——————— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Gduard Oktmann in Cießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Heſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bicher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Cäution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei veſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet W wird. 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. „ 7„*—„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſekbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder vefecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —SSe * — Der verlorne Sohn. Ein Roman von Ludwig Starklof. Zweiter Theil. Mainz, 1824. Bei Florian Kupferberg. 12. Wroſn vergingen, ohne daß der Geheimerath Er⸗ wins Ungeduld mit einer beſſern Antwort zur Ru— he geſprochen haͤtte. Serraval gab ihm auf ſei⸗ ne dringende Frage: in welcher Abſicht er ihn denn immer an Frau von Lambiel verweife, nur die lakoniſche Auskunſt: Die Baronin iſt eine ſchoͤne Fraus ſie will Ihnen wohl; ſie hat Einfluß, und hier am Hofe gehen nächſtens noch mehr Veraͤnde⸗ rungen vor, bei denen Sie zu kurz kommen, weil Sie jetzt ohne Protection ſind. Iſt es denn ſo eine ſchreckliche Sache, zu den Fuͤßen einer reizenden Goͤnnerin und bald darauf in ihren Armen zu lie⸗ gen?— Die lette räthſelhafte Scene bei der Frau von Lambiel hatte auf Erwin einen Eindruck gemacht, gegen den er ſich mit aller Macht wehrte. Aufſchluß daruͤber konnte er nicht erhalten; denn ſie war ſeit jenem Abend ernſthaft krank geworden, „ 4 und ſah Niemanden. Von Valerien erhielt er Briefe voll Zaͤrtlichkeit und Trauer. Sie furchtete, Adamine ſei ihren Zuſammenkuͤnften, namentlich der letzten, auf die Spur gerathen. Was ſie noch Schlimmeres fuͤrchtete, das wagte ſie zwar nicht auszuſprechen; aber ſie verrieth ſich in ihrer Bemuͤ⸗ hung, es zu unterdruͤcken; und darum, daß man eine Sache verſchweigen will, bleibt ſie nicht verborgen. Das iſt aufs hoͤchſte und kaum ein Vorrecht der Gedanken. Erwin erſchrak, aber er machte ſich es zur ſtrengen Pflicht, gegen das Poſ⸗ ſenſpiel truͤber Ahndungen ſtark zu bleiben. Indeſ⸗ ſen zitterte er doch vor ſeinen eigenen Vorſtellungen. Der Fuͤrſt kehrte endlich vom Lande zuruͤck, und den Tag darauf auch der Hofmarſchall mit ſeiner Familie. Erwin, deſſen Verſuche auf der Villa erſcheinen zu duͤrfen, von der ſchnoͤdeſten Strenge zuruͤckgewieſen waren, ſtuͤrzte nun unaufhaltſam in des Großonkels Haus. Die Lebhaftigkeit womit er Valeriens Hand an ſeine Lippen riß, und welche hinterdrein ihm ſelbſt auffiel, noͤthigte ihn, ſich eben ſo raſch gegen Adaminen zu bezeigen. Sie reichte ihm die ſchone Linke, woran ſchon manche bedeutende Ringe funkelten, mit einem ſtechenden Blick. Spare dir 5 die Muͤhe, ich weiß alles! ſagte dies Auge. Pa⸗ ſer und Wolf traten herein. Werden Sie auch eiferſuͤchtig Beſter? lachte Adamine ihrem Braͤu⸗ tigam entgegen; hier iſt ein Herr der mit ſeinen Kuͤſſen den Damen faſt die Finger verbrennt.— O, das muß ich probiren! ſäuſelte Herr von Paſer, bemächtigte ſich ihrer andern Hand, und legte ſie auf ſeine Bruſt: Hier, meine Theure, flammt eine ganz andre Glut; nein wahrlich, ich finde Ihre Hand ſogar kalt dagegen. Ja, ſagte Wolf, der Vetter hat ja auch die Linke gekuͤßt. Erwin begegnete dem neuen Jaͤgermeiſter nach deſſen Avancement zum erſtenmal. Er fuͤhlte, daß er ſich bezwingen mußte, ihm daruͤber ein paar Worte zu ſagen, welche, wie kalt ſie auch heraus kamen, doch von Jenem recht warm aufgenommen wurden. Nachher ging man etwas verlegen um ein⸗ ander herum. Das erklaͤrte Brautpaar flͤſterte im Fenſter; das heimliche ſah ſich an, ſprach einige un⸗ bedeutende Worte, ſchwieg, ſeufste und empfand den Unterſchied ſehr tief. Valerie war blaß, ihr Blick irrte ungewiß umher; das flach geſcheitelte Haar gab ihr das fremde Anſehn einer Kranken. Sie wollte das Geſpraͤch im Gang erhalten, und fing einen Scherz an, den ſie aber ſchon bei den erſten Worten unpaſſend fand, und deshalb nur verdreht und ohne Sinn zu Ende brachte. Erwin ſah betroffen weg; ſie fuͤhlte ſeinen Blick, laͤchelte ſo ſchmerzlich als kaum der Gram weinen koͤnnte, und fuhr mit der Hand uͤber die Augen.— Er trug die verhaltene Pein ſo nicht laͤnger und ging fort, hinuͤber zum Hofmarſchal, der ſich ſehr ver⸗ bindlich freute, den lieben Vetter wohl zu ſehen.— Das bin ich gar nicht, erwiderte Erwinz ſondern ſo unwohl, unruhig, unzuͤfrieden, wie nur ein Ideal der Misſtimmung es zu ſehn vermag. Nun klagte er dem Großohm ſein ganzes Leiden; wel⸗ ches um ſo haͤtter ſey, da ihm mit der Verzoge⸗ rung feiner Ernennung offenbar nur abſichtlich weh gethan werden ſolle; denn es verſtehe ſich ja doch ganz von ſelbſt, daß Wolf, der ſpaͤter in Dienſt gekommen, ihm nicht vorgezogen werden koͤnne. Verſteht ſich von ſelbſt? wiederholte der Alte in ſeiner trockenen Manier, womit er ſich wie mit ei⸗ ner duͤrren Rinde umgab und Anderen die Haut wund rieb:— Deſto beſſer fuͤr Sie. Aber hier iſt von Vorzug ja gar nicht die Rede, denn wenn der — 8 „ 7 Fuͤrſt Jemanden im Jagddepartement aufruͤcken laͤßt, ſo weiß ich nicht, welcher Kammerjunker in Euro⸗ pa dabei etwas zu erinnern haben kann. Dieſen kuͤhnen Satz beſtritt Erwin mit allen Waffen der aufgebrachteſten Heftigkeit. Aber der Großohm ſchlug alle ſeine Fechteranſtrengungen durch treffende Beziehungen auf das Herkommen und das regulirte Verhaͤltniß der verſchiedenen Hofaͤmter, ganz gelaſſen zu Boden, und der Neffe ging end⸗ lich in Verzweiflung von dannen. Es iſt klar! rief er, ich ſoll aufgeopfert werden. Man haͤlt mich in Ungewißheit, um mich nur mehr zu erbittern. Und mein eigener Oheim ſteht an der Spitze des Complotts. Der grauſame Hohn, mit dem er mich damals auf dem Jagdſchloß zu den Actenſchraͤnken einſperrte, haͤtte mir das ſchon zei⸗ gen muͤſſen; aber ich war zu gutmuͤthig. Ich weiß auch, was ihn erbittert. Ja, wenn ich den gehor⸗ ſamen wohlerzogenen Neffen machte, ſeine Worte begierig aufhorchte, und bewundernd nachlallte, und vor jedem Schritt den verehrungswuͤrdigen Greis demuͤthig fragte: Gnaͤdiger Onkel, ſo? Rechten oder linken Fuß voran?— dann waͤr' ich das liebe Kind, und kriegte ſchoͤnes Zuckerwerk und Spiel⸗ 8 zeug. Aber ſolche Unterthaͤnigkeit mag den Vetter kleiden, der den Redlichen ſpielt, und von ſeinen Hunden Appell und Apportiren lernt.— Wer hoch genug denkt, um ſelbſtaͤndig zu ſeyn, der braucht keinen Hofmarſchall zum Beſchutzer. Nach dieſer muthigen Rede bedachte er ſeine La⸗ ge genauer, und fand ſie doch im Grunde nicht ganz hoffnungslos; denn der Geheimerath hatte ihm bei der letzten Unterredung ſehr piquirt uͤber den zu⸗ nehmenden Einfluß des Hofmarſchalls geſchienen. Wenn das benutzt wurde, ſo konnte er ſich ja dem Alten zum Lrotz und gegenuͤber mit einem Triumph erheben, deſſen Glanzbild ihm ſchon jetzt das Herz erfreute. Allein vorher gab es noch allerhand zu uͤberwinden, was keinesweges ſo liebliche Farben trug. Bei Hof und in der Stadt lebte man ſeit der Ruckkunft des Furſten nur von einer Abendge⸗ ſellſchaft in die andre. Adamine war die Koͤni⸗ gin aller Feſte; in ihrem kuͤnftigen Gemahl verehrte man ſchon den gewandten Diplomatiker, auf deſſen ausnehmende Gaben ſogar von hochſter Hand ſehr zufrieden hingedeutet wurde; und Wolf erfullte offenbar den Willen ſeines Herrn, indem er ſich als deſſen erklaͤrter Guͤnſtling betrug. Seit Menſchen⸗ gedenken war kein ſolcher Jaͤgermeiſter geſehen wor⸗ denz fuͤhrte er doch ſogar zu Jedermanns beliebiger Anſicht ſtets eine Liſte bei ſich, worauf alles was der Fuͤrſt an Reihern, Enten, Becaſſinen eigenhaͤndig erlegt hatte, in langen Rubriken zu leſen ſtand; und waͤre jemand dreiſt genug geweſen, hinter den außer⸗ ordentlichen Todtenliſten der Waſſerbewohner etwas Jaͤgerlatein und Augendienerei zu vermuthen; ſo ward ein ſolcher Zweifel durch die amtliche Unter⸗ ſchrift des beeidigten Oberjaͤgers unwiderſtehlich nie⸗ dergedonnert. Der Fuͤrſt laͤchelte ſo hin, als er bei⸗ laͤufig von dieſer Attention hoͤrte; aber unmittelbar darauf aͤußerte er, ihm ſei der rechte Dienſteiter in jedem Fach die angenehmſte Erſcheinung, um ſo mehr, da ſie taͤglich ſeltener vorkomme; und ſeinem Blick gehe dergleichen nie verloren. Es iſt eine recht uͤble Stimmung erforderlich, wenn ſich das Talent entwickeln ſoll, an alle Gegen⸗ ſtaͤnde bittere Gedanken anzuknuͤpfen. Erwin war darin ſchon ziemlich vorgeruͤckt. Daß Valerie ſich, wo ſie nur konnte, der Geſellſchaft entzog, verdroß ihn, und er ſagte es ihr, aber mit einem Ton, wel⸗ cher dem Vorwurf eines Vergehens glich. Sie ſah ihn betroffen an; er fuͤhlte, daß er Unrecht hatte, 10 aber um ſich es nicht geſtehen zu muͤſſen, wiederholte er die Frage: Was das bedeuten ſolle?— Es be⸗ deutet die Veraͤnderung der Verhaͤltniſſe um mich her, und meines eigenen, erwiderte ſie empfindlich; ich haͤtte freilich kaum geglaubt, daß es ſo ſchnell damit ginge. Sonſt war ich in der Geſellſchaft zu Hauſe und liebte ſie; denn ich war gern geſehen, weil ich heiter war. Ein verſtimmtes Gemuͤth aber iſt wie ein unheimliches Geſpenſt, von dem ſich alles wegdruͤckt. Daß ich mich fremd fuͤhle, das iſt es, was mir die Leute entfremdet. Wer wird ſich denn mit einem Geſpenſt verglei⸗ chen? antwortete er, um etwas zu ſagen. O, mache du, daß ich mich mit etwas beſſerm vergleichen kann! rief ſie mit dem ruͤhrendſten Ton; und ſei nicht boͤs uͤber meine Traurigkeit. Aber be⸗ denk auch, ich ſehe dich nur verſtimmt und niederge⸗ ſchlagen, und kann nichts beitragen, dich aufzuhei⸗ tern; ſoll mir das nicht weh thun?— Und dann— Daß einer es nicht gern hoͤrt, wenn man ihn be⸗ klagt, iſt begreiflich; eine von Erwins Unarten aber war es, uͤber ſolche wohlgemeinte Theilnahme heftig aufzufahren.— Allerdings, verſetzte er raſch; drum iſt es auch beſſer, mich gar nicht daran zu er⸗ innern. Wir muͤſſen Geduld haben. — —,— 3 11 Geduld! ſagte ſie leiſe in ſich hinein, und fuhr dann mit erzwungener Gelaſſenheit fort: In deinen Ausſichten auf die Zukunft hat ſich ja doch eigentlich nichts geaͤndert. Wie geht es nur zu, daß alles jetzt ſo ſtill davon iſt? Wie ſo etwas zugeht? murmelte er; man hofft, man harrt und iſt am Ende genarrt. Um Gotteswillen! Iſt etwas geſchehen? Nichts! Und das iſt es eben. Aber ich bitte dich noch einmal, hoͤr aufz du wenigſtens ſollteſt mich mit ſolchen unangenehmen Dingen verſchonen. Ich wenigſtens? wiederholte ſie gereizt und ſchnell erroͤthend— Iſt es dir ſo unangenehm, daß ich um deine Zukunft beſorgt bin?— Und um meine? ſetzte ſie kaum hoͤrbar hinzu. Das Wort fiel wie ein Brand in ſein Herz und ſchmolz den hohen Ton zu welchem er ſich hinaufge⸗ ſchraubt hatte.— Kannſt du verzeihen, Valerie?— Er fuͤhlte ihre Thraͤnen an ſeiner Wange, ihre Bruſt flog wie eine Welle im Sturm. Er ſuchte ſie zu beruhigen, redete von Verſprechungen, von Hoff⸗ nungen, die ihm ſelber faſt ſchon wie fallende Ster⸗ ne vorkamen; und ſchied endlich, zwar erweicht und verſohnt, aber unmuthig.— Das erſte ernſthafte h. Misverſtäͤndniß zwiſchen Liebenden iſt freilich nur ein Nebel, der bald verzieht; aber die zarte Pflanse wo⸗ rauf er ſiel, kruͤmmt ſich doch unter dem kalten An⸗ hauche. Was waͤr' ein Zauber, wenn er dauern koͤnn⸗ te?— Daß ſie bluͤht, und— verbluͤht; macht das nicht die Blume eben zur Blume; auch die herrlich⸗ ſte?— Traurig; aber es iſt ſo. Er fand in dieſen Gedanken Entſchuldigung, aber keinen Troſt; in ſeinem Herzen keinen Frieden, und bei ſich zu Hauſe nichts Erfreuliches, ſondern einen vaterlichen Brief mit lauter Vorwuͤrfen uͤber ſeine Verſchwendung und ſchlechte Wirthſchaft. Er hätte doch wenigſtens einen Wechſel erwartet, den er bei Gott noͤthiger brauchte, als die Klagen uͤber ſchwere Zeiten, neue Auflagen, Kriegslieferungen, und aus⸗ „bleibende Zinſen. Konnte er ſich damit die ungebe⸗ tenen Beſucher vom Halſe ſchaffen, welche jeden Mor⸗ gen ſeine Treppe auf und niederſtiegen und mit taͤg⸗ lich verdrießlichern Geſichtern zu bemerken gaben, daß ſie nun ſchon ſeit einem halben Jahr ihre Zeit beim Herrn Baron verloͤren?— Menſch, Jude! fuhr er den Levi an, welcher das weitlaͤufig zu de⸗ monſtriren ſuchte.— Aber mein Wechſelchen! Schau⸗ en der Herr Baron doch nur gnädigſt das Datum.— — 13 Wird prolongirt! rief Erwin, und dankte dem Him⸗ mel, als ſein Franz ihn durch die Nachricht erloͤſte, daß geſattelt ſeyo.— Hab' keine Zeit jetzt! komm morgen oder beſſer niemals wieder!— Damit fuhr er nach Rappe und Reitpeitſche, dann wie ein Blitz zur Thuͤr hinaus; raſch aufs Pferd, und fort mit dem Polacken, als waͤren alle vaͤterliche Zornbriefe und alle verfallene Wechſel der ganzen Welt hinter ihm drein. Nach einer Stunde des wildeſten Jagens hielt er endlich den dampfenden Braunen an, ſah umher, und fand ſich auf einer ziemlich oͤden Straße mit⸗ ten im Walde, den nur hin und wieder ſchmale Durchblicke ins Thal aufheiterten. Ach, ſeufste er, wer doch einmal ſo zur Welt hinausfegen, und all den Lumpenkram dahinten laſſen koͤnnte! und daß man auch nicht auf eine Weile von ſich ſelber los kann!— Langſamer und nachdenkend zog er wei⸗ ter. An einem ſteinigten Haidhuͤgel, wo das Dik⸗ kicht heller wurde, wollte er eben aus dem Walde herausbiegen, als er vor ſich ein paar Pferde den Hohlweg heraufſchnauben hoͤrte, die auch gleich da⸗ nach ſichtbar wurden. Verwundert erkannte er Ser⸗ raval, der ſich ebenfalls ſeiner Seits freute, ihn hier in dieſer Wildniß anzutreffen. Das Woher? und Wohin? war gegenſeitig bald beantwortet, und Erwin kehrte mit dem Grafen um. Rittmeiſter von Pilſen? fragte jener, nachdem ſie eine Strecke neben einander hingeritten waren— Der Mann iſt mir wie ſein Name unbekannt. Auf ſeinem Gute lebt er? Hat er den Dienſt ver⸗ laſſen? Seitdem er verheirathet iſt. Ich hoͤrte Sie niemals von ihm reden. Es ließ ſich auch eben nichts von ihm ſagen; und ich wollte viel darum geben, haͤtte er mich jetzt nicht beinah gezwungen, unaufhoͤrlich an ihn zu denken, und mich uͤber ihn auszulaſſen. Den ganzen Weg von dorther bin ich nicht heiter gewe— ſen, und mein armer Mohrenkopf hat es buͤßen muͤſſen. Iſt Ihnen etwas Unangenehmes begegnet? Nur eine neue Strophe zu dem alten Liede, daß die Menſchen nichts verſtehen, als ſich ſelbſt zu quaͤlen. Bei Pilſen mufßte allerdings dergleichen kommen, aber ſo arg haͤtt' ich es doch nicht erwar⸗ tet. Wir ſtanden fruͤher in einem Regiment; er war immer ein herzensguter Junge, ein braver * 15 Soldat; an Geiſt kein Diamant, aber doch hell genug, um vorwaͤrts zu kommen. Dieſe verdammte allgemeine Paſſion, welche man Gluͤckmachen nennt, hat das ſeinige untergraben. Aber ſo geht es den Leuten, welche mit ſich nicht einig ſind. Bei ſeinem heimlichen Ehrgeis, ſeiner Begierde, an Leute von Einfluß hinanzukommen, bei ſeinem Verlangen die Welt zu ſehen, und in ſogenannten großen Ver⸗ haͤltniſſen zu leben, haͤtte er niemals oder ſpaͤt, dann aber ein Vermoͤgen heirathen muͤſſen, welches ihm den verlangten Tand und Glanz verſchafft hätte. Hatte ihn denn, fragte Erwin, der Geldteufel ſo feſt, daß fuͤr ihn ſolche Heirath ein beſſeres Loos geweſen waͤre? Der Geldteufel nicht, erwiderte Serraval, aber der Hoffahrtsteufel, welcher heute vom Geldteufel borgt, und ihn morgen protegirt. An den Weibern fand er nie jenes unendliche Behagen, wodurch Andre ſich auch bei geringen Umſtaͤnden noch immer entſchädigt und begluͤckt fuͤhlen. Ich wollte ihm nie zugeben, daß er auch nur auf ein Vierteljahr ſich recht heiß verlieben koͤnnte. Dage⸗ gen ſtritt er. Und um mich zu widerlegen, fäͤngt er ſich ein paar Monate nach meinem Abgang an 16 den ſchoͤnen Augen eines Landfraͤuleins ſo angelfeſt, daß er das ganze Herz ausgeblutet haͤtte, wenn ſie grauſam geweſen waͤre. Das iſt nun freilich heut zu Tage ſelbſt auf den Landſitzen laͤngſt keine Mode mehr. Sie legte ganz geſchwind ihre Hand in ſeine, und er meinte Wunder was er fuͤr ein Lvos gezogen. Durch die Heirath kam er in Verwandt⸗ ſchaft mit ſeinem Mafor, in Erbſchaftshaͤndel mit dieſem, der ihm das Leben ſauer und den Dienſt zuwider machte. Eines ſchoͤnen Morgens, kurzkopfig wie er iſt, fordert er im Grimm ſeinen Abſchied, erhaͤlt ihn als Rittmeiſter, nimmt ſeine Paar Gul⸗ den in die Hand, und kauft ſich hinter den Bergen hier eine Hufe Landes. Da ſitzt er nun. Adieu Fortkommen, Glanz und große Pläne. Findet er ſich denn in die Veränderung? Ei, thaͤte er das, ſo waͤre er ja obendrauf, und ein wohlbehaltener Mann. Aber da lauert eben der Teufel. Der Menſch will und macht Veraͤnderung, ohne zu bedenken, daß er ſelbſt gegen einen verbeſ⸗ ſerten Zuſtand irgendwo etwas aufgeben muß, was ihm lieb war. Nachher flucht er auf ſein Schickſal. Dieſer hat Alles fahren laſſen, woran er hingz die Verbeſſerung ſcheint aber nicht weit her zu ſein⸗ 17 Er hatte mich hundert Mal gebeten, ihn zu beſu⸗ chen, ich hatte es zweihundert Mal verſprochen; mußte doch endlich Wort halten, und ritt geſtern Morgen hinaus. Mein Brief, der mich anmelden ſollte, war, wie ich nachher erfuhr, auf der Poſt im naͤchſten Dorf liegen geblieben, und ſo ſil ich bei meiner unerwarteten Ankunft in die wunderlichſte Scene. Ich reite auf den Hof. Ein Laͤrm aus Hundege⸗ bell, zugeworfenen Thuͤren, und Menſchenſtimmen zuſammen gewirrt, toͤnt mir entgegen. Indem ich mich naͤhere, erblicke ich auf einem Platz zwiſchen dem Hauſe und den Wirthſchaftsgebaͤuden im un⸗ vollendeten Morgenanzug mit fliegenden Haaren, die Frau Rittmeiſterin, welche von einer geſcholte⸗ nen Zofe nur ſchlecht unterſtuͤtzt, ſich vergebens bemuͤht, einem jungen Huͤhnerhund eine Morgen⸗ haube absujagen, womit er ſchrecklich umgeht. Vom Garten her kommen einige Arbeitsleute, aus dem Stall zwei große Doggen, welche ſich in den Kampf miſchen; letzteren folgt der Herr des Hau⸗ ſes.— Nun ſieh, ruft ihm die Frau entgegen, den verdammten Hector mit meiner Haube! Die heil⸗ loſen Hunde machen doch nur mein uUngluͤck.— II. 2 18 Donnernde Fluͤche, energiſche Peitſchenhiebe zwi⸗ ſchen die Koͤter, und jaͤmmerliches Gewinſel der Fluͤchtenden componiren das gellendſte Furioſo. unterdeſſen habe ich mein Pferd abgegeben, trete an das Gitterthor, hinter welchem die Scene ſpielt. Man wird mich gewahr. Die gnaͤdige Frau ſchreit, läßt Haube und Pantoffel in Stich und flieht ins Haus. Der Rittmeiſter ruft: Alle Hagel! wirft die Peitſche weg, und umarmt mich. Wir lachen uͤber meine joyeuse entrée, wir fruͤhſtuͤcken, und bis die gnaͤdige Frau mich empfangen kann, zeigt er mir ſeine Beſitzung. In meinem Leben ſah ich keine von ſo ſchlechtem Verhaͤltniß der einzelnen Theile. Das Haus ein kleines Schloß, dagegen die Stallungen elende Scheunen; an den Garten, Park genannt, zwei bis drei Morgen Landes ver⸗ ſchwendet, waͤhrend das ganze Gut kaum zwanzig hat; ein Gewächshaus, groß wie eine Reitbahn und voll von koſtbaren Sachen, aber die Milch⸗ kammer in Truͤmmern, und die Muͤhle ſeit einem Vierteljahr ohne Waſſer, weil ein Damm gebro⸗ chen und noch nicht hergeſtellt iſt. Am Ende des Gartens finden wir ein Haus, woran noch gebaut wird, umgeben von den neu aufgesogenen Mauern 19 eines Hundezwingers, in welchem uns eine ganze Meute anheult. Meinem Freunde leuchten die Au⸗ gen vor Freude: Sieh, welche capitale Brackhunde! Jeder ein Ideal!— Iſt denn eine Jagd bei dem Gute?— Bis jetzt fehlte ſie; aber ich habe ein ehemaliges Kloſtergut gekauft, das an meine Feld⸗ mark ſtoͤßt, eine geſchloſſene Jagd fur ſich und Theil an der Koppeljagd im Wolfsbruch hat; die andern Theilhaber denke ich abzuhandeln, und ſo werde ich delizios arrangirt ſeyn. Wer kann auf dem Lande leben ohne Jagd?— Er nennt mir die Namen ſuͤmmtlicher Hunde, preiſet die Thaten, welche er von ihnen erwartet, und reißt ſich endlich los, um nach ſeiner Frau zu ſehen, und vielleicht den Ausbruch ihres Zorns mir zu entziehen, indem er ihn vorweg auf ſich nimmt. Ich bleibe zuruͤck mit dem alten ehrlichen Vogt, wel⸗ cher den Hundezwinger nebſt ſeinen Bewohnern verwuͤnſcht, und mir erzaͤhlt, daß der Rittmeiſter einen ſchoͤnen Meierhof, den eigentlichen Hauptſtock des Guts, weggeſchlendert hat, um dagegen einige Haidefläͤchen zu aequiriren auf denen es ausſieht, wie am zweiten Tage nach der Schoͤpfung. Das Gut wird ein paar hundert Thaler weniger aufbrin⸗ gen und der Voigt weiß nicht, wie er die zerriſſe⸗ ne Schlagwirthſchaft wieder herſtellen ſoll; aber da⸗ fuͤr hat der Rittmeiſter die Jagd, eine Meute, und einen Jaͤger, der den halben Mond blaſt. Die Frau Rittmeiſterin empfaͤngt uns in einem Saal, deſſen Heiterkeit mit ihrer Laune gewaltig contraſtirt. Ich lobe die ſchoͤne Lage des Guts; ſie ſeufzt und klagt uͤber die Einſamkeit. Der Mann will das nicht zugeben, und rechnet die Nachbar⸗ ſchaft her. Ja, ſagt ſie mit dem Ausdruck des Aer⸗ gers, Du amuͤſirſt dich mit deinen Jagdgenoſſen, und wenn ihr wochenlang drauſſen in der Wildniß umherzieht, ſo mogen unterdeſſen die Frauen zu Hauſe vor langer Weile umkommen. Seine Ant⸗ wort und ihre beißige Gegenrede bewieſen mir klar, daß auch hier das eheliche Gluͤck ſchon wieder ſeine Abſchiedscarten ausgetheilt und andern Gaͤſten Platz gemacht hatte. Der Mittagstiſch war reichlich beſetzt, aber das Wenigſte genießbar. Drei große Maulaffen als Livreebediente maskirt, rannten gegen Wand und Thuͤren, riſſen ſich die Schuͤſſeln aus den Fuaͤuſten, traten einander auf die Fuͤße; der Herr vom Hauſe fluchte heimlich; ſie wurde roth und blaß; ich be⸗ 21 dauerte beide, und ſuchte wenigſtens das Geſpraͤch lebendig zu erhalten. Die Rede kam auf die Stadt, aufs Theater. Sie ſeufzte wieder, verſicherte, daß ſie die Landluft nicht vertragen koͤnnte, und ſprach von ihren Nerven. Ein Landfraͤulein, welches in ſeinem ganzen Leben einmal ſechs Wochen lang bei einer alten Tante in der Stadt herum geſchnattert hat! Nun wurd' ich wild und fing an mich uͤber ſie luſtig zu machem— Nach Tiſch ſoll ausgefahren werden.— Ein veralteter Landauer mit zwei ſtrup⸗ pirten Maͤhren ſteht vor der Thuͤr. Faſt mit Thrä⸗ nen in den Augen wendet die Dame ſich zu mir und ſagt: Kann man ein abſcheulicheres Fuhrwerk ſehen? Und glauben Sie, daß alle meine Bitten um eine an⸗ ſtaͤndigere Einrichtung vergeblich ſind?— Ja, brummte er, mit Bitten kauft man auch Pferd und Wagen.— Uebrigens hatte er in fruͤheren Zeiten, ſeiner Liebhaberei gemaͤß, immer ſchoͤne Pferde, wenn gleich alle Monat ein paar andre. Ich erinnere ihn daran; er wird roth. O, ruft ſie, wir hatten noch vor vierzehn Tagen zwei praͤchtige Rappen; aber die ſind verkauft, um dafuͤr eine wilde Jagd anzuſchaf⸗ fen. Wenn nur keine Hunde in der Welt waͤren!— Run hab' ich auch mit ſeiner Narrheit kein laͤngeres 22 Erbarmen. Ich verſichere ihn, nie eine elendere Meu⸗ te geſehen zu haben, zeige Bedenken, mich in den aͤchzenden Schaukelkaſten zu ſetzen, und erzaͤhle ſeiner Frau, daß in der Stadt ſehr huͤbſche Wagen zu bil⸗ ligen Preiſen gemacht werden. Seine Blicke flehen um Schonung; aber ich gehe weiter, behaupte, daß man die beiden ſteifen Gaͤule noch heute todt ſtechen muͤſſe, weil ſie morgen auf der Straße umfallen wer⸗ den, und mache mich anheiſchig, fuͤr dreißig Louis⸗ d'or ein Paar tuͤchtige Kutſchpferde zu liefern.— Er brummt, und knittert; aber ſie triumphirt, wird gu⸗ ter Laune, findet mich liebenswuͤrdig; ich haͤtte mein Gluͤck bei ihr machen koͤnnen, und dazu war ſie huͤbſch genug; indeſſen mich ergoͤtzte es weit mehr, die bei⸗ den Narren wechſelsweiſe zu verhoͤhnen. Das that ich denn redlich; und die eine Ehehaͤlfte ermangelte nicht mir beizuſtehen, wenn es uͤber die andre her⸗ ging. Dergleichen aber macht nur Spaß, wenn es nicht lange dauert; und bald ſtellt ſich auch bei mir der Ernſt der Betrachtung wieder ein. Er will den rei⸗ chen unabhaͤngigen Gutsbeſitzer ſpielen, und ſetzt ein Capital nach dem andern zu; ſie will reiſen, den Winter in der Stadt ſeyn, an Hof gehen; derglei⸗ 23 chen Quark mehr; und verachtet uͤber dieſen Traͤumen ihre Pflicht eine gute Hausfrau zu ſein. Zu allem Un⸗ gluͤck hat ſie von gelehrten Frauen gehoͤrt, und haͤlt ſich fuͤr eine Gebildete ihres Geſchlechts, weil ſie ganze Leihbibliotheken verſchlingt. Sie ſpricht von Myſtik und Romantik, daß einem bange wird; und ich bin zwar nicht geneigt, meinen Nebenmenſchen etwas Schlechtes auf bloßen Argwohn nachzuſagen, aber ich glaube, das Weib macht ſogar Verſe. Erwin lachte, obgleich die ganze Schilderung ihn faſt mehr quaͤlte, als beluſtigte. Serraval lachte mit, und fuhr fort: Er ſchilt, wenn ſie immer uͤber den Buͤchern ſitzt, anſtatt nach der Wirthſchaft zu ſehen; ſie mault den ganzen Tag, wenn er Mit⸗ tags eine Stunde zu ſpät nach Hauſe kommt, wo ihn doch nichts beſonders erwartet. So hetzen ſie ſich oh⸗ ne Unterlaß, und verderben ſich jeden Tag an dem ſie zufrieden leben koͤnnten. Dabei fangen ſie, einan⸗ der zum Verdruß, alles am verkehrten Ende an; er verſchwendet um ſo unbedenklicher, da ſie keinen Groſchen gehabt hat, woruͤber er Rechenſchaft ſchul— dig waͤre; das kleine Vermoͤgen geht auf die Neige, und ich ſehe den Augenblick, wo er vom Hauſe lau⸗ fen muß.—— Im Verlauf des Tages nahm das M wunderliche Paar ſich mehr zuſammen; wir quaͤlten die Zeit ganz leidlich hin, aber mir fing erſt wieder an behaglich zu werden, als ich die ganze Begeben⸗ heit ein paar Stunden im Ruͤcken hatte. Er ſchwieg; Erwin auch. Nach einer Pauſe fng Serraval wieder an: Wir lachen uber ſolche Thorheiten und mit Recht. Aber ſollen ſie uns nicht auch auf ernſthafte Gedanken bringen? Zufrieden⸗ heit iſt nun einmal die Beſtimmung des Menſchen nicht; und ſelbſt der Begriff dieſes Guts ſcheint zum Cheil wie ein unerreichbares Ideal, zum Theil wie ein bittere Satire, uͤber das verkehrte Treiben hinzu⸗ ſchweben. Jedoch ſich vernuͤnftig zuſammennehmen ſoll und kann der Menſch. Aber ſehen wir nicht im⸗ mer faſt ein ſchreiendes Misverhaͤltniß zwiſchen ein⸗ gebildeten Beduͤrfniſſen und unzureichenden Kraͤften? — Daruͤber gehen Koͤnigreiche ſo gut wie Haushal⸗ tungen zu Grunde. Der Monarch, welcher Millio⸗ nen anleiht und unerſchwingliche Steuern ausſchreibt, um ein paar ſchoͤne Garderegimenter mehr an ſich vorbei defiliren zu laſſen, iſt ſo gut ein beſchraͤnkter Thor, als mein Freund Pilſen, den ſeine Hunde und Jagdpferde aus dem Hauſe hetzen werden.— Dazu kommt, der arme Schelm lebt keinen Puls⸗ 25 ſchlag, daß er nicht ſeine Lage bereut, worin er ſich doch ſelber muthwillig verſetzt hat. Iſt es denn ſo ſchwer zu begreifen, daß man aus einem Topfe nicht zugleich ſchwarz und weiß malen kann?— Er will unabhaͤngig leben und nimmt eine Frau, will avanciren und tritt aus dem Regiment, will die Welt ſehen, und feſſelt ſich an ein elendes Landgut. Als ob mit einer Heirath, ſagte Erwin, die Unabhaͤngigkeit ganz und gar zu Grunde ginge. Mehr oder weniger doch, verſetzte Serraval; und ſolchen Leuten, wie dem Rittmeiſter, ſollte das Heirathen von Staatswegen verboten werden, wenn ſie nicht wenigſtens eine halbe Tonne Goldes nach⸗ weiſen, welche die Frau ihnen zubringt. Haͤtte Pilſen die, ſo waͤre alles gut, er koͤnnte ſeine Liebhaberei, die Launen ſeiner Frau befriedigen, koͤnnnte reiſen und wuͤrde in jedem Dienſt mit offe⸗ nen Armen zuvorkommend aufgenommen. Aber wenn ſolch ein armer Narr ſeines Ehrgeizes in einer be⸗ ſchraͤnkten Lage ſteckt, ſo wird er mismuͤthig, zankt mit der Schoͤpfung und ſucht ſich zu betaͤuben durch allerhand Streiche, die ihn nur tiefer in ſeinen uͤbeln Zuſtand hineinfuͤhren. 26 Die Frauensleute haben in ſolchen Lagen gar den Leufel. Unaufrieden uͤber ſich und alles, und nicht im mindeſten gewohnt, ſich zu ſubordiniren, leben ſie mit der Haͤlfte ihrer Bekannten im heimlichen und mit der andern Haͤlfte im offenen Krieg. Hier bringt ein aͤchter Shawl und dort eine Reihe Federn ſie zur Verzweiflung. Dabei erzaͤhlen ſie ruhmredig, was ihre Tante gehabt habe, was ihr Vater haͤtte haben koͤnnen, und wohl gar, welche Parthien ſie ausgeſchlagen haben. Das iſt allerdings ſehr erfreu⸗ lich für den armen Mann, der noch obendrein immer das Geld zu allerlei thorichten Ausgaben hergeben ſoll. Denn da ſie nichts koſtbares haben koͤnnen, ſo behaͤngen ſie ſich mit Flitterſtaat; ſie kaufen Tuͤcher ohne Werth, Steine ohne Namen, und ſtecken an ihre habſuͤchtigen Finger kleine Ringe, wofuͤr ein nur halbwitziger Judenjunge keinen Thaler gaͤbe. Fuͤhlt der Mann keinen Beruf, ſich durch galante Aufmerk⸗ ſamkeit angenehm zu beseigen, ſo etabliren ſie einen Schacher und Tauſchhandel, ſo toll wie man ihn nur bei Zigeunern wo finden mag; oder ſie laſſen ſich von guten Freunden beſchenken; und der lebendige Satan iſt an allen Ecken los ehe ſich es ein Menſch verſieht. 27 Wer Sie ſo reden hoͤrt, ſagte Erwin, der ſollte glauben, Sie wuͤßten eine Frau nur dann ſchaͤtzbar zu finden, wenn ſie eine gute Haushaͤlte⸗ rin oder eine reiche Erbin waͤre. Vergeſſen Sie nicht, erwiderte Serraval, daß ich eigentlich nur von einer Claſſe Maͤnner ſpreche, denen der Staat das Heirathen verbieten ſollte. Die Frauen wuͤrden beſſer ſein, wenn die Maͤnner etwas taugten. Aber wie ſelten findet man jetzt einen Mann, der die Liebe einer Frau zu ſchaͤtzen wuͤßte? Die meiſten ſind Sclaven der unterſten Sinnlichkeit, und kommen auch durch ſie zum Eheſtand, welcher ihnen nachher ein Joch ſcheint. Sie ſehen einen reizenden Buſen, einen ſchlanken Wuchs, einen zierlichen Fuß; ihre Phan⸗ taſie entzuͤndet ſich, und ſtrebt zum Ziele. Eine ſchoͤne Stimme, Baͤlle, Landparthieen, Gelegenhei⸗ ten aller Art thun das Weitere; Papa und Mama reden noch eben zu rechter Zeit ein ernſthaftes Wort drein: die Hochzeit wird mit Pomp gefeiert; acht Tage lang iſt das junge Paar entzuͤckt, und nach einem Monat verflucht der Herr Gemahl den Augenblick wo er ſich fangen und in ein Verhaͤlt⸗ niß ſchmieden laſſen, dem er ſeine Freiheit und — ům— 28 ſogar ſein Reitpferd hat aufopfern muͤſſen. Die Vergleichungen, welche er anſtellt, die Entbehrun⸗ gen, welche er empfindet, vergiften ſein Gemuͤthz und ſo haben wir aus den erbaͤrmlichſten Urſachen eine misvergnuͤgte Ehe mehr zu den unzaͤhligen.— Ich bin kein Verehrer des maͤnnlichen, kein Schmeichler des weiblichen, kein Lobredner des ganzen menſchlichen Geſchlechts, und ſage zu der Maſſe, welche nicht viel taugt: Am beſten thut ihr, gar nicht zu heirathen, denn mit eurer Ver⸗ mehrung iſt der Welt wenig gedient. Wollt ihr aber doch heirathen, ſo bleibt in eurer Sphaͤre, welche Egoismus und Habſucht iſt; und heirathet Geldſummen: denn das ſind ſolide metallne Baͤn⸗ der, welche eure innre Armuth verzieren, und zum wenigſten die Scheidung ſchwierig machen. Sie ſind ein Feind der Weiber und des Ehe⸗ ſtandes, ſagte Erwin.— Gott verzeihe Ihnen dieſe Laͤſterung wenn er kann, war Serravals Ant⸗ wort. Ich bin ein großer Verehrer der Damen und uberzeugt, daß die Ehe zur Bildung und Er— ziehung des Menſchengeſchlechts, zur Verbeſſerung des geſellſchaftlichen Zuſtandes eine der vornehmſten Bedingungen iſt. Wenn ich ſelber mich fuͤr dieſen Stand nicht tauglich fuͤhle, und ſeine Ausartung ſchelte, ſo folgt daraus nicht, daß ich ihn haſſe. Ueberdies, auch bei der Unnatur unſrer Verzerrun⸗ gen bleibt dennoch in hundert Lebensverhaͤltniſſen die Ehe ein nothwendiges Erforderniß, ohne darum in die Claſſe der Mittel herabzuſinken. Wer aus Pflicht oder Neigung eine Figur zu machen und um ſich als Mittelpunkt einen Kreis zu verſammeln hat, der wird ſeinen Zweck nur halb erreichen, wenn ihm ſeine ſchoͤnere Haͤlfte fehlt. Alle Repraͤſen⸗ tation bei Hof, bei Miniſterien und Geſandtſchaf⸗ ten erhaͤlt ihr Scheinleben nur durch Gegenwart der Damen. Fehlen ſie, ſo ſteht man in einem langweilig geſchnirkelten Garten ohne Blumen. Das hat Paſer trotz ſeiner Dummheit richtig begriffen. Er ſoll ſich als Geſandter angenehm be⸗ zeigen; er bringt eine ſchoͤne reiche Frau mit; ſie gefaͤllt, und er reuͤſſirt. Wer auf dem Pfade vor⸗ waͤrts will, der gehe hin und thue desgleichen. Aber freilich: der Wahn iſt kurz, die Reue iſt lang. 13. Es iſt etwas Schreckliches um die Bangigkeit einer Menſchenſeele, welche zu begreifen anfaͤngt, 30 daß fuͤr ſie ein Augenblick des Verzweifelns an Gluͤck und Hoffnung kommen koͤnne, kommen werde. — Valerie glaubte zwar noch nicht an dieſes Kommen als an ein ihr bevorſtehendes Schickſal, aber ſie fuͤrchtete ſich doch ſchon davor; und leider iſt die Furcht des Menſchen oft ehrlicher als ſein Glaube. Daß Erwin ſeltener als ſonſt in das Haus des Großonkels kam, fand ſie zu entſchuldigen; er wurde gar zu ſchlecht dort empfangen; aber ſchon zwei Gelegenheiten, ſie auswaͤrts anzutreffen, hatte er verſaͤumt und dafuͤr mit verlegener Miene nur elende Gruͤnde angegeben. Das war entſetzlich. Schmerz, Liebe, Erbitterung und Angſt kaͤmpften um das Herz der Armen, welche bei allen fruͤhe⸗ ren Zuruͤckſetzungen ſich doch ſo verlaſſen nie gefuͤhlt hatte. Du ſagſt wohl einmal wieder ab? ſagte Ad a⸗ mine, als ſie zu einem Ball eingeladen wurden. Warum? Es iſt ja ſeither immer ſo deine Gewohnheit geweſen; und wenn du der Geſellſchaft kein andres Geſicht zeigen willſt, ſo thuſt du auch ganz wohl daran; denn entweder ſcheuchſt du alle Tänzer 3¹ durch deine ſchnoͤden Antworten zuruͤck, oder du ſtellſt dich mit einer ſolchen Leidensmiene in die Colonne, als gingſt du zur Frohne. Ich moͤgte doch wiſſen, wer das Recht hat, ſich um mein Geſicht zu bekuͤmmern? Die Geſellſchaft nimmt ſich allerdings dieſe Frei⸗ heit. Iſt dir es auch einerlei, wenn man daruͤber lacht und flͤſtert, ſo ſollteſt du doch nicht vergeſſen, daß wir auch dabei intereſſirt ſind. Der Vater hat mich ſchon ein paar Mal vorgehabt, was dein auf⸗ fallendes Weſen bedeute? Naͤchſtens wird er dich wohl ſelbſt danach fragen, und dann ſieh nur zu, daß du ihn zufrieden ſtellſt. Haͤtte ich mir das vor einem Vierteljahr wohl bieten laſſen? dachte Valerie bei ſich. Sie hatte wirklich nicht auf den Ball gewollt, nun wollte ſie, blieb doch endlich zu Hauſe und weinte hinterdrein, daß Erwin dort geweſen war und getanat hatte. Chat ſie ihm unrecht? Seine Verwandlung war merklich. Er gieng umher wie ein Träumer. Ser⸗ ravals zu lebhaftes Gemaͤlde eines unfriedlichen, beſchraͤnkten, verzerrten Hausweſens mit aller daran haͤngenden Qual und Sorge verfolgte ihn wie ein 32 unheildrohendes Geſpenſt, welches ihm den Spiegel ſeiner eigenen Zukunft vorhielt. Dafuͤr Freiheit, Gedeihen, Lebensgluͤck und Luſt aufgeben?— Und alles das um eines betaͤubenden Sinnenrauſches willen?— Die Flamme einer einzigen Stunde ſollte all ſeiner kommenden Jahre vielverſprechende Bluͤthen zu Aſche brennen?— Konnte er das vor ſich verantworten? Und konnte er es vor Vale⸗ rien, wenn er ſie durch ein unbeſonnen geknuͤpftes Eheband mit ſich, durch ſich ungluͤcklich machte?— In welchen Abgrund blickte er hinab! Aus dieſer Tiefe war kein Entrinnen; wenn ihn nicht eine maͤchtige Hand emporzog. Aber alle Verheiſſun⸗ gen ſchienen ſich in Rauch und Nebel aufzuloͤſen; und die Fittige ſeines Geiſtes fuͤhlte er gelaͤhmt durch Valeriens truͤbe Blicke, durch ihre ſchwei⸗ genden und lauten Vorwurfe; durch die Selbſt⸗ qual des eigenen Anklagens, Losſprechens und Wiederverdammens.— Eins oder das andre! rief er— aber es muß zu Ende! Er dachte nicht daran, ihr ſein Wort zu brechen; aber ſie zur Wuͤrde einer Frau Kammerjunkerin zu erheben, und allen Entbehrungen auszuſetzen, wel⸗ chen ſie beim gegenwaͤrtigen Zuſtand ſeiner Finan⸗ 33 zen gar nicht entgehen konnte, das ſchien ihm die hoͤchſte Stufe des Verraths.— Geſandter? Ja, dann war's ein andres. Nach einer unangenehmen Scene, worin ſie ihm mit der Heftigkeit eines empoͤrten und beaͤng⸗ ſtigten Gemuͤths ſeine fruͤheren Schwuͤre und ſeine gegenwaͤrtige Ruͤckwendigkeit vorgeworfen, blieb er einige Tage weg, um ſich durch Zerſtreuung zu beruhigen. Seit jenem merkwuͤrdigen Abend war ihm Frau von Lambiel intereſſanter als jemals. Er be⸗ reuete lebhaft, ihre naͤhere Bekanntſchaft nicht ſo geſucht zu haben, wie er ſich es fruͤher ſelbſt vor— genonmen, wie ſie anſcheinend ihn dazu aufge⸗ muntert hatte. Auf die Gefahr des Abweiſens— denn ſie wurde noch immer krank geſagt— ging er hin. Allein er wurde aufs Freundlichſte einpfangen. Zwar das ganze Haus ſchien ausgeſtorben, auch kein einziger Diener ließ ſich blicken; der Garten weit und breit war menſchenleer, und Erwin wollte nach einigem umherirren ſchon wieder den Ruͤckweg antreten, als ſich ihm zur Seite in einer hohen Mauer ein kleines von Gebuſch faſt uͤber⸗ 11. 3 34 wachſenes Pfortchen oͤffnete. Mit freudigem Stau⸗ nen erkannte er die Baronin. So unerwartet unter dem Gewoͤlbe der Heffnung, von uͤppiger Blaͤt⸗ terfulle und wankenden Zweigen umgeben, ſtand ſie da wie eine reizende Fee am Eingange in einen Zauberhain. Es iſt gut, daß Sie es ſind, redete ſie ihn an, nachdem ſie ſich an ſeiner Ueberraſchung eine Zeit lang ergoͤtzt hatte; fuͤr keinen andern Men⸗ ſchen war ich heute ſichtbar, und am wenigſten in meiner Clauſe, bis zu welcher bisher noch kein Verwegener vorgedrungen iſt. Entzuckt folgte er dieſer Erlaubniß hineinzutre⸗ ten, und fand innerhalb der Mauern einen maͤßig großen Obſtgarten, den im Hintergrunde ein langes Gebaͤude, anſcheinend Hrangeriehaus und Gaͤrtner⸗ wohnung, begraͤnzte. Mit Verwunderung entdeckte er aber, als ſie ihn durch daſſelbe hindurchgefuͤhrt hatte, eine bis dahin nie geſehene Einſiedelei, welche nicht ſtiller und friedlicher gedacht werden konnte. Dichte Roſenhecken, unter maͤchtig weit⸗ ſchattenden Baͤumen, umſchloſſen wie mit einer un⸗ durchdringlichen Wand einen einfachen Raſenplatß. Das heimliche Schweigen ward kaum durch einen — 35 lebhaften Bach unterbrochen, der uͤber einige Steine herunterſiel, und die Blumen auf der kleinen Wieſe rechts und links mit leiſem Geſchwatz ſeiner Wellen ein paar Augenblicke unterhielt; ſchnell wie ein gluͤcklicher Gedanke war er verſchwunden, und die flͤſternden Straͤuche ſchienen ſich zu fragen, wo er hingekommen ſei? Das Alles, ſagte die Baronin lächelnd uͤber Erwins neugierige Blicke, iſt Ihnen eine fremde Welt. Sie glauben an einem fernen abgelegenen Orte zu ſein, und ich zerſtore vielleicht ſeinen ganzen Zauber, wenn ich Ihnen ſage, daß wir nicht fuͤnf⸗ zis Schritte von meinem Wohnzimmer ſind. Im Gegentheil, Sie vermehren ihn; ich kenne ja Ihr Haus; wie wäaͤre das moͤglich? Ich ſehe nur wildes Gebuͤſch, welches ſogar den Eingang verbirgt durch welchen wir gekommen ſind; und dort zwiſchen den Kaſtanſenbaͤumen nur ſo eben den obern Rand eines alten Gemaͤuers, das einer ver⸗ fallenen Kirche gleicht. Und, mit Ihrer Erlaubniß, das Dach meines Hauſes verſteckt, welches Sie ſo gut kennen. Was Sie fuͤr ein Gewaͤchshaus hielten, iſt eine Gallerie, die zu meinen Zimmern fuͤhrt; und die⸗ 36 ſer Bach, welcher hier ſo großen Effect macht, kommt aus dem obern Leich, wo ſie hundert Mal uͤber ihn hingeſehen haben, ohne ihn eines Blicks zu wuͤrdigen. Wer Sie zu kennen das Gluͤck hat, der ſollte gewohnt ſein, noch in jedem Augenblick irgendwo uͤbetraſcht zu werden; aber Sie wiſſen es immer ſo einzurichten, daß man ſelbſt zu dieſer Gewoͤh⸗ nung nicht kommt. Frau von Lambiel eine Claus⸗ nerin! Das iſt wahrhaftig gans neu! Ein Beweis, daß Sie mich nicht kennen. Aber freilich hier kennt mich Niemand. Sogar meine Leute durfen mich hier nicht aufſuchen, wo ich an nichts erinnert ſein will, was zu meiner ſogenann⸗ ten Exiſtenz gehoͤrt. In meinem Hauſe in der Stadt unterwerf ich mich dem Zwang der Verhält⸗ niſſe; mein Gartenſalon ſteht den Leuten offen, welche meine Freunde zu ſein betheuern, und mich und ſich mit dieſem Namen beluͤgen. Hier bin ich frei von Zwang und Luͤge, und gebe nur meinen Lieblingsgedanken Audiens. Erwin verbeugte ſich, und druͤckte ihre Hand an ſeine Lippen. Sie wurde feuerroth, doch ließ ſie ihm die Hand und ſagte nur: So war es nicht gemeint. Wie wollen Sie das beweiſen? Indem ich Ihnen das Gegentheil verſichere. Dann berufe ich mich auf die glaͤnzenden Worte Ihres Empfangs, daß Sie heute fuͤr keinen andern Menſchen ſichtbar waͤren. Am Ende glaubt er gar, ich haͤtte ihn erwar⸗ tet! Wiſſen Sie, mein ſtoleer Herr, daß ich mich nach meinem Maͤdchen umſah, und daß Sie nim⸗ mer hier hereingekommen waͤren, wenn es mir nicht beliebt haͤtte, nach großer Herren Art einem Un⸗ wuͤrdigen Gnade zu erweiſen. Sie widerſprechen ſich. Auch das iſt große Manier. Ich verſtehe mich auf den Ton, geben Sie Acht; denn jetzt frage ich gleich mit dem kuͤrzeſten Uebergang: Sie gehen noch dieſen Sommer nach dem Brunnen? Sobald Ihr Arzt Sie dahin ſchickt; und nun frage ich mit einem noch kuͤrzern Uebergang nach Ihren Nerven. Sie haben mir neulich eine ſchoͤne Angſt eingejagt. Deshalb ſind Sie auch heute hier; aber reden wir davon nicht! Ich war krank, ſehr krank, und bin es noch.— Alle bisherige Heiterkeit war bei die⸗ ſen Worten aus ihrem Geſicht und Ton wie auf 38 einmal weggewiſcht. Sie ſah ihn an, als haͤtte ſie etwas auf dem Herzen, und doch nicht den Muth, damit hervorzukommen. Endlich ſagte ſie: das tolle Zeug, was ich damals etwa zu Ihnen geſprochen, verlange ich nicht wieder zu hoͤren, aber es wuͤrde mich ſehr beruhigen, wenn Sie es nicht verſtanden hätten. Kein Wort, das ſchwoͤr' ich Ihnen. Und glauben wollten, daß es nur Fieber⸗ geſchwaͤtz war? Auch das. Doch ſagen muß ich Ihnen etwas— von mir duͤrfen Sie es zwar nicht erfahren; aber um alles in der Welt auch nicht fruͤher von einem Andern. Das klingt wieder nach dem Fieber; allein ich bin ſehr bei Sinnen! Mein Gott, wer zweifelt daran? Ich zuweilen, und leider habe ich urſache. Laſſen Sie mich etwas nachdenken! Sie giengen ſchweigend neben einander her; Erwin von der lebhafteſten Neugier geplagt; die Baronin in ſichtlicher Unruhe. Die Abendſonne flammte durch die Zweige, und malte die lieblichſte Roͤthe auf die Wangen der ſchoͤnen Frau. Ein — * 39 ſchmaler Fußſteig leitete ſie zu einer kleinen, vom Gebuͤſch halb verſteckten Cabane. Der daͤmmernde Raum lud zum Sitzen ein. Hier quaͤle ich mich ſo manche Stunde mit truͤ⸗ ben Gedanken, ſagte ſie; meine Lage iſt ſchrecklich, und nirgends find' ich Vertrauen; ich darf mich Nie⸗ manden entdecken, Ihnen am wenigſten, und dem⸗ nach— o, wenn Sie ahnden koͤnnten!— Sie wendete ſich mit gefalteten Haͤnden zu ihm, der ih— re Seufzer durch keine Frage zu unterbrechen wag⸗ te. Die wunderbare Frau erſchien ihm mit jedem Augenblick intereſſanter und in ihrer raͤthſelhaften Beklemmung liebenswuͤrdiger. In Gedanken hielt er ihr hingegeben leidendes Weſen gegen Vale⸗ riens unfriedliche Heftigkeit; und letztere konnte bei dem Vergleich nur verlieren. Man will Ihnen nicht wohl, fing ſie wieder an mit bebender Stimme; mir auch nicht, es iſt— ihre Augen ſuchten aͤngſtlich am Boden— es iſt ein ſchaͤndlich Spiel im Werke. Aber um Gottes⸗ willen, fuhr ſie ploͤtzlich auf, glauben Sie nichts, was man Ihnen uͤber mich ſagen wird; am wenig ſten was der Geheimerath ſagt! Es flog wie ein Blitz durch Erwins Seele. 40 Bei allem was Ihnen heilig ſein kann! fleh⸗ te ſie und ſtreckte ihre Hand nach ihm aus. Er war ſchon laͤngſt nicht mehr gleichguͤltig, und wer unter dieſen Umſtaͤnden waͤr' es geblieben! Sei⸗ ne Lippen, die den geforderten Schwur ausſprechen wollten, fanden ſtatt der Worte den ſchoͤnſten Mund entgegen kommend, liebeathmend. Ueberraſcht fuͤhl⸗ ten beide ſich eins vom andern aufs innigſte umarmt. Das gegenſeitige Erſtaunen dauerte nicht lange. An ſeine Stelle traten Verlangen, Befriedigung, Ent⸗ zuͤcken. Aber Erwins Seligkeit war von kurzer Dauer. Sie, in deren Armen er ruhte, lispelte feinen Namen; da waͤhnte er Valeriens Stimme zu hoͤren. Die Baronin blickte ihn mit heitern Au— gen an; in ihrer Seele war kein Gedanke von Schuldz denn ſie glaubte nur einen laͤngſt und heimlich ge⸗ liebten Mann zu begluͤcken; ihre ganze Hingebung war die freie Wahl unbegraͤnster Zaͤrtlichkeit. An fein Gewiſſen aber klopfte der Gedanke des Mein⸗ eids, wie der Haͤſcher an die Thuͤr des unruhigen Moͤrders. Ein langes Schweigen ruhte uͤber dem vergeſſe⸗ nen Paar in der einſamen Huͤtte. Als ſie endlich heraustraten, fuͤhrten die Sterne ſchon den mitter⸗ naͤchtlichen Reigen am Himmel auf. — —— 41 Nach dem, was zwiſchen uns vorgegangen, ſag⸗ te die Baronin, brauchte es nun keines Geheimniſ⸗ ſes mehr; aber mein Mund weigert ſich, das aus⸗ zuſprechen, was uns zugedacht war. Du magſt es nun von andern erfahren; jetzt wirſt du nicht mehr glauben, daß meine Seele in ihrem Rath geweſen. Ich bin ruhig, denn ich weiß, daß du mich nicht verachten wirſt. Hier iſt die Pforte. Leb wohl! Ich behalte dich lieb, ſollten wir uns auch niemals wie⸗ derſehen. Er druͤckte den letzten Kuß auf ihren Mund; ſie ſchloß das Gitter hinter ihm zu; noch ſah er ihr weißes Gewand durch die Hecken ſchimmern, noch hoͤrte er den leichten fliegenden Schritt. Nun war alles dunkel und ſtill, und er ſtand allein auſſer⸗ halb des Gartens der vom angraͤnzenden Wild⸗ park durch eine hohe Mauer getrennt war. Die breite Allee fuͤhrte nach Angabe der Ba⸗ ronin gerade auf den Ausgang unweit des Stadt⸗ thors. Aber Nacht, Verwirrung und Muͤdig⸗ keit waren Urſache, daß er vom Wege abkam. Er irrte eine Zeitlang im Wald umher, und ſchaͤtzte ſich glucklich, einen Schuppen zu finden, der dem Wil⸗ de im Winter Zuflucht gab. Heute morgen haͤtt' ich 42 auch nicht geglaubt, daß ich hier ſchlafen nhh ſagte er und ſtreckte ſich aufs Heu. Beim erſten Morgengrau kroch er ai ſriner Hoͤh⸗ le hervor, und ſah mit Verdruß, wie er kaum zwan⸗ zig Schritt vom Hauptwege uͤbernachtet hatte. Er eilte nun durch den Park, und hatte beinah das gro⸗ ße eiſerne Thor erreicht; da kamen einige Reiter ſo ſchnell auf ihn zugeſprengt, daß er nicht mehr ins Gebuͤſch ausweichen konnte.— Was Teufel! rief der vorderſte und hielt ſein Pferd an. Es war niemand anders als Wolf, der ſich in Begleitung von ein paar Jägern ſo fruͤh zu einem Dienſtritt auf⸗ gemacht hatte. Sein Weg fuͤhrte ihn zufällig durch den Park, wo er ſeinen Vetter um dieſe Stunde und in dieſem zerſtorten Aufzuge ſo wenig vermuthen als be⸗ greifen konnte. Erwin haͤtte am naͤchſten Baume hinanlaufen moͤgen; er rannte wild vorbei; Wolf drohte ihm mit aufgehobenem Finger, ritt kopfſchuͤt⸗ telnd weiter, und ſah ſich noch ein paarmal verwun⸗ dert nach dem ſeltſamen Buſchklepper um. Man will Ihnen nicht wohl, hatte die Baronin geſagt. Leider eine ihm ſchon bekannte Wahrheit, die ſich täglich unangenehmer beſtaͤtigte. Er klagte daruͤber gegen Serraval. Dieſer zuckte die Ach⸗ 43 ſeln und ſagte: Das iſt eine Probezeit, jeder Menſch hat ſeine; da gilt es in Geduld abwarten. Geduld! Sie haben gut reden. Aber ſehen Sie doch wie mir es geht! Paſer iſt Geſandter, mein Vetter Wolf iſt kaum Jaͤgermeiſter, ſo folgt gleich darauf der Kammerherrnſchluͤſſel, eine anſehnliche Zu⸗ lage und freie Wohnung; der junge Stiff, welcher eben Page geworden war, als ich hieher kam, ſteht jetzt ſchon mit mir auf einer Linie. Soll ich das al⸗ les ruhig anſehen und immer ſchweigen? Was wollen Sie denn reden? Mit wem? und wozu? Erzwingen werden Sie nichts; aber leicht verderben, was noch zu verderben iſt. Vergeſſen Sie nicht, daß Sie an den Hof gekommen ſind, um auf der Hofbahn ihr Gluͤck zu machen. Das iſt ein ebener Weg, ziemlich langweilig, immer glatt und falſch. Wer den Zweck will, muß die Mittel wollen, und nichts uͤbereilen. Sie bringen mich zur Verzweiflung mit Ihren Gemeinplätzen! Ihre Unruhe geht mir nahe. Kann ich Ih⸗ nen weſentlich nutzen, ſo wiſſen Sie, daß ich es mit Freuden thue; aber mich darum auf Betheu⸗ rungen und Redensarten einzulaſſen, iſt meine Sa⸗ 44 che nicht. Ich meine es gewiß gut mit Ihnen, wenn ich Sie recht ernſtlich vor jedem unüberlegten hefti⸗ gen Schritt warne. Aufgebracht uͤber Serravals belehrenden Ton ging Erwin fort. Er haͤtte ſich mit der ganzen Welt ſchlagen moͤgen. Sein Onkel war ihm verhaßt, Wolfß erſchien ihm wie ſein ärgſter Feind; an den Geheimenrath mit ſeinen leeren Verſprechungen brauchte er nur zu denken um zu ergrimmen; der Fuͤrſt behandelte ihn mit ſchreiendem Unrecht. Vor Valeriens Anblick zitterte er, wie durft' er gegen ſie die Augen aufſchlagen? Sein Abenteuer mit der Baronin, ſo reizend es an ſich war, kam ihm vor wie ein unkluger Traum.— Was fuͤr ein ſchaͤnd⸗ liches Spiel war es, wovor ſie ihn warnte? Wa⸗ rum war ſie nun gewiß, daß er ſie nicht verachten würde? Warum hatte ſie das fruher gefuͤrchtet? Wer ſollte, konnte ihm Aufſchluß uͤber das Alles geben? Herr von Pranken, damit trat Franz eilig herein, laſſen den Herrn Baron erſuchen, ſobald als moͤglich hin zu kommen. Mit hochklopfendem Herzen ſtand Erwin in dem Saal des Miniſters. Das Cabinet ging auf. —— 45 Die Augen des Staatsmanns ſtralten von Wohl⸗ wollen. Ich gratulire, rief er ihm entgegen; Ihre Er⸗ nennung zum Charge d'Affaires iſt ſo gut wie ge⸗ wiß; wenn— Sie wollen. Erwin wollte ſeinen Dank ſtammeln, der Ge⸗ heimerath druͤckte ihm die Hand, fuͤhrte ihn freund⸗ lich zum Sofa, und fragte mit einem liſtig vertrau⸗ lichen Laͤcheln: Waren Sie bei Frau von Lam⸗ biel? Was macht meine ſchoͤne Couſine? Haben Sie mir nichts von ihr zu erzaͤhlen? Erwin ſtutzte; zum Antworten ließ Jener ihn nicht kommen, indem er fortfuhr: Entdecken Sie ſich mir frei, mein lieber junger Freund; wir ſind unter uns; ich will Ihr Gluͤck, und werde mich freuen, mit Ihnen in die naͤchſten Verhaͤltniſſe zu kommen. Man ſagt, die liebe Baronin hätte Luſt, den Wittwenſchleier mit einem neuen Brautkranz zu vertauſchen? Wahrhaftig, Sie ſind der Mann, die eigenſinnigſten Damen zu bekehren, und allen Diplomatikern das Concept zu verruͤcken. Ja, ja, ich hab' es von Anfang geſagt, Sie muͤſſen in die⸗ ſe Carriere. Und wie kann man beſſer auslaufen als wenn man ſein Diplom mit der Hand einer ſchoͤnen Frau empfaͤngt, welche zugleich die Goͤttin des Gluͤcks und der Liebe iſt? 46 Erwin ſaß da gleich einer Bildſaͤule; er fuͤhlte, wie das Blut aus ſeinen Wangen wich, und der Saal fing an, ſich vor ſeinen Augen zu drehen. Aber warum ſo betroffen? lachte der Geheime⸗ rath. Faſſen Sie doch Vertrauen zu mir; Sie ſe⸗ hen, ich bin gut unterichtet. Soll ich Ihnen etwa erzaͤhlen, lieber Malorne, daß Frau von Lambiel mit ihrem kuͤnftigen Namen zum nächſten Buchſta⸗ ben im Alphabet fortruͤcken wird? Man hat mir doch kein Maͤhrchen aufgehaͤngt? Das unwahrſte was erdacht werden konnte! rief Erwin, indem er alle Kraft zuſammenraffte, und wie zum Kampf in die Hoͤhe ſprang. Der Geheimerath folgte unter einem gedehnten: Was? und wollte mehr ſagen, als ein Bedienter mit den Worten: Von Frau von Lambiel, ein Billet brachte, welches ſeine Beſtuͤrzung aufs Hoͤch⸗ ſte zu treiben ſchien. Er ſah ſtarr hinein, dann trat er mit einer Hal⸗ tung, welche imponiren ſollte, ganz nah vor Er⸗ win hin, und ſagte: Ich verlange eine runde Er⸗ klaͤrung. Sind Sie in einem Verhältniß mit Frau von Lambiel? 47 Wenn ich erſt weiß, was Sie Verhaͤltniß nen⸗ nen, ſo werde ich wahrſcheinlich mit Nein ant⸗ worten. Sie haben die letzte Zeit ihr Haus fleißig be⸗ ſucht! Das kann Sie am wenigſten wundern; Sie ſelbſt haben mich dazu aufgefordert. Iſt zwiſchen Ihnen niemals von einer Verbindung die Rede geweſen? Herr Geheimerath, Sie ſcheinen den Inquiſitor ſpielen zu wollen; und das verbitte ich mir. Wo⸗ zu ſollen auch die Fragen? Sie wiſſen ja Alles, ſind ja von allem ſo vortrefflich unterrichtet. Wollen Sie Geſandter werden? Erwin ſchwieg. Der Miniſter ſpruͤhte verge⸗ bens Stroͤme von drohenden Blicken um ſich her. Die Maske war nicht dicht genug, um ſeine pein⸗ liche Verlegenheit zu verbergen. Mit Linem Ton, der muͤhſam nach Faſſung rang, ſagte er: Sie koͤn⸗ nen doch nicht laͤugnen, daß Frau von Lambiel mit Ihnen von ihrer Abreiſe geſprochen hat? Das hat ſie nie, und wenn ſie es gethan haͤtte, was geht es mich an, und wem brauche ich daru⸗ ber zu antworten? 48 Maͤßigen Sie ſich.— Sie wollten doch mit ihr reiſen? Nein. Sie werden Frau von Lambiel heirathen? Nein. Bedenken Sie Ihre Worte, Sie haben mir Folgſamkeit verſprochen. Ihr ganzes Fortkommen haͤngt daran, daß Sie Wort halten. Nichts hab' ich verſprochen, was mich zu einer Handlung verbindlich machte. Sie ſchlagen die Hand der Baronin aus? Wer hat ſie mir denn ſchon angetragen? Ihre Fragen ſind mir ganz unbegreiftich. Sie haben da ein Billet von der Baronin. Steht etwas darin, was Sie berechtigen kann, mich auf dieſe Tortur zu ſpannen? Sie ſind doch nicht hier um mich zu examiniren, junger Herr?— Verſtehen wir uns. Sie wollen in die diplomatiſche Carriere. Sie ſollen hinein, und mit Erfolg; aber Sie haben ſich dem Anſchein nach in ein Verhaͤltniß zur Baronin geſetzt, welches Aufſehen erregt hat. Der Fuͤrſt begehrt die ausge⸗ zeichnetſte Decenz im Betragen, von einem Mann, der ihn auswaͤrts vertreten ſoll; er nimmt uͤberdies — 49 einen lebhaften Antheil an der Wittwe ſeines ver⸗ ſtorbenen Freundes, deren Ruf Sie mehr haͤtten ſchonen muͤſſen. Ich ſelbſt bin als naher Verwand⸗ ter der Baronin dabei intereſſirt, und wiederhole Ihnen: Sie machen entweder Alles wieder gut, indem Sie einen ernſthaften Schritt thun; unter dieſer Bedingung werden Sie auf der Stelle be⸗ foͤrdert. Wo nicht, ſo koͤnnen Sie nur auf alle Ausſichten Verzicht leiſten. Der lebhafte Antheil, welchen der Fuͤrſt an Frau von Lambiel nimmt, kann mich wahrhaftig zu keinem ernſthaften Schritt beſtimmen, der am Ende wohl ein ſehr ſpaßhafter waͤre. Sie wollen das Aeußerſte? Sie begreifen nicht, daß. Sie mich auf das Ungeheuerſte compromittiren? Sie haben ihr Loos in meine Hand gelegt, ich habe gewiſſermaßen fuͤr ihr Betragen gut geſagt, ich ha⸗ be den Poſten, nach dem Sie verlangten, eigentlich erſt fur Sie erſchaffen, und jetzt wagen Sie es, mich im Stich zu laſſen? Verſtehen Sie, was das heißt, und wozu Sie mich zwingen, wenn Sie auf Ihrer undankbaren Weigerung beharren. Ich verſtehe Alles; fuͤr Ihre vergebliche Muͤhe erſtatte ich meinen Dank, und wegen des uͤberfluͤſ⸗ II. 4 50 ſigen Gutſagens koͤnnen Sie auf meinen Undank rechnen. Ihre Ausdruͤcke beweiſen mir, woran ich nie haͤtte zweifeln ſollen, daß Niemand weniger als Sie fur den hieſigen Dienſt bei Hof wie bei Ge⸗ ſandſchaften gemacht iſt; und ich werde nur meine Pflicht erfullen, indem ich meiner Ueberzeu⸗ gung Eingang verſchaffe. Darauf koͤnnen Sie ſich verlaſſen, wenn Sie nicht jetzt noch einlenken. Ich verlaſſe mich darauf. Der Geheimerath ſchoß ins Cabinet, und Er⸗ win die Treppe hinunter, fort aus dem Hauſe, in welches er— mit wie andern Gedanken!— einge⸗ treten war. Ein ſchaͤndlicher Handel! rief er aus, als er ſich im Freien ſah. Was man gegen und mit ihm vorgehabt, war ihm nun klar. Nicht ſo gans das eigentliche Ver⸗ haͤltniß der Baronin, und welchen Antheil ſie an dem Complott genommen. Ihr Billet hatte den Geheimerath offenbar aus aller Faſſung gebracht. War ſie vielleicht mit verſchworen geweſen und ploͤtzlich abgefallen?— Ihr abentheuerliches Betra⸗ gen, ihre wunderſamen Reden ließen das vermu⸗ 5¹ then. Und Serraval, der ihm ſoviel von dem Werth einer reichen Heirath vorgeſprochen hatte, war der auch ein falſcher Teufel? Man ſollte der ganzen Menſchheit einen Muͤhlſtein an den Hals haͤngen und ſie ins Meer ſtuͤrzen wo es am tief⸗ ſten iſt! Heimtuckiſche, heuchleriſche Brut!— Der Spuk ſoll mir aber ans Licht. Haben meine Feinde ſaͤmmtliche Faͤden des verdammten Gezettels in ih⸗ ren Haͤnden, ſo werde ich freilich das ganze We⸗ bermeiſterſtuͤck nicht uͤberſehen, indeſſen hab' ich doch ſcharf genug am Netz geriſſen; es faͤllt wohl eine Maſche nach der andern.— Vetter Wolf und der gnaͤdige Großonkel haben vermuthlich auch daran gehaspelt. Den Alten haͤtte er gern ſofort zur Rede geſtellt; allein er begegnete ihm zum erſtenmal nach jenen miniſterlichen Eroͤffnungen in einer großen Geſell⸗ ſchaft, wo ſich das nicht thun ließ. Auch verlor er ſelbſt beim Eintreten in den Saal faſt ſeine ganze Faſſung. Frau von Lambiel im vertrauten Ge⸗ ſpräch mit Valerien zu ſehen, konnte einem Un⸗ befangenen nicht auffallen; aber ein boͤſes Gewiſſen ſieht die Sachen mit gar wunderlichen Augen; ihn traf dieſer Anblick wie ein Blitzſtrahl. Beide ſaßen 52 ihm nah. Wie konnte er ein Geſpräch mit ihnen vermeiden? und fuͤhren eines? Wie?— Es ging jäͤmmerlich; das fuͤhlte er, und ſeine Verlegenheit nahm zu. Im gansen Saal waren nicht zwei Per⸗ ſonen, die ſich gegenſeitig bitterer anfeinden muß⸗ ten, als dieſe beiden, ſobald ſie das Verhältniß nur ahnden konnten, welches er in dieſem Augen⸗ blick verwunſchte. Er hatte ſich, Gott weiß warum, eingebildet, die Baronin hier nicht anzutreffen; und lächerlich genug fand er es ganz natürlich, daß Mehrere dieſer Meinung geweſen waren. Fraͤulein Adamine, die einige Stuͤhle weiter hin ſaß, beugte ſich vor und ſagte mit dem falalſten Ausdruck ihrer zuſammengekniffenen Augen zur Frau von Lambiel ziemlich laut: Die eine Haͤlfte des Publikums verſichert: Sie waͤren krank; die an⸗ dere: Sie bereiteten ſich zu einer Reiſe vor. Was iſt davon denn wahr?— Keines von Beiden, ver⸗ ſetzte jene ebenfalls ſo, daß jeder es hoͤren konnte. — Bei Ihrer bekannten Luſt zum Reiſen, fuhr Adamine fort, habe ich gewettet, wuͤrde dieſes das Wahre ſein, und die Meiſten ſtimmten mir bei.— Da haben Sie ſich doch, ſagte die Baro⸗ nin lachend, wie die Meiſten geirrt. Ich reiſe auf 53 keinen Fall/ und wenn auch die ganze Reſidenz darauf wettete.— Das entzuͤckt mich, antwortete Adamine, die Geſellſchaft kann dabei nur ge⸗ winnen. Mit dieſen Worten warf ſie den Kopf zuruͤck, und ſah hoͤhniſch laͤchelnd nach der andern Seite. Erwin hatte doch, auf der Irrfahrt von einer langweiligen Geſpraͤchsgruppe zur andern, den Hof⸗ marſchall erfaßt, und von ſeinem ſchweren Verdruß uͤber die ihm widerfahrende Zuruͤckſetzung unter⸗ halten.— Der Alte umwickelte den Spruch: Wie man's treibt, ſo geht's, mit einigen Redensarten, und fuͤgte hinzu: Ob Sie ein Recht haben, weiß ich nicht. Sie verſtehn das beſſet. Jedermann hat heut zu Tage Rechte, die kein Menſch auſſer ihm kennt. Veranlaſſung zur Beſchwerde aber haben Sie meines Erachtens noch nicht. In einigen Ta⸗ gen wird der neue Hofetat herauskommen, der dies⸗ mal, wer weiß, vielleicht zu Ihrem Vortheil ſo ungebuͤhrlich verzoͤgert worden iſt. Wenn der aber fur Sie nichts Guͤnſtiges enthaͤlt, dann duͤrfen Sie erſt ſagen, daß Sie wiſſen, wie Sie daran ſind. Das weiß ich bei Gott jetzt auch, brummte Erwin, und nicht zu meiner Freude. Mit Unwil— 54 len ſah er den auffallenden Contraſt zwiſchen Frau von Lambiel und Valerien, von welcher ſie ſich nicht trennen zu wollen ſchien. Die erſte, in Kleidung und Betragen glaͤnzend, liebenswuͤrdig, mit ſtralenden Augen und ſpielendem Witz, eine geborne Siegerin bei jedem Angriff, eine Regentin der Verhaͤltniſſe, ſelbſt der rebelliſchen. Die Andre, gedruͤckt, zu einfach im Anzug, zu ernſthaft im Geſpraͤch, ſchien manchmal aus truͤben Gedanken nur zu erwachen, um auf Erwin einen langen, eindringenden, vorwurfsvollen Blick zu heſten. Er fuͤhlte ihn, drum fand er ihn ungerecht, unertraͤg⸗ lich, wie noch manches andre. Klar erſchien, daß unter der hoffnungsvollen Jugend des Hofes der Vetter Wolf der erſte, der elende Paſer der zweite, und er gar keine Rolle ſpielte. Er verlebte einen traurigen Abend. Der verkuͤndigte Hofetat erſchien endlich. Er⸗ win erhaſchte ihn ſogleich; aber zu welchem troſt⸗ loſen Anblick! Alle ſeine Vordermaͤnner waren avancirt, und er ſah ſich von ihnen durch die uͤble Luͤcke des Worts: vacat ſehr unangenehm getrennt. Dagegen war Alles was weit hinter ihm geſtanden hatte, noch an ihn herangeruͤckt. Er allein war 55 ſtehen geblieben, ein geſtrandetes Wrack, an dem die Wellen ſpottend vorbeirollen. Die Abſicht, ihm auffallend weh zu thun, lag am Tage. Empoͤrt lief er zum Hofmarſchall. Er fand ihn, kaum aus den Haͤnden ſeines Kammerdieners golden und ſternglaͤnzend hervorgegangen, in voller Uniform feierlich auf dem großen Lehnſtuhle ſitzend, deſſen Umfang eine zweiſchlaͤfrige Bettſtelle erreichte. Alles, was ihn ſeit Monaten gekraͤnkt hatte, warf er nun ohne die mindeſte Schonung in einer ununterbro— chenen Zornrede dem Alten an den Kopf. Dieſer ließ den barſchen Sturm voruͤbertoben und ſagte dann: Lieber Vetter, es thut mir leid, daß ich das ſeltene Vergnuͤgen Sie zu ſehen, keinem beſſern Anlaß verdanke; aber was foll ich mit Ihrem leb⸗ haften Vortrag, und was wollen Sie damitg Die Urſache nennen, aus welcher ich meinen Abſchied nehmen werde! rief Erwin aufs Aeuſ⸗ ferſte gebracht durch die trockene Gegenrede. Es giebt Augenblicke, wo der Menſch Gedan⸗ ken, die er vielleicht ſchon lange halb unbewußt mit ſich herumgetragen, eben ſo unwillkuͤhrlich in Worte kleidet, daß er daruͤber erſchrickt, wenn ſie nun fertig angethan vor ihm ſtehen. Ja, es 56 ſcheint wohl gar, als ob das ſchnell herausgeſpro⸗ chene Wort in demſelben Augenblick den Gedanken erſt gemacht, und ſo gleichſam einen Spalt aufgeriſ⸗ ſen haͤtte, wodurch die nachdringende Flut herein⸗ ſtuͤrzt. Erwin glaubte wirklich zum erſtenmale zu be⸗ greifen, daß er alle jene Unangehmlichkeiten gar nicht zu dulden, im Gegentheil nur einen Entſchluß brauchte, um ſie wegzuſtaͤuben. Mit dem Wort Ab⸗ ſchied kam er ſich plotzlich vor wie einer, der im Ge⸗ draͤng ein treffliches Schwert findet; und recht herz⸗ innig freuete ihn der geblendete Blick, womit der alte Herr vor ſolchem raſch aufleuchtenden Waffen⸗ blitz zuruͤckſuhr. Dieſer war jedoch gleich darauf wieder in ſeinem Elemem der unerſchuͤtterlichen Ruhe. Laͤchelnd wiegte er den grauen Kopf und ſagte: Wer den jungen Herrn ſo desperat reden hoͤrt, ſollte nicht glauben, daß er im Begriff iſt, ſein Gluͤck durch ei⸗ ne ſo ſchlau ealculirte Partie zu machen. Der Herr Hnkel ſind bei ungewoͤhnlicher Laune; ich wußte bisher nicht, daß Sie das Raͤthſelaufge⸗ ben liebten. 57 Ich war ſchon im Begriff, Ihnen meinen Gluck⸗ wunſch abzuſtatten, und warte nur auf Ihre Erkla⸗ rung, um ſogleich meine Worte bei Frau von Lam⸗ biel anzubringen. Wenn man auch Sie durch dies Maͤhrchen zu er⸗ gotzen geſucht hat, ſo moͤgten Sie mich doch wohl mit ſeiner Wiederholung verſchonen. Was Maͤhrchen! Wollen Sie ablaͤugnen, was in allen Geſellſchaften bereits als eine ausgemachte Sache gilt? Das heißt bei allen Papageien des Herrn von Pranken, der wie ein Gaͤnſerich mit mir davon geſprochen hat. Dieſe ehrenruͤhrige Benennung nahm der Alte ſehr ungnaͤdig auf. Er verbot jede Schmaͤhung des Geheimeraths— gegen den Sie, fuhr er fort, ſich ſehr undankbar bezeigen. Was hat Ihnen der Mann gethan, in deſſen Haͤnde Sie noch vor einem Monat Ihr Schickſal legten?— Damals war er im gan⸗ zen Lande der einzige Mann von Verdienſt; und Sie gaben ja deutlich zu verſtehen, daß Sie durch ſeinen Einfluß den Herrn von Paſer bald uͤberflgeln wollten. Haben Sie nun ſeitdem angenehmere und kuͤrzere Wege eingeſchlagen, ſo giebt Ihnen das ja 58 doch kein Recht, ſeine wohlgemeinten Bemuͤhungen zu verachten. Hat er die Fabel von dieſer Verbindung ausge⸗ bracht, wie ich glauben muß, ſo erklaͤre ich ihn fuͤr einen luͤgenhaften Schwaͤtzer, und bedaure, daß Sie ihn Ihren Freund nennen. Wie ich aber zu ſolchen Freundſchaften und jaͤmmerlichen Verhaͤltniſſen nicht gemacht bin, wird mir jeden Tag klarer. Sie koͤn⸗ nen ſtatt der einfaͤltigen Erfindung mit der Frau von Lambiel dem Publikum eine beſſer componirte Neu⸗ igkeit auftiſchen, wenn Sie erzaͤhlen, daß ich meinen Abſchied nehme. Iſt das Ihr Ernſt? Mein voller Ernſt, mein feſter Vorſatz, und ich erſuche den Chef des Hofes, die Anzeige hoͤchſten Orts vorzutragen. Ein Hofmarſchall kommt nie aus der Faſſung. Dieſe große Wahrheit hatte der alte Herr zur Richt⸗ ſchnur ſeines Lebens gemacht, und ſelbſt bei ſchwieri⸗ gen Wendungen unwandelbar verfolgt. Allein die unerhoͤrte Propoſition ſeines ungerathenen Reffen, war ihm doch fuͤr einen Augenblick zu maͤchtig. Mit gefalteten Haͤnden ſaß er dem Frevler gegenuͤber und ſah ihn ſchweigend ſtarr an. Endlich gewann er durch 59 Erwins heftig declamirte Wiederholungen die Ueberzeugung, daß er es nicht mit einem flͤchtigen Einfall, ſondern mit dem ſtarrkopfigſten Trotz zu thun habe. Voll Zorn gab er ſich doch alle Muͤhe, ihm den Unſinn dieſer Haſt begreiflich zu machen. Ver⸗ lorne Worte.— Und Ihr Vater? fragte er endlich. Wird ſich freuen, antwortete Erwin, einen Sohn zu haben, der ſeines Namens Ehre hoͤher ſchaͤtzt, als den Dienſt bei einem inconſequenten und bornirten Herrn. Der Hofmarſchall ſah nach der Wand, und ſchien ſich zu wundern, daß nicht eines der alten Familien⸗ bilder herunter fiel. Solche Worte waren in dieſen Mauern noch nicht geredet worden. Ich hoffe daher, fuhr Erwin fort, Sie wer⸗ den meinen Wunſch bald moͤglichſt erfuͤllen. Das werde ich wohl bleiben laſſen, ſagte der Alte. Wenn ich Jemanden ſehe, der toll und blind in ſein Ungluͤck rennt, ſo bahne ich ihm gewiß nicht noch den Weg. Sie, mit ihrem Eigenduͤnkel, Beſ⸗ ſerwiſſen und Zufahren, ſind ein ruinirter Menſch. Mich haben Sie nie hoͤren, daß ich es gut mit Ihnen meine, nie glauben wollen. Aber ein neuer Beweis meiner Geſinnung liegt darin, daß ich jede Huͤlfe 60 zu einer Tollheit verweigere, die Sie ſchon mit dem naͤchſten Morgen verwuͤnſchen wurden, und ſich dazu. Sie wollen mein Zbſchiedsgeſuch nicht vor⸗ tragen? Auf keinen Fall. So muß ich ohne Ihre Vermittlung fertig werden. Der alte Großohm, welcher hinter ſeinen Schwaͤ⸗ chen und Eigenheiten das Kleinod eines menſchlichen Gefuhls und einer treuen wohlwollenden Geſinnung, wie eine fuͤr den Hof nicht paſſende Eurioſität ver⸗ wahrte, rief ein erſchrockenes Halt! als Erwin die CThuͤr anfaßte.— Im Namen ihres Vaters unterſage ich Ihnen jeden Schritt ohne ſein Wiſſen; ich ſchicke augenblicklich einen Eilboten an ihn ab. Ehe Sie handeln, muß er wiſſen, was im Werk iſtz es iſt Ihre kindliche Pflicht, ihn davon zu unterrichten. Dieſer Widerſtand, dieſe Drohung, wodurch der Hofmarſchall zu imponiren meinte, trieben Er⸗ win auf den letzten Gipfel. Ich bin kein Kind, ſagte er, und proteſtire gegen alle Vormundſchaft. Schicken und ſchreiben Sie, wohin es beliebt; ich nehme mir dieſelbe Freiheit, aber nach einer andern Seite. 6¹ Er ging. Der Hofmarſchall ſchlug die Hände zuſammen, und ſagte: Den hat der boͤſe Feind zu⸗ geritten. Erwins Schreiben an den Fuͤrſten war ſo ein⸗ gerichtet, daß es die Abſicht nicht verfehlen konnte.— Man wird doch ſchneller entlaſſen, als angeſtellt, ſagte er zu ſich ſelbſt, da er noch am naͤmlichen Abend die Nachricht von der gnadigſten Gewährung ſeines Wunſches erhielt. Als erſte unangenehme Folge zeigte ſich, daß Vetter Wolf zur Mittheilung der hoͤchſten Entſcheidung beſtellt worden war. Den Hof⸗ marſchall hatte der Fuͤrſt aus perſoͤnlicher Ruckſicht mit dieſem Auftrag verſchont. Zugleich aber mit jenem Billet erhielt Erwin eines von dem Groß⸗ onkel, worin dieſer ihn bat, ſein Haus, welches ihm wegen der ſchneidenden Verſchiedenheit der Meinun⸗ gen und des Betragens doch nicht angenehm ſein koͤnne, ſo wenig als moͤglich zu betreten. Das wird ſich finden, ſagte er, und ging zu Serraval. Er hoffte, dieſer ſollte ungemein er⸗ ſtaunen uͤber die große Neuigkeit. Aber das war Serravals Sache nicht. Ruhig hoͤrte er an, was ihm ſehr lebhaft erzaͤhlt ward, und erwiderte ganz trocken: Gut; und was denken Sie nun ansufangen? 62 Erwin mußte geſtehen, daß er dieſe Frage noch nicht an ſich gethan, und auch keine befriedi⸗ gende Antwort darauf zu geben hatte. Beſchaͤmung verbirgt ſich am liebſten hinter Vorwuͤrfen. Sie ſind, verſetzte er, nicht aufrichtig gegen mich geweſen. Es iſt nun beinah ein Jahr, daß ich Sie um Ihre Meinung uͤber Frau von Lam⸗ biel fragte. Damals wollten Sie von einem Ver⸗ haͤltniß zwiſchen ihr und dem Fuͤrſten gar nichts wiſſen. Etwas mehr Offenheit von Ihrer Seite haͤtte mir viel Zweifel und Irrthuͤmer erſpart. Meine Meinung hab' ich Ihnen nicht verſchwie⸗ gen. Ahndeten Sie zu jener Zeit ein ſolches Ver⸗ huͤltniß? Man fluͤſterte davon. So haͤtten Sie ſich bei den Fluͤſterern naͤher er⸗ kundigen muͤſſen. Warum ſoll ich, der mit ſolchem Zeug ſo wenig als mit Auslegung der Apocalypſe verkehrt, gehalten ſein, Nachrichten mitzutheilen, von denen ich wohl etwas hoͤre, aber nichts glaube? Aber mir war es um Zurechtweiſung zu thun, und die hoffte ich von Ihnen. 63 Das darf ich besweifeln. Uebrigens haben Sie den ganzen Sommer hindurch mit mir von der Ba⸗ ronin kein Wort geſprochen. Welchen Grund hätte ich gehabt, ihrer gegen Sie zu erwaͤhnen?— Man ſagte, Sie wuͤrden Frau von Lambiel heirathen. Das fand ich naturlich und wartete auf Ihre Be⸗ ſtaͤtigung. Fanden es natuͤrlich? Sie ſpotten meiner. Gott behuͤte! Wollten Sie nicht an dieſem Hofe Ihren Weg machen? Und gibt es eine beſſere Pro⸗ tection als die einer reichen ſchoͤnen Frau, welche den Fuͤrſten regiert? Einer ſolchen Schande hätten Sie mich faͤhig gehalten? Das iſt ein weitlaͤufiger Begriff, woruͤber wir nicht ſtreiten wollen. Die eine Haͤlfte der Men⸗ ſchen begehrt das als eine Ehre, was die andre als ein Brandmark verachtet. Ihre Anſicht davon iſt mir fremd, und die meinige wie meinen Rath drin⸗ ge ich keinem Menſchen auf. Wußten Sie, daß Sie die Geliebte des Fuͤrſten heiratheten, ſo konnte ich mir es gefallen laſſen, und wußten Sie es nicht, ſo waͤr' es Ihre Sache geweſen, die Augen beſſer aufzuthun. 65 Ich haͤtte mehr Theilnahme von Ihnen erwartet. Woran denn? Hier iſt ja von nichts als von Meinungen die Rede. Freilich das groͤßte Kriegs⸗ wort aller Zeiten und Nationen. Aber ich bin zum Proſelytenmacher ſchon zu alt und zu kalt; und laſ⸗ ſe jeden ſeines Weges gehen.. Sie moͤgen Ihre Gruͤnde haben, ſich gegen alle Regungen der Freundſchaft und Innigkeit zu ver⸗ wahren. Aber wenn Alle ſo thaͤten, dann waͤre die Welt ein Eiskeller. Vertrauen, Anſchließung, Wohl⸗ wollen, Neigung und Entgegenkommen ſind doch fuͤr jeden und fuͤr das Ganze mehr werth, als das ſelbſtſuchtige Verſchließen eines Einzelnen in ſich ſelber. Sehr wahr. Geben Sie mir eine Gelegenheit, und ich beweiſe, daß dieſe Genien meinem Herzen nicht ſo fremd ſind, als Sie mir vorwerfen wol⸗ len. Nur mit dem empfindungsreichen Wortkram, der nirgend her noch hinfuͤhrt, kann ich mich auf keine Weiſe befaſſen. So theilen Sie mir nun Ihre jetzige Meinung uͤber Frau von Lambiel mit. Ich weiß, Sie ſind unterrichtet; ich bin es nicht, und ſtehe vor einem halb zerriſſenen Vorhang, den ich nothwendig ganz weg haben muß. — 65 Immer Frau von Lambiel das dritte Wort⸗ Nun, Sie heirathen ſie ſchwerlich. Wer heirathen will, nimmt auch nicht ſo patzig ſeinen Abſchied. Was nun die Baronin angeht, ſo weiß ich nur, was mir das Volk geſchwatzt hat, welches ſein Leben mit Wiederholungen verbringt, und neue Anekdoten aus den alten componirt, die ſich ſchon uͤberlebt ha⸗ ben.— Vor einem Jahr ſoll ſie die Geliebte des Fuͤrſten geweſen ſein. Vor einem halben Jahr ſoll ſie die Antrauung zur linken Hand begehrt haben. Seit einem Vierteljahr ſoll ſie in Ungnade gefallen ſein. Das ſoll Alles wahr ſein. Weiter weiß ich nichts. Das Geſpraͤch wendete ſich auf Erwins genom⸗ menen Abſchied und ſeine Zukunft, wobei er die uͤbelſte Laune zeigte. Da ſehen Sie nun, ſagte der Graf, wie es einem mit der Theilnahme geht. Ich erkundige mich ſorgfältig, ob ich Ihnen nützlich ſein koͤnne, und Sie halten es kaum der Muͤhe werth, meine Fragen zu beantworten. Soll man da nicht alle Luſt verlieren? Erwin begriff doch, wie in ſeiner gegenwaͤrti⸗ gen iſolirten Lage die Connexionen des Grafen ihm ſehr dienlich werden konnten. Indeſſen wollte er ſich II. 5 66 gern das Anſehen geben, als ob er ihrer nicht be⸗ duͤrfte und unabhaͤngig zu leben daͤchte. Das iſt nichts, erwiderte Serraval. Daß Sie der Hofftohne entſagt haben, freut mich; es iſt wenigſtens ein Entſchluß, wenn auch vielleicht in die⸗ ſem Augenblick nicht der allerkluͤgſte. Nun muͤſſen Sie ſich aber auch nicht auf Ihrer Hufe einpferchen. Das Hocken bleibt fuͤr einen jungen Mann immer die elendeſte widernatuͤrlichſte Haltung. Sie muͤſſen hinaus. Das Gewühl der Welt belehrt den Menſchen, was er iſt, wozu er tangt; und wer dieſe Lehre davon tragt, hat ſchon viel erreſcht. Haben Sie nicht Luſt, ſich im Kriege zu verſuchen? Die Gefahr iſt eine herrliche Schule; und alle kindiſchen Iluſionen, die man ſich uͤber ſeinen eignen Werth macht, verfliegen den Feindlichen Batterien gegen⸗ uͤber weit ſchneller als der Pulverdampf. Erwin ergriff dieſe Idee mit der Lebhaftigkeit eines Kindes, dem ein glaͤnzendes Spielzeug vorge⸗ halten wird. Die Armeen ſind in Bewegung, fuhr Serraval fort; der Sturim zieht gen Norden und wuͤhlt alle Voͤlker auf. Dieſer Krieg wird vielleicht der groͤßte, den die Welt ſeit Jahrhunderten geſehen hat. Wol⸗ 67 len Sie ſich in Caͤſars Fahrzeug mit einſchiffen? Napoleon iſt noch mehr als Caͤſar. Ich koͤnnte Ihnen Briefe an den franzoͤſiſchen Marſchall mit⸗ geben, dem Sie eigentlich eine Genugthuung ſchul⸗ dig ſind. Er wird Sie mit offenen Armen aufneh⸗ men, und als Freiwilligen, ſobald Sie nur die erſten Elemente hinter ſich haben, ſehr gern bei ſeinem Stabe verwenden. Das iſt eine Carriere die weit fuͤhrt. Die Gelegenheiten ſich auszuzeich⸗ nen, werden wie Hagelſchauer kommen, und ich wette, Sie laſſen keine vorbeigehen. Dieſen Vorſchlag verwarf Erwin mit entſchie⸗ denem Abſcheu. Lieber betteln, ſtehlen und rau⸗ ben, als ein Knecht und Helfer unſter Tyrannen werden. Nach einigen Hin⸗ und Herreden, worin der Graf mit ſeiner Behauptung, daß es gleich gelte wem, und alles nur darauf ankomme, wie man diene, gegen Erwins beſſere Ueberzeugung nichts ausrichten konnte, fragte er mit dem Ausdruck der Wichtigkeit, welche er nicht leicht auf etwas legte: Iſt das Ihr ernſthafter unwandelbarer Sinn? Zehnmal geb ich mein Leben auf, eh' ich davon. laſſe. 68 So hab' ich einen andern Vorſchlag, welcher dieſem ſchroff entgegenſteht. Gefahr und Schick⸗ ſalswechſel aller Art iſt dabei nicht minder groß, der Reiz alſo der naͤmliche. Aber eh ich mich daruͤber gegen Sie herauslaſſen kann, muß ich erſt Proben von Ihrer Zuverlaͤſſigkeit und von Ihrer Discretion ſehen. Sie muͤſſen viel uͤber ſich neh⸗ men, Sie muͤſſen ertragen, ſchweigen und ver⸗ ſchmerzen koͤnnen. Hier iſt nicht von leerer Ge⸗ heimnißkraͤmerei und Phantaſieſpielen, ſondern von einer großen Unternehmung die Rede. neberzeugen Sie mich durch ein feſtes gelaſſenes Benehmen bei kleineren Anlaͤſſen, daß Sie für wichtige und und erhabene Zwecke zu dulden und auszuharren wiſſen; dann wird mir vielleicht vergoͤnnt, Ihnen eine hoͤchſt merkwuͤrdige Bahn zu eroͤffnen. Und iſt es Ihnen nicht gleichguͤltig, ſo kann ich vorher ſagen, daß Sie mich auf der naͤmlichen finden werden. In dieſer dunkeln Verweiſung auf Geduld und Zukunft fand Erwin wenig Troſt. Er hatte ſeine Lage ſo gewaltſam veraͤndert, daß eine ſcharfe Ge⸗ genwirkung nicht ausbleiben konnte. Wo er ſich zeigte, ward er mit großen Augen und langen Ge⸗ 69 ſichtern empfangen. Der Fuͤrſt hatte ſich uͤber ſein trotziges Benehmen ſehr ſtark geaͤußert, und folg⸗ lich war die oͤffentliche Stimme das Echo dieſer Misbilligung. Man wußte, daß der Hofmarſchall ihm ſein Haus verboten hatte, Jedermann gab dem alten verehrenden Herrn ſein theilnehmendes Be⸗ dauern uͤber den undankbaren Neffen durch aus⸗ drucksvolle Blicke zu erkennen, und beeiferte ſich, das von ihm ergangene Signal zu befolgen. Er⸗ win ſah, wie ſeine Gegenwart zur Laſt ſiel, und ungeſaͤumte Entfernung von dem Hrt, wo er die uͤberflͤſſigſte Figur machte, das Kluͤgſte war. Aber wohin?— Nach Hauſe? Das wollte ihm nicht in den Kopf. Sollte er ſich von Serraval entfer⸗ nen, dem Einzigen, der fuͤr ihn etwas thun wollte, und unveraͤndert geblieben war?— und Valerie? — Das arme Mädchen war in der traurigſten Lage. Die kalten hoͤhniſchen Blicke der Geſellſchaft waren auf ſie wie auf eine Verbrecherin gerichtet. Ihre Liebe ſchien das oͤffentliche Geheimniß zu ſein, und leider konnte ſie uͤber ein noch verborgenes ſich ſelbſt nicht laͤnger täuſchen. Erwins unbeſonnener Streich hatte alle Hoffnungen fuͤr ſie vernichtet; bis auf eine— eine ſchreckliche, vor deren Erfuͤl⸗ 70 lung ſie ſchaudern mußte. Den Geliebten treulos zu denken, war ein LTodesſtreich. Und doch fuͤhlte ſie ſchon, wie ein kaltes Eiſen, die Angſt davor im innerſten Herzen. Die heimlichen Zuſammen⸗ kuͤnfte waren durch das Verbot des Oheims ſehr erſchwert; Erwins Bemuͤhungen, die Hinderniſſe zu uͤberwinden, kamen ziemlich matt heraus; zu allem Ungluͤck war ihre Freundin, die Landraͤthin Drauner verreiſt. Sie nahm zum Schreiben ihre Zuflucht. Alle die klagenden Briefe wiederholten in bangen Wendungen das eine Thema: Biſt du ein Mann von Ehre, ſo rette mich vor Schande und Verzweiflung. Seine Antworten kamen ſpaͤr⸗ lich, verlegen; ſie ſollten beruhigen und waren ohne Inhalt; die Zukunft ſollte ein Troſt ſein, und war fuͤr Valerien ein Geſpenſt. Unterdeſſen ver⸗ ſtrich die Zeit. Ihr mußte ſogleich geholfen werden, oder es war nicht mehr zu helfen. Sie brachte die traurigen Naͤchte ſchlaflos hin, die einſamen Stun⸗ den des Tages in Thränen. So ward ſie einſt von Wolf uͤberraſcht, der treuherzig und tief bekuͤm⸗ mert, in ſie drang, ſich ihm zu entdecken. Ihre Weigerung, ihre Ausfluͤchte zeigten ſeinem laͤngſt ge⸗ hegten Argwohn den Urheber ihrer Leiden, obgleich 7¹ er weit davon war, den eigentlichen Jammer zu errathen. Empoͤrt gieng er weg und gerade zu Erwin. Dieſer war nicht in der Laune, die Strafpre⸗ digt des verhaßten Vetters geduldig anzuhoͤren. Aber du ſollſt mir endlich einmal Rede ſtehn, ſagte Wolf; ſie weint um dich, du machſt ſie ungluͤcklich, und biſt des lieben Mädchens nicht ein⸗ mal werth. Zum letzten Mal mach ein Ende! Das werd' ich, aber ſo wie ich dir es vorher⸗ geſagt habe, wenn du nicht Wort haͤltſt. Denn ich weiß, du haſt ihr dein Wort gegeben; ich weiß freilich auch, daß du es ſchon laͤngſt gebrochen haſt. Jenen Morgen inn Park— meinſt du, ich wuͤßte nicht, wo du die Racht geſteckt?— und die arme Hintergangene laͤßt du nun ſitzen; ihr bricht das Herz; aber das iſt dir einerlei; du weißt gar nicht, wie einem zu Muth iſt, der Herz und Ehre im Leibe hat. Der Beleidigte fuhr wie ein Raſender auf ſei⸗ nen Feind los, welcher ruhig ſtehen blieb. Auch er beſann ſich. Sie ſprachen noch drei Worte zu⸗ ſammen: Piſtolen— Steinbruch— Uebermorgen. 72 Dann giengen ſie von einander, um ſich in dieſem Leben nur einmal noch wieder zu ſehen. Kaum hatte Erwin ſich nach dieſer heftigen Ueberraſchung wieder etwas geſammelt, als ein Brief ihn in neue Verwirrung ſtuͤrzte. Er erkannte die Schriftzuͤge ſeines Vaters auf der Adreſſe, oͤffnete mit bebender Hand und uͤberlief aͤngſtlich das unwillkommne Blatt. Zwar ſah er ſchon aus den erſten Zeilen, daß beim Abſchicken die Nach⸗ richt der mit ihm vorgegangenen Veraͤnderung noch nicht zu Hauſe angekommen war; und ſo ergoß ſich wenigſtens dieſes Mal nicht der ſchwere Strom gerechter vaͤterlicher Vorwuͤrfe uͤber ſein Haupt; allein der Inhalt traf ihn doch ſehr empfindlich. Der Brief war ein Antwortſchreiben, wodurch ſeine Bitte um einen bedeutenden Zuſchuß aus ſehr trif⸗ tigen Gruͤnden rundweg abgeſchlagen wurde. Sein Vater hatte durch den ploͤtzlichen Fall eines großen Handlungshauſes den ganzen Beſtand ſeines Capi⸗ talvermoͤgens auf einmal eingebuͤßt; und die Lage der Sachen war ſo heillos, daß nicht die geringſte Verguͤtung zu hoffen blieb. Dies ungluͤck traf ge⸗ rade in einen Zeitpunkt, wo die Zuruͤckzahlung ge⸗ kuͤndigter Anleihen geſchehen ſollte, und der allge⸗ 73 meine Geldmangel die Ueberwindung dieſer Verle⸗ genheit nur unter bedeutenden Aufopferungen ge⸗ ſtattete. Der gute Alte legte dem erſchuͤtterten Sohn eine ſehr genaue Ueberſicht von dem ganzen, ſeinen Wohlſtand beinah zerſtoͤrenden Verluſt, und von den Einſchraͤnkungen dar, zu welchen er unter dieſen Umſtaänden genoͤthigt ſei. Den Lermin einer Geldſendung ſchob er ſehr weit hinaus und machte ihn ſogar fuͤr dieſe Entfernung noch zweifelhaft. Zum Schluß fehlte es nicht an guten Ermahnun⸗ gen, die recht aus treuem väterlichen Herzen— aber leider zu ſpaͤt kamen. Erwin ſchlug die Haͤnde vors Geſicht, und ſuchte ſeine Lage zu uͤberdenken. Allein im wilden Andrang ſtuͤrmiſcher Gefuͤhle und bitterer Erfah⸗ rungen von allen Seiten war es unmoͤglich. Eins nur blieb ihm deutlich: daß er uͤbermorgen ſeine Ehre vielleicht mit dem Leben einzuloͤſen habe. Meh⸗ rere Vorkehrungen mußten getroffen werden. Er bat Serraval ſchriftlich, ſein Secundant zu ſein, und bekam eine ablehnende Antwort, obendrein noch begleitet von einem Vorwurf uͤber dieſe neue Unbeſonnenheit, welche dem Graten zeige, daß zu jener ihm erſt kurzlich anempfohlenen Ruhe und 7¹ Faſſung ſchwerlich eine Ausſicht vorhanden ſei. Er ſchlug ihm einen andern Seeundanten vor. Er⸗ win zerriß den Brief mit den Zaͤhnen. Ein Of⸗ fizier, welcher die Tage, an denen er keine Haͤndel auszufechten hatte, verloren achtete, war berèit, ihn zu begleiten, und ſorgte mit der wunderbar⸗ ſten Behaglichkeit fuͤr die noͤthigen Anſtalten. Er⸗ win fuͤhlte ſich wie mit dem Kopf an den Boden geſchmettert bei dem Gedanken, daß er als ein Betruͤger gegen ſeine vielen Hlaͤubiger aus dem Leben oder wenigſtens aus dem Lande gehen muͤſſe. Und hier war kein Mittel. Muͤhſam nur brachte er durch heimlichen Pferdeverkauf eine ſehr maͤßige, und von allerhand Ausgaben noch verringert Gumme, fuͤr den Fall der Flucht auf. Die Zeit ängte. Der Steinbruch, in welchem man ſich fr) Mor⸗ gens treffen wollte, lag hart an der Gränze; es mußte alſo ſchon Abends vorher aufgebtochen wer⸗ den. Valerie durfte kein Wort erfahren. Aber aus dieſem verhaͤngnißvollen Gewoͤlke des Schick⸗ ſals ſiel mit uberirdiſcher Gewalt ein Strahl jener fruͤheren innigen zuruͤckgedraͤngeen Neigung in ſein Herz. Bald kam es ihm wie ein grimmiger Hohn vor, ſie noch zu ſehen, und die letzten Mo⸗ 75 mente mit ihr durch ſchweigenden Betrug zu ver⸗ ſchimpfen. Bald ſchien es ihm wieder unverant⸗ wortlich, ſie um den letzten Gruß zu betruͤgen. Kach ſeinem Tode wäre die Ueberzeugung von ſei⸗ ner Liebe vielleicht ihr einziger Troſt. Der Ge⸗ danke und ſein Verlangen ſiegte. Er ſchrieb; die Zuſammenkunft wurde verabredet. Mit klopfendem Herzen und wehmuͤthigen Gedanken an fluͤhere gluͤcklichere Stunden fand er ſich am bezeichneten Orte ein. Durch den dunkeln Garten kam eine weibliche Geſtalt auf ihn zu. Er eilte ihr entge⸗ gen; ſie wich zur Seite. Valerie! flͤſterte er, und wollte ihre Hand faſſen. Aber wie ward ihm, als eine fremde und doch bekannte Stimme hell und hoͤhniſch aufla hte: Das gute Kind liegt im Fieber und hat mich gebeten, an ſeiner Statt zu kommen! Es war Adamine. 44. Der Steinbruch lag noch tief im Morgennebel, aus welchem nur die oberſten Hoͤhen und am Berg hinaufſtehenden Baͤume erſt in ſchwachen Geſpen⸗ ſterumriſſen ſichtbar wurden. Wo der Weg ſich um die letzte Felſenecke in den Grund hinabbog, 76. ſtanden zwei kleine Huͤtten, welche ehemals den Arbeitern zum Unterkommen gedient hatten. Jede der feindlichen Partheien, vom Rande des Waldes zu Fuß herankommend, nahm davon eine in Beſitz, um das Aufhellen des Wetters darin absuwarten. Erwin ſah in dem engen hoͤlzernen Raum um⸗ her, der ihm wie ein Sarg, er blickte durch die ſchmale Ladenoͤffnung hinaus in die Schlucht, die ihm wie ein Grab vorkam. Schon laͤngſt war in der ausgebeuteten Tiefe alle Arbeit aufgegeben. Sie hatte dagegen den Ruf einer Moͤrderhoͤhle gewon⸗ nen, indem ſie herkoͤmmlich den Schauplatz ernſt⸗ hafter Zweikaͤmpfe abgab. Nichts ruͤhrte ſich in der oͤden Gegend als der fließende Nebel an den grauen Bergwaͤnden, und die Secundanten, welche in ihre Maͤntel gehuͤllt, herumgingen, das kleine Schlacht⸗ feld abzuſtecken.— Jetzt fielen die erſten Sonnen⸗ ſtrahlen in's dampfende Gewoͤlk, und die Bergſpis⸗ zen ſchimmerten hell gegen das lichte Morgenblau. — Der Hauptmann kam herein: es iſt alles fer⸗ tig. Schweigend naͤherte man ſich dem bezeichneten Platz. Die Waffen wurden unterſucht, die Schritte noch einmal abgemeſſen. Es ſollte auf Commando geſchoſſen werden. Die Gegner ſtanden und ſahen —————— 77 einander in die blaſſen Geſichter.— Noch eins, ſagte Wolf, als er die Piſtole aus der Hand ſei⸗ nes Begleiters, eines Jagdgenoſſen empfing, wenn ich nicht wieder zuruͤckreiten ſollte, daß nur der Rehſtand am Dachsberge geſchont wird, er faͤngt kaum an ſich zu erholen.— Viel Contenance, brummte Erwins Seeundant, der ſchießt gewiß auf den Knopf.— Alles nun ſtill; dann: Marſch! Eins, zwei! drei! Feuer!— Das einſame Echo wiederholte den doppelten Knall. Beide ſtanden aufrecht, Wolf ſchwankend. Haben Sie eine Ku⸗ gel? fragte der Secundant. Er wollte antworten, da ſtuͤrzte ihm das helle Blut hervor; aus den Ar⸗ men der Begleiter ſank er auf den bethauten Raſen, von dem er nicht wieder aufſtehen ſollte. Der hat genug, ſagte der Hauptmann, machen Sie ſich nur fort. Erwin hoſſte, die Felſen wuͤrden uͤber ihn einſtuͤrzen. Er ſtand bewegungslos wie eine Säule; konnte ſeine verzweiflungsvollen Blicke nicht von den ſtarren Augen des Sterbenden losreißen; konnte nicht von ihm weg, nicht zu ihm hin. Der Haupt⸗ mann hatte gleich auf den Schuß nach den Pferden geſchickt. Jetzt riß er den betaͤubten Juͤngling mit Gewalt vom Mordplatze weg.— Reiten Sie nur immer links durch den Wald hinaus, dann haben Sie keine Gefahr, ſich wieder uͤber die Grenze her zu verirren. Nach einer Stunde ſind Sie ſchon auf der Landſtraße. Ich komme nach.— Das ver⸗ huͤte Gott! ſagte Erwin in ſich hinein, und gab dem Pferde die Sporen.— 45. Zwiſchen geſtern und heute kann der Menſch um Jahre aͤlter werden. Mancher bekommt uͤber Nacht graues Haar, und beim Anblick deſſelben finſtre Traͤume, aus denen er niemals wieder zur Heiter⸗ keit erwacht. 16. Es war ein grauer Nachmittag. Der Wind hauſte unfreundlich in den alten Fichten neben der Landſtraße, auf welcher, ſo weit man ihrer ſchnur⸗ geraden Richtung nachſah, nur ein Reiſender auf muͤden Roſſe dahin zog; geſenkten Hauptes, in ſich gekehrt, ein Bild der Sorge. Des einſamen Reiters ———. „ bange Seele, truͤb umwoͤlkt wie der oͤde Himmel, waͤlzte unaufhoͤrlich nur einen einzigen Gedanken, welcher in die Farbe dunkler Miſſethat gekleidet war, 79 und den Namen eines Gemordeten trug. Seinen eigenen haͤtte der Moͤrder gern vergeſſen, aber jeder Strauch im Felde und jeder fliegende Vogel ſchien zu fragen: Biſt du nicht Erwin? Du haſt ja blu⸗ tige Hände?— Er ſah alles undeutlich wie durch einen ſchwarzen Flor; die Erde ſo alt, die Berge ſo kahl, jedes Geſicht eine Todtenlarve. Der Weg fuͤhrte ihn auf ein kleines Städtchen zu. In einer abgelegenen Kneipe vor dem Thor war Tanz und Schlägerei; der Wind trug die lei⸗ ernden Toͤne der mattherzigen Muſik, und das kraͤftigere Gebrull der Kaͤmpfenden zu ihm heruͤber. Naͤher an der Mauer ging eine ſchwarsgekleidete Familie auf den Kirchhof. Ueber einem friſch auf⸗ geworfenen Grabhuͤgel ſtand noch die Bahre zum Zeichen, daß der neue Gaſt, welchem der Ceremo⸗ nienbeſuch ſeiner Verwandten zugedacht war, ſich erſt kuͤrzlich in ſein unterirdiſches Quartier begeben hatte. Die Straßen waren ſo leer und langweilig, wie ſie eben am Sonntag Nachmittags in kleinen Staͤdten ſind. An einigen Thuͤren gaͤhnten die faden Mienen doͤſiger Stubenhocker, welche ſich auswaͤrts nicht zu ergoͤtzen und zu Hauſe nicht zu beſchaͤftigen wußten. Mit theilnehmender Schadenfreude ſahen ſeine Stirne wie eine Lodtenhand, und er ſchrak 80 ſie Erwins hinkendem Gaul nach, der endlich un⸗ ter einem Wirthshausſchilde ſtehen blieb. Es ruͤhrte ſich Niemand an der Pforte noch im Hauſe. Er⸗ win zog ſein Pferd uͤber den leeren Hof, trat auf die Diele, riet, klopfte an mehrere Zimmer; end⸗ lich an eines, wo ſich laute Stimmen vernehmen ließen. Die Thuͤr ging auf, eine kranke alte Mut⸗ ter lag im Bett, der Wirth zankte mit der Frau, ein Kind ſchrie dazwiſchen. Der Empfang war ſo unfreundlich wie der Anblick. Indeſſen ward das Pferd in den Stall gebracht, und ſeinem Herrn ein kleines Stuͤbchen angewieſen, deſſen einziges Fen⸗ ſter auf den Hof und die Dächer benachbarter Scheu⸗ nen ging.— Da ſaß er, ſeine Gedanken um ihn her, die traurigſte Geſellſchaft, welche man haben konnte. Ein ununterbrochen ſcharfes Reiten, zwei Tage lang, hatte ihn ziemlich ermuͤdet. Aber der freund⸗ liche Schlummer wich hinweg von den verſtorten Zuͤ⸗ gen des Moͤrders. Ach, nur den Frieden einer Stunde, wo ich nichts von mir ſelber wußte! flehte er mit aufgehobenen Haͤnden. Aber wenn auch die brennenden Augen zufielen, ſogleich fuhr es uͤber 81 wieder auf. Nach einem elenden Abendeſſen ging er in den Stall, ſein Pferd fraß nicht und ließ die Ohren haͤngen. Er ſetzte ſich in einen Winkel des Gaſtzimmers. Einige Buͤrger heiligten den Feiertag bei einer L'hombrepartie und trockenen Geſpraͤchen, welche ſie mit ſauerm Landwein anfeuchteten. Die Dunkelheit des oͤden Raumes wurde von zwei truͤben Lichtern mehr gezeigt, als aufgehellt.— Nach ei⸗ ner Weile trat ein Reiſender herein, welcher von den Anweſenden als Bekannter gegruͤßt und mit der Frage empfangen wurde, was es Neues gaͤbe?— Schoͤne Geſchichten, ſagte er; auf der Graͤnze im Schieferbruch iſt ein mordmaͤßiger Duell geweſen; ihrer ſechs, alles Offiziere, haben ſich geſchoſſen und gehauen. Zwei ſind auf dem Platze geblieben, einer iſt halbtodt weggebracht worden, und die Uebrigen haben das Weite geſucht. Einer davon wurde heute Morgen am Zollhauſe von den Gensdarmen arretirt. Er wollte eben mit mir auf der Faͤhre uͤberſetzen; ein langer Kerl, hatte nur ein Auge und einen grauſamen Schnurrbart. Erwin erkannte in dieſer Schilderung ſeinen Secundanten. Die uͤbertriebene Geſchichte wurde nun mit eben ſo unwahren De— tails der Breite nach weiter verhandelt; des Haupt⸗ 1I. 6 manns Verhaftung aber ſchien ihre volle Richtigkeit zu haben. Der Zuſtand des Winkelhorchers, wel⸗ chen ſie unmittelbar anging, war ſchrecklich. Als das Geſpraͤch ſich von der Mordgeſchichte ab auf die Politik und den Pferdehandel gewendet hatte, verließ er unbemerkt das Zimmer, um ſobald als moͤa⸗ lich ſeinen Irrweg fortzuſetzen. Noch dieſe Nacht? fragte mit Verwunderung der Wirth, von dem er die Rechnung begehrte; Ihr Pferd kann ja kaum einen Fuß anſetzen.— Muß doch vorwaͤrts, erwi⸗ derte Erwin mit erkuͤnſtelter Rauhheit; ich komme ſonſt zu ſpaͤt auf den Pferdemarkt nach Mauren; ich habe eine Remontelieferung angenommen, und mir fehlen noch zehn Stuͤck. Der Braune muß da⸗ ran. Am Mittwochen komm' ich wieder. Da kann er ſich ausruhen.— Das haͤtte der Braune freilich jetzt gleich viel lieber gethan. Im klaͤglichſten Zu⸗ ſtande ward er herausgefuͤhrt. Sein langſamer ſtol⸗ pernder Schritt wiederhallte durch die leeren Gaſ⸗ ſen, in denen mir hin und wieder noch ein kleines Fenſter matt erleuchtet war, und vierſchrotige Nacht⸗ waͤchter auf den Hausthuͤrbaͤnken ausgeſtreckt zur Sicherheit der Stadt ſchnarchten. 83 Der Nachtwind fuͤhrte einen Wolkenzug auf den andern am Monde vorbei, welcher dieſen grauen Rieſen entgegen zu wandeln ſchien. Das Feld lag ſchauerlich in weiter Stille. Erwin, ungewiß wohin, ſchlug einen anſteigenden Weg ein. Den ho⸗ hen Bergruͤcken, welcher vor ihm lag, zu erreichen, duͤnkte ihn das beſte. Allein er ſah bald, daß auf dieſe Weiſe fortzukommen unmoͤglich ſei. Das Pferd hielt alle Augenblicke an, und wenn die Spo⸗ ren ihm wieder forthalfen, ſo ſchleppte es ſich faſt nur von einem Zuſammenbrechen ins andre fort. Er ſaß ab und fuͤhrte es am Zuͤgel, aber die Lang⸗ ſamkeit des lahmen Thiers hemmte ſogar ſeinen ei⸗ genen Schritt; und als ſich die Straße nun ſteiler an einem waldbewachſenen Huͤgel hinaufwand, da konnt' es nicht mehr. Zum Warten und Bedenken war hier keine Zeit. Sattel und Decke zuſammen⸗ geſchnuͤrt und mit Steinen belaſtet, verſenkte er in ein ſtehendes Waſſer; dann trieb er den muͤden Gaul abwaͤrts in niedriges Gebuͤſch, ſtand dort noch eine Weile bei ihm indem er ſeinen Hals umſchlun⸗ gen hielt; die Trennung von dem treuen Gefaͤhrten, der ihn mit ſeinen großen Augen wie bedauernd an⸗ ſah, that ihm unbeſchreiblich weh; eine Thraͤne 8⁴ ſchlich uͤber ſeine Wange herab. Nun riß er ſich los und eilte vorwaͤrts in den hoͤher liegenden Wald. Die Anfangs noch ziemlich breite Straße ſchrumpfte allmaͤhlich zum Fußpfad ein, der ſich bald ganz unter ſeinen Fuͤßen verlor. Nach vergeblichen Ver⸗ ſuchen, aus der finſtern Wildniß irgendwo heraus⸗ zudringen, ſiel er zuletzt erſchoͤpft an einen Baum⸗ Wie der Wind in den Zweigen, ſo arbeitete ein Gedankenſturm in ſeiner Seele.— So weit, ſo weit weg verſchlagen von Lebensgluͤck und Herzens⸗ frieden! Und in der Einſamkeit nur die Stimme des Gewiſſens unaufhorlich murmelnd an ſeinem Ohr; wie ein Schiffbruͤchiger, der ſich auf einem Brett zugleich mit ſeinem Todfeind an ein wuͤſtes Geſtade rettet. Was er erlebt hatte, duͤnkte ihn ſchon ſo lang her, und doch, wie anders war es vor wenig Tagen!— Der holde Schlaf, welcher alles ſtillt, kam endlich aus den rauſchenden Wip⸗ feln leiſe zwiſchen den Blättern herunter, und druͤckte ſeine Augen mit einem Kuſſe zu. Der fallende Regen weckte ihn. Es daͤmmerte ſchon. Er fuͤhlte ſich unbequem liegen, und ver⸗ mißte den Mantelſack, welchen er unter dem Kopfe gehabt hatte. Beim Umherſuchen fand er friſche 85 Spuren einer Viehheerde, welche nicht weit von ihm voruͤbergegangen war. Wahrſcheinlich hatten die Treiber den Schlummernden beraubt. So war er nun um das letzte gekommen, was er ſein nen⸗ nen durfte; etwas Waͤſche und einige Kleinigkeiten von Werth— freilich kein erſchrecklicher Verluſt, aber empfindlich genug in ſeiner gegenwaͤrtigen Lage.— Falſcher Schlaf! ſagte er, du ſchmeichel⸗ teſt mich ſo weich in deine Arme; und betrogſt mich auch, wie die andern ſogenannten Freunde. Aber war es deine Abſicht mir weh zu thun, ſo haſt du ſie nur ſchlecht erreicht; ein Diebſtahl kann mich nicht mehr kraͤnken. Die ſtaͤrker fallenden Tropfen erinnerten ihn, ein Obdach zu ſuchen, auch fuͤhlte er zum erſtenmal in ſeinem Leben, was Hunger ſei. Aber der Wald nahm kein Ende nach allen Seiten, und er ging auf gut Gluck einer Schlucht nach, die ſich zwiſchen den Baͤumen hinaufzog. Unter ſeinen mancherlei Paſſionen hatten die Fußreiſen niemals einen Platz gehabt. Jetzt fand er, daß bei näherer Bekanntfchaft dieſe Art vollends das unausſtehlichſte Ding von der Welt werde, und machte ſich bittere Vorwuͤrfc, ſei— nen Braunen ſo uͤberſchnell verlaſſen zu haben. Und 856 konnte gleich der, welcher einen fuͤrſtlichen Günſtling umgebracht hatte, auf eine ernſthafte Verfolgung wohl rechnen, ſo wollte er doch ſeine bisherige Haſt und Furcht ſchon eine uͤbereilte Thorheit ſchelten. Der naͤchſte Augenblick belehrte ihn, daß er einmal wieder Unrecht hatte. Das Gebuͤſch wurde lichter; nach beſchwerlichem Flettern gegen glatte Raſen⸗ waͤnde hatte er eine hoch gelegene Flaͤche erreicht, an deren Rande der Wald ploͤtzlich aufzuhoͤren ſchien. unter den einzelnen Baͤumen hindurch ſah er ſchon die grauen Maſſen ferner Berge; dort vor ihm alſo mußte der huͤgelichte Boden, auf dem er ging, ſich ſchroff in einen Abgrund ſtuͤrzen. Um das zu unter⸗ ſuchen wollte er eben durch ein verworrnes Dickicht von rankendem Geſtraͤuch und wilden Roſen hinaus⸗ brechen, als er unter ſich den Hufſchlag eines Pfer⸗ des und zwei lebhafte Stimmen hoͤrte. Vorſichtig bog er die Zweige aus einander und blickte in einen Hohlweg, wo ein Landdragoner ſeine Examinirkunſt an einem Schaͤfer, doch mit wenig Erfolg, verſuchte— denn der Alte antwortete auf jede Frage: Nein, ich habe ſo keinen geſehen.— Nun, ſagte der Dra⸗ goner, ſo paß auf, du weißt jetzt Beſcheid; ein junger flinker Kerl, er reitet einen Braunen, hat — 87 eine Kappe auf, und gibt ſich fuͤr einen Roßkamm aus.— Ich hab' ihn nicht geſehn, brummte der Alte.— Wenn du ihn aber ſiehſt und mir Nach⸗ richt bringſt, ſo iſt dein Gluͤck gemacht. Kriegen wir ihn, ſo theilen wir die Praͤmie, deine Tochter wird die reichſte Dirn im Dorf und hat Morgen einen Mann. Ich will jetzt nach der Muͤhle hin⸗ unter, zu Mittag bin ich am Schloßberg und den Abend auf der Eiſenhuͤtte.— Er ritt den Hohlweg abwaͤrts, der Schaͤfer folgte ſeiner Heerde, die zwiſchen den Steinen heraufweidete; Erwin blieb ſitzen und uͤberdachte den Fall. Daß hier von ihm die Rede geweſen, hatte keinen Zweifel. Er fuͤhlte großen Reſpect vor der prompten Polizei, und nicht die geringſte Neigung, ihre Wirkung naͤher zu er⸗ fahren. Das Lerrain ſchien zum Ausweichen nicht unguͤnſtig. Jenſeit des Hohlwegs hob ſich die ganze Gegend ſoweit das Auge ſehen konnte, auf vielfach hintereinander geſchobenen, durch Waldſchluchten und Bergwaſſer getrennten Ruͤcken bis zu den kah⸗ len Felſenkuppen des hoͤchſten Gebirges hinan. Fuͤr jede im Leben einzuſchlagende Richtung iſt es offen⸗ bar der ſicherſte Fingerzeig, wenn man nur erſt die Seite weiß, vor welcher man ſich zu huͤten hat 88 Der Dragoner und der Schaͤfer ſollten die Ausſteuer, wofuͤr ſie ihn ſchon verkauſt hatten, nicht ſo leicht verdienen. Sobald ſich die Heerde tiefer in den Wald verloren, ſuchte er den naͤchſten Weg durch die Dornen hinunter, und druͤben die oͤdeſten Pfade, auf denen er ſich ſo ſchnell als moͤglich aus der Gegend des Hohlwegs entfernte.— In die Länge jedoch fuͤhlte er, ſei dies blinde bahn- und zielloſe Wandern nicht fortzuſetzen; auch konnte er nicht alle Menſchenwohnungen vermeiden, der guaͤlende Hunger zwang ihn ſogar, welche aufzuſuchen. In der einſamen Huͤtte eines Holzknechtes kaufte er etwas Brod von einer guten alten Frau, welche ihm noch einen erquickenden Trunk auf den Weg gab. Mit der Abſicht, das Gebirg zu uͤberſteigen, klet⸗ terte er lauter ſteile, naßglitſchige Staffeln, welche, oft eigentlich nur fuͤr Ziegen gangbar, gradan über Bergweiden und ſchwindlichte Abgrundsſtege fuͤhr⸗ ten. Der ſpruͤhende Strichregen verwandelte ſich in ein anhaltend heftiges Gießen. An einen uͤberhän⸗ genden Felſen gedruͤckt, hatte er Muße genug, dem Zug der Wolken und ſeinem eigenen nachzuſinnen. Wäre nicht das blutige Geſpenſt immer wieder zwi⸗ ſchen ſeine Gedanken hineingetreten, ſo haͤtte viel⸗ 89 leicht eine Ueberlegung zu Stande kommen moͤgen. Wenn er ſich aber fortdauernd wie ein kaum halber Menſch an Begriffen und Sinnen betrug, ſo ge⸗ reichte ihm gewiß vieles zur Entſchuldigung. Wer gewoͤhnt ſich denn leicht an den Verluſt aller Beſiß⸗ thuͤmer und Hoffnungen? Wer an das Bewußtſein des erſten Mordes und eines Mordes am Bluts⸗ vetwandten?— und wem geht nicht eine Weile wenigſtens der Kopf bei dem Gedanken um, das Alles verſchuldet, durch die Fehlgriffe der Vergangen⸗ heit auch alle Entwickelungen der Zukunft vernichtet zu haben?— Denn was bot ihm dieſe zunaͤchſt und fur die Folge?— Entkam er der Verhaftung, wie ſchutzte er ſich vor Mangel? Seinkleiner Geld⸗ vorrath wollte bald ein Ende nehnen; und er hatte nicht gelernt, nur einen Groſchen zu erwerben.— Durfte er ſeinem Vater unter die Augen treten? Viel lieber hatte er ſich augenblicklich ſeinen Verfol⸗ gern ausgeliefert.— O vorwaͤrts war der Blick traurig; aber ruckwaͤrts gar!— Wo Valeriens Geſtalt alles Verſcheuchens, ungeachtet ſich ſtets hinter dem erſchlagenen Vetter wieder hervordraͤngte, eine Thraͤne auf die bleiche Stirn des Juͤnglings fallen ließ, der fuͤr ſie geſtorben war, und dem Moͤrder 90 ſeiner Jugend und ihrer Ehre einen Blick zublitzte! — Es war ſchrecklich, dahin zu ſehen.— Vorwaͤrts! Vorwaͤrts!— Wie dumpf es vorn auch herauf⸗ qualmt, dort hinten iſt der Himmel mit allen Ster⸗ nen weggebrannt. Die Sonne verſank unter dickem Gewoͤlk; die Nacht wandelte ſich in grauen Morgen und wieder Nacht und Tag, und ewig langweiligen Wechſel des Nämlichen; waͤhrend auch Erwin auf die naͤmliche Weiſe ſeine Irrfahrt fortſetzte. Hatten muͤhſelige Tagemaͤrſche ihn ganz erſchoͤpft, ſo ward er Abends in geringen Herbergen ſchlecht, ja argwohniſch, auf⸗ genommen, und zu gemeiner Geſellſchaft verwieſen. — Das halte der Teufel aus! ſagte er; ſo hab' ich es nicht verdient. War der trotzige Vetter mein Vorgeſetzter? Mußte ich mir ſeinen Angriff gefallen laſſen?— Gewehrt hab' ich mich um meine Ehre! Was weiter!— Bin ich darum ein verworfener Menſch, der wie ein Strauchdieb umherirren, vor jedem Amtsboten erſchrecken muß?— Er dachte nur ungern an Serravgl; doch beſchloß er, ihm Antwort abzuwarten, welche ſeine weitern Entſchlieſ— zu ſchreiben, und in der naͤchſten kleinen Stadt die. ſungen leiten ſollte. 91 Er kam nicht dahin. Die ungewohnten Anſtren⸗ gungen und Entbehrungen, denen ſolch ein Be⸗ quemling nicht gewachſen ſein konnte, hatten ſeine Kraͤfte aufgezehrt, ja ſeine Geſundheit erſchuttert. Niedergeſchlagen und matt quaͤlte er ſich durch das Gebirge, und kam auf der jenſeitigen Abſenkung in ein kleines Dorf, wo eben die Leute aus der Kirche gingen. Die Sonne ſchien warm durch das falbgruͤne Laub, auf Felder, wo noch ungemaͤhtes Getreide, auf andre, wo es ſchon in Hocken ſtand; die weißen Haͤuſer lagen an einem luſtigen Bach den Huͤgel hinunter bis in die ſchoͤnen Wieſengruͤnde einer breiten Thalflaͤche. Erwin ſaß auf einem Maäuerchen am Wege, ſah die heitere Landſchaft und die reinlich gekleidete Gemeinde, waͤhrend die letzten Orgel- und Geſangestoͤne aus der kleinen Kirche alle Wehmuth in ſeinem Herzen mit Gewalt aufruͤhrten, daß ihm die Bruſt eng und das Auge feucht wurde. Um ihn her war alles ſo hell, friſch und feſtlich mit einander, und er dabei ſo fremd und ſo verloren.— Der Kopf ſank ihm ſchwer auf die Bruſt; und von nun wußte er nicht, ob das, was ſich außer ihm zu begeben ſchien, mehr als ein inneres Traumbild waͤre.— Einzelne Kirchgaͤnger, 92 welche im Vorbeigehen von der ſchoͤnen Predigt des alten Pfarrers uͤber den barmherzigen Samari⸗ ter ſprachen; andere, welche bei ihm ſtehen blieben, und zu einander ſagten: ſieh, wie blaß der arme Menſch ausſieht, laß ihn zufrieden, er ſchlaͤft; zuletzt ein ehrwurdiger blinder Geiſtlicher, gefuͤhrt von einer eben ſo betagten fromm blickenden Frau, welche anhielt, die Umſtehenden fragte, und dem Alten dann erzaͤhlte: es liege da ein fremder Menſch, jung und von Anſehen wie rechtlicher Leute Kind, aber krank und ohne Bewußtſein, komme wohl weit her, denn ſein Fußwerk ſei ganz abgenutzt;— eine andre Stimme darauf: was mit dem Fremden anzufangen ſei?— und der blinde Pfarrer hingegen mit freundlichem Ernſt: So fragte der barmherzige Samariter nicht, ſondern er ging zu ihm, verband ihm ſeine Wunden, goß drein Hel und Wein und hob ihn auf ſein Thier, und fuͤhrte ihn in die Herberge und pflegte ſeiner. Laßt uns ein Gleiches thun.— Da war es Erwin, als ob er aufgehoben und fortgetragen wuͤrde. Dann ſchwanden ihm die Sinne ganz, und er wußte lange nichts von ſich.„ 93 Sein Erwachen war ſeltſam. In einem heitern Zimmer lag er auf einem reinlichen Bette, neben welchem eine alte Frau ſaß, die ihm bekannt vor⸗ kam. Gott ſei Dank! ſagte ſie, als er die Augen aufſchlug. Durch ein, von Weinlaub umranktes Fenſter, ſeinem Lager gegenuͤber, ſah er am Him— mel ein mildes Abendroth und hielt es fuͤr Morgen⸗ ſchimmer. Er glaubte, aus muͤhſeligem Wachen in einen troſtreich friedlichen Traum zu fallen, bis ihn das allmaͤhlige Aufhellen der Beſinnung vom Gegentheil uͤberseugte. Ein ſilberlockigter, ſchwarz⸗ gekleideter Greis, den er auch ſchon fruͤher geſehn haben wollte, trat heran und forſchte, wie es ihm gehe. Wo bin ich? fragte Erwin, indem er ſich aufzurichten ſuchte. In guten Haͤnden, war die Antwort der Frau, aber haltet Euch ruhig, Ihr ſeid gewiß noch ſehr ſchwach; der Doctor wird gleich hier ſein und ſich freuen, daß es ſo weit iſt. Areneiglaͤſer auf dem Liſch und andre Anſtalten belehrten ihn, daß hier eine Krankenſtube voͤllig eingerichtet ſei; wie er aber da hineingekommen, wußte er nicht zuſammen zu bringen. Bei aufmerk⸗ ſamer Betrachtung entdeckte er ein Paar ganz blinde Augen in dem Geſichte des alten Mannes. Dieſer 94⁴ ſagte: Das war ein hartnaͤckiger Parorysmus; und verſetzte auf Erwins wiederholte Frage, wo er ſei, und ob er ſchon lang hier liege:— ſeit fuͤnf Tagen; wir zweifelten bereits, ob Ihr je zu Euch kommen wuͤrdet, aber der Arzt ſagte es wohl, daß heute die Wuth des Fiebers nachlaſſen muͤßte. Mit der Alten, welche das Zimmer verlaſſen hatte, trat ein Mann von geſetztem Anſehn herein, welcher ſich durch Fragen und Pulsfuͤhlen als Arzt bezeigte, Ruhe verordnete, baldige Herſtellung ver⸗ hieß, und geſchaͤftig wieder fortging. Nach einer Weile folgten ihm die beiden Alten.— Matte Lampendaͤmmerung floß an die einfachen Waͤnde. Erwin lag hinbruͤtend; das halbklare Bewußtſein verſchwebte in ein Gewuͤhl aͤngſtlicher Traͤume, die mit ihrem Schaffen und Weben nicht fertig werden konnten. Von ſchroffen Nebelklippen neigte ſich ein ſchoͤnes blaſſes Antlitz zu ihm nieder; drohende Ge— ſtalten fuhren dazwiſchen, und ſchwankten ausein⸗ ander in ein graues brauſendes Meer, deſſen Wel⸗ len mit verzerrten Geſichtern und ſchneidenden Jam⸗ mertonen hinter ihm drein ſchlugen. Nun verſank Alles, und der Schlaf wiegte die Nacht auf ſeinen ſanften Fittichen. 95 Der Morgen fand ihn hell und munter; er durfte aufſtehen, zum Weitergehen jedoch war er noch viel zu kraftlos; und gewiß, es ward ihm nicht ſchwer, ſich in die Nothwendigkeit des Blei— bens zu ergeben. Die ſtarre Dumpfheit ſeines Ge⸗ muͤths fing an ſich wieder zu loͤſen, und der Friede dieſes Hauſes kam uͤber ihn. Mit Ruͤhrung ſah er, was das fromme Ehepaar an ihm gethan hatte. Nur davon ſtill, verſetzte der Alte, als er dieſem ſeinen Dank bezeugen wollte. Die Gelegenheit, unſre Pflicht zu thun, wartet auf uns an allen Wegen; man muß ſie nur ſehn wollen. Ich frei⸗ lich muß aufmerkſamer mit dem geiſtigen Auge ſein als ein Andrer, da mir das leibliche Geſicht fehlt. Aber meine Frau ſieht fuͤr uns beide; und ihr entgeht nicht leicht ein Huͤlfsbeduͤrftiger. Er— win fuͤhlte ſich bald einheimiſch bei den guten Leu⸗ ten, welche mit der treuherzigſten Achtſamkeit um ihn beſorgt waren. Die Mutter erzaͤhlte, wie man ihn gefunden hatte. Aber, ſetzte ſie hinzu, in Eu⸗ rem Fieber habt Ihr läſterliche Worte geſpro⸗ chen. Gott wird Euch die ſinnloſen Reden zwar nicht anrechnen; indeſſen— Sie hielt ein, und er fuͤhlte, was die feine Empfindung ihr zu verſchwei⸗ gen gebot. Mit keiner Sylbe wurde nach ſeinem Namen und ſeiner Herkunft gefragt. Das wun⸗ derte und guaͤlte ihn zugleich. Hatte er nicht die Verpflichtung, ſeinen Wohlthaͤtern zu entdecken, an welchen Unwurdigen ſie ihre Menſchenfreundlichkeit verſchwendeten? Und mußte die Kunde davon ſie nicht betruͤben? Er ward auf eine uͤberraſchende Weiſe dieſer Sorge los. Der geſpraͤchige Alte erzaͤhlte von ſeiner einfachen Lebensart, und wie er das Ungluͤck gehabt, nach einer ſchweren Krank⸗ heit ſein Geſicht zu verlieren. Cott war mir aber gnaͤdig in der Truͤbſal, und ſtarkte mich, ſein hei⸗ liges Wort auch aus meiner Dunkelheit zu ver⸗ kuͤnden, und, ſelbſt ein Blinder, doch Andern das Licht der Wahrheit zu zeigen. Meine Vorgeſetzten und meine Beichtkinder ſind voͤllig mit mir zufrie⸗ den, mehr vielleicht als ich es verdiene.— Er ver⸗ breitete ſich mit Lob uͤber ſeine Gemeinde. Sie ſind in ihrer Armuth froͤhlich, ſagte er, wenn gleich die Zeiten fuͤr Handel und Erwerb ſchlecht ſind. Denn Ihr ſollt wiſſen, daß hier kein Acker⸗ bau getrieben wird. Eigentliche Bauern hat es kaum zehn im ganzen Dorf. Die Meiſten ſind We⸗ ber, Uhrmacher, Steinſchleifer, die fuͤr die Fabrik⸗ 97 herrn in der Stadt arbeiten muͤſſen. Wenn Ihr Euer Werk tüͤchtig verſteht, ſo moͤgt Ihr vielleicht ein Unterkommen finden; es ſind kuͤrzlich mehrere Geſellen in die Fremde gegangen. Erwin begriff dieſe Rede nicht. Die Frau laͤchelte uͤber ſein Erſtaunen, und ſagte: Ihr wer⸗ det uns fuͤr neugierig und unbeſcheiden halten, aber wir ſind nur durch einen Zufall mit eurem Namen und eurer Profeſſion bekannt worden. Als wir Euch hereintrugen, fielen einige Papiere aus eurer Brieftaſche. Weil es Gedrucktes war, glaubte ich, hinein ſehn zu duͤrfen, da fand ich den Paß und Eure Kundſchaft als Uhrmachergeſelle. Vor mehreren Monaten hatte Erwin durch eine ſchnell um ſich freſſende Epidemie plotzlich einen Bedienten verloren, der fruher auf dies Handwerk umhergezogen war. Bei'm Dienſtantritt bat Jener ſeinen Herrn, ihm dieſe Papiere zu verwahren, welche dann in der Brieftaſche ihren Platz gefunden und ruhig bis zu dem Augenblick behalten hatten, wo ſie die gute Frau Paſtorin in Verſuchung, und in den groͤßten aber verzeilichſten Irrthum fuͤhrten. Wie das anſcheinend Gleichgultige, laͤngſt Ver⸗ geſſene, ſich uns ſpaͤterhin als merkwuͤrdig, ja als 7 98 hoͤchſt wichtig darſtellt, wo wir es am wenigſten erwarteten! Erwin ließ das Spiel des Zufalls gelten, wo⸗ durch ihm ohne ſein Wiſſen und Mitwirken die Maske eines fremden Namens aufgeheftet worden war. um jedoch andere, noch ſchlimmere Verle⸗ genheiten abzuſchneiden, warf er jenen Vorſchlag weit weg, indem er ſagte: Meines Bleibens kann hier nicht ſein; ich bin ein Ungluͤcklicher, welchen ſein widriges Schickſal in die Ferne treibt. Widriges Schickſal? Haſt du es nicht verſchul⸗ det, mein Sohn, ſo preiſe Gott dafuͤr, ſagte der Alte; Ungluck iſt die kraͤftigſte Wuͤrze des Lebens. Sie ſchmeckt verdammt elend, und ich glaube nicht, daß Jemanden danach geluͤſtet. Doch kann ſie keiner entbehren, und es iſt auch dafuͤr geſorgt, daß Jeder ſein Theil bekomme. Dennoch glauben die kurzſichtigen Menſchen, Gluͤck ſei die Beſtimmung des Lebens!— Ich habe meine langen Jahre hindurch gleichſam nur von Leiden und Entſagungen gelebt. Dies Haar war ſchon weiß, und dies Auge ſchon dunkel, als mir auch mein einziger Sohn noch ſtarb.— Aber es iſt gut ſo; er lebt im Herrn.— Wer im Waſſer liegt, 99 der lernt die Arme gebrauchen; wen das Schickſal anpackt, der lernt beten und ringen.— Thraͤnen⸗ reiche Maͤnner ſind gut, ſagte ſchon der Altvater Homer, und das Wort bewaͤhrt ſich noch am heutigen Tage. Erwin fand wenig Geſchmack an dieſer Erge⸗ bungslehre. Aus allem aber, was er in dieſem Hauſe des Friedens ſah, wie aus der Art, auf welche er in daſſelbe gekommen, ging klar hervor, daß man nicht bloß mit ſchoͤnen Worten Staat machte. Heitere Froͤmmigkeit und thaͤtige Liebe wa⸗ ren die Seele jeder Handlung. Nichts verzerrt und aufgeſchminkt, alles reine Sittlichkeit, hell, warm und natuͤrlich wie ein ſchoͤner Morgenhimmel. Er fing an zu ahnden, daß es andre und hoͤhere Gott⸗ heiten gebe, als die, vor welchen er bisher gekniet und geopfert hatte. In der Stille dieſer Umgebun⸗ gen ging er nun mit ſich zu Rathe uͤber ſein kuͤnfti⸗ ges Leben. Vorlaͤufig war das ein irrer Blick in eine Nebelgegend, wo er vor ſich gar nichts, und hinter ſich einzelne Geſtalten nur wie Geſpenſter erblickte. unwuͤrdig und, bei aller Trubſal, lächerlich ſo— gar kam es ihm vor, umherzurennen wie ein ſcheu⸗ es Wild, das nicht wiſſen kann, von welcher Seite die Jagd ihm auf den Hals kommt. Aber freilich, der Furſt hatte ſich bei einer kurs vorher⸗ gegangenen Duellgeſchichte unerbittlich ſtreng gezeigt, und Erwin konnte von deſſen Erbitterung ͤber den Tod ſeines Guͤnſtlings die haͤrteſte Verfolgung, ſchimpfliche Haft und ſchweres Gericht erwarten. Daß auch ſeinen Vater, welcher des Entflohenen Eigenthum verwaltete, die uͤbelſten Folgen treffen koͤnnten, mogte er nur mit Schrecken, doch mußte er es denken. Wie hatte er Valerien verlaſſen! — Das alles war ſo hoͤllenſchwarz; und welcher Abſtich gegen ſeinen troſtloſen Unfrieden die ſanfte Ruhe auſſer ihm! Im Schatten maͤchtiger Nußbaͤume, welche das Dach uͤberwolbten, ſaß er mit dem wurdigen Ehe⸗ paar vor dem Pfarrhauſe, den Blick verloren in des Thals anheimelnde Windungen. Der Schulz des Dorfs geſellte ſich zu ihnen, und erzaͤhlte von einer Streife, welche nach entflohenen Conſcribirten ge⸗ halten werden ſollte. Man weiß, ſagte er, daß ſie im Gebirg ſtecken; wir gehen ungern daran, aber noch in dieſer Woche kommt eine Gensdarmenbri⸗ gade, und dann werden die Bauerſchaſten aufge⸗ „ 101 boten; der Amtmann hat mich im Voraus etwas merken laſſen. Erwin verſtand den Blick, womit er ihn anſah; und obgleich die angedeutete Ver⸗ muthung bei ihm nicht zutraf, ſo fuͤhlte er doch, daß er fort muͤßte. Den Gensdarmen, welche in jedem Wanderer einen Ausreißer witterten, mog⸗ ten ſeine Papiere ſchwerlich ſo vollſtaͤndig genugen, als der glaͤubigen Pfarrerin; jeden Augenblick konnte er eine wirkliche Entdeckung zu fuͤrchten ha⸗ ben. Durfte er den Frieden dieſes Aſyls vernich⸗ ten?— Ich bin wie ein Mordbrand, ſagte er bei ſich, von einem Boͤſewicht unter ein niedriges Huͤt⸗ tendach geſteckt; der Hausvater ſchließt ſein Abend⸗ gebet mit freudigem Dank fuͤr die gluͤcklich heim⸗ gebrachte Erndte, und legt ſich getroſt nieder, waͤh⸗ rend es im Stroh ſchon glimmt und raucht. Er fuͤhlte ſich ſtark genug. Der Dorfwaͤchter rief am Kirchhof Mitternacht, als er zum heimlichen Abmarſch fertig war. Eine unangenehme Empfin⸗ dung uͤbermannte ihn beim Anziehen der plumpen Schuhe, womit ein braver Landſchuſter ſich bemuͤht hatte, ſeine Fuͤße zu verunſtalten. Er dachte ſeuf⸗ zend an ſeine ehemalige Eleganz und wie das alles ſich ändern muͤſſe. Da kniff ihn der Daͤmon 102 der Eitelkeit heftig in's Ohr. In die Bibel, welch auf dem Liſche lag, ſteckte er einen Abſchiedsbrief voll der innigſten Dankſagungen; und ein Papier mit zwei Goldſtucken und der Aufſchrift: Fuͤr meinen Arzt.— Was ſie wohl denken werden, ſagte er, indem er zum Fenſter hinausſtieg; und ging mit dem troͤſtenden Bewußtſein uͤber den Hof, den Huͤgel hinab: daß man den raͤthſelhaften Fremdling doch fuͤr etwas anders als einen Uhrmachergeſellen halten und noch lang von ihm reden werde. 17. Das liebe Friedensdorf, deſſen er fortan nur in wehmuͤthiger Sehnſucht gedenken konnte, lag ſchon Tage weit hinter ihm. Stets auf Abwegen irrte er ohne feſtes Ziel, doch nach einer beſtimmten Richtung fort. Deutſchlands kunſtreiche Zertheilung in ſo viele kleine Laͤnder war ihm nicht minder unbequem, als den Staatskoͤrpern ſelbſt, welche in den Schnuͤrlei⸗ bern ihrer knappen Graͤnzen oͤfter ſtohnten als freien Odem ſchoͤpften. Hatte er einen Hoheitspfahl gluͤck⸗ lich umgangen, ſo drohte ihm zur Seite mit neuen Farben und Viſitationsanſtalten ſchon wieder ein an⸗ drer, abermals zu beſeitigen. Fuͤr dieſen Zweck hat⸗ 103 ten ihm die Waldſtriche der Gegend, worin er ſich befand, ſo paſſend geſchienen, daß er kaum wieder herausfinden konnte. So wanderte er ſchon ſeit Tages Anbruch in einem Forſt von unabſehbarer Ausdehnung. Es war ſchwuͤl. Weiße Wolkenberge, die am Morgenhimmel auf⸗ geſtanden waren, zogen nun als graue Wettermaſſen heruͤber und ſchatteten ein ahndungsvolles Dunkel in die ſchauerliche Wildniß. Er ſtand und lauſchte. Es donnerte fernher. Aber die Einſamkeit durch den weiten Wald, Stamm hinter Stamm in gruͤne Nacht und zweifelhafte Schatten wegdaͤmmernd, war ſo ſtill, daß er ſelber kaum zu athmen wagte. Am gan⸗ zen Gebuͤſch umher ruͤhrte ſich kein Blatt, nur die oberſten Wipfel ſpielten in der freieren Luft, unterm Gerieſel leiſer Regentropfen, welche aber durchs Laub nicht herunterkamen. Einmal hoͤrte er tief im Holze den Specht hacken; einmal ſtrich unter den haͤn⸗ genden Zweigen durch ein Vogel an ihm vorbei, und einmal rauſchte es hinter ihm, als braͤche ein Hirſch durch den jungen Aufſchlag. Waͤhrend er langſam fortſchritt, erblickte er ſeit⸗ waͤrts in einem tieferen Grunde ein junges Maͤdchen, welches mit einer Tracht Holz durch die Straͤuche 104 daher ſchlich. Von einer ſtarken Eiche verdeckt ließ er ſie naͤher kommen, ſah ein friſches ungemein lieb⸗ liches Geſicht, und wartete, ob ſich hier vielleicht ein luſtiges Waldabentheuer anknuͤpfen moͤgte. Ein ernſt⸗ haftes erfolgte. Denn vloͤtzlich trat aus dem Dickicht ein gruͤn gekleideter Mann ihr mit der barſchen Frage in den Weg: Woher mit dem Holz, und wohin? — Erſchrocken ließ ſie ihre Buͤrde fallen: Ach, Herr Foͤrſter, es iſt wahrhaftig nicht geſtohlen; der Holsknecht hat mir Erlaubniß gegeben.— Dummes Gewaͤſch! Iſt heute denn Leſetag? Oder haſt du einen Holszettel?— Der Wertner ſagte, er wollte es ſchon bei Ihnen verantworten!— Er hat nichts zu erlauben und zu verantworten. Wart, diesmal kommſt du mir nicht ſo weg.— und meine Mutter iſt krank; ach, Herr Forſter, erbarmen Sie ſich!— Verdammte Hexe, meinſt du, ich wuͤßte nicht, daß du mit dem Wertner zuhältſt? Auf der Stelle mir wenigſtens zehn Kuͤſſe, oder die Jungfer kommt in den Frohnkeller und der Holzknecht vom Dienſt!— Er packte ſie um den ſchlanken Leib; ſie bat und ſtraͤubte ſich; ihr Ringen und Widerſtreben in ſeinen Armen reizte ihn zu verwegenerm Angriff; ein jam⸗ merliches Huͤlfgeſchrei war ihre einzige Waffe. Er⸗ 105 win hielt es nicht laͤnger aus. Mit einem Sprung war er an dem Foͤrſter, und ſchleuderte ihn zur Seite. Dieſer zog fluchend den Hirſchfaͤnger; aber zwei blitz— ſchnelle Streiche von Erwins ſchwerem Knotenſtock belehrten ihn, daß hier mit Drohen nichts geſchafft werde. Jetzt wollte er ernſthaft zuhauen, aber im Augenblick hatte er einen Schlag an den Kopf, daß ihm das Sehen verging. Er taumelte um, das Blut ſtrich an der Stirn herunter, der eiſerne Beſchlag hatte ihn getroffen.— Erwin erſchrak, als er ihn ſo blaß da liegen ſah. Das Maͤdchen war entſprun⸗ gen. Vergebens ſuchte er nach einer Quelle, ſeinem Gegner die Schlaͤfe zu waſchen. Er kehrte zuruͤck zu ihm, wollt' ihn aufrichten, aber da war keine Be⸗ ſinnung; das ganze Geſicht uͤberblutet. Doch ſchien die Wunde minder bedeutend, als die Betaͤubung. Er hemmte den Blutſtrom durch Moos und Verband mit einem Luche; horchte nach dem Athemzug. Alles ſtill. Da krachte ein furchtbarer Donnerſchlag uͤber den Wald hin. Gleich darauf glaubte er Stimmen zu hoͤren. Verloren war er, fand man ihn bei dem Todten. Halb bewußtlos ſtuͤrzte er durchs Gebuͤſch; ihm war, als liefen alle Baͤume mit und hinter drein. So kam er zum Wald hinaus. Nachzuden⸗ 106 ken uͤber das Geſchehene hatte er keine Zeit, denn vor ihm ſtand ein Haus in hellen Flammen.— Er war der Erſte bei dem Feuer; im brennenden Hauſe kein Menſch. Mit Muͤhe brachte er ein Pferd her⸗ aus. Das Dach ſtuͤrzte eben zuſammen, als uͤber's Feld her ein Trupp Bauern gelaufen kam. Die Rettungsmittel, welche ſie mitbrachten, beſtanden in einem Feuerhaken, und einigen Eimern, mit de⸗ nen aber nichts zu ſchoͤpfen war, da der Brunnen vertrocknet ſtand. Stroh, Dachſparren, Waͤnde, Hausgeraͤth— alles flammte in einer Lohe weg. Man begnuͤgte ſich, durch die Fenſteroͤffnungen die Zerſtoͤrung des Innern anzugaffen; und als die Sonne ſank, lag das Haus in Schutt und Aſche.— Das ſchadet dem Forſter nichts, ſagte einer aus der Menge.— Warum ſchindet er uns Bauern ſo! Da hat er nun ſeinen Lohn.— Einem Foͤrſter ge⸗ hoͤrt das Haus? fragte Erwin, und war von dem Augenblick feſt uͤberzeugt, es werde kein anderer ſein, als der, welchen er ſo elend zugerichtet hatte. Wie merkwuͤrdig ihm dies nun auch vorkam, ſo hielt er es deſto eher gerathen, ſich zu entfernen. Als er eben dazu ſchreiten wollte, ſagte der Bauervogt zu ihm, er ſei der erſte auf dem Platz geweſen, und —— 107 muͤſſe deshalb mit zum Amt, die Anzeige davon zu thun. Die geringſte Weigerung hatte ihn verdaͤchtig ge⸗ macht. Er ging mit, indem er heimlich den Tag und den ungluͤcklichen Weg verfluchte, der ihn zu dieſer Begebenheit gefuͤhrt hatte.— Der Amtmann war ausgeritten; es blieb nichts uͤbrig, als ſeine Heimkunft abzuwarten. Dergleichen geſchieht auf dem Dorfe im Wirthshauſe, und Erwin mußte den Bauern nach der elenden Kneipe folgen. Fetzt fing ſogleich bei Bier und Taback die gruͤnd⸗ liche Eroͤrterung der Brandgeſchichte an. Jeder ſuchte ausfuͤhrlich darzuthun, wie, wo und wann er das Feuer zuerſt geſehn, was er dabei gedacht und geſagt habe. Aber keiner brachte ſeine Erzaͤhlung zu Ende, denn der Nachbar wußt' es immer anders und beſſer. Der Dorſſchmidt, ein gereiſter Mann und folglich der Kluͤgſte, behielt das große Wort. Er wußte genau anzugeben, auf welche Art in den Hauptſtaͤdten ſeiner Wanderſchaft bei Feuersnoth Sturm gelaͤutet wuͤrde, und machte die Glocke mit ſeinem Bierbaß zur Erbauung der Umherſitzenden, welche mit offenen Maͤulern zuhoͤrten, und bei jeder neuen Geſchichte die Pfeifen von neuem anzuͤndeten. Zuletzt kam ein alter Bauer an die Rede: Der Foͤr⸗ 108 ſter, ſagte er, taugt freilich nicht viel, aber es iſt doch auch, als wenn das ungluck vor ſeiner Thuͤr Schild⸗ wache ſtaͤnde; und wie er was dummes macht, kommt's herein. Vor einem Vierteljahr wirft er ſei⸗ nen alten Vater aus dem Hauſe; acht Tage darauf fallen ihm ſeine beiden Kuͤhe. Geſtern laͤßt er ſich von ſeiner Frau ſcheiden, nachdem er all ihr Einge⸗ brachtes verſoffen und verſpielt hat; und heute brennt ihm der Teufel das Haus ab.— Vielleicht auch der liebe Gott, ſagte ein Andrer.— Nein, verſetzte der Alte, vom Blitz war es nicht, denn die Flamme ſchlug von unten heraus.— Schnack, ſagte ein Dritter, das Strohdach ſiel ja zuerſt herunter.— Selbſt ein Strohdach! brummte der Vierte, ich ſagt' es gleich, wie der ſchwere Schlag kam; Rack! ging's; da ſagt' ich zu meiner Frau: Grete ſagt' ich, gieb man Paß, das hat eingefeuert; da kam der Dampf auch ſchon uͤber's Holz heraus. Der Lands⸗ mann, ruͤckte einer auf Erwin los und paffte ihm eine Wolke Kneller in den Hals, der wird's am be⸗ ſten wiſſen; wie war's?— Erwin erzaͤhlte zum ſechstenmal, wie er es angetroffen hatte; und jeder machte einen Commentar dazu. Der Schmidt aͤr⸗ gerte ſich, daß man ſeine Meinung nicht vor — — 109 allen begehrt hatte, und drehte das Geſpraͤch, in⸗ dem er ſagte: ja, was macht es dem Foͤrſter am Ende viel? Das bischen Hausgeraͤth hat er verſi⸗ chert, und das Haus gehoͤrt der Herrſchaft. Die muß es ihm wieder aufbauen, und die Gemeinde muß die Frohnfuhren dazu thun.— Und verdie⸗ nen thut Niemand was dabei als die Maurer und die Schmiede, kraͤchzte der langnaſige Weber, der bisher den Mund nicht aufgethan hatte. Dagegen haben wir einen Brandſchaden mehr zu bezahlen, und noch dazu ein Herrſchafthaus, das hoͤher ver⸗ ſichert wird, als die andern.— Das ſollte gar nicht ſein, ſchnarrte der Faßbinder; wir kriegen nur zwei Drittel verguͤtet, und die Herrſchaft bekommt das Volle. Aber der Bauer wird allenthalben ge⸗ druͤckt, und die Großen thun, was ihnen beliebt.— Ja, es iſt eine ſchlechte Zeit, murmelte der dachs⸗ beinige Schneider, indem er ſein Kaͤſegeſicht mit den Haͤnden unter'm Kinn auf den Deckel eines Bierkrugs ſtuͤtzte, und durch den Tabacksqualm an⸗ zuſehen war, wie ein auf einen Schachteldeckel ge⸗ malter Vollmond. Mit dieſem Worte hatte er das große Triebrad aller Geſpraͤche in Umſchwung gebracht. Die Re⸗ 110 gierung und die Regierenden wurden fuͤr unertraͤg⸗ lich erklaͤrt, vom Koͤnig an bis auf den Chauſſee⸗ einnehmer herunter. Nur vom Amtmann und vom Bauervogt wurde nichts geſagt, weil der letztere zugegen war. Dieſer bewies ihnen dagegen, daß ſie dumme Leufel waͤren, und von Staatsſachen nie⸗ mand mitſprechen koͤnne, der nicht irgend ein Staats⸗ ruder in Haͤnden habe, wie z. E. ein Bauervogt. Das wollte der Schulmeiſter nicht zugeben, der ſogar Latein verſtand, von der Feuersbrunſt ſchon ein paar⸗ mal geſagt hatte: wir Lateiner ſagen incendium! und der ſeinen Haſelſzepter hoͤher ſtellte als alle Staatsruder in der Welt. Der Zank zwiſchen bei⸗ den machte Parteien; die Koͤpfe erhitzten ſich, ſchon wurde mit den Bierkroͤgen auf den Liſch geſchla— gen, und Alles gewann ein ernſthaftes Anſehen. Da ging die Thuͤr auf, und der Foͤrſter mit ver⸗ bundenem Kopfe trat in Begleitung von zwei Hand⸗ werksburſchen herein, die ihn im Walde hatten. Haͤtte Erwin am Fenſter geſeſſen, ſo waͤr er ohne Weiteres hinausgeſprungen, um ſein Heil in der Flucht zu ſuchen; denn was nun kom⸗ men mußte, war vorherzuſehen. Aber er ſaß hin⸗ ter dem Tiſch ſo eng eingekeilt zwiſchen ein paar S 111 dicken Bauern, daß er ſich kaum ruͤhren konnte. Bei ſeinem Schrecken uͤber den Anblick des Foͤrſters freuete er ſich doch, ihn nicht todtgeſchlagen zu ha⸗ ben. Dieſen umringte jetzt die Verſammlung, be⸗ dauernd, neugierig, was der Verband bedeute. Er erzaͤhlte, daß er im Walde von zwei Raͤubern an⸗ gefallen worden ſey, und nach tapferer Gegenwehr habe unterliegen muͤſſen. Er war eifrig dabei, eine maleriſche Schilderung von ſeinem Kampfe und nach⸗ her von ſeinem Entſetzen beim Anblick der Brand⸗ ſtätte zu machen, als er ploͤtzlich Erwin gewahr wurde. Das letzte Wort brach ihm mit einem Ha! im Munde ab, einen Augenblick ſtand er da wie ein Stock, die Augen hoch, die Arme ſteif weg vom Leibe.— Dann ſprudelte er heraus: Da ſitzt der Kerl! Mein Räuber! Mein Mordbrenner! Der hat mir das Haus angesuͤndet!— Es war, als ob die Flamme eben unter'm Boden heraus⸗ ſchluͤge. Eine ſolche Collection Fratzengeſichter, wie ſich jetzt gegen Erwin umwendeten, hatte man nicht kuͤrzlich bei einander geſehen. Anfangs wußte Keiner, was er daraus machen ſollte. Aber des Fremdlings Beſtuͤrzung, der verwundete Foͤrſter, ſeine wiederholten Betheurungen, die Ausſage der Handwerksburſchen, das verbrannte Haus endlich ſchlugen alle Zweifel nieder. Der Foͤrſter tobte, und die, welche vorher am aͤrgſten auf ihn losge⸗ zogen hatten, waren jetzt ſeine eifrigſten Mitſchreier gegen den ausgemachten Brandſtifter und Straßen⸗ raͤnber. Nach einer Weile gelang es dem Vogt, einige Ruhe wieder herzuſtellen, und durch ſcharfe Fragen nach dem Wer? Von wannen? und Wohin? ſeine Autorität im blendendſten Lichte zu zeigen.— Er⸗ win hatte ſich gefaßt. Er ſah, daß er in einem uͤbeln Handel ſtecke, indeſſen lag ihm alles daran, von dieſen Unholden frei zu kommen; er verwei⸗ gerte jede Antwort, und begehrte zum Amtmann gefuͤhrt zu werden. Der ganze ehrenwerthe Trupp, Vogt und Foͤrſter an der Spitze, machte ſeine Es⸗ korte. Das Dorf kam in Bewegung; kein altes Weib welches bei ihrer Lampe, kein Maͤdchen welches bei dem Liebhaber am Gartenzaune blieb. So ging in der Daͤmmerung der ſchwarze Zug, von Haus zu Haus anwachſend, murmelnd, ſtol⸗ pernd nach dem Amte, wo es aber hieß, der Aut⸗ mann komme ſchwerlich vor morgen heim. Er⸗ win mußte auf der Hausdiele, von ſeiner Bau⸗ erngarde umringt, das Ende einer langen Confe⸗ renz des Vogts mit dem Schreiber abwarten. An los kommen war nicht zu denken. Der Schreiber ging ein paar mal im Gefuͤhl ſeiner Groͤße uͤber die Diele und warf erhabene Blicke auf den Verhafteten. Dann ließ er ihn, zum unmaͤßigen Aerger der neugie⸗ rigen Menge, durch den Garten nach dem Amts⸗ gefaͤngniß bringen. Der Schließer empfing ihn mit aller Aufmerkſamkeit, welche einem ſo merkwuͤrdi⸗ gen Gaſt gebuͤhrte, und erſuchte ihn, in ein nie⸗ driges Kaͤmmerchen zu treten, welches ſogleich hin⸗ ter ihm verſchloſſen wurde. Bei dem matten Schimmer, welchen ein drauſſen befindliches Licht durch eine kleine Heffnung uͤber der Thuͤr in das unbeliebige Gemach verbreitete, bemerkte Erwin, daß fuͤr ſeine Sicherheit durch Eiſenſtaͤbe vor den Fenſtern geſorgt war. Zu ſeiner angenehmen Ver⸗ wunderung fand er ein reinliches Bett, worauf er ſich hinſtreckte, indem er die verzweifelte Ge⸗ ſchichte ſpaßhaft zu nehmen beſchloß, bis ſie ernſt⸗ haft wuͤrde. Nichts unklugeres, ſagte er, als wenn einer erzaͤhlt, was er morgen thun will. Das ganze Leben ſaͤhe anders aus, wuͤßte der Menſch II. 8 114⁴ mit Gewißheit Morgens, wo er am Abend ſein, und wie er zu Bette gehen werde.— Am folsenden Tage machte er die Bekanntſchaft des Amtmanns, wonach er ſich nicht geſehnt hatte. Er erzaͤhlte der Wahrheit nach, weshalb er fur gut gefunden, dem Foͤrſter ein Loch in den Kopf zu ſchlagen, und hoffte durch ſein Benehmen ſowohl⸗ als durch dies freimuͤthige Geſtaͤndniß zu imponi⸗ ren. Der Amtmann aber, welcher dergleichen nicht an ſich kommen ließ, erklaͤrte mit duͤrren Worten ſeine Abſicht, ihn an das Kreisgericht zu uͤberlisfern. Erwin hielt eine ſchoͤne Rede uͤber die von ihm erfuͤllte Pflicht, den Bedraͤngten beisuſtehen, und ein andre uͤber die Unwahrſcheinlichkeit, daß ein Prandſiifter ſich bei dem Hauſe, wo er Feuer an⸗ gelegt, verweilen und noch obendrein mit der Rettung eines Pferdes befaſſen ſollte, wie er doch gethan. Dieſe Anſtrengungen waren vergebens. Er mußte ſogar die Schmach einer genauen Vi⸗ ſitation erdulden. Freilich war er ſo klug geweſen, alles was auf die Entdeckung ſeines Namens fuh— taſche nur die Uhrmacherdokumente zu bewahren. Allein der Amtmann, welcher ſie ſchaͤrfer unter— ren konnte, zu vernichten, und in ſeiner Brief« 115 ſuchte, als die Frau Pfarrerin, fand den Paß un⸗ gebuͤhrlich alt, und den gaͤnzlichen Mangel eines Viſa auf demſelben nicht minder verdaͤchtig, als die goldne Uhr und zwei ſchoͤne Ringe— Sachen, welche bei wandernden Handwerksburſchen nicht leicht vorkommen, und in Faͤllen wie dieſer, von der Juſtiz in Verwahrung genommen werden. Er⸗ win legte durch ſeine Proteſtation hiegegen eine beklagenswerthe Unkunde von den erſten Elementen der Criminalprocedur an den Tag, und gewann mit ſeinen heftigen Reden nichts als die Frage, ob er ſich ohne Weiteres zur unverzuͤglichen Abfahrt in Guͤte bequemen, oder den ernſthafteren Folgen eines unklugen Widerſtandes Preis geben wolle? Was half es ihm, auſſer ſich zu ſein. In Ge⸗ ſellſchaft des Amtsboten und zwei breitſchultriger Helden von der Landmiliz, welche ihre roſtigen Musketen mit aller Vorſicht handhabten, mußte er die Reiſe antreten. Haͤtt' ich das je fuͤr moͤglich gehalten! war ſein Gedanke, als er durch die hoͤh⸗ niſchen Blicke der ganzen Dorfbevoͤlkerung gleich⸗ ſam Gaſſen laufen mußte, und ſich von einer jauchzenden Schuljugend weit hinaus begleitet ſah. Er huͤllte ſich in ſein reines Bewußtſein, und der nahe liegende Vergleich mit allen Edeln, welche 116 ſemals fuͤr eine gute Sache die Martyrerkrone erworben, half ihm in dieſer ſchrecklichen Lage ausdauern. Indeſſen verwuͤnſchte er doch ſeinen unſeligen Eifer zu Ritterdienſten, woran die heu⸗ tige Zeit keinen Geſchmack findet, und konnte dies Abenteuer durchaus nicht als ein Bekehrungsmittel zu dem Glauben ſeines blinden Kirchenvaters an⸗ ſehen, welcher unverſchuldetes Leiden fuͤr die Wuͤrze des Lebens erklaͤrte. Es dunkelte ſchon, als man einen mäßigen Flecken erreichte. Der Wagen hielt gleich vorn am Eingang des Hrts unter dem Thorgewoͤlbe ei— nes alten Thurms. Der Blick an den ſchwarzen Mauern hinauf, und in die Gaſſenenge, wo hie und da ein Lichtlein durch die Nacht irrte, war das paſſendſte Titelbild zu irgend einer actenmaͤßi⸗ gen Criminalgeſchichte. Auf anhaltendes Klopfen gaͤhnte aus einer Seitenthure ein langer Kerl mit pelzmuͤtze und Laterne hervor. Aha, Beſuch! ſagte er, gegen den Wagen leuchtend, wo ſich dann auf dem tief duͤſtern Hintergrunde die angeblendeten Geſichter, Aufſchlaͤge und Waffen mit ſcharfen Lich⸗ tern grell hervorthaten. Na, nur herein! Es iſt alles fertig! 117 Wenn die naͤmlichen Worte bei den verſchie⸗ denſten Gelegenheiten ausgeſprochen werden, ſo iſt es manchmal, als ob der Teufel Sprache und Gedanken verwirre, und in ſeinem flammenden Laboratorium allerhand Gifte aus Redensarten koche. Der Empfang: Es iſt alles fertig! ſiel Erwin ſchwer aufs Herz. Er mußte ſich erinnern, wie dort im Steinbruch der Hauptmann mit der⸗ ſelben Anrede zu ihm in den hoͤlsernen Schuppen getreten war. Die ganze Scene ſtand wie ein Blitz vor ſeiner Seele. Es iſt alles fertig!— Dort und nun hier. Wie anders ſtand es mit ihm, wenn es damals nicht fertig geworden waͤre! Welche Verſchiedenheit und doch welche innige Verwandtſchaft der Umſtaͤnde, die ihn aus dem Steinbruch auf wunderlichen Wegen an dieſen al⸗ ten Thurm gefuͤhrt hatten. Den Kerkermeiſter voran, ging nun der Zug durch einen ſchmalen Gang, dann uͤber ſteinerne ausgetretene Wendel⸗ ſtiegen hinauf, an mancherlei eiſenbeſchlagenen Thuͤren vorbei, hinter welchen es unheimlich rauſchte. Wie vor dem anwandelnden Lichte die finſtern Schatten wichen, zur Seite im engen Gewoͤlbe vorbeiſchluͤpften, und hinterwaͤrts in undurchdring⸗ 118 liche Nacht wieder zuſammenfloſſen, war grauen⸗ haft anzuſehen. Was nur das Haͤuſerbauen, Schloͤſſerſchmieden, und Thuͤrenzimmern fuͤr verfluchte Erfindungen ſind! dachte Erwin im Gehen.— Seit die Menſchen in Mauern wohnen, iſt die Welt ein Gefaͤngniß. Es giebt keinen, der nicht irgend einmal wo zwi⸗ ſchen vier Waͤnden ſitzt, ans denen er gern heraus waͤre. Dieſe bochßeifen Kerls, ein ganzes Regiment davon ſollte 7 freiem Felde vergebens hinter mir herkeuchen. Aber ſo ſchleppen ſie mich aus einem Mauerloch ins andre. Die ſchwere Thuͤre an der ſie ſtanden, ging vor ihm auf, raſſelte hinter ihm zu; die plumpen Schritte ſeiner Beglei⸗ ter hallten fern und ferner weg auf den toͤnenden Steinplatten. Da ſaß er, in Kerker, Nacht und Einſamkeit. 18. Sechs Schritte lang und ſieben breit!— Wer im Schein der Abendſonne wandelt, waͤhrend die Voͤgel luſtig uͤber die Wieſen fliegen, auch wer in Regen und Sturm auf eines fremden Befehl Bo⸗ tenwege gehen muß; ja ſelbſt der, welcher in To⸗ 119 desgefahr bei Nacht ſteile Pfade klettert, iſt gluͤck⸗ lich daran, und weiß nicht, wie dem zu Muth iſt, der von allem Raum auf Gottes weiter Erde nur ſechs und ſieben Schritt zu ſeinem Antheil hat, und noch dazu in einer Kerkerzelle, durch deren blinde eng vergitterte Fenſterſcheiben das liebe Son⸗ nenlicht kaum wie eine troſtloſe Daͤmmerung ohne je darauf folgende Tageshelle matt herein blinzelt. Gerade unter ſich zu ſchauen, verwehrte die Dicke der Mauern um die Fenſteroͤffnung her. Was in der flachen Richtung ſeine Blicke zunaͤchſt erreich⸗ ten, war das Ende einer Bruͤcke uͤber einen mora⸗ ſtigen Graben. Druͤben bog ſich der Weg um ein Stuͤck altes, mit duͤſtern Linden bepflanstes Fe⸗ ſtungswerk, deſſen dermalige Beſatzung eine ſtreit⸗ bare Ziegenheerde war. Weiter hinaus dehnte ſich ein kahler hochgelegener Anger, hinter welchem ein ſchwarzer Tannenwald die ganze Ausſicht ſchloß. Das Ausmalen der ſeitwaͤrt, ihm verborgenen Gegend blieb ſeiner Phantaſie uͤberlaſſen, welche noch manche andre Aufgabe zu loͤſen bekam. In ſeiner Enge hing er mit der freien Auſſen⸗ welt am meiſten durch das Gehoͤr zuſammen; und eine Art Beſchaͤſtigung gewaͤhrte ihm das Aushor⸗ 120 chen und Eintheilen der verſchiedenen Toͤne, welche von drauſſen her und aus der Tiefe des Gebaͤudes zu ihm hinaufſummten. Den Hrt, in welchem er ſich befand, ſchien eine Militärſtraße zu begluͤcken; denn er hoͤrte alle Tage Trommeln und neue Feld⸗ muſik. Reiterei mogte hier ein Standquartier ha⸗ ben; wenigſtens ließen ſich Morgens und Abends zu gewiſſer Stunde immer die naͤmlichen Trompe⸗ tenſignale vernehmen. Zuweilen rief auch vom Wald heruͤber eine luſtige Fanfare, und dann wieder ein ander Mal ſchlich durch die Gaſſen in der Ferne ein trauriges Leichenſingen. Mehr aber als dies Alles unterhielt ihn eine angenehme jugendliche Stimme, welche in ſeiner Naͤhe die ruͤhrendſten Melodieen ſang und wahrſcheinlich einem Leidens⸗ bruder angehuͤrte. Indeſſen hatte die Unterſuchung ihren Anfang genommen, und wurde um ſo eifriger betrieben, da von der moraliſchen Ueberzeugung der Richter das Schuldig bereits uͤber ihn geſprochen, und nur der ſogenannte juriſtiſche Beweis noch herauszubrin⸗ gen war. Er glaubte ſchreckliche Momente erlebt zu haben; aber wie verſchwand Alles gegen die Empfindung, womit er zum erſten Mal vor Gericht 121 trat. Zu ſeinem Troſt ſtand der Zwinger durch weitlaͤufige Gebaͤnde und Hoͤfe in ununterbrochener Verbindung mit dem Gerichtshauſe. Einen Gang dahin uͤber die oͤffentliche Straße, unter Begleitung des Schließers, zur Augenweide des Publikums, haͤtte er wohl nicht uͤberlebt. Doch fehlte es nicht an empfindlichen Demuͤthigungen, welche er nur ertragen konnte, weil er darauf gefaßt war. Daß die Frage nach ſeinem Namen zu den erſten gehoͤ⸗ ren wuͤrde, verſtand ſich. Ueber ihre Beantwor⸗ tung blieb er eine Weile ungewiß. Im erſten Augenblick malte er ſich den Effect des ſtolzen Worts: Kammerjunker von Malorne! ſehr glaͤn⸗ zend aus. Im zweiten jedoch begriff er auch ſchon, daß die Folgen ſehr klaͤglich ausfallen muͤßten. Mit der gerunzelten Stirn des alten Kreisrichters, und den großen Augen der jungen Aſſeſſoren haͤtt' es allerdings wohl ſeine Richtigkeit gehabt. Bei der mäͤßigſten Ueberlegungskraft aber ließ ſich eine officielle Erkundigung von Seiten des Gerichts, eine amtliche Eorreſpondenz, und wie dieſe gerades⸗ wegs zu ſeiner Auslieferung fuͤhren wuͤrde, vorher⸗ ſehen. Vom Regen in die Traufe! Das hätt' er beguemer haben koͤnnen. Es blieb alſo bei dem 12 Mährchen vom Uhrmachergeſellen Bertram, woran das Gericht vorlaͤufig glaubte, weil es daruber doch einen Paß und eine Kundſchaft als Dokumente zu den Acten legen konnte. Dagegen wurden alle Be⸗ theurungen ſeiner Unſchuld an dem Brande als freche Luͤgen betrachtet, und ſeine Ausſagen nur mit der Hoffnung niedergeſchrieben, ihn dereinſt in den Schlingen ſeiner eigenen Worte deſto ſicherer zu fangen. Als ſollte ihm das Herz verbluten, ſo ſcharf griffen die duͤrren Criminalfragen in ſein Inneres hinein. Vernichtet von der kraͤnkenden Behandlung, erdruͤckt von der Laſt dieſes unverdienten Leides kam er in ſeinem Kerker wieder an. Der dunkle Raum dieſes Jammerlochs, ein veralteter Geruch, der ihm widernd entgegenquoll, die gemeine Koſt, wozu der Gefaͤngnißwaͤrter ihm guten Appetit wuͤnſchte, brachten ihn zur Vereweiflung. Nein! ſchrie er in einem Anfall des wuͤthigſten,“ Schmerzes, wer mir noch einmal ſagt, daß Gott gerecht ſei, daß es uͤberhaupt in der Welt eine Ge⸗ rechtigkeit gebe, dem will ich beweiſen wie er lugt! — Helle Thraͤnen ſturzten uber ſeine blaſſen Wangen. Er ſah durch das elende Gitterfenſter die freie Welt 123 drauſſen im gluͤcklichen Sonnenſchein. Da kam zwiſchen den alten Linden hervor ein Reiter, deſſen Anblick ihm das Haar in die Hoͤhe trieb.— Reiten die Todten hier am hellen Mittag ſpazieren? fluͤſterte er unwillkuͤhrlich. Es war die Geſtalt des Erſchoſſenen; ſo fuͤhrte Wolf ſein Pferd, und ſelbſt dieſes war der muntere Falbe, den er zu reiten pflegte. Als er genauer hinſehn wollte, war ſchon Alles verſchwunden. Erſchuͤttert ſank er auf ſein ärmliches Lager hin, und im nämlichen Augen⸗ blick begann ein trauriges Lied jener ruͤhrenden Stimme in ſeiner Naͤhe. Hinhorchend, und dann wieder taub und blind gegen alles Aeuſſere, lag er ſchon eine gute Weile mit verhulltem Geſicht, als der Kerkermeiſter hereintrat, um die Reſte der kuͤmmerlichen Mahlzeit wegzunehmen. Er wunderte ſich, daß ſein Gefangener nichts angeruͤhrt hatte. Wer iſt der Saͤnger? fragte Erwin. Der? er⸗ wiederte Jener; nun, mit deſſen Geſang wird es auch bald aus ſein. Es iſt ein junger Burſch hier aus dem Hrte; er war mit einer huͤbſchen Dirne verſprochen, die er ſitzen ließ, nachdem ſie zu Falle gekommen war. Der Bruder des Maͤdchens ſtellt ihn zur Rede, ſie zanken ſich ein paar Mal tuͤch⸗ tig; am Ende paßt er ihm druͤben hinter'm Tan⸗ nenwald auf, und ſchlägt ihn mit einer Hacke vor den Kopf. Es war gans hart am Hochgericht, wo er nun in ein vaar Tagen ſeinen Lohn bekommen wird. Das Urtheil iſt ſchon geſprochen, und ſoll zur Schaͤrfung der Strafe hier vollzogen werden. Darum hat das HObergericht ihn wieder hergeſchickt. — Jedes Wort war ein Donnerſchlag fuͤr Erwin, welcher in dieſer einfach erzaͤhlten Geſchichte ſeine eigene hoͤrte. Er blieb ſtarr ſitzen, ſaß noch ſo, als die Dunkelheit ſchon hereingebrochen war; und in der Sternenſchrift des Nachthimmels las er die flammenden Worte: Der Herr iſt gerecht; und ſeine Wege ſind unerforſchlich!— Dieſen Eindruck verwiſchte zwar die Unertraͤ⸗ lichkeit der gerichtlichen Verhandlungen; aber er kehrte auch wieder zuruͤck. Denn hatte er Morgens im Gefuͤhl ſeiner Unſchuld vor den Schranken den hoͤchſten Ton angeſtimmt; ſo empfing ihn dagegen in ſeiner Clauſe des ungluͤcklichen Moͤrders Sterbe⸗ geſang, welcher jetzt erſt recht wehmuͤthig toͤnte, und das Reitergeſpenſt kam regelmaͤßig in der Daͤm⸗ merung durch die alten Linden dahergetrabt. Der Anblick war zu auffallend. Wolfs gruͤner Rock bis auf den Schnitt ſogar, ſeine goldnen Epauletts, ja die keck aufgeworfene Kappe ohne Schirm.— Waͤr' es moͤglich! dachte Erwin manchmal mit Beben. Aber es war ja doch nicht moͤglich; hatte er nicht ſelbſt die Wunde in der Bruſt und den haſtigen Todeskampf angeſchaut?— Aus beſondrer Gunſt hatte der Gefangenwaͤrter das alte verquollene Fenſter herſtellen laſſen, daß es geoͤffnet werden konnte. Der letzte Sonnenſtrahl zitterte uͤber das Feld, und vergoldete auch die eiſernen Gitterſtahbe. Erwin ſchluͤrfte ſehnſuͤchtig den Hauch der milden Abendluft. Da vernahm er deutlicher als je zuvor die klagende Stimme; ſie kam aus dem oberſten Stockwerk herab, wo Straf⸗ gefaͤngniſſe und Zellen der Verurtheilten waren. Von einem traurigen Liede unterſchied er genau die Schlußworte: Und wenn die Glocke verlieret den Ton, So haben meine Freunde vergeſſen mich ſchon! welche der einſame Saͤnger ein paar Mal wieder⸗ holte, als ob er ſich davon nicht trennen koͤnnte. Dann war es ſtill; doch glaubte Erwin ein lau⸗ tes Weinen zu hoͤren, und konnte dem Verlangen nicht widerſtehn, einen Nachtgruß hinaufzurufen. Es kam die Antwort: Gute Nacht! Ja gute Nacht auf immer. Der naͤchſte Morgen brachte in den alten Kerker⸗ thurm die ungewoͤhnliche Bewegung vieler Menſchen, welche die ſteinernen Treppen hinanſtiegen, fortgin⸗ gen, wiederkehrten. Erwin hoͤrte uͤber ſeinem Kopfe laut reden; dann fing oben ein Zug vieler Schritte an, welche herabkamen, langſam hinter einander unweit ſeiner Thuͤr vorbeigingen, und ſich in die Liefe verloren. Bald drang von unten her⸗ auf das unendliche Sumſen lebhafter Stimmen, als wenn ſich eine große Volksmenge um den Zwin⸗ ger her verſammelt haͤtte. Auf ein platziches Schwei⸗ gen folgte militäriſches Commandorufen, langſames Geraſſel eines abrollenden Wagens, und lautes Menſchengewüͤhl, welches dann vom ahndungsvol⸗ len Klange dumpf anhebender Glocken verſchlungen ward. Erwin ſchauderte zu denken, was da vorgehe. Er ſah eine Menge Leute ſchwatzend, lachend, zankend uͤber die Brucke fortrennen, als fuͤrchteten ſie, keinen guten Platz mehr zu finden. Herzloſes Geſindel! knirſchte er hinter drein, faſt außer ſich dann uͤberwaltigte ihn der Gedanke: Wenn ich auf 427 dem Wagen ſaͤße! Mit unbeſchreiblicher Unruhe wuͤnſchte bald und bald fuͤrchtete er das Kommen. des Gefangenwaͤrters.— Endlich brummte die fuͤrchterliche Glocke aus, unter deren Gelaͤut ihm war als ſiele jeder Schlag auf ſeine Bruſt. Mehr denn eine Stunde war vergangen, da kuͤndigten einzelne Vorlaͤufer die Ruͤckkehr des Haufens an, welcher auch kurs darauf uͤber die Bruͤcke wogte. Nun trat der Alte herein mit ſeiner Dienſttracht feſtlich angethan, weit mehr bewegt, als es einem grauen Kerkermeiſter faſt gebuͤhrt. Erwin wagte nicht ihn anzuſehen, noch zu fra⸗ gen.— Jener nahm das Wort. Mit dem iſt es aus, ſagte er; aber der Scharfrichter hat ſeine Sachen ſchlecht gemacht; dreimal mußte er zuhauen, und waͤre bald geſteinigt worden. Erwin bat um Gotteswillen, ihn mit ausfuͤhrlicher Erzaͤhlung zu verſchonen, und ſprang ans Fenſter, um Luft zu ſchoͤpfen. Noch immer nahm das Gewuͤhl drunten kein Ende; die Maſſe ruͤckte ſacht vorwaͤrts, als ploͤtzlich aus der Ferne luſtige Trompeten heruͤber⸗ ſchmetterten.— Huſaren! Huſaren! ſchrie das Volk, und rannte jauchzend einem andern Schau⸗ ſpiel entgegen.—»Und wenn die Glocke verlieret 128 den Ton?, ſagte Erwin; aber er konnte die zweite Reimzeile nicht hinzuſetzen. Dieſe finſtre Begebenheit uͤbte eine gewaltige Wir⸗ kung auf ihn aus. Fruͤher hatte er wohl den Muth, zu ſagen: Ich habe einen Menſchen umgebracht; nun ja, was iſt es denn mehr? Dergleichen paſſirt ja alle Tage, und es ſind nicht die ſchlechteſten Leute, denen ſolches paſſirt. Wir leben in einer wilden Zeit. Wer koͤnnte die Todten zaͤhlen, welche das gefraͤßige Kriegsungeheuer in jeder Stunde ver⸗ ſchlingt! Wo tauſende in Vergeſſenheit fallen, was iſt da an einem Einzelnen, und was iſt überhaupt an einem Menſchen gelegen? Duelle gehoͤren ein⸗ mal wie andere Undinge zu den Krankheiten unſres geſellſchaftlichen Zuſtands. Hab' ich eine Epidemie zu verantworten, welche mich ergreift? Oder meine Conſtitutivn, welche der Wuth des Uebels unter⸗ liegt? Jetzt fand er in dieſem Raiſonnement nicht mehr die ehemalige Beruhigung. Das Bild des Hinge⸗ richteten, den er doch nie geſehen, ſtand unablaͤſ⸗ ſig vor ſeinem Geiſte. Er hatte mit dieſem Men⸗ ſchen im ganzen Leben nur zwei Worte geſprochen, aber zu einer Zeit wo die Rachegoͤttin bereits uͤber 129 dem verfallenen Haupte ſchwebte, und vielleicht, durch den Abendgruß aufmerkſam gemacht, zugleich das ſeine nicht minder ſchuldige aufs Korn nahm. Nun, ſagte er, ſitzt ſie wohl mit gieriger Freude an ihrem blutigen Opfer auf dem Rabenſtein in Geſtalt einer Eule und ſtoͤhnt: Den einen hab' ich, den andern krieg' ich!— Hat er vielleicht in prophetiſchem Geiſte mir jenes Lied geſungen? und wenn es ge⸗ gen mich in Erfuͤllung ginge, duͤrft' ich uͤber un⸗ recht ſchreien? War's Unrecht, was an ihm ge⸗ ſchah?— Dergleichen Traͤume bis in die kleinſten Zuͤge auszumalen, hatte er Muße genug. Was dem Ge⸗ fangenen an Raum abgeht, hat er an Zeit in der Regel mehr als zuviel. Ueberdies war die vorher ſo eifrig betriebene Unterſuchung ſeit ein paar Ta⸗ gen in's Stocken gerathen; und er konnte hinter⸗ drein mit etwas mehr Gleichmuth den Ungeſtum bedenken, zu welchem ihn die Confrontation mit dem Foͤrſter und dem vertheidigten Midchen ge⸗ bracht hatte. Dieſe unangenehme Scene war ihm als Folge ſeines heftigen Proteſtirens gegen die Brandſchuld zu Theil geworden. Daß der Foͤrſter jeden wahren 1I. 9 130 und erdichteten umſtand benutzen wuͤrde, um ſein Verderben gewiß zu machen, konnte ihn nicht be⸗ fremden. Als aber das Maͤdchen, fuͤr deren beab⸗ ſichtigte Rettung er Schmach und Kerker dulden mußte, ihm in's Geſicht ſagte, wie ſie geſehen, daß er den Foͤrſter ohne vorhergegangenen Streit unvermuthet uͤberfallen habe,— da ſanken ihm die Arme am Leib herunter. War es denn moͤglich? Solch ein anmuthiges Geſicht und ſo abſcheuliche Worte?—— BGiftige Natter! ſtieß er heraus, und weiter keinen Laut. Aber das Gift dieſes Un⸗ danks ſchoß ihm unaufhaltſam ans Herz. Er quaͤlte ſich lang vergebens, den Zuſammen⸗ hang einer ſo unerwarteten Verlaͤumdung heraus⸗ zugruͤbeln; bis der Kerkermeiſter, welcher ſeinen jungen Pflegling allmaͤhlich lieb gewann, ihm er⸗ zaͤhlte, das Maͤdchen ſei die Braut eines Holz⸗ knechtes, deſſen Fortkommen von dem Foͤrſter ab⸗ haͤnge. Nun ward ihm die Natur des Lugenirrwi⸗ ſches klar, welcher mit ſeinem Blendſchein das er⸗ leuchtete Gericht in den Sumpf zerrte. Der Vor⸗ gang zwiſchen ihm und dem Foͤrſter war von dem Maͤdchen allerdings richtig erzaͤhlt, und doch wuß⸗ ten alle drei, wie die Sache ſich ganz anders ver⸗ 13¹ hielt. H Gaukelſpiel des Worts, wie treibſt du mit der Wahrheit deinen Spott! Als er wieder vor Gericht erſchien, bemerkte er eine auffallende Veraͤnderung. Anſtatt ihn wie bis⸗ her mit der ewig wiederholten Brandgeſchichte zu quaͤlen, begnuͤgte man ſich an einigen Fragen uͤber ſeine fruͤhere Exiſtens, und ließ ſeine Antworten gelten. Sogar die Mienen der Richter waren um Vieles freundlicher, und daß irgend ein wichtiger Grund zu dem allen obwalte, konnte er aus dem Betragen ſeines alten Waͤchters abnehmen, welcher ſich nach dem hoͤheren Beiſpiel richtend, ihn mit groͤßerer Sorgfalt behandelte. Zwei hoch wichtige Zwiſchenhandlungen gaben der ganzen Sache andre Wendung und Anſicht. Der Foͤrſter, ſchon lange grober unredlichkeiten verdaͤch⸗ tig, war auf einem ſchweren Unterſchleif durch Hols⸗ handel ertappt, zur Verantwortung gezogen, und vorlaͤufig vom Dienſt entfernt worden. Nun kam das Maͤdchen, welches von ihm fortan fuͤr den Braͤu⸗ tigam weder Gunſt noch Leid zu erwarten hatte, und bekannte unter Thraͤnen die Unrichtigkeit ihrer fruͤhe⸗ ren Ausſage. Zugleich erſchien die geſchiedene Ehefrau des Foͤrſters mit der uͤberraſchenden Erklaͤ⸗ 132 rung, ſie habe, aus Rache und Haß gegen ihren Mann, ſein Haus angezuͤndet. Von dem Augen⸗ blick an, beſonders aber ſeitdem ſie die Verhaftung eines unſchuldigen erfahren, ſei ſie keine Stunde ruhig geweſen, alle Nacht ſtehe der Teufel vor ih⸗ rem Bett, fahre ihr mit einer Brandfackel uͤber die Haͤnde, und rufe: Feuer! Das Gericht moͤge ſie verurtheilen, wozu es wolle, dieſer Zuſtand ſei nicht laͤnger zu ertragen. Sie erzaͤhlte ihre Unthat mit ſolcher Ausfuͤhrungz ihre Worte aufs vollkom⸗ menſte mit dem Stempel der Wahrhaftigkeit be⸗ zeichnet, paßten ſo genau zu den von ihr angege⸗ benen Einzelheiten, daß kein Zweifel dagegen be⸗ ſtehen konnte. Der Kreisrichter, die beiden Haͤnde flach neben⸗ einander wie die Tatze einer Sphynx weit vor⸗ waͤrts auf einen fußhohen Actenſtoß hingeſtreckt, ſaß in kerzengerader Haltung hinter dem gruͤnen Liſch, ſah rechts links ſeine Beiſitzer an und fragte: Was meinen Sie dazu?— Die Herren wußten mit Achſelzucken keine Antwort als: Ja, und, lieber Gott!— Der Alte aber verſetzte: Nein, der Teu⸗ ſfel! Wir haͤtten die Ehre haben koͤnnen, hier einen ſehr anſehnlichen dummen Streich zu machen. Jetzt ging's noch eben gut. 133 Unter dem Vorwande, die Gefaͤngniſſe zu be⸗ ſichtigen, kam er auch in Erwins Zelle. Auf die gewoͤhnlichen Fragen, wie er mit der Behandlung zufrieden ſei, folgte eine verlegene Pauſe, welche Erwin endlich durch einige bittere Worte uͤber die lange Dauer ſeiner widerrechtlichen Gefangenſchaft unterbrach. Ohne ſich hierauf einzulaſſen, erwiderte der Richter, ſeine Papiere ſeien wie ſeine Perſon ver⸗ daͤchtig; nach den Umſtänden und eingezogenen Er⸗ kundigungen muͤſſe man ihn fuͤr einen entlaufenen Conſcribirten anſehn, welcher ſeinen wahren Namen verhehle. Da Erw in ſchwieg, ſo gab Jener ihm zu ver⸗ ſtehen, man werde ſich nicht befugt halten, danach weiter zu forſchen; ſeine Blicke aber verriethen, daß er uͤber dieſen Punkt wohl eine befriedigende Pri— vatauskunft haben moͤgte. Erwin haätte nur die Abſicht wiſſen ſollen, welche ſolcher Andeutung zum Grunde lag. Seitdem der Alte dieſe neue Idee gefaßt hatte, war ſeine entſchiedene Gunſt dem Gefangenen zu⸗ gewendet, den er als ein Opfer unertraͤglicher Ty⸗ rannei bedauerte und aus ihren Klauen retten wollte. 134 Bis man etwas beſſeres thun koͤnnte, hielt er dies fuͤr die heiligſte Pflicht jedes Deutſchen gegen ſeine gefeſſelten Landsleute; und hatte ſchon mehrmals Dinge gewagt, deren Entdeckung ihm bei den da⸗ maligen Verhaͤltniſſen den Kopf haͤtte koſten konnen. Von Stund an ſah Erwin ſeine Haft erweitert. Ein beſſeres, kaum geſperrtes Zimmer war fuͤr ihn gleichſam nur ein Durchgang zur voͤlligen Freiſtel⸗ lung. Vor Gericht ward ihm dieſe unter dem Zuſatz bekannt gemacht, daß ihm der erlittene Arreſt als Strafe fuͤr die Gewaltthaͤtigkeit wider den Foͤrſter angerechnet, und er als ein allerdings nicht unver⸗ dächtiger Landsfremder uͤber die Graͤnze gebracht werden ſolle. Dazu, ſagte Erwin, haͤtt' es ſo vieler Um⸗ ſtande nicht bedurft. Hatt' ich vorher ſchon nicht die Abſicht, mich in dieſem vortrefflichen Lande nie⸗ derzulaſſen, ſo iſt ſie mir durch den anmuthigen un⸗ willkuͤhrlichen Aufenthalt dort oben nicht erſt in den Sinn gekommen. Uebrigens koͤnnen Sie ſich darauf verlaſſen, es mag kuͤnftig auf drei Schritte von mir ein Menſch todtgeſchlagen werden, wenn es ſelbſt einer von Ihnen waͤre, ich ruͤhre keine Hand zu ſei⸗ ner Rettung. Solche Erfahrungen dispenſiren von 135 aller Nachſtenliebe. Einem Unterdruͤckten gegen un— rechte Gewalt beiſtehen, iſt freilich das naturlichſte Menſchengefuͤhl, aber was weiß Polizei und Juris⸗ prudenz von Natur und Menſchlichkeit? In dieſem Ton hätt' er wohl noch mehr geſagt; alein da ein zur Handhabung des Rechts beſtalltes Grricht niemals, auch gegen einen unſchuldig An⸗ geſchuldigten nicht, Unrecht haben kann und der alte Kreisrichter obendrein befuͤrchtete, ſein Schuͤtz⸗ ling moͤgte ſich in der Heftigkeit wieder feſt reden; ſo gab man ihm die ueberfluͤſſigkeit ſeiner Mo⸗ ralpredigt in Ausdrcken zu erkennen, deren uͤber⸗ zeugende Kraft unwiderſtehlich war. Mit dem fruͤheſten Morgengrau befand er ſich auf der Landſtraße. Die Begleitung eines Polizei⸗ reiters, welcher dafur ſorgte, daß er die rechte Di⸗ rection nicht verloͤre, gab freilich dem Genuß der wieder erlangten Freiheit einen bittern Abgeſchmack. Allein hier kam ihm die Erinnerung an das Ueber⸗ ſtandene kraͤftig zu Huͤlfe. Um Mittag war an der Graͤnzbrücke auch dieſes Jammers⸗Ziel erreicht; und leichteren Fußes ſchritt er druͤben weiter. Jedoch in einer wunderbaren Stimmung. Ueber das Behagen an dem unaufgehaltenen Wandern hing der Gedanke 136 ſeiner Znkunft wie ein grauer Nebelflor herein. So huͤlflos war er noch nie geweſen. Das Gericht hatte die Unterſuchungskoſten aus ſeiner in Beſchlag ge⸗ nommenen Baarſchaft beſtritten. Ob und mit welchem Recht? das blieb eine fruchtloſe Unterſuchung, und ſein leerer Beutel ihr einziges Reſultat. Nun kan die Reue der verlorenen Jahre. Umſonſt zermarterte er ſeinen Kopf uͤber ein Mittel zum kuͤnftigen Un⸗ terhalt. Das Gefaͤngniß hatte ihn wohl muͤrbe ge⸗ macht, aber was er noch beſaß an geiſtiger Kraft, das trat in den Kampf gegen den Gedanken, nach Hauſe zu gehen. Dort konnte ſeines Bleibens ohne⸗ hin nicht ſein. Ueberdies lag dazwiſchen ſchon ein gut Stuͤck Weges, und die Fuͤrſorge des Kreisrich⸗ ters, welcher fuͤr den vermeintlichen Deſerteur die Militairſtraße beſonders gefahrlich achtete, hatte ihn abermals in der Richtung abwaͤrts von der Heimat weiter entfernt. Auch kam zu den fruͤheren Einwuͤr⸗ fen jetzt noch die Idee der erduldeten Beſchimpfung, welche jedes Auge auf ſeinem Geſicht ja leſen mußte. Seine Kleidung ſelbſt war ſo abgeriſſen, daß er ſich vor den Blicken der Begegnenden ſchaͤmte. Wo wollte das hinaus? Hatte er ſich denn nur irgend etwas zu eigen gemacht, wofur ein Menſch ihm 137 einen Biſſen Brod gegeben haͤtte? Er fand nichts und ſchlich in truͤben Gedanken vorwaͤrts. Gegen den Herbſtwind, welcher uͤber die Stoppeln und entblat⸗ terten Zaͤune pfiff, ſchutzte ihn der kahle Rock nur kuͤmmerlich.— Wenn nur kein Bekannter darin ſitzt, dachte er, ſo oft ihm ein Wagen entgegen kam. Die Reiſenden ſahen aus ihrer Behaglichkeit hinter den aufgezogenen Scheiben mit einer empoͤrenden Barmherzigkeit auf ihn herab, und er mußte daran denken wie in beſſeren Zeiten ſeine Blicke eben ſo vornehm uͤber manchen armen Wanderer hingeſtreift waren. Wie doch, aus Kutſchenfenſtern betrachtet, die ganze Welt anders ausſieht! und vollends aus einer Hofkutſche, worin der Inſaſſe zwiſchen den Spiegelſcheiben ſich gleichſam in der innern Hoͤh⸗ lung eines Perſpectivs befindet. Durch das Ver⸗ groͤßerungsglas ſieht er ſeinen Gebieter, den ſtolzen Pallaſt, die begegnenden Goͤnner und Freunde uͤber die Wahrheit hinaus in farbiger Pracht verherrlicht; nach der andern Seite hin durch das Verkleinerungs⸗ glas die ubrige untergeordnete Welt klein, halb er⸗ kennbar, kaum des Anblicks werth. Und jetzt war dieſe Wuͤſte ſein Element. In der Verzweiflung ſeines Herzens kam ihm wohl auch der Gedanke, ſich 138 an die naͤchſte Fahne zu verkaufen. Aber dann er⸗ grimmte er wieder, daß ihn der erſte Mangel ſollte zum Verlaͤugner aller fruͤheren Grundſaͤtze machen koͤnnen, und wie er an ein Waſſer kam, ſagte er: Nein, doch eher da hinunter als in die Schande der feilen Knechtſchaft! In ſolcher Geſinnung befeſtigte ihn der Anblick des allgemeinen ſchmaͤhlichen Elends, welches er aus ſeiner ehemaligen Glanzhoͤhe niemals beachtet hatte, und jetzt, zum Verkehr der niedern Volksclaſſe hinabgedraͤngt, in unerwuͤnſchter Naͤhe nicht bloß anſchauen, ſondern auch mit ertragen mußte. Der Wanderſchritt hat eine wunderbare Zauber⸗ kraft, als ob jeder Fußtritt vorwaͤrts Geſtalten aus der Erde ſtampfte. Dem Einſamen, welcher zufrie⸗ den und gemaͤchlich der Straße nachzieht, kommen die Stunden ſeiner Vergangenheit wie andre Rei⸗ ſende entgegen, mit denen man zufaͤllige Geſpraͤche führt. Dieſe aber geberden ſich als pilgernde Bil⸗ derhaͤndler, und heben aus ihren reichhaltigen Mappen ein Blatt nach dem andern vor die Augen des aufmerkſamen Beſchauers, der von Gruppe zu Gruppe manche halb vergeſſene Bekanntſchaft wieder erneuert, und mit Heimwehgefuͤhl vorzuͤglich bei den 139 reizenden Scenen aus der Kindheit hellfarbigem Mor⸗ genlande verweilt. Wohl ihm, hat er an dieſer Kunſtausſtellung reine Freude. Wer aber, von aͤuſ⸗ ſerer Noth und innerer Qual begleitet, ſo wenig ſich als dieſen duſtern Geſellen entrinnen kann, der ſieht des Lebens Nachtſtuͤck im ſchwarsbraunen Ton eines nachgedunkelten Bildes, deſſen Farben ſich unter⸗ einander feindlich aufgefreſſen, und Lichter in Schat⸗ ten verkehrt haben. Erwin hatte fruͤher mit der altmodiſchen Lehre von guter Anwendung der Zeit ſeinen froͤhlichen Spott getrieben; und um ſeine eigene Nichtigkeit vor ſich wie vor andern gleichſam zu rechtfertigen, gegen alle ernſte Wiſſenſchaft und Amtsthätigkeit die kleinen Witzſchwaͤrmer geſchleudert, welche am ſchnel⸗ len Ende ihrer Schnirkelbahn in matthersiger Ohn⸗ macht eben da verpuffen, wo ſie nicht zuͤnden konn⸗ ten. Nun fand jener hohe Ton ſeine Zuͤchtigung in dem vergeblichen Wunſch, doch etwas von jenen ver⸗ achteten Pedantereien erlernt zu haben. Ach, ſagte er, die freie Armuth iſt der unnatuͤrlichſte Zuſtand fuͤr den, welcher an die ſuͤße Abhaͤngigkeit vom Be⸗ ſitz gewoͤhnt, zur vornehmen Dienſtbarkeit geboren war, und jeden Abend nach einem ſorglos verlebten 140 Tage die ſichere Ausſicht auf ein vortreffliches Nachtlager ganz in der Naͤhe hatte!— Eine ſolche ſchien ſich im gegenwaͤrtigen Augen⸗ blick ihm keineswegs eroͤffnen zu wollen. Den kuͤmmer⸗ lichen Reſt ſeiner Reiſecaſſe hatte das Beduͤrfniß der letzten Tage, ungeachtet aller oͤkonomiſchen Ein⸗ ſchraͤnkungen, rein aufgezehrt um die Dämme⸗ rungszeit war er an einer einſamen Schenke unter der Erklaͤrung abgewieſen worden, daß auch der kleinſte Winkel durch Fuhrleute eingenommen ſei, deren hochbeladene Karren wirklich das Haus mit einer gedraͤngt in einander gefahrenen Wagenburg einſchloſſen. Was thun als weiter wandern?— unterdeſſen brach die Nacht herein, und es war ſchon ganz finſter, als er verdrießlich und erſchoͤpft vom oͤden Huͤgel gegen das Thal hinunterſtieg, ww in der Liefe ein lebhafter Fluß zwiſchen ſteilen ufern daher rauſchte. Am ſchroffen Abhange wat kein Pfad zu unterſcheiden. Indem er zauderte und mit dem Stock umherfuͤhlte, zerriß ein ſchar⸗ fer Windſtoß das dicke Gewoͤlk. Der Mond wan⸗ delte aus ſeinen grauen Schleiern hervor, und zeigte die brauſende Flut mit einem ſchmalen Steg daruͤber, und Felſenwaͤnde diesſeit jenſeit, die ſtar⸗ 141 ren Haͤupter gebadet in Nebelduft. Keine Spur von einer Wohnung; am Waſſer aber ſtand ein langer Mann, ganz in Betrachtung verloren, wozu der Anblick, geiſterhaft und unbeſtimmt wie ein bänglicher Traum, genug Veranlaſſung gab, ja unwiderſtehlich aufforderte. Wie das eilige Wellen⸗ gedraͤnge nun unter ſchwars vorruͤckenden Wolken, eine ſchwere die ganze Thalbrucke dunkel ausfuͤllende Maſſe, durch die Nacht daher kam, and gleich da⸗ nach der wieder aufgehende Mendglanz aus naͤcht⸗ lichem Gebirg und hell blinendem Strom wie mit zwei großen Strichen ein gewaltiges Bild zauberte, war ſo merkwuͤrsig zu ſehen, daß ſelbſt Erwin ſein Leid ainen Augenblick vergaß, und auf das Bruckergelaͤnder hingelehnt, ſich der flͤchtigen Er⸗ ſcheinungen innig erfreuete. Der Graumantel hatte ſeitwaͤrts bisher unbe⸗ weglich geſtanden; man haͤtte ihn fuͤr einen ſteiner⸗ nen Bruͤckenpatron halten koͤnnen. Indem er ſich aber jetzt, das Geſicht nach dem Mond gewendet, dem Rande näherte, glitſchte ihm der Fuß auf den naſſen uferſteinen aus, und er ſchlug ins Waſſer. Vom Schreck uͤberraſcht, gehindert durch den ſchwe⸗ ren Mantel, konnte er ſich nicht gleich aus dem Strudel 142 wieder emporarbeiten und ward im Strome zur Bruͤcke fortgeriſſen; wo Erwin, ſchnell heran, und auf die Bretter niedergeſtuͤrzt, ihm beide Arme entgegenſtreckte. Mit einiger Anſtrengung kam der Mann herauf, und ſagte, nachdem er ſich ſtoͤhnend und triefend geſchuͤttelt hatte: Ich wollte Sie fuͤt Ihren Retterdienſt gern umarmen, aber es wuͤrde Ihnen mit dieſem naſſen Danke wenig gedient ſein. Er warf(eri, den Mantel ab, und zeigte eine tüchtige Geſtalt, di⸗ ſich allenfalls auch allein aus dem unverhofften Bade Heholfen haͤtte. Indem er den Hut ausſchwenkte, trat eten der Mond wieder aus einer Wolke, und Erwin eutickte eine helle Stirn und wohlgebildete Naſe; dicht ſchwarzes glatt an den Schlaͤfen niedergewaſchenes Haar und tief⸗ liegende Augen vollendeten mit ihren Schatten vas ausdrucksvolle Geſicht eines Mannes von etwa fuͤnf⸗ zig Jahren.— Der Fremde druͤckte ſeinem Helfer freundlichſt die Hand mit den Worten: Das war kraft Ihres Beiſtands eine kurze Schwemme. Kom⸗ men Sie mit nach meinem Hauſe; da wollen wir„ bei einem Glaſe Wein uns waͤrmen und weiter da⸗ von ſprechen. Sie ſind ein Fremder wie mir ſcheint. — Erwin nahm die willkommene Einladung an, 1¹3 und folgte uͤber die Brucke hin ſeinem neuen Be⸗ kannten, welcher aus allen Kleiderfalten eine naſſe Spur hinter ſich ausgoß, und wenig daraus machend im Gehen erzahlte, daß er ein Maler waͤre, und fuͤr den Mondſchein auf Waſſerflaͤchen eine Leiden⸗ ſchaft hegte, welche ihm ſchon manches Abenteuer, aber noch kein ſo naſſes, zugesogen haͤtte. Erwin ſchloß von der Einſamkeit, in welche die ganse Nachtgegend verloren ſchien, auf einen noch ziem⸗ lich langen Weg, und war angenehm uͤberraſcht, als bei der Wendung um die duͤſtre Felſenwand ihnen ein nahes Licht entgegenſtrahlte, welches der Maler mit den Worten begruͤßte: Da iſt mein Haus. Eine großmaͤchtige Eiche ſtreckte ihre ſchwar⸗ zen Arme uͤber das Dach hin. Ehe Erwin dar⸗ unter einſchritt, ſah er durch das helle Fenſter eine aͤltliche Frau am Spinnrad, und gegenuͤber ein junges Maͤdchen, aus einem großen Buche vorle⸗ ſend, ihr liebliches Geſicht zwiſchen der niederge⸗ brannten Kerze und dem Wiederſchein der breiten weißen Blaͤtter ſo glucklich beleuchtet, daß er ſich kaum eines ſchoͤneren Anblicks erinnern konnte. Nun, ſagte die Frau, ohne von ihrer Spule aufzuſehen, als die Stubenthuͤr knarrte: das war — 14⁴ eine lange Conferenz, und noch dazu bei dem un⸗ freundlichen Wetter. Du und der Mond, ihr habt gewiß etwas recht Geheimes mit einander aus⸗ geheckt. Die Tochter gab ihr ein Zeichen, worauf ſie uͤberraſcht den Fremden und mit Entſetzen den See erblickte, welcher ſich ſchon um ihren Mann verbrei⸗ tet hatte, als er kaum eingetreten war.— Was iſt das! ſchrie ſie aus einem Munde mit der erſchrok⸗ kenen Lochter, und beide wollten auf ihn zu.— Drei Schritt vom Leibe! rief er, einen großen Stuhl als Bollwerk vor ſich hinſchiebend— ich bin ja ein wandelnder Wolkenbruch!— Als er aber in wenig Worten die BVegebenheit erzaͤhlt hatte, brach ſogleich mit den herzlichſten Vorwuͤr⸗ fen eine ſolche Gewaltthaͤtigkeit inniger Umarmun⸗ gen auf ihn ein, daß kein weiterer Widerſtand mehr galt. Zuletzt wendete er ſich an Erwin: Koͤnnen Sie mir auch gegen dieſe Flut helfen, ſo machen Sie, daß ich von den Weibern los und auf's Trok⸗ kene komme. Dieſe Rede brachte ſie zur Beſinnung, und er konnte ſich durch eine Seitenthuͤr entſernen, wih⸗ rend die Tochter zu einer andern hinausſlog. Die 145 Mutter reichte dem ſtill zuſchauenden Fremdling mit einer tiefen Bewegung und ein paar innigen Worten des Dankes die Hand; dann ging ſie ih⸗ rem Manne nach; und Erwin, welcher unter der Verwirrung des Hauſes eine Weile im dunkeln Zimmer allein blieb, dachte an ſein Geluͤbde, keinen Menſchen mehr aus einer Noth zu helfen, welches er zu ſeiner eigenen Verwunderung nun heute ſchon wieder gebrochen hatte. Nicht lange, ſo kehrten Mutter und Tochter zu⸗ ruͤck. Seine Beſorgniß, daß jetzt ein beſchwerliches Dankſagen auf ihn losarbeiten werde, ging nicht in Erfuͤllung. Dagegen waren beide geſchaͤftig, ihm alle Bequemlichkeit und Erquickung zu bieten, welche dem Wanderer am Ende des Tages erwuͤnſcht zu ſein pflegen. Er mußte indeſſen die Geſchichte noch einmal erzaͤhlen, und durch die Fragen der Frauen kam in den Vortrag eine Ausfuͤhrlichkeit, welche er gern benutzte, um ſich von den freundlichen Blicken der Mutter zu Renata's heiteren Augen zu wen⸗ den, und waͤhrend dieſer Betrachtung einen Gedan⸗ ken zu verfolgen, der ihm gleich beim Eintreten angeflogen war. Bei ſeiner Schilderung, wie er von dem unwillkuͤhrlichen Schwimmer zuerſt im F 10 146 Mondſchein Kopf und Haͤnde uͤber dem Waſſer, dann aber, da eine ſchwarze Wolke alles zugedeckt, gar nichts mehr geſehen, und faſt blind zugegriffen habe, ſchauderten beide zuſammen. Renate, wie vor einem Geſpenſt erſchrocken, verbarg ihr Geſicht am Halſe der Mutter, welche gleichfalls erſchuͤttert das Haupt neigte, dann aber mit freudiger Feſtigkeit ſagte: Wenn wir den lieben Gott durch unſte Ver⸗ meſſenheit gleichſam herausfordern, ſo ſhict er uns noch immer einen Engel eben da entgegen, wo uns die unverdiente Huͤlfe am meiſten Noth thut. Wie oft hab' ich meinen Mann gebeten, die naͤchtlichen Wanderungen einzuſtellen. Er lachte nur dasu. Jetzt ſieht er doch wohl ein, daß meine Angſt nicht ſo ganz thoͤricht war. Mußte Erwin gleich bekennen, daß die ihm zugedachte Engelqualität das unheiligſte Haupt träͤfe, ſo blieb ihm doch der fromme Sinn dieſer Worte verehrungswuͤrdig; ſie ſtimmten auf das Vollkom⸗ menſte zu der ganzen Umgebung und erklaͤrten ſolche, indem ſie hingegen wieder von ihr die rechte Be⸗ deutung erſt empfingen. Die Waͤnde waren mit Bildern von mancherlei Groͤße bedeckt; bibliſche Ge⸗ ſchichten, Hirtenſtuͤcke, und andre unſchuldige Ge⸗ 147 genſtaͤnde, deren Ausfuͤhrung ſelbſt einen Kenner⸗ blick befriedigen mogte. Die Liebhaberei des Beſiz⸗ zers hatte einer Sammlung von Seeſtuͤcken, meiſt ruhigen Waſſerflaͤchen mit einzelnen Schiffen im Mondſchein uͤberglitten, den vorzuͤglichſten Platz eingeraͤumt. Von dieſen kunſtreichen Darſtellungen war der Blick ins Zimmer hinein nicht minder an— genehm, jedes Hausgeraͤth am rechten Platz, die Ordnung und Sauberkeit des Gansen wie vom Duft eines geiſtigen Familienlebens wohlthuend an⸗ gehaucht. Es giebt Augenblicke, wo der Menſch in den Erſcheinungen der Gegenwart nur bildliche Wieder⸗ holungen einer Vorzeit zu ſehen glaubt, welche äl⸗ ter iſt als ſein irdiſches Daſein. Erwin fand ſich in dieſem Fall. Als aber nun der Mann trocken gekleidet zu ihnen hereintrat, und das verheißene Glas Wein auf das Wohl ſei⸗ nes huͤlfreichen Gaſtes trank, da war dieſer feſt uͤberzeugt, er muͤſſe die drei Perſonen ſchon irgend⸗ wo geſehen haben.— Auf den erſten wilden Schrek⸗ ken uͤber das, was moͤglich geweſen waͤre, folgte nun die Freude an der gluͤcklich beſtandenen Gefahr, und nach hundert Liebkoſungen fanden die Mutter 148 und Tochter noch immer eine neue vene Hand oder Schulter des geliebten Hausvaters zu beruͤhren und eine Weile feſt zu halten. 4 be nicht wahr? fing die Mutter beſorglich an, gehſt du Abends nicht wieder an das Waſſet Kuͤnftig, lachte er, werd' ich mich beſſer n nehmen. Aber wenn du mich wieder mit Furchtſamkeit quaͤlſt, ſo geh' ich noch heute wieder hin. Das waͤre Gotteslaͤſterung! ſagte ſie und fä ihn ſchnell beim Arm, als er mit der ſcherzenben Drohung: Mutterchen! aufſprang. Die Lochitt lächelte vor ſich hin, als wollte ſie ſagen: thut er doch nicht. 5 Indem ſie um etwas zu ſuchen nach der 8. ging, beleuchtete ſie zufaͤllig ein bis dahin unbemerkt gebliebenes Bild, das Portrait eines jungen Man⸗ nes. Erwin, welcher ihren Bewegungen unver⸗ wandt folgte, ſah ſich zu ſeinem groͤßten Erſtaunen von bekannten Augen angeblickt, und wußte jetzt plötzlich, wo er durch ſein Abenteuer einzeführt worden. Der Krauskopf dort rief ihm gans laut den Namen Videbant zu, der lang in einem Vergeſſenheitskaͤmmerchen ſeiner Seele wo geſchlum⸗ mert hatte. 149 und nun wiederholte ſich in lebendiger Wahrheit, was ihm fruͤher ein prophetiſches Bild gezeigt. Der Vater ſtand hinter dem Stuhl, uͤber die Lehne ge⸗ buͤckt, die Mutter theilte ihre Aufmerkſamkeit zwi⸗ ſchen ihm und der Lochter, welche vom andern Liſch eien Korb mit Trauben hertrug. So hatte er ſie im Hauſe der Landraͤthin Drauner auf jener Zeichnung kennen gelernt. Hier war das Vaterhaus, und er darin! Seltſames Zuſammentreffen, weh⸗ muthige Erinnerung an den Abend, wo auch der Mond geſchienen und Valerien zum erſtenmal in ſeinen Armen geſehen hatte.— Von da bis hie⸗ her!— unwiderſtehlich war der Reiz, dieſer an⸗ ziehenden Familie noch naͤher zu kommen.— Wenn das Ihr Sohn iſt, ſagte er auf das Bild zeigend, ſo freuet es mich, Herr Videbant, nach ſeiner auch ihre perſoͤnliche Bekanntſchaft zu machen. Sechs hoch verwunderte Augen beſtaͤtigten ihm zum Ueberfluß, daß alles vollkommen richtig ver⸗ muthet war. Das Naͤhere erlaͤuterte ſich im freu— digſt lebhaften Geſpraͤch. Aber wie ſchmerzlich em— pfand Erwin es hier wieder, daß jede reine Hin⸗ gebung dem verſagt iſt, welcher eine Schuld und als deren Kennzeichen ſeinen Namen verbergen muß. 150 3 Indem es ihm ein neuer Frevel ſchien, ſich in die⸗ ſes Haus mit einer Luͤge eimzufuͤhren, blieb gleich⸗ wohl der Mechanikus Bertram die paſſendſte Verhuͤllung. Daß er von naͤherem Verhaͤltniß zu dem jungen Kunſtler keinen Staat machen durfte, war die nothwendige Folge; denn ntürlich hüte der erſte Brief aus Rom den ganz unbekannten Freund Mechanikus abgelaͤugnet, und einem verdien⸗ ten Argwohn Preis gegeben. Von Videbants Ge⸗ maͤlden aber, und vom Grafen Serraval, ja vom Baron Malorne zu reden, konnte kein Be⸗ denken und mußte die beſte Wirkung haben. War es ſchon vorher eine ausgemachte Sache geweſen, dem Retter des Vaters ein Nachtlager zu geben, ſo wußte man nun vollends gar nicht, wie man ei⸗ nen wenn auch nur entfernten Bekannten des ab— weſenden Hausſohns genug ehren wollte. Sie ſol⸗ len in meines Arnolds Zimmer ſchlafen, ſagte die Mutter, Gott verleihe meinem guten Jungen auch einen froͤhlichen Abend!— Erwin haͤtte mit ſeinem Bewußtſein einer wohl⸗ gerathenen Handlung wohl auf hartem Strohlager trefflich geruht. Wie viel beſſer in ſo lang entbehr⸗ ter Behaglichkeit! 151 19. Das Fruͤhlicht fand ihn ſchon am Fenſter. Zu ſeiner Verwunderung bemerkte er eine in der geſtri⸗ gen Dunkelheit unſichtbar gebliebene Nachbarſchaft mehrerer Haͤuſer, welche der Anfang einer Straße ſchienen, und uͤber dem Huͤgel eine Thurmſpitze, wodurch aller Traum von romantiſcher Einſamkeit der Malerwohnung vernichtet wurde. In der Mor⸗ genſtille beſah er ſich das Innere des Hauſes. Von der Diele bis unter's Dach war Bild an Bild. Blumen und Fruchtſtuͤcke mit herkoͤmmlichen Schmet⸗ terlingen und Voͤgeln; innere Kirchen, Fiſchhaͤnd⸗ lerinnen, Bauern auf umgeſtuͤlpten Faͤſſern beim Kartenſpiel, wie die Hollaͤnder ſie mit Liebhaberei darſtellen, Viehheerden durch ſeichtes Waſſer, Sol⸗ daten und Maulthiere uͤber hohe Bruͤcken ziehend; in einem Hohlweg Raͤuber und angefallene Kutſchen, ein friedlicher Huͤhnerhof, wo der Hahn, und gleich daneben ein Congreß auf welchem ein Cardinal die Hauptrolle ſpielt; Doͤrfer mit Hochzeiten und Pferde⸗ maͤrkten, eine Baderſtube wo Baͤrte und Gliedma⸗ ßen abgenommen werden, Schacherjuden, blinde Muſikanten, Marktſchreier, gekroͤnte Haͤupter und Kinder mit Seifenblaſen, ſo bunt durcheinander 152 wie das Leben ſelber in ſeinen mannichfaltigen Zu⸗ ſtaͤnden und Verwirrungen. Die meiſten waren ſchuͤlerhafte Copieen. Erwin, der ſich wunderte, unter der ganzen Menge kein wirklich werthvolles Gemaͤlde zu ſehen, bedachte nicht, daß man der⸗ gleichen heut zu CTage ſchwerlich wo auf einer Haus⸗ diele findet. Er glaubte allein im Hauſe wach zu ſein, aber die Erſcheinung der beiden Frauenzimmer, welche voͤllig angekleidet ſchon aus dem Garten kamen, belehrte ihn, wie fruͤh in einem wohlgeordneten Buͤrgerhauſe der Tag anbricht, den die hoͤheren Salons erſt vorlaſſen, wenn er ſich mit Warten ſchon halb aufgezehrt hat. Die freundlichſten Worte begruͤßten ihn. Re⸗ nate lachte uͤber die Aufmerkſamkeit womit er die bunte Wand beſchauete. Er haͤtte ſeine Erwide⸗ rung, daß in ihrer Gegenwart freilich ihm kein Bild der Welt einen Blick abgewinnen werde, nicht zuruͤckzuhalten vermogt. Denn in Wahrheit, man konnte ſeine Augen ſchwerlich auf eine lieblichere Er⸗ ſcheinung und nur muͤhſam von ihr hinweg wenden. Dies feine zart bluͤhende Geſicht verdiente einen ſolchen Reichthum des ſchoͤnſten Haarwuchſes, deſſen 153 Locken und Flechten kein Ende nahmen. Den blen⸗ denden Hals erhob das dunkelfarbige Tuch, welches man reizend finden, und doch um ſo mehr zugleich hinwegwuͤnſchen mußte. Die Schuͤrze gab ihr ein haͤuslich beſcheidenes Anſehen, wogegen der nied⸗ lichſte Fuß, unter dem einfachen Kleide hervor, auf jedem ſtolzen Parket an ſeinem Platz geweſen waͤre. Die Art, mit welcher ſie ſeine Schmeichelei zu uͤberhoͤren ſchien, zeigte, daß ſie dieſelbe verſtanden hatte. Sichtliche Freude uͤber ihr anmuthvolles Kind lachte im Auge der Mutter, welche den Gaſt ins Wohnzimmer einlud. Beim Fruͤhſtuͤck vermißte er den Vater. Der, ſagte Renate, malt ſchon ſeit einer Stunde in der Kirche.— An einem Altarblatt? fragte Er⸗ win mit der Uebereilung, worin er ſich ſchnell das Kunſtfach und Talent des Alten ausgedacht hatte. Nein, ſoweit verſteigen wir uns nicht, verſetzte die Frau, er beſſert nur die ſchadhafte Decke aus. Vor dieſem Worte verſchwand ſein Irrthum. Daß hoͤhere Leiſtungen hier zu Hauſe waͤren, ſchienen frei⸗ lich die trefflichen Nachtſtuͤcke vor ſeinen Augen zu beweiſen. Welche Bewandniß aber es mit ihnen habe, daruber ſollte er unmittelbar durch den Vater 15⁴ ſagte er auf Befragen, ich lachte noch einmal ſo vogt zumuthet. Du weißt, Renate, die em⸗ ſchene Engelgruppe am Gewoͤlbe in der kleinen ſches Suͤmmchen ausgeworfen, ich mogt' es wohl Frau.— Er aber dagegen: ich unternehme nichts, was ich nicht auszufuͤhren ſehe. Soll ich mit Schande beſtehen? Die Farben bring⸗ ich woöhl heraus, aber von den Figuren iſt kein Strich mehr zu erkennen. Und was weiß ich von Anatomie und Contour! Erwin gab ſein Erſtaunen er dieſe Aeuſſe⸗ dem großen Lehnſtuhl aufgehängte Studien, und die meiſterhafte Praktik der kleinen mit dem Na⸗ men des Kuͤnſtlers bezeichneten Rachtſtuͤcke in offe⸗ nem Widerſpruch erſchienen. Sohn gezeichnet, und von den Helbilderchen habe ich nur dies eine nach einem Van der Neer copirt. Der Name Videbant auf den an⸗ rung zu erkennen, mit welcher doch einige uͤber berichtet werden, der eben lachend hereinkam. Fa luſtig, wenn ich das koͤnnte, was mir der vich 3 Seitencapelle. Zur Wiederherſtellung iſt ein büb⸗ verdienen.— So mache dich daran, ſagte die — Die Acte dort, verſetzte Videbant, hat mein v 155 dern fuͤnf iſt aber wenigſtens ſechszig Jahre aͤlter als ich, und gehoͤrt meinem Großvater an, der zwar nicht beruͤhmt, aber doch gewiß ein vorzuͤgli⸗ cher Maler war. Sehen Sie nur, wie das ge⸗ macht iſt. Ihm verdanke ich eigentlich meine ganze Neigung zu ſolchen heimlich milden Darſtellungen, wofuͤr er mir erſt den Sinn aufgeſchloſſen hat. Dieſe Bilder hab' ich im Hauſe meines Vaters, der ſie wie Heiligthuͤmer achtete, von Kindheit auf geſehen, und nach der Ruͤckkehr von meinen Wan⸗ derjahren und Abenteuern zu großer Freude unan⸗ getaſtet wieder gefunden. Seitdem betrachte ich ſie mit derſelben Innigkeit, womit er ſie gemalt hat, und verehre dankbar und geruͤhrt den Ausſpruch des ausgezeichnetſten jetzt lebenden Malers in Deutſch⸗ land uͤber ihn. Er hatte den alten Videbant noch ſelber gekannt; und was er von ihm ſagte, hab' ich niedergeſchrieben, und das Blatt hinten auf dies Bildchen geklebt. Er nahm das Bild herunter, drehte es um und las Folgendes: »Auch traf ich oft einen Maler Na⸗ „mens Videbant an dieſer einſamen Stelle; er ſprach aber nie, ging ſtill in »ſeinen Mantel gehuͤllt und beobachtete 156 «die Effecte von Sonne und Mond, die aer auch in kleinen Bildern malte. Einſt «ſah ich ein Bildchen von ihm, wo eine Familie, eine Mutter mit Kindern, beim „Schein des Mondes in der Stube ſitzt. „Das Mondlicht ſchien durch das Fenſter «guren, und ſo war das ganze Zimmer „Noch jetzt iſt mir die zarte Ruͤhrung an⸗ agenehm, die der Anblick bei mir erweckte⸗ „Niemand empfand und wuͤrdigte, was dieſer ſtille gefuͤhlvolle Mann malte, und uer lebte kuͤmmerlich, weil er nur gering «bezahlt wurde. Aber er hatte wohl ein eLicht wie Sonne und Mond in ſich, das «ihn erwaͤrmte und ergoͤtzte!* Dies Bildchen iſt eben das, welches der große Kuͤnſtler ſo einfach und wahr beſchreibt. Sieht man es ihm nicht an, daß es aus dem Herzen heraus ge⸗ malt wurde?— und ſeine Bilder zum Theil haben mich zu dem gemacht, was ich bin, nur leider nicht zu einem Maler, wie er.— Ja, waͤre mein Sohn hier, dann zeichnete er die Figuren, ich miſchte die von dieſem ſanften Schein beleuchtet. aund fiel auf den Fußboden und einige Fi⸗ 157 die Farben, in acht Tagen waͤren wir fertig und haͤt⸗ ten einen ſchoͤnen Gewinn, bei jetzigen Zeiten ſehr willkommen. Aber auch mein Gehuͤlfe iſt von mir gegangen, und ich habe keinen Menſchen, mit dem ich mich nur berathen koͤnnte. Unter dieſem Seufser hangte er das Bild an die Wand zuruck. Wie ein Blitz fuhr es durch Erwins Kopf. Videbant ſah freilich verwundert auf, als der wandernde Mechanikus ſeine Huͤlfe anbot; indeſſen wollte er ihm durch eine abweiſende Antwort nicht weh thun, und nahm ihn mit zur Kirche in der Ueber⸗ zeugung, der Anblick des Herzuſtellenden werde die vorlaute Anmaßung ſofort niederſchlagen. Erwin hingegen fand das Unternehmen gar nicht uber ſeine Kraͤfte. Von den Engeln, welche um ein ſchweben⸗ des Kreuz in die Hoͤhe flatterten, waren allerdings kaum einige Koͤpfe noch in leidlichem Zuſtand. Nach dieſen Ueberreſten aber ſchien ihre Vortrefflichkeit keineswegs unerreichbar. Das Gauze war mit Leim⸗ farben auf einen hellblauen Grund gemalt, welcher das Himmelsgewoͤlbe nachahmen ſollte. Erwin aber hatte in fruͤheren Zeiten die Oelfarbe genug gequaͤlt, um hier mit Ehren beſtehen zu koͤnnen, und aͤußerte dies gegen Videbant. Hierauf erfolgte von einem 158 jungen wohlgenaͤhrten Mann, welcher mit großen Papierrollen unter dem Arme herzugetreten war, die ſelbſtgefaͤllig vorgebrachte Bemerkung, daß eine ſolche Herſtellung alter Malerei leichter verſprochen als geleiſtet werde. Er machte dabei eine Art Verbeugung gegen den Alten, welchem er eine beſonders abſichtsvolle Hoͤflichkeit zu erweiſen ſchien. — Erwin, ſchon empfindlich, verſetzte: Gut, zur Probe uͤbernehm' ich die Erneuerung des hei⸗ ligen Georg, welcher auf jener Wand wunderbar genug in der Luft reitet, ſeitdem ihm das Pferd unter den Beinen von der Zeit entfuͤhrt worden iſt. Doch unter der Hauptbedingung, daß Sie, Herr Videbant, mich unterſtuͤtzen; denn ohne Ihre Farbenmiſchung bin ich verloren. Mislingt es, ſo verlange ich fuͤr meine Arbeit nichts, und trete zuruͤck. Der Kirchenvogt genehmigte den Vorſchlag. Kreide und Holskohlen waren zur Hand, und Erwin begann ſogleich die Zeichnung, wobei ihm ſeine ehemaligen Uebungen an Wouvermann⸗ ſchen Stallſcenen und Pforr'ſchen Pferderagen trefflich zu ſtatten kamen. Videbant ſah mit Verwunderung ein ſchoͤnes Roß entſtehen, deſſen 159 Bewegung weit mehr Geſchmack zeigte, als der verblichene plumpe Schimmel des Drachenwuͤrgers. In der Art, wie Erwin nun Malerſtock und Pinſel angriff, erkannte er den geuͤbten Kunſtver⸗ wandten, deſſen muthiges Schaffen ihn ſelbſt anreizte. Die Miſchtoͤpfe arbeiteten luſtig durch einander, und mit jedem Pinſelſtrich trat der edle Streithengſt kraͤftiger auf dem dunkeln Grunde hervor. Die Arbeit war vollendet. Der Paſtor des Hrts, welcher vor zwanzig Jahren eine Bildergalle⸗ rie geſehn hatte, und in dem Sonntagsclub, wo er noch immer davon erzaͤhlte, fuͤr eiſen Kunſtkenner galt, ſollte ihren Werth beurtheilen. Nachdem er wegen ſeiner Kurzſichtigkeit ein paar mal die Naſe an der Wand hin⸗ und hergeſtrichen, auch in der Entfernung eines Schritts ein kleines Perſpectiv ſorgfaͤltig angewendet hatte, erfolgte erſt ein latei⸗ niſches Citat und dann eine beifaͤllige Entſcheidung. Auch der wohlbeleibte Juͤngling, welcher mit ſei⸗ nen Papierrollen abermals zugegen, und wie Er⸗ winerfuhr, ein angehender Baukuͤnſtler war, konnte mit ſeinem Aber nicht durchdringen; doch zeigte er große Anſichten, indem er den Koͤrperbau des Pferdes nach dem Geſetze der Saͤulenordnungen zu richten ſuchte. Auf dieſe gelehrte unterſuchung fand der Kir⸗ chenvogt es unbedenklich, dem Kuͤnſtlerpaar, wel⸗ ches den Schutzpatron der Kapelle ſo trefflich wie⸗ der zu Pferde geſetzt hatte, auch das Gewoͤlbe anzuvertrauen. Ein benachbarter Graf, deſſen Erb⸗ begraͤbniß dieſer Seitengang einſchloß, hatte ihm deshalb Vollmacht gegeben, und Videbant, uͤberraſcht von der Probeleiſtung ſeines jungen Freundes, munterte dieſen nun ſelbſt zur gemein⸗ ſchaftlichen Erwerbung des ausgeſetzten Preiſes auf. Hieszu indeſſen bedurfte es allerhand Vorar⸗ beiten. Den Engelskoͤpfen mußten die verſchwun⸗ denen Leiber aufs Neue erſchaffen werden. Die Stellungen wollten uͤberlegt, Entwuͤrfe angefertigt ſein, am gerathenſten ſchien, die Geſtalten durch das bequeme Huͤlfsmittel der Pauſen reinlich auf die ausgemeſſenen Raͤume zu bringen; und Erwin ſah ſich in Videbants Werkſtatt bald von Allem umgeben, was ihn bei dieſem Geſchaͤft foͤrdern konnte. Seltſam ward ihm oft zu Muth, wenn er ſtill eiftig daran ſaß, und ſein Blick dann auf das 161 bunte Gemenge von Farbentoͤpfen, Chablons, Reib⸗ ſteinen und Malergeraͤthſchaften aller Art fiel. Wie großmuͤthig raͤchte ſich nun das fruͤher kaum gewuͤr⸗ digte Talent, indem es ihm eine Freiſtatt oͤffnete, welche allem Glanze ſeiner Herkunft verſchloſſen ge⸗ blieben waͤre. Zwar im ſchlimmſten Nothfall haͤtte er wohl ein Unterkommen in der Nachbarſchaft gefunden, wo auf irgend einem Gut ein Onkel oder Vetter hauſen mußte. Allein, abgeſehen von der traurigen Rolle, in welcher er dort auftreten wuͤrde, gab es denn in der ganzen Welt noch ein Haus in dem zwei Sterne wie Renatens Augen funkelten? Da hinein zu blicken war gefaͤhrlich; ganz unmoͤglich aber war das Gegentheil, wie oft er ſich es auch vornahm, und Valeriens Bild zu Huͤlfe rief. Was vermogte ihr bleicher uner⸗ freulicher Schatten gegen ſolchen lebendigen hell aufblickenden Strahl! Es galt um ſeine Vorſaͤtze manchen deſto ſchwie⸗ rigern Kampf, da er auch uͤber ſein ganzes Be⸗ tragen ſorgfaͤltig zu wachen und den angenomme⸗ nen Character durchzufuͤhren hatte. Und das war ſolchen Blicken gegenuͤber keine Kleinigkeit. Zwar hatte er den Uhrmachergeſellen zur allgemeineren II. 11 162 Wuͤrde des Mechanikus erhoben, und ſich dadurch gewiſſermaßen die Pflicht auferlegt, einen feinen und kuͤnſtlichen Mann darzuſtellen; aber eine ſchwie⸗ rige Aufgabe war die Unterdruͤckung der Hofma⸗ nieren, welche ſich ihrem Range gemaͤß immer wieder vorwaͤrts draͤngten. Wer jemals in der Nothwendigkeit war, ſich in die Sicherheit irgend einer niederen Maske zu fluͤchten, der hat einen Begriff von den tauſend Kleinigkeiten, welche an ihm zu Verraͤthern wurden. Bezeichnet die Art ins Zimmer zu kommen, einen Stuhl zu nehmen, beſonders aber das Benehmen beim Eſſen, den Wohlerzogenen ſchon unverkennbar; wie vielmehr den Hofmann, welcher nicht nur das Schickliche, ſondern das Feinſte im Auge hat, und ſelhſ die Uebertreibung gern fuͤr den richtigen Maßſtab ach⸗ tet.— Die gewaͤhlten Redensarten blieben ver⸗ däͤchtig; der oft wiederkehrende Gebrauch franzo⸗ ſiſcher Ausdruͤcke ward durch ein hinterher aufge⸗ logenes Maͤhrchen von eigentlicher Herkunft aus dem Waadtlande nur fuͤr den gutwillig Glaͤubigen zur Befriedigung gerechtfertigt. Allein ſelbſt der Unbefangenſte mußte den Kopf ſchuͤtteln, und Ge⸗ danken bekommen, wenn er ſah, daß der ſoge⸗ 163 nannte Mechanikus keine Uhr auseinander zu legen wußte, und bei der ihm zugemutheten Reparatur eines einfachen Geraͤths in die toͤdtlichſte Verlegen⸗ heit fiel. Um das Alles zu verantworten und ſich die vortheilhafte Meinung ſeiner Hausgenoſſen zu er⸗ halten, machte er dem gutmuͤthigen Videbant ein Geſtaͤndniß, wodurch fruͤhere beſſere Lage, un⸗ gluckliches Schickſal, heimliche Verfolgung im Allgemeinen angedeutet, der eigentliche Kern des Räthſels aber in eine undurchdringliche Schale ver⸗ huͤllt wurde. Die freundlichen Leute hatten daraus kein Arg und wuͤnſchten ſich Gluͤck zu einem Haus⸗ genoſſen, welcher den fruͤheren Gehuͤlfen des Va⸗ ters mehr als zweimal erſetzte. Erwin hingegen war nicht minder froh, vor dem herannahenden Winter ein ſo wohlthaͤtig ſchuͤtzendes Dach gefunden zu haben. Der Umgang mit dieſen einfach herzli⸗ chen Menſchen bildete in ihm aus, was der Auf⸗ enthalt in jener ſtillen Pfarrwohnung und der Ker⸗ ker angefangen hatten. Das glanbte er ſelbſt we⸗ nigſtens, weil er in der Beſchauung ſeines vorigen Lebens mit aufrichtiger Reue verweilte, welche der erſte Schritt zur Beſſerung ſein ſoll. 164 Einem Verirrten uͤbrigens durch Beiſpiel und Erzaͤhlung die rechten Wege zu zeigen, dazu war Videbant ganz der Mann. In ſeinem ganzen Leben war ihm von dem, was man Gluck nennt, ſehr wenig zu Theil geworden; dafuͤr aber ein deſto groͤßeres Maaß der Kraft, welche die Schwere der Schickſalsungunſt mit Gelaſſenheit tragt. Bit⸗ tere Armuth hatte ihn fruͤh aus dem väterlichen Häuſe, ganz ſeiner Neigung zuwider, in den Sol⸗ datenſtund und weit in der Welt umher getrieben. Von der Nichtigkeit des aͤuſſern Menſchenverkehrs hinweg zog ihn die tiefe Sehnſucht unaufhoͤrlich nach der Heimat eines geiſtigen Daſeins. Aber das Heiligthum der Kunſt zu erreichen, ſo gut ſollte es ihm nicht werden, und es war ruͤhrend anzuhoͤren, wie er von ihr als einer unbekannten nur geahn⸗ deten Goͤttin ſprach, welcher er jenſeit zu begeg⸗ nen hoffte. Waͤhrend ſein liebſter Wunſch ſo uner⸗ füͤut blieb, ließ er doch nicht ab, nach Möglichkeit auf ihn hin zu ringen, und wenigſtens die Werk⸗ zeuge zu handhaben, welche in der Hand des Be⸗ guͤnſtigten Zauberſtabe werden. Der Anblick der großen Natur und ihres geiſtigen Wiederſcheins in Gemaͤlden war ſein herrlichſter Genuß; Pinſel * und Palette ſeine liebſte, obgleich bei dem Gefuhl ſeiner unvollkommenen Leiſtungen, eine wehmuth⸗ erregende Beſchaͤftigung. Stundenlang konnte er ſich in der Bewunderung ſchoͤner Formen und rei⸗ zender Beleuchtungen vertiefen. Dann wachte er auf mit ſchmerzlichen Seufzern uͤber ſeinen arm⸗ ſeligen Zuſtand und die Entſagungen, aus welcher ſein Leben zuſammengeſetzt war. Doch gingen dieſe Traͤume nicht ganz verloren. Ausgeſchloſſen von den Guͤtern der Welt, knuͤpfte er einen heimlich innigen Bund mit den Kindern des Lichts, welche das Leben heiter und die Erde ſchoͤn machen. Sei— ner innigen Liebe ſchloß ſich das Geheimniß der Farben auf; ihre Waͤrme und Glut ward ſeine Lebensflamme. 1 Eine gluͤckliche Wendung befreite ihn aus dem widerwilligen Zuſtand, wovon ihm nichts ertraͤglich geweſen war, als die bunten Erſcheinungen, welche aus den Werkſtaͤtten und Hochoͤfen der Kriegs⸗. damonen hervorgehen. Jetzt wollte er nur ſeiner geiſtigen Neigung leben, allein es fand ſich neben ihr eine irdiſche; beide vereinigten ſich, ihm fuͤr die verlornen Jahre reichlichen Erſatz zu ſchenken. Ein geliebtes Weib, mit ihr eine beſchraͤnkte buͤrger⸗ lich genuͤgende Wohlhaͤbigkeit, bei ſchoͤnen Kindern die Freude an ihrem Gedeihen, und vorzuͤglich an einem Sohn, welcher alles zu erreichen verſprach, was dem Vater nicht gelingen ſollte, das war von Videbants Lebensgluͤck die Summe. Seine Zu⸗ friedenheit gab ihr den Werth eines Königreichs. Das Verſaͤumte nachzuholen blieb es indeſſen zu ſpaͤt. Er fand ſich darin, der abgeblaßten Jugend⸗ bilder von Reiſen, Gallerieen und Italien, als fruͤh verſtorbener Lieblinge zu gedenken, und den beſchei⸗ denen Kreis auszufullen, wo ihn eine zwar abge⸗ ſchloſſene doch unabhaͤngige Thaͤtigkeit begluͤckte. Den Wohnort ſeiner Frau machte ihm die reizende Lage des heiteren Fleckens bald zu einer geliebten Heimath. Es fehlte nicht an Haus und Hof; und wenn er als Decorationsmaler keine große Figur machte, ſo ward ihm dagegen eintraͤgliche Arbeit voll⸗ auf, ſowohl im Orte ſelbſt, als in der Nachbar⸗ ſchaft, wo zwiſchen den ſtolzen Landſitzen eines be⸗ guterten Adels ſich auch ein paar Kloͤſter noch erhal⸗ ten hatten. Eine Huͤlfe, wie er ſie bedurfte, hatte er an Erwin gefunden, welcher zwar ſich von den Re⸗ geln der Zeichnung keine Rechenſchaft zu geben 167 wußte, aber ein gluͤckliches Auge beſaß, und was ihm an Uebung mangelte, auf der andern Seite durch eine lebhafte Phantaſie wieder einbrachte. So ſchritt die Arbeit erfreulich vorwaͤrts. Videbant gab dabei ſeine Lebensgeſchichte zum Beſten, woge⸗ gen Erwin ihm von einzelnen Kunſtwerken und von Gemaͤldeſammlungen zu erzaͤhlen nicht ermuͤdete. Das Gewoͤlbe ward vollendet, bewundert und reichlich bezahlt. Erwin empfing ſeinen Antheil an der Summe mit der Freude, welche der erſte ſelbſtverdiente Thaler zu gewaͤhren pflegt. Doch konnte er beim Anblick der aufgesaͤhlten Geldſtuͤcke einen Seufzer uͤber ſeine fruͤhere Verſchwendung und uͤber die verlorenen Mittel dazu nicht unter⸗ druͤcken. Wenmn ein verwoͤhnter Menſch aus tiefem Leide kaum wieder in einen ertraͤglichen Zuſtand gekommen iſt, ſo kann er auch dieſen bald darauf nur ertragen, indem er ihn als eine Ruckſtufe zu dem verlorenen Gluͤck betrachtet, und die alte Un⸗ ruhe ſtellt ſich wieder bei ihm ein. Dem Schiff⸗ bruͤchigen gleich, welcher im erſten Augenblick den Rettungsfelſen kuͤßt, im zweiten vor der Einoͤde erſchrickt, wo er zum Leben erwachte, und mit ver⸗ geblicher Sehnſucht uber die wilden Wellen nach 168 der Gegend ſeiner Heimat blickt. Erwin fuͤhlte ſich ein ſolcher. Wie es doch eigentlich zu Hauſe ausſehn moͤgte, ob etwas gegen ihn geſchehen, was aus Valerien, aus Frau von Lambiel gewor⸗ den ſei; dieſe Gedanken fielen beſonders in der Stille des Abends uͤber ihn her, und fuͤhrten ihn gewaltſam aus dem traulichen Familienkreiſe hin⸗ weg. War aber dieſem gar durch die Ankunft ei⸗ nes Briefes aus Rom ein hohes Feſt bereitet, dann uͤberwuchs die Wehmuth ſeine Kraͤfte. Die Freude des Vaters, welcher vorlas, die Andacht mit wel⸗ cher die Mutter, die liebevolle Aufmerkſamkeit mit welcher die Schweſter zuhoͤrten; die Vernichtung worin Erwin ſeines Vaters gedachte, des alten ein⸗ ſamen Mannes, der auch einen Sohn in der Fremde, doch weder Brief noch Freude von ihm hatte!— Es war nicht auszuhalten. Er lief auf ſeine Kammer, um den tiefbrennenden Schmerz durch bittere Thra⸗ nen frei zu laſſen, oder hinaus in die Winternacht, wo es ihm wohl that, wenn der Sturm uͤber den Felſen her ſeine gluͤhenden Wangen peitſchte, und wildes Schneegeſtoͤber in die heiſſen Augen trieb.— Dann blieb er ein paar Tage ſtill in ſich und ſelbſt von Renaten weggekehrt, deren froͤhlich unbefan⸗ 169 gene Blicke ihm ſonſt viel zu ſchaffen machten. Hun⸗ dertmal, wenn ihre Liebenswuͤrdigkeit ihn bezauberte, fiel ihm das Wort ein, welches ihr Bruder einſt uͤber ſie ausgeſprochen hatte: Wandelt auf Erden ein Engel, ſo iſt ſie es. Schmerzlicher als je bedachte er zugleich ſeine Vergangenheit, welche ihn dieſes Engels unwürdig machte, und ſeine Pflicht, dieſen Abſtand nicht aus den Augen zu verlieren. Denn es war nicht Eigenliebe allein, welche ihm zufͤſterte, daß ihr der junge geheimnißvolle Fremdling keines⸗ wegs gleichguͤltig erſcheine. Ein flͤchtig leichtſinni⸗ ges Wohlgefallen war ihrer Seele fremd, welche jede Empfindung nur in reinſter Innigkeit aufnahm. Sie fuͤhlte ſich durch uͤbereinſtimmende Geſinnung zu ihm ſo natuͤrlich hingezogen, daß ſie es gar kei Hehl hatte, woruͤber denn Niemand verdrießlicher wurde, als der junge runde Architekt und Herr Chafon, welcher mit ſeiner kleinen Taſchengeige die tanzluſtige Jugend des Hrts dreſſirte. Dieſe beiden ſeltſamen Perſonen rechneten ſich zu Videbants Freunden. Der Tanzmeiſter hatte vor mehreren Jahren einen maͤßigen Geldkaſten und mit ihm eine langweilige Frau geheirathet, wodurch er Videbants Ver⸗ wandter geworden war. In dieſes Verhaͤltniß 170 wuͤnſchte der Architekt ſich auf andere Weiſe hinein zu bauen. Allein Renate offenbarte den entſchie⸗ denſten Widerwillen gegen das ihr zugedachte große Loos einer Frau Bauinſpectorin. Sehr begreiflich! ſagte der kleine Tanzmeiſter. Er, welcher ſich mit ſeinen goldenen Brillen, Ringen und zierlichen Me⸗ nuetpas ein Held, unwiderſtehlich für jedes Wei⸗ berherz dunkte, war auch ſchon laͤngſt von der ſo ge⸗ heim als innig auf ihn gerichteten Reigung des gu⸗ ten Kindes uͤberzeugt. Vergebens hatte er bei mehreren Krankheitsfaͤllen ſeiner geliebten Frau gehofft, durch ihren Cod ein gluͤcklicher und intereſſanter Wittwer zu werden. Sie hatte eine Ausdauer, die ihn zur Verzweiflung brachte. Daß ſie uͤber ſeine treuloſen Geſinnungen ſehr verdrießlich war, kuͤmmerte ihn wenig; ſein großes Herz bedurfte eines wuͤrdigern Gegenſtandes, und er kam ſich ſelbſt erhabener vor durch die Er⸗ klaͤrung: ſie genüge ihm nicht. Daß aber Renate ihn ſehr ſchlecht behandelte, machte ihn auch keines⸗ weges irre. Vor den Leuten mußte ſie ja ſo thun; er wußte doch, wie er daran war. Manchmal frei⸗ lich ſpielte ſie ihm ſelbſt die Rolle der Gleichgultigen und Grauſamen gar zu natuͤrlich. Dann ließ er ſeine —————— 171 Wuth auf Frau und Kinder und auf die unglucklichen Springzoglinge los, welche in ſolchen Ungluͤcksta⸗ gen mächtig zuſammengearbeitet wurden und vor dem Bogen des zuͤrnenden Gottes zitterten. Lange hielt ein ſolcher Sturm nicht an; denn wenn er nur am Spiegel vorbei ging, was in einer Stunde oft ge⸗ ſchah, ſo mußte es ihm ja klar werden, wie thoͤricht er ſich mit Grillen plage. Nicht, daß er ſich ſchmeichelte! Gott behuͤte! Aber es war nun ein— mal nicht anders. Dieſen verzehrenden Blicken mußte jede Sprodigkeit ſchmelzen. Solche Haltung, ſol⸗ ches harmoniſche Spiel der ganzen Geſtalt vom edel getragenen Haupte bis in die frei geworfene Fuß⸗ ſpitze herab, wer wollte da widerſtehen! Die angegelbten Wangen freilich hatten, wie ein wohl⸗ gebugelter Hemdſtrich, Falte an Falte; aber die tiefe Bedeutung darin und der Geiſt uͤbers Ganze! Er fand darin eine ſtolze Ruhe, welche ſich gegen ſein uͤbriges Queckſilberweſen wie die langſame Variation eines lebhaften Thema's ausnahm. Der Architekt war von ſolcher Zuverſicht weit ent⸗ fernt; indeſſen befand er ſich auf andere Art recht wohl in ſeiner ſchmachtenden Lage. Sie gab ihm Stoff zu einer ſanften Schwermuth, welche ſeiner 172 Bequemlichkeit ungemein zuſagte. Er gehoͤrte zu dem empfindſamen Schlag, welcher uber einen bluͤhenden Apfelbaum Thraͤnen vergießt, jedoch mitten im Ent⸗ zucken ſtill bei ſich ausrechnet, wie viel Scheffel er wohl tragen werde. Wenn er auf ſeine Maurer und Tageloͤhner als Dummkoͤpfe und Faullenzer ſchalt, ſo war ſeine Stimme eben ſo klagend mild, als wenn er Renaten mit der Schilderung ſeiner zar⸗ ten Gefuͤhle fuͤr haͤusliches Gluͤck zu ruͤhren ſuchte. Hatte er den Tag dazu angewandt, einen von ihm nicht beguͤnſtigten Zimmermeiſter aus der Arbeit weg zu manoͤvriren, ſo feierte er Abends dieſen Sieg mit Geſpraͤchen uͤber die Veredlung des Menſchenge⸗ ſchlechts, und die Sehnſucht nach einer beſſern Welt nebſt ihren verheiſſenen Wundern. Dabei drehte er mit ſelig geſchloſſenen Augen eine kleine Locke auf der glaͤnzenden Stirn zurecht, und bedauerte die lei⸗ denſchaftliche Eitelkeit und Inconſequens des guten Tanzmeiſters. Hatten aber Beide ehemals einander heimlich ge⸗ haßt und verſpottet, ſo waren ſie nun ſeit Erwins Ankunft Freunde, um dieſen eingedrungenen Fremd⸗ ling zu untergraben. Er ſeiner Seits hatte ſeine helle Verwunderung uͤber die beiden merkwuͤrdigen 173 Exemplare, deren Weſen ſo gar nicht in das Vi⸗ debantſche Haus paßte. Aber freilich, den Archi⸗ tekten, durch welchen er manche Arbeit erhielt, durfte Videbant nicht vor den Kopf ſtoßen, und wie laͤcherlich ihm auch der Tanzmeiſter vorkam, ſo blieb er doch ſein Vetter. Solcher Name iſt eine geheime Macht, welche die Menſchen zu Vielem bringt und von vielem abhält. Ohne ihn haͤtte auch Videbant das Maͤnnchen ſchon laͤngſt zur Thuͤre hinaus geſetzt mit ſammt der Frau Gemahlin, de⸗ ren unliebenswuͤrdige Heftigkeit wenigſtens keine Verwandtſchaftstugend war. Dieſe Menſchen hatten ſich verſchworen, der friedlichen Malerfamilie die Sonntagabende zu ver⸗ derben. Kaum dammerte es, ſo kamen ſie angezo⸗ gen und verwandelten die angenehme Unterhaltung, welche bis dahin den kleinen Kreis am geſelligen Ofen ergoͤtzt hatte, in ein nichtiges, oft ſtockendes, oft durch elenden Streit unerfreulich belebtes Ge⸗ ſpraͤch. Gewoͤhnlich wedelte der Tanzmeiſter mit einer erkuͤnſtelten Munterkeit herein, welche impo⸗ niren ſollte, aber nicht lange vorhielt. Hatte Re⸗ nate keine Luſt, ſeine Schmeicheleien zu ertragen, oder lachte man nicht im vollen Chor uͤber ſeine wit⸗ 174 zelnden Bemerkungen, ſo ließ er Kopf und Mund haͤngen, ſetzte ſich in eine Ecke, ſprach von miſera⸗ bler Exiſtenz, verfehlter Laufbahn, drohte mit Er⸗ haͤngen oder Erſchießen, und warf ſeiner Frau vor, daß ſie ihren completen Ungeſchmack auch hierin wieder zeige, ein rothes Band aufgeſteckt zu haben, da doch zum Kleide begreiflich nur ein blaues paſſe. Dann glaubte der Architekt gewonnenes Spiel und Renatens Aufmerkſamkeit ganz fuͤr ſich zu haben. Allein ſie behandelte beide Thoren mit gleicher Ruhe und ſuchte vorzugsweiſe Erwin ins Geſpraͤch zu ziehen. Dieſer fuͤhlte ſich auf eine eigene Weiſe gedruckt. Hatte ſein erſtes Auftreten in Videbants Hauſe ihm natuͤrlich ſchon eine uͤberlegene Stellung ange⸗ wieſen, ſo konnte ſeine Perfoͤnlichkeit und der we⸗ ſentliche Nutzen, welchen er fortdauernd leiſtete, die⸗ ſelbe nur hoͤher ſteigern. Ja ſelbſt das Geheimniß, welches ihn umſchwebte, zog ein gewiſſes Hinauf⸗ blicken an ſeiner Perſon nach ſich. Daß die Fami⸗ liengeſpraͤche uͤber den raͤthſelhaften Gehuͤlfen ſehr vortheilhaft lauteten, konnte er deutlich merken. Ein beſondres Ding aber war es mit ihm in Geſellſchaft Anderer, welche er jedoch auſſer dem Hauſe ganz 175 und daheim ſo viel als moͤglich vermied. Die klein⸗ ſtaͤdtiſche Neugierde war durch das offenbare Maͤhr⸗ chen von ſeiner Waſſerbekanntſchaft mit Videbant mehr gereizt als befriedigt. Etwas anders ſteckte dahinter, das blieb gewiß; aber alle Verſuche, etwas aus ihm herauszuholen, fuͤhrten zu nichts. Im Gegentheil incommodirte er die Leute durch ſein vornehmes Betragen, welches ihm ſo ver⸗ zweifelt natuͤrlich ließ, in einem ſolchen Grade, daß ſie im vollen Aerger daruͤber haͤtten fragen moͤgen, wer ihm eigentlich wohl zu ſolchen Blik⸗ ken und Redensarten die Erlaubniß gebe. Ihn ſelbſt machte das Gefuͤhl davon manchmal verlegen. Eine ernſthafte Erklaͤrung war faſt das einzige wirkſame Mittel gegen unbeſcheidene Zu⸗ dringlichkeit. Und doch wollte er ſich uberall weder im Guten noch Boͤſen mit Jemanden einlaſſen, da er ungewiß wie auf Wellen vom Tage in den Tag lebte, und jeden Abend daran dachte, daß er vielleicht am naͤchſten Morgen weiter ziehen werde. Die endliche Nothwendigkeit dieſer Veraͤn⸗ derung lag auf der Hand; und weil ihr Anblick ihm ſchrecklich war, ſo zwang er ſich abſichtlich, ſie recht anhaltend zu betrachten. Hier war ja ſeines 176 Bleibens nicht. und wo?— Konnte er das Renaten ſagen, welche offen und liebreich wie eine Schwe⸗ ſter mit ihm war? Durfte er ſie durch Kälte und Zu⸗ ruͤckhaltung kränken? Daß er es nicht durfte, war ihm eine Beruhigung; vormocht haͤtte er es bei aller Erlaubniß ſchwerlich. Aber gegen wen ſuͤndigte er wieder durch Etwiederung der Freundlichkeit? Gegen jene Verlaſſene dort, welche ihm einſt ge⸗ trauet hatte,— gegen dieſe Zutrauensvolle, welche er einſt wie jene verlaſſen wuͤrde?— War es ſo? Oder gingen ihm die Gedanken nur irr und wild herum? Seinen Vorſatz, an Serraval zu ſchreiben, hatte er mit einigem Widerwillen, und ohne Erfolg ausgefuͤhrt. Der Brief war unter der Bemerkung zuruͤckgekommen: iſt nicht mehr hier.— Zuweilen kam ihm der fluͤchtige Gedanke, ſeinem Vater durch ein Wort wenigſtens die Gewißheit zu geben, daß er noch lebe. Aber konnte den alten Mann das troͤſten?— Dann mußte er an den Bruder Bern⸗ hard denken, welcher ihm ſo oft ſeine Zeitver⸗ ſchwendung vorgeworfen hatte; an den Onkel Ma⸗ jor, deſſen Prophezeihungen leider ſo richtig einge⸗ troffen waren. Die Vorſtellung, daß er Vide⸗ ———— 177 bants Haus doch einmal verlaſſen, ſein nichtiges Streiſleben wieder beginnen muͤſſe, erfuͤllte ihn mit Angſt, aber ſie half ihm nicht aus dem Irrſal wechſelnder Gedanken⸗ Eines Tags, als er ſo gruͤbelnd und vertieft in den truͤben Anblick der Winteroͤde am Fluſſe hin⸗ wanderte, traf er auf einem Fußſteig mit Rena⸗ ten zuſammen, welche nach dem Jaͤgerhauſe zu einer Freundin wollte. Er bemerkte, daß ſie geweint hatte; ein ſtarkes Athmen verrieth die Anſtrengung mit welcher ſie es zu unterdruͤcken ſuchte. Wie er ſie aber den Feldweg hinunter begleitete, um ihr uͤber einen ausgetretenen Bach zu helfen, da brach der bekaͤmpfte Schmerz wieder los, und die hellen Thraͤnen perlten uͤber ihre Wangen. Betroffen fragte er nach der Urſache.— Ach! ſagte ſie weg⸗ ſehend, zu Hauſe werden Sie es ſchon erfahren. — Es iſt doch kein Ungluͤck?— Bewahre, ver⸗ ſetzte ſie mit ſchmerslichem Laͤcheln, die Mutter zuͤrnt mir eben, daß ich mein Gluͤck von mir ſtoße. Ich habe ſo harte Worte hoͤren muͤſſen. Freilich bin ich wohl kindiſch, daruͤber zu weinen; boͤſe gemeint waren ſie doch nicht. Aber die Ver⸗ anlaſſung iſt ſo unleidlich— Gott, da kommt er! 11. 12 178 Der Architekt ritt ſeitwaͤrts auf der Landſtraße vorbei, und ſah mit einem zarten Laͤcheln ironiſcher Verwunderung zu dem wandelnden Paar heruͤber. Was will der Narr? ſagte Erwin. Mich! fuhr Renate heraus, und lachte durch die Thraͤnen. Aber die Mutter mag ſagen, was ſie will, von gutem Auskommen und Sorgen fuͤr die Zukunft; er kann nur weiter ſuchen nach einer Frau Bau⸗ inſpectorin zu ſeinem Geld und ſeinem Titel; es giebt ja Naͤrrinnen genug, die einen Pavian neh⸗ men, wenn er brav ſeidene Kleider und goldene Ketten ſchenkt. Erwin wußte gar nicht, was vorgegangen war.— Eine foͤrmliche Bewerbung, ſagte ſie, geſtern Nachmittag bei Papa und Mama; mich wundert nur, daß er nicht den Tanzmeiſter als Mittelsmann geſchickt hat, da waͤr' es vollkommen. Er will mir ſogar Bedenkzeit laſſen. Als ob ſolch ein Nein jemals wieder zum Ja werden koͤnnte.— Alſo das Nein iſt ſchon heraus?— Bertram! verſetzte ſie mit unwilligem Staunen, trauen Sie mir zu, daß ich einem Manne die Hand geben koͤnnte, uͤber den ich laut geſpottet habe?— Das geſchieht doch alle Tage.— Ja, wie andrer 179 Meineid auch! Was geſchieht nicht alle Tage? Aber ich kenne keine aͤrgere Niedertraͤchtigkeit, als einen Menſchen ſo zu hintergehen, und ſich ſelbſt wegzuwerfen durch ſolchen Betrug. Wie Sie erzaͤh⸗ len, wuͤrde man in der großen Welt uͤber dieſe Einfalt lachen. Allein ich hoffe doch von Ihnen, daß Sie mich nicht in Ernſt gefragt haben. Sie ſtanden am Bach, der mit klingenden Eis⸗ ſchollen zwiſchen dem Geſteine herniederrauſchte. Renate ſtͤtzte ſich, um uͤber den zerbrochen wan⸗ kenden Steg zu kommen, auf ihren Begleiter, welcher den naͤchſten Schritt ſehr gefaͤhrlich ſchil— derte und mit heimlichem Entzuͤcken das reizende Kind mehr trug als leitete. Nein, ſagte er, eine andre Antwort hätte mich entſetzt. So iſt's recht, war ihre Erwiderung, indem ſie ihm die Hand gab, woraus ein Haͤndedruck wurde. Aber nur geſchwind nach Hauſe, und er⸗ zahlt, daß Sie mich bis hieher gebracht haben; ſonſt macht der fatale Menſch uns beiden noch eine Geſchichte.— uns beiden; das klingt aus einem ſchoͤnen Munde gar zu lieb. Erwin wollt' es ihr ſagen; da flog ſie ſchon uͤber den Schneeteppich 180 hin. Einmal wandte ſich der ſchwatze Hut mit dem freundlichen Geſicht darunter noch wieder um. Dann verſchwand ſie in dem bereiften Nebelgebuͤſch. Uns beiden, ſagte Erwin, indem er ihr durch die ſchim⸗ mernden Staͤmme nachſah. Uns? wiederholte er ernſthafter. Der Gedanke begleitete ihn auf dem ganzen Ruͤckwege. Die Art, wie Videbant Renatens Neuig⸗ keit beſtaͤtigte, war ihm auffallend. Daß ſie den Bauinſpector nicht mag, ſagte er, iſt mir wohl begreiflich, und wir werden unſer Kind nicht zwin⸗ gen, obgleich meine Frau eine ſo gute Verſorgung der Tochter ungern wegweiſet. Sie hat ihr das ernſthaft vorgeſtellt, Renate hat dazu geweint bis ſo weit iſt alles in Ordnung. Ich fuͤrchte nur, daß eine andre geheime Reigung ihren Widerwillen gegen den Anwerber vermehrt. Bis jetzt hat ſie mir nie etwas verhehlt; mich wuͤrde ſehr betruͤben, wenn ſie es in einer ſo wichtigen Sache zum erſten⸗ mal vermoͤgte; und was ſollte ich von dem Men⸗ ſchen halten, der mein unſchuldiges Kind um ſeine Unbefangenheit braͤchte! Erwin glaubte in einem Seitenblick zu leſen, daß dieſer Vorwurf eigentlich ihm gelten mogte⸗ ———— 481 Hier war nichts zu antworten, doch vieles zu be⸗ denken. Als er ſchwieg, fuhr Videbant fort: ich habe meine Frau gebeten, ſie nicht laͤnger mit Zu⸗ reden zu quälen. Sie ſagt freilich, daß ſie es gut meine, und mehr fuͤr Renatens Gluͤck beſorgt ſei, als ich, der Gott walten laſſe. Das ſoge⸗ nannte Gluͤck iſt denn auch eine eigene, und nicht meine Sache. Vielleicht geb' ich zu wenig daraufz aber meine Ueberzeugung ſteht von Alters her feſt, daß wir Menſchen einmal zum Gluͤck nicht beſtimmt ſind, und nichts thun ſollen, um dies Gaukelbild zu erhaſchen. Ueber den Dingen und ihrer Bewe⸗ gung zu ſtehen, halte ich fuͤr die rechte Aufgabe des Erdenlebens. Allein das iſt der Fluch, welcher auf der Welt, nicht bloß auf der Zeit und noch weniger bloß auf unſrer Gegenwart ruht: Daß Jeder etwas werden will, und es fur nichts achtet, etwas zu ſein. Wie eine Bombe ploͤtzlich ſchmetternd einſchlägt, und die aufſteigende Lohe weiten Schein umher verbreitet, ſo traf in Erwins Seele dieſes Wort. Ihm war, als wuͤrde eine Binde von ſeinen Au⸗ gen, eine Huͤlle von ſeinem bisherigen Leben weg⸗ gesogen. Er faßte ſich indeſſen, und erwiderte, 182 um doch etwas zu ſagen: Sie brechen uͤber das Gluͤck den Stab auf eine Weiſe, die keinen Beifall finden wird; worauf es denn auch nicht ankommt. Aber da das Gluͤck wie jedes andre Ding nur durch ſeinen Gegenſatz beſteht, ſo werden Sie mir doch zugeben, daß Gluͤck und Ungluͤck nothwendig ſind, das letzte aber vorzuͤglich als die Lehrerin des Menſchen. Da muͤßte ich, verſetzte Videbant, vorher die Wahrheit des alten Spruͤchworts zugeben: Durch Schaden wird man klug! was doch nicht der Fall iſt; zugeben, daß Ungluͤck den Menſchen beſſer mache, was ich nie geſehen habe. Auch iſt daraus, wie ein Menſch ſich im Ungluck betraͤgt, kein ſicherer Schluß auf ſeinen Character zu folgern. Es ſcheint mancher demuͤthig, ſtill und gefaßt, welcher doch nur vor erbaͤrmlicher Zagheit kein Glied ruͤhrt. Al⸗ lein wie einer ſich hat, wenn nach wirklich uͤber⸗ ſtandenem Leide das Gluͤck wieder ſeine Strahlen um ihn wirft, das iſt ein Ding der Beobachtung wuͤrdig. Wer aus dem Schatten ins Licht tritt, den ſeh' ich deutlich. Dieſe Forſchung ward unterbrochen. Am Abend ſaß die Hausgenoſſenſchaft beiſammen; Renate 183 ruhiger, die Mutter, nach voruͤbergegangener Strenge, zu ihrer gewohnten Guͤte zuruͤckgekehrt, der Vater in ſeiner unerſchuͤtterlich gleichen Stim⸗ mung. Man ſprach faſt noch herzlicher als ſonſt heruber und hinuͤber, wie die, welche in Gefahr waren, auf einem dunkeln Pfade nach verſchiedenen Seiten in die Irre zu gehen, ſich naͤher an einander hal⸗ ten. Renate war vorzuglich daruͤber aus, das Geſpraͤch in ſeinem ſanften Gange fortzuhegen. Trat jedoch manchmal eine der Pauſen ein, wovon man wohl ſagt: es fliegt ein Engel durchs Zim⸗ merz ſo ward hier die Redensart beinah zur Wahrheit geheiligt. Das ſtille Nachſinnen band die Geiſter und Herzen inniger zuſammen. Der Poſtbote reichte einen Brief in die Thuͤre. Von Arnold, ſagte Videbant, indem er ihn gegen die Lampe hielt; nun, Gott gebe uns gute Nachrichten! Dieſes väterliche Gebet ward nicht erhoͤrt. Arnolds Briefe hatten ſchon ſeit einiger Zeit im vaͤterlichen Hauſe minder Freude als Ver⸗ wunderung und dann Beſorgniß erregt. Anſtatt friſcher tͤchtiger Kuͤnſtlernachrichten beſagten ſie nur ſeltſames Zeug und ſo ſeltſam, daß klar daraus zu erſehen, wie ſein Verſtand nicht ſtark genug war, 184 ſchimmernden Ideen auf den Grund zu greifen, und ſich die Augen von Ahndungsnebel und myſtiſchem Wuſt rein zu erhalten. Ganze Seiten faſelten von nichts als von Chriſtum lieb haben, in ſich vernich⸗ ten und wieder gebaͤren, vom Schauen durch's Ge⸗ bet, vom lebendigen In und Durch, und wie alles Wiſſen nur zum Teufel fuͤhre. Das war allmaͤhlig immer dunkler, wunderlicher, das Unverſtaͤndliche zuletzt ganz unverſtaͤndig gewor⸗ den. Und jetzt meldete er ſeinen Uebergang zur al⸗ lein ſeligmachenden Kierche. Das iſt mir eine feine Beſcherung! ſagte Vide⸗ bant, indem er das Blatt ſinken ließ. Erſchrocken riß die Mutter es an ſich, und unter'm Leſen quollen die Thraͤnen aus ihren Augen; Renate ſah ſprach⸗ los ihr uͤber die Schulter in den traurigen Brief. Die Beſtuͤrzung war allgemein. Erwin verließ das Zimmer. Drauſſen fand er noch den Poſtboten im Geſpraͤch mit der Magd. Wieviel Leid ein folcher Menſch in die Haͤuſer herumtraͤgt! Zehn uͤble Nach⸗ richten auf eine gute. Die Maͤhrchen erzaͤhlen uns von boͤſen Geiſtern, welche durch Zauberkraͤfte in enge Behaͤltniſſe ge⸗ bannt ſind. So ſchweifen die ungluͤcksbriefe durch — — 185 die Welt in ihren papiernen Hoͤhlen ſtumm, bis ſie an den rechten Mann kommen. Wie das Siegel erbrochen iſt, ſtuͤrzt der Unhold heraus.— Du hatteſt einen geliebten Freund, die ſchwarzen Zeilen verkuͤnden ſeinen Tod; Vermoͤgen, der Correspon⸗ dent meldet deſſen Verluſt durch einen großen Ban⸗ querot; gute Ausſichten in die Zukunft, die Nachricht einer plotzlichen Begebenheit vernichtet ſie mit einem Schlage. Das alles laͤßt der gaſſendurchwandernde Poſtbote gleichgultig in die Stubenthuͤr herein, de⸗ ren duͤnnes Brett leicht auf den Angeln ſchwebend uns von der aͤußeren Welt abſcheidet. Unruhiger giebt es nichts auf Erden als dies ewig auf und zu klappende Ding. Was kommt nicht alles durch ſeine ſchmale Heffnung, wie durch ein Leck im Le⸗ bensſchiffe!— Das Weltmeer traͤgt den ſchwimmen⸗ den Kriegspallaſt, und die Wellen zerſchlagen auſſen an den glatten Planken. Aber gieb ihnen nur ſo⸗ viel Fußbreit Raums, in den hohlen Bau herein⸗ zurauſchen; und verſchlungen iſt der Stols des Ha⸗ fens, das Leben der Hunderte, welche ſich dem kuͤhnen Segler keck vertrauten. 186 20. Wie leicht iſt der Frieden eines Hauſes unter⸗ brochen! Nach dem fatalen Brief⸗Abend ſah Er⸗ win nur verdrießliche Geſichter, und die Mutter ſchien nicht abgeneigt, auch ihm dergleichen zu ma⸗ chen. Sein harmloſer Gang mit Renaten war natuͤrlich zur Kunde der Frau Tanzmeiſterin gekom⸗ men, fuͤr welche nichts Geſchehenes und ungeſche⸗ henes verborgen blieb. Nun gehoͤrte dieſe liebe Donna zur Secte derjenigen barmherzigen Stadt⸗ klatſchen, die aus reiner Menſchenliebe die Bege⸗ hungen des Naͤchſten nicht uͤber das Herz hinunter⸗ bringen koͤnnen, und deshalb uͤber die Zunge in die Welt hinauslaſſen; wie ungeſchminkt und wahr, das iſt bekannt. Oder waͤr' es ungewoͤhnlich, Worte zu hoͤren, wie etwa dieſe: Mein Gott! Was ſagen Sie dazu, Liebe? Denken Sie ſich, die Frau ſoll ihren Mann ſo gepruͤgelt haben, daß die Leute an den Fenſtern ſtehen geblieben ſind. Ich wohne, wie Sie wiſſen, ſchraͤg gegenuͤber, und ging eben vor die Thuͤr um Luft zu ſchoͤpfen; etwas Laͤrm hab' ich wohl gehoͤrt, aber lieber Gott, muß es denn gleich ſo etwas ſeyn? Der arme Mann! Nun freilich, wenn es wahr iſt, daß er mitunter betrunken nach 187 Hauſe kommt, ſo waͤre die Frau zu beklagen. Zwei Hausmaͤdchen hat ſie auch kurz nach einander weg⸗ geſchickt. Huͤbſch waren ſie beide; und man ſpricht allerhand. Aber wer glaubt dergleichen? Es iſt doch entſetzlich, ſolche Dinge zu erfinden. Vielleicht iſt kein Wort davon wahr. Aber ſo viel weiß ich, den andern Morgen kam er nicht ans Fenſter wie gewoͤhnlich. Mittags pflegt er auszureiten, das un⸗ terblieb auch, und Nachmittags ſah ich ihn in ſeinen Garten gehen, da war das linke Auge breit umher braun und blau; ich glaubte erſt, er häͤtte ein Pfla⸗ ſter darauf liegen. Wenn der Spaziergang eines jungen Mannes mit einem huͤbſchen Mädchen in dergleichen geſchickte Haͤnde faͤllt, ſo iſt die vollkommenſte Geſchichte mit Zubehoͤr im Augenblick daraus zuſammengeſtricktz und es kann eine Geſellſchaft darauf gebeten wer⸗ den, wo ſie denn mit dem Thee und Backwerk als eine Suͤßigkeit hoͤherer Art im begierig ſchluͤrfenden Kreiſe herumgeht. Was daruber verhandelt wurde, mogte freilich die Mutter verdrießen, und Erwin haͤtte ſich un⸗ ter andern umſtaͤnden auch wohl daran geaͤrgert. Jetzt war ſein ganzes Denken Videbants tiefer 188 Kummer uͤber den unvernuͤnftigen Sohn. Mutter und Schweſter litten auch, aber ſie fanden ſich mit jedem Tage ruhiger in das Geſchehene, dagegen im umgekehrten Verhaͤltniß er täglich es weniger be⸗ greifen konnte. Zunaͤchſt klagte er ſich ſelbſt und ſeine Erziehung an, welche dem, ſo meinte er, haͤtte vorbauen muͤſſen.— Mich troͤſtet einzig, ſagte die Mutter, daß ihn ſeine Ueberzeugung dahin ge⸗ bracht hat, und nicht der Durſt nach Guͤtern und zeitlichen Ehren.— Der Troſt, verſetzte Vide⸗ bant, daß er nur ein Thor und kein Schuft iſt, bleibt nur klaͤglich, denn das letzte konnte mein Sohn nicht werden. Aber hab' ich ihn nicht mit Ge— bet und Lehre zur Froͤmmigkeit und zum reinen Glauben erzogen? Wie muß ich nun erleben, daß er ein Abtruͤnniger wird und Luͤge hoͤher ſchaͤtzt als Wahrheit!— Darfſt du das ſagen, Vater? fil Renate ein; es giebt doch ſoviel vortreffliche Ka⸗ tholiken; wie koͤnnte ihr Glaube nur Luͤge ſeyn?— Fern ſei es von mir, verſetzte er, uͤber ſie zu rich⸗ ten; was ſie glauben, das moͤgen ſie verfechten, und daß ſie wirklich glauben, iſt ihre Wahrheit. Auch iſt des Einen Ueberzeugung nicht die des An⸗ dern. Ich habe deren genug getroffen, die ihr Kit⸗ e 189 chenthum fuͤr nichts als Form, und ſich deſto mehr ans Weſen der chriſtlichen Lehre hielten. Solche Maͤnner ſinds aber wahrhaftig nicht, die ihn aus un⸗ ſrer Kirche in die ihrige gezogen. Die Schwachen und die Fanatiker halten ihn umſtrickt. Ihn hat der Wahn bethoͤrt, der Unſinn, daß dem ewi⸗ gen allmaͤchtigen Gott ein Kreus noch angenehmer ſein koͤnnte, als ein Häͤndefalten. Iſt das nicht Laͤſterung? Wann iſt Gott eatholiſch geworden? Wo giebt es einen Menſchen, der ſich erfre⸗ chen darf, ſein Stellvertreter auf Erden zu ſein! Der reinſte Menſch, welcher heiliger waͤre, als alle Frommen zuſammen, die jemals gelebt haben, duͤrfte ja das nicht wagen, er koͤnnte es nicht, eben weil er der Heiligſte waͤre; aber thaͤte er es doch, ſo waͤre ſeine Heiligkeit eitel Lug und Schein. Und Schein fuͤr Wahrheit halten, und einen Menſchen, einen Suͤnder, als Stellvertreter des Hoͤchſten ver⸗ ehren; iſt das nicht Gotteslaͤſterung? Verſuͤndige dich nur ſelber nicht mit ſolchen Worten, ſagte die Mutter; das thut ja die ganze catholiſche Chriſtenheit doch auch nicht⸗ Das iſts eben was ich ſage, verſetzte Vide⸗ bant in ſeinem Eifer; die wahren Katholiken glau⸗ ben anders. Er aber nicht; er iſt ein Paͤbſtler ge⸗ worden. Um fromm und chriſtlich zu ſein, konnt⸗ er bleiben, was er war. Kaͤme mir einer und ſagte: ich will nichts mehr vom Pabſt wiſſen, ſondern an euern Doctor Luther glauben; ſo muͤßt' ich ihm er⸗ widern: Du biſt ein Narr; Pabſt und Doctor Lu⸗ ther, wie verſchieden auch immer, ſind ſuͤndige Men⸗ ſchen, wie wir. Du ſollſt an den einen hoͤchſten Gott glauben, und weiter an keinen, und ſollſt weder Katholik noch Proteſtant, ſondern ein Chriſt ſein, der von beiden nichts weiß, ſo wenig als Chri⸗ ſtus. Seine Lehre iſt: Liebt Euch!— Die Leh⸗ re der Fanatiker aber iſt: Verdammt ſey, wer an⸗ ders glaubt!— Chriſtus ſagt im Evangelium: Wehe Euch Schriftgelehrte und Phariſaͤer, Ihr Heuchler, die Ihr Land und Waſſer umziehet, daß Ihr Einen Judengenoſſen machet, und wenn er es geworden iſt, macht Ihr aus ihm ein Kind der Hoͤlle zwie⸗ faͤltig mehr, denn Ihr ſeid!— Der Pfaff aber ſpricht: Nur fleißig Proſelyten gemacht, daß Freude ſei vor den Engeln Gottes uͤber einen Suͤnder, der Buße thut. Schoͤne Freude vor den Engeln Gottes!— Muß nicht der Pro⸗ ſelyt im Glanbenseid die Irrlehre abſchwoͤren und —— —— 19¹ alle Ketzer verfluchen?— WMein Sohn! Mein Sohn und haſt du mich verflucht?— Iſt das die Religion Chriſti, welche lehrt, daß ein Kind ſeinem Vater fluchen ſoll?— Das will ich ihn fragen!— Von dieſen Worten erſchuͤttert, ſagte die Mut⸗ ter: Du wirſt doch nicht hart gegen ihn ſeyn? Davor behuͤte mich Gott! verſetzte er; ein Kind kann gegen ſeinen Vater fehlen, ein rechter Vater aber kann darum ſein Kind nicht haſſen. Was waͤre meine Liebe, wenn ſie nicht ſtaͤrker waͤre als ſein Wahn!— Hat er Vater und Mutter vergeſſen um ſeines beſſern Glaubens willen, ſo laßt uns ihm zeigen, daß wir uͤber unſer Ketzerthum doch ſeiner nicht vergeſſen wollen.— Iſt das ein Gottes⸗ dienſt, welcher haßt und zuͤrnt? Das iſt ein Teu⸗ felsdienſt. Nein, die reine Liebe eifert nicht. Aber Arnold, du haſt mich um zehn Jahre aͤlter ge⸗ macht!— Die Mutter wollte ihren Sohn entſchuldigen, indem ſie dem Vater vebertreibung vorwarf.— Du als Mutter, war ſeine Antwort, haſt Recht, aber ich habe auch Recht, und Gott weiß, daß er im Unrecht iſt. Als die beiden Maͤnner allein waren, ſagte Videbant: Die Frauen ſind darin, wie in an⸗ dern Dingen, doch nur groß gewachſene Kinder⸗ Ein Menſch, der ſeine Religion verandert, iſt ih⸗ nen nicht viel mehr, als einer, der anſtatt in die Predigt zu gehen, nun in die Meſſe geht, wo es ſchoͤne Kirchenmuſitk, bunte Gewaͤnder und aller⸗ hand andre Sinnenluſt giebt, die ihnen wohlge⸗ faͤllt. Daß er ſeine Freiheit unter's Joch zwaͤngt, und ſich ſelbſt um den Glauben bringt, den er ſonſt bei Andern fand, und um die Ehre eines feſten Menſchen dazu, das wiſſen ſie nicht ansuſchlagen— Wie iſt mein Sohn in ſolche Geiſtesſchwaͤche ge⸗ fallen!— Ich glaubte, er wuͤrde ein raſcher kraͤf⸗ tiger Mann werden, dem die Kraͤnkelei unſter matt⸗ herzigen Zeit nichts anhaben koͤnnte. Wenn er nun aufwacht aus dieſer Verwirrung! Das wird er⸗ Aber zu ſpaͤt alsdann! O, jetzt ſchon viel zu ſpät! Erwin ſah nun, was Kummer eines Vaters uͤber ſeinen Sohn iſt. Videbants Worte gingen ihm wie Meſſerſtiche ins Herz. War er nicht auch nach der andern Seite hin abtruͤnnig und ein Götzen⸗ diener geworden? Bis hieher hatte er immer ſein feindſeliges Schickſal angeklagt. Jetzt erſt faßte er 193 den Muth, gegen ſich ſelbſt auftichtig zu ſein, und das nicht bloß mit truͤbſinnigen Bekenntniſſen aus der Vergangenheit, ſondern auch in der ſchwierigern Aufgabe ernſter Vorſaͤtze fuͤr die Zukunft. Hier war er auf dem Wege, den Frieden eines reinen Her⸗ zens zu ſtoͤren, die ſchon erſchuͤtterte Ruhe eines bis dahin glucklichen Hauſes zu vernichten. Fort alſo! das war ausgemacht. Lieber heute als morgen! ſagte das Gewiſſen. Wie aber? Ohne Geld und in ſo rauher Jahreszeit? fragte die ernſthafte Ueber⸗ legung. Seinen Aufenthalt bei Videbant ver⸗ diente er durch eine angeſtrengte Thaͤtigkeit, welche dieſem ſehr zu ſtatten kam. Bertrams Huͤlfe ver⸗ ſchaffte ihm Arbeit den ganzen Winter hindurch, wo ſonſt der Decorationsmaler wenig beſchicken kann. Selbſt Auftraͤge hoͤherer Art brauchte er nicht wie ehemals von der Hand zu weiſen. Das leuchtete ſo⸗ gar der Mutter ein, welche ſonſt um ihrer Tochter willen die Entfernung des vielbeſprochenen Fremden nicht ungern geſehen haͤtte. Erwin blieb von einem Tage zum andern. Wo⸗ chen und Monate führten uͤber das vergeſſene Thal den Winter eintoͤnig und ſtumm vorbei; dieſelben Wochen und Monate, welche den ungeheuern Kriegs⸗ II. 13 194 wagen durch Rußlands Schneewuͤſten geiſſelten. Das Weltgeſchick in blutigem Gewande faß auf den knirſchenden Raͤdern; es richtete ſich empor und wen⸗ dete ſein Antlitz.— Der Brand von Moskau— war in ganz Europa ein Fenſter, in welches nicht dieſer Schein wie Morgenroͤthe flammte?— Damals wurde das Ungeheuerſte Alltagskoſt, und die aben⸗ teuerlichſte Phantaſie ein armer kleiner Zwerg ne⸗ ben der Wahrheit immer hoͤher wachſendem Rieſen⸗ bilde, welches ſich uͤber der Erde wie uͤber ſeinem Kampfſchild aufrichtete.— In Oſten geht die Frei⸗ heitsſonne auf! jubelte Renate. Moskau in Glut! jauchzte Videbant; zuͤndet's Haus an zum Freu⸗ denfeuer!— Wie verſank neben ſolcher Gewalt⸗ erſcheinung jedes kleine Menſchenſchickſal! Wie hob ſich jede Bruſt! Auch Erwin athmete freier im Hoffnungsſtrahl einer beſſeren Zukunft. Auf die furchtbare Begebenheit folgte zunaͤchſt eine ahndungsvolle Stille. Unter dem hochher blitzen⸗ den Zeichen der Zeit bewegte ſich tief am Boden das tägliche Leben in ſeinen alt ausgetriebenen Gleiſen ſchlaͤfrig vorwaͤrts. Wer nicht ſchon von einer vorei⸗ lenden Unruhe, heldenhafter Bahn entgegen, ins Weite gefuͤhrt wurde, der ſagte: Es kommt! und — ——5 195 griff unterdeſſen wieder zum Handwerksgeräth ſeiner engen Pflichtbeſchaͤftigung. Erwin, ſchon zornentbrannt, daß er nicht ſo⸗ gleich ans Schwert greifen konnte, fand es hoͤchſt kläglich, daß Videbant ihm wieder eine Arbeit mit dem Pinſel anzuſinnen kam. In einem benach⸗ barten Schloſſe, welches durch ploͤtzlichen Tod des Beſitzers an einen auslaͤndiſchen Vetter vererbt war, ſollten bis zu deſſen Ankunft manche Einrich⸗ tungen getroffen, darunter einige alte Säaͤle herge⸗ ſtellt werden. Man verlangte glaͤnzende geiſtreich ausgefuͤhrte Versierungen. Ohne Bertrams Huͤlfe, ſagte er, muß ich es aufgeben.— Nun denn, noch dies zum Abſchied, dachte Erwin. Jetzt ſchickte der Verwalter einen Wagen; ſie fuhren zuſammen hinaus. Der An⸗ blick des alten hochragenden Hauſes machte auf Erwin, welcher in aͤhnliche Gebaͤude fruͤher wohl mit groͤßerm Glanz eingezogen war, den ſchmers⸗ lichſten Eindruck. Der weite Hofraum, von Ge⸗ bauden eingeſchloſſen, ſo oͤde; die ſtarren Mauern und Thuͤrme, an welche der Regen klatſchte, ſo grau; die großen Fenſter umher mit niedergelaſ— ſenen Vorhaͤngen, wie lauter weißblinde Augen— 196 man konnte nichts unheimlicheres ſehen. Sie ſtie⸗ gen am Thorhauſe ab, bei dem Verwalter, welcher ſie bald, eh es dunkel wuͤrde, durch weitlaͤuſige Wirthſchaftsgebaͤnde und leere Pferdeſtaͤlle nach dem Fluͤgel hinfuͤhrte, wo gearbeitet werden ſollte. Lange weitſchallende Gaͤnge und ſchwer aufkrachende Fluͤ⸗ gelthuͤren fuͤhrten in die duͤſtern Saͤle, wo ſofort die noͤthigen Maße genommen wurden. Bei ihrer Ruͤckkehr fand ſich im Verwalterhaufe unerwarteter Beſuch, welcher Ueberlegungen veranlaßte, wie man die Fuͤnſtler nun einquartieren ſolle. Die Zim⸗ mer fuͤr den Juſtitiar, meinte der Verwalter, ſeien leer. Ei vergißt du denn ganz? lachte die Frau — Das Fraͤulein? verſetzte er; es iſt ja wahr. Bei der Gelegenheit erfuhr man, daß doch ir⸗ gend noch eine menſchliche Seele, und zumal ein Fraͤulein in den oͤden Mauern hauſte. Iſt wohl ſo eine verwuͤnſchte Prinzeſſin, welche recht zu dem wuͤſten Eulenneſte paßt, ſagte Videbant. Die Verwalterin machte ein geheimnißvolles Geſicht, und beſann ſich nun, daß die Kornſchreiberſtube frei ſtehe. Erwin und Videbant fanden ein leidli⸗ ches Gemach, und wurden nach vielen Berath⸗ ſchlagungen uͤber ihre Aufgabe, womit ſie den 7—— 197 Abend hinbrachten, zuletzt einig, daß Erſterer zur Entwerfung der noͤthigen Zeichnungen gleich hier bleiben, Videbant aber ſofort am Morgen nach Hauſe eilen, Farben bereiten und baldigſt wieder kommen ſollte. Erwin verbrachte den Morgen am Arbeitstiſch in der Einſamkeit des abgelegenen Zimmers, deſſen Ausſicht auf den Hof ging. Ein paarmal trat er ans Fenſter; uͤber die ganze Breite hin war keine lebendige Seele, an keinem Fenſter ein Geſicht oder nur ein Zeichen von Bewohnlichkeit; die ein⸗ zige Bewegung der Wind, welcher Schneewirbel in den Ecken umfegte. Die Stirn gegen das Schei⸗ benglas gelehnt, ſagte er: Es war ſonſt auf dem alten Ritterſitz auch wohl ein ander Leben mit Reitern und Pferden und Jagdhunden. Jetzt ſiel ihm auf, daß er den Namen des vormaligen und jetzigen Eigenthuͤmers weder ſelbſt erfragt noch zufaͤllig gehoͤrt hatte. Er ging mit ſeinen Zeichnun⸗ gen hinuͤber ins Schloß. Durch die hohen Zimmer waltete Grabesſchweigen, die alten Ritter und Frauen hingen ſo ſteif und verbleicht in langen Reihen aneinander weg. Es waren tuͤchtige Ge⸗ ſichter darunter, viele ſahen ſich aͤhnlich, und 7—— 198 manche blickten ihn ſo wunderlich bekannt an, als ob ſie ihm etwas zu ſagen haͤtten, vorzuͤglich ein junges Fraͤulein mit einem traurigen Blick, ganz wie aus Valeriens ſchoͤnen Augen. Valerie! ſagte er vor ſich hin, und das Echo gab den Na⸗ men an den Mauern herum ſo liſpelnd wieder, als ob ihn die verſchimmelten Bilder einander zu⸗ raunten. So in Betrachtung und Traum verſun⸗ ken drehte er an einem Griff in der Wand, eine Lapetenthuͤre gab dem Drucke nach, und er ſah durch die Heffnung auf einen viereckig breiten ge— woͤlbten Vorſaal, zu welchem eine ſteinerne, in zwei Arme getheilte, Treppe ſtattlich aus dem untern Stockwerk heraufſtieg. Das Ganze hatte bei der tiefen Stille durch die weiten Raͤume umher das anziehend Grauen⸗ hafte eines alten Zauberſchloſſes. Nichts aber von allem was ihm bisher vorgekommen, reichte an die Ueberraſchung des naͤchſten Augenblicks. Dort an der hohen Wand, wo die Treppen von beiden Seiten zuſammenkamen, in einer großen Blende ausgehauen ein Freiherrnſchild mit ſeinem— war es denn Laͤuſchung? Nein, er ſah es ja gans deutlich nahe vor Augen!— mit ſeinem Wappen. — Er griff in die Taſche. Da war es. —, — ————— 199 Von allen kleinen Koſtbarkeiten, die er auf ſei— ner Flucht mitgenommen, war ihm nach der Be⸗ freiung aus dem Kerker nur ein kleiner allen Unterſuchungen entgangener Siegelring geblieben. Der Goldreif ward ein Opfer des Hungers. Aber den geſchnittenen Carneol bewahrte er gleichſam als den Grabſtein ſeines fruͤheren Lebens. Welcher Deutſche von Adel wuͤßte nicht ſein eigenes Schild auswendig?— Dennoch holte er das zierliche Achteck hervor, um ſeine Sinne von der vollkom⸗ menſten Gleichheit mit dem anſehnlichen Wappen dort oben ganz unwiderſprechlich zu uͤberzeugen.— Das war alſo verwandter Boden! Aber wie?— Eben kam der Verwalter die Treppe herauf.— Wer hat dies Schloß denn zuletzt bewohnt?— Der Herr Generalmajor von Malorne!— und wem gehoͤrt es jetzt?— Es war das allerſeltſamſte, unbegreiflichſte Schreckensgefuͤhl, womit er den Namen des alten Hofmarſchalls ausſprechen hoͤrte. Als ſaͤhe er ein Geſpenſt, ſo ſtarrte er die Wand an. Gut, fuhr der Verwalter fort, daß Sie wich daran erinnern; hier ſehen Sie— er oͤffnete ein andres Zimmer— das naͤmliche Wappen gemalt, aber ziemlich erloſchen; es ſoll auch hergeſtellt 200 werden; dabei koͤnnten Sie wohl gleich anfangen. — Freilich! freilich! erwiederte Erwin gedanken⸗ los, ſtieg die Treppe hinunter, und ging zur gro⸗ ßen Hauptthuͤre hinaus. Seine Blicke irrten die Mauern hinan, auf den Daͤchern umher; alles er⸗ ſchien ihm ploͤtzlich anders, bekannter und zugleich feindlicher. Auf ſeine Erkundigungen, ob der Hofmarſchall das Schloß durch ein Leſtament ge⸗ erbt habe, ob er hieher kommen werde, antwor⸗ wortete der Verwalter nichts Befriedigendes, und fing dagegen wieder von dem Wappen an, welches er doch unverzuͤglich ausbeſſern moͤgte, damit das Zimmer in Ordnung kaͤme. Nein, dachte Erwin; jetzt wird es mir doch zu toll! Mein eigenes Wap⸗ pen! Und ich davor, mit dem Farbentopf, als Malerburſche! Zum erſtenmal kam ihm ſeine bis⸗ herige Epiſtenz unwuͤrdig, ja veraͤchtlich vor, und der Entſchluß ſtand feſt, in dieſem Hauſe nicht ei⸗ nen Pinſelſtrich zu machen, ſondern daſſelbe augen⸗ blicklich zu verlaſſen.— Den paßlichen Vorwand dieſer ſchnellen Entfernung mußten eben die zum Wappen erforderlichen und nicht vorbereiteten Far⸗ ben liefern. Der Verwalter war erfreut, ſich durch die puͤnktliche Vollsiehung des ausdruͤcklichen Be⸗ 201 fehls als einen eifrigen Diener zu beweiſen, und ſagte: der Weg durch den Garten iſt eine Viertelſtunde naͤher; gehen Sie nur voran, hier gerade die Allee am Schloß hinaus, ich hole den Schluͤſſel zur un⸗ tern Pforte. Erwin trat in den winterlich verwilderten Baum⸗ gang, in welchem er jedoch Schneeſpuren und zwar die eines allerliebſten weiblichen Fußes bemerkte; ſie verloren ſich an einer halb offen ſtehenden Thuͤre. Fuͤr die dicke Verwalterin war der Schuh viel zu niedlich. Das alte Fräulein etwa? Er ſah nach den Fenſtern umher; zwei von der gansen Reihe nur hatten aufgezogene Vorhaͤnge; am einen ſtand ein Arbeitskorb, am andern ſaß eine weibliche ſchwarzgekleidete Geſtalt, den Kopf auf die Hand geſtuͤtzt, niederblickend, unbeweglich. War es ein Bild? Glich es nicht dem Portrait in der Familien⸗ gallerie? Der Jungfrau mit den ſchoͤnen traurigen Augen?— Eben ſo blaß, verſunken, abgehaͤrmt.— Sie ruͤhrte ſich, ſah ihn ſtarr an, er ſie. Es kann⸗ ten ſich die Blicke ſchon? Und die Herzen noch nicht?— Nun warf ſie die Haͤnde in die Hoͤhe, den Köpf zuruck.— Ein lauter Schrei— ein Maͤd⸗ chen in deren Armen ſie fiel— dann Ales ver⸗ ſchwunden! 202 Erwin fuͤhlte noch, daß er ſtand, aber ihm war zugleich, als ob Schloß, Baͤume, Garten, Erd' und Wolken ſich um ihn drehten. Der Ver⸗ walter kam mit dem Schluͤſſel.— War ſie es? Iſt ſie es? fuhr er auf dieſen los, der ihn groß anſah.— Die! dort! am Fenſter! drang er heftiger in ihn.— Das Fraͤulein? Nun ja, was geht Sie das an?— Mich? dummer Kerl!— In ſeinen Augen mußte ein furchtbarer Blick rollen. — Der Menſch iſt toll! ſchrie der erſchrockene Ver⸗ walter, ſtuͤrzte in die Thuͤre, und ſchlug ſie hinter ſich zu. Erwin nach; ſie war verſchloſſen. Geraͤuſch im Hauſe, haſtige Schritte, laute Stimmen, ſchlagende Thuͤren, neugierige Geſichter endlich an den Fenſtern brachten ihn zur Beſinnung. Eine vorlaͤufige Entfernung ſchien ihm gerathen.— War es wirklich Valerie? Hatte ſie ihn erkannt? — Wie kam ſie, was brachte ſie hieher?— Die lange Allee fuͤhrte ihn an das große eiſerne Ein⸗ fahrtsthor. Er ſtieg zur Seite auf die Mauer, ſetzte ſich nieder und horchte. Ein verwirrtes Ge⸗ ſchrei naͤherte ſich vom Schloß her, hinter den be⸗ ſchneiten Staͤmmen ſah er einige Leute den breiten Weg herabkommen. Da iſt er hingelaufen! rief einer, der mit einem Hund voran war. 203 Erwin begriff, daß er beim Erwarten dieſer ſchnell organiſirten Unterſuchungscommiſßion nichts gewinnen koͤnnte, ließ ſich an der andern Seite herunter, und war mit einem Sprung uͤber einen Graben auf der Landſtraße. Indem er langſam vorwärts ging, hoͤrte er das Gitter hinter ſich auf⸗ klirren, und ſah ein vermehrtes Gefolge, welches jedoch keine Anſtalt machte, jenen Poſten zu ver⸗ laſſen. Unterdeſſen erhub ſich ein heftiger Sturm mit Schneegeſtoͤber; die Gegend verſchwand im Flockengerieſel. So wimmelten durch Erwins Seele tauſend Gedanken. Ehe ein Entſchluß dar⸗ aus wurde, zergingen ſie wie das flatternde Win⸗ tergeſtaͤube. Bei ruhigerm Nachdenken ſuchte er ſich einzureden, daß er einmal wieder einen unuͤberlegten Streich ge— macht, und ſich nach ſeiner verkehrten Weiſe das Un⸗ wahrſcheinlichſte zunaͤchſt gedacht habe. Wie ſollte Valerie hieherkommen? Nun, das Schloß ge⸗ hoͤrte dem alten Onkel. Und der haͤtte ſie dahin ge⸗ ſchickt?— Warum nicht?— War es doch wie zu einem Verbannungsort auserwaͤhlt?— Und Va⸗ lerie und Verbannung mogten im Kopf des ſtrengen Herrn nicht weit auseinander liegen.— Erwin 204 ſtand ſtill und blickte ruͤckwaͤrts, er ſah die grauen Thuͤrme kaum noch wie ſchwebende Schatten.— Sollte ſie es wirklich ſein? Arme Valerie! In dieſer Wuͤſte!— und das mein Werk?— Sie war es nicht! Ich hatte das Bild noch im Kopfe. Nun die Erſcheinung der ſchwarz verhuͤllten blaſſen Zuͤge.— Zber ihr Schrei? Wer weiß, es iſt eine kranke nervenſchwache Perſon?— Vielleicht nicht gans richtig?— Der dumme Verwalter! Haͤtt' er mir nicht Auskunft geben muͤſſen?— Ich will ſie mir doch verſchaffen, ohne ihn. Was half das leere Raiſonniren? Am Ende war er demungeachtet im heimlichſten Herzen uͤberzeugt, ſie ſei es geweſen. Und er konnte fliehen? Weckte ihr Blick keine Stimme mehr in ſeiner Bruſt? Ihre Liebe, ihre Hingebung ſo ganz vergeſſen? und jetzt ihr Zuſtand keines Antheils werth?— Ja; aber in dieſem abgeſchabten Rock vor ſie zu treten, mit dem elenden Troſt: ſo friſte ich mein Leben, kaum im Stande mir ſelbſt zu helfen? Nein! rief er aus, werft Steine auf mich, ihr alle, alle, die ihr beſſer ſeid und glucklicher ſeid, als ich! Und ich will Strafe leiden, jede, verdiente und unverdiente! Hab' ich nicht gelitten? Iſt mein Leben nicht Strafe? Was 205 wird noch uͤber mich ergehen?— Laß folgen, was da will! Allein die Schmach eines ſolchen Wieder⸗ ſehens, ſolchen Bekenntniſſes, ſolcher Huͤlfloſigkeit wäre ja zehnfacher Tod! Und mehr als einen zwie⸗ fachen hab' ich doch wohl nicht verdient. Der mag denn kommen! Aber nicht druͤber. Vergeltung hat auch ihr Ziel. Spaͤt Abends beim grimmigſten Wetter kam er zu Videbants großer Verwunderung nach Hauſe. Seinen Fragen ward das Wappen als abwehrender Schild entgegen gehalten. Die Stimmung der Fa⸗ milie fand Erwin ſehr uͤbel, Dank den Kuͤnſten der Frau Tanzmeiſterin, welche aus ſeinem Spaziergang mit Renaten wirklich die giftigſte Geſchichte zu⸗ ſammengehaͤkelt hatte. Die verweinten Augen des lieben Maͤdchens waren ihm ein bitterer Vorwurf. Auch Videbant, welcher ihm doch gans frei her⸗ aus die Klatſcherei mitgetheilt, ſah nicht ſo unbefangen als gewoͤhnlich. Etwas war noch zuruͤck. Nachdem man eine Weile wortkarg bei einander geſeſſen, und die Mutter hausgeſchaͤftig das Zimmer verlaſſen hatte, ſagte Videbant plotzlich in ſeinem alten frohlichen Ton: Ich muß Ihnen doch das allerliebſte Bild zeigen, welches mir geſtern das Gluͤck in die 206 Haͤnde gefuͤhrt hat. Wie konnt' ich das ſo lange vergeſſen! Er lief hinaus. Erwin ſtand Rena⸗ ten gegenuͤber; ſie hob ihren Blick zu ihm auf, den er nicht lang mehr ſehen ſollte. Rechnen Sie es nicht mir zu, bat er, was Ihnen unangenehmes wi⸗ derfaͤhrt; ich werde mich ſo benehmen, daß der bos⸗ haften Frau fuͤr diesmal wenigſtens das Luͤgengewebe zerriſſen wird.— Es iſt ſchon uͤberſtanden, laͤchelte Renate, und die Frau hat diesmal weniger An⸗ ſpruch auf meinen Zorn als der Mann. Zehnmal hab' ich es dem Menſchen geſagt, er ſoll mich in Frieden laſſen mit ſeinen dummen Reden vonver⸗ wandten Gemuͤthern, zarter Empfindung und gegen⸗ ſeitiger Anerkennung. Ich erkenne ihn nur als einen eiteln Thoren an. Nun will er eine vaͤterliche Nei⸗ gung zu mir haben, und fuͤr meine Bildung ſor⸗ gen; ſtellen Sie ſich vor. Ich hab' ihm geſagt, was ich von ihm halte. Das hat die aͤrmliche Seele aufgebracht; und da war dem Grimm die erſte Waffe die bequemſte. Nun, viel hat es nicht auf ſich!— Indeſſen den Aerger haben Sie ein⸗ mal weg, ſagte Erwin, und um meinetwillen. Verzeihen Sie mir das einzige mal.— Und was? fragte ſie mit großen Augen; haben Sie 207 Schuld, wenn der Tanzmeiſter und die ganze Sippſchaft Ihnen gram iſt? Ich halte das fuͤr ein Verdienſt.— Unter dem Sie doch gelitten ha⸗ ben, verſetzte er.— Hoͤren Sie Bertram, war ihre Antwort, ich weiß wohl, daß eine ſo gluͤckliche Handlung, wie die Ihrige zur Rettung meines Vaters, ſich nicht belohnen laͤßt, daß man ſelbſt nicht daran denken ſoll. Eine ſolche Schuld kann und muß nicht abgetragen werden. Darum, wenn ich fuͤr Sie etwas zu leiden haͤtte, ſo waͤr' es ge⸗ wiß kein eigennuͤtziger Gedanke, indem ich mir ſagte: es iſt fuͤr den Retter deines Vaters, alſo danke Gott dafuͤr.— Das verſteh' ich nicht, ſagte Erwin.— Wie? Daß ohne Sie freilich dieſes elende Stadtgeſchwaͤtz nicht geweſen waͤre, welches mich eine Stunde lang betruͤbt hat? Daß aber ohne Sie auch mein Vater ein Raub der Wellen geworden waͤre? Glauben Sie, daß ich nicht bei⸗ des in der innigſten Verbindung denke? Sie wol⸗ len nicht verſtehen, wollen nicht davon reden; ich bin Ihnen ſchuldig, davon aufzuhoͤren; aber ſein Sie uͤberzeugt, daß meine Empfindung—— Sie hielt inne, ward feuerroth, und ſagte dann unter einem lieblichen Laͤcheln was ihre Verlegen⸗ heit verbergen ſollte: ich bin ein albernes Kind mit meiner feierlichen Rede. Lachen Sie nur, daß ich daruͤber nicht ſchweigen kann, wovon mir das Herz bewegt iſt. Das Lachen war ihm fern; er fuͤhlte ſich zu ihr hingezogen, und wie hätte er dann widerſte⸗ hen koͤnnen, ſie in ſeine Arme zu ſchließen? Aber er hatte ſich zur Strafe das Geluͤbde gethan, dieſe Lippen, die reizendſten, welche zum Kuß einladen konnten, nie zu beruͤhren. Videbant trat mit dem Bilde herein. Da ſehen Sie! Ob das ein Fund iſt? Was ein Gegenſtand, welcher oft von Malern erwaͤhlt wird, an Neuheit der Jee nicht mehr beſitzt, das gewinnt er an Deutlichkeit. Bibliſchen Geſchichten kommt mehr noch als das, aller Welt Bekanntſchaft mit dem Fundament, zu ſtatten, auf welchem ſie ruhen. Eine heilige Familie bedarf keiner Auslegung; wer eine Apoſtelgeſtalt mit dem Ausdruck der Verzweiflung, in der Naͤhe einen Hahn, und Kriegsknechte um ein Feuer im Hin⸗ tergrunde ſieht; dem ſchweben gleich die Worte vor: aund Petrus ging hinaus, und weinte bit⸗ terlich.?— So wird ein Jüngling, den wir ein⸗ 200 ſam, abgehaͤrmt, von Thieren umgeben ſehen, welche auf ſeinen Stand tiefer Erniedrigung deu⸗ ten, uns nicht lange zweifelhaft laſſen. In ſeiner gebeugten Stellung, in ſeinen niedergeſchlagenen Blicken leſen wir die Reue uͤber die verſchwundene Herzensreinheit, uͤber ein vergeudetes Leben, zu⸗ gleich neben der ſchmerzlichen Sehnſucht nach der Heimat ſeiner ſchuldloſen Kindheit, nach dem Hauſe ſeines Vaters, des alten ſchwachen Vaters mit grauem Haar, mit Furchen auf der Stirn und Gram in der Seele uͤber den verlorenen Sohn. Ihn ſtellte das Bild vor. Die meiſterhafte Aus⸗ fuͤhrung ließ nichts zu wuͤnſchen uͤbrig. Auf dieſen Wangen lag der bleiche Kummer, dieſe Augen hat⸗ ten beſſere Tage geſehen⸗ Erwin arbeitete muͤhſam ſeine Kraft in die Hoͤhe gegen den gewaltigen Eindruck. Videbant ſagte zur Tochter: lies uns das Evangelium vom verlornen Sohn. Sie that es. Als ſie aber zu den Worten kam: Vater, ich habe geſuͤndiget in den Himmel und vor dir; ich bin fortan nicht mehr werth, daß ich dein Sohn heiße; da verſagte ihr die Stimme. Erwin ſtand ver⸗ RH. 14 210 nichtet. Videbant beſiegte den Drang, hersliche Thraͤnen zu vergießen. Er nahm die Bibel, las die naͤchſten Verſe ſtill vor ſich, und dann mit lau⸗ ter Stimme: laßt uns froͤhlich ſein; denn dieſer mein Sohn war todt und iſt wie⸗ der lebendig worden, er war verloren und iſt gefunden worden. O, mein verlor⸗ ner Sohn! rief er aus, wann kommſt du, daß dein Vater alſo zu dir ſpreche?— Wuͤrden Sie das? fragte Erwin. Ja, bei Gott, ich wuͤrde! verſetzte Videbant; und welcher Vater nicht? Wenn der Sohn ſich aufmachte, und zum Vater kaͤme und ſagte: Vater, ich habe geſuͤndiget!— Spricht nicht daſſelbe Evangelium?«„Alſo auch ſage ich Euch, wird Freude im Himmel ſein vor den Engeln uͤber einen Suͤnder, der Buße thut, vor neun und neunzig Gerechten, die der Buße nicht beduͤrfen!?— O Wort des Troſtes und der Erbar⸗ mung, ſollt' ich deiner unwuͤrdig handeln gegen meinen Sohn? Wo iſt der Vater, welcher nicht ſeiner Suͤnden gedenkt bei den Fehlern ſeines Kin⸗ des? Vergebet, ſo wird Euch vergeben!— Er machte die Bibel zu; Renate weinte ſtill auf ſeine Hand. Erwin ergriff die andre, druͤckte ſie an 4 ſeine Bruſt, und ging hinaus auf ſeine Kammer und ſagte: Ich will mich aufmachen zu meinem Vater! Eine Stunde hatte er geſeſſen, da trat Vide⸗ bant zu ihm herein mit den Worten: ich muß Ihnen leider eine unangenehme Nachricht bringen. Das Maleramt will mir Ihre Huͤlfe nicht laͤnger goͤnnen. Sie ſollen ſich als ein gelernter Maler legitimiren, oder fort. Der Bauinſpector unterſtützt den Handwerksneid bei der Polizeibehoͤrde; ich bin deshalb heute vorgeweſen. Was machen wir? Ich gehe, ſagte Erwin, und nicht allein, weil ich ſoll; auch, weil ich muß. Sie ſehen mich darum ſo ſchnell vom Schloß zuruͤck. Dorthin kann ich nicht wieder, hier darf ich nicht bleiben; muß fort, je eher, deſto beſſer. Es kommt mit mir kein Gluͤck in irgend ein Haus. Und die Worte der Schrift, Ihre Worte haben mein Herz in ſeiner Ciefe ſcharf getroffen. Ja, mein Freund, es ßeht vor Ihnen hier auch ein verlorner Sohn. Videbant verlangte Aufklärung. Erwin bat, nicht weiter in ihn zu dringen, und brachte die Nacht ſchlaflos zu. 2 In der Fruͤhe wollte er das Haus heimlich ver⸗ laſſen. Aber er mußte den traurigſten Abſchied uͤberſtehen. Die Mutter, welche geſtern noch ſein Weggehn gewuͤnſcht hatte, konnte ſich nun am we⸗ nigſten darin finden; ihr war, als triebe ſie den eignen Sohn von ihrer Thuͤre. So gieb ihm doch die Hand, ſagte ſie zur Tochter, es iſt dein Bru⸗ der. Renate zitterte, hielt ſich am Vater, der ſeinen Gleichmuth ganz verloren hatte; ihre Blicke ſagten dem Scheidenden mehr als Worte vermog⸗ ten. Es iſt genug! rief er, lebt wohl! Laßt mich hinweg! Unbegleitet!— Er ſchritt uͤber die Schwelle, und als er die Thuͤre hinter ſich zugedruckt hatte, ſah er das ſtille Haus und den Eichenbaum noch einmal an mit den Worten: Das war auch vorbei! Fortgetrieben vom ernſten Entſchluß, gehemmt durch zwiefach erregter Neigung lockende Geſtalten, ſo zwiſchen klaren Gedanken und dunkeln Empfin⸗ dungen hin und her geſtoßen, konnte er doch dieſe Gegend nicht verlaſſen, ohne das Schloß noch ein⸗ mal wenigſtens aus der Ferne, geſehen zu haben⸗ 2 ½3 Allein der Anblick jener grauen Thuͤrme uͤber die hell beſchienenen Schneehuͤgel aufragend, zog ihn unwiderſtehlich in ihre Naͤhe. Wer ſonſt, als dieſe Mauern ſelbſt, konnte ihm den Zweifel loͤſen, ob ſie Valerien und ihren Gram einkerkerten? Den ganzen Tag ſchlich er um den Garten her, nicht unbemerkt. Abends wollte er ſich dem Schloſſe naͤ⸗ hern. Ploͤtzlich rief eine rauhe Stimme ihn an. Er ſchwieg, gegen die Mauer gedruͤckt. Auf die Drohung, Feuer zu geben, folgte ſogleich ein Schuß. Die ſcharfe Ladung pfiff ihm hart am Kopf vorbei. Darauf ward im Hof die furchtbare Stimme eines großen Hundes laut, der Waͤchter ſchrie: Diebe! Man rief ſich einander zu, das Haus kam in Bewegung. Es war die hoͤchſte Zeit, dieſem verungluͤckten Abenteuer in ſchleuniger Flucht ein Ende zu machen. Erwin brach durch Gebuͤſch und Hecken; kein Graben hielt ihn auf; und er war ſchon eine gute Strecke quer ͤbers Feld ge⸗ laufen, als er noch immer in der Ferne ein viel⸗ ſtimmiges Bellen und von Zeit zu Zeit ſchießen hoͤrte. Der Gruß war ehrlich gemeint, ſagte der Fluͤcht⸗ ling, als er durch die unwegſame Winterhaide 2¹⁴ ſtrich; er brauchte nur halb zu treffen, ſo hatte die Qual ein Ende. Und jetzt fing ſie von vorn wieder an.— Das Elend lief neben ihm am Wege her in tanſend Verkleidungen. Hft flog es als ein duͤſterer Rabe uͤber ſeinem Hauptes dann ſetzte der Ungluͤcksvogel ſich auf irgend einen verkruͤppelten Weidenbaum, deſſen Misgeſtalt die gebeugte Stellung eines alten Mannes nachaͤffte. Ho! ho! mein Soͤhnchen! kraͤchste er ihm zu, du meinteſt wohl, mir zu ent⸗ laufen? Sieh, da biſt du ja wieder! Ich wußt' es wohl, und habe dir allerhand ſchoͤne Dinge auf⸗ gehoben! Grundloſe Wege als Tanzplatz; dazu die luſtige Muſik des heulenden Winterſturms! Pfeift er nicht lieblich durch dein kahles Roͤckchen? Biſt hungrig, Soͤhnlein? Da haſt du ein Stuͤck Brod, trocken und etwas verſchimmelt zwar, thut aber nichts. Geh's Wirthshaus nur vorbei. Gäͤſte wie du finden doch keinen Platz auf der Ofenbank. Da ſitzen vornehme Herren, ſieh nur durch's Fen⸗ ſter hinein; Fuhrleute, Schlaͤchter und andre hohe Reiſende mit vollem Beutel, die behaglich ſchmau⸗ ſen, was du nicht bezahlen kannſt. Das Nacht⸗ lager auf dem Heuboden iſt wohl kalt? Sei froh, — 215 wenn dir es nicht verweigert wird. Deine Stiefel ſind ja ſo roth und die Näthe platzen vom Schnee⸗ waſſer. O das iſt ſchoͤn! Thauwetter bringt den Fruͤhling herbei. Lauf zu, du haſt noch einen wei⸗ ten Weg nach Hauſe. Einſt war's ein ſchoͤner Nachmittag, die Sonne ſchien warm auf ſchwarze Ackerbreiten, durch welche ſchon die Pfluge emſig wandelten; der Wald ruhte im Nebelduft, aus zerſtreuten Huͤtten ſtiegen Rauch⸗ ſaͤulen gradauf zum heitern Himmel, und die Ler⸗ chen ſangen herunter, ſie ſahen druͤben jenſeit der Berge den Fruͤhling ſchon uͤber angruͤnende Wieſen gehen. Da kam er an einem froͤhlichen Hochzeithauſe vorbei mit Tanzmuſik und Flit⸗ terkronen und flatternden Bändern auf der großen Diele. Und wie er traurig in das luſtige Gewim⸗ mel ſah, fingen die Spielleute eine bekannte Me⸗ lodie an. Er hatte ſie oft gehoͤrt in glaͤnzenden Sälen, wenn bei'm geſpiegelten Wiederſchein von tauſend Kerzen geſchmuckte Paare uber den glatten Boden ſchwebten, und Valeriens Hand auf ſei⸗ ner Schulter lag. Erinnerung ays ſolchen Tonen hat einen nahen Verwandten, den die Verzweif⸗ lung lachend ihren Bruder nennt. Er rannte fort, 216 die hellen Klänge ſpotteten hinter ihm drein, und er hoͤrte ſie noch lange nach, als ſchon die Geſpen⸗ ſter der Mitternacht ihn fragten, wo er denn ſo eilig hin wolle? D Wolf! Mein Vetter Wolf! rief er aus, wilder Wolf, der an meinem Herzen nagt! Ich habe dich fruͤh in ein tiefes Grab gebettet! Aber, wenn aus deiner ſtillen Clauſe du mich ſehen koͤnn⸗ teſt, ſo in der Irre ſchweifend, gehetzt; an der Seele den Tod, und doch zum Leben verdammt! Wuͤrdeſt du nicht ſagen, dir ſei wohl und mir zu weh geſchehen? Ueberall wo er durchwanderte, war laute Freude uͤber die große Begebenheit im Norden, und den aufgehenden Hoffnungsſchein füͤr Deutſchlands Be⸗ freiung. Man ſprach ohne Ruͤckhalt davon, daß man die Truͤmmer der franzoͤſiſchen Heere ohne Weiteres auf vaterlaͤndiſchem Boden vollends ver⸗ nichten muͤſſe. Alle Herzen ſchlugen hoch, die Bewegung ging durch das ganze Volk, welches das Zaudern von oben bei einer ſo natuͤrlich ſchei⸗ nenden Sache nicht begreifen konnte. Erwin bedachte, ob er nicht beſſer thue, ſo⸗ gleich irgendwo die erſte Gelegenheit zu einem 17 Waffendienſt zu ergreifen, als kümmerlich und zerknirſcht bei ſeinem Vater anzukommen, auf den ein ſolches Wiederſehen nur verderblich wirken könnte. Mit dieſem Gedanken wandelte er ſpaͤt Abends einen lehmigten Huͤgel hinan. Der Him⸗ mel war ringsum breit mit regenſchauernd ſchwar⸗ zen Wolken umzogen; von dem Dorfe, welches er ſchon nach einer halben Stunde haͤtte erreichen ſollen, noch immer keine Spur. Er glaubte ſich verirrt zu haben. Seitwaͤrts im Felde ſchimmerte ein mattes Licht. Als er uͤber Graͤben und Sturs⸗ acker dabei angelangt war, fand er eine kleine Huͤtte, aus welcher ihm eine laute Stimme mit anderm undeutlichen Getoͤn entgegenſchallte. Durch das rauchblinde Fenſter ſah er beim Schein der truͤben Lampe ein kahles Zimmer, in der Ecke auf ſchlechtem Strohlager einen abgezehrten Greis. Zur Seite knieete laut betend ein Geiſtlicher Der Alte ſtoͤhnte mit letzter Kraft; dann richtete er ſich plotzlich in die Hoͤhe, ſchlug die halb erloſche⸗ nen Augen noch einmal auf, und warf aͤngſtliche Blicke in der öden Kammer umher. Hllieber Her 1 ſeufzte er ganz vernehmlich. Was ſucht Ihr, Pater? fragte der Prieſter.— Meinen 218 Iſt er nicht da? Ach, ſo zu ſterben ohne Soh⸗ nes Huͤlfe! Er kommt wohl nicht; ich kann— Er ſiel zuruͤck, die Bruſt ging hoch, das Roͤcheln klang graͤßlich, wurde leiſer; der Prieſter betete mit Heftigkeit und Angſt. Nun nar es till. Nimm ihn auf in dein Reich! ſagte der Prieſter, und leuchtete mit der Lampe gegen das Stroh. Erwin erblickte auf dem Sterbelager ein langes blaſſes Todtenantlitz. In einem Seufzer nach dem fernen Sohn verhauchte hier den letzten Athem⸗ zug ein Vater! Huaͤlt nicht den Deinigen viel⸗ leicht in dieſem Augenblick derſelbe Wunſch? Und du wollteſt ihm die arme Troͤſtung rauben? Die einzige, welche du noch gewaͤhren kannſt?— Aufs Innigſte erſchuͤttert, riß er ſich hinweg von dem duͤſtern Nachtgeſicht. Mancher Tag war verlaufen, als er endlich die Graͤnze der Heimat uͤberſchritt. Das va⸗ terliche Haus war nicht mehr fern. Mit welchem Hersklopfen ſah er die bekannten Berge! O Ju⸗ gend, glucklicher Morgenhauch! Wie leicht traͤgſt deinen luftigen Schwingen das Leben und Schmerz! Die alten Baͤume gruͤßten ihn ktraut, ſo unveraͤndert. Er glaubte es auch 219 zu ſein. Das Schlimmſte hoffte er uͤberſtanden und alles konnte noch gut werden. Bereuete er doch von Herzen, was nicht mehr zu wenden ſtand?— und war er nicht im Vaterkande? Suͤßer Klang! Seliger Anblick! Waren denn ſonſt wo die Luͤfte ſchon ſo blau und warm? Die Hugel ſo grün?— Da kam eine Thraͤne, auch ein alter lang entbehrter Freund. Nun ſenkte ſich der Weg ins Thal hinab⸗ Hier wußte er ſchon den Namen jedes Dorfs; er glaubte ſelbſt unter den begegnenden Landleuten viel geſe⸗ hene Geſichter zu finden. Die Abgelegenheit der wohlbekannten, oft betretenen Waldpfade ſchützte ihn vor jedem unwillkommenen Frager. An jenem Zaun hatte er den erſten Fuchs geſchoſſen. Dort ͤber'm Bach, hart an der Bruͤcke mußte auf einem Graͤnzmal ſein Wappen ſtehen. Wo war es hinge⸗ kommen? Uunangenehm uͤberraſchte ihn hier das Vermiſſen, wie einſt in jenem Schloſſe der unver⸗ muthete Anblick, deſſelben. Er konnte ſich ja doch nicht irren? Wie oft hatte er ſeinen Klepper ſelbſt auf dieſe Wieſen gebracht! Nun zur rechten Hh noch hundert Schritt am Weidicht entlang, um Ecke— da vor'm Walde druͤben ſtand das lick 220 Haus mit den weiſſen Mauern, dem blauen Schie⸗ ferdach! Als haͤtt' er es geſtern erſt verlaſſen! Aber wie ſollte er jetzt da hinein treten? Was thun? Den Vater uͤberraſchen? Ihn vorbereiten?— Indem ſah er im Bruch einen Huͤhnerhund ſtehen, aus der Hecke ſel ein Sch gleich darauf ward der Jäger ſichtbar. War es ſein Bruder Bernhard? Er hoffte und fürchtete zugleich. Nein, ein fremder Mann; er kam herauf.— Gute Jagd gehabt?— Ziemlich, Schnepfen giebt es dies Fruͤhjahr die Menge— Das Revier iſt dem Herrn von Ma⸗ lorne?— Nein, dem Forſtmeiſter.— Aber ſonſt gehoͤrte es doch zu dem Edelhof druͤben?— Den hat eben der Sorſtmeiſter gekauft.— Das Gut? Verkauft? Wie lang?— Schnjt dem Herbſt.— Verkauft? Unmoͤglich! und war Jaer mußte wohl; dem juͤngſten Sohn gehörit es eigent⸗ lich; der hat alles mit Gewalt durchgebracht, hat ei⸗ nen erſchoſſen, darauf das Land verlaufen; die Cre— ditoren griffen zu, da kauft' es mein Herr aus dem Concurs.— Sein Herr? Und Herr von Ma⸗ ene? Wo?— Er— er lebt— 2— Zwei en von hier, auf dem Forſterhauſe, bei dem n Sohn; wenn er noch da iſt; denn der Foͤrſter 221 wollte ſchon vorgeſtern fort.— Fort? Wohin?— Zu den freiwilligen Jaͤgern! Morgen geh' ich auch. Feldmann! Voran! Der Schlag kam hart. Betaͤubt ſtarte Erwin dem Weidmann nach. Es war duch kein haͤmiſcher Kobold geweſen, der ihn geifchir Dort ging er uͤber's Feld hin mit ſeinem Hund, auf das Haus zu, von welchem der ehemglige Eigen⸗ thuͤmer ſich ausgeſchloſſen und plotzlich entfremdet fuͤhlte. Wie traurig ſieht uns ein verlorner Gluͤck⸗ ſtand an! Waͤhrend des Geſpraͤchs war die Sonne zugleich mit Erwins Traum von den Freuden der Heim⸗ kehr untergegangen. Toͤdtlich lang waͤhrten ihm die zwei Stunden d die Finſterniß bis zum Foͤrſter⸗ hauſe, und E er nun davor ſtand, wuͤnſchte er, es nůhl noch weiter ſeyn. Tief im Grunde lag es ſo einſam, der Wald umher ſtill wie ein Sarg. Da drinnen mein Vater! ſagte er mit dem Schauder eines boͤſen Gewiſſens vor dem Richterſtuhl. Zoͤgernd ging er hinan. Kein Licht an irgend einem Fenſter, kein Geraͤuſch nah oder fern. Es kam nicht einmal ein Hund, ihn anzubellen. Faſt waͤr' er wieder um⸗ gekehrt. Aber die Scham vor einer ſolchen Feigheit, — die beſſere Empfindung, daß er hier buͤßen muͤſſe, und fur ſeine Schuld keine Buße ſchwer genug ſeyn koͤnne, trieb ihn zur Thuͤre. Seine Tritte ſchallten uͤber die Hausſlur. Ein Heimchen ſchrillte am Heerd, auf welchem nur wenig ſchwache Kohlen glimmten, das einzige Zeichen menſchlicher Bewohner. Er mußte ſelbſt vor dem zitternden Ton erſchrecken, womit er endlich guten Abend ſagte. Von einer ſchwachen Stimme kam nun die Frage: Iſt da Jemand?— Ich bin es.— Wer? Die Antwort: ein muͤder Wanderer! wollte nicht heraus; gegen die halbe Hellung der geoͤffneten Stubenthuͤr erkannte er die Geſtalt ſeines Vaters, welcher zoͤgernd naͤher kam: Zu wem wollt Ihr?— Zu meinem Vater! ſtieß er gewaltſam hervor.— Erwin! um Gottes Wil⸗ len! Mein Sohn! rief der breitete die Arme aus. Das riß ihn nieder auf die Rire: Va⸗ ter! ich habe geſuͤndiget in den Himmel und vor dir; ich bin nicht werth, daß ich dein Sohn heiſſe!— Der Vater zog ihn empor an ſeine Bruſt: Boͤſer, verlorner, wiedergefundener Sohn! Verzeihe mir Gott dereinſt, wie ich dir verzeihe! Sie lagen ein⸗ ander ſchweigend in den Armen. ——— 223 Die Vorſehung, welche den Menſchen in alle Weiſe zu beſchraͤnken dienlich fand, beſchied vor an⸗ dern auch dem Schmerze ſein Maß, und jeder uͤber⸗ ſtrengten Spannung ein Zuruͤckſinken, das Anfangs wenigſtens Ruhe ſcheint, und ſpäter zu ihr hinfuͤhrt. So konnten nach einer Stunde bereits Vater und Sohn mit einiger Gelaſſenheit einander gegenuͤber ſitzen, und in lang entbehrten Anblicken, auf den ver⸗ nderten Geſichtern, die ehmals bekannten Zuͤge wie⸗ der zuſammenſuchen. Zu Erwins Bewußtſeyn freilich ſprachen die lauteſten Vorwuͤrfe aus dem ſo duͤnn gewordenen grauen Haar, aus der kummer⸗ bleichen Farbe und den eingefallenen Wangen des Vaters. Dieſer hingegen ſah mit Wehmuth, wie von dem Antlitz ſeines Lieblings das ſelbſt verſchul⸗ dete Leiden allen friſch bluͤhenden Jugendglans hin⸗ weggeſtreift hatte. Kaum wieder zu erkennen! ſeufste er, und fuͤhrte ihn in die Schlafkammer zu der Wand, an welcher ſein Bild hing. Erwin trat er⸗ ſchrocken weg; denn zuerſt ſiel der Kersenſchein auf Wolfs Portrait neben dem ſeinigen. Wie blitzte aus den Augen des Gemordeten vernichtender Zorn auf ihn herab!— Das mußt du dir gefallen laſſen, ſagte der Land⸗ rath, indem er die Bewegung des Sohns bemerkte; und du kannſt es auch. Wenn ich Abends dich in mein Gebet einſchloß, ſo richtete ich an ihn die Bitte er moͤgte dir verseihen, ja dein Fuͤrſprecher ſeyn, wo du es noͤthig haͤtteſt. Das Flehen eines Vaters fuͤr ſeinen Sohn wird ja nicht ſo leicht verworfen. Und that der Anblick des armen Vetters mir herzlich weh, ſo nahm ich doch etwas von deiner Laſt auf mich. Jedes Wort war fuͤr Erwin ein Dolch. Dasu die ſchlechte Umgebung; von Bequemlichkeiten, dem Labſal des Alters, nichts, und das Unentbehrliche nur karglich enthaltend. Und die Erzaͤhlungen des Vaters, welcher bei allem erduldeten Gram und Mangel dem Urheber deſſelben dennoch eine Rechen⸗ ſchaft uͤber den Gutsverkauf ſchuldig zu ſeyn glaubte⸗ Erwin erfuhr nun, was nach ſeiner Flucht vor⸗ gegangen war; daß man die heiß angefangene Ver⸗ folgung des Entflohenen aus Ruͤckſicht auf die Fami⸗ lie, nicht in demſelben Maße fortgeſetzt habe. Cita⸗ tionen und Steckbriefe waren freilich erlaſſen, aber in wenig geleſenen Zeitungen abgedruckt worden. Mehrere, ohne Namen abgefaßte, doch ſehr ver⸗ ſtaͤndliche Aufforderungen des Vaters hatte er nie 25 zu Geſicht bekommen. Das Gut war auf ſein hart⸗ naͤckiges Ausbleiben confiseirt, doch nachher durch Vermittelung des Hofmarſchalls zur Besahlung ſei⸗ ner Schulden wieder herausgegeben. Der Vater verſchwieg nicht, daß mit der Kaufſumme die Glaͤubiger nur knapp hatten befriedigt werden koͤnnen; daß ihm ſelber nur die Umterſtuͤtzung ſeines aͤlteſten Sohnes geblieben, welcher ſchnell den naäͤchſten wenn noch ſo geringen Dienſt angenommen hatte. Nun war Bernhard wirklich fort, und der alte Mann auf eine ſpaͤrliche Beihuͤlfe der Verwandten angewie⸗ ſen, wozu der Hofmarſchall wohl das Beſte thun mußte. Bis zur Ankunft des neuen Foͤrſters blieb ihm der Aufenthalt in dieſer Wohnung vergoͤnnt; fuͤr die Zukunft aber wußte er noch kein Unterkommen. Eine alte Magd war die einzige Perſon, die ſich um ihn bekuͤmmerte. Welche Empfindung eines Sohns, der von ſeinem Vater ſolches hoͤren, und ſich dabei ſagen muß: Das iſt dein Werk! Fuͤr ſolchen Zweck haſt du ein wohl ausgeſtattetes Leben vergeudet! Aus allen deinen ſtolzen, nun zerknickten Hoffnungen iſt nicht ſoviel ge⸗ worden, daß der alte Mann haͤtte, wo er ſein Haupt hinlegte!— Du haſt ihn darum gebracht, und 11. 15 weißt ihm keinen Erſatz zu leiſten! Biſt ſelbſt ein Bettler! Von ſolchen Eindruͤcken gemartert, konnte er dem Vater nur unvollkommen Genuͤge leiſten, wel⸗ cher einen ausfuͤhrlichen Bericht verlangte, wo und wie er unterdeſſen umhergezogen. Erfreuliches hatte er nicht mitzutheilen. Sollte er ihn noch tiefer ver⸗ wunden durch die Erzaͤhlung ſo mancher Schmach⸗ erduldung? Dazu war er nicht heimgekehrt. In aufrichtiger Zerknirſchung das Bekenntniß ſeiner Schuld unumwunden darlegen, den unter ſich freſ⸗ ſenden Schaden am Gewiſſen mit eiſerner roth ge— gluͤhter Zuchtruthe des vaͤterlichen Zorns rein aus⸗ brennen, alle Vorwuͤrfe der gekraͤnkten Liebe und des betruͤbten Alters auf ſein ſuͤndiges Haupt laden, dann aus demuͤthiger Ergebung ſich ſtill aber feſt aufrichten, ernſthafte Entſchluͤſſe mit raſcher Hand angreifen, und dem gebeugten Vater zeigen, daß fuͤr ein tuͤchtiges Leben von jetzt an ſein Sohn kei⸗ neswegs verloren ſey, ſolches hielt er fur ſeine hei⸗ ligſte Pflicht. Er fuͤhlte ſich im Herzen Geſundheit und Kraft, einen neuen Menſchen ansusiehen.— Wie ein bewußtlos daͤmmeriges Treiben bald in naͤchtlichen Abgrund fuͤhre, hatte ihn die bitterſte Er⸗ 27 fahrung gelehrt. Zu ſeiner vollkommenen Laͤuterung; ſo hoffte er, und ſchmachtete nach Gelegenheit wo er es beweiſen koͤnnte. Die ſchwierigſte Aufgabe blieb, etwas zur wirk⸗ lichen Huͤlfe fuͤr ſeinen Vater zu thun. Er ſchrieb an den Hofmarſchall den reuevollſten Brief. Beim nochmaligen Ueberleſen regte ſich der Hochmuths⸗ teufel wieder; die Ausdruͤcke wollten ihm zu unter⸗ thaͤnig vorkommen. Aber er bezwang den Verſu⸗ cher. Elender! rief er ſich zu, auf deinen Knieen ſollteſt du nach Rom rutſchen, wenn es dem Vater helfen koͤnnte. Was kannſt du weiter fuͤr ihn als bitten? Danke Gott, daß du ſo viel kannſt, und thue deine Schuldigkeit. Dir ſteht es nicht an, dich ſtols und hoch zu geberden! Nur bis eine Antwort kaͤme, wollte er in der ſtillen Waldwohnung harren. Obgleich es ihn guaͤlte, von dem ſpaͤrlichen Zuſtand noch ſeinen Theil weg⸗ zunehmen, ſo mußte er doch bemerken, daß ſeine BGegenwart eine gluͤckliche Wirkung auf den einſa— men, ſchmerzverſunkenen Mann ausuͤbte. Ihre Ge⸗ ſpraͤche waren keinesweges froͤhlich; wie hätte Er⸗ win heiter ſein koͤnnen!— Aber was verſoͤhnt in⸗ niger, als gemeinſames Weh und gegenſeitige Tro⸗ ſtung? 228 An ernſten Ermahnungen fuͤr die Zukunft ließ der Vater es nicht fehlen; Erwin aber fand das alles zu wenig ſtreng, und wollte noch ganz anders gegen ſich zu Werke gehen. Endlich erſchien anſtatt einer Antwort auf ſeinen Brief ein Schreiben des Hofmarſchalls an den Land⸗ rath, gans den Geſinnungen des ſtattlichen alten Herrn angemeſſen. Ernſthafte Vorwuͤrfe, daß man ihn nicht laͤngſt geradezu von der Lage der Sachen unterrichtet habe, gemaͤßigter Tadel des Stolzes, welcher dieſem Schweigen zum Grunde geiegen, und eine großmuͤthige Erklaͤrung, fuͤr Unterkommen und Beduͤrfniſſe des verlaſſenen Vaters auf das An⸗ ſtäͤndigſte zu ſorgen. Von Erwin kein Wort. Er bot dem Landrath eine Wohnung auf jenem erſt er⸗ erbten Schloſſe und wies ihm zugleich die Mittel zur Reiſe dahin an.«Sie kommen da freilich, ſo „ſchloß er ſeinen Brief, in ein Haus, kurzlich von „Crauer erfullt, durch einen ploͤtzlichen Todesfall, welcher uns leider zu nahe angeht, und viel Lie⸗ benswuͤrdigkeit in einer unbeſonnenen Perſon ver— enichtet. Allein ich muß wohl, wenn auch ungern annehmen, daß jeder Kummer Ihnen bereits ein genauer und täglicher Bekannter iſt; am meiſten 229 eaber derjenige, welchen Sie von einer Seite her cerleiden, auf welcher doch die ſtrengſte Pflicht waͤre, „Ihnen jegliche unangenehme Empfindung zu er⸗ ſparen.» Ich ſoll nicht wieder in die Hoͤhe! rief Erwin aus, und der grimmigſte Schmerz ſiel uber ihn her aus dieſen geheimnißvollen Redensarten, deren Be⸗ deutung ihm nur zu verſtaͤndlich ſchien. Der Name Valerie war bisher zwiſchen Vater und Sohn nicht ausgeſprochen worden. Jetzt kam auch dies Verhaltniß und ſein ungluͤckſeliger Ausgang zur Erwaͤgung. Denn es war nicht zu bezweifeln; die Worte des Briefes galten ihr. Jene dunkle Geſtalt? ſie war es geweſen! Als ihr eigenes, bei lebendi⸗ gem Leibe umwandelndes Geſpenſt, war ſie ihm er⸗ ſchienen, den nahen Tod anzuſagen, welchen er auf ſeiner Seele hatte. Der Landrath wußte nichts von ihr, als daß ſie kurz nach Erwins Flucht aus der Reſidenz verſchwunden war. Und nun hatte ſie ploͤtz⸗ lich und in der truͤbſten Einſamkeit geendigt, dort auf dem alten Schloſſe, im Leben ſchon wie begra⸗ ben! Ach, freilich, um eine Blume zu brechen, bedarf es da vieler Schlaͤge? Einer iſt genug.— Seine Treuloſigkeit und ihr grauſames Geſchick hat⸗ 230 ten das arme Herz bereits gebrochen eh es ſtill ſtand.— Wo war nun Erwins Muth und kraͤftiger Entſchluß? Zu Boden lag er wie ein gefallter Baum, der niemals wieder die laubigte Krone in freien Himmelsluͤften wiegt.— Durch die ſtumpfe Betaͤubung erſchien ihm nur der Gedanke klar, daß ſeine Gegenwart nun fuͤr den Vater nicht laͤnger ein Troſt ſeyn koͤnne.— Haͤnge nur ihr Bild auch ne⸗ ben dem meinigen auf! ſagte er mit einem wilden, faſt wahnſinnigen Laͤcheln, und dachte in graͤnzen— loſer Wehmuth daran, wie ſie das Bild ihrer Mut⸗ ter ſo tief verhuͤllt hatte.— Daß ſein Vater ſogar ihn mit Abſcheu betrachten muͤßte, war ihm die furchtbarſte Vorſtellung. Aber Vaterliebe iſt ein ewiger Brunnen des Heils, der unablaͤſſig gleich warm und rein aufſprudelt, wie auch die fortſtro— mende Welle getruͤbt oder hinweggeſchoͤpft werde.— Indeſſen es mußte geſchieden ſeyn, und da der Hof⸗ marſchall in einem zweiten Briefe dem Landrath die nahe Gelegenheit zur Abreiſe ankuͤndigte, ſo nahm Erwin wenigſtens einen Troſt mit ſich hinweg. Es war die ſchoͤne Zeit, welche doch immer gluck⸗ lich wiederkehrt, wo der Wald auflebt, vom ſtren⸗ 231 gen Wintermonarchen im Schnee⸗ und Eisgewande vefreit, wo fruͤhe Voͤgel den Blumen zurufen, es ſey die Stunde da, aufzuſtehen, wo ꝛauberiſches Hellgruͤn einzelner Buͤſche von grauen Stämmen und duͤrrem Gezweig herglaͤnzt, und hie und da ein ſchlanker Baum, geſtern noch kahl, heute wie ein junger Waldgott aus dem Dickicht aufragt, ſeine lichtſchimmernde Siegesfahne hoch ausbreitend. Es wat die ſchoͤne Zeit, welche nicht wieder⸗ kehrt, wo der herrliche Traum von Deutſchlands Einheit, Freiheit und Groͤße, aus truͤber Nacht und ahndungsvoller Daͤmmerung auf einmal wach und hell ins freieſte Morgenlicht trat; und, kein Traum mehr ſondern das wahrhafte Aufwachen ſelbſt, ein ſchwer gewappneter kampfluſtiger Rieſe durch das Vaterland ſchritt, allem Volke voran; und alles— Volk ſtuͤrzte ihm jauchtend zu und nach. Die ſchöne Zeit, wo nicht zu denken war, daß der heilige Name des Vaterlands je wieder ein Spott, und ſeiner eigenen Soͤhne Spott werden ſollte; nicht zu denken, daß Liebe zu ihm Verrath heiſſen konnte; und keiner dachte, daß auch die maͤchtigſte Flamme ſich doch nur ſelbſt verbrennt, und kuͤmmerlich im Aſchenhaufen ſtirbt, deſſen Staub hinterdrein nur belaͤſtigt. Wie 232 jeder fremde Enthuſiasmus, wird auch der vergan⸗ gene als ein Phantom beachſeleuckt. Durch die Ferne der Zeit ſcheint das groͤßte Geweſene ja ſo klein. Nur die Tugenden des Tages, die Selbſt⸗ ſucht, der Geiz, die Eitelkeit halten ſich friſch und nett in ihrem Glanz wie in der allgemeinen Vereh⸗ rung, da ſie taͤglich neu mit dem Menſchen erwa⸗ chen, und ihn mit unablaͤſſiger Sorgfalt lenken. Wir meinen freilich, daß ſie gehorſame Diener ſeien, weil wir ſie in unſre Farben kleiden. Der Glaube ſteht feſter, als irgend einer. Die Vortrefflichkeit des Geſchlechts iſt ſein Felſengrund. Waͤhrend den fliehenden Franzoſen durch gans Norddeutſchland unmittelbar auf den Ferſen die leb⸗ hafteſte Volksbewegung folgte, traf Erwin in ei⸗ nem Staͤdtchen ein, wo er ſeinen Onkel vermuthen durfte, welcher durch den Ruſſiſchen Feldzug bis zum Oberſten vorgeruͤckt war. Wegen einer bedeu⸗ tenden Verwundung aber hatte er ſchon vor dem allgemeinen Ungluͤck die Armee verlaſſen muͤſſen. Bei den erſten ſichern Nachrichten davon war er, ſobald ſein Zuſtand es erlaubte, langſam herwaͤrts gereiſt, und durch vielfaͤltige, laͤngſt vorbereitete, im Stillen immer erweiterte Verbindungen fuͤr die naͤchſte 233 Zukunft uberall thätig geweſen. Die ſtuͤrmiſche Be⸗ wegung der Zeit luftete indeſſen manchen Schleyer, und ſo waren die franzoͤſiſchen Behoͤrden ihm auf die Spur gekommen. Wie nun ihr hartnaͤckiges Beſtreben, ſich trotz der allgemeinen Regung auf den letzten Poſten ihrer wankenden Herrſchaft zu behaupten, die ſtrengſten Gewaltmaßregeln gegen jeden Einzelnen hervorrief; hatte er gut gefunden, tuͤr den Augenblick in eine ſichere Fluchtſtaͤtte zu verſchwinden. Der Landrath hatte durch Bern⸗ hard nur unbeſtimmte Nachrichten von ſeinem Auf⸗ enthalt. Mit dieſen jedoch gelang es Erwin, ihn zu erreichen. Er fand ihn im Hauſe eines ihm gleichgeſinnten alten Pfarrers, welcher mit der ju⸗ gendlichſten Waͤrme die Anſchlaͤge ſeines Freundes, und heimlichen Briefwechſel nach allen Seiten be⸗ furderte. Der Verſteck des Oberſten war ein dunk⸗ les Hinterſtuͤbchen, durch einen Bodengang in un⸗ mittelbarer Verbindung mit der benachbarten Kirche⸗ Hieher kam bei ſtiller Nachtseit mancher vertraute Bote, und die Anzeige von dem, was ſich in der Ferne anſpinne, konnte mit der frohen Verſicherung erwidert werden, daß auch hier der lang genaͤhrte Haß ungeduldig aufmurre, und beim erſten Anſtoß 234 alles zu erwarten ſey. Erwin wurde auch hieher gefuͤhrt. Die Freude des Wiederſehens war lebhaft und ohne eine ſtorende Beimiſchung, ganz unge⸗ truͤbt. Der wackere Kriegsmann hatte wohl uͤber ſeinen Neffen allerhand Unvortheilhaftes gehoͤrt⸗ unter'm Kanonendonner aber nicht Zeit gehabt, wei⸗ ter daran zu denken, und das Einzelne kaum er⸗ fahren, oder laͤngſt wieder vergeſſen. Nur, daß er den Hof verlaſſen hatte, war ihm erinnerlich und ſehr angenehm.— Wußt' ich es nicht vorher, ſagte er, daß du nicht dahin taugen wuͤrdeſt? Dumme Streiche hat der junge Herr ausgeheckt, das Geld verjubelt, Schulden gemacht. War nicht auch eine Duellgeſchichte dabei? Das mußte alles kommen! Richtig! Und biſt mir damit lieber, als wenn du ſo eine vertrocknete Vorzimmerpflanze haͤtteſt wer⸗ den koͤnnen. Iſt doch Leben in dem Burſchen. Aber was gedruͤckt und mager ſiehſt du aus, wie ein kran⸗ kes Pferd. Kopf in die Hoͤhe! Wir muͤſſen jetzt frei und friſch hindurch! Du willſt doch wohl auch mit hinaus auf die gruͤne Wieſe?— Das verſteht ſich.— Brav ſo! Du kommſt mir eben recht; ich brauche gerade jetzt zu geheimen Auftraͤgen einen vertrauten Menſchen, der zugleich pfiffig ſeyn muß 0) 2 6 —2 n und flink auf den Beinen. Gefahr iſt dabei und Verantwortung auch, das ſag ich dir. Aber machſt du deine Sache gut, ſo haſt du dir gleich ein Verdienſt erworben, und ich helfe dir tuͤchtig vor⸗ waͤrts, wenn wir nur erſt im Gange ſind. Du mußt gleich auf die Landſtraße und auch zu Schiff. Soldateneid, weißt du wohl, gilt fuͤr Waſſer und Land!— Er entdeckte ihm nun, wie es darauf ankomme, uͤber den Zuſtand jenſeit des Fluſſes Erkundigun⸗ gen einzuziehen, und dagegen einige ſichere Leute druͤben mit allerhand umſtänden und Vorſchritten bekannt zu machen, wonach ſie ihr Benehmen ein⸗ zurichten haͤtten. Vor allen beseichnete er ihm einen Mann von Einfluß, den man zu jeder kraͤf⸗ tigen Mitwirkung geneigt wiſſe. Seinen jetzigen Aufenthalt, verſetzte er auf Er⸗ wins Frage danach, kann ich dir nicht angeben; aber du wirſt ihn druͤben leicht erfahren. Ich ginge ſelbſt hin, wenn ich mich dort blicken laſſen duͤrfte. Allein ſie paſſen mir zu giftig auf den Dienſt, und meine Knochen ſind auch noch nicht gans wieder auf dem Feldfuß. Uebrigens bilde dir nicht ein, daß du nur ſo hinuͤber laufen kgnnſt Diesſeit liegt es voll von 236 Gensdarmen und am andern Ufer haſt du eine ſtarke Douanenlinie zu paſſiren. Bis an den Fluß ſind es ſechs Meilen; du wirſt aber wohl einen Tag dahin brauchen, weil der Umweg durch die Haide am ſicherſten iſt. Er zeigte ihm auf der Landcharte den Weg und das Dorf am ufer wohin er ſich wenden muͤßte. Letzteres und den Namen eines dort wohnenden Kaufmanns knuͤpfte er ihm vorzuͤglich ein. Du kannſt nur durch ihn erfahren, ob ſicher hinuͤber zu kom⸗ men ſein wird. Er ſteht als ein Hauptſchmuggler mit allen Schiffern am ganzen Strom in Verbin⸗ dung und iſt unſer guter Freund. Dieſe Karte le⸗ gitimirt dich bei ihm. Druͤben haſt du nur einen Brief abzugeben. Das Weitere findet ſich. Fuͤr Zufaͤlle kann ich dich nicht inſtruiren, da mußt du ſelbſt zuſehen. Er gab ihm nun weitere Anweiſung, wie er an ſeine Leute zu kommen, was er zu erforſchen, wo er die ſicherſten Nachrichten uͤber etwaige Truppen⸗ bewegungen, und die Stimmung im Volk, zu er⸗ warten habe. Auch, welcher Huͤlfe man ſich im Fall gluͤcklicher Ereigniſſe von dieſer Seite her ver⸗ ſehen koͤnne, deutete er muͤndlich an, weil er dem 237 Brief ſo wenig als moͤglich uͤberlaſſen wollte. Er⸗ win merkte aus allem, daß in ſeines Oheims Hand ſehr wichtige Dinge lagen, und nahm ſich vor, das ihm geseigte Vertrauen im Uebermaß zu ver⸗ 3 dienen. Zwar haͤtte er, anſtatt dieſes Spionenauftrags lieber ſogleich ein Schwert zur Hand genommen. 3 Allein daran war in dieſem Augenblick noch nicht zu zjit denken, und ſo ſchätzte er ſich gluͤcklich, doch auf 1 andre Weiſe ſchon jetzt dem Vaterlande zu dienen. Nun, mach deine Sachen gut, ſagte der Oberſt beim Abſchied; du kriegſt mit Leuten von allerhand Schlag zu thun. Aber du biſt ja wenigſtens ein ehmaliger Hofmann, und ſolche Herren muͤſſen ja alle Augenblicke darauf gefaßt ſein, ſelbſt dem Teu⸗ fel die Cour zu machen; der denn am Ende auch, recht geſehen, wohl ſo gut und vielleicht noch mehr eine hohe Standesperſon iſt, als mancher, der ſich faͤlſchlich dafuͤr haͤlt und giebt. Erwin ging. Indem er ſeinem Auftrag nach⸗ dachte, dem erſten ernſthaften, womit man ihn je⸗ mals beehrt hatte, wunderte er ſich, wie er ſein bisheriges Leben in einer ſo ungeheuern Nichtigkeit habe zubringen koͤnnen. Jetzt aber ſtand er am Eingang zu einer großen Laufbahn, und die glaͤn⸗ 258 zendſten Ziele ſchimmerten ihm aus der Ferne her⸗ uͤber. Nur daß der Onkel ihn ſo ſchuͤlermaͤßig ab⸗ richtete, und ſeinen eigenen Einſichten nicht viel zu vertrauen ſchien, wollte ihm wenig behagen. Er hatte wohl einige Einwuͤrfe verſucht, aber der alte Soldat war ibm gleich mit einem barſchen Lehrſatz von der Subordination in die Parade gefahren. Indeſſen hoffte er, es ſollte ſich doch fuͤr das An⸗ bringen eines Originaleinfalls wohl irgendwo unver⸗ hoffte Gelegenheit finden. Der ihm vorgeseichnete Weg war von der lang⸗ weiligſten Gattung. In mehreren Stunden kam er an keine Wohnung. Auf Blickes Weite nur braun duͤſtere Moorflaͤche; einzelne Huͤtten, von magern Birken und duͤrrem Zaunwerk umgeben, blieben in der Ferne. Hie und da ein Schaͤfer, welcher im weißgrauen Wollenmantel, den langen Strickſtrumpf in der Hand, ſeine kleinen ſchwarzen Schafe uͤber den undankbaren Boden hinweidete; ein einſames Sumpfvoͤgelein leiſe an ihm vorbeizwitſchernd, oder ein ſchuͤchterner Haſe, aus dem Haidekraut hervorrauſchend; weiter ſtießen ihm keine lebendige Weſen auf. Schmutzig veralterter Schnee lag noch breit in den Graͤben und ſchwere Horizont⸗ 239 wolken verkuͤndeten auf die Nacht abermaliges Ge⸗ ſtoͤber. Von einem Abenteuer, aus welchem er ſich mit Klugheit herauszuwickeln haͤtte, wollte ſich nichts begeben. Er watete nun, das hohe Moor hinter ſich, durch eine troſtloſe Sandwuͤſte, ſo leer und ſtill, als gaͤb' es keine Menſchen, keinen Krieg, keine Bewegung auf der Erde. Zuweilen flirrte es unheimlich vor ſeinen Augen; und ihm zur Seite wanderten zwei geſpenſtiſche Schatten uͤber die flach zuſammengewehten Huͤgel, auf welchen der naßkalte Abendhauch duͤrftigen Sandhafer bewegte. Die Namen Wolf und Valerie entſchluͤpften unwill⸗ kuͤhrlich ſeinen Lippen; erſchrocken ſah er ſich um, ob Jemand ſie gehoͤrt haͤtte. Aber die Wuͤſte war taub. Nun hatte er eine Anhoͤhe erteicht, welche ſich auf der andern Seite in feuchte Wieſen und Rohr⸗ ſtriche bis zum Fluß abſenkte. Dieſen ſah er in geringer Entfernung; von dem Dorf aber, wohin er gewieſen war, noch keine Spur. Ueber dem jenſeitigen ufer lag ſchon truͤbe Daͤmmerung. In⸗ dem er auf einem erhoͤhten Damm zwiſchen den Niederungen ſchneller vorwaͤrts ging, erblickte er 240 am Rande einen Menſchen, welcher naſſe Stiefeln ausgoß. Dieſe Geſtalt ſchien ihm nicht fremd. Wie konnte ſie es ſein? Er war es, der junge Videbant. Beide, bevor ſie ſich begruͤßten, ſtanden einen Augenblick ſtarr verwundert uͤber dies unerwar⸗ tete Begegnen. Auf allen Wegen jenſeit der Alpen, fagte Erwin endlich, haͤtt' ich Sie eher vermuthet, als auf dieſem. Es iſt doch ein deutſcher Weg, verſetzte Videbant und alſo muß er zum Heil fuͤhren. Er erzaͤhlte nun, daß er bei der erſten Nachricht von der gewaltigen aus Oſten vordringen⸗ den Volkerbewegung die ploͤtzlich dargebotene Ge— legenheit benutzt, und in Livorno an Bord eines nordiſchen Schiffs gegangen ſei, um ſeinen Arm dem Vaterlande darzubieten. Moͤgen die Pinſel alle vertrocknen! wenn nur die Klingen recht naß werden!— Auf die Frage, wohin Erwin wolle? gab dieſer zu verſtehen, daß er am andern ufer Geſchaͤfte habe, und in jenem Dorf eine Gelegenheit zur Ueberfahrt zu finden hoſfe.— Die kann ich Ihnen weit naͤher und bequemer anweiſen, ſagte Videbant; ich bin mit einem Schmuggler eine Viertelſtunde von hier bei einem einſamen Hauſe an Land gekommen. Der Kerl war guter Dinge — ——— ———————— 21 und erzaͤhlte mir, er bringe Botſchaft, daß die Douaniers heute abmarſchirt waͤren; darauf werde ſogleich in dieſer Nacht eine Expedition hinuͤber gehen. Das Rendezvous iſt bei dem Hauſe und ein reicher Kaufmann Namens Faßwer regiert den Zug.— Erwin erſtaunte bei dieſem Namen; es war derſelbe, an welchen er ſich wenden ſollte.— Nun ja, ſagte Videbant, den treffen Sie in der Schmugglerherberge. Fuͤhrt etwa ein geheimes An⸗ liegen Sie zu ihm?— Wir gehen ungefaͤhr auf einerlei Wegen, verſetzte Erwin, obgleich Sie aus Rom und ich aus dem naͤchſten Kraͤhwinkel.— Vortrefflich! rief Videbant, nun endlich fangen doch alle deutſche Herzen an, in einem Takte zu ſchlagen. Gut, dann fragen Sie nur nach dem gelben Pferde; das iſt das Loſungswort. Mein Freund Schmuggler mit ſeiner weingeſchwaͤtzigen Zunge hat mich ausfuͤhrlich von allem unterrichtet. — Erwin ſah Videbant als einen ihm von der Vorſehung zugeſandten Boten an, und war ſchnell entſchloſſen, von der gemeſſenen Inſtructivn des Onkels abzuweichen, welcher doch geſagt hatte, daß er bei außerordentlichen Faͤllen ſelbſt zuſehen muͤſſe. Sie ſtanden noch einige Augenblicke im Geſpraͤch 16 3 242 beiſammen, und als Erwin hoͤrte, wie Vide⸗ barſten Beflügelung ſeines vaterlaͤndiſchen Eifers wenden ſolle, ſchrieb er ihm den Namen des Pfarrers und zwei verabredete Worte fuͤr den Ober⸗ ſten auf. Er hielt es fuͤr unverantwortlich, dem Sohn nichts von ſeinem Vater zu ſagen, und er⸗ zahlte ihm eilig, daß er ihn geſehen. Nun wollte Videbant ein unendliches Fragen anheben, wo⸗ von aber Erwin ſich mit den Worten losmachte, in zwei Tagen komm' er nach dem Staͤdtchen zu— ruͤck, jetzt ſei fuͤr beide keine Zeit zu verlieren. Sie trennten ſich unter herzlichen Verſprechungen fur die Zukunft. icht lange, ſo erreichte Erwin die einſame Schenke, deren Lage in einem uferwinkel recht fuͤr heimlichen Verkehr ausgeſucht ſchien. Um das Haus herum war allerhand Bewegung, zwei Leute zogen unter eifrigem, faſt zaͤnkiſchem Geſpraͤch ihre Pferde aus dem Stall, und ritten eilig hinweg; andere liefen nach dem Fluß hinunter, wo ſich dunkle Maſſen zeigten, deren Umriſſe aber von der allge— meinen Finſterniß nicht zu trennen waren. Es wurde dann und wann eine gedaͤmpfte Stimme laut, oder bant nur verlegen ſei, wohin er ſich zur unmittel⸗ e ——— 243 ein Ruderſchlag. Auf der Hausdiele fand Erwin keinen Menſchen. Endlich kam ein Knecht, der ihn in's Zimmer gehen hieß. Er zog es vör, am Feuer ſitzen zu bleiben, und fragte nach dem Wirth. Ant⸗ wort, er ſei nicht zu Hauſe. Erwin beſtand dar⸗ auf, ihn zu ſehen, er habe eine Beſtellung auszu⸗ richten. Der Kerl ſah ihn zweideutig an, und ging. 6 Bald darauf erſchien der ſtemmige Hausherr, wel⸗ chen er ſogleich mit einer Frage nach dem gelben Pferd anredete.— Ha, ſo! verſetzte Jener ſchmun⸗ zelnd, Ihr habt wohl bunten Hafer zu verkaufen? — Erwin wußte darauf keine Antwort, indeſſen merkte er, daß dieſe Rede eine Art Diebsgruß ſei, und nannte den Kaufmann Faßwer. Kommt nur herein, ſagte der Wirth, und fuͤhrte ihn in ein abgelegenes Zimmer, wo beim Schein einer truben Lampe zwei Maͤnner am Hfen ſaßen. Ihre leiſe Untetredung hoͤrte bei ſeinem Eintritt auf. Unterdeſſen ward es im Hauſe um das Heerdfeuer lebendig, und auch das Zimmer fuͤllte ſich nach und nach mit verdaͤchtigen Geſtalten; breitſchultrige Ge⸗ ſellen in groben Maͤnteln, von verwegenem Aus⸗ ſehen. Keinem von ihnen waͤre man wohl gern auf einem einſamen Waldpfade begegnet. In allen Aul Ecken lehnten dicke Knotenpruͤgel; auf einem Brett uͤber dem Alkoven ſahen ein paar Piſtolen aus der Muͤndung eines Kruges hervor, und neben der Thuͤr hing eine lange Flinte an der ſchwarzberauch⸗ ten Wand.— Alle alten Geſchichten von Moͤrder⸗ kneipen, erſchlagenen Reiſenden und verſcharrten Leichen wurden in Erwins Seele lebendig. Die ſaubere Geſellſchaft indeſſen bekuͤmmerte ſich wenig um ihn. Es wurde Punſch und heißer Branntwein getrunken; das gemeine Geſpraͤch trieb ſich mit groben Worten in eine ekelhafte Breite; auf plumpe Späße wieherte ſinnloſes Gelaͤchter uͤber den Tiſch heruͤber, hinuber. Na Leimſieder, ſchrie der Spaß⸗ macher unter dem Haufen einem Andern zu, der mit halbgeſchloſſenen Augen an der Wand lehnte, und allenfalls noch vom geſtrigen Rauſch zehren mogte: Wo ſteckt dir's denn heute? Du biſt ja gar nicht betrunken!— Ordinaͤr weg! brummte Jener, der Teufel ſagte zum Schelm, er waͤre ſein Bruder, nachher macht' er ihn fertig. — Komm, willſt du ein Glas Biſchof mit mir trinken?— Was thu' ich mit der Komoͤdie? Gebt mir ein halb Maß Branntewein; davon wird man doch am Ende noch voll!— Kerls, ſo beſauft —— 245 Euch doch nicht! ſagte ein Dritter; der Mond geht gleich unter, dann muͤſſen wir fort.— Zeit genug! verſetzte der Luſtig; laßt uns eins ſingen! Der Wind der weht, der Hahn der kraht! Auch unſer Hans hat Hoſen an und die ſind blau!— Wie das Getraͤnk in die Koͤpfe ſtieg, nahm der Laͤrm uͤberhand. Erwin wurde ungeduldig, daß der Wirth gar nicht wieder zum Vorſchein kam. Endlich trat er herein, und nachdem er einem und dem Andern in die Ohren geziſchelt hatte, ſetzte er ſich in der Ecke, von den uͤbrigen entfernt, zu ihm an den LTiſch.— Wo bleibt das gelbe Pferd? fragte Erwin.— Ich will einmal nachſehen, ant⸗ wortete der Wirth, holte ein Taſchenbuch heraus, und legte, wie von ungefaͤhr, unter andern Papie⸗ ren, auch eine Karte auf den Tiſch, in welcher Erwin mit Verwunderung das Gegenſtuͤck zu der⸗ jenigen erkannte, welche er vom Oberſten erhalten hatte. Stillſchweigend zog er ſie heraus, und legte ſie mit einer gleichguͤltigen Bewegung vor ſich hin.— Alles richtig, ſagte der Wirth, nachdem er ſie betrachtet hatte; Ihr wollt', glaub' ich, ſpa⸗ zieren fahren?— Allerdings, verſetzte Erwin, aber wo bleibt Faßwer?— Der iſt nicht hier, 26 — und kommt auch heute nicht wieder, war die Ant⸗ wort; aber Ihr ſeht wohl, daß ich Beſcheid weiß. Wir koͤnnen zuſammen fertig werden.— Nein, ſagte Erwin, wenn er nicht kommt, ſo muß ich nach ſeinem Hauſe.— Dort findet Ihr ihn jetzt auch nicht; und es iſt noch drei Stunden dahin; dazu ſtockfinſter. Ihr wollt uͤber's Waſſer? Bleibt nur hiers ich helfe Euch hinuͤber.— Darauf wollte Erwin ſich nicht einlaſſen, und fragte nach dem Weg zu jenem Dorfe.— Hoͤrt, ſagte nun der Wirth, ich rathe Euch, geht jetzt nicht dahin. Der Weg fuͤhrt am Fluß entlang, und da iſt etwas im Werke. Ihr koͤnntet auf allerhand Leute ſtoßen, die Euch nicht gern ſaͤhen; und das Waſſer iſt tief. Verſteht Ihr mich?— Nun, erwiderte Erwin, ſo ſchaft mir ein Boot.— In dieſem Augenblick geht das auch nicht; Ihr muͤßt warten, bis die da weg ſind. Vor Mitternacht koͤnnt Ihr aber druͤben ſein. Er horchte nach der Diele und ging ſchnell hinaus. Erwin konnte zu ſeinen Reden kein Ver⸗ trauen faſſen, und wollte nach. Da richtete ſich ein Kerl, der bisher unbeweglich an der Thuͤr geſeſſen hatte, wie ein Thurm breit und hoch gegen ihn auf: Wohin?— Da hinaus! ſagte Erwin uͤber dieſe Frage ———— ————————— 247 nicht wenig betroffen.— Geht nicht an! verſetzte Jenerz wer hier im Zimmer iſt, der muß in unſrer Geſellſchaft bleiben, bis wir mit einander absiehen.— Das will ich doch ſehen!— Mit dieſen Worten wollte Erwin ihn wegdraͤngenz aber der Rieſe ſchob ihn gelaſſen zuruͤck. Bei der Bewegung zeigte ſich un⸗ ter ſeinem Mantel ein breiter Gurt mit Piſtolen. Zugleich ſprangen noch zwei Kerls vom Tiſch neben Jenen.— Hier geblieben, mein lieber Herr! ſchrie der Spaßmacher. Dies iſt das Wirthshaus zur Mauſefalle, mein ſchoͤner Herr! So geht man nicht weg aus ſchoͤner Geſellſchaft! Wir ſind ja alle gute Freunde! Aber nur hier geblieben!— Herr Wirth! rief Erwin.— Was Wirth! hohn⸗ lachte ein ſchiefmaͤuliger Matroſe; hier ſind wir alle Wirth! Setz' er ſich nur hin und bleib' er ruhig.— Erwin ſah, daß er es mit einer uͤbeln Bande zu thun hatte, und ſich durch Trotz nur in die gefaͤhrlichſten Haͤndel verwickeln wuͤrde. Still⸗ ſchweigend kehrte er in ſeine Ecke zuruͤck, voll Aerger uͤber ſeinen Vorwitz, welcher ihm dies ver⸗ wuͤnſchte Abenteuer zugezogen hatte. Was half es aber, auf ſich ſelbſt, auf Videbant und auf ſeinen Onkel endlich zu grollen? Er mußte aus⸗ A8 halten. Der Fall war freilich bedenklich und der Verzug unangenehm; als er jedoch ſtill blieb, ge— ſchah nichts weiter. Bald darauf ward drauſſen ein Zeichen gegeben; der ganze Schwarm machte ſich Augenblicks marſchfertig, und verließ die Hoͤhle; der rieſenhafte Thuͤrhuͤter zuletzt mit den Worten: Nu kann er gehen, wohin er will. Das Getuͤmmel verlor ſich uͤber die Diele in die Nacht hinaus. Dem Wirth, welcher nunwieder herein⸗ kam, wollte Erwin mit heſtigen Vorwuͤrfen zu Leibe; aber dieſer ſagte: Das iſt bei dem Volk ein⸗ mal nicht anders. und wer geheime Wege geht, muß ſich viel gefallen laſſen. Jetzt koͤnnen wir ein vernuͤnftig Wort ſprechen. Sie handelten wegen der Ueberfahrt. Als Er⸗ win, vom Oberſten mit Geld verſehen, ſich zu einer anſehnlichen Summe verſtanden hatte, zog der Wirth den Schieber des Alkovens auf, und ſchrie hinein: Rothkopf! Komm heraus! Du ſollſt fahren!— Aus der Tiefe kam eine Stimme, welche keinem Men⸗ ſchen anzugehoͤren ſchien, bald darauf ein gelbbraun widriges Geſicht von brandrothen Strupphaaren um⸗ ſtarrt; ein paar ſchwarze Faͤuſte griffen am Rand umher, und allmählich ſchob ſich der haͤßlichſte Kerl 2¹9 von der Welt, lang, mager, krummbeinig ans Licht heran.— Ein wahrer Charon, murmelte Erwin mit einem kleinen Schauder bei dem Anblick ſeines lieblichen Faͤhrmanns. Dieſer war mit einem Griſſ nach der Pelzmuͤtze und dem zottigen Ueberkittel fer⸗ tig; erwiderte auf die Anweiſung des Wirths wegen der jenſeitigen Landung ein barſches Ja! und ſo ging es hinunter an den Fluß. Das kleine Boot ſchwankte fort auf die dunkle Flut, vom rauhen Nachtwind ungeſtuͤm bewegt. Er⸗ win hatte gegen die bittere Kaͤlte nur eine ſchlechte Pferdedecke, in welche er ſich froſtelnd kuͤmmerlich zuſammendruͤckte. Gans anders war es doch an den ſchoͤnen Sommerabenden, wenn er uͤber den ſtillen See zur Geliebten flog. Und Videbants reizende Mondſcheinbilder, wie verſchieden von dieſer grau⸗ erlichen Irrfahrt, welche wahrhaftig auch ein Nacht⸗ ſtück war, aber keines fuͤr einen Maler.— Wie ſie jetzt wohl dort in der ſtillen Wohnung behag⸗ lich am warmen Ofen ſaßen; vielleicht ſprachen ſie von ihm, und ahndeten bei weitem nicht, welch neues Abenteuer ihn wieder in Sturm und Finſterniß jagte. — Einzeln blickte ein Stern durch die zerfegten Wolken. Zuweilen rauſchte es auf dem Fluß wie 250 Ruderſchlag oder Segelwendung; und einmal wur⸗ den ſie wirklich angerufen von einem Begegnenden, welcher Erwins unheimlichen Faͤhrmann ſogleich an ſeiner heulenden Antwort erkannte. Nach einer Weile ließ der Kerl den Kahn treiben, und ſaß mit eingesogenen Rudern vor ſich hin. Er⸗ win gebot ihm zu eilen. Er that ein paar Schlaͤge und hielt wieder auf. Was ſoll das! rief Erwin, mach, daß wir hinuͤber kommen.— Oho! ſagte der Rothkopf, es wird bald hin ſeyn. Man kann auch ein Wort plaudern. Wie viel habt Ihr mei— nem Herrn fuͤr die Ueberfahrt bezahlt?— Das geht dich nichts an! Fahr zu.— Ob es mich was angeht? Ich bin ein armer Teufel und muß in der Nacht mein Leben wagen. Mein Herr hat den Pro⸗ fit weg, und wenn die Douaniers Euch zu faſſen kriegen, ſo ſchlagen ſie mich zur Geſellſchaft mit todt. Ich will auch etwas davon haben. Mit ein paar Groſchen laſſ' ich mich nicht abſpeiſen.— Du bekommſt ein Trinkgeld, wie du vielleicht noch kei⸗ nes geſehen haſt, wenn ich erſt am Land bin.— Das kann mir nicht helfen. Höͤrt! Mit einem Wort! Ich bin vierzig Thaler ſchuldig; die Haͤlfte davon muͤßt Ihr mir geben.— Die Stimme des Menſchen ——— 251 hatte was Graͤßliches; Erwin ſagte: Wir wollen ſehen.— Nichts ſehen! Haben muß ich das Geld, ſonſt bin ich verloren. Es iſt wohl eher ſchon einer um ſo viel zum Schelm geworden.— Halt dein Maul verdammter Kerl! Du ſollſt ſchon zufrieden ſeyn; aber fahr zu.— Der Kerl ſchwieg und fuhr. Dann ſah er rechts und links unter die Bank, hielt die Ruder wieder auf und ſagte: Die dummen Leute ſprechen von Gott und Hoͤlle! Ich glaube nichts da⸗ von. Und jetzt ſag' ich Euch rund heraus, Ihr zahlt die vierzig Thaler da vor mir auf die Bank hin, oder Ihr kriegt das andre ufer nicht zu ſehen!— Schurke! Du ſchweigſt und faͤhrſt, oder ich jage dir eine Kugel durch den Kopf!— Das hat gute Wege; zieht Euer Piſtol einmal heraus!— Er⸗ win hatte außer einem Stockdegen keine Waffe bei ſich. Tauſendmal verfluchte er Videbants Rath und ſeine Unklugheit, in das Diebsneſt zu gehen. Was thun? Zahlte er dem Kerl die vierzig Thaler; ſo forderte er im naͤchſten Augenblick noch viersig. Und zahlte er nicht— 2— Nun wie wird's? ſagte der Rothkopf; ich will Antwort haben! Gleich! Vierzig Thaler! Oder— er warf die Ruder hin⸗ terwaͤrts auf den Bord, langte etwas unter ſich 252 hervor, und ſtand auf.— Das war grimme Noth. Setz dich, Hund! ſchrie Erwin.— Jener erwi⸗ derte ganz trocken: Ich hab' Euch in meiner Ge⸗ walt, fuͤr den Schimpfnamen legt Ihr noch zehn Thaler bei!— und ſtieg uͤber die Bank auf ihn los.— Erwin ſah jetzt deutlich einen Saͤbel in ſeiner Hand, riß den Degen heraus, ſtieß zu—— der lange Kerl ſchrie, ſiel ruͤcklings in's Boot und ruͤhrte kein Glied mehr.— Denſelben Augenblick goß ein wuͤthender Sturm⸗ regen nieder, das Boot ſchlug gewaltſam. Erwin zog ſeine Decke uͤber den Kopf und ſaß darunter von innen wie von außen, faſt erſtarrt. Das Wet⸗ ter ließ indeſſen nach, und etwas mußte geſchehen. Er horchte uͤber den Ausgeſtreckten hm. Ob er noch athmete, war vor dem ſauſenden Wind nicht zu unterſcheiden. Geſicht und Fauſt war kalt, am Leibe alles naß.— Von Regen oder von Blut?— Un⸗ ter der Bank lag ein kleiner Anker. Es war ein haͤßlich, graͤßlich Stuͤck Arbeit, den Strick davon um den Hals des Todten ſchnuͤren, und dieſen auf die Bank hinaufserren. Aber welche Wahl blieb dann?— Ein Stoß nun, und die Wellen klatſch⸗ ten uͤber ihrer garſtigen Beute zuſammen. 253 Das Boot ſtrich indeſſen fort. Erwin bemerkte mit Schrecken den Verluſt eines Ruders. Er wollte ſich mit dem andern helfen, trieb eine Weile im Kreiſe herum, und ſaß bald feſt. Soviel ihn die Dunkel⸗ heit erkennen ließ; war er nah am ufer geſtrandet. Das elende Fahrzeug, ſchon halb voll, lag auf der Seite. Mit aller Anſtrengung arbeitete er es nur feſter. Er fuͤhlte ſeichten Grund umher, entſchloß ſich kurz, ſprang hinaus, und ſtand bald auf waſ⸗ ſerfreiem Sande. Im wilden Strom, unter einem unerbittlich duͤ⸗ ſter verſtockten Regenhimmel ſolche mordliche Nacht⸗ begebenheit!— So lang ich unbekuͤmmert in den Tag lebte, ſagte Erwin, ging alles gut. Seit ich mit Beſonnenheit auf die Seite des Beſſern will, laͤßt die Hoͤlle ein ungluͤck nach dem andern gegen mich los! Soll man ſich da nicht ſelbſt verfluchen? Er taſtete mit dem Ruder umher, aber wie er vorwaͤrts ſchritt, gerieth er in tiefen Schlamm, und mußte glauben, auf einer rund umſpuͤlten Sand⸗ bank zu ſitzen. Muͤhſam gewann er ſeinen erſten Platz wieder, erſchoͤpft ſank er hin. Die Nacht in ihren Schreckniſſen war grauſam lang und ſeine Lage die furchtbarſte.⸗ 254 Ihr ganzes Elend zu offenbaren, dammerte end⸗ lich der Morgen truͤb und nebelgrau heran. Richtig war er an eine kleine Inſel gerathen, wie ſie in groͤßern Stroͤmen, vorzuglich gegen die Muͤndung, haͤufig erſcheinen; die Mitte eine Sandduͤne mit Gras kuͤmmerlich bewachſen, der Rand umher zaͤher Schlick von mancherlei Baljen und Rinnen gefurcht. Ein nicht gar breiter Arm des Fluſſes war zwiſchen dieſem anmuthigen Eiland und dem ufer, wo der Blick an einer langen Deichſtrecke hin irrte. Nur hie und dort ragte der oberſte Theil eines Hausdaches uͤber den oͤden Wall hervor. Der Strom nach der andern Seite war leer, das Ufer druͤben undeutlich. Erwins Schreien verhallte im Morgenwind und Wellengemurmel, ſeine ungluckliche Joͤlle ſaß voll⸗ geſchwemmt im Schlamm. Schon ging er mit dem Gedanken um, ſein Heil durch Schwimmen uͤber den ſchmalen Waſſerſtrich zu verſuchen, als ein Boot da⸗ her gerudert kam. Die Uebereilung, womit er es angerufen, hatte er gleich im naͤchſten Augenblick zu bereuen, da er die Uniformen und Huͤte franzoͤſiſcher Douaniers erkannte. Seine erſte Bewegung war, den Brief des Oberſten zu verſchlucken. Man fuhr heran, ließ ihn eintreten, und begann ſogleich ein ——— 255 ſcharfes Examen uͤber das Woher und Wohin. Ob⸗ wohl er dazu nicht ganz unvorbereitet kam, und die Uhrmacherkundſchaft auch hier wieder ihre Rolle ſpielen mußte; ſo waren ſeine Befreier doch ſehr ge⸗ neigt, den Fall unter die verdaͤchtigen zu rechnen. Es wurde ihm die Ausſicht auf eine ernſthafte Unter⸗ haltung mit dem Commandanten eroͤffnet, und ſeine lebhaften Einwendungen befeſtigten nur den Glauben, daß man einen merkwuͤrdigen Fang gethan habe. Das Boot landete. Erwin fand es mehr wun⸗ derlich als angenehm, daß nun die Feinde ſelbſt ihn an das ufer brachten, fuͤr deſſen Erreichung er bei ihren Gegnern ſoviel hatte ausſtehen, und ſogar einen Menſchen todtſchlagen muͤſſen. Auf dem Deich ging der Marſch von einem Ort zum andern. Ueber⸗ all war der Commandant ſchon ſeit einer Stunde weg. Der Abend brach herein, als man erfuhr, er ſey nach einem Dorf, wo unruhiges Volk, damals ſchon auffaͤtzig und am Joch ruͤttelnd, einen franzoͤ⸗ ſiſchen Tabacksladen gepluͤndert und einige Angeſtellte mishandelt hatte. Auf dem Fluß waren verdächtige Schiffe geſehen; man hatte ſchweres Geſchutz uͤber's Waſſer her vernommen. Die Douaniers fanden den Befehl, die Nacht am Deiche wach zu ſeyn, und 256 ſich mit dem nächſten Militairpoſten in Verbindung zu ſetzen. Der Arreſtant, deſſen Bedeutung unter dieſen umſtaͤnden ſehr zunahm, ward in eine alte Kapelle geſperrt. Da hatte er wieder Muße genug, ſeinen Unſtern zu verwuͤnſchen, und ſi den Ausgang dieſer heilloſen Geſchichte mit den ſchwärzeſten Far⸗ ben zu malen. Die naͤchtliche Einſamkeit wurde je⸗ doch unterbrochen. Es offnete ſich die Klappe eines Bodenlochs und eine weibliche Stimme rief ihm zu, er ſolle verſuchen, heraufzuſteigen. In ſolcher Lage laßt man ſich das nicht zweimal ſagen. Mit altem zuſammengeſchobenen Geruͤmpel, welches er in einem Winkel fand, gelang der Verſuch an die Mauer hinauf. Oben traf er eine ruͤſtige, ſchwarsgekleidete Frau, welche ihn aufs freundlichſte begruͤßte, ſeinen Dank aber mit beiden Haͤnden und den Worten ab⸗ wehrte: Macht nur, daß Ihr fort kommt! es iſt kein Franzoſe im Dorf. Mir haben die Hunde den Mann und einen Sohn todtgeſchoſſen. Als ſie Euch daher ſchleppten, dachte ich: das junge Blut! Wenn ſie dem auch eine Kugel durch den Kopf jagen!— Hat gewiß auch eine Mutter zu Hauſe.— Unter dieſen Reden waren ſie uͤber den Boden weg, eine gebrechliche Treppe hinab, ins Freie gekommen.— — — 257 Nun, lauft! ſagte die gute Frau; da rechts zum Dorf aus, am Fluß hinauf; das Schelmen⸗ pack iſt nach der andern Seite hinunter!— Gott lohn' es Euch! rief Erwin, und eilte fort.— Wohin?— Haruͤber war nichts zu denken.— 2m Fluß zu bleiben, ſchien ihm jedoch rathſamer, als ſich bei Nachtzeit, ohne einmal zu wiſſen wo er war, ins flache Land hinein zu verlaufen. Wieder kam der Morgen, wieder ſah er ihn huͤlflos, rathlos in der uͤbelſten Lage. Wie lange wird mein Unheil denn waͤhren? Wohin fuͤhrt mich am Ende dies grauſame Spiel? Die Gegend war oͤde. Landeinwaͤrts zwar ſah er Haͤuſer und in der Ferne auch Kirchthuͤrme. Aber die ungluͤcklichen Abenteuer hatten ihn ſo weit aus ſeiner Bahn ge⸗ worfen, daß er kaum einen Weg einzuſchlagen wagte. So lief er am Teich entlang, blickte oft aͤngſtlich um, und ſah endlich zu ſeinem Schrecken wirklich zwei Reiter in ſtuͤrmender Eile hinter ihm drein kommen. Er durfte ſie nur fuͤr Gensdarmen halten, welche auf ſeiner Spur jagten. In dieſer freien Gegend ihnen entrinnen war unmoͤglich⸗ Eine Wahl blieb, und er bedachte ſich auf ſie nicht lange. Kaum hatte er vom Leibe geriſſen, II. 17 258 was in der Haſt los wollte, und den verzweiflungs⸗ vollen Sprung in das grimmig kalte Waſſer ge⸗ than, als hinter ihm ein Schuß, noch einer knallte. Beide Kugeln klatſchten nicht weit von ihm uͤber die Flut. Er ſchwamm mit Anſtrengung; am ufer hoͤrte er ſchreien und fluchen; dann vernahm er nur das Rauſchen der grauen Wogen, die ihm haͤufig uͤber den Kopf ſtuͤrzten. Er ließ ſich dem Strome nach treiben und ſah mit Bangigkeit die ſchreckliche Flaͤche noch ſo weit, ſo breit voraus, und kein Land. Das Gluck dieſes Augenblicks wollte, daß an der uferſtrecke hinter ihm kein Fahrzeug flott war; die Franzoſen hatten ſie alle ſelbſt bis auf die kleinſten Fiſcherkaͤhne an den Strand gebracht, und die Douanenboͤte ſchwaͤrmten gerade einige Stunden weiter abwaͤrts.— Wie oft hatte Erwin ſein Daſein verwuͤnſcht!— Hier galt es um's Leben. Ob er jetzt wohl ſchwimmen konnte? Die erſtar⸗ rende Käſte, die ſchwere Arbeit, die lahmende Angſt; alles uͤberwand er; nun, mit welchem Entzuͤcken! — fühlte er Grund, nun watete, nun mit ganz er— ſchoͤpfter letzter Kraft ſtuͤrzte er auf den uferſand. Es war nicht lange zu zoͤgern. Gewaltſam wieder aufgeraft, eilte er in das naͤchſte Bauernhaus, auf —— in feindliche Haͤnde zu fallen. Gluͤcklich traf er wohlhabende gutgeſinnte Leute. Ohne viel zu fra⸗ gen, begriffen ſie, aus welcher Noth er komme, und was er beduͤrfe. Der Hausvater brachte trok⸗ kene Kleider, die Mutter ein dampfendes herzer⸗ freuendes Getraͤnk; an der behaglichen Flamme des gaſtlichen deutſchen Heerdes kehrten Beſinnung und Gedanken allmählich zuruͤck. Aber einer ruhigen Pflege, wie noͤthig ſie ihm auch war, durfte er ſich nicht uͤberlaſſen. Zu Mittag, fagte der Mann, kommen Gensdarmen hieher. Die ſeht ihr wohl nicht gern? Jetzt vor allem haben die Kerls den Teufel im Leibe. Sie wiſſen, daß ſie doch am Ende fort muͤſſen; nun ſind ſie erſt noch grimmig, und moͤgten alles anzuͤnden. Aber ſie ſollen wahr⸗ haftig noch Schlage genug wegtragen; ich habe mir ſchon eine Senſe eigens zurecht gelegt. Laß die Coſacken nur erſt da ſein!— FJetzt aber war noch nichts da, und Erwin mußte fort. Geruͤhrt, erquickt, gekleidet verließ er die Wohnung des bra⸗ ven Landmanns. Als er aber ſo ins Weite hinaus irrte, unſtät, und abermals aller Huͤlfsmittel beraubt, da konnte er den lauten Seufzer nicht unterdruk⸗ die Gefahr, kaum dem Tode entgangen, abermals 260 ken: Wie lange ſoll es noch waͤhren, daß ein Deutſcher auf deutſchem Boden fluͤchtig ſein muß vor den fremden Schergen und Henkern! 23. Nach mancherlei Hinderniß und Gefahr kam er endlich auf einem großen Umwege zu ſeinem Onkel zuruͤck. Er hatte den wichtigen Auftrag ſo voͤllig verfehlt, daß ihm mit Recht vor dem Wiederſehen graute. Aber der Empfang uͤberſtieg ſeine bangſte Erwartung. Die franzoͤſiſchen Truppen, welche einzeln in der Gegend umhergelegen, zogen ab; der Oberſt durfte ſich wieder blicken laſſen, und war eben im Begriff, da⸗ hin zu gehen, wo die erſten Flammengeichen deutſcher Freiheitskaͤmpfe aufblitzten. Da trat Erwin vor ihn mit dem kuͤnſtlich geſtellten Bericht von ſeiner verungluͤckten Expeditivn. Dem Oberſten ſtieg das Blut bis in die Augen; er zerknirſchte ein hartes Wort zwiſchen den Zaͤhnen, ging ans Fenſter, trommelte den Grenadiermarſch in einem Tempo, die Scheiben hinauszuſprengen! dann drehte er ſich wieder um, trat hart vor Erwin hin, ſein Auge gluͤhte: Ich bätt' es denken koͤnnen, daß mit dir ——— ——— 261 nichts anzufangen iſt. Und waͤren mir vor acht Tagen deine Streiche ſo wie jetzt bekannt geweſen, du ſollteſt mir weit genug von der Thuͤre geblieben ſein. Dafuͤr magſt du jetzt auch nur ſorgen; ich werde mich wahrhaftig eines Windbeutels nicht an⸗ nehmen, auf den man ſich in keinem Stuͤck verlaſ⸗ ſen kann, der Alles beſſer verſteht, und keinen Be⸗ fehl zu reſpectiren weiß.— Erwin wollte ſich entſchuldigen.— Schweig!— Du biſt nicht ein⸗ mal im Stande, zu begreifen, was du mit deinem Vorwitz und Beſſerwiſſen verdorben haſt. Das haſt du im Gefuͤhl deiner Vortrefflichkeit noch nie be⸗ griffen, und daruͤber gehſt du zu Grunde. Denk'“ an mich! Zum umkehren iſt es bei dir zu ſpaͤt; du haſt den verkehrten Weg in dir.— Keine Ordre befolgen, nach eignem Kopf in der Welt herum⸗ junkeriren, uͤberher mir noch einen heilloſen Narren auf den Leib hetzen! Schoͤne Geſchichten! Sag mir ins— Dreikoͤnigs Namen, was ſollte ich denn mit dem verwuͤnſchten Prinzen anfangen? Der Kerl will in den Krieg, und ſpricht von nichts als von Glauben, Schauen, Dulden, und daß man ſich wie unſer Heiland muͤſſe ans Kreuz na⸗ geln laſſen. Im innern Sein liege die Wuͤrde 262 des Menſchen, das Handeln aber ſei gottlos, und fuͤhre zur Hoͤlle!— Ich habe den heiligen Sal⸗ bungsburſchen zum Tempel hinausgeworfen; und haͤtte große Luſt— Adieu, gluͤckliche Reiſe!— Erwins Verſuche ſich zu vertheidigen, waren umſonſt. Der Oberſt ließ ihn nicht zu Wort kom⸗ men: In dir iſt keine Ehrfurcht, kein Ernſt, keine Subordination! Solch einen Luftſpringer kann ich nicht gebrauchen. Danke Gott, daß ich dir dieſen dummen Streich ſo hingehn laſſe. Das Geld, was du mir verklimpert haſt, ſchenk' ich dir weis⸗ lich, da von dir ohnehin kein Pfennig zu holen iſt. Damit Baſta!— Rechts um! Marſch!— Er machte die Thuͤr auf, und Erwin mußte hinaus. Daß ihm Unrecht geſchehn, konnt' er nicht be⸗ haupten, aber ſein widriges Schickſal durft' er anklagen. Valerie! rief er aus tief verwun⸗ deter Seele— Wolf bittet im Himmel nicht fuͤr mich! Und du? Ich hab' es nicht um dich verdient. Leid' ich mein Theil, ſo weiß ich, war⸗ um. Aber was haſt du gelitten!— Die traurigſten Gedanken ließen ihn nicht wie⸗ der los. Er fuͤhlte ſich im Innern muͤrbe, und — 263 hoffte ernſtlich, das Maß werde bald voll ſein. Der Strom arbeitet gegen mich; iſt es denn ein Wunder, wenn ich ertrinke? Jedes ernſte Beſtre⸗ ben mislingt mir, ja es ſtoßt mich feindlich zuruͤck. — und ich will doch hindurch! Mag's brechen! Es war um die Zeit, wo der erſte Aufruf an das deutſche Volk erſcholl. Und das Volk ſtand da, ungeduldig ſchon, ehe noch gerufen war. So hatten die Landſtraßen wohl noch nie gewimmelt von kriegsluſtiger Jugend, die es kaum erwarten konnte, in den Waffenrock zu kommen. Erwin war ſchon ſeit mehreren Tagen wieder im Gang.— Dem ewigen Juden gleich von aller innern und aͤuſſern Ruhe ausgeſchloſſen! ſagte er zu ſich ſelbſt; und nun wird das Marſchieren erſt recht angehn. Uebrigens war das Wandern damals ein leicht und luſtig Ding. Jeder Begegnende fragte: Zur Armre? rief: Bravo! und half, wie er nur konnte. Erwin traf ein paar Studenten, die mit ihm in gleicher Abſicht einem Ort zueilten, welcher den Freiwilligen fuͤr ein Freicorps zum Sammelplatz angewieſen war. 264 Mit jedem Schritt ward es deutlicher, daß ſie gegen die Rieſenbilder des groͤßten Krieges hinan⸗ ruͤckten. Wie uͤberall, war auch ihnen der erſte Coſack eine entzuckende Erſcheinung; ſie haͤtten die baͤrtigen Halbwilden umarmen moͤgen; in jedem fremden Krieger ſahen ſie einen Helden auf der Bahn zur Unßerblichkeit. An der erſten Feldwache uͤbergab man ſie der Führung eines ſonneverbrannten nervigen Reiters. Vor dem Hrt auf einem Huͤgel ſeitwaͤrts war ein Artille⸗ riepark aufgefahren. Wenn die erſt brummen! ſagte Erwin, nach den Kanonen zeigend. Ja, ja! lachte der alte Schnurrbart; da wird es den jungen Herrn anders zu Muthe ſein! In den Straßen draͤngten ſich Uniformen von allen Farben; die verſchiedenſten fremden Spra⸗ chen ſummten durcheinander. Der Chef war ab⸗ weſend; ſie wurden in das HQuartier eines Majors gefuͤhrt. Ein donnerndes: Herein! rief ſie ins Zimmer. Der Huſar hatte ſeine Meldung gemacht. Ein breitſchultriger Rieſe mit braunem Geſicht und ſchwarzen brennenden Augen ſtand vor ihnen. Er beſah ſie mit Wohlgefallen. Huͤbſche Burſche! ſagte er, ſo brauchen wir ſie!— Der Adjutant —— 265 wurde gerufen, erhielt die nothigen Ordres, ging mit ihnen fort, und ehe eine Stunde verging, waren ſie als freiwillige Kaͤmpfer fuͤr das Vater⸗ land eingekleidet. Haͤtt' ich jemals geglaubt, ſagte Erwin, daß mir das Herz unter dem Soldatenrock ſo hoch ſchlagen wuͤrde? Er ging wie aufgelebt durch die Gaſſen, und ſah bei jedem dritten Schritt nach dem Seitengewehr. Iſt doch ein ander Ding, als mein ehemalig Werkzeug, der Farbentopf und Pinſel! fluſterte er mit heimlicher Wonne. Jun⸗ ges Volk in froͤhlichen Haufen trieb ſich uͤberall umher. Federbuͤſche, dampfende Roſſe, raſſelnde Kriegswagen durch einander im bunteſten Gewuͤhl. Ein ſchoͤnes Regiment mit blitzenden Bayonetten und muthiger Feldmuſik rauſchte durch die Stadt. Erwin ging wie im Traum neben her. Ihm war, als muͤßte jeder Wirbel ſeine Bruſt auseinander ſprengen.— Es war ein milder Abend; auf ei⸗ nem heiteren Platz unter Baͤumen, die ungeduldig wie die Jugend, ihre Knospen ſchon in gruͤne Blaͤtter austreiben wollten, ſaßen viele Offüiere ſchwatzend lachend bei den Glaͤſern, Laternen und Flaſchen auf allen Tiſchen, und freudige Kriegsluſt in allen Geſichtern. 266 Wenn ich auch nur erſt ſo recht darunter bin! dachte Erwin. Zwei junge blanke Ritter ſaßen im lebhafteſten Geſpraͤch auf einer Bank. Die tra⸗ gen gewiß das Vaterland im waͤrmſten Herzen! Wie herrlich müͤßt' es ſeyn, ſchon Thaten wie ſie gethan zu haben, und von der letzten Schlacht zu reden, wo ſie noch unwillig mit den Tyrannen ziehen muß⸗ ten. Wie begeiſtert muͤſſen dieſe erſt in die Zeit und in die Zukunft blicken!— Unwillkuͤhrlich blieb er hinter ihnen ſtehen und ſchaͤmte ſich nicht zu hor⸗ chen. Aber wie wurd' er beſtraft! Ich gebe dir mein Wort, Herr Bruder, ſagte der Eine, haͤtte der Braune nicht die verdammten Haſenhacken; es waͤre das ſchoͤnſte Pferd in der gan⸗ zen Armee. Auf Ehre, verſetzte der Andre, meinen Ungar und acht Dukaten zu! Weiter nicht einen blaſſen Deut! Damit iſt die Maͤhre doppelt bezahlt. Wie aus den Wolken gefallen, vernahm Er⸗ win dieſe Reden. Es ſchien ihm eine Gotteslaͤſte⸗ rung, inmitten alles erhabenſten Aufſtrebens Pferde— handel zu treiben. Der Gedanke, daß zwei Caval⸗ lerieoffizieren ſolch ein Gegenſtand ſo nahe ſey, konnte ihn nicht beruhigen. Er war vom heutigen —————— — 267 Tage ſo jung durchwaͤrmt, ſo herslich aufgeregt. Kein Wort meinte er, duͤrfe geſprochen werden, das nicht unmittelbar auf die Verherrlichung des Vater⸗ landes gehe. Trommelſchlag und Hoͤrnerruf hatten ſchon laͤngſt den Soldatentag zur Ruhe gelaͤutet, als er gedan⸗ kenvoll in ſeinem Quartier ankam. Gleich am folgenden Morgen ging es ans Exer⸗ eiren, welches den jungen Helden ein beſchwerlicher Zeitverderb duͤnkte. Waren ſie gekommen, auf dem Paradeplatz Rechts um und Viertelſchwenkungen zu machen? unterdeſſen entwiſchten ja die Fransoſen uͤber den Rhein, und getrauten ſich vielleicht gar nicht mehr heraus!— Der Chef kam in Begleitung von Hffisieren herangeſprengt, ritt an der Fronte des Haͤufleins nieder, welches mit jeder Stunde Zuwachs bekam, ſagte der hoffnungsvollen Jugend einige freundliche Worte, und trabte nach der Batterie hinauf, wo Artilleriepferde abgenommen wurden. Das Richten, Stehen, Vorwaͤrts⸗ und Seit⸗ waͤrtsruͤcken dauerte langweilig fort bis zum Mittag⸗ Die Offiziere redeten vom Dienſt, von Handgriffen, von Soldatenpſflicht und Subordination; die Juͤng⸗ 268 linge in den Pauſen, vom Fransoſenhaß, dem deut⸗ ſchen Vaterland, und der Idee des einzigen gerech⸗ ten Krieges. Morgen, hieß es, wuͤrde ausgeruͤckt. Nach einigen Tagen, welche unter beſtaͤndigen Uebungen verſtrichen, ging dieſe Hoffnung in Er⸗ fuͤllung. Zu den Beſchwerden des Marſches kam die Unannehmlichkeit ſchlechter Quartiere und unge⸗ wohnter Entbehrungen. Das ward aber freudig er⸗ tragen. Man zog gegen den Feind. Da war Alles recht. In der ruͤſtigen Schaar, aus allen Gegenden Deutſchlands zuſammengeſloſſen, gab es Leute von den verſchiedenſten Staͤnden, Geſinnungen von den mannichfaltigſten Farben; Gewohnheit, Sitte, Ton des Geiſtes und des Ausdrucks im widerſprechend⸗ ſten Gemiſch⸗ Nicht alles war ſo reizend und leicht, als der frohe Jugendſinn es getraͤumt hatte. Hinter der Poeſie des Frieges ſchlich die Proſa minder erfreulich heran Aus den Bivouacqs ward mancher Kranke wegge— vracht. Die Hffiziere druckten ſich nicht immer gefaͤl⸗ lig aus; viele aͤuſſerten unverholen, daß vor dem Feind ein gut exercirtes Regiment ihnen lieber ſey, als ganze Armeen der kuͤhnſten Freiwilligen. Das —— 1 —— — 269 verdroß nun dieſe zwar maͤchtig; aber ſie dachten: laßt uns nur erſt im Feuer geweſen ſeyn, dann ſprecht Ihr anders. Die Ausſicht dazu kam auch allmaͤhlig naͤher. Die Feſtungen, welche die Fransoſen im Hersen Deutſch⸗ lands noch beſetzt hielten, ergaben ſich keineswegs ſo uͤberſchnell, als man gewaͤhnt hatte. Das Geraͤuſch auſſerordentlicher Kriegsruͤſtungen klang vom Rhein heruͤber. Noch ſtanden Deutſche gegen Deutſche un⸗ ter den Waffen. Der Mann, welcher die Welt zehn Jahre lang bewegt hatte, riß die flatternden Zuͤgel wieder an mit gewaltiger Hand. Nun erſchien die Macht des Feindes erſt groß, da er, wie aus den Graͤbern ganzer Heere, neue Voͤlkerſchaaren mit wenig Zauberſchlaͤgen ins Feld fuͤhrte. Alles aber ſehnte, draͤngte ſich dem erſten Strum entgegen. Aus ihm ſollte die Welt erfahren, wen die Vorſehung uͤber ſie berufen habe. Erwin war der Ungeduldigſten Einer. Endlich ſchwamm er in einem allmaͤchtig großen, unaufhaltſam mit neuen Wellen rauſchenden Strom. Nun aber ſollten auch Thaten geſchehen, welche den Vorberei⸗ tungen dazu ihren rechten Werth verliehen, Thaten, an denen er unmittelbar kraͤftigen Antheil nehmen konnte. In der Entſcheidung von Europa's Schick⸗ ſal wollte er das Wort finden, welches ihm das bis dahin verſchloſſene Raͤthſel ſeines wunderlichen Le⸗ bens auſloͤſete. Zu ſo ſtolsen Gedanken reiste ihn die Ueberzeu⸗ gung, daß er ſeinen Platz vollkommen aus uͤlle, und nur maͤßiges Gluͤck beduͤrfe, um es ſehr weit zu bringen. Durch ſeine Jrrfahrten war er abgehaͤrtet, er ertrug die Strapazen ohne Muͤhe. Unter ſeinen Kriegsgefaͤhrten hatte er zwar keinen Freund erwor⸗ ben, auch keinen fruͤheren Bekannten wieder ange⸗ troffen; aber die Ausgeseichneten ſuchten ſeinen Um⸗ gang; von den Vorgeſetzten ſah er ſich nach Wunſch behandelt. Das Unangenehmſte war ihm der unbe⸗ dingte Gehorſam; doch ward es, allerdings zum Verdruß der aͤlteren regelfeſten Offisiere, damit von oben herab nicht gar zu ſcharf genommen. Der gute Wille der jungen Krieger ſollte anerkannt, ihr Frei⸗ heitsſinn, groͤßtentheils von der Univerſitaͤt ins Feld⸗ lager heruͤbergebracht, allmaͤhlich an die Feſſeln der Subordination gewoͤhnt werden; man wußte damals, was die Stimmung galt. Ihr freudig friſcher Klang war heldenhaft vielverſprechend, und die Dornen⸗ wilderung des Soldatenlebens trug geiſtige Blüthen, „ 3 — W4 wie ſie nicht leicht wieder gefunden werden. In dem luſtigen Uebermuth ſeiner kecken Waffengenoſſen fuͤhlte Erwin ſich nicht ganz heimiſch. Die Ver⸗ gangenheit droͤhnte durch ſein Bewußtſeyn mit trau⸗ riger Stimme nach. Auf ſeinen Wangen hatte eine ruͤhrende Blaͤſſe wie leiſe niederfallender Aſchenſtaub die jugendliche Farbenglut uͤberwiſcht. Am Tage ging es. So lang die ungeſtuͤme Gewalt kriegeri⸗ ſcher Thaͤtigkeit auf ihren Flugeln ihn durch die hellen Morgenſtunden mit fortriß, ſo lang er bei jedem Schritt auf dem Marſch denken konnte, daß ſein Weg in eine befriedigende Zukunft gehe: da war er lebhaft und fuͤr gränzenloſe Plane aufgeregt. Allein Abends am Wachtfeuer ſaß er unter den Froͤhlichen gedankenvoll. Und wenn die Nacht alle Vewegung der menſchlichen Leidenſchaften und die Ruhe der großen Ratur mit einem ſanften Fittich gemeinſam uͤberwehte; dann fuͤhlte er ſich auf ſeinem harten Sol⸗ datenlager oder auf dem einſamen Poſten ſo ſchmerz⸗ lich verlaſſen, als waͤr' es doch mit allen ſeinen ſchimmernden Hoffnungen nur hohle Selbſttaͤuſchung. Er hatte an ſeinen Vater geſchrieben. Nach jenem Briefe des Hofmarſchalls mußte er ſich von Vale⸗ riens Lod leider wohl uͤberzengt halten. Aber es trieb ihn, die Gewißheit davon, wie marternd ſie auch war, beſtaͤtigt zu ſehen. Nun blieb die Antwort aus; und ſein Bangen und Verlangen ließ ihm kei⸗ nen ruhigen Augenblick. Manchmal erſchütterten ihn verwirrte Traͤume. Valeriens und Renatens liebliche Geſtalten, nun Hand in Hand neben einan⸗ der, dann wieder in eine zuſammen fließend, ſchweb⸗ ten uͤber ſeinem Haupte weg ins dunkle Geſilde; aus Feindeshaufen kam jener Reiter, den er von ſeinem Kerker aus manchmal geſehen, auf ihn zugeſprengt, und ſchleuderte ihm ſeinen Helm zu; im Fliegen ward der Helm ein Todtenkopf, er blieb auf der Erde vor ihm liegen, ſah ihn mit Wohfs bekannten Zuͤgen aus ſchwarzen Augenhoͤhlen graͤßlich an, und fluͤſterte heimlich: Und wenn die Glocke verlieret den Ton, So haben deine Freunde vergeſſen dich ſchon! AM. Daß man naͤchſtens zu einer ernſthaften Entſchei⸗ dung auf den Feind treffen werde, zeigte ſich mit je⸗ dem Tage deutlicher. Die Coſacken brachten ſchon haͤufiger einzelne Gefangene ein, von Hauptquartier zu Hauptquartier war lebhafte Bewegung; die gro⸗ ßen Maſſen ruͤckten gedraͤngter vorwaͤrts, und die leichten Vorderſchwaͤrme erwarteten bei jeder kleinen Lerrainveraͤnderung, nach jedem Marſche nun doch endlich ein Gefecht. Eine Abtheilung von Erwins Kameraden hatte wenigſtens das Gluck feindliche Plaͤnkler zu ſehen, und mit ihnen uͤber's Waſſer hin und her verlorne Ku⸗ geln zu wechſeln. Erwin hoͤrte jeden einzelnen Buͤchſenſchuß und knirſchte gegen ſein unguͤnſtiges Schickſal, welches ihn auf der Feldwache feſthielt. Das Hauptquartier ſeines Corps war in einer geraͤu⸗ migen Meierey, von wo aus man das Thal gemaͤch⸗ lich uͤberſehen konnte.— Er ſtand gerade vor dem Gewehr, als ein paar Offiziere in fliegender Haſt die Allee heraufgeſprengt kamen. Der, auf dem feuri⸗ gen Mohrenkopf voran, ein ſchlanker glaͤnzender Ritter— Welche auffallende Zuͤge! Unter der fremdlichen Maske des Tſchako und Schnurrbarts her⸗ vor leuchtete etwas ſo lang Bekanntes. Im Vorbei⸗ ſauſen blitzte ſein Auge heruͤber auf die Schildwache, welche die Honneurs zu machen vergaß. Seines Be⸗ gleiters barſches: Nun Burſch! Warum praſentirſt du nicht? riß Erwin aus dem Hinſtarren; aufge⸗ ſchreckt griff er ans Gewehr; da waren ſie ſchon fort, 1I. 13 274 herunter von den Pferden, in die Pachtwohnung hin⸗ ein. Den kenn'ich! rief Erwin, als ſeine Kame⸗ raden ihn auslachten; das iſt Graf Serraval! kein andrer Menſch auf Erden!— Um jedoch ſei⸗ ner Sache gewiß zu ſeyn, erkundigte er ſich bei einem der Huſaren, welche die dampfenden Roſſe auf dem Hofe herum und gegen die Wache herab fuͤhrten.— Seinen Namen weiß ich nicht, verſetzte dieſer, aber er iſt Rittmeiſter, und es heißt, daß er unſte Schwa⸗ dron uͤbernimmt. Erwin ſah bald darauf von ſeinem Poſten aus die beiden Angekommenen mit dem Chef des Freikorps uͤber den Hof weg nach dem Garten auf einen Huͤgel eilen. Sie ſchaueten durch Fernroͤhre in die Gegend hinaus; ihre Bewegungen gegen einander waren leb— haft, das Geſpraͤch ſchien wichtig. Erwin ward mit jedem Augenblick gewiſſer, daß er ſich nicht ge⸗ irrt hatte. Er harrte ungeduldig auf das Ende jener Conferenz. Die feſtgeſogene Bitterkeit, in welcher er den Grafen als eigentlichen Urheber aller ſeiner Leiden anklagte, wich dem ſtaͤrkeren Eindruck der le⸗ bendigen Gegenwart. Es war doch derſelbe geiſtig freie, ſeltſame und ſeltene Menſch, der ſich zugleich ſo einfach und ſo mannichfaltig, ſo ſchneidend ſcharf — ——— „— und ſo liebenswuͤrdig, heute verſenkt in Wiſſenſchaft und Abſtractiun, und morgen als der tuͤchtigſte Handhaber des alltaͤglichen Lebens zeigte. Wie er nun dort auf dem Huͤgel ſtand, ruhig und doch mit der gebieteriſchen Haltung, welche ihm angeboren ſchien! So hatte Erwin ihn bundertmal geſehen. Jetzt betrachtete er ihn nicht ohne Neid. Der kommt ganz anders durch die Welt, ſagte er fuͤr ſich; einſt waren wir nah und wenigſtens in aͤuſſern Verhaͤlt⸗ niſſen ziemlich gleich; jetzt, wie weit auseinander! — Aber doch fuͤhlte er das heftigſte Verlangen, ſich ihm wieder anzuſchlieſſen, ihn wenigſtens zu ſpre⸗ chen. Fuͤr jetzt ſollte das nicht ſeyn. Die Pferde des Chefs und der Adjudanten wurden herausgefuͤhrt; man rief; die Huſaren trabten mit den ihrigen nach dem Garten; alles ſaß augenblicklich auf, und ver⸗ ſchwand an der andern Seite des Huͤgels hinunter. Erwin ſah mit vergeblicher Sehnſucht hinter⸗ drein. Gleich nach der Abloͤſung erfuhr er von ei⸗ nem Offizier, daß wirklich Serraval es geweſen ſey, daß er des Freikorps erſte leichte Schwadron uͤbernehme, welche heute nur eine Stunde weit von hier Halt mache.— Indem ruͤckten die Plaͤnkler von ihrer Recognoscirung wieder ein; die Muße des Raſttages wurde von keiner weiteren Bewegung un⸗ terbrochen, und Erwin bekam leicht Erlaubniß, nach jenem Dorf hinunter zu gehen. Als er ankam, war die Schwadron eben vor ihrem neuen Fuͤhrer vorbei deſilirt, und dieſer hielt mit mehreren Offi⸗ zieren an einer Muͤhle. Bringen Sie etwas, Kame⸗ rad? rief er dem Kommenden entgegen, welcher ge— rade auf ihn zuſchritt. Mich ſelbſt! war Erwins kecke Antwort, woruͤber die Herren auf den ſtolzen Pferden ſich ein wenig verwunderten. Jetzt erkannte ihn Serreval. Dieſer jedoch war bei einem von jeher beweglichen Leben, und vorzuͤglich in ſolcher 3 aufgeſturmten Zeit viel zu ſehr daran gewoͤhnt, taͤg⸗ lich neuen und unerwarteten Erſcheinungen zu be— gegnen, als daß ihn bei dieſer ein unmaͤßiges Stau⸗ nen haͤtte anwandeln koͤnnen. Indeſſen war er doch froh uͤberraſcht, und gab dem wiedergefundenen Be⸗ kannten vom Pferde herunter recht freundlich die Hand. Das verdroß Erwin, welcher gehofft hatte, Jener wuͤrde mit einem Freudengeſchrei in ſeine Arme ſtuͤrzen. Er ſtand etwas verlegen unter dieſen* umgebungen neben dem Kopf des Pferdes, welches ihn beſchnupperte. Serraval aber knuͤpfte nun ein Geſpraͤch mit ihm an, waͤhrend deſſen die an⸗ —,— 7 dern Hffiziere theils abſaßen, theils davon ritten. Jetzt gab auch der Graf ſein Pferd ab, legte den Arm auf Erwins Schulter, ging mit ihm einen Baumgang hin, und ließ ſich erzaͤhlen, wo und wie er die Zeit gelebt habe. Erwin beichtete ehrlich, kurzweg. Serraval ſchuͤttelte manchmal den Kopf, zuletzt ſah er ihm ſcharf in die Augen, und ſagte: Ihr Onkel, den ich vor einigen Tagen geſprochen, hat mir wunderliche Dinge von Ihnen erzaͤhlt, wel⸗ che mich beinah ganz irr machten. Jetzt glaub' und hoff⸗ ich zwar, daß er Sie ungerecht beſchuldigt; allein es iſt Ihre Sache, den vollen Gegenbeweis zu fuͤhren.— Erwin wollte das genauer ausein⸗ andergeſetzt haben; aber Serraval erwiderte: das muͤſſe fuͤr's Erſte auf ſich beruhen; auch ſey von einem Beweiſe durch Thaten, nicht von Worten die Rede. Er erkundigte ſich dann weiter, wie Er⸗ win in dies Freicorps gekommen ſey, und ſagte endlich: mich wundert, daß Sie bei den Jägern ſtehen; ſonſt ſchienen Sie ein Leben aus dem Sattel und Stegreif zu lieben. Damit traf er bei ſeinem Freunde auf einen wun⸗ den Fleck. Dieſer hatte ſchon lange das luſtigere Centaurenweſen ſeiner berittenen Kameraden mit Eiferſucht angeſehen, und ſein uͤbereiltes Eintreten in den Infanteriedienſt beklagt; eine Umſetzung zur Reiterei hatte ſich aber trotz aller Bemuͤhungen bis jetzt nicht erreichen laſſen. Das iſt ein anderes, antwortete der Graf. Wenn Sie wollen, ſo kann ich helfen. Meine Schwadron iſt bei weitem nicht vollgaͤhlig; ich habe daruͤber Vorſtellungen gemacht, und ſogleich erlangt, daß ich mir ſechs Jaͤger heruͤber nehmen kann. Wollen Sie der erſte ſeyn, ſo bekommen Sie auch ein gu⸗ tes Pferd, deſſen ehemaliger Reiter heute Morgen geſtorben iſt. Erwin ſchlug froͤhlich zu. Aber, erinnerte der Graf mit aufgehobenem Zeigefinger, bedenken Sie wohl, in welch ein Verhaͤltniß Sie treten, und daß ich im Dienſt unerbittlich ſtreng bin. Ich rathe Ihnen ſogar, ſich vorher danach zu erkundigen. Hinterher bin ich der Rittmeiſter, und Sie ſind der Gemeine.— Das klang ernſthaft, aber doch nicht abſchreckend fur den, welcher nur zugreifen durfte, um ſeinen Lieblingswunſch zu befriedigen. Nun wohl, ſagte Serraval, dort kommt Ihr Major; eh er wegreitet, will ich es in Richtigkeit bringen, daß Sie ohne Weiteres hier bleiben koͤnnen. ——— — 279 Den? lachte der ſchwarzbraune Huͤne, als Ser⸗ raval ihm ſagte, daß er den Freiwilligen zu behal⸗ ten wuͤnſche; den geb' ich Ihnen ſogleich. Er ſtrich den ungeheuern Schnauzbart nach beiden Seiten, ſo daß man ihn von hinten neben den Ohren heraus ſehen konnte. Ein guter Degen, ſetzte er hinzu, ſteckt in ihm, aber es iſt ein harter Starrkopf; mit dem werden Sie noch Ihre Noth haben. Erwin vertauſchte ſogleich den Jägerrock gegen das ſchmucke Reiterwams, und nahm von ſeinem Pferde Beſitz. Froͤhlich betrachtete er das muntere Thier, welches ihn fortan zum Kampf tragen ſollte. Wie lang hatte er nicht gerltten? Mit Ruͤhrung dachte er an jene Nacht, wo auf ſeiner Flucht er ſich im wilden Walde von ſeinem treuen Braunen trennen mußte.— Den Abend erwartete er, bei Serraval im traulichen Erinnerungsgeſpraͤch uͤber die vergangenen Zeiten hinzubringen. Die gehoffte Einladung aber blieb aus, und als er am HQuartier des Grafen vorbeiwandelte, ſah er die Fenſter hell, und im Zimmer eine zahlreiche Geſellſchaft vornehmer Kriegs⸗ leute, viele darunter mit Staabsoffizier-Epauletten. Dahin paßte nun freilich der gemeine Reiter nicht, obgleich die naͤchſten Tage ihn mit dem Erſten aus dieſer Tafelrunde in eine Grube zuſammenbetten konnten; allen Geſetzen des Rangs und der Subor⸗ dination zum Trotz. Wenn er es recht bedachte, wie Serraval ihm nun im aͤuſſern Verhaltniß ſo uͤberlegen, wie er ſein gebietender Vorgeſetzter geworden war!— In der Vergleichung zwiſchen ehemals und jetzt ſpielte ein grimmiger Hohn. Aber vollends brennendes Gift quoll fur ihn aus dem Glauben, daß ohne des Gra⸗ fen Bekanntſchaft es mit ihm nie ſo weit gekommen ware. Sein Umgang, das blendende Glansbild ſei⸗ nes Reichthums, ſeine Feſte und Spielparthieen hat⸗ ten ihn zu ſo mancher Thorheit gebracht. Jetzt kam ihm die dunkel anwandelnde Ahndung, ob es nicht beſſer geweſen ſeyn moͤgte, dieſem Gewaltigen nie wieder zu begegnen. Allein dieſe Beſorgniß ruhrte ſich unter den gegenwaͤrtigen Umſtaͤnden abermals zu ſpaͤt. Serravals hartes Wort vom Rittmeiſter und vom Gemeinen blieb darum doch eine bittere Wahrheit. Er ſollte ſie noch erſt empfinden. Am andern Morgen wurde marſchirt, und zwar mit allen An⸗ ſtalten, wie in der unmittelbaren Nähe des Feindes. — — ——— 281 Ein Theil von Serravals Schwadron loͤſte ſich zum Schwaͤrmen auf. As Erwin mit dabei zu ſeyn wuͤnſchte, ſagte der Rittmeiſter in einem faſt wegwerfend klingenden Ton: Lernen Sie ihr Pfer erſt kennen. Zum Ungluͤck machte der ungeſtuͤme Fuchs in demſelben Augenblick einen ſo ploͤtzlichen ſ Seitenſprung, daß Erwin, aus den Bugeln, kaum noch im Sattel hing. Sehen Sie wohl! lachte Ser⸗ raval, der erſte Chaſſeur reitet Sie mit einem An⸗ ſatz uͤber den Haufen; Sie ſind aus der Uebung. Der Gaul iſt wahrhaftig zu gut, um ihn unnoͤthig „ Preis zu geben. Beſchaͤmt mußte er dieſe Worte, er mußte den Spott ſeiner Kameraden verſchmerzen, und biſſ den Aerger in ſich; aber er hätte mit heiden Haͤnden darein ſchlagen moͤgen. Den Tag uͤber geſchah weiter nichts Bedeutendes. Man ruͤckte allmaͤhlich in die Ebene hinaus, welche der Feind jedoch anſcheinend, vielleicht wegen Man⸗ gel an Reiterei, zu vermeiden ſuchte. Dagegen ließ ſich die Bewegung anſehnlicher Maſſen nach den Huͤgeln hin wahrnehmen, welche den Horisont be⸗ graͤnzten, und zu erwuͤnſchten Anlehnungen Gelegen⸗ heit geben mochten.— Die jungen Helden, welche gern grade darauf reiten wollten, begriffen ihrer —,—— 5* 282 Seite nichts von dieſem flauen Herumzieheln, als daß die Franzoſen vor ihnen den unuͤberwindlichſten Reſpect haͤtten. Wartet nur! ſagten die alten Sol⸗ daten, ſie werden Euch die neuen Jacken ſchon ein⸗ mal ausklopfen, wenn Ihr es an wenigſten ver⸗ langt!— Mit der Ausſicht, daß der naͤchſte Tag ein heiſſer werden koͤnnte, langte man auf dem Biwuakplatze an. Erwin in der uͤbelſten Laune von der Welt. Seine herumgeſchweiften Kameraden brachten doch Gefangene ein, der eine von ihnen ruͤhmte ſich ſo⸗ gar, einen feindlichen Reiter tuͤchtig verwundet zu haben, und er hatte nichts gethan. Bei angrauen⸗ dem Morgen ward er zu Serraval gerufen. Er fand ihn in einer Bauernſtube mit Schreiben be- ſchaͤftigt, und mußte lang an der Thuͤr ſtehen, ohne daß Jener nur aufblickte. Endlich ſagte der Rittmei⸗ ſter im trockenſten Befehltone: Sie nehmen die Ge⸗ fangenen und bringen ſie ans Depot. Auf dem Wege dahin, etwa vier Stunden von hier werden Sie ir⸗ gendwo Ihren Onkel, den Oberſten, treffen; an den uͤbergeben Sie dieſen Brief. Erwin ließ ſchnell die ſchon ausgeſtreckte Hand wieder finken; der Brief fiel auf die Erde. Das thue ich nicht; ſagte er. Was? fragte Serraval, als ob er nicht recht gehoͤrt haͤtte. Erwin konnte ſich nicht laͤnger bezwingen: Es iſt grauſam von Ihnen, Herr Graf, daß Sie mich an einem Tage zuruͤck commandiren, wo es endlich gegen den Feind gehen wird; Sie wiſſen, wie ich danach duͤrſte. Aber daß Sie mich gar zu meinem Onkel ſchicken wollen!— Er hat mich behandelt, wie man keinen Menſchen, viel weniger einen Ver⸗ wandten behandeln ſoll, der weiter keine Schuld hat, als ungluͤcklich zu ſeyn.— Darauf kann der Dienſt keine Ruͤckſicht nehmen. Sie reiten zu ihm— keine Einwendung mehr. Ich reite nicht, und ſollt' es mir das Leben koſten! Hoͤren Sie, ſagte Serraval mit ſteigendem Ernſt, was Sie da bis jetzt geſprochen, habe ich dem Herrn von Malorne zu Gute gehalten. Nun aber iſts genug. Welcher Soldat darf ſich unter⸗ ſtehn, nach der urſache einer Ordre zu fragen? Nehmen Sie ſich in Acht vor ſolchen unklugen Ein⸗ faͤllen. Eben um Ihnen die Idee von Gehorſam einzupraͤgen, was ſehr noth iſt, befehl ich Ihnen. zu reiten. Herr Graf!— 284 Und nun auf der Stelle hinaus! Wollen Sie trotzen? Wiſſen Sie auch, daß dieſe Weigerung zu Ihrem Oheim zu gehen, mir ſehr verdaͤchtig iſt? — Serraval trat hart zu Erwin, welcher ſchon vor Wuth zitterte und fuhr fort: Daß er alle Ur⸗ ſache hat, Sie fuͤr einen Spion und Verraͤther zu halten, iſt nicht zu laͤngnen. Damals hab' ich Sie gegen ihn vertheidigt; nun bin ich geneigt, ihm zu glauben! Jetzt brach's.— Erwin wußte nicht was er that, als ihm beide Haͤnde vorwarts fuhren in Serravals Kragen und Halsbinde hinein. Er wurgt' ihn zur Erde nieder und haͤtt' ihn erdroſſelt, wenn nicht auf des Grafen Geſchrei ſein Bedienter und der Ordonnanzreiter hereingeſtuͤrzt waͤren. Als ſie den wuͤthenden Gegner muͤhſam von ihm riſſen und Serraval noch an der Erde lag, klapperten Pferdehufe vor dem Hauſe; Saͤbel ſchleiften uͤber die Diele, und der Major mit einigen Hffisieren trat unter die Thuͤre.— Mohren Donner Wetter! ſchrie der Rieſe— hab' ich's nicht geſagt?— Vor Erwins Augen drehte ſich alles ſchwarz zuſammen. Er fuͤhlte kaum, wie ihm der Säbel abgenommen und er hinausgeſchleppt wurde. 65 285 Endlich in einem finſtern Loch fand er die Be⸗ ſinnung wieder. Es war ein graͤßliches Erwachen⸗ Vor der offenen Thuͤr ſtand ein Huſar mit gezoge⸗ nem Säͤbel. Im Hauſe war die ungeſtuͤmſte Be⸗ wegung. Der Augenblick draͤngte; es ward zu den Chefs gelaufen; Serraval bat um Gottes willen den Verbrecher zu begnadigen, ihn wenigſtens nicht ſogleich zu richten. Aber man war vor dem Feinde; mehrere ernſthafte Inſubordinationen hatten ſchon den unwillen der Obern gegen die zuͤgelloſen Frei⸗ heitsgedanken der unbaͤndigen Jugend geſchaͤrft; dieſe That war zu arg, das Beiſpiel zu gefaͤhrlich, die Menge der Zeugen zu groß. Da half kein Bitten. In dem Augenblick ward Serraval zu einem General gerufen. Verzweiflungsvoll warf er ſich aufs Pferd. Erwin ſah ihn durch ein klei⸗ nes Fenſterchen am Hauſe vorbeifliegen.— Da reitet mein Teufel hin! Er wußte, was ihn er⸗ wartete, und ſuchte ſich zu faſſen. Aber nun ſo zu enden, anſtatt nach einer Stunde vielleicht unter feindlichen Kugeln zu fallen; der entſetzliche Ge⸗ danke war ſchwer zu ertragen.— Indeſſen ward das Standgericht ſchnell geordnet, der Arreſtant vorgefuͤhrt. Er geſtand Alles, Alles, gleich, ſoviel 286 man wollte, und bat, nur ein Ende zu machen, wo keine Gnade zu hoſfen ſei. Das Urtheil war geſprochen, der Stab gebrochen; da rief eine Stimme von auſſen den Namen Malorne!— Die Offiziere ſahen auf, ob vielleicht Pardon durch Serraval ausgewirkt komme, der Adjutant ſprang hinaus, kehrte nach einigen Minuten verſtoͤrt wie⸗ der und hinter ihm ſtuͤrzte herein— Erwins Bruder, Bernhard. Dieſer Jammer wurde den erſten Richtern faſt zu arg.— Wie die Bruͤder halb ſinnlos ſich um⸗ armt hielten! Es gab Thraͤnen in ſtarren Augen, 6 die nie geweint hatten.— Fort! ſchluchzte Erwin endlich.— Da, ſagte Bernhard mit erſtickter Stimme, ein Brief vom Vater.— H Gott! Mein Vater!— er riß das Blatt auf, las durch die Thraͤnen.— Mußte die Beſtaͤtigung von Va⸗ leriens Tod in dieſem graͤßlichen Augenblick kom⸗ men?— und von einem Tod, welcher mit ihr zugleich das unſchuldigſte Geſchoͤpf umbrachte!— Ja, ja! rief Erwin, beide Haͤnde vor der Stirn, das iſt die Hand der goͤttlichen Gerechtigkeit! An ihr hab' ich's verdient! Mit ihr hab' ich die Sonne meines Lebens ausgeloͤſcht! Macht nun ein Ende! 287 Vergebens lag Bernhard zu den Fuͤßen der Richter, vergebens wuͤnſchten dieſe ſelbſt, den Un⸗ glucklichen zu retten; er hatte mit ſeinem eigenen freien wiederholten Geſtaͤndniß ſich ſelber gerichtet. Daß er den Grafen umbringen wollen, daß man ihn mit entbloͤßtem Saͤbel uͤber ihm gefunden— da war keine Huͤlfe!— Der Feldprediger kam, die Brüder riſſen ſich von einander, Grüß den Vater! rief Erwin dem troſtloſen Bernhard nach, der am Arm eines Offüziers hinausſchwankte, und ſag' ihm, ich ſei vor'm Feind geblieben! O, haͤtt' es Gott gewollt! Er wurde hinausgefuͤhrt hinter den Huͤgel, wo das Commando aufmarſchirt ſtand. — Den andern Tag kam ein Schaͤfer mit ſeiner Heerde uͤber die Haide, und traf am Huͤgel eine alte Frau, welche das verſtreut zertretene Stroh des Lagerplatzes durchſuchte.— Na, Ihr ſeid wohl froh, daß die fort ſind, Mutter?— Gott ſei Dank, ſagte ſie; aber ſie haben auch gar nichts liegen laſſen.— Ja, lachte er, das ſieht den Soldaten nicht ahnlich. Was iſt denn das fuͤr 288 ein Sandhaufen? Vielleicht ſteckt darin ein Schat? Sieht ja faſt aus wie ein Grab.— Ja, ach Gott! verſetzte die Alte leiſe und bedenklich, es iſt auch eines. Da haben ſie geſtern einen todtgeſchoſ⸗ ſen, hier an dieſem Baum; ſo einen ſchmucken Jungen! ſie ſagten, er haͤtte ſeinen Offiier er⸗ ſchlagen. Es war ſogar ein Paſtor dabei, mit dem betete er, und die hellen Thraͤnen liefen ihm uͤber's blaſſe Geſicht. Die Augen wollt' er ſich nicht verbinden laſſen— ich ſah es aus meiner Bodenkammer.— Wie er aber an den Baum trat, lief ich weg, und hoͤrte ſie nur ſchießen, Nach ner Viertelſtunde war alles fort und hier das Grab. Aber ſag mir doch, wie verſteh' ich das? Da wol⸗ len ſie gegen den Feind, und hier ſchießen ſie ſich ihre eigenen Leute todt, und noch dazu ſolch einen, der gewiß manchen Franzoſen gefegt haͤtte.— Fa, ſagte der Schaͤfer; es geht wunderlich in der Welt her. Mainz, gedruckt bei Florian Kupfetberg⸗ 3 56 e1 sendie