Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oktmann in Cießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cheih- und Keſebedingungen 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ f pfangnahme und Rückgabe der Bicher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 6 ) 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ e den angenommen.. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Sunme welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 6 wird. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für nochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Nr.— F. 1W 2 N „ Fpr„ 1„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten unt Gefahr ſeibſt zu forgen. 6 Scbadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern 2c.) muß der 3 Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder vefecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, ℳ auch dafür zu ſtehen haben. eerne Ein Roman 1 von 1 Ludwig Star 5* Mainz, 1824. Bei Florian Kupferberg. Ruht irgend ein Fluch auf der Menſchheit, ſo iſt es der: daß faſt ein Jeder etwas werden will, und es für nichts achtet, etwas zu ſein. — 1 Der alte Landrath von Malorne legte den Brief nieder, welcher ihn den ganzen Abend hindurch be⸗ unruhigt hatte, und ſtand auf. Sein Blick fiel in den Spiegel. Nachdenklicher iſt wohl nicht leicht Jemand, als ein Vater, der, ſein weiſſes Haupt anſehend, die vergangenen Jahre und die wenig noch kommenden zaͤhlt, in denen er fuͤr ſeine Soͤhne ſorgen kann. Er trat ans Fenſter, und ſah drauf⸗ ſen das weite Thal, Wald und Gebirg von Mond⸗ hein und Herbſtnebel umfloſſen, ein Bild tiefer Bewegung, von wehmuͤthiger Sehnſucht weniger beſaͤnftigt, als 5 Aus dieſen Betrachtungen weckte ihn der Eintritt ſeines Bru⸗ ders, der von der Jagd heimkehrte.— Nun, ſagte der Major, der alte Onkel laͤßt auch keine Ruhe. Was gilt's, er fordert Dein Ultimatum binnen hier und Sonnenaufgang?— Woher weißt Du ſchon? 1 fragte der Landrath.— Im Vorhauſe begegnete mir ſein Reitknecht, verſetzte der Major; iſt's denn ſo eilig, daß er einen eigenen Boten ſendet?— Er ſchildert wenigſtens die Umſtaͤnde ſo; hier, lies ſelber. Mit dieſen Worten gab der Landrath den Brief an ſeinen Bruder, welcher ihn ſchnell uͤberlief und mit der Frage zuſammenlegte: Was denkſt Du zu antworten?— Das eben war es, woruͤber der Landrath mit ſich ſelbſt noch nicht einig werden konnte; auch ſchien die Antwort in ihren Folgen wichtig genug, um vor der Entſcheidung ſtille zu ſtehen und den naͤchſten Schritt zu bedenken. Herr von Malorne konnte allerdings fuͤr einen maͤßig wohlhabenden Beſitzer gelten, wenn man ſein Talent zur beſonnenen Wirthſchaftsfuͤhrung auch als ein zinſentragendes wohlbelegtes Capital anſchlug. Mit ſeinen beiden Soͤhnen aus verſchiedenen Ehen bewohnte er ein Landgut, welches, von der Mutter des Juͤngſten zugebracht, dereinſt deſſen Erbtheil ausmachte. Dem aͤltern Bruder haͤtte ſolche Beguͤn⸗ ſtigung ein Erdengluͤck geſchienen, hinter welchem er kein ferneres Ziel geſucht haben wuͤrde. Die Neigung zu thätiger Zuruͤckgezogenheit leitete ihn fruͤh auf die einſamen Pfade des Waldlebens. In 3 der ſtillen und doch ſo belebten Weite des gruͤnen Forſtes glaubte Bernhard recht die eigentliche 3 Heimath ſeines Herzens zu finden. Aus Buſch und Zweigen hoffte er die Antwort auf manchen Zwei⸗ fel inniger Empfindung zu vernehmen, und ſo heim⸗ lich lebend fuͤhlte er ſich als Menſch gluͤcklich, wuaͤh⸗ rend er als Forſtmann nutzlich ward. Es giebt vielleicht mehr unaͤhnliche Bruͤder, als ähnliche; aber zwei widerſprechendere Naturen, als Bernhard und Erwin, finden ſich wohl ſelten in einem ſo nahen Verhaͤltniß. Erreichte Jener eine vollkommene Befriedigung kaum in dem tiefſten Walde, ſo hatte Dieſer am lauteſten Weltgewuͤhl nur auszuſetzen, daß es noch nicht laut genug waͤre Einen ſchneidenden Contraſt mit des Aelteren ſinni⸗ ger Thaͤtigkeit machte das regelloſe Irrlichtweſen des Juͤngern, der ſeinem Bruder einen unausſtehlichen Geiz auf Geld und Zeit vorwarf. Dagegen war niemand ſo ſchnell wie er, beiderlei Schätze los zu werden. Es begegnen uns im Leben ſo oft Menſchen, denen das Gluͤckunermuͤdlich ſeine Gaben nachtraͤgt, waͤhrend ſie ihrer Seits unermuͤdlich ſind, dieſe Geſchenke mit Fuͤßen zu treten. Giebt ſich nun dieſe wunderliche 4 Göttin hiedurch einem gerechten Vorwurf ihrer In⸗ conſequenz Preis; ſo will ſie vielleicht dagegen durch ſolches Betragen uns auf den Gedanken hinleiten, wie nichtig alle Schaͤtze geiſtiger und ſinnlicher Herr⸗ lichkeit ſind, wenn der Menſch, in deſſen Haͤnde ſie fallen, aus ihnen wahrhafte Guͤter zu ſchaffen nicht verſteht. Erwin gehoͤrte einmal zu ihren Guͤnſt⸗ lingen, und nach Guͤnſtlingsart ſchien er ſeine Wohlthaͤterin im Herzen zu verhoͤhnen. Jetzt kehrte er von der Univerſitaͤt zuruͤck. An das, was man nutzliche Anwendung der Zeit nennt, war nicht gedacht worden. Wo im bunten Taumel das geſellige Leben hoch und luſtig daher ſtroͤmte, und ſprudelnde Quellen von allen Seiten uͤber ihn hereinſielen, war es ihm ſtets am wohlſten und eigentlich heimiſch geweſen. So hatte er drei Jahre ritterlich aus dem Stegreif weg gelebt; und nach ſeiner Uiberzeugung auf den Land⸗ ſizen, in den Badeoͤrtern und kleinen Reſidenzen umher weit reichere Schaͤtze an praktiſchen Kennt⸗ niſſen und großen Lebensanſichten eingeſammelt, als irgend ein fleißiger Muſenſohn in kuͤmmerlich nach⸗ geſchriebenen Heſten zuſammenſtoppeln konnte. 4 . 5 Dergeſtalt ausgeruͤſtet trat er den Heimweg an und verfehlte nicht, ſich unterwegs dem Onkel ſeines Vaters vorzuſtellen, der bei einem benachbarten Fuͤrſten das Hofmarſchallamt bekleidete. Zu Erwins beſondern Vorzuͤgen gehoͤrte der gute Eindruck ſeiner Perſoͤnlichkeit ſelbſt auf Die⸗ jenigen, welche mit ſeinem Betragen keineswegs zufrieden waren. Der alte Hofmann, bei dem raſchen Reffen alle Anmaßung und Lrotzbezeigung eines unbeſonnenen Studenten erwartend, bemerkte mit angenehmer Verwunderung die liebenswuͤrdige Lebhaftigkeit eines feurigen Kopfs, von den Zügeln ſogenannter feiner Weltbildung in den rechten Bah⸗ nen gehalten. Er gedachte ſeiner weit entlegenen Jugend; halb verloſchene Erinnerungen, von dem Strahl einer fremden Gegenwart aufgefriſcht, zogen an ſeinem Blick voruͤber; in dem gewandten Juͤng⸗ ling ſah er ſein eigenes Bild erneut. So hatte er vor fuͤnfzig Jahren ſich als junger aufſtrebender Hofkavalier mit Anſtand und gutem Erfolg darge⸗ ſtellt. Was konnte er dem wohlgerathenen Sohn ſeiner Nichte Angenehmeres wuͤnſchen und bereiten, als die naͤmliche Rolle zu demſelben gluͤcklichen Aus⸗ gang? Schon damals ließ er von erledigten Kam⸗ 6 merjunkerſtellen halbe Worte fallen, welche Erwin aus dem Munde eines ſo vielgeltenden Mannes gar zu gerne fuͤr ganze Zuſicherungen annahm. Er hatte ſich darin auch nicht geirrt; denn wenige Wochen nach ſeinem Eintritt ins väterliche Haus folgte ihm dahin ein Brief worin der Hofmarſchall dem Herrn von Malorne meldete, daß bei den eingetretenen Veraͤnderungen in mehreren Hof-Chargen von der Beſetzung eines fuͤr Erwin paſſenden Platzes ernſt⸗ lich die Rede ſey; wenn Dieſer ſich melde, ſo wolle er fuͤr die huldreiche Gewaͤhrung einſtehen.— Er konnte viel eher dies verſprechen, als Herr von Malorne ſeine Zuſtimmung geben. Sein einfacher Sinn hatte ſich mit dem Gegenſatz des Hofweſens nie befreunden koͤnnen; und nun ward er in ſolcher Abneigung noch mehr beſtaͤrkt durch das Wort ſei⸗ nes Bruders, welcher viel geduldiger manche andre Unannehmlichkeit, als den Anblick ſeines Neffen in einer Hofuniform ertragen haͤtte. Auf der andern Seite war es freilich nicht rathſam, den alten be⸗ deutenden Oheim durch eine beſtimmte Abweiſung ſeines wohlgemeinten Vorſchlags aufzubringen. Selbſt dem nachſichtigen Vaterauge konnte nicht lange verborgen bleiben, wie ſchlecht es mit des —— „ 5 — 7 Sohnes Vorbereitung zum Staatsdienſte beſtellt ſeyn mochte. Erwin hatte kein Bedenken, ſeinen Abſcheu gegen das ſo benannte Einſpannen in die leere und bodenloſe Geſchaͤftskarre mit weniger ueberlegung laut zu wiederholen. Dagegen traf ſein lebhafteſter Wunſch mit dem Vorſchlag des Hofmar⸗ ſchalls genau zuſammen; und er verſchwieg ſeine Verwunderung nicht uͤber die Bedenklichkeit des Vaters, welche leicht durch unnuͤtzen Zeitverluſt ſein Gluͤck vereiteln konnte. Unter halblauten Aeuſſerun⸗ gen und Gegenbemerkungen waren einige Tage ver⸗ gangen, und der vorlaͤufigen unbeſtimmten Antwort an den Hofmarſchall ſollte die naͤhere Erklaͤrung noch immer folgen, als ploͤtzlich der Reitknecht deſ⸗ ſelben mit einem neuen Briefe ankam. Der Major hatte ganz richtig auf ein begehrtes Ultimatum ge⸗ rathen. Ein ſolches verlangte der Alte unter der Bemerkung, daß binnen zwei Tagen Erwins Meldung erfolgen muͤſſe, weil ihm ſonſt deſſen eig⸗ ner Vetter Wolf zuvorkommen werde; ein entſchei⸗ dendes Ja oder Nein erwarte man durch den ruͤck⸗ kehrenden Boten. Was ich zu antworten denke, erwiederte der Land⸗ rath auf die Frage ſeines Bruders, darauf kommt 8 es wohl nicht ſo ſehr an, als auf den Punkt, ob Erwin fuͤr das Nein zu ſtimmen ſeyn wuͤrde. Daß uͤber ihn etwas verhandelt werde, kann ihm nicht entgehen; ſchon die Anweſenheit des Reit⸗ knechts verraͤth es; und da von ſeiner Zukunft die Rede iſt, ſo hat er allerdings das vollkommenſte Recht, ein Wort mitzuſprechen: er iſt kein Kind mehr. Den Jahren nach freilich nicht, ſagte der Major; aber daß ſeine Antwort kindiſch ausfallen werde, iſt vorherzuſehen. Ja, und haben, das ſagt je⸗ des Kind, wenn ihm etwas Glaͤnzendes vorgehalten wird. Ob es ſich mit dem glaͤnzenden Spielzeug nicht hoͤchſt wahrſcheinlich verletzen werde, das muͤſ⸗ ſen die verſtaͤndigeren Aeltern beurtheilen. Hier iſt die Stelle, den Vormund zu machen. Dein Stand, verſetzte der Landrath, hat dich nun einmal ſo an die Uebung unbedingter Sub⸗ ordination gewoͤhnt, daß du ſie in alle Verhaͤltniſſe einfuͤhren moͤgteſt. Du weißt, wie wenig mir das Hofleben gilt; indeſſen ſehe ich darin auch nicht, wie du, ein großes Unheil, wobei man eine Men⸗ ſchenſeele zu verantworten haͤtte. Bei den vorhan⸗ denen umſtaͤnden waͤre vielleicht ſchwieriger die „ — — — —— ——— — 9 Verantwortung, daß ich meinem Sohn eine Lauf⸗ bahn, vielleicht die einzige, verſchloͤſſe, worauf er es zu etwas bringen kann. Zu etwas bringen kann— brummte der Major ſchon verdrießlich. Gelernt hat der Burſch frei⸗ lich nichts, wodurch er nuͤtzlich wuͤrde; aber nach Commando Ja und Nein flͤſtern, ſchwars weiß, und Recht Unrecht nennen, dafuͤr iſt er doch auch noch zu gut. Da lob' ich mir eher auf Commando rechts und links um machen; die aͤuſſere Freiheit geht wohl dabei verloren, aber die Ueberzeugung kann doch bei Ehren bleiben. So? fragte der Landrath. Wie wird denn die Ueberzeugung in Ehren gehalten, wo man dem Menſchen nicht einmal die Ehre laͤßt, einen Willen, ſondern nur einen Gehorſam zu haben?— Dienen muß nun einmal Jeder, verſetzte der Major, welcher nicht reich genug iſt um unab⸗ haͤngig zu ſein; und das beſte Dienſtverhaͤltniß bleibt am Ende das, welches am meiſten geregelt iſt. Da ſteht ohne Frage der Soldatenſtand oben an. Das loſe lockere Hofleben giebt ſich freilich auch den Schein, als ob es auf einer feſten Regel beruhte; aber wie der ganze Kram nur perſonifizirte Ver⸗ 10 läͤugnung und feine Luge iſt; ſo auch damit. Das Ding, was ſie Etikette nennen, geht endlich doch nur in die bitterſte Satire auf alle Ordnung aus. Wo dem Menſchen zum wirklichen Nuͤtzen gar keine, und zum Schadenſtiften die weiteſte Bahn gegeben iſt, da muß ein Schwankfuß, wie Erwin, zu Grunde gehen. Habe deinen eigenen Sohn nicht auf ſo verkehrte Art lieb; laß' ihn da weg. Gieb ihn mir. In meinem Bataillon ſind zwei Faͤhnrichſtellen vakant; ich ſchaff⸗ ihm eine davon Faͤhnrich mit zwei und zwanzig Jahren? lächelte der Landrath. Du haſt es gut im Sinne mit ihm. Wahrhaftig wohl ſo gut, polterte der Major heraus, als du, der ihn mit zwei und zwanzig Jahren will verkaufen an—— Er wandte ſich raſch abwaͤrts und trommelte heftig an den Fenſter⸗ ſcheiben. mung ſeiner Laune in gewohnter Art durch emſiges Drehen und Putzen ſeiner Doſe kund gab, kam Erwin herein. Er begriff auf den erſten Blick was vorgieng und naͤherte ſich dem Vater, welcher von der Gegenwart des Majors gewiſſermaßen ge⸗ peinigt vergebens nach einer paſſenden Anrede Waͤhrend nun auch der Landrath die Verſtim⸗ —— 6 . 11 ſuchte. Der Sohn aber, um die gewuͤnſchte Ent⸗ ſcheidung herbeizufuͤhren, half ihm auf den Weg, indem er die Frage des Reitknechts meldete, ob er noch heute Abend abgefertigt werden koͤnne, oder bis morgen zu warten habe?* Das letzte auf jeden Fall, ſagte der Vater; was will der Menſch denn in die Nacht hinein⸗ reiten? Sein Herr, erwiederte Erwin, habe ihm die Sache uͤberaus eilig gemacht. Wie viel oder wenig ſie eilt, ſagte Jener, werde ich doch wohl am beſten zu beurtheilen wiſſen. Indeſſen magſt du den Fall, welcher dich am mei⸗ ſten angeht, ſelbſt entſcheiden. Haſt du bisher deine Sachen gleich nicht immer zum kluͤgſten angefangen, ſo iſt hier eine Gelegenheit, deinen Witz durch gute Wahl zu beweiſen, ſprich ſelber, welche Ant⸗ wort der Bote mitnehmen ſoll. Daruͤber, ſagte Erwin, nachdem er den Brief haſtig geleſen, kann ja keine Ungewißheit ſein Warum ſollte ich einen Vorſchlag ablehnen, den ich nicht beſſer verlange? Der Landrath ſchwieg; der Major aber konnte ſeinen Unmuth nicht zaͤhmen. Er brach den Ge⸗ 12 ſchwindmarſch ab, und fuhr ſeinen Neffen an: Wenn du Ehre im Leibe haͤtteſt, ſo verlangteſt du weiß Gott was beſſeres, und zoͤgeſt doch lieber dies ſchlichte Waffenkleid, als das geſtickte Vorsim⸗ merhabit an. Eine ſchnelle Roͤthe uͤberflog die Wangen des Juͤnglings; doch maͤßigte er ſich zu der Antwort: Was Sie, Herr Onkel, in Ihrem Kleide fuͤr eine Art Ehre finden, muß ich Ihnen uͤberlaſſen; ich meines Theils ſuche keine in der Tracht eines Standes, welchen die zuͤgelloſe Eroberungswuth eines Einzigen zum blinden Haufen unterthaͤniger Sklaven und zu unruͤhmlichen Schergen ihres ei⸗ genen Volks herabgewuͤrdigt hat. Es war eben jene dunkle Zeit, wo der gewaltig⸗ ſte Despot die Haͤlfte von Europa zum Kerker um⸗ gewandelt hatte, in welchem die Voͤlker ihre Ketten! und ſeine Waffen gegen die andere Haͤlfte ſchmie⸗ den mußten. Der Major tobte; aͤngſtlich ſuchte der Landrath den Moment, die unangenehmſte Scene zu verhin⸗ dern, und als er ihn erhaſcht, fuͤhrte er alle Gruͤnde an, aus welchen er der ausgeſprochenen Entſchei⸗ dung ſeinen Beifall verſagen muͤßte. Erwin aber —————————————— 15 kam nicht unvorbereitet zu dieſer Debatte; ſeine Gegengruͤnde fielen bedeutend ins Gewicht; er wußte die Stimme des alten verehrten Großoheims fuͤr ſeine Sache uͤberwiegend gelten zu machen; und ſchloß mit der Berufung auf das Wort ſeines Va⸗ ters, welcher den Ausſpruch ja ſelber an ihn ge⸗ wieſen hatte. Seinen Verſicherungen, daß er fuͤr die Stille des Landlebens gar nicht gemacht ſey, und in ſolcher Eintoͤnigkeit zu Grunde gehen muͤßte, fehlte es nicht an Wahrheit; ſeine Erklaͤrung, daß er lieber auf Abenteuer nackt und bloß durch die Welt ziehen wolle, erſchreckte den ſchwachen Vater, welcher ſeinen Liebling ſchon aufs Aeußerſte ge⸗ bracht glaubte. Das heftige Zwiſchenreden deès Majors hinderte die Ruͤckkehr zur verſcheuchten“ Beſonnenheit. Und ſo geſchah hier, was ſich nur zu oft im Leben wiederholt, wo Laune und Leiden⸗ ſchaft einen Entſchluß uͤbereilen, zu deſſen g luͤck⸗ lich er Wahl es der heiterſten Ruhe und Mäßigung bedurft haͤtte. Dem Landrath gelang es nur mit vieler Muͤhe, den Zorn ſeines Bruders einigermaßen zu beſaͤnf⸗ tigen. Sein Neffe, meinte der wackere Krieger ſehr richtig, haͤtte ſich am wenigſten erlauben ſollen, 14 ihm ein ohnehin genug verwuͤnſchtes Schickſal, wel⸗ ches er im Dienſte ſeines Fuͤrſten doch mit ſo vielen andern Ehrenmaͤnnern theilte, zum ungerechteſten Vorwurf zu machen. Auf anhaltendes, durch Er⸗ wins Verſicherungen tiefer Reue verſtaͤrktes Bitten gab er zwar ſeinen ſchnellen Entſchluß, noch in derſelben Nacht abzureiſen, wieder auf. Doch fand er Veranlaſſung genug, die Nachgiebigkeit, womit er ſich zu einem laͤngern Aufenthalt bereden ließ, wenigſtens zehnmal zu verwuͤnſchen. Herr von Malorne hatte es in ſeiner Art, jede Sache, wofuͤr er ſich, wenn auch gegen fruͤhere Meinung, einmal erklaͤrt hatte, dann mit Eifer auszufuͤhren. Konnte er den Vorwurf einer unrich⸗ tigen Anſicht nicht mehr vermeiden, ſo ſollte das Beſchloſſene wenigſtens nicht halb geſchehen. Was aber durch einen verkehrten Anfang im Ganzen ver⸗ dorben iſt, laͤßt ſich durch nachheriges Kuͤnſteln im Einzelnen nicht beſſer machen. Und hier trieb ihn nun die zaͤrtliche Schwäche fur ſeinen juͤngſten Sohn weit uͤber das Maß des rechten Ganzen hinaus. Erwins Anſtellung als Kammerjunker war nach der wahrſcheinlich in Auftrag geſchehenen Anfrage des alten Hofmarſchalls ſo gut wie ausgemacht. Es 15 mußte nun alſo zur Ausruͤſtung fuͤr dieſe neue Laufbahn das Noͤthige geſchehen. Zum Noͤthigen aber rechnete man ſo viel, daß die beſchraͤnkten vorhandenen Mittel nicht ausreichten. Das Auftreten des Sohnes ſollte doch dem Namen ſeines Vaters Ehre machen, und dieſe Ehre fuͤhrte zu bedeutenden Aufopferungen, wovon der Gutsnachbar des Landraths den weſentlichſten Vor⸗ theil zog. Der Major hatte noch mehr als einen lebhaften Wortwechſel mit ſeinem Bruder, den er nicht uͤberzeugen konnte, daß er mit unſinniger Af⸗ fenliebe das Ungluͤck ſeines Sohnes bereitete. Als aber nun der Landrath aus wohlgemeinter Abſicht in ſeinen Geſpraͤchen mit Erwin immer das wich⸗ tige Thema vom behutſamen Benehmen, von den⸗ Verhaͤltniſſen, von den Gefahren ſeines kuͤnſtigen Standes, vom Carriere machen und dergleichen eroͤrterte; da verdammte der Major ſich mit dem ernſthafteſten Fluch zum verdrießlichſten Stillſchwei⸗ gen. Seinem Unmuth gegen den gleichgeſinnten Bernhard Luft zu machen, mußte er ſich aber auch verſagen, weil er den Sohn wohl nicht zum Richter uͤber den Vater machen konnte. Indeſſen ſchloß er ſich noch herzlicher als vorhin an dieſen an. Jenen 16 Abhandlungen auszuweichen, war Beiden die taͤg⸗ liche Uebung der Jagd in jeder Hinſicht das liebſte Mittel; und wenn ſie ſchweigend neben einander durch die Gegend ſtrichen, ſo war jeder mit den wahrſcheinlichen Gedanken des Andern beſchaͤftigt und uͤbereinſtimmend. Als ſie einſt bei ſolcher Gelegenheit die Felder an ein Paar wohl beſtandenen Hoͤlzern abgeſucht hatten, uͤber deren Verkauf der Landrath keines⸗ wegs zu ſeinem Vortheil mit dem Nachbar absu⸗ ſchließen im Begriff war, konnte der Major den Aerger doch nicht ganz verbeißen. Er blickte zuruͤck durch die hohen maͤchtigen Stämme; das Spiel der Sonnenſtrahlen in dem leicht bewegten bunten Herbſtlaub erregte zugleich ſeine Wehmuth.— Der ſchoͤne Wald, ſo wegge⸗ ſchleudert! ſagte er und legte die Hand auf Bern⸗ hards Schulter— und fuͤr welchen verkehrten Zweck!— Hoͤr, Junge, thu du mir dergleichen nicht zu Leide! Dein Bruder— mag Gott es ſei⸗ nem Vater vergeben— denk' an mich— er iſt ein verlorner Menſch. Ich bin zufrieden, wenn ich's nicht erlebe, aber das Ungluͤck wird bald genug da ſeyn. —— 7 Die Antwort des Großoheims rief den ungedul⸗ digen Erwin zu ſeiner neuen Beſtimmung. Der Brief enthielt zugleich die Nachricht, daß ſein Vetter Wolf als Jagdjunker angeſtellt ſey, und auch fuͤr Bernhard eine ſolche Ernennung auszu mitteln leicht ſeyn duͤrfte. Gott ſoll mich bewahren! ſagte dieſer ſehr ernſt⸗ haft mit einem ruhigen Blick zum Major; ich habe mein Brod verdienen gelernt, und will es wohl auf anderm Wege finden. Erwin laͤchelte; er glaubte, die voreilige Aeuſſerung dadurch am ſiegreichſten zu tadeln. Der Augenblick kam, wo er die Hand ſeines Vaters zum letztenmal an ſeine Bruſt druͤckte.— Gedenke meines Raths, meiner Bitten, meiner Warnungen, ſagte der geruͤhrte Alte.— Das ehr⸗ wuͤrdige Bild dieſes grauen Haupts— ſchwur Erwin in ſeinem Innern, als er ſich aus den Armen des Vaters losmachte— ſoll nie aus meiner Seele weichen. Die Tugend iſt ein erhabener Gedanke, und ich will fuͤr große Ideen leben!— Er ſah vergnuͤgt in den Staub der endlich rollenden Raͤder, vergnuͤgt in die Abendſonne, welche von Gebirg 2 18 und Wald, wie er vom väterlichen Hauſe, Ab⸗ ſchied nahm; und wiederholte ſeinen Schwur. 2. Wie der blaſſe Schimmer der fruͤhen Aurora gegen das ſtechende Sonnenlicht des vollen Tages zerfließt, ſo pflegt es wohl mit den leicht gefaßten Entſchluſſen eines ungeduldigen Einſamen zu gehen, wenn ihn das erſehnte Treiben lebhafter geſelliger Verhaltniſſe mit fortſchwingt. Erwin konnte nicht gleich die noͤthige Beſonnenheit erlangen, um den Maßſtab ſeiner großen Ideen an die neuen Erſchei⸗ nungen zu legen, wovon er ſich umgeben ſah. Er fand den Hof in freudiger Bewegung uͤber die nahe Vermaͤhlung einer Prinzeſſin; und der Gluͤck⸗ wunſch des Hofmarſchalls zu dem guͤnſtigen Zufall, daß er ſeine Carriere eben mit einer ſo glaͤnzenden Begrbenheit anfange, ſchien ihm durchaus richtig gedacht. Mit Vergnuͤgen glaubte er, daß auf ſeine Perſon doch auch mancher Strahl von der allgemei⸗ nen Feſtlichkeit ſehr vortheilhaft hinſtreife. Der Fuͤrſt konnte ihn doch nun kuͤnftig nicht an⸗ ſehen, ohne bei ſich zu denken: der junge Mann 89 kam eben damals an Hof, als Prinzeſſin Albertine ſich vermaͤhlte. Dieſe Vermaͤhlung war aus vielen Gruͤnden ein ſehr angenehmes Ereigniß, ſie konnte nur erwuͤnſchte Folgen haben; und ſo ſtand Erwin immer in dem erfreulichen Schein dieſer neuen Sonne, welche weit in ſein Leben hineinleuchten und waͤrmen ſollte. Solche frohe Zuverſicht ver⸗ mehrte um Vieles die muntere Dreiſtigkeit ſeiner erſten Schritte. Dem Neffen des Hofmarſchalls kamen ohnehin an allen Thuͤren freundliche Geſich⸗ ter entgegen. Die Verehrung fuͤr den alten Herrn kleidete ſich in das Gewand des Wohlgefallens an dem liebenswuͤrdigen Kammerjunker; und wie konnte dieſen etwas raſcher vorwaͤrts bringen, als das laute Begehren des Oheims, daß er ſich als ein Kind des Hauſes anzuſehen habe! Im angenehmſten unter den erſten Häͤuſern der Reſidenz, dieſe Stellung! Beneidet von ſallen jungen und jungthuenden Herren, welche nur ein⸗ mal in die dunkle Tiefe von Adaminens ſchwarzen oder in den Himmel von Valeriens blauen Augen geblickt hatten!— Das Kind des Hauſes bekannte. mit einiger Selbſtzufriedenheit, daß dieſer Litel mit dem eines Gluͤckskindes ziemlich ſynonym ſen; 20 und glaubte in den heitern Mienen der ſchoͤnen Fräuleins die Verſicherung zu leſen, wie ſehr ſie mit der neuen Charge des Vetters zufrieden waren. Adamine war von vielen Kindern die einzig ubrig gebliebene Tochter des Hofmarſchalls, welcher ihr die liebliche Valerie, weitlaͤufiger Verwandten huͤlflos hinterlaſſene Waiſe, zur Geſpielin gege⸗ ben hatte; beide von dem Huldigungsgewuͤhl alles deſſen umflattert, was nur Anſpruch auf eine aus⸗ gezeichnete Stellung in der Geſellſchaft machen durfte. Wer das ſo von weitem mit anſah, dem ſchien es auf den erſten Blick wohl, Valerie ſäße nur als Geſellſchaftsdame mit in Adaminens Tri⸗ umphwagen. und ſehr begreiflich verminderten ſich die Anbeter der Letzteren nicht durch den Umſtand, daß ſie des bedeutenden Hofchefs einzige Erbin war. Mit dieſer ſchoͤnen Hand wurde zugleich eine Fuͤlle alles deſſen erworben, was die Welt unter dem weiten Namen Gluͤck umfaßt. Aber wenn die Schaaren dienender Ritter ſich eben ſo tief vor dem imponirenden Werthe dieſer ernſthaften Betrachtun⸗ gen, als vor den uͤberwaͤltigenden Blicken der reizenden Tyrannin verneigt hatten; ſo wendeten ſie ſich freier und froͤhlicher zu der, welche auſſer +— 21 der Anmuth ihrer geiſtreichen Liebenswuͤrdigkeit kein anderes Erbtheil beſaß. Adaminen, inſofern ſie es erlaubte, zu vereh⸗ ren; hieß das Geſetz des herrſchenden Tons anerken⸗ nen. Bei Valerien fragte Niemand nach Geſetz und Pflicht. Ihr ſeelenvoller Blick, ihr unbefangenes Wohlwollen verbreitete uͤber Alles die gluͤckliche Wir⸗ kung der Fruͤhlingsſonne, in der ſich jeder wohl befindet, ohne dabei einen Willen haben zu koͤnnen. Erwins Stimmung war die eines kecken Seg⸗ lers, der die Fortuna am Bord zu haben glaubt, und ſich vertrauensvoll dem guͤnſtigen Lufthauch ͤberlaͤßt. Hier aber gerieth er an zwei Stroͤmun⸗ gen; jede zog ihn mit gleicher Macht nach entge⸗ gengeſetzter Richtung. Daß eine von den beiden Schoͤnen als Gluͤcksgottin auf ſeiner Lebensbahn voranleuchten wuͤrde, ſchien ihm ausgemacht. Welche aber? darauf war er ſelbſt neugierig. Sein Herz hatte noch keine entſcheidende Stimme uͤber dieſe ungewißheit, in. welcher er gleich wohl ahndete, es ſei nicht weniger als die Anſtrengung aller Kräfte und die Ueberzeugung von Valeriens Neigung von noͤthen, um gegen Adaminens dämoniſch zu nen⸗ nende Uebermacht mit Sieg zu beſtehen. 22 In einer glaͤnzenden Geſellſchaft beim Hofmar⸗ ſchall fuͤhlte er ſich aus dem frohen Gewuͤhl durch ſolche Gedanken abgezogen. Gegen ſeine Gewohn⸗ heit nahm er am Tanz kaum halben, am Geſprach nur den unvermeidlichſten Antheil, und ſtand be⸗ trachtend hinter den Stuͤhlen der Damen, als ein Geſpraͤch, deſſen Anfang ihm entgangen war, ſeine Aufmerkſamkeit feſſelte. Der Meinung, ſagte eine fremde Stimme, bin ich keineswegs. Der Menſch, welchen die ſpäteren Folgen ſeines eigenen freien Entſchluſſes ungluͤcklich machen, weil er ſie nicht tragen kann, der mag im⸗ mer verloren gehen; es iſt an ihm nichts gelegen, weil er ſich ſelber nichts mehr gelten kann. Aber wo ſehen wir einen ſolchen wirklich freien Ent⸗ ſchluß? In tauſend Faͤllen kaum einmal. Selten, verſetzte die andere Stimme ſo anmu⸗ thig lispelnd, daß Erwin, ohne ſich umzuſehen, den wohlredenden Kammerherrn von Paſer erken⸗ nen mußte, ſelten allerdings iſt die Erſcheinung des freien Entſchluſſes wohl, allein ſo ſelten als Sie ihn annehmen wollen— ich weiß doch nicht. Ohne Widerrede, war die Antwort des Erſten; es liegt einmal in der uwollkommenen Anlage des — 25 Menſchen, daß er faſt in allen Faͤllen den einsigen Moment, wo er einen freien Entſchluß faſſen kann, mit Zoͤgern und Abwarten verliert. Wer gans dumm iſt, begreift das nicht einmal hinterher. Der maͤßig Beſchraͤnkte ſieht es aber, wiewohl zu ſpaͤt ein, und troͤſtet ſich uͤber den Fehlgriff mit der Selbſt⸗ taͤuſchung, daß die Gelegenheit wiederkommen werde. Allein das geſchieht niemals. Nun tappt er eine Weile im Blinden herum, laͤßt ſich dann von den umſtaͤnden lenken und gaͤngeln, die er in jenem Moment regieren konnte, wenn er wollte; und rennt endlich mit einer Inconſeguens irgendwo auf den Strand. Das nennt man denn einen Entſchluß. Ja, wenn die Menſchen ſich zur rechten Zeit wirklich ent⸗ ſchließen koͤnnten, dann waͤre vieles anders. Dazu gehoͤrt aber eine ganz andere Rage. Nerv iſt ein ſelten Ding, und heut zu Tage gar eine Contre⸗ bande, die man nicht gern im Hauſe hat. Die Gedankenzoͤllner haben mit ihren Spuͤrhundsnaſen den geiſtigen Geruch im Augenblick weg, und dann iſt der Schmuggler geliefert. Aber Gedanken ſind zollfrei, laͤchelte der Sn merherr. 24 Das alte Spruͤchwort, ſagte der Andere, ſteht ſchon laͤngſt mit anderm gebrochenem Spielzeug in der ſtaubigten Rumpelkammer, wo die geflickten Gedanken durcheinander klappern. Die alten Kinder behaupten freilich, das dunkle Loch ſei eigentlich der rechte Prunkſaal des Hauſes, und holen zur armſeligen Ergoͤtzichkeit in ihrer Truͤbſal die ver⸗ ſchabten arm- und beinloſen Puppen hervor, und lecken das Reſichen Farbe davon herunter. Aber verſuchen Sie es doch einmal, wenn das Weltrad umrollt, und ſtecken ſie einen Ruͤrnberger Koͤnigs⸗ zepter zwiſchen ſeine Speichen— ob er es aufhalt? So ein altbacken Spruͤchwort iſt die rechte Auflä⸗ ſung fuͤr das Räthſel unſerer Zeit. Es thut unge⸗ fehr dieſelbe Wirkung, als wenn einer in der Ewig⸗ keit fragen wollte, wie viel Uhr es ſey? Meinen Sie nicht, Beſter? Der Kammerherr ſagte: ich weiß doch nicht. Das Geſpraͤch wurde unterbrochen; Erwin ſah ſich neugierig nach dem ſeltſamen Wortfuͤhrer um und erblickte ein ganz unbekanntes Geſicht. Schaͤrfere Zuͤge waren ihm noch nie vorgekommen; einen angenehmen Eindruck machte dieſe Phyſiognomie vielleicht auf Niemanden im erſten Augenblick; — — 25 aber es war, als ob dieſe tiefſchauenden, einboh⸗ renden Augen Keinen, der einmal in ſie binein geſehen hatte, wieder los ließen. Erwin fuͤhlte ſich wunderbar getroffen. Sein ganzes Weſen war ja gerade in der dumpfen Un⸗ entſchloſſenheit befangen, woruͤber der Unbekannte, welcher ſich jetzt zum Spiel hinſetzte, ſein ſchnei⸗ dendes Urtheil ausgeſprochen hatte. Wer war das? fragte er den Kammerherrn.— Mein Gott, ſagte dieſer, kennen Sie den Grafen Serraval denn noch nicht? Ach, es iſt ja wahr; ſeine Abweſenheit datirt ſich ſchon vor Ihrer Ankunft; und erſt ſeit geſtern Abend iſt er zuruͤck von einer Reiſe, die er in wichtigen Angelegenhei⸗ ten gemacht hat. Serraval? wiederholte Erwin. Der Adju⸗ tant des Fuͤrſten?— Adjutant, Cavalier, Gehei⸗ mer Rath, wie Sie wollen, war Paſers Ant⸗ wort.— Genug, er iſt doch hier im Dienſt? fragte Erwin weiter. Als was aber? denn ſeinen Na⸗ men find' ich nicht im Staatskalender. Drum eben, laͤchelte Paſer mit der beſcheidenen Miene des Eingeweiheten; wie Sie wollen. Es wird Ihnen bald klar werden, was Herr von Serra⸗ 26 val hier Alles iſt; vielleicht nicht ſo bald, wofuͤr Sie ihn zu halten haben. Die geheimnißvolle Art, womit der Kammerherr ſich auszudrücken ſuchte, reiete Erwins Neugier, welcher die Bereitwillig⸗ keit des redſeligen Hofmanns gern entgegen kam; und ſo erfuhr er, daß Serraval fruͤher den Sol— datenſtand mit der diplomatiſchen Laufbahn ver⸗ tauſcht, ſich lang an verſchiedenen Hoͤfen aufgehal⸗ ten, enblich die Einladung des Fuͤrſten zu einer Reiſe ſangenommen habe, und ſeit deren Beendi⸗ gung bei demſelben geblieben ſey, ohne daß man eigentlich wiſſe, in welche Rubrik man ihn bringen ſolle. Den Eintritt in den eigentlichen Dienſt, ſo ſchloß Herr von Paſer ſeine breite Auseinanderſetzung, hat er ſich verbeten; Sie ſehen, er traͤgt nicht un⸗ ſere Uniform, ſteht auch in keinem Gehalt, und erzaͤhlt jedem, der es hoͤren will, daß er dem gna⸗ digſten Herrn zu nichts verpflichtet ſei. Soviel aber bleibt gewiß, daß er in den bedeutendſten Geſchaͤf⸗ ten gebraucht wird, und daß er dazu vortrefflich paßt; denn er iſt ein uͤberaus feiner Kopf. Er hat— dabei ſchlug er ausdrucksvoll mit dem Fin⸗ ger auf die Doſe— fuͤr mich immer viel Guͤte ge⸗ — 27 habt; jch bin auch uͤberzeugt, daß er mir wohl manches mittheilt, was nicht fuͤr Alle iſt. Wenn Sie erlauben, ſo mache ich Sie mit ihm bekannt. Erwin wuͤnſchte die Bekanntſchaft des Grafen, welcher ihm ſchon jetzt ſehr intereſſant ſchien, lieber auf jedem andern Wege zu machen, und ſah es gern, daß er dem Herrn von Paſer, den man im Augenblick zur Parthie verlangte, die Antwort ſchuldig bleiben mußte. Serravals Wort uͤber den Entſchluß ging wie eine Flamme durch ſein Inneres. Er wollte mit dem Manne, der ihm aus der Seele geredet hatte, ſo bald und ſo nah als moͤglich in ein Ver⸗ haͤltniß treten. Die Befriedigung, verſtanden zu werden, und Erwiederung zu finden, war ihm bis jetzt verſagt geblieben. Hier konnte ſie ihm nicht entgehen. Bei ſolchen Gedanken war es fuͤr Erwin die angenehmſte Ueberraſchung, als ſich am andern Morgen der Graf bei ihm melden ließ. Ihr Oheim, ſagte dieſer, wollte uns geſtern Abend ſchon ge⸗ genſeitig bekannt machen; der Fuͤrſt aber knuͤpfte in demſelben Augenblick ein Geſpraͤch mit ihm an⸗ und nachher ſprach ich ihn nicht wicder. Das 28 naͤmliche hatte auch der Hofmarſchall ſeinem Neffen geſagt, ohne ſich weiter uͤber Serraval zu aͤuſ⸗ ſern. Dieſer ging dagegen mit der Lobeserhebung des alten Barons deſto unverholener heraus, und ſein Ausdruck war ſo lebhaft und zugleich doch gemaͤßigt, daß ſich kein Zweifel gegen die Wahr⸗ heit ſeiner Empfindung regen konnte. Unter dem Heer von Hofleuten, die ich gekannt habe, ſagte er, habe ich noch keinen angetroffen, welcher durch ein ſo richtiges und taktfeſtes Beneh— men ſeiner Stellung eine ſolche Wuͤrde mitgetheilt haͤtte. Die meiſten wollen wohl aͤuſſerlich eben ſo erſcheinen, allein ſie verfehlen das Ziel, weil ſie es, wenn ich mich ſo ausdruͤcken darf, nicht in ſich tragen. Ihr Hheim aber fuͤllt ſeinen Platz voll⸗ kommen aus, ohne daß es ihm eine Anſtrengung koſtete. Die gleiche Ruhe, womit er Großes wie Kleines behandelt, iſt das ſeltene Zeichen einer uͤberwiegenden Sicherheit in allen Verhaͤltniſſen. Daß keines derſelben, wie vielfach ſie auch gewe⸗ ſen ſind, auf ſeinen Charakter einen nachbleibenden merklichen Eindruck gemacht habe, iſt gar nicht zu verwundern. Aber wenn man es gewohnt wird, den Hofleuten viel nebles, und nicht immer mit 29 unrecht nachſagen zu hoͤren, ſo gewaͤhrt die Er⸗ ſcheinung eines ſolchen Ehrenmannes, der ſeinen Stand ziert, doch eine herzliche Freude. Ich nehme gar zu gern den Hut ab vor einem, der aus den Engen und Quetſchungen des ſogenannten großen Lebens ſeinen ernſthaften Willen unange⸗ taſtet hindurch gebracht hat. Das Kunſtſtuͤck, mit Bewußtſeyn ein reiner Menſch zu bleiben, gelingt doch gar zu ſelten. Es fragt ſich, ob ſtrenge Re⸗ ſignation im Allgemeinen, oder kraftvolle Ent⸗ ſchloſſenheit in einzelnen Faͤllen dabei das meiſte thun. Wo das eine, und wo das andere von noͤthen ſei, haͤngt natuͤrlich von beſonderen Umſtan⸗ den ab; daß aber beide zuſammen wirken muͤſſen, iſt nicht zu zweifeln. Es iſt mir ſchon bekannt, ſagte Erwin, wel⸗ chen hohen Werth Sie auf die Faͤhigkeit zu einem entſchloſſnen Wollen legen. Ihr geſtriges Geſpraͤch mit Herrn von Paſer hatte an mir einen unwill⸗ kuͤhrlichen Zuhoͤrer, den Sie nicht vermutheten. Gottes Lohn dafuͤr! lachte Serraval, ſo habe ich doch vor Jemanden gered verſtanden hat, was Herrn von P nicht leicht iſt. Er ſchien doch, verſetzte 50 zu meinen, daß ihre Unterhaltung fuͤr ihn ganz beſonders paſſend ſei. Was meint ſo ein dummer Teufel nicht alles! fuhr Serraval haſtig heraus. An dem Paſer ſehen Sie recht den vollendetſten Repraͤſentanten der ganzen bornirten Rage, welche das plumpſte Spottbild auf unſres Herrgotts Menſchenſchoͤpfung darſtellt, und mit deren wohlgewachſenen Sproͤß⸗ lingen wir hier zu Lande ganz vorzuͤglich bereichert ſind. Nun, Sie werden ſich an den Capriolen dieſer Springhaſen ſchon ergoͤtzen. Paſer iſt aller⸗ dings ein Exemplar, welches wegen ſeiner Perfec⸗ tibilität zur allersierlichſten Nichtigkeit einige Auf⸗ merkſamkeit verdient. Er redet ohne zu denken, er hoͤrt ohne zu verſtehen, und lebt mit einer Be⸗ wußtloſigkeit, worin die Vorſehung ihm wunder⸗ barer Weiſe erlaubt hat, von auſſen einen Men⸗ ſchen vorzuſtellen.— Und einen Kammerherrn dazu, ſagte Erwin. Verzeihen Sie, erwiederte Serraval, den ſtellt er nicht vor; das goldene certilicat d'origine auf der Rocktaſche iſt der Schluͤſſel zu ſeinem Daſehn. Drehen Sie ihm das Ding ab, ſo ſchwoͤre ich, der Kerl faͤllt zuſammen, wie ein 51 Klumpen ausgebrannter Treſſen. Ich muß ihm aber doch bei irgend einer feierlichen Gelegenheit auf moͤglichſt eclatanteſte Weiſe zu verſtehen geben, was ich eigentlich von ihm halte. Tauſendmal nehm' ich mir es vor, mich fuͤr ſolches Geſindel gar nicht mehr zum Geſpraͤch herzugeben; bei mei⸗ ner Nachlaͤſſigkeit vergeß' ich es jeden Augenblick wieder, vorzuͤglich da ich ein ſchrecklicher Schwaͤz⸗ zer bin; und hernach hab' ich nur aufs neue mei⸗ nen Aerger, wenn die Burſche mein Gerede aufs einfaltigſte wiederkaͤuen, und hintendrein ſchwatzen: ich habe mit dem Serraval davon geſprochen, der war ganz meiner Meinung. Man kann es vor Gott und ſich nicht verantworten, in dieſer Hundecomoͤdie irgend eine Rolle zu ſpielen. Erwin hatte in der Ueberzeugung, welche er von ſeinen eigenen Vorzuͤgen hegte, bisher ſeine Neigung zum Spott ſehr gern fuͤr einen Beruf zur ſcharfen Critik angeſehen, und ſich im Fache der Wortverdrehungen und kleinen Seitenhiebe ziem⸗ lich hervorgethan. Die dreiſte Art jedoch, wie der Graf die Dinge bei ihrem rechten Namen nannte, uͤberraſchte ihn um ſo mehr, da er im erſten Ge⸗ ſpraͤch eines ſo weltklug geruͤhmten Mannes eine 32 ganz andere Zuruͤckhaltung erwartet hatte. Und hier war nichts von der abſichtloſen unbedachten Voreiligkeit eines aufgeblaſenen jungen Menſchen; Serraval, das fuͤhlte jeder, wußte recht gut, was und warum er es ſagte. Auch ſchien er am Ladel und Hohn nicht eben Freude zu finden, ſon⸗ dern nur dem innern Zorn uͤber die täͤglichen Dummheiten ſeinen Strom zu laſſen. Konnte Er⸗ win auch uͤber das Zutreffen mancher Perſonen⸗ zeichnung bei eigener unbekanntſchaft noch nicht urtheilen, ſo fuͤhlte er ſich von der ſchlagenden Richtigkeit vieler allgemeinen Bemerkungen bis ins Innerſte getroffen, und konnte ſein Behagen an den ergoͤtzlich kecken Wendungen nicht verbergen, in welchen Serraval noch eine Weile fortfuhr, bis ein Geraͤuſch ſie ans Fenſter zog.— Zwei auffallend ſchoͤne Pferde wurden vor das Haus gefuͤhrt. Ach, ſagte Serraval, indem er ſie erblickte, ich habe mich bei ihnen ſo verplaudert,— es wird kaum noch Zeit ſeyn. Heute Morgen ließ der Fuͤrſt mir ſagen, ich ſollte mit ihm aus⸗ reiten. Als die Stunde da war, wollte er, wie ge⸗ woͤhnlich, ſchon wieder etwas anders; da aber meine Pferde einmal geſattelt waren, ſo befahl ich, ſie 6 33 hieher zu bringen. Der Tag iſt ſo ſchoͤn, wenn Sie noch ein Stuͤndchen daran wenden wollten?— Erwin verlangte es nicht beſſer, obgleich er vor⸗ ausſah, daß er dem unangenehmen Gefuͤhle einer gedemuͤthigten kleinen Eitelkeit kaum entgehen wuͤrde. Sein Vater hatte, um es dem geliebten Sohn an nichts fehlen zu laſſen, ihm ſeinen eigenen Reit⸗ klepper mitgegeben, welcher nun freilich neben Serravals ſtolsirenden Roſſen nur eine ſehr maͤßige Figur machte. Auf Erwins etwas geswungenen Scherz daruͤber ſagte der Graf: Fruͤherhin legte ich auf dergleichen Dinge einen groͤßern Werth als jetzt, wo ich uͤber manches fuͤr immer hinaus bin. Meinen Stall wuͤrde ich füͤr eine unerlaubte Ver⸗ ſchwendung erklaͤren,?wenn nicht meine Poſition mir ihn ſo nothwendig, als meiner Geſundheit unentbehr⸗ lich machte. Wer ſo wie ich ſein halbes Leben auf dem Pferde zugebracht hat, kann es fuͤr die andre Haͤlfte nicht aufgeben. Auch bleibt der Umgang mit einem ſo edeln und klugen Geſchoͤpfe immer erfreu⸗ lich und befriedigend; was ſich vom Umgang mit unſers Gleichen leider nicht ſagen laͤßt. Beim Fortreiten zeigte der Graf eine große Mei⸗ ſterſchaft in der Uebung, und im Geſpräch zugleich 3 34 ſehr ausgebreitete Bekanntſchaft mit dem Theoreti⸗ ſchen der Reitkunſt, woruͤber denn die Unterhaltung zwiſchen zwei ruͤſtigen Rittern, vorzuglich von Sat⸗ tel zu Sattel gefuͤhrt, nicht ſobald abbricht, indem jede Behauptung ſogleich ihre ſchulgerechte Anwen⸗ dung finden kann. Sie waren tief in dieſe Unter⸗ ſuchungen und Beweisfuͤhrungen hineingerathen, als ihnen eine glaͤnzende Equipage entgegenraſſelte, aus welcher eine junge Dame von blendender Schoͤn⸗ heit den Gruß des Grafen ſehr anmuthig erwiederte. — Frau von Lambiel, antwortete dieſer auf Er⸗ wins heftige Frage nach dem Namen der reisenden Erſcheinung. Ich habe den Vorzug, gehabt, fuhr er fort, mit dieſer Seele unſerer ſogenannten Geſell⸗ ſchaften an einem Tage wieder in die Herrlichkeit unſerer Reſidenz einzuziehen. Geſtern ſagte ſie mir, ſie haͤtte geglaubt, gerade lange genug fort geweſen zu ſeyn, um ſich bei der Ruͤckkehr ein wenig fremd und neu vorzukommen, was denn ſeine großen Annehm⸗ lichkeiten haͤtte. Wie ſie aber gegen die Stadt her⸗ angefahren, waͤre ihr beim Anblick der bekannten Chuͤrme ſogleich alles wieder eingefallen, was ſie ſich geſchmeichelt ganz vergeſſen zu haben; die Luft ſogar waͤre ſo langweilig vertraut durch den Wagen 35 geſtrichen; und alles umher, ſie ſelber am meiſten, ſich durchaus altmodiſch und albern erſchienen. Das ſei ein ganz erſchrecklicher Zuſtand, und unſre Re⸗ ſidens von allen erdenklichen die unertraglichſte.— Das kann man doch, ſetzte Serraval hinzu, in⸗ dem er ſein Pferd anhielt, nicht in jeder Hinſicht behaupten; ſehen Sie einmal dieſe Lage an.— Sie waren durch breite Alleen im weiten Kreiſe um die Stadt her und dannwieder gegen dieſelbe einen ſteilen Huͤgel hinangeritten, von welchem man uͤber Gaͤrten und Baumgruppen abwaͤrts gerade unter ſich auf die Markt⸗ plaͤtze und in die Gaſſen hinabſchaute; dann folgte der Blick dem Fluſſe nachgleitend, ſeinen Kruͤmmungen hinaus, in die freie Landſchaft. Drauſſen durch die reiche Ebene glaͤnzend, kam der breite Spiegel hin⸗ ter mancher anſteigenden Hoͤhe zum zweiten und dritten Mal zum Vorſchein, bis er gegen die Ab⸗ ſenkung der Gebirge verſchwand, die ſich mit be⸗ deutenden und gefaͤlligen Formen am Horizont er⸗ hoben. Nach einer Weile behaglichen Anſchauens lenkte der Graf einem großen hoch und frei gelegenen Hauſe zu, neben welchem eine ſteinerne zwiſchen Mauern hinabfuͤhrende Treppe ſchon die unmittelbarſte Ver⸗ „ 36 bindung mit der nachſten Straße machte, waͤhrend die Stadt ſich hinterwaͤrts um die Hoͤhe herum noch mit einzelnen zerſtreuten Wohnungen und Garten⸗ anlagen weiter ausdehnte.— Ich dächte, ſagte Serraval, indem er ſeinem Pferde den Zuͤgel auf den Hals legte, Sie ließen ſich gleich zum Gegen⸗ beſuch bei mir herab; ſo wiſſen Sie mich kuͤnftig zu finden. Wollen und koͤnnen Sie aber gar zu Nittag hier bleiben, ſo waͤre das um ſo viel ſchoͤ⸗ ner. Hier wohne ich.— Erwin willigte ein, und ſtieg mit ihm eine breite helle Treppe hinauf. Ne⸗ ben dem heiteren Vorſaal links und rechts war eine Reihe ſchoͤner Zimmer, alle gegen die Morgenſeite gelegen; die Fenſter zeigten, nur aus hoͤherer Stel⸗ lung noch mannigfaltiger, jene ſchon bewunderte Ausſicht. 1 Kehrte von ihr der Blick in das Innere zuruck, ſo fand er eine nicht minder angenehme Be⸗ friedigung an den trefflichen Bildern, welche die Waͤnde belebten, an dem ſo einfachen als zierlichen 1 Geraͤth, und der geſchmackvollen Einrichtung des Ganzen⸗ Die auffallende Aehnlichkeit einer reizenden Nymphe auf einem Gemaͤlde mit der ſo eben be⸗ 37 gegneten Frau von Lambiel lenkte das Geſpräch wieder auf dieſe. Erwin hatte ſchon im Hauſe des iten Oheims in einem Ton von ihr reden ho- ren, welcher ſeine Neugierde gereitzt hatte. Er hoffte durch Serraval etwas Naͤheres zu erfahren; aber mit wi bemerkte er an dieſem eine Zuruͤckhaltung, ja ein Beſtreben, mit allgemeinen und gleichguͤltigen Antworten auf einen ern Ge⸗ genſtand uͤberzugehen. Ich mache Si ſiht et, im Voraus mit den beiden Mäffnen welche wir druͤben finden werden. Meine beſte Erholung nach dem ermuͤdenden Jammer unſres Convenienz- und Sclaven-Lebens bleibt immer der Umgang mit geſcheuten Leuten, welche von jenen Fratzen gar keinen Begriff haben. Zuweilen habe ich das Gluͤck, gans intereſſanten Hriginalen zu be⸗ gegnen, und dieſe zwei gehoͤren nicht zu den ſchlimm⸗ ſten. Der Eine iſt ein junger Maler von gluͤcklichen Anlagen, dem ich Empfehlungsbriefe nach Rom verſprochen habe, und den ich von einem Tage zum andern aufhalte. In die Länge aber kann ich das nicht verantworten und muß ihn ziehen laſſen, ſonſt macht das dumme Volk hier ihn noch toll, wozu er einige Anlage hats er heißt Videbant. Der An⸗ cS 38 dere iſt ein ehemaliger Schauſpieldirektor, der mit einer faſt unſinnigen Liebhaberei ſein Couliſſenleben begonnen, und im Lauf der Zeit, wie das bei naͤ⸗ herer Bekanntſchaft mit dieſer zuſammengelogenen Exiſtenz nicht anders ſein kann, einen ſolchen Wi⸗ derwillen gegen das hohle Plapperwerk gefaßt hat, daß man ihn mit dem Wort Theater ſchon erſchrek⸗ ken kann. Zum Gluͤck verhalf eine unverhoffte Erb⸗ ſchaft ihm zur erſehnten Unabhaͤngigkeit. Er hat auf ſeinen Wanderungen durch halb Europa die wunderlichſten Schickſale gehabt, und faſt in jeder Stadt einen meiner Bekannten auch kennen gelernt. Das giebt uns unerſchoͤpflichen Unterhaltungsſtoff, und wir werden nicht muͤde, unſre Reminiscenzen von Petersburg bis nach Cadix gegen einander aus⸗ zukramen. Man fand die angemeldeten Gaͤſte im Neben⸗ zimmer, aus welchem bald darauf in einen runden, ſehr ſinnreich verzierten Speiſeſaal gegangen wurde. Die Unterhaltung uͤber Tiſch war lebhaft und fuͤr Erwin beſonders anziehend durch die Gegenwart des jungen Malers, zu dem er ſich als halber Kunſtverwandter faſt ausſchließlich hielt. Die Ma⸗ lerei war von ſeinen Talenten das einzige, um 39 deſſen Ausbildung er ſich wenigſtens eine Zeit lang ernſthaft bemuͤht hatte. Bei allem Reichthum an Ideen war freilich etwas Ausgefuͤhrtes nicht zu Stande gekommen, indeſſen hatte er doch Hand und Auge fleißig geuͤbt, und das Techniſche und Mechaniſche dieſer Kunſt ſoweit erlernt, daß er ſich mit Anſtrengung allenfalls ſelbſt weiter bringen konnte. Als Serraval dieſes aus ſeiner Unter⸗ redung mit Videbant uͤber Ton, Haltung, Laſi⸗ ren, Perſpective und Lokalfarbe, inne ward, ſagte er zum Letzteren: Ich hoffe, Sie bekehren ſich zu einigem Reſpect vor unſerm Hofe, deſſen Cavaliere ſo eifrige Kunſtjuͤnger ſind. Aber ernſthaft geſpro⸗ chen; Herr von Malorne ſcheint mir ein Dilet⸗ tant, welcher Sie mit dieſer Claſſe leichter verſoͤh⸗ nen wird, als der liebenswuͤrdigſte Kammerherr, welcher jemals das Geſchlecht Paſer verherrlicht hat. Was macht dieſer Zoͤgling der Muſen? Videbant verſetzte mit einem verdrießlichen Geſicht: Mir macht er wenigſtens das Leben ſo ſauer, daß ich naͤchſtens aus Ungeduld davon laufe, ohne Ihre Empfehlungsbriefe abzuwarten. Lernen wird er in ſeinem Leben nichts; er weiß nicht einmal was Farbe iſt, und zeichnet keinen 40 richtigen Strich. Das hab' ich ihm nun ſchon hun⸗ dert Mal geſagt; er glaubt es freilich nicht; aber ich bin doch wenigſtens die Qual des unnuͤtzen Un⸗ terrichts los. Nun hat er mich aber an einer an⸗ dern Seite gefaßt, und da iſt von meiner Geduld auch der letzte Fetzen ſchon beinah geriſſen. Wo ein Geſicht ihm gefaͤllt, da verlangt er von mir ein Portrait. Ich bin kein Portraitmaler, und will keiner werden, obgleich ich weiß, daß zwei Portraits weiter helfen, als zehn Madonnenbilder. Bei Ihrer Anlage zum Portraitmaler, ſagte Serraval, ſollten Sie das doch nicht ſo von der Hand weiſen. Nimmermehr, erwiederte Jener; lieber bei de⸗ muͤthiger Verehrung meiner Heiligen in Duͤrftig⸗ keitleben, als meine Hand entweihen an dem Gewiſch aller der modernen flachen, leer gefegten Geſichter.— Es iſt um aus der Haut zu fahren' Was von weitem nicht an ein menſchlich Antlitz er⸗ innert, und in der Nähe einem Schwamm aͤhnlicher ſieht, als einer Rhyſiognomie; das eben will am erſten gemalt ſeyn. Der Paſer kann ſehen, wo er ſein Portefeuille voll kriegt— zu einer Skizze hab 41 ich mich noch verpflichtet, aber dann ſag' ich ihm den Handel auf. und wer iſt das? fragte Serraval— Ach, eine Frau von— ſie heißt, ich weiß nicht wie, er hat mir von ihr erzaͤhlt, ich weiß nicht was, und zeichnen ſoll ich ſie, ich weiß nicht, wann. Zum Ungluͤck hab' ich es ihm geſtern verſprochen, und muß mein Wort halten. Von heute an kein Oktavblatt mehr! Auf Serravals dringende Fragen uͤber das Warum eines ſo feſt abgeſchnittenen Termins, ſagte er nach einigem Zaudern: Denken Sie ſich, vor einem Jahr, es war in den erſten vierzehn Tagen meines Hierſeyns, fuͤhrt er mich zu einem Maͤdchen von auſſerordentlicher Schoͤnheit, und giebt mir auf, ſie als eine ausruhende Nymphe oder Taͤnzerin zu malen, in einem griechiſchen Gewande, den linken Arm uͤber ein Tambvurin gelehnt; wie man ſie auf Herkulaniſchen Wandgemaͤlden ſieht. Der Vorſchlag war mir nicht angenehm, weil aber das huͤbſche Kind gar zu reizend war, ließ ich mich bereden; uͤberdieß kannte ich den Hecht noch nicht, und wollte auch gerne eine Arbeit machen, die ſich zeigen ließe. Das Portrait ward angefangen, er fehlte 42 bei keiner Sitzung, und ſein Betragen war unaus⸗ ſtehlich. Ich begriff nicht, wie die bedauernswuͤrdige Perſon den Menſchen dulden konnte. Mit Verdruß arbeitete ich fort, und das Bild war beinah fertig, als er verreiſen mußte. Ich ſtellte es an die Seite und vergaß es. Er kam zuruͤck, von dem Bilde war nicht die Rede, bis er es vor acht Tagen verlangte. Heute kommt er und bittet mich, ihn zu begleiten. In der naͤmlichen kleinen Spelunke finde ich die Schoͤne etwas blaͤſſer als ſonſt, und— mit einem kleinen Schreihals auf dem Arm. Mein Bild ſtand auch da. Herr von Paſer zeigt mir ſehr kunſtgelehrt, daß es nicht mehr ganz aͤhnlich ſey, was ich ohnehin begriff. Er verlangt Abaͤnderungen, das kleine Weſen ſoll auf dem Bilde mit angebracht, das Tambourin weggelaſſen werden. Meine Vorſchlaͤge gefallen ihm nicht, und zuletzt kommt er mit der erhabenen Idee hervor, aus der Nymphe eine Madonne zu machen, und aus dem Tambourin——!—— Sollte man ſolch einem Kerl nicht gleich die Palette an den Kopf werfen? Serraval gab ſein Ja mit einem herzlichen Lachen, welches ſo gut auf den zorngluͤhenden Kuͤnſt⸗ 43 ler, als auf den geiſtreich erfinderiſchen Kammer⸗ herrn gedeutet werden konnte. Finden Sie das ſo arg? wendete er ſich dann an den Schauſpieler, wir gewoͤhnen uns durch my⸗ ſtiſch mimiſche Darſtellungen allmaͤhlich ſchon daran, die Mutter Gottes naͤchſtens auf dem Theater zu ſehen. Warum ſollte eine huͤbſche Nymphe ihr Ge⸗ ſicht denn nicht auch in fromme Mienen zurechtlegen koͤnnen? Oder in bußfertige? Was war denn Mag⸗ dalena vor ihrer Bekehrung? Mir, ſagte der Direktor, koͤnnt' es recht ſeyn, da ich meine ganze Kuͤnſtlerlaufbahn in den Irrwe— gen einer verdammungswuͤrdigen Freigeiſterei zuge⸗ bracht, und am Ende auch wegen meiner frevleriſchen Gottloſigkeit beendigt habe. Erwin fragte: Wie war das? Wir ſollten in einer großen Stadt aus dem Don Carlos die Koͤnigin weglaſſen, weil die ſittenreinen Gefuͤhle in den erſten Ranglogen ſich vor dem Graͤuel eines ſo unerlaubten Liebeshandels in Kraͤmpfe aufloͤſten. Vergebens bewies ich, daß ein Meiſter⸗ werk zerfetzt, und das ganze Stuck baarer Unſinn wuͤrde. Darauf, verſetzte mir der Hberintendant, komme es gar nicht an, wir ſollten nur ſpielen, das 44 Publikum werde ſich an einem Don Carlos ohne Koͤnigin eben ſo gut, vielleicht noch beſſer amuͤſiren, und Amuͤſement ſei ja der Zweck, die Art und Weiſe gleichguͤltig. Steht es ſo mit unſerer Kunſt? dacht' ich, und ging voll von dieſem Gedanken in die Probe. Die Nachlaͤſſigkeit, womit die Rollen her⸗ gebetet, die Stichwoͤrter angeſchlagen, und die ruͤh⸗ rendſten Stellen parodirt wurden, ſchien mir uner⸗ traglicher als je; ich ließ es aber gehen und dachte: wenn ſie nur amuͤſiren. Beim Weggehen fuͤhrte mich der Zufall in den Saal, wo das Balletperſonal ſeine taͤglichen Uebun⸗ gen hielt. Sie probirten Divertiſſements aus Ze⸗ phyr und Flora. Wie ich nun die Gottheiten in ihren Alltagskleidern, mit den faltenreichen gruͤn⸗ gelben Geſichtern herumſpringen ſah, und waͤhrend der Entrechats ihre Zaͤnkereien anhoͤrte, da ſchien mir das helle Tageslicht ſo widerſprechend und ver⸗ zehrend in den uͤberſchminkten markloſen Masken⸗ 3 ſpuk! Ich kann nicht ausſprechen, wie ſehr mich von dem Augenblick an dieſe Beſtimmung des Amuͤſirens anekelte. Ich nahm den naͤchſten Vor⸗ 1 wand von der geſtrichenen Eliſabeth, und ſtrich mich ebenfalls wie ſie vom Theater. 45 Dieſe Geſchichte war die Einleitung zu einem luſtigen Anekdoten-Geſpraͤch, unter dem der Mit⸗ tag in der heiterſten Stimmung genoſſen wurde. Die Geſellſchaft trennte ſich bald nachher; Er⸗ win kam ſehr gedankenvoll heim. Seine be⸗ ſchraͤnkte Wohnung erſchien ihm zum erſtenmal un⸗ leidlich, ja durchaus unanſtändig. Wie ganz anders hatte er es beim Grafen gefunden! Serravals ganzes Weſen erſchien ihm in einer magiſchen Beleuchtung, wovon der Glanz ſeiner umgebung leicht den groͤßeren Antheil hatte. Noch nie war er einem Manne begegnet wie dieſem; reich begabt mit Gluͤcksguͤtern, hoch gebildet durch Erfahrung, ausgezeichnet durch Verſtand und Be⸗ tragen, gewaltig im Einfluß auf Menſchen, begehrt von den Großen, verehrt von den Kleinen; fuͤr Erwin ein Gegenſtand heimlichen Neides. Nicht aber des haͤmiſchen Neides, welcher ſagt: aus dem und jenem mache ich mir nichts, oder: das iſt alles recht gut, aber hier fehlt das eine und dort man⸗ gelt ihm das andre!— ſondern des edleren Nei⸗ des, welcher aufrichtig geſteht: es thut mir leid, daß ich nicht Er bin, ohne jedoch aufzuhoren, Ich zu ſein. 46 3. Gut, daß Sie kommen! rief Adamine aus, indem Erwin mit ſeinem Vetter Wolf in ihr Zim⸗ mer trat.— Sie finden mich und Valerie in einer lebhaften Debatte. Die Herren ſind freilich keineswegs, wie gern ſie es ſich auch einbilden, dazu berufen, in Damenſtreitigkeiten zu entſcheiden; allein, ich moͤgte doch ihre Meinung hoͤren. Wovon iſt die Rede? fragte Wolf und warf ſich in die Bruſt— ich ſpreche auf der Stelle das Urtheil. Dagegen, ſagte Valerie, proteſtire ich aufs Feierlichſte. Auch verlange ich Ihre Meinung am wenigſten zu wiſſen. Dir, Adamine iſt es mit deiner Anklage der Herrn fuͤr diesmal wenigſtens kein Ernſt; denn du kannſt im Voraus auf ihren Beifall rechnen. Wo es nur recht was zu verthun und ver⸗ wuͤſten giebt, da wird ihnen am wohlſten. Daß ich hier Unrecht kriege, weiß ich vorher. Verdammen Sie uns nicht zu fruͤh, bat Erwin, aber Sie ſprechen vom Verthun und Verwuͤſten? Ein ſehr intereſſantes Capitel, welches mit dieſen zwei Worten gewiſſer⸗ maßen die ganze Weltgeſchichte umfaßt. Theilen 47 Sie uns Ihre großen Anſichten daruͤber mit; wir ſind ganz Ohr. Ich nicht, ſiel Wolf ein, wenn die Weltgeſchichte vorgetragen werden ſoll. Die iſt nie mein Fach geweſen. Zum Gluͤck nur wiſſen die Damen auch nicht mehr davon, als etwa in Mode⸗Journalen daruͤber vorkommt. Damit verſchonen ſie denn aber Keinen. Spricht jemand von einer Marie Stuart, was Notabene einen Kragen bedeutet; gleich ruft ein feines Stimmchen aus der Ecke: Ach, das iſt die ſchoͤne Koͤnigin von Schottland! und ſetzt wohl gar witzig hinzu: der es nicht bloß an den Kragen, ſondern an den Hals gieng; ſie war eine leibliche Schweſter von der Koͤnigin Eliſabeth, die ſich nachher in den Don Carlos von Schiller verliebte!“ Aus dem Theater koͤnnten Sie freilich dergleichen hiſtoriſche Notizen in Menge nach Hauſe bringen, aber da giebt es zuviel in den Logen zu ſehen und allenfalls am Putz der erſten Actricen zu be⸗ merken. Hat aber das Kleid der Dido oder der Aufſatz der Semiramis Gnade gefunden, ſo erin⸗ nern Sie ſich dabei kuͤnftig immer genau, daß die erſte eine Afrikaniſche Prinzeſſin und die andre eine Koͤnigin von Babylon oder Meſopotamien geweſen iſt 48 Wird das Geſchwaͤtz bald ein Ende nehmen? ſagte Adamin.— Hier iſt weder von der Welt⸗ geſchichte noch vom Theater die Rede. Wir ſpre⸗ chen ganz ernſthaft uͤber die Frage: Ob es wohl einen Wunſch gaͤbe, welchen alle Menſchen hegten? Valerie ſagt: ja, alle Menſchen wollen gluͤck⸗ lich ſeyn. Ich ſage auch ja, aber der Begriff Gluͤck iſt zu unbeſtimmt, das Nachdenken daruͤber zu un⸗ bequem, und dem Einen wahrhaftig mit dem oft wenig gedient, was ihm ein Andrer vielleicht als Gluͤck demonſtrirt. Es giebt aber eine beſtimmte Art von Gluͤck, welche jedem Menſchen willkommen iſt, weil ſich alles aus ihr machen laͤßt; danach verlangt jeder Menſch; jeder dem man es geben koͤnnte, waͤre damit zufrieden, und, wenn es aufs Wuͤnſchen ankommt, ſo kann man auch fuͤr dieſes Leben keinen beſſern Wunſch thun. Und dieſer Talisman, fragte Erwin, wie heißt er?— Unermeßlicher Reichthum, war Ada⸗ minens Antwort; ſo unerſchoͤpflich, daß die Luſt ihn zu verbrauchen mit ihm nicht Schritt halten koͤnnte. Hieruͤber entſtand nun ein weitlaͤufges Hin⸗ und Herreden, wie gewoͤhnlich bei Auſſtellung einer 49 Behauptung, welche im Ganzen gefaͤllt, in deren allgemeine Faſſung aber doch ein Jeder ſeine beſon⸗ dern Parentheſen und Bedingungen eingeſchoben verlangt. Wolf meinte, es koͤnnte ihm mit der unermeßlichkeit der Schätze leicht gehen, wie mit der Ewigkeit, die er vorläufig noch gar nicht zu brauchen wiſſe, und daher bis weiter dahin geſtellt ſeyn laſſe. Ein Leben voll der wunderbarſten Abenteuer, mit allen moͤglichen Kriegsbegebenheiten, Land⸗ und Seereiſen gelte ihm wenigſtens zehnmal mehr, als die unglaublichſten Schaͤtze aller Feen⸗ maͤhrchen. Dem Reichthum wollte Erwin ſeine Ehre gerne laſſen, doch laͤugne er nicht, daß es daruͤber hinaus fuͤr ihn noch etwas Reizenderes gebe: die Idee der“ uneingeſchraͤnkten Macht. Man ſehe ja an tauſend Beiſpielen, wie nur ein Tropfe aus dieſem Zauber⸗ becher durch das ganze Leben nachſchmecke, und unwiderſtehlich zum weiteren Trinken wieder ein⸗ lade. Wie dann erſt, das goldene Gefäß in beiden Haͤnden feſt zu halten, und ſich aus der fluͤſſigen Glut zum ſeligſten Genuß unaufhoͤrlich zu berauſchen! Da haben wir, ſagte Adamine, wiedet eines zu den unsaͤhligen Beiſpielen, wie ſelten jemand 4 50 verſtanden wird. Und wenn man ſich noch ſo ein⸗ fach ausdruͤckt, der Zuhoͤrer hoͤrt von dem Geſpro⸗ chenen nur das, was er dazu denkt. Hab' ich denn nicht ausdruͤcklich geſagt: Unermeßlicher Reichthum, ſo unermeßlich, daß eher die Luſt als das Mittel zur Verſchwendung aufhoͤren koͤnnte? Dagegen haͤlt der Eine mir ſeinen Hang zu Abentheuern, der Andre ſeinen Durſt nach Macht und Ehre ent⸗ gegen. Als ob das Einwaͤnde waͤren? Als ob nicht der Reichthum zur Befriedigung ſolcher Wuͤnſche gerade das naͤchſte und kraͤftigſte Mittel waͤre? Macht und Reichthum ſind nicht nur wie ein Paar Spiegel, die ſich ewig in einander wiederholen; ſie ſind durchaus Eins. Und ein bewegtes abentheuerli⸗ ches Leben muß auf eine breite Bahn angewieſen ſeyn. Geht dem Abentheuer der Boden unter den Fuͤßen aus, ſo ſteckt er im Sumpf, und es fragt ſich, wer ihn herausziehe. Hat er aber die Anwei⸗ ſung ſelbſt in Haͤnden, ſo erweitert er ſeine Bahn unaufhoͤrlich nach Gefallen. Dieſe Anweiſung iſt wieder der Reichthum, ohne welchen im Leben nichts Anſehnliches zu Stande gebracht wird. Wie man⸗ cher tuͤchtige Menſch verkommt trotz aller Anſtren⸗ gungen im Staube, oder muß auf halbem Wege 51 liegen bleiben, weil der goldne Flugel ihn nicht hebt! Arbeitet er ſich durch, wohin gelangt er? Zu Anſehn, Beſitz und Macht. Das iſt es, was er will. Gebt ihm dieſes ſchwer Errungene aber von Anfang, und ſeht, wie weit er dann fliegen wird! Was das Leben ſchoͤn, erfreulich und bedeu⸗ tend macht, was die ungeſtuͤmſte Phantaſie befriedi⸗ gen, das ungeduldigſte Herz beruhigen kann: Un⸗ abhaͤngigkeit, Weltkenntniß, Wiſſenſchaft, Kunſt⸗ ſchaͤtze, Lebensfreude, Behaglichkeit, Erhebung uͤber jede kleinliche Sorge, Befreiung von jeder klem⸗ menden Ruͤckſicht; dieſes Gluͤck gewaͤhrt das zaube⸗ riſche Fuͤllhorn und in ihm Alles. Mit ungeſtillter Sehnſucht blicken wir um uns her nach jedem Ge⸗ genſtand, traͤumen wir uns hinaus in die unerreich⸗ bare Ferne ſchoͤner geprieſener Laͤnder. Den Rei⸗ chen iſt alles erreichbar, bequem und nah. Was einer Frau gefallen, was einen Mann reizen kann, denkt es nur, ſprecht es aus, und habt es! Mit Anſtrengung und Eigenſinn läͤßt ſich auch manches uͤberwinden, der Arme kann auch die Welt durch⸗ wandern, und was Fortuna ihm verſagte, dafuͤr troͤſtet ihn irgend eine andre Gottheit. Aber bleibt er nicht immer Troſtbeduͤrftig? und entbehrt er 52 nicht vielleicht, wenn er ſich an irgend einem Ziel angelangt glaubt, im entſcheidenden Augenblick die beſte Freude, weil dann der lang angeſtrengte Fit⸗ tich matt niederfaͤllt? weil er ein armer Schelm iſt und nicht kann, was er moͤgte? Wie huldigt dagegen die Gelegenheit dem, der ihr gebieten, und zum reizendſten Genuß ſprechen kann: an dem Hrt und zu der Stunde wart auf mich an meiner Thuͤre. Valerie gab von dem Allen nur wenig zu. Ich muͤßte, ſagte ſie, den Reichthum eigentlich am meiſten preiſen, weil er mir ſo zu ſagen ein unbekannter Gott geblieben iſt, und man das Unbekannte am hoͤchſten ſchaͤtzt. Soll ich den Gott aber nach ſeinen Werken anbeten, oder in ſeinen Prieſtern verehren, ſo geben beide mir dazu wenig Veranlaſſung. Wie ſelten trifft men reiche Leute, welche das Ihrige auf eine wuͤrdige ausgezeichnete Weiſe zu nutzen wuͤßten. Ja, als ob unter dem Druck des Metalls Laune und Witz zergiengen, ſehen wir Viele auf das Unvortheilhafteſte verwandelt, ſobald der Reich⸗ thum bei ihnen eingekehrt iſt. Waren ſie vorhin lebhaft, theilnehmend und begeiſtert fuͤr jedes Gute und Schoͤne, ſo ſchrumpfen nachher ihre Faͤhigkei⸗ 53 ten ordentlich zuſammen. Ihre Gedanken werden klein, weil ſie weniger an der allgemeinen Idee eines weiten Beſitzthums, als an den kleinen Gold⸗ ſtuͤcken ihrer Einkuͤnfte haften. Die Sachen, welche der Menſch ſich am meiſten vergegenwaͤrtigt, geben ſeinen Ausdruͤcken und Handlungen eine Farbe, woran man ſeine Empfindungen erkennt. Um den Beſitz klammern ſich eine Menge Beduͤrfniſſe, welche den Geiſt ſchwer machen, und wie jene Saugſiſche die freie Bewegung des Schiffes hemmen. Jeder von uns wird unter ſeinen Bekannten ohne Muͤhe eine Zahl reicher Leute finden, uͤber deren nnergoͤtzliche Lebensweiſe er ſich im Stillen ver⸗ wundert. Der Reichthum macht nichts weniger als frei. Von manchen Beiſpielen, die mir einfallen, will ich nur eines anfuͤhren. Sie alle wiſſen, daß der Baron Steigel durch unverhoffte Erbſchaften und andre guͤnſtige Zufälle einer der reichſten Leute im Lande geworden iſt. Fruͤher lebte er in einer Sphaͤre von Kunſt und Wiſſenſchaft; was er that und ſagte, hatte einen poetiſchen Anſtrich. Er war das Muſter eines liebenswuͤrdigen Geſellſchafters. Man wurde faſt geruͤhrt, wenn man ihn von ſeiner vergeblichen Sehnſucht nach Griechenland und dem 54 Drient reden hoͤrte. Wie gut kleidete es ihn, wenn er erzaͤhlte, daß er keine Reiſebeſchreibung ohne Herzsklopfen anfienge und ohne Wehmuth aus der Hand legte? Iſt all dies Sehnen und Traͤumen nur Affectation geweſen, oder hat er Hesperien, Athen und Conſtantinopel nun ploͤtzlich in ſeinem Geldka⸗ ſten angetroffen?— Ich glaube eines und das an⸗ dere, denn warum iſt er noch hier? Und was macht er nur?— Er reitet aus der Stadt auf ſeine Herr⸗ ſchaft, kommt von ſeinem Schloß nach der Stadt zuruͤck, treibt Guͤter- und Pferdehandel, als gäb⸗ es kein edleres Geſchaͤft, und redet von ſeiner Meute und ſeinem Wildſtand, wie von einer Ange⸗ legenheit, die dem Herzen wohl thun, und der Menſchheit etwas bedeuten koͤnnte.— Sie werden mir einwenden, der Einzelne ſey keine Regel, ſon⸗ dern eher die Ausnahme. Aber dergleichen Copien macht das Geld tauſendweiſe. Ich ſage Copien, weil einer den andern gedankenlos nachahmt. Jeder repraͤſentirt ſeine Claſſe, die aus lauter mangelhaf⸗ ten Abdruͤcken beſteht. Adamine vertheidigte ihren Satz mit vielem Eifer gegen dieſen Angriff, welchen Valerie jedoch mit andern Beiſpielen und Thatſachen ſehr 55 wirkſam erneuerte. Wolf fand das anhaltende Reden uͤber vergebliche Wuͤnſche ſchon viel zu lang, und verglich es mit einer Einladung zu lauter lee⸗ ren Schuͤſſeln. Erwin konnte Valerien nicht ganz beiſtimmen; aber Adaminens Bekenntniß zur Goͤtzendienerei vor dem Mammon machte auf ihn den unangenehmſten Eindruck. So ging dies Ge⸗ ſpraͤch, wie tauſend andere dergleichen zu Ende, ohne daß einer den andern uͤberzeugt, oder in ſei⸗ ner eigenen Meinung etwas geaͤndert haͤtte. Ein junger Menſch aber, der in der Welt auf⸗ zutreten meint, findet gern in Allem eine Bedeu⸗ tung. Der Gedanke: Die Menſchen und die Be⸗ gebenheiten des Tags als Blaͤtter eines Lehrbuchs zu betrachten, fuͤhrt zu angenehmen Illuſionen. Man uͤberredet ſich, ſeine Zeit vortrefflich anzuwen⸗ den, indem man ſie verliert. Erwin glaubte, aus dieſer Unterhaltung ſehr wichtige Reſultate davon getragen zu haben. Die Heiterkeit, mit welcher Valerie die Guͤter dieſer Erde in ihre Nichtigkeit aufloͤſte, gieng wie ein blendendes und doch mildes Himmelslicht uͤber ihr ganzes Weſen. Auf andre Weiſe, aber nicht minder, war ihm an den beiden achtzehnjaͤhrigen Maͤdchen die Sicherheit ihrer Ur⸗ 56 theile uͤber Perſonen und Verhaͤltniſſe aufgefallen. Er mußte ſich geſtehen, wie weit ſie ihm darin uͤber⸗ legen waren. Naturlich, ſagte er, dergleichen er⸗ wirbt, uͤbt ſich nur im Gewuͤhl. Wie viel hatte er in ſeiner laͤndlichen Einſamkeit verſaͤumt? Das ſollte aber alles nachgeholt werden. Zu Ausbildung, Anſehn und Einfluß ſtanden ihm noch alle Thore offen, beſonders unter dieſen Conjuncturen. Auf den alten Hofmarſchall hier, auf Serraval dort geſtuͤtzt, er wollte ſeinen Weg ſchon machen. Der Großonkel war allerdings zum Beiſtand ſehr geneigt, aber nicht in der Art wie Erwin es verlangte. Er ſah ihn mit Verdruß ſich in eine Menge von Bekanntſchaften und in ein Meer von Ausgaben ſtuͤrsen, wo er am Ende nur große Verlegenheit erjagen konnte. Daß von den Schul⸗ den ſeines Neffen er dermaleinſt auch nicht einen einzigen Thaler bezahlen wuͤrde, wußte er zwar ſehr beſtimmt; aber dabei blieb doch ſeine eigene ver⸗ ehrte Umſichtigkeit wohl empfindlichem Tadel und der Beſorgniß ausgeſetzt, daß die Ehre des Na⸗ mens Malorne mehr als eine Breſche erfuͤhre. Lieber Vetter, ſagte er in dem freundlichen Lone, wonit er ſeine tadelnden Bemerkungen lang⸗ 57 ſam zuzubereiten pflegte, Sie ſind wahrlich ſo raſch, daß einem der Athem ſchon ausgeht, wenn man Ihnen nur zuſieht. Heute Morgen ſtuͤrmten Sie in einer Carriere an mir vorbei; ich glaubte, es brennte irgendwo. Nicht wahr? Der Schimmel greift aus, daß es eine Luſt iſt! Allerdings; nur wird die Luſt nicht lange dauern. Wie ſo? Wenn Sie immer ſo reiten, iſt das Pferd bald hin; ich riethe Ihnen doch, ſich noch ein Paar dazu anzuſchaffen. Daran hab' ich wirklich auch gedacht. Der Schimmel faͤngt doch ſchon an ſteif zu werden, und mein alter Brauner iſt faſt gar nichts mehr werth. Nun ſehn Sie. Aber den Schimmel haben Sie ja kaum vier Wochen? Das iſt wahr, aber ich mache ihn alle Tage muͤde. Daran zweifl' ich nicht. Indeſſen, warum gieng es denn heute ſo auf Tod und Leben? Ei, der Graf Serraval meinte, der Schimmel koͤnnte es mit ſeinem Polacken nicht aufnehmen. 58 Und da hielten Sie alſo ein Wettrennen? Ja, wenn Sie oft mit dem Grafen in die Wette reiten, muͤſſen Sie ſich wohl anders einrichten; und wer⸗ den doch zu kurz kommen. Warum? Der Polack war nur um vier Schritt vorgus. Er will mir ihn uͤberlaſſen. Das iſt ſehr ſchoͤn vom Grafen; aber dann haben Sie doch erſt drei Pferde; und der Graf hat zehn, wenn ich nicht irre. Mit denen macht er die Ihrigen bald caput. Freilich, nachher wird er Ihnen dann wieder von den Seinigen uͤberlaſſen. Er iſt gar nicht unbillig, den Polacken kriege ich fuͤr ſechzig Dukaten. Nicht uͤbel; beſonders wenn ſie ihn nach vier Wochen wieder nerkaufen. Ich wuͤrde dem Grafen gleich achtzig Dukaten auszahlen, und ihn bitten⸗ die zwanzig zu verwahren, und dafuͤr den Polacken uͤber einen Monat zuruͤckzunehmen. Legen Sie dann zu neuer Remonte abermals eine namhafte Summe an, ſo hat doch Ihr Vater die Beruhigung, daß Sie Ihre Einkuͤnfte recht froͤhlich verbrauchen. Nebenher ſind dergleichen Geſchaͤfte Ihnen eine nuͤtzliche Vorbereitung fuͤr ernſthafte Sachen. Hat der Graf den reellen Nutzen davon, ſo iſt es gewiß 59 billig, daß Sie das Lehrgeld geben; denn Sie ſind der Lehrling und er verdient wohl den Namen des Sie thun dem Grafen ſehr Unrecht, wenn Sie glauben, daß er eine ſo unbedeutende Sache fuͤr etwas halten, oder gar misbrauchen koͤnnte. Dazu denkt er viel zu groß. Das iſt ja allgemein bekannt. Aber item, er hält die unbedeutende Sache fuͤr gat nichts, ihre Dukaten fuͤr etwas, und legt ſie zu den uͤbrigen. Wo ſechzig Dukaten zu tauſend andern kommen, da bedeuten ſie gewiſſermaßen mehr, als wo man ſie aus einem Kaſten nahm, in dem nach ihrer Abreiſe nichts zuruͤckbleibt. Auch konnen Sie mir glauben, der Herr von Serraval lebt keineswegs bloß von großen Anſichten, ſondern auch von ſehr ſoliden Mitteln, und iſt bei aller vornehmen Den⸗ kungsart das, was man ganz ſchlicht einen guten Haushaͤlter nennt. Deſto weniger kann ein Tadel in Ihrem vorigen Ausdruck von Meiſter und Lehrling liegen. Ganz und gar nicht. Sobald Sie nämlich vom Grafen das zu lernen ſuchen, was ſich fuͤr Sie vaßt, und Ihnen nuͤtzen kann. Werde ich bis jetzt 60 davon nichts gewahr, ſo kommt es ohne Zweifel nur daher, daß ich nicht oft das Vergnügen habe, Sie zu ſehen. Aber wenn Sie Ihre Schule beim Grafen und bei der Frau von Lambiel erſt gans durchgemacht haben, dann werden wir uns gewiß verwundern. Wir denken ſchon jetzt daran. Geſtern Abend fragte mich der Geheimerath von Pranken, ob Sie noch lebten? Er haͤtte Sie in drei Wochen nicht geſehn. Frau von Lambiel ſaß dabei. Ich ſagte, mir gehts beinah ebenſo; wir wol⸗ len die Frau Baronin fragen, ob mein Neffe noch unter den Lebendigen iſt? Daran muß ich zweifeln, antwortete ſie; denn ſeit drei Tagen iſt er nicht in mein Haus gekommen. Herr von Pranken iſt zu guͤtig, nach mir zu fragen; ich frage nach ihm gar nicht. Das macht ihn freilich ſehr ungluͤcklich. Sie haben indeſſen, wie immer, vollkommen Recht. Beſonders, da Sie vermuthlich nichts anders im Sinn haben, als beſtändig Kammerjunker zu bleiben. Fuͤr den iſt ein Miniſter freilich die gleichguͤltigſte Perſon. Sie ſelber koͤnnen doch nicht verlangen, daß ich mich zum Herrn von Pranken hingezogen füͤhlen 61 ſoll. Ein Mann, der die lebendige Indiscretion ſelber iſt, und nur von ſeiner Perſon oder von dem was er in ſie hineingegeſſen hat, ſpricht; alle Leute ſeiner Protection verſichert, und doch im naͤm⸗ lichen Augenblick deutlich merken laͤßt, daß er 8 ſaͤmmtlich fuͤr dumme Leufel halte. Mit dergleichen Portraits nach Bruyerre bitte, mich zu verſchonen. Ich weiß hinreichend, was ich vom Geheimerath zu halten habe. Waͤre das einmal nicht mehrder Fall, dann wuͤrde ich mich gewiß an Sie wen⸗ den. O, die Zeit wird kommen, wo wir Alle noch viel von Ihnen lernen muͤſſen. Bis dahin haben Sie denn auch manches gelernt. Ich zweifle jedoch, daß Ihnen uͤber die Gottheiten, welche Sie jetzt verehren, die Augen zur rechten Zeit aufgehen werden. Da Sie aber doch ein unbegraͤnztes und allerdings gegruͤndetes Vertrauen zum Grafen Serraval hegen, ſo fragen Sie den um ſeine aufrichtige Meinung uͤber Frau von Lambiel. Wenn er ſie Ihnen ſagt, ſo will ich Ihnen auch die meinige ſagen. Daran war Erwin ſehr wenig gelegen, denn ſeitdem Serraval ihn in das glaͤnzende Haus der Baronin eingefuͤhrt hatte, glaubte er weit mehr 62 als den pedantiſchen Großonkel, ja ſogar mehr als ſeinen weltklugen Freund, ſich ſelbſt zum Urtheil uͤber dieſe ſchoͤne Frau berufen. Indeſſen ſchienen des Hofmarſchalls letzte Worte doch auf einen Argwohn oder ein Uebelwollen gegen dieſelbe hin⸗ zudeuten. Und war das, ſo mußte ein ihn unbe⸗ kanntes Verhaͤltniß zum Grunde liegen; ſonſt haͤtte der alte vorſichtige Herr ſich nicht zu ſolcher Aeuſſerung uͤber eine Dame vergeſſen, welche in den vorderſten Reihen der Geſellſchaft als ein Stern erſter Groͤße ſtrahlte. um Serraval daruͤber auszuforſchen, benutzte er eine Stunde, welche er nach geendigtem Ball bei der Baronin noch im traulichen Geſpraͤch bei ihm zubrachte. Es iſt doch auffallend, ſagte er, daß eine ſolche Frau ſich in dieſe kleine Reſidenz vergraͤbt, anſtatt ihre Anſpruͤche in den bedeutendſten Verhaͤltniſſen geltend zu machen. Kleine Reſidens? lachte Serraval.— Junger Freund, ich hoffe, Sie kennen keine groͤßere, als die, in welcher Sie das Muſter aller Kammer⸗ junker und die Zierde der hoͤchſten Vorzimmer ſind. Haben wir nicht Etikette und Rangordnung ſo toll als nur irgendwo? Verſichert uns nicht 63 unſer diplomatiſches Corps in den officiellſten Noten alle Tage der ausgezeichnetſten Hochachtung, wo⸗ mit ſämmtliche Europaͤiſche Hoͤfe uns ganz vor⸗ zuͤglich ergeben ſind? und ſtellen wir nicht gewiſ⸗ ſermaßen das Centrum eines politiſchen Univerſums vor, da die Monde ferner Planeten als Miniſter und Reſidenten um uns herlaufen, und taͤglich auf ihren geſtickten Roͤcken die Sternbilder vorzeigen, welche uns aus der Ferne her verehren? Ja ſogar die Cometenbahn auſſerordentlichſter Abgeordneter und Couriere aus unbekannten Himmelsgegenden durchſchneidet unſere preislichen Chauſſeen. Und wie ſtolz ſehen wir dem Abzug dieſer Irtwiſch⸗ Erſcheinungen nach, deren unerwartete Ankunft uns in Aufruhr und Transpiration verſetzte? Sind der⸗ gleichen Begebenheiten nicht herzerhebend? Finden wir nicht unſre Befriedigung und die Antwort auf die Frage nach dem Zweck unſres Daſeyns in ihnen? Warum ſoll eine geiſtreiche Frau ſchlechter ſeyn als wir und ſich nicht mit derfelben Warme vom Erhabenſten ergriffen fuͤhlen? Dergleichen Herrlichkeit, wenn es darum zu thun waͤre, koͤnnte ſie doch an anderen Hrten weit vollkommener haben. 6⁴ Beſter, Sie reden ſich um den Hals mit Ih⸗ rem verwegenen Tadel. Wiſſen Sie denn nicht, daß wir ganz ausſchließlich das Beſſere und Aller⸗ beſte ſind, und uns mit dem Guten, weil es zu gemein iſt, gar nicht befaſſen?— Damit Sie mich nicht in ihren unvermeidlichen Sturz verwickeln, muß ich ſchon wider Willen ernſthaft reden, und ſogar Ihre Wißbegierde befriedigen. Der Baron Lambiel ward bekanntlich mit dem Vetter des Fuͤrſten erzogen. Ihr vertrautes Verhaͤltniß wuchs mit ihnen auf; ſie machten Rei⸗ ſen und Feldzuge gemeinſchaftlich, und der Baron ſiel an der Seite des Prinzen, indem er ſich fuͤr deſſen Rettung aufopferte. Die ſchoͤne Wittwe folgte einer Einladung von der Gemahlin des Prinzen um ſo bereitwilliger, da ſie vom Hofe eine kraͤftige Unterſtuͤtzung in den weitlaͤuftigen Vermoͤgensſachen ihres verſtorbenen Manns erwar⸗ ten konnte. Sie ward aufs zuvorkommendſte em⸗ pfangen, mit Auszeichnung behandelt; aus einem Verhältniß entſtanden mehrere, welche ihr den hieſigen Aufenthalt ſelbſt nach dem kuͤrzlich erfolgten Tode ihrer Durchlauchtigen Freundin noch ertraͤg⸗ lich machten. Sie ſehen, der Zuſammenhang iſt ſehr einfach und gleichguͤltig. 65 Wie jede allgemeine Darſtellung. Wenn Sie aber die mehreren Verhaͤltniſſe nicht blos ſo oben⸗ hin nennen, ſondern einzeln bezeichnen ſollten, faͤnde ſich vielleicht manches, was auch allerdings gans einfach, aber nicht ſo gleichguͤltig waͤre. Dies Wort haͤtte ich nun uͤberall gegen Sie nicht gebrauchen ſollen. Das Intereſſe, welches Ihnen die ſchoͤne Frau eingefloͤßt hat, ſcheint es nicht vertragen zu koͤnnen. Und Sie haben Rechtz man ſoll in Ihren Jahren nichts gleichguͤltig finden, am wenigſten eine reizende Witwe, die zur gottſe⸗ ligen Clausnerin fuͤrs Erſte noch zu jung, zu reich und zu geſcheut iſt. Alles Dinge, die mir klarer ſind, als Ihre Ant⸗ worten, in denen ich irgend eine Abſicht wohl' merke. Iſt es die: auszuweichen, ſo ruͤcke ich Ihnen eben darum mit der beſtimmten Frage auf den Leib, ob wirklich zwiſchen dem Fuͤrſten und der Frau von Lambiel das Verhaͤltniß beſteht, wovon man ſpricht? Wuͤrde davon wirklich geſprochen, ſo waͤre auch darauf zu antworten. Aber nennen Sie mir einen Menſchen, der davon ſpricht. Hat man Ihnen ein beſtimmtes Wort davon geſagt? 5 66 Das nicht, aber— Nun ſehen Sie. Aber Sie glauben, das Wort gehoͤrt zu haben, denken es bei ſich ſelbſt aus, und ſind vielleicht der Erſte, welcher es weiter ſpricht, eben weil Sie es von einem Andern endlich ein⸗ mal hoͤren wollen. Das iſt der ſchlimmſte Teufel, welcher hinter der Feinheit unſers Betragens, neben der Behutſamkeit unſrer Reden, und unſrer Gewandheit im Aufhorchen, Verſtehen und Verknuͤpfen auf der Lauer liegt. Es ſoll mir gelingen, einen Menſchen in der oͤffentlichen Meinung zu untergraben, in den Ruf von aller⸗ hand Laſtern und Thorheiten zu bringen, ohne ein einziges mal zu ſagen: Hans oder Claus hat dies und das geſagt, gethan, gewollt. Nicht die Haͤlfte von dem, was ich ihm ans Zeugflicke, ſoll wahr ſeyn, und die Welt ſoll das Doppelte davon glau⸗ ben. Das iſt in unſrer ſuperklugen aberwitzigen Zeit gar keine Kunſt. Laſſen Sie mich nur ausre⸗ den; ich komme zur Frau von Lambiel. Ihr geht es gerade, wie ich ſage. Daß ſie durch jenes Ver⸗ haͤltniß ihres verſtorbenen Mannes hier am Hofe ausgezeichnete Gunſt erwarb; daß der Fuͤrſt ſich fuͤr die Wittwe eines um ſein Haus verdienten S 67 Mannes lebhaft intereſſirte, war naturlich und recht. Das Natuͤrliche und Rechte aber macht in der Ge⸗ ſellſchaft keinen Effekt; man lacht nicht daruber, es iſt ein unbequem langweilig Ding. In keinem Boden jedoch gedeiht das Unkraut der kleinen dum⸗ men ſchlechten Anekdoten vortrefflicher als auf eben dieſer Bahn eines bisher verdrießlich angeſchauten unbeſcholtenen Rufs. Gelingt es endlich, hier et⸗ was vom Gift des Argwohns, eine kleine Priſe Inconſequenz, Scandal und dergleichen beliebtes Quendelwerk ansſaͤen, o das geht uͤber Nacht auf; morgen ſteht's friſch und uͤppig da, wird kurz weg geſchnitten, in allen Haͤuſern als gruͤne Waare zum Verkauf geboten; und iſt ein beſonders kräfti⸗ ges Gewuͤrz an die Hofſuppen. Als Frau von Lambiel hier noch ganz neu war, gab man erſt Achtung. Nach einer Weile, als die Gunſt der Prinzeſſin ſie unaufhoͤrlich um⸗ ſtrahlte, hieß es laut: ſie waͤre eine ſehr kluge Dame, ihr Ton aber wohl hie und da etwas zu ſcharf; und heimlich: eine ſo unausſtehlich ein⸗ gebildete Naͤrrin, wie keine. Nach und nach macht ſich das Geſpraͤch von den Verdienſten ihres Man⸗ nes auf die Beine. Bei der Gelegenheit wird im⸗ 68 mer gleich daneben von der Dankbarkeit des Fuͤrſten geredet; dieſe fuͤhrt auf ſein gutes Herz; das gute Herz erinnert an die Lebhaftigkeit ſeiner Empfindun⸗ gen; alle Prinzen dieſes Hauſes fuͤhlen ungemein feurig fuͤr ſchoͤne Frauen; und das muß wahr ſeyn, Frau von Lambiel iſt eine ſehr ſchoͤne Frau. Das dauert eine Weile.— Frau von Lambiel kauft ein Haus. Sehr theuer! ſagt der Eine. Unbe⸗ greiflich! der Andre. Alle Tage ſpricht ſie von ihrer Abreiſe nach Mailand; man glaubt den Reiſe⸗ wagen ſchon vor der Thuͤre zu ſehen; da richtet ſie ſich ein, als wollte ſie hier leben und ſterben. Die Lage iſt aber unvergleichlich! bemerkt ein drit⸗ ter; gerade mit der Ausſicht auf das Schloß und den Paradeplatz. Geſtern Nachmittag war ich bei ihr, und konnte von dort aus den Fuͤrſten an ſei⸗ nem Fenſter gans deutlich erkennen, er hatte einen ſchwarzen Frack an, ohne Stern, und legte eben ein roth eingebundenes Buch aus der Hand; dann nahm er ſeinen kleinen Tubus, und ſah herunter— ob er mich geſehen hat, weiß ich nicht.— Ja, laͤ⸗ chelt ein Vierter, indem er die andern drei der Reihe nach anſieht; und der Garten ſtoͤßt hinten, wo das kleine allerliebſte Badehaus ſteht, unmittel⸗ ——— 60 bar an den großen Wildpark. Ehemals war dort in der Hecke auch ein ſchmales Pfoͤrtchen.— Das iſt gewiß noch da, fallt ein Fuͤnfter ein— warum ſollte der Fuͤrſt denn der Frau von Lambiel nicht den freien Eingang in den Park goͤnnen? Sie wird ihn ja keinem Dritten erlauben.— So gieng der geiſt⸗ reiche Schnack nun weiter, und jeder glaubte, ſein bleierner Pfeil haͤtte eine demantne Spitze. Gleich⸗ viel, man ſchoß und jubelte uͤber das Treffen. Sie wiſſen, hinter der Scheibe ſpringt ein Hanswurſt heraus, wenn der Schuß ins Schwarze ging. Den Hanswurſt ſprang jeder Schwatzer ſelbſt zu ſeinem Schuß, und ſchrie: Da ſitzt er! Der Furſt beſuchte Frau von Lambiel auf ih⸗ rer Villa, er traf ſie auf der Promenade, er fuhr ſie ſpatzieren.— Bald war man im Reinen. Frau von Lambiel ſchaffte ſich einen Poſtzug Rappen an; man weiß, der Fuͤrſt liebt die Rappen. Sie beſuchte die Oper fleißig; man weiß, wie der Furſt die Muſik liebt. Sie kaufte aus der Eröſchaft des Hofmalers einige ſeltene Gemaͤlde, und der Fuͤrſt iſt bekanntlich ein Beſchuͤtzer der Kuͤnſte. Nun war die Baronin in aller Welt Munde eine ſchar⸗ mante, eine geiſtreiche Frau, eine Fran aller por⸗ 70 tiſchen und politiſchen Kronen wuͤrdig. Man ſprach mit Entzuͤcken von ihr, und ſetzte mit Laͤcheln den Namen des Fuͤrſten dazu; und Jedermann freute ſich des Titels mit welchem er nun auf ſie herab⸗ zuſehen glaubte. Alle dieſe Details werden Ihnen ſehr klaͤglich vorkommen, und Gott weiß, in welchem Grade ſie es ſind. Allein etwas anders habe ich nicht be⸗ merkt; wichtigeres hat mir niemand erzaͤhlt. Iſt es nicht gewißermaßen das Skelett aller Anekdoten, welche die Lebensluft der Staͤdte und der ſogenann⸗ ten beſſern Geſellſchaft ausmachen?— Das, mein wißbegieriger Freund, ſind die lauteren Quellen, aus denen man ein Verhaͤltniß der Frau von Lam⸗ biel zum Fuͤrſten zuſammengegoſſen hat. Wollen Sie aber mehr wiſſen, gleichviel ob wahr oder erlogen, ſo fragen Sie den Herrn von Paſer, der Ihnen noch allerhand zuliſpeln wird, oder den Geheimerath Pranken, der Ihnen ſagen wird, daß er allein, wie alle Sachen, auch dieſe beſſer wiſſe; oder den langen blaſſen duͤrren Oberhofmei⸗ ſter von Stiff, der es Ihnen an ſeinen abgekau⸗ ten Naͤgeln vorzaͤhlen wird, daß es von jeher bei allen Hoͤfen eine Dame gegeben habe, die nicht genannt, aber ſchweigend auf den Knieen verehrt werde, und daß eine ſolche Cveurdame zwar nicht viel zuverlaͤſſiger aber doch von etwas laͤngerer Dauer ſey als die am Farotiſch, auf welche man nicht einmal eine Nacht hindurch rechnen duͤrfe. Letzteres ſagte er in einem Tone, welcher zu verſtehen gab, wie unangenehm ihm die Fortſetzung dieſer Unterhaltung ſeyn moͤgte. Erwin beendigte ſie daher mit den Worten: Durch all das Unkengeſchrei laſſ' ich mich nicht irren. Sie iſt eine ausgeseichnete Frau. Na⸗ tuͤrlich, wie jede ihres Geſchlechts, ein Raͤthſel; aber eines von deſſen Auſloͤſung die heiterſte Ueber⸗ raſchung zu erwarten iſt. Ich muß ſie naͤher ken⸗ nen. Mir bleibt noch viel zu lernen, und auf der ganzen Welt giebt es keine angenehmere Schulſtube, als wo eine ſchoͤne Lehrmeiſterin re⸗ giert. Die haben Sie ja viel naͤher, ſagte der Graf. Kann es zwei liebenswuͤrdigere Lehrmeiſterinnen ge⸗ ben, als ihre ſchoͤnen Couſinen? In Adaminen haupt⸗ ſaͤchlich ſind die vorzuͤglichſten Eigenſchaften aufs Seltenſte vereinigt. 72 Das mag ſeyn, aber ſie kommt mir deshalb nicht liebenswuͤrdiger vor. Sie legt es immer drauf an, zu imponiren; ſie moͤgte uͤber alles ſchalten und die unabhaͤngige Tyrannin ſpielen. Ihr eige⸗ ner Sinn aber ſtraft ſie wieder dafuͤr, und zwar durch einen Daͤmon haͤßlicher Natur. Sie glauben nicht, welche Macht das Metall uͤber ſie hat. Wir Maͤnner ſind nun einmal zum Speculiren verdammt, und wer nicht bei Zeiten zu ſeinem Vortheil rech⸗ net, der muß es zu ſeinem Nachtheil ſpaͤter thun, oder geht'gans verloren. Aber ein Maͤdchen von achtzehn Jahren, welches Zinſen berechnet, und Diamanten taxirt, und die ſchoͤnſten Augen zu gie⸗ rigen Blicken nach todten Schaͤtzen misbraucht, das iſt doch wahrlich eine troſtloſe Erſcheinung. In geiſtiger Hinſicht kommt es mir ſo armſelig vor; und wie kalt iſt das leere Herz einer ſolchen Spe⸗ culantin, welche dann gelegentlich die Maͤnner auch wie einen Waarenſtapel anſieht, und ſich den Rech⸗ ten herausmultiplicirt. Neulich hat ſie uͤber den Punct ein Collegium geleſen, das ich nicht leicht vergeſſe. Die Rede kenne ich. Es iſt damit nicht ſo ernſt⸗ haft und gefährlich gemeim. —. 73 Deſto ernſthafter meint es Valerie mit ihren republikaniſchen Freiheitsideen. Nimmt ſie dieſe aus dem eigenen Koͤpfchen, oder hat ſie allerhand verruͤckte Autoren geleſen, ich weiß nicht; aber ſie kleiden das Maͤdchen allerliebſt. Und das iſt nicht leeres Geſchwaͤtz. Sie handelt wie ſie ſpricht. Stellen Sie ſich vor, ſie hat die Stelle einer Hof⸗ dame bei der Prinzeſſin Albertine ausgeſchlagen. Foͤrmlich ausgeſchlagen? Ein Maͤdchen von acht⸗ zehn Jahren, und noch dazu ein armes Ding. Das iſt ſehr viel. Unerhoͤrt!— Und wie nahm ſie ſich dabei! Der Hofmarſchall glaubt Wunder welche Gnade zu ver⸗ kuͤnden, indem er ihr ſagt, ſie ſei im Vorſchlag, und ſobald man ſie der Pringeſſin nennen werde, habe es mit der Annahme gar keinen Zweifel. Meint aber der alte Herr nicht auf der Stelle zu verſinken, als ſie ihn ganz ernſtlich bittet, er moͤge den Vorſchlag hintertreiben, ſie wolle nicht vorgeſchlagen ſein, und werde den Platz nicht an⸗ nehmen!— Ein ſolcher Hofmarſchall, dem eine ſolche Niece auf ſolche Propoſition ſolche Antwort giebt— Sein Zorn iſt gar nicht zu beſchreiben. Keine Vorſtellung, keine Drohung half. Sie wollte 7⁴ lieber mit ihrer kleinen Hebung in ihr Fraͤuleinſtift zuruͤckkehren, als ſich zur Hofdame machen laſſen. Aber warum?— Nun ward es erſt arg.— Prin⸗ zeſſin Albertine ſei ihr unausſtehlich; ſie wolle ſich dem Zwang des unterthaͤnigen Hofdienſtes nicht unterwerfen, und wiſſe voraus, daß ſie und die Prinzeſſin nicht vier Wochen zuſammen gut thaͤten. Der Großonkel hoͤrte in ſeinem Grimm nur den erſten dieſer entſetzlichen Gr uͤnde. Es fehlte wenig, daß er nicht den Schwindel kriegte. Auch war ganz ernſthaft vom Zuruͤckſchicken der Rebellin die Rede, und ohne Adaminens Fuͤrbitte waͤre es geſchehen. Aber wahrhaftig, er mußte nachgeben, und den Vorſchlag fallen laſſen; ſie drohte, auf das erſte Wort davon ſchriftlich zu proteſtiren. Das ſieht aus, wie Character. Aber wahr⸗ ſcheinlich iſt es nur ein heißer Kopf, der hinten⸗ drein ſo ſchnell bereut, als er vorſchnell handelte. So ſpricht der Hnkel auch; und der Sturm im Hauſe bricht noch alle Augenblicke los, nicht ſelten auch uͤber mich. Gott weiß, warum er mich fur einen heimlichen Anſtifter haͤlt. Nun iſt's ein praͤchtig Leben. Valerie und ich bilden die Op⸗ voſition.⸗Adamine iſt die miniſterielle Parthie, 75 und hat begreiflich einen harten Poſten. Denn erſt machen wir ihrer Weisheit zu ſchaffen, und da ſie mit uns nicht fertig werden kann, ſo wird ſie auch vom Souverain, das iſt der Papa, uͤbel angeſehen, und muß manch bitteres Wort uber ihre Unfaͤhigkeit zur diplomatiſchen Perſon hoͤren. Da thut der Alte ihr ſehr Unrecht. Valerie iſt ein gutes Kind; indeſſen bei aller Anmuth auch wie ein Kind, leicht, unbeſonnen, taͤndelhaft und wetterwendiſch. Nimmt ſich ihrer nicht bald Je⸗ mand wohlmeinend an, ſo wird ſie noch heillos Lehrgeld geben. Adamine aber, glauben Sie mir, iſt ein Edelſtein, ſo ſelten, daß ſelbſt die Wenigſten ihn kaum zu ſchaͤtzen wiſſen. Die Mei⸗ ſten in ihrer Unkunde ahnen ihn gar nicht. Laſſen Sie ſich einmal vom aͤuſſern Schein nicht abſchrek⸗ ken. Geben Sie ſich die Muͤhe, das Mädchen recht kennen zu lernen. Was gilts, Sie werden uͤberraſcht ſein, und da mit Bewundern aufhoͤren, wo Sie mit Tadel angefangen haben. 4. Der Tag der Fuͤrſtlichen Vermaͤhlung kam näher. Das vermehrte Gewuͤhl der Geſellſchaften 76 nahm, wie das Gelaͤut am Vorabend eines bedeu⸗ tenden Kirchenfeſtes, gar kein Ende. Erwin benutzte jede der vielen Gelegenheiten, um die Perſonen, welche ihn intereſſirten, recht ſcharf ins Auge zu faſſen. Frau von Lanbiel die er durch ſeine Mittheilungen uͤber das wunder⸗ liche Treiben der Leute beſonders ergoͤtzte, verſprach ihm das erſte Großkreuz vom neu zu ſtiftenden Argusorden, und ſagte, er muͤſſe wegen ſeines Beobachtungstalentes in die diplomatiſche Carriere. Sie hatte jedoch nur halb Recht, denn er glaubte alles richtig zu beurtheilen, weil er nicht leicht etwas uͤberſah; aber ſeine unruhige Aufmerkſamkeit verleitete ihn oft zu den aͤrgſten Fehlſchluͤſſen. Sehr richtig indeſſen taxirte er Serravals un⸗ verkennbaren nach der Hoͤhe und Breite ausgedehn⸗ ten Einfluß auf die ganze Umgebung. Der Graf beſaß in der laut verkuͤndeten Gunſt des Fuͤrſten ein Verdienſt, weshalb ihm ſeine uͤbrigen ausge⸗ zeichneten Eigenſchaften aufs bereitwilligſte einge⸗ räumt worden waͤren, wenn er ſie auch nicht ge⸗ habt haͤtte. Wie viel mehr galten ſie nun, da die ſtolse Unabhaͤngigkeit ſeiner Stellung auf ihnen ruhete. 77 Wer ſeine vielfachen Kenntniſſe nicht zu ſchaͤtzen wußte, der hatte die Sicherheit ſeines feinen Be⸗ tragens zu ehren; auf wen die geiſtreiche Anwen⸗ dung ſeines Vermoͤgens keinen beſondern Eiubruck machte, der empfand den groͤßeren ſeiner wichtigen Connexionen nach allen Seiten. Indem er ſch unter kein Verhaͤltniß ordnete, behandelte er das der Andern mit Gelaſſenheit als ein gleichguͤltiges Spiel, und wer ſein Wohlwollen nicht ſuchte, der wußte doch, welch ein Gegner er waͤre. Bei Vielen hatte er ſich durch Zuverlaͤſſigkeit in ernſt⸗ haften Faͤllen unbedingte Hochachtung erworben. Manchen hielt die entgegengeſetzte Ueberzeugung, daß ihm nicht zu trauen ſei, in einer Art von Reſpect; und Einer wie der Andere konnte der ab⸗ weichenden Meinung einen Irrthum wenigſtens nicht nachweiſen. Selbſt Adamine, welche ſaͤmmtliche Herren mit einem an's Schnoͤde gränsenden Muthwillen mishandelte, gab dem Grafen ihre Hochachtung auf die deutlichſte Weiſe zu erkennen. Es lag dari ſogar eiwas von der Verehrung, womit eine Glaͤubige ſich vor ihrem Propheten verneigt Serrayal zeichnete ſie dagegen ſo wenig aus, 78 als ſonſt Jemanden; doch heute in dem glänzen⸗ den Eoncert eines fremden Virtuoſen ſchien ihre Unterhaltung ihn beſonders zu feſſeln. Er ſtand ſchon lang im lebhaften Geſpraͤch vor ihr und uͤberſah ſogar, daß der Fuͤrſt ihn wiederholt zu ſich winkte. Erwin machte ihn aufmerkſam dar⸗ auf, und ſagte, als er weggegangen war, zum Fraͤulein: der Graf wird dem Fuͤrſten ohne Zwei⸗ fel Rechenſchaft ablegen muͤſſen, wovon Sie ihn ſo angenehm unterhalten haben. Das koͤnnte er ja, erwiederte ſie, ohne Zweifel weit ausfuͤhrlicher von Ihnen erfahren. Wie ſo? fragte er, ich war nicht ſo gluͤcklich, Ihre Worte zu vernehmen. Iſt auch, war die ſpitze Antwort, ſehr über⸗ fluͤſſig; beſonders da Sie im Errathen der Gedan⸗ ken ſo geſchickt ſind. Darauf wandte ſie ſich zu ihrer Nachbarin mit einer Kopfbewegung, welche ihm anzudeuten ſchien, daß er nur weiter gehen koͤnne. Er that es und naͤherte ſich Valerien, die auf der andern Seite des Saals ziemlich verlaſſen ſaß. Ihre entſchei⸗ dende Erklaͤrung auf den Vorſchlag des Hofmar⸗ ſchalls wegen der Hofdamenſtelle war bekannt ge⸗ 79 worden, und hatte ihr den Tadel des gansen vor⸗ nehmen Publikums zugezogen, welches die bei⸗ ſpielloſe Dreiſtigkeit eines ſo armen Fraͤuleins nicht begreifen konnte. Hoͤchſten Orts mußte ſolcher Man⸗ gel an Betragen lebhaftes Misfallen erregen; es gab daruber freilich noch keine officielle Nachricht; allein in Erwartung derſelben, ſchien doch rath⸗ ſam, ſich vorlaͤufig von der unbeſonnenen Perſon entfernt zu halten. Waͤre dieſer Fall ihm fruͤher vorgekommen, ſo haͤtte Erwin, vielleicht nicht gerne, jedoch dem angegebenen Ton unterwuͤrſig, dieſes Beiſpiel befolgt. Allein die glaͤnzende Ma⸗ nier, mit welcher Graf Serraval ſich bei den meiſten Gelegenheiten uͤber die oͤffentliche Meinung wegſetzte, hatte ſchon zu oft ſeine Bewunderung erregt. Dieſe Sorgloſigkeit hielt er fuͤr ein nach⸗ ahmungswerthes Hauptkunſtſtuͤck, wozu er nun den Schluͤſſel gefunden haͤtte. Den Leuten zu impo⸗ niren, meinte er, brauchte man nur den Schein anzunehmen, als ob man ſich nichts aus ihnen machte. Wer ſich zu einer Schoͤnen haͤlt, die mit der Geſellſchaft auf irgend eine Art zerfallen ſſt, den belohnt gewiß ein freundliches Entgegenkommen. 80 Valeriens Augen glaͤnzten von Dankbarkeit. Erwin hatte ſie noch nie ſo lieblich geſehen; und war gleich ihre Unterhaltung immer ſehr anmuthig, ſo lag beſonders heute in Stimme und Ausdruck eine Innigkeit, die ihm neu vorkam. Auf die Erzaͤhlung von ſeinem kurzen Geſpraͤch mit ihrer Couſine ſagte ſie lachend: Das haͤtten Sie vor⸗ aus wiſſen koͤnnen; wer nach dem Grafen Serra⸗ val mit Adaminen ſpricht, der wird noch ſchlechter behandelt als ſonſt. Mir iſt das ſehr deutlich geworden, aber woher ſollte ich es voraus wiſſen? Ei, aus den eigenen Reden der Couſine⸗ Baut ſie nicht immer in aller Geſchwindigkeit einen kleinen Altar auf, ſobald nur der Graf genannt wird? Und iſt er nicht die urſache der Fehde, welche in Ernſt und Scherz zwiſchen mir und Adaminen niemals aufhoͤrt? Sie fuͤhren mich zu lauter neuen Entdeckungen. Man begegnet Ihnen oft in der Oppoſitionspartei und mir iſt das ſehr lieb, weil ich auch manch⸗ mal mit derſelben ſtimme. Hier aber haͤtte ich Sie auf der Seite nicht erwartet, und waͤre neugie⸗ rig ihre Gruͤnde zu horen. 81 Die Neugier laſſen Sie ſich nur vergehen. Sie ſind der erklaͤrte Alliirte des Grafen, der unſern ganzen Zirkel an der Leine hat. Ich aber werde offenbar ſchon als eine Art Landesverraͤtherin ſo ſorgfaͤltig beobachtet als vermieden, und huͤte mich wohl, meine bedenkliche Lage durch eine gefaͤhrliche Offenherzigkeit noch mehr zu verſchlimmern. Die HOffenherzigkeit haͤtte nun freilich ſchon ge⸗ nug geſagt; uͤbrigens aber ſcheint die bedenkliche Lage Sie nicht außerordentlich zu betruͤben. Das verlohnte ſich auch der Muͤhe. Indeſſen unter uns, ein wenig aͤrgerlich bin ich doch uͤber die Schwachkoͤpfe, welche mir den Krieg machen, als ob ich ihnen etwas gethan haͤtte. Es ſoll mir einer erſt mein Unrecht beweiſen; dann mag er mich verdammen. So aber ſind ſie alle. Selbſt einen Willen zu haben, das wagen ſie nicht; und be⸗ greifen es daher auch von keinem andern. Vollends ein junges Maͤdchen; das, meinen ſie, muͤſſe gar nur, wie ein bloͤdes Lamm der Heerde blindlings nachtrippeln. Ich aber habe recht geſunde helle Augen, und finde meinen Weg ohne fremde Brille. 2 Erwin wollte lebhaft antworten, als Valerie mit einer liſtigen Miene ihm winkte, ſich zuruͤck zu ziehen. Er fragte nach der Bedeutung. Sehen Sie doch, ſagte ſie, wie ſcharf und ver⸗ drießlich uns der Onkel ins Auge faßt. Mein ſchweres Vergehen gegen ihn iſt ja das gangbare Geſpraͤch; und Sie kommen gewiß auch um ſeine Gunſt, wenn Sie noch laͤnger mit der undankbaren Nichte Ihre Zeit verderben, die Sie beſſer anwen⸗ den koͤnnten, um ſich bei Damen von Conduite oder bei Leuten von Einfluß zu empfehlen. Wohl angemerkt, lachte Erwin, aber verſagen Sie mir den Troſt nicht, mich durch Ihre Geſell⸗ ſchaft in meinem Leiden aufrecht zu erhalten. Ihr Schickſal mit dem Onkel iſt gewiſſermaßen ja das meinige. Sie haben die Hofdamenſtelle ausgeſchla⸗ gen; das iſt ſchrecklich. Aber ich habe Sie dazu aufgehetzt, und das iſt himmelſchreiend. Der Onkel laͤßt es ſich einmal nicht ausreden, und ohnehin ſind die Strahlen der Hofmarſchalls-Gunſt um mein Haupt ſchon merklich erloſchen; ich ſinke immer tiefer in das Dunkel ſeiner Ungnade.— Damit hatte es allerdings ſeine Richtigkeit, und zwat aus Gruͤnden, welche den alten Onkel täglich 83 verdrießlicher machten, weil ſie täglich ſchwerer ins Gewicht fielen. Von Anfang war es ſein Plan geweſen, den Kammerjunker bei Gelegenheit in eine diplomatiſche Figur umöugeſtalten, und ihn ſo auf den geradeſten Weg zu bedeutenden Staatsaͤm⸗ tern hinzufuͤhren. Dieſe Ausſicht aber ſieng an ſo gaͤnzlich zu verſchwinden, daß der Hofmarſchall faſt nicht mehr begriff, wie er ſich nur einmal an ihr haͤtte ergoͤtzen koͤnnen. Kein Menſch that es ſeinem Neffen gleich in der entſchiedenſten Abneigung ge⸗ gen Alles, was einer Beſchaͤftigung von weitem ahnlich ſah. Auch hatte er ſeine Stunden kluglich ſo beſetzt, daß es ihm nicht wohl begegnen konnte, eine davon mit ſogenannter Arbeit zu verlieren. Den Morgen brachte er auf der Reitbahn, die Mittagsſtunden in den Bondvirs der Damen, die Zeit nach der Tafel auf den Promenaden zu. Bis zum Ende des erſten Acts hielt er allenfalls im Theater aus; dann aber war ſeine Gegenwart in ein paar Haͤuſern noch durchaus erforderlich, und wenn der Tag herum war, konnte er immer noch einige Beſuche aufzahlen, die er nicht gemacht hatte, und morgen nachholen mußte. Das wäre nun dem Onkel noch ziemlich recht geweſen, ob gleich er gegen Erwins umgang manches zu erinnern hatte; aber ſeinen herzlichen Kummer er⸗ lebte er an der Unbeſonnenheit des jungen Men⸗ ſchen, welcher in den frevelhafteſten Redensarten nicht Maß noch Ziel kannte, und ganz zuverläſſig in jede heilloſe Hofanekdote oder Stadtbegebenheit verwickelt war. Machte der Hnkel ihm daruͤber Vorſtellungen, ſo ging Erwins rechte Luſtbarkeit erſt an; denn nun entwickelte er zum Entſetzen des bedaͤcht'gen Hofmanns, den gefaͤhrlichen Zuſam⸗ menhang des ſcandaloͤſen Falls bis in die bedenk⸗ lichſten Nuancen, und wenn der Alte mit einer wahrhaften Angſt die Haͤnde faltete, ſo zeigte er ihm jubelnd, wie geiſtreich er ſich aus den uͤbeln Folgen herausgezogen hatte. Wie ſollte aus dem unbaͤndigen Fohlen dermaleinſt ein ſchulmaßiger Paradeur auf diplomatiſcher Bahn werden? Und hegte der Menſch denn wohl Reſpect vor irgend einem Verhaͤltniß? Trieb er nicht ſeine Affenſtreiche gerade am aͤrgſten da, wo ſie ihm den meiſten Schaden bringen mußten? In ſeinem Leben konnte der ja keinen Geſandten geben, der in Gegenwart von Excellenzen und geheimen Raͤthen die wichtig⸗ ſten Angelegenheiten als intereſſante Faͤlle ſyſtemati⸗ — 85 ₰ ſcher Confuſion verlachte!— Ja, hatte man von ihm nicht zu befuͤrchten, daß er das Wohl des ganzen Staats einmal auf eine Farte ſetzte? Ueber dieſen letzten Punkt ließ der alte Herr es nicht bei den vergeblichen Reden an den Reffen be⸗ wenden. Seitdem er mit Gewißheit in Erfahrung gebracht, daß Erwin in Serravals Hauſe kei⸗ nen Abend fehle, wenn die ſogenannte gruͤne Tafel⸗ runde dort verſammelt ſei, hatte er es fuͤr ſeine Pflicht gehalten, den Vater zu benachrichtigen, und zur Rettung ſeines Sohnes durch ernſthafte Ermah⸗ nungen aufsufordern. Der Angeklagte aber wußte ſich und ſeine freundſchaftliche Verbindung mit dem Grafen ſo gut zu vertheidigen, daß Herr von Ma⸗ lorne die Beſorgniß des Oheims wirklich ſelbſt. fuͤr pedantiſche Grillen eines alten Mannes hielt; beſonders da Erwin den augenſcheinlichſten Be⸗ weis ſeiner ordentlichen Wirthſchaft dem Vater in die Haͤnde legte. Er bat ihn nämlich, den Zuſchuß zum laufenden Quartal bis in das Nachſte hinzulegen; er brauche ihn vorlaͤufig nicht. Seiner Vertheidigungsſchrift dieſen nachdruͤcklichen Schluß anzuhaͤngen, dazu hatte ihm nun freilich das ver⸗ klagte Spiel an einem ausgeseichnet glucklichen 86 Abend die Mittel zugewendet. Mit dieſen beſtritt er auch den Aufwand ſeiner verſchwenderiſchen Ein⸗ richtung, welche von ſeinem erſten beſcheidenen Auf⸗ treten gewaltig abſtach. Fuͤr Erwin gab es nichts Screckicheres, als ſich in dem Haufen unbedeutender junger Leute verlieren zu muͤſſen. Er ſtrebte nach Anſehen und Auszeichnung; und da er darin auf dem langwei⸗ ligen Wege ungewiſſen Avancements fuͤrs Erſte nicht viel erwarten konnte, ſo nahm er mit andern kleinen Huͤlfsmitteln vorlieb, die ſeine Eitelkeit und ſeine Liebhaberei zugleich befriedigten. Von einem Menſchen, der nur fuͤr die Geſellſchaft lebt, darf man nicht erwarten, daß ſeine Blicke uͤber dieſen beſchraͤnkten Kreis hinausgehen. Erwin war aller⸗ dings eblerer Gefuͤhle und hoherer Anſichten faͤhig, aber nicht ſtark genug, dem Eindruck der naͤchſten Umgebungen und Beiſpiele zu widerſtehen. Von jeher hatte er mit dem Schickſal gehadert, welches ihn auf beſcheidene Mittelmaͤßigkeit angewieſen hatte. Jetzt erblickte er in kleinen Beguͤnſtigungen des Zufalls die Morgenſtrahlen eines unfehlbaren Gluͤcks. Wer die Fluth beherrſchen will, ſagte er, muß ſich in ihre Wellen ſtuͤrzen. Und das that 87 er. Aber nicht im Geiſt eines unabhaͤngigen Abenteurers, der ſich auf gut Gluͤck treiben laͤßt, ſondern wie einer, den auf hellem Meeresſpiegel die ſilberne Furche eines weit vorausſchwebenden Schiffes hintendrein lockt. Haͤtte er nicht den Gra⸗ fen Serraval in der erſten Rolle glaͤnzen ſehen, ſo waͤre er wohl nie ſo raſchen Schrittes aus ſei⸗ ner Daͤmmerung heraus neben dies verfuͤhreriſche Licht getreten. Er wußte noch nicht, wie ſchnell die Nachahmung ins Verderben fuͤhrt. Das Schlimmſte aber iſt, wenn der Menſch bewußtlos handelt, und das geſchieht weit oͤfter als man glaubt. Erwin konnte ſeine neue glaͤnzende Wohnung gar nicht als einen ſo uͤbermaͤßigen Luxus betrach⸗ ten. War ſie geraͤumiger und theurer, als manche andre, ſo mußte er ſeiner Hofcharge dieſes Opfer nun einmal bringen. Beritten zu ſeyn, war eben⸗ falls ein Erforderniß ſeines ritterlichen Standes, und hierin ließ ſich ein anſtaͤndiger Aufwand gar nicht vermeiden. Jeden Tag konnte ihn der Befehl treffen, auf Jagd- und Spatzierritten den Fuͤrſten zu begleiten, welcher die Pferde auch wie ſeine Unterthanen anſah, und taͤglich von ihnen das Un⸗ moͤgliche verlangte; deshalb war mit ein Paar 88 abgenutzten Kleppern nicht auszukommen. Wohnung und Stall machten angemeſſene Bedienung unent⸗ behrlich. Die Koſten waren nicht gering; allein das Gut, welches ſein Vater bewohnte, war ja ſein Eigenthum; das verſchaffte ihm weitreichenden Credit. Standen auch Landgüter jetzt in ſchlechtem Preiſe, ſo mußte ſich das bald aͤndern. Ueberdieß ſah der Fuͤrſt gern, daß ſeine Cavaliere ſich aus⸗ zeichneten. Wenn dabei auch ein Capital drauf ging, ſo war dies ja der Weg ſich zu empfehlen; und eine beſſere Stelle brachte die Auslage bald wieder ein. Serraval betrachtete aus ſeinem Standpunkte Erwins unruhige Bewegungen als Kindereien, welche voruͤbergehen wuͤrden. Der Menſch, ſagte er, bedarf, wie unſre Pflanzenwelt, der Jahrszei⸗ ten; was im Frühling nicht uͤppig bluht, traͤgt im Herbſte keine Frucht. Doch fuͤhrte er dem jungen Freunde zu Gemuͤth, daß ſein ganzes Seyn und Treiben keine Richtung habe. Sie wollen ja an dieſem Hofe Ihren Weg machen, oder ſich wenig⸗ ſtens von hier aus eine Laufbahn eroͤffnen. Wohin? das iſt Ihre Sache; aber ſtoßen Sie die Leute doch nicht vor den Kopf, welche Ihnen zu Ihrem 89 Zweck unentbehrlich ſind. Der Geheimerath Pranken mit all ſeinem unbeſonnenen Geſchwaͤtz iſt fur Ihre Plaͤne gar nicht ſo bedeutungslos als Sie wohl glauben. Mit dem alten Onkel ſind Sie auf dem beſten Wege es gans zu verderben; und dann gute Nacht Ausſicht und Carriere. Meinen wohlgemeinten Rath wegen Fraͤulein Adamine haben Sie ohne Grund verworfen; und Sie kennen doch ihren Einfluß auf den Vater. Wenn die Reue nnr nicht hintendrein kommt. Bedenken Sie das, da es noch Zeit iſt. Dieſe Ermahnung kam bei Erwin zu ſpät. Zwiſchen ihm und Adaminen war der kleine Krieg zwar nicht erklaͤrt, aber ausgebrochen, wie es heut zu Tage auch die Sitte der großen Kriege iſt. Das herriſche Weſen, worin ſie liebenswuͤrdig zu ſein glaubte, hatte ihn zuerſt aufſaͤtzig gemacht; ſie dagegen konnte ihm ſeine Lobreden auf Frau von Lambiel nicht verzeihen. Sehr natuͤrlich, denn obgleich es Keine zugab, ſo wußte doch Jede, daß dieſe uͤbermüthige Schone ſaͤmmtliche Damen des Hofs zu verdunkeln meinte. Dazu kam der ewige Hader mit Valerien, des Hofmarſchalls wenig verhal⸗ tener Zorn uͤber den unbändigen Neffen, und ſo — 90 war dies Verhaltniß, welches fruher ſich zum beſten anließ, unmerklich, aber ſchnell ins Feindſeligſte umgeſchlagen. Freilich, wenn ihrer zwei mit Eifer nach entgegengeſetzten Richtungen ſtreben, die ſind bald genug auseinander. Erwin troͤſtete ſich daruͤber an den ſchoͤnen Augen der Frau von Lambiel, aus welchen wie aus zwei hellen Zauberſpiegeln ihm das Bild ſeines eigenen Werths entgegenſtralte. Was kuͤmmerte ihn jenes Tadelgeſchwaͤtz, da ſie ihm Gerechtigkeit widerfahren ließ? Daß uͤbrigens vom Hauſe und Anhang ſeines Großonkels heruber die Geſinnung gegen die Baronin gar nicht ſo wohlwollend war, als man ſie an den Tag zu legen ſuchte, hatte er durch alle Vorſicht des dortigen Benehmens hin⸗ durch dennoch ſehr deutlich geſpuͤrt; und darum ent⸗ gieng ihm hier der gleichtnende Wiederhall deſto weniger. Maͤchtig waͤchſt das gegenſeitige Vertrauen zwi⸗ ſchen zwei Perſonen, welche ſich die Urſachen ihrer Unzufriebenheit uͤber eine dritte mitzutheilen haben. Adamine war ſehr haͤufig der Gegenſtand von Erwins lebhaften Unterredungen mit der Baronin. Seine fruͤhere, nun als unrichtig eingeſtndene Be⸗ 8 91 urtheilung dieſes Characters konnte ſie nicht begrei⸗ fen. An Geiſt, ſagte ſie, fehlt es ihr keineswegs, aber ihre Anſichten ſind dennoch ſo beſchraͤnkt als einſeitig. Wie kann es auch anders ſein? Sie hat wenig geſehn, und das Geſehene wenig bedacht. Wer ſein Leben in einem kleinen Orte verzehrt, der findet nur ſchmale Koſt, und gewoͤhnt ſich an kleinen Maßſtab und enge Geſichtspunkte. Wir Frauen noch weit mehr als die Maͤnner, welche ſelbſt aus dem abgelegenſten Winkel heraus durch Geſchaͤfte und Bekanntſchaften doch manche Beruͤh⸗ rungsfaͤden nach Auſſen behalten, und wenigſtens mit der ſogenannten Politik noch ins Blaue hinein⸗ ſchießen koͤnnen. Wiſſenſchaft und Kunſt ſind auch Anhoͤhen, die ihrem Blick einen breiteren und rei⸗ cheren Umkreis verſtatten. Die meiſten von uns entbehren den, wie ſo manches noch, und wiſſen den Mangel nicht von einer andern Seite her zu erſetzen. Wer indeſſen ein Stuͤck Welt und groͤßere Verhaͤltniſſe aus eigner Anſchauung kennen gelernt hat, der trägt doch wohl ſo viel mit davon, um daheim ſein Haus zu meubliren. Dazu reicht freilich nicht hin, daß man einige Laͤnder durch das Kut⸗ ſchenfenſter angeſehen, und die Unannehmlichkeiten 3 92 des Wirthshauslebens in allen Variationen von Petersburg bis Madrid durchgemacht habe. Wer das Reiſen nennt, der thäte beſſer am Platz zu bleiben, wie Fraͤulein Adamine, die ſchon, wenn mir nur der Name Rom oder Paris entſchlupft, verdrießlich ausſieht. Entweder giebt ſie dem Ge⸗ ſpraͤch dann gewaltſam eine andere Wendung, oder ſie macht eine bittere Bemerkung uͤber die Zweck⸗ loſigkeit des Herumfahrens, und meint damit jeden Werth der Herrlichkeiten zu vernichten, welche ihr fremd und darum fatal ſind. Darin ſtimmen ihr dann im Uniſono aus denſelben Urſachen alle bei, denen es nicht beſſer geht; und ſehen Sie doch nur, aus welchen kurioſen Poſituren das Perſonal ihres eigentlichen vertrauteren Umgangs zuſammen⸗ geſetzt iſt. Der Reid kann ihr nicht nachſagen, daß zwiſchen ihr und einem ihrer zahlreichen Anbeter ein Verhaͤltniß beſtäͤnde. Sie haͤlt ſie alle, wie unterthaͤnige Sclaven in gemeſſener Entfernung. Herzlicher Neigung halte ich ſie uberall nicht faͤhig. Dagegen hegt ſie eine entſchiedene Liebhaberei zu dem Verkehr der kleinen Cotterieen, und den wunderbarſten Reſpect vor fadem Geſchwaͤtz und unverſtändigem Urtheil ſobald nur der Salon in⸗ . * 93 dem ſich es breit macht, zu den erhabenen gehoͤrt⸗ Sie iſt beſſere Geſellſchaft gewohnt, und verthut doch regelmaͤßig wenigſtens einen Abend in der Woche unter einer Collection alter Tapetenſtucke, die in irgend einem Muſeum als Curioſitaͤten auf⸗ bewahrt werden muͤßten. Erwin konnte darin der Baronin nicht widerſprechen, indeſſen fuͤhrte er zu Adaminens Rechtfertigung an, daß vielleicht ihres Vaters Befehl, oder deſſen Stellung gegen manchen Vater und Mann dieſer ſogenannten Ta⸗ petenſtuͤcke ſeiner Tochter ein verbindliches Beneh⸗ men auflege. Redensarten! unterbrach ihn Frau von Lam⸗ biel, wovon Sie ſelbſt kein Wort glauben. Die Stellung des Hofmarſchalls iſt der Art, daß er uͤber alle Leute wegſieht, und der Tochter kein verbindliches Benehmen zu verordnen braucht. Und gegen wen? Gehen wir die ganze Cohorte einmal durch.— Frau von Jarnac, die noch immer mit Entzuͤcken von des Fuͤrſten Onkel ſpricht, der ihr vor dreißig Jahren einmal die Cour gemacht haben ſoll?— Oder die pucklichte Generalin, welche eine Stunde lang uber die ſchiefe Hufte der Frau von Greberg lacht, und dabei die „ 2. ℳ 9⁴ eigne ſchoͤne Haltung wohlgefaͤllig im Spiegel bewundert?— Oder Fraͤulein Donner, welche der ganzen Welt zu verſtehen giebt, daß ſie mit dem verſtorbenen Jaͤgermeiſter beinah verſprochen gewe⸗ ſen waͤre, und welche nun keinen wilden Schweins⸗ kopf mehr ohne Kraͤmpfe anſehen kann, weil er dahin iſt, der Gott, der ſonſt in den Waldungen und in ihrem zaͤrtlichen Herzen regierte?— Oder die geiſtreiche Conſiſtorial⸗Praͤſidentin, welche jedem unverheiratheten Herrn die haͤusliche Erziehung, das gute Herz ihrer ſieben Toͤchter anpreiſet, und — je nachdem die Zuhoͤrer beſchaffen ſind— auf den Adelshochmuth als auf den tollſten Widerſpruch mit unſern aufgeklaͤrten Zeiten ſchimpft? Sie iſt auch, Gott ſei Dank, frei davon, und weiß einen rechtſchaffenen Buͤrgerlichen, der ſein Aus⸗ kommen hat, ſo gut zu ſchaͤtzen, als den beſten Edelmann.— Oder Frau von Stiff, bei der man alle Woche ein neues ſchwarz eingebundenes Erbauungsbuch und eine neue Spitzenhaube ſieht; die mit Ruͤhrung von dem jungen Garniſonsprediger, und mit Schaudern von ihrem gottloſen Mann redet, der die Leute am Farotiſch pluͤndert? Je mehr er am Abend gewonnen hat, deſto eifriger „ 95 betet ſie den andern Morgen, daß Gott ihm ſeine Suͤnden verzeihen und auf den Weg des Heils hel⸗ fen wolle; dabei iſt ſie aber eine vortreffliche Caſ⸗ ſenfuͤhrerin, welche die eroberten Fonds aufs Si⸗ cherſte unterbringt, und mit dem Hofjuden im be⸗ ſten Vernehmen lebt. Wegen ihres eifrigen Kir⸗ chengehens wird ſie zu den Frommen gezaͤhlt; es iſt alſo nichts wahrſcheinlicher, als daß ſie an Levi's Bekehrung arbeitet. Sie koͤnnen mir keine Ueber⸗ trelbung vorwerfen. Es ſind lauter alte verblichene Bildniſſe mit unangenehmen aber recht ſcharfen und ſpitzigen Zuͤgen. Auch iſt nichts daran zu verwun⸗ dern; man trifft die Sorte in jedem kleinen Neſte. Aber wie Adamine es mit ihnen aushaͤlt, das iſts, was meine Begriffe uͤberſteigt. Welche Un⸗ terhaltung? Großer Gott! Giebt es denn etwas Trubſeligeres als ſolch eine Gallerie holzerner Fi⸗ guren, welche ſich einen langen Abend am Ge⸗ winn und Verluſt von einigen Groſchen ergoͤtzen und erzuͤrnen; alte, verlegene durchgeſprochene Stadtgeſchichten zum zehnten Mal wiederkäuen, und dieſe geſchmackloſen Speiſen hochſtens dadurch etwas pikanter machen, daß ſie ein Paar gute Na⸗ men hineinſchneiden. „ 96 Ihre Schilderungen, ſagte Erwin, ſind nach dem Leben; aber Sie haben auch die auffallendſten Driginale gewaͤhlt. Der ganze Cirkel iſt doch nicht ſo ſchlimm; und Fraͤulein Adamine hat darunter ohne Zweifel einige Freundinnen, um dererwillen ſie die andern ertragen muß. Wieder ein Irrthum, lachte ſeine ſchoͤne Geg⸗ nerin, Sie ſollen wiſſen, mein Herr Philoſoph und Menſchenkenner, daß man ſin den klei⸗ . nen Laſchenausgaben von Reſidenzen wohl Be⸗ kanntſchaften, aber keine Freundſchaft findet. Dazu laſſen die wohlorganiſirten Klatſchanſtalten, und die ewigen Treibjagden des Neides und der Auß⸗ paſſerei es nicht kommen. Wo man beinah ſtraßenweiſe ſich in Parteien ſondert, und gegen andre Parteien verſchwoͤrt, wo man nicht nur weiß, was in jedem Hauſe gegeſſen, ſondern auch, was darin geſprochen wird, wo ein Shawl, ein Ball, eine neue Equipage Wochenlang als Stoff aller Converſation in allen Theegeſellſchaften her⸗ halten muͤſſen; wo man ſich uͤber ein Wort, uͤber ein freies Geſchmacksurtheil auf die albernſte und unanſtaͤndigſte Weiſe den Krieg macht; wo hundert dergleichen kleine Horden ſich die 97 Zaͤhne weiſen, und kein geiſtiges Centralfeuer exi⸗ ſtirt, in welchem man dieſe widerſpenſtigen Ele⸗ mente zu einer nur etwas gediegenen Maſſe zu⸗ ſammen zwingen koͤnnte— Ich bitte Sie, muͤßte es nicht eine ganz verruͤckte Freundſchaftsgoͤttin ſeyn, die ſich an einem ſolchen Hrt niederließe, um darauf zu warten, daß man ihr Tempel er⸗ bauete?. Ihr Vorwurf eines Mangels an geiſtigem Centralfeuer, ſagte Erwin, iſt eine Ungerechtigkeit. Der Kreis wenigſtens, welcher das Gluͤck hat, ſich um Sie, gnaͤdige Frau, zu verſammeln, wird nie⸗ mals zugeben, daß ihm ein ſtrahlender Mittelpunkt fehle. Schoͤn geſagt, ich bedanke mich. Aber was hilft all die Strahlenherrlichkeit, welche keine Blume hervortreibt? Laſſen Sie doch das heiterſte Sonnenlicht auf eine duͤrre Sandflaͤche fallen; ob es wohl eine uͤppige Gartenflur zuwege bringt? Warum ſoll der goͤttliche Strahl die Schuld tragen, wenn es Froſchnaturen gibt, die einmal nicht zu erwaͤrmen ſind? Das mag denn ſeyn. An Muͤhe habe ich es, Anfangs wenigſtens, bei dem Volk nicht fehlen 5 98 laſſen. Zum Sterben hab' ich mich gequalt, die ſteifen Poſituren in Gang zu bringen, und ſie einſehen zu machen, daß es ſelbſt fuͤr ſie eine beſſere Unterhaltung gebe, als ihr eintoͤniges Ge⸗ quaͤck. Kein Hund, der bei kaltem Wetter ins Waſſer ſoll, macht ein ſo jaͤmmerlich Geſicht. Aber es half nicht; ſie mußten mir vorwaͤrts; und verſtanden ſich naturlich auch dazu, allerhand geiſt⸗ reiche Capriolen zu machen. Nun muß ich frei⸗ lich ſagen, es kleidete ſie hoͤchſt einfaͤltig, und Gott mag wiſſen, wie ſchlecht es ihnen geſchmeckt hat. Uebung und Gewohnheit, dachte ich, wird das Beſte thun. Nach manchen vergeblichen Erzie⸗ hungsverſuchen mußte ich meinen Irrthum zugeben. Dieſer zaͤhe Stoff war viel zu lange in ſich ver⸗ pappt. Ich wiegelte das ganze Amphibiengeſchlecht, dem es nun einmal in ſeinem dumpfen Geroͤhricht ſo wohl war, gegen mich auf, um erſt das Mis⸗ lingen, dann die Langeweile und hintendrein die bitteren Nachreden zu haben, welche mich noch bis auf dieſen Tag verfolgen. Neben der Kraͤnkung, etwas aufzugeben, was ich nie haͤtte anfangen ſollen, ward mir noch der Kummer, mich mehr als vorhin iſolirt zu fuͤhlen. Nun war an der Clique die 1 99 Reihe, mich zu bedauern, und dabei recht ſelbſt⸗ zufrieden uͤber meine poetiſchen Exereizien zu laͤcheln. Das thut ſie denn rechtſchaffen, und ich muß es ihr goͤnnen. Aber ich habe auch meine Munition, und der kleine Krieg zwiſchen mir und ihren Couſi⸗ nen, denen ich eigentlich ein Dorn im Auge bin, nimmt ſobald kein Ende. Auf Valerien wollte Erwin nichts kommen laſſen; ſchon ihre unbefangene Heiterkeit mache es ihr unmoͤglich, irgend jemandem uͤbel zu wollen.— Aber davon nur ganz ſtill, ſagte Frau von Lam⸗ biel; was die eine mit offcciellen Verſchwoͤrungen, das treibt die andere mit heimlichen Inſinuationen. Die liebenswuͤrdige unbefangenheit iſt eine glatte Maske, aus welcher doch ein paar ſcharfe Schlan⸗ gen⸗Augen hervorſpielen. Werden Sie nur erſt recht bekannt bei uns, und erleben Sie, was wir Begebenheiten nennen; es wird Ihnen nichts von allem entgehen, worauf ich hingedeutet habe; Sie gehoͤren zu den Waͤchtern. Ich theile naͤmlich die Leute nach drei Claſſen ein. Die erſte Claſſe, un⸗ zaͤhlbar wie der Sand am Meer, iſt die der Schlaͤ⸗ fer; die ſind ganz unbrauchbar und ungenießbar⸗ Die zweite iſt die der Aufgeweckten; auch viel 100 zahlreicher als der liebe Gott ſie haben wollte. Mit denen iſt wohl etwas anzufangen, aber man kann ſich nicht auf ſie verlaſſen. Werden ſie aus ihrem Schlummer aufgeregt, ſo gehen ſie toll und blind gegen alles an wie verſchuͤchterte Voͤgel. Nach einigem Herumtaumeln beſinnen ſie ſich, nun gehts eine Weile gut, aber wenn man ſie da nicht im⸗ mer reizt und treibt, ſo fallen ſie wieder in ihren Schlummer zuruͤck. Zur dritten gar nicht vielzaͤh⸗ ligen Claſſe gehoͤren die, welche fur ſich wach, und fuͤr die andern Waͤchter und Aufwecker ſind. Das ſind die feinen Koͤpfe, welche das Geiſterreich fur ihre Rechnung inne behalten, und die andern mit allerhand Spuk amuͤſiren oder ſcheuchen, wie es eben paßt. Sie ſehen, welche gute Meinung ich von Ihnen habe, indem ich Sie dahin rechne. Und zu dieſen Worten ein ſo bezaubernder Blick, daß Erwin ſich ſchwur, die gute Meinung in jeder Hinſicht zu verdienen. 5. Im Rachſinnen daruͤber einſam herumwandernd war er in eine ganz abgelegene Gegend der Vor⸗ ſtadt gerathen. Mit Verwunderung ſah er ſih 101 zwiſchen hohen Gartenmauern auf einem engen Wege, der gegen ein kleines Haus von wunder⸗ lichem Anſehen hin fuͤhrte. Die Bauart zeigte viel Schnörkel und Zierrathen, aber keinen beſtimmten Character. Kleine ſteinerne Heiligenbilder in ſchma⸗ len Vertiefungen; deutliche Spuren einer großen zugemauerten Pforte, ein einziges großes Fenſter mit einem Spitzbogen nah unter dem Dach, und das ſteile Dach ſelbſt, welches in ein Thurmchen auslief, ſtellten das Bild eines ehemaligen Kirch⸗ hofthors dar; und mehrere anſehnliche Gebaͤude hinter den Mauern ließen ein veroͤdetes Kloſter vermuthen. Ringsum war alles ſtill und einſam. Das Thurmhaus aber ſchien doch bewohnt; es ſtanden einige Flaſchen vor dem großen Fenſter und die untere Haͤlfte deſſelben war mit einem Papierrah⸗ men verſtellt. Erwin ging naͤher, und bemerkte zur Seite in der Mauer ein kleines Gitterthor, von wel⸗ chem er jedoch ſchnell zuruͤck trat, als hinter demſelben ein ungeheurer Kettenhund empor fuhr, und auf den Hinterbeinen ſtehend ihm gerade ins Geſicht ſchnaubte. Auf ſein wuͤthendes Gebell wollte ſich jedoch lange nichts begeben, und Erwin war ſchon im Begriff, den ſeltſamen Bewohner dieſer ſeltſa— 102 men Dede ſeinen heulenden Betrachtungen zu uͤberlaſ⸗ ſen; da ging neben ihm ein Laden auf, und er erkannte in dem herausblickenden Krauskopf mit Vergnuͤgen den jungen Maler Videba nt, zu welchem ſeine vielfachen Beſchaͤftigungen ihn biöher noch immer nicht hatten kommen laſſen. Der Ma⸗ ler gab gleichfalls ſeine Freude zu erkennen; er ſcheuchte den tobenden Waͤchter in den Zwinger, und fuͤhrte ſeinen Beſuch durch den dunklen Hof, uͤber enge ſteinerne Wendelſtiegen in ein geraͤumiges Zimmer, deſſen Form und Verzierung dem eigent⸗ lich nicht mehr auffallen konnte, welcher ſich durch das ſonderbare Aeuſſere auf eine inwendige Aehnlichkeit vorbereitet hatte. Soweit einer hinauf reichen konnte, waren die dunkeln Waͤnde mit Studien, Skizzen und Bildern aller Art bedeckt. Hinter dieſer bunten Tapete ſtrebten gekuppelte Saͤul⸗ chen empor, in deren Reifen der Blick in die Hoͤhe und oben an dem daraus wachſenden Gewoͤlbe aus einander fuhr. Auf den Zwiſchenraͤumen zeigten ſich ernſthafte Geſtalten, ſtattliche Biſchöfe mit Stab und Inful, abenteuerliche Masken, und zierliches Laubwerk von halb erhabener Arbeit in der wunder⸗ ſamſten Vermiſchung. Dazu kamen noch Abbildun⸗ 103 gen, welche gegen jene ehrwuͤrdigen Geſichter den frevelhafteſten Spott zu beginnen ſchienen. Aus ganz hellem Farbenton waren viele leichtſchwebende Geſtalten auf die graue Grundflaͤche gemalt, und mit dieſer ſo widerſprechend als gewaltſam ver, bunden. Auf dem heiligen Krummſtab eines ſehr verdrießlich blickenden Kirchenhirten hatte ſich nur mit der Spitze des zierlichſten Fußes eine Taͤnzerin niedergelaſſen, wie man ſie auf den Herkulaniſchen Gemaͤlden ſieht; nicht weit davon ruhte paſſender eine geiſtreich gezeichnete Sphinx auf einem Tod⸗ tenkopf; und daneben ſtanden auf der eitz Seite die Worte;»Das iſt das rechte Obſervatorium, von wo aus das wunderbare Raͤthſel des Lebens ſich ſelbſt beſchaut;v und auf der andern Seite:“ »„Sitzeſt du nun auf dem morſchen Dach deines verfallenen Tempels, worin kein Lebender dich mehr anbetet, und ſpaͤheſt umher, welch andres Heiligthum du verwuͤſten willſt? Durch jenes hohe halbgeblendete Fenſter ſiel das Licht wie es der Maler braucht, auf ein großes Gemaͤlde, welches dem Eintretenden den Ruͤcken zuwendete. Erwin gieng um die Staffelei herum, und ver⸗ gaß in dem blendend uͤberraſchenden Anblick ſo 104 gleich den Eindruck der Umgebung und bald darauf ſich ſelbſt fuͤr eine gute Weile. Aus einem uͤppig bewachſenen Felſen„in der Mitte des Raums, ſprudelt der reinſte Quell in ein vierecktes kuͤnſtlich ſteingehaueneg; Becen„hin⸗ ter dem mit gothiſch genanntem Sierra ein Kreuz aufragt. Dieſes ſpiegelt ſich in der zitternden Flut ab, veiche iber den Rand ſtroͤmend, in drei Baͤch⸗ lein zertheilt, durch Blumen weiter rinnt. Eine ſtattliche Burg thront auf einer ſteilen Höhe, an deren breiter Abſtufung ein altteuſches Muͤnſter ſein kuͤhnes Haupt noch uͤber des Thales Daͤmme— rung u Duft hinaushebt. In— à Gegend von abendgluͤhenden Bergen begr t haben drei ſchoͤne Frauen ſich am bed uungsreichen Brunnen eingefunden. Die eine hat ſi ſich auf den Rand geſeßt, blickt ſinnend in das Waſſer; ſie iſt ſo ſchoͤn, und ſcheint im Innern ſo geiſtige Traum⸗ geſtalten und Bilder zu hegen, daß man gern auf ſie und mit ihr in das Waſſer ſchaut, um ſie auch dort, von Lichtgewoͤlk umſpiegelt, wieder zu finden. Neben ihr, eine hohe Geſtalt mit denkendem Ant⸗ litz und feurigem Blick, ſteht die Poeſie; und zur Seite lehnt die Muſik ihren linken Arm uͤber eine X 105 große Harfe. Dieſes begiebt ſich rechts von dem Brunnen; links aber reitet ein Ritter voruͤber, ge⸗ harniſcht und derb, den Falken auf der Fauſt, und ſieht hinuͤber zum Brunnen und zu den Frauen. Nachdem Erwin das Bild lange betrachtet hatte, ſagte er, auf den Ritter zeigend: Der ge⸗ faͤllt mir; das iſt ein Mann, wie ich einer ſein moͤgte. und als der Fuͤnſtler darauf ſchwieg, fuhr er fort: Mir daucht, Sie haben den ritterlichen Helden mit beſonderer Liebe gemalt; das Uebrige verſchwindet faſt neben ſeinem Glanze. Videbant ſah ihn einen Augenblick emdet an, und ſagte: Alſo Ihnen kommt das auch ſo vor? Es iſt ſchon mehreren ſo gegangen; mir thut das ſehr leid; und noch dazu iſt es nicht einmal wahr; aber Sie haben doch eigentlich auch keine Schuld, wenn Sie ſich irren. Es iſt nur das verkehrte Glas der Zeit, wodurch Sie das Bild ver⸗ kehrt ſehen.— Erwin, welchem dieſe Rede nicht verſtaͤndlich war, begehrte eine Rachweiſung des ihm vorgeworfenen Irrthums, worauf Jener verſetzte: ehe ich die gebe, mögte ich wiſſen, ob Sie das Bild auch ganz angeſehen haben, und wofuͤr Sie es halten. 4 106 Es ſoll wohl eine Anſpielung auf das deutſche Mittelalter ſein— ſo etwas aus den Nibelungen, oder dergleichen? Videbant konnte ein ſchmerzliches Laͤcheln nicht verbergen: Ja, ſo etwas dergleichen. Nun, Sie haben wenigſtens von der Idee meines Bildes etwas gefaſſt, wenn gleich Ihre Worte keinen ſon⸗ derlichen Reſpect davor verrathen. Aber das wun⸗ dert mich im Grunde auch gar nicht; im Gegen⸗ theil, es kann kaum anders ſein. Wenn ich mich bemuͤht habe, die geiſtigen Elemente jenes ſchoͤnen Zeitalters hier zu einem Ganzen zu vereinigen, ſo iſt der Ritter allerdings eine unentbehrliche Erſchei⸗ nung. Indeſſen das eiſerne Ritterthum mit ſeinem geraden Stolz und ſeiner ſchlagfertigen Kuͤhnhei war doch nur die untere feſte Grundlage, und gleichſam der Boden fuͤr die Bewegung hoͤherer Geſtalten. Unſer Geſchlecht aber iſt in Unterdruk⸗ kung, Eigennutz und Schlaffheit ſo tief verſunken, daß es mit ſeinen ſtumpfen Blicken nur eben an dieſes niedere Fußgeſtell hinanreicht, und ſelbſt dazu ſchon einer Anſtrengung bedarf, worauf es ſich Wunder wieviel einbildet. Von dem Hoͤheren aber, welches ihm unſichtbar bleibt, hat es in ſeinem 5 107 ausgetrockneten Herzen nicht die mindeſte Ahndung. Wie ſollten auch unter dieſer ſchmaͤhlichen Knecht⸗ ſchaft Begriffe von Freiheit und Tugend ſich leben⸗ dig erhalten? Und wo der ungeheuerſte Despotis⸗ mus die bange Zeit und ihre ſtummen Sklaven⸗ horden in wuͤthender Eile vor ſich her peiſcht, wie faͤnde Andacht und Beſinnung irgend einen Raum, um die zerſtoͤrten Altaͤre der heiligen Kunſt wieder aufzurichten? Glauben Sie denn, erwiederte Erwin, daß die Zeit jemals langſamer gegangen ſei? Ihr Flug iſt der nämliche wie vor Jahrhunderten. Sie hat nur einen neuen Mantel umgethan, deſſen Falten uns einhuͤllen und mit ihrem ungewohnten Rauſchen betaͤuben.— Er glaubte hiemit einen großen Aus⸗ ſpruch gethan zu haben, und blickte den Kuͤnſtler triumphirend an. Fuͤr dieſen aber hatte dieſe hochgeworfene politi⸗ ſche Leuchtkugel nicht den geringſten Glanz, und weit entfernt, durch ſie geblendet zu werden, ver⸗ ſetzte er: Das mag von Ihrem Standpunct aus eine richtige Anſicht ſein. Ob ſie Ihnen vielleicht gar eine Troͤſtung oder Hoffnung gewährt, das weiß ich nicht, da ich nicht weiß, was Sie vom 108 Leben wollen, und wie mannigfaltig Ihre Beſtre⸗ bungen ſind. Aber wer ſich, wie ich, nur dem Dienſt einer einzigen Gottheit gewidmet hat und ihr geiſtiges Weſen ſogar von der frecheſten Roh⸗ heit ͤberwaͤltigt ſieht, ſoll der nicht vor der Gefahr ſeiner eigenen Vernichtung erſt zittern und dann grimmig dagegen aufſtehn? Aber Ihre Beſorgniß, ſagte Erwin, ſcheint mir ungegruͤndet. Viel glucklicher und freier als wir andern, laſſen Sie den Strom der Zeit drauſſen an Ihrer Werkſtatt voruͤberrauſchen, und leben auſſerhalb der Begebenheiten in Ihrer eigenen Welt. So?— Sie meinen alſo wohl, der Pinſel ar⸗ beite etwa in der Art, wie eine Spinnmaſchine, und das Entbehrlichſte am Kunſtwerk ſei des Kuͤnſt⸗ lers Sinn? Bin ich nur eine mechaniſche Strei⸗ cherhand, und nicht als Maler auch ein Menſch, in deſſen Geiſt die Bilder der Begebenheiten ſich aufs Klarſte abſpiegeln? Hab' ich kein Vaterland und kein Gefuͤhl fuͤr ſeine Noth? Die Freiheit, weſſen Element iſt ſie, wenn nicht meines? Wo aber die Gedanken in Feſſeln liegen, wo die Geiſter ſich beugen, und alle Herzen bluten; ſoll der Kunſt⸗ . 109 — ler da gleichguͤltig darein ſchauen? Oder ſoll er bewußtlos Tyrannen und Sklaven mit derſelben Liebe malen, als die Heiligen, deren Abbildung ſein froͤmmſtes Gebet iſt? Ja, glauben Sie mir, es iſt eins von den ſchlimmſten Zeichen der Zeit, wenn ſie die Kunſt zu ihrer Sklavin und Buhlerin herabwuͤrdigt. So war es damals nicht, fuhr er fort, indem er ſich gegen das Bild wandte. Muſik, die die Tiefen der Seele aufſchließt, und uͤber Leid und Freude und uͤber die Demuth vor dem Hoͤchſten, wie uͤber heilige Harfen dahinrauſcht; die goͤttliche Poeſie, in deren Schooß die Kunſt ruht, die den Geiſt auf Adlerfittigen emporſchwingt; und ſie, der andern innige Schweſter, ſie, welche Liebe, Anbe⸗ tung, Sehnſucht und der wunderbaren Traͤume holde Fuͤhrerin zugleich iſt, welche mit ſuͤßer Weh⸗ muth Vergangenes und Zukuͤnftiges beſchaut, und am reinen Born der Wahrheit ſinnend, Gott und den Gedanken der Ewigkeit denkt;— auf freier Erde wandelten ſie, ſchoͤn in der ſtillen Uebung ihrer gluckſeligen Beſtimmung, ſchoner noch, daß ſie ihre Schoͤnheit wußten, ohne ſie zu be⸗ trachten. 110 Erwin hörte dem begeiſterten Kuͤnſtler mit Verwunderung zu, und gab ſich der Ruͤhrung willig hin, in welche ſeine herzliche Klage ihn verſetzte. Als aber Videbant plotzlich abbrach und in ein duͤſtres Schweigen verſank, ſagte er: Sie reden wie von einem goldenen Zeitalter, und vergeſſen ganz, daß eben das Mittelalter mehr vielleicht als manche andre Zeit, ſeine Noth und Gebrechen, ſeine Stuͤrme und Kriege hatte, und eben der Kunſt wohl gar nicht beſonders foͤrderlich und heilbrin⸗ gend war. Ja, was man heut zu Tage Kunſt nennt, die ausgeſtopfte Puppe, die man in Akademien und Muſeen angafft, die Auslegerei dazu, der ganze heidniſche Goͤtzendienſt. Muß ich es wiederholen? mit pinſeln und hauen, mit Compoſitivn und Ef⸗ fect iſts nicht gethan; und alle Kunſtreiſen und Kunſtbuͤcher bringen keinen Huark zu Stande⸗ Alle Treibhaͤuſer in der Welt ſchaffen keine neue Blume, und das Verpflanzte kraͤnkelt doch unter dem erlogenen Clima. Aber jene Zeit war groß, das Geſchlecht friſch, treu und muthig; der Menſch war fromm und beſcheiden, und der Gedanke rein.— Es iſt ein ſchmerzlicher Troſt, und eher 1 6 11¹1 die vergebliche Sehnſucht nach etwas Unerreichba⸗ rem; aber wenn ich mir die Welt ſo zerriſſen und ungluͤckſelig denke, wenn ich an mir ſelbſt ver⸗ zage; wenn mein eignes Wollen und Schaffen mir gleich unvollkommen und verkehrt erſcheint; und ſch dagegen auf das Leben der alten frommen Maler hinſchaue, wie ſie mit Gebet und Demuth in ihrem heiligen Gebiet lebten, wie Religion, Einfalt und Schoͤnheit gleich drei himmliſchen Stroͤmen ſich in einen ſtillen See zuſammengoſſen auf deſſen klarem Spiegel der beſcheidene Nachen ihres ſelbſtvergeſſenen Daſeyns ſchwamm; und wie ſie an ihrem herzvollen Thun eine ſo liebe Gott wohlgefaͤllige Freude empfanden— ja, da geht mir dann das beklemmte Herz auf, und ich waͤrme mich eine Weile an dem milden Schein ſolcher Lebensſonne, bis ich nach kurzem Traum gewahr werde, daß ſie laͤngſt untergegangen iſt, und ich im troſtloſen Dunkel allein ſitze und friere.— Laſſen wir's, laſſen wir es denn. Jene Zeit iſt vorbei, und wir muͤſſen leben wie wir koͤnnen. Das letzte ſagte er mit merklicher Anſtrengung, und tief aus dem Herzen heraus. Er wollte von dem Geſpraͤch los, und legte ſeinem Gaſt andere 4¹2 gluͤcklich gedachte und mit Liebe ausgefuͤhrte Bil⸗ der vor. Das Geiſtige darin war aber allenthalben von einer ſolchen Reinheit des Gedankens und einer ſo geheimnißvollen Anmuth warmer Froͤm⸗ migkeit gleichſam durchleuchtet, daß von dieſen Gegenſtaͤnden Sinn und Blick unwillkuͤhrlich immer wieder nach dem großen nah verwandten Gemaͤlde hin irrten. Es war, als ſaͤhe man eine gluckliche Mutter von lieblichen Kindern umgeben; und doch eigentlich waren es wohl eher wuͤrdige Vorfahren, die einen beſonders vorzuglichen Enkel mit Ver⸗ gnügen betrachteten. Erwin blickte hin und her, es ruͤhrte ſich fremd und maͤchtig in ſeinem Innernz er fuͤhlte ſich zugleich dumpf und klar, wie in einem Traum der zwiſchen Schlaf und Wachen ſchwebt. Indem ſiel ſein Blick an die Wand und auf jene widerſprechenden Malereien, woruͤber er ſich mehr noch als vorhin, und jetzt recht unwillig verwunderte. Mußte er nicht den Maler, der ſo gottſelige Reden fuͤhrte, und ſeine Wäͤnde mit ſo leichtfertigen Bildern verhoͤhnte, als einen Heuch⸗ ler verachten?— Er konnte nicht umhin, ihm ſein Befremden uͤber jene ſeltſamen Gruppen zu eroͤff⸗ nen; aber Videbant rechtfertigte ſich auf eine ſehr genuͤgende Weiſe. 113 Dieſe wunderlichen Einfaͤlle ruͤhren nicht von mir her. Ich lebte eine Zeitlang hier mit einem ſehr geliebten Freunde das ſonderbarſte Leben von der Welt. Nie habe ich bei einem ſo reinen Herzen einen ſo abentheuerlichen Kopf geſehen. Eine aͤhn⸗ liche ſtets wild unter ſich freſſende, ſtill fortbren⸗ nende Wuth uͤber die Narrheiten und Schlechtig⸗ keiten der Menſchen, exiſtirt wohl kaum noch in der Art. Ihm war das gewoͤhnliche, herkoͤmmlich dumme Treiben der Geſellſchaft und des buͤrgerli⸗ chen Lebens ſo tief verhaßt, daß er mir oft recht ernſtlich vorſchlug, wir ſollten zu Schiffe gehen, und in der Suͤdſee eine unbewohnte Inſel aufſuchen⸗ Er konnte mit Entzuͤcken es weitlaͤufig ſchildern, wie wir dort einſam leben, immerfoet malen und fern von der Welt ſterben wollten. Er erſtickte faſt vor Lachen, wenn er erzaͤhlte, wie dann nach zwanzig oder mehr Jahren ein Schiff an jene Inſel verſchlagen, wie das Matroſenolk und der Capitaͤn uͤber dieſe unbegreifliche Bilderſammlung erſtaunen, wie man ſchrecklich gelehrte Buͤcher uͤber eine ſolche raͤthſelhafte Entdeckung ſchreiben, und ein Weltwunder daraus machen wuͤrde. Mit ſolchem Zeug konnte er ganze Tage vertraͤumen. Dann 8 11⁴ war er wieder angeſtrengt fleißig; aber zwi⸗ ſchen ſeinen ernſthafteſten Arbeiten war ich keinen Augenblick ſicher, daß er mir nicht irgendwo eine Poſſe hinpinſelte. Fuͤr dieſe Wandſchnurren wie er ſie nannte, hatte er nun vollends die unbezwinglichſte Liebhaberei; und war ich einmal einen halben Tag ohne ihn ausgegangen, ſo konnte ich darauf rechnen, daß mich aus allen Ecken die verruchteſten Geſichter bewillkommten. Mir war das manchmal ent⸗ ſetzlich unangenehm, und als es zu toll wurde, machte ich einen foͤrmlichen Vertrag mit ihm; wo⸗ nach das, was ich geradezu fuͤr unſinnig und gott⸗ tos erklaͤrte, nicht laͤnger als einen Tag dauern ſollte. Dagegen mußte ich alles andere hingehen laſſen. Was Sie jetzt hier noch ſehen, iſt nichts gegen das, was ich ausgeſtrichen habe. Dann ſtellte er ſich mit der Violine hinter mich, ſpielte einen klagenden Todtenmarſch und ſang die wehmuthigſten Lieder uͤber den Meuchelmord, den ich an ſeinen Kindern begieng. Hft ſtand er um Mitternacht auf, gieng mit einer Laterne und einem alten Degen im Zimmer herum, und beſchwor die Geiſter der von mir Erpinſelten, wie ſein Mordausdruck war, ſich um mein Bett zu verſammeln und den Lodſchlag 1¹5 5 zu raͤchen.— So war er immer voll Fratzen und Thorheiten; aber dabei ein Gemuͤth, wie keines mehr. Vor einem halben Jahre ging er fort. Er konnte es hier nicht aushalten, und zog voraus nach Rom, um mir dort, ſagte er, ein Quartier zu beſtellen, und beſonders die Waͤnde ordentlich zu decoriren. Ich waͤre gleich mit ihm gereiſt, wenn mich nicht eben damals der Graf Serraval durch mancherlei Beſtellungen und Verheiſſungen aufge⸗ halten haͤtte. Jene habe ich beſorgt, auf dieſe mag ich nicht laͤnger warten; dies Bild iſt in wenig Tagen vollendet, und dann nehme ich den Wanderſtab in die Hand, und ziehe auf gut Gluͤck gen Suͤden. Haben Sie dies Bild fuͤr den Grafen gemalt? fragte Erwin. Behuͤte, verſetzte Videbant. Solch ein Bild macht ſich nicht auf Beſtellung, und am wenigſten auf Beſtellung vom Grafen, der es nur meine wahnwitzige Romanze nennt. Aber er will es doch fertig ſehen, und ich fuͤrchte beinah, er behaͤlt es am Ende. Sie fuͤrchten? Muß es Ihnen nicht eher lieb ſeyn, Ihr Werk in dem Beſitz eines ſo einſichts⸗ vollen Kunſtfreundes zu wiſſen? * 116 Was die Kunſtfreundſchaft angeht, ſo ließe ſich daruͤber manches ſagen. Mir iſt nur zu oft deut⸗ lich geworden, daß der Graf glaubt, er koͤnne, vermoge ſeiner Ueberlegenheit den Fuͤnſtler mit ſamt der Kunſt als ein Objekt ſeiner Unterhaltung betrachten. Dazu aber gab ich mich nicht her; obgleich ganz andre Leute ſich das naͤmliche von ihm gefallen laſſen. Allein auch im Allgemeinen iſt der Verkauf eines Bildes etwas Trauriges. Fuͤr die Kunſtliebhaber, ja fuͤr die Kunſt ſelbſt iſt es doch gut, daß nicht alle Kuͤnſtler wie Sie denken, verſetzte Erwin, und fragte nach dem Preiſe des Gemaͤldes. Videbant nannte ihn, dann ſagte er: Der plumpe Mammon, welcher allenthalben den Sieg uͤber den Geiſt davon zu tragen ſcheint, hat den ſchwerſten Fluch auf uns gelegt. Unſte gewoͤhnliche Armuth verdammt uns zu einem Seelenhandel, gegen den wir in unſrer Ohnmacht vergebens pro⸗ teſtiren. Was wir im Innerſten tief empfunden, und voll Eifer aus uns herausgebildet haben, ein wahres Stuͤck unſtes eigenen Selbſt, zwar abge⸗ loͤſt, aber doch innig mit uns zuſammenhaͤngend; das muͤſſen wir fuͤr ein kaltes Metall hingeben— „ —— „ 117 großer Gott, an welche Menſchen oft! und wozu? — um derweilen zu leben, bis aus unſerem Da⸗ ſeyn eine neue geiſtige Schoͤpfung entſtanden iſt, von der wir uns dann abermals mit blutendem Herzen trennen muͤſſen. Und ſo gehts immer fort. Erwin uͤberhoͤrte dieſe Reden. Das große Bild mit ſeinem Farbenglanz und geheimnißvollem Zauber feſſelte ſeine Sinne und ſein Gemuͤth. Er haͤtte es gern beſeſſen. Aber leider erſt am vorigen Abend hatte der gruͤne Tiſch beim Grafen ihn um bedeutende Summen gebracht; von Hauſe erwar⸗ tetes Geld war ausgeblieben; ſchon mit Verlegen⸗ heit ſah er dem Verfalltag eines anſehnlichen Wechſels entgegen. So uͤberſtieg die maͤßige For⸗ derung ſeine Kraͤfte doch bei weitem. Er mußte den Wunſch, wie ſchwer auch, aufgeben, und ſich von dem Bilde trennen, deſſen wunderſame Geiſter in ſeiner Seele einen Sturm hochfliegender Ge⸗ danken erregt hatten. 6. In den eintoͤnigen Kreislauf des Hofes, welcher nach den uͤberſtandenen Vermaͤhlungsfeierlichkeiten, den ſeidenen Tapeten ſeiner Saͤle aͤhnlich, ſtets „ 118 nur dieſelben Scenen wiederholte, brachte eines franzoͤſiſchen Marſchalls ploͤtzliche Ankunft die merk⸗ wuͤrdigſte Diverſion. Wo zu jener Zeit ſolch ein Satrap des Welteroberers durchzog, da glich ſeine Erſcheinung der eines Cometen, von dem das bange Volk die Zertruͤmmerung ſeiner Huͤtten und den Einſturz des uͤbrigen umherliegenden Theils der Erde befuͤrchtet. Die Reſidenz kam in reſpect⸗ vollen Allarm. Der Hofmarſchall war raſtlos von ſeinem Hauſe unterwegs nach dem Schloſſe, um die verſchiedenartigſten hoͤchſten Befehle einzuholen; Lakayen und Furiere rannten ſich faſt die Beine ab; und wer in der Naͤhe eines ſo furchtbaren Gaſtes noch wagte von Politik zu ſprechen, der nutzte auf einmal ſeinen ganzen Scharfſinn an den feinſten Auslegungen von der Bedeutung dieſes unerwarteten Beſuches ab. Einige Unvernuͤnftige meinten dennoch, zwar in der Stille, man ſolle mit dem Fransoſen nicht ſo viele Umſtaͤnde machen; im Herzen lache er nur daruͤber, und es werde nichts gewonnen, als die Schande der Demuthi⸗ gung. Aber die kamen ſchoͤn an bei den Klugen und Lenkern des Staats, welche die große Lehre predigten, man müſſe ſich in die Umſtaͤnde ſchicken, 119 der Marſchall gelte ungemein viel bei dem großen Kaiſer, durch Höoͤflichkeit erreiche man alles von den Franzoſen; und gegen dieſen koͤnne man gar wohl ein paar Complimente mehr machen, wenn man ihn dadurch bewege, ſein Armeecorps um das Land herum marſchiren zu laſſen.— Darauf werde er nicht eingehen, auch habe der Marſchall gar keine Macht uͤber die Richtung der Marſche, welche von ganz andern Leuten vorgeſchrieben wuͤrde, verſetzten Jene; allein Herr von Pranken, der mit allem, und eben ganz vorzuglich mit dem Ge⸗ neralquartiermeiſterweſen der franzoͤſiſchen Armee auf das Genaueſte bekannt war, erklaͤrte, daß gerade eine ſolche Entſcheidung lediglich von dem Marſchall abhaͤnge; und gab dadurch vermoͤge ſeines Einfluſſes auf den Hofmarſchall und ſeines Anſe⸗ hens beim Fuͤrſten, den Ausſchlag fuͤr das zuvor⸗ kommendſte Benehmen gegen den erhabenen Fremd⸗ ling. Der Hof ſtrahlte in vollem Glanze; und wenn gleich die Kammerherrn es unanſtändig fanden, daß faͤmmtliche Damen ſich in der lebhafteſten Unter⸗ haltung mit den imponirenden Stabsoffizieren und leichtfuͤßigen Adjutanten des Marſchalls ungemein 120 wohl gefielen, und weit mehr die blanken Kriegs⸗ maͤnner als ihre geſtickten Gallakleider im Auge hatten; ſo ertrugen ſie doch, im Gefuͤhl ihrer Wüͤrde und ihrer Verpflichtung zu geſchmeidiger Haltung, als Maͤnner dieſes Schickſal, und ſuch⸗ ten ſich den martialiſchen Gaͤſten von der vortheil⸗ hafteſten Seite zu zeigen. Thaten ſie daran ohne⸗ hin ſchon ſehr wohl, ſo erfüllten ſie obendrein noch ihre Beſtimmung, indem ſie ihren Gebieter ſorg⸗ fäͤltig nachahmten. Dieſer ſtand in der Mitte des Saals bei dem Narſchall und hoͤrte aufmerkſam und wohlwollend deſſen Erzaͤhlung von ſeinem Feld⸗ zug in Spanien und die Verſicherung an, daß der ohnmächtige Trotz jener Rebellenhorden in den letz⸗ ten Zuͤgen laͤge. Erwin war wie vernichtet unter dieſem Ge⸗ ſumſe. Schmerz, Grimm und Reue wuͤhlten in ſeiner Seele. Er hatte nie vorher geglaubt, daß er ſich ſo elend fuhlen konnte. Das Kleid, welches er trug, der Platz wo er ſtand, duͤnkten ihm die ſchmaͤhlichſten Zeichen eines veraͤchtlichen Sklaven⸗ thums. Neben ihm ſchnaubte ein ſchwarsbaͤrtiger Dffizier, der ihn zuweilen uͤber die Schultern an⸗ ſah, als ob er von dem Kammerjunker eine hofliche 121 Anrede erwarte. Aber ſollte er dieſem, auch einem dienſtbaren Knecht des Welttyrannen, zulächeln, weil eben ſein Fuͤrſt dem Marſchall ein verbindli⸗ ches Laͤcheln widmete? Er ging raſch an die andre Seite des Saals, als haͤtte er dem Grafen Serra⸗ val das Wichtigſte zu ſagen. Dieſen aber fand er im lebhaften Geſpraͤch mit einem breiten Oberſten; er hoͤrte die Namen Malta, Calabrien, Almonacid, Tarragona, und zog ſich traurig zuruͤck, da er nicht mitteden konnte, noch wollte. Zornige Ge⸗ danken brannten in ſeinem Gehirn, ſchneidende Worte zitterten auf ſeinen Lippen; und unterwuͤrfig ſollte er dieſe unwilligen Gefangenen in ihre dumpfe Hoͤhle zuruͤcktreiben?— Den Kammerherrn von Paſer, welcher an ihm vorbeiſchritt, faßte er beim Arm mit den Worten: Sollten wir nicht unſre geſtickten Schabracken vom Leibe reiſſen und dieſe Franzoſen damit ins Geſicht ſchlagen, daß es einen Auftuhr gaͤbe, und wir der Schande im Blut los wuͤrden? Was? wenn wir unſre kleinen niedlichen Degen ſo auf einmal dem ſchwergewappneten Heer⸗ fuͤhrer in den Leib bohrten?— Paſer lächelte etwas dumm, und fragte: Wen meinen Sie?— Da dieſe, unſte blanken Scharfrichter! Schaͤmen Sie ſich denn nicht ein wenig, daß Sie vor dem uͤbermuͤthigen Volk ſo pflichtſchuldigſt herumtanzen muͤſſen?— Herr von Paſer ſagte: ich weiß doch nicht; und fort war er. Er hatte mehr zu thun, als Erwins unvernuͤnftige Reden anzuhoͤren. Ihm war es ſehr verdrießlich, daß der Marſchall ihn noch keines Blicks gewuͤrdigt hatte. Und wie ver⸗ kehrt! Eben er war am ganzen Hofe noch der Einzige, mit dem der Marſchall ein intereſſantes Geſpraͤch fuͤhren konnte. Hatte er nicht vor meh⸗ reren Jahren eine Reiſe nach Spanien gemacht, und ſogar die Sierra⸗Morena von weitem geſehen? — Jetzt zog der Fuͤrſt den Grafen Serraval ins Geſpraͤch mit dem Marſchall und entfernte ſich dann zu den Damen. Nun war anzukommen. Pa⸗ naͤherte ſich mit der abſichtloſeſten Miene, und faßte gluͤcklich den alten Oberjaͤgermeiſter, der ſich moͤrderlich langweilte. Dieſem erzahlte er ſo laut, als das milde Saͤuſeln ſeiner Stimme es nur er⸗ lauben wollte, von den großen Thaten des vorigen Koͤnigs von Spanien auf der Wolfs- und Sau⸗ jagd; er ließ die Namen Madrid, Buen⸗Retiro, Prado moͤglichſt oft im Fluß ſeiner Rede einher⸗ ſchwimmen, und verlor den Marſchall dabei nicht ———— 123 aus den Augen. Als aber alles nicht wirkte, griff er im Zorn zu einem unfehlbaren Mittel und reci⸗ tirte dem ehrlichen Nimrod, der gar nichts von dieſer gelehrten und zuthunlichen Unterhaltung be⸗ griff, mit Emphaſe eine ſpaniſche Romanze. Das half. Aber auf eine ſchreckliche Weiſe. Der Mar⸗ ſchall, deſſen Erinnerungen an das Land der Ro⸗ manzen und der Guerilla's nicht die angenehmſten ſein mogten, ſah ſich verwundert nach dem Decla⸗ mator um, und richtete eine lebhafte Frage an den Grafen Serraval. Auf deſſen Antwort er⸗ folgte ein zweiter Blick des Marſchalls, der den Kammerherrn vom Kopf bis zur Zehe ſtarr machte. Gleich darauf ging der Marſchall ſcharf an ihm vorbei, und wie beſcheiden auch der Angeblickte ſich zuruͤckzog, ſo traf der klirrende Saͤbel doch den Leichdorn im knappen Schuh mit einer Gewalt, daß der Leichdorntraͤger beinah gegen alle Etikette durch einen entſetzlichen Schrei rebellirt hätte. Aber er trug es und ſchwieg. Der Feldmarſchall, oder wie man ihn ſonſt nennt, ſagte der dicke Jäger⸗ meiſter, iſt wohl ſehr lebhaft?— Herr von Paſer erwiederte: ich weiß nicht; und gieng ins Vorzim⸗ mer, um ſich zu erholen. 124 Erwin ſah troſtlos in dem Saal umher, der ihm wie ein Gewoͤlbe voll Kerkermeiſter und Ge⸗ fangener vorkam. Fraͤulein Adamine, fur deren geiſtreiche Reden Graf Serraval heute keine Muße zu haben ſchien, laͤchelte ihn ganz freundlich an; aber er ging ſtols an ihr vorbei zur Frau von Lambiel, die ihm jedoch nur mit halbem Ohr zuhoͤrte und zerſtreut antwortete. Sie kannte den Marſchall aus fruherer Zeit her; jetzt eben trat er mit einer wohlklingen⸗ den Phraſe heran, und die ſchone Frau war ganz Aufmerkſamkeit fuͤr den glänzenden Feldherrn. Ser⸗ raval kam dazu, man erzaͤhlte von Paris, von Rom, und aus Erinnerungen, Anſpielungen und Redensarten machte ſich ein lebhaftes Geſpraͤch, neben welchem Erwin ſo verloren und uͤberſehen da ſtand, als waͤre er der wildfremdeſte unbedeu⸗ tendſte Menſch. Er biß ſich auf die Lippen, that unentſchloſſen ein paar Schritte, und bemerkte nun erſt Valerien, die ihn beobachtete. Nach einer gleichgultigen Anrede fragte er verdrießlich: Wie gefällt Ihnen dieſer prächtige Abend? Das iſt es nicht, erwiederte ſie, was Sie ſagen wollen; aber ich merke ſchon lange, Sie koͤnnen 125 das rechte Wort heute Abend nicht finden, und muͤſſen doch daran, wie bitter es auch ſei. Das rechte Wort? verſetzte er— und das iſt? Muß ich Ihnen am Ende noch darauf helfen? unterthäniger Diener! muͤſſen Sie ſagen, und weiter gar nichts. Sie ſprechen in Raͤthſeln, ſchoͤne Sphinr. Das thaͤte mir leid fuͤr ihren Scharfſinn. Aber es iſt nur das Wort, vor dem Sie ſich ſtraͤuben. Im Herzen fuͤhlen Sie es recht gut, daß Sie alle, wir alle die ſehr unterthaͤnigen Diener dieſer Herrn ſind, die mit unſern Ketten ihre inſolenten Spaͤße treiben. Gehen Sie doch hin, und ſagen Sie: unterthaͤniger Diener. Ihr Scherz iſt grauſam, aber ſchrecklich wahr. Gott behuͤte mich vor Scherz bei ſolchem An⸗ blick. Ich bin noch nicht ſo weit in der Philoſophie, daß ich dazu lächen koͤnnte, wenn mich der uͤber⸗ muͤthigſte Hohn verwundet. Erwin ſah ſtaunend auf das ſchoͤne Maͤdchen. Der edle unwille in den milden Zuͤgen verklärte das liebliche Geſicht mit uͤberirdiſchem Reiz. Ihm war an ſeinem Herzen, als gieng eine Rinde los, und eine himmliſche Glut flammt unwiderſtehlich 126 hinein. Das iſt ſie! rief es laut in ihm, und dieſelbe Stimme fluͤſterte ihm zu: Ruͤhrt ſich denn wohl hinter allen jenen hohlen und vornehmen Masken nur die Ahndung eines ſo wuͤrdigen Ge⸗ dankens, den allein dieſer reine Mund ausſprechen durfte? Und ſo aus meiner Seele in meine Seelez — eine Flamme welche ſich zum kLicht wendet? Wenn eine ſchwarze Nacht ſchwer und unfreund⸗ lich uͤber uns herein haͤngt, und nun plotzlich die dicken Wolken irgendwo auseinander reiſſen; dann blickt wohl ein einzelner Stern auf Augenblicke durch, und ſein erfreulicher Strahl erinnert den Menſchen, daß uͤber der Finſterniß doch der Him⸗ mel klar und voller Sterne thront, und daß der nicht verzagen ſoll, dem ein ſolcher Glanz noch ins Herz leuchtet. Die Gedanken, welche einer lebhaft bewegten Bruſt aus einer andern erwiedert werden, wachſen doppelt ſtark in ihr. Erwin konnte dieſen Abend nun ertragen. Mogte er die inſolente Herablaſſung der ſtolzen Fremdlinge nun wie ein ſtechend kaltes Hagelſchauer auf die unterthaͤnige Flur der rings gegen ſie verbeugten Koͤpfe herabfallen ſehen; mogte Frau von Lambiel fuͤr ihn keinen Gruß, 127 und Serraval keine Aufmerkſamkeit haben; er bekuͤmmerte ſich nicht weiter um den Fuͤrſten, wel⸗ cher ſich in der ſtillen Haltung ſeiner Wuͤrde, nicht um den alten Onkel, welcher ſich in der uͤberdach⸗ ten Leitung dieſer wichtigen Momente groß fuͤhlte; er ließ alles laufen und ſchnarren, und war unzer⸗ trennlich von Valerien. Sie ſprachen nur ein⸗ zelne Worte zuſammen; aber, wie Blumen, welche nach oberflaͤchlicher Anſicht die verſchiedenartigſte Geſtalt zeigen, doch im Kelch das geheimnißvolle Gepraͤge ihrer innigen Verwandtſchaft tragen, ſo war jedes Wort gleichſam in den Gedanken getaucht: wir verſtehen uns vollkommen! Und zuͤndende Blicke thaten das Uebrige. Als Erwin am andern Morgen kam, um den beiden Fraͤuleins ſeinen Beſuch abzuſtatten, hieß es, ſie waͤren oben. Das Vorgemach ſtand offen, der Saal aber worin ſie ſich vor Tiſch gewoͤhnlich auf⸗ zuhalten pflegten, war leer, der Fluͤgel zugeſchloſſen, auf den Tiſchen lag keine Arbeit; die Federballe und Rakets ſteckten unangeruͤhrt am gewohnten Platz neben dem Spiegel; lauter Zeichen von einer weiten Abweſenheit der Damen. Indeſſen war es doch ſchon hoch am Tage, obgleich zum Spasie⸗ 128 rengehen noch zu fruͤh. Er gieng zur Seite hin⸗ aus uͤber den breiten Gang. Auch da war alles ſtill. und jetzt ſtand er vor Valeriens Zimmer. Als dem nahen Verwandten war ihm die Erlaub⸗ niß zum Eintritt in die Wohnungen ſeiner Couſinen allerdings foͤrmlich ertheilt worden; aber wenn er dieſe einzeln einmal zufallig benutzt hatte, ſo waren ſie immer zu zweien, oder in Geſellſchaft der alten Fraͤulein Conventualin geweſen, welche als eine Art Duenna uͤber die liebe Jugend wachte; und, was die Hauptſache war, er hatte ſich bei dieſer Einräumung nichts beſondres gedacht. Nun ſiel es ihm ſelber auf, daß er mit einer merklichen Herzensbeklemmung die Thuͤre anſah, und kaum anzuklopfen wagte. Vielleicht ſtand er noch lange ſo, wenn nicht um die Ecke des Ganges die Kam⸗ merjungfer mit einem Bedienten kam, der einen praͤchtig bluͤhenden Roſenſtock trug. Jetzt ſah er ſich gezwungen, hinein zu gehen. Fuͤr alle Praͤmien der Welt hatte er in dieſem Augenblick die Preis⸗ aufgabe nicht zu loͤſen gewußt, warum er ſich denn eigentlich ſo verlegen fuͤhlte, und gern zehn Meilen weit vom Platze geweſen waͤre? Auch Valerie empfing ihn mit einer ungewohnten Befangenheit, 129 und ſuchte dieſe hinter den Roſen zu verbergen. Es war, als ob die zarte Blume der Liebe ihren Wan⸗ gen die Farbe der reizenden Verwirrung anhauchte, worin ſie die Augen kaum gegen den aufsuheben wagte, der ſo unerwartet und doch ſo gern geſehen vor ihr ſtand. Erwin wollte, wie es ihm ſonſt gelaͤufig war, durch witzige und ſchmeichelhafte An⸗ ſpielungen von den Blumen auf ſie, eine heitere Unterhaltung zu Stande bringen und den Zauber der Verlegenheit loͤſen. Valerie wollte gleichfalls eine unbefangene Stimmung zeigen; aber eben, weil beide daſſelbe wollten und nicht konnten, wuchs das Gegentheil maͤchtiger. Es giebt Geſpraͤche und Mittheilungen, wovon entweder die Anknuͤpfung der innigſten, oder die Aufhebung aller Verhaͤlt⸗ niſſe die nothwendige Folge iſt. Dazwiſchen kein Drittes. Zwei Perſonen, unter denen ploͤtzlich ein inniges Vertrauen aufbluͤht, ſind Wanderern gleich, welche ihr Pfad uͤber eine ſteile ſchmale Klippe fuͤhrt; ſie muͤſſen ihn im Auge behalten, und muͤſſen ihn gehen, ſie moͤgen nun vorwaͤrts oder zuruͤck wollen. Daß Erwin zu Valerien, und ſie zu ihm in der Tiefe der Seele ſprechen konnte: Weißt Du, wie wir geſtern mit einander waren? Und 9 2 130 daß beide dieſes von einander wußten und dachten, das ließ keine Ausflucht und keine Heuchelei, als wenn nichts geweſen waͤre, aufkommen. Sie muſten in das geſtrige Vertrauen zuruͤhkehren; wo nicht, mit Erbitterung von einander ſcheiden. Dieſe Ue⸗ berzeugung ſtellte bald alles her; die Scenen des vorigen Abends gaben den Stoff zur Erlaͤuterung ihrer im Angeſicht derſelben gewechſelten Worte. Man theilte ſich freier mit, was man dort nur an⸗ deuten konnte; man war froh und herzlich zufrie⸗ den mit einander; und Valerie ſah ein Geſchenk und einen Wink der Vorſehung darin, daß eben er unter vielen der eine Mann ſeyn mußte, der ihre Geſinnungen gegen die Unterdruͤcker des Va⸗ terlands ſo unbedingt und lebhaft fuͤr die ſeinigen erklaͤrte. Erwin hatte waͤhrend des Geſpraͤchs ſeine Augen auf das ſchoͤne Bild geworfen, welches dem Sopha gegenuͤber hing, und Valeriens Mutter vorſtellte. Er bemerkte zum zweitenmal daran eine Sonderbarkeit, welche ſchon fruͤher ſeine Neugierde rege gemacht hatte. Jene Wand, ſagte er, iſt weder Morgens noch Mittags der Sonne ausge⸗ ſetzt; und Sie haͤtten gar nicht nöthig, es ſo angſt⸗ 131 lich zu verwahren. Auch erinnere ich mich, ſogar Abends den ſeidenen Vorhang geſehen zu haben, der es jetzt wieder verhuͤllt. Ueberdies iſt es von Ihnen gewiß keine Nachlaͤſſigkeit, daß der Vorhang nur zur Haͤlfte heruntergelaſſen iſt. Allem, was Sie thun, liegt eine Idee von ſehr feinem Ge⸗ halt zum Grunde. Theilen Sie mir dieſe mit. Valerie wollte ausweichen, und die Sache als etwas Gleichgultiges darſtellen, aber ſie konnte gegen ſeine zweifelnden Blicke die Rolle nicht mehr durchfuͤhren, und ſagte endlich: Es waͤre ſehr trau⸗ rig, wenn ich mich irrte, aber ich halte ſie wirk⸗ lich fuͤr einen edlen Menſchen; Sie lachen mich gewiß nicht aus uͤber ein Gedankenſpiel, was eigentlich doch kein Spiel, ſondern etwas recht Ernſthaftes iſt; und ſo moͤgen Sie es wiſſen, daß ich manchmal, wenn ich uͤber mich ſelbſt nachdenke, mit meinem Betragen ſehr unzufrieden bin. Ich habe eine Menge Fehler, die mich oft uͤberraſchen und hinterdrein betruͤben. Aber dann iſt es zu ſpät, und ich habe niemanden, der mich vorher bei Zeiten warnt. Da fuͤhle ich es recht tief und bitter, wie⸗ viel ich durch den fruͤhen Tod meiner vortrefflichen Mutter verloren. Doch eben ſo ſchwer faͤllt mir es 132 jedesmal aufs Herz, wie ſehr ich ſie durch meine Unarten betruben wuͤrde; und ſehen Sie, zu mei⸗ ner eigenen Zucht und Beſſerung habe ich mir dieſe kleine Strafanſtalt erſonnen. Wenn ich mich in etwas vergangen habe, woruͤber ich nachher Reue empfinde, ſo ſtelle ich mir den Schmers der guten Mutter recht lebhaft vor, ich bekenne mich ihrer Liebe und ihres zärtlichen Blickes unwuͤrdig; ja, wenn ſie lebte, ſo wuͤrde ſie gewiß ihre Augen von mir abwenden, und das waͤre dann eine ſchwere aber ſehr verdiente Strafe. In ſolchem Fall ent⸗ ziehe ich mir den Anblick ihres geliebten Bildes, und je tiefer ich es verhuͤlle, deſto mehr habe ich abzubuͤßen. Erwin fuͤhlte ſich bewegt von dem Seufzer, womit ſie dieſe Rede ſchloß. Es lag in ihrem Aus⸗ druck ſo viel Treue und Wahrheit, daß er zu aller Bewunderung bereit war; aber zugleich konnte er ſich eines Lächelns uͤber die naive Einrichtung nicht erwehren, und vor allen Dingen wuͤnſchte er zu wiſſen, was denn eben heute die Verhaͤngung der Strafe herbeigefuͤhrt habe. Warum ich Ihnen eigentlich ſo ein redliches Gemuͤth zutraue, verſetzte ſie, das weiß ich freilich 133 nicht, aber nach der Hauptſache kann ich Ihnen auch das Uebrige ſagen. Geſtern Abend, nach dem fata⸗ len Eirkel fing ſchon im Wagen ein Geſpraͤch uͤber die Franzoſen, uͤber das Benehmen des Fuͤrſten gegen den Marſchall, uͤber Serravals Vertrau⸗ lichkeit mit dieſen Menſchen an; allein der Onkel fuhr dazwiſchen: wir ſollten uns um unſer Tanzen und Singen bekuͤmmern, die Politik ſei keine Sache fuͤr Frauenzimmer; und ſo mußten wir ſchweigen. Nun weiß Gott, daß ich keine Abſicht hatte, den Gegenſtand wieder aufzunehmen; aber mir waren ein paar ſcharfe Worte uͤber Serraval eniſchluͤpft; Adamine, die immer ſeine Parthie nimmt, war daruͤber erbittert, und kaum waren wir allein, ſo ſtellte ſie mich zur Rede. Ich war mit meiner Ver⸗ theidigung geſchwind bei der Hand. Da ergriff ſie der Zorn; ſie ſagte, ich waͤre nicht im Stande, den Geiſt und die Ueberlegenheit eines ſolchen Man⸗ nes zu ſchaͤtzen; der umgang uͤberhaupt, den ich ſuchte, zeigte meine Beſchraͤnktheit, und ich thäte kluͤger, zu ſchweigen.— Das war mir ſehr empfind⸗ lich; ich antwortete lebhaft und ſagte ihr gewiß nicht ohne Wahrheit, aber auch ſo bitter als moͤg⸗ lich alles ins Geſicht, was ich gegen Serraval 134 und ſeines Gleichen auf dem Herzen habe. Mein Zorn wider die Franzoſen, denen Adamine ſo abgeneigt gar nicht iſt, kam dazu; ſie wurde hef⸗ tig, ich fuͤhlte mich tief gekraͤnkt, und ſo gab es eine Scene, woruͤber ich die ganze Nacht kein Auge zugethan habe. Heute Morgen, da ſich mir alles wiederholte, ſah ich mit Beſchaͤmung auf mein Be⸗ tragen. Das war einmal wieder mein boͤſer Kopf. Unrecht konnte ich mir nicht geben, und kann es jetzt noch nicht, das verſichre ich Sie, obgleich von Ihrem Freund Serraval die Rede iſt; aber ich ließ mich zu weit fortreiſſen, und habe Adami⸗ nen wohl ſehr weh gethan. Ich gieng auch gleich hinuͤber und bat ſie um Verzeihung. Die Art, wie ſie das aufnahm, war gewiß nicht liebevoll; und beinah brach das Feuer wieder los, aber ich faßte mich recht innerlich, und antwortete nichts auf ihre Vorwuͤrfe.— Nachher habe ich mich ſehr ernſt⸗ haft bei meiner Mutter verklagt, und da ſehn Sie meine Strafe. Ein Stein waͤre er geweſen, haͤtte dies anmu⸗ thige Bekenntniß und die ſchoͤne Bekennerin ihn nicht uͤbermaͤßig entzuckt. Dabei ſah ſie in all ihrem kleinen Jammer ſo ſchalkhaft und freundlich aus, —— 135 daß ſelbſ die vollkommenſte Zufriedenheit ſie nicht hätte beſſer kleiden koͤnnen.— Sie thun mir, ſagte er, die Ehre an, den Grafen Serraval meinen Freund zu nennen. Ueber den Wersh dieſes Titels bin ich nicht ganz im Klaren; und eben ſo wenig uͤber das Unrecht, das er gegen Sie haben kann. Gegen mich hat er gewiß keines, aber ich habe auch keines gegen ihn; denn wenn ich ihm auf keine Weiſe traue, ſo fehlt es mir an Gruͤnden dazu ſo wenig, daß ich gar nicht begreife, wie Jemand uͤber ihn anders denken kann. Mir gefaͤllt nun einmal der Mand nicht, welcher die andern Leute ſo von oben herab zu uͤberſehen meint, und an ihnen herumprobirt, wozu ſie ihm nutzlich ſeyn koͤnnten. Eine Weile thut er recht freundlich gegen ſie, und nachher wirft er ſie bei Seite wie abge⸗ nutzten Kindertand. Ich habe ihn einmal recht hoͤhniſch uͤber die Aufopferung lachen ſchen, womit ein armer Menſch, der nicht viel vermogte, ſch ihm angenehm erweiſen wollte. Seit der Zeit dau⸗ ert mich Jeder, den er anzieht; und leider giebt es deren genug. Dazu das abſcheuliche Spiel, womit er ſchon manches Ungluͤck angerichtet hat, und die Tyrannei, welche er uͤber ſeine Geſell⸗ 136 ſchafter ausuͤbt. Nein bei Gott, wenn ich ein Mann waͤre, die ließe ich mir nicht gefallenz und —— ſie wollte ohnehin ſchon einhalten, als Er⸗ win ſchnell dazwiſchen ſprach: Der Vorwurf trifft nicht. Er gilt mir, ich weiß es wohl, aber er paßt weniger, als Sie glauben. Wie Sie aber mit andern ſtreng verfahren, ſo ſind Sie es auch gegen ſich ſelber. Das große Unrecht, deſſen Sie ſich anklagen, ſehe ich durchaus nicht ein; auch haͤlt Adamine ſchwerlich eine ſo genaue Rechnung uͤber ihre Worte, und Sie kommen dabei auf allen Fall zu kurz. Erlauben Sie mir den Willen Ihrer ſeligen Mutter, die ſo ſtreng nicht geweſen ſein kann, auszulegen, und die Strafzeit absu⸗ kuͤrzen— er wollte den Vorhang vom Bilde weg⸗ ziehen. Mit den Worten: Nein, laſſen Sie! ſuchte ſie ihn davon abzuhalten. Indem ſie raſch auf ihn zueilte, ſtieß ſie an den Blumenſtock; eine voll aufgebluͤhte Roſe und eine kaum noch verhuͤllte Knospe brachen ab. Er bemächtigte ſich ihrer, und legte die Roſe auf einen kleinen unter dem Bilde an der Wand befeſtigten Candelabertraͤger.— Opfer verſoͤhnt, ſagte er; die juͤngere Zwillingsſchweſter — 137 aber iſt billig mein Lohn dafuͤr, daß ich die Ver⸗ ſoͤhnung zu Stande gebracht habe. Valerie mußte nachgeben. Daß er die Knospe an ſeine Lippen druckte, ſchien ſie zu uͤberſehen, waͤhrend ſie auf die Uhr blickte und mit Verwun⸗ derung wahrnahm, wie ſchnell die Zeit vorgeruͤckt war. Erwin hielt das fuͤr einen Wink, ſich zu entfernen; um ſo troͤſtlicher kann ihm daher ihr Vor⸗ ſchlag, ſie in den Saal hinuͤber zu begleiten, wo Adamine ſie ſchon zu einer Parthie Federball er⸗ warten werde. Es war aber Niemand da. Vale⸗ rie ſpielte das Spiel mit der Zierlichkeit, welche jede ihrer Bewegungen auszeichnete; indeſſen gluͤckte es ihr heute weniger, als ſonſt, und Erwin freute ſich der oͤftern Gelegenheit, beim Aufheben und ueberreichrn der Baͤlle mit der niedlichſten Hand in eine Beruͤhrung zu kommen, die von einem zaͤrt⸗ lichen Druck eigentlich um nichts verſchieden war. — Ein Ball, welcher ſeine Richtung nach dem Fenſter nahm, zog Valerien dorthin. Ei, ſehen Sie doch! rief ſie plötzlich; er folgte, und ſah im Garten Fraͤulein Adaminen mit Herrn von Paſer in einem beinah traulich zu nennenden Geſpraͤch., Man verſichert, das ſolle ein Paar werden, ſagte 138 Valerie. unmoͤglich! rief Erwin. Gewiß, ver⸗ ſetzte ſie, indeſſen muͤſſen da erſt allerhand wichtige Veraͤnderungen vorgehen, woran jetzt eben ſtark ge⸗ arbeitet wird. Er wollte daruͤber naͤher nachfragen; aber eben oͤffnete ſich die Thuͤre, die alte Tante trat herein, Paſer und Adamine folgten bald nach, Vetter Wolf kam dazu; Spiel und Unter⸗ haltung wurden allgemein. Erwin fing an, ſich unbehaglich zu fuͤhlen, und ſchlich weg, mit dem lebhaften Vorſatz, das, was der heutige Morgen ſo ſchoͤn eingeleitet hatte, unter dem Einfluß ſeines Gluckſternes aufs eifrigſte zu verfolgen. 7. Seitdem er, ſeiner Meinung nach, jenen hohn⸗ blickenden Franzoſen in der ſtolzen Haltung eines unerſchrockenen Mannes gegenuͤber geſtanden hatte, glaubte Erwin ſich ſelbſt eine vorzugliche Hochach⸗ tung ſchuldig ſein, und diejenigen geringſchaͤtzen zu duͤrfen, welche ſeine erworbenen und anerkannten Anſpruͤche auf Valeriens Beifall nicht mit ihm theilen konnten. Die Geſchmeidigkeit des Novi⸗ zenſtandes war bereits von ihm gewichen, der Vor⸗ ſicht, als einer unedeln Eigenſchaft hatte er entſagt, —,— 139 und nun fing er an, mit Blicken einherzugehn, welche deutlich zeigen ſollten, daß ſie nur hoͤchſt ſelten einen ihrer wuͤrdigen Gegenſtand fänden Mit dieſer geiſtigen Ueberlegenheit ſchenkte er be⸗ ſonders dem Vetter Wolf ſein Mitleid. Im Grunde bedurfte Wolf dieſer Wohlthat nicht. Er befand ſich in ſeiner ſchoͤnen Jagduniform ſehr be⸗ haglich, und erfuͤllte mit Eifer die Pflichten, welche ſie ihm auferlegte. Er ſprach mit Entzuͤcken von einer Hirſchfaͤhrte, mit Einſicht von Feder- und Tuchlappen, und wußte genau, wann à la vue gute Jagd, oder Fuͤrſtenruf geblaſen werden muͤßte. Seinem Herrn mit der Treue eines edeln Waid⸗ manns zugethan, war doch Niemand weiter als er von aller Augendienerei entfernt; er wußte nicht Ja zu ſagen, wenn er Nein dachte, und hatte keinen Begriff davon, daß man ſich vor einem Menſchen oder ſonſt etwas fuͤrchten koͤnnte. Daß Valerie ſich nichts aus ihm machte, ſchmerzte ihn tief; denn er hatte ſeine ſchoͤne Couſine recht von Herzen lieb, und ſah nicht ohne Verdruß, wie hoch Erwin in ihrer Gunſt uͤber ihn hinauf⸗ geſtiegen war. Mit dem politiſchen Vetter, wie er dieſen nannte, befaßte er ſich nicht viel; er 140 traute ihm ſo wenig, daß er Valerien gern vor ihm gewarnt haͤtte, wenn es nur ſchicklich geweſen waͤre. Des Kammerjunkers große Manieren waren ihm ungemein laͤcherlich, und als dieſer bei einer zufaͤlligen Gelegenheit ſich herabließ, ihn zurechtzu⸗ weiſen, verſetzte er ſehr ruhig: Mit Deinen Lectio⸗ nen bleibe mir ein fuͤr allemal vom Halſe; ich bin auf meiner Fährte feſter, als Du auf Deiner, und gieb Acht, ich ſeh es noch kommen, daß Du mehr als einmal change annimmſt und haͤßlich fehl jagſt. Danke fuͤr die Warnung, laͤchelte Erwin, in⸗ deſſen weißt Du, wie gut ich es mit Dir meine; und, daß man ſich es zur Regel machen muͤſſe, die Sache aus hoͤheren Geſichtspunkten anzuſehen, wirſt Du mir doch zugeben. Nichts geb' ich zu, ſagte Wolf, als daß Du üͤber Deine hoheren Anſichten nächſtens erſchrecklich hinſtolpern wirſt. Das geht jedem ſo, der immer ins blaue und nicht vor die eigenen Fuͤße ſieht. Ich weiß auch recht gut, woher Dir es kommt. Du ſteckſt unaufhorlich mit dem Serraval zu⸗ ſammen, läͤßt Dich von ihm mit Redensarten fuͤt⸗ tern, und meinſt, er waͤre aller Weisheit Quell. , ——— ₰ 141 Ja, geſcheut iſt er, und ein fixer Jaͤger und Reiter dazu. Seinen uͤbrigen Kram verſteh' ich nicht. Er wollte mir auch einmal ſo mit Anſichten kommen, aber ich hab' ihm darauf gedient; und moͤgte nichts weiter von ihm haben, als ſeinen Strick Windhunde. Deine Wuͤnſche ſind uͤberhaupt mäßig. Was aber das Fuͤttern mit Redensarten betrifft, ſo paßt der Ausdruck ſehr wenig auf das Verhaͤltniß, wel⸗ ches freilich außer Deinem Geſichtskreiſe liegt, und woruͤber der Graf ſelber doch wohl eine etwas andre Meinung haben moͤgte. Mit dieſen Worten brach Erwin das Geſpraͤch ab. Wolfs Anmerkung aber hatte ihn empfindlich getroffen. Er konnte daraus abnehmen, wie man ſich den inneren Werth ſeines Umgangs mit Ser⸗ raval ausrechnete; und das ſchnitt ihm jetzt doppelt tief ins Herz, da er dem Grafen die Vernachlaͤſ⸗ ſigung in jenem Hofecirkel noch unvergeſſen nachtrug, und im Begriff war, ihm ſein Unrecht ganz ordent⸗ lich zu bedeuten. Dergleichen Zurechtfuͤhrungen nehmen aber leicht und ſaſt immer eine unvorhergeſehene Wendung. Wie Jemand ſich auch zu Hauſe gegen den Ge⸗ 1¹2 tadelten manches erſinnt, was ihn ganz vernichten ſoll; ſo bricht nachher in perſoͤnlicher Gegenwart das Auge des Mannes, der doch auch ſein Recht hat, den Worten die Spitze, und der Verhand⸗ lung den getraͤumten Ausgang ab; ſtatt alles Tri⸗ umphs bleibt dem Klaͤger oft zum beſcheidenen Troſt nur die Verſicherung, er habe ſeinem Gegner nichts geſchenkt; und ſelbſt dabei muß die Eigenliebe mit ihren bereitwilligen Taͤuſchungen vielleicht das Beſte thun. Vom Grafen wurde Erwin mit der heiter⸗ ſten Freundlichkeit und zugleich mit verbindlichem Vorwurf, daß er ſo lange nicht da geweſen, em⸗ pfangen. Durch dieſe Anrede ſchon etwas auſſer Faſſung, aber doch ſeinen Vorſatz noch feſthal⸗ tend, erwiederte er: Wie durft' ich?— Sie ken⸗ nen nur Franzoͤſiſche Marſchaͤlle und Stabsofficiere — ein armer Kammerjunker macht freilich neben ſolchen Helden keine Figur, die eines Anblicks wuͤrdig wäre. Serraval lachte; aber ſchnell kehrte in ſeine Zuͤge der bedeutungsvolle Ernſt zuruͤck, womit er antwortete: In dieſer Zuſammenſtellung thun Sie mir und ſich ſelber unrecht. Denken Sie gehoͤrig 143 daruͤber nach, ſo wird es Ihnen klar werden. Ue⸗ brigens irren Sie darin nicht, wenn Sie anneh⸗ men, daß mir die kurze Anweſenheit des Marſchalls ſehr große Freude gemacht habe. Das bedarf keiner Verſicherung, und von meiner Seite bedarf es auch keiner, daß mir dieſe faſt freundſchaftliche Innigkeit gegen einen kleinen Unter⸗ tyrannen des großen Weltdespoten weh gethan habe. Untertyrannen? Weltdespot?— Das ſind grelle Accente einer aufgeregten Leidenſchaftlichkeit, die es mit ihrer Sache recht gut meinen mag, aber deshalb nicht minder Partei und Leidenſchaft iſt. Von beiden muß man ein gerechtes urtheil nicht verlangen, und ſo erlaſſe ich Ihnen ein ſolches auch. Ob nicht Tauſende von denen, welche aus ihren dunkeln Winkeln heraus mit giftigen Zungen den Weltdespoten todtſchlagen, ſich gar zu gern an ſeinem Platze ſaͤhen, das mag dahin geſtellt ſeyn. Die Zukunft wird uͤber ihn richten, und ich wuͤnſchte, ſie thaͤte es ſo bald, daß ich mit zu Gericht gehen koͤnnte; ich werde beim Himmel nicht fehlen. Aber darum fuͤhle ich doch jetzt keinen Beruf, nach Herzensluſt deshalb auf ihn zu ſchimpfen, weil ich es hier etwa ungeſtraft thun kann. Die 144 ſogenannten Untertyrannen moͤgen allerdings dem Sklavenvolk, das ſich vor ihnen buͤckt, ſo unan⸗ genehm ſeyn, wie die tuͤrkiſchen Paſcha's den zer⸗ ſchmetterten Griechen; aber nicht alle franzoͤſiſche Marſchaͤlle, die unſre Generale beſiegt haben, ver⸗ dienen jenen Titel; und am wenigſten vielleicht Dieſer, welcher auf eine beſſere Bezeichnung große Anſpruͤche hat. Sein Feldherrnruhm ſteht auf den Blaͤttern der Kriegsgeſchichte mit glaͤnzenden Zuͤgen; worauf es jedoch hier nicht ankommt. Allein ich habe ihn als Menſchen in den verſchiedenſten, in den ſchwierigſten Lagen geſehen, und er hat ſich auch jedesmal durch ſeine edle Geſinnung, ſein einfaches Benehmen, und ſeinen unerſchuͤtterlichen Character ſo trefflich bewieſen, daß ich ſeinen Namen nicht ohne die groͤßte Hochachtung ausſpre⸗ chen kann. Aber er iſt ein Franzoſe, iſt einer von unſern Unterdruͤckern. Gehoͤrt die Eigenſchaft auch zu denen weshalb ſie ihn verehren? Von Grund meiner Seele haſſe ich das Volk. Man muß es ausrotten mit Stumpf und Stiel! Das iſt ja eine furchtbare Drohung gegen die Millionen, denen ſie gilt. Alſo weun einer das v 145 ungluͤck hat, in Bordeaux geboren zu ſeyn, ſp kann er es vor Gott nicht verantworten? Was in 4 aller Welt geht mich es an, ob ein reiner Wenſch Franzoͤſiſch oder Arabiſch ſpricht! Alle vernuͤnftige, freidenkende und redliche Maͤnner ſind geborne Landsleute. Das uͤbrige iſt Modetand und kaum ſo viel als ein Aufſchlag am Aermel. Aber Ihre Augen koͤnnen von der Verwunderung uͤber meine Lebhaftigkeit nicht zuruͤckkommen. Dergleichen iſt ſonſt allerdings wenig meine Art; ſelbſt bei Sachen, woran ich innigen Antheil nehme. Ich will Ihnen ſagen, was mich dieſe Tage her durch allerhand Veranlaſſungen mehr als ſonſt beſchaͤftigt hat, und wenn Sie dem hieſigen Weſen, Ihrer, meiner Exi⸗ ſtenz nur das Nachdenken eines Augenblicks goͤn⸗ nen, ſo wird Ihnen alles klar werden. Ihre eigene Aeuſſerung uͤber die Franzoſen, nehmen Sie es nicht uͤbel, iſt eine abermalige Beſtätigung mei⸗ ner Wahrnehmung, daß naͤmlich die beſchraͤnkten Zuſtaͤnde und Verhaͤltniſſe in einer kleinen Stadt gar zu leicht auf eine faſt eigenſinnige Einſeitigkeit der Lebensanſichten hinfuͤhren. Es iſt unglaublich, welche ſtete Aufmerkſamkeit dazu gehoͤrt, ſich vor dieſer Epidemie zu huͤten, welche ſo ſchnell um ſich 10 146 greift, und die Geſundheit des Urtheils wie des Characters anfeindet. Ich weiß zwar ſehr wohl, daß die großen Staͤdte ſo wenig die Quellen als die ausſchließlichen Magazine vorzuͤglicher Bildung oder geiſtiger Reichthuͤmer ſind, daß man in ihnen die ſchlimmeren Verkehrtheiten bei großen Maſſen findet, und daß ſie ihre Kleinſtaͤdte⸗ reien ſo toll haben, wie man ſie von dem elende⸗ ſten Provinsneſt nur erwarten kann. Aber wer dort in ſolcher Atmosphaͤre lebt, der hat es ſich ſelber beizumeſſen, er iſt nicht ſo darauf beſchraͤnkt, wie hier unvermeidlich, ſobald er ſich nicht iſoliren will. Ein vorzuͤglich guͤnſtiges Element fuͤr die Geſellig⸗ keit bleibt doch immer der raſchere Umſchwung des Lebens, die reizende Neuheit der mannigfaltigſten Erſcheinungen, welche in großen Staͤdten ſo einfach und natuͤrlich kommen und gehen, wie die Tages⸗ zeiten. Geiſtige Mittheilung durch Geſelligkeit er⸗ halten und vermehrt, iſt eine ſchoͤne Sache. Aber dieſe Idee der Geſelligkeit, wie grauſam wird ſie in den kleinen Staͤdten durch die verſchrobenen An⸗ ſtalten gemishandelt, welche man dort Geſellſchaft nennt— eine Geſellſchaft, in der man alles andere ſeyn mag, nur auf keine Weiſe geſellig iſt!— Iſt 147 da an Genuß und Befriedigung zu denken, wo man ſich abmartern muß, ein Geſpraͤch im Gang zu erhalten, und deshalb, weil es nichts Neues giebt, und geiſtig Intereſſantes nicht angebracht ſein moͤchte, zehnmal durchgeſprochene Dinge zum elftenmale wiederholt, um ebenfalls die ſchon oft erhaltene Antwort wieder zu bekommen?— Wo die Maͤnner ſich bald von den Frauen abſondern, um bis zum Spiel von kleinen Geſchaͤften trockene Geſpraͤche zu fuͤhren?— Oder wo ſie gar die Da⸗ men von Geſchaͤften unterhalten?— Wo Jeder ein weitgereiſter Mann iſt, der ſich einige Meilen uͤber die nahe Gränze hinaus verirrt hat, und nun jede Gelegenheit wahrnimmt, um die Namen der Staͤdte, welche er geſehen, in ſein wichtiges Geſpraͤch zu verweben?— Wo die Frauenzimmer in den Ecken zuſammentreten, um ſich an aufgewärmten Stadt⸗ geſchwätzen zu laben?— Wo die Verſtaͤndigen am wenigſten reden, weil ſie ihre Worte nicht an hohle Waͤnde verſchwenden moͤgen, die nur ein ſtockendes Echo zurückgeben?— Das dummſte Gerede, die fadeſte Suͤßigkeit, und die ungemeſſenſte Langeweile ſchwimmt breit und ſchwer in den engen Zimmern herum, welche man Salons zu nennen beliebt.— 148 Kommt zu dem allen noch die Kläͤglichkeit einer ſinnloſen Etikette, ſo geht der letzte Schein von Geſellſchaftsleben mattherzig, wie eine vergeſſene Lampe aus. Aufs zierlichſte geputzt, und in die Erduldung dieſes Jammers ſich reſignirend, ſitzen die Damen umher in dem Kreiſe fuͤr welchen ein neues Geſicht eine Begebenheit iſt. Tritt etwas ſehr Vornehmes herein, ſo bringt der Eifer, mit welchem die Frauenzimmer ſich aufs Tempo erhe⸗ ben, einige Bewegung in die Verſammlung, welche zum vorſichtigen Geliſpel oder aufmerkſamen Schwei⸗ gen wieder zuruͤckſinkt, ſobald das Signal zum Niederlaſſen gegeben iſt. Nur die ganz von Gott Verlaſſenen fluͤchten zum Wettergeſpraͤch; andere halten ſich zu gut dasu, und ſehen lieber die Waͤnde an, oder fragen dringend, wieviel die neue Lacki⸗ rung des alten Wagens gekoſtet habe? wie tief der Weg nach dem naͤchſten Dorfe? und ob der Kron⸗ leuchter von Bronze oder von Holz ſei?— Davon belebt ſich die Unterhaltung; es wird ausfuͤhrlich geantwortet, man ſtreitet mit Eifer uͤber die Farbe eines Pferdes, uͤber den Titel und Rang eines Fremden, der daneben ſteht, oder eben ſo lebhaft uͤber den Namen eines Andern, der vor einem Jahre 149 einmal da geweſen iſt; und man wuͤrde Alles daran ſetzen, um in dieſer wichtigen Sache Recht zu be⸗ halten— aber glucklicher Weiſe werden fuͤr andern Wettkampf die bunten Waffen ausgetheilt. Die Parthieen ſind rangirt— der Herr vom Hauſe ath⸗ met freier. Aber die Frau vom Hauſe muß noch die Augen uͤberall haben, muß ſorgen, daß Alles gehoͤrig praͤſentirt werde, muß fuͤrchten, daß der ungeſchickte Bediente mit der ſchweren Ladung von Glaͤſern und Taſſen in irgend einer engen Durch⸗ fahrt zwiſchen zwei Spieltiſchen Schiffbruch leide; und ſie kann erſt, wenn die letzte Abſchiedsvernei⸗ gung glucklich uͤberſtanden iſt, ausrufen: Gottlob! Das war vorbei! Erwin lachte laut auf. Die Schilderung paßte allerdings zu manchem Abend, den er in ſolchen umgebungen zugebracht hatte. Aber, ſagte er, Sie machen es doch zu arg. Man kann jedes Bild zu einer Carricatur auseinanderzerren. Und wer gar nur die Schatten eines Gemaͤldes betrachtet oder copirt, der wird freilich daran keinen Genuß haben koͤnnen. Der uͤbermaͤßig ſchwarze Schattenton, den ich tadle, verſetzte Serraval, verdirbt eben das 15⁰ Werk.— 2ber mein Bild iſt nach der Natur ge⸗ malt; Sie koͤnnen ſeine Wahrheit nicht laͤugnen. Und woher kommt dies verruͤckte Weſen, als aus unſter ganz unbegreiſtichen Sucht etwas vorſtellen zu wollen, was nicht iſt? Ein eitler Geck uͤberre⸗ det ſich gern, er ſei doch gewiſſermaßen das Cen⸗ trum der Geſellſchaft, er bringe die Leute, ohne daß ſie es merkten, zu dieſem und jenem, und mache durch ſeinen Ueberblick und weiſe geleiteten Einfluß gewiſſe Sachen gehen. So halten eine kleine Stadt, ein abgeſondertes Haͤuflein von Staats⸗ beamten und andere Leute ſich gar leicht fuͤr den Mittelpunkt von großen Begebenheiten, fuͤr das aus⸗ erleſene Volk Gottes; die uͤbrige Welt liegt ſo da drauſſen in bedauernswerther Dunkelheit, unſre Groſchen ſind mehr werth als andrer Leute Thaler; am Graͤnzzoll hat das Reich des Verſtandes und aller guten Einrichtungen ein Ende; und die Men⸗ ſchen jenſeits— welche von uns keine Notiz neh⸗ men— wiſſen in der That nicht, was ſie wollen und ſollen.— Sehn Sie da: Zbſichtlich erhaltene Unwiſſenheit, Duͤnkel, Ungerechtigkeit, das ſind die Folgen einſeitiger Anſichten, und in der kreiſenden Wechſelwirkung zugleich ihre Uurſachen. 151 Erwin ſah vor ſich hin. Mogte das Ganze auch uͤbertrieben ſcheinen; im Einselnen war das meiſte doch gegruͤndet; er ſelbſt hatte es manchmal ebenſo empfunden, und nur ſo gerade aus zu be⸗ kennen nicht gewagt. Da er ſich im Stillen aber doch ärgerte, daß Serraval ihm die ſchoͤne Flur, an welcher er ſeine Blicke fruͤher mit Vergnuͤgen geweidet, unbarmherzig vor der Hand weg abmä⸗ hete, das duͤrre Heu mit Hohngelaͤchter umwendete und unter die Fuͤße trat, ſo ſagte er: Nach Ihrer Beſchreibung koͤnnte man in Verzweiflung gerathen uͤber die Beſtimmung, welche auf die Laͤnge an eine ſo beſchraͤnkte Lage feſſelt; und doch muß Einer wohl darin aushalten, dem die kurzen Fittiche das weite Fliegen unmoͤglich machen. Aber verwun⸗ dern muß ich mich, wie Sie bei ſolcher Denkungs⸗ art nur einen Tag noch in dieſen Widerſpruͤchen verweilen moͤgen; denen Sie ja den Ruͤcken zeigen koͤnnen, ſobald es Ihnen beliebt. Ganz ſo ungebunden, verſetzte Serraval, wie Sie mich glauben, bin ich doch auch nicht. Ich habe meine Verhaͤltniſſe, und was mehr iſt, meine Verpflichtungen, wie jeder Andere. Es iſt faſt unmoͤglich, mehrere Jahre an einem Orte zu 152 ſein, ohne ſich allerhand Gepaͤck aufzuladen, das man nicht ſo ſchnell wieder los wird. Indeſſen alles nimmt ſein Ende; und ich ſehe auch den Augenblick ſchon kommen, wo ich wieder auf den Wellen treiben und mit Verwunderung an den kleinen Hafen zuruͤck⸗ denken werde, in dem ich ſo lange ſtill gelegen. Begreifen Sie nun, wie mich das Wiederſehen des Marſchalls erfreuen, wie lieb mir ſeine Unter⸗ haltung ſein mußte, in welcher alle die bunten Scenen meiner Vergangenheit wie durch ein Zau⸗ berglas an mir vorbeigaukelten? Manches glaubte ich ganz vergeſſen, weil ich nicht daran gedacht hatte. Aber die Erinnerung, welche liebend oder haſſend die Dinge feſthaͤlt, und mit dem leiſeſten Hauch alle daruͤber gefallene Aſche der Zeit hinwegblaͤſt, ruht feſter in den Tiefen der Seele, als das Ge⸗ dächtniß, welchem man willkuͤhrlich gewiſſe Sachen zu bewahren aufgiebt, die man nachher von ihm, wie von einem treuloſen Pfandinhaber, nicht wieder erhalten kann. Uebrigens iſt es mir aus mehreren Gruͤn⸗ den lieb, daß Sie dieſen Gegenſtand zwiſchen uns zur Sprache gebracht haben. Ich wollte Sie ohnehin auf manches aufmerkſam machen. Ihre Flugel ſind gar nicht ſo kurz, als Sie glauben, oder vielmehr, —— — 153 es kommt nur auf Ihren Willen an, ſie moͤglichſt frei zu bewegen. Naͤchſtens werden ſich hier gar hochwichtige Veraͤnderungen zutragen⸗ Der Geſandt⸗ ſchaftspoſten, welcher durch den Abgang des Barons Stolmar erledigt iſt, ſoll wieder beſetzt werden; eine ſolche Ernennung zieht bekanntlich manche andre nach. Verfaͤumen Sie dieſe Gelegenheit nicht, wie manchen Wink, den ich Ihnen fruͤher gegeben habe. Man ſagt, Herr von Paſet werbe um dieſe Stelle, und— um die ſchoͤne Hand, mit welcher ſie vielleicht zugleich vergeben wird. Ob Sie dem noch zuvorkommen koͤnnen?— Ich zweiſle faſt, denn beim alten Onkel ſtehen Ihre Actien wahrſcheinlich nicht ganz vortrefflich. Wenn auch, ſagte Erwin; wie koͤnnte ich an ſolch eine Stelle denken? und warum nicht? erwiederte Serraval. Soviel muͤſſen Sie doch ſchon eingeſehen haben, daß Protection hier Alles macht, und Jahre und Verdienſte erſetzt. Was hat denn Paſer an Ver⸗ dienſt vor Ihnen voraus? Wenn die Hofcavaliers⸗ Anciennitat in die diplomatiſche Carriere fuhrt, ja freilich, dann geht Herr von Stiff Ihnen allen vor; was doch nicht wahrſcheinlich iſt.— Die Sache 154 bleibt uͤbrigens unter uns; ſie liegt noch ganz roh in der Vorbereitung, und, wie mir ſcheint, zum großen Theil in den Haͤnden des Herrn von Pran⸗ ken. Der Poſten iſt angenehm, eintraͤglich und hilft weiter. Was Ihnen jetzt unmoͤglich ſcheint, wird durch die zierlichen Fipger einer ſchoͤnen Dame vielleicht ſehr ſchnell eingefaͤdelt. Ich huͤte mich wohl, zum drittenmal an Fraͤulein Adaminen vergebens zu erinnern. Aber, warum vernachlaͤſſigen Sie Frau von Lambiel, die Ihnen ſichtbar wohl will? Sie iſt die nahe und ſehr geſchaͤtzte Ver⸗ wandtin des Herrn von Pranken. ueberlegen Sie ſich das, und handeln Sie bald. Dieſe Nachricht erregte den heftigſten Tumult in Erwins Gemuͤthe. Aber daß ſie auch, um an Werth nicht zu verlieren, unverzuͤglich benutzt ſein wollte, begriff er ebenfalls ſehr gut. Zum Gluck war, nach ſeiner Anſicht, nun Herr von Pranken der Mann, den man geradezu angehen, und da⸗ durch am ſicherſten gewinnen koͤnnte. Umſonſt be⸗ muͤhte ſich Serraval, ihm das Verkehrte dieſer Einleitung zu zeigen. Nun, ſagte er endlich, Sie wollen es beſſer wiſſen, aber denken Sie an mich — erſt mit Frau von Lambiel und dann mit —,— ,—— — 15⁵ dem Geheimenrath geſprochen.— Umgekehrt, fah⸗ ren Sie feſt. Erwin beharrte. Er glaubte von der Richtigkeit ſeines urtheils uͤberzeugt zu ſein; allein, wie er denn ſelten uͤber ſich klar wurde, ſo war es auch diesmal die dunkle Regung eines edeln Gefuͤhls, dem er bewußtlos folgte. Er ſchien ihm ſchon jede Protection einer Frau als etwas unertraͤgliches, wohin mußte dieſe hier ihn fuͤhren? Wollte er ſein Gluͤck einer andern als Valerien zu danken haben?— Auf den alten Onkel durfte er gar nicht mehr rechnen. Durch ſeine Unbeſon⸗ nenheiten hatte er es ſo weit gebracht, daß dieſer ſchon uͤber ihn lachte. Und das war ein unertraͤg⸗ liches Zeichen tiefen Unwillens, den hoͤchſtens eine lange Zeit und gaͤnsliche Umwandelung verſoͤhnen mogte. Die unuͤberwindlichſten Schwierigkeiten lagen alſo auf dieſem Wege. Der kuͤrzere fuͤhrte zum Geheimenrath. Einem Andern gegenuͤber waͤre die Berührung ſolch einer kitzlichen Materie vielleicht bedenklich geweſen; allein Herr von Pranken ruhmte ſich des Talents, aus dem erſten Worte einer begon⸗ nenen Rede das letzte und alle dazwiſchen liegenden zu errathen. Deshalb ließ er Riemanden zu Ende 156 ſprechen, ſondern erzaͤhlte ihm, was er wolle, und — hatte er fehlgeſchoſſen— was er wollen muͤſſe. Kaum hatte Erwin mit ausgeſuchter Feinheit die unterhaltung ſo gleichſam zufaͤllig auf Geſchaͤfte und diplomatiſche Verhandlungen hingeleitet, und beſcheiden zu verſtehen gegeben, daß er ſich ganz vorzuͤglich fur eine ſolche Carriere geſchaffen glaube, auch gar nicht abgeneigt ſei, das muͤſſige Kammer⸗ junkerthum mit einer auswaͤrtigen Anſtellung zu vertauſchen; als Herr von Pranken in dieſe Andeutungen und Finten mit dem raſchen Wort hineinhieb: Dazu kann Rath werden; ich habe meine Augen ſchon eine Weile auf Sie gerichtet; davon haben Sie natuͤrlich nichts gemerkt; ich habe auch ſchon unſerm Herrn geſagt, daß ich mit derZeit einmal Sie anzuwenden wuͤnſchte, und er hat mir freie Hand gegeben. Ich wollte Sie nur erſt kommen ſehn. Das iſt nun eben recht paſſend; Sie wiſſen, Baron Stolmar iſt abgegangen. Zum Geſandten freilich find' ich Sie zu jung; aber ich habe ohne⸗ hin ſchon gefragt, weshalb wir dort einen Geſand⸗ ten haben wollen? Mit einem Chargé d'Affaires reichen wir vollkommen aus. Das waͤre fuͤr den Anfang. Die Zeitlaͤufte erfordern uͤbrigens wenig⸗ — 157 ſtens noch eine andere Geſandtſchaft; eigentlich zwei, und dieſe bald. Alſo auch ſchon Ausſicht zum Vorruͤcken. Genug— verſprechen kann ich Ihnen naturlich nichts; aber wenn Sie ſich dem Staats⸗ dienſt widmen wollen, ſo iſt kein beſſerer Augen⸗ blick als dieſer, und Sie koͤnnen es weit bringen. Wollen Sie mich machen laſſen? Erwin, der uber die Gelaͤufigkeit, womit die Sache ohne weiteres vorwaͤrts zu gehen ſchien, und uͤber den Miniſter, der ihn ſo auf den Arm nahm, in Entzucken gerieth, verlangte nichts beſſeres. Aber, fuhr Jener darauf fort, Sie muͤſſen ganz bei der Sache ſein, und ich muß auf Ihre Folgſamkeit rechnen koͤnnen. Der Weg zum Ziel hat Schwierigkeiten, und die Stelle ſelbſt wird an gewiſſen Bedingungen haͤngen, welche uͤbrigens nur von der angenehmſten Art ſind. Er laͤchelte dazu geheimnißvoll und betrachtete Erwin vom Kopf bis zu den Fuͤßen— Sie ſind ein ſcharmanter junger Mann, und bei den Damen willkommen; das iſt gerade wie wir es dort brauchen. Ich werde Ihnen das Weitere ſchon mittheilen. 158 8. In ſeinem Jubel uͤber den trefflichen Staats⸗ mann, welcher die ſchnell gemachten Geſandtſchafts⸗ poſten ſo paſſend an Mann zu bringen wußte, traͤumte Erwin ſchon von dem unfehlbaren Beſitz der reizenden Stelle, die ſein Verlangen nach An⸗ ſehn und Einfluß aufs Vollkommenſte zu befriedi⸗ gen verſprach. Ganz nah vor ſeine Augen trat der glaͤnzenden Zukunft erfreuliches Bild. Verſchwen⸗ deriſch mit allem, was ehrgeizige Herzen trunken macht, war die goͤttliche Geſtalt ausgeruͤſtet; und um die Seligkeit des haſtigen Jünglings aufs Hoͤchſte zu vollenden, ſchimmerten ihm durch ihre laͤchende Miene Valeriens geliebte Zuͤge. Sie ſollte dieſe angenehme Lage mit ihm thei⸗ len, ja erſt recht zur glucklichſten machen. Welche heitere Ausſicht! Und wie gelegen eroͤffnete ſie ſich gerade jetzt, da kein Zweifel uͤber Valeriens Neigung ihn mehr beunruhigte. Was der Mini⸗ ſter in dunkeln Ausdruͤcken uͤber gewiſſe Bedingun⸗ gen hingeworfen hatte, war natuͤrlich nur herge⸗ brachte Formel diplomatiſcher Behutſamkeit, ohne weitere Bedeutung. Das zeigte ſich ja uͤberklar aus der zuvorkommenden Art, mit welcher Herr von Pranken ihm gewiſſermaßen die Stelle an⸗ getragen. So etwas war noch Keinem begegnet. Aber er war auch der rechte Mann. Wie klug hatte er, anſtatt Serravals ver⸗ kehrter Meinung zu folgen, den naͤchſten Weg den beſten eingeſchlagen, und konnte nun den weiſen Rathgeber auslachen!— Alles blinkte ihn ſo hell und freundlich an. Den einzigen mistoͤnigen Schat⸗ ten in dies praͤchtige Bild warf der fatale Paſer⸗ Aber Serraval konnte ſich irren, der Geheime⸗ rath hatte ja den Namen nicht genannt. Und was wollte dieſer Menſch denn? Am Ende war ja auch von wenigſtens zwei Geſandtſchaftspoſten die Rede. Wichtig blieb es jedoch immer, von ſeinem Ver⸗ haͤltniß zu Adaminen genau berichtet zu ſeyn. Das war ſchon eine Aufgabe fuͤr einen angehenden Politiker. Und wer konnte ihm zu deren Loͤſung beſſer verhelfen, als Valerie ſelbſt? Nach meh⸗ reren fehlgeſchlagenen Verſuchen, ſie irgendwo an⸗ zutreffen, gieng er endlich Abends, von halber Verzweiflung getrieben, in das Haus der Landraͤ⸗ thin Drauner; und wie dem muͤden Wanderer die ſchoͤnſte Ausſicht nach muͤhſeligem Streben manch⸗ mal eben da erquickt, wo er ſie am wenigſten er⸗ — 160 wartete, ſo lachte ihm beim Heffnen der Thuͤre Valeriens Anblick entgegen.— Die Landraͤthin war Wittwe eines reichen Gutsbeſitzers, welcher die Wintermonate immer in der Reſidenz mit der Be⸗ haglichkeit des unabhaͤngigen Mannes zugebracht hatte. Nach ſeinem Tode vermied ſie das Gewuͤhl der Geſellſchaften, und von anhaltender Kraͤnklich⸗ keit auf ihr Zimmer gebannt, lebte ſie ihrer Nei⸗ gung zur Litteratur und zu den Kuͤnſten. Sie durfte auf den Namen einer vorzuglichen Dilettan⸗ tin Anſpruch machen; die Waͤnde ihrer Zimmer waren mit den geiſtreichen Schoͤpfungen ihres Pin⸗ ſels geſchmuͤckt; ihr Umgang beſtand aus einer klei⸗ nen Zahl gebildeter Leute. Dem leichtſinnigen Hau⸗ fen, welcher uͤber ihr ſtilles Leben ſpottete, blieb der Geiſt dieſer ſeltenen Frau ſo unbekannt, wie die fromme Sorgfalt, womit ſie im Verborgenen ſo manche Thrane abtrocknete, ſo mancher huͤlfloſen Armuth heimliche Wohlthaterin ward. Erwin, deſſen Vater mit dem verſtorbenen Landrath in mancherlei Verbindungen geſtanden hatte, kam nur ſelten in ihr Haus. Er verehrte ihre trefflichen Eigenſchaften, aber die Ruhe, in welcher ihr ſcharfer Blick auf die Thorheiten der 7 w„* Welt herabſah, war ihm unbequem. Valerie dagegen flͤchtete recht oft zu ihrer Freundin, be⸗ ſonders wenn ſie ſich, wie eben jetzt, von einer inneren Unruhe bewegt fuͤhlte. Nirgend fand ſie einen ſolchen Herzenstroſt als in dieſen friedlichen Gemaͤchern, wo es niemals an geiſtiger Unter⸗ haltung fehlte.— Den Damen gegenuͤber ſaß jetzt Videbant, welcher ihnen aus einem Buche vor⸗ las, dem gewiß jeder Kuͤnſtler und jeder gefuͤhlvolle Menſch den Namen eines heiligen Andachtbuches mit Freuden bewilligt. Erwin gab ihm ein Zeichen, ſich durch ſein Kommen nicht ſtoͤren zu laſſen, und nahm geſchwind der erroͤthenden Valerie zur Seite einen Stuhl. Videbant war eben bei dem letzten Satze eines Avſchnitts; dieſen las er: « Tolerant und duldend iſt der, der die Kunſt mit wahrem Enthuſiasmus liebt, er will, daß alles nach ſeinem Maaße in ſeinem Kreiſe ein eigenes Leben fuͤhre, ſogar das Alberne und Abgeſchmackte; nur will er nicht, daß man das Gemeine an ſeine Goͤtter reihe: er⸗ «tragen will er Alles, lieben und anbeten aber «nur das Hoͤchſte.» 1¹ 162 Dann legte er das Buch aus der Hand, und blieb gedankenvoll ſitzen; die Damen ſchwiegen auch. Erwin ſchlug den Vand auf; der Titel*) war ihm ſo fremd, wie der Inhalt. Im Blaͤttern fand er er die Ueberſchrift:« Die Peterskirche» und nahm davon Veranlaſſung zur Frage, ob die Reiſe bald vor ſich gehen werde? Seit einer Stunde, verſetzte Videbant, wo ich dieſe maͤchtige Schilderung von dem erhabenen Wunder der Welt einmal wieder geleſen habe, glaub' ich nicht, daß ich noch eine Woche hier aus⸗ halte. Ich muß nun fort; mir iſt, als koͤnnt' ich zu ſpaͤt kommen. Auch habe ich Briefe von Hauſe, und den ruͤhrendſten Abſchiedsgruß erhalten; mir ſcheint er ein Wink des Schickſals: Geh und kehre bald wieder. Er langte aus ſeiner Mappe eine mit Farben ausgefuͤhrte Zeichnung hervor. Im Schatten einer großen Eiche, welche ein beſcheidenes Haͤuschen zum Theil verdeckte, ſah man eine ſtille Familie in lieblicher Eintracht verſammelt. Der Vater, ein 3) Phantaſieen über die Kunſt für F reunde der Kunſt. Herausgegeben von L. Tieck. —2 163 anſehnlicher Mann von ziemlich vorgeruͤcktem Alter, ſtand mit einem Buch in der Hand, uͤber einen Stuhl gelehnt, und ſprach mit ſeiner Frau, indem er zugleich ein junges Mädchen anſah, das aus dem Hauſe zu kommen ſchien. Die Mutter, deren freundliches Geſicht man die lebhafte Erinnerung an eine vorzugliche Schoͤnheit hätte nennen moͤgen, ließ ihre Arbeit auf den Schooß ſinken, und hoͤrte auf⸗ merkſam zu, indem ſie zugleich die Hand nach der Tochter ausſtreckte. Von dieſer zu reden, ſo ſchien es faſt unglaublich, daß ſo viel koͤrperlicher Reiz und ſoviel Seele in einer ſolchen leicht hingewor⸗ fenen Zeichnung angedeutet werden koͤnnten. Durch die wenigen Striche ſah man eine vollkommene Anmuth. Die ſchoͤne Geſtalt war vom Heiligenſchein der reinſten Jungfraͤulichkeit umfloſſen, und mit allem Zauber liebenswurdigerHeiterkeit ausgeſchmückt. Sie trug einen Korb mit Blumen herbei, und war ſo ganz die ſchoͤnſte von allen, daß die innigen Blicke des Vaters und die herzliche Bewegung der Mutter gegen das liebe Kind ja gar nicht anders ſein konnten. Schraͤg durch die Zweige hereinfal⸗ lender Sonnenblick beleuchtete die Figuren mit der vortheilhafteſten Wirkung. Das Ganze war die freudige Morgenandacht eines begluͤckten Hauſes. „ 164*. Die Geſellſchaft konnte ihre Augen von der heiteren Scene gar nicht losmachen. Niemand fragte, wer das ſei? Die Familienaͤhnlichkeit dieſer ſeelenvollen Zuͤge mit dem Geſichte des Fuͤnſtlers war nicht zu verkennen. Tief bewegt hing er an dem Bilde der Schweſter.— Giebt es auf Erden einen Engel, ſo iſt ſie es. Mit dieſen Worten legte et das Blatt vorſichtig zurück, und nahm bald darauf ſeinen Hut.— Wie geht es meinem wackeren Ritter und den drei holdſeligen Frauen? fragte Erwin.— Was ich furchtete, erwiderte Vide⸗ bant, iſt eingetroffen. Als der Graf mir den Suͤn⸗ denſold zahlte, ſprach er: das Bild habe eine ſcheinbare Waͤrme, die aber im Grunde nur der Dunſt eines verbrennenden Gehirns ſei. Ob das witzig iſt, und ob er ſelber verſteht, was er ſagt, weiß ich nicht; aber ich weiß, daß ich viel thue, wenn ich ihm das Wort mit manchem andern verzeihe. Als Videbant fort war, ſagte Valerie: Das ſieht dem Grafen Serraval einmal wieder recht aͤhnlich. Wer ſich ihm in Vertrauen und Freundſchaft hingiebt, den tyranniſirt er mit einem faſt unmenſchlichen Hohn; und wer ihn meidet, dem iſt ſein Haß gewiß. Wie hat er nur dieſen * — 165 armen Maler herumgezogen!— Ich glaube wohl, daß Videbant nur durch den Grafen hier beſtan⸗ den hat; aber was iſt das fuͤr einen ſo reichen Mann?— Erkaufte er dadurch das Recht, ſeiner mit Verheiſſungen abſichtlich zu ſpotten, und ihn geiſtig auf den Tod zu verwunden, ſobald es ſeiner Laune geſiel? Ich hab' es geſehen, daß Videbant uͤber ſeine ſchneidenden Urtheile und feindſeligen Witzeleien oft in Verzweiflung war. und wie iſt die Anmerkung zu dem ſchoͤnen Bilde grauſam, beſonders von einem, der die innige Liebe des Kuͤnſtlers fuͤr ſeine Geſchoͤpfe recht gut kennt! Es iſt ein ſchreckliches Vernichtungstalent in dieſem Serraval, und die Freude, mit welcher er es ausbildet, iſt noch ſchrecklicher. Erwin hatte von ſeiner fruͤheren unbedingten Verehrung des Grafen allerdings ſchon nachgelaſſen, es that ihm dabei auch recht wohl, ſich in manchen Dingen neben, vielleicht ſogar uͤber ihn zu ſtellen; doch konnte er Valeriens ſcharfem Spruch nicht ganz beiſtimmen, und ſuchte, einiges zu wider⸗ legen. Die kleine Zahl der ſogenannten Juͤngerinnen abgerechnet, nahm die Landräthin das Wort, welche 166 den Propheten in ihm verehren, ſo werden Sie mit allen andern Frauenzimmern uͤber den Grafen ſtets in Krieg gerathen; denn wir ſind gegen ihn in ſolchem Zuſtand. Er ſucht etwas darin, unſerm Geſchlecht eine empoͤrende Geringſchaͤtzung zu bezei⸗ gen. Wenn ein flacher Menſch etwas Neues zu ſagen glaubt, indem er die alte Litaney wieder⸗ holt, daß wir Frauen nur in der Kinderſtube und Speiſekammer an unſerm Platz waͤren; ſo koͤnnen wir es ruhig anhoͤren oder ſeinen beſchraͤnkten klei⸗ nen Verſtand bedauern. Fuͤhrt aber ein Mann wie Serraval dergleichen Reden, ſo liegt darin ein tiefer boͤſer Wille. Er weiß, was ſeine Worte gelten, und wirft ſie dem Haufen der Nachlaller zur weiteren Verarbeitung hin. Sein beſſeres Wiſ⸗ ſen ſtraͤubt ſich auch gegen ſolche Behauptung; und zur Strafe muͤßte er einige Jahre lang auf eine wuſte Inſel verbannt werden, in Geſellſchaft einer Perſon, welche uͤber den Kochtopf und die Gar⸗ dinenbeſetzung hinaus keines weitern Gedankens maͤchtig waͤre. Erwin ließ das Geſpraͤch fulen, an deſſen weiterer Ausfuͤhrung ihm wenig lag. In Gegen⸗ wart der Landraͤthin aber nach Adaminen und — 167 Paſer zu fragen, welche noch niemand genannt hatte, war auch nicht paſſend. Waͤhrend er und Valerie ſich in beredte Blicke vertieften, ſtockte die Unterhaltung; und es war eben eine Pauſe ein⸗ getreten, als der Wagen gemeldet wurde. Die Landräthin wollte das Fraͤulein uͤber den Vorſaal begleiten; aber durch mehrere offen ſte⸗ hende Fenſter ſpielte eine merkliche Zugluft herein, welcher ſie ſich nicht ausſetzen durfte. Sie ließ ſich daher von Valerien gern in ihr Zimmer zuruͤck⸗ ſchieben; und das heimlich verſtandene Paar ſah ſich zum erſtenmal in der verſchwiegenen Daͤmme⸗ rung allein. Valerie ſuchte ihren Shawl, Er⸗ win war ſchon mit demſelben bereit. Indem ſie ſich danach wendete, ſiel der zauberiſche Mondſtrahl auf den ſchoͤnſten Nacken, den er nur beleuchten konnte. Der Anblick war zu reizend, die Gelegen⸗ heit zu verfuhreriſch; ſeine Lippen brannten an dem blendenden Halſe, und als ſie ſchnell herumfuhr, den zuͤrnenden Verweis auf der Zunge, da ver⸗ ſchloß er den ſchoͤnen Mund mit ſo gluͤhendem Kuß, daß unter dieſer Flamme die erkuͤnſtelte Strenge ſchnell wegſchmolz, und in die leiſe Erwiederung des Hauches aufthaute. Der ſchoͤne Augenblick ging 168 ſchnell voruͤber, wie alles, was unſre Sehnſucht end⸗ lich erreicht, und bald darauf unſre Wehmuth als ein ſchon vergangnes Gluͤck beklagt. Aber Erwin durfte es wagen, beim Hinunterfuͤhren die Geliebte eng zu umfaſſen, und als ſie in den Wagen ſtieg, ſagte ihr freundlicher Haͤndedruck ihm deutlich genug, daß er keiner Verzeihung beduͤrfe. Wie ſelig iſt das Wiederſehn eines liebenden Paars, welches ſich das liebſte Geheimniß entzunde⸗ ter Herzen auf dem anmuthigſten Wege von Mund zu Mund eingeſtanden und doch keiner Worte be⸗ durft hat, um unendliche Reichthumer inniger Em⸗ pfindungen gegen einander umzutauſchen! Spaͤter aber macht die Sprache ihr Recht auch geltend, und wenn gleich die Verſchwendung aller ihrer Mittel den naturlich maͤchtigen Ausdruck eines ein⸗ zigen Kuſſes nicht erreicht, ſo wiſſen nach ihm die Gluͤcklichen ſich doch kaum etwas lieberes, als mit beredter Zunge jeden fruͤheren Umſtand zu erklaͤren, jede angenehme oder peinliche Begebenheit in der Erinnerung noch einmal mit einander zu erleben, und ihre Freude daran zu haben, wie gut das alles uͤberſtanden, und wie herrlich es nun ſo gekommen ſei. Erwin und Valerie fanden koͤſtliche Mo⸗ „— —— 169 mente, in denen jeder Blick es wiederholte, daß ſie ſich recht von Herzen liebten. Von der Ewigkeit dieſer Gefuhle zu reden, konnte beiden uͤberflͤſſig ſcheinen; doch unterließen ſie es nicht, denn eben die Unwandelbarkeit gab ihren Geſinnungen den ent⸗ ſchiedenen Ueberwerth gegen alles, was Andre je⸗ mals an Liebe zu empfinden vermeint haͤtten. Solch ein paſſendes, in Zaͤrtlichkeit vollkommenes Paar hatte noch kein Zeitalter geſehen; der Vorſehung ward fuͤr ihre verſtaͤndigen Dienſte das gebuͤhrende Lob, und der uͤbrigen Welt ein bedauerndes Laͤcheln zugewendet. Valerie meinte es mit dieſer Beſchraͤnkung aller Gedanken auf ihren Geliebten gewiß ſo redlich, als nur irgend ein treues Herz, welches den Ein⸗ zigen gefunden hat, und in der Erfullung des in⸗ nigſten Wunſches gluͤcklich iſt. Mit Erwin war es anders. Hatte er die Geliebte gewonnen, ſo wollte er ſie nun handelnd als eine Goͤttin verehren, und ihr Alles zu Fuͤßen legen, was er dem Leben an Guͤtern abzuzwingen dachte. Sie hatte zu er⸗ warten, er mußte ſtreben— wie dieſes zwiſchen beiden Geſchlechtern in allen Faͤllen immer das richtige Verhaͤltniß bleibt. Seine frohen Ausſichten 170 blieben ihr naturlich kein Geheimniß. Mit glaͤnzen⸗ den Farben malte er das Bild ihrer Zukunftz; und aus ihren Augen ſchimmerte ſeine Freude doppelt ſchoͤn zuruͤck. Als er aber den Namen Serraval nannte, da ſchwand ihr ganzer Glaube an den reizenden Traum auf einmal zuſammen; und ſie beſchwor ihn, ſich von dieſem gefaͤhrlichen Men⸗ ſchen fern zu halten. Er lachte ihrer Beſorgniß, und mehr noch, da ſie zu ihrer Rechtfertigung ſagte, daß Paſers Verbindung mit Adaminen ſo gut wie ausgemacht wäre. Das eben, verſetzte er, beweiſe Serravals Redlichkeit; der habe ihn darauf aufmerkſam gemacht. Aber mit dieſer Heirath, antwortete ſie, ſteht auch ſeine Ernennung zu dem Geſandtſchaftspoſten im genauen Zuſam⸗ menhang; ich weiß es durch die Tante mit Ge⸗ wißheit. Nach dem, was ihm der Herr von Pranken geſagt hatte, wollte Erwin auch dieſe Rachricht nur wenig gelten laſſen; indeſſen mußte er doch auf jeden Fall mit dem Geheimenrath daruͤber aufs Reine kommen. Bei Dieſem fand er nun die angenehmſte Beruhigung, zwar nicht durch ein zuſicherndes Wort; ſondern durch die Zuverſicht, ———3 171 womit der Miniſter ihm den Erfolg garantirte, wenn er ſich ſeiner Leitung ganz uͤberließe. Worin dieſer Gehorſam eigentlich beſtaͤnde, ward nicht erwaͤhnt, und Erwin hielt es fuͤr uͤberfluͤſſig da⸗ nach zu fragen, beſonders da auch Serravals Benehmen ihm deutlich zeigte, wie gut es mit ſeiner Sache ſtand. Das neue Licht, worin ihm neue Freuden bluͤhten, kleidete ſeine bisherige Le⸗ bensweiſe in gans andere Farben. Den Grafen hatte er mehrere Tage nicht geſehen; nun traf er ihn in einer Geſellſchaft, und nahm ihn, ſobald es anging, bei Seite, um zu verkuͤnden, welches Heil ihm in der miniſteriellen Protection aufgehe. FJener hoͤrte nachlaͤſſig zu, und erwiderte: Wenn von dem allen ein einziges Wort in Erfuͤllung geht, ſo wird mich es freuen. Aber dahin kommt es nicht. Sie wollen einmal nicht glauben, und lieber ihrem Weg als meinem Rath folgen— am Ende wird ſich finden, wer Recht hatte. Er wen⸗ dete ſich zu anderm Geſpraͤch; auf ſeinem Geſicht lag ein Froſt, woran eine Flamme haͤtte erſtarren moͤgen. Aber Erwin ließ ſich nicht irre machen. Der uͤberkluge Graf war verdrießlich, daß man auch ohne ihn, und gegen ſeine Weisheit zu etwas 172 kommen konnte. Ohne Zweifel zeigte Frau von Lambiel in ihrer ſtolzen Miene genau den Wie⸗ derſchein ſeiner langen Geſichter; allein ſeit einigen Tagen war ſie wegen unpaͤßlichkeit nicht einmal ſichtbar, und Erwin hatte mehr zu thun, als ſich um ſie, um Serraval und um den andern Troſſ zu bekuͤmmern.— Das zaͤrtliche Paar hegte ſeine Freuden in der zauberiſchen Stille ſuͤßer Heimlichkeit, unter deren traulicher Ueberſchattung der Leidenſchaft betaͤubende Bluͤche ſich uͤppig ent⸗ faltet. Sie meinten Wunder, wie verborgen ihr Verſtandniß und ihre Zuſammenkuͤnfte waren. Aber iſt Liebe nicht eine Flamme, die am Tage der Rauch, und in der Nacht ihr Glutſchein verraͤth? — Adamine merkte bald, was vorging, dem Alten blieb es kein Geheimniß, und er beſchloß, dieſer neuen Thorheit ſeines Neffen die Fluͤgel kurz abzuſchneiden. Der Hofmarſchall hielt ſich fuͤr einen ſonderlich geſchickten Praktikus; er hatte manches erlebt, vieles geſehen, und glaubte an den halb erloſchenen Bildern einen unergleichlichen Schatz ſeltener Er⸗ fahrungen zu beſitzen. Die Zeit war lang vorbei, wo er von ſeinem Großneffen etwas erwartete. —————————— —,— 173 Wären jene fruͤheren Hoffnungen in Erfüllung gegangen, mit Vergnuͤgen hätte er ihm ſeine ei⸗ gene Tochter gegeben; daran war nun, auch ohne das Eintreten anderer Umſtaͤnde, gar nicht mehr zu denken. Eben ſo wenig aber mogte er einer Lie⸗ belei mit der leichtſinnigen Fraͤulein von Habe⸗ nichts nachſehen, wobei gar nichts Geſcheutes berauskommen konnte. Hatte nicht erſt kurzlich der Fuͤrſt hingeworfen: Erwin wiſſe den Ton des Hofmanns gewiſſermaßen mit den Liebhabereien des Studenten in Einklang zu bringen—*— Nach ſolcher Aeuſſerung, und nach dem Betragen des Menſchen ſelbſt war auf eine nahe Befoͤrderung nicht zu rechnen. Das Gut, nicht frei von Schul⸗ den, kuͤrzlich noch durch unuͤberlegten Verkauf von Zehnten und Berechtigungen ſehr verringert, war im Nießbrauch des Vaters, und bei weitem unvermoͤ⸗ gend, daneben noch die Laſt einer anſtaͤndigen Einrichtung zu tragen.— Alſo Herr Kammerjun⸗ ker und Frau Kammerjunkerin, mit einer Einnahme, die der Herr Gemahl in einer Minute auf einem As oder fuͤr ein Paar Pferde durch die Luft jagte?— Die naͤchſte Zuflucht dieſer Hochwohl⸗ gebornen Armuth natuͤrlich der liebe Onkel?— 174⁴ Gehorſamer Diener; der Hofmarſchall war eben daran, die Ausſtattung einer Tochter vorzubereiten, und merkte, was das heißen wollte. Die Fraulein Nichte mogte die Fahrt nach ſolchen Abenteuern nur einſtellen; hier wenigſtens fuͤr's Erſte wurde ein Schlagbaum vorgezogen. Aber keineswegs mit Aufſehen— Gott bewahre! Der Hofmarſchall haßte nichts ſo ſehr, als lebhafte Attituͤden und romantiſche Situationen, und ohne die, ja ohne Thraͤnen, poetiſche Reden und gelinde Verzweif⸗ lungsanfaͤlle von Seiten des verliebten Paars, waͤre er nicht weggekommen, wenn er ſich mit Eifer und Verbot in der Rolle des Hausregenten haͤtte zeigen wollen. Nichts von dem allen. Er wußte dergleichen Phantaſien zu tractiren. Als Hofjunker hatte er auch allerhand Streiche im Kopf; aber ſein Papa war ein vernuͤnftiger Mann, der alle Schaͤfergedichte beſeitigte, indem er ihn nach Frankreich ſchickte. Im vierten Nachtquartier hatte aller Jammer ſchon laͤngſt ein Ende, bei ſeiner Ankunft in Paris war die Geſchichte ver⸗ geſſen, nach ſeiner Ruͤckkehr tanzte er ſehr ver⸗ gnuͤgt auf der Hochseit der Angebeteten, die ſich auch ihrer Seits anderweitig hatte troͤſten laſſen, 175 und ſeit der Zeit war er uͤberzeugt, daß eine ganz ruhige Trennung der brennbaren Stoffe weit zweck⸗ maͤßiger ſei, als alles Brandgeſchrei und gewaltſa⸗ mes Ausgießen der Flamme, wodurch oft nur Hel zugeſchuͤttet werde. Ein ſolches Mittel lag unge⸗ zwungen zur Hand, und wollte nur ergriffen ſein. Die wichtige, ſchon haͤufig aufgeworfene Frage, ob der Fuͤrſt wie gewoͤhnlich, die Sommermonate auf dem Jagdſchloß zubringen werde, watd mit Ja entſchieden. Auſſer den dienſtthuenden Cava⸗ lieren erhielt Wolf, der ſeit einiger Zeit auſſer⸗ ordentlich in Gnaden ſtand, den Befehl, ihn zu begleiten. Erwin, der noch einige Zeit hin hatte, bis ihn die Reihe des Dienſtes wieder traf, ſah dies als ein beſonderes Gluͤck an; denn ſo hoffte er, in der Abweſenheit des Hofmarſchalls deſto ungeſtoͤrter mit Valerien zu ſein. Aber er wurde eines andern belehrt. Mit Entzuͤcken empfieng er ein Zettelchen, welches ſie ihm zuzuſpielen wußte. Wie herrlich leuchten dem Liebenden die erſten Zeilen von der Hand ſeiner zaͤrtlichen Freundin ins Auge! Indeſſen hier war der Inhalt, welcher ihn zu einer geheimen Zuſammenkunft einlud, trotz dieſer erfreulichen Ausſicht, beunruhigend, und die Erklaͤrung der verſtohlenen Bothſchaft fiel ſehr betruͤbt aus. Noch vor der Abreiſe des Hofs, ſchon am naͤchſten Abend ſollte Valerie in Geſellſchaft von Adaminen und der alten Tante die Re⸗ ſidens verlaſſen, um ſich auf ein entlegenes Gut des Oheims zu begeben. Der Hofmarſchall beſaß außer andern Landhaͤuſern auch eines auf dem halben Wege von der Stadt nach dem fuͤrſtlichen Jagd⸗ ſchloß. Waͤhrend er nun mit dem Fuͤrſten dort war, pflegte ſeine Familie jene benachbarte Villa zu bewohnen. Diesmal aber hatte er mit guten Vor⸗ bedacht ſeinem alten, hinter Wald und Berg verborgenen Stammſitze den Vorzug gegeben. Ad a⸗ mine fand ſich leichter in dieſe Verbannung, da Herr von Paſer zu haͤuſigen Beſuchen ausdruͤck⸗ lich Erlaubniß bekommen hatte. Aber Valerie war troſtlos, und Erwin uͤber die Maßen grim⸗ mig auf den alten Herrn, welcher das ſo heim⸗ tuͤckiſch eingerichtet hatte. Es lag darin fuͤr ihre Wuͤnſche kein guͤnſtiges Omen, aber dagegen natuͤrlich ein deſto ſtaͤrkerer Reiz, die Abgunſt zu uͤberliſten, und mit unerſchuͤtterlichem Muth alle Hinderniſſe zu beſiegen. Durch welche Ver⸗ 177 mittelung ein Briefwechſel einzurichten, wo und wie ein geheimes Zuſammentreffen moͤglich zu machen ſei, wurde in Eil abgeſprochen; denn der Argwohn, welcher Valerien umlauerte, geſtat⸗ tete ſchon keine lange Unterredung mehr vor dieſer erſten unerwarteten Trennung. Deſto unerſaͤttlicher waren die zitternden Lippen im ſtuͤrmiſchen Augen⸗ blicke des Abſchieds, deſto verlangender Erwins umarmungen, welcher im Taumel des Schmerzes und der Innigkeit als ein kaum troͤſtendes Pfand⸗ und Liebeszeichen die leichte zierliche Huͤlle mit ſich hinwegnahm, unter welcher fuͤr ihn das treueſte Herz im ſchoͤnſten Buſen ſchlug. 9. Wie veroͤdet erſcheint uns ein Ort, in dem wir unſre Liebe nicht mehr finden!— Hede, wie ein Himmel mit erloſchener Sonne und ausgebrann⸗ ten Sternen.— So einſam als nach Valeriens Abreiſe hatte Erwin ſich noch nie gefuͤhlt. Ihres Anblicks, ihres Weſens, ganz Leben und Seele, beraubt, wußte er mit dem ſchalen Reſt der Um⸗ gebungen, welche ſie ihm ertraͤglich gemacht hatte, nichts mehr außzuſtellen. Die Geſellſchaft widerte 12 ihn an, in der Einſamkeit verwuͤnſchte er die Stun⸗ den, welche er fern von ihr verlor; zwiſchen ſeinen fruͤheren Gewohnheiten ſtand er nun fremd, ohne Befriedigung. Wer durch Zaubertraͤnke verwoͤhnt iſt, der mag ſich mit ſchlechter Koſt der Nuͤchtern⸗ heit nicht mehr behelfen. Und er muß es doch. Denn wem ward es gegeben, fortdauernd ſelig zu ſein, und nicht vom kuͤrzeſten Rauſch mit wuͤſtem Kopf aufzuwachen? Soviel vermag das arme Men⸗ ſchenleben nicht.— Beſſer am Ende ſollte es wohl gar ſein, in trockener Maͤßigkeit eintonige Jahre hin⸗ ter einander wegſchleppen?— Erwin fand aus dieſen Gedanken nicht heraus und ihr ewiges Wie⸗ derkehren machte ihm zuletzt eine toͤdtliche Lange⸗ weile. In ſolcher Stimmung traf ihn die Einladung zu einer Abendparthie bei Serraval. Sein erſter Gedanke war abzuſagen; aber er hatte ſchon ein paar Tage hindurch die ungewohnte Laſt mismuͤ⸗ thiger Einſamkeit empfunden; zog er ſich laͤnger auffallend zuruͤck, ſo gab er nur Stoff zu Geſprä⸗ chen und Muthmaßungen, denen er Valeriens Namen nicht ausſetzen durfte. So war es doch wohl beſſer, hinzugehen. Er fand alle Zimmer in — hehheh 179 einander offen, feſtlich hell, eine zahlreiche Geſell⸗ ſchaft, mehrere Fremde, darunter auch durchreiſende Kuͤnſtler, welche im Saal den groͤßern Theil der Verſammlung durch vortreffliche Muſik ergotzten, wogegen in den Seitengemaͤchern ein kleines Haͤuf⸗ lein ſich am ſoliden Whiſttiſch zu dem lebhafteren Kampfe vorbereitete, der wie ein praſſelndes Feuer⸗ werk fuͤr den Beſchluß aufbewahrt blieb. Erwin nahm keinen Antheil, und hielt ſich meiſtens ab⸗ wärts an der Balconthuͤre, die gegen die milde Nacht geoͤffnet war. Drauſſen ſtand eine Reihe bluͤhender Hrangenbaͤume; die leiſe Luft war ein Strom von Wohlgeruͤchen und Melodieen, die ins weite Dunkel hinausirrten, wie ſeine Gedanken hin zu der Geliebten.— Das Concert war geen⸗ digt, Fluͤgelthuͤren gingen auf, und das kerzen⸗ ſtrahlende Speiſezimmer lud die Gaͤſte zur ſchim⸗ mernden LTafel, deren Reichthum an ausgeſuchten Schuͤſſeln und begeiſternden Flaſchen die gute Stimmung der Geſellſchaft zur vortrefflichſten er⸗ hohte.— Das Talent, neu liebenswuͤrdigſten Wirth zu machen, beſaß Serraval in derſelben Voll⸗ kommenheit, wie ſeine andern glaͤnzenden Eigen⸗ ſchaften. Heute aber ſchien es bei ihm ganz beſon⸗ 180 ders darauf angelegt, Alle mit ſich auszuſoͤhnen, denen ſeiner ueberlegenheit geiſtiges Schwerdt fruͤ⸗ her weh gethan haben mogte. Die Wirkung blieb keinesweges aus, auch auf Erwin nicht, der ihn Anfangs in dieſer dankbaren Rolle bewunderte, aber, ohne zu wiſſen wie, das Beobachten bald vergaß. Denn vor allem war der Graf um die Aufheite⸗ rung ſeines ungewoͤhnlich ernſthaften Freundes be⸗ muͤht; auf die feinſte Weiſe fuͤhrte er ihm die Ge⸗ legenheiten zur ausgezeichneten Leitung des Geſpraͤchs entgegen; und als der ſchweigende Gaſt nur eine davon erſt ergriffen hatte, zog ihn der rauſchende Strom fort, in deſſen luſtigen Wellen der halbe Kummer bald unterſank. Muntere Erzaͤhlungen, witzige Wechſelreden kreuzten uͤber die Tafel her⸗ uͤber, hinuͤber; Scherz, Lachen, Ausgelaſſenheit nahm uͤberhand; die edelſten Weine, funkelnd, brauſend, thaten das ihrige; und erſt als die Waͤnde vom Schurren der Stuͤhle wiederhallten, ſieng Er⸗ win an zu merken, daß er faſt nur mit dem Glaſe in der Hand geſprochen hatte. Der Saal, in welchen man zuruͤckkehrte, war verwandelt; ein großer gruͤner Tiſch ſtand in der Mitte; hinter demſelben hatte der Oberhofmeiſter ——— n 181 von Stiff ſeinen Platz bereits eingenommen, und alle Stuͤhle umher waren augenblicklich beſetzt. Wer Serraval kannte, der hatte oft von ihm gehoͤrt, daß er das Spiel eigentlich gar nicht liebe, daß man aber, um durch die Welt zu kommen, ſich eine Salamandernatur anſchaffen, und in Flammen aller Art feuerfeſt machen muͤſſe. Das lautete recht ſchoͤn, auch wußte er ſich in unguͤnſtigen Momen⸗ ten zu maͤßigen, dagegen aber in guͤnſtigen ſein Gluͤck, welches ihm nur ſelten untreu ward, aufs auſſerſte zu verfolgen, und galt mit Recht fur einen erprobten Helden in den verderblichen Kaͤmpfen auf dieſer gruͤnen Wieſe. Erwin wollte auch gern ein Salamander werden; aber die flatterhafte Goͤttin lächelte ſeinen kuͤhnen Wageſtuͤcken weniger hold; und ſo kehrte er aus jeder Feuerprobe nur mit verbrannten Fluͤgeln zuruͤck. Jetzt toͤnten noch dazu Valeriens Bitten und Warnungen in ſeinen Ohren; auch war er aus triftigen Gruͤnden nicht recht zum Spiel geruͤſtet, und einen Augenblick entſchloſſen, heute davon zu bleiben. Aber die auf⸗ geſtapelten Goldthuͤrmchen lockten gar zu verfuͤhre⸗ riſch; ein dienſtfertiger Freund hatte ihm ſchon das Pointirbuch in die Hand gedruͤckt; ein paar Louisd'or 182 konnte er ja ohne Gefahr wagen; uͤberdies war die erſte Karte, welche er zog, Coeurdame.— Er ſetzte. Der blaſſe duͤrre Hert von Stiff blinzelte ihn mit ſeinen Tigeraugen tuͤckiſch freundlich an; das froͤh⸗ liche Geſumſe der Unterhaltung ſtarb in das Schwei⸗ gen einer Raubthiershoͤhle dahin, alle Augen hafte— ten gierig auf dem wandernden Metall, auf den umgeſchlagenen Karten; und die dumpfen Laute: Attention!— PTout va!— gagne!— perd!— Messieurs, faites votre jeu!— jeu fait!— ſchlichen wie boͤſe Geiſter um die ſchweigende Cafel. Die Goldhaufen kamen und giengen— Ebbe und Flut des Meers, welches mit Leichen und Truͤmmern ſpielt. Gluͤhender Punſch wurde herum⸗ gereicht. Durch den aufſteigenden Nebel dumpfer Bewußtloſigkeit brannte nur die Gewinnſucht wie ein irrendes Licht, welches den Schiffer zur ver⸗ derbenden Brandung lockt.— Coeurdame gewann. Erwin bog.— Das Spiel ging ſeinen Gang, und zog ihn fort. Er gewann und bog. Er verlor, ſetzte neu; verlor und doppelte den Satz.— Nicht ſo wild! flͤſterte Serraval— die Karten fallen Ihnen widrig; Paſſen hat auch ſeine Zeit. — Gott bewahre! rief Erwin— der Sturm 183 nimmt die Schanze!— Er ſtuͤrmte, der Reſt flog hin; und die Karte zerriſſen unter den Tiſch.— Attention! Herr von Stiff, Sie erlauben Marken? Morgen einzuloͤſen?— Ohne Frage, war die be⸗ reitwillige Antwort— haben Sie die Güte. Er⸗ win zeichnete ſeine Marken, und ging vorwaͤrts, wie ein Pferd, welches in toller Wuth mit einem brennenden Wagen hinter ſich durch die Straßen ſchießt.— Das ungluͤck ſaß auf ſeiner Handz jede ſeiner Karten ſchlug unfehlbar fuͤr den Bankhalter. — Die Lichter brannten ihm ſo dunkel; der Wein tobte in ſeinen Adern, der Unmuth in leinem Ge⸗ hirn; aber endlich mußte er doch gewinnen. Er ſpielte heftiger, ſetzte unaufhoͤrlich, parirte dazu— der daͤmmernde Morgen warf ſchon einen zweifel⸗ haften Schein zwiſchen die abgebrannten Kerzen auf die bleichen Geſichter.— Erwins Marken waren ſaͤmmtlich in den Hoaͤnden ſeines gierigen Feindes, welcher die heilloſe Qual endlich mit dem Wort: jeu lini! beſchloß. Herr von Stiff rech⸗ nete ihm ſehr hoflich eine Summe auf, die ihm wie der tollſte Unſinn klang. Er glaubte nicht recht zu hoͤren, mit bebender Hand zaͤhlte er nach; es war ganz richtig. Der Saal, die Lichter, die Larven 184 der Umſtehenden tanzten vor ſeinen Augen. Er wußte nicht genau was er that und ſagte. Er fand durch den Morgennebel ſeine Wohnung, er fand ſein Zimmer, von ſich ſelber aber konnte er nichts fin⸗ den als den Gedanken, daß es entſetzlich ſein wuͤrde, wenn er ſich gefunden haͤtte. Manches, was— durch den Schleier der Nacht angeſehen— uns wie ein furchtbares Schreckniß uͤberfaͤllt, zeigt ſich bei ruhiger Tagesbeſinnung min⸗ der beſorglich; aber nicht Alles. Das Gefuͤhl des Schwelgers der nach einem zuͤgelloſen Trinkgelage mit Kopfweh, oder aus den Armen der Wolluſt mit dem Ueberdruß ſchwer laſtender Reue aufwacht, iſt noch golden gegen den Zuſtand, in welchem Jener zu ſich ſelbſt kommt, der die Nacht hindurch mit den finſtern Daͤmonen unterirdiſch erzeugter Schaͤtze um Gewinn gerungen, und nichts als moͤr⸗ deriſche Wunden davon getragen hat, die nun erſt recht anfangen zu brennen. Erwin mogte den Tag kaum ſehen. Beſſer, meinte er, waͤr' es ge⸗ weſen, gar nicht wieder aufzuwachen. Schien der reine Sonnenſtrahl doch ſo hell ins Zimmer, als wollte er ihm ſeine Schlechtigkeit vorwerfen! Er kam ſich recht nichtswuͤrdig vor, und verbarg ſein 185 Geſicht ins Kopfkiſſen. Aber die innere Unruhe litt ihn auch da nicht laͤnger.— Wie er ins Zimmer trat, ſiel ſein erſter Blick auf eine Viſitenkarte mit dem Namen des Herrn von Stiff.— War der ſchon da geweſen um zu erinnern? Das waͤre doch zu ehrenruͤhrig. Er klingelte haſtig, fragte, und erfuhr„ daß der Bediente die Karte aus dem Rock ſeines Herrn herausgenommen haͤtte.— Faͤngt ſchon der Zufall an, mich hoͤhniſch zu mahnen? brummte er vor ſich hin.— Warum muß es denn eben dieſe verdammte Karte ſein!— und wie viel beſſer wäre mir doch, wenn es keine andern gaͤbe!— Aber es war kein Zufall. Er hielt das Blatt noch in der Hand, verdrießlich drehte er es um, und erblickte mit bitterem Ingrimm die Summe ſeiner Spiel⸗ ſchuld, welche Herr von Stiff dienſifertigſt auf der der Ruckſeite verzeichnet hatte.— Ja ſo! murmelte er, warf die Karte auf den Liſch, und deckte andre Papiere daruber.— Gedankenvoll und dann wie⸗ der gedankenlos ſtand er eine Weile am Fenſter, und wuͤnſchte ſich einzubilden, daß, waͤhrend er ſo regungslos verharrte, auch die Zeit unterdeſſen ſtill ſtande. Aber eine Glocke ſchlug nach der an⸗ dern. Die Stunden dieſes ungluͤcklichen Zah⸗ 186 lungtages liefen unerträglich ſchnell; es war bald Mittag; Rath mußte geſchafft werden, und er hatte noch nichts dazu gethan.— O, das verfluchte Spiel auf Marken! Eigentlich ſollte es gar nicht gelten! — Aber es galt nun einmal; was half das Lamen⸗ tiren. Er ging zum Liſch, griff zwiſchen Buͤchern und Zeitungen herum; da kam die Karte wieder zum Vorſchein— das heilloſe Blatt!— Er ſah es wieder an. So ungeheuer groß war die Summe am Ende nicht. Aber wieviel zu groß doch fuͤr den, der nicht des zehnten Theils davon maͤchtig war!— Er ſah ſeine Caſſe nach— Wie kuͤmmer⸗ lich lag der kleine Reſt da?— Gezahlt mußte wer⸗ den, das war keine Frage. Aber woher? Seinen Credit hatte er lange aufgesehrt; mehrere Glaͤubi⸗ ger waren ſchon dringender geworden; nach Hauſe hatte er bereits um anſehnliche Summen geſchrie⸗ benz nichts war gekommen; die Paͤchter und Schuld⸗ ner, hieß die Antwort, koͤnnten wegen Kriegsliefe⸗ rungen nicht zahlen. Von dort mußte jetzt freilich die Huͤlfe herbei, und koſte es, was es wolle.— Aber das war ein weitlaͤufig Ding, und heute! heute!—— Der alte Onkel, Vetter Wolf wa⸗ ren fort; wenn er anders den erſten haͤtte anſpre⸗ 187 chen moͤgen, und vom letzten etwas erhalten koͤnnen. Serraval? Nimmermehr!—— Schmuel Levi? Der verdammte Hebraͤer hatte ſchon vor vier Wo⸗ chen nicht vierzig Louisd'or zu acht Procent anſchaf⸗ fen wollen.— Ein paar Pferde verkaufen?— Wel⸗ ches Gerede! Welcher Schimpf! Und an wen? Zu welchem Preiſe?— Das war alles nichts. Troſt⸗ los ſah er im Zimmer umher; er verwuͤnſchte den Hofmarſchall, der ihn an den Hof gesogen, ſeinen Vater, der ihn hergelaſſen, den Fuͤrſten, der ihn zum Kammerjunker ernannt, Serraval, der ihn eingeladen, den Oberhofmeiſter, der ihn gepluͤndert, ſich ſelbſt endlich, der den dummſten Streich gemacht hatte, und nun keine Huͤlfe wußte.— Sie war da, wie immer Huͤlfe in der Noth; nach dem gedanken⸗ loſen Spruch: denn wo ſonſt als in der Noth waͤre von Huͤlfe die Rede? Worauf er am wenigſten gehofft hatte— einen Brief vom Gute brachte der Bote mit einer mäͤßigen baaren Summe und einer bedeutenden Anweiſung auf ein Handlungshaus. Was ſolche Rettung werth iſt, weiß einer, der ſo in der Klemme ſteckte.— Mit feuchten Augen las Erwin den vaͤterlichen Brief, worin der zu gute Alte ihn zaͤrtlich ermahnte, 188 kunftig beſſer zu wirthſchaften, er habe nur ſehr muͤhſam diesmal Anſtalt gemacht und koͤnne ihm in langer Zeit nichts wieder ſchicken. Ja, ſagte er laut, du haſt Recht, guter Vater; ich muß anders wirthſchaften, aber mit dieſem Gelde kann ich nicht anfangen; das iſt nur die Hand, die mich aus dem Abgrunde zieht; nachher will ich auf beſſern Weg denken!— Augenblicks wurde Levi herbeigerufen. Er nannte die Anwei⸗ ſung ein gutes Papier; freilich war ſie erſt nach vierzehn Tagen zahlbar, aber da half ja Disconto. Blanke Geldſtucke lagen daneben auf dem Liſch— Der Jude verbeugte ſich, und bekam auf einmal neue Anſichten von dem Credit des Herrn Barons. Mit dem Allen war die verſpielte Summe noch nicht beiſammen, aber Levi war zu allen Geſchaͤf⸗ ten bereit; das Geld ſei ſchrecklich rar, ſagte er, doch fuͤr den Herrn Baron laufe er durchs Feuer. — So, Angeſichts der nahen Erloͤſung aus der verzweitelten Lage, mogte es dann auf einen Sprung uͤber allerhand Bedenklichkeiten nicht mehr ankom⸗ men; von der polniſchen Fuchsſtute war die Rede; der uneigennuͤtzige Geſchaͤftsmann zahlte dafuͤr ein Drittheil, fur zwei goldene Uhren die Haͤlfte des 189 Werths; ein Wechſelchen des Herrn Barons ver⸗ ſchaffte den fehlenden Reſt— der Jude zog ab, triumphirend uͤber ein Negoz, woran er beim Gott ſeiner Vaͤter nicht das Salz zu verdienen ſchwur; und Erwin athmete frei; denn noch vor Abend war die Ehrenſchuld getilgt. Aber mit einem ernſt⸗ haften Eide gelobte er ſich: nie wieder zu pointiren — auf Marken. Es iſt einmal ſo; der verkehrte Menſch freut ſich gar wunderlich uͤber unerwartetes Loskommen aus einem Nothſtande, deſſen beſonnene und leichte Vermeidung ihm nicht die mindeſte Freude gemacht haben wuͤrde. Erwin, vor Kurzem noch ſo klein⸗ laut und faſt verzweifelnd, ſah ſtols um ſich her, als waͤre der gute Ausgang das Werk oder die Belohnung ſeines Verdienſtes. Das Gluͤck hatte ſich gegen ihn als eine treue Huͤlfsmacht bewieſen, und wenn er darum glaubte, auf deſſen Unterſtuͤz⸗ zung in andern Faͤllen nur mit Zuverſicht rechnen zu duͤrfen, ſo ward er in dieſem Wahn durch eine erfreuliche Botſchaft beſtärkt. Der Cavalier, welcher den Fuͤrſten auf das Jagdſchloß begleitet hatte, war durch einen Sturz mit dem Pferde auſſer Stand geſetzt, den Dienſt 190 wahrzunehmen; an Erwin kam alſo die Reihe, und die Weiſung, ſich unverzuglich hinauszubege⸗ ben. Dies meldete ihm Wolf in Abweſenheit des Hofmarſchalls, welcher aller klugen Etwaͤhnung zum Trotz in die Nothwendigkeit gebracht war, ſeinen Damen die nahe gelegene Villa als Zufluchtsort einzuraͤumen. Durch Uunvorſichtigkeit war naͤmlich auf dem alten Ritterſchloſſe in einem lang vernach⸗ laͤſſigten Schornſtein Feuer ausgebrochen; die Flamme hatte uͤberhand genommen, und den bewohnbaren Cheil des Gebaͤudes ſo ſchnell in Aſche gelegt, daß ſelbſt die Fräuleins nicht auſſer Gefahr geweſen waren. Vorlaͤufig hatten ſie bei dem Gutsinſpector Obdach gefunden; dort aber war ihres Bleibens nicht, eben ſo wenig konnten ſie zur Stadt zuruͤck⸗ kehren, weil unmittelbar nach ihrer Abreiſe ein gan⸗ zes Heer von Handwerkern in das Haus des Hof⸗ marſchalls eingeruͤckt war, wo bedeutende Reparatu⸗ ren nicht laͤnger aufgeſchoben werden durften; und nunmehr Baugeruͤſte, Schutt und Staub alle Zim⸗ mer und Zugaͤnge verſperrten. Dem Alten blieb unter dieſen Umſtaͤnden keine Wahl; er mußte ſie auf ſeinen Weinberg einauartieren, und befand ſich eben dort, um die noͤthigen Anſtalten zu treffen. 191 Der folgende Tag ſah den aufgeheiterten Erwin ſchon bei guter Zeit zu Pferde unterwegs nach dem Jagdſchloß. Das thauig friſche Gruͤn der Huͤgel, die langen Fruͤhſchatten der Baͤume weit daruͤber hingeſtreckt, Nebeldampf im Thal, Mor⸗ genlicht auf den Bergſpitzen umher, das alles machte auf ihn den wunderbaren Eindruck einer neuen Schoͤnheit, welche ihm dennoch hinter dem Schleier einer alten Freundin, der Erinnerung, zugleich eine Bekannte war. Ueber ſein zerſtreutes Stadtleben hatte er den fruͤheren laͤndlichen Zuſtand, der ihm nie ſonderlich behagte, ganz vergeſſen, und jetzt fand er in dieſem Anblick und den Gedanken an ſeine Knabenjahre, welche durch Wald und Feld um ihn lebendig wurden, eine Freude innig und rein, wie ſie ihm noch in keiner glaͤnzenden Abend⸗ geſellſchaft zu Theil geworden war. Er haͤtte uͤber des Großonkels Villa nach dem Jagdſchloß gelan⸗ gen koͤnnen; die Straße wand ſich ſeitwaͤrts um den Huͤgel herum, und der Umweg betrug keine halbe Stunde. Aus der Ferne uͤber die ſanft ab⸗ haͤngigen Weinberge weg ſchimmerte ihm das blaue Dach lockend entgegen, aber er nahm ſich weislich in Acht, dahin abeubiegen. Die Ungewißheit, ob 192 Valerie dort ſei, peinigte ihn zwar; er meinte, das Gebaͤude muͤſſe ihm es von weitem verrathen, wenn es ſchon zum Tempel ſeiner Goͤttin umge⸗ wandelt worden; allein es verrieth nichts, und aus unuͤberwindlicher Neugierde dem alten Herrn in die Haͤnde zu laufen, waͤre ohne Zweifel das rechte Mittel geweſen, nie wieder hin zu duͤrfen. — Was der Hofmarſchall mit dem Exil der Da⸗ men nach dem alten Familienſitz gewollt, hatte Erwin ſehr gut begriffen. Daß der geſtrenge Herr ihm ſchon ſo mißtraute, war freilich unange⸗ nehm, auf der andern Seite aber auch wieder er⸗ gotzlich, beſonders unter dieſen Umſtaͤnden, wo bei der Nahe des Orts jede Gelegenheit zur Ueberli⸗ ſtung auch der eifrigſten Wachſamkeit, bequem ab⸗ gelauert werden konnte. Schon die Lage des fuͤrſtlichen Jagdſchloſſes auf einem ſchroffen, nur von einer Seite zugaͤng⸗ lichen Felſen, machte daſſelbe recht zu einem aus⸗ geſuchten Lauerpoſten. In aͤltern Zeiten war es wohl fuͤr feindlichere Zwecke als ſolcher benutzt worden. Jetzt beſchaute in muͤſſigen Stunden der Fuͤrſt von dieſer erhabenen Warte herab ſehr fuͤglich den * 193 groͤßten Theil ſeines Landes, und damit die treuen Unterthanen nicht ungewiß waͤren, wohin ſie ihre bittenden und hoffenden Blicke zu richten haͤtten, ward ſeine Anweſenheit jedesmal ſorgfaͤltig durch eine große vom hoͤchſten Thurm wehende Fahne angedeutet. Uebrigens ſchien gegenwaͤrtig auf dem Schloſſe eine uͤbereifrige Geſchaͤftsthatigkeit zu herrſchen. Erwin hatte bereits eine gute Weile im Vorzim⸗ mer geſtanden, als die Chuͤre zum Cabinet des Fuͤrſten aufging und Herr von Pranken heraus⸗ trat. Dieſer war ſeit einigen Tagen hier, und jetzt im Begriff, nach der Stadt zuruͤckzukehren. Sehr freundlich kam er auf ſeinen Schuͤtzling mit den Worten zu: Vortrefflich, daß Sie hier ſind; Ihre Sachen ſtehen gut; ſuchen Sie nur ſich recht zu inſinuiren.— Wichtige Dinge gehen vor; Ihr Großonkel muß eine Reiſe machen— Familienan⸗ gelegenheiten von Belang ſind zu arrangiren; dazu iſt er allein der rechte Mann; er muß das einleiten; ich hab' es dem Fuͤrſten geſagt, und es iſt auch ſchon genehmigt. Spaͤteſtens morgen muß er fortz naͤchſtens kommt an Sie die Reihe; fuͤhren Sie ſich nur recht klug auf.—— Er wollte noch etwas ſa⸗ 13 194 gen, aber der Druͤcker an der Thuͤre bewegte ſich und der Geheimerath verſchwand. Vom Fuͤrſten wurde Erwin ungewoͤhnlich huldreich empfangen, und nach den hergebrachten Fragen: was man in der Stadt mache? wie lange er unterwegs gent⸗ ſen? in Gnaden entlaſſen. Zufrieden mit ſich und allem kehrte er auf ſein Zimmer zuruͤck. Gerade unter ſeinen Fenſtern, ſteil und eher noch etwas einwaͤrts ging, der Fels abgeſchnitten hinab zur Liefe; ſeinen Fuß beſpulten die Wellen des anſehnlichen Landſees, der ſich breit und heiter zwiſchen hochanſteigenden ufern ausdehnte. Gegenuͤber in gerader Richtung, kaum eine Stunde entfernt, lag an einer lieblichen Bucht das Gut des Hofmarſchalls. Um den See herum uͤber manchen Huͤgel weggeſtreckt, ſchimmerte die Landſtraße bis zum letzten blaͤulichen Waldrüͤcken, hinter welchem ſich die Stadt verbarg. Dieſe reizende, und dazu die geiſtig entzuͤckende Ausſicht auf des Hofmarſchalls verkuͤndete Entfer⸗ nung erhoͤheten Erwins gute Stimmung auſſeror⸗ dentlich. Er fuͤrchtete nur, Herr von Pranken moͤgte ſich nach ſeiner Art etwas zu voreilig ſo be⸗ ſtimmt daruͤber geuͤnſſert haben. Allein dieſesmal 195 hatte die Sache ihre vollige Richtigkeit, und ihren unabaͤnderlichen Grund in allerhand verwickelten Fa⸗ milienverhaͤltniſſen, die nur dem Hofmarſchall nach der langen Reihe ſeiner Dienſtjahre durchaus gelaͤu⸗ fig, und wegen ſeiner Perſoͤnlichkeit und genauen Bekanntſchaft mit den Herrn Vettern und Agnaten ſelbſt, auch nur von ihm mit Erfolg zu behandeln waren. Der Hofmarſchall war uͤbrigens von dieſer ſonſt ganz ehrenvollen Miſſion, unter den gegenwaͤrtigen umſtaͤnden gar nicht außerordentlich erbaut. Durch das Zuſammentreffen unangenehmer Zufulle ſah er zu ſeinem großen Verdruß ſaͤmmtliche Schanzen, welche er ſo kuͤnſtlich gegen den beargwohnten Vet⸗ ter aufgefuͤhrt zu haben glaubte, in einem Augen⸗ blick einſtuͤrzen. Ein vorſichtiger Schuͤtze aber fuͤhrt mehr denn einen Strang am Bogen. Mit der viel⸗ jährig geuͤbten Behendigkeit, die wichtigſten Sachen nach Belieben auf das Zierlichſte zu verwirren oder zu entwirren, hoffte er auch die vorliegende Auf⸗ gabe ſo ſchlau ins Feine zu bringen, daß ſich die Welt und vorzuͤglich Erwin daran verwundern ſollte. Auch uͤberraſchte dieſen nicht wenig die un⸗ gewohnte Freundlichkeit womit ihn der Alte, wel⸗ 196 cher eben eine lange Audiens beim Fuͤrſten gehabt hatte, zu einer Geſchaͤftsunterredung, wie er es nannte, einlud. Von Geſchaͤften hatte mit Erwin noch kein Menſch zu ſprechen verſucht. Neugierig, was daraus werden ſolle, folgte er, in Begleitung eines geheimen Canzliſten, dem Onkel die ſteile Wendeltreppe hinab, welche in einem der Schloß⸗ thuͤrme zu mehreren tief liegenden Gewoͤlbzimmern fuhrte. Als die erſte große mit Eiſen beſchlagene chuͤr ſich ſchwer knarrend oͤffnete, und den Eintre⸗ tenden aus dem lang verſchloſſenen Gemach ein mulſchiger Dunſt entgegenquoll, glaubte er in pve⸗ tiſcher Ahndung, es ſolle ihm hier ein dunkles ſtaatswichtiges Schuldgeheimniß des erhabenen Fuͤr⸗ ſtenhauſes eroͤffnet werden. Der Raum aber, in dem ſie ſich befanden, ſah gewaltig trocken und nuͤchtern aus. Von verheimlichten Leichnamen, blutroſtigen Schwerdtern, Schickſalsdolchen und dergleichen hochtragiſchem Apparat war keine Spur. In den vielfach auf langen Tiſchen umherſtehenden Kaſten und Schatullen konnte ſich freilich manches verbergen. Aber an dieſen ſchritt der Onkel vorbei, auf die vergitterten Artenſchraͤnke zu, welche ehr⸗ baren Anſehens die Waͤnde bedeckten. Die große 197 Fracturinſchrift: Hausarchiv» bezeichnete die Art dieſes verborgenen Schatzes, der ſchon vor mehre⸗ ren Jahren zu Kriegszeiten hieher gefluͤchtet, und in dieſer ernſthaften Einſamkeit ruhig verblieben war. Erwin hoffte noch immer, daß ſich aus den ſtaubgrauen Papieren fuͤr ihn die Kunde ſchauder⸗ hafter Begebenheiten aufthun ſollte; allein umſonſt. Der Hofmarſchall begehrte von dem Cansliſten meh⸗ rere Nummern aus verſchiedenen Rubriken, und als dieſer mit Actenſtößen ͤberladen ſich entfernt hatte, begann folgende Anrede an den Harrenden: Lieber Vetter, ſagte der Alte in ſeinem gewohn⸗ ten bedäͤchtigen Ton, Sie koͤnnen mir und ſich einen weſentlichen Dienſt leiſten. Ich hoͤre mit Ver⸗ gnuͤgen, daß Sie ſich appliciren wollen. Hier iſt eine Gelegenheit, und ich bin Ihnen zur Benutzung der⸗ ſelben gern behuͤlflich. Fͤr den Auftrag, womit der Fuͤrſt mich beehrt, habe ich die allerunentbehrlichſten Materialien beiſammen; der Menſch da hat ſie eben weggetragen. Wenn aber die Sache, wie ſehr moͤg⸗ lich iſt, weitlaͤufig wird, ſo entbehre ich gewiß man⸗ ches, was im Augenblick nicht aufgefunden werden kann; denn das Archiv liegt in großer Unordnung 198 durch einander. Da habe ich denn an Sie gedacht, und Seine Durchlaucht ſind mit meiner Meinung ganz einverſtanden. Es iſt keine geringe Auszeich⸗ nung, daß man Ihnen dieſe Heiligthuͤmer anver⸗ traut, und Sie werden gewiß die Zuverſicht recht⸗ fertigen, womit ich Ihren Eifer verbuͤrgt habe. Dieſe drei Zimmer enthalten das Wichtigſte, was an Papieren im Lande exiſtirt. Wenn Sie die Ordnung darin wieder herſtellen, ſo erwerben Sie ſich ein großes Verdienſt; Sie lernen zugleich manches, was Ihnen kuͤnftig nutzlich ſein wird, und verwen⸗ den endlich ihre Muße zu einer bedeutenden Arbeit, ohne welche Sie dieſen einſamen Aufenthalt in die Laͤnge unertraglich finden wuͤrden. Es iſt freilich die Zeit der Entenjagd; aber ſoviel ich weiß, uͤber⸗ laſſen Sie ein ſo untergeordnetes Vergnuͤgen mit Freuden dem Vetter Wolf, der nur im Revier lebt. An Gegenden und laͤndlichen Scenen haben Sie als ein vernuͤnftiger gebildeter Mann auch we⸗ nig Genuß. Nachbarſchaft iſt gar nicht da; denn mein Landhaus darf ich aus triftigen Gruͤnden nicht in Anſchlag bringen. Sie wiſſen, meine Tochter iſt Braut; aber ehe ihre Verbindung mit Herrn von Paſer declarirt wird, moͤgten ſeine Beſuche in 199 meiner Abweſenheit weder ſchicklich noch rathſam erſcheinen. Er ſieht das auch ein, und Sie begrei⸗ fen, daß fuͤr ihn eine Kraͤnkung darin lage, wenn er trotz ſeiner gegruͤndeten Anſpruͤche Ihnen nach⸗ ſtehen muͤßte. Ueberdies werden meine Tochter und Richte ſehr eingezogen leben, und wenigſtens ein paar Wochen im Gnadenthal bei meiner Couſine der Aebtiſſin zubringen. Die gute alte Frau beſteht auf dieſem Beſuch, den ich nicht verweigern darf. — unter dieſen umſtänden habe ich gewiß einen Anſpruch auf Ihren Dank fuͤr den Zeitvertreib, welchen ich Ihnen hier ausgemittelt habe. Erwin wollte ſehr lebhaft das ditekte Gegen⸗ theil verſichern, aber der Hofmarſchall, ohne ſich ſtören zu laſſen, ging ſofort ins Detail uͤber, machte ihn mit dem Inhalt der einzelnen Schraͤnke bekannt, deutete vorlaͤufig an, was aus dieſem und jenem vorzuglich in Betracht kommen werde, und endigte ſeinen Vortrag mit dem beſonders troſtlichen Schluß⸗ wort: Waͤhrend meiner Abweſenheit, die uͤbrigens furs Erſte keinen Monat dauern kann, werden wir eine lebhafte Correſpondenz zu fuͤhren haben. Sie koͤnnen mit jeder Poſt und jeder Eſtafette auf einen Brief von mir rechnen; es verſteht ſich, daß ich die 200 Antwort immer umgehend erwarte. Durch Herrn von Pranken, der woͤchentlich wenigſtens einmal herauskommt, koͤnnen Sie ſich in zweifelhaften Fallen die beſte Anweiſung verſchaffen. Das Terrain wird Ihnen jedoch bald hinreichend bekannt, und Ihrer Gewandheit jede fremde Aushuͤlfe entbehrlich ſein. Nun endlich kam Erwin an's Wort, und ob⸗ gleich er offenbaren Widerſpruch gegen den Groß⸗ onkel nicht wagte, ſo gab er doch in ſehr uͤbler Laune zu verſtehen, wie ihm mit dergleichen An⸗ ſinnen gar wenig gedient ſei, und er zum Regiſtra⸗ tor oder geheimen Canzliſten weder Neigung noch Beruf in ſich verſpuͤre. Nach Belieben, verſetzte der Alte ganz trocken. Nur wollen Sie die Guͤte haben, dieſe Erklaͤrung bei unſerm gnaͤdigſten Herrn ſelbſt abzugeben, in deſſen Auftrag ich mit Ihnen geſprochen habe. Es muß alſo wohl ein Irrthum zum Grunde liegen, wenn man glaubte, daß Sie die Laufbahn der Staatsgeſchaͤfte einzuſchlagen wuͤnſchten. Mir kam das gleich nicht wahrſcheinlich vor; und wenn Sie bei Ihrer Meinung beharren, ſo kann davon ſchon keine Rede mehr ſein. Die weiteren Folgen haben Sie ſich dann als Ihr eigenes Werk beizumeſſen. Sie begreifen das. 201 Was ich nicht begreife, erwiederte Erw etwas ſtutzig uͤber dieſen beſtimmten Ton, das iſ„ die ſchnelle Einfuͤhrung der unerhoͤrten neuen Mode, wodurch ein dienſtthuender Cavalier ſo beilaͤufig zum Actenhuͤter und Archivſchreiber umgeſtempelt wird. Sie muͤſſen mir doch zugeben, daß meine Beſtal⸗ lung mir gans andre Dinge zur Pflicht macht, und ſo lang unſer treffliches Hof- und Etikettweſen exi⸗ ſtirt, ein Kammerjunker auf ſolche Weiſe ſchwerlich angewendet worden iſt. Reglementirt, ſagte der Hoſmarſchall, ndeſch daruͤber freilich nirgend etwas. Aber, wo ſteht denn, daß ich mich zum auſſerordentlichen Geſand⸗ ten muß gebrauchen laſſen? Kaͤme es nur auf meine Liebhaberei an, ſo proteſtirte ich ſicherlich und ohne Zweifel auch mit Erfolg gegen dieſe Aufgabe. Allein ein rechter Cavalier paßt in alle Saͤttel. Wer am Hofe leben und fortkommen will, dem muß heute das Ambaſſadeurkleid ſo bequem ſitzen, als morgen der Soldatenrock. Er muß nicht einmal denken, als ob von mehr als einer veraͤnderten Loilette die Rede ſei. Laͤßt er ſich gar die Unbehaglichkeit einer neuen Lage merken, ſo mag er je eher je lieber den Abſchied nehmen. Will einer es aber zu 202 etwas bringen, ſo muß er einmal den Anfang ma⸗ chen. Wie geſagt, was Sie fur gut finden, liegt in Ihrer Hand. Indeſſen, nach der Lafel habe ich meine Abſchiedsaudienz, und noch heute Abend reiſe ich ab. Bis dahin alſo muß die Sache entſchieden ſein. Erwin ſchwieg und fugte ſich. Aber nichts, ſchwur er heimlich, ſollte dem alten Fuchs dieſer haͤmiſche Stteich helfen. Im Gegentheil, jetzt ward es ein Ehrenpunkt, den Widerſacher noch liſtiger zu uͤberliſten. Verbot und Hinderniß war der Reiz, welcher ſeinem Vekhaͤltniß zu Valerien bisher gefehlt hatte, und von nun an deſſen Zauber ums doppelte vermehrte. 10. Geliebter, wo zaudert dein irrender Fuß? Die Nachtigall plaudert von Sehnſucht und Kuß! Dazu ſchwimmt der Mond ſo hell im klaren Nachtblau, und Licht und Schatten ſpielen reizend, geiſtig, zauberiſch durch den hohen Laubengang am Seeufer, wo Valerie einſam wandelt.— Mein Himmel! ſchrie ſie, als plotlich aus dem ſilber⸗ thauigem Gebuͤſch ein raſcher Schritt hervorrauſchte; und ſie hatte Recht, ſo zu rufen; denn im naͤch⸗ —— ——— — 203 ſten Augenblick ging ihr Himmel auf, und ſie lag an der Bruſt des Geliebten. Schnell nach der erſten Umarmung des freudigen Zuſammentreffens fuͤhrte er ſie an einen Platz, wo durch eine Luͤcke in den Zweigen das volle Licht hereinquoll. Ich muß doch, ſagte er, endlich die lieben Augen recht deut⸗ lich wiederſehen, in die ich ſo lange nicht blicken durfte. Haſtig im taͤndelnden Wechſelſpiel kuͤßte nun ſein Mund und dann der Mond mit ſeinem Strahl die reine Stirn, die lieblichen Wangen des ſchoͤnen Kindes; leicht wie ein Lufthauch umfloß das ſchimmernde Gewand die ſchlanke Geſtalt.— Laut und heftig beklagte er ſich uͤber die lange Trennung. Und war das geſtern recht, mich ſo an der Chuͤr abzuweiſen? Zu Hauſe wart Ihr. Hab' ich es verdient, daß du vor mir dich ver⸗ laͤugnen laͤßt?— um Gottes Willen leiſe! bat ſie aͤngſtlich; deine Stimme hallt durch den Garten wieder; ich bin verloren, wenn Adamine dich hoͤrt. Laß mich es nicht entgelten. Dem ſtrengen Verbot des Onkels zum Trotz waͤr' ich dir geſtern entgegen gecilt; aber ich durft' es vor ihr nicht wagen. O, du glaubſt nicht, wie ſtreng und feind⸗ lich ſie mich behandelt; und ſie iſt doch eine gluck⸗ 204 liche Braut! Aber bin ich nicht eine gluͤcklichere? Sie ſchloß ihn zaͤrtlich in ihre Arme, riß ſich aber ſchnell erſchrocken wieder los— Wenn man uns beſchliche? Wie kamſt du in den Garten? Dich⸗ ſah doch niemand?— Sei ruhig, troͤſtete er; mein Kahn liegt unten in der dunkeln Felſenbucht; kein Menſch ahndet, daß ich hier bin.— Aber es iſt ſo ſpaͤt, klagte ſie wieder, und ich muß fort, oder mein Ausbleiben wird verdaͤchtig. Er bat flehent⸗ lich, bat nur um ſoviel Augenblicke, als noͤthig waͤren, oͤfteres Sehen, ſichere Zuſammenkuͤnfte zu verabreden; und der ſtillen Laube vertrauliche Heim⸗ lichkeit nahm das zaͤrtliche Paar in ſeine dunkel⸗ ſten Schatten auf.— Zufrieden er, zufrieden ſie in ſuͤßer Gegenwart-Begluͤckung. Wie frohe Au⸗ genblicke eilig wandern, ſo gluͤcklich eilen Liebende mit ihnen. Und jeder naͤchſte Augenblick war ſchoͤ⸗ ner, als des vergangnen ſchnell durchlebter Traum. Aber nicht dem koſenden Geſchwaͤtz inniger Em⸗ pfindung von Herzen zu Herzen ſollte die anmu⸗ thige Gunſt des Zufalls allein angehoͤren. Va⸗ lerie erzaͤhlte, wie beſtimmt der argwoͤhniſche Dheim den Empfang aller Beſuche und vorzuͤglich den des Geliebten unterſagt habe. Auch Erwin ——— 205 war durch ſeinen Dienſt an die Perſon des Fuͤr⸗ ſteu gefeſſelt. Zum Gluͤck verlockte dieſen die Beluſtigung mit der Entenjagd haͤuſig uͤber's Waſſer, und in die Niederungen an den Ufern 6 umher. Eben dieſen Abend bis zum folgenden blieb er vom Jagdſchloſſe abweſend, und Erwin hatte die Gelegenheit zu guͤnſtiger Stunde benutzt. Nun mußte ſchnell Verabredung fuͤr die Zukunft getroffen werden. Viel Hoffnung gluͤcklicher Wie⸗ derholungen konnte Valerie ihm nicht geben, und wenn ſie vor Verrath und Ueberraſchung zit⸗ terte, ſo galt ihre Furcht nicht minder der ſchlim⸗ meren Gefahr, welche ſie in den gluͤhenden Kuͤſ⸗ ſen des raſchen Juͤnglings ahndete. Aber ihn ruͤhrte ihr aͤngſtliches Verſtummen und er beſiegte den Unge⸗ ſtuͤm des Verlangens. Einmal nur lehnte er ſein Haupt an ihren Buſen, und fuͤhlte unter ſeiner Wange die warmen Blutwellen mit leiſem Klopfen aufſteigen, wie Meereswogen an ein ſanftes Ufer ſchlagen, jede vom ſtillen Abendwind gekuͤßt; ſo jeder Herzensſchlag ein Gedanke von Liebe.— Nun aber flog ſie unaufhaltſam in die Hoͤhe; Blick, Kuß und Abſchied war ein Augenblick— dort an der dunkeln Hecke ſchon flatterte die weiße Ge⸗ ſtalt hin, war nun verſchwunden.— Wie traurig ſah jetzt die Nacht, wie bleich der Mond aus, als waͤre ihm ſeine Sonne entwichen. ueber den ſpiegelklaren See glitt Erwin heim, bewegt und in ſich verſunken, wie einer, der am Himmel ab⸗ gewieſen, unwillig zur traurigen Erde noch ein⸗ mal ruͤckkehren muß. Haͤtte der Hofmarſchall vom Jenſeit des freund⸗ vetterlich fuͤrſtlichen Horizonts, an welchem er ein Wandelſtern erſter Groͤße aufgegangen war, mit eigenen Augen hereinblicken koͤnnen, in das dunkle Thurmgewoͤlbe des einſamen Jagdſchloſſes; wie vielmehr wuͤrde er ſich noch uͤber ſeinen glucklichen Einfall gefreut haben, welcher den Aktendurchwuͤh⸗ lenden Kammerjunker wirklich manchmal an den Rand der Verzweiflung brachte. Die verſprochenen Briefe des alten Herrn kamen mit der heilloſe⸗ ſten Regelmaͤßigkeit an jedem Poſttage und zwar in ganz ungebuͤhrlicher Laͤnge und Breite an. Auch zitterte Erwin immer ſchon vor Aerger, wenn er einen aufbrach; denn inwendig auf den vollge⸗ ſchriebenen Seiten wollten die Auftraͤge, Anfor⸗ derungen und Beſtellungen gar kein Ende nehmen. Daneben ſchien der Oheim ſich gegen ſeinen ge⸗ 207 horſamen Neffen ſogar noch manchen ſehr fatalen Spaß zu goͤnnen; denn oft bezeichnete er ihm auf das genaueſte die beſondere Actenſammlung, aus welcher er dies oder jenes hochwichtige Stuck augenblicklich haben muͤßte; das ganze ſtaubige Papiergebirge wurde ausgeſtoͤbert, und nichts von dem Begehrten gefunden. Auf die verdriesliche Meldung von der vergeblichen Arbeit erfolgte dann zur Antwort, es ſei ein Irrthum geweſen und das Teſtament oder der Tractat auf den es eigentlich ankomme, ein ganz anderer; wonach denn der naͤmliche Tans abermals und mit einem Zeitverluſt angieng, welchen Erwin in ſeinem Leben nicht ſo innig beklagt hatte. Die verheißene Zurecht⸗ weiſung des Herrn von Pranken blieb ganz aus; denn ſeine Erſcheinung war hoͤchſt ſelten, und immer nur auf einige Stunden, in denen er fuͤr Erwins Anfragen und Zweifel keine Zeit hatte. Dieſer meinte zu ſterben vor innerlichem Grimm. Einmal wagte er es, ſich an der Tafel die ihm ſo unzweckmaͤßig aufgebuͤrdete als ſeines Erachtens hochſt ͤberfluͤſſige Actenjagd mit einer leiſen An⸗ ſpielung auf den beſſern Erfolg am Entenfang in ſpoͤttiſchen Redensarten herauszulaſſen; allein der 208 Furſt, welcher denſelben Morgen ein paarmal vorbeigeſchoſſen hatte, und uͤbler Laune war, auch uͤber Geſchaͤfte keinen Spaß verſtand, warf ihm ohne zu antworten, einen ſo ungnaͤdigen Blick zu, daß er mit dieſem mislungenen Verſuch gegen die Archivfrohne nicht wiederkam. Weit minder erfreulich dagegen waͤre fuͤr den Hofmarſchall ein Blick auf ſeine Villa geweſen. Denn da haͤtte er, ſeit jener erſten Zuſammen⸗ kunft doch wenigſtens einmal die Woche, in den abgelegenſten Theilen des Parks ein verliebtes Paͤr⸗ chen ertappt, welches ſeiner ſtrengen Verbote mit den feurigſten Kuͤſſen und Liebkoſungen ſpottete. Da der Fuͤrſt zu Nacht auf ſeinem Zimmer ſpeiſte, und Wolf als ein rechter Weidmann ſich zeitig zur Ruhe begab, um vor Sonnenaufgang wieder bei der Hand zu ſein; ſo hatte Erwin dann wenigſtens freie Bahn und nach langweiligem Tagewerk doch die troͤſtende Ausſicht auf eine ſelige Abendſtunde. Wenn das weite Gebirg und die ſchwarzen Waͤlder umher ſchon lang unterm breiten Nachtmantel ſchlummerten, dann ſchwebte ſein leichter Kahn queer uͤber die dunkle Flut auf die Mitte des oͤden See's, und ſchlich von da im * 209 uferſchatten entlang bis zu dem Felſenvorſprung an welchem ein raſcher Bach zwiſchen den Huͤgeln herab die Graͤnze des Guts bezeichnete. Schmale Fußpfade leiteten den naͤchtlichen Wanderer zum Gartengehege; und verkuͤndete ihm dann am be⸗ wußten Baum das verabredete Zeichen eines ſeidenen Bandes die Naͤhe der Geliebten, ſo empfieng ihn bald darauf in dem erſten Bogengange ihre weiche Hand und das ganze unausſprechliche Gluck der heimlichen Liebe. Wie ſchnell rennen aber ſolche Augenblicke! Wie viel zu ſchnell fuͤr ein liebendes Paar, das nicht muͤde wird, ſich die oft wiederholten Zaͤrtlichkeiten immer noch einmal zu ſagen, und tauſend reisende Bilder in den Nebel der Zukunft hineinzumalen. Wie aͤngſtlich zitterte Va lerie vor Adaminens argwoͤhniſcher Aufmerkſamkeit; wie oft wurde das kaum begonnene Geſpraͤch durch ein ploͤtzliches Ge⸗ raͤuſch vom Hauſe her, durch das Anſchlagen eines unausſtehlich wachſamen Hundes unterbrochen. Wie oft ſah Erwin ſeine Hoffnung ganz vereitelt. Ei⸗ frig taſtete ſeine Hand am entſcheidenden Aſt um⸗ her— vergebens; das gluͤckweiſſagende Zeichen fehlte; dennoch harrte, horchte er auf jeden Laut; eine Viertelſtunde nach der andern verſtrichz er 14⁴ 210 ging, ſtand, kehrte wieder; aber in unerbittlicher Stille lag die Einſamkeit der weiten Nachtgegend um ihn her; und endlich mußte er ſich doch ent⸗ ſchließen, den Schmerz getaͤuſchter Sehnſucht uͤber den langweiligen See nach Hauſe zu rudern. Um⸗ ſonſt ſtrengte er ſeinen Scharfſinn an, unfehlbare Mittel gegen ſo fatale HQuerſtriche zu erfinden; umſonſt beſtuͤrmte er Valerien um die Erlaubniß zur dreiſteren Benutzung anderer Gelegenheiten; ſie fuͤhlte zu lebhaft, wie viel ſie jetzt ſchon wagte; ſie wußte zu gut, daß es bei Adaminen nur einer halben Ahndung bedurfte, um ſie durch ſchnoͤden Verrath gegen den Onkel augenblicklich zu verder⸗ ben; und das Bewußtſein ihres unerlaubten Trei⸗ bens laͤhmte ihren friſchen Muth, der ſonſt auf gerader Bahn jeden offenen Kampf nicht ſcheute. So mußte Erwin ſich an den Seefahrten und dem Wechſelſpiel ihres Erfolgs oder Fehlſchlagens genuͤgen laſſen. Uebrigens war er nicht der Mann danach, ein erfreuliches und neidenswerthes Ge⸗ heimniß aͤngſtlich zu behuͤten; und Wolf mit ſei⸗ nem practiſchen Jaͤgerauge bemerkte viel ſchaͤrfer, als man es ſeiner ſchlichten Miene haͤtte zutrauen ſollen.— Sonderbar, ſagte er, und ſah den poli⸗ 211 tiſchen Vetter dabei ganz nachdenklich an, ich glaubte du wollteſt vielleicht eine Monographie uͤber irgend eine Waſſer- oder Sumpfpflanze her⸗ ausgeben, weil ich dich immer ſo langſam und ohne Flinte am Seeufer in deinem Nachen herumkrebſen ſah; aber hier liegen alle Tiſche nur voll von gans gewoͤhnlichen Gartenblumen.— Roſenknospen, ein zartes Myrthenreis; das ſind ja wohl gar Ver⸗ gißmeinnicht?— aber alle vertrocknet; und nun iſt es zum Einlegen viel zu ſpat. Am Ende laͤßt der Herr Kammerjunker ſich dergleichen zierliche Sträußlein von des Schloßverwalters munterem Toͤchterchen uͤberbringen— ſo ein kleiner kam⸗ merjunkerlicher Liebeshandel auf dem Lande— ja, ja, das ſinnige Bouquet von Myrthen und weißen Roſen iſt gerade mit ſo einem rothſeidenen Faden zuſammen gebunden, womit ich noch geſtern das flinke Hannchen naͤhen ſah,— oder haͤtt' ich ihn anderswo geſehen?— Aber haſt du vielleicht im Sinn, den Flor der Bandfabriken zu befoͤrdern? — Ich finde hier ſo viele Muſter von Schleifen und zwar von den zarteſten Sorten, welche nur von den ausgeſuchteſten Gemuͤthern an die liebevollſten Buſen geſteckt, und dort nur von kuͤhnen himmel⸗ R2 ſtuͤrmenden Juͤnglingen geraubt werden duͤrfen— blaßrothe, hellblaue, gruͤn und weiß geſtreifte— ja wuͤßt' ich nicht, wie ſorgfaͤltig der alte Herr ſein ſchoͤnes Fraͤuleinſtift vor deinen freibeuteriſchen Aben⸗ teuern verclauſulirt hat, ich ſchwuͤre darauf, dieſe Bandreliquie hier kaͤme von einer kleinen Heiligen, deren Anfangsbuchſtabe im Alphabet ſo gewiß einen der letztern, als vielleicht in manchem Herzen einen der erſten Plätze einnimmt. Erwin war in der verlegenen Situation, wo man ſo geradeaus zu lugen ſich ſchaͤmt, die Wahr⸗ heit auch nicht ſagen will, und zum geſchickten Ausweichen keinen Raum finden kann. Wolf ging in ſeinen neckenden Anmerkungen mit der groͤßten Unbefangenheit weiter. Er war in der Reſidenz geweſen, und ſchilderte ſehr komiſch die zarte Ver⸗ 3 zweiflung des Herrn von Paſer uͤber die uner⸗ traͤgliche Trennung von der ſchoͤnen Braut. Das kommt aber noch ſchlimmer, ſetzte er hinzu; bis jetzt konnte doch alle Tage ein zaͤrtlich Brieflein wenigſtens heraus, und die Antwort noch am naͤm⸗ lichen Abend wieder zuruͤckfliegen. Ich ſelbſt habe noch vorgeſtern auf dem Ruͤckweg fuͤr ihn die Rolle des Liebesboten geſpielt. Allein die Damen 213 duͤrfen nun die weite Pilgerfahrt nach Gnadenthal gar nicht laͤnger ausſetzen; denn wenn der Groß⸗ ohm, wie es heißt, in der naͤchſten Woche wieder⸗ kommt, und Sie nicht dort geweſen ſind, ſo geraͤth es Ihnen wahrlich zum uͤbelſten. Valerie, die bei der geiſtlichen Tante nur ſchlecht angeſchrieben iſt, macht allerhand Querſpruͤnge und will nicht mit; aber das wird der Alte ihr haͤßlich gedenken. Das Weltkind ſollte ſich uͤberhaupt nur etwas zah⸗ mer fuͤgen, und wer etwas uͤber ſie vermag, ſollte ſie beſſer berathen; allein ſie hat einen harten Kopf, und ich fuͤrchte, die heimlichen Inſtructionen, die ſie bekommt, ſind nicht die beſten. Der Ausfall war doch faſt zu deutlich, und Erwin verlangte daruͤber eine Erklaͤrung; aber Wolf verſetzte, er wolle froh ſein, wenn es ſich nicht einſt von ſelbſt erklaͤre; meinte jeder es ſo gut wie er mit ſdem lieben Kinde, ſo waͤre das nicht zu befuͤrchten. Du haſt ein neues Amt bekommen, wie ich merke, ſagte Erwin, und glaubſt wohl, wer Jagdpferde zureiten, und eine Meute koppelbaͤndig machen koͤnne, der ſei auch zum Mentor fur ſeines Gleichen berufen. 2¹4 Nu, nu Kammerjunkerchen, brummte Wolf; nur nicht ſo ſpitz! Mentor? bei Dir?— Soll mich Gott behuͤten. Weiß ja recht gut, daß Du alles beſſer verſtehſt, und viel zu klug biſt; glaube auch, daß Du ein ehrlicher Kerl biſt, und nichts Boͤſes im Sinn haſt; aber, was bei dem allen Dein Un⸗ gluͤck macht? willſt Du mir glauben?— Die ver⸗ dammte Ueberklugheit und die heilloſen hohen Ge⸗ danken, die nichts unter den Fuͤßen haben. Da⸗ vor nimm Dich in Acht, ich bitte Dich; daß es nicht einmal heißt: der Vetter hatte doch Recht. Nun, ich ſchweige ſchon, und habe meine Seele gerettet. Du mußt ſelber wiſſen, was Du zu thun haſt. Damit zur Thuͤr hinaus. Fuͤr Erwin war die Nachricht von dem bevorſtehenden Beſuch der Damen in Gnadenthal keine Neuigkeit; denn wenn er Abends Valerien am Ort der Zuſammenkunft nicht traf, ſo fand er dafuͤr doch wenigſtens unter einem gewiſſen Steine der uferfelſen zu ſeinem Troſt von ihrer Hand ein zaͤrtliches Blatt. In ei⸗ nem ſolchen hatte ſie ihn benachrichtigt, daß ihr Plan, ſich von dieſer Parthie unter mehr als einem ſcheinbar guͤltigen Vorwande loszumachen, wahr⸗ 21¹5 ſcheinlich durchgehen wuͤrde. Es kam nun auf den gluͤcklichen Erfolg an, und auch dieſen beſtaͤtigte ein unverdaͤchtiges Zeichen. Schon um ſieben Uhr Morgens ſtand er auf dem Thurme, den Blick un⸗ verwandt durch ein vortreffliches Fernrohr uͤber den See nach einem Pavillon am gegenuͤberliegenden ufer gerichtet. Die Stunde nahm kein Ende. Doch kaum hatte die Thurmuhr den achten Schlag ge⸗ than, ſo ward auch ſchon im Pavillon ein Fenſter geoͤffnet, wieder zugecogen, und abermals aufge⸗ macht. Nun war er ſeiner Sache gewiß. Aber wie traͤge ſchlich der langweilige Tag! Doch endlich war auch der herum, die Dämmerung goß ihre braunen Schatten am Gebirge herab uͤber den breiten Waſſerſpiegel; und vor des Abendwindes guͤnſtigem Hauche trieb Erwins leichtes Boot ſchnell vorwaͤrts, und bald ans erſehnte Geſtade, wo die Flut uͤber den kieſig flachen Strand aufrauſchend in die Felſenſpalten ſchlug.. Ein leiſes Ach! und: Erwin! Valerie! und der heiß zu einander duͤrſtenden Lippen noch leiſere innigſte Liebesſprache ohne Worte, waren die Feier des Wiederſehens nach langer Entbehrung. Wie kuͤhn und wie zaghaft bang zugleich macht dieſe Lei⸗ 2¹16 denſchaft! Zum verwegenſten Wageſtuͤck hatte das verliebte Maͤdchen ſich verſtanden; nun zitterte ſie vor ſich ſelbſt, vor ihm, vor jedem Gedanken; hef⸗ tiger vor jedem Geraͤuſch.—— Horch! Am Ende des langen dunkeln Bogengangs ein raſcher Schritt, ein heller Pfiff, eine Stimme: hieher Packan!— Und eilig, leiſe lauſchend, ſchleicht das erſchrockene Paar von Buſch zu Buſch. Quer uͤber den breiten Raſenplan koͤnnen ſie nicht flͤchten, ohne geſehen zu werden; auf dieſer Seite des Gartens aber iſt nur ein ſchmaler Heckenweg an der hohen Mauer entlang.— Schritt und Stimme bleibt auf ihrer Spur.— Es iſt der Gaͤrtner, fluͤ⸗ ſtert Valerie,— ſoll ich ihm entgegengehen? Aber was wird er denken? Und das Boot?— Erwin zieht ſie fort, dem Hauſe zu, wo alles ſtill und dunkel und nur Valeriens Fenſter halb er⸗ leuchtet iſt.— Aber nun wird uͤber den Hof, von der Seite der Wirthſchaftsgebaͤude her ein Geſpraͤch mehrerer Stimmen laut;— hier bleibt keine Wahl, — die Fluͤgelthuͤr des Gartenſaals ſteht offenz— Erwin hinein, ſchnell durch eine Reihe von Ge⸗ maͤchern in Valeriens Zimmer, wo er ſich ver⸗ birgt und horcht. Valerie war auf der Terraſſe 217 geblieben, als kaͤme ſie eben heraus, um noch die liebliche Abendluft zu genießen.— Er hoͤrte ſie mit dem Gärtner ſprechen, welcher das gnädige Fraͤu⸗ lein nicht zu erſchrecken bat, wenn ſie hin und wieder einen Schuß hoͤren ſollte; es ſei nur um ungebetenen Beſuch von der Bleiche abzuhalten.— Mein Gott! wie ſchlimm iſt das! fͤſterte ſie bei ihrem Eintritt ins Zimmer,— der Menſch wird ſich da noch ein paar Stunden herumtreiben!— Schlimm? ſagte Erwin, indem er ihre Hand an ſein Herz zog,— wo kann man beſſer aufgehoben ſein, als in dieſem Aſyl! In meinem Leben ver⸗ lange ich keine herrlichere Wohnung.— Nur um Gottes Willen leiſe! bat ſie, ließ die Gardine am Fenſter nieder, und ging auf den innern Vorplatz des Hauſes, um gegen jede Ueberraſchung Anſtalt zu treffen. Alles war in der einſamen Wohnung wie ausgeſtorben; nicht ein Fußtritt auf den wol⸗ lenen Teppichen hoͤrbar, nur das eintoͤnige Pendel- ſchlagen einiger Uhren in den anſtoßenden Zimmern unterbrach die naͤchtliche Stille, ohne jedoch die Liebenden zu ſtoͤren, fuͤr welche die Zeit ſtehen oder fliegen mogte; ſie achteten nicht darauf. Das verraͤtheriſche Schweigen des vertraulichen Gemachs 218 ſenkte ſich auf Valeriens Beſinnung wie ein un⸗ durchdringliches Gewoͤlk. Sie fuͤhlte wohl, daß es hohe Zeit ſei mit letzter Kraft anzukaͤmpfen gegen den verderblichen Zaubernebel; aber ſtatt der Waffen hatte ſie nur gluͤhende Wangen und fun⸗ kelnde Augen;— ach, und warum wider Erwins feurige Kuͤſſe nur bebende Lippen, und wider ſeine verwegenen Liebkoſungen nur das bewußtloſe Ent⸗ gegenkommen einer unverhaltenen Zaͤrtlichkeit, in deren ſchmeichelndem Anhauch die Flamme ſo heftig aufloderte, daß nur zu bald ihr bisher heilig ge⸗ haltener Reichthum an jungfraͤulicher Zuͤchtigkeit vom gewaltſamen Sturm ſeiner Begierde verzehrt war?— Allein iſt nicht das eben die Verdammniß innigſter Liebe, daß ſie, im uͤbertriebenen Vertrauen auf ihre Hoheit, mit dem Loͤwen der Gefahr noch zu ſcherzen meint, nachdem ſie ſchon ſeine Beute geworden iſt?— Das Entzuͤcken des Geliebten rechtfertigte vor ihrer Seele die Taͤuſchung, mit welcher ſie es theilte. Und den uͤppigen Schlum⸗ mer, in welchem, von milder Lampendämmerung umfloſſen, das vereinte Paar ſich umarmt hielt, ſegnete der Wahn ihrer Phantaſie als einen inneren Frieden, den ſie eben von jetzt an nicht mehr beſis⸗ zen konnte. 219 Ein Geraͤuſch auf dem Hofe weckte ſie aus dem Taumel. Valerie, ſo entſetzt vor einer ſchreck⸗ lichen ueberraſchung, als tief beſchaͤmt uͤber ihren zerſtoͤrten Zuſtand ſaß in ſich verſunken, und wagte nicht die Augen gegen ihn aufzuſchlagen, der noch immer Kuͤſſe aus ihren Lippen und berauſchende Seligkeit aus ihrem Buſen ſog.— Jetzt aber draͤngte ſie ihn von ſich; dem ſchoͤnen Munde kehrte die Sprache wieder, und ſie beſchwor ihn aus der Ciefe eines beaͤngſtigten Gewiſſens: da ſie ihm Alles hingegeben hatte, nun, wo moͤglich ihren Ruf durch ſorgfaͤltigſte Entfernung noch zu retten. Er gehorchte. Und wie die Seitenthuͤr nach dem Gar⸗ ten hinter ihm zuging, da war es ihr, als begeg⸗ neten ſich an der Heffnung zwei ſchwebende Ge⸗ ſtalten. Die, welche ihn begleitete, glich ihrem vernichteten Gluͤck, das er mit hinwegnahm; die andre aber, welche duͤſtern Auges an der Wand ſtehen blieb, ſtarr und bleich, ſagte: ich bin die Schweſter der Schuld, welche du in deinen Schooß aufgenommen haſt, und heiße die Reue! Morgen ſpreche ich mehr!— Da weinte Va⸗ lerie bitterlich. 220 11. Erwin wollte ſeinen Augen nicht trauen als er beim Eintritt in das Vorzimmer ſeines gnaͤ⸗ digſten Herrn, wohin er ſich pflichtſchuldigſt alle Morgen begab, um die hoͤchſten Befehle fuͤr den Tag entgegen zu nehmen, aus dem Cabinet des Fuͤrſten den Hofmarſchall herauskommen ſah. Die⸗ ſer nahm des Juͤnglings verwirrte Betroffenheit fuͤr ein ſehr begreifliches Staunen uͤber ſeine unerwar⸗ tete Erſcheinung. Mit vertraulicher Herablaſſung eroͤffnete er ihm, daß die ganze Unterhandlung mit dem Hofe, von welchem er ſo eben zuruͤckkehre, ſich zerſchlagen habe. Unſte Erbanſpruͤche, ſagte er, wollten ſie gelten laſſen; wogegen wir dem Loͤwen mit der rothen Tatze in unſerm Wappen entſagen ſollten. Aber da kamen ſie verkehrt an. Mit dem Loͤwen geben wir unſre Praͤtenſion auf die media⸗ tiſirte Herrſchaft Rothenklauen auf; das ſah ich augenblicklich durch; und ich bin nicht der Mann, der ein gutes altes Recht fahren laͤßt. An meiner Standhaftigkeit ſcheiterten alle Verſuche; und unſer Herr iſt mit meiner Verfahrungsart und ſchnellen Abreiſe ungemein zufrieden.— Er fuͤgte ein Paar verbindliche Worte uͤber Erwins muſterhaften 2 archivaliſchen Fleiß hinzu, und ließ dieſen in einer ſehr peinlichen Stimmung zuruͤck.— Aug in Auge gegen den wuͤrdigen alten Mann ward es ihm nun — woran er noch nicht gedacht— entſetzlich klar, wie unverantwortlich er deſſen Vertrauen hinter⸗ gangen hatte. Aber der augenblicklich ſtechende Schmerz dieſer Empfindung ſollte fur ihn noch erſt zu einer tief in den Seelengrund hineinbrennenden Marter werden. Der Fuͤrſt naͤmlich wollte ſeine Zufriedenheit uͤber die ritterliche Verfechtung des Loͤwen mit der rothen Tatze auf eine recht ausgeseichnete Weiſe an den Tag legen; und da der Hofmarſchall ſofort nach der Audienz ſich zu ſeiner Villa begeben hatte, ſo ſchien ein ſolenner nachbarlicher Beſuch der gna⸗ digen Abſicht zweckmaͤßigſte Ausfuͤhrung. Zur Er⸗ hoͤhung des hiebei nothwendigen Glanzes bekamen Wolf und Erwin Befehl, mitsureiten. Der Hofmarſchall fuhlte ſich durch die hohe Ue⸗ berraſchung aufs ſchmeichelhafteſte geruͤhrt. Man fand ihn im Kreiſe ſeiner Familie. Adamine und ihre Duenna hatten auf halben Wege zur alten Lebtiſſin die Nachricht von einer ihr ploͤtzlich zugeſto⸗ ſenen ernſthaften Krankheit bekommen, und ſogleich 222 umgewendet. Das alſo war der Wagen, der mich aus deinen Armen ſcheuchte? dachte Erwin, in⸗ dem er Valerien anſah, welche ſeinen Blick nicht ertragen, viel weniger erwiedern konnte. Die Bläſſe ihrer Wangen, ihr ungewoͤhnlich ſchuͤchtern nieder⸗ geſchlagenes Weſen haͤtte den lebhafteſten Zorn ent⸗ waffnet; und ſo ließ ſelbſt der ſtrenge Großohm den Vorwand der Krankheit gelten, weshalb ſie ſich von der ohnehin fehlgeſchlagenen Fahrt zur geiſtli⸗ chen Tante dispenſirt hatte. Erwin merkte bei Zei⸗ ten, daß ihre Verlegenheit ihn ansuſtecken drohte, und nahm ſich zuſammen um recht unbefangen und heiter zu ſcheinen. Zu ſeinem Gluͤcke waren die Blicke der Andern vom Strahl der fuͤrſtlichen Gnade ſo uͤbermaͤßig geblendet, daß ihnen ſein gezwungenes Spiel in der ſchwierigen Rolle entgieng. Und Va⸗ lerie that gar nichts, ihm den harten Stand zu erleichtern. Sie konnte nicht; der kuͤhne Fittich des guten Bewußtſeins auf dem ſie ſich uͤber alle armſelige Qual von Vechaͤltniſſen und Beſchraͤnktheit ſonſt hinaufſchwang, war gebrochen. Still, mit geſenk⸗ tem Haupt ſaß ſie da, das Opfer ſeiner unbeſonnenen Leidenſchaft. Ein ſchmersliches und doch im Schmerz noch laͤchelndes Zucken der geſchloſſenen Lippen ſchien manchmal zu fragen; warum ſchonteſt du meiner nicht? wie willſt du es wieder gut machen?— Aber ich will! ſchrie es in Erwins Seele und em⸗ pfindlich traf ihn Valeriens Betragen, welches an ſeiner Redlichkeit zu zweifeln ſchien. Das hatte er nach ſeiner Meinung doch nicht verdient. Mit ei⸗ nem einzigen Wort brachte er ja alles wieder in Ord⸗ nung,— was war denn da weiter fuͤr großes Ungluͤck! Sei doch nicht ſo tactlos! hätte er ihr zurufen moͤ⸗ gen, wenn ſie auf ſeine Anreden nur mit halben Worten und leiſer Stimme antwortete— du thuſt ja bei Gott, als wollteſt du uns beide hier oͤffent⸗ lich anklagen! Iſt das die lebhafte, kluge, geiſtes⸗ freie Valerie?— Deaß ſie es nicht war, daß ſie vor ſeiner erzwungenen Unbefangenheit erſchrak und zitterte, daß er ihre Vernichtung nicht begreifen konn⸗ te; daruͤber zuͤrnte er zuletzt, und hielt ſich auch waͤh⸗ rend des Spaziergangs, den man durch den Park machte, von ihr entfernt. Mit bitterer Ergrimmung — als waͤre ihm das ſchneidendſte Unrecht wider⸗ fahren— ging er an den Baͤumen und Lauben, den verſchwiegenen Zeugen ihrer heimlichen Zuſam— menkuͤnfte vorbei. Der Ruͤckweg fuͤhrte die Geſell⸗ ſchaft uͤber die Terraſſe. Valeriens Fenſter ſtand 224⁴ offen. Geſtern Abend war es das einzige helle; da drinnen war er geweſen. Er wollte nicht, aber er mußte hineinblicken. Das Bild ihrer Mutter war mit dem wohlbekannten Vorhang ſo tief, ſo tief ver⸗ huͤllt, wie er es noch nie geſehen. Der Anblick er⸗ ſchuͤtterte ſein Gewiſſen. Zugleich traf Valeriens trauriges Auge ſo maͤchtig das ſeinige, daß er es ei⸗ ne Zeitlang nicht wieder aufſchlagen konnte. Sein Zorn war hingeſchmolzen. Aber ſei doch ruhig! flͤſterte die Stimme ſeiner Seele, ich ſchwoͤre dir ja, daß du ruhig ſein kannſt. Zur Ruͤckkehr des Fuͤrſten nach dem Jagdſchloß lag eine geſchmuͤckte Gondel bereit. Erwin ſtieg mit ſonderbaren Empfindungen an demſelben Platze ein, wo er ſich am vorigen Abend wie der verfolgte Räͤuber eines unſchaͤtzbaren Kleinods flͤchtig in ſei⸗ nen Kahn geſtuͤrzt hatte. Waͤhrend der Ueberfahrt war er ſtumm, in weite Plaͤne verſunken. Vale⸗ riens Trauer ging ihm innig ans Herz, aber ſein eigener Schwur und die ernſthaften Verſprechun⸗ gen des Herrn von Pranken troͤſteten ihn. Zu⸗ voͤrderſt freilich mußte der Geſandſchaftspoſten ins Reine; dann ſogleich die oͤffentliche Bewerbung um die Hand der Geliebten, wobei ihn nichts aufhal⸗ 25 ten oder hindern konnte; alles ſollte gut werden, Valerie aber zu ihrer eigenen Beſchaͤmung ein⸗ geſtehen, wie ungerecht ſie ihn gekraͤnkt hatte. Du biſt ein beneidenswerther Menſch, ſagte Wolf auf einem Spaziergange, den er mit ſeinem Vetter Abends um das Schloß machte. Von wem kann man das ſagen? fragte Erwin, und warum von mir? Ich weiß recht gut, verſetzte Wolf, daß du mir keinen glaͤnzenden Verſtand zutrauſt; und das mag ſein; aber ſo einfaͤltig bin ich doch auch nicht. Daß Valerie dich liebt, und daß ihr einig ſeid; man muͤßte blind ſein, um das nicht zu ſehen. Und wenn der Alte heute nichts gemerkt hat, ſo ſchieß' ich es ihm auf den Kopf zu, daß er blinder iſt, als ein balsender Auerhahn. Einfältig, war Erwins Antwort, biſt du nicht, aber wenigſtens verruͤckt. Wie kommſt du auf ſol⸗ che Gedanken? Nun, das Wie machſt du mir wahrhaftig leicht genug, lachte Wolf; und brauchſt dich gar nicht ſo vornehm verwundert anzuſtellen. Ich will mich auch herzlicher als irgend Jemand daruͤber freuen, wenn ſie mit dir glucklich wird; denn ich goͤnne ihr 15 226 das Beſte und koͤnnte mein Leben fuͤr ſie laſſen. Aber, wenn du nicht ehrlich zu Werke gingſt, dann haßte ich dich wie den Teufel und du ſollteſt mit mir zu thun kriegen. Du weißt nicht was du ſprichſt, ſagte Erwinz ſo wenig als ich weiß, wer dir ein Recht giebt, mir zu drohen, was ich ein fuͤr allemal verbitte.— Da⸗ mit ging er ſtolz von ihm; und Wolf ſagte trau⸗ rig zu ſich ſelber: das kommt am Ende doch ſo, wie ich mir es von Anfang gedacht habe. Erwins Dienſtmonat beim Fuͤrſten war zu Ende; und er kehrte nach der Reſidenz zuruͤck. Die Regenwolken, welche den Morgen grau bedeckt hat⸗ ten, zogen an die Berge hin landeinwaͤrts; die rei⸗ che Landſchaft glaͤnzte in der Mittagsſonne feſtlicher Heiterkeit; aber in die Seele des einſamen Reiters kam, er wollte ſich nicht eingeſtehen warum, kein frohlicher Gedanke. Er blickte vorwaͤrts, ruͤckwaͤrts mit gleicher Unbehaglichkeit, und murmelte: ſo vom langweiligen Herrendienſt in die ſtandesmaͤßige Un⸗ thaͤtigkeit, und dann wieder umgekehrt, und alles auf Commando, welch ein dummes Leben! So unertraͤglich in die Länge, wie der ewig blaue, —— 27 leere Himmel, in welchem gar nichts auch nicht einmal ein erfriſchendes Donnerwetter paſſirt!— Sein erſter Gang in der Stadt war zum Herrn von Pranken. Aber der Geheimerath von Geſchaͤf⸗ ten uͤberdraͤngt ſteckte ſein ſpitzes Geſicht kaum aus den Actenverſchanzungen hervor, worm er vergra⸗ ben ſaß; und ſeine ſchnell hintereinander wiederhol⸗ ten Verſicherungen, die bewußte Sache ſolle das naͤchſte ſeyn, was er vornehme, erklangen ſo gans im Ton des wichtigen unangenehm geſtoͤrten Staatsmanns, daß Erwin gerathen fand, ſich in Hoffnung auf einen guͤnſtigen Moment ſchleunigſt wieder zu empfehlen. Verſtimmt uͤber dieſen Empfang ſuchte er den Grafen Serraval auf, und fand ihn bei Frau von Lambiel in einer kleinen Geſellſchaft. Der Gartenſaal war hell erleuchtet, und ſchon am Teich, worin der Kerzenglanz ſich zauberiſch abſpiegelte, ſchallte ihm die Vielſtimmigkeit der lebhafteſten Un⸗ terhaltung entgegen. Das Geſpraͤch ging auf hoher Flut und mußte wohl intereſſant ſeyn, da ſein Ge⸗ genſtand die ganze Reſidenz— die Leute von Qua⸗ litaͤt verſteht ſich— in zwei Parteien zerworfen hatte.— Es war naͤmlich von nichts geringerm 28 als von einem Shawl die Rede, welcher irgend einer Dame von irgend einer Prinzeſſin bei irgend einer großen Veranlaſſung hatte geſchenkt werden ſollen, und durch irgend ein ungluͤckliches Misverſtändniß an eine andre, obendrein die geſchworne Feindin der Erſten, gerathen war; dagegen dieſe ſich mit ei nem weit beſcheidneren Zeichen der Prinzeßlichen Gnade hatte troͤſten muͤſſen. Stoff genug zum ernſt⸗ hafteſten Salonkampf, welcher denn auch mit der treugemeinten Erbitterung eines Buͤrgerkriegs losge⸗ brochen war, und natuͤrlich vom Amazonenkörps im Vordertreffen gefuͤhrt wurde. Ein langes duͤrres Fraͤulein, welches nicht bloß ihre Ahnen, ſondern auch ihre Jugendjahre durch die ehrwuͤrdigen Nebel einer geſpenſtergrauen Vergangenheit heruͤberſchim⸗ mern ſah, dirigirte mit beſonderer Anſtelligkeit das ſchwere Geſchuͤtz energiſcher Redensarten, und ſah in der Hitze dieſer edeln Anſtrengung ſich oft geno⸗ thigt, mit dem Tuch oder Strickſtrumpf uͤber die Wange und Stirn zu fahren, die von edlem Zorn gluͤhte. Schoͤpfte ſie einmal tief Athem, ſo ward die Luͤcke vom luſtigen kleinen Geplacker hin und her flie⸗ gender Anmerkungen und Nachtraͤge ausgefullt. Nach⸗ dem in ſolcher Bewegung viel Evolutionen gemacht — „— — 229 worden, gewann das verbuͤndete Heer ein großes Lerrain durch den einſtimmigen merkwuͤrdigen Aus⸗ ſpruch: daß die Gegenpartey durchaus Unrecht haͤtte; woruͤber man jedoch im Grunde ſchon vor einer guten Weile eben ſo einig geweſen war. Nebenher ward auch von Napoleons Zug gen Norden, und dem Kriege mit Rußland geſprochen. Nach einer vor wenig Stunden auf diplomatiſch zuverlaͤſſigem Wege eingegangenen Nachricht war der Ausbruch gewiß. Weil aber Weltereigniſſe und allgemeine Angelegen⸗ heiten der Menſchheit fuͤr einen Theecirkel kein Ge⸗ genſtand ſind, ſo ging der Strom der Rede nur leicht daran hin, und ſchaͤumte eifriger in ſein breites Bett zuruͤck, um den bunten Shawl gleich einer Ad⸗ miralsflagge weiter zu treiben. Serraval ſaß dem Getuͤmmel ſchweigend zur Seite. Nur, wenn die Glut der Leidenſchaft etwas niederzuſinken drohte, warf er behende wieder die Dornenwelle eines ſcharfen Worts hinein, und lachte, wenn Funken und Flammen abermals aus den ſpitzi⸗ gen Stacheln hitzig und knitternd herausfuhren. Frau von Lambiel, ungeduldig uͤber das end⸗ loſe Zappeln in den leeren Worten, und uͤber Ser⸗ ravals mehr paſſive Haltung, verlangte von ihm 230 wenigſtens ſeine Meinung zu hoͤren; aber er erwi⸗ derte mit Achſelzucken: er halte es fuͤr ſehr bedenk⸗ lich, ſich in ſchale Sachen der Art einzulaſſen; die Tugend allgemein bekanntlich, und auch die Tugend des Schweigens, ſei kein leerer Schall; wenn er dieſe verletzte, könnte er leicht mehr als eine Schale des Zorns auf ſein ſuͤndiges Haupt herabziehen, und nachher waͤre fuͤr ihn gewiß nicht einmal ein Shawl zum Abtrocknen da. So ſollte er wenigſtens etwas anders auf die Bahn bringen, damit das ewige Abhaspeln des langweili⸗ gen duͤnnen Fadens ein Ende nehme.— Gott be⸗ wahre! ſagte er,— nichts iſt erbaulicher als ſolch ein endloſer Faden. Die menſchliche Geduld haͤngt ſich an ihm auf, Jahre lang, ſchlägt, ſtrampelt, kommt doch nicht zum Sterben, und zeigt ſich in ih⸗ rem unertraͤglichſten Glanze. Soll man da nicht Re⸗ ſpect bekommen vor der Energie des erhabenen Men⸗ ſchengeſchlechts, welches aus lauter Heiligen und Maͤrtyrern beſteht? Ganze Nationen, ihre erhabe⸗ nen Lenker an der Spitze, laſſen ſich mit Fuͤßen treten, und ſtehen gleich darauf laͤchelnd und vergebend wie⸗ der da, und rufen: Vivat!— Und ſo mit wuͤrdiger S Ruhe zwiſchen einem ringsum auflodernden Welten⸗ brand zu paſſen, an den zierlichen Schuhen bereits die fließende Glut verwuſtender Lavaſtroͤme zu fuhlen, und ſich doch im Angeſicht des großen Zorngerichts noch eine kleine ſubtil vergiftete zierlich wie Bonbon eingewickelte Hofanekdote mit Anſtand zu praͤſenti⸗ ren, iſt das nicht unendlich ſchoͤner, als die alberne Trauer der ſogenannten Vaterlandsfreunde? Nicht unendlich erhabener als der viel zu hoch geprieſene Sokrates mit ſeinem dummen Schierlingstrank? Preis und Ehre den kleinen Moſaikſtuͤcken, den kleinen Stunden und den kleinen Begebenheiten, wo⸗ raus das kleine Menſchenleben zuſammengekittet iſt. Wer die Welt regiert, und wie das hohle Faß, was ſie die Politik nennen, polternd umlaͤuft,— will ſich ei⸗ ner darum bekuͤmmern?— Es gibt allerhand Leute, kluge und dumme, die ſich einbilden, ſie thaͤten und lenkten etwas, und waͤren hoͤchſt nothwendige Per⸗ ſonen. Streicht morgen aus der Liſte der Lebendigen tauſend weg, welche die Welt zu regieren glauben; es fällt kein Ziegel darum von irgend einem Dache, und uͤbermorgen ſind zweitauſend, welche uͤber ſie lachen und ſagen, das waͤren einmal recht einfaͤltige Bildniſſe geweſen; nun ſolle es aber gans anders kommen. Indeſſen gehen Sommer und Winter, Sonn' und Mond gelaſſen den alten Gang. Darun⸗ ter wird immer darauf losregiert, revolutionirt, Krieg gefuͤhr:, Friede geſchloſſen, todtgeſchlagen, Hochseit gemacht; und jeder argert ſich hergebrachter Weiſe uͤber jeden Einzelnen wie uͤber das Ganze, und meint: er muͤßte nur an den rechten Platz; dann waͤr' es fertig.— Und was meinen Sie dabei? fragte Frau von Lambiel.— Mein Gott, ich thue wie die An⸗ deren, verſetzte er, nur auf meine Manier und be⸗ haupte, daß es die beſte ſey. Muß ich mein Ich nicht auch ſpielen? 6 Um das Spielen damit, erwiderte ſie, iſt es Ihnen nun wohl eben nicht zu thun. Dazu ſind ja andre Ich's da, die mit dem Egvismus weniger im Reinen ſind, als Sie. Dho! das iſt ein jeder! Nur die Syſteme ſind verſchieden; und das meinige iſt ein ſehr beſcheide⸗ nes; denn ich rede nur von mir und meiner Anſicht.. Der recht profunde Egoismus aber iſt der, welcher 5 weniger von ſich redet, dagegen aber alles auf ſich besieht. Zwei Maͤnner aus meiner Bekanntſchaft ſind mir in dieſer Hinſicht beſonders merkwuͤrdig ge⸗ weſen. Der eine ſagte bei jeder Sache: Gut; aber 233 was fange ich damit an? Der Andre hatte das be⸗ wundernswuͤrdige Talent jede moͤgliche Phraſe mit Nein zu beginnen, worauf denn unmittelbar: Ich! folgte. Jedoch war er weit entfernt, ſich ſelbſt durch dieſes: Nein, ich u. ſ. w. verneinen zu wollen. Zu⸗ fallig erwaͤhnte ich einmal in ſeiner Gegenwart des Hafens von Bayonne. Daß er nicht dort geweſen war, aͤrgerte ihn ſichtlich; indeſſen der Name war ihm genug um den Vortrag an ſich zu reißen: Nein, ich erinnere mich eines ganz vortrefflichen Bayonner Schinkens, der mir auf der Reiſe von 2. nach Z. herrliche Dienſte leiſtete. Und zwar, ich kam auf die ſeltſamſte Weiſe von der Welt zu dieſer Reiſe und auf eine noch ſeltſamere zu dem Schinken, wel⸗ cher— und ſo gings fort auf einer Chauſſee von lauter in einandergeſchachtelten Anekdoten durch die ganze Welt, und noch etwas weiter. Ich ſchwieg ſtill, und ſah mich nach dem Hafen von Bayonne um, aus welchem ich wie die Englaͤnder aus dem von Toulon ſo wild als moͤglich hinausgeſchleudert war. Der Andre ließ ſich den Bayonner Schinken nebſt Zugabe demonſtriren, und ſagte, als er ſpaͤt zu Worte kam: Gut, aber was fange ich damit an? — 234 Iſt das nun eine Antwort auf meine Frage, Herr Graf?— Nein, gnaͤdige Frau. Aber man⸗ ches laͤßt ſich auch mit dem beſten Willen nicht be⸗ antworten. Es war wohl eher eine fortgeſetzte Fra⸗ ge in Folge Ihrer Antwort. Dies neckende Geſpraͤch, woran allmaͤhlig Meh⸗ rere Theil nahmen, wurde lebhaft, und drohte ſo— gar geiſtreicher zu werden, als die Sitte einer ſo uͤberaus feinen Geſellſchaft es erlaubt, welche den Witz als einen Freibeuter, und den Geiſt als einen Revolutionscharacter gefaͤhrlich hält. Zum Gluͤck erſchien Herr von Stiff als milder Beſaͤnftiger und Ueberbringer großer Neuigkeiten, welche die aufgeregten, an ſich ſelbſt ſchon irre gewordenen Gemuͤther, aus der fremdartigen Atmosphaͤre hin und her ſchießender Gedanken wieder in den behag⸗ licheren Dunſtkteis zahmer Mäßigkeit zurück ſenk⸗ ten. Ah, Geſandter! O, Jägermeiſter! wiederholte das Uniſono des Chors, als er ſeinen Bericht ge⸗ endigt hatte, wonach der Kammerherr von Paſer zum erſten, was jedermann, und Erwins Vetter Wolf zum zweiten, was niemand vorausggußt⸗ ernannt worden war. Die officielle Nachricht kam * ſo eben ganz neu vom Jagdſchloß; und Herr von Stiff blickte ſtols um ſich her, ein Auserwaͤhlter zu ſeyn, welcher ſo Hohes zuerſt in brillante Zirkel tragen konnte. Erwin glaubte einen großen Sieg uͤber ſich zu erkaͤmpfen, indem er ſeine Betroffenheit verbarg. Allein ſelbſt die liebenswuͤrdigſte Freundlichkeit, wo⸗ mit die ſchoͤne Frau vom Hauſe dieſen Abend bei⸗ nah verſchwenderiſch gegen ihn war, konnte ſeine fruͤhere gute Laune nicht wieder herſtellen. Zumal da er in den Blicken der Geſellſchaft, welche die wichtige Begebenheit nebſt deren Folgen gruͤndlich erwog, die Frage zu leſen glaubte: ob ſich denn fuͤr ihn nichts zugetragen? Was fehlt Ihnen? fragte Serraval, der mit ihm wegging; Sie ſcheinen nachdenkend und faſt verſtimmt. Ob das auch ein Wunder iſt! war die Antwort — Soll dieſe Neuigkeit mir nicht im Kopf herum⸗ gehn? Paſers Ernennung uͤberraſcht natuͤrlich Niemanden. Aber Wolf?— Er muß die Enten⸗ jagden mit dem Fuͤrſten beſſer benutzt haben, als man es ihm zugetraut haͤtte. Der alte Jägermeiſter iſt kaum unter die Erde, und er ſchon zum Rach⸗ folger ernannt. Der Staat könnte wohl ohne die Beſetzung dieſes wichtigen Poſtens nicht beſtehen? Beunruhigen kann mich die Sache nicht. Wolf iſt nach mir in Dienſt gekommen, und ich will doch ſehen, wie der Fuͤrſt mich uͤbergehen darf, wenn er ihn avancirt. Aber es aͤrgert mich doch, daß von ihm fruͤher die Rede iſt. Serraval erwiderte: Sie haben ja die Ver⸗ heißungen des Herrn von Pranken. Ich weiß recht gut, was Sie darunter verſte⸗ hen, ſagte Erwin; aber Sie irren ſich doch. Sie werden ſehen. Mit Vergnuͤgen werde ich das, und will es auch gern glauben. Daß Wolfs Ernennung vor der meinigen be⸗ kannt wird, iſt zum Theil eine kleine Tuͤcke von meinem alten Großonkel, der mir gern eins verſetzt wo er kann; und zum groͤßern Theil noch eine Fol— ge meiner ganz andern Lage; denn ein Jägermeiſter wird natuͤrlich weit leichter aus dem Aermel ge⸗ ſchuͤttelt, als eine diplomatiſche Figur, deren Po⸗ ſten erſt errichtet werden ſoll. und daruͤber habe ich des Geheimenraths ausdruͤckliches Wort. So thun Sie denn auch nur huͤbſch, was er Ih⸗ „ nen ſagt, und vor allen Dingen fahren Sie fort, der Frau von Lambiel den Hof zu machen. Fortfahren? Da muͤßte ich erſt anfangen. Nun, ſo fangen Sie denn an; aber ſo, als ob Sie in Ihrem Leben nichts anders gethan haͤtten. Das ſchmeichelt, reißt hin, gewinnt. Nichts leichter auf der Welt, als eine Frau uͤberreden, daß man nur an ſie gedacht. Nurnichts von vorn anfangen, das iſt langweilig und ermuͤdet. Mit einem Sprung in medias res!— Es mag ein Kunſtſtuͤck, allen⸗ falls ein Wageſtuͤck ſeyn, aber der Weg ans Ziel iſt von da aus nur der halbe. Hegen Sie Bedenk⸗ lichkeiten, dieſe, jene, dann iſts freilich ein anders, aber dann muͤſſen ſie auch nicht vorwaͤrts wollen. Sie haſſen die Protectionen. Aber die Gunſt einer ſchoͤnen Frau iſt am Ende ja doch nur ein ruͤhmlich eroberter Beweis mehr vom Verdienſt des Beguͤnſtig⸗ ten; und den Mann von Geiſt wuͤrdigt es me herab, wenn er die Waffen der Gewoͤhnlichkeit auch einmal mit dem kuͤhnen Entſchluß ergreift, ſich uͤber jene hinaufzuſchwingen. Erwin war keinesweges ſo ruhig als er ſcheinen wollte. Die Gleichgultigkeit des Fuͤrſten, welche er wenig beachtet, der Hohn des alten Großohms, 238 woruͤber er gelacht, die kurze Abfertigung von Seiten des Geheimenraths, wohinter er nichts Uebels geſucht hatte, das Alles fiel ihm mit einmal ſchwer aufs Herz. Freilich war er feſt uͤberzeugt, däß man eine empoͤrende Zuruͤckſetzung gegen ihn nicht wagen wuͤrde; denn wie koͤnnte ein Hof be⸗ ſtehen, an welchem ſolch eine Regelloſigkeit und Verſpottung des Herkommens einriſſe? aber ſchon jetzt glaubte er durch ein ſchreiendes Unrecht ver⸗ letzt zu ſein, und daruͤber ſollte Herr von Pran⸗ ken ihm Antwort geben. Die Zeit der Hrakel aber iſt vorbei und tiefes Schweigen an ihre Stelle getreten. Auch ſind Miniſter und andre vornehme Leute nicht da um zu antworten; wenigſtens thun ſie es hoͤchſt ungern, und ſcheinen vielmehr unter den krauſen Hierogly⸗ phen auf der bunten Lebenstafel als privilegirte Fra⸗ gezeigen weit lieber zu figuriren.* Der Geheimerath war uͤbler Laune. Das haben Sie Niemanden als Ihrem Großonkel zu danken, ſagte er auf Erwins Klage uͤber die ihm wider⸗ fahrne Zuruͤckſetzung. Er hat dem Fuͤrſten keine Ruhe gelaſſen, und die Bekanntmachung der beiden Ernennungen herausgepreßt, wovon die eine noch 239 dazu ſo uͤberfluͤſſig als moͤglich iſt. Wir haben es gar nicht ſo reichlich. Bei jetzigen ſchweren Zeiten mogte eine erledigte Hofcharge immer ein paar Jahre lang unter dem Himmelszeichen: Vacat, an unſerm Horizont glaͤnzen. Und Paſer— ich hab⸗ ihn zum Geſandten vorgeſchlagen, er iſt es nur durch mich geworden; aber ſo große Eile hatte es damit auch nicht, und ich hatte die Abſicht, Sie beide ſollten mit einander gehen. Dies iſt nun le⸗ diglich eine Beguͤnſtigung in Ruckſicht auf die ſchoͤne Braut. Sie thaͤten wohl, ſich auch unter ſolch ei⸗ ne Protection zu begeben. Erwin war faſt im Begriff, den Miniſter zum Vertrauten ſeines Liebeshandels zu machen, als dieſer fortfuhr: Haben Sie den Grafen Serra⸗ val geſprochen? Was hat er Ihnen geſagt? Erwin ſtutzte; er begriff den Zweck dieſer Frage nicht; als ihm aber das Antworten naͤher gelegt wurde, fuhr er mit dem Namen der Frau von Lambiel heraus; und glaubte nun etwas recht dummes gemacht zu haben. Aber et irrte ſich.— Vollkommen meine Mei⸗ nung, ſagte der Geheimerath. Sie wiſſen, poſitiv verſprochen habe ich Ihnen nie etwas; und wenn 16 240 ich Ihnen Hoffnung machte, ſo war Ihre Folgſam— keit die erſte Bedingung.— Frau von Lambiel iſt eine ſcharmante Frau, eine Frau von Geiſt, Welt, Vermoͤgen, Anſehen. Indeſſen, wir ſind verwandt, und alſo— er legte zierlich die Hand auf den Mund. Aber ſo kommen Sie auf den rechten Weg; reden Sie nur weiter mit dem Gra⸗ fen, und mit Frau von Lambiel.— Hoͤren Sie? Mit Frau von Lambiel. Sie will auf ihr Gut reiſen, will dort bauen; und hat mich um mein Urtheil wegen der Fa⸗ cade eines Landhauſes gefragt Ich habe mich ſeit zwanzig Jahren um dergleichen nicht bekuͤm⸗ mert, hab' auch jetzt keine Zeit dazu; aber Sie thun ja in allen ſchoͤnen Kuͤnſten; hier ſind die Riſſe, nehmen Sie, machen Sie ihr mein Compli⸗ ment, und Ihren Vorſchlag; ſie wird mir es Dank wiſſen, daß ich ihr ſolch einen liebenswuͤrdigen Rathgeber zuſchicke. Was iſt das? ſagte Erwin zu ſich ſelbſt, in⸗ dem er die Treppe herunterſtieg; Serraval ſpricht vom Geheimenrath; der Geheimerath ſpricht von Serraval, beide ſprechen von Frau von Lambiel, und ſchlagen mich einander zu wie ei⸗ M1 nen Federball! unterdeſſen komme ich keinen Schritt weiter, und andre machen ihren Weg. Dahinter ſteckt etwas. Iſt ſie mit in dem Spiel? Und bin ich der Narr davon?— Der Gedanke empoͤrte ihn; er wollte entſchloſſen zu Werke gehen, wollte das falſche Gewebe durch einen raſchen Schnitt hinein zerſtoͤren, den tuͤckiſchen Rathgebern ihr Un⸗ recht an den Kopf werfen; er wollte— Aber Va⸗ lerie?— Was er durch Heftigkeit und Trotz fuͤr ſich verdarb, durfte er es auch fuͤr Sie verder⸗ ben? Einer, der nicht frei iſt, kann er wie ein Freier handeln?— Auf ihn hatte ſie ihr Gluck verpfaͤndet.— Wemn er es nicht einloͤſte? Arme Valerie! i Zu Hauſe fand er verdrießliche Leute, die nach Geld fragten, auf ſeinem Tiſch unangenehme Rech⸗ nungen, die er nicht anſehn mogte. Er vertroͤſtete jene, warf dieſe bei Seite, ſaß einige Augenblicke in tiefen Gedanken, und ging zu Frau von Lam⸗ biel. Aber, als ob ſich alles verſchworen haͤtte, ihn verwirrt zu machen, fand er heute keine Spur von der liebenswuͤrdigen Heiterkeit, welche ſonſt Ent⸗ zuͤcken um ſie her verbreitete. Gegen ihre Gewohn⸗ 242 heit ſaß ſie allein und, wie es ſchien, ganz muͤßig in dem weiten daͤmmernden Gartenſaal; auf der ſonſt ſo lachenden Stirn ſchwebte ein Gewoͤlk, mehr tiefe Wehmuth als Verdruß ankuͤndigend. Die Unterhal⸗ tung lahmte peinlich in den langweiligſten Bahnen hin; einer ſchoͤnen geiſtreichen Frau gegenüber das unleidlichſte was man ſich denken kann. Erwin fuͤhlte ſich gedemuͤthigt und verlegen; er nahm den Bauriß zu Huͤlfe. Ach, ſagte ſie, ich hab⸗ es beinah ſchon aufgegeben; wozu auch die unnutze Verſchoͤne⸗ rung eines Orts, an den ich mich doch nicht vergra⸗ ben werde, wenn ich auch von hier weggehe! Ich erſchrecke gnaͤdige Frau, rief er, Sie ſpre⸗ chen dies Wort mit einem Ernſt aus— Der wie Ernſt klingt?— Je nun, das koͤnnte ja ſeyn. Was ſoll ich laͤugnen, daß ich mich hier nicht recht an meinem Platz fuͤhle. Aber ſo ploͤtzlich? Sie ſchienen doch ſonſt hier ſehr zufrieden. Weil ich mir es ſelbſt einzubilden ſuchte. Das geht eine Zeitlang, wie alles in der Welt. Mit deſto groͤßerm Ueberdruß ſieht man nachher auf ſo verdrießliche Arbeit zuruͤck, wenn man endlich Luſt und Kraft verliert, immer das naͤmliche Rad gegen den naͤmlichen Strom anzutreiben. . 24¹3 Und wohin daͤchten Sie denn?. Ich? Nirgends.— So weit bin ich noch nicht; und das iſt denn auch ziemlich eins. Beide ſchwiegen. Dann ſchleppte das Geſpräch ſich weiter. Hofanekdoten, Stadtgeſchichten kamen an die Reihe.— Haben Sie davon gehoͤrt? fing Erwin anz man ſagt, der Fuͤrſt werde ſich wie⸗ der vermaͤhlen. Was ſagt man nicht alles? Man ſagt auch, Herr von Paſer werde mit Ihrer Couſine uͤber die Maßen gluͤcklich ſeyn. Glauben Sie das? Ja, inſofern von Gluͤck die Rede ſeyn kann bei zwei Perſonen, die kein Herz, aber große Hochach⸗ tung vor wohl aſſortirten Parthieen haben. Sie repraͤſentirt ganz gut, und hat das Geld, was dazu noͤthig iſt; er gilt fuͤr einen feinen Mann und wird Geſandter. Was braucht es mehr?— Das andre findet ſich; oder wenn ſich es nicht fin⸗ det, werden ſie auch nichts vermiſſen. Er wird zierlich ſtyliſirte Noten und Berichte ſchreiben, wird ſchoͤne Pferde, einen guten Liſch und folglich die Verehrung der Welt haben. Sie traͤgt ſchoͤne Kleider, giebt hergebrachtermaßen große Geſellſchaf⸗ ten in denen man hergebrachtermaßen vor langer Weile ſtirbt; ſie erzahlt von ihres Vaters Tanzſaal, und von ihrem Silber, lacht, mediſirt, haßt und protegirt mit Anſtand. Welch eine liebenswuͤrdige Frau! Welch ein vollkommenes Ganze!— Das nennt man Gluͤck, das heißt ein Ddeal. Fragen Sie wen Sie wollen. Den Herrn Moraliſten alſo zuerſt, und zwar mit großer Verwunderung: Seit wann iſt das Herz denn ſo bei Ihnen in Credit gekommen, daß Sie ſich nicht ſchaͤmen, dies altmodiſche Wort auszuſprechen? Sie perſifliren den Reichthum? Haben Sie denn noch Goͤtter neben ihm? Ja, allenfalls Macht und Anſehen; ſo ein Stuͤck von Weltregierung— alles andre iſt Ihnen Thorheit. Gehen Sie doch mit Ihrem Herzen. Wer hat denn heut zu Tage noch ein Herz? Erwin mußte ſich bekennen, daß er von fruͤherer Zeit her dieſen ſpottenden Vorwurf verdient hatte; er ſchwieg eine Weile, uͤber die Verwandlung nachdenkend, welche mit ihm vor⸗ gegangen. Da er ſich indeſſen jetzt nuf einem hoͤheren Standpunkte in edler Stellung erblickte, ſo wehrte er den Angriff aus voller Ueberzeugung von ſich ab, und beſchwur ſeine ſchoͤne Gegnerin, eine beſſere Meinung von ihm zu hegen. Nichts! Nichts! war die Antwort— Flugheit und nur die Klugheit iſt Ihr Ideal und Ihre Fuͤh⸗ rerin. Schon recht!— Ein treues Herz und ein inniges Gefuͤhl— wer das noch berechnen will, der trägt heimlich einen gefaͤhrlichen Brand mit ſich herum, den ihm der kalte Sturm unſter Zeit ent⸗ weder bald ausloͤſcht, oder zu ſeinem Verderben in wilde Flammen aufjagt.— Sie ſagte das ſo ſchmerzlich, als haͤtte ſie bittere Erfahrungen gemacht; und fuhr dann mit einer erkuͤnſtelten Ruhe fort: Ihre Couſine trifft es am Ende weit beſſer als Sie glauben; Paſer iſt zwar ein ſehr mittel⸗ maͤßiger Menſch, er iſt bornirt und eitel, aber gut⸗ muthig und nichts weniger als eigenſinnig. Das weiß Gott! rief Erwin— Worauf ſoll denn ein Menſch eigenſinnig ſein, der noch in ſei⸗ nem ganzen Leben keine eigne Meinung hatte? Deſto beſſer fuͤr ſeine Frau, ſagte ſie, und wie⸗ der fuͤr ihn; denn etwas unverſtaͤndiges wird ſie nicht wollen; ſo nennen die hoͤſlichen Maͤnner jede poetiſche Phantaſie, die uns einmal durch den Kopf fährt. Bei Valerien ware er in dem Punkt 246 ſchlimm weggekommen.— Dabei ſah ſie Erwin an, als erwartete ſie ſeinen Widerſpruch. Es lief ihm warm uͤbers Herz, den geliebten Namen zu hoͤren. Warum? fragte er befangen und geſpannt. Sie wollen, verſetzte ſie mit einem feinen Laͤ⸗ cheln, das trotzige Koͤpfchen doch nicht durch mich erſt kennen lernen? Sie hat eine liebenswuͤrdige innige Lebhaftigkeit, und Geiſt genug, ſelbſt mit dem Hoͤchſten vertraut zu ſein. Aber Herz und Kopf ſind ewig bei ihr auſſer allem Gleichgewicht. Ich glaube, daß ſie zu lieben weiß, was Adamine ſicher nicht kann. Aber dagegen ſind Valerie und das Gluͤck einer dauernden Verbindung weiter von einander als Nord und Suͤd. Wenn ſie wuͤßte, wem ſie das ſagt! dachte Er⸗ win; ſtellte ſich zu ritterlicher Vertheidigung ſeiner Dame in den Buͤgel, und wollte eben mit einem heftigen Satz losrennen; aber ſie legte ihm ſchnell die kleine weiße Hand auf den Mund: Nur ſtill! nur ſtill! ich habe ſie ſchon genug verklatſcht; laſſen Sie uns nicht noch daruͤber zanken. Es war ihm nicht entgangen, daß die Baronin mehrmals inne gehalten, heftig gezuckt, und ſich Gewalt angethan hatte, fortzureden; auf etwas ſo M7 Wunderliches aber, als ſich nun begab, war er da⸗ durch nicht vorbereitet. Nein, ſagte ſie raſch, es iſt doch nicht wahr, die Leute moͤgen ſagen was ſie wollen!— Sie ſprang auf, lief den Saal hinab, kam zuruͤck, ſtellte ſich vor ihn hin und wiederholte: es iſt nicht wahr, glauben Sie es nicht! Staunte er uͤber dieſe unverſtaͤndlichen Reden, ſo erſchrak er vollends uͤber ihr verwandeltes Aus⸗ ſehen. Sie wankte, daß ſie ſich an einem Stuhl halten mußte; ihre Lippen bebten, die Augen fun⸗ — kelten irr und wild. Sie ſind nicht wohl, gnaͤdige Frau!— Ja, das ſagen die Leute auch; aber es iſt doch nicht wahr; denn zum Verkaufen iſt es zu fruͤh oder zu ſpaͤt; und der Bau kann warten. Ja, ein gefaͤhrlicher Brand! O, wenn ich mich auf Sie verlaſſen duͤrfte! Mein Himmel! Welch ein ploͤtzlicher Zufall! Sie reden im Fieber! Ich rufe Ihre Kammer⸗ frau. Halt!— Sie ſprang auf, und legte ihre Hand auf ſeinen Arm. In dem Blick, womit ſie ihn aus dem todesbleichen Geſicht heraus ſtarr anſah, lag A8 etwas Entſetzliches. Sie fuͤhrte ihn zum Sopha zuruck, ſetzte ſich, ohne ihn los zu laſſen und ſchwieg, indem ſie, den Kopf auf den Tiſch gelehnt, vor ſich hin bruͤtete. Er war in der peinlichſten Verlegenheit, wollte gern jedes Aufſehn vermeiden, und wußte doch nicht, ob er bleiben oder gehen, ſie gewaͤhren laſſen oder nach Huͤlfe eilen ſollte. Was war es? ſagte ſie nach einer Weile, wie aus einem Traum erwachend.— O mein Kopf! Hab' ich etwas geſagt, Herr Graf?— Herr Baron, wollt' ich ſagen. Glauben Sie es nicht!— Ihre Augen ruhten auf ihm mit dem unbeſchreiblichen Ausdruck tiefer Wehmuth. Sie ſind krank, gnaͤdige Frau; erlauben Sie, daß ich Jemanden herbeirufe. Krank! Sehr krank!— Hab' ich im Fieber geſprochen?— Meine Stirn brennt wie ein gluͤ⸗ hend Eiſen! Der ſchoͤne Kopf ſank matt und ſchwer zuruͤck, ein Jammerbild des Leidens.— Ja, fluͤ⸗ ſterte ſie kaum hoͤrbar: Jemanden rufen! Er ſtuͤrzte an die Klingel. Die Kammerfrau kam, ſchrak zuſammen, ſchrie; das Haus gerieth in einen Aufruhr, unter welchem Erwin fort⸗ 49 ſchlich, unfaͤhig zu begreifen, was er geſehen hatte, ungewiß ob er wache oder im Traume mit den Erſcheinungen ſeiner verwirrten Phantaſie kaͤmpfe. Ende des erſten Theiles. gedruckt bei Florian Kupferberg.