo, daß er im Schatten der Häuſer blieb und nicht erkannt werden konnte, während er jeden Einzelnen ins Auge faßte. 11 Die jugendliche Sängerin war der übrigen Geſell⸗ ſchaft um einige Schritte voraus und ſuchte offenbar dem großen Haufen fern zu bleiben, denn ihr Gang war eilig, ſie achtete nicht auf die Geſpräche hinter ihr. Nach einer Wanderung von etwa zehn Minu⸗ ten wandte die flüchtige Kleine ſich plötzlich zu den übrigen Mädchen, rief ihnen eine gute Nacht zu und verſchwand in der Thür eines ganz unſcheinbaren Häuschens. „Laßt das Gänschen gehen, ſie wird ſchon klug werden“ hörte Arthur die älteſte der Sängerinnen ihr nachſprechen. Er kehrte jetzt um und ging ebenfalls nach ſeiner Wohnung. Es wäre ein Jammer, dachte er bei ſich, wenn das liebliche Geſchöpf in den Schmuz der Lebens⸗ weiſe ihrer Gefährtinnen verſinken ſollte. Aber wie war da zu helfen? Und welcher falſchen Beurtheilung ſetzte er ſich und das junge Mädchen aus, wenn er öffentlich als deſſen Beſchützer auftrat und es ſich verpflichtete! Litt dadurch der Ruf des letztern nicht vielleicht mehr, als wenn es ſich dem Laſter in die Arme warf? Trotz der letzten Befürchtung ſtand der Vorſatz des Baumeiſters feſt, am nächſten Tage einen Beſuch in dem kleinen Häuschen zu machen, das eben die ſchöne Harfenſpielerin aufgenommen hatte, und, wenn es in 12 ſeiner Macht ſtand, ſie von dem betretenen ſchlüpfrigen. Pfade zurückzuführen. Der neue Morgen brach an. Arthur hatte nur wenig geſchlafen und ſelbſt in dem kurzen Schlummer keine rechte Ruhe gefunden. Verworrene Bilder waren im Traume an ſeinem Geiſte vorübergeeilt. Adelheid und Alice, ſeine Aeltern und Geſchwiſter, ſie alle hat⸗ ten ihn umſtanden und ihm zürnend ins Auge geſchaut, als er der Sängerin nahen wollen. Jetzt dachte er über den ſeltſamen Traum nach, ſchüttelte unmuthig den Kopf und begab ſich an die Arbeit, um momentan Vergeſſenheit ſeines Leids zu ſuchen. Mehrere Stunden hatte er angeſtrengt gezeichnet, da ſprang er von ſeinem Sitze auf, machte eilig Toi⸗ lette und begab ſich nach der Wohnung des Harfen⸗ mädchens. In einem kleinen Stübchen, das höchſt einfach, aber deſſenungeachtet nicht ohne Geſchmack möblirt war, ſaß Emilie Baude vor einem Nähtiſchchen und beſchäftigte ſich aufs eifrigſte mit dem Anfertigen von Gegenſtän⸗ den für ein Weißwaarengeſchäft. Ihr Anzug war ebenſo wie am verfloſſenen Abend recht gut gewählt, entbehrte jedoch jeden Schmucks, und eben dieſes Un⸗ gekünſtelte in ihrer ganzen Kleidung ſprach den Bau⸗ meiſter beſonders an. 13 Nicht weit entfernt von dem jungen Mädchen ruhte in einem Polſterſtuhl eine bleiche Frau, der man es auf den erſten Blick anſah, daß ſie ein großes körper⸗ liches Leiden mit ſich herumſchleppte, das ſie zu jeder Arbeit unfähig machte. Von Zeit zu Zeit erhob die alte Frau das Auge und betrachtete einige Augenblicke die emſig arbeitende Tochter, dann zitterte ein Seufzer auf ihren Lippen, ſie ſchien mit Gewalt einen ſchmerz⸗ lichen Ausruf zurückzudrängen. Es blieb ſtill in dem kleinen Zimmer wie zuvor. „Soll ich Dir jetzt Deinen Trank bereiten, Mutter⸗ chen?“ fragte Emilie, von der Arbeit aufſehend, in zärtlichem Ton. „Thue es, mein liebes Kind, ich bin zu ſchwach, um ſelber aufzuſtehen“, entgegnete die kranke Frau leiſe. Emilie eilte mit flüchtigen Schritten hinaus in die Küche, bald kehrte ſie mit einer gefüllten Taſſe zu⸗ rück, aus welcher ein angenehmer, kräftiger Geruch emporſtieg. Als nun Emilie zu der Mutter herantrat und ihr die Taſſe überreichen wollte, ergriff dieſe die Hand der Tochter, zog das wundervoll ſchöne Köpfchen derſelben an ihre Bruſt und ſprach gerührt:„Du armes liebes Kind, wie mußt Du Dich jetzt meinetwegen abmühen! 14 Möge Gott Dir reichlich vergelten, was Du an mir thuſt.“ „Ach, Mutterchen, ſprich doch nicht ſo, ich arbeite ja ſo gern; wenn ich nur ſo viel verdienen könnte, um Dich ordentlich zu pflegen und einen Arzt zu bezahlen, aber wir brauchen leider die geringen Einnahmen zum Lebensunterhalt und ich kann eigentlich nichts für Deine Wiedergeneſung thun.“ Das Geſpräch zwiſchen Mutter und Tochter wurde unterbrochen, ein vernehmliches Klopfen an die Thür ſtörte ſie auf. Emilie öffnete den niedrigen Eingang. Sie erröthete heftig— der Baumeiſter Soren ſtand vor ihr. „Verzeihung, mein Fräulein, wenn ich ſtöre“, ſagte er befangen„ich komme, um ein wichtiges Geſpräch mit Ihnen anzuknüpfen.“ Das junge Mädchen bedeutete den Baumeiſter, daß er näher kommen möge, Arthur trat in die Stube und grüßte beſcheiden die kranke Frau.„Ihre Mutter?“ fragte er leiſe, an Emilie gewendet. „Ja, meine Mutter“, antwortete dieſe, noch immer verwirrt;„ſie iſt ſeit längerer Zeit leidend, und dies iſt auch der Grund, der mich zu der Geſellſchaft führte, in der Sie mich geſtern Abend geſehen.“ „Ich bin der Baumeiſter Soren, verehrte Frau“, 15 wendete ſich Arthur jetzt an die Kranke.„Der Zufall führte mich in den Gaſthof, in welchem Ihre Fräulein Tochter geſtern Abend ſang; mich erfaßte der Vorſatz, womöglich dahin zu wirken, daß die letztere die Ge⸗ ſellſchaft verlaſſe, in die ſie getreten, denn ich ſagte mir ſogleich bei dem Erblicken derſelben, daß ſie in einer Umgebung weile, die für ſie nicht paſſe und in der ſie ſich nicht wohl fühlen könne.“ Die Leidende blickte erſtaunt bald den jungen Mann, bald ihre Tochter an, dann entgegnete ſie mit ſchwacher Stimme:„Emilie, Du haſt mir nichts davon geſagt, daß Du die Bekanntſchaft eines Herrn gemacht. Ich bin ſo verwundert, daß ich nicht weiß, wie ich Ihren Be⸗ ſuch, Herr Baumeiſter, deuten ſoll.“ „Wie ich Ihnen ſchon ſagte, ich ſah ihre Tochter unter den Harfenmädchen und mir wurde ſogleich klar, daß irgend ein Unglück ſie veranlaßt haben müſſe, mit dieſen Leuten in Berührung zu treten. Ich gelobte mir, Alles aufzubieten, dieſem Mißverhältniß entgegen zu arbeiten, und ich bin jetzt hier, um Ihnen meinen Bei⸗ ſtand anzutragen, falls Sie deſſelben bedürfen ſollten“, ſprach Arthur mit Würde. „Und Sie haben meine Tochter nicht weiter geſehen und geſprochen?“ fragte die alte Frau, noch immer nicht beruhigt. 16 „Ich wechſelte einige Worte mit ihr im Gaſthofe, und als ſich die Geſellſchaft entfernte, folgte ich unge⸗ ſehen von weitem, um mich zu überzeugen, wo die junge Dame bleibe. Hierbei gewahrte ich, daß Ihre Tochter auf dem Wege die übrigen Menſchen floh, und dies beſtärkte mich noch mehr in meinem Vorſatze, ſie aus der Nähe vou Leuten zu bringen, deren morali⸗ ſcher Werth ſehr zweifelhaft iſt.“ „Mein Herr, ich glaube, daß man in jeder Stellung ſeine Ehre wahren kann“ antwortete die kranke Frau mit einiger Bitterkeit. „Das bezweifle ich nicht, aber gewöhnlich wird nach dem Schein geurtheilt, und glauben Sie mir, die andern Harfenmädchen beſitzen nicht den beſten Ruf“, ſprach Arthur mit Wärme. „O mein Gott, es iſt wahr!“ ſtöhnte die Leidende. „Aber glauben Sie mir, die äußerſte Noth hat uns dazu getrieben, einen Schritt zu unternehmen, der uns in andern Verhältniſſen fern geblieben wäre“ ſetzte ſie traurig hinzu. „Ich bin von Ihrer Ehrenhaftigkeit überzeugt, ver⸗ ehrte Frau. Das Benehmen Ihrer Tochter hat mir voll⸗ kommen geſagt, welche Ueberwindung es ſie koſtete, die geſtern geſpielte Rolle zu übernehmen, und eben des⸗ halb bin ich hier, um Ihnen hülfreich an die Hand ——————— e ————— 17 zu gehen. Weiſen Sie mein Anerbieten nicht kalt zurück, es wird Ihnen ohne alle ſelbſtſüchtigen Abſichten ge⸗ macht“, verſicherte Arthur. „Unmöglich können wir die Hülfe eines fremden jungen Mannes in Anſpruch nehmen, ohne unſern gu⸗ ten Ruf zu gefährden, die Ehre meiner Tochter in Frage zu ſtellen“ entgegnete Frau Baude.„Sie ſcheinen ein redlich geſinnter und gütiger Herr zu ſein, aber den⸗ noch bin ich genöthigt, jedes freundliche Anerbieten Ihrerſeits dankend zurückzuweiſen. Sie werden die BGründe dafür ohne weitere Erklärung ermeſſen können“, entgegnete Frau Baude. Arthur war in Verlegenheit. Emilie blickte ſchüch⸗ tern zur Erde, ohne auch nur ein Wort zu ſprechen, und ihre Mutter hielt ihn gewiß für einen Abenteurer, der unter dem Deckmantel der Menſchenfreundlichkeit junge Mädchen zu verführen ſuchte.„Wenn Sie jede Hülfe ſeitens eines Ihnen Fremden zurückweiſen“ be⸗ gann er nach einer ziemlichen Pauſe,„ſo geſtatten Sie mir wenigſtens, daß ich Ihnen einen wohlge⸗ meinten Rath ertheile: Laſſen Sie Ihre Tochter zum Theater übergehen, ihre Erſcheinung ſichert ihr gewiß eine vortheilhafte Aufnahme; ſie hat meinem Ermeſſen nach eine gute Bildung genoſſen und wird jedenfalls das Publikum entzücken. Dann aber iſt ihre Stellung Steffens, Ein Wechſel. II. 2 18 als Schauſpielerin doch immer eine ungleich vortheil⸗ haftere als die gegenwärtige.“ „Wir haben daran ſchon gedacht. Emilie fühlte mehr Beruf für die Bühne als für ihre jetzige Be⸗ ſchäftigung; aber der Theaterdirector wies ſie zurück, er hat keinen Mangel an Schauſpielerinnen“, antwor⸗ tete die Mutter. „Und ich gebe Ihnen mein Wort, daß er ſich ſofort bereit finden wird, Fräulein Emilie noch heute zu engagiren, wenn ich und einige meiner höher geſtellten Bekannten uns für ſie verwenden. Erlauben Sie, daß ich dies thue?“ ſprach Arthur. In Emiliens Antlitz ſpiegelte ſich jetzt ein Schein des reinſten Glücks ab, ſie lächelte dem Baumeiſter ſo freundlich zu, daß dieſer nicht daran zweifeln konnte, ſie ſehne nichts mehr herbei als ein Engagement für die Bühne. Obgleich ihn dieſe Einſicht nicht ſonderlich erfreute, da er viel lieber geſehen, wenn das ſchöne Mädchen Wohlbehagen an einem ſtillen, häuslichen Be⸗ ruf geäußert hätte, ſo ſagte er ſich doch, daß ſie als Schauſpielerin immer beſſer daran, mehr vor dem Ver⸗ ſinken in ein laſterhaftes Leben geſichert ſei wie eine Harfeniſtin, und die Verbeſſerung ihrer Lage wollte er ja nur herbeiführen. „Mir kommt Ihre Theilnahme für mein Kind ſo 19 unerwartet, Herr Baumeiſter, daß ich wirklich nicht weiß, was ich Ihnen entgegnen ſoll“, antwortete die Mutter.„Emilie iſt brav und gut erzogen, denn wir waren nicht immer in ſolcher traurigen Lage wie jetzt; ich möchte ſie lieber todt als ohne Ehre wiſſen. Deshalb verzeihen Sie mir, wenn ich frage, woher Ihr Intereſſe für meine Tochter kommt.“ „Ich habe Ihnen bereits geſagt, daß ich mich durch die Unſchuld in dem Weſen Ihrer Tochter an⸗ gezogen fühlte, und daß ich beſchloſſen, ſie aus ihrer gegenwärtigen Stellung zu befreien. Finden Sie dies unnatürlich, ſo habe ich nichts mehr zu erwidern“, ſprach Arthur, ein wenig ungeduldig werdend. „Nein, gewiß nicht, ich ehre die Menſchenliebe ſehr, aber Sie vérzeihen mir wohl gütigſt meine Bedenken; ich bin im Leben oft auf arge Enttäuſchungen geſtoßen, daher dieſe Scrupel. Herzlich gern erbitte ich Ihre gütige Verwendung für meine Tochter, wenn Sie es redlich meinen, woran ich jetzt nicht mehr zweifle. Und damit Sie wiſſen, auf welche Weiſe wir in die Lage gekommen ſind, in der Sie uns treffen, ſo erlauben Sie mir wohl, daß ich Ihnen in aller Kürze eine Ueberſicht meiner letzten Erlebniſſe gebe.“ Arthur wußte nichts zu entgegnen, das ganze Be⸗ nehmen der kranken Dame imponirte ihm, er begriff 2* — 20 ſelber nicht, wie er es habe wagen können, als Protector ihr gegenüber zu treten. Die Kranke begann ihre Erzählung:„Mein Mann war bis vor einem Jahre Steuereinnehmer in der Kreisſtadt Z. und hatte als ſolcher ein Einkommen, von dem wir recht anſtändig lebten. Ein Sohn, der bereits die Univerſität bezogen hatte, und dieſe Toch⸗ ter machten das Glück unſeres Familienlebens vollſtän⸗ dig. Wir wandten Alles an die Ausbildung der Kinder und ernteten dafür die Ueberzeugung, dieſe dereinſt wohlverſorgt und in den beſten Verhältniſſen zu ſehen. Da mit einem Male wurde ich gewahr, daß mein Gatte oft erſt ſpät in der Nacht von ſeinen gewöhn⸗ lichen Beſuchen einer Abendgeſellſchaft heimkehrte. Er erſchien mir zerſtreut und von einer geheimen Unruhe geplagt. Ich machte ihm Vorſtellungen, konnte aber die Urſache ſeiner ſteten Aufregung nicht ergründen. Eines Morgens fand ich ihn in ſeinem Arbeitszimmer als Leiche, er hatte ſich ſelber das Leben genommen und hinterließ einen Kaſſendefect von einigen tauſend Tha⸗ lern, die er in kurzer Zeit im Spiel an einen Frem⸗ den verloren. Noch heute iſt es mir unbegreiflich, wie der ſtets ſo redlich geſinnte Mann ſich der Leidenſchaft des Spiels in die Arme werfen konnte, und ſicherlich hätte ich ihn gerettet, wenn ich nur eine Ahnung a 2 von ſeinem nächtlichen Treiben außer dem Hauſe ge⸗ habt. Das Manco in der Kaſſe hatte zur Folge, daß uns Alles genommen und gerichtlich verkauft wurde; wir ſtanden verachtet, hülflos und von allen Freunden verlaſſen da und zogen hierher, um uns von unſerer Hände Arbeit zu ernähren. Anfangs ging dies recht gut, obgleich wir nicht an anſtrengende Thätigkeit ge⸗ wöhnt waren. Doch unſer Unglück ſollte erſt vollſtändig werden. Mein Sohn kam, an einem Bruſtübel leidend, von der Univerſität zurück und ſtarb nach einem dreimonatlichen Krankenlager in meinen Armen, nachdem wir das Letzte geopfert, um ſein Leiden zu lindern. Wenige Monate ruhte er im Grabe, als ich zu ſiechen begann und ar⸗ beitsunfähig wurde. Nun lag die ganze Sorge für unſern Unterhalt auf Emilie. Sie war Tag und Nacht unermüdlich thätig, aber meine Krankheit machte manche größere Ausgabe erforderlich, die Näherei und andere weibliche Handarbeiten trugen ſo wenig ein, daß wir endlich zu der Einſicht kamen, es ſei unmöglich, in der bisherigen Weiſe den Unterhalt zu erſchwingen. Emilie bemühte ſich um ein Engagement beim Thea⸗ ter, wurde aber abgewieſen. Sie hatte früher in beſ⸗ ſern Tagen ſich einige Kenntniſſe in der Muſik erwor⸗ 22 ben und wollte dieſelben nun durch das Ertheilen von Unterricht verwerthen, aber auch hierin war ſie nicht glücklich, und ſo entſchloß ſie ſich denn, durch eine Nachbarin darauf hingewieſen, als Harfenſpielerin auf⸗ zutreten. Geſtern hatte ſie zum erſten Male ſich öffentlich gezeigt, und wenn ſie auch bei der Rückkunft heiße Thränen geweint, ſo konnte ſie ſich doch nicht entſchlie⸗ ßen, ohne weiteres dieſen Erwerbszweig aufzugeben, da er uns die nöthigen Mittel zur Friſtung des Lebens zu bieten ſchien.“ Jetzt ſchwieg Frau Baude und blickte voll inniger Zärtlichkeit zu ihrer Tochter hinüber, die das Auge zu Boden geſenkt hatte. „Ich beklage von ganzem Herzen Ihr hartes Ge⸗ ſchick und wünſche nur, daß es mir vergönnt ſei, ein wenig zur Linderung deſſelben beizutragen“ ſprach Ar⸗ thur gefühlvoll. „Wenn Emilie durch Ihre Vermittlung ein Enga⸗ gement für die Bühne erhält, ſo ſind unſere kühnſten Hoffnungen erfüllt; ich weiß, ſie wird im Stande ſein, ſich als Schauſpielerin einige Anerkennung zu erwerben. Ihre Gage, mag dieſelbe auch noch ſo klein ſein, muß ausreichen für unſere geringen Lebensbedürfniſſe, und ſie behält Zeit, ſich während des Tages etwas mit mir 23 zu beſchäftigen, ſolange ich krank bin. Dann aber hegt Emilie ſchon ſeit lange den ſehnſüchtigen Wunſch, ſich für die Bühne auszubilden, und dieſer fände ſomit Befriedigung.“ „Haben Sie keinen Arzt?“ fragte Arthur weiter. „Nein, bis jetzt nicht, wir ſchulden noch zum Theil die Koſten für die Behandlung meines Sohnes und konnten deshalb nicht gut verlangen, daß ſich der Doe⸗ tor zu uns bemühe, ehe der alte Betrag vollſtändig berichtigt iſt.“ „Welcher Arzt behandelte den Verſtorbenen?“ „Der Doctor Grieſe.“ Arthur ergriff ſeinen Hut, reichte der Frau Baude die Hand und ſprach mit Wärme:„Ich werde mein Verſprechen halten, da ich nichts weiter thun kann, ohne Ihrem Zartgefühl zu nahe zu treten. Mögen Sie ſich recht bald wieder der beſten Geſundheit er⸗ freuen.“ Hierauf grüßte er Emilie ehrerbietig zum Abſchiede und eilte hinaus auf die Straße. Mutter und Tochter umarmten ſich, ſie hatten neue Hoffnung für das Leben gefaßt. „O wie danke ich Dir, daß Du trotz unſerer gro⸗ ßen Armuth das Gräßliche der Noth, die uns umgibt, dem Herrn zu verbergen wußteſt“ ſprach Emilie unter 24 Thränen.„Ich will gern arbeiten, bis ich umſinke, nur kein Almoſen von einem Herrn annehmen.“ Einige Minuten hielt die Mutter ihr Kind umfan⸗ gen, dann fragte ſie ſchüchtern:„Emilie, was haſt Du zu eſſen? Es iſt wohl gegen Mittag, ich ſpüre einen regen Appetit.“ Emilie erbleichte.„Für mich ſind einige Kartoffeln zu Mittag da, und Dir wollte ich eine ſtärkende Suppe kochen. Vergib mir, daß ich nicht früher daran gedacht habe; Du wirſt noch ein Viertelſtündchen warten müſ⸗ ſen“ entgegnete die gute Tochter troſtlos. „So ſchlimm, wie Du denkſt, ſteht es nicht mit meinem Hunger; ich wollte Dich nur erinnern, das Mehl zu beſorgen“, ſprach Frau Baude, ein Lächeln erzwingend. Emilie eilte in die Küche und begann mit großer Haſt die verſprochene Suppe für die Mutter zu kochen; an ſich dachte ſie nicht, ſie verſpürte keinen Appetit. Die Ausſicht, ohne jede Erniedrigung eine Erwerbs⸗ quelle zu erhalten, aus der ſie die Mittel zur Linderung der Noth ſchöpfen konnte, nahm ihr ganzes Sein voll⸗ ſtändig in Anſpruch. Eben waren die beiden Frauen im Begriff, ihr kärgliches Mahl einzunehmen, als es abermals an die Thür klopfte und der Doctor Grieſe eintrat. 25 „Ich muß einmal nachſehen, wie es mit Ihnen ſteht, Frau Baude“, ſprach der Arzt, ein noch junger, freundlicher Mann.„Eben hörte ich hier in der Nach⸗ barſchaft, daß Sie leidend ſeien.“ Frau Baude erröthete und fragte:„Hat Sie Niemand aufgefordert, Herr Doctor, hierher zu ge⸗ hen?“ „Nein. Haben Sie denn nicht nach mir geſchickt?“ rief der Arzt, verwundert ſcheinend. „Das nicht, aber ich glaubte, daß ein Menſchen⸗ freund Sie veranlaßt habe, zu mir zu kommen.“ „Es wurde bei einem meiner Patienten von Ihnen geſprochen, ich weiß nicht gleich, bei welchem, und dar⸗ auf bin ich gekommen.“ Der Doctor unterſuchte die Leidende und ſprach dann weiter:„Ihnen fehlt namentlich eine ordentliche Pflege. Schicken Sie in einer halben Stunde nach der Hofapotheke und laſſen Sie dort die Medicin holen, die ich verſchreiben werde. Fürchten Sie keine große Rech⸗ nung; ich weiß, Sie ſind eine brave Frau, die gern zahlt, wenn ſie dazu im Stande iſt, hiernach werde ich meine Hülfeleiſtung einzurichten wiſſen.“ Und der Arzt entfernte ſich mit dem Verſprechen, bald wiederzukommen. „Das hat der Baumeiſter veranlaßt!“ riefen Mutter 26 und Tochter zu gleicher Zeit, als ſie ſich allein befan⸗ den.„Er muß ein edler Menſch ſein.“ Arthur hatte in der That den Arzt angenommen. Er wußte aus Erfahrung, was Sorgen um das täg⸗ liche Brod zu bedeuten hatten; war doch auch er einſt in der Lage geweſen, ſich mit Aufbietung aller Kräfte den nöthigſten Unterhalt zu erwerben. Sein Herz war von inniger Liebe zur Menſchheit erfüllt, das Weh, das in ſeiner Bruſt wohnte, machte ihn nur noch empfäng⸗ licher für das Mitempfinden fremder Leiden, deshalb war es jetzt ſein eifriges Beſtreben, zwei unverdient unglückliche Menſchen aus ihrer Noth zu reißen. In aller Stille begab ſich der Baumeiſter zu einem hochgeſtellten Bekannten und theilte dieſem unter dem Siegel der Verſchwiegenheit die Lage der Frau Baude und ihrer Tochter mit, ihn bittend, ſich ſogleich bei dem Director des Theaters für die Auf⸗ nahme der letztern unter Schauſpielerperſonal zu verwenden. Nach einigem Hin⸗ und Herreden machten ſich die beiden Männer zu dem Director auf den Weg. Arthur war dem letztern bekannt, da er ſtets ein eifriger Be⸗ ſucher des Theaters geweſen. Die Verwendung erzeugte eine andere Beurtheilung der jungen Dame bei dem Director, er fühlte ſich geſchmeichelt durch den Beſuch 27 der Beamten und verſprach, noch an demſelben Tage einen für Emilie Baude ſehr günſtigen Vertrag mit ihr abzuſchließen und, falls ſie Talent für die Kunſt zeige, ihr alle nur möglichen Vortheile angedeihen zu laſſen. Natürlich brachte der Baumeiſter bei dieſer Gelegen⸗ heit einige nicht unbedeutende Opfer, aber als er nun ſeine Wohnung aufſuchte, da erfüllte ihn ein ſchöner, erhebender Gedanke: er war der Wohlthäter einer un⸗ glücklichen Frau und eines Mädchens geworden, das in ſeiner Achtung ſehr hoch ſtand und die verkörperte Geſtalt eines Engels beſaß. Der Theaterdirector erfüllte ſein Verſprechen; noch an demſelben Tage ſuchte er Emilie Baude auf, führte mit ihr ein längeres Geſpräch und überzeugte ſich, daß ihre Bildung zu der Annahme berechtige, ſie werde den an ſie zu ſtellenden Anforderungen vollſtändig genügen können. Ihre Erſcheinung mußte bezaubern, und wenn ihr Talent für die Bühne einigermaßen mit dieſer im Einklang ſtand, ſo durfte er ſich Glück zu der Ver⸗ mehrung ſeines Perſonals wünſchen. Die Anerbietungen, welche der Director Emilie machte, überraſchten ſowohl dieſe wie ihre Mutter; der Gedanke tauchte wohl in ihnen auf, daß der Bau⸗ meiſter mehr gethan habe, als nur einige Worte für 28 ſie verloren; aber ſie konnten ſeine Menſchenfreundlich⸗ keit nur ſchweigend hinnehmen. Emilie erhielt einen Vorſchuß auf die ihr zu ge⸗ währende Gage ausgezahlt, der für ihre vorläufigen Bedürfniſſe ausreichte; ſie ſollte ſchon in den nächſten Tagen debütiren und mußte daher nun eifrig an das Einſtudiren der ihr zugetheilten Rolle gehen. Es war keine Hauptrolle, die Emilie übernahm, aber ſie verlangte dennoch eine bedeutende Aufmerkſam⸗ keit und erſchien namentlich als eine ſehr dankbare. Bei einigermaßen gutem Vortrage mußte Emilie das Wohlwollen des Publikums erringen, und dies war der Wunſch des Directors, denn Arthur und der Begleiter deſſelben hatten das ungetheilte Intereſſe des alten Künſtlers für ihren Schützling zu erwecken gewußt. Die Freude über das Glück ihrer Tochter mochte ſehr wohlthuend auf die Frau Baude wirken, denn ſie erhielt nach langen und ſchweren Prüfungen einen hei⸗ tern Sonnenblick der Freude, indem ſie ſich die Zu⸗ kunft Emiliens als eine geſicherte und vielleicht gar glänzende ausmalte. Jedenfalls aber thaten auch die wiederholten Beſuche des freundlichen Arztes und die nunmehr begonnene beſſere Lebensweiſe das Ihre, die Kranke ſchnell ihrer Geneſung entgegenzuführen. Sie konnte bald wieder ſelber thätig ſein, dem jungen Mäd⸗ 29 chen blieb ebenfalls manche freie Stunde, in der ſie vor wie nach Handarbeiten verrichtete, und ſo ſahen ſich denn die Frauen vor Nahrungsſorgen geſchützt. Oft dachte Emilie wohl im Stillen an die Urſache der Aenderung ihrer Lage. Jener ſchreckliche Abend im Hotel, an dem ſie von einigen Herren wie das ge⸗ ſunkenſte Geſchöpf behandelt worden, tauchte in ihrem Gedächtniſſe auf, aber die Erſcheinung Arthur's ver⸗ wiſchte jede kränkende Erinnerung. Er war ihr retten⸗ der Engel geworden, ſie blickte zu ihm auf wie zu einem höhern Weſen, ſein freundlicher Ernſt, das ganze Auftreten des früh gereiften Mannes erſchien ihr ſo vollſtändig anders wie das Weſen der übrigen Men⸗ ſchen, daß ſie nur voll der höchſten Verehrung an ihn denken konnte. Sie würde ihr Leben willig auf einen Wink von ihm hingegeben haben, ſo unfehlbar dünkte ihr ſein Wollen und Handeln. Bei dem Einſtudiren der Rolle und den Proben dachte ſie nur an ſeinen Beifall oder Tadel, ihn glaubte ſie zu verletzen und ſeinen Unwillen zu erregen, wenn ſie einen Fehler be⸗ ging, und ebenſo baute ſie auf ſein Lob, wenn kein Stocken, kein ſchülerhaftes Auftreten ihren Vortrag be⸗ zeichnete; die Hoffnung auf das Erringen ſeines Wohl⸗ wollens ſpornte ſie unaufhörlich an, Alles aufzubieten, die erſte Probe gut zu beſtehen. 30 Mit einer gewiſſen Befriedigung ſahen Mutter und Tochter, daß der Baumeiſter ſeinen Beſuch nicht wiederholte; ſie hatten alſo nicht zu befürchten, durch ihn das Geſpötte und die Verachtung der klatſchſüch⸗ tigen Nachbarſchaft zu erregen; er mußte ein edler, hochherziger Menſch ſein, der nur ihre Noth hatte li⸗ dern wollen. Zweites Kapitel. Der Communicationsweg, welcher von Alſenſtein über Hünenburg nach Buchberg führte, hatte auf dem Grund und Boden des Majors Soren theils durch einige Regentage, theils durch einen ununterbrochenen Transport von Baumaterial nach einem Vorwerk des letztern ſehr gelitten. Das Geleiſe war ſo vollſtändig ausgefahren und ſtellenweiſe mit Waſſer angefüllt, daß die Paſſage aufs höchſte erſchwert wurde. Der Major Soren war weit und breit als einer der ordnungsliebendſten Menſchen bekannt, er wußte nichts von dieſer Vernachläſſigung auf ſeinem Grund und Boden und der Gutsverwalter beabſichtigte mit der Wegebeſſerung erſt vorzugehen, wenn beſſeres Wetter eingetreten ſei. 32 Unglücklicherweiſe unternahm Frau von Wüſtenbrink in dieſer Zeit eine Reiſe nach Buchberg. Ihr leichtes Geſpann, von einem erfahrenen Kutſcher gelenkt, flog mit Windeseile dahin, bis die Räder des Wagens auf eine tief ausgefahrene Stelle kamen. Es erfolgte ein heftiger Stoß, Frau von Wüſtenbrink wurde von ihrem Sitze emporgeſchleudert, eine Axe des Wagens war gebrochen. Sonſt lief der Vorfall ohne jeden weitern Schaden ab. Die Frau Generalin mußte eine Strecke zu Fuß wandern und entſchloß ſich, die beabſichtigte Reiſe auf⸗ zugeben. „Wer hat den Weg in gutem Stande zu erhalten?“ fragte ſie im heftigen Zorn über den erlittenen Unfall. „Der Major Soren, Beſitzer des Gutes Hünenburg, gnädige Frau“, erwiderte mit unterthäniger Geberde der Kutſcher. „Major Soren!“ rief im Ton der höchſten Beſtür⸗ zung die Generalin.„Hat der Major Kinder?“ ſetzte ſie fragend hinzu. „Drei Söhne und eine Tochter“ war die ergebene Antwort. „Iſt einer der Söhne früher Offizier geweſen und jetzt Baumeiſter?“ ————————— 33 „Das iſt der Jüngſte der Familie, gnädige Frau“, entgegnete der Kutſcher. Frau von Wüſtenbrink befand ſich jetzt in einer noch größern Aufregung als bei dem Umſturz des Wagens, ihr Vorſatz ſtand feſt, dem Vater des Baumeiſters einen empfindlichen Streich zu ſpielen und ſo jede etwaige Annä⸗ herung zwiſchen demſelben und ihrem Gemahl zu verhüten. Kaum war ſie auf ihrem Gute wieder angelangt, als ſie den Rechnungsführer herbeirufen ließ, den er⸗ littenen Unfall in den grellſten Farben ſchilderte und ihn veranlaßte, ſofort an das Landrathsamt zu Buch⸗ berg zu ſchreiben und den Weg dorthin auf dem Hü⸗ nenburger Grund und Boden als unpaſſirbar zu ſchildern. Der Beamte ſäumte nicht, den Wünſchen der Her⸗ rin nachzukommen, er vergrößerte in ſeinem Schreiben noch den Unfall der Frau Generalin und gab dem Antrag auf Beſſerung des Weges beinahe den Cha⸗ rakter einer förmlichen Denunciation. Infolge dieſer Beſchwerde beeilte ſich die Polizei⸗ behörde, einen Unterbeamten mit Feſtſtellung des That⸗ beſtandes zu beauftragen; dieſer erhielt einen ernſten Verweis, daß er ſich nicht beſſer um die Communi⸗ cationswege in ſeinem Bezirk kümmere, und begab ſich darauf erbittert zum Major Soren, ihm die Denun⸗ ciation vorlegend. Steffens, Ein Wechſel. II. 3 34 Der alte Soldat, der polizeiliche Maßregeln wie die Sünde haßte, gerieth über das Verfahren in maß⸗ loſen Zorn, ſah aber zu ſeinem noch größern Aerger ein, daß er ſich im Unrecht befand. Auf der Stelle traf er Anordnungen zur Beſeitigung des beregten Uebels, aber ſowohl er wie ſein ganzes Haus haßte von dieſem Tage an den neuen, noch unbekannten Grenznachbar, von dem ſie kaum den Namen er⸗ fahren. Wenige Tage ſpäter befand ſich Heinrich Soren mit dem Jäger des Guts auf der Jagd; ſie kamen der Grenze von Alſenſtein nahe und ſtellten ſich hier auf den Anſtand. Nicht lange befanden ſie ſich auf ihrem Poſten, als ſie unweit von ſich, doch auf dem Gebiet des Nachbars, Schüſſe knallen hörten. Ein Rehbock, verfolgt von zwei herrlichen Jagdhunden, ſprang an ihnen vorüber. Heinrich Soren gab dem Jäger einen Wink, kurz hinter einander knallten drei neue Schüſſe, das Reh und ſeine beiden Verfolger waren zu Boden geſtreckt. Die Jäger zogen das Reh in den Wald und ließen die Hunde liegen. Der alte General hatte ſich ſelber in Begleitung ſeines Förſters auf dem Anſtande befunden. Er ſah das Wild, von ſeinem Schuß leicht verwundet, dahin⸗ ſpringen, hörte die neuen Schüſſe und wartete geraume Zeit auf die Wiederankunft der Hunde, die gegen ſei⸗ nen Willen das Reh verfolgten. Die letztern erfreu⸗ ten ſich ſeit lange der beſondern Gunſt des alten Mannes, er hätſchelte ſie oft wie Kinder und hätte gewiß Hunderte von Thalern gezahlt, ehe er ſie verloren. Doch vergeblich harrte er auf eine Rückkehr der⸗ ſelben, der Jäger mußte ſich nach ihnen umſehen und brachte die Meldung, daß ſie beide nahe der Grenze erſchoſſen dalägen. Dieſe Mittheilung erfüllte den General mit der höchſten Wuth und einem Schmerz, als hätte er gute Menſchen durch den Tod verloren. Ungeſäumt ließ er Nachforſchungen anſtellen, wer die Thiere getödtet, und der Jäger brachte ihm die Gewißheit, daß der junge Soren und deſſen Förſter das Attentat verübt. Eine ſolche Handlungsweiſe erſchien dem greiſen Soldaten als eine Gemeinheit ohnegleichen, nament⸗ lich da er nicht wußte, wie ſeine Gattin den Zorn des Grenznachbars herausgefordert. Ohne langes Bedenken und ohne die Folgen zu berückſichtigen, beauftragte er ſeine Leute, auf jede nur mögliche Art noch rückſichts⸗ loſer gegen die Sorens zu verfahren, er fragte nicht mehr nach den Beziehungen derſelben zu dem Geliebten ſeiner Tochter, ſein Schmerz über den Verluſt der 3* „ 36 treuen Hunde, die er ſo ſehr geliebt, ließ ihn alles Andere vergeſſen. Infolge dieſes Auftrags kam es zwiſchen den Jägern der beiden Gutsbeſitzer nach einigen Tagen zu einem Handgemenge, an welchem ſich auch Heinrich So⸗ ren, wenngleich wider Willen, betheiligen mußte. Es gab blutige Köpfe und die Anſtrengung von gerichtlichen Unterſuchungen. Inzwiſchen hatte Alice in Erfahrung gebracht, daß die Feinde ihres Vaters eben die Verwandten des Baumeiſters ſeien, und ſuchte den gütigen Greis zur Nachgiebigkeit zu veranlaſſen; dieſer fühlte ſich aber zu ſehr gekränkt, zu maßlos erbittert, als daß er auf die Reden der Tochter hätte hören können, und ſeine Gat⸗ tin ſorgte wohlweislich für die Anſchürung des Grolls in dem Herzen des Generals. Diesmal bemühte ſie ſich nicht vergebens, denn der alte Herr wußte noch immer nicht, wer die erſte Veranlaſſung zu dem Zer⸗ würfniß gegeben. Alice fühlte ſich durch die Feindſchaft der Aeltern mit den Sorens aufs tiefſte niedergedrückt, aber ſie konnte nichts unternehmen, um die beiden Parteien verſöhnlicher zu ſtimmen; und nun das Gericht in An⸗ ſpruch genommen, war ein gütlicher Vergleich vollends unmöglich. Der General gerieth in Zorn, ſo oft die ——— 37 unangenehme Angelegenheit berührt wurde, er konnte den Verluſt ſeiner Hunde nicht verſchmerzen. Grund zu neuen Reibereien bot namentlich der be⸗ reits erwähnte See, der ſich über die Grenzen von Alſenſtein und Hünenburg hinzog. Die Fiſchereigerech⸗ tigkeit auf dem Gewäſſer ſtand nach alten Urkunden beiden Gütern zu gleichen Theilen zu. Nun war es natürlich, daß die Leute von Hünenburg ſich nicht hin⸗ aus wagen durften, ohne von den Alſenſteinern wört⸗ lich und thätlich angegriffen zu werden, und ebenſo umgekehrt. Der friedliebende General wurde bald ſo erbittert, daß er das ganze Gut verwünſchte und bedauerte, ſich in eine ſolche Nachbarſchaft begeben zu haben. Sein Unmuth wuchs von Tag zu Tage mehr, und doch hatte er noch kein Wort über den Wechſel des Wohnſitzes fallen laſſen, der wohl am leichteſten allen Unannehm⸗ lichkeiten hätte ein Ende machen können und von ſeiner Gattin lebhaft herbeigewünſcht wurde. „Es iſt nicht anders, der ſaubere Baumeiſter hat, ärgerlich über ſeine in Leipzig durch den Bruder erlit⸗ tene Niederlage, die Verwandten aufgereizt, uns, wie geſchehen, zu begegnen“ ſprach eines Tages die Frau von Wüſtenbrink zu ihrem Gemahl. „Dein Bruder hätte etwas mehr gute Sitte an den 38 Tag legen können, dann wäre der Baumeiſter nicht erzürnt worden“ erwiderte der General in gereiztem Ton. „Du biſt der Erſte, der meinem Bruder den Vor⸗ wurf ſchlechter Sitte macht; überall iſt er als einer der liebenswürdigſten Menſchen bekannt, doch freilich, ſich in die Sitten mancher Leute zu finden, iſt ſchwer und erlernt ſich nie“ rief die Generalin wegwerfend. „Und die Sitten anderer Menſchen zu ertragen, deren Gallſucht noch größer iſt als ihre Einfalt, wird oft zur Unmöglichkeit“, erwiderte der alte Herr auf⸗ ſtehend. „Ach, liebe Aeltern, laßt doch die böſe Angelegen⸗ heit ruhen, die ſchon ſo manches Unheil veranlaßt hat“ bat Alice.„Jedenfalls hat der Baumeiſter keinen Antheil an der Herausforderung, und wenn die Wege⸗ geſchichte nicht vorangegangen wäre, hätten die Sorens uns wohl nie ein Unrecht zugefügt.“ Frau von Wüſtenbrink erröthete bei den letzten Worten ihrer Tochter, während der General fragte: „Welche Wegegeſchichte?“ „Nun, Mama iſt doch auf dem Hünenburger Grund und Boden verunglückt, als ſie nach Buchberg reiſen wollte.“ „Aber wie kann dieſer Unfall den Zorn der Sorens herausgefordert haben?“ 39 „Der Sturz mit dem Wagen wohl nicht, aber die Denunciation bei dem Landrathsamte und die Folgen derſelben.“ Der General machte große Augen und fragte:„Kind, was redeſt Du da von Denunciation?“ Frau von Wüſtenbrink warf der Tochter einen ver⸗ nichtenden Blick zu, den dieſe jedoch nicht bemerkte; ſie rief lächelnd:„Haſt Du denn nichts von der Anzeige erfahren, Papa? Dann hat der Rechnungsführer auf eigene Hand operirt.“ „Nein, ich habe ihm den Auftrag ertheilt, den ſchlechten Zuſtand des Weges zur Anzeige zu bringen; aber woher weißt Du von der Sache?“ ſprach Alicens Mutter mit bebender Stimme. „Die Leute erzählten davon“, antwortete Alice gleichmüthig. Der General war vor ſeine Gemahlin hingetreten. In ſeinen Zügen ſpiegelte ſich ein drohendes Gewitter ab, heftig erregt brachte er die Worte hervor:„Wer gibt Dir das Recht, hinter meinem Rücken mit den Behörden in Gutsangelegenheiten zu correſpondiren?“ „Meine Stellung!“ entgegnete die ſtolze Frau kalt und wandte ſich der Thür zu. „Warte, Du ſollſt vor ähnlichen Handlungen ge⸗ ſichert bleiben“, rief ihr der General empört nach, dann 40 fragte er in ſanftem Ton:„Was weißt Du von der Denunciation, liebe Alice?“ Alice erzählte, was ſie zufällig von den Leuten im Dorfe gehört, die den Anfang des Zwiſtes in Hünen⸗ burg erfahren. Der General ließ den Rechnungsführer rufen, er⸗ theilte ihm eine ſtrenge Inſtruction in Betreff der Aus⸗ führung von Aufträgen und ſprach dann zu ſeiner Tochter:„Nnn iſt es mir wenigſtens erklärlich, weshalb, ich in der bisherigen Weiſe von den Nachbarn an⸗ gefeindet worden. Freilich das Todtſchießen meiner Hunde iſt ein ſo gemeines Bubenſtück, wie ich lange kein ähnliches erfahren, aber die Handlung hat doch eine Urſache, wenn auch keine die That beſchöni⸗ gende.“ „Und hältſt Du es nicht für beſſer, lieber Papa, Dich mit den Sorens zu verſtändigen? Dir würde da⸗ durch gewiß mancher Verdruß erſpart bleiben.“ „Das iſt nicht möglich, mein Kind! Einmal haben mich die Leute zu ſehr verletzt, als daß ich mich zur Nachgiebigkeit bereit zeigen dürfte, und ſie ſind wohl ebenſo erbittert wie ich; ſelbſt wenn ich mich zur An⸗ bahnung einer Verſtändigung verſtehen könnte, würde ich am Ende gar Hohn ernten. Deine Mutter hat wieder einmal ein ſchönes Werk vollbracht; ihrem Haß 41 gegen den Baumeiſter haben wir die ganze Angelegen⸗ heit zu danken.“ Alice hätte viel darum gegeben, den Vater verſöhn⸗ lich gegen die Sorens zu ſtimmen; oft berührte ſie den Gegenſtand von neuem, aber ſie überzeugte ſich immer mehr, daß in dieſem Falle ſeine Gutmüthigkeit durch die Leidenſchaft beſiegt ſei, er wollte Genugthuung für die ihm zugefügte Kränkung haben. So freundliche Geſinnungen er bisher auch gegen den Baumeiſter ge⸗ hegt, jetzt haßte er ſelbſt dieſen, nun er wußte, daß er ein Glied der Familie ſei, die ſeinen Zorn ſo furchtlos herausgefordert. Drittes Kapitel. Der Abend war endlich herangerückt, an welchem Emilie Baude zum erſten Mal als Schauſpielerin vor das Publikum treten ſollte. In den Proben hatte ſie gezeigt, daß ſie Talent und Liebe für ihren neuen Stand beſaß, und wenn ihr auch die Correctheit im Vortrage, ein Freiſein von jeder Beängſtigung fehlte, ſo hoffte der Director doch, daß ihre bezaubernde Er⸗ ſcheinung auf der Bühne jeden noch etwa bemerkbar werdenden Mangel verſchleiern werde, daß ihre unnach⸗ ahmlich ſanfte Stimme, das ganze Hineinleben in die Rolle das Publikum anziehen müſſe, und er baute zu⸗ gleich auf die Anſtrengungen der Gönner Emiliens, die hinzuwirken.* wohl vermochten, auf den guten Beſuch des Theaters ———— eeßt Seeeereee ————————— 43 Arthur war nicht unthätig geweſen. Er mußte ſeine Gedanken unabläſſig beſchäftigen, um den Schmerz zu betäuben, der ihn ſeit dem Scheiden von Alice er⸗ griffen, und er glaubte dies nicht beſſer zu kön⸗ nen, als wenn er durch ſein Wirken das Glück zweier vom Schickſal verfolgter Menſchen gründete, die allem Anſchein nach einer freundlichen Fürſorge bedurften und derſelben auch würdig waren. Er hatte mehre recht gute und angeſehene Freunde; dieſe zog er in ſein Intereſſe, ſie benutzten wieder ihre weitern Bekanntſchaften, um Theaterbeſucher für den Abend zu werben, an welchem Emilie auftreten ſollte, denn Arthur war ſehr beliebt bei denen, die ſeine Freundſchaft beſaßen. Jeder beeiferte ſich, ihm gefällig zu ſein, ohne daß die Menge ahnte, welcher Urſache ſie den reißenden Abgang der Theaterbillets zuzuſchreiben habe. Emilie wußte nichts von den weitern Bemühungen des Baumeiſters um ihr Wohl, ſie war ſo vollſtändig von den Gedanken, Hoffnungen und Befürchtungen in Anſpruch genommen, die auf ſie einſtürmten, wenn ſie ſich ihr Erſcheinen auf der Bühne ausmalte, daß ſie faſt keinen Augenblick zu andern Betrachtungen übrig behielt. Aber jedenfalls dachte ſie ſich den freundlichen jungen Mann unter den Zuſchauern, denn unwillkürlich 44 kam ihr zuweilen die Frage: Wird er zufrieden ſein? Sie hatte ihr Möglichſtes gethan, den an ſie ge⸗ ſtellten Anforderungen zu genügen; die ganze ihr über⸗ tragene Rolle wußte ſie auswendig, und wenn auch ein leiſes Zittern ihren Körper ergriff, ſobald ſie daran dachte, daß Hunderte von Augen auf ſie gerichtet wür⸗ den und daß ſie Hohn und Spott ernten könne, wenn ihre Kräfte nicht ausreichten, die übernommene Rolle auszufüllen, ſo bewahrte ſie doch eine gewiſſe Freudig⸗ keit in dem Bewußtſein, daß ſie andererſeits ſich nun die Bahn zu einer Selbſtſtändigkeit brechen könne, die ſie und die Mutter hinfort vor Noth bewahre. Das Theatergebäude war ſo gedrängt voll, als wenn eine der berühmteſten Künſtlerinnen auftreten ſollte. Arthur's Verwendungen erzeugten Wunderdinge; ſeine Freunde hatten ihre Verſprechungen redlich erfüllt, ſie waren ſämmtlich gegenwärtig und jeder hatte wie⸗ der einige andere Bekannte mitgezogen. Der Theaterdirector hatte ſeit lange nicht ein ſo verklärtes Geſicht gemacht als an dieſem Abend; er berechnete für ſich, daß, wenn es nur kurze Zeit ſo fortgehe, er ein glänzendes Geſchäft mache, und darauf hoffte er, denn der Baumeiſter hatte ihm derartige Verſprechungen gegeben und jetzt gezeigt, daß er iz ſelben zu halten im Stande ſei. 45 Der Vorhang rollte auf. Emilie ſtand auf den Bretern in reizender Toilette, ihr ſchönes Geſicht, die Grazie ihrer Geſtalt entzückten die Herren, noch ehe ſie ein Wort geſprochen hatte. Und als nun der Vortrag begann, da zitterte erſt ihre Stimme ein wenig, aber bald wurde ſie frei und feſt, wohlklingend und zum Herzen ſprechend drangen die Töne an die Ohren der Zuhörer; Emilie vertiefte ſich ſo in das Spiel, daß ſie völlig vergaß, wo ſie ſich befand, ihr Auge ſpiegelte das Glück und den Schmerz der Worte ab, die über ihre Lippen floſſen, ſie war bewunderungswürdig ſchön in ihrer Rolle. Der Vortrag befriedigte das geſammte Publikum. Ein Applaudiren ohne Ende erfolgte, als der Vor⸗ hang zum erſten Mal fiel, wozu natürlich Arthur und ſeine Freunde die erſte und größte Veranlaſſung gaben. Sie riſſen, wie dies gewöhnlich geſchieht, die übrigen Anweſenden mit fort. Emilie mußte wiederholt vor⸗ treten, ſie wurde die Königin des Abends. Arthur befand ſich in einer ſeltſamen Stimmung. Das junge Mädchen erſchien ihm nicht mehr wie eine Hülfsbedürftige. Er hatte kein Auge von ihr gewandt, ſolange ſie ſichtbar geweſen, und nun ſie verſchwun⸗ den, dünkte es ihm, als müſſe er zu ihr eilen und ſie beglückwünſchen. Aber er beherrſchte ſich, denn ſie mußte ja glauben, er wolle ihren Dank entgegennehmen, wenn er ſich nun zu ihr drängte. Der Abend verlief, wie er begonnen, Emilie erntete nur Beifallsbezeigungen, und als ſie die Breter ver⸗ laſſen und den Heimweg antreten wollte, da machte ihr der Director die ſchmeichelhafteſten Zuſicherungen und ſpornte ſie dadurch zu neuem Eifer an. Frau Baude's Zuſtand hatte ſich ſchon merklich ge⸗ beſſert. Sie empfing ihre Tochter mit einer heimlichen Angſt, aber als ſie nun in das verklärte Auge derſel⸗ pen blickte, da wußte ſie, daß ſie in ihren Erwartungen nicht getäuſcht worden. „Du biſt glücklich geweſen, mein Kind?“ fragte ſie im Tone der Ueberzeugung. „D Mutter, Du hätteſt zugegen ſein müſſen!“ rief Emilie jubelnd.„Sowie ich erſchien, erfolgte ſtürmi⸗ ſcher Beifall, und wenn ich mich zurückzog, erhielt ich nicht früher Ruhe, bis ich mich nochmals gezeigt. Der Baumeiſter war auch im Theater, er beobachtete mich ſcharf, aber er ſtimmte ſtets mit ein in den allgemei⸗ nen Beifallsruf. Der Director hat mir geſagt, daß er meine Gage erhöhen werde, wenn das ſo fortgehe; übermorgen muß ich ſchon wieder auftreten und ich erhalte künftig eine der erſten Rollen.“ Frau Baude fühlte das Glück ihres Kindes mit, 47 aber ermahnend ſprach ſie:„Laſſe Dich nicht durch das Lob hinreißen, das Du heute geerntet, liebe Emilie, das Publikum iſt ſehr wandelbar in ſeinen Meiunngen, und ich glaube, der Baumeiſter hat das Seine gethan, um Dein erſtes Auftreten zu begünſtigen.“ „Das iſt ganz ſicher; das Theater war ſo voll, daß wohl keine Perſon mehr Platz finden konnte; der Di⸗ rector meinte auch, ich hätte hochgeſtellte Gönner und ſollte mich ihrer Gunſt würdig zeigen. Ach wenn ich nur Gelegenheit erhielte, dem edelgeſinnten Baumeiſter meinen Dank auszuſprechen, er allein hat unſer Glück begründet.“ „Und doch iſt es beſſer, Du ſuchſt ihn zu meiden, meine Tochter. Wenn er wirklich nur Dein Wohl im Auge hat, wird er keinen Dank von Dir begehren, drängt er aber ſich künftig in Deine Nähe, dann muß ich bezweifeln, daß er aus reiner Menſchenliebe uns beigeſtanden.“ Emilie konnte ſich mit der Anſicht ihrer Mutter nicht recht einverſtanden erklären, aber ſie fühlte ſich auch außer Stande, ihr zu widerſprechen. Das Köpf⸗ chen voll eigener Gedanken, machte ſie ſich wieder an das Einſtudiren der neuen Rolle; ſie hatte nicht viel Zeit zu verlieren, da vor Aufführung des Stücks noch eine Probe zu beſtehen war. Arthur ſchlenderte nach Beendigung des Theaters im Kreiſe ſeiner Freunde einem Bierlokale zu. Die Unterhaltung der jungen Männer drehte ſich faſt nur um die neue Schauſpielerin, deren Erſcheinung ſie ſämmt⸗ lich bezaubert hatte. Alle waren ihres Lobes voll, jeder gelobte ſich im Stillen, die nähere Bekanntſchaft des reizenden Geſchöpfs zu ſuchen, das wie aus der Erde emporgetaucht war. Am wenigſten ſprach der Baumeiſter ſelbſt von Emilie, es war ihm ſogar un⸗ angenehm, die vielen Urtheile und Lobeserhebungen über ſie anhören zu müſſen; aber ſie war nun einmal vor die Oeffentlichkeit getreten, er hatte das Seine dazu beigetragen, ihren Namen ſchnell in das Publi⸗ kum zu bringen, er mußte es ſomit als ein Glück be⸗ trachten, wenn ſie das Glück erreichte, als eine Größe der Gegenwart gefeiert zu werden. Weit früher als ſeine Freunde begab ſich Arthur nach Hauſe. Während der Aufführung des Schauſpiels hatte er ſich befriedigt gefühlt, jetzt erfaßte ihn ein nicht zu verwindender Unmuth. Wider ſeinen Willen geſtund er ſich, daß Emilie ihm nicht gleichgültig ſei. Liebe wollte er das Gefühl nicht nennen, das ſich für ſie in ſeinem Herzen regte, aber jedenfalls war es eine innige Theilnahme. Hatte ſchon ihr erſtes Begegnen ihm ein reges Intereſſe abgenöthigt, das namentlich —————— ————— 49 durch ihre Schönheit und kindliche Unſchuld hervorge⸗ rufen worden, ſo ward dies bei ſeinem Beſuche noch ge⸗ waltig geſteigert. Alles in ihrem Benehmen ſagte ihm, daß ſie eins jener Weſen ſei, die, voll Herzensreinheit und Unſchuld, die ganze Menſchheit nach dem eigenen Werth bemeſſen und deshalb ſo leicht die bitterſten Enttäuſchungen erfahren. Emilie hatte eine Bahn be⸗ treten, die der Verführungen ſo manche bot, ſie be⸗ durfte einer kräftigen Stütze, wenn ſie ihren morali⸗ ſchen Werth bewahren und vor ſpätern Stunden der Reue und des Schmerzes geſichert ſein ſollte. Dieſe Stütze hätte er ihr werden mögen, aber er zagte auch wieder bei dem Gedanken daran. Mußte ſie nicht glauben, er fühle wahre und aufrichtige Liebe für ſie, wenn er ihr ferner nahe blieb und alle ihre Schritte überwachte? Ein Mädchenherz ahnt ja ſo gern in der Bruſt des Mannes Liebe für ſich, der ihr ſein Intereſſe zeigt. Und durfte er ſie je lieben? Alicens Bild ſtand noch rein und fleckenlos vor ſeiner Seele, das Andenken an ſie nahm alle ſeine zärtlichen Empfin⸗ dungen in Anſpruch, und wenn er auch nicht mehr im entfernteſten auf ihren dereinſtigen Beſitz hoffte, ſo hielt er ſich doch für unfähig, je wieder ſeine Liebe einem andern Mädchen zu ſchenken. Arthur war auf dem Punkte, ein großer Egoiſt zu werden, er wollte nicht Steffens, Ein Wechſel. II. 4 50 mehr lieben, aber es dünkte ihm entſetzlich, wenn Emilie durch einen Andern zur Erſchließung ihres Herzens veranlaßt werden ſollte. Das zweite Auftreten der jungen Schauſpielerin brachte ihr beinahe noch größere Triumphe wie das erſte. Ihre Bewegungen waren ſchon um Vieles ſicherer, die Blicke, die ſie zuweilen auf den Zuhörerraum richtete, zeugten von einem aufkeimenden Selbſtbe⸗ wußtſein, ihre Sprache wurde fließender und ſchmieg⸗ ſamer. Arthur gewahrte, daß ſich nach beendigter Vorſtel⸗ lung einige Herren um ſie ſchaarten und ihr Huldi⸗ gungen darzubringen ſuchten; ſie entzog ſich beſcheiden jeder weitern Annäherung und verſchwand in dem Garderobezimmer. Er trat allein den Heimweg an, die Geſellſchaft der Freunde war ihm zuwider. Merkwürdigerweiſe machte er einen großen Umweg, um an die eigene Wohnung zu kommen, und ging an der Emiliens vorüber. Ihr Stübchen war erleuchtet, folglich mußte Frau Baude auf die Rückkunft der Toch⸗ ter harren. Einen Augenblick blieb er ſtehen, dann wandte er ſich einer andern Straße zu, die faſt nach derſelben Richtung führte, aus der er kam. Nur wenige Schritte hatte er gemacht, da hörte er die Stimme Emiliens; ſie ſprach:„Nun danke ich recht ſehr, lieber Karl, ich bin dicht an unſerer Wohnung. Gute Nacht, Du Guter!“ Es folgte eine kurze Entgegnung, dann eilte Emilie auf den Baumeiſter zu. Dieſer war aufs neue ſtehen geblieben, als er die Stimme des jungen Mädchens gehört; jetzt ſchrak er zuſammen, aber es war zu ſpät, um zu entfliehen, das Licht einer Gasflamme an der Straßenecke beleuchtete ihn und Emilie befand ſich dicht neben ihm. „Guten Abend, mein Fräulein!“ ſprach er, augenblick⸗ lich gefaßt und den Hut ziehend. Die Schauſpielerin ſtutzte einen kurzen Moment, dann erwiderte ſie freundlich den Gruß und blickte Arthur voll an. „Sie ſcheinen verwundert, mich hier zu treffen, Fräulein; ich komme ſo eben aus dem Theater und war auf dem Wege nach meiner Wohnung. Da hörte ich plötzlich Ihre Stimme und blieb unwillkürlich ſtehen. Ich bitte um Verzeihung wegen der Störung“ ſagte der Baumeiſter und wollte ſich entfernen. „Ach, ich freue mich, Sie zu ſehen“ rief Emilie in herzlichem Ton.„Gewiß, ich ſehnte mich ſehr darnach, Sie nochmals zu ſprechen, um Ihnen meinen tiefge⸗ fühlten Dank für Ihre Bemühungen um mich abſtatten 4* 52 zu können. Sie haben mich und meine Mutter glücklich gemacht, Herr Baumeiſter!“ „Sind Sie denn jetzt wirklich glücklich?“ fragte Arthur. „So glücklich, wie ich es ſeit dem Tode meines Vaters nie geweſen“ antwortete das junge Mädchen mit Gefühl. Mein größter Wunſch iſt, daß Sie es ewig blei⸗ ben mögen, Fräulein. Wie ich mich überzeugt, werden Sie auf der betretenen Bahn ſchnell zu einem großen künſtleriſchen Ruf gelangen, und das iſt für Jeden ein Glück, der einigermaßen Ehrgeiz beſitzt; aber auch ein ſorgenfreies Leben winkt Ihnen, und das iſt viel werth. Und doch, fürchte ich, werden Ihnen auch kummervolle Stunden in Ihrer jetzigen Stellung nicht fern bleiben; vor dieſen kann kein Fremder Sie bewahren“ ſprach Arthur ein wenig erregt. „Ich verſtehe Sie nicht ganz, Herr Baumeiſter“, entgegnete Emilie befangen.„Wenn ich mit meiner Einführung in die künſtleriſche Laufbahn zufrieden ſein darf, ſo habe ich das faſt lediglich Ihrer Güte zu danken, darüber bin ich mit mir einig; aber Ihre letzten Worte waren mir nicht völlig klar.“ „Ich werde mir erlauben, mich deutlicher auszu⸗ ſprechen, wenn ich nicht befürchten muß, Ihren Unwil⸗ 53 len durch den Aufenthalt zu erregen, den ich veranlaſſe, Fräulein Emilie.“ „O nein, bitte, ſprechen Sie. Ich fühle ſo viel Hoch⸗ achtung für Sie, daß jedes Ihrer Worte mir unendlich viel werth iſt“ bat Emilie. „Erlauben Sie mir vorher eine Frage, Fräulein! Sie wurden bis an die Ecke begleitet, ich hörte Ihre Abſchiedsworte— war der Menſch, der Sie hierher führte, vom Theater?“ „Es war der vierzehnjährige Sohn des Directors“, antwortete Emilie mit einem ſchelmiſchen Lächeln. „Verzeihen Sie gütigſt meine Neugierde, Fräulein Emilie, die Frage geſchah in ihrem Intereſſe“ ſprach Arthur jetzt ungleich freundlicher als früher.„Es gibt viele Männer, die jede Dame vom Theater als eine Perſon betrachten, nach der ſie ungeſtraft ihre Netze auswerfen dürfen. Sie wenden ſo mancherlei Verfüh⸗ rungskünſte an, ein ſchuldloſes Herz zu berücken, daß es als ein Wunder gelten kann, wenn ein Mäbchen dieſen Verlockungen gegenüber immer ſtandhaft bleibt. Ich weiß es, auch Ihnen werden die verſchiedenſten Verſuchungen nicht fern bleiben, darum wollte ich Sie daran mahnen, ſtets auf Ihrer Hut zu ſein und nament⸗ lich nie einem Herrn zu geſtatten, Sie nach Hauſe zu führen. Halten Sie ſich ein Mädchen, das Sie ſtets — ——— 54 begleitet, und ſeien Sie verſichert, daß Sie hierdurch nur in Ihrem Rufe gewinnen können. Deuten Sie meine Worte nicht falſch. Ich bin vollſtändig von Ihrer Herzensreinheit und Ihrem moraliſchen Werth überzeugt, aber ich weiß auch, wie Mancher hier die kühnſten Er⸗ wartungen von dem Erringen Ihrer Zuneigung hegt. Deshalb hielt ich es für meine Pflicht, Sie auf die Kämpfe, die Ihnen bevorſtehen, vorzubereiten.“ „Ich danke Ihnen, Herr Baumeiſter. Seien Sie überzeugt, daß ich Ihrer Achtung werth bleiben werde“ entgegnete Emilie leiſe. Arthur verabſchiedete ſich mit einer Ehrerbietung von dem jungen Mädchen, als habe er eine Dame aus den erſten Ständen vor ſich. Emilie ſchritt langſam ihrer Wohnung zu. Als ſie die Thür hinter ſich zumachte, blickte ſie noch ein⸗ mal verſtohlen nach dem Baumeiſter aus. „Mutter, ich habe ihn eben geſprochen“ rief ſie freudig erregt, als ſie in ihre Wohnung trat. „Wen denn, mein Kind?“ fragte Frau Baude er⸗ ſtaunt. „Nun, den Baumeiſter! Ich traf ihn zufällig auf der Straße und da redete er mich an.“ „Und was ſagte er zu Dir, mein Kind?“ „Keine einzige Schmeichelei; er warnte mich nur vor den 55 Herren, die ſo gern die Stellung einer Schauſpielerin benutzen, um ſie in ihre Netze zu ziehen.“ „So wende dieſe Lehre auch auf den Baumeiſter an, mein Kind!“ „Aber, Mutter, was denkſt Du nur! Du biſt un⸗ dankbar gegen einen der edelſten Menſchen.“ „Bewahre mich Gott vor Undankbarkeit! Vielleicht thue ich dem Herrn Unrecht, aber ich finde Euer Zu⸗ ſammentreffen nicht ſchön, er hätte das Begegnen auf der Straße vermeiden können.“ Emilie ſah nicht ein, wie dies zu ermöglichen ge⸗ weſen. Arthur fühlte ſich nach dem Geſpräch mit der Schau⸗ ſpielerin um Vieles ruhiger als vorher. Er glaubte nicht mehr daran, daß Emilie in den Fehler ſo vieler junger Mädchen verfallen werde, die ſich durch Schmei⸗ cheleien und unverdiente Huldigungen blenden laſſen. Als er in ſeiner Wohnung anlangte, fand er einen Brief von ſeiner Mutter vor, in welchem ihn dieſe bat, recht bald wieder nach Hünenburg zu kommen; ſie theilte ihm die mancherlei Widerwärtigkeiten mit, die ihnen durch die neuen Grenznachbarn bereitet worden, wobei ſie auch den Namen und Stand der⸗ ſelben nannte. Welche verſchiedenartigen Empfindungen regte dieſ 50 Mittheilung in dem Baumeiſter an! Er betrachtete es als ein Verhängniß, daß die Familie von Wüſtenbrink ihren Wohnſitz in der Nähe ſeiner Verwandten genommen. Und nun das Zerwürfniß zwiſchen den Nachbarn; er kannte ſeinen Vater zu gut, um annehmen zu dürfen, daß er ſich leicht verſöhnlich zeigen werde, und der General hatte nach dem Briefe der Mutter Urſache zum Haß gegen ſeine Feinde, die ihn ſchwer gekränkt. Nach dieſem durfte er noch weniger als bisher hoffen, Alicens Hand je zu erreichen, er mußte annehmen, daß, wenn der General freundliche Geſinnungen gegen ihn gehegt, er den erſten Angriff gegen die Verwandten nicht gemacht haben würde. Von Alice ſchrieb die Mutter kein Wort und doch hätte er eine einzige Zeile über ſie mit einem Theil ſeines Lebens bezahlen mögen. Er ſah ſie wieder an ſeiner Seite, liebend und vertrauensvoll, ihren Schmerz, als der Oheim ihn beleidigte und er ſich verabſchiedete; das Weh einer unglücklichen Liebe erfaßte ihn von neuem mit ſeiner ganzen Stärke, er hätte hineilen mö⸗ gen nach Hünenburg, um von dort aus die Geliebte zu überwachen, ſich ihr verſtohlen zu nähern und ſie zu be⸗ ſchwören, ſein Bild treu im Herzen zu bewahren, bis eine Zeit komme, in der ſie keine Verwandten mehr zu trennen vermöchten. 57 Aber dann gedachte er wieder des Zerwürfniſſes zwiſchen den beiderſeitigen Vätern, der thätlichen An⸗ griffe, die unter den Leuten vorgefallen. Was durfte er erwarten, wenn er von dem General auf ſeinem Grund und Boden beim Umherſpähen nach ſeiner Toch⸗ ter ertappt wurde? Liebte ihn Alice noch? Wenn das der Fall war, warum wirkte ſie nicht auf Bei⸗ legung des Streits hin? Vielleicht hielt Sie ſich nicht einmal in der Nähe auf, ſondern weilte wieder bei Verwandten. Dies ſchien ihm natürlich. Er peinigte ſich lange mit mancherlei Vorſtellungen, bis ihn andere Angelegenheiten in Anſpruch nahmen und ihn zeitweiſe von dem nutzloſen Brüten abzogen. Zu ſeiner nicht geringen Freude ſah Arthur, daß Emilie Baude jede Annäherung der Herren, die ſich um ihre Gunſt bemühten, von ſich fern zu halten wußte. Sie trat jetzt in den meiſten Vorſtellungen auf, nahm täglich an Vervollkommnung zu und wurde im⸗ mer mehr der Liebling des Publikums. Mancherlei An⸗ erbieten gingen ihr zu, doch ſie nahm weder eine münd⸗ liche Beſtellung, noch Briefe aus der Stadt an, und der Theaterdirector unterſtützte ſie nach Kräften in dem Vorſatze, durch keinerlei Begünſtigung eines Mannes den Schein auf ſich zu laden, als gelte ihre Sittſamkeit weniger als die anderer Mädchen. 58 Arthur fehlte nie im Theater. Wenn er Enmilie in das Auge ſchaute, jede ihrer Bewegungen beobachtete und den zum Herzen dringenden Ton ihrer Stimme hörte, dann vergaß er zuweilen die Geliebte und träumte ſich in eine Zeit ſtiller Glückſeligkeit. Sehr unangenehm überraſchte den Baumeiſter die plötzliche Aufforderung, ſich unverweilt nach einer meh⸗ rere Meilen entfernt liegenden Stadt zu begeben, um daſelbſt einen erkrankten Bauinſpector zu vertreten. Arthur mochte über den Auftrag ergrimnt ſein, ſo viel er wollte, ihm blieb weiter nichts übrig, als ſich zu fügen. Ohne Emilie Baude noch einmal zu ſehen und zu ſprechen, reiſte er ab, hoffend, daß ſein Commiſſa⸗ rium in kurzer Zeit erledigt ſein werde. Er hatte ſich geirrt. Mehrere Wochen vergingen, der Kranke wollte nicht geneſen, und Arthur war in der neuen Stellung ſo mit Arbeiten überhäuft, daß er auch nicht einen einzigen Tag erübrigte, den er mög⸗ licherweiſe zu einer Beſuchsreiſe nach dem eigentlichen Stationsort hätte verwenden können. Inzwiſchen nahte das Weihnachtsfeſt. Arthur hatte den Aeltern das feſte Verſprechen gegeben, in dieſer Zeit einige Wochen bei ihnen zuzubringen. Lange kämpfte er mit ſich, ob er es wagen dürfe, um Urlaub nachzuſuchen, aber ſeine Kindespflicht und die Sehnſucht 1 59 nach den Lieben in der Heimat beſiegten alle Bedenken, er hielt um Urlaub an und erhielt denſelben auf vier Wochen, jedoch erſt ſo ſpät, daß ihm keine Zeit mehr übrig blieb, erſt nach E. zu reiſen, wenn er rechtzeitig in Hünenburg eintreffen wollte. Ohne daß ſein Schützling eine Ahnung von ſeinem Verbleiben hatte, machte er ſich zu den Aeltern auf den Weg, um in ihrer Nähe einige Wochen des reinſten Glücks zu verleben. Bielleicht hoffte er auch auf ein Begegnen mit Alice, denn wenn er ſich auch tauſend⸗ mal geſagt, daß ein Wiederſehen zwecklos und für ſie beide nur ſchmerzbringend ſei, ſo tauchten doch immer wieder heimliche Wünſche und Hoffnungen in ſeinem Herzen auf. Das Herz fragt ja nie nach Rückſichten, die der Verſtand fordert, es arbeitet ſo gern der kalten Vernunft entgegen. Viertes Kapitel. Jeden Abend, wenn Emilie auf der Bühne erſchie⸗ nen war, hatte ſich ihr Auge nur für einen ganz kur⸗ zen Moment verſtohlen der Logenreihe zugewendet und war nach einem ſekundenlangen Muſtern eines Platzes ſchnell wieder zu Boden geſenkt worden. Dann pochte ihr Herz ſtürmiſch, ihre roſigen Wangen nahmen eine etwas dunklere Färbung an, ſie befand ſich in einer höchſt glücklichen Stimmung und trug die Ge⸗ wißheit in ſich, daß ihr Auftreten ein vom Erfolge gekröntes ſein werde, denn ſie war begeiſtert durch die Gegenwart eines Menſchen, der all ihr Empfinden be⸗ herrſchte. Wer mochte dieſer Menſch ſein, der auf Emiliens Stimmung ſo vortheilhaft einzuwirken vermochte? ———— ————— cet e 61 Die junge Schauſpielerin hatte eine ſchwierige Rolle einſtudirt, in der Probe war ihr allſeitiger Beifall ge⸗ zollt worden, jetzt trat ſie vor das Publikum. Wie gewöhnlich ſchweifte ihr Blick nach der Loge hinüber, in welcher ſie ein bekanntes Geſicht zu ſehen gewohnt war. Auch jetzt ſchauten mehrere Perſonen daraus hernieder, doch ihre Erwartung mußte nicht verwirklicht ſein, ſie wurde unruhig, hob einige Male kurz hintereinander das Auge, um die Inhaber der ihr bekannten Loge zu muſtern, dann aber ergab ſie ſich ganz dem Spiel. Die von ihr vorgetragene Rolle be⸗ dingte eine ſentimentale Stimmung, und in dieſe war ſie mehr als zu ſehr durch das Ausbleiben eines ſonſt regelmäßigen Beſuchers des Schauſpiels verſetzt. Auch an dieſem Abend erntete ſie den vollen Bei⸗ fall des Publikums, ſtürmiſcher Applaus erſchallte von allen Seiten. Emilie fühlte ſich nicht erfreut dadurch, ſie hätte mögen allein in ihrem Stübchen weilen und ſich ſtillen Betrachtungen über den Aufenthalt des ver⸗ mißten Zuſchauers überlaſſen. Eine peinliche Unruhe beherrſchte nun das junge Mädchen bis zum nächſten Abend, an welchem ſie anf⸗ treten mußte. Wohl hundertmal ſagte ſie ſich:„Er iſt behindert geweſen und wird gewiß nächſtens um ſo pünktlicher erſcheinen.“ Aber ſo ganz mußte ſie doch 62 nicht von froher Zuverſicht erfüllt ſein, denn je näher der erſehnte Abend kam, deſto mehr wuchs ihre Ungeduld nach Gewißheit. Emilie konnte nicht die Zeit erwarten, bis der Vor⸗ hang aufrollte, ſie ließ unbeachtet ſchon früher ihre Blicke prüfend durch den ganzen weiten Raum des Theatergebäudes ſchweifen, aber weder in der Loge noch ſonſtwo war der Geſuchte zu entdecken. Dieſe Einſicht erfüllte ſie mit Angſt und Sorge. Sollte er aufgehört haben, ſich für ſie zu intereſſiren? war er krank und konnte deshalb nicht kommen? Solche Gedanken durchzogen den Kopf der Schauſpie⸗ erin, ſie war im Geiſte ganz mit dem Baumeiſter Soren beſchäftigt, als der Vorhang aufrollte und ſie ihre Rolle antreten mußte. In derſelben Weiſe floß eine Reihe von Abenden hin, Emilie hoffte noch immer auf die Wiederkehr des Baumeiſters und wußte nicht, daß er abgereiſt ſei. Ob es Liebe war, die ſie mit banger Beſorgniß und einem Anfluge von ſtiller Trauer erfüllte, ſeit ſie ihn nicht mehr ſah, wußte ſie wohl ſelber nicht; er war ſo herzensgut gegen ſie geweſen, hatte ſo viel Aufmerk⸗ ſamkeit und Güte für ſie an den Tag gelegt, wie hätte Hatte ſie vielleicht gar ſein Mißfallen erregt? Oder es da ſie nicht befremden und ihr Leid bereiten ſollen, leh0ecuh 63 nun er mit einem Male gänzlich verſchwunden war. Wäre es ihr nur vergönnt geweſen, ſich nach ihm zu erkundigen, die Urſache zu ermitteln, warum er ſie und das Theater meide; aber auch das konnte und durfte ſie nicht, es mußte lediglich ihm überlaſſen bleiben, ob er ihr je wieder nahe treten wollte. Inzwiſchen überzeugte ſich der Theaterdirector im⸗ mer mehr, daß Emilie Baude ein wahrhaft künſtleri⸗ ſches Talent beſitze; ſeine Vorſtellungen wurden, ſeit er ſie engagirt, ſtets zahlreich beſucht, ihr Auftreten feſſelte täglich mehr das geſammte Publikum. Dabei gewann ſie ſich durch ihr beſcheidenes Benehmen ſeine volle Zuneigung, er hatte ſie lieb wie eine Tochter und ließ ihr manche Vergünſtigung angedeihen, die er ſchwerlich einer Andern gewährt hätte. Einige Wochen vor Weihnachten wurde eine Bene⸗ fizvorſtellung für Emilie gegeben, bei welcher ſie die erſte Rolle übernehmen mußte. Wie allgemein erwartet wurde, war an dieſem Abend das Theater ſo ſehr beſucht, daß Mancher keinen Platz mehr erhielt. Emilie hatte beſtimmt gehofft, daß der Baumeiſter diesmal nicht fehlen werde, aber ſie mußte ſich aufs neue enttäuſcht ſehen, er ließ auch an dieſem Abend vergeblich auf ſich warten. 64 Trotzdem ſpielte ſie zum Entzücken und erhielt einen wahren Sturm von Beifallsbezeigungen, wenn auch in ihrem Herzen ein Gefühl von Nichtbefriedigung wohnte. Der Director ſtattete ihr nach beendigter Vorſtel⸗ lung in anerkennenden Worten ſeine Glückwünſche ab und ſprach unter Anderm:„Ich habe es lediglich dem Herrn Baumeiſter Soren zu danken, daß meinem Per⸗ ſonal eine Größe zugeführt worden, die viel zu lange in der Dunkelheit der Nichtbeachtung geblieben iſt. Schade, daß der Baumeiſter Ihre Triumphe nicht mehr mit⸗ feiern kann.“ Emilie erröthete bei dieſen Worten und fragte leiſe: „Iſt der Herr Soren fort von hier?“ „Schon längſt! Wiſſen Sie das nicht?“ „Nein, ich wunderte mich in letzter Zeit, ihn nicht mehr zu ſehen.“ „Er iſt, wie ich erfahren, Bauinſpector oder ſo etwas geworden, und da hat er wohl ſeine Freunde hier ver⸗ geſſen. Nun, das ſchadet nichts, ſeine Verwendung trägt ſchöne Früchte.“ Emilie empfand ein ſchmerzliches Gefühl, ihrer An⸗ ſicht nach hätte er ihr mindeſtens ein Lebewohl ſagen können. Aber er war allem Anſchein nach ein reicher und vielvermögender Mann; ſie, das arme Mädchen, das er aus ihrer Verlaſſenheit gezogen, durfte ſich nicht 65 beklagen, hatte er doch nur ein Werk der Menſchenliebe vollbringen wollen. Traurig ſuchte ſie ihre Wohnung auf. Sie lebte jetzt in recht guten Verhältniſſen, es fehlte ihr nicht an den nöthigen Mitteln, der nun wieder völlig hergeſtellten Mutter ein angenehmes und ſorgenfreies Loos zu bereiten, aber ganz glücklich war ſie dennoch nicht. Mit jedem neuen Tage, der nun kam, befeſtigte ſich in ihr die Ueberzeugung, daß Soren ſie gänzlich vergeſſen. In ihrer Erinnerung lebte er fort als ein edler, hochherziger Menſch, dem ſie zu ewiger Dankbar⸗ keit verpflichtet ſei. Das Weihnachtsfeſt war endlich herangekommen. Emilie hatte von dem Director ein werthvolles Ge⸗ ſchenk erhalten und war mit ihrer Mutter in die Fa⸗ milie deſſelben eingeladen. Hier ſah ſie zum erſten Mal den älteſten Sohn des Directors. Hugo Felge hatte, ſo ſehr auch der Vater früher in ihn gedrungen, keinen Sinn für das Schauſpieler⸗ leben gezeigt, ihn zog mehr ein ſtilles, aber thätiges Schaffen an. Er war Maler geworden, hatte ſich als ſolcher einen weitverbreiteten Ruf erworben und lebte nun in der Hauptſtadt in den glänzendſten Verhält⸗ niſſen. Hugo Felge war ein hübſcher junger Mann, Steffens, Ein Wechſel. II. 6 —ůů—— voll Geiſt und Lebensfriſche; ſchon manches Damenherz hätte er mit geringer Mühe erobern können, aber die Frauen hatten ihm bisher kein Intereſſe abzugewinnen vermocht, er war noch frei von jedem zärtlichen Bande. Als er Emilie Baude erblickte und von ſeinem Vater auf ihre Vorzüge aufmerkſam gemacht war, fiel ihm zum erſten Mal ein, daß er mit der Zeit doch auch daran denken könne, ſich nach einer Lebensgefährtin umzuſehen. Er beſchäftigte ſich viel mit dem ſchönen Schützling ſeines Vaters, ihr kindlich reines Weſen zog ihn mächtig an; je länger er in ihrer Geſellſchaft weilte, deſto mehr ſah er ein, daß er nicht länger ſäumen dürfe, eine Gattin heimzuführen, wenn er wahrhaft glücklich ſein wolle. Emilie hatte ſich bisher noch nie von einem jun⸗ gen Herrn mit ſo viel Achtung und Aufmerkſamkeit behandelt geſehen, wie von dem Maler; der Baumeiſter war allerdings ſehr freundlich gegen ſie geweſen und es würde ihm leicht geworden ſein, das Gefühl, das ſich bereits in ihrem Buſen für ihn zu regen begonnen, zur hellen Flamme anzufachen, aber ſein Auftreten hatte mehr den Charakter eines wohlwollenden Pro⸗ tectors gehabt, und als er ſich davon überzeugt, daß ſie ſeines Schutzes nicht mehr bedürfe, war er ihr fern geblieben, hatte ſie glauben laſſen, daß er nur Wohl⸗ —, —— 67 wollen für ſie empfunden. Hugo Felge ſcherzte und lachte mit ihr, er erzählte ſo allerliebſt und blickte ſie zuweilen mit ſolcher Innigkeit an, als wolle er ſagen, daß er ſich recht wohl und glücklich in ihrer Nähe fühle; zuweilen ſank ſeine Stimme bis zum leiſen Flü⸗ ſtern herab, wenn er ihr betheuerte, daß er noch kein ſo ſchönes Weihnachtsfeſt verlebt wie dieſes. Emilie empfand ein inniges Wohlbehagen in ſeiner Nähe, und als ſie ſpät abends den Heimweg antrat und Hugo ſeine Begleitung anbot, da hatte ſie die Mahnung des Baumeiſters vergeſſen, nie in Geſellſchaft von Herren nach Hauſe zu gehen. Aber in dieſem Falle konnte ſie auch ohne Scheu eine Ausnahme machen. Der junge Felge war ja der Sohn des Directors, ein höchſt liebenswürdiger Mann, dazu kam ſie nicht aus dem Theater und befand ſich in der Geſellſchaft ihrer Mutter. Deshalb nahm ſie denn auch ohnej Bedenken die Begleitung an und der Maler führte ſie nach ihrer Wohnung ſich öbald mit der Mutter, bald mit ihr unterhaltend. 68 Emilie fand dies ganz in der Ordnung, ſie wun⸗ derte ſich nur im geheimen, daß Felge ſeinen Beſuch bis zur Abreiſe verſchieben wollte. Am folgenden Abend mußte Emilie auf der Bühne erſcheinen. Hugo Felge hatte ſich unter das Schau⸗ ſpielerperſonal gedrängt und fand ſomit Gelegenheit, aufs neue eine Unterhaltung mit Emilie anzuknüpfen⸗ Dieſe war ſichtlich erfreut über die Aufmerkſamkeit, die der Maler ihr gegenüber an den Tag legte, ſie ſprach mit ihm über ihre Rolle, er zollte ihr ſeine Bewunde⸗ rung und fand immer mehr, daß ſie das reizendſte Geſchöpf auf der Welt ſei. Als das Theater beendet war und Emilie ſich zum Gehen anſchickte, befand ſich Hugo Felge an ihrer Seite und wanderte mit, ohne daß er nach der Erlaubniß fragte, ſie begleiten zu dürfen. Es blieb zu derartigen Erörterungen gar keine Zeit übrig, da ſie weit inter⸗ eſſantere Sachen zu verhandeln hatten. Emilie dachte nicht an die Mahnung Arthur's; Felge führte ſie über die Straße dahin, ihr Mädchen wanderte langſam hinterdrein. In ähnlicher Weiſe vergingen mehrere Tage. Hugo Felge wurde mit jedem neuen Abend liebevoller und zärtlicher gegen Emilie; dieſe fühlte an dem heftigen Pochen ihres Herzens, ſobald der Maler nahte, daß er S ——, 69 ihr die bis dahin bewahrte Ruhe geraubt. An den Baumeiſter dachte ſie nur noch wie an einen hochher⸗ zigen Wohlthäter, dem ſie ewige Dankbarkeit ſchulde. Es würde letzterem ein Leichtes geweſen ſein, ſie für immer an ſich zu feſſeln, er war aber abgereiſt, ohne ihr nur Lebewohl zu ſagen; ſie mußte deshalb anneh⸗ men, er betrachte ſie nur als ein Weſen, deſſen Stel⸗ lung zu untergeordnet ſei, als daß er beſondere ſociale Rückſichten ihr gegenüber zu nehmen habe. Der Sylveſterabend vereinigte Emilie Baude und Hugo Felge in einer größern Geſellſchaft, an der viele der Schauſpieler Theil genommen hatten. Der junge Maler wollte am Abend des folgenden Tages die Hei⸗ mat wieder verlaſſen, deshalb fühlte er ſich während der letzten Stunden, die er in Emiliens Nähe zubringen konnte, mehr denn je zu ihr hingezogen, er war be⸗ ſtändig um ſie. Auch Emilie ſchien der nahe Abſchied nicht gleich⸗ gültig zu ſein, ſie blickte Hugo zuweilen mit einer In⸗ nigkeit an, daß dieſem das Herz vor Freude und Ent⸗ zücken erbebte. „Fräulein Emilie, morgen komme ich, um Ihnen Lebewohl zu ſagen“, ſprach der Maler traurig, als er die junge Schauſpielerin nach Hauſe geleitete. „Können Sie Ihren Aufenthalt hierſelbſt nicht noch 70 um einige Tage verlängern?“ fragte Emilie in dem⸗ ſelben Ton. Meine Arbeiten mahnen mich zur Rückkehr nach„ Berlin und ſich habe das Verſprechen zurückgelaſſen, am zweiten Tag nach Neujahr dort wieder einzutreffen; aber, Fräulein Emilie, ich kann mich diesmal ſchwer von der Heimat trennen, bald wird es mich wieder herziehen; werden Sie ſich freuen, wenn ich wieder⸗ komme?“ 3 Das war eine unerwartete Frage. Emilie erröthete und hatte nicht gleich eine Antwort in Bereitſchaft. Endlich brachte ſie die Worte hervor:„Ich denke, Ihre Gegenwart muß allen Ihren Bekannten lieb und werth ſein.“ „Sie ſprechen die Worte„lieb und werth“ ſo leicht⸗ hin aus, und doch wünſchte ich wohl, daß ſie zwiſchen uns eine beſondere Bedeutung hätten“ erwiderte Hugo, die Hand der Schauſpielerin leicht drückend. Emilie erbebte, ſie war unfähig, eine Antwort zu ertheilen. Endlich hatten ſie die Wohnung der Frau Baude erreicht, Felge reichte Emilie die Hand zum Abſchiede, ſie wünſchten ſich eine gute Nacht, aber deſſenunge⸗ achtet trennten ſie ſich nicht ſogleich. „Emilie“, ſprach Hugo Felge nach einigem Zögern⸗ 7 71 „ich kann ſo nicht von Ihnen gehen; morgen ſehen wir uns in Gegenwart Ihrer Mutter, alſo muß ich heute die günſtige Gelegenheit benutzen, Ihnen zu ſagen, daß ich Ihretwegen recht bald wiederkehren werde, wenn Sie dies gern ſehen. Ich kann und mag fortan nicht mehr ohne Sie leben, Emilie; ſeit ich Sie geſehen, iſt der Friede meines Herzens weg, ich bin nur in Ihrer lieben Nähe glücklich; darf ich hoffen, daß auch Sie ſich nach mir ſehnen werden, wenn ich fort bin?“ Der Maler hielt während dieſer Erklärung noch immer die Hand der Schauſpielerin gefaßt, ſie ſuchte ihm dieſelbe nicht zu entziehen, und nun entgegnete ſie leiſe:„Ich denke immer an Sie; wo ich auch weile, ſtets ſteht Ihr Bild vor meiner Seele.“ Jetzt ſchlang Hugo den Arm um die Geliebte, ſie wehrte ihm nicht; minutenlang ſtanden ſie ſo, im zärt⸗ lichen Gekoſe und Geflüſter begriffen, dann endlich rief Felge:„Morgen ſpreche ich mit der Mutter.“ Damit trennten ſie ſich für dieſen Abend. Am nächſten Tage äußerte Emilie eine große Un⸗ ruhe und Befangenheit, ſobald ſie vor der Mutter er⸗ ſchien. Und als ſpäter wirklich Hugo Felge kam, da erglühten ihre Wangen ſo ſehr, daß Frau Baude ſich vornahm, mit der Tochter ein ernſtes Geſpräch anzu⸗ knüpfen, ſobald ſich der junge Mann entfernt. Doch 72 es ſollte nicht dahin kommen. Felge hatte kaum einige gleichgültige Worte mit der alten Frau gewechſelt, als er ihr geſtand, daß er und Emilie ſich innig liebten, daß ſeine Aeltern ſich freuen würden, wenn er auch ihre Zuſtimmung zu dieſem Verhältniß erhalte, und daß er deshalb bitte, ihn und Emilie mit der Billigung ihrer gegenſeitigen Liebe zu beglücken. Frau Baude fühlte ſich aufs höchſte überraſcht durch dies Geſtändniß; doch da ſie die Felge'ſche Fa⸗ milie ſehr achtete, der junge Mann ſich durch ein höchſt freundliches Benehmen gegen ſie ihre volle Zuneigung erworben und ſie das Glück Emiliens an ſeiner Seite für geſichert hielt, ſo war ſie gern bereit, die Wünſche der Liebenden zu erfüllen; ſie gab aus vollem Herzen ihre Genehmigung zu dem angeknüpften Verhältniß. Hugo dehnte den Aufenthalt in C. noch um einige Tage aus, die ihm ein reines, ungetrübtes Glück boten, und als er endlich ſeine Abreiſe bewirkte, da trug er voll Stolz einen Verlobungsring am Finger. Emilie bat ihn voll Innigkeit, ſie durch einen neuen Beſuch zu beglücken, er verſprach, eher wiederzukommen, als ſie es erwarte, und ſie bald ganz nit ſich zu nehmen, dann riß er ſich aus ihren Armen los. Jetzt wurde Emilie noch mehr als früher von dem Schauſpieldirector geſchätt, aber ſie durfte nun nicht 73 mehr ſo oft wie bisher auf der Bühne erſcheinen, ſon⸗ dern mußte ſich mehr der ſtillen Häuslichkeit widmen, denn ſie hatte Hugo das Verſprechen geben müſſen, als ſeine Frau ihre Triumphe, die ſie auf der Bühne geerntet, ſchnell zu vergeſſen und nicht mehr daran zu denken, ſich neue auf dieſem Felde zu erringen. Dagegen war er gern bereit, die Frau Baude mit nach Berlin zu nehmen und wie ſeine eigene Mutter zu behandeln. Emilie war ganz glücklich in ihren neuen Verhält⸗ niſſen, der Baumeiſter ſchwand immer mehr aus ihrem Gedächtniſſe. Fünftes Kapitel. Wenige Tage vor dem Weihnachtsfeſt war der Major Soren mit ſeinem zweiten Sohne nach Buchberg hinübergefahren, um daſelbſt einige Beſtellungen für die Feiertage zu machen. Auch ſein älteſter Sohn, bei dem er eingekehrt war, ſchloß ſich ihm an, als er in die Stadt wanderte; alle drei befanden ſich in der froheſten Stimmung, die namentlich durch eine Anzeige des Baumeiſters erhöht worden, daß er wahrſcheinlich zum Feſt in Hünenburg eintreffen werde. Buchberg hatte bis vor kurzer Zeit nur einen Gaſt⸗ hof, der von der vornehmen Welt beſonders frequentirt wurde. Obgleich es in der Stadt an Gaſthäuſern nicht fehlte, ſo war doch nur dies eine im rechten Flor und geſucht, was vielleicht ſeinen Grund darin hatte, daß e 75 es am längſten beſtand und— wie es in der dortigen Gegend unter den gewöhnlichen Leuten ſtets hieß— der gnädigſte Herr Landrath in demſelben zu Mittag ſpeiſte. Der Major Soren trat mit ſeinen beiden Söhnen in das eigentliche Gaſtzimmer, das zugleich ein Billard enthielt und gewöhnlich von Fremden, die ſich eben nur kurze Zeit aufhielten, benutzt wurde. Hinter dem Major drein lief eine große Dogge, die ſich auch berechtigt hielt, mit in dem Gaſtzimmer zu erſcheinen, denn wenngleich ſie anfangs im Hausflur gelaſſen worden, wußte ſie ſich doch bald einzudrängen. Die Sorens fanden mehrere Bekannte vor, ſie ſetz⸗ ten ſich mit dieſen an einen Tiſch und befanden ſich bald im muntern Geplauder. Da öffnete ſich die Thür von neuem und hereintrat ein alter Herr mit militäriſcher Haltung in Begleitung einer jungen Dame. Ohne die übrige Geſellſchaft zu beachten, ſetzten ſie ſich in eine Ecke an einen leeren Tiſch. „Wer ſind die Herrſchaften?“ fragte der Major ſeinen Nachbar. „Der General von Wüſtenbrink aus Alſenſtein nebſt Tochter!“ entgegnete dieſer.„Kennen Sie Ihre Nach⸗ barn denn nicht?“ 6 „Nein!“ rief Soren kurz; ſeine Laufie war augen⸗ ſcheinlich für den Moment verdorben. Der General hatte ein Frühſtück für ſich und ſeine Tochter beſtellt und war eben im Begriff, ſeinen Ap⸗ petit zu ſtillen, als ein Savoyardenknabe in der Thür erſchien und bat, einige Kunſtſtückchen mit einem Affen, den er bei ſich führte, zeigen zu dürfen. Alice lächelte dem Knaben ermunternd zu und die⸗ ſer trat näher. Indem rührte ſich der große Hund des Majors und ließ ein unwilliges Knurren vernehmbar werden. „Mein Sohn, nimm Deinen Affen vor dem Hunde in Acht!“ rief Soren dem Knaben gutmüthig zu. „Der Hund thut meinem Affen nichts!“ erwiderte der Savoyarde vertrauensvoll. „Nicht? Ich ſage Dir, daß er ihn zerreißt, ſowie Du ihn vom Arm läßt!“ rief der Major. „Nein, er thut ihm nichts!“ behauptete der Knabe lächelnd.— „Ich glaube es auch nicht!“ ſprach ein Freund des alten Herrn aus der Geſellſchaft. „Was gilt die Wette?“ fragte Soren. „Fünf Thaler!“ rief der Freund.„Dieſe erhält auf alle Fälle der Knabe. Biſt Du's zuftieden?“ Der Savoyarde nickte als Bejahung mit dem Kopfe und warf ohne weiteres den Affen auf den Rücken des Hundes. Der General hatte ſich nicht im mindeſten um die ſonderbare Wette oder das Treiben der Herren geküm⸗ mert, er war ganz mit ſeinem Frühſtück beſchäftigt. Auch jetzt blieb er theilnahmlos, während Alice für den Affen zitterte. Dieſer hatte kaum ſeine unerwartete Situation be⸗ griffen, als er dem Hunde einen Schlag auf den Kopf gab, den dieſer wohl nicht beſonders fühlen mochte, und im nämlichen Augenblick auf das Billard ſprang. Der Hund war momentan überraſcht worden. Jetzt blickte er den Affen grimmig an; deſſen Grimaſſen moch⸗ ten ihn wohl noch mehr reizen, denn wüthend ſetzte er ihm auf das Billard nach. Ehe der Hund feſt auf dem Billard ſtand, war der Affe ſchon wieder auf der Erde. Es erfolgte elne Jagd, wie ſie die Zuſchauer noch nie geſehen. Der Hund ließ ſich durch keinen Zuruf mehr bändigen. Ueber die Tiſche und Stühle, ſogar über die Köpfe der Umherſitzenden ging es weg, Teller und Gläſer flogen an die Erde, das Frühſtück des Generals lag zerſtreut umher, er und Alice, ſowie andere Gäſte muß⸗ 78 ten ſich an die Wand ſtellen, um vor d Beläſtigungen des Verfolgten und Verfolgenden ſicher zu ſein. Gleichwohl hatte die Jagd ein gewiſſes Intereſſe für die Zuſchauer, nur der General fühlte einen An⸗ flug von Zorn in ſich aufſteigen durch das Verlieren ſeines Frühſtücks. Der Affe hielt ſich längere Zeit tapfer, er vich dem Hunde immer geſchickt aus, dieſer wurde von Mi⸗ nute zu Minute mehr gereizt, ſeine Sprünge nahmen an Schnelligkeit zu, während der Affe langſam ermüdete. Man ſah es, wie er nur noch mit der größten Anſtren⸗ gung ſich in gehöriger Entfernung von dem Hunde hielt. Der General bemitleidete das kleine Thier.„Kell⸗ ner, wem gehört der Hund?“ rief er laut. „Dem Herrn Major Soren!“ antwortete der Ge⸗ fragte. Die wenigen Worte brachten bei dem General eine nicht zu verkennende Wirkung hervor. Er zitterte augen⸗ ſcheinlich, als er im ſtrengen Ton ſprach:„Hunde gehören nicht hierher, es iſt unverſchämt, ſolche in Geſell⸗ ſchaft zu bringen. Im Augenblick entfernen Sie die Be⸗ ſtie, Kellner!“ Ehe dieſer antworten konnte, erfolgte eine uner⸗ wartete Scene. Der Affe, aufs höchſte bedrängt, ſprang auf eins der Fenſter und ging durch die Scheiben auf Saciii——— die Straße. Dicht vor dem Fenſter befand ſich ein etwa ſechs Fuß hohes Brunnenrohr, im Nu ſaß er auf demſelben und blickte nun in aller Ruhe um ſich. Der Hund nahm ſeinen Weg ebenfalls durchs Fen⸗ ſter und verſuchte einige Male, durch Sprünge das kleine Thier zu erreichen; aber bald überzeugte er ſich daß alle ſeine Anſtrengungen nutzlos ſeien. Ebenfalls erſchöpft, legte er ſich nieder und blickte unverwandt zu dem Affen hinauf, der ihm die komiſchſten Fratzen ſchnitt. „Ich habe die Wette verloren. Hier, Knabe, ſind fünf Thaler“, ſprach jetzt der Major zu dem Savoyarden. „Sie machen mir meine Rechnung“, rief er dann dem Kellner zu,„und ſetzen Sie auch das Frühſtück des Herrn dort mit auf. Ich hezahle Alles, ſowohl was der Hund heruntergeriſſen hat, als was gegeſſen iſt, damit der Herr eine Entſchädigung dafür erhält, daß er in der Geſellſchaft eines Hundes hat weilen müſſen.“ Der General befand ſich außer aller Faſſung. Dieſe Beleidigung durfte er nicht ruhig hinnehmen, er war im Begriff, auf den Major Soren zuzugehen, und viel⸗ leicht wäre eine ſtandalöſe Scene entſtanden, doch Alice warf ſich ihm in die Arme und bat unter Thränen: „Komm, mein guter Papa; o bitte, laſſe Dich nicht zu weit durch den Zorn hinreißen; es iſt ehrenvoller, Streit zu meiden, als zu ſuchen.“ 80 Willenlos ließ ſich der General von der Tochter aus dem Zimmer ziehen. Er war ſo erregt, daß er faſt nicht wußte, was mit ihm geſchah. Soren fühlte ſich nicht befriedigt durch die Krän⸗ kung, die er dem General zugefügt; war er doch wieder zuerſt angegriffen worden. Er hätte ſich auf blutigem Wege Genugthuung verſchaffen mögen, aber ſeine Söhne und Freunde ermahnten ihn zur Ruhe, und bald ſagte ihm auch der eigene Verſtand, daß es beſſer ſei, ſo wenig als möglich an den eben ſtattgehabten Vorfall zu denken. Es ſchien, als ſollte ſich die Feindſchaft zwiſchen den beiden Nachbarn mit jedem Tage mehren, und doch wäre es ſo leicht geweſen, eine Verſtändigung und Verſöhnung herbeizuführen, wenn nur der erſte Schritt dazu gethan geweſen wäre. Am ſchmerzlichſten fühlte ſich Alice durch den Vorfall berührt, deſſen Zeugin ſie hatte ſein müſſen. Sie konnte ſich nicht verhehlen, daß ihr Vater den Streit herbei⸗ geführt habe, aber dennoch war er in ſeinem Rechte geweſen, denn jedenfalls mußte es als rückſichtslos gegen Fremde erſcheinen, die Scene zwiſchen dem Hunde und Affen in Gegenwart von Damen herbeizuführen. Sie hätte ſo gern eine Einigung zwiſchen ihrem Vater und den Sorens angebahnt, denn ſie liebte den Bau⸗ 3 81 meiſter ja noch immer ebenſo innig wie ehemals, ihre Hoffnung für die Zukunft war allein auf ihn gerichtet, ohne dieſe würde ſie verzagt ſein; aber dennoch durfte ſie es kaum wagen, ein Wort für ſeine Verwandten zu ſprechen, wenn ſie den Vater nicht zum Zorn reizen wollte. Als der General in einem Nebenzimmer angekom⸗ men war, umfing ihn Alice und bat:„Wir wollen jetzt nach Hauſe fahren, lieber Vater, Du könnteſt ſonſt den Sorens nochmals begegnen und würdeſt Dich da⸗ durch nur von neuem aufregen.“ „Ich fürchte mich nicht vor ihnen; es gibt Geſetze, die den Staatsbürger vor roher Willkür ſchützen“, ant⸗ wortete der General ergrimmt. „Liebſter Vater, Du wareſt eigentlich ſchuld, daß Dich Herr Soren beleidigte, da Du ſein Thun unver⸗ ſchämt nannteſt. Er konnte nicht wiſſen, daß die Ver⸗ folgung des Affen durch ſeinen Hund ſolchen Schaden an⸗ richten und Dich beläſtigen würde, ſonſt hätte er gewiß die Scene nicht herbeigeführt. Man konnte ihm recht gut anſehen, wie unangenehm es ihm war, daß wir über⸗ haupt eine Störung erlitten, denn in dem Augenblicke, als die Thiere unſerm Platze nahten, verſchwand ſeine Fröhlichkeit. Und ſieh, beſter Papa, Du biſt früher doch auch manchmal in Begleitung von Hunden in Steffens, Ein Wechſel. II. 6 82 ein Lokal getreten, ohne daß man dies unverſchämt gefunden.“ Alice beſaß eine zu große Macht über den Vater, ſonſt hätte ſie ſich dieſe Worte wohl nicht erlaubt; ſie verfehlten übrigens, wie ſie gefürchtet, ganz ihre Wirkung. „Schweige mit Deiner Vertheidigungsrede, Kind, damit Du nicht meinen Unwillen gegen Dich lenkſt; ich weiß allein, wie ich zu denken und zu handeln habe, und bedarf dazu nicht der Rathſchläge meiner Tochter. Uebrigens wird der Haß zwiſchen mir und den Sorens für die Ewigkeit beſtehen, keine Macht auf Erden kann mich mit dieſer Bande verſöhnen. Darnach richte Dich“, antwortete der General gereizt. Alice wußte, was ſie von dieſen Worten zu halten habe; ſie bezog ſie auf ihre Liebe zu Arthur und ſenkte traurig das Köpfchen. Der General kümmerte ſich nicht, wie ſonſt, um ihren Schmerz, er hing den eigenen Gedankem nach, und dieſe betrafen die Züchtigung ſeiner Feinde, die ihn ſo vielfach gekränkt. Früher hatte Alice ſich vertrauensvoll an die Bruſt des Vaters werfen können, immer war er bereit ge⸗ weſen, ihr Troſt und Hoffnung zuzuſprechen, jetzt durfte ſie zu Niemand über ihre Liebe reden denn der Name Soren war ihren Aeltern ein Greuel, der General ge⸗ 83 dachte nicht einmal mehr des ſeiner verſtorbenen Toch⸗ ter gegebenen Verſprechens. Unter dieſen Umſtänden verlor das junge Mädchen mehr und mehr die frohe Zuverſicht, mit der ſie früher ihre Liebe gehegt hatte, zumal da auch der Baumeiſter nichts mehr von ſich hören ließ, obwohl ſie immer gehofft, er werde die ihm widerfahrene Beleidigung ihretwegen vergeſſen und Wege zu finden wiſſen, auf denen er ihr wieder nahen könne. Der Vater ſah bald, daß ihm Alice nicht mehr mit der bisherigen Freudigkeit nahe, daß ſie anfange, wie einſt Adelheid, ſich von jeder Geſellſchaft zurückzuzie⸗ hen. Ihm wurde ernſtlich bange. Was ſollte er thun, um ihr die frühere Lebensluſt wiederzugeben? Er kannte recht gut die Urſache ihres Kummers, aber er ſah ſich außer Stande, zu helfen, denn Alles hätte er wohl ihretwegen thun mögen, nur mit dem Grenznach⸗ bar ſich zu verſöhnen, das vermochte er nicht. „Meine Tochter, wir wollen nach Berlin reiſen und zwar ſogleich, damit wir noch bis zum Feſt uns dort ordentlich einrichten können; hier ärgere ich mich bald todt und Du gehſt ebenfalls zu Grunde“, ſprach der General am Tage nach dem Vorfall in Buchberg zu Alice. „O ich weile ebenſo gern hier wie in Berlin“ ant⸗ 6* 84 wortete Alice.„Doch wenn Du die Ueberſiedelung wünſcheſt, ſo bin ich jeden Augenblick bereit, Dir zu folgen, und die Mutter wird den Wohnortswechſel mit Freuden begrüßen.“ „Ich glaubte hier ganz ſorgenfrei leben zu können und hatte die Abſicht, mich womöglich nie wieder aus unſerer Dorfeinſamkeit heraus zu begeben; aber ſo, wie die Sachen nun einmal ſtehen, wird mir hier jeder Tag zur Laſt, und Du verkümmerſt ebenfalls. In der Hauptſtadt bieten ſich Dir mancherlei Zerſtreuun⸗ gen, Du wirſt dort ſchnell Deinen frohen Jugendmuth wiedergewinnen.“ Alice widerſprach dem Vater nicht; ſie ſehnte ſich durchaus nicht nach den Vergnügungen Berlins, aber ſie hoffte, daß der letztere allenthalben glücklicher ſein werde wie auf dem Gute, und dann konnte ſie der Zufall in der Hauptſtadt weit eher mit dem Geliebten zuſammenführen als in Alſenſtein. Frau von Wüſtenbrink triumphirte, als ſie den Entſchluß ihres Gatten erfuhr; jetzt war ihr Wunſch erreicht, wieder in einer größern Umgebung zu glänzen; deshalb beeilte ſie ſich auch, ohne Säumen die Vorbereitungen zur Abreiſe zu treffen. — 85 Karl und Heinrich Soren waren ebenſo wie ihr Vater gegen die Familie von Wüſtenbrink erbittert, aber als ſich der alte General wie ein Kind von ſeiner Tochter, die durch ihre Schönheit die Aufmerkſamkeit ſämmtlicher Herren auf ſich gezogen, aus dem Fremden⸗ zimmer führen ließ, da hatte ſie ein beſchämendes Gefühl beſchlichen. Alice hatte ihnen einen ſtummen, aber vorwurfsvollen Blick aus ihrem großen, ſeelen⸗ vollen Auge zugeworfen, und dieſer Blick war nicht ohne Wirkung geblieben. Sie geſtanden ſich, daß die Scene zwiſchen dem Hunde und dem Affen um ſo mehr eine unpaſſende geweſen, als dadurch der General und die junge Dame in der rückſichtsloſeſten Weiſe beläſtigt worden, und daß daher der erſtere wohl Urſache zu einer erbitterten Aeußerung gehabt, namentlich wenn man erwog, welche Vorgänge zwiſchen ihnen ſtatt⸗ gefunden. Die Beleidigung, die darauf der Major dem Herrn von Wüſtenbrink aufs neue zugefügt, war ohne jede Erwiderung geblieben. So ſehr die Söhne des erſtern bisher den General gehaßt, ſie hätten viel darum ge⸗ geben, wenn die Affengeſchichte nicht vorgefallen wäre. Unmuthig verließen der Major und Heinrich Soren bald darauf die Stadt und begaben ſich zurück nach Hünenburg. 86 Zu ihrem nicht geringen Erſtaunen erfuhren ſie zwei Tage ſpäter, daß der General mit ſeiner Familie das Nachbargut plötzlich verlaſſen habe und nach der Hauptſtadt gezogen ſei. Dieſe Nachricht kam ihnen ſehr erwünſcht, denn nun durften ſie hoffen, daß der längere Zeit geführte Kampf endlich aufhören werde. Wie Arthur verſprochen, traf er zum Weihnachts⸗ feſt in Hünenburg ein. Hatte ſich bei ſeinem letzten Verweilen im älterlichen Hauſe allen in ſeiner Umge⸗ bung klar gemacht, daß des Lebens Ernſt viel zu früh an den jungen Mann herangetreten ſei, ſo wurde dies Urtheil bei ſeinem neuen Erſcheinen nicht geändert. Arthur war gegen Jeden liebreich und freundlich, er erzählte zuweilen recht intereſſante Erlebniſſe und nahm überhaupt an allen Geſprächen Theil, klagte über nichts, ſondern verſicherte immer, daß er ſich recht wohl und behaglich fühle, aber dennoch lag in ſeinem ganzen Weſen etwas, das alle zur Genüge belehrte, daß ein geheimes Leid ihn niederdrücke. Oft überraſchten ihn ſeine Lieben, wenn ein ſchmerzlicher Zug ſeinen Mund umſpielte, nur ſelten ſtimmte er in ein frohes Lachen mit ein, wenn eine ausgelaſſene Heiterkeit die Geſell⸗ ſchaft durchzog, immer bewahrte er einen gemeſſenen Ernſt.. Deſſenungeachtet hatte die Familie ſeit lange kein „ 87 ſo frohes Weihnachtsfeſt verlebt wie in dieſem Jahre; der alte Major war ſo glücklich in der Geſellſchaft ſei⸗ nes jüngſten Sohnes, die Mutter empfand ein ſo un⸗ getrübtes Wohlbehagen in ſeiner Nähe, daß auch Arthur's Herz bald erwärmt wurde. Die Geſchwiſter behandel⸗ ten ihn mit Auszeichnung, ihre Kinder mit rückhalts⸗ loſer Liebe, denn er hatte ihnen eine Menge ſchöner Spielſachen mitgebracht, was ſie alle ſchnell für den Onkel gewann. Eines Abends, als die Familie traulich beiſammen ſaß, war Arthur, wie dies häufig bei ihm der Fall, in langes Sinnen verſunken geweſen, was von den übrigen Gliedern der Geſellſchaft zwar bemerkt, aber nicht geſtört worden. Endlich jedoch ſprach der Major freundlich: „Arthur, ich habe Dich ſeit Deinem Hierſein und auch ſchon bei Deinem letzten Beſuch viel beobachtet; ich glaube, ein ſtiller Gram nagt an Deinem Herzen. Du ſuchſt uns zu täuſchen, wenn Du behaupteſt, Du ſeieſt glücklich.“ Der Baumeiſter erröthete leicht bei dieſer Anſprache, aber ſchnell hatte er ſich gefaßt und erwiderte:„Was ſollte mich unglücklich machen, lieber Vater? Nein, ich gebe Dir die Verſicherung, daß ich mich in meiner Lage ganz wohl fühle. Freilich, jeder Menſch hegt unbe⸗ 88 friedigte Wünſche, und es wäre auch ſchlimm, wenn einem nichts zu wünſchen übrig bliebe, dann würde man das Leben bald unerträglich langweilig finden. Einen ernſten Kummer aber hege ich nicht.“ „Nun, ich freue mich, daß ich mich getäuſcht“, rief der Major.„Du haſt übrigens Recht, man kommt aus den Sorgen und Wünſchen nicht heraus. Was haben mir dieſe Wüſtenbrinks für unnöthigen Aerger bereitet!“ „Ihr ſchriebt ſchon einmal davon. Hat der General eine Tochter, die den Namen Alice führt?“ „Ob ſie Alice heißt, weiß ich nicht, aber eine Toch⸗ ter beſitzt der alte Sünder, ein reizendes Geſchöpf, doch gewiß ebenſo ſtarrköpfig wie ihr ſauberer Herr Vater. Doch woher kennſt Du ſie?“ „Der General war früher mein Regimentscomman⸗ deur“ antwortete Arthur möglichſt unbefangen.„Uebri⸗ gens beurtheilſt Du den Herrn ganz falſch, lieber Va⸗ ter. Er iſt ein achtungswerther Mannz ich habe keinen Vorgeſetzten kennen gelernt, der ſo allgemein wie er die Liebe ſeiner Untergebenen beſeſſen.“ „Eine ſchöne Lobrede! Nun, gegen uns hat er ſich nicht ſehr achtunggebietend, am allerwenigſten verſtändig benommen. Doch wer weiß, ob es der Wüſtenbrink iſt, den Du meinſt.“ 89 „Ja, er iſt es, es gab nur einen General ſeines Namens.“ „Aber ſeine Tochter muß damals ein Kind gewe⸗ ſen ſein, als Du dienteſt.“ „Ich habe ſie vor kurzem auf der Reiſe geſe⸗ hen; ſie iſt ein Engel an Güte und Liebenswür⸗ digkeit.“ „Das ſagen auch hier herum die Leute. Aber ihre Mutter iſt um ſo weniger beliebt.“ „Ich kenne ſie!“ ſprach Arthur, einen Seufzer aus⸗ ſtoßend. „Du ſeufzeſt? Arthur, ich glaube gar, Du kennſt die Alice, wie Du die junge Dame nannteſt, und ihre Familie genauer, als mir lieb ſein kann. Ihr Vater und ich find unverſöhnliche Feinde.“ „Ihr Vater iſt, wie ich Dir ſchon ſagte, ein Ehren⸗ mann im wahren Sinne des Worts, und biſt Du wirk⸗ lich durch ihn beleidigt, ſo trägt hiervon ſicherlich die Frau Generalin die Schuld. Der Name Soren mag ſie zur Feindſchaft gegen Dich gereizt haben.“ „Das klingt ja herrlich! Alſo der Name Soren? Erkläre Dich deutlicher, mein Sohn.“ Arthur erröthete, er hatte mehr geſagt, als eigent⸗ lich ſein Wille geweſen; jetzt ſah er ſich veranlaßt die Neugierde ſeiner Verwandten zu befriedigen. 90 „Herr von Wüſtenbrink beſaß früher noch eine Toch⸗ ter, die ziemlich mit mir in einem Alter war; als Offizier hatte ich Gelegenheit, ſie öfter zu ſehen, wir lernten uns lieben und gelobten uns Treue“ begann der Baumeiſter ſein Geſtändniß. „Das war keine Urſache zur Feindſchaft!“ proteſtirte der Major. Arthur fuhr fort:„Die Frau von Wüſtenbrink be⸗ merkte bald unſere Neigung, ſie fing an mich verächtlich zu behandeln; von dieſer Zeit an ſah ich Adelheid nur heimlich. Eines Abends wurde ich von ihrem Vater über⸗ raſcht, es kam zu unangenehmen Erörterungen, doch als ich offen auftrat, belehrte er mich im väterlichen Ton, daß ich zu jung ſei, ſchon an eine Liebe zu den⸗ ken. Er hatte Recht, ich nahm auf ewig Abſchied von Adelheid und verließ K. Wenige Monate ſpäter ſtarb die junge Dame.“ „Sie ſtarb?“ riefen alle Anweſenden im Tone der Ueberraſchung und des lebhafteſten Beileids. „Ja!“ antwortete Arthur traurig.„Sie ſtarb an gebrochenem Herzen. Erſt vor kurzer Zeit erhielt ich von ihrer Schweſter durch einen Zufall Nachricht von ihrem Ende.“ Die ganze Geſellſchaft fühlte ſich ergriffen durch die Erzählung. Eine allgemeine Stille trat ein, alle glaubten 91 jetzt den Grund zu dem ſteten Ernſt des Baumeiſters zu kennen. Endlich brach der Major das Schweigen.„Schlecht hat er doch an ſeiner Tochter gehandelt, ſonſt wäre ſie nicht geſtorben“, platzte er heraus. „Im Gegentheil, er liebte ſie über Alles und ſelbſt gegen mich benahm er ſich ſo edel und großmüthig, wie es ſo leicht kein Vater gethan“ behauptete Arthur. „Doch die Mutter iſt eine böſe Frau.“ „Ha, die paßte für mich, ich wollte ſie kuriren!“ rief der Major. „Stehſt Du denn mit dem General in Verbindung, daß Du ſo genau von ſeiner lebenden Tochter unter⸗ richtet worden?“ fragte jetzt Frau Soren. „Nein, den General habe ich ſeit meinem Abgange vom Militär weder geſehen noch geſprochen, aber mit ſeiner Tochter und ihrem Oheim bin ich im Laufe des Sommers von Cöslin bis Berlin zuſammen gereiſt.“ Der Major fühlte ſich jetzt nicht mehr ſo ſehr wie früher zum Zorn gegen den General von Wüſtenbrink geneigt, die Erzählung ſeines Sohnes und die Behaup⸗ tung, er ſei ein guter Menſch, veranlaßten ihn beinahe zur Reue, daß er ſo ſchroff gegen ihn aufgetreten ſei. Indeſſen Worte lieh er ſeinen Gefühlen nicht, dazu war er zu ſtolz, und Arthur blieb daher in dem Glau⸗ 92 ben, daß ein unverſöhnlicher Haß zwiſchen ſeiner und der Familie Wüſtenbrink walte. Die ganzen Zwiſtigkeiten zwiſchen den Nachbarn blieben Arthur nicht fremd. Auch das Benehmen Alicens im Gaſthofe zu Buchberg war ihm geſchildert worden; er ſchloß daraus, daß die letztere ſeinetwegen den Vater um Nachgiebigkeit gebeten. Die Abreiſe des Generals mit ſeiner Familie nach Berlin hatte er noch nicht durch die Verwandten erfahren, und ſo tauchte denn die Hoff⸗ nung in ihm auf, er könne Alice vielleicht begegnen und ſo wenigſtens Gelegenheit erhalten, ſie noch ein⸗ mal zu ſehen. Daß Alice ihn liebte, davon war er feſt überzeugt, und gewiß hätte er ſich ihren Beſitz nicht ohne harte Kämpfe ſtreitig machen laſſen, wenn er nicht die rückſichtsloſe Behandlung ſeitens ihres Oheims erfahren und die Worte von ihm gehört hätte: Alice werde in nächſter Zeit einem andern Manne angehö⸗ ren. So mußte er es für ſie und für ſich am beſten halten, wenn ſie einander fern blieben, mochten auch die Wünſche des Herzens ganz anderer Art ſein und ſich dennoch zuweilen Geltung zu verſchaffen ſuchen. Häufig fuhr und ging Arthur von Hünenburg aus nach Buchberg, paſſirte ſogar einige Male Alſenſtein, aber von der Familie des Generals kam ihm natürlich Niemand zu Geſicht. Endlich erfuhr er zufällig, daß ₰ 93 die letztere vor ſeinem Eintreffen in der Heimat abge⸗ reiſt ſei, und nun erſt erlangte er ſeine angenommene Ruhe völlig wieder. Immer mehr ſuchte er Alicens Bild aus dem Herzen zu drängen, ſo ſehr er auch da⸗ bei leiden mochte, denn er geſtand ſich, daß ſie für ihn unerreichbar ſei. Und je größere Gewalt er über ſeine Gefühle und Empfindungen in dieſer Richtung erlangte, deſto lebhafter tauchte die Erinnerung an Emilie Baude in ſeinem Gedächtniſſe auf. Er hatte ſich dieſes Mäd⸗ chens angenommen, es verdiente nach ſeiner Ueberzeu⸗ gung des Glückes vollkommene Gunſt, und wenn er ihm dies Glück bereitete, war es dann nicht möglich, daß auch ſein Herz aufs neue für wonnige Regungen em⸗ pfänglich wurde? Je länger Arthur unter den Verwandten weilte, deſto öfter ſtieg der Gedanke in ihm auf, daß er ſich bald allen Ernſtes nach einer Lebensgefährtin umſehen müſſe. Das Leben erſchien ihm jämmerlich und reizlos ohne eigene Familie. Immer war er auf ſich allein ange⸗ wieſen. Kam er ermüdet von ſeinen Reiſen nach Hauſe, dann fand er Niemand, der ihn freundlich begrüßte, ſich nach ihm geſehnt hätte; er war wieder allein. Aber auch nicht einmal die nöthige Ruhe konnte er ſich dann gönnen, er mußte nach dem Gaſthofe laufen, um nur erſt den Appetit zu ſtillen. Da traf er dann wohl Geſellſchaft, er wurde aufgehalten, und es folgte oft ein wüſter Abend. Wie anders war das im älterlichen Hauſe, wo ein inniges Familienleben waltete. Alles ging geregelt, einer konnte und mochte ohne den Andern nicht ſein. Ein ſolches Daſein erſchien dem jungen Baumeiſter werthvoller als der beſte Junggeſellenſtand. Ehe der Urlaub Arthur's abgelaufen war, erhielt er die Aufforderung, ſich direct nach E. zu begeben, da die Vertretung des Bauinſpectors nicht länger erforderlich ſei. Der Tag der Abreiſe kam heran. Arthur hatte für einige Wochen wieder das Glück der Vereinigung mit ſeinen Verwandten genoſſen, um nun um ſo mehr das Trübe des Alleinſtehens in der Welt zu empfinden. „Komme bald wieder, mein Sohn, Du wirſt uns ſtets durch Deine Beſuche erfreuen!“ rief ihm der greiſe Vater noch nach, und dieſe Worte blieben in ſeinem Herzen haften. Als Arthur in E. eintraf, war Emilie bereits glück⸗ liche Braut. Er hatte nicht ſogleich Gelegenheit, ſie wiederzuſehen; ſchon ſeit mehreren Tagen war er zu⸗ rückgekehrt, als er ſie zum erſten Mal auf der Bühne erblickte. Sie ſchien während ſeiner Abweſenheit noch ſchöner geworden zu ſein, ihr Auftreten war ſelbſtbewußter das Erwachen der Liebe in ihrem Herzen hatte dem feinen Geſicht einen ſeelenvollern Ausdruck gegeben. Arthur ſehnte ſich nach einer Unterredung, ihr An⸗ blick bezauberte ihn, er redete ſich ein, daß er in ihrem Beſitz den Verluſt Alicens vergeſſen könne. Auch Emilie gewahrte ihn, ſie ſah, wie er ſie mit dem größten Intereſſe betrachtete, und eine feine Röthe überzog ihr Geſicht. Arthur bemerkte das und empfand ein ſtilles Glück. Doch das Glück war ihm nicht günſtig, es kam an dieſem Abende zu keiner Unterredung mit ihr, und an den nächſten Abenden erſchien ſie nicht im Theater. Die Ungeduld erfaßte ihn, er entſchloß ſich zu einem Beſuch. Frau Baude hatte mit ihrer Tochter eine beſſere Wohnung bezogen. Arthur wurde auf ſeine Fragen dorhin gewieſen. Die Wittwe war erfreut über den Beſuch des Protectors ihrer Tochter, ſie überſchüttete ihn mit Dankſagungen; aber auf die Frage nach Emilie ant⸗ wortete ſie:„Sie iſt bei ihren zukünftigen Schwieger⸗ ältern. Sie wiſſen wohl nichts von ihrer Verlobung mit dem Sohne des Schauſpieldirectors, Herr Bau⸗ meiſter?“ 96 Arthur blieb wie verſteinert ſtehen.„Verlobt?“ fragte er tonlos. Vielleicht las die Frau Baude in den Zügen des jungen Mannes, was in ſeinem Herzen vorging, ſie wurde befangen und ſprach in ſichtlicher Verlegenheit: „Ja, Emilie hat die Werbung Hugo Felge's angenom⸗ men, am Tage nach Neujahr war die Verlobung.“ „Das habe ich nicht ahnen können“ entgegnete Ar⸗ thur wie zu ſich ſelber.„Doch freilich, warum ſollte ſie nicht die Hand eines andern Mannes annehmen, ſie wußte ja nichts von mir.“ In dieſem Augenblick öffnete ſich die Thür und Emilie trat ein. Arthur wäre jetzt am liebſten weit fort geweſen, doch er mußte ſich ſammeln, um nicht die Rolle eines verunglückten Liebhabers zu ſpielen. „Verzeihen Sie, mein Fräulein, daß ich Sie in Ihrer Wohnung aufſuche“, redete er das junge Mäd⸗ chen an.„Ich bin erſt vor wenigen Tagen von einem Commiſſorium und einer größern Reiſe zurückgekehrt, da wollte ich mich denn nach Ihrem Ergehen erkun⸗ digen. Wie ich nun eben von Ihrer Frau Mutter erfahren, ſind Sie inzwiſchen verlobt, folglich müſſen Sie des Glückes Gunſt in reichem Maße empfinden. Nehmen Sie auch meine herzlichſte Gratulation an.“ Wenn dieſe Worte auch nichts enthielten, was m — — 97 Emilie zu der Vermuthung führen konnte, der Bau⸗ meiſter empfinde Trauer über ihre Verlobung, ſo mußte ſein Auftreten doch wohl von einer trüben Stimmung zeugen; das junge Mädchen fühlte in die⸗ ſem Augenblicke, daß er unglücklich ſei, ſie wagte kaum, ihm für ſeine Glückwünſche zu danken. „Sie waren mit einem Male verſchwunden, Herr Baumeiſter. Wir fürchteten ſchon, Sie ſeien krank, als Sie nicht mehr das Theater beſuchten, bis wir zufällig von dem Director erfuhren, daß Sie auswärts eine Stellung erhalten“, begann Frau Baude, das ins Stocken gerathene Geſpräch wieder aufnehmend. „Der Dienſt rief mich von hier fort, ich glaubte nur wenige Tage abweſend zu ſein und nahm deshalb von Niemand Abſchied; leider verlängerte ſich mein Commiſſorium wider mein Erwarten“, antwortete Arthur. „Und werden Sie jetzt ganz hier bleiben?“ „Hoffentlich nur kurze Zeit; ich wünſchte, ich könnte heute abreiſen.“ „Aber Sie deuteten erſt darauf hin, daß Sie gern früher nach E. zurückgekehrt wären.“ „Die Wünſche des Menſchen ſind ſehr wandelbar; was man heute als ein Glück betrachtet, kann einem morgen als ein Unglück erſcheinen.“ Steffens, Ein Wechſel II. 7 6 98 Emilie lauſchte aufmerkſam auf jedes Wort des Baumeiſters, aber ſie war unfähig, ſich an dem mit der Mutter geführten Geſpräch zu betheiligen, ihre Befangenheit verließ ſie nicht; ſo oft ſie das Auge zu Arthur erhob, mußte ſie es ſogleich wieder zur Erde ſenken, in ſeinem Blick lag etwas wie ein Vorwurf. Endlich machte der Baumeiſter dieſer peinlichen Scene ein Ende, er verabſchiedete ſich von Mutter und Tochter und eilte auf die Straße hinaus. Die Zurück⸗ bleibenden blickten ihm lange verwundert nach, bis er ihren Augen entſchwunden war. „Fandeſt Du den Herrn nicht ſehr verändert, liebe Emilie?“ fragte Frau Baude, ſich zu der Tochter wendend. „Er iſt leidend, wenn ich nicht irre“, antwortete die Gefragte träumeriſch. „Jawohl, er leidet, und ich glaube, daß ihm kein Arzt helfen kann. Der arme junge Mann!“ ſeufzte Frau Baude. Emilie verſank in tiefe Träumereien, und es währte eine geraume Zeit, ehe ſie vermochte, mit dem ſonſtigen Frohſinn und der frühern Unbefangenheit all ihr Denken dem Verlobten zu widmen. Als Arthur die Verlobung Emiliens erfahren, be⸗ mächtigte ſich ſeiner ein höchſt demüthigendes Gefühl. 99 Er war ſo feſt davon überzeugt geweſen, daß ſie in ihrer Dankbarkeit gegen ihn ihm einen höhern Werth beilegen werde als allen andern Männern. Zur eige⸗ nen Pein redete er ſich ein, daß er ſie wahrhaft geliebt und daß er berechtigt geweſen, auf Gegenliebe Anſpruch zu machen. Nun war er kaum einige Wochen von ihr entfernt geweſen, und inzwiſchen hatte ſie ihr Herz einem Manne zugewendet, den ſie kaum einige Male geſehen, der nichts für ſie gethan und deſſen Stellung in der Welt eine weit weniger geſicherte war als die ſeine. Es gibt wohl nicht leicht ein ſchmerzlicheres Be⸗ wußtſein als das, ſich von einem Weſen verſchmäht zu ſehen, an dem das Herz hängt, das man gern vor allen andern beglücken möchte. Wäre Arthur durch äußere, ohne ihr Zuthun her⸗ beigeführte Verhältniſſe von Emilie getrennt worden, er würde kaum je wieder mit einigem Intereſſe an ſie gedacht haben, denn was er jetzt für Liebe ihr gegenüber hielt, war nichts als ein Sehnen nach dem Glück, geliebt zu werden. Ein neues Begegnen mit Alice würde ihn im erſten Augenblick aufgeklärt haben; aber ſie war für ihn verloren und ſein Herz ſuchte neue Beſchäftigung. Jetzt fühlte er ſich äußerſt unglücklich. Ueberall, wo 2 100 er zärtliche Gefühle äußerte, traten ihm Widerwärtig⸗ keiten in den Weg, es ſchien ihm, als könne er den neuen Verluſt nie wieder verſchmerzen, Muthloſigkeit und Trübſinn bemächtigten ſich ſeiner. Aufs neue ſuchte er die Arbeit als Ablenker von ſeinen trüben Betrachtungen, aber er fand keine Ruhe bei der einſamen Thätigkeit, kaum daß er vermochte, ſeine dienſtlichen Arbeiten mit der gewohnten Correctheit auszuführen. Sobald der Abend nahte, verließ er die ein⸗ ſame Wohnung und wanderte einem Gaſthofe zu, um Geſellſchaft und Zerſtreuung zu ſuchen; aber auch dieſe gefiel ihm nicht, meiſt verließ er ſehr bald das öffentliche Lokal, in dem er von Freunden wegen ſeiner trüben Stimmung geneckt wurde, und wanderte trotz der oft empfindlichen Kälte und des ſchlechten Winter⸗ wetters hinaus ins Freie. Die erſtorbene Natur ſagte ſeinem Gemüthszuſtund noch am beſten zu, er ſtellte Betrachtungen über das ganze menſchliche Daſein an, indem er daſſelbe mit der jetzt in das Gewand der Trauer gekleideten Erde verglich.. Ein ſchnelles Aufblühen und ebenſo raſches Dahin⸗ welken, das iſt das Loos des Menſchen, philoſophirte er dann wohl für ſich hin. Man wird von früheſter Jugend an gehetzt wie ein Laſtthier, um ſich die nöthi⸗ 101 gen Kenntniſſe für den künftigen Beruf anzueignen, und verbringt gerade diejenigen Jahre, in denen man allenfalls des Lebens Luſt unbefangen genießen könnte, mit ſteter Arbeit. Dann, wenn man thatkräftig in das Rad des Lebens eingreifen ſoll, kommen arge Enttäuſchungen, man kämpft und ringt, bis man lang⸗ ſam wieder hinſtirbt und endlich der Tag naht, an welchem die ewige Ruhe winkt. Langſam ließ er die Vergangenheit an ſeinem Geiſte vorüberziehen. Was hatte er bisher vom Leben gehabt? Mit Ausſchluß weniger Tage nur Mühen und Sorgen. Und jetzt? Er ſtand im ſchönſten Alter, aber er war ja maßlos unglücklich. Derartige Betrachtungen waren nicht geeignet, den Geiſt des jungen Mannes aufzurichten; von Tag zu Tag wurde er trübſinniger, einzelne aus ſeiner nähern Bekanntſchaft fürchteten ſogar, ein andauerndes Ge⸗ müthsleiden werde ſich ſeiner bemächtigen. Das Theater beſuchte Arthur nie mehr, wie er denn überhaupt ein Begegnen mit Emilie Baude vermied. Mehrere Wochen nach jenem Geſpräch in ihrer Woh⸗ nung traf er ſie auf der Straße, als ſie eben am Arme ihres zum Beſuche von Berlin herübergekommenen Ver⸗ lobten dahinſchritt. Er wäre ihr gern ausgewichen, aber das ging nicht, und nun mußte er wahrnehmen, Sae0 entne 102 wie ſich die Glücklichen von ihm unterhielten, denn ſie ſprachen leiſe mit einander, ehe ſie ihn erreichten, und Felge blickte ihn mit einem Male ſo prüfend an, grüßte ſo ehrerbietig, daß er ſich geſtehen mußte, Emilie habe den letztern auf ihn aufmerkſam gemacht. Dies war ihm ſehr unangenehm, er zürnte Emilie beinahe; der beſte Beweis, daß ſie ſeinem Herzen in Wahrheit nie nahe geſtanden. In dieſer Zeit erhielt Arthur unerwartet einen Brief von ſeinem Freunde Martel, mit welchem er zu⸗ letzt nicht mehr in Correſpondenz geſtanden. Derſelbe theilte ihm mit, daß er ganz in der Nähe von E. eine Kreisbaumeiſterſtelle erhalten habe, und kündigte ſeinen Beſuch für die nächſten Tage an. Dies war eine Unterbrechung der einförmigen Le⸗ bensweiſe Soren's, die ihn wenigſtens für den Augen⸗ blick andern Empfindungen als dem ſtillen Hinbrüten zugänglich machte. Der Freund traf pünktlich ein. Er war noch eben ſo froh und Jebensluſtig wie ehemals, nichts an ihm zeigte, daß er inzwiſchen den Ernſt des Lebens in ſeiner wahren Bedeutung kennen gelernt habe. Arthur betrachtete den Jugendgeſpielen voll Freude, ein leiſer Seufzer entſtieg ſeiner Bruſt. Martel hingegen beklagte den Freund.„Sollte — 103 man doch glauben, man habe ſo einen richtigen ver⸗ knöcherten Stubenhocker vor ſich, wenn man Dich be⸗ trachtet!“ rief er lachend.„Du ſcheinſt ein ordentlicher Grillenfänger geworden zu ſein, aber freilich, ich dachte mir immer, daß dies das Ende vom Liede ſein würde. Erſt halb todt arbeiten, bis einen die Thätigkeit an⸗ ekelt, dann eine Zeit lang ſich den Genüſſen hingeben und zuletzt an nichts mehr Freude finden, das ganze menſchliche Daſein verachten, das iſt ſo die Laufbahn derartiger Männer, wie Du einer biſt.“ „Du haſt gut reden; wem ſtets das Glück ſo wie Dir gelacht, der hat wahrlich keine Urſache den Kopf hängen zu laſſen, aber wenn Du fortwährend mit ſolchen Widerwärtigkeiten zu kämpfen hätteſt wie ich, würde Dir wohl auch die jugendliche Sorgloſigkeit ſchnell ſchwinden.“ „Ich möchte nur wiſſen, was Dir wieder den Kopf verdreht hat! Doch was wird es ſein, eine unglückliche Liebe jedenfalls. Möchte wohl wiſſen, ob ein Mädchen im Stande wäre, mich für einen Tag tcübe zu ſtimmen. Aber ich bin auch nicht aus lauter Extremen zuſam⸗ mengeſetzt, ich ergötze mich wo ich das Vergnügen finde. Hundertmal habe ich mich mindeſtens ſchon verliebt, aber nie länger wie auf einen, höchſtens auf ein paar Tage, zu Geſtändniſſen kommt es nie. Dabei bin ich „ 104 überall gern geſehen und brauche mir nicht den Vor⸗ wurf zu machen, Mädchenherzen gebrochen zu haben.“ „Du biſt in prächtiger Laune, Freund, doch ſpare Deine Ermahnungen; mein Weh ſitzt tiefer, als Du glaubſt. Du kurirſt mich nicht!“ „Alſo unverbeſſerlich. Wenn warſt Du zuletzt bei Deinen Aeltern?“ „Während der Weihnachtsfeiertage.“ „Mein Vater hat mir bei meinem letzten Dortſein eine ordentliche Epiſtel geleſen, ich werde vorläu⸗ fig nicht nach Hauſe reiſen.“ „Wenn Dein Vater Dich ermahnt, ſo wird er auch wohl Urſache haben. Du hatteſt doch gewiß wieder Schulden gemacht.“ „Das auch! Doch daher kam nicht der Streit, an das Schuldenbezahlen iſt mein Vater gewöhnt, und er kann es auch. Die Leute ſagen ſo alle: Der Pfaffe gibt ein Hundert Thaler nach dem andern auf Zinſen, und wir müſſen uns dafür plagen. Alſo wenn ich da⸗ für ſorge, daß er etwas weniger ausleiht, ſo bin ich nur dafür beſorgt, ihn mehr beliebt zu machen.“ „Aber, Rudolpf, ich kenne Dich nicht wieder! Du ſcheinſt ſeit unſerer Trennung furchtbar leichtfertig ge⸗ worden zu ſein“ rief Arthur lächelnd. „Ich bin immer der Alte, früher konnte ich nur ——————— 105 nicht ſo offen zu Dir ſprechen wie jetzt, da Du mir ſonſt ſicher Dein Vertrauen entzogen hätteſt“, antwor⸗ tete Martel.„Und dann bin ich etwas böſe auf den Vater. Denke Dir nur, er wollte durchaus haben, ich ſollte Sonntags zweimal in die Kirche gehen. Als ich ihm erklärte, daß ich das ganze Jahr hindurch nicht hineinkäme, da ich ſchon Alles von ihm wüßte, was mir dort geſagt würde, da entſetzte er ſich förmlich vor mir.“ „Du haſt ſehr großes Unrecht gethan, Deinen Va⸗ ter zu betrüben; er iſt ſtets ein ſehr rechtſchaffener Mann geweſen.“ „Das iſt er gewiß! Aber dennoch bin ich im Recht. Ich kann mir nicht denken, daß es dem lieben Gott angenehm ſein kann, wenn man alle Augenblicke mit Bitten und Dankſagungen vor ihm erſcheint, und das iſt auch wider die Lehre Chriſti, der uns das Vater⸗ unſer gelehrt hat und ausdrücklich ſagt: Gott weiß, was Ihr bedürfet, ehe denn Ihr bittet. Im Uebrigen, Freund, weißt Du ja aus alter Zeit, was ich über dieſe Angelegenheit denke. Ich war nur ſo unvorſich⸗ tig, dem Vater meine Anſichten zu enthüllen, und dar⸗ auf hat er mich beinahe zum Hauſe hinausgejagt. In⸗ deſſen ſpielte ich nicht ſo den Empfindlichen wie Du einſt, ſondern ließ mehr den Praktiſchen hervortreten; ich zeigte Reue, that Buße, erhielt Abſolution und einige hundert Thaler zu meiner Einrichtung als Kreis⸗ baumeiſter, und erſt darauf ging ich freiwillig, wenn auch ein wenig grollend.“ „Pfui, Rudolf, Du fällſt ſehr in meiner Achtung“, rief Arthur freimüthig. „Sehr hübſch von Dir geſagt, ich nehme Dir das nicht übel. Bedenke indeſſen, daß, wenn ich ein wenig heucheln kann, ich doch einen Lehrmeiſter zum Erlernen dieſer vortrefflichen Eigenſchaft gehabt haben muß. Uebrigens glaube ja nicht, daß einem etwas Heuchelei ſchaden kann. Ich will Dir hierbei einen guten Rath geben, an dem Du gleich die Wahrheit meiner Lehre probiren kannſt.“ „Ich bin neugierig auf Deine Sophismen.“ „Höre! Du haſt Dich bis heute um keine Politik gekümmert, was ich Dir eigentlich auch nicht verdenken kann, denn mögen wir ſchreien, ſoviel wir wollen, wir richten doch nichts aus und bezwecken höchſtens, daß uns hier und da einmal der Mund geſtopft wird. Nun tritt aber einmal als eifriger Liberaler auf, ſchreie für den Fortſchritt, als wollteſt Du die ganze Welt bekehren, und Du biſt in kurzer Zeit übel berüchtigt. Dann aber wende Dich, zeige Dich als reuiger Sohn, werde conſervativ und donnere gegen den Liberalismus, 107 und ich wette mit Dir, Du erhältſt die erſte offen wer⸗ dende Stelle. Denn ich ſage Dir, es wird Freude ſein vor den Engeln, und ſo weiter. Du kannſt doch den Vers?“ „Ja wohl, ich kenne ihn! Doch ſage, iſt Dir viel⸗ leicht aus den genannten Gründen die ſchleunige An⸗ ſtellung geworden? Du warſt, ſoviel ich mich entſinne, ſtets ein eifriger Demokrat.“ „Ich bin heute Demokrat und morgen Reactionär, je nachdem es mein Wohl mit ſich bringt. Und glaubſt Du nicht, daß es viele unter unſern großen Schreiern gibt, die gerade ſo handeln, wenn ſie auch kein ſo offenes Bekenntniß ablegen wie ich? Jeder hat den eigenen Vortheil im Auge, die Opferfreudigkeit geht meiſt nur ſo weit, als ſie nichts koſtet. Und das iſt auch ganz vernunftgemäß.“ „Ich bin ſo erſtaunt, daß ich Dir gar nichts zu antworten weiß.“ Falle nur nicht in Ohnmacht. Uebrigens wird wohl die Zeit kommen, in welcher Du meinen Anſichten beitrittſt, wenn Du nicht vorher plötzlich an Herzweh infolge einer platoniſchen Liebe ſtirbſt.“ „Ich werde mich nie von meinem Verſtande allein, ohne den Rath meines Herzens, leiten laſſen. Doch nun ſage, wie haſt Du die Zeit verlebt, in der wir uns nicht geſehen?“ ————————— 108 „Recht gut! Einmal hatten ſie mich inzwiſchen auch arretirt und auf vierundzwanzig Stunden unter Schloß und Riegel gebracht. Eine herrliche Situation! Ich glaube, wäre Dir das paſſirt, Du lebteſt heute nicht mehr.“ „Du ſcherzeſt. Wie durfte man es wagen, Dich ein⸗ zuſperrend Ich hätte darüber den Verſtand verloren“, entgegnete Arthur entſetzt. „Nun ſiehſt Du, in ſo kritiſchen Momenten zeigt ſich wahre Lebensweisheit. Als ich merkte, daß man Ernſt mit mir machte, pfiff ich das Lied:„So leben wir, ſo leben wir“, wodurch ich wenigſtens die Ha⸗ lunken ärgerte, die mich einſperrten. Dabei dachte ich: Du mußt doch eine wichtige Perſon ſein, daß ſie Dich ſo ſorgfältig verwahren. Freilich war ich nicht in Baumwolle gepackt, aber doch ſo gut untergebracht, daß mich der ärgſte Dieb nicht hätte rauben können.“ „Man kann wirklich viel von Dir profitiren. Du mußt mir durchaus einige wichtige Rathſchläge ertheilen, denn ich ſehe ſchon, Du weißt für Alles Mittel und Wege. Doch nun erzähle mir erſt, wie Du zu der Ehre gelangteſt, Arreſt zu erhalten.“ „Das iſt bald geſchehen. Wie Du weißt, war ich nicht weit vom Harz mit der Leitung des Baus einer Eiſenbahnſtrecke beſchäftigt. Mein Stationsort war ein 109 höchſt langweiliges Neſt, das ich ſchon während der erſten drei Tage meines Dortſeins verwünſchte. Ich hielt es nicht der Mühe werth, mich bei der Polizei⸗ behörde anzumelden, ſondern glaubte, daß meine Perſon ſo ſchnell genug bekannt werden müßte. Am erſten Sonntage nach meiner Ankunft in dem Eden am Harz fühlte ich mich verſucht, einen Ausflug nach Braunſchweig zu machen, weil ich mich dort ein⸗ mal gut zu amüſiren hoffte. Genug, ich reiſte mit dem Frühzuge ab, kam glücklich in Braunſchweig an und begab mich ungeſäumt in ein Lokal, wo ich luſtige Ge⸗ ſellſchaft erwarten durfte. Alles ging gut, bis ich weiter wollte und nun be⸗ zahlen mußte. Ich hatte eine ganz anſtändige Rechnung und langte einen Zehnthalerſchein hervor, um den har⸗ renden Kellner zu befriedigen. Natürlich hatte ich mehr als die Hälfte zurückzu⸗ empfangen, da ich nur etwa eine Stunde in dem Hauſe geweilt, und wartete deshalb, als der Kellner verſchwand, um kleinere Münze zu holen, wie er ſagte. Die Herren, mit denen ich bisher zuſammen ge⸗ trunken, baten, ich ſolle mich nochmals niederlaſſen, und ich folgte dieſen Bitten, da ich lange warten mußte. Endlich erſchien der Kellner wieder, aber in Be⸗ gleitung eines Braunſchweiger Poliziſten. 110 „Das iſt der Herr!“ ſprach der Kellner, auf mich deutend. Aller Blicke richteten ſich ſofort auf mich; ich brannte vor Neugierde, was dies Benehmen zu bedeu⸗ ten habe. Der Poliziſt ließ mir nicht lange Zeit zu Betrach⸗ tungen, er kam auf mich zu und fragte nach meinem Namen und Stand. Ich ertheilte lachend Auskunft und ſetzte höhniſch hinzu, ob es in Braunſchweig Sitte ſei, daß jeder Fremde ſofort als ſolcher der Polizei gemeldet würde. „Das nicht, dies iſt ein Ausnahmefall!“ entgegnete der Beamte und fuhr fort:„Haben Sie eine Legiti⸗ mation bei ſich oder kann Sie hier Jemand als den Baumeiſter Martel recognosciren?“ „Beides nicht! Ich bin nur auf einige Stunden hierher gekommen, um mich zu amüſiren, da bedarf es wohl keiner Legitimation. Nähere Bekannte habe ich hier nicht“ entgegnete ich, noch immer nichts Böſes ahnend. „Dann müſſen Sie mir nach dem Polizeigefängniß folgen!“ ſprach jetzt der Poliziſt im Tone des Befehls. In dieſem Augenblick verließ mich meine gewöhn⸗ liche Ruhe. Ich ſprang empor und rief erzürnt:„Sind Sie von Sinnen?“ 111 „Keine derartigen Aeußerungen, wenn ich bitten darf, oder Sie machen ſich der Beleidigung eines Beam⸗ etn im Dienſte ſchuldig«, entgegnete der Poliziſt ruhig. „Sie haben verſucht, falſches Papiergeld auszugeben, und werden deshalb bis auf Weiteres verhaftet.“ Jetzt entfernten ſich plötzlich meine neuen Freunde um einige Schritte von mir. Ich wünſchte wohl, ich könnte Dich einmal in einer ähnlichen Situation ſehen. Was würdeſt Du wohl thun?“ „Ich ſtürbe vor Scham und Entrüſtung“ betheuerte Arthur. „Ich wußte etwas Beſſeres zu thun.„Alſo ein Falſchmünzer!“ rief ich ſpöttiſch.„Das iſt ja prächtig! Indeſſen muß ich Ihnen bemerklich machen, daß die herzogliche Polizeibehörde nicht das Recht hat, einen königlich preußiſchen Beamten ſo ohne weiteres zu ver⸗ haften; meine Stellung bürgt dafür, daß ich kein Be⸗ trüger oder Falſchmünzer bin.“ Dieſe Auslaſſung ſchien dem Beamten zu impo⸗ niren. Die übrigen Anweſenden traten wieder näher an mich heran, einer derſelben, wie es ſchien, ebenfalls im herzoglichen Dienſt, ſprach einige Worte leiſe zu dem Poliziſten, worauf dieſer erklärte, er habe den aus⸗ drücklichen Befehl, mich nach dem Polizeigebäude zu bringen, da in demſelben Gaſthofe ganz vor kurzem 112 ebenfalls ein unrichtiger Zehnthalerſchein ausgegeben worden ſei und ich, ohne jede Legitimation, mich drin⸗ gend verdächtig gemacht. Mir blieb weiter nichts übrig, als mich meinem Geſchick zu fügen; ich wanderte an der Seite des Po⸗ lizeimannes der Wache zu. In einem kleinen Stübchen angekommen, wurde ich ſogleich verhört und noch immer ſehr rückſichtsvoll behandelt, was nicht allenthalben geſchieht; namentlich hätte ſich wohl in manchem andern Staate am Sonn⸗ tage nicht ſogleich Jemand gefunden, der die Thatſachen geprüft. „Wenn ſich Ihre Ausſage beſtätigt, Sie alſo der königlich preußiſche Baumeiſter Martel und am Harz mit dem Bahnbau beſchäftigt ſind, ſo können Sie auf ſofortige Freilaſſung rechnen, es ſoll ſofort dieſerhalb angefragt werden!“ Mit dieſen Worten entfernte ſich der Beamte, der die Verhandlung aufgenommen, und ließ mich unter dem Schutz oder der Bewachung eines 3 Polizeidieners zurück. Etwa eine halbe Stunde verging, da kehrte der er⸗ ſtere zurück und rief dem Schließer zu:„Bringen Sie den Patron ſofort nach Nr. 3; dort kann er ſich beſinnen, bis er ſeinen Wohnort ermittelt.“ Ich ſchrak für einen Augenblick zuſammen, im näch⸗ ——— 113 ſten wurde ich abgeführt, jede Vorſtellung kam an taube Ohren. Im Gehen pfiff ich das erwähnte Lied, theils um meine Peiniger zu ärgern, theils um mich vor Unbe⸗ ſonnenheiten zu bewahren. Vierundzwanzig Stunden harrte ich vergebens auf Erlöſung, das heißt, während der Nacht ſchlief ich den Schlaf des Gerechten; am nächſten Vormittage öffnete ſich meine Zelle, die Beamten entſchuldigten ſich und bedauerten, daß ſie gezwungen geweſen, in der erfolg⸗ ten Weiſe gegen mich aufzutreten, daß aber die Polizei⸗ behörde meines Stationsortes an dem ganzen Unheil die Schuld trage. Der Bürgermeiſter hatte nämlich auf die an ihn gerichtete telegraphiſche Anfrage, ob ein Baumeiſter Martel dort eriſtire, geantwortet, daß dies nicht der Fall ſei. Er war auch gewiſſermaßen in ſeinem Recht und mochte mir wohl vorſätzlich den Streich geſpielt haben, da ich mich nicht bei ihm angemeldet. Infolge dieſer Antwort hielt mich der inquirirende Beamte für einen gemeinen Betrüger, der bis zum Montag auf weitere Unterſuchung warten könne. Am Montag früh nun hatte ich gefehlt, es waren Nachforſchungen angeſtellt worden. Vielleicht wurde der Bürgermeiſter erſt jett von meinem Vorhandenſein be⸗ Steffens, Ein Wechſel. II. 8 114 nachrichtigt, er telegraphirte nach Braunſchweig, meine Identität wurde durch ein Signalement feſtgeſtellt, und nun konnte ich nach Hauſe reiſen, nachdem ich noch zu Protokoll erklärt, wo ich das Papiergeld erhalten. Am Abend deſſelben Tages hatte ich das Vergnü⸗ gen, in einem Zeitungsblatt zu leſen, daß es endlich gelungen ſei, des ſeit lange verfolgten Falſchmünzers in der Perſon eines angeblichen Baumeiſters M. hab⸗ haft zu werden.“ „Dieſe Annonce hätteſt Du Deinem Vater zuſenden müſſen“ ſpottete Arthur. Ernſthaft fuhr er fort:„Es wäre mein Tod, wenn mir Derartiges begegnete. Doch iſt der wahre Fälſcher nicht ermittelt?“ „O ja, nach langem Suchen. Ich blieb nur kurze Zeit in der Provinz Sachſen, was mir recht angenehm war, denn dieſe fatale Geſchichte hatte ſich ſehr herum⸗ geredet; ich fürchtete erſt immer, ſie würde vor meine Aeltern kommen. Darauf ging ich nach der Provinz Poſen und von dort könnte ich Dir manches kurzweilige Abenteuer erzählen, doch laſſen wir das auf ein ander Mal. Jetzt ſage mir kurz, was Du getrieben, wer ſchuld an Dei⸗ nem Kummer iſt und wen Du liebſt.“ Arthur ſtattete dem Freunde einen getreuen Bericht von ſeinen Erlebniſſen ab und verſchwieg weder ſein 115 Begegnen mit Alice und die Folgen dieſes Zuſammen⸗ treffens, noch die Erfahrungen, die er mit Emilie Baude gemacht; er wußte, Martel war treu wie Gold, wenn ihm auch eine bedeutende Portion Leichtſinn anklebte; deshalb konnte er ſich unumwunden gegen ihn aus⸗ ſprechen. Als er geendet, ſagte Martel„Du kennſt Dein eigenes Herz nicht, wenn Du glaubſt, Du habeſt die Schauſpielerin geliebt. Wäre dies der Fall gewe⸗ ſen, Du hätteſt ſicherlich Gelegenheit gefunden, einmal während der Vertretung des Bauinſpectors hierher zu reiſen und ſie zu ſprechen, am allerwenigſten aber wä⸗ reſt Du nach der Heimat gegangen, ohne ſie geſehen zu haben. Deine Erzählung gibt mir die Gewißheit, daß Du viel ſchlechter und ſelbſtſüchtiger biſt, als ich bisher von Dir glaubte. Wäre das junge Mädchen bei Deiner Rückkunft wie früher ganz frei geweſen, Du hätteſt Dich wahrlich gehütet, an Liebe für ſie zu denken. Aber nun ſie Deinen Nachſtellungen entrückt iſt fühlſt Du Dich gekränkt, indem Du meinſt, ſie habe Verpflichtungen gegen Dich gehabt, ſie ſei undankbar und wankelmüthig. Wie konnte ſie nach Deinem Be⸗ nehmen indeſſen erwarten, daß Du ſie mit Deiner Liebe beglücken wolleſt? Und hätteſt Du dies wirklich gewollt? Lege einmal die Hand aufs Herz und frage 8 116 Dich, ob Du fähig geweſen wäreſt, ſie Deinen Aeltern als Tochter zuzuführen. Nein, Arthur, gehe mir mit Deinen Schlüſſen; Du biſt nicht unglücklich über ver⸗ ſchmähte Liebe, ſondern fühlſt Dich beleidigt und mit Undank belohnt. Sage mir einmal: wenn heute Alice von Wüſtenbrink vor Dir erſchiene, frei und unabhängig, und Dir ihre Hand anböte, würdeſt Du zaudern, ſie anzunehmen?“ „Nein, gewiß nicht!“ entgegnete Arthur. „Nun, ſiehſt Du? Dann willſt Du doch nicht be⸗ haupten, daß Du in Betreff Emiliens ebenſo denkſt?“ Arthur ſchwieg in Verlegenheit. „Nun gebe ich Dir den wohlgemeinten Rath: nähere Dich wieder der kleinen Generalstochter, offenbare ihr Deine Liebe, flehe ſie auf den Knieen um Gegenliebe an, und ſie wird Dein Girven erhören.“ „Du biſt boshaft und Dein Rath iſt ſchlecht. Ich kann die junge Dame nicht aufſuchen, ohne meiner Ehre etwas zu vergeben.“ „Ach Ehre! Warum haſt Du denn nicht Deine Ehre zu Rathe gezogen, als Du Dich verliebteſt und der jungen Dame ihren Herzensfrieden raubteſt? Glaubſt Du etwa, daß es ehrenhaft iſt, einem Mädchen Liebe einzuflößen und es dann zu verlaſſen, weil ein gräm⸗ licher Oheim in gereizter Stimmung einige Worte hat 117 fallen laſſen, die dem ſaubern nicht recht behagten?“ Arthur wurde nachdenklich; er konnte dem Freunde nicht ganz Unrecht geben, aber ebenſo wenig konnte er ſich entſchließen, aufs neue den Unwillen der Ver⸗ wandten Alicens herauszufordern. Martel riß ihn aus ſeinen Träumereien.„Wir ha⸗ ben für heute genug geplaudert, nun führe mich in eine luſtige Geſellſchaft, die alles Grillenfangen verpönt“, ſprach er, ſich erhebend. Arthur war gezwungen, den Wunſch des Freundes zu erfüllen, er ging mit ihm in ein Hotel, in welchem er mehrere ſeiner Bekannten zu treffen erwarten durfte. Zwei Tage blieb Martel bei Soren, und während dieſer Zeit behielt der letztere keinen Augenblick übrig, in welchem er ſeinen trüben Gedanken nachhängen konnte, unaufhörlich wußte ihn der Freund zu beſchäftigen oder durch Erzählung beluſtigender Erlebniſſe aufzuheitern. Ehe er abreiſte, verſprach er, ſolange Arthur in E. weile, recht oft herüberzukommen, und auch dieſer mußte zuſagen, dann und wann nach Martel's Stations⸗ ort zu kommen. „In Betreff Deiner Geliebten will ich Dir noch einen wohlgemeinten und vortrefflichen Rath geben“, 118 ſprach letzterer kurz vor dem Scheiden.„Daß Du mit ihr einig wirſt, davon bin ich überzeugt, es handelt ſich alſo nur darum, ihre Aeltern für Dich zu gewinnen. Das fängſt Du am beſten in folgender Weiſe an: Ihr verabredet einen Treffort am Waſſer, wo Fräulein von Wüſtenbrink ſpazieren gehen muß; ſie fällt hinein, Du ſpringſt ihr nach und holſt ſie heraus. Dadurch retteſt Du ihr das Leben und erwirbſt Dir die ewige Dankbarkeit ihrer Aeltern; ſie müſſen Dir zum Lohn die Hand der Tochter geben und obendrein erhältſt Du noch die Rettungsmedaille am Bande. Du mußt freilich hübſch aufpaſſen, daß Deine Schöne nicht zu lange im Waſſer bleibt, ſonſt könnte ſich ihre Liebe er⸗ kälten.“ „Du biſt wirklich ein größerer Schalk, wie ich ge⸗ glaubt“ antwortete Arthur, nur mit Mühe das Lachen unterdrückend. „Nicht ſo ganz, wie Du annimmſt; glaube mir, derartige Vorkommniſſe hat es ſchon mehrere in der Welt gegeben.“ „Nun, ich ſehe ſchon, Du biſt unverbeſſerlich.“ „Beherzige meinen Rath, und Du mußt glücklich werden. Lebe für diesmal wohl, bald bin ich wieder da, dann hoffe ich Dich als glücklichen Bräutigam zu ſehen.“ 119 Martel ſprang in einen bereit ſtehenden Wagen und fuhr raſch davon. Arthur blickte ihm lange ſinnend nach. Der Beſuch hatte ihm unendlich wohl gethan, er ſagte ſich aufs neue, daß ihm nichts weiter fehle als ein Herz, das ihn verſtehe und mit ihm fühle. Sechstes Kapitel. Der Winter war langſam entſchwunden, die Tage wurden wieder länger, die Natur begann ſich von neuem zu verjüngen. Der General hatte mit ſeiner kleinen Familie manchem ſchönen Vergnügen in der Hauptſtadt beige⸗ wohnt, was namentlich für die Frau von Wüſtenbrink ein unentbehrliches Agens zum Wohlbefinden ge⸗ worden. Aber jetzt wurden die Wintervergnügungen immer ſeltener, hier und da dachte man ſchon an einen Ausflug aufs Land, um den Frühling in ſtiller Zurück⸗ gezogenheit zu verleben und ſich lediglich an den Reizen der wieder aufblühenden Natur zu ergötzen. Der General hatte das ruheloſe Treiben der Haupt⸗ ſtadt recht gründlich ſatt bekommen. Seit er aus dem 12¹ Militärdienſte geſchieden, war er wie umgewandelt, er floh am liebſten die Geſellſchaft der Menſchen, und doch war er auf die Veranlaſſung ſeiner Frau oft gezwungen geweſen, ſich halbe Nächte an Feſtlichkeiten zu be⸗ theiligen. „Ich wollte, wir hätten in Alſenſtein nicht die böſen Nachbarn“ ſprach er eines Morgens zu ſeiner Tochter, „dann zögen wir ungeſäumt wieder dorthin, wo man ſich ſelber überlaſſen iſt und keine Bälle und Soiréen mitzumachen braucht.“ „Lieber Vater, glaubſt Du denn wirklich, daß die Sorens ſo böſe Menſchen ſind? Ich denke, ſie ſehnen ſich ebenſo gut nach Frieden wie Du, und es bedürfte gewiß nur des erſten Schrittes, um ein gutes Vernehmen zwiſchen Euch anzubahnen. Im Uebrigen haben ſie ja den Streit nicht angeſponnen, ſie wurden zuerſt gereizt.“ „Mag das immerhin ſein, ſie mußten nicht ſo rück⸗ ſichtslos gegen mich auftreten und am wenigſten meine armen Hunde todtſchießen. Das vergeſſe ich ihnen nie und wünſche nur mich hierfür revangiren zu können.“ Alice war gewohnt, den Vater ſtets in Zorn ge⸗ rathen zu ſehen, ſo oft dieſer Gegenſtand berührt wurde, weshalb ſie es auch ſorgfältig zu vermeiden ſuchte, das Geſpräch auf die Bewohner von Hünenburg zu lenken. Sie fürchtete, der Vater werde ſich nie zur Beilegung 122 des Zwiſtes entſchließen, und ſomit hoffte ſie nur noch wenig auf ihre dereinſtige Vereinigung mit dem Bau⸗ meiſter. Dabei hatte ihre Liebe zu ihm bisher durch⸗ aus nicht gelitten. Wenngleich ſie ſich keiner ſolchen Trauer hingab wie ihre Schweſter, nicht alle Freuden des Lebens verſchmähte, war er doch ihr ſteter Gedanke, ſeine imponirende Erſcheinung, ſein liebevolles Weſen ſtanden beſtändig vor ihrer Seele, ſie konnte und mochte das innige Gefühl für ihn nicht aus ihrem Herzen reißen. „Ich denke, lieber Vater, wenn wir jetzt wieder nach Alſenſtein zurückkehren, ſo wird die alte Feindſchaft nicht erneut werden. Wir brauchen uns ja in keiner Weiſe um die Sorens zu kümmern und Du darſſt nur ſämmtlichen Leuten ſtreng anbefehlen, daß ſie nichts Verletzendes gegen die Nachbarn unternehmen, dann werden auch ſie zufrieden ſein und uns in Ruhe laſſen. Und ſieh, beſter Papa, es wird jetzt ſo ſchön auf dem Lande, was wollen wir länger in den öden Mauern der Stadt?“ „Du haſt völlig Recht, liebes Kind! Aber ich begreife nur nicht, wie Du Dich ſo leicht von den mancherlei Abwechſelungen hier trennen kannſt. Junge Mädchen lieben doch in der Regel die rauſchenden Genüſſe mehr als eine ſtille Zurückgezogenheit.“ 123 „Wohl möglich. Aber ich mache nun eben eine Ausnahme. Alſo wir reiſen nächſtens nach Alſenſtein?“ „Das habe ich noch nicht geſagt!“ „Nein, doch gewiß gedacht. Nicht wahr, beſter Papa, wir reiſen?“ „Meinetwegen denn, aber Du mußt die Mutter davon in Kenntniß ſetzen, damit Du den erſten Sturm abſchlägſt.“ „O, Mama wird auch ganz zufrieden mit der Ver⸗ änderung ſein.“ Der Reiſetag wurde feſtgeſetzt, doch ſo lange hin⸗ ausgeſchoben, daß die Aeltern Alicens noch vorher por⸗ trätirt werden konnten. Der General hatte dieſen Gedanken angeregt, und ſobald er einmal ausgeſpro⸗ chen, ließen ſeine Gattin und Alice dem alten Mann keine Ruhe, bis nach einem Künſtler geſchickt war, der die Bilder anfertigen ſollte. Alice ſaß in dem Zimmer ihres Vaters und las in einem Buche, als der beſtellte Maler gemeldet wurde. Der General empfing ihn ſogleich. Hugo Felge erſchien vor den harrenden Herr⸗ ſchaften. Nach einigen Verabredungen in Betreff der Aus⸗ führung der Gemälde und der dazu zu verwendenden Zeit ſprach Felge:„Ich habe eben ein Bild beendet, 124 das in der Weiſe gemalt iſt, wie Sie die Ihren wün⸗ ſchen. Wenn Sie erlauben, ſo bringe ich daſſelbe zur Anſicht mit.“ „Das iſt uns ſehr lieb, Herr Felge; ſeien Sie ſo gütig und zeigen Sie es uns morgen, wenn die Sitzun⸗ gen beginnen“ antwortete der General. Am nächſten Tage brachte der Maler das Bild mit, es war ein Helgemälde in der ungefähren Größe eines Ouadratfußes. Der General betrachtete es längere Zeit und ſtrich ſich dann ein paarmal über die Stirn, als wolle er alte Er⸗ innerungen in ſich wach rufen, konnte aber wohl zu keinem befriedigenden Reſultat gelangen, denn er reichte das Bild Alice, indem er ſprach:„Eine correcte Arbeit; man erkennt an dem Gemälde den Meiſter.“ Alice hatte kaum einen Blick auf das Bild ge⸗ worfen, als ſie heftig zuſammenſchrak und ein leiſes: „Soren!“ ihren Lippen entglitt. Doch weder ihre Erregung noch der Ausruf mußte bemerkt worden ſein, der Vater unterhielt ſich angelegentlich mit dem Maler. „Wie findeſt Du das Portrait?“ fragte endlich der General ſeine Tochter, als dieſelbe immer noch im Anſchauen der theuern Züge verſunken war und ſich anſcheinend nicht davon trennen mochte. „Unübertrefflich!“ antwortete Alice jetzt träumeriſch. 125 „Aber“, fuhr ſie fragend fort,„kennſt Du denn nicht das Original, beſter Papa?“ „Die Züge ſind mir bekannt, aber dennoch weiß ich nicht, wem ſie angehören“ entgegnete der General. „Es iſt das Portrait eines Baumeiſters Soren!“ ſprach der Maler. Alice erbebte bei dieſen Worten. Der General, der ſie anblickte, bemerkte ihre Erregung und fragte den Maler ein wenig mißtrauiſch: „Wie kommt es, daß Sie mir gerade dies Bild da zeigen?“ „Weil es meine letzte Arbeit iſt“, erwiderte der Maler zuverſichtlich.„Das Portrait gehört mir, da ich es für mich angefertigt.“ „Für ſich? Kennen Sie denn den Baumeiſter Soren genauer?“ „Nein, ich habe ihn nie geſprochen. Aber er war der Protector meiner Frau, als dieſelbe als junges Mädchen hülf⸗ und ſchutzlos daſtand, er hat ſie viel⸗ leicht von einem tiefen Abgrund zurückgeführt und jedenfalls iſt er der Gründer ihres Glücks geweſen. Ich bin erſt ſeit wenigen Wochen verheirathet, und während ich kurz vorher mehrere Tage in der Vater⸗ ſtadt meiner Frau weilte, wußte mich dieſe zu veran⸗ laſſen, den Herrn Baumeiſter heimlich für ſie zu malen, 126 damit ſie ſich ſeiner bei jedem Erblicken der ernſten und doch freundlich milden Züge des Bildes dankbar erinnere.“ Der General war nachdenklich geworden. Alice fragte:„Aber wie konnten Sie den Baumeiſter malen, ohne ihn ſtets vor Augen zu haben?“ „Ich weilte täglich einige Stunden bei einem Freunde, der ihm gegenüber wohnte. Da ſah ich den Herrn Soren oft ſtundenlang am Fenſter ſtehen und in Ge⸗ danken vertieft auf die Straße hinabſchauen. Ich hatte dabei hinlänglich Zeit, ſeine Züge auf die Lein⸗ wand zu bringen. Sie ſehen wohl, der Ausdruck des Geſichts iſt ernſt und nachdenklich; in dieſer Stellung können Sie das Original des Bildes täglich er⸗ blicken.“ „Alſo iſt das Bild Eigenthum Ihrer Frau?“ „Ja, ſie hält es für ihren größten Schatz.“ Alice erröthete leicht, ein kleiner Unwille wollte ſich ihrer bemeiſtern. Doch ſie drängte die Empfindung zurück, blieb aber ſtill. Der General ſchenkte dem Bilde und der Erzählung davon weiter keine Aufmerkſamkeit; er haßte die Verwandten Soren's ja, wie hätte er da freundliche Geſinnungen gegen den Baumeiſter hegen können! Das Köpfchen Alicens konnte ſich indeſſen nicht 127 ſo leicht beruhigen; in ihrem Buſen wogte und ſtürmte es, allerlei Vorſätze wurden in ihr wach. Felge ſaß wenige Tage ſpäter in ſeinem Atelier bei der Arbeit und beſchäftigte ſich eifrig mit dem Vervollſtändigen eines Bildes. Nicht weit von ihm hatte ſich Emilie, die junge Frau, niedergelaſſen und verfolgte jeden Pinſelſtrich ihres Mannes mit dem Auge der Liebe. Sie fand an Allem Geſchmack und Intereſſe, was er verfertigte. Plötzlich klopfte es an die Thür des Zimmers. Emilie gerieth in Verlegenheit, ſie hätte ſich gern entfernt, doch das war nicht mehr möglich. Alice in Begleitung einer andern vornehmen jungen Dame trat ein. Kaum gewahrte Felge den Beſuch, als er mit allen Zeichen der größten Ehrerbietung aufſprang und die Da⸗ men in ein anſtoßendes Zimmer führte. Emilie folgte ſchüchtern nach. „Ihre Frau Gemahlin?“ ſprach Alice im Ton der Frage, indem ſie einen in das Gewand der Theilnahme gekleideten, aber prüfenden Blick über die junge Frau gleiten ließ. Der Maler bejahte die Frage. „Sie ſind erſtaunt über unſer Erſcheinen, indem Sie gewiß annehmen, daß ich Ihnen mein Geſuch bei 128 Ihrer täglichen Anweſenheit in unſerm Hauſe hätte vor⸗ tragen können. Doch das geht nicht, weil meine Ael⸗ tern den Wunſch, den ich hege, nicht kennen dürfen.“ Felge verbeugte ſich ſtumm. „Sie haben mir neulich ein Bild des Baumeiſters Soren gezeigt; dieſer Mann ſteht mir nahe, wird jedoch durch den Willen meiner Aeltern fern von mir gehalten, ich werde ihn wohl nicht wiederſehen. Sie ſehen, ich bin offen gegen Sie, da ich wohl keinen Verrath von einem jungen glücklichen Ehepaar zu fürchten habe, das die Gefühle und die Empfindungen des Herzens zu ſchätzen weiß. Ich glaubte nun, durch Sie recht viel über den Baumeiſter zu erfahren, des⸗ halb kam ich mit einer meiner Freundinnen hierher.“ Die letzten Worte Alicens waren mehr an Emilie gerichtet geweſen. Dieſe fühlte innige Theilnahme für das liebenswürdige, aber, wie es ſchien, unglückliche Mädchen, ſie zeigte ſich gern bereit, Alles zu erzählen, was ſie über Soren wußte; wie ſie mit ihm bekannt geworden und wie edelmüthig er ſich ihrer angenommen, dann aber auf einige Zeit verſchwunden ſei, bis er ſie noch einmal beſucht, um von da an ihr gänzlich fern zu bleiben, da er ſich von ihrem Wohlergehen überzeugt. Alice war eine eifrige Zuhörerin. Als Emilie ge⸗ endet, ſprach ſie:„Ich weiß, das Bild, welches Sie von —————————— 129 Soren beſitzen, iſt Ihnen lieb und werth, Sie werden es für keinen Preis aus der Hand geben, aber können Sie mir nicht recht bald ein Miniaturgemälde darnach anfertigen?“ „Mein gnädiges Fräulein, Sie werden zugeſtehen müſſen, daß es ein eigenes und gewagtes Unternehmen iſt, hinter dem Rücken eines Mannes deſſen Bild anzu⸗ fertigen und mit demſelben Geſchäfte zu machen; der Herr Baumeiſter könnte mich wohl gar gerichtlich be⸗ langen, jedenfalls aber meinen Ruf untergraben. Doch Sie haben mir Ihr Vertrauen geſchenkt, folglich muß ich auch Ihnen Vertrauen zeigen, indem ich Ihnen das verlangte Gemälde herſtelle. Sie werden es nicht dazu benutzen, mir zu ſchaden“, entgegnete Felge. „Niemand kommt es je zu Geſicht, hier ſoll es ſeinen Platz finden“, rief Alice, auf ihr Herz deutend. „Und eine Befürchtung iſt auch ganz am unrechten Orte“ fiel die Begleiterin Alicens ein.„Die Männer ſind viel zu eitel und gefallſüchtig, als daß ſie zürnen würden, wenn ſie hörten, ihr Bild ſei heimlich ange⸗ fertigt und von Damen begehrt. Ich möchte wohl einen kennen lernen, der bei dieſer Nachricht in Zorn geriethe. Nein, Herr Felge, da können Sie ganz un⸗ beſorgt ſein.“ Die Anweſenden lachten und Alice Sien nochmals Steffens, Ein Wechſel. II. 9 130 das Verſprechen, daß das Bild vor ihrer Abreiſe von Berlin in ihren Händen ſein werde. Vor ihrem Geiſte ſtand jetzt das Bild Arthur's in den glänzendſten und reinſten Farben; das, was ſie von der Frau Felge über ihn erfahren, hob ihn noch in ihrer Hochachtung, der Vorſatz befeſtigte ſich immer mehr in ihrem Herzen, nur ihm oder nie einem Manne anzugehören. Als ſie in den Beſitz des Gemäldes kam, da verwahrte ſie es ſorgfältig in einer goldenen Kapſel, in der bisher ein kleines Portrait ihres Vaters ſeinen Platz gehabt hatte. Die Portraits des Herrn und der Frau von Wüſten⸗ brink waren inzwiſchen auch zur Zufriedenheit der Be⸗ theiligten beendet, der Blütenmonat ließ nicht länger auf ſich warten, und Alice mahnte an jedem neuen Morgen ihren Vater an die baldige Abreiſe, bis derſelbe ihrem Drängen nachgab und den Tag des Aufbruchs von Berlin feſtſetzte. Es könnte befremden, daß die junge Dame die Ent⸗ fernung von Berlin herbeiſehnte, nachdem ſie früher eifrig für die Ueberſiedelung dorthin geſtimmt. Aber auch dies hatte ſeinen Grund. Sie fand nirgends Ruhe ohne den Geliebten, immer hoffte ſie, ihm, wie einſt, auf der Reiſe zu begegnen oder ihn an einem andern Orte zu treffen. Ohne Unterlaß hätte ſie nach ihm ſuchen mögen, bis ſie ihn gefunden. Sie kannte jetzt allerdings ſeinen Aufenthaltsort, der von Alſenſtein weit entfernt lag; aber auch Berlin war ihm nicht nahe, und es ließ ſich immerhin mit einiger Gewißheit annehmen, daß er während des ſchönen Frühlings einige Wochen im älterlichen Hauſe zubringen werde. Früher hatte ſie gehofft, ihm in Berlin zu begegnen, doch jetzt rech⸗ nete ſie nicht mehr darauf. Und war es nicht möglich, daß ſich in Alſenſtein eine Gelegenheit bot, den Vater mit den Grenznachbarn zu verſöhnen? Wenn dies ermög⸗ licht werden konnte, dann war der letztere auch für den Baumeiſter gewonnen, und ſie durfte der Zukunft mit Zuverſicht ins Auge ſchauen. Dies Alles waren triftige Gründe, die Alice von Berlin fortzogen. Sie hatte auch dort manche recht gute Freundin, ihr war von den Männern allſeitig gehuldigt worden, und viele junge Damen hätten wohl unter dieſen Umſtänden den Aufenthalt in der Hauptſtadt dem zurückgezogenen und einförmigen Leben auf dem ſtillen Dorfe vorgezogen, doch Alice kannte nur ein wahres Glück und dies beſtand in der Hoffnung auf die treue Gegenliebe des Baumeiſters. Mit ſeiner Frau hatte der General wieder einen harten Kampf zu beſtehen. Dieſe Dame, um mehr denn zwanzig Jahre jünger als ihr Gatte, konnte ſich noch 132 nicht in einer ruhigen Abgeſchiedenheit behaglich fühlen, ſie liebte zu ſehr ein prunkendes, geſelliges Leben, in dem ſie an der Spitze der Frauenwelt glänzen konnte. Sie mußte ſich indeſſen fügen, wenn auch mit ſchwerem Herzen. Am meiſten zürnte ſie Alice, denn ſie wußte wohl, daß dieſe Alles über den Vater vermochte, und ſie war vergeblich bemüht geweſen, ſie für längeres Verbleiben in der Reſidenzſtadt günſtig zu ſtimmen. Siebentes Kapitel. Nach der Abreiſe ſeines Freundes Martel war Arthur für einige Tage ungleich heiterer geſtimmt als früher; der frohe Lebensmuth des letztern, ſeine Sorg⸗ loſigkeit, mit der er ſelbſt an den gefährlichſten Klippen vorüberſteuerte, hatten ſich in der Nähe Martel's auch ihm mitgetheilt. Aber nun war dieſer fort, und es währte nicht lange, ſo begann Arthur wieder in ſeinen alten Trübſinn zu verfallen. Tage und Wochen vergingen, er erfuhr die Verheirathung Emiliens und ihre Abreiſe nach Berlin, er ließ es geſchehen, ohne ſie noch einmal aufzuſuchen.„Sie iſt eine Undankbare, die meine Theil⸗ nahme nicht verdient. Vergeſſen!“ brummte er vor ſich hin und führte ſein gewöhnliches Leben fort. Martel beſuchte ihn aufs neue und ſchlug wieder 134 den heiterſten Ton an. Arthur freute ſich darüber, ſo⸗ lange er bei ihm war, aber er dachte nicht daran, ſeinen Beſuch zu erwidern, wenn er es auch verſprochen, und dauernd vortheilhaft auf ſeine Stimmung einzu⸗ wirken hätte der Freund wohl nur vermocht, wenn er immer in ſeiner Nähe geweilt hätte. In der Mitte des Monats Mai erhielt Arthur einen Ruf nach Weſtpreußen ganz in die Nähe ſeiner Aeltern; ſein vorläufiger Stationsort wurde Buchberg. Jetzt mußte er von Martel perſönlich Abſchied nehmen und richtete deshalb ſeine Tour ſo ein, daß er den letztern aufſuchen konnte. „Ich rechnete wahrhaftig nicht mehr auf Dein Kommen“ rief ihm der Jugendgefährte entgegen;„doch es iſt gut, daß Du hier biſt, nun laſſe ich Dich vor⸗ läufig nicht fort.“ Arthur erzählte von ſeiner Verſetzung und behauptete, daß er am nächſten Tage fort müſſe. „Alſo nach Buchberg?“ fragte Martel vergnügt. „Du biſt ein wahres Glückskind, wenn Du nur erſt dies einſehen wollteſt“, ſetzte er lachend hinzu. „Ich freue mich wirklich ſehr über dieſe Begünſti⸗ gung; hoffentlich kann ich jetzt Jahr und Tag bei meinen Verwandten weilen, und ich bin gern in ihrer Nähe“, verſicherte Arthur. 135 „Und Fräulein von Wüſtenbrink, wo bleibt die?“ rief Martel. „Sie ſoll in Berlin ſein, ich weiß es nicht genau.“ „Du haſt alſo noch immer nichts gethan, ſie zu er⸗ ringen?“ „Nichts! Ich kann mich nicht ihren Verwandten aufdrängen.“ „So überlaſſe mir doch die Regelung der Ange⸗ legenheit, und ich wette mit Dir, in ſechs Wochen biſt Du ein glücklicher EChemann.“ „Du biſt unverbeſſerlich, Rudolf; ich möchte Dich als Freiwerber auftreten ſehen.“ „Traue mir nur zu, daß ich einen ſtarrköpfigen Vater und eine adelſtolze Mutter zur Vernunft zu bringen weiß. Willſt Du, daß ich Dich bis Berlin be⸗ gleite, ſo bleibe nur ſo lange hier, bis ich mir Urlaub erwirkt habe.“ „Nein, ich danke Dir“ rief Arthur, über den ſchnellen Entſchluß des Freundes lachend. Martel gab dem jüngern Collegen noch manche gut gemeinte Lehren, die dieſem aber meiſt nur ein Lächeln entlockten; er konnte ſich mit dem Leichtſinn des Freundes nicht verſtändigen, wenn er ihn ſelber auch ſehr hoch ſchätzte. Als ſie ſchieden, ſprach Martel: „Nun wirſt Du wohl nicht ſobald die Ehre haben, mich 136 wiederzuſehen, denn mich bindet meine Stellung, und Du denkſt gewiß nicht daran, einen der bravſten Menſchen aufzuſuchen, wenn Dich nicht der Zufall in ſeine Nähe führt. Doch das ſchadet nichts, gut bin ich Dir doch!“ In Berlin angekommen, konnte Arthur nicht unter⸗ laſſen, ſich nach dem General von Wüſtenbrink zu er⸗ kundigen; er erfuhr, daß der Geſuchte vor vierzehn Tagen die Hauptſtadt verlaſſen habe. Jetzt ahnte der Baumeiſter ein Wiederſehen und ſein Herz begann ſtürmiſch zu pochen, wenn er daran dachte, Alice zu begegnen; aber eine beſtimmte Hoffnung auf Erreichung ihrer Hand hegte er nicht, er konnte ſich nicht dazu verſtehen, ihren Verwandten, die ihn zurückgewieſen, ſeine Gefühle zu offenbaren. Auf Hünenburg herrſchte allgemeiner Jubel, als Arthur eintraf und ankündigte, daß ihm die Ausfüh⸗ rung des Chauſſeebaues im Kreiſe Buchberg übertragen ſei. Seine Aeltern fühlten ſich ſo beglückt, ihn jetzt auf lange Zeit in ihrer Nähe zu haben, daß kein anderes Gefühl in ihrer Bruſt Raum fand. Seinen Wohnſitz mußte der Baumeiſter in Buchberg nehmen, aber kein Tag verging, an dem er nicht einige Stunden in Hünenburg bei den Aeltern zubrachte. Ueber den General und ſeine Familie wurde nie ein Wort gewechſelt, der Major vermied es ſorgfältig, von ihnen 137 zu ſprechen, um ſich nicht aufzuregen, denn noch immer herrſchte die alte Feindſchaft in ihrer ganzen Stärke, ſie war ſogar noch vermehrt, da beide Theile infolge der eingeleiteten Proceſſe bedeutende Gerichtskoſten hatten zahlen müſſen. Die Arbeit nahm Arthur nicht zu ſehr in Anſpruch. Er hatte einige tüchtige Unterbeamte, und wenn er ſich auch nicht ganz auf dieſe verließ, ſondern eine geord⸗ nete Controle führte, ſo nahm ihn dieſelbe doch nur meiſt während der Vormittagsſtunden in Anſpruch, die Nachmittagsſtunden hatte er gewöhnlich frei und ver⸗ brachte ſie auf dem Gute des Vaters. Als Knabe hatte Arthur zeitweiſe mit großer Vor⸗ liebe die Angelfiſcherei betrieben; jetzt erwachte die Luſt zu dieſem grauſamen Vergnügen aufs neue in ihm, er ſuchte die lange außer Gebrauch gebliebenen Geräthſchaften hervor und machte ſich eines Tages auf den Weg nach dem bereits erwähnten See, der ſich durch die Güter Hünenburg und Alſenſtein erſtreckte, um ſein Glück im Fiſchfang zu verſuchen. Am Ufer des Sees lief ein ſchöner Buchenwald hin. Arthur ſchritt rüſtig an demſelben hin, bis er dicht an der Grenze von Alſenſtein ein bequemes Plätzchen fand, auf dem er früher oft mit vielem Erfolge ſeine Angel ausgeworfen hatte. 138 Auch heute ließ er ſich hier unter einem ſchattigen Baume nieder, brachte die Schnur von Pferdehaaren in Ordnung und ließ ſie in den See fallen. Seine ganze Aufmerkſamkeit war auf den ſchwimmenden Kork ge⸗ richtet, aber ſoviel er auch ſchauen mochte, keine zuckende Bewegung zeigte an, daß ein Fiſch den an einem Haken befeſtigten Köder beachte. Ein Angler muß viel Geduld beſitzen, und dieſe ſchien dem jungen Fiſcher eigen zu ſein, er harrte ruhig aus, nur dann und wann einmal die Angel weiter werfend. Auf einmal hörte er dicht neben ſich leichte Schritte auf dem ſchmalen Fußwege; neugierig wandte er ſich um. Da trat eine Dame aus dem Gebüſch. Arthur ſprang empor— Alice von Wüſtenbrink ſtand vor ihm. Es erfolgten zwei Ausrufe der Ueberraſchung, dann ſenkte die junge Dame ſchüchtern das Auge zu Boden, auch Arthur war unfähig, ein Wort hervorzubringen. Beide ſtanden ſich ſprachlos gegenüber. Der Baumeiſter gewann zuerſt ſeine Faſſung wieder. „Fräulein Alice“, begann er mit bewegter Stimme,„der Zufall hat uns wieder zuſammengeführt, aber ich weiß nicht, ob ich unſer Wiederſehen als ein glückliches be⸗ trachten darf und ob Sie ſich deſſelben freuen.“ Alice antwortete nicht, aber ſie erhob ihr Auge, 139 dem Baumeiſter ſchien daraus eine unendliche Glück⸗ ſeligkeit entgegenzuſtrahlen; erſt jetzt wurde ihm völlig klar, daß er Emilie Baude nie geliebt habe. In größerer Befangenheit hatten ſich die Liebenden wohl noch nie befunden als in dieſem Augenblicke. Arthur bemühte ſich vergeblich, einen Gedanken zu faſſen, den er laut werden laſſen konnte, und Alice war ſo ganz verwirrt, daß ſie die erſte Anrede des Baumeiſters gar nicht verſtanden hatte. Das ſonſt ſo muthwillige Mädchen hätte weinen mögen über ſeine Blödigkeit, aber Faſſung errang es ſich nicht. Ein Fiſch machte dieſer peinlichen Situation ein Ende. Arthur hatte die Angelruthe fallen laſſen, eine heftige Bewegung derſelben zog ſeine Aufmerkſamkeit an, er blickte nach dem Kork, derſelbe war verſchwunden. Eilig zog er die Angel empor, ein großer Fiſch kam zum Vorſchein und wurde auf das Land geſchnellt. Alice ſtieß einen Ausruf der Verwunderung hervor. Arthur ſprach lachend:„Sie wundern ſich, gnädiges Fräulein, daß ich grauſam genug bin, die Angelei zu treiben; es war dies ein Lieblingsvergnügen in meinen Knabenjahren, und heute trieb es mich unwiderſtehlich hierher. Ich beklage nun nicht den kindiſchen Einfall.“ „Ach der arme Fiſch, wie er zappelt! Ich könnte kein Thier ſo quälen“, rief Alice mit Wärme. 140 „Soll ich ihn wieder ins Waſſer werfen?“ fragte der Baumeiſter. „O bitte, thun Sie das, wenn es Ihnen keine Ueber⸗ windung koſtet, eine Beute fahren zu laſſen. Wird der Fiſch aber auch am Leben bleiben?“ „Ganz ſicher! Sehen Sie, wie er luſtig dahin⸗ ſchwimmt.“ Alice trat näher zu Arthur heran; ſie ſchien ſo froh darüber, daß er dem armen Thier das Leben geſchenkt, als ſei ihr ein großes Glück widerfahren.„Wollen Sie mir eine Bitte erfüllen, Herr' Baumeiſter?“ fragte ſie jetzt, ihm ins Auge blickend. „Alles werde ich thun, was Sie verlangen!“ ant⸗ wortete Arthur beſtimmt. „So angeln Sie nicht wieder; das Vergnügen iſt zu ſchrecklich für die armen Fiſche und für die Würmer, die Sie als Köder benutzen.“ „Ich folge gern dieſem billigen Wunſche“ ver⸗ ſicherte der Baumeiſter. „Meinen herzlichen Dank für Ihre Bereitwilligkeit. Sie zürnen mir doch nicht wegen meines Verlangens, Herr Baumeiſter?“ „Im Gegentheil, ich bin glücklich, daß Sie ein wenig Intereſſe für meine Handlungen an den Tag legen, gnädiges Fräulein.“ 141 Alice erröthete.„Werden Sie längere Zeit hier weilen, Herr Baumeiſter?“ fragte ſie ſchüchtern. „Bis zur Vollendung des Chauſſeebaues im Kreiſe Buchberg; die Leitung deſſelben iſt mir übertragen.“ „O das iſt herrlich!“ rief Alice, freudig erregt. „Sie äußern eine Freude, die mich beinahe be⸗ fremdet, gnädiges Fräulein“, ſprach Arthur ernſt. „Ihr Herr Oheim ließ bei unſerm letzten Begegnen Worte fallen, die auf Ihre nahe Vermählung hin⸗ deuteten, ich glaubte deshalb, Sie ſeien weit entfernt, auf ein Wiederſehen mit mir den geringſten Werth zu legen.“ Das reizende Geſicht der jungen Dame nahm einen trüben Ernſt an, als ſie erwiderte:„Mein Oheim war ſehr garſtig an jenem Tage und hat durch ſein Auf⸗ treten meine Zuneigung für immer verloren. Nie werde ich mich durch meine Verwandten zu einer Heirath gegen den eigenen Willen beſtimmen laſſen, und glau⸗ ben Sie mir, Herr Baumeiſter, mein Vater iſt auch viel zu gut, um mich unglücklich machen zu wollen.“ Arthur hätte laut aufjauchzen mögen, ſo glücklich machten ihn die Worte des jungen Mädchens; er fühlte ſich in dieſem Augenblick fähig, mit der ganzen Welt einen Kampf für die Erreichung ſeiner Herzenswünſche aufzunehmen.„Alice“ ſprach er weich,„ich erlaubte mir, Ihnen im vorigen Jahre zu ſagen, was mein Herz für Sie empfand; meine Gefühle haben ſich in⸗ zwiſchen nicht geändert, ich liebe Sie mehr als mein Leben, und nur die Furcht, Sie zu betrüben, von Ihren Aeltern wie von Ihrem Oheim hart und ver⸗ ächtlich behandelt zu werden, hielt mich ab, Ihnen wieder zu nahen; ich habe faſt mehr gelitten, als ein Menſch ertragen kann, aber jetzt fühle ich mich kräftig genug, allen Vorurtheilen entgegenzutreten, wenn ich hoffen darf, daß Sie meine innige Liebe er⸗ widern. O Alice, bitte, ſagen Sie mir, ob Sie mich beglücken wollen.“ Alice war daran gewöhnt, frei und offen aufzu⸗ treten, ſie kannte keine Verſtellung. Das Glück, das aus ihren Augen ſtrahlte, ſagte dem Baumeiſter noch früher, was er zu erwarten habe, ehe ſie die Antwort hinhauchte:„Ich habe Sie immer geliebt, Ihnen allein will ich angehören!“ Arthur umſchlang die Geliebte und preßte ſie an ſeine bewegte Bruſt; ſie wehrte ihn nicht ab, und als er ihren roſigen Mund mit ſeinen Lippen berührte, da zuckte ſie wohl ein wenig zuſammen, aber es war ledig⸗ lich ein ſeliges Entzücken, das ſich ihrer bemeiſterte. Wie unendlich viel hatten ſich die Liebenden jetzt zu erzählen! Sie wandelten in den Gängen des Buchen⸗ — 143 waldes umher und theilten einander ihre Erlebniſſe mit, ſeit ſie ſich nicht geſehen. Alle Schwermuth war aus ihren Geſichtern entſchwunden, reine, ungetrübte Freude ſprach aus ihren Mienen. Die Schatten der Bäume wurden länger und länger, der Abend nahte, aber die Wiedervereinten ſchienen es nicht zu bemerken, ſie hatten nur Gedanken für ihre innige Liebe. Das Bellen eines Hundes in einiger Entfernung ſchreckte ſie endlich aus ihrer Sorgloſigkeit auf. „Mein geliebter Arthur, man ſucht mich, wir müſſen uns für heute trennen“, flüſterte Alice. „Und wann ſehen wir uns wieder, Du herziger Engel?“ fragte Arthur in bekümmertem Ton. „Morgen Nachmittag an derſelben Stelle, wo ich Dich heute gefunden; aber bringe keine Angel wieder mit, Du haſt heute einen Fang gethan, der Dir für immer genügen muß.“ Arthur ſchwamm in ſeligem Entzücken über die Neckerei der Geliebten. Jetzt hörten ſie den Hund ſchon ganz in der Nähe bellen. „Leb' wohl, Du herziger Engel!“ flüſterte der Bau⸗ meiſter. „Adieu, mein Arthur. Und nun eile!“ Der Baumeiſter preßte die Geliebte noch einmal an ſich, dann verſchwand er im dichten Gebüſch. Alice ging in entgegengeſetzter Richtung über die Gutsgrenze. Nur wenige Schritte hatte ſie erſt gethan, da be⸗ gegnete ſie ihrem Vater, der langſam daherkam; ihm vorauf lief der Hund, den die Liebenden ſchon aus der Ferne gehört hatten. „Alice, wo biſt Du ſo lange geweſen? Ich war Deinetwegen ſchon recht in Sorgen“ rief der General vorwurfsvoll. „Aber, guter Vater, Du weißt ja, daß ich täglich einen Spaziergang unternehme. Heute habe ich mich allerdings etwas verſpätet, doch es war ſo ſchön hier, daß ich mich nicht ſo ſchnell losreißen konnte. Sieh einmal über den See hinaus nach den Bäumen da drüben, iſt das nicht ein reizendes Bild?“ erwiderte Alice, die mit einer merk⸗ lichen Befangenheit kämpfte. „Ja wohl, es iſt recht ſchön hier, indeſſen begreife ich nicht, wie man den ganzen Nachmittag mit dem Anſchauen einiger Bäume verbringen kann.“ „O das habe ich nicht! Ach, mir iſt ſo wohl hier, daß ich gar nicht nach Hauſe zurückkehren möchte; der lange Winter macht den Menſchen recht empfänglich für die Schönheit des Lenzes.“ 14⁵ „Du biſt der Grenze von Hünenburg ſo nahe— wie leicht konnte Dir ein Unfall zuſtoßen!“ „Ein Unfall? Durch wen?“ „Nun, die Sorens ſind doch wohl zu Allem fähig.“ „Aber, guter Vater, ich begreife nicht, wie Du ſo hart über dieſe Menſchen urtheilen kannſt! Ich halte ſie für ſehr gut. Wenn Du Dir nur die Mühe nehmen wollteſt, ſie genauer kennen zu lernen, Du würdeſt gewiß bald meine Meinung theilen.“ „Was redeſt Du? Du weißt, daß ſie meine ein⸗ zigen Feinde ſind.“ „Das iſt eben ſehr ſchlimm! Sie haben wahrlich die Feindſchaft nicht herbeigeführt, und daß ſie ſo gut reizbar ſind wie andere Menſchen, kannſt Du doch nicht als einen ſo großen Fehler betrachten.“ „Du ſcheinſt darauf auszugehen, mich bei jeder nur möglichen Gelegenheit in ſchlechte Laune zu verſetzen. Thue mir den einzigen Gefallen und erwähne die Leute nicht mehr, von denen ich nun einmal nichts hören mag.“ „Warum willſt Du denn ſo unverſöhnlich ſein? Sieh, die Sorens ſind ſeit langen Jahren im Beſitze ihres Gutes, und der alte Major, der an militäriſche Ordnung gewöhnt iſt, handhabt dieſelbe auch auf ſeiner Beſitzung. Nie hat Jemand gewagt, ihm einen Vorwurf Steffens, Ein Wechſel. II. 10 zu machen. Da bekommt er neue Grenznachbarn, die ſich für zu gut halten, ihn freundſchaftlich aufzuſuchen, wie es ſonſt Sitte iſt; aber ſie denunciren ihn, weil er für wenige Tage einen Weg etwas ſchwer befahrbar hat werden laſſen. Was hätteſt Du darauf in ſeiner Lage gethan, wenn Du infolge der Denunciation noch einen ernſten Verweis von der Polizeibehörde erhalten?“ „Woher weißt Du dies Alles ſo genau?“ fragte der General verwundert. „Das iſt ja allbekannt!“ erwiderte Alice nach einem kurzen Schweigen, das ſie benutzt hatte, ihre Verlegen⸗ heit zu bekämpfen. „Wenn der Major ſo ſehr an militäriſche Ordnung gewöhnt iſt, wie Du anführteſt, dann hätte er auch meinen höhern Rang reſpectiren müſſen. Und ich wußte nichts von der Beſchwerde.“ „Das konnte er nicht ahnen. Was aber die Rang⸗ ordnung betrifft, ſo kannte der Major vielleicht nicht einmal Deine militäriſche Charge, Du hatteſt ſie ihm ja nicht mitgetheilt.“ „Nun, Kind, ich komme mit Deiner Beredtſamkeit nicht aus, aber ich ſage Dir nochmals, laſſe mich mit den Sorens zufrieden, wenn Dir etwas daran gelegen iſt, mich froh und heiter zu ſehen.“ Alice mußte ſchweigen; ſie begriff den Vater nicht, 141 2 der ſonſt in allen Punkten ihr gegenüber ſo ſehr zur Nachgiebigkeit geneigt war; aber ſie hoffte ihn mit der Zeit doch umzuſtimmen. Alice erſchien jetzt ganz anders wie in letzter Zeit, ihr alter Frohſinn war wieder zurückgekehrt, ſie ſcherzte und tändelte mit dem General, hüpfte wie ein über⸗ müthiges Kind an ſeiner Seite umher und erregte da⸗ durch die Freude, aber auch die Verwunderung des alten Mannes. Doch er war ja glücklich, wenn ſeine einzige Tochter ſich wohl befand, er fragte nicht nach der Urſache ihrer Umwandlung und blieb weit entfernt, die wahren Motive hierzu zu ahnen. „Wo biſt Du denn geweſen, Arthur?“ rief dem Bau⸗ meiſter ſein Vater entgegen, als er, ein Liedchen pfei⸗ fend, vor dem herrſchaftlichen Wohnhauſe zu Hünen⸗ burg ankam. Am See, lieber Vater!“ entgegnete Arthur in mun⸗ terem Ton. „Das iſt nicht möglich. Heinrich hat Dich dort geſucht und nicht gefunden.“ „Ich war über die Grenze gegangen.“ „Er hätte Dich doch ſehen müſſen.“ „Nun, dann bin ich vielleicht gerade im Walde ge⸗ weſen, als er mich geſucht, die meiſte Zeit aber habe ich geangelt.“ 102 148 — „Und nichts gefangen?“ „Nichts! Ich glaube, das Wetter iſt nicht günſtig.“ „Du ſagteſt erſt, Du ſeieſt über die Grenze ge⸗ treten; davor hüte Dich künftig. Wenn Dich der Ge⸗ neral von Wüſtenbrink oder Jemand von ſeinen Leuten auf dem Alſenſteiner Grund und Boden beim Angeln träfe, ſo gäbe es gewiß wieder neuen Skandal.“ „Das glaube ich nicht. Fräulein von Wüſtenbrink hat mich übrigens geſehen, ſie ging ſpazieren.“ „Nun, dann kannſt Du auch ſicher darauf rechnen, daß ihr Vater uns von neuem anfeindet. Du hätteſt vorſichtiger ſein ſollen, da Du einmal weißt, wie ich mit den Herrſchaften ſtehe“, brummte der Major. „Sei außer Sorgen, lieber Vater, die junge Dame verräth mich nicht!“ rief Arthur mit einer ſolchen Zu⸗ verſicht, daß der alte Major aufmerkſam wurde. „Woher weißt Du das ſo beſtimmt?“ fragte er, den Sohn betrachtend. „Ich erzählte Dir früher ſchon einmal, daß ich von Cöslin bis Berlin mit ihr zuſammen gereiſt ſei, da habe ich mich denn von ihrem liebenswürdigen Cha⸗ rakter überzeugt. Sie iſt ein Engel, der wahrlich keine Feindſchaft anſtiften wird.“ „Hm! Du haſt ſie wohl heute geſprochen?“ „Ich war ſo frei, ſie anzureden!“ 149 „Und ſie?“ „Sie freute ſich über das Wiederſehen und beklagte den Zwiſt zwiſchen Dir und ihrem Vater, verſicherte auch, daß ſie ſich täglich bemühe, den letztern zur Nach⸗ giebigkeit zu veranlaſſen.“ „So, das ſind ja hübſche Neuigkeiten! Du ſcheinſt überhaupt wie umgewandelt, ich habe Dich noch nicht mit einem ſo glücklichen Geſichtsausdruck geſehen wie heute. Doch, Arthur, ich bitte Dich, mache mir keinen neuen Aerger. Du biſt alt und verſtändig genug, um ermeſſen zu können, daß ſolche Zuſammenkünfte mit einem jungen Mädchen hinter dem Rücken ihrer Aeltern nur zu unſeligen Händeln führen. Jetzt iſt es mir klar, weshalb Dich Heinrich nicht gefunden hat; aber ich hoffe, Du wirſt meiner Ermahnung folgen und auf jeden Fall Dein Herz vor einer Liebe zu Fräulein von Wüſtenbrink bewahren, die Dich und ſie nur unglücklich machen würde.“. Die Worte des Vaters drangen wie Dolchſtiche in das Herz des Baumeiſters, er war zu Boden geſchmet⸗ tert, denn die frühere Behandlung, die ihm pon dem General zu Theil geworden, als derſelbe ſein Verhält⸗ niß zu Adelheid entdeckt, und die Scene in Leipzig mit dem Regierungsrath von Luſius traten lebhaft vor ſeine Seele. Die frohe Zuverſicht, in die er durch das Ge⸗ 150 ſpräch mit Alice verſetzt worden, ſchwand, er wurde wieder der hoffnungslos Liebende. „Glaube mir, Arthur, die Wüſtenbrinks ſind herz⸗ loſe Leute, ſie würden ihr Kind lieber opfern, als es meinem Sohne zur Frau geben, und dann, ich ſelber wünſche auch keine intimen Beziehungen zu der Fa⸗ milie. Alſo darnach richte Dich!“ fuhr der Major fort, der den Schmerz des Baumeiſters über ſeine Worte nicht ahnte. Das Geſpräch wurde beendet, denn die andern Fa⸗ milienglieder traten herzu und umringten Arthur. Dieſer hatte aufs neue einen trüben Ernſt ange⸗ nommen; nach den eben verlebten glücklichen Stunden am See fühlte er jetzt ein um ſo größeres Weh bei dem Gedanken, Alice doch entſagen zu müſſen. Weit früher als gewöhnlich ſchied er an dieſem Abend von ſeinen Verwandten, und als dieſelben ihn fragten, wann ſie ihn am nächſten Tage erwarten dürf⸗ ten, erwiderte er kleinlaut, daß es ihm wahrſcheinlich nicht möglich ſein werde, morgen zu kommen er habe dringende Abhaltungen. Auf dem Heimwege hing Arthur ſtillen Betrach⸗ tungen nach. Er fühlte ſich unfähig, Alice jetzt noch ohne jeden Kampf aufzugeben, aber durfte er erwarten, ſich ihren Beſitz zu erringen, namentlich ſolange die Ael⸗ 151 tern in der größten Feindſchaft fortlebten? Er mußte dieſe Frage ſelber verneinen. Gab es denn aber kein Mittel, eine Verſöhnung anzubahnen? Sein Vater war in dieſem Punkte hartnäckig, das wußte er nur zu gut, und von dem General durfte er ebenfalls auf keine Nachgiebigkeit rechnen. Alice allein konnte vielleicht etwas für die Verſöhnung thun, ſie hatte ſich ſo ver⸗ trauensvoll gezeigt, als ſei ſie ihrer Vereinigung gewiß. „Ich muß ſie wieder aufſuchen, aber der Vater darf davon nichts ahnen“, ſprach er vor ſich hin, und um dies zu können, hatte er auch ſeinen Beſuch in Hünenburg für den folgenden Tag nicht feſt verſprochen. Langſam entſchwanden dem Baumeiſter die Stunden der Nacht, er war unfähig zu ſchlafen, und als der Morgen anbrach, begab er ſich an die Arbeit, um ſeine Unruhe zu bemeiſtern. Der Vormittag ſchien ihm eine 7 Ewigkeit zu währen. Kaum war der Nachmittag angekommen, als er Buchberg verließ, das Gut des Vaters umging und durch den Wald der Sſel e an See zuſchritt, auf welcher er am vorigen Täge die Dame ſeines Herzens getroffen.* Alice ließ nicht lange auf ſich warten. h ſie hatte mit liebender Ungeduld die Stunde herbeigeſehnt, in der ſie erwarten durfte, Arthur am See zu treffen, und dennoch ſchien es dieſem, als ſei ſie viel zu ſpät 152 gekommen, wenn ihn auch ſeine Uhr eines Beſſern be⸗ lehrte. „Schon hier? Du biſt gewiß ebenſo ungeduldig ge⸗ weſen wie ich!“ rief Alice, als ſie den Baumeiſter, ihrer wartend, erblickte. „Die Zeit iſt mir ein Jahr lang geworden ſeit dem geſtrigen Abend“ antwortete Arthur, das junge Mäd⸗ chen umarmend und einen Kuß auf deſſen Lippen preſſend. „Es geht Dir gerade ſo wie mir, mein Einziger. Aber, Arthur, wir wollen lieber in den Wald Deines Vaters gehen, dort ſind wir vor jeder Störung ſeitens der Meinen ſicher, denn ſie würden um Alles in der Welt nicht die Grenze überſchreiten. Dir wäre doch gewiß eine Ueberraſchung von meinem Vater ſehr un⸗ eb Lieb. 4.„Unter den jetzigen Verhältniſſen gewiß! Doch auf unſerm Grund und Boden könnten meine Angehörigen mich ſuchen, wenn ich nicht vorſichtig geweſen wäre. Sie glauben mich in Buchberg, ich habe ſie heute nicht beſucht.“ der Deiner Verwandten vorziehſt! Nicht wahr, Du biſt mir ſehr gut. Du haſt mich ebenſo lieb wie ich Dich?“ „Noch weit mehr, mein ſüßes Mädchen!“ ie gut mußt Du mir dann ſein, wenn Du —— — „Nein, das iſt nicht möglich, Arthur; eine größere Liebe, wie ich ſie hege, gibt es überhaupt nicht in der Welt.“ „Wer nahte Dir geſtern, als ich Dich verließ?“ fragte Arthur, die Behauptung Alicens nicht weiter widerlegend. „Mein Vater. Er zürnte beinahe wegen meines langen Ausbleibens. Ich darf nicht wieder ſo lange bei Dir verweilen, ſonſt wird er mißtrauiſch, und das wäre noch zur Unzeit.“ Arthur, der in Alicens Nähe ſeine Befürchtungen hatte ſchwinden laſſen, ſchaute von neuem finſter drein, er konnte noch immer nicht die erlittenen Unbilden ganz vergeſſen. Allice bemerkte ſchnell die Veränderung in ſeinen Zügen.„Glaube nicht, mein Arthur, daß mein Vater Dir zürnt“ ſprach ſie zärtlich;„gewiß, er würde ſo⸗ gleich meine Liebe billigen, wenn nicht die unſelige Feindſchaft mit Deinen Aeltern beſtände. Als Dich mein Oheim in Leipzig beleidigt, war er ungehalten darüber und ſuchte perſönlich nach Dir, aber Du warſt bereits abgereiſt, was ihm von dem Beſitzer des Gaſt⸗ hofs, in welchem Du gewohnt hatteſt, mitgetheilt wurde.“ Dieſe Verſicherung genügte, den Baumeiſter wieder 154 heiter und froh zu ſtimmen.„Weißt Du denn kein Mittel, unſere Aeltern mit einander zu verſöhnen?“ fragte er, von neuer Hoffnung belebt. „Ich habe ſchon oft verſucht, den Vater umzuſtim⸗ men, aber meine Mutter arbeitet mir entgegen; doch ich werde beſtimmt den Sieg davontragen, nur bedarf das einiger Zeit. Inzwiſchen wollen wir uns in aller Stille unſeres Glücks erfreuen und uns durch den Zwiſt der Aeltern unſere Seligkeit nicht trüben laſſen.“ Die Liebenden wanderten Arm in Arm im Walde umher und fanden endlich ein ſtilles Plätzchen, wo ſie ſich unbeſorgt niederlaſſen konnten. Arthur hielt die Braut in ſeinen Armen und plauderte mit ihr von einer glücklichen Zukunft. Wieder verrannen mehrere Stunden, ohne daß ſie das Entſchwinden der Zeit beachteten, bis endlich Alice beſorgt aufſprang und ängſtlich flüſterte:„Nun, mein Arthur, kann ich nicht länger bei Dir bleiben; morgen aber bin ich pünktlich wieder hier.“ Arthur ſah ein, daß er die Geliebte nicht länger aufhalten dürfe, ſie nahmen einen zärtlichen Abſchied und trennten ſich mit dem Verſprechen, am nächſten Tage einander wieder aufzuſuchen. Während Alice den Heimweg antrat und darüber nachſann, wie ſie ihr langes Ausbleiben am beſten ent⸗ 155 ſchuldigen könne, wanderte Arthur auf einem Um⸗ wege nach Hünenburg. Er wollte wenigſtens den Reſt des Tages bei ſeinen Aeltern zubringen, da er ja den nächſten Nachmittag wieder für Alice beſtimmt hatte. In dieſer Weiſe floſſen ſchnell einige Wochen hin. Selten verging ein Tag, an dem ſich die Liebenden nicht ſahen, wenn auch zuweilen nur für wenige Mi⸗ nuten. Die Verwandten Arthur's konnten nicht begreifen, wie ſo ſchnell eine gänzliche Umwandlung mit ihm vorgegangen. Er war jetzt immer heiter und zeigte Lebensluſt und Frohſinn, ja zuweilen trieb er ſogar muthwillige Scherze, während er früher nur einen ge⸗ meſſenen Ernſt zur Schau getragen hatte. Vergeblich ſtrengten ſie ſich an, die Motive zu dieſer Sinnesände⸗ rung zu ergründen. Arthur hatte ſeine Zuſammen⸗ künfte mit der Geliebten nach dem erſten Begegnen ſo geheim zu halten gewußt, daß Niemand eine Ahnung von ſeinem Verhältniß zu der Tochter des Generals kommen konnte. Sie mußten annehmen, ihr Umgang wirke ſo vortheilhaft auf die Gemüthsſtimmung des Sohnes und Bruders. Alice gab ihren Aeltern ebenfalls zu mancherlei Betrachtungen Veranlaſſung. Zuweilen, aber höchſt 156 ſelten verließ ſie an einem Tage die Wohnung nicht; dann äußerte ſich regelmäßig in ihrem ganzen Auf⸗ treten eine Unruhe, wenn nicht gar Verſtimmung; es waren dies Tage, an welchen Arthur keine Zeit für ſie übrig hatte. Sonſt ſtreifte ſie regelmäßig mehrere Stunden allein im Walde umher, und kam ſie dann nach Hauſe, ſo machte ſich eine höchſt glückliche Er⸗ regung in ihrem ganzen Aeußern bemerkbar, ſie lieb⸗ koſte den Vater mit einer Innigkeit, daß dieſer ihr gern die Luſt zu den einſamen Wanderungen verzieh und höchſtens eine neckende Bemerkung hinwarf. Er war ja gern heiter, wenn ſein einziges Kind Frohſinn und Glück äußerte. Freilich ahnte er nicht, woher dies Glück komme, und wußte nicht einmal, daß der Bau⸗ meiſter Soren in der Nähe weile, ſonſt hätte er doch vielleicht den Grund zu dem Launenwechſel der Tochter gefunden. Frau von Wüſtenbrink kümmerte ſich jetzt eigentlich ſehr wenig um ihre Tochter. Lebte ſie in der Stadt, ſo ſorgte ſie dafür, daß kein größeres Vergnügen, von dem ſie ſich Amuſement verſprach, verſäumt wurde; natürlich mußte Alice dabei glänzen, da deren Glanz gewiſſermaßen auf ſie zurückſtrahlte und Herren, die ſich für die Tochter intereſſirten, ſie durch Schmeicheleien zu gewinnen ſuchen mußten. Frau von Wüſtenbrink „ — „ — bewegte ſich gern in einem großen, vornehmen Cirkel, ſie ſuchte Auszeichnung vor andern Damen, und wo ihr dieſe gezollt wurde, da fühlte ſie ſich glücklich. Ihr Stolz hinderte ſie, den geringern Klaſſen der menſch⸗ lichen Geſellſchaft nahe zu treten, lieber beſchränkte ſie ſich auf die Unterhaltung, die ihr die Lectüre bot. In Alſenſtein verbrachte ſie die größte Zeit mit Leſen von Büchern, Journalen und Zeitungen; ſie war in der Politik beſſer bewandert als der General. Unter dieſen Umſtänden war Alice vor einer Ent⸗ deckung ihres heimlichen Verkehrs mit Arthur von ſeiten der Mutter ganz ſicher, und das war ein Glück für ſie, denn Frau von Wüſtenbrink liebte auch die Intrigue. Hätte ſie eine Ahnung von dem heimlichen Zuſammen⸗ treffen der Tochter mit einem Bürgerlichen gehabt, ſie würde gewiß geſchwiegen haben, um Alice nicht vor⸗ ſichtig zu machen, aber jedenfalls hätte ſie Mittel ge⸗ funden, das innige Band der Liebenden zu zerreißen, ſie für immer zu trennen. Alice kannte übrigens die Denkungsart ihrer Mutter in dieſer Beziehung ſehr gut, und wenn ſie deſſenun⸗ geachtet all ihr Fühlen und Empfinden dem Manne ihrer Wahl weihte, mit einer gewiſſen Zuverſicht auf eine Vereinigung mit ihm hoffte, ſo rechnete ſie auf die Herzensgüte ihres Vaters, der ſie über Alles liebte 158 und weit weniger beſchränkte Anſichten hegte als die Mutter. Sie wußte, daß, wenn es ihr gelang, den Vater mit den Sorens zu verſöhnen, er ſie glücklich machen werde, ſelbſt wenn die Mutter Alles aufbieten ſollte, dies zu verhindern. Achtes Kapitel. Die Mittagszeit war vorüber. Alice ſtand im Be⸗ griff, einen Spaziergang nach dem See anzutreten, denn ſie hatte Arthur am verfloſſenen Tage nicht geſehen und er wollte ſie heute recht früh erwarten. Es kam ihr daher gar nicht gelegen, daß der Vater ſie bat, noch ein Stündchen in ſeiner Nähe zu verweilen und ihm etwas vorzuleſen. Doch ſie mußte ihren Un⸗ muth verbergen und anſcheinend mit der größten Freu⸗ digkeit dem an ſie geſtellten Verlangen nachkommen. Wer hat nicht ſchon eine Stunde verlebt, in der er an einem Orte aufgehalten wurde, der ihm keinerlei Intereſſe einflößte, aber dies nicht verrathen durfte, während er wußte, daß er auf einer andern Stelle ſehnſüchtig erwartet wurde, nach der er ſo gern geeilt 160 wäre! Solche Augenblicke bereiten dem Menſchen eine faſt unerträgliche Pein, die noch dadurch geſteigert wird, daß er ſeine Empfindungen nicht laut werden laſſen darf. Alice ſetzte ſich an die Seite des Vaters und be⸗ gann aus einem Buche vorzuleſen, ihre Erregung ge⸗ waltſam niederkämpfend. Noch nicht lange hatte ſie geleſen, als ſie durch lebhafte Ausrufe der Ueberraſchung geſtört wurde, gleich darauf die Verbindungsthür zum Nebenzimmer ſich öffnete und der Rittmeiſter von Walden, geführt von ihrer Mutter, erſchien. Der unerwartete Beſuch hatte Frau von Wüſten⸗ brink ſehr heiter geſtimmt, der General ſchien ſich eben⸗ falls zu freuen, wenigſtens begrüßte er den Gaſt aufs herzlichſte, nur Alice fühlte ſehr unangenehme Empfin⸗ dungen in ſich aufſteigen, als ſie den Rittmeiſter erblickte. Dieſer erzählte, daß er auf einer größern Reiſe ſei und, da er Buchberg paſſiren müſſen, ſich unmöglich das Vergnügen habe verſagen können, für ein paar Stunden die Herrſchaften zu ſehen, die ihm immer ſo viel Theilnahme und Wohlwollen geſchenkt. Gegen Alice trat er wie gegen ihre Aeltern mit großer Ehrerbietung auf, vermochte aber den Unmuth 161 der jungen Dame nicht zu beſiegen, wenn ſie auch ſo heiter als möglich zu erſcheinen ſuchte. Der Beſuch hinderte ſie, ſich zu entfernen. Sie wußte, der Ge⸗ liebte harre ihrer und werde ſich mit den penigendſten Muthmaßungen über ihr Ausbleiben abmartern, und dennoch war ſie außer Stande, ſich aus der Geſellſchaft zu entfernen, ohne den Gaſt zu beleidigen und die Aeltern zu erzürnen. Während des ganzen Nachmittags wurde eine recht lebhafte Converſation geführt. Herr von Walden er⸗ zählte Manches aus dem ehemaligen Garniſonsorte des Generals, was für dieſen und die Mutter Intereſſe hatte. Letztere klagte über den langweiligen Aufenthalt auf dem Lande und der Vater verſicherte, daß er ſich jetzt weit behaglicher fühle als während ſeines Militärlebens und nur bedaure, nicht früher den Abſchied gefordert und die Ruhe geſucht zu haben. „Und Sie, mein gnädiges Fräulein, ſehnen Sie ſich nicht zuweilen zurück nach K.?“ fragte von Walden, ſeine etwas rauhe Stimme möglichſt mäßigend. „Nein, ich bin hier ſo glücklich, daß ich nichts ſehnlicher wünſche, als immer in dieſer Abgeſchiedenheit fortleben zu können“ erwiderte Alice mit großer Auf⸗ richtigkeit. Der General bat den Herrn von Walden, länger Steffens, Ein Wechſel. II. 162 auf Alſenſtein zu verweilen, doch dieſer verſicherte, daß es ihm unmöglich ſei, für jetzt von der freundlichen Einladung Gebrauch zu machen, da ihn dringende Familienangelegenheiten fortriefen, gab aber das Ver⸗ ſprechen, auf der Rücktour den Beſuch zu wiederholen und dann einige Tage bei den Freunden zu verweilen. So unendlich lang Alice auch jede Minute wurde, ſchwand der Nachmittag doch endlich dahin, und als der Abend nahte, verabſchiedete ſich der Rittmeiſter und fuhr weiter. Jetzt durfte Alice nicht mehr hoffen, den Geliebten am See zu treffen, aber dennoch machte ſie ſich unge⸗ ſäumt dahin auf den Weg. Ihr Herz klopfte ängſtlich gegen die Bruſt, es war ihr, als habe ſie ſich eines Vergehens gegen den Baumeiſter ſchuldig gemacht, und doch hatte ſie nicht anders gekonnt, als in der Geſell⸗ ſchaft des Rittmeiſters und der Aeltern auszuharren. O, ſie war ſo bewegt, als ſie mit leichten Schritten durch den Wald dahineilte; wenn Arthur noch an dem einſamen Plätzchen weilte, dann wollte ſie ſich an ſeine Bruſt werfen und ihn ſo herzlich um Verzeihung bitten, daß er ihr nicht zürnen konnte. In fliegender Eile hatte die junge Dame die Stelle erreicht, auf der ſie ſchon ſo manche Stunde voll ungetrübten Glücks verlebt. Aber heute ſollte ſie 163 keine freudige Regung mehr empfinden. Der Baumeiſter war nicht da, und ſo viel ſie auch umherſpähte, ſie entdeckte ihn nicht; er mußte alſo, von Unmuth erfaßt, den Heimweg angetreten haben, nachdem er gewiß qualvolle Stunden bangen Harrens und Hoffens ver⸗ bracht hatte. Und nun wußte Alice nicht einmal, ob und wann Arthur am nächſten Tage kommen könne. Ach, ſie hatte viel verſäumt! Was hätte ſie nicht darum geben mögen, den Geliebten nur für eine einzige Minute ſehen und ſprechen zu können! Noch nie war ſie zu ſpät erſchienen, wenn er eine Stunde beſtimmt hatte, in der er am See ſein konnte, deshalb peinigte ſie jetzt das Bewußtſein um ſo mehr, daß er ihr die Schuld an dem vereitelten Rendezvous beimeſſen werde. Arthur war pünktlich an dem Orte geweſen, der ihn gewöhnlich mit der Geliebten vereinte. Als ſie nicht gleich zur beſtimmten Stunde erſchien, tröſtete er ſich damit, daß ja ſo leicht irgend ein unvorhergeſehener Umſtand eingetreten ſein könne, der ihr eine Abhaltung bereitet, und hoffte, ſie werde ſchon noch kommen. Mit der Zeit ſchlich ſich bange Beſorgniß und liebende Un⸗ geduld in ſein Herz, und als Stunde auf Stunde ver⸗ rann, der Abend endlich nicht mehr fern war und Alice noch immer nicht erſchien, da bemächtigte ſich 11* 164 ſeiner ein bitteres Gefühl, alte Zweifel ſtiegen in ihm auf und er wurde ſogar ungerecht gegen die Geliebte, die doch die ganze Welt für ihn gegeben hätte. Langſam trat er den Heimweg nach Hünenburg an. Er war finſter und einſilbig, als er bei den Aeltern erſchien, und als ihn der Bruder aus Buchberg fragte, wo er während des Nachmittags geſteckt und warum er nicht zu ihm gekommen ſei, um mit ihm gemein⸗ ſchaftlich den Weg nach Hünenburg zu machen, da er⸗ widerte er kurz, daß ſeine Stellung ihn verhindere, lediglich den Verwandten ſeine Zeit zu widmen. „Haſt Du den Huſarenrittmeiſter hier durchfahren ſehen, Vater?“ fragte Karl Soren den Major, dem Baumeiſter den Rücken zukehrend. „Ja, es war ein hübſcher Mann. Wie mag der in dieſe Gegend gekommen ſein?“ „Er kam nachmittags in Buchberg an und ver⸗ langte bald darauf ein Fuhrwerk nach Alſenſtein, er⸗ kundigte ſich auch bei dem Poſterpedienten ſehr ſpeciell nach der Familie des Generals von Wüſtenbrink. Ich befand mich gerade im Poſtbureau und hörte das Geſpräch mit an. Wenn ich nicht ſehr irre, ſo ſteht der Rittmeiſter in einem ſehr intimen Verhält⸗ niß zu den Wüſtenbrinks und hofft auf die Hand des Fräuleins.“ 165 Arthur erbleichte bei dieſen Worten. Alſo das war der Grund zu dem Ausbleiben der Geliebten! Ein anderer Freier hatte ſich auf Alſenſtein einquartiert, und deshalb mußte er vergeblich auf ein Rendezvous harren. O wie in dieſem Augenblick der junge Mann litt! Ein Schmerz ergriff ihn, von dem er bisher keine Ahnung gehabt, er fühlte ſich tief verletzt, gedemüthigt, die Eiferſucht, dieſer gräßliche Dämon, ergriff ihn, die Sinne wollten ihm ſchwinden. Nur kurze Zeit hielt er ſich bei den Aeltern auf, dann wünſchte er ihnen eine gute Nacht und entfernte ſich zur großen Verwunderung all der Seinen, denen ſein Benehmen längſt aufgefallen war. Sie ließen ihn unangefochten gehen, denn ſie wußten bereits, daß er zu charakterfeſt war, um ſich irgendwie durch ſie leiten zu laſſen. Arthur ſtürmte nach ſeiner Wohnung in Buchberg und verbrachte hier eine ſchauerliche Nacht. Er war ſehr leidenſchaftlich; durch eine Kleinigkeit konnte er aufs höchſte erregt werden, deshalb empfand er auch jedes Leid, das ihm widerfuhr, doppelt ſchwer. Ge⸗ wiß hätte er viel ruhiger über den Beſuch des Ritt⸗ meiſters von Walden in Alſenſtein gedacht, wenn nicht die Worte des Regierungsraths von Luſius noch immer vor ſeinen Ohren getönt hätten; ſo aber glaubte er 166 ſich zu der Annahme berechtigt, Alice werde wohl oder übel gezwungen ſein, ihre Hand einem Andern zu rei⸗ chen, wenn ſie auch dadurch für das ganze Leben un⸗ glücklich werden mußte. Dann fragte eine Stimme wieder in ihm:„Warum iſt ſie nicht wenigſtens auf einige Minuten gekommen? Sie hätte ſich wohl auf kurze Zeit entfernen können. Sollte ſie Dich nur als ein Spielzeug betrachten?“ Nein, das war nicht möglich, dieſen Gedanken verwarf er ſogleich wieder als fre⸗ velhaft. Am nächſten Tage mußte der Baumeiſter eine kleine Reiſe unternehmen, von der er erſt nachmittags zurückkehrte. Es war zu ſpät, noch an die Grenze zwiſchen Alſenſtein und Hünenburg zu gehen, wenig⸗ ſtens durfte er nicht hoffen, Alice noch um dieſe Zeit, ſeiner harrend, zu treffen. Und die Bitterkeit in ſeinem Herzen mahnte ihn auch, ſie nicht aufzuſuchen, er folterte ſich lieber mit den entſetzlichen Qualen der Ungewißheit. O hätte er gewußt, wie Alice vom Mittag bis zur Dunkelheit auf der kleinen Bank geſeſſen, auf der ſie ſo ſelige Stunden verlebt, wie ſie bei jedem Geräuſch, freudig erregt, aufgeſtanden und einige Schritte vor⸗ wärts gethan, um ihn zu empfangen, und dann mit geſenktem Köpſfchen, die Augen voll Thränen, umgekehrt, 167 wenn ſie ſich überzeugt, daß ihre Freude auf Täuſchung beruht, daß der Geliebte nicht nahe! Am zweiten Tage hielt Arthur die Martern der Ungewißheit nicht länger aus. Er machte ſich ſchon früh auf den Weg nach dem Walde und war feſt ent⸗ ſchloſſen, wenn er die Geliebte auch heute nicht treffe, dem General einen Beſuch zu machen. Was konnte daraus entſtehen? Suchte Alice ihn nicht mehr auf, dann war ſie für ihn jedenfalls verloren, wenn er nicht einen energiſchen Schritt that; möglicherweiſe konnte er aber dadurch Alles gewinnen, und im ſchlimmſten Fall hatte er doch eines Mannes würdig gehandelt. „Arthur, mein Arthur!“ rief ihm Alice entgegen, noch ehe er den Ort ihrer Zuſammenkunft völlig erreicht hatte; dabei eilte ſie auf ihn zu und warf fich an ſeine Bruſt. Arthur hatte in dieſem Augenblick alle Qualen der letzten Zeit vergeſſen, er fühlte ſich wieder glücklich in dem Beſitz der Liebe Alicens. Als Alice ihr Geſicht erhob und dem Geliebten ins Auge ſchaute, da ſchalt ſich dieſer heimlich einen Narren, daß er auch nur einen Augenblick an ihrer unwandelbaren Liebe und Treue habe zweifeln können. „Wo warſt Du geſtern, lieber Arthur?“ fragte 168 endlich Alice.„Ich habe vom Mittag bis zum Abend vergeblich auf Dich gewartet.“ „Dann iſt es Dir ebenſo ergangen, mein Kind, wie mir vorgeſtern! Ich war geſtern verreiſt und kehrte zu ſpät zurück, um Dich noch hier erwarten zu können, dann aber fühlte ich mich auch ſehr unglücklich.“ „Weil Du mich am vorigen Tage nicht geſehen? O ich war noch gegen Abend hier, aber da traf ich Dich nicht mehr. Wenn Du wüßteſt, welche Pein ich während des ganzen Nachmittags ausgeſtanden, Du wärſt nicht fortgegangen, bis Du mich geſehen.“ „Aber, gute Alice, ich konnte doch nicht annehmen, daß Du noch ſo ſpät kommen würdeſt.“ „Du haſt Recht, mein Geliebter! Nach Tiſche mußte ich erſt dem Vater vorleſen, und dann kam ein Be⸗ kannter meiner Aeltern, der wohl einſt glaubte, meine Liebe zu gewinnen, und blieb bis gegen Abend. Da war es doch unmöglich, mich zu entfernen, wenn ich nicht die Aeltern erzürnen wollte.“ Arthur fühlte den letzten Funken von Mißtrauen gegen die Geliebte ſchwinden, er bedeckte ihren Mund mit Küſſen und gab ihr die zärtlichſten Schmeichelnamen, als wolle er dadurch das Unrecht gut machen, das er gegen ſie begangen, indem er auch nur für einen Augen⸗ blick an ihrer Treue gezweifelt. 169 „Hat ſich denn jetzt der Herr überzeugt, daß Du für ihn verloren biſt?“ fragte Arthur im Vertrauen auf ſein Glück. „Wohl ſchon längſt. Ich ſagte meinen Aeltern be⸗ reits in Leipzig, als der Oheim ſich ſo taktlos benom⸗ men, daß ich nie dem Rittmeiſter von Walden mein Herz und meine Hand geben würde.“ „Liebteſt Du mich denn ſchon damals ſo wie heute, Du Engel?“ fragte Arthur beglückt. Alice verbarg ihr Geſicht an der Bruſt des Bau⸗ meiſters und entgegnete verſchämt:„Als ich Dich in Cöslin auf dem Bahnhofe ſah, da fühlte ich mich zu Dir hingezogen; es wurde mir bald klar, daß Du mich liebteſt, und dieſe Einſicht machte mich ſehr glücklich. Du haſt wohl gemerkt, daß Du mir nicht gleichgültig warſt, Du Schelm!“ In dieſer Weiſe plauderten die Liebenden weiter fort, bis Arthur unter der Mantille, die Alicens Schultern bedeckte, ein Medaillon blitzen ſah und daſſelbe in die Hand nahm, um es zu betrachten. Er bemerkte, daß Alice zuſammenzuckte und heftig erröthete, ſeine Neugier wurde dadurch rege, er verſuchte die kleine Kapſel zu öffnen. Sowie das junge Mädchen dieſen Vorſatz bemerkte, erfaßte ſie ſchnell die Hände des Geliebten, ein Aus⸗ 170 druck der Angſt und Scham prägte ſich auf ihrem Ge⸗ ſichte aus, fieberhaft erregt bat ſie:„O Arthur, gib mir das Medaillon zurück! Du darfſt es nicht öffnen, wenn Du mich nur ein wenig lieb haſt.“ In Arthur gewann wieder das Mißtrauen vie Oberhand. Was enthielt die Kapſel, daß er ſie nicht öffnen durfte? Warum zitterte Alice, als er die Ab⸗ ſicht hierzu blicken ließ? Der ſo heiß und innig geliebte Mann, der ſchon ſo viele Beweiſe von der aufopfernden Treue ſeiner Braut erhalten, er kannte ein liebendes Mädchenherz noch immer zu wenig, um demſelben rück⸗ haltlos zu vertrauen. „Alice, Du mußt mir einen Blick in das Medaillon vergönnen, wenn Du mich zufrieden und glücklich ſehen willſt!“ rief er dringend. „Ich kann nicht; verlange Alles von mir, nur dies nicht“, bat Alice, die Hände des Geliebten feſt⸗ haltend. „Alice, zeige mir den Inhalt des Medaillons, ich bitte Dich darum“ ſprach Arthur, aufs höchſte errregt. „Nicht heute; ich würde vergehen vor Scham, wenn Du meinen Bitten nicht nachgäbeſt! Du weißt ja, daß ich Dich über Alles liebe.“ Arthur wurde immer geſpannter. Wenn er nicht jetzt ſah, was die Kapſel barg, erfuhr er es wohl nie, 17¹ da der Inhalt ja leicht vertauſcht werden konnte. Er fühlte ſich verletzt durch die Weigerung Alicens. „Alſo Du zeigſt mir nicht gutwillig den koſtbaren Schatz?“ fragte er kalt, indem er das Medaillon losließ. „Später, mein Geliebter!“ hauchte Alice, das Kleinod verbergend. Arthur erhob ſich, ſein Geſicht zeigte einen gemeſſenen Ernſt. Alice würde, ſo ſchwer es ihr auch fiel, doch ſchließ⸗ lich Arthur's Wunſch erfüllt haben, wenn nicht in dieſem Augenblicke ganz in der Nähe das Bellen eines Hundes ertönt wäre, das ſicherſte Zeichen, daß ihr Vater ſie ſuchte. „Fliehe!“ rief ſie leiſe.„Mein Vater iſt in der Nähe.“ Das Kniſtern im nahen Gebüſch zeigte an, daß die größte Eile nöthig war. Arthur verbeugte ſich kalt und ſtumm vor der Geliebten und floh in das nächſte Geſträuch. Wenige Minuten darauf hörte Alice ihren Namen von dem Vater rufen, der in ihrer Nähe an der Grenze ſtand. Die junge Dame ſammelte ſich ſchnell und eilte dann auf den General zu. „Was machſt Du dort drüben auf fremdem Grund und Boden?“ redete ſie dieſer in ſichtlicher Verſtimmung an. 172 „Ach richtig, ich hatte die Gutsgrenze überſchritten, ohne daß ich es bemerkte“ erwiderte Alice in ſorgloſem Ton.„Nun, das iſt ja nicht ſchlimm, beſter Papa.“ „Ich will das aber nicht haben, und Du weißt recht gut, daß die Sorens uns ſchon zwei werthvolle Hunde erſchoſſen haben, weil ſie ſich verleiten ließen, überzutreten.“ „Mich werden ſie nicht erſchießen, wenn ich durch ihren Wald ſpaziere.“ „Du wirſt es noch dahin bringen, daß ich Dich gar nicht mehr allein ausgehen laſſe. Ueberhaupt be⸗ greife ich nicht Deine ſonderbare Luſt, täglich mehrere Stunden allein im Walde zuzubringen; andere junge Damen würden ſich vor derartigen Streifereien fürchten.“ „Ich habe keinen Grund zur Furcht, und es hat wohl jedes Mädchen ſeine Liebhaberei. Meine Spazier⸗ gänge ſind die einzige Erholung für mich; wenn mir auch dieſe verkürzt werden, nun, dann muß ich es dulden, dann aber möchte ich lieber, ich ſtürbe“, ent⸗ gegnete Alice traurig. „Nun, nun, Du kannſt ja meinetwegen laufen, ſo⸗ viel Du willſt, nur mag ich es nicht leiden, daß Du den Boden meiner Feinde betrittſt, weil dies zu neuen Unannehmlichkeiten zwiſchen uns führen kann. Haſt Du übrigens ſchon erfahren, daß der Baumei⸗ 173 ſter Soren in Buchberg weilt und den Chauſſeebau leitet?“ „Warum wohnt er denn nicht bei ſeinen Aeltern?“ fragte Alice ausweichend. „Das wird ſich wohl nicht thun laſſen. Der Bau⸗ meiſter ſoll, wie ich erfahren, wirklich ein ſehr reſpec⸗ tabler Mann ſein. Unſer Rechnungsführer hat einen Contract wegen Entnahme von Baumaterialien mit ihm abgeſchloſſen und iſt ſeines Lobes voll.“ „Das iſt kein Wunder, er weiß Jedem zu impo⸗ niren.“ „Wirklich? Ich möchte ihn wohl einmal ſehen. Der junge Mann war damals neunzehn Jahre alt, als er den Militärſtand aufgab, und ſeitdem habe ich ihn nicht zu Geſicht bekommen; er muß ſich ſehr verändert haben.“ „Wie meinſt Du das, lieber Vater?“ „Nun, als Lieutenant kehrte er manchmal den Wind⸗ beutel heraus.“ „Dann hat er ſich allerdings ſehr geändert; er er⸗ ſcheint jetzt als ein ernſter, gereifter Mann, trotz ſeiner Jugend“ ſprach Alice unbedacht. „So? Es ſcheint, als ob Du ihn kürzlich geſehen. Wo iſt das geweſen?“ Alice erröthete ſo heftig, ſie gerieth in eine ſolche Verwirrung, daß dem Vater ihr Zuſtand nicht fremd 174 bleiben konnte.„Geſtehe es nur offen, Du haſt den Baumeiſter geſehen und geſprochen!“ rief der letztere. Was ſollte das junge Mädchen antworten? Sie wußte nicht, zürnte der Vater oder amüſirte er ſich über ihre Verlegenheit.„Ich habe ihn zufällig am See getroffen“, brachte ſie endlich kleinlaut hervor. „So, ſo. Daher kommt alſo auch Deine Vorliebe für die einſamen Spaziergänge. Der Baumeiſter muß noch immer ein leichtſinniger Geſell ſein, ſonſt ſuchte er Dich nicht hier auf, nachdem ich ihn ſchon einmal belehrt, daß ein Ehrenmann nicht ein Mädchen hinter dem Rücken der Aeltern zu umgarnen ſucht.“ „Er hat mich hier zufällig getroffen, oder vielmehr, ich habe ihn gefunden, als er am See angelte. Der Vorwurf der Ehrloſigkeit trifft ihn daher ebenſo un⸗ gerecht wie die Beſchuldigung des Oheins i in Leipzig“, erwiderte Alice entrüſtet. „Warum haſt Du denn nichts von Eurem Zuſammen⸗ treffen zu mir geſagt?“ examinirte der Vater, die Tochter betrachtend. „Weil Du mir verboten, von den Sorens zu ſpre⸗ chen. Ich hätte Dir gern mitgetheilt, daß wir uns wiedergefunden und daß er ſehr unglücklich über den Haß zwiſchen Dir und ſeinem Vater iſt. Er ſagte mir auch, daß der letztere nichts mehr als eine Verſöhnung wünſche.“ 175 „Hm, Ihr ſcheint eine lange Unterhaltung geführt zu haben. Wenn der alte Soren ſich nach einer Ver⸗ ſöhnung ſehnt, warum hat er denn erſt die Feindſchaft heraufbeſchworen?“ „Das hat er nicht gethan, der erſte Stoß kam von unſerer Seite und der zweite ging von ſeinem Sohn aus, den er nicht gebilligt hat.“ „Du biſt wahrlich gut unterrichtet, doch gib Dir keine Mühe, mich umzuſtimmen; ich bin zu alt, um mich zu bekehren, und ich wünſche, daß Du Dich mei⸗ nem Willen fügſt und den Baumeiſter nicht wieder ſprichſt.“ Alice hielt es für gut, dem Vater auf dieſen Aus⸗ ſpruch nichts zu entgegnen, ſie befand ſich überhaupt nicht in der Stimmung, ihre Meinung zu vertheidigen. Der Vorfall mit dem Medaillon hatte ihren frohen Muth ſchon bedeutend niedergedrückt und die Worte des Va⸗ ters waren nicht geeignet, denſelben wieder aufzurichten. Langſam wanderte ſie an ſeiner Seite dem älterlichen Wohnhauſe zu, befürchtend, daß nun eine Zeit banger Sorgen über ſie hereinbrechen werde. Der General war indeſſen lange nicht ſo ſehr gegen die Liebe ſeiner Tochter zu dem Baumeiſter Soren eingenom⸗ men, wie dieſe annahm. Nur allein das Zerwürfniß mit den Aeltern des letztern veranlaßte ihn, hart zu erſcheinen. 176 Arthur befand ſich in einer ſchrecklichen Erregung, als er die Geliebte verließ, er glaubte geradezu, daß ſie das Bild eines frühern Anbeters in der goldenen Kapſel trage und deshalb das Heffnen derſelben ver⸗ hindert habe. Alle ſeine frohen Hoffnungen waren zerſtört; er nahm ſich vor, die Nähe Alicens fortan für immer zu fliehen, denn er hatte das Vertrauen zu ihr verloren und ohne dieſes dünkte ihm die Fortſetzung ſeines Verhältniſſes zu ihr unmöglich. Er verbrachte den Reſt des Tages einſam auf ſeinem Zimmer und ſann nach, wie er ſeine Stellung in Buchberg auf⸗ geben und die Gegend fliehen könne, in der er ſo grauſam enttäuſcht worden. Die Liebe zu Alice be⸗ trachtete er jetzt als ſein größtes Unglück, denn ſie hatte ihm bis dahin faſt nur Kummer und Leid ge⸗ bracht; die Feindſchaft zwiſchen ſeiner Familie und den Wiüſtenbrinks erſchien ihm als ein Verhängniß, dem er als Opfer fallen müſſe, wenn er nicht zur rechten Zeit jeder Gemeinſchaft mit Alice entſage. Sein krankhafter Gemüthszuſtand begann ſich mehr denn je über ihn Geltung zu verſchaffen. Am nächſten Tage hütete er ſich wohl, zu einem Rendezvous zu gehen, denn was hatte er dort zu hoffen, ſeit er annahm, Alice ſuche ihn zu täuſchen? Ach, er litt ungemein, denn die Liebe konnte er ja nicht aus 177 ſeinem Herzen reißen, wenn auch das Vertrauen wan⸗ kend geworden war. Auch in Buchberg ließ er ſich nicht ſehen und verſetzte durch ſein Ausbleiben die Aeltern in bange Sorgen. Sie hatten längſt bemerkt, daß Arthur zeitweiſe durch ein geheimes Leid niedergedrückt werde, wenn ſie auch ihre Wahrnehmung nicht laut werden ließen, und der Major ahnte ziemlich richtig den Grund der ſo leicht veränderlichen Stimmung ſeines Sohnes. Aber was ſollte und konnte er unternehmen, um ihn glücklich zu ſehen? Er mußte ihn gewähren laſſen. Arthur hatte bis dahin ſich durch eigene Kraft Bahn durch das Leben gebrochen, und er erſchien nicht als der Mann, der ſich durch fremde Einwirkung leiten ließ. Alice wußte trotz des Verbots ihres Vaters ein Stündchen zu gewinnen, in welchem ſie am Tage nach der Scene mit dem Medaillon am See erſcheinen konnte; aber ſie mußte unbefriedigt den Heimweg an⸗ treten, denn Arthur war nicht dort. Sie begann ernſt⸗ lich zu fürchten, daß er ihr zürne, aber ſie ſagte ſich auch, daß ſie ſo viel Vertrauen von dem Geliebten erwarten dürfe, ein Geheimniß vor ihm bewahren zu können, das ihr ſo lieb war und deſſen Aufgebung wohl jeder Jungfrau große Ueberwindung gekoſtet hätte. Freilich, wenn ſie hätte ahnen können, welches Leid ſie dem geliebten Manne durch ihre Steffens, Ein Wechſel. II. bereitet, wie er ſie, durch die Verletzungen von ihren Verwandten irre geleitet, ſo ganz falſch beurtheile, ſie würde keinen Augenblick gezögert haben, die Kapſel zu öffnen, und wenn ihr dieſe Handlung auch ein wirkliches Weh zugefügt hätte. Traurig geſtimmt begab ſich Alice zu ihrem Vater, um dieſen nicht durch langes Aus⸗ bleiben zu erzürnen; ſie lernte immer mehr erkennen, daß die Liebe manches Leiden im Gefolge hat. Neuntes Kapitel. Drei Tage waren vergangen, ſeit Arthur nicht mehr am See geweſen, aber länger konnte er eine Trennung von der Geliebten nicht ertragen, die Unruhe und eine maßloſe Sehnſucht nach ihr verzehrten ihn faſt. Als er zum letzten Mal von ihr geſchieden, da war es ſein Vorſatz geweſen, die Liebe in ſeinem Herzen zu be⸗ ſiegen, denn das Mißtrauen, das bei dem geringſten Anlaß ſo leicht in ihm erwachte, hatte ihm zuge⸗ flüſtert, er werde auch von Alice hintergangen. Doch je länger er ſie nicht ſah, deſto mehr mahnte ihn die Stimme ſeines Herzens daran, wie unendlich viel Liebe ihm Alice gezeigt, wie viel ſie gewagt, ihn zu ſehen und zu ſprechen, mit welchem kindlich reinen Vertrauen ſie ſich an ihn geſchmiegt; und ſie ſollte 1 180 fähig ſein, ihn zu betrügen? Er begann ſich vor ſich ſelber zu ſchämen, daß er an der Treue und Aufrichtig⸗ keit des Weſens habe zweifeln können, das ihn über alle Männer der ganzen Welt ſtellte und gewiß nie auch nur ein Wort von ihm angezweifelt hätte. Arthur's Charakter hatte durch die mancherlei Wider⸗ wärtigkeiten, die ihm begegnet waren, und durch die langen Jahre unausgeſetzter Mühen und Sorgen in einer Zeit, in der der Menſch gewöhnlich noch nicht für den Kampf um die nöthigſten Exiſtenzmittel ge⸗ ſtählt iſt, jenen unglücklichen Anſtrich angenommen, der ſo leicht zu Ungerechtigkeiten gegen die Mitmenſchen verleitet und zu immerwährenden Selbſtpeinigungen führt, wenn nicht eine liebende Hand mit der größten Vorſicht die wunden Stellen in der Bruſt zu heilen verſteht. Der Baumeiſter Soren fühlte ſich krank. Die leidende Gemüthsſtimmung, in der er ſich ſeit dem Nach⸗ mittage befand, an welchem er Alice ſo plötzlich verlaſſen, hatte auch auf ſeinen Körper ungünſtig eingewirkt, er war außer Stande, die von ihm zu controlirende Chauſſeebauſtrecke zu bereiſen. Seine Verwandten drangen darauf, einen Arzt zu Rathe zu ziehen, in⸗ dem ſie das Nahen einer ſchweren Krankheit befürch⸗ teten, doch Arthur wies jedes derartige Anſinnen zu⸗ 181 rück, indem er verſicherte, daß er an ſolche Unpäßlich⸗ keiten gewöhnt ſei und daß dieſelben ſich immer bald von ſelber gäben. Alice ſchwebte währenddeß in bangen Sorgen. Bald ſagte ſie ſich, daß Arthur ſie meide, weil ſie ihn be⸗ trübt, indem ſie ihm den Inhalt der Kapſel nicht zeigen wollen und er ſie deshalb für eigenſinnig, wenn nicht gar für falſch halten müſſe; bald ſchien es ihr wieder unmöglich, daß der geliebte Mann ſie aufgeben könne, ohne einen wirklich ernſten Grund dazu zu haben, und dann fürchtete ſie, es ſei ihm ein Unfall paſſirt, der ihn abhalte, ihr zu nahen. Auch für ſie war dieſe Marter länger unerträglich; ſie faßte den kühnen Entſchluß, an den Baumeiſter zu ſchreiben und ihn um Aufklärung zu bitten, ohne indeſſen ihr Leid zu verrathen. Denn wenn er nicht durch Krankheit behindert war, ſie aufzuſuchen, dann durfte ſie ihm nicht zeigen, wie entſetzlich ſchwer ihr die Trennung von ihm ſeit drei Tagen geworden. Sobald Alice dieſen Entſchluß gefaßt, führte ſie ihn auch aus. Mit freundlichen, aber gewählten Wor⸗ ten bat ſie Arthur, ihr den Grund mitzutheilen, der ihn vermocht, ſie zu meiden, und wenn, was ſie be⸗ ſtimmt annehme, er krank ſei, ſodaß er nicht kommen könne, eine Zeit zu beſtimmen, in der ſie hoffen dürfe, 182 ihn allein in ſeiner Wohnung anzutreffen. Sie werde Alles aufbieten, um unerkannt zu ihm zu gelangen. Die Liebe der jungen Dame war unendlich groß, ſonſt hätte ſie dieſen Schritt wohl nicht gewagt, aber ſie zitterte keinen Augenblick vor der Ausführung deſ⸗ ſelben. Nachdem ſie das Billet adreſſirt und ver⸗ ſiegelt, ſchickte ſie es durch einen Diener ab, auf deſſen Treue und Verſchwiegenheit ſie bauen konnte, und wartete nun mit großer Ungeduld auf Antwort. Arthur lag auf einem Polſter und ſann darüber nach, wie er Gewißheit erhalten könne, was das verhängnißvolle Medaillon berge; ſein Vater, der in der Stadt anweſend war, um nach ſeinem Befinden zu ſehen, hatte ihn ſo eben verlaſſen, als ein Klopfen an die Thür ihn benachrichtigte, daß ein Fremder nahe. Er blieb ruhig in ſeiner liegenden Stellung, und ſelbſt als der Diener des Fräuleins von Wüſtenbrink eintrat und ſich als ſolchen zu erkennen gab, den Brief überreichend, erhob er ſich nicht, machte ſich aber ſo⸗ gleich mit großer Lebhaftigkeit an das Leſen der weni⸗ gen Zeilen von der Hand Alicens. Ein Schimmer ſeligen Glücks flog über ſeine Züge, als er geendet; ſo viel Liebe und Hingebung hatte er von der jungen Dame aus dem ariſtokratiſchen Hauſe 183 nicht erwartet. Er preßte das zierliche Briefchen an das Herz und die Lippen, dann ſprang er mit einer Elaſti⸗ cität auf, als habe keine Unpäßlichkeit ihn beſchlichen, und ſetzte ſich an den Schreibtiſch, um ſogleich eine Antwort zu ertheilen. Alle ſeine Zweifel waren wieder beſiegt. Er ſchrieb, daß er leidend geweſen, daß ihm aber die Liebe ſeiner theuern Alice die Kraft verleihe, noch heute zur gewöhnlichen Stunde am See zu erſcheineu. Und Arthur ging am Nachmittag aus, zur großen Verwunderung ſeiner Verwandten; er traf Alice ſeiner harrend. Sie weinte Thränen der Freude und des Glücks an ſeiner Bruſt, er fragte nicht mehr nach dem Inhalte der Kapſel. „O mein Geliebter, was habe ich für Angſt in den drei Tagen ausgeſtanden, in denen ich Dich nicht ge⸗ ſehen! Ich fürchtete ſchon, Du ſeieſt böſe, däß ich letzthin ſo eigenſinnig geweſen. Aber nein, Du biſt ja viel zu gut, ſo unendlich viel beſſer als ich, Du haſt nur Liebe für mich, während ich eine Deiner Bitten unepfüllt laſſen konnte! Das hätteſt Du nicht vermocht, mein theurer, einziger Arthur. Doch ich will hinfort Alles thun, was Du verlangſt, Du ſollſt mir nie zürnen“, flüſterte Alice ſchmeichelnd und dem Geliebten mit ihren ſchwärmeriſchen Blicken voll unendlicher Liebe und Treue in die Augen ſchauend. 184 Für den Baumeiſter war dieſe ſo wenig verdiente Lobrede eine harte Strafe. Er ſchämte ſich, ſein Un⸗ recht einzugeſtehen, aber er fühlte, wie unendlich hoch Alice in ihrer Herzensreinheit über ihm ſtand. Voll Reue ließ er ſich vor ihr auf die Kniee nieder, ver⸗ barg ſein Geſicht in ihrem Schooß und ein paar Thrä⸗ nen floſſen aus ſeinen Augen. Alice verſtand dieſe Scene nicht, ſie umſchlang den Geliebten und bat ihn ſo dringend aufzuſtehen, daß ſich dieſer endlich erhob. „O wir Männer ſind meiſt nicht werth, daß uns die Reinheit der Engel umſtrahlt“, ſprach er tiefbewegt. „Was redeſt Du nur?“ entgegnete Alice.„Arthur, willſt Du mich nicht beſchämen und nicht über mich lachen, dann will ich Dir nun auch zeigen, was das Medaillon enthält; aber Du darfſt zu keinem Menſchen davon ſprechen.“ „Nein, nein, ich will es nicht ſehen, behalte Dein Geheimniß, Du reiner Engel; ich bin überzeugt, die Kapſel birgt nichts, was mich betrüben kann.“ „Aber Du ſollſt es nun gerade ſehen, zur Strafe für mich, weil ich neulich ſo unartig geweſen bin. Schau' einmal her!“ rief Alice, die Kapſel öffnend und Arthur vors Geſicht haltend. Dieſer bedeckte ſich die Augen.„Nein, Alice, ich „ 185 will Dein Geheimniß noch nicht erfahren“, erwiderte er abwehrend. „Bitte, bitte, lieber Arthur, ſieh doch!“ flehte das junge Mädchen. Arthur ſträubte ſich nicht länger, er ſah auf und erblickte ſein eigenes Bild in der Goldfaſſung. Dies war der glücklichſte Moment in dem Leben des Baumeiſters. Thränen der Rührung entſtrömten ſeinen Augen, er hielt die Geliebte lange umfangen, ohne im Stande zu ſein, ſeinem vollen Herzen durch Worte Luft zu machen. Alice ſchwebte in einem Meer von Wonne, denn ſie ſah ja, daß ihr Bräutigam Freudenthränen über ſie vergoß. „O meine Alice, wie erbärmlich ſtehe ich da gegen Dich“ flüſterte Arthur endlich bewegt. „Rede doch nicht dergleichen. Würdeſt Du nicht ebenfalls gern ein Bild von mir auf Deinem Herzen getragen haben, wenn Du eins hätteſt erlangen können?“ ſprach Alice, die Worte Arthur's falſch deutend. „Ja gewiß! Doch ſage, wo haſt Du das Bild her, meine Alice?“ Das junge Mädchen erzählte von ihrer Bekannt⸗ ſchaft mit Felge und deſſen Frau, wie dieſelben im Beſitze eines Bildes von ihm ſeien, das der junge 186 Maler auf den Wunſch ſeiner Gattin angefertigt, und wie ſie hiernach die kleine Copie entwerfen laſſen. Arthur ſann einige Minuten nach; der Gedanke drängte ſich ihm auf, daß er Emilie Baude doch wohl nicht ſo gleichgültig geweſen ſein müſſe, wie er einſt angenommen, dann ſchloß er Alice von neuem in die Arme und rief:„Du haſt durch Deine engelreine Liebe all mein Mißtrauen zur ganzen Menſchheit beſiegt, meinen oft krankhaften Gemüthszuſtand für immer ge⸗ heilt. Alice, Du mußt mein werden, und ſollte ich Dich mit dem Leben erkaufen.“ „Für ſolchen Kauf danke ich beſtens!“ antwortete Alice ſchelmiſch. „Ich fühle mich heute im Stande, vor Deinen Vater zu treten und ihn um Deine Hand anzuflehen. Er war einſt mein Vorgeſetzter, ich hatte Gelegenheit, ſeinen Charakter kennen zu lernen, er iſt edel und hochherzig, er wird uns nicht unglücklich ſehen können.“ „Meinſt Du das?“ fragte Alice, ſich an der Zu⸗ verſicht des Geliebten weidend. „Ich bin davon überzeugt. Selten iſt ein ve— fehlshaber bei der Armee allgemein ſo beliebt, wie es Dein Vater war, das iſt das beſte Zeugniß für ſeinen Werth. Jeder wäre für ihn in den Tod ge⸗ gangen, aber er verdiente auch die allſeitige Liebe; 187 überall waltete Ordnung und Gerechtigkeit ohne über⸗ triebene Strenge. Und wie edelmüthig hat er ſich gegen mich benommen, als ich in jugendlichem Leicht⸗ ſinn ihn bitter gekränkt hatte. Ich habe Vertrauen zu ſeiner Menſchenfreundlichkeit; komme zu ihm, er wird uns ſegnen.“ „Euer Glück, daß der Baumeiſter es verſtanden, mir das Herz durch ſeine Schmeichelreden weich zu machen, und daß meine ſelige Adelheid für ihn gebeten, ſonſt würde ich Euch wohl die heimlichen Zuſammen⸗ künfte leid gemacht haben, Ihr ungezogenes, leichtſinniges junges Volk!“ ertönten mit einem Mal dicht hinter den Liebenden im Gebüſch die Worte des Generals. Alice ſtieß einen Angſtruf aus, Arthur ſprang über⸗ raſcht empor— da ſtand der alte General vor ihnen und ſtützte ſich auf den Krückſtock ſichtlich vergnügt über die Angſt der Liebenden und die veranlaßte Ueber⸗ raſchung. „Excellenz!“ ſtotterte Arthur, verlegen ſeinen Hut ziehend. „Schon gut!“ entgegnete der General.„Brauchen mich nicht mit Excellenz anzureden, da Sie ſich ſo gut meiner Vorzüge erinnern. Nun ja, ich bin nie ein Unmenſch geweſen, und das will ich denn auch an Euch beweiſen, obgleich Ihr wohl etwas Anderes als Nach⸗ 188 ſicht verdient hättet. Hat mich die kleine Falſche ſeit Wochen an der Naſe herumzuführen gewußt, bis ich endlich doch hinter ihre Schliche gekommen bin. Nun, ich habe Euer Geſpräch von Anfang bis zu Ende belauſcht, es bedarf alſo keiner weitern Erklärungen. Ich glaube, Ihr werdet glücklich mit einander ſein, und das iſt das beſte Gut, das man im Leben hat. Darum nehmt Euch denn, meine Kinder; ich werde bei meiner Frau ſchon durchſetzen, daß Ihr Euch be⸗ kommt, und ſollte ich auf meine alten Tage noch Härte müſſen blicken laſſen. Wenn nur der Herr Major da drüben auf Hünenburg nicht anderer Mei⸗ nung iſt als ich!“ Alice und Arthur knieten unter dem Schatten der dichtbelaubten Bäume vor dem greiſen Vater nieder, dieſer zwinkerte einige Male mit den Augen und ſpendete ihnen dann ſeinen Segen, worauf er ſie beide in die Arme ſchloß und an ſein Herz drückte. „Sie ſind ein tüchtiger Kerl geworden, Soren! Hätte das früher gar nicht von Ihnen erwartet, als Sie noch die Lieutenantsmucken im Kopf hatten. Haben mich ordentlich weich geſtimmt! Es thut einem wohl, wenn man in ſeinen alten Tagen zufällig hören muß, daß hinter dem Rücken geſagt wird, man ſei ſtets ein Ehren⸗ 189 mann geweſen; ich danke für die Lobrede, mein Sohn, Sie ſollen dieſelbe nie bereuen!“ Arthur war tief gerührt.„Hätte ich bis heute den geringſten Zweifel an Ihrer Menſchenfreundlich⸗ keit gehegt, lieber Vater, die Güte, mit der Sie mich eben überſchüttet haben, würde fähig geweſen ſein, mich zu bekehren“ ſprach er bewegt. „Aber wie wird nun Ihr Vater zu bewegen ſein, meine Tochter als die Braut ſeines Sohnes anzuer⸗ kennen? Dazu kann und mag ich nichts thun“ erwiderte der General mit bedenklicher Miene. „O deshalb bin ich ganz außer Sorgen. Mein Vater wird gern bereit ſein, um Beilegung der Feindſchaft zu bitten, wenn er hoffen darf, nicht zurückgewieſen zu werden.“ „Nun, das wäre hübſch, wenn er ſein Unrecht ein⸗ ſähe. Ich will ihm gern verzeihen, wenngleich er mir meine beſten Hunde hat todtſchießen laſſen, die mir ſo überaus werth waren; aber was thut man nicht Alles der Kinder wegen!“ „Mein Vater trägt an dem Erſchießen der Hunde keine Schuld, er iſt ſelber ungehalten darüber geweſen“, führte Arthur an. Ein Blick aus Alicens Auge belehrte ihn, daß es beſſer ſei, dies Thema fallen zu laſſen. *7 S 190 „Sorgen Sie dafür, daß Ihr Herr Vater andere Geſinnungen gegen mich annimmt und Ihre Liebe billigt, dann kann meinetwegen die Verlobung ge⸗ feiert werden“ ſprach der General, ſich zum Gehen anſchickend. „Willſt Du uns nicht nach Hauſe begleiten, lieber Arthur?“ fragte Alice. „Wenn ich ſo kühn ſein darf, dies zu wagen, ge⸗ wiß!“ erwiderte Arthur, einen fragenden Blick zu dem General hinüberſchickend. „Meinetwegen kommen Sie immer mit!“ antwortete dieſer. „Der Baumeiſter reichte Alice den Arm, den dieſe willig annahm, und alle drei ſchritten dem Herren⸗ hauſe von Alſenſtein zu. Alice begann das Herz etwas ängſtlich zu klopfen, als ſie dem Dorfe nahe kamen und ſie nun an den Empfang von ſeiten der Mutter dachte. Doch ihr Vater mußte ebenfalls daran gedacht haben, denn mit einem Male blieb er ſtehen und ſprach:„Kommt mir langſam nach, meine Kinder, ich will vorauseilen und die Mutter vorbereiten, damit ſie nicht zu ſehr von dem, was ſie erfahren ſoll, überraſcht wird.“ Alice und Arthur kamen dieſer Anweiſung ſehr gern nach und dankten dem beſorgten Vater im Stillen 191 für ſeine Güte. Sie ſpazierten, ſelig in ihrem Glücke, am Rande des Waldes umher, während der General ſich ſo ſchnell, als er dies vermochte, nach ſeinem Ge⸗ höfte begab. Frau von Wüſtenbrink war mit dem Leſen eines Journals beſchäftigt, als ihr Gatte eintrat. Verwun⸗ dert blickte ſie auf, ſie war nicht gewohnt, ihn häufig bei ſich zu ſehen⸗ „Denke Dir, Frau, ich habe unſere Alice eben im Walde überraſcht, wie ſie einen jungen Mann herzte und ſeine Schwüre ewiger Liebe in Empfang nahm“, begann der General ſeine Mittheilung. Frau von Wüſtenbrink ſchlug die Hände zuſammen und ſchien einer Ohnmacht nahe.„Es iſt nicht möglich, daß Alice ſich ſo vergeſſen kann!“ rief ſie ſchaudernd aus. „Die Sache iſt nicht ſo ſchlimm, als Du denkſt; der junge Mann iſt ein braver und tüchtiger Menſch, er beſitzt meine volle Achtung, und ich glaube feſt, Alice wird an ſeiner Seite glücklich werden“, erwiderte der General ruhig. „Aber eine Liebſchaft hinter unſerm Rücken, das iſt nicht ehrenvoll, nimmermehr dürfen wir unſere Zu⸗ ſtimmung zu dem Verhältniß geben“ eiferte die ſtolze Frau, wohl ahnend, daß ihre ehrgeizigen Pläne durch die Wahl der Tochter durchkreuzt werden würden. 192 „Eine heimliche, aber wahre Liebe iſt beſſer als eine Ehe ohne Liebe!“ entgegnete der nachſichtige Vater mit Nachdruck. „Nie werde ich meine mütterliche cinviliging da⸗ zu geben, daß Alice einen Mann heirathet, der ſich ihre Liebe hinter meinem Rücken erſchlichen!“ rief Frau von Wüſtenbrink höchſt erregt. „Nicht? Der Liebhaber ſoll ſich alſo erſt Deine Zuneigung gewinnen, meinſt Du? Das iſt nun gegen meine Anſicht. Er will unſere Tochter heirathen, alſo muß er erſt deren Liebe beſitzen, ehe er die Frau Mutter für ſich günſtig ſtimmt.“ „Das ſind ja herrliche Grundſätze, die Du aufſtellſt.“ „Sie führen zum wahren Glück! Und ich will, daß meine Tochter glücklich werde und nicht in den Ehe⸗ bund trete ohne Liebe. Nimm Dir ein Beiſpiel an unſerm ehelichen Leben! Wir ſind über fünfundzwanzig Jahre verheirathet— haben wir in dieſer ganzen Zeit ein Leben geführt, wie es zwiſchen Mann und Frau der Fall ſein ſoll?“ „Ich bin immer zufrieden geweſen, habe mich nie beklagt.“ „Ja wohl, ſolange Du von Vergnügen zu Vergnü⸗ gen eilen konnteſt und die ganze Geſellſchaft Dir Hul⸗ digungen darbrachte. Alice empfindet anders, ſie würde 193 ſterben wie Adelheid, wenn ſie ein Leben ohne Liebe hinſchleppen ſollte.“ „Wir führen einen unnützen Streit, den ich nicht fortſetzen mag, weil er mir meine Ruhe raubt! Wer iſt denn der Liebhaber Alicens?“ „Es iſt der Baumeiſter Soren, ein achtungswerther Mann!“ „Der Baumeiſter Soren? Gerechter Himmel!“ kreiſchte Frau von Wüſtenbrink. „Spiele keine Komödie, Du änderſt dadurch nichts; die jungen Leute haben meinen Segen, und dabei bleibt es! Nun komm, damit Du ſie empfängſt, und ſei herzlich und gut, ich bitte Dich darum.“ „Unmöglich! Ich ertheile meine Zuſtimmung nimmer⸗ mehr zu einem ſolchen Bunde.“ „Adelheid, ich verlange zum letzten Mal von Dir, daß Du Dich in meinen Willen fügſt. Beharrſt Du bei Deiner Weigerung, ſo wiſſe, daß ich mit aller mir zu Gebote ſtehenden Energie mich vor künftigen Ein⸗ würfen Deinerſeits ſchützen werde.“ Frau von Wüſtenbrink wußte nur zu gut, daß der gewöhnlich nachgiebige Gatte auch ſtreng und hart verfahren konnte, und ſie ſcheute einen öffent⸗ lichen Skandal. In Thränen der Wuth über ihre Ohnmacht ausbrechend, ſchluchzte ſie:„Ich bin an⸗ Steffeis, Ein Wechſel. II. 13 194 Willkürlichkeiten gewöhnt; die Mutter wird nicht ge⸗ fragt, wo es ſich um das Lebensglück ihres einzigen Kindes handelt, ſie muß ſich fügen oder das Aergſte erdulden.“ „Biſt Du im Stande, beſſer für das Glück Alicens zu ſorgen?“ fragte der General ruhig. „Der Rittmeiſter von Walden iſt doch ein anderer Mann als ſo ein bürgerlicher Baumeiſter ohne eine eigentliche Stellung in der Welt. Was kann er unſerm Kinde bieten?“ Seine unbegrenzte Liebe, einen ehrenvollen Stand, den er ſich durch eigene Kraft erworben! Den Ritt⸗ meiſter liebt Alice nicht, ſie würde alſo unglücklich an ſeiner Seite ſein.“ „Lächerliche Launen eines Kindes!“ „Meinſt Du? Du bemißt irrthümlicherweiſe alle Empfindungen Anderer nach Deinen eigenen Gefühlen. Nicht jeder Menſch iſt fähig, ohne Liebe durch das Leben zu gehen. Doch nun komm und ſage Deinen Kindern, daß Du ihr Glück theilſt, oder, bei Gott, ich zeige Dir jetzt endlich, daß ich nicht länger ſchweigend dulde.“ Frau von Wüſtenbrink ſah ein, daß es die höchſte Zeit ſei, wenigſtens zum Schein ſich gefügig zu zeigen; ſie ſuchte die Spuren ihrer Bewegung zu 195 verwiſchen und folgte dem Gatten in das Fremden⸗ zimmer. Bald darauf erſchien Alice an der Seite des Bau⸗ meiſters. Die ſtolze Frau hatte ſich das Auftreten Soren's an der Seite ihrer Tochter als anmaßend und gleich⸗ gültig gegen ſie ausgemalt. Sie fühlte ſich über⸗ raſcht, als Arthur mit höchſter Ehrfurcht, ja ſogar eine gewiſſe Zaghaftigkeit blicken laſſend, vor ihr erſchien und, indem er ihre Fingerſpitzen ergriff und an ſeine Lippen führte, mit unſicherer Stimme ſprach:„Gnädige Frau, wir kommen, um Sie auf unſern Knieen anzu⸗ flehen, unſere innige Liebe zu ſegnen. Unſer Lebens⸗ glück hängt von Ihrem Ausſpruche ab, aber wir hoffen, Ihre edle Geſinnung, Ihre Hochherzigkeit wird Gnade für Recht ergehen laſſen und die Liebe, die wir für einander hegen, billigen, wenn wir auch nicht den beſten Weg eingeſchlagen haben, Ihr Wohlwollen zu erringen.“ „Der verſteht die Alte zu nehmen und wird ſchon mit ihr fertig werden“ brummte der General für ſich in den Bartz „Gute Mutter, vergib uns und mache uns glücklich!“ flehte Alice. Frau von Wüſtenbrink fühlte ſich durch die Devv⸗ 13* 6 tion des Baumeiſters zu ſehr geſchmeichelt, als daß ſie nicht hätte ein wenig freundlicher gegen ihn geſtimmt werden ſollen. So ganz ergeben war ja ſelbſt der Rittmeiſter nie gegen ſie aufgetreten. Aber ſie war durch den Zwang, den ihr der General auferlegt, noch zu ſehr erregt, um vollſtändig gute Miene zum böſen Spiel machen zu können.„Sie haben allerdings Unrecht gethan, daß Sie mir das Herz meines Kindes hinter meinem Rücken geraubt haben“ entgegnete ſie etwas befangen,„aber ich hoffe, Sie werden den begangenen Fehler durch ein achtungs⸗ werthes Auftreten zu verwiſchen wiſſen. Deshalb bitte ich Gott, er möge Ihnen ſeinen Segen zu dem Bündniſſe verleihen, das Sie zu ſchließen beab⸗ ſichtigen.“ Alice ſank der Mutter in die Arme, Arthur führte nochmals ihre Hand an ſeine Lippen und entgegnete: „Gnädige Frau, ſolange ich lebe, wird es mein höchſtes und eifrigſtes Beſtreben ſein, Ihr gütiges Wohlwollen zu erringen.“ Der General war zufrieden, die Scene war beſſer abgelaufen, wie er erwartet. Er dachte wohl: Der Baumeiſter iſt ein Teufelskerl; gewiß hat ihn Alice inſtruirt! aber er freute ſich, daß Alles ſo gut ge⸗ gangen war. 1 Arthur blieb während des ganzen Abends in der Familie und ließ es an keiner Aufmerkſamkeit, keiner Ehrerbietung gegen die ſtolze Mutter Alicens fehlen, wodurch er einen großen Theil ihres Widerwillens gegen ihn beſiegte. Als er ſich ſpät trennte, ließ er das Verſprechen zurück, am nächſten Tage den eigenen Aeltern ein Ge⸗ ſtändniß abzulegen und ſie zu einem Beſuch auf Alſen⸗ ſtein zu bewegen. Alice flüſterte ihm beim Abſchiede zu:„O mein Arthur, Du haſt mich über Alles beglückt; Du biſt und bleibſt meine ganze Welt und Seligkeit. Die Mutter iſt ſchon ziemlich mit Dir ausgeſöhnt.“ Von den Schwingen des Glücks getragen, fuhr Arthur auf einem Wagen nach Buchberg hinüber; er hätte gern noch an demſelben Abend den Aeltern Alles entdeckt, aber er mußte annehmen, daß ſie bereits ſanft ſchliefen, deshalb wollte er ſie nicht mehr ſtören. Sein Herz war indeſſen zu voll, als daß er, zu Hauſe an⸗ gekommen, ſchon die Ruhe hätte ſuchen können; er ſetzte ſich hin und theilte dem Freunde Martel mit, daß er endlich an der Pforte des Glücks angelangt ſei und daß er jetzt erſt wiſſe, welche Freuden und Seligkeiten das Leben zu ſpenden vermöge. Er rieth ihm, recht bald ſeinem Beiſpiele zu folgen. 198 Armer Arthur! Er träumte, daß nun nichts mehr ſein Wohl trüben könne, und ahnte nicht, daß gerade dann das böſe Geſchick dem Menſchen am liebſten den verwundenden Pfeil ins Herz drückt, wenn er ſich vor jeder Anfechtung am ſicherſten wähnt⸗ Zehntes Kapitel. Während Arthur in den Armen der Liebe geſchwelgt und ſich ganz dem Glück überlaſſen hatte, das ihm ſo plötzlich in dem Hauſe des Generals aufgeblüht war, hatten Ereigniſſe ſtattgefunden, die ſeine Verwandten nichts weniger als günſtig für ſein Verhältniß zu der Tochter des Generals ſtimmten. 5 Unweit der Grenze mit Alſenſtein befand ſich auf 6 dem Areal des Gutes Hünenburg eine umwehrte 6 Koppel, in der eine Anzahl werthvoller Füllen von edler Raſſe weilten. An dieſen Thieren hing der Major mit großer Vorliebe; kein Tag verging, an welchem er nicht zu ihnen hinauswanderte und ſich von ihrem Ge⸗ deihen überzeugte, längere Zeit bei ihnen verweilte und ſtets befriedigt wieder heimkehrte. 200 Ehe der alte Major an dieſem Tage ſeinen ge⸗ wöhnlichen Gang antrat, erſchien ein Arbeiter vor ihm und meldete faſt athemlos, daß das ſchönſte der Füllen über die Umwehrung hinweggeſetzt und auf das benachbarte Gebiet übergetreten ſei. Der Verwalter des Gutes Alſenſtein habe dies bemerkt und das junge Thier durch Hunde verfolgen laſſen, er ſelbſt ſei ihm zu Pferde nachgeſetzt, bis es in blinder Angſt in einen Sumpf gerathen, in welchem es noch ſtecke, ſodaß kaum der Kopf hervorrage. Der Verwalter ſei darauf lachend weiter geritten. Dieſe Meldung brachte den reizbaren Mann in die größte Aufregung, aber zunächſt verſchaffte ſich am meiſten die Sorge um ſein Füllen Geltung. Sofort beorderte er eine Anzahl Leute, ließ Bohlen nach der ihm von dem Arbeiter bezeichneten Stelle ſchaffen und machte ſich ſelber auf den Weg dahin. Was der Arbeiter erzählt, war richtig. Mit der größten Anſtrengung wurde das abgemarterte Thier aus dem Sumpfe gezogen; es ſchien erſt weder gehen noch ſtehen zu können und der Major befürchtete, daß es verenden werde. Während die Leute ſich nun damit beſchäftigten, weitere Hülfe zu leiſten, nahte der Gutsverwalter aus Alſenſtein aufs neue, um ſein Pfändungsrecht an dem 201 auf fremdem Grund und Boden betroffenen Füllen zur Geltung zu bringen. Der Major war der feſten Ueberzeugung, daß der Verwalter von ſeinem Herrn inſtruirt ſei, ſein Zorn wuchs zu einer furchtbaren Höhe. „Leute“, ſchrie er außer ſich vor Wuth,„packt mir den Kerl!“ Natürlich ſuchten die Umherſtehenden dieſen Be⸗ fehl ſofort mit großem Vergnügen auszuführen, und der Verwalter mußte in ſchleuniger Flucht ſein Heil ſuchen. Das Füllen erholte ſich bangſam wieder, aber deſſen⸗ ungeachtet beherrſchte den Major nur ein Gefühl: Haß und Rachſucht gegen den nach ſeiner Anſicht unmenſch⸗ lichen General und ſeine Familie; er nahm ſich vor, keine Gelegenheit unbenutzt zu laſſen, um Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Auch die übrigen Glieder der Soren'ſchen Familie waren von Bitterkeit gegen die Wüſtenbrinks erfüllt. Am nächſten Morgen erſchien Arthur ſchon in aller Frühe auf dem Gute Hünenburg. Er hatte während der ganzen Nacht nicht recht geſchlafen, eine fieberhafte Unruhe war über ihn gekommen, zuweilen ergriff ein leiſes Fröſteln ſeinen Körper, der Kopf ſchien ihm centnerſchwer, er fühlte ſich nichts weniger als behag⸗ lich. Trotzdem leuchtete ſein Auge freudig, und ſeit lange hatte er die Verwandten nicht ſo herzlich be⸗ grüßt wie an dieſem Morgen. Der Major vergaß momentan ſeinen Aerger in der Nähe des Lieblingsſohnes.„Du ſcheinſt ja ganz ver⸗ klärt“ redete er ihn freundlich an. „Ich bin dem lang erſehnten Ziele nahe; es wird nur von Dir abhängen, lieber Vater, ob Du mich hin⸗ fort ſtets glücklich ſehen wirſt“ antwortete Arthur zu⸗ verſichtlich. „Nun, ſo rede, was haſt Du denn?“ ſprach der Major neugierig. „Ich liebe und werde wieder geliebt, beſter Vater. Alice von Wüſtenbrink iſt der Engel, der all mein Glück ausmacht! Spende uns Deinen Segen, laſſe die Feindſchaft gegen die Wüſtenbrinks ruhen, und Du machſt zwei Menſchen über Alles glücklich.“ Der Major ſprang von ſeinem Sitze auf, das hatte er nicht erwartet.„Wüſtenbrinks und ewig Wüſten⸗ brinks!“ ſchrie er.„Verliebe Dich in die Tochter eines Bettlers, und ich werde Dir meinen Segen geben, nur verlange nicht, daß ich mit dieſen Menſchen in Verbin⸗ dung trete, die darauf ausgehen, mich unter die Erde zu bringen. Nein, Arthur, Alles, nur nicht mit dieſen herzloſen Menſchen in Verbindung treten.“ 203 „Vater, Du irrſt. Lerne erſt den General und ſeine Tochter kennen und dann urtheile. Alice iſt ein Engel an Sanftmuth, ich habe noch kein weib⸗ liches Weſen gefunden, das ſo viel Herz und Gemüth beſitzt als ſie, und ihr Vater iſt einer der edelſten Menſchen.“ Dieſe Lobrede reizte den Major zum Zorn.„Laſſe mich mit derartigen Belehrungen in Ruhe, wenn Du nicht willſt, daß ich außer mir gerathen ſoll“, rief er empört.„Nie werde ich mich mit dem General ver⸗ ſöhnen, das iſt mein letztes Wort.“ Arthur ahnte nichts von dem letzten Vorfall und war erſtaunt über die Gereiztheit des Vaters; ſo war er früher nicht geweſen, wenn ſie von den Wüſten⸗ brinks geredet hatten. „Du zerſtörſt mein ganzes Lebensglück!“ wagte Arthur nach einer kurzen Pauſe hervorzubringen. „Und Du bringſt mich um den Verſtand!“ entgeg⸗ nete der Vater, ſich auf einen Stuhl werfend und den Kopf in die Hände nehmend. Die Mutter Arthur's winkte ihm zu, jetzt zu ſchwei⸗ gen, und als ſie ſpäter allein waren, ſprach ſie:„Du hatteſt eine unglückliche Stunde zu Deinem Geſtändniß gewählt. Offen geſtanden, wünſchte auch ich, Du wäreſt den Menſchen fern geblieben, die uns ſo man⸗ 204 ches Leid zugefügt haben. Ich fürchte, die Liebe macht Dich blind für den bösartigen Charakter der Wüſten⸗ brinks.“ „Aber, Mutter, ich begreife nicht, was Ihr wollt!“ antwortete Arthur ſehr verſtimmt.„Erſt muß man doch die Menſchen kennen, ehe man über ſie urtheilt; Ihr habt ſie ja noch kaum geſehen, über die Ihr Euch ſo lieblos auslaſſet, und an dem Zerwürfniß mit ihnen tragt Ihr mindeſtens ebenſo viel Schuld als der General.“ „Nun, hoffe das Beſte, nur mußt Du Geduld haben, bis der Vater ſeinen Unmuth etwas bezwungen. Ich werde das Meine thun, um Deinem Willen zu ge⸗ nügen.“ Arthur fühlte ſich durch die Unterredung mit den Aeltern ſehr angegriffen, ſein Unwohlſein hatte ſich ge⸗ ſteigert und er bedauerte, ausgegangen zu ſein. „Ich bin etwas leidend und will eilen, daß ich nach Hauſe komme. Lebt wohl!“ ſprach er zu den Aeltern, ſich zum Gehen wendend. Der Major hielt ſein ſchnelles Aufbrechen für Eigen⸗ ſinn und glaubte in ſeiner üblen Stimmung ſich etwas zu vergeben, wenn er ihn zurückhalte, die Mutter bat zwar, zu bleiben, doch Arthur verſicherte, daß er noch am Vormittage dringende Arbeit habe, und entfernte ſich. 205 Auf dem Wege nach Buchberg wurde ſeine Unpäß⸗ lichkeit von Minute zu Minute größer, der Grimm ſeines Vaters gegen die Wüſtenbrinks bekümmerte ihn tief, er ahnte ja nicht den neuen Grund des letztern zum Zorne gegen die Nachbarn. Was ſollte er nun ſagen, wenn er wieder vor Alice und dem General erſchien? Durfte er geſtehen, daß ſein Vater die Einwilligung zu dem Bündniß mit der erſtern ver⸗ ſage, daß er in keinerlei Gemeinſchaft mit der Fa⸗ milie Wüſtenbrink treten wolle? Dann konnte er ſicher darauf rechnen, daß der General jede weitere Verbin⸗ dung abbrechen werde. Aber wie ſollte er ihn täu⸗ ſchen? Das war eine nicht zu löſende Frage. Mit gebrochenem Muth hatte Arthur den Heimweg angetreten; mit jedem neuen Schritt, den er that, fühlte er ſich geiſtig und körperlich elender, es war ihm, als müſſe er ſterben, und der Tod erſchien ihm jetzt bei⸗ nahe erwünſcht, denn was hatte er zu hoffen? Der Vater beſaß einen Eigenwillen, der ſich nur ſelten beu⸗ gen ließ, und wenn dies ja der Fall war, ſo bedurfte es dazu langer Vorbereitungen. Im gegenwärtigen Fall aber konnte kein ſpäterer Entſchluß nützen, er mußte noch heute das Ergebniß ſeiner Vorſtellung beim Vater dem General mittheilen, und dieſer ſowie ſeine Gattin mußten ſich über Alles verletzt fühlen, ihn kalt 206 abweiſen, wenn ſie einſahen, daß ihre Nachgiebig⸗ keit ſo ſchlechte Erwiderung fand. Das nahm er be⸗ ſtimmt an. Nach ſtundenlanger Wanderung langte Arthur in Buchberg an. Kalter Schweiß perlte auf ſeiner Stirn, er war bis zum Tode erſchöpft. Ohne eigentlich zu wiſſen, was er that, warf er ſich in ſeiner Wohnung auf ein Ruhebett und verfiel momentan in eine voll⸗ ſtändige Apathie. Wie lange er ſo gelegen, war ihm unklar. Sein älteſter Bruder trat bei ihm ein und fand ihn in einem Beſorgniß erregenden Zuſtande. Schleunigſt ſchickte er nach dem Arzt, dieſer kam, unterſuchte den Kranken und verlangte, daß derſelbe ſo⸗ gleich zu Bett gebracht werde. „Wie ſteht es mit meinem Bruder?“ fragte Karl Soren im Tone der größten Beſorgniß den Arzt. „Sehr ſchlimm!“ entgegnete dieſer.„Ein nervöſes Fieber iſt im Anzuge, mindeſtens ſteht dem Baumeiſter ein langes Krankenlager bevor.“ „Wäre es denn nicht beſſer, wir brächten ihn in meine Wohnung oder nach Hünenburg, wo er beſſere Pflege hätte?“ „Nein, denn auch die kleinſte Erregung würde ihm höchſt ſchädlich ſein.“ 207 Wie der Arzt vorausgeſagt, ſo kam es; Arthur verfiel bald in jene furchtbaren Fieberphantaſien, die die Kräfte des Menſchen ſchnell aufreiben und jeden Augen⸗ blick ſein Leben bedrohen. Anfangs zögerte der Kaufmann noch, die Aeltern zu erſchrecken, aber gegen Abend verſchlimmerte ſich der Zuſtand des Kranken ſo ſehr, daß er nicht länger ſäu⸗ men durfte, dieſelben zu benachrichtigen. Zwei Aerzte umſtanden das Lager des Leidenden, als der Major mit ſeiner Frau in der Krankenſtube erſchien. Arthur erkannte ſie nicht mehr. Frau Soren wollte ihrem Schmerz in lautem Weh⸗ klagen Luft machen, die Mediciner hinderten ſie daran. „Jede Aufregung kann den Tod des Patienten herbei⸗ führen“, ſprachen ſie mahnend.„Hoffen Sie übrigens das Beſte, Ihr Herr Sohn beſitzt noch hinlänglich Kraft, die böſe Krankheit zu beſiegen.“ „Alice, warum kommſt Du nicht? Willſt Du mich auch verlaſſen?“ ſtöhnte Arthur gegen Mitternacht. „Ah, da biſt Du! O Du biſt ſo gut! Nun bleibe bei mir. Nicht wahr? Du wirſt bei mir ausharren, wenn ſie uns auch trennen wollen. Warum antworteſt Du nicht? Fürchteſt Du Dich vor meinem Vater? Er ſieht uns ja nicht!“ fuhr der Leidende fort. Der Major bedeckte ſein Geſicht mit den Händen, 208 ein namenloſes Weh mußte ihn bei den Klagen des Sohnes erfaßt haben. „Ich ſehe Dich nicht mehr, o komm doch!“ rief Arthur von neuem. So verging die ganze Nacht, die Verwandten des Leidenden umſtanden ſämmtlich ſein Lager. Gegen Morgen hatte der Kranke für ein Stündchen Ruhe bekommen, aber plötzlich brach er in wilde Raſerei aus, er mußte im Bett feſtgehalten werden.„Laßt mich“ ſchrie er ringend,„ich muß zu meiner Alice eilen, ſie ſtirbt, wenn ich nicht bei ihr bin.“ Wer ahnte, was in dem Herzen des alten Majors bei den Qualen des Sohnes vorging? Er ſah ſehr bleich aus, ſeine Augen waren geröthet, ein heftiger Schmerz mußte ihn erfaßt haben. Plötzlich, bei einem neuen Fieberanfall des Bau⸗ meiſters, ſtürzte er zum Zimmer hinaus; ſein älteſter Sohn ging ihm nach einer Weile nach; er war über die Straße gegangen, Niemand wußte, wo er geblieben Als Arthur an jenem glücklichen Abend Alſenſtein verlaſſen, hatte ſich Alice an die Bruſt ihrer Mutter geworfen und herzlich gebeten:„Zürne mir nicht, meine 209 gute Mama, ich bin ſo unendlich glücklich, und ich weiß ja, daß Du nur mein Glück willſt. Arthur wird Dir gewiß ſtets ein liebevoller Sohn ſein.“ 6 Frau von Wüſtenbrink war zufrieden mit dem Auf⸗ treten des Baumeiſters. Er hatte ihrem Ehrgeiz zu ſchmeicheln gewußt, ihr alle nur erdenklichen Aufmerk⸗ ſamkeiten erwieſen, und mehr verlangte ſie nicht; ſie hoffte eine vollſtändige Herrſchaft über ihn zu ge⸗ winnen. „Du haſt Recht, ich will nur Dein Glück, und ich hoffe, daß Du es an der Seite des Baumeiſters finden wirſt; er hat ſich ſehr zu ſeinem Vortheil geändert, ſeit ich ihn nicht geſehen“ entgegnete die ſtolze Frau. Welche Seligkeit empfand Alice bei dieſen Worten! Sie glaubte, daß nun nichts mehr ihren Lebenshimmel trüben könne. Offen und frei durfte der Geliebte ihr nahen, und wie ſtolz machte ſie der Gedanke: öffentlich als die Braut des Mannes zu gelten, der ja für ſie der Inbegriff alles Hohen und Edlen war. Daß die Aeltern Arthur's gegen ſeine Verbindung mit ihr ſein könnten, nahm ſie keinen Augenblick an. Lachende Träume von einer goldenen Zukunft um⸗ gaukelten die Jungfrau in der folgenden Nacht, und als ſie am Morgen erwachte, da hoffte ſie, der Geliebte werde bald mit den Aeltern nahen, um wieder einige Steffens, Ein Wechſel. II. 14 210 Stunden der Seligkeit bei ihr zuzubringen. Wie freute ſie ſich auf den Augenblick, in welchem ſie ſich der Mutter Arthur's in die Arme werfen konnte und freund⸗ liche Worte von ſeinem Vater erwarten durfte! Unzählige Male ſah Alice die Straße entlang, die nach Hünenburg führte, aber ſo oft ſie auch ausſchaute, immer kehrte ſie unbefriedigt zurück, und als endlich die Mittagszeit nahte und Arthur noch immer nicht erſcheinen wollte, da ſank ihr Köpfchen merklich tiefer auf den Buſen herab, eine nicht zu verkennende Unruhe gab ſich in ihrem ganzen Weſen kund. „Nun, mein Kind, Du machſt ja im Vergleich zu heute Morgen ein höchſt bedenkliches Geſicht! Was iſt Dir denn begegnet?“ ſprach der General bei Tiſche. „Ich kann nicht begreifen, weshalb Arthur ſo lange ausbleibt“ entgegnete Alice mit großer Frei⸗) müthigkeit. „Daran wirſt Du Dich gewöhnen müſſen, und er thut ganz recht, daß er ſich ſelbſt durch die Liebe nicht beeinträchtigen läßt. Seine amtliche Stellung erfordert, daß er ſtreng im Dienſt iſt; ſobald er es vermag, wird er ſchon erſcheinen. Auch mußt Du berückſichtigen, daß er heute ſeine Aeltern mitbringen wollte. Das geht nicht ſo ſchnell, wie es Deine liebende Ungeduld er⸗ wartet.“ 211 Die Mutter ſagte nichts, ſie hatte ihre eigenen Ge⸗ danken. Auch der Nachmittag verging, und Arthur kam noch immer nicht. Jetzt konnte ſich Alice nicht mehr beherrſchen; ſie ſuchte ein einſames Plätzchen im Garten auf und über⸗ ließ ſich hier ihren Gefühlen. Thränen der Angſt und Sorge entſtrömten ihren Augen, ſie wußte nicht, wie ſie das Ausbleiben des Geliebten länger enſchuldigen ſollte. Auch der General wurde ungeduldig, als endlich der Abend anbrach und keine Nachricht von dem Bau⸗ meiſter einging. Er ſchloß, daß dem letztern entweder ein Unfall begegnet ſei, oder daß ſeine Aeltern ſich hartnäckig gezeigt; einen andern Grund konnte er ſich nicht denken, dazu ſtand Arthur zu hoch in ſeiner Achtung. „Alice, ich glaube faſt, daß die Geſchichte mit dem Baumeiſter nicht ganz ihre Richtigkeit hat, er hätte auf jeden Fall heute kommen müſſen“ ſprach er verſtimmt, als er ſeine Tochter im Garten gefunden. Dieſer Ausſpruch veranlaßte die Liebende, als Ver⸗ theidigerin des Abweſenden aufzutreten, wenngleich ihr Herz ebenfalls tief bekümmert war.„Er wird manch⸗ mal unvorhergeſehen ſo von ſeinen Geſchäften in An⸗ a4* 212 ſpruch genommen, daß er keine Minute erübrigen kann“, erwiderte ſie möglichſt zuverſichtlich. „Du ſprichſt gegen Deine Ueberzeugung, das ſehe ich Dir wohl an!“ rief der General.„Er hätte wenig⸗ ſtens herſchicken können.“ „Vielleicht kommt er noch, lieber Vater.“ „Jetzt nicht mehr, das wäre unpaſſend. Morgen früh werde ich mich überzeugen, was ihn abgehalten; ich wünſche nur, daß meine Befürchtungen ſich als falſche erweiſen, ſonſt ſtände es ſchlimm mit Euch.“ Troſtlos ſuchte Alice erſt ſpät ihr Schlafzimmer auf. Ach wie ganz anders war ſie vierundzwanzig Stunden früher zur Ruhe gegangen! Damals hätte ſie ihr Loos mit dem einer Königin nicht vertauſcht, und jetzt fühlte ſie ſich namenlos unglücklich. Es ſchien ihr, als dürfe ſie keine Hoffnungen mehr auf eine glückliche Zukunft hegen, das Ausbleiben des Geliebten mußte einen Grund haben, der für ihr ganzes ferneres Leben entſcheidend war. Unter bangen Thränen ſchlief ſie ein, und die Schwermuth, die ſich ihrer im wachen Zuſtande be⸗ mächtigt, äußerte ſich auch in ihren Träumen. Sie ſah den theuern Mann auf der Todtenbahre liegen, er war bleich und entſtellt, kalt wie Eis; ein ſchnei⸗ dender Weheruf entfuhr ihrem Munde bei dieſem An⸗ blick, und ſie erwachte, durch den eigenen Ausruf erſchreckt. 213 Der Morgen war bereits angebrochen, ein trüber Himmel lag über der Erde. Schaudernd vor den Gebilden, die ſie im Traum geſehen, verließ Alice ihr Lager und kleidete ſich ha⸗ ſtig an. Der General war bereits munter und ſchicte ſich an, ſeinen Morgenſpaziergang anzutreten, als Alice vor ihm erſchien. „Schon wach, mein Kind?“ fragte er in herzlichem Ton. Alice konnte nicht antworten, Thränen erſtickten ihre Stimme. „Um Gotteswillen, was fehlt Dir, meine Tochter? Du biſt ja ganz verſtört!“ rief der General. „O der böſe Traum!“ ſchluchzte Alice.„Ich habe meinen Arthur todt geſehen! Ich muß hin zu ihm oder ich vergehe vor Leid.“ „Aber, Kind, ſo mäßige Dich doch! Der Traum iſt nur die Folge von Deiner geſtrigen Gemüthsſtimmung.“ „Nein, nein, ich will und muß Arthur ſehen.“ Der Eintritt eines Dieners unterbrach die Scene. „Excellenz, im Vorzimmer weilt der Major Soren, der Sie zu ſprechen wünſcht“, meldete der Diener. „Das iſt früh, bei Gott!“ rief der General über⸗ 214 raſcht. Führe den Herrn in das Beſuchszimmer!“ gebot er dem Bedienten. „Alice, mein Kind, warte hier auf meine Rückkunft“, bat er dann die noch immer weinende Tochter. „Nein, Papa, ich muß mit anhören, was Ihr zuſammen verhandelt, ich würde während Deiner Ab⸗ weſenheit vor Angſt vergehen“ entgegnete Alice, den Arm des Vaters ergreifend. „Du darfſt mir nicht folgen. Etwas Beſonderes iſt vorgefallen, ſonſt wäre der Vater des Baumeiſters nicht zu ſo früher Stunde hier allein erſchienen. Ich kann Dein Mitgehen nicht billigen!“ proteſtirte der General, ſich von der Tochter losmachend. „Mich betrifft das Hierſein des Herrn Majors, folg⸗ lich kann ich auch hören, was er meldet; erfahren werde ich es doch, ob auf dieſe oder jene Weiſe, das iſt gleich⸗ gültig“ behauptete Alice. „Nun, ſo komm, ich kann Dich nicht halten.“ Mit ſorgenſchweren Schritten begab ſich der Ge⸗ neral nach dem Fremdenzimmer; er ahnte ſo ziemlich die Wahrheit. Alice folgte, am ganzen Körper zit⸗ ternd. Der Major Soren ſtand da, ein Bild der Ver⸗ zweiflung. Das graue ſpärliche Haar hing ihm un⸗ ordentlich um die Schläfe, dicke Schweißtropfen perlten 215 auf ſeiner Stirn, das ganze Aeußere des ſonſt ſo ſtar⸗ ken Mannes deutete auf einen herben Kummer. Als der General und Alice eintraten, verneigte er ſich tief und ſprach dann mit vieler Anſtrengung:„Ich bitte um Verzeihung, Excellenz, daß ich ſo früh zu ſtören wage. Mein Sohn entdeckte mir geſtern, daß zwiſchen ihm und Ihrer Fräulein Tochter ein zärtliches Verhältniß beſtehe. Nach den Vorgängen zwiſchen uns und namentlich nach der vorgeſtrigen Handlungsweiſe Ihres Verwalters konnte ich nicht annehmen, daß Sie die Liebe der jungen Leute billigen würden, auch ich verſagte meine Zuſtimmung. Mein Sohn verließ mich, legte ſich gleich darauf zu Bett und tobt jetzt in wilden Fieberphantaſien, immer nur nach ſeiner Alice verlan⸗ gend.“ Der alte Mann ſchwieg, vom Schmerz niedergedrückt, und blickte den General ängſtlich fragend an. Alice ſchluchzte ſo heftig, daß beide Männer für ſie fürchteten. Herr von Wüſtenbrink trat dem Major näher, reichte ihm die Hand und entgegnete:„Ich habe die Liebe Ihres Sohnes zu meiner Tochter bereits gebilligt und ihm nur die Bedingung geſtellt, Ihre Genehmi⸗ gung einzuholen. Von einem neuen Streit, den der Verwalter angezettelt haben ſoll, weiß ich nichts und * U 8 216 wetde denſelben ſofort entlaſſen, wenn Sie die Güte haben wollen mir zu ſagen, was er gegen Sie unter⸗ nommen. Hier, Herr Major, biete ich Ihnen meine Hand zum Frieden und zur Freundſchaft, es iſt unter den obwaltenden Umſtänden an der Zeit, daß wir jeden Groll ſchwinden laſſen. Ich werde Sie mit meiner Tochter begleiten, wenn Sie dies wünſchen.“ Der Major nahm die ihm gereichte Hand und ſprach:„Wir hätten längſt als gute Nachbarn mit einander leben können, ich habe nie Feindſchaft gewollt! Doch die Vergangenheit ſei vergeſſen, ich werde ſie aus meinem Gedächtniß zu verwiſchen ſuchen.“ „Brav geſprochen! Und nun, wie ſteht es mit den Baumeiſter?“ „Er iſt ſehr krank!“ „Sollen wir Sie begleiten?“ „Ja, Papa, ich reiſe mit!“ rief Alice mit thränen⸗ erſtickter Stimme. „Sie dazu zu bewegen, war die Urſache meines Kommens. Ich konnte die Klagen Arthur's nicht länger ertragen und ſtürmte hierher, um das an ihm began⸗ gene Unrecht wenigſtens theilweiſe wieder gut zu machen.“ „Alice, ſo mache Dich reiſefertig, wir wollen keinen Augenblick ſäumen! Ein ander Mal werde ich Sie 217 um längeres Verweilen bitten, heute müſſen wir eilen“, wandte er ſich an den Major. Wenige Minuten ſpäter fuhren alle drei auf Buch⸗ berg zu. Arthur hatte nach dem Verſchwinden ſeines Vaters noch lange in den heftigſten Fieberphantaſien fortgetobt, bis ſeine Kraft ſich erſchöpfte. Die Aerzte thaten ihr Möglichſtes, die böſe Krankheit in ihrem Verlauf zu ſchwächen, doch zeigten ſich noch keine Spuren von einer Milderung derſelben. Als der General mit ſeiner Tochter, geführt von dem Major, im Krankenzimmer erſchien, war Arthur bei vollem Verſtande, aber ſeine bleichen Wangen, das matte Auge kündeten genugſam an, wie viel er ſchon gelitten und wie nahe er dem Tode war. Die Aerzte hielten das Erſcheinen Alicens vor dem Patienten nicht einmal für gut, doch dieſe hätte ſich durch keine Rückſicht fern von ihm halten laſſen. So⸗ wie ſie ihn erblickte, konnte ſie ihren Schmerz nicht mäßigen, ſie ſtürzte auf ihn zu, umklammerte ſeinen Kopf und bedeckte die farbloſen Lippen mit Küſſen trotz aller Abmahnungen der Aerzte. Alle Unſtehenden waren ſo tief gerührt von der 218 innigen Liebe der jungen Dame, daß ſie in ehrfurchts⸗ voller Entfernung blieben. Arthur ließ ſich die Liebkoſungen geduldig gefallen, ein ſeliges Lächeln umſpielte ſeine Lippen, er war wie⸗ der ganz glücklich. „Du wirſt mir nicht ſterben, mein Arthur, nicht wahr?“ fragte Alice den jungen Mann, ihm mit einer unnennbaren Zärtlichkeit ins Auge blickend. „Nein, Dein Erſcheinen hier erhält mir gewiß das Leben!“ antwortete Arthur, zwar leiſe, aber be⸗ ſtimmt. „Hörſt Du, Papa, er ſtirbt nicht! O mein Gott, wie froh ich bin!“ rief Alice, unter Thränen lä⸗ chelnd. Und Arthur ſtarb nicht. Die Krankheit nahm ihren gewöhnlichen Verlauf, doch verlor ſich die Heftigkeit des Fiebers bald nach der Ankunft Alicens. Wenige Tage ſpäter konnte der Leidende, in Betten gepackt, nach Hünenburg gefahren werden, und nun weilte Alice einen großen Theil des Tages an ſeinem Lager. Der Major und ſeine Familie lernten bald kennen, daß Arthur Recht gehabt, wenn er die junge Dame als einen Engel bezeichnete, ſie alle verehrten und liebten ſie unausſprechlich. Der General ſchloß mit dem Major ein enges Freund⸗ — — — 219 ſchaftsbündniß; ſie waren wie für einander geſchaffen und bedauerten nur, daß ſie ihren gegenſeitigen Werth nicht früher kennen gelernt, daß ſie ſich ſo lange im blinden Haß des Leben verbittert hatten. Auch die Generalin bekehrte ſich, wenigſtens der bürgerlichen Familie Soren gegenüber, wenn ſie auch ſonſt ſo ziemlich ihre Grundſätze beibehielt. Das Be⸗ nehmen des zukünftigen Schwiegerſohnes war ſo ſchmei⸗ chelhaft für ſie, daß ſie ſeinetwegen gern eine Familie aufſuchte, zu der er gehörte. Als Arthur zum erſten Mal das Krankenzimmer verlaſſen konnte, da geſchah es an der Seite ſeiner Alice, die ihn führte. Seine Arbeiten wurden jetzt von einem Vertreter beſorgt, er hatte ſomit Muße, ganz der Wiederſammlung der verlorenen Kräfte und ſeiner Liebe zu leben. Frühmorgens traf Alice bei ihm ein und erſt ſpät abends verließ ſie ihn, bis er ſelber wieder im Stande war, den Weg von Hünenburg nach Alſenſtein zurück⸗ zulegen. Der Sommer bot den Liebenden eine Reihe unge⸗ trübter Freuden, und als der Herbſt nahte, da wurde ihre Verbindung für das ganze Leben vollzogen. Ein ſonniger Herbſttag lachte den jungen Leuten, als ſie mit großem Gefolge den Weg nach dem Gottes⸗ 220 hauſe antraten, um den Segen der Kirche einzuholen, ſich für die Ewigkeit Treue und Liebe zu ſchwören. Rudolf Martel befand ſich unter den Gäſten und fragte den jungen Ehemann kurz nach der Trauung:„Wo haſt Du die Rettungsmedaille? Oder haſt Du meinen Rath nicht befolgt?“ Arthur erwiderte lächelnd:„Das war nicht nöthig, eine höhere Hand hat uns zu vereinen gewußt!“ Der Baumeiſter iſt 6 in ſeine Frau macht all ſein Glü Soldaten ſonnen ſich in S 5 Kin⸗ der. Frau von Wiüſtenbrink und Frau Majorin Soren waren vor kurzem auf längere Zeit bei den jungen Eheleuten, da die Geburt eines Enkels ihre Anweſen⸗ heit dringend nöthig machte. Von ſeinem Gemüthsleiden wird Arthur jetzt nicht mehr befallen. Der Haß zwiſchen den Familien Wüſtenbrink und Soren iſt in Liebe verwandelt, und der alte Major ſpricht oft vor ſich hin:„Ein tüchtiger Baumeiſter!“ Ende. Druck von Bär& Hermann in Leipzig. Papier von Julius Lange in Jeßnitz bei Deſſau.