X Leihbibliothekt deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Otkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Keſehedingungen. pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden ag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 6 6 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen⸗ welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt; für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— auf 1 Monat: 1 W Pf. IN 2 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung er Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen⸗ 6. Schadenersatz. 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Frau Liewe ſann ohne Unterlaß darüber nach, welche Bewandtniß es mit dem vorgefundenen Fuchseiſen und dem darin gefangen geweſenen Menſchen haben könne. Bald hielt ſie ſich überzeugt, daß Graf Sacco damit in Verbindung ſtände, bald wieder verdächtigte ſie den Baron von Herzer. Aber zu irgend einer Klarheit kam ſie nicht, es war für ihren Verſtand zu viel, zu ergründen, wer die Falle gelegt haben könne und für wen ſie geſtellt geweſen ſei. Eine ſo unruhige Nacht hatte ſie lange nicht gehabt wie die auf das im vorigen Kapitel beſchriebene Intermezzo folgende. Kaum war der nächſte Morgen angebrochen, als ſie auch ſchon ihr Lager verließ und an die Gartenmauer eilte, um nochmals zu erſpähen, ob ſich nicht eine Steffens, Standesvorurtheile. IV. 2 Spur entdecken laſſe, die ſie dem wahren Sachverhalt näher führen könne. Mittels der ſchon am vorigen Abend gebrauchten Leiter kletterte ſie auf die Mauer. Wohl fand ſie hier noch reichliche Blutſpuren, aber ſonſt konnte ihr Auge nichts Außergewöhnliches gewahren. Doch indem ſie ſich vornüberbeugte und in das Gras längs des— Weges hinabſchaute, erblickte ſie ein zuſammengeknit⸗ tertes Papier. Vielleicht konnte das ihr Aufſchluß geben! Mit einer Haſt, als habe ſie einen Schatz entdeckt, zog ſie die Leiter nach ſich, ließ ſie an der andern Seite hinunter, ſtieg zur Erde und ergriff einen zu⸗ ſammengefalteten, mit Blut getränkten Brief. Sie ließ ſich nicht Zeit, in den Garten zurückzu⸗ kehren; ohne jedes Bedenken öffnete ſie auf der Stelle den werthvollen Fund und las die von Herzer entwor⸗ fenen und durch eine ſeiner Getreuen abgeſchriebenen Zeilen an den Grafen Sacco, wie ſie ſchon früher ange⸗ deutet wurden. Das Auge der heftigen Frau erglühte in wildem Feuer, als ſie an die Stelle kam, wo ihre Tochter er⸗ wähnt und verhöhnt wurde.„Ha, Schändlicher“ rief ſie empört,„ich werde Deine Bubenſtreiche hinter⸗ treiben!“ Jetzt war ſie überzeugt, Sacco ſei derjenige geweſen, der in der Falle geſteckt habe; ſie bedauerte nur, daß es ihm geglückt war, ſich zu befreien, bevor ſie hinzugekommen. Das Eine begriff ſie noch nicht, von wem das Eiſen gelegt worden. Doch das konnte ihr ja gleichgültig ſein; jedenfalls war es ein Freund von ihr und ein redlicher Menſch, vielleicht gar der Oheim des Soldaten. Sich zur Ruhe zwingend, kehrte ſie in den Garten zurück und nahm dort einige kleine Arbeiten vor, um jede Spur von Aufregung aus ihrem Aeußern zu ent⸗ fernen. Es ſollte Niemand von der Entdeckung wiſſen, die ſie gemacht, ſie hoffte am vortheilhafteſten zu han⸗ deln, wenn ſie that, als wiſſe ſie nicht mehr als jeder Andere über das ſeltſame Ereigniß. Ihr ganzes Sin⸗ nen war nur darauf gerichtet, wie ſie den Grafen bei einem neuen Unternehmen gegen ihre Tochter über⸗ raſchen könne. Ob Anna noch immer mit ihm im Einverſtändniß war, das vermochte ſie nicht zu ergrün⸗ den, aber ſie fürchtete es, und das war genug ſie mit dem größten Groll zu erfüllen. Inzwiſchen war Julius Sacco mehr denn je von den ſchönſten Hoffnungen beſeelt; ſeinen größten Wider⸗ ſacher hatte er aus dem Wege geräumt, der Oheim war fern und Anna zeigte ſich ja täglich vertrauensvoller gegen ihn, ſchmiegte ſich immer inniger an ihn an und 4 fand ihr größtes Glück nur in ſeiner Nähe. Dazu hatte das Geſtändniß Herzer's, während er ſich in der Falle befunden, auch den letzten Zweifel an der Treue der Geliebten aus ſeiner Seele genommen; er hielt ſich für den Glücklichſten der Sterblichen, und wenn ſein Himmel noch durch ein Wölkchen getrübt wurde, ſo veranlaßte dies lediglich ihre nahe Trennung. Nur noch wenige Tage blieben ihm, dann mußte er fort von S., und es war zweifelhaft, ob ihm, wenn er ja zurückkehrte, das Geſchick ſo hold war, ihm die Ge⸗ liebte entgegenzuführen. Zwar wollte er inzwiſchen die Aeltern bewegen, ſeinen Bund mit Anna durch ihre Einwilligung zu ſegnen; aber er hatte ja bereits er⸗ fahren, daß die ſchönſten Hoffnungen ſo oft die ärgſten Enttäuſchungen erfahren. Der ſtarke Mann zagte vor der Trennungsſtunde und ſuchte möglichſt jeden Augen⸗ blick dem Geſchick noch abzuringen, den er an der Seite Anna's verbringen konnte. Von der Gärtnerin hatte er ſo leicht nichts zu fürchten, da ſie unmöglich ahnen konnte, auf welche Weiſe ihr Kind und der Graf ein Zuſammentreffen ermöglichten; zudem hatte ſie ihr Hauptaugenmerk auf den Garten gerichtet. „Komm ja heute Abend direct aus der Nähſtunde nach Hauſe, damit ich mich nicht zu beunruhigen und Dir entgegenzukommen brauche. Du kannſt Dir denken, — daß ich in der größten Sorge ſchwebe, wenn Du nicht pünktlich hier eintriffſt“, rief Frau Liewe der Tochter zu, als dieſe ſich anſchickte, wie gewöhnlich die Nähſtunde zu beſuchen. Anna verſprach, den Wunſch der Mutter zu er⸗ füllen, vielleicht hegte ſie auch den beſten Willen, ihr Gebot zu befolgen; aber als der Abend nahte, dachte ſie daran, daß Julius auf ſie warten werde, und un⸗ möglich konnte ſie es über ſich gewinnen, ihn ver⸗ gebens auf ihr Erſcheinen harren zu laſſen. Sie machte ſich wohl eine halbe Stunde früher von der Arbeit los als die übrigen Damen, um Zeit zu erhalten, an ſeiner Seite im ſüßen Gekoſe den einſamen Pfad bis zur Neuſtadt zurückzulegen und dann doch zu Hauſe einzu⸗ treffen, bevor die Mutter ſie erwartete. Sacco ſtand natürlich ſchon auf der Lauer; er hatte ja ſo unendlich viel mit ihr zu bereden und ihr zu erzählen, wie er den Baron beſtraft, daß dieſer ſeinen Abſchied gefordert habe und ſie ſeinen Nachſtellungen nun für immer enthoben ſei. Dabei vergaß er jedoch zu erwähnen, welch erbärmlicher Beweggrund den Lieu⸗ tenant zu ſeinem letzten Unternehmen geführt hatte. Anna fühlte in der Nähe des Geliebten all ihr Bangen ſchwinden; er, der es ſo vortrefflich verſtand, den ränkevollen Baron zu bezwingen, mußte nach ihrer 6 Meinung auch alle Hinderniſſe aus dem Wege räu⸗ men können, die ſich ihnen entgegenſtellten. Voll in⸗ nigen Vertrauens nahm ſie ſeine Betheuerungen ent⸗ gegen und ſchwelgte mit ihm in der Vorausſicht einer glücklichen, ungetrübten Zukunft. Auf dieſe Weiſe ſchwanden die wenigen Abende, die der Graf noch in S. zu verbringen hatte, ſchnell dahin, jede neue Dämmerſtunde kettete ihn feſter an die Jungfrau, die ſein ganzes Fühlen und Empfinden in Anſpruch nahm. Der letzte Tag vor dem Ausrücken des Regiments aus der Garniſon war da, an dieſem Abend mußte Abſchied zwiſchen den Liebenden für lange Zeit, ach vielleicht für eine viel längere Dauer, wie ſie jetzt ermeſſen konnten, genommen werden. Daß Anna an dieſem für ſie ſo verhängnißvollen Tage nicht mit der ihr ſonſt eigenen Freudigkeit in das Leben ſchaute, daß zuweilen ſich unwillkürlich eine Thräne des Abſchiedswehs über ihre Wangen ſchlich und ſie am liebſten allein in ihrem Stübchen weilte, iſt leicht er⸗ klärlich; ſie kannte das Gefühl freudiger Zuverſicht ja nur für die Dauer des Verweilens in der Nähe des Geliebten, und nun er weit fort von ihr ziehen wollte, ſchwand jede Stütze mit ihm, ſie hatte dann keinen Halt mehr, an den ſie ſich lehnen konnte, wenn die Unduld⸗ ſamkeit der Mutter ſich ihr gegenüber Bahn brechen — v 7 wollte. Hätte ſie indeſſen eine Ahnung davon gehabt, wie aufmerkſam, wenn auch verſtohlen, die letztere ſie betrachtete, ſie wäre gewiß vorſichtiger geweſen. Frau Liewe hatte ſchon, ſeit Herzer jene Aeußerung gegen den Oheim des Freiwilligen auf dem Markt ge⸗ than, die Tochter mit Mißtrauen bewacht; am letzten Abend war ſie ihr wieder entgegengegangen, hatte ſie aber nicht getroffen und, als ſie zurückgekehrt, Anna bereits zu Hauſe gefunden. Sie mußte einen andern Weg gekommen ſein. Das befremdete die kluge Frau. Aber ſie ſagte auch jetzt nichts; hatte ſie doch keine Beweiſe, und um Alles in der Welt mochte ſie nicht ihre Befürchtungen laut werden laſſen, ohne gleich energiſch auftreten zu können. Dann hatte ſie auch inzwiſchen einen Brief von der Frau Stade erhalten, in welchem dieſe nicht allein die Behauptungen des alten Grafen über den Paſtor beſtätigte, ſondern auch den letztern zum nächſten Sonntag anmeldete, an welchem Tage er in der Kirche der Neuſtadt predigen werde, und ſehr deutlich durchblicken ließ, wie ſein und ihr innigſtes Hoffen erfüllt ſein werde, wenn es ihm gelänge, das Herz ihrer lieblichen Tochter zu rühren. Dieſe Eröff⸗ nung, die ſie ebenfalls noch vor der letztern geheim gehalten, erfüllte ſie mit großer Nachſicht gegen Anna; was ſchadete es nun noch, wenn ſie für wenige Tage länger eine nutzloſe Schwärmerei in ſich trug? Der Sonntag war vor der Thür, dann mußte ſie ſich ja fügen, oder— nein, Frau Liewe ließ kein Oder zur Geltung kommen, ſie wußte ihren Willen durchzu⸗ ſetzen. Aber den Grafen hätte ſie für ſeine Frechheit gern noch beſtraft, wie er es verdiente; und war Anna fähig, ſie wirklich zu betrügen, dann konnte auch ihr eine derbe Lection nicht ſchaden. Hatte ſie das Kind nur darum von frühſter Jugend an zum Gehorſam er⸗ zogen, um nun, da es unterſcheiden konnte, was Recht und Unrecht war, ſich bei jeder wichtigen Gelegenheit täuſchen zu laſſen? Die Trauer, welche ſich im Laufe des Tages immer mehr über Anna's Aeußeres verbreitet, ihre Unruhe, als ſie endlich mittags zur Nähſtunde ging, und die Aengſtlichkeit, mit welcher ſie ihre Er⸗ mahnung, ja pünktlich nach Hauſe zu kommen, dahin beantwortete, daß ſie ihren Freundinnen verſprochen, ſie am Abend zu beſuchen, dieſe würden ſie nachher bis an ihre Wohnung geleiten, das Alles beſtärkte die Mutter in der Annahme, daß noch immer ein zärtliches Verhältniß zwiſchen den jungen Leuten obwalte und Anna dem Grafen als Spielzeug diene. Haßte ſie Sacco ſchon längſt, ſo ſteigerte ſich ihr Zorn gegen ihn bis zur Wuth, als ſie dieſe Schlüſſe ** — — —,, 9 gezogen, und auch dem bethörten Mädchen, das ihre Lehren ſo wenig beachtete, konnte ſie nicht verzeihen. „Ich werde mir Gewißheit holen und dann heute, wo ſie jedenfalls ihre fernern Maßnahmen verabreden wol⸗ len, wie ſie während ihrer Trennung miteinander ver⸗ kehren können, für immer einen unüberſteiglichen Damm zwiſchen ſie ſetzen“, dachte ſie. Damit beruhigte ſie ſich einſtweilen und wartete, bis die Schatten des Abends ſich auf die Erde herniederſenkten. Julius Sacco verbrachte den Tag vor ſeinem Schei⸗ den von S. nicht müßig. Wie viele Beſuche hatte er in den Familien der vornehmen Geſellſchaft zu machen, in denen er bisher ſo häufig verkehrt; dann waren dienſtliche Anordnungen entgegenzunehmen und zu er⸗ theilen, mancherlei Privatangelegenheiten zu ordnen und dergleichen, ſodaß die Stunden viel zu ſchnell dahin⸗ ſchwanden. So ſehr er ſich auch nach der Geliebten ſehnte und den Augenblick, in welchem er ſie zu finden hoffen durfte, um ſie vor der langen Trennung noch einmal an ſein bewegtes Herz zu drücken, ihre Ver⸗ ſicherungen ewiger Liebe und Treue entgegenzunehmen und ihr ſeine zärtlichen Gefühle kund zu thun, als einen der glücklichſten ſeines Lebens pries, war dieſer doch weit früher da, als ſeine mancherlei Verpflich⸗ tungen ihm Muße gönnten, wenn er ſich gegen Niemand einer Verſäumniß ſchuldig machen wollte. Nun mußten ſelbſtverſtändlich alle andern Verrichtungen in den Hintergrund treten; mit einer Eile, als hänge von der nächſten Minute Wohl und Wehe ab, ſtürmte er die Straßen entlang bis vor das Waſſerthor und paſſirte die Promenade, die, wie gewöhnlich bei ſchönem Wetter, auch heute vollgepfropft von Luſtwandelnden war. Dieſes Wogen und Drängen war ihm durchaus nicht angenehm; er wollte ja möglichſt unbemerkt bleiben und vor allem, daß Anna nicht an ſeiner Seite geſehen werde, da er immer eine heimliche Furcht vor der Gärtnerin hegte. Zwar konnte ein einzelner Menſch wohl in der Maſſe verſchwinden, doch er mit ſeiner Uniform mußte die Augen der Spaziergänger mehr als jeder Andere auf ſich lenken. Deshalb wandte er ſich auch ſogleich zur Seite und ſchritt möglichſt nahe zu der Straße und dem Hauſe heran, in welchem, wie er wußte, die Geliebte weilte. Es war ſeine Abſicht, Anna ſofort bei ihrem Er⸗ ſcheinen in Empfang zu nehmen und ſie durch ſein Flehen zu bewegen, eine Quergaſſe einzuſchlagen und ſo auf einen bis dahin noch nicht von ihnen be⸗ ſuchten Pfad zu gelangen, der durch ein kleines Wäld⸗ chen führte und weit an der Stadt vorbei, erſt am jenſeitigen Ende derſelben nach dem Friedhofe aus⸗ — — —„ —— 8 11 mündete, von wo aus man bald in die Nähe der Neu⸗ ſtadt gelangte. Wenn Anna ſich bereit finden ließ, dieſen Weg zu wandeln, woran er nicht zweifelte, da er ja ſo innig zu bitten verſtand und der bevorſtehende Abſchied ſie nachgiebiger als ſonſt ſtimmen mußte, ſo kamen ſie mit dem Menſchenknäuel auf der Promenade gar nicht in Berührung und konnten für ein Stündchen die Selig⸗ keit des Alleinſeins ungeſtört genießen. Leider trat eben erſt die Dämmerung ein, man war im Stande, noch eine ziemliche Strecke deutlich vor ſich zu ſehen. Die Liebenden hatten die Zeit ihres Zuſammentreffens viel früher als ſonſt beſtimmt, und Sacco ahnte nicht, daß er ſchon, ſeit er aus dem Thor getreten, von zwei vor Zorn blitzenden Augen bewacht wurde, und daß dieſe Augen ihm auf Schritt und Tritt folgten, damit die Beſitzerin derſelben in dem Moment auf ihn ſtürzen und ihn von ſeinem Himmel zurücktreiben könne, wo dieſer ſich ihm zu erſchließen im Begriff ſtehe. Mehrmals ſchritt er voll Unruhe einen Theil der Straße entlang und dann parallel mit der Promenade vorwärts, prüfend nach allen Seiten um ſich ſchauend, denn er begann zu fürchten, daß Anna bereits vor ſeiner Ankunft die Nähſtunde verlaſſen habe. Aber nirgends gewahrte er ſie und ebenſo wenig wurde er 12 auf die unter den Spaziergängern befindliche Mutter derſelben aufmerkſam, welche die Luſt, den verhaßten jungen Mann empfindlich zu kränken und die eigene Tochter für ihren Ungehorſam zu ſtrafen, ſie dadurch ihren Plänen auch gefügiger zu machen, hergetrieben hatte. Jede neue Sekunde, die er wartend verbrachte, vermehrte ſeine Ungewißheit darüber, ob Anna noch in der Nähſtunde weile; aber er hoffte deſſenungeachtet mit Sicherheit auf ein Zuſammentreffen, da ſie ihm feſt verſprochen, ihn zu erwarten. Schon wollte er ſeinen Poſten verlaſſen und dem Fußwege ſich zuwenden, auf dem ſie ſich ſonſt gefunden,* als er endlich aus ſeiner Pein erlöſt wurde. Anna hatte einen Nachmittag voll freudigen Hoffens und grauſigen Bangens verlebt. Sie wußte, daß der geliebte Jüngling ſich durch nichts werde abhalten laſſen, ſie am Abend nochmals zu ſehen und zu ſpre⸗ chen, und ihr Herz klopfte dem ſeligen Augenblicke ſehn⸗ ſüchtig entgegen, der ſie wieder in ſeine Nähe führen ſollte. Aber dazwiſchen trat das Bild der Mutter und ſtörte ſie aus ihren ſüßen Träumereien auf. Die Er⸗ mahnung, die ihr noch bei ihrem Fortgehen aus dem Aelternhauſe zu Theil geworden war, hatte ſie aufs neue erſchüttert, jetzt kämpfte die Pflicht einen ſchweren Kampf mit der Liebe, und ſo oft die erſtere auch als 13 Siegerin daraus hervorgehen wollte, immer riß ſie das entzückende Bild des jungen Grafen, ſein überaus liebe⸗ volles, zärtliches und treues Weſen in den ſchon als beendet betrachteten Kampf zurück. Daß ſie hiernach unfähig war, wie ſonſt aufmerkſam zu arbeiten, iſt ſelbſtverſtändlich. Auch ſie hatte ja ſo unendlich viel zu denken, daß ihr Geiſt allein, ohne Ruhe des Körpers, unmöglich den an ihn geſtellten Anforderungen genügen konnte. Unwillkürlich begannen immer von neuem die Hände müßig dazuliegen und oft ſaß ſie lange ſchweigend da, träumeriſch vor ſich in den Schooß ſchauend, und ein paar ſtille Thränen traten unbemerkt in ihr Auge, bis die Lehrerin ſie aus ihren Betrach⸗ tungen aufrüttelte, indem ſie ihr zurief:„Fräulein Annchen, wie wird es mit Ihrer Stickerei? Ich glaube beinahe Sie hegen eine unglückliche Liebe, die Sie ganz in Anſpruch nimmt!“ Dann raffte ſie ſich mit großer Willenskraft empor, begann emſig die Nadel zu führen, bis nach wenigen Minuten der eben beendete Zuſtand ſie wieder gefangen nahm. Es gibt Stunden im menſchlichen Leben, in denen das Herz auf unerklärliche Weiſe von einer erdrückenden Angſt gepeinigt wird; der arme Sterbliche weiß ſich keinen Grund für ſeine Seelenqual klar zu machen, 14 und doch iſt es ihm, als müſſe jeden Augenblick ein ſchreckliches Unglück über ihn hereinbrechen. Es ent⸗ ſchwindet eine kurze Zeit, und ſiehe, ſeine Ahnungen werden verwirklicht, ein Leid, wie es kaum zu ertragen iſt, hat ſich ſeiner bemächtigt. Solche böſe Vorahnungen beſchlichen den Buſen Anna's. Doch forſcht der Menſch ſo recht aufmerkſam den Beweggründen nach, die ihm ſolchen Zuſtand bereiten können, er wird ſicher in den meiſten Fällen finden, daß das Bangen ſeines Herzens kein unbegründetes iſt. Anna hatte auf die Aufforderung der Mutter, am. Abend ja pünktlich heimzukehren, ſich zu entſchuldigen geſucht und vorgegeben, ſie werde abgehalten, den Willen der erſtern zu erfüllen. Dieſe war darauf an⸗ ſcheinend zufrieden geweſen; aber eben dieſe Fügſamkeit der ſonſt ſo ſtrengen Frau beunruhigte ſie; ſie fürchtete, es könne dahinter der Vorſatz verborgen liegen, ſie zu überraſchen. Mancherlei Ereigniſſe hatten die Mutter ſchon unzufrieden gemacht, und gerade dieſe Einſicht trug jedenfalls einen großen Theil der Schuld an Anna's zaghaftem Weſen. Wäre es nicht der letzte Abend vor der Abreiſe des Grafen geweſen, ſo hätte ſie ihn wohl veranlaſſen kön⸗ nen, für diesmal ſie zu meiden; aber ſo— es blieb kein 15 Ausweg, ſie mußte Alles wagen für ihre Liebe, und doch ſtanden alle Schrecken vor ihrer Seele, welche bei einer Entdeckung die leicht gereizte und dann im Zorn furchtbar rückſichtsloſe Mutter herbeizuführen ver⸗ mochte. Zitternd und zagend und doch eine eigene Seligkeit im Buſen, betrat Anna die Straße; ſie glaubte, Sacco werde ſie an derſelben Stelle erwarten, wo er ſie in letzter Zeit regelmäßig getroffen. Aber o weh, nur wenige Schritte von ſich erblickte ſie ihn, wie er eben an dem Hauſe ihrer Lehrerin vorüberſchritt. Freundlich grüßend eilte er auf ſie zu. „Erbarmen, Julius, ich kann jetzt nicht mit Dir gehen, ſieh doch nur die Menſchen auf der Promenade!“ flüſterte Anna, indem ſie das Auge prüfend in die Ferne ſchweifen ließ. „O bitte, mein herziger Engel, jage mich nicht von Dir; wir gehen hier durch die nächſte Quergaſſe über die Vorſtadt und dann am Friedhofe vorbei, dort ſieht Niemand nach uns. Ich habe Dir ſo unendlich viel zu erzählen und muß Dich ja heute auf lange, unbe⸗ ſtimmte Zeit verlaſſen“ flehte der Graf mit ſeiner ein⸗ chmeichelndſten Zärtlichkeit im Ton. „Ja, lieber Julius, ich will Dir ja auch gern folgen, nur hier nicht; ich fürchte, meine Mutter lauert uns auf, ſie 16 ſchärfte mir noch heute Mittag ein, direct nach Hauſe zu kommen“, entgegnete Anna. „Eben hier ſind wir am ſicherſten!“ „Man kann uns von der Promenade beobachten. Schlage einen andern Weg ein, vor dem Wäldchen treffen wir uns.“ „Du biſt und bleibſt doch mein kleines Haſenherz!“ „Ich habe wirklich Grund, mich zu fürchten, lieber Julius.“ „Aber ſieh doch nur, dort an der Ecke gewahrt uns kein Menſch mehr.“ Anna hätte vielleicht ihre Grundſätze über den Haufen ſtoßen laſſen und wäre dem Geliebten gefolgt, doch ſie hatte noch immer das Auge nach der Pro⸗ menade hingerichtet, während ſie langſam vorwärts ge⸗ gangen war. Es dämmerte jetzt zwar ſchon ziemlich ſtark, aber noch konnte man ganz deutlich bis zu dem nur etwa hundert Schritt weiten Spazierwege ſehen, und zu ihrem Entſetzen erblickte ſie jetzt eine Frau, die aus dem Menſchenſchwarm hervortrat und in gerader Richtung ſchnell auf ſie zukam und in der ſie ſofort die Mutter erkannte. tehrere Sekunden ſtand ſie ſprachlos da, unfähig, ſich zu rühren, dann aber rief ſie erbleichend:„O mein himmliſcher Vater, da kommt meine Mutter! Eile, daß 17 Du aus ihrer Nähe kommſt, damit wenigſtens ein Straßenſkandal vermieden wird.“ „Und ich ſoll Dich allein ihrer Willkür überlaſſen? Nimmermehr!“ entgegnete Sacco entſchloſſen, wenngleich ihm nicht ganz wohl bei der Ausſicht wurde, vor ſo vielen Menſchen eine Scene mit der zornigen Frau beſtehen zu müſſen. Er hatte ja ihre Zungenfertigkeit bei einer ganz ähnlichen Gelegenheit zur Genüge kennen gelernt. „Und vermagſt Du mich denn gegen die Mutter zu ſchützen? Sie wird Hülfe herbeirufen, ſowie Du Dich auch nur mit Worten gegen ſie wendeſt, und dann bin ich vor der ganzen Stadt compromittirt. Aber ich gebe Dir auch die Verſicherung, daß ſie gegen mich allein hier nichts unternimmt, wenn Du nur fort biſt. O wenn Du mich im geringſten lieb haſt, wenn Du willſt, daß ich Deiner voll Liebe gedenken ſoll, ſo fliehe, ich flehe Dich an, habe Erbarmen!“ Inzwiſchen kam Frau Liewe näher und näher, nur noch etwa fünfzig Schritte trennten ſie von den Lie⸗ benden und auf ihrem Antlitz brannte die Röthe der heftigſten Wuth, das ſah Sacco nur zu deutlich. Er hätte vor Scham und Verzweiflung vergehen mögen, Thränen des Unwillens traten in ſein männ⸗ liches Auge, er zitterte vor dem Gedanken, wie ein Steffens, Standesvorurtheile. IV. 2 18 Feigling vor einem wüthenden Weibe fliehen zu ſollen. Aber er ſah ein, daß Anna Recht habe, er konnte ihr der Mutter gegenüber keinen Beiſtand verleihen und that am beſten, ſich ihren Bitten zu fügen.„Annchen“, rief er tonlos,„dieſer Augenblick macht mich zum elende⸗ ſten der Menſchen. Leb' wohl, leb' wohl, Du Abgott meines Herzens!“ „Schirm'Dich Gott! Leb'wohl, mein theurer Julius, ich danke Dir für die Erfüllung meines Flehens, nie werde ich Dich vergeſſen!“ hauchte Anna mit erſter⸗ bender Stimme hin. Noch einmal preßte der Graf die Hand der Ge⸗ liebten an ſeine Lippen, dann wandte er ſich wie ein Miſſethäter ab. So ſchnell die Liebenden indeſſen ihre Converſation auch geführt hatten, war die Gärtnerin ihnen doch faſt ganz nahe gekommen, ehe ſie die letzten Abſchieds⸗ worte ausgetauſcht. „He, Herr Graf!“ kreiſchte ſie jetzt dem jungen Mann nach. Julius drehte ſich um, es war ihm unmöglich weiter zu fliehen, er vermochte keinen Schritt vorwärts zu thun. „O gehe doch!“ bat Anna weinend. „Wirſt Du ſchweigen, Ungerathene!“ herrſchte die 19 Mutter.„Seht“, fuhr ſie zu Sacco fort,„da ſteht er, der hochgeborene Herr Graf, ein Bild des Jammers! Jetzt zeigen Sie Ihren Muth, wagen Sie es, einer ehrlichen Frau ins Antlitz zu ſchauen, wenn Sie es vermögen.“ „Frau Liewe“, erwiderte Sacco ruhig,„ich fürchte Sie durchaus nicht! Nur weil ich weiß, daß Ihr Jähzorn keine Grenzen kennt, wollte ich jedes Zu⸗ ſammentreffen zwiſchen uns vermeiden, lediglich aus Rückſicht gegen dieſen Engel, der am ſchwerſten durch Ihre heftigen Worte compromittirt wird. Bedenken Sie das gefälligſt und richten Sie darnach Ihr Be⸗ nehmen ein!“ „Sie fürchten mich nicht? Nein, Sie glauben, Ihr Grafentitel verleihe Ihnen das Recht, als Schurke auf⸗ treten zu dürfen“, zeterte die Gärtnerin, indeſſen war ihr Ton gemäßigt, ſodaß er nicht bis zu den Luſtwan⸗ delnden hinüberſchallte. Der Graf erbleichte.„Frau!“ rief er. Aber er konnte nicht weiter, Anna fiel ihm ins Wort.„O bitte, bitte“, flehte ſie. Ein Blick auf die Jungfrau brachte ihn zum weigen. „Ich werde Sie lehren, jungen Mädchen aufzulauern! Ihre Streiche ſollen vor aller Welt bekannt werden. 2* 20 Jetzt ſcheren Sie ſich im Augenblick fort!“ fuhr Frau Liewe fort. „Hören Sie, Frau“, erwiderte der Graf empört, „wären Sie nicht die Mutter meiner Braut, ſondern ein Mann, ich würde Sie mit meiner Klinge ſo lange züchtigen, bis Ihre Läſterungen verſtummten. So kann ich Ihnen nur ſagen, daß die allgütige Vorſehung ihren größten Fehler beging, indem ſie Ihnen ein ſo liebes Weſen zur Tochter gab. Aber hüten Sie ſich, daß Sie nicht das Lebensglück derſelben und mit dieſem ſie ſelber morden!“ „I Sie erbärmlicher Wicht, der jungen Mädchen wie ein Spitzbube auflauert, Sie wollen mir Vorſchriften machen?“ ſchrie Frau Liewe. „Ich möchte Ihnen klar machen, daß Sie den ſchreck⸗ lichſten Mißgriff dadurch thun, daß Sie Ihre Tochter und mich durchaus trennen wollen. Seien Sie gut gegen uns, und wir werden Sie auf den Händen tragen.“ „Mein Kind iſt zu gut für ſo einen Taugenichts! Ihre Luſt zu Abenteuern will ich ihr ſchon austreiben!“ „Frau Liewe, hören Sie mich, ich bitte Sie!“ „Auf der Stelle entfernen Sie ſich oder ich u um Hülfe!“ „Geh, Julius, ich bitte Dich!“ flehte Anna. 21 „Alſo Sie wollen nicht Vernunft annehmen?“ wandte ſich Sacco ungeduldig nochmals an die böſe Frau. „Was redet der Grünſchnabel von Vernunft? Wollen Sie ſich auf die Strümpfe machen?“ keifte die Gärt⸗ nerin jetzt bedeutend vernehmlicher als bisher. „Ich muß ſcheiden. So behüte Dich Gott, mein theures Leben! Vergiß mich nicht, wir ſehen uns wie⸗ der“, ſprach traurig der junge Mann. „Nie, nie werde ich Dein Bild aus meinem Herzen reißen!“ ſchluchzte Anna troſtlos. Dazwiſchen kreiſchte die Gärtnerin, während ſie dicht an den Grafen herantrat und drohend die Hand erhob: „Nun wird es mir zu arg! Wird Er ſich endlich davon⸗ machen, Er frecher Patron?“ „O Mutter, übe Erbarmen, Du mordeſt mich“, weinte Anng. Sacco eilte von dannen. „Wie er ausreißt!“ jubelte die Gärtnerin. Zürnend wandte ſie ſich darauf an die Tochter:„Jetzt, Pflicht⸗ vergeſſene, folge mir nach Hauſe, wo Du Dein Schickſal erfahren ſollſt!“ Gebrochen an Körper und Geiſt wankte die Jung⸗ frau hinter der ergrimmten Mutter her. Glücklicherweiſe hatte ſich keine menſchtiche Seele 22 ganz in der Nähe befunden, als Frau Liewe ihrem Zorn die Zügel ſchießen ließ, und ſomit war auch die fatale Scene von Niemand ſo recht eigentlich bemerkt worden; aber dennoch ſchien es dem jungen Mädchen, als blicke jeder Einzelne, an dem ſie vorbeipaſſiren mußte, ſie hohnlächelnd und ſpottend an. Mehrmals drohten die Füße ihr den Dienſt zu verſagen auf dem langen Wege bis zum älterlichen Hauſe; am liebſten hätte ſie unterwegs ſterben mögen, um Ruhe und Frie⸗ den zu erlangen, keinen harten Vorwurf mehr ertragen zu müſſen. So endete das Rendezvous, dem der Graf mit hoch⸗ klopfendem Herzen und Anna zwar zagend, aber doch hoffend entgegengegangen war. Sacco eilte vor die Stadt hinaus und irrte dort lange Zeit planlos umher. Er wußte ſelber nicht recht, wie ihm geſchehen war, ſein Denken und Empfinden hatte jene Klarheit verloren, die durchaus nöthig iſt, um das Thun des Menſchen im richtigen, geregelten Gleiſe zu erhalten. Endlich warf er ſich ermüdet auf den üppigen grünen Raſen einer Wieſe und blieb hier im Selbſtvergeſſen liegen, bis der reichlich herabfallende Abendthau ihm die Kleider vollſtändig durchnäßt und ein empfindlicher Froſt ſeine Glieder heftig zu ſchütteln begann. Wie unendlich viel hatte er in dieſer 23 Zeit gelitten, ein ſchöner Jugendtraum voll Blätter und Blüten war von ihm zu Grabe getragen! Langſam richtete er ſich empor; er ſah bei dem matten Sternenlichte nach ſeiner Uhr. Die zwölfte Stunde war längſt vorüber.„Verloren!“ murmelte er vor ſich hin.„Verloren für das ganze Leben!“ Dann aber erfaßte ihn der Zorn, er ſtampfte den Boden mit dem Fuße und rief:„Nein, ich will das Geſchick be⸗ kämpfen, will die Vorurtheile beſchränkter Köpfe be⸗ ſiegen oder im Kampfe untergehen!“ Und er wankte dem Wege zu, den er am Abend in der Begleitung Anna's hatte einſchlagen wollen, ging durch das Wäld⸗ chen, am Friedhofe vorüber. Alles lag hier, wie die Todten in ihrer Gruft, in tiefſter Ruhe. Einen Augen⸗ blick blieb er ſtehen, ſchaute wehmüthigen Blicks nach den Monumenten, die zu ſeiner Rechten ſich in großer Zahl an den Grabeshügeln erhoben, und ſeufzte:„O wer auch ſo daläge von kühler Erde bedeckt, dann würde dies arme brennende Herz nicht mehr gequält und ge⸗ foltert!“ Dann wanderte er weiter und ſchlug den Pfad nch der Neuſtadt ein. Das Liewe'ſche Haus war bald von ihm erreicht, doch ſein Spähen blieb unbelohnt, nirgends gewahrte er eine Spur von der Geliebten, kein Fenſter war mehr erleuchtet. 24 Was konnte er noch unternehmen? Nichts! Trau⸗ rig mußte er ſich endlich der eigenen Wohnung zu⸗ wenden. Als er hier ankam, fühlte er ſich gänzlich ermattet. Am nächſten Morgen ſollte er ſchon früh zum Aus⸗ rücken bereit ſein, es blieben ihm nur noch wenige Stunden bis zu der Zeit, in welcher das Regiment zum Abmarſch bereit daſtehen mußte. Aber er durfte auch dieſe wenigen Stunden nicht der Ruhe widmen. Zunächſt ſetzte er ſich hin und ſchrieb, noch immer in der größten Aufregung, an die Frau Liewe einen langen Brief. Was er ihr darin für Eröffnungen und Mitthei⸗ lungen machte, ſei hier in kurzen Worten angedeutet. Er hielt ihr das an ihrer Tochter und ihm begangene Unrecht vor, ſchwur, daß er die letztere ewig lieben werde und daß keine Macht auf Erden im Stande ſei, ſie ihm zu entreißen. Dann ſagte er ihr, daß ſie am beſten thue, ihm fernerhin nichts in den Weg zu legen, damit er das ſich geſteckte Ziel unbeirrt erreichen könne; wie er unter dieſen Umſtänden Anna fern bleiben wolle, bis er im Stande ſei, ſie öffentlich ſeine Braut zu nennen; daß er aber auch mit allen Mitteln der Liſt , ihren Machinationen entgegenarbeiten werde, ſobald er gewahre, ſie ſuche die Geliebte ihm zu entfremden. 25 Von dieſer beſtimmten Sprache hoffte der Graf, daß ſie ihre Wirkung auf die Gärtnerin nicht verfehlen und ſie wenigſtens von Gewaltſtreichen gegen Anna abhalten werde. Er verſiegelte den Brief, um ihn vor dem Ausrücken noch abzuſenden. Jetzt endlich ſuchte er die Ruhe, aber vergeblich; ſein heftig erregtes Gemüth ließ keinen Schlaf in ſeine Augen kommen, immer von neuem fiel es ihm ein, welche demüthigende Stellung er der Mutter Anna's gegen⸗ über eingenommen und noch dazu im Beiſein der Ge⸗ liebten. Er ſuchte das Bittere dieſer Augenblicke dadurch zu mildern, daß er ſich feſt vornahm, bei der erſten Gelegenheit den Vater darüber aufzuklären, was früher für kurze Zeit ſeinen Zorn gegen Anna Liewe erregt habe, ihm zu geſtehen, daß er ohne ſie nie glücklich werden könne, und ihn um ſeine Einwilligung zum Bunde für das Leben mit ihr anzuflehen. Die ſtete Opferfreudigkeit der Aeltern gegen ihn berechtigte ihn zu der Annahme, daß ſie ſeinen Bitten für die Dauer nicht widerſtehen würden, wenn er zu zeigen verſtand, daß ſein ganzes Glück, ja ſein Leben von ihrem Aus⸗ ſpruch abhing. Hatte er aber die Zuſtimmung der Aeltern zur Vermählung mit der Geliebten erlangt, dann konnte er offen und ohne Scheu um die Hand Anna's werben. Damit verwiſchte er den unangenehmen 26 Eindruck, den das letzte Rendezvous auf die Gärtnerin und ihre Tochter gemacht hatte. Unter ſolchen Schlüſſen und Vorſätzen verbrachte der junge Graf den Reſt der Nacht. Sein Diener kam endlich, um ihn zu benachrichtigen, daß es die höchſte Zeit ſei, ſich marſchfertig zu machen; er mußte, ſo ſchwer es ihm auch wurde, ungeſtärkt durch einen ſanften Schlum⸗ mer, ſein weiches Lager verlaſſen, mit möglichſter Eile das aufgetragene Frühſtück verzehren und dann das vor der Thür ſchon ſeiner harrende Roß beſteigen, das ihn nun von dem Orte, an welchem er ſo wonnige und doch auch wieder die bitterſten Stunden ſeines Lebens verbracht hatte, fortführen ſollte. Im Trabe ritt Julius die Straße entlang bis zum Verſammlungsplatze des Regiments. In kurzer Zeit war daſſelbe geordnet, die Standarte wurde aus dem Hauſe des Commandeurs abgeholt, es erfolgten noch einige Commandos, dann hieß es:„Vor⸗ wärts marſch!“ und das Regiment ſetzte ſich nach dem Takt eines herrlichen Marſches, welcher von den vor⸗ aufreitenden Trompetern kunſtgerecht geblaſen wurde, in Bewegung. Vergeblich ſchaute ſich Sacco nach allen Richtungen hin um, ob er nicht noch einen letzten Blick aus dem Auge der Geliebten erhaſchen könne. Viele hundert 27 Frauen und Jungfrauen ſtanden in den Straßen und winkten ihren Lieben Abſchiedsgrüße zu, manch leiſes Schluchzen miſchte ſich auch mit den Tönen der Muſik; aber Anna befand ſich nicht am Platze. Und doch hatte ſie früher ſo feſt verſprochen, mit ihren Freundinnen beim Ausrücken des Regiments zugegen zu ſein. Meh⸗ rere der letztern, unter dieſen auch Fräulein von Teltow, gewahrte er wohl, ſie nickten ihm freundlich zu; aber Anna löſte ihr Wort nicht ein! Doch konnte er ihr deshalb zürnen? Ach, er ahnte nur zu wohl, wie voll ihr Herz von bitterem Weh ſein werde, daß ſie ihm fern bleiben mußte; die Mutter, die böſe Mutter hütete ſie ja mehr wie ihr eigenes Auge. Bald hatten die Kriegsmänner die Mauern der Stadt hinter ſich, mancher aus ihrer Mitte jubelte einer freiern, ungebundenern Zeit entgegen, wie ſie ihm daheim in der Garniſon geboten wurde. Sacco dachte nur voll Kummer an die langen Wochen, die ihn nun von der Geliebten trennten und nicht die kleinſte Mit⸗ theitung zwiſchen ihnen möglich machten, da ſie jede Verabredung hierüber bis zu dem Abend vor ihrer Trennung hinausgeſchoben hatten und dieſe auf eine ſo traurige Art unterbrochen worden war. O wie dem jungen Grafen der erſte Marſchtag zu einer Ewigkeit wurde! Aber es gibt auch ſo leicht — S ———— — 28 nichts Langweiligeres als ſolch Vorwärtsbewegen zu Pferde im gleichmäßigen langſamen Schritt und noch dazu in der Mitte eines ganzen Regiments, umgeben von dichten Staubwolken. Zur Unterhaltung mit den Offizieren hatte Sacco keine große Luſt, ſeine Gedanken beſchäftigten ſich am liebſten mit der zurückgebliebenen Braut, und ſo ritt er denn in ſich gekehrt dahin, bis endlich der Wunſch in ihm auftauchte, zu ermöglichen, daß er von dem näch⸗ ſten Quartier aus einen Abſtecher nach S. zurückmachen könne, um ſo vielleicht noch eine Verabredung mit Anna zu treffen. Sicher hatte er an dieſem Abend von ihrer Mutter keine Ueberraſchung zu befürchten, denn ſie mußte ihn ja mehrere Meilen weit von S. entfernt glauben. Jetzt ſuchte der Freiwillige einen ſeiner Offiziere auf und begann mit ihm zu capituliren.„Herr Lieu⸗ tenant“ ſprach er,„ich muß heute Nachmittag durchaus nach S. zurück, aber unmöglich darf ich darüber zum Rittmeiſter ſprechen.“ „So reiten Sie ohne Urlaub, wenn Sie nur vor Tagesanbruch zurückkommen. Sie haben doch Ihren Renner als Reſervepferd hier?“ „Gewiß!“ „Nun, was fürchten Sie dann?“ 29 „Ich könnte vermißt werden— das wäre eine ſchöne Geſchichte!“ „Unſinn! Ich ſtehe für Alles! Natürlich von Ihrem Ausflug nach dem Garniſonsorte darf nichts bekannt werden.“ „Ich muß das Pferd eine Strecke weit führen laſſen.“ „Freilich! Wenn Sie übrigens reiten, ſo nehmen Sie mir einen Brief an Fräulein von Teltow mit.“ „Sehr gern!“ Um elf Uhr langte das Regiment in einem kleinen, etwa drei Meilen von S. entfernten Städtchen an, wo es Quartier nahm, und kurz nach eins befand ſich Sacco ſchon wieder wohlbehalten, wenn auch in ſehr erſchöpftem Zuſtande, in ſeiner Garniſon und rüſtete ſich, einen Spaziergang nach dem Waſſerthor zu unter⸗ nehmen. Um drei Uhr kehrte er von dort in verdrieß⸗ licher Stimmung zurück und begab ſich nun zu Fräulein von Teltow. Dieſe junge Dame war höchſt erfreut über ſeinen Beſuch, noch mehr aber über das duftende Billet, welches er ihr überreichte. „Und Sie werden auch von mir einen Brief zu be⸗ fördern die Güte haben?“ rief ſie, nachdem ſie einige Blicke auf die wenigen Worte geworfen, welche der Lieutenant an ſie geſchrieben. 30 „Drei, wenn Sie wollen, gnädiges Fräulein!“ ent⸗ gegnete der Graf.„Aber ich bin ſo dreiſt, Sie um einen Gegendienſt zu bitten.“ „O ſprechen Sie, die Erfüllung ſei Ihnen vorher zugeſagt.“ „Ich flehe Sie an, eine Unterredung zwiſchen mir und dem Fräulein Liewe anzubahnen.“ Die junge Dame wurde ernſt, ja ein Gefühl Der Trauer ſpiegelte ſich in ihrem Antlitz ab. Leicht erröthend fragte ſie:„Annchen Liewe intereſſirt Sie, Herr Graf?“ „Ich vertraue mich Ihnen, gnädiges Fräulein, denn ich weiß, daß junge Damen in der Regel das Geheimniß eines Herrn gern bewahren. Anna und ich, wir lie⸗ ben uns!“ „Sie ſollen ſich in mir nicht getäuſcht haben; ich kenne ja die Liebe ſo gut wie Sie. Alſo eine Unter⸗ redung?“ „Hier habe ich eine Einladung dazu, es handelt ſich nur darum, daß ſie richtig in Anna's Hände kommt“, antwortete Sacco, ein wenig den Befangenen ſpielend. „Geben Sie nur her, ich bin mit Annchen bekannt, in einer Stunde können Sie ſich von mir Beſcheid holen!“ rief die junge Dame, voll Wohlwollen lächelnd. Sacco war entzückt über die Liebenswürdigkeit des Fräuleins, höchſt verbindlich verabſchiedete er ſich. 31 Als er zum zweiten Mal dem Fräulein von Teltow ſeinen Beſuch machte, ſpielte wieder ein Zug von Trauer um ihren Mund.„Herr Graf“, begann ſie, ihn nicht zu Worte kommen laſſend,„ich habe mich be⸗ müht, Ihrem Wunſch zu genügen, doch vergeblich! Annchen iſt, wie ich ſchon heute früh erfuhr, krank, doch hoffte ich nach Ihrem Geſtändniß, Ihre Anweſen⸗ heit werde ſie ſchnell kuriren. Ich war bei ihr; ſie iſt körperlich wohl weniger leidend, doch ein inneres Weh drückt ſie darnieder. Leider war ich nicht im Stande, lange mit ihr allein zu ſprechen, da ihre Mutter ſie nicht aus den Augen läßt. Als ich ihr aber zuflüſterte, daß ich einen Brief von Ihnen brächte, und ihr den⸗ ſelben zuſtecken wollte, wies ſie ihn mit Entſchiedenheit zurück und flüſterte:„Nein und ewig nein! Es iſt Alles, Alles aus!“ Gleich darauf kehrte ihre Mutter, die ſich nur für eine Minute entfernt hatte, zurück. Später hatte ich keine Gelegenheit mehr, ihr auch nur eine Silbe im geheimen zu ſagen, ſie ſelber ſchien jeder Ver⸗ ſtändigung auszuweichen. Jedenfalls hat das arme Kind wieder einen ſchrecklichen Auftritt mit der böſen Mutter gehabt, ſie zitterte öfters und ihre Augen ſchwammen fortwährend in Thränen.“ „Und Ihr Brief an den Lieutenant?“ „Hier iſt er, Herr Graf!“ 32 „Leben Sie wohl, gnädiges Fräulein!“ „Wie? Sie wollen ſchon fort? Haben Sie keine Beſtellung mehr?“ „Keine!“ „Ich werde Ihre Rechte bei Anna vertreten.“ Mit einem bittern Lächeln auf den Lippen verließ der Graf die wohlwollende junge Dame. Zweites Kapitel. Alle Hoffnungen waren in der Bruſt Anna's er⸗ ſtorben, als ſie nach dem geſtörten Rendezvous mit ihrer Mutter zu Hauſe ankam. Trauernd und zagend erwartete ſie den Augenblick, in welchem das Unwetter über ſie losbrechen werde, das drohend über ihrem Haupte ſchwebte. Zu ihrer größten Verwunderung blieb die Mutter noch lange Zeit auffallend ſtill, ſchien ſie gar nicht zu beachten und wandte ſich ihrer gewöhn⸗ lichen Beſchäftigung zu. Freilich etwas Gutes ahnte das junge Mädchen von dieſem Schweigen nicht, es erſchien ihr wie der trügeriſche Friede in der Natur kurz vor dem Eintritt eines raſenden Orkans. Am meiſten fürchtete ſie für den Grafen. Sie kannte die Verhältniſſe des letztern viel zu wenig, um den Schluß Steffens, Standesvorurtheile. IV. 3 34 ziehen zu können, daß ihm ihre Mutter ſeines Beneh⸗ mens wegen gar nichts anzuhaben vermöge. Als daher endlich Frau Liewe in völlig gelaſſenem Ton begann:„Du wirſt von heute an die Nähſtunde nicht mehr beſuchen und überhaupt das Haus ohne meine Begleitung oder meinen ausdrücklichen Willen nicht verlaſſen“, war ſie weit entfernt, den geringſten Widerſpruch zu wagen.„Ferner“, fuhr die Mutter ruhig und dictatoriſch fort,„halte ich es für gut, Dich in nächſter Zeit zu verheirathen, damit ich nicht am Ende noch gar Schlimmeres von Deinem Leichtſinn erlebe. Du hatteſt mir das Verſprechen gegeben, den pflichtvergeſſenen Grafen nie wieder ſprechen zu wollen; deſſenungeachtet habt Ihr Euch täglich miteinander unter⸗ halten, mich auf die ſchändlichſte Weiſe hintergangen. Bedenke, was es heißt, eine fürſorgliche Mutter zu be⸗ trügen! Dein Ruf iſt dadurch in ein zweifelhaftes Licht geſtellt, die halbe Stadt ſieht bereits verächtlich auf Dich herab und die Verwandten des Grafen wollen ihn enterben, ihn in die bitterſte Noth gerathen laſſen. Er wird ſich wundern, wenn er, der jetzt das Geld verthut, als könne er es auf der Straße aufleſen, darben muß. Das ſind die Früchte Eurer leichtſinnigen Handlungen! Ich mag mich vor Scham nicht mehr auf der Straße blicken laſſen, denn Jedermann fragt mich nach 35 Deinem Verhältniß zu dem Grafen. Soll ich unter dieſen Umſtänden Dich noch länger als Tochter aner⸗ kennen? Ich vermag es kaum. Aber ich ſage Dir auch, Deine einzige Rettung iſt, daß Du Dich willenlos meinen Anordnungen fügſt, dem Grafen auf ewig ent⸗ ſagſt und dem Manne Deine Hand reichſt, den ich für Dich beſtimmen werde. Du haſt die Wahl: entweder Du folgſt mir, Deiner Mutter, die es ſtets redlich und gut mit Dir gemeint hat, oder Du gehſt mir noch heute aus den Augen; dann kannſt Du Dir Deinen⸗ Grafen nehmen und glücklich mit ihm ſein. Was willſt Du?“ Dieſe Sprache hatte Anna nicht erwartet, obwohl ſie ſich auf eine ſchreckliche Scene gefaßt gemacht hatte. Sie ſchauderte und war unfähig, eine Antwort zu er⸗ theilen, das Herz drohte ihr ſtill zu ſtehen. Was konnte das unerfahrene junge Mädchen, das ſtets an blinden Gehorſam gewöhnt geweſen, dem Willen der Mutter entgegenſetzen? Ihre Liebe? Ach, ſie durfte dieſelbe ja nicht einmal erwähnen. „Wie es mir ſcheint, hältſt Du Deine Mutter nicht einmal mehr einer Antwort werth, ſeit Dir der Herr Graf die Hand geküßt!“ herrſchte Frau Liewe weiter. „O Mutter, verfahre doch nicht ſo nachſichtslos gegen mich“ flehte Anna.„Ich will ja Alles gern thun, 36 was Du von mir verlangſt, nur heirathen kann und mag ich nicht.“ „Und gerade heirathen ſollſt Du!“ entgegnete die Gärtnerin wüthend.„Nur in einer glücklichen Ehe wirſt Du dieſen Burſchen vergeſſen, und ich habe nicht eher Ruhe, als bis ich Dich an der Seite eines geachteten Mannes weiß, denn Deinen Verſicherungen traue ich nicht mehr, ſeit Du mich einmal hintergangen. Alſo entſchließe Dich kurz: willſt Du lieber meine Liebe und Achtung genießen, das Glück und der Stolz Deiner alten Aeltern ſein, die Dich mit Mühen und Sorgen großgezogen, Alles an Dich gewandt haben, was in ihren Kräften ſtand, und noch mehr; oder willſt Du Deinen eigenen Weg gehen und als Dank für unſere Fürſorge und Aufopferung unſere letzten Lebenstage verbittern, bis wir vor Leid früher, als unſere Beſtim⸗ mung war, in die Ewigkeit gehen?“ „O Mutter, rede nicht ſo, Du brichſt mir das Herz“ bat Anna unter heißen Thränen.„Ich liebe Euch ſo innig und möchte Euch ſo gern jeden Schmerz erſparen. Alles, Alles will ich thun, was ich Euch an den Augen abſehen kann, nur beſtehe nicht darauf, daß ich mich jetzt ſchon an einen Mann binden ſoll, den ich noch nicht einmal kenne.“ „Es iſt ein gelehrter und geachteter Mann, jung 37 und von guten Sitten, hat eine anſtändige Stellung in der Welt, was verlangſt Du mehr? Glaubſt Du etwa, daß Dich Deine Mutter dem Erſten Beſten in die Arme werfen würde? Und dann, entſchließeſt Du Dich nicht ſogleich, den zu heirathen, den wir Dir erkoren haben— es iſt der junge Pfarrer Stade— ſo wird Dein ſauberer Liebhaber enterbt, ſchuldenhalber eingeſteckt und kann betteln gehen. Alles, Dein, unſer und das Glück des jungen Grafen hängt von Deinem Ausſpruch ab. Sage ja und komme in die Arme Deiner Mutter, oder beharre auf Deinem Nein und verlaſſe noch heute das Haus. Du haſt zu wählen!“ „Paſtor Stade?“ rief Anna entſetzt.„Nein, nie werde ich ihn betrügen, und ich müßte ihn täuſchen, wenn ich ihm Liebe geloben wollte.“ „Er beſitzt alle nur erdenklichen Eigenſchaften, um ein Mädchen zu beglücken, Du wirſt Dich bald in Deine Lage gewöhnen.“ „Ich will lieber ſterben, als meine Hand vege ohne daß ich Liebe für den Erwählten empfinde.“ „Schweige mit Deinen Phraſen! Du haſt den Willen Deiner Aeltern zu erfüllen, die am beſten wiſſen, was Dir zuträglich iſt.“ „D Mutter, Du kannſt unmöglich wollen, daß ich für mein ganzes ferneres Leben elend werde; ich ſchwöre 38 Dir, daß ich vor Schmerz vergehe, wenn ich gezwungen bin, zu heirathen.“ „Thörichtes Mädchen, Du treibſt meine Geduld bis aufs Aeußerſte. Nun und nimmermehr werde ich mich Deinen Launen fügen. Noch einmal und zum letzten Mal fordere ich Dich zur Erklärung auf, ob Du die Bewerbungen Stade's freundlich entgegennehmen willſt oder nicht. Am Sonnabend trifft er hier ein.“ „Ich vermag es nicht!“ erwiderte Anna beſtimmt. „So packe Deine Sachen und mache, daß Du mir aus den Augen kommſt!“ rief die harte Frau mit⸗ leidslos. „Wo ſoll ich denn aber hin?“ weinte Anna. „Gehe meinetwegen zu dem Grafen!“ „Mutter, habe Erbarmen! O wie kannſt Du nur ſo Gräßliches reden! Ich werde Dich nie verlaſſen.“ Einen Augenblick ſchien es, als machten die Worte Anna's Eindruck auf die Mutter, dann aber begann ſie von neuem mit Heftigkeit:„Genug des Gewimmers, Du wirſt gehorchen, und wehe Dir, wenn ich erleben muß, daß Du Dich widerſpenſtig zeigſt. Um Dich aber zu überzeugen, wie der Herr Graf von Dir denkt, ſo lies einmal hier dieſen Brief, er wird Dich vielleicht auf andere Gedanken bringen.“ „Wie?“ rief Anna beſtürzt.„Ein Brief von dem Grafen?“ 39 „Nein, an den Grafen von ſeiner zweiten Geliebten.“ „So wären wir nicht berechtigt, auch nur einen Blick hineinzuthun; doch ich weiß, daß Sacco keine zweite Geliebte beſitzt!“ „Alſo Du machſt mich zur Lügnerin? Ungerathene, was muß ich Alles von Dir erleben! Gleich lies hier!“ Voll Angſt nahm Anna den Brief und ließ ihr Auge über die Zeilen gleiten, welche die einzelnen Seiten des Papiers füllten. „Schrecklich!“ rief ſie, als ſie einen großen Theil des Inhalts geleſen.„ wie böſe doch die Menſchen ſind! Den Brief kennt der Graf gewiß nicht!“ „Schweig' mit Deiner Vertheidigung! Er iſt ein ganz erbärmlicher Patron, der weiter nichts wollte, als ſich eine Zeit lang mit Dir amüſiren und Dich recht unglücklich machen.“ Anna hegte das vollſte Vertrauen zu der Liebe des Grafen, ſie betrachtete ihn ja als das Ideal aller Männer; auch nicht der kleinſte Argwohn gegen ihn hatte ſie bisher beſchlichen, ſeine Worte waren für ſie ein Heiligthum geweſen. Und nun hielt ſie einen Brief in Händen, der darthat, daß er ſie nicht allein als Spielzeug betrachtete, ſondern vorſätzlich ihren Frieden, ihren guten Ruf, ihre Ehre preisgab, um ſein Ver⸗ hältniß zu einer andern Geliebten zu verbergen Was 40 mußte ſie beim Leſen dieſer Zeilen empfinden! Ent⸗ weder ſie durfte gar keinen Werth auf den Beweis legen, konnte ihn nur für das elende Machwerk nichts⸗ würdiger Menſchen halten, die bemüht waren, ſie zu betrügen, oder ſie mußte den Grafen aus tiefſter Seele verachten. Das konnte ſie nicht, denn ſonſt wäre ſie vor Leid zuſammengeknickt; ihre Ueberzeugung von ſei⸗ ner Ehrenhaftigkeit hatte zu felſenfeſte Wurzeln in ihrem ſchuldloſen Herzen geſchlagen. Ohne ein Zeichen von Wankelmuth zu verrathen, fragte ſie:„Darf ich wiſ⸗ ſen, auf welche Weiſe Du zu dieſem Schriftſtück ge⸗ kommen biſt, liebſte Mutter? Ich halte es für einen Scherz.“ „Scherz? Nein, es iſt Ernſt, Du tolle Dirne!“ herrſchte die Mutter.„Und“, fuhr ſie ſich vergeſſend fort,„der eigene Oheim bürgt mit ſeinem gräflichen Wort dafür, daß ſein Neffe den Brief geleſen und in derſelben Weiſe beantwortet. Er ſagte mir, daß der junge Mann der frechſte und geſunkenſte Menſch ſei, den die Erde trage.“ Anna drohten die Sinne zu ſchwinden.„Tolle Dirne!“— dieſe Bezeichnung erfüllte ſie mit namenloſem Schmerz, und dann die Schmähung des Geliebten. Sollte er wirklich fähig ſein, ſie zu verrathen? Der eigene Oheim hatte ihn beſchimpft. O ſie wußte nicht 41 mehr, was ſie denken ſollte, ein heftiges Zittern ergriff ihren ganzen Körper, ſie blieb ſprachlos. „Willſt Du mir jetzt endlich gehorſam ſein?“ fuhr die Mutter fort, die Angſt und Qual der Tochter be⸗ nutzend, um ſie vollends willenlos zu machen. „Gib mir bis morgen Bedenkzeit, ich kann nicht ja ſagen, mein Verſtand verläßt mich“, ſchluchzte die Jungfrau. Frau Liewe erfaßte drohend ihren Arm.„Nichts mehr!“ rief ſie.„Entweder Du fügſt Dich augenblick⸗ lich, oder ich werfe Dich ſelber zum Hauſe hinaus!“ Anna brach zuſammen. Hülflos fortgejagt zu wer⸗ den, das war zu viel für ſie. Ein ſtechender Schmerz zog durch ihren Buſen, ſie glaubte ſterben zu müſſen und hielt ſich überzeugt, daß der Tod ſie bald von ihrem Leid erlöſen müſſe. Mit ſterbender Stimme flü⸗ ſterte ſie:„So ſei es, verfüge ganz nach Deinem Er⸗ über mich, ich werde keine Klage über meine Lippen bringen.“ „Dann biſt Du wieder meine folgſame Tochter n die Vergangenheit ſei vergeſſen!“ entgegnete die Gärt⸗ nerin, plötzlich in einen freundlichen Ton umſchlagend. Sie war eigentlich keine ſchlechte Mutter und namentlich war all ihr Denken und Thun darauf gerichtet, das einzige Kind glücklich zu machen und möglichſt vor 42 Kummer zu ſchützen. Aber ſehr oft that ſie die ärgſten Mißgriffe bei der Wahl der Mittel, die ihr Wohl be⸗ fördern ſollten. Von der Liebe hatte ſie eigenthümliche Begriffe und hielt ſie lediglich für ein Gefühl, das aus Gewohnheit entſpringe und ſich weit ſchneller bezwingen laſſe, als es entſtehe. Was ſie aber jedesmal leicht empörte, ja in die größte Wuth verſetzen konnte, das war der kleinſte Eigenwille der Tochter; ſie ſollte ſich blindlings ihren Anordnungen fügen, denn dieſe galten ihr für die weiſeſten der Erde. Anna begab ſich in ihr Stübchen und überließ ſich hier ihren Empfindungen. Grauenhafte Bilder der Zu⸗ kunft bemächtigten ſich ihrer Seele, ſie fühlte ſich als die elendeſte der Sterblichen. Schon der bloße Gedanke, einem andern Manne als Sacco angehören zu ſollen, ihm Liebe heucheln zu müſſen, machte ſie erzittern; und ſchon am nächſten Sonnabend wollte Stade nach der Aeußerung der Mutter ſie beſuchen und dann wohl gar um ſie werben. Ein Angſtgeſchrei entrang ſich ihrem Munde. Und nun ihr Julius? Er weilte, ebenfalls trauernd, währenddeſſen in der Ferne. Aber gewiß dachte er, daß ſie ihm Liebe und Treue bewahren werde. Oder ſollte der Brief Wahrheit enthalten? Es war zu viel, was auf ſie eindrang, bewältigt vom Schmerz ergab ſie ſich einem dumpfen Hinbrüten. 43 So verbrachte ſie die ganze Nacht; als aber der neue Morgen tagte, da ging ſie wie ſonſt an ihre Geſchäfte und betheiligte ſich, ohne eine Klage laut werden zu laſſen, an den häuslichen Arbeiten, auch begann ſie ſogar auf den Befehl der Mutter ihre längſt begonnene Ausſteuer in Ordnung zu bringen. Aber das Klavier, an dem ſie ſonſt täglich ein Stündchen geſeſſen und geſpielt, dann und wann ihre klangvolle Stimme ertönen laſſend, öffnete ſie nicht mehr. So oft auch die Mutter mahnte, ihre Uebungen fortzuſetzen oder ſie durch das Spiel zu erfreuen, immer lehnte ſie dieſe Zumuthung mit der Verſicherung ab, daß es ihr unmöglich ſei, dem Inſtrument auch nur einen geregelten Akkord zu entlocken. Die Nähſtunde beſuchte ſie nicht weiter und auch ihre Freundinnen wurden gänzlich von ihr vernachläſſigt, denn ſie durfte ja das Haus nicht mehr verlaſſen. Frau Liewe empfing allerdings den Brief des jun⸗ gen Grafen, legte aber keinerlei Gewicht darauf, ſondern warf ihn ohne weiteres in die Flammen, ſobald ſie ihn geleſen, damit er nicht der Tochter zu Geſicht komme. Gegen dieſe war ſie wie ehemals freundlich und zu⸗ traulich, ja in ihrem Benehmen gab ſich eine bis dahin ungewohnte Zärtlichkeit kund. Sie ſah in dem ihr werthen Kinde bereits eine würdige Paſtorsfrau. 44 So kam der Sonnabend heran und brachte den erwarteten Pfarrer in das Haus. Anna war gewiß nicht blind gegen die Vorzüge des ausgezeichneten jungen Mannes; weder das Ge⸗ winnende ſeines Aeußern noch der feine Umgangston, der ihm eigen war, wurde von ihr überſehen; vor allem mußte aber die Biederkeit in ſeinem Weſen Jeden an⸗ ziehen. Nichts in demſelben erinnerte an die Pedanterie und Frömmelei, die ſo vielen Menſchen ſeines Standes eigen ſind, offen und herzgewinnend gab er ſich Jedem, der ihm nahe kam, und ſo hatte er ſich auch bei der Liewe'ſchen Familie eingeführt. Bei alledem trug die Jungfrau eine unverkennbare Befangenheit in ſeiner Gegenwart zur Schau; ſie war kaum im Stande, das Auge zu ihm zu erheben und ihr Geſpräch mit ihm durchzitterten eine geheime Angſt und Scheu. Doch dieſe Wahrnehmung hielt den jungen Geiſt⸗ lichen nicht ab, ihr in jeder nur möglichen Weiſe zu erkennen zu geben, daß er von ihrer Erſcheinung ent⸗ zückt und bewältigt ſei, daß er nichts ſehnlicher wünſche als wahrzunehmen, ihr Geiſt entſpreche den lieblichen äußern Formen. Ihre Befangenheit und Zurückhaltung mußte er für die ſehr natürlichen Folgen ſeines Beſuchs halten, denn er war ja von dem Grafen Sacco darauf auf⸗ merkſam gemacht, daß beſonders die Mutter ſein Er⸗ 45 ſcheinen gewünſcht, folglich mußte auch Anna ſich für ihn intereſſiren; und welche junge Dame fühlt ſich nicht verlegen, ſobald ſie dem gegenüberſteht, der ihr theuer iſt, aber ihr noch kein Wort von ſeinen Empfin⸗ dungen geſagt hat? Indeſſen durfte dieſer erſte Beſuch nicht allzu lange währen. Die auch im gewöhnlichen bürgerlichen Leben aufrecht erhaltene Etikette nöthigte ihn, weit früher, als er dies wünſchte, wieder Abſchied zu nehmen. Doch er erhielt ja eine Einladung für den Sonntag zum Mittageſſen, die er verbindlich annahm. Frau Liewe hatte im Laufe des Geſprächs erklärt, daß ſie zwar, durch häusliche Arbeiten behindert, außer Stande ſei, ſeinen Vortrag anzuhören, aber Anna und ihr Gatte die Kirche beſtimmt beſuchen würden. Des⸗ halb tröſtete er ſich in der Vorausſetzung, ſeine gut gewählte und auswendig gelernte Predigt werde das Herz der Jungfrau rühren, und nach beendigtem Gottes⸗ dienſt könne er den ganzen Nachmittag an ihrer Seite weilen, ihr Inneres ergründen und alle Minen ſeiner Beredtſamkeit ſpringen laſſen, um ſie völlig zu gewinnen. Sehr artig beurlaubte er ſich und ließ die Liewe'ſche Familie, von verſchiedenen Gefühlen beſeelt, zurück. „O welch ein vortrefflicher Menſch! Du biſt wahrlich zum Glück geboren!“ rief die Gärtnerin entzückt ihrer Tochter zu, nachdem ſie den Pfarrer bis an die Thür geleitet hatte. „Ja wahrlich, er gefällt auch mir ausnehmend gut!“ ſekundirte Herr Liewe aus vollem Herzen. Anna jedoch mochte wohl anderer Meinung ſein, denn ſie wandte ſich ſchweigend ab, um im Stillen und unbemerkt ſchmerzliche Thränen zu vergießen. Sie wollte und durfte der Mutter nicht widerſprechen, aber ihr Herz blutete unaufhörlich, das Leid um den ver⸗ lorenen Geliebten machte ſie für alle angenehmen Ein⸗ drücke unempfänglich, ihr größter und einziger Wunſch war, zu ſterben, um vor jedem Verrath an dem Grafen bewahrt zu bleiben, und hätte die Gärtnerin eine vor⸗ urtheilsfreie Muſterung ihres Aeußern vorgenommen, ſie würde gefunden haben, daß ihre Wangen um Vieles bleicher geworden waren und das ſonſt ſo ſchöne, frei⸗ blickende Auge ein bläulicher Rand, das ſichere Anzeichen geheimen Wehs und die Folge ſchmerzlich durchwachter Nächte, umzogen hatte. Am Sonntagmorgen ging Anna, feſtlich gekleidet, an der Seite ihres Vaters nach dem Gotteshauſe. Noch nie war ſie mit ſo troſtloſen Gefühlen dem Orte zu⸗ geſchritten, wo alle unſere irdiſchen Sorgen und Be⸗ ängſtigungen ſchwinden ſollen, wie an dieſem Tage. Stade bot das Bild eines wahren Apoſtels in dem 47 ſchwarzen Gewande, das ſeinen Körper umſchloß. Die Kirche war angefüllt von einer mehr neugieri⸗ gen als andächtigen Menge, denn auch in die hei⸗ ligen Räume führen ja oft mancherlei andere Be⸗ weggründe als der Wille, ſich an dem Worte des Herrn zu erbauen. Anna und ihr Vater nahmen einen wenig ins Auge fallenden Platz ein, die Jungfrau wagte kaum, für Augenblicke nach der Kanzel hinaufzuſchauen, die der ihr als Gatte zugedachte Mann voll Würde betrat. Jetzt ſchwieg der Geſang und mit volltönender, kräftiger Stimme begann der junge Geiſtliche ſeinen Vortrag. Kein Wort von Tod und ewiger Verdamm⸗ niß, keine Silbe vom Teufel und den Höllenqualen im lodernden Feuer, womit ſo mancher ehrbare Pfarrer ſeine Beichtkinder zu erbauen und zu ſchrecken ſucht, kam über ſeine Lippen, einfach und zum Herzen ſprechend verkündete er das Wort Gottes und wies auf die Selig⸗ keit hin, die ſchon hier und jenſeits den Menſchen er⸗ warte, der, Liebe und Demuth im Herzen, das Erdenleben durchwandle und nur beſtrebt ſei, recht zu thun und Gutes zu vollbringen. Rührend eindringlich bat er die Gemeinde, dem Vorbild ihres hohen Meiſters nach⸗ zuleben, und als er endlich den Segen des Höchſten auf ſie herabflehte, da war manches Auge von Thränen 48 feucht und jeder der Anweſenden erſehnte ſich einen Geiſtlichen, wie dieſer war. Anna befand ſich in einer ſehr weichen Stimmung. O ſie hätte viel darum gegeben, wenn dieſer Mann, der zu ihrem Gatten beſtimmt war, ihre Verachtung auf ſich gezogen! Aber ſo konnte ſie ihn nur verehren; ſie fühlte, wie er fähig ſei, ſie gänzlich zu beherrſchen, und ſchon der Gedanke daran erſchien ihr als ein Ver⸗ brechen gegen Sacco. Traurig verließ ſie die Kirche, um wenige Minuten darauf den Paſtor bei ſich zu empfangen. „Nun“, rief ihr und dem Vater die Mutter ent⸗ gegen,„hat der Prediger Beifall gefunden?“ „Er ſprach ſehr gut!“ erwiderte Anna, ſich ab⸗ wendend. „O Du hätteſt ihn nur hören ſollen; einem ſolchen Seelſorger kann man ſich ſchon zuwenden und ſicherlich würden nicht ſo viele Sekten und Parteiungen unter den Chriſten entſtehen, wenn die Geiſtlichen ſämmt⸗ lich ſo wären wie dieſer!“ rief Liewe überaus be⸗ geiſtert. Bald darauf trat Stade ein. Lächelnd und freund⸗ lich, ohne jede Anmaßung nahm er die Lobſpendungen ſeines zukünftigen Schwiegerpapas entgegen und wandte ſich gleich darauf mit der Frage an Anna:„Und Sie, 49 mein Fräulein? Darf ich ſo indiscret ſein, mich zu erkundigen, ob ich auch Ihren Beifall geerntet?“ „Ich habe mich ſehr erbaut, Herr Paſtor, und wünſchte wohl, wir könnten Sie alle Sonntage hier predigen hören“, erwiderte das junge Mädchen, alle ihre Kraft zuſammennehmend. Der Geiſtliche machte ihr ebenfalls ein Compliment; gleich darauf bat Frau Liewe zur Tafel. Sie hatte der Kochkunſt alle Ehre gemacht. Ein paar Flaſchen Wein, ſonſt eine Seltenheit in dem Hauſe des Gärtners, prangten auf dem Tiſch, und der Pfarrer ließ es ſich vortrefflich ſchmecken. Eine lebhafte Unter⸗ haltung, hauptſächlich von ihm geführt, würzte das Mahl, Frohſinn und Heiterkeit wohnten an der Tafel, wenn man eben keinen Blick in das Innere Anna's that. Auf das Mittagseſſen folgte der Kaffee, dann machte Frau Liewe den Vorſchlag, in den Garten zu gehen und dort den Nachmittag zu verbringen. Bereitwillig ging Stade darauf ein; Anna mußte an ſeiner Seite bleiben, während die Aeltern ſich zurückzogen. Jetzt entſpann ſich zwiſchen den jungen Leuten eine lebhafte Converſation, die natürlich meiſt von dem Pfarrer geführt wurde; aber da er zu derſelben immer nur ein völlig unſchuldiges, durchaus auf ſeine Steffens, Standesvorurtheile. IV. 4 50 Abſichten hindeutendes Thema wählte, ſo ertheilte auch Anna über alle Erwartung umfangreiche Antworten. Ihre Geiſtesrichtung und Bildung mußten ihn nicht allein befriedigen, ſondern aufs höchſte beglücken, denn mit jeder Minute ſtrahlte ſein Auge freudiger und hoffnungsvoller, und als er ziemlich ſpät von der Fa⸗ milie ſchied, um die Heimreiſe anzutreten, verſicherte er, daß dieſer Tag der ſchönſte ſeines Lebens ſei. Faſt war die Mutter Anna's unzufrieden, daß er kein einziges Wort über ſeine Pläne für die Zukunft hatte fallen laſſen, nicht die geringſte Andeutung auf ſeine Abſicht in Betreff der Hand der Jungfrau gemacht. Dieſe wußte ihm indeſſen für ſein zartes Benehmen Dank. Ach, ſie ahnte nur zu gut, daß die Werbung nicht lange auf ſich warten laſſen werde. Und ſo war es auch. Es ging ein Brief ein, in welchem der Pfarrer in aller Form ſeine Liebe für ſie betheuerte und um Erklärung bat, ob die kühnſten Wünſche ſeines Herzens Erfüllung finden würden. Die Antwort darauf kann ſich der geneigte Leſer nach dem Vorangegangenen leicht ſelbſt geben; wenige Tage ſpäter war Anna die verlobte Braut des über⸗ glücklichen Paſtors Stade. Was indeſſen in ihrem Herzen vorging, blieb dem in einem Meere von Wonne ſchwebenden Bräutigam 1 3 51 ein Geheimniß. Er hatte zu wenig Gelegenheit gehabt, das Benehmen eines liebenden Mädchens zu ergründen, und ſchwelgte zu ſehr in dem Rauſche ſeiner Seligkeit, wenn Anna ſeine Liebkoſungen duldete, ohne dieſelben zu erwidern, um die Innigkeit in ihrem Weſen zu vermiſſen, welche ſonſt die Braut dem Verlobten ſo gern entgegenbringt. Ihr befangenes und zurückhal⸗ tendes Weſen hielt er für jungfräuliche Scheu, die ſich an ſeiner Seite mit der Zeit ſchon ſelber in die glühendſte Zärtlichkeit verwandeln werde. Inzwiſchen kämpfte Anna unaufhörlich mit ihrer Liebe für den Grafen und mit dem Gewiſſen, das ihr, ſo oft ſie an den Pfarrer dachte, zurief, dieſem ihre Liebe zu Sacco zu geſtehen, ihm zu ſagen, daß ſie, obgleich ſie ihn hochſchätze, ihm nie die Gefühle ent⸗ gegenbringen könne, die ſie bis an ihr Ende für den letztern treu im Herzen hegen werde. Schrecklich war ihr der Gedanke, daß ſie auch dieſen ſo guten und redlichen Menſchen betrügen ſollte, der es gewiß überaus gut mit ihr meinte und ſo namenlos glücklich an ihrer Seite erſchien. Wie ſie dies Bewußtſein peinigte, den edlen Menſchen täuſchen zu müſſen, davon können wir uns kaum eine Vorſtellung machen. Aber ſo oft ſie ſich auch feſt vornahm, ihm Alles zu geſtehen und ihn zu bitten, das, was ſie ihm ſagte, als Geheimniß vor 4* 52 der Mutter zu bewahren, immer fehlte ihr der Muth dazu, ein drohender Blick aus den Augen der letztern ſchüchterte ſie ein, und was hatte ſie zu erwarten, wenn Stade ſich infolge ihrer Mittheilungen von ihr zurück⸗ zog? Durfte ſie aber etwas Anderes als dies von ihm hoffen? Dann konnte ſie auf keine Schonung rechnen, ſie war der Willkür und der Wuth der Mutter preis⸗ gegeben, die alle ihre Hoffnungen geſtört ſah; eine ſchreckliche Zukunft ſtand ihr bevor. Sie litt Tan⸗ talusqualen, aber alles Leid mußte ſie ſtill im Buſen verbergen, und nur in dunklen Nächten, die ſie ſchlaflos auf ihrem Lager verbrachte, konnte ſie den Schmerzen der Seele in Thränenſtrömen Luft machen. Stade kam jetzt, ſo oft es ſeine Zeit erlaubte, nach S. herüber; es entging ihm nicht, welche Veränderung ſich im Aeußern der Jungfrau kundgab. Ihre einſt ſo roſigen Wangen verloren zwiſchen jedem Wiederſehen an Friſche und wurden bleicher und bleicher, das ſeelen⸗ volle Auge, noch vor kurzem von jugendlichem Frohſinn leuchtend, ſtrahlte nicht mehr in ſeinem frühern Glanz, ſondern blickte wie verſchleiert meiſt theilnahmlos zu Boden, und wenn es für einzelne Momente freier auf⸗ ſchaute, dann brannte ein ſtechendes Feuer darin, wie es ſich ſo gern in den Blicken derjenigen ausprägt, die durch lange Leiden der Seele die Theilnahme für die 53 Außenwelt verloren haben und ſich unaufhörlich mit Selbſtbetrachtungen martern. Einigemal bemerkte er, daß Anna, als er ſie zärtlich an ſich gepreßt, mit einem unangenehmen, trockenen Huſten zu kämpfen begann. Er theilte ſeine Wahrnehmungen insgeheim der Mutter mit und rieth ernſtlich, einen tüchtigen Arzt zu Rathe zu ziehen; doch dieſe antwortete nur mit einem Lächeln und verſicherte, daß ihre Tochter ſo geſund wie ein Fiſch im Waſſer ſei und daß ihr niemals das Ge⸗ ringſte gefehlt habe. Stade erklärte, daß trotz der letzten Anführung ein Leiden ſich ihrer bemächtigt haben könne, und daß Vor⸗ ſicht und Hülfe zur rechten Zeit das beſte Heilmittel ſeien. Doch Frau Liewe wollte von einem Arzt entſchieden nichts hören, und als nun der Paſtor ſich nothgedrungen an Anna wandte, erwiderte auch dieſe, daß ſie ſich vollſtändig wohl fühle und keines ärztlichen Beiſtandes bedürfe. Stade ließ ſich beruhigen und das Leiden der Jungfrau behielt Zeit, ſich von Stunde zu Stunde mehr auszubilden. So ſchwanden ſchnell einige Wochen dahin. Stade fühlte ſich glücklich, denn Anna galt ihm als das Mu⸗ ſterbild aller Schönheit und edlen Geſinnungz; ihr ſanftes, freundliches Weſen, noch anziehender durch die ſtille Trauer, die ihr ganzes Sein umwehte, riß ihn zur 54 höchſten Bewunderung hin, er ſehnte nichts mehr herbei als den Tag, der ſie ihm für immer in die Arme führen würde. Anna hielt noch immer ohne Wanken das der Mutter gegebene Verſprechen, ſie duldete, ohne daß eine Klage über ihre Lippen kam. Still, wenn auch mit gebrochenem Herzen, harrte ſie aus, indem ſie ſich nur noch mit der einen Hoffnung trug, daß der Tod ſie von ihren Schmerzen erlöſen werde, bevor ſie gezwungen ſei, die heiligſten und innigſten Gefühle, die ſie je gehegt, zu entweihen. Anfangs, ehe ſie ſich Stade verlobt, vermochte ſie mitunter für Augenblicke ſich damit zu beruhigen, daß Sacco trotz aller Schwierigkeiten, die ihm entgegengeſtellt wurden, dennoch ihren heißeſten Wunſch vielleicht einer glücklichen Verwirklichung entgegenzuführen im Stande ſein werde. Er war ja ſo bereit, das Leben an ſeine Liebe zu wagen, und hatte ja gelobt, Himmel und Hölle in Bewegung zu ſetzen, um an das geſteckte Ziel zu gelangen. Täglich erwartete ſie eine Nachricht von ihm, aber ein Tag entſchwand nach dem andern, keine Silbe erfuhr ſie mehr über ihn, er mußte nicht im Stande ſein, ihr zu nahen. Und dann kam die Verlobung. Damit war ſelbſtverſtändlich jede weitere Ausſicht auf eine glückliche 55 Zukunft abgeſchnitten, ſie konnte nur noch in einſamen Stunden jammern und während der langen Nächte ihrem Schmerz nachhängen; wahrſcheinlich fühlte ſie nur zu gut, wie dieſer ſtille Gram an ihrem Leben nagte, aber ſie ſehnte ſich ja mit aller Macht ihrer Gefühle nach Frieden, dem ununterbrochenen Frieden des Grabes. Drittes Kapitel. Es war Abend und zwar ein wonniger Spätſommer⸗ abend. Die Sonne hatte ſo eben ihre letzten Strahlen über die Erde geſandt, ehe ſie am fernen Horizont ver⸗ ſchwunden war, jetzt erſchien der ganze weſtliche Himmel von einer lieblichen Röthe überſtrahlt, während bereits die Dämmerung ſchnell um ſich griff. O wie maleriſch ſchön breitete ſich die Schöpfung vor dem ſtillen Beſchauer aus, welch heiliger Friede lag in der ganzen Natur; kein Lüftchen regte ſich, ſelbſt die höchſten Gipfel der Bäume ſtrebten ohne die kleinſte Bewegung himmelan; wohin das Auge ſich auch wenden mochte, überall gewahrte es Ruhe, die erquickende Ruhe des beginnenden ſanften Schlummers. Solch ein Abend iſt dazu geeignet, das Herz des — 57 Menſchen zu hohen und hehren Empfindungen zu ſtimmen, alle Leidenſchaften in der Bruſt zu ertödten und ihn daran zu mahnen, daß er ſich beſtreben möge, für ſeinen Lebensabend die heilige Ruhe und den Frieden eines ſchön vollbrachten Tagewerks anzubahnen. Wie beſeligt fühlt ſich der arme Sterbliche in ſolchen ſtillen Stunden, wenn er ohne Schmerz und Qual hinaustritt in die Schöpfung und die freie Stirn dem linden Abendhauche darbietet, ſeine bewegte Bruſt den ſüßen Duft der Blumen des Feldes einathmet und ſein Mund aufjauchzt: Ich habe mein Tagewerk zu meiner und zur Zufriedenheit Anderer vollbracht, Gottes Erde iſt ſchön, unendlich ſchön! Wohl dem, der dies empfindet. Aber wie Viele gehen dahin und fühlen nichts von dem Erquickenden eines herrlichen Sommerabends. Ihre Herzen ſind von drückenden Sorgen umſtrickt, düſter blickt ihr Auge vor ſich nieder, ohne zu erkennen, in welcher Pracht ihnen die Schöpfung entgegenlacht; der Friede, das höchſte Gut, iſt aus ihrer Bruſt gewichen, und wo könnte es ohne dieſen eine wahrhaft beſeligende Empfindung geben? Jedenfalls wohnte in dem Herzen des jugendlichen Reiters, der um dieſe Zeit aus dem Thore von S. ritt und die Straße einſchlug, welche das Huſarenregiment 58 am Morgen paſſirt war, nichts weniger als Friede. Sein ſonſt ſo einnehmendes Geſicht war bleich und entſtellt, finſter ſchaute das Auge unverwandt vor ſich nieder und zuweilen entfloh ein langer Seufzer dem Munde des einſamen Reiſenden. Bald ſprengte er im raſenden Galopp vorwärts, dann wieder ließ er das Roß gehen, ohne im mindeſten darauf zu achten, und das geſchulte Thier verfiel ſogleich in einen langſamen Schritt, als verſtehe es die Gedanken ſeines Herrn und wolle ihm Zeit laſſen, ungeſtört ſeinen Träumereien nachzuhängen. Wer der Reiter war, wiſſen wir. Graf Sacco ſtand im Begriff, ſeinem Regiment nachzueilen, bei dem er ja mit Anbruch der Nacht eintreffen mußte. Lange und ſchmerzliche Betrachtungen hatte er an⸗ geſtellt, nachdem er erfahren, daß Anna ſich geweigert, ein Billet von ihm anzunehmen. Was er auch zu ihrer Entſchuldigung ſich ſelber vorführen mochte, er fand keinen Grund für ihr Benehmen. Wohl konnte er ſich ausmalen, daß ſie einen ſchweren Kampf mit der Mutter beſtanden habe und nichts mehr fürchte als ähnliche Scenen wie die vor dem Waſſerthor. Aber deſſen⸗ ungeachtet hätte ſie den Inhalt ſeiner Zeilen prüfen können; lag nicht eine Nichtachtung gegen ihn darin, daß ſie ausgerufen:„Nein und ewig nein! Es iſt ßbee 59 Alles aus!“ Er fühlte ſich ſchwer gekränkt und hielt das Vertrauen der Jungfrau zu ihm erſchüttert. Doch dann ſagte er ſich auch wieder, wie er bisher ſo wenig gethan, dieſes zu gewinnen; gegen ſeinen Vater hatte er ſie verleumdet und darauf noch nichts unternommen, ihn wieder günſtig für ſeine Liebe zu ſtimmen. In⸗ deſſen andererſeits war er doch auch bemüht geweſen, ſie zu tröſten, und hatte ihr beſtimmt erklärt, daß er zur rechten Zeit handeln werde. Was war es in aller Welt, das ſie veranlaßte, jede Hoffnung in ſich zu erſticken? Sacco litt ſchwer. Mochte er auch in einzelnen Augenblicken nahe daran ſein, die Geliebte des Wankel⸗ muths zu beſchuldigen, immer ſiegte ſeine heiße Liebe über jeden Zweifel und das Endreſultat all ſeiner Be⸗ trachtungen blieb: Anna ſei ein Engel und er habe die Verpflichtung, ihren Lebenshimmel ſo ſchnell als möglich von jeder trüben Wolke zu reinigen. Er wurde nicht muthlos, wenn es ihn auch ſchmerzte, daß er nun einige völlig freudloſe Wochen vor ſich habe, in denen nicht die kleinſte Nachricht von der ihm über Alles theuren Jungfrau zu ihm dringen werde. Am meiſten peinigte ihn die Ungewißheit über die Veranlaſſung zu ihrem troſtloſen Ausruf. Daß ſie ihn gänzlich auf⸗ gegeben, mochte er nicht denken, und doch, was ſonſt 60 konnte ſie abhalten, einen ihr heimlich überreichten Brief 3 ihm anzunehmen? Ein gewöhnlicher ruhiger Charakter hätte ſich über ſolche Skrupel bald hinweggeſetzt, Julius jedoch mit ſeinem heißfühlenden Herzen konnte nicht leben, ohne klar vor ſich und rückwärts zu blicken, und ſo quälte er ſich denn ohne Unterlaß mit allerlei Muthmaßungen und Befürchtungen. In ſolcher Stimmung hatte er den Garniſonsort verlaſſen, dieſelbe beherrſchte ihn auch noch, als er gegen Mitternacht, ermattet an Körper und Geiſt, in ſeinem Quartier ankam. Neun Meilen war er an dieſem Tage geritten, hatte die größten Qualen der Seele erduldet, und doch vermochte er auch jetzt noch nicht die Ruhe in einem erquickenden Schlummer zu finden. Ein Tag ſtrich nun langſam nach dem andern an dem Grafen vorüber; die Einförmigkeit des Marſches und der tägliche Wechſel der Quartiere verdüſterten den jungen Mann immer mehr, der Dienſt wurde ihm zu einer Laſt, wie er dieſe nie empfunden. Zwar hatte ihm das Militärleben von Anfang an kein Behagen eingeflößt, aber jetzt war es ihm geradezu unerträglich, er ſehnte ohne Aufhören den Augenblick herbei, der ihn wieder frei von allem Zwange machen ſollte; dann erſt, 61 wenn er wieder ſelbſtſtändig über ſich gebieten konnte, glaubte er am beſten alle Hinderniſſe aus dem Wege räumen zu können, die ihn von der Geliebten trennten. Die Geſellſchaft der Offiziere floh er faſt gänzlich, alles muntere Treiben und jedes fröhliche Gelage widerte ihn an, am liebſten ſaß er allein in ſeinem Stübchen und gedachte der wenigen ſeligen Stunden, die er an der Seite Anna's verlebt. So entſchwanden ſechs Wochen und die Zeit kam näher und näher, in welcher die Manöver beendet wurden. Mit etwas mehr Freudigkeit als bisher blickte Sacco in die Zukunft, denn bald kam er nun ja wenigſtens auf einige Tage nach S. zurück. Da, als er eines Abends, nachdem er während zwölf langer Stunden militäriſchen Uebungen beige⸗ wohnt, in ſein Quartier zurückkehrte, wurde ihm ein Brief aus der Heimat überreicht. Er erbrach etwas haſtig das Siegel und fand zu ſeiner Ueberraſchung, daß der Oheim in der liebevollſten und freundlichſten Weiſe an ihn ſchrieb. „Dahinter ſteckt nichts Gutes!“ dachte er bei ſich, indem er weiter und weiter las. Jetzt hatte er die erſte Seite heruntergeleſen, er entfaltete den Bogen voll⸗ ſtändig, da fiel ein kleiner Papierſtreifen aus dem Briefe zur Erde. Er hob ihn auf und las die darauf gedruckte Anzeige von der Verlobung Anna Liewe's mit dem Paſtor Stade. Ein Ausruf der Wuth und Verzweiflung entrang ſich dem Munde des Grafen; krampfhaft zerknitterte er den Brief den er noch in den Händen hielt.„O du biſt ein Teufel!“ rief er dann, dem Oheim zürnend. Es erſchien ihm unmöglich, daß der Zettel Wahrheit ent⸗ halten könne, vielmehr glaubte er, die Anzeige ſei von dem Onkel erfunden. Er nahm nochmals das Billet zur Hand; aber da ſtand deutlich ſchwarz auf Weiß, in welcher Nummer der Kreuzzeitung die Annonce zu finden ſei. Eilig beſchaffte er ſich dieſe, und richtig, es war ſo, er durfte nicht mehr zweifeln, Anna hatte ihm die Treue gebrochen und ſich einem Andern, dem Manne verlobt, der eigentlich ihm ſeine gegenwärtige Stellung zu danken hatte. Das waren bittere Gefühle, die ſich nun dem lie⸗ benden Jüngling aufdrängten.„Sie hatte Recht“ ſprach er vor ſich hin,„Alles, Alles iſt vorbei!“ Dann ver⸗ ſank er in düſtere Schwermuth und nur zuweilen drang ein kaum vernehmlicher Seufzer über ſeine Lippen. Sein freudiger Lebensmuth war mit einem Nale ge⸗ ſchwunden; von allerlei Beängſtigungen faſt zu Boden gedrückt, wurde er ſtündlich mißmuthiger, und oft fragte er ſich, ob es nicht vielleicht beſſer ſei, ein elendes 63 Daſein von ſich zu werfen, von dem er ſich nichts mehr als Bitterkeit verſprechen durfte. Doch er war noch zu jung, um ſchon völlig mit dem Leben abzuſchließen, und andererſeits hatte ſein Vertrauen zu der Geliebten zu feſte Wurzeln in ſeinem Herzen geſchlagen, als daß er ſie ſo ſchnell hätte ver⸗ dammen können. Neue Zweifel tauchten in ihm auf, er traute den Machinationen des Oheims Alles zu und ſuchte ſich einzureden, die Zeitungsannonce ſei vielleicht nur ein Werk des letztern, gegen alles Wiſſen der Ge⸗ nannten aufgenommen. Er wandte ſich ſofort an einen Freund in S. und bat dieſen um gewiſſenhafte Auskunft über die jetzigen Verhältniſſe des Fräuleins Liewe und ihre Stellung zu dem Paſtor Stade, dabei ihm die größte Discretion zur Pflicht machend. Nach Ablauf weniger Tage erhielt er nicht allein die Beſtätigung des ihm von dem Oheim Mitgetheilten, ſondern der Freund ſchrieb ihm ſogar, daß die jungen Verlobten ſeiner Anſicht nach ſehr glücklich ſeien und namentlich die Braut alle Urſache habe, ihr Geſchick zu preiſen; wie er erfahren, ſolle ſchon in nächſter Zeit die Vermählung der Liebenden ſtattfinden. Welchen Eindruck dieſe Auseinanderſetzung auf den Grafen machte, wird der geneigte Leſer ſich ausmalen 64 können, wenn er erwägt, daß Sacco ſein ganzes Erden⸗ glück, alle ſeine Hoffnungen auf den einſtigen Beſitz der Geliebten gebaut hatte. Nicht nur Trauer und Schmerz, eine gründliche Verachtung des menſchlichen Daſeins und die größte Lebensunluſt zogen in ſein Herz. Anfangs wüthete er gegen ſich ſelber und gegen die Gärtnerin, von der er annahm, daß ſie ihre Tochter mit Gewalt zu dem eingegangenen Verhältniß gezwungen habe, und der Entſchluß tauchte in ihm auf, ſein Leben daran zu ſetzen, um die Jungfrau aus ihrer Gewalt zu befreien. Aber dann folgte eine ſtille, doch weit ſchmerzlichere Auffaſſung ſeiner und der Lage Anna's. Sie hätte, ſo ſchloß er, ſeinen Schwüren vertrauen und jeder Gewalt trotzen müſſen, im ſchlimmſten Falle aber ihn ſchriftlich um Rath und Beiſtand erſuchen können. Doch von alledem war nichts geſchehen. Ohne daß er das Geringſte ahnte, hatte ſie ſich gleich nach ſeiner Abweſenheit einem Andern zu eigen gegeben, ihr Loos war ein glückliches, beneidenswerthes, wie der Freund ſchrieb, und ſie ſelber mußte dies wohl em⸗ pfinden, ſonſt hätte der letztere gewiß angedeutet, daß ihre Wahl als eine gezwungene erſcheine, denn jeden⸗ falls hatte er genaue Erkundigungen eingezogen. Und wenn er ſeine eigenen Empfindungen ermaß, ſo war es ihm unzweifelhaft, daß ein Mädchen nicht als glück⸗ 65 liche Braut gelten könne, das mit der ganzen Macht ſeiner Gefühle einem andern Manne als dem Ver⸗ lobten ergeben ſei. Ach, der junge, unerfahrene Mann kannte viel zu wenig ein liebendes Mädchenherz, als daß er dies richtig hätte beurtheilen können; er wußte nicht, wie es ſich im ſtillen Schmerz verzehrt, bis es verblutet iſt und für immer zu ſchlagen aufgehört hat, wenn es gezwungen iſt, für die Ewigkeit zu entſagen. Sich verrathen und betrogen glaubend, packte den Grafen die Verzweiflung. Einſam und verlaſſen irrte er umher oder ſaß abgeſchloſſen von der ganzen Welt auf ſeinem Zimmer und brütete über das ihm geraubte Lebensglück. Oft auch wenn er ſich unbeachtet wußte, rannen bittere Thränen des Schmerzes über ſeine Wangen; er klagte Anna dann nicht mehr an, oder wenn ein Vorwurf gegen ſie in ſeiner Bruſt auftauchen wollte, drängte er ihn mit Gewalt zurück, und er er⸗ blickte in ihr nur den für ihn unerreichbaren Engel, der zu gut ſei, als daß er ihn beſitzen dürfe. Und wurde er zum Dienſt gerufen, der während der Ma⸗ növerzeit kein leichter war, ſo raffte er ſich mit Gewalt empor und eilte in die Reihen des Regiments; aber alle, die ihm nahe kamen und vorzüglich die Offiziere, deren Geſellſchaft er faſt nie mehr aufſuchte, merkten Steffens, Standesvorurtheile. IV. 5 66 es ihm an, daß ein ſchwerer Kummer auf ihm laſtete und an ſeinem Leben nagte. Oft verſuchten ſie, ihn wie früher in ihre Mitte zu ziehen, doch nur ſelten wollte ihnen das gelingen, und wenn er ja einmal nicht umhin konnte, ihre Einladung anzunehmen, ſo ſaß er ſtill und in ſich gekehrt da, ohne an der all⸗ gemeinen Fröhlichkeit den geringſten Antheil zu nehmen. 3 Ihren Forſchungen nach der Urſache ſeines Kummers ſetzte er ſtets ein ſo entſchiedenes Schweigen entgegen, daß es bald Niemand mehr wagte, eine Anſpielung darauf zu machen. Endlich hatten die Manöver ihr Ende erreicht, das Huſarenregiment machte ſich auf den Rückmarſch nach dem Garniſonsorte. Mit dem Wiedereintreffen in S. hatte das Dienſtjahr des Grafen ſein Ende erreicht, und war er ſchon früher von Sehnſucht erfüllt geweſen, dieſes zu beenden, ſo konnte er jetzt kaum den Augen⸗ blick erwarten, der ihn frei machen ſollte von allen Verpflichtungen gegen eine despotiſche Macht, damit er hinauseilen könne in die Welt, um im vielbewegten Leben, im Schaffen und Ringen Vergeſſenheit zu finden. Vergeſſenheit? Der Aermſte erwog nicht, daß es Schickſalsſchläge gibt, die eine Ewigkeit voll Freuden nicht in Vergeſſenheit wiegt, und daß Wunden ge⸗ 67 ſchlagen werden, für die auf Erden kein lindernder Balſam bereitet wird. Nach einem zweiwöchentlichen Marſche, der dem Grafen faſt unerträglich wurde, rückte das Regiment mit klingendem Spiele in den Garniſonsort ein. Bei dem Scheiden von dort hatte Sacco es ſchmerzlich em⸗ pfunden, daß um ihn ſich eigentlich Niemand beſonders kümmerte; aber als er jetzt von allen Seiten gute Freunde und Bekannte, auch einige Damen ſich freund⸗ lich zuwinken ſah, da zog ſich ſein Herz ſchmerzbewegt zuſammen und er mußte ſich Zwang anthun, um nicht der Wehmuth die Oberhand in ſeiner Bruſt einzuräu⸗ men. Ach was halfen ihm alle Freundſchaftsbezeigungen, fehlte ihm doch der beſeligende Blick aus den lieben Augen, die allein ihm Glück und Frieden zu ſpenden vermochten! Sie, die er überall im Menſchengewühl ſuchte, fehlte unter der zum Empfang des Militärs verſammelten Menge. Bis zum Tode ermattet und unfähig, irgend etwas zu unternehmen, was ſeinem qualvollen Zuſtande eine Linderung geben konnte, langte Sacco in ſeiner Wohnung an. Wohl dachte er an Anna; aber auch nicht für einen Augenblick kam ihm in den Sinn, ſie aufzuſuchen; ſie war ja jetzt die Verlobte eines Andern, er hatte kein Recht mehr, ihr zu nahen; ihren Frieden aber 5* 68 ſtören wollte er nicht, und ſein Stolz hielt ihn auch ab, ſie an ihre Vergangenheit zu erinnern. So ſchwanden die wenigen Tage dahin, die den jungen Soldaten noch von ſeinem Wiedereintritt in den Civilſtand trennten; mit dem Qualificationszeugniß zum Landwehroffizier in der Taſche nahm er von ſeinen bisherigen Kameraden Abſchied, noch einmal verbrachte er einige Stunden unter muntern Genoſſen, denn es verſtand ſich von ſelber, daß der reiche Graf ſeine beendete Dienſtzeit durch ein glänzendes Feſt feiern mußte; dann vertauſchte er die glänzende Uniform mit dem einfachen ſchwarzen Civilanzug und war bereit, zu den Aeltern abzureiſen, bei denen er einige Tage verleben wollte, bevor er nach der Hauptſtadt ging, um ſeine Beamtenlaufbahn wieder aufzunehmen. Wieder war es Abend und zwar der letzte, den Sacco in S. zu verbringen hatte. Zum frühen Morgen war bereits Extrapoſt beſtellt, die ihn in die Heimat bringen ſollte. Das ſchöne Sommerwetter hatte in⸗ zwiſchen den rauhen Herbſtſtürmen Platz gemacht, die mit Macht die Bäume ihrer Blätter beraubten; da⸗ zwiſchen fiel ein feiner kalter Sprühregen vom Himmel hernieder und miſchte jedem Aufenthalt im Freien et⸗ 2 was höchſt Unbehagliches bei. Der junge Graf empfand davon nichts, denn er 69 ſaß allein in einem ſeiner Zimmer, hatte das müde Haupt auf die Hand geſtützt und blickte träumeriſch vor ſich nieder. Es war dunkel geworden, er bemerkte es nicht, ſeine Gedanken nahmen ihn ſo völlig in An⸗ ſpruch, daß er auf Außendinge nicht Acht geben konnte. Und woran dachte er? Gewiß nicht an die glänzende Laufbahn, welche er vor ſich hatte, auch nicht an die beendete Dienſtzeit, aber ebenſo wenig an die Aeltern daheim, die ihm immer ſo werth geweſen; ſein Sinnen war auf die anmuthige Gärtnerstochter gerichtet, die ihm die ſeligſten Momente geſchaffen, welche ihn bisher beglückt. Noch einmal ließ er ſein erſtes Begegnen mit ihr, das Zuſammentreffen auf der Promenade, nachdem er eben vom Krankenbett aufgeſtanden, dann die ſchönen Abende, an welchen ſie Arm in Arm vor der Stadt umhergewandelt waren, an ſeinem Geiſte vorüberziehen. O wie gut, wie liebevoll war ſie ſtets geweſen, wie beſorgt um ihn und wie treu hatte ſie ihm immer ins Auge geſchaut! Ohne daß er es wußte, ſtähl ſich eine Thräne nach der andern über ſeine bleichen Wangen. So ſaß er lange Zeit, dann endlich hob ein Seufzer ſeine Bruſt; jetzt war er überzeugt, daß Anna engelgut ſei, ihn nicht betrogen habe, ſondern daß ſie wohl ebenſo dulde wie er. 70 Und er ſegnete ſie mit bebenden Lippen, flehte die Huld des Höchſten auf ihr Haupt herab, denn rein wie die Sonne ſtand ſie vor ſeinem Geiſte da. „Noch einmal ſie ſehen!“ rief er ſich zu.„Und dann hinaus in die Welt, fort von hier, um Ruhe zu er⸗ jagen!“ Sie ſehen? Die Worte waren geſprochen, und doch bebte er vor dem Verſuch zurück. War er ſtark genug, ſie aufzugeben, wenn er ſie von neuem er⸗ blickte, die ihm als höchſtes Glück der Erde galt? Er wußte es nicht. Aber er konnte auch nicht mehr dem Wunſch widerſtehen, ein letztes Mal in ihr engelgleiches Geſicht zu ſchauen, ehe er für immer von ihr ſchied. Wohl zuckte es einigemal heftig in ſeinen Ge⸗ ſichtsmuskeln, als er ſich langſam erhob, ſeinem Diener zurief und ihm einige Befehle ertheilte, dann den Hut ergriff und in den dunkeln Abend hineinſchritt. Doch ſein Vorſatz ſtand feſt, und er war nicht der Mann, der einen ſolchen unausgeführt ließ. Wie ehemals fand er die Gegend um den Liewe'⸗ ſchen Garten ſtill und vereinſamt, Niemand hinderte ihn, die Mauer zu überklettern und ſo durch den Garten in die Nähe des Hauſes zu dringen. Leiſe und vor⸗ ſichtig ſchlich er vorwärts, das tobende Unwetter begünſtigte ſein Unternehmen, ohne jeden Unfall langte er auf dem Hofe an und konnte nun von hier aus durch die erleuchteten Fenſter in die Wohnung der Gärtnerfamilie ſchauen. Sacco befand ſich hier nicht zum erſten Mal auf der Lauer, er hatte ja früher oft den Liewe'ſchen Grund und Boden betreten, um Anna zu ſehen und zu ſprechen. Immer hatte er dabei fürchten müſſen, entdeckt und arg compromittirt zu werden; heute, nach⸗ dem er ſowohl mit den Aeltern wie mit der Tochter außer jeder Verbindung gekommen, war ſein Wagſtück doppelt gefährlich, aber ihm bangte weit weniger als ſonſt, denn ehemals brachte die Entdeckung ſeines Wag⸗ niſſes auch der Geliebten Kummer und Leid, jetzt konnte ihr daraus kein Vorwurf gemacht werden, nur ihn allein traf die Verantwortung, und ihm war es in ſeiner gegenwärtigen Stimmung ziemlich gleichgültig, ob er mit der Frau Liewe noch eine Scene zu beſtehen hatte oder nicht. Bei alledem zagte er wie vielleicht noch nie in ſeinem Leben, er fürchtete den Anblick der Geliebten, ſo ſehr er ſich auch darnach ſehnte. Mit dieſem Wiederſehen war ja der Abſchied für die Ewig⸗ keit verbunden, nur noch einen Blick durfte er auf ſie richten, von dem ſie nicht einmal etwas ahnte, dann mußte er fort, weit fort, ſie waren getrennt für das ganze Leben. Leiſe trat er auf das etwas hervorragende Funda⸗ 72 ment des Hauſes, ergriff mit den Händen den Fenſter⸗ rand und ſchaute nun in das vor ihm befindliche Zimmer. Sehr bequem konnte er den ganzen Raum überſehen, während ihn von innen ſo leicht Niemand zu gewahren vermochte, da ſein Geſicht hinter dichten Topfgewächſen verborgen war. Aber was widerfuhr ihm mit einem Male? Der junge ſtarke Mann wankte, als ergreife ihn ein Schwindel, ſeine Hände ſtützten ſich feſter und ein ſchwerer Seufzer entrang ſich ſeinem Munde. Nur einen kurzen Blick hatte er in das Zimmer werfen wollen und nun ſtand er da wie angebannt, konnte das Auge nicht wieder abwenden, und doch brachte ihm jede neue Sekunde größere Schmerzen. Drinnen in der Liewe'ſchen Wohnung paſſirte nichts Außergewöhnliches. Unweit der Außenwand ſaß Anna auf einem Sopha und hatte ihr liebliches, aber recht blaſſes Geſicht dem Fenſter zugewandt oder vielmehr dem Paſtor Stade, der ihr zur Seite und zwar nach dem Fenſter hin ſaß. Kein beſeligendes Lächeln ver⸗ klärte ihre Züge, aber mild und freundlich blickte ſie den Verlobten an, und jetzt, als der Geiſtliche ſich vornüber bog und mit ſeinem Munde ihre Lippen be⸗ rührte, ſchien es dem Grafen, als verwandle ſie ſich in Marmor. 73 „Großer Gott, alſo das iſt die glückliche Verlobte?“ ſtöhnte es in dem Herzen Sacco's. O wie weh wurde ihm, wie drückte es ihn ſo heftig in der Bruſt; jenes Gefühl, das wie ein Alp im Innern laſtet, wenn uns das Liebſte auf der Welt geraubt worden, bemächtigte ſich ſeiner immer mehr, er glaubte ſterben zu müſſen, ſo unſaglich litt er. Aber er ſtarb nicht. Ruhig verharrte er auf ſeinem Poſten und ſog das verzehrende Gift ein, das ihm aus dem todesbleichen Antlitz der ſo heiß Geliebten entgegen⸗ wehte. Inzwiſchen bemühte ſich der Paſtor Stade unabläſſig, ſeiner liebenswürdigen Braut zu gefallen. Bald ergriff er ihre Hand und führte ſie an ſeine Lippen, dann wieder ſtrich er ihr ſchönes Haar liebkoſend zurecht, und die Jungfrau duldete das Alles, indem nur dann und wann ein wehmüthiges Lächeln ihren Mund umſpielte. „Schurke, ich zermalme Dich!“ murmelte Sacco vor ſich hin. Aber ſein Zorn machte ſchnell vernünftigen Betrachtungen Platz, er erwog, daß er dem Paſtor gerade am allerwenigſten die Schuld an ſeinem Unglück zuſchreiben dürfe; ahnte dieſer doch vielleicht nicht einmal, wie ſehr Anna von ihm geliebt wurde. O wie ganz anders dachte er jetzt über Anna! Freilich, daß ſie die 74 Werbung Stade's angenommen, war eine nicht zu leug⸗ nende Thatſache; aber welche Vorgänge mochten ſie dazu bewogen haben, welche Berſerkerwuth hatte die Mutter wahrſcheinlich gegen ſie walten laſſen, um ſie ihren Wünſchen günſtig zu ſtimmen; er kannte ja ihren Jähzorn hinlänglich, und ſprach doch das krankhafte Aeußere, der weherfüllte Blick der Jungfrau am beſten von ihrem Herzeleid. Aber was ſollte er thun, um ſie aus der Macht derjenigen zu erlöſen, die ſie rückſichtslos einem frühen Tod entgegenführten?„Ha, ich will ſie erretten, will ihr den Platz erwerben, der ihr gebührt, und müßte ich das alte Weib ſowie den ſaubern Herrn Oheim mit meinen Fingern erdroſſeln!“ dachte er im höchſt erregten Zuſtande. Sein Kummer, gepaart mit der heftigſten Sehnſucht, ließ ihn plötzlich vergeſſen, wo er ſich befand. „Anna, ich bin hier!“ rief er laut aus und drückte den Kopf ſo feſt gegen die Fenſterſcheiben, daß dieſe laut klirrten. Mit einem ſchrillen Ausruf ſank in demſelben Mo⸗ ment die junge Verlobte ohnmächtig zuſammen; ſie hatte zwar die Worte des Grafen nicht deutlich ver⸗ nommen, aber um ſo genauer ſein Antlitz erkannt, das ihr für einen kurzen Moment entgegengeleuchtet. Stade ſtand für einige Sekunden regungslos, bis — 75 ihn Frau Liewe aufforderte, ihr behülflich zu ſein, die Ohnmächtige aufzurichten. Als Sacco ſeinen Herzensempfindungen die Ober⸗ hand über den Verſtand eingeräumt hatte, war er willens geweſen, Anna womöglich ohne Verzug der Gewalt ihrer Aeltern und des Verlobten zu entreißen. Doch kaum hatte er den erſten Schritt zur Ausführung dieſes tollkühnen Entſchluſſes gethan, als er ſich plötzlich von hinten gepackt fühlte und vom Fenſter zurückge⸗ riſſen wurde. Der Graf drehte ſich mehr verwundert als erſchreckt um und erkannte mit einiger Mühe die Umriſſe des Herrn Liewe, der neben ihm ſtand und unſchlüſſig ſchien, was er weiter beginnen ſolle. „Was wollen Sie von mir?“ fragte der Graf un⸗ wirſch. „Ich ſollte meinen, ich hätte eher ein Recht, ähn⸗ liche Fragen an Sie zu richten“, entgegnete der Gärtner ruhig.„Doch vor allem muß ich Sie erſuchen, mir zu folgen, damit meine Frau Sie nicht etwa hier trifft und vor den Augen meines künftigen Schwiegerſohns eine Scene herbeiführt, die uns allen nicht zur Ehre gereichen würde.“ Sacco mochte einſehen, daß der alte Mann Recht habe; wie willenlos ſchritt er hinter ihm drein in das 76 Haus und in eine Stube, die von dem Zimmer, in welchem die Verlobten weilten, weit entfernt lag. „Herr Graf“, begann Liewe, hier angekommen,„Sie gehen darauf aus, das Glück einer anſtändigen Familie zu untergraben und meine Tochter höchſt elend zu machen. Bedenken Sie, daß das unbefugte Eindringen in mein Beſitzthum ſtrafbar iſt.“ „Gut, ſo laſſen Sie mich beſtrafen!“ erwiderte Sacco erbittert. „Nein, Herr Graf, ich bin Ihnen gar nicht böſe“, führte der alte Mann an,„und ginge es nach mir, ſo ſollten Sie nicht ſo verzweifelt in das Leben ſchauen; aber ich kann Ihnen doch einmal nicht helfen.“ „O doch, Sie könnten es!“ rief der Graf, plötzlich ermuntert.„Zeigen Sie, daß Sie der Herr im Hauſe ſind, und geben Sie mir Ihre Tochter zur Frau. Da⸗ mit beglücken Sie zwei jugendliche Herzen, die ſonſt brechen.“ Liewe fuhr erſchreckt zurück.„Wie?“ ſprach er kleinlaut.„Glauben Sie etwa, ich ſei hier nicht der Herr? Aber um die Angelegenheiten der Frauen kann ich mich nicht kümmern, und dann— unmöglich darf ich den Paſtor Stade erzürnen, er iſt ja mit meiner Tochter verlobt.“ „Weiß er, daß dieſe mich und nicht ihn liebt?“ 77 „O was denken Sie! Meine Anna iſt ihrem Bräu⸗ tigam ſehr gut.“ „Wirklich? Sie erſcheint indeſſen nicht als glück⸗ liche Braut! Herr, der Sie Ihre Tochter über Alles zu lieben meinen, haben Sie kein Herz und Auge für ihren Kummer? Betrachten Sie einmal dies bleiche, abgehärmte Weſen, das noch vor wenigen Wochen in üppigſter Jugendfülle prangte, und dann ſagen Sie mir, ob es glücklich iſt!“ Liewe ſchwieg, er mochte einſehen, daß der junge Mann Recht habe. Vielleicht hätte er gern der ganzen Angelegenheit eine andere Wendung gegeben; aber er war ja machtlos, ſein Wille galt der Frau gegenüber nichts und am wenigſten hätte er ſich unter⸗ ſtehen mögen, eine ihrer Lieblingsideen zu durchkreuzen. Lange Jahre der Knechtſchaft hatten ihn an blinden Gehorſam gewöhnt, und wer kennt nicht die unum⸗ ſchränkte Gewalt, die das Weib dort auszuüben ver⸗ mag, wo ihr einmal die unbedingte Herrſchaft einge⸗ räumt worden! „Sie antworten mir nicht“ fuhr Sacco dringend fort,„alſo ſind Sie genöthigt, mir beizuſtimmen.“ „Nein, durchaus nicht!“ fiel Liewe ſchnell ein.„Es iſt mun einmal ſo, wie es iſt, ich kann und will nichts ändern. Wollen Sie aber Ihr Glück bei meiner Frau verſuchen, ſo werde ich Ihnen dieſe herſchicken. In⸗ deſſen denke ich, können Sie kein großes Verlangen darnach tragen, ihr nahe zu kommen.“ „Aber, Herr, Sie morden Ihr Kind.“ „O nein, wir wollen das Glück unſerer Tochter, und meine Frau ſagt, daß daſſelbe am beſten an der Seite des Paſtors geſichert iſt. Wegen ihres Geſund⸗ heitszuſtandes brauchen Sie ſich nicht zu ängſten, ſie ſelber fühlt ſich wohl und verſchmäht jeden ärztlichen Beiſtand.“ „Sie ſehnt vielleicht den Tod als den Erlöſer von ihren Leiden herbei und will deshalb von ärztlicher Hülfe nichts wiſſen.“ Liewe antwortete nur durch eine Geberde, die ent⸗ ſchieden darauf hindeutete, daß er ſich zu langweilen beginne. „Nun, Herr Liewe, ich ſehe, auch Sie weiſen mich zurück; von Ihrer Frau habe ich bereits die ärgſten Beleidigungen erfahren müſſen, weil ich darnach ſtrebte, Ihre Tochter zur Gattin zu gewinnen— ich weiß nicht mehr, was ich noch thun könnte, um mein und das Lebensglück Anna's zu ſichern. Aber es wird die Zeit kommen, in welcher Sie Ihre Kurzſichtigkeit und Ihren Starrfinn mit blutigen Thränen beweinen werden; dann wehe Ihnen, denn Sie werden keinen 79 Troſt haben, der Sie in Ihrem Unglück aufrichten könnte.“ Sacco ſprach dieſe Worte im Ton tiefer Trauer und ſchickte ſich an, den alten Mann zu verlaſſen. Dieſer war durchaus nicht gegen den Grafen ein⸗ genommen, es that ihm leid, den jungen Herrn in trüber Stimmung zu ſehen, und gern hätte er ihm ge⸗ holfen, wenn er dies vermocht. Doch er war ja ſchwach wie ein Kind, deshalb begnügte er ſich zu entgegnen: „Ich bin nie willens geweſen, Ihnen oder meiner Tochter wehe zu thun, aber ebenſo wenig vermag ich Ihnen zu helfen. Anna hat, ſoviel ich weiß, den Paſtor gern, darum müſſen auch Sie ſich tröſten, und ich bin der feſten Meinung, Sie werden noch beide ohne einander ihr Glück erreichen.“ Der Graf ſah ein, daß er von dieſem Menſchen nichts zu hoffen habe.„Es iſt gut!“ rief er.„Anna hat mich aufgegeben, Sie und Ihre Frau weiſen mich ab, alſo bleibt mir nur übrig, in die Ferne zu ziehen, ohne jeden Troſt auf eine beſſere Zeit. Leben Sie wohl, Herr Liewe!“ „Gute Nacht, Herr Graf, Gottes Segen ſei mit Ihnen! Ich werde meiner Tochter ſagen, daß Sie hier geweſen ſind“, entgegnete der gutmüthige, aber ſchwache Mann. 80 Sacco ging. Als er durch die dunkeln Straßen der Vorſtadt dahinwandelte, wohnte in ſeiner Bruſt die Kälte des Todes. Er erſchien jetzt merkwürdig ruhig, aber dieſe Ruhe war eine fürchterliche. Seine Geſichtszüge hatten ſich auffallend verändert, er ſchien um zehn Jahre älter geworden, kein freundliches, gewinnendes Lächeln ſpielte mehr um den feſt zuſammengekniffenen Mund, das Auge blickte ernſt, ja ſtreng vor ſich hin und auf ſeiner hohen Stirn lagerte der Ausdruck einer ehernen Energie. So kam er zu Hauſe an, und dieſen Anblick ge⸗ währte auch ſein Antlitz, als er am nächſten Morgen in aller Frühe die Reiſe nach der Heimat antrat, ja, als er bei ſeinen Lieben daheim anlangte und dieſe ihm den herzlichſten Empfang bereiteten, ſteigerte ſich ſeine Schwermuth nur noch mehr. Die Aeltern wußten, daß Julius nicht lange bei ihnen verweilen werde, er mußte nach Ablauf weniger Tage von neuem in den Staatsdienſt treten; deshalb behandelten ſie ihn mit der äußerſten Zärtlichkeit und ließen ihm jede nur mögliche Aufmerkſamkeit zu Theil werden; vielleicht auch veranlaßte ſie ſein kummervolles Aeußeres, Alles aufzubieten, um ihn zu zerſtreuen. Der beſorgte Mutterblick ſieht ſcharf, und jedenfalls 81 entging es der Gräfin nicht, daß Julius ein ge⸗ heimes Weh mit ſich herumtrug. Mehrmals ließ ſie ihre Beſorgniſſe nur zu deutlich merken und fragte nach der Veränderung in ſeinem Weſen; doch Julius vermied jede directe Beantwortung ſolcher Fragen; mochte er ſich auch nicht immer gänzlich beherrſchen können und ſein Leid deutlich zur Schau tragen, wenigſtens wollte er nicht auch die Herzen der Aeltern mit dem Umfang ſeines Grams beſchweren. Was ihm, ſolange er in der Heimat weilte, die größte Freude bereitete, war das Glück Breitenbach's und der Comteſſe Klotilde Ansbach. Die jungen Ver⸗ lobten ſchwebten in einem Meer von Wonne und dankten all ihre Seligkeit ja ihm. Wie ſehr gaben ſie ihm dies zu erkennen, welch lieber Gaſt war er ihnen, wenn er ſie aufſuchte! „Freund“, ſprach Breitenbach zu ihm, als er zum letzten Mal den ehemaligen Offizier durch ſeine Gegen⸗ wart erfreute, um ſich nunmehr zu verabſchieden,„Dir danke ich Alles, was ich habe, Du haſt mich zu dem glücklichſten der Sterblichen gemacht— wie gern möchte ich Dir Deine Güte lohnen! Und nun muß ich Dich ſo dahingehen ſehen, ohne Antheil an des Lebens Freuden, einen Schmerz mit Dir forttragend, der Dich aufreibt. Kann ich denn nichts, gar nichts vollbringen, Steffens, Standesvorurtheile. IV. 6 82 was Dir helfen müßte? Vielleicht vermag ich Dir einen ähnlichen Dienſt zu leiſten, wie Du mir ihn geleiſtet.“ „Nein, Breitenbach, gib Dir keine Mühe; mit mir muß es ſo bleiben, wie es iſt, und offen geſtanden, ich fühle mich wohl in meiner gegenwärtigen Lage; das, was Ihr Gram nennt, iſt mir lieb und zur Gewohn⸗ heit geworden, ich ſitze ſo gern allein und träume, dann bin ich zufrieden.“ „Armer Freund!“ ſeufzte Breitenbach. „Jawohl arm!“ ſprach Sacco nach.„Ich bin arm, Du auch und wir ſämmtlich. Genieße Dein Glück, auch dieſes währt ſeine Zeit. Das menſchliche Daſein iſt ein zu erbärmliches, als daß es ewige Freuden ge⸗ währen könnte. Wohl dem, der nie die höchſte Selig⸗ keit empfinden lernte, er kann am wenigſten verlieren!“ „Du biſt zum Greiſe geworden!“ „Wollte Gott, ich wäre es an Körper und Geiſt.“ „Und dann?“ „Dann winkte bald die ewige Ruhe; ſo habe ich noch ein langes trauervolles Daſein vor mir.“ „Kennte ich nicht Dein gefühlvolles Herz, ich ver⸗ möchte nicht Dich zu begreifen; ſo jung, ſo liebens⸗ würdig und ſo maßlos— es iſt gegen die Geſetze der Natur.“ „Laſſe das Thema. Wann findet Deine Hochzeit ſtatt?“ 83 „In vier Wochen! Nicht wahr, die Liebe erzeigſt Du mir und meiner Klotilde und kommſt zu derſelben herüber?“ „Nein, Breitenbach, das verlange nicht! Ich denke, es ſollen lange Jahre vergehen, ehe ich die Heimat wiederſehe.“ „Und inzwiſchen?“ „Werde ich arbeiten und— mich amüſiren.“ Breitenbach ſchüttelte ſchmerzlich bewegt den Kopf. „Verſprich mir“ ſprach er nach einer längern Pauſe des Schweigens,„daß, wenn Du einſt eines Freundes bedarfſt, der Dich ſtützen ſoll, Du mich zu Dir rufen wirſt.“ „Das will ich!“ entgegnete Sacco eifrig.„Doch'“, fuhr er langſam fort,„glaube nicht, daß ich je eines Beiſtandes bedürfen werde; den größten Schmerz, der mich treffen konnte, habe ich durchgekämpft, jetzt iſt mir die Welt und Alles, was darin iſt, ziemlich gleichgültig, mein Herz iſt für Freude und Leid erſtorben, ich wandle dahin als verſtändiger Mann.“ „O wie ſehr täuſcheſt Du Dich“, entgegnete Breiten⸗ bach trübe.„Dich wird nie das eigene Unglück für Freude und Leid Anderer gefühllos machen, Dein edles Herz kann nie mit dem Verſtande in Conflict kommen.“ 6* 84 „Gut, behalte Deine Meinung. Aber es iſt Zeit, daß wir uns trennen.“ Und die Freunde trennten ſich. Breitenbach ergriff der Abſchied ſo ſehr, daß Thränen ſein männliches Auge netzten. Sacco weinte nicht, er wollte ja herzlos erſcheinen, aber das Zittern ſeiner Stimme ſagte genugſam, daß er nicht gefühllos ge⸗ worden war. Oft, wenn der Menſch die Heimat verläßt, ſchaut er mit ſo frohen, hoffnungerfüllten Blicken in die Zu⸗ kunft, er ſieht im bunten Leben da draußen in der Fremde ſo viele lachende Freuden vor ſich, während es daheim vielleicht nur einförmig und ſtill war, daß er weit entfernt iſt, den Abſchied als einen ſchweren zu empfinden. Aber iſt er lange Zeit fort von dem Orte, wo eine kummer- und ſorgenloſe Kindheit ihm lachte, wo treue Aeltern über ihn wachten, o wie meldet ſich da die Sehnſucht in ſeinem Innern nach dem lieben, wenn auch noch ſo ſtillen Heimatsort, wie gewinnt derſelbe täglich mehr einen verlockenden Glorienſchein, der bald eine magiſche Anziehungskraft ausübt und winkt und winkt, bis der ferne Wanderer alle Luſt da draußen zurückläßt und heimkehrt. Wer indeſſen die Welt bereits kennt und nicht zum erſten Male aus der Heimat ſcheidet, der weiß ſchon, ——— 85 daß es nirgends ſo liebe, treue Menſchen für ihn gibt, nirgends ihn Alles ſo anheimelt, wie eben da, wo ſeine Wiege geſtanden. Und was dürfte der kummer⸗ belaſtete Menſch im bunten Gewühl des Lebens zu erwarten haben? Ihm iſt ja ein ſtilles Plätzchen das Liebſte auf der Welt. Julius Sacco mußte fort; in der Hauptſtadt ſollte er ſeine Laufbahn fortſetzen. Ihm war auch im Aeltern⸗ hauſe nicht wohl, da er hier ohne Unterlaß fragenden Blicken begegnete, von Jedem ſich beobachtet wußte und doch Niemand ſein Leid klagen mochte; außerdem er⸗ ſehnte er eine geregelte Thätigkeit für ſich, die er nur anſprechend finden konnte, wenn er die eingeſchlagene Carriere verfolgte und ſo die bereits erworbenen Kennt⸗ niſſe in der Kameraliſtik erweiterte. Aber ſchmerzlos war der Abſchied von den Seinen deſſenungeachtet nicht, um ſo weniger, als er weit entfernt blieb, größe Er⸗ wartungen von der Fremde zu hegen. Wenn er ſonſt ihnen ein Lebewohl zugerufen, war er, von freudigem Lebensmuth beſeelt, dahingegangen; jetzt wünſchte und hoffte er nichts mehr, gleichgültig gegen alle Außen⸗ dinge der Welt, beherrſchte ihn nur ein Gefühl, und dies Gefühl war der Gram um die verlorene Geliebte. Die Gräfin, deren Abgott er von früheſter Kind⸗ heit an geweſen, weinte mehr Thränen um ſein Gehen, 86 wie ſie je vergoſſen. Sein reſignirtes, ſtilles Weſen veranlaßte ſie zu den ärgſten Befürchtungen. Wie iſt der Kummer ſo herb, der das Mutterherz beſchleicht, wie peinigt es ſich mit den gräßlichſten Vorſtellungen, ſobald ſein Liebſtes auf der Welt ihm zur Trauer Ver⸗ anlaſſung gibt. Es lebt nur im Glück des Lieblings und jedes Leid deſſelben drückt es tiefer zu Boden als der heftigſte eigene Schmerz. Auch der alte Vater empfand, daß trübe Wolken an ſeinem Familienhimmel ſich aufthürmten; er ahnte den Grund zu der Trauer ſeines Sohnes nur zu wohl, und wenn er kein Wort darüber laut werden ließ, ſo geſchah dies wohl hauptſächlich aus dem Grunde, weil er ihm dadurch neuen Schmerz zu bereiten fürchtete. Es wird ſo oft behauptet, daß das Vaterherz nicht ſolch überſchwängliches Maß von Liebe für das Kind beſitzt als das der Mutter. Das iſt wohl mit geringen Ausnahmen eine Täuſchung. Freilich vermag das Herz des Mannes ſelten ſeine Empfindungen ſo klar darzu⸗ legen, es hüllt ſich ſo gern in den Schleier der Härte, um keine Schwäche blicken zu laſſen, der Verſtand ſoll bei ihm vorwalten, weil dieſer eine gute Erziehung regelt. Aber kommt der Augenblick, in welchem es gilt, das Kind durch Aufopferung, durch die reinſte Liebe und Hingebung vom Abgrunde zurückzureißen, 87 dann betrachtet einmal die Aelternherzen ohne Vor⸗ urtheil, und ihr werdet ſchwerlich finden, daß das des Vaters ſeine Liebe verleugnet. Dem jungen Grafen entging es durchaus nicht, mit welchen Blicken die Seinen auf ihn ſchauten; er bemühte ſich noch in der letzten Stunde ſeines Auf⸗ enthalts in der Heimat, alle Sorgen von ihnen zu nehmen und ſie zu überzeugen, daß es ihm gelingen werde, jede Spur von Trübſinn zu verwinden und mit friſcher Thatkraft in das Rad des Lebens einzugreifen. Von den Segnungen und den Thränen der Aeltern begleitet, reiſte er nach der Hauptſtadt ab. Welch neues, vielbewegtes Leben winkte ihm hier von allen Seiten entgegen! Schon ſeine dienſtliche Stellung bedingte eine Anzahl von Beſuchen und Vorſtellungen bei hochge⸗ ſtellten Beamten, die ſich bemühten, den vornehmen jungen Mann in ihre geſellſchaftlichen Eirkel zu ziehen; außerdem brachte er eine Menge Empfehlungen an die Elite der nobeln Welt mit, und überall betrachtete man den vielverſprechenden Jüngling mit dem gemeſſenen Ernſt in ſeinem Weſen und dem überaus feinen An⸗ ſtand als eine vortreffliche Acquiſition für die Freuden der näher kommenden Winterſaiſon, ja die Damen, welche die in ſeinen Zügen deutlich ausgeprägte Me⸗ lancholie ſehr bereitwillig für die Folge eines ſtillen 88 Herzenskummers hielten und ſich ſchon deshalb für ihn warm intereſſirten, ließen es an keiner Aufmerkſamkeit gegen ihn fehlen, um ihn zu überzeugen, daß ſie gern geneigt ſeien, das Ihre zu thun, um jede Schwermuth von ſeiner Stirn zu verſcheuchen. So ſah ſich denn Sacco nach kurzem Aufenthalt in Berlin ganz gegen ſeinen Willen in eine Menge von Verbindungen hineingezogen, die wohl geeignet erſchie⸗ nen, ihn zu zerſtreuen und ihm die Vergangenheit ver⸗ geſſen zu machen. Wie mancher junge Mann würde den Lockungen gefolgt ſein, die von allen Seiten auf ihn einſtürmten, und im Rauſche der Vergnügungen Troſt für ſein verwundetes Herz geſucht haben! Aber eine ſolche Veränderlichkeit blieb dem Grafen fern; er konnte nicht umhin, häufig die glänzenden Cirkel zu beſuchen, die ſich ihm öffneten, er mußte hier und da den geſchulten Weltmann ſpielen; doch mitten im bunten Treiben zog ſich ſein Herz oft krampfhaft zuſammen und die Sehnſucht nach einem ſtillen Stündchen auf der Promenade zu S. an der Seite Anna's tauchte mit ihrer Allgewalt in ſeiner Seele auf, ſodaß er ſein Leid unmöglich zu verbergen vermochte. Solche Anwandlungen machten ihn um ſo intereſ⸗ ſanter, er wurde von mancher Schönen mit ſehnſüchtigen Blicken betrachtet und jedenfalls konnten ſich einzelne 89 derſelben, ohne erröthen zu müſſen, an die Seite der Gärtnerstochter ſtellen. Doch Sacco bemerkte dies nicht, ſeine Liebe war nicht zu verwiſchen, ſeine Treue konnte nichts brechen, es kam ihm nie auch nur für einen Augenblick der Gedanke, daß er je Erſatz für das ver⸗ lorene Lebensglück finden werde. Saß er daheim in ſeiner aufs eleganteſte eingerich⸗ teten Wohnung, ſo war ſein Sinn nie auf die Feſte gerichtet, die ihm zunächſt winkten oder die er vor kurzem verlaſſen; eine einſame Laube ſchwebte ihm vor und in dieſer ſtand ein einfaches, aber liebes Mädchen und breitete die Arme nach ihm aus. Er ſuchte dies Bild feſtzuhalten und vertiefte ſich ſo ganz in ſeine Träumereien, daß der Diener, welcher ihm aus der Heimat gefolgt war, oft Mühe hatte, ihn zu erwecken. Was ſeine Arbeiten anbetraf, ſo verrichtete er dieſe mit einem Fleiß und einer Ausdauer, daß ihm von allen Vorgeſetzten die größte Anerkennung zu Theil wurde. Jeder bewunderte ihn. Andere junge Männer, die weder einen ſolchen Rang wie er, noch die Mittel beſaßen, außergewöhnlich glanzvoll zu leben, eilten von Feſt zu Feſt und ſuchten das Wohlwollen der Obern dadurch zu gewinnen, daß ſie ſich um das Vergnügen ihrer Damen beſonders verdient machten, ließen aber nur zu oft die Arbeit ruhen; Sacco war ſtets dort, 90 wo der Dienſt ſeine Anweſenheit erforderte. Pünkt⸗ lichkeit, Ordnungsliebe und Unſicht verſchafften ihm den Ruf eines tüchtigen jungen Beamten; Niemand zweifelte daran, daß er ſchnell von Stufe zu Stufe ſteigen und dereinſt eine der höchſten Stellen im Staatsdienſt ein⸗ nehmen werde. Eine glänzende Ausſicht für den ehrgeizigen und ſtrebſamen Menſchen! Ach, Sacco hätte ſo gern jede derartige Hoffnung für einen liebevollen und zärtlichen Blick aus dem Auge der von ihm ſo innig geliebten Jungfrau hingegeben! Viertes Kapitel. Die Befürchtungen des Paſtors Stade in Betreff der Kränklichkeit ſeiner Verlobten waren keine grund⸗ loſen; erſt wenige Wochen waren entſchwunden, ſeit ihr Verhältniß zu dem Grafen Sacco auf eine ſo ſchreck⸗ liche Weiſe zerſtört worden, und ſchon hatte ihr Auge, das ehemals eine ſo bezaubernde Glut beſeſſen, allen ſonſt ſo liebliche Stimme zeigte meiſt eine unangenehme Heiſerkeit. Dabei fühlte ſie ohne Unterlaß eine ſolche Mattigkeit in ihrem Körper, daß ſie nur höchſt ungern den Platz verließ, den ſie einmal eingenommen, und ſich Zwang anthun mußte, wenn ſie der Weiſung ihrer Mutter, durch einen Spaziergang im Garten ihre Glieder zu ſtärken, nachkommen wollte. Glanz verloren, die Wangen waren gebleicht und ihre 92 Ob ſie es ahnte, was ihren einſt ſo bewunderten Körper mit Rieſenſchritten dahinwelken machte? Wer kann die Frage bejahen? Im Stillen geweint hatte ſie ſchon früher ſo häufig, als noch die Fülle der Ge⸗ ſundheit ſie ſchmückte, und ſah ſie zuweilen zufällig in den Spiegel, dann umzog ein melancholiſches Lächeln ihre Lippen, manchmal auch, wenn ſie einen nagenden Schmerz in der Bruſt verſpürte, ähnlich, als wenn ein Wurm leiſe im Fleiſche bohrt, leuchtete eine ſtille Zu⸗ friedenheit aus ihren Blicken. Aber ſo oft ſie über ihren Geſundheitszuſtand befragt wurde, gab ſie die be⸗ ruhigendſten Erklärungen und wollte von einer Krank⸗ heit nichts wiſſen. Doch war das nicht vielleicht Täuſchung? Sie hatte auch über den Grafen bisher kein Wort wieder geſprochen. Jener Abend endlich, an welchem Sacco zum letzten Mal ihr nahte und durch das Fenſter in die Stube blickte, in welcher ſie an der Seite des Paſters ſaß, klärte dieſen über die Fortſchritte auf, welche die Krank⸗ heit in dem Körper Anna's bereits gemacht hatte. Stade war ſo ins Geſpräch mit ſeiner Braut ver⸗ tieft, hatte ſich ſo ganz in ihren Anblick verſenkt, daß er gar nicht auf das Fenſter achtete, an welchem der Graf ſtand, und auch der Ausruf deſſelben machte keinen Eindruck auf ihn. 93 Anna indeſſen erkannte ſofort die Stimme des Ge⸗ liebten; kaum hatte ſie das Auge aufgeſchlagen, als ſie auch ſein Geſicht gewahrte; bis zum Tode er⸗ ſchüttert, ſank ſie ohnmächtig in das Sopha zurück. Der harmloſe Paſtor hielt dieſen Vorgang lediglich für eine Folge der Krankheit ſeiner Geliebten, für eine große Reizbarkeit der Nerven; er hatte ja keine Ahnung von dem wahren Sachverhalt, und die ſchlaue Frau Liewe bot Alles auf, ihn in ſeiner Täuſchung zu erhalten. Anna, die ſich erſt nach mehreren vergeblichen Ver⸗ ſuchen wieder erholte, fieberte ſtark und mußte ſofort zu Bett gebracht werden. Stade zitterte für ihr Leben und drang darauf, einen Arzt herbeizuholen; doch abermals ſcheiterten alle ſeine Bemühungen an dem Starrſinn der Frau Liewe, mit welchem ſie behauptete, ihre Tochter bedürfe keines ärztlichen Beiſtandes. Auch Anna wies mit der größten Entſchiedenheit die Hülfe eines Mediciners zurück; dabei aber reichte ſie dem Verlobten freundlich die Hand und bat ihn ſo herzlich, jede Beſorgniß ſchwinden zu laſſen, verſicherte auch, ſie werde, nachdem ſie einige Stunden geruht, wieder ganz wohl ſein, daß der leicht gewonnene junge Mann ſeine Furcht zurückdrängen, wenn auch nicht einſchläfern ließ. 94 Er mußte noch an demſelben Abend die Heimreiſe antreten, doppelt ſchwer drückte ihn deshalb das Leiden der Braut darnieder und er hätte viel darum gegeben, einen tüchtigen Arzt an dem Bett der letztern zu wiſſen; gleichwohl war ihm der Wille Anna's heilig und er befolgte ihn. Anna fühlte ſich in Wirklichkeit bis zum Tode er⸗ ſchöpft und verfiel bald in einen tiefen Schlaf; dadurch ließ ſich der Paſtor noch mehr irre leiten, indem er hoffte, der Schlummer werde die Braut wieder voll⸗ ſtändig kräftigen. Der Mutter das Verſprechen ab⸗ nehmend, falls dennoch eine Verſchlimmerung in dem Zuſtande der Leidenden eintreten ſollte, ihn ſofort durch einen expreſſen Boten zu benachrichtigen, verabſchiedete er ſich und fuhr nach Reudlitz zurück. Seine Amts⸗ geſchäfte erlaubten ihm nicht, daß er längere Zeit fern von ſeiner Gemeinde verweilte, ſonſt hätte ihn wohl nichts von der Seite der Verlobten fortgezogen. Als Frau Liewe mit ihrem Gatten allein war, fand ſie nicht Schmähworte genug, um das Unter⸗ fangen des jungen Grafen richtig zu bezeichnen, und auch der alte Mann bekam einige üble Titel an den Hals geworfen, daß er den Bummler, wie ſie Sacco nannte, nicht ſofort windelweich geprügelt habe. Umſonſt verſicherte der Gärtner, daß er lange nicht 95 kräftig genug ſei, den Grafen zu bezwingen, und wie dieſer auch ſo ſchmerzbewegt aufgetreten, daß er ihm unmöglich habe zürnen können; Frau Liewe blieb dabei, er ſei zu gar nichts mehr nütze und es wäre eine Schande für ſie, ſolchen Mann zu beſitzen. „Aber bedenke doch“, wandte endlich der alte Mann ein,„ſowie ich Skandal angefangen, wäre ja Stade aufmerkſam geworden, und Du haſt ja immer geſagt, er ſolle nicht das Mindeſte von dem Grafen erfahren.“ „Und iſt er denn nun für immer fort?“ fragte die harte Frau, etwas beſänftigt. „Ja, für immer! Aber, Mutter, er hat mir heftig ins Gewiſſen geredet und der Zuſtand Anna's läßt mich nur zu ſehr fürchten, daß er Recht hat; er ſagte, wir mordeten unſer Kind!“ „₰ dieſer infame Grünſchnabel! Hätte ich ihn nur vor den Mund bekommen! Er meint wohl, daß⸗ die Anna in ſeinen Armen beſſer aufgehoben ſei wie unter unſerm Schutz?“ „Ich kann nicht ſchlecht von ihm denken, er ſpricht ſo vernünftig und dabei iſt er ſelber recht traurig und leidend, gerade ſo wie unſere Anna. Mutter, wenn wir einmal ſchweren Kummer haben ſollten, ich will keine Schuld daran haben.“ „Nun hört einmal dies Haſenherz!“ rief Frau Liewe 96 empört.„Willſt Du etwa, daß ich unſere Tochter dem jungen Herrn überliefere, damit er ſie zu einer loſen Dirne macht?“ „Ich glaube, ſie wäre eine Gräfin geworden, wenn Du Deine Zunge ein wenig im Zaum gehalten hätteſt.“ „Ja, eine luſtige Gräfin; wir haben Beiſpiele da⸗ von, was ſolche Herren mit ihren Geliebten anfangen. Und gebrauchte ich meine Zunge nicht oft genug zu Deinem Beſten, ſo hätteſt Du längſt verkommen müſſen.“ Liewe ſchwieg wie gewöhnlich, er wußte, daß das letzte Wort ein⸗ für allemal ſeiner treuen Ehehälfte gehörte. Uebrigens ſchien es, als ſollten alle Befürchtungen, welche das Verfahren des jungen Grafen ſo plötzlich herbeigeführt hatte, ebenſo ſchnell wieder zerſtieben. Anna ſchlief während der ganzen Nacht ungeſtört, und am nächſten Morgen, als ſie wieder erwachte, erklärte ſie, daß ſie ſich neugekräftigt fühle. Wie ſonſt unter⸗ nahm ſie ihre gewöhnlichen Arbeiten, keine Klage kam über ihre Lippen, ja ſie erwähnte nicht einmal der Scene am verfloſſenen Abend. Inzwiſchen hatte Stade Zeit, reiflich über den Vor⸗ fall im Liewe'ſchen Hauſe nachzudenken; zum erſten Mal drängte ſich ihm die Ueberzeugung auf, daß dort nicht Alles ſo ſei, wie es in einer guten chriſtlichen Haus⸗ haltung ſein müſſe. Noch nie hatte er eine innige Vertraulichkeit zwiſchen Mutter und Tochter geſehen, ſelbſt der Gatte zeigte mehr Scheu gegen die Frau als Hinneigung zu ihr, und er fragte ſich, ob wahre, herz⸗ liche Liebe einer Jungfrau wirklich nicht mehr bieten ſollte als jene duldende Freundlichkeit, dieſe kühle Ent⸗ gegennahme ſeiner Zärtlichkeiten, welche Anna ſtets gleichmäßig zur Schau trug. Warum mochten ihre Augen ſo oft von Thränen benetzt werden, wenn er ſie an ſich preßte? Was hatte ihre Wangen in weni⸗ gen Wochen gebleicht, ihren einſt ſo ins Auge fallenden kindlichen Uebermuth von ihr genommen? Er wollte Klarheit haben. Sobald er es vermochte, ſuchte er ſeine Mutter auf, die gute alte Frau, die ihm immer mit der treueſten und aufrichtigſten Liebe entgegenkam, und ſchüttete vor ihr ſein ganzes Herz aus, theilte ihr alle ſeine Wahr⸗ nehmungen mit, offenbarte ihr jeden ſeiner Zweifel. Frau Stade hörte ſeine Klagen ſchweigend, aber aufmerkſam an, und als er damit zu Ende gekommen war, hatte ſie auch nicht ſogleich eine Antwort. Sie fragte noch nach dieſem und jenem, um ſich ſo recht über das Benehmen Anna's zu orientiren, dann aber, als der Paſtor immer nach beſter Ueberzeugung ſeine Steffens, Standesvorurtheile. W. 7 98 Erwiderung abgegeben, ſchüttelte ſie bedenklich den Kopf und ſprach:„Mein lieber Sohn, ich halte Deine Braut gewiß für ein liebes, braves Kind, das weit entfernt iſt, Dich betrügen zu wollen. Aber wer kann erfor⸗ ſchen, was ihr Herz bewegt; jedenfalls mußt Du Dich ſo ſchnell als möglich aufklären und ich gebe Dir den Rath, mit ihr unter vier Augen frei und offen zu ſprechen, ihr Alles zu ſagen, was Dich beängſtigt, und ich weiß beſtimmt, ſie wird Dir jede Falte ihres In⸗ nern zeigen.“ „Du haſt Recht, ich werde bei meiner nächſten An⸗ weſenheit in S. Alles ergründen!“ entgegnete der Pfarrer ſeufzend. „Und was Du auch vernehmen ſollteſt, laſſe Dich nicht zu Boden drücken, vergiß nicht, daß Du hier ein Herz beſitzeſt, das Dich bis an ſein Ende unveränder⸗ lich liebt“, fuhr Frau Stade fort. Rudolf ſchloß die Mutter bewegt in ſeine Arme und verließ ſie, um ſich von ſeiner heftigen Erregung zu ſammeln. Noch an demſelben Tage empfing er den Beſuch ſeines Kirchenpatrons. Dieſer ließ nie lange auf ſich warten, ſo oft er von einer Reiſe zu der Braut zu⸗ rückgekehrt war, und ſtets erkundigte ſich der alte Graf mit einer merkwürdigen Ungeduld nach der letztern. Natürlich ſah der Paſtor darin durchaus nichts Ver⸗ dächtiges und nahm namentlich nicht an, daß Sacco die Furcht hegte, ſeine Verlobung könne noch auf⸗ gelöſt und ihm die Braut von einem Nebenbuhler ge⸗ raubt werden. Auch diesmal fragte der Graf nach kurzer Be⸗ grüßung, wie es ſeiner Bruut ergehe und ob dieſelbe nicht großes Verlangen trage, recht bald die Pfarre in Reudlitz zu begrüßen. „Faſt zweifle ich, daß dies je geſchehen wird!“ er⸗ widerte Stade, nur die letzte Frage beachtend. Er war in einer tieftraurigen Stimmung, denn er liebte Anna mit der ganzen Kraft ſeines Herzens. „Wie? Das bezweifeln Sie?“ rief der Graf mit einer Heftigkeit, als ſtehe für ihn eine Grafſchaft auf dem Spiel. Stade blickte den alten Mann verwundert, aber ohne Mißtrauen an und entgegnete ruhig:„Fräulein Liewe iſt ſehr krank!“ Sacco erbebte.„Krank, woran leidet ſie?“ fragte er beſorgt. „Ich weiß es nicht, und ſie ſelbſt will von keinem Leiden wiſſen, aber ich fürchte, ſie wankt dem Grabe entgegen.“ Hätte der Pfarrer jetzt einen Blick in das Innere 100 des alten Sünders thun können, er wäre gewiß zu⸗ rückgeprallt; das Gewiſſen begann für eine Sekunde ſich in ſeiner Bruſt zu regen. Doch wer ſo lange als reueloſer Miſſethäter durch die Welt gegangen iſt, wie es Graf Sacco war, der läßt ſich nicht leicht durch kleinliche Skrupel hinreißen; bald hatte er ſeine vollé Ruhe wiedererlangt, und lächelnd ſprach er:„Sie müſſen die Hochzeit nicht ſo weit hinausſchieben, an Ihrer Seite und hier in der friſchen Landluft wird die junge Dame ſich gewiß bald wieder erholen.“ „Ich fürchte, daß ein Seelenleiden ſie beherrſcht, und ſolch Uebel iſt ſchwerer zu beſiegen als jede kör⸗ perliche Krankheit. Bald werde ich mir Gewißheit dar⸗ über verſchaffen“, führte Stade an. Der Graf wurde aufs neue befangen.„Ein Seelen⸗ leiden?“ brummte er mißmuthig vor ſich hin. Stade erzählte den Vorfall bei ſeiner letzten An⸗ weſenheit im Liewe'ſchen Hauſe, wobei er ſich jetzt beſann, daß es ihm vorgekommen, als habe Jemand vom Hofe aus in das Zimmer gerufen. „Und das war geſtern Abend?“ fragte Sacco eifrig. „Geſtern Abend!“ wiederholte der Paſtor. „Ha, dieſer Patron!“ vergaß ſich der Graf zu bemerken. 101 „Was meinen Sie?“ fragte Stade ein wenig miß⸗ trauiſch. „Nichts, nichts!“ entgegnete der Graf eifrig, in⸗ dem er ſich ſagte, daß er ſehr unvorſichtig geweſen. „Aber Sie bezeichneten irgend Jemand mit dem Prädicat Patron; ich finde nicht heraus, in welcher Beziehung dieſer Ausruf zu meinen Mittheilungen ſteht.“ „Das iſt auch nicht der Fall! Sie verzeihen, wäh⸗ rend ich Ihnen zuhörte, fiel mir ein Begegniß aus früherer Zeit ein, das mich augenblicklich vollſtändig hinriß.“ Stade ſchwieg; es ließ ſich nicht erkennen, ob er den Worten des Grafen Glauben ſchenkte oder nicht. Dieſer befand ſich offenbar in einer höchſt verdrieß⸗ lichen Stimmung. Nach kurzem Sinnen fuhr er fort: „Ich an Ihrer Stelle würde unter den obwaltenden Umſtänden ruhig bei der Braut geblieben ſein.“ „Und meine amtlichen Functionen? warf Stade ein. „Sie konnten ſich wohl einmal vertreten laſſen. Jedenfalls würde Ihre Nähe auf die junge Dame vor⸗ theilhaft einwirken.“ „Vielleicht. Indeſſen viel Vertrauen beſitze ich nicht mehr zu meinem Einfluß auf die arme Leidende.“ Wieder fühlte der Graf eine fatale Mahnung in 102 ſeinem Herzen auftauchen, die Furcht beſchlich ihn, daß all ſeine Machinationen doch noch durchkreuzt werden könnten. Den Pfarrer noch irgendwie weiter zu be⸗ ſtürmen, vermochte er nicht, denn er nahm mit Recht an, daß dieſer bereits zu ahnen begann, er intereſſire ſich auf eigenthümliche Weiſe für die Verheirathung des Fräuleins Liewe. Im höchſten Grade unbefriedigt, begab er ſich zurück auf ſein Schloß. Auch hier hatte er keine Freuden mehr zu erwarten; überall, wohin er ſich auch wenden mochte, wurde er von ſchweren Gewitterwolken bedroht, aus denen jeden Augenblick ein Blitz herniederfahren konnte, der im Stande war, all ſein Wohl mit einem Schlage zu vernichten. Gelang es dem Neffen, ſich mit Fräulein Liewe aufs neue zu verſtändigen, ſo war es nichts Unmög⸗ liches, daß ſie bei der großen Liebe ſeines Bruders für den einzigen Sohn dieſen bewogen, ſeine Einwilligung zu einer Mesalliance zu geben, welche den Namen Sacco für ewige Zeiten ſchändete und ihn zwang, ſich von jedem Verkehr mit der Welt zurückzuziehen, um nicht die öffentliche Verachtung zu ernten, die durch das ſchmähliche Treiben der nächſten Verwandten ver⸗ dient war. Aber das war ja nicht ſeine einzige Sorge. Mochte 103 es Gewohnheit ſein oder war es wirklich Liebe, die ſich in dem Herzen des alten Mannes, der mit dieſem Ge⸗ fühl ſo oft im Leben ein frevelndes Spiel getrieben, feſtgeſetzt hatte, Marie von Lieder war ihm nach und nach ſo werth geworden, wie ihm nie ein menſch⸗ liches Weſen geweſen. Sie hatte ihm bewieſen, daß Tugend mehr werth ſei als aller Glanz und jeder Vortheil, der durch unehrenhafte Handlungen errungen worden; er war gezwungen, ſie hochzuachten, und ihre ausgezeichnete Bildung hatte ihr ſeine uneigennützigſte Zuneigung gewonnen, ein Fall, der bei ihm einzig da⸗ ſtand. Sacco fühlte, daß er ohne die Fürſorge, ohne die Unterhaltung und Geſellſchaft des Fräuleins von Lieder ein höchſt elendes Leben führen werde; ſie war das Spiel⸗ zeug, die Puppe des alten Mannes geworden, er bedurfte ihrer, mußte an ſie ſeine Aufmerkſamkeiten verſchwenden, um ein Weſen in der Welt zu haben, das der reinſte Dank an ihn band. Und jetzt hatte er wahrgenommen, daß ſich die Liebe zu einem jungen hübſchen Manne in das Herz der Jungfrau geſchlichen. Seinem Adminiſtrator, einem Menſchen aus guter Familie, war es gelungen, ihr Wohlwollen zu erringen, und aus dieſem war langſam die innigſte Zuneigung entſtanden. Sacco hatte den jungen Herrn ſofort entfernt, aber dadurch war das intime Verhältniß der Liebenden nur noch gewachſen, und Fräulein von Lieder hatte ihm erklärt, daß ihr Geliebter damit umgehe, ein Gut zu kaufen, und ſie dann willens ſei, ihm ihre Hand zu reichen. Dieſer Schlag traf den alten Hageſtolz um ſo härter, als er es nie für möglich gehalten, daß die arme Waiſe es vergeſſen könne, was ſie ihm zu danken habe. Ver⸗ letzte Eigenliebe, gekränkter Stolz und ein heftiger Schmerz, der allein aus Zuneigung für Maria ent⸗ ſprang, regten ſich in ſeiner Bruſt; ein Weh, welches er nie gekannt, bemächtigte ſich ſeiner mit einer Stärke, daß die ihm Naheſtehenden für ſein Leben zu fürchten begannen; er wurde täglich leidender und mißmuthiger, fand an nichts mehr Behagen und ſuchte beharrlich die Einſamkeit auf. Jetzt, da er auch für den alten, geachteten Namen der Saccos fürchten mußte, wurde er kleinmüthig und verzagt, es erging ihm wie den meiſten Menſchen, die in Sünden und allerlei Laſtern die größte Zeit ihres Daſeins verbracht haben und endlich am Ende ihrer Tage das Unglück über ſich hereinbrechen ſehen: eine namenloſe Angſt begann ihn zu foltern, er wurde rathlos wie ein Kind. O, es iſt etwas Schreckliches um den Zuſtand, der — y— den Menſchen im Alter befällt, wenn er ſich aus der Vergangenheit nur begangener Frevel zu erinnern weiß, und nun die Ungunſt des Schickſals daran mahnt, daß die Vergeltung nahe, daß die im Glücke ſo oft verſpottete allwaltende Vorſehung doch vorhanden ſei und am beſten die rechte Zeit zu finden wiſſe, in der ſie den Jammer zu beſtrafen habe, welchen Bosheit und Tücke hier während eines ganzen langen Lebens verbreitet. Schon mehrmals hatte Sacco Marie von Lieder die dringendſten Vorſtellungen gemacht, ihre thörichte Liebe zu beſiegen und bei ihm zu bleiben; Verſprechungen aller Art waren von ihm ausgegangen, aber nichts hatte ſie in ihrem Vorſatz wankend gemacht, dem Er⸗ wählten zu folgen; und namentlich ſeit er ihn aus ſeiner Stellung entlaſſen, war ſie feſt entſchloſſen, ſich in keiner Weiſe durch den Grafen beirren zu laſſen. Auch jetzt wandte ſich dieſer wieder an ſie und zwar nicht mehr im Ton des ſtolzen Gebieters, ſondern als demüthiger, verlaſſener Greis.„Fräulein Marie“, ſprach er bewegt,„ich habe ſtets Ihr Beſtes im Auge gehabt und für Sie geſorgt, wie es kein Vater beſſer kann, und jetzt, da ich täglich ſchwächer werde, immer mehr Ihrer Stütze bedarf, wollen Sie mich verlaſſen, um Ihr Geſchick an das eines Mannes zu binden, der nichts für Sie gethan hat, ja den Sie kaum kennen; das iſt unrecht und undankbar von Ihnen, ich glaubte, Sie würden mehr an mir hängen.“ „Verzeihen Sie, Herr Graf, wenn ich anderer Mei⸗ nung bin“ entgegnete darauf Marie von Lieder.„Freilich verdanke ich Ihnen ſehr viel ſeit dem Tode meiner Aeltern und gern will ich zugeben, daß Sie mit Ausnahme einiger Handlungen väterlich gegen mich aufgetreten ſind. Doch ein Vater läßt jeden ſelbſtſüchtigen Ge⸗ danken ſchwinden, ſobald es ſich um das Wohl eines Kindes handelt. Ich habe Ihnen meine Dienſte bis⸗ her treu und redlich geleiſtet, jetzt, da ich meine Hand einem braven Manne zu reichen im Begriff ſtehe, ſuchen Sie dies zu hintertreiben und wollen mich lieber un⸗ glücklich ſehen als außer Ihrem Hauſe; das könnte mich zu der betrübenden Anſicht führen, all Ihr Thun gegen mich ſei von Selbſtſucht geleitet geweſen.“ „Nein, nicht von Selbſtſucht, ſondern von einer Liebe, wie ſie kein Mann für Sie empfinden kann!“ rief Sacco leidenſchaftlich. Fräulein von Lieder warf dem Greis einen ernſten, verweiſenden Blick zu, wie ihn dieſer ſchon oft aus ihrem Auge empfangen hatte; mit erhobener Stimme ſprach ſie:„Keine ſolchen Worte, Herr Graf, Sie wiſſen, daß uns dieſelben augenblicklich trennen können.“ — 107 Damit ließ ſie den alten Mann allein. Sacco murmelte einige unverſtändliche Worte vor ſich hin und warf ſich erſchöpft auf den nächſten Seſſel. Manche Thräne hatte er erpreßt, ſeit er als Mann in das Leben getreten war, manch ſchönes Band zwiſchen edlen, guten Menſchen zerriſſen, ohne ſich ein Gewiſſen daraus zu machen; jetzt empfand auch er den Schmerz getäuſchter Hoffnungen, er vermißte liebende Herzen⸗ die es ſich zur Aufgabe machten, ihm den Reſt ſeiner Tage zu verſchönern; er fürchtete, daß nun, da Marie von Lieder, an der er wirklich voll. Liebe gehangen, aus ſeinem Hauſe ſchied, er bis an ſein Ende ein freudloſes Daſein führen werde, und die Krankheit Anna Liewe's, von der er ſo plötzlich Kenntniß erhalten, war nicht geeignet, ihn zu tröſten, ſein Gewiſſen war nicht mehr ſo widerſtandsfähig wie in frühern Tagen. Anna Liewe blieb nach jener Ohnmacht, welche ſie bei dem Erblicken des jungen Grafen befallen hatte, noch mehr in ſtiller Zurückgezogenheit als bisher; ihre Freundinnen waren von ihr vernachläſſigt, ſeit ihr ver⸗ boten worden, das Haus allein zu verlaſſen, und ſo war ſie denn lediglich auf die Geſellſchaft ihrer Aeltern angewieſen, deren geringer Bildungsgrad ſo grell von ihrer geiſtigen Befähigung obſtach, daß die junge Dame unmöglich Genüge an ihrer Unterhaltung finden konnte. Schon dieſe gänzliche Abgeſchiedenheit von jeglichem Verkehr mit der Außenwelt bereitete ihr manchen Kum⸗ mer, um ſo mehr, als ihr jede Gelegenheit abgeſchnitten war, eine Nachricht von Julius Sacco zu erhalten; aber wie unendlich litt ſie dadurch, daß er für die Ewigkeit von ihr geſchieden war! Ihr Verlobter kam nur allwöchentlich einmal nach S. herüber, da ſeine vielen Amtsgeſchäfte ſeine öftere Anweſenheit zur Unmöglichkeit machten; und die Stun⸗ den, die ſie in ſeiner Nähe verbrachte, boten ihr bei all ſeiner Liebenswürdigkeit keinen Troſt für ihr Her⸗ zensweh. Sie fühlte ſich außer Stande, ihm je die Gefühle entgegenzubringen, die er für ſie hegte, ja, ſeine Liebkoſungen verurſachten ihr die größte Pein, und ſchon mehrmals hatte ſie den Entſchluß gefaßt, ihn über ihr Fühlen und Empfinden aufzuklären, ſeine Großmuth in Anſpruch zu nehmen und ihn zu bitten, ſich zurückzu⸗ ziehen; aber immer hatte die Furcht vor der Mutter ſie von dieſem Schritt abgehalten. Ihre Krankheit konnte ihr ſelbſt kein Geheimniß mehr ſein; die Erſchütterung, welche ſie durch den Ver⸗ ſuch Sacco's, ſie nochmals zu ſehen, erlitten, hatte das Leiden, welches ſich in ihrem Körper feſtgeſetzt, mit einer Schnelligkeit vergrößert, daß ſie recht häufig einen ſtechenden Schmerz in der Bruſt empfand und dann — 109 eilen mußte, den nächſten Ruheſitz zu erreichen, um ſich langſam wieder zu erholen. So waren mehrere Tage verſtrichen, ſeit Stade ſie zum letzten Mal beſucht. Da erſchien er eines Nach⸗ mittags unerwartet und traf ſie allein auf ihrem Zim⸗ mer; die Mutter war in Geſchäften ausgegangen und der Vater arbeitete im Garten. Anna hatte eben lange geweint, und Stade über⸗ raſchte ſie bei dem Verſuch, die über ihre Wangen rollenden Thränen zu trocknen; ſo hatte er ſie noch nie geſehen. Von innigem Mitgefühl beſeelt, eilte er auf ſie zu, ſchloß ſie in ſeine Arme und zog ſie an die Bruſt, dabei herzlich bittend, ihm mitzutheilen, was den Frieden ihrer Seele geſtört habe. Anna duldete ohne Widerſtreben die Liebkoſungen des jungen Geiſtlichen, aber ihre Thränen floſſen nur noch reichlicher, ſie war lange außer Stande zu antworten. Aufs höchſte beſtürzt und beſorgt, ſetzte Stade die Bitten um Mittheilung der Urſache ihres Schmerzes fort, bis endlich Anna für einen Augenblick ihr Schluchzen einſtellte und entſchloſſen erwiderte:„Ich will Dir Alles geſtehen; aber ich bitte Dich, zürne mir nicht und ſage der Mutter um Gotteswillen nichts von un⸗ ſerer Unterredung.“ 110 Stade begriff ſogleich, daß er richtig geahnt und die Jungfrau ein Geheimniß in ſich verſchließe, gleich⸗ wohl fühlte er ſich erſchüttert. Einen tiefen Seufzer ausſtoßend, aber doch mit einem liebevollen Blick die Verlobte betrachtend, ſprach er ihr Muth zu, ihr verſichernd, daß ſie ſich mit feſtem Vertrauen an ihn wenden könne, wie ſie ihn in dieſer Angelegenheit lediglich als Seelſorger betrachten ſolle und daß er ſie vor jeder Gefahr, die ihr drohe, ſchützen wolle. Ein ſeliges Lächeln umſpielte den ſchönen Mund der Jungfrau, während ihre Thränen verſiegten, ſie dem Paſtor die Hand reichte und halblaut ſprach:„Ich danke Dir, mein Verlobter! Ja, ich wußte, daß Du gut und edel biſt und Nachſicht mit mir haben wirſt.“ Und nun begann Anna ein vollſtändiges Geſtändniß ihrer Beziehungen zu dem Grafen Julius Sacco ab⸗ zulegen, Alles genau erzählend, was zwiſchen ihnen beiden, der Mutter und dem Oheim des erſtern vor⸗ gefallen und verhandelt, wie ſie gezwungen wor⸗ den, ihrer Liebe zu entſagen und ſich zur Annahme ſeiner Hand zu entſchließen. Ohne die Verlobte auch nur ein einziges Mal zu unterbrechen, hörte der Geiſtliche zu; dicke Schweiß⸗ 2 tropfen perlten auf ſeiner Stirn, die männliche Bruſt hob und ſenkte ſich mit einem Ungeſtüm, als wolle ſie — 111 die ſie umgebende umhüllung zerreißen, und aus ſeinem Auge ſprach das Weh einer großen und ſchmerzlichen Enttäuſchung. Als Anna geendet, ließ er ihre Hand los, blickte ſie feſt an und fragte mit bewegter, leiſe zitternder Stimme:„Und Du kannſt das Bild des jungen Grafen nicht aus Deinem Herzen reißen? Ver⸗ ſtehe ich Dich recht, ſo quält Dich der Kummer über Dein verlorenes Lebensglück und Du haſt Dich über⸗ zeugt, daß Du trotz Deines feſten Vorſatzes außer Stande biſt, mir Liebe entgegenzubringen. Sei auf⸗ richtig, mein Engel, und verheimliche mir ſelbſt Deine geheimſten Empfindungen nicht!“ ſetzte er traurig hinzu. Anna brach von neuem in Thränen aus. H könnte ich Dir nur klar machen, wie hoch ich Dich verehre, wie gern ich Dir das ſchönſte Daſein bereiten möchte, das die Erde zu bieten vermag! Aber, vergib mir, immer wenn ich an Dich denke, taucht das Bild Sacco's vor meiner Seele auf; dann kann ich nicht anders, als mit der ganzen Macht meiner Gefühle ihn herbeiſehnen. Ich liebe ihn mehr wie mein Leben, ſein Andenken bleibt mir heilig und es iſt mir unmöglich, Dir die Empfindungen entgegenzubringen, die ich für ihn hege. Glaube mir, es wird mir unendlich ſchwer, Dir dies zu geſtehen, aber ich konnte nicht anders; es bricht mir das Herz, wenn ich Dich ſo glücklich an meiner Seite —ů‧ Ü“‧—˖ůÜů·ů·ůÜ˖ů˖Ü˖ů ſehe und mir ſagen muß, daß ich unfähig bin, Deine herzliche Liebe zu theilen, und daß Du Dich ſo gänz⸗ lich in Betreff meiner irrſt“, ſagte ſie, häufig von lautem Schluchzen unterbrochen. „Härme Dich nicht, Du Engel, ich bin im Stande, Dich zu verſtehen und Deine Gefühle zu bemeſſen, viel⸗ leicht wirſt Du trotz Deiner Hoffnungsloſigkeit noch glücklich“, antwortete Stade, mit vieler Anſtrengung ſeine innerliche Bewegung zu verbergen ſtrebend.„Haſt Du ſeit jenem unglücklichen Abend nichts mehr von dem Grafen erfahren oder weißt Du vielleicht ſeinen jetzigen Aufenthaltsort?“ fuhr er fragend fort. „Nein, ich habe nichts mehr über ihn vernommen. Indeſſen Fräulein von Teltow wollte mir am nächſten Tage einen Brief von ihm überreichen, den ich nicht annahm, weil ich die Mutter fürchtete und bereits das Verſprechen gegeben hatte, Deine Hand anzunehmen. Ferner bemerkte ich ihn am Fenſter, als Du zum letzten Mal hier warſt. Das war die Urſache zu meiner Ohn⸗ macht“ erwiderte Anna. „Verzeihe, Du liebes Weſen, wenn ich Dich jetzt verlaſſe; ich will ſehen, ob es mir möglich iſt, zwei gute Menſchen glücklich zu machen“, nahm der Pfarrer von neuem das Wort, indem er ſeinen Hut ergriff und ſich zum Gehen anſchickte. 113 „D Stade, ich laſſe Dich nicht von mir! Was willſt Du beginnen? Du biſt ſo bleich geworden und Deine Hand zittert! Bitte, bitte, bleibe bei mir und vergib, daß ich auch Dir Kummer bereiten mußte“ flehte Anna in größter Angſt. Der junge Pfarrer hatte für einige Augenblicke einen ſchweren Kampf zu beſtehen. Sein liebendes Herz zog ihn allgewaltig zu der leidenden Jungfrau hin, von der er ſich ſagte, daß ſie eine ſchöne, vortreff⸗ liche Seele beſitze. Aber eben deshalb rief ihn auch die Pflicht fort von ihr; ſein Beruf war es ja, mit eigener Aufopferung für das Glück Anderer beſorgt zu ſein, und er war nicht blos, wie ſo viele ſeines Stan⸗ des, dem Namen nach ein Seelſorger und Hirt der Mühſeligen und Beladenen, ihm blieb jede Heuchelei und aller niedriger Eigennutz unter dem Deckmantel der Frömmigkeit fremd; dem Beiſpiel unſeres großen Meiſters nachzuleben und in Wahrheit ein Prieſter zu ſein, darin fand er die beſte Erfüllung ſeiner Pflichten. Nach kurzem Nachdenken entgegnete er:„Anna, ſolange ich lebe, werde ich Deiner in treuer Liebe gedenken; glaube ja nicht, daß ich Dir zürne oder auch nur den leiſeſten Vorwurf machen möchte. Sieh, ich bin ſtolz darauf, daß Du mich zu Deinem Vertrauten ge⸗ macht haſt, nun laſſe mich aber auch Dein Vertrauen Steffens, Standesvorurtheile. IV. 8 114 rechtfertigen. Sage Deinen Aeltern nichts von unſerer Unterredung, auch ich werde darüber ſchweigen, und ſo Gott will, ſoll Dir bald wieder ein reines, ungetrübtes Glück lächeln.“ Was willſt Du beginnen?“ rief die Jungfrau ſchmerzlich bewegt. „Nichts, was Dir irgendwie Leid bringen könnte! Sei beruhigt und hoffe. Und nun halte mich nicht länger auf, jeden Augenblick können wir überraſcht werden, dann würde mein Vorhaben nur hinaus⸗ geſchoben. Lebe wohl, Du liebes Weſen“, drängte Stade, indem er der Verlobten einen Kuß auf die Stirn preßte. „O Du Guter!“ ſeufzte Anna, ihrer Sinne kaum noch mächtig. Ihr ganzes Sein ging in dieſem Mo⸗ ment in Hochachtung für den edlen, hochherzigen Pfar⸗ rer auf. „Leb' wohl!“ rief dieſer ihr nochmals zu, indem ſich ſeine Züge in dem Bewußtſein verklärten, groß und aufopfernd zu handeln. Schnell eilte er der Thür zu. „O höre mich noch für wenige Sekunden!“ rief ihm Anna nach. Er wandte ſich zurück. „Du willſt etwas unternehmen, was mich mit dem 115 Grafen Sacco vereinigen ſoll!“ fuhr Anna mit Anſtrengung fort.„Haſt Du auch bedacht, daß von ſeiten des erſtern gewiß längſt Alles geſchehen iſt, was geſchehen konnte, um uns zu vereinigen? Sein Oheim ſteht uns im Wege und wird nichts unverſucht laſſen, ſeinen Willen durchzuſetzen, dann aber iſt auch meine eigene Mutter ſo erbittert gegen die Saccos, daß ſie nie ihre Ge⸗ nehmigung zu meiner Verheirathung mit Julius geben würde, und vor allem, ich muß es Dir ſagen, wohnt der Tod bereits in meinem Herzen, ich habe wahrſchein⸗ lich nur noch kurze Zeit zu leben.“ Ein Ausruf des bitterſten Schmerzes entrang ſich dem Munde des Pfarrers.„Alſo war meine Furcht doch keine grundloſe!“ ſtöhnte er erſchüttert.„Du leideſt ſchon länger und verbargſt mir das.“ „Konnte ich etwas Anderes als den Tod erſehnen?“ fragte Anna leiſe.„Sieh, ich hätte Dich ja nür un⸗ glücklich gemacht, wenn ich Deine Gattin geworden wäre.“ „Aber wir haben hier geſchickte Aerzte, Du biſt jung, Dein Körper wird ſich unter der Behandlung eines klugen Arztes und nachdem Du wieder von freudiger Hoffnung beſeelt biſt, erholen. Es iſt nicht möglich, daß wir Dich verlieren können.“ Anna lächelte trübe, ſie fühlte, daß ihr keine Hoffnung mehr nützen konnte, aber ſie mochte den 8* Paſtor nicht durch Widerſpruch betrüben, ſchien er doch glücklich in der Annahme, ihr den Frieden wieder⸗ geben zu dürfen. „Du antworteſt mir nicht? Nicht wahr, Du biſt zufrieden, wenn ich für Dich handle?“ fuhr Stade ſchmeichelnd fort. „Ich füge mich Deinem Willen!“ hauchte Anna hin. „So gehe ich!“ rief der Paſtor und drückte der Jungfrau die Hand. Eilig entfernte er ſich. Anna blieb allein zurück. Sie wußte jetzt, welchem Unternehmen der junge Geiſtliche entgegenging, aber von freudigen Erwartungen wurde ſie dadurch nicht beſeelt, daß ſie annahm ſeine Beredtſamkeit ſei vielleicht im Stande, die Verwandten Julius Sacco's für ſie zu intereſſiren und ſo eine neue Vereinigung zwiſchen ihnen anzubahnen. Einmal erwachte ein bitteres Weh durch die Aufopferung des Paſtors in ihrem Buſen; ihr ge⸗ fühlvolles Herz, das alle Menſchen glücklich ſehen wollte, zog ſich krampfhaft zuſammen in dem Bewußtſein, durch ihre Mitſchuld den Frieden dieſes hochherzigen Men⸗ ſchen untergraben zu haben; unaufhörlich rannen ihre Thränen und faſt wußte ſie nicht, weinte ſie um den verlorenen Geliebten oder um den Verlobten. Anderer⸗ ſeits war durch das Geſpräch über den erſtern das Andenken an die Seligkeit bei ſeinem Erblicken und 17 ſeinen Liebesſchwüren in ſeiner vollen Stärke in ihrem Innern erwacht, heiße Sehnſucht nach ihm beſchlich ſie, und dennoch fürchtete ſie ein neues Zuſammentreffen mit ihm, denn ihre Lippen waren inzwiſchen von den Küſſen eines Andern entweiht worden, ſie hielt ſich nicht mehr berechtigt, von ihm Liebkoſungen entgegen⸗ zunehmen. Als dieſer Gedanke zur vollen Klarheit in ihrem Kopfe kam, beſchlich ſie ein ſtechender Schmerz, ein Angſtſchrei entfuhr ihrem Munde, kalter Schweiß trat auf ihre Stirn und die Hände fielen wie gelähmt ſchlaff am Körper hernieder. Bald darauf kam Frau Liewe nach Hauſe, nicht ahnend, was während ihrer Abweſenheit dort paſſirt war. Als ſie die Wohnſtube betrat, fand ſie die Tochter bewußtlos auf dem Sopha liegen, ein Blutſtrom war ihrem Munde entquollen, ſie glich einer Leiche. Wer vermag das Entſetzen der Mutter getreu zu beſchreiben, die ihr Kind im beſten Wohlſein verlaſſen hatte, wenigſtens glaubte, daß keine Krankheit ihr nahe ſei. Verzweifelt rang ſie die Hände, ihr Geſchrei rief die ſämmtlichen Bewohner des ganzen Hauſes herbei und eine halbe Stunde ſpäter ſtand ein berühmter Arzt an dem Lager der lieblichen, bleichen Jungfrau, die ſich inzwiſchen von ihrer Dhnmacht erholt hatte. 118 Die Gärtnerin ließ den Mediciner nur wenig zu Worte kommen; weinend erzählte ſie, wie Anna immer blühend und geſund geweſen ſei und nie den geringſten Anfall von einer Krankheit verſpürt habe. Ihr Jam⸗ mer hatte eine Heftigkeit angenommen, ganz ähnlich dem Zorn, mit welchem ſie einige Male in Gegenwart des Grafen ihrer Tochter entgegengetreten war. Endlich verſchaffte ſich der Doctor mit vieler Mühe Gehör, nachdem er die Patientin aufmerkſam unterſucht hatte.„Sie irren ſehr, liebe Frau“, ſprach er bedenklich; „das Fräulein leidet ſchon ſeit längerer Zeit, und bei der überaus zarten Körperconſtitution der jungen Dame hat das Uebel ſchnell mit einer Gewalt um ſich gegriffen, wie ich in meiner langen Praxis zu beobachten noch nie Gelegenheit hatte. Wahrſcheinlich haben heftige Ge⸗ müthsbewegungen und innere Kämpfe das Ihre gethan, das Leiden zu vergrößern. Es wäre ſchon vor Monaten Ihre Fflicht geweſen, ärztliche Hülfe in Anſpruch zu nehmen.“ Frau Liewe ſtand da wie niedergeſchmettert von dem Ausſpruch des Mediciners, ſie fühlte die Beſchul⸗ digung deſſelben in ſeinem ganzen Umfange. O ſie liebte ihr Kind mit der vollen Macht eines Mutter⸗ herzens und nur das Beſte deſſelben hatte ſie ſtets im Auge gehabt; daß ſie zu ſchroff zu Werke gegangen ſei, 119 um dies zu befördern, fiel ihr erſt jetzt ſchwer aufs Gewiſſen. Flehend ſtreckte ſie die Hände gegen den Arzt aus und bat mit von Thränen erſtickter Stimme: „O retten Sie, helfen Sie, erhalten Sie meine Tochter, mein ganzes Glück auf der Welt!“ Anna lag inzwiſchen da, einem verklärten Engel gleich. Sie hatte an ihrer Schönheit nichts verloren, die ſie überkommene Schwäche hatte ihrem Geſicht den Ausdruck des Friedens und der Ruhe aufgeprägt. Leiſe ſprach ſie zur Mutter:„O gräme Dich doch nicht, mir iſt ja ſchon wieder ganz wohl.“ Der Arzt wandte ſich aufs neue ihr zu und in ſei⸗ nem Blick lag mehr Theilnahme als kalte Mitleidloſig⸗ keit eines gewöhnlichen Mediciners ausgeprägt, der ſeine Wiſſenſchaft zum gleichgültigen Handwerk herabſetzt. Vielleicht wußte er, daß dies herrliche Weſen vor ihm nur noch eine Spanne Zeit auf Erden zu weilen habe, denn mit ſanfter, theilnehmender Stimme erkundigte er ſich bei der Kranken nach ihren Schmerzen und ſuchte ſie freundlich zu tröſten und aufzurichten. Als er ein Medicament verſchrieben, allgemeine Verhaltungsregeln angeordnet und verſprochen hatte, am nächſten Tage wieder zu erſcheinen, wandte er ſich zum Gehen. Frau Liewe begleitete ihn bis an die Thür und erkundigte ſich hier nach dem wahren Zuſtand ihrer Tochter. Der Arzt ſagte ihr nichts Tröſtliches. Bedauernd zuckte er die Achſeln und entgegnete:„Beten Sie zu Gott um Troſt und Beiſtand, er iſt der beſte Helfer in den Tagen des Leidens.“ Fünftes Kapitel. Der Pfarrer Stade ahnte nichts von den letzten Vorgängen im Lieweſſchen Hauſe. Daß Anna leidender ſei, wie er bisher geglaubt, war ihm bewußt, aber den⸗ noch hegte er die Hoffnung, daß die Wiederherſtellung ihres Verhältniſſes zu dem Grafen Sacco jeden Gram und Kummer von ihr nehmen und die erneute Lebens⸗ luſt, die Aufhebung ihrer Seelenſchmerzen auch dem Körper zuträglich ſein werde. Er konnte nicht den Ge⸗ danken faſſen, daß ein ſo liebliches Geſchöpf in ihrer ſchönſten Blütezeit aus dem Leben ſcheiden ſolle, und weit war er entfernt, zu ahnen, welche Fortſchritte die Krankheit ſchon in der Bruſt der Verlobten gemacht hatte. Voll von der freudigen Ueberzeugung, daß ſeine 122 eindringliche Ermahnung den Grafen, ſeinen Kirchen⸗ patron, veranlaſſen werde, alle bisherigen Ränke gegen den Neffen dadurch wieder gut zu machen, daß er aufs ſchleunigſte ihn herbeirufe und auch ſeine Aeltern zur Billigung des Liebesverhältniſſes beſtimme, reiſte er nach Reudlitz zurück. Er hatte den alten verſtockten Mann ſchon mehrmals auf richtigere Pfade gelenkt, als er ohne ihn einſchlagen wollen; deshalb vertraute er auch jetzt ſeinem Einfluß, um ſo mehr, als ſie ja beide bei der zu verhandelnden Angelegenheit betheiligt waren. Leider fand er den Grafen nicht zu Hauſe, erfuhr vielmehr, daß derſelbe nach Sonnenhagen zu ſeinem Bruder gereiſt ſei, wo er ſich mehrere Tage aufhalten wolle. Stade konnte nicht ſogleich wieder fort; ſeine Stel⸗ lung erforderte, daß er diesmal eine halbe Woche da⸗ heim blieb. Erſt nach Ablauf dieſer Zeit machte er ſich von neuem auf die Reiſe. Zuerſt ſuchte er wieder Anna auf, um zu erforſchen, wie weit ſeine Verſicherungen auf ſie gewirkt hatten. Ach, er ſollte nichts Erfreuliches wahrnehmen. Anna hatte allerdings das Lager wieder verlaſſen, ſie ſaß bei ſeiner Ankunft in einem großen gepolſterten Stuhl und wollte ſich ſogar erheben, um ihn zu be⸗ grüßen; aber ihre Kraft war gebrochen, ihr ganzes 123 Aeußeres zeigte, daß es ſchlimm, ſehr ſchlimm mit ihrem Leiden ſtehe. Ihre Freude war groß, als ſie den Verlobten ſah, ihre bleichen Wangen überflog ſogar ein lieblicher Schimmer feiner Röthe, als er ihr die Stirn küßte; keiner der Anweſenden konnte ahnen, was zwiſchen den jungen Leuten insgeheim verhandelt worden. — „Du warſt nicht glücklich in Deinem Unternehmen?“ fragte Anna, als ſie ein wenig ungeſtört mit dem Verlobten plaudern konnte.„Ich dachte es mir und es ſchadet nichts.“ „Ich habe überhaupt noch nichts unternommen“ entgegnete Stade;„mein Patron iſt verreiſt und ich konnte dringender Geſchäfte wegen ihm nicht ſogleich nacheilen; noch heute aber fahre ich nach Sonnenhagen zu den ſämmtlichen Saccos.“ „Thue es nicht, mein Theurer, es nützt Dir doch nichts“ führte Anna leiſe und bittend an. „Du meinſt, ich könnte die Grafen nicht zur Ver⸗ nunft bringen?“ „O doch, ich glaube Dir wohl, daß Du einen gro⸗ ßen Einfluß auf ſie ausübſt; aber—“ Anna deutete auf ihre Bruſt. Stade ſenkte traurig den Kopf, ihm war ſo ſchmerz⸗ lich zu Muthe, daß er nicht antworten konnte, er wußte 124 nicht mehr, ob er noch hoffen dürfe, daß Anna je ihr Leiden beſiegen könne. „Sehen möchte ich den Grafen wohl noch einmal und ihm Alles erzählen, wie es ſo mit mir gekommen iſt und daß ich ihm nie weh thun wollen. Aber es iſt auch ſo gut. Du wirſt wohl einmal Gelegenheit erhalten, ihm mitzutheilen, daß ich ihn bis an mein Ende ge⸗ liebt habe“, fuhr Anna nach einer Weile fort. „Du ſollſt ihn ſehen und ſprechen, mein Engel, und müßte ich ihn hierher tragen“, verſicherte Stade, ſich erhebend. „Und Du willſt ſchon wieder fort?“ „Die Zeit iſt koſtbar! Hier kann ich Dir in keiner Weiſe helfen, in Sonnenhagen wirke ich für Dich.“ „So komme recht bald wieder, vielleicht bedarf ich Deiner viel eher und mehr, wie Du glaubſt.“ „Wie meinſt Du das, Du liebes Weſen?“ „Ich möchte, wenn ich einſt mein Leben aushauche, daß meine Seele unter Deinen Gebeten dahinflieht; dann bin ich ſicher, vor Gott Gnade zu finden, denn einen beſſern Fürſprecher kann ich unmöglich haben.“ Stade konnte ſeine Rührung nicht verbergen. Mit zitternder Stimme erwiderte er:„Wenn Du einſt in die Ewigkeit gehſt, mein Kind, ſo wird Dich unſer aller Vater auch zu ſich in die ewigen Freuden nehmen, 125 denn Dein Leben war bisher ſo fehlerfrei, wie wir ſchwachen Menſchen es nur verbringen können. Doch ſei frohen Muths, ich hoffe, daß Du noch recht lange hier in unſerer Mitte weilen wirſt.“ Um Anna's Lippen ſchwebte wieder das freundliche Lächeln, welches ſich jetzt oft in ihrem Antlitz be⸗ merkbar machte.„Du kommſt möglichſt bald wieder, nicht wahr?“ bat ſie, indem ſie dem Pfarrer die Hand reichte. „Gewiß ſo ſchnell, wie ich es vermag!“ entgegnete Stade. Gegen Frau Liewe fühlte der ernſte junge Mann eine entſchiedene Abneigung in ſich, ſeit er von Anna erfahren, wie ſie ihn zu hintergehen geſucht, und wenn ſein edler Sinn auch nicht zuließ, daß Zorn und Ver⸗ achtung in ſeinem Herzen aufkamen, ſo vermochte er doch nicht, ihr mit der bisherigen Vertraulichkeit zu begegnen. Deshalb beſchäftigte er ſich unausgeſetzt mit der Kranken, deren Zuſtand von Stunde zu Stunde mehr zu Beſorgniſſen Veranlaſſung bot, bis er endlich wieder Abſchied nahm, um ſeine Reiſe nach Sonnen⸗ hagen fortzuſetzen. Wir wollen ihn auf ſeiner langweiligen Tour nicht begleiten, auf der nur trübe und traurige Gedanken ihn beſtürmten und die Angſt um das Leben der Ver⸗ 126 lobten ſeine Seele folterte, ſondern mit ihm in das Schloß zu Sonnenhagen treten. Wenige Minuten verſtrichen, nachdem er ſich bei dem Schloßherrn anmelden laſſen, bis er den Aeltern des jungen Grafen zugeführt wurde, der das Herz ſeiner Verlobten erobert hatte. Zu ſeiner Freude traf er hier auch den, den er eigentlich ſuchte, ſeinen Kirchenpatron und Protector, den Mann, der ſeine Verlobung mit Anna durch allerlei hinterliſtige Ränke angebahnt hatte und nun wahr⸗ ſcheinlich im Stillen jubelte, daß ihm ſein Werk ſo vollſtändig gelungen war. Natürlich gerieth er für einen Augenblick in eine leichte Befangenheit, als er vor den Herrſchaften ſtand, die, jedenfalls ſämmtlich von Hochmuth erfüllt, ſchon ſeinen Beſuch als eine An⸗ maßung betrachteten, die Bitte aber, welche er vor⸗ bringen wollte, wohl gar als ungeheuerlich anſahen und verwarfen; doch ſchnell faßte er ſich wieder, indem er bedachte, daß er ja einen edlen Zweck verfolge, und ſprach ohne viele Umſtände nach einer ceremoniellen Vorſtellung und Begrüßung von dem Zweck ſeiner Reiſe. „Ich habe mir erlaubt, die hohen Herrſchaften auf⸗ zuſuchen, um eine für mich traurige Pflicht zu erfüllen“, begann er in ernſtem Tone.„Sie wiſſen, Herr Graf“, wandte er ſich an ſeinen Patron,„daß ich der 127 Verlobte einer ſehr achtungswerthen jungen Dame bin, denn Sie haben mir dieſelbe ſelbſt empfohlen.“ „Sie iſt ein Engel!“ unterbrach der alte Mann den Sprecher, nicht ahnend, welcher Nachſatz folgen werde. „Dieſe Dame hat mir jetzt geſtanden, daß ſie mich nie wahrhaftig lieben könne und nur eingewilligt habe, die Meine zu werden, weil ſie hierzu durch ihre Mutter mit Gewalt und unter den ärgſten Drohungen ge⸗ zwungen worden ſei. Inwieweit Sie hierbei betheiligt ſind, iſt gleichgültig, ich laſſe das unerörtert!“ Sich an die Aeltern wendend, fuhr der Paſtor fort: „Anna Liewe wird von Ihrem Herrn Sohn geliebt und als ſein höchſtes Gut betrachtet; er iſt, ſoviel ich weiß, in Verzweiflung, daß ihm ſeine Geliebte entriſſen wor⸗ den; dieſe geht ſicher einem frühen Tode entgegen, ihr Herz iſt gebrochen, und— ich kann meine Worte vor dem allmächtigen Gott, unſerm Richter, als Wahrheit be⸗ zeugen— wird ſie länger gezwungen, dem zu entſagen, an dem ihr ganzes Sein hängt, ſo iſt ſie in wenigen Wochen dem Grabe verfallen. Bisher wußte ich nichts von alledem und war namenlos glücklich in dem Beſitze einer engelgleichen Braut, wie Anna Liewe iſt; ihre kühle Zurückhaltung gegen mich hielt ich lediglich für jungfräuliche Schüchternheit. Jetzt entſage ich dem Mädchen, das allein im Stande geweſen wäre, mein Ideal zu verwirklichen, nach ihr kann keins mein Herz rühren. Aber ich flehe Sie an, verrichten Sie eine edle That und befördern Sie das Wohl zweier für einander in Liebe ſchlagender Herzen, die ſonſt vielleicht beide einſt diejenigen vor Gottes Richterſtuhl als Mörder onklagen, die ihr Lebensglück zu beſtimmen hatten und es aus kleinlichen Rückſichten und Vorurtheilen ver⸗ nichteten.“ Welchen Eindruck dieſe frei und offen ausgeſpro⸗ chenen Worte auf die Zuhörer machten, iſt ſchwer zu beſchreiben. Die Gräfin war ſichtlich gerührt, ſie zitterte vor Aufregung und ſchien ſehr geneigt, der eindring⸗ lichen Rede des jungen Geiſtlichen vollen Glauben zu ſchenken und ihm beizupflichten, denn jetzt wurde es ihr klar, weshalb der ihr über Alles theure Sohn bei ſeiner letzten Anweſenheit im älterlichen Hauſe ein ſo ſchmerzliches Weh zur Schau getragen hatte; auch der Vater war vom Mitgefühl bewegt und rückte unruhig auf ſeinem Stuhl umher, ohne ein Wort zu erwidern, ein ſicheres Zeichen, daß er unſchlüſſig war, welche Antwort er ertheilen ſolle; ſicher hätte es nicht ſchwer gehalten, ihn zu überzeugen, daß Nachgiebigkeit hier am rechten Orte ſei, da er ebenfalls für den Sohn fürchtete, wenn auch ſein Stolz ſich augenblicklich noch gegen ein Heirathsproject ſträubte, das ihn in den 129 Augen ſeiner Standesgenoſſen erniedrigte, und die Worte des Sohnes ihm einfielen, als dieſer in ſo ver⸗ ächtlicher Weiſe von Fräulein Liewe geſprochen. Aber auch das Bild Anna's, das ihn ſo ſehr bezaubert, trat vor ſeine Seele; er ſagte ſich, daß Julius an der Seite eines leibhaften Engels durch das Leben wandle, wenn er dieſe als Gattin heimführe, und ein Kampf zwiſchen Für und Wider regte ſich in ſeinem Herzen. Doch der Oheim riß ihn aus aller Verlegenheit. Mit der größten Entrüſtung im Ton begann er:„Herr Paſtor Sie ſcheinen ganz vergeſſen zu haben, daß Sie hier nicht auf der Kanzel ſtehen, wo Ihnen gegenüber kein Widerſpruch laut werden darf. Und Komödie zu ſpie⸗ len beliebt uns nicht, oder glauben Sie, daß mein Neffe von uns angehalten werden ſoll, Ihre entlaſſene Braut zu heirathen?“ Der Ausdruck dieſer Worte enthielt einen ſo ſchnei⸗ denden Hohn, daß der edelmüthige Pfarrer ſich in tiefſter Seele verletzt fühlte. Indeſſen ſeine Faſſung bewahrend, entgegnete er:„Ich habe geſprochen, wie es einem Ehrenmanne geziemt, Komödie zu ſpielen, liegt mir fern; aber hüten Sie ſich, daß Sie nicht ein Trauerſpiel heraufbeſchwören, das leicht im Stande ſein könnte, Sie dereinſt mit bitterer Reue zu erfüllen. Es wird Ihnen wohl noch erinnerlich ſein, in welcher Steffens, Standesvorurtheile. IV. 9 130 Weiſe Sie mich als unſchuldiges Werkzeug benutzt haben, um die Liebenden zu trennen und ihnen jede Hoffnung zu rauben; deshalb ſollten Sie am allerwenigſten geneigt ſein, eins der beſten Geſchöpfe als eine entlaſſene Braut zu bezeichnen.“ Der Oheim erröthete vor Zorn und Unwillen über die Frechheit des armen Landpfarrers.„Genug des Streits!“ rief er barſch.„Bedenken Sie doch, daß wir Grafen ſind und Ihre Braut dem ehrſamen Bürger⸗ ſtand angehört. Das allein muß Ihnen ſagen, welche Kluft das Fräulein Liewe von meinem Neffen trennt.“ „Sie ſind beide Menſchen und haben gleiche Anſprüche an das Leben. Ihr Herr Neffe hat die junge Dame ſeiner Liebe würdig gehalten, hat ihr die Ruhe und den Frie⸗ den geraubt, warum ſollte er nicht verpflichtet ſein, ſie nun auch glücklich zu machen!“ „Er oder vielmehr ich in ſeinem Namen werde jedes Verſprechen, das er ihr gemacht, mit Gold aufwiegen.“ „Vermögen Sie auch durch Ihr Gold das Leben der Jungfrau um eine Minute zu verlängern?“ fragte Stade mit dem Ausdruck der höchſten ſittlichen Ent⸗ rüſtung. „Ihr Leben? Glauben Sie etwa, daß ich thöricht genug ſei, anzunehmen, der Gram werde das Fräulein tödten? Sie iſt wahrſcheinlich klug genug, die Leidende 131 zu ſpielen, um nun, da der Herr Pfarrer ſie aufgibt, einen Grafen zu angeln.“ „O, es iſt ſchrecklich!“ rief der Geiſtliche, ſich von dem verſtockten Sünder abwendend. „Erkläre Du doch dem Herrn, wie Du über ſein Heirathsproject denkſt!“ ſprach jetzt der Oheim zu ſeinem Bruder. „Ich habe noch keinen klaren Einblick in die Sachlage gewonnen; erlaube, daß ich vor allen Dingen mir darüber Gewißheit verſchaffe, wie weit Julius der jungen Dame gegenüber verpflichtet iſt und wie es mit ſeinem eigenen Herzen ſteht. Er war ſehr leidend bei ſeiner letzten Anweſenheit hierſelbſt und gern glaube ich, daß eine unglückliche Liebe in ſeiner Bruſt wohnt. Ich werde ihn hierher beſcheiden, damit ſich die Angelegenheit auf die eine oder die andere Weiſe gütlich ordnen läßt“, erwiderte der Vater ruhig. Zu dem Paſtor gewendet, fuhr er fort:„Haben Sie Dank für Ihr Vertrauen zu mir und ſeien Sie überzeugt, daß ich weit entfernt bin, rückſichtslos und hart das Leben zweier Menſchen zu gefährden.“ „Wie? Du wollteſt?“ ſchrie der Oheim. „Handeln, wie ich es vor Gott und meinem Vater⸗ herzen verantworten kann!“ ergänzte der Vater mit größter Seelenruhe.„Dieſer hochherzige Mann bringt 9* 132 gewiß das größte Opfer, und wenn ich mich bisher zuweilen durch kleinliche Rückſichten leiten ließ, ſo hat er mich gelehrt, daß aller Hochmuth keinen Frieden gewährt und das wahre Glück von einem ruhigen Ge⸗ wiſſen abhängt.“ „Gott ſegne Dich, mein lieber, guter Gatte!“ rief die Mutter mit Thränen in den Augen und gefalteten Händen. „So bin ich hier überflüſſig!“ polterte der Oheim. „Nein, gewiß nicht!“ entgegnete ſein Bruder.„Bleibe bei uns und hilf uns ohne Vorurtheile berathen, wie wir am leichteſten den Lebensweg der Liebenden ebnen.“ „Ha, Du vergißt Deinen gräflichen Stand?“ „Durchaus nicht, im Gegentheil, ich ſage mir, daß ich als Graf weiſe und gerecht handeln muß.“ „So denke auch ich, und weiſe und gerecht han⸗ delſt Du nur gegen Deinen Sohn, wenn Du ihn vor einer Verbindung bewahrſt, die ihm zur Schande gereicht.“ „Laſſe Dir über dies Thema gefälligſt einige Auf⸗ klärungen von Herrn Paſtor Stade geben.“ „Dafür danke ich, denn ich weiß als Ehrenmann allein, was ich zu thun und zu laſſen habe. Der Herr Paſtor ſoll übrigens bald erkennen, wen er ſich zum Feinde gemacht hat.“ „Iſt dieſe Drohung etwa auch gerecht?“ 133 „Ha, Du gehſt darauf aus, mich bloßzuſtellen! Ich habe die Ehre, mich den Herrſchaften zu empfehlen.“ Mit dieſen Worten, die von einer gezwungenen Verbeugung begleitet waren, verließ der Graf das Zimmer und eilte zum nächſten Diener, um ſein Fuhr⸗ werk zu beſtellen. Sein Bruder und deſſen Gemahlin ſuchten ihn ver⸗ geblich zurückzuhalten, bald darauf fuhr er über den Hof dahin. Auch Stade bezeigte keine Luſt, ſich lange bei dem gräflichen Ehepaar aufzuhalten, obgleich er von dieſem mit Achtung und Wohlwollen behandelt wurde. Er ſehnte ſich zurück in das Krankenzimmer der Verlobten, wo ſeine Anweſenheit ſo dringend gewünſcht wurde und jedenfalls der Leidenden zum Troſt gereichte. Doch es war ihm unmöglich, ſich ſo ſchnell loszureißen; die Aeltern des jungen Grafen baten ſo dringend, ihnen ausführlichere Mittheilungen über das Verhältniß des letztern zu Fräulein Liewe und die Krankheit der jungen Dame zu machen, daß er noch ſtundenlang erzählen mußte. „Es liegt mir fern“ ſprach er ruhig,„irgend Jemand ungerecht zu beſchuldigen, indeſſen bin ich der feſten Ueberzeugung, und auch der Arzt ſtimmt mir bei, daß alle diejenigen, welche Anna Liewe durch erbärmliche 134 Kniffe von ihrem Geliebten getrennt haben, ihr Leben auf dem Gewiſſen haben. Sie iſt eins der beſten und zartfühlendſten Weſen, die ich kennen lernte, all ihr Denken und Empfinden wird durch die größte Ge⸗ wiſſenhaftigkeit geleitet, dabei lebt ſie nur für Ihren Herrn Sohn, was ihr leider von der Mutter als Ver⸗ brechen angerechnet wurde. Die nichtswürdigſten In⸗ triguen ſind geſchmiedet worden, dies ſchöne Band zu zerreißen, es gelang, die Liebenden einander zu ent⸗ fremden, und ſeitdem iſt das Glück und mit dieſem die Geſundheit der Jungfrau gewichen.“ „Alſo Sie fürchten, daß ſie leidend bleiben wird?“ erkundigte ſich die Gräfin voll Theilnahme. „Gnädigſte Frau Gräfin“ erwiderte Stade,„ich muß leider glauben, daß der Tod bereits in ihrer Bruſt wohnt.“ „Um Himmelswillen“, rief die gefühlvolle Dame, „und mein Sohn liebt ſie!“ „Sie iſt ein engelgleiches Geſchöpf“, fiel der alte Graf ein;„ich war entzückt von ihrer Erſcheinung, und ſicher würde mir ihr Tod ſehr nahe gehen.“ „Aber ſie iſt jung, die Hoffnung kann ſie neu be⸗ leben“, führte die Gräfin an.. „Das meinte auch ich. Doch ſeit ich ſie das letzte Mal geſehen, fürchte ich das Schlimmſte; ſie ſelber 135 ſpricht von ihrem nahen Tode wie von einer ausge⸗ machten Sache.“ „Und fühlt ſie Sehnſucht nach unſerem Sohn?“ „Sie möchte ihn ſehr gern ſehen und ihm erzählen, auf welche Weiſe ſie gezwungen worden, ſich mir zu verloben.“ „D Gott, daß ich dies Verhältniß nicht früher kannte! Arme, arme Liebende, könnte ich Euch nur noch helfen“ ſeufzte die Gräfin. „Ich werde ſofort nach Berlin ſchreiben“, verſicherte der Graf. „Darf ich mir einen Rath erlauben, ſo iſt es der, möglichſt vorſichtig zu Werke zu gehen, Sie könnten durch directe Mittheilung der Gefahr, in welcher Anna Liewe ſchwebt, Ihren Herrn Sohn ebenfalls auf das Krankenbett werfen“ führte Stade an. „Sie haben Recht; ich rufe ihn in einer dringenden Familienangelegenheit hierher.“ „Und wird er dieſem Ruf ohne weiteres folgen können?“ „Ich werde die Sache ſchon ſo preſſant zu ma⸗ chen wiſſen, daß er eilen muß. Hätten wir von Berlin bis hierher ſchon Bahnverbindung, ſo könnte er in achtundvierzig Stunden an Ort und Stelle ſein, aber da eine Strecke von mehr als dreißig Meilen per Poſt 136 zurückzulegen iſt, wird immer eine Woche bis zu ſeiner Ankunft vergehen.“ „Eine Woche iſt für Kranke eine Ewigkeit; aber ich werde mich inzwiſchen bemühen, die junge Dame zu tröſten.“ „Thun Sie das, mein lieber Herr Paſtor, und ſagen Sie ihr, daß wir in großen Sorgen um ſie ſchweben und nichts unterlaſſen werden, was ihr Wohl befördern kann.“ „So erlauben Sie denn, daß ich mich verabſchiede; meine Anweſenheit iſt wahrſcheinlich in S. ſehr nöthig. Ich werde mir übrigens die Ehre geben, die Herr⸗ ſchaften ſogleich zu benachrichtigen, falls der Zuſtand der Kranken bedenklicher werden ſollte. Darf ich dies wagen?“ bemerkte Stade ſich erhebend. „Wir bitten inſtändigſt darum und ich ſelber werde hinkommen, wenn ernſte Beſorgniſſe eintreten ſollten“, antwortete die Gräfin. Der Paſtor führte die Hand der edlen Dame ge⸗ rührt an ſeine Lippen.„Solange ich lebe“ ſprach er gefühlvoll,„wird mich Ihre hohe Güte und Menſchen⸗ freundlichkeit beglücken. O daß ich früher Gelegenheit erhalten hätte, Ihre Hochherzigkeit anzuflehen, uns allen wäre wohler.“ „Und Sie, Herr Paſtor, haben das Verdienſt, uns, 137 wenn wir ein gutes Werk vollbringen, dazu bewogen zu haben. Seien auch Sie überzeugt, daß wir Sie hochachten und uns Ihrer ſtets in Liebe erinnern wer⸗ den“ entgegnete der Graf verbindlich. Stade ſchied, von den beſten Wünſchen der alten, bekümmerten Gatten begleitet; er hatte ſich durch ſein aufopferndes Handeln in ihnen Freunde fürs Leben erworben. Was war es wohl, das ihn nun auf der Reiſe nach S. mit einer freudigen Erhebung erfüllte, wie ſie ihm ſchon ſeit längerer Zeit nicht mehr inne gewohnt hatte? Jedenfalls das Bewußtſein, eine ſchöne Pflicht erfüllt zu haben und für das Glück zweier tiefbetrübter Menſchen thätig geweſen zu ſein. Dieſe Ueberzeugung war im Stande, ſein eigenes Weh in den Hintergrund zu drängen und zu beſchwichtigen, denn er fand ja ſeine höchſte Befriedigung darin, Andern ihre Bürde zu er⸗ leichtern, mochte er ſelber auch darunter leiden. Ach, leider mußte er ſich immer wieder ſagen, daß das Glück der Liebenden, wenn ein ſolches ja noch er⸗ reicht werden konnte, nur von kurzer Dauer ſein werde und bald ihnen die Trennung für immer drohe. Dieſer Gedanke ſtörte alle ſeine frohen Empfin⸗ dungen, ſo oft er ihn beſchlich, und er kam ihm nur allzu oft auf der langweiligen Tour von Sonnenhagen 138 bis zum Wohnorte der Verlobten. Und doch begann er immer wieder von neuem zu hoffen, allerlei Trug⸗ ſchlüſſe zauberte er ſich vor die Seele, um ſich ſelber zu überzeugen, daß eine Rettung der Kranken möglich ſei, bis er endlich in das Thor von S. hineinfuhr und bald durch den Augenſchein über die Fortſchritte der Krankheit Anna's Gewißheit erhielt. Seine Reiſe nach dem Gute des Grafen Sacco und zurück hatte trotz der Eile, mit welcher er gefahren, beinahe zwei Tage in Anſpruch genommen. Von dem beſeligenden Bewußtſein getragen, ſeiner Verlobten wenigſtens eine tröſtliche Nachricht bringen zu können, betrat er wieder das Haus der Gärtnerfamilie; als Liebeſuchender hatte er dort nichts mehr zu ſchaffen. Leiſe und vorſichtig wurde ihm auf ſein Klopfen die Thür zum Wohnzimmer geöffnet; ſein erſter Blick traf die Frau Liewe, deren rothgeweinte und ange⸗ ſchwollene Augen davon zeugten, daß auch in ihr Herz ein maßloſer Kummer eingezogen ſei. Als ſie den jungen Geiſtlichen vor ſich ſah, brach ſie in neue Thränen aus und troſtlos flüſterten ihre Lippen:„Sie ſtirbt, keine Macht der Erde kann ſie mehr retten!“ Erſchüttert bis ins innerſte Leben, ließ ſich Stade an das Lager der Leidenden führen. Anna hatte 139 während ſeiner Abweſenheit wieder einen heftigen Blut⸗ ſturz gehabt und war infolge deſſen ſehr ſchwach und angegriffen. Doch kaum gewahrte ſie den Verlobten, als ihr Auge aufleuchtete, ſie ſich emporrichtete und ihm ihre Hand entgegenſtreckte. Der Paſtor konnte ſein Weh nicht verbergen, er weinte. „O bitte, keine Thränen! Sieh, ich bin nicht ſo krank, wie Du denkſt, mir iſt ſogar merkwürdig wohl, die Blutentleerung hat mir große Erleichterung geſchafft“, flüſterte Anna.„Oder weinſt Du, weil Deine Verſuche unglücklich abgelaufen ſind?“ „Nein, Du Engel“ entgegnete der Paſtor, ſich faſ⸗ ſend;„ich habe in den Aeltern des jungen Grafen die einſichtsvollſten und liebenswürdigſten Menſchen gefun⸗ den, ſie ſind Dir aufrichtig zugethan und wünſchen nichts ſehnlicher als Deine ſchnelle Geneſung, danit Du bald ihre Tochter werden kannſt. Schon iſt ein Brief an Julius unterwegs, der ihn ſchleunig hierher ruft. Leider muß er einen weiten Weg machen, denn Dein Geliebter lebt in der Hauptſtadt; aber in acht Tagen wird er wohl hier ſein. Die Frau Gräfin hat um Nachricht gebeten, ſobald Dein Zuſtand ſich verſchlimmern ſollte, weil ſie Dich für dieſen Fall ſelber beſuchen und tröſten möchte. Nur der böſe Oheim, 140 mein Kirchenpatron, trägt die Schuld, daß Ihr bisher ſo arg gepeinigt worden ſeid.“ Anna faltete die Hände und rief:„Gelobt ſei Gott! Und nun, Du Guter, nimm Du meinen innigſten Dank entgegen; ohne Dich hätte ich nie Aufklärung über die edle Geſinnung der Verwandten meines Julius erhalten. Jetzt ſage auch der Mutter, was Du aus⸗ gerichtet haſt.“ „Sehr gern. Du biſt alſo nun wirklich glücklich?“ „Ja, inſofern, als ich einſehe, daß mein Julius mich nicht betrog.“ „Und Du wirſt bald in ſeinen Armen ruhen.“ Anna hatte als Antwort nur wieder jenes melan⸗ choliſche Lächeln, welches ſich in der letzten Zeit ſo oft auf ihrem Antlitz gezeigt. Frau Liewe hörte die Mittheilungen des Paſtors über die Sacco'ſche Familie troſtlos an. Sie ſah jetzt nur zu klar ein, daß ihre Vorurtheile ſie zu einem viel zu ſchroffen Auftreten veranlaßt hatten und daß ihre mütterliche Vorſicht mit zu wenig Zartgefühl ge⸗ paart geweſen. Wohl ſuchte ſie nun den begangenen Fehler gut zu machen und Anna zu überzeugen, wie gut ſie es ſtets mit ihr gemeint, was dieſe gern an⸗ erkannte; doch Troſt konnte ihr das Alles nicht bringen, ihr Lebensmuth war von ihr gewichen, ſeit ſie das 141 einzige Kind, ihr Alles auf der Welt, in Lebensgefahr wußte und es zu verlieren fürchten mußte. Aeußerte ſich ihr Schmerz aber mit der größten Heftigkeit, ſo blieb ihr Gatte anſcheinend ruhig und gefaßt, nur ſtille Seufzer entfuhren zuweilen ſeinem Munde, wenn ſein Auge forſchend auf die Tochter ge⸗ richtet war. Wer ihn indeß in ſolchen Momenten betrachtete, die namenloſe Angſt in ſeinem Geſicht ausgeprägt ſah, der kam wohl bald zu dem Schluß, daß ſein Schmerz nicht geringer ſei als der der Mutter. Natürlich bot unter dieſen Verhältniſſen der Auf⸗ enthalt in dem Liewe'ſchen Hauſe kein Vergnügen, und doch harrte Stade mit einer Ausdauer aus, als hänge von ſeiner Anweſenheit das Leben der Verlobten ab, ja er verſäumte ſogar ſeine amtlichen Verrichtungen und ließ ſich durch einen andern Geiſtlichen vertreten, um ungeſtört der lieben Kranken Troſt und freundlichen Zuſpruch bringen zu können; ſie hatte ihn ja ſo gern in ihrer Nähe und ſchien immer wohler zu ſein, wenn er ihr ſeine Geſellſchaft ſchenkte. Sechstes Kapitel. Der junge Graf Sacco fungirte als Referendar bei dem Miniſterium in Berlin. Sein Herz war ruhiger geworden, es ſtürmte nicht mehr mit der frühern Gewalt gegen die Bruſt, als wolle es ſeine Feſſeln zerſprengen, doch ſein Weh um die verlorene Geliebte war darum nicht beſiegt, er hatte nicht die ſeligen Augenblicke ver⸗ geſſen, in denen er an ihrer Seite glücklich geweſen war. Kamen ihm Stunden der Ruhe, in denen er allein auf ſeinem Studirzimmer weilte und ſelbſt⸗ vergeſſen den Kopf in die Hand gleiten ließ, dann wurde ſein Antlitz häufig ſo bleich wie der Tod und tiefer und tiefer ſank ſein Haupt herab, als ſehne er ſich nach Ruhe, Ruhe für immer. Und er „ 143 begann zu träumen von einem Jenſeits, in welchem es keine böſen Menſchen mehr gebe, die ſich nur bemühen, das Lebensglück Anderer zu zerſtören; er ſah einen lieblichen Engel auf ſich zuſchweben, der mit den Lippen ſeine Stirn berührte und zu ihm ſprach: Jetzt ſind wir für immer vereint, vereint für alle Ewigkeit! Und dieſer Engel war ſeine Anna, die aus lichten Höhen zu ihm herniedergeſchwebt war. Mitunter dünkte es ihm dann auch wohl, als habe er nicht genug gethan, um die Geliebte ſchon für dies Leben zu erwerben, als hätte er ſie erringen können, wenn er ſich ohne Zögern mit vollem Vertrauen an die Aeltern gewandt; in⸗ deſſen beſchwichtigte er die eigenen Vorwürfe ſtets damit, daß ein böſes Verhängniß von vornherein über dem Himmel ſeiner Liebe geſchwebt habe. Er war reſignirt, hatte mit männlichem Muthe entſagt und ſeine Wünſche und Hoffnungen auf höchſtes Lebens⸗ glück zu Grabe getragen, aber er konnte das Daſein ertragen und ſeine Pflichten als Menſch und Staats⸗ bürger erfüllen. Ermüdet an Körper und Geiſt durch mehrſtündiges ſchwieriges Arbeiten, kehrte der junge Referendar aus dem Miniſterialgebäude in ſeine Wohnung zurück, hoffend, hier Ruhe und Erholung zu finden. Seit langer Zeit zum erſten Mal empfand er, daß ſelbſt 144 im heftigſten Leiden das phyſiſche Leben ſeine Rechte fordert, wenn es auch nicht ſo daran mahnt wie im ungeſtörten Wohlbefinden. Doch er ſollte die er⸗ ſehnte Ruhe nicht finden; kaum hatte er ſein Zimmer betreten, als ihm auch ſchon ein Poſtbote gemeldet wurde, der ihm einen expreſſen Brief aus der Heimat überreichte. Julius erbrach etwas haſtig das große Siegel, welches das Billet verſchloß, und las nun zu ſeiner Ueberraſchung die dringende Aufforderung, ſich ohne Zögern auf die Reiſe nach Sonnenhagen zu begeben, indem dort eben eine höchſt wichtige Familienangelegen⸗ heit geregelt werden ſolle, wobei er unter allen Umſtänden zugegen ſein müſſe, da es ſich um ſein ganzes Lebensglück handle. Am Schluſſe wurde er nochmals ermahnt, keinen Augenblick mit der Abreiſe zu ſäumen. Verdrießlich legte der junge Mann das Schreiben beiſeite, nachdem er es durchleſen, ein bitteres Lächeln umſpielte ſeinen Mund und leiſe ſprach er vor ſich hin:„Mein Lebensglück? Keiner kann es mir zurück⸗ bringen, am wenigſten meine Verwandten.“ Er nahm beſtimmt an, daß ein neues Heirathsproject die Sei⸗ nen beſchäftige und ſie deshalb ſeine Anweſenheit ſo dringend wünſchten, ſonſt wußte er von keiner 145 Familienangelegenheit, in der ſein Rath nöthig ſein konnte. Sein Entſchluß ſtand augenblicklich feſt, ruhig zu bleiben, wo er war, und auf keinen Fall den Plänen ſeiner Verwandten mit ihm ſeine Beiſtimmung zu geben. Ohne langes Beſinnen ſchrieb er dem Vater zurück, daß dringende Arbeiten ihn an Berlin feſſelten, daß er nicht nach Belieben zu jeder Zeit um Urlaub nach⸗ ſuchen dürfe und es wohl am beſten ſei, wenn ihm die in Rede ſtehende wichtige Angelegenheit genau mitge⸗ theilt werde; er wolle dann nicht ſäumen, ſchriftlich ſeine Erklärung in der präciſeſten Weiſe abzugeben. Damit glaubte er ſich vorläufig von aller Verbind⸗ lichkeit befreit zu haben und ſuchte ſich jede Erinnerung an die erhaltene Aufforderung aus dem Sinn zu ſchla⸗ gen; doch das ging lange nicht ſo ſchnell, wie er dachte, immer von neuem tauchte die Frage in ihm auf: Was kann es nur ſein, das ſie verhandeln wollen? Er wurde zweifelhaft über ein Heirathsproject, indem er ſich ſagte, daß ſein Vater das ſo unglücklich abgelau⸗ fene erſte kaum werde verwunden haben; ja zuweilen ſchien es ihm ſogar möglich, daß Anna Liewe eine Rolle in der fraglichen Familienangelegenheit ſpiele. Doch auch dieſe Annahme erregte ihn nicht zu ſehr; er hatte mit ſeinem Herzen für dies Leben abgeſchloſſen, Steffens, Standesvorurtheile. IV. 10 146 die Geliebte war die Braut eines Andern geworden— was konnte er noch von ihr hoffen? So entſchwanden mehrere Tage; der junge Graf ſuchte, wie ſonſt, die Arbeit als Tröſterin für ſein ſtilles Leid und ſie wiegte es häufig ſtundenlang in Schlummer. Da, es war Abend, die Erde hatte ſich zehnmal um die Sonne gedreht, ſeit Graf Sacco⸗Sonnenhagen dem Paſtor Stade das Verſprechen gegeben, ſeinen Sohn ungeſäumt nach Hauſe zu beordern, als dieſer ſich unwillkürlich in eine Stimmung verſetzt fühlte, wie ſie ihn noch nie beſchlichen; in ſeiner Bruſt drückte es ſo ſchwer, als habe ſich eine Centnerlaſt auf ſein Herz gelegt, eine Unruhe ergriff ihn, wie wenn ſein Gewiſſen von ſchweren Verbrechen beängſtet ſei, und düſtere Bilder traten vor ſeine Seele; mehrmals ſchau⸗ derte er heftig zuſammen, ſodaß er zu fürchten be⸗ gann, eine Krankheit ſetze ſich in ſeinem Körper feſt. Er war allein; vor ihm auf einem künſtlich gearbeiteten Tiſch brannten ein paar Kerzen, ſodaß das Zimmer erleuchtet war; völlige Stille herrſchte ringsumher. Sacco begann an den Tod und das Grab zu denken, tiefe Wehmuth beſchlich ihn, er ſeufzte und„Anna, mein Engel!“ glitt es langſam über ſeine Lippen. Seit lange hatte er ſich nicht in ſolcher Erregung befunden, 147 und war es dieſe, zauberte ihm ſeine erhitzte Phantaſie Traumbilder vor die Seele, oder iſt es wahr, daß der mächtige menſchliche Geiſt Zeit und Raum zu durch⸗ fliegen und den weit entfernten Geliebten in Augen⸗ blicken des höchſten Glückes oder der ſchrecklichſten Noth ein Zeichen zu geben vermag— der Referendar ſprang plötzlich in die Höhe und blickte zur Seite, ſtieß dabei an den zierlichen Tiſch, ſodaß dieſer das Gleichgewicht verlor und mit den Kerzen umſtürzte, Sacco aber ſich mit einem Male in dichter Finſterniß befand. Die Urſache von dieſem Ereigniß war, daß der junge Mann ganz vernehmlich von Anna's Stimme die Worte:„H mein Julius, komm doch!“ gehört haben wollte. Noch nach langen Jahren verbürgte der ernſte und gewiß aufgeklärte Mann die Thatſache mit ſeinem Ehrenwort. Wohl eine Minute lang ſtand der Graf wie be⸗ zaubert da, ſich nach allen Seiten umſchauend und die Dunkelheit zu durchdringen ſtrebend; er hoffte noch einmal den Ruf der Geliebten zu vernehmen; doch Alles ringsumher blieb ſtill wie das Grab. Traurig lehnte er ſich wieder zurück an das Polſter; was der Brief des Vaters nicht vermocht hatte, das bewirkte ein vielleicht lediglich durch Ueberreizung des Nervenſyſtems herbeigeführtes Phantaſiegemälde. Sacco war entſchloſſen, am nächſten Morgen in aller Frühe 10* einen mehrtägigen Urlaub zu erbitten und nach der Heimat zu reiſen. Wie lange er ſo im Dunkeln, den trübſten Em⸗ pfindungen hingegeben, geſeſſen haben würde, iſt un⸗ gewiß, er bemerkte kaum, daß ihm die Beleuchtung fehlte; aber ein paar Freunde riſſen ihn aus ſeinen ſchmerzlichen Betrachtungen. Zwei lebensfrohe junge Männer, der Graf Arnim, Gardecavallerieoffizier, und der Baron von Keller, Legationsſecretär, ſuchten ihn auf und traten ziemlich zu gleicher Zeit mit ſeinem Diener ein. Sacco erhob ſich und rief nach Licht. Sein Friedrich beeilte ſich, dem Befehle nachzu⸗ kommen. Die fremden jungen Herren brachen in ein ſchal⸗ lendes Gelächter aus, als ſie den umgeſtürzten Tiſch, die zerbogenen Leuchter und zerſtückelten Kerzen ſahen. „Was in aller Welt haben Sie da gemacht?“ rief Graf Arnim. Sacco blieb ernſt wie immer und erwiderte:„Ich weiß ſelber nicht, wie ich das Begegniß deuten ſoll, welches mich ſo erſchreckte, daß ich den Tiſch umwarf. Wäre ich furchtſam, ich würde glauben, ein Geſpenſt habe mich geneckt; auch an Ahnungen mag ich nicht denken, und doch— genug, ich weiß nicht, wie es ge⸗ 149 ſchah, aber mir wurde aus nächſter Nähe von einer mir einſt ſehr lieben Perſon zugerufen, zu ihr zu kom⸗ men; ich meinte, das Weſen müſſe an meiner Seite ſtehen, es ſprach halblaut, doch deutlich, und als ich überraſcht aufſprang, war Alles um mich dunkel, Tiſch und Kerzen lagen an der Erde.“ Die Freunde waren nicht daran gewöhnt, den jungen Grafen ſcherzen zu ſehen, und deshalb trauten ſie ihm auch jetzt nicht zu, er könne einen Spaß mit ihnen vorhaben; gleichwohl fanden ſie die Zumuthung doch ziemlich ſtark, glauben zu ſollen, ein Geiſt habe dem Referendar Offenbarungen gemacht. Der Graf Arnim lächelte verſchmitzt und blickte ſich verſtohlen im Zimmer um, ob er nicht einen Verſteck entdecke, in welchem eine Perſon Platz finde; der Baron dagegen meinte:„Sie werden eingeſchlummert geweſen ſein, haben recht lebhaft geträumt und ſind im Schlafe gegen den Tiſch geſtoßen, darüber aber erwacht. Es geht mir öfters ähnlich.“ „Und ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich ſo wach war wie jetzt; ich dachte ſogar gerade ſehr lebhaft an die Dame, die mir zurief.“ „Nun, dann iſt der Vorfall erklärlich, es war Ein⸗ bildung, Ihre erregte Phantaſie hat Ihnen ein Luft⸗ bild vorgeführt“ rief der Offizier. 150 „Das glaube ich auch!“ fiel der Secretär ein. „Möglich!“ ſtimmte der Referendar halb bei.„Aber“, fuhr er fort,„meine ganze Stimmung während des Abends war ſo trüber und düſterer Natur, eine ſolche Trauer beſchlich mich, daß ich ſchon vor dem erwähnten Ereigniß fürchtete, es habe ſich irgend ein Unglück in der Heimat zugetragen.“ Die beiden Herren lächelten über den Aberglauben des Freundes. „Nehmen Sie nicht an, meine Herren, daß ich von albernen Schlüſſen regiert werde, mir iſt jeder Vorfall, den ich mir nicht natürlich erklären kann, lächerlich. Aber vor circa acht Tagen erhielt ich eine höchſt drin⸗ gende Einladung nach der Heimat, mein Vater ſchrieb, daß eigene Angelegenheiten meine Anweſenheit durchaus nöthig machten; ich antwortete, daß ich nicht kommen könne, und glaube nun, daß dort etwas paſſirt iſt, was jene bereits erwähnte Dame nahe berührt. Ich hatte nämlich mit dieſer einſt ein ſehr zärtliches Verhältniß und dieſes wurde durch Standesvorurtheile auf die grauſamſte Weiſe zerſtört.“ „Deshalb Ihre ſtete Schwermuth“ fiel Arnim ein. „Ich habe es bisher zu keiner beſondern Treue in der Liebe gebracht. „O ſchämen Sie ſich!“ rief Keller.„Hörte die 151 Comteſſe Klara Ihre letzten Worte, es würde Ihnen übel ergehen.“ „Meine Herren, Sie erzeigen mir viel Ehre, wenn Sie während des Abends bei mir bleiben und in meiner Geſellſchaft einige Flaſchen Johannisberger leeren wollen“, unterbrach Sacco die Streitenden. „Es war unſere Abſicht, Sie einmal für einige Stunden möglichſt zu erheitern, und da Sie nicht gern ausgehen, ſo nehmen wir Ihre freundliche Einladung dankend an“ erwiderte Arnim. Der Referendar ließ Rheinwein und Champagner herbeiholen, die jungen Männer ſetzten ſich zuſammen und bald blinkte das goldige Naß in den künſtlich ge⸗ ſchliffenen Gläſern; die Herren prüften mit Kenner⸗ mienen die Güte des Weins, ſprachen ihren lebhaften Beifall aus und ließen ihm nun volle Gerechtigkeit widerfahren. Sacco verharrte auch jetzt in einer gedrückten Stim⸗ mung, namentlich ſtach dieſelbe grell ab gegen das lebensfrohe Weſen der jugendlichen Freunde, und doch gab er ſich alle mögliche Mühe, als Wirth den Glück⸗ lichen zu ſpielen. Aber er war ja nach dem eben er⸗ lebten ſonderbaren Vorfall auch ganz beſonders zur Traurigkeit angeregt; ſeine Gedanken eilten unwill⸗ kürlich immer wieder nach dem Stübchen in dem Lie⸗ 152 we'ſchen Hauſe, in welchem er zum letzten Mal die Geliebte bleich und trauernd, ein Bild des Schmerzes, erblickt hatte; es war ihm unmöglich, ſeine Empfin⸗ dungen völlig zu verbergen. Er trank und trank, hoffend, ſich dadurch zur Heiterkeit anzuregen; doch auch das wirkte diesmal geradezu gegentheilig auf ſeinen Gemüthszuſtand. „Erzählen wir jeder ein Stückchen von unſerer Liebe, das heißt etwas recht Frohes, damit wir dadurch unſere Stimmung heben, wir fangen ſonſt noch wahr⸗ haftig beim vollen Glaſe zu weinen an!“ rief endlich Keller, der bereits durch den Wein in die roſigſte Laune verſetzt worden. „Ja, das wollen wir, und ich erbiete mich ſogar zu beginnen“ ſtimmte Arnim bei. „Nun meinetwegen, auch ich werde meinen Beitrag liefern“, ſtimmte Sacco zu. „Gut, ſo beginne ich!“ rief Arnim, noch einmal ſein Glas an die Lippen führend. Und der junge Mann erzählte im leichten Ton, wie es ihm gelungen, das Herz ſeiner Verlobten, einer ſchönen jungen Dame aus gräflichem Stande, zu er⸗ obern, und wie ſie ihm auf ſein Flehen ihre Liebe ge⸗ ſtanden. Arnim war ein flotter Lebemann, der eigent⸗ lich rechte Treue in der Liebe nicht kannte, wenigſtens 153 ſich durchaus kein Gewiſſen daraus machte, neben ſeiner Verlobten noch einem Dutzend anderer Dämchen die zarteſten Aufmerkſamkeiten zu erweiſen. Und doch wurde er nach und nach in einer Weiſe begeiſtert, daß Sacco und Keller bewundernd an ſeinen Lippen hingen. Zum Schluß ſprach er:„Mögen wir immerhin umherſchwär⸗ men und unſere Jugend auf den verſchiedenſten Wegen zu genießen fuchen, unſere Seligkeit, den Himmel, fin⸗ den wir nur an dem Herzen einer ſchuldloſen, liebenden Jungfrau; es iſt etwas Großartiges, Erhebendes um das Vertrauen und die Zuverſicht, um das willenloſe Fügen ſolchen Engels in den Willen ſeines Geliebten. Ich bin kein Schwärmer, aber ſo oft ich in die Nähe meiner Klara komme, werde ich beſſer und frommer, ich könnte mit ihr gemeinſchaftlich auf die Kniee fallen und beten, wenn ſie mir die Worte vorſpräche, obwohl vieles Beten ſonſt nicht meine Sache iſt. Darum lebe vor allem die Liebe! Sie iſt es, die uns zu hohen Thaten begeiſtert!“ Alle drei ergriffen die Gläſer und ſtießen an.„Auf das Wohl der Comteſſe Klara!“ rief Keller. „Und nun erzählen Sie!“ mahnte Arnim, gegen Keller gewendet, während Sacco die Gläſer füllte. „Der Anfang meiner Liebe war kein ſo roſiger wie der unſeres Freundes Arnim“, begann der junge 154 Geſandtſchaftsbeamte.„Ich weilte in Paris und hatte daſelbſt Gelegenheit, ab und zu in dem engern Kreiſe einer hochgeſtellten Familie die jüngſte Tochter zu be⸗ wundern. Ich ſage, ſie iſt ein Engel, denn welcher Liebende denkt das nicht von ſeiner Braut? Lange, lange trug ich die glühendſte Liebe für ſie im Herzen und ich nahm wahr, daß ſie ihr Auge ebenfalls voll Intereſſe auf mich richtete, heiter und fröhlich aufblickte, wenn ich ihr nahte, trübe und kummervoll drein ſchaute, ſo oft ich ſie verließ. Aber der Vater wurde mein Feind, als er bemerkte, daß ich Abſichten auf ſeine Tochter hatte. Ich mußte mich zurückziehen; meine Alma jedoch blieb mir treu. Wir trafen uns auf einem Balle, ich geſtand ihr meine innige Neigung, ſie fiel mir in die Arme und ich ent⸗ führte ſie zu einer Tante, von wo aus wir uns den Aeltern entdeckten. Der alte vorurtheilsvolle Mann wüthete, aber er ſah ſein Kind compromittirt, wenn er es zurückforderte. Mit verbiſſenem Grimm mußte er uns ſeinen Segen geben. Meine Alma weinte zwar viel, aber doch lächelte ſie unter Thränen, als ſie mir geſtand, ſie bedauere doch nicht, meiner Ueberredung gefolgt zu ſein, und hinzufügte:„Du biſt es ja allein, der mein Lebensglück in Händen hat.“ 155 Das war der glücklichſte Moment in meinem Leben. In vier Wochen iſt Alma übrigens meine Frau.“ „Sie lebe hoch!“ rief Arnim und ergriff ſeinen Pokal. Die beiden Freunde folgten und ließen die Gläſer hell erklingen, daß es weithin durch die an⸗ grenzenden Zimmer ſchallte. „Nun Sie, lieber Graf!“ bemerkte der Legations⸗ ſecretär, Sacco freundlich zuwinkend. Dieſer entgegnete gemeſſen:„Ich habe nichts mit⸗ zutheilen, was zur Luſt und Fröhlichkeit mahnen könnte. Allerdings habe auch ich die Wonnen der Liebe gekoſtet und zwar, wie ich glaube, an der Seite des lieblichſten Weſens, das die Erde trägt. Aber ſelbſt dieſe wenigen ſeligen Stunden waren getrübt durch das Bewußtſein, daß ſchwere Kämpfe uns bevorſtänden, ehe wir an das erſehnte Ziel gelangen könnten. Meine Geliebte war nämlich die Tochter eines einfachen Gärtners und ihre Mutter iſt ſo ſehr eingenommen gegen den Adel, daß ſie von meiner Neigung durchaus nichts wiſſen wollte, ja mich auf jede Weiſe bloßzuſtellen ſuchte, ſo oft ich ihrem Kinde nahte. Ich konnte ſie nicht über⸗ zeugen, daß ich es ehrlich meinte oder die Macht be⸗ ſäße, ihre Anna glücklich zu machen. Allerdings ſpielte mein Oheim, ein verknöcherter Hageſtolz, der in ſſeinem Leben auf weiter nichts geſonnen hat, als wie 156 er den Menſchen Elend bereiten könne, ebenfalls In⸗ triguen gegen mich. Genug, es gelang, uns zu trennen, ich ſah meine Geliebte zum letzten Mal als Verlobte eines Geiſtlichen, des Werkzeugs meines Onkels, aber nicht als glückliche Braut, ſondern als das perſonificirte Leiden; der Gram hatte ihrem Aeußern bereits den Stempel des Siechthums aufgedrückt. Sie bemerkte mich und ſank mit einem Angſtſchrei in Ohnmacht. Das war der ſſchrecklichſte Augenblick meines Lebens!“ Sacco war noch ernſter geworden als ſonſt, ein Seufzer entglitt ſeinem Munde, als er ſeine Erzählung beendet hatte. „Armer Freund!“ ſprach Keller halblaut. „Stoßen wir an auf die glückliche Wendung des Schickſals der Liebenden, mögen ſie beide bald ſo glück⸗ lich werden wie wir und möge die arme Geliebte an der Bruſt unſeres Sacco den rechten Frieden fin⸗ den!“ rief Arnim. Sie ergriffen noch einmal die Pokale, beide Freunde näherten dieſelben dem Glaſe des Referendars, aber indem ſie dieſes berührten, ſprang es mitten entzwei und fiel mit heftigem Geklirr zu Boden. Sacco erzitterte und Todtenbläſſe überzog ſein Geſicht. 157 „Mein Gott, das iſt böſe!“ rief der lebensluſtige Arnim. Keller ſchwieg, er ſtützte das Haupt auf die Hand und blickte verſtohlen, aber theilnehmend auf den tief⸗ erſchütterten Freund. „Ein merkwürdiger Zufall!“ begann der junge Graf nach einer Weile, während welcher er ſich ſo weit ge⸗ ſammelt, daß er wieder als aufmerkſamer Wirth fun⸗ giren konnte.„Wirklich ein ſonderbares Zuſammen⸗ treffen mit meinem Umwerfen des Tiſches. Doch laſſen wir uns dadurch unſere frohe Laune nicht trüben. Er klingelte, Friedrich mußte ein neues Glas bringen, und er ſchenkte wieder ein, als ſei nichts vorgefallen. Auch die beiden andern jungen Freunde mochten nicht Unglückspropheten ſpielen, ſie thaten möglichſt unbefangen und ſuchten die Störung auf die natür⸗ lichſte Weiſe zu erklären; aber ſo viel Mühe ſie ſich auch gaben, völlig heiter und übermüthig zu erſcheinen, es war, als habe ein eiſiger Luftzug ſie alle angehaucht, ſie tranken wohl weiter, aber eine muntere Unterhaltung kam nicht wieder in Fluß. So nahte die zehnte Stunde. 8 Da öffnete Friedrich die Thür zum Vorzimmer und rief herein:„Herr Graf, der Briefträger bittet eintreten zu dürfen.“ 7 158 „Jetzt noch Briefe?“ fragte Keller verwundert. Sacco gab dem Diener einen Wink, gleich darauf erſchien der Angemeldete und überreichte einen Brief. Der junge Graf entſchuldigte ſich bei ſeinen Gäſten und vertiefte ſich in das Leſen des erhaltenen Briefes. Sein Vater erklärte ihm jetzt das Verhalten des Paſtors Stade, deſſen ſämmtliche Mittheilungen und wie er fürchte, daß Anna Liewe in kurzer Zeit ihrem Gram erliegen werde.„Wir, ich und die Mutter, ſind weit entfernt“, ſchrieb er unter Anderm,„Dein Lebensglück zu ſtören, und wenn Du glaubſt, an der Seite der jungen Dame allein Dein wahres Wohl zu finden, ſo eile ſchnell hierher, vielleicht rettet Deine Anweſenheit und die Hoffnung, Dir einſt zu gehören, das arme Mädchen vom Tode, dem ſie verfallen zu ſein ſcheint. Eile, denn Stade theilt uns eben mit, daß Fräulein Liewe ihrer Auflöſung entgegengehe.“ Er war zu Ende gekommen, aber noch immer hielt er das Papier wie erſtarrt in ſeinen Händen und blickte unverwandt vor ſich nieder. Die Freunde ließen ihn ungeſtört gewähren. Endlich kam er wieder zu ſich und eröffnete den jungen Männern, daß er abreiſen müſſe, las ihnen auch den Inhalt des Billets vor. 159 „Und meinen Sie nun noch, daß meine Viſion heute Abend leere Einbildung war?“ ſetzte er fragend hinzu. Die Herren hatten keine Antwort, ſie zuckten ſchwei⸗ gend die Achſeln, ſchüttelten dem Freunde warm die Hand und verließen ihn, ebenfalls betrübt. Sacco traf die erforderlichen Anordnungen wegen des Einpackens einiger nöthigen Effecten, kam bei ſeiner Behörde ſchriftlich um Urlaub ein und reiſte noch im Laufe der Nacht ab. Er hatte eine lange Tour vor ſich, und da er nur eine kurze Strecke mit der Bahn zurücklegen konnte, ſo vergingen Tage, ehe er in der Heimat anlangte. Er eilte zu den Aeltern nach Sonnenhagen, um dieſe kurz zu begrüßen, und dann ohne Aufenthalt weiter zu der Geliebten, von der ihn jetzt keine Standesvorurtheile mehr trennten; die Aeltern waren bereit, ihren Segen zu dem Bunde zwiſchen ihm und der Gärtnerstochter zu geben, und die Mutter der letztern ſchien ja nach den Mittheilungen des Vaters zu Allem bereit zu ſein, was von ihr gefordert werde, um nur ihr Kind von dem Tode zu retten⸗ Julius Sacco hatte den Zeitpunkt, in welchem ihm keine Hinderniſſe mehr in den Weg gelegt würden, der Geliebten zu nahen, ehemals als Ziel all ſeines Strebens betrachtet, und jetzt— er befand ſich in einer beinahe noch troſtloſern Gemüthsverfaſſung als bisher, denn er fürchtete für das Leben der ihm ſo theuren Jung⸗ frau. Nicht allein, daß die Anführungen des Vaters ihn beunruhigten, das bleiche Bild Anna's, wie er ſie zum letzten Mal erblickt, ſtand unabläſſig vor ſeiner Seele, und dann die Begegniſſe auf ſeinem Zimmer, ſie hatten ihn mit böſen Ahnungen erfüllt, der hochgebil⸗ dete und über allem Aberglauben erhabene junge Mann hätte in ſeiner gegenwärtigen Lage jede alte Here um Deutung jener Ereigniſſe fragen mögen. Ach, die Leiden der Seele ſtärken und kräftigen nicht immer, ſie machen den Menſchen oft ſchwach und ab⸗ hängig wie ein Kind und treiben ihn zuweilen zu den ärgſten Mißgriffen! Siebentes Kapitel. Graf Sacco⸗Reudlitz lebte ſeit jenem unfreund⸗ lichen Abſchiede in Sonnenhagen einſam auf ſeinem Schloſſe. Fräulein von Lieder hatte ihn auf den dringenden Wunſch ihres Bräutigams verlaſſen, der Paſtor, welcher ihm ſonſt in mancher Stunde Geſellſchaft geleiſtet, war fern, außerdem haßte er dieſen jetzt; ſomit ſah er ſich plötzlich auf ſich allein angewieſen. Dies Bewußtſein an und für ſich würde ihn nicht zu ſehr niedergedrückt haben, denn dauernde Verbin⸗ dungen war er ja nie im Leben eingegangen. Und wenn auch Marie von Lieder's Undankbarkeit, wie er ihr Gehen nannte, ihm bittere Schmerzen bereitete, da er für dieſe Dame mehr Intereſſe gefühlt wie je für Steffens, Standesvorurtheile. IV. 11 eine, ſeit er denken konnte, ſo hätte ihn das doch nicht in ſolcher Weiſe zu deprimiren vermocht, wenn nicht noch mancherlei andere Gemüthseindrücke der ſtärkſten Art dazugekommen wären. Der alte Mann war nahe daran, ſich der Ver⸗ zweiflung in die Arme zu werfen. Die Ruhe hatte ihn verlaſſen; wo er auch weilen mochte, überallhin folgte ihm eine ſchreckliche Pein, ja in abendlichen Stunden, wenn er einſam auf ſeinem Zimmer ſaß, tauchten grauenhafte Bilder vor ihm auf, und ein ſtiller Beob⸗ achter würde zu dem Schluß gekommen ſein, daß das Gewiſſen ihm harte Strafen auferlege. Graf Sacco hatte bei ſeiner letzten Reiſe durch S. nicht unterlaſſen können, das Liewe'ſche Haus zu be⸗ treten. Was hatte ihn dazu getrieben? Vielleicht Neugier infolge der Behauptungen des Paſtors Stade, daß ſeine Verlobte dem Grabe verfallen ſei, vielleicht auch Furcht vor den Folgen ſeiner letzten Intriguen; er war ja nicht mehr der feſte, kräftige Mann von ehemals, der da glaubte, ſein Leben müſſe ewig währen und eine Vergeltung bleibe ihm fern. Je näher die Zeit rückte, wo auch er das Loos aller Staubgeborenen theilen mußte, deſto zweifelhafter wurde er über die Güte ſeines Thuns, und namentlich bereitete ihm der Gedanke viel Unbehagen, daß das ſchönſte Mädchen, das er je 163 erblickt, Anna Liewe, durch die Hintertreibung ihres Verhältniſſes zu dem Neffen ſterben werde. Die Worte des Paſtors waren alſo auch für ihn, den verſtockten Sünder, nicht fruchtlos geblieben, der junge Geiſtliche hatte bereits eine zu große Macht über ihn gewonnen, als daß er im Stande geweſen wäre, ihm ganz zu widerſtehen. Er hatte Anna wiedergeſehen und zwar gerade an einem Tage, an welchem ſie beſonders lei⸗ dend geweſen, und war in tiefſter Seele erſchüttert worden von der Veränderung, welche in kurzer Zeit mit ihr vorgegangen war. Seit dem Augenblicke tönte ihm unaufhörlich das Wort„Mörder“ aus dem Munde des Paſtors vor den Ohren, die Verachtung, welche Julius gegen ihn an den Tag gelegt, trat vor ſeine Seele, er wurde einer jener Unglücklichen, die unaufhörlich von dem Gewiſſen gepeinigt werden. Aber fern blieb es ihm dennoch, zu bereuen. Beſſer dünkte es ihm, Anna ſterbe, und er ſelber wäre lieber in den Tod gegangen, als daß er den hochadligen Namen der Saccos durch eine Mes⸗ alliance hätte entehren laſſen. Täglich ließ er jedoch Erkundigungen über den Zuſtand der kranken Dame einziehen und jede neue Nachricht brachte ihm mehr Veranlaſſung zur Einkehr in ſich ſelber. 11* 164 Inzwiſchen nahm die Krankheit Anna Liewe's den ſtets gleichbleibenden Verlauf jenes Leidens, das wir im gewöhnlichen Leben galoppirende Schwindſucht nen⸗ nen. Sie fühlte nur ſelten bedeutende Schmerzen, aber ihr Leben ſchwand ſichtbar dahin, mit jedem neuen Morgen war ihr Körper ſiecher geworden. Stade, der ſie nur ſelten für Augenblicke verließ, litt mit ihr. Aller Troſt, den er ihr zu ſpenden ſuchte, reichte nicht mehr hin, ſie aufrecht zu erhalten, es wurde augenſcheinlich, daß ihre Seele nur noch in der ge⸗ brochenen Umhüllung weilte, weil große Erwartungen ſie beſchäftigten. Als ſie eines Nachmittags erwachte— ſie hatte längere Zeit ſanft geſchlummert— glitt ein ſeliges Lächeln über ihre Züge und freundlich wandte ſie ſich mit den Worten an Stade:„Habe tauſend Dank, Du beſter der Menſchen, für all Deine Liebe, die Du mir bewieſen! Doch Deine Aufopferung kommt zu ſpät, Julius wird mich nicht mehr auf Erden fin⸗ den, ich ſoll ihn nicht wiederſehen. Bitte, ſei Du auch ihm ein Tröſter in ſeinem Schmerz.“ Der Pfarrer befand ſich unausgeſetzt in der hef⸗ tigſten Gemüthsbewegung, auch jetzt mußte er ſich die größte Mühe geben, um nicht die Selbſtbeherrſchung zu verlieren. Halblaut entgegnete er:„Ja, ich will ihn und alle zu tröſten ſuchen, und Du wirſt mich aus 165 lichten Höhen als Engel umſchweben und mir mein eigenes Leid tragen helfen, bis ich Dir folge.“ „Warum er nur nicht kommt? Ich hätte ihn ſo gern noch einmal geſprochen“ begann Anna von neuem. „Er wird gewiß rechtzeitig hier ſein; der Weg bis Berlin iſt weit, und jedenfalls konnte er ſich nicht ſofort aus ſeiner Stellung losreißen, denn er hat Pflich⸗ ten als Beamter. Doch jetzt können wir ihn jeden Augenblick erwarten.“ „Ja, ja, er kommt gewiß, wenn nur meine Kraft ſo lange aushalten möchte. Ich fühle es, daß ich nur noch kurze Zeit zu leben habe; ſieh nur, wie mir die Hand ſchon zittert, ich glaube, der Tod greift be⸗ reits nach meinem Herzen.“ Auch Stade's Faſſung hatte ihre Grenzen, er ver⸗ mochte nicht mehr zu antworten, Thränen erſtickten ſeine Stimme. Die Leidende ſah ſeinen Schmerz, er ging ihr jedenfalls nahe und es war ihr Wille, ihm etwas Tröſtliches zu ſagen.„Ich habe Dich jetzt ſo recht lieb, mein guter Rudolf“, ſprach ſie.„Ach, wir wären gewiß recht glücklich geworden, wenn wir uns früher genauer kennen gelernt hätten.“ Der Eintritt des Arztes ſchnitt eine weitere Unter⸗ haltung für jetzt ab. Stade zog ſich zurück. 166 Etwa ein Viertelſtündchen ſpäter ſuchte der Medi⸗ ciner den Paſtor im Nebenzimmer auf und ſprach zu ihm in ernſtem Ton:„Erfüllen Sie die Bitte der Kranken und reichen Sie ihr bald das heilige Abend⸗ mahl, es möchte ſonſt zu ſpät ſein“ „Schon jetzt?“ erzitterte es von den Lippen des Geiſtlichen. „Ihre Kraft iſt zu Ende, noch der geringſte phy⸗ ſiſche Schmerz und der Körper iſt außer Stande, die Seele länger feſtzuhalten“ entgegnete der Doctor mit Beſtimmtheit. Die beiden Männer hielten noch eine längere Unter⸗ vedung miteinander, aus welcher der Arzt erfuhr, welche Intriguen gegen die Kranke geſpielt worden waren. „So iſt ihre ſchnelle Auflöſung erklärlich!“ bemerkte der Mediciner.„Ihr zarter Organismus war nicht dazu geſchaffen, einem ſolchen Seelenleiden zu wider⸗ ſtehen, wie ihr bereitet worden. In Ruhe und Glück hätte ſie ein hohes Alter erreichen können, der ſtill⸗ nagende Kummer hat ſie ſchnell aufgerieben, und die⸗ jenigen, die ihr denſelben bereitet, haben ihren Tod auf dem Gewiſſen.“ Stade hatte ſich jetzt einer heiligen, aber für ihn höchſt ſchmerzlichen Handlung ſeines Lebens zu unter⸗ ziehen, der Verlobten vor ihrem Heimgange die hei⸗ 167 ligen Sacramente zu reichen. Unſchlüſſig, in welcher Weiſe er ſie darauf vorbereiten ſollte, nahte er ihr wieder und traf ſie ebenſo gefaßt, wie er ſie ver⸗ laſſen. „Der Arzt gab ſich viele Mühe, mir unter allerlei Vorwänden bemerklich zu machen, daß es gut ſei, wenn ich mich auf den letzten ſchweren Gang vorbereite“, ſprach ſie lächelnd.„So meinte er, die Krankheit vieler Patienten nehme eine Wendung zur Beſſerung, ſobald ſie das heilige Abendmahl empfangen. Er iſt ein recht guter Menſch, aber zu täuſchen brauchte er mich eigent⸗ lich nicht, ich weiß am beſten, was mir bevorſteht.“ „Und doch, mein gutes Annchen, hat der Doctor nicht Unrecht. Wenn der Geiſt des Menſchen von jeder bangen Sorge befreit und vollſtändig gottergeben iſt, wie ſoll durch die Ruhe, die dadurch ihn beſeelt, nicht auch der Körper frei werden und, weit weniger bedrückt als bisher, mehr Anrecht auf Gewinnung neuer Lebenskräfte geben?“ „Du willſt mir doch nicht etwa auch einreden, ich könne geneſen?“ „Gottes Güte vermag Todte aufzuwecken, wie ſollte ſie nicht vermögen, unſere innigſten Gebete zu erhören?“ „Und Du glaubſt, ich würde wieder geſund werden? Antworte mir einmal recht aufrichtig.“ 168 Stade kam in Verlegenheit und ſchwieg. Anna fuhr fort:„Ich danke Dir, daß Du mich nicht täuſchen magſt. Du weißt alſo, daß ich dem Tode verfallen bin. So ſei denn ſo gut und bereite mich auf den Empfang des heiligen Sacraments vor— ich bin ſehr angegriffen.“ Die Anforderung, welche an den jungen Paſtor geſtellt wurde, war faſt zu groß für das beſte menſch⸗ liche Herz, und doch kam er ihr gewiſſenhaft nach. Dann allerdings, als er lange mit der Verlobten über das Jenſeits geſprochen und endlich mit zitternden Händen ihr das heilige Abendmahl gereicht, fühlte er, daß ſeine Kraft zu Ende ſei. Die Aeltern Anna's glichen Verzweifelnden. Des alten Gärtners Schmerz war zwar ſtumm, aber um ſo heftiger und ergreifender. Frau Liewe ſchien in ein⸗ zelnen Augenblicken dem Wahnſinn verfallen zu wollen; hätte nicht überall Stade leitend und helfend geſtanden, vielleicht wäre ſie zur Selbſtmörderin geworden. So verſtrichen fernere zwei Tage und noch immer flackerte der ſchwache Lebensfunken in der irdiſchen Hülle Anna's fort, obgleich der Arzt ihr Ende ſchon an dem Tage erwartet hatte, an welchem ſie das Abendmahl empfangen. Jedenfalls hielt ſie die Hoff⸗ nung noch ſo lange am Leben, der Geliebte werde kom⸗ 169 men und ſie könne dann noch ſelber von ihm Abſchied nehmen. Doch der Weg von Berlin war zu weit, Julius Sacco konnte unter den bereits erwähnten Umſtänden nicht ſo ſchnell herbeieilen, und der Tod nahte unauf⸗ haltſam dem Lager der jugendlichen Braut. Anna richtete ſich plötzlich empor, ihr Blick ſtarrte einen Moment ängſtlich vor ſich hin, dann wandte ſie ihn auf den Paſtor, der faſt nicht von ihrem Lager gewichen war, und ſprach leiſe, aber ſchnell:„Es geht nicht weiter, und er kommt noch immer nicht! Aber bald iſt er doch hier, dann halte Dein Verſprechen! Er trauert jetzt um mich. O ich möchte noch ſo gern, ſo unausſprechlich gern leben“, hauchte ſie weiter;„s iſt ſo ſchön auf der Erde.“ Ein ſchmerzliches Zucken des Körpers machte ſie verſtummen. Nach kurzer Erholung ergriff ſie krampfhaft die Hand des Paſtors und rief:„Schicke zum Arzt, ich muß noch leben! O Rudolf, kannſt Du Guter mir nicht helfen? Luft, Luft, o ſchaffe mir Luft, ich er⸗ ſticke, und ich will doch noch nicht ſterben. Wo bleibt nur Julius?“ Bis ins innerſte Leben erſchüttert, warf ſich Stade auf die Kniee und begann mit Inbrunſt zu beten, leiſe und ſchmerzvoll; er vermochte ſonſt nichts zu 170 thun, was der Sterbenden Troſt und Hülfe bringen konnte. Mehrere Minuten verſtrichen, dann wandte ſich Anna an die weinenden Aeltern, ſtreckte ihnen die Hände entgegen und flüſterte:„Jetzt, Ihr Guten, lebt wohl! O bitte, trauert nicht ſo tief um mich, bald ſehen wir uns ja wieder. Verzeiht mir alle Schmerzen, die ich Euch bereitet habe.“ Die Gärtnerin warf ſich über das Bett und ſchrie in wilder Verzweiflung: Mein Kind, mein Kind! Ich glaubte Dich glücklich zu machen und habe Dich ge⸗ tödtet. O nimm mich wenigſtens mit Dir! Was ſoll ich noch auf Erden, wenn Du mir fehlſt?“ Anna ſandte der Mutter einen tröſtenden Blick zu. „Du warſt immer gut und liebevoll gegen mich, ich bin Dir tauſend Dank ſchuldig!“ hauchte ſie hin. „Mein Gott, mein Gott, erbarme Dich, nimm das Leben einer alten Frau als Opfer hin für meine Ver⸗ gehen; aber laſſe mein Kind, meine Anna leben“ ſchrie Frau Liewe troſtlos. Anna zuckte aufs neue ſchmerzlich zuſammen, ihr Mund verzog ſich, als wollte auch ſie weinen. „Faſſen Sie ſich“ ermahnte Stade.„Sie erſchweren der theuren Sterbenden das Ende und das iſt nicht recht.“ Die Gärtnerin erhob ſich, kreuzte ihre Hände über der Bruſt und blickte ſtumm auf das Antlitz der Schei⸗ denden. Zwar rannen noch Thränen über ihre Wangen, aber kein Laut entfuhr mehr ihrem Munde, ſie wollte ihrem Kinde ja die letzten Augenblicke nicht trüben. Stade ſtreifte zufällig ihren Blick. Von dieſer Se⸗ kunde an liebte er die Gärtnerin wieder wie früher. Es lag ein Meer von Schmerzen, eine Welt voll Kum⸗ mer in dieſem Blicke ausgeprägt. Der Vater ſprach keine Silbe, auch vermochte er nicht zu weinen; ſein Schmerz äußerte ſich nur in einem häufigen Zucken ſeiner Geſichtsmuskeln und in der Bläſſe ſeines Antlitzes. Noch einmal winkte Anna dem Pfarrer zu, ein freundlicher, liebevoller Blick grüßte ihn, ihre Hand zuckte leicht in der ſeinen, als wolle ſie ihm noch einen ſanften Druck ſpenden, aber die Kraft verließ ſie. Ihre Lippen bewegten ſich, Stade legte ſein Ohr dicht an ihren Mund und lauſchte. „Sage meinem Julius, er ſei mein letzter Gedanke, ſein Name mein letzter Seufzer geweſen!“ flüſterte ſie. „Und Du, vergib mir, ich hätte Dich gern ſo wie ihn geliebt, denn Du biſt der beſte Menſch; aber ich konnte es nicht“ ſetzte ſie leiſe hinzu. 172 Wieder folgte eine lange Pauſe, worauf ſie mit tonloſer Stimme rief:„Betet!“ Dann ſank ihr einſt ſo ſchönes Haupt zurück, eine kurze Spannung der Geſichtsmuskeln zeigte, daß der Tod nach ihrem Herzen griff; mit einem Male ſtreckte ſich der Körper aus, noch ein langer Athemzug, während das Auge wie bittend um ſich blickte, und es ſchloß ſich für die Ewigkeit, ruhig und ſtill floh eine ſchöne Seele in das Jenſeits hinüber. Der Paſtor kniete noch immer an dem Lager, ſeine Lippen bewegten ſich im Gebet, die Hände waren krampfhaft gefaltet; aber keine Thräne trat mehr in ſein Auge, nur das leidende Aeußere zeigte den gräß⸗ lichen Schmerz an, der ſeine Seele bewegte. Als er ſich endlich erhob, drückte er der Verlobten die Augen zu, preßte noch einen Kuß auf ihre erkal⸗ tende Stirn und wankte hinaus, um allein zu ſein, allein mit ſeinem Weh in der männlichen Bruſt. Die Gärtnerin raufte ſich die Haare aus und ſchrie, daß die Wände erdröhnten; kein tröſtlicher Zuſpruch vermochte ſie aufzurichten. Der unglückliche Vater war ganz einer ſtillen Ver⸗ zweiflung hingegeben. Drei Tage ſpäter ertönten am frühen Morgen die ſämmtlichen Glocken der Stadt in trauervollem Klange, und von der Neuſtadt aus wurde von zwölf Jüng⸗ 173 lingen ein mit Kränzen und Blumen ſo reich be⸗ hangener Sarg nach dem Friedhofe getragen, daß man von dem letztern ſelber auch nicht das Mindeſte ſehen konnte.. Eine unüberſehbare Menge von Jungfrauen folgte paarweiſe, voran die Leidtragenden und in deren Mitte der Paſtor Stade. Er war es auch, der die Grabrede hielt. Keiner der Unſtehenden gewahrte dabei eine Thräne in ſeinem Auge, aber ſeine Stimme zitterte mehrmals ſo heftig, daß er einige Sekunden lang ruhen mußte, und kalter Schweiß perlte von ſeiner Stirn. Und als er zum Schluß der Eingeſenkten drei Hände voll Erde nachwarf und dann das dumpfe Gerolle der auf den Sarg hinabfallenden Schollen anzeigte, daß nun die geſchiedene Jungfrau für immer den Augen der Lebenden entrückt ſei und in kalter Gruft, bedeckt von Erde, den langen Schlaf bis zur Auferſtehung be⸗ gonnen, da ſchien die Herrſchaft über ſich ſelber ihr Ende erreicht zu haben, er hielt ſich ein Tuch vor das Geſicht, und die krampfhaften Bewegungen ſeines Körpers zeigten den tiefen Seelenſchmerz an, dem er unterlag. Anna ruhte, bedeckt von Blumen und Kränzen, im Grabe, ihre ſämmtlichen Freundinnen weinten an dem ſchnell aufgeworfenen Hügel. Durch die Damen drängte ſich ein Greis in gebückter Haltung und ſchaute mit ſtarrem 174 Blick auf das Grab, aus ſeinem Auge ſprach die Ver⸗ zweiflung; und als er ſich dann flüchtig wieder abwandte, murmelte Frau Liewe vor ſich hin:„Da flieht der böſe Dämon, der meine guten Vorſätze in Betreff der Lie⸗ benden zuerſt untergrub. Möge ihn die Strafe des Himmels treffen!“ Graf Sacco hörte nichts von dieſem Wunſche; aber jedenfalls wurde er bereits von den Furien der Hölle gepeinigt, ſonſt wäre er wohl ſchwerlich dem Trauerzuge gefolgt. Eine Anzeige an den Grafen Sacco⸗Sonnenhagen von dem Ableben Anna's hatte Stade nicht abgeſandt. Die Jungfrau war eifrig dagegen geweſen; ſſie wollte, daß Julius nicht ſchon in der Heimat die Trauerbot⸗ ſchaft empfangen, ſondern daß Stade ſie ihm auf die ſchonendſte Weiſe mittheilen ſollte. Achtes Kapitel. Nach langen ſtürmiſchen Tagen des beginnenden Herbſtes hatte noch einmal, bevor das weiße Gewand des Winters die Erde bedeckte, die Sonne mit ihren freundlichen Strahlen in wärmender Weiſe die Erde erquickt. Jetzt war ſie am fernen Horizonte verſchwun⸗ den, aber das Wohlthuende ihres Wirkens ließ ſich noch nachempfinden: ein lauer, freundlicher Abend hatte den Tag verdrängt, hell und leuchtend ſtand der Vollmond am blauen Himmelsdom und ein unzähliges Sternen⸗ heer blickte freundlich hernieder. Die Luft war mild wie im Maienmonat, kein eiſiger Oſtwind erinnerte daran, daß die rauhen Tage des Herbſtes da ſeien, ein leiſes Säuſeln in den nur noch zun Theil be⸗ laubten Zweigen der Bäume glich flüſternden Stimmen 176 abgeſchiedener Seelen, und die langen Schatten, die, vom Mondesſtrahl hingeworfen, hier und da auf⸗ tauchten, zeigten dem beobachtenden Blick geſpenſterhafte Geſtalten, die, wenn man länger das Auge darauf ruhen ließ, beweglich und hin und her ſchwebend er⸗ ſchienen. Solch ein Abend iſt dazu geeignet, die Seele zu ernſten und feierlichen Betrachtungen zu ſtimmen und melancholiſche Gefühle in der Bruſt wach zu rufen. Es mochte gegen acht Uhr ſein, die Zeit, in welcher ſonſt Anna Liewe gewöhnlich die Nähſtunde verließ, als durch die Straßen der Stadt S. ein leichter Wagen, gezogen von ſchnellen Roſſen, dahineilte und nach der Neuſtadt einbog. In dem Wagen ſaß ein junger, bleicher Mann und blickte ſo unverwandt vor ſich, als wolle er mit der Kraft des Auges den Raum vor ſich durchfliegen. Er mochte wohl von bangen und doch auch wieder hoffnungsvollen Erwartungen erfüllt ſein, denn ſeine Unruhe nahm von Minute zu Minute zu, und als das Geſpann endlich die Neuſtadt erreicht hatte, griff er unwillkürlich nach dem Herzen, als wolle er dieſes mit Gewalt zur Ruhe bringen. Wer der Reiſende war, brauchen wir wohl nicht erſt zu ſagen. Julius Sacco war am vorigen Tage bei ſeinen —— — 77 Aeltern eingetroffen, hatte von dieſen die Trauerbot⸗ ſchaft entgegengenommen, daß Anna Liewe nach der letzten Mittheilung des Paſtors Stade ſehr krank dar⸗ niederliege, aber auch die Zuſage ihres Segens zu ſeiner Verbindung mit der Geliebten erhalten, falls dieſe ge⸗ neſen ſollte, und war infolge deſſen ohne Aufenthalt mit Kurierpferden weiter gereiſt, um die Geliebte wiederzuſehen, ihr Troſt und neuen Lebensmuth zu bringen, ſie durch ſeine Anweſenheit dem Tode zu ent⸗ reißen. Iſt es zu verwundern, daß hiernach den jungen Mann die Sehnſucht faſt verzehrte und er den Augen⸗ blick nicht erwarten konnte, in welchem er das Liewe'ſche Haus erreichen werde? Zwar kamen ihm auf der Fahrt an dem ſtillen, friedlichen Abende auch Gedanken an den Tod, die Viſion in der letzten Stunde ſeines Aufenthalts in Berlin, das Zerſpringen des Glaſes bei dem Toaſt auf das Wohl der Peliebten machten ihn ſchaudern und erfüllten ihn mit düſtern Ahnungen, aber ſein jugend⸗ licher Muth, aufs neue angefacht durch die Zuſagen ſeiner Aeltern, verdrängte alle böſen Bilder. Er wollte hoffen, hoffen auf ein nahes ungetrübtes Glück. Endlich hatte der Graf ſein Ziel erreicht, der Wagen hielt vor dem Liewe'ſchen Hauſe, Julius ſprang zur Steffens, Standesvorurtheile. IV. 12 178 Erde, reichte dem Poſtillon einige Geldſtücke und ver⸗ ſchwand in dem dunkeln Flur des einſam und wie verlaſſen daliegenden Gebäudes. Einen Augenblick ſpäter ſtand er vor der in Trauer gekleideten Frau Liewe. Der Graf ſtutzte, eine Frage wollte ſich aus ſeinem Munde Bahn brechen, aber die Stimme verſagte ihm den Dienſt; forſchend blickte er um ſich, nirgends ge⸗ wahrte er eine Spur von der Geliebten. Frau Liewe hatte den jungen Mann kaum erblickt, als ſie in lautes, jammervolles Weinen ausbrach und rief;„Sie kommen zu ſpät, ſeit heute Vormittag ruht meine Tochter im Grabe!“ Der Referendar taumelte, keines Wortes mächtig, in den nächſten Seſſel. Lange ſaß er da, das Haupt in die Hand geſtützt und unfähig, ſich aufzurichten. Währenddeſſen erzählte die unglückliche Mutter, oft von lautem Schluchzen unterbrochen und indem ſie ſich ſelbſt anklagte, wie Anna geſtorben und was ſich vorher, ſeit ihrem letzten Begegnen, zugetragen, auch wie der Oheim ſie zu bereden gewußt, die Tochter dem Pfarrer Stade zu verloben. „Wann ſtarb Anna?“ fragte endlich der junge Mann mit vieler Anſtrengung. 179 Frau Liewe nannte den Tag und die Stunde ihres Todes. „Großer Gott!“ flüſterte darauf der Graf vor ſich hin, indem ſein Herz erbebte.„Um dieſelbe Zeit hörte ich meinen Namen von ihr rufen.“ Dieſes Bewußtſein war vielleicht die Hauptveran⸗ laſſung dazu, daß Sacco fortan ein völlig in ſich ge⸗ kehrter Menſch wurde und für keinerlei Geſelligkeit mehr zugänglich war. Noch geraume Zeit, nachdem Frau Liewe ihre Er⸗ zählung beendet, ſaß der Graf da, ſtumm vor ſich niederblickend, bis er endlich, wie aus einem wüſten Traum erwachend, heftig zuſammenſchrak, aufſprang und ohne Gruß hinauswankte. Selbſt vom maßloſen Kummer zu Boden gedrückt, folgte ihm Frau Liewe ſchweigend bis zur Hausthür. Sie ſah, wie er den Weg nach dem Friedhof ein⸗ ſchlug. Ach, jetzt war ſie ſich bewußt, wie ſie mit ihrer kalten Berechnung das Lebensglück zweier guten Men⸗ ſchen zerſtört hatte, ſie hatte eingeſehen, daß Standes⸗ vorurtheile oft bitter beſtraft werden. Der junge Graf wandte ſich wirklich dem nahen Friedhofe zu. Das Haupt zur Erde geſenkt, die Hände über den Rücken gekreuzt, ſchritt er langſam die Anhöhe 15* 180 hinauf, die von der Stadt aus zu erſteigen war, um zu dem Gottesacker zu gelangen. Vor der Wohnung des Todtengräbers blieb er ſtehen und klopfte. Ein alter Mann trat heraus und begrüßte ihn ehrerbietig. „Führen Sie mich gefälligſt an das Grab des Fräuleins Liewe!“ bat Sacco mit pbebender Stimme, indem er dem Todtengräber ein Goldſtück in die Hand gleiten ließ. Herzlich dankend und verwundert geleitete ihn der alte Mann an einen friſch aufgeworfenen Hügel und wandte ſich dann ſchweigend ab. Julius warf ſich auf die Kniee und verbrachte wohl eine Stunde in dieſer Stellung an dem Grabe des Weſens, das er mit der ganzen Macht ſeines jugend⸗ lichen Herzens geliebt hatte und ewig lieben mußte. Was er dabei empfänd, iſt Jedem ein Geheimniß ge⸗ blieben, denn von dieſem Abende an ging er ſchweigſam durch das Leben, nur einem Menſchen einen Blick in ſein Inneres geſtattend, und dieſer hat nie darüber geſprochen. Er bemerkte nicht, wie ein zweiter Mann ihm nahte. Erſt als derſelbe ſeine Schulter berührte und ihn mit leiſer Stimme anredete, hob er das bleiche Haupt empor. 181 „Herr Graf, ich hörte ſo eben in dem Hauſe des Gärtners Liewe, daß Sie gekommen und in dieſer Rich⸗ tung fortgegangen ſeien. Ich ahnte richtig, wo ich Sie finden könne, und bin Ihnen gefolgt, um Ihnen die letzten Grüße der hier ruhenden Seligen zu überbringen“ ſprach der Fremde bewegt. Sacco fuhr empor.„Ich wüßte nicht, daß ich die Ehre hätte, Ihnen bekannt zu ſein“, erwiderte er in demſelben Ton. „Ich bin der Paſtor Stade!“ „Ah richtig! Verzeihen Sie, daß ich Sie nicht gleich wiedererkannte, es iſt dunkel und mein Auge blickt trübe.“ „Der Kummer nimmt Sie völlig in Anſpruch; wie ſollten Sie auch nach dem Verluſt dieſes Engels hier unter uns noch Sinn für andere Dinge haben! Ich kenne die Größe Ihres Schmerzes, denn ich war der tröſtende Freund Ihrer Geliebten, nachdem ſie mir ge⸗ ſtanden, was ſie für Sie empfand!“ antwortete Stade traurig. „Ich weiß Alles durch meine Aeltern und bin Ihnen für das ganze Leben zum heißeſten Dank verpflichtet!“ bemerkte der Graf, indem er dem Paſtor die Hand reichte. Eine längere Unterredung hielt die jungen Männer 182 an dem Grabe feſt, aus welcher dem Grafen das Be⸗ nehmen ſeines Oheims völlig klar wurde. Als ſie beide, von gleichem Weh erfüllt, den Fried⸗ hof verließen, gingen ſie Arm in Arm dahin, kein feindliches Gefühl gegen einander wohnte in ihren Herzen. Der Graf wandte ſich einem Gaſthofe zu und ver⸗ brachte hier die Nacht. Am nächſten Morgen beſuchte er nochmals das Grab ſeiner Anna und trat dann die Rückreiſe in die Heimat an. Hier traf er auch den Oheim, der ſichtlich verändert und von Gewiſſensbiſſen gefoltert ſeine Verzeihung zu erlangen ſtrebte. Ohne ihn eines Blickes zu würdigen, drehte ihm Julius den Rücken zu, laut ſprechend:„Mit dem Mörder eines jugendlichen Lebens und meines Glückes habe ich keine Gemeinſchaft!“ Alle Verſuche der Aeltern, eine Verſöhnung anzu⸗ bahnen, blieben erfolglos. Julius hielt ſich übrigens nur kurze Zeit im älterlichen Hauſe auf und wandte ſich dann wieder der Hauptſtadt zu. Er iſt ein tücheiger Beamter geworden und fungirt noch jetzt als einer der erſten Staatsmänner. Aber ein Lächeln hat ſeine Lippen nie wieder umſpielt und keinem Mädchen iſt es gelungen, ſein Herz zu rühren. ——— ————— 183 Einſam und verlaſſen, mitten im Menſchengewühl, geht er durch das Leben, hoffend, in jenen lichten Höhen ſeine Anna als verklärten Engel wiederzufinden. Der Paſtor Stade bekleidet ſeit lange das Amt eines Conſiſtorialraths, aber auch er iſt unvermählt geblieben und ſucht ſein ganzes Glück in dem Wohl ſeiner Mitmenſchen. Der Oheim des jungen Grafen iſt, von bittern Gewiſſensqualen verzehrt, längſt in die Ewigkeit ge⸗ gangen. Erſt in der Sterbeſtunde erlangte er die Ver⸗ zeihung ſeines Neffen. Die Gärtnerin und ihr Gatte folgten bald der Tochter nach. Das Grab Anna's wird ſorgfältig gepflegt; ein ſchönes Monument, auf dem ihr Name, Geburts⸗ und Todestag prangen und auf deſſen Rückſeite die Inſchrift zu leſen iſt:„Mit Dir ſchwand Glück und Licht!“ zeigt die Stelle an, wo ihre irdiſche Hülle, frei von allen Schmerzen des Lebens und der Liebe, ruht. Jedesmal, wenn der Lenz aufs neue die Blumen auf ihrem Grabe in üppigſter Fülle prangen läßt und die zum Fußende deſſelben gepflanzte Trauerweide grün bekleidet iſt, erſcheinen an einem freundlichen Abend noch jetzt zwei inzwiſchen zu Greiſen gewordene Männer an dem kleinen Hügel, knieen am Rande deſſelben nieder und weilen dort ein Stündchen, ſchmerzlichen Betrachtun⸗ gen hingegeben. Wenn ſie dann wieder auseinander⸗ gehen, rufen ſie ſich zu:„Auf Wiederſehen! Oder ſollte ich bis zum nächſten Mai meine Laufbahn auf Erden beendet haben, dann gedenke auch meiner bei dem nächſten Beſuch an Anna's Grabe!“ Druck von Vär 4 Hermann in Leipzig. H e1i vne