Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 6 von*. o* Cduard Oflmaun in Gießen⸗ Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und Seſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Vibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8. Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Sumime hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 6 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher Pf. 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 6 rienereſe Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 M 5 Pf. 2 Mi.— f 3 e „ der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ſ . — 6 i * —— — Roman von 8 Alfred Steffens. Zweiter Band. Leipzig, new hork, Ernſt Julius Günther. L. W. Schmidt. 1870. Erſtes Kapitel. Als ſich der junge Freiwillige, nachdem Anna ihm ziemlich deutlich erklärt, daß ihr von der Mutter aus⸗ drücklich verboten ſei, auch nur im entfernteſten ſeine Annäherung zu dulden, und ſie als gehorſame Tochter dem Willen der letztern pünktlich nachleben müſſe, der Stadt wieder zugewandt hatte, war ſein Herz zuerſt ſo voll von Bitterkeit geweſen, daß er auch der Geliebten zürnte. Sacco war, wenngleich er einen höchſt edlen Cha⸗ rakter beſaß und ſich namentlich nie vom Dünkel be⸗ herrſchen ließ, doch ſtolz, das heißt, ſein Stolz gründete ſich hauptſächlich auf Selbſtachtung; jede Erniedrigung, welcher Art ſie auch ſein mochte, hielt er für einen Act, der ſeiner Menſchenwürde ſchadete, und als Er⸗ Steffens, Standesvorurtheile. II. 1, 2 niedrigung erſchien es in ſeinen Augen, wenn er ein Mädchen noch mit Liebesbetheuerungen hätte beſtürmen wollen, das ſeine Bitten um eine Unterredung unerhört ließ. Freilich walteten in dieſem Falle beſondere Um⸗ ſtände ob, die er bei ruhiger Ueberlegung wohl als Entſchuldigungsgründe für Anna gelten laſſen mußte; aber als ſie in ihrer vollen Schönheit vor ihm ſtand, er mit der innigſten Liebe ſie betrachtete und ſchüchtern bat, ihm Rede zu ſtehen, und ſie dennoch ihn von ſich wies, in dieſem Augenblicke beſiegte der Unwille über die ihm widerfahrene Verletzung ſeine geſunde Urtheils⸗ kraft, ſein Stolz erwachte, er, der reiche Graf, dem Tauſende der vornehmſten Damen willig entgegengeeilt wären, er fühlte ſich gedemüthigt, daß das erſte Mäd⸗ chen, welches er ſonderlich beachtete, ihm auf ſeine Bitten um eine Unterredung entgegenhielt, ihr Ruf komme in Gefahr, wenn ſie ihn erhöre. Wie rein und edel waren ſeine Abſichten in Betreff ihrer geweſen, kein Gedanke war ihm gekommen, daß die Welt anders urtheilen könne wie ein junger Ver⸗ liebter, und ſo hatte er denn angenommen, Anna fühle nichts für ihn in ihrem Herzen, das ſie zu ihm hinziehe, ſie wolle ihm dies möglichſt ſchonend kundgeben, indem ſie ſich auf die Mutter berief, welche ihr ganzes Thun zu beſtimmen habe. 3 Was konnte er hiernach Anderes thun, als ſich möglichſt ſchnell zurückziehen? Er entſchuldigte ſein Benehmen mit wenigen höflichen Worten und wandte ſich ab. Damit glaubte er in ſeiner ſchmerzlichen Ent⸗ rüſtung für immer ſeine Beziehungen zu der jungen Dame gelöſt zu haben; er kannte noch ſo wenig das menſchliche Herz, wenn es einmal die Liebe in ſich auf⸗ genommen hat. Auf dem raſchen Gange nach der Stadt empörte er ſich noch mehr durch allerlei Vorwürfe, die er ſich ſelber machte. Es erſchien ihm jetzt als der größte Fehler, daß er es gewagt, dem Fräulein auf der Straße aufzu⸗ lauern. Vielleicht hatte gar dieſe Rückſichtsloſigkeit ſie bewogen, ihn möglichſt kurz abzufertigen. Dann kamen ihm die Warnungen Herzer's in den Sinn; dieſer war ſeiner Sache ſo gewiß geweſen, als er geſagt, Fräulein Liewe werde ſo lange freundlich gegen ihn ſein, bis eer verſuche, ihr Herz zu erobern. War dieſe Prophe⸗ zeiung nicht eingetroffen? Der junge Mann fühlte ſich ſehr unglücklich. Noch ganz von ſeinem erſten Schme erfüllt langte er zu Hauſe an; dort konnte er keine Ruhe finden. „Friedrich“, rief er ſeinem harrenden „ſchnell führe mir mein Pferd vor!“ Der Befehl war in wenigen Minuten erled W zu, 4 Sacco ſchwang ſich auf den ſchnaubenden Hengſt und ſprengte ziellos zur Stadt hinaus, um im raſenden Galopp ſein wildbewegtes Herz zu beruhigen. Das Roß war ein junges, muthiges Thier, vor⸗ trefflich geſchult, aber mit einem Fehler behaftet, den ihm abzugewöhnen bereits der tollkühnſte Reiter ver⸗ geblich verſucht hatte, es ſcheute ſehr leicht, wenn es an Gegenſtänden vorbeipaſſirte, die ihm fremd er⸗ ſchienen. Für gewöhnlich beachtete der Graf dieſen Fehler nicht, der ſich nur für Augenblicke zeigte und ihm nichts ſchadete, da er feſt im Sattel ſaß und ſich durch das Bäumen und einige Sprünge des Pferdes nicht werfen ließ; an dieſem Tage ſollte er ihm indeſſen verderblich werden. Wohl eine Viertelſtunde lang war er im Galopp dahingeſprengt, immer noch von ſeinen höchſt peini⸗ genden Gedanken völlig in Anſpruch genommen, als ſein Weg ihn an einem ungewöhnlich großen Meilen⸗ ſtein vorüberführte. Noch einige Schritte davon, machte das Roß plötzlich einen gewaltigen Satz zur Seite, wobei es ſich dermaßen bäumte, daß der Graf unbe⸗ dingt zur Erde gefallen wäre, wenn er ſich nicht augen⸗ blicklich feſt in die Bügel geſtellt und derart vornüber gebeugt hätte, daß er mit dem Rücken des Thieres faſt 4————— 5 in gerader Linie ſchwebte. Bald beruhigte er das letztere; aber nun ſollte es unter allen Umſtänden nahe zu dem Meilenſtein herantreten, um ſich an deſſen An⸗ blick zu gewöhnen. Sacco drückte ihm, als es aufs neue ſcheu und widerſpenſtig ſich zeigte, die Sporen in die Seiten, es begann rückwärts zu gehen; der junge Mann wurde in ſeiner ſo ſchon erregten Stimmung ungedul⸗ dig und wandte Gewalt an, es erfolgte eine gegen⸗ ſeitige Bekämpfung, bis das Pferd ſich ſo weit empor⸗ richtete, daß es plötzlich mit ſeinem Reiter hintenüber ſchlug und dieſen zur Hälfte unter ſich begrub. Sacco wurde dabei ſchwer verletzt, ſein Kopf prallte an einen ſpitzen Chauſſeeſtein und erhielt eine Wunde, die, wenn ſie nur wenige Linien näher den Schläfen geweſen, ſeinen augenblicklichen Tod hätte zur Folge haben müſſen. Aber auch die Quetſchung, welche er durch das geſtürzte Thier erlitt, genügte, ihm das Bewußtſein zu rauben. Der eine ſeiner Sporen hatte ſich tief in den Körper des Roſſes gebohrt, und ſo lagen ſie beide hülflos da, bis vorüberfahrende Reiſende ſie fanden und ſich ihrer erbarmten. Mit vielen Schwierigkeiten wurde der Freiwillige unter der auf ihm ruhenden Laſt hervorgezogen. Inzwi⸗ ſchen verſammelten ſich immer mehr Menſchen auf der Unglücksſtätte, man ſchaffte eine Tragbahre herbei und 6 beförderte auf dieſer den bewußtloſen Grafen nach der Stadt, während ſein Pferd langſam nachfolgte. Stunden vergingen, ehe der junge Mann ſein volles Bewußtſein wiedererhielt. Währenddeſſen hatte der Re⸗ gimentsarzt die Verletzungen bereits unterſucht, Ver⸗ bände angelegt und mit der größten Fürſorge alle nur möglichen Anordnungen getroffen, welche zur Wieder⸗ herſtellung des einzigen Erben der Grafen Sacco dienlich ſein konnten, aber zu Niemand ſprach er eine beſtimmte Hoffnung aus; augenſcheinlich ſchwebte ja der Leidende in der größten Gefahr und jedenfalls wurde ſein Verdienſt erhöht, wenn er ihn rettete, nach⸗ dem die Geneſung mindeſtens höchſt zweifelhaft geſchie⸗ nen hatte. So kam es, daß ſich das Gerücht verbreitete, der Graf werde ſchwerlich mit dem Leben davonkommen. Dieſer befand ſich, als er wieder zu denken ver⸗ mochte, in einer tieftraurigen Stimmung. Seine Wunde ſchmerzte ihn ſehr, doch durch dies körperliche Leiden ließ er ſich nicht bezwingen; was ihn gänzlich nieder⸗ drückte, war das Bewußtſein, von Anna Liewe zurück⸗ gewieſen zu ſein. Auch der Gedanke, ſeinen Aeltern durch den Tod entriſſen zu werden, die darüber gewiß vor Gram vergangen wären, bereitete ihm eine namenloſe Pein Er war der einzige Sohn und der größte Stolz 6 der von ihm ſo ſehr geliebten alternden Leute, und wenn ſie nun den Reſt ihrer Tage im höchſten Kummer um ſeinen Verluſt vertrauern mußten, trug er dann nicht die Schuld daran? Hatte er nicht ſein Leben leicht⸗ ſinnig geopfert? Solche Bilder ſtellten ſich ihm vor die Seele. Bald ſchafften ihm die unausgeſetzten Bemühungen der Aerzte Linderung in ſeinem Leiden, er lernte wieder hoffen, daß er dem Leben und ſeinen Lieben erhalten bleiben werde; damit tauchte auch aufs neue der Wunſch in ſeinem Herzen auf, die Geliebte überzeugen zu kön⸗ nen, daß er ihrer werth ſei, und daß ſie ſich gänzlich geirrt, wenn ſie angenommen habe, er wäre im Stande, ihren Ruf leichtſinnig zu untergraben. In den langen Stunden der Nacht, die er ſchlaflos auf ſeinem Schmer⸗ zenslager verbrachte, ſtellte ſich die letzte Unterredung mit ihr nur zu oft vor ſeinen Geiſt. Ruhig überlegte er nun jedes ihrer Worte, die Herzlichkeit, mit welcher ſie ihm die Verſicherung gab, daß ſie ihm um Alles in der Welt kein Leid bereiten möchte, und dabei kam er endlich zu der Anſicht, daß er allein es geweſen ſei, der durch ſein ungeſtümes Weſen den Bruch zwiſchen ihnen ſo ſchnell herbeigeführt habe. Anna erſchien ihm auch jetzt als ein leibhafter Engel, ja die Weiſe⸗ in welcher ſie ihm erklärt, daß ſie ſeine Huldigungen „ nicht annehmen dürfe, zwang ihn zu noch größerer Hochachtung. So verſtrichen die erſten Tage ſeines Kranken⸗ lagers. Die beſorgten Aeltern, welche ſofort aufs ſchonendſte von ſeinem Unfall benachrichtigt worden, hielten ſich ſelber faſt unausgeſetzt in ſeiner Nähe auf. Gern hätte ihnen Julius offenbart, was ſein Herz fort⸗ während beſchäftigte und marterte, aber er konnte ja nicht behaupten, daß ſeine Liebe erwidert werde, und ſo bewahrte er denn das Geheimniß, das ihm ſchon ſo viele ſchwere Stunden bereitet und nur wenig glückliche Augenblicke geſchaffen, ſtill in der eigenen Bruſt. Von Anna erfuhr er keine Silbe. Obgleich der Baron von Herzer ihres Wortwechſels nicht mehr zu gedenken ſchien, ſobald er von ſeinem Unglück erfahren, und ihn täglich beſuchte, ſo hütete er ſich doch wohl⸗ weislich, Anna Liewe auch nur mit einem Wort zu erwähnen, und der Graf gewann es nicht über ſich, nach ihr zu fragen. Was hätte ihm das auch nützen ſollen? Seine Wunden begannen mit der Zeit zu heilen, die bis dahin ungeſchwächte jugendliche Kraft, welche ihm innewohnte, beſiegte alle Gefahren, die ſein Leben be⸗ drohten, ſchon nach einem vierwöchentlichen Krankenlager ſprachen die Aerzte von ſeiner Geneſung wie von einer ausgemachten Sache. . —— — Sacco fühlte ſelber, wie von Tag zu Tag mehr die heftigen Schmerzen ſchwanden, welche ſein Körper bis dahin ertragen hatte, und ſowie ſeine Kräfte wieder zunahmen, das jugendliche Blut in ſeinen Adern ſchneller zu pulſiren begann, wurde auch von neuem der Wunſch in ihm rege, Anna noch einmal zu ſehen und zu ſprechen. Es ging ihm wie den meiſten Liebenden, er konnte es nicht faſſen, daß ſeine innigſten Gefühle ohne Er⸗ widerung bleiben ſollten. Vielleicht war Anna jetzt geneigter, ihn zu erhören, denn ſie mußte ſeinen Unfall erfahren und gewiß dabei gedacht haben, daß er aus Schmerz über ihre Abweiſung der größten Gefahr Trotz geboten. Mit ähnlichen Gedanken beſchäftigte er ſeinen Geiſt faſt unausgeſetzt während der langen Tage und Nächte ſeines Krankenlagers, die wie Jahre an ihm vorüber⸗ zogen und kein Ende nehmen wollten. Die Hoffnung erhielt ihn aufrecht, Anna Liewe, dieſer Engel an Körper und Geiſt, werde nicht anders können, als ſeine treue hingebende Liebe mit Gegenliebe belohnen, wenn ſie nur erſt wiſſe, welche Macht ſie über ſein Herz beſitze. So waren ſechs Wochen vergangen ſeit dem letzten Begegnen zwiſchen dem Grafen Sacco und Anna Liewe; 10 der erſtere hatte erſt vor wenigen Tagen ſein Schmerzens⸗ lager verlaſſen, ſeine Wangen waren gebleicht, man ſah es ihm auf den erſten Blick an, daß er viel ge⸗ litten. Aber auch Anna war etwas verändert. Ihr Auge ſchaute jetzt lange nicht mehr ſo unbefangen wie ehemals in die Welt hinein, oft brannte darin ein ge⸗ wiſſes Etwas oder es ruhte ſo ſinnend auf einem Punkt vor ſich, daß der ſtille Beobachter leicht zu dem Schluſſe kam, ſie habe bereits die erſten Wonnen und Schmer⸗ zen der Liebe empfunden, wenn ihr vielleicht auch noch ſelber nicht recht klar geworden, was in ihrem Herzen vorging. Da, an einem herrlichen Spätſommerabend, verließ Sacco zum erſten Male das Krankenzimmer und ſchlug den Weg nach der Promenade vor dem neuen Thor ein. Er entſchuldigte dieſen Gang vor ſich ſelber damit, daß er dem Lieutenant Baron von Herzer einen kurzen Beſuch abſtatten müſſe, da dieſer ſich während ſeiner Krankheit ſehr verdient um ihn gemacht habe, in Wirk⸗ lichkeit aber zog es ihn allgewaltig in die Nähe des Lieweſſchen Hauſes, weil er hoffte, unterwegs vielleicht Anna zu treffen. Der geheime Wunſch ſeines Herzens ſollte diesmal Erfüllung finden. Indem er langſam und geſenkten Hauptes nach der Weiſe der Reconvalescenten durch — 1 die Lindenallee dahinſchritt, fühlte er, daß ſeine Kräfte doch noch nicht hinreichten, ihn lange aufrecht zu halten. Er blieb ſtehen, um ein wenig zu ruhen, und ſchaute ſich nach Jemand um, der ihn ſtützen könne. Da gewahrte er Anna Liewe, die, ein Arbeitstäſch⸗ chen am Arm, auf ihn zukam. Der Graf erzitterte leicht bei ihrem Anblick, alles Blut ſtieg ihm zum Herzen, erſt jetzt wurde ihm ſo recht klar, mit welcher unendlichen Macht er das junge Mädchen liebte. Doch auch Anna konnte ihre Ruhe nicht bewahren, ihr ausdrucksvolles Geſicht färbte ſich mit dem lieb⸗ lichſten Carmin, ſie wollte ſich beherrſchen, aber ver⸗ mochte es nicht, es war ihr unmöglich, das Auge wieder von ihm zu wenden. Und als ſie nun dicht bei ihm angelangt war, er freundlich und doch ſchmerzlich be⸗ wegt grüßte, dabei ſo ſchwach und leidend erſcheinend, als müſſe er jeden Augenblick zuſammenbrechen, da war ſie unfähig, weiter zu gehen, ihre Füße verſagten ihr den Dienſt, ſie blieb ſtehen. Sacco fühlte ſich durch dieſen Beweis einer innigen Theilnahme ſeitens derjenigen, deren Zuneigung ihm ja über Alles werth war, aufs höchſte beſeligt.„O wie glücklich bin ich, daß Sie, mein Fräulein, die erſte „ 12 ſind, die ich begrüßen kann, nachdem ich während ſechs langer Wochen jeder Freude und jedes Troſtes ent⸗ behrte; ich lag nämlich ſchwer krank darnieder!“ redete er die junge Dame an. „Ach, ich hörte von Ihrem Unglück noch an dem⸗ ſelben Abend, an welchem Sie mit dem Pferde geſtürzt waren, es war ja an dem Tage, an welchem wir uns ebenfalls hier begegneten. Ich erſchrak ſehr, als ich die traurige Kunde vernahm“, erwiderte Anna voll Theilnahme. Sacco ſchwebte bei Anhörung dieſer Worte in einem Meer von Wonne, ſie ſagten ihm ja, daß ſein Leben der von ihm Geliebten nicht gleichgültig ſei. Fortge⸗ riſſen von der Macht ſeiner Gefühle, ſtreckte er ihr die Hand entgegen, indem er freudig erregt ſprach:„Haben Sie Dank, mein Fräulein, für dieſen Troſt, den Sie mir ſpenden, er wiegt Alles auf, was ich gelitten.“ Anna gerieth in die größte Verlegenheit, ſie wußte nicht, was ſie ſo beſonders Tröſtliches geſagt, und zau⸗ derte, die ihr dargebotene Hand anzunehmen. „Haben Sie Nachſicht mit mir, Fräulein“, bat Sacco, indem er ſeine Rechte wieder ſinken ließ;„ich laſſe mich ſo oft durch die Macht des Augenblicks be⸗ zwingen und das iſt jedesmal ein Verſtoß gegen den guten Ton bei unſern heutigen Begriffen von ſocialen 13 Rückſichten. Vielleicht kühlt ſich mein heißes Blut auch bald ab, etwas weniger vorſchnell bin ich ſchon in den letzten ſechs Wochen geworden.“ „Sie haben gewiß ſchwer leiden müſſen, Herr Graf'“, führte Anna an, ohne eigentlich zu wiſſen, was ſie auf die Rede Sacco's erwidern ſollte. „Nun ja, ich war ſchwer verwundet; aber ich be⸗ dauerte nur, daß der Sturz nicht mein Leben gekoſtet, denn mein Daſein iſt mir eine Laſt, ſeit Sie mich an jenem Nachmittage von ſich gewieſen“, entgegnete der Graf ruhig. Der Ton, in welchem er ſprach, war ſo überzeu⸗ gend, daß Anna erbebte. Ihr Herz hegte ja auch be⸗ reits die innigſten Gefühle für ihn und nur mädchenhafte Schüchternheit, gepaart mit dem Bewußtſein, daß ſie gegen den ausdrücklichen Willen der Mutter handle, wenn ſie ſich ihren Gefühlen hingebe, hielten ſie ab, ihm ihr Inneres zu erſchließen. Der Wille der Aeltern war ihr ſtets heilig geweſen, nie hatte ſie ſich gegen denſelben aufgelehnt. Aber jetzt mußte ſie ihm etwas Tröſtliches ſagen, damit er wieder Intereſſe am Leben gewinne; ſie hätte ja nie Ruhe finden können, wenn ſie ſich geſtehen müſſen, daß ihrethalben ein Menſch das Leben von ſich geworfen.„H Herr Graf“, begann ſie deshalb mit zitternder Stimme,„ich habe ja nichts 14 gethan, um Sie unglücklich zu machen. Ach könnten Sie mich verſtehen, wie anders würden Sie von mir denken! Gewiß, ich habe Ihnen nie wehe thun wollen.“ „Jetzt iſt der Augenblick da, in welchem Du es wagen darfſt, Dein Herz zu öffnen, oder er kommt nie!“ ſprach ſich Sacco Muth zu, und bedeutſam erwiderte er:„Aber Sie tödten mich, ich betheure Ihnen, daß ich ſterbe, wenn Sie mich kalt von ſich ſtoßen.“ Leiſe fuhr er fort:„Anna, Engel meines Lebens, hier unter Gottes freiem Himmel ſchwöre ich Ihnen, daß all mein Sinnen und Denken, ſeit ich Sie zum erſten Mal ge⸗ ſehen, darauf gerichtet geweſen iſt, wie ich Ihre Liebe und Sie zur Gattin gewinnen könne. O ſagen Sie mir, darf ich hoffen, je von Ihnen erhört zu werden, oder weiſen Sie mich ohne Troſt von ſich?“ Anna war dem Umſinken nahe; ſolche Worte hatte ſie noch nie gehört, und doch durfte ſie nicht fliehen, ohne den Grafen aufs neue zu kränken. Rathlos ſtand ſie da, die Augen voll Thränen und unfähig, ſie auf⸗ zuſchlagen. Der Graf bemerkte ihren Zuſtand und erfaßte ihre Hände. Sie ließ ſie ihm widerſtandslos, er preßte ſie an ſeine Lippen, auch das ließ ſie zitternd geſchehen, und als er ſich nun zu ihr herniederbeugte und ihre Lippen mit den ſeinen berührte, da brach ſie in lautes „— 15 Schluchzen aus, doch ihre Hand hielt die ſeine feſt, als ſollte dieſelbe ewig in der ihren ruhen bleiben. Das waren ſelige Momente einer wahren erſten Liebe, die hier auf der Straße von zwei jugendlichen Herzen im Selbſtvergeſſen gefeiert wurden. Die Dämmerung war inzwiſchen eingebrochen und die dichtbelaubten Lindenbäume der Allee thaten das Ihre, die Spaziergänger in ein Halbdunkel zu hüllen, um ſie ſo den Blicken Neugieriger unkenntlich zu machen. Sacco benutzte dieſe Begünſtigung.„Mein herziger Engel“, ſprach er ſchmeichelnd,„ich bin noch ſehr an⸗ gegriffen, bitte, leihen Sie mir Ihren lieben Arm, damit ich eine Stütze habe, und dann begleite ich Sie noch ein Stück Ihrer Wohnung zu.“ „O nein, nein, bitte, nicht! Meine Mutter könnte uns ſehen und dann wäre ich ſehr unglücklich. Mein Gott, was thue ich? Ach, Herr Graf, ich habe mich ſehr vergangen, ich muß meiner Mutter Alles ſagen— leben Sie wohl!“ hauchte Anna hin. „Sie wollen mich jetzt verlaſſen, mein Annchen?“ klagte Sacco darauf mit einer ſo zu Herzen ſprechenden Stimme, daß das junge Mädchen bewältigt wurde und aufs neue wieder willig ſtehen blieb. Sie wollte ja dem Grafen nicht wehe thun. 16 Er nahm ihren Arm und nun wandelte ſie duldend an ſeiner Seite hin. „Annchen, ich weiß es, Du liebſt mich, Dein Be⸗ nehmen gegen mich heute Abend hat es mir genugſam geſagt. Sieh, Geliebte, wenn ich je aufhöre, dieſer Liebe mich würdig zu zeigen, ſo will ich als der elendeſte Menſch vor Dir gelten. Doch nun bitte ich Dich auch, komme mir mit gleichem Vertrauen entgegen, ſei mir ſo recht von Herzen gut'“, fuhr Sacco im Gehen fort. Wie glücklich dieſe Worte das junge Mädchen machten! Aber im nächſten Augenblick erzitterte ſie wieder vor Angſt und Beſorgniß. Weinend kehnte ſie ihr Köpfchen an den Arm des Grafen und war un⸗ fähig, zu antworten. Er blieb ſtehen, küßte die Thränen von ihren Wim⸗ pern und ſprach:„Annchen, haſt Du kein einziges freundliches Wort der Erwiderung für Deinen Bräu⸗ tigam?“ Dabei zog er einen koſtbaren Ring vom Finger und ſteckte ihn ihr an die Hand. „Nein, um Gotteswillen, keinen Ring!“ rief Anna heftig.„Ich will ja Alles thun, was Du willſt, ich liebe Dich ja unausſprechlich, aber ich bin ſehr un⸗ glücklich; es iſt wahrſcheinlich das erſte und letzte Mal, daß wir in dieſer Weiſe uns ſehen und ſprechen, denn ohne die Bewilligung meiner Mutter ſuche und erwarte „—— 17 ich kein Glück, und ach, ich wage nicht zu hoffen, daß ſie ihre Zuſtimmung zu einem Liebesverhältniß zwiſchen uns gibt.“ „Fürchte nichts, mein füßes Lieb, ich werde ſie ſchon umſtimmen, mein Bitten und die Offenheit, mit der ich ihr gegenübertreten will, müſſen ſie von meiner Red⸗ lichkeit überzeugen.“ „Auf keinen Fall wage einen ſolchen Schritt, er würde Dir große Unannehmlichkeiten bereiten, denn meine Mutter iſt äußerſt heftig und ſtreng, Du kennſt ſie nicht!“ Lag nicht eine verſteckte Klage in dieſen Worten? Sacco hatte bei ſeiner erſten Anweſenheit in der Liewe⸗ ſchen Wohnung nur zu wohl bemerkt, daß Anna und ihre Mutter nicht in beſonderer Harmonie leben konnten; dazu war einmal ihre geiſtige Ausbildung zu himmel⸗ weit verſchieden, und dann zeigte ſchon das ganze Auftreten der Gärtnerin ſo viel Schroffes, ja Ab⸗ ſtoßendes, was ſie durch den täglichen Marktverkehr angenommen, daß ein ſo zartes Weſen wie Anna ſich unmöglich in ſolcher Weiſe an ſie anſchmiegen konnte, wie es wohl ſonſt von der Tochter gegen die Mutter geſchieht, wenn dieſe in jeder Beziehung ſympathiſiren. Voll innigen Gefühls fragte er:„Aber was ſoll denn geſchehen, Du lieber Engel? Du meinſt daß Du en, II. 18 ohne die Genehmigung Deiner Mama mich nicht wieder⸗ ſehen dürfeſt.“ „Ich ſelber werde ihr unſere gegenſeitige Liebe offen⸗ baren und das noch heute Abend. O ich will ſie ſo herzlich bitten, daß ſie mich erhören muß. Und läßt ſie ſich nicht durch mich erweichen, dann ſei verſichert, daß jeder Verſuch ſie umzuſtimmen vergebliche Mühe iſt.“ „Aber wenn ſie nun nichts von mir wiſſen will, was dann, Du herziges Kind?“ „Ja, dann bleibt uns nur übrig, zu entſagen; ich kann meine Aeltern nicht hintergehen.“ „Entſagen? Nimmermehr! Und wenn Du vor mir fliehen wollteſt, ich würde Dich ergreifen und nicht von mir laſſen. Dein Herz gehört mir, folglich biſt Du auch ganz mein und ich will mit Dir leben oder um Dich zu Grunde gehen.“ 3* Der Graf ſprach mit einer ſolchen Heftigkeit, daß die junge Dame erſchreckt ſeinen Arm losließ und ſtehen blieb. Jetzt umfaßte er ſie, preßte ſie an ſich und rief:„O, Du mein ſüßes Leben brauchſt nicht vor mir zu bangen, Dir könnte ich kein Leid zufügen.“ „Ich vertraue Dir ja ſo gern! Doch nun leb' wohl, mein Geliebter; morgen erfährſt Du, was wir zu hoffen haben. Gebe Gott, das Beſte!“ flüſterte Anna. „O nein, noch laſſe ich Dich nicht von mir. Sieh, 19 es iſt ganz dunkel geworden, Dir könnte ein Unfall begegnen, wenn Du allein weiter gingſt, ich begleite Dich bis nahe an Eure Hausthür.“ „Aber wenn meine Mutter oder einer der Nachbarn uns begegnete? Ich ſtürbe vor Angſt, denn es iſt noch immer hell genug, Jemand zu erkennen. O kehre lieber um, ich bitte Dich!“ „Es ſieht und erkennt uns Niemand; es iſt zu dunkel.“ Und ſie gingen weiter, leiſe koſend und miteinander plaudernd. Plötzlich hörten ſie ſchnelle Schritte hinter ſich, ein Mann nahte, der halblaut und wenig vernehmbar die Melodie eines Liedes vor ſich hin pfiff. „Komm zur Seite!“ bat Anna flüſternd; ihr ver⸗ letztes Gewiſſen erſchreckte ſie bei der geringſten Ver⸗ anlaſſung.„ „Aber, theures Weſen, höre doch, es klirrt ein Säbel an der Seite des Spaziergängers; es iſt jedenfalls ein Soldat, der Dich nicht einmal kennt“ wandte Sacco ein. Indem ſchritt der Gefürchtete an ihnen vorüber, wobei er das Paar auffallend ſcharf ins Auge faßte, doch ſchweigend ſeinen Weg fortſetzte. Anna zitterte wie Espenlaub. H mein Gott“, flüſterte ſie, als der Neugierige ſich weit genug entfernt 2* 20 hatte,„es war der Baron von Herzer und jedenfalls hat er uns erkannt!“ „Und wenn das wäre, was ſchadete es?“ entgegnete der Graf voll Selbſtbewußtſein. „Das leuchtet Dir nicht ein?“ rief Anna.„Er wird darüber ſprechen, vielleicht gar zu meinen Aeltern, und ich komme in den übelſten Ruf.“ „Du irrſt, mein ſüßes Herz! Ein Edelmann wird nicht ſo ehrlos handeln; dazu iſt Herzer mein Freund, was ihn allein ſchon abhält, über mich und meine Braut zu reden. Aber auch in ſeinen Augen ſollſt Du nicht kleiner daſtehen, wie Du in Wirklichkeit biſt; ich werde ihm ſagen, daß Du meine verlobte Braut biſt und keine Macht der Erde uns mehr zu trennen vermag; hoffentlich ſoll dies die ganze Welt recht bald erfahren!“ Auf dieſe Weiſe ſuchte der Graf die Furcht des liebenden Mädchens zu zerſtreuen, doch je näher ſie der Liewe'ſchen Wohnung kamen, deſto ängſtlicher wurde Anna. „Noch nie in meinem Leben bin ich ſo lange aus⸗ geblieben“ ſprach ſie ſchüchtern,„gewiß wird meine Mutter ſehr mit mir zanken.“ „So gehe denn, Du lieber, reiner Engel“ antwortete Sacco, indem er nochmals ſeinen Arm um ihren Nacken ſchlang und ſie herzhaft küßte. 21 Die Liebenden ſahen und hörten nichts mehr von der Welt, ganz vertieft in ihre Seligkeit, mußte der Kuß eine lange Ausdehnung erhalten haben; erſt als eine zürnende Stimme dicht in ihrer Nähe rief:„J ſo wollte ich doch, daß Du lieber an dem erſten Laut er⸗ ſtickt wäreſt, als daß Du hier mit ſo einem Huſaren ſchön thuſt!“ fuhren ſie erſchreckt auseinander. Es war Frau Liewe, die ihnen leiſen Schrittes ge⸗ naht war, um ſie zu überraſchen. Sie mußte alſo darauf aufmerkſam gemacht ſein, daß Anna mit einem Herrn ſpazieren gehe. Den Grafen erkannte ſie nicht ſogleich, aber als ſie nun mit geballter Fauſt dicht an ihn herantrat, ſah ſie, wen ſie vor ſich hatte. Doch ſie blieb weit entfernt, ſich dadurch beſchwich⸗ tigen zu laſſen.„Alſo Sie, Herr Graf, mit der un⸗ ſchuldigen Miene ſind es, der darauf ausgeht, ehrſame Bürgertöchter in einen ſchlechten Ruf zu bringen und ihnen die Ehre abzuſchneiden!“ eiferte ſie.„Schämen ſollten Sie ſich, ſo ein vornehmer Herr! Doch warten Sie, ich werde Sie bei dem Commandeur verklagen und Ihr Vater ſoll auch wiſſen, was er für ein Söhnchen hat!“ „Aber, beſte Frau Liewe, ich bitte Sie, beruhigen Sie ſich doch, kommen Sie wenigſtens in das Haus, Sie compromittiren ja ſich und uns alle“ verſuchte Sacco ſich Gehör zu verſchaffen. e — 2 E „Was, in das Haus? Sie ſollen mein Haus nicht betreten und die ganze Welt ſoll erfahren, daß Sie darauf ausgehen, unſchuldige Mädchen zu verführen, Sie— Sie— nun ich will mich nicht ſo ausdrücken, wie ich wohl möchte, Sie Grünſchnabel Sie!“ Vielleicht wäre dies Intermezzo dem jungen ge⸗ bildeten Manne mehr ſpaßhaft wie erniedrigend vor⸗ gekommen, wenn nicht Anna dabei eine Hauptrolle geſpielt hätte. So fürchtete er das Aergſte für ſie; ſein Herz war von Weh erfüllt, daß er dieſen Engel durch ſeine Schuld in eine ſo fatale Lage gebracht, er nahm darauf Bedacht, die Mutter zu verſöhnen und für ſich günſtig zu ſtimmen, denn ohne ihre Geneigtheit hatte er ja nichts zu hoffen. Sehr nachgiebig entgegnete er deshalb:„Verehrte Frau, ſeien Sie überzeugt, daß ich die Ehre Ihrer Fräulein Tochter vor Jedermann ver⸗ treten werde, denn ſie iſt mir mehr werth wie mein Leben!“ „Was werth? Ihr Leben iſt keinen Schuß Pulver werth und meine Tochter ſoll vor Ihren Nachſtellungen wohl geſichert werden! Was denken Sie eigentlich, Sie heuchleriſcher Tagedieb? Schleicht ſich bei mir ins Haus mit einem Geſicht, als könnte er kein Wäſſer⸗ chen trüben, und läuft abends den Mädchen nach“ ſchrie Frau Liewe, immer mehr in Zorn gerathend. 23 „O Mutter, was thuſt Du! Erbarme Dich doch!“ jammerte Anna, die Hände ringend und allen Muth zuſammenraffend. „Du willſt auch noch reden, Du gemeine—“ „Halten Sie ein, oder bei Gott, ich vergeſſe, daß Sie ein Weib und die Mutter eines Engels ſind!“ unterbrach in dieſem Augenblick der Graf mit heftiger Stimme und in höchſter Aufregung die außer ſich ge⸗ rathene Frau. Nur für eine Sekunde ließ ſich Frau Liewe ein⸗ ſchüchtern, in der nächſten rief ſie:„Sie wollen mir drohen? Liewe, zu Hülfe!“ Sacco ſtand wie verſteinert da, er fürchtete einen Zuſammenlauf von Menſchen, oben in der Wohnung des Barons von Herzer wurde bereits ein Fenſter geöffnet. „O bitte, gehe ſchnell nach Hauſe, ich flehe Dich an!“ flüſterte ihm Anna verzweiflungsvoll zu. „Lebe wohl, Du trautes Kind, Gott beſchütze Dich!“ erwiderte Sacco ebenfalls leiſe, und ſo raſch er es ver⸗ mochte, ſchritt er die Straße zurück. Er mußte die Geliebte der Wuth ihrer Mutter überlaſſen, denn er hatte kein Recht, ſie dieſer gegenüber zu beſchützen, und daß er außer Stande ſei, das wüthende Weib zu be⸗ ruhigen, davon hatte er ſich hinlänglich überzeugt. 24 Aber wie es in ſeinem Innern tobte, als er im Dun⸗ keln dahinwanderte, wie Reue und Scham mit der Liebe in ſeinem Herzen kämpften, davon kann nur der ſich einen Begriff machen, der je in einer ähnlichen Lage geweſen iſt. Nur wenige hundert Schritte hatte er gethan, als es ihn allgewaltig in die Nähe des Liewe'ſchen Hauſes zurückzog. Er hätte daheim keine Ruhe finden können, da er über das Schickſal Anna's in Ungewißheit ſchwebte, außerdem marterte ihn das Bewußtſein entſetzlich, vor einer Frau zurückgewichen zu ſein. Aber was war ihm Anderes übrig geblieben? Von ſolchen Gedanken faſt zu Boden gedrückt, kehrte er nochmals um und näherte ſich der Wohnung des Gärtners. Ringsumher herrſchte jetzt friedliche Ruhe, die Stelle, auf der er ſo eben mit der Frau Liewe das unange⸗ nehme Rencontre gehabt hatte, war leer, das ganze Parterre ihres Hauſes lag in Dunkel gehüllt da, aus keinem Fenſter ſtahl ſich ein Lichtſtrahl hervor, Alles erſchien wie ausgeſtorben. Auch der Graf ſehnte ſich nach Ruhe; er hatte ſei⸗ nem von der kaum überſtandenen Krankheit noch ſehr geſchwächten Körper faſt zu viel zugemuthet. Solange er an der Seite der Geliebten geweilt, hatte ihn ſein 25 Glück aufrecht erhalten, jetzt ſpürte er eine um ſo grö⸗ ßere Erſchlaffung; dieſe wurde noch vermehrt durch das niederdrückende Bewußtſein, Anna in maßloſen Kummer geſtürzt, ihr den Frieden und die Ruhe geraubt zu haben. Daß er ſelber arg compromittirt werden könne, daran dachte er gar nicht, denn es war das kleinere Uebel, was ihn traf; das Loos der Geliebten nahm ſeine ganze Sorge in Anſpruch. Alle Willenskräft zuſammenraffend, näherte er ſich langſam und vorſichtig der Thür des Hauſes, in wel⸗ chem ſie jetzt aller Wahrſcheinlichkeit nach weilen mußte, für deren Glück er ſich willig geopfert hätte. Der Eingang ſtand weit offen, jedenfalls hatte Frau Liewe in ihrem Zorn nicht daran gedacht, ihn zu ſchließen. Ohne lange zu überlegen, in welche Gefahr er ſich ſtürzte, ſondern nur von ſeiner Liebe geleitet, betrat er den Hausflur, ſchlich auf den Zehen bis zur Hinter⸗ thür, öffnete dieſe vorſichtig und langte unbemerkt auf dem Hofe an. Jetzt ſah er mehrere Fenſter, die nach dem Garten führten, hell erleuchtet, ein Zeichen, daß die Lieweſſche Familie ſich in dieſen Zimmern aufhielt. Die Beſorgniß um die Geliebte trieb den Grafen weiter. Wenn ſeine Anweſenheit auf dem Hofe ent⸗ deckt wurde, befand er ſich freilich in einer mißlichen 26 Lage; aber was wagt nicht die Jugend, wenn Liebe und Sehnſucht ſie treibt? Schnell ſagte ſich Sacco, daß er ſo wie ſo Unannehmlichkeiten von der Mutter Anna's zu erwarten habe und daß es nun auf etwas mehr oder weniger nicht ankomme. Mit dieſem Troſt trat er an eins der erleuchteten Fenſter, ſtellte ſich auf das durch einen kleinen Abſatz markirte Fundament des Gebäudes, indem er mit den Händen einen Halt an den zur Verzierung der Wand eingeſchnittenen Rillen ſuchte, barg ſeinen Kopf hinter zwei umfangreichen Blumentöpfen und ſah nun zu dem Zimmer hinein. Da ſaß Anna dicht vor ihm, ein Bild des Kummers, und weinte. O wie ſchön ſie war mit dieſem Aus⸗ druck des Schmerzes in den lieblichen Zügen! Sacco mußte mit der größten Anſtrengung ſeine Gefühle zurückdrängen, damit er ſich nicht verrieth; er hätte in die Stube ſtürzen und ſich vor ihr auf die Kniee werfen mögen. Doch diesmal ließ er die Vernunft vorwalten und verhielt ſich ruhig. Vor der weinenden Jungfrau ſtand ihre Mutter in drohender Haltung und ſchimpfte, ihre Worte konnte der Graf indeſſen nicht verſtehen. Liewe ſaß in einer Ecke und verhielt ſich an⸗ ſcheinend paſſiv; ob er auf die Seite der Mutter 27 oder der Tochter getreten war, ließ ſich nicht wahr⸗ nehmen. Wohl eine Viertelſtunde verharrte Sacco auf ſeinem Poſten und immer noch ließ Frau Liewe ihre drohende Stimme erſchallen, nur ſelten gab Anna eine leiſe Ent⸗ gegnung ab, was der Freiwillige lediglich an dem Be⸗ wegen ihrer Lippen bemerkte. Er konnte ſich nicht länger aufrecht erhalten, ſein geſchwächter Körper ver⸗ ſagte ihm den weitern Dienſt, und eben wollte er be⸗ hutſam ſich zur Erde herablaſſen, als die zürnende Mutter ſich erſchöpft auf einen Sitz niederließ, Anna dagegen von ihrem Stuhl aufſtand und langſam zum Zimmer hinauswankte. Jetzt hielt es auch der Graf für die höchſte Zeit, an einen ſichern Rückzug zu denken. Der Mond war inzwiſchen am Himmel ichtbar geworden und beleuchtete mit ſeinem magiſchen Licht die nächſte Umgebung derart, daß er ſofort geſehen werden mußte, wenn es Jemand von den Hausbewohnern einfiel, auf den Hof hinaus⸗ zutreten. Und— o Unglück!— eben hörte er Schritte dicht vor ſich im Flur. Alle Kraft zuſammenraffend, eilte Sacco an die nahe Gartenmauer und verbarg ſich in deren Schatten. Doch ſeine Vorſicht war überflüſſig geweſen, es war Anna, die leiſe ſchluchzend daherkam und auf die Gartenpforte zuging. Ohne den Grafen zu gewahren, ſchwebte ſie an ihm vorüber. Kaum war ſie in dem mit Kies beſtreuten Gange angelangt, der das Gemüſefeld des Gärtners in zwei große Hälften theilte, als Sacco, von Sehnſucht und neuer Hoffnung beſeelt, aus ſeinem Verſteck hervorſchlich und der Geliebten nacheilte. Sie hörte ſeine Schritte und blieb überraſcht ſtehen. Im nächſten Augenblick hielt ſie der Graf in ſeinen Armen und preßte ſie an ſeine bewegte Bruſt. „Annchen, mein theures Annchen“ flüſterte e ich habe Dich wieder, o dürfte ich Dich nie mehr von mir laſſen!“ „Sie hier, Herr Graf? Sie haben viel gewagt und wahrſcheinlich nicht bedacht, welch neues Leid Ihr Handeln mir zu bereiten im Stande iſt“, entgegnete die Jungfrau, ſich ſeiner Umarmung entziehend. „Du haſt Recht, mein ſüßes Herz, ich handelte un⸗ überlegt und nichts weniger als weiſe, aber meine Liebe und die Angſt um Dich trieben mich vorwärts, ich wollte ergründen, wie weit Deine Mutter ihre Rück⸗ ſichtsloſigkeit treibe, und im ſchlimmſten Falle ihre ganze Strenge gegen mich lenken. Zu dieſem Zweck 29 ſtahl ich mich wie ein Dieb auf Euern Grund und Boden. Da ſah ich Dich hierher gehen und folgte Dir. Kannſt Du mir deshalb ernſtlich zürnen, ſo flehe ich Dich um Verzeihung an und will gehen.“ „Es kann jeden Augenblick ein Verräther nahen“, erwiderte Anna zagend. „So komm in jene Laube, dort ſieht uns Niemand.“ „Nein, ich darf nicht; eben mußte ich meiner Mutter das feſte Verſprechen geben, nie wieder mit Dir ſprechen zu wollen; nur um dieſen Preis verzieh ſie mir und ſtand von dem Vorſatz ab, Dich beim Commandeur zu verklagen“ ſchluchzte Anna. „D warum haſt Du das gethan, warum haſt Du ſie nicht lieber zum Oberſt gehen laſſen? Das wäre zu ertragen geweſen! Aber Dich nie wiederſehen, nie mehr Deine lieben Worte hören zu ſollen, das ertrage ich nicht, eher will ich auf der Stelle ſterben, und ſo wahr ich hier vor Dir ſtehe, es iſt mein Tod, wenn Du mich unbarmherzig von Dir weiſeſt!“ klagte Sacco. Anna dachte an ſeinen Sturz mit dem Pferde, ſie zweifelte nicht daran, daß er ſeine Worte wahr machen und ſich wohl gar in der Verzweiflung ſelber tödten werde, wenn ſie ihren Vorſatz ausführte und ihm jede Hoffnung auf ihren Beſitz raubte. Andererſeits ſtellte ſich das drohende Bild der erzürnten Mutter vor ihren Geiſt und das gegebene Verſprechen mahnte ſie daran, jede Schwäche zu beſiegen und gegen das eigene Herz muthig anzukämpfen. Mit bewegter Stimme fragte ſie:„Alſo Du willſt, daß ich meine Aeltern hintergehen und heimlich mit Dir verkehren ſoll? Nein, das kannſt und wirſt Du nicht verlangen, es bräche mir das Herz.“ „So erlaube mir, daß ich morgen zu Deinen Aeltern gehe, ihnen unſere Liebe offen geſtehe und ſie um Billi⸗ gung derſelben bitte. Sie können mich dann nicht zurückweiſen, denn ich bin doch wohl im Stande, eine Frau glücklich zu machen.“ „O, ich habe der Mutter ſchon geſagt, wie redlich und treu Du es mit mir meinſt; aber ſie will von alledem nichts wiſſen, und behauptet, Du ſtändeſt unter der Gewalt Deiner Aeltern und dieſe würden Dich eher enterben, als daß ſie Deine Verbindung mit einem armen bürgerlichen Mädchen zugäben. Und hat ſie nicht Recht?“ „Durchaus nicht. Meine Aeltern lieben mich über Alles und ſind über Vorurtheile erhaben; wenn ſie ſehen, daß ich ohne Dich nicht leben mag, werden ſie Dich gern als Tochter aufnehmen. Aber angenommen auch, mein Vater verſtieße mich, glaubſt Du, daß ich dann mittellos daſtände und meiner Liebe entſagen könnte?“ 31 „Nein! Doch ebenſo wenig wirſt Du annehmen, daß ich den Fluch Deines Vaters auf mein Haupt laden möchte, indem ich ihm ſeinen Sohn raubte.“ „So willſt Du mich aufgeben?“ fragte Sacco nach einem kurzen düſtern Schweigen. „Wüßte ich ein Mittel, das uns glücklich machen könnte, ohne daß wir unſer Gewiſſen belaſten, ich würde es nicht unverſucht laſſen; aber es bleibt uns nichts Anderes übrig, als zu entſagen. Darum flehe ich Dich an, ſei gut und ängſtige mich nicht durch verzweifelte Worte; ertrage das Daſein in der Gewißheit, daß Du täglich mein erſter und letzter Gedanke ſein wirſt, daß mein Herz Dir für die Ewigkeit gehört, wenn das grauſame Schickſal uns jetzt auch trennt. Nicht wahr, Du erhörſt meine Bitte?“ flüſterte Anna zärtlich, indem ſie leiſe weinte. Sacco ſchlang ſeine Arme um ihren Nacken und bedeckte ihren roſigen Mund mit heißen Küſſen. Sie ließ das ruhig geſchehen, denn ſie glaubte ja, es gelte dem Abſchied für das ganze Leben. Der Graf blieb weit entfernt, ſo etwas zu denken. „Ich will mich zufrieden geben, wenn Du nun auch auf meine Bitten hörſt“, ſprach er nach einer Weile, während er Anna am Arm weiter führte, bis ſie eine Laube erreichten.„Sobald es thunlich iſt, werde ich meinen Aeltern die Wünſche meines Herzens vortragen und— ich ſchwöre es Dir— ſie für uns günſtig zu ſtimmen wiſſen; nur bedarf dies einiger Zeit, denn nicht jeder Augenblick iſt geeignet dazu. Inzwiſchen muß ich Dich aber zuweilen ſehen, wenn ich den nöthigen Lebensmuth behalten ſoll, doch verlange ich nicht, daß Du Dich deswegen irgend einer Gefahr aus⸗ ſetzeſt; ich werde Dich an jedem Dienſtag⸗Abend, ſobald es dunkel iſt, hier erwarten, Niemand hört und ſieht uns oder ſchöpft Verdacht; und den Ungehorſam, wel⸗ chen Du hierdurch gegen Deine Mutter begehſt, ver⸗ antworte ich vor Gott. Wäre ſie nur etwas einſichts⸗ voller, ſo würde ſie erlauben, daß wir uns unter ihren Augen zuweilen ſähen, dann wäre keine Heimlichkeit nöthig. Auch will ich noch verſuchen, dies zu erwirken. Nicht wahr, mein ſüßer Engel, werde ich von Deiner Mutter abgewieſen, ſo biſt Du am nächſten Dienſtag⸗ Abend hier?“ „Aber, Julius, wo denkſt Du nur hin?“ rief Anna erſchreckt.„Wenn ich es auch über mich vermöchte, meine Mutter zu hintergehen, was mir indeſſen un⸗ möglich iſt, wie kannſt Du nur glauben, daß unſere Zuſammenkünfte hier verborgen bleiben würden?“ „Und weshalb nicht?“ „Erſtlich, wie wollteſt Du in den Garten kommen? 33 Die Mauer iſt hoch und mit ſcharfen Glasſcherben verſehen; wer Dich den Verſuch machen ſähe, überzu⸗ ſteigen, würde Dich für einen Dieb halten und feſt⸗ nehmen; durch das Haus aber zu kommen, geht nie wieder, es iſt reiner Zufall, daß Dein heutiges Unter⸗ nehmen geglückt iſt. Wahrſcheinlich wurdeſt Du nicht gehört, weil meine Mutter ſehr laut ſprach. Dann biſt Du zweitens nie ſicher, hier ſelbſt abends meinen Vater oder gar den Baron von Herzer zu finden. Wie wollteſt Du Dich benehmen, wenn Du einen von dieſen ſtatt meiner hier fändeſt?“ „Laſſe es meine Sorge ſein, Geliebte, mich unan⸗ gefochten bis hierher und wieder zurück zu bringen, und ſei verſichert, daß mich Niemand entdecken ſoll. Herzer iſt an jedem Dienſtag⸗Abend in Geſellſchaft und Dein Papa ſieht ja, wie er mir ſelber ſagte, abends nicht drei Schritte weit. Es kommt alſo nur darauf an, daß Du Dich entſchließeſt, mich zu er⸗ warten, und Du wirſt mir dieſes Opfer bringen, mein ſüßes Leben, denn wir werden Manches zu beſprechen haben, um unſerm einſtigen Glück ſicher entgegen zu gehen.“ „Ach, Julius, ich ſehe kein Glück für uns darin, daß wir Handlungen unternehmen, die das Licht der Welt ſcheuen müſſen.“ Steffens, Standesvoruttheile. II. 34 „Nein, mein herziger Engel, es iſt ein Unglück daß wir nur insgeheim uns ſehen dürfen!“ „Ach, ſo meine ich es nicht; wir ſollten uns dem Willen der Aeltern fügen und nicht ihren Fluch auf uns laden.“ „Aber, theures Kind, ſei verſichert, daß ſie ſpäter, wenn ſie erſt einſehen, wie wir ſelber für unſer Glück geſorgt haben, froh ſein werden, daß wir ihnen nicht unbedingt gehorchten.“ „Du verſtehſt es vortrefflich, mein Gewiſſen einzu⸗ ſchläfern, und ſolange ich in Deiner Nähe bin, über⸗ laſſe ich mich auch ſo gern Deiner Anſicht; bin ich jedoch allein, dann plagen mich tauſend Zweifel und Beängſtigungen, ich fühle mich ſehr ſchuldig.“ „Du gutes, unverdorbenes Herz!“ rief Sacco zärtlich. „Nun muß ich gehen, jeden Augenblick kann es meiner Mutter einfallen, mich zu ſuchen!“ „Und Du erwarteſt mich am Dienſtag⸗Abend hier?“ „Ich vermag es nicht! O ſei gut und quäle mich nicht!“ Sacco hatte gehofft, alle Skrupel der Jungfrau bereits beſiegt zu haben, enttäuſcht ſprach er jetzt mit zitternder Stimme:„So leb' denn wohl, Du Engel, werde ganz ſo glücklich, wie es Dein reines Herz ver⸗ dient, und wenn zuweilen ein Stündchen kommt, in 35 dem Du Muße haſt, an mich zurückzudenken, dann ſchenke mir mitleidig eine Thräne der Trauer.“ Der Ton, in welchem der Graf dieſe Worte ſprach, war ein ſchmerzlich bewegter, Anna war davon er⸗ ſchüttert.„D Du wirſt und mußt viel glücklicher wer⸗ den wie ich, Du Guter; ich verlange nichts mehr vom Leben“ hauchte ſie hin. „Ich glücklich?“ lachte der Graf.„Bald wirſt Du darüber aufgeklärt ſein“ ſetzte er langſam hinzu. Und wieder wurde die Jungfrau von Angſt und Beſorgniß um ihn erfüllt; ihr Herz erzitterte, zum erſten Mal ſchlang ſie die Arme um ihn und rief weinend: „Julius, mein Julius, ich ſterbe, wenn Du mich ſo verlaſſen kannſt. O ſage mir, was ſoll ich thun, um Dich zufrieden zu ſehen?“ Sacco war gerührt von dieſer Hingebung, er küßte die Hände der Geliebten und preßte ſie an ſein Herz, indem er flüſterte:„Jetzt bin ich ſelig in Deiner Liebe! Vertraue mir, mein theures, gutes Weſen, ich will Dein Sklave ſein; am Dienſtag bin ich hier, um Dir zu er⸗ zählen, was ich bis dahin habe ausrichten können. Nun geh und ſchlafe ſüß, mein Täubchen, damit Niemand durch Dein langes Ausbleiben aufmerkſam wird.“ Noch einmal drückte er Anna ans Herz, preßte einen langen Kam. auf ihre Lippen und wollte ſie von ſich laſſen. 3* 36 „Aber wie willſt Du wieder auf die Straße gelangen? Das Haus iſt jetzt jedenfalls ſchon verſchloſſen!“ wandte ſich die junge Dame beſorgt um. „Dann klettere ich über die Mauer!“ „Das iſt ohne Leiter unmöglich!“ „Ich werde, durch Deine Liebe geſtärkt, das Un⸗ mögliche vollbringen.“ „Aber Du biſt noch krank und angegriffen.“ „Anna, wo biſt Du?“ ertönte in dieſem Augenblick die Stimme des Herrn Liewe vernehmlich durch den Garten. „Mein Gott“ erzitterte es von den Lippen Anna's, „ich bin verloren, keinen Schritt vermag ich vorwärts zu thun.“ „So bleibe und antworte nur. Gute Nacht, Ann⸗ chen!“ flüſterte Sacco, wobei er wie eine Katze in das nahe Stachelbeergeſträuch kroch. „Anna!“ rief Liewe zum zweiten Mal. „Hier, Papa!“ antwortete jetzt die Jungfrau. Sacco hörte die beiden Worte, ſie erklangen ängſtlich und unſicher. Gleich darauf nahte der Gärtner. „Es iſt ſehr unvorſichtig von Dir, hier in der Abendluft ſo lange zu ſitzen, Du wirſt Dich erkälten!“ redete der alte Mann die Tochter an, ohne Härte bilcken zu laſſen. 37 Anna fand keine Erwiderung. „Biſt Du nicht wohl?“ fragte der Vater beſorgt. „Nicht ganz!“ entgegnete Anna leiſe. „Das kommt vom vielen Weinen. Du hätteſt den Skandal heute Abend ſehr gut vermeiden können.“ „Nein, Papa, das vermochte ich nicht!“ „Nicht? Warum nahmſt Du die Begleitung des Grafen an?“ „Ich liebe ihn, Papa, und er vermag nicht ohne mich zu leben!“ „Dummes Zeug! Ihr habt Euch kaum einigemal geſehen.“ „Die Liebe bedarf nur eines Augenblicks, um von dem Herzen des Menſchen Beſitz zu nehmen.“ „Ach, das ſind Redensarten! Aber wenn Du auch Recht hätteſt, ſo müßteſt Du doch die Vernunft vor⸗ walten laſſen und Deiner Mutter folgen; ſie wird Deine Liebe nie billigen, weil ſie dieſelbe für Thorheit hält, und ich kann ihr nur beipflichten.“ „Der Graf iſt ein edler Menſch, ich vertraue ihm wie einem Gott!“ „Wir haben auch nichts gegen ſeinen braven Sinn einzuwenden, und gern glaube ich, daß er es völlig aufrichtig mit Dir meint; indeſſen die Verhältniſſe ſind nun einmal der Art, daß das Alles Dir nichts helfen 38 kann, wie die Mutter Dir deutlich auseinandergeſetzt hat.“ „O Papa, ich vermag das nicht zu begreifen.“ „Aber, Kind, dann biſt Du eine Thörin. Doch es wird ſpät, komm herein, damit die Mutter nicht von neuem Urſache hat zu zürnen.“ „Ach, ſie wird mich nie wieder lieben, denn ich kann unmöglich mein Herz beſiegen. O, und Du weißt nicht, wie ſehr ich mich vor jedem Verweis fürchte.“ „Du wirſt Dich fügen lernen, wie Du es ver⸗ ſprochen haſt, mein Kind, es iſt zu Deinem Beſten; und nun eile, daß Du in Dein Schlafgemach kommſt, damit Du im Traum Deinen Gram verwindeſt.“ Vater und Tochter gingen, wobei Anna noch ver⸗ ſtohlen einen Blick nach dem Gebüſch warf, in welchem Sacco ſich verſteckt hatte. Dieſem war keins ihrer Worte entgangen; mehr hmals atte er ſich verſucht gefühlt, hervorzutreten, um den Gärtner umzuſtimmen; aber dann bedachte er auch wieder, daß er damit leicht Alles verderben und die Geliebte noch bedeutend mehr compromittiren könne, und er harrte ruhig aus, bis es rund um ihn her ſtill geworden war, die Nacht ſich auf die Erde hernieder⸗ geſenkt hatte und er mun nicht mehr zu fürchten brauchte, von einem Menſchen wahrgenommen zu 39 werden. Da erſt begann er an einen ſichern Rückzug zu denken. Langſam ſchritt er den Garten entlang, um in der etwa fünf Fuß hohen Mauer eine Stelle zu ent⸗ decken, an welcher er dieſelbe überſteigen und die Straße gewinnen könne; aber ſo viel er ſich auch umſah, nir⸗ gends erblickte er eine paſſirbare Lücke. Wäre er nicht noch immer leidend und die Mauer oben dicht mit ſcharfen Glasſtücken verſehen geweſen, ſo hätte er ſie wohl trotz ihrer Höhe erſteigen können, jetzt ſah er bald die Unmöglichkeit ein, über dieſelbe ins Freie zu kommen. Nach kurzem Beſinnen wandte er ſich dem Hofe zu. Vergebens forſchte er auch hier nach einem Pfad, der auf die Straße führte. Das Haus war verſchloſſen, ein rieſiges Hofthor gleichfalls, und ſo ſah er ſich denn gefangen. Als er entmuthigt in den Garten zurückkehrte, mußte der kleine Hund, welchen er der Familie geſchenkt hatte, im Zimmer ſeine Schritte, ſo leiſe dieſe auch waren, gehört haben, er begann zu knurren und bald laut zu bellen. Das war eine Mahnung für den Freiwilligen, ſich ſo ſchleunig als möglich in die nächſte Laube zurück⸗ zuziehen. Jetzt wurde ihm unbehaglich zu Muthe, er erkannte, daß ihm unabſehbare Unannehmlichkeiten bereitet werden könnten, wenn ſich die Gärtnersleute durch das Gebell des Hundes verleiten ließen, in dem Garten nach Dieben zu ſuchen, und das Thier mitnahmen. Dieſes hätte ihn ſofort gefunden, und was konnte er dann zu ſeiner Entſchuldigung anführen?„Eine herrliche Situation, noch ſchöner wie die am Abend. O Liebe, Liebe, wirſt du die Schmerzen und die bangen Stunden aufzuwiegen im Stande ſein, die du bereiteſt?“ ſeufzte er. Eine geraume Zeit verging, es war wieder nächt⸗ liche Stille ringsumher eingetreten. Sacco ſah kein Mittel zu entkommen, jeder Verſuch dazu war ein vergeblicher. Ermüdet an Körper und Geiſt, ſehnte er ſich nach Ruhe; er fand eine Bank in der Laube und ſtreckte ſich darauf aus, um vielleicht ein Stündchen zu ſchlafen. Der ſorgloſe Jugendmuth machte ſich auch in ſeiner kritiſchen Lage bei ihm geltend. Als er auf der harten hölzernen Bank dalag, hatte er bald allen Kummer vergeſſen, der ihn bedrückte, die Müdigkeit ſiegte über ihn und er war dem Einſchlafen nahe, als plötzlich der niedliche Hund, welcher von ihm in den Beſitz Liewe's übergegangen war, zu ihm heraufſprang und vor Freude winſelte. 1 41 Höchſt erſchreckt ſprang Sacco auf, jetzt ſah er ſich verrathen, ſchon hörte er nahende Tritte auf dem Sande. Vergeblich ſchaute er nach einem ſichern Verſteck um ſich; wohin er ſich auch verbergen mochte, überall mußte ihn ja das kleine Thier verrathen. Da, als er den Blick wandte, ſtand Anna vor ihm und rief halblaut:„Nun; Herr Graf, haben Sie ſich in Ihr Schickſal ergeben? Sie ſind doch überzeugt, daß es nicht ſo leicht iſt, von hier zu entkommen, wie Sie ſich dachten?“ „Du biſt mein rettender Engel!“ erwiderte Sacco, indem er ſich auf ein Knie niederließ. „Nicht doch, ich weiß nicht einmal, wie ich Dich von hier fortſchaffen ſoll“, erklärte Anna.„Nur die Angſt trieb mich hinaus, als ich den Hund knurren hörte; natürlich dachte ich gleich, daß Du vergebliche Verſuche machteſt, zu entkommen.“ „Und Deine Aeltern?“ fragte Sacco. „Sie ſchlafen wahrſcheinlich ſanft und feſt. Ich ſchlich mich hinaus und da bin ich.“ „Und nun?“ „Nun eile ſo ſchnell als möglich fort, jeder weitere Augenblick kann Dich verrathen“ „Aber welchen Weg ſoll ich nehmen?“ 42 „Das ſollte ja Deine Sorge ſein, meinteſt Du erſt.“ „Ja, wenn ich auf derartige Beſuche vorbereitet bin, iſt es mir auch wahrlich eine Kleinigkeit, über die Mauer zu ſteigen, aber heute bin ich ohne alle Hülfs⸗ mittel und meine Kraftloſigkeit infolge der überſtan⸗ denen Krankheit hindert mich, einen Kletterverſuch zu wagen“ führte Sacco etwas kleinlaut an. „Dann folge mir, ich werde Dich befreien; aber hüte Dich, daß Du in eine ähnliche Verlegenheit ge⸗ räthſt, es möchte nicht immer eine Retterin erſcheinen“, entgegnete Anna ſchalkhaft. „Wie ſehr bedaure ich, daß ich Dich um Deine nächtliche Ruhe bringe“ begann der Graf von neuem, während er dem jungen Mädchen ſeinen Arm reichte. „Meine Ruhe haſt Du Böſer mir für immer ge⸗ raubt“, antwortete Anna, ſich zu einem möglichſt leichten Ton zwingend; innerlich zagte ſie mehr denn je. Langſam und vorſichtig verließen ſie den Garten und nahten dem Hofthor, welches auf die Straße führte. Jetzt holte Anna einen Schlüſſel hervor und öffnete eine kleine Pforte, welche ſich zur Bequem⸗ lichkeit der Hausbewohner in der großen Eingangsthür befand. „Tauſend Dank, mein ſüßes Täubchen! Solange 43 ich lebe, werde ich dieſes Liebesbeweiſes gedenken, den Du mir mit ſolcher Aufopferung gegeben. Nun ſchlummere ſüß!“ flüſterte Sacco der Geliebten noch zu, indem er ihr herzlich die Stirn küßte. eile auch Du, daß Du die Ruhe findeſt, Du ſcheinſt ſchwach und angegriffen“, hauchte Anna zärt⸗ lich hin. Der Graf ging, aber dabei rief er noch halblaut: „Vergiß nicht: Dienſtag Abend.“ Er hörte nicht mehr, was Anna erwiderte. Dieſe ſchlich leiſe zurück in das Haus und in ihr Schlafzimmer. Wenn ſie indeſſen bisher eine gewiſſe Sorgloſigkeit zur Schau getragen, ſo ſpiegelte ſich jetzt eine um ſo größere Unruhe in ihrem Aeußern ab. Bange Seufzer entrangen ſich ihrer Bruſt, ſchmerz⸗ lich bewegt kniete ſie nieder und flehte in heißem Ge⸗ bete zu Gott um Verzeihung der Sünden, welcher ſie ſich gegen die Mutter ſchuldig gemacht hatte. Lange währte es, ehe ſie wieder den Schlaf ſuchte, und als dies endlich geſchah, ſtanden ihre Augen voll Thränen. Sie litt ungemein; der ihr von fürheſter Jugend an eingeprägte kindliche Gehorſam mahnte ſie ohne Unterlaß daran, den Grafen zu meiden und ihrer Liebe zu entſagen, während die Angſt um 44 das Wohl Sacco's ſie wieder abhielt, dieſem Drängen des Gewiſſens zu folgen. Von ſolchen Widerſprüchen gefoltert, mußte die zarte Körperconſtitution der Jungfrau in kurzer Zeit dem Siechthum verfallen, denn Ruhe und Frieden waren von ihr gewichen. Zweites Kopitel. Wie ſehr irrte ſich Sacco in dem Charakter des Barons von Herzer, wenn er annahm, er ſei unfähig, irgend eine Handlung zu begehen, die von ihm mit ſeinen zarten Begriffen von Ehre und Tugend als. unwürdig hätte bezeichnet werden müſſen. Es war zwar richtig, Herzer galt allgemein als ein achtungs⸗ werther junger Mann, der von den Mängeln gewöhn⸗ licher geſunkener Menſchen frei geblieben; das Einzige, was man ihm zum Vorwurf machen, aber nicht als Schande anrechnen konnte, war ſeine nicht allzu große Gewiſſenhaftigkeit in ſeinen Verſicherungen dem ſchö⸗ nen Geſchlecht gegenüber, doch wer betrachtete dies als einen Fehler? Aber wer ſo recht ordentlich mit klarem Blick in ſein Inneres hätte ſchauen können, der würde 46 doch manchen Flecken entdeckt haben, der nicht zu dem Ruf eines völlig ehrenwerthen Menſchen paßte. Der Baron hatte einſt wirkliches Wohlwollen für den Grafen empfunden. Die ausgezeichnete Bildung des letztern und ſein in jeder Beziehung unverdorbener Charakter waren geeignet geweſen, ihn mächtig anzu⸗ ziehen, aber ſeit er hatte wahrnehmen müſſen, daß Sacco ſich um die Tochter ſeines Wirths bemühte und gar von dieſer mit Vorliebe betrachtet wurde, verwandelte ſich ſeine Freundſchaft in Neid und Groll. Der Aus⸗ fall, welchen er gegen ihn auf der Promenade wagte, als ſie dem Fräulein Liewe begegneten und Sacco dieſe grüßte, war lediglich eine Unbeſonnenheit, herbei⸗ geführt durch den Neid ſeinerſeits, geweſen, und kaum hatte ihn der Graf verlaſſen, als er ſein Auf⸗ treten bitter bereute und ſich vornahm, Alles aufzubieten, um das wankend gewordene Vertrauen Sacco's zu ihm wieder zu erringen. Der Baron liebte es nicht, einem Feinde offen ſeine Abneigung zu zeigen, weil er ſehr richtig erwog, daß dieſer dadurch immer einen Vortheil gewinne; er meinte, daß ihm am beſten und ſicherſten unter dem Deckmantel der Freundſchaft beizukommen ſei, und dem Grafen, dem er nicht leicht etwas an⸗ haben konnte, mußte er wenigſtens inſofern ſchaden, als er ihm die Liebſchaft mit derjenigen verleidete, für 47 die er ſelber das lebhafteſte Intereſſe empfand und die allein ſeine Verſuche, ihr Herz zu erobern, belächelte. Herzer war eiferſüchtig, und Eiferſucht bereitet be⸗ kanntlich dem, der ſie hegt, arge Qualen, aber ſie ver⸗ mag auch ſelbſt gute Menſchen zu den gräßlichſten Unthaten zu verleiten, ſie iſt fähig, den ſtärkſten Mann zu demoraliſiren. Der Sturz des Grafen mit dem Pferde bot dem Baron die beſte Veranlaſſung, ſich ihm wieder freund⸗ lich zu nähern. Er ſuchte ihn während ſeiner Leidens⸗ zeit auf, zeigte ihm das herzlichſte Bedauern über ſeinen Unfall, und da Sacco mit keiner Miene an⸗ deutete, daß er des unangenehmen Wortwechſels zwi⸗ ſchen ihnen gedenke, war das frühere intime Ver⸗ hältniß dem Anſchein nach bald wiederhergeſtellt. Täglich ſaß Herzer nun ſtundenlang an Sacco's Krankenbett, und ſo kam es, daß der mit den Schlichen eines intriguanten Menſchen durchaus nicht vertraute junge Mann zu der Anſicht kam, er ſei dem Baron als Freund werth und er wolle ſeine Rückſichtsloſigkeit wieder gut machen. Inzwiſchen gab Herzer ſich die größte Mühe, zu erforſchen, welche Fortſchritte der Graf als Liebender gemacht hatte. Mehrmals ſuchte er den Kranken durch geſchickt angebrachte Erzählungen von ſeinen Wirths⸗ 48 leuten und durch Erwähnung ihrer Tochter zum Spre⸗ chen zu bringen; doch Sacco, dadurch immer an ſein letztes, ſo verunglücktes Unternehmen erinnert, ließ ſich auf keinerlei Mittheilungen ein, und dies führte Herzer zu der Anſicht, Fräulein Liewe habe auch gegen den ver⸗ liebten Grafen die Spröde geſpielt, er ſei infolge deſſen klug geworden und wolle nichts mehr von ihr hören. Er triumphirte im Stillen und wartete nur auf eine paſſende Gelegenheit, dem Freiwilligen bemerklich zu machen, daß er ſeine Niederlage kenne und ja vorher gewußt habe, wie es eine Arroganz von ihm ſei, mit ihm rivaliſiren zu wollen. Auch begann er von neuem zu hoffen, es werde ihm noch gelingen, das Herz Anna's zu erobern; mehr denn je ſuchte er ſich an ſie heranzudrängen, doch ohne daß ihr ſeine Abſicht auffallend werden konnte, vielmehr behandelte er ſie etwas kühl, aber höchſt achtungsvoll; dagegen ſprach er oft und lange mit ihrer Mutter aufs freundlichſte, um ſich zunächſt deren Gewogenheit zu ſichern. Da, als er den Grafen nicht im geringſten mehr fürchtete, mußte es das Schickſal fügen, daß er dem erſtern abends auf der Promenade begegnete, als dieſer mit der Geliebten im Arm dahinwandelte. Das Auge der Eiferſucht ſieht ſcharf. Kaum hatte der Lieutenant einen prüfenden Blick auf das ko⸗ 49 ſende Paar geworfen, als er beide trotz der Dunkelheit erkannte. Eine grenzenloſe Wuth bemächtigte ſich ſeiner; alle ſeine Hoffnungen waren vernichtet, der heuchleriſche junge Mann hatte ihn getäuſcht. Er kam ſich zum erſten Mal in ſeinem Leben ſo recht klein vor, nun er ſich von einem Untergebenen beſiegt ſehen mußte. Im erſten Augenblick war er kaum fähig, ſich zu beherrſchen, er hätte den Säbel ziehen und den Neben⸗ buhler zu Boden ſchlagen mögen! Doch ſchnell ſammelte er ſich er wußte ja, daß der Graf nicht mit ſich ſpaßen ließ. Ohne Aufenthalt und ohne zu thun, als bemerke er die Liebenden noch weiter, ſchritt er an ihnen vorüber und war bald ihren Augen entſchwunden. Jetzt eilte er, ſo raſch er konnte, ſeiner Wohnung zu. Im Flur begegnete er der Frau Liewe. „Iſt mein Burſche zu Hauſe?“ fragte er haſtig. „Nein, ſoviel ich weiß, nicht. Uebrigens habe ich keine Zeit, mich um Ihren Burſchen zu kümmern!“ „Sie ſind wieder einmal übel gelaunt, beſte Frau Liewe.“ „Ich habe wohl auch Urſache zur Verſtimmung.“ „Was bedrückt Sie denn? Kann ich Ihnen helfen?“ „Sie? Sie können ſich ſelber nicht helfen!“ 4 Steffens, Standesvorurtheile. UI. 5⁰ „Mit Ihnen iſt heute nicht zu ſprechen!“ „Ich habe Sie dazu auch nicht aufgefordert.“ „Aber ich möchte gar zu gern erfahren, was Sie einmal wieder ſo erzürnt hat.“ „Was geht Sie das an?“ „Nichts! Aber ich bin nun einmal neugierig!“ „Nun, ich warte ſeit einer halben Stunde vergeblich auf meine Tochter und möchte nur wiſſen, wo ſie bleibt. Sie weiß, daß ſie nicht im Wrile nach Hauſe kommen ſoll.“ „Sehen Sie, da bin ich wenigſtens im Stande, Ihnen Auskunft über das Fräulein zu geben!“ ſagte der Baron in hämiſchem Ton. „Sie? Ich glaube gar!“ „Mein Wort darauf, daß ich eben Ihrer Tochter begegnet bin.“ „War ſie allein? Und warum iſt ſie denn noch nicht hier?“ „Sie befindet ſich in guter Geſellſchaft und wird dieſe nicht ſo ſchnell verlaſſen mögen!“ „Gewiß wird ſie von den Schulfreundinnen nach Hauſe begleitet.“. „Sie irren, es war vielmehr ein Freund, der ſie im Arm hatte, als ich über die Promenade ſchritt.“ „Ein Freund? Meine Tochter beſitzt keine Freunde, und wenn Sie ihr etwas Schlechtes nachreden, ſo ſpre⸗ chen Sie die Unwahrheit, Herr!“ „Freund oder nicht, ſie geht eben mit einem Huſaren⸗ unteroffizier ſpazieren. Wollen Sie mir das nicht glau⸗ ben, ſo überzeugen Sie ſich ſelber; vor allem verbitte ich mir aber, mir zu ſagen, ich redete Unwahrheiten.“ Der Ton, in welchem der Offizier dieſe Worte ſprach, war ernſt und gebieteriſch. Frau Liewe, die einen vor⸗ züglichen Miether an ihm hatte, ließ ſich dadurch ein⸗ ſchüchtern; außerdem begann ſie Argwohn gegen die Tochter zu hegen und dieſer nahm vorläufig all ihr Denken in Anſpruch.„Meine Tochter alſo eine Soldaten⸗ liebſchaft? Unmöglich!“ rief ſie.„Ich würde ſie er⸗ würgen!“ „Ueberzeugen Sie ſich doch! Sie dürfen nur der Stadt zugehen. Und nun gute Nacht! Verrathen Sie mich nicht, dann werde ich Ihnen beiſtehen, den frechen Burſchen zu beſtrafen.“ Frau Liewe fürchtete den Verſtand zu verlieren. Sie eilte auf die Straße, und wie ſie ihrer Tochter hier begegnete, haben wir bereits erfahren. Katürlich hütete ſich die kluge Frau, auch nur eine Silbe über ihr Geſpräch mit dem Lieutenant fallen zu laſſen, überhaupt war es nicht ihre Art, unnöthig viel zu ſprechen. So mußten die Liebenden denn an⸗ 4* nehmen, ihre Ueberraſchung durch die Mutter Anna's ſei eine rein zufällige geweſen. Sehr bald hatte der Baron nun Gelegenheit, wahr⸗ zunehmen, daß die Scene, welche auf ſeine Veranlaſſung in der Nähe des Liewe'ſchen Hauſes geſpielt, drinnen noch eine weitere Ausdehnung erhalten haben müſſe. So oft er die junge Dame ſah, immer erſchien ſie ſehr ernſt, ja traurig, ihr ganzes Weſen kam ihm verändert vor. Wohl freute er ſich hierüber, denn ſein Rival war ja nun beſiegt oder wenigſtens unſchäd⸗ lich gemacht, und Anna wurde jedenfalls für ihn zu⸗ gänglicher, wenn ſie nur erſt ihren gegenwärtigen kin⸗ diſchen Kummer beſiegt hatte. Mit dem feſten Vorſatz, nunmehr den Grafen ſo recht fühlen zu laſſen, wie weit er ihn in jeder Be⸗ ziehung überrage, ſuchte er dieſen am folgenden Tage auf. Er hoffte ihn den Kopf hängend und in Trauer verſenkt zu finden, wie ſehr war er aber überraſcht, als Sacco ihm mit dem fröhlichſten Lächeln von der Welt entgegenkam und ſeine Stimmung auf die größte Heiterkeit und das ungetrübteſte Glück hindeutete. Herzer ſuchte vergeblich einen übermüthigen Ton anzuſchlagen. „Sie befinden ſich wohl und ſind zufrieden, wie ich ſehe, das freut mich außerordentlich!“ begann er. 53 „In der That, ich erfreue mich gegenwärtig des reinſten Glücks“, erwiderte Sacco leichthin. in „Und ich fürchtete Sie in der größten Verſtim⸗ mung zu finden“ fuhr Herzer fort. „Wie ſo das, Herr Baron?“ „Es hat bei den Gärtnersleuten Ihretwegen harte Worte geſetzt!“ „Wirklich? Das dachte ich mir wohl! Frau Liewe iſt ein böſes Weib!“ „Habe ich Ihnen das nicht vorher geſagt? Jetzt haben Sie ihre Zungenfertigkeit wahrſcheinlich ſelber kennen gelernt.“ „Da haben Sie Recht! Doch das hat mich mehr amüſirt, wie mich ihre Zungenfertigkeit beleidigte.“ „Und das Fräulein?“ „Halte ich für einen Engel!“ „Aber was hilft Ihnen das? Sie werden ſie mei⸗ den müſſen!“ „Nach dem Willen der Mutter gewiß!“ „Fräulein Liewe ſcheint eine gehorſame Tochter zu ſein.“ „Das glaube ich auch; um ſo achtungswerther iſt ſie.“ „Und um ſo unerreichbarer.“ Wohl wahr. Doch Liebe beſiegt auch den Ge⸗ horſam.“ S Darüber vermag ich keine Auskunft zu ertheilen.“ „Sie ſind ſehr discret.“ Vie es ſich geziemt! Uebrigens kann ich der jun⸗ gen Dame auch keinen Ungehorſam gegen ihre Mutter nachreden.“ „Und doch ſagt mir Ihr zufriedenes Aeußeres, daß Sie ſich im Vortheil befinden.“ —„Zuweilen verbirgt ein lächelndes Geſicht den Kum⸗ mer der Seele.“. „Gewiß! Doch das iſt bei Ihnen nicht der Fall, Sie ſind unfähig, Ihre Mitmenſchen zu täuſchen.“ „Ich danke Ihnen für dies Compliment!“ Der Baron ſah wohl ein, daß er ſich vergeblich bemühe, von dem Grafen etwas Näheres über ſein Verhältniß zu der Gärtnerstochter zu erfahren. Er mußte zur Vorſicht ermahnt ſein, vielleicht durch die letztere ſelber. Aber ſein Verdacht wurde um ſo mehr rege, daß Sacco ein geheimes Einverſtändniß mit Fräu⸗ lein Liewe unterhalte, und er nahm ſich feſt vor, daſſelbe auf jede Weiſe zu hintertreiben und hierzu kein Mittel unverſucht zu laſſen. Leider fehlt es den Menſchen zur Ausführung von Handlungen, die das Licht der Welt ſcheuen müſſen, ſelten In dieſem Falle ſchwerlich. Ooer ſolle ich nich 55 lange an einer paſſenden Gelegenheit, es iſt, als ob das Geſchick ſolche Thaten begünſtige und erſt beſtrafe, wenn ſie verderbenbringend zur Ausführung gekommen ſind. Wenige Tage, nachdem Herzer ſeine Vorſätze in Betreff des liebenden Paares gefaßt hatte, erſchien der Dheim des jungen Grafen in S., um daſelbſt einige Geſchäfte abzuwickeln. Bei ſolchen Gelegenheiten vereinigte er ſich in der Regel mit den Offizieren des Regiments, bei welchem ſein Neffe diente, um in ihrer Geſellſchaft einen fröh⸗ lichen Abend zu verbringen. Das blieb in Reudlitz geheim, Niemand erfuhr dort, daß der fromme alte Herr noch immer für die ausgelaſſenſten Freuden der Welt ſchwärmte und, nun er ſie nicht mehr wie früher auszubeuten vermochte, wenigſtens gern einen Umgang mit Freunden unterhielt, in deren Geſellſchaft er aufs lebhafteſte an die ſchönen Tage dahingeſchwun⸗ dener Zeiten erinnert wurde. Das ganze Offiziercorps bewarb ſich übrigens viel um die Freundſchaft des reichen Grafen, denn die Feſte, welche er, wenn auch nur ſelten, gab, gehörten zu den ausgeſuchteſten in der ganzen Umgegend, und welcher lebensluſtige junge Mann haſcht nicht nach vergnügungs⸗ reichen Stunden? Auch diesmal wurde der Freiwillige mit ſämmtlichen Vorgeſetzten zu einem Bankett eingeladen. Der Baron von Herzer, welcher ſchon am Tage den alten Herrn beſuchte, war ſo glücklich, ihn allein zu treffen— ſein Reffe hatte ihn eben verlaſſen— und von ihm gebeten zu werden, ein Stündchen bei ihm zu verweilen. Herzer wurde von dem ehemaligen Lebemann be⸗ ſonders geliebt, wohl darum, weil er die meiſten An⸗ lagen beſaß, ganz in ſeine Fußtapfen zu treten. Es waltete eine Vertraulichkeit zwiſchen ihnen, wie ſie ſonſt bei Männern von ſo verſchiedenem Alter ſelten gefunden wird. „Nun, mein beſter Herr Baron, wie geht es hier bei Ihnen? Erzählen Sie mir heute recht viel von Ihren galanten Abenteuern; Sie wiſſen, ich nehme das wärmſte Intereſſe an Ihren bunten Erlebniſſen.“ Mit dieſen Worten munterte der alte Graf den jugendlichen Freund auf, ihn zu unterhalten, als ſie beim vollen Glaſe ſaßen. Herzer gab manches kleine Geſchichtchen aus ſeinen Erfahrungen zum Beſten und mehrmals rief ihm der Hageſtolz freundlich ſeinen Beifall zu. Doch ſchließlich bemerkte er:„Offen geſtanden, ſcheinen Sie in Ihren Eroberungen zurückzugehen.“ „Kein Wunder, Herr Graf! Man kommt aus der ————— 57 Mode und wird mit der Zeit von jüngern Kameraden verdrängt“, entgegnete der Baron ernſthaft. „Von jüngern Kameraden?“ lachte der alte Herr. „Wie alt ſind Sie denn?“ „Ich werde nächſtens dreiundzwanzig Jahre. Aber was wollen Sie? Es gibt jüngere und elegantere Herren bei unſerm Regiment!“ „Sie ſcherzen! Wer könnte Sie denn zum Beiſpiel verdrängen? Ich möchte den wohl kennen!“ „Nun, ich darf nur Ihren Herrn Neffen nennen.“ „Julius? Sie wollen doch nicht behaupten, daß dieſer unſchuldige Knabe Eroberungen macht?“ „Warum nicht? Er iſt ein ſchöner junger Mann, ſehr ſchüchtern und zurückhaltend, dabei noch äußerſt gelehrt— das gefällt den Damen!“ „Sie wollen mich dupiren! Julius flieht jedes Frauengeſicht und taugt nur für den Büchertiſch, davon habe ich die beſten Beweiſe!“ „Ich könnte Ihnen das Gegentheil beweiſen; doch ich will mich um die Angelegenheiten des jungen Grafen nicht kümmern, er verſteht in ſolchen Dingen keinen Spaß!“ „Aber, liebſter Baron, Sie glauben doch nicht, daß ich meinem Neffen wegen einer Liebelei Vorſtellungen machen oder gar Ihre Mittheilungen weiter erzählen werde?“ bewiß nicht! Doch es handelt ſich nicht um em' einfache Liebelei!“ „Was? Alſo gar ein ernſtes Verhältniß?“ „Ich habe Grund anzunehmen, daß Ihr Herr Neffe bis über die Ohren verliebt und willens iſt, die Schöne, die ſein Herz erobert hat, heimzuführen.“ „Wirklich? Iſt ſie ſchön?“ „Sie ſucht ihresgleichen!“ „Das iſt herrlich! Aus welchem Hauſe ſtammt ſie?“ „Aus welchem Hauſe? Aus dem, in welchem ich einige Zimmer bewohne.“ „Was? Eine Bürgerliche?“ „Eine Gärtnerstochter!“ „Mein lieber Baron, der junge Mann wird ſeinem Oheim nichts nachgeben, er ſchwört den Dämchen ewige Liebe, bis er ihrer überdrüſfig iſt. Aber ich hätte es immerhin dem Julius nicht zugetraut.“ „Sie irren, Herr Graf, Ihr Neffe hegt die Abſicht, das Mädchen zu ſeiner Gattin zu machen.“ „Aber, Herr Baron, Sie werden mir wirklich noch die Laune verderben! Wie können Sie nur ſo gering von einem Sacco denken!“ „Ich ſpreche nur die Gedanken des jungen Herrn aus und gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß er Jeden vor die Klinge fordern würde, der ſich in un⸗ 59 günſtiger Weiſe über ſeine Geliebte„ 66 4 wagte.“ „Das iſt ehrenhaft von ihm; ſo handelte ich a„ als ich in ſeinen Jahren war. Einen Get ſtand, der einem Intereſſe abnöthigt, darf man nicht beſudeln laſſen.“ „Er geht auf öffentlichen Promenaden Arm in Arm mit ihr ſpazieren.“ „Wenn es dunkel iſt, doch wohl nur. Und geſchähe es am Tage, nun, es würde doch Niemand wagen, anders darüber zu ſprechen, als daß der Graf ein ſchönes junges Mädchen verführe.“ „Die Mutter der Dame hat ihn bereits auf der Straße beſchimpft.“ „Das iſt unangenehm, macht die Geſchichte aber pikant.“ „Der junge Graf äußerte zu mir ſelber, daß er nichts ſehnlicher wünſche, als von ſeiner Erkorenen ge⸗ liebt zu werden.“ „Was nützen ihm ſonſt auch ſeine Bemühungen? Ich werde ihm reichlichere Unterſtützungen zufließen laſſen, damit er ſeinen Bewerbungen mehr Nachdruck geben kann. Es freut mich wirklich, meinen hoffnungsvollen Reffen von dieſer Seite kennen zu lernen, nun glaube ich, daß doch noch etwas Ordentliches aus ihm wird.“ „ Der Baron ſah zu ſeinem großen Mißvergnügen ein, daß er nicht vorwärts komme; der alte Herr ließ ſich nun einmal nicht von der Meinung abbringen, daß ſein Verwandter etwas Anderes als einen loſen Scherz mit dem bürgerlichen Mädchen vorhabe, welches zu be⸗ vorzugen er ſich die Mühe nahm. Einlenkend be⸗ gann er deshalb von neuem:„Ich habe Ihr Wort, daß Sie nichts von dem Mitgetheilten gegen Ihren Neffen erwähnen. Schon einmal war ich nahe daran, michwegen dieſer Angelegenheit mit ihm zu entzweien.“ „Wo denken Sie hin!“ lachte der Graf.„In einer Stunde habe ich die ganze Geſchichte vergeſſen.“ Herzer biß ſich voll Aerger auf die Lippen. Bald darauf empfahl er ſich bis zum Abend Er hatte ſich beſſere Erfolge von ſeinen Plaudereien verſprochen; wie unangenehm dieſelben dennoch wirken ſollten, das wurde ihm erſt ſpäter klar. Der alte Graf war ein feiner Weltmann. Wenn⸗ gleich er dem Baron gegenüber auch nicht durch eine Miene verrathen, daß er wegen der beſprochenen Nei⸗ gung ſeines Neffen in Sorgen gerathen könne, und eigentlich auch weit entfernt blieb, ſich ernſte Gedanken deshalb zu machen, ſo unterließ er doch nicht, im Laufe des Tages gelegentlich hier und da eine Frage zu thun, 61 die ihm Aufſchluß über die Lebensweiſe des Freiwilligen geben mußte. Aber überall erfuhr er, daß der letztere für einen der ehrenhafteſten jungen Männer galt, und daß ſein Betragen in jeder Beziehung als muſtervoll betrachtet wurde. Niemand ſchien auch nur eine Ahnung von einem entwürdigenden Liebesverhältniß ſeinerſeits zu haben, und ſo kam der Oheim denn zu der Ueber⸗ zeugung, der Lieutenant von Herzer habe entweder Geſpenſter geſehen und einige unſchuldige, nichtsſagende und allgemeine Erklärungen des Jünglings für den tiefempfundenen Ausdruck ſeiner Gefühle für eine be⸗ ſtimmte Perſon gehalten, oder derſelbe ſei, ohne daß er es wiſſe oder Werth darauf lege, Gegenſtand der Beachtung ſeitens eines Dämchens geworden, welches von Herzer ſelbſt verehrt werde, und habe dadurch deſſen Eiferſucht erregt. Hätte er aber auch gehört, daß Julius für einen Rous erſter Größe gelte, er würde ihm das nicht als Fehler angerechnet haben. Das Einzige, was ihn zum ernſthaften Handeln getrieben, wäre geweſen, wenn der Sachverhalt ohne alle Schminke ihm glaubwürdig vor⸗ getragen worden. Dann freilich hätte er ſich ins Mittel legen müſſen, denn ehe er zugegeben, daß der einzige männliche Nachkomme der Sacco ſich zur Ein⸗ gehung einer Ehe mit einem bürgerlichen Mädchen S 5„ 1 4 herabwürdige, wäre er im Stande geweſen, ſein ganzes Vermögen zu opfern. In der froheſten Stimmung empfing der Graf gegen Abend ſeine Gäſte. Der junge Freiwillige war der erſte, der in dem erleuchteten Saal des Hotels erſchien, in welchem das Bankett ſtattfinden ſollte. Keine Spur von einer Sorge lagerte auf ſeiner Stirn, er ſpielte den glücklichſten der Menſchen, wenn auch ſein Herz voll banger Unruhe klopfte. Es war nämlich Dienſtag; ſchon lagerte ſich die Abenddämmerung auf die Erde, in einer Stunde mußte er ſich in dem Lieweſchen Garten befinden, wenn er Anna dort treffen wollte. Zwar hatte ſie ihm nicht beſtimmt verſprochen, ihn zu erwarten, aber er hoffte es, und auf keinen Fall hätte er ſich die Gelegenheit nehmen laſſen, ſie wiederzuſehen und zu ſprechen. Und doch war es gerade an dieſem Abend ſchwierig, loszukommen. Indeſſen hoffte er das Beſte; er hatte Vorkehrungen getroffen, die ihn für einige Zeit ſollten aus der Geſellſchaft entfernen helfen. Bei ſeinem Erſcheinen tauchte allerdings in dem Kopfe des Oheims die Erinnerung an das von dem Baron von Herzer Gehörte auf und er konnte nicht umhin, den Neffen etwas ſorgfältiger wie ſonſt zu mu⸗ ſtern; doch nichts in deſſen Aeußerem deutete darauf 63 hin, daß er von ernſten und tiefen Gefühlen bewegt werde, wie ſie eine wahre, reine Liebe erzeugen mußte. „Du biſt hier in Deinem Garniſonsorte als ein Muſter von Tugend bekannt, Julius!“ ſprach der alte Graf wohlwollend zu ihm.„Es freut mich, daß Du Deinen gräflichen Namen rein von jedem Flecken hältſt. Bei alledem wünſchte ich wohl, daß Du als Mann von Diſtinction auch ein wenig in anderer Weiſe von Dir reden machteſt!“ „In welcher Weiſe, lieber Oheim?“ fragte der Frei⸗ willige befremdet. „Nun, ein Menſch mit Deinen Mitteln und in Dei⸗ nen Jahren muß zuweilen auch eine jugendliche Thor⸗ heit begehen. Ich meine nicht, ſich wegwerfen; aber ein kleines pikantes Abenteuer beſtehen, das erhöht den Ruf und macht intereſſant.“ „Ich liebe die Abenteuer nicht, beſter Oheim, ſon⸗ dern lebe gern als vernünftiger und geſitteter Menſch.“ „D man braucht deshalb nicht ungeſittet und un⸗ vernünftig zu ſein. Da iſt zum Beiſpiel der Baron von Herzer, er gilt allgemein für einen höchſt achtungs⸗ werthen Menſchen und doch iſt ſein Leben voll über⸗ müthiger Streiche.“ „Ich weiß von dem Lieutenant nichts Beſonderes, als daß er ein gewiſſenloſer Damenjäger iſt!“ „Bah, Damenjäger! Er ſponſirt höchſtens einmal mit einer jungen Krämersfrau oder mit der einfältigen Tochter eines ſimplen Handwerkers. Hältſt Du das für ein Unrecht? Die Gänschen fühlen ſich dadurch ſehr geehrt.“ „Und beweinen ſpäter ihre Ehre und ihren Ruf, der Reſt ihres Lebens iſt ein Schweben zwiſchen Ver⸗ achtung und Schande!“ „Dummes Zeug! Dieſe kleinen Bürgersleute wiſſen viel von Ehre und Schande; ſie ſind dazu da, uns zu dienen!“ „So! Ich möchte Dich wohl überzeugen, daß ſie oft viel mehr auf Ehre und Tugend halten wie ſo ein arroganter Adliger ohne Verdienſt und Verſtand, nur auf ſeinen Namen pochend, der nicht drei Pfennige wahren Werth hat.“ 4 Der alte Graf erglühte, ſein Mißtrauen gegen den Neffen wurde wach, er verwarf die Mittheilungen des Barons nicht mehr. Sich beherrſchend, begann er von neuem:„Ich wundere mich ſehr, daß Du die Denkungs⸗ art des Pöbels ſo ergründet haſt; Du verkehrſt wohl ſehr mit den niedern Leuten?“ „Und ich wundere mich, daß Du mir Lebens⸗ anſchauungen einzuflößen ſuchſt, die eines Edelmanns unwürdig ſind und ihn erniedrigen. Sicher würde 65 mein Vater mir lieber erlauben, mit achtbaren Bürger⸗ lichen zu verkehren als mit Adligen, die ſolche Grund⸗ ſätze theilen; dieſe vor allen halte ich für niedrige Leute!“ „Herr Neffe, ſind das Aeußerungen dem Oheim gegenüber?“ rief Sacco im Ton des Zorns. „Du weißt, ich habe nicht gelernt, mich zu ver⸗ ſtellen, und Deine Lehren und Anweiſungen machen es mir zur Pflicht, meine Meinung auszuſprechen“, entgegnete der Freiwillige ruhig, aber mit feſter Stimme. Der feine Weltmann ſah ein, daß er zu weit ge⸗ gangen war und einlenken müſſe, wenn er nicht die Achtung ſeines Neffen, den er aufs zärtlichſte liebte, verlieren wollte. In ſeinem Herzen kochte der Zorn, aber er durfte dieſem jetzt nicht Luft machen, ſondern mußte darauf Bedacht nehmen, Julius zu täuſchen und ihn glauben zu laſſen, er denke ganz anders, wie er eben geurtheilt. Sich zum freundlichſten Lächeln zwin⸗ gend, rief er, einen andern Ton anſchlagend:„Ich freue mich über Deine Feſtigkeit, mit der Du vor⸗ urtheilsfreie Anſichten vertheidigſt, die ſich überall Bahn zu brechen beginnen und zeitgemäß ſind. Was mich bewog, Deine Meinung zu erforſchen, iſt indeſſen eine Sorge, die mir ſchwer auf dem Herzen laſtet!“ Steffens, Standesvorurtheile. II. 5 „Eine Sorge meinetwegen?“ entgegnete der Neffe mißtrauiſch. „Ja, eben Deinetwegen! Man ſagte mir, Du ſtän⸗ deſt auf dem Punkt, Dich ernſtlich zu verlieben, oder ſeiſt bereits vollſtändig von einer Dame in Feſſeln geſchlagen.“ „Wirklich? Dieſen Freundſchaftsdienſt hat mir wohl der Lieutenant Herzer geleiſtet“ erwiderte Julius, höchſt unangenehm berührt. „Der Baron? Wie kommſt Du auf dieſen Gedan⸗ ken? Ich habe ihn noch kaum geſehen, er erſcheint mir auch als ein zu großer Ehrenmann, um Klatſch⸗ geſchichten der gewöhnlichſten Art zu verbreiten.“ „Gut, ich bin beruhigt, wenn Du mir ſagſt, daß der Baron meinen Verdacht nicht verdient; es hätte mich geſchmerzt, ihn gänzlich verachten zu müſſen, außer⸗ dem wäre ein Duell zwiſchen uns unausbleiblich ge⸗ weſen. Da hätteſt Du gleich ein intereſſantes Aben⸗ teuer gehabt.“ „Nun, der Baron hat mir alſo nichts geſagt. Kennt der übrigens Deine Herzensangelegenheiten?“ „Ich habe keine ſolchen zu verbergen!“ antwortete der Freiwillige, der dem Oheim gegenüber ſtets auf ſeiner Hut war. Er wußte ſehr gut, wie dieſer über ſein Liebesverhältniß geurtheilt hätte. 67 „Aber Du haſt doch einen Skandal mit einem alten Weibe gehabt, weil dieſe ihre Tochter vor Dir bewahren wollte.“ „Das iſt leeres Geſchwätz!“ „Alſo wirklich weiter nichts?“ „Du wirſt ja am beſten wiſſen, lieber Onkel, wie viel oder wie wenig Du auf die Glaubwürdigkeit des⸗ jenigen geben kannſt, der Dir ſolche Neuigkeiten über Deinen Neffen zuträgt“, antwortete der junge Graf ausweichend. „Ich traue Dir am meiſten und bin vollſtändig beruhigt, wenn Du mir ſagſt, daß Dein Herz noch frei iſt.“ „Du warſt alſo beunruhigt?“ „Allerdings! Es iſt Dir ja wohl bekannt, daß be⸗ reits eine Frau für Dich beſtimmt iſt.“ „Für mich eine Frau beſtimmt? Von wem?“ fuhr Julius auf, indem er ſeine Ruhe verlor. „Von mir natürlich und von Vater; es iſt die liebenswürdige Comteſſe—“ „Behalte den Namen für Dich, lieber Oheim, und findeſt Du ſie ſo liebenswürdig, wie Du ſagſt, ſo hei⸗ rathe ſie nur ſelber, dann iſt ſie verſorgt; auf mich würde ſie bis an ihr Ende vergeblich warten!“ fiel der Pe dem Onkel in die Rede⸗ 5* 68 „Wie, Du unterſtehſt Dich—“ „Mir ſelber eine Frau nach meinem Geſchmack wählen zu wollen!“ „Und Deine Aeltern?“ „Sie werden mir wahrſcheinlich darin nicht hinder⸗ lich ſein wollen; hegten ſie aber Deine Anſicht, dann müßte ich mit Bedauern mich auch gegen ihren Willen auflehnen.“ Sie wurden in ihrem eifrigen Zwiegeſpräch unter⸗ brochen, die erſten Gäſte ließen ſich melden. Der alte Graf befand ſich in einer gewiſſen Verſtimmung; das energiſche Auftreten des Neffen gefiel ihm durchaus nicht, aber er hatte ihn ſelber ver⸗ wöhnt. Jetzt erfaßte ihn wirklich die Sorge, der letztere könne eine ſeiner Stellung unwürdige Wahl treffen, indeſſen wich dieſe Befürchtung bald wieder der An⸗ nahme, daß bis zu der Zeit, in welcher er ſelbſt⸗ ſtändig würde, wohl ſeine Anſichten reifere und beſſere geworden ſein würden. 4 In kurzer Zeit war nun die Geſellſchaft vollzählig, 11 ein fröhliches Treiben machte ſich unter derſelben gel⸗ tend, die Verwandten behielten nicht mehr Zeit, ihre Einzelnconverſation fortzuſetzen. Noch war es indeſſen nicht völlig dunkel, als der Graf Julius Sacco durch ſeinen Diener benachrich⸗ 69 tigt wurde, daß ein expreſſer Brief für ihn angekom⸗ men ſei. „Haſt Du ihn nicht gleich mitgebracht?“ fragte der Freiwillige, anſcheinend unangenehm berührt. „Nein, der Poſtbote wartet auf Sie!“ antwortete der Diener. „Vielleicht iſt auch ſofortige Antwort nöthig; ich bin gezwungen, mich für ein Stündchen von der hoch⸗ verehrten Geſellſchaft zu beurlauben“, wandte ſich der junge Graf an die verſammelten Herren. „Eine ganze Stunde?“ rief der Baron von Herzer lachend. Es mochte ihm auffallen, daß ſein Rival gerade um die Dunkelſtunde aufbrach. Der Freiwillige gab eine möglichſt kurze Er⸗ widerung ab, verbeugte ſich vor den Anweſenden und ging. Es war ſchon ſpät, aus dem Stündchen waren zwei recht lange Stunden geworden, da endlich kam der junge Soldat ſeiner Pflicht nach und erſchien wieder unter der inzwiſchen in eine lebhafte Fröhlichkeit ge⸗ rathenen Geſellſchaft. War die überaus heitere Stim⸗ mung der Verſammelten daran ſchuld oder hatten trübe Erlebniſſe den Grafen umgewandelt, von allen Seiten wurde jetzt die Bemerkung gemacht, daß ſich düſtere Wolken inzwiſchen auf ſeiner Stirn gelagert hätten. Dieſer beachtete die desfallſigen Neckereien nicht, er ließ ſich nieder und ſprach gegen ſeine Gewohnheit dem Glaſe zu, vielleicht, um ebenfalls eine gemüthliche Weinlaune zu erlangen. Drittes Kapitel. An dem auf jene Nacht folgenden Vormittag, welche Graf Julius Sacco ohne den Beiſtand Anna Liewe's in deren Garten hätte verbringen müſſen, ſtand die Sonne ſchon hoch am Himmel, als der junge Soldat erwachte und, nach der Uhr blickend, ſich ſchnell erhob. Die Anſtrengungen des Körpers und Geiſtes während der Zeit, in welcher er, der kaum von einer ſchweren Krankheit Geneſene, auf der Promenade dahingewan⸗ delt war, die Geliebte am Arm und unabläſſig bemüht, ihr die Ueberzeugung einzuflößen, daß er beſtrebt ſei, ihr das reinſte und ſchönſte Erdenglück zu bereiten, der Kampf mit ihrer Mutter, die bangen Stunden im Garten und zuletzt der weite Weg bis zurück nach ſeiner Wohnung, hatten ihn aufs äußerſte ermattet, ſodaß er tief in den neuen Tag hineinträumte, ohne zu ahnen, wie es die höchſte Zeit ſei, ſich zu dem Beſuch bei der Gärtnerin zu rüſten, wenn er ſeinen Vorſatz ausführen und ſogleich um die Hand Anna's werben wollte. Und Ernſt mußte es ihm mit dieſem Verſprechen, das er der Geliebten am verfloſſenen Abend gegen ihren Willen gegeben, jedenfalls ſein, denn ſowie er ſich jetzt überzeugt, daß er nicht länger ſäumen dürfe, wenn er ſeinen Zweck erreichen wolle, kleidete er ſich mit einer Eile an, als gelte es, noch pünktlich zur Parade fertig zu werden, ließ das inzwiſchen im Nebenzimmer für ihn aufgetragene Frühſtück faſt unberührt und machte ſich nach der Neuſtadt auf den Weg. Gerade ein beſonders lockender Gang war ihm dieſer Beſuch bei der Gärtnerin nicht; ihre Rückſichtsloſigkeit am verfloſſenen Abend auf der Straße hatte ihn zu der Ueberzeugung gebracht, daß ſie als Feindin auch nicht der Aeußerung des geringſten Symptoms von Edelmuth fähig ſei, und auf einen günſtigen Empfang bei ihr hatte er durchaus nicht zu rechnen, vielmehr mußte er ſich darauf gefaßt machen, beleidigenden Schmähungen entgegenzugehen. Auch er wurde leicht heftig, wenn auch nie gemein. Der Gedanke pei⸗ nigte ihn, ſie könne ihn möglicherweiſe ſo weit reizen, daß er ſich vergeſſe. 73 Trotz dieſer und ähnlicher Befürchtungen ſchritt der Graf unaufhaltſam vorwärts; der letzte Verſuch mußte gewagt werden, die Mutter der Geliebten für ſeine Abſichten günſtig zu ſtimmen. Als er endlich das Haus des Gärtners erreichte, wurde er ein wenig unſicher; aber indem ſchaute er nach den Fenſtern, Anna ſtand an einem derſelben und betrachtete ihn aufmerkſam; ihr Auge blickte bittend zu ihm herüber, aber ſie zitterte, wie er ganz deutlich wahrnehmen konnte. Dies hätte ſeinen Entſchluß ſicher völlig gereift, wenn er noch im mindeſten ſchwankend geweſen wäre. Schnell trat er in das Haus, wenige Augenblicke ſpäter ſtand er vor den höchſt überraſchten Aeltern der von ihm ſo ſehr geliebten Dame. Anna war nicht zu⸗ gegen, ſie verweilte in einem Nebenzimmer. Frau Liewe beſonders blickte ihn kalt und befremdet an, ihrem Aeußern nach zu urtheilen, ſchien ſie nicht übel Luſt zu haben, ihm ſofort die Thür zu weiſen. Sacco ließ ſich dadurch nicht irre machen; er grüßte freundlich und voll Anſtand, dann begann er, ohne eine Anrede abzuwarten:„Sie wundern ſich und ſind wahrſcheinlich ſehr ungehalten, daß ich mir erlaube, hier bei Ihnen zu erſcheinen, um ſo mehr, als ich zu dem Vorurtheil Ihrerſeits Veranlaſſung gegeben habe, als ginge ich darauf aus, Ihre Tochter zum Un⸗ gehorſam gegen Sie zu verleiten. Aber eben des⸗ halb bin ich gekommen, denn es iſt mir durchaus nicht gleichgültig, wie Sie über mich denken, ich möchte Ihre Achtung nach wie vor beſitzen.“ „Dann müßten Sie auch nicht Handlungen vor⸗ nehmen, die wohl die allgemeine Verachtung, nicht aber Achtung zu erwecken im Stande ſind!“ fiel ihm die Gärtnerin eifernd ins Wort. „Frau Liewe, Sie beurtheilen mich unrichtig; hören Sie mich ruhig an und Sie werden ſich überzeugen, daß ich weder ſo ſchuldig bin, wie Sie jetzt glauben, noch den Vorſatz habe, Sie und Ihre Tochter zu hin⸗ tergehen.“ „So? Wollen Sie etwa beſtreiten, daß Sie meiner Tochter auf der Straße aufgelauert, ſie hierher geführt und geküßt haben?“ fiel ihm die erzürnte Frau von neuem ins Wort. „Ich habe Ihnen eben geſagt, daß es mir fern liegt, Sie zu hintergehen, mithin kann ich nicht beſtreiten, bemüht geweſen zu ſein, mir die herzlichſte Zuneigung Ihrer Tochter zu erringen“, entgegnete der Graf würdevoll. „Und das wollen Sie entſchuldigen? Glauben Sie etwa, uns mit ſchönen Reden oder Verſprechungen 75 beruhigen zu können, weil Sie ein großer Herr und wir arme Bürgersleute ſind?“ „Ich liebe Ihre Tochter aufrichtig, das, hoffe ich, wird mein Benehmen entſchuldigen!“ „Da ſind Sie im großen Irrthum befangen! Ihre Liebe kann meiner Anna nichts nützen, und wehe ihr, wenn ſie ſo unglücklich iſt, ſich noch einmal von Ihnen bethören zu laſſen.“ „Aber, verehrte Frau, ich bin hier vor Ihnen er⸗ ſchienen, um Sie um die Hand Ihrer Tochter zu bitten; in wenigen Monaten habe ich meiner Militär⸗ dienſtpflicht genügt, dann ſtehe ich frei und unabhängig in der Welt da und glaube berechtigt zu ſein, mich um die Liebe einer Dame zu bewerben.“ „Wohl möglich, doch nicht um meine Tochter!“ „Darf ich fragen, weshalb mir gerade diejenige unerreichbar ſein ſoll, die allein mich zu beglücken vermag?“ „Weil ich klug genug bin, zu durchſchauen, was Ihre Bewerbung für uns zu bedeuten hat, Herr Graf.“ „Ich ſchwöre Ihnen bei meiner Seligkeit, daß ich lieber ſterben möchte, als je mein Gelübde brechen.“ „Unter dieſen Umſtänden verzeihe ich Ihnen Ihr geſtriges Benehmen und will zu Ihrer Ehre Sie von jedem Verſuch, wie ein Elender zu handeln, freiſprechen, namentlich wenn Sie jetzt meine Erklärung beherzigen. Gehörten wir ebenfalls dem hohen Adel an, ſo würde ich ſchwerlich Anſtand nehmen, Ihren Antrag ernſtlich zu erwägen, ſo aber, wie es nun einmal mit uns ſteht, kann ich Ihnen nur rathen, ſich jede weitere Mühe um Anna zu erſparen, denn nie werde ich zu⸗ geben, daß ſie auf eine Liebelei eingeht, die ſie früher oder ſpäter unglücklich machen muß. Wollen Sie wirklich ihr Wohl, ſo können Sie nicht anders als meiner Anſicht beitreten, denn bedenken Sie einmal, was ſie von Ihnen zu hoffen hat!“ „Treue Liebe und Hingebung!“ unterbrach hier der Graf die Sprecherin. „So, ſo; aber haben Sie auch an Ihre Aeltern und ſonſtigen Verwandten gedacht? Würden die erſtern meine Anna freudig als Tochter begrüßen?“ Etwas kleinlaut erwiderte Sacco:„Ja, ich glaube es, wenn ſie eingeſehen, daß ich ſonſt unglücklich werde.“ „Gut, ich will nicht grauſam erſcheinen. Bringen Sie mir die beſtimmte Erklärung Ihrer Aeltern, daß ſie in Ihre Vermählung mit meiner Tochter willigen, ſorgen Sie dafür, daß Sie ſich ohne jeden Einſpruch öffentlich verloben können und ich werde Ihren Wünſchen 5 77 nicht weiter entgegen ſtehen, wenn Sie mir demnächſt noch das feierliche Verſprechen geben, daß Sie Anna ſtets mit Rückſicht behandeln und ſie nie fühlen laſſen wollen, daß ſie von Ihnen zur Gräfin erhoben worden.“ Wenn dieſe Bedingungen dem Freiwilligen zur Zeit auch nicht zuſagten— er wußte ja recht gut, daß es harte Kämpfe koſten werde, ehe ſich ſeine nächſten Verwandten würden bereit finden laſſen, ein bürgerliches Mädchen unter ſich aufzunehmen— ſo ſetzte ihn ſein froher Jugend⸗ muth doch ſchnell über jedes Bedenken hinweg.„Es ver⸗ ſteht ſich von ſelbſt“, antwortete er,„daß ich geſonnen bin, meiner Braut vor Jedermann Anerkennung zu erringen, und nicht eher ruhen werde, bis ich Ihnen meine Aeltern ſelber zuführen kann; nur müſſen Sie ein wenig Geduld haben, ich bedarf Zeit, um ſie für meine Wünſche günſtig zu ſtimmen.“ „Das iſt ganz Ihre Sache und ich fordere von Ihnen nur, daß Sie inzwiſchen auch nicht den geringſten Verſuch wagen, Anna zu ſehen und zu ſprechen. Nur wenn Sie dieſe Bedingung erfüllen, ſehe ich, daß Sie es wirklich redlich mit ihr meinen und ihrer würdig ſind.“ „Aber, beſte Frau Liewe, das iſt doch etwas viel verlangt! Es kann lange Zeit vergehen, ehe ich alle Schwierigkeiten beſeitigt habe, die mir entgegentreten werden, ich kann ſo lange nicht leben und es wird 1 6 3 5 mir auch an Muth gebrechen, wenn ich in dieſer Zeit ganz den Umgang mit Ihrer Tochter entbehren ſoll.“ „Dann iſt Ihr Muth nicht weit her!“ Sacco ſah ein, daß die Forderung der Frau Liewe von ihrem Standpunkte aus keine ungerechte war; deſſenungeachtet hielt er ſich nicht für fähig, jede Ge⸗ legenheit, die Geliebte zu ſehen und ein Stündchen in ihrer Geſellſchaft zu verbringen, unbenutzt zu laſſen; er mußte die harte Bedingung zu umgehen ſuchen. Seufzend erwiderte er:„Sie ſtellen harte Forderungen an mich, aber Sie haben die Macht auf Ihrer Seite, ich darf Sie nicht durch Widerſpruch erzürnen. So betheure ich Ihnen denn, daß ich ſo handeln werde, daß Sie einſt mit mir zufrieden ſind und mich gern als Sohn anerkennen.“ Wahrſcheinlich nahm die Gärtnerin dieſe Verſiche⸗ rung als Einverſtändniß mit ihrer Meinung an, denn ſie ſprach nun:„Ich wünſche Ihnen viel Glück zu Ihren Unternehmungen, und wenngleich es mir völlig klar iſt, daß ſie vergebliche find, daß Sie nie die Zu⸗ ſtimmung der Ihrigen zu einem Bündniß für das Leben mit meiner Tochter erlangen werden, ſo ſoll vorläufig doch nichts von meiner Seite geſchehen, was dieſe von Ihnen abwendig machen könnte.“ ir —————— „Und darf ich ſie jetzt auf einen Augenblick ſehen?“ „Das hätte keinen Zweck und wäre gegen meine frühere Erklärung. Ich werde ſie davon benachrichtigen, was zwiſchen uns verhandelt iſt; damit laſſen Sie ſich genügen und vergeſſen Sie nicht, ſie bis auf Weiteres zu meiden.“ Was ſollte der Graf noch anführen, um dem Sehnen ſeines Herzens Befriedigung zu ſchaffen? Die Gärt⸗ nerin war feſt und hart wie Stein in ihren Grund⸗ ſätzen. Uebrigens fühlte er ſich auch ſchon beglückt durch das Verſprechen, ihm nicht mehr entgegenarbeiten zu wollen; ſeine ganze Thätigkeit mußte nun darauf gerichtet ſein, die eigenen Verwandten davon zu über⸗ zeugen, daß Anna am würdigſten ſei, ſeine Gattin zu werden, und daß ihm ohne ſie das Leben eine Bürde ſein werde. Die Hoffnung beſeelte ihn, wenn er auch nicht verkannte, welche ſchwierige Aufgabe er ſich geſtellt habe. In Betreff der heimlichen Zuſammenkünfte mit Anna war er noch nicht völlig mit ſich einig; er beſaß ein ſehr zartes Ehrgefühl und konnte nicht ohne weiteres den Gedanken faſſen, die Gärtnerin zu betrügen; ande⸗ rerſeits war die Verlockung zu groß, die Geliebte in ihrem Garten ohne Furcht vor Entdeckung aufſuchen zu dürfen und ein Schäferſtündchen an ihrer Seite 3 zu verbringen, als daß er ihr ſogleich hätte gänzlich widerſtehen mögen. Mit einigen höflichen Dankesworten verabſchiedete ſich Sacco endlich von der Frau Liewe und ihrem Ehe⸗ mann, da er wohl einſah, daß ein längerer Aufenthalt in ihren Räumen völlig zwecklos für ihn ſei und der Gärtnerin nur läſtig falle. Bedeutend fröhlichern Sinnes als bei ſeinem Kommen ſchritt er zurück über die Straße, und als er Anna wieder am Fenſter gewahrte, ſtrahlte ihr ſein Geſicht von neuer Hoffnung belebt entgegen, ihm war ſo leicht zu Muthe, als hätte er ſchon alle Hinderniſſe überwunden, die ihn noch von dem Mäd⸗ chen ſeiner Wahl trennten. Die wenigen Tage bis zum Dienſtag ſchwanden dahin, ohne daß der Graf nochmals verſuchte, die Ge⸗ liebte auf der Promenade zu treffen. Sein voriger Spaziergang an ihrer Seite hatte zu üble Folgen ge⸗ habt, als daß er neue Gefahren hätte heraufbeſchwören mögen, dann aber war jett ja auch eine Entdeckung ihres heimlichen Einverſtändniſſes viel verhängnißvoller für ſie wie damals, als ſie noch gar keine Zuſage der Mutter Anna's erhalten hatten. Und wie leicht konnte ein Verrath oder der geringſte Zufall eine neue Zu⸗ ſammenkunft auf offener Straße ſogleich ſtören und damit alle ihre kaum erwachten Hoffnungen vernichten! — 7 81 Selbſt der Verſuch, die Geliebte in ihrem Garten zu finden, erſchien ihm nicht mehr ungefährlich. Am Dienſtag⸗Morgen ſchwebte Sacco noch in der größten Verlegenheit; ſein liebendes Herz ſagte ihm wohl tauſendmal, daß er Anna verſprochen habe, zu kommen, daß ſie ihn mithin erwarten und es jeden⸗ falls ſehr übelnehmen werde, wenn er ſie vergeblich nach ihm ſuchen laſſe. Mußte ſie ihn in dieſem Falle nicht der Feigheit und Wortbrüchigkeit, ja wohl gar der Gleichgültigkeit beſchuldigen? Wie ſehr ſie ihn gebeten, von dieſem Unternehmen abzuſtehen, daß ſie nicht einmal ihr Kommen zugeſagt habe, daran dachte er nicht mehr. Aber ſeine Gewiſſenhaftigkeit nahm den Kampf mit dem Herzen auf. Er geſtand ſich, daß es gegen die Aeltern Anna's unredlich gehandelt ſei, daß ſeine Ehre darunter leiden könne, wenn er trotz ihrer Annahme, er werde die letztere meiden, ſie doch zum Ungehorſam gegen ſie verleite. Noch war er unentſchloſſen, ob er gehen ſolle oder nicht, als ſein Oheim ihm melden ließ, daß er in S. angekommen ſei und ſeinen Beſuch erwarte. Das mehrte ſeine Bedenklichkeiten. Zwar waren alle Vorbereitungen zu einer gefahr⸗ loſen Ueberſteigung der hohen Gartenmauer von ihm Steffens, Standesvorurtheile. II. 6 getroffen, indeſſen welche Unſchlüſſigkeit ihn regierte, davon zeugte am beſten ſein ganzes unſtetes Be⸗ nehmen, nirgends fand er die ihm ſonſt innewohnende Ruhe. Aber nun nahte der Abend; die Erinnerung an die glücklichen Minuten, die er ungeſtört an der Seite des liebenden Mädchens verbracht hatte, tauchten lebhaft in ſeiner Seele auf, er fühlte im Geiſt ihr unſchuld⸗ volles Anſchmiegen an ihn, hörte ihre ſüßen Worte, ſah ihre Thränen fließen, die der Schmerz um ſeinen vorausſichtlichen Verluſt ihr erpreßte, und ſein Ge⸗ wiſſen war beſiegt, er konnte nicht widerſtehen, mußte hin zu ihr, und wenn es ihm das Leben koſten ſollte. Schnell ertheilte er ſeinem treu ergebenen Diener Anweiſung, wie er ihm, ohne Aufſehen zu erregen⸗ aus der Geſellſchaft bei ſeinem Oheim forthelfen könne; es gelang die Verſammelten zu täuſchen, den Baron aus⸗ genommen, der vielleicht eine Ahnung hatte, was den Grafen entführe, denn es war um die Stunde, in wel⸗ cher Anna Liewe gewöhnlich aus der Nähſtunde nach Hauſe zurückkehrte. Die hintere Mauer des Liewe ſchen Gartens erhob ſich an einem einſamen Wege, der nach dem Friedhofe der Stadt führte. Selten wurde derſelbe abends von einem Fußgänger betreten und Häuſer, aus denen die 83 Schritte Vorüberwandernder beobachtet werden konnten, befanden ſich nicht in der Nähe. Ringsumher herrſchte friedliche Stille, die Dunkel⸗ heit hatte ſo weit um ſich gegriffen, daß man nur wenige Schritte vor ſich zu ſehen vermochte, als ein Mann in einfacher bürgerlicher Tracht langſam des Weges daherkam, zuweilen einen Augenblick ſtehen blieb, als horche er, ob kein Geräuſch ſich vernehmen laſſe, und dann prüfend zu der Mauer emporſah. An einer Stelle, wo die letztere von den Zweigen eines umfangreichen Baums in noch dichtere Finſterniß gehüllt wurde, trat er ſchnell zur Seite, im nächſten Moment holte er eine Strickleiter unter dem Ueberrock hervor, welche mit ein paar ziemlich ſtarken Haken verſehen war, und warf dieſe über die maſſive Um⸗ friedigung. Mehrere Verſuche, ſie zurückzuziehen, über⸗ zeugten den Eilenden, daß er keine Gefahr laufe, beim Ueberſteigen herunterzufallen, und ſo ſchickte er ſich denn ohne Zögern an, hinaufzuklettern. Bald war er oben angelangt; hier hakte er die Strickleiter aus, be⸗ feſtigte ſie mit ihren Klammern am äußern Rande, ließ ſie in den Garten hinab und ſtieg auf ihr zur Erde. Die Ausführung dieſes Unternehmens hatte kaum ein paar Minuten gewährt und Niemand war in der 6* Nähe geweſen, der den Eindringling hätte beobachten können. Vorſichtig wandte ſich dieſer jetzt vorwärts, bis er eine Laube erreichte, in welcher er, als er Niemand darin gewahrte, ſich auf der nächſten Bank nieder⸗ ließ. Lange ſaß er hier und lauſchte, ob nicht ein Ge⸗ räuſch vernehmbar werde, das ihm von der Ankunft eines zweiten Menſchen Kunde gebe. — Anna Liewe hatte voll bangen Zagens dem Augen⸗ blick entgegengeſehen, in welchem Sacco vor ihre Aeltern treten und ihnen ſeine Liebe geſtehen werde. Aber trotz ihrer Angſt erfüllte ſie dieſe Ausſicht auch wieder mit einem Gefühl des Troſtes; vielleicht gelang es ſeiner Beredtſamkeit, die ſie ja ſo hoch anſchlug, die Mutter zu überzeugen, daß er es redlich und treu mit ihr meine und die Macht beſitze, alle Hinderniſſe zu beſeitigen, die ſich nach ihrer Meinung ſeiner Vereini⸗ gung mit ihr für das Leben entgegenſtellen konnten. Jedenfalls aber mußten die Aeltern eine günſtigere Anſicht über ſeine Ehrenhaftigkeit in ſich aufnehmen, wenn er ſelber kam und freimüthig erklärte, daß es ſein höchſter Wunſch ſei, ſie als Gattin heimzuführen, 85 und daß er ſein Leben daran ſetzen werde, dies Ziel zu erreichen. Am meiſten peinigte ſie der Gedanke, die Mutter ſei am Ende gar fähig, ihn auch bei dieſer Gelegenheit zu beſchimpfen. Den ganzen Morgen, an welchem ſie ihn erwartete, fand ſie keine Ruhe; wo ſie auch weilen und was ſie auch vornehmen mochte, überall plagte ſie die ſchreck⸗ liche Ungewißheit über den Ausfall des Beſuchs des Grafen bei ihren Aeltern. Endlich ſah ſie ihn daherkommen und nun ſtieg ihre Angſt auf den höchſten Gipfel. So gern ſie auch den Geliebten durch ihre Gegenwart bei ſeinem ſchweren Unternehmen ermuthigt hätte, ſie war unfähig, ihm zu nahen; außerdem mußte ſie gewärtigen, ſofort von der Mutter hinausgewieſen zu werden. Sie that etwas Anderes. Bewegt ließ ſie ſich auf die Kniee nieder und flehte voll Inbrunſt zu dem Lenker aller Schickſale, den Grafen vor jeder Beleidigung zu ſchützen und ihm beizuſtehen, damit er die Herzen der Aeltern zu rühren und ſich günſtig zu ſtimmen vermöge. Als ſie ſich endlich wieder erhob, entfernte ſich eben Sacco aus dem Hauſe; ſein Auge ſuchte ſie im Vor⸗ übergehen, es ſchien ihr Glück und neuen Lebensmuth auszuſtrahlen. Kaum hatte ſie ſeinen freundlichen Gruß in derſelben Weiſe erwidert, als ſie ſich nicht länger —— ——— S —— P halten konnte, ſondern in das Familienzimmer eilte, um hier zu erfahren, was über ſie beſchloſſen worden ſei. „Graf Saccco war eben hier!“ rief ihr die Mutter entgegen, ohne die früher gegen ihn geäußerte Abnei⸗ gung zu zeigen. „Ich ſah ihn gehen“, antwortete Anna kleinlaut. „Es iſt gut, daß er kam, denn er bat um Ent⸗ ſchuldigung wegen ſeines geſtrigen Vergehens und ſchwur, die edelſten Abſichten mit Dir zu haben.“ „O das wußte ich ja!“ jubelte Anna. „Aber alle ſeine Verſicherungen können Dir nichts nützen; er iſt abhängig und wird es bleiben, ſolange er lebt; ſeine Verwandten ſind die ſtolzeſten Menſchen, die es gibt, und würden nichts unverſucht laſſen, ihm ſeine Wahl zu verleiden“ Anna ſenkte das Köpfchen und erwiderte nichts. „Er beſitzt noch nicht einmal eigenes Vermögen und würde ſicherlich enterbt werden, wollte er ein Mädchen aus Deinem Stande heirathen.“ „Aber er hat ſtudirt und nimmt gewiß bald eine Stelle im Staatsdienſt ein, die ihn ernährt.“ Frau Liewe lachte verächtlich.„Komme mir nicht mit ſolchen Hoffnungen! Du haſt keine Ahnung davon, was ſo ein Herrchen zu ſeiner Exiſtenz bedarf. Zu⸗ dem, möchteſt Du die Veranlaſſung ſein, daß der 87 Graf von ſeinen Aeltern verſtoßen und wohl gar ver⸗ flucht würde?“ Diesmal hatte Anna keine Entgegnung als ein lautes troſtloſes Schluchzen. „Du ſiehſt, daß ich wohl Recht habe, Eurer thö⸗ richten Liebe entgegenzutreten, meine Tochter“ fuhr die Mutter fort.„Doch ich bin auch nicht unnütz hart und habe dem Grafen ausdrücklich erklärt, daß ich Euer Bündniß ſegnen will, wenn er mir die ausdrückliche Einwilligung ſeines Vaters bringt. Nun aber er⸗ warte ich auch von Dir, daß Du Dich als ein ver⸗ nünftiges und gehorſames Kind zeigſt und mir in Allem pünktlich folgſt.“ Die Thränen Anna's waren ſofort verſiegt, ſchnell warf ſie ſich in die Arme der Mutter und rief:„Ja, ich will Dir wie bisher unbedingt gehorſam ſein, denn ich ſehe wohl ein, daß Du nur fürſorglich an mir handelſt.“ „Gut! Ich habe alſo dem Grafen ferner zur Pflicht gemacht, vor der Einwilligung ſeines Vaters Dich gänzlich zu meiden, denn ſelbſtverſtändlich würde jede fernere Zuſammenkunft mit ihm vor der Erfüllung meiner Bedingung Deinen Frieden und Deinen guten Ruf mehr gefährden. Iſt es ſein feſter Wille, Dich glücklich zu machen, ſo muß er auch Mittel und Wege finden, Dir Verwandten Geltung zu ver⸗ ſchaffen; vermag er dies nicht, ſo iſt es das Beſte, Ihr ſeht Euch nie wieder!“ „Ich ergebe mich auch hierin gern Deinem Willen, denn es wäre mir ſelber unmöglich, glücklich zu ſein, wenn ich Sacco mit ſeinen Aeltern im Zwieſpalt wüßte!“ pflichtete Anna der Mutter bei. „So ſind wir einig! Aber merke Dir, jedes heim⸗ liche Zuſammentreffen zwiſchen Euch überzeugt mich, daß der Graf nur unreelle Abſichten mit Dir hat, und trennt Euch auf ewig!“ Anna konnte auch hier nicht widerſprechen, wenn⸗ gleich es ihr ſchwer wurde zu denken, daß ſie nun den Geliebten wahrſcheinlich für lange Zeit nicht wieder⸗ ſehen dürfe; indeſſen tröſtete ſie die Hoffnung, er werde ſich um ſo mehr beeilen, ihren Beſitz zu erringen. Um ein Bedeutendes glücklicher wie bisher, wid⸗ mete Anna ſich ihren gewöhnlichen Arbeiten. Ein treu⸗ liebendes Mädchenherz vermag ja ſo unendlich lange von der Hoffnung zu exiſtiren, das Vertrauen deſſelben bleibt felſenfeſt, bis es unwiderlegliche Beweiſe erhält, daß es ſich in Täuſchungen wiegte. Aber dann iſt es auch gebrochen und keine Macht der Erde, kein Troſt kann es wieder aufrichten, es verblutet an der erhal⸗ tenen Wunde. 89 Wohl kam der hoffenden Jungfrau häufig der Ge⸗ danke an die Bitte Sacco's in den Sinn, am Dienſtag⸗ Abend ihn im Garten zu erwarten; doch damals hatte er ja noch kein Verſprechen gegeben, ſie bis auf Wei⸗ teres gänzlich zu meiden, jetzt, ſo meinte ſie, ſei er ſicher weit entfernt, ſie aufzuſuchen; ſie hätte ihn ja auch verachten müſſen und ſeinen Worten überhaupt nicht mehr trauen können, wenn er es trotz ſeines Gelübdes wagte, ſie zum Ungehorſam gegen die Mutter zu veranlaſſen. Auf dem Wege nach dem Waſſerthor und zurück erblickte ſie ihn nicht; das bewies ihr, wie redlich er ſein Wort zu halten gedenke; er ſtieg immer höher in ihrer Achtung. Trotzdem ſehnte ſie ſich nach ſeinem Anblick. Wenn er ihr zufällig begegnet und nach einem freundlichen Gruß, begleitet von einem glücklichen Lächeln, ſchnell vorübergegangen wäre, es hätte ihr gewiß ſehr wohl gethan; doch da dies nicht geſchah, gab ſie ſich auch ſo zufrieden. Auch am Dienſtag⸗Abend langte ſie ungeſtört in dem Vaterhauſe an. Heiter und glücklich erſchien ſie vor den Aeltern. Freilich hatte ſie nicht vergeſſen, welche Bedeutung der Dienſtag für ſie hatte haben ſollen, aber es kam ihr nicht im entfernteſten in den Sinn, daß Sacco bereits auf ſie warten könne. Ruhig ſetzte ſie ſich zu ihrer Mutter und half dieſer beim Sortiren einiger Sämereien. „Da fällt mir eben ein, daß ich meinen Hut im Garten gelaſſen habe“, ſprach die letztere nach einigen gleichgültigen Reden.„Liewe, Du könnteſt ihn holen, er hängt an dem großen Apfelbaum unweit der Mauer.“ „Laſſe ihn ruhig bis morgen draußen; Angſt vor Dieben brauchſt Du nicht zu hegen, es wäre ſonſt wohl etwas Werthvolleres zu ſtehlen“, erwiderte der Gatte ablehnend. „Aber der Himmel iſt dichtbewölkt, es könnte Regen geben und der würde den Strohhut verderben.“ Liewe mochte die Richtigkeit dieſer Anführung ein⸗ ſehen, ſchweigend ging er zur Thür hinaus. Etwa zehn Minuten mochte er draußen geweſen ſein, als er mit dem Strohhut in der Hand zurück⸗ kehrte. Mürriſch ſprach er:„Es iſt mir unbegreiflich, wo unſer kleiner Hund geblieben iſt; er folgte mir, bis ich nahe an die Mauer kam, da plötzlich lief er von mir fort; ich habe ihn wer weiß wie oft gerufen und überall geſucht, aber nirgends iſt eine Spur von ihm zu entdecken“ „Du hätteſt ihn hier laſſen ſollen; doch er kann ja nicht fort ſein, vielleicht ſcharrt er nach einer Maus in der Erde“ entgegnete Frau Liewe. 91 Der Tochter begann das Herz zu pochen; es fiel ihr ein, wie das Thierchen ſich an jenem Abend be⸗ nommen, als ſie den Grafen geſucht. Sollte dieſer doch gekommen ſein? Das hätte ſie ſicherlich ſehr übel deuten müſſen; aber jedenfalls konnte es nicht ſchaden, wenn ſie ſich Gewißheit verſchaffte und gleich⸗ zeitig den Hund zurückbrachte. Nicht ganz frei von Befangenheit ſprach ſie:„Ich werde einmal nachſehen, wo der kleine Deſerteur ge⸗ blieben iſt, auf meinen Ruf pflegt er ja zu achten!“ Mit dieſen Worten verließ ſie die Stube. Im Freien war es recht dunkel; doch Anna kannte jeden Steig auf ihrem Grund und Boden ſehr genau, zu fürchten hatte ſie nichts; deshalb ſchritt ſie beherzt vorwärts, bis ſie in die Nähe der Laube kam, in wel⸗ cher ſie den Grafen früher getroffen, und rief nun mit lauter Stimme den Namen des Hundes. Im nächſten Augenblick ſprang dieſer ſchmeichelnd an ihr empor, aber gleich darauf entfernte er ſich auch wieder und lief auf die Laube zu. Anna wußte genug, unwillig blieb ſie ſtehen und rief abermals, ihre Stimme kang gebieteriſch. Da wurden leiſe Schritte vor ihr vernehmbar, der eine halbe Stunde vor ihr angekommene Mann in Civilkleidung kam auf ſie zu. . Erſchrocken wich die junge Dame zurück, einen Angſt⸗ ſchrei auf den Lippen. „Du fliehſt, mein Annchen? Ich bin es ja, Dein Julius!“ flüſterte in dieſem Augenblick der Unbekannte ihr zu. „Du hier?“ erwiderte Anna vorwurfsvoll.„Dann ſollte ich auch vor Dir fliehen!“ „Nein, mein ſüßes Leben, das kannſt und darfſt Du nicht, Du würdeſt mich damit ſehr unglücklich machen.“ „Und Du raubſt mir ſelber das Vertrauen zu Dir ſoll mich das etwa glücklich ſtimmen?“ antwortete die Jungfrau. „Annchen, verzeihe mir dies eine Mal und höre mich: ich werde Dich überzeugen, daß ich nicht leicht⸗ ſinnig unſere Zukunft aufs Spiel ſetze“ bat Sacco. „So rede, aber ich beſchwöre Dich, ſei kurz, denn jeden Augenblick kann mein Vater kommen.“ „Bitte, komm in den Schatten der Bäume, wo uns Niemand wahrnehmen kann.“ Der Graf hatte ihre Hand erfaßt und bedeckte ſie mit Küſſen, willenlos ließ ſie ſich vorwärts ziehen. „Aber nun rede ſchnell!“ mahnte ſie, als ſie in der Laube angekommen waren. „Mein Oheim iſt hier und hat eine größere Geſell⸗ 93 ſchaft zu ſich ins Hotel gebeten; ich bin auf ein Stündchen entflohen, denn mich trieb es, zu erfahren, ob Dir bekannt iſt, was ich bei Deinen Aeltern ausgerichtet habe.“ „Ich weiß Alles; meine Mutter macht unſere Ver⸗ bindung von der Einwilligung Deines Vaters abhängig und hat Dir außerdem die Bedingung geſtellt, mich nicht eher wiederzuſehen, bis Du nachgewieſen, daß Deine Aeltern mich gern als Tochter begrüßen.“ Und biſt Du zufrieden mit dieſen Propoſitionen, mein Herz?“ „Muß ich es nicht als ein Glück anſehen, daß uns doch noch die Hoffnung auf eine ſchöne Zukunft bleibt, nachdem es ſchien, als liege jede Vereinigung zwiſchen uns im Bereiche der Unmöglichkeit?“ „Aber daß wir uns vorläufig gänzlich meiden ſollen, dieſe Bedingung drückt mich ſchwer darnieder.“ „Wir werden die Prüfungszeit überſtehen, wenn wir vertrauensvoll vor uns ſchauen.“ „Du mit Deinem ruhig duldenden Sinne gewiß, aber ich bedarf zuweilen der Ermuthigung durch den freundlichen Zuſpruch derjenigen, die mein Alles auf der Welt iſt, wenn die Sehnſucht mich aufreiben will und harte Kämpfe mich berühren.“ „Du geſtehſt alſo, daß ſchwere Stunden Dir bevor⸗ ſtehen?“ „ 94 „Ich habe heute ſchon einen Strauß mit meinem Oheim beſtanden; er iſt ein in Vorurtheilen alt gewor⸗ dener Menſch, der nichts höher hält als den Stamm⸗ baum ſeiner Ahnen.“ „O Julius, dann mußt Du mich aufgeben! Du wirſt für Deine Bemühungen nur Verdruß ernten und wahrſcheinlich doch nicht zum erwünſchten Ziel gelangen, wenn die Deinen ſo adelſtolz ſind.“ „Dich aufgeben? Nimmermehr! Aber ich möchte Dich zuweilen ſehen dürfen und in Deinen holdlächeln⸗ den Blicken Troſt finden.“ „Verſtehe ich Dich recht? Du wäreſt fähig, das meiner Mutter gegebene Verſprechen nicht zu halten?“ „Ich habe ihr nicht verſprochen, Dich zu meiden, ſondern bin dieſer Aufforderung ausgewichen.“ „Aber ſie nimmt an, daß Du auf ihren Willen eingegangen ſeieſt, und ich gelobte ihr, ihn zu ehren. O Gott, und ſchon jetzt betrügen wir ſie! Nein, ich kann nicht länger bleiben oder ich muß ihr unſer Zu⸗ ſammentreffen geſtehen.“ „Und dann?“ „Dann iſt Alles aus! Darum verlaſſe mich, ich bitte Dich, und ſtelle meine Feſtigkeit nicht aufs neue auf die Probe, ſonſt muß ich an Dir irre werden und Deine Liebe bezweifeln.“ 95 „Anna, Du wäreſt alſo im Stande, mich zu ver⸗ kennen und zu veranlaſſen, daß ich von Deiner Mutter ſchimpflich zurückgewieſen würde? Kannſt Du denn nicht ermeſſen, daß die Liebe mich unaufhörlich mar⸗ tert, ſolange ich fern von Dir bin?“ „O, ich weiß wohl, was Trennung bedeutet“ hauchte Anna leiſe hin.„Aber ich kann nicht anders, ich muß den kindlichen Gehorſam bewahren und ſollte mein Herz darüber brechen.“ „Geliebtes Mädchen, ich werde edler und beſſer in Deiner Geſellſchaft, Dein reiner Sinn läutert auch mich. Aber eben weil ich Dich ſo hoch und innig verehre, zieht es mich mit unwiderſtehlicher Gewalt zu Dir, ich bin machtlos meiner Liebe gegenüber. Indeſſen Du willſt es ſo und ich muß mich fügen. So lebe denn wohl, Dein Wille ſoll mir heilig ſein! Reicht meine Kraft nicht aus, Dich zu erringen, und gehe ich unter, dann gedenke meiner in Liebe“ erwiderte Sacco, indem er die Arme um die Jungfrau ſchlang und ihren Mund mit heißen Küſſen bedeckte. Anna ließ ihn ruhig gewähren.„Lebe wohl und ſei recht glücklich!“ flüſterte ſie dann.„Meine Gebete und Wünſche werden Dich begleiten; ſolange ich lebe wirſt Du der Abgott meines Herzens ſein!“ Er wandte ſich zum Gehen. 96 „Julius, Du zürnſt mir nicht?“ rief ihm das Mäd⸗ chen nach. Der Graf drehte ſich um. „Nein, ich bete Dich an!“ antwortete er in trau⸗ rigem Ton.„Aber“ fuhr er fort,„ich bin wohl Deiner nicht würdig und eine innere Stimme ſagt mir in dieſem Augenblick, daß unſere Wege ſich trennen wer⸗ den, daß bald das Unglück in ſeiner vollen Stärke über mich hereinbricht.“ Die Feſtigkeit Anna's war beſiegt. Sie ſah den Geliebten leiden, das erſchütterte ſelbſt ihren kindlichen Gehorſam. Indem ſie ſich an ſeine Bruſt warf, ſchluchzte ſie:„D Du haſt die größte Gewalt über mich! Sei nur nicht traurig und ich will mich in Allem Deiner Einſicht fügen.“ Sacco's Herz erbebte vor Wonne über die innige Zuneigung dieſes Engels und doch blieb ein Weh in ſeiner Bruſt; eine recht trübe Vorahnung, wie ſie zu⸗ weiler den Menſchen beſchleicht, hatte ſich in ſein Herz geſenkt.„Mein liebes, treues Weſen“, hauchte er hin und eine Thräne der Rührung fiel aus ſeinem Auge auf die Stirn der Jungfrau. Julius, mein Julius, o brich mir nicht das Herz, ſage mir doch, was fehlt Dir? Ich bin Dir ja ſo unendlich gut und fühle mich namenlos glücklich, wenn Du freundlich auf mich niederblickſt. Sieh, ich will 97 Alles thun, was Du von mir verlangſt, und müßte ich mich auch an meinen Aeltern verſündigen“, flüſterte Anna, den Geliebten feſter umarmend. „Nein, meine Seele, Du ſollſt nichts thun, was Dein Herz früher oder ſpäter mit Vorwürfen erfüllen könnte; ich will Dich leiten und führen wie eine Mutter ihr Kind, nur um Eins flehe ich Dich an: ſieh täglich um die Mittagszeit nach, ob hier um dieſen Baum ein rother Faden gebunden iſt, und findeſt Du dieſen, ſo erwarte mich am Abend hier, denn dann habe ich Dir wichtige Mittheilungen zu machen.“ Nur einen kurzen Moment ſchwieg Anna, dann er⸗ widerte ſie:„Ich werde Deinen Willen erfüllen, nur ſei vorſichtig, mein Geliebter, jede Entdeckung hat unſere unwiderrufliche Trennung zur Folge und macht mich ganz unglücklich.“ „Fürchte nichts, mein trautes Lieb! Und nun gehe zu Deinen Aeltern, damit ſie nicht argwöhniſch wer⸗ den; ich muß noch zu meinem Oheim, um einem wüſten Gelage beizuwohnen. O könnte ich lieber bei Dir bleiben!“ „Trinke auf mein Wohl, aber nicht zu viel, damit es mir nicht allzu gut ergeht und Du morgen nicht einen wüſten Kopf haſt“, rief Anna, ſchon wieder ſchelmiſch. Sacco umarmte ſie ſtürmiſch, er war entzückt von ihrem Witz.„Gute Nacht, meine ſüße Braut, träume Steffens, Standesvorurtheile. II. 7 98 recht ſchön von Deinem Julius“ ſprach er noch ſchnell, dann eilte er der Gartenmauer zu. Wenige Sekunden ſpäter befand er ſich wieder unangefochten auf der Straße. Ohne Zeitverluſt begab er ſich wieder nach ſeiner Wohnung, kleidete ſich um und kehrte in das Hotel zu ſeinem Oheim zurück. Wenn er ernſt und nach⸗ denklich in der fröhlichen Geſellſchaft der Offiziere er⸗ ſchien, ſo kam das namentlich daher, daß all ſein Sin⸗ nen mit der eben verlaſſenen Geliebten beſchäftigt war. Sehr lieb war es ihm, daß ſein Oheim nicht mehr Gelegenheit erhielt, mit ihm unter vier Augen zu ſprechen, denn die vorhergegangene Unterredung hatte ihn gegen den letztern völlig eingenommen. Anna erſchien derart aufgeregt, als ſie wieder vor ihre Aeltern trat, daß ſie außer Stande war, ihren Zuſtand zu verbergen, und deshalb am liebſten ſogleich ihr Zimmer aufgeſucht hätte. Frau Liewe zog ſie jedoch ohne weiteres in ein Geſpräch.„Du biſt ja ganz verſtört— was haſt Du ſo lange im Garten gethan?“ redete ſie die Tochter an. „Es iſt recht dunkel draußen und der Hund wollte mir gar nicht folgen, ich ängſtete mich beinahe“, er⸗ widerte Anna mit zitternder Stimme, indem ſie ſ in die dunkelſte Ecke der Stube zurückzog um ihr h tiges Erröthen zu verbergen. ₰ 99 Sie hatte es zum erſten Mal gewagt, gegen die Mutter eine Unwahrheit zu ſprechen. In dieſer Nacht floh der Schlaf das Lager der Jungfrau gänzlich, unaufhörlich marterte ſie das Ge⸗ wiſſen ob der begangenen Sünde, und ſelbſt im Gebet fand ſie nicht völlige Beruhigung. Von neuem nahm ſie ſich feſt vor, das Gebot der Mutter zu befolgen. Aber konnte ſie das noch? Der rothe Faden ſollte ſie ja täglich an den Baum der Laube führen! Wie ſo ganz anders äußern ſich doch die Gefühle eines heißliebenden Mädchenherzens als in der Bruſt des Mannes. Geduldig und hoffend wartet es in ſtiller Zurückgezogenheit Monate und Jahre auf einen freund⸗ lichen Sonnenblick des Geſchicks; es verzagt nicht und hält feſt an Glauben und Treue, ſolange es den ge⸗ liebten Gegenſtand als ſeiner würdig betrachten kann; keine Trennung vermag es wankend zu machen und zu er⸗ ſchüttern. Beim Manne iſt das meiſt anders. Seine Liebe ſtrebt ohne Raſt und Ruhe nach ſchnellem Beſitz er kennt weder Geduld noch Ausdauer, und ach, ſo oft wird die glühende Sehnſucht ſeines Herzens durch die Zeit des Harrens auf ein künftiges Glück abgekühlt! Auf ihn namentlich iſt das Sprichwort anwendbar: Trennung iſt der Liebe Tod. „ Viertes Kapitel. Hatte der Oheim des jungen Freiwilligen in dem Geſpräch mit dem letztern über ſeine Liebesangelegenheit im Ganzen eine große Ruhe zur Schau getragen, ſo war dies nur die Folge ſeiner langjährigen Gewohnheit ſich zu beherrſchen geweſen. Ein Mann von Stande durfte ſich ſeiner Meinung nach nie zu einem heftigen Zornesausbruch hinreißen laſſen, zudem waren ſeine Erfahrungen, die er früher im bunten Leben gemacht, ſo viel nütze, ihm zu ſagen, daß ein Menſch, welcher auch in der verzweifeltſten Lage ſeine Ruhe zu bewahren wiſſe, im großen Vortheil gegen den ſei, der durch das heftig ſtürmende Innere zu unbeſonnenen Aeußerungen verführt werde. Als Julius ihm ſeine Anſichten dar⸗ legte, tobte es in ſeinem Herzen vielleicht mehr wie 101 in dem des Neffen, was ja ſchon daraus hervorging, daß er ſich für einen Augenblick vergaß; aber er wußte ſeinen Grimm zu verbergen, um möglichſt viel über die Geſinnung des letztern zu erfahren, und als dieſer ſich ſeinen weitern Forſchungen entzog, begann er, trotzdem er nun Verpflichtungen gegen die Gäſte hatte und dieſe auch mit dem Anſtand des feinen Weltmanns erfüllte, eifrig darüber nachzudenken, wie er ihn fortan ganz nach ſeinem Willen lenken oder wenigſtens auf andere Bahnen führen könne. Die Aeußerungen des jungen Mannes ließen ihn fürchten, daß er fähig ſei, ohne alle Skrupel eine Mesalliance einzugehen, wenn ſein Geſchmack gerade auf eine Dame aus der niedern Ge⸗ ſellſchaft fiel. Und wer konnte ihm dafür bürgen, daß er nicht gar ſchon eine entwürdigende Liebe im Herzen trug? Jedenfalls waren die Winke des Barons nicht ganz unbeachtet zu laſſen, da der Freiwillige plötzlich einen eigenen Willen entwickelt hatte, der gefährlich werden konnte. Der Oheim war Ariſtokrat mit Leib und Seele; keine größere Demüthigung hätte ihm alſo widerfahren können, als wenn er hätte erleben müſſen, daß ein ſo naher Verwandter das erſte beſte Frauenzimmer aus dem Plebs zu ſeiner Gattin erhoben; lieber wäre er geſtorben. Die Angſt vor ſolchem Ereigniß ließ die 2 102 anfangs belachte Warnung Herzer's zu einem Rieſen⸗ geſpenſt in ihm erwachſen, als er ſich während der Nacht in einem vom Wein aufgeregten Zuſtande ſchlaflos auf den weichen Kiſſen herumwälzte. Allerlei ver⸗ worrene Pläne entſtanden in ſeinem Gehirn, wie er den Raſenden von einer entehrenden Neigung zurück⸗ führen und zur Vernunft bringen könne, aber keiner erſchien ihm vollkommen genug oder ausführbar. Als endlich der Morgen erſchien, klingelte er weit früher, als er dies ſonſt zu thun gewohnt war, kleidete ſich mit Hülfe ſeines Dieners an und verlangte das Frühſtück. Auch bei dem Einnehmen des Kaffees empfand er kein Behagen, unaufhörlich plagte ihn das ſelbſtbewußte und doch zurückhaltende Auftreten des Neffen. Er ſchob ſeine Heimreiſe auf und entſchloß ſich im Laufe des Vormittags zu einem Beſuch bei dem Baron; er mußte Gewißheit über die Denkungsweiſe und den Herzenszuſtand des Freiwilligen haben, und ſollte er ſich zum Aeußerſten entſchließen. Herzer befand ſich in einer argen Verſtimmung, als ihm der Graf gemeldet wurde. Er war nämlich ſtark berauſcht ſpät in der Nacht heimgekommen, und jetzt quälte ihn der höchſt unangenehme Zuſtand, der auf eine im wilden Gelage verbrachte Nacht gewöhnlich folgt und 103 den man mit dem Kunſtausdruck Katzenjammer zu be⸗ zeichnen pflegt. Deſſenungeachtet ſäumte er keinen Augenblick, den ihn ehrenden Beſuch zu empfangen. Mit dem freundlichſten Geſicht und dem ſüßeſten Lächeln um den Mund ging er dem Grafen entgegen und konnte nicht genug betheuern, wie entzückt er von der Gegenwart des hochgeborenen Herrn in ſeinen Räu⸗ men ſei. Von beiden Seiten ſagte man ſich verſchiedene Artig⸗ keiten, wie dies ja faſt immer geſchieht, wenn Leute aus der guten Geſellſchaft zuſammentreffen, mögen ſie auch im geheimen denken, daß es am beſten ſei, wenn ihr Gegenüber beim erſten Wort, das es hervorbringe, erſticke. Doch zwiſchen dem Grafen und dem Baron walteten ſolche Wünſche nicht vor, ſie waren, wie bereits erwähnt, einander recht freundſchaftlich zugethan. Während der Baron den Grafen zu einem bequemen Sitz führte, ſetzte er die begonnene Converſation mit den Worten fort:„Ich wähnte Sie noch von ſanftem Schlummer umfangen, ſonſt hätte ich mir ſchon die Ehre gegeben, Ihnen meine Aufwartung zu machen.“ „Und ich hielt mich um ſo mehr verpflichtet, Ihnen eine kurze Viſite zu machen, als ich mich für die Mit⸗ theilungen, die Sie mir geſtern in Betreff meines Reffen 104 gaben, zum lebhafteſten Dank gegen Sie verbunden fühle.“ Herzer lächelte halb ungläubig, halb neugierig. „Sie legten, wenn ich nicht irre, keinerlei Werth auf meine Angaben“ führte er gleichmüthig an. „Seitdem hat ſich meine Anſicht gänzlich geändert, ich traue jetzt dem jungen Herrn jede nur mögliche Rückſichtsloſigkeit zu.“ „Ich habe nicht behauptet, daß er ſich Rückſichts⸗ loſigkeiten gegen Sie erlauben würde, Herr Graf!“ „Aber liegt die nicht darin, wenn er ein Mädchen aus den niederſten Ständen mit ſeiner Liebe beehrt?“ „Herr Graf, das iſt eine Sünde, deren wir uns auch ſchuldig wiſſen, wenn wir aufrichtig ſein wollen.“ „Ja, wir ließen uns lieben! Aber ich glaube nicht, daß Sie je einen Augenblick daran gedacht haben, eine bürgerliche Perſon zu Ihrer Frau zu machen.“ „Wohl wahr, das iſt mir nie eingefallen!“ „Nun, und Julius?“ „Was iſt mit ihm?“ „Ja, wenn ich es nur wüßte! Sie ſagten—“ „Ich deutete an, daß mir ſein Umgang verdächtig vorkäme!“ „Weiter nichts?“ „Und daß er Aeußerungen gethan, die darauf 105 ſchließen ließen, daß er in meine Wirthstochter ſterblich verliebt ſei.“ „In Ihre Wirthstochter?“ „Sie iſt ein bildſchönes Mädchen.“ „Und wäre ſie die Schönſte auf der Erde, ſie bleibt doch eine bürgerliche Canaille.“ „Ihr Ruf iſt untadelhaft, auch beſitzt ſie eine aus⸗ gezeichnete Bildung und geht mit vornehmen Damen um.“ „Baron, bringen Sie mich nicht zur Verzweiflung mit dem Aufzählen der Vorzüge eines Mädchens, das wohl für einen Schreiber oder Geſchäftsmann paßt, aber nicht für einen Grafen. Oder haben Sie Ihre Anſicht ſeit geſtern geändert?“ „Ich pflichte Ihnen vollkommen bei. Aber wir wiſſen ja noch immer nichts Beſtimmtes über das Ver⸗ hältniß des jungen Grafen zu der Nähmamſell.“ „Himmel und Hölle, ich werde noch raſend! Eine Nähmamſell und Graf Sacco!“ „Aber es iſt trotzdem kein gewöhnliches Mädchen!“ „Sagen Sie mir lieber, wie ich den Leuten bei⸗ komme.“ „Sprechen Sie mit der Frau Liewe, der Mutter des Fräuleins; dieſe iſt eine ſehr verſtändige Frau und wird Ihren Wünſchen beſtimmt entgegenkommen; ich 106 weiß, daß ſie ſehr böſe auf Ihren Neffen iſt und ihn neulich einen Grünſchnabel genannt hat.“ „Es iſt zum Tollwerden! Er will meine Autorität nicht mehr anerkennen, eine natürliche Folge ſeines Schuldbewußtſeins, und von ſo einem Weibe läßt er ſich blamiren.“ „Nun, ſo arg iſt es nicht damit, es weiß außer mir Niemand davon! Doch, Herr Graf, darf ich Ihnen einen gutgemeinten Rath ertheilen, ſo iſt es der: Ihrem Herrn Neffen ganz im geheimen entgegenzuarbeiten; offen würden Sie ſchwerlich viel erreichen.“ „Ja, aber wie?“ „Unbedingt müſſen Sie ſich mit Frau Liewe in Verbindung ſetzen, dann erfahren Sie jedenfalls auch, wie weit die Thorheit des Freiwilligen zu fürchten iſt.“ „Iſt es Ihnen möglich, eine Unterredung zwiſchen der Frau und mir einzuleiten?“ „Das wäre ein Leichtes, ich dürfte ſie nur herauf⸗ rufen laſſen; aber dadurch verdürben wir jedenfalls Alles; ſie will rückſichtsvoll behandelt ſein und iſt leicht erzürnt. Wollen Sie ſicher gehen, ſo bemühen Sie ſich zu ihr.“ „Gut, auch das! Aber was wir in dieſer Ange⸗ legenheit verhandeln, bleibt vor Jedermann, auch vor meinem Neffen, ein Geheimniß,“ 107 „Das verſteht ſich ja von ſelber!“ „Wird auch die Liewe ſchweigen?“ „Wie das Grab, ſie liebt nicht vieles Reden!“ „Mir iſt immer, als hätte ich den Namen Liewe ſchon in irgend einer eigenthümlichen Beziehung aus⸗ ſprechen hören. Wie heißt ihre Tochter?“ „Anna.“ „Anna? Anna Liewe? Ha, nun weiß ich es, mein Paſtor betet ſie auch an.“ „Wirklich? Da macht er ſich auch Pohl Hoffnungen?“ „Nicht die geringſten! Doch ich werde die Kenntniß benutzen, vielleicht läßt ſich ein Paar zuſammenkuppeln.“ Der Baron zuckte zuſammen, eine ſolche Wendung hatte er nicht erwartet; auf dieſe Weiſe ging ihm Anna ja ſicherer verloren, als wenn er den Grafen hätte ruhig ſie umſchwärmen laſſen. „Dazu rathe ich nicht, es könnte die Gärtnerin mit Argwohn erfüllen, ſie iſt ſehr mißtrauiſch“ ſprach er nach kurzem Beſinnen. „Wir werden ja ſehen! Darf ich heute noch auf Ihren Beſuch rechnen?“ „Ich werde mir die Ehre geben, gegen Mittag zu kommen. Wollen Sie ſchon jetzt zur Frau Liewe?“ „Ja gewiß! Je eher, je beſſer.“ Der Lieutenant hätte ihm ſagen können, daß die 108 Zeit zu einer Unterredung mit der Gärtnersfrau am Vormittage ſchlecht gewählt ſei, da ſie dieſen gewöhnlich auf dem Markt verbringe, dagegen Fräulein Anna zu Hauſe wirthſchafte. Er that es nicht, denn ihre In⸗ tereſſen liefen ja nun auseinander; der Graf wollte eine ehrſame Paſtorsfrau aus dem lieblichen Kinde machen, das war ganz gegen ſeine Intention. Ausnahmsweiſe befand ſich Frau Liewe indeſſen an dieſem Tage nicht auf dem Markt, ſie hatte daheim mit dem Ausleſen kleiner Sämereien dringend zu thun. Emſig mit der Arbeit beſchäftigt, ſaß ſie allein in ihrer Wohnſtube, als ſie das Klopfen eines Fremden vernahm. Mit der ihr eigenen Haſt verließ ſie ihren Sitz und öffnete die Thür. Der Graf Sacco, den ſie jedoch nicht kannte, ſtand vor ihr. Weit hoöflicher, wie es ſonſt niedriger geſtellten Leuten gegenüber ſeine Art war, verbeugte ſich der alte Herr. „Ich habe wohl das Vergnügen, Frau Liewe zu ſehen?“ redete er die Gärtnerin an. „So heiße ich allerdings!“ antwortete dieſe, indem ſie einen Schritt zurücktrat, um den Fremden einzulaſſen. „Ich bin der Graf Sacco“, fuhr der ſtolze Mann fort, während er der Gärtnerin folgte. 109 Ein zufriedenes Lächeln glitt über die Züge der letztern, ſie machte einen tiefen Knir und nöthigte den hohen Herrn auf den beſten Sitz, den das Zimmer auf⸗ zuweiſen hatte. Ein kurzer Blick genügte für den Grafen, ſich zu überzeugen, daß in den Liewe'ſchen Räumen überall Ordnungsliebe und eine große Sauberkeit herrſchten. Langſam ließ er ſich nieder. Da hörte er, wie durch die nux angelehnte Thür zu einem Nebenzimmer die melodiſchen Töne eines kunſtgerechten Klavierſpiels erſchallten und gleich darauf ein überaus lieblicher Geſang vernehmbar wurde. Wider ſeinen Willen fühlte er ſich zur Bewunderung hingeriſſen. Doch er erinnerte ſich an die Aufgabe, welche er ſich geſtellt, und wandte ſich an die Gärtnerin. Dieſe kam ihm zuvor.„Sie ſind alſo der Vater des jungen Herrn Grafen, der uns zweimal beſucht hat und ſich um die Hand meiner Tochter bemüht?“ be⸗ gann ſie. Sacco verbarg ſeinen Aerger und antwortete:„Nein, der junge Menſch iſt mein Neffe.“ „Ei, da iſt es recht freundlich, daß Sie ſich zu uns armen Leuten bemühen“ entgegnete Frau Liewe in der Meinung, der Graf wolle für ſeinen Verwandten werben. Schon ſtand dieſer im Begriff, der Gärtnerin ihren Irrthum zu benehmen, als das Spiel und der Ge⸗ ſang im Nebenzimmer verſtummten, leiſe Schritte er⸗ ſchallten und gleich darauf Anna in der Verbindungs⸗ thür erſchien. Sie hatte eine fremde Stimme gehört und kam, ſich zu überzeugen, wer ſich mit der Mutter unterhalte. Kaum gewahrte ſie den Grafen, der ihr als ein alter, ehrwürdiger Greis erſchien, als ſie ſich achtungsvoll und graziös verneigte. Sacco, der auf Alles Acht gab, erblickte ſie und erhob ſich unwillkürlich ſchnell von ſeinem Sitze, wobei er mit einer Ehrerbietung grüßte, als ſtehe er vor einer Ebenbürtigen. Nie hatte er in ein edler und vollkommener ge⸗ bildetes Geſicht geſchaut als in dieſem Moment, nie ſo herrliche Körperformen bewundert. Anna's Auge war, ſeit die Liebe ſie beſeelte, noch ausdrucksvoller und bezaubernder geworden, ihre ganze Geſtalt hatte ſich gehoben, Jeder, der ſie ſah, bekannte, daß ſie auf der Erde ſchwerlich ihresgleichen an vollendeter Schön⸗ heit finde. Das konnte nicht die Tochter eines armen Bürgers ſein! So dachte der Graf. Herzer hatte davon ge⸗ ſprochen, daß Anna Liewe vornehmen Umgang habe, jedenfalls war dies eine Freundin, deren Ahnen dem reinſten Adel angehörten. 111 Vergebens wartete er indeſſen, daß die alte Frau die Dame vorſtellen werde, ſie beſaß, wie er ſich ſagen mußte, hierzu zu wenig geſellſchaftliche Bildung, und er hätte ſo gern gewußt, wer die Unbekannte war, denn noch immer war er ein großer Verehrer von Schönheit und Anmuth. Doch nun ſprach Frau Liewe kurz:„Geh in den Garten, meine Tochter, und ſieh nach, daß die Vögel den zum Trocknen ausgebreiteten Samen nicht ver⸗ zehren, ich habe augenblicklich keine Zeit.“ „Ich war ſchon auf dem Wege!“ erwiderte die junge Dame mit ſo wohlklingender Stimme, daß der alte Hageſtolz davon entzückt war. Dabei ſchritt ſie, mehr ſchwebend als gehend, hinaus, während ihr Geſicht von einem freundlichen Lächeln erhellt wurde. Sacco befand ſich jetzt außer Stande, ſein Vor⸗ haben durchzuführen, er gewann es nicht über ſich, die Erklärung abzugeben, daß er den Neffen lieber todt wiſſe, als mit einer Bürgerlichen vermählt ſehen wolle. „Das war mein einziges Kind, auf das ich ſtolz bin und das eine Erziehung genoſſen hat, wie ſie nur einer Gräfin zu Theil werden kann; und nun ſagen Sie mir, ob ich Recht habe, wenn ich das Mädchen wie mein Auge im Kopfe vor jeder Berührung mit „ jungen flatterhaften Herren bewahre“, ſprach Frau Liewe, als ſie wieder mit dem Grafen allein war. „Nur zu ſehr haben Sie Recht, verehrte Frau! Die 8 Jugend hat keine Tugend, wie leicht wird in dieſen Jahren durch einen einzigen unbewachten Augenblick das ganze Lebensglück verſcherzt! Ihre Tochter iſt ein leibhafter Engel, an Anbetern würde es ihr nicht fehlen, da iſt es Ihre Pflicht, ſie zu ſchützen“, ent⸗ gegnete der Graf. „O, da ſeien Sie unbeſorgt, ich weiß, was ich zu thun habe. Und die Anna iſt ein gutes und gehor⸗ ſames Kind, jedes Wort, was zu ihr geſprochen wird, muß ich wiſſen; da können Sie wohl denken, daß ſie gut aufgehoben iſt. Uebrigens iſt es wahr, die Herren geben ſich viel Mühe um ſie; auch der Herr Baron hier oben lief ihr früher auf Schritt und Tritt nach; kaum durfte ſie in den Garten gehen, ohne daß er ihr folgte; ſetzte ſie ſich vor die Thür, gleich drängte er ſich an ihre Seite. Anna mochte ihn indeſſen nie leiden und gab ihm dies mehrfach zu verſtehen. Trotzdem wagte er eines Tages im Garten, ſie zu bitten, ihm ihre Hand nur ſo lange zu erlauben, daß er ihre Finger küſſen könne. Da klagte ſie mir unter Thränen ihr Leid und ich kanzelte ihn in einer Weiſe ab, w er ſeitdem ihr gern fern geblieben iſt.“ 4 113 o Herzer?“ rief der Graf verwundert und doch „Ja, der Herr Baron. Mir iſt es ganz gleich, wen ich vor mir habe, und auch der junge Herr Graf ſoll nicht denken, daß meine Tochter ihm als Spielzeug dienen darf, das habe ich ihm ſchon klar gemacht.“ „Wirklich? Und wie ſteht er jetzt mit Ihnen?“ „Er darf mein Haus nicht eher betreten, bis er mir nachgewieſen hat, daß ſeine nächſten Verwandten mit ſeiner Wahl vollſtändig einverſtanden ſind.“ „Aber wenn Ihre Tochter meinen Neffen liebt, ſo können ſie auch außer dem Hauſe Gelegenheit finden, ſich zu verſtändigen.“ „O, da kennen Sie meine Anna ſchlecht! Sie iſt außer Stande, ihre Mutter zu hintergehen.“ „Beſte Frau Liewe, die Liebe heiligt Alles!“ „Und ich ſage Ihnen, daß Anna unfähig iſt, ein Geheimniß vor mir zu bewahren.“ „Um ſo beſſer! Hat mein Neffe ſich denn auch mit Ihrer Bedingung einverſtanden erklärt?“ „Gewiß!“ „Nun, dann haben Sie nichts zu fürchten.“ „Ich fürchte auch ſo nichts! Uebrigens glaubte ich daß Ihr Beſuch mit dieſer Angelegenheit in Ver⸗ bindung ſtehe.“ Steffens, Standesvorurtheile. II. 8 114 „Allerdings, verehrte Frau. Ich als Oheim des jungen, wenig erfahrenen Mannes halte mich verpflichtet, in jeder Beziehung für ſein Wohl beſorgt zu ſein, und da ich nun geſtern erfuhr, daß er—“ Der Graf wurde hier in ſeiner Erklärung unter⸗ brochen. Anna erſchien wieder in der Thür und ſprach auf den fragenden Blick der Mutter:„Papa hat den Samen in Beaufſichtigung genommen, ich werde mich nun in der Küche beſchä gen.“ Damit wandte ſie ſich auch ſchon wieder ab. Sacco empfand von neuem den Einfluß, den die Gegenwart eines ungewöhnlich bevorzugten Weſens auf den Menſchen auszuüben pflegt, er war außer Stande, den begonnenen, für die Gärtnerin nicht ſehr erbau⸗ lichen Satz zu beenden. 8 Dieſe, in ganz irriger Meinung über die Abſicht des Grafen, fragte:„Sie wollen, daß ich mich weniger ſtreng gegen die jungen Leute zeige und ihnen mehr Gelegenheit gebe, ſich einander zu nähern?“ „Nein, das iſt durchaus nicht mein Wunſch, im Gegentheil halte ich es für viel beſſer, wenn ſie ſich möglichſt fern bleiben. Meine Anſicht hat nämlich auf die Entſchlüſſe meines Bruders, des Vaters unſeres Huſaren, gar keinen Einfluß; er iſt ein ſonderbarer WMenſch, von dem man nie recht weiß, was er für gut 5 — 115 hält; und er allein iſt doch die Perſon, die außer Ihnen in dieſer Angelegenheit endgültig zu entſcheiden hat“, entgegnete Sacco. Es war ihm unmöglich, der Mutter Anna's gegenüber ſich im wahren Lichte zu zeigen, die Erſcheinung der jungen Dame hatte ihm Achtung ab⸗ genöthigt und einen gewiſſen Reſpekt eingeflößt. Dann aber hielt er ſich auch überzeugt, daß die Gärtnerin dem Neffen ſeine Abſichten auf ihre Tochter ſchon ſo verleiden werde, wenn er ſich neutral zeigte und die Denkungsweiſe des Bruders in Frage ſtellte. Frau Liewe ſchien durch die Antwort des Grafen für einen Augenblick unangenehm berührt.„Ich glaubte, Sie wären gekommen, dem jungen Herrn das Wort zu reden“, ſprach ſie in gedehntem Tone. „Das wäre gegen mein Gewiſſen“, erwiderte Sacco bedenklich.„Julius iſt ein etwas leichtſinniger Patron, er wird leicht wankelmüthig und wer weiß, wie oft er ſein Herz noch verliert, ehe er daran denken kann, ſich zu verheirathen. Müßte ich mir nun nicht zeitlebens Vorwürfe machen, wenn ich dazu beigetragen hätte, Sie in der Meinung zu beſtärken, die Wahl Ihrer Tochter ſei eine glückliche? Nein, ich ertrüge den Gedanken nicht, wenn dies liebenswürdige Weſen durch mich ihren Frieden einbüßte. Doch faſſen Sie meine Worte nicht zu ſchroff auf. Billigt der Vater des 8* 116 Freiwilligen ſeine Wahl, was ich nicht weiß, und ver⸗ ſteht ſeine Geliebte ihn zu feſſeln, ſo kann ja immerhin eine glückliche Ehe die Folge ſeiner jetzigen Neigung ſein.“ „Ihre Rede, Herr Graf, enthält ſehr viele Wenn und ich begreife eigentlich nicht, welchen Zweck Ihr Beſuch bei mir hat“ erklärte die Gärtnerin in einem unfreundlichern Ton. „Sie müſſen einſehen, daß mich das Wohl mei⸗ nes Neffen intereſſirt; jetzt habe ich mich überzeugt, welche Vorzüge Ihre Tochter beſitzt, und preiſe ihn glücklich, wenn er ſein Ziel erreicht, werde auch das Meine thun, ihm bei ſeinem Vater Gehör zu ver⸗ ſchaffen.“ Liewe mochte ſich durch die Anerkennung der S geſchmeichelt fühlen, vielleicht war ihr i iſgertn des Grafen angenehm, ſie entgegnete t bedeutend freundlicher:„Inzwiſchen ſoll es meine Aufgabe ſein, meine Tochter vor jedem Begegnen mit dem jungen Grafen zu bewahren, denn ehe ich Gewißheit begünſtige ich Liebelei nicht“ „Das iſt brav von Ihnen, liebe Frau Wollen Sie mir einen Gefallen erzeigen, ſo halten Sie unſere Unter⸗ redung vor Jedermann geheim. Mein Neffe würde es 117 ſehr übel deuten, wenn er wüßte, daß ich mich um ſeine Angelegenheiten kümmere.“ Die Gärtnerin hatte keinen Grund, dieſe Bitte ab⸗ zuſchlagen, obgleich ihr alle Heimlichthuerei zuwider war. Sie erwiderte gleichgültig:„Es iſt nicht meine Art, über Angelegenheiten zu ſprechen, die meine Familie betreffen.“ Hiermit war der Graf abgefertigt. Er ſah recht gut ein, daß ſein längerer Aufenthalt in dem Liewe'⸗ ſchen Hauſe langweilig werde, und entſchloß ſich zum Gehen. Indem er der Gärtnerin herablaſſend die Hand reichte und ihr empfahl, falls ſie ſeiner bedürfe, ſich direct an ihn zu wenden, verließ er ſie und ſchritt ſeinem Hotel zu, um daſelbſt ungeſtört darüber nach⸗ zudenken, welche Wege er nun einzuſchlagen habe, um den Neffen von ſeiner leidenſchaftlichen Liebe zu heilen oder wenigſtens ſeine Abſichten zu vereiteln. Gegen Herzer empfand er jetzt eine gute Portion Mißtrauen. Das, was Frau Liewe ihm über den Baron geſagt, diente dazu, ihn zu dem Glauben zu veranlaſſen, daß jener ihn nur als Werkzeug gebrauchen wolle, ſich einen Nebenbuhler vom Halſe zu ſchaffen; das verdroß ihn, denn dadurch wurde ſeine Eigenliebe verletzt. Wäre er nicht ſo ſehr von der Furcht ein⸗ genommen geweſen, daß das ſchöne Mädchen eine Gewalt über den Neffen gewinnen könne, die allen Ernſtes die größten Gefahren für dieſen im Gefolge haben müßte, er hätte ihn wohl gar aufgemuntert, Alles daran zu ſetzen, um den Lieutenant auszuſtechen; aber ſo konnte er das nicht. Doch auch Herzer ſollte zur Strafe für ſeine Hinterliſt nicht zum erwünſchten Ziele gelangen; der alte Hageſtolz war ja gewohnt, Intri⸗ guen zu ſpinnen, es mußte ihm gelingen, zwei ſo junge Männer zu düpiren. Der Paſtor Stade liebte Anna, er hatte ſich ehrlich gegen ihn gezeigt, deshalb gönnte er ihm die junge Dame noch am meiſten. Und wenn dieſer ſie als Gattin heimführte, dann kam ſie ja in ſeine Nähe, es gelang ihm vielleicht, ſich die Zuneigung des göttlichen Weibes zu erringen. Der alte Sünder erbebte bei dieſem Gedanken, ſein Plan war gefaßt, nichts unver⸗ ſucht zu laſſen, um einmal wieder ſeinen lange nicht mehr erprobten Künſten Geltung zu verſchaffen. Ohne ſich weiter zu beſinnen, reiſte er nach dem Stammſitze ſeines Bruders, dem Gute Sonnenhagen ab. Selten nur traf er dort zu einem Beſuch ein, denn er empfand nur wenig Neigung für den ältern Bruder, der ſeit ſeiner früheſten Jugend einen muſter⸗ haften Lebenswandel geführt hatte und überall für einen der ehrenhafteſten und beſten Menſchen galt. Stunden zu prophezeien, erſchien der Oheim des Frei⸗ 119 Weder ein ſo unbezwinglicher Stolz wohnte ihm inne, noch räumte er je einer böſen Leidenſchaft die Herr⸗ ſchaft über ſich ein, ſein ſtetes Beſtreben war, tugend⸗ haft und ohne irgend Jemand zu betrüben, das kurze Daſein zu durchwandeln. Daß die beiden Sacco hiernach nicht ſympathiſiren konnten, iſt ſelbſtverſtändlich, und ſo blieben ſie lieber einander fern, als daß ſie ſich gegenſeitig durch ihre Charakterverſchiedenheit erbitterten. Auf dem gräflichen Schloſſe zu Sonnenhagen wohnte das Glück und die Zufriedenheit; dem alten Schloß⸗ herrn ſtand eine Frau zur Seite, die, wenngleich be⸗ deutend jünger als er ſtets bemüht geweſen war, ſeine Tage zu verſchönern und ihm ſchon auf Erden den Himmel zu ſchaffen. Julius, der einzige Sohn, hatte den Aeltern immer nur Freude bereitet; ſie waren mit irdiſchen Gütern überreichlich bedacht, Krankheiten und andere Unglücksfälle, wie ſie ſo oft auch die beſten Menſchen heimſuchen, hatten ſie verſchont, und ſo fehlte ihnen denn nichts zu einem vollkommenen Wohl⸗ behagen. In dieſen ſchönen friedlichen Cirkel nun Leid und Verdruß zu bringen, ſtatt der Sorgloſigkeit, mit welcher ſeine Verwandten in die Zukunft ſchauten, ihnen böſe willigen in Sonnenhagen und nahm die freundliche Einladung zu einem längern Verweilen an. Der Vater des jungen Soldaten kannte, wie ſchon angedeutet, weder Hinterliſt noch Verſtellung, offen und ehrlich trat er jedem Menſchen gegenüber; deshalb hatte er auch in früherer Zeit dem Bruder oft nicht ver⸗ bergen können, wie ſehr ihm ſein wüſtes und regel⸗ loſes Leben mißfalle. Jetzt kamen ſolche Scenen aller⸗ dings nicht mehr vor, aber völliges Vertrauen herrſchte nie zwiſchen ihnen. Deſſenungeachtet erzeigte der Hausherr dem Gaſt alle nur möglichen Aufmerkſamkeiten und ſeine Gattin bemühte ſich, dem Schwager den Aufenthalt recht an⸗ genehm zu machen. Sie ahnten nicht, welche niedrige Abſicht er hegte. Schon weilte er einen halben Tag bei ihnen, als die Gräfin das Geſpräch auf den Liebling ihres Her⸗ zens brachte und den Schwager fragte, ob er den Neffen bei ſeiner Reiſe durch S. nicht aufgeſucht habe. Dieſer anwortete etwas kleinlaut mit einem kur⸗ zen„Ja!“ „O hätteſt Du ihn doch mitgebracht!“ fuhr die Gräfin fort. „Ich entſchloß mich erſt zu einer Reiſe hierher, als ich im Wagen ſaß“, entſchuldigte ſich der Oheim. 121 Etwas ſpäter, als er dem Bruder allein gegenüber ſaß, begann er:„Wundere Dich nicht darüber, daß ich eben Deiner Frau ſo kurze Antworten in Betreff Eures Sohnes gab. Allerdings iſt er faſt während eines ganzen Abends bei mir geweſen und entfernte ſich nur für eine Stunde, um, wie er vorgab, einen expreſſen Brief zu empfangen und zu beantworten, doch ſchien mir dies eine Finte. Ich fürchte, er iſt auf einen Pfad gerathen, der ihm nicht zur Ehre gereicht und Dir ſchwerlich Freude machen wird.“ Der Vater blickte erregt auf den Sprecher.„Wie“, rief er,„Julius könnte unehrenhaft handeln? Das iſt nicht möglich, ich glaube es nun und nimmermehr!“ „Bruder, Du weißt, unſere Begriffe über Ehre ſind manchmal auseinander gegangen“, hob der jüngere Sacco von neuem an.„Die Sache iſt ganz einfach die, daß Dein Sohn zu der Tochter eines einfachen bürgerlichen Gärtners in ein ernſtes Liebesverhältniß getreten iſt, von der Mutter des Fräuleins ſchon einen Grünſchnabel entgegengenommen und, um ſie ſich ge⸗ neigt zu ſtimmen, das Verſprechen gegeben hat, binnen kurzem Deine Einwilligung zu ſeiner Verheirathung zu bringen.“ „Du fabelſt!“ rief der Schloßherr ungläubig, wäh⸗ rend ſich ſeine Stirn in düſtere Falten legte. S — 122 „Was ich Dir ſage, kannſt Du jeden Augenblick beſtätigt finden, wenn Du Dich nach S. bemühen willſt; ich glaube auch nicht, daß Julius Dir ſeine Liebe ver⸗ heimlichen wird, denn er hofft ja Deine Einwilligung zu erlangen. Das Verhältniß iſt weiter gediehen, wie Du ahnſt, und nur ein ſehr kluges und vorſichtiges Handeln vermag meiner Anſicht nach ein drohendes Unglück von uns abzuwenden.“ „Ich habe ja bereits eine Frau für Julius be⸗ ſtimmt, die Aeltern der Comteſſe haben mein Wort, wie ich das ihre!“ „Daß er nicht geſonnen iſt, von irgend einem an⸗ dern Menſchen, und wäre es auch ſein leiblicher Vater, ſich eine Frau erwählen zu laſſen, hat er mir ſelber erklärt und Du kennſt ja ſeine Feſtigkeit!“ „Du haſt alſo bereits über ſeine Liebſchaft mit ihm geſprochen?“ „Er wich mir aus und ich halte es nun nach reif⸗ licher Ueberlegung auch für das Beſte, wenn wir ſo viel als möglich gegen ihn thun, als wüßten wir nichts von ſeiner Verirrung.“ „Und was können wir ſonſt beginnen, um ihn von ſeiner Thorheit zu heilen?“ „Du darfſt nur der Mutter ſeiner Geliebten ſagen, daß Du Deinem Sohn bereits eine Frau beſtimmt hätteſt, 123 und ſie wird ſchon dafür ſorgen, daß Julius nie wieder mit ihrer Tochter in Berührung kommt, denn ſie iſt ein ſtolzes und energiſches Weib und möchte einen hochgeſtellten Schwiegerſohn angeln.“ „Dann iſt die Familie gewiß eine brave, vielleicht würde mein Sohn glücklich mit dem Mädchen!“ „Schön iſt das Kind allerdings und Anbeter beſitzt es auch in Maſſe; obenan ſteht der Baron von Herzer, der auch bei ihren Aeltern wohnt“ führte der jüngere Sacco höhniſch an; er wußte, wie er den Bruder zu nehmen habe. „Lieutenant Herzer? Dann iſt das Mädchen eine Kokette und taugt nicht für einen ehrlichen Mann! Außer⸗ dem muß ich mein Wort zu halten ſuchen. Ich komme mit bis S. und werde mich an Ort und Stelle über⸗ zeugen.“ „Und Julius?“ „Es iſt ſehr unrecht von ihm, daß er ohne mein Wiſſen zu einem Mädchen in ein Liebesverhältniß treten kann. Ich habe das nicht an ihm verdient und hätte ihm mehr Achtung vor ſeinen Aeltern zugetraut. Da er es nicht der Mühe werth gehalten hat, mich in einer ſo ernſten Angelegenheit zu Rathe zu ziehen, werde ich auch ohne ihn handeln. Die ganze Geſchichte bleibt unter uns!“ 2 „Das iſt mir auch angenehm, denn ſo erlangen wir allein ein günſtiges Reſultat.“ „Aber ich kann mir noch gar nicht denken, daß Julius ſich ſo vergeſſen könnte. Iſt die Liebſchaft in ſeinem Garniſonsorte denn ſchon allgemein bekannt?“ „Niemand weiß darum als die Betheiligten und ein Eiferſüchtiger, der mich darauf aufmerkſam machte, weil er fürchtet, Dein Sohn werde ihn ganz aus dem Herzen der Gärtnerstochter verdrängen.“ „Schmachvoll! Genug, wir reiſen, ſobald es Dir beliebt!“ „Meinetwegen können wir ſogleich aufbrechen.“ „Nein, wir wollen bis morgen warten, damit meine Frau nichts merkt und ihr jeder Kummer erſpart bleibt.“ Damit ward das Geſpräch abgebrochen. Fünftes Kapitel. „ Als Anna die Mutter mit dem ihr unbekannten Herrn im Geſpräch gefunden, hatte ſie einen langen prüfenden Blick auf den letztern gerichtet. Es war ihr ſogleich klar geworden, daß er den bevorzugten Stän⸗ den angehöre, denn ſein ganzes Weſen drückte Stolz und den Anſpruch auf Ehrerbietung aus. Sie bedauerte, daß ſie hinausgeſchickt wurde, in ihrem Herzen erwachte die Neugierde, eine leiſe Ahnung beſchlich ſie, daß der Beſuch mit dem jungen Grafen in Verbindung ſtehen müſſe. Kaum war daher der Fremde fort, als ſie die Mutter aufſuchte und ſich mit der Frage an ſie wandte:„Nicht wahr, Mutter, es war ein ſehr vornehmer Herr, der mit Dir ſprach?“ „Ja, mein Kind!“ erwiderte Frau Liewe kurz. „Darf ich nicht wiſſen, wie er heißt und was er von Dir wünſchte?“ „Beides kann Dir gleichgültig ſein, ſpäter wirſt Du es vielleicht erfahren!“ „Ach, ich ahne es wohl, gewiß war es der Vater—“ Hier ſtockte das liebliche Kind, indem es heftig er⸗ röthete. „Da biſt Du im großen Irrthum. Es war der Oheim des jungen Grafen. Ueberhaupt mache Dir keine Hoffnungen, ich wiederhole Dir ſogar mein Verbot und ſchärfe Dir ein, es aufs ſtrengſte zu beachten!“ Anna wurde traurig, ſie hatte ja ſchon dem Willen der Mutter zuwider gehandelt. Weiter fragen mochte ſie nicht, ſondern wandte ſich ſchweigend ab. Die Neugier verfolgte ſie indeſſen auch, als ſie die Arbeit aufſuchte Es konnte nicht anders ſein, der alte Graf mußte wegen ihres Verhältniſſes zu Julius mit der Mutter Rückſprache genommen haben, wozu ſonſt die Geheimthuerei der letztern und das Erinnern an die früher ertheilten Weiſungen? Hiernach ſtanden ihre und des jungen Grafen Ausſichten ſchlecht, im ent⸗ gegengeſetzten Falle wäre die Erneuerung des Verbots überflüſſig geweſen. Aber warum war ein Verbergen des mit dem Oheim Verhandelten erforderlich? Dieſe 127 Gedanken durchſtürmten das Köpfchen der Jungfrau und ließen ihr keine Ruhe. Sie wünſchte den Ge⸗ liebten zu finden, damit er ihr Aufklärung ertheile, und doch ſchrak ſie auch wieder vor einem neuen Un⸗ gehorſam gegen die Mutter zurück. Es war eine pein⸗ liche Situation, in der ſie ſich befand, aber dieſelbe machte ſie mehr vertraut mit dem Sehnen nach Hülfe durch den Grafen. Am Mittag des folgenden Tags, bevor ſie zu der Frau Krüger ging, eilte ſie nach der Laube im Garten und ſah nach dem verhängnißvollen Baum. Oh ſie wohl wünſchte, einen rothen Faden daran zu er⸗ blicken?. Es läßt ſich nicht behaupten, denn ihre kindliche Pflicht war mit ihrem ganzen Sein innig verwachſen und die Furcht vor jeder Uebertretung, die Gewiſſens⸗ angſt nach derſelben marterten ſie ja unendlich viel mehr, als ihr eine kurze Unterredung mit dem Geliebten Genuß brachte. Aber als ſie nun den Fußſteig entlang ſchritt, da ſah ſie ſchon von weitem das hellſchimmernde Band um den Stamm des Baums gewunden; ſie zitterte, während ſie es ablöſte, ihre Wangen erglühten, längere Zeit ſtand ſie da, ehe ſie ſich ſoweit erholt hatte, um zurück⸗ zukehren. Da trat der Baron aus einer entgegengeſetzten Laube und grüßte ſie. Es ſchien ihr, als habe ſein Geſicht einen hämiſchen Ausdruck angenommen und als könne er ihr Inneres durchſchauen. Wie ein aufgeſcheuchtes Reh floh ſie in das Haus zurück und begab ſich bald darauf in die Nähſtunde. Während des Nachmittags hatte ſie wenig Andacht zur Arbeit, alle Augenblicke ließ ſie die Hände in den Schvoß gleiten und ſchaute ſinnend vor ſich nieder. Sie wolhte dem Grafen zürnen, daß er ſchon wieder ge⸗ wagt habe, ſie um ein Rendezvous zu bitten, aber dann fiel ihr ein, daß ſie ja ſelber mit ihm Einiges zu be⸗ ſprechen habe und deshalb ſich ſchon pünktlich in der Laube einſtellen müſſe. Der böſe Mann, wie viel Sor⸗ gen und Angſt hatte ſie ſchon ſeinetwegen ausgeſtanden! Und doch hatte ſie ihn ſo unausſprechlich lieb. Woher das nur kommen mochte? fragte ſie ſich. Dann er⸗ plickte ſie wieder das unheimlich lächelnde Geſicht des Barons und ein Schauder erfaßte ſie. Kein Menſch wurde von ihr gehaßt oder gefürchtet, aber dieſen Lieu⸗ tenant floh ſie wie die Sünde. Was mochte nur der Hohn in ſeinen Zügen zu bedeuten gehabt haben? „Unſinn!“ rief ſie ſich ſelber zu.„Wie kann er nur das Geringſte ahnen? Das böſe Gewiſſen allein läßt dich 129 Geſpenſter ſehen! Aber nur noch dies eine Mal, und dann will ich den Grafen ohne die Erlaubniß der Mutter auch nie wiederſehen!“ „Fräulein, mit Ihnen iſt etwas Beſonderes vor⸗ gegangen, gewiß ſind Sie von der Liebe erfaßt!“ Mit dieſen Worten weckte ſie die Lehrerin aus ihren Träumereien. Anna ſchrak empor und begann fleißig an der in ihren Händen befindlichen Stickerei zu nähen, aber es währte nicht lange und ſie hatte die Mahnung wieder vergeſſen. So kam endlich der Abend, der diesmal langer je auf ſich warten ließ. Anna trat endlich den Heim⸗ weg an, mehrere junge Damen begleiteten ſie faſt bis vor ihre Thür, dann eilte ſie weiter, um zur rechten Zeit an Ort und Stelle zu ſein. Zu Hauſe hielt ſie Niemand von der Ausführung ihres Vorſatzes ab. Die Mutter war zu einer Freun⸗ din in die Nachbarſchaft gegangen und wurde ſo bald nicht zurückerwartet, der Vater aber ſtörte ſie nicht, wenn ſie noch für ein Stündchen ins Freie wandern wollte. Trotzdem fühlte ſie ſich auf eine ſonderbare Weiſe beängſtet, es war ihr, als müſſe ihr ein großes Unglück begegnen, wenn ſie an dieſem Abend in die Laube ging, das Herz war ihr zum Brechen ſchwer, und doch konnte Steffens, Standesvorurtheile. II. 9 130 ſie der Verſuchung nicht widerſtehen, ſie mußte hin und den Geliebten ſprechen, er konnte ja ſonſt denken, er ſei ihr gleichgültig. „Vater, ich gehe noch auf ein halbes Stündchen in den Garten— es iſt doch Niemand von oben hineingegangen?“ wandte ſie ſich an den Vater. „Nein, mein Kind; der Lieutenant befindet ſich wahrſcheinlich in der Stadt und ſein Burſche ſchlich vor kurzem in die Nachbarſchaft. Doch es iſt ja ganz dunkel draußen und kühl wird es auch ſchon, Du e lieber hier bleiben“, erwiderte der alte Mann edächtig. Nochmals rief auch eine innere Stimme der Jung⸗ frau zu:„Bleibe!“ Schon wollte ſie darauf hören, da kam der kleine Hund zu ihr herangekrochen und ſchmei⸗ chelte ſich mit einer Freundlichkeit an ſie, daß ſie glaubte, er ſpüre die Nähe ſeines ehemaligen Herrn. Schnell war ihr Entſchluß gefaßt. Sich an den Vater wendend, ſprach ſie:„Ich bin recht bald wieder hier!“ und eilte zur Stube hinaus. Das Hündchen folgte ihr. O wäre ſie geblieben! Der Baron von Herzer war tags zuvor, als er den Oheim des Freiwilligen mittags vergeblich in ſei⸗ nem Hotel geſucht hatte, zu dem letztern geeilt, um — 131 ſich hier Aufklärung über die ſchleunige Abreiſe des alten Herrn zu holen. Sacco konnte ihm beim beſten Willen keinen Auf⸗ ſchluß geben, denn er hatte ſich bereits in der vorigen Nacht von dem Onkel verabſchiedet und ihn weiter nicht mehr geſehen. Die beiden jungen Männer ſaßen darauf eine Zeit lang einander gegenüber und unterhielten ſich über gleichgültige Dinge, bis der Graf für einige Minuten durch einen Rapport ſeines Dieners in Anſpruch ge⸗ nommen wurde. Währenddeſſen ſtellte der Baron ſtille Betrachtungen an und ließ ein hochrothes Bändchen durch ſeine Finger gleiten, welches vor ihm auf dem Tiſche lag. Aus Langerweile ſchürzte er an jedem Ende des Bandes einen Knoten und ſchob es endlich wieder achtlos von ſich. Gleich darauf kehrte Sacco zurück und die Conver⸗ ſation begann in der alten Weiſe, bis die Herren zu⸗ ſammen zu Tiſch gingen. Am folgenden Mittag promenirte Herzer in dem hinter ſeiner Wohnung befindlichen Garten und dachte eben darüber nach, welche Unannehmlichkeiten der alte Graf ſeinem Neffen wohl bereiten werde, als er plötz⸗ lich— o Wunder!— ein ganz ähnliches Band vor 9* ſich erblickte, wie er es geſtern auf dem Tiſche des Freiwilligen gefunden. Daſſelbe war um einen Baum gewunden, ſodaß es leicht ins Auge fallen mußte. Aufs höchſte überraſcht trat er näher und beſichtigte das rothe Bändchen genauer; an jedem Ende befand ſich ein Knoten, es unterlag keinem Zweifel mehr, es war daſſelbe, welches er in der Hand gehalten hatte. Tauſend Gedanken beſtürmten den Kopf des Offi⸗ ziers auf einmal. Zorn und Neid gegen den Freiwilligen nahmen in ſeinem Herzen an Stärke zu, er haßte ihn jetzt aus tiefſter Seele, denn er war nun gewiß, daß jener das ſchöne Kind, um welches er ſich ſchon ſo lange vergeblich bemüht und dem er nie auch nur einen freundlichen Blick zu entlocken vermochte, völlig umgarnt habe. Und was konnte er thun, um ihn für ſeine Frchheit zu ſtrafen? Nichts! Ohne eigentlich zu wiſſen, was er begann, ſchritt er weiter bis zu einer Laube, die etwas entfernt von der eben verlaſſenen und ihr gegenüber lag. Hier ſetzte er ſich hin, ſtützte das Haupt in die Hand und fing an darüber nachzufinnen, wie der Faden wohl an den Baum gekommen ſein und was er zu bedeuten haben möchte. Bis acht Uhr abends war Sacco am verfloſſenen Tage in ſeiner Geſellſchaft geblieben, darauf hatte er 133 — ſich eilig entfernt, aber kaum eine halbe Stunde ſpäter war er rückgẽkehrt, wie es geſchienen, in etwas erregtem Zuſtande. An dieſem Vormittag befand er ſich von ſechs Uhr an im Dienſt, alſo konnte er nur während der halben Stunde ſich des Bandes entledigt haben. Aber wie und warum? Das war eine Frager die der Lieutenant nicht ſo ohne weiteres zu löſen vermochte. Doch auch darüber ſollte er noch einen Wink er⸗ halten. Eben ſtand er im Begriff, nach dem Hauſe zurück⸗ zukehren, als er Anna gewahrte, die ſchnell dahergeeilt kam, ſich ſchlichtern umblickte und dann ſtracks auf den Baum zuſchritt, an welchem das Bändchen befeſtigt war. Einen kurzen Moment ſtutzte ſie, dann löſte ſie behutſam das letztere ab und verbarg es in der Taſche ihres Kleides, worpelf ſie ſich zum Rückzug wandte. Herzer ſprang auf und trat aus der Laube. Er ſah das heftige Erröthen der jungen Dame— jetzt war ihm Alles klar, das Band galt als irgend ein Zeichen, wahrſcheinlich für ein Rendezvous. Er wußte genug, um weitere Forſchungen anzu⸗ ſtellen. 3 Kaum war die Mütagstafel aufgehoben, was in 134 der Regel erſt nach vier Uhr geſchah, als er den Grafen bat, ihn für den Abend zu beſuchen. „So ſehr ich mich auch durch Ihre Einladung geehrt fühle, ſo muß ich dieſelbe doch zu meinem aufrichtigſten Bedauern dankend ablehnen, da ich für heute ſchon über meine Zeit verfügt habe“, erwiderte der Unter⸗ offizier freundlich. „Das thut mir herzlich leid. Haben Sie denn auch nicht ein Stündchen für mich übrig?“ fuhr Herzer lauernd fort. „Von acht bis zehn Uhr bin ich in Anſpruch ge⸗ nommen, ſpäter würde es zu jedem Beſuch zu ſpät ſein.“ „So werde ich unſere kleine Spielpartie für einen andern Abend arrangiren!“ Die Herren trennten ſich, nachdem ſie noch einige höfliche Worte miteinander ausgetauſcht hatten. Der Baron verfügte ſich in ſeine Wohnung, denn nun wußte er wenigſtens auch, für welche Zeit das Stell⸗ dichein beſtimmt war. Aber noch immer blieb ihm der Ort deſſelben ein Geheimniß; darüber wollte er Auf⸗ klärung haben. Sein Burſche war ein verſchmitzter Menſch, den bei Liebesabenteuern als Aufpaſſer zu verwenden er ſich nie geſcheut hatte. Auch diesmal ſollte derſelbe 135 eine derartige Rolle in dem beginnenden Spiel zugetheilt erhalten. Zwar nahm Herzer mit ziemlicher Beſtimmtheit an, daß die Liebenden ſich im Garten treffen würden, denn ſo gut wie der Freiwillige am vorigen Abend dort hinein⸗ gedrungen war, konnte er dies auch öfter. Und wenn dies der Fall war, durfte er immer triumphiren. Die nichtswürdigſten Anſchläge tauchten in ſeinem Kopfe auf. Aber die Möglichkeit lag auch vor, daß Sacco Anna an einem andern Plätzchen erwarte; hatte er ſie doch ſchon einmal auf der Promenade beiſammen geſehen. Des⸗ halb ſollte ſein Johann die junge Dame aus der Ferne verfolgen, wenn ſie die Nähſtunde verließ; ging ſie dann nicht direct nach Hauſe, ihm ſofort Meldung ma⸗ chen, ſonſt aber ſich vor der Thür poſtiren und warten, ob ſie nochmals ausgehe. Er ſelber beabſichtigte von acht Uhr ab im Garten zu warten. Während er noch über die ganze Angelegenheit eifrig brütete und immer von neuem der Vorſatz ihn beſchlich, den kommenden Abend zu einen Hauptcoup gegen die Liebenden zu benutzen, tauchte ein neuer Gedanke in ſeinem Gehirn auf, der ihm am zweck⸗ mäßigſten erſchien, den Grafen zu demüthigen und Fräulein Liewe an ſich zu feſſeln. Es war ein erbärm⸗ licher, unehrenhafter Plan, den er erſann. Aber was 136 vermag nicht der Haß, der aus Eiferſucht, dem ſchreck⸗ lichſten Gefühl, welches den Menſchen beſchleichen kann, entſpringt! Eiferſucht— wer ſie in ihrer Stärke kennt, weiß auch, daß ſie zum Wahnſinn zu treiben vermag, ja mit dieſem nahe verwandt iſt! Wie viele Opfer ſind durch ſie ſchon gefallen, wie viele ſonſt edle Menſchen hat ſie zu Verbrechern geſtempelt! Freilich, Herzer's Liebe war keine aufrichtige, aus der Seele entſpringende, nur nach verächtlichen Genüſſen trachtete ſein Sinn. Reine vertrauende⸗ Liebe kennt keine Eiferſucht. Die Gewißheit, von einem Untergebenen beſiegt zu ſein, daß dieſer ſich des Glücks im vollen Maße erfreue, das er mit Aufbietung aller Macht und Willen raft vergeblich zu erſtreben geſucht, daß er hierbei nur Pe achtung gefunden, war fähig, ihn mit einer raſen Wuth zu erfüllen. Er ſchickte zu dem Wachtmeiſter der Escadron, bei welcher Sacco diente, und ließ ihn zu ſich rufen.» Dieſer, ein ſonſt ehrenwerther und tüchtiger Sol⸗ dat, fühlte ſich durch die in der freundlichſten Weiſe gemachte Aufforderung geſchmeichelt und ſäumte keinen Augenblick, den Willen des Offiziers zu erfüllen. Mit militäriſcher Devotion erſchien er vor ihm und fragte nach ſeinen Befehlen. 137 Mein lieber Reimann“, begann der Lieutenant in leutſeligem Ton zu dem Untergebenen,„ich ließ Sie zu mir bitten, um über einen Gegenſtand mit Ihnen zu verhandeln, der für mich von großer Wichtigkeit iſt. Natürlich rechne ich dabei auf ſtrengſte Discretion.“ Der Abſtand der einzelnen militäriſchen Chargen von einander iſt zu vielbedeutend und grell, der Vor⸗ geſetzte hat eine zu unumſchränkte Gewalt über den Niedrigergeſtellten, als daß dieſer ſich nicht wegen der Ehre, dem Obern einen Dienſt erweiſen zu können, glücklich fühlen ſollte. Ein Wort im Tone des Un⸗ willens von dem Gemeinen gegen den Unteroffizier oder von dem Unteroffizier gegen den Offizier zieht harte Strafe nach ſich, jede Widerſetzlichkeit kann mit langjähriger Feſtungsſtrafe geahndet werden. Wehe dem Unglücklichen, der, wenn er auch zehnmal im Rechte iſt, eine Silbe des Widerſpruchs gegen den ihn kränkenden Vorgeſetzten wagt, er muß es ſchwer büßen! „Herr Lieutenant“ erwiderte der Wachtmeiſter, ſicht⸗ lich von Freude erfüllt über das Vertrauen des Ba⸗ rons,„Sie haben zu befehlen; es iſt meine Schuldigkeit, Ihnen in Allem zu dienen!“ „Sie ſind ein braver Soldat! Gott gebe, daß die Unruhen in Polen weiter um ſich greifen und wir ins 138 6 Feld rücken müſſen. Ihre Beförderung zum Offizier kann dann nicht ausbleiben.“ „Herr Lieutenant, nie würde ich eine Rangerhöhung annehmen, denn ich weiß, daß ich zum Offizier nicht tauge; auch wäre es ja ein Unglück für den Adel, wenn jeder Bürgerliche gleiche Berechtigung mit ihm auf die Anwartſchaft zum Cavallerieoffizier hätte, er verlöre die ſicherſte Garantie, auf alle Fälle ein Unterkommen im Staatsdienſte zu finden.“ Herzer wußte nicht recht, ſollte er dieſe Erwiderung für eine vorſätzliche Beleidigung des Adels halten oder ſie der Einfalt des Wachtmeiſters zurechnen. Er legte nicht weiter Gewicht darauf, denn er bedurfte ja des letztern. Das Geſpräch wendend, fragte er:„Wie ſind Sie mit dem Unteroffizier Grafen Sacco zu⸗ frieden?“ „Er iſt ein höchſt tüchtiger junger Mann; zwar liebt er den Soldatenſtand nicht, dazu iſt er viel zu gelehrt, aber doch läßt er ſich im Dienſt nie die geringſte Un⸗ pünktlichkeit zu Schulden kommen.“ „Ja, ja, ſein Ehrgeiz würde darunter leiden, wenn er je einen Verweis erhielte, er iſt ein ſtolzer Menſch!“ „Das habe ich nie gefunden!“ „Mein Lieber, er gefällt ſich darin, den Herab⸗ laſſenden zu ſpielen! Doch das iſt ja gleichgültig; ich 139 wollte Sie fragen, ob Sie es nicht ermöglichen kön⸗ nen, den Unteroffizier noch heute zum Nachtdienſt zu bringen?“ „Das iſt nicht möglich, Herr Lieutenant; die Wacht⸗ mannſchaften ſind vollzählig, außerdem würde der Graf auch nicht an der Reihe ſein.“ „Aber der wachthabende Unteroffizier könnte aus irgend einem Grunde abgelöſt werden müſſen, die für die nächſten Tage zum Wachtdienſt beſtimmten Avan⸗ cirten wären vielleicht nicht ſogleich anzutreffen, genug, motiviren ließe ſich die Beſtellung des Grafen wohl und Einwendungen dürfte er dagegen nicht erheben; mir aber würde dadurch eine Gefälligkeit erwieſen, die des größten Lohns werth iſt, denn es handelt ſich um eine Wette, deren Gewinn oder Verluſt für mich die ernſteſten Folgen haben kann. Ich bin aber nur im Stande, zu gewinnen, wenn der Graf heute Abend beſchäftigt iſt.“ „Und müßte er nicht gleich eine Intrigue ahnen, wenn er zur Wache beſtellt würde? Außerdem müßte ich mich mit mehreren Unteroffizieren in Verbindung ſetzen, und darunter litte mein Anſehen!“ „Wenn Sie nicht ſchlau handeln, gewiß! Sind Sie aber im Stande, die Leute durch ein ernſtes Auftreten einzuſchüchtern, ſo werden ſie Ihren An⸗ 140 weiſungen folgen, ohne daß ſie ahnen, zu welchem Zweck.“ „Gut, Herr Lieutenant, es ſoll meine Aufgabe ſein, Sie zufrieden zu ſtellen.“ „Sie wollen alſo heute durch den Grafen Sacco die Wache beſetzen laſſen?“ „Ich werde bemüht ſein, dies zu bewerkſtelligen.“ „Dieſe Antwort genügt mir nicht, ich muß Gewißheit haben.“ „So denken Sie, daß Ihr Wille ausgeführt ſei.“ „Sie ſind ein braver Mann, Reimann! Hier nehmen Sie dies Geſchenk von mir an; ich weiß, Sie beſitzen eine zahlreiche Familie, es kann Sie von kleinen Sorgen befreien.“ Dabei drückte er dem Untergebenen eine Geldrolle in die Hand. Glücklich lächelnd dankte der Wachtmeiſter, fragte, ob der Herr Lieutenant noch etwas zu befehlen habe, und entfernte ſich, als dieſer durch ein freundliches: „Nein, ich danke!“ antwortete. Vergnügt rieb ſich der Baron die Hände und rief: „Es muß jetzt gelingen, Sacco bleibt dem Garten fern, ſie ſoll die Meine werden und ſie wird ſich ein⸗ ſchüchtern laſſen, wenn ſie ſieht, daß ich ihr Geheimniß kenne und im Stande bin, ſie der Mutter zu verrathen. 141 Man muß, wenn ſonſt nichts hilft, auch einmal rück⸗ ſichtslos ſein.“ Kurz bevor Anna aus der Nähſtunde heimkehrte, begab ſich der Baron in den Garten. Er gebrauchte die Vorſicht, leiſe durch das Haus zu ſchleichen, und ſetzte ſich in die dunkelſte Ecke der Laube, um hier un⸗ geſtört die junge Dame zu erwarten. Nur kurze Zeit brauchte er zu harren, da hörte er, wie die Pforte nahe am Hauſe geöffnet wurde, ein leiſer, leichter Schritt ließ ſich auf dem Kiespfad vernehmen, während das Hündchen Anna's ſchon auf ihn zuſprang und heftig bellte. Das Herz des Barons pochte mit Ungeſtüm gegen ſeine Bruſt, er befand ſich in fieberhafter Erregung, der Augenblick, nach welchem er ſich lange geſehnt, war nahe, er ſollte nun Gelegenheit erhalten, das junge Mädchen ohne Zeugen zu ſprechen, es mit Verſicherungen ſeiner Liebe zu beſtürmen, und er hielt ſich im Vortheil über Anna, denn ſie mußte ja geduldig bei ihm aus⸗ harren, wenn ſie nicht wollte, daß er ihr die größten Unannehmlichkeiten bereitete. Daß ſie aber furchtlos ihn von ſich weiſen könne, nahm er keinen Augen⸗ blick an. Anna blieb ſtehen und lauſchte für einige Minuten auf das ungewöhnliche Bellen ihres Hundes. Eine 142 Anwandlung von Furcht beſchlich ſie; in dieſer Weiſe hatte das kleine Thier noch nie ſeinen ehemaligen Herrn begrüßt. Doch er kam nicht zurück, deshalb entſchloß ſie ſich endlich, wiewohl unter bangem Zagen, weiter zu gehen. Jetzt ſtand ſie vor der Laube, aus welcher ihr das heftige Gekläff entgegenſchallte. Sie rief den Namen des erzürnten Wächters, worauf dieſer, noch immer knurrend, ſie umſprang. Etwas ermuthigt that ſie noch einige Schritte vor⸗ wärts und ſah nun eine dunkle Geſtalt vor ſich auf der Bank ſitzen.„Julius, biſt Du hier?“ fragte ſie leiſe mit zitternder Stimme. Eine unverſtändliche Antwort, die für ein„Ja“ gelten konnte, drang an ihr Ohr. „Ach ich bin recht erſchrocken“, fuhr Anna fort, indem ſie noch näher an den Lieutenant herantrat. Dieſer erhob ſich; es ſchien der jungen Dame, als ſei er nicht ſo groß wie der Graf. „So rede doch Julius und beruhige mich!“ bat ſie ſchüchtern. „Himmliſches Weſen, lange, lange habe ich den Augenblick erſehnt, in welchem mir mein Lebens⸗ glück nahen würde!“ hauchte darauf der Baron Herzer hin. 143 Anna unterdrückte einen Angſtſchrei, ſie hatte den Offizier erkannt. „Sie wundern ſich, mich ſtatt des Grafen hier zu finden. Laſſen Sie mich für den heutigen Abend ſeine Stelle erſetzen!“ flüſterte Herzer, indem er die Hände der Jungfrau zu ergreifen trachtete. „Herr, Sie ſind aufdringlich, auf der Stelle ver⸗ laſſen Sie mich!“ rief Anna, ihre ganze Willenskraft zuſammenraffend. „Gemach, mein ſchönes Fräulein! Der Graf kann heute Abend nicht kommen, er mußte auf Wache ziehen; da halte ich es für das Beſte, Sie begnügen ſich mit mir!“ erwiderte Herzer im Ton der Beleidigung. Er war aufgebracht über die beharrliche Abneigung der jungen Dame gegen ihn. Mit ſtiller Verachtung drehte Anna dem frechen Menſchen den Rücken zu. Der Baron vertrat ihr den Weg.„Hören Sie, ehe Sie mich verlaſſen“, ſprach er erregt.„Ich weiß, daß Sie hier den Grafen Sacco erwarten, und daß Sie ſchon öfter ihn in ſpäter Stunde heimlich empfangen haben. Die Art, wie der unbeſonnene junge Mann hier eindringt, macht ihn vor dem Geſetz ſtrafbar; außerdem wiſſen Sie, was Sie zu erwarten haben, wenn Ihre Mutter Ihre Zuſammenkünfte mit dem 144 Freiwilligen erfährt und allgemein das Gerücht curſirt: Fräulein Liewe iſt die Geliebte des Grafen Sacco und verbringt allabendlich in einer dunklen Laube ihres Gartens einige Stunden an der Seite dieſes Verführers. Das dies aber geſchieht, dafür werde ich ſorgen, wenn Sie mich auch jetzt noch grauſam von ſich weiſen.“ Anna's Kräfte drohten ſie zu verlaſſen, ein un⸗ überſteiglicher Abgrund gähnte ihr entgegen, wie ver⸗ nichtet beugte ſie ihr Haupt unter der ſie bedrücken⸗ den Laſt. „Sie haben die Wahl“, fuhr der Baron fort;„ent⸗ weder Sie ſchenken auch mir ein wenig Liebe und Niemand erfährt, in welchem Verhältniß Sie zu dem Grafen ſtehen, oder Sie wenden ſich von mir und mor⸗ gen ſind Sie der Verachtung preisgegeben, ja die eigene Mutter verſtößt Sie.“ „Unmöglich! Eines ſo teufliſchen Bubenſtreichs iſt kein Menſch fähig!“ ſchluchzte Anna troſtlos. „O Sie wiſſen, wie viel Mühe ich mir gegeben habe, ein freundliches Lächeln von Ihnen zu erringen, Sie kennen meine grenzenloſe Liebe für Sie nur zu gut“, entgegnete Herzer.„Aber es ſcheint Ihnen unbekannt zu ſein, was Eiferſucht vermag. Ich bin, ſeit ich heute entdeckte, wie Sie Ihre Aeltern zu hintergehen ver⸗ ſtehen, um ein Schäferſtündchen mit einem Menſchen 145 zu verbringen, den ich deshalb aus tiefſter Seele haſſe, 3 zu Allem fähig.“ Die Stimme des Barons nahm bei dieſen Worten einen drohenden Ton an, Anna fürchtete ſich vor ihm und wandte ſich zur Seite, ohne einer Erwiderung fähig zu ſein. Herzer fuhr fort:„Sagen Sie mir, daß Sie meine Liebe mit Gegenliebe belohnen wollen, und ich werde Ihr Sklave ſein.“ „Nimmermehr, lieber ſterben!“ rief Anna ſchaudernd. „Sie machen mich raſend und ich werde Sie zwin⸗ gen, mir Ihre Neigung zuzuwenden. Bedenken Sie, daß Sie in meiner Gewalt find“, drohte Herzer. „Ah, Sie ſtützen ſich auf Ihre phyſiſche Ueber⸗ legenheit! Das iſt eines Offiziers würdig!“ höhnte Anna.„Doch“, fuhr ſie fort,„fühlen Sie ſich nicht zu ſicher, Sie möchten zu ſpät einſehen, daß ich vor jeder Rohheit Schutz finde!“ Herzer ſchwieg einen Augenblick dann warf er ſich in leidenſchaftlicher Erregung vor der jungen Dame auf die Kniee und ſprach:„Fräulein, Sie ſehen, ich kann nicht ohne Sie leben, ſeien Sie nicht grauſam gegen mich, es würde mich tödten!“ Anna lächelte ſpöttiſch.„Wahrhaftig“, antwortete ſie,„Sie hätten ſchon oft ſterben müſſen, wenn der⸗ Steffens, Standesvorurtheile. II. 10 ſcheinen.“ 146 artige Betheuerungen Ihrerſeits immer wahr gic wären.“ „D Sie verachten mich! Ich ſchwöre Ihnen, daß mein ganzes Leben Ihnen geweiht ſein ſoll!“ „Ich danke dafür; weihen Sie es einer Dame, die es mehr als ich zu ſchätzen weiß!“ Ein leiſes Geräuſch, als würde nahes Gebüſch vor⸗ ſichtig getheilt, ließ ſich in der Nähe vernehmen. Der kleine Hund ſprang zur Seite, ohne ſeine Wachſamkeit durch Gebell kundzugeben. Anna's höchſt peinliche Lage wurde noch um Vieles unangenehmer, denn ſie mußte annehmen, daß der Graf in der Nähe ſei. Was ſollte daraus entſtehen? Abermals machte ſie den Verſuch, ſo ſchnell als möglich aus dem Garten fortzueilen, indem ſie hoffte, Herzer werde ihr folgen und Sacco unbemerkt bleiben. Herzer errieth wahrſcheinlich zum Theil, was in ihr vorging; auch er hatte, wenn auch undeutlich, ein Kniſtern in dem Geſträuch am Wege gehört, doch blieb er weit entfernt, zu ahnen, daß der Graf dort verſteckt ſein könne, er befand ſich ja auf der Hauptwache. Eifrig ſprach er:„Fürchten Sie nicht, Sacco werde uns überraſchen; ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß er dienſtlich behindert iſt, hier zu er⸗ 147 „Ihre Anführungen ſind mir durchweg ebenſo un⸗ klar wie läſtig“, antwortete Anna. Die Geduld des Offiziers wurde auf eine harte Probe geſtellt, ſchon gereute es ihn, nochmals verſuch zu haben, die Liebe der Jungfrau zu erringen. Aber es half jetzt nichts, da er einmal ſo weit gegangen war, mußte er ſeinen Zweck auch erreichen. Er trat weiter vor und ſtand im Begriff, Anna mit Gewalt in ſeine Arme zu ſchließen, als er ganz deutlich, kaum zwei Schritte von ſich entfernt, einen Schatten bemerkte, der hinter dem nächſten Baum verſchwand. Das mußte der Graf ſein, Niemand konnte ſonſt hier auf ein Ren⸗ dezvous warten. Vielleicht hatte der Wachtmeiſter ſein Vorhaben nicht ausführen können! Oder ſollte noch ein anderer Liebhaber der jungen Dame herumſchleichen und Sacco wohl gar hinters Licht geführt werden? Dieſe Gedanken durchzogen im Nu das Gehirn des Barons. Doch wie dem auch ſein mochte, ſein Spiel war für jetzt verloren, er durfte ſich nicht einmal da⸗ durch compromittiren, daß er ſich überzeugte, wer der im Verſteck harrende Mann ſei. Ein anderer Vorſatz beſchlich ihn, deſſen Durchführung wenigſtens dem Störer Höllenqualen bereiten ſollte, wenn er ſich von der Gärtnerstochter geliebt wähnte. „So geh denn, mein liebes Mädchen!“ ſprach er 10* 148 im herzlichen Ton und ſo laut und vernehmlich, daß es weithin gehört werden konnte. Anna erſtarrte vor dieſer Sprache, die Sinne drchten ihr zu ſchwinden, ſie war zu jeder Antwort unfähig und fürchtete, der Lieutenant ſei wirklich vom Wahnſinn befallen. „Gute Nacht, mein ſüßes Annchen! Schlafe ſanft, morgen früh ſehe ich Dich wieder, dann ſchenkſt Du mir einen recht ſchönen Kuß, ſo wie jetzt“ fuhr er fort. Dabei verurſachte er mit den Lippen ein Ge⸗ räuſch, als wenn ein recht ungeſchlachter Burſche ſeiner Geliebten einen weithinſchallenden Kuß auf die Lippen preßt. „Er iſt plötzlich vom Delirium befallen“, dachte Anna. Trotz ihrer Verachtung für ihn wurde ſie vom Mitleid ergriffen, aber die Angſt trieb ſie fort von ihm, eilig floh ſie den Fußpfad entlang, der nach ihrem Hauſe führte, ohne daß ſie hieran gehindert wurde. „Sie iſt ein Engel! O wie ruht es ſich ſo gut in ihren Armen!“ fuhr Herzer fort, als Anna ſchon weit von ihm entfernt war.„Und dieſer Schwachkopf denkt, er ſei allein der Glückliche. Mag er ſie zur Frau neh⸗ men, ihre Liebe werde ich nach wie vor beſitzen.“ Damit wandte auch er ſich zurück in ſeine Wohnung. 149 Wohl hörte die Jungfrau, wie er durch das Haus und die Treppe hinaufſchritt, ſie wußte, daß der Graf ihrer in der Nähe der Laube harrte, aber ſie war un⸗ fähig, ſich an dieſem Abend nochmals hinauszuwagen. Die eben überſtandene Scene hatte ſie derart mit Grauen erfüllt, daß ſie nicht vermochte, auch nur einen ver⸗ nünftigen Gedanken zu faſſen; der eine Vorſatz ſtand in ihrem Herzen feſt, nie wieder ohne Begleitung im Dunkeln das Haus zu verlaſſen. Die zehnte Stunde war nicht mehr fern, als ein heftiges Gekläff auf dem Hofe die Liewe'ſche Familie darauf aufmerkſam machte, daß der ihr von dem Grafen Sacco geſchenkte Hund draußen geblieben ſei und Einlaß begehre. Anna ſchrak zuſammen, ſie wollte hinauseilen, aber der Vater kam ihr zuvor. Gleich darauf kehrte er zurück, das niedliche Thierchen folgte ihm und ſprang winſelnd auf Anna zu. Dieſe hob ihn auf ihren Schooß, ſchmerzlich bewegt ſtreichelte ſie ihn, als wolle ſie an ihm gut machen, was ſie heute gegen Sacco verſäumt hatte. Da, indem ſie mit ihren Händen ſein Köpfchen erfaßte, bemerkte ſie ein zuſammengefaltetes Papier, welches mit vieler Vorſicht an dem ſilbernen Halsband des Hundes befeſtigt war. Schnell daſſelbe von dem 150 Halsband löſend, erhob ſie ſich und ſuchte ihr Zim⸗ mer auf. Wenige Minuten ſpäter hielt ſie ein Blatt, welches allem Anſchein nach aus einem Notizbuch geriſſen war, gegen das hellbrennende Licht; nur wenige, kaum leſer⸗ liche Sätze, die mit Bleiſtift und jedenfalls im Dun⸗ keln geſchrieben waren, enthielt daſſelbe. Sowie Anna ſie entziffert hatte, ſank ſie auf den nächſten Seſſel nieder und brach in ein krampfhaftes Schluchzen aus, ſie fühlte ihr Herz bis zum Tode verwundet. Die Worte lauteten:„Ich habe gehört, wie der ehrloſeſte Mädchenverführer Sie ſein liebes Mädchen und ſein ſüßes Leben nannte; ſeine Küſſe, die er auf Ihre Lippen drückte, trafen mich wie Dolchſtiche! Frohlocken Sie, denn Ihr ſchönes Werk iſt gelungen, Sie haben das Daſein eines Mannes vernichtet, der da glaubte, in Ihnen das edelſte Frauenherz zu finden. Mögen Sie auf der betretenen Bahn glücklich ſein und mag nie Ihr eigenes Gewiſſen Ihnen ſagen, was Sie fre⸗ velnd an dem begangen, der in Ihnen ſein höchſtes Gut verehrte. Julius Graf Sacco.“ „O mein Gott“, hauchte ſie vor ſich hin,„wie elend bin ich!“ Eine namenloſe Angſt ergriff ſie, die Furcht, Sacco könne in ſeiner Verzweiflung ſich das Leben 151 nehmen, tauchte in ihrem Buſen auf; ſie wäre am liebſten ohne Aufenthalt zu ihm geeilt und hätte ihm mitgetheilt, welches Schurkenſtreichs ſich der Baron gegen ihn und ſie ſchuldig gemacht habe. Aber das durfte ſie ja nicht, wie konnte ſie wagen, den Grafen aufzuſuchen? Und mußte ſie nicht ſogar Anſtand neh⸗ men, ihn überhaupt in Betreff Herzer's aufzuklären? Wenn er ſein Benehmen erfuhr, dann war bei ſeinem leicht erregten Zorn ein Duell unvermeidlich, und da⸗ durch wurde er ja unglücklich, ob er als Sieger oder Beſiegter aus dem Kampf auf Leben und Tod hervor⸗ ging. Das junge, mit den Intriguen der Welt ſo wenig vertraute Mädchen fühlte ſich namenlos unglück⸗ lich, die Liebe hatte ihr noch nichts als Kummer und Schmerzen gebracht! Nach langem Sinnen kehrte ſie zu den Aeltern zurück und klagte dieſen unter Thränen, wie ſich der Baron gegen ſie vergangen habe. Freilich riskirte ſie dabei ihre Zuſammenkünfte mit Sacco verrathen zu ſehen, aber ſie hoffte auch, daß der Lieutenant nicht wagen werde, den Grafen zu reizen und eine Anklage gegen ſie vorzubringen, die er ſchwerlich beweiſen und die leicht als elende Verleumdung ausgelegt werden konnte. Schlimmſten Falls war ſie willens, der Mutter ihr Ver⸗ gehen reuig zu geſtehen und um Nachſicht zu bitten. Frau Liewe wurde durch die Erzählung der Tochter derart empört, daß ſie am liebſten ſogleich zu dem Baron hinaufgegangen wäre und ihn aus ihrem Hauſe gejagt hätte. Doch Liewe ermahnte zur Ruhe und verſprach, diesmal ſelber die Angelegenheit zu regeln, indem er den Lieutenant zum ſofortigen Räumen der Wohnung veranlaſſen werde.„Will er dies nicht, ſo werde ich ihm mit einer Anklage vor dem geſammten Offiziercorps wegen unwürdiger Handlungen drohen, das wird ihn ſchon in Furcht jagen“, erklärte der alte Mann. Am folgenden Morgen war die Energie des Gärt⸗ ners zwar ſchon bedeutend abgekühlt, doch mußte er ſich zu dem ſchweren Gange entſchließen; ſeine Frau mahnte ſo nachdrücklich an die Erfüllung ſeines Verſprechens, daß er wohl oder übel ſich ihrem Willen fügen mußte. Merkwürdigerweiſe zeigte ſich Herzer ſehr fügſam und ließ nur wenige zweideutige Worte in Betreff Anna's fallen, auf die Liewe kein Gewicht legte. Ein ruhiges Nachdenken während der verfloſſenen Nacht hatte ihm geſagt, daß er ſich Blößen gegeben habe, die, wenn ſie an das Tageslicht kamen, ihm unabſehbare Unannehmlichkeiten bereiten konnten. Anna gewährte es wenigſtens einigen Troſt, daß ſie nun jeder fernern Furcht vor dem Baron überhoben 153 war, und Sacco mußte ja durch ſeinen plötzlichen Woh⸗ nungswechſel alsbald zu der Einſicht gelangen, daß er ſich durch die Schliche eines rückſichtsloſen Intriganten zu der Annahme habe verleiten laſſen, ſie ſei fähig, ihn zu betrügen. Sechstes Kapitel. Der Wachtmeiſter Reimann hatte den Baron von Herzer mit dem feſten Vorſatz verlaſſen, ſeinen Willen zu erfüllen und den Unteroffizier Grafen Sacco zur Wache zu beordern. Wie dies zu bewerkſtelligen ſei, ohne daß er ſich einer Pflichtverletzung verdächtig machte, wußte er freilich noch nicht; doch er hoffte, der Zufall und ſein Anſehen als Vorgeſetzter der Unteroffiziere würden ihm zu Hülfe kommen. Er irrte ſich⸗ Ehe er die Stadt erreichte, begegnete ihm der Graf zu Pferde, der eben im Begriff ſtand, einen Offizier ſeiner Schwadron abzuholen und in deſſen Geſellſchaft einen Spazierritt zu unternehmen. „Herr Wachtmeiſter“ rief er ihm entgegen⸗„ich ver⸗ laſſe die Stadt auf einige Stunden und hitte Sie, 155 mich, falls etwas Beſonderes meine Anweſenheit er⸗ fordert, zu entſchuldigen.“ Reimann kam in die größte Verlegenheit; unmöglich konnte er den Grafen zurückhalten, indem er ihn jetzt ſchon zur Wache beorderte, denn es war ja noch nicht einmal ein Grund gefunden zur Ablöſung des wacht⸗ habenden Unteroffiziers; andererſeits wollte er den Baron von Herzer nicht gern erzürnen. Er kämpfte ſichtlich mit einem ſchnellen Entſchluß. „Sie antworten mir nicht, meiner Entfernung aus dem Garniſonsorte ſteht doch nichts entgegen? Uebrigens reite ich auch in der Geſellſchaft des Freiherrn von Hohenſtein“ fuhr Sacco fort, dem die Befangenheit des Wachtmeiſters nicht entging. Die letzten Worte des Grafen machten großen Ein⸗ druck auf Reimann, ſeine Bedenken mehrten ſich. Er erwog, daß Sacco bei allen Vorgeſetzten viel galt und eine Beſchwerde deſſelben über ihn recht nachtheilige Folgen für ihn haben konnte; auch ſagte er ſich, daß durch den reichen Freiwilligen bedeutende Spenden in ſeine Taſche gefloſſen waren. Der Lieutenant Baron von Herzer vermochte ihm im Weſentlichen weder zu ſchaden noch zu nützen, er mußte in ſeinem eigenen Intereſſe über die beregte Angelegenheit ſchweigen und konnte froh ſein, wenn er ihn nicht verrieth. Ein 156 ſchneller Gedanke tauchte in ihm auf: er kannte den jungen Grafen als einen ebenſo gutherzigen wie edlen Menſchen, vielleicht war er ſogar großmüthig genug, ihn aus aller Verlegenheit zu reißen. „Herr Graf“ begann er nach kurzem Beſinnen,„ich könnte Ihnen eine Mittheilung machen, deren Kenntniß Ihnen wahrſcheinlich vom größten Werth ſein würde; doch ehe ein Wort über meine Lippen geht, müßte ich Ihres Schweigens vollſtändig verſichert ſein.“ Sacco lachte ſorglos, dann entgegnete er:„Ich denke, Sie halten mich nicht für eine Plauder⸗ taſche!“ „Das gewiß nicht! Aber das Geheimniß iſt ſo ſonderbarer Natur und betrifft Sie in einer Weiſe, daß Sie vielleicht ſich genöthigt fühlen, Schritte zu thun, die mich arg berührten.“ „Sie wollen ſich alſo ſelber vor mir anklagen?“ „Nein, ich wüßte nicht, was mich dazu treiben könnte. Indeſſen ich muß Jemand verrathen, der mir Schaden zufügen würde, wenn er erführe, daß ich ge⸗ plaudert; und doch möchte ich Sie gern i Sie haben einen Feind!“ „So reden Sie und ich gebe Ihnen mein Ehren⸗ wort, daß ich Ihre Mittheilung als Geheimniß be⸗ wahren will! Natürlich verlange ich nicht, daß Sie 157 meinetwegen auch nur im geringſten Ihr Gewiſſen be⸗ laſten ſollen.“ „Ich würde es thun, wenn ich ſchwiege!“ Der Wochtmeiſter begann ſeine ganze Unterredung mit dem Baron wiederzugeben und erwähnte auch des Geld⸗ geſchenks. „Schmachvoll!“ rief der Graf, nachdem er aufmerk⸗ ſam zugehört.„Sie haben mein Wort, deshalb werde ich ſchweigen, obgleich der Lieutenant verdiente an den Pranger geſtellt zu werden. Von der Wette iſt keine Rede, er beabſichtigt irgend einen hinterliſtigen Streich gegen mich.“ „Ich bin von Ihrer Ehrenhaftigkeit überzeugt!“ erklärte der Wachtmeiſter. „Wollen Sie meinen Rath befolgen, ſo laſſen Sie die ganze Angelegenheit ruhen“ fuhr der Graf fort. „Natürlich, ich kann ja auch nicht mehr handeln, nachdem ich mich Ihnen entdeckt habe.“ „Ich werde Ihr Wohlwollen für mich zu belohnen verſtehen. Für jetzt adieu, ich habe keine Zeit mehr übrig.“ Reimann begab ſich in dem Bewußtſein, rechtſchaffen gehandelt zu haben, nach Hauſe, während Sacco den Freiherrn von Hohenſtein abholte. Die Eröffnungen des Wachtmeiſters hatten ihn im 158 höchſten Grad erregt, er war empört über den erbärm⸗ lichen Charakter Herzer's und zürnte ſich ſelber, daß er ſo lange ihm Freundſchaft bezeigt hatte. Aber noch war er nicht völlig im Klaren darüber, was der Offi⸗ zier dadurch hatte bezwecken wollen, daß er für den Abend ſein Feſthalten auf der Wache angebahnt. Es fiel ihm ein, welche Mühe ſich der Baron gegeben, ihn in ſeine Geſellſchaft zu ziehen, und wie er plötzlich davon abgeſtanden war, als er erklärt, daß er für die Zeit von acht bis zehn Uhr verſprochen ſei. Er faßte Miß⸗ trauen, Herzer könne ihn von der Geliebten fern halten wollen; es war ihm ja längſt klar geworden, daß er ſich ebenfalls lebhaft für Fräulein Liewe intereſſire, wenn es auch zuweilen ſchien, als lege er keinerlei Werth auf ſie. Aber wie konnte er erfahren haben, daß er ein Zuſammentreffen mit Anna in ihrem Garten bewerkſtelligen wollte? Dieſe Gedanken nahmen den jungen Mann ſo ganz in Anſpruch, daß er dem Lieu⸗ tenant an ſeiner Seite faſt gar keine Aufmerkſamkeit widmete. Dieſer überließ ihn längere Zeit ungeſtört ſeinem Hinbrüten; aber endlich mußte er ſich wohl langweilen, halb ärgerlich rief er:„Nein, Graf, mit Ihnen iſt es heute nicht zum Aushalten, es iſt ja kein Wort aus Ihnen herauszubringen!“ Sehr gern hätte Sacco dem Freunde mitgetheilt, was ihn beſchäftigte, aber er hatte dem Wachtmeiſter ſein Wort gegeben, zu ſchweigen, und das mußte er halten. Uebrigens dünkte es ihm auch vortheilhafter, wenn er gegen Niemand über ſein Mißtrauen ſprach, vielleicht konnte er dem Baron ſo am beſten beikommen. Sich gewaltſam aufrüttelnd, entſchuldigte er ſein Schwei⸗ gen mit einer unangenehmen Familienangelegenheit, die ſeinen Geiſt beſchäftigt habe, und that ſich nun den größten Zwang an, ſeinen Seelenzuſtand zu verbergen. Erſt ſpät am Nachmittage kehrte er zurück und gab ſeinem Burſchen die Weiſung, daß er für Niemand zu Hauſe ſei. Fürſorglich ſchloß er ſich ein, um ja un⸗ beläſtigt zu bleiben, und verfolgte nun die Gedanken weiter, die ſich ihm infolge der Herzerſſchen Intrigue aufgedrungen. Noch fehlte eine Viertelſtunde an der Zeit, in wel⸗ cher er hoffen durfte, von Anna erwartet zu werden, als er ſich langſam nach der Neuſtadt auf den Weg machte. Wieder hatte er ſich in einen Civilanzug gekleidet. Ohne Aufenthalt langte er an der Stelle an, wo er ſchon einmal in den Liewe ſchen Garten gedrungen war. Doch diesmal ſollte er nicht ſogleich die Paſſage frei finden. Vor ihm ſchlenderte ein liebendes Paar dahin, das bald ſtehen blieb, als wolle es ſein Vorüber⸗ 160 gehen abwarten, bald wieder wenige Schritte vor⸗ wärts that. Wohl eine Viertelſtunde verging und noch immer getraute ſich der Graf nicht, unbeachtet über die Mauer zu kommen. Da endlich verſchwanden die Liebenden. Im näm⸗ lichen Augenblick glaubte der Freiwillige durch die Stille des Abends einen halbunterdrückten Angſtſchrei von dem Garten her zu vernehmen. In der nächſten Minute ſtand er jenſeits der Mauer und lauſchte, ob ſich irgend ein Geräuſch vernehmen laſſe. Ringsumher herrſchte friedliche Stille. Vorſichtig, wie ein Dieb, ſchlich er weiter, keiner ſeiner Tritte wurde vernehmbar, dabei hielt er ſich ohne Unterbrechung im Schatten der Bäume. Jetzt hatte er die Laube ziemlich erreicht, er ſtand eben hinter dichtem Geſträuch, welches durch ſeine Be⸗ rührung verrätheriſch rauſchte, als er die Worte:„So geh denn, mein liebes Mädchen!“ ganz deutlich ver⸗ nahm. Ihm blieb kein Zweifel, der Lieutenant Herzer hatte geſprochen. Wie angebannt machte er Halt, das Herz drohte ihm zu zerſpringen, ein furchtbarer Verdacht bemeiſterte ſich ſeiner, der ihn zu tödten drohte. 161 Einige Sekunden vergingen, während deren Alles ruhig blieb; doch die aufgeregte Phantaſie Sacco's ließ ihn ein leiſes Flüſtern hören. Und nun ſprach der Baron ganz deutlich:„Gute Nacht, mein ſüßes Annchen! Schlaͤfe ſanft! Morgen früh ſehe ich Dich wieder, dann ſchenkſt Du mir einen ſchönen Kuß, ſo wie jetzt“ Darauf erſchallte ein langer lauter Kuß und eine Frauengeſtalt entfloh. Der Graf fürchtete einen Augenblick, der Wahnſinn werde ihn befallen; doch er blieb bei Verſtand. Er hätte vorwärts ſtürzen und den Baron ermorden mögen, aber hatte er dazu ein Recht? Dieſer war der be⸗ vorzugte Liebhaber, er hatte ſich zum Narren erniedrigen laſſen. Schrecklicher Gedanke! Und nun begann der Lieutenant zu triumphiren, ihn zu verhöhnen. Auch das ließ Sacco über ſich er⸗ gehen; der kalte berechnende Verſtand war ihm ge⸗ kommen, er ermaß, daß in dieſem Moment jedes Han⸗ deln ihn nur noch mehr herabwürdige, daß es klüger ſei, ſeine Anweſenheit geheim zu halten. Baron Herzer folgte ſeiner Geliebten in das Haus. Damit machten ſich die Rechte des Herzens wieder in dem Freiwilligen geltend. Das Hündchen war bei ihm zurückgeblieben, ſeine Steffens, Standesvorurtheile. II. 11 162 Herrin hatte es, ganz von ihrer Leidenſchaft in An⸗ ſpruch genommen, vergeſſen. Er nahm es auf den Arm und liebkoſte es; aber während er ſich mit dem Thier beſchäftigte, rann Thräne auf Thräne aus ſeinem Auge, der junge, ſonſt ſo ſtarke Mann beweinte ſeine erſte Liebe. W Wer kann ihm deshalb einen Vorwurf machen? Sein Herz war ja zertreten, und wenn dieſes blutet, ſoll dann das Auge nicht weinen? Wohl eine Stunde entſchwand. Sacco hatte auf der Bank in der Laube einen Platz gefunden und ſaß hier unbeweglich, ganz ſeinem Schmerz hingegeben. Er hatte Anna wie einem Engel vertraut, und ſie, dieſes anſchei⸗ nend ſo reine, ſchuldloſe Weſen, war nach ſeiner Mei⸗ nung nur bemüht geweſen, ihn auf die ſchändlichſte und grauenhafteſte Weiſe zu betrügen. Sein Glaube an die Menſchheit war mit dieſer Einſicht erſchüttert, er fühlte ſich von der Welt verlaſſen und hülflos wie ein Kind. Dazwiſchen drängte ſich wohl der Durſt nach Rache; er hätte den Baron zu Boden ſchlagen mögen, aber war er nicht der Minderſchuldige?d Es war ihm jetzt klar, wie Herzer Kenntniß von dem beabſichtigten Rendez⸗ vous erhalten, Anna hatte ihn ſelber darauf aufmerk⸗ ſam gemacht, es blieb kein Zweifel, ſie war eine Ver⸗ rätherin der heiligſten Gefühle. 163 Und doch liebte er ſie noch! Wäre ſie jetzt ge⸗ kommen und hätte gelobt, ihm ewig treu zu ſein, er würde vielleicht das Geſchehene zu vergeſſen geſucht und ihr verziehen haben. Unfähig zu handeln, wie es ſich bei ſeiner Annahme geziemte, riß er endlich ein Blatt aus ſeinem Notizbuch und ſchrieb, ſo gut es gehen wollte, die uns bekannten Worte auf, um dadurch dem Fräulein Liewe vorzu⸗ führen, wie ſehr ſie ſeine Verachtung verdiene. Nach⸗ dem er den Zettel an das Halsband des Hundes be⸗ feſtigt, brachte er dieſen an die Gartenpforte, die zum Hofe führte, befahl ihm hier zu bleiben und entfernte ſich, wie er gekommen. Dem böſen Abend folgte eine ſchreckliche Nacht. Der junge Graf war bisher mit allen erbärmlichen Ränken und Gemeinheiten der Welt unbekannt ge⸗ blieben, ſeine bevorzugte Stellung hatte ihn vor jeg⸗ licher Berührung mit dem Ausſchuß der Menſchheit bewahrt; mit dem innigſten Vertrauen und der rück⸗ haltloſeſten Hingebung war er ſeiner Herzensneigung gefolgt, und dieſer Engel, den er als ſein Theuerſtes auf dem ganzen Erdenrund verehrt, ſollte ſein Teufel werden? Dieſe Einſicht war zu niederſchmetternd für ihn, die Herabſtürzung aus all ſeinen Himmeln in die nackte Wirklichkeit des gewöhnlichen Alltagslebens Ri —— ——— —— 164 berührte ihn zu hart, als daß er noch einer Hoffnung auf beſſere Stunden hätte Raum geben mögen. Wie vernichtet ſank er, in ſeiner Wohnung angekommen, aufs Sopha und verbrachte hier die nächſten Stunden im düſtern, kummervollen Hinbrüten, ohne an Ruhe und Schlaf zu denken. Erſt am nächſten Morgen, als ſein Burſche kam, um ihn zu wecken und zum Dienſt anzukleiden, erwachte er aus ſeinem ſchmerzlichen Zuſtande. Theilnahmlos ſah er zu, wie Friedrich ſeine Uniformſtücke zurechtlegte; aber als er nun der Mahnung des treuen Dieners folgen und ſich möglichſt ſchnell zum Aufbruch rüſten wollte, da fühlte er, daß er unfähig ſei, mehrſtündigen militäriſchen Uebungen beizuwohnen. Sein Kopf war ihm ſo ſchwer, als habe er ſchon während vieler Nächte nicht mehr geſchlafen, ein ſtarker Froſt ſchüttelte ſeine Glieder und eine vollſtändige Mattigkeit hemmte ſelbſt ſeine Bewegungen; er hatte ſich ſeit länger als acht Stunden kaum auf dem Sitze gerührt, den er am Abend eingenommen, die Nacht war kühl geweſen und die Schmerzen der Seele hatten ebenfalls das Ihre gethan, ſeiner Geſundheit zu ſchaden. „Es geht nicht, Friedrich, ich würde doch bald zurück⸗ müſſen, wenn ich mit nach dem Exercirplatze wollte. Geh, hole mir den Arzt, er ſoll mich krank melden; 165 morgen iſt es vielleicht wieder beſſer mit mir⸗, ſagte er mit matter Stimme. Mit der größten Eile lief Friedrich zum Arzt. Dieſer ſäumte nicht, den Wunſch des reichen Grafen zu er⸗ füllen, er zeigte die Krankheit Sacco's an und empfahl dieſem, ſich gänzlich der Ruhe hinzugeben und vor 11 allem das Bett zu hüten. Der Patient war willenlos; er duldete, daß man ihn ſanft bettete, trank den ihm verordneten Thee und zeigte ſich überhaupt wie ein Menſch, dem Alles gleich⸗ gültig iſt, was mit ihm geſchieht, der ſelbſt das Leben ohne jedes Bedauern von ſich zu werfen vermag. Die Untreue Anna's und ihr Verluſt hatten ihm jedes Intereſſe am Daſein geraubt, er wünſchte und hoffte nichts mehr, ſein Herz war gebrochen! Und wer weiß 6 es nicht, daß in einem ſolchen Zuſtande das Leben nichts werth iſt? Wohl vermag zuweilen die Zeit eine 11 Linderung des Wehs zu bringen und heilenden Balſam auf die weitaufgeriſſene Wunde zu gießen, doch nur bei der zarteſten Behandlung wird ſie ſich langſam ſchließen, und die Narbe bleibt, bei jeder rauhen Berührung zeigt ſie aufs neue einen nur betäubten Schmerz. Im Laufe des Tages ließen ſich mehrere Freunde des jungen Grafen zum Beſuch anmelden; keinen nahm 166 er an, das Gebot des Arztes diente ihm als Vorwand der Abweiſung. Ihm war ja jedes Menſchengeſicht eine läſtige Erſcheinung, nachdem das ſchönſte, welches er je geſehen, ſich ihm als Aushängeſchild eines tief verkommenen Innern gezeigt hatte. Gegen Abend traf ſein Vater mit dem Oheim in S. ein und bald darauf ſuchten ſie den Sohn und Neffen auf. Die alten Herren erſchraken nicht wenig, als ſie erfuhren, daß der letztere bedenklich erkrankt und von dem Arzt jede Störung durch Beſuche als ſchädlich für ihn bezeichnet ſei. Ihnen gegenüber, als nächſten Ver⸗ wandten, konnte indeſſen ein ſolcher Ausſpruch unmöglich Geltung finden, und ſo ließen ſie ſich denn in das Schlafgemach des Leidenden führen. Der Freiwillige war inzwiſchen durch die Ruhe eines längern Schlafs körperlich wieder merklich ge⸗ kräftigt, das Fieber hatte ihn verlaſſen, ſodaß ihm nur die Schmerzen der Seele geblieben waren. Aber dieſe drückten ihn auch völlig darnieder. Sein Vater vergaß, was ihn eigentlich nach dem Garniſonsorte des Sohnes geführt hatte, als er dieſen erblickte. Die Geſichtszüge des letztern drückten das Weh vollſtändig aus, welches ſein Herz ergriffen, er war während weniger Stunden in einer Weiſe ver⸗ 167 ändert, daß es ſchien, als habe er lange Jahre unend⸗ lich gelitten. Julius ſchien erfreut, als er den Vater erblickte; aufs herzlichſte erwiderte er deſſen innige Begrüßung und auch gegen den Oheim benahm er ſich mit ver⸗ wandtſchaftlicher Wärme. „Seid ganz ruhig über meine Krankheit“, ſprach er, indem ein eigenthümliches Lächeln ſeine Lippen um⸗ ſpielte.„Sie war nichts weiter als ein geringes Schnupfenfieber infolge von Erkältung und gänzlicher Erſchlaffung des Körpers. Ihr ſeht, ich bin ſchon wie⸗ der ziemlich wohl, und glaubt mir, hätte ein gewöhn⸗ licher Soldat den kleinen Anfall gehabt, Niemand wäre es eingefallen, ſich darum zu kümmern. Doch mein Arzt weiß, daß ich ſeine Gänge gut belohne, deshalb muß ich bei jeder Unpäßlichkeit für einen Todescandi⸗ taten gelten!“ „Aber Du ſiehſt entſetzlich bleich aus, Dein Auge blickt trübe und theilnahmlos um ſich und auch die Sprache iſt nicht ſo markig wie ſonſt!“ erwiderte der Vater, wenig beruhigt. „Das iſt die Folge eines ſchweren Verraths, den ich erlitten habe und der mich ſolange ich lebe, kränken wird. Ich habe das Vertrauen zur ganzen Menſchheit eingebüßt!“ entgegnete der Freiwillige in düſterem Ton. 168 „Ha, Du biſt betrogen, Deine Ehre hat darunter gelitten?“ rief der Oheim voll lebhaften Intereſſes. „Meine Ehre iſt rein und wird durch mich nie be⸗ fleckt werden, ich könnte ſonſt nicht mehr leben! Aber betrogen bin ich allerdings und gerade durch diejenigen, denen ich ganz vertraute.“ „Sprich deutlich, mein Sohn, Du weißt, bei mir findeſt Du Verſtändniß für jeden Kummer“, bat der Vater voll Theilnahme. „Nein, dringe nicht in mich, laſſe mich die Ange⸗ legenheit als Geheimniß bewahren, denn ganz könnte ich ſie Dir doch nicht offenbaren, mich zwingt mein Wort zum Schweigen.“ „Julius, Du liebſt und biſt getäuſcht, eine Unwür⸗ dige hat Dich hintergangen!“ rief der Oheim im Ton des Beileids, aber in der Abſicht, den Neffen auszu⸗ forſchen. Eine leiſe Röthe überzog das Antlitz des Soldaten, er antwortete nicht. „Sieh, ich weiß noch mehr“, fuhr der Onkel fort; „Anna Liewe und der Lieutenant Herzer, das ſind die⸗ jenigen, die Dir das Leben verbittern. Du vertrauteſt zu ſehr, das war Dein Fehler. Ein Mädchen aus den niedern Klaſſen treibt mit ihrer Neigung Handel, wenn ſie ſich einem Grafen zuwendet.“ 169 Julius wollte aufbrauſen, er liebte ja noch immer und konnte es nicht dulden, daß der Gegenſtand ſeiner aufrichtigſten Neigung beleidigt wurde. Aber er beſann ſich. Was durfte er entgegnen? So ſchwer es ihm auch wurde, mußte er ſich doch ſelber ſagen, daß der Oheim nur zu ſehr Recht habe. Dieſer nahm ſeinen Vortheil wahr und fuhr fort: „Du weißt, lieber Julius, wie ſehr ich Dich ſtets ge⸗ liebt habe, ja wie ich ſogar immer ſchwach genug war, Deine Unarten als Knabe zu beſtärken, nur um Dir nicht wehe zu thun. Ich wußte um Deine Liebe zu der Gärtnerstochter und ſuchte Dir dieſe zu verleiden, denn ich ſah voraus, daß ſie Dir nur Leid bringen könne. So ein Mädchen muß, wenn ſie ehrlich ſein will, ſich doch ſagen, daß ſie nicht zur Gräfin paßt. Läßt ſie ſich aber mit einem hochgeſtellten Manne auf eine Liebſchaft ein, ſo iſt ſie leichtfertig und auch in dieſer Liebe nicht treu. Ich ſehe, Du haſt erfahren, was ich längſt kommen ſah. Denke doch nur, Lieu⸗ tenant Herzer wohnt bei ihr im Hauſe, er iſt gewiß ein hübſcher Mann, der es verſteht, die Mädchen zu be⸗ thören, wie konnteſt Du nur glauben, gegen ihn bevor⸗ zugt zu werden? Nein, nein, ſie wollte Dich und ihn zum Anbeter haben! Du haſt gewiß verſäumt, ihr werthvolle Geſchenke zu machen, deshalb zog ſie den, 170 Baron vor. Wer weiß übrigens, von wie vielen Herren ſie ſich noch die Cour machen läßt!“ „O laſſe mich, Du machſt mich raſend!“ bat Julius mit zitternder Stimme. „Glaubſt Du etwa, daß ich Dir Schmerzen bereiten will durch meine Vorhaltungen? Was ich Dir ſage, ſind nur Schlüſſe, die ich aus Deinem Aeußern und Deinen frühern Anführungen ziehe. Aber ich will jetzt Deine Meinung erfahren, ich will wiſſen, ob Du mir endlich beiſtimmſt, daß es unrecht iſt, ſich an ein un⸗ dankbares, niedriges Geſchöpf zu binden. Es weiß nun und nimmermehr die Gnade zu würdigen, die ihm widerfährt!“ „So verſchone mich doch mit dergleichen Vor⸗ haltungen, ich kann ſie wahrhaftig nicht ertragen!“ ver⸗ ſetzte Julius. „Alſo Du liebſt ein bürgerliches Mädchen, mein Sohn, das ſich, wie ich höre, Deiner unwürdig gezeigt hat?“ fiel nun der Vater im Ton der Sorge und Be⸗ trübniß ein. „Ich habe geliebt, mein Vater, es iſt Alles aus!“ erwiderte Julius traurig. Du gibſt mir alſo das Verſprechen, daß Du Dich faſſen und Dich nicht weiter um die Dame bemühen willſt, die bisher Dein Herz beſeſſen hat?“ 171 „Um ſie bemühen? Ich will ſie verachten, ſonſt wäre ich der Verachtung werth!“ „Armer Sohn, gewiß haſt Du viel gelitten. Doch ich danke Gott, daß es ſo gekommen iſt und Du Dich zu faſſen vermagſt. Verwinde in Ruhe Deinen Schmerz, und wenn Du wieder froh und unbefangen in das Leben ſchauen kannſt, werde ich Dir eine Lebensge⸗ fährtin in Vorſchlag bringen, die Deiner in jeder Be⸗ ziehung würdig iſt.“ „Nie, das betheuere ich Dir, wird die Liebe wieder einen Einfluß auf mich ausüben; mein Vertrauen zu den Frauen iſt geſchwunden, deshalb werde ich ſie alle ewig fliehen.“ „Sie ſind nicht ſämmtlich ſchlecht!“ „Können die vollkommenſten und herrlichſten Ge⸗ ſchöpfe unter ihnen wie Teufel handeln, dann mag ich die minder bevorzugten gar nicht kennen lernen.“ „Wir wollen darüber nicht rechten; der Menſch iſt ebenſo veränderlich in ſeinen Anſichten wie das April⸗ wetter. Laſſe erſt ein Jahr verſtreichen, dann ſprechen wir vielleicht wieder einmal über den beregten Gegen⸗ ſtand.“ Die beiden alten Herren hielten ſich beinahe bis Mitternacht in der Wohnung des Sohnes und Neffen auf; Julius verließ ſein Lager und zeigte dadurch, daß 172 ſein körperliches Leiden nichts zu bedeuten habe. Mit einer gewiſſen Freudigkeit ſprach er von dem heran⸗ nahenden Ende ſeiner activen Militärdienſtzeit und dem Vorſatz, ſich dann ſofort mit aller Macht den Wiſſen⸗ ſchaften wieder in die Arme zu werfen und durch unaus⸗ geſetzte Thätigkeit ſowohl ſeinem ſtrebſamen Geiſt Ge⸗ nüge zu ſchaffen, wie die Lücke in ſeinem Herzen aus⸗ zufüllen. „Du ſiehſt, mein Sohn findet ſich ohne jede Hülfe wieder zurecht; er war verirrt, aber um ſo eifriger wird er nun dem rechten Pfade nachſpüren!“ ſprach der Vater des Freiwilligen zu ſeinem Bruder, als ſie endlich ihr Hotel aufſuchten. „Meinſt Du?“ erwiderte der letztere mit einem feinen Lächeln. „Ja, ganz gewiß, ich bin davon überzeugt! Du etwa nicht?“ „Nein, durchaus nicht!“ „Willſt Du Dich nicht deutlicher erklären?“ „Mit Vergnügen! Doch Du wirſt nicht geneigt ſein, mir beizupflichten.“ „Thue mir den Gefallen und laſſe Deine Anſicht hören.“ „Nun wohl! Wie Du Dich überzeugt haſt, iſt Julius verliebt!“ 173 „Er war es.“ „Nein, er iſt es noch jetzt und faſt möchte ich ſagen, mehr denn je.“ „Unmöglich; er ſagte, er wäre der Verachtung werth, wenn er ſie, die er bisher geliebt, nicht verachtete.“ „Nun, was will eine ſolche Verſicherung bedeuten?“ „Wie, die Verſicherung eines Grafen Sacco?“ „Bruder, in der Leidenſchaft ſind auch Grafen nicht kapitelfeſt!“ „Aber ſie wiſſen ihr Wort zu halten!“ „Höre mich! Julius iſt, wie Du wahrgenommen haſt, von Groll gegen ſeine Geliebte erfüllt, er hat vielleicht, ich ſage nur vielleicht, auch Grund, ſie zu verachten, obgleich ich dies nicht glaube, denn das Mädchen erſcheint mir nicht als eine leichtfertige Dirne. Genug, er iſt eiferſüchtig.“ „Erlaube, daß ich Dich hier unterbreche, er ver⸗ achtet ſie!“ „So? Warum ballte er denn die Hände krampf⸗ haft zuſammen und wollte mir entgegenſtürzen, als ich behauptete, ſeine Geliebte treibe mit ihrer Liebe Handel? Warum bat er, ihn mit jeglichen Vorhaltungen, die ſie betreffen, zu verſchonen? Haſt Du ſein Zittern nicht bemerkt, als ich nachtheilig von dem Mädchen ſprach? Nein, glaube mir, er iſt eiferſüchtig und rai⸗ 174 ſonnirt deshalb, aber will nicht leiden, daß ein Anderer ſie angreift.“ „Wenn er ſie noch liebte, verachtete er ſie nicht!“ „Ob er ſie verachtet? Du ſcheinſt weder Liebe noch Eiferſucht zu kennen. Laſſe ſie ihm heute ſchwö⸗ ren, daß er allein ihr ganzes Glück ausmacht, daß er ſich geirrt, oder daß ſie ſeine Liebe habe auf die Probe ſtellen wollen, wenn ſie ſich wirklich gegen ihn vergangen, und er ſchmachtet von neuem in ihren Banden.“ „Das wäre ja ſchrecklich!“ „Wir müſſen jeder Wiedervereinigung vorbeugen!“ „Aber wie können wir das?“ „Laſſe mich zunächſt mit dem Baron von Herzer ſprechen, damit ich erfahre, was zwiſchen den Liebenden vorgefallen iſt.“ „Wenn er ſelber dem Mädchen nachläuft, wird er ſchwerlich die reine Wahrheit reden, namentlich da nach den Andeutungen meines Sohnes ein Geheimniß mitſpielt.“ „Herzer iſt nicht der Gewiſſenhafteſte.“ „Eben deshalb gehe ich ihm aus dem Wege.“ Am folgenden Morgen erfuhr der Oheim des Frei⸗ willigen zwar, daß der Baron plötzlich ſeine Wohnung gewechſelt habe, ohne daß er einen ſtichhaltigen Grund 175 dafür anzugeben vermochte; aber über das Zerwürfniß zwiſchen Anna Liewe und dem jungen Grafen wollte er nicht das Mindeſte wiſſen. Dies ſchien dem zum Miß⸗ trauen nur zu ſehr geneigten Herrn höchſt bedenklich. Seine Zwecke ſind uns ja bekannt, und um dieſe zu erreichen, war es zunächſt erforderlich, daß er die Lie⸗ we'ſche Familie möglichſt in den Augen des Bruders verdächtigte. „Denke Dir“ rief er ihm zu,„Herzer hat Hals über Kopf ſein Quartier verlaſſen müſſen; er machte allerlei Ausflüchte, als ich ihn darum befragte. Ueber die An⸗ gelegenheit zwiſchen der Tochter ſeines ehemaligen Wirths und Deinem Sohn ſprach er kein Wort. Es iſt nicht anders, der Herr Lieutenant iſt zu weit gegangen und die klugen Aeltern des Mädchens haben ihm die Thür gewieſen, damit Julius nicht mehr Verdacht ſchöpft und ſich ebenfalls zurückzieht.“ „Ich begreife das Alles noch nicht!“ entgegnete der gutmüthige Vater. „Aber Du willſt doch Deinen Sohn vor jeder Ver⸗ einigung mit der Gärtnerstochter bewahren?“ „Ich glaube dies, wie die Sachen einmal ſtehen, vor meinem Gewiſſen verantworten zu können.“ „Das denke ich auch! Nimmermehr kannſt Du eine Tochter, deren Ruf gelitten hat, in Deinem Hauſe dulden.“ 176 „Machen wir der Geſchichte ein Ende!“ „So wollen wir die Frau Liewe aufſuchen und ihr jede Hoffnung benehmen, daß Julius je Deine Ein⸗ willigung zur Vermählung mit ihrer Tochter erhalten wird. Das überhebt uns jeder weitern Sorge; ſie wird nach dieſer Erklärung auf keinen Fall dulden, daß ſich das Pärchen wiederſieht.“ „Es iſt ein fataler Gang, ich tauge nicht zur Aus⸗ führung ſolcher Vorhaben.“ „Weißt Du ein anderes Mittel, Dich ſicher zu ſtellen?“ „Mein Sohn wird ſein Verſprechen halten!“ „Ich fürchte, Du könnteſt Dich leicht irren, und dann denke an die Zukunft. Augenblicklich läßt ſich mit leichter Mühe jede Gefahr abwenden.“ „So komm, ich folge Dir! Aber richten wir etwas Böſes an, ſo trägſt Du die Schuld; ich ſtimme nur Deinen Rathſchlägen bei, weil ich weiß, daß Du der⸗ gleichen Angelegenheiten zu regeln verſtehſt.“ Der jüngere Sacco lächelte ſelbſtbewußt; er hegte keine Bedenken, die Durchführung ſeiner eigenen Pläne galt ihm als Motiv zum Handeln; ob Andere darunter litten, das war ihm ſehr gleichgültig. Es war noch ziemlich früh am Vormittage, als ein Klopfen an die Stubenthür der Frau Liewe dieſe be⸗ nachrichtigte, daß Fremde Einlaß begehrten. 177 Sie befand ſich ganz allein zu Hauſe. Anna hatte über heftige Kopfſchmerzen geklagt, überhaupt ein höchſt krankhaftes Aeußeres zur Schau getragen und war des⸗ halb von der Mutter zu einem Spaziergange veranlaßt worden, der Gatte hingegen beſchäftigte ſich im Garten. Neugierig öffnete Frau Liewe die Thür, ſie ſtand vor den Grafen Sacco. Auf den erſten Blick erkannte ſie den einen der⸗ ſelben wieder. Schnell fuhr ſie ſich mit der Hand nach dem Kopfe und rückte die darauf befindliche Haube zurecht, welche durch eiliges Arbeiten in eine etwas ſchiefe Lage gekommen war, dann rief ſie in freund⸗ lichem Ton:„Der Herr Graf!“ „Jawohl, und mein Bruder, der Vater des Unter⸗ oſſiziers!“ entgegnete der Genannte. „Alſo wirklich der Vater des jungen Soldaten? Was ſich die hohen Herren doch bemühen! Nun, Sie treten wohl gütigſt näher“, rief die Gärtnerin vergnügt. „Wir kommen, verehrte Frau, um eine ernſte An⸗ gelegenheit mit Ihnen zu regeln!“ begann der Vater, während er die Schwelle der Thür überſchritt. Der Empfang deutete ihm an, daß die gute Frau ſeinem Erſcheinen unrichtige Gründe unterlegte, er wollte ſie aber nicht lange in ihrer Täuſchung laſſen. Steffens, Standesvorurtheile. II. 12 178 „Ich kann mir denken!“ entgegnete Frau Liewe ſich verneigend. „Es betrifft das Wohl unſerer Kinder!“ „Ich weiß, ich weiß!“ bekräftigte die Frau. „Sie haben meinem Sohn erklärt, daß Sie von ſeiner Schwärmerei für Ihre Tochter nichts wiſſen wollen, ihn ja wohl einmal auch von Ihrer Thür gejagt?“ „Ja, ſehen Sie, Herr Graf, ſolche junge Leute ſind oft unbeſonnen und— Sie verzeihen mir, aber ich halte meine Tochter für zu gut, als daß ich ſie unnütz möchte ins Gerede bringen laſſen.“ „Da denken Sie ſehr weiſe, Frau Liewe, ſehr recht⸗ ſchaffen und mütterlich; ich achte Sie hoch, und wie ich erfahren, ſoll Fräulein Anna ein wahrer Engel ſein; wer würde den nicht an Ihrer Stelle vor ſer Gefahr ſchützen!“ „Anna iſt ein gutes, braves Kind, möchte es ihr im Leben ſo recht wohl ergehen, denn ſie verdient es an ihren Aeltern und ich bete früh und ſpät für ſie. Erſt einmal, ſolange ich denken kann, hat ſie gegen meinen Willen gehandelt, indem ſie ſich von dem jungen Herrn Grafen begleiten ließ. Aber daran war er allein ſchuld; ſie wird mein Gebot nicht wieder übertreten.“ Dem alten Herrn wurde ſonderbar zu Muthe; un⸗ „ — 179 möglich konnte dieſe Frau, die ſo rechtſchaffen und ehrlich erſchien, eine leichtfertige Tochter erzogen haben und dieſe für das beſte Weſen halten. Sein Bruder riß ihn aus dieſen Betrachtungen. „Man ſagt, der Baron won Herzer habe ſich viel um das Fräulein bemüht“ führte er an. „Nur in den erſten Tagen, während er hier wohnte; da aber meine Tochter ihm zeigte, daß er ihr höchſt läſtig ſei und ich ihm eine Erklärung machte, die er nicht mißverſtehen konnte, ließ er ſie gänzlich in Ruhe bis zum vorgeſtrigen Abend, wo er ihr im Garten auflauerte und ſie zwingen wollte, ihm ihre Liebe zu geſtehen, überhaupt ſich ſo pöbelhaft benahm, daß wir uns genöthigt ſahen, ihn ſofort aus der Wohnung zu weiſen.“ „Und ging er denn gleich ſo gutwillig?“ „Nur unter dieſer Bedingung verſchonten wir ihn mit einer Anklage vor dem Regimentscommando.“ „Weiß mein Sohn um dieſe Angelegenheit?“ „Unmöglich; wir haben darüber nicht geſprochen und der Baron wird ſich hüten, ſeine Schande zu verkünden.“ „Aber er könnte den Sachverhalt verdrehen.“ „Jedermann kennt uns als rechtſchaffene Leute, eine Verleumdung würde auf ihn allein zurückfallen. Auch weiß er, daß, wenn er ein übles Wort über meine 12* 180 Tochter ſpräche, ich ihn auf offener Straße anſpuckte. Wer in meiner Nähe gelebt hat, kennt meine Art und Weiſe!“ Der alte Graf wurde immer nachdenklicher; es war ihm geradezu unbegreiflich, was den Sohn mit einem Male ſo ſehr gegen das Mädchen ſeiner Wahl einge⸗ nommen hatte, es ſchien ihm, daß hier irgend eine Intrigue mitſpiele. „Noch eine Frage, verehrte Frau! Kann die Unter⸗ haltung zwiſchen Ihrer Tochter und dem Baron, als dieſer ihr ſo arge Zumuthungen ſtellte, nicht von Andern gehört worden ſein?“ „Es wäre möglich, doch läßt ſich das nicht gut an⸗ nehmen. Der Garten iſt von einer hohen Mauer um⸗ geben und hat eine bedeutende Größe, das Zwiegeſpräch aber fand ziemlich inmitten deſſelben ſtatt. Doch wozu dieſe Frage?“ „Der Gegenſtand intereſſirt mich, ohne daß ich Gründe dafür weiß. Vielleicht wandelt mich eine geheime Furcht an, Ihre Tochter könnte verkannt werden.“ „Das werde ich nie fürchten! Uebrigens bedauere ich nur, daß Anna nicht zu Hauſe iſt, Sie müßten das Kind ſehen.“ „Ich habe ſchon ſo viel von ihr gehört, daß ich 181 ſowohl von ihrer Schönheit wie von ihren Tugenden überzeugt bin“ „Nun, dann ſind Sie auch gewiß meiner Meinung, daß ſich kein Graf ihrer zu ſchämen braucht! Da ich übrigens ſehe, daß Sie ſich ins Mittel legen, bin ich durchaus nicht abgeneigt, meine Tochter Ihrem Herrn Sohn anzuvertrauen.“ Der Oheim des Freiwilligen ſah den Bruder mit einem Blicke an, der da ſragte: Geht dieſe Unver⸗ ſchämtheit nicht weit? Kaum hatte ſich der ältere Sacco je in einer pein⸗ lichern Lage befunden. Natürlich war es, daß ſein Gefühl ſich ſträubte, eine Verbindung ſeines Sohnes gut zu heißen, die ſo ganz gegen alle Regeln verſtieß und ihn in den Augen jedes Adligen herabſetzte, er war keineswegs frei von Standesvorurtheilen; ſein Vaterherz hingegen ſagte ihm, daß er das einzige Kind nicht un⸗ glücklich machen dürfe. Aber Julius hatte ja ſelber einen Ausſpruch gethan, der ihn berechtigte, hier allen Ernſtes zu erklären, daß er ſich zurückzuziehen beab⸗ ſichtige. Und dann konnte ſich ihm nie eine günſtigere Gelegenheit bieten, dieſe bange Sorge von ſeinem Haupte abzuwälzen. Es wurde ihm indeſſen ſchwer, die ſo vertrauensvolle Frau aus ihren Illuſionen zu reißen. Sich ermannend ſprach er endlich:„Mein Sohn iſt ein ganz guter Menſch, aber etwas leichtſinnig und wankelmüthig, namentlich ſollte er noch nicht ans Hei⸗ rathen denken.“ „I du mein Gott, Herr Graf, wir ſind in jungen Jahren alle nicht gleich ſo verſtändig geweſen wie jetzt, und was das Heirathen anbetrifft, ſo ſagt ein altes Sprichwort: Jung gefreit hat Niemand gereut!“ fiel die Gärtnerin lebhaft ein. Dem Grafen wurde immer beklommener zu Muthe. Er hätte die Regelung der böſen Angelegenheit am liebſten ſeinem weit energiſchern Bruder überlaſſen, aber dieſer machte keine Miene, ihn zu unterſtützen, ſah ihn vielmehr nur von Zeit zu Zeit herausfordernd an. „Es thut mir von Herzen leid, daß der junge Menſch den Frieden Ihres Hauſes auch nur für einen Augen⸗ blick ſtören konnte!“ führte er entſchuldigend an. „D machen Sie ſich durchaus kein Gewiſſen, er iſt doch ein braver Mann und ein hübſcher Soldat! Wie ſchnell er Wort gehalten hat! Sagte gleich, er wolle die Seinen ſchon bewegen, ſeine Liebe zu billigen. Na, es wird ein hübſches Paar werden; meinen Sie nicht auch, Herr Graf?“ nahm die Gärtnerin von neuem das Wort. „Aber, verehrte Frau, wo denken Sie hin?“ „Wie ſprechen Sie? Habe ich mich etwa geirrt? Sind Sie nicht hier erſchienen, um mir zu ſagen, daß 183 Sie mit der Werbung Ihres Sohnes um meine Tochter einverſtanden ſind?“ „Hören Sie mich, bevor Sie weitere Folgerungen ziehen. Ich kam geſtern Abend hier an und traf meinen Sohn leidend; er war körperlich und geiſtig im höchſten Grad angegriffen und ſagte mir, daß er Ihre Tochter unendlich geliebt habe, ſie jetzt aber verachte!“ brachte Sacco mit der größten Anſtrengung hervor.„So viel ich mich auch bemühte, ich konnte keine Gründe für ſeine Erklärung aus ihm herausbringen und muß daher annehmen, daß irgend ein beſonderer Vorfall ihn gegen die junge Dame aufs tiefſte empört hat; deshalb auch meine Fragen nach der Scene zwiſchen dem Baron und dem Fräulein!“ Frau Liewe ſtand plötzlich hochaufgerichtet da, aus ihren Augen ſprühte ein wildes Feuer und ihre Lippen bebten.„Ha“, rief ſie mit weitſchallender Stimme, „alſo das iſt das Ende dieſer Betheuerungen! Der junge Herr hat ſich überzeugt, daß meiner Tochter nicht ſo beizukommen iſt wie einer gewöhnlichen Dirne, nun wird ſie wohl gar blamirt, als hätte ſie ſich ver⸗ gangen. O Schmach über dieſe ſogenannten großen Herren!“ „Aber, beſte Frau, beruhigen Sie ſich! Ich nehme den innigſten Antheil an Ihrem Geſchick und kann 184 Ihnen nur wiederholen, daß ein unglückliches Mißver⸗ ſtändniß, das ſich vielleicht löſen läßt, hier vorwalten muß.“ „Ihr Antheil iſt mir gleichgültig! Wenn Sie an ein Mißverſtändniß glaubten, ſo hätten Sie dieſes heben ſollen, bevor Sie hier erſchienen, um meine Tochter in ein zweifelhaftes Licht zu ſtellen. Aber ich kenne den Werth Ihrer Ausflüchte. Seien Sie übrigens über⸗ zeugt, daß ich jetzt Ihren Sohn viel zu unwerth für meine Tochter halte und daß keine Macht der Erde mich bewegen würde, ſie ihm anzuvertrauen. Das ſagen Sie ihm! Setzen Sie aber gleichzeitig hinzu, daß ich mich für jede Unbill, die er ihr zufügt, rächen werde, und zwar in einer Weiſe, wie er es verdient.“ Der Graf kam durch das feſte und achtunggebie⸗ tende Auftreten der gewöhnlichen Frau in Verlegenheit. Etwas unſicher erwiderte er:„Sie verkennen meinen Sohn; noch jetzt hängt er mit der innigſten Liebe an Ihrer Tochter, aber irgend etwas, das ich nicht er⸗ gründen konnte, erregt ſeinen Zorn gegen ſie.“ „Sparen Sie ſich dieſe ungereimten Betheuerungen gütigſt, Herr Graf, ich habe alle derartigen Verſicherungen gründlich ſatt. Uebrigens kann Ihr Herr Sohn wohl bezeugen, daß ich von vornherein ſeinen Bewerbungen keinen Beifall zollte; auch habe ich ihm ja ausdrücklich 185 mein Haus und den Umgang mit meiner Tochter ver⸗ boten und nur auf ſeine dringenden Bitten erklärt, daß ich ihm die Hand Anna's zuſagen würde, wenn er Ihre Genehmigung zur Verbindung mit ihr gebracht hätte. Jetzt ſind wir im Klaren, ich wüßte nicht, was Sie hier noch aufhalten könnte.“. Die beiden Herren fühlten ſich beſchämt, ihnen war die Thür gewieſen, ſie konnten nichts mehr zu ihrer Entſchuldigung anführen, ſondern mußten ſich zum Gehen bequemen. Ehrerbietig verneigten ſie ſich und ſchritten hinaus. Frau Liewe geleitete ſie bis an die Thür. „Wir ſind ärger als Brodbettler behandelt, daran biſt Du ſchuld! Ich fühle Achtung vor der Frau!“ flüſterte der ältere Sacco dem Bruder auf der Straße zu. „Bah, die Manier des Pöbels, wichtig zu thun!“ lachte der Angeredete boshaft. Stumm gingen ſie weiter, ſie waren beide verſtimmt. In der Nähe der Stadt begegnete ihnen Anng. „Sieh“, rief der jüngere Bruder,„da kommt die Braut Deines Sohnes!“* Der Vater des Freiwilligen betrachtete die junge Dame aufmerkſam und grüßte, indem er ſeinen Hut faſt bis zur Erde zog. 3 186 „Das iſt kein leichtfertiges Mädchen!“ dachte er bei ſich und eine tiefe Trauer zog dabei in ſein Herz. Er fürchtete, zwei jugendliche Herzen gebrochen zu haben. Als die Brüder bei dem Freiwilligen anlangten, trafen ſie dieſen in einer noch düſterern Stimmung als am vorigen Abend, doch befand er ſich außer dem Bette. Sein Vater, der die Angelegenheit, in welche nun auch er verwickelt worden, gar zu gern nach Möglich⸗ keit aufgeklärt hätte, weil er durchaus frei überblicken wollte, wie ſich das Verhältniß ſeines Sohnes zu der jungen Dame geſtaltet habe, die einen höchſt gewinnenden Eindruck auf ihn gemacht, kam nach kurzer Einleitung wieder auf das am vorigen Abend behandelte Thema zurück. Doch ſowie er davon angefangen, wurde Ju⸗ lius noch finſterer, eine maßloſe Erbitterung gab ſich in ſeinem Weſen kund und heftig rief er:„H bitte, bringt mich nicht um meinen letzten Frieden! Jedes Wort, das Ihr über jene Verirrung ſprecht, mahnt mich an meine Erniedrigung und treibt mich am Ende noch zum Wahnſinn.“ Mißvergnügt ſchüttelte der alte Herr den Kopf, doch zwang er ſich zum Schweigen. „Ich halte es für das Beſte, Du reiſeſt auf einige Zeit mit nach Sonnenhagen“ begann der Oheim;„ich werde für Dich um Urlaub anhalten.“ Julius wollte davon nichts wiſſen, ſondern meinte, daß er unmöglich dem Schwadronschef ſchon wieder zumuthen könne, ihn zu beurlauben. Lachend entgegnete der Oheim:„Was macht ſich der Rittmeiſter daraus, ob Du in der Garniſon an⸗ weſend biſt oder nicht! Er hat Soldaten genug zu befehligen.“ Der junge Soldat ließ ſich durch dieſe Meinung nicht zur Aenderung ſeines Willens bewegen, ſondern behauptete, daß es gegen alle militäriſchen Regeln ver⸗ ſtoße, wenn er, eben krank geweſen, wieder nach Hauſe reiſen wolle. Die Mittagszeit rückte heran und noch immer lei⸗ ſteten die beiden alten Herren dem jungen Soldaten Geſellſchaft, deſſen Trübſinn ſich auch in ihrer Nähe nicht legte. Endlich war der Oheim bereit, aufzubrechen, als der Diener des Freiwilligen erſchien und dieſem ein zierliches Billet überreichte. Julius erröthete, der Brief trug den Poſtſtempel S. „Du ſcheinſt viel mit Damen zu verkehren!“ be⸗ merkte der Onkel. Julius antwortete nicht, ſondern erbrach das * . —— 188 Siegel des geränderten Couverts und begann haſtig zu leſen. Seine Hand zitterte dabei, je weiter er kam, deſto mehr fühlte er ſich ergriffen. Als er mit Leſen zu Ende, ſtützte er den Kopf auf den Arm, ſann einen Augenblick nach, dann rief er entſchloſſen:„Seid ſo gut und bittet für mich um Urlaub, ich reiſe mit!“ „Hat dieſer Brief Dich andern Sinnes gemacht?“ fragte der Vater ein wenig verletzt. „Ja, mein Vater! Doch forſche nicht weiter und verkenne mich nicht, ich werde Deiner ſtets würdig handeln!“ erwiderte der junge Mann in traurigem Ton. „Das hoffe ich!“ bemerkte der alte Graf kurz⸗ Der Urlaub wurde bereitwilligſt auf acht Tage ertheilt. Julius fuhr einige Stunden ſpäter an der Seite ſeines Vaters zum Thor hinaus. Armer Jüngling! Er glaubte dem eigenen Herzen entfliehen zu können! Ende des zweiten Bandes. Druck von Bär& Hermann in Leipzig. 58 g 14 S1eqe