iothe deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Gttmann in Gieſſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und geſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 2 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———..——— auf 1 Monat: Mr.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Wet.— Pf. 3 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zuruckſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen⸗ 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛe.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 5 7. Ausleihezeit. Dieſelbe auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Slandes Porurtheile. Roman von Alfred Steffens⸗ Dritter Band. Leipzig, new hork, Ernſt Julius Günther. L. W. Schmidt. 1870. Erſtes Kapitel. Anna Liewe hatte nicht der Liebe in ihrem Herzen Raum gegeben, weil ihr Anbeter den höchſten Ständen angehörte und von Glanz und Lurus umgeben war; ſie kannte weder Stolz und Ehrgeiz, noch hing ſie an irdiſchen Gütern; ein ſtilles, friedliches Glück, das war es, was ſie für ſich erſehnte. Ohne daß ſie wußte, wie es geſchehen, hatte die Liebe mit ihrer Allgewalt ſie ergriffen; das edle männliche Weſen des Grafen, ſeine Liebenswürdigkeit und die Verzweiflung über ihre anſcheinende Kälte hatten jedes Bedenken bei ihr be⸗ ſiegt und ſie ihm ganz zu eigen gegeben. Was ſie nie gewagt, vor der Mutter ein Geheimniß zu bewahren, ihm zu Liebe konnte ſie es; ja ſelbſt, als ſie mit ihrem zarten Gewiſſen in Kampf gerieth wegen der Steffens, Standesvorurtheile. III. 1 heimlichen Zuſammenkünfte mit ihm und oft bittere Thränen über ihre Wangen rollten aus Reue über den Ungehorſam gegen die Mutter, vermochte ſie dennoch nicht ihn zu laſſen⸗ O, ſie liebte ſo innig und treu, war ſo ganz für das Glück und Wohl des Einzigen beſorgt, dem ſie freudig ihr Leben zum Opfer gebracht hätte, daß ihr erſter und letzter Gedanke ſtets Julius Sacco war, bei all ihrem Thun die Frage in ihr auf⸗ tauchte: Würde er wohl glücklich darüber ſein, wenn er dich jetzt ſähe? Auf eine fühlbare Weiſe wurde ſie aus ihren ſüßen und doch ängſtlichen Erwartungen geriſſen, als ſie in dem Garten angekommen war, um den Geliebten zu finden, und ſtatt deſſen den von ihr gehaßten Baron traf. Doppelt ſchwer fühlte ſie ſich durch deſſen Gegen⸗ wart bedrückt, denn einmal war nun ihr Verhältniß zu dem Grafen verrathen und andererſeits konnte dieſer jeden Augenblick nahen und den frechen Offizier zur Rechenſchaft ziehen. Was ſollte daraus entſtehen? Zwar zitterte ſie auch vor dem wilden Blick des Lieu⸗ tenants, doch das war mehr die Folge der Ueber⸗ raſchung als der Furcht; beſondere Aengſtlichkeit wohnte ihr nicht inne und ſie brauchte dieſe auch nicht zu hegen, denn ein lauter Hülferuf mußte ſofort den Vater herbeiziehen. 3 Indeſſen trachtete ſie jedes Aufſehen zu vermeiden und hoffte auch fortzukommen, bevor Sacco erſchien, den Baron dadurch aus dem Garten zu locken und— ſpäter doch noch ein glückliches Stündchen an der Seite des Geliebten zu verbringen. Das Rauſchen im nahen Gebüſch belehrte ſie, daß der Graf bereits in der Nähe weilte. Jetzt erfaßte ſie Entſetzen, denn bei ſeiner leicht erregten Gemüthsart ließ ſich fürchten, daß er hervor⸗ brechen und ſich auf den Lieutenant ſtürzen werde. Dann war er und ſie verloren! Und dann die abſcheulichen Worte des Barons, die da lauteten, als ſtehe ſie im vertrauteſten Verhältniß zu ihm. Doch ſie ahnte ja nicht den Zweck oder die Wirkung derſelben, glaubte vielmehr, er rede irre, und entfloh. Aber auf eine entſetzliche Weiſe wurde ſie über die Bedeutung aufgeklärt, als ſie den Zettel Saecco's in Händen hielt; nun erſt, zu ſpät, lernte ſie den feigen Schurken in ſeiner ganzen Erbärmlichkeit kennen. Jetzt wußte ſie auch, weshalb der Graf ſich nicht einmal die Mühe genommen hatte, vor den Baron hinzutreten und ihn zu züchtigen: er verachtete ſie, hielt ſie mit dem letztern im Einverſtändniß! Damit ſchwand ihr Glück, ſie fühlte ſich unſaglich elend und wünſchte, daß der Tod ſie von ihrer Her⸗ 4 zensqual erlöſen möge, denn ſich von dem Grafen ver⸗ achtet zu wiſſen, dieſer Gedanke war ihr unerträglich. Verbrachte Sacco eine grauenhafte Nacht, ſo litt ſie jedenfalls nicht weniger. Aber ihr ruhig duldender Sinn hinderte ſie, den herben Schmerzen der Seele einen klagenden Ausdruck zu geben; nur leiſe Thränen entquollen ihrem Auge und zeugten von dem Weh, das ſie darniederdrückte. So verſtrich die lange Nacht, kein erquickender Schlummer hatte ſich auf ſie herniedergeſenkt; und als der junge Tag anbrach, fühlte ſie ſich bis zum Tode erſchöpft. Da, als ſie damit beſchäftigt war, die vor ihren Fenſtern in üppiger Pracht ſtehenden Blumen zu be⸗ gießen, hörte ſie aus der Ferne einen luſtigen Marſch des Huſarenregiments zu ſich herüberſchallen; die Muſik kam näher und näher, ein Zeichen, daß das Militär über die Neuſtadt zum Exerciren ausrückte. Erwartungsvoll ſuchte die junge Dame ein ver⸗ decktes Plätzchen hinter den Gardinen der Fenſter und blickte prüfend die Straße entlang. Jetzt eilten die Trompeter an ihrem Hauſe vorüber, die einzelnen Schwadronen des Regiments folgten in Reih und Glied nach. Aufmerkſam betrachtete ſie jeden Chargirten. Endlich nahte die dritte Schwadron mit dem Ritt⸗ ————— 5 meiſter an der Spitze. Der erſte Zug, geführt von dem Lieutenant von Hohenſtein, ſchwenkte um die Ecke, auch ein zweiter, den ein blutjunger Offizier führte, entſchwand ihren Augen, nun kam der dritte, an deſſen Spitze ſonſt der Graf Sacco nie fehlte. Anna ſah und prüfte; aber den Platz des Geliebten füllte diesmal ein Fähnrich aus, er befand ſich nicht unter den Soldaten. Dieſe Wahrnehmung machte ihren Kummer voll⸗ ſtändig, die ärgſten Befürchtungen drängten ſich ihr auf, dem Grafen war nach ihrer Meinung jedenfalls ein Unglück zugeſtoßen. Nun konnte ſie ihren qualvollen Zuſtand nicht länger verbergen; ſie ſagte der Mutter, der ihre Unruhe nicht entging, daß ſie ſich leidend fühle, und wurde von dieſer bewogen, einen Spaziergang zu unternehmen. In ihrer Angſt um den Geliebten floh ſie zu einer Freundin, deren Aeltern dem Freiwilligen ſchräg gegen⸗ über wohnten. Hier hoffte ſie Auskunft über den letz- tern zu erhalten. Minna Lenz war ein freundliches Kind und hing mit vieler Liebe an der Jugendgeſpielin. Heiter und ſorglos kam ſie ihr entgegen und führte ſie in ihr Zimmer, von wo aus ſie die Straße überſehen konnte. Anna pochte das Herz, als wolle es zerſpringen, Erſ cheinung.“ 6 als ſie gewahrte, daß die Fenſter der Saccoſchen Woh⸗ nung ſämmtlich durch weiße Rouleaux geſchützt waren. Doch ſie mußte ſich bezwingen und zu einer Liſt Zu⸗ flucht nehmen, ſo ſchwer ihr dies auch wurde. „Sieh nur“ ſprach ſie,„da wohnt gewiß ein rechter Langſchläfer, der den Vormittag verträumt.“ Dabei deutete ſie auf die herabgelaſſenen Vorhänge. „Es iſt das Logis des Grafen Sacco, Deines treuen Begleiters beim Schützenfeſt! Du kennſt ihn doch noch? Gewiß hat er wieder einmal geſchwärmt; dieſe Herren machen häufig den Tag zur Nacht und die Nacht zum Tage!“ entgegnete Fräulein Lenz. Anna antwortete nicht, ſie war zu jeder Erwide⸗ rung unfähig. Gleichgültige Dinge wurden nun von den Damen verhandelt. Minna machte der Freundin Vorwürfe, daß ſie in letzter Zeit ſie gar nicht mehr beſucht habe, und Anna ſuchte ſich zu entſchuldigen, indem ſie anführte, daß die Arbeit ihre ganze Zeit in Anſpruch nehme. „Sieh“ rief plötzlich Fräulein Lenz,„da geht eben ein Militärarzt in das Haus; ich beſinne mich, ihn heute ſchon einmal dort in der Thür geſehen zu haben; vielleicht iſt der hübſche Unteroffizier erkrankt; das ſollte mir herzlich leid thun, er iſt eine ſo elegante W W „Du biſt ihm wohl ſehr zugethan?“ fragte Anna, um ihre Befangenheit und das Zittern ihres Körpers zu verbergen. „Nun, ich fühle Intereſſe für ihn, weil er der ſchönſte Soldat der Garniſon und ein liebenswürdiger junger Mann iſt. Sonſt ſteht er mir fern, wie dies ja ſchon ſein Stand mit ſich bringt.“ „Aber er wohnt Dir vis-Mvis, da ſiehſt Du ihn alle Tage.“ „Ebenſo oft wie die meiſten Bewohner von Se; in dieſem kleinen Ort kennt man ja jeden Menſchen und jedes Haus.“ Während die Damen ſich noch ſo unterhielten, wurden ein paar der Rouleaur von dem Diener des Grafen aufgezogen; dieſer ſelbſt trat für einige Minuten mit dem Arzt an das Fenſter. Anna zog ſich ſofort zurück, ließ aber ihr Auge unverwandt auf dem Freiwilligen ruhen. „Mein Gott, wie verſtört der Herr ausſieht!“ rief ſie bewegt. „Wahrhaftig! Der hat gewiß die Nacht tüchtig ge⸗ ſchwärmt; die Offiziere ſollen zuweilen bis an den frühen Morgen trinken und ſpielen!“ Anna hatte genug geſehen; ſie hielt ſich noch ein Viertelftündchen bei der Freundin auf, dann begleitete dieſe ſie bis vor ihre Thür. Was ſie jetzt beginnen ſollte, wußte ſie nicht. Unmöglich konnte ſie den Frei⸗ willigen in dem Glauben laſſen, daß ſie dem Baron zu ſeinem Benehmen gegen ſie Veranlaſſung gegeben habe; ſie wollte Alles, ſelbſt das Schlimmſte lieber er⸗ dulden als die Verachtung des Grafen. Aber wie ſollte und konnte ſie ihn aufklären? Daß er ſie nicht wieder aufſuchen würde, davon hielt ſie ſich feſt über⸗ zeugt, obgleich ſie ſein Leiden nur dem Schmerz über ihren Verluſt zuſchrieb. Sie liebte ja ſelbſt ſo ver⸗ trauensvoll! Die einzige Möglichkeit, ihm ſeinen Irr⸗ thum zu nehmen, war, daß ſie an ihn ſchrieb und ihm entdeckte, wie ſich Herzer gegen ſie benommen habe. Aber wenn ſie dies that, ſo wurde dadurch ſeine und ihre Lage vielleicht noch bedeutend verſchlimmert. Ent⸗ weder Sacco glaubte ihren Verſicherungen unbedingt, und dann trieb ihn ſein verletztes Ehrgefühl zu un⸗ überlegten Schritten gegen den Baron, die verhäng⸗ nißvoll werden mußten, oder er ſah in ſeinem gereizten Gemüthszuſtande ihre Mittheilungen als feine Verſuche an, ihn noch mehr zu täuſchen. Und war er dazu nicht berechtigt? Er hatte vielleicht kein einziges Wort von ihr gehört, welches den Lieutenant zurückwies, da⸗ gegen gewiß recht deutlich vernommen, mit welcher Frechheit der letztere ſie als ſeine Geliebte bezeichnete. — Auch ſchreiben durfte ſie nicht, das war ihr klar; nur mündlich konnte ſie verſuchen, den Grafen völlig auf⸗ zuklären. Mit dieſen Gedanken beſchäftigt floß der Tag an dem jungen Mädchen vorüber; weder zur Nähſtunde ging ſie, noch verrichtete ſie ſonſt eine Arbeit, jede Be⸗ ſchäftigung war ihr zuwider; in ſich gekehrt ſaß ſie da und blickte trübe und theilnahmlos zur Erde. Die Mutter ließ ſie ruhig gewähren; ſie nahm an, daß der Schreck vom verfloſſenen Abend dem Kinde noch immer ein Unbehagen bereite, und wollte ihm Zeit laſſen, in aller Ruhe ſich wieder zu faſſen. Spät am Abend weilte Anna allein auf ihrem Schlafzimmer. Jetzt endlich hatte ſie einen feſten Ent⸗ ſchluß gefaßt, ſie mußte einen Schritt unternehmen, der geeignet war, ihr und dem Grafen die Ruhe und den Frieden wiederzubringen. Ohne lange zu ſäumen, ſetzte ſie ſich hin und ent⸗ warf einen Brief an den Geliebten, in welchem ſie ihm ſagte, daß ein unglückſeliges Mißverſtändniß ſich zwiſchen ihn und ſie geſtellt habe, daß ſie aus ſeinen Zeilen erſehen, wie er ihr zürne und in welcher Weiſe er ſie beſchuldige. Dann fragte ſie, ob es möglich ſei, daß er, der ihr ſeine heiße und innige Liebe geſtanden, der ihr ſein ganzes Vertrauen geſchenkt, ſie ſo bald darauf des ſchwärzeſten Vergehens fähig halte.„Meine Liebe, die Du mir in das Herz gepflanzt haſt“, fuhr ſie fort, „wird nur mit meinem Leben enden; aber dies Leben iſt öde und freudenleer ohne Dich, und wie bald wird es beendet ſein, wenn ich Dich nicht mehr als mein höchſtes und einziges Gut betrachten kann. Früher fühlte ich mich immer ſo froh und glücklich wie der Vogel in der Luft, und ich hätte Schwingen haben mögen, um das ganze Weltall zu durchfliegen; ſeit ich Dich kenne und liebe, erfüllt mich ewig ein Sehnen, nur dann bin ich o ſo namenlos beſeligt, wenn ich in Deiner Nähe ſein darf; nur auf Dich iſt all mein Sinnen gerichtet; und Du kannſt glauben, ich würde auch nur für einen Augenblick vergeſſen, daß ich Dir gehöre, daß ich ſelbſt nicht mehr über mich zu gebieten habe, ſondern Dir von meinem Thun Rechenſchaft ſchuldig bin? O wie klein iſt Dein Vertrauen! Wenn man mir ſagte, Du betrögeſt mich, ich würde es nicht glauben, ſondern zu Dir eilen und Dir lächelnd er⸗ zählen, wie böſe die Menſchen ſeien, daß ſie mir mein Vertrauen rauben wollten. Aber nein, auch Du biſt gut und denkſt nicht, daß ich Dich verletzen könnte, nur ein momentaner Grimm gegen den Elenden, der uns unſer Glück entreißen will, machte Dich ungerecht. Ich weiß, Du biſt leidend— 9 wie entſtellt Du gusſiehſt! — — 11 Ich habe Dich früh am Fenſter geſehen, als mich die Angſt um Dich in Deine Nähe trieb. O mein Julius, Du brauchſt Dich nicht zu härmen, ein treueres Herz wie das meine exiſtirt nicht. Aber ich kann Dir nur münd⸗ lich erzählen, indem ich Dich gleichzeitig durch meine Liebkoſungen beruhige, wie ſchändlich Du getäuſcht wor⸗ den. Komm wieder in die Laube, jetzt ſtört uns Niemand mehr, denn der Böſe wohnt nicht mehr bei uns. Dort ſollſt Du Alles erfahren, und willſt Du Dich dann noch von mir wenden, ſo thue es und keine Anklage ſoll Dich treffen. Ich ſtehe dann wenigſtens gerecht⸗ fertigt vor Dir da und kann mein trauervolles Daſein ohne Vorwurf beſchließen.“ Das war der weſentliche Inhalt des Briefes. Anna hatte ihn in größter Eile beendet und ließ ſich nicht die Zeit, ihn nochmals zu durchleſen, aus Furcht, ſie könne noch über das Abſenden wankelmüthig werden. Schnell couvertirte ſie ihn, ſchrieb die Adreſſe und verwahrte ihn an einem ſichern Ort. Eine beſeligende Ruhe überkam ſie, als ſie nun den Schlummer ſuchte; ſie zweifelte nicht, daß Sacco ſofort nach dem Empfang ihrer Zeilen einſehen müſſe, daß er ſie ohne Grund in Verdacht gehabt, und am nächſten Abend pünktlich im Garten erſcheinen werde. Schon in aller Frühe war ſie am folgenden Morgen 12 darauf bedacht, das Billet ohne Aufſehen nach der Poſt zu befördern, denn eine directe Beſorgung ſchien ihr unmöglich. Da ſie ſich keinem Menſchen anvertrauen durfte, ſo blieb ihr nichts Anderes übrig, als ſelbſt nach der Poſt zu wandern. Aber auch dazu bedurfte ſie eines Vorwandes, denn am Vormittage verließ ſie nur ſelten ohne einen gewichtigen Grund das Haus. Wieder mußte ſie, ſo verhaßt ihr auch jede Un⸗ wahrheit war, zu einer Täuſchung ihre Zuflucht neh⸗ men. Sich noch immer unpäßlich ſtellend, erklärte ſie, daß ein Spaziergang ihr wahrſcheinlich wohlthun werde, und erhielt von der Mutter abermals die Erlaubniß, ſich im Freien für ein Stündchen zu ergehen. Unter Zittern und Zagen richtete ſie ihre Beſor⸗ gung aus, promenirte ein wenig zwiſchen den Gärten der Vorſtädte umher und wandte ſich endlich nach dem Hauſe ihrer Aeltern zurück. Was inzwiſchen ſich dort zugetragen, iſt uns bekannt. Als Anna den beiden Sacco begegnete, errieth ſie ſo⸗ 5 fort, wer der ihr noch unbekannte Herr ſei, ei verkennbare Aehnlichkeit mit dem Geliebten beſtätigte ihre Ahnung. Neue Befürchtungen beſchlichen ihr Herz. Die Grafen hatten zwar freundlich gegrüßt, ein Zeichen, daß auch der Vater des Freiwilligen bereits auf ſie auf⸗ merkſam gemacht worden war und ſie nicht haßte; aber ne un⸗ 13 dennoch meinte ſie, wenn er mit der Wahl ſeines Sohnes einverſtanden ſei, hätte er oder der Oheim wohl Ge⸗ legenheit genommen, ſie anzureden. In der größten Aufregung langte ſie bei der Mutter an und fand dieſe damit beſchäftigt, Gartenerzeugniſſe für den Markt zu ſortiren. Keine Spur von der erſt vor kurzem beendeten unangenehmen Scene war mehr an ihr wahrzunehmen, ſie erſchien ruhig und ſelbſtbewußt wie immer. „Du haſt Beſuch gehabt, liebe Mutter!“ redete Anna ſie an, indem ſie ihre eigene Befangenheit möglichſt zu verbergen ſtrebte. „Woraus ſchließeſt Du das?“ fragte dagegen Frau Liewe, während ſie ihren Blick prüfend auf die Tochter richtete. „Ich ſah den Grafen von hier kommen, der ſchon einmal Dich beſuchte; in ſeiner Geſellſchaft befand ſich ein anderer Herr, den ich für den Vater des Freiwil⸗ ligen halten möchte, da er ihm ſehr ähnlich ſieht!“ „Du haſt Recht, Vater und Oheim waren bei mir!“ „Und darf ich wiſſen, was ihr Beſuch bezweckte?“ „Nichts Erfreuliches für Dich, mein Kind; es iſt Alles gekommen, wie ich Dir prophezeite.“ Anna erbleichte, ſie war unfähig, eine Erwiderung zu geben. 14 Frau Liewe mochte Mitleid mit dem Zuſtand ihrer Tochter empfinden, ſie fuhr in freundlicherer Weiſe, wie ihr ſonſt eigen war, fort:„Tröſte Dich, mein Kind! Dieſe Herren ſind einmal nichts werth, ſie glauben, wir wären lediglich dazu da, ihre Sklaven zu ſein. Wohl ſind ſie freundlich und herablaſſend gegen uns, ſo⸗ lange wir uns demüthig in ihren Willen fügen, ſobald wir aber zeigen, daß wir dieſelben Menſchenrechte bean⸗ ſpruchen wie ſie, geben ſie ihre wahre Anſicht kund.“ „O Mutter, der junge Graf iſt gut und edel, er kennt kein Standesvorurtheil!“ Dieſe Behauptung brachte die Gärtnerin in Har⸗ niſch.„Der iſt grade der ärgſte Halunke!“ rief ſie. „Nur zu bethören gedachte er Dich; und da ich ihm die Gelegenheit hierzu genommen, ſpricht er verächtlich von Dir. Sein Vater erſcheint mir freundlich und einſichts⸗ voll; ich glaube beinahe, daß er dem Schändlichen ſeine Einwilligung zur Verbindung mit Dir nicht vorent⸗ halten hätte, wenn dieſer ernſtlich im Willen gehabt, Dich zu heirathen.“ „Aber, liebe Mutter, der junge Graf befindet ſich über mich im Irrthum er denkt, Herzer beſitze meine Liebe!“ „Woher weißt Du das?“ Anna kam in Verlegenheit. Stotternd erwiderte ſie:„Du hätteſt nur hören ſollen, was der Baron 15 Alles zu mir ſagte; jedenfalls hat er den Grafen irre geführt.“ „Dummes Zeug! Ein miſerabler Liebhaber, de ſich von ſolchem Wicht bereden läßt! Aber das iſt auch nicht wahr; dem jungen Herrn fällt es nicht ein, Dich ernſtlich zu lieben!“ Anna konnte hiergegen nichts erwidern, wenn ſie die Mutter nicht aufs höchſte erzürnen wollte, und das durfte ſie ihres eigenen Heils wegen nicht. Schwei⸗ gend hing ſie das Köpfchen, indem allerlei Gedanken ſie beſtürmten. „Es bleibt Dir jetzt weiter nichts übrig, als den Burſchen zu vergeſſen, der Deiner ſo unwürdig iſt! Ich weiß, dies wird Dir ſchwer genug werden, aber das Bewußtſein, daß er die Liebe eines redlichen Mäd⸗ chens nicht verdient, muß Dich tröſten und aufrecht halten“ fuhr die Mutter fort. „Du ſagteſt, der junge Graf habe verächtlich von mir geſprochen?“ fragte Anna, der dieſe Behauptung, trotzdem daß ſie wußte, was ihren Geliebten bewog, unvortheilhaft über ſie zu denken, wehe that. „Sein eigener Vater ſagte mir, er habe erklärt, daß er Dich jetzt verachte, obgleich er Dich bisher über Alles geliebt!“ „Mein Gott, mein Gott!“ ſchluchzte die junge Dame. 16 „Warum weinſt Du? Verdienſt Du dies vnn ihm?“ rief Frau Liewe, indem ſie die Tochter ins Auge faßte. „Nein, wenn ich mich ſchuldig wüßte, wollte ich ruhig dulden“ hauchte Anna leiſe hin. „So ſei guten Muths, die Zeit wird Deinen Kummer lindern! Hätteſt Du meinen Rathſchlägen Gehör gegeben, ſo wäre Dir Dein jetziges Leid erſpart geblieben. Du haſt gegen meinen Willen Gefühle in Deinem Herzen genährt, die Deinen Frieden untergraben mußten, des⸗ halb kommt nun die Strafe. Aber glaube mir, es be⸗ lohnt ſich jedes Unrecht in der WVelt, der Graf wird ungleich ſchlimmer büßen müſſen als Du.“ „O möchte er recht glücklich ſein!“ „Du biſt ein ſonderbares Kind, küſſeſt die Ruthe, die Dich ſchlägt. Doch wie Du willſt!“ „Ich darf den Grafen nicht anklagen.“ „Weil Du ein thörichtes Mädchen biſt. Thue übri⸗ gens, wie Du willſt, ich kann Dir in Betreff Deiner Empfindungen keine Vorſchriften machen; was ich in⸗ deſſen von Dir verlange, iſt: Dich wie ſonſt zu beſchäf⸗ tigen und in Allem Deinen alten Gewohnheiten nach⸗ zuleben, auch nie den Grafen zu erwähnen; ſo wirſt Du am erſten Dein gegenwärtiges Leid verwinden.“ Anna erwiderte nichts. Wenn ſie auch recht traurig darüber war, daß Julius ſo böſe hatte über ſie urtheilen 17 und im erſten Zorn gleich jede Brücke zwiſchen ſich und ihr abbrechen können, daß er gegen den eigenen Vater ſie angeklagt hatte, ſo war doch nicht jede Hoffnung in ihr erſtorben, er werde ſeine Uebereilung einſehen, ſobald er ihren Brief geleſen, und reuig zu ihr eilen. Sie wollte ihm dann Alles, Alles mittheilen. Dadurch glaubte ſie ihm für immer jeden Zweifel an ihre Treue zu nehmen, und wenn er eingeſehen, wie grundlos er ſie ver⸗ dächtigt, dann mußte er ſeinen Vater, der nach dem Aus⸗ ſpruch ihrer Mutter ja gar nicht gegen ſie eingenommen war, leicht bewegen, ſie als Tochter anzuerkennen. Sein Vater! Er hatte ſie ſo freundlich angeblickt, ſein Auge war wohlwollend und voll Herzlichkeit auf ihrem Antlitz ruhen geblieben, bis er ſie voll Achtung gegrüßt hatte. Das war kein Zeichen von Haß.. Unter ſolchen Erwartungen, Wünſchen und Schlüſſen floh auch dieſer Tag, einer der längſten im Leben der Jungfrau, in das Reich der Vergangenheit dahin; der Abend kam und mit ihm die Zeit, in welcher Anna die Nähſtunde verließ und dem älterlichen Hauſe zu⸗ eilte. Schneller denn je machte ſie ſich auf den Weg; ſie hatte ja die größte Eile, denn vielleicht wartete in der Laube der Geliebte auf ſie. Zu ihrem nicht geringen Mißbehagen begegneten ihr vor dem Thor einige befreundete Damen, die ſie Steffens, Standesvorurtheile. II. 2 trotz der zunehmenden Dunkelheit erkannten und ihr zumutheten, ſie nach der Stadt zurückzubegleiten. Anna entſchuldigte ſich damit, daß ſie keinen Augen⸗ blick Zeit habe, ſondern zu Hauſe von der Mutter er⸗ wartet werde. „Nur ein Stückchen komme mit“, bat Minna Lenz, „ich erzähle Dir auch etwas recht Intereſſantes.“ „Leider iſt es mir nicht möglich umzukehren“ führte Anna beharrlich an. „Du biſt ein rechter Eigenſinn!“ ſprach dagegen Minna.„Nun höre“ ſetzte ſie flüſternd hinzu:„Unſer Graf von geſtern früh iſt wieder geneſen und heute gegen Abend mit einem alten Herrn abgereift.“ „Abgereiſt“, ſagte Anna tonlos. „Nun ja, oder verreiſt! Wollteſt Du ihn hier be⸗ halten?“ „Ich denke, als Soldat kann er nicht jeden Augen⸗ blick frei über ſeine Zeit verfügen.“ „Das weiß ich nicht, aber ich glaube, er als Graf wird wohl thun können, was er will.“ „Das möchte ich doch bezweifeln!“ „Nun, jedenfalls iſt er fort und wahrſcheinlich auf längere Zeit, denn ſein Diener brachte einen großen Koffer auf den Wagen.“ „Gute Nacht, ich muß gehen!“ rief Anna, indem 10 ſie ſich ſchnell abwandte. Es zog ſie jetzt nicht mehr ſo allgewaltig nach Hauſe, denn es war ihr ja nun bekannt, daß der Graf nicht in der Laube ihrer harren konnte; aber ſie vermochte auch nicht länger in der Nähe der lebensfrohen und übermüthigen Jugendgeſpie⸗ linnen zu bleiben, die Luſt und Freude ſuchten und keine Ahnung davon hatten, welch verzehrendes Weh in ihrem Buſen nagte und ſie mit unſaglichen Qualen erfüllte. Allein wollte ſie ſein, um ungeſtört ihrem Gram nachhängen und überdenken zu können, wie ſich fortan ihr Leben geſtalten werde, warum Sacco ab⸗ gereiſt war, trotzdem er ihren Brief erhalten hatte; denn daß dieſer pünktlich befördert worden, daran durfte ſie nicht zweifeln.* „Er hat dich aufgegeben!“ rief ſie ſich zu.„Er will ſich nicht überzeugen laſſen, daß ich ſchuldlos bin und ohne Grund von ihm angeklagt werde. O wie grauſam und mitleidslos die Männer ſind! Sein Wille geſchehe, ich muß mich fügen.“ Dabei war ihr Herz zum Brechen ſchwer und ihre Augen ſtanden voll Thränen. Sie hatte geliebt mit der ganzen Kraft eines ſchuld⸗ loſen jugendlichen Herzens; dieſe Liebe ſollte ſie aus ihrer Bruſt reißen, der Gegenſtand ihrer Verehrung gab ſelbſt die Veranlaſſung dazu— das konnte ſie nicht verwinden. 2* Anna gehörte nicht zu jener Klaſſe von Damen, die mit ihrer Neigung wie mit der Mode zu wech⸗ ſeln vermögen; was ihre Seele einmal ergriffen, das hielt ſie feſt für die Ewigkeit. Graf Sacco hatte ihr vollſtes Vertrauen zu erringen gewußt, ihr Herz ſchlug ihm mit allen Faſern des Lebens entgegen, da war kein Vergeſſen möglich. Wohl vermochte ſie, wenn es gefordert wurde, ihm zu entſagen, aber dann war auch ihr Daſein vergiftet, und gleich einer Blume, die vom vernichtenden Nachtthau berührt iſt und langſam dahinwelkt, ohne daß Jemand die Urſache ihres Ab⸗ ſterbens ergründet, mußte ſie früh ihr junges Leben vertrauern. Obgleich überzeugt, daß jedes Bemühen vergeblich ſei, begab ſich Anna doch noch in den Garten und ſetzte ſich hier in die mehrfach erwähnte Laube, auf das kleinſte Geräuſch lauſchend. Es erſchien ihr noch möglich, daß Sacco den Vater nur eine Strecke begleitet habe und rechtzeitig umgekehrt ſei. Sie konnte es ja nicht faſſen, daß er ihren Worten nicht mehr den geringſten Glauben beimeſſe und die zärtlichſten Bitten ganz unbeachtet laſſen könne. Wie ängſtlich ſie wartete und wie oft ſie erzitterte, wenn der Wind das Laub in den nahen Bäumen etwas ſtärker bewegte! Dann hörte ſie im Geiſte ſeine nahenden 21 Schritte, ſie breitete die Arme nach ihm aus und trat aus dem Dunkel hervor. Aber jedesmal mußte ſie ent⸗ täuſcht zurückkehren. O, ſo ein Warten zwiſchen Fürchten und Hoffen, es iſt ein gräßlicher Zuſtand, der für den ſtärkſten Mann unerträglich zu werden vermag, wie viel mehr für eine zarte Jungfrau! Und doch harrte Anna aus, bis ihr die geſunde Vernunft ſagte, daß Alles vorbei ſei und ſie ſich in ihr Schickſal ergeben müſſe. Da zuckte ſie zuſammen, ein banger, ſchwerer Seufzer entfloh ihrem Munde, aber keine Thräne benetzte mehr ihr Auge, das trübe und melancholiſch um ſich blickte. Langſam und gebeugt ſuchte ſie ihr friedliches Zimmer auf, keine fernere Klage kam über ihre Lippen, ſie hatte mit der Vergangenheit abgeſchloſſen, reſignirt ſchaute ſie vor ſich. Zweites Kapitel. Wenn der Friede und die Freuden des Lebens aus dem Herzen des Menſchen gewichen ſind, wenn an die Stelle der frohen Erwartungen und beſeligenden Zu⸗ verſicht für künftige Tage die Gleichgültigkeit gegen alle beſſere Stunden des Daſeins getreten iſt, dann glaubt er allein dazuſtehen in der ganzen weiten Welt, er fühlt ſich einſam und verlaſſen mitten im Gewühl der Menge Luſtſuchender. Was er hört und ſieht, paßt nicht für ſeine Stimmung, es fehlt ringsumher das rechte Verſtändniß für ſein Leid, die völlig hin⸗ gebende Theilnahme an ſeinem Zuſtande. Nur Wenige ſind in ſolchen Lagen ſtark genug, den Schmerz in der Bruſt zu verbergen und mit Bekämpfung der eigenen Empfindungen dem Intereſſe Anderer zu folgen. 23 Der junge Graf Sacco war eine dieſer kräftigen ſaturen. Er fühlte gewiß ſo tief und innig wie we⸗ nige ſeiner Nebenmenſchen, aber er liebte es nicht, einen Kummer allgemein zur Schau zu tragen; im Leiden genügte er ſich ſelber, und brachten ihn die Forderungen der menſchlichen Gemeinſchaft in die Nähe zufriedener und glücklicher Weſen, dann verſtand er es meiſterhaft, Herr über ſich ſelber zu werden und Nie⸗ mand zu zeigen, wie ganz andere Anſchauungen ihn beſeelten als ſie. Sein richtiger Takt zeigte ihm, daß nichts leichter anſteckt und Unbehagen bereitet als ein vom Trübſinn befangener Gefährte. Freilich, als der Vater und der Oheim ihm ſo unerwartet genaht waren, da hatte er nicht gleich den ſorgloſen und lebensfrohen Ton anſchlagen können; das Weh, welches ſein ganzes ferneres Leben zu ver⸗ giften möglicherweiſe im Stande war, hatte ihn ja eben erſt ergriffen, er glaubte ja, daß an ſeinen heilig⸗ ſten und innigſten Gefühlen gefrevelt ſei, ein ruchloſes Spiel mit ſeinem Vertrauen und der heißeſten Liebe getrieben worden und zwar von einem Weſen, das er als den Inbegriff aller Tugend und Güte verehrt hatte. Dazu wußte er ſeine Ehre angegriffen durch den von ihm verachteten Baron, der ihm jetzt als glücklicher Nebenbuhler doppelt haſſenswerth erſchien⸗ ———— Er ſagte ſich, daß das zwiſchen ihnen obwaltende Miß⸗ verhältniß nur durch einen Kampf auf Leben und Tod ausgeglichen werden dürfe, und ſein Sinn war faſt beſtändig darauf gerichtet, wie er eine andere als die wirkliche Urſache finden könne, ihn zur Rechenſchaft zu ziehen. Aber bei alledem wohnte ihm die Geiſtesſtärke inne, in kurzem Entſchlüſſe zu faſſen, die ſeine Stellung in ſocialer Beziehung von den Bedürfniſſen des Herzens vollſtändig ſonderte und ihn befähigte, wieder unter den Menſchen als der Unbefangenſte zu erſcheinen, während in der Bruſt die Wogen unſaglich bitterer Kämpfe und Gefühle weiter tobten. Mit ſeinen Betrachtungen und Vorſätzen noch nicht recht zum Abſchluß gekommen, erhielt er den Brief Anna's. O hätte ſie dieſen gar nicht abgeſandt, er wäre vielleicht eher geneigt geweſen, Gründe für ihre Unſchuld aufzuſuchen und nach vollkommener Ueber⸗ zeugung zu trachten, denn ſein Herz ſchlug ja noch immer für ſie, wenn der Verſtand ihm auch tauſendmal ſagte, daß ſie der Liebe eines rechtſchaffenen Mannes ſich unwürdig gezeigt habe. Doch jetzt, als er die zärtlichen Zeilen geleſen, tauchte die Erinnerung an jene ſchreckliche Scene im Liewe'ſchen Garten von neuem in ſeiner Seele auf, er hörte wieder den Kuß ſchallen, 25 vernahm die füßen Worte des Barons, und ein ver⸗ nichtender Ingrimm bemächtigte ſich ſeiner. Dieſes Mädchen, das ihn ſo entſetzlich getäuſcht und gar nicht beſtritt, diejenige geweſen zu ſein, zu der Herzer geſprochen hatte, wagte dennoch zu glauben, er werde ſchwach genug ſein, ſich von ihr aufs neue bethören zu laſſen. Was konnte, was wollte ſie zu ihrer Recht⸗ fertigung anführen? Hatte ſie etwa im Sinn, ſich mit einer augenblicklichen Schwäche und Verirrung zu ent⸗ ſchuldigen, oder wollte ſie überhaupt beſtreiten, von dem Baron geliebkoſt worden zu ſein? Eins von Beidem war nach ſeiner Meinung nur möglich und die eine wie die andere Ausflucht war ihm gleich lächerlich und verächtlich. Und ſie erklärte ſich ſchriftlich nicht weiter über die Art, wie ſie ſich von jedem Verdacht reinigen könne. Die Schlaue, ſie wußte recht gut, daß briefliche Mit⸗ theilungen ihn nicht überzeugen, ſondern kalt laſſen würden; deshalb hüllte ſie die ganze Scene in ein Geheimniß und ſuchte ihn erſt wieder in ihre Nähe zu locken. War er wieder unter ihrem perſönlichen Ein⸗ fluß, dann durfte ſie ihren Verſtellungskünſten vertrauen und konnte mit ziemlicher Beſtimmtheit darauf rechnen, ihn von neuem zu fangen. Wer konnte aber wiſſen, welchen Hinterhalt ſie ihm wohl gar bereitet hatte, wenn er ihr trotz aller Bemühungen Verachtung zeigte? Sie war vielleicht ſogar das willenloſe Werkzeug des Barons, der darauf ausging, ihn zu compromittiren. Derartige Gedanken durchflogen den Kopf des jun⸗ gen Grafen; die ſchandvollen Ränke des Barons hatten ſein Vertrauen zu dem lieblichen Mädchen, das er ſo innig geliebt, vollſtändig untergraben. „Ich wäre bei all ihrer Schlechtigkeit nicht fähig, ſie brutal von mir zu weiſen, ich kann ſie nicht ver⸗ nichten! Deshalb fort von hier, bis ſie eingeſehen, daß ich für ſie verloren bin!“ rief er ſich zu, und die Ein⸗ willigung erfolgte, ſeinen Vater zu begleiten. Als Julius aus der Nähe ſeines Oheims geſchieden war, fühlte er ſich um ein Bedeutendes freier. Er hatte in den Blicken dieſes Verwandten nichts als kalte Berechnung und den Wunſch geleſen, ihn ſeinen Plänen günſtig zu ſtimmen, und Julius haßte nichts mehr als das nüchterne Urtheil des Verſtandes, wo das Herz ſo ſtark betheiligt war. Der alte Graf vermied es, auf die Herzensan⸗ gelegenheiten des Sohnes zurückzukommen, überhaupt regierte ihn bei all ſeinem Handeln ein ſtarkes Ehr⸗ gefühl und die vollſte Rückſicht gegen andere Menſchen. Julius mochte wohl empfinden, daß er dem Vater noch eine Erklärung ſchuldig ſei, deshalb begann er, 27 als er an ſeiner Seite im bequemen Kutſchwagen dahin⸗ fuhr:„Mein guter Vater, was ich Dir bisher ver⸗ ſchwieg, muß ich Dir jetzt, da wir von Niemand belauſcht ſind, mittheilen.“ Und nun erzählte er die Art ſeines Bekanntwerdens mit Anna, wie ſie ſich verſtändigt und was für Hinderniſſe ihnen von ſeiten ihrer Mutter in den Weg gelegt worden, kurz, er ge⸗ ſtand ihm jedes Begegnen, jede Unterredung mit ihr bis zu dem Augenblick, in welchem er ſie in der Nähe des Barons belauſcht hatte. Auch die Verſuche des letztern, ihn der Geliebten fern zu halten, deutete er an, nur das verſchwieg er, was er als Geheimniß zu bewahren verſprochen hatte. Aufmerkſam hörte der alte Mann dieſe Erzählung an. Als Julius geendet, ſprach er in freundlichem, aber ernſtem Tone:„Von Deiner Liebe zu der jungen Dame ward mir ſchon durch Deinen Oheim Mittheilung gemacht, auch bezeichnete er das Fräulein als eine zweideutige Perſon, indem er den Baron von Herzer als ihren Liebhaber ausgab. Ich freue mich, mein Sohn, daß Du von Deiner Leidenſchaft geheilt biſt, und hoffe, Du wirſt nun um ſo williger auf die Wünſche Deiner Aeltern eingehen, die für Dich eine Lebensgefährtin beſtimmt haben, welche in jeder Beziehung Dir eben⸗ bürtig iſt. Du weißt, ich hänge viel zu ſehr an Dir, 28 als daß ich mich Dir hätte für die Dauer ernſtlich entgegenſtellen können, wenn Du eine eigene Wahl getroffen, die wir gut heißen durften. An Standes⸗ vorurtheilen halte ich nicht feſt, wenn ich auch gewiß ſehr betrübt geweſen wäre über die Zuführung einer Tochter ohne jegliche Stellung in der Welt. Solche Befürchtungen ſind nun nicht mehr nöthig. Aber ſoll ich Dir meine wahre Meinung ausſprechen, ſo kann ich nur ſagen, daß ich das Fräulein Liewe für ein braves Mädchen halte und ihre Mutter für eine ſehr ehren⸗ werthe bürgerliche Frau.“ Ohne auf den erſten Theil der Rede ſeines Vaters einzugehen, rief Julius haſtig:„Du kennſt ſie?“ „Es iſt am beſten, daß vollſtändige Offenheit zwi⸗ ſchen uns vorwaltet, und ſo geſtehe ich Dir denn, daß mich mein Bruder in das Haus des Gärtners führte.“ „Ha, er war meinen Wünſchen entgegen?“ „Er fürchtete eine Mesalliance und Du biſt jetzt ſeiner Meinung in Betreff Deiner bisherigen Ge⸗ liebten.“ „Aber er hatte nicht mein Wohl im Auge, nur ſein maßloſer Stolz und ſein Standesvorurtheil leiteten ihn, er hätte mir auch meine Liebe zu verleiden ge⸗ trachtet, wenn er gewußt, daß Anna mein ganzes Erden⸗ glück in ſich ſchlöſſe.“ 29 „Das gebe ich zu, er kannte meinen Willen!“ „Du ſagſt, die Familie erſchiene Dir ehrenwerth, der Oheim intriguirt gern, er ſteht mit dem Baron von Herzer im intimen Verkehr, vielleicht iſt ein Buben⸗ ſtück verübt, das—“ „Halt, ſprich mit mehr Achtung von meinem Bruder! Ich weiß, daß er dem Baron nicht mehr ſo gewogen iſt wie früher“ fiel der alte Graf dem Sohne verweiſend in die Rede. Julius ſchwieg, aber er konnte den einmal in ihm erwachten Verdacht nicht gleich wieder beſeitigen. Herzer und der Oheim— dieſen beiden Menſchen traute er nicht viel Gutes zu, und ſie waren eng befreundet geweſen; nur daraus, daß ſie ſich gegenſeitig Mittheilungen ge⸗ macht hatten, war es erklärlich, wie ſie ſo genaue Kenntniß über manches ſeiner Verhältniſſe erhalten. Jetzt begann er ſchon den Brief der Geliebten von einer viel günſtigern Seite zu betrachten und es ge⸗ reute ihn, ſo ſchnell abgereiſt zu ſein; am liebſten wäre er auf der Stelle umgekehrt, doch das durfte er nicht. Bevor die Herren indeſſen in Sonnenhagen an⸗ langten, war das gute Einvernehmen zwiſchen ihnen längſt wiederhergeſtellt. Der alte Graf wußte die Stimmung des Sohnes zu wohl zu würdigen, als 30 daß er ihn mit Heirathsprojecten hätte quälen mögen. Er überließ ihn gern ſeinen eigenen Betrachtungen, weil er hoffte, daß er ſich allein am beſten wieder zurechtfinden werde. Und mit welcher Liebe wurden ſie nun auf dem Schloſſe empfangen! Die Mutter des Freiwilligen kannte kein höheres Glück als das Wohl ihres Sohnes, ihn froh und zufrieden zu ſehen, war ja ihr größter und einziger Wunſch. Julius hatte inzwiſchen Entſchlüſſe gefaßt, die ihm einen Theil ſeines Kummers abnahmen; er war nicht mehr ſo ganz verzagt wie bei ſeiner Abfahrt von S. Die Mittheilungen ſeines Vaters hatten die in allen Leiden aufrechthaltende Hoffnung auch in ihm wieder angeregt, und ſobald er einen neuen Schimmer von Glauben an die Liebe und den edlen Charakter Anna's hegen durfte, wuchs auch ſeine Thatkraft ſchnell zur alten Stärke an. Wie war der junge Graf jetzt in der Geſellſchaft ſeiner Aeltern ein ganz Anderer als draußen im bunten, vielbewegten Leben. Obgleich für ein wüſtes und aus⸗ ſchweifendes Treiben nie empfänglich geweſen, ſtellten die Anforderungen, welche in ſeinem Garniſonsorte häufig an ihn gemacht wurden, doch manchmal ſeinen feſten Willen, ſich ſtets in den Schranken eines ſoliden Men⸗ 31 ſchen zu halten, auf eine harte Probe. Wie oft gab es da Gelage, an denen er Theil nehmen mußte und bei welchen nur zu leicht vergeſſen werden konnte, daß Ordnung und Geſittung ſchwinden, wenn im wilden Sinnesgenuſſe die Leidenſchaft die Oberhand erhält. Unverdorben an Leib und Seele war auch diesmal der junge Mann in das Aelternhaus zurückgekehrt, das zeigte ſich recht gründlich in ſeinem Verkehr während des Aufenthalts auf dem Stammſchloſſe ſeiner Ahnen. Wohl mochten die ſteten Gedanken an die zurückge⸗ laſſene Geliebte, über die er noch immer nicht ganz mit ſich einig war und die dennoch fortwährend ſeinen Geiſt beſchäftigte, mit dazu beitragen, daß er überaus häuslich und anſpruchslos erſchien, aber er hatte ja den ſtillen Frieden ſtets am meiſten geliebt, ein gere⸗ geltes Leben, ausgefüllt durch Thätigkeit und einen gemüthlichen Verkehr mit geiſtreichen Menſchen, war ſchon früh ihm zum Bedürfniß geworden. Seine Mutter, die keine Ahnung von dem hatte, was das Herz ihres Sohnes in letzter Zeit auf eine ſo betrübende Weiſe bewegt, konnte oft den Blick nicht von ihm abwenden, wenn er, in ſich gekehrt, ſtill vor ihr ſaß oder ſie mit bunten Erzählungen über eigene Erlebniſſe unterhielt, zuweilen auch wohl ſpaßhafte Schnurren von den Kameraden vortrug. Ein herz⸗ 32 licheres Verhältniß, wie das zwiſchen der gütigen Dame und ihrem Liebling, konnte es kaum geben. Der Vater hoffte, daß nichts vortheilhafter auf den Gemüthszuſtand des Sohnes wirken werde wie eben dieſer Umgang. Julius zeigte häufig eine unbefangene Sorgloſigkeit, als habe noch nie ein leichtes Wölkchen ſeinen Lebens⸗ himmel getrübt. So befand er ſich eines Vormittags in dem Fa⸗ milienzimmer; vor ihm kauerten zwei kleine Knaben, die Söhne des Pfarrers, und warteten ungeduldig auf die von dem„fremden Onkel“ ihnen verſprochenen Schnurrnüſſe. Julius arbeitete nämlich eifrig an einer Haſelnuß, in die er drei Löcher bohrte, ſodaß durch zwei derſelben ein zurechtgeſchnitztes Stöckchen geſteckt werden konnte, um welches ein Faden gewickelt wurde, der durch die dritte Heffnung lief. Das obere Ende des Stöckchens enthielt eine Klammer, während das untere ſeinen Platz in einem Apfel erhielt. Hiermit war die Schnurrnuß fertig. Julius zog an dem Faden, während er die Nuß in der Hand hielt; dadurch wand ſich der erſtere in ſchwingender Bewegung von dem Stock ab, dieſen und ſomit auch den Apfel ſchnell um die eigene Axe drehend. Sowie er indeſſen zeitgemäß nachließ, wickelte ſich auch 33 der Faben zurück und ſo entſtand ein ununterbrochenes ſchnurrendes, die Kleinen höchſt amüſirendes Geräuſch. Aber nun erhielt der älteſte der Knaben die Nuß zum Geſchenk, während die Arbeit an der zweiten be⸗ gann. Die Ungeduld des jüngern Kindes machte ſich geltend, bald lagen die Paſtorsſöhne im Kampfe gegen⸗ einander. Das erregte die Lachluſt des Freiwilligen; er zö⸗ gerte abſichtlich mit dem weitern Fortſchreiten ſeines Werkes und brachte dadurch die jugendlichen Streiter immer mehr in Harniſch. Die Aeltern des Freiwilligen ſahen dieſem Trei⸗ ben wohl lächelnd zu und freuten ſich über das Amuſement des Sohnes. Anders dachte ſeine Groß⸗ mama, eine ſchon ſehr bejahrte und recht oft unwillige Dame. Sie hatte die Gewohnheit, über Alles zu raiſonniren, was ſie aus ihrer Ruhe brachte, wenn ſie ſich im Stillen auch ſelber wohl bei einem Intermezzo befand. „Aber, Julius“ rief ſie jetzt verweiſend,„wie kannſt Du nur die Kinder zum Zank anſpornen! Du ſollteſt lieber dieſe alte Spielerei mit den Nüſſen, die recht unangenehm iſt, ſein laſſen.“ „Beſte Großmama, ſo thue doch nur nicht, als ſei Dir das Schnurren zuwider. Ich weiß beſtimmt, Du Steffens, Standesvorurtheile. III. 3 34 möchteſt ſelber gern ſolch Ding zum Spielen haben“, lachte der Soldat. Dieſe Entgegnung verdroß die alte Dame, die ſich in ihrer Würde angegriffen ſah; mit einigen durchaus nicht ſchmeichelhaften Bemerkungen entfernte ſie ſich, trotzddem daß Julius ihr Vorſtellungen machte. Auch die Aeltern nahmen gegen ihn Partei. Julius befriedigte die beiden Knaben, dann ver⸗ fertigte er ſtill ein drittes Exemplar ſeines Spielzeugs und legte es vor das Fenſter, an welchem gewöhnlich die Großmutter ſaß. Am Abend war es verſchwunden. Der Freiwillige hatte jedenfalls auf den Verbleib verſtohlen Acht gegeben, denn plötzlich kam er zu den Aeltern gelaufen und rief ihnen zu:„Großmutter ſteht in ihrem Zimmer und läßt die Schnurrnuß tüchtig laufen.“ Und ſo war es wirklich. Die alte Gräfin konnte der Neugier nicht widerſtehen, ebenfalls zu probiren, was für ein Vergnügen das Drehen der ſchnurrenden Kurbel bereite. Daß indeſſen trotz dieſer Stärke des jungen Grafen, ſich zu beherrſchen und einen fröhlichen Lebensmuth zur Schau zu tragen, er nur zu ſehr litt, machte ſich an ihm bemerkbar, wenn er, von Niemand beobachtet, allein 35 auf ſeiner Stube weilte. Dann trat das Bild der lieblichen Jungfrau, wie ſie ihm noch ſo rein und fleckenlos erſchienen war, vor ſeine bewegte Seele und er hätte blutige Thränen weinen mögen, daß er ge⸗ zwungen geweſen war, auch unter dieſer vollkommenen, entzückenden Hülle ein von den verderblichen Leiden⸗ ſchaften der Welt angeſtecktes Herz zu entdecken. Zu ſeiner größern Qual verſtärkten ſich, je länger er von dem Wohnorte Anna's entfernt war, täglich ſeine Zweifel über die Schuld der Geliebten, und wenn die Hoffnung, ſie könne trotz der evidenteſten Beweiſe dennoch rein von jedem Fehl ſein, ihm auch das höchſte Glück in Ausſicht ſtellte, ſo fühlte er ſich gleichwohl tief herabgedrückt, indem er in dieſem Falle ſich die bitterſten Vorwürfe machen mußte, daß er ſie auch nur für einen Augenblick hatte verdächtigen und verkennen können. Eine neue Sorge ſollte ſich ihm aufdrängen, die, wenn ſie ihm auch nicht Furcht einzuflößen vermochte, doch ſeine Gedanken viel beſchäftigte. In einer vertraulichen Stunde hatte ſeine Mutter ihm offenbart, daß die Comteſſe Klotilde Ansbach von der Wilhelmsburg die Glückliche ſei, welche ihm von ſeinem und ihrem Vater zur Gattin beſtimmt worden. So unangenehm dem jungen Grafen auch jede Eröffnung 3* 36 war, die zu dieſer Angelegenheit in irgend einer Be⸗ ziehung ſtand, unterließ er es doch, die liebevolle Mutter darauf aufmerkſam zu machen und ihr ſeine eigenen Anſichten über die Wahl einer Lebensgefährtin zu ent⸗ hüllen. Sein feſter Vorſatz war, und er hatte denſelben ja auch zum Theil ſchon dem Vater und Oheim gegen⸗ über ausgeſprochen, nie wieder ein inniges Band zu knüpfen, am wenigſten ſich aber hierbei durch Ver⸗ wandte beeinfluſſen zu laſſen; doch hielt er den Augen⸗ blick noch nicht gekommen, in welchem er die Energie ſeines Willens zur Geltung zu bringen hatte. Da erhielten ſie eine Familieneinladung zum Ge⸗ burtstage des Grafen Ansbach. Julius vermuthete, daß die Väter und vor allem der Oheim bei Gelegenheit dieſer Feſtlichkeit eine ver⸗ trauliche Annäherung zwiſchen ihm und der Comteſſe beabſichtigten, und dieſe Vorausſetzung bereitete ihm einige Unruhe. Klotilde Ansbach war ihm nicht fremd. Er hatte ſie als Kind oft geſehen und manche recht fröhliche Stunde in ihrer Nähe verbracht. Doch ſeitdem er zum Jüngling herangewachſen und ſie in das Jungfrauen⸗ alter getreten war, hatten ſich ihre Beziehungen zu einander immer kühler geſtaltet. Er weilte von da an nur ſelten für kurze Zeit in der Heimat und dieſe 37 Tage der Erholung wußte er beſſer zu verwerthen, als ſie in der Geſellſchaft eines jungen Dämchens zu ver⸗ bringen, das ihm weder eine tiefere Neigung noch ein freundliches Intereſſe abzugewinnen vermochte. Die Comteſſe war nicht ſchön; zwar konnte ſie als eine recht angenehme Erſcheinung gelten, doch machte ebenſo wenig ihr Aeußeres als ihre geiſtige Größe den geringſten Eindruck auf den in jeder Vezichung ſo ſehr bevorzugten jungen Grafen. Auf die ehemals kindliche Lerttaulichteit zwiſchen ihnen war ein höfliches ceremonielles Begegnen gefolgt, welches wahrſcheinlich ſich dadurch noch kühler ge⸗ ſtaltete, daß Klotilde die Verfügungen der Aeltern kannte. Jetzt hatten ſie ſich ſeit länger als einem Jahre gar nicht mehr geſehen; auch Julius war inzwiſchen davon in Kenntniß geſetzt, welche Erwartungen man von ihm und der Comteſſe hegte. Sein Intereſſe für ſie wurde dadurch durchaus nicht vermehrt, und ſo wäre er denn am liebſten jeder Gelegenheit aus dem Wege gegangen, mit ihr in nähere Berührung zu kommen. Doch auf keinen Fall durfte er ſich von der bevor⸗ ſtehenden Feſtlichkeit ausſchließen. Eine ſolche Miß⸗ achtung des Freundſchaftsverhältniſſes zwiſchen ſeinen 38 Aeltern und der gräflich Ansbach'ſchen Familie wäre zu beleidigend für die letztere geweſen und hätte auch den Vater, der ja ſogleich die Urſache ſeines rückſichts⸗ loſen Verhaltens ergründen mußte, ſicherlich ſchwer verletzt. Er faßte den Vorſatz, ohne alle Befangenheit in dem glänzenden Cirkel auf der Wilhelmsburg zu erſcheinen, dabei aber der ihm zur Gattin beſtimmten Dame durch ein möglichſt gemeſſenes Auftreten zu zeigen, daß er weit entfernt ſei, einen Vertrag anzu⸗ erkennen, der von ihm nicht genehmigt worden und ſeinen Hoffnungen geradezu entgegenlief. Die Zeit, welche Julius von ſeinem Garniſonsorte abweſend ſein durfte, verſtrich endlich, wenn ſie ihm auch zu einer Ewigkeit wurde. Denn mochte er immer von neuem wieder gegen die Sehnſucht in ſeiner Bruſt ankämpfen und wollte er auch durchaus der Einſicht des Verſtandes volle Geltung verſchaffen, daß eine Täuſchung unmöglich ſei, daß Anna mit dem Baron im Einverſtändniß gelebt haben müſſe, er war ja machtlos gegen die Gefühle des Herzens, die Liebe mit ihrer Allgewalt zog ihn dorthin, wo ſie weilte und ihr Fuß wandelte, die ihn des Lebens Werth erkennen und verachten gelehrt, er mußte ſie wiederſehen, noch⸗ mals ihr ſüßes Bild recht voll betrachten, und wenn er auch abermals zu ſcheiden gezwungen war, zu ſcheiden 39 mit dem Stachel des Schmerzes im Buſen durch die neu empfangene Gewißheit, daß er ſich nicht geirrt, daß jede Umkehr zur Unmöglichkeit geworden ſei. Der Geburtstag des Grafen Ansbach war ange⸗ brochen, noch vierundzwanzig Stunden konnte Julius von ſeinem Regiment fern bleiben, dann mußte er zurück nach der Garniſon. Und dieſe letzte Urlaubsfriſt ſollte durch die Ans⸗ bach'ſche Geburtstagsfeier und die damit verbundene Reiſe ausgefüllt werden. Ein unangenehmer Gedanke für den Freiwilligen. Doch es lag ja in ſeinem Weſen, ſich leicht in das Unvermeidliche zu fügen und dann gute Miene zum böſen Spiel zu machen; daher gewann er es auch jetzt über ſich, ſeiner Umgebung das hei⸗ terſte Antlitz zu zeigen, während er in dem großen Staatswagen der Familie Platz nahm, um zu dem Feſt nach Wilhelmsburg hinüberzufahren. Die Aeltern, welche ihm gegenüberſaßen, befanden ſich in der glücklichſten Stimmung und der Oheim hatte offenbar eine roſige Laune, er verſuchte unterwegs mehrmals, den Neffen durch neckende Bemerkungen her⸗ auszufordern. Er liebte es, ſeinen Witz an Menſchen zu probiren, bei denen er ſich vor ernſten Angriffen ſicher glaubte. Julius befand ſich durchaus nicht in der Gemüths⸗ 40 verfaſſung, ſpaßhafte Sticheleien entgegenzunehmen, am allerwenigſten von dem Oheim, der ſein Vertrauen verſcherzt hatte. Schon einmal hatte er ihm ziemlich deutlich zu verſtehen gegeben, daß ihn die Art ſeiner Unterhaltung ſtöre, aber als er bald darauf von neuem begann:„Nun, lieber Julius, heute erhältſt Du die ſchönſte Gelegenheit, uns zu zeigen, was Du als Sohn des Mars gelernt haſt, ob Du es verſtehſt, die Herzen der ſchönſten Damen im Fluge zu erobern. Gewiß wird Dir eine Anzahl Gräfinnen und Baro⸗ neſſen den Krieg erklären, daß Du ſie ſo vernachläſſigſt!“ erwiderte er kühl: Ich hatte noch nicht Gelegenheit, mein Eroberungstalent auf dieſem Felde zu üben, und wünſche auch, daß mir nie die Sehnſucht nach einem Treiben kommt, das nur für gehaltloſe und verächtliche Tagediebe gut iſt!“ Die Aeltern des Freiwilligen blickten verlegen zur Erde, obgleich ſie Wohlgefallen an der feſten Entgegnung des Sohnes fanden. Der Oheim verzog das Geſicht zu einem Lächeln, das ſpöttiſch ſein ſollte, indeſſen ſehr gezwungen zum Vorſchein kam. Er fühlte, daß die Ant⸗ wort auf ſeine Vergangenheit gut paßte. Lange Zeit ſchwieg hiernach die Converſation faſt gänzlich, und als ſie endlich ſich wieder Bahn zu bre⸗ chen begann, war ſie eine wenig freie. Die derbe Antwort — — 41 des jungen Mannes, hauptſächlich durch den Widerwillen gegen ſeinen Oheim dictirt, hatte die Stimmung ſämmt⸗ licher Wageninſaſſen zu einer ziemlich gedrückten ge⸗ macht. Eine gewiſſe Heiterkeit überkam ſie erſt wieder, als ſie die Thürme der Wilhelmsburg vor ſich empor⸗ ragen ſahen und damit das Ende der Reiſe heran⸗ nahte. Drittes Kapitel. Das gräfliche Schloß zu Wilhelmsburg war feſtlich geſchmückt, Fahnen und Fähnchen wehten hoch oben von den Thürmen hernieder und verkündeten, daß eine ungewöhnliche Feier von den Herrſchaften da drinnen begangen ward; Kränze und Guirlanden ſchmückten die großen Fenſter und Eingänge, überall ſtrahlten dem prüfenden Auge kunſtvolle Verzierungen entgegen. Noch war es früh am Vormittage; der alte Schloß⸗ herr ſaß im Kreiſe ſeiner Familie und ließ das Auge wohlgefällig über die Gattin, die Schaar der Kinder und ſonſtigen Verwandten hingleiten, die ſich ſchon zeitig eingefunden hatten, um ihm ihre Gratulationen und Angebinde darzubringen. Er fühlte ſich befriedigt, ſeiner Liebe zu Glanz und Prunk war Genüge geſchehen, * 43 ſein Stolz fand ſich geſchmeichelt durch die ehrfurchts⸗ volle Aufmerkſamkeit, die ihm von nah und fern ge⸗ widmet worden. Und die Menge der geladenen Gäſte hatte ihr Kommen zugeſagt, es ließ ſich erwarten, daß der feſtliche Tag in einer Weiſe ſeinen Fortgang neh⸗ men werde, wie der Ehrgeiz des alten Schloßherrn es nur wünſchen konnte. In freundlichen Worten hatte er den Gratulanten ſeinen Dank ausgeſprochen, jetzt waren die frommen Wünſche der Seinen ſämmtlich dargebracht, er entließ ſie, indem er noch ein Stündchen ungeſtört verbringen wollte, um ſich durch hinlängliche Ruhe für die Anforderungen des Tages zu kräftigen. Etwa ein Viertelſtündchen ſpäter ſchritt eine junge Dame in reicher Toilette durch das Schloßthor und wandte ſich, draußen angekommen, langſam einem herr⸗ lichen Buchenwalde zu, der mit dem wohlgepflegten Park neben dem alterthümlichen Schloſſe faſt in un⸗ mittelbarer Verbindung ſtand. Die junge Dame gehörte nicht jenen von der Natur bevorzugten Weſen an, die durch ihre bloße Erſchei⸗ nung das Herz der Männer in helle Flammen zu ſetzen vermögen oder mit ihrem ſprühenden Witz ſich ohne Mühe allgemeine Verehrung und Bewunderung erringen; ſie war eins jener Weſen, deren Geſichtszüge nicht 44 regelmäßig und ausdrucksvoll genug ſind, um für ſchön zu gelten, deren Figuren zu wenig ins Auge fallen, als daß ſie mit der Bezeichnung„tadellos gebaut“ be⸗ ehrt werden dürften, auch ſcharfer Verſtand und ein lebhafter Geiſt zeichneten ſie nicht aus; und dennoch beſaß ſie für die meiſten Menſchen, die ihr nahe kamen, eine unwiderſtehliche Anziehungskraft. Ohne ſich auch nur einmal umzuſchauen, verfolgte ſie ihren Pfad, bis die umfangreichen Bäume des Waldes ſie in ihrem Schatten aufgenommen hatten; dann erſt ließ ſie ihr Auge prüfend zurückgleiten, und als ſie ſich überzeugt hatte, daß von dem Schloß nichts mehr zu ſehen war, auch Niemand in der Nähe weilte, der ſie beobachten konnte, floh ſie mit einer Haſt weiter, als habe ſie eine große Strecke in kürzeſter Zeit zurückzu⸗ legen. Bald war ſie mitten im Walde, immer dichter um⸗ ſchloſſen ſie die majeſtätiſchen Bäume, ein heiliger Friede herrſchte rings umher, nur unterbrochen durch den muntern und melodiſchen Geſang kleiner Vögel, die fröhlich und ſorglos von Aſt zu Aſt, von Strauch zu Strauch flatterten. Die Dame mußte hier ſehr bekannt ſein; unauf⸗ haltſam drang ſie in einer Richtung weiter vor, kein Zeichen von Furcht und Bangen machte ſich in ihrem 45 Aeußern bemerkbar, nur möglichſt ſchnell ihr Ziel zu erreichen, darauf ſchien ihr Sinnen gerichtet. Jetzt lichtete ſich der Wald ein wenig und nun lag eine mehrere Morgen große baumfreie Fläche vor der einſamen Wandrerin. Ein üppiger Raſenteppich bedeckte hier den Boden, leiſe murmelnd floß ein kleiner Bach durch das ſaftige Grün und umſpülte den Fuß eines alten, ſchon halb zerfallenen Gebäudes, das ehemals als Luſtſchloß benutzt worden zu ſein ſchien. Vor dieſer Ruine hemmte die junge Dame ihre Schritte und ſchaute einige Sekunden lang prüfend zu dem jenſeitigen Waldesſaum hinüber, als erwarte ſie von dort das Nahen eines zweiten menſchlichen Weſens. Sie durfte nicht lange vergeblich um ſich blicken, das dichte Gebüſch vor ihr theilte ſich und ein blühender Mann in Jagdkleidung eilte auf ſie zu. „Klotilde, mein Engel, Du biſt pünktlicher geweſen als ich!“ rief er der Comteſſe Ansbach, denn dieſe war es wirklich, die ſich verſtohlen hierher nach der Ruine begeben hatte, mit allen Zeichen der höchſten Freude entgegen. „Ich mußte mich beeilen, denn die erſten Gäſte werden ſchon früh auf dem Schloſſe erwartet und zu dieſer Zeit darf ich nicht abweſend ſein!“ erwiderte Klotilde in herzlichem Ton. . „Und der junge Graf Sacco hat ſeinen Beſuch zu⸗ geſagt?“ „Er wird ſeine Aeltern begleiten!“ Während dieſes Geſprächs hatten die jungen Leute ſich einander vollſtändig genähert, jetzt ſchloß der Herr die Comteſſe in ſeine Arme und bedeckte ihren Mund mit heißen Küſſen. Sie ſchmiegte ſich vertraulich an ihn an und erwi⸗ derte voll Hingebung ſeine Liebkoſungen. „Du wirſt doch auch pünktlich bei uns erſcheinen?“ wandte ſich plötzlich Klotilde an den jungen Jäger, in⸗ dem ſie ihm prüfend ins Auge ſchaute. „O Theure, mir iſt ein Viertelſtündchen hier in Deiner Nähe lieber als ein ganzer Tag auf dem Schloſſe, wo jeder Blick bewacht wird. Und dann— würde ich heute nicht bittere Augenblicke dort verleben müſſen?“ entgegnete der Gefragte ausweichend. „Nein, Otto, jede Unannehmlichkeit wird Dir erſpart bleiben, das glaube mir.“ Doch ehe wir die Liebenden weiter belauſchen, müſſen wir eine kurze Beſchreibung der Art ihrer Bekanntſchaft liefern. Der Gutsbeſitzer Otto von Breitenbach, Lieutenant in einem Ulanenregiment, gehörte zu den Grenznach⸗ barn des Grafen Ansbach. Erſt vor einem Jahr war 47 er aus dem Militärdienſt geſchieden und hatte ſeine Beſitzung bezogen. Nur ſelten kam er mit dem gräf⸗ lichen Nachbar in nähere Berührung, denn dieſer, ein ohnegleichen dünkelhafter Mann, hielt den einfachen Adligen nicht für vollkommen ebenbürtig und lud ihn deshalb höchſtens einmal zu größern Feſtlichkeiten ein, da er ihn dabei nicht gut ignoriren konnte; jeden in⸗ timern Verkehr vermied er. Breitenbach, ein intelligenter und ſcharfſichtiger Mann, bemerkte ſehr gut, wie der alte Graf über ihn dachte, und ſetzte ſeinem Stolz eine kalte, gemeſſene Höflichkeit entgegen. Er hatte nicht nöthig, auf den Hochmüthigen irgendwelche Rückſicht zu nehmen, ſeine Stellung in der Welt ſicherte ihm vollſtändige Unabhängigkeit. So bahnte ſich zwiſchen den Grenznachbarn nur ein ſehr kühles Einvernehmen an. Fühlte ſich indeſſen der junge Mann von dem alten Grafen zurückgeſtoßen, ſo lernte er ſehr bald die vor⸗ trefflichen Eigenſchaften ſeiner Tochter Klotilde kennen und hochſchätzen. Zwar hatte er nicht viel Gelegen⸗ heit, dieſe Dame in ihrer Häuslichkeit zu beobachten, dafür traf er ſie aber häufig in den Kreiſen anderer Nachbarn, und hier legte ſie ohne allen Zwang eine natürliche Liebenswürdigkeit an den Tag, die den ehe⸗ maligen Offizier entzückte. 48 Auch Klotilde fand Wohlgefallen an dem ſchönen, ernſten Mann, der ſie ſtets mit größter Ehrerbietung behandelte, aber dabei immer ein imponirendes Selbſt⸗ bewußtſein blicken ließ. Allmälig näherten ſie ſich mehr und mehr, es fand ſich eine Gelegenheit zur gegenſeitigen Verſtändigung und ſie knüpften ein Ver⸗ hältniß an, das beiden viele wonnige Stunden und die ſeligſten Freuden des Lebens bereitete. Leider ward ihre Hoffnung für die Zukunft durch ernſte Beſorg⸗ niſſe getrübt. Der maßloſe Dünkel des alten Grafen, ſein Abſcheu gegen jede Verbindung eines Hochadligen unter ſeinem Stande flößten ihnen kein Vertrauen ein, noch mehr aber ängſtete ſie die der Comteſſe nur zu wohl bekannte Beſtimmung ihrer Aeltern in Betreff des Grafen Sacco. Viel und oft hatte ſie ſchon mit dem Geliebten hierüber berathen; ſie ſelber war zwar nicht der Mei⸗ nung, daß der Jugendgeſpiele ſich zu Tode grämen werde, wenn ſie anderweit ihr Herz vergebe, hatte er doch nie gezeigt, daß ſie ihm ſonderlich werth ſei; aber ſie kannte auch die Zähigkeit, mit welcher ihr Vater einmal gefaßte Pläne verfolgte, und der junge Sacco war ja ebenſo willenlos wie ſie, die Altern allein be⸗ ſtimmten über ihr Glück. Zu der Geburtstagsfeier, die einen fürſtlichen Glanz auf dem Schloſſe zu Wilhelmsburg entfalten ſollte, 49 hatte auch Herr von Breitenbach eine Einladung er⸗ halten; doch fürchtete Klotilde nicht mit Unrecht, daß er Anſtand nehmen könne, zu der Feſtlichkeit zu er⸗ ſcheinen; und eben deshalb hatte ſie ihn zu einem Rendezvous beſtellt, um ihn durch ihre perſönlichen Bitten zum Kommen zu bewegen. „Brauche ich Dir zu ſagen, Klotilde, daß es mich mit bitterem Schmerz erfüllen würde, wenn ich ſehen müßte, wie der junge Graf Dir gegenüber ein Anrecht zur Geltung brächte, das nur gegenſeitige Liebe zu geben vermag?“ erwiderte Breitenbach auf die letzte Verſicherung ſeiner Geliebten. „Das würde mich veranlaſſen, ihm zu zeigen, daß ich weit entfernt bin, mit ihm zu ſympathiſiren. Du kannſt aber ganz ruhig ſein, ich durchſchaue ihn beſſer wie ſein und mein Vater: er fürchtet mich wahrſchein⸗ lich ebenſo wie ich ihn, ſonſt hätte er ſich wohl ein einziges Mal um mich gekümmert, wenn er bei den Aeltern in Sonnenhagen zu Beſuch war.“ „Du fühlſt Dich durch ſeine Vernachläſſigung be⸗ leidigt?“ Klotilde lächelte ſchelmiſch und rief:„Ei, ei, Du beſitzt große Anlagen zur Eiferſucht! Aber nein, fürchte nichts, ich zog nur meine Schlüſſe aus ſeinem Benehmen und dieſe erfüllten mich mit Freude und Hoffnung.“ Steffens, Standesvorurtheile. MI. 4 50 „Ich bin begierig, die Bekanntſchaft des jungen Herrn zu machen, und werde darum auf der Wil⸗ helmsburg erſcheinen.“ „Tauſend Dank für dieſe Zuſage, mein Geliebter, Du machſt mich damit ſehr glücklich. Und was den Grafen betrifft, ſo wird er gewiß Dein Wohlwollen erringen, wenn er ſich in den letzten Jahren nicht ſehr verändert hat; er iſt ein feingebildeter Jüngling voll Liebenswürdigkeit und Anſtand und ohne alle Vor⸗ urtheile. Früher als Kinder ſahen wir uns häufig, und ich muß Dir geſtehen, daß ſein Edelmuth, ſein in jeder Beziehung hochherziges Weſen mich damals für ihn ſchwärmen ließen.“ „Da muß die gütige Vorſehung für mich thätig ge⸗ weſen ſein, daß Eure Herzen ſich nicht gefunden haben.“ „Wir waren damals Kinder; ſpäter ſahen wir uns immer ſeltener und ich hatte nun Gelegenheit, wahr⸗ zunehmen, daß dem Jüngling nur Außergewöhnliches genüge. Was konnte ihm ein ſo wenig bevorzugtes Weſen, wie ich es bin, bieten? Nein, Otto, nie zeigte er mir mehr wie eine freundliche Theilnahme, und es ſchien mir oft, als ob er beſtrebt ſei, mir klar zu machen, daß die Beſtimmungen unſerer Aeltern nicht bindend für uns ſein könnten.“ 4 51 „Du liebes, beſcheidenes Weſen“, flüſterte Breiten⸗ bach, indem er die junge Dame voll Innigkeit in die Arme ſchloß. „Weißt Du, was ich wohl möchte?“ rief dieſe in glücklicher Stimmung. „Nun? Bitte, erkläre Dich!“ lächelte ihr Ge⸗ liebter. „Daß Du den Grafen Dir befreundeteſt!“ „Und weshalb das?“ fragte Breitenbach mit einem leiſen Anfluge von Verſtimmung. „Ich glaube, daß er ſich gern mit Dir zur Er⸗ reichung des von uns erſehnten Ziels verbinden würde.“ Der Gedanke iſt nicht ſchön, die Hülfe eines Dritten zu gebrauchen, um die Hand der Geliebten zu erringen.“ „Ich theile gewiß Deine Meinung und fühle all das Unbehagen mit, das Dich ergreift, wenn Du er⸗ wägſt, wie viele Sorgen meinetwegen auf Dich ein⸗ ſtürmen. Ach, und wie glücklich könnteſt Du ſein, wenn Du nicht mich, ſondern jede andere Dame liebteſt! Aber mein Otto, ich vertraue Dir ja auch ſo ganz und will nur für Dein Wohl leben.“ „Habe Dank für Deine treue Liebe und denke nie, daß mich die Zaghaftigkeit ergreifen könnte, ſolange 4* 52 ich Deiner Zuneigung ſicher bin. Was mich zuweilen trübe und ungerecht ſtimmt, iſt lediglich das Bewußt⸗ ſein, die ſüßeſten Stunden meines Lebens mir gleich⸗ ſam ſtehlen zu müſſen“, führte Breitenbach gerührt an, indem er Klotilde feſter an ſein Herz ſchloß. In dieſer Weiſe plauderten die Liebenden weiter, bis endlich die Comteſſe ſich daran erinnerte, daß es die höchſte Zeit ſei, nach dem Schloſſe zurückzukehren. „Ich darf nicht länger verweilen und auch Du heaſt keine Zeit zu verlieren, wenn Du zur beſtimmten Stunde bei uns erſcheinen willſt“, ſprach ſie zärtlich mahnend, indem ſie ſich dem Waldpfade wieder zuwandte. „Mein Reitpferd ſteht drüben im Dickicht, in wenig Minuten habe ich die Strecke bis zu meinem Gut zu⸗ rückgelegt; vorerſt werde ich Dich aber, wenn Du mir die Erlaubniß dazu ertheilſt, ein Stück geleiten“, er⸗ widerte Breitenbach, der Geliebten den Arm reichend. Langſam und tändelnd ſchritten ſie im Schatten der Buchen dahin; ſie fühlten ſich jetzt glücklich, noch drohte ihnen ja keine Trennung und ihr fröhlicher Jugendmuth ließ ſie zeitweiſe auch jedes Bangen vor der Zukunft vergeſſen. Schon waren ſie dem Waldesſaume nicht mehr fern, als Klotilde bat:„Nun aber, mein Geliebter, darfſt Du keinen Schritt weiter vorwärts thun; ſieh, dort 53 ſchimmert ſchon das Schloß durch die Bäume. Lebe wohl, in wenigen Stunden habe ich Dich wieder! Nicht wahr?“ „Ich komme. Lebe wohl, mein herziger Engel!“ entgegnete Breitenbach. Noch eine zärtliche Umarmung und er eilte mit ſchnellen Schritten davon. Die Stunde hatte geſchlagen, die zum Beginn des Feſtes beſtimmt war; eine Equipage nach der andern rollte auf den Schloßhof zu Wilhelmsburg, wo eine Menge Diener in betreßten Livréen aufgeſtellt war, um den ankommenden Herrſchaften beim Ausſteigen be⸗ hülflich zu ſein und auf den kleinſten ihrer Wünſche zu achten. Im Empfangsſaal begrüßte der Graf Ans⸗ bach jeden einzelnen der hohen Gäſte und hatte einige verbindliche Worte für ihn. Natürlich nahten dieſe ihm nur unter den herzlichſten Glückwünſchen zu ſeinem Geburtstage und wußten ihn zu überzeugen, daß ſein koſtbares Leben ein Segen für viele Tauſende ſei. Die Grafen Sacco waren ziemlich die erſten der Beſuchenden geweſen; ſie bewegten ſich in würdevoll ſteifer Haltung unter den ihnen ebenbürtigen Herr⸗ ſchaften. Nur Julius in ſeiner kleidſamen Huſaren⸗ uniform trat mit der der Jugend eigenen Beweg⸗ lichkeit auf; leicht und ohne den leiſeſten Anflug von 54 Pathos unterhielt er ſich mit allen ihm Nahekommenden, ſagte den Damen in höflicher Weiſe Artigkeiten und zeigte den Herren, daß er von Liebe für die ganze Menſchheit beſeelt ſei und auf den Rangunterſchied wenig Gewicht lege. Unbefangen lächelnd begrüßte er Klotilde.„Wie ent⸗ zückt bin ich, daß mir das Glück zu Theil wird, Sie, meine gnädige Comteſſe, wiederzuſehen“, ſprach er ga— lant.„Im Wachen wie im Träumen habe ich oft der muntern Spiele unſerer Kindheit gedacht.“ Klotilde erröthete ein wenig.„Es iſt lange her, ſeit Sie hier zum letzten Mal erſchienen“, erwiderte ſie befangen. „Das Leben ſtellt ſeine Anforderungen nur zu ge⸗ bieteriſch an den Mann und fragt wenig nach den Wünſchen des Herzens“, wandte Julius ei habe nur ſelten über meine Zeit zu gebieten, nament⸗ lich ſeit ich Soldat bin.“ ch dächte, die Herren Freiwilligen würden mit dem Dienſt nicht allzuſehr geplagt.“ „Ich diene nur im Heere, weil ich meiner Pflicht genügen muß, die Studien, denen ich mich gewid⸗ met habe, füllen meiſt auch jetzt meine Muße⸗ ſtunden aus.“ „Ah, richtig, das Studiren ſagt Ihnen, wie Sie einſt erzählten, mehr zu als das allerdings langweilige Exerciren.“ „Ich liebe nur friedliche Beſchäftigungen“ „Ihr Herr Vater ſähe lieber, wenn Sie den Mi⸗ litärſtand zu Ihrer Carridre gemacht hätten.“ „Aber er zeigt ſich nachgiebig, und das iſt gut, denn ich beſitze einen großen Eigenwillen und laſſe mich von Niemand beeinfluſſen, wo es ſich um mein Lebens⸗ glück handelt.“ Klotilde blickte d gend an. „Darf ich wiſſen, was Ihre en?“ fragte Sacco halblaut. von neuem, indem ſie entgegnete: ſollte Ihre Antwort eine größere als ſie auf meine letzte Anfüh⸗ en jungen Soldaten freudig fra⸗ ſchönen Augen eben ausſprach Klotilde erröthete „Mir ſchien es, als Tragweite gewinnen, rung hin haben konnte.“ Julius ſchwieg nur einen kurzen erwiderte er:„Nun, ſie können ſagen, daß Allem ſelbſtſtändig zu ſtellen weiß!“ „Das ehrt den Mann!“ pflichtete Klotilde bei. Sie hielt ſich überzeugt, daß der Graf eine Andeutung auf ihre gegenſeitige Stellung hatte geben wollen. Indem ging der Herr von Breitenbach an ihnen vorüber und grüßte ehrerbietig. Moment, dann ich mich in „Ah, Herr von Breitenbach!“ rief Klotilde, ſich ver⸗ neigend. Der Angeredete blieb ſtehen. Sogleich ſtellte die Comteſſe die Herren einander vor. Beiderſeits erfolgte ein freundliches Compliment. Klotilde wurde darauf von einigen Damen in Be⸗ ſchlag genommen, ſie mußte ſich abwenden. Inzwiſchen verflocht Graf Sacco den neuen Be⸗ kannten in ein lebhaftes Geſpräch, das dieſem um ſo erwünſchter kam, als er nur wenig Perſonen unter der Geſellſchaft zu finden hoffen durfte, von denen er er⸗ warten konnte, ihre Unterhaltung ihn befriedigen werde. „Ich ſtehe hier nch ziemlich iſolirt da“, ſprach der Gutsbeſitzer von Breitenbach,„denn erſt ſeit Jahres⸗ friſt halte ich mich auf meinem Gute Brückenhof auf, und faſt bedaure ich, dem Militärſtande ſo früh Valet geſagt zu haben.“ „Sie waren bisher Soldat? Da begreife ich, daß Sie ſich auf einem einſamen Landgute ohne Lebens⸗ gefährtin nicht glücklich fühlen können; erſt Hymen's Bande werden Ihnen die Landeinſamkeit zum Paradieſe umwandeln“, entgegnete Sacco lächelnd. „Ich diente als Secondelieutenant im vierten Ula⸗ nenregiment; das langſame Avancement verleidete mir 57 die Carriere und ich forderte meinen Abſchied; doch das Leben als Gutsbeſitzer iſt vollends unerquicklich“ „Das meine auch ich! Und Sie ſind nun einmal daran gebunden. Aber haben Sie noch nicht verſucht, in den Damencirkeln hier herum Zerſtreuung zu finden? Die Gegend iſt reich an bildſchönen Mädchen!“ „Das Flattern von Blume zu Blume war nie meine Paſſion.“ „Um ſo leichter werden Sie die einzelne feſſeln! Die Herren Offiziere pflegen das zu verſtehen.“ „Sie ſcheinen großen Werth auf die Geſellſchaft der Frauen zu legen, Herr Graf.“ „In der That, ich preiſe Jeden glücklich, der ein liebend Herz fand, das ihm ungetheilt gehört.“ Breitenbach ſeufzte, dann fragte er:„Und Sie fanden ein ſolches noch nicht?“ „Ich weiß nicht, ob ich ja oder nein antworten darf, aber ich liebte und liebe vielleicht noch.“ Breitenbach ſchaute ſein Gegenüber prüfend an, es lag wohl gar Mißtrauen in dieſem Blick. „Wie finden Sie die Comteſſe Ansbach, die uns miteinander bekannt machte?“ fragte der Graf. „Sie iſt ein Engel!“ erwiderte der ehemalige Lieu⸗ tenant ein wenig kurz⸗ „Wirklich? Nun ſehen Sie, ich bin beinahe Ihrer 58 Meinung. Sie und ihr Vater ſind Grenznachbarn, warum ſuchen Sie nicht in der Nähe der jungen Gräfin Erſatz für die Langeweile der ländlichen Abgeſchie⸗ denheit?“ Wieder ſah der Gutsbeſiter den Grafen for⸗ ſchend an. „Sie antworten mir nicht?“ „Ich glaube beinahe, daß Sie der Erkorene der Comteſſe ſind.“ „Da irren Sie, wenigſtens habe ich nie Veran⸗ laſſung zu ſolchem Glauben gegeben. Doch darf ich wiſſen, woher Sie Ihre Muthmaßung ſchöpfen?“ Breitenbach wurde warm.„Reden wir offen mit einander, wie es Männern geziemt“, ſprach er noch leiſer als bisher.„Herr Graf, ich fürchtete, daß Sie Abſichten auf die Hand der Gräfin hätten.“ Julius lächelte fein und erwiderte:„Und ich fürchte, daß der alte Ansbach daſſelbe denkt!“ „Und darin irrt er ſich?“ „Wie noch nie!“ Breitenbach hätte den jungen Mann in die Arme ſchließen mögen.„Gott Lob“, rief er,„Sie ſind nicht, wie die übrigen Herren hier; darf ich Ihnen meine Freundſchaft anbieten und wollen Sie ein Geſtändniß von mir entgegennehmen?“ 59 „Ihre werthe Freundſchaft wird mich beglücken und Ihre Mittheilung betrifft jedenfalls die Comteſſe Klo⸗ tilde, iſt mir daher doppelt angenehm. Aber nun kann ich auch Ihnen die Verſicherung geben, daß ich, ſowie die letztere ihr Auge auf Sie richtete, wußte, was in Ihrem Herzen vorging; deshalb pries ich Ihnen die Mädchen der hieſigen Gegend ſo an.“ „Sie haben recht geſehen, ich liebe Klotilde und werde von ihr heiß und innig wiedergeliebt!“ „Aber das hilft Ihnen noch nichts, Sie bedürfen zu Ihrer Vereinigung der Genehmigung des Grafen Ansbach.“ „Und dieſer hat Sie zum Schwiegerſohn aus⸗ erkoren!“ „Theilte Ihnen das Ihre Geliebte mit?“ „Ja, ſie machte mich darauf aufmerkſam.“ „Um ſo beſſer. Sie fürchtet mich nicht, wie es ſcheint.“ „Nein, ſie iſt überzeugt, daß Sie froh ſind, wenn Sie jeder Pflicht gegen ſie enthoben werden.“ „Ich wurde zu ſpät über die Beſtimmung der Väter aufgeklärt, mein Herz gehörte mir damals nicht mehr.“ „Das iſt ein Glück für mich! Doch es bleibt im⸗ merhin ungewiß, ob ich je an das erſehnte Ziel gelange.“ 60 „Ich bin anderer Meinung! Wenn der alte Ans⸗ bach nur erſt weiß, wie ſeine Tochter empfindet und welche Schuld ich nach ſeinem Dafürhalten auf mich geladen habe.“ „Er iſt ein höchſt ſtolzer und von Vorurtheilen ge⸗ leiteter Mann.“ „Eben deshalb wird er mir nie verzeien, daß ich ein bürgerliches Mädchen zur Gräfin zu machen beab⸗ ſichtige.“ „Sie wollen das in der That?“ „Ich weiß es jetzt ſelber nicht, mein Herz iſt zer⸗ riſſen, denn ich bin irre an dem Gegenſtand meiner Liebe geworden.“ „O wie edel und erhaben Sie ſind, einen ſolchen Freund wünſchte ich mir lange. Aber meinen Sie nicht auch, daß Graf Ansbach Anſtand nehmen wird, mir ſeine Tochter zu geben? Ich bin kein Graf!“ „Leider herrſcht in unſerer Gegend noch viel Narr⸗ heit, namentlich unter denjenigen, die als Größen gelten wollen. Aber es muß unſere Aufgabe ſein, ihn von ſeinen thörichten Anſichten zu bekehren.“ „Iſt Ihr Herr Vater damit einverſtanden, daß Sie die Comteſſe aufgeben?“ „Er muß wohl oder übel, denn ich bin feſt in meinem Willen; auch beſitzt er viel Einſicht. Nur mein 61 Oheim, der alte Mann dort oben mit dem lauernden Blick, iſt auch einer jener Ariſtokraten, die da glauben, die Welt müſſe aus ihren Angeln ſpringen, wenn eine Heirath zwiſchen Adligen und Bürgerlichen ſanctio⸗ nirt wird.“ „Es iſt eine Schande für den Adel, ſolche Geſin⸗ nungen zu hegen, denn ſie werden ja nur ſo lange feſtgehalten, wie der Beſitz den letztern unabhängig ſtellt; iſt dieſer verpraßt, ach wie gern hilft er ſich dann durch eine Verbindung mit irgend einem begü⸗ terten Krämerhauſe auf; und die erſt recht erbärm⸗ lichen Geſchöpfe aus ſolchem Hauſe greifen dann auch mit beiden Händen zu, wenn ſie gewürdigt werden, als gnädige Frau eines armen Schluckers zu gelten, der mit dem ſauer erworbenen Gelde ihrer Vorfahren ſeine zerrütteten Verhältniſſe beſſert und das alt⸗ gewohnte verſchwenderiſche Leben fortführt.“ „Sie haben Recht!“ rief Julius.„Es wird viel Mißbrauch mit dem Standesunterſchiede getrieben. Wir können weder alle Fürſten noch ſämmtlich Tagelöhner ſein; aber jeder Stand iſt achtbar, ſolange er würdig vertreten wird, und der Große ſollte ebenſo wenig den Niedrigen in den Staub treten wollen und dann, wenn ſeine Macht ebenfalls geſunken, ſich mit den Almoſen derjenigen, die er einſt verachtete, aufzuhelfen ſuchen, — 62 als der kleine Mann durch ſeine kriechende Devotion den Herrſchſüchtigen zum Mißbrauch ſeiner Stellung verleiten.“ „Aber, verehrter Herr Graf, wir und die Menge unſerer Geſinnungsgenoſſen ändern nichts an der ein⸗ mal beſtehenden Ordnung der Dinge. Viele Jahre werden noch darüber hingehen, bevor eine Gleichberech⸗ tigung im gewöhnlichen ſocialen Leben und vor dem Geſetz hergeſtellt iſt. Dies kann erſt kommen, wenn die intellectuelle Bildung alle Klaſſen der Bevölkerung mehr gleichmäßig durchdrungen hat und Jeder ſich ſeiner Menſchenwürde klar bewußt wird.“ „Ich ſtimme Ihnen vollkommen bei, und doch mache ich es mir bei jeder Gelegenheit zur Aufgabe, meine freien Anſichten zur Geltung zu bringen.“ „Was würde Ihnen beiſpielsweiſe in dieſer Geſell⸗ ſchaft der Verſuch helfen, für die Gleichberechtigung aller Stände zu wirken? Ein einziges Wort, und der Bannfluch wäre Ihr Lohn!“ 5 „Sie ſind gar zu ſehr gegen unſern hohen Adel eingenommen.“ „Nennen Sie mir einen der hier verſammelten Herren, der ſich unſern Anſichten zuwendet, und ich gebe mich gefangen.“ Julius lachte und rief:„Ja, ja, ſie ſind zum 63 größten Theil mehr oder minder närriſche Käuze. Aber was wollen Sie! Eben ihrer Beſchränktheit wegen laſſen ſie ſich auch wieder ſehr leicht leiten und bei der Naſe herumführen. Sobald es einer verſteht, und wäre er der einfältigſte und ärgſte Betrüger, ihrer Eitelkeit gehörig zu ſ chmeicheln, kann er von ihnen Alles erlangen.“ „Nur keine Abweichung von Ihren Vorurtheilen!“ Wahrſcheinlich wird mein Oheim beſtrebt ſein, mich heute zu einer Erklärung gegen die Comteſſe zu drängen, und auch Graf Ansbach hält es, wie ich annehme, für Zeit, daß wir uns verloben; könnten wir doch einen Coup ausführen, der dieſe Angelegenheit zu unſerer beiderſeitigen Zufriedenheit regelte.“ Breitenbach's Mienen verdüſterten ſich.„Ich ſehe keine Hoffnung für mich“ ſprach er bewegt. „Und doch wage ich zu glauben, daß wir nie leich⸗ teres Spiel haben als heute, nur müſſen Sie weder Argwohn noch Ungeduld blicken laſſen wenn ich gegen Ihre Braut den Verliebten ſpiele. Sie werden im Gegentheil gut thun, ihr zu ſagen, daß ſie ſich mög⸗ lichſt zärtlich gegen mich benehmen ſoll.“ „Aber, Herr Graf, ich ſehe nicht ein, was mir das nützen kann.“ „Sie werden es ſchließlich ſchon begreifen. Sehen Sie ja nicht ſcheel dazu, daß ich der Tiſchnachbar der —— 64 n Comteſſe werde, ſondern flüſtern ſie ihr lieber zu, ſich möglichſt freundlich gegen mich zu zeigen.“ „Ich will mich Ihren Intentionen fügen, denn ich vertraue Ihnen als einem Ehrenmanne.“ „Sie thun auch gut daran! Wollte ich nicht offenes Spiel gegen Sie führen, wozu dann alle die Erklä⸗ rungen?“ Der Oheim des Freiwilligen trat zu den jungen Männern heran. Julius machte den erſtern mit Herrn von Breiten⸗ bach bekannt. Der alte Graf richtete nach einer gemeſſenen Ver⸗ beugung einige höfliche Worte an den jungen Edel⸗ mann, die dieſer ebenſo erwiderte, dann wandte er ſich an den Neffen, und Breitenbach verlor ſich unter der übrigen Geſellſchaft. „Du ſcheinſt nur dieſem fremden Herrn Deine Auf⸗ merkſamkeit widmen zu wollen“ begann der Oheim in unzufriedenem Ton. „Er iſt ein liebenswürdiger Mann!“ „Aber Du haſt hier andere Verpflichtungen!“ „Ich kenne dieſelben.“ „Und doch muß ich Dich daran erinnern.“ „Iſt durchaus nicht nöthig, Du kannſt Dir jede Mühe ſparen.“ 65⁵ „Die Damen werden ſich vernachläſſigt fühlen. F dort blickt die Comteſſe Klotilde erwartungsvoll zu Dir herüber!“ „Du pflegſt ja ſelber gern den Damen Deine Hul⸗ digungen darzubringen; ich habe die junge Gräfin be⸗ reits begrüßt und werde ja wohl noch Gelegenheit finden, ſie für längere Zeit zu unterhalten, jedenfalls bin ich zu ihrem Tiſchnachbar erkoren.“ Die Mienen des alten Grafen heiterten ſich ein wenig auf. Vertraulicher ſprach er:„Graf Ansbach hofft auf eine Erklärung von Dir.“ „Ich werde ſie ihm nur machen, wenn mich Nie⸗ mand dazu drängt; auch beſprechen ſich dergleichen Angelegenheiten am beſten unter vier Augen.“ „Du ſteckſt voll Sonderbarkeiten! Ich würde mir den Triumph nicht verſagen, vor aller Welt einen ſichern Sieg zu feiern“, entgegnete der Oheim heiter geſtimmt über den entlichen Entſchluß des Neffen, um eine ebenbürtige Dame zu werben. „Du ſollſt Dich wundern!“ dachte Julius, indem er ſich abwandte. Die Geſellſchaft war endlich vollzählig, die Flügel⸗ thüren zum Speiſeſaal öffneten ſich, auf ein gegebenes Zeichen ſchritten die Herrſchaften an die mit den köſt⸗ lichſten Leckereien beſetzte Tafel. Steffens, Standesvorurtheile. II. 5 66 Julius verſäumte nicht, der Comteſſe Klotilde ſeinen Arm zu reichen, ſie fanden ihre Plätze und ließen ſich vergnügt nieder. Breitenbach hatte ſeine Beſtellung längſt ausgerichtet. Es wäre langweilig, wollten wir eine Tiſchunterhal⸗ tung wiedergeben, die unter den obwaltenden Um⸗ ſtänden ſich nur um die gleichgültigſten Dinge drehen konnte. Stunde auf Stunde verging und die wechſelnden Gerichte wollten noch immer kein Ende nehmen; die verſchiedenen Weinſorten, die bei den unzähligen Toaſten erprobt wurden, begannen ihre Wirkung auf die Ge⸗ müther der Herren zu äußern. Graf Ansbach, der namentlich in der wonnigſten Stimmung ſchwebte und unaufhörlich den Gäſten Beſcheid thun mußte, kann bald in die allerfroheſte Weinlaune, ſodaß jede Steif⸗ heit aus ſeinem ſonſt ſo gemeſſenen Weſen ſchwand. Breitenbach würde gewiß, wenn er darum befragt worden wäre, geäußert haben, daß er bei dieſer Ge⸗ legenheit die anweſenden Herren zum erſten Mal als natürliche Menſchen erblickt habe. Inzwiſchen brach ſich bei den jüngern Damen und einzelnen Herren die Tanzluſt Bahn. Dieſe ſehnten nichts mehr herbei als das Ende der Tafel, die bis in alle Ewigkeit ausgedehnt zu werden drohte. Doch auch 67 ihre Zeit entſchwand, und kaum war der erſte Stuhl leiſe gerückt, als ein allgemeiner Tumult verkündete, wie peinlich das unausgeſetzte Feſthalten der Plätze Vielen ſchon geworden war. Aus dem angrenzenden Tanzſaal ſchallten nun die verlockenden Töne einer Polonaiſe herüber. Graf Ans⸗ bach, von allen Seiten umringt, mußte den Ball er⸗ öffnen. Mit der ihm eigenen Grandezza bat er die Gräfin Sacco um die Huld, ihm den erſten Tanz zu ſchenken, Graf Sacco dagegen engagirte die Gemahlin Ansbach's, und ſo folgte Paar auf Paar, bis das bunte Treiben eines glänzenden Balles ſich entfaltet hatte. Julius, obgleich ſonſt ein flotter und leidenſchaft⸗ licher Tänzer, nahm nur gezwungen an dem rauſchenden Vergnügen Theil; ernſte Gedanken durchzogen ſeinen Kopf, er erwog, daß er am folgenden Abend wieder in dem Garniſonsorte ſeines Regiments angekommen und mithin Anna nahe ſein werde. Die Sehnſucht nach einem Wiederſehen hatte ihn ja nie verlaſſen, wenn er auch ſtandhaft dagegen angekämpft. Trotz ſeiner an⸗ ſcheinenden Sorgloſigkeit fühlte er des Unglücks er⸗ drückende Laſt nur zu ſehr. Und nun, was hatte er noch auf dem Schloſſe zu Wilhelmsburg auszuführen, wenn er ſich gegen Breitenbach und Klotilde als Freund . 68 erweiſen, den Onkel aber für ſeine zweideutige Fürſorge beſtrafen und ſich ſelber von allen Verbindlichkeiten gegen Andere losmachen wollte! Er beobachtete alle Anweſenden, war bald hier, bald da, wenn er auch für einzelne Viertelſtunden den jungen Damen ſeine Aufmerkſamkeit ſchenkte. Breitenbach ſtürzte ſich in den Strudel des luſtigen Treibens; nur zuweilen ſuchte er den jungen Grafen auf und wechſelte einige Worte mit ihm. Klotilde näherte er ſich ſo oft, als er dies konnte, ohne Argwohn zu erregen. Graf Ansbach und die meiſten der alten Herren zogen ſich bald in angrenzende Zimmer zurück und überließen der Jugend das Feld. Sie gruppirten ſich um gutbeſetzte Tiſche und fuhren hier fort, dem per⸗ lenden Champagner Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, bis die Mitternachtsſtunde immer näher heranrückte und ſie ſich von Minute zu Minute dem Stadium mehr zuneigten, in welchem die Kräfte des Weins die des Menſchen beſiegen. Jetzt mochte dem Oheim des Freiwilligen die Zeit, bis dieſer endlich Anſtalt machte, um die Hand der Comteſſe zu werben, doch zu lange währen; er erhob ſich und ſuchte den Neffen auf. „Du ſcheinſt Dein Verſprechen vergeſſen zu haben“ 69 redete er den letztern vorwurfsvoll an. Auch er war berauſcht. „Durchaus nicht; doch was machſt Du Dir nur meinetwegen für Sorgen; es iſt ja gerade, als wollteſt Du mich mit Gewalt in den Eheſtand hineintreiben“ erwiderte Julius verdrießlich. „Ich will Dich davor bewahren, daß Du abermals Liebſchaften mit Dirnen anknüpfeſt!“ rief der Oheim, vom reichlichen Genuß des Weins zur Unbeſonnenheit fortgeriſſen. Dieſer Ausfall empörte Julius, doch ſchnell ſich faſſend, erheuchelte er Aengſtlichkeit und entgegnete: „Es wird mir rein zur Unmöglichkeit, dem Grafen Ansbach meine Wünſche vorzutragen, ich wollte, ein Anderer beſorgte dies für mich.“ Eine angenehmere Erklärung hätte er dem Oheim kaum geben können; in ſeiner Weinlaune blieb dieſer weit entfernt, dem jungen Soldaten irgendwie zu mißtrauen. Höchſt vergnügt, ja beſeligt durch den Gedanken, der Freiwerber des Neffen zu werden, rief er mit ziemlich lanter Stimme:„O herzlich gern will ich für Dich ſprechen; warum haſt Du mich nicht längſt darum erſucht?“ „Ich wagte es nicht! Doch ehe Du mit dem An⸗ trage beginnſt, mußt Du mir Dein Ehrenwort geben, —— ——— S —— ———— 70 einige Bedingungen zu erfüllen, die ich Dir ſtellen werde.“ „Aha, Du verlangſt Bezahlung von Schulden! Mache Dir deshalb keine Sorgen, meine Kaſſe ſteht Dir offen, wenn Du vernünftig biſt und mir folgſt.“ „Nichts von Geld! Meine Bedingungen betreffen die Werbung“ „Nun, laß hören!“ „Ich werde mit Klotilde zu gleicher Zeit Euer Trinkzimmer paſſiren und in dem angrenzenden Gemach ihr meine Geſtändniſſe machen. Sobald Ihr, Du und der Graf Ansbach, uns vorübergehen ſeht, beginnſt Du mit Deinen Bitten, doch darfſt Du auf keinen Fall meinen Namen nennen, ſondern nur von einem heim⸗ lich Liebenden reden, der mit ſeiner Tochter im Neben⸗ zimmer auf die Verwirklichung ſeiner kühnſten Wünſche harrt. Iſt Graf Ansbach geneigt, mir die Hand Klo⸗ tildens zu geben, ſo ſucht Ihr uns auf, überraſcht uns bei unſerm Gekoſe und ſegnet unſern Bund. Das wird eine herrliche Scene; in dieſer Weiſe habe ich mir immer den ſchönſten Augenblick meines Lebens aus⸗ gemalt.“ Julius hatte eine ſolche Treuherzigkeit zur Schau getragen, während er geſprochen, dazu war der Oheim an ſtete Offenheit ſeinerſeits gewöhnt, daß ihm auch 71 nicht für einen Augenblick der Gedanke kam, der Neffe fönne ihn myſtificiren wollen. Bei alledem erſchien es ihm unbequem, den Namen deſſen nicht nennen zu ſollen, für den er warb. „Du biſt ein eigenthümlicher Menſch mit Deinen Schrullen, doch ich will dieſe berückſichtigen; indeſſen, daß ich Deinen Namen nennen muß, verſteht ſich ja von ſelbſt!“ „Nein, nur wenn Du in Allem thuſt, wie ich es verlange, harre ich aus; handelſt Du auch nur mit einer Silbe meinen Bedingungen zuwider, ſo ſei ver⸗ ſichert, daß ich ſofort davongehe; ich werde genau auf das Acht geben, was Du ſprichſt!“ „Aber Ansbach muß doch wiſſen, für wen ich werbe.“ „Sieht er mich nicht in Begleitung ſeiner Tochter vorübergehen? Gleich darauf beginnſt Du!“ „Gut, es ſei, Du biſt ein Trotzkopf!“ „Und noch eins: bevor Ihr uns aufſucht, mußt Du die Einwilligung des Grafen zu unſerm Bunde auf Ehrenwort erlangt haben.“ „Aber wenn er ſich weigert?“ Eben dann bin ich nicht genannt und mithin auch nicht compromittirt.“ „Du Thor, Jedermann wird wiſſen, wer der Ver⸗ liebte iſt. Doch Du haſt nichts zu fürchten.“ 72 „Gut denn, ſo beginnen wir, ich will nur noch eine kurze Unterredung mit dem Vater haben. Sei ſo gut und bitte ihn zu mir hierher.“ Der Oheim ging in heiterſter Stimmung, bald darauf ſtanden ſich Vater und Sohn gegenüber. „Mein theurer Vater“, begann Julius in ernſtem Ton,„ich weiß, Du willſt nur mein Beſtes und biſt ſtets beſtrebt geweſen, dieſes zu fördern.“ „Das weiß Gott! Ich danke Dir für Deine An⸗ erkennung!“ erwiderte der ebenfalls weinſelige Graf, indem er den Sohn umarmte. „Du gedachteſt mir die Comteſſe Ansbach zur Gattin zu geben.“ „Das will ich auch jetzt noch.“ „Sie iſt aber heimlich verlobt, ihr Bräutigam weilt unter uns.“ „Unmöglich! Das wäre gegen die Verabredung.“ „Es iſt ſo! Nun wirſt Du doch nicht verlangen, daß ich ein Mädchen heirathe, deren Herz einem An⸗ dern gehört!“ „Gewiß nicht! Aber es iſt ſchändlich.“ „Lieber Vater, ich liebe die Comteſſe ebenſo wenig& als ſie mich.“„ „Hm, hm! Darüber ſchweige nur!“ „Ich möchte Klotilde mit ihrem Geliebten glücklich ——— ——— 73 ſehen, ſie ſind beide gut und edel und vertrauen auf meine Hülfe.“ „So hilf ihnen! Aber ich habe mein Wort gegeben.“ „Das löſt ſich ja von ſelbſt. Die Sache iſt nur, den Grafen Ansbach zu bewegen, daß er den Geliebten ſeiner Tochter als Sohn annimmt.“ „Ich kümmere mich um nichts!“ „Aber Du erlaubſt mir zu handeln?“ „Nur ſo, daß unſere Ehre nicht darunter leidet.“ „Ich danke Dir, mein theurer Vater, ein kleiner Faſtnachtsſpuk iſt gewiß am rechten Orte.“ „Wie meinſt Du das?“ „Gedulde Dich wenige Minuten. Nun ſei ſo gut und begib Dich wieder zu dem Grafen Ansbach; aber was Du auch hören und ſehen magſt, ſprich um Gotteswillen kein Wort, weder ja noch nein, bis Du ganz klar ſehen kannſt. Der Onkel iſt übrigens mit mir im Bunde.“ „Der Onkel?“ „Ja gewiß, er wird das Glück der Liebenden be⸗ gründen helfen und mich von jeder Verpflichtung frei er „Dann habe ich nichts zu fürchten und werde ſchweigen.“ Der alte Mann entfernte ſich wieder. Julius eilte zu Breitenbach, mit dem er eine kurze Unterredung hatte, worauf auch dieſer den Saal verließ. Nun näherte er ſich der Comteſſe. Wenige Minuten genügten den jungen Leuten, ſich zu verſtändigen. Arm in Arm ſchritten ſie durch das hellerleuchtete Zimmer, in welchem eine Anzahl alter Herren ſaßen und mit wenigen Ausnahmen noch tapfer dem Glaſe zuſprachen. Zwar zitterte die Comteſſe ein wenig, als ſie den Vater erblickte und ſich nun die fol⸗ genden Minuten mit all ihrem Bangen ausmalte; aber doch konnte ſie nicht anders als dem jungen Grafen folgen, er hatte ja verſprochen, ſie zum Glücke zu führen. Dieſer durchwanderte mit erhobenem Haupte das Trinkzimmer, und als Graf Ansbach ihn gewahrte und fröhlich rief:„He, Herr Soldat, wen entführen Sie da?“ ließ er ſich keine Zeit zur Antwort, ſondern be⸗ gab ſich ohne Säumen durch die nächſte Thür. „Iſt meiner Tochter etwa eine Unpäßlichkeit zu⸗ geſtoßen?“ fragte Ansbach ſich vorbeugend. „Sie ſah nicht darnach aus, als ob ſie leide, im Gegentheil ſchien ſie mir ſehr glücklich zu ſein!“ erwi⸗ derte der Oheim des Freiwilligen. Des letztern Vater rückte unruhig hin und her, ihm war durchaus nicht behaglich zu Muthe, am liebſten hätte er ſich auf der Heimreiſe befunden⸗ 75 „Mein hoher Freund“, begann jetzt der jüngere Sacco nach einem kurzen Räuspern, indem er ſich an Ansbach wandte,„ich habe ſo eben zwei Liebenden ge⸗ lobt, die in ihrer Schüchternheit nicht wagen, ihre Empfindungen vor den Augen der Aeltern zu zeigen, ihnen den Segen des Brautvaters zu erflehen. Die jungen Leute befinden ſich augenblicklich hier im Neben⸗ zimmer, Ihre Tochter, die Comteſſe Klotilde, mit ihrem heimlich Verlobten, und rufen Ihre Gnade durch mich an, den Bund, den ſie unter ſich geſchloſſen, durch Ihren väterlichen Segen zu weihen.“ „Meine Kinder!“ erwiderte der alte Graf mit ſchwerer Zunge.„Laſſen wir ſie eintreten, damit wir ihr Glück vollſtändig machen.“ „Nicht hier!“ rief der vorige Sprecher.„Gehen wir zu ihnen. Aber vorher habe ich noch eine Pflicht zu erfüllen, die mir auferlegt ward. Ihr gräfliches Wort muß ich haben, daß Sie die Liebenden dort im Nebenzimmer als Kinder an Ihre Bruſt drücken wollen und ihrer Verbindung für das Leben nichts entgegen⸗ ſetzen werden.“ Ansbach war ſo feſt davon überzeugt, daß Klotilde und Julius Sacco ſich liebten, er hatte ſie eben Arm in Arm in des Nebenzimmer hineingehen ſehen, ihnen war von dem Oheim des Unteroffiziers freundlich und vertraulich zugenickt worden; unmöglich konnte er etwas Anderes denken, als daß dieſe beiden jungen Leute ſeiner Einwilligung zu ihrem Bunde für das Leben harrten. „Mein Wort, daß ich zufrieden bin, wenn ſie in kürzeſter Friſt in den Eheſtand treten, ich gönne der Klotilde dies Glück ja ſo gern“ entgegnete er deshalb. „So gehen wir“, rief Sacco. Die Herren, von denen einige den Kopf ſchüttelten über die merkwürdige Art, eine Verlobung anzubahnen, ſteuerten ſämmtlich dem angrenzenden Gemach zu, Graf Ansbach und der jüngere Sacco an der Spitze. Der Vater des Freiwilligen ſchlich in gedrückter Stimmung hinterdrein. Kaum hatten Sacco und Ansbach die Thür erreicht, als der erſtere einen Schritt zurückprallte und die Augen ſo weit aufriß, als ſei ihm ein Meerwunder erſchienen; Ansbach ſtand wie verſteinert da und war unfähig, ein Wort hervorzubringen, während die übri⸗ gen Herren das Weitere erwarteten. An einem der Fenſter lehnte der Gutsbeſitzer von Brei⸗ tenbach, in ſeinen Armen lag Klotilde und weinte; von dem jungen Grafen Sacco war keine Spur zu entdecken. Doch nur für einen Moment blieben die Liebenden in ihrer vertraulichen Stellung, die Jungfrau ſchrak empor, erfaßte die Hand Breitenbach's, beide ließen 77 ſich vor dem Grafen Ansbach auf die Kniee nieder und flehten um ſeinen Segen. „Was bedeutet das?“ wandte ſich dieſer zürnend an den jüngern Sacco. Indem erſchien der Freiwillige an der entgegen⸗ geſetzten Thür.„Ich gratulire von ganzem Herzen!“ rief er ſchon aus der Ferne.„Doch was ſehe ich“, fuhr er näherkommend fort,„die Liebenden knieen noch. Herr Graf“, wandte er ſich an Ansbach,„Sie gaben ja wohl Ihr gräfliches Wort, dieſen Herrſchaften hier ungeſäumt den Segen zu ihrem Bunde zu ertheilen. Oheim, forderteſt Du nicht dies?“ „Verdammter Bube!“ murmelte dieſer zwiſchen den Zähnen. Ansbach war erbleicht; er mußte ſchnell die wahre Sachlage durchſchaut haben und wollte ſich wahrſchein⸗ lich nicht compromittiren, vielleicht glaubte er auch, den Saccos nach dieſer Scene zeigen zu müſſen, daß ihm ein Anderer als Sohn ebenſo lieb ſei wie der Soldat, denn ſich zum Lächeln zwingend, rief er mit möglichſt ſtarker Stimme:„Gott ſegne Euern Bund, meine Kinder, und nun kommt an das Herz Eures Vaters, der Euch ſtets innig lieben wird!“ „Ein vernünftiger Mann!“ flüſterte Julius ſeinem Vater zu. „Und Du biſt ein leichtſinniger Patron!“ erwiderte dieſer unwirſch. Der Oheim ſprach kein Wort, aber ſeine Augen ruhten vernichtend auf dem Neffen, den er jetzt aus tiefſter Seele haßte. Dieſer ſorgte dafür, daß das fröhliche Ereigniß ſchnell in der ganzen Geſellſchaft bekannt wurde; Graf Ansbach ſah ſich bald genöthigt, die Verlobung ſeiner Tochter zu proclamiren. Schwebten die Liebenden über das glückliche Ge⸗ lingen der Machinationen des Freiwilligen in einem Meer von Wonne und kehrte ſich Julius auch wenig an die vorwurfsvollen Blicke, die ihm von einigen Seiten zugeſandt wurden, ſo mußten ſein Vater und Oheim um ſo mehr empfinden, daß ſie fernerhin keinen Anſpruch auf die Freundſchaft des Grafen Ansbach machen dürften. Sein Weinrauſch hielt ihn noch ab, die ſtattgehabte Handlung klar zu überblicken und die Folgen derſelben zu ermeſſen. Der Wein, der Erfreuer des menſchlichen Herzens, hatte auch ihn empfänglicher geſtimmt für tiefere Gefühle, er war ſchnell bereit ge⸗ weſen, das Glück ſeines weinenden Kindes zu begrün⸗ den; aber daß er im nüchternen Zuſtande anders denken, daß ſein Stolz den Augenblick noch verwünſchen werde, in dem er gezwungen worden, den einfachen Adligen ————————————— 79 von Breitenbach als Sohn anzuerkennen, ließ ſich vor⸗ ausſehen. Indeſſen ſein Wort war gegeben, wenn auch in irriger Weiſe, er hatte nicht anders gekonnt, als es halten. Sein Zorn mußte ſich gegen die Saccos len⸗ ken, die durch Schwindeleien ſich ihrer Vevpflichtung entzogen und ihn düpirt hatten. Das erwog nament⸗ lich der Oheim des Freiwilligen und deshalb blickte er düſtern Auges auf den pflichtvergeſſenen Neffen. Julius war inzwiſchen aufs eifrigſte bemüht, alles Gehäſſige ſeiner Handlung zu beſchönigen. Zunächſt beſchäftigte er ſich mit der ältern Gräfin Ansbach und machte ihr klar, daß er es geweſen ſei, der das Glück ihrer Tochter ſchnell ſicher geſtellt habe. Die Gräfin, eine gute und liebevolle Mutter, weit weniger von Standesvorurtheilen beherrſcht als ihr Gatte, war ſehr zufrieden mit dem ſtattlichen Ver⸗ lobten Klotildens und blieb weit entfernt, dem jungen Grafen zu zürnen. Den Verlobten nahm Julius das Verſprechen ab, daſ, ſie für die Wiederherſtellung des guten Einvernehmens zwiſchen dem Vater und ſeinen Verwandten beſorgt ſein würden, und zuletzt machte er ſich an den Grafen Ansbach ſelber.„Ich mußte eine Strafe über Sie ver⸗ hängen“, redete er ihn an;„aber da ich Ihnen ſtets herzlich zugethan geweſen bin, ſo kleidete ich dieſe in eine Ueberraſchung. Sie, Herr Graf, hatten Ihr Wort verpfändet, mir Ihre Tochter zur Gattin zu geben. Das vermochten Sie nicht mehr, denn dieſe hatte be⸗ reits anderweit gewählt, und ſollte ich etwa ein vom Schmerz um den verlornen Geliebten zerriſſenes Herz als Opfer annehmen? Kurz, Sie befanden ſich außer Stande, den eingegangenen Vertrag zu erfüllen. Dafür rächte ich mich, und ich glaube, die Art meiner Rache iſt keine grauſame!“ Ansbach mußte einſehen, daß ſeine Tochter die Schuldige war und nicht die Saccos.„Sie ſind ein Ausbund, junger Mann, denn Sie haben mich mit Hülfe Ihres Oheims, dem das am wenigſten zu ver⸗ zeihen iſt, geradezu betrogen“, rief er halb ver⸗ ſöhnt. „Nein, Herr Graf, kein Wort von Betrug. Mein Oheim liebt zwar kleine Ränke und ich mußte ihm bei ſeinem Scherz helfen. Aber ich glaube, der Herr von Breitenbach iſt einer der edelſten und beſten Män⸗ ner, Sie konnten keinen beſſern Sohn erwählen. Der Beſchädigte bin allein ich; aber ich verzeihe Ihnen ſämmtlich Ihr Vergehen an mir und zwar aus reiner Liebe und Verehrung für die glückliche Braut. Machen wir Frieden!“ entgegnete der Soldat in heiterſter Stim⸗ mung. 81 „Schändlich, nun beſchuldigt mich dieſer Menſch noch gar der Theilnahme an ſeinen Intriguen!“ zürnte der Oheim, ohne den Neffen auch nur eines Blickes zu würdigen. „Wie“, rief Ansbach,„Sie wollen von dem Com⸗ plot der jungen Leute nichts gewußt haben? Wer nahm mir denn mein Wort ab?“ Julius lachte ſtill vor ſich hin. „Ich war getäuſcht wie Sie und zwar durch den da.“ Er deutete auf den Neffen, ſeinen Namen mochte er nicht ausſprechen. „Ei, ei, junger Herr! Sie mögen ſich zu einem tüchtigen Diplomaten eignen, ein guter Verwandter ſind Sie nicht“ ſprach Ansbach, indem er Julius mit dem Finger drohte. „Um ſo mehr Urſache haben Sie, Ihr Geſchick zu preiſen, das Sie vor mir als Schwiegerſohn bewahrte“ lachte Julius. Je länger über die Verlobung verhandelt wurde, deſto mehr überzeugte ſich Graf Ansbach, daß die Saccos ihm kein Leid zugefügt und daß ſelbſt Julius edel⸗ müthig gehandelt hatte. Breitenbach und Klotilde waren die allein Schuldigen, und ſo mußte er denn froh ſein, daß die Saccos gute Miene zum böſen Spiel machten. Wohl hätte er der Tochter ernſtlich zürnen mögen, 6 Steffens, Standesvorurtheile. MI. 82 aber in ſeiner gemüthlichen Stimmung und Weinlaune kannte er keinen Grimm. Es gibt ja ſo unzählig viele Menſchen, die, ſobald ſie berauſcht ſind, Alles von der roſigſten Seite auf⸗ faſſen, wenn ſie im nüchternen Zuſtande auch nichts weniger als leicht zu gewinnen ſind. Zu dieſen gehörte Graf Ansbach. Einer ſeiner ſchrecklichſten Gedanken, ſeine Familie könne Verbin- dungen unter ihrem Stande eingehen, zeigte ſich nun als durchaus übertrieben. Niemand rümpfte die Naſe über die Verlobung, ja ſämmtliche anweſende Herr⸗ ſchaften wünſchten dem liebenden Paare aufrichtig und von Herzen Glück; Breitenbach benahm ſich voll Würde und Anſtand und war der aufmerkſamſte Bräutigam. Das Alles gefiel dem ſonſt ſo hochmüthigen Manne; genug, bevor ſeine Standesvorurtheile ſich wieder Bahn brechen konnten, hatte er ſich an den Gedanken gewöhnt, ſtatt eines leichtſinnigen Grafen einen gewöhnlichen, aber ehrenfeſten Edelmann Sohn zu nennen. Das Feſt war endlich beendet, die Gäſte ſchieden aus dem Schloſſe, Julius von den Verlobten mit Dank⸗ ſagungen und Verſicherungen ewiger Freundſchaft über⸗ ſchüttet; er fühlte ſich zufrieden, denn er war ſich eines guten Werks bewußt, mochte er auch hier und da un⸗ richtig beurtheilt werden. 83 Sein Oheim behandelte ihn unterwegs mit ſtiller Ver⸗ achtung, doch die Aeltern erkannten an, daß er ſeines Namens würdig gehandelt habe und in der Weiſe, wie er der Comteſſe Klotilde zu ihrem Glück verholfen, weit eher eine hochherzige Handlung wie eine Entwürdigung der eigenen Perſon liege. Wenn indeſſen der junge Mann heimlich triumphirte, daß es ihm gelungen, dem Onkel einmal gründlich ſeine Luſt zur Bevormundung zu verleiden, ſo zog er dabei nicht in Betracht, daß dieſer als Gegner ein höchſt gefähr⸗ licher Menſch ſei, der, wenn er einmal zürnte, zu jeder Handlung fähig war. Und mochte er nun immerhin thun, als werde er den Neffen fortan wie einen völlig Fremden behandeln, er trug einmal ſeinen Namen, ſeine Ehre galt ihm als die eigene; deshalb durfte er auch nie darauf hoffen, das Einmiſchen des intriganten Mannes in ſeine Angelegenheiten ihm völlig verleidet zu haben. Schon während ſie in der Nacht nach Sonnenhagen zurückfuhren und Julius daran dachte, ſobald er in S einige Stun⸗ den freie Zeit gewonnen habe, allen Ernſtes zu ergründen, inwieweit er Anna unrecht beſchuldigt oder ſie nach ihren Werth behandelt habe, ſuchte der Oheim Gründe für das ihn verletzende Benehmen des Neffen und kam zu dem Schluß, nur ſein Einmiſchen in die Liewe'ſche Angelegen⸗ heit könne den boshaften und verzogenen Menſchen gegen 6* 84 ihn erzürnt und rachſüchtig geſtimmt haben. Anſtatt nun aber zu bedenken, daß ſeine Hinterliſt auch eine Strafe verdient, nahm er ſich vor, nach Möglichkeit die fernern Schritte des leichtſinnigen Jünglings zu über⸗ wachen und ihm mit mehr Nachdruck, wenn auch ge⸗ heim entgegenzuwirken, ſobald er Gelegenheit finde, ihm die erlittene Niederlage zu vergelten. Viertes Kapitel. — Julius Sacco war in ſeinem Garniſonsorte wieder eingetroffen und hatte ſich bei den verſchiedenen Vor⸗ geſetzten in vorſchriftsmäßiger Weiſe als vom Urlaub zurückgekehrt angemeldet. Jetzt ſaß er daheim in ſeiner Wohnung, hatte den Kopf auf die Hand geſtützt und ergab ſich einem ſtummen Hinbrüten. Was ihn, ſo⸗ lange er unter ſeinen Verwandten geweilt und mit ihnen Geſellſchaften beſucht, vor anhaltendem Trübſinn bewahrt hatte, die zärtliche Liebe und Anhänglichkeit der Aeltern, das mangelte ihm in S. gänzlich. Freilich konnte er hier aus einem fröhlichen Cirkel in den andern wandern, konnte jedes Weh in der Bruſt durch Schwelge⸗ reien betäuben; aber alles dies erfüllte ihn mit Wider⸗ willen, er mochte nicht einmal den Verkehr der Kameraden ſuchen, und jedes wüſte Treiben haßte er wie die Sünde. 86 Für denjenigen Menſchen, der ein geheimes Weh in der Bruſt trägt, gibt es keinen weniger zuträglichen Aufenthaltsort als den, wo er den Schmerz, der ihn verzehrt, empfangen. Fort in eine andere Umgebung, wo nichts ihn an ſein Unglück erinnert, da vermag er ſeinen Kummer zu ertragen und ihn zu vergeſſen; aber ſelten iſt einer, der in der Liebe bittere Erfahrungen ge⸗ macht, im Stande, ſein Leid zu verwinden, wenn er täglich dem Gegenſtand ſeiner Schmerzen zu nahen vermag. Entweder die allgewaltige Sehnſucht trägt den Sieg über ihn davon, er verirrt ſich auf jede Gefahr hin, oder er fühlt ſich bald lebensunfähig; in wenigen Fällen beſitzt ſelbſt der ſtärkſte Mann Kraft genug, den Kampf ſiegreich zu durchkämpfen, den ihm das Schickſal auf⸗ erlegte. Julius hatte, ſolange er in Sonnenhagen geweilt, wohl eine Leere in ſeinem Herzen gefühlt, aber dieſe war durch die freundlichen Bemühungen ſeiner Ael⸗ tern, ihn zu unterhalten, wenigſtens theilweiſe aus⸗ gefüllt worden. Jetzt wähnte er ſich von der gan⸗ zen Welt verlaſſen. Was er unternehmen mochte, bei Allem trat das liebliche Bild der Gärtnerstochter vor ſeine Seele. Blickte er zum Fenſter hinaus, ſo war es ihm, als müſſe er ſie im nächſten Augenblick daher⸗ kommen ſehen, ging er ſpazieren, ſo meinte er, jede — — 87 näher kommende Dame ſei ſie. Die Sehnſucht nach ihr verzehrte ihn und er begann ſich tauſenderlei Vor⸗ würfe zu machen, daß er nicht ſofort auf den erhaltenen Brief zu ihr geeilt war. Er hatte das zärtliche Ver⸗ hältniß zwiſchen Breitenbach und ſeiner Verlobten ge⸗ ehen; die Innigkeit, mit welcher ſie ſich an einander ge⸗ ſchloſſen, nachdem nach langen und ſchweren Sorgen das Glück ſich ihnen zugewandt, erfüllte auch ihn mit dem Wunſche, ein Weſen ſein zu nennen, das ihm Alles, die ganze Welt zu erſetzen vermöge. Hin zu ihr! rief es ihm unaufhörlich zu. Aber dann kamen die Bedenken. Wie ſollte er ſein langes Ausbleiben entſchuldigen? Und wenn ſie nun nicht jeden Verdacht in ihm zu ertödten vermochte? Sie mußte es können, er wollte ja jedes ihrer Worte wie den Schwur eines Heiligen betrachten, Vertrauen und Glauben ſollten ihn regieren, denn ohne dieſe Ver⸗ bündeten der Liebe war das Leben ja eine unerträg⸗ liche Laſt. Als der Abend endlich nahte, befand ſich der Graf auf der Promenade vor dem Waſſerthor. Aengſtlich und erwartungsvoll ſchaute er bald hierhin, bald dort⸗ hin, unverdroſſen ſchritt er die Allee auf und ab, bis die Dämmerung ſich auf die Erde legte, wiele Damen Lſpazierten an ihm vorüber, aber immer 88 wollte ſich Anna ſeinen ſehnenden Blicken noch nicht zeigen. Da, als er nur noch eine kurze Strecke vor ſich Jemand zu erkennen vermochte, kamen einige junge Mädchen daher. Sein Herz begann ſchneller zu ſchlagen, das ſuchende Auge entdeckte die Geliebte, wie ſie an der Seite ihrer Freundinnen langſam daherwandelte. Prüfend ruhten ſeine Blicke auf ihrem Antlitz, aber o weh, wie hatte ſie ſich in den wenigen Tagen, in denen er ſie nicht geſehen, verändert! Ihr ſchönes dunkles Auge ſchaute traurig und ſinnend vov ſich nieder, die lieb⸗ liche Röthe ihrer Wangen war entflohen und der kindlich frohe Ausdruck ihres Geſichts hatte einer tiefen Schwermuth Platz gemacht. Jetzt gewahrte ſie ihn, ſie zuckte leicht zuſammen und— war es Einbildung oder Wirklichkeit— Julius glaubte Thränen an ihren Wimpern hängen zu ſehen. Ein unnennbarer Schmerz erfaßte die Seele des jungen Mannes, er hätte vor ihr auf die Kniee ſtürzen und ihr alles Leid, das er ihr bereitet, abbitten mögen, aber er durfte ja ihrer ſelbſt wegen vor den übrigen Damen nicht zeigen, was in ihm vorging; mit einem ehrerbietigen Gruß, der eine leiſe Erwiderung fand, ſchritt er vorüber. Kaum waten ſie ſeinen Blicken entflohen, als er 89 mit der größten Schnelligkeit auf Umwegen der Neu⸗ ſtadt zueilte, weil er hoffte, hier der Geliebten nochmals ohne Begleitung zu begegnen und ſomit im Stande zu ſein, eine Erklärung von ihr zu erbitten. Die Nebenſtraßen, welche Julius einſchlug, ver⸗ längerten den Weg bis zur Neuſtadt um ein Bedeuten⸗ des, ſodaß er erſt die Promenade derſelben erreichte, als Anna dieſe betrat. Aber ſeine Hoffnung erlitt abermals eine Täuſchung; während er mit hochklopfendem Herzen der jungen Dame, die ſich allerdings von ihren frühern Begleiterinnen getrennt hatte, nahte, ſchritt ein Mann hinter ihnen her. Er konnte nicht an der Seite der Geliebten ver⸗ weilen, wenn er Aufſehen vermeiden wollte; wußte er doch nicht, ob der Fremde Anna kannte. Dieſe erſchrak ſichtlich, als ſie ihn abermals erblickte; kein Zug der Freude ſpiegelte ſich auf ihrem Antlitz ab, viel eher ſchien daſſelbe noch mehr von herber Trauer beſchattet zu werden, verwirrt ſenkte ſie den Blick zu Boden. „O bitte, ſowie es dunkel iſt, in der Laube!“ flehte Sacco halblaut, als er gans nahe an die Geliebte herangekommen war. Anna ſah einen kurzen Moment auf, ein namen⸗ loſes Leid ſprach aus ihren ſchönen Zügen, ſchweigend 90 ſetzte ſie ihren Weg fort. Vielleicht hinderte ſie die Nähe des fremden Mannes, eine Erwiderung abzugeben. Julius hatte wenigſtens nicht ganz vergeblich ſeinen Ausflug unternommen; er durfte erwarten, daß Anna die ihr gebotene Gelegenheit benutzen werde, ſich von jedem Verdacht zu rechtfertigen; war es doch ihr eigener Wunſch geweſen, ihn zu ſprechen und zu überzeugen, daß ſie ſeiner Liebe vollkommen werth ſei. Dieſer Ge⸗ danke tröſtete ihn in etwas, wenn ihr verändertes Weſen und Aeußeres ihn auch mit bangen Befürch⸗ tungen erfüllten. Ruhelos begab er ſich zurück nach ſeiner Wohnung, kleidete ſich in einen Civilanzug, nahm ſeine Strickleiter zur Hand und ſchlich dem Liewe'ſchen Garten zu. Ohne Hinderniſſe langte er in der Laube an und begab ſich auf ſeinen Lauſcherpoſten. Draußen hatte ſich inzwiſchen ein heftiger Sturm erhoben; praſſelnd ſchlugen die Zweige der Bäume ge⸗ geneinander und die Gartenpforte, welche nicht feſt geſchloſſen ſchien, klappte unaufhörlich gegen ihre Ein⸗ faſſung. Mehrmals glaubte Sacco nahende Schritte zu ver⸗ nehmen, aber immer erwies ſich das vernommene Ge⸗ räuſch als trügeriſch. Mit der Zeit ließ der Sturm an Stärke nach; aber 91 nn fiel ein feiner Regen, der bald zu einer wahren Sündflut anwuchs. Julius fand keinen Schutz mehr in der Laube, ſeine Kleider durchnäßten mehr und mehr. Die Uhr vom nahen Thurme verkündete die zehnte Stunde, der Frei⸗ willige ſah, wie das Licht in der Liewe'ſchen Wohnung erloſch, er durfte alſo nicht länger hoffen. Und doch konnte er ſich nicht entfernen, er mochte den Gedanken nicht in ſich aufnehmen, daß Anna ihn aufgegeben habe. So mochte auch ſie an jenem Abend auf ihn ge⸗ wartet und ſein Erſcheinen herbeigeſehnt haben, als er ihre Nähe geflohen hatte; jetzt erhielt er die gerechte Strafe, ſie war nun vielleicht auf ewig für ihn ver⸗ loren! Derartige Vorwürfe vermehrten ſeine Pein, bis er ſich gezwungen ſah, unverrichteter Sache nach Hauſe zu wandern. Vom Regen triefend, ermattet an Körper und Geiſt, langte er in ſeiner Wohnung an; verſtimmt wünſchte er die Liebe mit ihren Qualen und Genüſſen in die Hölle und nahm ſich vor, fortan ſein Herz vor jeder ſanften Regung zu hüten. Der Aermſte! Als ob ſich das Herz durch die kalte Vernunft leiten ließe. Er war noch lange nicht genug vertraut mit den wech⸗ ſelnden Empfindungen in der Bruſt des Menſchen⸗ Der nächſte Tag brachte dem Unteroffizier vielen Dienſt, bis zum ſpäten Abend war er in Anſpruch ge⸗ nommen und ſelbſt während der Nacht führte er die Ronde an. Das waren arge Stunden der Qual; denn all ſein Sinnen blieb darauf gerichtet, wie er die Ge⸗ liebte zu einem Zwiegeſpräch veranlaſſen könne. Endlich, nachdem er ſchon wieder drei Tage in dem Garniſonsorte geweilt, ſollte ſein Verlangen Be⸗ friedigung finden. Er hatte ſich aufs neue vor dem Waſſerthor poſtirt, diesmal mit dem feſten Vorſatze, koſte es was es wolle, Anna zu ſprechen. Und ſiehe da, ehe ſeine Ungeduld noch auf eine zu harte Probe geſtellt war, kam ſie daher, viel früher als ſonſt und ganz allein. Julius fühlte ſein Herz erzittern, er war unfähig, weiter zu gehen, ſondern blieb ſtehen und ließ die junge Dame an ſich herankommen. Jetzt ſtund ſie dicht vor ihm, voll Grazie verneigte ſie ſich, aber auch jetzt bemerkte Sacco das ſtille Leiden, das aus ihrem Blick ſprach. Ohne Aufenthalt wollte ſie weiter. „Anna“, flüſterte in dieſem Augenblick der junge Freiwillige,„kannſt Du mich hier ſtehen ſehen, ohne ein Wort an mich zu richten?“ Die junge Dame wandte ſich um. Vorwurfsvoll ———— ————— 93 entgegnete ſie mit einer Stimme, die von Wehmuth halb erſtickt war:„Warum ſollten wir uns gegenſeitig peinigen, Herr Graf? Unſere Beziehungen zu einander ſind ja mit rauher Hand vernichtet.“ Julius fühlte ſich tief ergriffen durch den Schmerz, der das ganze Weſen der Jungfrau durchdrang.„Anna“, ſprach er bewegt,„beſchuldigſt Du mich?“ „Habe ich nicht ein Recht dazu? Wer erklärte mich der Verachtung werth und ſtellte mich dadurch denjenigen gegenüber in ein ſchlechtes Licht, die über unſere Zukunft zu verfügen hatten? Doch ich zürne Ihnen deshalb nicht, Herr Graf, ſondern flehe täglich des Himmels Segen auf Ihr Haupt herab— Sie waren ja auch getäuſcht. Aber unſere Wege ſind für alle Ewigkeit auseinandergelegt, nichts vermag das frühere Verhältniß zwiſchen uns wiederherzuſtellen!“ Julius fühlte ſich vernichtet; nicht ſie ſtand vor ihm als Schuldige, er ſah ſich durch ihre Beſchuldigung zu Boden gedrückt „Leben Sie wohl, Herr Graf, und wollen Sie meine letzte Bitte erfüllen, ſo ſtellen Sie meine Charakter⸗ feſtigkeit nicht wieder auf die Probe. Scheiden wir auf ewig!“ fuhr Anna fort. „Annchen, Dich auf ewig meiden? Nimmermehr!“ rief der Graf voll Heftigkeit.„Ich will Dich er⸗ ringen und müßte ich mit aller Welt einen Krieg be⸗ ginnen.“ „Ich kann Sie nicht mehr lieben, denn mein Ver⸗ trauen zu Ihnen iſt wankend geworden, und ohne Ver⸗ trauen gibt es keine Liebe!“ erklärte die junge Dame. „Dann wehe mir! Fluch über mich, ich bin ein Geächteter!“ ſtöhnte Sacco, indem ſein Geſicht einen verzweifelten Ausdruck annahm. Sein Aeußeres mußte Mitleid erregen, wenigſtens konnte das gefühlvolle Herz der jungen Dame nicht ſeine Ruhe bei ſeinem Anblick bewahren.„Faſſen Sie ſich, Sie ſind ein Mann, Herr Graf“, ſprach ſie beſänf⸗ tigend,„und kann es Sie tröſten, ſo geſtehe ich Ihnen gern, daß ich wohl noch unglücklicher bin als Siel“ „Und warum können wir nicht glücklich ſein?“ „Weil Sie mich vor Ihren Verwandten beſchimpft und dadurch mein Vertrauen zu Ihnen ertödtet haben!“ „Aber hatte ich nicht Urſache, Ihnen zu zürnen und Sie zu verdächtigen? Ich war zugegen, als Baron von Herzer Sie liebkoſte und Ihnen die ſüßeſten Na⸗ men gab!“ „Der Schändliche! Ich würde lieber ſterben, als daß ich mich von ihm nur anrühren ließe!“ rief Anna ſtolz und voll Erhabenheit im Ausdruck. Se—. 2 95 „Wie? Sie waren alſo an jenem Abend nicht mit Herzer im Garten?“ „Wohl war ich dort, um Sie zu erwarten!“ „Und Herzer?“ „Er ſprang mir ſtatt Ihrer aus der Laube entgegen.“ „O bitte, da nahen Leute; ich flehe Sie an, bleiben Sie jetzt bei mir, ich muß Alles wiſſen, ſonſt werde ich wahnſinnig.“ „Ich darf hier nicht länger mit Ihnen ſprechen, man könnte mich erkennen, dann wäre mein Leid voll⸗ ſtändig.“ „So erlauben Sie mir Ihren Arm; ich führe Sie dort über die Promenade den Kanal entlang, Niemand begegnet uns auf dieſem Wege, und Sie können mir vertrauen.“ „Herr Graf, ich habe Verpflichtungen gegen meine Aeltern.“ „Und gegen einen Unglücklichen, den vielleicht bald die kühle Erde deckt, wenn er ſeinen Schmerz weiter ſchleppen muß.“ Anna's Widerſtand war aufs neue beſiegt, ihr wei⸗ ches Herz ging in Mitgefühl über, willenlos ließ ſie ſich von dem noch immer ſo ſehr geliebten Jüngling den Fußpfad entlang führen, der in einiger Entfernung an der Neuſtadt vorüberleitete. „Und nun ſagen Sie mir Alles, damit ich endlich klar ſehen lerne, wie weit die Frechheit eines Schurken gehen kann“, bat Sacco, nachdem ſie ſich eine Strecke weit von der Hauptpromenade zurückgezogen hatten. Anna erzählte bereitwillig das ganze Benehmen des Barons und ſchloß mit der Verſicherung, daß dieſes der Grund geweſen ſei, weshalb ihre Aeltern den Offizier am folgenden Tage aus der Wohnung gewieſen hätten. „So will ich Dein Rächer werden!“ rief Sacco nach Anhörung der Begebenheit.„All die Leiden, die wir infolge der Schurkenſtreiche erduldeten, er ſoll ſie mit ſeinem Blute bezahlen; ich habe ſo noch eine Rech⸗ nung mit ihm auszugleichen!“ „Nicht umſonſt fürchtete ich Ihren Zorn, deshalb theilte ich Ihnen nicht brieflich mit, wie ich in die fatale Lage gekommen“, fuhr Anna fort;„ich hoffte Sie mündlich beſänftigen zu können.“ „Beſänftigen?“ zürnte der Freiwillige.„Ein ſo erbärmlicher Wicht darf ſeiner gerechten Strafe nicht entgehen. Gewiß wußte er, daß ich ſeine Worte hörte.“ „Ich kann das nicht behaupten, aber jedenfalls muß er von unſern Zuſammenkünften Kenntniß gehabt haben.“ 97 „Alles werde ich ergründen. Und dann wehe ihm!“ „Sie werden ſich in keine Gefahr ſtürzen, mir zu Liebe nicht.“ „Ihnen zu Liebe? Ich habe ja kein Anrecht mehr auf Ihre Liebe.“ „Seit Ihr Herr Vater meiner Mutter Ihre Er⸗ klärung überbracht hat, würde ſie mich lieber todt ſehen als in Ihrer Nähe.“ „Sie wird ſich erweichen laſſen, wenn ſie erfährt, daß ich im Delirium geſprochen und mein Vater unſern Bund mit Freuden ſegnet. Die mir zugedachte Braut habe ich inzwiſchen ſchon anderweitig verlobt.“ „Ach mir iſt jetzt ſo bange, all mein früheres Glück iſt dahingeſchwunden und ich war ſo unendlich glücklich“, klagte Anna, indem ihre Augen von Thränen benetzt wurden. „O Geliebte“ flüſterte Julius,„ich weiß, Du biſt bitter durch mich gekränkt, ich habe Deine ſchöne Seele ſchwer betrübt, aber male Dir einmal meinen gräß⸗ lichen Zuſtand aus, nachdem ich ſchweigend hatte zuſehen müſſen, wie dieſer Baron mir meine höchſte Seligkeit raubte, und Du wirſt meine Ungerechtigkeit begreiflich finden.“ „Aber wie willſt Du die Meinung Deiner Ver⸗ wandten über mich jetzt ändern?“ Steffens, Standesvorurtheile. IIM. 7 98 „Mache Dir deshalb keine Sorgen, Du Engel! Mein Vater hat nie geglaubt, daß Du eines Treubruchs fähig ſeieſt, auch Deine Mutter achtet er hoch. Und Herzer ſoll ſein ſchändliches Benehmen ſelber aufdecken, ich werde ihn dazu zwingen!“ „Und Du hatteſt weniger Vertrauen zu mir als Dein Vatter?“ klagte Anna leiſe. „Annchen, denke Dich in meine Lage, verſetze Dich einmal an meine Stelle, während Herzer Dich unter⸗ hielt; erwäge, daß Du keine Silbe ſprachſt, die mich konnte ahnen laſſen, daß Du nicht im Einverſtändniß mit ihm ſeieſt, und dann zürne mir noch, wenn Du es vermagſt, trotzdem ich ſelbſt auf Deine Aufforderung nicht kam, um Deine Rechtfertigung zu hören. Durfte ich noch zweifeln, daß Du auch ihm Deine Huld ſchenkteſt?“ „Wohl ſehe ich ein, daß Du fürchterlich gelitten, und kann Dir darum auch nicht zürnen. Sieh, ich wußte, daß Du Dich in der Nähe befandeſt, denn ich hatte das Geſträuch rauſchen hören, in welchem Du verborgen warſt, aber dies veranlaßte mich erſt recht, zu ſchwei⸗ gen. Denke, ich hätte um Hülfe gerufen oder den Baron verächtlich fortgewieſen, er wäre ſicherlich doch nicht gegangen, denn es war augenſcheinlich ſeine Ab⸗ ſicht, eine Scene herbeizuführen und uns beide zu w 99 compromittiren. Du wäreſt hervorgeſtürzt, es hätte einen fürchterlichen Skandal gegeben, der wohl gar einen blutigen Ausgang genommen.“ „Aber glaubſt Du, mein treues Herz, daß ich den Baron jetzt werde ungeſchoren laſſen? Deine Ehre iſt auch die meinige, das will ich ihm klar machen, damit er künftig weiß, wie er Dich zu behandeln hat.“ „Ich hoffe feſt darauf, daß Du meine Bitten er⸗ füllen und der Vernunft Gehör ſchenken wirſt: jeder Auftritt mit Herzer kann Dir und mir nur ſchaden.“ „Alſo Du verlangſt, ich ſoll mich und Dich geduldig von ihm verhöhnen laſſen?“ „Ziehe ihn meinetwegen in Gegenwart einiger ehr⸗ liebender Männer zur Verantwortung. Immerhin wird dadurch mein Name einen Schimpf erleiden; doch ich vertraue Dir und glaube, Du wirſt ihn von jedem Makel rein zu halten verſtehen. Aber ich flehe Dich an, ſuche keine blutigen Händel, verſprich mir dies Eine und ich will Alles vergeſſen, Dir, ſolange ich lebe, in treuer Liebe ergeben ſein.“ „Geliebtes Weſen, ich weiß ja nicht, ob ich im Stande ſein werde, einem Duell auszuweichen.“ „Dann ignorire lieber den ganzen Vorfall, es wird ſich wohl eine andere Gelegenheit bieten, ihn zu be⸗ ſtrafen. Bedenke immer, daß all ſein Sinnen darauf gerichtet iſt, uns zu trennen, und welches Licht würde es auf mich werfen, was hätte ich von meinen Aeltern zu erwarten, wenn es hieße: Graf Sacco und Baron von Herzer haben ſich um Anna Liewe gerauft! Dann aber iſt ja die Tragweite eines Kampfes zwiſchen Euch gar nicht abzuſehen; entweder Du ſiegſt und dann ſteckt man Dich in eine Feſtung; oder Du unterliegſt; in beiden Fällen bin ich das bedauernswertheſte Geſchöpf, das je die Erde getragen.“ Sacco ſchloß die Geliebte an ſein Herz. Er ſah ein, daß er ihretwegen ſchweigen müſſe.„Du haſt Recht“, ſprach er traurig,„ich muß den Elenden diesmal in Ruhe laſſen, aber bei Gott, er ſoll dennoch empfinden, daß ich nicht mit mir ſcherzen laſſe.“ „O Dank, tauſend Dank, mein Geliebter! Ja, Du biſt der edelſte der Männer! Möge uns Gott bewahren, daß wir je wieder an einander irre werden“, flü⸗ ſterte Anna, ſich voll Vertrauen an den Grafen ſchmiegend. „Wenn wir erſt aller Welt zeigen dürfen, daß wir uns ganz gehören, ſo kann ſich Niemand mehr zwiſchen uns drängen, und ich ſehne dieſen Augenblick als mein höchſtes Glück herbei“, entgegnete Julins. „Und doch iſt er noch in weite Ferne hinaus⸗ gerückt, ja ich fürchte, daß es uns nicht gelingen wird, Ww 101 meine Mutter je wieder günſtig für unſere Liebe zu ſtimmen. „O Du biſt eine kleine Zweiflerin; dem feſten Willen iſt Alles möglich!“ ermuthigte der Graf das junge Mädchen. „Du biſt immer voll freudiger Zuverſicht, ach und mein Muth iſt vollſtändig gebrochen; ich fühle mich ſeit jenem ſchrecklichen Abend ſo krank und widerſtands⸗ unfähig, daß ich mich in Alles fügen würde, was man über mich verhängte.“ „Du liebes, gutes Kind, es ſoll meine Aufgabe ſein, Dir für jeden Augenblick Deines Kummers lange Jahre voll ungetrübter Freuden zu bereiten. Warum mußte ich auch an Deinem reinen Sinn zweifeln! Wie viel Leid wäre uns beiden erſpart worden, wenn ich Dir ganz vertraut hätte!“ „Laſſe nun die Vergangenheit ruhen, mein Julius, und ſehen wir, wie wir die Zukunft uns günſtig ge⸗ ſtalten. Warſt Du vorgeſtern Abend in der Laube? Doch ja, ich habe ja Deine Fußtritte bemerkt.“ „Ich habe bis ſpät in die Nacht hinein auf Dich gewartet.“ „In dem fürchterlichen Wetter?“ „Völlig durchnäßt kam ich um Mitternacht nach Hauſe.“ 102 „Ich dachte wohl, daß Du dort ſeieſt, doch ich wage mich abends nicht wieder in den Garten, der Baron könnte dort verſteckt ſein.“ „Wie? Du fürchteſt?“ „Ich glaube ſogar ganz beſtimmt, daß er in voriger Woche einmal dort war.“ „Erzähle, mein ſüßes Herz, woraus Du das ſchließeſt.“ „Zwei junge Damen aus der Stadt hatten mich beſucht, wir pflückten, obgleich es ſchon dunkel war, einige Birnen. Da mit einem Male entfernte ſich mein Hündchen von uns und lief heftig bellend auf das Himbeergeſträuch zu, welches ſich neben der Dir be⸗ kannten Laube hinzieht. Mir wurde ſogleich klar, daß dort Jemand und zwar ein Anderer als Du verſteckt ſei, ſonſt hätte ja der Hund nicht ſolchen wüthenden Lärm gemacht. Wir gingen ebenfalls näher zu den Büſchen heran und hörten nun, wie das kläffende Thür leiſe angelockt wurde. Wir liefen, ſo ſchnell uns unſere Füße tragen wollten, zu meinem Vater und holten dieſer herbei; ich freute mich, daß der Baron nun ſeinen Lohn erhalten würde. Als wir aber zurückkehrten, war das Geſträuch leer und der Hund ſtand an der Mauer, zu dieſer hinaufbellend. Mein Vater wollte natürlich nicht glauben, daß ein Fremder gewagt haben könne, in den Garten zu ——„— ——— 103 dringen, und lachte uns wegen unſerer Furcht aus; doch ich und meine Freundinnen ſind der feſten Ueber⸗ zeugung, daß ein Mann dort verſteckt war.“ Sacco wurde nachdenklich.„Aber weshalb ſollte Herzer ein ſolches Wagniß begehen, in Euren Garten zu klettern? Denke nur, welcher Gefahr er ſich damit ausſetzt“ ſprach er nach einer Weile des Sinnens. Lächelnd erwiderte Anna:„Haſt Du nicht ſchon öfter den Weg über die Mauer geſucht?“ „Aber, theures Kind, das iſt doch etwas Anderes. Mich trieb die Liebe und ich wußte mich erwartet, mir konnte doch nur Entdeckung durch Dich drohen, und die war mir nicht gefährlich; dann aber hatte mein Unternehmen einen beſtimmten Zweck.“ „Herzer wird wahrſcheinlich durch die Leidenſchaft getrieben, er ſoll ein verwogener Menſch bei ſeinen Abenteuern ſein. Daß er ſich wenigſtens alle erdenk⸗ liche Mühe gegeben, mich zu bewegen, ihm wenn auch nur einen freundlichen Blick zu ſchenken, iſt klar; wohl möglich, daß er Deine Abweſenheit benutzen wollte, mich zu beſtricken, vielleicht auch hoffte er auszuſpioniren, wie wir unſere Verſtändigung bewerkſtelligen. Genug⸗ daß er es war, den mein Hund verfolgte, daran zweifle ich keinen Augenblick.“ „Und Du meinſt, er werde ſeine Beſuche wiederholen?“ 104 „Das weiß ich nicht, aber der bloße Gedanke daran, daß er mir auflauern könnte, ſchreckt mich ab, abends in den Garten zu gehen.“ „In welcher Gegend war es, wo der Hund ſtand, als Du mit Deinem Vater zurückkehrteſt?“ „An dem äußerſten Ende der Mauer unter dem großen Apfelbaum.“ „Ah, es iſt die bequemſte Stelle zum Ueberklettern, auch ich bin dort ſtets eingedrungen.“ „Es befindet ſich eine kleine Vertiefung oben auf der Mauer.“ „Ganz richtig! Annchen, mein ſüßes Leben, wenn der Baron wirklich die Frechheit beſitzen ſollte, Dich in Eurem Garten beläſtigen zu wollen, ſo ſoll er eine fürch⸗ terliche Strafe erleiden, die ihn für immer von ſeiner Leidenſchaft kuriren wird.“ „Und Du läufſt keine Gefahr?“ „Niemand wird gefährdet als er ſelber und die ganze Angelegenheit bleibt der Welt verborgen.“ „Du erſchreckſt mich, Julius.“ „Fürchte nichts, ich will Dich von den Nachſtellungen des Barons für immer befreien. Aber wo und in wel⸗ cher Weiſe darf ich Dir denn hinfort nahen? Selbſt⸗ verſtändlich muß ich zuweilen in Dein liebes Auge ſchauen und Deinen ſanften Worten lauſchen dürfen.“ „ 105 „Ach, wenn meine Mutter das erfährt, iſt das Un⸗ glück groß, und ich wage nicht ſie anzublicken, ſobald ich gegen ihr Verbot gehandelt habe.“ „Aber wir thun ja nichts Unrechtes; die Zeit wird kommen, in der wir ihr offen erzählen können⸗ wie wir uns zu helfen wußten, als ſie uns von einander fern halten wollte.“ „Ich weiß wirklich keinen Rath, wie wir uns zu⸗ weilen ſehen ſollen. Auf der Straße iſt jedes Zuſammen⸗ treffen gefährlich—“ „Und die Laube aufzuſuchen, davor fürchte ich mich jetzt, nun ich dem Baron dieſen Gang verleiden will; er könnte Aehnliches gegen mich erſinnen wie ich gegen ihn. Uebrigens noch eine Frage: Es kommt doch aus Deiner Familie Niemand des Abends auf die Mauer?“ „Nein; was ſollten wir dort?“ „Gut! Und was nun unſere Unterredungen betrifft, ſo halte ich es für das Beſte, ich begleite Dich zuweilen abends auf dieſem Wege nach Hauſe; er wird ſelten von einem Spaziergänger beſucht, dazu wird es jetzt täglich früher dunkel, bei einiger Vorſicht entdeckt ge⸗ wiß Niemand, daß wir hier unſer Glück ſuchen.“ „So ſei es denn, wie Du willſt, aber ich bitte Dich, denke ſtets daran, welche Gefahr mir droht.“ 106 „Dein Wohl bedingt ja das meine, Engel!“ mein herziger „Und nun laſſe mich gehen, lieber Julius! Sieh, dort liegt ſchon die Neuſtadt; es iſt recht ſpät geworden und ich werde Mühe haben, mein langes Ausbleiben vor den Aeltern zu entſchuldigen.“ „Biſt Du auch wieder ganz glücklich, mein Annchen?“ „Ich hoffe es bald zu ſein, noch quält mich die Erinnerung an die verlebten grauſigen Tage zu ſehr. Gute Nacht, mein Geliebter!“ „Schlafe ſüß, mein Lebensglück, und träume von ſchönen Stunden an der Seite Deines treuen Verlobten.“ Die Liebenden wechſelten noch einige zärtliche Küſſe, dann trennten ſie ſich. Anna eilte mit flüchtigen Schritten ihrer Wohnung zu. Die Hoffnung auf eine glücklichere Zukunft hatte von neuem in ihrem Herzen Raum gefaßt, ſie fühlte ſich nicht mehr ſo troſtlos wie in letzter Zeit; ſie liebte mit der ganzen Macht ſtarker jugendlichen Seelen und dieſe Liebe war der Impuls ihres Lebens, ohne ſie hätte ſie das Daſein nicht lange ertragen können. Frau Liewe behandelte ſie rückſichtsvoller als ſonſt; ſie hatte Mitleid mit ihrem Zuſtande, denn es entging ihrer mütterlichen Wachſamkeit nicht, daß die Tochter durch die rauhe Zerſtörung all ihrer ſchönen Hoffnungen 107 ein Weh im Buſen aufgenommen hatte, das ihren Frie⸗ den für immer zu vernichten drohte. Nie erwähnte ſie des Grafen in Gegenwart Anna's, ſie hatte ihr einmal geſagt, daß er ihr nie wieder nahe kommen dürfe, das war genug; auch fürchtete ſie nicht, daß der junge Sacco die Frechheit beſitzen werde, nach ſeinem Ausſpruch gegen den Vater Anna noch einmal zu beläſtigen. Die ſonſt ſo ſcharfſichtige Frau war mit den nähern Ver⸗ hältniſſen der jungen Leute ja völlig unbekannt. Wie ſehr ſie den Grafen aber haßte und verabſcheute, das ahnte ſelbſt Anna nicht; ſie betrachtete ihn als den größten Frevler an den heiligſten Empfindungen der Menſchen. Wenn Julius und Anna ſich nun gelobt, ihre gegenſeitigen Beziehungen bis auf weiteres mit der größten Aengſtlichkeit vor Jedermann geheim zu halten und Alles zu vermeiden, was zur Entdeckung ihrer Liebe führen konnte, ſo waren das ſchöne Vorſätze, deren Durchführung indeſſen die Sehnſucht ihrer Herzen nur zu ſehr verhinderte. Schon am folgenden Abend nach ihrer Ausſöhnung ſtund Julius längſt wieder auf der Promenade, die nach dem Waſſerthor führte, als Anna die Nähſtunde und merkwürdigerweiſe allein ver⸗ ließ, um nach Hauſe zu gehen. Zwar ſagte ſie zu dem jungen Grafen:„Aber, lieber 108 Julius, es iſt recht unrecht von Dir, daß Du meine Feſtigkeit ſo bald von neuem auf die Probe ſtellſt, ich ſollte auf keinen Fall Deine Begleitung annehmen“; aber doch hielt ſie ihm freiwillig das roſige Mündchen zum Kuſſe hin, als er ſie in ſeine Arme ſchloß, und ohne Zögern legte ſie ihren Arm in den ſeinen, um abermals mit ihm den einſamen Pfad einzuſchlagen. Und wie vertraulich flüſterten ſie miteinander! War am vorigen Abend ihre Unterhaltung noch durch trübe Rückerinnerungen eine befangene geweſen, ſo äußerte ſich jetzt ſchon wieder die innigſte und zärtlichſte Liebe in allen ihren Worten, in jedem Blick „Zankte denn Deine Mama geſtern mit Dir über Dein langes Ausbleiben, mein Annchen?“ fragte Sacco, um zu ergründen, ob er die Geliebte früher fort laſſen müſſe. „Nein, ſie fragte gar nicht, wo ich geweſen“ er⸗ widerte die Jungfrau.„Ueberhaupt iſt ſie jetzt ſehr nachſichtig gegen mich. Das kommt daher, weil ſie Mitleid für mich empfindet.“ „Siehſt Du wohl, Deine Mama iſt gar nicht ſo hart; ich glaube, es wäre am beſten, wenn ich ihr morgen noch einmal meinen Beſuch machte.“ „Sie würde Dir einen unangenehmen Empfang bereiten.“ — — 109 „Aber ich könnte mich rechtfertigen!“ „Womit?“ „Wenn ich ihr ſagte, daß ich durch Herzer be⸗ trogen ſei.“ „Das würde zu fatalen Ermittelungen Veranlaſſung geben, und jedenfalls kämen dadurch unſere heimlichen Zuſammenkünfte an den Tag.“ „Ich brauchte ja nicht die Sachlage wörtlich vor⸗ zutragen.“ „Sicher entgegnete meine Mutter dann: Ein Lieb⸗ haber, der es aufrichtig meint, gibt ſeine Braut auf ein leeres Geſchwätz ſeines Rivalen hin nicht der Ver⸗ achtung preis!“ Julius biß ſich auf die Lippen. „Aber, Theurer, betrachte meine Worte nicht als einen Vorwurf; ich bin ja weit entfernt, Dir zu zürnen, ſondern führte Dir nur vor, daß meine Mutter nicht ſo leicht zur Aenderung ihrer Meinung zu bewegen iſt“, ſetzte Anna hinzu, als ſie bemerkte, daß der Ge⸗ liebte verſtimmt war. „Wie ermöglichen wir nur die baldige Ausgleichung? Meine Militärdienſtzeit geht ihrem Ende entgegen, bald rücken wir zum Manöver aus; iſt dies beendet, dann muß ich nach Berlin, um meine Beamtencarriere wieder aufzunehmen; vorher aber möchte ich mir Deinen Beſitz 110 unter allen Umſtänden geſichert haben, ſonſt kann ich nicht mit freudiger Zuverſicht in die Zukunft ſchauen.“ Anna lehnte ſich feſter in den Arm des ihr theuren Mannes und entgegnete zärtlich:„Darf ich Dir einen Rath ertheilen, ſo iſt es der, Deinem Vater offen zu geſtehen, was zwiſchen uns und dem Baron vorgegangen, und ihn zu bewegen, mit meinen Aeltern die Angelegen⸗ heit völlig ins Reine zu bringen. Mama meinte, Dein Vater ſei ein verſtändiger Mann, auf ihn wird ſie gewiß hören.“ „Wenn nur mein Oheim nicht wäre! Der hält ſich einſtweilen noch in Sonnenhagen auf und Niemand iſt mehr gegen unſere Verbindung als dieſer alte Sünder, zudem haßt er mich augenblicklich; jedenfalls müſſen wir warten, bis er das Feld geräumt hat.“ „Du hätteſt ihn nicht ſo reizen ſollen durch die Verlobungsgeſchichte in Wilhelmsburg. Uebrigens glaube ich den alten Herrn heute geſehen zu haben.“ „Hier?“ rief Julius erſchreckt. „Ja, ich müßte mich denn ſehr getäuſcht haben. Iſt Dir ſeine Anweſenheit unangenehm?“ „Allerdings; er iſt ein Fuchs, dem man nie trauen darf.“ „Er war ſchon früher einmal allein bei meiner Mutter.“ „Was wollte er damals?“ —ꝛ. — „ —ꝛ. —, 11¹ „Das konnte ich nicht erfahren. Auch zu dem Baron ging er.“ „Hm, hm! Die ſtecken unter einer Decke, und ich wette, mein ſauberer Herr Oheim heckt wieder eine Intrigue gegen mich aus, ſobald er erfährt, daß wir uns ausgeſöhnt haben. Wir müſſen auf unſerer Hut ſein!“ „Um Alles in der Welt dürfen wir uns nicht ver⸗ rathen, daher bleibe mir lieber in den nächſten Tagen ganz fern, lieber Julius.“ „Wir wollen ſehen. Habe ich nur erſt den Herrn Baron unſchädlich gemacht, ſo bekommen wir leichteres Spiel; dann kann ich auch gegen meinen Vater offen auftreten.“ „Aber um Eins bitte ich Dich: wenn neue Intriguen gegen uns geſponnen werden ſollten, ſo verdächtige mich nicht wieder, ohne Dich gründlich überzeugt zu haben; ich werde übrigens, bis Du mir durch Dein Wieder⸗ erſcheinen auf der Promenade zeigſt, daß jede Gefahr beſeitigt iſt, keinen Schritt ohne Begleitung thun.“ „Fürchte nichts, mein ſüßes Lieb, Niemand auf Erden beſitzt jetzt noch die Macht, Deinen Werth in meinen Augen zu verkleinern. Uebrigens wüßte ich nicht, wie man Dir beikommen wollte. Du kannſt ge⸗ troſt hoffen, daß ich über Dich wachen werde.“ 112 Beiderſeits daran gemahnt, auf ihrer Hut zu ſein, ſetzten ſie doch ihren Weg fort. Sorgloſes Geplauder nahm ſie in Anſpruch und Verſicherungen ewiger Liebe und Treue flogen herüber und hinüber, bis auch an dieſem Abend die Trennung erfolgen mußte. Noch war Sacco mit dem Baron nicht wieder zu⸗ ſammengetroffen; wenn er ſich aber auch durchaus nicht nach der Geſellſchaft dieſes gewiſſenloſen Menſchen ſehnte, ſo hätte er jetzt doch gern Gelegenheit gefunden, mit ihm anzubinden Gleichwohl mochte er nicht zu ihm gehen— eine Rückſichtsloſigkeit nach ſeiner Urlaubs⸗ reiſe, die Herzer nicht gut unbeachtet laſſen durfte, wenn er ſein Anſehen wahren wollte und ſich keines Ver⸗ gehens gegen den Grafen bewußt war. Ueberraſcht, ja unangenehm berührt erhob ſich der Freiwillige, als trotzdem der Baron am Vormittage nach dem eben geſchilderten Abend in einer Conditorei auf ihn zukam und mit der größten Herzlichkeit ihn anredete.„Sie waren verreiſt und haben nicht einmal nach Ihrer Rückkehr mir einen Beſuch gemacht; das finde ich ſehr unrecht von Ihnen, Herr Graf. Wie geht es bei den lieben Ihren in Sonnenhagen? Ihr Herr Oheim war ja wohl auch dort?⸗ begann er freundlich. Julius empfand einen ſolchen Widerwillen gegen den Offizier, daß er ſich Zwang anthun mußte, um 113 nicht unartig zu werden.„Ich muß um Entſchuldigung bitten, daß ich meine Pflicht verletzte“ erwiderte er kühl;„ſolange ich wieder hier bin, war ich faſt un⸗ ausgeſetzt im Dienſt. Meine Aeltern befinden ſich wohl und“ ſetzte er gedehnt hinzu, indem er den Baron ſcharf fixirte,„den Grafen Sacco haben Sie wohl ſpäter geſprochen wie ich.“ Ganz deutlich gewahrte Julius, wie der Baron leicht erröthete. „Wie meinen Sie das?“ fragte er nach kurzem Beſinnen. „Nun, mein Oheim hat Sie geſtern ja beſucht!“ brachte Sacco mit größter Dreiſtigkeit hervor. Er war überzeugt, daß Anna ſich nicht geirrt und die ſaubern Herren ſich jedenfalls geſehen und angelegentlich über ihn unterhalten hatten. „Nur auf kurze Zeit, wir ſprachen wenig mitein⸗ ander, da der alte Herr es ſehr eilig hatte und gleich fort wollte“, antwortete Herzer verlegen. „Das muß ein Irrthum ſein!“ fiel Julius fein lächelnd ein.„Mein Oheim iſt noch hier!“ Dieſe Behauptung brachte den Baron außer Faſſung; im höchſten Grade frappirt, ſprang er ſchnell auf ein anderes Thema über. Julius haßte den Baron aus tiefſter Seele, wie Steffens, Standesvorurtheile. III. 8 114 gern hätte er ihm alſo geſagt, daß er ſich durch eine Unter⸗ haltung mit ihn entehrt fühle! Die Strafe der Inſul⸗ tation eines Vorgeſetzten, die er damit verwirkte, hielt ihn gewiß nicht ab, ſeinen Gefühlen Luft zu ma⸗ chen, aber der reiflich erwogene Vorſatz, den ehr⸗ und gewiſſenloſen Intriganten auf die empfindlichſte Art zu züchtigen, vermochte ihn, ſich zu beherrſchen. „Wie verbringen Sie jetzt die täglich länger wer⸗ denden Abende? Man ſieht Sie ja gar nicht mehr!“ warf Herzer im Geſpräch hin, anſcheinend ohne alles Intereſſe.. Der Graf ſpielte für einen Augenblick den Ueber⸗ raſchten, er hielt den Athem an, um ein Erröthen zu markiren, dann entgegnete er:„Ich gehe häufig ſpa⸗ ziren, oder ich ſitze zu Hauſe, das Frequentiren der Kneipen iſt mir zuwider.“ „Spazieren? Es wird ſchon um acht Uhr dunkel!“ entgegnete der Baron lächelnd. „Aber es bleibt hell genug, um einen bekannten Weg zu finden.“ „Sie werden früh ein Sonderling, Herr Graf!“ „Ich dächte nicht. Wenn ich die Einſamkeit ſuche, ſo hat das beſondere Gründe; man fühlt ſich in ge⸗ wiſſen Lebensverhältniſſen glücklich, wenn man viel über ſchöne Stunden nachdenken kann.“ 115 „Da haben Sie Recht. Es iſt ja wahr, Sie lieben, wie ſollten Sie ſomit nicht den Hang zur Einſamkeit in ſich tragen.“ „Ich glaube Ihnen über meine Herzensempfindungen noch nichts verrathen zu haben.“ „Ihr Herr Oheim erzählte einmal, Sie ſeien ſo gut wie verlobt.“ „Möchte der alte Mann ſich mehr um die eigenen Angelegenheiten kümmern, er thäte wahrlich beſſeer.“ „Er iſt ſehr für Ihr Wohl beſorgt.“ „Das bereite ich mir am beſten allein.“ „Und denken Sie noch zuweilen an die niedliche Gärtnerin?“ „Von wem ſprechen Sie?“ „Nun von wem anders als von der kleinen Liewe.“ „Ah, Sie meinen Fräulein Anna Liewe. Ich dächte, die hätte Sie gelehrt, daß ſie auf das Prädicat einer achtungswerthen Dame Anſpruch macht.“ „Wie? Was ſprechen Sie?“ „Ich meinte, Fräulein Liewe verſtehe es, jede Zu⸗ dringlichkeit zurückzuweiſen.“ „Haben Sie das erfahren?“ „Nein; gegen mich war ſie ſtets ſehr liebenswürdig, wie es mein Betragen gegen ſie nicht anders erwarten ließ. Aber man munkelte davon, daß Sie bei einem 8* 116 Verſuch, die junge Dame zu überfallen, ſehr unan⸗ genehm angelaufen ſeien und ſofort hätten die Wohnung räumen müſſen.“ „Solche Reden muß ich mir ſehr ernſtlich verbitten! Die kleine Hexe ſchätzte es ſich wahrlich zur Ehre, wenn ich ihr nur meine Neigung ſchenken wollte.“ Sacco's Ruhe war fort, ſeine wohldurchdachten Vor⸗ ſätze fielen über den Haufen; er erbleichte, alles Blut ſtrömte ihm zum Herzen, ziemlich laut und höchſt er⸗ regt rief er:„Wer es wagt, ein zweideutiges Wort über Fräulein Liewe zu ſprechen, iſt ein elender Schuft, und der Baron von Herzer muß mir hierin beipflichten, ſolange er als ehrliebender Mann gelten will, denn noch vor wenigen Wochen ſagte er, daß die junge Dame ihren Ruf mit der äußerſten Strenge bewahre.“ Jetzt war die Reihe an den Baron zu erbleichen. Eine ſo entſchiedene und herausfordernde Sprache hatte er von dem Untergebenen nicht erwartet; zu ſpät erinnerte er ſich daran, daß Sacco nach ſeinem höhern mnilitäriſchen Rang nicht das Geringſte frage, und er mußte Rückſichten nehmen, durfte den Grafen weder bis zum Aeußerſten treiben, noch die Beleidigung in ſeinen Worten als ſolche auffaſſen und ſtrafen, wenn er nicht auch den Oheim gegen ſich reizen wollte, und dieſen ſich als Freund zu erhalten, mußte er Urſache 6 — 117 haben. Zwar mit zitternder Stimme, aber doch nach⸗ giebig ſprach er:„Wer taſtet den Ruf des Fräuleins an? Meine Neigung entehrt doch wohl eine Dame nicht? Oder meinen Sie dies? Dann werden wir uns an einem andern Orte weiter ſprechen.“ „Ich bin jeden Augenblick bereit, Ihnen Rede zu ſtehen, und behaupte, daß Fräulein Liewe Sie und Ihre Neigung verlacht, ebenſo wie ich Ihre einſtige Bemerkung über meinen Unverſtand.“ „Sie werden mir Satisfaction geben, Herr!“ „Mit dem größten Vergnügen!“ „Und jetzt ſchweigen Sie!“ „Vor Ihnen? Ah, Herr Lieutenant, wir wollen ein Liedchen zuſammen ſingen, das Ihnen wahrſcheinlich die Stimme verderben wird. Ich kenne ein ſolches und werde es augenblicklich anſtimmen.“ Julius ſchnallte den Säbel um, ſuchte ſeine Mütze und verließ das Lokal. Der Baron verfiel in ernſtes Nachdenken. Was wollte der Graf mit ſeiner Drohung ſagen? Herzer hatte ein ſchlechtes Gewiſſen und dieſes ließ ihn ſtets diejenigen fürchten, die ihm mit Nachdruck entgegen⸗ träten, wogegen er den Tollkühnen und Uebermüthigen ſpielte, wo es ſich lediglich um körperliche Gefahren handelte. Eilig ſchritt auch er ins Freie. 118 Kaum hatte Julius die Conditorei verlaſſen, als er auch ſchon mit ſich ſelber in ernſten Zwieſpalt ge⸗ rieth. Er hatte ſich vom Zorn zu ſchnell hinreißen laſſen, war zu herausfordernd gegen den Baron auf⸗ getreten. Er ſagte ſich, daß er bei weitem vernünftiger gehandelt hätte, wenn er ihm gleiche Waffen entgegen⸗ geſetzt, ſeinen heimtückiſchen Ränken ebenfalls mit Hin⸗ terliſt begegnet wäre, wie er es anfangs gewollt. Jetzt war ein Duell unausbleiblich und damit verwirklichten ſich alle Befürchtungen Anna's; ſie mußte ihm zürnen, ſobald ſie erfuhr, wie wenig er fähig geweſen, ſich zu beherrſchen. Und der Ausgang des Kampfes wurde auf alle Fälle für ihn verhängnißvoll; nach welcher Richtung hin er auch das Duell betrachten mochte, immer erwuchs ihm daraus die Trennung von der Geliebten, wohl gar ihr gänzlicher Verluſt. Im höchſten Grade unzufrieden mit ſich ſchritt er in ſeiner Wohnung auf und nieder, den Baron und alle, die mit ihm im intimern Verkehr ſtanden, verwün⸗ ſchend, als ſein Diener ihm den Beſuch des Oheims meldete. Niemand konnte ihm ungelegener kommen, denn was durfte er Anderes von dieſem erwarten als neue Falſchheit, neue ihn verletzende Schliche? Deſſenungeachtet mußte er ihn empfangen, ſeine Abneigung gegen ihn 119 durfte ſich nicht in der Weiſe zeigen, daß er ihn ab⸗ wies. Der alte Herr machte ihm bei ſeinem Eintritt übri⸗ gens durchaus kein freundliches Geſicht. Kaum flüchtig grüßend, begann er, ohne ſich zu ſetzen:„Ich komme nur hierher, um Dich vor einer neuen Thorheit zu warnen, die Du im Begriff ſtehſt, zu begehen. Lange genug iſt Dein Treiben ohne ernſte Folgen für Dich geblieben; ſchlägſt Du auch dieſe letzte Mahnung in den Wind, ſo ſei überzeugt, daß ich und Dein Vater unſere Hand von Dir abziehen.“ Dem Freiwilligen war durchaus nicht wie lachen zu Muthe, aber doch fand er dieſe Anrede poſſirlich. „Ich bin neugierig“, ſprach er ziemlich gleichmüthig, „was Du bei Deinem geheim gehaltenen Aufenthalt hierſelbſt, während deſſen Du nur mit Deinem intimen Freund Herzer verkehrteſt, entdeckt haſt.“ „Wo und unter welchen Verhältniſſen ich mein Domicil aufſchlage, däs kann Dir gleichgültig ſein, und ich glaube nicht nöthig zu haben, Dir darüber Rechenſchaft zu geben!“ brauſte der alte Mann auf, indem er zornig den Boden ſtampfte. „Beruhige Dich, ich verlange auch durchaus keinen Nachweis, im Gegentheil, es iſt mir ſehr lieb, wenn ich ſo wenig als möglich über Dein Thun erfahre 120 natürlich ſo lange, als ich dadurch ungeſchoren bleibe. Du wollteſt die Güte haben, mir etwas Neues zu er⸗ zählen.“ Der Oheim wurde braun im Geſicht vor Zorn über das Benehmen des Neffen, und doch mußte er ſich zur Ruhe zwingen, denn je mehr er ſich erregte, je kälter zeigte ſich der letztere und gewann dadurch immer mehr Vortheil über ihn.„Ich habe ſo eben erfahren, daß Du Herzer, einen Freiherrn vom reinſten Ge⸗ blüt, wegen der Dirne, der Anna Liewe, gröblich be⸗ leidigteſt. Was unterſtehſt Du Dir eigentlich? Glaubſt Du damit Großthaten auf Deinen Namen zu häufen, daß Du als Vertheidiger der Unſchuld ſolcher Geſchöpfe auftrittſt?“ „Noch ein ſolches Wort, und ich vergeſſe, daß ich einen alten Mann vor mir habe, der nicht weiß, was er ſpricht!“ ſchrie Julius. „Ha, Du willſt auch mir drohen, auch mir gegen⸗ über dieſe Liewe in Schutz nehmen?“ „Nein, das brauche ich nicht! Fräulein Liewe ſteht zu hoch über Dir und dem ehrloſen Baron, als daß Euer Geifer ſie berühren könnte. Je mehr Ihr ſie herabzuſetzen ſucht, deſto höher wird ſie in der Achtung jeder ehrenhaften Perſon ſteigen, denn es iſt ja bekannt, daß Ihr nur ſolche Damen angreift, die ſich für 121 viel zu gut halten, um Euren ſchmuzigen Zwecken zu dienen.“ „Ein ſauberes Früchtchen, der Herr Neffe! Doch wer war es, der vor wenigen Tagen ſeine Verachtung über das Dämchen ausſprach? Damals wollte ſie wohl Deinen Zwecken nicht dienen? Ja, ja, dieſe Sorte wechſelt ihre Gunſt und Narren laſſen ſich willig von ihnen verlachen.“ „Du wirſt das aus Erfahrung kennen! Doch wenn ich neulich dieſen reinen Engel verdächtigte, ſo wird es Dir wohl am beſten bekannt ſein, welche Wichte die Täuſchung veranlaßten. Jetzt bin ich anderer Mei⸗ nung. Jeder, der nicht zu erbärmlich iſt, mir mit dem Säbel in der Hand Rede zu ſtehen, erhält mit der flachen Klinge ſeine Strafe, ſowie er die Dame meines Herzens zu beleidigen ſucht.“ Der Oheim ſah ein, daß auf dieſem Wege nichts mit dem verſtockten Neffen anzufangen ſei, jedes Wort über ſeine Geliebte reizte ihn nur noch mehr. Und doch mußte er ihn zunächſt von dem Vorſatz abbringen, ſich mit Herzer zu ſchlagen, denn er ſah voraus, daß nach einem tragiſchen Ausgang des Duells ſein Bruder die Hauptſchuld ihm aufbürden werde. Und trug er dieſe nicht? War Herzer nicht gewiſſermaßen ſein Werk⸗ zeug? Wie wollte er ſeinen gegenwärtigen Aufenhalt 122 in S. rechtfertigen? Dabei fürchtete er auch ſelber für das Leben des Neffen; mochte er ihn immerhin haſſen, ſein Wunſch, ihn am Leben und geſund zu erhalten, wurde dadurch nicht erſchüttert, denn er war der letzte legitime Sprößling der Saccos, mit ihm ſtarb das alte gräfliche Geſchlecht aus. Alſo unter allen Umſtänden mußte das Duell verhindert werden, und dann, wenn nichts von der beabſichtigten Thorheit der jungen Män⸗ ner bekannt wurde, ließ ſich auch die andere Angelegen⸗ heit leichter regeln. Davon war er jetzt wenigſtens hinlänglich unterrichtet, daß Julius mehr denn je ſeiner entwürdigenden Liebe ergeben war. Ach! und er hatte ſo ſchöne Pläne entworfen, die Gärtnerstochter ihm für immer zu entführen. Es half nichts, der ſchlaue Alte mußte diesmal in den ſauern Apfel beißen und dem Jüngling gegenüber den Nachgiebigen ſpielen, um ſo mehr konnte er ihn vielleicht aus dem Hinterhalt züchtigen. „So laufe denn mit offenen Augen in Dein Ver⸗ derben, wenn Du es verſchmähſt, den Rath Deines Verwandten anzunehmen, der ſtets nur Dein Beſtes wollte“, begann der Graf von neuem, diesmal in einem mehr ſchmerzlichen als aufgebrachten Ton. „Ich folge meiner Einſicht und meinem Herzen!“ antwortete Julius beſtimmt, aber ebenfalls ruhiger. 123 „Und was erreichſt Du durch ein Duell? Zwingſt Du dadurch einen Menſchen zu andern Anſichten?“ „Ich ſtrafe den Frevler!“ „Oder Du opferſt Dich in thörichter Verblendung.“ Herzer reizte mich durch ſeine Läſterungen.“ „Nein, Du haſt ihn durch die ärgſten Beleidigungen herausgefordert!“ „Streiten wir uns nicht von neuem!“ „Gut! Du erfreuſt mich durch Deine Ruhe. Aber nun ſtelle Dir alle möglichen Folgen eines Zweikampfes vor die Seele. Erſtlich wird dadurch der Ruf des Fräu⸗ lein Liewe wahrlich nicht gehoben, wenn es heißt: ein paar adlige Herren vom Militär haben ſich wegen der Tochter des Gärtners Liewe duellirt! Und daß dies Geſpräch ſchon curſirt, indem Ihr die Säbel kreuzt, darauf kannſt Du rechnen. Dann kommt Feſtungsſtrafe, einer oder der andere kann auch den Tod erleiden oder ein ſtetes Siechthum davontragen. Was meinſt Du? In Deinen Jahren plötzlich den Tod zu erdulden oder ein langes, ſchweres Siechthum davonzutragen, iſt keine ſchöne Ausſicht. Und nun erwäge den Schmerz Deiner Aeltern, wenn ſie Dich als todt oder als Mörder beweinen müſſen; Deiner Mutter würde darüber das Herz brechen. Kannſt Du, nachdem Du dies Alles reiflich an Deiner Seele vorüberziehen laſſen, noch auf dieſe Art der Ausgleichung Eures Zwiſtes beſtehen?“ Der junge Soldat hatte längſt erwogen, daß jede Rauferei eine verabſcheuungswürdige Handlung ſei. Er war durchaus kein Freund von dergleichen ungeſetzlicher Selbſthülfe, aber deſſenungeachtet vermochte er nicht der allgemein verbreiteten Sitte entgegenzutreten und zu erklären, daß er ſich nicht duellire. Dadurch wäre er den Kameraden als ehrlos erſchienen und lieber hätte er ſein Leben hingegeben. Ohne Leidenſchaft entgegnete er dem Oheim:„Was Du ſagſt, iſt Alles richtig, doch kann dieſe Einſicht nichts an meinem Ent⸗ ſchluß ändern. Der Baron hat die erſte Veranlaſſung zu unſerem Streit gegeben, er war es auch, der Satis⸗ faction forderte, ich müßte ihn jetzt auch noch der Feig⸗ heit beſchuldigen, wollte er einlenken.“ „Aber ich bin es, der Euch beide zur Vernunft bringen möchte.“ „Da wirſt Du wahrſcheinlich tauben Ohren pre⸗ digen.“ „Ein Wort der Abbitte von Dir an Herzer und ich ſchwöre darauf, daß er Dir von neuem Freundſchaft zeigt.“ „Ich abbitten? Ehe Du das erlebſt, geht die Welt unter! Ich bin im Gegentheil bereit, meine Beleidi⸗ 125 gungen jeden Augenblick zu wiederholen, und namentlich danke ich für die Freundſchaft des Barons!“ „Und dennoch willſt Du nicht einſehen, daß Du der Anſtifter alles Unheils biſt?“ „Ich glaube mich im Recht und beſchuldige den Lieutenant nicht allein des heutigen Ausfalls gegen mich, ſondern mehrfacher Streiche, wie ſie der ärgſte Bube nicht ſchlimmer verübt.“ „Davon weiß ich natürlich nichts!“ „Das wollen wir dahingeſtellt ſein laſſen.“ „Du willſt alſo unter keinen Umſtänden einen Ver⸗ trag?“ „Einen Vertrag? Nein! Herzer und ich, wir können ohne einander leben. Aber ich bin bereit, das Ver⸗ gangene zu vergeſſen, wenn er mir erklärt, daß er unrecht gehandelt und das Fräulein Liewe ohne Grund beleidigt habe, und ferner verſpricht, nie wieder meinen Zorn herauszufordern.“ „Du verlangſt das Unmögliche, der Baron iſt DOffizier!“ „Das war er auch, als er ſich gegen mich verging!“ „Julius, thue mir den Gefallen und gib nach.“ „Liegt Dir der Lieutenant ſo ſehr am Herzen?“ „Ich fürchte für Euch beide am meiſten aber für Dich.“ „Und ich fürchte nichts!“ „Du ſollſt Dich mir gefällig zeigen.“ „Sehr gern in jedem andern Falle, in dieſem nicht!“ „Iſt das Dein letztes Wort?“ „So wahr ich ein Sacco bin!“ „Dann gehab' Dich wohl, wir ſcheiden.“ „Leb' wohl, Oheim. Ich wünſche Dir eine glück⸗ liche Reiſe.“ Und der Oheim ging. Doch wandte er ſich, wie der Neffe richtig vermuthete, nicht ſeinem Hotel, ſon⸗ dern der Wohnung des Barons zu und traf dieſen ſeiner harrend. „Alles iſt umſonſt“, rief er dem Offizier zu,„er verſteht ſich zu nichts und will eine blutige Entſcheidung. Nur wenn Sie Abbitte thun, wird er ſeinen Groll ver⸗ geſſen.“ „Darauf kann er lange warten, ich werde mir einen Sekundanten ſuchen, der das Weitere beſorgt!“ ent⸗ gegnete Herzer. „Bedenken Sie das Ende, lieber Baron, es könnten unangenehme Facta zur Sprache kommen.“ „Bah, die ganze Angelegenheit iſt nicht der Rede werth.“ „Ich meine doch. Ehre iſt wenigſtens in dieſem Falle für Sie bei einem Duell und ſeinen Folgen nicht zu gewinnen.“ 127 „Aber mein Gott, ich kann doch nicht nachgeben!“ „Warum nicht? Noch weiß Niemand von Ihrem Streit und er kann ja auch unter uns bleiben. Mein Neffe iſt zu charakterfeſt, als daß er plaudern würde. Und haben wir ihn erſt zur Ruhe gebracht, ſo operiren wir vorſichtiger gegen ihn weiter und nehmen ihm für immer jede Hoffnung auf den Beſitz der Mamſell. Dadurch beſtrafen Sie ihn am empfindlichſten und ſind gerächt.“ „Es iſt nicht möglich, die Beiden auseinanderzu⸗ bringen!“ „Und ich gebe Ihnen mein gräfliches Wort, daß ich dies in kurzer Zeit zu Stande bringen will, wenn Sie mir nur ein wenig helfen.“ „Ich habe es ſo ziemlich ſatt bekommen, die Kleine zu bekehren.“ „Laſſen Sie dies meine Sorge ſein. Wann rücken Sie zum Manöver aus?“ „In acht Tagen.“ „Gut; wenn Sie zurückkehren, hat Alles ein Ende genommen, oder ich will nicht mehr als Ehrenmann vor Ihnen ſtehen.“ „Ihrem Neffen ſoll jede Hoffnung benommen ſein?“ „Jede!“ „So ſei es! Ich werde dem Freiwilligen ſagen, daß ich mich übereilt habe und meine Worte zurücknehme.“ 128 „Sie ſind ein braver Mann, ich kann Ihnen das nie vergeſſen. Sehen Sie, dieſer Wechſel iſt zerriſſen!“ Damit vernichtete der Graf ein geſtempeltes Papier. „Aber wie bahnen Sie eine Zuſammenkunft zwiſchen uns an?“ „Am beſten iſt es, wir gehen beide zu ihm.“ „Nimmermehr!“ „Verzeihen Sie mir meine Ausdrucksweiſe, aber Sie ſind ein Thor; er wird am leichteſten hinters Licht geführt, wenn er denkt, Sie ſeien vollſtändig reuig, und was ſchadet es, ob Sie etwas mehr oder weniger Komödie ſpielen?“ „Er könnte mich nichtachtend behandeln.“ „Dazu hat er am wenigſten Grund, wenn Sie mit zu ihm kommen, und die Ehre gebietet ihm, Sie in ſeiner Wohnung freundlich und anſtändig aufzunehmen.“ Herzer war ein Mann von ſchnellen Entſchlüſſen, die Ueberredungsgabe des Grafen Sacco that das Ihre, nach einigem Zaudern machte ſich der Baron in Be⸗ gleitung ſeines Verbündeten nach der Behauſung des Freiwilligen auf den Weg. Daß bei der Stimmung des jungen Sacco und bei der Bereitwilligkeit Herzer's, nachzugeben, ſchnell eine Verſtändigung zwiſchen ihnen zu Stande kam, iſt leicht erklärlich; freilich war dieſelbe von beiden Seiten keine 129 aufrichtige, doch ſie genügte, die jungen Herren vor jedem öffentlichen Skandal zu behüten. Mißtrauiſch gegeneinander und innerlich grollend trennten ſie ſich, doch äußerlich war die Verſöhnung bewerkſtelligt, zur Freude des Oheims, der, wenn er auch den Neffen unter allen Umſtänden auf andere Bahnen lenken wollte und, um ſeinen Zweck zu erreichen, ihm jede Niederlage gönnte, doch wieder ein nachhaltiges Unglück von ihm abzuwenden ſich beſtrebte. Die nächſte Sorge war nun beſeitigt, aber noch immer ſtand die Gärtnerstochter als drohendes Geſpenſt zwiſchen ihm und ſeinem Frieden. Solange der Neffe noch einen Funken von Hoffnung auf ihren dereinſtigen Beſitz hatte, war jedes Einwirken auf ſeinen Entſchluß betreffs einer Verheirathung unmöglich. Und der alte Mann wollte nun einmal den Namen der Saccos rein von jedem Makel fortgepflanzt ſehen, er hätte einen Theil ſeines Lebens darum gegeben, wenn er kein an⸗ deres Mittel gewußt, eine Mesalliance des letzten Sprößlings des altadligen Geſchlechts zu verhüten. Unbegreiflich war es ihm, was Julius mit Anna Liewe wieder ausgeſöhnt hatte. Sein und das Spioniren des Barons war vergeblich geweſen, ſie wußten von keiner neuen Zuſammenkunft der jungen Leute. Herzer ſchwur darauf, daß der Freiwillige ſeit ſeiner Rückkehr Steffens, Standesvorurtheile. III. 9 von Sonnenhagen die junge Dame nicht geſehen; er hatte den Liewe'ſchen Garten bewachen laſſen, in wel⸗ chem ſie ſich ihre Stelldicheins zu geben pflegten. „Dann bleibt nur die Annahme, daß ſie ſich ſchrift⸗ lich unterhalten“, ſagte der Graf. „Und wenn dies der Fall iſt, ſind alle unſere Be⸗ mühungen vergeblich, denn die Briefe vermögen wir nicht aufzufangen“ meinte der Baron. „Nein, aber wir könnten ihnen ſchriftliche Mit⸗ theilungen in die Hände ſpielen, die ſie von neuem entzweiten.“ „Wie das?“ „Wenn wir beiſpielsweiſe dem Fräulein einen Brief zukommen ließen, der an meinen Neffen gerichtet und von einer andern Dame unterſchrieben iſt, in welchem dieſe ihm erklärt, daß ſie ſein Flehen erhören und ihm Liebe ſchenken will. Der Inhalt müßte andeuten, wie ſie, die Briefſchreiberin, ausdrücklich verlange, daß die Gärtnerstochter auch fernerhin von ihm bei der Naſe herumgeführt werde, damit jeder Verdacht, als ſei ſie, die erſtere, ſeine Geliebte, von ihr fern bleibe.“ „Und Sie meinen, daß ſolcher Unfinn den geringſten Erfolg haben könnte? Nein, der Scherz wäre zu plump!“ „Sie wiſſen wahrſcheinlich noch nicht, wie leicht die Eiferſucht und das Mißtrauen bei Liebenden geweckt 131 wird, namentlich wenn ihre Lebensſtellung eine ſo un⸗ gleiche iſt wie in dieſem Falle und ſchon einmal ein Zwieſpalt zwiſchen ihnen beſtand.“ „Und Fräulein Liewe ſollte den Brief erhalten?“ „Sie müßte ihn zufällig auffangen.“ „Das iſt nicht möglich!“ „Wenn ſie ihn an irgend einem Platze fände, wo ihn ihr Geliebter leicht verlieren konnte.“ „Ha, das ließe ſich machen! Er müßte erbrochen und zerknittert ſein, als ſei er ſchon einige Tage herum⸗ getragen. Aber was rede ich! Die Falle iſt zu plump. Anna Liewe geht nicht hinein.“ „Verſuchen wir es! Jedenfalls gibt es einen Auf⸗ tritt und jedes Intermezzo zwiſchen ihnen dient uns. Halten wir ſie nur bis zum Manöver möglichſt aus⸗ einander, dann werde ich ſchon ſorgen.“ „Gut! Den Brief werde ich durch eine mir ergebene Perſon ſchreiben laſſen, und an einem der nächſten Abende, ſowie es dunkel iſt, bringe ich ihn in den Lieweſſchen Garten, wo er der Kleinen ins Auge fallen muß.“ „Aber wenn ihn ein Anderer findet?“ „Ich bin meiner Sache gewiß. Das Fräulein geht an jedem Morgen, ſowie der neue Tag erwacht, an den Brunnen im Garten und trinkt ein Glas Waſſer.“ „Nun, das iſt prächtig, dann haben wir gewonnen.“ 9* „Oder wir werden verlacht und machen die Liebenden nur vorſichtiger; mir gefällt dieſer Plan nicht.“ „Aber Sie führen ihn aus, das genügt mir!“ Dieſe Unterredung hatte in der Wohnung des Grafen Sacco ſtattgefunden, welcher noch immer im Hotel weilte, um bei der Hand zu ſein, ſobald ſeine Anweſenheit nö⸗ thig war. Er wollte nun einmal die Angelegenheit zwiſchen Anna und Julius regeln, ehe er ſich wieder Ruhe gönnte. Fünftes Kapitel. Frau Liewe hatte eine große Menge Obſt und Grünzeug zu Markt gebracht; ſie ſtand hinter ihrem Tiſch und handelte eifrig mit den ſie beehrenden Kunden. Jetzt kam eine Dame aus den beſſern Ständen, hinter ihr das Dienſtmädchen, und ſuchte ſich ein Bündchen Sellerie oder Peterſilie aus, handelte um eine Metze frühreifer Birnen und dergleichen, wobei ſie recht freund⸗ liche Worte mit der ihr längſt bekannten Gärtnerin wechſelte; dann ſtand ſchon wieder eine Zofe bereit, mit dem Körbchen am Arm, um ein Packet Wurzeln, eine Portion junger Rüben und anderes Gemüſe aus⸗ zuſuchen. Unausgeſetzt war die fleißige Frau beſchäftigt, und mancher Groſchen wanderte dabei in ihre Taſche. 134 Sie mußte, obgleich es noch ziemlich früh am Vor⸗ mittage war, ſchon eine bedeutende Einnahme gehabt haben, denn ſie ſah noch einmal ſo vergnügt aus als ſonſt, und für jede ihr nahe kommende Perſon hatte ſie einige freundliche Worte. Niemand, der die Emſigkeit der Grünhändlerin von weitem beobachtet, hätte wohl angenommen, daß ſie ſich in ſolcher Weiſe nur abmühte, um recht viel Mam⸗ mon für ihr einziges Kind zuſammenzuſcharren; Jeder, der ihr ängſtliches Trachten nach Gewinn ſah, mußte glauben, ſie ſei darauf angewieſen, mit aller nur er⸗ denklichen Mühe das tägliche Brod zu gewinnen; und wer, der ſie nicht kannte, wäre wohl im Stande ge⸗ weſen, in dieſer beinahe ärmlich gekleideten Frau mit den groben, verwitterten Zügen die Mutter des Weſens zu entdecken, das an Schönheit, Herzens⸗ und Geiſtesbildung alle Damen der Stadt überſtrahlte, das, wenn es daherkam, eher für eine Gräfin als für ein Mädchen aus den niedern Ständen gelten konnte und die Herzen hochgeſtellter Männer durch das Aufſchlagen ihres Auges in Entzücken zu ſetzen vermochte? Jetzt hatte Frau Liewe für einen Augenblick Muße, die Mittagszeit kam näher, die Käufer verliefen ſich mehr und mehr; aber die Gärtnerin hatte auch mit ihrem ganzen Kram ſo ziemlich geräumt. Wohlgefällig be⸗ 135 trachtete ſie die geringen Reſte der ſie noch umgebenden Waare, dabei ſpielte ſie mit der linken Hand in ihrer Geldtaſche, die ſie unter der Schürze befeſtigt hatte und aus der ihr der liebliche Klang einer Menge Silbermünzen entgegentönte. „Guten Tag, Frau Liewe“, ſchallte es in dieſem Augenblick an das Ohr der Gärtnerin. Neugierig blickte ſie ſich um nach dem ihr unbe⸗ kannten Sprecher und ſchrak zuſammen, die Röthe der Ueberraſchung bedeckte ihre Wangen— Graf Sacco, der Oheim des jungen Freiwilligen, ſtand lächelnd an ihrer Seite. Frau Liewe war nichts weniger als eine eitle oder hochmüthige Frau, aber doch fühlte ſie ſich, wenn auch nicht beglückt, ſo doch angenehm berührt durch die Ein⸗ ſicht, daß der hochgeborene Herr Graf ſich auf öffent⸗ lichem Markt neben ſie ſtellte, um eine Unterhaltung nit ihr anzuknüpfen. Sie freute ſich vielleicht auch darauf, ihrem vollen Herzen durch einige verächtliche Bemerkungen über ſeinen“ Neffen Luft machen zu können. „J Herr Gott, Herr Graf, ich bin erſtaunt, daß Sie hier den Platz zu einer Unterredung mit mir ar⸗ men Frau wählen“, begann ſie, ohne die Anrede des Grafen abzuwarten. 136 „Eine Unterhaltung mit Ihnen, Frau Liewe, kann ſich jeder Fürſt zur Ehre ſchätzen, denn Sie ſind eine ebenſo achtungswerthe Frau wie rechtſchaffene Mutter!“ entgegnete der ſonſt ſo über alle Maßen ſtolze Mann, indem er der Gärtnerin zur größern Bekräftigung ſeiner Worte freundlich die Hand reichte. Dieſe zu auffallende Freundlichkeit war ihm indeſſen nicht günſtig und machte auf die kluge Frau offenbar einen unangenehmen Eindruck Nursgezwungen nahm ſie die Hand; das Mißtrauen, ſeine übergroße Herab⸗ laſſung müſſe durch ein Anliegen ſeinerſeits bedingt werden, hatte ſie beſchlichen. „Wie geht es Ihnen, Frau Liewe? Ihr Geſchäft iſt heute Vormittag brillant gegangen, wenn ich nicht irre“, fuhr ſder Graf fort, indem er auf den Reſt des Krams deutete. „Gott ſei Dank, man lebt davon!“ erwiderte die Gefragte zurückhaltend. „Und wohl ſind Sie auch, wie ich ſehe.“ „Ja, ich bin immer wohl, denn ich lebe regelmäßig und beſchwere mir nicht das Gemüth. Aber mein armes Kind leidet ſeit einiger Zeit.“ „Fräulein Anna?“ „Ich beſitze nur die eine Tochter.“ „Wahrſcheinlich hat das Benehmen meines nichts⸗ 137 nutzigen Neffen ihren Frieden geſtört und dadurch auch körperlich ſie beeinflußt.“ „Dieſer Menſch iſt in meinen Augen der größte Taugenichts, den die Erde trägt. Aber Gott wird ihn ſtrafen, wie er es verdient.“ „Beſüße ich nur Macht über ihn, ich würde ihm ſchon die Zügel ſtraffer halten; aber er iſt der einzige Sohn, ſeine Aeltern haben ihm ſtets allen Willen ge⸗ laſſen und ſo iſt ein verdorbenes, Gott und Menſchen ſchädliches Individuum aus ihm geworden.“ Wie konnte die alte Frau nach ſolcher Sprache anders denken, als daß lediglich Mitgefühl den hohen Herrn zu ihr führe!„Dieſer junge Wüſtling mit den unſchuldigen Augen vermag viele Trübſal zu ſchaffen“, ſprach ſie vertrauensvoll.„Anfangs glaubte ich, meine Anna würde ihr Weh nicht verwinden, ſie hing das Köpfchen wie eine geknickte Roſe, aß und trank nicht, und wo ſie konnte, ſchlich ſie in die Einſamkeit, um zu weinen. Aber ſeit drei Tagen iſt ſie wieder munter und lebensfroh, lacht und ſingt. Ich möchte wohl wiſſen, was ſie ſo plötzlich umgewandelt hat.“ „Seit drei Tagen? Da könnte ich Ihnen wohl die beſte Auskunft ertheilen.“ „Sie? Ich möchte wiſſen.“ „Mein Neffe war mit ſeinem Vater abgereiſt und 138 zwar damals, als er ſo ſchändlich über Ihre Tochter geſprochen!“ „So? Nun, das iſt gleichgültig.“ „Seit einigen Tagen iſt er wieder hier.“ „Das kümmert uns weiter nicht. Meine Anna wird es wahrſcheinlich gar nicht wiſſen, denn ich habe ihr verboten, auch nur noch an den Freiwilligen zu denken, viel weniger wird ſie eine Mittheilung über ihn an⸗ hören, denn ſie iſt ein gehorſames Kind.“ „Frau Liewe, die Liebe bricht oft den kindlichen Gehorſam.“. „Bei meiner Anna nicht!“ „Sie hatten ihr ehemals auch verboten, die An⸗ näherung des Soldaten zu dulden, und doch überraſchten Sie ja wohl das Pärchen eines Abends, als es mit einander koſte.“ „Aber da habe ich dem unerfahrenen Kinde das aus⸗ drückliche Verſprechen abgenommen, ihn zu meiden, und was Anna verſpricht, hält ſie auch.“ „Ich bin gewiß von den guten Eigenſchaften Ihrer Fräulein Tochter überzeugt, aber die Liebe heiligt jedes Vergehen, und es iſt doch mindeſtens merkwürdig, daß 3 die junge Dame gerade ſeit der Rückkehr meines Neffen ihren Frohſinn wiedergewonnen hat.“ Frau Liewe machte ein nachdenkliches Geſicht.„Sie „ 139 können ſich nicht geſprochen haben“, ſagte ſie dann, „Anna iſt nur mittags und abends nach und von der Stadt bis zu unſerer Wohnung allein gegangen und auf dieſem Wege wird ſie wahrſcheinlich die Begleitung des jungen Herrn nicht wieder annehmen.“ „Vielleicht haben Sie Recht und meine Muth⸗ maßungen ſind irrig. Soviel ich weiß, iſt mein Neffe auch nur abends von acht bis nach neun Uhr allein ſpazieren geweſen.“ „Von acht bis neun Uhr?“ rief Frau Liewe plötzlich erregt. „Ja, um dieſe Zeit ſchlich er ſich aus der Geſell⸗ ſchaft.“ Die aufs tiefſte erſchütterte Frau antwortete nicht, aber ihr Geſicht zeigte, welche Angſt ſie innerlich be⸗ wegte. „Seien Sie verſichert, Frau Liewe, Niemand kann innigern Antheil an Ihrem Schickſal nehmen wie ich“ fuhr der Graf fort.„Ich habe zwar keine Kinder, aber ich weiß dennoch, was es heißt, ſich in ſeinen ſchönſten Hoffnungen betrogen zu ſehen. Glücklicherweiſe rückt das Regiment ja in acht Tagen zum Manöver aus, bis dahin werden Sie Ihr Kind wohl vor den ab⸗ ſcheulichen Verführungskünſten dieſes entarteten Bur⸗ ſchen ſchützen können; und iſt er fort, ſo muß es Ihre 140 Aufgabe ſein, der Tochter den Fernen vergeſſen zu machen.“ Die Gärtnerin ſeufzte nur ſtatt aller Antwort, ihr Herz war von ſchwerem Kummer belaſtet, denn das Mißtrauen gegen ihr höchſtes Gut hatte ſich hinein⸗ geſchlichen. Trauernd und Theilnahme erbittend blickte ſie den Grafen an, als ſuche ſie bei ihm Rath und Hülfe. O es war, als flehe ſie den Teufel ſelber um Beiſtand an, denn dieſer kalte, berechnende Menſch konnte teufliſch handeln. „Sie antworten nicht, ich habe Sie gekränkt“ ſprach Sacco. „Sie haben mich elend gemacht!“ entgegnete Frau Liewe tonlos.„Aber ich zürne Ihnen nicht, Sie ſind ja für mich beſorgt.“ „Das weiß Gott!“ betheuerte der Böſewicht. O wie gräßlich muß das Mutterherz zerfleiſcht wer⸗ den, dem das Vertrauen zu ſeinem Abgott geraubt iſt wie müſſen die blutigen Thränen brennen, die dem Mutterauge entfließen, das um die verlorene Unſchuld des Kindes weint! „Wollen Sie einen wohlgemeinten Rath von mir annehmen?“ fragte der Graf nach einem kurzen Schweigen. „Bitte, ſprechen Sie, und können Sie mir nützen, ſo bin ich Ihnen gern dankbar“, erwiderte die Gärtnerin. 141 „Sie thun am beſten, wenn Sie Ihre Tochter, um ſie von ihrer Verirrung zu heilen, ſo ſchnell als möglich an einen anſtändigen und braven Mann verheirathen.“ Frau Liewe war noch zu ſehr von der Trauer um das jedenfalls von Anna begangene Vergehen beherrſcht, ſie hatte darüber ihre ganze Energie verloren, ſonſt wäre Sacco für dieſen Rath wohl nicht ohne einen derben Verweis davongekommen. Jetzt begnügte ſie ſich zu antworten:„Sie braucht noch nicht ans Hei⸗ rathen zu denken, und die anſtändigen und braven Männer laufen auch nicht ſo zum Auffangen herum.“ „Nicht? Was meinen Sie zum Beiſpiel zu meinem Geiſtlichen in Reudlitz, dem Paſtor Stade? Er hat eine Pfarre, wie ſie ſich wohl nicht leicht ein Mann in ſeinen Jahren beſſer wünſchen kann, beſitzt die Liebe und Hochachtung ſowohl ſeiner Gemeinde als ſämmt⸗ licher Vorgeſetzten und darf darauf rechnen, bei guter Zeit eine Superintendentur zu erhalten. Nun ſehen Sie, dieſer junge Mann äußerte, kurz nachdem er nach Reudlitz gekommen war, in einem vertraulichen Geſpräch zu mir, daß ſein Lebensglück hier zurückgeblieben ſei und daß ſein ganzes Daſein ein freudloſes ſein werde, wenn er Ihre Tochter nicht zur Gattin bekomme; er glaubte aber, ſie habe ſeine ihr gegenüber gewagten desfallſigen Anſpielungen kühl zurückgewieſen.“ Frau Liewe ſtand da mit weitgeöffnetem Munde; dieſe Mittheilung kam ihr ſo unerwartet, daß ſie nicht wußte, was ſie dazu denken oder ſagen ſollte. Ein ſolcher Schwiegerſohn wie der Paſtor Stade wäre ihr ſchon willkommen geweſen, und Anna hätte nicht wagen dürfen, gegen ihn das Mindeſte einzuwenden; auch be⸗ ſann ſie ſich ſchnell, daß der junge Geiſtliche ſich viel und angelegentlich mit ihrer Tochter beſchäftigt habe, als er ſeine Mutter bei ihnen abgeholt. Aber ſie war eine kluge und vorſichtige Frau, auch erſchien ihr die plötzliche Wendung ihrer Ausſichten mit der Tochter ſo fabelhaft, daß aufs neue ein Gefühl von Mißtrauen gegen den Grafen ſich in ihrem Innern Bahn brechen wollte. Warum gerade immer ein Sacco auf ihrem Lebenswege? Nach kurzem Beſinnen ſprach ſie:„Hören Sie mal, Herr Graf, wenn Sie glauben, meinen gegen⸗ wärtigen Kummer zu einem Scherz benutzen zu können, ſo befinden Sie ſich im großen Irrthum; ich ſage Ihnen, daß ich immer die Frau bleibe, die im Stande iſt, für ſich und die Ihren zu ſorgen, und die ſchon wiſſen wird, wenn es Zeit iſt, die Werbung eines Mannes um ihre Tochter zu billigen.“ „Davon bin ich überzeugt und ich habe Ihnen, wie ich glaube, meine Hochachtung vorhin in deutlichen Worten ausgeſprochen. Auch verlange ich durchaus — 143 nicht von Ihnen, daß Sie auf meine Mittheilung be⸗ ſonderes Gewicht legen ſollen. Wenn ich Ihr Ver⸗ trauen gewinnen ſollte, dann müßte ein Sacco Sie nicht ſo ſchändlich betrogen haben. Nur eins ſagen Sie mir. Wenn Stade kommt und offen und ehrlich um die Hand Ihrer Tochter wirbt, werden Sie dann dafür ſorgen, daß er dieſe erhält und ferner jeder Ver⸗ kehr zwiſchen meinem Neffen und Ihrer Familie auf⸗ hört?“ Der Graf ſprach ſo gewinnend, ſo wenig anmaßend, daß die arg geplagte und bekümmerte Frau endlich jeden Zweifel an ſeiner Ehrlichkeit mußte ſchwinden laſſen.„Ja“, rief ſie mit voller Ueberzeugung, vich gebe Ihnen das feierliche Verſprechen, daß, ſobald der Paſtor will, er meine Anna als Frau erhalten ſoll; dafür werde ich ſorgen, denn beſſer als in ſeiner Obhut kann ſie nun und nimmermehr verwahrt ſein, ich werde ihn jedem Grafen vorziehen.“ „Sie, das glaube ich, aber Ihre Fräulein Tochter iſt jedenfalls ganz anderer Meinung.“ 8 „Ich will ihr nicht rathen, mir mit Widerſpruch zu kommen, namentlich wenn ſie den jungen Herrn in⸗ zwiſchen wieder geſprochen hat. O ich kenne meine Autorität und weiß beſſer wie ſolch unerfahrenes Ding, was zu ihrem Wohl dienlich ift. 144 „Ich danke Ihnen im Namen meines Pfarrers, dem Sie das höchſte Glück verleihen. Er wird Sie ſegnen, ſolange er lebt.“ Der Graf hatte ſeit lange nicht mit ſolcher Zuver⸗ ſicht in die Zukunft geſchaut als jetzt; es ſchien ihm gelungen zu ſein, die Liebenden zu trennen, denn daß Stade ſäumen werde, um die Hand Anna Liewe's an⸗ zuhalten, das durfte er nicht annehmen; wußte er doch nichts von ihrer Verirrung, und der Gärtnerin traute er Umſicht genug zu, zu verhindern, daß er darüber etwas erfuhr. In der theilnehmendſten Weiſe ließ er ſich noch auf ein Geſpräch über die ſonſtigen Verhältniſſe der guten Frau ein, bis endlich der Baron von Herzer wie zufällig daherkam und vor ihm ſtehen blieb, mit einem Lächeln auf den Lippen beginnend:„Ah ſieh da, der Herr Graf! Sie verhandeln wohl mit Frau Liewe über die Heirath Ihres Herrn Neffen?“ „Was ſoll das heißen?“ rief Sacco, den größten Unwillen erheuchelnd. „Nun, Sie wiſſen doch wohl, daß der Herr Unter⸗ offizier und Fräulein Liewe ſich ewige Treue geſchworen haben und allabendlich ſpazieren gehen“, fuhr Herzer fort. „Herr Lieutenant, es iſt ſehr unzart von Ihnen, 145 ſo etwas hier vor den Ohren der Mutter jener jungen Dame zu äußern!“ verſetzte Sacco anſcheinend empört. Der Offizier ſtutzte.„Ich durfte wohl annehmen, daß Frau Liewe das Verhältniß ihres Kindes kenne, weiß doch die halbe Stadt darum'“, ſprach er ent⸗ ſchuldigend. Die Gärtnerin ſtand da wie vom Donner gerührt. Nach einigen Minuten packte ſie ſchweigend ihren Kram zuſammen und ſchickte ſich an, den Markt zu verlaſſen. „Es bleibt bei unſerer Verabredung!“ raunte der Graf ihr zu. Frau Liewe nickte nur mit dem Kopfe, ſie war unfähig zu ſprechen, Thränen der Wuth und der Scham ſtanden in ihren Augen. Und ſie ging. Kaum war ſie um die nächſte Ecke gebogen, als die würdigen Herrn in ein ſchallendes Gelächter aus⸗ brachen. „Gelungen, höchſt gelungen!“ rief der Graf.„Die Kleine wird bei guter Zeit Ihre Beute werden!“ Auch der Baron war betrogen, ſeine verächtlichen Bemühungen ſollten ihm keinen Lohn bringen. Frau Liewe kam in einer ſchrecklichen Gemüths⸗ verfaſſung zu Hauſe an. Ohne ihren Gatten oder die Tochter zu beachten, warf ſie ſich auf ein Ruhebett und 10 Steffens, Standesvorurtheile. II. ſann darüber nach, wie ſie die Schuldigen beſtrafen könne. Sie war eine ehrliebende Frau; die Worte aber, die ſie über Anna hatte hören müſſen, auf deren Gehorſam und Redlichkeit ſie Häuſer gebaut, erſchienen ihr, namentlich aus dem Munde des Barons von Herzer, als der größte Schimpf, der nach ihrer Meinung eine exemplariſche Rüge verdiente. Lange Zeit brauchte ſie, um ſich zu ſammeln, dann rief ſie Anna und fragte: „Biſt Du an den letzten Abenden aus der Nähſtunde direct hierher gekommen?“ Anna erzitterte unter ihrem prüfenden Blick. Sie war nie vom Pfade der Tugend gewichen, eine Lüge gegen die Mutter hatte ſie noch nie gewagt; und doch durfte ſie diesmal die Wahrheit nicht ſagen, wenn ſie nicht das Schlimmſte befürchten wollte, ſie kannte den Zorn der letztern als einen fürchterlichen. Halblaut und mit der größten Anſtrengung brachte ſie hervor:„Zwei Freundinnen begleiteten mich, wir ſpazierten noch ein wenig umher.“ „Biſt Du dem Grafen Sacco begegnet?“ „Ja, liebe Mutter!“ hauchte Anna hin. „Wo und wann?“ rief Frau Liewe mit fürchter⸗ lichem Ausdruck. „Am Mittwoch Abend vor dem Waſſerthor.“ „Unglückliche! Und er ſprach mit Dir begleitete Dich?“ 147 „Nein, ich war nicht allein; er grüßte nur und ging an mir und meinen Freundinnen vorüber.“ Die Mutter ſchien von einer ſchweren Laſt befreit. „Und ſonſt ſahſt Du ihn nicht?“ fragte ſie weiter. Ein ſchwerer Kampf entſtand in dem Herzen der Jungfrau. Ach, ſie hatte bereits dem Verſucher zur Lüge einen Finger entgegengeſtreckt; wohl hörte ſie die Stimme ihres guten Engels, der ihr zurief, Alles zu geſtehen und ſich reuig in die Arme der Mutter zu werfen, aber die Furcht ſiegte.„Nein!“ antwortete ſie mit verſagender Stimme. „Ich glaube Dir und es iſt Dein Glück, daß Du meinem Verbot nicht zuwiderhandelteſt. Man ſagte mir, Du ſeiſt mit dem Grafen ſpazieren gegangen⸗ Schmach über den frechen Verleumder! Wäre dies aber wahr, ſo würde ich Dich unbarmherzig aus dem Hauſe jagen und Dich Deinem Schickſal überlaſſen, denn ein Kind, welches den Gehorſam gegen die Aeltern verletzt, iſt nicht werth, die Liebe derſelben zu em⸗ pfinden“ ſprach Frau Liewe, noch immer im Zorn. Anna wandte ſich ab, ihr froher Jugendmuth hatte wieder einen harten Stoß erlitten, Furcht, Zweifel und Reue peinigten ihre Seele, mehr denn je ſah ſie eine Zukunft voll bitterer Kämpfe vor ſich; ach und es blieb ſo ungewiß, ob ſie als Siegerin daraus hervorgehen werde. 10* 148 Es war ihr unbegreiflich, wie die Mutter auf die Vermuthung hatte kommen können, daß Julius ſie begleitet habe, waren ſie doch von keinem Menſchen bemerkt worden. Lange zerbrach ſie ſich den Kopf darüber, bis ſie ſich endlich ein Herz faßte und ſprach: „Sage mir nur, was Dich zu Deiner Frage veranlaßte, damit ich weiß, wovor ich mich zu hüten habe.“ „Zunächſt und am meiſten vor dem Grafen Sacco und dann vor dem Baron von Herzer!“ entgegnete Frau Liewe barſch.„Dieſer ſagte auf offener Straße, Du gingſt täglich mit dem Unteroffizier ſpazieren.“ „O Gott, dieſer Menſch allein iſt es, der meinen Ruf zu untergraben trachtet und dem Grafen auf Schritt und Tritt nachſtellt; Niemand anders als er hat die damalige Aeußerung Sacco's über mich veranlaßt, darauf möchte ich ſchwören“, klagte Anna. „Ei ſieh doch, ſchöne Entſchuldigungen!“ höhnte die feſte Frau.„Doch ich habe die Augen offen, und ſei überzeugt, Du ſollſt die verführeriſchen Reden des Herrn Grafen nicht wieder hören, oder Ihr beide ſeid unglücklich!“ Anna mußte ſich zufrieden geben; daß ſie nicht vermochte, der Mutter eine günſtigere Meinung über den jungen Grafen beizubringen, wußte ſie nur zu gut. 149 Am Nachmittag ging ſie, wie gewöhnlich, in die Nähſtunde. Wie vielmal blickte ſie ſich auf dem Wege dorthin nach allen Seiten um, indem ſie wünſchte, des Geliebten anſichtig zu werden, um ihm eine Warnung ertheilen zu können, aber nirgends war eine Spur von ihm zu bemerken. Dagegen hatte ſie am Abend kaum die Promenade erreicht, als ihr der Graf auch ſchon entgegentrat und ſie herzlich begrüßte. „Um Gotteswillen gehe vorüber, jeden Augenblick kann uns meine Mutter überraſchen; ſie weiß von unſerm Zuſammentreffen, der Lieutenant Herzer hat öffentlich davon geſprochen“ flüſterte Anna dem Grafen zu, während ſie an ihm vorüberſchritt. „Und ich ſoll Dich nicht mehr ſehen?“ fragte Sacco traurig. „Heute nicht, morgen auf dem Fußpfade, aber er⸗ warte mich erſt in der Mitte deſſelben. Guten Abend, mein Geliebter!“ flüſterte die Jungfrau, indem ſie ſich umwandte. „Engel des Himmels, gute Nacht!“ rief der Graf. Als Anna das Thor erreichte, ſah ſie eine Frau auf ſich zukommen, die ein großes Tuch über den Kopf genommen hatte. Trotzdem es ſchon ſtark dämmerte, erkannte ſie ſofort ihre Mutter. Sich zum Lächeln zwingend, obgleich die Thränen ihr ins Auge traten, 150 ſprach ſie:„Gehe nur nicht vorüber, Mutter. Du wollteſt Dich wohl überzeugen, ob der Baron wahr geſprochen?“ Ein wenig befangen nahm Frau Liewe das Tuch ab.„Gott Lob“, rief ſie dabei,„daß ich Dich allein finde!“ Sie ſchritten neben einander nach Hauſe. Beide befanden ſich nicht in der Stimmung, viel zu plaudern, deshalb wurden nur wenige gleichgültige Worte unter⸗ wegs von ihnen gewechſelt. Auch Sacco wanderte ſeiner Wohnung zu, er war ſo glücklich über die Liebe, mit welcher Anna an ihm hing, daß er am liebſten in der Einſamkeit von ihr ſchwärmte und jede Geſellſchaft verſchmähte. Als er ſich bequem in eine Sophaecke gelehnt hatte und ſüßen Träumereien nachhing, erſchien ſein Diener vor ihm und ſprach in wichtigem Ton:„Herr Graf, ich habe Ihnen eine Entdeckung zu machen, die viel⸗ leicht von großem Intereſſe für Sie ſein kann.“ „So!“ lachte Sacco.„Dann nur zu, ich bin ganz Ohr!“ „Heute kam der Diener Ihres Herrn Oheims zu mir, Sie wiſſen ſchon, der alte Schramm, der Sie immer ſeinen jungen Herrn nennt und von Ihnen mehr hält als von dem alten Grafen.“ „Ja, ja, ich kenne ihn. Nur weiter!“ 151 „Er wollte Sie durchaus allein ſprechen und that ſehr dringlich; da ich ihm aber erklärte, daß Sie wahr⸗ ſcheinlich erſt ſpät nach Hauſe kämen, mußte ich ihm Schweigen gegen Jedermann, außer zu Ihnen, geloben, und dann erzählte er mir, er habe eine Unterredung zwiſchen dem Baron von Herzer und ſeinem Herrn belauſcht, worin der Herr Lieutenant verſprochen, einen Brief ſchreiben zu laſſen und in den Garten eines ge⸗ wiſſen Liebe oder Liebert zu befördern, der Sie und eine Liebſchaft betreffen ſollte, um Sie und eine junge Dame zu entzweien; er meinte auch, die beiden Herren hätten vor, Ihnen große Ungelegenheiten zu bereiten.“ „Wann ſollte das geſchehen?“ „Ich glaube, morgen Abend. Soll ich den Schramm rufen? Der weiß die Geſchichte beſſer.“ „Hat er ſonſt noch etwas Wichtiges geſagt?“ „Nein, ich wüßte nichts.“ „Nun, dann laſſen wir ihn. Hier iſt Geld, kaufe noch heute ein Fuchseiſen mit Kette und bringe es hierher.“ Der Diener führte den Befehl des jungen Herrn ſofort aus, innerhalb einer halben Stunde war letzterer im Beſitz des Eiſens. Julius verſtand mit d umzugehen; in ſeinen Knab ergleichen Fallen vortrefflich enjahren war er häufig dabei 152 geweſen, wenn die Förſter auf den gräflichen Gütern Füchſe, Dachſe, auch wohl Fiſchottern gefangen hatten. Mehrmals probirte er das Eiſen; es ſtand ſehr gut, und bei der geringſten Berührung ſchlug es mit einer Kraft zu, daß es dünne Stöcke zerknickte. „Herr Graf“ ſprach Friedrich,„der Fuchs, der darin gefangen wird, macht ſich nicht wieder los.“ „Er ſoll auch nicht! Es iſt ein Ungeheuer, dem ich das Eiſen legen will.“ Lange war der Freiwillige unentſchloſſen, ob er die Falle noch an demſelben Abend aufſtellen ſolle oder bis zum nächſten Tage warten müſſe. Daß Herzer vor Anbruch der neuen Dunkelheit ſein Vorhaben nicht gut ausführen könne, ſchien ihm gewiß, denn er wußte genau, daß er ſich gegenwärtig in großer Geſellſchaft befand und in dieſer feſtgehalten wurde. Aber am fol⸗ genden Abend wollte er ſelber Anna erwarten und konnte ſomit nicht gut bei dem Liewe'ſchen Garten ver⸗ weilen; bevor er aber die Geliebte wieder verlaſſen, hatte der Baron möglicherweiſe ſein Bubenſtück ſchon ausgeführt. Es war am ſicherſten, wenn er ſich ſogleich ans Werk machte. Doch wieder hatte er mit Bedenken zu kämpfen. Wie leicht konnte das Eiſen im Laufe des folgenden Tages entdeckt werden! Zwar war der Weg an der Mauer hin ein nur wenig begangener, „— 153 und ſelbſt wenn Jemand ihn paſſirte, blieb es ſehr fraglich, ob er ſeine Augen gerade dem obern Rand der Gartenmauer zuwenden werde; dann hatte auch die Stelle der Mauer, wo der Uebergang am leichteſten zu bewerkſtelligen war, eine kleine Vertiefung, ſodaß hier die Falle geſchützt lag. Doch Liewe oder ſeine Frau konnte zufällig in die Nähe kommen, und wenn ſie das Eiſen erblickten, war der ganze Anſchlag ver⸗ eitelt. Gleichwohl konnte Julius nach reiflicher Ueber⸗ legung nicht anders, er mußte auf gut Glück hin ohne Säumen ſeine Vorkehrungen treffen und der Vorſehung überlaſſen, den Baron zu ſchützen oder ihm beizuſtehen. Er machte ſich mit ſeinem Friedrich auf den Weg. Sie langten an Ort und Stelle an, der Graf kletterte zur großen Verwunderung des Dieners auf die Mauer, ſtellte das Eiſen zurecht— es war von unten gar nicht zu ſehen— befeſtigte die Kette mittels eines ſpitzen Nagels, den er tief in die zuſammengefügten Steine ſchlug und kehrte auf den Erdboden zurück. Nochmals überzeugte er ſich, daß die Falle vom Wege aus nicht leicht bemerkbar war, worauf er zu dem Diener ſagte: „Friedrich, morgen Abend kurz vor eintretender Dunkel⸗ heit gehſt Du hier vorbei. Liegt das Eiſen dann noch, ſo wanderſt Du ruhig nach Hauſe und kümmerſt Dich um weiter nichts; iſt es fort, ſo poſtirſt Du Dich hier 154 und läßt auf keinen Fall einen Menſchen in den Garten ſteigen, bis ich Dich ablöſe.“ „Ich verſtehe und werde Ihren Befehl genau be⸗ folgen“, antwortete der Diener. „Und ſchweigen!“ „Sehr wohl! Aber ich glaube, wir werden einen großen Fuchs fangen.“ „Ich wünſche es! Er hat es verdient, daß er end⸗ lich unſchädlich gemacht wird.“ Die beiden Männer traten den Rückweg an. Wie unendlich lange währten dem Freiwilligen die nun folgenden Stunden. Während der Nacht vermochte er faſt kein Auge zu ſchließen; ſo ruhig er auch ge⸗ ſchienen, ſo ſehr erregt war er innerlich. Der Baron, der ihm immer Freundſchaft geheuchelt, hatte ihm bei jeder Gelegenheit die größten Chicanen zu ſpielen ge⸗ ſucht, und weshalb? Weil er von einem Mädchen geliebt wurde, deren Reinheit der ihm als Roué be⸗ kannte Lieutenant nicht anzutaſten vermochte. Anfangs war er langmüthig genug geweſen, dieſe Kniffe unbe⸗ achtet zu laſſen, aber jetzt, da er täglich ärgere Angriffe erleiden mußte und die Frechheit des Barons ſo weit ging, ehrloſe Handlungen zu begehen, um ihm zu ſchaden und die von ihm verehrte und geliebte Dame vor der Welt zu erniedrigen, war ſeine Geduld zu Ende, — G. 155 er wollte den aus Schlichen und Ränken zuſammen⸗ geſetzten Frevler in ſeiner eigenen Schlinge fangen. Der Augenblick der Vergeltung war nahe. Wie konnte es anders ſein, als daß die Spannung, welche ihm die nächſten Ereigniſſe bereiteten, ihm den Frieden raubten und den Schlummer von ſeinem Lager ſcheuchten! Wollte ja der Schlaf für Sekunden ſeine Augen ſchließen, ſo hörte er den Schmerzensſchrei des Feindes; er ſah ihn in der Falle zappeln, und zitternd vor Erregung flog er in die Höhe; er ſchaute um ſich, bis er ſich über⸗ zeugt, daß nur ein Traum ihn gefoppt habe. Und als endlich der neue Morgen anbrach, da war es nicht viel beſſer; er fand keine Ruhe, unaufhörlich folterte ihn die Ungewißheit über den Ausgang ſeines Unter⸗ nehmens. Doch auch die Zeit dieſer Pein ſchwand dahin; der Abend kam und fand den Grafen auf dem Fußpfade, den die Geliebte paſſiren wollte, um einige Worte mit ihm wechſeln zu können. Sie kam, ſowie die Dunkelheit weit genug um ſich gegriffen hatte, um ſie vor jeder Entdeckung zu ſchützen. Julius ſchloß ſie ſtürmiſch in ſeine Arme. H welch Glück, daß ich Dich wieder habe“, rief er voll Freude. „Nein, mein Annchen, ich vermag nicht mehr zu leben, wenn ich Dich nicht täglich mindeſtens für ein Stünd⸗ 5 6 ¹ 6 3 156 chen in meiner Nähe haben kann. Wie ſchrecklich iſt mir die Zeit geweſen, ſeit wir zum letzten Mal zuſam⸗ men hier wandelten!“ „Und ich habe inzwiſchen vor Angſt gezittert und gebebt. O Julius, es iſt mir ferner rein unmöglich, Dich auf dieſe Weiſe aufzuſuchen; ich verliere dadurch die Achtung vor mir ſelber, denn ich bin gezwungen, meine Mutter zu belügen, und das raubt mir jedes Vertrauen zur eigenen Redlichkeit. Denke Dir nur, ſie wußte, daß wir an den letzten Abenden ſpazieren ge⸗ gangen ſeien, Herzer hat es geſagt.“ „Das iſt mir unbegreiflich. Aber heute Abend er⸗ hält er jedenfalls ſeinen Lohn; ich fange ihn in einem Fuchseiſen, wenn er in Euern Garten klettern will.“ „O Gott, Julius, das iſt ſchrecklich und grauſam.“ „Er beabſichtigt, uns neue Schmerzen zu bereiten.“ „Dennoch vermöchte ich nicht, ihn auf dieſe Weiſe zu ſtrafen.“ „Die Strafe wird eine harte, aber gerechte ſein. Du weißt, welcher Schurkenſtreiche er ſich ſchuldig gemacht hat, und doch ſteht er gegenwärtig im Begriff, neues Mißtrauen zwiſchen uns zu ſäen.“ „Ja, er iſt ſchlecht, aber wir ſollten ihn mit Ver⸗ achtung ſtrafen.“ „Dadurch wird er nicht unſchädlich gemacht. Ich 157 habe ihm nur geſtern erſt ſein Ehrenwort abgenommen, mir nicht wieder entgegenzutreten, und doch hat er gleich darauf neue Intriguen geſchmiedet.“ „So handle ganz nach Deiner Einſicht, mein Ge⸗ liebter; ich bin nur ein einfältiges Mädchen und darf auf Deine Entſchlüſſe nicht einwirken.“ „Du biſt mein guter Engel!“ „Aber, Julius, verlange nicht wieder, daß ich meiner Mutter ungehorſam ſein ſoll; ich kann Dir keine Bitte abſchlagen und bin ſehr unglücklich, wenn ich ſie erfüllt habe.“ „Mein Annchen, nur noch wenige Tage bin ich hier, dann treibt mich meine Stellung weit fort aus Deiner Nähe; ich kehre wahrſcheinlich nicht eher zurück, bis ich alle Hinderniſſe aus dem Wege geräumt habe, die uns jetzt noch entgegenſtehen. Und ſoll ich nun von hier fortgehen, ohne Dir Lebewohl geſagt, Dich noch einmal an mein Herz gedrückt zu haben?“ „Nein, das ſollſt Du gewiß nicht, Du Guter; in dieſem Falle muß ich noch einmal gegen das ausdrück⸗ liche Verbot meiner Mutter handeln. Am Abend vor Deiner Abreiſe will ich Dir ein Vergißmeinnicht über⸗ reichen, das legſt Du an Dein Herz und gedenkſt meiner, ſo oft Du es berührſt. Darum, daß wir Abſchied von einander nehmen, darf mir wohl Niemand zürnen.“ 3 3 . 3 3 3 5 6 6 5 6 „Und inzwiſchen ſtelle ich Deine Feſtigkeit auch noch auf die Probe, Du herziges Weſen. Du darfſt mir nicht zürnen, wenn ich Dir zuweilen in den Weg trete und Dich bitte, mir einige Augenblicke zu ſchenken, bald iſt ja die Zeit da, in der uns jede Gelegenheit zu einer mündlichen Unterhaltung fehlt.“ „Dann hält uns die Hoffnung aufrecht, daß uns eine glückliche Wiedervereinigung winkt; Du mußt nur Deinen Papa bewegen, meiner Mutter recht bald Vor⸗ ſtellungen zu machen.“ „Sei deshalb unbeſorgt, ſpäteſtens an ſeinem Ge⸗ burtstage, der mit meiner Entlaſſung aus dem Militär⸗ ſtande zuſammentrifft. Bei dieſer Gelegenheit erfüllt er jede meiner Bitten.“ „O wenn wir vor aller Welt unſere Liebe bekennen dürfen, wie beſeligt werde ich ſein; der bloße Gedanke daran macht mein Herz vor Freude heftiger klopfen.“ „Und wenn Du erſt mein ſüßes Weibchen biſt, dann, Annchen, iſt der Gipfel unſerer Glückſeligkeit er⸗ reicht.“ Die Jungfrau ſchmiegte ſich feſter an den geliebten Mann, ſie hatten momentan jedes Bangen vergeſſen. Da plötzlich kam ihnen ein Menſch entgegen. „O Jeſus, ſtehe mir bei!“ flüſterte Anna in ihrer Herzensangſt.„Es iſt meine Mutter“ 159 „So ſchütze ich Dich!“ antwortete Sacco ebenſo leiſe. Sie wollte ſich von dem Arm des Geliebten los⸗ machen; er hielt ſie feſt, indem er ſagte:„Es wäre zu ſpät, wir wollen jeder Gefahr trotzen!“ Währenddeß war die einſame Wandrerin ihnen ganz nahe gekommen. Julius erkannte eine alte Frau, die 3 einen halbvollen Beutel im Arm trug.„Guten Abend!“ ſprach ſie mit dumpfer Stimme im Vorbeigehen. „Gott Lob, es iſt eine Fremde!“ athmete Anna auf. „Guten Abend, mein Mütterchen! Woher noch des Wegs ſo ſpät?“ erwiderte Julius auf den Gruß der alten Frau. Die Angeredete blieb ſtehen.„Ich war auf dem Lande und habe mir etwas Brod erbeten; mein Sohn, der mich ſo lange ernährte, liegt krank darnieder; zwar befindet er ſich in der Beſſerung, aber er kann noch nichts verdienen und da muß er Hunger leiden, wenn ich nicht die Mildthätigkeit guter Menſchen in Anſpruch nehme“ entgegnete ſie verſchämt. „Wie heißen Sie, gute Frau?“ Die Alte nannte ihren Namen. „Und wohnen?“ „Wollweberſtraße Nr. 19 auf dem Hofe.“ „Ich werde für Sie ſorgen, daß Sie nie wieder Noth zu leiden brauchen und Ihr Sohn ärztliche Hülfe 160 erhält; inzwiſchen nehmen Sie dies und machen ſich einen guten Abend; morgen beſuche ich Sie!“ ſprach Julius, indem er den Inhalt ſeiner Börſe der Frau in die Hand ſchüttete. Anna hörte den Klang großer Silbermünzen. Die alte Frau fiel auf die Kniee und ſtammelte unter Thränen ihren heißeſten Dank. „Nicht doch, beten Sie für mein Glück!“ rief der Graf, während er ſich zum Gehen wandte. „O Ihnen kann es nur gut ergehen, denn Sie ſind gut und nehmen ſich der Hülfsbedürftigen an!“ ſchluchzte die Frau. „Morgen komme ich. Nun gute Nacht!“ rief Ju⸗ lius noch, während er weiter ſchritt. „Gottes Segen über Sie und die gnädige Frau!“ Julius zog den Arm Anna's feſter an ſich und ſprach:„Hörſt Du, die hat Dich gewiß nicht erkannt.“ Anna antwortete nicht, die Stimme verſagte ihr. „Was fehlt Dir, mein Täubchen?“ fragte der Graf zärtlich. „Ach Julius, Du edler Menſch, Du ſtehſt ſo groß da und ich bin ſo klein gegen Dich; nicht wahr, es iſt ein ſehr erhebendes Gefühl, der Wohlthäter armer Menſchen zu ſein?“ erwiderte Anna unter Thränen lächelnd. 161 „Du gutes Kind, das lernt der kaum kennen, der von ſeinem Ueberfluß gibt; nur der erwirbt ſich mit ſeinen Almoſen ein wirkliches Verdienſt, der das Letzte theilt, um Unglücklichen zu helfen; was aber bereitet es mir für Unbequemlichkeiten, wenn ich eine Familie unterhalte? Ich liquidire ſo viel mehr für meine Bedürfniſſe.“ „O glaube mir, wenn meine Liebe noch einer Stei⸗ gerung fähig war, ſo hat Dein menſchenfreundliches Benehmen gegen die Arme dieſe bewirkt. Hörteſt Du wohl, wie ſie Gottes Segen auf uns herabflehte?“ „Ja, auf mich und die gnädige Frau!“ „Nun biſt Du wieder ein Schelm.“ „Wenn Du erſt mein Weibchen biſt, ſollſt Du täglich mit vollen Händen milde Gaben ſpenden.“ „Dafür werde ich um ſo inniger an Dir hängen. Aber nun, mein Julius, laſſe mich fort, ich muß wirk⸗ lich nach Hauſe, und Du willſt doch auch nicht, daß ich Verdruß bekomme.“ „Nun ſo gehe, mein ſüßes Leben. Wann darf ich Dich wiederſehen?“ „Ach ich kann Dir ja keine Vorſchriften machen, Du wirſt am beſten wiſſen, was zu meinem Frieden dient.“ „Habe Dank für Dein Vertrauen, Steffens, Standesvorurtheile. II. Engel, ich will es verdienen. Und nun lebe wohl für heute, ich muß ſehen, ob der Herr Baron in die Falle gegangen iſt.“ „O Julius, ich fürchte wegen dieſes Unternehmens, ſei ja auf Deiner Hut!“ Sie ſchieden unter herzlichen Liebkoſungen. Anna eilte mit flüchtigen Schritten ihrer Wohnung zu, wäh⸗ rend der Graf feldeinwärts nach dem Liewe'ſchen Gar⸗ ten ging. Sechstes Kapitel. Der Oheim des jungen Grafen war, als er ſich verſichert hielt, daß ſeine Anſchläge gegen Julius jetzt vom beſten Erfolg gekrönt werden müßten, nach Reudlitz zurückgereiſt, um nunmehr dem Paſtor die er⸗ freuliche Mittheilung zu machen, daß die Aeltern der Dame, an welche er ſein Herz verloren, nichts mehr erſehnten als ſeine Verbindung mit ihrer Tochter, und daß er nur recht bald getroſt ſein Glück verſuchen müſſe, wenn er ſich den Beſitz der letztern ſichern wolle. Er hoffte natürlich, Stade werde ſich nicht ſäumig helfen. Inzwiſchen war der junge Paſtor vollſtät ſeine Amtsgeſchäfte in Anſpruch genommen; 1 zeigen und ſomit unwiſſentlich ſeine Intriguen fördern und Liebe widmete er ſich ſeinem Beruf und ſchaffte, um die Leere in ſeinem Herzen auszufüllen, mit uner⸗ müdlicher Thätigkeit für das leibliche und geiſtige Wohl der ihm anvertrauten Gemeinde. Kamen dabei dennoch Stunden der Muße, ſo benutzte er dieſe gern dazu, der alten Mutter ſeine Aufmerkſamkeit zuzuwenden und ſie zu unterhalten, oder auch die Geſellſchaft des Fräu⸗ leins von Lieder aufzuſuchen. Bei alledem fühlte er, daß ihm noch etwas zum vollſtändigen Glück fehlte, und dieſe Empfindung regte wohl gerade der langſam in ihm zur Geltung gekom⸗ mene Vorſatz an, das Leben ohne eine liebende Ge⸗ fährtin zn verbringen, nie die beſeligenden Freuden kennen zu lernen, die aus einem glücklichen Eheſtande erwachſen, da Anna Liewe, die erſte Jungfrau, der er innigere Gefühle für ſich einzuflößen geſucht, ihm nicht ſo entgegengekommen war, wie dies nach ſeiner Mei⸗ nung eine Dame mußte, wenn ſie fähig war, Intereſſe für ihn zu fühlen, piel eher darauf ausgegangen war, ſeine zärtliche Annäherung ins Lächerliche zu ziehen. Zu dem Grafen war er nach und nach in ein beſſeres Verhältniß getreten als zu Anfang ſeiner An⸗ en jeder Beziehung zu den rechtlichſten und cha⸗ t in Reudlitz. Sacco hatte eingeſehen, daß 165 Zoll breit von ſeinen Ueberzeugungen abzubringen ſei und vor allem ſich Niemand unterordne, wenn hierdurch ſeine amtliche Stellung litt. Dadurch war der ſtolze Herr wider Willen genöthigt worden, hier und da ihm Rechte einzuräumen, die er ſonſt keinem Bürgerlichen zugeſtehen mochte. Der Pfarrer hatte ſich ſeine vollſte Anerkennung zu erringen gewußt und da⸗ mit war ihr Verhältniß zu einander ein recht freund⸗ liches geworden, obgleich der innere Gehalt dieſer Männer und ihre ganze Denkungsart himmelweit auseinander⸗ liefen. Graf Sacco war längere Zeit von Reudlitz entfernt geweſen; in heiterſter Stimmung hatte er ſich nun wieder auf ſeinem Stammſitz eingefunden, Fräulein von Lieder für ihre gute Haushaltung mit einigen werth⸗ vollen Geſchenken überraſcht, und dem Paſtor wollte er ein Glück bringen, wie er ſolches gewiß nicht er⸗ Aber Vorſicht mußte er immer bei ſeinen wartete. ſeine Pläne desfallſigen Eröffnungen anwenden, wenn er nicht ſelber vereiteln wollte. So wartete er denn ruhig, bis Stade ihm ſeinen Beſuch machte, was ſehr bald geſchah; und als ſie ſich nun allein in freundlicher Unterhaltung befanden, rückte der alte Herr langſam mit ſeinen Mittheilungen he aus, die ihn dem ſich geſteckten Ziele näher füh „Ich habe Ihnen und Ihrer Frau Mutter einen liebe⸗ vollen Gruß aus S. zu beſtellen, wahrſcheinlich errathen Sie nicht, von wem“ begann er, um den Paſtor vorzu⸗ bereiten. „Ich bin überhaupt im Errathen ſchwach“ entgegnete Stade lächelnd. „Nun denken Sie nur, Frau Gärtner Liewe war es, die ſich Ihrer mit großer Wärme erinnerte.“ „Frau Liewe“, wiederholte der Paſtor langgedehnt, als traue er ſeinen Ohren nicht recht. „Nun ja, Niemand anders! Wundert Sie das ſo ſehr?“ fuhr der Graf fort. „Allerdings muß ich bekennen, wie es mich außer⸗ ordentlich befremdet, daß die gute Frau Gelegenheit erhielt und es wagte, Sie mit derartigen Bitten zu beläſtigen.“ „Darüber will ich Sie ſehr gern aufklären. Mein Neffe machte mich auf eine junge Dame aufmerkſam, deren Schönheit ſowohl ihm wie mir die größte Be⸗ wunderung einflößte. Ich glaube, er ſagte, Sie hätten einmal, als Sie mit ihm zu mir herauskamen, ihm ihren Namen genannt; ſie heißt Anna Liewe. Dabei beſann ich mich auf das, was Sie mir einſt von Ihrer Liebe ſagten. Ich ging ſpäter zu den Gärtnersleuten, n dort Sämereien und brachte ſo zufällig das 167 Geſpräch auf meinen Pfarrer, der für den nächſten Frühling vielerlei Samen gebrauche, nannte auch Ihren Namen und kam durch die Aeußerungen der Alten zu der Ueberzeugung, daß ihre Tochter ſeit Ihrer Abreiſe von S. einen heimlichen Gram im Herzen trage. Ich kannte ja Ihre Empfindungen für das Fräulein und machte Bemerkungen, welche die Frau Liewe aufklären mußten, daß die junge Dame auch Ihnen die Ruhe ge⸗ raubt habe; ſie wurde immer vertraulicher und— genug der Reden, Sie ſind der größte Thor, den die Erde trägt, wenn Sie durch Ihre Blödigkeit ſich dieſe Perle rauben laſſen!“ Was ſollte der Pfarrer von dieſen Mittheilungen denken? Unmöglich konnte er ahnen, welches verab⸗ ſcheuungswürdige Spiel der alte Graf mit ihm vor⸗ hatte; ohne Arg, wie er war, nahm er ſeine Worte für baare Münze, fühlte ſich beſchämt, daß er Anna ſo wenig Gefühl hatte zutrauen können, und faßte den Entſchluß, das Verſäumte nun ſo ſchnell als möglich nachzuholen. Die Freude, welche ſein Herz bewegte, mochte ſich wohl in ſeinem Aeußern abſpiegeln; er hatte ja ſo lange getrauert und ſollte nun mit einem Male das größte Glück, das er für ſich erſehnt, erreichen; die reinſte Wonne nahm von ſeinem Innern Beſitz, er — 168 den Grafen für ſeine liebevolle Fürſorge umarmen mögen. Sacco bemerkte ſehr gut, welche Empfindungen den jungen Mann beſchlichen; lag ihm doch ſo unendlich viel daran, zu ergründen, wie der Paſtor ſeine Eröff⸗ nungen aufnehmen werde. Aber er blieb ruhig, zu große Theilnahme konnte dem Geiſtlichen leicht einen Argwohn gegen ſeine Redlichkeit einflößen. Endlich mußte der letztere mit ſich einig ſein.„Herr Graf“, rief er,„ich hätte nie geglaubt, daß Sie ſo ſehr für mein Wohl beſorgt ſein könnten. Nehmen Sie meinen aufrichtigſten und tiefempfundenen Dank für Ihre Bemühungen hin, nie, ſolange ich lebe, werde ich vergeſſen, was ich Ihnen ſchulde.“ Sacco lächelte väterlich.„Alſo Sie werden nun Ihre Scheu, die wirklich ganz am unrechten Platz iſt, überwinden?“ ſprach er freundlich. „Ich will ſogleich einen Schritt thun, der mir Ge⸗ wißheit bringen ſoll, ob ich hoffen darf, mein Ideal dereinſt als Gattin zu beſitzen.“ „Sie wollen?“ „Ich werde mich ſchriftlich an Frau Liewe wenden, gleichzeitig veranlaſſen, daß ich am nächſten Sonntag in der Kirche der Neuſtadt zu S. den Gottesdienſt verrichten darf, und am Sonnabend bereits die Familie beſuchen.“ 169 nur erſt die Mutter 8 wird einem der Sieg über die Tochter Sonntag vergehen noch ſechsmal „So iſt es recht von Ihnen; gewonnen, dann leicht. Aber bis zum vierundzwanzig Stunden“ „Sie entſchwinden ſchnell, wenn man hofft!“ Was konnte der Graf noch wünſchen? Seine Pläne reiften ja alle ihrer Erfüllung entgegen⸗ Stade befand ſich jetzt wirklich in der froheſten Stimmung. In ſeinem Glück entdeckte er ſich der eigenen Mutter und erhielt von dieſer die Antwort, daß ſie ſeit langer Zeit nichts ſehnlicher gewünſcht als ſeine Ver⸗ ihr hochgeachteten Tochter der ſelber an die letztere zu ſchrei⸗ che vorzutragen, die in ihrem und dem Herzen des Sohnes lebten. Dadurch nahm ſie dieſem eine bange Sorge ab, denn ſo gut er ſich auch ſchriftlich wie mündlich auszudrücken vermochte, in dieſer Angelegenheit traute er ſich doch wenig Be⸗ fähigung zu; er wurde roth wie ein Knabe bei dem bloßen Gedanken, als Liebender auftreten zu ſollen. Inzwiſchen hatte der Baron von Herzer das dem Grafen gegebene Verſprechen in Betreff des Briefes nach Möglichkeit gehalten. Derſelbe war in einer Weiſe geſchrieben, daß, wer ihn zu Geſicht bekam, glauben mußte, der junge Freiw n einigung mit der von Freundin; ſie erbot ſich, ben und ihr die Wünſ illige ſei ein gleisneriſcher 170 Böſewicht, dem der Friede und das Glück eines ihm vertrauenden Mädchenherzens nicht das Geringſte gelte. Erſt ziemlich ſpät, als völlige Dunkelheit herrſchte, machte er ſich mit dem etwas zerknitterten Billet in der Taſche nach der Neuſtadt auf den Weg, ſchritt mehrmals die Gartenmauer entlang, welche das Lie⸗ we'ſche Eigenthum umgab, horchte an allen Ecken, ob ſich irgend ein verdächtiges Geräuſch vernehmen laſſe, und als er ſich überzeugt, daß überall der tiefſte Frieden herrſchte, ſchlich er an jene Stelle zurück, die, längſt von ihm erſpäht, am leichteſten ein Ueberklettern er⸗ möglichte. Nochmals ſtand er ſtill und lauſchte. Nichts rührte ſich. „Viel Unbequemlichkeiten wegen ſo eines Wichts!“ murmelte er zwiſchen den Zähnen.„Aber Geduld, Herr Graf, Sie ſollen nicht ſagen, daß Sie den mo⸗ dernſten Don Juan ausgeſtochen haben, Sie ſollen unterliegen und müßte ich meine Ehre zum Opfer bringen!“ Der Schändliche, er war ſich nicht bewußt, daß er längſt ehrlos gehandelt hatte. Jetzt richtete er ſich auf den Zehen empor und erfaßte mit einiger Mühe die obere Kante der Mauer. Eine große Gewandtheit und Armkraft wohnten ihm inne, 171 denn ſchnell zog er den Körper nach, ſeine rechte Hand griff weiter vor. Doch da war es ihm, als ſpringe der berührte Stein in die Höhe, ein Geräuſch machte ſich vernehmbar, wie von zwei zuſammenſchlagenden Eiſenſtangen veranlaßt. Herzer ſtieß einen zwar nur halblauten, aber gräßlichen Schrei aus, ſeine Hand war oberhalb des Gelenks von zwei ſpitzen Stacheln durchbohrt und wie in einen Schraubſtock eingeklemmt, er fürchtete, daß der Knochen zerbrochen ſei. Vor Schreck hatte er die freie Hand losgelaſſen. Das Fuchseiſen, welches die rechte Hand umſpannt hielt, war ebenfalls ein wenig aus der Lage gekommen, der Baron berührte mit den Zehen den Erdboden und mußte den Arm ausgeſtreckt halten, um nicht noch weit grauſigere Schmerzen zu erdulden, als er ſo ſchon erlitt. „Barmherziger Gott!“ jammerte jetzt der ſonſt ſo verſtockte Sünder. Er war ſich bewußt, daß er ſich in eine Lage gebracht hatte, wie ſie ſich entſetzlicher kaum denken ließ. Wenige Minuten ſtand er erſt ſo da, nur mit den Fußſpitzen auf der Erde, das Geſicht an die Mauer gedrückt und den Arm ſtraff empor haltend, als ſeine Kräfte ſchon zu ſchwinden drohten und er am ganzen 172 Körper wie Espenlaub zitterte. Sich zu befreien war ein Ding der Unmöglichkeit; er vermochte mit der an⸗ dern Hand nicht einmal das Eiſen zu erreichen, und ſeine Schmerzen wurden bald unerträglich. Aber was waren die Leiden des Körpers gegen die der Seele? Woran er bisher nicht im entfernteſten gedacht, daß ihm ſeine ehrloſen Handlungen, mochten die Geſinnungs⸗ genoſſen ſie auch nur als galante Abenteuer bezeichnen, einſt eine entehrende Strafe einbringen könnten, das wurde ihm jetzt klar. Es ließ ſich nicht annehmen, daß im Laufe der Nacht ein Menſch dieſen einſamen Weg paſſiren werde, und— o grauenhafter Gedanke— bis zum neuen Tage ſo hängen zu bleiben, das mußte ihm Qualen bereiten, die auch den ſtärkſten Mann wahn⸗ ſinnig zu machen im Stande waren. Schon jetzt war er nicht mehr fähig, ein leiſes Wimmern zu unter⸗ drücken, das mit jeder neuen Sekunde mehr in ein krampfhaftes Geſtöhn überging. Aber war dies die ärgſte Strafe, die ihn traf? Am nächſten Tage wurde er als Verbrecher, wohl gar als Gartendieb gebrand⸗ markt, er, der ſtolze Freiherr, der Offizier galt für einen der gemeinſten Menſchen, er hatte ſich in einer Falle gefangen, die für nächtliche Spitzbuben aufgeſtellt war. Die Kameraden verachteten ihn, er mußte den Abſchied nehmen und hatte wohl gar noch eine gericht⸗ 173 liche Unterſuchung zu fürchten. Und nun malte er ſich den Triumph des Freiwilligen vor— o wie mußte dieſer frohlocken! Ein Schrei der Wuth entrang ſich dem Munde des Offiziers; er griff mit der freien Hand in die Taſche und ſuchte nach einem Meſſer, der Entſchluß war in ihm aufgetaucht, ſich das beſchädigte Glied abzuſchneiden. Aber vergeblich bemühte er ſich, das ſcharfe Inſtru⸗ ment zu erreichen; er wußte, es ſteckte in der rechten Taſche ſeines Beinkleides, und in dieſe vermochte er in ſeiner Stellung mit der linken Hand nicht zu dringen. Und neue Qualen marterten ihn. All die Damen, die ihn liebten, was ſollten ſie von ihm denken, wenn ſie das Unerhörte erfuhren? Womit konnte er ſich entſchuldigen? Er ſchauderte. Immer heftiger wurde auch ſein phyſiſcher Schmerz; die Hand ſchwoll zu einer unförmlichen Maſſe an, er konnte nicht länger auf den Zehen ſtehen, ſondern mußte ſich völlig herablaſſen. Doch nun kannte ſeine Pein keine Grenzen mehr, er ſtöhnte wie ein ver⸗ endendes Thier. Dazwiſchen flehte er zu Gott und bat um Errettung aus ſeiner fürchterlichen Lage, in⸗ dem er gelobte, nie wieder von der Bahn des Rechts abzuweichen, ſtets ein muſterhaftes Leben zu führen. Auch das ſchien nichts zu helfen, ebenſo wenig wie Drohungen, Flüche und Läſterungen, die ihm der furcht⸗ bare Schmerz entlockte. Indeſſen Alles auf Erden hat ein Ende. In der Nähe des Barons wurden Schritte ver⸗ nehmbar. Jetzt hörte er ſie nicht mehr, dann kamen ſie wieder näher. „Wer iſt da?“ rief endlich eine kräftige Stimme dicht hinter ihm. „Freund, um Gotteswillen, erbarmen Sie ſich meiner und helfen Sie mir, ein reicher Lohn ſoll Ihnen werden. Nehmen Sie ſogleich meine Börſe!“ jammerte Herzer. „Für Geld ſteht nur ein Schuft dem Hülfsbedürf⸗ tigen bei!“ erwiderte der Fremde, jedenfalls ein Be⸗ wohner der Neuſtadt, indem er nahe zu dem Beſchä⸗ digten herantrat. Es war ſo dunkel, daß er nicht ſo⸗ gleich ſehen konnte, was dem Stöhnenden fehlte. Doch nun überzeugte er ſich, daß dieſer an der Mauer hing. „Was machen Sie hier?“ fragte er barſch. „Ein Schurke hat mir hier eine Falle geſtellt, in die ich mit der Hand gerathen bin. O mein Gott, befreien Sie mich ſchnell.“ „Der Schurke ſcheinen Sie zu ſein! Ehrliche Men⸗ ſchen nehmen ihren Weg nicht über Mauern.“ 175 „Herr, ich bin ein ehrlicher Mann.“ „Davon will ich mich erſt überzeugen! Haben Sie ſo lange ausgehalten, ſo können Sie auch noch in Ihrer Stellung verbleiben, bis ich den Beſitzer des Gartens herbeigeholt habe, dann wird es ſich zeigen, um was es ſich handelt.“ „Hören Sie, Mann, ich bezahle Ihren Dienſt mit Gold. So hören Sie doch, ich bin—“ Der Fremde gab keine Antwort, ſondern entfernte ſich ſchnell. Er hatte einen großen Umweg bis zur Liewe'ſchen Wohnung zu machen, da links und rechts eine Menge Gärten lagen. Der Gärtner ſaß neben ſeiner Frau und Tochter und ließ ſich aus einem Buche vorleſen, als der Schmied Wagner haſtig bei ihm eintrat und nach kurzem Gruß rief:„Denken Sie, Liewe, da hängt ein Menſch außer⸗ halb der Mauer Ihres Gartens und ſchreit um Hülfe; er hat ſich, wie es ſcheint, in einem Eiſen gefangen, das auf der Mauer feſtgemacht iſt. Sie haben eine tolle Manier, die Gartendiebe zu belauern.“ Anna war einer Ohnmacht nahe; ſie begriff ſofort, welche Bewandtniß es mit dem als Gartendieb Ver⸗ dächtigten hatte. Sie zitterte vor den nächſten Erör⸗ terungen; auch fühlte ſie Mitleid für den Baron, ſo ſehr er ſie immerhin gekränkt haben mochte. 176 Dagegen befanden ſich ihre Aeltern in völliger Un⸗ wiſſenheit und ſahen den Schmied verwundert und neu⸗ gierig an.„Was meinen Sie?“ fragte Liewe.„Ich verſtehe Sie nicht.“ Es währte einige Zeit, ehe Wagner ihm klar ge⸗ macht, was draußen paſſirt ſei, dann aber verſicherte er, daß er von keiner Falle etwas wiſſe, ergriff jedoch eine Laterne, und von Frau Liewe gefolgt, ſchritten nun die beiden Männer durch den Garten der Mauer⸗ ecke zu, an welcher der Dieb bummeln ſollte. Bald kamen ſie an Ort und Stelle an. Liewe be⸗ nutzte eine Baumleiter, um die Mauer zu erklimmen; er ſah allerdings ein Fuchseiſen auf derſelben liegen, aber es war leer, keine Spur von einem Menſchen ließ ſich entdecken. „Sie haben geträumt, Wagner!“ rief der Gärtner lachend. Auch dieſer kam nach oben und beleuchtete das Eiſen.„Sehen Sie“, ſprach er dann,„hier das ge⸗ ronnene Blut, und da— es iſt an der Mauer hinunter⸗ gelaufen, der Kerl iſt entwiſcht. Wie kann er ſich nur befreit haben?“ Liewe überzeugte ſich von der Richtigkeit der Be⸗ merkungen des Schmieds; er befand ſich in der größten Verlegenheit und betheuerte einmal über das andere, 177 daß er weder wiſſe, wie die Falle auf ſein Eigenthum gekommen ſei, noch wem ſie gehöre. Wagner ſchüttelte verwundert den Kopf, er hielt die Verſicherungen ſämmtlich für Unwahrheiten und dachte bei ſich, der Gärtner gäbe ſie nur ab, weil er die Folgen ſeiner eigenmächtigen Handlung fürchte. „Seien Sie unbeſorgt“ ſuchte er ihn zu beruhigen, „kein Menſch kann Ihnen etwas deshalb anhaben, weil Sie Ihr Eigenthum ſchützen.“ Am meiſten zeterte Frau Liewe; ſie ſah in dem Vorfall einen ſchändlichen Anſchlag gegen ihren guten Ruf und drang in den Ehemann, unverzüglich der Polizei Anzeige zu machen. Niemand war froher als Anna, nachdem ſie erfahren, daß der Gefangene entwiſcht ſei. Sie hätte durch wenige Worte alle Befürchtungen ihrer Aeltern zer⸗ ſtreuen können, aber ſie durfte ja nicht reden und be⸗ gnügte ſich zu ſagen:„Vielleicht iſt der Baron von Herzer bei der Angelegenheit betheiligt und ich möchte wetten, daß er derjenige war, welcher in der Falle ſteckte; jedenfalls werdet Ihr nun nicht mehr bezweifeln, daß neulich doch ein Menſch im Garten war, als ich und meine Freundinnen dies behaupteten.“ Von allerlei Muthmaßungen beunruhigt, beſchloſſen endlich die Gatten auf den Rath des Schmiedemeiſters 12 Steffens, Standesvorurtheile. III. ruhig abzuwarten, ob ihnen aus dem fatalen Vorfall irgendwie Unannehmlichkeiten erwüchſen. Kaum hatte der Baron ſich nach der Entfernung Wagner's wieder allein befunden, als er ſich geſtand, daß nun Alles verloren ſei und er der ſchrecklichſten Stunde ſeines Lebens entgegen gehe, daß ihm nichts übrig bleibe, als ſein Leben zu enden, ſobald er nur erſt die Hände frei habe, um ein Mordinſtrument er⸗ greifen zu können. In wenig Minuten mußte die Gärtnerin, dieſes Weib, das er mehr fürchtete wie die meiſten Männer, vor ihm ſtehen, ihn in ſeiner tiefſten Erniedrigung ſehen; er malte ſich aus, mit welchem Hohn ſie über ihn herfallen werde. Und Anna! Er konnte nicht mehr denken, der Verſtand wollte ihm ſchwinden. Doch horch! Da wurden aufs neue Schritte ver⸗ nehmbar. Vielleicht war dieſer Wanderer barmherziger als der vorige; noch hatte ihn Niemand erkannt, es war noch Rettung möglich. Der Fußgänger kam näher. „Heda, guter Freund, um des Himmelswillen helft mir und jeder Lohn, den Ihr verlangt, ſoll Euch wer⸗ den!“ klagte er mit zitternder Stimme. „Wer ſeid Ihr und was wollt Ihr?“ entgegnete darauf der neue Ankömmling. — 179 Gerechter Gott! Dieſe Sprache kannte der Baron, es mußte Graf Sacco ſein, der ſich hier jedenfalls einfand, um ebenfalls in den Garten zu dringen. O hätte er ihn erſt ſein Glück verſuchen laſſen! Dieſer Gedanke tauchte trotz der grauenhaften Schmerzen des Offiziers in ſeinem Gehirn auf. Doch es war keine Zeit zu verlieren, er mußte das Mitleid Sacco's er⸗ flehen auf jede Gefahr hin. Und der junge Freiwillige war ja ein edelmüthiger Menſch, er konnte nicht anders, als ihm Beiſtand leiſten. „Herr Graf“ jammerte er,„ich ſtecke hier in einer Falle, meine Schmerzen ſind nicht mehr zu ertragen, und jeden Augenblick kann der Gärtner erſcheinen; ein mir unbekannter Menſch, den ich ſchon um Er⸗ barmen bat, holt ihn. Retten Sie mich und meine Ehre, und ich will Ihnen fortan mit Leib und Leben dienen.“ „Aber wer ſind Sie denn?“ fragte Sacco nochmals. „Sie kennen mich nicht? Nun ja, meine Stimme hat ihren Klang verloren; ich bin der Baron von Herzer!“ „Unmöglich! Was könnte Sie hierher führen?“ rief der Graf zurückprallend, als ſei er überraſcht. „Ich werde Ihnen Alles geſtehen, nur befreien Sie mich erſt, ich bin dem Tode nahe.“ 12* 180 „Aber was hält Sie denn feſt?“ „Hier meine rechte Hand ſitzt in einem Eiſen!“ „Herr Lieutenant, ſo gern ich jedem Hülfsbedürf⸗ tigen beiſtehe, ich darf Ihnen meine Dienſte nicht weihen Ihre Anweſenheit hierſelbſt ſagt mir, daß Sie eine ſchlechte That begehen wollten, und Ihre Beſtrafung iſt eine gerechte.“ „O haben Sie Mitleid, ich will Ihnen Alles ge⸗ ſtehen.“ „So beginnen Sie erſt mit Ihrer Beichte!“ „Ich kann nicht mehr ſprechen.“ „Dann erholen Sie ſich erſt, wir haben Zeit.“ „O Grauſamer, bald kommt der Gärtner.“ „Das glaube ich kaum; es iſt ſpät, er wird bereits ſchlafen.“ „Ich ſagte Ihnen ſchon, daß er gerufen wird.“ „Ah ſo! Sie waren ſchon öfter hier im Garten?“ Der Baron antwortete nicht. „Weshalb lauerten Sie vor vierzehn Tagen dem Fräulein Liewe in einer Laube auf, nachdem Sie mich hatten zum Wachtdienſt befördern wollen? Was ſollten Ihre unverſchämten Worte gegen die junge Dame be⸗ deuten? Was bezweckte Ihr Geſchmatz mit den Lippen, als wenn Sie küßten?“ Herzer ſah augenblicklich ein, daß der Graf von all 181 ſeinem Thun genau unterrichtet ſein mußte; er durfte ihn daher nicht reizen, indem er Thatſachen beſtritt, die ihm jedenfalls von der Geliebten mitgetheilt waren, der er wie einem Gott vertraute. Mit der ihm eigenen Schlauheit ſpielte er ſogleich den zerknirſchten Sünder und begann:„O mein edler, hochherziger Freund, ich habe mich ſchwer gegen Sie vergangen; nur die Leiden⸗ ſchaft, die mich bis zum Tode quälende Eiferſucht trieb mich dazu. Ich wußte Sie in der Nähe und wollte Sie zu einer unüberlegten Handlung reizen, nachdem ich vergeblich verſucht, das Fräulein Liewe für mich zu gewinnen. Sie ſehen, ich klage mich ſelber an, nun üben Sie auch Barmherzigkeit an mir.“ „Und was wollten Sie heute hier?“ Wieder Schweigen. „Ich weiß auch das! Ein gefälſchter Brief ſollte in den Garten befördert werden. Und doch verlangen Sie Rettung von mir?“ Herzer ſtöhnte leiſe vor ſich hin. „Doch Sie ſollen ſehen, daß ich Sie und Ihre An⸗ ſchläge verachte, ebenſo wie Ihren Helfershelfer, meinen würdigen Oheim; ich werde Sie befreien. Natürlich verſteht es ſich von ſelber, daß Sie noch heute um Ihren Abſchied einkommen!“ „Wie?“ kreiſchte der Baron. 182 „Denken Sie denn, daß ich mit anſehen könnte, wie ein Menſch Ihres Schlages in der preußiſchen Offiziersuniform ſteckte? Nein, da machen Sie keine Flluſionen!“ Herzer ſchwieg; er mochte denken: Wenn ich nur erſt erlöſt bin, werde ich Dir ſchon ein Schnippchen ſchlagen.“ Aber jetzt bemerkte der Graf, daß aus dem Liewe'⸗ ſchen Hauſe ein Licht auf ſie zukam.„Sie nahen durch den Garten!“ ſprach er halblaut, indem er ſich auf die Mauer ſchwang. Im Nu kniete er auf dem Eiſen und drückte mit großer Gewalt an der Feder, ſodaß die Seitenbänder auseinanderklappten. Dadurch erhielt die Hand des Barons Spielraum. Doch noch war ein Stachel durch dieſelbe gebohrt. Behutſam löſte der ſachkundige Graf trotz der Dunkelheit das Gelenk los, ſprang wieder zur Erde und riß den Baron, der kaum noch aufrecht zu ſtehen vermochte, mit ſich fort. Bald darauf hörten ſie die Stimmen der den Baron Suchenden hinter ſich. Die jungen Männer traten in den Schatten der die übrigen Gärten umgebenden Mauer und warteten hier ſchweigend, bis rings umher wieder friedliche Stille herrſchte, dann wanderten ſie der Stadt zu.* Vor dem Thore angekommen, ſprach Sacco:„Hier, 183 Herr Baron, trennen ſich unſere Wege. Ich darf Sie wohl nicht erſt daran erinnern, was Sie zu thun haben, wenn Sie wollen, daß Niemand erfährt, welcher Hand⸗ lungen Sie ſich ſchuldig gemacht haben.“ „Halt“, rief Herzer,„jetzt ſprechen wir in einem andern Ton zuſammen; betrachten Sie mich lediglich als Vorgeſetzten.“ „Gut, ſo werde ich Sie morgen früh beim Regi⸗ mentscommandeur verklagen. Ihre Verwundung und das Zeugniß des Gärtners Liewe müſſen meine Be⸗ hauptungen beſtätigen, der Wachtmeiſter Reimann kann auch ein Wörtchen mitreden. Sie ſehen ein, daß Sie ſich als Offizier unmöglich gemacht haben.“ „Ich werde Sie zur Rechenſchaft ziehen.“ „Mit einem Ehrloſen ſchlage ich mich nicht, und daß Sie Ihre Ehre verſcherzt haben, werde ich nöthigen⸗ falls beweiſen.“ „Ha, ſo verfolge ich Sie bis an das Ende der Welt!“ „Ich fürchte Sie nicht, im Gegentheil mögen Sie ſich in Acht nehmen, mir wieder vor die Augen zu kom⸗ men, denn zum zweiten Mal würde ich keine Rückſicht walten laſſen.“ Damit wandte der Freiwillige dem Baron 6 Rücken. 184 Dieſer ſah wohl ein, daß ſeine Stellung als Offi⸗ zier unhaltbar geworden ſei, denn Sacco beſaß einen großen Anhang und er wurde durch eine Unterſuchung zu ſehr compromittirt; dazu hatte er ſich in letzter Zeit unter den Kameraden viel Feindſchaft zugezogen. Des⸗ halb faßte er voll Reſignation den Entſchluß, dem Militärſtande Valet zu ſagen und ſich auf die Güter ſeines Vaters zurückzuziehen. Aber vorher mußte er dieſem Grafen, der ihn ſo tief gedemüthigt hatte, der, wie er vermuthete, jeden⸗ falls die Haupttriebfeder, wenn nicht gar der einzige Anſtifter ſeiner Niederlage war, durchaus einen Gegen⸗ ſtreich ſpielen, der ihn empfindlich traf. Aber wie* Das war die Frage; dem jungen Manne war ſchwer beizukommen und nun vollends. Dazu hatte er keine Zeit übrig, er mußte in kurzem die Stadt verlaſſen, um jedem Skandal vorzubeugen. Die lädirte Hand war, als er in ſeiner Wohnung ankam, ſo geſchwollen, das ganze Gelenk ſchien gebrochen zu ſein, daß er un⸗ verzüglich einen Arzt in Anſpruch nehmen mußte. Obgleich inzwiſchen die zehnte Stunde herangerückt war, ſchickte er ſofort zum Aſſiſtenzarzte des Regiments; dieſer erſchien, unterſuchte die Verletzung und erkärte, daß ein Bruch nicht vorhanden, aber für längere Zeit die größte Schonung nöthig ſei, wenn er die Hand je S — — 185 wieder gebrauchen wolle. Er legte Verbände an, traf verſchiedene Anordnungen und entfernte ſich wieder, nachdem er das Verſprechen gegeben, über die Ver⸗ wundung Schweigen bewahren zu wollen. Jetzt ſuchte Herzer einen Kameraden auf, ließ ſich das Geſuch um Verabſchiedung aus dem Militärſtande anfertigen, da er ſelber nicht ſchreiben konnte, und im Laufe der Nacht reiſte er von S. ab, um zunächſt dem Grafen Sacco in Reudlitz einen Beſuch zu machen und ihm die Botſchaft von dem unglücklichen Ausgang ſeines Unternehmens gegen den Freiwilligen zu überbringen. Zu ſeiner Verwunderung vermißte er den mehrfach erwähnten Brief; doch tröſtete er ſich darüber mit dem Gedanken, daß er ihn nur an der Gartenmauer heraus⸗ geriſſen haben könne und daß er ſomit wahrſcheinlich in die rechten Hände kommen werde. Wie ſehr irrte er ſich über die Geſinnung des alten Grafen! Er glaubte, dieſer werde ihn aufs innigſte be⸗ mitleiden und ihm zur Rache gegen den eigenen Neffen behülflich ſein; doch der ſchlaue Intrigant hatte ihn ja nur als Werkzeug benutzen wollen, und da er ſah, daß er nun keinen Vortheil mehr aus ſeiner Freundſchaft ziehen konnte, behandelte er ihn ungleich kühler als ſonſt. Zwar bedauerte er ſein Unglück, doch er ge⸗ brauchte ja keinen Helfershelfer mehr, ſein Plan war 186 ſo gut wie gelungen, es konnte ihm nur lieb ſein, den unbequemen Mitwiſſer ſeiner Machinationen auf eine ſo bequeme Weiſe los zu werden. Manchen guten Rath ertheilte er dem jungen Mann allerdings, wie er ſich in der Abgeſchiedenheit auf dem Lande, zu der er nun verdammt war, das Leben an⸗ genehm und genußreich geſtalten könne, gelobte, ſtets die aufrichtigſte Freundſchaft für ihn zu bewahren und dergleichen; doch von neuen Unternehmungen gegen den Neffen wollte er nichts wiſſen. Herzer ſah ſich endlich genöthigt, mit dem Bewußt⸗ ſein, daß die Welt eine undankbare ſei und ſeine großen Verdienſte um die Frauenwelt zuletzt nirgends Aner⸗ kennung gefunden, zu ſeinem Vater zu reiſen und dort den niedergedrückten und demüthigen Sohn zu ſpielen. Sein Vater nahm ihn zwar auf, doch hatte er nicht viel Wohlwollen für ihn, da ſeine bisherige Lebens⸗ weiſe dem alten Herrn ſchon manchen Kummer bereitet. Aus dem ſo übermüthigen Huſarenoffizier wurde nun ein ſimpler Landjunker, er trat für immer von dem Schauplatz des öffentlichen Lebens ab. Allerdings blieb die Feindſchaft gegen den Frei⸗ willigen in ſeinem Herzen und wuchs immer mehr, je länger er über den Abend nachdachte, an welchem er ſich in einer ſo bejammernswürdigen Lage befunden; 187 ihm allein hatte er ja ſeine ſchimpfliche Flucht von dem Orte ſeiner Heldenthaten zu danken, denn ohne ihn wäre er im Stande geweſen, mit der frühern Dreiſtigkeit als Gleichberechtigter unter den Männern der Ehre zu erſcheinen. Daß er ſelber durch mancherlei verächtliche Handlungen ſich längſt unwürdig gemacht, als Ehrenmann zu gelten, und daß er auch jene troſt⸗ loſe Situation herbeigeführt, aus welcher ihn der Graf ſogar befreit, erwog er nicht; ebenſo wenig machte er ſich einen Vorwurf aus den Intriguen, die er gegen den letztern geſponnen. Es ging ihm wie allen gehalt⸗ loſen Menſchen, die jede eigene Schuld gern auf die Schultern Anderer werfen. Glücklicherweiſe war jetzt Julius Sacco vor fernern Angriffen von ihm ſicher. Ende des dritten Bandes. Druck von Bär K Hermann in Leipzig.