———— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih und eſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeven Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr vffen. 2. Pesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen. 2. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme 1 eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet o wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für nhchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: — ————— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Wk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre iene Koſten und Gefahr ſelbſt 2 ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte zerriſſene, verlorene und veferte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Gantn verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſeht und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche vie⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. C. Spindler's sämmtlirhe Wertr. Vierzehnter Band. Enthaͤlt: Sommermalven. 1 Mit Koͤnigl. tenherziſchen und Königl. vayeriſchen Ser⸗ gnaͤdigſten Privilegien⸗ Stuttgart, Hallberger'ſche I 8 3 2. 3 Sommermalven. Erzählungen und Kovellen 3 7 C. Spindler. „ E rſt e* Band. Stuttgart, Hallberger'ſche Verlagshan 1 8 3 2. Gedruckt bei G. Franz in Muͤnchen. ——— — — = — — — — — — — — 6 —— K Der Geyer, ein niederlaͤndiſches Schiff, naͤherte ſich an einem Junitage des Jahres 1828 mit ausgeſpannten Segelfittigen dem Hafen⸗ vecken von Rhodos, und ging majeſtätiſch durch die Felſen, die an der SOeffnung deſſelben vor⸗ ſpringen, und auf welchen, der Sage nach, einſtens der gewaltige Coloſſus geſtanden, den das Alterthum geprieſen. Die Sonne neigte ſich, und legte den praͤchtigen Purpurmantel auf das Meer, die Herbeiſchiffenden gaſtlich zu empfangen. An den Ufern trieb ſich ein reges Volksgewimmel umher: Griechen, Juden, Scla⸗ vonier; ihre Dienſte den Reiſenden anzubieten, die auf dem ſchwachen Brette an den Damm 8 ſchwammen. Abend⸗ und Morgenlaͤnder verließen das Schiff, ausgezeichnet durch ihre Trachten, bewillkommt von den ſie Erwartenden, oder an— gegangen von der zudringlichen Dienſtfertigkeit der Maͤckler und Laſttraͤger. Unter den Aus⸗ ſteigenden bemerkte man einen jungen Mann in blauem Rocke und europaiſchem Militaͤrhute, der einen leichten Kavallerieſaͤbel an der Seite trug, und dem ein Diener folgte, belaſtet von Mantelſack, Piſtolen und kleinem Gepaͤcke. Ihn erwartete Niemand; es draͤngte ſich auch Nie⸗ mand an ihn, weil ſeine Miene finſter, und ſei⸗ ner Habe nicht viel war. Pruͤfend ſah er um ſich her, und trat alsdann zu dem tuͤrkiſchen Hafenbeamten, der unfern von ihm unter'm Schatten eines Segeltuchs ſaß, um in Bequem⸗ lichkeit und ernſter Ruhe dem Schauſpiele, das die Landenden gaben, zuzuſehen. Der junge Fremde zog ein Papier aus ſei⸗ ner Brieftaſche, und hielt das darauf gedruckte Wappen dem Tuͤrken vor die Augen, mit der Frage: Conſul? —— 9 Der Hafenbeamte eune die drei Lilien des franzoͤſiſchen Wappenſchildes, nickte ein we⸗ nig mit dem Kopfe, und deutete hierauf phleg⸗ matiſch nach einem Manne, der, von Fremden und Einheimiſchen umgeben, auf einem Waa⸗ renballen ſaß; Rath ertheilend, plaudernd, be⸗ rechnend und notirend. Er empfing den An⸗ koͤmmling mit der Freundlichkeit, die ein Juͤng⸗ ling dem Andern ſelten verweigert, wenn ſie nicht Nebenbuhler ſind, und durchgieng fluchtig den Paß, der ihm angeboten wurde. „Seyn Sie mir willkommen, Herr Capi⸗ taͤn;“ ſagte er aͤußerſt hoͤflich:„Landsleute wie Sie, ſind ſelten auf dieſer huͤbſchen Inſel. Betrachten Sie mein Haus, und meine Jung⸗ geſellen⸗Wirthſchaft als die Ihrige, ſo lange Sie auf Rhodus verweilen.“ „Ich danke Ihnen, mein Herr;“ verſehie der Capitaͤn,„und wuͤrde ohne Bedenken Ihr Anerbieten annehmen, wenn mir nicht das Haus eines Verwandten, ſo Gott will, offen ſtaͤnde. Ich erſuche Sie, mir einen zuverlaͤßigen Fuͤh⸗ ———— A 10 rer zu verſchaffen der meinem armen Renard mein Gepaͤcke abzunehmen, und mich nach der Wohnung des Ruſchuck Aga zu geleiten im Stande waͤre.“ Der Conſul zog Falten der Verwunderung uͤber ſeine Stirn; verbeugte ſich hierauf, wie⸗ wohl etwas kaͤlter, und antwortete, auf einen baarfuͤßigen und nacktarmigen griechiſchen Tag⸗ löhner deutend:„Mein Anapulo iſt zu Ihren Dienſten. Das Haus des Herrn Ruſchuck iſt ihm bekannt, und binnen einer Viertelſtunde werden Sie bei demſelben eintreten. Viel Ver⸗ gnuͤgen und auf Wiederſehen, Herr Capitaͤn!“ Er wendete ſich leichthin von dem Offizier ab, und fuhr in ſeinen Geſchaͤften fort. Ana⸗ pulo nahm ruͤſtig das Felleiſen auf, und fuͤhrte den Capitaͤn und ſeinen Renard durch hohe Thore in die alte Ritterſtadt ein. So luſtig und heiter der amphitheatraliſch gelegene Ort ſich vom Hafen ausnahm, ſo melancholiſch er— ſchien ſein Inneres. Die Groͤße in Truͤmmern hat immer etwas, das das Herz beugt, und die⸗ — ——— NN 11 M* ſes niederdruͤckende Gefuͤhl viti ſich des Franzoſen, als er in die lange Ritterſtraße trat, deren zerfallene Pallaͤſte noch ihre Wap⸗ penſchilder— die Schilder vieler franzoͤſiſchen Geſchlechter— an der Stirne tragen;— deren Pflaſter nicht mehr von dem Fuße der Helden begangen wird, ſondern bewachſen vom Graſe der Einoͤde und der Verlaſſenheit! Einige blaſſe Oeltraͤger, ein halbtrunkener Arnaut von der Garde des Statthalters, ein Paar mißgeſtalteter Hebraͤer, waren die einzigen Menſchen, die den Fremden begegneten und der Offizier war nicht unzufrieden, als Anapulo an der Thuͤre eines dieſer Ritterhaͤuſer Halt machte: bedeutend, daß hier das Ziel der Wan⸗ derung erreicht ſey. 5 Ein breitſchultriger Mohr ſaß auf der Schwelle, eine lange Reiterpiſtole im Arm, und fuhr die Fremden in einem entſetzlichen Ge⸗ miſch von italieniſchen, fraͤnkiſchen und arabi⸗ ſchen Redensarten an. Waäͤhrend indeſſen der chuͤchterne Anapulo floh, ſtieß der Offizier das 12 ſchwarze unthier mit dem Fuße auf die Seite, und ging in die Pforte; hinter ihm Renard, der nicht vergeſſen hatte, ſeine Piſtolen in Re⸗ ſpekt gebietende Stellung zu verſetzen. Der Mohr ſpektakelte, hinter ihnen zuruͤck⸗ bleibend, und erregte die Aufmerkſamkeit eini⸗ ger Diener in Mamelukentracht, die im Hofe Pferdgeſchirr ſäͤuberten. Sie kamen ſaͤmmtlich mit argwoͤhniſchem Auge, und eine Fauſt an den Chandſchar gelegt, den Friedenſtoͤrern ent⸗ gegen, die ſich begnuͤgten den Namen:„Ruſchuck Aga!“ laut und vernehmlich auszurufen. Sofort trat aus dem Hintergebaͤude ein Türke von ausgezeichneter Geſtalt und Geſichts⸗ vildung. Er winkte mit der Hand Ruhe, und fragte in gelaͤufigem Franzoͤſiſch, was dem frem⸗ den Herrn zu Dienſten ſtehe. Der Capitaͤn,— bei ſeinem Anblick, beim Klange ſeiner Sprache— faltete ſtaunend die Haͤnde, blickte dann eben ſo zum Himmel, und verſetzte mit faſt erſchuͤtterter Stimme: „Beinahe weiß ich ſelbſt nicht mehr, was 13 ich hier ſoll, und warum ich hieher gekommen, da ich Sie, meinen Oheim, in dieſem Aufzuge in dieſer Umgebung wieder finde!“ Eine grelle Roͤthe ſuhr uͤber die Wangen des Tuͤrken. Verlegen ſtrich er den grauen Schnauzbart, und erwiederte ſchnell:„Wie? was ſagen Sie? Sie waͤren.. mein Neffe?— ja, wahrhaftig! Du haſt noch Zuͤge von dem zwoͤlfjahrigen Knaben, den ich verließ... Wahrhaftig! Du biſt Marc⸗Antoine Beauſire!“ „Nun, Gott ſey Dank alſo!“ rief der Ca⸗ pitaͤn, dem Onkel die Hand reichend:„So ha⸗ ben Sie doch wenigſtens den Namen Ihrer Schweſter und Ihres Neffen nicht vergeſſen, und ich faſſe neuen Muth, Sie um eine Her⸗ berge vorlaͤufig zu bitten.“ „Herein mit Euch Beiden!“ ſagte ver⸗ gnuͤgt laͤchelnd der Oheim, und oͤffnete einen Saal im Erdgeſchoſſe:„Tretet ein. Geduldet Euch. Ich komme alſobald wieder!“ Er entfernte ſich ſchnell. Beauſire und Renard ſahen ſich verwundert an und um. 14 Beauſire empfand eine grollende Ruͤhrung, und trat an die Fenſter, die ſich nach einem Garten voll von Orangen- und Granatbaͤumen, oͤffne⸗ ten. Er verſchraͤnkte die Arme, und ſtarrte wehmuͤthig in die Luft. Der Diener hatte Mit— leid mit dem Herrn, naͤherte ſich ihm, raͤusperte ſich ein paarmal, um ihn aufmerkſam zu ma⸗ chen, und ſagte, nachdem er einen freundlichen Blick errungen, in ſeinem ehrlichen Bretagner⸗ dialekt:„Meiner Treu! Herr Capitaͤn: Es iſt wenig Unterſchied zwiſchen dem Hauſe, das wir zu Cairo bewohnten, und dieſem hier zu finden. Nur die kahlen Waͤnde, ein Sofa ringsum, ein Kronleuchter an der Decke, und ein Teppich am Boden. Wir ſehnen uns wohl beide zuruͤck nach Ihrem netten Zimmerchen zu Valence, das doch bequeme Tiſche und Stuͤhle aufweist, und gute franzoͤſiſche Matratzen; ſchoͤn einge⸗ bundene Buͤcher, ein allerliebſtes Kamin mit einem Spiegel und den ſchoͤnen Bildern des guten Heinrichs, und des Vicomte von Tuͤrenne!“ „Ja wohl, guterz“ Renard;“ antwortete ihm * ——————— — Bataillonschef Guidon— Alerander Guid lautenz nicht für Ruſchuck Aga.“ Beauſire:„Ja wohl ſehne ich mich nach der Heimath; und ich fuͤrchte, daß ich uͤberhaupt nicht wohl gethan, ſie zu verlaſſen. Meine Hoffnung ſchwindet faſt.“ Renard, deſſen Beredſamkeit ſchon ein Ende hatte, beſchaͤftigte ſich in einem Winkel damit, den Mantelſack zu oͤffnen, und auszu⸗ packen. Beauſire achtete nicht auf ihn, und er— wartete mit Ungeduld Ruſchuck's Wiederkehr. Der Aga kam bald zuruͤck. In ſeinen Au⸗ gen lagen Thraͤnenſpuren. Er umarmte ſchwei— gend den Neffen, ſah ihn lange bewegt an, und fragte, gleichſam, als fuͤrchte er ſich vor der Antwort:„Was macht Deine Mutter, Beau⸗ ſire?“ „Sie ſchickt Ihnen die beſten Gruͤße, mein Onkel,“ antwortete der Capitaͤn. Er bemerkte, daß mit einem Male Ruſchucks Zuͤge hell wur⸗ den, und ſetzte hinzu:„Ich darf Ihnen in ſen nicht verſchweigen, daß dieſe Gruͤße fuͤr de 16 N „Hm!“ verſetzte Ruſchuck, ſich die Stirn reibend:„Du haſt Recht. Sie konnte freilich nicht wiſſen.... Es hat ſich in der Zeit Vie⸗ les veraͤndert.“ Er klatſchte, ſich raſch abwendend, in die Haͤnde.— Die Mameluken brachten eine Colla⸗ tion von Fruͤchten und Gebaͤcken, Gefaͤße mit wohlriechendem Eiswaſſer, eine ziemliche An⸗ zahl kleiner Liqueurflaſchen; und entfernten ſich, nachdem ſie die Tafel geordnet, auf einen Wink des Gebieters. „Sey gegruͤßt!“ ſagte uſcuch den Nef⸗ fen zum Speiſen einladend:„Es gereue Dich nicht, zu mir gekommen zu ſeyn. Vorerſt nach guter Sitte des Vaterlandes ein frohliches Glas auf Dein und Deiner Mutter Wohl. Füͤrchte die Namen:„Curagao,“„Rum“ und„Arrac“ nicht, die auf dieſen Caraffinen zu leſen ſind. Hinter der, uns Glaͤubigen erlaubten, Etiquette, perlt der unerlaubte Cyperwein, den Du noch nie ſo rein und edel trankſt.“— Sie ſtießen an. Ruſchuck, nachdem er „ ſchnell ausgetrunken, ſchuͤttelte noch einmal des Neffen Hand, und begann:„Jetzo von dem Wichtigern. Du biſt Offizier geweſen, nicht wahr?“ „Escadrons⸗Chef im reitenden Jaͤgerregi⸗ ment zu Valence;“ antwortete Beauſire. „Haſt du mehr als die Reitbahn durch⸗ gemacht?“ —„Ich wurde im ſpaniſchen Feldzuge Ca⸗ pitän.“— Ruſchuck verzog etwas ſpoͤttiſch den Mund. Dann fuhr er bitter fort:„Ich errathe, wie es mit Dir kam. Dein Vater war ein Tapfe⸗ rer der alten Zeit. Man ließ Dich einige Stu⸗ fen erklettern, um dem Ruhm des Vaters Ge⸗ nuͤge zu leiſten, und man ſetzte Dich auf hal⸗ ben Sold, nachdem dieſer Zoll abgetragen. Du koͤmmſt nun, wie hundert andere Mißmuthige, einem andern Welttheile Deine Kraͤfte anzu⸗ bieten. So viel ich nun zu thun vermag, mein guter Junge,„ —„Siemißverſtehen mich, mein Onkel. Ich Spindlers ſaͤmmtl. Werke XIV. Sommermalven I. 2 18 ſtehe noch in effektiven Dienſten meines Vater⸗ landes und Koͤnigs, und es iſt mir nimmer ein⸗ gefallen, irgend einer fremden Macht meinen Säbel anzutragen.“— „So?“ fragte Ruſchuck mit langem Ge⸗ ſicht.„So rede Du jetzo, weil ich mich irrte.“ —„Die Veranlaſſung meiner Reiſe zu Ih⸗ nen iſt lediglich die Duͤrftigkeit, worinnen meine Mutter, Ihre edle Schweſter, ſchmachtet, und der ich, von Schulden fruͤherer Zeit bedraͤngt, nicht abhelfen kann. Sie entſinnen ſich, daß Madame Beauſire Ihnen, da Sie im Jahre 1815 Frankreich verließen, als ein Darlehen der reinſten ſchweſterlichen Zaͤrtlichkeit, ein Capital von 30,000 Franken einhaͤndigte, das ſie zum groͤßten Theile erborgt hatte. Seit jener Zeit hat ſie nichts mehr von Ihnen vernommen, und iſt ein Opfer des Ungemachs, meiner koſt⸗ ſpieligen Erziehung, meiner geldverſchlingenden Oſfiziersausſtattung geworden. Sie wiſſen, daß mein Vater, als er auf dem Schlachtfelde von BVittoria, an der Spitze ſeiner Batterien ſiel, N 19 b nur Ehre, und wenig Vermoͤgen hinterließ. Seine Wittwe fordert daher mit Thraͤnen ihr Darlehen, ihr einziges Erbtheil zuruͤck; oder nur einen Theil deſſelben, wenn das Geruͤcht gelogen haben ſollte, das Sie als einen in des äͤgyptiſchen Vicekoͤnigs Dienſte reich ge— wordenen Mann ſchilderte. Denn nur Geruͤchte konnten die Leitfaͤden unſers Betragens ſeyn, da wir auf zwanzig Briefe, die wir nach Aleran⸗ drien und Cairo ſendeten, keine Antwort von Ihnen erhielten.— Endlich,— meine Mutter ſtand auf dem Punkte, das Letzte, ihr Haͤus⸗ chen, ihre Einrichtung, zu verlieren,— faßte ich den Entſchluß, Sie ſelbſt aufzuſuchen. Ein Urlaub von ſechs Monaten wurde erbeten; ich ſchiffte mich zu Marſeille ein, kam nach Aleran⸗ drien. Man wies mich nach Cairo. Daſelbſt erfuhr ich, daß Sie, Ihrer Geſundheit wegen, ſich nach Rhodus begeben; erfuhr, daß Sie,— ſchon ſeit geraumer Zeit— einen andern Glau⸗ ben, einen andern Namen angenommen. Dieſe Nachricht haͤtte mich zum bewogen, —— —— d 20 N wenn nicht der Muth und die Ehre eines fran⸗ zoͤſiſchen Soldaten ihm verboͤten, auf palt Wege zum Ziele ſtehen zu bleiben. Meine Ge⸗ genwart allhier erklaͤrt alles, was ich noch zu ſagen hätte, und was, einem Offizier von Ehre gegenuͤber, auch uͤberflüſſig zu ſagen waͤre.“— Ruſchuck hatte ſeinem Neffen, bald verle⸗ gen, bald wohlwollend laͤchelnd, zugehoͤrt.„Dei⸗ ne Mutter mag mir vergeben, daß ich ſie ſo lange vernachlaͤßigte!“ ſagte er, und fuhr fort, indem er das rothe Kaͤppchen abnahm, das ſei⸗ nen Scheitel bedeckte:„Sieh' hier die Stop⸗ peln, die das Scheermeſſer meinem Kopfe ge⸗ laſſen. Mein Haupthaar war braun, da ich mein Vaterland verließ. Die Sorge, die ſen⸗ gende Sonne von Cayenne und Aegyptens ha⸗ ben es grau gemacht. Nicht in Amerika, nicht in Aſien fand ich Ruhe. In Afrika ward Me⸗ hemet der Goͤnner des ganz zum Bettler Ge⸗ wordenen. Schwere Arbeiten, und vielleicht der angeborene Leichtſinn, machten mich Deiner Mutter vergeſſen. Später hielt ich ſie fur todt. AN 21 Der Geiz, der mit dem Wohlſtande und dem Turban ſi ſich bei mir einfand, uͤberredete mich zu gleicher Zeit: Du, ein junger, kraͤftiger Menſch, beduͤrfteſt des Geldes nicht, und Dein Fleiß wuͤrde Dir Deinen Unterhalt ſchaffen!— Es iſt recht gut, daß Deine Gegenwart alle dieſe Traͤume einer erſchlafften Moral ver⸗ ſcheucht, mit einem Male in die Flucht ſchlaͤgt. Deine Mutter darbt, und ich weiß, was ich zu thun habe. Mahomet“— hier laͤchelte er,— „hat mich geſegnet, und ich kann Euch zuruͤck⸗ geben, was Euch gehoͤrt. Laſſe nur meinem Haleb nichts von Deinem Geſchaͤfte merken. Der Juͤngling mochte nicht gerne einen ſo be⸗ deutenden Theil ſeines Erbes verlieren wollen, und in ſeinem Unmuth den Gaſt unfreundlich behandeln.“ —„Haleb? Wer iſt dieſer Haleb, mein Onkel?“— „Du weißt nicht? Ja ſo; ich vergaß,.. und die Zeit hat natuͤrlich Deinem Knabenge⸗ daͤchtniß den kleinen Vetter enträckt, der, ſo ſ jung er noch, Dir gegenuͤber, war, zu Mont⸗ Medy alle Spiele mit Dir theilte. „Wie?“ laͤchelte Beauſire:„Cvuſin Mau⸗ rice? Derſelbe, den Sie in ſo zartem Alter von kaum fünf Jahren mit ſich nahmen? den wir ſchon laͤngſt, um ſeiner Schwaͤchlichkeit willen, geſtorben glaubten?“ „Derſelbe.“ „Ach, wie iſt es moͤglich, daß er alle Be⸗ ſchwerden ertrug? Und wo iſt er, kleine Maurice?“ „Er iſt groß, ſchlank und ſtark geworden. Kaum achtzehn Jahre alt, hat er ſchon Deinen Rang unter den Elitenescadronen des Viceko⸗ nigs von Aegypten erworben, und ſein Regi⸗ ment ſteht auf Morea pei der Armee Seiner Hoheit des Prinzen Ibrahim.“ „Wie, mein Onkel? Capitaͤn. 2 Eliten⸗ ſchwadrone?.... Seiner Hoheit....2 auf Mo⸗ rea? Der kleine Maurice? Mir ſchwirrt es vor den Sinnen, wie ein Traum aus tauſend und einer Nacht.“ der gute . 3 NN 23„ „Wir leben ja auch in den Zeiten und dem Lande der Wunder!“ verſetzte Ruſchuck:„Es freut mich jedoch, daß ein Auftrag des Soliman Bey meinen wilden Jungen vorgeſtern nach dieſer In⸗ ſel gefuͤhrt, und mir ſomit vergoͤnnt, die bei⸗ den Vettern einander vorzuſtellen.“ Während er noch redete, braußte ein wil⸗ des Roß in den Hof, den man, da gerade ein Diener mit einigen Lichtern unter bunten Glas⸗ kugeln durch die Thuͤre ſchritt,— von Fackeln erhellt, erblickte. Der tobende Gaul, auf deſſen Ruͤcken ein felſenfeſter Reiter ſaß, praͤchtig gekleidet, auf praͤchtigen Decken, machte in der Mitte des Hofraums noch einen raſenden Sprung, und ſtand unmittelbar darauf, von der Gewalt des Herrn gebaͤndigt, unbeweglich und geſtreckt,— als waͤre er aus Erz gegoſſen,— ſteif und ſtille: nur die dampfenden Nuͤſtern verriethen Leben. Der Reiter in der bequemen und zierlichen Mameluckentracht der ägyptiſchen Gardeeliten, ſprang behend und geraͤuſchlos vom Sattel, erneuern! Bleibſt Du bei uns?“ 24 und kam in den Saal, waͤhrend ſich ſeine Knechte dem wieder aufſteigenden Roſſe in die Zuͤgel warfen, und es nach dem Stalle brachten. „Mein Sohn Haleb!“ ſprach Ruſchuck, dem Neffen die anſehnliche Geſtalt, mit dem liebenswuͤrdigſten und muthigſten Juͤnglingsge⸗ ſichte, vorſtellend:„Begruͤßt Euch freundlich, meine Kinder. Ein Vaterland gebar Euch!“ Beauſire ging dem verſtummenden Haleb entgegen, reichte ihm die Hand, und ſagte zu⸗ vorkommend:„Willkommen, Haleb-Maurice, mein guter Vetter! Ihr erinnert Euch meiner wohl nicht mehr, aber.... „Bei'm Propheten! nein!“ verſetzte Ha⸗ leb mit offener Stirne:„Waͤrſt Du etwa Marc⸗ Antoine, von dem mein Vater zuweilen ſpricht, ſo ſey mir herzlich angenehm. Ich ſoll viel mit Dir geſpielt haben,— und Du haſt, wie ich hoͤrte, ſehr geweint, als ich mit dem Vater verreiste. Wir wollen die fruͤhe Bekanntſchaft Nd 25 n „Nein, mein Freund. Ich beſuche Euch nur, um bald wieder zu ſcheiden.“ „Meinetwegen denn;“ rief Haleb, ſich auf das Sofa niederwerfend;„Uebermorgen iſt auch mein Aufenthalt hier zu Ende. So benuͤtze denn die Zeit, und erzaͤhle uns von Frankreich. Ich bin recht neugierig. Einige meiner Waf⸗ fenfreunde befinden ſich in Paris, um ſich aus⸗ zubilden, und ich waͤre faſt lieber mit ihnen gegangen, als nach dem ausgebrannten und verhungerten Griechenlande.“ Indem er jedoch Miene machte, recht auf⸗ merkſam zuhoͤren zu wollen, fiel ſein Blick auf Renard, der ſich, obſchon hin und wieder an der Tafel theilnehmend, nicht von dem Ge⸗ ſchaft des Auspackens hatte abhalten laſſen. Haleb ſprang auf, die Effekten des Vet⸗ ters zu muſtern, betrachtete mit Wohlgefallen die ſilbernen Epauletten ſeines Grads, das flimmernde Ehrenkreuz am ſchlichten Bande, ſah jedoch mit Geringſchaͤtzung auf die einfache Uniform, auf die unverzierten Waffen. 3 * M 26 „Ihr ſeyd arm;“ ſagte er, die Gegen⸗ ſtaͤnde aus den Haͤnden legend:„Dem An⸗ fuͤhrer gebuͤhrt Pracht und Glanz, damit ihn der Feind und der Untergebene kenne. Sieh, mein Vetter, ſieh dieſe Stickereien! ſieh, Vet⸗ ter, dieſen Säbel, dieſe Piſtolen. Wenn ich einſt im Kampfe falle, wird mein Gegner nicht ſagen können: Das iſt ein bettelhafter Wicht, und kaum der Muͤhe werth geweſen, ihn nie⸗ der zu hauen.“ „Unſer einfaches Kleid iſt das der Ehre;“ antwortete Beauſire, ſeinen Unmuth, dem ju⸗ gendlichen Vorurtheil zu Liebe, bezwingend: „Wir ſind nicht die Tyrannen unſerer Mit⸗ bürger, ſondern ihrer Rechte Vertheidiger, und tragen lieber die nackte Bruſt den Feinden ent⸗ gegen, als goldne Troddeln und Schnuͤre, der Armuth des Vaterlands abgepreßt.“ Haleb ſah ihn mit großen funkelnden Au⸗ gen an. Ruſchuck warf ihm einen, das Schwei⸗ gen gebietenden Blick zu. Beauſire, um das Geſpraͤch zu aͤndern, beſah des Vetters Waf⸗ Nd 27 N fen. Sie waren prächtig, mit Gold und Stei⸗ nen geziert: damascirte Wehrſtuͤcke von ſehr großem Werth. „Welchen Preis hat dieſer Saͤbel in Me⸗ hemets Werkſtatten?“ fragte der Capitaͤn. „Ich habe ihn auf dem Wahlplatze gekauft;“ entgegnete Haleb ſtolz, jedoch freundlich:„Der kuͤhne Bozzaris hatte ihn dem furchtbaren Mir⸗ mik⸗Bey abgenommen, und an den ſtarken Nikephorus geſchenkt, den ich, in einem Scharmuͤtzel, unfern von Patras, getoͤdtet habe.“ Eine begeiſterte Roͤthe verbreitete ſich uͤber Beauſire's Geſicht.— „Bozzaris nahm, fuͤhrte dieſe Waffe?“ fragte er lebhaft:„Und Du, Kaͤmpfer gegen ein Volk von Helden, Du wagſt es, mit die⸗ ſem Saͤbel gegen dasſelbe zu ſtreiten? Du fuͤrchteſt nicht, daß Bozzaris zuͤrnender Schat⸗ ten Dich zur Rede ſtelle, ob dieſes Wagniſſes?“ „Was willſt Du damit ſagen?“ fragte Haleb unbefangen entgegen. Beauſirh wendete ſich, um ſortzulommen führte daraus zu einem Veledergmpor ei⸗ NN 28* zu dem Onkel, ſagend:„O es iſt Zeit, daß ich allein ſey, um meine Gedanken zu ſammeln, um mich zu beſinnen, wo ich mich befinde! Wo werden wir ſchlummern, ich und mein Renard?“ „In meinem Heiligthum;“ verſetzte Ru⸗ ſchuck ernſthaft:„Folge mir dahin, um ſanft zu ruhen! Haleb wird Morgen, nach dem Fruͤh⸗ gebete, Deine Befehle erfragen.“ Haleb nickte ſtumm und nachdenkend, auf des Vetters„Gute Nacht“ und blieb in dem Saale zuruͤck. Beauſire, und Renard, mit ſei⸗ nen Habſeligkeiten, folgten dem Onkel Ruſchuck, neben welchem ein Sclave mit der Leuchte ging, in den Garten, durch ſuͤß duftende Pomeran— zenalleen, an prachtigen Granatbäumen voruͤ⸗ ber, deren Bluͤthen durch die Nacht ſelbſt her⸗ vor in's Auge brannten, nach einem Kiosk, das, auf einem Huͤgel erbaut, Garten, Ge—⸗ buͤſch, Mauern und Haͤuſerdaͤcher beherrſchte. Das einfache runde Zimmer war verzierter als der Salon des Hauſes, und eine Wendeltreppe NNd 29 ner Rundgallerie, deren Scheibe breite Fenſter vildeten, welche die Strahlen des Beſchuͤtzers dieſer herrlichen Inſel, des blondgelockten He⸗ lios, durch das Dach in den Kiosk eingehen ließen. Dieſer letztere hatte in den Mauern keine Fenſter, und Beauſire, ſtatt ſich, alſo⸗ bald nach der Entfernung des Onkels auf das, im Halbdunkel der aufſteigenden Treppe errich⸗ tete Lager zu werfen, die Thüͤre zu ſchließen, und die Leuchte zu loͤſchen,— wollte noch zu⸗ voͤrderſt ſeinen neuen Aufenthalt durchſuchen. Spiegel hingen an den Waͤnden; zwiſchen ih⸗ nen ein großes Bild des, dem Onkel Guidon unvergeßlichen, Feldherrn, der ihn lange Jahre hindurch zum Ruhme gefuͤhrt; dann eine wohl⸗ erhaltene Uniform eines Staabsoffiziers von der Artillerie; der Degen mit dem Port d'epée, der Hut mit der Cocarde des ehemaligen Reichs. In einer von vielen Schlachtnamen gebildeten Sonne, hing das Ehrenkreuz des vormaligen Bataillonschefs und vollendete den Kreis vonErin⸗ nerungen, den die Zierden des Gebaͤudes erweckten. 30 n Beauſire wurde traurig.„Was hat erge⸗ gen all die vergangene Ehre eingetauſcht?“ fragte er ſich ſchmerzlich, und ſtieg,— unfaͤ⸗ hig, ſich dem Schlummer hinzugeben, die Treppe zum Belvedere hinan; langſam und ohne Geraͤuſch, um ſeinen ſchnarchenden Re— nard nicht zu wecken.— Seine Ahnung hatte ihn nicht getaͤuſcht, als ſie ihn auf die Hoͤhe des Kiosk lockte. Die wunderherrlichſte Mondnacht, der er ſich entſin⸗ nen konnte, lag vor ſeinen Blicken ausgebrei⸗ tet; der Himmel war nicht in des Nordens duͤſtre Trauer gekleidet, ſondern in das warme Blau des Suͤdens, und nur ein Daͤmmerſchein milderte den Glanz des ſilbernen Tages. Die Ausſicht war groß, fuͤr Marc⸗Antvine's ſchar⸗ fes Auge. Ueber die Haͤuſer,— nach dem Meere hin, ſchweifte der Blick, und erreichte, mit dem Mondſtrahl uͤber die ruhige Wellen⸗ fläͤche ſchwimmend, die duſtern Gebirgsmaſſen Karamaniens, gleich finſtern Rieſen an das Ende der Meere gelagert. Hie und da ſtiegen 31 Inſeln, wie verſchwimmende Punkte, aus der See, und bis zu ihnen hin ſchien ſich der dunk— le Strich des Hafendammes zu dehnen, deſ⸗ ſen Baumwipfel ſilbern blitzten, wie die ſchlan⸗ ken Palmen der naͤhern Gaͤrten,— wie des Flaggenthurms Spitze am Strande; wie die, im Ruͤcken des Beſchauers, weit oben an den Gränzen der emporſteigenden Stadt, hinlau— fenden Baſtionskanten und Mauerzinnen der Feſtungswerke. Ein heiliges Beben durchrie⸗ ſelte Beauſire's Koͤrper bei dem Anblicke dieſer Letztern. Des Mondes davon zuruͤckprallende Glanzgebilde ſtellten ſich ihm dar, wie die in Silberruͤſtung gehuͤllten Geiſter der ehemaligen Waͤchter der Heldenſtadt, denen es vergoͤnnt worden, bei Nachtzeit wenigſtens die Wälle wieder zu beſuchen, die ſie im Glanz der Sonne ſo herrlich gegen das Geſchlecht Derjenigen ver⸗ theidigten, die jetzo, weichlich und traͤge, in den Mauern ſchwelgen, wo einſtens Tapfere entbehrten. Beauſire glaubte, den heldenmu⸗ thigen Großmeiſter Villiers, den eisgrauen Bannerherrn von Isle-Adam, an der Spitze ſeiner Getreuen, mit gezuͤcktem Schwerte zu ſehen, wie er umherging, die Wachen zu be⸗ ſuchen;— den falſchen Kanzler Amaral, wie er, einem fluͤchtigen Schatten gleich, von Zinne zu Zinne ſchwirrte, den ſelbſt im Grabe noch unverſoͤhnlichen Raͤchern zu entweichen: wie er einen Abhang niederſturzte, und unter Ge⸗ wimmer verſank.... Das Verloͤſchen des Streifſchattens in dem Dunkel des Gartens ſchien dem Erwachenden ſehr natuͤrlich. Der geſcheuchte Raubvogel, der an den weißen Haͤuſern und Minarets herun⸗ tergefahren war, ſchwebte nun uͤber dem blauen Meere, und verſchwand im Duft der Nacht⸗ Das Weheklagen, das Beauſire's Ohr vernom⸗ men, dauerte jedoch fort, in der Naͤhe des Lauſchers; obſchon keine kriegeriſche Stimme, um ſo ergreifender: einer weiblichen Bruſt ſchien die Klage zu entſpringen. Nahe, nahe erklang ſie, wallte auf zu dem Belvedere, ein ſchneidender Gegenſatz zu der Maſſe von Wohl⸗ A 33 geruͤchen, die auf ihren anmuthigen Schwin⸗ gen den Schmerz empor zu tragen ſchienen aus dem lieblich duftenden Garten.— Das Auge, — der bereitwillige Knecht des Ohrs, ſtrengte ſich an, zu ermitteln, wo der Laut der Weh⸗ muth entſpringe, und haftete auf einem, zu⸗ naͤchſt, unter einer Gruppe von Feigenbaͤumen gelegenen, Gebaͤude. Eine Verzaͤunung lief um daſſelbe, und Lichter waren durch engver⸗ gitterte Laden in dem nicht geraͤumigen Hauſe zu ſehen. Mehrere weibliche Stimmen ließen ſich vernehmen: BAccente aus mehreren Spra⸗ chen. Ein gellendes Organ machte dem Unwil⸗ len in italieniſcher Mundart Luft. Zwei andere Stimmenbelferten tuͤrkiſch dazwiſchen. Eine grobe Zunge gab immer den Refrain zu den Worten der Tuͤrkinnen. Kaum ſchwiegen jedoch die Zuͤrnenden, als eine melodiſche zarte Kehle wie⸗ der ihre Klagen anhob;— weich im Klange und weich in Worten, die Beauſire fuͤr griechiſche hielt. Hatte ſie geendet, ſo begann der Höllen⸗ laͤrm der uͤbrigen: ein Schreien, Toben ohne Spindler's ſämml. Werke. XIV. Sommermalven. 1. 3 AN 34 Vernunft, und endlich ein Geräuſch, wie das von Leuten, die handgemeng werden. Damit endigte der Auſtritt. Ein auffallendes Klage⸗ geſchrei noch zum Schluß, und es gab Ruhe. Die Lichter verloͤſchten nach und nach, und Beau⸗ ſire, vem fallenden Thau, wie von ſeinen muͤ— den Angen an den Schlummer erinnert, ver— ließ den Altan, um das Lager zu ſuchen. Es bettete ihn nicht ruhig. Die bunten Bilder ſeiner Reiſe jagten verworren vor ihm auf und nieder. Der Traͤume Gaukelſtab zauberte ihm die ſeltſam⸗ ſten Sachen vor die Einbildungskraft.— Er vefand ſich zwar zu Rhodus, in dem Hauſe des Oheims Ruſchuck, in dem gaſtfreundlichen Kiosk; aber ihn ſchauderte vor dieſer Gaſtfreundſchaft. In allen Winkeln lauſchten Ungeheuer und ſletſchende Tuͤrkenkoͤpfe,— und der Groß⸗ 9 meiſter Villiers von Ible- Adam, gebuͤckt von Alter, und den weißen Bart an der Erde ſchleppend, wie das lange Schwert und den moderigen Mantel, nahte ſich ſeinem Bette ut, Fran⸗ e zu ihm redend:„Sey auf Deiner K N 35 b zoſe! Du, den ich liebe, um des Vaterlands Willen! Der Renegat will Dir das Witthum Deiner Mutter im Blute, in Deinem Eigenen, abtragen! der Dolch des Abtruͤnnigen ſitzt an Deiner Kehle.... 1 Als nun Beauſire, entſetzt von dem Ge⸗ danken, im Schlafe erwuͤrgt zu werden, mit lautem Geſchrei dem Lager entſpringt, oͤffnet er die ſcheuen Augen, und Tageslicht blitzt hinein. Seine Haͤnde ſuchen nach Waffen, und werden von freundlichen, warmen Haͤnden ge⸗ fangen. Haleb ſteht vor dem Erſchuͤtterten, deſ— ſen hochklopfende Bruſt einiger Minuten bedarf, um des Vetters„Guten Morgen“ zu erwiedern. „Friede ſey mit Dir;“ ſagte Haleb mit dem Ausdrucke der Herzlichkeit:„Du hatteſt einen ſchweren Traum, Marc⸗Antoine. Erhole Dich; hat Dich Dein Engel auch in Kampf und Schlacht, gefuͤhrt: hier iſt das Haus Deiner Verwandten und Gaſtfreunde. Komm; begruͤße mit mir den ſchoͤnen Morgen, die Sonne, die, wie das Volk meint, unter allen Flecken der Erde, nur 36 b Rhodus allein zum Liebling erkohren. Wir wollen fruͤhſtücken. Meine Gebete und Abwa⸗ ſchungen, die Alfanzereien, ſind voruͤber. Ich gehoͤre ganz meinem lieben Gaſte.“ Beauſire verſagte ſich dem Fuͤhrer nicht.— In einer Laube, vom Weinſtock gebildet, in der Naͤhe eines murmelnden Baches, war der Tiſch bereitet, nach europaͤiſcher Weiſe. Die jungen Vettern ſaßen auf Stuͤhlen, aßen mit Pariſer Beſtecken Pariſer Fruͤhſtuͤcksgerichte, nachdem der Caffe beſeitigt worden war. Ha⸗ leb wurde munter, und ſprach: „Sieh, Marc-Antoine! mir iſt's lieb, daß der Vater heute zur Moſchee gegangen iſt, was er dann und wann thut, um dem Volks⸗ aberglauben unterthaͤnig zu ſeyn.— Mir bleibt die Zeit, mit Dir allein mich auszuſprechen. Ich habe geſtern lange uͤber Deine Worte nach⸗ gedacht, und noch nie iſt mirs ſo ſchwer aufs Herz gefallen, daß wir im Oriente noch ſo weit gegen Euch Abendlaͤnder zuruͤck ſind, im Wiſ⸗ ſen, im Koͤnnen, und Wollen ſogar. Denke 37 nicht uͤbel von mir, Marc⸗Antoine. Ich bin keiner von Denen, die nicht wollen; aber wie es anfangen? Ich bin wild aufge⸗ wachſen. Der Vater hat mir kaum die Mut⸗ terſprache beigebracht. Ein Livorneſiſcher Jude zu Cairo hat mich im Italieniſchen unterrich⸗ tet. Das iſt Alles, was ich weiß, und den⸗ noch bin ich der Gelehrteſte unter den Chefs meines Gleichen, obgleich ich die Spruͤche des Corans nicht ſo fertig kann, wie jene. Ich moͤchte aber viel, viel wiſſen und verſtehen, um meinem neuen Vaterlande nuͤtzlich zu wer⸗ den. Sage nur, wie ich es beginne!“ „Armer Haleb!“ antwortete Beauſire, von des Juͤnglings Offenherzigkeit geruͤhrt:„Hier iſt nicht der Boden, Deinen Vorſatz auszufuh⸗ ren. Nicht in Morea, wo Ihr die Henker ei⸗ nes edeln Volkes ſpielt; nicht in Aegypten, wo Ihr alle unter einen Henker bringt! Dein Vater hat, indem er Dich, zarte Pflanze, dem Mutterboden entriß, einen großen Raub be⸗ gangen. Erſtatte denſelben eigenmaͤchtig. Gieb Dich dem chriſtlichen und aufgeklaͤrten Vater⸗ lande zuruͤck, und nimm Theil an ſeinen Schaͤtzen.—“ Haleb ſchuͤttelte langſam und mißbilligend das Haupt.„Onein!o nein!“ ſagte er feſt:„ich habe nicht dieſen Rath von Dir begehrt, mein Vetter. Ruſchuck Aga mag ſich mit ſeinem Gewiſſen abfinden. Ich werde ihm nicht in der Verlaͤugnung nachahmen. Ob im Hute, ob im Turban;— wir verehren einen Gott! und vollends, den Vater verlaſſen,— auf ewig? ihn, der meine ſchwache Kindheit von Land zu Land fuͤhrte, überall beſchuͤtzte? Das kannſt Du, der ſelbſt daheim eine geliebte Mutter be⸗ ſitzt, Deinem Freunde nicht anſinnen!— Neben der Liebe zu meinem Vater, der ſich alt gear⸗ beitet hat, mich zu bereichern, und ſeines Al⸗ ters Freude von mir erwartet,— neben dieſer Liebe koͤnnte wohl noch ein anderes Gefuͤhl nicht zugeben, daß ich von dem Schauplatz meines jetzigen Lebens Abſchied naͤhme.“ Haleb ſah den Offizier ſcharf an, als wollte 2— 39 er in deſſen ruhigem Auge leſen, und fuhr dann fort:„Ich bin kein fanatiſcher Muſelmann, Marc-Antoine. Ruſchuck iſts auch nicht; und alle unſere Landsleute, von Soliman Bey an, bis zu dem Trainknecht, der den Turban nahm, tragen unter'm tuͤrkiſchen Kleide noch ein fran⸗ zoͤſiſches Herz. Ich will Dir einen Beweis da⸗ von geben.— Siehſt Du jenes Dach unter den Feigenbaͤumen? Dort iſt das kleine Harem mei⸗ nes Vaters; und in demſelben Hauſe lebt auch ein griechiſches Maͤdchen, das ich, auf Morea erobert, mit mir hieher gefuͤhrt habe, um es in Verwahrung zu laſſen, bis Ibrahim zur Hei⸗ math kehrt, und mir erlaubt ſeyn wird, die Schoͤne als meine erſte Gattin in mein Haus zu Cairo zu bringen. Komm: Du ſollſt ſie ſe⸗ hen; und dieſe Erlaubniß ſey Dir ein Beweis meiner Freundſchaft.“ Beauſire wies den Vorſchlag von ſich.„Er⸗ laſſe mir's,“ ſprach er,„das Schlachtopfer der Kriegsgewalt und Deiner Luͤſte durch meine Ge⸗ genwart noch zu beſchaͤmen!“ 40 n „Das Schlachtopfer?“ fragte Haleb, halb 6 3 verwundert, halb ſpoͤttiſch:„Ich gelobe Dir bei der heiligen Fahne, daß Athanaſia meine Herrin, nicht meine Sclavin iſt, daß ich kaum die Spitze ihrer Finger kuͤßte, und entſchloſſen bin, nur von der Zeit und meiner Liebe, mein Gluͤck zu erwarten.“ Beauſire blickte ſtaunend in des jungen Mu⸗ ſelmanns Auge. Es blieb heiter und unbefan⸗ gen.„Wohlan!“ ſagte der Kapitaͤn:„So gehe ich mit Dir, um die Schoͤnheit Derjenigen zu ſchauen, die des leidenſchaftlichen Kriegers Wuth u baͤndigen verſtand. Deine Waffengefaͤhrten, 5 8 8 Maurice, koͤnnten, wie ich ſehe, von Dir ler⸗ 1 nen.⸗ „daß ein ſolches Himmelsgeſchoͤpf wohl im Stan⸗ 1 de iſt, mich an Aegyptens Schollen zu feſſeln. Ich wette Roß und Waffen, Sattel und Zeug, 11„und Du magſt erkennen,“ſetzte Haleb bei: Blut und Leben, daß in Frankreich keine lebt, 41* die es mit Athanaſia's Schoͤnheit aufzunehmen im Stande waͤre.“ „Du reizeſt meine Reugier aufs Hoͤchſte!“ antwortete Beauſire laͤchelnd:„Wie nun, wenn auch mein Herz von dieſen ſeltenen Reizen ent⸗ zuͤckt wuͤrde? Wenn ich, mit der hoffnungs⸗ loſen Erinnerung im Buſen, heimkehren muͤßte, ſterbend vor Sehnſucht und Gram?“ Haleb laͤchelte gutmuͤthig.„Du biſt ein Franzoſe, Marc⸗Antoine!“ rief er:„Dir wird es an Troſt nicht fehlen. Mich wuͤrde jedoch Athanaſia's Verluſt zur Verzweiflung bringen. Ein gluͤhendes Gefuͤhl gedeiht unter gluͤhender Zone, und ehe das Gefuͤhl ausbrennt, verzehrt es den Koͤrper, der es birgt. Komme jetzt, ohne fernere Umſchweife. Du biſt ein Ehren⸗ mann, und wirſt mein Vertrauen nicht miß⸗ brauchen.“ Die jungen Maͤnner gingen eilig unter ei⸗ nem ſchattigen Laubgange durch, und ſtanden binnen wenig Minuten an der Rohrwand, die 42 den Harem umgab. Ueppige Pfirſichbäume rank⸗ ten ſich an dem Verhau empor und beſchatte⸗ ten die Pforte. Haleb klatſchte in die Haͤnde, und die Thuͤre wurde geöffnet. Eine Regerin, zum Entſetzen haßlich, alt und ſchmutzig, em⸗ pfing den Sohn des Hauſes, und maaß ſtau⸗ nend den Fremden vom Kopf bis zu den Fuͤßen. Beauſire ſah auf dem Grasplatze vor dem Hauſe — in einem Winkel— eine ſitzende Frau von fettem Angeſichte, glaͤnzend gefaͤrbten Wangen und Augenbraunen, die ein Kind auf dem Schooße hielt. Auf den Schrei einer braunen Magd, die neben ihr kauerte, verbarg ſie ſchnell ihr Antlitz hinter einem kurzen Schleier, und drehte den Mäͤnnern den Rücken zu. Beauſire laͤchelte unwillkuͤhrlich: die Negerin ſchnitt ihm ein furchtbares Geſicht.„Questo non intrar!“ ſagte ſie entſchuldigend und zugleich herriſch zu Haleb, auf Beauſire deutend. Ruſchucks Sohn verſetzte ihr hierauf ſtatt aller Antwort einen derben Schlag auf den Ruͤcken, der die grim⸗ mige Schließerin ploͤtzlich zur huͤndiſchen Lenk⸗ 43 ſamkeit herabſtimmte. Halecb redete heftig mit ihr; Beauſire vernahm den Namen Atha⸗ naſia; bemerkte jedoch, daß die Negerin Aus⸗ luͤchte ſuchte, die nur des Gebieters Macht⸗ wort verſtummen machte. Endlich ging die Wäͤchterin vor den Maͤnnern her ins Haus.— Unten war ein ziemlich langer und ſchmaler Saal, mit dem unvermeidlichen Divan; ein Springbrunnen in der Mitte: auf einem Ge⸗ ſimſe eine, wahrſcheinlich von den neugierigen Damen ruinirte Spieluhr, und einige Brett⸗ ſpiele, zur Verſcheuchung der graͤßlichen Lang⸗ weile. Gerade aus dem Saale fuͤhrte eine ſchmale Stiege in den obern Stock, deſſen niedriger und enger Corridor zwiſchen zwei Rei⸗ hen von Zellen hinlief, die zum Theil offen und leer ſtanden, zum Theil verriegelt waren. Ein ſtummer, affenhafter Zwerg war das einzige Geſchoͤpf, das den Beſuchern oben begegnete, und ſie, maulaufſperrend, an ſich vorbeiließ⸗ Hinter einer Thüre klimperte eine verſtimmte Mandoline; hinter einer zweiten ertoͤnte der 44 ſchlaͤfrige, eintoͤnige Geſang einer traͤgen Weibs⸗ ſtimme. Ueberall ſonſt Todtenſtille; und ſelbſt dieſe Flaͤnge verſtummten alſobald, als die Schritte der Maͤnner auf dem Corridor laut wurden.—„Die Sclavinnen meines Vaters!“ ſagte Haleb gleichguͤltig zu dem Vetter:„rohe, traͤge, garſtige Geſichter, die Ruſchuck nur aus Mitleiden nicht wieder zum Verhandeln auf den Markt ſchickte, als er hieher zog. Ich darf ſie Dir nicht zeigen, ohne Vorwiſſen des Vaters; aber hier— Marc-Antoine— hier ſtehen wir vor der Thuͤre Derjenigen, die eine Krone derSchoͤpfung genannt zu werden verdient.“ Er klopfte leiſe und beſcheiden an die letzte Thuͤre des Corridors.„Heffne, oͤffne Deinem Freunde, Deinem Knechte, Du liebliche Blu⸗ me des Aufgangs!“ ſagte er zaͤrtlich und ſchmeichelnd.— Die Thuͤre oͤffnete ſich wirk⸗ lich nach einer kleinen Weile, und eine Geſtalt, vor welcher Beauſire's betroffenes Auge, wie vor dem Blitze, den Boden ſuchen mußte, ſtand vor ihm und dem gluͤcklichen Haleb.— 2 Alles, was einſt Saͤnger geſungen von He⸗ lenens Schoͤnheit und junoniſcher Wuͤrde, ſtand, verkoͤrpert und wie von einer Sonnenglorie um⸗ ſtrahlt, vor dem jungen franzoͤſiſchen Officier. Als Knabe hatte er wohl, zuweilen im großen Muſeum zu Paris umherwandelnd, ſolch voll⸗ endete Schoͤnheitsformen, in Stein oder Far⸗ ben gebildet, geſehen; aber in der Wirklichkeit waren ſie ihm noch nie erſchienen. Erſchuͤttert, bewundernd, hingeriſſen und zagend ſtand er vor der herrlichen Geſtalt, und vergaß das all⸗ zuſchlichte Gewand, das ſie umhuͤllte, den ver⸗ haßten Zwinger, worin ſie eingeſchloſſen, das Schickſal, dem ſie zum Raube gegeben. Sie ſprach, die Reizende, und mit ſteigendem Ent⸗ zucken hoͤrte er melodiſche Toͤne, die den Ein⸗ klang des Meiſterwerks der Natur vervollſtän⸗ digten, die ruͤhrenden Laute, denen er ſchon zur Nachtzeit gelauſcht hatte. Wie in einem ſeligen Traume befangen, ſchlug er die Augen, die geblendeten, auf, und ließ ſie ſanſt, von der bohen Stirn, uͤber die bluͤhenden Wangen zu den ſuͤß ſchwellenden Lippen herniedergleiten; und fur eine Ewigkeit war ihm das kaum er⸗ blickte Bild mit unzerſtoͤrlichen Zügen einge⸗ praͤgt. Sie ſprach, die Holde, und das roman⸗ tiſche Idiom der Lingua Franca ging aus von dem Purpur ihres Mundes. Beauſire war er⸗ freut ſie zu verſtehen, und betruͤbt zugleich, daß er verſtand, was die Griechin ihrem Herrn kla⸗ gend und mit Thraͤnen in den großen ſchoͤnen Augen, berichtete. Sie erzaͤhlte von Mißhand⸗ lungen, die ſie von den uͤbrigen Weibern des Harems erduldet hatte. Was ihre Worte nicht erſchoͤpften, entdeckte ſie, indem ſie ihre, bis jeßt unter dem Guͤrtelſhawl verhuͤllten Haͤnde zeigte. Die grauſamen arabiſchen Weiber hatten des Maͤdchens zarte Finger mit Neſſeln gepeitſcht: Roſenhaͤnde, wie ſie Homer der braͤutlichen Eos geliehen, waren in blutigen Schimmer getaucht. Beauſires Herz erbebte ſtill bei dieſem Anblick; der wildere Haleb brach wuͤthend in ſeinem 47 Zorn aus.„Warum, Athänaſia, warum iſt dieſes geſchehen?“ fragte er, an dem Säaͤbel ruͤttelnd.„Ach, Herr, ich weiß es nicht!“ v ſetzte ſchmerzlich demuͤthig die „ich habe ihnen nichts zu Leide gethan. Ich kann auch nichts dafuͤr, daß ich in Griechen⸗ land geboren wurde, und daß mein Volk dem großen Padiſchah feind geworden iſt!“ Haleb wendete ſich ſchnaubend nach der haͤßlichen Negerin, die den Freunden von Ferne gefolgt war, und, da ſie Halebs Wuth gewahr⸗ , ſchreiend mit dem Buben die Flucht ergriff. Halebs Stimme donnerte durch das Haus. Schuͤchtern oͤffneten einige von den Weibern die Thüren ihrer Gemaͤcher, und flohen, wie unbehuͤlfliche ſchwer vermummte Larven zur Treppe nach dem Hof. „Ich muß Gericht halten unter dem Wei⸗ bervolk!“ ſagte Ruſchucks Sohn zornig zu dem Vetter:„Bewache indeſſen fuͤr einen Augen⸗ blick meine liebe Blume hier; ich kehre gleich zuruͤck. —— 48 Er ging raſch nach dem Hof, wo ſich die zitternden Frauen in einen Winkel zuſammen⸗ gedraͤngt hatten. Beauſire hoͤrte Maurice's ſcheltende Stimme von ferne, aber er ſah nur die ihm gegenuͤberſtehende Jungfrau, die, un⸗ ſchluͤſſig auf der Schwelle ihres Zimmers ſte⸗ hend, bald mit verwunderten aber freundlichen Blicken den Franzoſen betrachtete,— bald ver⸗ legen zur Seite ſah, und mit ſich kaͤmpfte, ob ſie die Thuͤre zumachen wolle, oder nicht. Sie lud ihn nicht ein, in das Gemach zu treten, aber Beauſire überſchaute mitleidig den aͤrmli— chen Rahmen zu dem ſchönſten Bilde, das er je geſehen. Ein kleiner Teppich lag am Boden mit einigen Polſtern, dem Sitz und Ruhebette der Ge⸗ fangenen. Eine duͤrftige Truhe ohne Verzierung barg, wie es ſchien, ihre wenigen Habſeligkei⸗ ten. Ein zerbrochener Spiegel lehnte auf ei— nem Tiſchchen im Winkel. Eine Laute lag ne⸗ ben den Polſtern. Bei derſelben ein Armband, eine lange, roſenkranzartige Schnur von Bern⸗ ſteinperlen, und das in Meſſing gefaßte kleine ———— 49 Bild eines Heiligen. An der, mit uͤbel unterhalte⸗ ner Stukatur geſchmuͤckten Wand prangte ein halb verloͤſchter arabiſcher Spruch; auf dem ſchmalen Fenſterchen, das ſich nach der, um das Gebaͤude laufenden, ſorgſam vergitterten, Gallerie oͤff⸗ nete, ſtand ein blaues Glasgefaͤß mit einigen brennend gefaͤrbten Blumen: der einzige Prunk des Lebens in dem todten unfreundlichen Raum. „Wie ich Dich beklage, Dich, die Du wahr⸗ haft genannt wirſt eine Bluͤthe des Morgen⸗ lands!“ rief unwillkuͤhrlich hingeriſſen der franzöſiſche Offizier und trat der Unglucklichen naͤher. Sie antwortete mit keiner Silbe, aber der Blick, den ſie gegen Himmel ſandte, und die bittende Bewegung ihrer verhuͤllten, ver⸗ wundeten Haͤnde waren beredter, als Worte zu ſeyn vermoͤgen. Beauſire verſtand die ſtumme bedeutungsvolle Geberde, und ſein Herz ent⸗ flammte an dem Strahle wunderſchoͤner Augen. Ehe jedoch die Flamme ſeiner Bruſt die gluͤhende Rede des leidenſchaftlichen Mundes erzeugen konnte, kam Haleb wieder zuruͤck: er⸗ er 80 W bitzt vom Zorne; erſchoͤpft beinahe von dem Streite maͤnnlichen Verſtandes und Rechtsge⸗ fuͤhls gegen die Unvernunft verwahrloſter, ei⸗ ferſuͤchtiger und wilder Sclavinnen. „Die Niedertraͤchtigen!“ ſchnaubte er:„ſie haben Athanaſia geſchlagen, weil ſie eine Grie— chin, weil ſie eine Chriſtin,— mit einem Worte, weil ſie ſchoͤner und beſſer iſt, als das aͤgypti⸗ ſche Gezuͤcht. Die Strafe ſoll jedoch nicht aus⸗ bleiben. Mein Vater wird ſie vollſtrecken, und Du, mein Liebling, Du darfſt keinen Augen⸗ blick mehr in dieſem verruchten Hauſe bleiben.— Erlaube, Vetter Marc-Antoine, daß ich ſie in den Kiosk geleite, der Dir eingeraͤumt worden iſt. Fuͤr das Weitere will ich ſorgen. Es lebt hier zu Rhodus ein Mann von Athanaſia's Volke, den ich mir verpflichtet habe. Ich habe ſein Vermoͤgen vor der Wuth der Unſrigen ge⸗ ſchuͤtzt, ich habe ſeine Tage erhalten. Er lohne mir dafuͤr als Athanaſia's treuer Huͤter.“ Dieſe Worte ſprechend, faßte Haleb Atha⸗ naſia's Hand, und fuͤhrte ſie, die ſich ſorgſam A 51 verſchleierte, aus dem Frauenzwinger hinweg. Die Weiber Ruſchucks flohen beim Anblicke des Zuͤrnenden, und drohten mit ohnmaͤchtiger Wuth ihm nach, oder verfolgten mit guͤnſtigerm Blicke und freundlichern Gedanken den Fremd⸗ ling, der ſich ihnen ruhiger, liebenswerther dar⸗ ſtellte, als des Gebieters Sohn. Beauſire, ſeinem Vetter wie ein Traͤumen⸗ der folgend, ahnte nicht die wohlwollenden Ge⸗ ſinnungen der ägyptiſchen Schoͤnen; wohl aber eine Zukunft, voll von Schmerzen und Sehn⸗ ſucht. Ein lieblich Bild hatte ihn freilich aus den Mauern von Valence hinweg, uͤber Feld und Meer nach Rhodus begleitet, aber, es war vor einer Minute, wie auf einem mit friſch ge⸗ ſchwellten Segeln ſtreichenden Schiffe, zuroͤck nach der Heimath geflohen, erſchreckt von der Naͤhe der furchtbarſten Nebenbuhlerin, und was Marc-Antoine in dieſem Augenblicke dachte, war nicht der Mutter Bedraͤngniß, nicht Ar⸗ mandinens Trauer,— nur Athanaſia! Vor dem Kiosk, Ruſchucks Heiligthum, 52* ſtand Haleb ſtille, wendete ſich zum Vetter, und ſagte vertrauend:„Bewahre noch einmal mein ſuͤßes Kleinod, bis ich ein Dach fuͤr daſſelbe gefunden. Morgen ruft mich die Kriegspflicht von dieſer Inſel, und ſicher muß ich mein Leben zuruͤck laſſen, ſoll ich nicht vergehen im Kummer!“ Er fuͤhrte Athanaſien in das Innere des Kiosk, druͤckte dem Offizier die Hand, und ent⸗ fernte ſich ſchnell. Beauſire,— in der ſeltſam⸗ ſten Lage, die ihn noch je befangen, wandelte klopfenden Herzens um das runde Gebaͤude, und verwuͤnſchte aus voller Seele die tuckiſch⸗tuͤr⸗ kiſche Architektur, die, den Fenſtern feind, keinen Blick in das Behaͤltniß erlaubte, worinnen ſich die Schoͤnſte eingeſchloſſen befand. Wohl ſtand ihm, dem Sehnſuͤchtigen, frei, die Thuͤre zu eroͤffnen, um ſich an der Sonne zu weiden, aber die Ehre widerſtrebte dem Beginnen des Liebenden. Er lehnte ſich, wie ein ſinnender Wäͤchter, mit dem Ruͤcken an den Stamm eines Feigenbaums, und ſein Blick ſpielte im Graſe mit der mur⸗ N 53 melnden Quelle zu ſeinen Fuͤßen. Da— Beau⸗ ſire glaubte Sphaͤrentoͤne zu vernehmen— da erklangen ſuͤße fraͤnkiſche Laute von dem Bel⸗ vedere, und aufſchauend ſah er Athanaſien, die an das Kuppelgelaͤnder getreten war— nicht um das Meer zu ſchauen, oder den durchſichti⸗ gen Horizont, beſtreut mit goldnen Strahlen, ſondern den mitleidigen anzichenden Fremdling. Sie gruͤßte ihn freundlich: ſie winkte ihm mit dem Schleier; ſie kreuzte die Haͤnde auf der Bruſt. Sie deutete hinuͤber uͤber die Wellen in's Blau der Ferne hinein. „Dort Dein Vaterland?“ fragte Beauſire, nachdem er ſich uͤberzeugt, daß nur ſummende Kaͤfer, oder leiſe durch das Moos ſchwirrende Ottern das Geſpraͤch vernehmen konnten. „Das Dorf Prodaki, unfern von Coron!“ entgegnete Athanaſia. „Verließeſt Du dort getreue Verwandte? der Freunde theilnehmende Schaar?“ „Die Mutter, den Bruder, die Schweſter,— vielleicht auch den Vater, der unter Rikitas fechtet, und von deſſen Leben oder Sterben keine Nachricht uns geworden.“ „un gluckliches Opfer des Kriegs!“ Athanaſia's Buſen hob ſich mit tiefem Seufzer. Achſelzuckend ſchuttelte ſie den Kopf, und ſah troſtlos hernieder. Beauſire glaubte Andromachens ruͤhrendes, von den Zinnen des trojaniſchen Thurms niedergebeugtes Antlitz zu ſehen. „Arme Sclavin des wilden Haleb!“ ſagte Beauſire mitleidig. „Ich bin ſein Eigenthum durch des Krie⸗ ges Recht.“ „Schauerliches Recht! Er mißhandelt Dich in des Weibes heiligſten Gefuͤhlen!“ Athanaſia ſah den Mitleidigen lange durch⸗ dringend an.„Ich weiß es wohl!“ ſagte ſie langſam:„Er iſt mein Gebieter, und er liebt mich nicht.“ „Lieben?“ fragte Beauſire aufwallend: „Demuͤthige Unſchuld! verderben wird er Dich!“ ———————————— —— 35 Das Geraͤuſch eines Kommenden ſtoͤrte die Unterredung. Athanaſia zog ſich ſcheu zuruͤck. Ruſchuk kam aus den Baumgaͤngen her⸗ vor, und ging, finſtern Angeſichts, auf Beau⸗ ſire zu. „Du kannſt mir Aufſchluß geben!“ ſagte er mit verdrießlicher Haͤrte:„ Reine Negerin und die uͤbrigen Weiber beklagen ſich uͤber ei⸗ nen Eingriff meines Sohns in meine Rechte. Sie vereinigen ſich, Dich zu entſchuldigen: da⸗ um erwarte ich Wahrheit von Dir. Was gab's in jenem Hauſe?“ Beauſire erzaͤhlte, wahr und unbefangen. Ruſchucks finſtre Mienen klaͤrten ſich auf; ein ſpoͤttiſches Lächeln zog uͤber ſein Geſicht. „Der Satan ſitzt in dem Volke;“ verſetzte er, den Bart behaglich ſtreichend:„Ich moͤchte wiſſen, wie mit ihm auszukommen waͤre, ſperrte man es nicht hinter Schloß und Riegel. Mein Sohn hat unvernuͤnftig gehandelt. Wer hieß ihn, die Taube unter Kraͤhen ſetzen? Der Menſch hat Lafontaine's lehrreiche Fabeln gaͤnzlich ver⸗ 56 geſſen. Nichts natuͤrlicher, als daß die Grie⸗ chin unter Afrikanerinnen uͤbel wegkommen mußte, mit ihren Heiligenbildern, ihrer fremden Spra⸗ che und huͤbſchem Geſichte. Das iſt einmal nicht anders. Haleb verwahre ſeineSchaͤtze beſſer.“ „Nichts unnatuͤrlicher nebenbei,“ fuͤgte Beauſire unmuthig hinzu:„als eine arme Jung⸗ frau, barbariſcher Sitte huldigend, aus dem Kreiſe der Heimath zu reiſſen, um ſie, hun⸗ dert Meilen davon, in einem Zwinger einzu⸗ kerkern, zu mißhandeln, zu toͤdten! Die Toch⸗ ter eines herrlichen Volkes, dem wir die Grund⸗ lagen aller Lebensweisheit, aller Lebensanmuth zu verdanken haben! Die Enkelin des Miltia⸗ des, des Perikles Ruſchuck brach in lautes Gelaͤchter aus. Beauſire erzuͤrnte ſich, und antwortete darauf heftig: „Es faͤllt mir ſchwer, einen Franzoſen, einen Mann von Bildung und ſoldatiſchem Ehrgefuͤhl an die Grundſaͤtze eines ewigen Rech⸗ tes,— an goldene Heldenzeiten erinnern zu muͤſſen. Sie haben, unterm Turban, der Hei⸗ math und ihrer Lehren ſchnell vergeſſen.“ „Nein junger Mann,“ rief Ruſchuck mit ernſtem wehmuͤthigem Ausdruck:„Ich gedenke taͤglich, ſtuͤndlich, des Vaterlands, das mich ſchon laͤngſt vergeſſen;... aber dieſe Erinne⸗ rungen, ſchmerzlich und betruͤbend, wie ſie ſind, rauben mir nicht Beſonnenheit fuͤr die Gegenwart. Unter Barbaren lebend, wird man es zum guten Theile ſelbſt: ich gebe das zu. Allein, beurtheile uns nicht allzu falſch. Ein zahmer Krieg, wie in Europa, iſt hier noch nicht moͤglich, und der Volkscharakter iſt da⸗ ran gewoͤhnt: vor Allen der Griechiſche. Der tapfre Anfuͤhrer griechiſcher Nation nimmt nicht Pardon vom Tuͤrken: der Fanariote und der Feige geben ſich zu des Tuͤrken Fußſchemel her. Die politiſchen Sitten koͤnnten nicht ſo verwildert, oder ſo verfallen ſeyn, waͤren die Sitten des Hauſes nicht roh, oder in weich⸗ licher Indolenz verſunken. Der rohe Grieche ſtirbt wie ein Betrunkener vor dem Feind; der feige iſt ein Hund. Und fuͤrwahr, nicht beſſer iſt die Erziehung ihrer Toͤchter. Wilde Ama⸗ zonen entweder, die jede Weiblichkeit grauſam mit Fuͤßen treten, oder ſchlaͤfrige Schoͤnheiten, unwiſſend und ſinnlich, denen am Ende ein kriegeriſcher Ueberwinder eben ſo angenehm iſt, als der mit wohlriechenden Salben gezierte Ho⸗ ſpodarfaͤhige, an den ſie, von der Wiege an, verkauft worden ſind, ohne Wahl, ohne Haß, ohne Liebe, ohne Verſtand.— Glaube Deinem Onkel, Capitaͤn; waͤre Athanaſia eine Ama⸗ zone, nicht lebendig haͤtte ſie mein Haleb her⸗ uͤbergebracht. So, wie ſie iſt, wird ſie ſich je— doch bald in ihr Schickſal finden, und das einzige Uebel bei der Sache iſt am Ende nur: daß Haleb dieſes Abentheuer zu romantiſch und ſentimental angefangen.“ Beauſire wendete ſich ſtill empoͤrt von dem alten Spoͤtter ab. Ruſchuck fuhr nach einer kurzen Stille mit veraͤndertem Tone fort:„Ge⸗ nug von Deines Vetters Traͤumen, die nur die unerfahrne Jugend im Morgenlande zu verwirklichen hoffen darf. Ein Wort von Ge⸗ ſchaͤften. Ich habe mich heute bemuͤht, die Summe aufzutreiben, die ich Deiner Mutter ſchulde. Es hat mir gegluͤckt;— obgleich des Geldes in dieſer Zeit wenig vorhanden. Benoni, mein Wechſelmaͤckler, verſprach mir, in wenig Tagen das Geld zu bringen. Laſſe es Dir bei mir noch ferner gefallen; verjuͤnge mich noch einige Zeit lang mit Deinen Berichten aus dem ſchoͤnen Frankreich, und empfange am Vorabend Deiner Abreiſe, mit den Zinſen, meine Schuld.“ „So bald als moͤglich denn, mein Onkel Guidon. Mein Urlaub hat ſeinen Zenith ſchon uͤberſchritten. Die Mutter wartet, und der Dienſt der Ehre befiehlt.“ „Wie es Dir beliebt;“ entgegnete Ruſchuck kurz abbrechend, mit gerunzelter Stirne. Haleb kam ſo eben herbei, mit zufriede⸗ nem Geſichte, und Beauſire ging, um des Vaters und Sohns Unterredung nicht zu ſtoͤ⸗ ren: innerlich jedoch verletzt von den Reden des Erſtern, und der Gegenwart des Letztern, N 60 welcher ihm ploͤtzlich im Lichte eines barbari⸗ ſchen Nebenbuhlers erſchien. Renard, der getreue Renard, kam ſeinem Herrn im Hofe des Hauſes mit blutruͤnſtigem Geſichte und ſcheltendem Munde entgegen. Der arme Menſch, auf den Straßen umherſchlen⸗ dernd, war von einigen tuͤrkiſchen Soldaten angefallen, und jämmerlich zerſchlagen worden. — Beauſire's Zorn entbrannte, und er ging, in Begleitung des Verwundeten, eiligſt nach dem Hauſe des franzoͤſiſchen Conſuls. Dieſer ſaß, Limonade trinkend, in dem kuͤhlen Vor⸗ platze ſeiner Wohnung: an ſeiner Seite kauer⸗ ten zwei Tuͤrken in ſeidenen Gewaͤndern, mit dampfenden Pfeifen; unfern ſtand ein Mann in ſchwarzem Rocke, mit ſchwarzer Muͤtze und ſilberweißem Haar und Bart, eine kleine ſaf⸗ fianene Mappe unterm Arme haltend. Des Conſuls Zuͤge verfinſterten ſich etwas, da Beau⸗ ſire eintrat. Der Offizier merkte indeſſen nicht darauf, und trug dem Beamten ſeiner Krone mit Unbefangenheit den Fall vor, der ihn hie⸗ 61% her gefuͤhrt. Der Conſul hoͤrte ſchweigend und gleichgültig zu, zuckte die Achſeln, und er⸗ wiederte:„Mein Herr! abgeſehen, daß mein Einfluß in gegenwaͤrtiger Zeit nur aͤußerſt be⸗ ſchraͤnkt geworden, muß ich die Frage an Sie richten, wie es koͤmmt, daß Sie ſich gerade an mich wenden?“ „Ei!“ verſetzte Beauſire:„Bin ich nicht Franzoſe? Sind Sie nicht unſer Conſul? Wer ſollte mir Recht fuͤr die, meinem Diener zu⸗ gefuͤgte, Beleidigung ſchaffen, wenn Sie ſich deſſen weigern?“ „Ich muß vermuthen,“ ſagte der Conſul kalt,„daß Sie ſich irren, mein Herr. Der Neffe des Muſelmanns Ruſchuck,— ohne Zwei⸗ fel hieher gekommen, um dem Beiſpiele des Onkels zu folgen, gehoͤrt vor ein ander Tribunal.“ Die anweſenden Turken verſtanden franzo⸗ ſiſch, wie es erhellte. Bei dem Namen Ru⸗ ſchuck verzog der Eine, ein alter Mann mit klaren Augen, den Mund veraͤchtlich. Der Zweite, kriegeriſch bewehrt, mit finſtern Zü⸗ gen, bezeugte blos eine erhoͤhte Aufmerkſamkeit. 62 Beauſire loderte auf im Unmuth.„Sie haben meiner Ehre einen Schimpf angethan. Ich beweiſe Ihnen, daß Sie Unwahrheit geſagt. Sie werden mir Rechenſchaft geben, wie es unter Maͤnnern von Erziehung gebräͤuchlich iſt. Zuvoͤrderſt aber fordere ich Sie auf, die Sache zu ſchlichten, um derenwillen ich mich hieher bemuͤht. Ich begehre es noch einmal, als Fran⸗ zoſe, von dem franzoſiſchen Functionaͤr!“ „Ach, wenn die Sache ſo iſt....,“ ſagte der Conſul mit aufgeheitertem Geſichte,„ſo will ich nicht ſäumen, vor der Hand zu thun, was in meinen Kräften iſt. Den Reſt beſpre⸗ chen wir ſodann. Durch Zufall iſt hier gerade der Mann, der Ihnen Recht verſchaffen kann, wenn er nur will: der Kiaja des Herrn Gou⸗ verneurs. Im Namen Sr. Majeſtaͤt von Frank⸗ reich fordere ich hiemit Genugthuung von ihm, fuͤr die, einem franzoͤſiſchen Unterthan zuge⸗ fuͤgte Mißhandlung.“ Der finſter blickende Kriegsmann richtete ſich etwas empor, blies heftig den Dampf ſei⸗ N 63 ner Pfeife durch die Naſe, und ſtarrte den ver⸗ wundeten Renard an. „Was thuſt Du hier?“ fragte er in ſchlech⸗ tem Fraͤnkiſch den Burſchen. „Er folgte mir, ſeinem Herrn!“ antwor⸗ tete Beauſire. „Es iſt kein Wunder, daß ein Franke, wenn er ohne Wache ausgeht, hier nicht mehr ſo ſicher iſt, wie ehemals;“ ſprach der andere greiſe Tuͤrke, ein Iman:„Die Schlacht von Navarino iſt lang noch nicht vergeſſen „Ueberfluͤſſige Erinnerung!“ verſetzte der Conſul unwillig. „NRicht doch!“ antwortete der Iman:„Gott iſt groß und maͤchtig, und pat das Ungluͤck erlaubt; aber wir ſind ſchwache Menſchen, und nagen zornig an der Kette. Man will uns von allen Seiten beruͤcken, und unterrichtete Leute wollen wiſſen, daß auch ihr Franzoſen den Moskowitern beiſpringen werdet.“ „Muthmaßung; weiter Richts;“ ſagte der Conſul raſch. 64 Der Iman fuhr fort:„Gott iſt der Mei⸗ ſter, wie Mohamed ſein Prophet. Der Oos⸗ mane kann jedoch den Chriſten nicht mit gu⸗ tem Auge ſehen, zumal nicht diejenigen, die den Turban genommen, um unter unſerm harmloſen Volke um ſo bequemer die gottloſe Aufklaͤrung zu verbreiten, die den großen Pa⸗ diſchah zu ſturzen beabſichtigt.“ Er warf noch einen finſtern Blick auf den Keffen Ruſchucks, und ging davon. Der Kiaja, aufſtehend, fragte den armen Renard: „Kennſt Du den, der Dich ſchlug?“ Renard verneinte bedauernd. „Wuͤrdeſt Du ihn wieder erkennen, wenn man Dir ihn zeigte?“ Renard zuckte die Achſeln, und meinte, die bärtigen Geſichter ſahen ſich alle ſo ziemlich gleich. „Da wird es ſchwer ſeyn, billige Strafe eintreten zu laſſen,“ verſetzte der Kiaja,„ſo gern ichs moͤchte, weil ich euch Franzoſen liebe, d 65 n und von meinem Vater dieſe Liebe geerbt habe, der in Egypten zu ſeiner Zeit den großen Sul⸗ tan Kebir*) geſehen und bewundert. Indeſſen, verzage nicht, Menſch. Das Kluͤgſte iſt, wenn ich allen Leibwaͤchtern des Gouverneurs, nach der Reihe, die Baſtonade geben laſſe. Gott wird den Schuldigen alsdann ſchon entdecken, um die Unſchuldigen zu verſchonen. Ihr ſollt von mir hoͤren, Franken!“ Mit dieſen Worten ſtand er auf, und ent⸗ fernte ſich mit der Gravität, die ſeinem Range zukam. „Er haͤlt Wort!“ ſagte der bis dahin ſtumm verbliebene Mann im ſchwarzen Rocke mit ver⸗ ſchmitztem Lächeln:„Ich wette darauf: heute Abend gibt es keine geſunde Fußſohle mehr, auf welche des Gouverneurs Garde treten koͤnnte. Gott ſegne unſere weiſe Herren und Meiſter!“ Beauſire, ohne viel auf den Mann zu achten, gab ſeinem Renard einen Wink, ſich *) Buonaparte. Spindler's ſämmtl. Werke. XIV. Sommermalven. 1. 5 MN 66 zu entfernen, und zog den Conſul in eine Ecke des Vorhauſes.„Sie wiſſen,“ ſagte er,„welch ein Geſchaͤft wir abzuthun haben.“ „Ich bin bereit,“ entgegnete der Conſul gefaͤllig:„Vergoͤnnen Sie mir nur ein Wort der Entſchuldigung. Ich habe den ruſſiſchen Feldzug nicht unruͤhmlich mitgemacht, und war bei dem Corps des Marſchalls Ney keiner der letzten Offiziere. Dieſer Umſtand ſchuͤtze mich vor dem Verdacht möglicher Feigheit. Indeſſen bitte ich Sie aufrichtig um Verzeihung. Mir. zerreißt es allemal das Herz, wann ich junge Kriegsleute aus dem Vaterlande hier ankom⸗ men ſehe, weil die Mehrzahl erſcheint, um Heimath und Religion abzuſchwören, und ſich dem treuloſen Gluͤck unter dem Halbmonde Preis zu geben. Ihr Onkel, Herr Capitän, iſt einer der von den Tuͤrken ſelbſt gehaßteſten Re⸗ negaten: wenig geachtet von ſeinen ehemaligen Waffengefaͤhrten. Ich durfte vermuthen, daß 70 ſeine Ueberredung.. 5 Beauſire faltete wieder ernſt und drohend die Stirne. Der Conſul fuhr gleichmüthig fort? „Ich bin entzuͤckt, daß mein Argwohn in Ihnen nicht gerechtfertigt wird, und, weit entfernt, Ihnen die ſchuldige Genugthuung zu verſagen, ſtehe ich Ihnen auf der Stelle zu Dienſten, wenn Sie unverſoͤhnlich bleiben ſoll⸗ ten,— in einem Augenblicke, wo Landsleuten daran liegen müßte, vereint zu bleiben, wie zuſammen geſchmiedet. Ihnen“— fuhr er lei⸗ ſer ſott—„darf ich nicht verſchweigen, daß Frankreich mit ſeinen Ruͤſtungen gegen Morea Ernſt macht, daß vielleicht in dieſer Stunde ſeine Flotte auf dem Meere ſchwimmt, um kampfluſtige Bataillone gegen Ibrahim zu fuͤh⸗ ren. Ihr Leben, mein Herr, gehoͤrt ſomit dem Staate naͤher an, als ſonſt, und meine Dien⸗ ſte— ich darf es ſagen— werden unentbehr⸗ licher als je. Iſt es Ihnen daher gefaͤllig, unſern Streit gutlich beizulegen, ſo werden Sie ſich uͤberzeugen, daß meine Bereitwillig⸗ 68 keit, Ihnen zu dienen, und einen ſo natuͤrli⸗ chen Verdacht wieder gut zu machen 2. „Krieg!“ ſagte Beauſire mit glaͤnzenden Augen:„Herr Conſul, dieſe Nachricht tilgt alle Ihre Schuld, und ich ſtehe, einem Bit⸗ tenden gleich, vor Ihnen, Sie erſuchend, mir eine Gelegenheit anzudeuten, die mich ſchnell wieder ans heimathliche Geſtade bringen mag. Wenn auch nicht mein Regiment gerade be⸗ ſtimmt iſt, einen Theil der ehrenvollen Expe⸗ dition auszumachen, wovon Sie mir ſagten, ſo will ich als Freiwilliger mit, und der Kriegs⸗ miniſter wird mir die Erlaubniß nicht ver⸗ ſagen!“ „Edle Begeiſterung!“ ſagte der Conſul, mit herzlicher Vertraulichkeit des Offiziers Haͤn⸗ de druͤckend:„Es lebe Frankreich! Aber— wie ich Sie ſchnell von dieſer Inſel wegzuſchaf⸗ fen habe, weiß ich gerade noch nicht. Eine ſardiniſche Gabarre liegt im Hafen, und will, wie es heißt, vinnen wenigen Tagen die An⸗ ker lichten. Ich weiß jedoch nichts Gewiſſes 69 An bievon. Aber— einen Augenblick, mein Herr! dort ſteht ein Mann, der mir Auskunft zu geben vermag. Herr Benoni! ſagen Sie mir gefälligſt, welche Schiffe bereit lägen, in Kur⸗ zem nach Frankreich oder Italiens Kuͤſte ab⸗ zuſegeln?“ Der ſilberbärtige Benoni trat herbei, ſah in den Noten ſeines Portefeuille nach, und antwortete:„Ein ſardiniſches Fahrzeug und ein Smack der vereinigten Staaten gehen im Laufe dieſer Tage ab. Der Genueſer nach der Heimath: der Franklin von Baltimore nach Livorno. Der Letztere nimmt, ſo viel ich weiß, Paſſagiere und Guͤter nach Frankreich mit.“ „Ei, ſo haben Sie die Guͤte, Herr Be⸗ noni,“ ſagte Beauſire zutraulich und freund⸗ lich,„meinem Onkel ſobald als moͤglich die Summe zu geben, die er bei Ihnen negociirt hat. Das Geld iſt fuͤr mich, und je ſchneller Sie das Geſchaft betreiben, je fruͤher kann meine Reiſe Statt finden, und je mehr Dank⸗ barkeit haben Sie von mir zu erwarten.“ 70 „Ihr Herr Onkel?“ fragte Benoni ver— wundert:„Herr Ruſchuck? eine Summe Gel⸗ des? ſo wahr mir Gott ſoll helfen, und ſo wahr ich bin der einzige meines Namens zu Rhodus, ſo habe ich nie gehabt Geſchaͤfte mit Ruſchuck Aga, und habe kein Geld, keine Si⸗ cherheit von ihm und keinen Auftrag.“ „Nichts?“ fragte Beauſire verduͤſtert/und wie aus einem Traume erweckt:„Nicht,/ Herr Benoni?— So verzeihen Sie. So war es ein Irrthum, und ich habe mich einer Indis⸗ kretion gegen den Onkel anzuklagen.— Wir, Herr Conſul,“ er wendete ſich zu dieſem,— „ſind Freunde, wie ſichs geziemt, und wenn Sie's erlauben, beſuche ich Sie ſpäter. Ich muß jetzo nach dem Hafen gehen, um nach dem Capitaͤn von Baltimore zu fragen.“ „Jetzt, bei der ſteigenden Hitze?“ fragte der Conſul beſorgt. „Die Luft des Meeres kuͤhlt,“ meinte Beauſire,„und zum Ueberfluſſe findet man ———— 71 AN am Hafen Caffehaͤuſer, die Schutz und Schat⸗ ten gewaͤhren.“ Ohne ſich irre machen zu laſſen, entfernte ſich Beauſire, um mit ſeinen Gedanken allein zu ſeyn. Ihn kuͤmmerte nicht die Hißze auf den Gaſſen, ſondern der Sturm des Argwohns, den des judiſchen Wechſelmäcklers Rede in ihm erzeugt hatte. Eilfertig ſchritt er dem Meere zu, und erhob die Adleraugen nach dem Am⸗ phitheater von Feſtungswerken, das ſich uͤber ſeinem Haupte hinzog. Er gedachte der Mond⸗ fantasmagorie der verwichenen Nacht; er ge⸗ dachte ſeines Traums.„Hätteſt Du Recht, Fantom des alten Herrn von Isle⸗Adam?“ fragte er ſich:„waͤre in der That ein franzoͤ⸗ ſiſcher Krieger, vereint mit mir durch die Bande der Heimath und der Verwandtſchaſt, heim⸗ tuͤckiſch genug, um mit einem Meuchlerdolch meine gerechte Forderung quitt zu machen?— Seufzend,— das Herz voll banger, ſchwerer Ahnung, gelangte Beauſire zum Hafenſtrand. Sein Blick ſuchte die Flaggen der gewuͤnſchten Fahrzeuge. Die niedern Fahrzeuge der Levante— obendrein in geringer Anzahl, verbargen nicht das ſardiniſche, nicht das amerikaniſche Schiff. Das genueſiſche Kreuz hing ſchwer und ſchlaff in der Luft. Die leichte Sternenflagge des Franklin flotterte muthig im Winde.„Frei⸗ ebſhre der Offizier, zu der Flagge em⸗ porblickend, und ſchauderte vor dem Anblicke der Tyrannei um ihn her. So eben ward, un⸗ fern von ihm, ein Sclave aufs Blut gepeitſcht, weil er einen Ballen hatte zu Boden fallen laſ⸗ ſen, erſchoͤpft von Muͤdigkeit. Er ſchauderte vor der gräßlichen That, die, wie ein Tiger lauernd, ihn im Hauſe ſeines Oheims erwar⸗ tete, und ein qualvoll preſſender Kerker ſchien ihm das ſchoͤne Rhodus zu ſeyn— das Schiff von Baltimore die einzige, rettende Bruͤcke, daraus.— Der Capitän des Smack hatte ſich behag⸗ ich unter das Sonnendach eines Caffehauſes gelagert, und ſchmauchte, dem niederlaͤndi⸗ ſchen Geyer⸗ Kommandeur gegenuͤber, ſein 3 73 n Pfeifchen. Beauſire geſellte ſich zu den Herren, und wurde bald mit dem Befehlshaber des Franklin Handel Eins. In drei Tagen ſpaͤte⸗ ſtens ſollten, bei gutem Winde, des Ameri⸗ kaners Anker gelichtet werden. Beauſtre, von dem Niederlaͤnder aufs Dringendſte empfohlen, verſprach, zu rechter Zeit mit ſeinen Sßerten am Bord zu ſeyn. Die Secoffiziere gingen ſo⸗ dann ihren Geſchaͤften nach, und Beauſire blieb allein in dem Caffehauſe zuruͤck, wo eine ſchweigſame Geſellſchaft an den Waͤnden ſaß: Tuͤrken mit niedergeſchlagenen Augen, ſinnen— der Stirne, verſunken im Hinbruͤten des Phleg⸗ ma's. Von Zeit zu Zeit ſchluͤrften ſie kuͤhlende Sorbets, und kleine Jungen liefen umher, die Kohlengluth auf den langen Pfeifen zu erhal⸗ ten. Alle Anweſende ſeufzten gewiß im Stil— len den Abend herbei mit dem kuͤhlenden Mee⸗ reswinde, und dem geſchickten Erzaͤhler aus Arabien, der es ſo trefflich verſtand, die Lan⸗ geweile der Gaͤſte um ihre Rechnung zu betruͤ⸗ gen; berichtend von den Wundergeſchichten der 74 N älteſten Kalifen, ihre Weſſire, der ſchoͤnen Frauen von Bagdad und Damask, und der Geiſterdiener fabelhafter Zauberer aus dem Moh⸗ renlande!— Ach, er fehlte, der vortrefflich begabte Mann der wunderbaren Rede! Hinter dem ſchmutzigen Vorhang des Innern der Caf⸗ feſchenke ruhte er aus von den Muͤhen der ver⸗ wichenen Sternennacht, und voin Schlafe ge⸗ bunden war die Zunge, die einen Blumen⸗ ſtrauß ſpendete in jedem Worte des entzuͤcken⸗ den Maͤhrchens!— Die traͤgen, unter der Laſt der Mittagshitze ſeufzenden Osmanli muß⸗ ten allzufrieden ſeyn, da ein Mann unter das Zeltdach trat, der, wenn gleich kein Maͤhrchen⸗ dichter— dennoch eine Taſche voll Unterhal⸗ tung brachte.— Beauſire, durch ſeinen Ein⸗ tritt aus den eigenen untroͤſtlichen Gedanken geriſſen, gewahrte einen griechiſchen Gaukler mit Taſche und Bechern, Kugeln und Rin⸗ gen: aufgeputzt, wie er bereits auf Cairo's Markt, oder in Alerandria's Eisbuden ſolche Leute zu ſehen gewohnt worden war. Der Grieche, nachdem er durch demuͤthige Worte ein gewäͤhrendes Kopfnicken der Anweſenden er⸗ halten, kauerte ſich vor einem Tiſchchen nie⸗ der, legte ſeinen Teppich zurecht, und begann das kuͤnſtliche Spiel aus der Gaukeltaſche. Der Menſch war nicht ungeſchickt, und Beauſire fand endlich ſelbſt Gefallen daran, zu ſehen, wie unter des Griechen Becher Datteln wuch⸗ ſen, Feigen aus den Kugeln wurden, Muskat⸗ nuͤſſe ſich in Kanarienvoͤgel verwandelten, und die Ringe, wie durch Zaubermacht auseinan⸗ der gebannt, entweder, ſtatt unter dem Becher, in allen Ecken des Zelts zu finden waren,— oder— in einer ſchillernden Garbe ausgewor⸗ fen, ploͤtzlich auf dem Tiſchchen wieder zuſam⸗ mentrafen. Die Tuͤrken theilten des Fremd⸗ lings Beifall; r wohlbehaglich verwickelten ſie die Finger in die Zierbaͤrte, nickten ſich laͤchelnd vzu, und warfen, nach jedem gelungenen Kunſt⸗ ſtücke, einige Para's, gleich Biſſen einem Hunde, dem Kuͤ inſtler zu, der auch, wie ein 76 n Hund, umherkroch, die milden Gaben aufzu⸗ leſen.— Als Beauſire dieſes ſah, erinnerte er ſich ploͤtzlich der Spoͤttereien Ruſchucks, und mur⸗ melte vor ſich hin:„Auch dieſer iſt ein Enkel des Miltiades zu nennen!. Auch dieſer haͤtte Theil an Epaminondas Ruhm?“— Mit Bitterkeit verbarg er das Geſicht in ſeine Haͤnde, und betrachtete ſo mit ſchmerzlichem Entzuͤcken Athanaſiens Bild, das vor ihn trat. Abgezogen von dem Schauſpiele des Gauklers, traͤumte er, als ein heftiger Wort⸗ wechſel ihn auf rief. Der arme Taſchenkuͤnſt⸗ ler befand ſich in grauſamer Verlegenheit. Die hoͤchſte Gunſt ſeiner Zuſchauer zu erreichen, hatte er zum Beſchluſſe ſeiner Kunſtſtücke das Schwerſte gemacht. Er hatte ſich von den An⸗ weſenden mehrere koſtbare Ringe geben laſſen, ſie in einem Moͤrſer zerſtoßen, durch ein Zau⸗ verwort wieder hergeſtellt und den Eigenthuͤ⸗ mern zuruͤck gegeben. Aber, da er im Be⸗ griff ſtand, ſein Geräthe zuſammen zu packen — d 77 d und zu gehen, war es einem alten wunderlichen Tuͤrken zu Sinne geworden, als habe er ſeinen Edelſteinring ni cht zuruͤck erhalten. Der Grieche betheuerte die Zuruͤckgabe, aber keine Frage war, daß er Unrecht behielt, wenn gleich im hoͤchſten Rechte. Den Fragen folgten Be⸗ ſchuldigungen, dieſen die gefaͤhrliche Drohung, der Letztern die That, und alle Anweſende von dem ſcheltenden Kaufmanne aufgewiegelt, wa⸗ ren bereit, uͤber den armen Gaukler, den ein ſtarker Barbier ſchon bei'm Genicke hielt, her⸗ zufallen, als Beauſire, voll von Unwillen und Eifer, des Bedraͤngten Parthei ergriff, feſt und ſtark, wie es einem Manne wohl anſteht. Die Einmiſchung des Fremden wurde von den Einheimiſchen mit wenig beifaͤlligen Augen angeſehen. Des Kaufmanns Anklaͤgerſtimme erhob ſich immer lauter, und ſeine Freunde ſchrieen wild durcheinander. Der Greis be⸗ hauptete, er ſey ſchon vierzigmal in ſeinem Le⸗ ben auf dem Edelſtein- und Perlenmarkte in Hindoſtan geweſen, ohne bevortheilt worden zu * T8 ſeyn, und werde ſich auch hier nicht hinter's Licht fuͤhren laſſen. Seine Partner ſchimpften tuͤrkiſch, und ein mit der italieniſchen Sprache Vertrauterer brauchte in ſeinen Drohungen hun⸗ dertmal das Wort: Maledetto frances! bis Beauſire's Geduld riß, und er den Beleidiger heftig in's Geſicht ſchlug, daß er uͤberſtuͤrzte. Nun wurde der Auftritt am gefaͤhrlichſten. Waffen wurden blank, und Beauſire, hinter den ſich der Grieche verkrochen hatte, waͤre un⸗ terlegen, wenn ſich nicht Hülfe gezeigt haͤtte.— Haleb mit einigen ſeiner Reiter drang in die Schenke, und ſchuͤchterte durch ſeine Loͤwen⸗ ſimme und ſeinen Saͤbel die Unruhſtifter ein. Der Juwelenhaͤndler wendete ſich zur Flucht, und bei dieſer Bewegung ſiel aus ſeinem Guͤr⸗ tel der vermißte Ring zu Boden. Des Grie⸗ chen Unſchuld lag am Tage, und beſchaͤmt ent⸗ fernte ſich ſein Anklaͤger. Drohenden Blicks auf Beauſire folgten ihm die murrenden An⸗ haͤnger.—„Es war wohl ſelten der Fall, daß ein Franzoſe einem Aegyptier ſein Heil ver⸗ 70 b dankte ſagte Haleb, laͤchelnd auf ſeinen Saͤ⸗ bel geſtutzt,„indeſſen nimm es hin, und mach es wett, wenn ſich einſt die Gelegenheit darbie⸗ ten ſollte.“ Beauſire reichte ihm die Hand, und ver⸗ ſetzte ernſthaft:„So wahr mein Dank iſt, ge⸗ lobe ich, den Dienſt zu erwiedern!“ Der gerettete Grieche lag zu Beauſire's Fuͤßen, und verſuchte ebenfalls, ſeine Erkennt⸗ lichkeit an den Tag zu legen. Halebs Blick fiel auf ihn. Des Juͤnglings Stirne runzelte ſich, und er ſprach:„Du biſt's, Rokides? wahrlich, es hat hier dem großen Propheten gefallen, eine Schlange durch einen Engel erloͤſen zu laſſen. Du biſt ein unnützer Geſelle, Gaukelſpieler. Mein Vetter hier hat nicht gewußt, daß er ſich eines Schelms ange⸗ nommen, deſſen Kopf auf das Gitter des Se⸗ rails zu Stambul gehoͤrt. Wie kömmt es, daß Du, ein Knecht des Unrechts, heute recht ge⸗ habt?— Doch, bemuhe Dich nicht, zu antwor⸗ 80 ten. Der einzige Lohn, den ich im Namen meines Vetters von Dir begehre, iſt, daß Du nie mehr vor ſeinen Augen erſcheinſt.“ Er gab dem Griechen einen Wink, worin ſich Verachtung und Drohung paarte, und ſcheuchte ihn dadurch hinweg. Beauſire ſah dem Davoneilenden verwun⸗ dert nach. Haleb fuhr fort:„Laß den Spion laufen, den ich ſchon auf der Halbinſel kennen lernte, wie er bald fuͤr ſeine Landsleute, bald fuͤr unſern Paſcha den Kundſchafter machte. Dieſem Purſchen iſt Alles feil, nur ſein Leben nicht, das er im Solde der Niedertraͤchtigkeit gern ſo ſehr verlaͤngern moͤchte, als es dem Himmel gefaͤllt, und dem Henker, der ſchon des Spigbuben wartet. Laß uns lieber zuſammen reden, nicht von dem elenden Handel, der uns unter dieſem Dach zuſammengefuͤhrt, nicht ein⸗ mal von Athanaſia's Reizen, die ich fuͤr das Hoͤchſte auf der Welt halte, ſondern von unſe⸗ rer Abſchiedsſtunde.“ —— 81 n „Du ſiehſt mich reiſefertig; ein Bote Ib⸗ rahims, den wachſamen Schiffen der Verbuͤn— deten auf leichtem Kahn glucklich entkommen, ſtieg heute hier an's Land, des Vicekoͤnigs Sohn laͤßt mich ſchleunigſt zu ſich entbieten. 8 Du ſiehſt mich hier bereit, Rhodus zu verlaſſen. Vom Vater hab ich Abſchied genommen, von der in ſichere Obhut gebrachten Geliebten mich getrennt; nichts bleibt mir uͤbrig, als Dich noch einmal an mein Herz zu druͤcken, den kaum Gefundenen, und mich Deinem Andenken zu empfehlen.“ Beauſire war von dieſer unerwarteten An⸗ rede ſehr betroffen,„Du gehſt nach Morea zu⸗ ruͤck?“ fragte er den Vetter. „Wohin meine Pflicht mich ruft!“ entgeg⸗ nete Haleb kurz und trocken.„Dein Geſtirn ruft Dich nach der Heimath, Marc-Antvine, und mich ruft das meine unter die Fahnen des Fürſten, der meinem armen Vater ein neues Vaterland gegeben. Zuͤrne mir nicht. Nenne Spindlers ſämmtl. Werke Xlv. Sommermalven 1. 6 * N 82* mich nicht einen Barbaren, weil ich thue, was das erſte Pflichtgeſetz verlangt. Laß mich hof⸗ fen, daß Du Deinen Landsleuten einſt ſagen werdeſt, Du habeſt in der Levante ein gefuͤhl⸗ volles Herz unter dem Mamelukenkleide gefun⸗ den, mehr noch als dieſes, einen Freund.“ 8 Beauſire war verlegen, wie er die Herzlich⸗ keit des jungen Mannes erwiedern ſollte. Seine Biederkeit wollte jedoch ihre Pflicht nicht halb thun. Der Franzoſe legte ſeine Hand auf Halebs Schulter, und ſagte:„Es muß Licht ſeyn zwi⸗ ſchen uns, mein guter Maurice, ebe ich Dir ſa⸗ gen kann, wie gut ich Dir bin, ehe ich mit Seelenruhe von Dir ſcheiden kann. Weißt Du ſchon, daß ich gekommen bin, Dein Erbe um einen guten Theil zu ſchmälers? Hat Dir Dein Vater dieſen Zweck meines Hierſeyns verſchwie⸗ gen, wie er ſich geaͤuſſert, ſo erfahre es jetzt. Ich will nicht, daß Du ſpaͤter denjenigen einen Dieb nenneſt, von dem Du Dich losgeriſſen, wie von einem Bruder.“ ——— ———— d 83 N* Haleb ſah den Vetter ſtaunend an, und Unwiſſenheit ſprach aus ſeinen Augen. Beau⸗ ſire erzählte nun von ſeiner Mutter, von deren Bedraͤngniß, von deren Forderungen an Ru⸗ ſchuck, frei und offen, wie er dieſem Letztern Alles gemeldet. Haleb hoͤrte ſchweigend zu, eine Wolke des Unmuths zog langſam uͤber ſeine Stirne, doch nicht dem Vetter galt dieſe drohende Bewegung, nur dem Schweigen des Vaters. „Ruſchuck hat mir nichts geſagt,“ ſagte Haleb, wie vor ſich hin:„das ſchmerzt mich. Er hat wenig Vertrauen zu dem Herzen ſeines Sohnes. Ach, er kennt mich nicht. Er weiß nicht, daß, weit entfernt, einen ſolchen Verluſt an meinem Erbtheil zu bedauern, ich mit Freu— den Alles hingeben wuͤrde, um die gerechten Anſpruͤche einer Frau zu befriedigen, die, mit meinem Vater von Einer Mutter geboren, ſich ſo viele Rechte auf ſeine Dankbarkeit er⸗ warb. O, Marc⸗ Antvine! warum bin ich nicht reich? warum nur auf die Schaͤtzung meines 6* N 84 Vaters angewieſen? warum konnte ſich meine Fauſt noch nicht auf dem Schlachtfelde die Wuͤrde erkaͤmpfen, die den Ehrgeiz befriedigt, und die Goldlaſt, die alle Wuͤnſche im Voraus gewaͤhrt? Keinem, Ruſchuck ſelbſt nicht, hätte ich den Ruhm gelaſſen, Deine Boͤrſe zu fuͤllen, und Dir die Freude zu ſchenken, Unabhaͤngig⸗ keit und Wohlſtand der geliebten Mutter nach dem ſchoͤnen Frankreich zu bringen.“ „Wie ehre ich dieſe Grundſätze!“ erwie⸗ derte Beauſire mit vielem Gefuͤhl:„wie wenig habe ich gehofft, ſie auf dieſer Kuͤſte zu finden! Ja, Haleb! Du verdienſt es, reich und maͤchtig zu ſeyn; ich wuͤnſche Dir der Ehre Rang und des Ueberfluſſes Fuͤlle, doch thut mir's wehe, daß Du hingehſt, beides in dem Blute der un⸗ gluͤcklichen Griechen zu erringen. Eine beſſere Sache verdiente Deinen Arm.“ Haleb ſchuttelte unwillig den Kopf.„Hier ſcheiden unſere Wege,“ ſagte er finſter.„Was euch Franzoſen geziemt, iſt nicht unſer Brauch, NNN 85* nicht unſere Noth. Was habe ich auch Grie⸗ chenland noch ferner zu rauben, was dem gan⸗ zen Orient, da ich ſeine Perle ſchon beſitze, ſein hoͤchſtes Kleinod, ſeine Bluͤthe: Athanaſia.“ Beauſire's Herz zuckte krampfhaft zuſam⸗ men, als er den lieb gewordenen Namen hoͤrte. „Du Gluͤcklicher,“ ſagte er mit gepreßter Stimme, „Du beſitzeſt in der That den hoͤchſten Preis des Lebens ſchon. Waͤre ich der große Herr⸗ ſcher der Glaͤubigen ſelbſt, ich wuͤßte Beſſeres Dir nicht zu geben.“ „Du ſcheinſt mir begeiſtert,“ ſagte Haleb lächelnd:„Das ſchoͤne Zauberbild hat auch an dem kalten Fremdling ſeine Macht bewaͤhrt, wie gluͤcklich alſo, daß ich bei rechter Zeit mein Kleinod in Sicherheit gebracht! Du, der Zu⸗ ruͤckbleibende, waͤreſt mir gefaͤhrlich geworden. Ich kenne noch das Sprichwort unſers Vater⸗ landes, welches klar beweist, daß Niemand groͤ⸗ ßeres Unrecht hat, als die Abweſenden allein. Ich wuͤnſche mir Gluͤck.“ N 86 „Du darfſt es vielleicht;“ verſetzte Beau⸗ ſire, ernſthafter, als Halebs Scherz es bedingte. „Du ſprichſt wie ein finſterer Warner,“ ſagte Haleb:„dennoch wollte ich es darauf wa⸗ gen. Dieſe Stunde hat mich uͤberzeugt, daß, ſo leicht auch Dein franzoͤſiſch Herz im Lieben ſeyn mag, doch Deine Ehre und Rechtlichkeit gediegener und unerſchuͤtterlicher ſteht. Wenn's darauf ankäme, Athanaſien, die Blume meiner Liebe, den einſtigen Schmuck meines Hauſes, einem freundlichen Beſchuͤtzer anzuvertrauen, der ſie uͤber Berg und Meer in meine Arme fuͤhrte, ſo wäreſt Du der Freund, Du der Be⸗ ſchuͤtzer, und keinen Andern wuͤrde ich waͤhlen.“ „Maurice!“ ſtammelte Beauſire, uͤberwäl— tigt von dem edelmuͤthigen Vertrauen:„Du biſt ein Engel, Du verdienſt einen Engel zu beſitzen, aber nicht alle Menſchen ſind wie Du: ich fuͤrchte ſelbſt, auch ich nicht.“ „Willſt Du den Luͤgner gegen Dich ſelber 87 ſpielen?“ fragte Haleb, indem er mit der offen⸗ ſten Stirne den widerſtrebenden Vetter um⸗ armte. Da erſchallte vom Strande der lang⸗ gedehnte Ton eines Muſchelhorns. Die Ma⸗ meluken, Halebs Begleiter, die bis jetzt, gehor⸗ ſame Sklaven, vor dem Zelte der Befehle ihres Gebieters geharrt hatten, zeigten ſich, mit ih⸗ ren Waffen klirrend, unter dem Eingange. Ein von der Sonne verbrannter, kuhn und rauh unter dem weißen Turban hervorblickender Schiffshauptmann ging vor ihnen her, und rief dem Sohne Ruſchucks einige arabiſche Worte zu. Haleb riß ſich aus Beauſire's Ar⸗ men. Kriegeriſcher Muth, maͤnnliches Streben, leuchtete aus ſeinen Augen. „Lebe wohl!“ rief er mit ſtarker Stimme, obwohl mit Thraänen im Auge;„der wackere Reis meldet mir, daß Alles zu meiner Abfahrt bereit iſt. Die engliſche Fregatte, die auf der hohen See kreuzt, ſtreift nach ſeeräuberiſchen Wiſtiks, ſie wird unſeke Fahrt nicht hindern. a 88 A Gluͤck Dir zu Deiner Reiſe, Freund, die mei⸗ nige wird Gott beſchuͤtzen! Lieber finde ich den Tod im Meer, als Ketten auf den Schiffen der Meertyrannen Das Signal vom Schiff wurde wiederholt; ungeſtuͤm zeigten Halebs Gefaͤhrten nach dem Ufer; der Reis antwortete dem Muſchelhorn mit ſeiner gellenden Pfeife. Haleb ſtuͤrzte davon, und verſchwand bald hin⸗ ter den Leinwandhuͤtten am Hafenrande. Nach wenigen Minuten entdeckte jedoch Beauſire's ſcharfes Auge mehrere Transport-Fahrzeuge, die ſich Bahn machten, durch die ſchaͤumende Wellenbrandung an den Baſtionen. Edle ara— biſche Pferde wurden darin zu dem Heere Ibra⸗ hims geſchafft, und Haleb befehligte dieſe Zu⸗ fuhr. Das Wiehern der praͤchtigen Thiere, und das Geheul der Schiffer ſchallte zuruͤck an den Strand. Haleb lehnte indeſſen, ſtumm und ohne Bewegung, an dem Vordertheil ſeines Schiffs, und blickte ſehnend und traͤumend her— uͤber nach dem Geſtade, das, vom Freunde und der Braut bewohnt, nach und nach vor ſeinen N 89% Augen verſank, in das Strahlen flimmernde Weltmeer. 3. Es war dämmernder Abend geworden, und Renard erwartete noch immer, vor dem Kiosk ſitzend, die Ruckkehr ſeines Herrn. Der gute Bretagner konnte ſich Beauſire's Ausbleiben nicht erklaͤren; er zaͤhlte mit Ungeduld die Au⸗ genblicke, und ſein Herz klopfte aͤngſtlicher, als es je in der heißeſten Schlacht gepocht. End⸗ lich kam Beauſtre. Sein Geſicht war erhitzter als gewoͤhnlich, ſein Gang unſtät, ſeine Geber⸗ den lebhafter. Ein Strahl von Laune, von muthwilliger Heiterkeit, lag auf ſeiner Stirne, und dennoch verrieth ſein Weſen eine Unge⸗ wißheit, deren er Herr zu werden nicht zu koͤn⸗ nen ſchien. „Ach, wie lange bleiben Sie aus, Herr Capitan?“ rief ihm der treue Diener entgegen: „Ich habe Sie erwartetwie eine Braut den Bräutigam. Ich haͤtte mich ſchon auf den 90 Weg gemacht, Sie zu ſuchen, wenn ich in dem verdammten tuͤrkiſchen Reſte nur Beſcheid wußte, und das Volk mir nicht ſo aufſaͤßig waͤre.“ Beauſire läͤchelte, und entgegnete:„Du biſt ein wackerer Burſche, und Deine Dienſte haben mir vor Cadir mehr als einmal das Leben ge⸗ rettet; ich weiß es. Heute jedoch war Deine Verlegenheit und Beſorgniß, wiewohl durch un— ſere Umgebungen gerechtfertigt, zum Gluͤck uͤber⸗ fluͤſſig. Ich komme aus der geiſtvollen Geſell⸗ ſchaft unſers Conſuls, habe in vaterlaͤndiſchem Bordeaur die Geſundheit meines Vaterlands getrunken, und bin aufgeheitert worden, wie Einer, der zu ſeinem Liebchen ſchleichen will.“ „Ach, du mein Himmel! ich will von tau⸗ ſend Kanonenkugeln frikaſſirt werden, wenn hier von einem Stell Dich ein die Rede ſeyn kann. Mein Capitan! wir ſind nicht zu Va⸗ lence, wo Sie der wunderſchoͤnen Demoiſelle Armandine Serenader bringen durften, waͤh⸗ rend ich Ihren 3 im Geſpräch N 91 mit der liebenswuͤrdigen Margot, der ich ſo manchen Leckerbiſſen verdanke. Hier in der Türkei iſt nicht von Nachtmuſik, nicht von Co- telettes à la Ravigotte die Rede, ſondern min⸗ deſtens von Ohrabſchneiden und aͤhnlichen Spaßhaftigkeiten.“ „Kerl, Du faſelſt! Hat Dir der Onkel in⸗ deſſen auch mit ſtarkem Wein aufgewartet?“ „Der Onkel? Gott ſteh' mir und Ihnen, Herr Copitaͤn, in allen Gnaden bei! Sehen Sie, ich bin ein Kind der Revolution; es ſind noch keine vollen fuͤnfzehn Jahre her, ſeit ich getauft worden; aber ſo viel habe ich von der Religion begriffen, daß ein guter Katholik nur ein ſchlechter Heide werden kann, wenn er ſich auch dem Teufel mit Haut und Haar ergiebt. Unſer Onkel Guidon war von ſeir Bataillon reſpectirt, wie ein B Kindern, nem ganzen ater von ſeinen aber jetzt wuͤrde ihn der ſchlechteſte Trainknecht nicht mehr anſehen. Er geht da⸗ mit um, mein Herr, uns abzuſchlachten.“ „Wie? Renard! was ſchwatzeſt Du da?“ 92 „Was meine geſunde Vernunft mir ein⸗ gibt, Herr Capitan. Wir Andern in der Bre⸗ tagne ſind auch nicht auf den Kopf gefallen. Wir ſind duͤmmer zwar als die Zaͤnker in der Normandie, aber wir haben einen ehrlichen Mutterwitz. Ich habe die Augen uͤberall, und will Ihnen mit ein paar Worten ſagen, was uns erwartet. Sie wollen Geld von dem al— ten abgeſchworenen Bataillons⸗Chef? Er wird Sie in ſeiner Muͤnze bezahlen. Das Haus wimmekte den ganzen Abend hindurch von ver⸗ däͤchtigen, langbaͤrtigen Geſichtern. So wie die meiſten der langen tuͤrkiſchen Kerle in die Farbe des Bluts gekleidet ſind, ſo ſieht auch nur Blutdurſt aus ihren Augen. Der Onkel hatte lange Unterredungen mit ihnen; ich habe an den Fenſtern gehorcht, aber der Satan ver⸗ ſtehe das Chineſiſche, das ſie zuſammen ſpra⸗ chen. Gehoͤrt habe ich jedoch, daß Saͤbel klirr⸗ ten, und daß der Onkel ſich mehrmals erkun⸗ digte, ob der Herr Capitaͤn denn immer noch nicht heimgekommen.“ An 93 „Soll man nicht auf Träume und auf Ahnungen halten?“ fragte ſich Beauſire von dem Diener abgewendet:„Die Pein der Unge⸗ wißheit, das bangende Gefuͤhl truber Erwar⸗ tung habe ich vergebens niedergekaͤmpft, wie es dem Manne geziemt. Beim luſtigen Gaſtmale habe ich den Argwohn zu vergeſſen geſucht, den in mir die Bilder meiner Fantaſie gegen den naͤchſten Blutsverwandten erregt hatten. Die Rede dieſes treuen Jungen ruft all meinen Verdacht wieder in's Leben, und ich fuͤhle, daß ich auf meiner Hut ſeyn muß.— Was weißt Du weiter, Renard?“ „Das Schlimmſte kommt noch, Herr Ca⸗ vitän,“ ſagte der gute Diener verſtohlen zu ſeinem Herrn:„die Ungeduld prickelte mich vom Kopf bis zur Ferſe: ich konnte nicht, wie eine gemalte Schildwache, auf meinem Poſten bleiben; ich lief hierhin, dorthin, durch alle krumm verſchlungenen Wege dieſes vernachlaͤſ⸗ ſigten Gartens, den der ärmſte Rentier bei mir zu Hauſe in beſſerer Ordnung halten wuͤrde: 94* da erblickte ich mit einem Male,— an einem verſteckten Plaͤtzchen, von Trauerpappeln verhuͤllt, am äuſſerſten Gartenzaun, dort gegen das Meer, — unſern Onkel, wie er, mit Schaufel und Hacke, beſchaͤftigt war, ein tiefes Loch zu gra⸗ ben, worein ohne Zweifel unſere beiden Leich⸗ name geſteckt werden ſollen. Ein einziger alter Kerl, ein Mameluk, mit krauſem Bart und fal⸗ ſchen Zuͤgen, war der Zeuge dieſer Handlung. Er ſtand Wache an dem Ort, mit Dolch und Piſtolen, und haͤtte mich wahrſcheinlich ohne umſtaͤnde niedergemetzelt, wenn mich ein Laut verrathen haͤtte. Geluͤſtet es Ihnen, die ſau⸗ bern Vorbereitungen zu unſerem ſeligen Hin⸗ tritt mit eigenen Augen zu beſchauen, ſo fol⸗ gen Sie mir. Der alte Todtengräber kann mit ſeinem Geſchaͤft noch nicht zu Ende ſeyn.“ Beauſire ſchuttelte lebhaft den Kopf.„Nicht doch!“ ſagte er kurz:„Wir wollen erwarten, was die Nacht uns bringen wird. Statt in eine unuͤberlegte Offenſive zu gerathen, wollen wir uns auf die Vertheidigung beſchraͤnken. 95 Dieſer Kiosk iſt einem Thurme zu vergleichen; wir wollen uns ſeinem Schutze getroſt uberlaſ⸗ ſen. Die einzige Thuͤre wird dem Angreifenden weniger guͤnſtig ſeyn, als uns.“ „Die einzige Thüre?“ fragte Renard ge⸗ ringſchaͤtzend:„Ja, waͤre ſie von Eichenholz, wie die Thuͤren des ſchlechteſten Militaͤr-Ge⸗ faͤngniſſes in Frankreich,— dann koͤnnten wir ruhiger ſchlafen. Das ſchwache Bedernholz je⸗ doch, oder wie der Baum ſonſt heißen mag, weicht dem erſten Fußtritt. Und, geben Sie acht, lange wird der Feind nicht ſaͤumen; der haͤßliche Thürſteher hat Ihre Heimkehr ſchon ſignaliſirt. Unſer Leben iſt ſchnell abgelaufen, wenn nicht ein ſchleuniger Rückzug—“ „Schaͤme Dich, alter Soldat! dieß Wort kom⸗ me nie uber Deine Lippen,“ ſagte Beauſire mit Un⸗ willen:„wir werden nicht ruhen, wir werden nicht ſchlafen. Meine Piſtolen ſind geladen, unſre Saͤbel ſind geſchliffen. Unſere Schuͤſſe ſtrecken den zu Boden, der es wagen ſollte, durch eine Breſche zu uns einzudringen. Wir wollen unſer Leben A 96 theuer verkaufen, Kriegskamerad, und wenn von einem Ruͤckzug die Rede ſeyn ſoll, ſo ſey nur der auf das Dach des Hauſes gemeint, wo wir, unſere letzte Vertheidigung entwickelnd, lieber vom Gelaͤnder uns herab in den Tod ſturzen wollen, als daß wir lebendig in die Haͤnde un⸗ ſerer Henker fielen.“ „Alles gut, Herr Capitaͤn!“ ſagte Renard, als ſie beide in den Kiosk gingen:„wenn nur nicht Ihre alte Mutter wäre, und Fraͤulein Armandine! Sie hoffen beide von Ihnen das Glück ihres Lebens. Was mich betrifft, ſo weiß die dicke Margot ſchon, daß wir, wenn nicht der liebe Gott ein Wunder thut, kein Paar werden koͤnnen, und daß der ſchlechteſte Handwerksgeſelle ſie uͤber den Verluſt eines ar⸗ men Chaſſeurs zu troͤſten im Stande iſt Mit dieſen Worten vefeſtigte er die Thuͤre des Kiosk von innen, ſo gut es in der Eile an⸗ gehen wollte, aber Beauſire warf ſich auf die Ottomane, und ſtuͤtzte den Kopf in ſeine Rechte⸗ Sei „Meine Mutter! Armandine!“ fluͤſterte et 2. „Freilich waͤre es rühmlicher, fuͤr euch den Tod zu leiden, fuͤr euch unterzugehen. Rühmlicher, als hier, fern vom Geſtade der Heimath, unter dem Mordeiſen eines geizigen Verwandten zu erbleichen! Es gibt umſtaͤnde, Verhaͤltniſſe und Verknüpfungen, es gibt Pflichten ſogar im Le⸗ ben, die einem muthigen Soldaten ſelbſt den Entſchluß, der drohenden Gefahr auszuweichen, leicht machen,— ihm denſelben anbe fehlen.“ Ein lauter Wer da⸗Ruf Renards, der ſich auf das Dach des Hauſes begeben hatte, um daſelbſt Schildwache zu halten Mhaute durch die Nacht. „Was gibt's?“ fragte Beauſire. „Unſer Onkel!“ ſchrie Renard:„Mehrere Leute mit ihm! Bewaffnete! mit einer einzigen alb blinden Laterne! Laſſen Sie Niemand ein, Herr Capitaͤn!“ Ruſchucks Stimme wurde vor dem Hauſe hoͤrbar. Beauſire, mit ſeinen Zweifeln kaͤm⸗ pfend, gab nur einen lautloſen Zuhorer der kurzen Unterredung ab, die zwiſchen dem oben Spindlers ſummtl. Werke RlV. Sommermalven 1. 7 97 b *„ 98* poſtirten Diener und dem Onkel ſtatt fand. Ruſchuck fragte darin ſehr angelegentlich und dringend nach dem Reffen; Renard, der nicht leugnen konnte, daß ſein Herr heimgekommen, weigerte ſich jedoch hartnaͤckig, dem Oheim die Thuͤre zu oͤffnen, unter dem Vorwande, Beau⸗ ſire ſey ermuͤdet eingeſchlafen, und habe ſich jede Störung bis zum Morgen verbeten. Ru⸗ ſchuck hatte unwillig dieſe Erklaͤrung hingenom⸗ men; unfähig aber, Renards Starrſinn zu beugen, ſagte er mit halb warnendem, halb hn Tone:„Was auch deinen Herrn vermag, ſich vor meinem Beſuche zu verbergen, ſo iſt es doch nicht recht, daß ein Reffe ſich gegen ſeinen Onkel ſo ſchnoͤde betrage. Er ſu⸗ che mich Morgen auf, verlaſſe jedoch dieß Haus nicht ohne mein Wiſſen. Ich werde ihn im Nothfall mit Gewalt darin zuruͤck halten.“ Dieſe letzteren Worte erregten die Ahnung, den Unwillen, den Zorn des franzoöſiſchen Offi⸗ ziers; wild ſprang er auf, die Thuͤre zu oͤffnen, und Ruſchuck anzurufen, zur Rede zu ſtellen. N 99 n Aber ſchon hatte ſich dieſer Letztere entfernt und mit ſeinen Schritten verhallten auch die ſeiner Begleiter. Beauſire rief Renard, und ſchaͤrfte ihm ein, ſich glimpflicher gegen Herrn Ruſchuck zu be⸗ nehmen.. „Merke dir, mein guter Burſche,“ ſagte er,„Argwohn iſt nicht Gewißheit. Den Ein⸗ zelnen darf man nicht fuͤrchten, und Vertrauen bis zu einem gewiſſen Grade iſt eine Zier des Muthigen.“ „Aber, ich weiß doch was ich weiß,“ er⸗ wiederte Renard hartnaͤckig:„und Ihr Onkel war nicht allein, und ſcheußliche Geſichter wa⸗ ren bei ihm, bewaffnet bis an die Zaͤhne; und haͤtte man Herrn Guidon eingelaſſen, ſo waͤren ſeine Begleiter mit hereingebrochen, um uns den Garaus zu machen. Ich wette darauf, meiner Treue, Herr Capitan, daß ſeine Moͤr⸗ der noch im Umkreiſe dieſes vermaledeiten Pa⸗ villons aufgeſtellt ſind, um jede Unvorſichtig⸗ keit von unſerer Seite zu benuͤtzen.“ 5 100 In dieſem Augenblicke vermeldete ſich ein veſcheidenes Klopfen an der Thuͤre des Kiosks. Renard hielt in ſeiner Rede inne, und deutete ſtumm, aber mit vielſagendem Blicke, nach der verrammelten Pforte. Auch Beauſire lauſchte, wie mechaniſch nach einer Piſtole und dem Saͤ⸗ bel greifend. Das Klopfen wiederholte ſich, und in verdorbener franzöſiſcher Sprache glit— ten die Worte durch eine offen ſtehende Spalte: „Herr Offizier! Herr Offizier! ſchlafen Sie ſchon?“ „Wer iſt drauſſen?“ donnerte der Capitän gegen die Thuͤre. „Ein Freund, Herr Offizier! Ein guter Freund! Machen Sie auf!“ Als Beauſire auf dieſe Worte nichts er⸗ wiederte, ſo ließ ſich ein leiſes Rutteln an der Pforte vernehmen. Der Offizier, von der Moͤg⸗ lichkeit eines meuchelmoͤrderiſchen Ueberfalls mehr als je ergriffen, ſprang auf den Eingang zu, und rief mit entſchloſſener Betonung:„Wer Du auch ſeyſt, Rachtwandler! Wo Du Dich d 101 M unterſtehſt, dieſer Pforte die geringſte Gewalt anzuthun, ſo biſt Du des Todes durch einen wohlgezielten Schuß!“ Renard, der ſchnell wieder die Treppe in die Hoͤhe geſprungen war, um ſeinen alten Poſten wieder einzunehmen, fuͤgte der Drohung ſeines Herrn noch einige energiſche Worte bei, meldete aber zugleich in das Innere des Hauſes, daß nur ein einzelner Menſch vor der Thuͤre kaure, und daß trotz Mondenlicht und Sternenſchein, ſich rings nichts Verdächtiges ſehen laſſe. Der vor der Thure Stehende zoͤgerte mittlerweile auch nicht, ſich zu erkennen zu geben. „Beim heiligen Spiridion! bei allen Hei⸗ ligen und Maͤrtyrern unſerer Kirche und unſe— res Volks!“ ſprach er mit halbleiſer Stimme: „ich bin kein Moͤrder, ich bin kein Schelm! Sie haben mir das Leben gerettet, Herr Offizier. Ich wills vergelten, ſo wahr ich Rockides heiße, indem ich Sie warne, und Ihnen Gluck bringe.“ Beauſire naͤherte ſich der Thuͤre, und er⸗ offnete ſie behutſam, auf ſeines treuen Renards 102 Wachſamkeit vertrauend. Der griechiſche Gauk⸗ ler, in einen grauen Leinwandmantel gehuͤllt, ſchlich herein, der Schimmer der Lampe zeigte dem beobachtenden Capitaͤn nicht das Antlit eines Moͤrders, wohl aber dasjenige eines aͤngſt⸗ lichen, fluͤchtigen Menſchen. „Was wollt Ihr hier? Zu dieſer Stunde? Ihr wollt mich warnen? vor Wem? mir Gluͤck bringen? welches?“ „Meine Bekanntſchaften ſind weit verbrei⸗ tet in der Stadt,“ ſagte der Grieche mit aͤngſt⸗ licher Haſt;„als ich durch Ihre Huͤlfe den Klauen meiner Feinde entronnen war, lag ich verborgen bei einem unſers Volks, der obenein noch mein Blutsfreund iſt, und weiß, was in der Stadt vorgeht. Die Leute, denen Ihr Saͤ⸗ bel mich heute entriß, zum Theil dem Kauf⸗ mannsſtande angehoͤrend, zum Theil Beamte vom Zoll und von dem Hauſe des Statthal⸗ ters, haben Ihnen den Tod geſchworen; Sie ſollen lebendig dieſe Inſel nicht verlaſſen. Man hat erfahren, daß Sie bei dem franzoͤſiſchen 103% Conſul verweilten, und ſchon heute, vor einer Stunde ſchon, wuͤrde Sie das ſchwarze Lvos auf den Straßen von Rhodos ſelbſt getroffen haben, haͤtte nicht der Conſul in Perſon mit ſeiner ganzen Dienerſchaft Sie an das Haus geleitet. Indeſſen iſt die Gefahr nicht voruͤber. Sie duͤrfte ſich im Gegentheil noch in dieſer Nacht oder in der folgenden maͤchtiger als je erneuen, und Sie ohne Rettung uͤberwaͤltigen. Die Feinde, die ich Elender Ihnen zugezogen, waren vor Kurzem bei Ihrem Oheim. Sie haben Ihren Kopf von dem Renegaten gefor⸗ dert, und er— hat Ihr Leben den Blutduͤrſti⸗ gen verkauft.“ „Du luͤgſt, Abſcheulicher!“ entgegnete Beauſire mit Aufwallung:„ſo niedertraͤchtig handelt kein Franzoſe. Du, Spion der Tuͤr⸗ ken, wie Deiner Landsleute, haſt nur die Schlech⸗ ten der Erde kennen gelernt. Gehe von hinnen.“ Rockides verbeugte ſich demuͤthig und die Achſeln zuckend.„Sie glauben mir nicht,“ ſagte er gekräͤnkt:„Sie ſchelten mich einen 104 Nichtswuͤrdigen! Ich weiß warum Sie dieſes thun. Ruſchucks Sohn, der Soldat Ibrahims, hat gewiß nichts Gutes von mir geſprochen, ob ich gleich tauſendmal mein Leben nur fuͤr die Freiheit meines Vaterlandes preisgegeben, und den Egyptiern nur gedient, um ſie ſicherer in's Verderben zu locken. Was ich aber für Hellas Freiheit gethan, was ich fuͤr das Vaterland unternommen, das thue ich gern auch fuͤr den Freund. Mag er mich zuruͤckſtoßen, wie meine Landsleute mir mit Undank vergalten, wie mich die Wuth Soliman Bey's verfolgt; ich handle darum doch, wie mir's das Herz befiehlt. Und noch einmal ſag ich Ihnen: Hier iſt mein Haupt; ſchlagen Sie es ab, wenn nicht an den Tag koͤmmt, daß Ruſchuck ſeines Neffen Leben verhandelt hat. Er kann, er darf Sie nicht mehr ſchuͤtzen; nicht der Conſul, nicht der Statt⸗ halter werden fuͤr Sie das Schild erheben. Was Ihren Untergang vollendet, iſt die Nachricht, die heute am ſpaͤten Abend eingelaufen, daß Frankreich ein Heer abgeſendet, um Griechen⸗ N 105 n land zu befreien. Mit Sonnenaufgang erfaͤhrt das Volk dieſe Kunde, und Ihre Feinde, im Verein mit Ruſchuck, der jetzt erſt den Namen eines Tuͤrken verdienen muß, Sie dem Aſyl des verwandten Hauſes entreiſſend, werden nicht noͤthig haben, ihre Dolche mit Ihrem Blute zu faͤrben: der Poͤbel, ihnen die Muͤhe erſparend, wird Sie, nebſt Ihrem Diener in Stuͤcke zerreiſſen!“ Die Wahrſcheinlichkeit dieſes Berichts ging dem Capitaͤn zu Sinne. Er ſchauderte vor dem Gedanken, daß gar wohl der Fall eingetreten ſeyn koͤnne, der den Onkel Ruſchuck zwingen duͤrfte, das Vertrauen der neu errungenen Landsleute und Religions⸗Verwandten durch eine hervorſtechende That des Fanatismus zu gewinnen. Er wußte, daß die Geſchichte frei⸗ gebig mit ſolchen Beiſpielen von jeher geweſen, daß Ruſchuck nicht der Erſte ſeyn wuͤrde, der die Stimme der Natur und der Ehre erſtickte, um mit einem fremden Goͤtzen den unaufloͤsli⸗ chen Bund einzugehen. Dem franzoͤſiſchen Krie⸗ 106 ger war es unertraͤglich, in die Haͤnde äines rohen, kannibaliſchen Poͤbels zu fallen, und wenn ſein eigener Muth ihm noch Stärke gab, dem Schrecklichſten in's Auge zu ſehen, ſo erſchuͤt⸗ terte ihn doch der Anblick des guten Renard, der, leichenblaß, mit hippokratiſchem Geſichte neben ihm ſtand, troſtlos zuhoͤrte, und mit ein⸗ zelnen verzweifelten Worten das unglůck be⸗ klagte, das ihn beſtimmt, von Heiden gevier⸗ theilt zu werden, ſtatt eines ehrlichen Todes im Beruf des Soldaten zu ſterben. *„Braver Junge!“ ſagte im Innerſten be⸗ wegt, der Capitän, dem Gefaͤhrten auf die Schulter klopfend,„es iſt wohl das erſte Mal, daß Du beklagſt, je in meinem Dienſte geſtan⸗ den zu haben. Freilich waͤre Dir beſſer gewe⸗ ſen, niemals aus den Kaſernen von Valence gekommen zu ſeyn⸗ als hier in dieſen Gefahren zu ſtehen, die Dein redlicher Saͤbel nicht aus⸗ fechten kann; worinnen Dich nicht einmal Dein treues Pferd mit ſeiner Schnelligkeit zu unter⸗ ſtützen vermoͤchte. Dieſes kann ich jetzt nun 5 107 nicht aͤndern; aber Dich dem Verderben entzie⸗ hen, ſo viel es in meiner Macht ſteht, bin ich verbunden. Sage an, Warner, an deſſen Recht⸗ ſchaffenheit ich ſo gerne glauben moͤchte, kannſt Du mehr als warnen koͤnnteſt Du, verſchmitz⸗ ter Burſche, auch helfen?“ „Warum nicht?“ fragte Rockides entge⸗ gen:„Ich meine wohl, ſonſt waͤre ich nicht hier. Ich bringe Ihnen auch Gluͤck, wie ich's verſprochen: Rettung und Sicherheit unter Ei⸗ nem Dache, mit der Schoͤnſten dieſer Erde, die von Ihrer Gefahr weiß, und ſich aͤngſtet darob, und mit Himmelsaugen mir's danken wird, wenn ſie erfaͤhrt, daß Sie.... Ein Blißz loderte in Beauſire's Gehirn auf, ein Wetterſtrahl der Abnung, der Sehnſucht. „Die Schoͤnſte?“ rief er:„Menſch, wer iſt dieſe? Doch welche Frage? Gibt es nicht Eine nur, die dieſen Namen mit Recht fuͤhrt, durch alle Zonen der Erde hindurch?“ „Wahrhaftig: nur Eine;“ ſchmunzelte Rockides,„und Sie duͤrfen ſich Gluͤck wünſchen, 108 Herr Offizier: in ihrem Pallasauge malt ſich heute nur Ein Bild: das Ihrige. In ihrem roſenrothen Herzen wohnt nur ein, der ein⸗ zige Mann: Sie, Herr Capitaͤn. Sie betet fuͤr Sie mit wunden, kirſchrothen Lippen,— ſie ſeufzt fuͤr Ihr Heil mit ſtoͤhnender Bruſt: ſie wird ein Engel der Seligkeit werden, wenn ſie Ihr erſehntes Antlitz ſchaut.“ „O des jaͤmmerlichen Bombaſis Deiner Redſeligkeit!“ unterbrach ihn ungeduldig Beau⸗ ſire, nach dem Hute und den Waffen greifend: „Den Namen ſage mir,— und iſt es der, den ich meine, ſo folge ich Dir, fuͤhrteſt Du mich auch gerade in die Netze meiner Gegner!“ „Athanaſia Michali!“ entgegnete Rockides bereitwillig:„Die Blume von Morea, die Lilie von Prodaki: deren Worte Honig, deren Blick Gold, deren Gewand die Schoͤnheit der Schaum⸗ gebornen iſt.“ „Vorwaͤrts, Marſch!“ befahl begeiſtert der Capitän, und winkte Renard, ihm zu folgen⸗ Dieſer warf einen trauernden Abſchiedsblick auf 100 die Effekten, die zuruͤckgelaſſen werden mußten, fafte dann ſeinen Saͤbel herzhaft an, druͤckte die Muͤtze in's Auge, und gehorchte.— Wie Schatten, vom Winde gejagt, eilten alle Drei durch den Garten, nach einer ſtillen Ecke, wo über die verfallenen Mauern Rockides ſeinen Weg hereingefunden hatte. Beauſire, den bald das Entzucken, Athanaſien wieder zu ſehen, vorwaͤrts riß, bald der Zweiſel, ob die⸗ ſes ſchnelle Entweichen gerecht ſey, zuruͤck hielt, erkannte, ehe noch die Mauer erreicht war, daß Rockides keinen Scherz getrieben. Die Maͤnner rauſchten unter niederhaͤngenden Pfirſichzweigen hindurch, und ſtrichen an dem kleinen Harem vorbei, und an dem kleinen Dickicht von Trauer⸗ pappeln, da ſprangen hie und da dunkle Ge⸗ ſtalten, wie vom Boden, in die Hoͤhe, und rauhe Stimmen erklangen: Guidons Stimme war darunter. „Da ſind ſie, die Hunde!“ rief er, und ſeine Schritte ſchienen zu nahen:„heran! ich 110 dachte mir's! Trotz meinem Verbot! ſchießt ſie zuſammen, und keiner entkomme!“ Einige Gewehre knallten in einer Entfer⸗ nung von wenigen Gaͤngen los. Kugeln pfif⸗ fen: keine traf jedoch. Beauſire, von der un⸗ beſchreiblichen Wuth lang bezweifelter Ueberzeu⸗ gung befallen, wollte wie ein Loͤwe auf die An⸗ greifer los. Renard warf ſich aber in ſeine Arme, Rockides umfaßte ſeinen Leib, und ihre vereinten Kraͤfte ſchleppten den Widerſtrebenden uͤber die niedrige Breſche, deren bemooste Steine unter ihren Fuͤßen hernieder rollten, und den Verfolgern den Pfad verſchuͤtteten. Ueber ei⸗ nen ſchwierigen pfad zwiſchen Gaͤrten und ei⸗ nem Kirchhofe hindurch ging der Weg in's In⸗ nere der Stadt. Hier verloren ſich die Fluͤch⸗ tigen in enge Straßen, deren uͤberhaͤngende Daͤ⸗ cher kaum einen Strahl des Mondes zur Erde ließen. Unfern von dem reinlichen Quartier der Griechen ſchluͤpften ſie durch eine angelehnte Thuͤre in den Hof eines Gebaͤudes, das wie ein Waarenmagazin ausſah. Beauſire, dieſen öden⸗ „————— *— 111 v finſtern Ort betretend, glaubte in eine Moͤrder⸗ hoͤhle gerathen zu ſeyn, und Renard, der ſeines Herrn Gedanken begriff, faßte derb den Grie⸗ chen bei dem Kragen, als er juſt die Thure hinter ihnen verſchloſſen hatte. Rockides be⸗ theuerte und beſchwor ſeine Unſchuld und gute Abſicht; er draͤngte ſeine Gefaͤhrten in einen halb offen ſtehenden Schuppen, worin ſie nur aufgehaͤufte Waarenballen erkennen konnten, auf die ſie ſich hinſtreckten, muͤde wie ſie waren, Beauſire konnte ſeiner Ungeduld, wie ſei⸗ ner inneren Vorwuͤrfe nicht Meiſter werden. Habe ich darum, fragte er ſich ſelbſt, den Weg der geraden Tapferkeit verlaſſen, um hier un⸗ ruͤhmlich in Verborgenheit zu lauern, wie ein feiges Wild in ſeinem Lager?— Dann ſtand er auf, und forderte von Rockides, daß er ſein Verſprechen erfuͤlle, und ihn in die Nähe der Huldin bringe, deren Theilnahme er ihm vor⸗ geſpiegelt.. Rockides antwortete:„Es mag Ihnen wohl unbehaglich ſeyn, als ein herzhafter Sol⸗ * dat ſich hinter der Schanze eines Baumwollen⸗ ballens zu verkriechen, aber es kann vor der Hand nicht anders ſeyn. Dieſer Schuppen iſt ein Theil des Hauſes meines Vetters Gregor Nidos, eines der reichſten Kaufleute dieſer In⸗ ſel, und eines gluͤhenden Freundes der Freiheit unſeres Vaterlandes. Aber, ſo ſehr er dieſe Letz⸗ tere liebt, ſo ſehr liebt er auch ſein Geld, und vor Allem ſein Leben. Der feige Mann geſtat⸗ tet mir ſelbſt keine Zuſtucht in dem Bezirk ſei⸗ nes Wohnhauſes, und geſetzt, es fänden mich hier meine Verfolger, ſo waͤre Gregor der erſte, zu beſchwoͤren, daß er mich nie geſehen, daß er mich nie gekannt, daß ich ohne ſein Votwiſſen mein Verſteck in dieſem Magazine geſucht. Er ſpendet insgeheim viele Gaben an Waaren und Geld an die vereinigten Helden unſerer Nation, er betet täglich drei Mal zu ſeinen Schutzheili⸗ gen um Erloͤſung unſeres Volks aus ſeinen Widerwaͤrtigkeiten; aber Freund und Bruder, Vater, Weib und Kinder wuͤrde er unbedenk⸗ lich ſchlachten laſſen, wenn es darauf ankäme, Spindlers ſämmtl. Werke Llv. Sommermalven 113 ſeinen Kopf vor dem Verdacht unſeres Zwing⸗ herrn zu retten. Haleb, Ruſchucks Sohn, hat dem Gregor einen bedeutenden Dienſt erwieſen, indem er eine Beſitzung deſſelben auf der Halb⸗ inſel vor der Mordfackel der Horden Ibrahims rettete. Dieſes Intereſſe vermochte meinen Vet⸗ ter auch, der Kerkermeiſter ſeiner ſchoͤnſten Landsmaͤnnin zu werden, um dem Goͤnner Ha⸗ leb ſich dienſtwillig zu erzeigen. „Athanaſia's Leid iſt groͤßer, ſeit der Lands⸗ mann ſie bewacht, denn er iſt der ſtrengſte Huͤ⸗ ter. Darum iſt es auch unmoͤglich, noch in dieſer Nacht die Schoͤne zu benachrichtigen, daß mir der Plan Ihrer Rettung gelang. Die Fa⸗ milie meines Vetters iſt nur in einem Zimmer, waͤhrend der Nachtſtunden zuſammengedrängt. Auf dem Divan laͤngs den Fenſtern ſchlaͤft Gre⸗ gor mit ſeinem unmuͤndigen Buben. Hinter einem Vorhange, der das Gemach theilt, dort, wo das Heiligenbild ſteht, und die ewige Lampe brennt, ſchlummert Gregor's Weib mit ihrer Lochter, einem haͤßlichen Kinde, und Athanaſia.“ Su N 114* „Welche Beſtimmung ſagte Beauſire grol⸗ lend:„Die Schonheit ſelbſt, der Inbegriff aller in einem Raume zuſammengeſperrt der Feigheit und der Haͤßlich⸗ deren Schick⸗ Grazie, mit dem Zwang, keit! Wann werde ich ſie ſehen, ſal ich ſo gerne wenden mochte, wenn es gleich eine Frage iſt, ob ſie ſelbſt eine Aenderung die⸗ ſes Lvoſes wuͤnſche?“ „unbeſorgt mein Herr,“ erwiederte Rocki⸗ des:„der Tag verlaͤßt dieſe Inſel nur auf Bald wird Eos heraufſteigen, die kurze Zeit. und mit ihr, Botin des ewig jungen Helios, an ihrer Roſenhand, wird auch Athanaſia, die Blume der Morgenroͤthe, bei uns ſeyn.“ Es war nicht anders: das heftig pochende Herz des Franzoſen mußte ſich in Geduld be⸗ zaͤhmen. Seinen Betrachtungen, ſeinen Vor⸗ wuͤrfen und ſeiner Sehnſucht zum Raube, zählte er auf ſeinem harten Lager die Sekundenſchlage ſeiner Uhr, und ſtarrte nach den Ritzen in dem Schindeldache des Waarenhauſes, durch welche der Mond ſchien, der langſam zogernde Vor⸗ 115 gaͤnger des erwuͤnſchten Sonnenlichts. Beau⸗ ſire's Gefaͤhrten waren ruhiger als er. In ſei⸗ nen Mantel gehuͤllt, lag Rockides, wie ein ſchlummernder Fuchs, in einem leeren Faſſe an der Thuͤre. Renard hatte dagegen die Naͤhe ſeines Herrn nicht verlaſſen, wachte mit An⸗ ſtrengung bei demſelben, und ſaugte leiſe, um ihn nicht zu ſtoͤren, an einem Zuckerrohr, das er mit gewandter Hand und ſcharfem Meſſer aus der unfern ſtehenden Kiſte befreit hatte, um ſeinen trockenen Gaumen und hungrigen Magen damit zu vergnügen. 4. Beauſire's Traum im unruhigen Morgen⸗ ſchlummer war Athanaſia: das erſte Wort ſei⸗ ner Lippen beim Erwachen— Athanaſia: Atha⸗ naſia das erſte Bild, das ſich ſeinem Auge zeigte;— und es war kein T Traum, dieſes Bild, keine Taͤuſchung des Auges, dieſe entzuckende Geſtalt. Athanaſia ſelbſt, umſtrahlt von der reinen Ichor⸗Glorie, die die gebffnete — 6 6 116 Pforte in das Gebaͤude fiel,— das entzuckendſte Geſchenk, das jemals die Natur mit braͤutlich verſchaͤmt geroͤtheten Wangen der Erde gebo⸗ ten,— ſtand vor ihm. Anadyomene im Ge⸗ wande der haͤuslichen Grazie, die heiligſte Mut⸗ ter im Mantel der Demuth,— beide ſchienen in Athanaſien vereinigt. Beauſire ſtand vor ihr, wie das Erſtemal, als er ſie geſehen: be⸗ gluͤckt, ergriffen, ſprachlos; aber in dieſer Ver⸗ wirrung lebte die ſtandhafte Liebe, ſie ſprach aus ſeinem Schweigen. Rockides, der Schmeich⸗ ler, machte den Vermittler, er näherte ſich der Jungfrau, die in ſittſamer Verneigung ſtand, und ſprach⸗ ihre Hand ergreifend, und die Zoͤ⸗ gernde näher heranleitend:„Sagte ich's nicht, Herr Oflizier, daß der fruͤheſte Himmelsgarten uns dieſe Bluͤthe ſchenken wuͤrde? Ich habe richtig in Athanaſia's Herz geleſen: ſie nimmt in ihrem Leide Theil an Leidenden.“ „Ich weiß nicht, ob ich recht gethan;“ er⸗ wiederte die Jungfrau erroͤthend:„So fruhe es die Sitte erlaubte, ſtahl ich mich von Helena's N 117* Seite, um Waſſer an dem Brunnen des Ho⸗ fes zu ſchoͤpfen. Doch ich muß geſtehen, daß ich fruͤher mein Herz erquicken wollte, als Wange und Auge.“ Wie ſie da ſtand, das antik geformte Ge⸗ faß in der ſchoͤnen, edel niederhaͤngenden Hand, mit der ſuͤßeſten Verlegenheit im Antlitz, mit der reinſten Unſchuld auf der Stirne, und dem vollendeten Liebreiz auf den Lippen, haͤtte Beau⸗ ſire vor ihr niederſinken mögen, ſie anzubeten, und ſie, wie ein vertrauender Frommer ſeinen Gott, zu fragen, ob er ſie, die Erhabene, lie⸗ ben dürfe, und hoffen, daß ihr Herz einſt, im Verein mit ihrem Munde, ihm daſſelbe Ge⸗ fuͤhl bekennen werde. Der ſchlaue Rockides bemerkte, was in dem Offizier vorging, und zog ſich geſchmeidig mit Renard, der wie verſteinert das Frauen⸗ bild gemeſſen, deſſen Reiz ihm ein himmliſcher zu ſeyn ſchien, in den Hintergrund des Wag⸗ renhauſes zuruͤck, wahrend Beauſire zu der BGriechin ſprach: 118 „Ich ſtaune, daß mein Geſchick mich auf ſo ſonderbare Weiſe ploͤtzlich wieder mit Dir, dem liebenswuͤrdigſten Geſchoͤpf, zuſammen⸗ fuͤhrt, nachdem ich fuͤrchten mußte, Dich in meinem Leben nicht mehr zu ſehen.“ „Wenn nicht das Ungluͤck Euch in meine Naͤhe gebracht haͤtte,“ antwortete Athanaſia, „ſo wuͤrde ich mir Gluͤck wuͤnſchen, den Mann wieder zu ſehen, den einzigen, der Freundes⸗ worte je zu mir geredet. Aber ich habe die ungluͤckliche Eigenſchaft, auf alles, das mich umgibt, Unheil zu vererben. Ich habe, was man ein boͤſes Auge nennt, doch ohne daß mein Herz falſch und neidiſch wäre. Die Mut⸗ ter, eine kluge Frau, hat darum ſtets behaup⸗ tet, es muͤſſe eine Herxe bei meiner Geburt ge⸗ weſen ſeyn, und mich verwuͤnſcht haben mit der Zauberformel, die der Papas ſelbſt mit ſeinen Beſchwoͤrungen nicht zu bannen ver⸗ mochte.“ „Die Hexe gab Dir das gefäͤhrlichſte Ge⸗ ſchenk: die Schoͤnheit, die jedem Mann, der . 119 Dir begegnet, die Sinne verwirrt, und das Herz beruͤckt;“ verſetzte Beauſire laͤchelnd:„Du bringſt nur ſüßes Unheil, Maͤdchen. Aber bit⸗ teres Ungluͤck druͤckt Dich, mein Kind, und es zu lindern waͤre ich gern bereit.“ „Gott macht unſer Schickſal. Es iſt ge⸗ macht, ehe wir geboren wurden. Ich war da⸗ zu beſtimmt, meine Eltern in Thränen zu verſetzen, und Feſſeln zu tragen. Wenn ich mein Schickſal erfuͤlle, ſo thue ich recht, und dereinſt wird der Herr in ſeinem Himmel mir dafuͤr lohnen.“ „Das iſt die Weisheit, die Tugend eines Sklaven, Athanaſia. Ahnte Dir noch nie eine ſchoͤnere Beſtimmung des Sterblichen, eine ſchoͤne Wuͤrde des Weibes?“ „Ich kenne nur Gluͤck und Ungluͤck, Herr, und nur zweierlei iſt der Frauen Loos in mei⸗ ner Heimath. Wenn Friede iſt, und der Pa⸗ ſcha des Maͤdchens nicht begehrt, ſo darf es hoffen, eine Hausfrau zu werden, wie die Mutter es iſt, und die Kirche es verlangt. 120 Einem Gatten anzugehoͤren, der Reichthum beſitzt, um die Seinigen zu erhalten, mit Kindern geſegnet zu werden, die das Eben⸗ bild des Gatten ſind, in einem bequemen Hauſe den Winter, unter den Baͤumen des eigenen Gartens die ſchoͤne Zeit zu verleben, darauf veſchraͤnkt ſich, darin erfullt ſich das Gluͤck eines Weibes. Iſt aber Krieg, und das Schwerdt Geſetz geworden, ſterben unſere Vaͤter und Bruͤder im Kampfe gegen den zornigen Paſcha, erbleichen Mutter und Schweſtern unter dem Eiſen der Feinde und den Flammen des Hau⸗ ſes, ſo darf auch die Tochter nicht murren, wenn ſie das Loos des allgemeinen Elends theilt, und von dem Sieger zur Beute geſchla⸗ gen wird. Haleb errang mich auf dieſe Weiſe; ich verdanke ihm noch mein Leben, da er mich vor der Wuth roher Pluͤnderer ſchuͤtzte. Was aus den Meinigen geworden iſt, weiß ich nicht. uebergluͤcklich wuͤrde ich ſeyn, und leicht meine„ Ketten tragen, waͤre durch mein Geſchick alles 121 Leiden von dem Haupte meiner Eltern genom⸗ men.“ „Fuͤrchterliche Folgen eines knechtiſchen Daſeyns! Die Tyrannei erſtickt jeden Trieb fur das Hoͤhere, fuͤr das Edlere, das des Menſchen Bruſt ſchmuͤckt und ermuthigt. Ihr Arme, die ihr nicht einmal ein Gluͤck, eine Freiheit zu träumen wagt, wenn nicht ein Ferman des Paſcha ſie geſtattet! und ſo willſt Du denn, die Schoͤnſte unter den Toͤchtern Deines Landes, bier in Unmacht- und Unthä⸗ tigkeit vergehen, die Magd eines Mannes, der Dich mit dem Schwerdt aus der Pluͤnderung erkauft, der Dich hegt, ſo lange Du ſeinen Augen wohlgefaͤllig erſcheinſt, und Dich zu tödten die Macht hat, wenn ſeine Luſt voruͤ⸗ ber, und Du es wagſt, ſeinen frechen Wuͤn⸗ ſchen zu widerſtehen? Erhebe Dich aus dem Staube, worein ſklaviſche Erziehung und der Sturm der Zeit Dich gebeugt; der Augenblick iſt Dir ja guͤnſtig: Haleb iſt fern; leicht iſt's, der Wachſamkeit des Elenden zu entflieben, 122 der an Dir, allen Vaterlandsgefuͤhlen zum Trotz, den Schergen macht⸗ Europaͤiſche Schiffe liegen im Hafen, unter ihren Fuͤhrern wird ſich gewiß ein edler Mann finden, der Dich für die Welt, Deine Reize und Deine Tugend fuͤr einen Gatten rettet! Fliehe dieſen Strand, und wenn auch Deine Eltern fielen, oder der wuͤthende Krieg es verhindert, daß Du in ihre Arme ruͤckkehrſt, ſo eile nach meinem Vater— lande. Dort herrſchen billige Geſetze, dort wird die Stimme des Mitleids noch vernom⸗ men, dort ſchmiedet man Waffen fuͤr Deine Landsleute, dort rüſtet man Fahrzeuge zu ih⸗ rer Huͤlfe aus. Manche von ihnen haben dort ſchon einen Zufluchtsort gefunden, und auch Du, zwiefach empfohlen durch Ungluͤck und koͤrperlichen Reiz, wirſt dort Freunde und Be⸗ ſchuͤtzer finden.“ „Euer Vaterland? Wie heißt es? Iſt es fern?“ „Frankreich iſt's, meine Tochter. Das 123 ſchöne Frankreich, deſſen Namen Du ſchon oft gehoͤrt haben wirſt.“ Das Maͤdchen ſchuttelte verlegen und be⸗ ſchaͤmt den Kopf, ſie geſtand, daß ſie nie von dieſem Lande, noch von einem andern gehoͤrt babe, die Heimath und Stambul ausgenom⸗ men, wo der große Padiſchah ſeinen Sißz habe. „Wenn ich auch das Land, das Ihr mir nanntet, ſo fern es liegt, erreichte,— was ſollte ich dort beginnen? Unter Heiden, die den Herrn, den Sohn, die Mutter und die Heiligen nicht anbeten, welches wuͤrde mein Loos ſeyn?“ „Armes Maͤdchen! das Volk der Franzo⸗ ſen iſt edel, und huldigt dem Heiland, ſo wie ihr. Wer in meinem Vaterlande fromm und fleißig iſt, findet Gluͤck, Freunde und Fort⸗ kommen.“ „Fromm? das bin ich; aber fleißig, ar⸗ beitſam kann ich nicht ſeyn. Ich habe nichts gelernt; wenn wir Madchen leſen lernten, und die Zither ſpielen, ſo haben wir Alles begrif⸗ 124 fen, was die Sitte von uns will: den Putz verſtehen, und einen ſinnreichen Blumenſtrauß binden, ſind die hochſten Vorzuͤge eines Maͤd⸗ chens, das dem kuͤnftigen Gatten gefallen will. Dem Manne zu gefallen iſt ja unſere einzige Beſtimmung, ſelbſt im gluͤcklichſten Verhaͤltniß. Laßt mich darum in meinen Banden vergehen, und findet Ihr mein Loos beklagenswerth, ſo ſchenkt mir Euer Mitleid, das meinen Wun⸗ den der wohlthaͤtigſte Balſam ſeyn wird. Ich bin ein ſchwaches Geſchoͤpf, kaum daß ich lernte, im Hauſe reicher Eltern erzogen, ohne Fuͤhrer zu gehen, ohne Vorbeter meine Andacht zu verrichten, ohne Maͤhrchen einzuſchlafen. Wie ſollte ich uͤber's Meer reiſen? Wie mich einem Retter anvertrauen? Meine Schuͤchternheit. kennt nur Einen, dem ich folgen wuͤrde, durch Gefahr und Wellen bis an die fernſte Kuͤſte oder in den nahen Tod, und dieſer Eine—“ „Errathe ich Dich?“ unterbrach hier Beau⸗ ſire feurig die innehaltende Jungfrau:„dieſer Eine— ſteht er Dir nah? ſteht er vor Dir?“ 125 Athanaſia erroͤthete, wendete wie erſchre⸗ ckend den Blick von Beauſire, uͤberließ ihm aber mit unendlicher Anmuth die Hand, deren ſich der junge Mann bemeiſtert hatte, der be⸗ geiſtert fortfuhr:„Du machſt mich gluͤcklich, unausſprechlich glücklich, Athanaſia! Aber Du haſt recht, wenn Du mir mißtrauſt. Bin ich in dieſem Augenblicke nicht ſelbſt der Verfolgte, der Gefangene, der Gebundene? wie koͤnnte ich es unternehmen, mit gefeſſelten Haͤnden die Ketten meines theuerſten Kleinods zu zer⸗ brechen? Schmachvolles Schickſal, das mich verdammt, unthaͤtig der Liebe gegenuͤber zu bleiben! Ware ich frei, nicht die Beute eines wuͤthenden, gegen mich aufgehetzten Poͤbels, eines ſchurkiſchen Verwandten, der nimmer verdient hat, den Namen meiner Mutter und das Kreuz der Ehre zu tragen,— bei den Wunden, die noch in roſigen Spuren, von Dummheit und Barbarei geſchlagen, dieſe ſchoͤn geformten Haͤnde bedecken,— ich muͤßte 126* Dich retten, Dich retten, mein Leben, oder vereint mit Dir untergehen!“ Die Thuͤre ſlog auf, und ein Mann von kleiner Statur und hochrothem Geſichte, in griechiſcher Tracht, Rockides Vetter, Gregor, ſtand vor dem Offizier und der erſchrockenen Athanaſia. Er ergriff ſogleich das Wort, und eiferte mit haſtiger Schnelligkeit gegen die Grie⸗ chin los. „Was machſt Du hier? Wer hat Dir er⸗ laubt, das Weibergemach zu verlaſſen? Der Krug in Deiner Hand iſt nur ein leerer Vor⸗ wand; ich habe, Gott ſey Dank, Maͤgde in meinem Dienſte, die der Sklavin meines Goͤn⸗ ners und Freundes Haleb den Gang zum Brun⸗ nen erſparen können⸗ Geh'! begieb Dich in das Haus zuruͤck, daß ich nicht genoͤthigt ſey⸗ die Maßregeln zu ergreifen, zu denen mein Auftrag und Dein Benehmen mich berechtigen.“ Athanaſia, ohne dem rohen Menſchen eine Sylbe zu erwiedern, heftete einen langen Blick auf den Offizier, und entfernte ſich langſam⸗ 2 — 127 Aber in dieſen Blick leg die Viſchung aller Gefühle, die der Liebe des Franzoſen guͤnſtig waren; jede Aufforderung, ſich ihres Schick⸗ ſals anzunehmen, wie er es nur vermoͤchte. Ueber alles dieſes hinaus glaͤnzte in Athana⸗ ſia's Auge ein inniges Lebewohl, und die Hoff⸗ nung, wenn nicht auf dieſer Erde, doch einſt uͤber den Sternen den ſchnell gefundenen und ſchnell verlaſſenen Freund wieder zu ſehen. Gregor wendete ſich nun an Beauſire, und fragte trocken, wer er ſey, und was ihn hie⸗ her gebracht. Der Capitan hielt es unter ſei⸗ ner Wuͤrde, dem zudringlichen Frager eine Antwort zu geben; Rockides machte den Dol— metſcher, und berichtete dem Vetter, der Herr ſey derjenige Mann, der ihn aus den Haͤnden der Feinde gerettet, um jezo ſelbſt von den Wuͤthenden verfolgt zu ſeyn. Gregor trat drei Schritte zuruͤck. „Gott ſtrafe Dich, Du heilloſer Verwand⸗ ter!“ rief er mit der ängſtlichſten Miene, die nur ein Maͤnnergeſicht annehmen kann:„Du 128 W haͤufeſt Gram und Angſt auf mein Haupt, und machſt meine Haare vor der Zeit grau. Habe ich nicht ſchon des Schimpfs genug ausgeſtan⸗ den, als Du Dich unberufener Weiſe in Mo⸗ rea in die Haͤndel miſchteſt, die ſich dort zwi⸗ ſchen den Primaten unſeres Volks und unſeren allergnaͤdigſten Herren entſponnen haben? Wa⸗ rum bliebſt Du nicht dort? Ich wollte lieber, Dein Kopf ſtäcke auf dem verdienten Spieß, als daß Du heruͤber gekommen, um mich ſelbſt in Gefahr zu bringen, durch Deine Gegenwar durch Deine Zäͤnkereien in der Schenke, und durch die Herbeiziehung ſolcher Leute, die un⸗ ſeren Herren feind ſind, und in den Bann ge⸗ than von Volk und Gerechtigkeit!“ Rockides ſtellte ſich ihm gegenuͤber, drohte ihm mit der Fauſt, und erwiederte:„Du biſt der ſchlechteſte Menſch, der je einen Andern Vetter geheißen! Haſt Du mich geſpeist, daß Du mich ſchiltſt? Haſt Du mir einen Platz in Deinein Hauſe vergoͤnnt, daß Du mich mei⸗ ſterſt? Habe ich mich nicht, gleich einem Hunde 129„n hinter Deine Waarenballen betten muͤſſen, um nur ein ſicheres Obdach zu haben! Du Heuch⸗ ler! haͤtteſt Du mich nicht ſchon laͤngſt verra⸗ then, wenn Du nicht wuͤßteſt, daß ich der ſchlechten Streiche von Dir noch mehrere zu berichten haͤtte? Gib Dich nur immerhin fur einen Tuͤrken aus! Du haſt dennoch Pulver und Kugeln und Geld nach Morea ſpedirt, und Du haͤngſt in einer Viertelſtunde neben mir am Pfahl, wenn Du mich oder dieſe wackern Leute an den Statthalter auslieferſt.“ Gregor ſtutzte, und ſchwieg, wie ein ver— ſchuͤchtertes Kind. Rockides hatte die empfind⸗ liche Seite getroffen. Er wendete ſich nun zu Beauſire, und ſagte, mit auffallender Gering⸗ ſchaͤtzung auf Gregor deutend:„Glauben Sie mir, der Menſch iſt ein durchtriebener Schuft. Hat er nicht geſtern beinahe geweint, als ich von Ihnen ſprach, und er erfahren hatte, daß die Bluthunde Sie verfolgen? Hat er nicht, in Gegenwart Athanaſtens„ mit verdrehten gen geaͤußert, es gehe ihm ungemein zu Spindler's ſämml. Werke. XIV. Sommermalven. 1. 9 130 2 Herzen, daß ein ſo wackerer Offizier ſich um ſeines Landsmanns willen in ſolcher Verlegen⸗ heit befinde? Daß er gern den kleinen Finger drum geben wuͤrde, ihm durchzuhelfen? Und nun waͤre der Schurke im Stande, Sie aus dem ſchlechten Schlupfwinkel hinauszuwerfen, wohin ich Sie, ſchon im ſchlechten Vertrauen auf ſeine Gaſtfreundſchaft, gefuͤhrt.“ „Deine Worte, Menſch, erinnern mich, daß ich in dieſem Schlupfwinkel und in dieſer Geſellſchaft wenig an meinem Platze bin;“ verſetzte Beauſire mit Verachtung:„Komm, Renard, es ſteht uns beſſer an, dem Tumult des Poͤbels kuͤhn die Spitze zu bieten, als laͤn⸗ ger in dieſer ruhmloſen Lage zu verharren.“ Gregor, da er ſah, welche Beſtimmtheit der junge Mann in ſeinem Entſchluß offen⸗ barte, wollte ihm beſchaͤmt und zudringlich dienſtfertig in den Weg treten; auch Rockides verſuchte den Capitän zuruͤckzuhalten, doch ver⸗ geblich. Beauſire, ſeinen Gefaͤhrten bei der Hand haltend, ſchritt maͤnnlich und aufrecht 131 über den Hof des Hauſes nach der Straßen⸗ pforte. Ein Schwarm von turkiſchen Kriegern brach ſo eben durch dieſelbe in den Wohnbe⸗ zirk, hielt mit Ungeſtuͤm die davon Eilenden auf, und umzingelte ſie nebſt dem Herrn des Hauſes. Beauſire konnte dieſe ploͤtzliche Er⸗ ſcheinung gefürchteter Feinde nicht begreifen, und hatte kaum Zeit, ſich den Auftritt recht zu vergegenwaͤrtigen, weil ein durchdringender Schrei hinter dem Gittergange des erſten Stock⸗ werks ihm die Naͤhe Athanaſien's verrieth, die unſtreitig ſeine Noth geſehen hatte, und daru⸗ ber vor Schrecken zuſammengeſunken war. Er blickte regungslos nach dem Orte, woher der Stimme Laut gedrungen. Renard wollte thaͤ⸗ tiger ſeyn. Er riß drohend den Säbel aus der Scheide. Vergebens jedoch ſah er ſich nach einem Helfer um. Rockides hatte ſich aus dem Staube gemacht, und im Staube vor den Trabanten des Gouverneurs lag, wie ein zer⸗ tretener Wurm, flehend und betheuernd, daß er von der Gegenwart der Franzoſen nicht das 132 Geringſte gewußt, der erbärmliche Gregor. Der Anfuͤhrer der Truppe ſtieß den Knieenden mit Gewalt von ſich, und redete eifrig in tuͤr⸗ kiſcher Sprache zu dem Offizier und dem Sol⸗ daten, den man nicht zu entwaffnen verſuchte. Beide begriffen nichts von der Scene. Allein ein Soldat, der davongeeilt war, wie es ſchien, um noch Andere herbei zu holen, kam zuruͤck; ihm folgten Leute, die den ganzen Vorfall ſattſam erklaͤrten: der Conſul und Ruſchuck. „Ich bin in Verſuchung, Dich fuͤr einen Zauberer zu halten,“ ſagte Beauſire ſpottend zu dem wimmernden Gregor:„kaum haſt Du mich geſehen, und ſchon verrathen!“ Gregor ſchwieg, aber der Conſul nahm fuͤr ihn das Wort, wahrend Ruſchuck, den Neffen finſter und mißtrauiſch meſſend, von Ferne ſtehen vlieb.„Ein gluͤckliches Geſchick verrieth uns Ihren Aufenthalt. Ihr Onkel, unruhig über Ihr Verſchwinden, hatte mich aufgefordert, ihm Beiſtand zu leiſten, und, vereint mit den 1 133 Soldaten, die der Gouverneur uns bewilligte, hatten wir ſo eben eine Hausſuchung in der Stadt begonnen. Die Wohnung dieſes Grie⸗ chen iſt ſeit langer Zeit verdaͤchtig, und un⸗ ſtreitig hat man Sie hieher gelockt, um einen niedrigen Streich an Ihnen auszuüben.“ „Ich gebe zu,“ erwiederte der Offizier, „daß ich mich hier nicht am unverdaͤchtigſten Orte befinde, aber es iſt noch die Frage, wo der niedrigſte Streich gegen mich ausgeheckt wurde, ob in dem Hauſe meines Onkels, wo man mich ermorden wollte, oder in dieſem, wo ich einige Augenblicke Schutz vor Moͤrdern fand.“ Beauſire's durchdringender Blick, der ſich auf den Onkel heftete, fand zu des jungen Mannes großem Erſtaunen ein ruhig erwar⸗ tendes Antlit. Der Conſul ſah beide verwun⸗ dert an, entfernte dann mit einigen Worten die Soldaten, und ſagte zu Ruſchuck:„Ich vermuthe, mein Herr, daß Sie Ihrem Nef⸗ fen einige Worte der Erklaͤrung zu ſagen ha⸗ 134 ben, und will nicht ſtoͤren.“ Er zog ſich be— ſcheiden unter den Saͤulengang des Hauſes zuruͤck, wo er mit Renard und Gregor im Geſpraͤch verkehrte, waͤhrend Ruſchuck mit ge⸗ haltenem Ernſte zu Beauſire Folgendes ſprach: „Ermeſſen Sie, Herr Capitaͤn, wie ſchmerz— lich es einem redlichen Verwandten fallen muß, ſich von dem Andern verdaͤchtigt oder bearg⸗ wohnt zu ſehen. Sie konnten mich in dieſem Grade verkennen! Es iſt alſo wahr, was ich Ihrem auffallenden Benehmen zu Folge ahnte? Sie hielten mich fuͤr einen Banditen, fuͤr ei⸗ nen Unwuͤrdigen, fuͤr einen Schänder der Ehre, die ſtets mein Ziel geweſen, der Ver⸗ wandtenliebe, die ich ſtets geehrt, der Gaſt⸗ freundſchaft, die ich Niemanden ſo freudig an⸗ geboten, als Ihnen, dem Sohne der geliebte⸗ ſten Schweſter! Das konnten Sie, in einem Mo⸗ ment, wo Ihre Unbeſonnenheit, fur einen Gauk⸗ ler in's Gefecht tretend, Sie in Gefahren geſtuͤrzt hatte, vor denen nur mein Dach Sie ſchuͤtzte! in einem Moment, wo ich von Ihren wuͤthenden 135 Gegnern aufgefordert, Sie auszuliefern, dieſes mit dem beharrlichſten Trotze verweigerte, durch Bewaffnung meiner Leute für Ihre Sicherheit ſorgte, ſchnell den Gouverneur von Allem be⸗ nachrichtigte, und, mit Gefahr meines eigenen Lebens, durch die Gewalt der Waffen, eine Bande von Mordern verjagte, die ſich in mei⸗ nen Garten geſchlichen, um Sie zu erwuͤrgen!“ Beauſire ſtand ſprachlos und vernichtet vor dem in ſeinem gerechten Unmuth doppelt ehr⸗ wuͤrdigen Oheim. Alles vergleichend, Alles berlegend, wagte er es nicht, den ernſten Ru⸗ ſchuck zu unterbrechen, der alſo fortfuhr: „Die Gefahr iſt nun fuͤr Sie voruͤber: der Gouverneur ließ diejenigen ſeiner Diener, die an dem Anſchlag gegen Sie Theil genommen, in Feſſeln werfen; die uͤbrigen haben koͤrper⸗ liche Strafe vetwirkt. Sie ſind frei, kön⸗ nen ungehindert gehen und kommen, wie Sie wollen. Ihre Eigenſchaft als Franzbſe ſogar, obſchon am heutigen Morgen verkuͤndet worden, daß Frankreich feindlich gegen die Pforte auf⸗ 136 getreten, macht kein Hinderniß. Der Gouver⸗ neur iſt aufgeklaͤrt, und das Volk der Inſel ſanft und gehorſam. Sie werden dennoch wohl— thun, mit dem Franklin abzuſegeln, mit deſ⸗ ſen Capitain Sie bereits, wie ich gehoͤrt, eine Verabredung getroffen haben. Um Ihnen jedes Zaudern zu erſparen, gebe ich Ihnen dieſes Kaͤſtchen mit Edelſteinen, die an Werth die Forderung Ihrer Mutter uͤberſteigen, und von welchen die Vortreffliche einen wohl zum An⸗ denken ihres Bruders behalten wird. Ich habe vergebens geſucht, baares Geld zu erhalten, obſchon ich zu voreilig es Ihnen verſprach. Deshalb ſah ich mich gezwungen, einen Theil des Nothſchatzes anzugreifen, den ich in Egyp⸗ ten mir geſammelt, und— nennen Sie mich geizig— wie Harpagon, in einem Winkel mei⸗ nes Gartens vergraben.“ Er drang dem Neffen, deſſen Beſchaͤmung wuchs, das reich gefuͤllte Käſtchen auf, und ſetzte mit alter militäriſcher Strenge bei: „Eine Bedingung nur muß ich mir aus⸗ 137 n bitten: nehmen Sie hier Abſchied von mir, oder auch nicht, nur betreten Sie mein Haus nicht mehr. Sie haben in meinem Heiligthume ge⸗ ſchlummert, in einem Zauberkreiſe von Hel⸗ denerinnerungen und Denkmaͤlern der Ehre; Sie haben geſehen, wie hoch ich das Kreuz der Ehre halte, wie theuer mir dieſer letzte hoͤchſte Schatz aus einer gluͤcklicheren Zeit ge⸗ blieben, und dennoch haben Sie mich durch Ihren Argwohn beleidigen koͤnnen! Dieſes Einzige kann ich Ihnen fuͤr jetzt nicht verge⸗ ben.— Aber— meiden Sie auch dieſes Haus. Hier haͤlt mein Sohn ſein werthvoll⸗ ſtes Kleinod verwahrt. Ob nun der Zufall, ob ein Streben nach dieſem Kleinod Sie hie⸗ her gebracht,— ich will's nicht unterſuchen, aber des Sohnes Ehre iſt auch die des Vaters, und— Sie verſtehen mich.“ Beauſire, erſchuͤttert und ehrfurchtsvoll, buͤckte ſich ſteif und mit niedergeſchlagenen Au⸗ gen, als ob er von einem Marſchalle Frank⸗ reichs eine verdiente Strafermahnung empfan⸗ 138 gen haͤtte. Ruſchuck hingegen, ſeines Ernſtes und Grolls vergeſſend, ſchloß den Neffen ploͤtz⸗ lich in die Arme, druͤckte auf gut Franzoͤſiſch mehrere Kuͤſſe auf ſeine Wangen, fluͤſterte ihm in die Ohren:„Sey tapfer, denke mein, und grße die Mutter!“ ſchuͤttelte ihm die Hand, und entfernte ſich raſch, ohne ſich umzuſehen, aber eine Perle der Wehmuth aus ſeinen Augen wiſchend. 5. Zur Abendzeit ſtarrte Beauſire, am Fuße eines Bollwerks gelagert, das uͤber die Stadt auf Meer und Hafen niederſah, in das Be⸗ cken des letztern, wo ein Schiff gerade beſchaͤf⸗ tigt ſchien, ſeine Fluͤgel zur weitern Reiſe zu richten. Das Schiff war der Franklin. Der Ofſizier ſollte darauf die Inſel verlaſſen, und man hatte ihm eine der ſpätern Abendſtunden beſtimmt, um auf dem Schiffe ſich einzufin⸗ den, weil es mit dem friſcheſten Morgenwinde in die hohe See zu ſteuern hatte. Sein Be⸗ ruf und die Pflicht des Gehorſams, wie die edlere Pflicht des Sohnes, riefen gebieteriſch den jungen Capitän uͤbers Meer nach der Hei⸗ 139 math; aber, mit trͤumeriſcher Gewalt ſchien ihn ein lebhafteres Gefuͤhl am Geſtade von Rhodos zurückhalten zu wollen: die Liebe zu Athanaſia, die doch nie die Seinige werden ſollte. Vergebens beſtrahlte daher mit ſchim⸗ merndem Golde die Sonne das Meer, deſſen leicht kraͤuſelnde Wellen eine glückliche Fahrt verhießen, vergebens ſpielte ein gunſtiger Wind mit den ſich blaͤhenden Segeln des Schiffs, und den Wimpeln der Freiheit: vergebens jauchzte die Schaar der amerikaniſchen Matro⸗ ſen während der anſtrengenden Arbeit, des glucklichſten Heimzugs gewaͤrtig. Beauſire's Gemuͤth blieb traurig, wie ſein Antlitz ernſt. Gleichgultig dachte er an den Augenblick, wo er im Vaterlande an's Ufer ſteigen wuͤrde; mit zerriſſenem Herzen jedoch der Stunde, der nahen, die ihn von dieſem Zaubereilande reiſ⸗ ſen ſollte. Sein Herz zu troͤſten bereitete ſich das Schickſal, und ſendete ihm einen Herold, zur Stunde, da er verzweifelte. Rockides kam durch das hohe Gras der Baſtionen auf den 140 Trübſinnigen zu. Kaum erwiederte dieſer den freundlichen Gruß des Griechen. „Ich weiß, was Ihnen Kummer macht,“ ſagte Rockides:„ſagte ich Ihnen jedoch nicht in Ruſchucks Garten, daß ich Ihnen Gluͤck zu bringen verſtehe? Gluͤck, mein Herr, denn nur ein Wort koſtet es Ihnen, und eine ſchwa⸗ che Belohnung fuͤr Ihren Diener, ſo verlaͤßt das ſchoͤnſte Weib, das je die Erde getragen, dieſe Inſel, ihren Kerker, an Ihrer Hand, in Ihrem Arm.“ „Wahnſinniger Schwaͤtzer!“ fuhr Beau⸗ ſire wild auf:„ſo gut Du mich im Hauſe Deines Vetters feig im Stiche ließeſt, ſo we⸗ nig vermagſt Du zu erfuͤllen, was Deine Zun⸗ ge ſpricht.“ „Es waͤre dennoch einer Probe werth. Mei⸗ ner eigenen Sicherheit wegen mußte ich ent⸗ ſpringen, mich verborgen halten. Doch ver⸗ kehre ich insgeheim mit Gregors Hauſe. Ich habe Athanaſia geſprochen, ſie in Thraͤnen ge⸗ funden, und die Urſache dieſes Weinens leicht⸗ 141 lich entdeckt. Der Gedanke, Sie ſcheidend zu wiſſen, bringt das Mädchen faſt um ihren Verſtand, und ſie iſt nicht zu retten, wenn ſie zurückbleibt. Dieſes Ihnen vorzutragen, verbunden mit dem Wunſch Athanaſia's, von Ihnen gerettet, durch Sie befreit zu werden, den ich Ihnen verkuͤnden ſoll, hat mich bewo— gen, Sie aufzuſuchen, trotz der Gefahr, die meinem eigenen Leibe droht.“ „Wie? Athanaſia ſelbſt riefe mich zu ih⸗ rer Befreiung auf? ſie hätte ſich entſchloſſen, endlich meiner Liebe nachzugeben, endlich die Sklavenketten zu zerreißen, die ſo unwuͤrdig ihre Haͤnde belaſten? Sie, die meiner Bitte ſo ſehr widerſtanden? Wie könnte ich ſaͤumen, ihr zu gehorchen, da ſie mit ihrem Wunſche zugleich mein hoͤchſtes Gluͤck ausſpricht? Aber wie ſoll es gelingen, durch die Riegel ihrer Haft zu brechen, die Luchsaugen des nieder⸗ trächtigen Schergen, der ſie hütet, zu blen⸗ den? Wie ſoll dies alles geſchehen im Raume weniger Viertelſtunden? Dort hat das Schiff 142 ſeine Segel ſchon geruͤſtet, ein ſchwacher An⸗ ker haͤlt es nur noch an dieſem Grund. Der guͤnſtige Wind wird mit jedem Augenblick er⸗ wartet: wenn mich die Kanone ruft, und Atha— naſia iſt nicht befreit,— um ſo troſtloſer iſt dann mein Geſchick!“ „Das ſey meine Sorge. Wo die Beute zur Entfuͤhrung einwilligt, iſt das Gelingen leicht, das Hinderniß nicht moͤglich. Aber frei⸗ lich, mit leeren Haͤnden darf ich's nicht begin⸗ nen. Ich habe der Sklaven Finger zu vergol⸗ den, die Maͤgde durch Geſchenke in den Schlaf zu lullen. Es bleibt mir vielleicht nichts uͤbrig, als die Beſtechung an dem Better ſelbſt zu verſuchen. Der Bitte waͤre er nimmer zugaͤng— lich, aber einer tuͤchtigen Goldboͤrſe vermag er nicht zu widerſtehen. Ich kenne ihn darauf. Sie haben, wie ich erfahren habe, von Ihrem Oheim großen Werth an Edelſteinen empfan⸗ gen. Der geringſte unter dieſen wuͤrde hinrei⸗ chen, unſerer Sache den guͤnſtigſten Erfolg zu ſichern. Vertrauen Sie mir, als dem Boten 143 von Athanaſia's Liebe, und wenn Sie es be⸗ fehlen, mache ich mich gleich an die Arbeit, dafür bürgend mit meinem Kopf.“ Beauſire jubelte in den Himmel hinein, und ſeine freigebige Hand wurde der Dollmet⸗ ſcher ſeiner Gefuͤhle. Rockides ward von ihm in Eid und Pflicht genommen, und gelobte, beim erſten Signalſchuſſe, den der Franklin geben wuͤrde, mit der ſchoͤnen Sktavin am Strande zu ſeyn, und ſie an Beauſire's Herz zu legen. Er entfernte ſich alſobald, laͤngs den Mauern gleich einer Eidechſe hinſchlupfend, und Beauſire konnte ebenfalls nicht laͤnger mehr an der Stelle ausdauern, die er bis jetzt ein⸗ genommen. Er ſtieg herab in die Stadt, be⸗ gruͤßte noch einmal, verborgen von der ein⸗ daͤmmernden Nacht, das feſt verſchloſſene Haus ſeines Oheims, rief ſeinem Renard, der mit ſeinen Habſeligkeiten im Hauſe des Conſuls wartete, und nahm von dieſem, den ein ploͤtz⸗ liches Fieber an das Bett gefeſſelt hielt, den herzlichſten Abſchied. Zwei Diener des Conſuls 144 geleiteten die Franzoſen an den Hafen. Dort angelangt, ſendete Beauſire ſie zuruͤck. Er und Renard warfen ſich auf den Stufen der Hafenbruſtwehr nieder, in der Gegend, wo das Boot ſich einfinden ſollte, beſtimmt, die Reiſenden an Bord zu bringen. Außer dem Geraͤuſch auf dem Amerikaner, war beinahe kein Laut rings um zu hoͤren. Auf Faͤſſern und Ballen ſchlummerten hin und wieder einige griechiſche oder arabiſche Laſttrager; die Zoll⸗ ſchildwachen ſaßen unfern unter ihrem leinenen Dache, und ſpielten zum Zeitvertreib mit Nuͤſ⸗ ſen oder Steinen; in der Caffeſchenke vernahm man nichts, als die pathetiſche Stimme des Erzaͤhlers, wie er von dem großen Kalifen Harun und ſeinem Weſſir den Zuhoͤrern berich⸗ tete. Der Himmel war dunkel, die Sterne blitzten ſchwach, aber elektriſch ſpruͤhte die Brandung des Meers in weißgelben Funken. Allzulangſam füͤr Beauſire's Wuͤnſche, allzu zoͤgernd fuͤr ſeine Ungeduld, und wieder allzu ſchnell fuͤr ſein Vorhaben trat der Mond an 3 den Bogen des Himmels. Wie die Augen⸗ 145 blicke ſchlichen! das Herz des Offiziers pochte ihnen langſam nach. Wie ſchnell dagegen auch die Zeit vergieng! vielleicht zu ſchnell, fuͤrch⸗ tete er, fuͤr den Plan, der in ſo kurzer Zeit entworfen, ſo raſch vollendet ſeyn mußte! Alle Pulſe Beauſire's klopften wieder unruhig to⸗ bend der jagenden Zeit nach. Endlich,— es waren einige Stunden vergangen,— endlich naͤherte ſich der entſcheidende Moment. Eine Laterne wurde ſchnell am Maſt des Amerika⸗ ners in die Hoͤhe gezogen: ein Paar raſche Pfiffe folgten dieſem Signal; der erſte Schuß— ein Zeichen der Einſchiffung für die Paſſagiere — bruͤllte uͤber den Hafen hin. Beauſire und Renard fuhren auf, und ſprangen die Stufen empor auf den Rand der Bruſtwehr. Beau⸗ ſire's Augen flogen uͤber den Strandplaß hin, um die Erwarteten zu erſpaͤhen. Aber wie ſchnuͤrte ſein Herz ſich zuſammen, als er den ganzen Strand vom hellſten Mondlicht über⸗ ſtrahlt ſah, und von Menſchen wimmelnd die Umgebungen deſſelben! Die Wachen liefen auf Spindler's ſämmtl. Werke. XIV. Sommermalven 1. 10 146 ihre Poſten, die aus dem Schlummer geweck⸗ ten Laſttraͤger waren auf den Beinen; die Schaar der Muͤßiggänger, von welchen die Caffeſchenken bevoͤlkert waren, traten unter den Eingang dieſer Häuſer, um ihre Neugier an den Bewegungen des ſegelfertigen Schiffes zu ergötzen. Wie ſollte Athanaſia unbemerkt zum Ufer gelangen? Wie konnte Beauſire hof⸗ fen, Rockides Liſt und guten Willen verwirk⸗ licht zu ſehen? Der Offizier zoͤgerte, verweilte, verwuͤnſchte ſein Schickſal, und hoffte noch immerdar. Die Zeit des Hoffens ging jedoch voruͤber. Der Ca⸗ pitaͤn des Amerikaners, umgeben von mehre— ren Befehlshabern anderer Fahrzeuge, kam vom Punſchnapfe, ſich auf ſein Schiff zu verfuͤgen. Er ſtieß auf Beauſire, erkannte ſeinen Mann, und forderte ihn auf gut Seemaͤnniſch auf, mit ihm an Bord zu ſteigen, indem mit dem erſten Fruͤhroth der Franklin den Hafen verlaſ⸗ ſen wuͤrde. Kein Straͤuben, kein Widerſtand half; troſtlos und niedergeſchlagen folgte Beau⸗ 147 n ſire ſeinem Fuͤhrer. Nirgends Rockides, nir⸗ gends Athanaſia zu ſehen. Wie in ſein Grab ſtieg er die Stufen an's Meer hinab, und heran rauſchte das Boot, bereit, ihn aufzunehmen. Da— gleichſam als waͤren ſie herausgeſtiegen aus den Fluthen,— gewahrte er Rockides, und eine Verſchleierte neben ihm in einem Kahne ſtehend, den der Grieche von der andern Seite des Hafens, leiſe und laͤngs den Mauern her⸗ angerudert hatte. Beauſire's Bruſt zuckte vor Freude; er ſchuttelte Rockides Hand. „Habe ich's recht gemacht?“ fluͤſterte dieſer, ſich zu ihm herabbeugend, und ein Ende des Schleiers aufhebend, worunter Athanaſia's Zuge, beglaͤnzt vom Mond, blendend wie er, aber auch ſo bleich, hervorſahen:„hier iſt das ver⸗ ſprochene Kleinod; ich habe mit Gregor ſelbſt unterhandeln muͤſſen; Alles was Sie mir ge⸗ geben, reichte hoch nicht hin; doch habe ich mich verbürgt, und hoffe, daß Sie meine Bürg⸗ ſchaft ehren werden.“ Der glückliche Offizier druͤckte dem Helfer, 10* M 148 ſo viel er noch an Goldesſchwere in ſeiner Ta⸗ ſche fuͤhrte, in die aufgeſpannten Finger, und ein wohlgefaͤlliges Lächeln des Griechen er⸗ kannte dankbar des Franzoſen Freigebigkeit. „Leben Sie wohl, und verlieren Sie keine Zeit!“ raunte Rockides ſeinem Goͤnner zu, in⸗ dem er Athanaſien mit raſchem Schwung in das Boot hob, wohin ihr Beauſire nebſt Re⸗ nard nachfolgten.„Wen bringen Sie da?“ fragte der Capitan des Schiffes verwundert, als er ein Frauenzimmer in feinen Shawls un⸗ ter der rohen Schiffsmannſchaft erblickte.„Eine Ungluͤckliche, Capitaͤn;“ erwiederte Beauſire mit Vertrauen:„ſie ſucht die Freiheit nach lan⸗ ger Haft, und ein Sohn der freien Staaten Amerika's wird ihr ſeinen Beiſtand nicht ver⸗ ſagen.“ Der Schiffsherr, von Punſch begeiſtert, und leicht gewonnen durch das treuherzige Beneh⸗ men des Franzoſen, machte keine Einwendung. Er ließ Athanaſien mit moglichſter Sorgfalt auf das Schiff bringen, und wies ihr die fuͤr 149 Beauſire bedungene Cajuͤte an, wo der Fran⸗ zoſe ſie ehrfurchtsvoll ihren Betrachtungen und dem Schweigen uberließ, das ſie, ſeitdem ſie mit Beauſire neuerdings zuſammengetroffen war, nicht gebrochen hatte. Die wenigen Nachtſtunden vergingen dem jungen Offizier bald im Gewühle ſeiner Ge⸗ danken. Die große Stille, die rund um den Hafen herrſchte, verbuͤrgte ihm mit ſeiner koſt⸗ baren Beute ein ſicheres Entkommen; aber, wie es zu geſchehen pflegt, daß Menſchen, von einem ploͤtzlichen Entſchluß uͤberwaͤltigt, erſt nach deſſen Ausfuͤhrung die Zukunft in Be⸗ tracht nehmen, ſo faßte auch Beauſire jetzt erſt ſeine Wiederkehr nach Frankreich ins Auge, und Alles, was ihn dort unter ſeinen jetzigen Verhaͤltniſſen erwarten moͤchte. Armandinen's Bild ſtellte ſich ihm drohend dar: weinend und beſorgt die geliebte Mutter; traurig und ver⸗ laſſen Athanaſia, deren Schickſal er ſo leicht auf ſeine Schultern genommen hatte. Was ſollte aus dieſer Ungluͤcklichen werden, wenn 150* ſie nicht ihres Retters Gattin wuͤrde? und durfte ſie dieſen Rang einnehmen, ſo lange noch Ar⸗ mandine einen Anſpruch auf Beauſire's Herz beſaß? Es war undenkbar, daß die Braut in Frankreich Athanaſien gleich einer Schweſter aufnehmen wuͤrde; dieſer Hoffnung widerſprach das gluͤhende Blut des Suͤdens. Der Capitän fuͤhlte auch wohl im Innerſten, daß es fuͤr ſeine eigene Ruhe beſſer ſeyn wuͤrde, wenn Athanaſia, da ſie nicht mit den unaufloͤslichſten Banden an ihn geknuͤpft werden konnte, auch nicht ſein Haus bewohnte. Was aber dann? ſollte er ſie uͤber das Meer gefuͤhrt haben, un⸗ ter truͤgeriſchen Vorſpiegelungen, um ſie dann dem Mitleide zu empfehlen? auf der andern Seite,— hatte Armandine nicht ſein Wort, und die Mutter nicht die Ausſicht auf eine Verbindung ihres Sohnes, wie ſie dieſelbe ſchon laͤngſt gewuͤnſcht?— Er verlor ſich in dieſen Zweifeln; es war Morgen geworden, und das Schiff hatte ſich ſchon majeſtaͤtiſch in die offene See bewegt, als Beauſire, noch immer 151 traͤumend, auf eine Kanone geſtuͤtzt, ſein Schick⸗ ſal überlegte. Das frohliche Geſchrei der Ma⸗ troſen, und die Regſamkeit, die auf dem Fahr⸗ zeug herrſchte, erheiterten ihn. Sein Herz wurde hell durch die Strahlen der aufſteigen⸗ den Sonne, hell wie die Flaͤche des Meeres. So wie Alles freundlicher um ihn ſich geſtal⸗ tete, ſo fehlte auch die freundlichſte Geſtalt nicht in dem Bilde, welches ſeine Einbildungskraft ſich erſchuf. Ihn geluͤſtete, nach ſeiner ſchoͤnen Schutzbefohlenen zu ſehen, und er ſchlug raſch den Weg nach der Cajüte ein. Leiſe oͤffnete er die Thuͤre, geräuſchlos lauſchte er durch die Spalte: Athanaſia ſaß auf dem Ruhelager, vollig angekleidet, hatte die Hände im Schooß gefaltet, und betete laut. Zufaͤllig fiel ihr Auge auf die Thuͤre, und da ſie des jungen Mannes gewahrte, ſchwieg ſie ploͤtzlich, jedoch vor ſich hinſtarrend, und kein Blick, weder der Freude, noch der Ueberraſchung, flog dem Juͤnglinge entgegen. Mit ſchmeichelnden Worten und lie⸗ bevollen Geberden naͤherte ſich ihr Beauſire: er redete ſanft zu ihr, wie man zu einem ge⸗ liebten Kinde redet, er ſagte ihr Worte der Liebe, wie nur das feurigſte Herz ſie erſinnt, — nichts vermochte Athanaſien ihrem räthſel⸗ haften Schweigen zu entreißen. „Der ſchnelle Umſchwung Deiner Lage hat Dich beſturzt,“ ſagte der Offizier mit aller Milde: „ſieh mich doch an!“ Die Jungfrau that es. Aber, kalt wie ihre Zuͤge blieb ihr Auge.„Du biſt ſo auffal⸗ lend veraͤndert,“ fuhr Beauſire zaͤrtlich fort, „und ich wage nicht, Deine Stimmung zu deuten. Kein Wort, kaum ein Blick fuͤr mich? beengt vielleicht dieſer Aufenthalt Deine Bruſt? ſchreckt Dich vielleicht dieſe unfreundliche, ſchmuckloſe Kammer, die jedoch mir reizender vorkommt, als der ſchoͤnſte Prunkſaal, weil Du ſie ſchmuͤckeſt? ſo komm' hinaus in's Freie! auf dem Verdeck weht eine reine Himmelsluft, und ſo weit das Auge reicht, ſieht man nur Sonnengold und das liebliche Gruͤn der Flu⸗ then. Komm mit mir!“ 153 Schweigend erhob ſich Athanaſia, und folgte der Aufforderung ihres Freundes. In einem einſamen Winkel des Verdecks, dicht an der niedrigen Bruſtwehr, die, aus Tauen gefloch⸗ ten, um das ganze Schiff laͤuft, bereitete Beau⸗ ſire ſeiner Begleiterin einen bequemen Sitz, und nahm Platz neben ihr; mit zitternden Haͤn⸗ den und klopfendem Herzen jedoch, weil ſie noch immer das unheimliche Schweigen beibe— hielt. „Um Gotteswillen, meine Athanaſia, ſo laſſe mich nur einen Laut von Deinen Lip⸗ pen hoͤren!“ bat Beauſire dringend:„Du ſitzeſt neben mir, wie ein Bild von Stein, moͤchte ich ſagen, wenn nicht Dein unruhiges Athem⸗ holen mir das Leben in Deiner Bruſt verriethe. Was deutet aber dieſes Benehmen? mit inne⸗ rem Schauder erinnere ich mich eines Maͤhr⸗ chens meiner Kindheit, worinnen ein Ritters⸗ mann ſeine Geliebte zu entfuͤhren glaubt, und mit Grauſen gewahrt, daß ein Geſpenſt ſich an ihn gefeſſelt. Marmorbleich und kalt wie Mar⸗ 154 mor iſt Dein Geſicht, ſind Deine Haͤnde. Dieſe Augen, die herrlichen, die ſo truͤbe ſchauen, muͤßten in Thraͤnen ſchwimmen, wenn ſie in dieſem blaſſen Antlitz jetzo Leben verrathen ſoll⸗ ten. Rede, mein Kind. Entreiſſe mich der Pein der Erwartung, der Ungewißheit. Bei meiner Liebe, bei den Hoffnungen jenes Stran⸗ des, wohin ich Dich fuͤhre, beſchwoͤre ich Dich, ſprich! erloͤſe mich von den Ketten des Dämons, der ſich meiner bemaͤchtigt!“ Athanaſia ſah ihn lange, gleichwie pruͤfend an. Beauſire wußte nicht, ob Verachtung oder Kummer, oder ein Reſt von ruͤhrender 3 Liebe aus dieſem Blicke ſprach. Die Griechin ließ ihm nicht Zeit, ſich eine deutlichere Erklä— rung zu erbitten, denn ſie zog pfeilſchnell ihre Hand aus der ſeinigen, erhob ſich, gleich einer Goͤttin, zog ihren Schleier feſt zuſammen, und ſtuͤrzte ſich uͤber das Gelaͤnder in's Meer.— Beauſire ſtieß einen lauten Schrei aus, und ſeine erſte Bewegung war, der Ungluͤcklichen in das Wellengrab zu folgen; da fuͤhlte er ſich 3 155 bei der Schulter zuruͤckgehalten: der Capitaͤn des Schiffes ſtand bei ihm, und rief:„Seyd Ihr toll, junger Kamerad? wollt Ihr Euch mit der Naͤrrin in's Meer begraben? Seht Ihr nicht, daß ſchon zwei meiner Raben hinabflie⸗ gen, um die ſchwaͤrmeriſche Taube zu retten? uͤberlaßt den Jungen das Geſchaͤft, ſie ſind geübter darin, als Ihr.“ Zwei ruͤſtige Matroſen hatten ſich in die Wellen geſtuͤrzt, und noch zur rechten Zeit die vom Waſſer emporgetriebenen Gewaͤnder Atha⸗ naſiens erfaßt, um die vom Fall Betäubte der Stroͤmung zu entreiſſen, die ſie unfehlbar un⸗ ter den Kiel des Schiffes, ſomit in das Ver⸗ derben gezogen haͤtte. Ein Boot, das ſchnell herabgelaſſen wurde, unterſtuͤtzte die Bemuͤhun⸗ gen der wackern Seeleute; die ihrer Sinne be— raubte Griechin wurde an Bord gebracht, und wie verzweifelnd warf ſich Beauſire uͤber die entſeelt Scheinende. Nur die Verſicherungen des Wundarztes, daß ſie noch athme, daß ſie 156 AM folglich wieder zum Leben erwachen wuͤrde, tro⸗ ſteten den Betruͤbten. 6. Er ſaß an ihrem Lager. Sie war dem Be⸗ wußtſeyn wieder geſchenkt, und in Folge der Ermattung waren Thränen in ihre Augen ge— kommen, die ihre Erſtarrung vollig gelost hat⸗ ten. Sie hielt Beauſire's Hand feſt zwiſchen ihre Finger gedruͤckt, ſie blickte ihn freundlich an, obſchon durch einen Schleier von Zaͤhren. Sie verwunderte ſich, noch unter den Leben⸗ den zu ſeyn. Da faßte Beauſire Muth, ſie zu fragen, warum ſie den Verſuch gemacht, ſich das Leben zu nehmen, und ihm zu gleicher Zeit? Athanaſia erwiederte:„Du haſt mir kein gutes Geſchenk mit dem neuen Leben gemacht, mein Freund. In der kuͤhlen Fluth war mir wohl; ich begrub darin mein Elend und das gramvolle Gefuͤhl meiner Seele. Nun ich wie⸗ der an den Tag gezogen, vermag ich nicht mehr Dir zu verheimlichen, was mich zu je⸗ 157 nem Schritt aufgefordert: meine Liebe zu Dir, und das Bewußtſeyn der unheilbaren Wunde, die Du meinem Herzen zu geben im Begriff biſt.“ Beauſire horchte mit ſteigender Befremdung. Athanaſia fuhr fort:„Als ich Dich zum er⸗ ſtenmale ſah, im Geleite meines Herrn, als ich von Dir ſchied, um in meinen Kerker zu⸗ ruͤck zu gehen, da glaubte ich an Deine Liebe, da zog ich Dich jedem andern Manne vor, da freute ich mich Deiner Theilnahme, und wenn ich gleich, von Dir gehend, fuͤrchten mußte, Dich nie wieder zu ſehen, ſo war doch die Furcht ferne von mir, Dich einſt als meinen Feind wieder zu finden. Und biſt Du nicht ein ſolcher, weil Du mich aus Gregor's Hauſe, von der Erwartung einer großen Schmach nur befreiſt, um mich meiner alten Sclaverei zu uͤberliefern? ich traute meinen Sinnen kaum, als Rockides mir's berichtete. Aber Deiner Liebe hatte ich mich im Stillen ergeben; ich batte in meiner Einſamkeit zu meinem Schutz⸗ N 158 heiligen geſchworen, allem Folge zu leiſten, was Du mir je befehlen wuͤrdeſt. Doch glaube nicht, daß Du mich lebendig in Haleb's Arme bringen wirſt. Du haſt mich den Begriff von Freiheit kennen gelehrt, und ich will nicht un⸗ ter das Joch des Siegers, unter die ſchmäh— liche Dienſtbarkeit zuruͤckkehren.“ „Ich will keinen Theil an den Guͤtern die⸗ ſes Lebens haben, wenn ich Deine Rede faſſe,“ erwiederte Beauſire ängſtlich:„erkläre Dich deutlicher. Ich wittere eine Luͤge des ſchlauen Rockides.“ „Wenn es eine Luge waͤre!“ ſagte Athana⸗ ſia mit hellem, auf Beauſire gerichtetem Auge: 3 „ich will Dir ſagen, was ſich Alles begab. Ich hatte einen Tag lang troſtlos geweint, ich glaubte Dich im Kerker. Gregor und ſein Weib behandelten mich fuͤrchterlich. Ich hoffte nicht auf Rettung, und betete nur fuͤr Dein Wohl. Da ſchlich ſich geſtern Abend Rockides verſtoh⸗ len in das Haus, traf mich allein, entdeckte mir, daß Du frei geworden, daß aber Gregor VNd 159* den ſchaͤndlichen Entſchluß gefaßt, mich an den Statthalter zu verkaufen. Ich bebte vor dieſer 1 Drohung zuruͤck, vor dem ſcheußlichen Bilde der groͤßten Schande. Dieſer zu entfliehen, ſchlug mir Rockides ein Mittel vor: die Flucht, die Flucht mit Dir. Ich zitterte, nicht fur . mich, aber fuͤr Dich, weil Haleb's und Ru⸗ ſchuck's Rache Dich verfolgen, und jenſeits aller Meere treffen würde, da ſie maͤchtige und gefüͤrchtete Leute ſind. Da ſagte mir Rockides, um meine Zweifel zu beruhigen, daß Du ent⸗ ſchloſſen ſeyeſt, mich nach dem BVaterlande in Haleb's Haͤnde zurüͤckzubringen. Dieſe Nach⸗ richt war mir ein Donnerſchlag; durch Dich an Haleb geliefert zu werden, hatte ich nicht er⸗ wartet. Obgleich jedoch mein Herz blutete, blieb keine andere Wahl; ehe ich mich in des Statthalters Klauen werfen ließ, wie Gregor's Geiz es beabſichtigte, trotz dem Vertrauen, das ihm Haleb geſchenkt, wollte ich mich lieber zu dieſem Letztern zuruckfuhren laſſen, und, von Dir dahin geleitet, deſſen Liebe mich betrogen, 6 160 den Kelch des Leidens bis auf die Neige lee⸗ ren. Ich ergab mich in mein Schickſal, Rocki⸗ des gieng, und kam erſt am verwichenen Abend wieder, nicht wie ein Dieb jedoch, ſondern wie ein Freund des Hauſes; als ob zwiſchen ihm und Gregor nichts vorgefallen waͤre. „Er brachte Wein mit ſich, ſprach von ſeiner nahen Abreiſe von Rhodos, und wie nun ſein Better fernerhin ſich nicht vor ihm zu fuͤrchten haben wuͤrde. Gregor und die Familie tranken mit ihm, und ich entſchlummerte in dem Ne⸗ bengemach, von Muͤdigkeit erſchoͤpft. Da fuͤhlte ich mich geweckt. Rockides ſtand vor mir, und vefahl mir, aufzuſtehen, und ihm zu folgen; die Zeit der Rettung ſey da, und das Schiff, vereit mich zu entführen, lichte ſchon die An⸗ ker. Wie erſtaunte ich, als ich, ihm durch die Stube folgend, Gregor mit all den Seinen in feſtem Schlafe liegen ſah, nicht minder die Knechte des Hauſes auf den Treppen und in der Flur. Rockides eroffnete die Thuͤre mit einem Schluͤſſel, den er von Gregor's Guͤrtel 161 K genommen hatte, und zog mich raſch mit ſich fort zum Hafen und in den Kahn, der mich zu Dir, an dieſes fremde Schiff brachte, zu Dir, mein geliebter, aber truͤgeriſcher Freund! zu Dir, der, meiner Liebe Hohn ſprechend, mich verwirft, und in die Feſſeln zuruͤckgibt! Ich wollte Dir Vorwuͤrfe machen, ich wollte zu Deinen Fuͤßen klagen; aber die Fremdheit des neuen Lebens und Treibens um mich her, das niederſchlagende Bewußtſeyn meiner Ver⸗ laſſenheit unter dieſen fremden Maͤnnern, und der Kummer, den mir Deine Liebkoſungen ein⸗ floßten, weil ich ſie füͤrerheuchelt halten mußte, ſchlugen meine Zunge gebieteriſch in Bande. Ich fand keine Worte mehr, ſo wie mein Auge keine Thraͤnen, und ſchaudernd ſah ich den Tag aufſteigen, der mir vielleicht die Kuͤſten des verwuͤſteten Vaterlandes enthuͤllen ſollte Ploͤtz⸗ lich ergriff mich der Gedanke, es ſeye ruͤhmli⸗ cher, des Meeres Beute zu werden, als eines harten Siegers, und hier, gleich fern von dem Geſtade, wo der Paſcha mich für ſeinen Ha⸗ Spindler's ſämmtl. Werke. XIV. Sommermalven. 1 11 162 rem kaufen wollte, und von jenem, wo Haleb ſein blutiges Schwert ſchwingt, hier, vor Dei⸗ nen Augen, Du Grauſamer, Dir zum Vor⸗ wurf wollte ich enden!“ „Und haͤtteſt Dich und mich, den Verzwei⸗ felnden, einer Luͤge aufgeopfert!“ brach Beau⸗ ſire in gerechtem, unwilligem Schmerz aus: „Rockides hat Dich und mich getaͤuſcht. Nach meiner Heimath will ich Dich bringen, wo Du frei ſeyn ſollſt, wie ich, wo ich, im Anſchauen Deines Gluͤckes verſunken, vergeſſen will, daß ich das Vertrauen eines freundlichen Vetters täuſchte! jedoch, wo Deine Noth gebot, durfte mich keine andere Ruͤckſicht zuruͤckhalten. Rocki⸗ des iſt ein ſchaͤndlicher Menſch, wenn gleich Dein unmittelbarer Befreier. Er hat mich um Gold betrogen, Dich, um Deine Zweifel zu beſchwichtigen, in ſchwere Pein verſetzt. Doch, Gold laͤßt ſich wieder erringen, Dein Schmerz waͤre verſchwunden beim erſten Worte des Freun⸗ des, wenn Du in groͤßerem Vertrauen Dich an ihn gewendet haͤtteſt; der Getaͤuſchteſte iſt in⸗ — deſſen auf Rhodos zuruͤckgeblieben: ihm galt eigentlich des verrätheriſchen Rockides Streich; dem Gregor koſtet's den Kopf, weil er das an⸗ vertraute Kleinod unvorſichtig preisgegeben; nicht Ruſchuck's Stolz, noch Haleb's Leiden⸗ ſchaft, werden dem Ungluͤcklichen den Tod er⸗ ſparen, und dieſen Tod wollte ſein ſchaͤnd⸗ licher Vetter!“. Athanaſia nahm mit Vergnugen die Recht⸗ fertigung ihres Freundes an. Niemals hat eine wahrhaft Liebende immer gezuͤrnt. Aber auch in Beauſire's Seele war eine große Veraͤnderung vorgegangen. Kein Zwei⸗ fel mehr in ſeinen Vorſätzen; hell und klar ſprach ſeines Herzens Stimme: Armandine, die Eitle, die der Huldigungen Gewohnte, hat nie fuͤr dich empfunden, wie Athanaſia! Die aus den Wellen Gerettete iſt allein werth, deine Gattin zu ſeyn, und ihr Beſitz nur verſpricht dir ein dauerhaftes Gluͤck! Vergeſſen waren die Leiden der verfloſſenen Stunden, vergeſſen des Ren ei 164 heit, vergeſſen ſogar das unſchuldige Opfer, das er ſich auf Rhodos bereitet: nur das Gefuhl der innigſten Zuneigung erfuͤllte, erhob, be⸗ gluckte Beauſire's und Athanaſia's Bruſt. In traulichem Geſchwaͤtze gieng der Tag dahin; Beauſire malte der Geliebten die Bilder einer herrlichen Zukunft auf Frankreichs Kuͤſte; Atha⸗ naſia betheuerte ihm tauſendmal, daß ſie ihn nur liebe, daß ſie jetzt erſt das Leben begreife, jetzt erſt das Leben wuͤnſche, und mit freudi⸗ ger We twuh gerne das Vaterland und die Ihrigen vetgeſſen wolle, um ihm, dem Theu⸗ ren zu folgen. BVielleicht ſchwamm noch nie auf dem ungetreuen Ruͤcken der See ein zu⸗ friedenere Paar; vielleicht hat noch nie ein Meerespilger ſich ſo wenig nach dem feſten Lande geſehnt, als dieſes Paar; in dem engen hoͤlzernen Hauſe fand es ſich ſo ſtill und trau⸗ lich, daß die unſichtbaren Geiſter der Fluthen und der Luͤfte ſich eines geheimen grollenden Neides nicht erwehren konnten. Die Tückiſchen * konnten es nicht leiden, daß ein reines, ewig dd 5 65 Nd dauerndes Gluͤck ungeſtraft durch ihr Reich fahren ſollte, ohne ihre Macht zu fuͤrchten, und den gebuͤhrenden Zoll zu entrichten. Darum zogen ſich im Weſten finſtere Wolken zuſam⸗ men, darum wurde grau und unheimlich wo— gend das gruͤne, ſtille Meer; darum heulte der Wind wie ein drohendes Wetterhorn, von ei⸗ nem Punkte des Horizonts zum andern ſprin⸗ gend, über die Fluth und durch die Himmel. Ein prachtvolles Gewitter entleerte ſeinen Zorn auf das im Wogendrange ſchaukelnde Schiff; in ſeinem Gefolge brach der Sturm los, und drohte mit der allergrößten Gefahr. Das Wi⸗ derſtreben der geubten Schiffsmannſchaft ver⸗ mochte nicht die Gewalt der Elemente zu bre⸗ chen, und der Franklin flog trotz der Geſchick⸗ lichkeit ſeiner Füͤhrer weit aus der vorgezeich⸗ neten Bahn in andere Gewäſſer und Stroͤmun⸗ gen, wo er keinen Gefaͤhrten fand, als gerade wieder den Sturm. Mehrere Tage dauerte die⸗ ſer verzweifelte Zuſtand; das Schiff war uͤbel zugerichtet und ganz aus ſeiner Richtung ge⸗ 166 kommen. Die Mannſchaft ſah voraus, daß es an irgend einem Felſen zerſchellen wuͤrde, und den Tod vereint zu finden, war Athanaſia's und Beauſire's letzte Hoffnung geblieben. Da ſchwiegen die Stuͤrme, zum Thal wurden wie⸗ der die grimmigen Fluthenberge, die Wolken zerriſſen, und aus dem Frieden der ſtill gewor⸗ denen Nacht gebar ſich ein ſchoͤn ſtrahlender Morgen. Das Schiff, faſt aller ſeiner Maſten veraubt, einem Wrack nicht unaͤhnlich, glitt wie ermattet uͤber die Spiegelebene: da zeigen ſich von ferne viele Maſtenſpitzen am Horizont, und wie ſie herankommen, zur Rechten und Linken, entfalten ſich blinkende Segel, bunte Wimpeln, und wohlbekannte Flaggen in der Luft. Eine Flotte ſchwimmt daher, in maje⸗ ſtätiſcher Stille, und weit ausgedehnt, um⸗ giebt ihr Halbzirkel das amerikaniſche Schiff. Frankreichs Farbe leuchtet von den Pavillons; die Lilien glaͤnzen golden hernieder; franzoͤſi⸗ ſche Uniformen, blitzende Gewehre, werden auf den Verdecken ſichtbar; in franzoͤſiſcher Sprache 167„ wird vom vorausſtreifenden Kutter der Ameri⸗ kaner angerufen. Beauſire's Herz huͤpfte hoch vor Freude. Er umarmte mit Herzlichkeit den ihm unbekannten Offizier, der in einer Scha⸗ luppe mit einer Patrouille heranrudert, um das fremde Schiff zu durchſuchen. Fragen fol⸗ gen auf Fragen, kaum vermag der franzoͤſiſche Seeoffizier alle zu beantworten: Frankreichs Flotte iſt die Herannahende, nach Morea ſe⸗ gelt ſie, um Griechenland zu befreien, Beau⸗ ſire's Regiment befindet ſich bei der Erpedition, und die Pflicht der Ehre ruft ihn alſo auf ſei⸗ nen Poſten, in die Schwadronen ſeiner Waf⸗ ₰ fengefahrten. Entzuͤckt vernimmt er die Kunde, 3 doch im naͤchſten Augenblick erliegt ſeine Freude. Er blickt auf Athanaſia, er erklaͤrt ihr, zoͤgernd aber redlich, was ihm zu thun obliege, nach den Geſetzen ſeines Standes, nach dem Wun⸗ ſche ſeines eigenen Muthes. Er bietet ihr an, ſie auf dem Amerikaner ihre Reiſe nach Frank⸗ reich fortſeen zu laſſen, ihr einen Brief an ſeine Mutter mitzugeben, dem ſie die beſte Auf⸗ N 168 2 nahme in dem Hauſe derſelben verdanken werde. Athanaſia ſchlaͤgt dieß Anerbieten aus.„Lebe ich nicht fuͤr Dich?“ fragte das hochherzige Maͤdchen:„lebe ich nicht nur allein in Dir? ich finde keine Freunde, keine Heimath, keinen Frieden, wo Du nicht biſt. Unaufloslich habe ich mich an Dich gebunden. Ich ſcheue auch den Tod nicht an Deiner Seite. Sende Dei⸗ ner Mutter das Gold, deſſen ſie bedarf, aber mich laß' bei Dir. Befiehl, daß man mir maͤnn⸗ liche Kleider reiche, und ich will auf dem Schutthaufen meines Geburtslandes nicht von Dir weichen; nicht im Siege, nicht im Tode!“ Wenige Tage waren ſeit der Landung der, Franzoſen an der Kuͤſte der griechiſchen Halb⸗ inſel verſtoſſen. Das Lager der Truppen, zu Petalidi, auf den Gebeinen der bei Navarin Gebliebenen errichtet, bot einen ſeltſamen An⸗ vlick dar, aus ſchlechten zerſtreuten Baracken und wenigen Zelten beſtehend. Die Soldaten, N 169 noch befangen von dem neuen Schauſpiel, das ſich vor ihnen entfaltet hatte, begriffen noch kaum ihre Stellung; die meiſten hatten Schlacht⸗ gedanken und kriegeriſche Erwartungen mit ſich gebracht; die Gebildeten die Hoffnung, ein be⸗ zauberndes Land zu finden, beruͤhmt einſt durch die Großthaten unſterblicher Helden, und faͤhig, dem neugierigen Volke der Franzoſen die Wun⸗ der der tauſend Naͤchte wieder auf's lebhafteſte vor die Erinnerung zu fuͤhren. Alle dieſe Er⸗ wartungen waren getäuſcht. Der Kriegsluſtige fand hier eine dumpfe Ruhe, die er nicht ge⸗ traͤumt; der Romantiſche ein von allen Schaͤtzen der Wirklichkeit und der Einbildungskraft ent⸗ kleidetes Geſtade; keine feindlich widerſtrebende Tuͤrken, aber auch keine griechiſche Weichlich⸗ keit, kein orientaliſcher Zauber, kein wunder⸗ bares Abenteuer. Der Boden ſogar ſchien ein anderer geworden zu ſeyn, als ihn die Fran⸗ zoſen aus Barthelemy's Anacharſis kannten. Vergebens ſuchten ſie an den Ufern des heili⸗ gen Griechenlands die Truͤmmer ſeiner erhabe⸗ 170 nen Baukunſt, vergebens die geweihten Baͤume der Pallas und die Myrthe der Goͤttin der Schoͤnheit. Weit hinein ins Land, ſo weit die erſten Patrouillen des Heeres drangen, lag das Feld wuͤſt; keine Huͤtte weit und breit; kein kuͤhles Schattendach unterm Laube der Baͤume. Die Wohnungen waren zerſtoͤrt durch den blutigen Krieg, und die Waͤlder des Oels verbrannt durch die egyptiſche Fackel. Hatte der Padiſchah befohlen, ihm die Aſche von Grie⸗ chenland zu bringen, ſo war ſein Geheiß auch getreulich erfuͤllt worden, ſo weit das Auge der Kommenden reichte. Beauſire, obgleich durch ſeine Reiſen im Orient bekannter gewor⸗ den mit dem Verfahren tuͤrkiſcher Herrſchaft, blickte dennoch truͤbe und ſtaunend vor Entſetzen uͤber das große Feld der Verwuͤſtung. Das Geſchaͤft ſeines Dienſtes ließ ihm leider Zeit ge⸗ nug, ſeinem Mißbehagen nachzuhaͤngen, und den groͤßten Theil dieſer Muße vertraͤumte er in Athanaſiens Naͤhe. Dieſe Theilnahme erre⸗ gende Griechin war von den Damen Dalgin 171 und Beraud, einem Schweſterpaar von ſelte⸗ nem Muth, das ſeinen Gatten, Staabsoffizie⸗ ren der Erpedition, uͤber das Meer gefolgt war, mit liebevoller Freundſchaft aufgenommen wor⸗ den, und bewohnte mit ihnen ein ziemlich be⸗ quemes Zelt unfern vom Strande, beſchuͤtzt von einigen Kanonierſchaluppen, die da vor Anker lagen. Athanaſia theilte die Wehmuth ihres Freundes, und beſchrieb ihm das Innere des Landes, wie es von ſechsjaͤhrigem Kriege durchwuͤhlt und zerriſſen worden, mit erſchüt⸗ ternder Wahrheit. Dagegen vereinigte Beau⸗ ſire, zugleich mit den gaſtfreundlichen Beſchutze⸗ rinnen des Maͤdchens, ſein Mitleid mit ihren Klagen um ihre ungluͤcklichen verlaſſenen El— tern, von denen ſie keine Nachricht zu erhalten hoffen konnte. Es hatten ſich wohl Griechen im franzoͤſiſchen Lager eingefunden, um Le⸗ bensmittel zu verkaufen, aber kein einziger wußte von dem alten Michali zu ſagen. Beau⸗ ſire, der die geringſten Nahrungsmittel fuͤr un⸗ erhoͤrte Preiſe einkaufte, um ſeine Geliebte 172 nicht Mangel leiden zu laſſen, haͤtte gerne den allerhoͤchſten Preis fuͤr eine Nachricht hingege⸗ ben, die Athanaſiens Herz beruhigt haͤtte. Auf Frankreichs Kuͤſte haͤtte Athanaſia wohl leichter von dem Schickſale ihrer Angehoͤrigen gedacht; aber hier, im Angeſichte der Gebirge, welche ihr Geburtsdorf, das Haus ihrer Vaͤter in ihrem Schvoß bargen, ſtieg die Sehnſucht des Maͤdchens ploͤtzlich zu der Hoͤhe eines unuͤber⸗ windlichen Heimwehs. Dieſes Verlangen ver⸗ mehrte ſich noch, als der Tuͤrkenfreſſer Nikitas im Gefolge des Praͤſidenten von Griechenland unter den franzoͤſiſchen Truppen erſchien. Mi— chali hatte unter ſeinen Kriegern gedient; der Klephte erkannte die Tochter ſeines Tapfern. Sie forſchte bebend nach dem Leben oder dem Tode ihres Vaters: Nikitas beſtaͤtigte das Erſte: ſetzte hinzu, daß in dieſem Augenblicke, ſeinem Wiſſen zu Folge, Michali ſich ins Gebirg ge⸗ zogen, um raͤuberiſche Albaneſer aufzuheben, die in den Huͤtten der dahin gefluͤchteten Grie⸗ chen Brand und Tod verbreiteten. NNd 173 „Deine Mutter, Deine Schweſter, leben dort, wenige Stunden Wegs von hier ent⸗ fernt, in einer kleinen Gemeinde, unter dem Schutze eines muthigen Primaten, deſſen Vor⸗ ſicht fuͤr ſeine Untergebenen einen Schlupfwin⸗ kel bereitet, wohin bis jetzt noch kein Feind 36 drungen iſt.“ Dieſe Worte des muthigen Griechenfuͤhrers wirkten mit unnennbarem Zauber auf Athana⸗ ſia. Ihre Eltern ihr ſo nah! Alles, was ihr noch im Vaterlande theuer verblieben, nur we⸗ nige Stunden von ihr entfernt! ſtuͤrmiſch be⸗ gehrte ihr Herz die Lieben wieder zu ſehen, ein einzig mal noch ſie zu umarmen, ehe der fremde Mann, dem ſie ſich geweiht, ſie von dannen fuͤhrte, in ſeine ſchoͤnere Heimath. Ueberwallend von Gefuͤhl ſprachen ihre Lippen dieſen Wunſch gegen Nikitas aus: der tapfere Mann billigte ihn. iDar Augenblick iſt guͤnſtig,“ ſagte er:„die Landung unſerer wackeren Freunde aus Frank⸗ reich hat ohne Zweifel die egyptiſchen Banden 174 hinter die Walle ihrer Feſtungen zuruͤckgejagt. Wohlbewaffnete griechiſche Patrouillen durch⸗ ſtreifen das Gebirge. Ein Leichtes ſcheint mir, beherzte Tochter meines alten Freundes Mi⸗ chali, Dein Vorſatz. Wenn Du es wuͤnſcheſt, gebe ich Dir einige von meinen Palikaren zum Geleite mit, und ehe noch der Abend herab⸗ ſinkt, liegſt Du in den Armen Deiner Mutter, Deiner Geſchwiſter.“ Freudetrunken ſah Athanaſia nach den blauen Gebirgen, wendete dann den fragenden Blick nach dem Freunde ihres Herzens und las Ge⸗ waͤhrung in ſeinem Auge. „Nicht nur genehmige ich,“ ſprach er,„was Deine Kindespflicht Dir befiehlt, ſondern ich will der Erſte ſeyn, der Dich auf jenem Pfade fuhrt und ſchuͤtzt, wenn der Befehlshaber mir die Bitte um den kurzen Urlaub gewaͤhrt.“ Der wuͤrdige Marquis Maiſon erlaubte ohne viele Schwierigkeit dem jungen Reiteroffizier, dem die Unthaͤtigkeit ſchon lange zur Laſt ge⸗ weſen, was er begehrte. Doch ſollte er zuruͤck 175* ſeyn, ehe noch das dritte Morgenroth am Him⸗ mel aufſtiege.— Die ungeſtuͤme Liebe, die heftige Begierde, allen Wuͤnſchen Athanaſien's zu entſprechen, bewog Beauſire leichtlich zu der Zuſage, die man von ihm verlangte. Noch an demſelben Tage hob er ſeine Schoͤne auf den Ruͤcken eines ſanften Pferdes, winkte ſei⸗ nem treuen Renard und den ruſtigen Palika⸗ ren, die Rikitas beſtellt, ihm zu folgen, und trat den Weg nach dem Gebirge an. Es ge⸗ poͤrte die Hoffnung dazu, geliebte Verwandte in die Arme zu ſchließen, um die leer gebrannte und verwuͤſtete Straße ertraͤglich zu finden. Ueberall hatte der Krieg mit ſeiner entſetzlichſten Wuth gehaust; an den Halden der Berge fan⸗ den die Reiſenden wieder den erſten unbeſchaͤ⸗ digten Helbaum und einige verſchont gebliebene Reben. Im uebrigen war die Berggegend rauh, doch barg ſie in ihrem Schooße manches lachende Thal, und eines derſelben war ange⸗ füllt mit ſchnell erbauten Hutten, und in einer dieſer Huͤtten wohnte Michali's Familie, und 176 ehe noch die Helle des Tages gaͤnzlich aus dem Thale verſchwand, lag Athanaſia zu den Fuͤßen ihrer Mutter, und weinend kuͤßten die Geſchwiſter der Wiedergefundenen Haͤnde, und ernſt ſah der wohlbewaffnete Vater, der gerade auf ſeinem Streifzuge in der Huͤtte der Seini— gen einſprach, auf die rührende Gruppe ſeines Hauſes. „Dieſer Mann, o mein Vater, meine Mut⸗ ter und meine Freunde, hat mich aus der Scla⸗ verei befreit!“ rief Athanaſia, auf Beauſire deutend, und ihn heranziehend:„er will mich fortfuͤhren in ſein Land, damit ich ihm liebend und treu vergelte, was er an mir gethan. Ich habe ihm Eure Einwilligung zugeſagt; betrach⸗ tet daher, Ihr Geliebten, dieſes Wiederſehen als das letzte vor dem himmliſchen, und laßt mich, als eine zufriedene Tochter, mit den be⸗ ſten Wuͤnſchen fuͤr Euer Wohl, von hinnen gehen!“ Die Mutter, eine hohe Frau, mit Spuren großer Schoͤnheit, vereinigte ſegnend und wei⸗ 177 nend die Haͤnde der Liebenden, und der Vater ſagte mit maͤnnlichem Tone:„Wir hielten Dich verloren, Athanaſia. Der Himmel ſchenkt Dich uns wieder, um Dich abermals ſchnell von uns zu reiſſen. Wie koͤnnten wir aber auch, in dem graͤuelvollen Zuſtand unſeres Lebens, Dich auffordern, zu bleiben, wo kein Schirm fuͤr Deine Schoͤnheit und Deine Unſchuld iſt? Gehe denn hin, bete fuͤr uns im Schooße eines fremden Volkes, und ſey gewiß, daß in jedem Leiden uns der Gedanke aufrecht halten werde, daß Du wenigſtens frei und gluͤcklich biſt!“ „Doch dieſen Abend, die Nacht und den naͤchſten Tag ſchenke wenigſtens dem Mutter⸗ herzen!“ bat die Mutter ſchmeichelnd, und Athanaſia mit Beauſire ſeßten ſich nieder an dem Heerd der gaſtfreien Huͤtte. Den Vater indeſſen zog die Soldatenpflicht hinaus an die Spitze ſeiner Schaar, die auf einem Bergruͤcken ihr Lager hielt. Die Leute des kleinen Dorfes in dem verborgenen Thale kamen mit der Nacht herbei, um Athanaſia's Wiederkunft mit Ge⸗ Spindler's ſaͤmmtl. Werke. XIV. Sommermalven 1. 12 N 178* Geſang und Tanz zu feiern; denn leichten Sin⸗ nes iſt der Grieche, und mitten in der Gefahr findet er noch immer einen Augenblick zu einem Feſte. Die Hirten der Berge und die Maͤdchen des Dorfes verſchlangen ihre Haͤnde zum wohl— geordneten Tanze, und Beauſire's Auge haͤtte gerne lange auf den gefaͤlligen Bewegungen der Tanzenden verweilt, wenn nicht ungewohnte Schauer, die Vorlaͤufer einer ſchnell einbre⸗ chenden Krankheit, ihn aufgefordert haͤtten, die Wieſe zu verlaſſen, und das ſtille Lager zu ſuchen. Das Klima hatte auf den kraͤftigen Mann ſchon ſeit einigen Tagen verderblich ge— wirkt: eben die Kraft ſeiner Natur entwickelte im Laufe dieſer Nacht einen ploͤtzlichen Fieber⸗ anfall. An allen Gliedern wie gelaͤhmt, und kaͤmpfend mit dem Uebel, ruhte er, und ſein Haupt lag im Schooße Athanaſiens, die ihn mit zaͤrtlicher Beſorgniß pflegte. Unterdeſſen dauerte das Feſt der Thalbewohner im hellen Mondenſcheine fort, und die durchdringenden Toͤne der Pfeifen drangen in das einſame Haus 7 M 179 a zu dem Kranken, wie die Worte des Liedes, das ein Maͤdchen mit wohlklingender Stimme, und ſtellenweiſe vom Chor begleitet, ſang: 1. Ha, wie ſie eilt! auf ſtaubigen Wegen, Haſtig vorbei an Myrtbengehegen, Durch das Getreid', von Mohnblumen hell! Ueber den Berg, auf volkreichen Straßen, Einſam durch's Holz, auf duftendem Raſen, Ha, wie es eilt, das Mädchen ſo ſchnell! 2 Marmorne Arme, weiß, daß ſie blenden, Tragen den Korb wit ſicheren Händen, Blumengefüllt, dem Haupte ein Kranz. Und für die Füße, raſtlos im Springen, Gäben die Vögel gern ihre Schwingen, Flögen ſo rüſtig gerne Gn Tanz. 3. Negroponts Paſcha! ſeine Gallionen Gäb' er wohl, ſammt den Eiſenkanonen, 3 Hin für des Mädchens Wundergeſtalt, Rotbſeid'nen Turban, Goldſchmuck der Pferde, Wolliges Vließ der ſtattlichen Heerde, Seine Juwelen, funkelnd und kalt! ⸗ 4. Gäb' das Piſtol mit Silbergeſchmeide, Schwert von Damask in blitzender Scheide, 180 Doppelgewehr und klingendes Beil: Ja ſelbſt die fleck'ge Beute des Tigers, Den er erlegt,— den Köcher des Siegers, Schlafend darin der todtliche Pfeil. 5. Gäbe den Schatz, und die ihn bewabhren, Gäb' ſeines Harems üppige Schaaren, Gäbe den Hund mit goldenem Band: Und ſeines Marſtalls Decken und Zügel, Und ſeiner Zelter köſtliche Bügel, Seine Arnauten, ſonnenverbrannt; 6. Franken und Juden, ibre Rabbinen, Seinen Pallaſt, von Sonne beſchienen, Sein Moſaik⸗gepflaſtertes Bad: und ſein Kiosk, ſich ſpiegelnd in Wellen, Die an Euböa's Küſte zerſchellen, Und ſeiner Gärten eſten Pfad. 7. Schimmel, von Silbermähnen ſo helle, Seine gethürmte Bergeitadelle, und auch die luſt'ge Spanierin, Die ihm der Dei von Algier geſchenket, Die ſich im Tanz ſo kunſtgelernt ſchwenket, Gäbe für's Mädchen Omar dahin. 8. Doch, die des Paſcha's Pracht nicht bezwungen, Hat ſich ein brauner Klephte errungen, 181 2 Hat er auch Gold nicht und kein Serai: Sein iſt der Berg mit ſprudelnden Quellen, Und ein Gewehr, die Feinde zu fällen, Und eine Hütte, arm, aber frei!*) Das Lied war kaum unter den lauteſten Beifallsbezeugungen zu Ende geſungen, als ein furchterliches Geſchrei und der donnernde Knall ſchwerer Gewehre die Luſtbarkeit unter⸗ brachen, und die entſetzten Dorfbewohner ploͤtz⸗ lich verſcheuchten, „Was iſts!“ fragte, ſich mühſam aufrich⸗ tend, Beauſire. Der alte Primat trat, blei⸗ chen Angeſichts, haſtig herein.„Wir ſind ver⸗ loren!“ rief er:„Unſere Freunde ſind fern, und Ibrahims Henker haben, vom Teufel be⸗ guͤnſtigt, den Weg in unſere Zuflucht gefun⸗ den! Die Palikaren des Nikitas liegen berauſcht auf der Schwelle dieſer Huͤtte, ein paniſcher Schrecken hat alle Waffenfähigen ergriffen! luͤchte Dich, Weib des Michali, fliehe mit Deinen unmuͤndigen Kindern!“ ——— *) Nach einem griechiſchen Liede in Victor Hugo's Orientales. —. A 182 N Der Alte faßte die Hand der Mutter Atha⸗ naſia's, an deren Knie ſich die Geſchwiſter der⸗ ſelben klammerten, und zog ſie mit dringender Gewalt nach der Thuͤre. Die jammernde Mut⸗ ter wollte ſich von der wiedergefundenen Toch⸗ ter nicht trennen, und forderte dieſe mit dem Tone des Schmerzens auf, mit ihr die Flucht zu ergreifen. Aber ſtandhaft verweigerte das Heldenmaͤdchen, was von ihr begehrt wurde. Sie wies auf den Kranken, der huͤlflos und ermattet in ohnmaͤchtiger Wuth da lag.„Von ihm mich trennen?“ fragte ſie voll Kummer und Standhaftigkeit:„Nein, rette Dich, Mut⸗ ter! rettet Euch, Ihr Geſchwiſter! ich bleibe, um ihn zu beſchuͤtzen, oder neben ihm das Leben zu verlaſſen!“ Das Geſchrei der wilden Feinde kam naͤher, ſie drangen heran. Heulend riß ſich die Mut⸗ ter mit den Kindern von Athanaſien los, und floh den Uebrigen nach. Die Blume von Pro⸗ kadi ſenkte ihr Haupt betend auf die Bruſt des Erkrankten, und ein ſchwacher Haͤndedruck deſ⸗ N 183 Nn ſelben belohnte ihr die Liebe, die Alles auf⸗ opfert, nur nicht den Geliebten.„Nimm dieſe Piſtole,“ fluͤſterte Beauſire:„Du wirſt mich nicht uͤberleben wollen; entftiehe dadurch Dei⸗ nen Peinigern, ſobald ihr Eiſen mich getoͤdtet haben wird.“ Ein Mann ſtuͤrzte blutend herein, und ſank erſchoͤpft neben Beauſire's Lager nieder: es war der treue Renard. Ihm folgten wuͤthende Araber, die Fackel in der Linken, den bluttrie⸗ fenden Säbel in der rechten Fauſt. Vergebens ſtrengte ſich Beauſire an, ihnen entgegen zu eilen. Ein Gewehr zielte ſchon nach ihm. Ein gewaltiger Schrei des Entſetzens flog aus Atha⸗ naſia's Bruſt, und nach ihrem Herzen richtete ſie die toͤdtliche Waffe in ihrer Hand. Da draͤngte ſich ein glaͤnzend gekleideter Soldat durch den Moͤrderhaufen, und vor ſeinem An⸗ blick verſtummte Athanaſia, die Waffe ſank aus ihren Haͤnden zu Boden, und Beauſire, aufſehend, ſturzte kraftlos nieder, ſein Ende im Augenblick erwartend. — 184 Haleb ſtand vor ihm, mit funkelnden Blicken, worinnen ſich Staunen, Wuth und Verach⸗ tung ſpiegelten.—„Ihr hier?“ fragte er mit donnernder, aber bebender Stimme:„Wie wird mir nun klar, was ich in boͤſen Naͤchten traͤumte, was mir Ungluͤcksboten von Rhodos verkuͤndeten, was ich nicht glauben wollte! Den Rockides, der mir's um ſchnoͤden Preis ver⸗ rieth, ließ ich haͤngen, und nie habe ich ein Menſchenleben mehr bedauert, als das ſeinige, denn es iſt wahr, daß der Freund den Freund beſtohlen, daß der gebildete Europaͤer den bar⸗ bariſchen Orientalen beraubt, daß Du mich verrathen, Neffe meines Vaters, daß Du mich hintergangen, Weib, das ich gleich einer Koͤ⸗ nigin verehrte, um deſſen Beſitz ich Alles hin⸗ geworfen haͤtte! Euer Schickſal iſt nicht mehr zweifelhaft. Um Nahrung für den Koͤrper zu ſuchen, drangen wir in dieſes Thal; aber ich habe einen herrlicheren Schmaus gefunden: den der Rache.“ „Vollende ſie, toͤdte mich!“ ſagte Beauſire naſia folge mir!“ 185 dumpf vor ſich hin, und erwartete den Streich. Haleb's Damascener erhob ſich blitzend. Atha⸗ naſia fiel in ſeinen Arm, zu ſeinen Fuͤßen. „Raube nicht dieſes edle Leben!“ ſchrie ſie wie eine Verzweifelnde:„Deine Henker haben mir ja jede Waffe genommen, die mich dem Liebſten nachſenden koͤnnte! ſchone die Bande des Bluts! auf mich falle das ganze Gewicht Deines Zorns!“ „Athanaſia!“ ſtammelte Beauſire aufſtre⸗ bend, aber von Renard zuruͤckgehalten. Haleb betrachtete ihn und Athanaſien eine Weile hin⸗ durch mit verzehrendem Grimme. Dann lachte er wild, und rief:„Ich ſagte Dir's, Marc⸗ Antoine! wir im Morgenlande haſſen gluͤhend, wie wir lieben, und dieſe Dirne wagt es, mich zur Großmuth aufzufordern? Ein Barbar, ein Renegat ſollte edler ſeyn, als ein Franzoſe, als ein Chriſt?— Wohlan! um der Selten⸗ heit willen! Du ſollſt frei ſeyn, Vetter, und kein Haar auf Deinem Haupte ſoll gekrümmt werden; doch unter einer Bedingung nur: Atha⸗ W 186 Athanaſia erhob ſich, wie vernichtet, und heftete einen langen Blick des Schmerzens auf Beauſire, deſſen Herz hoch ſchlug, von der Gewalt des Fiebers und den Schrecken dieſer Stunde empoͤrt. Dann zerriß das Maͤdchen ſeinen Schleier, und ſagte, kalt und furchtbar: „Nimm mich hin, daß er nur lebe, daß er mein mit Liebe gedenke!“ Haleb griff haſtig nach der dargebotenen Hand der bleichen Schoͤnen, und Beauſire ver⸗ ſank mit einem Laut des Schreckens in den Orkus des Fiebertaumels. 8S. Die griechiſchen Feſtungen hatten ihre Thore den Franzoſen geoͤffnet; Ibrahim Paſcha, der liſtige und grauſame Rothbart, hatte ſich end— lich zum Abzuge verſtanden. Die Ufer Morea's wimmelten von ausziehenden Egyptiern, und es fuͤllten ſich die Schiffe der Verbuͤndeten mit den knirſchend vor Wuth nach Afrika kehrenden Kriegern. An den blanken Reihen der Fran⸗ 187 zoſen voruͤber, wie an den ſiegreich jubelnden Haufen der bunten griechiſchen Soldaten vor⸗ bei, zog ſich der abenteuerliche Troß des egyp⸗ tiſchen Heeres, zu Fuße, zu Pferde, zerlumpt und praͤchtig gekleidet. Auch Beauſire, ein Geneſender, hatte ſich vor ſein Zelt fuͤhren laſſen, und ſah mit kochendem Herzen dem Ab⸗ zuge zu. Die Barbaren ſchleppten Alles mit ſich, was ihre Beutegier gewonnen hatte: Guͤ⸗ ter, Roſſe, Kinder und Frauen. Da erſchien unter ihnen ein ſtolzer junger Mann, kuͤhn und verwegen zu Pferde ſitzend, und an einer ſchwe— ren Kette ſchleppte er ein Maͤdchen, wie ein huͤlfloſes Lamm nach ſich. Die vom Meere ſtroͤmende Luft riß den Schleier vom Angeſicht der Jungfrau: Athanaſia's thraͤnenuͤberſtroͤmtes Antlitz wurde ſichtbar. Nach Beauſire wende⸗ ten ſich ihre Blicke, nach ihm ſtreckte ſie wim⸗ mernd die Arme, und er ſtand da, wie gefeſ⸗ ſelt von Schwaͤche und Verzweiftung, und konnte nur der Geliebten Namen hinaus in den Himmel rufen, waͤhrend Haleb ſein Opfer 188 mit Mißhandlungen zum Ufer trieb. Schon betrat er die Faͤhre, die ihn zum Schiffe tra⸗ gen ſollte, ſchon hob die ungluͤckliche Athana⸗ ſia den wunden Fuß, ihm gezwungen zu fol⸗ gen, da ſprang aus der Mitte der griechiſchen Horden ein Bewaffneter mit wilden Zuͤgen und drohender Stimme. Athanaſia's Vater, Mi⸗ chali, war der Grimmige.„Ehe ich's leide,“ rief er,„daß Du, meine Tochter, dem Satan folgeſt uͤber's Meer, in ewige Ketten, will ich Dich ledig und frei machen, ſollte auch meine Seele verdammt ſeyn immerdar!“ Und er legte ſeine lange Flinte an,— ein Druck von ſeiner Hand,— ein Knall, und pfeifend fuhr die Kugel in Athanaſia's Bruſt, die wie eine Lilie erbleichend niederſank. Die griechiſchen Schaaren erhoben, waͤhrend Michali, die Waffe wegwerfend, von dannen ging, einen Lobge⸗ ſang, der ſich mit den Worten endigte:„Wie bleich biſt Du jetzt, Purpurroſe von Prockadi! wie ſchnell biſt Du geſtorben, Du lieblichſte Blume des Aufgangs!“ 189 Und Beauſire erwachte. Die Furien des Fiebertraumes riſſen ihre blutigen Schleier von ſeinen Augen. Nicht leblos, ſondern in der Fuͤlle des Lebens ruhte Athanaſia an ſeiner Bruſt, und freundlich, wie bei ſeinem erſten Erwachen in Ruſchucks Hauſe, ſtand Haleb vor ihm, und aus ſeinem finſtern Zorngeſichte war ein verſoͤhnendes Engelantlitz geworden. „Er ſchenkt mich Dir wieder!“ fluͤſterte Athanaſia mit Freudenthranen. „Behalte ſie, die Ungetreue, Du falſcher, aber immer geliebter Freund!“ ſetzte Haleb hin⸗ zu, Beauſire's Haͤnde druckend:„Die ſchoͤnſte That meines Lebens ſey der Sieg uber meine Leidenſchaft! Athanaſia's Reize werden mich nicht begluͤcken, da ihr Herz mich nicht vor⸗ zieht. Ich habe einen Augenblick von Gluͤck getraͤumt, und bin nun enttaͤuſcht. Hinter Zwingern, in Ketten, gedeiht die Liebe nicht. Darum ziehet Ihr von dannen, verlaſſet die⸗ ſes blutgetraͤnkte Land der Knechtſchaft, und im freien Frankreich gehe es Euch wohl, weil 190 Ihr's verhient⸗ Was Du, Beauſire, an mei⸗ nem Vertrauen gefrevelt, hat Athanaſia's Hin⸗ gebung zehnfach aufgewogen. Ich wuͤnſchte, ein Weib zu finden, dem ich ſo theuer waͤre, als Du der ſchoͤnen Athanaſia!“ Er kehrte ſich ſchnell ab, und ging tief be⸗ wegt davon. Aber ein Geleite von ſeinen Krie⸗ gern brachte Beauſire und ſeine Gefaͤhrten un— verletzt in's franzoͤſiſche Lager, und der men⸗ ſchenfreundliche General ſendete bald den lang⸗ ſam von der Krankheit erſtehenden Beauſire nach dem Vaterlande zuruͤck, um ſich dort zu erholen im Arme der Mutter- und Gattin⸗ liebe. Gluͤcklich war die Fahrt, und die Hei⸗ terkeit des Offiziers wurde nicht einmal. durch die Nachricht getruͤbt, die er in Toulon erhielt: daß ſeine Verlobte, Armandine, einem Andern ihre Neigung und ihre Hand geſchenkt. Er hatte ja die ſchoͤnſte Perle des Morgenlandes mit ſich herübergebracht, und aus dem wunderlichen Traume ſeiner Irrfahrten im Orient war eine ſchoͤne Wirklichkeit geworden. Den 3. Anguſt 1826. All meine Tage habe ich der Selbſtſtaͤndig⸗ keit gehuldigt, und konnte auch wohl fuͤglich in dieſem Emancipationsjahrhundert nicht in meinem Streben zuruckbleiben. Die Zeiten ſind, Gott ſey Dank, voruͤber, in welchen mich der ſtrenge Vater meiſterte, der pedantiſche Rector tyranniſirte, die Geliebte beherrſchte, und die Koͤchin ungeſtraft meine Suppe ver⸗ ſalzte. Denn ſeit zwanzig Jahren bin ich ein gluͤcklicher Familienvater, und einmal Herr in einem Hauſe.— Zu dieſer Betrachtung ver⸗ anlaßt mich der heutige Tag, an dem ich mich vor vier Luſtern vermaͤhlte, an dem ich zugleich inen Zopf abſchnitt, und in feierlichem Auto pindler's ſämmtl. Werke. XV. Sommermalven. 1. 13 194 da fé vertilgte. Mein Weibchen konnte ihn naͤmlich nicht leiden, und der braͤutlichen Gluͤck⸗ ſeligkeit mußte ich doch wenigſtens dieſes Opfer bringen, das mir auch in anderer Ruͤckſicht leicht wurde. Ich weiß zwar ſehr wohl, daß langes Haar den dominirenden Theil der Ge⸗ ſellſchaft bezeichnet, und ein geſchorner Kopf den geſchornen, d. h. den dienenden. Aber ſeit die leidige Mode auch den Domeſtiken Zoͤpfe vergoͤnnte, und obendrein bedeutendere als die Herrſchaft zu tragen berechtigt war, iſt Alles umgekehrt worden in der ſocialen Ordnung. Haͤtte ich nur Zeit, ich wollte gruͤndlich in ei— nem eigenen Werkchen deduciren, daß wir nur dem Mißbrauch in Zoͤpfen die franzoͤſiſche Re⸗ volution ſammt Anhang zu verdanken hatten, aber der Regierungspräſident laͤßt uns armen Raͤthen kein Stündchen Muße zu literariſchen Beſchaͤftigungen. Er behauptet, es gaͤbe Muͤſ⸗ ſiggaͤnger genug, die ſich mit dergleichen befaſ⸗ ſen, und haͤlt uns deſpotiſch im Athem. In Gottesnamen jedoch. Im Kollegio walte die 195„ leidige Subordination,— bin ich doch ein⸗ mal Herr in meinem Hauſe.— Wahr iſt's, ich habe viel kaͤmpfen müſſen mit den Launen der Schwiegermama, der lieben Hausfrau, mit den Unarten der Kinder, den Anmaßun⸗ gen der Dienſtboten, aber, Gott ſey geprieſen: ich bin durchgedrungen. Die Erſtere ſtarb, die Zweite hat das Nachgeben gelernt, die Dritten pariren, und die Letzten muckſen nicht mehr. Kein Schrank in den Zimmern, kein Topf in der Kuͤche, der mir nicht offen ſtuͤnde; kein Tritt, der meinem haarſcharfen Ohre, keine Bewegung, die meinem bewaffneten Auge ent⸗ ginge. Einem Polizeidirektor.... was will das heißen? einem perſiſchen Schah gleiche ich, in dem ich Alles um mich her lenke, ordne, bilde, ſchaffe. Kurz mir iſt gelungen, deſſen Wenige ſich ruͤhmen koͤnnen: Ich bin Herr in meinem Hauſe. Den 4. Auguſt. Ich habe geſtern einen erfreulichen Tag ver⸗ lebt, und die Summe haͤuslichen Gluͤcks. ge⸗ 196 noſſen. Meine Kinder haben meinen Vermäh⸗ lungstag durch ein Feſt celebrirt, und, was im Jahre nur einigemal zu geſchehen pflegt, mir Thränen entlockt. Mein Malchen, das gute Weib, das freilich in unſerer Ehe zu einer korpulenten Amalie gediehen iſt, hat das Ihrige beigetragen, mich wohlthuend an jene Zeit der erſten Liebe zu erinnern, und ich freue mich ſchon im Voraus auf die nach fünf Jahren ſtatt habende ſilberne Hochzeit. Gab mir Cor⸗ delia, die aͤlteſte meiner Toͤchter, eine von ihren kunſtfertigen Haͤnden geſtickte Brieftaſche, meine zweite, das vorlaute Fraͤnzchen, einen groß⸗ blumigen, eleganten Schlafrock, und mein gu— ter Gottfried das Prachtwerk, nach welchem ich ſo lange ſtrebte,... willkommene Geſchenke . ſo gab mir Amalie dennoch das willkom— menſte von allen, obſchon das einfachſte: einen ſinnig gewaͤhlten Blumenſtrauß.— Ja, gutes Weib, Du haſt viele Blumen auf meinen Weg geſtreut, und deßhalb vergebe ich es auch, daß Deine Mutter eine lebendige Dornhecke gewe⸗ 197 ſen, und Du ebenfalls nicht aller Dornen baar. Das Vollkommene iſt unfindbar in der Welt, wie in Frankreich nach den hundert Tagen die Deputirtenkammer; und dem Manne, der Al⸗ les leitet und haͤlt, wird Nachſicht zur Zierde. — Mit einem Wort: ich war geſtern ſehr zu⸗ frieden, und nur ein bitterer Moment trubte den klaren Spiegel des Tages, der Augenblick, in welchem ich mich meines Aelteſten, des un⸗ gehorſamen Friederichs erinnerte, der leider nicht durch ſeine Gegenwart unſeres Feſtes Feier erhoͤhte. Wie der ſiebenzehnjaͤhrige Burſche vor zwei Jahren dem väterlichen Hauſe bei Nacht und Nebel entwich, habe ich bereits dieſen Blaͤttern am gehoͤrigen Orte anvertraut. Nim⸗ mer werde ich dem boͤſen Menſchen vergeben. Wollte ich denn nicht ſein Gluͤck, als ich wohl⸗ thaͤtigen Zwang anlegte, um ihn dem Handels⸗ ſtande zuzuwenden? Nur wer gut rechnen kann, kommt heutzutage gut durch die Welt. Da iſt er aber, ſeinem albernen Widerwillen fol⸗ gend, in die Welt gelaufen, und.. habe ich — 198 recht ruſſiſcher Soldat geworden. Als ob er nicht auch im Vaterlande zu dieſem Gluͤcke haͤtte gelangen koͤnnen! Nun, ich will nichts mehr von ihm wiſſen, und habe meine Hand von ihm abgezogen. Zum Gluͤck iſt dieſes das einzige Beiſpiel von Ungehorſam, das ich in meinem Hauſe erlebt habe, und, wohl mir! ich darf behaupten, daß meine Angehoͤrigen nichts denken, was ich nicht weiß, und nichts Anderes wollen, als was ich ſo recht von Her⸗ zen billige. Denn ſie wiſſen wohl, daß ganz gewiß nicht geſchieht, was ich nicht gerne er⸗ laube. Den 6. Auguſt. Auf Regen folgt Sonnenſchein, aber wahr⸗ lich, auf Sonnenſchein wieder Regen. Heute war ein verdruͤßlicher Tag. Die Frau Regie⸗ rungsraͤthin hatten vergeſſen, daß ich gegen den Shawl von Cachemir mein Veto ausge⸗ ſprochen, ſonſt haͤtten ſie mich nicht mehr mit dieſer Forderung behelligt. Nichts da; viel zu 199* theuer; konſequent muß man ſeyn. Inlaͤndi⸗ ſches Fabrikat thut es auch. Ein für allemal. — Was ich von Mamſell Cordelchen erfahren, hat mich eben ſo wenig erbaut. Mit dem Mon⸗ ſieur Werder, der zierlichen Waſſerratte, iſt es nichts. Ich kann die Hydrauliker nicht gut leiden. Man findet Waſſerleute genug unter unſern heutigen ſchoͤnen Geiſtern; was ſoll ſolch ein Menſch in der eigenen Familie? Werder iſt zwar ein manierlicher Menſch, ſteckt voll Schnacken und Schnurren, und ich werde ihn bei unſerm haͤuslichen Boſton ſchmerzlich ver⸗ miſſen. Thut indeſſen nichts. Ich hoffe, Mom⸗ ſell wird kein Wort, der Geſchichte wegen, fer⸗ ner verlieren. Ich bin bombenfeſt; ich bin doch einmal Herr in meinem Hauſe. NB. Sechszehn Thaler anzumerken fuͤr Fraͤnzchens Mantel. Die Modefahne war mir freilich nicht gaͤnzlich anſtaͤndig; aber des lie⸗ ben Friedens willen, und weil das Maͤdel gar zu komiſch iſt, wenn ſie das Trotzkoͤpfchen auf⸗ ſetzt, ſey es darum. Ueberdieß kommt der Herbſt 200 allgemach heran, und ſomit fat! Die Maͤd⸗ chen haben ohnehin aparte Launen, die man nicht ſo ganz aus ihren Koͤpfchen zu bannen vermag. Konnte doch ſelbſt Voltaire— wor⸗ auf mich mein vor mir haͤngender Wandkalen⸗ der bringt,— mit allem Aufwande der Satyre, ſogar den Franzoſen nicht das wohlklingende: „Auguste“ gegen das übellautende gothiſche: „Aout“ aufſchwatzen. Den 7. Auguſt. Heute vor 25 Jahren ſtarb mein wuͤrdiger Vater, den ich leider waͤhrend ſeines Lebens nur verehren und fuͤrchten konntez weniger lie⸗ ben. Ein allzuharter Zwang widerſtrebt jeder nach Freiheit gerichteten Seele. Daß er mich zum Juriſten geſtempelt, verzeihe ihm der liebe Gott. Ich helfe zwar jetzt regieren, aber am Rechentiſche waͤre doch mein eigentlicher Platz geweſen.— Leicht ſey ihm indeſſen die Erde, obſchon ſeine Strenge, mit der er mich zum unwillkommenen Berufe peitſchte, unerträglich 201 war.— Ausgegeben: 250 Thlr. an die Modi⸗ ſtin Superbe fuͤr den Cachemir-Shawl meiner Frau. Wahr iſt's: er ſteht ihr ganz allerliebſt. Die Paar Ellen Gewebe ſind freilich theuer,.. indeſſen, wie Malchen ſagt:„Man kauft das Ding einmal, und damit gut.“ Warum ſoll ich ihr auch die Freude nicht machen? Den 9. Auguſt. Nein, es iſt doch zu toll, wie man manch⸗ mal mit der eigenen Familie daran iſt. Heute Vormittag ſo viel Verdruß mit dem Archivar, dem uͤbermuͤthigen Menſchen, der mich nicht leiden kann, ſeitdem ich ihm mein Cordelchen verſagte, und in der ganzen Stadt herumge⸗ traͤtſcht hat, an mir ſey nicht eigentlich die Schuld, denn ich ſey ein gutes..— ich laſſe das Wort aus, um mich nicht zu aͤrgern; — aber meine Frau, der er neulich auf der Reſſource nicht die Hand gekuͤßt, trage die Maſe ſo hoch, und habe mich aufgehetzt. Welch' abſcheuliches Geſchwaͤtz! Ich habe in der That — 202 nichts gegen ihn gehabt, und es iſt wahr, daß meine Frau mir in den Ohren lag, bis ich ihn abgewieſen,.. aber, ich werde doch wohl wiſſen, was ich thue, und in meinem Hauſe machen und laſſen koͤnnen, was ich will? Das habe ich dem Laffen auf der Kanzlei ganz duͤrr und trocken unter die Naſe geſagt, obſchon er Alles läugnete; denn ich bin doch wahrlich Mann, und Herr meiner Handlungen. Zu Hauſe erwartete mich indeſſen neuer Verdruß. Mein Gottfried hat mich raſend in Harniſch gebracht. Der Menſch will ſein Gluͤck mit Fuͤßen von ſich ſtoßen, wie ſein Bruder, der verlorne Sohn. Er will auch nicht Kaufmann werden, und ich gäbe gern dreißig Jahre mei— nes Alters weg, um nur ein zwanzigjaͤhriger Handlungsbefliſſener werden zu koͤnnen. Un⸗ begreifliche Verblendung! Er ſoll ſich aber ver⸗ rechnet haben.„Heidenkind!“ ſagte ich zu ihm: „Junger Robell! unmuͤndiges Kind!“— der Burſche wurde vor fuͤnfzehn Jahren erſt ent⸗ woͤhnt,—„Du mußt Kaufmann werden!“ 203 —„Alles, Vater, nur das nicht!“—„Die ge⸗ woͤhnliche Redensart, ich habe ſie auch im Munde gefuͤhrt. Was willſt Du ſonſt? Willſt Du auch Soldat werden?“—„Nein, behuͤte der Himmel!“—„Was denn?“— Jetzt will der Querkopf Jura ſtudiren. Das hat mich auf's Aeußerſte gebracht. Das geſchieht nim⸗ mermehr. Jura? ich weiß, was das auf ſich hat, und mein Sohn ſoll nicht erfahren, wel⸗ che Verdruͤßlichkeiten uns ein Praͤſident, ja ſo⸗ gar ein Archivar, zu bereiten im Stande iſt. Nachmittag 4 Uhr. Ich bin nun heute ſchon einmal im Zuge. Die werthe Familie hat ſich das Wort gege⸗ ben, mich aufzubringen. Schon iſt wieder das vermaledeite Volksfeſt in Anregung gebracht worden, das morgen gefeiert wird. Frau und Kinder wiſſen doch, daß ich ſeit zehn Jahren immer nur gezwungen den Spaß mitmachte. Ich that mir naͤmlich ſelbſt den Zwang an, um den Angehoͤrigen zu genuͤgen. Die Sache 204 ſelbſt reizt nicht. Ein Bivouakiren im Walde, zwiſchen Eß- und Trinkbuden, Janitſcharen⸗ muſik, ſeiltanzenden Hanswurſten und betrun⸗ kenem Plebs, was ſoll das heißen? Wie kann mich das Feſt intereſſiren, das vor hun— dert und mehr Jahren geſtiftet wurde, ich weiß nicht weßwegen? Alfanzerei! heuer wird be⸗ ſtimmt nichts daraus. Ich kann mir das Ver⸗ gnuͤgen nicht verſagen, hier niederzuſchreiben, was ich ſiegreich den Zumuthungen meiner Fa⸗ milie entgegnet habe.„Aber, lieber Mann, es iſt ja das allgemeine Feſt, an welchem die ganze Stadt Theil nimmt.“—„Was liegt mir daran, wenn die ganze Stadt toll geworden iſt?“— „Aber, lieber Papa, wir haben uns ſo darauf gefreut.“—„Geht allein, ſo habt ihr's nicht umſonſt gethan; rechnet aber auf keinen Gro— ſchen von mir.“—„Ach!“ ſchnatterte Fraͤnz⸗ chen,„wenn Vaͤterchen nur die Kutſche bezah⸗ len will..“—„Stille! Neſthaͤckchen!“—„Man kann ja nicht zu Fuße....“—„Still, Cordel⸗ chen!“—„Ueberlege doch, lieber Mann....“ —„Still, Madame!“ An dieſen kraͤftigen Eisboͤcken— figuͤrlich geſagt— ſcheiterte das thoͤrichte Verlangen, und wir werden ſomit einmal vernuͤnftig ſeyn, und zu Hauſe bleiben. Recht war mir's, daß der ſtoͤrrige Gottfried kein Wort verlor. Das iſt Conſequenz, wenn gleich eine uͤbermaͤßige. Nur auf dieſe Weiſe aber gelingt es, Herr im Hauſe zu ſeyn. Den 10. Aug. 11 Uhr Abends. So eben, wie mir daͤucht, nicht unillumi⸗ nirt vom Walde heimkehrend, ſchreibe ich nur ein, daß wir recht fidel geweſen. Es iſt eine ſchoͤne Sache um Volksfeſte; ſie geben unſerer Nationalitat einen Halt, und befoͤrdern Buͤr⸗ gerliebe. Ich bin ſehr zufrieden. Ausgege⸗ ben fuͤnf Thaler einige Groſchen.— Sechs Tha⸗ ler an den Kutſcher. Man haͤtte den Wagen freilich um ein Dritttheil wohlfeiler haben koͤn⸗ nen, wenn man nicht verſaͤumt haͤtte, ihn ge⸗ 2060 ſtern zu beſtellen. Indeſſen.... es koͤmmt der 10. Auguſt nur einmal im Jahre. Fiat! gute Nacht! Den 12. Auguſt. Wenn ich nicht die Augen uͤberall haͤtte! Grete muß aus meinem Dienſte: Ich will ihr lehren, Briefe des Monſieur Werder zu tra— gen, ohne dieſelben bei mir in Quarantaine zu legen! Das war wieder ein Auftritt! Mamſell Cordula, die heuchleriſche Perſon, verzweifelt; Fraͤnzchen leiſtet ihr Succurs; Gottfried mault ewig; mein Malchen will bald vermitteln, bald tadeln. Die Grete heult, kriecht zum Kreuze, beruft ſich auf zehnjaͤhrige Treue!— Mir ſchwirrt der Kopf. Aber nichts da! Conſequenz! Maͤnnlichkeit! Moͤchte wohl einen Andern an meiner Stelle ſehen, der nicht ſo vollkommen Herr in ſeinem Hauſe waͤre! Nachmittags. Obiges iſt nur Lapperei gegen die Fatalitat, die mir ſo eben widerfuhr. Nachbar Birkner kann das Kapital, das ich ihm lieh, nicht be⸗ 207 zahlen, und pflanzt mich hin in einem Augen⸗ blick, wo ich 500 Thlr. ſo noͤthig brauchte, als Brod! Ja, leihe nur Einer den Freunden! Ge⸗ rade jetzo muß er prolongiren! ein andermal haͤtte ich Geld in Caſſa; aber gerade jetzt!.... Fraͤnzchens Mantel, Malchens Shawl, der 10. Auguſt! Mir ſchaudert vor dem Gelde, das ich ausgab, wie vor dem Stande eines Haus⸗ vaters, dem geplagteſten auf Erden. Wenn ich nun vollends nicht meinen eige nen Kopf haͤtte? Wenn ich, wie ſo viele Andere, gerade nur thun muͤßte, was den Meinigen einfaͤllt? — Ich will hingehen, und bei einem Freunde um die 300 Thlr. anklopfen. 6. NB. Zwei Thaler fuͤr ein Kleid, das ich der Grete ſchenken will. Das arme Thier koͤnnte einen Stein erbarmen. Trotz ihren Thräͤnen indeſſen,— o ich war feſt! Aber, weil Mal⸗ chen meint, daß wir das Maͤdchen nicht gut entbehren koͤnnen... in Gottesnamen! Ein⸗ mal kann man ja wohl, der Autoritat unbe⸗ ſchadet, Gnade fuͤr Recht ergehen laſſen. 208 Den 13. Auguſt. Ein ungluͤck koͤmmt nicht allein. Es iſt nicht genug, daß Birkner nicht zahlt, daß mei— ne Maulfreunde nicht leihen,.... muß mir auch noch der Streich geſchehen, daß mein Mal⸗ chen— nach zwanzigjaͤhriger Ehe— eiferſuͤch⸗ tig wird! Ich gebe zu, daß die Veranlaſſung auffallend war. Ich ſitze am Schreibtiſche,— allein— und es daͤmmert. Es klopft an mei⸗ ne Thure.—„Herein!“— Eine Dame er⸗ ſcheint, verſchleiert, huͤbſch angezogen. Ich ſchelle, fordere Licht. Grete bringt es; ſieht die Fremde wie ein Zoͤllner an, welches mir ſchon nicht gefallen wollte; geht ab.— Ich frage nach dem Begehren der Dame, bemerke ſo eben mit Erſtaunen, daß ſie in entſetzlicher Verlegenheit iſt, und einen Eingang zu ihrer Rede waͤhlt, der faſt mit den Voreltern im Pa⸗ radieſe beginnt. Ploͤtzlich,— ehe ich noch weiß, was ſie will,— wer ſie iſt.... ach, meine ahnende Seele!.... vloͤtzlich tritt Malchen ein, heftig und gluͤhend.— Wahr wohl ehe⸗ Xd 209 dem zur Jalouſie geneigt, aber kann ſich doch auf mich verlaſſen.— Nichts deſto weniger, ſpitzige Reden, ſpitzigere Blicke, Unarten gegen die Fremde, gegen mich. Ich laͤugne nicht mei⸗ ne Beſtuͤrzung im erſten Augenblicke. Wer waͤre nicht betroffen geweſen? Die Geiſtesgegenwart iſt jedoch wie der Blitz wieder da. Ich ſammle mich, will als Mann meine Gegenrede begin⸗ nen, da geht die geheimnißvolle Dame gekrg und aufgebracht hinweg. Ich meine ir ich habe meiner Frau die Wahr ihr bewieſen, wie weit meine walt gehen. Da es alſo geſchehen, ſchweige ich wie Epiktet, und laſſe die unverilftig⸗ in ihrer Ohnmacht ſticheln, wie ſie will.— Wenn es nur der Fremden nicht einfällt, wieder zu kommen! Den 14. Auguſt. Ein Wunder des Gluͤcks und der Redlich⸗ keit. Was mir die Freunde abſchlugen, bringt mir unverhofft und unerwartet der abgewieſene Spindlers ſämmtl. Werke. XlV. Sommermalven. 1. 14 210 Monſieur Werder.— Keine Weigerung, die geholfen haͤtte. Dankbar annehmen— der ein⸗ zige Ausweg!— Ich muß ſehen, wie ihm reell zu danken iſt.— Ein Hydraulikus muß doch beſſer ſtehen, als ich vermuthete. Meiner Frau zu Nutz und Frommen ſetze ich mich hin, eine buͤndige Haus- und Regi⸗ mentstafel zu ſchreiben, denn ich bin doch ein⸗ der befehlende Herr bei mir. Ich fange erk ſo eben an: O weh! man klopft! i ichtige— ſchwere— Ahnung? — Do eh! die Fremde von geſtern! . . Abends. Merkwuͤrdiges Leben! Seltſamer Wechſel von Freud und Leid. Die Dame iſt ein dro⸗ hendes und freundliches Raͤthſel geweſen. Sie hat geweint, betheuert, noch einmal den Schritt thun zu muͤſſen, mich zu beſuchen,— mich anzuflehen, ſie iſt mir zu Fuͤßen gefallen. Mein Entſetzen denke ſich wer kann. Es wurde dop⸗ pelt, als das Haupt der Meduſen, mein grim⸗ — 211 miges Malchen, in das Zimmer ſchaut.— Welch eine Scene. Wiederholung von geſtern, bis ſich endlich Alles aufklaͤrt. Mein Fritz, der Taugenichts, iſt wieder da, aber nicht als Taugenichts, ſondern als Haupt⸗ mann mit Orden, als Gemahl der liebenswuͤr⸗ digſten, reichſten, ruſſiſchen Graͤfin, und dieſe ſelbſt iſt's, die mir, das Pfand ihrer Liebe unterm Herzen, zu Fuͤßen lag, meine Kniee umfaßte, meine Vergebung 3 ihren Vann erbettelte!. Ob ſich Malchen ſhämte? n ob ich Fritz und ſeine Arinia in die Arme ſchloß? Solche Augenblicke uͤberwaͤltigen die ſtrengſte Gewalt, und da ich zu mir ſelbſt kam, war ich mit Malchen verſoͤhnt, war der verlorne Sohn wieder Primus, Monſieur Werder Cor⸗ delia's Braͤutigam, mein gottloſer Gottfried Juriſt, Fraͤnzchen hatte die neuen Ohrgehaͤnge, nach welchen ihr geluͤſtete, Grete ein eiſernes Dienſtbrevet. Wie ſuß iſt manchmal dem Selbſt⸗ herrſcher die Gnade. 14 112 Fritz und die Seinigen werden bei mir le— ben; ich werde mich verjuͤngen.— Der Burſche iſt huͤbſch und ſtattlich geworden. Ich tadle nur an ihm, daß er ſeiner liebenswerthen Frau allzuſehr nachgibt, ihr den Hof macht, ſtatt ſelbſtſtändig zu ſeyn. Indeſſen,— er kommt in eine gute Schule; und was ihm in dieſem Stuͤcke noch abgeht, will ich ihm ſchon bei— bringen. — — —— 2 — S — —* S 5 — 8 — — S — Fr Wrihen aller t, welche das Centrum 5 Der Marſchall Victor hatte am 28. No⸗ vember 1812 gegen 9 Uhr Abends die Hoͤhen von Studzianka, die er den ganzen Tag über vertheidigt hatte, verlaſſen, und nur noch 1000 Mann dort aufgeſtellt, die bis auf's Aeußerſte die noch beſtehende Bruͤcke uͤber die Bereſina veſchuͤtzen ſollten. Dieſe Nachhut that das Un⸗ moͤgliche, um eine Menge von Nachzuͤglern zu retten, die, vom Froſt gelaͤhmt, die Bagage der Armee nicht verlaſſen wollten; aber der Heldenmuth von Victors Soldaten war unnuͤtz verſchwendet. Das aufgeloͤste Heer, das in ſchweren Maſſen die Ufer des Stroms uͤber⸗ ſchwemmte, fand daſelbſt ungluͤcklicherweiſe die unermeßliche Menge von Wagen, Karren und 216 Armee hatte zuruͤcklaſſen muͤſſen, bei dem Ue⸗ bergang vom 27. und 28. November. Die Nachfolger der bereits gluͤcklich jenſeits Ge— fluͤchteten ſahen ſich ploͤtzlich im Beſitz von nie geahnten Reichthuͤmern. Ihre Thatkraft war durch Kaͤlte und Elend vernichtet, und Ruhe, ein Schlaf von wenigen Stunden das einzige Bedüͤrfniß, der einzige Wunſch dieſer Ungluck⸗ lichen. Darum quartierten ſie ſich in die lee⸗ ren Bivouaes ein, errichteten Huͤtten, machten Feuer an mit allem, was ihnen unter die Haͤnde fiel, verzehrten die Leichname der Pferde, deckten ſich mit dem Tuch oder dem Leder zu, welches ſie von den Wagen und Karren raub⸗ ten, und ſchliefen, ſtatt ihren Weg fortzuſetzen, und ungeſtoͤrt zur Nachtzeit uͤber die Bereſina zu gehen.— Die Apathie dieſer armen Sol⸗ daten läßt ſich ganz nur von denen begreifen, die jene weiten Schneewuͤſten durchſchritten haben, deren Getraͤnk, deren Bett, deren Nah⸗ rung ſeit mehreren Tagen nichts als Schnee geweſen. Gefrorne Ruͤben, eine Hand voll 217 Mehl oder ein Stuͤck Pferdefleiſch waren ſchon beneidenswerthe Leckerbiſſen. So gelangten alſo die Verſpäteten, durch Hunger, Durſt, Muͤ⸗ digkeit und Jammer erſchoͤpft auf dem Ufer an, wo ſie Holz, Lebensmittel, Feuer, Hutten— kurz Obdach und Nahrung fanden. Das Dorf Studzianka war von Grund und Boden aus zerſtuͤckt, und auf die Ebene heruntergebracht worden. Mit den Truͤmmern, die das fliegende Heer zuruͤckgelaſſen, bildete es eine improviſirte Stadt; eine Stadt des Greuels, aber immer noch beſſer, als die blutgetraͤnkten Eisfelder draußen. Dieſes weite Lazareth, wo der ſtille verbiſſene Schmerz vorherrſchte, dauerte zwan⸗ zig Stunden lang. Seine Bewohner, obſchon in ungeheuerer Anzahl, theilten ein Gefühl: Ekel vor dem Leben, und Drang nach Ruhe.— Indeſſen beſchoß der linke Flügel der Ruſſen unaufhoͤrlich dieſe dunkle, im Schnee weit ver⸗ breitete Maſſe; aber die niederfallenden Kugeln kuͤmmerten die Halberfrornen nicht. Sie ver⸗ achteten den toͤdtenden Strahl des Geſchuͤtzes ——— 218 weil er ohnehin hoͤchſtens auf Kranke und Sterbende treffen konnte. Unaufhoͤrlich kamen neue Schaaren von Nachzuͤglern an; wandelnde Leichen, die von Feuerſtelle zu Feuerſtelle ein⸗ zeln um einen Platz bettelten, meiſtens mit Gewalt zuruͤckgewieſen wurden, ſich dann von Neuem vereinigten, und ein Obdach zimmerten, um eine Nacht darunter zuzubringen. Taub gegen die Stimme einiger Offiziere, die ihnen den Tod am naͤchſten Morgen prophezeiten, ver⸗ ſchwendeten ſie alſo den Reſt von Muth und Kraft, der ſie gluͤcklich uͤber die Bereſina haͤtte bringen koͤnnen. Die Furcht vor dem Tode ſchreckte ſie nicht aus ihrem Stumpfſinn, denn ſie konnten ja eine Stunde lang ſchlafen, be⸗ vor ſie ſtarben.— Dieſes ging noch alles gut, ſo lang noch Holz, Feuer, Leinwand und Nah⸗ rung zu finden war; bald aber hatte alles ſei⸗ nen Herrn, und um den Beſitz brachen hin und wieder Kaͤmpfe aus, worinnen die Schwaͤcheren unterlagen. Die Letzten, die da kamen, fanden nichts mehr fuͤr ſich uͤbrig, als den Schnee, 219 und legten ſich darein, um nie wieder davon aufzuſtehen.— So hatte ſich unmerklich die Maſſe von Menſchen dergeſtalt bleiern und er⸗ ſchlafft, aber immer noch furchtbar durch ihre Anzahl, dem Marſchall Victor ſelbſt in den Weg gelegt, daß er ſich mit 5000 Mann, die er noch uͤber die Bereſina dem Kaiſer zufuͤh⸗ ren konnte, mit Gewalt hatte durchſchlagen muͤſſen, ohne Ruͤckſicht auf Landsmannſchaft und Ungluͤck. Aber die Elenden ließen ſich lieber zertreten, als ſie nur dem Truppenkorps ausgewichen waͤren. So ſtarben ihrer Viele, und dachten nicht mehr an Frankreich, und ihr letztes Lächeln galt dem ausloͤſchenden Feuer neben ihnen. Der Herzog von Belluno erreichte erſt um 10 Uhr in der Nacht das jenſeitige Ufer mit den Seinigen. Ehe er nach Zembin vorruͤckte, vertraute er das Geſchick ſeiner tapfern Arriere⸗ garde den Haͤnden des Generals Eblé. Gegen Mitternacht verließ dieſer unerſchrockene Fuͤh⸗ rer ſeine kleine Huͤtte neben der Bruͤcke, und, 220 von einem einzigen muthigen Offizier begleitet, nahm er das ſeltſame Lager, das ſich zwiſchen dem Ufer der Bereſina und der Straße von Borizof hin dehnte, in Augenſchein. Das ruſ⸗ ſiſche Geſchuͤtz ſchwieg; unzaͤhlige Feuer, deren Gluth der ringsumliegende Schnee abbleichte, beleuchteten hie und da Geſtalten, die kaum mehr etwas Menſchliches an ſich hatten. 30,000 Ungluͤckliche, von allen Nationen, die Napoleon auf den ruſſiſchen Boden hingeworfen hatte, ſtanden hier zuſammengedraͤngt, und wagten ihr Leben mit der ſtumpfeſten Sorgloſigkeit.— „Das alles muß gerettet werden!“ ſagte der General:„Morgen fruͤh ſind ſchon die Ruſſen Meiſter von Studzianka, und die Bruͤcke muß im Angenblick ihres Erſcheinens in Rauch auf— gehen. Muth alſo, mein Freund. Draͤnge Dich durch bis zu der Anhoͤhe. Sage dem General Fournier, daß er ſeine Poſition zu verlaſſen, und ſich Luft bis zur Bruͤcke zu machen habe. Wenn er ſich in Marſch geſetzt hat, wirſt Du ihm folgen, und von einigen 221 ruͤſtigen Leuten unterſtutzt, ohne Mitleid alle dieſe Huͤtten, Karren und Wagen niederbren⸗ nen. Jage dieſe ganze Menſchenmenge auf die Brücke! zwinge jeden, der noch gehen kann, ſich auf das gegenſeitige Ufer zu fluͤchten. Der Brand iſt jetzt noch unſer einziges Rettungs⸗ mittel. Wenn Berthier es ſchon vorgeſtern zugegeben haͤtte, ſo haͤtte der Strom keine Seele verſchlungen— als meine armen Pon⸗ toniers; fuͤnfzig Helden, die das Heer gerettet haben, und die man vergeſſen wird!“ Der Adjutant ging weg, und hatte kaum hundert Schritte gemacht, als der General Eblé mit fuͤnf oder ſechs ſeiner Soldaten ſchon die der Bruͤcke am naͤchſten ſtehenden Bivvuacs in Brand ſteckte, und die faulen Schlaͤfer zwang, uͤber die Bereſina zu gehen.— Indeſſen gelangte der Adjutant nicht ohne Muͤhe zu dem einzigen hoͤlzernen Hauſe, das in Studzianka aufrecht geblieben. Ein Offizier ſtand davor, und hieb mit ſeinem Saͤbel in die Baumſtämme, woraus es verfertigt war.„Iſt die Baraque voll, Ka⸗ merad?“ fragte der Adjutant.„Mußt ſehr ge⸗ ſchickt ſeyn, um noch Platz zu finden ant⸗ wortete der Offizier, ohne ſich umzuwenden oder in ſeiner Beſchaͤftigung aufzuhoͤren. „Biſt Du es, Philipp?“ ſagte der Adju⸗ tant, einen ſeiner Freunde erkennend. „Ja wohl;“ erwiederte Such, der Offizier: „Und Du hier? ich glaubte Dich ſchon am jen⸗ ſeitigen Ufer. Bringſt Du uns Confect zum Deſſert? Du ſollſt willkommen ſeyn.“ Bei die⸗ ſen Worten ſchlug er ein großes Stuͤck Baum⸗ rinde vom Hauſe los, und fuͤtterte damit ſein neben ihm ſtehendes Pferd. Der Adjutant meldete, was er hier zu thun habe, und als Sucy von der Marſchordre hoͤr⸗ te, rief er:„Die Neuigkeit macht mir warm. Ich habe zwei Freunde zu retten, ohne die ich ſchon todt waͤre. Denn um ihretwillen allein pflege ich noch mein Pferd, ſtatt es zu ſchlach⸗ ten. Aber, Freund, haſt Du nicht vielleicht eine Kruſte Brod in Deiner Taſche? ſeit dreißig Stunden habe ich nichts zu mir genommen; N 223 dagegen ſchlug ich mich wie ein Verzweifelter, um das bischen Warme und Muth, das mir uͤbrig blieb, zu erhalten.“ „Ich habe nichts, armer Philipp; wo iſt aber der General? in dieſem Hauſe?“ „Gehe nicht hinein! unſere Verwundeten liegen in dieſer Scheune. Steige auf jenen Huͤgel, Du wirſt zu Deiner Rechten eine Art von Schweinſtall ſehen; dort kampirt der Ge⸗ neral. Adieu, mein Alter. Wenn wir uns jemals in einem Salon zu Paris wieder finden ſollten—“ Er vollendete nicht, denn ein tuͤckiſcher, eiſiger Zugwind blies ſo ſcharf über die Hoͤhen, daß der Adjutant davon eilte, um nicht das Geſicht zu erfrieren. Stille trat ein, nur un⸗ terbrochen von den lauten Klagen der Verwun⸗ deten, und von dem dumpfen Knirſchen, womit Sucy's Pferd die gefrorne Baumrinde zer⸗ malmte. Der Major ſteckte den Saͤbel in die Scheide, faßte raſch den Zuͤgel des koſtbaren Thiers, und entfuͤhrte es, trotz ſeines Wider⸗ ſtandes, von dem erbaͤrmlichen Futter, womit es zufrieden ſchien.„Marſch, marſch, Bichette! Du nur allein, ſchones Pferd, kannſt meine Julie retten! vorwaͤrts darum! wir duͤrfen ſpaͤ⸗ ter ausruhen; nur jetzt halte aus!“ Kaum hatte der Major ſich auf 500 Schritte entfernt, als er ein ſtark loderndes Feuer auf der Stelle wahrnahm, wo er am Morgen un⸗ ter dem Schutze eines alten unerſchrockenen Soldaten einen Reiſewagen zuruͤckgelaſſen hatte. Eine fuͤrchterliche Ungewißheit bemaͤchtigte ſich ſeiner, und er eilte, was er konnte, einem Erd⸗ aufwurf zu, hinter welchem er vor den feind⸗ lichen Kugeln eine junge Dame, die Gefaͤhrtin ſeiner Kindheit, ſein theuerſtes Gut auf Er⸗ den, geborgen hatte.— Der Reiſewagen ſtand noch da, aber unfern hatten ſich ungefaͤhr drei⸗ ßig Nachzuͤgler um ein großes Feuer verſam⸗ melt, welches ſie mit herbeigeſchleppten Pulver⸗ karren- und Lavetten-Truͤmmern unterhielten. Dieſe Soldaten waren ohne Zweifel zuletzt an⸗ gekommen, und hatten wahrſcheinlich, von Hun⸗ 225 ger und Verzweiflung getrieben, den Reiſewa⸗ gen mit Gewalt durchſucht, denn Julie und der alte General, ihr Gatte, die in Maͤntel und Pelze gehuͤllt, im Innern des Wagens verblie⸗ ben waren, ſaßen in dieſem Augenblicke zuſam⸗ men gekauert am Feuer. Der Wagen ſtand offen, und eine Schlagthuͤre lag zerſchmettert zu Boden.— Sobald die Maͤnner bei dem Feuer den Hufſchlag des Pferdes hoͤrten, toͤnte einſtimmig aus ihrem Munde der wuͤthende gie⸗ rige Ruf:„Ein Pferd! ein Pferd!“ Zwei oder drei von ihnen zielten auf das Roß, mit dem Geſchrei:„Fort, Offizier! Ach⸗ tung!“ Philipp ſtellte ſich vor ſein Pferd, und don⸗ nerte ihnen zu:„Ihr Schufte! ſoll ich Euch in Euer eignes Feuer jagen? dort oben liegen genug todte Pferde, holt ſie herunter!“ „Ein wahrer Spaßvogel, der Offizier!“ erwiederte ein rieſenhafter Grenadier der Gar⸗ de:„Wirſt Du Platz machen? Eins!.. zwei!.. nicht? wie es Dir alſo gefaͤllt!“ Spindlers ſuͤmmtl. Werke XIV. Sommermalven I. 15 Er ſchoß, und ein weiblicher Angſtruf uͤber⸗ ſchrie den Knall. Zum Gluͤck war Philipp nicht verwundet, aber die arme Bichette rang mit dem Tode. Drei Soldaten ſtuͤrzten herzu, und gaben ihr mit Bajonettſtichen den Reſt. „Kannibalen!“ ſchrie Philipp verzweifelnd: „Laßt mir wenigſtens die Decke und die Pi⸗ ſtolen!“ „Meinetwegen die Piſtolen!“ erwiederte der Grenadier:„aber die Decke gehoͤrt dieſem wackern Voltigeur, der ſeit zwei Tagen keinen Biſſen uͤber die Zunge gebracht. Wir haben ihn zu unſerm General gemacht, und er friert ſchmaͤhlich in ſeinem duͤnnen Rock.“ Philipp ſchwieg, da er den Mann ſah, deſſen Schuhe und Kleider erbaͤrmlich zerriſſen waren, und der auf dem Kopf nur eine elende, mit Reif uberzogene Muͤtze trug.— Waͤhrend Sucy die Piſtolen in ſeinem Guͤrtel befeſtigte, wurde Bichette bereits zum Feuer geſchleppt und zerhauen; die verſchiedenen Stuͤcke wur⸗ 227„b den geſchickt abgeloͤst, und auf Kohlen gewor⸗ fen, um daſelbſt zu roͤſten. Der Major eilte zu Julie, die durch einen Schrei ihre Angſt um ihn verrathen hatte; er fand ſie unbeweg⸗ lich, auf einem Wagenkiſſen ſitzend und ihre Haͤnde wärmend. Sie ſah ihn ſtillſchweigend an und— laͤchelte ihm nicht einmal mehr zu. Unfern lag der Soldat, der den Wagen ver⸗ theidigen ſollte, verwundet darnieder. Die Men⸗ ge hatte ihn uͤberwaͤltigt, und er hatte endlich Theil an dem Raube genommen, und ſich aus einem alten Stück Tuch einen Mantel gemacht. So eben roͤſtete er am Feuer ein Stuck des Pferdes, und nicht die Schmerzen der Wunde las man auf ſeinem Geſicht, wohl aber die Freude an dem bevorſtehenden Gaſtmahl. Ne⸗ ben Julien ſaß auf einem Kiſſen der General, ihr Mann, der ſeit drei Tagen voͤllig kindiſch geworden war. Mit truͤbem trockenem Auge ſah er ſtets in die Flamme, und weder der Schuß des Grenadiers, noch die Ankunft Phi⸗ lipps hatten ſeine Aufmerkſamkeit erregt; nicht 228 einmal das Gebalge um ſeinen Wagen und die Pluͤnderung deſſelben. Philipp ergriff die Hand der jungen Graͤ⸗ fin, ſitzend auf einem Schneehaufen, der lang⸗ ſam am Feuer ſchmolz, und ſchwieg, und uͤber— ließ ſich ſelbſt, alle Gefahren vergeſſend, der Wonne, ſich waͤrmen zu koͤnnen. Noch mehr: er erwartete mit Ungeduld den Augenblick, wo das Fleiſch gar ſeyn wuͤrde, welches ſein Sol⸗ dat roͤſtete; der Geruch dieſer Speiſe reizte ſei⸗ nen Hunger, und vor dem Hunger ſchwieg ſein Herz, ſein Muth und ſeine Liebe. Alle, die um das Feuer verſammelt ſtan⸗ den, beobachteten ein fuͤrchterliches Stillſchwei⸗ gen. Jeder kuͤmmerte ſich nur um ſich. Die Geſichter, ohnehin von Froſt und Mangel ent⸗ ſtellt, waren haͤufig von einer Maske von Schmutz uͤberzogen, durchfurcht von den Thraͤ⸗ nen, die haͤufig und unbewußt floſſen. Die un⸗ ſaubern langen Baͤrte machten den Anblick noch abſcheulicher. Die Kleidung eines jeden Sol⸗ daten hatte immer etwas Laͤcherliches an ſich; . dem Aufſpruͤhen der Flamme, dem fernen Ge⸗ * heraus; die militaͤriſchen Logiker hielten dafuͤr, der Eine hatte ſich in Shawls eingewickelt, der Andere in Pferdedecken, oder in gefrorne Lum⸗ pen, von denen das Eis geſchmolzen herab⸗ tropfte. Maͤnner- und Weiberkleider, aus dem Wagen des Grafen geraubt, waren bunt ver— theilt, waͤhrend die Diamanten, die Goldboͤrſe und das Silberzeug der Graͤfin unangetaſtet im Wagen lagen; zerriſſene Pelze, verkehrt an⸗ gezogene Kleider machten das abenteuerliche Coſtum von Vielen aus, Einige trugen an ei⸗ nem Fuß einen Stiefel, an dem andern einen Schuh oder Pantoffel. Aber Niemand dachte daran, den Nachbar auszulachen. Das Schwei⸗ gen wurde nur von dem Krachen des Holzes, ſumme des Lagers und den Saͤbelſtreichen un⸗ terbrochen, womit die hungrigſten Soldaten die beſten Biſſen von der armen Bichette abtrenn⸗ ten. Einige dieſer Armſeligen, ermuͤdeter als die Andern, ſchliefen. Waͤlzte ſich ein Schla⸗ fender in die Flammen, ſo zog ihn Niemand „ 230„ daß den noch nicht Geſtorbenen der Schmerz ſchon an und fuͤr ſich zur Retirade bewegen werde. Erwachte der Ungluͤckliche im Feuer, und ging darinnen zu Grunde, ſo bedauerte ihn Niemand; hoͤchſtens ſahen ſich einige Sol⸗ daten an, als ob ſie ihre Sorgloſigkeit mit der Gleichgültigkeit der andern rechtfertigen woll⸗ ten. Sogar die junge Gräfin ſah zweimal eine ähnliche traurige Scene und blieb regungslos und ſtumm. Endlich waren die verſchiedenen Stuͤcke des geopferten Pferdes zugerichtet, und mit wil⸗ dem, eckelhaftem Hunger fielen die Soldaten daruͤber her.„Dreißig Infanteriſten auf einem Pferde; das hat man noch nie geſehen!“ rief der Grenadier, der Bichette erſchoſſen hatte.— Dieſer Scherz war der einzige, der vom Na⸗ tionalcharakter zeugte. Nach dem Mahle huͤllten ſich die meiſten der ar⸗ men Krieger in ihre Mäntel und Kleider, warfen ſich auf Bretter oder Decken nieder, und ſchlie⸗ ſen unbeſorgt ein. Auch der Major hatte ſeine N 231 Portivn von Bichette erhalten; auch er hatte ſeinen Hunger geſtillt und ſich erwaͤrmt. Auch auf ſeine Augen ſenkte ſich bleierner Schlaf. Waͤhrend er noch mit demſelben kaͤmpfte, fiel ſein Blick auf die bereits ſchlummernde Julie, die neben ihm lag, gehuͤllt in eine Wildſchur und einen Dragonermantel. Die ganze reizende Geſtalt war darunter verſteckt, eine Muͤtze von nes Tuch bedeckten zum groͤßten Theil ihr Ge⸗ ſicht, und auf einem mit Blut befleckten Kiſſen lag ihr Haupt. War das noch jenes reizende Weib, die Koͤnigin der Baͤlle, der Stolz des Geliebten? oder war ſie die letzte der Markedenterinnen? Philipp fuͤhlte im. Entſchlummern faſt ſeine Liebe untergehen. Schon traͤumte er in wil⸗ den Phantaſien, aber durch alle dieſe Traͤume ging der erſchuͤtternde Gedanke durch:„Wir muͤſſen alle zu Grunde gehen, wenn ich ein⸗ ſchlafe— ich darf, ich will nicht ſchlafen.—“ Und in dieſem Augenblicke ſchon ſchlief er feſt. Aſtrachan, und ein unter dem Kinn gebunde⸗ 232 Fuͤrchterliches Geſchrei und der Knall einer Pulverexploſion weckten ihn ploötzlich nach kur⸗ zem Schlummer. Er fuhr in die Hoͤhe, und ſah vor ſich ein Feuermeer, das immer naͤher ruͤckte, und die Huͤtten und Karren graͤßlich be⸗ leuchtete, ehe es dieſelben gefraͤßig verzehrte. Geheul der Verzweiflung ſtieg aus den Brand⸗ ſtaͤtten empor, aber dieſes nicht achtend, bra⸗ chen ſich die tauſend Krieger der Arriéregarde mit Gewalt einen Weg gegen die Bruͤcke durch. „Fournier zieht ſich zuruͤck!“ rief der Major: „So iſt keine Hoffnung mehr.“ Eine freundliche Stimme antwortete ihm: „Ich habe Deinen Wagen verſchont, guter Phi⸗ lipp.“— Es war der Adjutant. „Dennoch iſt Alles verloren!“ rief Such: „Sie haben mein Pferd aufgezehrt! wie ſollte auch dieſen kindiſchen alten Mann und ſei⸗ ne zum Tode erſchoͤpfte Gattin in die Hoͤhe bringen?“ „Jage ſie mit einem Feuerbrand auf!“ „Wie? meine Julie?“ 233 „Nun? ſo leb' wohl!“ verſetzte der Adju⸗ tant erbittert:„Ich muß uͤber die Bruͤcke; ich habe noch eine Mutter in Frankreich. Dieſes Volk hier laͤßt ſich lieber verbrennen, als daß es vom Schnee aufſtuͤnde. Willſt auch Du ſo zu Grunde gehen? es iſt vier Uhr. In zwei Stunden greifen die Ruſſen wieder an. Denke an Dich ſelbſt, Philipp, komm'!“ „Ohne Julie?“ ſchrie der Major, hob die Graͤfin auf, ſchuͤttelte ſie mit der Gewalt eines Verzweifelten wach, und donnerte ihr in's Ohr:„Gehe mit, Julie; zwinge Dich, oder Du biſt verloren!“ Statt zu antworten, wollte die Graͤfin wieder ſchlaftrunken zu Boden ſinken. Der Ad⸗ jutant ergriff einen Feuerbrand, und ſchuttelte dieſe ſpruͤhende Fackel vor ihren Augen. Such nahm ſie in ſeine Arme, und trug ſie zum Wa⸗ gen. Sein Freund half ihm auch den General dahin tragen. Sie pluͤnderten all die Schlaf⸗ trunkenen, die ſich zu ihren Fuͤßen auf dem Schnee waͤlzten, bedeckten mit ihren Maͤnteln 234 und Pelzen den Grafen und ſeine Gattin, und warfen zum Ueberfluß ein Stuͤck gebratenes Pferdefleiſch in eine Ecke des Wagens. „Was ſoll nun geſchehen?“ fragte der Adjutant. „Wir ſelbſt wollen die Kuͤtſche ziehen!“ „Freund, Du biſt verruͤckt geworden. Nach hundert Schritten erliegen wir unter der Laſt.“ „Es iſt wahr;“ ſeufzte Philipp, und ver⸗ ſchraͤnkte muthlos die Arme. Mit einem Male jedoch rief er, die geſunde Hand ſeines getreuen Soldaten erfaſſend:„Dir vertraue ich ſie noch einmal auf eine Stunde an, denke aber daran, daß Du eher zu ſterben haſt, als irgend jemand an den Wagen zu laſſen!“ Bei dieſen Worten ergriff Sucy das Schmuck⸗ kaͤſtchen der Graͤfin, und ſchlug mit flachem Säͤbel auf diejenigen der ſchlafenden Soldaten los, die er fuͤr die unerſchrockenſten hielt. So erweckte er den rieſenhaften Grenadier und zwei andere Soldaten, deren Uniform gar nicht mehr zu erkennen war.„Wir ſind hin!“ ſchrie er ihnen zu⸗ 235 „Ich weiß wohl;“ verſetzte der Grenadier. „So opfert wenigſtens Euer Leben fuͤr ei⸗ ne huͤbſche Frau, und folgt mir!“ „Ich ſchlafe lieber,“ ſagte ein Soldat, in⸗ dem er ſich wieder in den Schnee waͤlzte: „wenn Du mich aber noch einmal anruͤhrſt, Major, ſo ſchlit' ich Dir mit meinem Säbel den Bauch auf.“ „Was ſoll's denn, Major?“ fragte nun der Grenadier:„der Mann da iſt betrunken; ein Pariſerſoͤhnchen, das die Bequemlichkeit liebt.“ „Dieſe Brillanten ſind Dein, wackerer Gre⸗ nadier,“ rief der Major,„wenn Du mir folgen und gut thun willſt. Die Ruſſen ſtehen zehn Minuten von hier. Sie haben Pferde; wir holen uns zwei Klepper von der erſten Bat⸗ terie.“ „Aber die Schildwachen, Major?“ Such erwiederte:„Einer von uns Dreien nimmt die Schildwache auf ſich; Du gehſt doch mit, mein Freund und Bruder?“— Der Adjutant nickte mit dem Kopf. 236 „Mußt mich auch in Dein Berlinchen ſtecken, Major!“ bemerkte noch der Grenadier. „Es ſey, wenn Du Deine Haut nicht dort oben laͤſſeſt. Verſprich mir aber, die Graͤfin zu retten, wenn ich dort oben liegen bleibe.“ „Einverſtanden!“ rief der Grenadier; und die drei Tapferen eilten auf die ruſſiſchen Bat⸗ terien los. Drei gingen hin, und nur zwei ka⸗ men zuruͤck, auf zwei Pferden reitend, und ver⸗ folgt von den Kugeln der wach gewordenen ruſ— ſiſchen Artilleriſten. Der edelmuͤthige Adjutant war geblieben; der Grenadier friſch und geſund; Such hatte einen Bajonettſtich in die Schul⸗ ter erhalten. Dennoch ließ er das Pferd nicht los, und jagte es ruͤſtig bis an den Wagen, den er unverſehrt wieder fand. „Sie muͤſſen mich zum Ehrenkreuz melden, Herr Offizier!“ meinte der Grenadier, indem er Anſtalten machte, mit Stricken die Pferde anzuſpannen:„Aber zum Teufel, die Stricke reichen nicht aus! wir muͤſſen die Schlaͤfer um 237— uns her vollends ausziehen, und ihre Shawls und Schaͤrpen fuͤr uns verwenden.“ Als er den erſten Beſten pluͤnderte, rief er: „Der Spaßvogel ſcheint todt zu ſeyn. Wahr⸗ haftig: alle dieſe Purſche ſind hinuͤber. Die Pferdsindigeſtion und Schnee und Feuer haben mit ihnen geendigt.“ Der Major zitterte, und bemerkte jetzt erſt, daß die Kaͤlte zugenommen hatte. Er ruͤttelte die Graͤfin, und rief ihren Namen. Julie hob muͤhſam den Kopf und oͤffnete die Augen. „Gott ſey Dank! Sie leben, Madame. Nun ſind wir gerettet.“ „Gerettet?“ wiederholte Julie, und ſank wieder in ihre Ermattung zuruͤck.— Die Pferde waren angeſpannt, und auf ihnen ſaß der Gre⸗ nadier und Sucy mit ſchlecht verbundener Wunde, und mit Piſtolen bewaffnet. Der an⸗ dere Soldat, deſſen Fuͤße in der letzten halben Stunde erfroren, war auch in den Wagen ge⸗ worfen worden. Der Grenadier trieb die Pferde mit ſein m Bajonett an, und der Wagen flog 238 wie ein Gewitter durch die Ebene. Aber bald war er mitten im Gedraͤnge der nach dem Strome forttaumelnden Soldaten. Man konnte nur im Schritt fahren, bedroht von den Fluͤch⸗ tigen, welche Luſt hatten, die Pferde zu todten. „Wie lang ſoll das waͤhren?“ fragte der Grenadier den Major:„Wollen wir zum Ziel kommen oder nicht?“ „Freilich!“ verſetzte Such:„Um jeden Preis!“ „Voran alſo! man macht keinen Pfannku⸗ chen ohne zerſchlagene Eier!“ Der Grenadier ſprengte die Pferde wie wuͤ⸗ thend in dieſes ſchwankende Menſchenfeld, daß die Räder zu beiden Seiten umwarfen, was ihnen vorkam, und Maͤnner, Weiber und Kin⸗ der zerſchmetterten. Dazwiſchen ſchrie er jedoch immer mit Donnerſtimme:„Weicht aus, verfluch⸗ tes Pack!“— Der Major ſchauderte, aber ſein Begleiter ſpottete hierauf:„Was thut's? das oder die Kaͤlte; das oder ruſſiſche Kugeln.“ 239„ ticht fern vom ufer ſtürzte der Wagen um. Der unerſchrockene Grenadier ſagte nur: „Das hab' ich erwartet. Aber der arme Sol— dat da drinnen iſt mauſetodt.“ „Armer Laurent!“ ſeufzte der Major. „Hieß er Laurent? der vom fuͤnften Jä⸗ gerregiment?“ Der Major nickte. „Sieh', ſieh'! das war ein Vetter von mir. Aber ſo ein Hundeleben iſt nicht werth, daß man viel Aufhebens davon macht.“ Man ließ den Wagen liegen, die Pferde ſtehen, weil zu viel Zeit verloren gegangen waͤre. Julie war von dem Sturz erwacht.„Wo ſind wir, Sucy?“ fragte die Leidende:„Was iſt geſchehen?“ „Wir haben noch fuͤnfhundert Schritte zur Bruͤcke. Jenſeits ſind wir ſicher; in Wilna darfſt Du ruhig ſchlafen. Daß Du nie erfuͤh⸗ reſt, was Dein Leben mir gekoſtet hat!—„Du biſt verwundet?“—„Hat nichts zu ſagen.“— Die Kataſtrophe war aber da. 240 a Das ruſſiſche Geſchuͤtz ſchleuderte ſeine Don⸗ nerkeile in die Ebene herab; die feindlichen Co⸗ lonnen hatten Studzianka beſetzt, und waͤlzten ſich ſchnell wie die Feuersbrunſt gegen das Ufer hernieder. Auf der Bruͤcke wimmelte alles von Menſchen, und ſchon brannten auf Eblé's Be⸗ fehl die Joche am jenſeitigen Strand. Die Brucke ſtuͤrzte ein, und die Menſchenmaſſe mit einem dumpfen Schlag wie eine Lavine in die Fluthen. Tauſende von Leichen bedeckten den Strom, tauſend Fluͤchtlinge prallten vom Ufer zuruͤck, und rannten mit fuͤrchterlichem Zuſam⸗ menſtoß gegen die Tauſende, die zur Bruͤcke wollten. Julie und ihr Gatte dankten ihr Le⸗ ben dem umgeſtuͤrzten Wagen, worin ſie ſich bargen. Die Pferde wurden im Gedraͤng er⸗ ſtickt und zertreten. Der Major und der Gre⸗ nadier mordeten, was ihnen in den Weg trat, um nicht ſelbſt getoͤdtet zu werden. Waͤhrend einige kecke Waghaͤlſe, trotz der augenſcheinlich⸗ ſten Gefahr, von dem Ufer auf die im Strom treibenden Eisſchollen ſprangen, und zum Theil 241 glucklich ſich retteten, floh die groͤßte Menge in die Ebene zuruͤck und den Ruſſen entgegen, ſo daß es um den geſtuͤrzten Wagen frei und leer wurde. Ungefaͤhr fuͤnfzig Tapfere ſammelten ſich bei dem Major, und ſchleppten den Grafen mit ſeiner⸗Gattin an die Truͤmmer der Bruͤcke. Sucy ſchlug vor, einen Floß aus dieſen Truͤm— mern zu machen, und ſchnell ging man an's Werk. Generale, Oberſten, gemeine Soldaten ſchleppten Bretter, Stricke, Raͤder und Lavet⸗ ten herbei. Die wenigen Bewaffneten bildeten eine Art von Vorwache gegen die Ruſſen. Die junge Graͤfin ſaß neben ihrem am Geiſt ganz verlornen Mann; ihre ſchwachen Haͤnde konn⸗ ten hier nicht helfen, und immer naͤher drang der wilde Hurrahruf der Ruſſen.— Da war endlich das Floß fertig, von vierzig Mann in die Fluth geſchleudert, und in einem Augenblick von Menſchen bedeckt. Der Major, Julien und ihren Gemahl bei der Hand haltend, erbebend vor Zorn, rief den Leuten zu:„Ungeheuer! ich gab euch den Rettungsgedanken;— ich Spindler's ſammtl. Werke. XIV. Sommermalven. 1. 242 bin euer Retter, und ihr wollt mich nicht aufnehmen?“ Dumpfes Getuͤmmel war die Antwort, und die Leute am Rande des Floſſes ſuchten damit in den Strom zu treiben. Da ſchrie der Gre⸗ nadier mit einem fuͤrchterlichen Fluche:„Ich ſtuͤrze euch alle in's Waſſer, ihr Hunde, wenn ihr nicht den Major und ſeine Begleiter auf⸗ nehmt!“ Er drohte mit dem Saͤbel, verhin⸗ derte die Abfahrt, und ließ die Leute enger zu⸗ ſammenruͤcken. Hie und da ſtuͤrzte Einer in's Waſſer, und ein Lieutenant war der Einzige, der es verſuchte, dem Grenadier ein gleiches Loos zu bereiten. Der Soldat kam jedoch der feindſeligen Bewegung des Offiziers zuvor, packte ihn beim Kragen und warf ihn in's Waſ⸗ ſer.„Trinke Dich jetzt ſatt, Du boshafter En⸗ terich!“ ſchrie er:„Zwei Plaͤtze ſind leer: Herein Major mit Deinem jungen Weibchen! Laß den alten Seehund zuruͤck; es iſt doch bis morgen mit ihm zu Ende.““ „Geſchwind! geſchwind!“ ſchrien hundert N 243 wuͤthende Stimmen, und der Grenadier fuhr dringend fort:„Ohne Verzug, Major. Die Purſche werden knurrig, und haben nicht Un⸗ recht. Herein zu uns!“ Bei dem Grafen ſchien die Beſinnung ploͤtz⸗ lich wiederzukehren. Er ſprang auf, warf den Mantel weg, und ſtand in ſeiner Generalsuni⸗ form da.„Der Graf muß gerettet werden!“ ſagte Philipp mit finſterer Kuͤrze, und Julie druͤckte die Hand des theuren Freundes, um⸗ armte ihn heftig, und ſchluchzte:„Lebe wohl!“ — Die Liebenden hatten ſich verſtanden. Der Graf ſprang auf den Floß; Julie folgte ihm, und ſchenkte dem Freunde noch einen Blick. Der Grenadier rief hierauf:„Wollen Sie mei⸗ nen Platz, Major? ich habe weder Frau, noch Kind, noch Eltern; befehlen Sie, und ich ſpringe in's Waſſer.“ „Ich vertraue Dir dieſe an;“ antwortete der Major, auf den Grafen und ſeine Julie zei⸗ gend, und der getreue Soldat verſetzte:„Schon recht! ſie ſollen mein Augapfel N 244 Da wurde das Floß mit ſolcher Gewalt ge⸗ gen das jenſeitige Ufer getrieben, daß der ſchreck⸗ liche Stoß das gebrechliche Fahrzeug zu zer⸗ ſchmettern drohte. Der Graf ſtand an deſſen Rande, und ſtuͤrzte in den Strom; in demſelben Augenblicke trennte eine ſcharfe Eisſcholle ſein Haupt von dem Rumpfe.„Major!“ ſchrie noch einmal der Grenadier.—„Lebe wohl!“ ſchrie noch einmal Juliens Stimme. Sucy fiel von Schrecken und Muͤdigkeit er⸗ ſchoͤpft zuſammen, ward von den herbeieilenden Ruſſen gefangen, und nach den Steppen Si⸗ birigns geſchleppt. Nach mehreren Jahren des Leidens betrat er wieder den franzoͤſiſchen Boden, ſuchte ſeine Julie auf, und fand ſie— in Wahnſinn ver⸗ loren. Bis an ihr Ende war das einzige Wort, das ſie ſprach:„Lebe wohl!“ Lorbeern, Palmen und Nesseln, aus dem Lebenskranze des Mimen. Fragmente aus den Papieren eines verſtorbenen Kuͤnſtlers. Wenigen zur Beſchaͤmung, Manchen zur Beherzigung, Vielen zur Warnung. Marquard an ſeinen Freund Victor. B.„den 16. Mai 1814. Ein Jahr iſt voruͤbergerollt, mein wackerer Freund, ſeit wir ſchieden, ſeit wir von einan⸗ der gingen,.. Du, dem Rufe der vaterlaͤn⸗ diſchen Waffenehre zu folgen... ich, der freund⸗ lichen Kunſt fortan mein Leben zu weihen. Goldne Hoffnungen beſeelten uns Beide da⸗ mals„doch nur an Dir erwahrten ſie ſich. 248 1 Dich ſchmuͤcken ehrenvolle Wunden, die Or⸗ denszierde der Braven,— Dich ehrt Dein ed⸗ les Volk, und ich.... wie ſchnell ich mich auch auszuzeichnen dachte.... ich bin noch nichts als ein Stuͤmper in meinem neuen Wir⸗ kungskreiſe; mit einem Worte: Nichts, wenn nicht allenfalls ein Stuͤmper weniger als Nichts iſt. Waren das meine heitere Traͤume, als ich der dramatiſchen Muſe ewige Treue ſchwor? O nein... nein; ein Jahr iſt voruͤbergerollt, und ein jeder Tag deſſelben rollte einer meiner froheſten Erwartungen in den Staub. Ja wahrlich! waͤre mein Charakter nicht von Na tur aus ſo ſtoͤrriſch und unbeugſam, daß das Schickſal bis jetzt noch unvermoͤgend war, ſeine Federkraft zu lähmen... ich waͤre ſchon laͤngſt Dir nachgezogen, haͤtte mich weinend an Deine Bruſt geworfen, und Dich um das Kleid der Ehre gebeten. Denn zentnerſchwer fielen mir manchmal die Worte auf das Herz, die Du beim Abſchiede zu mir ſprachſt: Sieh' Dich vor 249% Freund! Prufe Dich und Andere genau! Fuͤrchte eine ſpaͤte Reue! Es iſt eingetroffen, was Du warnend ſprachſt; aber ich muͤßte kein Mann ſeyn, wenn ich feig den Kampfplatz verlaſſen wollte, den ich kaum betreten. Doch genug; ich will Dir, ſo gut es meine außer Uebung gekommene Feder erlaubt, erzaͤhlen, wie es mir erging, da Du ſelbſt ei⸗ nen langen und breiten Bericht wuͤnſcheſt, der faͤhig ſey, einem verwundeten Soldaten ein Paar Viertelſtuͤndchen an der Langeweile ſeiner Krankenſtube zu kuͤrzen. Ruhmſuͤchtig und voll Zuverſicht wie Einer, lte ich aus Deinen Armen nach M, wo mir tauſend Hesperidenfruͤchte winkten. Dort war ich meines Erfolges in der neugewaͤhlten Laufbahn gewiß. Fremde Umgebungen, die nichts von meinen fruͤhern Verhaͤltniſſen wußten, eine Nationalbuͤhne auf anſtaͤndigem Fuß, und mehrere dabei angeſtellte wackere Schauſpieler, die ich die Ehre hatte zu meinen naͤheren Be⸗ kannten zu zaͤhlen, und die mir ihren Beiſtand 250 gewiß nicht entziehen wuͤrden— Alles ſicherte das Gelingen meines Planes. Mit frohem Muthe riß ich mich daher aus dem bisherigen Kreiſe los, und flog dem Ziele der Kunſt entgegen. Wie pochte mein Herz, als ich von fern im Abendſcheine die Thuͤrme des reizenden M. erblickte! Und als ich nun einfuhr in die freundlichen Straßen, und an der naͤchſten Straßenecke ein Anſchlagzet⸗ tel Schiller's Meiſterwerk:„Don Carlos“ fuͤr dieſen Abend verkuͤndigte.... wrelch' ein Wechſelgefuͤhl in meiner Bruſt! Carlos! dieſes hohe Ideal meiner Phantaſie, dieſe Rolle, die ich allen andern vorzog, in der ich mein Probe⸗ ſtuͤck ablegen wollte, dieſe Rolle ſollte ich dar⸗ ſtellen ſehen, heute! gerade heute. Wie gehetzt rannte ich nach dem Theater. Prahlend ſchritt ich durch die hohen Thuͤ⸗ ren, warf einen pruͤfenden Blick auf die Treppe links, die zu den Gemaͤchern der Kuͤnſtler fuͤhrt;.. ich wollte ſie ja naͤchſtens auch be⸗ ſteigen. und einen vornehmen auf den Trupp — 251 des dienenden Perſonals, der muͤßig im Veſti⸗ bule ſtand. Gleichguͤltig ſahen die Menſchen auf mich hin. Sie ahnten nicht, daß an ihnen ein Kunſtjuͤnger vorbeiging, der vor Begierde brannte, naͤchſtens einer ihrer Vorgeſetzten zu werden. Das geſchmackvolle Innere des Hau⸗ ſes, die glaͤnzende Verſammlung um mich her, die ſplendide Beleuchtung, Alles legte ſich wohl⸗ thuend um mein Herz, und da eben die Sym⸗ phonie mit Donnertoͤnen losſtuͤrmte, als ich eintrat, ſo bildete ich mir ein, ein Kuͤnſtler⸗ fuͤrſt zu ſeyn, deſſen Ankunft huldigend ge⸗ feiert wuͤrde... Schweigend druͤckte ich mich in ein dunkles Eckchen und lauſchte dem Be⸗ ginnen des Spiels. Darf ich geſtehen, daß ein grollendes Etwas in meiner Seele ſich dar⸗ uͤber auflehnte, daß man es wagen konnte, Don Carlos zu geben ohne mich?„ da ich doch in dieſer Rolle zuerſt meinen Beruf docu⸗ mentiren, meine Kraͤfte bewaͤhren wollte. Ver⸗ gebens wandte die Vernunft ein, daß weder Direction noch Publikum bis jetzt etwas von —— 252 meinem Vorhaben gewußt; die gereizte Eitel⸗ keit brummte wie ein muͤrriſches Kind, und fuͤhrte die kritiſche Ruthe ohne Schonung, als bald darauf mein Nebenbuhler malgré lui auf⸗ trat. Zwar entfaltete in der That der junge Mann in ſeinem Spiel mehr guten Willen, als Anlage oder Talent; aber meine Ungerech⸗ tigkeit fand jede Bewegung zu matt, die De⸗ clamation zu uͤberladen, die Mimik fehlerhaft, ſogar der Anzug kam mir unausſtehlich vor, und leiſe ſeufzte ich nach jeder Scene in mich hinein(denn fuͤr die Umſtehenden war ich ſtumm wie der Pfeiler, an dem ich lehnte)... Wie anders muͤßte Dir dieſe Stelle gelungen. ſeyn!.. Die Zuſchauer waren gutmuͤthig genug, dem Eifrigen zu verſchiedenen Malen Beweiſe ihrer Zufriedenheit zu geben, und dieſes Haͤndeklat⸗ ſchen ſtreute immer Salz in die Wunde, die mir, Gott weiß welcher Daͤmon geſchlagen hatte. So ſehr mich das Spiel der uͤbrigen Perſonen, namentlich meiner Freunde von ehedem ver⸗ 253 gnügte, ſo war es mir doch unmoͤglich, den Sturm meiner Empfindungen bis zum Schluſſe des Stückes auszuhalten. Ich verließ den Saal nach dem vierten Akt, bloß um nicht Zeuge der ſchoͤnen Scene bei Poſa's Leiche, und eines Beifallklatſchens zu ſeyn, das der erbitterte Neid.... nennen wir das Kind bei dem rech⸗ ten Namen.... unmoͤglich gut heißen konnte, noch wollte. Ich rannte nach meinem Gaſthofe, und ließ meine drei Freunde: Alba, Poſa und Lerma zum Abendtiſch bei einem alten Bekannten ein⸗ laden. „Die Herren werden erſcheinen,“ rief der Kellner wieder zur Thuͤre herein,„ſobald die Komoͤdie aus iſt.“ „Gemeine Seele!“ murrte ich mit wahrem Mißbehagen—„Komoͤdie! In einer gebildeten Stadt, wie dieſe, ſolche Ausdrucke hoͤren zu muſſen!“— 254 Heftig ging ich auf und nieder, waͤhrend in meinem Zimmer ein Souper arrangirt wurde, deſſen Niedlichkeit ich der ruͤhrigen Wirthin nicht genug empfehlen konnte, und ſchuf mir glaͤnzende Luftſchloͤſſer der Zukunft, denn das Oel meiner Selbſtgenͤgſamkeit ſchwamm wie⸗ der oben auf. Ich brach den Stab uͤber den armen Carlos, und freute mich mit innerlicher Schadenfreude, wie ich den Talentloſen ausſte⸗ chen wollte in der Gunſt des Publikums, die wahrſcheinlich nur dem Verdienſte ſeinen Ur⸗ ſprung verdankte. In dem truͤben Schein der duſter brennenden Lichter, allein im Saale her⸗ umwandernd, muſterte ich, ſelbſtgefaͤllige Pa⸗ rallelen ziehend, meine Figur, meine Haltung, meinen Anſtand, mein Organ, und der Triumph ſchien mir nicht zu bezweifeln, die Krone des Ruhms mir nicht zu verſagen. Der Laͤrm der ruͤckkehrenden Equipagen, das Getoͤſe des voruͤberſchwaͤrmenden Zuſchauerhau⸗ 255 fens verkuͤndete das Ende des Schauſpiels. Barſchthuende Offiziere, renommirende Studen⸗ ten, naſeweiſe Kaufmannsdiener und alte Bon⸗ vivans fuͤllten in raſchem Andrange das Spei⸗ ſezimmer. Ihre Ankunft riß mich aus dem Sie⸗ geswagen, den ich mit allem Prunke mir auf⸗ gebaut hatte, und erinnerte mich an meine Gaͤ⸗ ſte. Ich flog hinauf zu der bereiteten Tafel, ſie ſolenniter zu empfangen. Auch blieben ſie nicht lange aus. Mit der herzlichſten Empfindung — ich baute ja auf ſie meine Hoffnungen— eilte ich den Eintretenden entgegen. Statt mei⸗ nes warmen Empfanges pluͤnderten ſie das Komplimentirbuch, und nach einigen Minuten gegenſeitigen Verſtaͤndigens mußte ich betroffen wahrnehmen, daß ſie ſich meiner kaum nur dunkel erinnerten. Sonderbar! Und dennoch waren es kaum anderthalb Jahre, ſeit ſie mei⸗ ne Vaterſtadt verließen, und dennoch waren ſie damals faſt meine taͤglichen Geſellſchafter... Genoſſen meiner Vergnuͤgungen, mit denen ich die Gaben des Bacchus und der Ceres willig 256 theilte, ja ſogar manchmal in kleinen Verlegen⸗ heiten, wie ſie einem Menſchen wohl zuwachſen koͤnnen, den Inhalt meiner Boͤrſe. Bei ihrer Abreiſe nach M.... war noch bei einem Lie⸗ bes⸗ und Scheidemahl der Bund der Freund⸗ ſchaft befeſtigt worden, und, meinen Namen im Stammbuche, meinen Champagner im Ko— pfe, mein Andenken, wie ich hoffte, im Her⸗ zen, fuhren ſie der neuen Beſtimmung entge⸗ gen. Das Letztere hielt kurze Zeit laͤnger an, als das Zweite, denn ich fand es beim Wieder⸗ ſehen voͤllig verblichen, und nur ſtufenweiſe konnte die Erinnerung zum Wachen gebracht werden, bis endlich Poſa, die bereitete Tafel erblickend, ſich analog berührt fand, und der vielen Tafelfreuden eingedenk, die wir ſchon mit einander genoſſen, mich feierlich an die Bruſt druͤckte und anerkannte, mit der Wuͤrde eines Koͤnigs, der vor den Großen ſeines Reichs den aus Schlachten zuruͤckkehrenden Sohn als Thron⸗ folger proclamirt. Alba und Lerma folgten dem Beiſpiele des Freundes, und nun erſt aus ei⸗ 2 257 nem Arm in den andern eilend, bemerkte ich, daß nicht das dreifache Kleeblatt allein, ſon⸗ dern ein vierblättriges den Weg zu meiner Thuͤre gefunden hatte. In conventioneller Unthaͤtigkeit hatte ein, mit den Freunden eingetretener, mir aber un— bekannter Gaſt, auf der Schwelle verweilt, und die Erkennungsſcene ungehindert vorbeigehen laſſen. Nun kam aber auch die Reihe an ihn, zu grußen und gegrußt zu werden, und Poſa ſtellte mir in ihm den Carlos des heutigen Abends vor. Welch ein Donnerſchlag fuͤr mich, als der verhaßte Stoͤrefried aus dem Dunkel des Gemachs in das helle Kerzenlicht trat und ſich, Herkommens halber, meiner Freundſchaft empfahl. Mein Gegencompliment mag etwas dürftig ausgefallen ſeyn, denn Poſa hielt es fuͤr noͤthig, mir zu wiederholen, daß er glaube, mir Freude zu machen, indem er mir den wa⸗ ckern Kuͤnſtler vorſtelle, der es verdiene, durch Geiſt und Talent in jeder Geſellſchaft zu glaͤn⸗ zen.— Froſtig verbeugte ich mich, beſtellte ein Spindlers ſämmtl. Werke KlV. Sommermalven 1. 17. 258 fuͤnftes Couvert, und ſetzte mich, wie aus ei⸗ nem Eisbade geſtiegen, nebſt meinen Gaͤſten zu Tiſche. Der Zwang hatte ſich zwiſchen uns geſetzt, und jeder Scherz ſchlich bleiern uͤber die Lippe. Selbſt die ſcandaloͤſe Chronik der Stadt und des Theaters, die der Spoͤtter Alba boshaft ge⸗ nug vortrug, ging, belaͤchelt hoͤchſtens, nie be⸗ lacht voruͤber, und ich begann ſchon das Herein⸗ brechen der Langeweile zu fuͤrchten, als Lerma, der, waͤhrend Poſa aß, Carlos trank, und Alba laſterte, mich aufmerkſam beobachtet hatte, dem Geſpraͤche plotzlich eine raſche und deſto heil⸗ ſamere Wendung gab. „Sie ſind nicht heiter, lieber Marquard,“ hob er ploͤtzlich an;„und die Urſache davon? Haben Sie etwas auf dem Herzen? Heraus damit. Seinen Freunden verſchweigt man nichts. Schuͤtteln Sie durch eine offene Beichte die Laſt ab, damit uns dieſer Abend, der ſo 259 froh werden koͤnnte, nicht in die Bruͤche geht. Wer weiß, ob und wann wir je ſo vertraulich wieder beiſammen ſitzen!“ Poſa und Alba ſtimmten ein, und, ſo ſchwer es mir fallen mochte, vor dem fremden Ueber⸗ laͤſtigen, das Warum? meines Hierſeyns zu entwickeln, ſo fühlte ich doch, daß ein raſcher Schritt gethan werden mußte, und beſchloß, dreiſt üͤber die Sturmpfaͤhle der Zweifel, des Vorurtheils und des Zauderns hinuͤberzuſetzen. „Ich muß Euch nur geſtehen, meine lieben Freunde,“ begann ich herzhaft,„daß mich nur die Sorge uͤber meine Zukunft fur einige Au⸗ genblicke ſo duͤſter machte, denn ſo, wie ich da bin, ſeht ihr an mir einen Menſchen, der ſei⸗ nen alten Adam ausgezogen hat, und gerne einen neuen anziehen moͤchte. Deshalb bin ich hier in Eurer Mitte, und ob ihr mir gleich fuͤglich zutrauen moͤget, daß ich Euch dieſes Souper nicht als Koͤder und Lockangel fuͤr Euern guten Willen ausgehaͤngt habe, ſo habe ich Euch doch auch nicht 6 eingeladen, 260 und nehme Eure Huͤlfe, Eure Fuͤrſprache in Anſpruch.“ Sie baten um Erlaͤuterung, und ich gab ſie in Kuͤrze. Ich ſchilderte mein ſtets wachſen⸗ des Mißbehagen an meiner bisherigen juridi⸗ ſchen Laufbahn, die grauſame Taͤuſchung, mit der mich das Schickſal beim Tode meines Oheims uͤberraſchte, der ein großes Vermoͤgen zu haben ſchien, aber in Wirklichkeit nur ein ſehr geringfuͤgiges hinterließ, meine Liebe zur Kunſt, naͤmlich zu der dramatiſchen, auf deren Pfade ich Ruhm, Gold und Ehre zu erwerben hoffe, meine früheren Leiſtungen auf Privatbuͤh⸗ nen... brachte meine Anlagen, meine Kennt⸗ niſſe in Anſchlag, und ſchloß endlich mit der freimuͤthigen Bitte, die Aufnahme des ſuppli⸗ cirenden Candidaten in das Gremium ihrer Buͤhne zu bewerkſtelligen.— Verwundert ſah Poſa in die Hoͤhe, Lerma nickte, vor ſich hinſinnend, mit dem Kopfe, laͤ⸗ chelnd drehte Carlos das Glas, waͤhrend der 261 lauernde Alba, um eine Antwort verlegen, mit dem Meſſer auf dem Teller kritzelte. Eine lange Pauſe erfolgte. Das hatten ſie nicht erwartet, ſo viel begriff ich wohl, und wollte nun die Scene mit Gewalt zu Ende leiten. „Nun, meine Freunde,“ ſprach ich, die lu⸗ ſtige Maske vorſchiebend, obſchon es ziemlich ſchwarz in mir ausſah—„nun? Ihr Ent⸗ ſchluß? Ihre Meinung?“ Alba fand zuerſt die Sprache wieder:„Hm!“ begann er,„wenn es Ihnen Ernſt waͤre mit der Propoſition...“ „So koͤnnte man allenfalls wohl..... haͤngte Poſa an. „Aber es koͤmmt auf die Direction an,“ bemerkte Alba weiter. „Und da vermoͤgen wir leider nicht viel,“ ſchloß ein wenig raſch der Infantenfreund. „Ich verſichere auf meine Ehre,“ entgeg⸗ nete ich,„daß ich nicht ſcherze, daß ich auf Sie meine Hoffnung baue, und ich zweifle 262 nicht, daß Freund Poſa, als Regiſſeur des Kuͤnſtlervereins, wenn er nur will...“ „Freund!“ fiel mir dieſer lebhaft und etwas ängſtlich in das Wort,„in dieſer Eigenſchaft kann ich gar nicht fuͤr Sie wirken. Ich be⸗ faſſe mich nicht mit Anſtellungsgeſuchen, die der Director allein zu würdigen und zu entſcheiden hat. Ich befinde mich vermoͤge meines Ver⸗ paͤltniſſes in einer kritiſchen Lage, und mochte nicht gerne die leidliche Beziehung, in der ich zur Direction und zu der Geſellſchaft ſtehe, und ihr beiderſeitiges Zutrauen auf das Spiel ſetzen, denn durch den allerunſchuldigſten Ne⸗ potismus wuͤrde ich ſie, wie ein Fuͤrſt ſeine Popularität verlieren. Meiner freundſchaftlich⸗ ſten Mitwirkung unter der Hand ſeyn Sie in⸗ deſſen verſichert.“ „So?“ fragte ich in langgedehntem Tone. „Ich an Ihrer Stelle,“ fuhr Alba fort, „wuͤrde mich gerade kuͤhn und zuverſichtlich an den Vorſtand ſelbſt wenden. Den eignen Schritt muß man auch ſelber thun. Ihr Aeußeres im⸗ Mw 263 AMn ponirt an und fuͤr ſich... nun noch keck und dreiſt verſichert, daß Sie bereits bei einer Buͤhne angeſtellt waren, brillante Rollen vor— geſchlagen, und ich garantire Ihnen beinahe den Erfolg ohne unſere Beihülfe....“ „So?“ fragte ich zum zweitenmale, und harrte auf Lerma's Ausſpruch, der aber noch in Gedanken verloren mir gegenuͤber ſaß. „Ja!“ bekraͤftigte Poſa des Freundes Rath;„handeln Sie ſelbſt, und... welch' herrlicher Einfall!... wenn Sie denn durchaus einen Fuͤrſprecher noͤthig zu haben glauben... ſo ſitzt hier der beſte, den Sie finden koͤnnen!“ er zeigte auf den verhaßten Kronprinzen.„Die⸗ ſer wackere junge Mann iſt auf dem Punkte, unſeres Vorſtehers Schwiegerſohn zu werden, vermag außerordentlich viel uͤber ſeinen hals⸗ ſtarrigen Geiſt, und kann Sie am leichteſten in den erwuͤnſchten Hafen lootſen.“ „So?“ fragte ich zum drittenmal, und mein Ton war dreimal verdrießlicher, mein Geſicht dreimal laͤnger als vorher. 264 „Wenn ich Herrn Marquard dienen kann,“ ſprach Carlos mit dem freundlichſten Geſicht von der Welt,„ſo ſtehen ihm meine beſten Dienſte zu Gebot, und ich glaube, verſichern zu koͤnnen, daß ſeinem Wunſche gerade im ge⸗ genwaͤrtigen Augenblicke am Erſten Genuͤge geleiſtet werden duͤrfte.“ Ich war erſtaunt, meinen Guignon alſo ſprechen zu hoͤren.„Vermuthlich iſt,“ ſetzte er den Stab ſeiner Rede weiter fort,„nach Ih⸗ rem Aeußern, und nach den Rollen, die Sie auf der Dilettanten-Buͤhne Ihrer Vaterſtadt geſpielt haben, zu urtheilen, das tragiſche Lieb⸗ haberfach das Ihrige, und wenn Sie das leiſten, was man von Ihnen zu erwarten berechtigt ſeyn darf, wie ich nicht zweifle, ſo ſind Sie der Unſrige, und einem großen Mangel unſerer Buͤhne iſt durch Ihre Anſtellung abgeholfen. Unſer erſter Liebhaber hat ſich naͤmlich vor we⸗ nigen Wochen aus Verzweiflung uͤber ſo viele Wechſel, die er bezahlen ſollte, und doch nicht konnte, dem Patriotismus in die Arme gewor⸗ 265 fen. Er iſt hinausgezogen, zu fechten für das Vaterland, und ſein Fach ſteht noch bis zur Stunde verwaist, und muß es ſich gefallen laſſen, wenn Stuͤmper meiner Art, hoͤheren Befehlen gehorchend, ſich unterfangen, aus dem rez-de- chaussée der Converſationsſtuͤcke, wo⸗ hin ſie eigentlich gehoͤren, auf ſchwanker, un⸗ ſicherer Leiter in den erſten Stock der Tragoͤ⸗ die hinaufzukriechen, um beſagtes Fach ſo gut oder boͤſe, wie es ſich eben thun laͤßt, mit ih⸗ ren Afterkuͤnſten auszufuͤllen.“ Wie himmliſche Harmonieen toͤnten dieſe Worte in meinen Ohren wieder, und ich konnte nicht umhin, dem, ſeit einem Augenblicke weit angenehmer gewordenen Gaſte freundlich dan⸗ kend zuzunicken, waͤhrend Alba und Poſa ſich in Gemeinplaͤtzen erſchoͤpften, das koſtbare Ta⸗ lent und die noch koſtbarere Beſcheidenheit des Directions⸗Schwiegerſohns gebuͤhrend heraus⸗ zuſtreichen. „Es ſey alſo hiemit feſtgeſetzt,“ unterbrach der Gefeierte den Strom von Schmeicheleien, 266 „und beſchloſſen wie folgt: Ich fuhre Herrn Marquard bei der Behoͤrde auf, wobei Candi⸗ dat nur Eines zu beobachten hat: Er muß nämlich, wie fruͤher ſchon gerathen wurde, ſich nicht als Neuling praͤſentiren, ſondern wenig⸗ ſtens ein Jahr des praktiſchen Studiums bei einer andern Buͤhne vorgeben, denn mein Schwiegervater in Hoffnung, obwohl ein ach⸗ tungswuͤrdiger, braver Mann, kann die Neu⸗ linge nicht leiden. Befolgt Herr Marquard dieſen Rath, kuͤßt er der geehrten Directrice und meiner lieben Braut huͤbſch die Handz... ſpricht er viel und uͤber Vieles mit weltmaͤn⸗ niſcher Anmaßung, beſteht er auf Glanz- und Spectakel⸗Rollen, und vertraut er im Uebri⸗ gen meiner Bemuͤhung, ſo iſt in einer Stunde ein raiſonnables Engagement, oder wenigſtens doch vorlaͤufig ein Accord auf drei Gaſtrollen mit anſtaͤndigem Honorar, fir und fertig.“ „Topp!“ rief ich, von der Offenherzigkeit des jungen Mannes beſtochen, und reichte ihm die Hand uͤber die Tafel.„Es bleibt dabei! 267 Ich vertraue Ihnen, und uͤberlaſſe mich gaͤnz⸗ lich Ihrer Sorgfalt.“ „So waͤre denn Alles berichtigt, Allem ab⸗ geholfen!“ fielen laͤrmend Poſa und Alba ein, und die Glaͤſer klangen. Die rauchende Punſchbowle, die in dieſem Momente erſchien, regte alle Geiſter zu hoͤhe⸗ rer Munterkeit auf. Jocus tauchte aus jedem Glaſe auf. Momus warf ſeine Schellen klin⸗ gend uͤber die Tafel, und Scherz und Gelaͤch⸗ ter tanzten in muthwilligem Reigen um ſie her. Ich ſchwamm in Freude, die jubilirenden Gaͤſte gluͤhten, und ſogar der plotzlich ſo ernſt ge⸗ wordene Lerma laͤchelte wieder, ſo oft er mich anſah. Aber es war das wehmuͤthige Lacheln des Vaters, der ſein, dem Tode ſchon verfal⸗ lenes Kind mit der letzten Kraft ſeiner abge⸗ zehrten Glieder harmlos am Rande des Gra⸗ ves ſpielen ſieht, in welches binnen wenigen Tagen das unerbittliche Schickſal die kaum ent⸗ keimte Knospe ſturzen wird. 268 n Die Lichter waren heruntergebrannt, die letzte Bowle leer, und die Gaͤſte nahmen Ab⸗ ſchied.„Vivat der neue Herr College!“ hieß der letzte Toaſt, den Freund Poſa auf mein Wohl ausbrachte. Freundſchaftsverſicherungen aller Art regneten nur auf mich herab, die Umarmungen waren ohne Ende, und ſelbſt der Ruhe beduͤrftig, ſchob ich die honnet Illumi— nirten nach einander zur Thuͤre hinaus. Des ſuͤßen Punſches und der noch ſuͤßern Hoffnung voll, lagerte ich mich gemuͤthlich auf das Sofa, und ließ die Geſchichte des heutigen Abends in ruhiger Beſchauung an mir voruͤbergehen. Da raſſelte es leiſe an der Thuͤre. Auf mein: Wer da? druͤckte ſich Freund Lerma wieder herein in das Zimmer, gab vor, Etwas bei mir vergeſſen zu haben, und nachdem ich ihm behuͤlflich geweſen, es zu finden, ſtellte er ſich gerade vor mich hin, ſah mir bewegt in die Augen, und durch die Jovialität ſeines Jeſui⸗ terraͤuſchchens brach ein Strahl von Wehmuth. „Junger Mann!“ ſprach er, nachdem er 269 ſich behutſam umgeſehen:„Nur wenige Worte kann ich Ihnen ſagen, denn meine Cameraden, denen ich nur unter dem Vorwande, Etwas in Ihrem Zimmer vergeſſen zu haben, entlief, warten meiner mit Ungeduld. Darum kurz: Sie wollen aus dem ruhigen buͤrgerlichen Le⸗ ben auf das Geradewohl in die Strudel- und Zigeuner-Verhaͤltniſſe des unſrigen ſich ſturzen, Kopfuͤber wie der Taucher, der nicht einmal die Untiefen des Schlundes, den er befahren will, unterſucht?... Thun Sie es nicht. Sie haben ſich noch nicht geprüft, Sie haben den Stand noch nicht gepruͤft, indem es ſich wahr⸗ lich nicht ſo leicht, nicht ſo angenehm leben laͤßt, als man wohl beim erſten Anblicke glaubt. Ich bin keiner von denen, welche aus Hypo⸗ chondrie oder erbaͤrmlicher Tadelſucht den eige⸗ nen ſelbſtgewaͤhlten Beruf herabſetzen zur Vo⸗ gelſcheuche fuͤr die ſpottluſtige Menge, keiner von denen, die ſich das werthe Angeſicht ver⸗ ſchimpfiren, indem ſie ſich die Naſe abſchnei⸗ den. Der honnete Mann ſchaͤtzt und ehrt ſei⸗ 270 nen Stand, weil er ihn naͤhrt, weil er die Verpflichtung ubernommen hat, in ihm zu le⸗ ben, ſollte auch jede Stunde ſeines Berufsle⸗ bens ihm einen Dornenkranz bringen. So er⸗ hebt der Soldat das Kriegshandwerk, der Stu⸗ dirte ſeine Fakultät, der Kaufmann ſeine Fir⸗ ma, der Profeſſioniſt ſein Gewerbe vor jedem andern, und mich duͤnkt, es hat Jeder nach ſeiner Weiſe Recht. Bei dem ehrliebenden Kuͤnſt⸗ ler, folglich beim Schauſpieler, gilt das Näm⸗ liche. Schaͤmt ſich der Letztere, ſeinen Helm offen zu tragen, ſo iſt es mit der ganzen Kunſt nicht weit her. Aber Erfahrung und Gefuͤhl machen es dem Veteranen zur Pflicht, den un⸗ erfahrenen Novizen zu warnen, der nur die bunten Ringe der glatten Schlange, nicht ihre Giftzaͤhne ſieht, und in Gefahr ſteht, ein reel⸗ les Gut aufzugeben, um ein Leben voll Reue hindurch dem truͤgeriſchen Schatten eines er⸗ traͤumten Gluͤckes nachzujagen, das ſich nie verwirklichen wird. Darum, mein junger Freund! pruͤfen Sie genau, ehe Sie entſcheiden. Der 271 n Palaſt irdiſcher Wohlfahrt iſt wie jeder andere in einer kurzen Spanne Zeit darnieder geriſſen, waͤhrend oft eine ganze Lebenszeit nicht aus⸗ reicht, ihn wieder aufzubauen. Gute Nacht!“ Er druͤckte mir die Hand und ging. Darf ich es Dir geſtehen, daß ich den gutmuͤthigen aber beſchwerlichen Pedanten damals recht derb auslachte, und mich im Uebermuthe der ju⸗ gendlichen Eitelkeit zu Bette legte, um vierzig Jahre voll Kuͤnſtlerruhm und Lorbeerkronen voraus zu traͤumen? O ja! jetzt darf ich es; ich muß es ſagen, denn Dir ſoll keine Falte meines Herzens verborgen bleiben. Dieſer Brief laͤuft zu einem recht anſehnli⸗ chen Fascikel auf, aber es iſt Deine Schuld. Du willſt, ich ſoll Dir ein ganzes Jahr, oder vielmehr deſſen Geſchichte auf das Papier fuͤh⸗ ren, und 365 Tage, ſo ſchnell ſie auch dem zeitvergeudenden Menſchen voruͤberrauſchen, deh⸗ nen ſich in der Erinnerung noch einmal ſo — 272 lange. Habe indeſſen nur Geduld, bis die nothwendige, wenig amuſante Erpoſition vor⸗ uͤber iſt.. dann verſpreche ich Dir, kuͤrzer ₰ und ſogar manchmal kurzweilig zu ſeyn. Den ſuͤßeſten Traͤumen, in denen ich mich in der Glorie eines erſten Kunſtgenies ſtrahlen ſah, entriß mich Carlos, der mich abzuholen kam. Seine Puͤnktlichkeit, ſeine Freundlichkeit, und was mir mehr als Alles dieſes galt: die ueberzeugung, von ſeiner Seite in meinem kuͤnftigen Fache nichts zu fuͤrchten zu haben, hatten ihm eben ſo ſchnell meine Gunſt zuge⸗ wandt, als geſtern mein Eigenduͤnkel ſein Ur⸗ theil ſprach. Ich zauderte daher gar nicht, ihm die unzweideutigſten Beweiſe meiner Anhaͤng— lichkeit und meines Vertrauens zu geben, in⸗ dem ich ihm uͤber meine fruͤhere Lage die deut⸗ lichſte Auskunft gab, und verbruͤdert wie die Dioskuren gingen wir zu dem Director, der mein Schickſal entſcheiden ſollte. Und binnen weniger als einer Stunde war es entſchieden. Ich hatte der Directrice und N 273 ihrer blaſſen aber wunderſchoͤnen Tochter die Hand gekußt, mit dem trocknen, aber verſtaͤn⸗ digen Director geplaudert, ihm den Zenith und Nadir meiner Kenntniſſe ſehen laſſen, und ne⸗ benbei Einiges vorgeſchwindelt, wie meine Freunde es haben wollten. Carlos hatte un⸗ terdeſſen angelegentlich mit den Frauenzimmern verkehrt, dieſe wiederum dem lenkbaren Haus⸗ vater Winke gegeben, mit einem Worte: das Ultimatum des Impreſario war die Verguͤn⸗ ſtigung, drei in meiner Wahl ſtehende Gaſt⸗ rollen geben zu dürfen, füͤr die er mir ein an⸗ ſtändiges Honorar zuſicherte. Der Erfolg die⸗ ſer Proberollen ſollte die Baſis meines zu hof⸗ fenden Engagements ſeyn, oder.. Stuͤrmiſch druckte ich den braven Carlos an meine Bruſt, als wir im Freien waren, und ſo wahr und redlich in einer Hinſicht ihn meine dankbaren Empfindungen,. mit ihnen meine Arme umrankten, ſo falſch und verrätheriſch dr in anderer der Judaskuß, den ich auf ſeine vreßte. Denn weniger lag mir an mtl. Werke. KIV. Sommermalven 1. 18 274 der Ausſicht, bei dieſer Buͤhne mein Ziel, und bald zu erreichen, als an dem berauſchenden Gluͤcke, fortan in Thereſens Nähe leben zu durfen. Das ſchoͤne intereſſante Bild des liebens⸗ wuͤrdigen Maͤdchens hatte mich im erſten Au⸗ genblick entflammt. ſie zu beſitzen, war im zweiten mein einziger r Sebente Und dennoch! war ſie nicht Carlos Braut? faßte nicht dieſer Gedanke tauſend andere, wenn auch noch un⸗ entwickelte, faßte er nicht den ganzen hoͤlliſchen Verrath der Freundſchaft in ſich? ——— Nun folgen vierzehn Tage: die glücklichſten vielleicht meines Lebens. Sie gingen vor mei⸗ ner erſten Aufttittsrolle her, die darum ſo lange verſchoben wurde, weil Schiller's Tell faſt ganz neu ſtudirt werden mußte, und ich partnäckig auf der Rolle des Melchthal be⸗ harrte. Philipp in Johanna von Montfaucon und der junge Ruhberg in Verbrechen aus Ehrſucht ſollten darauf folgen. N 275 Die Morgenſtunden dieſer vierzehn Tage wid⸗ mete ich meinen Rollen mit angeſtrengtem Eifer. Mittag, Nachmittag- und Abendzeit war mei⸗ nen neuen Umgebungen geweiht. Die Glieder des Theaters vom Erſten bis zum Letzten ka⸗ men mir mit der treuherzigen Freundlichkeit entgegen, die den Jüͤngling ſo wohlthuend an⸗ ſpricht. Das Kleeblatt meiner Vertrautern be⸗ gleitete mich allenthalben, Lerma allein machte ſich ſeltener in unſerer Geſellſchaft, und ich entbehrte die ſeinige herzlich gerne, da ſeine Kaͤlte und ſein vorgerückteres Alter mich we⸗ niger an ihn feſſelte. An den Theaterabenden beſuchte ich das Schauſpiel, lernte alle Kuͤnſt⸗ ler kennen, und fand zu meiner Beſchaͤmung, daß Carlos in ſeinem eigentlichen Fache Mei⸗ ſter ſey. Nun konnte ich mir erklaͤren, warum das Publikum ihm ſelbſt in der fremden Sphaͤre Beifall und Aufmunterung angedeihen ließ. Ich lobte es auch deßwegen denn nicht ein je⸗ des iſt ſo billig. War kein Schauſpiel, ſo zerſtreuten ſich die 276 luſtigen Kinder Thaliens in M..8 allerlieb⸗ ſten Umgegenden. Es gab kein Lieblingsplaͤtz⸗ chen, das nicht beſucht wurde, und auch die Damen der Buͤhne fanden ſich zahlreich ein, theils um des herrlichen Fruhlings zu genießen, theils um den neuen Ankoͤmmling zu muſtern. Preziöſe Steifheit bei den ältern, und einige Coquetterie bei den juͤngern derſelben abgerech⸗ net, waren ſie außerordentlich hoͤflich und an⸗ ſtändig gegen mich. Ueberhaupt ſah ich hier das Ideal, das ich mir manchmal von einem Kuͤnſtlerbund, wie er ſeyn ſoll, geſchaffen hatte. Harmonie, Anſtand, feine Sitten und verſtaͤn⸗ dige Unterhaltungen, die indeſſen ſich ſelten uͤber die Grenzen der dramatiſchen Kunſt ver⸗ ſtiegen. Dieſe guten Eigenſchaften der Beſſern machten ſie auch zum Gegenſtande des allge⸗ meinen Wohlwollens. Alle geſellſchaftlichen Zirkel ſtanden ihnen offen und mit Recht, denn ſie waren es würdig, und auf öffentlichen Luſt⸗ orten drangten ſich die angeſehenſten Maͤnner der Stadt um ſie her. Wie wohl that es mir 277 in ſolchen Faͤllen, wenn meine umherſpuͤrende Eitelkeit gewahrte, daß man auch nach mir forſchte, bei andern Mitgliedern Erkundigun⸗ gen uͤber mich einzog, und auf die Verſiche⸗ rung, daß ich in Kurzem mich zum Vereine zaͤhlen dürfe, mein Talent im Voraus mit ei⸗ nem wohlwollenden Blicke oder Gruß beehrte! Ich acceptirte jede dieſer wohlfeilen Gunſtbe⸗ zeugungen als eine ſichere Garantie meines un⸗ getheilten, bald zu aͤrndtenden Erfolges. Sorg⸗ los, leichtſinnig wie der Gluͤckliche ſchweifte ich von Vergnuͤgungen zu Vergnugungen. O mein Victor! Wenn Du jetzt bald Deinen verwun⸗ deten Koͤrper in die Sonne fuͤhrſt, um ihrer Strahlen Heilkraft in Dich zu ſaugen, und ſie in dem Ehrenſterne blitzen zu laſſen, der Deine Bruſt ſchmuͤckt, und Du gewahrſt einen leicht beſchwingten Schmetterling, der muthwillig von einer Bluͤthe zur andern, von einem Blu⸗ menkelche zum andern gaukelt, bald ſich uͤp⸗ pig auf dem leichten Stamm der Nelke wiegt, bald wollüͤſtig trinkend an dem Buſen der Roſe 278 pängt, bald auf dem goldnen Schvoß der But⸗ terblume ſitzend den ſchillernden Farbenprunk ſeines Kleides unter dem Himmelsglanz aus⸗ ſpreitet und ſich hoffaͤrtig blaͤht in ſeiner bun⸗ ten Pracht.... ſo denke an mich. So ſchluͤrfte ich damals das Leben in mich! Damals, ſage ich; denn ſo wenig der unbeſonnene und unbekuͤmmerte Schmetterling es argwoͤhnt, daß ſchon in einigen Stunden ſeine Lebensuhr zum letztenmale pickt, eben ſo wenig ahnt der Menſch im Rauſche der Freude und der Selbſttaͤuſchung, was der dunkle Vorhang ſeiner Zukunft hinter ſeinen Falten bringt. — Dreimal wurde mir im Laufe dieſer Gluͤcks⸗ tage die Freude, die liebliche Thereſe auf der Buͤhne zu bewundern. Als Emilie*) ruͤhrte ſie mich tief, als Klaͤrchen*) entzuͤckte ſie mich, *) Jn Leſſing's Emilia Galotti. **) In Egmont von Göthe. S —————— 279 als Margarethe*) erpreßte ſie mir Thraͤnen der ſeeligſten Luſt. Edel in ihren Bewegungen, klar und gemuͤthlich in ihrer Declamation, ſitt⸗ ſam und keuſch in ihrem Benehmen, erſchien ſie mir wie ein hoͤheres Weſen unter den uͤbri⸗ gen. Ihr großes ſchoͤnes Auge, der reine Glockenton ihrer Sprache! o wayrlich, eben ſo rein als ihre Augen, eben ſo gelaͤutert als das Metall ihrer Stimme mußte ihre Seele ſeyn. Mit Zaubergewalt zog es mich zu ihr hin, und der Zufall kam meinem Wunſche ent⸗ gegen. Dreimal o gluͤckliche Drei!... war ich in ihrer Naͤhe, in dem lieblichen Hain, der in kleiner Entfernung von M.... die Spazier⸗ gaͤnger lockt. Carlos begleitete zwar beſtaͤndig ſeine Braut nebſt ihrer Mutter, aber es gefiel ihm beſſer, in der Mitte ſeiner maͤnnlichen *) In IFffland's Hageſtolzen. — 280 Bekannten herum zu ſchweifen, als die geliebte Zukünftige zu unterhalten. Gern uͤberließ er daher dieſe Sorge mir. Wer war ſeeliger als ich? In dieſen Augenblicken ruͤhrte ſich der Kakodamon in mir recht maͤchtig. Schritt für Schritt ſuchte ich dem Ziele naher zu kommen, das ich ſchon fruͤher mir geſteckt, und meine Sophiſterei bildete ſich die redlichſten Motive zu meinem Benehmen. Konnte ich Carlos... wollte ich ihn entſchuldigen? Ich ſah ihn von der naͤmlichen flachen Charakterloſigkeit befan⸗ gen, welche unter den guten Seiten, die ich bis jetzt an meinen kuͤnftigen Collegen zu be⸗ wundern Gelegenheit hatte, als die einzig ſchwarze trotz meines Vorurtheils mir dennoch ſchon aufgefallen war. Ich hatte bereits geſehen, wie gleichguͤltig ſich mancher Schauſpieler ge⸗ gen ſeine Gattin betrug, die hinwiederum ihm Gleiches mit Gleichem vergalt: ich hatte bis⸗ weilen gehoͤrt, wie lar die Grundſätze waren, zu denen ſich die Maͤnner in Hinſicht auf ehe⸗ liche Bande und Hausſtand bekannten, und 281 Carlos, von dieſem Beiſpiel angeſteckt, ver⸗ pflanzte ſchon in den Brautſtand jene Lauheit, die man im Eheſtand nur mit genauer Noth verzeiht. Was war natuͤrlicher, als daß ich, im Innerſten uͤberzeugt, Thereſe werde eine Niete in der gewagteſten Lotterie des Lebens ziehen, bereit war, ihrer Hand, es koſte was es wolle, das Todesloos zu entwinden? Ewig werde ich mir es zum Vorwurf machen, zu welchen niedrigen Schlangenbewegungen eine blinde Leidenſchaft mich damals vermoͤgen konnte. Einige Geſpraͤche ohne Beiſeyn eines Dritten erlaubte mir in dieſen Tagen der ſchadenfrohe Kobold der Gelegenheit. Ich benuͤtzte ſie, und auf die Gefahr hin, mich zu compromittiren, ließ ich das liebenswuͤrdige Geſchoͤpf einen Blick in mein Herz thun. Purpurroͤthe uͤberflog ihr blaſſes Geſicht, als meine Warnungen, meine Geſtaͤndniſſe geendigt waren, und ſie keinen Zweifel mehr uͤber meine Geſinnung haben konnte. Nach einem Schweigen von einigen Minuten ſprach ſie endlich: 282 „Sie verlangen eine Antwort, und ich weiß nicht, welche ich Ihnen geben ſoll, als dieſe: daß Ihr Antrag mich ſehr uͤberraſcht. Sie bieten mir Ihr Herz an, und wiſſen doch, daß ich verlobt bin. Und mein Verlobter iſt Ihr Freund. Antworten Sie ſich nun ſelbſt.“ Die Roͤthe der Schaam ſtieg nun auf meine Wangen. „Ich will nicht glauben, lieber Marquard,“ fuhr ſie ſanfter fort, und legte ihre Hand auf meinen Arm,—„ich will nicht glauben, daß das kurze Jahr, das Sie ſchon bei der Buͤhne zugebracht haben, hinreichend geweſen ſey, den Hauptfehler des Charakterloſen, mithin den der meiſten Schauſpieler— weil dieſe, gezwungen jeden Charakter auf der Buͤhne zu fingiren, den eigenen außer der Buͤhne ſelten bewahren, in ihre Bruſt zu verpflanzen: Doppelzuͤn⸗ gigkeit. „Ich kann es nicht glauben,“ ſagte Thereſe weiter,„denn dieſe moraliſche Krankheit, die den Freund mit dem ſuͤßeſten Schmeichelgift be⸗ taͤubt, waͤhrend ſie hinter ſeinem Rücken ihm oft das Theuerſte raubt, ſpricht nicht aus Ihren Zuͤgen. Etwas Edleres blickt aus Ihrem Auge, und gepanzert gegen die Peſt des Beiſpiels, be⸗ wahren Sie auch das Edlere in Ihrer Seele, ſelbſt mit den groͤßten Aufopferungen. Das wuͤnſcht Ihnen die Freundin, welche gerne die vergangene Viertelſtunde vergeſſen will.“ Staunend üͤber das Gehoͤrte, kuͤßte ich ſchweigend ihre Hand.—„Die Sorge fuͤr Ihr Gluͤck hat mich ſo weit gefuͤhrt, und——“ „Für mein Gluͤck?“ fragte ſie, und auf ihrer Stirne lagerte ſich ein Ernſt, wie ihn ein weibliches Antlitz nur ſelten annehmen kann. „Und wiſſen Sie denn ſchon, ob ich Anſpruch auf Gluͤck mache? Hienieden nicht. Mit Car⸗ los vermaͤhlt mich nicht die Liebe— ihn nicht mit mir. Der Eltern Wille verheirathet mich, aber eben ſo gut als ich durch Gehorſam ihre Wuͤnſche ehre, eben ſo gut werde ich auch meine Pflichten gegen Carlos ehren, unbekuͤmmert ob 284 auf der andern Seite daſſelbe Statt findet, oder nicht.“ Seufzend ſchwieg ſie, und von ſchmerzli— chem Gefuͤhl beruͤhrt, klagte ich den Himmel an.„Warum,“ rief ich troſtlos,„warum der Tugend nicht das Gluͤck? Und dieſer Carlos wenn er nicht waͤre vielleicht bluͤhte mir dann der Oelzweig der ſuͤßeſten Hoffnun⸗ gen vielleicht wuͤrde Thereſe einen guͤtigen Blick auf den Ungluͤcklichen werfen, der in“ ihrem ſeelenvollen Auge ſeinen Himmel fand, um ihn ewig zu vermiſſen, ewig ſeinen Verluſt zu betrauern!“ Mit ſteigender Verlegenheit hatte Thereſe die Worte der Leidenſchaft vernommen. Ihre Hand, von der meinigen gefaßt, bebte in den Schauern der Verwirrung, ſchwerathmend hob ſich ihr Buſen unter dem duͤnnen Flor.... immer tiefer ſank in ſchwermuͤthiges Sinnen verloren das braune Lockenhaupt, und bewußt⸗ los zeichnete ihre Linke mit der Stricknadel krauſe Figuren auf den Tiſch, an dem wir 285 ſaßen. Die Gluth meiner Empfindung, kaum gebaͤndigt, hatte ſich mit doppelter Gewalt los⸗ geriſſen, fieberiſch flogen meine Pulſe, und mein ſehnſuchtsvolles Auge ſuchte dem ihrigen zu begegnen, den Wiederſchein meines Gefuͤhls in ihm zu leſen. Ein Moment noch, und ein halbgeleiſtetes Geſtaͤndniß, daß ſie meine Nei⸗ gung theile, ware ihr entſchluͤpft, und hätte ſie um ihre Ruhe betrogen, wenn nicht die Stricknadel ſich in's Mittel geſchlagen hätte. Die erſchuͤtterte Zeichnerin vergaß die Schwäche der ſtählernen Arbeitswaffe: ein Druck... und klingend brach ſie in ihrer Hand. Dieſer Klang gab ihr die Ruhe wieder. Schnell waren die Wellen des unbewachten Sinnegefüͤhls nieder⸗ gekämpft, und die zur Heimkehr ſich verſam⸗ melnde Geſellſchaft fand uns unbefangen und kalt. Trotz ſeiner Gleichguͤltigkeit mußte Carlos dennoch ein ſchaͤrferes Auge als die uͤbrigen haben. Als er ſeiner Braut den Arm reichte, blickte er forſchend ihr in's Geſicht.„Sie ſind 286 ſo bleich,“ aͤußerte er mit ſchneidendem Tone; „haben Sie vielleicht geweint?“ Thereſe ver⸗ neinte, aber Carlos maß mich mit argwoͤhni⸗ ſchem Blicke und ging dann raſch mit ſeiner Braut voraus. Die Lebhaftigkeit ſeiner Bewe⸗ gungen ließen mich vermuthen, daß ihr Ge⸗ ſpraͤch ernſthaft und wichtig ſeyn muͤſſe. Wie ein Traͤumender ſchlenderte ich in der Arrieregarde, und weder die anmuthige Coquet⸗ terie, die eine junge Saͤngerin an mich ver⸗ ſchwendete, der ich mich zum Fuͤhrer angebo⸗ ten hatte, noch die angenehme: Gute Nacht, die ſie mir beim Abſchiede vor ihrem Hauſe zulispelte, konnten die Tantalusqualen mildern, die ich auf dem Heimwege erlitt, und durch welche ich fuͤr die Dauer der ganzen Nacht von meinem weichen Eiderdunenlager auf den gluͤhen⸗ den Laurentiusroſt verſetzt wurde. Allmaͤhlig ruͤckte der Tag heran, der mich einweihen ſollte in den freigewaͤhlten Stand, 287 und je naͤher ich ihn zaͤhlen konnte, und an das bevorſtehende Probeſtuͤck dachte, je unruhi⸗ ger klopfte mein Herz. Die in der Kunſtſprache alſo genannte Leſeprobe ging gut voruͤber, und das iſt ſchon etwas, weil man im Angeſicht des krittelnden Perſonals ſitzt, und weil die Leute vom Metier, um mich alſo auszudrücken, weit unbarmherziger die Hechel handhaben, als das große Publikum. Leſen konnte ich meine Rolle, und das ſoll nicht jeder Schauſpieler koöͤnnen— einige freundſchaftliche Berichtigun⸗ gen des Regiſſeurs nahm ich mit Dank an, und Carlos, Poſa und Alba konnten am Abend nicht Worte genug finden, die Biegſamkeit meines Organs und meine verſtaͤndige Decla⸗ mation zu bewundern. Sie predigten auch An⸗ dern mein Lob und uͤberhaupt mußte ich uͤber⸗ all, wo mich der Zufall hinfüͤhrte, bemerken, daß beſonders Carlos ſchon da geweſen war und den fremden Kuͤnſtler bis in die Wolken erhoben hatte. Welches Futter füͤr meinen Duͤn⸗ kel! Wie dankte ich dem Freunde ſeine un⸗ — eigennuͤtzigen, redlichen Bemuͤhungen! Ich Thor! ich wußte nicht, daß hyperboliſches Lob eben ſo paſſend zur Baſis eines Sarkophags, als zum Grundſtein eines Ehrendenkmals verwendet wer⸗ den kann. Tell's zweite Probe, nach techniſchem Aus⸗ drucke: Arrangir-Probe, ging eben ſo gluͤcklich von Statten, und unbefangen erſchien ich auf der Hauptprobe, die am Tage der Vorſtellung gehalten wurde. Meine Unbefangenheit ver⸗ ſchwand aber ſchnell, als ich ſah, wie in den Couliſſen alles zum Theater gehoͤrige Perſonale aufmerkſam auf jedes Wort, auf jede Geberde des Debuͤtirenden lauerte, als mein ſcharfes Auge bemerkte, wie das dunkle Parterre ſich mit einer anſehnlichen Zahl von Zuſchauern fuͤllte, theils aus Schauſpielern, theils aus Muſikern, theils aus Honoratioren beſtehend. Meine Keckheit verlor ſich, und ich mag in der That eine traurige Figur gemacht haben, denn ich bildete mir ein, unter den Parterte⸗Zuho⸗ rern leiſes Kichern und Spotten vernommen — 289 zu haben. Was mich jedoch uͤberfuͤhrte, daß ich mich getaͤuſcht, war der Umſtand, daß ich Carlos mitten unter ihnen ſah, der eifrig mit ihnen verkehrte, und von dem ich uͤberzeugt war, keinen Nachtheil zu befahren. Die Probe ſchloß... der Garderobier nahm wegen des Coſtuͤme Ruͤckſprache mit mir, und ich wollte nach Hauſe gehen, als Lerma mir eilig in den Weg trat. „Mein Gott!“ rief er, die Haͤnde zuſam⸗ menſchlagend,„wie ſehen Sie aus? Sie ſind ſo bleich! Sie ſind krank: die Symptome eines Fiebers liegen in Ihrem Geſichte. Sie werden doch heute nicht ſpielen?“ „Warum nicht?“ fragte ich ganz erſtaunt. „Mir fehlt ja nicht das Geringſte.“ „Nicht?“ erwiederte er mit ſonderbarem Ausdruck im Geſichte.„Hm! ich an Ihrer Stelle legte mich zu Bette, und.. ſpielte nicht. Indeſſen.. Sie muͤſſen natuͤrlich ſelbſt wiſſen. Spinblers ſämmtl. Werke. XIV. Sommermalven. 1. 19 290 Er entfernte ſich einige Schritte, dann kam er mit einer peinigenden Unruhe zu mir zuruͤck, ergriff meine Hand, und fluͤſterte theilnehmend: „Nun? Sie haben meinen Rath von neu⸗ lich nicht befolgt? Wollen durchaus das ſchluͤpf⸗ rige Eis betreten? In Gottes Namen... nur noch das Eine: Nicht ſo pathetiſch declamirt heute Abend, wie auf der Probe... den Pre⸗ digerton abgeſchafft..„ mehr Feuer, mehr Natur.“ Die Galle ſtieg mir bei dieſen zudringlichen Lehren. Ein junger eitler Menſch kann die red⸗ lichſte Zurechtweiſung nicht vertragen, wird ſie ihm nicht in Honig beigebracht, und ein: Mille pardons! vorangeſchickt. Spoͤttiſch zog ich Ach⸗ ſeln und Mund, leicht den Hut, und mit den Worten:„Ich werde mich beſtreben, Ihren Regeln nachzukommen, wenn ich ſie gut finde— eilte ich von dannen, und ließ den Pedanten ſtehen. Poſa und Alba begegneten mir Arm in Arm voll jovialer Ausgelaſſenheit. Als ſie mich er⸗ 291 blickten, zogen ſie freilich das Geſicht in ernſte Falten, aber als nach wenig Wechſelworten wir ſchieden, ſetzten ſie eifrig ihr voriges luſti— ges Geſpraͤch fort. Sie mußten einen Schwank von der ſpaßhafteſten Art zu anatomiren haben, denn ihr Gelaͤchter ſchien mir unausloͤſchlich, bis ſie meinen Blicken entſchwanden. Ich kam nach Hauſe, aß ohne Appetit, und uͤberließ mich dann, fuͤr den Abend mich zu erheitern, auf einige Stunden einer unruhigen Sieſte. Nun bin ich bis zu der Beſchreibung eines Abends gekommen, der mir, wuͤrde ich achtzig Jahre alt, ewig unvergeßlich bleiben wird, den ich auch Niemand muͤndlich darſtellen koͤnnte: indem mich ſogar jetzt, da ich die boͤſe Remi⸗ niscenz dem Papiere anvertraue, das, wie be⸗ kannt, uns immer mit demſelben ſtarren und blaſſen Geſichte anblickt— wir moͤgen Groß⸗ thaten, oder nichtswurdige Friumphe, oder Demuͤthigungen darauf verzeichnen,— die Gluth der Scham uͤberſtrahlet. Der falſchen vielleicht, denn nur eines Verbrechens, nicht eines verzeihlichen Irrthums muß der Menſch ſich ſchaͤmen. Indeſſen, es iſt einmal ſo, und ich will mich beſtreben, in aller Eile uͤber die gefaͤhrliche Stelle zu kommen. Halbheile Wun⸗ den ſind ja die empfindlichſten. Alſo: Muth! Der Abend brach herein, und in ſeltſamer Beklommenheit machte ich mich fertig, und trat den Weg zum Theater an. Obſchon noch fruͤh, hatte dennoch bereits eine anſehnliche Menſchenzahl das Bureau des Caſſiers umla⸗ gert, und von allen Seiten ſtroͤmten ihrer Meh⸗ rere herzu. Das Spectakelſtuͤck, das ſchon Jahre lang geruht hatte— vielleicht auch ein wenig Neugier, den geprieſenen Gaſt zu ſehen — hatten das Ihrige gethan. Dieſer Umſtand fiel mir ſchwer auf das Herz, denn ſo gerne ich dem Unternehmer den baaren Vortheil goͤnnte, ſo gerne haͤtte ich meine erſte Rolle vor ſchwach⸗ beſetztem Hauſe gegeben. Warum? ſuchte ich * — ——— N 293 mir wenigſtens damals vergebens zu erklaͤren. Meine Beklommenheit verminderte ſich dadurch nicht im mindeſten, nur der aͤußerſt kaltſinnige Gruß, den ich im Corridor von dem mir be⸗ gegnenden Director erhielt, brachte eine andere Gedankenfolge in meinem Gehirne auf's Ta⸗ pet. Thereſe fiel mir plotzlich ein. Sollte ſie Carlos, ihrem Vater die Scene geſtanden ha⸗ ben, die vor einigen Tagen zwiſchen uns vor⸗ gefallen war? Gewiß, gewiß! fluͤſterte mein boͤſes Gewiſſen. Welchen Grund haͤtte ſonſt der feinſinnige, hoͤfliche Mann, dir ſo auffal⸗ lend gleichgultig zu begegnen, dem er ſonſt alle Artigkeit erwies?... Neue Unruhe! neue Mar⸗ ter. Angenehm war es mir, heute Abend The⸗ reſen nicht ſehen zu muͤſſen, denn ſie hatte keine Rolle; ihre Gegenwart, furchtete ich, könnte mich am Ende gar aus dem Concept bringen. So gelangte ich zu dem Ankleidezimmer, und hier, umgeben von Künſtlern, die ſchon einhei⸗ miſch auf der Buͤhne waren, die ich mit un⸗ ſicherem Fuß heute zum erſtenmal betreten wollte, 294 umringt von all' den Zuruͤſtungen, die meiner plotzlich von Zweifeln befangenen Seele nur zu deutlich verſicherten, daß die heutige Loſung ſey: Rhodus, hie salta!— kehrte meine Be⸗ klemmung verdoppelt zuruͤck. Mechaniſch fugte ich mich der Einladung des Haarkraͤuslers, meine Locken arrangiren zu laſſen, und über⸗ ließ mich, ſtatt mich zu zerſtreuen, meinen un⸗ ruhigen Betrachtungen. Es war geſchehen! der Rubicon uͤberſchritten. Vor einer BViertel⸗ ſtunde noch war ich frei,— ich konnte mich in eine Poſtchaiſe werfen, wieder zuruckeilen zur Vaterſtadt— aber: fuhr meine Vernunft dazwiſchen, waͤre ich nicht laͤcherlich geworden vor der ganzen Welt? Laͤßt ein Mann eine Unternehmung liegen, ehe er ſie noch anfing? Nein! keine Wahl! die Wuͤrfel moͤgen fallen. Die Stimmung, die durchgaͤngig unter den Anweſenden in dem Ankleidezimmer herrſchte, war auch nicht gemacht, meine Zuverſicht, mei⸗ nen Muth zu erhoͤhen. Stumm und verſchloſ⸗ ſen, wie drohende Gewitter, gingen die Men⸗ „ —— ——,— Ankoͤmmlingen. Meine Blicke ſchweiften in die 295 ſchen an einander voruͤber, ſtumm verrichtete der Friſeur, der Garderobier ſein Amt. Aber ich entſchuldigte dieſe Verſtimmung mit den vie⸗ len Geſchaͤften, die in dem großen Schauſpiel ſich haͤuften, und hatte weiter kein Arges dar⸗ aus. Bald auch fuͤllte ſich das Zimmer mit den nach und nach eintreffenden Mitgliedern, und das Geſpräͤch wurde allgemeiner, ja ſogar leb— haft. Dem dadurch zu entſtebenden Geſumme zu entgehen, eilte ich auf die Buͤhne, die noch im Dunkel lag, und blickte durch die Oeffnung des Vorhangs mit klopfendem Herzen hinweg uͤber die wogende Menge, die das Haus be⸗ lebte. Schon war es ungemein voll, und den⸗ noch wimmelte es auf allen Plaͤtzen von neuen Hoͤhe, und gewahrten... im dritten Rang der Logen, Thereſe nebſt ihrer Mutter. Wie ein elektriſcher Strahl fuhr es mir durch die Glie⸗ der, und ich fuͤhlte mich wie gelaͤhmt. Vor 296 ihr zu erſcheinen mit meinen Maͤngeln und Fehlern! denn allgemach draͤngte ſich mir ein gewiſſer Zweifel an meiner Infallibilitat auf— vor der Geliebten! vor der Kuͤnſtlerin! Wer je geliebt hat, und alſo aus Erfah⸗ rung weiß, wie eiferſuͤchtig der Liebende darauf iſt, der Geliebten ſich nur im guͤnſtigſten Lichte zu zeigen, der glaubt mir wohl, wenn ich ver⸗ ſichere, daß ich, in das dichtere Dunkel der Couliſſen zuruͤcktretend, im wirklichen Gebet meine Sache einer hoͤhern Macht anheimſtellte, und wer weiß, waͤre der katholiſche Glaube der meinige, ob ich nicht ein Gelubde gethan hätte? Vielleicht eines der ſeltneren in ſeiner Art. „Haben Sie den neuen Acteur ſchon geſehen, der heute ſich producirt?“ fragte dicht neben mir ein Quidam den im Dunkel herumkramen⸗ den Theatermeiſter, der meiner noch nicht an— ſichtig geworden war, und den ich auch nur an der Stimme erkannte. „Ja wohl!“ lautete die Antwort des lako⸗ niſchen Maſchiniſten, deſſen Phlegma ſich in ſeiner Sprache deutlich documentirte. „Nun! was iſt denn mit ihm?“ fragte der Unbekannte weiter. „Hm! ein ſauberer Menſch,“ brummte der Traͤge. „Sauber?“ ſchnarrte der Quidam;„hm! nun ja! Iſt eine Priſe gefaͤllig?“ „Danke!“ hieß es druͤben. „Aber— was ich ſagen wollte—“ fuhr der Frager fort—„ſteht es denn wirklich ſo mit ihm, wie man es ausſchreit allenthalben?“ „Mein Gott, ja!“ entgegnete mitleidig der Auskunftgeber. „O weh!“ rief perſifflirend der Kundſchafter, und beide verſchwanden hinter einem Proſpect. „O weh!“ wiederholte ich in allen moͤglichen Tonſtufen, und konnte es nicht dahin bringen, dieſen Ausruf mit demſelben Hohn zu kopiren, 298 mit dem das Original aufgetragen war.— Und warum denn:„o weh?“ murrte ich zornig in mich hinein, und der Kamm ſchwoll mir dermaßen, daß ich den beiden nacheilte, um von ihnen die noͤthigen Erlaͤuterungen zu erhalten, aber ver— gebens! Sie waren fuͤr mich verſchwunden. Licht ward's auf der Buͤhne, und immer finſterer in mir, und als das Orcheſter ſtimmte und die Symphonie begann, ſchlich ein ſeltſa— mes Beben und Froͤſteln durch meine Glieder. Der Uebermuͤthige hatte das Fieber, das jeder Soldat in die erſte Schlacht, jeder Anfaͤnger auf die Buͤhne mitbringt... freilich einer mehr oder weniger als der andere. Bei mir hatte es indeſſen den Grad erreicht, daß ich lieb einer brüllenden Janitſcharenmuſik in's Gewuͤyl der Bataille gefolgt wäre, haͤtte ein anderer fuͤr dieſen Abend meine Stelle uͤbernommen. Qualen der bangſten Seelenfolter ſtand ich aus, N 299 bis endlich mein Auftritt kam, und ich mit ge⸗ ſchloſſenen Augen mich in den Strudel ſtuͤrzte. Ach!... die boͤſen Ahnungen des Tages... ſie erwahrten ſich nur zu ſehr! Ein leiſes Gemurmel und Gefluͤſter lief durch das gedruͤcktvolle Haus. Fuͤr Beifall nahm es der Eitle, und begann pathetiſch ſeine Reden, ſie unterſtuͤtzend durch das kraͤftige Wechſelſpiel der Arme, durch die maleriſchen Stellungen der Fuͤße. Und rauſchender und droͤhnender ward die Bewegung der Zuſchauer, und als ich endlich bei einem Abſatze der ſchoͤnſten Rede verwundert deßhalb mich umſah, und muͤhſam verhaltenes Lachen in Stauffacher's Mienen zucken ſah, und gewahrte, wie Walter Fuͤrſt in gleichen Convulſionen zur Cuuliſſe ſchlich,— da ward ich inne, wie es mit mir ſtand, und meine Ahnungen und das zunehmende Gemurre 1 im Parterre, und das Gekicher innerhalb der . Buͤhnenwaͤnde und das ominoͤſe: O weh! von vorher fiel mir dermaßen auf Kopf, Kehle und Bruſt, daß das Gedaͤchtniß nebſt der Sprache 300 mir den Dienſt verſagte, und mir zu allem Un⸗ gluͤck noch das begegnen mußte, ſchimpflich ſtecken zu bleiben. Ein Blick nach dem einzi⸗ gen Retter in dieſer Noth, nach dem Suuffleur — vergebens! der Helfer lag, vom Lachreiz halb erſtickt, in der Ecke ſeines Haͤuschens, ſtampfte um ſich wie ein Beſeſſener, und keilte ſo eben, einen unanſtändigen lauten Ausbruch zu ver⸗ huͤten, das geballte Schnupftuch in den Mund. Dieſe Muͤhe haͤtte er ſich indeſſen erſparen koͤn⸗ nen, denn das aufgereizte Publikum ließ bei meinem neuen faunpas der ſchadenfrohſten Laune alle Zugel ſchießen, und das Gelaͤchter und das Geſtampfe nahm laut uͤberhand. Zwar ſuchte die gemäßigtere Parthei durch lautes St! St! wenigſtens ein ruhiges Mißfallen zu erzwingen — aber ſie war auch hier, wie gewoͤhnlich, die ſchwächere, und die Schreier uͤberwogen!— Der Zorn gab mir meine Kraͤfte wieder; ich begann von Neuem die Rede, aber der Sturm ließ ſich nicht eher beſchwoͤren, als bis Stauffacher mit der, Melchthal gehoͤrigen Tirade den Akt ſchnell —— 1— 301 beſchloß, und der Vorhang unter lautem Ju⸗ bel fiel. Wie ich in's Ankleidezimmer zuruͤckgekom⸗ men ſeyn mag? Ich weiß es noch nicht. Schau⸗ ſpieler, Saͤnger, Choriſten, Theaterbediente, Al⸗ les ging mit Hahnenſchritten,— ſtumm— aber mit dem beſten Spott auf dem Geſichte, an mir vorbei. Ich ſuchte im Stillgrimme meines Mißgeſchicks Carlos, der die Rolle des Rudenz gab— ich fand ihn nirgends. Poſa, ſcheinbar von ſeinen Regiegeſchaͤften und der Tells⸗Rolle uͤberhäuſt, wuͤrdigte mich keines Blicks. Ich ging auf Alba zu, er wandte ſich ab.— In der Ecke ſaß Lerma, im Pelzrock des Freien von Attinghauſen, ſtill, in ſich ge⸗ kehrt; vor ihm ſcheute ich mich. Der Theater— maler allein, der ab und zu in der Garderobe ging, bot mir eine Priſe. Aber in dem ſchnar⸗ renden:„Iſt eine gefaͤllig?“ erkannte ich mit Schaudern den kraͤchzenden Raben, der durch 302 ſein kritiſches:„O weh!“ mein Schickſal pro⸗ phezeiht hatte. Aber, leider zu ſpät. Nenne es Muth, Kuͤhnheit, Dreiſtigkeit oder Frechheit... genug, ich ſpielte aus, und erfuhr in jeder Scene dasſelbe Schickſal, wie in der erſten: Gelaͤchter, ſpottender Applaus, und Stampfen und Ziſchen begleiteten als Refrain jede Zeile, die ich ſprach. Gegen den Schluß des Stuͤckes umgab erſt das dreifache Erz grol⸗ lender Unverſchaͤmtheit meine Bruſt. Du weißt, daß Melchthal's Rolle in den leßzten Akten nicht viel mehr bedeutet, daß er nur hin und wieder als Luckenbuͤßer eintritt, und nach geſprochener Rede in den Hintergrund zuruͤckſinkt. Hier entflammte erſt meine Wuth, ich polterte die Worte, von ihr beſeelt, heraus, und war auf Alles gefaßt; aber der Grimm des Publikums ſchien muͤde geworden zu ſeyn, denn unter kal⸗ ten Schweigen gingen meine letzten Scenen — 303 1 hin. Carlos feierte bei meinem Auto⸗da⸗ Feé ein glänzendes Siegesfeſt. Jedes Wort ſeiner intereſſanten Parthie wurde eifrig beklatſcht, jeder ſeiner Abgaͤnge von Beifallsruf begleitet. Das war gerade Waſſer auf meine Muͤhle. „Schaͤndliche, niedertraͤchtige Cabale!“ murrte ich, als ich nach Ende des Stuͤcks in's Anklei⸗ dezimmer zuruͤckkehrte, und von Ungefaͤhr mit Carlos zuſammentraf, ſchleuderte ihm einen vernichtenden Blick zu, nahm ein mitleidiges Achſelzucken dafuͤr in Empfang, und eilte, mich auszukleiden. Mit Vorbedacht zögerte ich da⸗ mit, bis ſich alle Mitglieder entfernt hatten, und ich hoffen durfte, auch die Corridors ſchon von den heimkehrenden Zuſchauern geraͤumt zu finden. Endlich ging ich. Scheu und den Hut tief in's Geſicht gedruͤckt, das Kinn in den zu⸗ geknoͤpften Oberrock geſenkt, ſtrich ich an der abgeloͤsten Wache, und an den hin und wieder in den Gaͤngen beſchaͤftigten Lampenputzern 304 treppe vorſpringt, und ſah plotzlich vor mir Thereſen, die, in einen ſchwarz ſeidenen Man⸗ tel gehuͤllt, den Gazeſchleier auf dem Kopfe, die Treppe von der Loge herabgeſtiegen war. Ihre Mutter verkehrte noch auf der Hoͤhe der gewundenen Stiege mit der Logenſchließerin, und fuͤr einige Momente ſah ich wenigſtens die Holde noch allein. Betroffen ſtanden wir einander gegenuͤber. Von der Zeit und meiner Verzweiflung bedraͤngt, brach ich das peinvolle Schweigen, riß Thereſen's weiche warme Hand an meine Lippen, und rief:„Bedauern Sie mich! verachten Sie mich nicht! und vergeben Sie! Wir ſehen uns heut, und nimmer wie⸗ der! Nimmer!“ Von dem aͤußerſt ſchmerzhaften Ausdruck meiner Worte erſchuͤttert, ergriff ſie mit beiden Haͤnden die meinige, druͤckte ſie, und fluͤſterte in Wehmuthsklaͤngen:„Marquard! keine Un⸗ beſonnenheit! Mein Vater... ſprechen Sie offen mit ihm.. ein Ungluͤck iſt ja keine A 305 Schande„ Nur keine Unbeſonnenheit... Wir ſehen uns noch!“ Eine gluͤhende Thraͤne fiel auf meine Hand. „Nimmer! nimmer!“ wiederholte ich, druͤckte einen heißen Kuß auf ihre weiße Stirne, riß mich, von den naͤher kommenden Schritten der Mutter geſcheucht, von dem guten Maͤdchen los, und ſtuͤrzte mich keck in das Gewuͤhl von Parterre-Nachzuͤglern, die noch die Pforte des Schauſpielhauſes barricadirten. Ich arbeitete mit Bruſt und Ellbogen durch den Haufen meiner Feinde— dafuͤr hielt ich jeden Zu⸗ ſchauer— mich durchzuſchlagen, und erſt auf der dunkeln Straße erhielt ich mein volles Be⸗ wußtſeyn wieder, um von allen Seiten aus dem Munde der Voruͤberwandelnden mein ſehr zweideutiges Lob zu vernehmen. Die, die es am Beſten mit dem Debuͤtanten meinten, ruͤg⸗ ten nur das allzulaut ausgeſprochene Mißfal⸗ len, das man doch eben ſo gut auf gemaͤßig⸗ tere Weiſe zu verſtehen geben koͤnne,— waͤh⸗ Spindlers ſaͤmmtl. Werke XIV. Sommermalven 1. 20 — 5 —e — 306 n rend die, die am Meiſten auf ihn erpicht wa⸗ ren, behaupteten, er ſey noch gelinder davonge⸗ kommen, als ihm gebuͤhre, indem man gar fuglich dem ungeſchickten Jearus den erſten Grad der theatraliſchen Tortour haͤtte appli⸗ ciren koͤnnen. Inhalt des erſten Bandes. Seite 5 Lit di t Der Perr im Hauſ An der Bereſina„„ F—*.*—— 55 L orbeern, Palmen und Neſſeln, aus dem Lebenskranze des Winen ———— 2 — .* 5. . 17 4 g14 SEde