Leihbibliothek— deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 4 Eduurd Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256.* cLeih- und geſebedingungen. 3 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von 3 jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zur be von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 1 ——.— 6 auf1 Monat FF F 1N f 2 W— P. „ 1„ 3„— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, eeiſe. verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihereit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ————. — .— R — —„ — Erſtes Kapitel. Silberhell lachte der Vollmond auf die Erde her⸗ nieder, ein unermeßliches Heer von Sternen vereinte ſich mit ihm, das mude, freundliche Licht zu ſpenden; es war Abend, und zwar ein herrlicher Sommer⸗ abend, der das Herz zu füßen und innigen Gefühlen anregt, die Bruſt zu hehren, wonnigen Empfindungen ſchwellt. Die zehnte Stunde war nicht mehr fern, als ein Jüngling mit leichten, flüchtigen Schritten die Stadt K. in Preußen durcheilte, dem jüngern Stadttheile zufloh und behende in einem der prachtvollſten Gärten unter den dichtbelaubten Bäumen verſchwand. Wir wollen ihm auch dahin folgen, nachdem wir einen kurzen Blick auf ſeine Perſon und Verhält⸗ niſſe gethan haben, zu deren Beleuchtung es eines Steffens, Ein Wechſel. I.— 1 2 etwas hellern Lichts bedarf, als der Mond und das Sternenheer, in ihrer Wirkung noch durch die dicht⸗ verwachſenen Bäume des Gartes beſchränkt, zu ſpenden vermögen. Arthur Soren gehörte zu der Zahl derjenigen jungen Männer, welche von der gütigen Natur mit all jenen Vorzügen überreich beſchenkt ſind, die ſo weſent⸗ lich dazu beitragen, dem Beſitzer nur die Lichtſeiten des Lebens zu zeigen; er hatte kaum das neunzehnte Lebensjahr erreicht und ſtand bereits bei einem der in K. garniſonirenden Infanterieregimenter als Offizier im Dienſt. Sein eigentliches Streben war allerdings auf einen andern Wirkungskreis gerichtet geweſen, doch hatte er, dem Wunſche des Vaters zufolge, die Militär⸗ carriere eingeſchlagen, nachdem er das Abiturienten⸗ examen beſtanden; und des Glückes Gunſt ſchien ihm auch auf dieſer Laufbahn hold zu ſein. Arthur hatte eine höchſt ſorgfältige Erziehung genoſſen; ſeine Intelligenz und eine ausgezeichnete Bil⸗ dung machten ihn zum Gegenſtand allgemeiner Ver⸗ ehrung; ſein ſchönes Geſicht mit den feinen, ausdrucks⸗ vollen Zügen, der hohen, freien Stirn, dem dunklen, ſchwärmeriſchen Auge und dem wohlgeformten Mund verlockte manche Dame, ihn bewundernd zu betrachten, und ſein hoher, ſchlanker und doch kräftiger Wuchs, in — —4 — ——— —4 3 jeder Bewegung Elaſticität und Gewandtheit verrathend, ließ ihn faſt einige Jahre älter erſcheinen, als er in Wirklichkeit war. Der junge Offizier trug einen einfachen dunklen Cuvilanzug, wahrſcheinlich, weil er zu einem Rendez⸗ vous ſchritt, bei dem es möglicherweiſe zu unangeneh⸗ men Auftritten kommen konnte und er für dieſen Fall wohl unerkannt bleiben wollte. In dem bereits er⸗ wähnten Garten angelangt, ſtand er einen Moment ſtill und lauſchte; dann, als er keinerlei Geräuſch ver⸗ nahm, wanderte er vorſichtig einige Schritte weiter, ſtand von neuem und horchte, ſchritt wieder vorwärts und gelangte ſo endlich an den Eingang einer dicht⸗ verwachſenen Laube. Kaum hatte der Lieutenant die Laube erreicht, als eine Frauengeſtalt im weißen Gewande aus derſelben trat und mit den Worten:„Mein Arthur!“ ſich in die Arme des Ueberraſchten warf. „Verzeihe, Adelheid, ich habe Dich warten laſſen“, flüſterte der Offizier, die Dame umfangend. „O Du biſt jetzt hier, damit iſt Alles gut; ich denke nicht mehr an die entſetzliche Qual des Wartens“, ent⸗ gegnete Adelheid ſeufzend. „Es war mir unmöglich, mich früher von einigen Kameraden loszumachen, die durchaus den Abend in 4 meiner Geſellſchaft verbringen wollten und mich arg beläſtigten“, betheuerte Arthur. „Denke nicht mehr an die Vergangenheit, ſondern genieße die Gegenwart!“ mahnte Adelheid, den Geliebten zu ſich auf eine Bank ziehend. „Sind wir vor jeder Störung ſicher?“ fragte Arthur bedächtig. „Wir müßten es vernehmen, wenn die Pforte vom Hauſe aus geöffnet würde, ſie knarrt in den Angeln“, erwiderte Adelheid. „Und wirſt Du nicht in Deiner Familie vermißt, Geliebte?“ „Sei unbeſorgt, Arthur; Du weißt wohl, ich bin vorſichtig.“ Arthur preßte die Geliebte an ſich und beide ſahen einander beim Mondeslicht in die von Liebe glänzen⸗ den Augen. Mehrere Minuten ſaßen die Liebenden in ſtiller Seligkeit nebeneinander, dann ſprach Adelheid zärtlich, doch in beſorgtem Ton:„Du biſt heute ſo ſtill; irre ich nicht, ſo bedrückt Dich eine Sorge. Sage mir, was quält Dich ſchon wieder, mein Arthur?“ Der junge Mann küßte die Hand der Dame und entgegnete leiſe:„Adelheid, ich komme mir wie ein Ver⸗ brecher vor, daß ich mich heimlich hier einſchleiche und —— 5 hinter dem Rücken Deiner Aeltern ein Glück genieße, das ich frei und offen nicht ſuchen darf.“ „Aber genügt meine Liebe nicht, Deine Gewiſſens⸗ ſcrupel zu beſiegen? Dann glaube ich, Du liebſt mich nicht mehr!“ ſprach Adelheid ſchmollend. „Deine Liebe macht meine ganze Seligkeit aus und nur dieſe allein kann mich verleiten, gewiſſenlos zu handeln“, antwortete Arthur düſter.„Doch“ fuhr er fort, „ſobald ich allein bin und nicht mehr Deine liebe Nähe mich ermuthigt, ſtellt ſich das Bild Deines drohenden Vaters vor meine Seele; ich muß mir ſagen, daß er in allen Punkten Recht hat und ich unehrenhaft handle, indem ich ihn hintergehe.“ „O Arthur, ſo ſpricht nicht wahre Liebe!“ rief Adel⸗ heid. „Wie ſonſt?“ fragte Arthur.„Sieh“ ſetzte er langſam hinzu,„Deine Aeltern haben jede Zuſammenkunft zwiſchen uns ausdrücklich verboten und mir gedroht, falls ich ihrem Willen entgegentrete. Du, die reiche Erbin, die gefeierte Schönheit von K., könnteſt jeden Augen⸗ blick an der Seite der erſten Männer glänzen, und Du bindeſt Dein Geſchick an das eines armen Seconde⸗ lieutenants, der kaum das Jünglingsalter erreicht hat und noch lange Jahre warten muß, ehe er im Stande iſt, einer Frau eine Stellung und alle die Annehmlich⸗ keiten zu bieten, welche zu einem Eheleben erforderlich ſind.“ „Ich bin glücklich und werde es bleiben, ſolange ich Deine Liebe beſitze. Mögen noch viele Jahre ver⸗ gehen, ehe ich ganz Dein ſein kann, Du wirſt mir treu bleiben, und ſomit kann nichts meinen Frieden ſtören“ ſchmeichelte Adelheid voll Zärtlichkeit. „Dein vortreffliches Herz beſiegt immer wieder meinen Vorſatz, Dich zu meiden, Du liebes Weſen“, rief Arthur. „O, warum bin ich nicht reich und einige Jahre älter, dann würde uns nichts trennen!“ Adelheid lächelte und rief:„Du biſt ja Offizier!“ „Jawohl, Offizier!“ entgegnete Arthur bitter. Ehe die Liebenden das Geſpräch fortſetzen konnten, knarrte die Thür, welche vom Hauſe aus nach dem Garten führte; die jungen Leute fuhren erſchreckt auf, Arthur verbarg ſich in der dunkelſten Ecke der Laube, vollſtändig verdeckt durch einen Tiſch, der die Hälfte des kleinen Raums einnahm. Adelheid trat gefaßt ins Freie. „Kind, es iſt längſt zehn Uhr durch und Du ſitzeſt hier noch immer in der kalten Abendluft. Du ſollteſt mehr auf Deine Geſundheit bedacht ſein“ ertönte eine Stimme dicht neben der Laube. Arthur erkannte die Stimme des Obriſtlieutenants von Wüſtenbrink, des Vaters ſeiner heimlich Verlobten; — er fühlte ſich höchſt unbehaglich in ſeinem Verſteck und verwünſchte den unglücklichen Einfall, der ihn in eine ſo mißliche Lage gebracht hatte. „Die Luft iſt ganz lau und ſehr angenehm, beſter Vater“, hörte Arthur auf die Anrede ſeines Vorgeſetzten in ſchüchternem Ton erwidern. „Aber es iſt Zeit für junge Mädchen, ihr Schlaf⸗ zimmer zu ſuchen; Du haſt hoffentlich hier Niemand erwartet?“. „Ich verſtehe Dich nicht, Vater.“ „Nicht? Wann haſt Du den Lieutenant Soren zum letzten Mal geſehen und geſprochen? Mir ſcheint, Du haſt noch immer Deine Schwärmerei für den jungen Burſchen nicht beſiegt.“ „Wie? Du glaubſt, daß ich heimliche Zuſammen⸗ künfte mit dem Lieutenant habe?“ fragte Adelheid im Ton der Entrüſtung. „Ich glaube nicht, ich weiß beſtimmt, daß Ihr neu⸗ lich einander heimlich geſprochen. Wehe Dir und dem pflichtvergeſſenen Offizier, erfahre ich eine neue Miß⸗ achtung meines Gebots! Und nun komm ins Haus, wo ich Dir nochmals auseinanderſetzen werde, warum ich niemals meine Einwilligung zu einem Liebesver⸗ hältniß zwiſchen Euch geben kann und werde.“ Vater und Tochter entfernten ſich, der Lieutenant Soren trat zögernd aus ſeinem Verſteck. Hätte das matte Licht des Mondes geſtattet, die Züge des jungen Offiziers genau zu prüfen, man würde einen tiefen, männlichen Ernſt, eine heftige inner⸗ liche Bewegung in denſelben geleſen haben. Die Worte des Obriſtlieutenants hatten ihn erſchüttert, er ſchämte ſich vor ſich ſelber, daß er ſich wie ein Dieb verſtecken und, nachdem er gezwungen geweſen, ſchweigend ein ungünſtiges Urtheil über ſich anzuhören, wie ein Verbrecher davonſchleichen mußte. Sein Vorſatz ſtand feſt: keine Macht der Erde ſollte ihn bewegen, je wieder in eine ſo unangenehme Lage zu gerathen. Der Lieutenant Soren hatte die Bekanntſchaft ſeiner Geliebten auf dem Balle gemacht; Adelheid war ein ſchönes Mädchen von etwa achtzehn Jahren, leb⸗ haft und leicht empfänglich für äußere Eindrücke. Soren's Erſcheinung zog ſie allgewaltig an, ſeine gut⸗ gewählte Unterhaltung, ſein in jeder Beziehung liebens⸗ würdiges Auftreten feſſelte ſie, ihre Herzen fanden ſich ſchnell, um einen kurzen Traum von Liebe und Glück zu durchleben. Arthur wurde früher in dem Hauſe ſeines Vor⸗ geſetzten mit Wohlwollen empfangen; der alte Obriſt⸗ lieutenant war in jeder Hinſicht ein biederer, ehren⸗ —— —— . —— ———— — ——— 9 hafter Herr und fand ſelber an dem lebhaften Naturell, an dem guten Umgangston und manchen Vorzügen des Untergebenen Gefallen. Seine Frau in⸗ deſſen, eine Ariſtokratin vom reinſten Waſſer, fühlte ſchon bei dem erſten Erſcheinen des Offiziers in ihrem Hauſe eine Abneigung gegen ihn, weil er als Bürger⸗ licher nicht ſo ganz den devoten Ton anſchlug, den ſie von derartigen Leuten verlangen zu können glaubte. Kaum aber gewahrte die ſtolze Dame, daß ſich zwiſchen ihrer Tochter und dem armen, bürgerlichen Lieutenant ein zärtliches Verhältniß zu entſpinnen drohte, als ſie mit aller ihr zu Gebote ſtehenden Macht dieſer Ver⸗ irrung Adelheid's, wie ſie die Liebe des jungen Mäd⸗ chens nannte, entgegenzuarbeiten ſuchte. Ihren Gemahl, den ſie im eigenen Hauſe vollſtändig beherrſchte, wußte ſie ſehr ſchnell zu überzeugen, daß eine Liebſchaft zwiſchen ihrer Tochter und dem Lieute⸗ nant Soren das größte Unglück für die ganze Familie ſei. Der junge Mann wurde für die Folge von den Ge⸗ ſellſchaften im Hauſe des Vorgeſetzten fern gehalten; er ſah bald ein, daß er ſich das Wohlwollen des Chefs nicht durch Hinneigung zu deſſen Tochter erringe, und er zog ſich beſcheiden zurück. Doch Adelheid, das liebeglühende Mädchen, bemerkte kaum, wie Soren ihretwegen mit Zurückſetzung behandelt 10 wurde, als ſie ſich noch mehr zu ihm hingezogen fühlte und der Mutter gegenüber offen erklärte, daß ſie ſich, was ihre Liebe betreffe, in keiner Weiſe beſchränken laſſen werde. Es folgten einige kleine Familien⸗ ſcenen zwiſchen Mutter und Tochter; der letztern wurde endlich auch vom Vater ſtreng unterſagt, Soren irgend⸗ wie auszuzeichnen, und ihr mancherlei haltbare Gründe angegeben, die eine Liebſchaft des neunzehnjährigen Menſchen als eine Thorheit erſcheinen ließen; doch Adelheid folgte nur dem Zuge ihres Herzens und hatte für keinerlei Vernunftgründe Gehör. Wir haben bereits geſehen, daß ſie Wege fand, den Geliebten auch gegen den Willen ihrer Aeltern zu ſehen und zu ſprechen. Mit dem feſten Vorſatz auch diesmal jeden Verſuch des Vaters, ſie gegen den Lieutenant Soren einzu⸗ nehmen, unberückſichtigt zu laſſen, folgte Adelheid dem erſtern in das Wohnzimmer ihrer Mutter, wo ſie dieſe anweſend und mit dem Leſen eines Buchs beſchäftigt fand. Frau von Wüſtenbrink legte das Buch beiſeite, erhob ſich und ſchritt den Eintretenden entgegen.„Du warſt im Garten, Kind?“ fragte ſie, die Tochter auf⸗ merkſam betrachtend. „Papa hat mich dort eben abgeholt“, erwiderte Adel⸗ heid unbefangen. Si — 16 „Du entziehſt Dich ſeit einiger Zeit faſt ganz der Geſellſchaft Deiner Aeltern, Adelheid, das iſt nicht recht von Dir“, ſprach die Mutter weiter, mehr im beſorgten als vorwurfsvollen Ton. Adelheid erröthete leicht und entgegnete:„Ich fühle mich wohl in der Einſamkeit, wo ich ungeſtört meinen Gedanken nachhängen kann.“ „Und dieſe Gedanken irren wahrſcheinlich noch immer zu dem Lieutenant Soren; Du ſollteſt die Einſicht Deiner Aeltern mehr ehren und einen Mann zu vergeſſen ſuchen, der nun einmal Dir fern bleiben muß.“ „Soren mag ein herzensguter Menſch ſein, ich gebe das zu; aber er iſt auch ein leichtſinniger Burſche, der bis über die Ohren in Schulden ſteckt, allerlei kleine Abenteuer beſteht und auf dem beſten Wege iſt, ſeine ganze Carridre zu verderben; dann befindet er ſich in einem Alter, in dem er an Alles eher als an eine Frau denken ſollte, während Du jeden Augenblick die Hand eines geachteten Mannes annehmen könnteſt, der im Rang und Vermögen zu Deinen Verhältniſſen paßt. Genug, Adelheid, ich ſage Dir zum letzen Mal, ent⸗ weder Du bezwingſt Deine thörichte Schwärmerei für den jungen Menſchen, oder ich ſehe mich genöthigt, dieſer Liebelei auf eine für Euch beide ſehr unangenehme Weiſe ein Ende zu machen“ ergänzte der Vater. 12 Adelheid war ſo empört über die Beſchuldigungen, die ihr Geliebter, den ſie für den Inbegriff alles Edlen hielt, erfahren, daß ſie unfähig war zu antworten. Heimlichen Groll gegen die Aeltern im Herzen, begab ſie ſich auf ihr Schlafzimmer, ohne— wie es ſonſt wohl geſchehen— den Verſuch zu machen, ihre Anſichten und Empfindungen zu vertheidigen. Inzwiſchen hatte Arthur den Garten verlaſſen, in den er ſo verſtohlen gedrungen, und ſchritt langſam ſeiner Wohnung zu. In ſeinem Herzen kämpfte die Liebe mit der Pflicht; aber die erſtere war nicht ſtark genug, das Ehrgefühl des Jünglings zu beſiegen; er 5 blieb bei dem Vorſatze, Adelheid künftig zu meiden, da⸗ mit ſie mit der Zeit den Herzensfrieden wiedergewinne, ihre Aeltern nicht genöthigt ſeien, ihn mit Haß zu ver⸗ folgen, und er ſelber ſich mehr als in letzter Zeit den Wiſſenſchaften widmen könne, die ihm noch immer, trotz ſeiner Schwärmerei, am Herzen lagen. Als er ziemlich ſpät in der gut eingerichteten eigenen Wohnung ankam, war die Aufregung, welche ihn bei den Worten des alten Obriſtlieutenants ergriffen, von ihm gewichen und hatte einem tiefen Ernſt, einer Reihe der verſchieden⸗ artigſten Gedanken Platz gemacht; in dem Kopfe des Secondelieutenants bereiteten ſich weitgreifende Pläne für die Zukunft vor. 13 Die warme Sommernacht ſtrich an ihm vorüber, ohne daß er den Schlaf, den Bezwinger aller Sorgen und Leidenſchaften, ſuchte und fand; in eine Ecke des Sophas gelehnt, durchging er bald im Geiſte ſein Leben bis zu dem verfloſſenen Abend und geſtand ſich, daß manche ſeiner Handlungen vom jugendlichen Leichtſinn dictirt geweſen und der Vater Adelheid's in dem Ur⸗ theil über ihn nicht ganz Unrecht habe, bald flogen ſeine Gedanken in weite Fernen und führten ihm die verſchiedenartigſten Bilder der Zukunft vor die Seele. Er war unzufrieden mit ſeiner Stellung, die ihm kein Feld verlieh, auf welchem er die in ſeinem ganzen Weſen ausgeprägte Thatkraft zur Geltung bringen konnte; er fing an, ſich nach einem Wirkungskreis zu ſehnen, in welchem er nicht zu dem ewigen ermüdenden Einerlei der Waffenübungen, ohne jegliche Fortbildung des Geiſtes, verurtheilt war. Als der neue Morgen kam, fühlte ſich Soren an Körper und Geiſt ermattet; gern hätte er nun die Ruhe geſucht, doch der Dienſt rief, und er mußte ſich beeilen, die bequeme, noch vom vorigen Abend an ſeinem Körper befindliche Privatkleidung mit der Uniform zu ver⸗ tauſchen. Sein Burſche ging ihm hierbei dienſtfertig zur Hand. Eben ſtand der Lieutenant im Begriff, ſeine Wohnung 14 zu verlaſſen und dem Verſammlungsorte der Compagnie zuzueilen, als ein Kamerad, der Lieutenant Sauer, bei ihm erſchien, um ihn abzuholen. „Wo ſteckteſt Du geſtern Abend wieder?“ fragte Sauer, während er an der Seite Soren's über die Straße ſchritt. „Ich war ſpazieren gegangen und weilte längere Zeit am Pregel“ entgegnete Soren befangen. „Die Kameraden ſind ſämmtlich unzufrieden, daß Du Dich ſtets ihrer Geſellſchaft zu entziehen ſuchſt; Dein Verſchwinden am vorigen Abend fiel allgemein auf.“ Arthur wurde noch mißmuthiger.„Ich werde am Ende noch Jedem von all meinen Angelegenheiten Rechen⸗ ſchaft geben müſſen“ entgegnete er in gereiztem Ton. „Das verlangt Niemand von Dir, und ebenſo würde es vielleicht Keinem einfallen, auch nur ein Wort über Dein Verhalten zu verlieren, wenn Dein ſtets gereizter Gemüthszuſtand, ſeit Du Dich von uns zurückziehſt, Deine zuweilen ſtille Träumerei Deine Freunde nicht um Dich beſorgt gemacht hätte.“ Arthur ſchwieg eine Weile, dann erwiderte er halb⸗ laut:„Ihr ſeid ſehr aufmerkſam, daß Ihr meine Stim⸗ mung ergründet; doch, Freund, laſſe mich ungeſtört meinen Weg gehen, ich werde mich ſchon ſelber wieder in das richtige Gleis bringen.“ — „Und bedarfſt Du wirklich keines aufrichtigen Freun⸗ des, Soren, der Dir freundlich zur Seite ſteht?“ „Wie meinſt Du das, Sauer?“ fragte Arthur. „Nimm mir meine Offenheit nicht übel, ich glaube, daß Du Dich in irgend einer Weiſe verirrt haſt.“ „Wirklich? Doch wie kommſt Du zu dieſer Annahme?“ „Auf die einfachſte Weiſe. Du biſt des Abends immer außer dem Hauſe; auf Liebesabenteuer, wie wohl früher zuweilen, gehſt Du nicht aus, denn dann hätteſt Du Dich mir anvertraut; einer reellen Liebe oder überhaupt einem ſchönen Zweck können Deine heimlichen Gänge ebenfalls nicht gelten, Du hätteſt ſonſt durch dieſelben nicht ganz Deinen frühern Frohſinn verloren; und da Du nun bisher unter Deinen Kameraden als der beſte und munterſte Geſellſchafter geſchätzt wurdeſt, ſo iſt es natürlich, daß man annimmt, Du verbringeſt die freie Zeit in der Geſellſchaft von Menſchen, deren Bekannt⸗ ſchaft geheim zu halten Du Urſache habeſt, um ſo mehr, als Du jedesmal aufbrauſeſt, ſo oft eine Anſpielung darauf gemacht wird, und Du mit Dir ſelber vollſtändig im Streit zu liegen ſcheinſt.“ „Ihr befindet Euch alle im Irrthum; nur die Liebe zu einer ſchönen jungen Dame hat mich umgewandelt; dieſe Liebe iſt eine hoffnungsloſe, ja ein Unglück für mich und meine Angebetete. Nun weißt Du den Grund meiner Iſolirung; aber ſei verſichert, entweder werde ich bald wieder meinen frühern Frohſinn ge⸗ wonnen haben, oder eine Stellung aufgeben, in der ich mich jetzt nicht wohl und behaglich fühlen kann.“ dDas Geſpräch der Offiziere mußte hier abgebrochen werden, da ſie bei der verſammelten Compagnie ange⸗ langt waren. Wenige Minuten ſpäter traf auch der Hauptmann der Compagnie ein, und das Exercitium begann. Soren hatte an dieſen Tage keinen Sinn für die Waffenübungen. Das Marſchiren nach dem Commando des Vorgeſetzten erſchien ihm als eine unerträgliche Laſt; ſeine Gedanken weilten bei den eigenen Angele⸗ genheiten, er hörte weder auf die Stimme des Haupt⸗ manns, noch führte er deſſen Befehle aus. „Herr Lieutenant Soren, Sie ſcheinen zu ſchlafen!“ ertönte mit einem Mal die zornige Stimme des Vor⸗ geſetzten. Der Angerufene fuhr leicht zuſammen, ſein Geſicht bedeckte ſich mit leichter Röthe; aber er mußte ſchwei⸗ gen, denn die Subordination erlaubte keine Gegenrede. Mehrmals während des Vormittags erfuhr der junge Offizier derartige Zurechtweiſungen, die er ge⸗ duldig hinnehmen mußte; und als nach beendeten Uebungen die Offiziere vor die Front gerufen wurden, 17 hatte Soren von dem Commandeur, dem Vater Adel⸗ heid's, einige Bemerkungen zu ertragen, die ihn in jeder andern Stellung zu einer ernſten Entgegnung veranlaßt haben würden; in ſeinem Verhältniß durfte er keinen Widerſpruch wagen. Das Herz voll Bitter⸗ keit, trat er den Heimweg an, den Vorſatz mit forttragend, die Qualen ſeines Standes recht bald zu enden. „Der Obriſtlieutenant ſcheint kein beſonderes Wohl⸗ wollen mehr für Dich zu hegen“ redete ihn Sauer freund⸗ lich an. „Haſt Du das bemerkt?“ fragte Soren. „Dieſe Wahrnehmung iſt leicht zu machen“ entgegnete Sauer lachend.„Auf welche Weiſe haſt Du ihn erzürnt?“ Arthur ſeufzte und ſprach dann:„Ich weiß es nicht; übrigens iſt er im Recht, ich war heute unfähig, zu exer⸗ ciren.“ „Du ſcheinſt ſehr angegriffen, Freund!“ „In der That bin ich das! Um indeſſen ähnlichen Unannehmlichkeiten zu entgehen, wie ich ſie heute er⸗ duldet, werde ich meinen Abſchied fordern.“ „Biſt Du krank, Freund?“ rief Sauer erſchreckend. „Wegen einiger verdienten Vorwürfe den Abſchied zu fordern und eine Carrière aufzugeben, die Dir ſo glänzende Ausſichten bietet, das ſcheint mir unerhört.“ Ich habe das Soldatenleben ſatt.„Welche Sellung Steffens, Ein Wechſel. I. 2 18 nehmen wir in der Welt ein? Wir ſtehen des Mor⸗ gens auf, um ein paar Stunden das Gehen regelrecht zu lernen und zu lehren und Schwenkungen zu machen dann nach beendetem Dienſt darauf zu ſinnen, wie wir den Tag am angenehmſten verbringen, und wenn wir kein Geld haben, uns von der Langeweile plagen zu laſſen, nebenbei den Großen zu ſpielen und zu thun, als ſeien wir die Herren der Welt, während wir doch ein klägliches Daſein führen. Eine geiſtige Fortbildung iſt für die meiſten von uns gleichſam nur ein Phäno⸗ men; ſobald wir die Epauletten tragen, bedarf es nicht mehr großer Anſtrengung, zu den höchſten Ehren zu gelangen, das heißt, wenn wir überhaupt dazu be⸗ ſtimmt ſind, dereinſt eine Stellung in der Welt ein⸗ zunehmen; jedenfalls aber iſt der ein Thor, der da glaubt, ein gründliches Wiſſen berechtige allein zum Emporkommen. Deshalb findet man es auch ſo ſelten, daß ſich einer die Mühe nimmt, noch nach dem Exa⸗ men den Studien obzuliegen. Nein, Freund, da lobe ich mir einen Stand, in welchem gründliches Wiſſen allein für das Fortkommen maßgebend iſt.“ „Deine Anſichten können leicht dazu führen, daß Du eher, als Dir lieb iſt, Deinen Stand vertauſchen mußt. In welcher Stellung glaubſt Du übrigens, daß keinerlei Bevorzugung waltet?“ 19 „Ich weiß, was Du ſagen willſt, und Du haſt nicht ganz Unrecht. Man mag ergreifen, was man will, ohne einen guten Vetter hält es ſchwer, emporzukommen, wenn der Name nicht ſchon allein dazu berechtigt. Aber man kann ſich zuweilen durch außergewöhnliche Kenntniſſe, durch eifriges Streben auszeichnen und ge⸗ langt am Ende doch zu höhern Würden, jedenfalls bleibt man ſo lange im Dienſt, wie man fähig iſt, ein Amt zu verwalten, oder bis man ſelber um Pen⸗ ſionirung bittet. Bleibſt Du hingegen Soldat, und Du biſt durch Dein Dienſtalter berechtigt, zu erwarten, die Reihe werde endlich auch an Dich kommen, daß Du die Charge eines Commandeurs erhältſt, ſo er⸗ folgt die Verabſchiedung, und Du mußt zu ſpät ein⸗ ſehen, daß Du die ſchönſte Zeit Deines Lebens ver⸗ geudet haſt. Das Herz voll Bitterkeit und von Selbſt⸗ vorwürfen gepeinigt, wirſt Du in einen Stand verſetzt, der Dir fremd iſt, der Reſt Deines Lebens wird eine Kette von Unbehaglichkeiten für Dich, weil die Er⸗ innerungen an die Vergangenheit Dich unaufhörlich zur Unzufriedenheit reizen.“ „Du ſprichſt da wie ein echter Miſanthrop und biſt auf dem beſten Wege, mit der ganzen Welt in Krieg zu gerathen. Doch, Freund, ich hoffe, nur eine böſe Laune infolge der empfangenen Kränkungen läßt 2* 20 Dich ſo reden. Komm in eine Frühſtücksſtube, wo wir uns ordentlich reſtauriren wollen, und Du wirſt bald wieder Deinen alten Humor erlangen“, entgegnete Sauer lachend auf die lange Rede des Kameraden. „Glaube ja nicht, daß ich erſt ſeit heute ſo empfinde, wie ich eben geſprochen“, proteſtirte dagegen Soren. „Du ſollſt ſehen, ich fordere meinen Abſchied, mag mich eine Zukunft erwarten, wie ſie will.“ „Und Dein Vater?“ fragte Sauer. Soren ſchwieg eine Weile, dann antwortete er: „Ihm zu Liebe habe ich mich überhaupt dem Militär⸗ ſtande gewidmet; er wird einſehen, daß ich nicht dafür geſchaffen bin, wenn ich mich gegen ihn erklärt habe.“ Mehrere Tage verſtrichen nach dieſem Geſpräch, ohne daß Arthur ſeinen Vorſatz, um Verabſchiedung aus den activen Militärverhältniſſen einzukommen, aus⸗ führte. Aber ebenſo wenig ſuchte er ſeine Geliebte wie⸗ der auf. Er bewegte ſich viel in der Geſellſchaft der Kameraden, widmete dem Dienſt mehr Aufmerkſamkeit als in letzter Zeit und erſchien dem oberflächlichen Beob⸗ achter überhaupt, als ſei er der zufriedenſte und glück⸗ lichſte Menſch in ſeinem Stande. Wer ſich aber die Mühe hätte nehmen wollen, ihn und ſein ganzes Thun ſo recht aufmerkſam zu überwachen, der würde ergründet haben, daß ein tiefes Weh, mancherlei Wider⸗ 21 ſprüche der verſchiedenſten Art in der Bruſt des Jüng⸗ lings kämpften und daß er ſich mit großer Gewalt zwang, ſeinen Seelenzuſtand ſo viel als möglich zu verbergen, ſich ſelber über die eigenen Empfindungen zu täuſchen und in der Geſellſchaft von lebensfrohen Menſchen ſeinen Schmerz zu beſchwichtigen. Arthur liebte aufrichtig. In dieſem Falle gehört wohl eine große Geiſtesſtärke dazu, dem geliebten We⸗ ſen zu entſagen, wenn man überzeugt iſt, mit der ganzen Fülle eines unverdorbenen Herzens wieder ge⸗ liebt zu werden, nur durch die Macht äußerer un⸗ günſtiger Verhältniſſe dem höchſten Glücke des Lebens fern zu bleiben. Arthur beſaß dieſe Geiſtesſtärke; er hatte entſagt, weil er eingeſehen, daß die Fortſetzung des Liebesverhältniſſes mit der Tochter ſeines Vor⸗ geſetzten der letztern nur Leid und Anfeindung ſei⸗ tens ihrer nächſten Verwandten, ihm aber nach einem zeitweiſen kurzen Wonnerauſch nichts als Kränkungen und am Ende gar Verachtung bringen konnte. Da⸗ bei peinigte ihn jetzt mehr denn je die Unzufriedenheit mit ſeinem Stande. Aber obgleich er nichts ſehnlicher wünſchte, als in einen andern Wirkungskreis zu treten, zagte er doch vor dem Augenblick der Entſcheidung, da ſein Vater, der noch immer die größte Macht über ihn beſaß, oft eine rückſichtsloſe Härte blicken ließ, wenn 22 von den Kindern ſeinen Wünſchen entgegen gehandelt wurde; und daß dieſer die Militärcarrière für die beſte und glänzendſte hielt, ſeine größten Hoffnungen auf ihn geſetzt hatte, wußte Arthur nur zu wohl. Er fühlte ſich mit jedem neuen Morgen unglücklicher und ſuchte ſein Leid meiſt in der Geſellſchaft der ſorgloſen Kameraden zu betäuben. Inzwiſchen verlebte Adelheid von Wüſtenbrink ſtille, freudenloſe Tage. Umſonſt hatte ſie mehrere Abende hintereinander den Geliebten im Garten er⸗ wartet, er kam nicht, und ſie mußte zuletzt immer, das Herz voll Trauer und Weh, den Rückweg in die älter⸗ liche Wohnung antreten, wo ſie ihrem Schmerz keinen Ausdruck geben durfte. Anfangs ſuchte ſie ſich noch mit der Hoffnung zu tröſten, daß Arthur, über die Worte des Vaters entrüſtet, welche er unfreiwillig hatte hören müſſen, nur ſo lange ihr fern bleiben werde, als dieſelben ihm friſch im Gedächtniß ſeien; nachdem aber eine ganze Woche vergangen war und er noch immer nichts von ſich hören oder ſehen ließ, da drohte ihr das liebende Herz vor Sehnſucht und Leid zu zer⸗ ſpringen; ſie hielt die Qual nicht länger aus, ſondern mußte ſich Gewißheit darüber verſchaffen, was den Geliebten vermöge, ſie gänzlich zu meiden. Alle Rück⸗ ſichten ſchwinden laſſend, ſchrieb ſie an Soren und 23 ſchilderte ihm offen und frei den Zuſtand ihres Her⸗ zens, ihn anflehend, auf jeden Fall am Abend ſie noch⸗ mals aufzuſuchen und ihr mündlich zu ſagen, was ihn zu ſeinem Benehmen veranlaſſe. Den Brief ſandte ſie ungeſäumt durch eine ihr ergebene Dienerin ab. Acht lange Tage war Arthur ſeinem Vorſatze treu geblieben, Adelheid nicht wieder aufzuſuchen; die ſchrecklichſte und ſchwerſte Zeit der Trennung war überſtanden, ſein Herz gewöhnte ſich langſam an die Leere, die in ihm wohnte, und wenn er ſich auch nie ſo ganz unglücklich und verlaſſen gefühlt wie in die⸗ ſen Tagen, ſo hielt ihn doch das Bewußtſein aufrecht, daß er als Ehrenmann handle. Freilich waren ſeine Wangen etwas bleicher geworden und ſein Auge blickte nicht mehr ganz ſo lebensmuthig um ſich wie ehemals, aber er wankte doch nicht in der Erfüllung ſeiner Pflicht. Da, als er eben ſich rüſtete, um, wie jetzt häufig, ein öffentliches Lokal aufzuſuchen, klopfte es leiſe und ſchüchtern an ſeine Stubenthür, und hereintrat die Dienerin Adelheid's. Arthur zuckte leicht zuſammen, als er das ihm bekannte Geſicht erblickte; er war ſo verwirrt, daß er gar nicht auf die Anrede des jungen Mädchens achtete. Ohne zu wiſſen, wie ihm eigentlich geſchah⸗ 24 nahm er das an ihn gerichtete zierliche Billet in Empfang und kam erſt zur Beſinnung, als er wieder allein war. Mehrmals durchlas der Lieutenant den Inhalt des Briefes, zuweilen ſchmerzliche Seufzer ausſtoßend; dann preßte er das Papier an ſeine Lippen, bedeckte die Augen mit den Händen und blieb lange Zeit un⸗ beweglich ſitzen, als fürchte er ſich, durch eine Regung den Schmerz ſeiner Seele zu verrathen. Ein ſchwerer Kampf mußte die Bruſt des Jüng⸗ lings durchzogen haben, denn als er nach Verlauf von einer halben Stunde ſich emporrichtete, waren ſeine Geſichtszüge ſo ernſt und feſt, ein Zug ſo bittern Wehs ſpielte um ſeinen Mund, daß ein Beobachter ſicher ge⸗ glaubt hätte, er habe einen Mann vor ſich, der wenig⸗ ſtens zehn Jahre mehr zählte als der junge Offizier. Der Nachmittag verſtrich, aber Arthur ging nicht, wie er erſt beabſichtigt, in eine Weinſtube, wo er eine Anzahl ſeiner Kameraden verſammelt wußte, ſondern verriegelte das Zimmer und blieb zu Hauſe. Der Ernſt von ſeiner Stirn wich auch jetzt nicht, als er ſich in eine Sophaecke lehnte und den eigenen Ge⸗ danken überließ. Die Dunkelheit eines Spätſommer⸗Abends begann bereits um ſich zu greifen, als Arthur haſtig empor⸗ 25 ſprang, wie wenn er eben von einem langen be⸗ ängſtigenden Traume erwacht ſei. Eilig begann er ſei⸗ nen Militäranzug mit einer Civilkleidung zu ver⸗ tauſchen, dann öffnete er die Thür und ſchritt zum Hauſe hinaus, die Straße entlang. Die trauernden Klagen der Geliebten und ihr be⸗ ſchwörender Ruf hatten entweder alle Vorſätze des Lieutenants beſiegt, oder er begab ſich auf den Weg, um ſich auf ewig von ihr zu verabſchieden. Zweites Kapitel. Mit klopfendem Herzen hatte Adelheid auf die Rückkunft ihrer Verbündeten gewartet, und kaum war dieſelbe bei ihr eingetreten, als die junge Dame ſie mit der Frage beſtürmte: „Haſt Du den Lieutenant getroffen?“ „Ja, gnädiges Fräulein, er war allein und ich über⸗ gab ihm den kleinen Brief“, erwiderte das Mädchen. „Nur weiter, was ſagte er?“ fragte Adelheid dringend. „Gar nichts, er ſchien die Sprache verloren zu haben.“ „Welche ungereimte Antwort!“ zürnte die Herrin. „Haſt Du ihm nicht geſagt, daß der Brief von mir ſei?“ ſetzte ſie fragend hinzu. „Gewiß that ich das und bat auch um Antwort, aber der Herr Lieutenant regte ſich nicht. Mir wurde angſt in ſeiner Nähe, denn er ſah ſehr verſtört aus „— 27 und blickte mich immerfort an, ohne ein einziges Wort zu erwidern; deshalb empfahl ich mich und entfernte mich.“ „Und er ließ Dich gehen, ohne etwas zu erwidern?“ „Er rührte ſich nicht einmal!“ Adelheid fühlte ihr Herz vor Angſt und Beſorgniß erbeben; ſie wußte nicht, was ſie von der Schilderung des Mädchens halten ſollte, und fragte von neuem: „Iſt denn der Lieutenant krank?“ „Jedenfalls, er ſah ſehr bleich aus!“ entgegnete die Dienerin. Weiter konnte die liebende Jungfrau nichts er⸗ mitteln; ſie mußte ſich gedulden bis zum Abend und bis dahin alle ihre Hoffnung zuſammenraffen, daß Arthur unmöglich ihren dringenden Bitten widerſtehen könne und werde. Noch nie war der jungen Dame ein Nachmittag ſo lang geworden wie dieſer; wohl hundertmal ſah ſie nach der Uhr, aber die Zeit wollte nicht ſchneller vor⸗ rücken als ſonſt, und ihr wurde jede Viertelſtunde zu einer Ewigkeit. Endlich, als dennoch die Dämmerung eintrat, machte ſich Adelheid bereit, um in den hinter dem Hauſe ge⸗ legenen Garten zu gehen; aber ehe ſie ihren Vorſatz ausführen konnte, nahten ihre Aeltern und forderten 28 ſie auf, an einem kurzen Spaziergange, vor die Stadt Theil zu nehmen. Adelheid wurde verwirrt.„Ich bin außer Stande, auf die Straße zu gehen, da ich mich nicht wohl fühle“, erwiderte ſie erröthend.„Verzeiht, daß ich zurückbleibe“, fuhr ſie bittend fort. „Aber Du ſcheinſt im Begriff zu ſein, auszugehen“, ſprach der Vater verwundert. „Ich wollte mich ein wenig in den Garten ſetzen, weil ich glaubte, daß die friſche Luft meinen Kopf⸗ ſchmerz lindern würde.“ „Kopfſchmerz? Da iſt es beſſer, Du gehſt eine Strecke. Alſo komm nur mit, mein Kind.“ Adelheid ſah ein, daß ſie ſich nicht länger weigern dürfe, den Willen der Aeltern zu erfüllen, wenn ſie dieſe nicht argwöhniſch machen wollte, zumal da dieſelben bereits einiges Mißtrauen hegten. Langſam ſchickte ſie ſich an, an dem gemeinſchaftlichen Spaziergange Theil zu nehmen, hoffend, daß derſelbe nur bis zur völligen Dunkelheit währen werde. Erſt eine kurze Strecke hatte Adelheid an der Seite der Aeltern zurückgelegt, als der Gedanke ſie mehr und mehr zu peinigen begann, daß Arthur leicht umkehren könne, wenn er ſie nicht in dem Garten ihrer Aeltern dem gewöhnlichen Orte ihrer Zuſammenkünfte, antreffe. 29 Freilich fand er die hintere Pforte offen, ein Zeichen, daß ſie ihn erwarte und auf ſein Kommen rechne; aber ihr Ausbleiben war möglicherweiſe geeignet, ihn dennoch zurückzuſchrecken und zum baldigen Aufbruch zu be⸗ wegen. Nachdem ſie einige Zeit vergeblich auf einen Vorwand geſonnen, den ſie zur Umkehr gebrauchen könnte, ſprach ſie beherzt:„Ich fühle eine ſolche Er⸗ mattung, daß es mir wirklich ſchwer wird, weiter zu gehen. Erlaubt, liebe Aeltern, daß ich den Heimweg an⸗ trete, doch laßt Euch durch mich weiter nicht ſtören.“ „Armes Kind, ich glaubte nicht, daß es ſo ſchlimm mit Dir ſei, ſonſt wären wir zu Hauſe geblieben“, ent⸗ gegnete der Vater beſorgt.„Komm und gib mir Deinen Arm, ich werde Dich führen und ſogleich zum Arzt ſenden.“ „Nein, nein“ proteſtirte Adelheid,„ſo gefährlich iſt es nicht; nur keinen Arzt, ich werde mich bald wieder erholt haben.“ Die drei Spaziergänger traten den Heimweg an, und Frau von Wüſtenbrink ſprach:„Du haſt Dich jedenfalls während der letzten Abende im Garten er⸗ kältet, meine Tochter; es ſcheint mir daher doch beſſer, wir ziehen bei Zeiten den Doctor zu Rathe.“ „Ich möchte um Alles in der Welt keinen Arzt; mir iſt auch ſchon wieder ſo ziemlich wohl, es war alſ 30 wohl nur eine momentane körperliche Schwäche infolge der heute überſtandenen heftigen Kopfſchmerzen, die mich ſo eben anwandelte“ entgegnete Adelheid ängſtlich. „Gebe Gott, daß Du Recht behältſt; jedenfalls wollen wir aber vorſichtig ſein“ rief der Obriſtlieutenant, und die Heimkehr wurde fortgeſetzt. Als Adelheid auf ihrem Zimmer anlangte, war die Zeit herangerückt, in der Arthur ſie gewöhnlich aufſuchte; ſie zweifelte keinen Augenblick, daß er ihrer breits harre und ihr Herz zog ſie allgewaltig nach der dichtverwachſenen Laube, in der ſie ſchon ſo manche ſchöne Stunde an ſeiner Seite verbracht hatte. Aber ſie fürchtete ſich hinauszugehen, denn ihre Aeltern weil⸗ ten in einem der Nebenzimmer, und jeden Augenblick erwartete ſie, daß dieſe ſie aufſuchten. Dann, wenn ſie ihre Abweſenheit bemerkten, konnte eine Entdeckung der Zuſammenkunft mit Soren nicht gut ausbleiben, da ſie annehmen mußte, daß der Vater ihr ſofort nach⸗ kommen und neuen Verdacht ſchöpfen werde. Doch alle Bedenklichkeiten führten zu keinem günſtigen Re⸗ ſultate; ſie mußte den Geliebten ſehen und ſprechen, wenn auch nur für einen Augenblick, koſte es, was es wolle. Ein liebendes Mädchenherz läßt ſich nicht leicht durch den Verſtand leiten, die Liebe allein, ohne alle 31 Nebenrückſichten, iſt der Impuls, der es leitet und dem es widerſtandslos folgt. Adelheid warf ein Sommermäntelchen über die Schultern, trat zu den Aeltern in die Stube, die ſie ver⸗ wundert anblickten, und ſprach, freundlich lächelnd, um von vornherein keinen Argwohn zu erregen:„Mutter ich gehe noch auf einige Minuten in den Garten, willſt Du mich vielleicht begleiten?“ Sie wußte recht gut, daß ihre Mutter nicht mehr das Zimmer verließ, wenn ſie von einem Abendſpaziergang heimgekehrt war. „Nein, meine Tochter, ich gehe ſo ſpät nicht in den Garten, und ich wünſchte, auch Du unterließeſt dieſe abendlichen Ausflüge, zumal heute, wo Du leidend biſt“, antwortete Frau von Wüſtenbrink. „Ich fühle mich wieder völlig wohl und muß noch für ein Weilchen den herrlichen Duft der Levkojen ein⸗ athmen, wenn ich ruhig einſchlafen will; ich werde Dir einen ſchönen Strauß mitbringen.“ Adelheid wollte ſich mit dieſen Worten entfernen, doch der Vater hielt ſie zurück.„Erlaube einen Augen⸗ blick, ich werde Dich begleiten, mein Kind“ ſprach er in gütigem Tone. Die wohlgemeinten Worte des alten Herrn ſchmetter⸗ ten ſeine Tochter faſt zu Boden; dieſen Ausgang hatte ſie nicht erwartet, ſie blieb ſprachlos vor Angſt und Schreck. 32 Inzwiſchen hatte der Obriſtlieutenant ſeine Mütze ergriffen und ſchritt nun der Thür zu. Adelheid mußte ihm folgen, ſie wußte keinen Einwand, der ſie von dem ſchweren Gange befreien konnte. Ehe ſie das Haus und den Hofraum durchmeſſen hatten, war der jungen Dame indeſſen ein Theil ihrer ruhigen Ueberlegung wiedergekehrt. Sie hoffte auf die Vorſicht Arthur's und nahm an, daß er ſich zu ver⸗ bergen wiſſen werde, wenn er wahrnehme, daß ſie nicht allein komme. Hatte er doch ſtets bei ſeinen Beſuchen eine faſt übertriebene Aengſtlichkeit zur Schau getragen, ſodaß ſie ihn ſchon zuweilen geneckt. Es war jetzt ihre Aufgabe, ihn rechtzeitig darauf aufmerkſam zu machen, daß ſie nicht allein ſei, dann konnte er hun⸗ dert Verſtecke in dem dichten Gebüſch des Gartens fin⸗ den. Das Schlimmſte blieb, daß ſie ihn wahrſcheinlich nun an dieſem Abende nicht ſprechen konnte, und ſie ſehnte ſich ſo ſehr näch einer ungeſtörten Unterredung. Als Adelheid die Pforte, welche zum Garten führte, zu öffnen im Begriff ſtand, rief ſie mit lauter Stimme, daß es weithin zu hören ſein mußte:„Väterchen, willſt Du nicht den Hund zurückjagen?“ „Laſſe ihn nur mitkommen, mein Kind“, entgegnete der Obriſtlieutenant laut genug, daß es im Garten zu vernehmen war. 33 „Er zertritt ſicherlich die Beete“, proteſtirte Adelheid. „Nero, zurück!“ befahl der Vater. Der Hund gehorchte anſcheinend; ſowie aber die Pforte geöffnet war, ſchlüpfte er mit hinein in den Garten und lief unaufgehalten vorwärts. Wenige Schritte hatte Adelheid an der Seite ihres Vaters gethan, der, in beſter Laune, ſie unterhielt, als Nero in der Nähe der bereits erwähnten Laube vor einem Gebüſch ſtehen blieb, erſt leiſe knurrte und dann mit Heftigkeit zu bellen begann. „Was mag der Hund da haben? Ich will doch ein⸗ mal nachſehen“ ſprach der alte Soldat völlig verdachtlos. Adelheid's Kraft ſchwand, ſie klammerte ſich an den Vater und bat mit erſterbender Stimme:„O bleibe bei mir, mein Vater, oder Du tödteſt Dein Kind!“ Der Vater betrachtete ſeine Tochter— der Mond warf ſein bleiches Licht auf ihr Geſicht— es ſchien ihm ver⸗ zerrt und bis zur Unkenntlichkeit entſtellt. Den eiſen⸗ feſten Mann überlief ein kalter Schauerz er ahnte in dieſem Koment, weshalb der Hund noch immer wüthend bellte. Eine geraume Zeit verſtrich, ehe weiter ein Wort gewechſelt wurde; der Vater Adelheid's ſchien ebenſo ſehr mit der Verzweiflung zu kämpfen als ſie ſelber, dann richtete er ſich hoch empor und fragte in ſtrengem Ton:„Haſt Du mich betrogen, Adelheid?“ Steffens, Ein Wechſel. I. 3 34 „Gnade, Gnade, mein guter Vater, ich liebe und werde wieder geliebt; aber meine Liebe iſt ſo rein und fleckenlos wie die Sonne am Himmel, das ſchwöre ich Dir bei meiner Seligkeit!“ ſchluchzte die Tochter unter „Und Dein Geliebter iſt ein Bube, ein feiger Bube, der ſich nicht entblödet, Dich durch ſeine heimlichen Be⸗ ſuche der Schmach preiszugeben, aber ſich nicht getraut, 3 an das Licht zu treten, der einen Schlupfwinkel auf⸗ ſucht, um ſich vor den Augen des Vaters ſeiner Mit⸗ ſchuldigen zu verbergen. O ich armer bethörter Vater!“ ſprach der Greis mit heiſerer Stimme. Da rauſchte es nebenan im Gebüſch, Adelheid ſtieß einen herzzerreißenden Angſtruf aus, und Arthur ſtand S vor dem zürnenden Vorgeſetzten. „Wie“, rief dieſer im höchſten Zorn,„Lieutenant Soren, Sie wagen es, im Civilanzuge auf meinen Grund und Boden zu ſchleichen und dann vor mich zu treten, als ſeien Sie dazu berechtigt?“ „Herr Obriſtlieutenant, vor allem betrachten Sie mich nicht mehr als Ihren Untergebenen; noch heute komme ich um meinen Abſchied ein, denn ein mit dem Namen Bube Bezeichneter kann nicht länger die Offi⸗ ziercharge bekleiden. Meine Ehre iſt ſo rein wie die Ihre und dadurch nicht gefährdet, daß ich jetzt hier —————— 35 ſtehe; aber ich will das Leid fühnen, das ich Ihnen zugefügt, darum wähle ich für die Zukunft einen Be⸗ ruf, der mich Ihnen fern hält. Wie Sie auch über mich denken, ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß ich heute hier erſchienen bin, um Ihrer Fräulein Tochter zu ſagen, daß unſere Wege ſich trennen müſſen, da ich— leider zu ſpät— zu der Einſicht gelangt bin, daß unſere Liebe ohne Ihre Billigung uns kein Glück bringen kann.“ Herr von Wüſtenbrink war kein jähzorniger Menſch, im Gegentheil, ſeine Humanität hatte ihn allgemein beliebt gemacht; er beſaß ein warmfühlendes Herz, das in dieſem Augenblick völlig weich wurde, als er die offene Reue und den Schmerz des jungen Mannes über die ihm zugefügte Kränkung erkannte. In mil⸗ dem Ton fragte er:„Sie wollen aus dem Militärdienſte ſcheiden? Haben Sie auch die Folgen dieſes Schrittes überlegt?“ „Ich würde mich ſelbſt für erniedrigt anſehen, wollte ich auch nur eine Stunde länger einem Stande an⸗ gehören, in dem ich von meinem Vorgeſetzten mit dem Ausdruck Bube bezeichnet bin. Dann aber glaube ich in jedem andern Beruf glücklicher zu ſein“ erwiderte Arthur voll Trauer. „Sie müſſen als Mann von Ehre einſehen, daß Sie 3* noch zu jung ſind, um an eine Frau denken zu können“, ſprach Wüſtenbrink, immer ruhiger werdend.„Sie hätten meine Tochter längſt meiden ſollen!“ „Ich habe gefehlt und erhalte deshalb die ärgſte Strafe, die mich treffen konnte, nehme ſie aber im Be⸗ wußtſein meiner Schuld ruhig hin, indem ich mich Ihnen ohne Groll gegenüberſtelle, nachdem Sie mir die . größte Beleidigung ins Geſicht geſchleudert.“ „Und Sie verſichern auf Ihr Ehrenwort, daß Sie mir ferner keinerlei Grund zu ähnlichen Auftritten geben wollen?“ fragte der Obriſtlieutenant ruhig. „Ich dachte, meine Ehre ſei in Ihren Augen ver⸗ ſcherzt“, entgegnete Lieutenant Soren nicht ganz ohne Bitterkeit. „Junger Mann, ich kenne die Gefühle eines jugend⸗ lichen Herzens und nehme deshalb die Ihnen zugefügte Beleidigung zurück, wenn Ihre vorigen Worte mit Ihrer Ueberzeugung im Einklange ſtehen“, ſprach der Vorgeſetzte gutmüthig. „Ich danke Ihnen, Herr Obriſtlieutenant, und nun feierlich entſage.“ Adelheid brach in neues Schluchzen aus, aber ſie ſuchte ihre Thränen zu verbergen; ihr Herz war ge⸗ brochen. mein Ehrenwort, daß ich der Liebe dieſes Engels hier 37 „Nun denn, ſo gehen Sie mit Gott, nachdem wir in Frieden geſchieden. Sie ſelber werden ſpäter ein⸗ ſehen, daß es gut für den Mann iſt, wenn er der Liebe erſt dann Raum in ſeinem Herzen gibt, nachdem er ſich eine Stellung in der Welt errungen. In Ihren Jahren iſt eine Liebſchaft eine große Thorheit. Und überlegen Sie nochmals reiflich, ob es nicht beſſer für Sie iſt, Sie bleiben Soldat! Was zwiſchen uns vorgefallen, ſei hiermit abgethan, und Niemand er⸗ fahre dies Intermezzo.“ Wüſtenbrink reichte dem Lieutenant die Hand, die dieſer eine Zeit lang in der ſeinen hielt, dann wandte ſich der alte Mann ein wenig von der Laube ab, um den jungen Leuten Zeit zu laſſen, ſich für die Ewigkeit zu verabſchieden. „Leb' wohl, Adelheid!“ flüſterte Arthur, indem er ſich zu der Geliebten niederbeugte und ihre Hand ergriff. Adelheid's Stimme war von Thränen erſtickt. Sie preßte den theuern Jüngling mit Heftigkeit an ſich, dann ſtand ſie auf, ſchaute ihm noch einmal bei dem blaſſen Schein der Sterne in das umflorte Auge und hauchte:„Droben, mein Arthur, wird uns nichts trennen!“ Der Vater kehrte zurück, Arthur verbeugte ſich noch⸗ mals ſtumm und verſchwand in dem Schatten der Bäume. 38 „Es konnte nicht anders ſein, meine arme Adelheid, Eure Liebe iſt eine Thorheit!“ ſprach Herr von Wüſten⸗ brink zu ſeiner Tochter, als er ſie langſam dem Hauſe zuführte. Adelheid weinte nur leiſe, ſie antwortete nicht. „Denke doch nur daran, daß Soren erſt neunzehn Jahre alt iſt; jeder Menſch würde mich ja verlachen, wenn ich ein Liebesverhältniß dieſes Jünglings mit meiner Tochter duldete“, fuhr der Vater fort.„Du weißt wohl, ich bin ſtets nachſichtig gegen Dich geweſen und habe auch heute ſo rückſichtsvoll gehandelt, wie es ſo leicht kein zweiter Vater würde; aber ich hoffe auch, Du wirſt meine Güte ferner nicht mißbrauchen. Der Mutter wollen wir gar nichts von der Scene im Gar⸗ ten ſagen, und, meine Tochter, Du thuſt gut, wenn Du in allen wichtigen Angelegenheiten Deines Lebens mich zu Rathe ziehſt; ich bin ja nur für Dein wahres Wohl beſorgt.“ Adelheid küßte dem Vater die Hand und begab ſich auf ihr Schlafzimmer. Ach, ihr war das Herz ſo voll und ſchwer, daß ſie glaubte ſterben zu müſſen. Trotzdem konnte ſie dem Vater nicht zürnen; die Güte und Nachſicht, mit welcher er gegen Arthur aufgetreten war, hatten ſie beinahe mit ſeinem Willen verſöhnt, die freundlichen Erklärungen waren am beſten geeignet, 39 ihr klar zu machen, daß der kurze Glückstraum, den ſie durchlebt, eben nicht länger habe währen können. Als Arthur wieder in ſeiner Wohnung anlangte, lagerte auf ſeiner Stirn ein männlicher Ernſt. Die Worte, die er zu ſeinem Vorgeſetzten geſprochen, waren ſämmtlich aus ſeiner innerſten Ueberzeugung hervor⸗ gegangen. Er hatte der Geliebten bereits entſagt, ehe er an dieſem Abend ſie aufgeſucht, und wenn er trotz⸗ dem ihrem Rufe gefolgt war, ſo ſtand doch der Vor⸗ ſatz in ihm feſt, bei dieſer Gelegenheit ſich für immer von ihr zu verabſchieden. Der Stand als Infanterie⸗ offizier erſchien ihm jetzt mehr denn je als eine un⸗ erträgliche Laſt, er bot ſeinem regen Geiſt, ſeinem un⸗ ermüdlichen Streben nach Vervollkommnung und einer genügenden Thätigkeit der Gedanken zu wenig Feſſeln⸗ des; das haltloſe Treiben eines großen Theils ſeiner Bekannten widerte ihn an, trotzdem er ſo häufig, von Langeweile und Mißmuth geplagt, in ihre Geſellſchaft gezogen wurde. Wenn er an ihrer Seite über die Straße ſchritt und ſie, mit der Lorgnette vor dem Auge, die ſie nur am Sehen hinderte, die vorübergehenden Damen muſterten, ſich eifrig bemühten⸗ den ſo widrigen näſelnden und ſchnarrenden Ton anzunehmen, der von Vielen als eine Zierde betrachtet wird, oder mit Vor⸗ achtung auf weit beſſer ſituirte und auf einer ganz 40 andern Bildungsſtufe ſtehende Menſchen blickten, dann wünſchte er nichts ſehnlicher, als in die Gemeinſchaft von Leuten zu kommen, die weniger Arroganz, aber mehr wahren innern Werth beſäßen. Trotzdem hätte er ſich vielleicht noch nicht ſo leicht von den ihn be⸗ drückenden Verhältniſſen losgemacht, denn die zürnende Geſtalt ſeines Vaters trat jedesmal vor ſeinen Geiſt, ſo oft er an einen Berufswechſel dachte; aber der eben verlebte Abend hatte ſeinen langgehegten Vorſatz plötz⸗ lich zur Ausführung reif gemacht, er fühlte ſich dem Obriſtlieutenant von Wüſtenbrink gegenüber gleichſam verpflichtet, um ſeinen Abſchied einzukommen, obgleich derſelbe daran gemahnt, ſein Thun reiflich zu über⸗ legen, und ihm großmüthig verziehen. Ohne lange Zögerung ſetzte ſich der Lieutenant an den Schreibſecretär und verfaßte in kurzen Worten das verhängnißvolle Geſuch, dann ſchrieb er an ſeinen Vater und theilte ihm den bereits ausgeführten Ent⸗ ſchluß mit, ihn gleichzeitig darauf verbreitend, daß er ſchon in den nächſten Tagen auf einige Zeit zum Beſuch bei ihm eintreffen werde, indem er bis zur Ertheilung des Abſchiedes aus den activen Militärverhältniſſen Ur⸗ laub zu nehmen gedächte und in Betreff ſeiner Zukunft das Nöthige inzwiſchen einleiten wolle. Als Arthur die beiden Briefe beendet, athmete er 41 auf, wie von einer ſchweren Laſt befreit. Lange hatte er ſich gefürchtet, den entſcheidenden Schritt zu thun, und ſich namentlich geſcheut, an den Vater dieſerhalb zu ſchreiben. Jetzt blieb ihm nichts mehr zu thun übrig, als die Briefe abzuſenden, Urlaub zu nehmen und per⸗ ſönlich vor dem Vater zu erſcheinen. Dieſer letzte Punkt erregte wohl noch eine gewiſſe Bangigkeit in dem Herzen des jungen Mannes, doch er befand ſich gerade jetzt nach der Trennung von Adelheid in einer ſo gedrückten Stimmung, daß ihm jedes Leid und jeder Kummer als eine Kleinigkeit erſchien, die hundertfach leichter zu überwinden ſei als der eben überſtandene Abſchied von der Geliebten. Drittes Kapitel. Im Regierungsbezirk Marienwerder, alſo in Weſt⸗ preußen, liegt nicht weit von der pommerſchen Grenze ein Dörfchen, deſſen wirklichen Namen wir einſtweilen mit der weit romantiſcher klingenden Bezeichnung Hünen⸗ burg vertauſchen wollen. Seine Fluren grenzen einer⸗ ſeits an die Feldmark der Kreisſtadt, das Dorf iſt kaum ein Viertelſtündchen von ihr entfernt, und wenn ich dem kleinen Städtchen den Namen Buchberg beizulegen mir erlaube, ſo hat dies lediglich ſeinen Grund darin, daß der Held dieſer Geſchichte, der mir den Stoff dazu gegeben, die ausdrückliche Bedingung geſtellt, eine der⸗ artige Discretion zu beobachten. Das Gut Hünenburg hatte zur Zeit, in der dieſe Erzählung ſpielt, der penſionirte Major Soren, der Vater des bereits bekannten Lieutenants Arthur Soren, 43 im Beſit. Er war ein Mann von etwa ſechzig Jahren und hatte lange Zeit im activen Militärdienſt geſtanden, bis er plötzlich als Hauptmann unter Beförderung zum Major den Abſchied erhalten. Dieſe Verſetzung in den Ruheſtand war freilich gegen den Willen des alten Herrn erfolgt und hatte ihm eine tiefe Wunde ge⸗ ſchlagen; aber die Wunde war langſam vernarbt, und er ſchwärmte noch immer mit einer Vorliebe für den Militärſtand, wie man dieſe eben nur bei Leuten findet, die die ſchönſte Zeit ihres Lebens in der Uniform ver⸗ bracht haben. Der Major Soren lebte in einer ſehr glücklichen Ehe. Obgleich oft ſtreng bis zur Härte und mit einem unbeugſamen Charakter begabt, ließ er ſich doch in den meiſten Fällen von ſeiner höchſt liebenswürdigen Gattin wie ein Kind leiten, das heißt, er ſelber durfte es nie merken, daß er dem Willen der letztern ſich unter⸗ ordnete. Auf die zarteſte Weiſe wußte die verſtändige Frau nach und nach den feſten Mann für ihre Anſicht zu gewinnen und oft vollſtändig umzuſtimmen, wenn er auch anfangs mit der größten Heftigkeit ſeinen Willen zur Geltung hatte bringen wollen. Namentlich war dies in Betreff der Kindererziehung und ihrer Be⸗ handlung der Fall. Während der Vater in allen Stücken militäriſche Ordnung und Disciplin gehandhabt wiſſen 44 wollte, wußte die ſanfte Mutter es durchzuſetzen, daß in den meiſten Fällen nur Güte und zärtliche Liebe zur Anwendung gebracht wurde, und mußte ja einmal nachſichtsloſe Strenge vorwalten, ſo geſchah dies, ſo⸗ weit es von ihr abhängig war, immer in dem Gefühl einer lehrreichen Nothwendigkeit ohne Zorn und Er⸗ bitterung. Obgleich nun der Major wohl Gelegenheit fand, einzuſehen, daß ſeine Gattin mit ihrer milden Er⸗ ziehungsmethode viel beſſere Reſultate erzielte, als es mit einer rückſichtsloſen Härte der Fall ſein konnte, kam es doch zuweilen, daß er ſeinem Hange zur äußerſten Strenge die Zügel ſchießen ließ und die Knaben bei einem Vergehen im erſten Zorn ſo arg züchtigte, daß ſie noch lange nach der empfangenen Strafe voll Grauen daran dachten. Wenngleich ſeine ſonſtige Liebe für die Kinder dieſe davor bewahrte, ihm ihre kindliche Zuneigung zu entziehen, ſo hingen ſie doch mit einem ungleich größern Vertrauen an der Mutter, und war ihr Thun ihm gegenüber von der größten Verehrung dictirt, ſo ging dies Alles in inniger Hingebung und Zärtlichkeit für die letztere auf. Selbſt in ſpätern Jahren, als die Knaben zu Jüng⸗ lingen und Männern herangereift waren, wendeten ſie ſich am liebſten mit ihren Wünſchen an die Mutter, 45 hoffend, daß dieſe die beſte Vermittlerin bei dem Vater ſein werde. Drei Söhne und eine Tochter gehörten zu der Familie des Majors. Er hatte die erſtern ſämmtlich für den Militärdienſt beſtimmt, aber der älteſte, Karl, zeigte ſo wenig Fleiß auf der Schule, daß der Vater zu der Einſicht gelangte, es ſei am beſten, ſeinen Wün⸗ ſchen nachzugeben und ihn die Handlung erlernen zu laſſen. Karl Soren wurde Geſchäftsmann, fungirte mehrere Jahre in größern Häuſern als Comptviriſt und lernte eine reiche junge Dame kennen, die ihm ihre Liebe ſchenkte; ſie verheiratheten ſich und lebten nun in Buchberg, wo der junge Kaufmann ein größeres Getreidegeſchäft betrieb. Aber auch der zweite Sohn wurde nicht Soldat. Bei einem Ferienbeſuch ritt er an der Seite des Vaters aus, ſtürzte mit dem Pferde und erlitt eine Verletzung der rechten Schulter, die ihn für den Militärdienſt untauglich machte; er erlernte die Landwirthſchaft und verwaltete nun das Gut ſeines Vaters. Clara, die Tochter, verheirathete ſich an den Ober⸗ förſter Werker, deſſen Stationsort an das Gut Hünen⸗ burg grenzte, und ſomit blieb nur noch Arthur, der die Sorgen des Vaters in größerem Maße in Anſpruch 3 nahm. Aber auf dieſen hatte er nun auch alle ſeine Hoffnungen geſetzt; er ſollte ein echter Soldat werden und womöglich dereinſt zu den höchſten Ehrenſtellen emporſteigen. Arthur's Fleiß und ſein geweckter Geiſt berechtigten den alten Major zu den kühnſten Hoffnungen. Leider fühlte der junge Menſch durchaus keine Neigung in ſich für den Soldatenſtand. Aber er hatte von jeher ſowohl von dem Vater wie von der Mutter nur ge⸗ hört, daß er die militäriſche Laufbahn einſchlagen müſſe, deshalb wagte er keinen energiſchen Widerſpruch, ſondern folgte geduldig dem Willen der Aeltern, nachdem er im Alter von ſiebzehn Jahren das Abiturienten⸗ examen beſtanden hatte. Als er zum erſten Mal als Offizier in dem älter⸗ lichen Hauſe erſchien, da wurde ein Tag des Glücks und der Wonne in der Familie gefeiert; der alte Major freute ſich wie ein Kind und blickte voll Stolz auf ſeinen jüngſten Sohn; auch die Mutter und Geſchwiſter widmeten dem jungen Manne ihre herzlichſte Theil⸗ nahme. Arthur blutete das Herz bei dieſen Freudenaus⸗ brüchen; er fühlte ſich ſchon damals unglücklich in ſeinen Verhältniſſen und ſehnte ſich nach einem Be⸗ ruf, der ihm verſtattete, zu wirken und zu ſchaffen, 47 der ſeinem ſtrebſamen Geiſt ein Feld der Mühen und Arbeit verlieh. Der Major Soren hatte ſeine ganze Familie mit Ausnahme des weit entfernt ſtationirten jüngſten Soh⸗ nes auf dem Gute Hünenburg um ſich verſammelt; der alte Herr liebte es über Alles, ſich in der Mitte ſeiner glücklichen Kinder und kleinen Enkel zu ſehen, ſeine Gattin zählte ſolche Tage zu den ſchönſten ihres Lebens. Deshalb verging denn auch faſt kein Sonn⸗ tag, an welchem die ſtets freundlich empfangenen Gäſte ſich nicht in Hünenburg einfanden. Die kleine Geſellſchaft hatte ſich in den Schatten einer alten Linde vor die Thür des herrſchaftlichen Wohnhauſes geſetzt und plauderte über Familien⸗ angelegenheiten, die alten Großältern ſpielten mit ihren Enkeln und ergötzten ſich an dem kindiſchen Geplapper der Kleinen. Da nahte der Bote, welcher täglich die Briefe von der Poſtanſtalt zu Buchberg holte. „Heute erhalten wir gewiß eine Nachricht von Arthur, er hat ſchon ſo lange nicht geſchrieben“ ſprach die Majo⸗ rin halb im hoffnungsvollen, halb im beſorgten Tone. „Ach was, der ſchreibt nur, wenn er Geld braucht, oder man bekommt allenfalls Nachricht über ihn durch ſeine Gläubiger“, brummte Soren ärgerlich.„Aber ich werde ihm ſeinen Standpunkt klar machen, ſobald ich wieder an ihn ſchreibe. Iſt das eine Art und Weiſe? Schon ſeit drei Wochen haben wir keinen Brief von ihm, und er weiß doch, daß wir ſo gern etwas von ihm hören.“ Indem überreichte der Bote die Briefmappe, der Major öffnete ſie und langte einen Brief daraus hervor. „Wahrhaftig von unſerm Lieutenant!“ rief er freudig erregt, nachdem er die Adreſſe beſehen.„Nun, er wird Abhaltung gehabt haben, ſonſt hätte er ſicherlich eher geſchrieben. Ein prächtiger Junge iſt er doch, der Arthur, ich möchte ihn wohl wieder einmal hier haben, den hübſchen Soldaten.“ „Aber, Vater, ſo öffne doch den Brief, wir ſind ge⸗ ſpannt auf die Neuigkeiten, die uns mittheilt“, bat Frau Werker. „Geduld, mein Kind, Eure Neugier ſoll gleich be⸗ friedigt werden; ich muß mich immer erſt ſammeln, ehe ich zum Leſen ſchreite. Weiß Gott, ich liebe Euch alle, aber der Arthur iſt doch mein Beſter. Nun, ſeid nicht böſe über dieſe Worte, der Junge verdient meine Liebe, er iſt der einzige, der in meine Fußtapfen getreten.“ aeec Aexa 49 „O wir lieben ihn ja alle ſo ſehr und gönnen ihm gern Deine beſondere Theilnahme“ erwiderte Frau Werker. „Ja, ja, wir haben ihn alle lieb!“ riefen die Brüder und der Schwager. „Wartet nur, ich werde ſchon dafür ſorgen, daß er bald einmal wieder Urlaub erhält und herkommt“, ſchmunzelte der Major. „Aber, mein Gott, nun lies doch oder gib mir den Brief“, mahnte die Mutter;„Du ſiehſt doch, daß wir recht geſpannt ſind.“ „Eben deshalb müßt Ihr warten!“ entgegnete lachend der alte Herr. Doch nun hatte er das Siegel zerſchnitten und be⸗ gann zu leſen. Ringsumher herrſchte tiefe Stille, alle Anweſenden blickten den Major an, der ſich in eifriges Leſen zu vertiefen ſchien. Plötzlich verfinſterten ſich die heitern Züge des Greiſes, er preßte das Papier krampfhaft zuſammen und einige unverſtändliche Laute entflohen ſeinem Munde. Aber er las noch immer. Angſt und Beſtürzung prägten ſich auf den Geſichtern aller Anweſenden aus, aber Niemand wagte das Schweigen zu brechen. Steffens, Ein Wechſel. I. Da ſprang der Major von ſeinem Sitze empor, knitterte den Brief zuſammen und rief:„Ein Schuft iſt er, ein ungerathener Sohn, der nicht verdient, meinen Namen zu tragen!“ „Um Gotteswillen, was iſt geſchehen, lieber Soren? Du biſt ſo erregt, daß ich das Aergſte befürchte“ jam⸗ merte die Mutter. „Jawohl das Aergſte! Da ſchreibt mir der ſaubere Herr Lieutenant ganz trocken, daß die militäriſche Lauf⸗ bahn ihm nicht behage, daß er ſich unglücklich in ſeiner Stellung fühle und deshalb um ſeinen Abſchied einge⸗ kommen ſei, zeigt mir auch noch an, daß er Urlaub 8 nehmen und mich mit ſeinem Beſuch erfreuen werde.“ Wie ein Blitz aus heiterem Himmel traf dieſe Mit⸗ theilung die ganze Geſellſchaft, alle waren empört über dieſe unbedachte Handlung des jungen Menſchen, nur die Mutter nicht. Doch ſie beſaß zu viel Lebensklug⸗ heit, um ihre Anſicht ſogleich laut werden zu laſſen; ſie mußte einen günſtigern Moment abwarten, um den Gatten verſöhnlicher gegen den Sohn und deſſen Handlungsweiſe zu ſtimmen.„ „Hat er das betreffende Geſuch denn ſchon abgeſandt, und wenn dies geſchehen, kann es nicht zurückgenommen werden?“ fragte ſie zaghaft und kleinlaut. „Es iſt zu ſpät, Alles umſonſt!“ rief Soren im ver⸗ 51 zweifelten Ton. Die böſe Nachricht hatte ihn faſt tiefer verwundet als der einſtige Empfang des eigenen Ab⸗ ſchieds. „Und er will mich beſuchen!“ fuhr er nach einer Weile fort.„Hm, komme nur, du ſollſt ſehen, daß ich einen Menſchen nach Gebühr zu behandeln weiß, der, weil es ihm nie an etwas gefehlt, in leichtſinniger Weiſe ſeine ganze Carridre untergräbt und meint, die Welt ſei nur für ihn da, damit er in ihr ſchwelge.“ Die Mutter wünſchte jetzt nur, daß Arthur noch möglichſt lange ausbleibe, damit ſie Zeit gewinne, ver⸗ ſöhnlich zwiſchen ihn und den gekränkten Vater zu treten. „Er muß doch einen beſondern Grund zu dieſem ſchnellen Entſchluß gehabt haben; ich kann mir nicht denken, daß er ohne weiteres ſo thöricht gehandelt haben ſollte, um ſeine Entlaſſung aus dem Militär⸗ dienſt einzukommen“ wagte Frau Werker anzuführen. „Freilich, die Geſchichte wird wohl ihren Haken haben! Jedenfalls hat er einen Streich vollführt, der einen unfreiwilligen Abſchied und Strafen zur Folge gehabt hätte, deshalb zieht er es vor, ſich auf dieſe Weiſe zu retten, und will mir vormachen, Unzufrieden⸗ heit mit ſeinem Stande habe ihn geleitet“ ergänzte der Major. 4* 52 „Er fühlte nie beſondere Vorliebe für das Militär⸗ leben“ warf die Mutter beherzt ein,„und Arthur hat ſtets die Lüge verabſcheut.“ „Wir werden ja ſehen. Ich will ſogleich an ſeinen Compagniechef ſchreiben, der mir befreundet iſt und mich ſchon aufklären wird. Wie dem aber auch ſei, meine Liebe hat er für immer verſcherzt, und nie darf er meine Schwelle wieder betreten, das ſei mein letztes Wort. Nicht umſonſt hat ein thörichter Knabe in frevel⸗ hafter Weiſe meine letzten und ſchönſten Hoffnungen zu Schanden gemacht.“ Niemand wagte jetzt mehr ein Wort über die böſe Angelegenheit zu verlieren, eine trübe Wolke laſtete auf der Geſellſchaft, es kam an dieſem Tage nicht wieder zu einer fröhlichen Unterhaltung. Der Major ver⸗ ſank in finſteres Brüten, aus dem ihn ſelbſt die von ihm ſo ſehr geliebten Enkel nicht zu reißen ver⸗ mochten. Zeitig rüſteten ſich die Gäſte zum Aufbruch. Als ſie dem Vater Lebewohl ſagten, ſprach dieſer:„Eine Bitte habe ich an Euch, die Ihr erfüllen müßt, wenn Ihr auf meine fernere Liebe Anſpruch machen wollt: Ihr dürft den ehemaligen Lieutenant weder bei Euch aufnehmen, noch ihm die kleinſte Unterſtützung reichen; er ſoll zur Erkenntniß kommen.“ 53 „Aber, Vater, wir können ihm doch nicht die Thür weiſen!“ erlaubte ſich Frau Werker zu entgegnen. „Wer dem Undankbaren auch nur einen Trunk Waſſer reicht, iſt meiner Liebe auf immer verluſtig!“ rief der Major und ging auf ſein Zimmer, um ſich dem Schmerz getäuſchter Hoffnungen zu überlaſſen. Arthur hatte das verhängnißvolle Geſuch abgegeben und den erbetenen Urlaub erhalten. Staunen und Zweifel erfaßten einen Theil ſeiner Kameraden und Vorgeſetzten, als er ihnen ſeine Ab⸗ reiſe ankündete und ſich von ihnen verabſchiedete. Nie⸗ mand konnte begreifen, wie es möglich ſei, ſo plötzlich eine ehrenvolle Laufbahn aufzugeben, ohne anderweit ſeine Zukunft vollſtändig geſichert zu wiſſen; aber ge⸗ radezu für einen verrückten Einfall hielt man es, die Militärcarridre mit einer andern zu vertauſchen, nach⸗ dem man das Offizierspatent glücklich erreicht. Arthur konnte ſich nun nicht mehr an die verſchie⸗ denen Einreden kehren, er packte ſeine Sachen, warf noch einen trauervollen Blick auf den Stadttheil, in welchem ſeine Geliebte wohnte, und fuhr der Heimat zu. Aber auf der langweiligen Reiſe bis zum väter⸗ lichen Gute ſtiegen doch allerlei Bedenken in dem Kopfe 54 des jungen Mannes auf, nicht in Betreff ſeiner Zu⸗ kunft: er fühlte die Kraft in ſich, mit frohem Muthe in das Rad des Lebens zu greifen und ſich eine Exi⸗ ſtenz zu gründen, die ſeinem ſtrebſamen Geiſte einen angemeſſenen Wirkungskreis bot. Aber der Gedanke an das Erſcheinen vor ſeinem Vater, deſſen Vorurtheile und Strenge er nur zu gut kannte, bereitete ihm bange Sorgen. Faſt kam es ihm vor, als habe er zu über⸗ eilt gehandelt. Dann aber ſagte er ſich auch wieder, daß er auf andere Weiſe nie ſeine Wünſche hätte befriedigen können, da es ihm klar war, daß ſein Vater nie ſeine Einwilligung zu dem unternommenen Schritt gegeben hätte. Trotzdem fühlte er ſich mehr und mehr be⸗ drückt, je länger die Reiſe währte und je näher er der Heimat kam. Er fing an, darüber nachzuſinnen, ob es nicht beſſer ſei, er kehre erſt bei dem verheiratheten Bruder oder bei der Schweſter ein und ergründe hier die Stimmung der Aeltern. Wohl gab er ſich zur Ant⸗ wort, daß dies ein Act ſei, der ihn als ſchuldig be⸗ zeichne, aber deſſenungeachtet konnte er den einmal auf⸗ genommenen Gedanken nicht entfernen. Ueberdies mußte er durch Buchberg reiſen, und da war es ja natürlich, daß er den Bruder aufſuchte. Der Wagen, der den jungen Offizier in ſich ſchloß, hielt endlich vor dem Poſtgebäude in Buchberg, Arthur † 55 ſtieg aus und eilte mit flüchtigen Schritten der Woh⸗ nung des Bruders zu. Der Empfang, der ihm hier zu Theil wurde, war nicht geeignet, ſeinen Muth zu beleben. Der Kauf⸗ mann kam ihm kalt entgegen und erwiderte ſeine brü⸗ derliche Umarmung nur gezwungen. Arthur fühlte ſich zurückgeſtoßen und ſprach ent⸗ täuſcht:„Wie es ſcheint, iſt Dir mein Beſuch nicht an⸗ genehm, Karl; ſei ganz aufrichtig, denn ich beabſichtige nicht, Jemand läſtig zu fallen.“ „Du weißt, Arthur, daß ich Dich ſtets geliebt habe“, entgegnete der Kaufmann;„aber ich muß offen geſtehen, daß ich Dir jetzt zürne, nachdem Du uns alle und namentlich den Vater ſo betrübt haſt. Letzterer hat gedroht, uns ſeine Liebe zu entziehen, wenn wir Dir auch nur einen Trunk Waſſer reichten.“ In Arthur's Herz, das noch durch die Trennung von der Geliebten einer einzigen großen Wunde glich, zog bei dieſen Worten eine eiſige Kälte; eine ſolche Härte und Rückſichtslofigkeit hatte er nicht von dem Bruder erwartet. Hätte ihm derſelbe Vorwürfe ge⸗ macht, er würde dieſe widerlegt haben, aber das Ent⸗ gegenſetzen der Drohung des Vaters erſchien ihm als eine unverantwortliche Herzloſigkeit, die durch nichts gut zu machen ſei. Jetzt erſt fühlte ſich der junge 56 Mann fähig, jeder Kränkung einen kalten Trotz ent⸗ gegenzuſetzen und ſeine Handlungsweiſe als die richtige zu vertheidigen. „Ich danke Dir für Deine Offenheit, Karl; es liegt mir fern, Dir die Liebe des Vaters zu entziehen, des⸗ halb ſcheide ich, wie ich gekommen“ ſprach er in kaltem Ton. Und er ergriff ſeine Mütze und wandte ſich zum Gehen. „Bleibe, Arthur, Du ſollſt ſo nicht ſcheiden!“ rief ihm Karl nach. Der Offizier fühlte ſich zu tief verletzt, als daß er dieſen Nachruf hätte beachten ſollen, er ging. Und der Kaufmann hielt ihn nicht zurück, er ge⸗ dachte der Drohung des Vaters und erwartete, der jüngere Bruder werde gezwungen ſein, reuig ſeine Hülfe zu erbitten; eine Demüthigung des im höchſten Grade für leichtſinnig und hochmuthsvoll erachteten Menſchen ſchien ihm ganz am geeigneten Orte zu ſein. Arthur war nach dieſer Scene einen Augenblick unſchlüſſig, was er nun beginnen ſollte; er bedurfte der Unterſtützung, um ſeine Pläne für die Zukunft durchzuführen, und gleichwohl wußte er nicht, auf welche Weiſe er dieſe erlangen ſollte. An ſeine Schwe⸗ ſter konnte und durfte er ſich nicht wenden, denn wenn — — 57 er auch nicht befürchtete, daß es ihm dort ebenſo er⸗ gehen werde wie bei dem Bruder, ſo war er doch zu ſtolz, bei ſeinen Verwandten als Bittender aufzutreten, nachdem er erfahren, daß dieſen unterſagt worden, ihn aufzunehmen. Ihm blieb nur ein Weg, und dieſer führte zum Vater. Er hoffte, daß es ſeiner Mutter inzwiſchen gelungen ſein möchte, den erſtern verſöhn⸗ licher gegen ihn zu ſtimmen, und wenn er auch noch wirklich zürnte, ſo traute er ſich ſelber doch die Macht zu, ihn mit der Zeit davon zu überzeugen, daß er nicht leichtſinnig gehandelt habe, ſondern im Stande ſei, ſich eine vortheilhaftere Laufbahn zu öffnen. Freilich mußte er ſich auf einen böſen Empfang und auf einen harten Sturm vorbereiten, doch es war ja immer ſein Vater, dem er gegenüber trat, und von ihm konnte er wohl am erſten eine demüthigende Behandlung ertragen. Sich ſelber nach Möglichkeit Muth zuſprechend und das zagende Herz mit Gewalt zur Ruhe zwingend, machte ſich Arthur zu Fuß auf den Weg nach Hünenburg, ſeine Effecten auf der Poſt zurücklaſſend, in der Hoff⸗ nung, daß ſein Vater dieſelben bald werde holen laſſen. Viel zu ſchnell legte der Lieutenant die kurze Strecke bis an das väterliche Gut zurück. Schon erblickte er das rothe Ziegeldach des herrſchaftlichen Wohnhauſes durch die Bäume hervorragen, und noch immer wußte er nicht, 58 welche Anrede er dem Vater gegenüber gebrauchen ſollte. Je näher er dem älterlichen Hauſe kam, deſto mehr ſchwand ſein Muth; er kam ſich faſt wie ein Ver⸗ brecher vor. Endlich war das Haus erreicht, das er ſo oft voll von frohen Empfindungen betreten hatte. Langſam und zagend öffnete der ſonſt ſo beherzte junge Mann die Thür und ſchritt der Wohnſtube der Aeltern zu. Auf ein leiſes Klopfen ertönte ein barſches„Herein!“ Im nächſten Moment ſtand Arthur vor dem Vater. „Ha, Unglücklicher, Du hier?“ rief dieſer, von ſeinem Sitze in die Höhe fahrend. Arthur lag bereits in den Armen der Mutter, die auf ihn zugeeilt war trotz der frühern Drohungen ihres Mannes. „Alſo auf dieſe Weiſe reſpectirſt Du meine Anord⸗ nungen?“ ſprach der Major im zürnenden Ton ſich an ſeine Frau wendend. „O Soren, ich folge der Stimme meines Herzens!“ entgegnete Arthur's Mutter unter Schluchzen. „Schere Dich dahin, woher Du gekommen!“ rief der Vater, näher an Arthur herantretend. „Vater, vergib mir; ich habe eigenmächtig gehandelt, aber ich will Dir zeigen, daß ich Deine Liebe dennoch verdiene“, bat der letztere. 59 „Keine Komödie und unnützen Worte“, eiferte der Major.„Du haſt meine Liebe verſcherzt, indem Du mich auf die frechſte und niederträchtigſte Weiſe um alle meine Hoffnungen betrogen; wir haben nichts mehr mit einander gemein, ich erkenne Dich nicht mehr für meinen Sohn an.“ „Vater, ich bitte Dich, nicht dieſe Härte; ich habe nichts verbrochen und will Dir beweiſen, daß ich Deiner werth bin“ bat Arthur. „Keine Härte? Alſo Härte nennſt Du meine gerechte Entrüſtung? Ich wäre nicht zu hart, wenn ich Dich mit der Peitſche aus dem Hauſe jagte, Dich, der nur gelernt hat, Geld zu verthun und ſeine Aeltern zu kränken. Doch ich hoffe, Du wirſt noch ſo viel Ehre beſitzen, daß Du meine Macht nicht herausforderſt, ſon⸗ dern von ſelber gehſt, nachdem ich Dir geſagt, daß ich hier keinen Platz für Dich habe, daß Dein Anblick mir das Leben vergällt. Nun geh und kehre nicht wieder, bis Du mich überzeugt, daß Du meiner würdig biſt.“ „Vater, ich bin von allen Mitteln entblößt; ſtoße mich nicht ſo von Dir, ich werde Dir nicht lange zur Laſt fallen.“ „Ha, Unverſchämter, alſo ſchon wieder ohne Mittel! Nun freilich, ſonſt hätte ich den Beſuch des entlaſſenen Herrn wohl auch nicht erwarten dürfen.“ 60 „Soren, ich bitte Dich— Du zerreißt mir das Herz— o habe Erbarmen!“ flehte die Mutter. Dieſe Worte reizten den Zorn des alten Herrn nur noch mehr. Außer ſich vor Wuth ſtampfte er mit den Füßen und ſchrie:„Genug! Iſt es gefällig, mich zu ver⸗ laſſen?“ Arthur war vernichtet.„Leb'wohl, mein Mamachen 6 ſprach er mit weicher Stimme, indem er die letztere haſtig umarmte; dann fuhr er fort:„Ich gehe, Vater; leb' wohl und fluche mir nicht!“ Im nächſten Augenblick war der Lieutenant zum Hauſe hinaus, die Mutter lag ohnmächtig in einem Seſſel. Langſam, wie er gekommen, ſchritt Arthur dahin, das Herz voll Kummer und bittern Wehs. So hatte er ſich den Empfang im älterlichen Hauſe nicht gedacht, wenngleich er wohl eine unangenehme Scene befürchtet. Gewöhnlich war ſein Vater im erſten Augenblick nach einem Fehltritt der Kinder aufbrauſend, aber bald wieder verſöhnt, Arthur mußte alſo annehmen, daß er ihn durch ſeinen Abgang vom Militär über alle Maßen betrübt habe, und dies ſchmerzte ihn beinahe ebenſo ſehr wie die ſchroffe Behandlung, die er ſo eben er⸗ fahren. Einige hundert Schritte mochte der Lieutenant vom 61 Dorfe entfernt ſein, als er ſich von Wehmuth über⸗ mannt fühlte. Noch einmal wendete er das Auge rück⸗ wärts und blickte nach dem älterlichen Gehöft hinüber. Da war es ihm, als ſtünde ſein Vater auf einer An⸗ höhe hinter dem Hauſe und ſchaue ihm nach. Von neuer Hoffnung belebt, ſah er ſchärfer zurück: er irrte ſich nicht; da ſtand er, der ihn ſo eben aus dem Hauſe gewieſen, und verfolgte mit dem Auge ſeine Schritte. Schon wollte er umkehren, da aber mußte der Vater ſein Stillſtehen bemerkt haben, er verſchwand eilig, und Arthur kehrte wieder der Heimat den Rücken und ſchritt tiefbewegt auf Buchberg zu. Es fing bereits an zu dunkeln, als Arthur wieder die Stadt erreichte; er hatte ſehr lange Zeit zu der Rück⸗ wanderung gebraucht, denn oft war er, in Gedanken vertieft, ſtehen geblieben und hatte überlegt, was nun anzufangen ſei. Auf keinen Fall wollte er noch eine Bitte an ſeine Verwandten richten; die Behandlung, die ihm zu Theil geworden, ſchreckte ihn zurück; er mußte zeigen, daß er durch eigene Kraft ſich empor⸗ arbeiten könne, wenn er die Achtung und Liebe des Vaters wiedergewinnen wollte. Freilich war dies eine nicht ſo leicht auszuführende Aufgabe, da er faſt vollſtändig von Geldmitteln ent⸗ blößt war und noch nicht einmal hinlänglich Civil⸗ 62 leicht über kleine Unebenheiten des Lebens hinweg; Manches, was in ſpätern Jahren als eine unepträg⸗ liche Laſt erſcheinen würde, wird da ſpielend Wer⸗ wunden, die Spannkraft des Geiſtes iſt noch nicht durch Enttäuſchungen aller Art und durch bittere Lebens⸗ erfahrungen gehemmt, die ganze Welt erſcheint noch im roſigen Lichte, eine Wolke vermag nur für kurze Zeit den Lebenshimmel zu trüben. Arthur begab ſich in die Paſſagierſtube des Poſt⸗ gebäudes, um hier den Abgang der nächſten Poſt ab⸗ zuwarten, die auf Schneidemühl zufuhr. Von hier aus gedachte er ſich auf der Eiſenbahn nach Berlin zu be⸗ geben und dort für ſein Fortkommen zu wirken. Die Reiſe konnte er bei einiger Einſchränkung aus ſeinen noch vorhandenen Mitteln beſtreiten, und war er ein⸗ mal in der Hauptſtadt, ſo mußte ſchon weiter Rath geſchafft werden; er beſaß dort Freunde und Gönner, die, wie er beſtimmt erwartete, im Stande waren, ihm einen Platz nachzuweiſen, auf dem er neben ſeinen zu beginnenden Studien den nöthigen Unterhalt erwerben konnte. An Arbeitsluſt und Ausdauer fehlte es ihm nicht, ſomit dünkte er ſich zu den beſten Hoffnungen berechtigt. Und kam er ja zunächſt in Geldealamität, was nicht leicht ausbleiben konnte, ſo beſaß er einige Gegen⸗ kleider beſaß. Aber im Jünglingsalter ſetzt man ſich * —— ———— S—————. —, A 63 ſtände von nicht unbedeutendem Werth, die einſtwei⸗ len bis zu beſſern Zeiten auf das Leihamt wandern konnten. In der Paſſagierſtube hatte Arthur Muße, ſeine Lage ſo recht gründlich zu überdenken und Alles noch⸗ mals reiflich zu erwägen, was zur Förderung ſeiner Pläne dienlich ſein konnte. Freilich drückte ihn dabei das Bewußtſein tief darnieder, daß er gleichſam von ſeiner Familie ausgeſtoßen worden ſei und nach den durchlebten letzten Stunden es nicht einmal wagen dürfe, an ſie zu ſchreiben, wenn er nicht neue Krän⸗ kungen befürchten wolle. Doch auch in dieſem Punkte hielt ihn der frohe Jugendmuth bald wieder aufrecht: er mußte ſich eine glänzende Stellung durch eigene Thatkraft erringen, und dann konnte er mit dem voll⸗ kommenſten Recht die Achtung und Liebe der Seinen beanſpruchen, ſie mußten ſich ihm wieder zuwenden, ſobald ſie eingeſehen, daß er im Stande ſei, ſich ſelber eine ehrenvolle Exiſtenz zu gründen, und ſeine Befähi⸗ gung hierzu bezweifelte er keinen Augenblick. Bis er aber dieſen Beweis liefern konnte, wollte er ihnen gänzlich fern bleiben, ſie ſollten keine Nachricht von ihm haben, nicht einmal wiſſen, wo er ſich aufhalte und was er treibe. Mehrere Stunden ſaß Arthur allein in der Paſſa⸗ gierſtube, durch nichts geſtört in ſeinem Ideengang; aber als er nun ſeine ganze Vergangenheit im Geiſte nochmals durchlebt, ſich die Zukunft im beſtmöglichen Licht ausgemalt hatte und ſomit nichts mehr zu über⸗ denken fand, da begann er ſich zu langweilen. Dennoch blieb er ſeinem Vorſatze getreu, die Paſſagierſtube nicht zu verlaſſen. Er wollte jedes Zuſammentreffen mit Bekannten vermeiden, um nicht in die Gefahr zu kom⸗ men, über ſeine Familie und die eigenen Verhältniſſe ſprechen zu müſſen. Endlich— der Abend war bereits weit vorge⸗ ſchritten— verkündete der langgezogene Ton des Poſthorns, daß es Zeit ſei, ſich nach einem Platze um⸗ zuſehen; der Wagen ſtand vor der Thür und war zur Abfahrt bereit. Einen Seufzer unterdrückend, verließ der Lieutenant das Poſthaus, ſetzte ſich in eine Ecke des Wagens, der Poſtillon beſtieg ſeinen hohen Sitz, und fort ging es im Trabe zum Thore hinaus. Arthur hatte bei allem Bangen, das er vor dem Zuſammentreffen mit dem Vater gehegt, doch nicht ge⸗ fürchtet, ſo ſchnell die Rückreiſe antreten zu müſſen. Am meiſten ſchmerzte ihn der Gedanke an die Mutter, die ihn ſo gern zurückgehalten, wenn es in ihrer Macht ge⸗ legen. Ein wohlthuender Schlummer entriß ihn endlich 7 65 allem Leide, und er erwachte erſt, als der Poſt⸗ wagen vor der nächſten Station hielt, auf welcher der Lieutenant Reiſegeſellſchaft erhielt, die ihn bald aus ſeinen Betrachtungen zu einer lebhaften Unterhaltung führte. Steffens, Ein Wechſel. I. 5 Viertes Kapitel. Nach einer Reiſe von vierundzwanzig Stunden ſtand Arthur Soren auf dem Perron des Frankfurter Bahnhofs zu Berlin und blickte in trüber, beinahe ängſtlicher Stimmung auf das Menſchengewühl, das ſich in ſeiner nächſten Nähe entfaltete. Von allen Seiten drängten Paſſagiere gegen einander, Kofferträger liefen hin und her, entweder ſchon mit Gepäck belaſtet oder den Reiſenden ihre Dienſte anbietend. In einiger Ent⸗ fernung vom Perron ſaßen in behaglicher Ruhe die Droſchkenkutſcher auf dem Bocke ihrer Fuhrwerke und warteten anſcheinend vollſtändig empfindungs⸗ los auf das Ausrufen ihrer Nummer, die ſie bei ihrer Ankunft auf dem Bahnhofe an den Aufſichtsbeamten abgegeben, der dieſe an die Paſſagiere vertheilte, um vollſtändige Ordnung zu erhalten. Erſt wenn der Droſchkenkutſcher ſeine Nummer ertönen hört, dreht er ₰ 67 ſich zur Seite, nimmt das von den Gepäckträgern her⸗ beigeſchaffte Gut in Empfang, überreicht dem Reiſenden einige kleine Zettel, die für ihn den Werth des zu zah⸗ lenden Fahrgeldes haben, fragt nach der Straße und Hausnummer ſeiner Beſtimmung und fährt darauf im Trabe fort. Hier auf dem Bahnhofe vergißt der Kutſcher nie, die verhängnißvollen Zettel zu übergeben, da er die Wachſamkeit der poſtirten Schutzleute wohl fürchten mag, während er, in den Straßen angenom⸗ men, ſich kein Gewiſſen daraus macht, dieſelben ruhig in der Taſche zu behalten, obgleich in jedem Wagen zu leſen iſt:„Kein Fahrgeld iſt zu entrichten, wenn nicht bei Beginn der Fahrt die gedruckten Fahrpreis⸗ marken übergeben werden.“ Sie dienen zur Controle des Eigenthümers der Droſchken, da nach den veraus⸗ gabten Zettelchen das eingenommene Fuhrlohn am Abend berechnet wird. Jedenfalls bauen dieſe Leute auf die Güte der Reiſenden, und es mag auch wohl ſelten vorkommen, daß einer derſelben von dem ange⸗ kündigten Rechte Gebrauch macht. Uebrigens erhalten dieſe Wagenlenker in Berlin nur einen täglichen Lohn von zehn Silbergroſchen; ſie ſind ſomit angewieſen, ihre Herren zu betrügen; dabei dürfen ſie aber nicht zu weit gehen, weil ſie bei einer wiederholten geringen Ein⸗ nahme leicht um ihre Stelle kommen. So erzählte mir einer, daß er ſchon Tage gehabt, an welchen er einige von den Marken habe vernichten müſſen, obgleich er keine Gelegenheit gehabt, ſie zu verausgaben, um nur den Brodherrn nicht zu mißtrauiſch zu machen. Nachdem Arthur einige Zeit das lebhafte Treiben beobachtet hatte, ließ er ſein Gepäck ebenfalls an einen der Wagen befördern und fuhr nach der Schadow⸗ ſtraße in ein beſcheidenes Hotel, von wo aus er ſeine Bekanntſchaften am folgenden Tage aufſuchen wollte. Jedenfalls muß es jedem meiner geneigten Leſer als ein gewagtes, wenn nicht geradezu überſpanntes Unternehmen erſcheinen, ſich nach einer Stadt wie Berlin zu begeben, um den Studien obzuliegen, ohne eine ſichere Einnahme zu haben oder ein disponibles Kapital zu beſitzen; denn ſo groß auch der gute Wille ſein mag, durch eigenen Fleiß und die angeſtrengteſte Ar⸗ beit ſelber die Exiſtenzmittel zu erwerben, ſo kann ein derartiger Vorſatz doch nur in den ſeltenſten Fällen zur Ausführung kommen. Einmal nehmen die ge⸗ wählten Studien einen großen Theil der Zeit in An⸗ ſpruch und machen den jungen Mann unfähig, ſich viel mit andern Arbeiten zu beſchöftigen, dann aber findet ſich nicht ſo leicht ein Feld, auf welchem die etwa übrigen Kräfte vortheilhaft verwerthet werden können. ——, 69 Auch Arthur's Zuverſicht war zum Theil geſchwun⸗ den, als er ſich mitten in dem Häuſermeer von Berlin befand; er kam ſich ſo allein und verlaſſen vor wie noch nie in ſeinem Leben, und als er nun in einem der Fremdenzimmer des Hotels angelangt war und, angegriffen von der langen Reiſe, ſich in einen Polſter⸗ ſtuhl warf, da bereute er faſt, daß er das meiſt ſorgenfreie Leben des Soldatenſtandes mit einer noch im Dunkel vor ihm liegenden Zukunft vertauſcht hatte. D was hätte er darum geben mögen, wenn in der ihm faſt völlig fremden Stadt jetzt ein Freund zu ihm heran⸗ getreten wäre, dem er poll Vertrauen ſeine Hoffnungen und Befürchtungen hätte mittheilen können und der ihn, wenn auch nur mit einem freundlichen Rath, unter⸗ ſtützt hätte. Solange er von Berlin entfernt geweſen, hatte es ihm ſo leicht gedünkt, Bekannte und Gönner von ehemals in der großen Stadt zu finden, jetzt er⸗ ſchien es ihm faſt, als würden alle Verſuche vergebens ſein, andere Menſchen in ſein Intereſſe zu ziehen. Der Menſch wird ſo leicht kleinmüthig, ſeine frohe Zuverſicht ſchwindet ſehr ſchnell, wenn er ſich verein⸗ ſamt und verlaſſen fühlt. Und auf das Gemüthsleben Arthur's wirkte nun auch der bittere Abſchied von den Aeltern und Verwandten niederdrückend ein. Trotz ſeiner Ermüdung fand Arthur nicht die ge⸗ wünſchte Ruhe auf dem Plätzchen, das er zuerſt aufge⸗ ſucht; er trat ans Fenſter und blickte hinab auf die nur wenig belebte Straße. Einzelne Fußgänger wan⸗ derten von Zeit zu Zeit vorüber, aber alle beeilten ſich, ſchnell weiter zu kommen, keiner hatte einen Blick für den fremden jungen Mann, der ihnen ſinnend nachſah. 6ꝓpben wollte Soren das Fenſter wieder ſchließen und von neuem die Ruhe ſuchen, als ein Herr in Civilklei⸗ dung daherſchritt, deſſen Züge ihm bekannt vorkamen; er beugte ſich weit zum Fenſter hinaus, blickte nochmals prüfend hinab und rief dann freudig bewegt: e biſt Du's wirklich?“ Der Fremde blieb ſtehen, ſah Arthur eine Weile an und entgegnete dann haſtig:„Arthur, theurer Freund, Du hier?“ Soren konnte nicht mehr antworten; der mit dem Namen Rudolf Bezeichnete war bereits in der Haus⸗ thür verſchwunden. Wenige Sekunden ſpäter lagen ſich die Freunde in den Armen. Arthur hatte wohl nie lebhafter einen Freund an die Bruſt gepreßt wie in dieſem Moment. „Nun ſag' nur in aller Welt, Freund, was führt Dich nach Berlin und in Civilkleidung?“ fragte Rudolf ſtürmiſch, als ſich der erſte Freudenausbruch des Wie⸗ derſehens ein wenig gelegt hatte. — „Ich habe meinen Abſchied genommen und bin hier⸗ her gekommen, um die Bauakademie zu beſuchen“ ant⸗ wortete Arthur, plötzlich wieder von neuem Muthe beſeelt. „Das haſt Du brav gemacht; wir wollen ein herr⸗ liches Leben zuſammen führen. Doch, Freund, jetzt komm mit mir, damit ich Dich gleich mit einer Anzahl prächtiger Leute bekannt mache, es bietet ſich heute die beſte Gelegenheit dazu.“ „Unmöglich, Rudolf!“ proteſtirte Arthur. „Wie, Du willſt mich nicht begleiten?“ fragte der Freund. „Ich komme eben von der Reiſe und bin alſo ent⸗ ſetzlich müde; dann aber muß ich Dir geſtehen, daß ich ohne alle Geldmittel bin, mein Vater hat mich aus dem Hauſe gejagt.“ „Alſo ein verlorener Sohn! Da beneide ich Dich nicht.“ Arthur ſtieß einen leiſen Seufzer aus. „Aber wovon willſt Du denn hier leben?“ fragte Rudolf lachend.„Hoffentlich wird Deine Mama Dich nicht vergeſſen“, ſetzte er vergnügt hinzu. „Meine Mutter wird und kann nichts für mich thun, ſolange mein Vater mir zürnt, und ich beabſichtige auch nicht den Verwandten zur Laſt zu fallen“, ent⸗ gegnete Arthur beſtimmt. „Nun, ich theile mit Dir, was ich habe, und ich hoffe, wir werden keine Noth zu leiden brauchen“, rief Rudolf. „Ich werde arbeiten von früh bis ſpät, um meinen Unterhalt redlich zu erwerben“, ergänzte Arthur ab⸗ lehnend. Mache Dir nur keine zu großen Illuſionen in Be⸗ treff des Arbeitens und Geldverdienens“ erwiderte Ru⸗ dolf.„Was glaubſt Du wohl? Hier gibt es Tau⸗ ſende von Menſchen, die ebenſo viel und mehr als Du gelernt haben und doch unfähig ſind, auf anſtändige Weiſe ihr Brod zu verdienen.“ „Eine herrliche Ausſicht“ antwortete Arthur kleinlaut. „Ach was, deshalb brauchſt Du nicht zu verzagen. Nur Geduld, und wir wollen ſchon ſehen, wie wir Dich durchbringen. Aber nun thue mir den Gefallen und komme mit.“ „Verzeihe, Rudolf, daß ich Deinen erſten Wunſch unerfüllt laſſe; aber es iſt mir unmöglich, Dir jetzt zu folgen, ich fühle mich ſo angegriffen durch die Reiſe und meine letzten Erlebniſſe, daß ich zunächſt Zeit haben muß, mich und meine Kräfte wieder vollſtändig zu ſammeln.“ „Nun, wie Du willſt; ich bleibe dann noch ein Stündchen bei Dir; doch ſpäter muß ich fort. Aber nun erzähle auch die ſchweren Erlebniſſe, die Dir den Lebensmuth genommen haben.“ 3 Arthur berührte ſeine Liebſchaft mit Adelheid von Wüſtenbrink und die Folgen derſelben und ſchilderte ſeinen Empfang bei dem Bruder und im älterlichen Hauſe. „Armer Freund! Da iſt es mir weit beſſer ergangen, obgleich ich dies weniger verdient habe als Duz ich bin ſeit einigen Wochen wohlbeſtätigter Bauführer und habe gegenwärtig eine Privatarbeit vor, die recht einträglich iſt. Ich glaube beſtimmt, Du wirſt es nie bereuen, daß Du die Militärcarrière aufgegeben, wenn Du Deinen Vorſatz durchführſt. Und was Deine Exiſtenz⸗ mittel betrifft, ſo mache Dir keine Sorgen; vorläufig kannſt Du bei mir wohnen, ich werde ſchon ſehen, daß wir eine Beſchäftigung finden, die Dir etwas einträgt, und da es Dir nicht an Luſt und Fleiß fehlt, ſo wirſt Du wohl durchkommen. Vor allem mußt Du Dich jetzt immatriculiren laſſen.“ Rudolf war der Sohn des Superintendenten Mar⸗ tel aus Buchberg und hatte mit Arthur ein und daſ⸗ ſelbe Gymnaſium beſucht; obgleich zwei Jahre älter als dieſer und um eine Klaſſe weiter, waren ſie ſtets un⸗ zertrennliche Freunde geweſen, bis Rudolf zur Aka⸗ demie abging. Seitdem hatten ſie ſich nur einmal 74 wiedergeſehen und auch nur auf kurze Zeit bei Gelegen⸗ heit einer Ferien⸗ und Urlaubsreiſe. Natürlich war ihnen damals noch nicht der Gedanke gekommen, daß ſie ſich einſt ſo unverhofft in Berlin wiedertreffen könnten, und Arthur hatte wohl am allerwenigſten daran gedacht, daß der ſtets voll luſtiger Schwänke ſteckende Jugend⸗ gefährte dazu beſtimmt ſei, ihn ſpäter aus einer ſo drü⸗ ckenden Lage zu reißen, wie die ſeinige gegenwärtig war. Die verſprochene Stunde war längſt verronnen, als Martel von dem Freunde ſchied. Arthur fühlte ſich allerdings angegriffen, aber deſſenungeachtet würde er wohl die an ihn ergangene Einladung, mit in eine fröhliche Geſellſchaft zu kommen, angenommen haben, wenn dies nicht gegen ſeinen Vorſatz, vor allem die Exiſtenz zu ſichern und einen Ueberblick ſeiner Lage zu gewinnen, verſtoßen hätte; er wollte zunächſt nur der Arbeit und den Studien leben, ſeine ganzen Kräfte auf⸗ bieten, um zu zeigen, daß er fähig ſei, ohne Hülfe der Verwandten ſich eine glänzende Laufbahn anzubahnen, und das Erſcheinen des Freundes hatte ſeinen Muth derart belebt, daß er ſich ganz dieſer Hoffnung hingab; er würde ſich als den leichtfinnigſten Menſchen betrachtet haben, hätte er ſich, kaum in der Hauptſtadt angekommen und noch ohne alle Exiſtenzmittel, auch nur für kurze Zeit dem Vergnügen in die Arme geworfen. Keinen 75 Augenblick war er in Zweifel, daß Martel ſich aufopfern werde, um ihm beizuſtehen, aber jede Hülfe von ihm, ſoweit ſie mit Opfern verknüpft war, erſchien Arthur als eine Demüthigung; deshalb machte er es ſich auch zur Pflicht, von vornherein alle derartigen Anerbietungen ſtandhaft zurückzuweiſen. Wieder allein in dem kleinen Fremdenzimmer, klin⸗ gelte Arthur nach dem Kellner beſtellte ſich ein frugales Abendbrod, und nachdem er dieſes mit großem Appetit verzehrt, legte er ſich zur Ruhe. Eine gewiſſe Zufrieden⸗ heit war wieder in ſeine Bruſt gezogen, er bereute nicht mehr den Abgang vom Militär, und wenn ſich deſſen⸗ ungeachtet eine ſtille Trauer in ſeinen Zügen abſpie⸗ gelte, ſo hatte theils das Zerwürfniß mit den Ver⸗ wandten, theils die Trennung von der Geliebten die Schuld daran. Arthur bemühte ſich wohl, ſeine Jugend⸗ liebe zu vergeſſen, er hoffte, daß er die gehegte Schwär⸗ merei, die er ſelber als eine Thorheit betrachten mußte, bezwingen werde, namentlich wenn die Arbeit all ſein Denken und Trachten in Anſpruch nehmen werde; aber noch ſtand das Bild des trauernden und weinenden Mädchens, als ſie ihn zum letzten Mal an ihren weh⸗ erfüllten Buſen gedrückt, in zu hellen Farben vor ſeiner Seele, als daß ihm nicht ein drückender Schmerz bei dem Gedanken an ſie hätte inne wohnen ſollen. 76 Am nächſten Morgen ſchlief Soren noch ſanft und feſt, als Martel leiſe die Thür des Zimmers öffnete und ſich behutſam hineinſchlich. Lange betrachtete er mit einem wohlgefälligen Lächeln den ſchlummernden Freund, dann ſetzte er ſich nieder, um das Erwachen des Schläfers zu erwarten. Nach einiger Zeit ſchlug Arthur das Auge auf und erblickte den Jugendgefährten an ſeiner Seite. Ein halb freudiges, halb wehmüthiges Lächeln glitt über ſeine Züge, indem er rief:„Guten Morgen, lieber Rudolf! O wie freue ich mich über Deine Aufmerkſamkeit.“ „Ich mochte Dich heute nicht lange allein laſſen. Deshalb eilte ich zu Dir, nachdem ich nur drei Stunden geſchlafen“, erwiderte Martel in heiterem Ton. „Du biſt wohl ſpät nach Hauſe gekommen?“ „Nein, ſehr früh, der Morgen graute bereits! Aber, Freund, ich bringe Dir gute Nachrichten mit. Du kannſt monatlich eine ganz hübſche Summe verdienen, wenn Du Dich täglich ein paar Stunden mit einigen jungen Leuten abplagen willſt, die ſich hier unter der Leitung eines penſionirten Offiziers für das Fähnrichsexamen vorbereiten; ich habe Dich ſchon halb und halb engagirt.“ „O das iſt herrlich! Wie ſoll ich nur Deine Freund⸗ ſchaft vergelten?“ rief Arthur entzückt. „Sprich nicht ſo! Was wäre ich für ein Freund, —————————— 77 wenn ich nicht ein paar Worte für Dich verlieren wollte“, entgegnete Martel.„Leider werden Dich die eigenen Studien zu ſehr in Anſpruch nehmen, ſonſt könnte ich Dir noch eine zweite Stellung nachweiſen.“ „Ich bin im Stande, täglich ſechzehn Stunden zu arbeiten, und würde mich glücklich ſchätzen, dieſe Zeit nützlich ausfüllen zu können“, ſprach Arthur begeiſtert. „Sechzehn Stunden? Wie lange willſt Du das aus⸗ halten? Und gedenkſt Du nicht auch dem Amuſement einige Zeit zu widmen?“ „Nein, wenigſtens ſo lange nicht, bis ich hierzu durch eine regelmäßige Einnahme berechtigt bin; und wenn ich acht Stunden zur Ruhe und Befriedigung der körperlichen Bedürfniſſe verwende, ſo werden meine Kräfte auch bei einer ſechzehnſtündigen Arbeit nicht leiden.“ „Nun, ich kenne Dich zu gut, um zu hoffen, Dich durch Worte von Deiner Meinung abzubringen, Du mußt durch Erfahrung zur Einſicht kommen. Wann gedenkſt Du in Activität zu treten, lieber Arthur?“ „Womöglich morgen! Der heutige Tag wird wohl mit Beſuchen, Vorſtellungen und dergleichen drauf gehen.“ „Ich bin gekommen, um Dich nach meiner Wohnung zu führen, Du wirſt ſie gewiß leidlich finden und gern mit mir theilen.“ . 78 Im Laufe des Vormittags machten ſich die Freunde auf den Weg, um die nöthigen Gänge zu Arthur's Im⸗ matriculation bei der Bauakademie zu beſorgen, dann ſuchte Arthur einige Freunde ſeiner Familie auf, logirte ſich bei Martel unter der ausdrücklichen Bedingung ein, eine eigene Wohnung zu beziehen, ſobald ſeine Verhält⸗ niſſe dies einigermaßen geſtatten würden, und ſchloß dann einige mündliche Verträge in Betreff ſeiner Neben⸗ beſchäftigung ab. Außer einigen Lehrſtunden, die er täglich ertheilen mußte, verpflichtete er ſich einem Ver⸗ meſſungsreviſor gegenüber, vier Stunden für ihn zu arbeiten und zwar Zeichnungen und Berechnungen aus⸗ zuführen, außerdem wollte er aber auch gelegentlich örtliche Aufnahmen im Felde und Nivellirungen bewirken, damit er gleichzeitig mit dem Bauführerexamen oder womöglich noch vorher die Prüfung als Feldmeſſer be⸗ ſtehen könne. Dieſe Arbeiten ſicherten dem thatkräftigen jungen Manne allerdings eine mäßige Einnahme, von der er ſei⸗ nen Unterhalt und die ungeſtundeten Vorleſungen beſtrei⸗ ten konnte, wenn er ganz eingezogen lebte, und hierzu war er gezwungen, da ihm nach Abrechnung der Zeit, welche er zu ſeiner Fortbildung verwenden mußte, nicht Muße zu koſtſpieligen Vergnügungen blieb; aber Martel glaubte nicht, daß der Freund dieſen Forderungen, die er ſelber 79 an ſich ſtellte, lange genügen könne und werde; er lächelte heimlich und dachte:„Bald wirſt Du meine Hülfe gern annehmen.“ Nach Verlauf von acht Tagen befand ſich Arthur in der größten Thätigkeit. Punkt fünf Uhr trat er morgens an ſeinen umfangreichen Arbeitstiſch und be⸗ gann bei dem Lichte zweier großer Schirmlampen Be⸗ rechnungen und Zeichnungen auszuführen. Schlug die Stunde, die ihn in den Hörſaal rief, ſo packte er eilig die Arbeiten zuſammen und begab ſich nach dem Gebäude der Akademie; mittags ruhte er kaum eine Stunde, denn nun mußte er ſelber unterrichten, und waren auch dieſe Stunden überſtanden, ſo warteten ſchon die eigenen Arbeiten voll Ungeduld oder er hatte noch für den Vermeſſungsreviſor dringende Beſchäftigung. Spät abends begab er ſich ermüdet und abgeſpannt in ein Lokal, um bei einem Glaſe Bier ſein Abendbrod zu ver⸗ zehren, und nach einem einſtündigen Aufenthalt ging es wieder an die Arbeit. In dieſer Weiſe verging ein Tag nach dem andern. Dem ehemaligen Offizier blieb ſelten ein Viertelſtündchen, über ſeine eigenthümliche Lage nachzudenken; er vermied dies auch, denn er fühlte ſich jetzt noch vollſtändig wohl in dem ſelbſtgewähten Wirkungskreiſe, die Arbeit war ihm lieb und intereſſant, und die eigenen Studien erſchienen 80 ihm faſt als eine Erholung von der ſonſtigen Thä⸗ tigkeit. Martel wartete vergeblich auf eine Klage des Freun⸗ des, er mußte endlich einſehen, daß Arthur es beſſer als er verſtehe, die Zeit zu nützen, obgleich auch der junge Bauführer dem Grundſatz huldigte: Zeit iſt Geld. Der erſte Monat war Arthur in der Hauptſtadt ver⸗ floſſen, er hatte ſeine Remuneration für die dem Ver⸗ meſſungsreviſor geleiſteten Dienſte und für den ertheilten Unterricht erhalten. Heiter geſtimmt trat er bei dem Freunde ein. „Dulächelſt ja ſo vergnügt, als wenn Dir mit einem Male die ganze Welt gehörte“ rief ihm dieſer entgegen. „Ich bin auch ſehr heiter geſtimmt; ſieh einmal meinen Verdienſt von einem Monat!“ antwortete Arthur, ſeine Taſche umkehrend und einen Haufen Thaler auf den Tiſch ſchüttend.„So viel Geld habe ich noch nie be⸗ ſeſſen, denn die Zulagen, welche ich als Soldat von Hauſe erhielt, gingen immer ſehr ſpärlich ein.“ Martel warf einen Blick auf das Geld und ent⸗ gegnete, gutmüthig lächelnd:„Ja, ja, es iſt ein ganz hübſches Sümmchen; aber ich fürchte, Du richteſt Dich zu Grunde, wenn Du ſo fortfährſt.“ „Unfinn“ lachte Arthur;„ich bedarf der Thätigkeit, um 8¹ einige bittere Stunden aus meiner Vergangenheit und einen Engel zu vergeſſen. Arbeit iſt mein Glück und die Zeit iſt Geld!“ „Wie viel bleibt Dir nun, nachdem Du Deine Schul⸗ den berichtigt?“ „Schulden berichtigt? Du weißt, daß ich dem Schneider faſt meine ſämmtlichen Civilkleider ſchulde.“ „Ja ſo, daran dachte ich nicht!“ „Aber warte nur, bald werde ich ſchuldenfrei daſtehen; ich will noch mehr arbeiten, denn erſt jetzt finde ich Vergnügen am Gelderwerben.“ „Hüte Dich, daß Du kein Geizhals wirſt, Du ſcheinſt große Anlagen dazu zu beſitzen.“ „O glaube das. nicht; aber ich weiß, daß man ohne Geld ein Stümper bleibt, mag man auch noch ſo weiſe ſein; deshalb iſt es mein Beſtreben, mir ſo viel zu erwerben, daß ich ſelbſtſtändig leben kann.“ „Es wird mir Vergnügen machen, bei meiner nächſten Reiſe in die Heimat den Deinen mittheilen zu können, wie Du auf dem beſten Wege biſt, ein Millionär zu werden.“ „Aergere mich nicht, Rudolf; Du weißt, daß die Meinen nichts von mir erfahren ſollen, bis ich mir eine Stellung in der Welt erworben habe; aber willſt Du mir einen großen Gefallen erzeigen, ſo erkundige Steffens, Ein Wechſel. I. 6 82 Dich in jedem Deiner Briefe nach den Meinen, damit ich ſtets erfahre, wie es ihnen ergeht.“ „Du biſt ein Sonderling! Schwebſt ſtets in Sorgen um Deine Verwandten, die im Ueberfluß leben, und Du quälſt Dich wie ein Laſtthier, ohne ihnen einmal mitzutheilen, daß Du überhaupt noch unter den Leben⸗ digen weilſt.“ „Kannſt Du mein Benehmen ernſtlich tadeln, nachdem ich Dir erzählt, wie es mir ergangen?“ „Nein, gewiß nicht! Fürchte übrigens nicht, daß ich Deinem Willen entgegen handeln werde. Komme ich nach Hauſe, ſo beſuche ich ſicherlich Deine Aeltern und Geſchwiſter, und es ſoll meine Aufgabe ſein, ihre Denkungsart über Dich zu ergründen, doch Deinen Aufenthaltsort verrathe ich ihnen nicht.“ Wieder verſtrich eine lange Zeit, Arthur arbeitete unermüdlich fort, und er hatte das Glück, ſeine Mühen in jeder Beziehung reich belohnt zu ſehen. In ſeinen Studien machte er täglich bedeutende Fortſchritte, die Nebenbeſchäftigungen ſicherten ihm eine ausreichende Einnahme und die ununterbrochene Thätigkeit zog ihn mehr und mehr von dem Weh ab, das er bei ſeinem Eintreffen in der Hauptſtadt noch im Herzen getragen. Der Winter mit ſeinen kurzen Tagen war heran⸗ gerückt, eine höchſt ungünſtige Zeit für den, der ſich 83 mit Zeichnen und Flächenberechnungen beſchäftigen muß, denn auch das beſte Lampenlicht erſetzt nicht den klaren, hellen Schein der Sonne. Arthur kehrte ſich nicht ſonderlich an dieſen Wechſel, er war darauf angewieſen, unausgeſetzt zu arbeiten, und er erfüllte ſeine Aufgabe trotz der Mahnungen des Freundes, der ihm öfters Vorſtellungen machte und ihn bat, namentlich ſeine Augen zu ſchonen, die durch übermäßige Anſtren⸗ gungen bei künſtlichem Licht nur zu leicht leiden; er ſpürte nichts von der Abnahme ſeiner Sehkraft und glaubte deshalb auch das Schwerſte ohne Nachtheile vollbringen zu können. Niemand war dieſer Eifer lieber als dem alten Vermeſſungsreviſor, der gern einen hohen Preis zahlte, wenn ſeine Arbeiten nur gut und pünktlich ausgeführt wurden. Arthur erwarb ſich das volle Vertrauen und Wohlwollen dieſes Mannes. 6* Fünftes Kapitel. Als Adelheid von Wüſtenbrink erfuhr, daß Arthur Soren ſeinen Abſchied genommen und für immer ihre Heimat verlaſſen habe, regte ſich in dem Herzen der jungen Dame von neuem das marternde Weh einer unglücklichen Liebe in ſeiner ganzen Stärke. Das Leben erſchien ihr als eine unerträgliche Laſt ohne den Jüngling, dem ſie all ihr Fühlen und Empfinden ge⸗ weiht hatte; ſie wünſchte ſich den Tod, denn ſie durfte ja nicht hoffen, ihn je wiederzuſehen, ihm noch ein⸗ mal in das zärtlich leuchtende Auge blicken zu können. Er hatte freiwillig einen Stand aufgegeben, der ihm ſo ſchöne Ausſichten geboten, weil er es mit ſeiner Ehre unverträ ich gefunden, unter ihrem Vater weiter zu nachdem ihn dieſer aufs empfindlichſte beleidigt. Vielleicht ſtürmte er jetzt ruhe⸗ und heimatlos in der Welt umher, ebenſo von Schmerz und Leiden erfüllt. Und weshalb? Weil er ſie geliebt und dieſe Liebe nach der Anſicht ihrer Aeltern eine thörichte war! Dieſe und ähnliche Gedanken waren nicht geeignet, das Weh in dem Buſen der Jungfrau zu lindern, ſie weinte, ſo oft ſie allein und unbeobachtet war, dem theuren Jünglinge ſchmerzliche Thränen nach. Zu ihrem Erſtaunen ſah Frau von Wüſtenbrink, daß ihre Tochter von Tag zu Tag den frohen Lebensmuth mehr verlor; ſie fand kein Mittel, den Schmerz der letz⸗ tern ſo recht zu ergründen und zu heilen, denn ſie ſel⸗ ber hatte die Macht wahrer Liebe nie kennen gelernt, das Verhältniß zu ihrem Gatten war im Ganzen ſtets ein ſehr kühles geblieben, da dieſer es nicht verſtanden, das Herz ſeiner Frau zu gewinnen; eine unglückliche Jugendliebe nahm noch immer einen Theil in dem Herzen des alten Mannes in Anſpruch, die Ehe war aus beſondern Rückſichten geſchloſſen. Der Obriſtlieutenant wußte wohl, was den Herzens⸗ frieden ſeiner Tochter untergraben, aber er hielt es nicht für angemeſſen und zweckdienlich, darüber mit ihr zu ſprechen, und ſo blieb Adelheid ſich! gere Zeit allein überlaſſen. Der Herbſt verging, die Wintervergnüg men ihren Anfang, Bälle und Liebhabertheater würt 86 in dem Garniſonsorte des Herrn von Wüſtenbrink ar⸗ rangirt. Adelheid zeigte keinen Sinn mehr für der⸗ artige Luſtbarkeiten, und wenn ſie deſſenungeachtet da⸗ ran Theil nahm, ſo geſchah dies auf den ausdrücklichen Wunſch ihrer Aeltern. Das Weihnachtsfeſt war dahingegangen. Adelheid hatte von ihrem um ſie beſorgten Vater einige werth⸗ volle Geſchenke erhalten, aber auch dieſe zärtliche Auf⸗ merkſamkeit war nicht geeignet geweſen, die weherfüllte Jungfrau mit ihrem Geſchick auszuſöhnen. Weinend hatte ſie ſich dem Vater an die Bruſt geworfen und ihm unter Thränen gedankt; doch als er ſie bald darauf verlaſſen, widmete ſie den koſtbaren Stoffen, die ſie kaum empfangen, keine B zeachtung mehr. Adel⸗ heid war eine jener Frauennaturen, die nur ein Glück in der Welt kennen, das Glück der erſten Liebe, und die, wenn ihnen dies Glück entzogen wird, ſo lange trauern, bis ihr edles Herz aufgehört hat zu ſchlagen. Der Silveſterabend war vor der Thür und ſollte in K. durch einen glänzenden Ball feſtlich gefeiert werden. Im Hauſe des Herrn von Wüſtenbrink reges Leben, denn die gnädige be⸗ 87 Adelheid begann ebenfalls mit einer geheimen Scheu das prachtvolle Atlaskleid zu muſtern, das ſie an die⸗ ſem Abende tragen ſollte. Eben war ſie im Begriff, der erhaltenen Weiſung nachzukommen und ſich mit ihrem Anzug zu beſchäf⸗ tigen, als der Vater bei ihr eintrat, um ſie abzuholen. „Aber, liebes Kind, ich weiß wahrhaftig nicht mehr, was ich von Dir denken ſoll; wir warten bereits auf Dich, und da ſtehſt Du noch; als dächteſt Du gar nicht daran, auf den Ball zu gehen“, ſprach der Obriſt⸗ lieutenant in verdrießlichem Ton. „Ach, guter Vater, verzeihe mir! O wüßteſt Du nur, wie ich fühle und empfinde, Du würdeſt Mitleid mit mir haben“ antwortete Adelheid in ſchmerzlichem Ton. Die wenigen Worte ſeiner Tochter mußten einen tiefen Eindruck auf den alten Soldaten machen, er trat nahe zu ihr heran, ſtreichelte die farbloſen Wan⸗ gen des jungen Mädchens und fragte beſorgt:„Biſt Du krank, mein Kind?“ Adelheid ſchüttelte traurig den Kopf und ent⸗ gegnete:„Nein, körperlich krank bin ich nicht, aber ich lide dennoch und darf ja mein Weh nicht laut werden laſſen, wenn ich Dich nicht erzürnen will.“ „O meine Tochter, Du betrübſt mich, und ich möchte Dich ſo gern glücklich ſehen; kannſt Du Dir denn 88 noch immer nicht ſelber ſagen, daß ich ſtets Dein Wohl im Auge gehabt? Du biſt doch ſonſt ſo verſtändig“, ſprach der Vater. Adelheid legte ihr Köpfchen an die Bruſt des Vaters und erwiderte langſam:„Ich folge Dir immer ſo gern, aber meinem Herzen kann ich nicht gebieten; es blutet fort und fort und wird erſt im Tode ſeinen Frieden wiederfinden. O, und dieſes Kleid, der heu⸗ tige Ball— mir graut, wenn ich daran denke! Früher träumte ich immer davon, in ſolchem Putz einſt an eine andere Stelle zu treten, jetzt kommen mir finſtere Gedanken bei dem Erblicken des Ballſtaates.“ Herr von Wüſtenbrink fühlte ſich erſchüttert. „Wünſcheſt Du, daß wir zu Hauſe bleiben, meine Tochter?“ fragte er zärtlich. Bevor Adelheid antworten konnte, öffnete ſich die Thür und ihre Mutter trat ein.„Wie, Adelheid, noch nicht im Putz? Was ſehe ich? In Thränen? Welche Komödie ſpielſt Du denn?“ rief im erzürnten Ton die gelangweilte Frau. „Ich werde in wenigen Minuten bereit ſein“, ent⸗ gegnete Adelheid, ein Tuch vor die Augen haltend. „Fühlſt Du Dich ſtark genug, uns zu begleiten, liebes Kind?“ fragte der Obriſtlieutenant, ſeine Frau nicht beachtend. —, 89 „Gleich bin ich fertig, lieber Vater“ entgegnete Adel⸗ heid,„erlaube nur einige Minuten.“ Die Aeltern traten in ein Nebenzimmer, und Adel⸗ heid beendete mit Hülfe einer Dienerin ihre Toilette. Adelheid war ſchön, ſie hätte ſich, ohne zu erröthen zu brauchen, neben eine Grazie ſtellen können, und ihre Anmuth würde dieſe vielleicht übertroffen haben. Als das reiche Seidenkleid in blendend heller Farbe ihre Formen umſchloß, der kleine reizende Kranz keck auf dem von dunklen Locken umwallten Köpfchen ſaß, und ſie nun das braune Auge erhob, um einen flüch⸗ tigen Blick in den Spiegel zu werfen, da glich ſie einem verklärten Engel, der nur auf die Erde gekom⸗ men iſt, um Segen und Frieden zu verbreiten. Ein ſchmerzlicher Zug um den kleinen roſigen Mund und die Bläſſe ihrer Wangen gaben der lieblichen Erſcheinung vollends dieſen Charakter. Herr von Wüſtenbrink trat aufs neue ein und be⸗ trachtete ſeine Tochter einige Augenblicke mit herz⸗ lichem Wohlgefallen, dann preßte er einen Kuß auf ihre reine Stirn und ſprach in der Aufwallung ſeiner Gefühle:„Du biſt mein Stolz, geliebte Adelheid, und wirſt mich ſtets beglücken.“ Adelheid kämpfte bei dieſen Worten aufs neue mit einigen Thränen, die ſich durchaus in ihr Auge —— 90 drängen wollten; aber ſie hielt ſie ſtandhaft zurück und ſtieß nur einen ganz leiſen Seufzer aus. „Aber, Kind, was iſt das? Du trägſt ja eine ver⸗ welkte Roſe an der Bruſt; die mußt Du entfernen!“ fuhr der Obriſtlieutenant fort, ſeine Tochter wohl⸗ muſternd. „Laſſe ſie ruhig ſitzen, Papachen; ſieh, jetzt iſt ſie vollſtändig verdeckt, und ich halte ſie für meinen größ⸗ ten Schmuck.“ „Was iſt denn mit dieſer Roſe Beſonderes?“ fragte Herr von Wüſtenbrink. Adelheid's Wangen überzog für einen Augenblick ein Hauch feiner Röthe und ſie erwiderte leiſe:„Es iſt meine letzte Roſe, ſie ſoll ruhn mir am Herzen und mit mir im Grab!“ Der Obriſtlieutenant war bei all ſeiner S güte nicht beſonders erbaut von derartigen poetiſchen Ausfällen ſeiner Tochter.„Unſinn, Kind!“ ſprach er etwas haſtig.„Doch nun beeile Dich, ſonſt verliert die Mutter ihr letztes Körnchen Geduld.“ In einer bereitſtehenden Equipage fuhr wenige Minuten ſpäter die Familie Wüſtenbrink dem Reſ ſourceß⸗ ſaale zu. Der helerleuhtete Ballſaal war von Herren und Damen in glänzenden Toiletten erfüllt; wohin das * 91 Auge auch blicken mochte, überall zeigte ſich demſelben eine ausgeſuchte Pracht und der feinſte Lurus; beſonders hatten die Damen gewetteifert, einander in der Wahl geſchmackvoller Anzüge zu übertreffen. Frohe Erwartung und ein nicht zu verkennendes Selbſtgefühl ſprachen ſich in den Zügen faſt aller Anweſenden aus. Wäre plötzlich ein reiner Naturmenſch, der nie das Leben und Treiben einer größern Stadt kennen gelernt, aus ſeiner Einſamkeit in den feſtlich geſchmückten Saal ver⸗ ſetzt worden, als eben die erſten ſanften Töne der Muſik vom Orcheſter erſchallten, und hätte nur das Aeußere der allem Anſchein nach ſämmtlich glücklichen Brüder und Schweſtern um ſich geſehen, er würde unfehlbar zu dem Glauben veranlaßt worden ſein, er ſei in die Regionen des Paradieſes unter eine Anzahl tanzen⸗ der Engel verſetzt worden. Aber natürlich auch nur das Aeußere zu ſchauen dürfte einem ſolchen Menſchen ver⸗ ſtattet ſein, wenn er nicht mit aller Gewalt ſich nach ſeiner ſtillen Waldeinſamkeit zurückſehnen ſollte. Adelheid hatte einen Platz an der Seite ihrer Mutter eingenommen und war ſogleich nach ihrem Eintreffen von einem verhältnißmäßig jungen Haupt⸗ mann zur Polonaiſe engagirt worden. Der Obriſtlieutenant ſtrich ſich, im Anſchauen ſeiner Tochter verſunken, wohlgefällig den ergrauten Schnurr⸗ 92 bart; er geſtand ſich, daß Adelheid die ſchönſte Jung⸗ frau im Damenkranze ſei. Und der Vater mußte wohl Recht haben, denn ſämmtliche Herren bemühten ſich das Wohlwollen des jungen Mädchens zu erringen oder auch nur für einen Tanz des Glückes theilhaftig zu werden, an ihrer Seite weilen zu dürfen. Adelheid empfand kein Gefühl der Freude über dieſe Auszeichnung, die wohl den geheimen Neid ſo mancher Schönen erregte; ſie wäre ja ſo gern dem Vergnügen völlig fern geblieben, um ungeſtört nur an den fernen Geliebten denken zu können. Aber ſie hatte ſich dem Willen der Aeltern fügen müſſen, und auch jetzt konnte ſie nicht anders, als ſich dem Tanze, dem ſie früher ſehr gehuldigt, hingeben. Mitternacht war nahe. Adelheid hatte bis dahin an jedem Tanze Theil genommen und war eben an der Seite eines höhern Beamten nach ihrem Platze zurückgekehrt, als ſich ihrer ein unbeſiegbarer Schwin⸗ del bemächtigte. Indem ſie das Haupt an die Schulter der Mutter lehnte, flüſterte ſie kaum vernehmbar: „Mama, o bitte, führe mich ſchnell hinaus, ich ſiekbe hier.“ Frau von Wüſtenbrink unterhielt ſich gerade ſehr angelegentlich mit einer Freundin, weshalb ihr die Bitte 93 der Tochter nicht ungelegener kommen konnte als in dieſem Augenblicke. „Du machſt mir wirklich viele Sorgen, und ſelbſt hier auf dem Balle kannſt Du Deine Eigenthümlichkeiten nicht ablegen“, entgegnete ſie in leiſem, aber gereiztem Ton. Indem nahte der Vater. Ihm war, obgleich er einige Schritte entfernt geſtanden, eine merkwürdige Veränderung in den Zügen ſeiner Tochter nicht ent⸗ gangen. Beſorgt beugte er ſich zu ihr herab und fragte:„Fühlſt Du Dich nicht wohl, Kind?“ „Schnell führe mich hinaus, ich bitte Dich, mein Vater“ flehte Adelheid mit erſterbender Stimme. Der Obriſtlieutenant ergriff den Arm ſeiner Tochter; die herzloſe Mutter war nun ebenfalls genöthigt auf⸗ zuſtehen, ſie nahm den zweiten Arm Adelheid's und alle drei ſchritten langſam zum Saale hinaus. Die kleine Scene war nicht ganz unbemerkt vor ſich gegangen, mehrere Freunde der Familie folgten derſelben und erkundigten ſich voll Theilnahme nach der Urſache des ſchleunigen Aufbruchs. Das Aeußere der jungen Dame gab ihnen den beſten Beſcheid. Adelheid war, kaum im Nebenzimmer angekommen, einer geknickten Lilie gleich zuſammen⸗ gebrochen. 94 In aller Eile wurde jetzt ein Fuhrwerk beſtellt, und die Wüſtenbrink'ſche Familie verließ ohne Aufenthalt den Ort der Luſt und des Vergnügens, um ſich in die eigenen Räume zu begeben. Zu Hauſe angelangt, mußte Adelheid zu Bett ge⸗ bracht werden. In kurzer Zeit erſchien der erſte Militär⸗ arzt des Ortes, ein höchſt tüchtiger Mann in ſeinem Beruf, an ihrem Lager, um die ſo plötzlich eingetretene Krankheit feſtzuſtellen und Hülfe zu bringen. Der Obriſtlieutenant wich jetzt nicht von der Seite ſeines Kindes und fragte in banger Sorge unaufhör⸗ lich nach dem Befinden der Kranken. Auch Frau von Wüſtenbrink hatte ihr kaltes Be⸗ nehmen abgelegt, Angſt und Kummer ſprachen ſich in ihrem Auftreten aus. Der Arzt ertheilte nur ausweichende Antworten auf die an ihn gerichteten Fragen, drang aber darauf, unverzüglich einen zweiten Mediciner zu Rathe zu ziehen, und eben dieſes Zurückhalten mit dem eigenen Urtheil war nicht geeignet, die Aeltern zu beruhigen. Auch der zweite Arzt erſchien. Die Doctoren hielten ein langes geheimes Zwiegeſpräch, Arzneien wurden verſchrieben und herbeigeſchafft, aber einen beſtimmten Troſt mochte oder konnte keiner den trauernden Aeltern geben. 95 Adelheid war mehr einer im Abſcheiden Begriffe⸗ nen als einem jungen, blühenden Mädchen ähnlich. Unter namenloſer Angſt verſtrich endlich den Be⸗ theiligten die lange Winternacht, und als der Morgen graute, hatte ſich der Zuſtand der Leidenden nach dem Ausſpruch der Aerzte um nichts gebeſſert. Der alte Vater glich, theils vor Angſt, theils an⸗ gegriffen von der ſchlaflos verbrachten Nacht, einem Wahnſinnigen; ſein Schmerz war grenzenlos. Seine Gattin hatte ſich auf einen Augenblick entfernt, als er zu dem Regimentsarzt nahe herantrat und mit zittern⸗ der Stimme fragte:„Nun endlich ſagen Sie mir auf Ihre Ehre, wird meine Tochter geneſen? Ich kann dieſe Pein der Ungewißheit nicht länger ertragen.“ Der Mediciner zuckte die Achſeln und wandte ſich wieder der Leidenden zu. Mehrere Minuten blickte er unverwandt in das umflorte Auge der Patientin, dann winkte er den be⸗ kümmerten Vater von dem Lager fort und ſprach in leiſem Tone:„Bereiten Sie ſich auf den traurigſten Fall in Ihrem Leben vor, Herr Obriſtlieutenant; ich kann Ihren Schmerz ermeſſen, bin aber außer Stande, Sie zu tröſten. Ihre Tochter hat nur noch kurze Zeit zu leben, Rettung iſt unmöglich!“ Geliebter Leſer! Wurden in Deinem Leben ähnliche 96 Worte zu Dir geſprochen, ſtandeſt auch Du einſt an dem Sterbebette eines theuern Menſchen, deſſen Verluſt Du nie verſchmerzen kannſt, der Dir unerſetzlich iſt, dann kannſt Du wohl das Weh begreifen und ermeſſen, das den Obriſtlieutenant bei den Worten des Arztes erfaßte. Sein geliebtes Kind, das unter ſeinen Augen zur herrlichen Jungfrau emporgeblüht war, auf das er alle Hoffnung geſetzt, das ihn zum großen Theil an das für ihn ſonſt meiſt freudenloſe Leben feſſelte, ſollte er in kurzer Zeit auf ewig verlieren, das liebevolle Weſen ſollte aus einem Leben ſcheiden, das er ihr ſo gern mit den ſchönſten und reinſten Freuden ausge⸗ ſchmückt hätte! „Keine Rettung?“ ſtöhnte Wüſtenbrink in größter Ver⸗ zweiflung. Dann erfaßte er die Hände des Arztes und bat, vom Schmerz bewältigt:„O Doctor, helfen Sie, retten Sie mein theures Kind, und ich will Ihnen ewig dankbar ſein.“. Die Kranke bewegte ſich, ſogleich war der Vater wieder an ihrer Seite.„Wie iſt Dir, meine herzige Adelheid?“ fragte er mit leiſer, weicher Stimme. Adelheid ſeufzte ſchmerzlich und blickte den Vater mit ihren großen Augen lange an, dann reichte ſie ihm die Hand und ſprach, zeitweiſe von einem Röcheln, dem Beginn des Todeskampfes, unterbrochen:„Mein Väter⸗ chen, ich danke Dir für alle Liebe, die Du mir ſtets in ſo reichem Maße erwieſen. Vergib mir, wenn ich Dich zu⸗ weilen betrübte, ich weiß jetzt, daß Du ſtets mein Beſtes wollteſt, und bin glücklich in dem Beſitz Deiner Liebe.“ Der Obriſtlieutenant, der ſtarke Mann, der faſt immer ernſt und gemeſſen erſchien, verlor ſeine Faſſung. Langſam beugte er ſich zu der Kranken herab, legte ſeine Wange an die ihre und Thräne auf Thräne rann in die weichen Kiſſen. Antworten konnte er nicht, ſein Weh hatte ihm die Sprache geraubt. Adelheid war noch bei vollem Verſtande, ſie ſah den Schmerz des Vaters und verſuchte ihn zu tröſten. Mit der Anſtrengung ihrer letzten Kräfte legte ſie den Arm um den Nacken des letztern und ſprach weiter: „Nicht wahr, mein Papachen, Du erfüllſt mir noch eine, meine letzte Bitte?“ Wüſtenbrink richtete ſich empor und blickte um ſich, die Aerzte hatten ſich lautlos in ein Nebenzimmer be⸗ geben.„Mein Kind“, ſtöhnte jetzt der Vater,„Alles, Alles will ich thun, was Du verlangſt, jeder Deiner Wünſche ſoll mir ein Geſetz ſein, nur ſtirb mir nicht, laß Deinen alten Vater nicht ſo allein in der liebe⸗ leeren Welt zurück.“ Ein ſchmerzlicher Zug ſpielte um den Mund der jungen Dame und traurig erwiderte ſie:„Ich kann nicht Steffens, Ein Wechſel. I. 7 mehr leben, mein gutes Papachen; aber glaube mir, ich ſterbe ſo gern, und Du wirſt mich dereinſt droben wiederſehen. Meine Bitte iſt: keine Thräne um mich zu vergießen; ich habe Dich nie weinen ſehen und er⸗ trage auch jetzt dieſen Anblick nicht.“ Der gramerfüllte Vater zuckte einigemal heftig zuſammen, ſeine Geſichtsmuskeln bewegten ſich krampf⸗ haft, dann nahmen die ſchmerzbewegten Züge eine eherne Feſtigkeit an. „Sollteſt Du Soren je wiederſehen, ſo beſtelle ihm einen letzten, recht herzlichen Gruß von mir und ſei recht lieb und freundlich gegen ihn. Willſt Du auch das?“ fragte Adelheid weiter. „Ja, Du Engel, ich will Alles, was Du willſt!“ rief der Vater. „Und nun ſuche in der kleinen Alice Dein ganzes Glück, ſie iſt ein liebes Weſen“ bat die Sterbende. Jetzt öffnete ſich haſtig die Thür zum Nebenzimmer, und Frau von Wüſtenbrink, von den Aerzten über den Zuſtand ihrer Tochter aufgeklärt, eilte mit allen Zeichen der größten Angſt herbei. Adelheid lag einen Augenblick regungslos, dann er⸗ griff ein krampfartiges Zucken ihren Körper, das nur kurze Zeit anhielt, aber ihre letzte Kraft aufzehrte. Noch einmal blickte ſie liebevoll um ſich, ſtreckte 1 —— 90 beide Hände den Aeltern entgegen, über die farbloſen Lippen glitt ein leiſes:„Lebt wohl, meine guten, theuern Aeltern!“ dann folgte ein neuer Krampfanfall, das Auge umflorte ſich, noch ein langer, tiefer Seufzer, und eins der herrlichſten Weſen der Erde hatte aufgehört zu athmen. Zwei herzzerreißende Weherufe drangen bis in die angrenzenden Zimmer und benachrichtigten die dort Harrenden, daß der Ausſpruch der Aerzte ſich erfüllt habe. Als der Obriſtlieutenant eine Zeit lang ſtarr in das gebrochene Auge ſeiner Tochter geſchaut hatte, preßte er noch einen langen Kuß auf die erbleichten Lippen, dann ſtürzte er hinaus und verriegelte ſich in ſeiner Wohnſtube. Während des ganzen Tages bekam ihn Niemand zu Geſicht, und als er am nächſten Morgen wieder erſchien, war er ein hinfälliger Greis geworden. Adelheid wurde mit allem Pomp und Aufwand beſtattet, den namentlich ihre Mutter bei allen Gelegen⸗ heiten liebte; der Obriſtlieutenant aber blieb ſtill und in ſich gekehrt, er hatte für lange Zeit jeglichen An⸗ theil an des Lebens Freuden verloren, und es ſchien faſt, als werde der herbe Schickſalsſchlag ihn bald der ſo ſehr von ihm geliebten Tochter nachführen. All⸗ 7* 100 abendlich, ſowie es zu dunkeln begann, ſchritt er hin⸗ aus auf den Friedhof und weilte ſtundenlang, mochten Schnee und Kälte das Verweilen im Freien noch ſo empfindlich machen, an dem Hügel, der ſein Liebſtes auf der Welt jetzt deckte. Und kehrte er endlich zurück, dann blieb er allein auf ſeinem Zimmer, die Geſell⸗ ſchaft der Menſchen fliehend. Sechstes Kapitel. Bot der Aufenthalt auf dem Gute Hünenburg den Bewohnern des herrſchaftlichen Hauſes während der Sommerzeit die mannichfachſten Abwechslungen und reichlichen Erſatz für das geſelligere Städteleben, ſo floß der Winter doch in ziemlicher Einförmigkeit dahin, namentlich für die Mutter Arthur's, die größtentheils auf ihre eigene Perſon angewieſen war, während der Major und der noch im älterlichen Hauſe lebende Sohn die langen Abende meiſt in Buchberg in Geſellſchaft verbrachten. Dann, wenn die alte Dame allein auf ihrem Zimmer ſaß, widmete ſie manche ſchöne Stunde dem Andenken des jüngſten Sohnes, den ſie ſtets ſo unausſprechlich geliebt hatte und von dem ſie nun ſchon ſeit ſo langer Zeit nicht wußte, ob er noch unter den Lebenden weilte oder nicht. Faſt fürchtete ſie, daß 102 ihn ein Unglück betroffen habe, denn er war allem Anſchein mit einem verzweifelten Entſchluß im Herzen aus dem älterlichen Hauſe gegangen und hatte ſeitdem auch nicht das GeRngſte von ſich hören laſſen. Das liebende Mutterherz konnte es nicht faſſen, daß ihr Sohn lebe und dennoch nicht einmal den Verſuch mache, ſich ſeiner Familie zu nähern. Manchen harten Kampf hatte ſie mit ihrem Gatten beſtanden, um den⸗ ſelben verſöhnlicher gegen den Verſtoßenen zu ſtimmen, und es ſchien faſt, als bereue der Vater ſein einſtiges ſchroffes Auftreten gegen den Sohn; er gerieth ſeit einiger Zeit nicht mehr wie früher in Zorn, wenn auf ihn die Rede kam, ja er ſuchte ſogar zuweilen abſicht⸗ lich das Geſpräch auf ihn zu lenken, und wenn er dann auch verbergen wollte, daß er ſich lebhaft für ihn inter⸗ eſſire und ſich danach ſehne, ihn noch einmal zu ſehen, ſo gab doch manches Anzeichen kund, daß kein Groll mehr in ſeinem Herzen wohne und daß er ſich insge⸗ heim die größten Vorwürfe mache, ihn ohne jegliche Eriſtenzmittel in die Welt hinausgetrieben zu haben. Vielleicht fürchtete er auch, ſchuld daran zu ſein, daß ſein Sohn zu Grunde gegangen ſei oder in den drückendſten Verhältniſſen ſich befinde, während die ganze übrige Familie im Ueberfluß lebte. Viel mochte auch wohl die Correſpondenz dazu beitragen, die 103 er mit ſeinem Freunde in K. über die Motive Arthur's zum Abgange vom Militär geführt hatte. Was er von dieſem Freunde über den Sohn erfahren, war nur Rühmliches geweſen, er konnte ihm nichts weiter vorwerfen, als daß er gegen ſeinen Willen gehandelt, indem er die militäriſche Laufbahn eigenmächtig aufge⸗ geben, und das war eine Schuld, die nach reiflicher Erwägung viel kleiner und weniger ſtrafbar erſchien als in den erſten Tagen nach dem voreiligen Schritt. Freilich war der höchſte Wunſch des Vaters durch⸗ kreuzt, aber am Ende gab es doch auch andere ebenſo ehrenvolle Stellungen als den Militärſtand. Und Arthur ſchien die größte Luſt gehabt zu haben, eine Carriere einzuſchlagen, die ihn ebenfalls ganz dem Staate weihte. Nun natürlich konnte er nicht daran denken, daß der junge Mann ſeinen Willen durchſetzte, ohne alle Mittel war dies unmöglich. Wer hatte es aber verſchuldet, wenn er zu Grunde ging oder gegan⸗ gen war? Der alte Mann hatte viel Muße, über das Geſchehene nachzudenken; ſeine Gattin ließ nicht ſelten merken, wie ſie über den Fall denke, und wenn er ſich auch lange gegen die eigene Anſchuldigung wehrte, mit der Zeit fing das Vaterherz doch an, ihm leiſe Serupel zu machen. Allerdings hätte er nun ſeine Sinnesänderung offen 104 ausſprechen und Schritte thun können, um den Sohn aufzufinden; aber dagegen ſträubte ſich die väterliche Autorität; er wollte ſeine Empfindungen nicht ver⸗ rathen und dem Anſehen in der Familie nichts ver⸗ geben. Sowohl ſeine Frau wie die ſämmtlichen Kin⸗ der hatten längſt gemerkt, wie es in dem Herzen des Vaters ſtand, aber deſſenungeachtet durfte Niemand dieſe Wahrnehmung irgendwie kundgeben. Der erſte Weihnachtsfeiertag hatte den Oberförſter Werker nebſt Familie und auch den älteſten Sohn mit Frau und Kindern nach Hünenburg geführt, um bei den Aeltern das Feſt zu verleben. Bei derartigen Be⸗ ſuchen unterblieb es faſt nie, daß das Geſpräch von einem oder dem andern auf Arthur gelenkt wurde, denn wenngleich der älteſte Bruder ihn bei ſeiner letzten Anweſenheit in Buchberg ebenfalls recht lieblos behan⸗— delt hatte, waren ſie ihm doch alle von ganzem Herzen zugethan, und das ſchroffe Auftreten gegen ihn war mehr die Folge des erſten Unwillens über den dem Vater bereiteten Verdruß als böſe Abſicht geweſen. Während des Weihnachtsfeſtes war es nun natürlich, daß der Anweſende mehr denn je vermißt wurde. Wenn er auch von frühſter Jugend an außerhalb des älterlichen Hauſes hatte leben müſſen, da dies ſeine wiſſenſchaftliche Ausbildung erforderte, ſo war er zu 105 dem ſchönſten Feſte im ganzen Jahre doch regelmäßig in der Heimat eingetroffen, um einige Tage in dem Kreiſe ſeiner Lieben zu weilen. Seit langen Jahren zum erſten Mal fehlte an dieſem Weihnachtstage ein Glied in dem kleinen Familiencirkel. Als um die Mittagszeit zur Tafel geſchritten wurde, hatte die Frau vom Hauſe längere Zeit allein geweilt, und bei ihrem Wiedererſcheinen bemerkte Jeder ſogleich, daß ſie in Gedanken an den Fernen vertieft geweſen, denn ſie hatte geweint, ihre Augen waren geröthet und die Stimme zitterte und klang unſicher. Niemand aber berührte vorläufig das für alle, beſonders für den Vater höchſt peinliche Thema. Während des Eſſens legte der älteſte Sohn des Kaufmanns, ein Knabe von fünf Jahren, plötzlich den Löffel weg und fragte unſchuldig:„Großpapachen, wir ſind doch nun alle hier; aber kommt Onkel Arthur denn gar nicht wieder?“ „Nein, mein Sohn!“ antwortete der Major kurz und begann mit großem Eifer ein Stück Braten zu verzehren. Sein Appetit erſchien offenbar als ein er⸗ zwungener. Die übrige Geſellſchaft befand ſich in einiger Ver⸗ legenheit.„Iß und ſchwatze nicht ſo viel während dieſer Beſchäftigung“, eiferte die Mutter des Kleinen. 106 Der Knabe hatte in dem Hauſe der Großältern ſtets viel freien Willen, da ihn der Major bei jeder Gelegenheit in Schutz nahm. Hierauf mochte er auch jetzt wohl rechnen, denn er kehrte ſich nicht an die Er⸗ mahnung der Mutter, ſondern ſprach weiter:„Aber, Großpapa, warum kommt denn Onkel Arthur gar nicht wieder? Schreibe ihm doch, daß er kommen ſoll, ich bin ihm ſo ſehr gut und er hat mich auch immer recht lieb gehabt.“ Frau Soren wandte ſich zur Seite, um ein paar hervorquellende Thränen zu verbergen, der Major ſtürzte ein Glas Wein hinunter, aber Niemand antwortete. „Wenn Du Dich nicht ruhig verhältſt, mußt Du nach Hauſe!“ ſprach der Vater des Kindes in verwei⸗ ſendem Ton. „Ich bin ja ganz artig“, proteſtirte der Kleine. „Nein. Kinder müſſen nur ſprechen, wenn ſie ge⸗ fragt werden!“ bedeutete der Vater. „Ich will auch nicht mehr ſprechen, aber ſage mir nur, wo Onkel Arthur iſt und warum er nicht kommt?“ „Ich weiß es nicht!“ „Dann wird er wohl todt ſein!“ ſeufzte der Knabe. Die Reden des Kleinen hatten eine vollſtändige Befangenheit der ganzen Geſellſchaft hervorgebracht, die während der ganzen Mittagstafel andauerte. 107 Am Nachmittag erſchien unerwartet der Bauführer Martel in dem ihm befreundeten Hauſe; er wurde mit allen Zeichen der Herzlichkeit empfangen. Rudolf Martel hatte als Knabe oft und viel bei dem Jugendgeſpielen Arthur Soren geweilt, ſein Ber⸗ hältniß zu der ganzen Soren ſchen Familie war ſtets ein recht vertrauliches geweſen, und auch jetzt, nun er zum Mann herangereift war, behandelte man ihn mit dem alten Wohlwollen; er ſelber trat mit einer Sicher⸗ heit unter den ihm bekannten Menſchen auf, als befinde er ſich unter lieben Verwandten. „Wie geht es zu, Herr Major, daß ich diesmal mei⸗ nen Freund Arthur nicht hier treffe?“ fragte er unbe⸗ fangen in Laufe des Geſprächs. „Arthur iſt vom Militär abgegangen, wir wiſſen gegenwärtig nicht einmal, wo er ſich aufhält“, antwor⸗ tete der Major ausweichend, aber ohne jede Bitterkeit. „Er hegte nie beſondere Paſſion für den Militär⸗ ſtand, ſein Streben war immer darauf gerichtet, eine Stellung zu erhalten, in der er zur raſtloſen Thätig⸗ keit gezwungen ſei; ich glaube beſtimmt, daß er ſich ein Feld für ſeine große Willenskraft gewählt hat, auf dem er es weit bringen wird“ führte Martel an. Soren ſuchte einen Seufzer zu unterdrücken, der in⸗ deſſen von dem aufmerkſamen jungen Manne nicht un⸗ 108 bemerkt blieb. Das Geſpräch war ihm höchſt peinlich, deshalb brach er es kurz ab, indem er fragte:„Sie leben noch immer in Berlin?“ „Gewiß, Herr Major! Es bietet ſich dort für mei⸗ nen Beruf hinreichende Beſchäftigung, und ich glaube nicht, daß ich die Hauptſtadt verlaſſen werde, ehe ich das Baumeiſterexamen beſtanden habe.“ „Und dann?“ fragte der alte Soldat. „Dann muß ich mich bis zu meiner Anſtellung noch vielleicht mit Privatbauten beſchäftigen.“ „Da lobe jch mir doch die Militärcarrisre, ſie bie⸗ tet meiner Anſicht nach ganz andere Ausſichten!“ „Sie irren, Herr Major! Ich bin jetzt zweiund⸗ zwanzig Jahre alt, aber ich würde beſtens danken, wenn ich meine Stellung mit der eines Premierlieu⸗ tenants vertauſchen ſollte. Einmal ſtehe ich faſt ganz ſelbſtſtändig da, im Dienſt oder außer Dienſt kann ich meine Meinung offen zur Geltung bringen, die Ein⸗ nahme, die ich erziele, beläuft ſich gegenwärtig auf circa tauſend Thaler jährlich, und ich bleibe ſo lange im Dienſt, als ich kräftig genug bin, ein Amt zu ver⸗ walten. Sind meine Kenntniſſe derart, daß ſie Aner⸗ kennung verdienen, ſo ſteige ich von Stufe zu Stufe, ohne je befürchten zu müſſen, plötzlich meinen Abſchied zu erhalten, mich mit einer kleinen Penſion zu behel⸗ 109 fen und mein übriges Leben in dem Bewußtſein zu verbringen, in den kräftigſten Jahren ohne Verſchulden außer Thätigkeit geſetzt worden zu ſein. Ueber Alles geht mir aber meine Selbſtſtändigkeit, die Herrſchaft über meine eigenen Handlungen. Wohl weiß ich, daß jeder Staatsdiener mehr oder weniger abhängig iſt, aber gerade im Baufach macht ſich dieſe Abhängig⸗ keit am wenigſten bemerklich, und dafür ſchwärme ich.“ „O Ihr jungen Leute, Ihr wißt ſelber nicht, was Euch nützt“ rief der Major, dem Bauführer nicht ganz Unrecht gebend. Der letztere hatte ſich feſt vorgenommen, vollſtändig zu ergründen, wie die Stimmung in dem Soren'ſchen Hauſe gegen ſeinen Freund Arthur ſei; er hatte nun wohl wahrgenommen, daß keine gehäſſigen Gefühle mehr gegen den Fernen vorwalteten, ja er hielt ſich ſogar überzeugt, daß es Arthur ein Leichtes ſein müſſe, jetzt den Vater zu verſöhnen; aber ſo ſehr er ſich auch bemühte, dies ganz genau zu erforſchen, wollte es ihm doch nicht gelingen; er merkte bald, daß man es allſeitig vermied, über den Fernen zu ſprechen, und es hätte ſomit auffallend erſcheinen müſſen, wenn nicht gar von wenig guter Sitte zeugend, wenn er deſſenungeachtet den gehegten Vorſatz hätte weiter ver⸗ folgen wollen. 110 Spät abends trennte ſich der Bauführer von der ihm befreundeten Familie, nachdem er verſprochen, ſie noch einmal vor ſeiner Wiederabreiſe nach Berlin zu beſuchen; er hoffte noch eine günſtigere Gelegenheit zur Ausführung ſeines Plans zu finden, der ihm des Freundes wegen ſo ſehr am Herzen lag. Die Angehörigen des Majors vermieden es nach dieſem Tage noch mehr, in Gegenwart des alten Herrn von Arthur zu ſprechen; ſie wußten ſämmtlich, daß es ihn unangenehm und ſchmerzlich berührte, wenn er an den Abweſenden erinnert wurde. Deshalb ſuchten ſie mit großer Aengſtlichkeit Alles zu vermeiden, was in den Augen des Gatten und Vaters als ein Vorwurf für ihn erſcheinen konnte. Siebentes Kapitel. Rudolf Martel war von ſeiner Beſuchsreiſe zu⸗ rückgekehrt und brachte dem Freunde die beſten Nach⸗ richten über das Wohlergehen ſeiner Familie. „Und ob mein Vater noch immer in ſeinem Zorn gegen mich beharrt, weißt Du nicht?“ fragte Arthur unbefriedigt. „Ich habe alles nur Mögliche gethan, um das Ge⸗ ſpräch immer wieder auf Dich zu lenken, und war ſo⸗ gar zweimal in Hünenburg; aber ich überzeugte mich, daß ich ſtets eine wunde Stelle in dem Herzen Deines Vaters bepührte, ſo oft ich Deinen Namen nannte. Als er gezwungen war, auf meine directen Fragen zu antworten, ſchien es mir, als ſpreche er mehr im Tone des Bedauerns und der Beſorgniß als des Haſſes von Dir. Dein Bruder, mit dem ich unter vier Augen ge⸗ 112 redet, meinte auch, er mache ſich im Stillen Vorwürfe, daß er Dich im erſten Zorn ſo hart von ſich geſtoßen, wenn er auch ſeine Gefühlsäußerung noch immer ver⸗ borgen zu halten ſich beſtrebe.“ „Und meine Mutter?“ fragte Arthur traurig. „Sie iſt ganz wohl, aber ein Zug ſtillen Wehs prägt ſich dennoch in ihrem ganzen Weſen aus. Ich glaube, wenn Du heute nach Hünenburg zurückkehrteſt, es würde Dir nicht ſchwer werden, allerſeits eine herzliche Aufnahme zu erringen.“ „Das kann ich nicht, Rudolf! Und Du ſiehſt, ich bringe mich durch, ohne die Hülfe der Meinen in An⸗ ſpruch nehmen zu müſſen. Nahte ich mich ihnen jetzt von neuem, ſo ſähe das aus, als müßte ich end⸗ lich, von der bitterſten Noth getrieben, ihre Großmuth anflehen; das will ich nicht, denn ich bin zu ſchroff ab⸗ gewieſen worden. Andererſeits ruft mir aber auch mein kindliches Gefühl zu, daß es meine Pflicht iſt, die um mich beſorgten Aeltern zu beruhigen; deshalb ſinne ich darüber nach, wie ich ihnen eine beruhigende Nachricht über mich zukommen laſſen kann, ohne daß ſie meine Spur entdecken. Wie ich lebe und was ich treibe, ſollen ſie erſt erfahren, wenn ich vor ſie treten und ihnen durch meine Erfolge zeigen kann, daß ich ihrer vollſten Liebe und Achtung würdig bin.“ 113 „Du biſt ein herrlicher Menſch! Ich ſchätze mich glück⸗ lich, einen ſolchen Freund zu beſitzen!“ rief Martel enthu⸗ ſiasmirt. Arthur lächelte, indem er entgegnete:„Ich danke Dir für Dein Compliment!“ „Willſt Du an Deine Aeltern ſchreiben, ſo ſende ich den Brief gern als Einlage an meinen Bruder nach Buchberg und bitte ihn, das Billet dort zur Poſt zu geben. Auf die Discretion Wilhelm's können wir rechnen, das weißt Du wohl.“ „Das iſt ein guter Gedanke, den ich benutzen will. Ja, ja, der Wilhelm iſt ſchweigſam wie das Grab! Noch heute ſchreibe ich und theile den Aeltern mit, daß es mir wohl ergeht, daß ich mich ganz den Wiſſen⸗ ſchaften in die Arme geworfen, aber erſt wieder vor ihnen erſcheinen werde, wenn ich mir eine angemeſſene Stellung in der Welt errungen habe. Das muß ſie beruhigen, und der Poſtſtempel des Briefes wird ver⸗ hüten, daß ſie mir auf die Spur kommen; ſicherlich kommen ſie nicht auf den Gedanken, ich könne mich hier in Deiner Nähe aufhalten.“ „Gewiß nicht! Führe Deinen Vorſatz nur bald aus.“ Ohne Säumniß machte ſich Arthur daran, einen Brief voll kindlicher Liebe und Hingebung an ſeine Aeltern zu verfaſſen; nur mit wenigen Worten gedachte Steffens, Ein Wechſel. I. 8 — 114 er des Kummers, der ihn beſchlichen, als er das väter⸗ liche Haus habe verlaſſen müſſen, aber er erwähnte, wie ſein ganzes Trachten darauf gerichtet geweſen, ſich eine Laufbahn zu gründen, die der Militärcarrière in keiner Weiſe nachſtehe, daß er jetzt von früh bis ſpät unermüdlich arbeite, und wie er die gegründetſte Hoff⸗ nung hege, in wenigen Jahren eine Stellung zu er⸗ ringen, die ihn berechtige, die volle Anerkennung der Seinen zu fordern. Erſt dann, ſchrieb er, wenn er durch den Erfolg gezeigt, daß ſeine Handlungsweiſe keine übereilte geweſen, wolle er wieder vor die Aeltern tre⸗ ten und um ihre Liebe und Zuneigung von neuem bitten, bis dahin würde jedes Forſchen nach ihm ver⸗ 6 gebliche Mühe ſein. Wie er es ermöglichte, ſeinen Un⸗ terhalt zu erwerben, davon ſchrieb er kein Wort; über⸗ haupt bemühte er ſich, ſein Leben als ein vollſtändig ſorgloſes und angenehmes erſcheinen zu laſſen. Dieſer Brief mußte jeden Kummer der Aeltern zer⸗ ſtreuen und ſelbſt den Vater vollſtändig umſtimmen, wenn er noch an dem Werthe des Sohnes zweifelte; davon hielt ſich Arthur überzeugt. Als er vier lange Seiten dicht beſchrieben, trat er zu dem Freunde in ein Nebenzimmer, überreichte ihm den zu Papier gebrachten Herzenserguß und ſprach:„Nun lies und ſage mir dann, ob ich noch etwas anzuführen habe.“ 115 Martel folgte der Aufforderung des Freundes, dann rief er freudig erregt:„Du biſt ein braver Junge! Nein, es iſt nichts mehr nöthig; adreſſire das Billet, damit ich es ſogleich an meinen Bruder abſenden kann.“ Wenige Stunden ſpäter war der Brief auf dem Wege nach ſeinem Beſtimmungsorte. Von dieſem Tage an fühlte ſich Arthur erſt wahr⸗ haft zufrieden in dem gewählten Beruf; er durfte nun mit Beſtimmtheit annehmen, die Aeltern über ſeine Le⸗ bensweiſe beruhigt zu haben, und dieſer Gedanke ſchaffte ihm einen ſüßen Frieden. Das Bild Adelheid's lebte wohl noch in dem Herzen des jungen Mannes fort und bereitete ihm zu⸗ weilen eine wehmüthige Stunde; aber er wußte ja nicht, daß ſie bereis in den Regionen der ewigen Glückſeligkeit weilte und bis zu ihrem letzten Augen⸗ blicke ſeiner in unendlicher Liebe gedacht hatte. Er glaubte, ſie, die zu des Lebens Freuden ſo Berechtigte, werde ihn bald vergeſſen und an der Seite eines edlen Mannes das wohlverdiente Glück finden; für ihn war ſie nun einmal verloren. Dieſer Gedanke bemächtigte ſich ſeiner täglich mehr und mehr, die Arbeit zog ihn von allen ſtillen Träumereien nach und nach ab und heilte langſam die Wunde, die ihm ſo früh geſchlagen worden. 116 Ein Zeitraum von drei Jahren ſtrich nun an Arthur Soren in ſtiller Gleichförmigkeit vorüber, nur dann und wann durch eine außergewöhnliche Freude unterbrochen, wenn er durch die Vermittlung des Freun⸗ des die befriedigendſten Nachrichten über ſeine Familie erhielt. Längſt hatte er das Feldmeſſer⸗ und auch das Bauführer⸗Examen glänzend beſtanden, er brauchte ſich jetzt nicht mehr Tag und Nacht abzumühen, um die erforderlichen Exiſtenzmittel zu erſchwingen, ſeine Be⸗ ſchäftigung beſtand nun nur noch in amtlichen Arbei⸗ ten. Aber dennoch bewahrte er einen eiſernen Fleiß, die Thätigkeit war ihm zum Bedürfniß geworden, und dieſe, verbunden mit einer weitgreifenden Umſicht, ver⸗ ſchaffte ihm die größte Anerkennung ſeiner Vorgeſetzten. Ohne Furcht hätte ſich der junge Mann nun zu ſeinen Aeltern begeben können, äber das Erreichte ge⸗ nügte ihm noch nicht, er wollte zunächſt das letzte Examen ablegen und dann erſt in ihre Arme eilen. „Arthur, wie ich eben aus zuverläſſiger Quelle er⸗ fahren, wird in Pommern, nicht allzuweit von unſerer Heimat, nächſtens ein größerer Chauſſeebau in Angriff genommen; ich habe einige vortreffliche Connexionen, was meinſt Du, wenn wir uns zur Uebernahme der Leitung eines Theils des Baues meldeten?“ ſprach eines Tages Martel zu dem Freunde. — 117 „Ich trage gar kein Verlangen, ſchon jetzt in die Heimat zu kommen!“ antwortete Arthur beſtimmt. „Aber Du mußt Dich ſo wie ſo in nächſter Zeit nach einer neuen Beſchäftigung umſehen, da die bis⸗ herige zu Ende geht, und da wäre es doch ſchön, wenn wir nicht zu weit auseinander placirt würden. Zudem kannſt Du ja immer dem Wohnſitze Deiner Aeltern fern bleiben, auf zehn bis zwanzig Meilen kommſt Du ihnen in Deiner Stellung nicht nahe.“ „Gut, ſo melden wir uns; aber es werden uns wohl ſchon Collegen zuvorgekommen ſein.“ „Nicht doch! Uebrigens laſſe das nur meine Sorge ſein!“ Die betreffenden Geſuche wurden angefertigt und abgeſandt, wonach Arthur nicht mehr ſonderlich an die ganze Angelegenheit dachte. Einige Monate ſpäter erhielt er die Aufforderung, ſich perſönlich bei dem betreffenden Regierungs⸗ und Baurath zu melden, um die nöthigen Anweiſungen behufs Uebernahme der Chauſſee⸗Bauſtrecke zwiſchen A. und G. zu erhalten. Eine ähnliche Aufforderung war an Martel ergangen. Kurze Zeit darauf fungirte Arthur in A. fünfzehn Meilen von ſeiner Heimat, als Bauführer und för⸗ derte die ihm übertragenen Arbeiten mit einem Eifer 118 und einer Umſicht, daß er ſich in wenigen Monaten das volle Vertrauen der ihm vorgeſetzten Behörde er⸗ warb. Unermüdlich controlirte er die in Angriff ge⸗ nommene Strecke, ſchloß die vortheilhafteſten Verträge ab, ſeine Berichte und Nachweiſungen zeigten von einer Pünktlichkeit und Ordnungsliebe, die Zeichnungen waren von einer Deutlichkeit und ſo ſauber gefertigt, daß auch der ſchärfſte Kritiker dem jungen Manne Aner⸗ kennung angedeihen laſſen mußte. Weit eher als ſeine Collegen beendete Arthur den Bau einer ungleich größeren Strecke, erhielt aber ſofort einen neuen Plan zugetheilt, dem er nun ſeine Auf⸗ merkſamkeit widmen mußte. Ueber ein Jahr verbrachte Arthur in dieſer Stel⸗ lung, und noch immer wußten ſeine Aeltern nichts Ge⸗ naues über ihn, wenngleich er ihnen von Zeit zu Zeit mitgetheilt hatte, daß es ihm ſehr gut ergehe und er ſich glücklich fühle. An Adelheid dachte er nur noch wie an eine freundliche Erſcheinung aus längſt ver- gangener Zeit. Da wurde die neue Regelung der Grundſteuer für die öſtlichen Provinzen des Königreichs Preußen ange⸗ ordnet und ſämmtliche Feldmeſſer erhielten die Auffor⸗ derung, geometriſche Arbeiten zu übernehmen. Arthur hatte noch für längere Zeit hinreichende 119 Beſchäftigung, aber ſogleich richtete er ſein Augenmerk auf dies neue Feld, das ſich ſeiner Thätigkeit dar⸗ bot. Die Bauarbeiten nahmen ihren gewöhnlichen Gang, er konnte, ohne ſeine Pflichten als Bauführer zu verletzen, gleichzeitig aus dem abgelegten Feldmeſſer⸗ examen einen Nutzen ziehen, der höchſt gewinnbringend erſchien. Mit Umſicht prüfte er den Gebührentarif für die Feldmeſſerarbeiten, fand, daß derſelbe auch den kühnſten Anforderungen entſpreche, und reiſte ſogleich nach dem Sitze der Regierung, um ſich die Erlaubniß zu erwirken, neben ſeiner bereits amtlichen Stellung eine zweite einzunehmen, und gleichzeitig von dem Be⸗ zirkscommiſſar die Uebertragung von geometriſchen Arbeiten zu erbitten. Die Achtung, in welcher Soren bei der ſtand, unterſtützte ſein Geſuch, zudem ſollte die Grund⸗ ſteuerregelung nach Möglichkeit gefördert werden; Arthur erhielt die gewünſchte Erlaubniß und eine Anzahl Ge⸗ markungen zur Ausführung von Neumeſſungen zuge⸗ theilt, die alle ſeine Erwartungen übertrafen. Jetzt konnte er wieder einmal ſeine volle Thätigkeit zur Geltung bringen. Seine nächſte Aufgabe war, ſich ein Dutzend junger Leute zu engagiren, die größ⸗ tentheils von der Feldmeßkunſt zwar keinen Begriff hatten, aber Intelligenz genug beſaßen, das praktiſche ————————————— 120 Vermeſſen und Aufnehmen einer Flur in kürzeſter Zeit zu erlernen. Die Contracte, die er mit dieſen Leuten abſchloß, waren für beide Theile von der günſtigſten Art; die Arbeiter verdienten wohl das Dreifache ihrer bis⸗ herigen Einnahme, wenn ſie Fleiß und Umſicht zeigten, und der Bauführer erzielte in dieſem Falle einen kaum glaublichen Ueberſchuß. In Zeit von vierzehn Tagen waren acht der Eleven im Stande, den an ſie geſtell⸗ ten Anforderungen zu genügen, die andern wurden einſtweilen noch mit dem Copiren von Karten beſchäf⸗ tigt. Nun verſchrieb ſich Soren aus den Kataſter⸗ bureaux vom Rhein zwei tüchtige Feldmeſſergehülfen und verwendete dieſe lediglich zum Kartiren der von den Eleven gemachten Aufnahmen. Nach Verlauf eines Monats beſchäftigte Soren vierzehn Zeichner und Vermeſſungsgehülfen mit Grundſteuerregelungsarbeiten. Er ſelber gönnte ſich kaum Zeit zur nöthigen Ruhe, früh und ſpät war er ununterbrochen thätig, ordnete überall an und controlirte die ausgeführten Arbeiten, verbeſſerte und ergänzte kleine Lücken und feuerte ſeine Leute zu gleicher Thätigkeit an.„Zeit iſt Geld!“ rief er ihnen zu, wenn eine Ermahnung nöthig wurde, und bald hatten ſich alle daran gewöhnt, ihren Chef als Muſter zu betrachten. Hierbei durfte Arthur aber auch die Förderung des 12¹ Chauſſeebaues nicht außer Acht laſſen. Einen großen Theil ſeiner Zeit nahmen die kleinen Reiſen in An⸗ ſpruch, die er faſt täglich zu machen hatte, aber den⸗ noch ließ er ſich in keiner Weiſe eine Vernachläſſigung zu Schulden kommen oder gab eine Arbeit ab, die er nicht aufs genaueſte controlirt hatte, bis er ſich Ueber⸗ zeugung verſchafft, welchen ſeiner Gehülfen er unbe⸗ dingt vertrauen durfte. In wenigen Monaten hatte der einſt ſo unbemit⸗ telte Mann ein kleines Kapital disponibel, und ſeine Einnahmen nahmen immer mehr zu, da die von ihm beſchäftigten Menſchen täglich mehr leiſteten. Das Städtchen, welches dem Bauführer als Wohn⸗ ort angewieſen war, bot an geſelligen Zerſtreuungen faſt gar nichts, Arthur ließ ſich aber auch keine Zeit, irgendwelche Vergnügungen aufzuſuchen, die Arbeit allein war ſeine Luſt, denn dieſe ſollte ihn an das langerſehnte Ziel führen. Schnell flohen ein paar Jahre dahin. Arthur be⸗ merkte es kaum, wie die Zeit an ihm vorüberrann, und als nun die Chauſſeebau⸗Arbeiten beendigt waren, die Grundſteuer⸗Veranlagung keine bedeutende Einnah⸗ men mehr bot, da kehrte er nach Berlin zurück, um das letzte Staatsexamen zu machen; er hatte durch ſeine Arbeiten ein Kapital von ſechstauſend Tha⸗ —————————————————— 122 lern erworben und dieſe Summe durch den vortheil⸗ haften Ankauf von Actien noch bedeutend erhöht. „Du biſt ein wahrer Geizhals“, ſprach Martel zu ihm, als er dieſem mittheilte, was er in Pommern er⸗ übrigt habe.„Ich gehe gerade ſo fort, wie ich herge⸗ kommen bin, aber ich habe auch des Lebens Freuden genoſſen, während Du allen Genüſſen fern bleibſt und vor der Zeit Deine Kräfte aufreibſt.“ „Urtheile nicht vorſchnell über mich“, entgegnete Arthur;„jetzt noch das Examen, dann trete ich in Deine Fußtapfen, darauf kannſt Du Dich verlaſſen, denn Du irrſt vollſtändig, wenn Du glaubſt, daß nur die Luſt am Gelderwerb mich allen Vergnügungen fern gehalten und der Arbeit in die Arme geworfen hat. Jetzt kann ich hoffentlich in kurzem ausruhen und das ſoll geſchehen!“ „Nun, ich bin neugierig auf Deine Wandlung“ lachte Martel. An einem ſonnigen Nachmittag reiſte Arthur von ſeinem Stationsorte ab, um ſich nach Berlin zum Exa⸗ men zu begeben. Während des ganzen Tages und der folgenden Nacht fuhr er im Poſtwagen dahin, und als die neue Sonne eben im Begriff war, dem Meere zu entſteigen, befand er ſich auf dem Cösliner Bahnhofe. Ein wenig fröſtelnd, begab er ſich in den Warte⸗ 123 ſaal, um eine Taſſe heißen Kaffee zu beſtellen; aber zu ſeinem Staunen ſagte ihm einer der beſchäftigten Poſt⸗ beamten, daß er ſich wohl noch längere Zeit werde gedulden müſſen, ehe ſich das Dienſtperſonal des Bahn⸗ hofsreſtaurateurs bequeme, das Bett zu verlaſſen und ſeinen Wünſchen zu entſprechen. Unmuthig trat der Bauführer ins Freie und ging langſam vor dem Gebäude auf und ab, jeden Augen⸗ blick erwartend, daß auf ſein mehrfaches Klingeln Je⸗ mand erſcheinen werde. Da kam die Poſt von Stolpe an. Arthur blieb ſtehen und muſterte die ausſteigenden Reiſenden. Plötz⸗ lich erbleichte er und ein leiſes Zittern bemächtigte ſich ſeines Körpers; er war ſo verwirrt, daß er nicht ge⸗ wahrte, wie ein Herr neben ihm ſtehen blieb und eine Frage an ihn richtete. Die Erregung des Bauführers hatte einen ſehr na⸗ türlichen Grund. Vor ihm aus dem Wagen war eine junge Dame von etwa ſechzehn Jahren geſtiegen, die er im erſten Augenblicke für ſeine Jugendgeliebte Adel⸗ heid von Wüſtenbrink gehalten. Eine auffallendere Aehnlichkeit war Arthur noch nicht begegnet; aber als er nun immer wieder zu der reizenden Erſcheinung hinüberblickte, da wurde ihm doch endlich klar, daß er ſich vollſtändig im Irrthum befinde. Adelheid mußte 124 jetzt fünfundzwanzig Jahre alt ſein, denn über ſieben Jahre waren vergangen, daß er ſie nicht geſehen; unmöglich konnten ihre Züge noch ſo ganz den Stem⸗ pel der eben erblühenden Jungfrau tragen, wie die der fremden Dame. Und als dieſe an ihm vorüberhüpfte, überzeugte er ſich immer mehr, daß er ſich geirrt. Die Fremde war noch ſchöner als Adelheid, ihr nuß⸗ braunes Haar, in wallenden Locken getragen, erſchien ein wenig dunkler, das blaue Auge blickte nicht ſo ſinnend, aber mit einer himmliſchen Reinheit um ſich, und der kleine Mund kräuſelte ſich zum ſchalkhaften Lächeln, während Adelheid immer ernſt erſchien; die zarten Körperformen des Fräuleins begründeten hin⸗ länglich die Annahme, daß ſie kaum das ſechzehnte Lebensjahr überſchritten haben könne. Aber trotzdem war die Aehnlichkeit im erſten Augenblick völlig täu⸗ ſchend geweſen. Arthur, der während der letzten ſieben Jahre faſt keiner Dame in das Auge geſchaut hatte, folgte der Fremden nun auf dem Fuße in das Wartezimmer zweiter Klaſſe. Erſt jetzt gewahrte er an ihrer Seite einen alten Herrn mit höchſt jovialem Geſichtsausdruck, der ihm völlig unbekannt war, aber wohl in nahen Beziehungen zu der lieblichen Erſcheinung ſtehen mußte, denn ſie plauderten ſehr vertraulich mit einander. 125 Die übrigen Reiſenden waren im Warteſaal dritter Klaſſe geblieben. „Ich werde hingehen und Kaffee für uns beſtellen, liebe Alice“, ſprach eben der alte Herr zu der jungen Dame, als Arthur ſich in einiger Entfernung von ihnen niederließ. „Den Gang können Sie ſich ſparen ich habe ſchon zehnmal geklingelt, doch vergeblich“ erlaubte ſich Arthur anzuführen. „Das iſt ja unerhört!“ erwiderte die mit dem Namen Alice bezeichnete junge Dame mit einer ſo glockenreinen Stimme, daß dem Bauführer jeder Ton zum Herzen drang. „In der Regel iſt hier bis ſpät in die Nacht Geſell⸗ ſchaft, und da müſſen dann die Paſſagiere des Mor⸗ gens geduldig warten, bis die ermüdeten Leute aus⸗ geſchlafen haben“ ſprach Arthur lächelnd.„Ich werde indeſſen nochmals mein Glück verſuchen.“ Arthur trat wieder in den angrenzenden Saal und klingelte. Diesmal war ſeine Bemühung nicht ohne Erfolg; ein Mädchen erſchien und fragte nach ſeinen Wünſchen. Arthur beſtellte Kaffee für ſich und ſchickte ſie dann zu den Fremden. Als er in das Wartezimmer zurückkehrte, dankte ihm 126 der alte Herr mit einigen verbindlichen Worten für ſeine Aufmerkſamkeit. Bald war ein lebhaftes Geſpräch im Gange; der Herr gab ſich als den geheimen Regierungsrath von Luſius aus Danzig zu erkennen und ſtellte die junge Dame als ſeine Nichte vor. Arthur erzählte den Zweck ſeiner Reiſe, nachdem er ebenfalls ſeinen Namen genannt. „Das iſt ja prächtig, da können wir bis Berlin zu⸗ ſammen reiſen“, erwiderte der Regierungsrath in freund⸗ lichem Tone. Der Kaffee wurde gebracht und unter heiterem Ge⸗ plauder getrunken; die Herrſchaften hatten ſich an einem Tiſch gruppirt. Alice langte einige Kuchenſchnitte her⸗ vor und präſentirte ſie ihrem Oheim. Arthur beſtellte ſich eine Butterſemmel. „Die gibt es noch nicht!“ war die Antwort der Kellnerin. Sogleich bat Alice den Bauführer, von ihrem Ge⸗ bäck zu nehmen, und auch Herr von Luſius nöthigte in artiger Weiſe, zuzulangen. Arthur machte von der Erlaubniß Gebrauch. Nachdem der Käffee eingenommen, ging der ge⸗ heime Rath hinaus, um nach ſeinem Gepäck zu ſehen; Arthur blieb mit der jungen Dame allein. 127 Nur einen Augenblick herrſchte ein befangenes Schweigen, dann fragte Alice:„Wann geht der Zug ab⸗ Herr Bauführer?“ „In einer Stunde, gnädiges Fräulein!“ antwortete Arthur. „Und nicht wahr, Nachmittag ſind wir in Berlin?“ „Nach vier Uhr kommen wir dort an! Sie werden die Tour ohne Aufenthalt zurücklegen?“ „Gewiß! Wir werden in Berlin erwartet!“ „Da ſind Sie glücklicher als ich; wo ich auch hin⸗ komme, mich erwartet Niemand!“ „Wir wollen uns einige Tage in Berlin aufhalten und dann nach der ſächſiſchen Schweiz reiſen.“ „Dorthin gedenke auch ich einen Abſtecher zu machen, nachdem ich mein Examen beſtanden“ antwortete Arthur, von dem Wunſche beſeelt, die junge Dame ſpäter wieder zu treffen. „Das iſt ja herrlich! Vielleicht finden wir uns dann in Sachſen wieder“ rief Alice lebhaft. Arthur's Herz pochte ſtärker, als es ſeit lange ge⸗ ſchlagen. Das ganze Benehmen des Fräuleins erin⸗ nerte ihn unwillkürlich immer wieder an Adelheid; aber er empfand dabei nur das Glück einer neu auf⸗ keimenden Liebe zu einem Weſen, das dieſer ſo ähnlich war; ſeine Jugendliebe erfüllte ihn mit keinem Weh mehr. Der Wiedereintritt des Regierungsrathes gab dem Geſpräch eine andere Wendung; er zeigte ſich auch jetzt freundlich und wohlwollend gegen Arthur. Ein längeres Warten auf dem Bahnhofe verurſacht in der Regel keine angenehmen Empfindungen; Herr von Luſius äußerte bald eine lebhafte Ungeduld, aber Arthur und Alice theilten dieſes Unbehagen durchaus nicht, ſie plauderten in der fröhlichſten Weiſe, und end⸗ lich machte die junge Dame den Vorſchlag, den ſchönen Morgen im Freien zuzubringen. „Es iſt noch kühl draußen, Du wirſt Dich erkälten, namentlich da Du die ganze Nacht nicht geſchlafen haſt“, mahnte der Oheim. „O, ich bin ſo munter, als wenn ich eben erſt mein Schlafzimmer verlaſſen hätte, und gegen die Kühle bin ich geſchützt“, entgegnete Alice.„Willſt Du mich be⸗ gleiten, lieber Onkel?“ „Ich werde mich lieber ein wenig in der Sophaecke ausruhen“, meinte Herr von Luſius, den erwähnten Platz einnehmend. „Aber wie iſt es mit Ihnen? Sie ſind doch nicht müde, Herr Bauführer?“ fragte Alice, ſich lächelnd an Arthur wendend. „Nicht im geringſten, und wenn Ihnen meine Ge⸗ ſellſchaft nicht läſtig erſcheint, gnädiges Fräulein, ſo 129 erlaube ich mir, Ihnen dieſelbe anzubieten“, antwortete Arthur, leicht erröthend. „Sie haben es mit einem verzogenen Kinde zu thun, Herr Soren“ ſprach der Regierungsrath ſchläfrig. „Gehen Sie nur mit, ſonſt erzürnen Sie den kleinen Eigenſinn.“ „Aber, Oheim, in welches Licht ſtellſt Du mich!“ proteſtirte Alice ſchmollend und doch anmuthig lächelnd. „Schon gut, geh nur!“ erwiderte der Regierungs⸗ rath. Alice wanderte an der Seite Arthur's zum Zimmer hinaus ins Freie. Der Bauführer hatte ſich früher als Offizier recht oft in der Geſellſchaft liebenswürdiger Damen be⸗ funden, und wenn er auch ſeit ſieben Jahren jeden derartigen Umgang geflohen, ſo fehlte ihm doch keines⸗ wegs die Sicherheit im Auftreten, die den Mann aus den höhern Kreiſen ſo leicht kennzeichnet und dem ſchönen Geſchlechte Achtung abnöthigt. Er war mit ſich ſelber nicht recht einig, ob er die Worte des Regie⸗ rungsraths, ſeine Nichte ſei ein verzogenes Kind, als richtig betrachten ſolle oder nicht. Alice legte ein Ver⸗ trauen und eine Ungezwungenheit gegen ihn, den ihr völlig Fremden, an den Tag, ihr ganzes Weſen drückte Steffens, Ein Wechſel. I. 9 130 eine ſolche ſorgloſe Heiterkeit ohne jeden launiſchen Anflug aus, daß er glauben mußte, kein egoiſtiſcher Gedanke und kein Hang zur Herrſchſucht könne in dem reizenden Köpfchen Platz finden; andererſeits ſchien die Behauptung des alten Herrn im vollen Ernſt ausge⸗ ſprochen zu ſein. „Finden Sie es hier draußen nicht auch ſchöner als in dem Zimmer, Herr Bauführer?“ fragte Alice an⸗ muthig, als ſie auf dem Perron langſam hin und her ſpazierten. „Ich ſtimme Ihrer Meinung aus vollem Herzen bei“, entgegnete Arthur verbindlich. k „Der Oheim iſt müde, denn wir ſind die ganze Nacht gefahren, ohne daß er ſchlafen konnte; deshalb wird es ihm ganz angenehm ſein, ein Stündchen allein zubringen zu können. Ich möchte währendeſſen gar zu gern die Stadt ein wenig in Augenſchein nehmen“, fuhr die junge Dame in heiterem Tone fort. „Dieſen Wunſch können Sie leicht befriedigen; wir haben bis zum Abgange des Zuges hinreichend Zeit, uns etwas umzuſehen; aber ich fürchte, Sie werden ermüden, denn jedenfalls haben Sie ebenfalls nicht ge⸗ ſchlafen“, erwiderte Arthur lebhaft. „O, das thut nichts, ich fühle mich ganz wohl, und wenn es Ihnen beliebt, wandern wir immer ein wenig 131 in den Straßen umher. Sie lächeln, gewiß denken Sie an die Beſchuldigung des Oheims.“ „Nein, gnädiges Fräulein, ich wunderte mich, daß Sie nicht befürchten, Ihren Herrn Onkel um ſich be⸗ ſorgt zu machen, wenn Sie ſich ſo weit von ihm ent⸗ fernen.“ „Er weiß mich ja unter Ihrem Schutz!“ antwortete Alice naiv. Arthur verbeugte ſich und ſchritt an der Seite der jungen lebensfrohen Dame weiter. Der Cösliner Bahnhof liegt in unmittelbarer Nähe der Stadt; bald befanden ſich die jungen Leute in der Bahnhofſtraße. Sie wanderten weiter, über den Marktplatz bis zur Promenade, die ſich an der einen Seite der Stadt hinzieht, dabei eine lebhafte Unter⸗ haltung führend. Plötzlich ſchrak Arthur zuſammen; er zog die Uhr hervor, warf einen Blick darauf und rief verſtört: „Mein Gott, wir können den Bahnhof nicht mehr bis zum Abgang des Zuges erreichen; o ich unbeſonnener Menſch, daß ich mich ſo ganz in das Geſpräch ver⸗ tiefte, ohne an die Zeit zu denken.“ Alice lachte hell auf und fragte:„Müſſen Sie denn durchaus um vier Uhr in Berlin ſein?“ „Nein, ich nicht, aber Sie! Was wird Ihr Herr 9* Oheim denken, daß wir nicht wiederkommen; er muß mich verachten.“ „O deshalb ſeien Sie außer Sorgen, überlaſſen Sie nur mir, ihn zu beruhigen; ich nehme alle Schuld auf mich, und ich habe ſie ja auch in Wirklichkeit. Aber ſollte es denn nicht möglich ſein, noch zur rechten Zeit auf dem Bahnhofe anzukommen?“ ſprach Alice völlig heiter und ſorglos. „Für Sie unmöglich, gnädiges Fräulein!“ ent⸗ gegnete Arthur. „Nicht doch, ich kann ſehr ſchnell gehen; kommen Sie nur, Herr Bauführer“ rief Alice und eilte zurück. Die junge Dame flog mit einer Leichtigkeit dahin, daß Arthur kaum im Schritt zu folgen vermochte. Unaufhaltſam ging es durch die Straßen der Stadt zurück, Alice blickte dabei zuweilen ſchelmiſch lächelnd den Bauführer an und fragte muthwillig—„Ermüden Sie auch?“ Arthur's Heiterkeit war zurückgekehrt; er hoffte, noch rechtzeitig das Ziel der Wanderung zu erreichen. Eben hatten die Eilenden das Ende der Stadt er⸗ reicht, als ſie die Locomotive mit dem Wagenzuge ſchon vor dem Bahnhofsgebäude erblickten. Jetzt ſchien Alice ermattet; ſie legte ihren Arm in den Arthurs und bat ihn ſie zu führen. 133 Der Bauführer kam der Bitte zuvorkommend nach, Arm in Arm langten ſie auf dem Perron an. Der Regierungsrath lief in größter Beſtürzung an den Wagen hin und her, als er plötzlich die Ankom⸗ menden erblickte. Mit einer verdrießlichen Miene ſtürzte er auf ſeine Nichte zu.„Wo biſt Du nur geweſen, Du Wildfang? Man darf Dich doch keinen Augenblick aus den Augen laſſen!“ rief er halb gutmüthig, halb zürnend. „Wir haben uns die Stadt beſehen; unterwegs er⸗ müdete ich, da glaubte ich denn, daß es gleichgültig ſei, ob wir mit dieſem oder mit dem nächſten Zuge weiter reiſten“ antwortete Alice, die Hand des Oheims ergreifend.„Biſt Du böſe?“ fragte ſie dann, dem alten Herrn tief ins Auge blickend. „Eigentlich ſollte ich wohl zürnen“, ſprach der Oheim, ſchon wieder beſänftigt.„Herr Bauführer, löſen Sie ſchnell ein Billet, ſonſt kommen Sie nicht mehr mit“ wandte er ſich an dieſen. Arthur eilte fort und kehrte nach wenig Minuten mit dem Billet und Gepäckſchein in der Hand zurück. „Ich habe um Verzeihung zu bitten, Herr Ge⸗ heimrath“, begann jetzt Arthur,„daß ich Ihre Fräu⸗ lein Nichte nicht früher zurückgeführt.“ „Sie hat mir ſchon Ihre Beſorgniß geſchildert, und ich weiß nur zu gut, daß ſie die allein Schuldige iſt; ich ſagte Ihnen ja vorher, mit wem Sie es zu thun hätten“ entgegnete der Rath. Die Herrſchaften ſtiegen ein, das Zeichen zur Ab⸗ fahrt wurde gegeben, und die Locomotive mit dem Wagenzuge brauſte dahin. Herr von Luſius hatte ſich ſeiner Nichte gegenüber geſetzt, während Arthur an ihrer Seite Platz genommen. Der alte Herr war längſt wieder vollſtändig ver⸗ ſöhnt, er begann recht munter zu plaudern, und Alice ſorgte dafür, daß das Geſpräch keinen Augenblick ins Stocken gerieth. Arthur fühlte ſich entzückt von der Liebenswürdig⸗ keit der jungen Dame, er dachte mit einer geheimen Beängſtigung an die nahe bevorſtehende Trennung. Kurz vor Mittag erreichten die Reiſenden Stettin. Auf den letzten Stationen waren noch einige neue Paſſagiere eingeſtiegen; unter dieſen befand ſich ein junger Mann, der in einer Weiſe affectirte, daß Alice in ihrer frohen Laune nicht umhin konnte, einige muthwillige Bemerkungen gegen ihren Nachbar zu machen. Das Verhältniß zwiſchen den jungen Leuten wurde hierdurch immer vertraulicher, und der Regie⸗ rungsrath ſchien ſich über die Heiterkeit ſeiner Richte ganz beſonders zu freuen; er ſchenkte ſowohl dieſer als * dem Bauführer manch freundliches Wort und heiteres Lächeln. „Hier wollen wir in aller Eile zu Mittag ſpeiſen“, ſprach Herr von Luſius zu Alice, als ſie in dem Warte⸗ ſaal des Stettiner Bahnhofs angekommen waren. Auch jetzt wich Arthur nicht von der Seite der jun en Dame, und dieſe ſchien die Begleitung ganz in der Ordnung zu finden. Alle drei nahmen an der gedeckten Tafel Platz. Während des Eſſens und Kaffeetrinkens verſtrich eine halbe Stunde, von neuem wurde das Signal zur Weiterfahrt gegeben. Unſere Paſſagiere beeilten ſich nicht zu ſehr mit dem Aufſuchen der Plätze; ſie langten in einem Coupé an, als die Schaffner ſchon mit dem Schließen der Thüren beſchäftigt waren. „Wo haſt Du denn die Geldtaſche?“ fragte jetzt der geheime Rath. „Im Warteſaal!“ erwiderte Alice zuſammenſchreckend. „Nun, da wird ſie gewiß auf Dich warten; ich 5 wette, daß ſie fort iſt!“ brummte der Rath ärgerlich. Arthur ſprang ſchleunig auf den Perron und ar⸗ beitete ſich durch das dichte Menſchengewühl nach dem Empfangszimmer zurück. Da wurde das Signal zur Abfahrt gegeben. * „Himmel Element!“ rief der Regierungsrath,„das fehlt noch; nun bleibt der Bauführer gar zurück.“ Alice blickte zum Fenſter hinaus, ein langer Seufzer entfloh ihrer Bruſt. Galt dieſer der Geldtaſche oder dem intereſſanten Bauführer? Doch, o Wonne, da kam er eilig dahergprun die kleine Taſche in der Hand haltend. Aber bereits ſetzte ſich der Zug in Bewegung. Alice ſtieß einen lauten Angſtruf hervor. Vielleicht ſah ein höherer Bahnbeamter die große Angſt in den Zügen der jungen Dame ausgeprägt, und er fühlte ſich wohl davon ergriffen, denn ſchnell öffnete er die Thür, ſchob den Bauführer hinein, und fort flog die Wagenreihe. Arthur mußte jetzt wohl in dem Antlitz des Engels an ſeiner Seite mehr als das Glück über die wieder⸗ erlangte Geldtaſche leſen, denn ein wonniges Gefühl zog in ſein Herz ein. „Meinen herzlichſten Dank!“ ſprach der geheime Rath, dem Bauführer die Hand reichend.„Sie ſehen jetzt wohl, was man mit ſolchen Begleiterinnen für Noth auszuſtehen hat“, ſetzte er, auf Alice deutend, hinzu. „O wie freue ich mich, daß Sie mich von weitern Vor⸗ würfen befreit haben“ flüſterte dieſe erröthend. „ . 137 „Ich würde mein Leben daran ſetzen, Ihnen eine unangenehme Minute zu erſparen, gnädiges Fräulein“, betheuerte Arthur in leiſem, aber herzlichem Ton. „Aber es fehlte nicht viel, ſo hätten Sie zurückbleiben müſſen“ entgegnete Alice ſehr ernſthaft. „Nicht doch, ich hätte Alles gewagt, um wieder an Ihre Seite zu gelangen“ flüſterte Arthur begeiſtert. „O wir hätten auch auf der nächſten Station ge⸗ wartet“ antwortete Alice beſtimmt. „Ich freue mich, daß dies nicht nöthig geworden, denn ich ſchätze jede Minute Ihrer lieben Geſellſchaft zu hoch, als daß ich dieſe verkürzt haben möchte“ verſicherte Arthur. Der geheime Regierungsrath war ſeit langem daran gewöhnt, nach Tiſche ein Mittagsſchläfchen zu halten; an dieſem Tage aber ſtellte ſich das Bedürfniß mit un⸗ widerſtehlicher Gewalt ein, da er die Nacht wach ge⸗ blieben war. Vergeblich ſuchte er anfangs das öftere Zufallen der Augen zu verbergen, bald war alle An⸗ ſtrengung vergebens, er entſchlief ſanft und feſt. „Der Oheim ſchlummert“ bemerkte Alice lächelnd. „Das wundert mich nicht; nach einer durchwachten Nacht findet ſich der Schlaf unwillkürlich“, antwortete Arthur in leiſem Ton, um den alten Herrn nicht zu ſtören. „Nicht bei Jedem“ proteſtirte Alice.„Ich bin doch auch die Nacht gefahren und ſchlafe ſonſt ſehr gern, aber heute fühle ich auch nicht das geringſte Brdüfüi die Augen zu ſchließen.“ ℳ „Sie werden, in Berlin angekommen, gewiß das Ver⸗ ſäumte nachholen“, meinte Arthur, dem Geſpräch eine Wendung gebend, die es ihm möglich machte, etwas Näheres über den Aufenthalt ſeiner Nachbarin in Berlin in Erfahrung zu bringen. „O nein“, rief Alice,„das iſt ganz unmöglich! Wir werden ſchon auf dem Bahnhofe von einer uns be⸗ freundeten Familie in Empfang genommen, ein paar Geſpielinnen aus meiner Kinderzeit erwarten mich, da behalte ich ſicher nicht viel Zeit zum Schlafen.“ „Es iſt ein ſchöner Gedanke, ſich erwartet zu wiſſen; obgleich ich während dreier Jahre ununterbrochen in Berlin gelebt, habe ich dort doch Niemand, der ſich nach mir ſehnt“ ſprach Arthur. „Was fangen Sie denn mit Ihrer freien Zeit an?“ fragte Alice. „Diesmal werde ich ſo viel als möglich meinen Aufenthalt in Berlin benutzen, Vergnügungsorte zu be⸗ ſuchen“ antwortete Arthur. „Aber ohne Bekannte kann das nur den halben Ge⸗ nuß gewähren“ meinte Alice.„Auch ich hoffe diesmal * 139 recht viel zu ſehen; noch heute möchte ich einen kleinen Ausflug machen, doch das wird ſich nicht gut thun laſſen; aber morgen Nachmittag fahren wir ſicher nach dem zoologiſchen und botaniſchen Garten und von dort ins Theater.“ „Vielleicht habe ich das Glück, Ihnen zu begegnen, gnädiges Fräulein.“ „Das wäre allerliebſt. Werden Sie auch nach dem zoologiſchen Garten kommen, Herr Bauführer?“ „Jedenfalls ſuche ich ihn morgen Nachmittag auf, ſobald meine Zeit dies erlaubt; ich weile dort gern.“ Alice erröthete und ſprach:„Wenn mein Wille zur Geltung kommt, ſo fahren wir gegen fünf Uhr von Hauſe fort.“ Arthur fühlte ſich hochbeglückt durch dieſen Finger⸗ zeig, er nahm ſich feſt vor, den ganzen nächſten Nach⸗ mittag am Eingange des zoologiſchen Gartens zu harren⸗ Inzwiſchen eilte die Locomotive mit dem Wagenzug von Station zu Station. Der Regierungsrath ſchlief noch immer recht feſt, aber Arthur wurde jetzt von Minute zu Minute trauriger geſtimmt, ihm bangte vor der nahen Trennung. Alice ſah nach ihrer kleinen Uhr.„Mein Gott, ſchon in einer Stunde müſſen wir Berlin erreichen“, ſrat ſie ſeufzend. 140 „Und iſt Ihnen das nicht angenehm, gnädiges Fräu⸗ lein?“fragte Arthur mit zitternder Stimme.„Ich glaubte, Sie trügen große Sehnſucht nach Ihren Freundinnen im Herzen“ ſetzte er hinzu, indem er die junge Dame mit einem ſeelenvollen Blick anſah. „O mir iſt die Zeit ſo ſchnell dahingeflogen, daß ich gar nicht daran dachte, wir könnten dem Ziele unſerer Reiſe ſchon ſo nahe ſein. Freilich freue ich mich auf das Wiederſehen, das mir bevorſteht“, erwiderte Alice, ihre Geſichtszüge verriethen aber bei dieſen Worten, daß ſie glücklicher ſei, wenn die Fahrt noch recht lange währe. Mehrmals hatte der Bauführer ſeine Nachbarin ſchon überraſcht, daß ſie ihm aufmerkſam ins Antlitz ſchaute, wenn er einen Augenblick ſein Auge von ihr gewandt hatte. Jedesmal war ſie dann leicht erröthet und hatte den Blick geſenkt. Auch jetzt ſah er plötzlich auf, ihre Augen begegneten ſich, aber Alice wandte das ihre nicht ſogleich ab, mehrere Sekunden ſchauten ſie einander ſtumm an, ohne ein Wort zu ſprechen. So ein ſtummer Blick iſt meiſt beredter als alle Be⸗ theuerungen. Als die junge Dame ſchüchtern und be⸗ fangen ihr Köpfchen ſenkte, zitterte ganz leiſe, vielleicht nicht einmal vernehmbar, der Name„Alice“ über die Lippen des Bauführers. 141 Plötzlich erwachte der geheime Rath, blickte freund⸗ lich um ſich und ſprach:„Ich wäre beinahe eingeſchlafen; das ewige Fahren ermüdet doch.“ „Wir ſind bald in Berlin, lieber Onkel“ rief Alice. Der Oheim ſah nach der Uhr, lächelte und ent⸗ gegnete freundlich:„Wahrhaftig, ich muß doch wohl ein wenig geſchlafen haben.“ „Ja, und das recht ſchön“ betheuerte ſeine Nichte. Von jetzt ab nahm der Regierungsrath die Auf⸗ merkſamkeit des Bauführers viel in Anſpruch, ſodaß ein unbeobachtetes Zwiegeſpräch zwiſchen dieſem und Alice nicht mehr gut ſtattfinden konnte. Deſſenunge⸗ achtet fühlte er ſich wonnig erregt, er glaubte, daß es ihm gelingen werde, das Herz des Engels an ſeiner Seite ſich zu erringen. Berlin war erreicht. Auf dem Bahnhofe wimmelte es von Menſchen; der geheime Rath blickte neugierig zum Fenſter hinaus, um die Familie zu erſpähen, die ihn zu erwarten verſprochen hatte. Alice befand ſich in ſichtlicher Erregung; mehrmals erhob ſie das Auge zu ihrem Nachbar, um es ſogleich wieder abzuwenden, aber dieſem entging es nicht, daß der bevorſtehende Abſchied ihr ſchwer wurde. Da wurde die Thür des Coupés geöffnet, gleich darauf trat ein ältlicher Herr, begleitet von zwei jungen Damen, herzu, der Regierungsrath wurde umarmt und Alice gleichſam aus dem Wagen gezogen. Es erfolgte eine Freudenſcene des Wiederſehens. Arthur ergriff währenddeß ſeine Reiſetaſche und be⸗ trat ebenfalls den Perron. Jetzt gewahrte ihn Herr von Luſius, richtete einige verbindliche Worte an ihn und verabſchiedete ſich. Alice hing an dem Arme einer Freundin, ſie machte ſich los, trat auf Arthur zu und dankte herzlich für die ihr geleiſteten Dienſte, dann flüſterte ſie ein:„Leben Sie wohl, Herr Bauführer!“ Wenige Sekunden ſpäter ſah ſich Arthur umwogt von nur fremden Menſchen.* Mit ſchwerem Herzen ließ der junge Mann ſein Gepäck nach einer Droſchke befördern, ſetzte ſich ſelber in dieſelbe und fuhr dem Hotel zu, das ihn für die Dauer ſeines Aufenthalts in Berlin beherbergen ſollte. Der Abſchied von dem lieblichen Weſen, das ihn ſo ganz an ſich gefeſſelt, all ſeinem Fühlen und Empfinden plötzlich eine ganz neue Richtung gegeben, war ihm viel zu kalt und fremd erſchienen, er hätte noch ſo un⸗ endlich viel zu ſagen gehabt, und jetzt war ſie ver⸗ ſchwunden, vielleicht auf ewig. Aber welche Freude! Als er an einem ſtattlichen Fuhr⸗ werk vorbeifuhr, ſaß Alice darin an der Seite ihrer Freun⸗ 143 dinnen. Sie beugte ſich vor und ſchenkte ihm ein ſo glück⸗ 2 liches Lächeln, begleitet von einem lieblichen Erröthen, daß er von neuer Hoffnung belebt wurde. Ehrerbietig zog er den Hut, verbeugte ſich tief, und der Wagen rollte weiter. Den Reſt des Tages verbrachte Arthur einſam auf ſeinem Zimmer. Er war ermüdet von der langen Reiſe und bedurfte der Ruhe, um neue Kräfte für den folgenden Vormittag zu ſammeln, an welchem er einige Beſuche behufs Ablegung des letzten Examens zu machen hatte, dann aber hätte er ſich jetzt auch, ganz von dem Bilde Alicens bezaubert, in keiner Geſellſchaft behaglich gefühlt. Der neue Morgen kam und fand den Bauführer noch im ſanften Schlummer; die Sonne ſtand ſchon hoch am Himmel, als er endlich erwachte. Frohen Muthes kleidete er ſich mit vieler Sorgfalt an, ver⸗ zehrte ſein Frühſtück und machte ſich dann auf den Weg, um ſich bei der Prüfungscommiſſion zu melden. Ueberall wurde er mit Wohlwollen empfangen, ſchon am folgenden Tage ſollte das Examen beginnen, und Arthur ging demſelben mit großer Ruhe ent⸗ gegen: er war ſich bewußt, den an ihn zu ſtellenden Forderungen genügen zu können. Am Nachmittage fuhr er nach dem Thiergarten 144 und ſchlenderte in den Anlagen umher, jeden vorbei⸗ paſſirenden Wagen aufs genaueſte muſternd, damit er die Dame ſeines Herzens nicht verfehle. Endlich wurde es fünf Uhr! Jetzt mußte ſie er⸗ ſcheinen, wenn ſie überhaupt ihr Verſprechen verwirk⸗ lichen konnte und wollte. Langſam trat er an das Häuschen, das am Eingange zum zoologiſchen Garten ſteht, erlegte fünf Silbergroſchen, kaufte das bekannte Buch mit der Beſchreibung der verſchiedenen Thiere für zwei und einen halben Silbergroſchen und blieb noch immer in der Nähe des Eingangs. Etwa eine halbe Stunde hatte er hier gewartet, als ein Wagen im raſchen Trabe dahergefahren kam, in einiger Entfernung hielt und Alice in Beglei⸗ tung zweier junger Damen und ihres Oheims nahte. Arthur gerieth in nicht geringe Verlegenheit; er wollte nicht, daß es den Schein gewinne, als habe er auf ein Rendezvous gewartet, und doch ſchien es ihm unmöglich, daß Herr von Luſius das Zuſammentreffen für ein zufälliges halten könne. Er wagte nicht auf⸗ zublicken, ſondern beſchäftigte ſich ganz mit den Papa⸗ geien, die im Freien nahe am Eingange in hölzernen Reifen ſaßen und ſich ſchaukelten. „Herr Bauführer Soren!“ hörte er mit einem Male dicht hinter ſich ſprechen. —— ——— — 145 Schnell drehte ſich der Genannte um und ſtand vor dem lächelnden geheimen Rath. Ehrerbietig zog er den Hut. Auch die Damen wa⸗ ren herzugekommen, es erfolgte eine allgemeine Be⸗ grüßung, und Herr von Luſius war ſo herablaſſend, den jungen Mann den ihm noch unbekannten Damen vorzuſtellen. „Welch zufälliges Wiederfinden!“ rief Alice, glücklich lächelnd.„Sind Sie ſchon lange hier, Herr Bauführer?“ ſetzte ſie fragend hinzu. „Gleich nach Tiſche bin ich aus der Stadt gefah⸗ ren, habe aber lange auf den Promenaden geweilt und kam ſo eben hier an“ erwiderte Arthur freudig erregt. „Nun, da begleiten Sie uns doch gewiß hier auf unſerm Rundgange?“ fragte Alice mit einem bitten⸗ den Blick. „Wenn ich hoffen darf, nicht zu beläſtigen, gebe ich mir gern die Ehre, in der Geſellſchaft der Herrſchaften zu bleiben“ antwortete Arthur, ſeinen Blick über die andern Damen und den geheimen Rath gleiten laſſend. Von allen Seiten wurde Arthur höflich gebeten, ſich der Geſellſchaft anzuſchließen, und er that dies um ſo lieber, als er auf eine derartige Einladung ge⸗ Steffens, Ein Wechſel. I. 146 wartet hatte. Aus den Blicken und dem freund⸗ lichen Benehmen der beiden Freundinnen Alicens glaubte er zu erkennen, daß dieſe bereits mit ihnen von ihm geſprochen habe. Der Nummer nach ſuchte jetzt die Geſellſchaft die Thierbehälter auf, bewunderte hier und da ein Exem⸗ plar längere Zeit, und dabei geſchah es denn auch, daß die Damen ſich zuweilen einige Schritte von einander entfernten. Gern hätte Arthur eine ſolche Gelegenheit benutzt, Alice einige zärtliche Worte zu ſagen, aber er durfte dies nicht wagen, und ſeine Blödigkeit gegen ſie war auch noch zu groß, trotzddem er beſtimmt an⸗ nahm, ſie erwidere ſeine innigen Gefühle und werde ihm für eine Artigkeit nicht zürnen. Die jungen Mädchen befanden ſich alle drei in der heiterſten Stimmung, Alice ſchien ganz glücklich und vom jugendlichen Uebermuth belebt; nur wenn ſie mit Arthur ſprach oder ihn anblickte, nahm ihr Weſen für Augenblicke einen gewiſſen Ernſt an. Einer der Löwen, der größte von allen, hatte ſich lang ausgeſtreckt und ſchien nicht die geringſte Luſt zu haben, ſich zu erheben. Der geheime Rath bedauerte dies, worauf Arthur nahe an den Behälter herantrat und mit ſeinem Stock nach dem Thiere ſtieß. 147 Der Löwe kümmerte ſich anfangs nicht darum, plötzlich aber richtete er ſich empor und blickte den Störer ſo ingrimmig an, daß Alice faſt erſtarrte. Alle Rückſichten vergeſſend, faßte ſie den Bauführer am Arm und bat ſo flehentlich, er ſolle weiter kommen, daß ihre Freundinnen ſich eines Lächelns nicht erwehren konnten. Arthur folgte ſogleich dieſen Bitten und erhielt dafür einen herzlich dankenden Blick aus dem Auge der jungen Dame. Nachdem ſämmtliche Nummern in Augenſchein ge⸗ nommen waren, begab ſich die kleine Geſellſchaft in die Reſtauration und nahm hier das Abendbrod ein; Arthur mußte ſich daran betheiligen, was er ſehr gern that. Während deſſelben fragte der Rath:„Haben Sie ſchon für den Abend Dispoſitionen getroffen, Herr Bauführer?“ „Keine“ erwiderte Arthur erwartungsvoll. „Wir fahren von hier ſogleich ins Theater; wollen Sie ſich mit einem unbequemen Platze auf unſerm Wagen begnügen, ſo iſt mir dies angenehm, und die Damen werden auch keine Einwendungen dagegen er⸗ heben.“ „Wir wiſſen Ihre Geſellſchaft vollkommen zu ſchätzen“, fügte eine der Freundinnen Alicens hinzu, und dieſe ſagte:„Herr Soren kommt mit, nicht wahr? Sie ſagten ja ſchon geſtern, daß Sie das Theater beſuchen wollten.“ 10* 148 Arthur nahm die Einladung dankend an. Der Abend verſtrich dem Bauführer in der an⸗ genehmſten Weiſe. Für die Luſtſpiele, die über die Bühne gingen, hatte er wenig Aufmerkſamkeit, deſto eifriger unterhielt er ſich aber mit ſeiner liebens⸗ würdigen Nachbarin; ein Blick aus ihrem ſeelenvollen Auge war ihm mehr werth als alle Schauſpiele der Erde. Leider konnte ihm Alice auf ſeine mehrfachen An⸗ ſpielungen nicht ſagen, wo er ſie während der nächſten Tage erwarten dürfe; ſie meinte, daß ſie häufig das Theater beſuchen würden, aber etwas Beſtimmtes wußte ſie nicht.„Ich hatte recht viel Noth, meinen Willen durchzuſetzen, um heute nach dem Thiergarten zu kommen“ ſprach ſie bedeutungsvoll;„der Oheim wollte durchaus nicht mit, und wenn ich mir nicht in den Freundinnen Verbündete verſchafft hätte, wäre nichts aus der Partie geworden.“ „Dann wäre ich untröſtlich geweſen, gnädiges Fräulein. Ich kann nicht umhin, Ihnen zu geſtehen, daß ich mich nach unſerer geſtrigen Trennung ſehr unglück⸗ lich fühlte“, wagte Arthur zu antworten. Alice ſenkte das Köpfchen, ein Seufzer entfloh ihrer Bruſt, aber ſie antwortete nicht. „Die Dauer Ihres Aufenthalts hierſelbſt iſt noch 149 unbeſtimmt?“ fragte Arthur ſchüchtern nach einer Weile des Schweigens. „Wir reiſen wahrſcheinlich eher weiter, als wir ur⸗ ſprünglich wollten; der Oheim wartet noch auf eine Benachrichtigung; ſobald dieſe eintrifft, begeben wir uns nach Sachſen; aber beſtimmt iſt noch nichts.“ „Ich würde mir erlauben, Ihnen einen Beſuch zu machen, gnädiges Fräulein, wenn ich hoffen dürfte, an⸗ genehm zu ſein.“ Alice antwortete nicht, aber ſie blickte Arthur mit einem Ausdruck an, der dieſem ſagen mußte, wie gern ſie ſtets in ſeiner Nähe weilen möchte. Nach dem Theater trennte man ſich. Alice hatte kurz vorher einige Worte an ihren Oheim gerichtet, und dieſer ſprach nun beim Abſchiednehmen:„Sollte Ihr Weg Sie einmal durch die Friedrichſtraße führen, Herr Soren, ſo vergeſſen Sie nicht, auf einige Minuten bei uns vorzuſprechen.“ Arthur verſprach, von dieſer Erlaubniß Gebrauch zu machen, ſobald ſeine Zeit das erlaube, richtete noch einen dankenden Blick auf das von Glück ſtrahlende Geſicht Alicens und trat den Heimweg an. Während des folgenden Tages nahm das Examen den Bauführer in Anſpruch, und als er endlich die nöthige Muße fand, an ſeine Privatangelegenheiten zu 150 denken, war es zu ſpät, um dem Regierungsrath und deſſen Nichte ſeine Aufwartung machen zu können; erſt am dritten Vormittage nach der erfolgten Einladung vermochte er die ihm ſo zuvorkommend ertheilte Er⸗ laubniß zu benutzen. Soweit ihn in dieſer Zeit nicht das Examen beſchäftigt hatte, war er beſtändig darauf bedacht geweſen, Alice wiederzufinden. Allenthalben, wo er hoffen durfte, ſie zu treffen, erſchien er, aber ſeine Mühen waren ſelbſtverſtändlich nutzlos, denn Berlin bietet der Vergnügungsorte und Sehenswürdig⸗ keiten zu viele, als daß es ſo leicht wäre, ohne be⸗ ſondere Verabredung daſelbſt einen Menſchen anzu⸗ treffen. Glücklich im Vorgefühl des Wiederſehens betrat Arthur das Haus, welches ihm der Regierungsrath als das ſeines Wirthes bezeichnet hatte. Er wollte ſich eben melden laſſen, da erſchien eine der Freundinnen Alicens, die er in ihrer Geſellſchaft getroffen, in dem Vorzimmer. Die junge Dame erblickte den Bauführer und erwiderte ſeinen Gruß aufs freundlichſte. Arthur wurde für einen Augenblick befangen und fragte in ſeiner Verlegenheit nach dem geheimen Rath von Luſius. „Leider hat uns derſelbe mit ſeiner Nichte ſchon geſtern verlaſſen, Herr Bauführer“, antwortete das —. 8 151 Fräulein. Dabei öffnete ſie eine angrenzende Thür und nöthigte Soren durch eine Verbeugung, näher zu treten. Gegen ſeine Abſicht gelangte Arthur auf dieſe Weiſe in die Geſellſchaft des penſionirten Generals von Rieſe, denn die junge Dame führte ihn zu dem Zimmer ihres Vaters. Obgleich der Bauführer recht freundlich empfangen wurde, fühlte er ſich durch die Nachricht von der Abreiſe Alicens doch zu ſehr niedergeſchmettert, als daß er ſich unter den ihm fern ſtehenden Menſchen hätte wohl fühlen können. Er erfuhr noch, daß Herr von Luſius zunächſt nach Dresden gereiſt ſei, und begab ſich bald wieder auf die Straße und nach der eigenen Wohnung. „Alſo fort“ dachte er bei ſich,„und ohne jede Be⸗ nachrichtigung.“ Erſt jetzt fühlte er, wie theuer ihm Alice bereits geworden; ſein Herz that ihm weh, er war ſo unglücklich, daß er längere Zeit gar nicht mehr an das Examen dachte. Trübe und freudenleer entſchwanden dem Baufüh⸗ rer die nächſten Tage in Berlin; wo er ging und ſtand, ſelbſt bei der Arbeit verließ ihn nicht der Ge⸗ danke an die ſchöne Reiſegefährtin, ein ſtilles marterndes Weh war in ſein Herz gezogen. Endlich konnte er an die Abreiſe denken, er hatte 152 die Ueberzeugung gewonnen, daß er das Examen glän⸗ zend beſtanden. Aber wohin ſollte er ſich nun wenden? Die Kindes⸗ liebe, die er ſo lange Jahre beherrſchen mußte, zog ihn nach Buchberg. Stolz und ſelbſtbewußt hob er den Kopf bei dem Gedanken an den Augenblick in welchem er vor die Aeltern treten könne, um ſie von der vortheil⸗ haften Verwendung der ſieben Jahre zu überzeugen, in denen er ſie nicht geſehen, und um Wiederzuwendung ihrer Liebe zu bitten. Aber waren ſieben Jahre ver⸗ ſtrichen, in denen er ſie nicht geſehen, ſo konnte die Wiedervereinigung auch noch einige Tage hinausgeſchoben werden. Er ſagte ſich, daß er erſt die zweite Sehnſucht ſeines Herzens ſtillen müſſe, wenn er völlig ruhig und glücklich in dem Kreiſe der Seinen erſcheinen wolle. Und dann konnte er bei ſeiner Rückreiſe auch gleich die Beſtätigung als Baumeiſter mitnehmen. Nach Dresden! rief es allgewaltig in ſeinem Innern, und er folgte dieſem Ruf. Einen halben Tag ſpäter, nachdem er dieſen Be⸗ ſchluß gefaßt, befand er ſich in der ſächſiſchen Haupt⸗ und Reſidenzſtadt. Erſt als er einem Hotel zufuhr, fing der Gedanke an, ihn zu bedrücken, daß er nicht einmal wiſſe, wo die, die er ſuchte, ſich einlogirt hätten. Doch das mußte ja 153 leicht zu erfahren ſein, er durfte nur die amtlichen Fremdenmeldebücher nachſchlagen laſſen. Kaum hatte Arthur ſich ein wenig von der Reiſe erholt, als er ſeine Nachforſchungen begann; ein oberer Polizeibeamter leiſtete ihm dabei Hülfe und verſprach, in kurzer Zeit die Wohnung des geheimen Raths Luſius zu ermitteln, falls ſich derſelbe wirklich in Dresden aufhalte. Der Tag verging, aber die erwünſchte Rachricht blieb aus, und am folgenden Morgen erfuhr der jetzt zum Baumeiſter Avancirte, daß die von ihm Geſuchten zwar in der Hauptſtadt anweſend geweſen, dieſelbe jedoch bereits wieder verlaſſen hätten. Jetzt bemächtigte ſich des liebenden Mannes eine große Niedergeſchlagenheit. Wo ſollte er die Geliebte ſuchen, und wo durfte er hoffen, ſie zu finden? Sie hatte von der ſächſiſchen Schweiz geſprochen, vielleicht war ſie noch ganz in der Nähe und kehrte in wenig Tagen nach Dresden zurück. Arthur konnte ſich nicht entſchließen, ſogleich die Reiſe in die Heimat anzu⸗ treten. Lange Jahre war er lediglich der Arbeit er⸗ geben geweſen, hatte unausgeſetzt eine Thätigkeit ent⸗ faltet, die an das Unglaubliche grenzte, und in dieſer Zeit war ſeine Jugendliebe langſam in das Reich der Vergeſſenheit hinübergegangen. Jetzt, da er von ſeinen 154 Mühen ausruhen konnte, hatte er ein Weſen gefunden, das ihn mächtig anzuziehen vermochte, die Erſcheinung Alicens hatte ihn bezaubert, ihr freundlich liebevolles Weſen mußte für ſein ganzes ferneres Leben eine Be⸗ deutung erhalten, und er ſollte ſie ſo ſchnell aufgeben, da er augenblicklich ihre Spur verloren? Das ver⸗ mochte er nicht! In der unglücklichſten Stimmung be⸗ gann er, tagelange Streifereien in die herrliche Gegend Dresdens zu unternehmen, theils um ſich zu zerſtreuen, theils in der Hoffnung, die Geliebte zu finden; aber an jedem Abende kehrte er zurück und erkundigte ſich, ob die von ihm Vermißten wieder in dem von ihnen bewohnten Hotel eingetroffen ſeien. Auch der Stadt ſelber und ihren Sehenswürdigkeiten widmete er einige Aufmerk⸗ ſamkeit, und ſo verſtrich Tag um Tag, aber Alice kehrte nicht zurück. Endlich durfte er nicht länger in der Hauptſtadt Sachſens verweilen, denn er wartete auf die Ueber⸗ tragung eines ihm in Ausſicht geſtellten amtlichen Commiſſoriums in Preußen. Faſt verzweifelnd begab er ſich auf die Heimreiſe und kam in Leipzig an, wo er noch einen Tag zubringen wollte, um auch dieſe Stadt genauer kennen zu lernen. Vom Bahnhofe aus mit einer Droſchke nach Leipzig hineinfahrend, beförderte ihn ein Kutſcher in das Hotel . 155 zur Stadt Berlin, einen höchſt ſoliden Gaſthof mit dem freundlichſten Wirth von der Welt. Arthur fühlte ſich von dem Benehmen dieſes Mannes angezogen und theilte ihm mit, daß er beabſichtige, die Stadt und ihre Merkwürdigkeiten in Augenſchein zu nehmen. „Da müſſen Sie morgen früh recht zeitig das Bett verlaſſen und die Feierlichkeiten des Johannisfeſtes in Augenſchein nehmen. Sie finden die Verherrlichung dieſes Tages in der ganzen Welt nicht ſo wie hier“, antwortete der Hotelbeſitzer. Arthur verſprach, dieſe Weiſung zu benutzen, und bat um die Erlaubniß, ſich am nächſten Morgen dem Wirth anſchließen zu dürfen, der ſchon früh ſeinen erſten Ausflug machen wollte. Den Reſt dieſes Tages verwandte er dazu, einige hervorragendere Lokale zu be⸗ ſuchen und die Stadt ſelber in Augenſchein zu nehmen. Die herrlichen freien Plätze in der Stadt und die wohlgepflegten Promenaden gewannen ſeinen vollen Beifall; auch an dem Muſeum ging er nicht vorüber, ohne deſſen Kunſtſchätze zu betrachten, die allerdings keinen Vergleich mit dem von Arthur auf dieſem Felde ſchon Geſehenen aushielten. Als der Abend nahte, wanderte er, ermüdet von dem vielen Umherſtreifen, dem Schützenhaus zu, um daſelbſt in aller Ruhe das Concert mit anzuhören. 156 Der Schützenhausgarten in Leipzig bietet am Abend, wenn die Tauſende von Gasflammen und Flämmchen ihn erleuchten und die ihr farbiges Waſſer hoch in die Luft werfenden Springbrunnen eine angenehme Kühle nach der Hitze des Tages ſpenden, einen ſehr ange⸗ nehmen Aufenthalt; er kann in jeder Beziehung mit den ähnlich eingerichteten Gärten und Lokalen Berlins einen Vergleich aushalten, und was für den Fremden von unendlichem Werth iſt, er wird an jedem Tiſche, an welchem noch ein Plätzchen leer iſt, freundlich und zuvorkommend aufgenommen, ohne befürchten zu müſſen, durch ſein Nahen eine Mißſtimmung zu erregen oder ſelber mit Nichtachtung behandelt zu werden. In allen geſelligen Kreiſen Leipzigs herrſcht ein gemüth⸗ licher Ton, der Eingebürgerte nimmt ſich des Fremden mit wahrer Aufopferung an und hält es für ſeine Pflicht, ſich gefällig und aufmerkſam zu zeigen. Sehr angenehm berührt von dem Zauber, der ihn umgab, ließ ſich Arthur an einem der vielen Tiſche des Gartens nieder, beſtellte ſich ein Glas Bier, das hier von Herren und Damen viel getrunken wird, und lauſchte den Tönen der Muſik, die aus geringer Ent⸗ fernung zu ihm herüberſchallten. Hätte er jetzt Alice an ſeiner Seite gehabt, er würde ſich ſehr glücklich ge⸗ fühlt haben; ſo empfand er wohl das Wohlthuende einer 157 angenehmen Umgebung, die Muſik ſtimmte ihn weich und empfindſam, aber dieſe Stimmung ging langſam in eine ſtille Melancholie über. Hunderte von Damen ſaßen in ſeiner Nähe und es waren darunter ganz reizende Geſchöpfe, aber Arthur bemerkte dies gar nicht, all ſein Denken war auf Alice gerichtet, und wenn dieſe nicht ſein werden konnte, dann fragte er nichts mehr nach dem ganzen ſchönen Geſchlecht. Achtes Kopitel. Als Alice an jenem Abende in Berlin von Arthur geſchieden war, ſchwebte ihr Herz in ſeligem Entzücken. Der junge Bauführer hatte bei ihrem erſten Begegnen ſchon einen tiefen Eindruck auf ſie gemacht; es war ihr nicht entgangen, daß er damals, als ſie den Poſtwagen verließ, ſeine Augen voll Bewunderung auf ſie gerich⸗ tet, wie er ſich ſpäter bemühte, ihr Wohlwollen zu ge⸗ winnen und eine Annäherung anzubahnen. Alice hatte trotz ihrer großen Jugend ſchon mancherlei Gelegenheit gefunden, Herren gegenüber zu ſtehen und von dieſen bewundert zu werden. Aber mit keckem jugendlichem Uebermuth in vollem Maße ausgerüſtet, war ſie ſtets weit entfernt geblieben, eine Huldigung ohne weiteres hinzunehmen; ſie ſah bisher in jedem Verſuch, ihre beſondere Zuneigung zu gewinnen, eine ſtrafbare 159 Kühnheit und verſtand es, ſolchen Annäherungen durch ein ſehr kühles Benehmen zu begegnen, da ſie von der wahren Liebe noch keine Ahnung hatte. Arthur's bewundernder, aber ehrerbietiger Blick ver⸗ anlaßte ſie, ihn flüchtig zu muſtern. Wider ihren Willen mußte ſie ſich geſtehen, daß ſie einen ſchönen Mann mit jenem gewinnenden Ernſt in den Zügen vor ſich habe, der das Frauenherz ſo leicht beſticht. Scheu blickte ſie ſpäter noch einigemal zu ihm hin⸗ über, dann, als er zu ſprechen begann, fand ſie Ge⸗ ſchmack an ſeiner Unterhaltung, die freundliche, aber doch zurückhaltende Aufmerkſamkeit, die er ihr widmete, ſtimmte ſie vertraulicher gegen ihn und der Gang auf dem Per⸗ ron und durch die Stadt Cöslin, auf welchem Arthur ſich die größte Mühe gab, nur intereſſante Geſpräche zu führen, erwarb ihm ſchon einen Theil ihrer Zuneigung. Auf dem Wege nach Stettin wußte Arthur den guten Eindruck, den er gemacht, zu erhöhen, und das kleine Abenteuer mit der Geldtaſche ſicherte ihm einen Platz in dem Herzens Alicens. Jetzt war des Bauführers Wunſch erreicht, ſie be⸗ ſuchen zu dürfen, ſie ſelber hatte den Oheim dazu ver⸗ anlaßt, ihn einzuladen, und daß er erſcheinen werde, daran zweifelte ſie nicht, da jedes ſeiner Worte ein inniges Sehnen nach ihr ausdrückte. 160 Alice wartete zwei Tage auf den Beſuch, der Bau⸗ führer erſchien nicht. Dieſe Säumniß war ihr unbe⸗ greiflich. Was in aller Welt konnte dem willens⸗ kräftigen Mann abhalten, dem Rufe ſeines Herzens zu folgen? Nichts war ihrer Anſicht nach im Stande, ſeinen Willen zu hemmen, als vielleicht eine böſe Krank⸗ heit oder ein anderer garſtiger Unfall. Sie wurde un⸗ ruhig, ihre Stimmung nahm einen ängſtlichen Cha⸗ rakter an. Ihren Freundinnen durfte ſie das ſüße Geheimniß ihres Herzens nicht anvertrauen, ſie mußte alle Angſt und Beſorgniß allein tragen. Und nun trat plötzlich der Oheim ein und meldete, daß er ungeſäumt weiter reiſen müſſe, um nach einer eben erhaltenen Depeſche die Aeltern Alicens in Dresden zu erwarten, die im Begriff ſtanden, von einer Badereiſe heimzukehren, welche der Geſundheitszuſtand des Vaters dringend er⸗ heiſcht hatte. Das Bad hatte auf den Vater Alicens, der lange leidend geweſen, eine vortreffliche Wirkung aus⸗ geübt, er fühlte ſich wieder völlig wohl und hatte es ſeinem Schwager zur Pflicht gemacht, ihn in Dresden zu erwarten, von wo aus ſie noch gemeinſchaftlich einige kleine Touren unternehmen wollten, ehe ſie die Hei⸗ mat wieder aufſuchten. Alice erbleichte. So ſehr ſie ſich auf das Wieder⸗ 161 ſehen der Aeltern gefreut, ſo konnte ſie jetzt doch keine Freude über die Ausſicht der nahen Wiederver⸗ einigung äußern; die Abreiſe von Berlin bereitete ihr einen zu großen Verluſt, der alle Freuden des Lebens aufwog. Aber Niemand durfte ſie ihr Leid klagen und nicht einmal einen Schmerz zeigen, ſtill in dem eigenen Buſen mußte das Weh verborgen bleiben. Vergeblich hoffte Alice noch in dem letzten Augen⸗ blick ihres Aufenthalts in Berlin auf einen Beſuch des Bauführers, er erſchien nicht, und ſie verließ an der Seite des Oheims die Hauptſtadt, eine bis dahin ungekannte Herzensqual mit forttragend. „Aber, theure Alice, was ſoll ich nur von Dir den⸗ ken! Du ſitzeſt da, ſprichſt kein Wort, lächelſt mich nicht einmal ſo freundlich an wie ſonſt und blickſt fortwährend träumeriſch in die Ferne— Du biſt doch nicht krank?“ ſprach der Regierungsrath Luſius zu Alice, als ſie ſich auf der Tour nach Dresden befanden. „Nein, lieber Oheim, beunruhige Dich. nicht, ich bin nicht krank; habe Geduld mit mir, ich werde wohl wieder heiter erſcheinen, heute vermag ich dies aber nicht“, entgegnete Alice ſeufzend. „Hat Dich denn die Trennung von den Geſpielinnen Deiner Kindheit ſo ſehr ergriffen, daß Du mich nicht einmal ſo freundlich anblicken kannſt wie ſonſt?“ fragte Steffens, Ein Wechſel. I. 11 162 der Rath.„Ich dächte die Freude über das Wiederſehen Deiner Aeltern ſollte jedes andere Gefühl in Dir ver⸗ drängen.“ „Jedes andere Gefühl verdrängen?“ ſprach Alice für ſich hin, ohne auf die Anweſenheit des Oheims zu achten.„Nein, das iſt unmöglich.“ Es trat eine lange Pauſe ein, bis endlich Herr von Luſius rief:„Ich wollte, der junge Bauführer reiſte wieder mit uns; der verſtand es vortrefflich, Dich in ſteter Heiterkeit zu erhalten.“ Alice erröthete ſo heftig, daß ſie das Köpfchen zur Erde beugen mußte, um ihre Erregung zu verbergen; ein Seufzer entfloh ihrer Bruſt. Die Reiſe war für Oheim und Nichte eine lang⸗ weilige Tour, ſoweit nicht dem erſtern hier und da eine Gegend, durch die ſie eilten, intereſſant und be⸗ achtenswerth erſchien. Alice verharrte in trübem Schwei⸗ gen und verdarb dadurch auch dem geheimen Rath die frohe Laune. Er hing mit Leib und Seele an der Nichte, ihr Wohlergehen bedingte ganz das ſeine, folglich mußte er wohl bei dem Anblick der letzteren in eine gedrückte Stimmung verfallen. Endlich war der Bahnhof in Dresden erreicht, unſere Paſſagiere begaben ſich in ein Hotel erſten Ranges und erwarteten die Aeltern Alicens. 163 Dieſe trafen bald darauf ein; es erfolgten herzliche Umarmungen und Begrüßungen; Fragen nach dem gegenſeitigen Ergehen und befriedigende Antworten drängten einander; Alice wurde von den Aeltern, be⸗ ſonders von dem alten Vater ſo viel geherzt und ge⸗ hätſchelt, daß ſie wenigſtens auf Augenblicke ihr Leid vergeſſen mußte. Hier ſcheint es nöthig, etwas Näheres über die Familienverhältniſſe der jungen Dame mitzutheilen. Alice war die jüngſte Tochter des uns bereits be⸗ kannten Obriſtlieutenants von Wüſtenbrink; ſie hatte von früher Kindheit an bis zum Tode ihrer älteſten Schweſter faſt unausgeſetzt in dem Hauſe des kinder⸗ loſen Oheims gelebt. Nach dieſem betrübenden Fall in der Familie ward ſie indeſſen an den älterlichen Herd zurückgerufen, und jetzt wurde ſie von den ſämmtlichen Angehörigen als ihr höchſtes Gut betrachtet. Der Vater widmete all ſeine Liebe und Aufmerkſamkeit ihr allein, ihr Wohl zu befördern blieb ſeine einzige Auf⸗ gabe. Auch die Mutter, durch den Tod Adelheid's tief erſchüttert, ließ es an mütterlicher Zärtlichkeit nicht fehlen, und der Oheim hielt ſo lange mit Bitten an, bis ihm das Verſprechen gegeben ward, wenigſtens alljährlich auf einige Wochen die kleine Nichte in ſeinem Hauſe zu ſehen. * 1 164 Jetzt waren ſieben Jahre ſeid Adelheid's Tod ver⸗ floſſen. Der Obriſtlieutenant war zum General avan⸗ cirt. Sein Schmerz um den Verluſt der von ihm ſo ſehr geliebten älteſten Tochter hatte ſich wohl gelindert, aber vergeſſen konnte er das liebliche Kind nicht ganz, vollſtändig vernarbte die ihm geſchlagene Wunde nicht. Wenn er abends allein in ſeinem Zimmer ſaß, nach⸗ dem Alice ſchon zur Ruhe gegangen, dann ſtellte ſich oft noch in den lebhafteſten Farben das Bild der ſanf⸗ ten Adelheid vor ſeine Seele, wie ſie in der letzten Zeit ihres kurzen Lebens bleich und ſtill dahingegan⸗ gen war ohne Antheil an des Lebens Freuden. Alice war ganz ihr Ebenbild, und deshalb liebte er ſie auch ſo maßlos. Nur mit dem größten Widerſtreben hatte er ſie bei dem Oheim zurückgelaſſen, als er die Bade⸗ reiſe angetreten, und jetzt, da er ſie wieder hatte, ließ er ſie kaum aus den Augen. Alice war etwas lebhafter als Adelheid, ein jugend⸗ licher Uebermuth machte ſich zuweilen in ihrem Auf⸗ treten geltend und veranlaßte dann und wann nament⸗ lich den Oheim, gegen den ſich meiſt ihre kleinen An⸗ griffe richteten, zu neckenden Rügen. Jetzt, als ſie kaum ein paar Stunden mit den Aeltern wieder ver⸗ eint war, vermißte der Vater ſchon ihre früher ſie nie verlaſſende fröhliche Laune, es kam ihm vor, als ſei ſie 165 in der kurzen Zeit, während welcher er von ihr ge⸗ trennt geweſen, Adelheid noch ähnlicher geworden und als ſpreche aus ihren Blicken jetzt ebenfalls ein geheimes Leid. Der alte Mann lebte und ſchwebte nur in dem Glücke Alicens, ihn dünkte der Tod viel leichter als eine Trennung von ihr auf die Dauer. Noch nie war ihm der Gedanke gekommen, daß er einſt genöthigt werden könne, das einzige Kind einem Manne zu über⸗ geben, den es mehr liebte als ihn; eine ſolche Annahme hätte ihm ſicher einen großen Schmerz, eine herbe Ent⸗ täuſchung bereitet und würde ihn vielleicht trotz ſeiner Herzensgüte und Opferwilligkeit für Alice mit unver⸗ ſöhnlichem Haß gegen den erfüllt haben, der im Stande geweſen, ihm das Herz ſeines Kindes zu rauben. Der General begann Alicens Benehmen einer ge⸗ nauen Beobachtung zu unterwerfen; es erſchien unzweifel⸗ haft, ihr Frohſinn war verſchwunden Indeſſen hütete er ſich wohl, ſeine Bemerkung irgendwie laut werden zu laſſen; ein wirklich ernſtes Begegniß, das im Stande ge⸗ weſen, ihren Sinn zu ändern, konnte der Tochter in der Geſellſchaft ſeines Schwagers nicht zugeſtoßen ſein, das nahm er beſtimmt an; alſo mußte wohl nur eine langweilige Reiſe oder ein kleines Zerwürfniß mit dem Oheim ſo ungünſtig auf ihre Stimmung eingewirkt 166 haben, und eine böſe Laune kurirte man nach ſeiner Anſicht am beſten mit dem vollſtändigen Ignoriren derſelben. Zwei Tage weilten die Herrſchaften in Dresden, dann nahmen ſie die Umgebung der Hauptſtadt in Augenſchein, bereiſten die ſächſiſche Schweiz und wen⸗ deten ſich endlich Leipzig zu, um noch eine Rheinreiſe anzutreten. Alice wäre am liebſten in die Heimat geeilt, denn an ein Wiederfinden Soren's auf der Reiſe durfte ſie gar nicht denken, und doch beſchäftigte ſie der Gedanke an ihn Tag und Nacht. Aber ihre Stimmung wurde unterwegs weit weniger auffällig, da der ſtete Wechſel der Umgebung die Aufmerkſamkeit der Reiſenden in Anſpruch nahm. Als ſie in Leipzig ankamen, drang der Regie⸗ rungsrath auf die ſofortige Weiterreiſe, aber der General beſtand darauf, auch Leipzig und ſeine Sehens⸗ würdigkeiten in Augenſchein nehmen zu wollen, und er ſetzte ſeinen Willen durch, der Schwager mußte ſich fügen. Alice hatte ſich in dem von ihr und ihren Angehö⸗ rigen bewohnten Hotel an ein Fenſter geſtellt und blickte hinab auf die ziemlich belebte Straße. Ihre Gedanken mochten wohl bei dem jungen Baubeamten 167 weilen, denn zuweilen hob ſich ihr Buſen unter einem lange verhaltenen Seufzer und in dem Blick ihres ſchönen Auges konnte jeder Beobachter ohne große Mühe eine ſtille Sehnſucht ausgedrückt leſen. Wohl ſchon geraume Zeit mochte ſie ſo an dem Fenſter geweilt haben, als ihr Auge plötzlich unver⸗ wandt auf dem Inſaſſen einer dahereilenden Droſchke haften blieb. Das Fuhrwerk kam näher; ein leiſes Zittern ergriff ihren Körper, und ein halberſtickter Aus⸗ ruf glitt über ihre roſigen Lippen. Glücklicherweiſe befand ſich augenblicklich Niemand bei ihr in dem Zimmer, vielleicht hätte ſie ſonſt ein ſcharfes Examen aushalten oder gar das Geheimniß ihres Herzens entdecken müſſen. Als Alice ſich von ihrer Ueberraſchung erholt hatte, war die Droſchke längſt vorüber. Arthur Soren, der darin ſaß, hatte ſie nicht bemerkt; er hatte, anſcheinend in Gedanken verloren, ſein Auge vor ſich zu Boden gerichtet. Tauſenderlei Gedanken, Muthmaßungen und Pläne durchkreuzten jetzt das Köpfchen der jungen Dame; ſie zweifelte keinen Augenblick daran, daß Soren ſie ſuche; aber wie ſollte er ſie finden?„Wüßte er nur das Geringſte von unſerm Hierſein“ dachte ſie bei ſich;„aber wie ſollte er darüber eine Nachricht erhalten?“ Sie 168 konnte nichts, gar nichts unternehmen, um ein Zu⸗ ſammentreffen herbeizuführen. O wie bitter erſchien ihr in dieſem Augenblick das Loos der Frauen, das ihnen verbietet, da handelnd aufzutreten, wo der Mann frei und ungebunden ſein Ziel verfolgen kann, ja wohl gar verlangt, die Empfindungen des Herzens mit ge⸗ wiſſenhafter Aengſtlichkeit ſelbſt vor dem geliebten Ge⸗ genſtande verborgen zu halten. Selbſt nach der Woh⸗ nung Soren's zu forſchen, dieſer Gedanke kam ihr nicht einmal in den Sinn, dazu beſaß ſie bei all ihrer freien Anſchauung zu viel von dem geſellſchaftlichen Takt ihrer Mutter; den Aeltern ſich anzuvertrauen, ein ſolcher Vorſatz wäre ſicherlich ihr letzter geweſen, und ſelbſt dem gutmüthigen Oheim durfte ſie nichts ſagen, denn er hatte bereits auf der Reiſe von Berlin nach Dres⸗ den eine Bemerkung in Betreff des Bauführers gemacht, die ihr Herz hatte erzittern laſſen und beinahe die Veranlaſſung geworden wäre, daß ſie ſich ſelber ver⸗ rathen hätte. Eine Aufregung bemächtigte ſich ihrer, die ſie nicht beherrſchen konnte; bald jubelte ſie voll Glück und Freude in dem Gedanken, daß Soren ſich bemühe, ſie wiederzufinden, und daß er nicht ruhen werde, bis er ſein Ziel erreicht; bald bemächtigten ſich ihrer bange Zweifel und Befürchtungen. Schon am folgenden Tage 169 ſollte die Weiterreiſe erfolgen, und wie konnte Arthur denn ihre Spur verfolgen? Ihr fiel ein Mittel ein, welches ſie anwenden durfte, um Arthur auf ihre An⸗ weſenheit und Weiterreiſe aufmerkſam zu machen, ohne daß er oder irgend ein Menſch den Zweck ihres Mittels ahnte; aber dennoch hielt ihre mädchenhafte Schüchtern⸗ heit ſie ab, es in Anwendung zu bringen. Während des ganzen Nachmittags machte Alice ihren Angehörigen viel zu ſchaffen. Ohne Raſt und Ruhe wollte ſie von Ort zu Ort, von Straße zu Straße wandeln oder fahren; alle öffentlichen Plätze wurden beſucht, aber nichts genügte ihr, unaufhaltſam trieb es ſie weiter. Am Abend fanden ſie ſich im Schützenhaus ein. Ein Tiſch ziemlich am Ende des Gartens wurde ſofort von dem Oheim in Beſchlag genommen, und wenn Alice ſich auch weit lieber mitten auf den freien Platz geſetzt hätte, ſo blieb ihr doch nichts weiter übrig, als ſich geduldig niederzulaſſen. Ein paar Piocen waren bereits von der gut be⸗ ſetzten Kapelle vorgetragen, als die Augen Alicens, welche ohne Unterlaß im Garten umherſtreiften, den Bauführer entdeckten, der eben langſam dahergeſchritten kam und ſich etwa zwanzig Schritt von ihr entfernt ſo hinſetzte, daß er ihr den Rücken kehrte. 170 Alice erglühte wie eine Roſe, aber ſie mußte ihre Empfindungen vollſtändig zu beherrſchen ſuchen, durfte nicht einmal den Oheim auf den Reiſegefährten auf⸗ merkſam machen. Die Aeltern und der Oheim ergötzten ſich an der herrlichen Beleuchtung und ſonſtigen Pracht des Gartens Alice blickte nur zu dem Bauführer hinüber und wünſchte nichts ſehnlicher, als daß er ſich für einen kurzen Moment umdrehen möge; aber er ſaß da wie eine Bildſäule, ohne ſich zu regen, hatte den Kopf, wie in Gedanken vertieft, in eine Hand geſtützt und erhob ihn nur dann und wann, um Bier zu trinken. Doch endlich— langſam ſtand er auf, drehte ſich halb um und— ſchritt dem Ausgang des Gartens zu. Alicens Herz zog ſich krampfhaft zuſammen, aber ſie mußte ſich beherrſchen. Während der Nacht ſchloß die junge Liebende kein Auge, der Gedanke an die nahe Weiterreiſe und die Anweſenheit des Baubeamten ſcheuchte die Ruhe von ihrem Lager. Es mochte fünf Uhr morgens ſein, als der geheime Rath an das Schlafzimmer der Damen pochte, um Alice zu wecken. Dieſe war bereits vollſtändig angekleidet und ſchien hierauf gewartet zu haben. Eilig öffnete ſie ſehr vor⸗ 171 ſichtig die Thür, ſodaß ihre Mutter nicht einmal ge⸗ ſtört wurde, und ſchlüpfte hinaus. „Schon im Staat?“ fragte draußen Herr von Luſius. „Du biſt ja ein wahres Blitzmädel!“ ſetzte er lachend hinzu. „Kommt der Vater mit?“ fragte Alice, die ſonder⸗ bare Schmeichelei ihres Oheims nicht beachtend. „Nein, er war noch müde von der Reiſe. Es iſt auch ſo beſſer, denn wir ſind ungenirter; in der Nähe eines Generals wird man beſtändig betrachtet, als ge⸗ höre man zu einem der Weltwunder.“ „Wohin wollen wir denn nun zunächſt gehen?“ fragte Alice. „Der Hausdiener wird uns führen; zunächſt wohl nach dem Gottesacker und dann nach dem Johannis⸗ thal.“ Alice machte ſich an der Seite des Oheims auf den Weg. Ein junger Menſch aus dem Hotel führte ſie durch mehrere Straßen, die trotz der frühen Morgen⸗ ſtunde ſo belebt waren, daß ſie mitunter Mühe hatten, unaufgehalten ihren Weg fortzuſetzen. Bald kamen ſie vor dem Friedhofe an. Hier hatten eine große Anzahl Händler Blumen und Kränze feil. Die meiſten der Vorübergehenden kauften einen Strauß, andere brachten die zum Schmuck für die Gräber ihrer 172 hingeſchiedenen Lieben beſtimmten Kinder des Frühlings ſchon mit aus der innern Stadt und begaben ſich ohne Aufenthalt an den Hügel, der ein Glied ihrer Familie deckte, um denſelben mit Blumen und Kränzen zu belegen.* Alice ſtaunte, als ſie den Friedhof betrat, ſie glachte ſich in einen großen, prachtvollen Roſengarten zu be⸗ finden. Wohin das Auge ſich auch weden mochte, es ſah faſt nichts als blühende Roſen und qihere duftende Blumen, der Gottesacker ſchien in einen prächtigen Kunſtgarten umgewandelt zu ſein. Aber Alice ließ ihre Blicke weiter ſchweifen, und da gewahrte ſie denn auch an manchem Grabe eine ge⸗ bückte Geſtalt, die trotz des ſie umgebenden Blumen⸗ flors in tiefen Schmerz verſunken war. Hier ſtand ein altes Mütterchen und lehnte den müden Körper er⸗ ſchöpft an ein Monument, während ihre gramerfüllten Züge verkündeten, daß ſie an der Ruheſtätte des Weſens weile, das ihr im Leben am theuerſten ge⸗ weſen, deſſen Verluſt ihr durch nichts zu erſetzen ſei; dort kniete eine Jungfrau oder ein Jüngling, das Auge vor ſich auf das Grab geſenkt und ſich nicht um das lebhafte Treiben umher kümmernd. Und nun ertönte in der Nähe ein vierſtimmiger Männergeſang, ein Verein brachte dem ihm durch den 173 Tod entriſſenen Freund einen letzten Gruß. Kaum war dieſer Geſang verhallt, ſo ertönte ſchon wieder an einer andern Stelle die Melodie des Liedes:„Auferſtehn, ja auferſtehn.“ Alice fühlte ſich durch die auf dieſe Weiſe an den Tag gelegte Verehrung der Todten ſo tief ergriffen, daß ſie nur mit Mühe ihre Rührung verbarg; ſie ſchaute nicht mehr ſo oft und weit um ſich, um vielleicht Soren zu erſpähen, ihr Auge blickte ſtill ſinnend vor ſich nieder. Wohl eine Stunde weilten Oheim und Nichte auf dem Friedhof, dann kehrten ſie um und wendeten ſich dem Johannisthale zu, damit ſie auch die hier vor ſich gehende Feſtlichkeit ſähen. Je näher ſie dem Ziele ihrer Wanderung kamen, deſto größer wurde das Menſchengedränge, doch hielt ſich Alice immer an der Seite ihres Oheims. Einige Muſikbanden ſpielten luſtige Weiſen auf den mit Zelten beſetzten freien Plätzen, überall war ein frohes, buntes Treiben zu ſchauen. Nur einen Augenblick blieb Alice in der Nähe des einen Orcheſters ſtehen und betrachtete die Muſiker. Als ſie ſich umwandte und nach ihrem Oheim blickte, befand ſie ſich in einem dichten Menſchenſchwarm, aber der Ge⸗ ſuchte war verſchwunden. 174 — Alice drängte ſich ängſtlich vor und eilte ſo ſchnell als möglich einige Schritte vorwärts, aber als ſie auch hier vergeblich um ſich ſah, kehrte ſie zurück, der Onkel konnte ſo weit nicht vorausgeweſen ſein. Ein neuer Menſchenknäuel hielt die junge Dame einige Minuten auf, während welcher der geheime Rath ſie in einem andern Gedränge ſuchte; ſie hatten ſich verloren, um ſich ſo ſchnell nicht wiederzufinden. Nie in ihrem Leben hatte ſich Alice allein in der Mitte ſo vieler fremder Menſchen befunden; eine große Angſt ergriff ſie all ihr jugendlicher Uebermuth war von ihr gewichen. Eben ſtand ſie im Begriff, eine Dame anzureden, die an ihr vorüberging, als dicht neben ihr die Worte: „Fräulein von Luſius!“ ertönten und an ihr Ohr drangen. Alice blickte ſich um, Arthur ſtand, den Hut in der Hand, vor ihr. „O mein Gott, Herr Soren!“ rief Alice mit einem Entzücken, das dem jungen Baumeiſter zum Herzen drang.„Wie glücklich bin ich, Sie gerade jetzt zu finden, wo ich ſo verlaſſen war“ ſetzte ſie erröthend hinzu. „Mein ſehnlichſter Wunſch iſt erreicht; faſt ſchwand mir ſchon die Hoffnung, Sie je wiederzuſehen“ ant⸗ wortete Arthur. 1765 „ Alice ſenkte das Auge zu Boden und ſchwieg. „Darf ich Sie aus dem Gedränge führen, gnädiges Fräulein?“ fragte Arthur, der jungen Dame den Arm reichend. Alice nahm denſelben ohne Bedenken und ſprach: „Sie werden es ſonderbar finden, daß ich hier allein in dieſem Gewühl weile; mein Oheim war kurz vor Ihrem Erſcheinen von meiner Seite gekommen, ich be⸗ fand mich in der größten Verlegenheit.“ „Ich glaube nicht, daß wir den Herrn geheimen Rath hier finden, er wird, wer weiß wo, nach Ihnen ſuchen; deshalb halte ich es für das Beſte, daß Sie mir erlauben, Sie nach Ihrer Wohnung zu ge⸗ leiten.“ „Aber mein Oheim wird vor Angſt ſterben und nicht aufhören mich zu ſuchen“, entgegnete Alice. „So iſt es am beſten, wir wenden uns dem Ein⸗ gange zu und ſtellen uns dort, iſolirt von der Menge, auf, damit er uns leicht erblickt.“ „Ja, gehen wir!“ bat Alice. „In Berlin hatte ich nicht das Glück, Sie bei meinem Beſuche in dem Hauſe Ihrer Verwandten zu treffen, Sie waren kurz vorher abgereiſt“ begann Arthur ein neues Geſpräch. „Alſo waren Sie dort? Zwei Tage harrte ich ver⸗ 176 0 geblich auf Ihr Kommen“ antwortete Alice, nachdem ſie geſprochen, über die eigenen Worte erſchreckend. „Es war mir unmöglich, früher zu erſcheinen, das Exramen nahm meine Zeit zu ſehr in Anſpruch, gnädiges Fräulein.“ „Ich darf jetzt wohl zum Baumeiſter gratuliren?“ rief Alice heiter. „Nie hätte ich gewagt, mich wieder vor Ihnen blicken zu laſſen, wenn ich die Prüfung nicht beſtanden“ be⸗ theuerte Arthur.„Als ich erfuhr, Sie ſeien nach Dres⸗ den abgereiſt, begab ich mich auch dorthin; aber das Glück war mir nicht ſo hold, Sie zu finden, ich kam zu ſpät. Jetzt wollte ich die Heimreiſe antreten.“ „Und ich habe Sie geſtern zweimal geſehen, Herr Baumeiſter; einmal fuhren Sie an unſerm Hotel vor⸗ über, das andere Mal kamen Sie in den Schützenhaus⸗ garten, beachteten mich und meine Angehörigen aber nicht, ſondern ſetzten ſich ſo, daß Sie uns den Rücken zudrehten. Uebrigens verließen Sie ſchon recht zeitig den Garten.“ „Ich fühlte mich auch dort wie überall unglücklich“, entgegnete Arthur. „Unglücklich? Ich habe Sie bisher nicht für unglück⸗ lich gehalten“ ſprach Alice, das Auge auf den Bau⸗ meiſter richtend. 177 „Sie haben auch Recht, mein Unglück währte nur ſeit meiner Abreiſe von Berlin bis vor einer Viertel⸗ ſtunde“, antwortete Arthur, indem er den Blick der jungen Dame aufs herzlichſte erwiderte. Alice verſtand die Bedeutung dieſer Worte, ſie wurde befangen und ſchwieg eine Weile, dann begann ſie plötzlich ein neues Thema zu berühren, indem ſie ſagte:„Herr Baumeiſter, Sie befinden ſich mir gegen⸗ über in einem Irrthum; Sie nannten mich Fräu⸗ lein von Luſius, ich heiße aber Alice von Wüſtenbrink; der Oheim, den Sie kennen, iſt der Bruder meiner Mutter.“ Arthur erbebte ſo heftig, daß Alice, die noch immer an ſeinem Arme hing, die Erſchütterung bemerkte, die ſeinen Körper ergriffen. Beſorgt blickte ſie ihren Führer an, er war erbleicht. „Herr Baumeiſter, Sie fühlen ſich unwohl? rief Alice ängſtlich und bekümmert. „Nein, nein, ich bin nicht körperlich leidend“ er⸗ widerte Arthur, einen ſchmerzlichen Seufzer ausſtoßend. „Und doch zittern Sie“, ſprach Alice leiſe. Arthur's Zuſtand war durch die Nennung des Kamens ſeiner Geliebten herbeigeführt. Er beſann ſich ſchnell darauf, daß Adelheid einigemal von einer kleinen Schweſter geſprochen, die bei einem Oheim lebe, Steffens, Ein Wechſel. I. 12 178 die Scene in dem Garten zu K. trat vor ſeine Seele und im Gefolge derſelben die Ueberzeugung, Alice könne nie die Seine werden. „Wundern Sie ſich nicht über meine Bewegung, gnädiges Fräulein“ brachte er endlich mit vieler An⸗ ſtrengung hervor.„Nicht wahr, Ihre Heimath iſt K Sie haben eine Schweſter, die Adelheid heißt, Ihr Herr Vater war früher Obriſtlieutenant?“ „Mein Gott, ja. Sie kennen alſo meine Familie? Aber meine Schweſter Adelheid ſtarb, wie der Vater mir einſt ſagte, aus Gram, ſchon vor ſieben Jahren; folglich muß es lange Zeit her ſein, daß Sie die Meinen kennen gelernt und geſehen. Mein Vater iſt jetzt General.“ „Todt? O weh!“ ſtammelte Arthur, ſeiner Sinne kaum mächtig. Alice wurde befangen, ſie wußte nicht, was ſie von dem ſonderbaren Benehmen des Baumeiſters denken ſollte.„Bitte, begleiten Sie mich nach unſerm Hotel! Ich glaube nicht, daß wir den Oheim hier finden“ ſprach ſie kaum vernehmbar. Arthur befand ſich noch immer in großer Erregung und ſchien von einer tiefen Trauer erfaßt zu ſein. Jetzt bezwang er ſich gewaltſam und ſagte:„Gnädiges Fräulein, verzeihen Sie, daß ich mich in Ihrer Nähe momentan zu ſehr von meinen Empfindungen hinreißen . 179 ließ; ich bin Ihnen eine Erklärung ſchuldig und gebe dieſelbe gern, wenn Sie mir gütigſt Gehör ſchenken wollen.“ „Ich weiß nicht, welcher Art Ihre Mittheilungen ſind, Herr Baumeiſter, und muß es daher ganz Ihnen anheimſtellen, ob Sie eine Scene, die in früherer Zeit zwiſchen Ihnen und meiner Familie geſpielt zu haben ſcheint, vor mir aufklären wollen; ich ahne nicht das Mindeſte über Ihre Stellung zu meinen Verwandten“, entgegnete Alice mit großer Aengſtlichkeit. „Um ſo beſſer, dann erfahren Sie von mir, in welchen Beziehungen ich zu Ihren Lieben geſtanden“, ſprach Arthur in weichem Ton.„Vor acht Jahren wurde ich bei dem damaligen Regiment Ihres Herrn Vaters Offizier und hatte Gelegenheit, Ihre verſtorbene Fräulein Schweſter kennen und lieben zu lernen. Oefter auf Bällen zuſammentreffend, fanden ſich unſere Herzen, wir gelobten uns ewige Liebe und Treue. Nur ſehr kurze Zeit waren wir glücklich, denn Ihre Aeltern erlangten Kenntniß von unſerm Liebesverhältniß. Ihr Herr Vater beleidigte mich in Gegenwart Adelheid's derart, daß ich meinen Abſchied forderte. Es wurde uns beiden die Pflicht auferlegt, einander zu ent⸗ ſagen, und ich mußte mir geſtehen, daß Ihr Herr Vater im Rechte ſei, da ich damals erſt neunzehn Jahre 180 zählte und für lange Zeit noch an keine eheliche Ver⸗ bindung denken durfte, Ihre Fräulein Schweſter aber, die adlige, reiche Dame, jeden Augenblick in ein Ver⸗ hältniß treten konnte, das weit über meiner Sphäre lag. Wir ſchieden für das Leben, ich reiſte ab und habe ſeitdem ein Leben voll der größten Mühen und Anſtrengungen geführt, ich habe gezeigt, daß der that⸗ kräftige Mann ſich in jeder Stellung Anerkennung er⸗ werben kann. Von Ihrer Familie hatte ich nichts wieder gehört, mit der meinen lebe ich ſeit dem Aus⸗ tritt aus dem Militärdienſt außer Verkehr, da mein Vater mich zum Hauſe hinauswies. Auf der Reiſe zum Baumeiſtereramen ſah ich Sie. Von unſerm erſten Begegnen an fühlte ich mich zu Ihnen hin⸗ gezogen, ich war ſo kühn, zu hoffen, daß es mir viel⸗„ leicht gelingen würde, Ihre Gegenliebe zu erringen, und zweifelte keinen Augenblick daran, der glücklichſte Menſch zu werden, wenn meine Wünſche ſich verwirk⸗ lichten. Das Bild Adelheid's war während der langen Jahre ſeit unſerer Trennung langſam erblichen, ich glaubte ſie längſt an der Seite eines braven Gatten glücklich. Nun mit einem Male erfahre ich, daß Sie die Tochter jenes Mannes ſind, der mich nur unter der Bedingung als einen Ehrenmann anerkannte, daß ich Ihre Fräulein Schweſter meide, erhalte Kenntniß von 181 dem frühen Tode der letztern— o nicht wahr, mein gnädiges Fräulein, dies war geeignet, mich niederzu⸗ ſchmettern?“ Die jungen Leute hatten das allgemeine Gedränge verlaſſen und waren auf einen Seitenweg getreten; Alice hing noch immer an dem Arm des Baumeiſters, aber ſie blieb ſtumm und hielt mit der einen Hand das Taſchentuch vor das Geſicht. Mehrere Minuten wanderten die Liebenden ſtumm neben einander her, endlich ſeufzte Alice:„Ich bin ſehr müde, Herr Baumeiſter.“ „Dort ſteht eine Bank, gnädiges Fräulein; wollen Sie vielleicht ein wenig ausruhen?“ erwiderte Arthur. „Ja, denn ich kann nicht weiter“, hauchte Alice und hielt den Arm des Baumeiſters feſter. Dieſer führte ſie zu der Bank, auf welche ſie ſich erſchöpft niederließ. Arthur blieb vor ihr ſtehen und blickte ſie ſchwei⸗ gend an. Längere Zeit blieben beide ſtumm, bis endlich Alice fragte:„Sie zürnen meinem Vater, Herr Bau⸗ meiſter?“ „Nicht im mindeſten; im Gegentheil, ich verehre ihn, denn er hatte Recht, als er mich aus der Nähe ſeiner Tochter verbannte“ antwortete Arthur.„Aber“, 182 fuhr er traurig fort,„der Gedanke an ihn hat mir alle frohe Zuverſicht auf eine glückliche Zukunft ge⸗ raubt, ich werde hinfort ein jämmerliches Leben führen müſſen.“ Alice blickte den Baumeiſter erſtaunt und fragend an. Dieſer ſprach weiter:„Ich habe Ihnen vorhin ein Geſtändniß abgelegt, gnädiges Fräulein, das unter andern Umſtänden eine andere Form und eine Ant⸗ wort bedingt hätte, ſo aber, wie die Sachen nun ein⸗ mal ſtehen, kann meine Liebe Sie nicht beglücken, denn Sie dürfen dieſelbe ja nicht erwidern und ich bin ge⸗ zwungen, Ihnen ebenſo wie einſt Adelheid fern zu bleiben.“ Alicens Herz zog ſich bei dieſen Worten krampfhaft zuſammen. Ihre Liebe hatte durch die Mittheilung des Baumeiſters nicht gelitten, ſie fühlte, daß ſie ihn nie werde vergeſſen können, aber ſie durfte ihm ja nicht ſagen, wie ſie dachte, denn er fragte ſie nicht, und ein Geſtändniß ihrerſeits ohne ſein Verlangen erſchien ihr unweiblich und zudringlich. Ein tiefer Seufzer entfloh ihrer Bruſt. Arthur bemerkte recht gut, wie es in dem Herzen des liebenden Mädchens ſtürmte, denn ihre Gefühle ſpiegelten ſich deutlich auf dem reizenden Geſicht ab, 183 und doch hielt er ſich für verpflichtet, ihr zu entſagen, wenn⸗ gleich auch ſein Herz zu zerſpringen drohte. Er fürchtete ſich faſt, dem General und deſſen Gemahlin vor die Augen zu treten, denn er mußte ja annehmen, daß ſie ihn gewiſſermaßen als den Mörder ihrer älteſten Toch⸗ ter betrachteten; war ſie doch aus Gram um ihn ge⸗ ſtorben, und hatte nicht er die Liebe in ihrem Herzen angeregt? Daß ſie ſich ſelber Vorwürfe machen könnten, kam ihm nicht in den Sinn, da ſie ja voll⸗ ſtändig Recht hatten, indem ſie ihn für zu jung zum Anknüpfen eines ernſten Liebesverhältniſſes hielten. „O Fräulein Alice, könnte ich Ihnen nur ſagen, wie unausſprechlich ich leide, ſeit ich erfahren, daß Sie die Schweſter Adelheid's ſind; aber was helfen mir meine Klagen! Sie verſtehen, mich vielleicht, doch Ihre Liebe darf und wird mich nie beglücken“, brachte er endlich ſchmerzlich bewegt hervor. „Mein Vater iſt menſchenfreundlich und gut; er zürnt Ihnen ſicher nicht, ſonſt hätte er wohl einmal Ihrer erwähnt. Folglich ſehe ich keinen Grund zu Ihrer Betrübniß, wenn nicht allein der Tod Adelheid's dieſe hervorruft“, antwortete Alice, alle ihre Kraft zuſammen⸗ raffend, aber heftig erröthend. Arthur's Herz pochte ſo laut gegen die Bruſt, als wolle es ſeine Hülle zerſprengen; er erfaßte ihre kleine 184 Hand und fragte:„Und Sie, Alice, was habe ich von Ihnen zu hoffen?“ Die junge Dame erhob ihr Köpfchen, ſie wollte etwas entgegnen, da erblickte ſie den Oheim, der ſchnell auf ſie zukam. Eilig ſtand ſie von ihrem Sitze auf, aber als ſie nun den Regierungsrath genauer anſah, da ergriff ein leiſes Zittern ihren Körper. Herr von Luſius war nahe herzugekommen, ſein Ge⸗ ſicht war geröthet, der Schweiß rann ihm von der Stirn und das ſonſt ſo gutmüthig blickende Auge hatte jetzt einen finſtern, drohenden Ausdruck angenommen. Ohne auf ſeine Nichte zu achten, rief er dem Baumeiſter zu:„Ha, ein Rendezvous! Und ich alter Mann ſterbe inzwiſchen faſt vor Angſt und Sorgen! Mein Herr, Sie haben die Freundlichkeit, mit der ich Ihnen ent⸗ gegengetreten, auf eine erbärmliche Weiſe gemißbraucht. Sie haben dieſe junge Dame, die in nächſter Zeit ihre Hand einem geachteten Manne reichen ſoll, von meiner Seite zu entfernen, ihren Pflichten untreu zu machen gewußt; danken Sie es meiner übertriebenen Gutmü⸗ thigkeit, wenn ich Sie nicht beſtrafe, wie Sie es ver⸗ dienen.“ Arthur erbebte vor Zorn und Unwillen.„Herr geheimer Rath“, entgegnete er mit zitternder Stimme, „Sie ſcheinen mit Beleidigungen ſehr vorſchnell bei der Hand zu ſein; ich halte es unter meiner Würde, mich nach dem Gehörten vor Ihnen zu vertheidigen, laſſen Sie ſich gefälligſt von dieſer jungen Dame erklären⸗ welchen Dienſt ich ihr erwieſen.“ Mit dieſen Worten drehte er dem Herrn von Lu⸗ ſius den Rücken zu und wandte ſich an Alice.„Sie ſehen, mein Fräulein“ ſprach er,„wie Ihre Verwandten mich behandeln. Leben Sie wohl, und wenn ich nicht zu viel verlange, ſo gedenken Sie zuweilen eines Men⸗ ſchen, der recht unglücklich iſt.. Arthur verbeugte ſich und ſchritt davon. Ehe Alice eines Wortes mächtig war, hatte er ſich in der Menſchenmenge verloren. „Du ſollteſt etwas mehr auf die Erhaltung der Zuneigung Deines Oheims geben“ ſprach nun der Rath in ernſtem Ton zu ſeiner Nichte.„Aber freilich, es iſt Dir gleichgültig, ob man ſich zu Tode ängſtet oder nicht, Du folgſt Deinen unbedachten Eingebungen.“ Nie in ihrem Leben war Alice weniger geneigt ge⸗ weſen, Vorwürfe geduldig zu ertragen, als in dieſem Augenblick; ſie fühlte ſich durch das Auftreten des Oheims erniedrigt und über die dem Baumeiſter zuge⸗ fügten Beleidigungen empört; Thränen traten in ihre Augen, aber ſie drängte ſie mit aller ihr zu Gebote ſtehenden Macht zurück und erwiderte mit eiſiger Kälte: „Spare Deine Worte! Du haſt das innige Band ge⸗ 186 waltſam zerriſſen, das mich von früheſter Jugend an Dich feſſelte. Ich bin alt und verſtändig genug, mein Thun zu bemeſſen, und werde nur meinen Aeltern Re⸗ chenſchaft davon geben, wie ich in die Nähe des Herrn Baumeiſters Soren gekommen bin.“ Eine ſolche Sprache war der Rath von dem ſonſt ſo ſanften und vertrauensvollen Kinde nicht gewohnt; er hatte gehofft, ſie werde um Verzeihung bitten, und nun lehnte ſie ſich vollſtändig gegen ſeine Autorität auf, ſprach ihm das Recht ab, über ſie zu richten. Seine unbegrenzte Liebe für die Nichte trug dennoch den Sieg über ſeinen Unwillen davon.„Alſo auf dieſe Weiſe lohnſt Du meine Beſorgniß um Dich?“ fragte er tief gekränkt. „Du haſt es ſo gewollt“, entgegnete Alice.„Ich hatte Dich zwiſchen dem Gedränge plötzlich von meiner Seite verloren und irrte ſuchend unter den Menſchen umher; mir wurde bange und es fehlte nicht viel, ſo hätte ich laut geweint. Da erſchien der Baumeiſter wie ein rettender Engel und führte mich hierher, nach⸗ dem wir eingeſehen, daß alles Suchen nach Dir ver⸗ gebliche Mühe ſei. Du haſt ſein Thun auf eine Weiſe belohnt, wie man es wirklich nicht von einem Mann in Deiner Stellung erwarten ſollte, und mich dadurch in das unvortheilhafteſte Licht geſtellt. Ich werde künftig 187 vorſichtiger in der Wahl meiner Beſchützer ſein. Un⸗ begreiflich finde ich aber, wie Du dazu kommſt, mich vor einem fremden Herrn als Braut auszugeben, da ich von keinem derartigen Verhältniß etwas weiß. Doch vielleicht glaubſt Du mich an einen Menſchen, gegen den Du Verbindlichkeiten haſt, zu verheirathen.“ „Schweige und folge mir zu Deinen Aeltern“ gebot jetzt der Rath, in heftigen Zorn gerathend. „Ich werde gehen, ſobald ich dies für gut halte, und wäre der Herr Baumeiſter nicht verſchwunden, wahrlich, ich bäte um ſeine Begleitung“ antwortete Alice trotzig. Der alte Rath kam ganz außer Faſſung; er kannte die ſchüchterne Richte faſt nicht mehr und wußte kaum, was er weiter thun ſolle.„Alſo Du weigerſt Dich, mit mir zu gehen?“ fragte er ernſt. Alice ſchritt langſam vorwärts, ohne weiter ein Wort zu ſprechen. Je weiter ſie kamen, deſto mehr ſchwand der Zorn des Oheims; er geſtand ſich, daß er den Baumeiſter auf die rückſichtsloſeſte Weiſe verletzt habe, wenn ſein Zuſammentreffen mit Alice auf Zufälligkeit beruhte und er ſie nicht vermocht hatte, ihn in dem Menſchen⸗ gewirre zu verlaſſen. Und er mußte wohl die Worte der Nichte als wahr betrachten, denn er kannte ihren „ 188 Charakter zu gut, um annehmen zu dürfen, ſie habe ihm die Unwahrheit geſagt und ſuche ihn zu täuſchen. Ein Gefühl der Scham ſchlich ſich in ſeine Bruſt, der Baumeiſter mußte ihn für einen despotiſchen Menſchen halten, der ſich das Recht anmaßte, jeden Fremden nach Willkür beleidigen zu können. Ohne weiter ein Wort zu wechſeln, kamen ſie in dem Hotel an, in welchem der General und ſeine Gat⸗ tin ihrer bereits ſehnſüchtig harrten. Herr von Wüſtenbrink umfing ſeine Tochter und rief lächelnd:„Nun, Du liebes Herz, wie früh biſt Du denn heute aufg fgeſtanden?“ Erſt jetzt, in den Armen des Vaters, konnte Alice ihren Schmerz nicht länger zurückdrängen, ſie lehnte das Köpfchen an die Bruſt des alten Herrn und brach in lautes Schluchzen aus. „Was iſt das? Kind, warum dieſe Thränen?“ fragte der General, bald die Tochter, bald den Schwager an⸗ blickend. „Ich habe ſie durch einige Vorwürfe erzürnt“ ant⸗ wortete der geheime Rath in ſehr verdrießlichem Ton. Alice erwiderte nichts, ſondern ſuchte nur ihre Thränen zurückzuhalten, was ihr nicht gelingen wollte. „Aber was iſt denn vorgefallen?“ fragte die Ge⸗ neralin. 189 „Wir waren in dem Johannisthale unter vielen Menſchen. Plötzlich vermißte ich Alice an meiner Seite, lief wohl eine halbe Stunde umher, ſie überall ſuchend, bis ich mich überzeugte, daß ſie nicht mehr in dem Gedränge ſtecke. Nun verließ ich das Johannisthal und finde dann das Fräulein am Ausgange an der Seite eines jungen Baumeiſters, mit dem wir die Reiſe von Cöslin bis Berlin in einem Coupé zuſam⸗ mengemacht hatten und der uns auch im Thiergarten der Hauptſtadt zu finden und, wie es ſchien, Alice zu feſſeln wußte. Ich war wüthend, daß ich mich zu Tode geängſtet, während die Geſuchte ſich in der heiterſten Stimmung in ſolcher Geſellſchaft befand, und anneh⸗ mend, daß der Herr Baumeiſter an dem Verſchwinden die Schuld trage, machte ich dieſem die Cour, wodurch ich den Zorn dieſes Kindes auf mich geladen habe“, erzählte der Rath. „Nun, meine Tochter, darüber beruhige Dich doch. Der Oheim hat es ſicherlich gut mit Dir gemeint, was Du ſchon aus ſeinem Eifer entnehmen konnteſt“, er⸗ mahnte der Vater, Alice die Wangen ſtreichelnd. Aber Alice ſchien von dieſem Troſt keine Notiz nehmen zu wollen, ihre Thränen floſſen noch reichlicher, ſie war außer Stande, zu antworten. „Ich begreife Dich nicht, Kind“ nahm nun die Frau 190 Generalin das Wort;„wenn der Onkel dem fremden Herrn zu nahe getreten, ſo lag es ja in ſeiner Macht, eine etwaige Beleidigung zurückzuweiſen.“ „O nein, Herr Soren iſt viel zu ſtolz, um auf ſolche Worte zu antworten, wie ſie ihm ins Geſicht ge⸗ ſchleudert wurden. Er iſt mit dem ſchwärzeſten Undanke belohnt und ich muß in ſeiner Achtung tief geſunken ſein“, wandte Alice ein. „Himmel, was iſt das?“ rief die Generalin.„Du ſcheinſt Dich ernſtlich für den Herrn zu intereſſiren, und er heißt Soren?“ „Baumeiſter Soren?“ fragte der General erblei⸗ chend. „Ja, Soren“, antwortete der geheime Rath.„Er ſcheint ein eleganter junger Mann zu ſein und na⸗ mentlich das Herz einer Dame leicht rühren zu können.“ Alice warf dem Oheim einen ſtrafenden Blick zu und ſprach:„Lieber Vater, der Baumeiſter iſt derſelbe Soren, der vor ſieben Jahren in Deinem Regiment als Lieutenant gedient hat; er wurde nach ſeinem Abgange vom Militär aus dem Vaterhauſe verſtoßen und hat ſich durch eigene Kraft bis zum königlichen Baumeiſter emporgearbeitet.“ In dieſem Augenblick trat das Bild der ſterbenden 191 älteſten Tochter wieder vor die Seele des Generals, ein heftiger Schmerz ergriff ihn bei der Rückerinnerung, aber er gedachte auch der letzten Bitte Adelheid's. Ohne Bitterkeit erwiderte er:„Soren war ein tüchti⸗ ger junger Mann, voll Thatkraft und Ehrliebe; ſchade, daß er dem Soldatenſtande Valet ſagte; aber ich glaube, daß er ſich auch auf jeder andern Laufbahn empor⸗ ſchwingen wird. Doch ich nehme an, meine Tochter, daß Dir der Herr ganz gleichgültig geblieben iſt“, fuhr er, Alice ſcharf fixirend, fort. Er konnte keine Veränderung in den Zügen Ali⸗ cens wahrnehmen, da dieſe noch immer das Geſicht mit dem Taſchentuche bedeckt hatte; ſie antwortete nichts. „Alice iſt viel zu verſtändig und wohlerzogen, als daß wir zu befürchten brauchten, ſie werde ohne unſern Rath und Willen auch nur der geringſten Zuneigung für einen Herrn in ihrem Herzen Raum geben, und ich weiß wirklich gar nicht, wie Ihr Männer darauf kommt, auf ein Zwiegeſpräch zwiſchen ihr und einem Fremden irgend welches Gewicht zu legen“ meinte die Generalin voll Ueberlegenheit und mit Würde. „Was denkſt Du zu dieſer Lobrede, Alice?“ fragte der Oheim lachend. „Ich denke, daß es Zeit wäre, mir darüber Auf⸗ 192 klärung zu geben, wie Du zu der Aeußerung gegen den Baumeiſter gekommen, ich würde in nächſter Zeit mich verheirathen.“ „Nun, mein Kind, das ſollteſt Du längſt eingeſehen haben, daß wir ſämmtlich wünſchen, Dich mit dem Rittmeiſter von Walden vermählt zu ſehen; ſeine Liebe iſt Dir gewiß kein Geheimniß mehr“, entgegnete die Mutter ſtatt ihres Bruders. „Rittmeiſter von Walden?“ rief Alice entſetzt. Dann plötzlich ihre volle Energie wiedererlangend, fuhr ſie fort:„Ehe ich dem meine Hand reiche, will ich mir ſelber den Tod geben.“ Der General betrachtete erſtaunt das junge Mäd⸗ chen, der Oheim lächelte, aber ihre Mutter erglühte vor Unwillen.„Alſo ſo ſteht die Sache?“ rief ſie in zornigem Ton.„Da trägt gewiß der Herr Baumeiſter die Schuld davon.“ Alice richtete ſich empor, ihr Auge blickte voll Stolz umher und die etwas bleichen Wangen färbten ſich mit dem ſchönſten Carmin, indem ſie entgegnete:„Du haſt Recht, Mama, er hat mein Herz gewonnen, ihm allein möchte ich einſt angehören oder keinem Mann auf die⸗ ſer Erde; ich denke in dieſet Beziehung wie meine ſelige Schweſter, die jetzt gewiß aus lichten Höhen auf mich herabblickt und für mein Glück betet.“ 193 Ein allgemeines Staunen hatte die Anweſenden erfaßt, Niemand war ſogleich im Stande, eine Erwide⸗ rung hervorzubringen, bis endlich der Vater ohne Zorn fragte:„Hat der Baumeiſter von Adelheid zu Dir geſprochen, mein Kind?“ „Heute früh“, antwortete Alice.„Der Oheim hatte Deinen Namen nicht gegen ihn genannt, ſondern mich einfach als ſeine Nichte vorgeſtellt; infolge deſſen hielt mich Soren für eine geborene von Luſius. Als ich ihm nun ſeinen Irrthum nahm, ergriff ihn die Ver⸗ zweiflung;„er erzählte mir, in welchen Beziehungen er einſt zu unſerer Familie geſtanden, und beklagte ſein Geſchick, das ihn verhindere, an meiner Seite glücklich zu werden.“ „Er geht, wie es ſcheint, darauf aus, unſer Unglück vollſtändig zu machen“ rief Frau von Wüſtenbrink nach⸗ ſichtslos. „Im Gegentheil, ich glaube nicht, daß irgend ein Menſch durch ihn unglücklich werden kann“ antwortete Alice zuverſichtlich. „Genug des Streits!“ nahm der General das Wort. „Du, Alice, haſt ſehn einem Gefühl in Deinem kennſt den Herrn S Steffens, Ein Wechſel. I. 194 er Deiner Liebe würdig iſt, folglich hätteſt Du Dein Herz beſſer bewachen ſollen. Ich will keine rückſichts⸗ loſe Härte an den Tag legen, indem ich verlange, die Liebe zu Soren zu bekämpfen; aber ich hoffe, Du wirſt meine Nachſicht zu würdigen verſtehen und hinfort nicht wieder Gelegenheit ſuchen, ihn zu ſehen, bevor ich Dir erkläre, daß ich Deine Zuneigung für ihn gut heiße. Wo wohnt Soren hier in Leipzig?“ fragte er dann die Tochter. „Ich weiß es nicht“ entgegnete dieſe mit einem Blick voll Innigkeit und neuer Hoffnung auf den Vater. „Du willſt doch nicht etwa den Herrn aufſuchen?“ fragte die Generalin, eine eiſige Kälte in ihre Worte legend. „Möchteſt Du mir vielleicht andere Vorſchriften ertheilen?“ zürnte der General. Ihn ärgerte die Herz⸗ loſigkeit ſeiner Frau um ſo mehr, als er wußte, daß gewöhnlich die Frauen ihre Töchter gegen die Strenge der Väter in Schutz zu nehmen ſuchen. Frau von Wüſtenbrink beherrſchte ihren Mann bis zu einem gewiſſen Grade; dieſen zu überſchreiten hielt ſie aber nicht für gut; verletzt antwortete ſie:„Ich glaubte, Du würdeſt Dich daran erinnern, daß der Rittmeiſter von Walden um die Erlaubniß gebeten 195 hat, ſich um die Hand Alicens bei ihr bewerben zu dürfen.“ „Dieſe Erlaubniß haſt Du ihm ertheilt, es bleibt mir aber wahrlich fern, noch eine Tochter zu opfern, indem ich ihr Herz breche“ ſprach der General.„Kann Walden die Zuneigung Alicens nicht gewinnen, ſo mag er ſich nach einer andern Frau umſehen! Du weißt wohl, Niemand iſt den ehelichen Verbindungen aus beſondern Rückſichten mehr feind als ich“, ſetzte er bedeutungsvoll hinzu. Der Regierungsrath fürchtete den Ausbruch einer unangenehmen Scene zwiſchen dem General und ſeiner Schweſter, denn er kannte die Gereiztheit der letztern nur zu genau; deshalb fragte er, zwiſchen ſie tretend: „Wann reiſen wir weiter, Wüſtenbrink?“ „Ich denke, gleich nach Tiſche, wenn dieſer Vorſchlag Euch allen willkommen iſt“, entgegnete der General. „Für jetzt muß ich mich auf ein Stündchen beurlauben. Willſt Du mich begleiten, Luſius?“ Der Regierungsrath zeigte ſich hierzu bereit. Die beiden Männer entfernten ſich und ließen Mutter und Tochter allein zurück. Lange wechſelten dieſe kein Wort mit einander. Die Frau Generalin hielt ſich zu dem höchſten Zorn gegen Alice berechtigt, die es gewagt, ihren Plänen feſt und 13* 196 beſtimmt entgegen zu treten, und dieſe wagte es nicht, um Nachſicht zu bitten, denn ſie wußte wohl, daß jede Berührung des eben beendeten Geſprächs die Mutter nur noch mehr reizen werde. Eine Stunde verſtrich, ehe der General den Gaſthof ermittelt hatte, in welchem Soren Wohnung gefunden. Er begab ſich mit dem Schwager dorthin, nicht um dem jungen Manne Vorwürfe zu machen, ſondern das Adelheid auf ihrem Sterbebette gegebene Verſprechen zu halten und ihm freundlich gegenüber zu treten, da⸗ mit er Vertrauen zu ihm gewinne, und falls er Alice wahrhaft liebte, ihn zu überzeugen, daß er nur das Glück ſeiner Tochter wünſche. In dem Hotel angekommen, fragte er ſogleich nach dem Baumeiſter Soren, erhielt aber die Antwort, daß derſelbe vor etwa einer Stunde eine Droſchke genom⸗ men und nach dem Bahnhofe gefahren ſei, nach wel⸗ chem, war nicht zu ermitteln. Unmuthig begaben ſich die beiden Herren nach ihrer Wohnung zurück. Der General konnte vorläufig nichts weiter thun, um ſeine Tochter zufrieden zu ſtellen, er mußte abwarten, ob Soren's Liehe ſtark genug ſei, neue Schritte zur Erreichung der Hand Alicens zu unter⸗ nehmen. An demſelben Tage reiſte auch er mit ſeiner Fa⸗ 197 milie von Leipzig ab. Alice erſchien wenn auch nicht ſo kindlich froh und glücklich wie früher, ſo doch ruhig und gefaßt; ſie ſchloß ſich dem Vater auch jetzt mit großer Innigkeit an und hoffte vielleicht, dieſer werde nur darauf bedacht ſein, ſie mit Soren zu vereinigen. Neuntes Kapitel. Als der junge Baumeiſter von Alice geſchieden war, bemächtigte ſich ſeiner ein ſo großer Schmerz, daß er glaubte denſelben nicht ertragen zu können. Damals, als er Adelheid auf ähnliche Weiſe verlaſſen und ihr hatte entſagen müſſen, hatte er allerdings auch viel gelitten; aber er war lange auf einen ſolchen Ausgang ſeines Liebesverhältniſſes gefaßt und vorbereitet geweſen, der eigene Verſtand hatte ihm geſagt, daß es nicht anders ſein könne, und die mühevolle Laufbahn, die er vor ſich gehabt, war zum Ablenker ſeines Wehs geworden, andere Sorgen hatten ſeine Geiſtesfähigkeiten ſo voll⸗ ſtändig in Anſpruch genommen, daß er keine Zeit be⸗ halten, ſich dem Schmerz um ein verlorenes Lebensglück in die Arme zu werfen. — 00 Jetzt war das Alles ganz anders! Zuerſt erfüllte ihn Adelheid's Andenken mit einem unbezwinglichen Gram; ihr früher Tod erſchien ihm lediglich als eine Folge der Trennung zwiſchen ihnen, und mußte er ſich nicht den Vorwurf machen, daß er der erſte geweſen, der in jugendlichem Leichtſinn das Verhältniß mit ihr angebahnt, ſie zur Gegenliebe veranlaßt habe, ohne damals den Verſtand zu Rathe zu ziehen? Er fühlte ſich unfähig, ſein Thun zu entſchuldigen. Doch wie peinigend auch der Gedanke an Adelheid für ihn ſein mochte, er würde im Stande geweſen ſein, ihn zu er⸗ tragen, und vielleicht hätte er ihm auch weit weniger Weh bereitet, wenn er in ſeiner Liebe zu Alice glück⸗ lich geweſen wäre. Aber ſie war ja die Tochter jenes Mannes, der ihm geboten, ſeiner Familie fern zu blei⸗ ben, der, wie er beſtimmt annahm, ihm heftig zürnte und überdies ſein Kind wohl nie einem bürgerlichen Beamten zur Frau geben werde, der ſo weit unter ihm ſtand. Er erinnerte ſich der Abneigung und Kälte der Frau von Wüſtenbrink, mit der ihn dieſe behandelt, und ſeine Ueberzeugung faßte immer tiefere Wurzel: er dürfe ſich den Aeltern Alicens nicht nahen, ohne aufs neue den größten Beleidigungen ausgeſetzt zu ſein. Noch im Kampfe mit dem eigenen Herzen und faſt be⸗ ſiegt durch die Liebe der argloſen jungen Dame, mußte 200 er die Beſchimpfung von ihrem Oheim ertragen, der mit klaren Worten ausſprach, daß über Alicens Zu⸗ kunft ſchon entſchieden, ſie für einen Andern als Gattin beſtimmt ſei. Er wandte ſich von ihr, aber der Friede ſeines Herzens war von ihm gewichen. Einen Ablen⸗ ker für ſein Weh fand er jetzt nicht, er konnte den ihn beſchleichenden Schmerz nicht damit zurückdrängen, daß er ſich ſagte, es könne nicht anders ſein; ſeine Stellung in der Welt berechtigte ihn ja dazu, die Hand einer Dame aus den erſten geſellſchaftlichen Kreiſen zu be⸗ anſpruchen. Und die Arbeit konnte nun auch keine Trö⸗ ſterin für ihn werden, denn einmal fehlte es ihm ge⸗ genwärtig an hinlänglicher geiſtiger Beſchäftigung, und dann fühlte er ſich auch nicht mehr fähig, mit der frü⸗ hern Raſtloſigkeit thätig zu ſein. Das viele Arbeiten bei Lampenlicht hatte ſein Auge derart geſchwächt, daß er bereits genöthigt war, daſſelbe durch eine Brille zu ſtärken; von den Aerzten war ihm gerathen worden, jede beſondere Anſtrengung der Augen gänzlich zu meiden. In ſeinem Hotel angekommen, warf ſich Arthur auf ein Polſter und überließ ſich ein Viertelſtündchen ganz dem Schmerz um den Verluſt der Geliebten. Faſt zürnte er ſich ſelber, daß er ſo wenig Herr über das eigene Herz war; hatte er Alice doch erſt dreimal geſehen, und ſchon erſchien ihm das Leben unerträglich 201 ohne ihren Beſitz. Aber die glückſtrahlenden Blicke ihres ſchönen Auges, ihre freundliche und liebevolle Hinnei⸗ gung zu ihm enthielten ja ein langes Menſchenleben voll Seligkeit für ihn. Endlich ſprang der Baumeiſter empor, bezahlte die Rechnung an den Hotelbeſitzer, ließ eine Droſchke be⸗ ſtellen und fuhr dem Bahnhofe zu.„Fort!“ rief es ihm zu.„Hin zu den Aeltern, um bei ihnen Troſt für die Schmerzen und Enttäuſchungen des Lebens zu ſuchen.“ Wenige Stunden ſpäter befand ſich Arthur wieder in Berlin. Ohne Säumen that er hier die erforder⸗ lichen Schritte zur Erlangung ſeines Patents als Bau⸗ meiſter und begab ſich dann auf die Reiſe in die liebe Heimat, der er ſo lange Jahre fern geblieben war. Eine ſtille Wehmuth bemeiſterte ſich ſeiner, als er die Vergangenheit ſeit ſeinem letzten Scheiden aus dem Aelternhauſe an ſich vorüberziehen ließ. Zwar hatte er durch den Freund von Zeit zu Zeit immer Nach⸗ richten über die Aeltern und Geſchwiſter erhalten, er wußte, daß ſie ihm längſt nicht mehr zürnten; aber deſſenungeachtet beſchlich ihn jetzt ein beängſtigender Gedanke, nun er wieder vor ſie treten ſollte. 202 Die Sonne hatte ſo eben ihre letzten Strahlen auf die Erde geſandt, ehe ſie am fernen Horizont den Blicken entſchwunden war; ein lauer Sommerabend lockte die von der Arbeit des Tages Ermüdeten noch auf ein Stündchen vor die Thür, um mit dem Nachbar gemüthlich zu plaudern oder, die Glieder auf eine Bank„ geſtreckt, von der wohlthuenden Abendluft umfächelt, der ſtillen Ruhe zu pflegen. Vor dem herrſchaftlichen Wohnhauſe zu Hünenburg ſaß der alte Major Soren neben ſeinem zweiten Sohn und ſprach mit dieſem über einige Wirthſchaftsange⸗ legenheiten, bis dieſer endlich aufſtand und ſagte:„Vater, der Abend iſt ſo ſchön, ich gehe noch nach Buchberg hinüber; vor zehn Uhr bin ich wieder zu Hauſe.“ „Wirſt Du bei dem Bruder vorſprechen?“ fragte der Major. „Nein, aber ich werde ihn wohl im Gaſthofe treffen, wo er ja allabendlich ſein Bier trinkt“, antwortete der Sohn. „Dann kommſt Du auch ſicher nicht ſo früh zu⸗ rück“, meinte der Major. „Wir wollen ſehen. Guten Abend, Vater!“ Mit dieſen Worten wandte ſich der junge Mann zum Gehen. Der Major Soren war nicht mehr jener kräftige 203 Mann, als den wir ihn kennen gelernt. Sein Haar war ſchneeweiß geworden, der ſonſt kerzengrade Körper hatte eine merkliche Krümmung des Rückens angenom⸗ men, in ſeiner ganzen Erſcheinung ſpiegelten ſich das hinfällige Alter und die Strapazen und Sorgen lan⸗ ger Jahre ab. Längere Zeit ſaß er noch allein vor der Thür, nach⸗ dem ſein Sohn ihn verlaſſen, und blickte entweder ſtill vor ſich nieder, oder er ſah zu dem nach und nach ſich beſternenden Himmel hinauf. Dann entfloh zuweilen ein ganz leiſer Seufzer ſeiner Bruſt, welchem ein lautes Räuspern folgte, als ſolle dadurch die frühere Gefühls⸗ äußerung übertönt werden; hierauf rückte der Greis wohl ein wenig weiter auf der Bank und ſchaute wie⸗ der zur Erde. Endlich erhob er ſich, ſtützte ſich auf einen dicken Krückſtock und ſchritt in das Haus. Vor einem der obern Zimmer angelangt, wollte der Major die Thür öffnen, fand ſie aber verriegelt. „Schläfſt Du ſchon, Frau?“ fragte er, nochmals den Drücker der Thür ergreifend. „Nein, bewahre, ich werde ſogleich öffnen“, antwor⸗ tete eine Stimme von innen. Der Major vernahm ein ſchnelles Hin⸗ und Her⸗ bewegen im Zimmer, er mußte noch einige Sekunden warten, dann öffnete ſich der Eingang. 204 Seine Frau und zwei junge Mädchen aus dem Dienſtperſonal ſtanden vor ihm. „Du haſt wohl noch ordentlich Heimlichkeiten vor mir?“ fragte Soren ſeine Frau, gutmüthig lächelnd. Während ſich die Mädchen entfernten, antwortete die Majorin:„Was Du nur denkſt! Wir wollten eben eine Arbeit unternehmen, bei der wir ungeſtört ſein müſſen.“ „So, ſo; nun ich will auch gleich wieder gehen. Es iſt heute Abend herrlich im Freien, kommſt Du nicht vor die Thür?“ „Ich habe keine Zeit; morgen zu Deinem Geburts⸗ tage treffen doch gewiß die Kinder hier ein, und da gibt es noch Mancherlei für die Hausfrau zu thun.“ „Ach ja, richtig, morgen iſt ja mein Geburtstag; damit ſtand auch wohl das Verriegeln der Thür in Verbindung? Weißt Du auch, daß ich nun ſchon ſiebzig Jahr alt werde?“ „Ja, lieber Soren, ich weiß es!“ antwortete die Gattin.„Wir ſind nun beinahe ſeit vierzig Jahren verheirathet.“ „Wer weiß, ob man noch einen Geburtstag erlebt, wir ſind nicht mehr viel nütze auf der Welt. Nur einen einzigen Wunſch möchte ich noch gern erfüllt ha⸗ ben, ehe ich ſterbe.“ 205 „Ich kenne ihn“ erwiderte Frau Soren traurig. „Du kennſt ihn? Jawohl, Du kennſt ihn! Aber er wird wohl unerfüllt bleiben, der Menſch iſt zu ſtarr⸗ köpfig.“ „Nein, Soren, das iſt er nicht, ſonſt hätte er uns nicht mehrmals von ſeinem Leben und Wohlergehen benachrichtigt.“ „Ach was, glaubſt Du denn, daß es ihm wohl ergangen? Heute geht es einem nicht mehr wohl in der Welt, wenn man nicht die Taſchen voll Geld hat; und wo ſoll er etwas hernehmen? Unterſtützt iſt er nicht worden und etwas zu verdienen hat er nicht gelernt; nur ein falſcher Stolz hindert ihn, uns zu nahen.“ „Nein, Soren, Arthur iſt zu gut und liebt uns zu ſehr, um uns fern zu bleiben, wenn er nicht triftige Gründe dazu hätte. Uebrigens glaube ich immer, daß er eines Tages hier als großer Mann erſcheint, jedenfalls bin ich aber ganz über ihn be⸗ ruhigt, ſeit ich weiß, daß er lebt und es ihm gut geht.“ „Beruhigt? Ja, Du biſt beruhigt! Aber gut geht es ihm nicht, dabei bleibe ich; er verſteht es nicht, ſich ohne Beihülfe durch die Welt zu arbeiten.“ „Nun, wir werden ja ſehen, wer Recht hat.“ 206 „Sehen? Gar nichts werden wir ſehen; er wird ſich nicht wieder vor uns ſehen laſſen; doch ich werde ihm das gedenken. Hätte er uns wenigſtens einmal geſchrieben, wo er lebt; aber nein, das iſt nicht nöthig, wir müſſen ſchon zufrieden ſein.“ „Aber, Soren, Du haſt ihm doch verboten, wieder herzukommen oder Dich irgendwie zu beläſtigen.“ „Verboten? Jawohl verboten! Ich habe ihm Man⸗ ches verboten, und er hat ſich nicht daran gekehrt. Hatte ich ihm etwa erlaubt, vom Militär abzugehen? Antworte doch!“ „Laſſe es gut ſein, Soren; wenn Arthur noch lebt, wird er uns wieder aufſuchen, ſobald er dies vermag. Aber vielleicht iſt er ſchon todt, wir haben ſeit länger als einem Jahre keine Nachricht mehr von ihm.“ „Es könnte mir eigentlich ganz gleichgültig ſein, ob ich ihn ſehe oder nicht, denn etwas Ordentliches iſt doch nicht aus ihm geworden; aber zuweilen iſt es mir, als müßte ich ihn durchaus noch einmal ſprechen, ehe ich zur ewigen Ruhe eingehe, und dann treibt es mich immer, eine Unterhaltung über ihn anzuknüpfen, obgleich er dies gar nicht verdient. Doch ich ſehe, Du wirſt unruhig, ich ſtöre Dich. Gute Nacht!“ Die Gatten trennten ſich; der alte Major ſuchte ſein Schlafzimmer auf, während ſeine Gemahlin die 207 erſt fortgeſchickten Mädchen herbeiklingelte und eine durch den Eintritt Soren's unterbrochene Arbeit wieder aufnahm, nämlich Kränze und Guirlanden zu winden. Es mochte gegen ſechs Uhr am nächſten Morgen ſein, als der Major in ſeiner Wohnſtube erſchien, um hier den Kaffee einzunehmen. Das ganze Zimmer war be⸗ kränzt und mit Blumen geſchmückt, der Oberförſter und der Kaufmann hatten ſich mit ihren Familien einge⸗ funden, die Frau des Hauſes und der zweite Sohn ſtanden ebenfalls bereit, den alten Mann feſtlich zu empfangen, es erfolgte eine feierliche Familienſcene, wie ihr der geehrte Leſer gewiß ſchon oft im Leben beizuwohnen Gelegenheit gehabt hat. „Kinder, welche Ueberraſchung!“ rief der Major ge⸗ rührt aus.„Ich danke Euch allen recht herzlich für Eure Glückwünſche und Aufmerkſamkeit. Möge Euch der Himmel vergelten, daß Ihr es Euch ſo angelegen ſein laßt, mich zu erfreuen. Ihr habt mich ſehr beglückt!“ Die kleinen Enkel ſagten einige ſehr wohl einge⸗ lernte Gedichte her, dabei einen prüfenden Blick auf den großen Kuchen werfend, der neben dem Kaffee⸗ ſervice auf dem Tiſche prangte. Der Großvater herzte und küßte ſie, und auf allen Geſichtern ſtrahlte die Freude des Glücks. Endlich wurden auch die Wünſche der Kleinen be⸗ 208 friedigt, der Kuchen erlitt einige mächtige Schnitte, die Kaffeetaſſen waren gefüllt, man ſetzte ſich um den großen Familientiſch und begann das Frühſtück einzunehmen. Da plötzlich erſcholl in geringer Entfernung der muntere Ton eines Poſthorns und ſtörte die kleine Geſellſchaft auf. Alle eilten ans Fenſter, die Kinder ſchneller, Vater und Mutter aber mit der Bedächtigkeit und Ruhe des Alters. „Eine Extrapoſt!“ rief der Oberförſter.„Gewiß ein Freund, der Dich überraſchen will, lieber Vater!“ Der offene Poſtwagen war inzwiſchen näher ge⸗ kommen. Ein junger, ernſter Mann mit ſtark markir⸗ ten Zügen, bleichen Wangen, das Auge durch eine Brille mit goldener Einfaſſung geſchützt, lehnte daraus hervor und blickte unverwandt nach dem Hauſe. Seine Kleidung war, ſoweit die Neugierigen erforſchen konn⸗ ten, höchſt elegant und modern, aber Niemand er⸗ kannte ihn. Jetzt hielt der Wagen, die Mutter drängte ſich vor, warf einen prüfenden Blick auf den Ankömmling und rief mit zitternder Stimme:„Arthur, unſer guter Arthur!“ „Bei Gott, er iſt es!“ ſtammelte der Major und hielt ſich an dem Fenſterrande feſt. „Onkel Arthur, Onkel Arthur!“ jubelten die Kleinen. Inzwiſchen waren die Geſchwiſter und der Schwa⸗ 209 ger ſchon vor die Thür geeilt, der junge bleiche Mann lag in den Armen ſeiner Verwandten. Und nun wurde er wie im Triumphe ins Haus geführt, er trat vor ſeine Aeltern. Der alte Major zwinkerte einigemal mit den Augen, dann breitete er die Arme aus, Arthur lag weinend an ſeiner Bruſt, von der Mutter ebenfalls umfangen. „Das iſt Onkel Arthur nicht!“ rief der kleine Schwätzer, der ſchon früher einmal durch ſeinen Vorwitz den Groß⸗ vater in Verlegenheit gebracht hatte.„Er hat ja keinen Soldatenrock an.“ Der Major brummte etwas von„ungezogener Range“ in den Bart, die Uebrigen lachten, aber Arthur ſprach ernſt:„Doch, Kleiner, ich bin Dein Onkel; zwar nicht mehr Soldat, aber königlicher Baumeiſter, und ich denke, Du wirſt Dich meiner nicht zu ſchämen brauchen.“ „Königlicher Baumeiſter?“ ertönte es von verſchie⸗ denen Lippen, und alle blickten mit einem Gefühl von Verehrung auf den jungen Mann, deſſen Mund bis jetzt kein Lächeln in ihrer Geſellſchaft umſpielt hatte. „Du hätteſt wirklich das Baufach ſtudirt?“ fragte endlich der Major im Ton des Zweifels.„Täuſche mich nicht, mein Sohn.“ Arthur griff in die Taſche ſeines eleganten Ueber⸗ rocks und langte ein großes Papier hervor. Dem Vater Steffens, Ein Wechſel I. 14 210 es überreichend, ſprach er in beſcheidenem Tone:„Hier überzeuge Dich, daß ich Deiner werth und fähig bin, mir Anerkennung zu erwerben.“ Der alte Herr las eine Weile, dann rief er ver⸗ gnügt.„Ja, Du biſt mit Leib und Seele ein echter Soren! O dieſen Tag gebe ich nicht für zehn Jahre meines Lebens hin! Siehſt Du jetzt, Frau, warum ich mich immer nach einem Wiederſehen ſehnte? Aber nun ſage mir auch unverhohlen, mein Junge, wie viel Schulden haſt Du? Verſchweige mir nichts, ich bezahle Alles und müßte ich das Gut verkaufen!“ „Sechstauſend Thaler habe ich—“ „Sechstauſend Thaler!“ unterbrachen den Baumeiſter die Ausrufe von mehreren Seiten.„H Himmel!“ „Sechstauſend Thaler habe ich mir erſpart, hier ſind die Zinsſcheine darüber“ fuhr Arthur fort, ſeine Brieftaſche hervorziehend.„Ich hatte ſchon etwas mehr, doch die letzte Zeit koſtete viel Geld.“ „Unmöglich! Mache keine Witze!“ riefen die Ge⸗ ſchwiſter. Der Major aber ſah die Papiere durch und ſprach dann mit bewegter Stimme:„Ich habe Dir einſt großes Unrecht gethan, mein beſter Junge, ver⸗ zeihe Deinem alten Vater! Uebrigens biſt Du durch eine gute Schule des Lebens gegangen und jetzt wohl ein beſſerer Baumeiſter, als Du einſt ein Offizier warſt. 6 211 Es iſt gut ſo; man iſt thöricht, wenn man zu ſehr an einem Stande hängt.“ Und wieder lag Arthur an der Bruſt des Greiſes. Nachdem ſich der Sturm der Freude langſam ge⸗ legt, die liebevolle Mutter ſich endlich in ihr Glück gefunden und der Vater zu verſchiedenen Malen die erbleichten Wangen ſeines Sohnes geſtreichelt, mußte dieſer einen getreuen Bericht von den ſieben Jahren ablegen, die er fern vom älterlichen Hauſe verbracht hatte. Er that dies ohne Zögern und überzeugte da⸗ durch die Seinen immer mehr, wie werth er ihrer Liebe und Achtung ſei. „Da iſt es kein Wunder, wenn Du mit ſiebenund⸗ zwanzig Jahren die Jugendfriſche verloren, mein Sohn“, meinte der Major;„Du haſt geleiſtet, was Dir ſo leicht Niemand nachmacht. Aber den Ernſt, den Du ange⸗ nommen, mußt Du hier bei uns ablegen, obgleich er Dich ganz vortrefflich kleidet. Jetzt ſollſt Du Dich er⸗ holen. Du bleibſt doch vorläufig hier bei uns in Hü⸗ nenburg?“ „Einige Wochen werde ich wohl in Eurer lieben Geſellſchaft verleben können, wenn nicht ein unvorher⸗ geſehener Fall eintritt, doch dann muß ich einem Rufe nach der Provinz Sachſen folgen, um einen größern Wegebau zu leiten“ erwiderte Arthur. 14* 212 „Aber wenn Du ſo fortfährſt, wie Du begonnen, ſo reibſt Du Dich ja auf, und das darfſt Du nicht!“ proteſtirte der Vater. „Sei deshalb außer Sorgen; ich bin an Arbeit ge⸗ wöhnt und ſie iſt mir lieb und werth. Doch ich bin jetzt auch im Stande, ein gemächlicheres Leben zu füh⸗ ren wie bisher, ich habe das Ziel erreicht, wonach ich lange geſtrebt“ antwortete Arthur liebevoll. Der Major und ſeine Gattin lebten gleichſam wie⸗ der auf in der Geſellſchaft ihres jüngſten Sohnes. Nur die wenigen Stunden während der Macht brachte er außer ihrer Geſellſchaft zu, ſonſt ließen ſie ihn nicht von der Seite. Sie hatten ihn ja ſo viele Jahre nicht um ſich gehabt, da mußten ſie nun wohl einen Erſatz für die lange Trennung ſuchen. Arthur fühlte ſich durch die Liebe der Seinen für die überſtandenen Mühen und Entbehrungen reich be⸗ lohnt, er vermochte in ihrer Geſellſchaft jedes Weh ſeines Herzens in der Bruſt zu verſchließen und we⸗ nigſtens vollſtändig zufrieden zu erſcheinen. Freilich konnte er den angenommenen Ernſt nicht ganz ablegen, aber ſein Schmerz blieb ihnen fremd; warum ſollte er ſie auch durch die Kunde betrüben, daß er ſich namen⸗ los unglücklich fühle? War es doch genug, daß er an einer vielleicht unheibaren Wunde litt. 213 Tage und Wochen ſchwanden ſchnell dahin. Faſt an jedem neuen Morgen trafen der Oberförſter und der älteſte Sohn des Majors mit ihren Familien auf dem Gute Hünenburg ein und verblieben dort den größten Theil des Tages, alle wollten ſoviel als möglich das Glück genießen, in der Geſellſchaft des jungen Baumei⸗ ſters zu weilen. „Sage mir nur, mein Sohn, wie haſt Du es über Dich gewinnen können, ſo lange Zeit ohne Nachricht von uns zu leben?“ fragte die Majorin eines Tages ihren Sohn, als ſie im traulichen Geſpräch beiſammen ſaßen. „O ich habe immer gewußt, wie es Euch ergeht“, antwortete Arthur beſtimmt.„Mein Freund Martel ſorgte ſtets dafür, daß ich von Zeit zu Zeit Nach⸗ richt über Euch erhielt, und einige meiner Briefe an Euch wurden auch durch ihn befördert.“ „Alſo dieſer Martel! Der Menſch iſt einigemal bei uns geweſen, hat ſich immer aufs angelegentlichſte nach unſern Verhältniſſen erkundigt und zum Schein nach Dir gefragt, aber nie das Geringſte von Dir ge⸗ äußert.“ „Er handelte nach meinem Willen“, antwortete Ar⸗ thur.„Uebrigens iſt er mir, wie ich ſchon mittheilte, ein treuer Freund geweſen.“ 214 In ſeinem ganzen Umgange mit den Aeltern und Geſchwiſtern legte Arthur die größte Innigkeit an den Tag, aber ſelbſt bei den freundlichſten Geſprächen und Mittheilungen bewahrte er den Ernſt, der ſeit dem letzten Begegnen mit Alice ſein ganzes Weſen erfaßt hatte. Oft ſprachen die Geſchwiſter unter einander dar⸗ über und verſuchten dann wohl, durch die witzigſten Erzählungen ihn zu veranlaſſen, einmal aus vollem Herzen in ihre Heiterkeit mit einzuſtimmen, aber dieſer Wunſch blieb unerfüllt. Arthur konnte den Schmerz um ſeine unglückliche Liebe reſignirt ertragen und ge⸗ heim halten, aber die Folgen deſſelben zu verbergen vermochte er nicht. Drei Wochen waren der Familie Soren ſchnell da⸗ hingeflohen, ſeit Arthur in Hünenburg eingetroffen, da erhielt der letztere die Aufforderung, ſich ungeſäumt bei der Regierung in E. behufs Uebernahme einer Bau⸗ ſtrecke zu melden. Der Baumeiſter wollte anfangs ſogleich nach dem Empfang des Briefes abreiſen, aber der Kummer ſeiner Angehörigen hierüber rührte ihn; er dachte, daß es wohl auf einige Tage längern Ausbleibens nicht an⸗ kommen werde, und konnte im ſchlimmſten Falle ja mancherlei Gründe hierfür anführen.„Grämt Euch noch 215 nicht“, ſprach er in herzlichem Ton zu den Aeltern, „ich werde noch drei Tage bei Euch bleiben und erſt nach Ablauf dieſer Friſt abreiſen.“ Der Major fühlte ſich beglückt von dieſem Beweis der Liebe ſeines Sohnes.„Wirſt Du auch keine Un⸗ annehmlichkeiten durch dieſe Säumniß haben, mein Junge?“ fragte er beſorgt. „Nein, Vater, ſo ſtreng iſt es bei uns nicht“, er⸗ widerte Arthur,„und ſelbſt wenn man eine kleine Schuld begangen, wird man nicht gleich gemaßregelt. Stubenarreſt gibt es nicht, und erhält man einen Vor⸗ wurf oder Verweis, ſo kann man ſich auf der Stelle vertheidigen, ohne befürchten zu müſſen, wegen Inſubor⸗ dination beſtraft zu werden. Uebrigens nehmen die Vorgeſetzten im Baufach immer einen mehr collegiali⸗ ſchen Ton an, da ſie ſelten vergeſſen, daß wir einſt werden, was ſie ſind, und ſie früher auf derſelben Stufe ſtanden, auf der wir uns befinden.“ „Um ſo beſſer! Ich behielte Dich gern ganz hier, mein Sohn“, rief der Major lächelnd; er war jetzt völlig mit der Stellung Arthur's verſöhnt. Leider ſchwanden auch die drei Tage, um welche Arthur ſeinen Aufenthalt im älterlichen Hauſe verlän⸗ gert, nur zu ſchnell dahin; aber ſeine Angehörigen hat⸗ ten nun doch Zeit, ſich auf die neue Trennung vorzu⸗ 216 bereiten, und er verſprach, diesmal nicht wieder ſieben Jahre der Heimat fern zu bleiben, ſondern recht bald, jedenfalls aber zum Weihnachtsfeſte ſeinen Beſuch zu wiederholen. Als endlich die Trennungsſtunde ſchlug, da nannte ihn der Major ſeinen guten, hoffnungsvollen Sohn, auf den er ſtolz ſei, die Mutter hielt ihn um⸗ fangen, als könne ſie nicht von ihm ſcheiden, und ſämmt⸗ liche Geſchwiſter und die Kinder der letztern gaben ihm ſo viele Beweiſe ihrer Liebe und Zuneigung, daß dem jungen Mann ſelber weh und ſchmerzlich zu Muthe wurde. Er hatte ſeit lange Aeußerungen allſeitiger Herzlichkeit entbehrt und dachte nun mit einem Gefühl heimlicher Angſt an die Zeit, die er wieder allein und verlaſſen in der Welt unter lauter fremden Menſchen zubringen ſollte. Zehntes Kapitel. Der Urlaub des geheimen Regierungsraths von Luſius war abgelaufen, er hatte ſich nach ſeiner Hei⸗ mat zurückbegeben und auch der General von Wüſten⸗ brink war mit Frau und Tochter wieder in K. ein⸗ getroffen. Alice hatte noch immer gehofft, dem Baumeiſter aufs neue zu begegnen, jetzt nahm ſie an, er werde ſie in ihrer Vaterſtadt wohl aufſuchen, denn daß er im Stande ſei, ſie äußerer Verhältniſſe wegen für immer zu fliehen, konnte ſie nicht faſſen. Ein liebendes Mädchen kennt keine Rückſichten; die Liebe iſt ihre Welt, ihr Alles, nur dieſe beſtimmt ihre Handlungen, alle Empfindungen des Herzens gehen in dem einen Gefühle der Liebe unter. Und nach dem eigenen Denken und Empfinden beurtheilt ſie auch den 218 Herzenszuſtand des Geliebten; daher wird es oft dem Manne ſo leicht, ein ſchuldloſes Mädchen zu bethören. War ſchon früher das Verhältniß zwiſchen den Aeltern Alicens ein ſehr kühles und förmliches gewe⸗ ſen, ſo wuchs die Kluft zwiſchen ihnen jetzt täglich mehr. Die Generalin konnte ihren Lieblingsgedanken, die Tochter mit dem Rittmeiſter von Walden zu vermählen, nicht aufgeben. Der letztere beſaß ihre volle Zunei⸗ gung, er hatte das Vertrauen der ſtolzen Dame durch die ſchmeichelhafteſten Aufmerkſamkeiten zu gewinnen gewußt; daſſelbe zu erhalten, war ein Leichtes, denn Frau von Wüſtenbrink liebte nichts mehr als eine Aus⸗ zeichnung vor andern Damen, und daran ließ es der weltkluge Rittmeiſter, der die Hand ihrer Tochter errei⸗ chen wollte, nie fehlen. Alice hatte nun offen erklärt, daß ſie nie die Liebe des Herrn von Walden erwidern werde und könne, daß ſie lieber ſterben wolle, als ihm angehören, und alle Verſuche der Mutter, ſie von ihrem Eigenſinn, wie ſie die Abneigung der Tochter gegen den Rittmeiſter nannte, abzubringen, blieben erfolglos, Alice ſetzte jedem Bekehrungsbeſuch ſowohl im guten wie im böſen Ton einen feſten Widerſtand entgegen. Der General war auf die Seite der Tochter getre⸗ ten; er hätte ſich ohne weiteres bereit erklärt, ihre Liebe 219 zu dem bürgerlichen Baumeiſter zu begünſtigen, wenn der letztere ihm Gelegenheit gegeben, ihn und ſeine Ver⸗ hältniſſe näher kennen zu lernen, und ſich offen um die Hand Alicens beworben hätte. Ja, er war ſogar in ſ einer väterlichen Zärtlichkeit ſo weit gegangen, zu verſprechen, den Baumeiſter zu einer Erklärung aufzufordern, und wenn es auch der Ueberredungskunſt ſeiner Gattin ge⸗ lungen war, ihn von dieſem Schritt abzuhalten, der, wie ſie behauptete, die ganze Familie compromittiren konnte, ſo war ſie doch außer Stande, ihn dafür zu gewinnen, die Tochter durch Zureden und Einflüſterungen für Walden günſtiger zu ſtimmen. Der General blieb endlich bei dem Ausſpruch:„Alice iſt noch jung, ſie kann warten, ob Soren es wirklich aufrichtig mit ihr meint, und iſt dies der Fall, ſo wird er ſich ſchon wieder blicken laſſen. Nie aber werde ich das Herz meiner Tochter dadurch brechen, daß ich ſie gegen ihren Willen verheirathe.“ Frau von Wüſtenbrink konnte trotz aller ihrer Schlauheit die Umwandlung des Gemahls nicht be⸗ wirken, ſie grollte dem letztern und der Tochter, und daraus entſtand manche unangenehme Scene in dem Familienleben. Der Leſer wird die Handlungsweiſe der Mutter eines einzigen Kindes im gegenwärtigen Falle lieblos 220 und unnatürlich finden, und es läßt ſich auch nicht hinwegleugnen, daß ein ſtarrer weiblicher Charakter dazu gehört, den Bitten und Thränen der Tochter ge⸗ genüber ungerührt zu bleiben. Indeſſen müſſen immer⸗ hin einige Nebenumſtände in Betracht gezogen werden, die das Auftreten der Generalin einigermaßen in ein milderes Licht ſtellen. Wie ſchon angeführt, hatte der Rittmeiſter Walden ihre volle Zuneigung gewonnen, ſie hielt ihn für einen der ausgezeichnetſten Männer auf der Welt und es ſchien ihr unmöglich, daß eine Frau an ſeiner Seite unglücklich werden könne; im Gegentheil, Alicens Glück erſchien ihr feſt begründet, wenn ſie ihrem Rathe folgte. Die Liebe zu dem bürgerlichen Soren war der adelſtolzen Dame ein Verbrechen, um ſo mehr, als ſie den jungen Mann von früher her aus dem Grunde ihres Herzens haßte. Frau von Wüſtenbrink hatte nie geliebt, ſie kannte ſomit die Macht, die Seligkeit und die Schmer⸗ zen dieſes Gefühls nicht, deshalb konnte ſie ſich auch nicht entſchließen, dem Eigenſinn der Tochter gegen⸗ über ein Opfer zu bringen, indem ſie die eigenen Wün⸗ ſche bekämpfte. Kaum hatte der General einige Tage in K. geweilt, als er die Anzeige erhielt, daß ein weitläufiger Ver⸗ wandter von ihm geſtorben ſei, der keine nähern Erben 221 hinterlaſſen habe, und daß er ſomit deſſen großes Ver⸗ mögen in Beſitz nehmen könne. Zu dieſem Vermögen gehörte namentlich das Rit⸗ tergut Alſenſtein im Kreiſe Buchberg, an die Beſitzung des Majors Soren grenzend, das der Verwandte bis⸗ her hatte bewirthſchaften laſſen. Herr von Wüſtenbrink war ſchon im Beſitz eines nicht unbedeutenden Vermögens, er legte deshalb keinen allzu großen Werth auf dieſe Erbſchaft, wogegen ſeine Frau darauf drang, ſobald als möglich das Gut in Augenſchein zu nehmen und, falls es in einer ſchö⸗ nen Gegend liege, alljährlich einige Sommermonate daſelbſt zu verleben. Die Entfernung zwiſchen K. und Alſenſtein be⸗ trug eine Tagereiſe, deshalb konnte ſich der General nicht ſogleich entſchließen, den Wünſchen ſeiner Frau nachzugeben, er vertröſtete ſie auf eine gelegenere Zeit und überließ die Bewirthſchaftung des Guts ebenfalls den nun in ſeinen Dienſt getretenen Leuten. Doch mitunter wird das, was heute dem Menſchen unbequem und unausführbar erſcheint, morgen zur un⸗ abweislichen Nothwendigkeit für ihn. Der General hatte ſchon ſeit längerer Zeit auf Avancement gerechnet, ſtatt deſſen erhielt er plötzlich 222 ſeinen Abſchied, allerdings mit dem Charakter als Generallieutenant. Ein heftiger Schmerz ergriff den alten Soldaten, der im Dienſt faſt ſein ganzes Leben zugebracht hatte, bei dieſem unerwarteten Schickſalsſchlage; er kam ſich 8 vor, als hätte er ein großes Verbrechen verübt, für das man ihn ſtrafte. Er, der bisher an der Spitze von vielen Tauſenden geſtanden, deſſen Winke für Jeden Befehle geweſen, war jetzt in den Ruheſtand verſetzt, galt Niemand mehr als ein alter penſionirter Krie⸗ ger, der unfähig geworden, länger im Dienſte zu blei⸗ ben, dem höchſtens noch ein guter Bekannter aus Mitgefühl die militäriſchen Ehren erwies. Jetzt wäre er nicht länger in K. geblieben, wo jedes Kind ihn in ſeiner Glanzperiode gekannt, und hätte ihm das Schei⸗ den das Leben gekoſtet. Noch mehr als ihr Gemahl empfand Frau von Wüſtenbrink die Pein geſunkener Größe. Von den ſämmtlichen Offizieren der Garniſon war ihr bisher mit der größten Hochachtung begegnet worden, ſie hatten gewetteifert, ein wohlwollendes Lächeln von ihr zu empfangen; die Offiziersdamen, die ſie nur zu oft den höhern Ran ihres Gemahls hatte ggpfinden laſſen, waren dennoch genöthigt geweſen, ihr zu hul⸗ digen, ſie hatte in allen Geſellſchaften den Ton ange⸗ geben und ſich ſogar oft in Angelegenheiten miſchen dürfen, die ihrem Beruf als Frau gänzlich fern lagen. Jetzt mußte das Alles anders werden, das empfand ſie nur zu wohl, denn nun brauchte Niemand mehr Rückſichten auf die Stellung des Generals zu nehmen, und ihrer perſönlichen Liebenswürdigkeit dankte ſie keine Bevorzugung. Deſſenungeachtet erſchien ihr der Gedanke unerträg⸗ lich, durch den Willen ihres Gemähls für immer auf das Land verbannt zu werden. Warum wählte er nicht eine durch Naturſchönheiten bevorzugte Stadt zu ſeinem künftigen Aufenthaltsort? Ihre üble Laune kehrte ſich gegen den ſchon ſo leidenden Gatten, ſodaß dieſer ſich gezwungen ſah, ihr zu erklären, ſie möge ſich niederlaſſen, wo ſie wolle, er gehe mit Alice nach Alſenſtein. Was blieb ihr nun weiter übrig, als ſich zu fügen? Sie entſchloß ſich, anſcheinend willig den Anordnungen ihres Gemahls zu folgen, um insgeheim ihm den Auf⸗ enthalt auf dem Lande bald zu verleiden. Alice war jetzt der einzige Troſt ihres Vaters. Obgleich vom eigenen Weh niedergedrückt, ſuchte ſie die Stirn des Greiſes durch ihre Liebenswürdigkeit unab⸗ läſſig zu glätten; nichts ließ ſie unverſucht, um ihn zu überzeugen, daß er der Ruhe bedürfe und ſich in den 224 ihm jetzt noch neuen und darum unbequemen Verhält⸗ niſſen bald ganz wohl und behaglich fühlen werde. Sie malte ihm das Landleben ſo bezaubernd aus, ver⸗ ſprach ihm ſo viele angenehme Zerſtreuungen an ihrer Seite in der Einſamkeit, daß es ihr oft gelang, dem alten Vater ein beifälliges Lächeln abzulocken. Zuweilen antwortete er wohl ſorgenvoll:„Du ſelbſt, mein Kind, wirſt Dich nicht lange in Alſenſtein be⸗ haglich fühlen, ein junges Mädchen ſehnt ſich nach den Zerſtreuungen der Stadt, und dann wird das Uebel noch größer werden.“ „Glaube das ja nicht, Papa“, antwortete Alice „Ich fühle mich überall glücklich, wo Du biſt; aber auch angenommen, ich möchte mit der Zeit nach der Stadt zurück, ſo können wir unſern Wohnort ja im⸗ mer wieder wechſeln. Ich bin feſt davon überzeugt, daß Du in dieſem Falle meinen Bitten Gehör ſchenkſt und inzwiſchen haſt Du Dich ſchon in Deine neue Lage, gefunden, ſodaß es Dir nicht mehr ſchwer wird, wieder mit den Menſchen in nähern Verkehr zu treten.“ Die Vorbereitungen zur Abreiſe wurden endlich ge⸗ troffen. Der Gutsverwalter von Alſenſtein erhielt die umfangreichſten Anweiſungen zur eleganten Ausſtat⸗ tung des herrſchaftlichen Wohngebäudes, Möbel und Wirthſchaftsſachen, koſtbare Gemälde und andere Ge⸗ genſtände des Luxus wurden verpackt und abgeſandt, und an einem ſonnigen Sommermorgen begab ſich die Familie ſelbſt nach dem Bahnhofe, um die Reiſe nach dem ererbten Gute anzutreten. Weſtpreußen iſt im Ganzen von der Natur ſehr ſtiefmütterlich behandelt. Es hat an Schönheiten, die das Auge zu feſſeln vermögen, wenig aufzuweiſen, die Vegetation iſt zum großen Theil eine nur küm⸗ merliche, herrliche Höhenpunkte und liebliche Thäler in maleriſcher Abwechſelung fehlen; aber dennoch gibt es einzelne Striche, die höchſt romantiſch gelegene Beſitzun⸗ gen aufzuweiſen haben. Das Rittergut Alſenſtein hat einen ungewöhnlich gro⸗ ßen Umfang, wie die meiſten Beſitzungen in dieſer Gegend das Dorf beſteht aus einer Anzahl recht guter Häuſer und namentlich ſind die herrſchaftlichen Wohn⸗ und Wirthſchaftsgebäude im vorzüglichen Stande. Ein aus⸗ gedehnter Park ſchließt ſich an das Gehöft, deſſen Sei⸗ ten von wohlgepflegten Gärten eingefaßt werden. Nicht weit vom Dorfe dehnt ſich ein dichter Wald hin, der bis an die Grenze von Hünenburg läuft, und parallel mit ihm befindet ſich ein See, der ſich gegen eine Meile in das Land hineinzieht. Alles dies ließ die Beſitzung als einen recht angenehmen Aufenthalt, namtntlich während des Sommers, erſcheinen. Steffens, Ein Wechſel. I. 15 226 Der Ertrag des Gutes ſtand damals, als der Ge⸗ neral von Wüſtenbrink davon Beſitz nahm, in keinem Verhältniß zu ſeiner Größe; es war ſeit langem der Bewirthſchaftung fremder Leute überlaſſen, da der Vor⸗ beſitzer ſich nur ſelten und dann auch immer nur für kurze Zeit auf dem Lande aufgehalten, und dieſe hat⸗ ten meiſt den eigenen Vortheil im Auge, ohne ſich ſonderlich um die Zufriedenheit ihres Herrn zu küm⸗ mern.. Aus dieſem Grunde machte die Ankunft des Gene⸗ rals und ſeiner Familie auch nicht den günſtigſten Ein⸗ druck auf die Untergebenen; doch ſie waren gezwungen, ihren Unmuth zu verbergen und die größte Freundlich⸗ keit zur Schau zu tragen, wenn ſie nicht riskiren woll⸗ ten, ihre Stellungen zu verlieren. Der General und Alice fühlten ſich ganz angenehm überraſcht bei dem Anblick ihres neuen Eigenthums und ihres zukünftigen Wohnorts; ihre Erwartungen waren bei weitem übertroffen. Nur Frau von Wüſtenbrink machte ein finſteres Geſicht, ſie konnte es nicht über ſich gewinnen, Gefallen an einem Gegen⸗ ſtand zu finden, der ihr bereits Verdruß bereitet hatte. Ehe eine Woche verſtrich, hatte ſich die Familie ganz nach ihrer Bequemlichkeit eingerichtet; das große Wohnhaus bot ihnen weit mehr Räumlichkeiten als die gemietheten Häuſer in der Stadt, die anmuthige Umgebung des Dorfes, die Nähe der Kreisſtadt Buch⸗ berg und die unumſchränkte Herrſchaft, welche ſie über ſämmtliche Dorfbewohner führen konnte, die kriechende Unterthänigkeit der Leute ſchienen ſelbſt einen günſti⸗ gen Eindruck auf die Generalin zu machen, ſie fing langſam an, mehr Freundlichkeit zu zeigen und weniger herzlos gegen die Ihrigen aufzutreten. Der General begann ſich ſo recht der ſtillen Ein⸗ ſamkeit zu freuen. Nun er einmal die Uniform abge⸗ legt, erſchien ihm das Tragen derſelben in ſeinem Alter läſtig und drückend; er ſpazierte bald in den Gär⸗ ten, bald im Park umher, ließ ſich in einer Laube nie⸗ der, um ein wenig zu ruhen, und ergötzte ſich an den mit reifendem Obſt beladenen Bäumen, wanderte auch wohl einmal ins Feld und in den Wald und an den See hinaus, oder er ſaß an der Seite ſeiner Alice und ließ ſich von dieſer aus einem Buche vorleſen. „Was meinſt Du, meine Tochter, möchteſt Du nicht hier in der Umgegend einige Freundinnen beſitzen, mit denen Du zuweilen plaudern und Dich amüſiren könn⸗ teſt?“ fragte der General eines Tages Alice, als ſie bei ihm erſchien, um nach ſeinen Wünſchen zu fragen „Mama will keine Beſuche machen, namentlich nicht, bevor ſie die Nachbarn einigermaßen aus der Ferne 228 beurtheilen kann,“ entgegnete Alice,„und ich trage durch⸗ aus kein Verlangen, neue Bekanntſchaften anzuknüpfen. Die junge Dame, die Du mir als Geſellſchafterin ge⸗ geben, genügt mir vollkommen, wir ſind uns recht gut, und zum Winter kommen ja die Töchter des Oberſten von Ansbach auf einige Zeit her, dann habe ich Zeit genug zu plaudern und dem Vergnügen zu leben.“ „Du biſt ein gutes Kind, meine liebe Alice; aber bei all Deiner Herzlichkeit für mich vermiſſe ich ſeit unſerer Reiſe doch den jugendlichen Frohſinn an Dir, der Dich früher nie verließ. Sage, meine Tochter, liebſt Du den Baumeiſter Soren wirklich ſo ſehr, daß Du ihn nicht wieder vergeſſen kannſt?“ ſprach der Vater weiter. Alice wurde plötzlich ſehr ernſt, ſie blickte den Vater mit großer Innigkeit an und bat:„O Papa, frage mich danach nicht; ich mag kein Geheimniß vor Dir haben und kann Dir nicht die Unwahrheit ſagen; will ich aber die Wohrheit ſprechen, ſo betrübe ich Dich.“ „Nicht doch, mein Kind, Du kannſt mir Alles ſagen, ohne befürchten zu müſſen, mir wehe zu thun“ ant⸗ wortete der General. „Nun denn, ſo wiſſe, daß ich ihn nie wieder ver⸗ geſſen werde. O wüßteſt Du nur, wie edel und gut er iſt, wie einem Mädchen das Herz zu klopfen an⸗ 229 fängt, wenn er mit ſeinem großen Auge einen an⸗ ſchaut und ſein männlicher Ernſt eine gewinnende Freundlichkeit annimmt, Du würdeſt mich verſtehen“ fuhr Alice begeiſtert fort. So ſehr dem Vater auch das Weh ſeines einzigen Kindes zu Herzen ging, konnte er ſich bei dieſen Wor⸗ ten doch eines Lächelns nicht enthalten.„Du biſt ja eine vollſtändige Schwärmerin“, ſprach er gutmüthig; „aber, liebe Alice, ich fürchte leider, Dein Sehnen wird ewig ungeſtillt bleiben, Soren hätte ſchon etwas von ſich hören laſſen müſſen, wenn er Dich über Alles liebte, wie Du ihn.“ „Nein, Papa, das kann er nicht!“ eiferte Alice. „Denke Dich doch nur einmal in ſeine Lage; er hatte Adelheid's Herz gewonnen und wurde deshalb von der Mutter kalt und verächtlich behandelt, von Dir beleidigt, ſodaß er infolge deſſen einen ganz an⸗ dern Lebensweg einſchlug und nur in der Arbeit Vergeſſenheit ſuchte. Da nach langen Jahren fanden wir uns; er fühlte ſich ebenfalls zu mir hingezogen, und als er voll Glück und Freude über mein Entge⸗ genkommen im Begriff ſtand, mir ſeine Liebe zu ge⸗ ſtehen, erzähle ich ihm, daß ich Adelheid's Schweſter und daß dieſe todt ſei. O Papa, hätteſt Du ihn in dieſem Augenblick geſehen, Dein Herz würde ſich ihm 230 erſchloſſen haben. Er ſagte mir, daß er mich fliehen müſſe, ich ſuchte ſeine Vorurtheile zu bekämpfen, da nahte der Oheim und ſchleuderte ihm die größten Be⸗ leidigungen ins Geſicht. Kann er danach als Ehren⸗ mann mich aufſuchen?“ Der General erhob ſich und rief:„Kind, ich werde ihn zu Dir führen, wenn dem ſo iſt, Ihr ſollt glück⸗ lich werden.“ „Nein, Papa, unternimm nichts in dieſer Ange⸗ legenheit“ bat Alice.„Nur um eins flehe ich Dich an: verlange nie von mir, daß ich einem andern Manne meine Hand reiche. Iſt es Gottes Wille, daß ich glück⸗ lich werden ſoll, ſo wird er auch Wege finden, mich mit dem Baumeiſter wieder zu vereinigen.“ Der General dachte bei ſich:„Da hätte Gott viel zu thun, wenn er ſich um alle Liebſchaften kümmern ſollte.“ Aber er ſchwieg, denn er mochte mit ſeinem ſehr ſchwachen Glauben an wunderbare Fügungen von oben nicht die frohe Zuverſicht der Tochter ſtören. Nach einem längern Schweigen fragte er beſorgt:„Und glaubſt Du nicht, daß der ſtete Gedanke an Deine unglückliche Liebe im Stande iſt, Dich krank zu machen?“ „O fürchte nur nicht, mein Väterchen, daß es mir ſo ergeht wie Adelheid“ rief Alice lächelnd.„Nein, gewiß nicht! Ich male mir immer unſer einſtiges Wie⸗ 231 derſehen als den ſchönſten Tag meines Lebens aus, und wenn ich zuweilen ungewöhnlich ſtill und ernſt erſcheine, ſo kannſt Du immer annehmen, daß ich dar⸗ über nachſinne, in welcher Weiſe ich Soren bei unſerer nächſten Zuſammenkunft begegnen ſoll.“ „Alſo ſo feſt biſt Du davon überzeugt, daß Ihr Euch wiederfindet?“ „So feſt, daß ich mein Leben darauf verwetten möchte.“ Das Geſpräch wurde hier unterbrochen, denn Ali⸗ cens Geſellſchaftsdame erſchien, um die letztere zu fragen, ob ſie nicht einen Spaziergang in das Dorf unternehmen wolle, um daſelbſt eine Familie zu be⸗ ſuchen, in der Kranke ihrer Hülfe bedurften. Sogleich war Alice bereit.„Laſſe Dir die Zeit nicht lang werden, Papa, bald bin ich wieder bei Dir“, ſprach ſie ſchmeichelnd, küßte dem Vater die Wange und eilte davon. Der General lächelte wohlgefällig vor ſich hin. Alice war der Abgott ſeines Herzens, der ihn noch ans Le⸗ ben feſſelte. Doch nicht allein von dem Vater wurde das Fräu⸗ lein geliebt, alle, die mit ihr in Berührung kamen, verehrten ſie wie einen Engel. Die Dorfbewohner brauchten ſich nur an ſie zu wenden, um jeden gerech⸗ 232 ten Wunſch erfüllt zu ſehen oder Hülfe in einer plötz⸗ lich eingetretenen Noth zu finden. War ihre Mutter herrſchfüchtig und ſtolz bis zur Widrigkeit, ſo beſaß ſie einen um ſo ſanftern Charakter und legte eine Freund⸗ lichkeit gegen den ärmſten Menſchen an den Tag, die oft den Betreffenden Freudenthränen auspreßte. Ihr einſtiger Uebermuth, die Luſt, Jemand Verlegen⸗ heiten zu bereiten, war ganz von ihr geſchwunden, ſeit ſie liebte und zum erſten Mal ein Schmerz ſie berührt hatte. Sie wurde bald in ganz Alſenſtein wie ein freundlicher und wohlthuender Engel betrachtet, und es währte nicht lange, ſo verbreitete ſich dieſer Ruf auch auf die Nachbarorte. In demſelben Maße aber, wie Alice geliebt und verehrt wurde, war ihre Mutter gemieden, jeder Dorf⸗ bewohner fürchtete ſie, denn nie zeigte ſie den Unter⸗ gebenen ein der Menſchenfreundlichkeit ähnliches Gefühl. Ende des erſten Bandes. Druck von Bär& Hermann in Leipzig. Papier von Julius Lange in Jeßnitz bei Deſſau.