deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ottmann in Gieſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und geſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. ( 2. Pesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen. 5 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet „ wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: Mt.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Wk.— Pf. 3 5. Answärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe ije auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗„ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — ———— —— —— Standes Vorurtheile. —— Roman von —— ſchenleben iſt dahin⸗ Agenden Romans; arin auftreten⸗ nd eben des⸗ lich andere ſchuldig, ig z ſein, en, 2 wohlhabenden Bürgern bewohnt iſt, garniſonirte zur Zeit des Anfangs dieſer Erzählung ein Huſaren⸗ regiment. Bürger und Soldaten lebten in den friedlichſten Verhältniſſen nebeneinander, nie hörte man von Feindſeligkeiten, die zwiſchen Civil und Militär herrſchten; das letztere wurde überall mit freundlichem Wohlwollen aufgenommen, dabei aber in keiner Weiſe zu Ueberhebungen veranlaßt. Nicht überall findet man— Serna ßt⸗ ſein, wie es den Bewoß er zum größten Theil werbe erfreuen ſi keinerlei Dünkel ten der Beys“ waltet, de⸗ ſich ung zu bewe Intelli zuſchr eine bilden ſchon ihrer Functionen wegen eine eigene Geſell⸗ ſchaft, ohne indeſſen beſondere Ueberhebung blicken zu laſſen. Das würde ihnen auch nicht möglich ſein, denn der Bürger von S. verſteht es vortrefflich, jeder An⸗ maßung einen achtunggebietenden Ton entgegenzuſetzen und allen Dünkel taktvoll zu ignoriren. —— Vor dem Thore in der ſogenannten Neuſtadt wohnte in der erſten Etage des dem Gärtner Liewe gehörigen Hauſes einer der jüngſten Offiziere des Regi⸗ ments, der Baron von Herzer, berühmt durch ſeine ausgezeichnete Tournüre und einen unvergleichlichen Muth bei Ausführung tollkühner Jugendſtreiche. Manche Schöne hatte ihn zu ihrem Ideal erkoren, denn er war ein leidlich hübſcher Jüngling, und die glänzende Uniform that das Ihre, ihn zum Gegenſtand der Schwär⸗ merei jugendlicher Mädchenherzen zu machen. Uebri⸗ gens war er auch ſtets bemüht, die Aufmerkſamkeit des ſchönen Geſchlechts auf ſich zu ziehen, keine Gefahr er⸗ ſchien ihm zu groß, ſobald es ſich darum handelte, ein galantes Abenteuer zu beſtehen. Bei alledem waren ſeine vielfachen bisherigen Verſuche, ſich der lieblichen Tochter des Herrn Liewe, ſeines Hauswirths, zu nähern, erfolglos geweſen; nie hatte ſie ihm auch nur ein Lächeln geſchenkt, ſorgfältig vermied ſie jedes Begegnen mit ihm, und wo ſie ihm nicht ausweichen konnte, ſetzte 4 ſie ſeiner zuvorkommenden Freundlichkeit eine ſtolze Zurückhaltung entgegen. In dem Hauſe des Herrn Liewe ging Alles ſehr ein⸗ fach und bürgerlich her. Zwar beſaßen die alten Leute einen recht leidlichen Wohlſtand, ein ſchönes, großes Haus und hinter demſelben einen umfangreichen, herr⸗ lichen Garten, doch Beides wurde von ihnen nicht etwan zum eigenen bequemen und genußreichen Leben, ſondern lediglich zur Erzielung eines möglichſt bedeutenden Gewinns benutzt. Der Mann hatte körperlicher Schwäche wegen ſein Geſchäft aufgegeben; er war ein ruhiger, leidender Greis, der für ſich nichts erſehnte als fried⸗ liche Stille. Dagegen waltete die Frau mit einer Einfigkeit umher, als gelte es, jeden Tag das kärg⸗ liche Brod zu verdienen. Der Garten war faſt durch⸗ weg mit Gemüſe beſäet und beflanzt, und ſobald die erſten Sprößlinge verwerthet werden konnten, war man ſicher, ſie täglich von früh bis gegen Mittag auf dem Markte, mit Grünzeug handelnd, zu finden. So trieb ſie es vom Frühling bis zum Winter und man wollte wiſſen, daß ſie ganz erkleckliche Summen verdiene. Kam die Obſtzeit heran, ſo wurden die erſten reifen Früchte in kleine Bündchen gepackt und groſchenweiſe verkauft, bis die Maſſe des zu Markt ge⸗ brachten Obſtes ſolche Geſchäfte zur Unmöglichkeit machte. 5 Doch richten wir jetzt einen Blick in die Wohnung dieſer Menſchen. Da finden wir neben einander drei Stuben; zwei ſind echt altbürgerlich, aber höchſt ſauber 35 und nett eingerichtet, die dritte jedoch ſcheint das Boudoir einer Fee zu ſein. Hier gewahren wir die feinſten Möbel, überall einen wohlthuenden Lurus, ohne jede Ueberladung, und an dem Flügel ſitzt ein Mädchen von etwa ſiebzehn Jahren in geſchmack⸗ vollem, einfachem Anzuge und begleitet kunſtgerecht ein Lied, das ſie mit einer glockenreinen und ſchöngebil⸗ deten Stimme ſingt.“ Anna Liewe gleicht einem Engel. Jetzt erhebt ſie ſich, ihre zarte, ätheriſche Geſtalt ſchwebt dahin. Die Füßchen ſcheinen kaum den Boden zu berühren, die ganze Figur zeigt ſo viel Grazie, daß der ſtille Be⸗ ſchauer ſich unwillkürlich zur Bewunderung hingeriſſen fühlt. Aber um völlig bezaubert zu ſein, muß man einen Blick in das Auge gethan haben, das dunkle, ſeelenvolle, beſchattet von langen Wimpern und um⸗ . rahmt von kohlſchwarzen Brauen. Dieſer Blick iſt noch heute ſo Manchem, der die Gärtnerstochter kannte, unvergeßlich. Eine hohe, intelligente Stirn, umrahmt von dem üppigſten Gelock kaſtanienbraunen Haars, die Wangen vom lieblichſten Roth leiſe angehaucht, der Mund ſo ———————— ————— 6 klein und edel geformt und die Naſe ſanft gebogen und wohlproportionirt halfen das ganze Aeußere der Jungfrau zu dem eines Engels geſtalten. Die junge Dame hatte ihre Ausbildung hauptſäch⸗ lich in der höhern Töchterſchule der Stadt erhalten. Sie war der Stolz und die Freude der Aeltern, ihr höchſtes Gut; deshalb hatten ſie auch nicht verſäumt, ihr alles das aneignen zu laſſen, was ſie nach ihrem Dafürhalten dereinſt glücklich machen konnte. Doch wir würden irren, wollten wir annehmen, daß Anna von der Mutter zu einem Modepüppchen erzogen worden, daß ſie die Tage mit Putzen und Klavier⸗ ſpielen verbringen durfte, während die alte Frau im Schweiße des Angeſichts das Brod verdiente. O nein! Frau Liewe war eine höchſt praktiſche Mutter. Anna durfte ihre Uebungen fortſetzen; aber jetzt, da ſie die Schule verlaſſen, mußte ſie den Vormittag in der Wirthſchaft und im Garten helfen, während ſie nach⸗ mittags bei einer Dame weibliche Handarbeiten er⸗ lernte. Bei alledem waltete eine große Differenz zwi⸗ ſchen Mutter und Tochter. Frau Liewe hatte wohl nie eine beſondere Bildung erlangt, und ihr Verkehr auf dem Markte und in dem Geſchäft war nur geeig⸗ net geweſen, ihr in mancher Beziehung etwas Rohes aufzuprägen. Anna dagegen hatte von früheſter Kind⸗ 7 heit an nur den Umgang der Töchter aus den erſten Familien der Stadt genoſſen; ihre Ausbildung erfüllte die Mutter mit gerechtem Stolz, und ſo war ihr denn Gelegenheit gegeben, alles Gute und Schöne in ſich aufzunehmen. Freilich wurde ſie daheim wohl von Zeit zu Zeit daran erinnert, daß ihre Anſchauung himmelweit von der ihrer Aeltern abweiche, und es traten Momente ein, in denen ſich der Unmuth der Mutter auch gegen ſie in nicht zarter Weiſe Bahn brach; dann flüchtete ſie gewöhnlich auf ihr Zimmer und vergoß dort heiße Thränen, daß ſie nicht verſtan⸗ den wurde. Dies war das Mädchen, dem gegenüber ſich der Freiherr von Herzer auch nicht der kleinſten Gunſtbe⸗ zeigung rühmen konnte. Er hatte ſie gleich nach ſei⸗ nem erſten Eintritt in das Haus mit der ihm eigenen Keckheit und Siegesgewißheit betrachtet und angeredet; das war genng für ihren Zartſinn, um ſie ewig von ihm ſern zu halten. Es war Sonntag Nachmittag. Vor dem neuen Thore längs der Promenade entfaltete ſich ein buntes, vielbewegtes Bild; die Bürger feierten außerhalb der Stadt das alljährlich von Alt und Jung mit Sehn⸗ ſucht erwartete Schützenfeſt, an welchem ganz beſonders der Freude und dem Amuſement gehuldigt wurde. Eine 8 lange Reihe von Buden zog ſich neben dem Spazier⸗ gange hin und vor jeder konnte man eine Menge Menſchen gewahren, die ihr Glück im Würfelſpiel ver⸗ ſuchten. Conditoren, Porzellan⸗ und Glaswaarenhändler, Verkäufer von allerlei niedlichen Nippſachen hatten ihre Vorräthe hinausgeſchafft und zogen die Vorüber⸗ wandernden durch die Lockung an, für einen Silbergro⸗ ſchen irgend einen beachtenswerthen Gegenſtand zu ge⸗ winnen. Bei ſolcher Gelegenheit war die Jugend aus ſämmtlichen Ständen im bunten Gewühl vertreten; die vornehmſten Damen verſchmähten es nicht, hinaus auf den allgemeinen Tummelplatz kzu eilen und die Er⸗ ſparniſſe von ihrem Taſchengelde Fortuna zu opfern. Auch Anna Liewe hatte von ihrer ſehr ſtrengen Mutter die Erlaubniß erhalten, in Geſellſchaft einiger ihrer ehemaligen Schulfreundinnen den Schützenplatz zu beſuchen. Faſt nie wurde ihr ſonſt Gelegenheit gegeben, an öffentlichen Orten ſich zu zeigen; ſo etwas hielt Frau Liewe für ungehörig und gefährlich, und auch an dieſem Tage würde ſie ihre Einwilligung zu dem erwähnten Vergnügen der Tochter wahrſcheinlich verſagt haben, wenn nicht eben mehrere höchſt acht⸗ bare junge Damen aus den erſten Familien der Stadt für die letztere gebeten hätten. Für Anna war das Würfelſpiel ebenſo neu wie intereſſant; gern ließ ſie ſich zu einer der Conditor buden führen, um hier ihr Glück zu verſuchen. Bald hutten die jungen Damen jede ihren Groſchen ge mehr und mehr Mitſpielende gruppirten ſich nebe ander, ſchon auf neunzehn war ihre Zahl angewi n und nur noch ein Einſatz fehlte, um das Würfeln auf eine ſchöne Torte beginnen zu können. Wer gewinnt, wird doch Theilung halten?“ rief eine der Freundinnen Anna's, die Tochter des Gerichts⸗ raths von Teltow. Von allen Seiten wurde dieſem Vorſchlage beigeſtimmt. Indem nahte ein junger Herr in Militärkleidung. Seine Uniform trug die Abzeichen eines Unteroffiziers, wer jedoch ſich die Mühe nahm, auch nur einen kurzen Blick auf ihn und ſeinen Anzug zu richten der über⸗ zeugte ſich ſchnell, daß er es mit keinem gewöhnlichen Unteroffizier zu thun habe: die Montirungs⸗Stücke, von dem Dolman bis zum ſchneeweißen Handſchuh, waren von den feinſten Stoffen und ſo überaus zier⸗ lich gearbeitet, der klirrende, kaum zollbreite Säbel an ſeiner Seite erſchien ſo werthvoll, daß wohl Jeder zu dem Schluß kommen mußte, ein einfacher Huſaren⸗ unteroffizier ſei nicht im Stande, in ſolchem Glanz aufzutreten. 10 Aber mehr als der Anzug ſprach die ganze Geſtalt, jede Bewegung des jungen Mannes für ſeine vornehme Herkunft. Noch in der erſten Jugendblüte ſtehend— er mochte kaum zweiundzwanzig Jahre zählen— über⸗ ragte er die meiſten Männer an körperlicher Größe. Sein ſchlanker, biegſamer Wuchs paßte vortrefflich zu der ſchillernden Uniform und das Anziehende ſeines männlich ſchönen Geſichts vollendete den angenehmen Eindruck, den man in ſeiner Nähe empfand. „Ah, Herr Graf, Sie müſſen mitſpielen, eben wol⸗ len wir uns eine Torte gewinnen!“ rief Fräulein von Teltow dem Nahenden zu.„Nur noch ein Einſatz fehlt.“ Der Angeredete verbeugte ſich ehrerbietig vor den Damen und erwiderte dann mit einem überaus ge⸗ winnenden Lächeln:„Ich bin glücklich, in ſo lieber Geſellſchaft mein Glück probiren zu ſollen; doch hüten Sie ſich, meine Damen, ich gewinne ſtets!“ Graf Julius Sacco genügte ſeiner einjährigen Militärdienſtpflicht bei dem Huſarenregiment und war vor kurzem, nachdem er acht Monate die Uniform getragen, zum Unteroffizier avancirt. Er hatte bereits die Univerſität beſucht und wollte ſich ſpäter aufs neue den Wiſſenſchaften in die Arme werfen, da er an dem Militärleben keinen Geſchmack fand. Frohſinn . . 17 und Lebensluſt ſpiegelten ſich auf ſeinem Antlitz ab und ein tiefes Wiſſen zeichnete ihn bereits vor allen aus, mit denen er im täglichen Verkehr ſtand. Eben deshalb hielt er ſich auch für weit weniger bevorzugt gegen andere Menſchen als ſeine Kameraden. Mit Fräulein von Teltow war er ſchon mehrmals im geſellſchaftlichen Leben in Berührung gekommen, während er die andern Damen nur oberflächlich, Anna Liewe gber gar nicht kannte. Doch an ein gegenſeitiges Vorſtellen konnte hier im Menſchengewühl nicht gedacht werden, auch fiel es Niemand ein, dieſe Förmlichkeit zu beobachten. Sacco kaufte das letzte Loos und das Würfeln be⸗ gann, bei dem allerlei ſcherzhafte W laut wurden. Endlich kam Anna, die bis dahin etwas im Linter. grunde geſtanden hatte, an die Reihe. Erſt jetzt richtete der Graf ſein Auge auf die ihm fremde Erſcheinung; er erröthete leicht, ſein Herz be⸗ gann lauter zu pochen und eine ihm bis dahin unbe⸗ kannte Regung erfüllte ſein Inneres. Anna warf ſiebzehn Augen; der Graf ſah und hörte nichts davon, ganz im Anſchauen der lieblichen jungen Dame vor ihm verſunken, hatte er das Wh felſpiel völlig vergeſſen. 2 12 „Siebzehn! Du gewinnſt, liebes Annchen!“ riefen mehrere der Mädchen. Anna lächelte vergnügt. Jetzt ſah ſie auf, ihr Auge begegnete dem des Grafen, einen kurzen Moment blickten ſie ſich an, dann ſchaute die ver⸗ ſchämt zur Erde nieder. „Herr Graf, nur Sie haben noch zu werfen!“ ſprach Fräulein von Teltow, den jungen Mann aus ſeinen Gedanken aufrüttelnd. „Wahrhaftig, es iſt ſo! Welches iſt der höchſte Wurf?“ entgegnete Sacco. „Siebzehn; die erhalten Sie nicht!“ Der Graf ergriff den Becher mit den Würfeln und ließ die letztern auf den Tiſch rollen. Achtzehn Augen lagen da, er hatte gewonnen. „O dieſes Glück! Arme Anna!“ tönte es von den Lippen mehrerer Damen. „Das war nicht galant von Ihnen, Herr Graf!“ eiferte Fräulein von Teltow.„Sie hätten ſich be⸗ mühen müſſen, die niedrigſte Nummer zu erzielen.“ Lächelnd entgegnete Sacco:„Ich werde bemüht ſein, mein Unrecht wieder gut zu machen. Hatten Sie nicht ſiebzehn geworfen?“ „Nein, nicht ich, ſondern Annchen!“ replicirte Fräu⸗ lein von Teltow, auf Anna Liewe dentend. 13 „O dann beklage ich doppelt mein Geſchick, das mich beſtimmte, Ihnen den ſichern Gewinn zu entreißen. Aber darf ich mir erlauben, mein Fräulein, Ihnen die Torte als Zeichen meiner Reue zu Füßen zu legen?“ wandte ſich der Graf in herzlich bittendem Ton an Annc. Die junge Dame wurde im höchſten Grade befan⸗ gen; ſie hatte noch nie mit einem Herrn geſprochen, der ſich ſo freundlich um ihr Wohlwollen bemühte; dazu kam, daß eben der Gedanke in ihrem Köpſfchen aufgetaucht war, der Unteroffizier ſei der ſchönſte Mann, den ſie je geſehen. Doch ſchnell mußte ſie eine Antwort finden, wenn ſie nicht für höchſt ſimpel gelten wollte. Deshalb erwiderte ſie mit ihrer klangvollen Stimme:„Mein Herr, nach unſerm Uebereinkommen hat ja der Gewinnende nicht das Recht, einſeitig über die Torte zu beſtimmen, vielmehr iſt jeder Mitſpielende zur Forderung eines Antheils berechtigt.“ „Ja, ja, Annchen hat Recht, die Torte ſollte getheilt werden!“ pflichteten die übrigen Damen ihr bei. „Unter dieſen Umſtänden iſt es ja gleichgültig, wer ſie gewann. Aber wie wollen wir zwanzig Theile da⸗ raus ſchneiden? Ich würde mir den Vorſchlag erlau⸗ ben, daß wir noch einige Male würfelten.“ Die Damen zeigten ſich hierzu bereit und aufs 14 neue begann das Spiel. Dem Grafen blieb das Glück hold, er gewann noch dreimal, und als nun keine wei⸗ tere Betheiligung ſich zeigte, ließ er ſich in eine Laube des Schützengartens führen, wo unter Scherzen die Vertheilung der Torten vorgenommen wurde. Gar zu gern hätte Sacco ſich lediglich dem Fräu⸗ lein Liewe gewidmet, er hatte nur Augen und Ohren für ſie, all ſein Sinnen weilte bei ihr, jedes Wort, das ſie ſprach, erſchien ihm wie die entzückendſte Muſik, und ſo oft ihr unvergleichlicher Blick ihn ſtreifte, wallte ſein Herz höher auf, er war bezaubert von der Schön⸗ heit und Anmuth der herrlichen Jungfrau; doch eben weil alle ſeine innigſten Gefühle und Empfindungen ihr entgegenſtrebten, ward es ihm unmöglich, ebenſo frei mit ihr zu verkehren wie mit den andern Damen; die zarteſte Rückſicht beherrſchte ihn in ihrer Nähe, jedes Wort, das er an ſie zu richten wagte, zeugte von einer Ehrerbietung, wie er ſie nur den hochgeſtellteſten Menſchen zollte. Aber dennoch machten ſich die kühn⸗ ſten Wünſche in ſeinem Herzen rege: er hätte ſo über Alles gern ihre nähere Bekanntſchaft gemacht, ohne Zwang mit ihr geplaudert und ihre Blicke feſtgehalten. Das Alles verſagte ihm die Umgangsſitte; zum erſten Mal in ſeinem Leben erſchien dem feingebildeten und wohlerzogenen jungen Mann die Etikette höchſt läſtig. 6 15 Stundenlang weilte der Graf in der Geſellſchaft der Damen, ohne daß er ſich im mindeſten gelang⸗ weilt fühlte, ja die Zeit entſchwand ihm viel zu ſchnell; und doch war ihm bisher nichts läſtiger geweſen, als wenn er gezwungen war, für längere Dauer das ſchöne Geſchlecht zu unterhalten. Endlich rief Fräulein von Teltow:„Ich denke, wir gehen jetzt einmal nach dem Tanzs lt, in welchem die gewähltere Geſellſchaft ſich amüſirt; vielleicht finden wir dort bekannte Tänzer.“ Hiergegen hatten die übrigen Damen ſelbſtverſtänd⸗ lich nichts einzuwenden, und auch Sacco zeigte ſich bereit zum Mitgehen. Er tanzte ſehr gern und hoffte nun Gelegenheit zu finden, durch Anna ſeine Fertig⸗ keit in den von den meiſten Damen ſo ſehr geſchätzten kunſtgerechten und zierlichen Bewegungen nach dem Takte der Muſik bewundern zu laſſen. Das Tanzzelt war recht geräumig und es befand ſich eine anſtändige Geſellſchaft darin. Für die ge⸗ wöhnlichen Leute exiſtirte noch ein zweiter Raum, in welchem ſie ſich beluſtigten. Sehr bald war die größere Anzahl der Damen aus der Geſellſchaft des Grafen engagirt; Anna hatte dadurch einen etwas abgeſonder⸗ ten Sitz erhalten, ihre bisherigen Nachbarinnen von links und rechts ſtanden tanzbereit an der Seite ihrer 16 Cavaliere und plauderten mit dieſen in der heiterſten Weiſe, bis ſie durch eine Verbeugung des Tanzordners eingeladen wurden, ihre Füße nach den lockenden Tönen der Inſtrumente in Bewegung zu ſetzen. Jetzt trat Sacco, der Anna keinen Moment aus den Augen gelaſſen, zu ihr heran, verbeugte ſich ehrerbietig und bat halblaut, ihn durch die Gewährung eines Tanzes zu beglücken. Anna erhob ſich und erwiderte artig, indem ihr Geſicht vom lieblichſten Carmin übergoſſen wurde: „Verzeihen Sie, Herr Graf, wenn ich Ihr mich ehren⸗ des Engagement abzulehnen gezwungen bin. Meine Mutter, die all mein Thun beſtimmt, hat mich nur unter der ausdrücklichen Bedingung hierher gehen laſſen, daß ich nicht tanze, und ich bin gewohnt, ihren Willen in allen Fällen zu ehren.“ „Das iſt grauſam von Ihrer Frau Mutter; doch ich wage unter ſolchen Umſtänden nicht, Sie mit wei⸗ tern Bitten zu beläſtigen“ ſagte Sacco enttäuſcht. „Und doch hat meine Mutter wohl Recht; das Tan⸗ zen in dieſer Hitze iſt unmöglich zuträglich für den Körper.“ „So will auch ich, Ihrer Anſicht beitretend, ruhig zuſehen, obwohl ich ſonſt viel tanzte.“ „Aber, Herr Graf, das iſt unrecht von Ihnen!“ 17 „Unrecht? Sie meinen alſo, ich könne meinen Kör⸗ per preisgeben?“ entgegnete Sacco ſchalkhaft. „O nein, ich würde wahrſcheinlich ebenfalls nicht das mindeſte Bedenken tragen, mich in den Strudel des Vergnügens zu ſtürzen, wenn ich nicht eben auf das meiner Mutter gegebene Verſprechen Rückſicht neh⸗ men müßte.“ „Ich ehre die Feſtigkeit gewiß ſehr hoch, mit der Sie den Willen Ihrer Frau Mutter erfüllen, und dennoch iſt ſie mir neu; meiner Anſicht nach würde keine der übrigen anweſenden Damen ſich einem ſolchen Verbot willig fügen.“ „Da haben Sie eine recht unvortheilhafte und wohl auch irrige Meinung von den Damen.“ „Nein, mein Fräulein, glauben Sie das nicht; ich halte aber eine Uebertretung, wie ich ſie anzudeuten mir erlaubte, nicht für ſündhaft und wollte nur behaupten, daß bei der großen Vorliebe der Damen für den Tanz es gar zu ſchwer für ſie ſei, der Ver⸗ lockung durch ihn zu widerſtehen.“ „Darin mögen Sie Recht haben; wenn man aber von früheſter Kindheit an daran gewöhnt iſt, den Willen der Aeltern über Alles heilig zu halten, dann glaube ich, kann die Möglichkeit kaum zu Tage treten, ihm entgegenzuhandeln.“ Steffens, Standesvorurtheile. I. 2 18 In dieſer Weiſe unterhielten ſich die beiden jungen Leute, während vor ihnen die Fröhlichkeit von Minute zu Minute wuchs. Anna gewann immer höhern Werth in den Augen des Grafen. Wie gern hätte er ihr geſagt, was ſich in ſeinem Herzen allmächtig für ſie zu regen begann, oder wenigſtens eine beziehungs⸗ reichere Converſation angebahnt; aber er wagte es nicht, auch nur durch ein Wort anzudeuten, welche Wünſche in ſeiner Bruſt erwachten; die der wahren Liebe eigene Schüchternheit beherrſchte ihn ſo vollſtän⸗ dig, daß er ſich damit begnügte, ihr von Zeit zu Zeit in das Auge zu ſchauen. Eben waren ſie wieder in einer recht lebhaften Unterhaltung begriffen, als der Baron von Herzer an der Seite einiger Kameraden in das Zelt trat. Anna erröthete leicht bei dem Anblick des erſtern, ein Gefühl des Unwillens veſchlich ſie momentan. Auch Herzer gewahrte ſie an der Seite des Grafen; ein ironi⸗ ſches Lächeln zuckte um ſeine Lippen, doch ſofort be⸗ herrſchte er ſich und grüßte den Unteroffizier mit der größten Freundlichkeit. Gleich darauf ſchwieg die Muſik, die Damen grup⸗ pirten ſich wieder zuſammen, Anna erklärte, daß es Zeit ſei, den Heimweg anzutreten, und nach kurzer Be⸗ rathung verließen die Freundinnen zuſammen das Zelt, 19 nachdem ſie ſich am Eingange deſſelben aufs freund⸗ lichſte von Sacco verabſchiedet hatten. Dieſer wechſelte noch einige Worte mit den Offi⸗ zieren, die ihm in einer Weiſe entgegenkamen, als ſei er ihresgleichen, und entfernte ſich ebenfalls, da er nun kein Vergnügen mehr in dem bunten Gewühl rund umher Juchte und fand. Die kurze Zeit, während welcher er in der Nähe des Fräuleins Liewe geweilt, hatte ihn vollſtändig ver⸗ ändert, ſeinem ganzen Sein ein anderes Gepräge auf⸗ gedrückt. Wo ihm ſonſt auch die Luſt gewinkt und namentlich an der Seite der lebensfrohen Offiziere, die ihn ſchätzten und liebten, hatte er ſie in vollem Maße genoſſen; jetzt war er froh, den Herren entgehen und die ſtille Einſamkeit aufſuchen zu können, obgleich er wohl wußte, daß die Komeraden ſich einen fröhlichen Abend machen würden. Er var ſich bewußt, daß die Jungfrau, die ſo himmelweit von allen Damen ſeiner Bekanntſchaft verſchieden war, die an Körper und Geiſt alle überragte, namentlich durch ihr feſtes und doch ſo unendlich ſanftes und liebes Weſen auf ſein Herz einen unauslöſchbaren Eindruck gemacht habe, daß er ſie für die Ewigkeit nicht wieder vergeſſen könne. Und doch wußte er nichts weiter von ihr, als daß ſie ein liebes gutes Mädchen ſei und bei ihren Freundinnen in hoher 2⁸ . 20 Achtung ſtand. Von ihren ſonſtigen Verhältniſſen kannte er nicht das Geringſte, ja er wußte nicht ein⸗ mal den Namen ihres Vaters und hätte auch Niemand darnach fragen mögen, indem er fürchtete, ſchon da⸗ durch ſie zu beleidigen. Liebesweh in der Bruſt, wie es junge Herzen ſo oft empfinden, wenn der theure Gegenſtand ihnen fern iſt, ohne daß ſie wiſſen, was ſie hoffen dürfen, eilte er ſeiner Wohnung zu. Er wünſchte die reizende Ge⸗ ſtalt Anna's noch einmal im Gedränge zu gewahren, aber vergeblich ſpähte er nach ihr umher; ſie war längſt dem Menſchenknäuel entflohen. 5 Wie viele Wünſche und Hoffnungen entringen ſich doch einem jugendlichen Herzen, wenn es zum erſten Mal voll Liebe und Sehnſucht zu klopfen beginnt! Welche unnennbare Seligkeit entſtrömt ihm in dem Bewußtſein, daß dieſe Wünſche und Hoffnungen von dem geliebten Gegenſtande getheilt werden! O, es iſt etwas Erhabenes, Großartiges, Veredelndes, ſo eine Liebe in der erſten Blüte der Jünglingsjahre! Da kennt das Herz noch keinen Egoismus, kein ſelbſtſüch⸗ tiger Gedanke miſcht ſich in die heiligſten Empfindun⸗ gen, nur glücklich zu ſein durch reine Liebe, nur über Alles glücklich zu machen, iſt das Beſtreben der Lie⸗ benden. O daß ſie nicht ſo ſchnell verrinnen möchte 21 dieſe holde, ſchöne, kurze Maienzeit des Lebens, vo nur Blüten und Blumen in herrlichſter Lenzespracht herniederlachen! Aber ach, wie bald werden dieſe duf⸗ tenden Kinder des Frühlings von den rauhen Stür⸗ men des Lebens dahingeführt, und es kommt eine traurige, öde Zeit, in der das Herz nichts mehr er⸗ ſehnt, nichts wünſcht, als ruhig und ungeſtört zu ſchlafen, zu ſchlafen für alle Ewigkeit! Doch auch dieſer Zuſtand iſt vorübergehend, das Leben ſtellt ſeine kalten Anfor⸗ derungen, und aufs neue muß ſich der tiefverletzte Menſch aufraffen zum Kämpfen und Ringen für das freudenleere Daſein. Vielleicht beſchleicht auch dann noch eine Liebe ſein Herz; was iſt indeſſen eine ſolche Liebe gegen die erſte ſüße Empfindung des erwachen⸗ den Herzens? Träumend verbrachte der Graf den Abend. Ver⸗ ſchiedene Male tauchte der Gedanke in ihm auf, daß es vielleicht gut ſei, wenn er ſich noch einmal auf die Straße begebe, da ihm ja möglicherweiſe der Zufall die Angebetete entgegenführen könne. Aber ſchnell er⸗ innerte ihn auch immer wieder ihr ganzes Auftreten daran, daß ſie bei Abendzeit ſelbſt in der Geſellſchaft der Freundinnen Orte wie den Schützenplatz nicht be⸗ ſuchen werde. So mußte er ſich denn damit begnü⸗ gen, jedes ihrer Worte, das ſie zu ihm geſprochen, 1. 22 einer Prüfung zu unterwerfen, um daraus den Schluß zu ziehen, daß er ihr ebenfalls nicht gleichgültig ge⸗ blieben ſein könne, und ihre himmliſche Erſcheinung or ſeine Seele zu zaubern. 3 Sein ganzes Sinnen war auf ſie gerichtet; als er ſehr ſpät einſchlief, flüſterten ſeine Lippen noch den Namen Anna, während der Traumgott ſchon ſeinem Lager nahte, und am nächſten Morgen beim Erwachen entfloh ein Seufzer feiner Bruſt, den nichts Anderes hervorlockte als der Gedanke an die liebliche Gärtners⸗ tochter. Gleichwohl wußte er keinen Rath, wie es ihm am ſchnellſten werde möglich werden, ſie wiederzuſehen und zu ſprechen. Er war ſich bewußt, daß, ſolange er auch ſchon in S. diente, ſie ihm noch nie begegnet ſei. Wenn alſo nur der Zufall ihn ein einziges Mal in ihre Nähe geführt hatte und ſie nun ferner unſicht⸗ bar für ihn blieb, was dannd? Unmöglich! rief er erregt. Aber wie konnte er ſeinem Glück zu Hülfe kommen? Dieſe Frage peinigte ihn unabläſſig. Er kannte ja weder ihren Namen noch ihre Wohnung. Freilich hätte er wohl am verfloſſenen Tage ganz wie zufällig bei ihren Freundinnen darnach fragen oder ſich ihr vorſtellen können, worauf ſie jedenfalls auch über ſich nähere Auskunft gegeben hätte, aber er war F F 23 ſich bewußt geweſen, daß dabei ſeine Befangenheit ihm jedenfals einen Streich geſpielt, und jetzt durfte er unmöglich Forſchungen nach ihr anſtellen, ohne ſie wohl gar zu beleidigen. So trübe ihn dieſer Schluß auch ſtimmte, ſo verließ ihn doch nicht ganz die Hoff⸗ nung, der Zufall werde ihm günſtig ſein und ihn aufs neue in die Nähe der jungen Dame führen. ℳ Zweites Kapitel. Zur Zeit des Anfangs unſerer Erzählung wurde S. noch nicht von der Eiſenbahn berührt, auf welcher die Reiſenden wie im Fluge durch die Welt eilen; die Paſſagiere waren froh, wenn ſie einen bequemen Platz im Poſtwagen erhielten, auf dem ſie tagelang aus⸗ harren mußten, wenn ſie größere Touren vor ſich hatten. Dagegen beſaß S. ſchon damals einen höchſt regen Poſtverkehr. Es liegt an der Hauptſtraße von Berlin durch die Provinzen Brandenburg, Pommern, Preußen und ſo weiter. Täglich kamen von allen Richtungen eine Menge Poſtwagen vor dem großen Empfangs⸗ gebäude an und ebenſo gingen nach den verſchiedenſten Gegenden ſolche ab; auf der Straße von der Haupt⸗ 25 ſtadt paſſirten allein drei die Stadt und zwar mor⸗ gens, mittags und abends. So oft nun der muntere Ton des Poſthorns zu dieſen Tageszeiten durch die Straßen erſchallte, kam eine alte Frau mit möglichſt ſchnellen Schritten aus der nächſten Quergaſſe auf das Poſthaus zu, wenn⸗ gleich das Alter und vielleicht auch Krankheit ihr die⸗ ſen Gang recht ſauer machten. Aber man ſah es all ihren Bewegungen an, daß ſie darnach Verlangen trug, am Platze zu ſein, bevor der Wagen zum Halten kam. Dann, wenn er endlich ſtill ſtand, ein Unter⸗ beamter den Schlag öffnete und die Paſſagiere zum Ausſteigen einlud, drängte ſie ſich näher herzu, in ihrem bleichen, vom Alter gefurchten Geſicht ſpiegelte ſich eine fieberhaft ängſtliche Erwartung ab und mit weitgeöffneten Augen muſterte ſie jeden einzelnen der Reiſenden. Wenn dieſe ſämmtlich an ihr vorüberpaſſirt waren, ſchaute ſie noch einmal in den leeren Raum, als müſſe er durchaus etwas enthalten, das all ihr Glück ausmachte. Der Wagenmeiſter ließ ſie ruhig gewähren, obgleich zu damaliger Zeit die Poſtbeamten gerade nicht im Ruf übergroßer Menſchenfreundlichkeit ſtanden; er mochte die arme, ſo oft enttäuſchte Frau bemitleiden. Erſt wenn das Rütterchen ſich aufs genaueſte über⸗ 26 zeugt, daß der, den ſie ſuchte, nicht angekommen ſei, trat ſie ſtill den Rückweg an. Aber mit einem Mal war ſie ſichtlich verändert, ihre eben noch von Hoffnung belebten Züge ſprachen ein tiefes Weh aus, das Auge ſchwamm in Thränen, und doch ſtrengte ſie alle Kräfte an, dieſelben zurückzudrängen; ihr Gang war der einer tief darniedergebeugten Greiſin; keine Spur der frühern Regſamkeit und Eile nahm man an ihr wahr, langſam und wie ermattet wankte ſie in ihre Gaſſe zurück. So trieb ſie es ſeit vier Wochen und an jedem Tage war ihre Trauer größer, ihre Hoffnung geringer geworden, mit jeder neuen Rückkehr hatte ihr Auge mehr Thränen vergoſſen. Do, als ſie wieder ſpät abends vergeblich vor dem Poſthauſe gewartet hatte und wie gewöhnlich in den Wagen gucken wollte, rief der Beamte ihr zu:„Geben Sie ſich keine Mühe mehr, Frau Stade. Sie ſehen, alle Ihre Hoffnung iſt umſonſt, Ihr hochſtudirter Sohn hat Sie vergeſſen und ſucht die Freuden des Lebens jedenfalls in einem Cirkel, der ihn wohl mehr an⸗ ſpricht als die Geſellſchaft ſeiner Mutter, welche ihm nun nichts mehr opfern kann.“ Verletzt wandte die alte Frau ſich ab; die rauhen Worte des harten Mannes mußten ſie ſehr ſchmerzlich berührt haben, denn ſie fühlte ſich ſo ſchwach, daß ſie 27 kaum ihre Wohnung wieder erreichen konnte. Hier endlich angekommen, ließ ſie ſich auf einen Sitz nieder, ſtützte das müde Haupt in die Hand und verſank in tiefes Nachdenken. Jedenfalls waren ihre Empfindun⸗ gen höchſt betrübender Natur, denn oft ſeufzte ſie tief auf, und als ſie endlich die Ruhe ſuchte, hauchte ſie vor ſich hin:„Der böſe Mann! Ich werde nicht wieder gehen!“ Am nächſten Morgen, als aufs neue der Poſtbeamte den Reiſenden den Wagenſchlag geöffnet hatte, ſtieg unter Andern ein junger Mann heraus und eilte ſchnurſtracks den Weg entlang, welchen am verfloſſenen Abend die alte Frau eingeſchlagen. Er raſtete nicht, bis er ein kleines Haus in der Querſtraße erreicht, und als er nun vor der Thür deſſelben ſtand, da guckte er vorſichtig durch eins der Fenſter in die zu ebener Erde gelegene Stube, als ſuche er dort Jemand. Indem öffnete ſich die Hausthür und jene alte Frau, deren Bekanntſchaft wir ſchon machten, trat auf die Straße. Sie gewahrte den Spähenden, ein Freudenſchrei entrang ſich ihrem Munde, und während ſie in lautes Schluchzen ausbrach, ſank ſie in die Arme des jungen Mannes. Lange hielten ſich die Beiden umfangen, ohne ein 28 Wort zu wechſeln; auch die Augen des Sohnes waren von Thränen benetzt; wahrſcheinlich rührte ihn der Anblick der gebrechlichen alten Mutter, ein zwiſchen Weh und Freude ſchwankendes Gefühl beſchlich ſein Herz. „O wie lange Du geblieben biſt, mein Rudolf“ begann endlich die alte Frau, indem ſie den Sohn in das Haus zog.„Seit vier Wochen erwarte ich Dich täglich auf der Poſt, noch geſtern Abend war ich da, und nun mußt Du gerade heute früh kommen, nach⸗ dem ich ſchon die Hoffnung aufgegeben, Dich wieder⸗ zuſehen.“ „Mich wiederzuſehen?“ fragte der junge Mann be⸗ fremdet.„Glaubſt Du denn, mein einziges Mütterchen, ich könne es vergeſſen, daß es hier bei Dir am ſchön⸗ ſten auf der ganzen weiten Welt iſt?“ Ach, wie ſelig dieſe Frage das Mutterherz ſtimmte. Ihr Haupt hob ſich höher und die Thräne, die in ihrem Auge glänzte, drückte das reinſte Glück aus. „Nein, nein, Du biſt ja mein gutes Kind, Du allein wirſt mich nie verlaſſen; was ſollte ich auch beginnen, wenn Du mir Deine Liebe entzögeſt?“ rief ſie, alle Schmerzen des bangen Harrens vergeſſend. Die Wan⸗ gen des Jünglings ſtreichelnd, fuhr ſie langſam fort: „Was mich ängſtete, war, daß Du meine Bitte, unver⸗ 29 züglich hier zu erſcheinen und Dich um die vacante Pfarrſtelle zu bewerben, nicht erfüllteſt und auch keine Nachricht von Dir gabſt. Da mußte ich wohl für Dich fürchten.“ „Es war unrecht von mir, daß ich Dir nicht brief⸗ lich mittheilte, was mich ſo lange in der Ferne feſthielt, da ich Deine Beſorgniß wohl kenne. Aber ich dachte mir den Augenblick der Ueberraſchung ſo ſchön, daß ich ihn unter allen Umſtänden genießen wollte, und von der Bewerbung verſprach ich mir nichts, denn es wurde mir mitgetheilt, daß die Stelle ſchon ſo gut wie vergeben ſei“, entgegnete Rudolf, die Liebkoſungen der Mutter erwidernd. „Ja, ſiehſt Du, ſo ſeid Ihr jungen Leute. Ihr denkt nur an einige ſchnell dahinſchwindende Mi⸗ nuten der Seligkeit und beachtet nicht die langen qual⸗ vollen Tage bittern Wehs, die von denjenigen verlebt werden, die um Euch beſorgt ſind“, führte Frau Stade an, ohne indeſſen dem Sohne mit ihren Worten einen Vorwurf machen zu wollen. „Aber, Mütterchen, Du kannſt mir glauben, daß ich Dir um Alles in der Welt keine trübe Stunde bereiten möchte, und wenn ich ungewöhnlich lange nicht geſchrieben, ſo erſcheint mir das jetzt allerdings auch unverzeihlich; doch bisher fand ich es ganz in der 30 Ordnung, Dich über mein Kommen in Ungewißheit zu laſſen; es iſt, wie Du ſagſt: das Kind überlegt nie genugſam, was Aelternſorgen zu bedeuten haben.“ Wie ſtolz dieſe Anerkennung die alte Frau machte und mit welcher Liebe ſie auf den Sohn blickte, der ſie ſo ganz verſtand.„Nun, nimm Dir meinen Tadel nur nicht zu ſehr zu Herzen“ ſprach ſie zärtlich,„Du weißt wohl, daß ich vollkommen von Deinen echt kindlichen Gefühlen gegen mich überzeugt bin. Aber ich denke, wenn Du meinem Rathe gefolgt wäreſt, hätte Dir die Pfarrſtelle hier nicht entgehen können, man will Dir allgemein wohl.“ Nein, einem andern Bewerber ſtanden Protectoren zur Seite, die hier allein den Ausſchlag zu geben hat⸗ ten, und dann— ich möchte auch die Stellung gar nicht einnehmen, ſie iſt eine der ſchlechteſten weit und breit“, wandte Rudolf ein. „Aber doch immer beſſer wie gar keine.“ „Vielleicht. Sei indeſſen verſichert, ich werde nicht mehr lange auf eine Pfarre zu hoffen brauchen.“ Dieſe Behauptung war keine leere Prahlerei. Ru⸗ dolf Stade beſaß die Gunſt bedeutender Männer. Er hatte ſich das Wohlwollen derſelben nicht etwa durch kriechende Unterwürfigkeit und entehrende Schmeichelei erſchlichen, ſondern ſeine ſchätzenswerthen Kenntniſſe 31 und ein würdevolles Leben während ſeiner Studien⸗ jahre und der Zeit, in welcher er als Candidat der Theologie Unterricht in verſchiedenen hohen Häuſern ertheilt, waren ihm die ſicherſten Bürgen für ſeine baldige Berückſichtigung. Noch ſehr jung, hatte er die Univerſität bezogen, und obgleich von ſeiner Mutter, einer armen Lehrers⸗ wittwe, nur wenig unterſtützt, war er nie in die Ver⸗ legenheit gekommen, außer den ihm gewährten Stipen⸗ dien Hülfe ſuchen zu müſſen. Seine Anſprüche an das Leben blieben immer ſehr beſcheidene, und da er ſich gern Tag und Nacht quälte, um die eigenen Unter⸗ haltungskoſten ſo viel als möglich zu erwerben, ſo lernte er nicht einmal die Noth in ihrer vollen Bedeu⸗ tung kennen, wenn auch manch Anderer in ſeiner Lage bitter hätte darben müſſen. Jetzt, da er das vierund⸗ zwanzigſte Lebensjahr erreicht hatte, war er längſt mit dem Examen fertig; ſein angenehmes Aeußeres, verbun⸗ den mit einer vorzüglichen Rednergabe und der ihm innewohnenden Herzens⸗ und wiſſenſchaftlichen Bildung, erwarb ihm leicht das Wohlwollen derer, die ihm nahe kamen; ſomit konnte er wohl zu der Hoffnung berech⸗ tigt gelten, daß er nicht vergebens auf baldige Anſtel⸗ lung warte. Wie ganz anders geſtaltete ſich nun das Leben in 32 der beſchränkten Wohnung der Frau Stade nach der Rückkehr ihres Sohnes. Rudolf beſaß durch ſeine Erſparniſſe während der letzten Jahre die nöthigen Mittel, eine Zeit lang anſtändig und ſorgenfrei leben zu können, und da er den Vorſatz gefaßt, vorläufig keine neue Hauslehrerſtelle anzunehmen, um ſich ganz der kränkelnden Mutter widmen zu können, ſo fehlte dieſer nichts mehr zu ihrem Glücke, ſie hatte den einzigen Menſchen um ſich, der ihr über Alles galt; das war genug, um ſie im wahren Sinne des Worts zufrieden zu ſtellen. Und wie bemühte ſich Rudolf, ihr all die Sorgen zu vergelten, die ſie ſeinetwegen im Leben ge⸗ habt; jeden Wunſch ſuchte er ihr an den Augen abzu⸗ leſen, liebreich und zuvorkommend, wußte er ihr an jedem neuen Tage neue Freuden zu ſchaffen. In dieſen Verhältniſſen mußte die alte Frau neuen Lebensmuth faſſen; ihre Schwäche ſchwand zuſehends; ſie wünſchte auch noch recht lange an der Seite des braven Sohnes zu bleiben und das hehre Mutterglück zu genießen. Dem Candidaten entfloh jetzt die Zeit mit Rieſen⸗ ſchritten; es waren immer die ſchönſten Tage ſeines Lebens geweſen, die er im Aelternhauſe hatte verbrin⸗ gen können. Leider waren derſelben mit Beendigung ſeiner Knabenjahre immer weniger geworden, da ſeine 33 Studien und nebenbei auch die von ihm unterrichteten Schüler ihn in der Ferne gefeſſelt. Nun lebte er nur ſich und der Mutter, frei und ungebunden verfügte er über all ſeine Zeit und der Gedanke, ſich nie wieder von der letztern trennen zu müſſen, ſtimmte ihn ſo froh, daß die ganze Welt ihm im roſigſten Lichte er⸗ ſchien. Eines Tages, als er dem würdigen Superintenden⸗ ten des Orts ſeinen Beſuch machte, wie dies öfter ge⸗ ſchah, empfing ihn dieſer herzlicher denn je und kün⸗ digte ihm an, daß er eine vortreffliche Pfarre für ihn wiſſe und es wahrſcheinlich nur von ſeinen eigenen Beilühungen abhänge, ob er dieſelbe erhalte oder nicht. „Wir haben im ganzen Kreiſe kein zweites ſo ein⸗ trägliches Pfarramt wie das in Reudlitz“, ſprach er eifrig.„Der Graf Sacco iſt Patron der Kirche; man ſagt ihm zwar nach, daß er ein überaus ſtolzer Herr ſei, aber was geht Sie das an? Soweit ich ihn kenne, beſitzt er auch höchſt liebenswürdige Eigenſchaften; ich ſchmeichle mir, etwas bei ihm zu gelten und werde Ihr Geſuch unterſtützen; außerdem thun Sie gut, ſeinen Neffen, der hier als Freiwilliger dient, für ſich zu ge⸗ winnen. Dieſer junge Mann iſt ein ausgezeichneter Menſch; wenn der ſich Ihrer annimmt, woran ich kei⸗ nen Augenblick zweifle, können Sie mit Beſtimmtheit Steffens, Standesvorurtheile. 1. 3 34 auf die Erfüllung Ihrer Wünſche rechnen, denn er iſt der Liebling ſeines Oheims und der einſtige Erbe aller Güter des letztern.“ „Aber wird ſich der junge Graf um dergleichen Sachen kümmern? Es widerſtrebt mir, mich in einer ſo wichtigen Angelegenheit um zweifelhafte Protectionen zu bemühen, viel lieber möchte ich ſogleich direct auf das Ziel losgehen!“ wandte Rudolf ein. Lächelnd erwiderte der Superintendent:„Folgen Sie meinem Rath, und ich werde ebenfalls für Sie thätig ſein. Gern ſtimme ich Ihnen bei, daß es im Allge⸗ meinen ſchöner und ehrenvoller iſt, immer den geraden Weg zu wählen; doch der, den ich Ihnen anrathe, iſt auch kein verwerflicher und krummer. Glauben Sie mir, das Leben bringt manche Windung mit ſich, und wer ſie zu benutzen weiß, ohne überhaupt die Richtung aus dem Auge zu verlieren, der allein iſt im Stande, zufrieden und ohne Reue auf die zurückgelegten Pfade zu blicken; er erreicht ſicher ſein Ziel, wenn nicht der Lenker aller Schickſale es anders über ihn verhängt hat.“. Stade verbrachte mehrere Stunden bei dem geiſt⸗ lichen Herrn, dem das Wohl des jungen Mannes, ſei⸗ nes einſtigen Zöglings, am Herzen lag; er ertheilte ihm noch manchen vortrefflichen Rath, den er bei der 35 Bewerbung um die vacante Pfarrſtelle zu beherzigen habe, und der Candidat ſah ſich mit einem Mal dazu gedrängt, mit aller Energie die Entſcheidung über den Beginn ſeiner amtlichen Laufbahn anzuſtreben. Bis dahin hatte er wohl zuweilen daran gedacht, daß es herrlich ſein müſſe, wenn er in einer Gemeinde der geachtete und verehrte Seelſorger werde, einen eigenen Herd gründen könne und, die Mutter in der Nähe, vielleicht auch bald ein liebes Weſen als Gattin an der Seite, ſowohl in der ſtillen Häuslichkeit wie im öffentlichen Leben als Muſter und Vorbild für ſämmtliche Mit⸗ glieder ſeines Sprengels dahinwandle. Doch daß dieſe Zeit möglicherweiſe ſo nahe ſei, das war ihm noch nicht in den Sinn gekommen, und als er nun die erſten Schritte thun ſollte, um das Ziel zu erreichen, für welches er bisher gearbeitet und gerungen ſchien es ihm faſt unmöglich, daß dieſelben vom Erfolg ge⸗ krönt werden könnten; er dünkte ſich lange nicht wür⸗ dig genug, die Pflichten gewiſſenhaft zu erfüllen, die das Amt eines Geiſtlichen an ihn ſtellte. Dennoch durfte er nicht ſäumig erſcheinen, wenn er ſeinen gütigen Protector nicht erzürnen oder ihm nicht gar zu dem Glauben Veranlaſſung geben wollte, es mangle ihm an Selbſtvertrauen; auch war er ja ſeiner Mutter ſchuldig, ihr möglichſt bald eine recht behag⸗ 3* 36 liche und völlig ſorgenfreie Exiſtenz zu bereiten, und das konnte er nur, wenn ſeine Zukunft ein⸗ für alle⸗ mal geſichert war. Dies erwägend, drängte er jede unangenehme Nebenempfindung zurück und machte ſich am nächſten Vormittage nach der Wohnung des jun⸗ gen Grafen Sacco auf den Weg, um ſich dieſem vorzuſtellen und ſeine Fürſprache zu erbitten, ohne daß er zu Hauſe auch nur ein Wort über ſein Vorhaben geäußert hätte. Er meinte ſehr richtig, wenn ſeine Be⸗ mühungen vergebliche ſeien, ſo habe er der Mutter am Ende keine Täuſchung bereitet, und wolle das Glück ihm wohl, ſo ſei es noch immer Zeit, ſie daran Theil nehmen zu laſſen. Der Candidat hatte bisher wohl zuweilen Gele⸗ genheit gehabt, mit hochgeſtellten Perſonen in Berüh⸗ rung zu kommen und ihrer Bildung und feinen Um⸗ gangsform Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen; doch ſonderlich begeiſtert war er von dieſen Stunden, die ihn in die Nähe derſelben geführt, nie geweſen; er beſaß zu wenig Eitelkeit, einen zu kleinen Theil jener Sucht, mit vornehmen Bekanntſchaften zu prunken, als daß er ſich nach dem Verkehr mit Höhergeſtellten hätte ſehnen ſollen. Dagegen bereitete ihm die Einſicht, daß ſelbſt die größte Freundlichkeit der gebildetſten und lie⸗ benswürdigſten Perſonen der Ariſtokratie hauptſächlich 37 den Stempel der Herablaſſung trage und ſie gewiß ihr feines und vertrauenerweckendes Auftreten in kalte Förmlichkeit verwandelten, wenn ſie zu der Wahrneh⸗ mung Veranlaſſung erhielten, der von ihnen Berück⸗ ſichtigte halte ſich für gleichberechtigt und verkenne ihre Gnade, ſtets ein Gefühl des Unbehagens und der Pein. Auch er war ſtolz, doch dieſer Stolz war ein würde⸗ voller, der ſich lediglich auf ſein Recht als wohlerzoge⸗ ner Menſch gründete. „Nur ungern betrat er das Haus, in welchem der junge Graf wohnte, denn viel Gutes hoffte er nicht von dem Begegnen mit dem Soldaten. Oft genug hatte er bereits im Leben erkannt, daß die unerfahrene, verdienſtloſe Jugend ſich viel eher überhebt und voll lächerlichen Dünkels um ſich blickt, als das geläuterte Alter, und namentlich fürchtete er in dieſer Beziehung das Militär, da mehrfache Raufereien einzelner ſeiner Studiengenoſſen mit Offizieren immer durch die An⸗ maßung der letztern herbeigeführt worden waren. Als der Candidat durch den im Entrée beſchäftig⸗ ten Diener ſeine Karte zu dem einjährigen Freiwilligen hineinſandte, war er noch nicht einmal mit ſich einig, wie er ſein Geſuch bei dem letztern anbringen wolle, wenn er überhaupt Zutritt erhielt; ſeine ihm angeborene 5 Beſcheidenheit hinderte ihn, da, wo er als Bittender erſchien, unbefangen und ſorglos aufzutreten; der Augen⸗ blick, in welchem er zu ſprechen hatte, mußte ihm die Worte zu ſeiner Vorſtellung eingeben. Weit eher, als es Stade erwartete, kehrte der Die⸗ ner mit der Meldung zurück, der Herr Graf erwarte den Beſuch in ſeinem Empfangszimmer. In der nächſten Sekunde ſtand der Candidat vor dem uns bereits bekannten Huſarenunteroffizier und entſchuldigte die veranlaßte Störung, indem er ſich auf ſeinen Protector, den Superintendenten, berief, der ihm die Adreſſe des Grafen gegeben. Dieſer ließ ihm kaum Zeit zu einer Erklärung. Wahrhaft zuvorkommend und gewinnend erwiderte er ſeine Verbeugung zog ihn nach dem ſchwellenden Sopha und ſprach dann freundlich:„Ich kann Ihnen unmög⸗ lich ſagen, wie ſehr Sie mich durch Ihren Beſuch er⸗ freuen, Herr Candidat. Eben war ich einmal wieder, wie dies in der letzten Zeit häufig bei mir der Fall geweſen iſt, in recht trübe Gedanken verſunken— Ihrem Kommen verdanke ich das Aufrütteln aus nutzloſen ernſten Betrachtungen.“ Dieſer herzliche Empfang munterte den Theologen auf, ſchnell alle Befangenheit abzulegen. Lächelnd er⸗ widerte er:„Herr Graf, verzeihen Sie, wenn ich geſtehe, daß mich Ihre Worte befremden; nach dem, was ich * 39 über Sie und Ihre Lebensſtellung vernommen, hielt ich Sie zu nichts weniger als trüben Anſchauungen hin⸗ geneigt.“ „Ja, ja, ſo iſt es in der Welt; faſt Jeder urtheilt nach dem Schein und bedenkt nicht, daß auch dem Glücklichſten noch Vieles mangelt, um zufrieden leben zu können. Und wie oft ſind gerade diejenigen die Be⸗ dauernswürdigſten, die ſo recht für die verwöhnten Lieblinge Fortuna's gelten“, verſetzte Sacco bitter lächelnd.„Haben Sie das nicht auch ſchon empfunden?“ fuhr er fragend fort. „Ich glaube nicht, daß mich ſchon irgend Jemand für einen beſonders Glücklichen hielt, denn ich habe, ſo⸗ lange ich der Kindheit entwachſen bin, immer mit Sor⸗ gen zu kämpfen gehabt“ antwortete Stade ernſt. „Das Letztere gebe ich zu! Aber wem haben Sie Ihre Sorgen anvertraut? Urtheile werden oft ge⸗ fällt, ohne daß man ſich die Mühe nimmt, die Ver⸗ hältniſſe des Beurtheilten zu prüfen und zu ergründen.“ In dieſer Weiſe wußte der Graf die Unterhaltung längere Zeit fortzuführen. Wie er zuerſt von ſich ge⸗ ſprochen und dann gewandt auf die Verhältniſſe des Candidaten übergegangen war, ſo ergründete er auch bald die Urſache, die den Theologen zu ihm geführt, ohne daß derſelbe direct als Bittſteller aufzutreten brauchte. Sein feiner geſellſchaftlicher Takt ließ ihn mit Leichtig⸗ keit den richtigen Weg wählen, um die Lage ſeines Gegenübers ſich klar zu machen, und als endlich Stade es für Zeit hielt, auf den Grund ſeines Erſcheinens vor ihm hinzudeuten, kam er ihm zuvor, indem er ſprach: „Herr Candidat, wenn ich nicht fürchtete, daß Sie auf dem Lande ſich ſchwerlich je heimiſch fühlen wer⸗ den, möchte ich Ihnen den Vorſchlag machen, ſich um die erledigte Pfarrſtelle in Reudlitz zu bewerben. Das Einkommen dort iſt beſſer wie das des hieſigen erſten Pfarramts, und meinen Oheim, den Patron der Kirche, und uns alle, die wir zu der Familie Sacco gehören, würden Sie beglücken, denn ich bin der feſten Ueber⸗ zeugung, daß wir keinen würdigern Seelſorger als Sie finden könnten.“ Stade war im höchſten Grade überraſcht und fühlte ſich beſchämt durch dieſe Weiſe des Grafen, mit ihm umzugehen. Erröthend erwiderte er:„Herr Graf, Ihre Güte gegen mich bringt mich außer aller Faſſung; offen geſtehe ich, daß es mein ſehnlichſter Wunſch iſt, die Pfarre in Reudlitz zu erhalten, und daß ich es wagte, Sie zu beläſtigen, um Ihre gütige Protection für mich zu erbitten.“ Lächelnd führte Sacco an:„Leider habe ich keine 41 Stimme bei der Verleihung des Amtes, aber ich gelte dem Patron viel und dieſer beherrſcht wieder die ganze Gemeinde. Wollen Sie alſo in den nächſten Tagen mit mir eine Spazierfahrt nach Reudlitz unternehmen, ſo ſtelle ich Sie meinem Oheim vor, Sie halten am Sonn⸗ tage darauf die Probepredigt und das Weitere, hoffe ich, wird ſich dann von ſelber finden.“ Stade war ſo glücklich über die ihm geſtellte Aus⸗ ſicht, daß er keine Worte fand, ſeinen Dank gebührend abzuſtatten. Der Graf ließ ihm auch nicht Zeit dazu. „Morgen habe ich keinen Dienſt; convenirt es Ihnen, ſo fahren wir um zehn Uhr vormittags von hier fort. So, und nun laſſen Sie uns ein wenig von unſerer Studentenzeit plaudern. Sie müſſen nämlich wiſſen, daß ich die Univerſitäten zu Berlin und Bonn wäh⸗ rend acht Semeſter beſucht habe und nur meiner Mili⸗ tärdienſtpflicht genüge, dann aber bei der Verwaltungs⸗ behörde wieder eintrete“, ſprach er im freien Burſchen⸗ ton. „In Berlin habe auch ich meine Studienzeit ver⸗ bracht“ erwiderte Stade etwas vertraulicher wie bisher. „Welcher Verbindung gehörten Sie denn an?“ fragte Sacco lebhaft. „Ich war Kameel“, antwortete der Candidat klein⸗ laut. 1 1½ 1 1 1 111 42 „Kameel? Das begreife ich nicht! Gewöhnlich ſind die Theologen während ihrer Studienzeit die flotteſten Burſchen.“ „Wenn ſie die nöthigen Mittel beſitzen, ein flottes Leben führen zu können; wer aber, wie ich, auf ſich ſelber angewieſen iſt und durch ein zu burſchikoſes Leben auch noch die wenigen ihm gewährten Stipendien ver⸗ ſcherzen würde, muß wohl allen Verbindungen fern bleiben.“ „Sie haben Recht und ich bewundere Ihre Charak⸗ terfeſtigkeit. Uebrigens muß ich zugeſtehen, daß ich während meiner Univerſitätsjahre auch mehr den Wiſſen⸗ ſchaften als den Kneipen zugethan war: jetzt als Mili⸗ tär iſt es ſelbſtverſtändlich, daß ich hauptſächlich dem Amuſement lebe.“ „In Berlin haben die Verbindungen überdies ſo gut wie nichts mehr zu bedeuten, der Corpsgeiſt ſchwin⸗ det mehr und mehr, die Studenten treten überall wie echte Philiſter auf, man ſieht ſelten noch einen ohne Leibrock und Cylinderhut, in allen Geſellſchaften gleichen ſie dem ſoliden Bürger.“ „Ja, ja, ſo iſt es. Und wiſſen Sie, woran das liegt?“ „Hauptſächlich wohl daran, daß man ihnen zu ſehr auf die Finger ſieht. Seitdem in jedem Winkel Berlins Poliziſten ſtecken und jede gemüthliche Zuſammenkunft für den Herd einer Verſchwörung gilt, iſt es den Jünglingen kaum möglich, ungezwungen ihr Weſen in der frühern Weiſe zu treiben.“ „Ich glaube, daß die mannichfachen Zerſtreuungen der Hauptſtadt ebenfalls das Ihre thun, ein engeres Zuſammenhalten der Studirenden zu verhindern.“ „Dieſe Meinung kann ich nicht theilen; ehemals wurden Vergnügungen nur gemeinſchaftlich aufgeſucht oder veranſtaltet. Aber der größte Theil der Berliner Studenten iſt arm und hat von einem Tage zum an⸗ dern mit Sorgen zu kämpfen; darin liegt ein mächtiges Hemmniß des Burſchengeiſtes.“ So plauderten die jungen Männer weiter, bis das Herannahen der Mittagszeit den Candidaten zum Auf⸗ bruch mahnte. In der glücklichſten Stimmung erthob er ſich, um Abſchied zu nehmen; er war ſo begeiſtert von der Liebenswürdigkeit und dem Edelmuth des jun⸗ gen Grafen, daß er ihm gern geſtand, er wünſche ſo glücklich zu ſein, recht oft in ſeiner Geſellſchaft weilen zu dürfen, und als darauf Sacco erwiderte, wie ihm ſein Beſuch zu jeder Stunde angenehm ſei und er ihn am andern Tage pünktlich zur Mitreiſe nach Reudlitz er⸗ warte, ging er frohen Herzens, von der Hoffnung beſeelt, nun bald das Ziel all ſeiner Wünſche vor ſich zu ſehen. 44 Auch jetzt geſtund er der Mutter noch nicht, welche Erwartungen er hegte; erſt wollte er ſeiner Sache völlig gewiß ſein, ehe er neue Wünſche in ihrem Herzen anregte, deren mögliche Nichterfüllung ſie ſchwer betrüben mußte. Und ſo hielt er denn auch die Reiſe nach Reudlitz vor ihr geheim oder wußte wenigſtens den Zweck derſelben zu verbergen, indem er vorgab, ein Studienfreund erwarte ihn zu einem gemeinſchaft⸗ lichen Ausfluge aufs Land. Wie verabredet, fuhren die beiden jungen Männer am nächſten Vormittage zum Thore der Stadt hinaus auf Reudlitz zu. Stade lehnte in der bequem gepol⸗ ſterten Chaiſe neben dem Grafen und hörte deſſen eif⸗ riger Beſchreibung ſeines Oheims zu, den er ganz offen als einen zwar gutmüthigen, aber in alten Vorur⸗ theilen höchſt befangenen und ſehr adelſtolzen Mann dar⸗ ſtellte Plötzich hielt er mitten in einem angefangenen Satze inne und blickte unverwandt die Promenade neben dem Hauptwege entlang, welche nach der Neu⸗ ſtadt führte. Rudolf folgte der Richtung ſeiner Augen und ſah nun eine junge Dame daherſchweben, deren Anblick ihn ebenfalls überraſchte. Jetzt war das Fuhrwerk ihr ziemlich nahe gekom⸗ men; der Graf grüßie höchſt ehrerbietig, auch der Can⸗ 45 didat zog den Hut und die junge Dame verneigte ſich graziös, wobei ihr liebliches Geſicht von einer feinen Röthe übergoſſen wurde. Längſt war die holde Erſcheinung ihren Augen entſchwunden, da das Geſpann in geſtrecktem Trabe weiter flog, als Sacco, wie aus einem langen Traume erwachend, ſich mit der Frage an ſeinen Begleiter wandte:„Kennen Sie die ſchöne Jungfrau, Herr Can⸗ didat, die uns ſo eben begegnete?“ „O gewiß, es iſt ja die Roſe der Neuſtadt, Fräu⸗ lein Anna Liewe!“ erwiderte Stade begeiſtert. „Fräulein Anna Liewe!“ wiederholte der Graf ſinnend. „Ja, die Tochter des Gärtners Liewe; ſie wird all⸗ gemein hochgeſchätzt.“ „Und ſie wohnt in der Neuſtadt?“ „Ihre Aeltern beſitzn daſelbſt ein Grundſtück. Sehen Sie— dort— das iſt ihr Haus.“ „Ha, da wohnt ja der Baron von Herzer!“ „Das weiß ich nicht!“ „Ja gewiß, der berüchtigte Damenfreund.“ „Fräulein Liewe beſitzt einen unzweideutigen Ruf⸗ Noch geſtern hörte ich einige ſehr leicht kritiſirende Damen mit der größten Achtung von ihr ſprechen, auch geht ſie mit den Töchtern der erſten Familien um, 46 was ſie lediglich ihrer vortrefflichen Herzensbildung zu danken hat.“ „Ich weiß! Doch Sie ſcheinen die Verhältniſſe des Fräuleins ſehr genau zu kennen und gern bereit zu ſein, für ſie eine Lanze zu brechen“ führte Sacco for⸗ ſchend an. Wäre der Candidat im geringſten zum Mißtrauen geneigt geweſen oder hätte er es für möglich gehalten, daß der bevorzugte junge Graf an ſeiner Seite ſich beſonders für ein Mädchen der bürgerlichen Klaſſe intereſſiren könne, es wäre ihm wohl nicht verborgen geblieben, daß Sacco einige Piquirtheit blicken ließ, während er die letzten Worte ſprach; ſo blieb er völ⸗ lig ſorglos und erwiderte lächelnd:„Ich habe bis jetzt keine Zeit gehabt, mich um das zartere Geſchlecht zu kümmern, und ſtehe auch Fräulein Liewe gänzlich fern, obwohl ich ſchon wünſchte, von ihr beachtet zu werden. Wenn ich Ihre Bemerkung, ein berüchtigter Damenfreund weile in der Nähe der letztern, die meiner Anſicht nach möglicherweiſe zu einem leiſen Zweifel an ihrer Tugend Veranlaſſung geben konnte, als für ſie unſchädlich zu kennzeichnen ſuchte, ſo halte ich dies in ähnlicher Lage für die Pflicht jedes ge⸗ wiſſenhaften Mannes.“ Mit großer Wärme rief Sacco, dem Theologen 47 die Hand reichend:„Jawohl, ich gebe Ihnen voll⸗ kommen Recht und achte Sie nur um ſo mehr, nach⸗ dem Sie mir dieſen Beweis Ihrer ausgezeichneten Denkungsart gegeben haben.“ Damit erhielt das Geſpräch eine andere Wendung, Anna Liewe wurde nicht mehr erwähnt, und der Can⸗ didat blieb weit entfernt, zu ahnen, welche Gefühle der Graf für die Gärtnerstochter hegte. Sacco verfiel bald darauf in ein anhaltendes Schweigen, ſüße und doch ernſte Empfindungen erwach⸗ ten von neuem in ſeinem Herzen, er war außer Stande, ſeine Aufmerkſamkeit wie bisher lediglich dem Candi⸗ daten zuzuwenden. Dieſer behielt nun Zeit, über ſein Verhalten in Reudlitz, dem Patron der Kirche gegenüber, nach⸗ zudenken. Es war um die Mittagszeit, als das Fuhrwerk, welches den jungen Grafen mit ſeinem Schützling da⸗ hintrug, vor dem Schloſſe zu Reudlitz anlangte und Sacco dem Candidaten zurief:„Da ſind wir! Nun zürnen Sie mir nicht, wenn ich Sie dem Oheim ohne weiteres als Bewerber um die vacante Pfarre vor⸗ führe— er liebt keine langen Umſchweife.“ Ein betreßter Diener nahm die Herren in Empfang und führte ſie in das Schloß und durch mehrere Gänge und Zimmer, bis ſie in einem kleinen Salon anlang⸗ ten, wo ſie den Herrn der Beſitzung, den Grafen Sacco antrafen. Die Begrüßung zwiſchen Oheim und Neffen war eine herzliche, und als der Soldat den Candidaten an der Hand zu dem alten Herrn hinzog und im Tone der Siegesgewißheit ſprach:„Hier, lieber Oheim, ein mir werther Bekannter, Herr Candidat Stade, der ſeine Bitten mit den meinen vereint, Deinen Einfluß für ihn geltend zu machen, damit er die hieſige Pfarrſtelle er⸗ hält“ ſchien es dem letztern, als ob ſeine Bemühungen nicht vergeblich ſein würden. Ernſt und gemeſſen, aber nicht unfreundlich er⸗ widerte der ſtolze Graf die Verbeugung des Theolo⸗ gen, dann ließ er ſeinen Blick eine Weile wie prüfend auf ihm ruhen, worauf er lächelnd entgegnete:„Du biſt ziemlich ungeſtüm, lieber Julius, doch das iſt ja Soldatenart.— Alſo Sie wünſchen durch mich pro⸗ tegirt zu werden, Herr Candidat?“ „Ich wage es, Ihre Gnade zu erflehen!“ bezwang ſich Stade hervorzubringen. Es wurde ihm ſchwer, eine ſo kriechende Devotion zur Schau zu tragen, wie ſie der Patron verlangte; er hielt ſich dadurch entwür⸗ 49 digt und gelobte im Stillen, daß keine Macht ihn be⸗ wegen ſolle, ſich noch tiefer zu demüthigen. Uebrigens hatten ſeine Worte unverkennbar einen höchſt gewinnenden Eindruck auf den Grafen gemacht; er nickte ihm gnädig zu und meinte:„Ihre Bekannt⸗ ſchaft mit meinem Neffen würde allein genügen, mich aufs lebhafteſte für Sie zu intereſſiren, ich bin aber erfreut, daß Sie mir Gelegenheit geben, ſchon heute die liebenswürdigen Eigenſchaften unſeres künſtigen Geiſtlichen kennen zu lernen.“ Bis zum ſpäten Abend verweilte der Candidat mit ſeinem jungen Protector in Rendlitz. Nur zu oft machte er in dieſer Zeit die ihn nicht beglückende Be⸗ merkung, daß dem Kirchenpatron trotz ſeiner nicht zu verkennenden Bildung ein Adelſtolz innewohnte, wie er ſblchen anzutreffen noch nicht Gelegenheit gehabt hatte; ja er überzeugte ſich, daß der alte Herr gerade durch ſeine Arroganz ſich zum Spielball ſeiner Umge⸗ bung machen ließ, indem er auch die plumpſten und lächerlichſten Schmeicheleien für die Zeichen einer tief⸗ empfundenen Ehrfurcht hinnahm; ſelbſt ſein Neffe wußte ihn vermittelſt dieſer Schwäche herrlich zu lenken und in Allem ſeinem Willen unterthänig zu machen. Die wahre Weinung des letztern über ihn kannte Stade ja bereits“ Etgeſtand ſich daß es Steffens, Standesvoritheile. P 50 Mühe und ohne daß er ſich etwas zu vergeben brauche, gelingen werde, den Grafen zu leiten, ſobald er die Pfarre erhalten habe, und da der Kirchenpatron ihm im Laufe des Nachmittags mehrmals die Verſicherung gegeben, er könne ſicher ſein, von ihm berückſichtigt zu werden, wenn die zu haltende Probepredigt mit ſei⸗ nem Weſen im Einklang ſtehe, ſo zweifelte er keinen Augenblick mehr daran, in nächſter Zeit als Pfarrer von Reudlitz zu fungiren. Sein Abſchied von dem alten Grafen war dar⸗ nach ein freudig bewegter; dieſer behandelte ihn auch hierbei äußerſt herablaſſend. Als die beiden jungen Männer wieder in ihrer Chaiſe ſaßen, rief Sacco dem Nachbar freundlich zu:„Sie werden meinen etwas ſonderbaren Oheim herrlich zu gewinnen verſtehen; ich wünſche Ihnen von ganzem Herzen Glück zu Ihrer Stellung als Pfarrer von Reudlitz!“ Schon am nächſten Tage that der Candidat die er⸗ forderlichen officiellen Schritte als Amtsbewerber und kurze Zeit darauf predigte er an einem Sonntagvor⸗ mittage in Reudlitz. Sein Vortrag gewann ihm die Herzen der ganzen Gemeinde, ſelbſt der Huſarenunter⸗ offizier fühlte ſich durch denſelben aufs innigſte bewegt, und die Folge davon war, daß er einige Wochen ſpäter feierlich als Pfarrer eingeführt wurde. 51 — Wenige Tage, bevor er mit ſeiner Mutter S. ver⸗ ließ, um nunmehr in Reudlitz eine neue Heimat zu finden, wurde ihm, als er abends von einem Aus⸗ fluge heimkehrte, durch die Aufwärterin die Meldung gemacht, Frau Stade ſei nach der Neuſtadt zu dem Gärtner Liewe gegangen, um ſich von deſſen Frau zu verabſchieden, die noch eine Schulfreundin von ihr war und ihr immer viel Anhänglichkeit bewieſen hatte. Die Dienerin fügte hinzu, es werde die Mutter ſehr exfreuen, wenn er ſie abhole, da ſie dieſe Erwartung ausgeſprochen habe. Der Paſtor kam einigermaßen in Verlegenheit. Er war ſelten in dem Liewe'ſchen Hauſe geweſen, trotzdem ging er gern dahin, denn er dachte an die liebliche Erſcheinung Anna's, und welcher junge Mann kommt nicht gern in die Nähe eines ſo überaus reizenden Weſens? Aber die Art, wie er ſich da jetzt einführen ſollte, kam ihm etwas bedenklich vor. Gleichwohl durfte er die Mutter nicht vergeblich warten laſſen, eine ſolche Rückſichtsloſigkeit hätte er ſich nie verziehen⸗ Somit ordnete er denn eilig ſeinen Anzug, als wolle er eine Staatsviſite machen, und trat den Weg nach der Neuſtadt an. Wie ſonderbar ihm auf dieſem Gange zu Muthe war! Er war faſt nie mit Anna Liewe in nähere 4* Berührung gekommen, ſelten anders als aus der Ferne hatte er ihre Schönheit bewundert, aber dennoch war er nur zu ſehr geneigt, ſie über alle Damen zu ſtellen, und was er zufällig über ihre Bildung und Tugend erfuhr, konnte den überaus günſtigen Ein⸗ druck, den ſie auf ihn gemacht, nur erhöhen. Nun ſollte er wahrſcheinlich Gelegenheit erhalten, ſie ſtun⸗ denlang in ihrer Häuslichkeit zu ſehen, ſich mit ihr zu unterhalten und ihr zu ſagen, daß er von S. ſcheide, um ſeinem Beruf zu folgen. O könnte ich noch etwas hinzufügen! dachte er bei ſich. Sein Herz klopfte ſchnel⸗ ler, ein Zeichen, daß ſie ihm nicht ſo gleichgültig war wie die ganze übrige Damenwelt. Nach einer Wanderung von wenigen Minuten langte Stade vor dem Lieweſchen Hauſe an. Die Dämme⸗ rung begann bereits mehr und mehr um ſich zu grei⸗ fen, ein lauer Sommerabend hatte die meiſten Be⸗ wohner der Neuſtadt auf die Straße gelockt. Ohne Zögern müßte der junge Pfarrer die Thür öffnen, die ihn noch von den innern Räumen der Liewe'ſchen* Wohnung trennte, wenn er nicht die beſondere Auf⸗ merkſamkeit der Nachbarn erregen wollte. Ein vernehmbares Klingeln der Thürglocke beglei⸗ tete ſeinen Eintritt in den geräumigen Flur des Hauſes. Zu beiden Seiten befanden ſich weitere Eingänge; unſchlüſſig blieb Stade ſtehen, er wußte nicht, nach welcher Seite er ſich wenden ſollte. Da öffnete ſich geräuſchlos eine der Thüren und anmuthig lächelnd trat ihm Anna Liewe entgegen. Nie war ſie ihm ſchöner erſchienen als in dieſein Augenblick, da ſie ihn voll und freundlich anſah. Alles“ Blut drang ihm zum Herzen, unfähig zu ſprechen ſtand er da, den Hut in der Hand, nur eine ſtumme Verbeugung als Gruß zu ihr hinüberſendend. 66 „Guten Abend, Herr Paſtor. Wir haben Sie ſchon recht lange erwartet! Ihre Frau Mutter befindet ſich mit meinen Aeltern im Garten“ redete Anna den jungen Mann an, indem ſie zur Seite trat, um den Eingang zur Stube frei zu laſſen. „Ich erfuhr eben erſt, als ich von einem Spazier⸗ gange heimkehrte, daß meine Mama bei Ihnen weile“, entſchuldigte ſich der Paſtor. Eifrig fuhr er fort: „Aber, mein Fräulein, es wundert mich, daß Sie den herrlichen Abend im Zimmer zuzubringen vorziehen, während die lieben Ihrigen den gewiß herrlichen Gar⸗ ten zum Aufenthalt wählten.“ „Ja, ja; wiſſen Sie aber auch, Herr Paſtor, daß Sie die Schuld an meinem Hierſein tragen?“ erwi derte Anna ſchalkhaft lächelnd. 54 Ich? Darf ich um nähere Erklärung bitten?“ be⸗ eilte ſich Stade zu entge nen. „Sehr gern gebe ich die⸗ ich erwartete Sie hier, um Sie bei Ihrem Kommén nicht glauben zu laſſen, wir ſeien ſämmtlich ausgeflogen.“ „D welches Opfer haben Sie mir damit gebracht! Nehmen Sie meinen innigſten Dank für Ihre Güte entgegen“ ſprach Stade enthuſiasmirt. „Und jetzt, Herr Paſtor— darf ich Sie ebenfalls in den Garten führen, oder ziehen Sie es vor, hier zu bleiben?“ „Ich erlaube mir, Ihnen die Beſtimmung darüber zu überlaſſen, da ich mich überall wohl und glücklich fühle, wo ich eine ſo liebenswürdige Geſellſchaft finde.“ „Nun, dann mache ich den Vorſchlag, das Freie zu ſuchen“ erwiderte Anna, ohne von der Schmeichelei des Paſtors die geringſte Notiz zu nehmen. Auf dem Wege nach dem Garten fragte die junge Dame, um das eingetretene Schweigen zu unterbrechen: „Alſo Sie werden uns ſchon in den nächſten Tagen für immer verlaſſen, Herr Paſtor?“ „Davor behüte mich Gott!“ rief Stade.„Freilich muß ich in meinen künftigen Wirkungskreis ziehen, aber das wird mich nicht hindern, ab und zu hierher zu kommen.“ * 55 „Ich möchte wohl wiſſen, ob Sie, der Sie doch an das Leben in großen Univerſitätsſtädten gewöhnt find, ſich auf dem Lande ganz glücklich fühlen wer⸗ den“, nahm Anna wieder das Wort. „Ganz glücklich? Welcher Menſch könnte ſagen, daß ihm nichts zum vollkommenen Glück mangele? Indeſſen hoffe ich, in meinem Beruf Frieden und Be⸗ friedigung zu finden, und dann, werden meine kühnſten Wünſche durch die Erfüllung gekrönt, iſt es mir ver⸗ gönnt, dereinſt eine Häuslichkeit zu gründen, in der ein liebendes Weſen mir zur Seite ſteht, wie ſollte ich in dieſem Falle noch das geräuſchvolle Treiben großer Städte entbehren“, antwortete Stade, indem er ſeinen Blick voll Innigkeit auf der Jungfrau ruhen ließ. Anna mußte den wahren Sinn ſeiner Worte nicht verſtehen, unbefangen entgegnete ſie:„Sie haben Recht; auch ich denke, daß ein ſtilles häusliches Glück alle Freuden der geräuſchvollen Welt überwiegt.“ Unter derlei Geſpräch waren ſie vor einer Laube im Garten angelangt. Herr Liewe kam ihnen entgegen und führte ſie den beiden Frauen zu, die ſie voll Herzlichkeit empfingen. Der junge Paſtor fühlte ſich in dem kleinen Erkel ſehr wohl; von allen Seiten wurde ihm die aufrichtigſte Freundſchaft entgegengebracht, ja Frau Liewe ſchien ihn mit ganz beſonderem Wohlwollen zu betrachten; er zweifelte nicht daran, daß ſie ſeine Bewerbung um ihre Tochter gewiß billigen werde. Deſſenungeachtet hülete er ſich wohl, ſeine Gefühle vor ihr zu verrathen; das Benehmen Anna's gegen ihn gab ihm Mancherlei zu denken, ſie erſchien zu kindlich froh, ihr Weſen drückte zu offen eine freundliche Theilnahme für ihn aus, um der Hoffnung Raum zu geben, tiefere und innigere Empfindungen hätten bereits in jhrem Herzen Wurzel geſchlagen. Die Unterhaltung zwiſchen ſeiner Mutter und den Aeltern Anna's drehte ſich hauptſächlich um die Ueber⸗ fiedelung nach Reudlitz und ſeine Stellung daſelbſt. Natürlich wurde er hierbei von allen Seiten bis in den Himmel erhoben. Das konnte dem beſcheidenen Paſtor nicht behagen. Die junge Dame mochte wohl mit dem ihr eigenen Takt herausfühlen wie unange⸗ nehm ihm die verſchiedenen Lobpreiſungen waren, welche über ihn ausgeſchüttet wurden; deshalb bemühte ſie ſich unabläſſig, die Converſation in andere Bahnen zu leiten, wobei ihr Stade natürlich nach Kräften be⸗ hülflich war. Zum größten Theil unterhielten ſich jedoch die jungen Leute abgeſondert von dem Geſpräch ihrer Aeltern und hierbei gewann der Paſtor immer mehr die Ueberzengung, daß ſeine Nachbarin ebenſo⸗ wohl ein Engel an Güte und Liebenswürdigkeit wie an Schönheit des Körpers ſei. Viel zu früh rief der Wächter die zehnte Stunde eab, ſeine Mutter mahnte zum Aufbruch und die Tren⸗ nung mußte endlich erfolgen. Langſam ſchritten ſie wieder aus dem Garten in das Haus. Der Paſtor ging an der Seite Anna's.„Darf ich mir erlanben, mein verehrtes Fräulein, auch Ihnen einen kurzen Beſuch zu machen, wenn mich meine dienſt⸗ lichen Pflichten recht bald für einen halben Tag hier⸗ her rufen ſollten?“ fragte er halblaut in froher Er⸗ wartung. „Recht ſehr bitte ich darum! Gewiß ſind Sie über⸗ zeugt, daß ung dieſe freundliche Aufmerkſamkeit aufs höchſte erfr ürde“, erwiderte die junge Dame. Lebhaft ſe inzu:„Alſo Sie haben auch hier zu⸗ weilen a andlungen zu verrichten?“ „Ja heißt nur inſofern, als die ſämmtlichen Pfarrer der Synode auf den Ruf des Superintenden⸗ ten zu Berathungen hier erſcheinen müſſen.“ „Ach, ich glaubte, Sie würden zuweilen in unſerer Kirche predigen“, ſagte Anng enttäuſcht. „Wenn Sie das beſonders wünſchen, mein Fräu⸗ en, ſo läßt es ſich wohl einrichten, daß ich mitunter einen der hieſigen Geiſtlichen vertrete.“ 58 „O nein, der Mühe ſollen Sie ſich meinetwegen gewiß nicht unterziehen“, rief Anna. Lächelnd fuhr ſie fort:„Aber wie bin ich einfältig, anzunehmen, Sie könnten, um mich zu erbauen, hierher kommen und predigen.“ „Fräulein“, ſprach Stade ernſt und gefühlvoll,„wer⸗ den Sie mir glauben, daß ich Ihretwegen tauſendmal mehr vollbringen möchte, als eine Predigt zu halten?“ Anna erröthete heftig, was der Paſtor indeſſen nicht ſah. Sich gewaltſam zu einem harmloſen Ton zwingend, erwiderte ſie:„D, Sie möchten mich gewiß durch Ihre belehrenden Worte zu einer recht frommen Chriſtin bekehren und von aller Schuld Leinigen. Solch Verdienſt könnte wohl eine Reiſe von Reudlitz hierher verlohnen. Aber ich bin ei lich verſtockte Sünderin und namentlich recht ei Deshalb darf ich mich nicht erkühnen, Sie zu werk zu ermuntern.“ Dieſe Entgegnung, obgleich im freuntlichen Ton geſprochen und ohne daß Anna die Abſicht hegte, Stade im geringſten zu beleidigen, vielmehr nur deshalb ge⸗ macht, um die Unterhaltung zwiſchen ihnen im leich⸗ ten, ſcherzhaften Schwung zu erhalten, verletzte den ernſten, denkenden Mann ungemein. Er ſagte ſich, daß Anna auch nicht im mindeſten ſeine Gefühle theilen 59 könne, weil ſie ſonſt ſicher auf das ihr gemachte Ge⸗ ſtändniß ſeiner Hingebung für ſie nicht in einer ſo leichten Weiſe, wie er meinte, geantwortet hätte. Zum zweiten Mal war ſie ſeiner beziehungsreichen Hindeutung auf die Wünſche, die ihn beſeelten, aus⸗ gewichen, ohne auch nur für Augenblicke darauf ein⸗ zugehen; das genügte, ihn zu dem Vorſatz zu bewe⸗ gen, nie wieder ihre Nähe zu ſuchen, um nicht eine im Entſtehen begriffene Liebe in ſeinem Herzen zu nähren, die wahrſcheinlich doch ohne Erwiderung blieb und ihn ſomit nur unglücklich machen konnte. Ein längeres Schweigen war eingetreten, die kleine Geſellſchaft hatte das Haus erreicht, Frau Stade be⸗ gann ſich zu vergbſchieden. Rudolf mußt ihrem Beiſpiel folgen⸗„Leben Sie wohl, mein Kein“ ſprach er ernſt und im ſeier⸗ lichen Ton Anna.„Gern möchte ich Sie bitten, mir ein freundli hes Andenken zu bewahren, doch ich ver⸗ lange wahrſcheinlich zu viel und fürchte, es könnte mir damit ſo ergehen wie mit meinem frühern An⸗ erbieten.“ Die junge Dame hatte ſeine Verſtimmung ſchon bemerkt. Sie blickte ihn mit ihrem ſeelenvollen Auge einen Moment ſchweigend an. O dieſer Blick, wer vermochte ihm zu widerſtehen? Es lag jetzt eine ſtille Anklage, der Vorwurf:„Willſt auch Du mich nicht ich Dich kränkte!“ darin. Lobeserhebungen über die herrliche Tochter ihrer Ju⸗ verſtehen?“ und ein leiſes Flehen:„Vergib mir, wenn Der Pfarrer fühlte ſich aufs neue allmächtig zu ihr hingezogen. Aber als ſie nun ihre rofigen Lippen öffnete und halblaut hinhauchte:„Leben Sie wohl, Herr Paſtor, möge mein herzlichſter Wunſch für Ihr Wohlergehen ſich erfüllen!“ und weiter nichts hinzu⸗ fügte, obgleich es ſchien, als wolle ſie ihm noch mehr ſagen, da ſah er ſich wie vorhin enttäuſcht und ent⸗ muthigt. Schnell wandte er ſich zu ihren Aeltern, ſprach auch zu dieſen einige Abſchiedsworte, ergriff den Arm der Mutter und ſchritt mit ihr aus dem Liewe ſchen Hauſe. „Beneidenswerther Du, dem Glück lächelt, einſt dieſen Engel ſein zu nenn önte es in ſeinem Herzen, als er traurig die tre ße entlang wanderte. k Seine Mutter, die wahrſcheinlich weit entfernt blieb, zu ahnen was in ihm vorging, ergoß ſich in gendfreundin. Rudolf hörte dieſelben an, ohne auch nur durch ein Zeichen ſeine Gefühle zu verrathen. Ob auch ſie wünſchte, ein inniges Band möge den Sohn an die von ihr hochgeſchätzte Jungfrau feſſeln, 61 darüber ließ ſie keine Andeutung fallen; ſie war zu verſtändig, um durch ihre Einwirkung das Lebensglück desjenigen, den ſie über Alles liebte, beeinfluſſen zu wollen, und ſo mußte denn der junge Pfarrer allein mit ſeinem Herzen abſchließen. Wenige Tage ſpäter hatte er den Umzug nach Reudlitz bewirkt; die Amtsgeſchäfte und häuslichen Einrichtungen nahmen nun ſeine Zeit vollſtändig in Anſpruch, raſtlos mühte er ſich ab, und die Arbeit ließ ihn am leichteſten vergeſſen, welche Hoffnungen er vor kurzem in ſeinem Herzen genährt hatte. Drittes Kapitel. Kaum war Graf Sacco von ſeinem kurzen Beſuch mit Stade in Reudlitz zurückgekehrt, als er allen Ern⸗ ſtes darüber nachzudenken begann, wie er ſich dem Fräulein Liewe am beſten nähern könne. Nun er ſie wiedergeſehen und erfahren hatte, wo ſie wohnte, war das lebhafte Intereſſe, ſeine Neigung für ſie noch be⸗ deutend gewachſen, es zog ihn mit der ganzen Macht der erſten jungen Liebe in ihre Nähe. Zwar hatte er den niedern Stand ihrer Aeltern erfahren und für einen Augenblick war er darüber erſchrocken, nicht, weil er ſelber einen Dünkel in ſich fühlte, der ihn daran mahnte, daß eine entwürdigende Mesalliance die mög⸗ liche Folge ſeiner Empfindungen werden könne, wenn er ihnen nachgebe: er war zu erhaben, wahrhaft groß, um ſolché niedrige Gedanken zu hegen, für ihn exiſtirte 9 5u 9 überhaupt keine Standesgröße, die nicht durch eigene Würde und eigenes Verdienſt errungen war; aber er hatte Rückſichten auf ſeine Aeltern und den Oheim zu nehmen, und namentlich dieſen letztern kannte er als einen der eifrigſten Streiter für die Aufrechthaltung der Privilegien des hohen Adels und rückſichtsloſen Anhänger des Grundſatzes, daß dieſer durch jede ehe⸗ liche Verbindung mit bürgerlichem Blut in ſeinem Anſehen und ſeiner Ehrenhaftigkeit tief herabſinke. Er war ſich bewußt, daß der Onkel es ihm nie verzeihen, ja ferner nur Verachtung für ihn zeigen werde, wenn er ſich einfallen ließe, ernſtlich um die Tochter eines gewöhnlichen Gewerbtreibenden anzuhalten; und ſelbſt bei dem Vater durfte er in dieſer Beziehung nicht auf beſondere Nachſicht hoffen. Doch nur für wenige Mi⸗ nuten machte ihm dieſe Ueberzeugung Skrupel, bald beſiegte die in ſeinem Herzen angefachte Liebe alle Bedenken und Nebenrückſichten, Anna Liewe erſchien ihm als das Ideal aller Weiblichkeit, ſie hielt er für werthvoller als die ſchönſten Damen, denen er in den Kreiſen ſeiner vornehmen Bekanntſchaften begegnet war, und der Vorſatz ſchlug immer feſtere Wurzeln in ihm, die Gärtnerstochter zu erringen, koſte es was es wolle; er hoffte dabei auf die Unterſtützung ſeiner Mutter, die 64 ihm noch nie einen Lieblingswunſch verſagt hatte, und auf die endliche Nachgiebigkeit des Vaters, wenn dieſer einſah, daß er anders kein Glück finde. War er doch ſeine einzige und ſchönſte Hoffnung; er konnte ſich nicht denken, daß der ſtets edelmüthige und gute Mann ſich beharrlich ſeinem höchſten Wunſche widerſetzen werde⸗ In der Ingend iſt der Menſch nur zu ſehr geneigt, Illuſionen nachzuhängen, die ihm im reifenn Alter, wo der Verſtand allein jeden Entſchluß regiert, als thöricht und verwerflich erſcheinen; und wenn er auch dann noch die ſchöne Zeit zurückſehnt, die des wahren Glücks ihm ſo viel brachte, nur ſelten kann er ſich noch zu jenen Empfindungen erheben, die damals ſein Thun lenkten. Kein Tag verging jetzt, an welchem Julius Sacco nicht mindeſtens dreimal den Weg über die Reuſtadt zurücklegte und verſtohlen in die Fenſter des Liewe ſchen Hauſes ſchaute. Doch ſo ſehr er ſein Auge auch an⸗ ſtrengen mochte, nie fand er eine Spur von der Dame, die all ſein Sinnen in Anſpruch nahm. Auch den Freiherrn von Herzer ſuchte er mit einem Male un⸗ gewöhulich oft auf; er hatte ſonſt mit dieſem Offizier gerade am allerwenigſten harmonirt, da deſſen leichter Sinn und die Rückſichtsloſigkeit, mit welcher er Liebes⸗ abenteuer ſuchte, ihm nichts weniger als Beifall ab⸗ lockten. Aber Herzer wohnte mit ſeiner Angebeteten unter einem Dache, und wenn er nun öfter zu dieſem ging, ſo durfte er die Hoffnung hegen, der letztern ein⸗ mal im Hauſe zu begegnen. Inzwiſchen blieb es Anna kein Geheimniß, daß der junge Unteroffizier, der ſie auf dem Schützenfeſte ſo ſichtlich bevorzugt hatte, täglich mehrmals an ihrer Wohnung vorüber wanderte und von weitem forſchend in ihre Fenſter blickte. Ihr Herzchen klopfte wohl in banger und doch ſüßer Ahnung, ſo oft ſie ihn gewahrte; aber ſchnell zog ſie dann das Köpfchen noch weiter hinter die Gardinen oder die dichten Blumen zurück, welche in reicher Fülle auf dem Geſimſe prangten; ſo gern ſie ihm auch einmal wieder begegnet wäre, denn er war ja ſo lieb und gut, ſo hielt ſie dennoch ein richtiges, echt weibliches Gefühl ab, ſich ihm vorſätzlich zu zeigen. Auch der Baron von Herzer hatte ſchon Betrach⸗ tungen darüber angeſtellt, daß der Freiwillige ihm ſo plötzlich die größte Aufmerkſamkeit zugewandt hatte, ihn ſo häufig mit ſeinem Beſuch erfreute und nament⸗ lich gern mit ihm in den Garten hinter dem Hauſe ging. Anfangs wußte er ſich dieſes Gebaren des jungen Grafen nicht recht zu deuten; er hatte früher Steffens, Standesvorurtheile. l. d 66 recht gut wahrgenommen, daß er von ihm nicht mit beſonderer Vorliebe betrachtet werde, wenn ihn ſeine untergeordnete militäriſche Stellung auch zwang, äußer⸗ lich nie den nöthigen Reſpekt ihm gegenüber außer Acht zu laſſen. Jetzt ſchien der Freiwillige am liebſten in ſeiner Nähe zu weilen, obgleich er auch hier beſtändig eine geheime Unruhe verrieth, die ihn oft raſtlos bald hier⸗, bald dorthin trieb.. Der Lieutenant, ein feiner Beobachter, ließ den Untergebenen ganz nach Belieben gewähren; ſeine hoch⸗ adlige Geburt ſicherte ihm ja die Achtung und das Wohlwollen auch der Kameraden, die bereits einen höhern militäriſchen Rang bekleideten; ſtets nahm er ihn gleich freundlich auf, ſo oft er zu ihm kam, dabei aber ſuchte er allen Ernſtes zu ergründen, was ihn immer wieder zu ihm führte. Sacco, unbewandert in der Liebe wie in der Ver⸗ ſtellungskunſt, konnte ſein ſüßes Geheimniß nicht allzu lange dem ſcharfen Auge des Barons verbergen. Seine Blicke, hier und da ein Seufzer oder unbewachtes Wort führten den ſchlauen Beobachter bald auf die richtig Spur, und kaum nahm er an, daß der Graf auf eine Eroberung hoffe, die zu machen er ſich lange genug vergeblich bemüht hatte, ja deren Gegenſtand noch jetzt ihn von allen ſeinen Liebesabenteuern am meiſten ———,——— 67 intereſſirte, als ſich ein Gefühl des Neides und des Haſſens gegen jenen in ſein Herz ſchlich. Zwar hoffte er, daß es Sacco nicht gelingen werde, dort zu ſiegen, wo er, der allbeliebte Damenfreund, eine Niederlage erlitten; aber ſchon der Gedanke an die Möglichkeit, der Unteroffizier könne die Liebe der Ein⸗ zigen gewinnen, der allein gegenüber er Widerſtand, ja eine verletzende Gleichgültigkeit gefunden, trotzdem er ihr mit den glühendſten Empfindungen genaht war, das Bewußtſein, von dem Grafen nur geſucht zu wer⸗ den, um dadurch Gelegenheit zu erhalten, das Haus ſeiner Erkorenen betreten zu können, erfüllte ihn mit einem Grimm, wie er ſolchen bisher kaum je gehegt hatte. Herzer war, wenn auch leichtſinnig, doch nicht ge⸗ radezu unedel und ſchlecht; aber beſiegt Eiferſucht, dieſe grimme Leidenſchaft, nicht auch die beſſern Ge⸗ müther und verführt ſie zu Handlungen, die ſie bei kaltem Blute ſelber zuerſt verdammen würden? Die Klugheit gebot dem Baron, ſeine wahren Ge⸗ fühle zu verbergen. Er wurde um ſo freundlicher gegen den Grafen, als er ihm zu ſchaden ſuchte, und gerade mit dieſer Freundlichkeit wollte er ergründen, welcher Bevorzugung jener ſich etwa von ſeiten der Gärtners⸗ tochter zu erfreuen habe, ihn unſchädlich machen, wenn ( 5 68 er wirklich dort Liebe finden ſollte, wo er ſelber dieſe vergeblich geſucht hatte. Sacco war arglos genug, es konnte nicht ſchwer ſein, bei einiger Vorſicht ſein volles Vertrauen zu ge⸗ winnen, und im Beſitz deſſelben ließ ſich wohl ohne jede Gefahr zwiſchen ihn und ſeine Liebe treten, ein Ver⸗ hältniß zerſtören, das bei dem Standesunterſchiede der Betheiligten nach der Anſicht Herzer's jedes feſten und ſittlichen Halts entbehren mußte. „ In einer ſchattigen Laube des Liewe'ſchen Gartens ſaß der Lieutenant Herzer und wartete auf den Beſuch einiger Kameraden, die er gebeten, zur Feier ſeines Geburtstags ſich bei ihm einzufinden. Schon früh am Morgen hatten ſie ihm ihre Gratulationen dargebracht. Jetzt war es Nachmittag. Vor dem Feſtgeber auf dem mit feinem Gedeck belegten Gartentiſch prangten in zierlichen Glastellern die herrlichſten Früchte des Sü⸗ dens, ein mit Eis gefüllter Eimer ließ die Köpfe ver⸗ ſchiedener Champagnerflaſchen blicken, Alles ſchien bereit, eine Anzahl Gäſte aufs köſtlichſte zu bewirthen. Noch fehlte ein Viertelſtündchen an der Zeit, die den Geladenen zum Eintreffen bei dem Baron bezeichnet war, als Graf Sacco in das Liewe'ſche Haus trat und die Treppe zu der Wohnung des Lieutenants hinan⸗ fes Oben angelangt, i ihn ein Diener, — ,— 69 daß der Freiherr ſich im Garten befinde und dort die Geſellſchaft erwarte, worauf er ſogleich umkehrte, um den Baron aufzuſuchen. Eben ſtand er im Begriff, durch den Flur dem hintern Theil des Hauſes zuzuſchreiten, als Anna Liewe ahnungslos aus einer der Thüren der untern Etage heraustrat und den Freiwilligen gewahrte. Dieſer ſah ſie ebenfalls; eine dunkle Röthe färbte ſeine Wangen, ehrerbietig verneigte er ſich und begrüßte die junge Dame, worauf er unentſchloſſen ſtehen blieb. Anna erwiderte freundlich ſeinen Gruß, ihr Auge ſenkte ſich zu Boden, ſie wollte an ihm vorübergehen. Jetzt faßte ſich der Graf ein Herz; er glich dieſer edlen Erſcheinung gegenüber bei all ſeiner Tournüre einem verſchämten Knaben.„Verzeihung, mein Fräu⸗ lein“ ſprach er gepreßt,„ich bin hier wohl auf dem rechten Wege nach Ihrem Garten, wo ich den Baron von Herzer treffen ſoll?“ „Bitte, bemühen Sie ſich durch jene Thür, dann können Sie den ganzen Garten überſehen und werden wohl Ihren Freund finden“ antwortete Anna mit ſo klangvoller Stimme, daß dem Grafen jeder Ton bis ins Innerſte des Herzens drang. Wie gern hätte Sacco das angeknüpfte Geſpräch 70 weiter geführt, ſeine höchſte Seligkeit fand er ja nur in der Nähe dieſes Weſens, das er wie einen Engel verehrte. Aber was ſollte, was durfte er noch weiter zu ihr ſagen? Sie machte ja ſchon wieder Miene, ihn zu verlaſſen. Abermals verneigte er ſich, ſtattete ſeinen Dank ab für die ihm ertheilte Veiſ und wandte ſich der Hofthür zu. Anna befand ſich ebenfalls in einer heftigen Er⸗ regung, wenn ſie auch den Sturm in ihrem Innern zu verbergen wußte. Langſam betrat ſie ihr Zimmer, aber ihre Gedanken verweilten noch bei dem vornehmen jungen Manne, der etwas Imponirendes und doch ſo überaus Gewinnendes in ſeinem ganzen Auftreten zur Schau trug. Inzwiſchen wurde der Unteroffizier von ſeinem Vor⸗ geſetzten mit allen Zeichen der ergebenſten Freundſchaft empfangen.„Graf, Sie ſind der erſte, der ankommt; ich danke Ihnen für die liebenswürdige Pünktlichkeit“, redete ihn der Baron nach der Begrüßung an. Sacco nahm ſchweigend den ihm gebotenen Sitz ein; er befand ſich im Geiſte noch an der Seite der eben verlaſſenen jungen Dame, ſie hatte ihn aufs neue be⸗ zaubert. Nach einer geraumen Zeit, während welcher ihn der Offizier beobachtet, brach er in die Worte aus: „Herr Lieutenant, ich beneide Sie, Sie wohnen mit — ,—— 71 dem herrlichſten Geſchöpf, das die Erde trägt, unter einem Dache!“ „Ah!“ lachte Herzer gezwungen⸗„Deshalb alſo Ihre ſtillen Betrachtungen! Ja, Sie haben Recht, die kleine Here iſt himmliſch ſchön, aber ſie darf uns nicht blenden, denn ſie iſt nicht für uns. Sollte man wohl glauben, daß die Tochter eines ſimplen Gärtners einem preußiſchen Kavallerieoffizier gegenüber erhaben wie eine Königin auftreten kann? Und doch iſt es ſo! Ich, der ich doch auf meine Eroberungen ſtolz ſein kann, werde von ihr auch nicht eines Blicks gewürdigt. Nein, Graf, alle Achtung vor dem Mädchen, die iſt vernünf⸗ tiger wie die meiſten unſerer Dämchen, die da glauben, ihnen widerfahre das größte Glück, wenn ſich unſer⸗ einer herabläßt, ihnen die Cour zu machen und ſie zu umſpielen, bis wir unſern Geſchmack ändern; dadurch aber Männer, die es wirklich aufrichtig mit ihnen mei⸗ nen, jedoch nicht in der bunten Uniform ſtecken, zurück⸗ ſchrecken. Dieſe ſehen ihren Fehler ſtets erſt ein, wenn es zu ſpät iſt, die Zeit der alten Jungferſchaft ſchnell heranrückt und die Philiſter ſich von ihnen gewandt haben. Fräulein Liewe wartet jedenfalls auf einen reellen Anbeter!“ „Das iſt brav von ihr, ich möchte der Anbeter ſein“ erwiderte Sacco gedankenvoll. 72 „Wo denken Sie hin, liebſter Graf! Ich ſagte Ihnen ja wohl ſchon, daß die junge Schöne vor jedem Anbeter zurückſchreckt, der aus unſerem Stande iſt.“ „Warum? Weil im Ganzen die Erfahrung gegen uns ſpricht und Fräulein Liewe wohl verſtändig genug iſt, dies zu erwägen.“ „Nun, meinetwegen deshalb. Aber eben darum ſollten Sie Ihre Wünſche zurückdrängen.“ „Sie iſt mir dreimal in meinem Leben begeg⸗ net, jetzt eben wieder, und ſie war immer ſehr freundlich.“ „Ja freilich, warum ſollte ſie auch nicht? Aber zeigen Sie ihr einmal, daß Sie ein wenig mit ihr ſchäkern möchten, dann werden Sie bald ſehen, mit wem Sie es zu thun haben.“ „Schäkern? Ich kenne die Bedeutung dieſes Aus⸗ drucks nicht recht, aber mir ſcheint, daß man mit einer Dame, wie Fräulein Liewe iſt, auch nicht ſchäkert, ohne ſich ein Anrecht auf ihre Liebe und Achtung erworben zu haben“ erwiderte Sacco eifernd. Der Baron lachte laut auf.„Wahrhaftig, Sie ſind am Ende doch der Mann, der bei der Kleinen ſein Glück zu machen im Stande iſt“ rief er heiter. „Nur bedenken Sie“, ſetzte er ernſthaft hinzu,„daß ſolche Leute zuweilen auch ihre Ehre vertheidigen. Frau Liewe iſt ein energiſches Weib und hütet ihre Tochter mit Argusaugen!“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ fragte Sacco leicht erzitternd. „Nun, Sie meinen doch nicht, ein ernſtes Verhältniß mit dem Mädchen eingehen zu können?“ „Und wenn ich das wollte, wer würde mich daran hindern können?“ „Herr Graf, laſſen Sie uns beſonnen miteinander ſprechen. Sie ſind noch von Ihren Aeltern abhängig, was würden dieſe zu Ihrem Vorſatz ſagen? Und könnte Fräulein Liewe, ſelbſt wenn Sie Ihre Gattin würde, in den Kreiſen unſerer Geſellſchaft als Ihnen ebenbürtig anerkannt werden? Wären Sie wohl für die Dauer im Stande, ſich ſelbſt und ſie vor Belei⸗ digungen, hervorgerufen durch Nichtachtung, zu ſ chützen?“ Der Graf wurde warm. Er mußte anerkennen, daß ſein Gegner nicht ganz Unrecht habe; aber das reizte ihn nur mehr und er glaubte ja die ganze Welt beſiegen zu können, wenn er ſo glücklich wurde, Anna ſein nennen zu dürfen. Mit großer Beſtimmtheit ſprach er deshalb:„Brechen wir ab von dieſem Thema, Herr Lieutenant, damit wir uns nicht aufregen; ich werde ſtets zeigen, daß ich meinen Willen durchzuſetzen verſtehe.“ 74 „Gut; ich wünſche Ihnen aufrichtig Glück!“ ant⸗ wortete Herzer lächelnd.„Nur noch eins“, ſetzte er langſam hinzu.„Hüten Sie ſich vor der Mutter Ihrer Erkorenen, ſie iſt im gereizten Zuſtande eine ſchlimme Feindin.“ Sacco wollte noch die Frage aufwerfen, ob ſie ihm hiervon ſchon eine Probe gegeben habe— die Ankunft mehrerer Offiziere verhinderte ihn daran. Sacco wurde von allen als Freund begrüßt, ſein Name und Reichthum erſetzten das, was ihm an mili⸗ täriſchem Rang noch fehlte. Bald befanden ſich die Herren in der gemüth⸗ lichſten Stimmung; mancher Champagnerpfropfen flog knallend in die Luft, der edle Rebenſaft erheiterte die Gemüther. Bei alledem vernahm man in den Nachbar⸗ gärten keinen ſtörenden Lärm: die bei dem Baron Ver⸗ ſammelten ſtanden ſämmtlich auf jener Bildungsſtufe, die ſtandalöſe Auftritte verhütet, ſelbſt wenn der Wein die Gemüther erregt hat. Der Graf ſprach weit weniger dem Glaſe zu als die Offiziere, oft gerieth er in minutenlanges Nach⸗ denken, ſodaß der Freiherr ihn mehrmals aufrüttelte, jedoch ohne vor den Kameraden die Gärtnerstochter zu erwähnen. Als der Abend näher kam, erhob er ſich, verſicherte, daß er unter allen Umſtänden nach Hauſe 7— y— 75 müſſe, da er die Ankunft eines Verwandten mit der nächſten Poſt erwarte, wünſchte den Offizieren einen angenehmen Abend und ſchritt, von dem Baron bis zum Ausgange des Gartens geleitet, dem Liewe'ſchen Wohnhauſe zu. Hier trennte er ſich auch von Herzer und ſetzte ſeinen Weg allein fort, heimlich hoffend, nochmals der Dame ſeines Herzens zu begegnen. Nachdenklich ſchritt er durch den Hausflur hin, ohne ſonderlich auf den Weg zu achten, den er nahm; ſein Blick war auf die Thür gerichtet, aus der vorhin die blühende Jungfrau ihm entgegengetreten war⸗ Doch er ſchaute vergebens, Anna ließ ſich nicht wieder ſehen. Eben hatte er das Ende des Flurs erreicht und wollte auf die Straße hinausſchreiten, als er ein Knurren hinter ſich vernahm und, indem er ſich umdrehte, eins ſeiner Beine gepackt fühlte. Ein ziemlich großer Hund Liewe's, der am Tage gewöhnlich an der Kette lag und nachts zur Bewachung des Gartens losgelaſſen wurde, hatte ſich unbemerkt in den Hausflur poſtirt und wollte den Unteroffizier allen Ernſtes hindern, davonzugehen. Höchſt ungehalten, ſich auf dieſe Weiſe angegriffen zu ſehen, faßte der Graf nach ſeinem Säbel. Der Hund, der jede ſeiner Bewegungen überwachte, wurde dadurch 76 noch mehr gereizt; Sacco fühlte ſich feſter gepackt, im nächſten Augenblick war ihm das Beinkleid vom Knie abwärts derart zerriſſen, daß er unmöglich ſo auf der Straße erſcheinen konnte. Glücklicherweiſe hatten die Unterkleider verhindert, daß das Thier durchgebiſſen, obgleich der Graf immerhin einen ſehr unangenehmen Schmerz verſpürte. Der Kettenhund ſtand zähnefletſchend zu einem neuen Angriff bereit. Sacco war nicht der Mann, der ſich ungeahndet auf ſolche Art überfallen ließ; die augenblicklich mehr als unangenehme Situation verdroß ihn, das drohende Aeußere der Beſtie vor ihm reizte ſeinen vollen Zorn, ſchnell ſchwang er den Säbel und hieb zu; augenblick⸗ lich wälzte ſich der Hund, jämmerlich heulend, in ſeinem Blute. Geräuſchvoll öffneten ſich jetzt mehrere Thüren; die Gärtnersfrau, ihr Gatte, Anna und von der andern Seite her einige Miether ſtürzten auf den Flur. Die erſtere ſchien nicht übel Luſt zu haben, dem Grafen ſehr eindringlich klar zu machen, daß er in ungehöriger Weiſe den Hausfrieden geſtört; doch Sacco ließ ſie nicht zu Worte kommen. Sehr höflich nahte er der Tochter und ſprach zu dieſer:„Ich habe mich eben zu einer ſehr unüberlegten Handlung hinreißen laſſen, ————— ——— 77 mein Fräulein. Der allzu eifrige Wächter hier fiel mich wüthend von hinten an und zerriß mir das Beinkleid, ein neuer Angriff drohte mir, da verſetzte ich ihm einen Hieb, der ihm wohl das Beißen für immer verleiden wird. Darf ich mir erlauben, mein Fräulein, Ihnen ein ungleich ſchöneres Thier zuzuſchicken?“. Anfangs ſchien es, als wolle die junge Dame bei dem Anblick des herunterhängenden Fetzens von der Hoſe in ein heiteres Lachen ausbrechen; doch ſogleich wurde ſie ſehr ernſt und rief im Ton des aufrichtigſten Bedauerns:„O Gott, welch Unglück! Sie können ja ſo gar nicht über die Straße gehen!“ Sich dann zu ihren Aeltern wendend, fuhr ſie fort:„Hätten wir das böſe Thier doch längſt abgeſchafft, ich fürchtete immer einen ähnlichen Fall.“ Sacco wurde durch die Theilnahme Anna's zu frohen Empfindungen hingeriſſen, er pries heimlich den unangenehmen Vorfall, da er ihm ja Gelegenheit ge⸗ geben, ſeiner Angebeteten wieder zu nahen. Er wußte wohl Rath, wie er ſich ſofort hätte helfen können; er brauchte ja nur in die Wohnung des Barons zurück⸗ zukehren und deſſen Diener zu ſich nach Hauſe zu ſchicken, um ein anderes Beinkleid herbeizuholen; doch er wünſchte, länger in der Nähe ſeiner Herzenskönigin zu bleiben, deshalb bat er lächelnd:„Wenn Sie, mein 78 Fräulein, die Güte haben wollten, mir einige Steck⸗ nadeln zu geben, mit denen ich den abgeriſſenen Fetzen befeſtigen kann, ſo werde ich ſchon über die Straße kommen, ohne allzu ſehr aufzufallen.“ „Anna, ſo hefte lieber das Loch zu“ fiel jetzt Frau Liewe ein, die wohl einſah, daß der junge Herr der Angegriffene war und ihr Unannehmlichkeiten hätte be⸗ reiten können. Die Jungfrau erröthete bei dieſer Aufforderung ſo heftig und ſenkte das Auge ſo verſchämt zu Boden, daß ſie dem Grafen aufrichtig leid that.„Nein, nein, mein Fräulein, fürchten Sie nicht, daß ich einen ſolchen Dienſt von Ihnen annehmen würde. Aber wollen Sie die Güte haben und mir Nadel und Faden leihen, ſo werde ich ſelber meine Kunſt leuchten laſſen— ein Soldat muß Alles verſtehen“, ſprach er freundlich. Heiter lächelnd bat jetzt Anna, auf die nächſte Stube deutend:„Darf ich Sie erſuchen, unter dieſen Umſtän⸗ den hier einzutreten?“ Sehr bereitwillig folgte der Graf dieſer Einladung und gleich darauf ſaß er mitten in der Familie des Gärtners. Er hatte ſeinen Namen genannt und ſich ungenirt neben dem alten Herrn niedergelaſſen, ganz vertraulich mit ihm plaudernd, als ob er ihn ſchon lange Jahre kenne. 79 Anna fädelte unterdeſſen die Nadel ein; aber es ſchien, als könne ſie nicht damit fertig werden, ſie „lauſchte ſehr aufmerkſam den Reden des Unteroffiziers. Endlich waren die Vorbereitungen beendet, Anna näherte ſich dem Grafen mit der Nadel. Dieſer erhob ſich eilig, griff nach der letztern und hierbei berührten ſich unwillkürlich die Hände der jun⸗ gen Leute. Wie es bei dieſer Berührung dem Grafen ſo heiß ums Herz wurde und wie Anna erröthete, als wäre ihnen beiden etwas Beſonderes begegnet, und doch waren nur ihre Fingerſpitzen für einen kurzen Moment ein⸗ ander nahe gekommen. Vielleicht zum erſten Male in ſeinem Leben ver⸗ ſuchte jetzt Sacco, dem Schneider ins Handwerk zu pfuſchen, doch benahm er ſich dabei ſo ungeſchickt, daß über Anna's Züge ein ſtilles Lächeln glitt, die Aeltern aber in heitere und ſpöttiſche Bemerkungen aus⸗ brachen. Der Graf gerieth in eine gewiſſe Befangenheit; er ſah ein, daß er ſich eine Aufgabe geſtellt habe, der er nicht gewachſen war, und gleichwohl wußte er momentan keinen Rath, wie er ſich helfen könne. Frau Liewe kam ihm zu Hülfe.„Anna“, ſprach ſie, noch immer lachend,„zeige dem Herrn Grafen⸗ daß Du 80 beſſer mit der Nadel umzugehen verſtehſt als er; ſchnell hefte das losgeriſſene Stück Tuch an.“ Was ſollte die Jungfrau Anderes beginnen, als ſich dem Gebot der Mutter fügen? Zitternd näherte ſie ſich dem jungen Manne und bat ihn um Ueberreichung der Nadel. Dieſer ſträubte ſich, ſie abzugeben; aber nun kam auch Frau Liewe und ſtreckte ohne viele Umſtände die Hände darnach aus, ſodaß ihm endlich nichts weiter übrig blieb, als ſich zu fügen. Er mußte jetzt das Bein über einen Stuhl legen, Anna kniete davor nieder und begann geſenkten Hauptes die Arbeit. Welche eigenthümliche und peinliche Situation ſowohl für den Grafen wie für die Dame! Anna's Hand zit⸗ terte ſo heftig, während ſie emſig die Nadel führte, daß dem erſtern ihre Erregung nicht entgehen konnte. Eine drückende Stille herrſchte im ganzen Zimmer. Sacco hätte vor dem lieblichen Kinde auf die Kniee ſinken und ſie um Verzeihung bitten mögen, daß ſie ſeinetwegen in eine ſolche Lage gekommen war; aber trotz ſeiner ſonſtigen Beredtſamkeit fühlte er ſich lange unfähig, irgend ein Wort hervorzubringen. Endlich jedoch brach Frau Liewe wieder das Schwei⸗ gen.„Die Herren aus dem Garten gehen nach oben“, 3 S * 81 ſprach ſie verwundert;„ſie wollten doch im Garten zu Abend ſpeiſen.“ Das gab Veranlaſſung zu einer längern Unter⸗ haltung. Sacco erzählte, daß er ebenfalls gebeten ſei, an dem Abendeſſen Theil zu nehmen, aber es vorge⸗ zogen habe, ſich zu entfernen, da er die langen Gelage nicht liebe. „Das wundert mich“ entgegnete darauf Frau Liewe; „die Herren vom Militär pflegen ſonſt nicht gern eine heitere Geſellſchaft zu fliehen.“ „Ich gehöre dem Militärſtande nur vorüberge⸗ hend an“, wandte der Graf ein;„ſobald ich mein Jahr abgedient habe, trete ich zurück in das Civil⸗ leben.“ „Wie? Sie wollen nicht Soldat bleiben?“ rief der Gärtner. „Nein! Finden Sie das ſonderbar?“ ſprach Sacco lächelnd. „Ja, gewiß! Die Herren vom hohen Adel pflegen ſelten eine andere Carriere einzuſchlagen“ meinte der alte Mann.„Der Militärſtand bietet in unſern fried⸗ lichen Zeiten der Unbequemlichkeiten wenig, iſt aber das beſte Feld zur Erreichung von Ehre und Rang.“ Sacco biß ſich auf die Lippen, er fühlte heraus, daß die Worte des ſchlichten Bürgers keine Schmeichelei 6 Steffens, Standesvorurtheile. I. für den Adel enthielten; doch er konnte und mochte ihm nicht ganz widerſprechen und ſagte nach einer Weile:„Mich ziehen die Wiſſenſchaften mehr an als der Kriegerſtand, dann aber dürſte ich auch nicht nach erweitertem Range; ich wünſchte wohl, der Menſch würde überhaupt nur nach ſeinen geiſtigen Fähigkeiten und ſeinem ganzen Thun geſchätzt, jede Bevorzugung durch die Geburt ſchwände; manches unglückliche Miß⸗ verhältniß erreichte damit ſein Ende. Wohl weiß ich, daß ſich ein edles Selbſtbewußtſein im Bürgerſtande regt, daß eine Gleichberechtigung gewünſcht wird; aber wie unendlich lange wird es noch währen, ehe dieſen gerechten Wünſchen Rechnung getragen werden kann. Die Maſſe iſt zu lau und lahm, zu ſehr an den Des⸗ potismus gewöhnt, der auf ſie drückt, als daß ſie energiſch fordern ſollte, was ihr mit Recht gebührt, und ſelbſt wenn ſich einſt eine ſolche nachdrückliche Forderung Bahn bricht, auch dann wird ihr nur ſcheinbar Rechnung getragen werden, bis alle Schichten der Bevölkerung von einer edlen Geiſtes⸗ und Herzens⸗ bildung durchdrungen ſind. Sie ſehen hieraus, ver⸗ ehrter Herr“ fuhr er warm fort,„daß ich durchaus kein Vertheidiger des eximirten Standes bin, und eben deshalb habe ich mir eine Laufbahn gewählt, auf der ich meine Anſichten beſſer zur Geltung brin⸗ 83 gen kann, wie ich dies in der Offiziersuniform ver⸗ möchte.“ Offenbar ſtieg der junge Mann durch dieſe Sprache ſehr in der Achtung der Familie. Frau Liewe warf ihm einen höchſt wohlwollenden Blick zu und ihr Gatte entgegnete:„Nun begreife ich auch erſt, weshalb Sie die Geſellſchaft Ihrer Herren Kameraden ſo ſchnell ver⸗ laſſen haben.“ „Ich bin hier hauptſächlich auf den Umgang mit den Offizieren angewieſen, da ſie mich zuvorkommend in ihre Geſellſchaften gezogen haben und es ſcheint, als ſcheue jeder Civiliſt die Nähe von Menſchen, welche im intimen Verkehr mit den Führern des Militärs ſtehen, wenigſtens habe ich ſonſt nirgends ein freundliches Ent⸗ gegenkommen gefunden. Trotzdem muß ich geſtehen, daß ich ganz andere Grundſätze hege und andere Prin⸗ cipien verfolge als meine ſogenannten Freunde. Sie halten ſich für die wichtigſten Perſonen in der menſch⸗ lichen Geſellſchaft, glauben, daß ihre Stellung allein die höchſte Ehre und Auszeichnung gibt; ich meine, ſie ſind überhaupt überflüſſig, bin entſchieden gegen die große Militärmacht und behaupte, daß ein Volk nur wirklich glücklich und zufrieden leben kann, wo Alles aufgeboten wird, für die Segnungen des Friedens zu arbeiten, daß aber ein unerträglicher Druck entſteht, 6* 84 wo die Bürger gezwungen ſind, ſich für die Steuern zu quälen, die im Uebermaß aufgebracht werden müſſen, um ein Heer zu ernähren, welches groß genug iſt, ganze Staaten auszuhungern. Es iſt richtig, wir gebrauchen eine bewaffnete Macht zur Aufrechterhaltung der ſtaat⸗ lichen Ordnung, denn die Menge ſteht noch nicht auf der Culturſtufe, in Allem die Geſetze der Geſittung anzuerkennen; aber dieſe Macht müßte auf ein Minimum reducirt ſein und nicht zur Drohung mit Kriegen die⸗ nen, die oft nur den Zweck haben, ſelbſtſüchtige, ehr⸗ geizige, nichts weniger als volksbeglückende Pläne durch⸗ zuführen. Und gerade dieſe letztern allein dürften nur zu Kriegen führen, wenn nun einmal das Morden nicht ganz abgeſchafft werden kann, denn das Volk iſt es, welches im Kriege blutet und die Folgen deſſelben trägt, nicht der, der ihn herbeiführt und ſanctionirt. Nun wird Ihnen wohl völlig klar ſein, weshalb ich weder den Soldatenſtand noch ſeine Würdenträger liebe“ ſchloß Sacco ſeine Auseinanderſetzung. Liewe war begeiſtert von den freiſinnigen Aeußerun⸗ gen des Grafen; ſolche Geſinnungen hatte er bei einem ſo hochgeborenen jungen Herrn nicht erwartet; er fühlte die größte Achtung für den Unteroffizier und gab ihm dieſe offen zu erkennen. Das Gärtnerlein politiſirte auch im Stillen. 85 Inzwiſchen kam Anna mit ihrer Arbeit zu Ende; je länger dieſe gewährt, deſto mehr hatte ſich ihre Aengſt⸗ lichkeit und Befangenheit gelegt, ſodaß, als ſie nun den Faden abſchnitt und ſich erhob, ſie es wagte, eine Se⸗ kunde ihren Blick auf dem Antlitz des Grafen ruhen zu laſſen. Dieſer ſah die Jungfrau voll an, entzückt reichte er ihr die Hand und führte die ihre ſchnell an ſeine Lippen, ehe ſie dies verhindern konnte; dabei ſtattete er ſeinen verbindlichſten Dank ab. Die in den hohen Kreiſen ſehr gewöhnliche dul. digung oder Ehrerbietung durch einen Handkuß brachte in der Gärtnerfamilie eine nach allen Richtungen hin völlig verſchiedene Wirkung hervor. Frau Liewe blickte mit einem Mal mürriſch und zürnend zu dem Grafen hinüber; ſie hätte ihm am liebſten einen derben Ver⸗ weis ertheilt, denn dergleichen Alfanzereien, wie ſie ſich ſelber ſagte, waren durchaus nicht nach ihrem Geſchmack. Wie konnte ſich der Soldat ſo etwas unterſtehen und noch dazu in ihrer Gegenwart? Dazu gehörte ja eine bodenloſe Frechheit! Was dachte der Windbeutel von ihrer Tochter und was von ihr als Mutter? Bielleicht hätte ſie die Rückſicht ganz aus den Augen geſetzt, die ſie dem Grafen ſchuldig war, wenn ſie nicht einen Blick auf den Gatten geworfen und auf deſſen Geſicht zu . 86 ihrem noch größern Verdruß das reinſte Glück abge⸗ ſpiegelt geſehen hätte. Das war ihr doch außer allem Spaß! Ihr Zorn lenkte ſich gegen den Ehemann, da ſie aber dieſen in Gegenwart des Fremden nicht bloß⸗ ſtellen durfte, ſchwieg ſie einſtweilen. Liewe freute ſich übrigens wirklich über die Aus⸗ zeichnung, die ſeiner Tochter von ſeiten des Grafen zu Theil geworden war.„Sie muß doch auch dem vor⸗ nehmen Herrn ſehr ſchön erſcheinen, ſonſt hätte er ge⸗ wiß nicht ihre Hand geküßt; ich thäte es wahrhaftig nicht bei einer Fürſtin, denn Hand iſt Hand, und auch die ſchönſte Dame wäſcht ſie mit Seife“, dachte er bei ſich. Anna gerieth außer Faſſung. Dergleichen Hul⸗ digungen waren ihr noch nicht zu Theil geworden, und nun gar von einem Grafen. Sie fühlte ſich beſchämt und wußte nicht, was ſie auf ſeine gut gewählten Worte erwidern ſollte; unbeweglich blieb ſie vor ihm ſtehen. Doch nun hatte Sacco keinen Grund mehr zu längerem Verweilen und um Alles in der Welt hätte er nicht unbeſcheiden erſcheinen oder ſich eine Blöße geben mögen. Gleichwohl war ihm die Nähe der jungen Dame ſo lieb und werth, daß er gern ganz an ihrer Seite geblieben wäre. 87 „Verzeihen Sie gütigſt, Herr Graf, daß durch unſere Schuld Ihre koſtbare Zeit für ein Viertelſtündchen ver⸗ geudet iſt, und daß unſer Hund Sie beläſtigt hat; der Unfall thut mir unendlich leid“, wandte ſich nochmals der alte Mann bittend an Sacch. „O, ich kann Ihnen die Verſicherung geben, daß mich das kleine Intermezzo beglückt hat, denn es gab ja die Veranlaſſung, daß ich eine ſehr ehrenwerthe und von mir hochgeachtete Familie kennen lernte; ich möchte die wenigen Minuten, die ich bei Ihnen verbrachte, um keinen Preis veräußern“, verſicherte Sacco.„Was nun aber den Hund betrifft, ſo erlauben Sie mir, daß ich Ihnen dafür einen andern zuſtelle, der ſich gewiß ſehr bald Ihr allſeitiges Wohlwollen erwerben wird, denn es iſt ein prächtiges Thier.“ Wäre Frau Liewe eine eitle Frau geweſen, ſie hätte ſich gewiß durch die Zuvorkommenheit des Grafen geſchmeichelt gefühlt, ſo aber beſaß ſie einen ſehr prak⸗ tiſchen Sinn und eine gute Portion Mißtrauen; es wollte ihr gar nicht gefallen, daß der hohe junge Herr ſeine Blicke ſo leuchtend auf dem Antlitz ihrer Tochter ruhen ließ und ſeinen Lieblingshund ihnen bringen wollte. Das gab ja Veranlaſſung zu neuen Zuſammen⸗ künften, und zu was ſollten dieſe führen? Deshalb erwiderte ſie freundlich, aber abweiſend:„Ihre gute Meinung, Herr Graf, beglückt uns; doch Ihr Geſchenk müſſen wir dankend ablehnen. Ihr Hund iſt gewiß zu vornehm erzogen, als daß er ſich bei uns wohl fühlen würde, und dann ſind Sie auch jedenfalls ſo an ihn gewöhnt, daß ſie ihn nur ungern weggeben.“ Anna fühlte, daß dieſe Worte den jungen Mann beleidigen mußten; ſie erbleichte und hätte gar zu gern die Härte der Mutter gut gemacht, aber ſie kannte auch ihre Rückſichtslofigkeit nur zu wohl, wenn ſie un⸗ willig wurde, deshalb verharrte ſie in bangem Schweigen. Dagegen trat jetzt der Vater auf.„Der Herr Graf wird wohl wiſſen, was er thut, Mutter, und Du brauchſt nicht zu fürchten, daß Dir das Thier zu viel Mühe macht. Wollen Sie uns einen hübſchen Hund ſchenken, ſo nehme ich ihn dankbar an“ wandte er ſich zu dem Freiwilligen. Schmollend ſchwieg die Frau. Sacco ſah ein, daß es Zeit ſei, ſich zu entfernen; er verſicherte noch, daß Frau Liewe den Hund bald ſehr lieb gewinnen werde, und nahm in höflichſter Weiſe Abſchied. Als er ſeiner Wohnung zuſchritt, beſtürmten ihn mancherlei Gedanken und Empfindungen. Anna hatte ſchon früher einen unauslöſchlichen Eindruck auf ſein Herz gemacht, jetzt meinte er, ohne ſie nicht mehr leben 89 zu könten. Ihr entzückendes Bild ſtand in den ſchön⸗ ſten Farben vor ſeiner Seele, jedes ihrer ſanften Worte klang in ſeinem Innern nach; ſie ganz ſein zu nennen, an ihrer Seite das Leben zu durchwandern, das waren die einzigen Wünſche ſeines Herzens, das zum erſten Mal von wahrer, inniger Liebe beſeelt war. Und im Hauſe des Gärtners? Anna eilte hinaus in den Garten, wo ſie jetzt ungeſtört nachdenken konnte, ſetzte ſich in eine dichte Laube und überließ ſich ſtillen Betrachtungen. Es war ihr ſo eigenthümlich zu Muthe; immer wieder erbebte ſie bei dem Gedanken, daß der vornehme junge Mann ihre Hand geküßt und ſie dabei ſo überaus freundlich und bittend angeblickt hatte. Warum hatte er das wohl gethan? Ach, und nun ihre Aengſtlichkeit während des Nähens. Was mußte er nur von ihrem Zittern gedacht haben? O wie gern hätte ſie ſich mehr beherrſcht; aber es wollte nicht gehen. Sie hätte weinen mögen bei dem Gedanken an ihre Be⸗ fangenheit. Aber gewiß hatte der Herr Graf dieſe nicht übel gedeutet, ſonſt wäre er wohl minder freundlich geweſen. Wie das Alles in ihrem Köpfchen herumging und wie ängſtlich ihr Herz dabei pochte! Und doch kam ſie zu keinem Schluß über das Weſen des Fremden. Jeden⸗ falls hatte er durch ſein ungewöhnlich liebenswürdiges Auftreten einen Theil ſeiner Schuld gut machen wollen, die er dadurch auf ſich geladen, daß er ihren Hund getödtet.„Böſer Mann!“ hauchte ſie vor ſich hin, indem ihr das blutende Thier einfiel.„Aber wie garſtig auch von dieſem, daß es den Fremden von hinten angriff“ flü⸗ ſterte es ihr gleich darauf wieder zu. Ihr ganzes Inneres war in heftigem Aufruhr begriffen, ſie flüchtete endlich zurück in ihr Zimmer, ſetzte ſich ans Klavier und ent⸗ lockte dem Inſtrument einige Weiſen, die ganz mit ihrem erregten Weſen harmonirten. Inzwiſchen hatte Frau Liewe mit ihrem Gatten ſchon einen heftigen Kampf in Betreff des einjährigen Freiwilligen ausgefochten.„Was Du Dich nur in Sachen mengſt, die Dir fern liegen“, begann ſie, als Anna hinausgegangen war.„Du hätteſt mir nicht widerſprechen ſollen, dann hrauchten wir nicht zu be⸗ fürchten, von dem Grafen öfter behelligt zu werden; ſo ſind wir gezwungen, ihn freundlich aufzunehmen, wenn er wiederkommt, und ich bin der feſten Ueber⸗ zeugung, er wird ſeinen Beſuch bald und oft wiederholen.“ „Gereicht uns zur beſondern Ehre ſo ein Beſuch; ich werde mich freuen, den feinen jungen Herrn mit den noblen Manieren aufs verbindlichſte empfangen zu dürfen; Dir paßt ſolcher Umgang freilich nicht. Aber woher kommt das? Weil Du Dich zu ſehr an die 91 niedern Leute gewöhnt haſt“ erwiderte Liewe mit einigem Selbſtgefühl. „Die niedern? Jawohl, die Menſchen, die zu un⸗ ſerm Stande paſſen! Aber Du haſt große Dinge im Kopfe. Hüte Dich indeſſen, daß Dein Hochmuth nicht beſtraft wird. Weißt Du wohl, warum der junge Herr ſo freundlich und zuvorkommend iſt? Weil ihm unſere Anna gefällt!“ „Nun, und wenn ſie ihm gefällt, was iſt dabei Schlimmes? Er iſt nicht der erſte und wird nicht der letzte ſein, deſſen Aufmerkſamkeit ſie erregt.“ „Wer weiß, ob er nicht der letzte wäre, wenn ich meine Augen nicht offener hielte als Du Doch ich will ſie wohl vor ihm bewahren; ich werde dem uner⸗ fahrenen Mädchen klar machen, was ſo ein Herr nach bürgerlichen Töchtern fragt. Recht gut habe ich geſehen, wie Anna unter ſeinen Blicken erglühte. Das ſoll mir nicht wieder vorkommen.“ „Solcher Umgang ſchadet ihr gewiß nichts, kann für ſie im Gegentheil nur vortheilhaft ſein. Der Herr iſt zu ehrliebend, als daß er Anna Dinge in den Kopf ſetzen ſollte, die ſie unglücklich machen müßten, und unſere Tochter iſt auch vernünftig genug, ſie wird ihr Herz nicht ſo leicht berücken laſſen.“ „So! Du redeſt eben, wie Du es verſtehſt. Ich halte es aber für das Beſte, man meidet jede Gefahr. Es ſoll mir Niemand nachſagen, ich hätte den Frieden und die Ruhe meines Kindes untergraben helfen. Ge⸗ nug, der Graf paßt nicht für uns einfache Leute; mag er in ſeinen vornehmen Cirkeln bleiben und dort nach Damen ſuchen, bei denen er ſeine Liebenswürdigkeit zur Geltung bringen kann.“ Sah der alte Mann ein, daß ſeine Gattin im Rechte ſei, oder mochte er ſich nicht auf einen weitern Streit einlaſſen, der für ihn doch jedenfalls nutzlos geweſen wäre; er ſchwieg und wandte ſich ab; ſomit hatte die Frau für diesmal das Feld behauptet. Frau Liewe ſtützte das Haupt ſorgenvoll in die Hand. Sie hatte lediglich das Wohl der Tochter im Auge, und nun ſie daſſelbe bedroht ſah, mußte ſie mit ſich zu Rathe gehen, wie ſie am beſten jede Gefahr ab⸗ wenden könne. Ob ihre Aengſtlichkeit durch verwerfliche Vorurtheile hervorgerufen war, oder ob ſie die obwal⸗ tenden Verhältniſſe richtig ins Auge faßte, darüber wird der Verlauf der Geſchichte nähern Aufſchluß geben⸗ Viertes Kapitel. Der Oheim des jungen Huſarenunteroffiziers, Graf Sacco, hatte ſich erſt im reifern Alter auf ſeine um⸗ fangreichen Güter zurückgezogen; ſolange er in der Blüte des Lebens geſtanden, war er als einer der genußſüchtigſten Menſchen bekannt geweſen und hatte mit geringer Unterbrechung in den größten Haupt⸗ ſtädten Europas gelebt oder ſich auf Reiſen befunden, bis die tollſten Ausſchweifungen nach jeder möglichen Richtung hin ſeinen Körper ſchnell aufzureiben drohten, ſeine Geſundheit mit Rieſenſchritten ſchwand und trotz all ſeines Reichthums ihm ein elendes, jämmerliches Ende winkte. Da hatte ihn die Angſt erfaßt; der Tod in ſeiner gräßlichſten Geſtalt ſo nahe vor ihm veranlaßte den Weltmann, allen rauſchenden Freuden des Lebens Valet zu ſagen und fortan nur darauf bedacht zu ſein, ſeinen ſiechen Körper wiederherzuſtellen und möglichſt lange zu erhalten. Aus dem Wüſtling wurde ein ſogenannter frommer Mann; er begann ſtreng ge⸗ regelt in der Abgeſchiedenheit auf ſeinem Stammſitz zu leben, häufig die Kirche zu beſuchen und ſich mit der Religion zu befreunden. Ob es ihm damit Ernſt war? Ein unbefangener Beobachter würde es entſchieden beſtritten und viel eher behauptet haben er ſuche ſich ſelber und Gott zu betrügen. Freilich geregelt lebte er; aber das gebot ihm der eigene Vortheil, jede Ausſchweifung ſollte ihm nach dem Ausſpruch der Aerzte den Tod bringen. Was indeſſen ſeine Frömmigkeit betraf, ſo ließ ſich dagegen Manches ſagen. Er hielt ſtreng auf die Erfüllung aller äußern Formen eines gottgefälligen Lebens, aber wie ſehr handelte er allen Geſetzen des wahren Chriſten⸗ thums entgegen! Wo blieben die duldſame Nächſten⸗ liebe, die Demuth und andere Tugenden? Sein Stolz litt es nicht, daß er mit einem Nachbarbeſitzer von einfachem Adel verkehrte; der Bürgerliche galt ihm weniger wie eins ſeiner Arbeitspferde, er und ſie waren nach ſeiner Anſicht da, um ihm zu dienen, und 95 zur Arbeit und Laſt geboren; die letztern aber mußte er für ſchweres Geld kaufen, während der Plebs über⸗ all nur durch ihn ernährt ſein wollte, wenn er ihn gebrauchte. Natürlich vermochte er auch zuweilen ſei⸗ nen Dünkel zu verſtecken und den maßloſeſten Stolz durch die Maske der Herablaſſung niedrig geſtellten Leuten weniger fühlbar zu machen. Seine Nächſtenliebe beſchränkte ſich auf das Wohl⸗ wollen, welches er denjenigen Verwandten zollte, die ihm zu ſchmeicheln wußten und dabei ſeine Schwächen benutzten. Er war ſeinen Untergebenen gegenüber allerdings ein fürſorglicher Herr und ließ ſie nie Noth leiden, aber weniger aus Nächſtenliebe als darum, weil er ſeinen Namen zu beflecken glaubte, wenn ſie als gräfliche Unterthanen nicht von den größten Sor⸗ gen befreit blieben. Hatte ſich einer derſelben ſeine Ungnade zugezogen, ſo konnte er ſicher ſein, nachſichts⸗ los entfernt zu werden. Verzeihung kannte er in kei⸗ nem Falle, ſie war ihm völlig fremd. Eine Frau hatte er nie beſeſſen, aber wie viele Mädchenherzen waren von ihm gebrochen! Jetzt, da das Alter ihn berückt hatte und die Ausſchweifungen früherer Jahre noch immer ſchwer auf ihn drückten, begnügte er ſich, eine junge Dame in ſeiner nächſten Umgebung zu halten, der es in der Regel weder an — ůů 96 Schönheit noch Geiſt und Bildung fehlte. Sie befand ſich ſtets um ihn, mußte ihn pflegen und hätſcheln wie eine Frau und hatte viel von ſeinen Launen zu dul⸗ den. Oft hatte er ſchon dieſe unglücklichen Weſen ge⸗ wechſelt, denn er überwachte ſie mit einer Eiferſucht, als habe er ein Anrecht auf jeden ihrer Blicke; ſchon eine beſondere Freundlichkeit derſelben gegen einen an⸗ dern Mann hatte zuweilen genügt, ſie fortzuſchicken. Seit länger als einem Jahre befand ſich ein armes adliges Fräulein bei ihm, dem er ſeine ganze Zärtlichkeit zugewandt hatte. Dieſe war ausnahms⸗ weiſe nichts weniger als ſchön, aber ihre Bildung und ein bewundernswerthes Talent, ihn zu erheitern und zu unterhalten, hatten ſie ihm ſehr werth gemacht. Deshalb verfolgte er ſie aber auch mit einem gren⸗ zenloſen Argwohn. Statt ſeine Zuneigung zu ihr durch ein immer gütiges Benehmen gegen ſie zu äußern, war er mürriſch, wenn er ſich auch nur für Augen⸗ blicke von ihr vernachläſſigt glaubte. Nie in ſeinem Leben hatte er treu und wahr geliebt, bei all ſei⸗ nen unzähligen Liebesverhältniſſen in frühern Jahren hatte der Trug die Hauptrolle geſpielt, jede Verſiche⸗ rung, jeder Schwur ſeinerſeits war eine Lüge geweſen. Wie hätte ein ſolcher Menſch im Alter glauben kön⸗ nen, daß ein junges Mädchen wirklich mit aufrichtiger 97 Hingebung an ihm hängen werde. Und was er nie gefühlt, das Bedürfniß, ein Herz zu beſitzen, dem er ganz vertrauen könne— ſeine Liebeleien waren ja immer nur auf die Befriedigung ſeiner Leidenſchaften berech⸗ net geweſen— das ſtellte ſich jetzt, da er alt und oft kränklich war, bei ihm ein. Er war ſich vielleicht be⸗ wußt, daß nur ein Weſen, welches die innigſte Liebe an den Mann feſſelt, ihm die Stunden, in denen das Leben mehr und mehr ſeinen Werth verliert, erträglich zu machen und ihn aufrecht zu halten vermöge. Viel⸗ leicht ermaß er auch, daß Verwandtenliebe nicht das höchſte Glück geben kann. Sein Beſtreben war, dem Fräulein Marie von Lieder nicht allein als höchſter Wohlthäter, ſondern auch als edelſter Menſch zu erſcheinen, ja er verlangte, daß ſie ihm all ihre Liebe, ihr ganzes Fühlen und Empfinden entgegenbringe. Und das vermochte er nicht zu erreichen. Die junge Dame behandelte ihn als Wohlthäter, wie ſchon angedeutet, ehrfurchtsvoll, ſie füllte ihre Stellung als Geſellſchafterin eines alten Herrn würdig aus, aber ſie wußte ihn, den ehemaligen Roue, auch in gemeſſener Entfernung zu halten Das imponirte ihm wohl und erhöhte vielleicht auch ihren Werth in ſeinen Augen. Da kam der Paſtor nach Reudlitz⸗ Steffens, Standesvorurtheile. I. 7 Graf Sacco hatte erwartet, in ihm einen Diener ſeiner Launen zu finden, und dieſe Hoffnung war wohl gar mit die Veranlaſſung geweſen, daß er ihn ſo be⸗ reitwillig protegirt hatte. Aber wie bald mußte er ſich überzeugen, daß er ſich arg getäuſcht! Der junge Geiſtliche beſaß einen höchſt energiſchen Willen, er war von ſeinem edlen Beruf durchdrungen, ein wahrhaft würdiger Seelſorger, und als ſolcher hielt er ſich befugt, in jeder Beziehung für das Wohl ſeiner Gemeinde einzutreten. Den Grafen behandelte er mit der größten Ehrer⸗ bietung, andererſeits nahte er ihm mit dem offenen Bekenntniß, daß Beten und häufiger Kirchenbeſuch allein ihm nicht den Himmel erringen würden; er entwickelte in den Geſprächen mit ihm Anſichten, die dem ſtolzen Herrn nichts weniger als bequem waren. Trotz alledem wollte und mochte der Graf es nicht mit ihm verderben. Wahrſcheinlich fürchtete er dadurch ſein Anſehen als frommer Chriſt zu verlieren, vielleicht auch hoffte er, den Paſtor bald ſich geneigter zu ſtim⸗ men. Seine Seelſorger waren bisher ſtets die erge⸗ benſten Diener gegen ihn geweſen, gerade zu jener Zeit aber beſaßen die Geiſtlichen eine bedeutende Macht; wenn er alſo mit Stade in Unfrieden lebte, welches Licht ſollte dies auf ihn werfen? 90 Er ſelber hatte mit den Paſtoren immer eine ganz beſondere Ausnahme gemacht, ihnen gegenüber war er nie der ſtolze Graf geweſen, wenigſtens trug ſeine Herablaſſung nichts Entwürdigendes für ſie in ſich. So kam es denn, daß Rudolf Stade von Zeit zu Zeit auf das gräfliche Schloß kam, auch in die Geſellſchaft des Fräuleins von Lieder gezogen wurde und hier in einer Weiſe auftrat, als ſei er weit ent⸗ fernt, für den devoten Diener des Grafen zu gelten, vielmehr ein ſeiner Stellung würdiges Benehmen zur Schau trug. Der alte Herr begann ihn läſtig zu finden, aber er war ſein Protector geweſen, er wußte kein Mittel, ihm ſeinen Unwillen fühlbar zu machen, da er ſich nichts zu Schulden kommen ließ, als daß er ſeinem Dünkel nicht ſchmeichelte und manche ſeiner Handlun⸗ gen tadelte; ja er mußte ihn um ſich dulden, denn er war ja ein frommer Mann. Oft verwünſchte er ins⸗ geheim dieſen Zwang, den er ſich ſelber bereitet hatte. Stade mit ſeiner biedern Geſinnung ſchien nicht im entfernteſten zu ahnen daß er ſeinem Patron ein un⸗ willkommener Gaſt ſei oder daß dem letztern die ehr⸗ liche Darlegung ſeiner Anſchauungsweiſe irgendwie anſtößig werden könne. Er beſuchte das Schloß gern⸗ 7* S N denn er fand dort Menſchen, die, wie er ſich ſagte, mehr als alle ſeine übrigen Beichtkinder der Hin⸗ führung auf den rechten Lebenspfad bedurften, er ver⸗ kannte nicht, welche Mängel an dem Grafen hafteten, und hoffte ſegenbringend auf ihn einzuwirken. Frei⸗ lich nahm er ſich wohl in Acht, ihm gegenüber den ſtarren Sittenrichter blicken zu laſſen, das würde ihm alle Macht geraubt haben, aber duldſam und freund⸗ lich wies er häufig indirect auf die Mängel derjenigen hin, die all ihr Thun für unfehlbar halten und ledig⸗ lich durch den Hochmuth regiert werden. Solche Erinnerungen konnten ihn bei dem ſich vollkommen dünkenden Grafen nicht beliebt machen. Aber auch ſeine ſonntäglichen Predigten fanden bald nicht mehr den frühern Beifall. Der Graf hielt ſie für die Bauern und Arbeiter zu freiſinnig und zu wenig dro⸗ hend, ſeiner Anſicht nach mußten die Hölle und der Teufel die Hauptrolle darin ſpielen und ihrer wurde* nie Erwähnung gethan; es kam ihm vor, als wolle der Paſtor nur ihn als einen verſtockten Sünder be⸗ handeln⸗ Bei alledem ließ der Graf dem Paſtor ſeine feind⸗ lichen Geſinnungen nicht merken. Er liebte keine Scenen mit Leuten, die unter ihm ſtanden; wollte er Jemand ſchaden oder ihn beſeitigen, ſo geſchah dies ohne allen Lärm, ſelten erfuhr der Entlaſſene den wahren Grund ſeiner Verurtheilung. Auch ein Pfäfflein meinte er wohl zur Ordnung bringen zu können, nur wollte er die gehörige Zeit dazu abwarten. Er zog hierbei nicht in Betracht, daß Stade bei ſeiner geiſt⸗ lichen Behörde ſehr gut accreditirt war. Mit ganz andern Empfindungen wie der Graf ſah Fräulein von Lieder den Beſuchen des Paſtors entgegen. Sie war, wie ſchon angeführt, durchaus nicht ſchön, ihr Aeußeres hatte nichts ſonderlich An⸗ ziehendes aufzuweiſen, aber die Liebenswürdigkeit in ihrem ganzen Weſen, ihre ausgezeichnete Herzens⸗ und Geiſtesbildung machten ſie in ihrer Umgebung zum Gegenſtand allgemeiner Verehrung. Auch der Paſtor war ſchnell auf ſie aufmerkſam geworden, hatte ihren Vorzügen den ungetheilteſten Beifall gezollt, und ſo war ſehr bald ein recht freund⸗ liches Verhältniß zwiſchen ihm und der jungen Dame entſtanden. Fräulein von Lieder fühlte ſich nicht glücklich auf dem gräflichen Schloſſe. Obgleich ſie im Glanz und Ueberfluß lebte, gleichſam der Augapfel des alten Herrn war und von ihm mit einer Eiferſucht bewacht wurde, als mache ſie all ſein Glück aus, ſo ſehnte ſie ſich doch fortwährend in eine andere Sphäre. Sie wußte, 102 daß man ihre Stellung als eine höchſt zweifelhafte be⸗ zeichnete, daß die Damen nur naſerümpfend von ihr ſprachen und die Herren im großen Ganzen nachtheilig über ſie urtheilten, ohne ihr Verhältniß zu dem Gra⸗ fen zu kennen. Freilich begründete man die Urtheile darauf, daß früher ein wüſtes Leben auf dem Schloſſe zu Reudlitz geherrſcht und die Damen, welche unter dem Schutz Sacco's geſtanden, die allgemeine Verach⸗ tung verdient hatten. Aber welche Schuld trug Marie von Lieder daran? Sie vertrat gewißermaßen die Stelle einer fürſorglichen, liebevollen Hausfrau, war dem alten gebrechlichen Grafen die freundlichſte Pfle⸗ gerin, aber ſonſt hatte ſie mit ihren Vorgängerinnen auch nicht das Geringſte gemein, ja ſie hielt nach Mög⸗ lichkeit auf Sitte und Ordnung in ihrer Nähe. Das konnte indeſſen das Vorurtheil der Welt gegen ſie nicht ändern und dadurch wurde ſie unglücklich. Stade ſah ſie und ihr Treiben mit den Augen eines vorurtheilsfreien, duldſamen Chriſten; das bös⸗ willige Geſchwätz über ſie, welches auch an ſein Ohr drang, verwarf er als Läſterung und bildete ſich nach dem, was er auf dem Schloſſe von den Betheiligten durch eigene Anſchauung erfuhr, ſelber eine Meinung; dieſe aber konnte für Fräulein von Lieder nur eine höchſt vortheilhafte ſein, denn ihr ganzes Auftreten, ——,— vornehmlich auch gegen ihren Wohlthäter, war, wenn auch herzgewinnend, ſo doch gleichzeitig ehrfurchtgebietend. Der jungen Dame plieb es nicht fremd, daß Stade ganz anders über ihre Stellung in dem gräflichen Hauſe urtheilte wie die Menge; ſeine Theilnahme that ihr wohl, ſie fühlte ſich erhoben durch ſeine milde Freundlichkeit, die er ihr bei jedem Begegnen zeigte, und er ſah aus ihrem leuchtenden Auge, wenn er ihr nahe kam, daß er ſich zu ihren Freunden zählen dürfe. Unter dieſen Umſtänden konnte es nicht ausbleiben, daß die jungen Leute ſich einander mehr und mehr näherten und daß dem Paſtor die Stunden, welche er in der Geſellſchaft des höchſt begabten Fräuleins ver⸗ brachte, lieb und werth wurden. Marie begann die Mutter des Paſtors häufig zu beſuchen, namentlich ſo oft ſie wußte, daß der letztere in Amtsgeſchäften abweſend war. Die alte Frau, welche über Alles gern in Geſellſchaft war, fühlte ſich hierüber hoch beglückt und konnte dem Sohn die Vor⸗ züge Mariens nicht genug preiſen. Traf Stade ſie zuweilen zufällig außerhalb des Schloſſes, ſo fand er Gelegenheit wahrzunehmen, wie ein ganz anderer und weit fröhlicherer Geiſt ſie beherrſchte als da drinnen in den alten Mauern unter den Augen des finſtern und ſtolzen Grafen. Zuweilen geleitete er ſie zurück nach ihrer Behauſung, und dann kam es wohl, daß ihre Converſation lebhaft und voll Ungebundenheit die ver⸗ ſchiedenartigſten Richtungen einſchlug; aber welches Thema der Paſtor auch berühren mochte, Marie wußte ihm überall zu folgen, und häufig erſtaunte er über das ausgezeichnete Faſſungsvermögen derſelben. Geſpräche, welche eine innige Herzensrichtung hät⸗ ten andeuten und befördern können, wurden von ihnen nie geführt. Vielleicht iſt es möglich, daß Fräulein von Lieder noch andere Gefühle für den jungen Geiſt⸗ lichen zu nähren begann als Verehrung, aber ſie würde gewiß jede Neigung für ihn ſofort zu unter⸗ drücken geſucht haben, wenn ſie ſich derſelben bewußt geworden, denn ihr Verſtand mußte ſie belehren, daß jeder Gedanke an ein ernſtes Verhältniß zwiſchen ihr und dem Paſtor eine Thorheit ſei. Graf Sacco hatte ſich lange vergeblich bemüht, aus Fräulein von Lieder eins jener Geſchöpfe zu machen, wie ſo viele aus ſeiner Schule hervorgegangen waren; doch nie war er im Stande geweſen, ſich ihr gegenüber einen ſo frivolen Ton herauszunehmen, wie er ſonſt bei ihm gebräuchlich war, wenn er mit den⸗ jenigen verkehrte, die ihm zur Beute fallen ſollten. Marie war als verlaſſene und hülfloſe Waiſe in ſein Haus gekommen, unbekannt mit den Laſtern des⸗ 105 jenigen, der ſich ihrer großmüthig annahm. Sacco hatte ſie mit Wohlthaten und mit Zeichen ſeiner Güte überſchüttet, ſie war ihm zum größten Dank verpflichtet und dieſen trug ſie ihm ab, indem ſie ihn wie einen ſchwachen und kranken Verwandten liebte und ehrte, ihn pflegte, ſeine Launen langmüthig ertrug und ihn auf jede mögliche Weiſe zu erheitern ſtrebte. Bald lernte er ihren Werth erkennen. Seine un⸗ edlen Abſichten mußte er gänzlich ſchwinden laſſen, denn ſchnell wurde ihm klar, daß er mit der kleinſten Unartigkeit gegen ſie ihren Austritt aus ſeinem Hauſe herbeiführen werde. Der Rous wurde ge⸗ zwungen, die Tugend zu achten und zu lieben, er wagte nicht mehr, Wünſche blicken zu laſſen, die ihn lange ganz beherrſcht hatten. Dafür beſeelte ihn jetzt aber der eine Gedanke, der Mann zu ſein, dem Marie die höchſte Verehrung zollte, dem ſie all ihr Fühlen und Empfin⸗ den entgegenbrächte und um den ſie Alles opfern könne.. Hierin lag nichts Anderes als das verſteckte Ver⸗ langen, ihre volle Liebe ungetheilt zu beſitzen; aber das durfte er ſich nicht geſtehen, ohne als widerlicher Egviſt zu erſcheinen, denn er konnte ja unmöglich eine Dame lieben, die unter ihm ſtand, und Marie verlangte von dem Manne, den ſie liebte, jedenfalls Erwiderung 106 ihrer Gefühle und die Eingehung eines Bündniſſes für das Leben. So berechnete der Graf und darnach handelte er. Seine Rechnung ſollte einen langen Querſtrich be⸗ kommen, der Glaube, daß Fräulein von Lieder ihm ihre Jugend opfern werde, mit einem Mal einen argen Stoß erleiden. Der Graf hatte keinen Augenblick daran gedacht, daß der Paſtor, der durch ihn zur Anſtellung gelangt war, ſich unterfangen könne, ſein Auge zu einer Dame zu erheben, die von ihm begünſtigt wurde; ebenſowenig hatte er gefürchtet, dieſe werde an einem ſimplen Pfarrer Gefallen finden. Deshalb war er ganz unbe⸗ ſorgt geweſen, als die beiden jungen Leute täglich mehr Intereſſe für einander zeigten, und erſt als er ihnen eines Abends begegnete, wie ſie im traulichen Geſpräch begriffen dem Schloſſe zuſchritten, ohne ihn zu beachten, tauchte der Gedanke in ihm auf, die junge Dame, die gegen ihn ſtets die Tugendheldin und Spröde geſpielt, habe ihn ſeines Alters wegen ſo kühl behandelt und nun den jungen hübſchen Pfarrer in ihr Herz geſchloſſen. Die Furien des heftigſten Jähzorns zogen mit die⸗ ſer Annahme in ſeine Bruſt. Sacco war ein über⸗ aus leidenſchaftlicher Mann; ſich durch ein Mädchen 107 verrathen zu ſehen, das er ganz zu beherrſchen ge⸗ glaubt, das ihm ſo unendlich viel Dank ſchuldete, das mußte den höchſten Grimm bei ihm wecken. Er bedachte nicht, wie vielen ſchuldloſen Weſen gegen⸗ über er zum Verräther, zum Teufel geworden war. „Sie beide vernichten!“ rief er ſich im erſten Zorn ſelber zu. Aber dann traten die Vorzüge, all die Tugenden der ſanften jungen Dame, die ihm ſo manche Stunde verſchönt, vor ſeine Seele, er geſtand ſich, daß ohne ſie das Leben ſeine Reize für ihn ver⸗ loren habe; er konnte ſie nicht meiden, ihr Umgang war ihm zum Bedürfniß, ihre Pflege unentbehrlich geworden. Und er begann Entſchuldigungsgründe für ſie zu ſuchen. Vielleicht beruhte ihr Zuſammentreffen und ihre Unterhaltung mit dem Pfarrer nur auf Zufall. Wenn dies indeſſen auch nicht der Fall war, was lag in einer Unterhaltung? Aber nun fiel dem Grafen ein, daß der Paſtor in letzter Zeit viel nach dem Schloſſe gekommen war und ſtets die Nähe Mariens geſucht hatte. Wozu das? „Er iſt der Verführer, er will ſie mir rauben, dieſer gleisneriſche Heuchler im Schafskleide!“ zürnte er. Ernſte, ſchmerzliche Betrachtungen nahmen die Sinne des alten Mannes gefangen, er wollte ſtrafen und vermochte es 108 nicht, ſeine Rache ſollte den Geiſtlichen treffen, aber was konnte er ihm ſchaden? Dieſer ohnmächtige Zorn dauerte ſo lange, bis Sacco ſich endlich die Ueberzeugung einredete, es wäre Alles nur Einbildung, Marie könne keinem andern Manne als ihm einen wahrhaft freundlichen Blick ſchenken und der Paſtor ſei viel zu unſcheinbar, als daß er das Herz eines Fräuleins von Lieder erobern werde. Ruhig wurde er indeſſen dabei doch nicht, die Eiferſucht folterte ihn mit allen Qualen. Mit der Zeit wußte ſich der ehemalige Weltmann jedoch wieder zu beherrſchen; er wollte zunächſt be⸗ obachten, genau erwägen, was er zu fürchten habe, und dann Schritte thun, die ihm Genugthuung brin⸗ gen ſollten. Mehrere Tage entſchwanden, während welcher der Graf ſich völlig paſſiv verhielt, nur wenig mit Fräu⸗ lein von Lieder ſprach und den Pfarrer kaum zu ge⸗ wahren ſchien; dabei achtete er indeſſen ſehr ſorgſam auf ſie und von neuem gab ihm ihre gegenſeitige Freundlichkeit Veranlaſſung zu dem Glauben, ein zärt⸗ liches Verhältniß ſei mindeſtens im Entſtehen zwiſchen ihnen, wenn nicht gar bereits eine Verſtändigung ſtatt⸗ gefunden habe. Der Zorn wollte ihn übermannen, er litt unter 109 dem Bewußtſein, betrogen zu ſein, ſo fürchterlich wie nie in ſeinem Leben, und doch konnte er ſich nicht entſchließen, ſo zu handeln, wie es wohl ſonſt geſchehen wäre, nämlich Fräulein von Lieder ſofort aus dem Hauſe zu jagen; ſie war ſeinem alten liebebedürftigen Herzen, das ſo oft die zärtlichſten Gefühle erheuchelt hatte, ohne ſie zu empfinden, über Alles theuer gewor⸗ den. Ein anderer Weg ſollte ihn aus ſeiner Pein reißen und ihm den Frieden wiedergeben. Er knüpfte ein Geſpräch mit Marie an, in welchem er ihr klar machte, was er Alles für ſie gethan und noch zu thun bereit ſei, auch ſchilderte er ihr ſein Unglück, wenn ſie je im Stande ſein ſollte, ihn zu ver⸗ laſſen, da er ſie mehr wie eine Tochter liebe. Seine Worte waren gewählt und konnten ihren Eindruck nicht verfehlen, die junge Dame, die nichts weniger als undankbar war, fühlte ſich ihm auf ewig verpflich⸗ tet und gab ihm gerührt die Verſicherung, daß ſie noch keinen Augenblick daran gedacht, ihn zu verlaſſen, und daß ſie ſich glücklich ſchätze, in ſeinem Schutz blei⸗ ben zu düpfen. Befremdet fragte ſie ſogar, wie er nur zu der Annahme käme, ſie werde jemals das Aſyl aufgeben, das ſie durch ſeine Güte gefunden. Dieſe Sprache beruhigte den Grafen momentan⸗ Aber begann er auch Marie wieder ſein volles Ver⸗ 110 trauen zuzuwenden, ſo erwachte immer mehr Verdacht gegen den Paſtor in ſeinem Buſen, daß er darauf aus⸗ gehe, ihm all ſein Glück zu rauben. Zum erſten Mal zwang ſich der ſtolze Mann zu der Herablaſſung, dem Paſtor in ſeiner Wohnung einen Beſuch zu machen, um hier die Verfolgung eines Plans anzubahnen, den ihm die Angſt eingegeben, es könne dem ſchlauen Geiſtlichen trotz der Verſicherung des Fräuleins von Lieder, ſie werde, ſolange er lebe, bei ihm bleiben, gelingen, ihm ſein höchſtes Gut zu ſtehlen. Stade befand ſich in ſeinem Studirzimmer, als ihm die Ankunft des Grafen gemeldet wurde. Ohne Säu⸗ men eilte er dem vornehmen Herrn entgegen und führte ihn in die am eleganteſten eingerichtete Stube des ganzen Hauſes. Auch die Mutter des Pfarrers erſchien, um den hohen Herrn zu bewillkommnen, und dieſer trug eine Freundlichkeit, ein zuvorkommendes Weſen gegen ſie zur Schau, wie man dergleichen im Verkehr mit Leuten, die ihm nicht mindeſtens gleich ſtanden, noch nie an ihm wahrgenommen hatte. Ueberall nahm er die Einrichtungen des Paſtors in Augenſchein, lobte den Geſchmack der Frau Stade, gab hier einen guten Rath, tadelte dort lächelnd eine 111 unpraktiſche Anordnung ſeines Seelſorgers, kurz, ſein ganzes Auftreten zeigte das höchſte Wohlwollen. Länger als eine Stunde hielt er ſich im Pfarrhauſe auf, und als er ſich endlich verabſchiedete, bat er den Paſtor höflich um ſeine Begleitung, die ihm dieſer ohne Widerrede gewährte. „Ich muß Ihnen geſtehen, beſter Herr Paſtor“, be⸗ gann der Graf unterwegs im vertraulichen Ton,„daß es mir bei Ihnen ausnehmend gut gefallen hat; wohin man in Ihren Räumen auch blicken mag, überall ge⸗ wahrt man das Walten einer Hand, die es verſteht, dem ſchaffenden Manne das Daheim zum Paradieſe zu geſtalten. Sie müſſen glücklich ſein!“ „Ich bin es, Herr Graf, ſoweit überhaupt der Menſch hier auf der Erde des Glücks theilhaftig werden kann. Mein größter Wunſch iſt, daß meine Mutter noch recht lange neben mir dahinwandeln möge, dann wird es wohl ſo bleiben, wie es jetzt bei mir iſt“, er⸗ widerte Stade gefühlvoll. „Aber unmöglich können Ihre Wünſche damit be⸗ friedigt ſein. Sie ſind jung, unverheirathet, haben ein einträgliches Amt— ſollten Sie ſich nicht nach einer Lebensgefährtin ſehnen, die Ihrer Frau Mutter jede Laſt von den Schultern nehmen kann und deren Liebe Sie noch mehr als die der Mutter zu beglücken vermag?“ 112 „Wohl dachte ich einſt, daß es über Alles ſchön ſein müſſe, ein Weſen an der Seite zu haben, das die Befähigung beſitzt, einem jedes Leid zu verſüßen; doch ich habe den Wunſch, mich zu verheirathen, zu Grabe getragen.“ „Unmöglich! Sie wollten Hageſtolz bleiben?“ „Ich werde es!“ „Ach, verzeihen Sie mir dieſen Ausdruck, das halte ich für eine überſpannte Idee!“ „Darf ich fragen, weshalb?“ „Weil Sie hier auf dem Lande, allein und ungeliebt, verkümmern würden.“ „Noch habe ich meine Mutter und meine Gemeinde.“ „Eben den Gedanken, daß dieſe ſie für die Liebe eines Weibes entſchädigen könnten, halte ich für über⸗ ſpannt.“ „Sie ſind ebenfalls unvermählt, Herr Graf.“ „Ja, eben darum weiß ich das Leben als Hageſtolz zu verachten. Bin ich nicht ewig von Domeſtiken ab⸗ hängig?“ „Fräulein von Lieder erſetzt Ihnen meiner Meinung nach die Hausfrau.“ „Glauben Sie? Nun jo, ſie iſt meine Pflegerin, ich würde ſehr unglücklich ſein, müßte ich ſie verlieren, und doch— denken Sie einmal nach, ob ein ſo junges, 113 mir eigentlich doch fremdes Mädchen mir die Frau erſetzen kann, die während eines halben Menſchenlebens Zeit hatte, ſich an mich zu gewöhnen!“ „Nein, das wohl nicht! Doch Fräulein von Lieder iſt ein Engel und ich weiß von ihr, daß ſie nur glück⸗ lich iſt, wenn ſie weiß, daß Sie, Herr Graf ſich wohl fühlen.“ „Wirklich? Sie ſagen mir da etwas ſehr Tröſt⸗ liches!“ Der Graf war in der That erſtaunt, von dem Pa⸗ ſtor dieſe Verſicherung zu hören. Er mußte im Irrthum befangen geweſen ſein, ſo hätte ein Verliebter nicht über den Gegenſtand ſeiner Neigung geſprochen. Trotz dieſer Einſicht hegte er die Hoffnung weiter, es werde ſeinem Zureden gelingen, den Paſtor zur Verheirathung zu vermögen, damit er die Sorge los werde, Marie könne ihn irgendwie bevorzugen. „Jedenfalls hatſ eine unglückliche Liebe Sie zu dem Vorſatz vermacht, unvermählt durch das Leben zu gehen“, begann Sacco nach einer Weile von neuem. „Das eigentlich nicht. Aber ich kannte eine Jungfrau, die mir als Ideal der Weiblichkeit erſchien. Nur einmal hatte ich Gelegenheit, ſie ohne Zeugen zu ſprechen, und da wurde mir leider klar, daß ich auch nicht des gering⸗ ſten Eindrucks auf ſie fähig ſei. Damit endete mein kurzer 8 Steffens, Standesvorurtheile. I. 114 Liebestraum; ich glaube nicht, daß ich irgend ein Weſen dem Mädchen gleichſtellen könnte, das ich zu meiner Gattin wünſchte.“ „Ich ſehe wohl, Sie ſind noch ſehr unbewandert in Herzensangelegenheiten“, rief der Graf.„Kein wirklich Verliebter räumt das Feld auf die Weiſe wie Sie.“ „Das kann in den meiſten Fällen wahr ſein. Doch ich möchte nur eine Lebensgefährtin um mich haben, die ich nicht lange wie ein Vogel zu umgirren brauchte, um von ihr erhört zu werden“, ſagte Stade halb bitter. Der Graf lachte.„Und doch iſt es für die Damen ſo intereſſant, ſich vor dem Eheſtand, mit welchem oft ihr Elend beginnt, noch eine Zeit lang auf den Knieen umſchwärmen zu laſſen, daß ſie nur ſelten ohne dieſen Triumph zufrieden ſind“, führte er mit großer Heiter⸗ keit an. „Die Dame, welche meine Neigung beſaß, macht wohl keinen Anſpruch auf Triumphe.“ „Sie ſind wirklich ein eifriger Verehrer, Herr Pa⸗ ſtor. Wäre es nicht unbeſcheiden von mir, wenn ich mich in Ihr Vertrauen drängen wollte, ſo würde ich mir die Frage erlauben, ob die Jungfrau, welcher Sie Ihre Neigung ſchenkten, hier in unſerer Nähe weilt 1it oder während Ihrer Abweſenheit aus der Heimat Ihre Aufmerkſamkeit auf ſich zog“, warf der Graf hin. Ihn intereſſirte das Geſpräch nicht mehr, nun er ſich über⸗ zeugt, daß er von der Liebe des Paſtors nichts zu fürchten habe. „Darüber kann ich Sie aufklären, Herr Graf, ohne mich eines Vergehens ſchuldig zu machen. Ich ſagte Ihnen wohl ſchon, daß ich mich auch nicht der klein⸗ ſten Gunſtbezeigung von ſeiten meines Ideals zu er⸗ freuen hatte. Es iſt die Tochter eines einfachen Gärtners aus S. und heißt Anna Liewe, gleicht aber in ihrem Aeußern einem verkörperten Engel, und ihre Herzensbildung macht ſie zum Gegenſtand allgemeiner Verehrung.“ „Das läßt ſich wohl annehmen!“ pflichtete der Graf bei, indem er ein ſpöttiſches Lächeln unter⸗ drückte. Erleichterten Herzens fügte er hinzu:„Geben Sie die Hoffnung nicht auf, vielleicht haben Sie ſich nur getäuſcht; ich würde allen Ernſtes meine Bewer⸗ bungen fortſetzen.“ Stade antwortete nicht. Der Graf hatte den eigentlichen Beſuchszweck ver⸗ geſſen; er war ja jetzt beruhigt, was kümmerte ihn noch die Liebesgeſchichte des Paſtors! Vor dem Schloſſe trennten ſie ſich, der junge Geiſt⸗ liche trat den Heimweg an. Er hatte aus dem Beſuch wenigſtens den Vortheil gezogen, nun nicht mehr mit Mißtrauen von dem Grafen betrachtet zu werden. Wie wichtig derſelbe für ihn in ſpätern Zeiten ſein ſollte, ahnte er nicht. Fünftes Kapitel. Eben hatte Anna aufgehört, ihren ſüßen Träume⸗ reien durch melodiſche Akkorde auf dem Klavier Aus⸗ druck zu verleihen; ſie ſaß nun da, das Köpfchen in die Hand geſtützt, und dachte darüber nach, ob auch der junge Graf ſich ihrer wohl noch erinnern werde, nach⸗ dem er ſie verlaſſen habe, als die Stubenthür geöffnet wurde und ihre Mutter aus dem Nebenzimmer geräuſch⸗ voll eintrat. Frau Liewe warf einen langen prüfenden Blick au die Tochter, dann fragte ſie:„Warum ſitzeſt Du hier ſo allein im Dunkeln, Anna?“ „Ich— ich ſpielte eben Klavier, liebe Mutter; dann dachte ich darüber nach, daß ich mich doch recht kindiſch gegen den Herrn Grafen benommen“ erwiderte Anna nach kurzem Zögern. 118 „Dieſe Gedanken ſind überflüſſig, mein Kind. Hof⸗ fentlich wird der Soldat uns nicht wieder aufſuchen“, verſetzte Frau Liewe ernſt und in verweiſendem Ton. „Hm, ich glaube, er kommt doch wieder, denn er ſagte ja, daß er uns einen Hund bringen wolle“, fiel Anna ſehr lebhaft ein. „Das mag er nur bleiben laſſen, ich trage weder Verlangen nach ihm noch nach ſeinem Hunde.“ „Aber wenn er kommt, können wir doch nicht un⸗ höflich gegen ihn ſein, er iſt ja ſo artig und zuvor⸗ kommend.“ „Eben deshalb ſollſt Du jede Gelegenheit meiden, ihm zu begegnen, der junge Mann iſt kein Umgang für Dich.“ „Aber, Mama, was gefällt Dir denn nicht an ihm? Unmöglich konnte er beſcheidener und gewinnen⸗ der gegen uns auftreten, wie er es gethan.“ „Gewinnend hin, gewinnend her; er iſt ein Graf, der für die Geſellſchaften der Offiziere paßt, aber nicht für arme Bürgersleute. Denkſt Du, die Nachbarn würden ſo ruhig zuſehen, wenn der hochgeſtellte Herr bei uns aus und ein ginge? Mit Fingern würden ſie auf uns zeigen und ſich zuflüſtern: Seht, das einge⸗ bildete Volk ſucht einen Grafen an ſich zu locken und das alte Weib will ihre Tochter verkuppeln!“ 119 „Abev, Mutter!“ rief Anna entſetzt. „Was erſchreckt Dich?“ fragte Frau Liewe kalt. „Weshalb glaubſt Du, daß der junge Herr Dich heute wie eine vornehme Dame behandelte? Lediglich, um Dir zu ſchmeicheln und Dich zu bethören; er möchte Dich beſtricken und eine geheime Liebelei mit Dir begin⸗ nen. Sei aber verſichert, daß er nur, wenn es Niemand ſieht, ſchön mit Dir thut, vor ſeines⸗ gleichen würde er ſich Deiner ſchämen. So ſind die großen Herren alle, ſie glauben, einfache Bürger mädchen wären nur zu ihrem Spiel da, und wenn ſie ihrer überdrüſſig ſind, verſpotten Sie ihre Leicht⸗ fertigkeit.“ „Großer Gott, wozu ſagſt Du mir das Alles?“ ſchluchzte Anna, bis ins Innerſte erſchüttert. „Um Dich vor dem Grafen Sacco zu warnen, mein Kind!“ entgegnete Frau Liewe ruhig.„Meinſt Du, ich hätte nicht bemerkt, wie Du unter den Blicken des Soldaten erglühteſt? Nun ſieh, er wird Dich wieder⸗ zufinden ſuchen, Dir allerlei ſchöne Reden halten wollen, um Dein Herz zu gewinnen, und wärſt Du nicht ein braves, ehrſames Mädchen, beſäßeſt Du nicht eine Mutter, die über Dich wachte, Du würdeſt ſeinen Verſicherungen trauen und elend werden; denn ſage Dir ſelber, ob es möglich iſt, daß ein Sohn des ſtolzen i Grafen Sacto das erſte beſte Bürgermädchen mit einer reellen Liebe beglücken kann?“ „Wer ſagt Dir denn, daß der junge Mann daran denkt, mich unglücklich zu machen?“ „Seine Blicke haben es mir verrathen! Doch ſei ruhig, es ſoll Dir kein Leid geſchehen; nur verſprich mir, ihm auszuweichen und, wenn er Dir dennoch nahen ſollte, ihm deutlich zu ſagen, daß Du Dir ſeine Nach⸗ ſtellungen verbäteſt, mir aber ſogleich Mittheilung zu machen, wenn er ſich erlauben ſollte, Dich irgendwo anzureden. Willſt Du das?“ Anna war von früheſter Jugend auf an unbeding⸗ ten Gehorſam gegen ihre Aeltern gewöhnt; ſie hielt es für die heiligſte Pflicht, dem Willen derſelben unbedingt nachzuleben, und ſelbſt jetzt da ihr Verſtand ſie erkennen ließ, daß Vieles in dem Auftreten der letztern anders ſein könne, verehrte ſie dieſelben über Alles. Die Worte, die ſie eben von der Mutter gehört, ſchmerzten⸗ ſie tief, denn ſie vernichteten ja eine kaum geahnte Seligkeit in ihrem Herzen, aber dennoch vermochte ſie dieſelben nicht zu verwerfen, obgleich ſie ihr viel zu ſtark und hart erſchienen. „Ich werde Deinem Willen immer folgen, denn Du haſt ja nur mein Beſtes im Auge“, hauchte ſie„ Leiſe hin. — 12¹ „Jawohl, meine Tochter, das habe ich und ich hoffe, daß es Dir nur gut gehen wird, ſolange Du dieſe Ueberzeugung hegſt. Ich kann mir denken, daß Dir das freundliche Weſen des vornehmen jungen Herrn gefiel und daß es Dir ſchwer wird, meinem Willen zu folgen. In Deinen Jahren iſt man voll Schwärmerei, aber bald wirſt Du Dich überzeugen, wie ſehr ich im Rechte bin.“ Damit war das Geſpräch zwiſchen Mutter und Tochter beendet. Anna ſchlich hinaus, aber wie ganz anders waren jetzt ihre Empfindungen als noch vor kurzem. O, ihr war unendlich weh zu Muthe! Alſo der liebenswürdige Unteroffizier ſollte ein Menſch ſein, der darnach ſtrebte, ſie elend zu machen! Nein, das war nicht möglich! Aber hatte die Mutter nicht den⸗ noch Recht? Sie hatte ja längſt wahrgenommen, daß er ihre Nähe ſuchte, auch wurde ſie ſich nun bewußt, daß er ihrem Herzen ſchon nicht mehr ganz gleichgültig war; wenn das ſo fortging, was ſollte daraus ent⸗ ſtehen? Sie die Gärtnerstochter, er der hochgeborene Graf mit einem fürſtlichen Vermögen!„Ja, ja, ihn meiden auf ewig!“ rief ſie ſich zu, dabei ſtanden ihr aber die Augen voll Thränen und ein unſagliches Weh, wie ſie es bisher noch nicht gekannt, beſchlich ihr Herz. 122 Dem bewegten Abend folgte eine ſchlafloſe Nacht, Anna war außer Stande, ſo bald ihre Ruhe wieder⸗ zufinden. Ach, ſie hatte keine Ahnung davon, welche Stürme ihrer harrten! Am Nachmittag des folgenden Tages, als Frau Liewe im Garten beſchäftigt war und Anna ſich in der Nähſtunde befand, erſchien Graf Sacco aufs neue im Hauſe des Gärtners; doch ſtieg er diesmal nicht die Treppe hinauf zu der Wohnung des Barons, ſon⸗ dern klopfte beſcheiden an die Thür, welche zu den innern Räumen ſeiner neuen Bekannten führte, und als ein vernehmliches„Herein!“ zu ihm herausdrang, trat er erwartungs⸗ und hoffnungsvoll zu dem Gärt⸗ ner ein. Ihm folgte ein allerliebſtes kleines Hündchen, wel⸗ ches als Erſatz für das am verfloſſenen Tage ge⸗ tödtete Thier dienen ſollte. Der Graf brachte es ſelbſt, in der Hoffnung, er werde es Fräulein Liewe perſönlich übergeben können. Enttäuſcht blieb er am Eingang der Stube ſtehen, als er den alten Gärtner allein im Zimmer erblickte und dieſer ihm entgegentrat. „Ich bitte um Verzeihung wegen der Störung“, ſprach Sacco weit weniger zuverſichtlich, wie er ſonſt im Leben aufzutreten pflegte;„es ließ mir nicht eher 123 Ruhe, als bis ich mein Verſprechen eingelöſt und Ihnen dieſen kleinen, aber ſehr ſtreuen Wächter überbracht hatte.“ „Ja, ſehen Sie, Herr Graf, es iſt ſehr gütig von Ihnen, daß Sie uns ſo freundlich behandeln, und Anna wird ſich gewiß ungemein über das Geſchenk freuen, aber ich ſelbſt komme deshalb in Verlegenheit“ erwiderte Liewe kleinlaut. „Darf ich fragen, inwiefern?“ fiel Sacco ein. „Nun, die Leute werden ſich wundern, wie wir zu dem ſchönen Thier gelangt ſind; es wird zu allerlei Muthmaßungen kommen, denn Jeder kennt es als das Ihre, Herr Graf. Ich möchte aber nicht, daß Ihr Ruf unſertwegen oder der lunſerige eines Hundes wegen litte.“ „Eine ſolche Befürchtung begreife ich nicht. Ich gebe Ihnen das Thier für das von mir getödtete; dieſe Auseinanderſetzung ſollte meiner Anſicht nach ge⸗ nügen.“ „Der Meinung bin ich auch, aber meine Frau hat bei allen unſern häuslichen Angelegenheiten ein ge⸗ wichtiges Wort mitzuſprechen, da ich meiner körper⸗ lichen Schwäche wegen wenig mehr ausrichten kann und alſo die Sorge für uns größtentheils auf ihren Schul⸗ tern ruht.“ 3 „Und Ihre Frau?“. „Sie glaubt, daß wir das Geſchenk nicht annehmen dürfen, um nicht von den Nachbarn verkannt zu wer⸗ den; ich hatte deswegen ſchon einen großen Streit mit ihr.“ „Ah, dieſen Fall hatte ich nicht vorausgeſetzt; ich bitte um Verzeihung, daß ich die Veranlaſſung zu einem Wortwechſel zwiſchen Ihnen und Ihrer Frau Gemahlin geweſen bin“, erwiderte Sacco unangenehm berührt. „O, das thut nichts, Herr Graf; ſo etwas kommt häufig bei uns vor, ich bin daran gewöhnt; das aller⸗ liebſte kleine Windſpiel bezahlt meinen Aerger jeden⸗ falls tauſendmal, und wie wird Anna es lieben!“ Der Graf lächelte.„Wie, Sie wollen den Hund alſo doch behalten? Ich glaubte nach Ihrer frühern Rede, Sie wieſen ihn zurück“, ſprach er etwas kühl. „Bewahre mich Gott!“ rief der Gärtner.„Nein, nein, ich habe meiner Frau längſt erklärt, wie ſehr ich mich freute, Ihre Bekanntſchaft gemacht zu haben, und wie es uns zur größten Ehre gereiche, wenn Sie uns beachteten; da können Sie wohl denken, wie angenehm mir Ihr Geſchenk iſt, und meine Anna wird es auch gern ſehen.“ „Ihre Fräulein Tochter iſt nicht zu Hauſe?“ fragte 125 Sacco, dem wohl einleuchtete, daß Liewe völlig unge⸗ fährlich für ihn ſei und ſeine Schwatzhaftigkeit haupt⸗ ſächlich daher kam, weil er wünſchte, recht gewichtig zu erſcheinen. Wer das Commando im Hauſe führe, hatte er längſt durchſchaut. „Nein, Anna beſucht jetzt nachmittags von zwei bis acht Uhr eine Madame Krüger vor dem Waſſer⸗ thor, wo ſie ſich in dem Anfertigen weiblicher Hand⸗ arbeiten vervollkommnet; ſie iſt dort in der Geſellſchaft vieler vornehmer junger Damen“, erklärte Liewe ſehr eifrig. „Dann befindet ſich das Fräulein nur vormittags zu Hauſe?“ „Ja, da hilft ſie in der Wirthſchaft, ſetzt ihre Stu⸗ dien fort und treibt Muſik, hauptſächlich aber hält ſie meine Frau zur Arbeit an.“ Ich fürchte, daß unter ſolchen Umſtänden die junge Dame zu ſehr angeſtrengt wird“, warf Sacco hin. „Durchaus nicht“, entgegnete ſchnell der Gärtner, „ſie behält Zeit genug zu ihrer Erholung. Uebrigens iſt ſie ein ſehr fleißiges und gutes Kind, unſere ganze Freude, wir würden ſie gewiß nicht zu ſehr anſtrengen.“ Bereitwillig ging der Graf auf dieſe Lobſpendung ein, doch ſo gern er auch dem entzückten Vater bei⸗ pflichtete, ſo wohl wie am vorigen Tage fühlte er ſich 126 diesmal nicht in dem Liewe'ſchen Hauſe. Er hatte ge⸗ hofft, Anna zu treffen, und da dies nicht der Fall war, empfand er eine ſchmerzliche Leere in ſeinem Her⸗ zen, die durch das Geſpräch über ſie nicht ausgefüllt wurde. Aber er wußte jetzt, wie und wo er ihr begeg⸗ nen konnte, und dies merkte er ſich. Vielleicht hätte Sacco ſeinen Beſuch, trotzddem daß der Zweck deſſelben verfehlt war, noch länger ausge⸗ dehnt, denn es ging ihm wie allen Verliebten, einen kleinen Troſt gewährte es ihm ſchon, von der Königin ſeines Herzens ſprechen zu können; aber er bemerkte, daß ſich in dem Benehmen Liewe's trotz ſeiner Bemü⸗ hungen, möglichſt zuvorkommend zu erſcheinen, eine ge⸗ wiſſe Befangenheit kundgab, die Folge der Angſt, daß ſeine Frau jeden Augenblick eintreten und un⸗ höflich gegen den Grafen werden könne. Dies veran⸗ laßte den jungen Mann, ſich bald wieder zu verab⸗ ſchieden. Er bat Liewe, ihn ſeiner Frau und Tochter zu empfehlen, und ging, zur großen Erleichterung des Gärtners, der nichts mehr liebte als Ruhe und Frie⸗ den mit ſeiner ſtrengen Ehehälfte. Zwar hegte er in Betreff Sacco's eine andere Anſicht wie die letztere und bedauerte, einen ſo vornehmen Umgang meiden zu müſſen, aber er war nun einmal daran gewöhnt, ſich zu fügen, und auch jetzt trug dieſe Gewohnheit den Sieg davon. „ 127 Der junge Graf fühlte ſich im höchſten Grade ver⸗ ſtimmt über das Mißlingen ſeines Verſuchs, ſich dem ſchönen Mädchen, das er ſo innig liebte, wieder zu nähern. Noch einmal ſie in ihrer Wohnung aufzu⸗ ſuchen wagte er nicht, dazu hatte ihm Liewe's Beneh⸗ men viel zu deutlich gezeigt, daß er ſeiner Frau kein angenehmer Gaſt ſei, und dieſer Schluß ſtimmte ja auch mit der Warnung des Barons von Herzer, ſich vor der Gärtnerin in Acht zu nehmen. Nun wußte er zwar, wo Anna die Nachmittage verbrachte, ſie mußte bis zu der Frau Krüger, welche vor dem Waſſerthor wohnte, eine große Strecke zurücklegen und auf der Promenade zwiſchen der Stadt und den Vorſtädten ließ ſich wohl ein Geſpräch mit ihr anknüpfen; aber es widerſtrebte dem zartfühlenden Jüngling, einer Dame, die er hochachtete, auf der Straße aufzulauern. Und doch konnte und wollte er ſie nicht aufgeben. Wos ſollte er beginnen, um Gelegenheit zu erhal⸗ ten, ihr ſeine Liebe zu geſtehen und ſich darüber Ge⸗ wißheit zu verſchaffen, ob er auf Gegenliebe zu hoffen habe? Mit dieſer Frage quälte ſich Sacco mehrere Tage. Dazwiſchen wanderte er, wie früher, oft hinaus nach der Neuſtadt und ging entweder hei dem Liewe'ſchen Hauſe vorüber oder ſuchte den Baron von Herzer auf Aber alle Bemühungen waren vergebens, Anna blieb für ihn unſichtbar. So vergingen zwei Wochen, ohne daß der Graf ſeinem Ziel auch nur einen Fuß breit näher gekommen wäre. Seine Liebe nahm in dieſer Zeit nicht ab, viel⸗ mehr fühlte er ſich mit jedem neuen Morgen unglück⸗ licher, daß es ihm nicht vergönnt war, frei und ohne allen Zwang der Geliebten gegenüberzutreten. Wieder und immer wieder hatte er es verſucht, Anna auf der Promenade zu erwarten, wenn ſie abends aus der Arbeitsſtunde heimkehrte; aber ebenſo ſchnell wie dieſer Gedanke in ihm auftauchte, drängte er ihn auch zurück. Abſichtslos ſchritt er an einem herrlichen Maiabend die Lindenallee entlang, welche ſich rund um die Stadt herumzog und ſo dieſe von den Vorſtädten trennte. Es war gegen acht Uhr; die Sonne ſandte ihre letzten goldigen Strahlen über die Erde dahin, ehe ſie lang⸗ ſam am fernen Horizont verſchwand, ſüße Wohlgerüche ſchwängerten die laue Luft, Hunderte von Luſtwandeln⸗ den bewegten ſich auf der Promenade, hier ein alter geheimer Rath am Arme ſeiner Gattin oder Tochter, dort in blitzender Uniform ein Huſarenlieutenant, ſeinen Säbel lang hängen laſſend, ſodaß er bei jedem Schritt ſeines Trägers klirrend den Boden berührte⸗ 129 Aber auch Handwerker, Arbeiter und Dienſtboten wog⸗ ten in bunter Menge dahin. Sacco kehrte ſich nicht an das bunte Treiben um ihn; nachläſſig hatte er die Hände auf den Rücken ge⸗ legt, ſeine Blicke ruhten vor ihm auf der Erde und verriethen keinerlei Intereſſe für die Spaziergänger. So kam er in die Nähe des Waſſerthors. Einige Offiziere traten zu ihm heran und forderten ihn zum Mitgehen auf. Nur ungern ſchloß er ſich ihnen an; doch da er ſchon ſeit mehreren Tagen ſie faſt gänzlich gemieden und augenblicklich keinen Grund zur Ableh⸗ nung in Bereitſchaft hatte, folgte er ihnen. Sie begannen zu berathen, wie ſie den Reſt des Abends verbringen wollten, als der Graf eine junge Dame gewahrte, die langſam ihnen entgegenſchritt und in welcher er, obgleich es ſchon ſtark zu dämmern be⸗ gann, augenblicklich Anna Liewe erkannte. Sacco's Herz ſchlug heftiger; er vergaß die Kame⸗ raden neben ſich, zog den Säbel an und grüßte die Gärtnerstochter ſo ehrerbietig, als ſei ſie die nächſte Verwandte ſeines höchſten Vorgeſetzten. Ein freundlicher Gegengruß, begleitet von einem verſchämten, kaum merklichen Lächeln, belohnte ihn für dieſe Aufmerkſamkeit. „½„Heda, Graf!“ rief einer der jungen Lieutenants, Steffens, Standesvorurtheile. I. 9 130 „was iſt das für eine Bekanntſchaft? Wahrhaftig, ein reizendes Geſchöpf, und ich kenne es nicht einmal.“ „Das thut nichts!“ entgegnete Sacco gereizt. „Fräulein Liewe iſt die Tochter eines einfachen Bür⸗ gers und kommt daher nicht in die Geſellſchaften, welche von Ihnen beſucht werden.“ „Ah, alſo eine kleine geheime Liaiſon“, lachte der vorige Sprecher. „Nichts weniger als das! Fräulein Liewe iſt eine Dame, mit der ich nur zweimal geſprochen habe, die ich aber hochachte“ verſetzte Sacco mit Nachdruck. „Meine Herren, reizen Sie den Grafen nicht, die. junge Dame iſt ihm werth und ich glaube, er würde nicht ſäumen, Jeden zur Rechenſchaft zu ziehen, der ſich eine zweideutige Aeußerung über ſie erlaubte“ fiel hier Herzer ein. „Da haben Sie vollſtändig Recht, Herr Baron“, antwortete Sacco in einem Ton, der nicht den ge⸗ ringſten Zweifel darüber ließ, daß er im höchſten Grade erregt war. „Aber was iſt das für eine Plänkelei?“ rief nun ein wohlbeleibter Premierlieutenant.„Niemand denkt daran, böſe von einer Dame zu ſprechen, die wir nicht kennen, und was gehen uns übrigens die geheimen Herzensangelegenheiten der Kameraden an?“ 131 Herzer biß ſich auf die Lippen, und Sacco wandte ſich an den letzten Sprecher.„Ich danke Ihnen für Ihr Urtheil, Herr Lieutenant“, ſprach er freundlich. „Wenn ich einmal das Herz einer Dame erobert habe und ſie heimzuführen gedenke, werde ich nicht verfehlen, es ſelber bekannt zu machen.“ Ein wenig verſtimmt ſchritten die Herren weiter. Der Lieutenant Herzer hatte die Abſicht gehegt, den Grafen wegen ſeiner Schwärmerei lächerlich zu machen. Dieſer war ihm mit einem Ernſt entgegengetreten, daß keiner der Kameraden es für nöthig hielt, die zur Sprache gebrachte Angelegenheit weiter zu verfolgen. Damit war ein unangenehmes Schweigen unter ihnen eingetreten, das erſt gebrochen wurde, als ſie ſich einem öffentlichen Lokal näherten, in welches einzutreten der ebenerwähnte Premierlieutenant vorſchlug. Inzwiſchen eilte Anna Liewe flüchtigen Schrittes der Neuſtadt zu. Sie war im höchſten Grade erregt, der Gruß des Freiwilligen gab ihr viel zu denken, und das Verſprechen, welches Mutter ihr abgenommen, erſchien ihr jetzt völlig ung echtfertigt. Zwar war ſie daran gewöhnt, ihren Aeltern unbe⸗ dingten Gehorſam zu leiſten, und gern betrachtete ſie ihre Grundſätze und Handlungen als vollkommene, aber in dieſem Falle mußte ſich die Mutter doch irren. Sie 9* 132 hatte von dem Thun des Freiwilligen und ſeinesgleichen ſehr unvortheilhaft geſprochen und namentlich ihr den Glauben beizubringen geſucht, daß er darauf ausgehe, junge unſchuldige Mädchen zu verführen, daß ſeine Freundlichkeit gegen ſie nur darauf berechnet ſei, ihr zu ſchmeicheln und ſie an ſich zu locken, auch nur ſo lange währen würde, als er von ſeiner vornehmen Bekanntſchaft unbeobachtet bliebe, wie er aber gewiß thun werde, als kenne er ſie gar nicht, wenn er ſich in der Geſellſchaft der Offiziere befände. Hatte er dieſe Behauptung nicht eben auf das gründlichſte widerlegt? Sie war gar nicht willens geweſen, zu thun, als ſehe ſie ihn, während ſie an ihm vorüber mußte, aber er hatte ſich abſichtlich bemerkbar zu machen geſucht, in⸗ dem er möglichſt nahe zu ihr herantrat und ſie artig und ehrerbietig grüßte. Dies ſprach wohl dafür, daß er ſie hochachtete und ſich ihrer Bekanntſchaft vor Nie⸗ mand ſchämte. Unausbleiblich mußte ſie in Wider⸗ ſprüche mit den Anſichten ihrer Mutter gerathen; es that ihr weh, ihn ue zu ſollen, aber daß ſie gegen das gegebene erſprechen handeln könne, kam ihr nicht im entfernteſten in den Sinn, der kind⸗ liche Gehorſam ging ihr über Alles. Eine Veränderung in dem Weſen der jungen Dame ließ ſich bei genauer Beobachtung derſelben dennoch 133 wahrnehmen: ſie wurde nachdenklicher, die von ihr bis dahin bewahrte kindliche Fröhlichkeit wich einem ſtillen Ernſt, zuweilen ertappte ſie ſich ſelber auf dem Ge⸗ danken, daß ihr Manches zum wahren Glücke mangle, und nichts Anderes hatte dieſe Veränderung veranlaßt als die ihr ſelber noch nicht zum Bewußtſein gekom⸗ mene Liebe zu Sacco und die Vorausſicht, ihm ewig fern bleiben zu müſſen. Der Graf hatte nicht die geringſte Ahnung von dem unauslöſchlichen Eindruck, den er auf Anna ge⸗ macht hatte. Wohl hoffte er, daß ſeine unbegrenzte Liebe ihm Gegenliebe erringen werde, und wie der Menſch überhaupt in der Jugend nur zu gern an⸗ nimmt, daß ſeine kühnſten Wünſche in Erfüllung gehen werden, ſo meinte auch er, daß ihr liebliches Erröthen in ſeiner Nähe eher auf Zu⸗ als auf Abneigung ſchlie⸗ ßen ließe; aber wie tief ſein Bild in das Herz der Jungfrau gedrungen, das ſich zu ſagen, dazu beſaß er viel zu wenig Eigenliebe und Vertrauen auf ſeine Vorzüge, ſonſt wäre er ihr wahrlich nicht ſo lange fern geblieben. Auch jetzt, nach dem abermaligen Zuſammentreffen mit der jungen Dame, konnte er ſich nicht völlig vertraut mit dem Entſchluß machen, ſie förmlich auf der Straße zu erwarten und anzureden, obgleich ſeine Sehnſucht 134 nach ihr ihn faſt verzehrte und, wo er auch weilen mochte, beſtändig quälte. Trübe blickte er vor ſich nieder, während er mit den Offizieren in der Reſtauration beim vollen Glaſe ſaß; weder die Geſellſchaft der Kameraden noch der Wein vermochte ihn zu erheitern, allein die Liebe hatte von ſeinem ganzen Sein Beſitz genommen; dabei be⸗ reitete ihm ſein Schickſal, das ihn von der Geliebten fernhielt, die bitterſten Stunden. „Sie ſind nicht mehr der heitere Kamerad von ehe⸗ mals, lieber Graf“, redete ihn der Baron von Herzer unterwegs an, als ſie etwas ſpät nach Hauſe ſchritten und die übrigen Offiziere ſie bereits verlaſſen hatten. „Wohl möglich, daß meine Stimmung ein wenig gelitten hat, der Menſch kann nicht ohne Unterbrechung ſorglos durch das Leben wandern“, erwiderte Sacco, noch immer pikirt auf den Lieutenant wegen ſeiner frühern Bemerkung. „Seien Sie aufrichtig, Graf, und grollen Sie nicht über den Scherz, den ich wir erlaubte. Nicht wahr, Fräulein Liewe iſt daran ſchuld, daß Sie Ihren Humor verloren haben? Das Dämchen bewahrt auch gegen Sie ihre Sprödigkeit und darüber bricht wohl gar Ihr Herz?“ fuhr Herzer fort. „Im Gegentheil; ich kann Ihnen nur ſagen, daß mich das Fräulein ſtets freundlich und rückſichtsvoll behandelt hat; natürlich erlaubte ich mir nie auch nur einen frechen Blick gegen ſie“, erwiderte der Graf. Herzer biß ſich auf die Lippen, ein feindlicher Blitz ſeines Auges traf den Unteroffizier, aber ſich beherr⸗ ſchend ſprach er:„Ich denke, Sie haben die junge Dame erſt zweimal geſprochen.“ „Nur zweimal, aber genügt das nicht vollkommen, ſich zu überzeugen, ob man gern geſehen wird oder nicht?“ „Sie glauben alſo von der Gärtnerstochter gern ge⸗ ſehen zu werden?“ fragte Herzer, nur mit größter Mühe ſeine Erregung verbergend. „Ich hoffe wenigſtens, daß die junge Dame mich nicht flieht“, antwortete Sacco in der Abſicht, den Varon zu ärgern; er hielt ſich überzeugt, daß dieſer ihn ſeit einiger Zeit mit neidiſchen Blicken betrachtete. „Das glaube ich ſelber“, führte Herzer an.„Um zu fliehen, muß ein Mädchen abgeſchreckt ſein; es läßt ſich aber nicht erwarten, daß Sie ſich abſchreckend ge⸗ zeigt haben.“ „Gewiß nicht! Aber daſſelbe nehme ich von Ihnen an, und doch ſagten Sie mir vor einiger Zeit, daß Fräulein Liewe Sie auch nicht eines Blickes würdigte.“ Der Baron verlor ſeine Ruhe. Stets war er ſtolz 136 darauf geweſen, vor ſeinen Kameraden für den unwi⸗ derſtehlichen Eroberer jedes Mädchenherzens zu gelten, und jetzt präſentirte ſich ihm ein junger, auf dem Felde der Liebe noch gänzlich unbewanderter Mann dort als Sieger, wo er eine entſchiedene Niederlage erlitten hatte, ja, dieſer Jüngling wagte es ſogar, ihn zu verhöhnen, indem er darauf hinwies, daß es ihm gar keine Mühe gekoſtet, ſich bei der Dame Zuneigung zu erringen, die ihm widerſtanden.„Sie haben Recht!“ rief er.„Daß ich ſie nur als Spielzeug betrachtete, ſah ſie wohl ein, von Ihrem ſchüchternen Anbeten hofſt ſie jedenfalls mehr.“ „Wenn ſie mich auch nicht als einen ſchüchternen Anbeter kennen lernte— dazu hatte ſie keine Gelegen⸗ heit— ſo gefiel ihr doch vielleicht meine Bildung, die ich durch ein rückſichtsvolles Benehmen documentirte“, wandte der Graf beißend ein. „Alſo Ihre Bildung gründet ſich auf das Bevor⸗ zugen von Nähmamſells?“ „Nein, aber ſie verbietet mir, junge anſtändige Damen als Dirnen zu betrachten oder ſie dazu zu erniedrigen!“ „Was ſoll dieſe bedeuten?“ brauſte Herzer auf. „Daß ich nich für zu gut halte, meine Ehre durch 137 Handlungen zu verſcherzen, die zwar durch das Geſetz nicht beſtraft werden, aber dennoch verächtlich ſind, da ſie das Glück und den Frieden armer Weſen unter⸗ graben, die ihrem Verführer vertrauten.“ „Aber ich ſehe nicht ein, welche Beziehung eine ſo ungereimte Antwort zu meiner Frage hat.“ „Um ſo beſſer! Mir erſcheint Ihre Frage weit ungehöriger als meine Antwort.“ „Hüten Sie ſich, Herr, daß Sie gegen Ihren Vor⸗ geſetzten nicht eine Sprache führen, die dieſer für un⸗ geziemend hält.“ „Herr Lieutenant, haben Sie mir einen dienſtlichen Befehl zu ertheilen?“ „Wir befinden uns gegenwärtig nicht im Dienſt.“ „So habe ich die Ehre, mich Ihnen zu empfehlen.“ ſit dieſen Worten drehte ſich der Unteroffizier zur Seite und ſchlug eine andere Straße ein. „Ha, der junge Menſch wird frech, man hat ihm den Zügel zu lang angelegt, es ſoll anders werden“, brummte der Baron vor ſich hin.„Eine dumme Ge⸗ ſchichte, dieſe Liebelei mit der kleinen Liewe, er war im Recht!“ fuhr er nachdenklich fort. Verdrießlich ging er weiter, das Bewußtſein, ſich dem Grafen gegenüber arg compromittirt zu haben, drückte ihn nieder. 138 Sacco fürchtete den Lientenant Herzer nicht. In dienſtlicher Beziehung kam er wenig oder gar nicht mit ihm in Berührung, da ſie verſchiedenen Escadrons an⸗ gehörten, der Graf mit der größten Pünktlichkeit ſeinen Pflichten als Soldat nachlebte, ſodaß ihm Niemand etwas anzuhaben vermochte, er außerdem die Freund⸗ ſchaft ſämmtlicher Offiziere des Regiments beſaß und ſein Grafentitel ihn vor jeder erfolgreichen Anfeindung eines mißgünſtigen Nebenbuhlers ſchützte. Ohne ſonder⸗ liche Erregung ſuchte er deshalb ſeine Wohnung auf; für die Ausfälle des Barons gegen ihn hatte er dieſen gründlich abgeführt. Dieſe Ueberzeugung beruhigte ihn vollkommen, und wenn er ſich deſſenungeachtet nicht glücklich fühlte, ſo hatte daran lediglich die Ungewiß⸗ heit, ob er je werde die volle Zuneigung Anna's errin⸗ gen, die Schuld. Das zufällige Begegnen mit ihr auf der Promenade hatte übrigens zur Folge, daß es ihn nun täglich gegen Abend hinauszog vor das Waſſerthor und er dort ſo lange in der Lindenallee auf und ab wanderte, bis die Geliebte an ihm vorübergegangen war. Leider traf er ſie nie allein; entweder kam ſie in Begleitung mehrerer anderer jungen Damen daher oder wurde von einem Mädchen aus der dienenden Klaſſe gefolgt; immer mußte er ſich damit begnügen, ihr aus der Ferne einen ehrer⸗ 139 bietigen Gruß zuzuſenden, den ſie ſtets ſchüchtern, aber freundlich erwiderte. Dieſes tägliche Sehen des Grafen wirkte übrigens höchſt günſtig für ihn in dem Herzen Anna's; ſie be⸗ achtete ſeine ſtille Verehrung nur zu wohl und immer mehr fühlte ſie ſich zu dem Glauben hingeneigt, er ſei ein höchſt edler und vortrefflicher Menſch, der alle Standesunterſchiede verlache und in deſſen Nähe allein die größte Glückſeligkeit wohne. Bei Sacco wurde das Verlangen von Tag zu Tag reger, endlich einen Schritt zu thun, der ihn von der Qual der Ungewißheit über den Herzenszuſtand der Geliebten befreie. Der einzige Weg, ihr zu nahen, war die Erſpähung einer günſtigen Gelegenheit, wäh⸗ rend ſie zur oder von der Arbeitsſtunde ging. Lange kämpfte er innerlich mit der Frage, ob er es wagen dürfe, ſie bei einem Begegnen auf der Straße anzu⸗ reden. Sein feiner Takt ſträubte ſich entſchieden da⸗ gegen; aber ihr für die Ewigkeit zu entſagen, vermochte er nicht, und was blieb ihm Anderes übrig, wenn er ſich nicht dazu entſchloß, auf zwar ungewöhnliche, aber darum doch nicht verwerfliche Weiſe ſeinem vollen Herzen Luft zu machen?„Theilt ſie deine Empfindungen, ſo muß ſie dir die Kühnheit verzeihen, mit der du es wagſt, zu ihr heranzutreten; fühlt ſie ſich aber beleidigt, 3 ſo haſt Du auf nichts zu hoffen und dann iſt Alles aus. Alſo Muth und dieſer Pein ein Ende gemacht!“ So feuerte ſich der junge Mann ſelber an, um endlich dem Ziel ſeines Strebens näher zu kommen; ſowie er aber einmal den Entſchluß gefaßt hatte, nichts unver⸗ ſucht zu laſſen, um eine Gelegenheit zu erhalten, bei welcher er der Geliebten ſeine Gefühle enthüllen könne, ſäumte er auch nicht mehr, ihn möglichſt bald zur Aus⸗ führung zu bringen. Abends, das hatte er eingeſehen, war Anna ohne Zeugen nicht zu ſprechen, er mußte alſo mittags mit ſeinen Verſuchen beginnen. Zwiſchen der Neuſtadt und dem Thore zog ſich eine ziemlich lange Promenade neben dem Fluſſe hin, die im Vergleich zu den Anlagen vor dem Waſſerthore ſo gut wie gar nicht beſucht war. Hier ließ ſich vielleicht ein unbeobachtetes Zwiegeſpräch ermöglichen, namentlich in den Nachmittagsſtunden, wenn Fräulein Liewe zu der Madame Krüger ging. Mit der größten Eile verließ der Graf an einem der folgenden Tage die Tafel, an welcher er in Geſell⸗ ſchaft einer Anzahl Offiziere ſpeiſte, und wandte ſich der Vorſtadt zu. Sein ſchnelles Entfernen wurde all⸗ gemein bemerkt, aber Niemand ahnte den Grund davon. Es wurden einige witzige Bemerkungen darüber laut, daß er auf dem beſten Wege zu ſein ſcheine, ein 141 Niſanthrop zu werden, der allen Verkehr mit den Neben⸗ menſchen fliehe, da er nun auch ſchon beginne, die Zeit abzukürzen, welche ihn ſonſt regelmäßig für einige Stunden in ihrer Mitte feſthielt; dann brach ein anderes Geſpräch ſich Bahn und der Unteroffizier war für jetzt vergeſſen. Inzwiſchen langte Sacco vor dem Thore an, wel⸗ ches zu der Neuſtadt führte, und begann am Fluſſe langſam auf und ab zu promeniren. Vom nahen Thurme herab verkündete die Glocke die zweite Stunde des Nachmittags. „Jetzt muß ſie kommen!“ dachte der Graf bei ſich. Sein Herz pochte lauter gegen die Bruſt in der Er⸗ wartung, daß der Augenblick nahe, der über ſein ganzes ferneres Erdenglück entſcheiden werde, und doch wußte er noch nicht, in welcher Weiſe er eine Unterhaltung anknüpfen ſolle, immer noch quälte ihn die Ueberzeu⸗ gung, daß es unpaſſend ſei, die junge Dame auf der Straße anzureden. Seinen Skrupeln wurde plötzlich ein Ende gemacht: am Ende der Allee erſchien Anna und kam langſam näher. Sie befand ſich in höchſt einfacher, aber ge⸗ ſchmackvoller Toilette; der kleine Hut ſaß ſo keck auf den vollen, dunklen Locken, als werde ſeine zierliche Form noch gehoben durch das ſchöne Köpfchen, welches er bedeckte, der Sommermantel war nicht im Stande, ihre herrlichen Körperformen zu verhüllen, und das blendendweiße Kleid harmonirte vortrefflich mit der ſchlanken, biegſamen Geſtalt und verlieh ihr noch mehr den Charakter des Edlen, Erhabenen. Sacco war entzückt von ihrem Anblick, er hätte vor ihr auf die Kniee ſtürzen und ſie wie einen Engel anbeten mögen, und doch fehlte ihm auch wieder der Muth, irgend ein Wort an ſie zu richten. Seine Ver⸗ ehrung für ſie war ſo völlig rein von aller Anmaßung, daß er ſie als ein Weſen betrachtete, welches hoch über ihm ſtehe. Nun war ſie nur noch wenige Schritte von ihm entfernt, ein freundlich gewinnendes Lächeln ſpielte um ihre Lippen, ganz ſo wie an dem Tage, als er ſie zum erſten Mal erblickt hatte. Jedenfalls freute ſie ſich über ſein tägliches Begegnen. „Jetzt oder nie!“ dachte Sacco. Sein Vertrauen war plötzlich gewachſen, unmöglich konnte dieſer Engel ihm zürnen, wenn er es wagte, ihr ſeine heiße Liebe zu geſtehen. Sich tief verneigend, blieb er ſtehen und ſah ſie mit ſeinen treuen Augen herzlich bittend an; er war ſo erregt, daß ihm die Stimme verſagte. Anna erröthete heftig. Auch ſie gerieth außer 143 Faſſung, leiſe erwiderte ſie ſeinen freundlichen Gruß, ohne indeſſen ihren ſchwebenden Schritt zu hemmen. „Darf ich Sie anflehen, mein Fräulein, mir wenige Sekunden zu ſchenken? O bitte, nur ſo viele, daß ich ein paar Worte zu Ihnen ſprechen kann. Weiſen Sie mich nicht zurück, es würde mich tödten, wenn all mein Hoffen mit einem Mal vernichtet wäre“, brachte jetzt Sacco mit vieler Anſtrengung hervor. Anna erbebte. Wohl hatte ſie es bisher gern ge⸗ ſehen, wenn der junge Graf ſeine Spaziergänge ſo ein⸗ gerichtet, daß er ihr begegnen mußte; aber nie war ſie zu der Annahme gekommen, er könne ſtehen bleiben und mit ihr ſprechen wollen. Und jetzt? Was ſollten ſeine Worte bedeuten? Sie ließen darauf ſchließen, daß er ihr Geſtändniſſe machen wollte, die inhaltſchwer für ihren fernern Herzensfrieden ſein mußten. Deshalb erzitterte ihr Körper vor Bangen und einem Gefühl, das mit der Furcht jedenfalls ſehr verwandt war. All die Mahnungen der Mutter fielen ihr plötzlich wieder ein, die Kindespflicht erinnerte ſie an den den Aeltern ſchuldigen Gehorſam und es erſchien ihr auch gefähr⸗ lich für ihr Heil und ihren Ruf, wenn ſie ſeine Bitten erhörte. Was hatte ſie von der Mutter zu erwarten, wenn dieſe erfuhr, daß ſie mit dem Grafen auf öffentlicher Straße geſprochen, und wie würde die Welt darüber urtheilen? Die Angſt flüſterte ihr zu, daß die ihr ertheilten Warnungen nur zu ſehr am rechten Orte geweſen ſeien. „Herr Graf“, erwiderte ſie mit ſchwankender Stimme, indem ihre Blicke trübe am Boden hafteten,„ich kann und darf auf die von Ihnen gewünſchte Unterredung nicht eingehen. Seien Sie verſichert, daß ich Sie ſehr hoch achte und Ihnen um Alles in der Welt kein Leid zu⸗ fügen möchte, aber ich handelte gegen den ausdrück⸗ lichen Willen meiner Mutter, wenn ich hier auf öffent⸗ licher Promenade mit jungen Herren Unterhaltungen anknüpfte, und dann erwägen Sie gütigſt, welches Licht es auf mich werfen müßte, wenn die Leute das Recht hätten, von mir zu ſprechen: Anna Liewe, die arme Gärtnerstochter, trifft ſich, während ihre Mutter glaubt, ſie befinde ſich in der Nähſtunde, mit dem rei⸗ chen Grafen Sacco auf der Promenade!“ „Aber, mein Fräulein, ich weiß kein anderes Mittel, meinem vollen Herzen Genüge zu ſchaffen, als Sie hier zu erwarten. Wohl ſehe ich ein, daß es gegen die Regeln des guten Tons verſtößt, eine Dame, die einem mehr wie die Welt und das Leben gilt, auf der Straße aufzuſuchen, um wenige Sekunden mit ihr zu ſprechen, aber durfte ich hoffen, in Ihrer Wohnung 145 ein angenehmer Beſuch zu ſein? Nach dem, was ich von Ihrem Herrn Vater gehört, ſchwerlich!“ „Herr Graf, wir ſind einfache Bürgersleute; auch durch Ihre Beſuche, fürchtet die Mutter, könnten üble Kachreden für uns entſtehen. Ich achte Sie hoch, Ihr Auftreten bürgt mir dafür, daß Sie von edlen Grund⸗ ſätzen geleitet werden; darum ſage ich Ihnen ohne Umſchweife, wodurch mein Handeln bedingt wird.“ Sacco war von Natur ein Menſch, der ſich bei jeder Gelegenheit leicht hinreißen ließ; das jugendliche Feuer, welches in ſeinen Adern quoll, machte ſich gern ebenſo im Zürnen wie im Lieben geltend. Er fühlte ſich aufs tiefſte gekränkt durch die Entgegnung Anna's, indem er die Bedeutung ihrer Worte augenblicklich nicht richtig auffaſſen wollte, und entgegnete daher in trau⸗ rigem Ton, während ſein Geſicht von einer auffallenden Bläſſe bedeckt wurde:„Wenn mein Umgang für ent⸗ ehrend gilt, dann allerdings muß die Beharrlichkeit, mit welcher ich Ihren Schritten gefolgt bin, wohl als ein Unglück erſcheinen und ich kann weiter nichts thun, als Sie recht dringend bitten: Verzeihen Sie einem Unglücklichen, der es wagte, ſeine Augen zu Ihnen zu erheben; ich werde mich für meine Anmaßung ſelber beſtrafen. Leben Sie wohl, mein Fräulein, und ge⸗ denken Sie zuweilen in ſtillen Stunden eines Menſchen, Steffens, Standesvorurtheile. I. 10 146 der bis zu ſeinem letzten Athemzuge Sie als Engel verehren wird.“* Mit dieſen Worten verbeugte er ſich und wandte ſich ſchnell ab, noch ehe Anna in ihrer Befangenheit eine Erwiderung zu finden vermochte. Die junge Dame blickte ihm wohl eine Minute lang nach, ohne daß ſie eigentlich wußte, was ſie that. Ihre Augen füllten ſich mit Thränen, ihr wurde ſo un⸗ ausſprechlich weh zu Muthe, daß ſie glaubte ſterben zu müſſen. Und was war der Grund zu dieſer Anwand⸗ lung? Jedenfalls nicht Furcht vor der Mutter, denn ſie hatte ja deren Willen erfüllt. Aber vielleicht ergriff ſie die Einſicht ſchmerzlich, daß ſie dem Grafen unaus⸗ ſprechlich weh gethan, deſſen ſchnelles Entfernen jede weitere Erklärung zur Unmöglichkeit gemacht hatte. Sie hätte ihn wohl gern zurückgehalten, um ihm zu ſagen, daß ihre Worte durchaus nicht böſe gemeint geweſen ſeien, daß ſie aber mancherlei Rückſichten zu nehmen habe, die er nicht kenne. Nun hatte Alles ein Ende; der Graf war ihren Augen entſchwunden, ſie durfte nicht hoffen, daß er ihr je wieder nahen werde, aber Freude oder Befriedigung. ſchaffte dieſer Gedanke ihr nicht, im Gegentheil, ſie fühlte ſie ſich nicht geſtehen mochte. einen heftigen Schmerz in ihrer Bruſt, deſſen Urſache — 147 Noch immer in der größten Aufregung, wandte ſie ſich der Wohnung ihrer Lehrerin zu, aber auch hier in der Geſellſchaft mehrerer junger Damen wollte die in ihr Herz gezogene Unruhe nicht von ihr weichen. Sie war für den ganzen Nachmittag unfähig, wie ſonſt voll Fleiß und Aufmerkſamkeit zu arbeiten, immer wieder ließ ſie die Hand ruhen und blickte gedankenvoll und träumeriſch vor ſich nieder, wenn ſie auch für kurze Momente ſich zu beherrſchen ſuchte. Was er nur hat ſagen wollen? dachte ſie. Und ſo oft dieſe Frage in ihrem Köpfchen auftauchte, wurde ihr ſo heiß, daß ſie am liebſten hinausgeeilt wäre ins Freie, um durch einen recht weiten Spaziergang ihr aufgeregtes Gemüth zu beruhigen. Als ſie am Abend ohne jede Begleitung den Heim⸗ weg antrat, blickte ſie vergeblich nach den Stellen hin, auf denen ſie den Grafen ſonſt geſehen, er war nicht dort, und wenn ſie dies auch nicht beunruhigen oder befremden konnte, ſo kam doch ein Gefühl der Ent⸗ täuſchung über ſie; von einer Trauer erfüllt, wie wohl noch nie in ihrem Leben, langte ſie in der Neu⸗ ſtadt an. 2 Vor dem väterlichen Hauſe ſaßen auf einer nied⸗ lichen Holzbank die Aeltern, in einer lebhaften Unter⸗ haltung begriffen. 10* Kaum war ihnen Anna nahe genug gekommen, um ſie anreden zu können, ſo rief ihr die Mutter zu:„Wie ſteht es mit dem Grafen Sacco?“ Anna glaubte in den Boden ſinken zu müſſen. Sie nahm nämlich an, die Aeltern hätten bereits Kenntniß von ihrer kurzen Unterredung mit dem Freiwilligen erhalten und wollten nun nähere Details darüber hören. Ihre Verwirrung war ſo groß, daß ſie ſtehen blieb, unfähig, eine Antwort zu ertheilen. Jedenfalls war Frau Liewe von dem Gegenſtand ihrer Frage ſo ſehr in Anſpruch genommen, daß ſie der Tochter keine ſonderliche Aufmerkſamkeit zuwandte, ſonſt würde ihr nicht entgangen ſein, in welcher Ver⸗ legenheit ſich dieſe befand. Inzwiſchen ſammelte ſich Anna ein wenig, ſodaß ſie mit möglichſter Beherrſchung ihrer Gefühle die Frage hervorzubringen vermochte:„Was meinteſt Du vom Grafen Sacco, liebe Mutter?“ „Alſo Du haſt in der Stadt nichts über ihn ge⸗ hört? Der arme junge Mann, er wurde nachmittags hier vorbeigetragen; man hielt ihn allgemein für todt, doch ſoll noch etwas Leben in ſeinem Körper geweſen ſein!“ entgegnete Frau Liewe voll Theilnahme. „Gerechter Himmel, todt!“ ſeufzte Anna mit erſter⸗ bender Stimme— ſie war dem Umſinken nahe. 149 Glücklicherweiſe befanden ſich die Aeltern des jungen Mädchens in einer Stimmung, die das wärmſte Mit⸗ gefühl für den Verunglückten bekundete; daher fanden ſie auch den Ausruf Anna's gerechtfertigt, ſonſt würde ihnen wahrſcheinlich nicht verborgen geblieben ſein, wie die letztere für den Freiwilligen empfand. „Der Graf iſt mit dem Pferde geſtürzt; er ſoll am Nachmittag gegen zwei Uhr wie ein Raſender zum Thor hinausgeritten ſein, eine Viertelſtunde ſpäter hat man ihn ſammt ſeinem Pferde auf der Chauſſee liegend gefunden. Das Thier hat ſich mit ihm überſchlagen und ihn dabei mit dem Kopf gegen einen ſcharfen Stein geworfen, auch ſoll ſein Rückgrat arg beſchädigt ſein“, führte Liewe an. Weiter hörte Anna nichts mehr, ſie eilte in das Haus, ſetzte ſich in ihr Zimmer, ſtützte den Kopf auf die Hand und umwillkürlich rannen ihr heiße Thränen über die Wangen. Sie gab ſich die Schuld an dem Unfalle des Grafen, denn wie ſie ſich ſagte, hatte ihn ihr ſchroffes Benehmen derart verletzt, daß er in einem wilden Ritte Vergeſſenheit ſuchen wollte. Ach, und er war ihr ſo freundlich und liebreich entgegengetreten, ſein ganzes Benehmen war ſo himmelweit verſchieden von dem anderer Männer, er hatte es nicht verdient, daß ſie ihn von ſich wies, weil ſie die böſen Zungen gallfüchtiger Menſchen fürchtete. Wäre er jetzt gekom⸗ men und hätte ſie ſelbſt durch die ſämmtlichen Straßen der Stadt führen wollen, ſie würde keinen Augenblick geſäumt haben, ihm zu folgen; ſogar das Verbot der Mutter erſchien ihr ungerecht. Das waren ſchmerzliche Stunden, die dieſem Abend folgten. Anna beſaß ein Herz, das für die ganze Menſchheit voll warmer Liebe und Theilnahme ſchlug, ihre ſchöne Seele konnte nicht einmal einen Wurm leiden ſehen, ohne ſeine Schmerzen mitzuempfinden, wie viel mehr mußte ihr Inneres bewegt werden bei dem Gedanken, daß durch ihre Härte ein edelmüthiger. Jüngling, der ſich mit dem freundlichſten Eifer um ihre Gunſt beworben, zur Verzweiflung getrieben worden und wohl gar ſein Leben aushauchen werde, weil der Schmerz über ihr kaltes Benehmen ihn zur Aufſuchung von Gefahren verleitet habe, denen er erlegen. Theilnahmlos gegen Alles, was ihr ſonſt lieb und werth geweſen, hegte ſie nur den einen Gedanken, der Graf möge völlig wiederhergeſtellt werden und dann recht glücklich ſein. Weiter hatte ſie keine Wünſche, aber für die Erfüllung dieſes einen ſchickte ſie heiße Gebete zum Himmel. Gegen die Mutter ließ ſie kein Wort über ihre Empfindungen laut werden, das ſtets ſo aufrichtige und gehorſame Kind trug nun ein Ge⸗ — 2 —————— 151 heimniß im Buſen, das ſie keinem Menſchen, am wenigſten aber ihrer Mutter hätte offenbaren mögen; dort hatte ſie ja in dieſem Falle auf keine Theilnahme zu hoffen. Schrecklich war es für ſie, daß ſie auch nicht das allergeringſte Zuverläſſige über den Zuſtand des Frei⸗ willigen erfuhr, nur von der Mutter hörte ſie nach einigen Tagen zufällig, daß Sacco noch lebe und die Möglichkeit von den Aerzten ausgeſprochen ſei, er könne wiederhergeſtellt werden. War dieſe Nachricht auch keine befriedigende, ſo hätte ſie, die bis dahin ſo vollkommen von Angſt und Ungewißheit Gequälte, dieſelbe doch mit einem Theil ihres Lebens bezahlen mögen. Erſt jetzt war ſie wieder im Stande, mit einiger Ruhe das Daſein zu ertragen. Nach wie vor beſuchte ſie die Nähſtunde und ſetzte das freundſchaftliche Verhältniß mit ihren Jugend⸗ geſpielinnen fort, aber in ihrem Weſen war eine große Veränderung eingetreten; das harmloſe Kind war zu einer nachdenkenden, meiſt einem ſtillen Ernſt hin⸗ gegebenen Jungfrau geworden, ſelten verließ ſie für einen Augenblick das peinigende Bewußtſein, ein hoch⸗ herziger Menſch ſei ihretwegen unglücklich und befinde ſich dem Tode nahe. Wie gern hätte ſie an jedem —— 152 neuen Morgen, wenn ſie erwachte, Erkundigungen über den Fortſchritt der Geneſung des Grafen ein⸗ gezogen, aber ſie hatte keinen Menſchen, dem ſie ſich anvertrauen durfte, und ſelbſt wenn einmal über ihn geſprochen wurde, mußte ſie eine Theil⸗ nahmloſigkeit an den Tag legen, als ſei er ihr gänzlich fremd. Durch dieſen Zwang, welchem ſie unterworfen war, wurde ihre zärtliche Zuneigung für ihn gleichſam erweckt und vermehrt, bei Tage und bei Nacht war er ihr ſteter Gedanke, fortwährend beſchäftigte ſie ſich im Geiſte mit ihm, und hieraus entſtand ſehr bald die Gewohnheit, ihn als einen Menſchen zu be⸗ trachten, der ihr über Alles theuer war und von dem böſen Geſchick ihr ſo leicht für immer entriſſen wer⸗ den könne. Während ſie völlige Gleichgültigkeit zur Schau trug, drohte ihr Herz vor ängſtlichem Klopfen zu zerſpringen ſo oft von ihm geredet wurde. Zwar lernte ſie mit der Zeit die Ueberzeugung in ſich aufnehmen, daß er geneſen werde, aber trotzdem konnte ſie ein ſchmerz⸗ liches Bangen bei dem Gedanken an ihn nicht unter⸗ drücken; eine böſe Vorahnung hatte ſie längſt beſchli⸗ chen, daß nur Leid für ſie aus ſeiner Bekanntſchaft entſtehen werde; jener Abend, an welchem die Mutter 153 mit beſtimmten Worten ihr erklärt, daß ſie jede Ge⸗ legenheit, den Grafen zu ſehen und zu ſprechen, wie die ſchwerſte Sünde fliehen müſſe, war der Anfang ihres 4 Kummers geweſen und hatte die ſchönſten Frühlings⸗ blüten eines ſchuldloſen jugendlichen Herzens in ihrem Buſen ertödtet. A. Ende des erſten Bandes. Druck von Bär& Hermann in Leipzig. Romane aus dem Engliſchen. Verlag von Ernſt Julius Günther in Leipzig. Von der Verfaſſerin von„John alifax John Halifar. Aus dem Engliſchen von Sophie verena. 2 Bde. Geh. Thlr. 2. 20. Chriſtinens Mißgriff. Aus dem Engliſchen von Sophie verena. 2 Bde. Geh. Thlr. 1. Ein edles von Leben. Aus dem Engliſchen Sophie verenn. 2 Bde. Thlr. 1. 10. Leben um Leben. Aus dem Engliſchen von Sophie Verena. 3 Bde. Geh. Thlr. 2. 15. Aus dem Engliſchen von Sophie Verena. 2 Bde. Thlr. 1. 10. von Sophie V 3 Bde. Herrin und Dienerin. Ein muthiges Weib. Aus dem Engliſchen ertna. Geh. Thlr. 2. 15. Willie Eollins: Die Frau in Weiß. Aus dem Engliſchen von Marie Scott. 4 Bde. Thlr. 3. Armadale. Aus dem Engliſchen von Marie Scott. Aus dem E von 6 Bde. Thlr. 4. 3 Bde. Ein tiefes Geheimniß. ngliſchen A. Rretzſchmar. Thlr. 2. Nrs. Henry Wood: Die Channings. Aus dem Engliſchen von A. ürehſchmar. Drangſale einerFrau. Aus dem Engliſchen von A. Rrehſchmar. von A. von 5 4 Bde. Geh. 5 Bde. Geh. Thlr. 3. 10. Eaſt Lynne. Aus dem Engliſchen ammer. Thlr. 2. 20. 4 Bde. Geh. Thlr. 2. 20. kiomane aus dem verlng von Ernſt Zul. Günther in Leipzig. Romane von Sdmund Höfer: In der Welt verloren. Eine Erzählung Der große Baron. Eine Geſchichte. Eine Geſchichte von damals. in 4 Bänden. Zwei Bände. Thlr. 4. 16. Geh. Thlr. 1. 10. 16. Geh. Ngr. 20. In Sünden. Vergangene Tage. Tolleneck. Eine Familiengeſchichte. Geſchichten. Eine Erzählung der Napoleoniſchen Zeit. Tochterd. Wilddiebes. Eine Srzihlung Thatſochen. 16. Geh. Ngr. 20. Die Witkowetze. Hiſtoriſcher Roman. Drei Bände. 16. Geh. Thlr. 2. Zwei Bände. 16. Geh. Ngr. 20. Slſe. ₰ 2 r. 16. Geh. Thlr. 1. 15. Snhltitiuneen 16. 9 n Romane von Slfried von Taura: Die Der Eine reiche Erbin. Ri iſeri S Malerinvon Dresden. Ring i Erzählung. Zwei Bände. 6 h. Ngr. 20. 5 16. Geh. Ngr. 20. i Die Zawis v. Roſenberg, genannt v. Fallienſtein. Hiſtoriſcher Roman. Drei Bände. 16. Geh. Thlr. 2. ———— —— 8 Romane In der Wel Eine Erz⸗ in 4 Bé Thl. In Sü. Eine Jamilie Zwei Bé 16. Geh. Tl Eine reiche Nopell 16. Geh. Ng Die Tochterd. Wi Eine Erzé .