Leibbiblivthek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und eſebedingungen. 1. offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8. Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 5 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei veſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet ird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für nchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Wt.— Pf. 1 W 55 Pf. 2— Pf. 3 „„„ 5. Auswärtige Ahonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlörene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern c.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 6 Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen il. der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben⸗ , 5 E———— S— — 4 6 n— 6 C. Spindlers Werke. Wohlfeile Ausgabe. Ein und vierzigſter Band. Enthält: Die Nonne von Gnadenzell IIH. Mit Koönigl. wuͤrttembergiſchen und Koͤnigl. bayeriſchen aller⸗ gnädigſten Privilegien. ₰* Stuttgart, Hallberger'ſche Verlagshandlung. 1840. —— —— —— Die Nonne von Gnadenzell. Sittengemälde des fünfzehnten Jahrhunderts, von C. Spindler. Band. . „Sie hatten unter ſich gemacht eine große verderbliche Thorheit, und meinten, das waͤre gut.—— Alſo gingen ſie um mit Thorheit, und wußten nicht das End, das davon kommen ſollte oder moͤchte.“ Limpurger Ghronik. Stuttgart, Hallberger'ſche Verlagshandlung. 1840. * — Erſtes Kapitel. Da war niemand auf' rechter Bahn, Sie waren all ausgeſchritten, Ein jeder ging nach ſeinem Wahn, Und hielt verlorne Sitten. Es that ihr'r keiner doch kein gut. Wiewohl gar viel betrog der Muth, Ihr Thun ſollt' Gott gefallen. Luther. Die Landſchaft war ein Bild heilern Friedens, nach vielen Stürmen der Himmel rein, und frei die Ausſicht in das Schwabenland, wie ſie von dem Bekg ſich darſtellt, worauf das Schloß Achalm erbaut iſt. Nicht weit unter den Mauern der Burg lehnte mit verſchränkten Armen ein Mann an einem Baume, genoß ruhig der Fernſicht, um ſo ungeſtörter, als weder aus dem Schloſſe, noch aus der zu ſeinen Füßen liegenden Reichsſtadt Reutlingen irgend ein Laut oder Geräuſch emporſtieg. Indeſſen kam mit leiſem Schritt und vorſichtig umherſpähenden Augen, in ſchlichter Bauerkleidung, ein Wanderer den Berg herauf, näherte ſich verſtohlen dem an dem Baume lehnenden Manne, ergriff ſeine Hand, und ſagte ernſthaft, obwohl freundlich:„Gu⸗ ten Tag, Wildherr.“— Der Gerufene ſah ſich überraſcht um, lächelte alsdann zutraulich, und erwiederte mit einem Händedruck:„Sey bedankt, mein wackerer Knabe. Was 6 bringſt Du Neues?“—„Den Gruß unſerer Brüder und Gefährten, die ohne Rath verzweifeln, weil ihnen die ta⸗ pferſte Fauſt gebricht. Du ſiehſt, daß es nicht viel iſt, was ich bringe, aber Dich möchte ich mit mir hinwegführen, rü⸗ ſtig, ſtark, entſchloſſen wie ehemals.“—„Es hat noch Zeit.“—„Immer dieſelbe Antwort, ſtets dieſelbe Aus⸗ flucht. Ich kenne Dich nicht mehr, Du biſt verzaubert, und nicht etwa von einer kecken, wilden Hexe, ſondern von ei⸗ nem ſchläfrigen Pfaffen. Deine Ruhe iſt ruhmlos, Dein Friede iſt Trägheit, Erſchlaffung.“ Als der Wildherr Miene machte, mit einem drohenden Blicke Scheibenharts böſe Zunge zu bändigen, fuhr der Letztere ungeſtüm fort:„Du ſchreckſt mich nicht. Ich zweifle an der Schärfe Deines Dolchs, wie an Deiner Kraft. Du, der des Landes Entſetzen geweſen, verkriechſt Dich in Kir⸗ chen und Kapellen, wallfahrteſt zu wunderthätigen Vesper⸗ bildern, bereicherſt der Pfaffen Opferſtöcke, und die Almo⸗ ſenbüchſen der Sonderſiechen.“—„Warum nicht? einſt freute mich der Mord, jetzo freut mich die Buße. Thue wie ich, wackerer Knabe, beſtreue Dein Haupt mit Aſche, hülle Dich in den härenen Sack.“—„Warum nicht gar? Ich fühle mich nicht aufgelegt, einen Mummenſchanz zu begin⸗ nen, der mir in der tiefſten Seele zuwider iſt. Seltſame Poſſen, mit ausgeſpannten Armen vor den Kirchenthüren zu liegen, als eine demüthige Schwelle, worüber der Fuß der gläubigen Chriſten zu ſchreiten hat. Haſt Du keine Sorge für Deinen eigenen Leib? Fürchteſt Du nicht den Verräther, der vor den Richter hintreten möchte, und ihm ſagen: Komm, ich zeige Dir den Mann, auf deſſen Kopf der hohe Preis ſteht, und er iſt ſchon in Deinem Netz und läßt ſich gutwillig fangen?“—„Wer ſollte mich verra⸗ then? Lamparter liegt begraben unter den Brandtrümmern der Sperberseck, Märten ſitzt, als Wilderer eingefangen, — — — „ 7 in den ſchrecklichen Verließen des Wittlinger Schloſſes. Nie⸗ mand außer Dir kennt mich in meiner jetzigen Geſtalt. was hätte ich zu fürchten?“—„Alles, Du verfehmter Mann, das Girren einer Wetterfahne, das Gebell eines Hundes, das Lied eines Vogels. Traue nicht dem Pfaffen im Beichtſtuhl, er plaudert Dein Geheimniß aus.“— „Nur noch wenige Tage, und meine Buße iſt zu Ende, und ich darf den Leib des Herrn genießen. Das iſt's, was ich will, und ich wäre nimmer ruhig geworden, hätte ich mir länger noch das Sündenbad verſagt.“—„Unbegreiflich! juſt war Dein Zorn und Grimm heller aufgelodert, als je, Du hatteſt geſchworen, der Edelleute Schlöſſer zu brennen und zu ſengen, und Dein Grimm erloſch, nachdem Du kaum die erſte Fackel angeſtoßen!“—„Das war's eben, mein wackerer Knabe. Als die Sperberseck brannte, und mir erſt mitten in den Flammen der Irrthum verra⸗ then wurde, dem ich mich hingegeben als ich merkte, daß ich den Unſchuldigen ſchlug, während der Schul⸗ dige fern war,„ als das herzzerreißende Geſchrei der armen Edelfrau und ihrer unmündigen Kindlein, welche im Thurme ſchier zu Tode geröſtet wurden, in mein Ohr drang, als über all dieſen Schrecken der alte Herr von Sperberseck ſein Augenlicht einbüßte, da fühlte ich mich mit harten Keu⸗ lenſchlägen zerſchmettert, und ich kam mir vor, wie von Blute triefend, und als leckte an jedem Haare des wüthen⸗ den Mordbrenners eine Flamme der Verdammniß. Wie leicht werde ich athmen, bin ich einmal wieder in die Ge⸗ meinſchaft der Chriſten getreten!“—„Und alsdann? was wirſt Du dann beginnen? in eine Kutte kriechen, das Le⸗ ben eines Nollharden führen, in einer ſchmutzigen Wald⸗ hütte, von Kräutern zehrend, und wiederkäuend, wie der König von Aſſprien oder Babylon?“ Der Wildherr lächelte, und verſetzte ganz unbefangen: 8 „Mit nichten, dann will ich wieder ein rechter Mann ſeyn, leben wie der Raubvogel frank und frei, und mir zum Einſtand ein Weib aus dem Kloſter holen.“— Angenehm überraſcht ſah ihm Scheibenhart in die Augen, als frage er, ob dieſes wirklich des Freundes Ernſt ſey, und rief als⸗ dann luſtig:„Traun, ich bekenne, daß Du meiſterlich ver⸗ ſtehſt, der Kirche Segensſpruch und Ablaß Dir zu nütze zu machen. Recht ſo, mein Bruder; ein ehrlicher Mann ſchluckt die bittere Arznei nur ſo lange, als ſein Gebreſte anhält, greift dann fröhlich wieder nach Würfel und Becher, und küßt den friſchen Mund, der ihm behagt, wär es auch der Mund einer Kloſterjungfer.“—„Frau Venus ſelber hat ſich in das Nönnlein verſtellt, dem ich mit Leib und Seele angehöre,“ rief der Wildherr lebhaft,„das Hochzeitfeſt wird lärmend werden, denke ich, aber mich verlangt endlich ein⸗ mal nach den Roſen dieſes Lebens.“—„Ich ſehe, daß noch heißes Blut in Deinen Adern ſtrömt, guter Freund. Eine friſche Mannsthat möchte Dich jetzo ſchon erquicken, wenn Du den Eigenſinn fahren ließeſt. Welche Antwort bringe ich dem Friedingen? Er iſt entſchloſſen, da ſeine Reiſigen im freien Feld dem Würtemberger weichen mußten, den kühnſten Streich zu wagen, und den Grafen in der Mitte ſeiner Mannen nieder zu werfen, gefangen davon zu füh⸗ ren. Zu ſeiner Hülfe fordert er Dich und Deine gefürchte⸗ ten Geſellen auf. Halte mit.“— Wildherr ſchüttelte den Kopf, und erwiderte trocken:„Ich zucke kein Schwert gegen den Herrn von Würtemberg, damit iſt's nichts.“—„Du biſt thöricht, Freund. Zählſt Du vielleicht eigennützig und dennoch leichtſinnig auf eines fürnehmen Herrn Gedächtniß2 ſie vergeſſen gerne die Vergangenheit, die Männer mit Helm und Krone. Säßeſt Du in des Würtembergers Kerkern, ſo würde er nicht dergleichen thun, aber mit den Augen blin⸗ zeln und Dich aufhängen laſſen, recht hoch, wo die Sonne 9 am hellſten ſcheint. Dagegen möchte er wohl zu zwingen ſeyn, finge er ſich in unſerer Schlinge, daß er den gegen Dich geſchleuderten Bann und den Preis auf Deinen Kopf widerriefe, uns beſchenkt aus dem Lande ziehen ließe, oder uns etwa in ſeine Dienſte nähme, wie das ſchon oft im deutſchen Reiche geſehen wurde.“—„Du biſt ein guter, zuverſichtlicher Tropf, mein wackerer Knabe. Höre jedoch, daß ich dem Friedingen noch viel weniger traue, als Du dem Würtemberger. Der Ritter würde aus dem Fang für ſich und ſeinen Dienſtherrn, den Erzherzog von Tyrol, Vor⸗ theil und Gewinn ziehen, und den Wildherrn leer ausge⸗ hen laſſen, wie eine Kirchenmaus: ihn etwa ablohnen mit dem goldnen Zaume des Grafenroſſes. Nein; ich bin zwar nur ein ſchlechter Dieb, aber gegen den Eberhard hebe ich meine Fauſt nicht auf. Du magſt das rund heraus unſe⸗ rem vertrauten Meiſter Cun, dem Bader, in die Ohren ſagen, daß er's dem geſtrengen Herrn berichte.“— Schei⸗ benhart brummte eine Verwünſchung in den Bart und ver⸗ ſetzte:„Du biſt ein Kreuzkopf. Ich fürchte aber, daß un⸗ ſere Genoſſen, die nichts mehr zu beißen und zu nagen baben, Deine Weigerung nicht achten, und auf ihre Ge⸗ fahr hin dem Friedingen einen guten Geſellendienſt zuſagen werden.“— Der Wildhere runzelte die Stirne wie ein Leue, und antwortete mit kaltem Grimm:„Meinetwegen; doch ſage ihnen, daß ich einem jeden dieſer guten Geſellen mit meiner harten Streitaxt den Schädel aufhämmern will, wenn ſie es wagen ſollten, in des Friedingers Fehde mei⸗ nen Namen zu brandmarken.“ Scheibenhart wich betreten einige Schritte zurück, und begann wieder mit unterwürfigerem Tone:„Bald vergaß ich Dir zu melden, daß der alte Sperberseck aus der Zu⸗ flucht, wo ihn Walzfrieder auf Dein Geheiß hehlings ätzte, geſtern entwichen iſt, niemand weiß wohin.“—„Potz rother 10 Blunder!“ fuhr der Wildherr empor:„heißt das meinen Willen in Treuen vollziehen? hat man den alten Mann mißhandelt, daß er davon floh? Ich ſage Dir, daß ich dem Walzfrieder an das Leben will, wenn er den Alten nicht zur Stelle wieder beibringt. Ein blinder Mann läuft nicht weit, und Walzfrieder hat die Augen und Beine eines Schergen. Ich liebe den Greis, weil er von ſeinem Sohne verſtoßen wurde, wie ich von meinem Väter; ich bedarf auch ſeiner, um das bittere Tränklein zu würzen, das ich dem Junker Heerdegen mit der Zeit vorzuſetzen gevenke; ich brauche ihn, um den Schatz zu heben, der auf dem Gottesacker zu Offenhauſen ruht.“—„Ei, Wildherr, wenn Du Vertrauen zu Schatzgräbereien und Zauberkünſten haſt, ſo frage beſſer einen klügeren Hexenmeiſter, als den alten Thoren, dem nur das Unglück ſeine Ehrwürdigkeit leiht.“ —„Du redeſt, wie Du's verſtehſt,“ ſchalt Wildherr mit finſteren Blicken,„nicht Alles iſt Thorheit an dem alten Manne; er hat mir prophezeit, daß ich die ſchönſte und reinſte Jungfrau in dem Kloſter finden würde, und er log wahrhaftig nicht. Darum Friede mit dem eiteln Zungen⸗ gefecht; hebe Dich hinweg, und zittert alle, wenn binnen heute und dreien Tagen mein blinder Koſtgänger nicht wie⸗ der zur Stelle iſt.“—„Wir wollen rennen, wir wollen jagen,“ verſetzte Scheibenhart unterthänig.„Deinerſeits ſieh zu, daß Du nicht Schaden nimmſt.“—„Schönen Dank, ich bin mein eigener Bürge, und liebe nicht, daß man mich in die Schule nehme. Geh Deines Weges.“ Wie er befahl, geſchah es. Einer Kugel zu vergleichen, die aus dem Feuerrohre ſchießt, fuhr Scheibenhart den Berg hinab, die Aufträge des Gebieters zu vollbringen, und eilte unerſchrocken den Söldnern vorüber, ſo am Stadtthor Wache hielten, und miſchte ſich keck in das Marktgewühl auf den Straßen. Karren an Karren, Laſt an Laſt drängten ſich 11 innerhalb der Mauern des florirenden Reutlingen. Die Kaufleute und Krämer hatten alle Hände voll zu thun, die Grempler und Merzler handelten aus, handelten ein, die Bauern der Umgegend ſetzten ihre Waaren gegen blankes Geld oder gegen Tücher, Leder, und andere Bedürfniſſe um.— In dem geräuſchvollen Verkehr eine gewiſſe Ord⸗ nung zu erhalten, den Markwucherern und Marktdieben auf die Finger zu ſehen, die Gebote des fürſichtigen Rathes zu handhaben, ſtrichen die Büttel vereinzelt umher, und wogen das Schmalz, und ſtraften betrügeriſche Becker und Fleiſcher, miſchten ſich ein, wo im Zorne die Meſſer ge⸗ zuckt wurden, verſuchten den auf der Straße aus den Fäſ⸗ ſern geſchenkten Wein, und lauerten insgeheim auf alle, die den Frieden der Stadt nicht mehr hatten, aus ihrem Weich⸗ bilde gewieſen waren, und etwa den Markttag benutzt hat⸗ ten, ſich widerrechtlich einzuſchleichen, um zu verhöhnen des Richters Spruch, ihre hintergangenen Gläubiger oder die von ihnen an Leib und Ehr Geſchädigten.— Ein ſol⸗ cher Rathsknecht trat plötzlich in Scheibenharts Fußtapfen, folgte ihm auf Schritt und Tritt, und ob der ſchlaue Räu⸗ ber gleich den unwillkommenen Schattenmann bemerkte, und der Umwege und Wiedergänge manche anßellte, denſelben zu ermüden und los zu werden, ſo brachte er's nicht dahin, kehrte ſich daher an einer Ecke der Marienkirche kurz auf ſeinem Abſatz um, und fragte trutzig wie das reinſte Ge⸗ wiſſen:„Was ſchaffſt Du mit mir, guter Freund, und biſt Du an meine Ferſe gebannt?“— Worauf der Büttel, zur Vorſorge die Hand an ſeine Wehre legend, mit heimtücki⸗ ſchem Lächeln verſetzte:„Ich bin ein Wunderfitz, und will von Dir vernehmen, ob Du nicht etwa der Hannes von Böhringen ſeyeſt, mit dem ich ein Wörtlein zu ſprechen hätte.“—„Der Hannes? davon iſt keine Rede, Scherg.“ — Will's glauben; wiederhole mir's jedoch vor dem Rich⸗ 12 ter.“— Als mit dieſen Worten der Büttel ſeine Hand an Scheibenharts Kragen legte, und des Räubers ſcharfes Auge vergebens nach einem vertrauten Freunde umſchaute, ſagte er mit einfältiger Verſtellung:„Ich ſollte aber zuvor einen Auftrag verrichten, welcher eilt.“—„Nachher iſt's auch noch Zeit. Komm mit, oder ich rufe nach Gewalt.“— Da war nichts anderes zu thun, als daß Scheibenhart folgte, und, obſchon voll Verdruß, ſeinem Führer in das Rathhaus nachtrat. Während ſich dieſes begab, dampfte der Schlot eines Badhauſes, unfern des Gartenthörleins, recht wacker, und die Schröpfknechte ſtanden auf der Straße, und riefen aus vollem Halſe:„Das Bad iſt warm, milchwarm! herbei ihr guten Mannen und Frauen, ſo lang der Ofen heiß iſt, denn heute iſt ein guter Tag zum Schweiß- und Waſſer⸗ bad, auch gut zu ſchröpfen für alt und jung!“— Weil aber die Badſtube ziemlich abgelegen, und des Gedränges nach dem Markte noch zu viel war, fand ſich niemand ein, der Einladung zu folgen, und der dürre Meiſter Cun, wel⸗ cher ungeduldig trippelnd auf der Schwelle ſeiner Badſtube ſtand, war am Ende froh, als ein einſamlicher, nicht zum beſten gekleideter Mann, daher kam, und ihn anredete: „Wenn Ihr ein Chriſt ſeyd, Meiſter Bader, und nicht all⸗ zuviel verlangt, möchte ich mich ſchon in Euerer Stube zwagen laſſen, deſſen ich nöthiglich bedarf.“ „Tretet ein,“ antwortete Meiſter Cun und muſterte neu⸗ gierig den Gaſt, als dieſer an ihm vorbeiſtieg. Und da er bemerkte, wie der Fremdling einen dichten Bart um das Kinn trug, ſo kamen ihn Zweifel an, und er ſetzte arg⸗ wöhniſch hinzu:„Lieber, ſeyd Ihr nicht etwa ein Jude? Wiſſet, daß uns ſtreng verboten iſt, einen Hebräer in un⸗ ſern Stuben zu baden, zu ſchröpfen und zu zwagen.“— Statt der Antwort klopfte der Gaſt mit rauher Reiterge⸗ — — 13 berde an den langen Dolch, der in ſeinem Gürtel hing, und der pfiffige Cun war alſogleich eines Beſſeren belehrt, geſchmeidig ſagend:„Nehmt meine Frage nicht krumm, lieb⸗ ſter Freund, der ungewöhnliche Bart machte mich glauben, was Eure mannliche Gewohnheit Lügen ſtraft.“—„Ich habe ein Gelöbniß gethan, mir den Bart eine Weile nicht ſcheren zu laſſen,“ redete der Andere kurz und finſter:„ſpu⸗ tet Euch jedoch, mir das Haar vom Wanderſtaube zu rei⸗ nigen.“ Weil der Bader in ſeinem Gaſte nun weder einen Ju⸗ den noch einen Bettler vermuthen durfte, öffnete er geſchäf⸗ tig die Kammer, rückte mit Behendigkeit den Zwagſtuhl herbei, und winkte dem Anderen, ſich auf die Stufe deſſel⸗ ben zu knieen, die Ellenbogen auf das Querbret zu ſtützen und den Kopf in ſeine Hände zu legen. Dann füllte er das Becken mit warmem Waſſer, ſchürzte die Hemdärmel in die Höhe, und taufte des Fremdlings Haupt zu wiederholten Malen, und ſtrich die triefenden Haare fleißig mit dem rein⸗ lichen Schwamm.„Ihr ſollt blank hervorgehen, wie ein Engelein,“ plauderte er geſchwätzig,„niemand verſteht in Anſerer guten Stadt Reutlingen das Zwagen beſſer, als Euer gehorſamer Knecht, und meine Lauge thut Wunder.“ Zumal griff er in die daneben hängende Büchſe, ſtreute ein paar Hände voll Kleie auf des Fremden Scheitel, und rieb damit die naſſen Locken. Unter der Arbeit ermüdete jedoch ſeine Neugier nicht, und er ſchwatzte nimmer ruhend wie ein Staar:„Ich ſetze meinen Kopf an einen Heller, daß unter Euerm ſchlichten Wamms ein ehrlicher, fürnehmer Mann ſteckt. In dieſen ſchwebenden Läuften, in unſerer ſchlimmen, närriſchen Zeit trifft ſich's wohl, daß einer zu Fuß geht, der auf das Roß gehört, und gewiſſen Leuten ausweichen muß, weil dieſe ſeine Feinde ſind. Ja, es iſt nun nicht anders, und nicht einem Jeden iſt die Ruhe be⸗ 14 ſchieden. In den Städten iſt's noch am Beſten, und am allerbeſten in unſerem Reutlingen. Wir ſcheren uns nicht um Kaiſer, König und Pabſt, wir ſind freie Leute, wie die alten Heiden zu Rom. Habt Ihr ſchon die Marienkirche beſucht? Ein ſolches Münſter iſt noch gar nicht erlebt wor⸗ den. Was ich auf meiner Wanderſchaft geſehen, iſt eitel Pfifferling gegen unſer Gotteshaus. Aber wir haben das Geld, und die Kunſt, und die Macht; Rom wird nicht größer geweſen ſeyn als Reutlingen. Und der Bock in un⸗ ſerer Marienkirche, der Sturmbock, der ſo viel Schuhe hat als das Langhaus; habt Ihr ſchon von dem Bock gehört? Das war der Reutlinger Sieg; der Pfaffenkönig aus Tü⸗ bingen hat ſeinen Bock ſchön dahinten laſſen müſſen, da er unſere Stadt nicht gewinnen mochte. Aber der verlogene Würtemberger, der Raufhahn, der alte Eberhard iſt noch ſchlechter weggekommen. Seht, mein Haus iſt ein armes Häuslein, aber ich gäb es nicht für viel Geld; warum? weil es an dem Gartenthörlein ſteht. Was iſt's mit dem Gartenthörlein? Reutlingen hat gar viele ſchöne Thore, und doch iſt mir das Ausfallthörlein das liebſte, weil die Reutlinger da hinausfielen, und die Würtemberger todt ſchlugen, daß es krachte. Der Ulrich kam freilich davon, aber deſto ſchlimmer für ihn, weil ſein Vater zu ihm ſagte: Du gehörſt an die Kunkel und nicht in das Feld; und ſchnitt das Tiſchtuch ſtutz und eilends zwiſchen ihnen durch, daß ferner keine Gemeinſchaft unter ihnen war. Der alte Rau⸗ fer hatte Recht, was meint Ihr? Ein Mann„ der davon läuft, ein Ritter, der ſich ergibt, das ſind erbärmliche Ge⸗ ſellen.“—„Potz hinkende Gans!“ murrte der Fremde un⸗ geduldig unter den Fäuſten des Baders,„ſorgt Euers Hand⸗ werks, und ſchwatzt nicht in den Tag hinein von Dingen, ſo Ihr nicht verſteht.“ Meiſter Cun hielt einen Augenblick betroffen inne, ſchüt⸗ 15 telte dann den Kopf, und ftäubte die Haare des Pa⸗ tienten abermals dick mit Kleie ein, rieb hierauf ſtärker wie zuvor, packte die Locken zu beiden Seiten des Kopfes als wie mit Schmiedefäuſten, wand ſie feſt an einander, gleich fühlloſen Garnfträngen, und vergalt auf dieſe Weiſe durch manchen Ruck und Kniff und Schmerz dem Fremdling die harte Rede. Auch ſprach er nicht mehr, aber da die Zeit gekommen war, mit dem Meſſingkamm das gezwagte Haupt völlig zu reinigen und zu ordnen, mochte er ſeiner Zunge nicht länger Gewalt anthun, und plauderte mit der Schnelligkeit eines Waldſtroms:„Ich bin ein gutes Närr⸗ lein, Herr, ſo wie ich der ehrlichſte Mann in ganz Reutlin⸗ gen bin, weil ich Euch ſo rechtſchaffen herausputze, der trutziglichen Rede ungeachtet, womit Ihr meine Ehre ver⸗ wundet habt.“—„Deine Ehre?“ fragte der Andere mit ſpöttiſchem Lächeln,„eines Baders Ehre? ſeyd ihr denn beſſer als die Hirten, als die Abdecker und Waſenknechte?“ — Meiſter Cun ließ voll Entſetzen den meſſingenen Kamm zur Erde fallen, ſchlug ein Kreuz wie vor dem Teufel, und rief:„Ich ſollte Euch verklagen, ſollte des Kaiſers Recht anſchreien ob ſolchem Unglimpf! Wir unehrlich? als ob nicht Kaiſer Wenzel uns ehrlich geſprochen, als ob er uns nicht ein Wappen gegeben hätte! Ihr ſeyd gewiß ein Edel⸗ mann oder ein Student von der Tübinger Schule, welcher daſelbſt einen böſen Handel angerichtet und ſich in unſere gute Stadt geflüchtet hat. Ei, Herr, da könnt Ihr ganz ruhig ſeyn; wir ſind ſtark und mächtig, die Römer waren's kaum wie wir. Wir liefern Keinen aus, wir ſind nur dem Reiche unterthan, und wo iſt das Reich? Sagt es mir. Nirgends iſt das Reich, und am allerwenigſten im Kaiſer, der im Land herumfährt, wie ein Schüler, und kein Ob⸗ dach hat, und auf Koſten der Fürſten und Reichsſtädte zehrt, weil ihm der ſchwarze Ungar ſein bischen Land genommen. 16 Wir erkennen alſo keinen Herrn über uns, ſind ein freies Volk, und Ihr dürft Euch gar nicht fürchten, ſondern mir Euern Namen und Euern Handel keck vertrauen, weil ich verſchwiegen bin und zugleich der ehrlichſte Mann von Reutlingen.“—„Potz hinkende Gans! das ſchwatzt wie ein Sittich. Seh ich denn aus wie ein Schwarzrock von Tübingen? Ich bin ein gartender Landsknecht, der einen Dienſt ſucht; das iſt Alles.“—„Ein fahrender Landsknecht?“ wiederholte der Bader nicht ohne ungläubiges Lächeln,„nun, wie Ihr wollt. Mir gleichviel; ich liebe die tapferen Leute, und wenn Meiſter Cun Euch dienen kann, ſo wendet Euch getroſt an ihn. Ich weiß allerlei, ſo den Leuten frommt. Ein Bader iſt der Vertraute der ganzen Welt.“—„Und ſchwatzt auch über die ganze Welt,“ brummte der Andere, „bleibe bei Deinen Meſſern und rede nicht vom Schwert.“ —„Ei, ich darf vom Schwerte reden. Hab ſelber einſt eine Wehr geführt und wacker darein geſchlagen, manch wür⸗ tembergiſches Ohr geklopft, daß es keine Glocke mehr ſum⸗ men hörte.“—„Du? was Du ſagſt!“—„Hm!“ fuhr der Bader mit ſteigendem Hochmuth fort,„hab ich nicht Theil gehabt an dem Span des Truchſeſſen von Hefingen, der dem älteren Eberhard, dem Bartmann, an den Leib ging? Ich ſaß dazumal in der Ortenau, ein jung Blut ohne Haus und Hof, und die Gemeinder von Staufenberg warben mich für den Truchſeß an, ſammt anderen uner⸗ ſchrockenen Menſchenkindern. Da war kein Unterſchied zwi⸗ ſchen edeln und gemeinen Leuten; ein Jeder wählte ſeinen Fehdenamen, wie ihm beliebte, und manch ein würtember⸗ giſches Dorf kann heut noch von dem wilden Hänslein Ni⸗ terſchrick erzählen. So hieß ich dazumal.“ Der Fremdling richtete ſich vom Zwagſtuhle hoch auf, und ſagte fröhlich:„Das muß ich wiſſenz ich war auch bei jenem Strauß und keiner von den Letzten, obſchon ein jun⸗ ger Knab. Es war mein erſtes Reißlaufen, und man hieß mich den Tobherz, habe auch alſo den Fehdebrief an den Eberhard unterſchrieben.“— Wie ein Verklärter ſtaunte ihn der Bader an, breitete die Arme aus, um den alten Kriegs⸗ gefährten zu umfangen, aber derſelbe trat vornehm einen Schritt zurück, wies des Schröpfmeiſters Liebkoſung von ſich, und ſprach kurz:„Schon gut, mein Freund, Du kennſt mich alſo jetzt binlänglich, und weil Du Dich brüſteſt, mir mit gutem Rathe beizuſtehen, ſo laß uns weiter in der Sache reden.“—„Das will ich meinen; was Meiſter Cun verſpricht, das hält er. Ihr ſeyd ohne Herrn? Ein wacke⸗ rer Mann findet bald einen friſchen Dienſt. Der Graf von Würtemberg und der Erzherzog raufen ſich.“—„Nichts Würtemberg und nichts Erzherzog. Ich habe eine Ausſicht,“ fuhr der Fremde mit lauerndem Blicke fort,„und Du wirſt mir Auskunft geben. Ich ſuche den Herrn von Sperberseck.“ —„Ach, was wollt Ihr mit dem? der ſitzt in der Stadt, ſeit ihm der Wildherr ſein Schloß verbrannte, und traut ſich nicht mehr aus den Thoren. Ein armer Schächer, der ſich vor aller Welt und nebenbei auch vor Geſpenſtern fürch⸗ tet, denn ſo wie die Nacht anbricht, läßt er viele Lichter in ſeinem Hauſe anzünden, und um ſein Bette muß es hell ſeyn, wie bei dem Beſingniß eines Verſtorbenen, und die Lichter müſſen brennen, bis die Sonne kömmt. Der Filz hat ſicherlich gar manche böſe Schuld auf ſeinem Herzen, und iſt ſo feige wie ein Spatz. Was ſucht Ihr bei dem Geizhalz? Da gibt's nicht Sold, nicht Beute.“—„Ich meine nicht den Anshelm, von ſeinem Bruder rede ich, der mich hierher beſtellte.“—„Der Junker Heerdegen? Der hat Euch betrogen. Der hat zu Reutlingen nichts mehr zu thun, genießt nicht mehr des Friedens in der Stadt, da ſie ihm verboten iſt.“—„Warum?“—„Er hat vormals ei⸗ nen Geſchlechter, den Hans Spechzart, in ſeinem Hauſe Nonne von Gnadenzell, M. 2 18 geſchlagen, daß er wund wurde. Ob ſolcher Heimfuche riß er aus, und wurde er auf immerdar aus dem Burgfrieden gewieſen.“—„Mag ſeyn,“ entgegnete der Andere gleich⸗ gültig,„aber er kommt, und käme er, wie es den Gebann⸗ ten freiſteht, im Gefolge des Kaiſers.“—„Des Kaifers?“ lachte der Bader hämiſch,„ſo wißt Ihr nicht, daß wir dem Kaiſer abſchlugen, ihn zu beherbergen? wir Reutlinger ſind ein freies Volk, und haben dem Friedrich geantwortet, da er uns von Hall ſeine Botſchaft ſandte, wir ſeyen nicht ein⸗ gerichtet, Seiner Majeſtät gebührend aufzuwarten. Dabei bleibt's, und er mag zuſehen, wer ihn füttert und be⸗ hauſet.“ Da verzog der Gaſt das Geſicht, als ob er eine bittere Arznei genommen, und murrte:„Es wäre verdammt, wenn ich auf dieſe Art um die Abrechnung mit dem Heerdegen käme.“ Zutraulich erwiederte ihm der Bader:„Grämt Euch deßhalb nicht; ich werde Euch ſchon eine Unterkunft berei⸗ ten. Da kommt ein Mann, der juſt wie für Euch geſchaf⸗ fen iſt. Ich laufe ihm entgegen und denke, mein Wort werde eine gute Statt finden.“ Der Gaſt bemerkte durch das Fenſter einen bis an die Naſe in den Reitermantel verhüllten Ankömmling, dem der Bader entgegen ſprang. Nachdem ſie vor dem Hauſe einige Worte geheimnißvoll gewechſelt, trat der Mantelträger ha⸗ ſtig in die Kammer, während der Bader als Schildwächter draußen blieb, und redete den ſogenannten Landsknecht mit gedämpfter Stimme an:„Du ſuchſt einen Dienſt? wenn Du entſchloſſen biſt, kann er Dir werden. Woher des Lan⸗ des? wie Dein Name?“— Indem jedoch der Reiter ſeine Fragen ſtellte, muſterte er mit ſteigender Verwunderung die Züge des Anderen, hielt mitten in der Rede inne, ſchlug die Hände heftig zuſammen und rief beſtürzt:„Um der hei⸗ ligen Jungfrau willen, Landſäß, wie ſiehſt Du aus?“— Scherer ſchwieg lange Zeit, den finſteren Blick bald an den Boden, bald auf des Sprechers Antlitz geheftet, und ant⸗ wortete faſt lautlos:„Wie ich ausſehe? wie ein an's Kreuz geſchlagener Staudenhecht. Oſtertag, ich möchte weinen, mein Herzblut weinen, aber die Wuth hält mich aufrecht. Erlaſſe mir jedoch, Dir zu erzählen..— Der Herr von Friedingen winkte ihm mit der Hand, und wendete ſein ſcharfes Auge mitleidig von ihm, ſprechend:„Laß gut ſeyn⸗ Du guter Geſell. Ich weiß bereits„ich fühle Dein Unglück tief.“—„Endlich ein Menſch, der mich nicht ver⸗ ſtößt, wie einen Hund!“ ſeufzte der Landſäß mit ausbre⸗ chender Wehmuth,„meine Feinde verſpotten, meine Freunde fliehen mich, meine Sippſchaft raubt mir, als einem Ehr⸗ loſen, meine Habe. Sey Du mir mehr als Freund und Blutsverwandter! halte mich mit Deiner Hand empor, bis ich das letzte Ziel meines Lebens erreicht, in der Bruſt des Sperberseck mein Schwert umgedreht, in ſeinem Blute mich rein gewaſchen habe. Dann werde mit mir, was da willz hier ſoll es ſich vollenden, denn er kömmt, wenn nicht Alles wider mich iſt. Er kömmt im Gefolge des Kaiſers.“— „Recht,“ antwortete Oſtertag mit wilder Freude,„heute Abend trifft der Kaiſer ein, trotz der Weigerung der reut⸗ lingiſchen Pfefferſäcke. Gute Jagd, Du armer Landſäß! und ich will Dir beiſtehen mit Rath und Hand, ſo Du mir verſprichſt, Deine Fauſt zu einem Streiche herzuleihen, den ich vorhabe, und deſſen Ausführung des Kaiſers Zug begünſtigt.“—„Der Deine auf Leben und Tod!“ gelobte Scherer mit einem Handſchlag. Hierauf wendete ſich der Friedingen zu dem Bader, der an der leis geöffneten Kam⸗ merthür lauſchte, und ſprach:„Vor dieſem Freunde habe ich kein Geheimniß. Wie ſteht's mit dem Wildherrn?“ —„Keine Nachricht, geſtrenger Herr.“— Darob ergrimmie der Friedingen innerlich, und rief:„So ſchlage der 20 gelbe Schelm in die Eitelkeit und Hoffart dieſer Strauch⸗ diebe! Bedarf man einmal dieſer Geſellen zu einem ritter⸗ lichen Wagniß, ſo lockt man ſie vergebens. Die Schurken ſind nur zum Diebſtahl geknetet.“— Meiſter Cun bebte er⸗ ſchrocken und flüſterte:„Sprecht nicht ſo laut, evler Herr. Wenn der Wildherr vernähme, was Ihr geredet, ſo möchte es uns Allen ſchlecht bekommen.“—„Wo iſt der Wild⸗ herr?“ fragte der Friedingen gereizt:„hält er ſich in Dei⸗ nem Hauſe? belauſcht er uns? ich ſpotte ſeiner!“—„Nicht in meinem Hauſe iſt er,“ entgegnete Meiſter Cun lügenhaft und ängſtlich,„aber ſeine Späher lauern überall. Ja, wenn ich ihn kennte, von Angeſicht zu Angeſicht, wie Euch, geſtrenger Herr, ſo wäre es meiner Zunge längſt gelungen, ihn für Euern Dienſt zu gewinnen, und der Erfolg Euers Vorhabens wäre nimmer zweifelhaft.“— Da warf der Friedingen die Naſe ſtolz empor, verſetzend:„Allen Teu⸗ ſeln zum Trotz wird der Streich vollbracht werden. Mein Bruder, dieſer wackere Freund, der unerſchrockene Gilg, den die Langeweile antrieb, des Würtembergers Acht in ſeinem eigenen Lande zu verhöhnen, und ich mit meinen guten Bügelknechten. wrir ſind mehr denn genug, den ungeberdigen Würtemberger aus dem Sattel zu holen. Glück auf denn!“ Zur ſelben Stunde gingen die Trommelſchläger des Magiſtrats umher, in den verſchiedenen Stadtvierteln die Bürger aufzufordern, mit Harniſch und völligem Zeuge vor die Porten zu treten, indem der Herr Kaiſer Friedrich im Anzuge ſey, und etwa noch vor Abend zu Reutlingen ein⸗ treffen würde. Zweites Kapitel. O nicht den Koͤnigen, mein Sohn, gib den Koͤnigen nicht Wein zu trinken, noch dem Fuͤrſten ſtark Getraͤnk. Sie moͤchten trinken, und des Rechts ver⸗ geſſen, und verändern die Sachen ir⸗ gend der elenden Leute. Gebt ſtark Getraͤnke denen, die umkommen ſollen, und den Wein den betruͤbten Seelen, daß ſie trinken und ihres Elends ver⸗ geſſen, und ihres Ungluͤcks nicht mehr gedenken. Spruͤche Salomonis. „Wenn es Dir gefallig iſt, ſo raſten wir hier ein Weil⸗ chen,“ ſagte der Greis zu dem Jüngling, der ihn vorſich⸗ tig führte, damit er nicht vom Wege abkäme.„Meinet⸗ halben,“ antwortete der Knab, indem er ſich den Schweiß von der Stirne wiſchte,„da iſt ein Raſenhügel, wie kaum ein ſchönerer auf unſerem Freithof. Setze Dich, alter Heide, ich will aufrecht bleiben, denn mir iſt ſo heiß, und meine Glieder zucken dergeſtalt, daß ich den Habicht beneide, der mit ſeinen Flügeln über unſerm Haupte die Luft peitſcht. Ach⸗ wer Flügel hätte! Sie hätten mich nicht gegeißelt, ſie bätten mein Mütterlein nicht gefangen, und ſchon lange ſäße ich auf des Würtembergers Tiſche, wie in einem Neſte, und ſpräche zu ihm:„Löſe, die da gefangen iſt, wenn Du 22 mächtiger biſt, als die geſchorenen Weiber!“ Indem er alſo ſprach, der arme Poppele, und die Schmerzen ſeines wunden Rückens wieder doppelt fühlte, und auf's neue wie⸗ der des ſchmalen Kerkers ſeiner Geißlin gedachte, blitzten helle Thränen an ſeinen Wimpern, betrachtete er noch ein⸗ mal ſo ſehnlich den kreiſenden Stoßvogel am Abendhimmel, und ſeine Füße ſtrebten vorwärts, ungeduldig ob der pein⸗ lichen Raſt. Darum ſagte er auch ungeſtüm und trotzig zu dem müden Gefährten:„Wie biſt Du doch ſo alt und ge⸗ brechlich, wie magſt Du doch leben, während Du nicht mehr laufen, nicht mehr helle ſehen kannſt? Wäre Dir nicht ein Grab lieber, Du armer weißhaariger Mann?“— Da war es an dem Alten, aus ſeinen ſchier ganz erloſchenen Augen zu weinen, und er ſeufzte:„Du junger herber Arzt, was habe ich Dir gethan, daß Du mir das Herz zerſchneideſt? der Geſchlagene fühlt ſeine Wunde zehnfach, wenn man ihm ſagt, daß ſie hölliſch brennt.“—„Was Du mir gethan haſt?“ fragte der Andere eifrig, als ob er, ein muthiges Pferd, unwirſch am Ziegel kaute:„biſt Du nicht Blei an meinen Füßen? klebſt Du nicht wie ein Geſpenſt auf mei⸗ nem Nacken? ſchon einmal ging die Sonne unter, ſeit ich meine Höhle auf dem Sternenberge verließ, und der Mut⸗ ter Geißlin verſprach, ihr einen Retter zu erwecken; jetzt fällt die Sonne wieder vom Himmel, und weiß ich denn, wo der Graf ſitzt, der mir helfen ſoll?“—„So ſchweife denn allein und flüchtiger in die Welt hinaus,“ verſetzte der Alte mit wehmüthiger Ergebung:„es geſchieht doch Jedem, wie in des Himniels Zeichen geſchrieben ſteht. Verlaſſe mich, den unnützen, ſchweren Klotz; mein Stündlein ſäu⸗ met nicht.“ Dieſes hörend, ſchlug durch die ungeſtüme Jaſt des thörichten Jünglings ein Strahl von Mitleid, weshalb er beſänftigt rief:„Deine Rede klingt wie eines kranken Vo⸗ 23 gels Stimme, und Du dauerſt mich; darum bleibe ich bei Dir, und will Dich führen, bis Du mir ſagſt, es ſey genug⸗ Woher kommſt Du jedoch, und wohin gedenkſt Du?“— Der Greis verſetzte:„Ich will nicht mein Leid abſingen, und Du begriffeſt es nicht, aber ich will mein letztes Stück⸗ lein Brod ſuchen, und ein Pfülb in einem Spittel, daß ich ruhig ſterbe, und nicht von frevelhafter Diebeshand meine Nothdurft empfangen muß. Darum bin ich aus dem ver⸗ fallenen Hauſe gekrochen, worinnen ſie mich ätzten, und mein Wächter ſah es nicht. Aber dieſe Augen, dieſe von Schmerz getrübten Augen ſahen eben nicht weiter, als den gelben Streif des Fußpfades, und wer an mir vorüberkam, ſchickte mich mit einem„Gott helf“ weiter, und ſo gerieth ich endlich in die Matten, in den Sumpf, wo ich den Wan⸗ derſtecken verlor, in den ſteilen Forſt, wo ich Dich fand, Deine Stimme vernahm und erkannte, und bei Dir Schutz ſuchte, ein abgeſtorbener Pilgersmann.“— Dem Greis zuhörend, nickte Poppele mit dem Kopfe, und ſprach dage⸗ gen:„Du gingſt fehl, weil der helle Sonnenſchein Deine Nacht iſt; ich war verirrt mit klaren Augen, denn die Menſchen, denen ich in die Hände lief, waren boshaft, wie die alte Euſtachia, und ich hatte ſchön fragen, wo des Würtemberger Grafen Schloß ſey. ſie jagten mich rechts und hetzten mich links, bis ich auf des Berges Dach ſtand, und die ganze Welt vor mir hatte. Wie groß iſt die Welt! der Kopf wurde mir drehend, und Du kamſt recht, daß ich mich an Dir hielt, ſo wie ich Deine Krücke wurde. Aber es dämmert, laß uns gehen.“— Seufzend erhob ſich der Alte, den unſichern Fuß zögernd vorwärts ſetzend, und klagte halblaut:„Es ſtreicht die Abendluft und der Kauz fliegt aus ſeiner Höhle, weil die Nacht ihn ſehend macht, ob ihn ſchon der Tag geblendet. Man ſchilt Dich arm, Du graues Käuzlein, und doch biſt Du reich, gegen mich Un⸗ 24 glücklichen, dem der Abend nicht einen Funken am Augen⸗ lichte zulegt!“— Da ſtieß ihn Poppele unſanft an, ſa⸗ gend:„Was heulſt Du? Dein Leben geht zur Neige, und Du ſtirbſt ab wie ein Baum, weil Du alt biſt. Willſt Du denn ewig leben? Freue Dich, daß mein Auge für Dich ſieht, und danke Gott, daß nicht auch Dein Ohr ſchweigend wurde.“—„Sey nur ruhig, wie ich ſtille bin, mein Knab. Dunkelt es ſchon mächtig? Ich ſehe kaum mehr den Pfad zu meinen Füßen.“—„Die Sonne iſt fort, ſchwarze Wol⸗ ken hat ſie zurückgelaſſen; vor uns liegt ein weites Land ach, ſo weit wie groß iſt die Welt, und wie werde ich des Grafen Schloß finden?“ Von ferne brauste es wie Glockenklang. Der Alte ſtand plötzlich ſtill, hob den Zeigefinger, horchte in die Luft hinaus, und fragte:„Glocken? oder heult der Wind?“ Indeſſen trug ein Luftſtoß das Geläute näher heran, und der Greis fuhr fort:„Das ſind Kirchenglocken, das iſt ein groß Geläute, eine Stadt muß in der Nähe ſeyn.“— „Eine Stadt?“ fragte Poppele ungeſtüm entgegen, und zerrte den Greis haſtig weiter:„Wo iſt die Stadt? Wir ſind noch hinter Bäumen ſpute Dich, Alter„ wenn wir um die Ecke gehen.. Hier verſtummte er plötzlich, nach⸗ dem er zuvor einen lauten Schrei der Verwunderung aus⸗ geſtoßen. Der Greis klammerte ſich feſt an ſeinen Arm, und fragte zitternd:„Was iſt? Was ſiehſt Du da?“ Worauf Poppele abgeriſſen und überſprudelnd erwiederte: „Ei, wie ſchön„ſo etwas ſah ich nie viele, viele Thürme lange, lange Mauern„Giebeldächer ohne Zahl„und am Fuß der Mauern läuft es ſchwarz voll Menſchen, und hoch über ihnen, auf einem blauen Berge, liegt ein Schloß, mit goldenen Zinnen, und einer Fahne, die vom Thurme flattert, ſchwarz, roth, gelb— Da jauchzte ſchier der Greis in ſeliger Entzückung, indem er 2⁵ rief:„Sagt ich's nicht? Die Sterne halten Wort, wir beide ſind am Ziel. Die Fahne iſt des Würtembergers, das Schloß iſt ſeine Achalm, die Stadt iſt Reutlingen! Dort will ich ruhen, dort hab ich einſt eine Pfründe im Siechenhaus ge⸗ ſtiftet; vielleicht erlauben ſie mir um dieſer Wohlthat wil⸗ len in einem Winkel des Hauſes zu ſterben!“—„Jetzt rede nicht von Sterben, und hebe Deine Füße,“ drängte der geflügelte Poppele:„das iſt alſo eine Stadt, das ein Schloß? dort ſitzt der gewaltige Graf? geſchwind Du alter Heide... Du ſchläfſt im Gehen ein, und ich denke, ich ſey eben erſt geboren. Wie ſchön die Glocken klingen! warum läuten ſie denn jetzt?“—„Das iſt der Hußaus, mein Knab, und hilft auch wider Peſtilenz und Türkenplage.“— „Riefen doch die Glocken zum Begräbniß der geſchorenen Weiber von Offenhauſen! wäre die Geißlin nicht, ich kehrte nimmer wieder in jenen Wald, denn hier iſt es ſchön und ſonnig, ſelbſt in der ſchwarzen Dämmerung. Halte Dich aber feſt an mein Gewand, Du altes Abenteuer, weil wir zum Thor kommen, und mitten unter Menſchen, wie in ei⸗ nen Ameiſenhaufen. Ach, wie viele Leute in der Welt! Mir wird angſt unter dem Getümmel, laß uns feſt an ein⸗ ander halten!“ Der blövſichtige Greis ließ ſich dieſes nicht zweimal ſagen, denn auch ihn ſchreckte der Lärm, deſſen Urſache er nicht begriff. Bald jedoch löste das ringsum auſſtrebende Geſchrei das Räthſel. Durch das Lied der Zinken und Po⸗ ſaunen, durch die wogenden Glockenlaute drang tauſendſtim⸗ mig der Ruf:„Der Kaiſer! dort kommt der Kaiſer! dort traben ſeine Reiſigen heran, dort weht des Würtembergers Geleitfähnlein!“ Und zwiſchen hinein klatſchten die Fröh⸗ lichen in die Hände, wieherten die Neidiſchen ein gellendes Spottgelächter. Denn nur von Wenigen geliebt war der alte ſilzige Kaiſer, der wie eine Hummel einherzog, aus 26 fremden Immenſtöcken den Honig zu ſpeiſen; dagegen lieb⸗ ten die Meiſten den Würtemberger Grafen, und die es nicht thaten, fürchteten ihn wenigſtens, als einen ſtarken Nachbar, und ſpotteten ſeiner mindeſtens nur heimlich, während ſie den alten Friederich öffentlich verhöhnten. Unterm Thore ging es granſam her mit Drängen und Stoßen; kaum vermochte Poppele, mit der Heftigkeit eines überreizten Blödſinnigen, durch ſeiner Ellenbogen Stärke einen Paß zu erzwingen. Schier auf ſeinem Rücken trug er den alten Sperberseck in der Stadt enge und vunkle Gaſſen.„Suche einen Winkel, da wir ruhig das Volk vorüber laſſen mögen,“ bat der Greis, und Poppele hatte ſchnell zwiſchen den Strebepfeilern eines Herrenhauſes die gewünſchte Zuflucht gefunden. Da ſtellte er ſeinen ſchwa⸗ chen Begleiter neben mehreren plauderhaſten Weibern an die Wand, und trat vor denſelben, da ſeine Neugier groß war, und er beinahe die leidende Geißlin und den Würtem⸗ berger darob vergeſſen hätte.„Was ſind das für Blitze, die an meinen Augen vorüber fahren?“ fragte der Greis, auf des Führers Schultern gebückt.—„Das ſind Wind⸗ lichter, ſprühende Fackeln, die von Knechten vorbeigetragen werden. Es wimmeln immer mehrere vom Thore herein. Das flimmert wie die Geſpenſter der alten Offenhänſer.“ —„Was fächelt denn meine Stirne ſo kühl, und zieht in der Luft, wie ſeidenes Gewand?“—„Ei, das ſind Fah⸗ nen, von Golde, mit Adlern und anderen ſeltſamen Bil⸗ dern. Hui, wie die purpurnen Streifen daran flattern!“ —„Hörſt Du es klirren, mein Knabe? Ach der wohlbe⸗ kannte Klang! Harniſche müſſen es ſeyn, nicht wahr?“— „Männer von Eiſen, ja wohl„glänzend wie Eis, blau wie der Himmel, feurig wie Kohlenglut iſt das Gold, iſt das Silber, Du Alter? Ach, Du kannſt es ja nicht 27 ſehen, aber ich fürchte, ſie haben den Schatz geholt, der mein gehört und ſchon ſo lange ſchlief“ Indeſſen waren die Trabanten des Kaiſers, die Reiſi⸗ gen des würtembergiſchen Geleits, mit Panieren, Fackeln und aufgereckten Lanzen vorüberzogen, und es zeigte ſich ein ſchlechter Wagen, nothdürftig bedeckt von einem über Reifen geſpannten Damaſttuche, und ärmlich verziert mit buntfarbigen, aber verwitterten Fähnlein. Vier magere Pferde, dem Pfluge entſpannt, oder von der Deichſel eines Güterkarrens genommen, ſchleppten mühſelig den Wagen, darinnen ſaß aber der Kaiſer. Kein Laut der Freude, kein Zuruf, wie er ſonſt wohl den Fürſten wird, empfing den alten, aus ſeinen Erblanden vertriebenen Herrſcher; kaum ſchwieg in ſeiner Nähe der ſtachliche Hohn des derben Volkswitzes, der mit Fingern auf den müden Kronenträger und auf die abgezehrten Triumphgäule wies, die ihn zogen. Wohl hatte Friedrich im deutſchen Reiche Schlimmeres er⸗ fahren; die in Hall hatten ihn mit einer Ochſenvorſpann bedacht, da ſie den überläſtigen kaiſerlichen Gaſt weiter ſchafften, und er ſelber war, ſeiner Herabwürdigung kaum bewußt, in die Scherzworte ausgebrochen:„Seht, um Gott, wie man das deutſche Reich mit Ochſen herumführt!“— In der Stadt Reutlingen, wo man ihn weit unlieber em⸗ pfing, denn an andern Orten, hatte der gute Kaiſer mit ſchlechtem Fahrgeleiſe, entſetzlichem Straßenpflaſter, auch mit unergründlichem Kothe zu kämpfen, ſo daß es manch⸗ mal ſchien, als würde man den Wagen nicht mehr von der Stelle bringen.—„Das iſt er, das iſt der ſchäbige Fried⸗ rich, der Hungerleider, der Faſtenmann!“ ziſchelten einan⸗ der die Weiber, die nächſt Poppele ſtanden, in die Ohren, und Poppele ſtellte ſich hoch auf den Zehen, damit ihm das Geſicht eines Kaiſers nicht entginge. Juſt ſteckte der Wa⸗ gen abermals in einem tiefen Loche, und Friedrich neigte 28 ſich vor, nach dem neuen Hinderniß zu ſchauen. Ein Ande⸗ rer hätte vielleicht gezürnt, Blitze der Majeſtät aus ſeinen Augen geſchleudert, aber dieſes bleiche, lange und hagere Greiſenantlitz war heiter und ruhig, und ſchwer zu ahnen, wie viel des Unglücks auf ſeiner Krone, wie viel des Lei⸗ dens auf ſeinem Vaterherzen laſtete. Mit gutmüthigem Spotte ſagte er zu dem Grafen von Würtemberg, der auf hohem Pferde neben ihm ritt, umſtrahlt von Pechfackeln, in⸗ dem er auf den Stadtſchreiber Stählin zeigte, der die Ma⸗ jeſtät mit ſauerem Geſichte empfangen, und mit einem der reichen Stadt unwürdigen Geſchenke vergnügt hatte:„Seht, o Lieber, ob Unſere Bürger von Reutlingen nicht fromme Leute ſind! ſie wollten nicht, daß Wir in ihren tiefen Gaſ⸗ ſen verſänken!“ Der Würtemberger erwiederte kein Wort, der Stadtſchreiber ſammt ſeinen Rathsherren rümpfte ſpöt⸗ tiſch die Naſe, und die Stadtknechte hoben die Räder, ſcho⸗ ben den Wagen weiter, daß Kaiſer und Graf und Fackeln und Pferde voranzogen, gefolgt von einer Schaar gut be⸗ rittener Herren und Knechte, die ſtolz auf das Bürgervolk hernieder ſahen, und mit Mühe den Grimm bezwangen, der ob des unedeln Empfangs in ihnen aufſtieg. Da ſtürzte gerade vor Poppele's Füßen ein ritterlich gezäumtes Roß zu Boden, deſſen Reiter glücklicher Weiſe ſich bügellos zu machen, und mit einem Sprunge aufrecht zu erhalten ver⸗ ſtand. Gleich darnach ſank er jedoch in die Kniee, und ſiel an Poppele's Bruſt, woran er ſich aufrichtete.„Verdammte Steine, verdammte Stadt!“ ſchnaubte er zornig, aber da war niemand, der ihm weiter half, und die letzten Reiter ſprengten vorüber, und nach ſtrömte der Schwall des la⸗ chenden, tobenden Volkes. Der Gaul lag noch keuchend hingeſtreckt, vergebens riß ſein Herr an Stange und Zügel. „Hilf mir!“ ſagte er unwillig zu Poppele, und dieſer ant⸗ wortete verſtockt:„Bin ich Euer Knecht? ſeht ſelber zu.“— 29 „Verfluchter Reutlinger!“ ſchalt wieder der Ritter und rieb ſich den verſtauchten Fuß:„die tückiſche Brut verdient den Strick; hilf mir, oder ich ſchlage Dich krumm!“ Der Alte zupfte ſeinen Führer heimlich, und raunte ibm zu:„Gehorche voch dem Rittersmann, Du gemeiner Bube, aber laß mich nicht dahinten.“ Poppele murmelte allerlei unverſtändliches Zeug vor ſich hin, bis er endlich ausbrach:„Glaubt Ihr, daß ich Euch nicht kenne? O, ich hab ein ſcharf Geſicht, helle Katzenaugen, und weiß, daß Fledermaus zu Fledermaus ſich ſchickt. Die Mutter Hail⸗ wig ſchalt mich einen Affen, und Ihr wollt mich ſchlagen, weil Ihr der Mutter Schatz ſeyd.“— Da ſtutzte der An⸗ dere, und verſetzte angſam:„Schurkiſcher Nachtvogel, woran erinnerſt Du mich? Woher weißt Du. 7—„Hm, ich viene den geſchorenen Weibern, und hab manch traulich Schmätzlein überraſcht, das Ihr im dunkeln Kreuzgang Euerm Lieb geſtohlen. Mir die Prügel, Euch der Kuß... gelt, das ſchmeckt Euch? Hebt Euer Roß ſelbſt vom Boden.“ Der Junker beſann ſich eine Weile, und ſagte mit be⸗ wegter Stimme:„Wir koſen weiter von der frommen Hailwig, Du ſpöttiſcher Junge, und ich will Dich nicht be⸗ leidigen. Wenn ich mich nicht täuſche, ſo kömmt dort mein Knecht auf uns zu. Er mag das Roß übernehmen, und auf Deinen Arm will ich mich ſtützen, denn der Sprung that meinem kaum geheilten Fuß nicht gut.“ Hierauf pfiff er dem daherlaufenden Knecht, der beim Schein eines Pech⸗ kranzes an ihn trat, das Pferd in die Höhe zog, und leiſe zu dem Herrn redete:„Ihr habt doch immer Unglück mit dem tollen Reiten; werde Euch einmal mit gebrochenem Hals von der Straße aufleſen müſſen.“—„Schweig, Du Vorwitz,“ brummte der Herr entgegen:„ſag lieber, wie es ſteht, wo der gswiſſe Mann wohnt, ob er zu überraſchen; 30 Du weißt, daß meine Zeit gemeſſen iſt. Der Kaiſer ver⸗ läßt mit dem Früheſten die Stadt, und mir geht's nicht gut, wenn ich länger denn Er verweile.“—„So iſt jetzt die beſte Stunde,“ antwortete der Knecht mit leiſer Vertrau⸗ lichkeit,„der Ritter wohnt in des alten Sperwers Haus, die Thüre links, zu ebener Erde. Er iſt allein, Weib und Kind ſind fortgelaufen, des Kaiſers Einzug und Banket zu ſchauen. Das Geſinde, faul und neugierig, wie es iſt, ver⸗ ſäumte, die Hauspforte zu ſchließen. Ihr könnt dem Herrn nicht unvermutheter auf den Hals gerathen.“—„Wohlan denn, führe das Roß in die Ställe des kaiſerlichen Gefol⸗ ges: ich weiß den Weg nach des Sperwers Haus noch gar wohl, und fand hier einen Burſchen, der mich begleiten wird.“ Während dieſer heimlichen Reden hatte der Greis den Poppele wieder angeſtoßen und gefragt:„Du, wer iſt der Herr?“—„Ein Gaſt von Offenhauſen, Freund; man hieß ihn nur den lahmen Junker, ein Weiteres iſt mir von ihm ihm nicht bekannt.“—„Laß uns von hinnen gehen.“— „Ja, Du alter Heide, das wollen wir.“— Indeſſen trabte Lutz klappernd davon, und ſein Gebie⸗ ter Heerdegen hielt den wegſchreitenden Poppele auf, ſpre⸗ chend:„Du gehſt mit mir, ein paar Schritte weit. Mit Dir hab ich zu plaudern.“—„Ich aber nicht mit Euch; ſagt mir lieber, wo ich den Würtemberger Grafen finde.“ —„Willſt Du zu ihm? Ich führe Dich alsdann. Ein Dienſt iſt des andern werth.“—„Ach, wohin willſt Du gehen?“ fragte leiſe und beweglich der arme Greis, wor⸗ auf ihm Poppele entgegnete:„Still; zuerſt an mir und hernach an Dir. Die Sehenden geben vor, Du blinder Uhu. Es iſt das erſtemal, daß ein Ritter mir als Weg⸗ weiſer dienen will. Komm darum getroſt.“— Da ſie ſich nun auf den Weg machten, um die Ecke nach dem wenig 3¹ entfernten Sperwerhauſe ſchreitend, ſagte Heerdegen zu Poppele:„Wen zerrſt Du hinter Dir?“—„Es iſt ein alter Bettelſack, Euch zu dienen; der nicht ſieht, der nicht bört. So werden wir einſt alle, Ritter, König und Knecht. Nicht wahr, Du blinder Heide?“— Der Alte vermochte nicht zu antworten, nur ſtille in ſich hinein zu weinen; Heerdegen gab jedoch nicht weiter Acht auf ihn, und flüſterte vertraulich zu dem Poppele, auf deſſen Schulter geſtützt: „Ich ſab die Mutter Hailwig lange nicht; was macht ſie denn, wie lebt ſie?“—„Sie war blaß, iſt wieder roth geworden; war fort, iſt wieder gekommen, hat geweint, alsdann die Thränen getrocknet; und der Storch ſoll ihr eingelegt haben. Rathet, was?“— Dem Junker wurde ſehr wehe und unheimlich zu Muthe, daß er in ſeinen Fra⸗ gen abbrach, und weil ſie juſt vor dem Sperwerhauſe ſtan⸗ den, ſagte er einſilbig:„Warte hier, ich komme bald zu⸗ rück,“ und ſchlich durch die angelehnte Thüre. „Wo ſind wir?“ fragte der alte Sperberseck,„ich friere, führe mich unter ein Dach, bringe mich in's Spit⸗ tel.“—„Ei, warte nur ein Weilchen. Wir wollen hier in den Flur treten, uns auf die Schwelle ſetzen, worüber der lahme Junker geſtiegen iſt.“—„Ach, hier iſt's kalt und dunkel, die Schwelle Eis.“—„Ich bin kein anderes Bett gewöhnt, es wird auch gut genng für Dich ſeyn, alter; un⸗ nützer Menſch. Dunkel? was macht das Deinen blinden Augen? Kalt? komm, ich wärme Dich in meinen Armen; auch der Stein wird endlich warm, nur nicht die Bruſt der Kloſterweiber von Gnadenzell.“ Der Junker Heerdegen war kurz zuvor mit bedächtigem Fuße über die Stufen geſchritten, die zum Gemach ſeines Bruders führten, hatte mit prüfendem Finger das Schloß der Thüre geöffnet, und fuhr ſchier zurück vor der blenden⸗ den Helle, die ihm aus der Stube entgegenſtrahlte. An der 32 Decke hing eine vierarmige Ampel, auf jedem Sims brannte eine Kerze, und als der Junker die Wohnſtube durchmeſſen, als er in das Schlafgemach Anshelms den Kopf ſtreckte, ſah er auch in dieſer ſtillen Kammer das Bett mit hellen Ker⸗ zenflammen umgeben, in deren Kreiſe der Ritter auf ſeinen rothen Kiſſen ruhte, einem blaſſen Todten zu vergleichen. Und wie ſich oft begibt, daß abgeſtorbene Leiber auf der Bahre die Glieder rühren, wenn ihnen ein lebendiger naht, den ſie gehaßt, oder den ſie viel geliebt, ſo regten ſich jetzo Anhelms Finger ſammt den Lippen, und der erſte leiſe Schlaf wich von ihm, wie ein treuloſer Freund, und ſeine Augen öffneten ſich zuckend, zuerſt wie die eines Nachtwand⸗ lers, und dann wie die eines Sünders, der ſich plötzlich ohne Mahnung und ohne Rettung vor dem blutigen Henker und ſeinem Rächerſchwerte erblickt.„Wehe mir!“ lispelte er mit weit vorgeſtreckten und abwehrenden Händen:„ver⸗ ſcheuchen denn die geweihten Kerzen nicht den Spuk der Mitternacht? Geſpenſt meines Bruders, das zu mir dringt durch verſchloſſene Riegel, dem heiligen Bann zum Trotz, was willſt Du von mir?“ „Ich lebe,“ verſetzte Heerdegen ruhig, obſchon mit kal⸗ tem Vorwurf, und Anshelm faßte etwas Muth, und rief nach ſeinem Weibe, ſeinen Kindern.„Ruhig!“ gebot Heer⸗ degen,„ſie ſind von Deiner Seite geſchlichen, Du feiger Mann, um des Kaiſers Feſt zu ſehen; wecke nicht die Un⸗ mündigen, die hier nebenan des Schlummers genießen, aber ſtehe mir Rede.“—„Um des Erlöſers willen, wgs begehrſt Du?“ fragte Anshelm aufgerichtet, mit gefalteten Händen. „Wahrheit vor Allem, unglücklicher Bruder. Merke Dir, daß ich die weite Fahrt nicht gethan habe, daß ich nicht gen Reutlingen gekommen bin, um Lügen einzuernten.“—„Ach, was ſprichſt Du da? Doch wie magſt Du wagen, dieſe Stadt zu betreten, ſo Dir verboten iſt?“—„Meine Sache. 33 Du haſt auf dieſes Wagniß nicht gezählt, ich denke mir's. Warum erſchienſt Du aber nicht zu Hall, trotz meiner wie⸗ derholten Ladung? Mein Leumund, der Deinige, unſerer ganzen Sippſchaft Ehre iſt bedroht, und Du weigerſt Dich, Recht zu geben, Recht zu nehmen?“—„O, wie hätte ich gekonnt bin ein armer Bettelmann, hab all mein Gut durch Räuberhand verloren, lebe hier noch von den Broſamen meines Glücks, traue mich nicht über den Burg⸗ frieden hinaus, um meiner Feinde willen wie ſollte ich Deiner Ladung folgen, und weiß nicht, weſſen man mich beſchuldigt?“—„Du ſollſt es erfahren, und Dein Gewiſ⸗ ſen mag entſcheiden. Unſer Stammhaus iſt verbrannt?“ —„Von Grund aus, liebſter Bruder; böſe Buben haben's gethan, die Gott züchtigen möge.“—„Iſt's wahr, daß unſer lieber Vater gleich einem Mirakel aus dem Morgen⸗ lande wiederkehrte?“—„Ein Betrüger mißbrauchte den ehrwürdigen Namen, liebſter Bruder.“—„Das ſagſt Du, nicht ſo der Pfarrherr von Owen und andere fromme Leute. Iſt's wahr, daß Du unſern lleben Vater von Deiner Thüre geſtoßen, wie nicht das grauſamſte Wolfsherz thun würde?“ —„O liebſter Bruder, ich habe ihn nicht mit einem Auge geſehen.“—„Du lügſt, wie ein Schelm. Mit Schande und Schmach wurde der alte Mann davon gejagt. Was verzerrſt Du Dein Geſicht? warum ſchnappſt Du nach Luft? würgt Dich das Bekenntniß Deiner Schuld?“ An allen Gliedern zitternd, überwand endlich Anshelm die Angſt vor dem drohenden Rächer, und ſtammelte wie auf der Folter:„Ich geſtehe, liebſter Bruder aber ich bin ohne Schuld, bin kein Wolfsherz. Ruprecht.. ach du mein Zeſus, Elsbeth, mein frommes Weib, hat mir's erſt vertraut ich war nicht daheim Ruprecht hat den Alten von meiner Thüre gejagt;— aber gewißlich war's ein Schalk, ein Rifſian, ein gottvergeſſener Leutbetrüger, Nonne von Gnadenz ell. IMI. 3 * 34 ein„—„Halt inne; ein weiſer Mann prüft zuerſt, und unſeres lieben Vaters Gedächtniß war ſchon der Prü⸗ fung werth. Wenn er's wirklich wäre, nackt und bloß um⸗ herirrend, hungernd, bettelnd vor den Thüren, wie magſt Du einſt die Miſſethat verantworten, Du unſeliger Menſch?“ —„Liebſter Bruder, beruhige Dich, ich habe ſchon geſorgt . der Graf von Würtemberg läßt auf ihn fahnden.. wie arm ich bin, mit Freuden nähme ich den Vater auf.. Heerdegen ſtarrte ihn mit verſchränkten Armen finſter an, zuckte die Achſeln über ſeine Muthloſigkeit, und fubr mit aufmahnender Stimme fort:„Möchte die Zeit Roſen bringen! Die ſchwerſte Frage iſt aber noch zurück, und ſchier weiß ich nicht, wie ich dieſelbe ftellen ſoll, wenn ich betrachte, daß von Dir das Herz weicht, wie von einem Felvflüchtigen. Sag an, wozu dieſe Kerzen, woher dieſe unmännliche Furcht? Haſt Du gemordet, und entſetzeſt Dich vor den wiederkehrenden Seelen? verhülle nicht Deine Au⸗ gen mit den zitternden Händen, aber gib Antwort. Wen haſt Du erſchlagen, weſſen Leben zerriſſen oder mißhandelt oder verſtoßen, daß es in Blut oder Elend erſtickte? war es nicht des Greiſes, unſers Vaters Leben, weſſen denn? eines Feindes, eines Weibes, oder eines Kindes? Du ſchau⸗ derſt zuſammen, heilloſer Verbrecher? mit Angſt und Jam⸗ mer leſe ich in Deinen Zügen, daß unſeres Wappens Schande nicht des Haſſes Lüge iſt. Ein Kind geſtehe es, ein. Kind, das uns nahe anging. erſpare mir die Scham, weiter zu fragen, antworte endlich, wenn auch ſchuldig; antworte nur wie ein Mann.“ Anshelm, der alle Grade der Seelenqualen durchlau⸗ fen, geſteigert von dem Schweigen der Nacht, von der aber⸗ gläubiſchen Furcht, von der drohenden Stimme des belei⸗ digten Bruders, konnte ſich nicht mehr faſſen, vermochte nicht mehr, ſich zu halten, und ſchrie fürchterlich:„Du weißt 35 ſchon Alles 2 Barmherzigkeit!“ Nun ſank, wie von einem Gewitterſtrahle geſtreift, Heerdegen in einen Seſſel, rang die Hände und rief:„So iſt es wahr, ſo hat der Harras und ſein Zeuge nicht gelogen! wir ſind entehrt auf immerdar!“ Es entſtand eine lange, ſchwere Stille im Gemach. Anshelms fiebernde Lippen beteten, über alle Schranken hin⸗ aus ſtieg ſeine Angſt, und ſeine Bruſt keuchte nach Erleich⸗ terung. Heerdegen, ein männliches Gemüth, raffte ſich ſchneller zuſammen, bezwang die ſtürmiſchen Blutwellen des Herzens, und ſagte endlich gepreßt zu Anshelm:„Wir ſind Brüder, und keinem ſteht es zu, des andern Richter zu ſeyn. Wir ſind verdammt, unſere Schmach gemeinſchaftlich zu tragen; ſo vertraue ſie mir auch ganz, unverholen, ohne Lug und Trug. Du legſt das ſchreckliche Geheimniß in treue Hände, denn leider bin ich Dein Bruder.“— Da Anshelm noch immer hartnäckig ſchwieg, wiederholte ihm Heerdegen gebieteriſch:„Erzähle, ſage ich Dir.“ Und Ans⸗ helm, in tiefer Seele erſchreckt, fiel ihm zu Füßen, drückte das Geſicht auf ſeine Kniee, und ſtotterte aus wild arbei⸗ tender Bruſt:„Nur ein alleiniger Menſch kann's verrathen haben, denn Ruprecht iſt todt, und Ruprecht war verſchwie⸗ gen. So wiſſe denn, und Gott verzeihe mir die ſchwere Sünde, daß die Mutter unſer Haus nicht verließ, ohne mit mir geredet zu haben. Sie beſchied mich heimlich um Mit⸗ ternacht, und beichtete mir, daß ſie ſich vergangen, ſtatt wie eine ehrſame Frau züchtiglich an ihrem Wittwenſtuhle zu ſitzen. Zu einer Zeit, da wir Alle abweſend waren, und ein verirrter Reiter im Schloſſe einſprach, habe die Einſam⸗ keit ſie berückt, dann habe ſie auf einer Wallfahrt einen Sohn geboren, der im Gebirge bei einer Bäuerin aufge⸗ hoben ſey, ein ſchmerzliches Pfand ihrer Verirrung und ein nagender Vorwurf, der ihr nicht verſtatte, länger eine Zeu⸗ 36 gin des Glückes und der Ehre ihres Geſchlechtes zu ſeyn.“ —„Arme Mutter, ſchwaches Weib!“ ſeufzte Heerdegen mit Thränen in den Augen, und Anshelm fuhr kaum vernehm⸗ lich fort:„Sie ſagte mir nicht, wohin ſie geben wolle, aber das Büblein, kaum zweijährig, band ſie mir, als den älte⸗ ſten ihrer Söhne, auf's Gewiſſen. Wie ſchändlich hab' ich mein Gelöbniß gebrochen! Als die Mutter fort war, dachte ich nur daran, den Schandfleck aus unſerem Hauſe zu til⸗ gen, zog zu meinem Unglück den harten Ruprecht in's Ge⸗ heimniß, und beſchloß, ſtatt für den armen Knaden zu ſor⸗ gen, daß er zu ſeinen Tagen käme, ihn weit von dannen zu ſchaffen, wo niemand von ihm wüßte; und Ruprecht hatte einen Freund, der das Geſchäft übernahm. Er bemächtigte ſich des Unglücklichen— ich ſah ihn nie. Er trug ihn mit ſich, weit fort, auf die ödeſte Alp, wie er ſagte. Er ver⸗ ſprach, ihn dort einem Hirten in den Pferch zu legen —„Entſetzlich!“ fuhr Heerdegen auf, aber Anshelm klam⸗ merte ſich an ihn, weiter ſprechend:„Es war nicht Gottes Wille, daß der Knab am Leben bliebe„den Armen ſei⸗ nes Trägers entſchlüpft, fiel er in einen Albſtrom, und die Schaufeln eines Mühlrades„ „Verflucht ſey Deine Zunge, ſo Du vollendeſt!“ ſchnaubte Heerdegen in fürchterlichem Zorne, und ſtieß den Bruder weit von ſich,„verflucht der Verführer, der dem Marter⸗ kinde das Leben gab, Ruprecht, der den giftigſten Rath flü⸗ ſterte, der Bube, der ſeine Schelmenhand zum Morde her⸗ lieh! Ja, zum Morde, Ungeheuer, denn Du haſt befohlen, das Kind zu tödten, und mit Abſcheu fliehe ich aus Deiner blutbefleckten Nähe!“— Außer ſich ſtürmte er der Thüre zu, Anshelm ihm nach, mit Wimmern und verzweifelter Bitte. Des empörten Bruders Hand riß die Thüre auf, der blendende Kerzenſchimmer fiel mit voller Gewalt auf den armen Poppele, der an der Schwelle ſaß, und ſeinen 37 alten Gefährten wie ein ſchlafendes Kind in ſeinen Armen hielt.„Stille doch!“ zürnte der Jüngling mit wildem Ge⸗ ſichte und aufgehobenen Händen, und Anshelm, zum Stein⸗ bilde verwandelt, deutete auf die Beiden, und fragte aus heiſerem Halſe:„Welch ſchauerliche Geſellen haſt Du mit⸗ gebracht, mein Bruder?“ Indeſſen richtete ſich langſam, aus ſeinem Halbſchlummer erwachend, der Greis auf Pop⸗ pele's Schoße empor, und lispelte träumend:„Iſt das die Sonne, mein Knab, die mir ſchmerzlich in die Augen ſticht?“ Kaum hatte er jedoch vollendet, kaum das vergrämte Geſicht nach dem Lichte gewendet, als ſchon mit dem Rufe:„Herr Gott, das iſt der Vater!“ die Söhne zu Boden ſtürzten, Anshelm wie ein ſtarrer Leichnam, Heervegen in überſtrö⸗ mendem Entzücken die Kniee des Alten umfaſſend. Viele Menſchen traten zugleich mit Laternen iu das Haus: die heimkehrende Elsbeth, Anshelms erwachſenere Buben, der alte Geſchlechter Sperwer, nebſt des Hauſes Dienern und Mägden. Erſchreckt von dem unerwarteten Begebniß, von dem Geſchrei der Söhne, dem Herbeidrängen der Uebrigen, ſchrie auch Poppele wie ein geſcheuchter Vogel auf, ſprang mit einem wilden Satze durch die ihn ängſtigende Menge, und lief auf's Gerathewohl in die finſtern und krummen Gaſſen hinaus. Drittes Kapitel. Ein Fuͤrſt iſt zwar ein Herr; im Fall er herrſchet recht, So iſt er ſeinem Volk, als wie ein treuer Knecht. Er dient zu ihrem Heil, er muͤht ſich, daß er ſchwitzt, Daß ſein vertrautes Volk gedieg- und rublich ſitzt. Er wacht, damit ſein Volk fein ſicher ſchlafen kann, Er ſtellt ſich vor den Riß, nimmt allen Anlauf an, Iſt Nagel an der Wand, daran ein Jeder henkt, Was ihn beſchwert und druͤckt, war peiniget, was draͤngt. An Ehren iſt er Herr, an Treuen iſt er Knecht: Ein Herr, der's anders meint, der meint es ſchwerlich recht⸗ Logau. Es war noch nicht all zu ſpät in der Nacht, da Graf Eberhard von des Kaiſers Banket nach dem Bebenhäuſer Hofe zurückkehrte, wo er ſeine Herberge genommen⸗ Als einem gnädigen Herrn und Vogt der Abtei von Bebenhau⸗ ſen kam ihm der Pater Verwalter dieſes Hofes mit allen Zeichen der Ergebenheit entgegen, führte ihn demüthig nach ſeinen Gemächern, ſtellte Küche, Keller und Stall zu ſeiner Verfügung. Eberhard nahm Alles mit geziemender Gunſt für ſeine Leute auf, ob er gleich für ſich ſelber jede Auf⸗ wartung ausſchlug, den Adminiſtrator mit freundlichen Worten entlaſſend. Dafür wendete er ſich mit gefurchter Stirne zu ſeinem Landhofmeiſter, dem männlichen Georg von Werdenberg, und ſprach:„Schier möchte ich mir wün⸗ 39 ſchen, ein Mönch zu ſeyn, und abgeſtorben der Welt, ſinte⸗ mal kein Tag vergeht, der nicht einem Fürſten und Landes⸗ herren bittere Früchte trüge. Hatte ich nicht ſchon genug daran, daß ich der wunderlichen kaiſerlichen Majeſtät ein fürſtlich Geleit entrichten mußte, und vom lieben Weib, wie vom Regiment ſchied, dieſer leeren Pflicht zu genügen? Auch hier verfolgt mich der Dorn des Haſſes und meuchelmör⸗ deriſcher Hinterliſt.“— Als der Landhofmeiſter mit beſtürz⸗ tem Geſichte dieſen Eingang vernommen, fuhr der Würtem⸗ berger im Tone der Kränkung fort:„Was hilft's, daß ich die Friedinger ſammt ihrem Gelichter aus dem Felde ſchlug? ſie gedenken, mir als Strauchdiebe heimzugeben, was ich ihnen im ehrlichen Kampfe angethan. Heut, vor kurzer Friſt, da ich vor des Kaiſers Loſament zu Pferde ſtieg, drängte ſich plötzlich ein Mann an mich, und flüſterte mir vie Warnung zu, mich vorzuſehen: die Friedinger hätten im Sinne, mich auf der Heerſtraße aufzuheben, und als eine Geißel hinweg zu führen.“ „Das verhüte Gott!“ entgegnete der Landhofmeiſter mit edelm Unwillen,„ſo lange noch ein Tropfen Bluts in den Adern Eurer Diener fließt, gelingt das Räuberſtücklein nimmer.“— Der Graf legte ſeine Hand vertrauensvoll auf die Schulter des Werdenberg, verſetzend;„Nun wir ge⸗ warnt ſind, hat's freilich keine Noth. Wenn ſich jedoch der Warner nicht gefunden hätte. Du kennſt meine Zuver⸗ ſicht, mein unbegränztes Zutrauen es iſt arg, daß wir an der Ehrlichkeit der Menſchen verzweifeln müſſen.“ Der Graf ging einigemal auf und nieder, den Kopf ſchüttelnd, die Achſeln zuckend, ſtellte ſich dann mit ver⸗ ſchrankten Armen dem Werdenberg gegenüber, und rief: „Bei alle dem bin ich vergnügt, daß ſich wieder ein Menſch gefunden, der es gut mit mir meint, und mich nicht unbe⸗ ſorgt in's Verderben rennen ließ. Du weißt, daß ich gerne 40 an wunderbare Begegnungen glaube, und mein Glaube hat ſich wieder beſtätigt. Der mich warnte, hat ſchon einmal mein Leben gerettet, und ich gebe Dir auf, nach ihm zu ſorſchen, damit ich ihm endlich lohnen mag, weil ein feind⸗ liches Schickſal mich gehindert hat, für ſein Glück zu ſor⸗ gen.“—„Wen meint Ihr, gnädigſter Herr?“— Der Graf, indem er ſich in ſeinem Stuhle niederließ, den Kopf in ſeine Hände ſtützend, ſagte:„Du erinnerſt Dich, wie ich Dir bereits manchmal von dem kecken Buben Reinhold er⸗ zählte. Es war in der Fehde mit dem Truchſeß von Hefin⸗ gen; ich zog gegen des Feindes Schloß, es zu brechen. In ſeiner Rathloſigkeit hatte der Truchſeß mir einen Hinterhalt bereitet, und in einem harmloſen Maierhof, wo ich einzu⸗ lagern gedachte, bewaffnete Knechte verſteckt, die mich fan⸗ gen oder tödten ſollten. Da wollte der heilige Petrus, den ich mit Fug und Recht als meinen Schutzpatron verehre, daß in der Nacht vorher ein fahrender Bube, auf dem Heu⸗ boden liegend, mit anhörte, wie das Schelmenſtücklein im Hauſe verabredet wurde. Der junge Landfahrer kam dar⸗ auf meine Straße, und verrieth des Truchſeſſen Bosheit. Da nahm ich den Jungen unter mein Hofgeſinde, und weil er adeligen Blutes war, und den Mißhandlungen ſeines Vaters zu entwiſchen, ſeinen Lauf in die Welt genommen hatte, that ich ihn zu den adeligen Knaben, und hielt ihn wohl, ſo wie auch er ſich rechtſchaffen verhielt, wie es ziem⸗ lich. Ich hätte mehr aus ihm gemacht, aber der ſtrenge Werner von Zimmern, welcher damals Deinen Dienſt ver⸗ ſah, ſtrafte den Buben um eines jugendliches Fehls ſo hart, daß der Reinhold, ſchon an's Laufen gewöhnt, abermals den Weg unter die Füße nahm, und ſpornſtreichs entwich, ehe ich heimgekehrt war von einem Zuge, den ich dazumal un⸗ ternommen. Mir that's leid, und hatte ich ſchon ſeit mehr denn zwölf Jahren von dem Flüchtling nichts gehört, bis 4⁴ heute auf einmal ſein Geſicht, mir noch gar wohl bekannt, vor mich trat, und ſeine freundliche Stimme mir abermals ein warnendes Wort zurief. Kaum war's jedoch geſchehen, ſo ſtob der ſeltſame Kauz wieder hinweg, als hätte ihn die Erde verſchlungen. Ich empfehle Dir, nach ihm zu forſchen.“— „Das ſoll geſchehen, gnädigſter Herr, und wahrlich, dem Lohne eines dankbaren Fürſten wird ſich der treue Eckart nicht lange entziehen.“ Der Graf, in dieſe Meinung einſtimmend, nickte zu⸗ frieden mit dem Kopfe, und beurlaubte den Landhofmeiſter, welcher, für den Gebieter beſorgt, hinging, nach Thür und Thor zu ſehen, und wachſame Leute in dem Hauſe aufzu⸗ ſtellen, die einem nächtlichen Ueberfalle wehren möchten. Eberhard war jedoch nicht ſo ruhig, als er ſich dem Wer⸗ denberg gegenüber gezeigt hatte, denn der leicht verzeihliche Groll gegen die Friedinger entzündete ſein Blut, ſcheuchte die Luſt des Schlummers von ihm. Da ſein Leibdiener kam, ihn auszukleiden, weigerte er ſich deſſen, forderte einen friſchen Trunk, und daß man ihm die Bücher reiche, die er beſtändig auf allen ſeinen Zügen mit ſich zu führen pflegte. Dieſe waren das Evangelium des heiligen Johannes, in deutſche Sprache überſetzt, und das Buch der Beiſpiele, eine Uebertragung der ſcharfſinnigen Fabeln des Bidpai, die der Graf ſelber hatte veranſtalten, und von ſeinem Buchdrucker in Urach herausgeben laſſen. Denn er liebte die Gelehr⸗ ſamkeit und ihren freimüthigen Herold, des Guttenbergs ſchwarze, heilſame Kunſt. In den genannten Büchern fand der biedere deutſche Mann eine ſtetige Nahrung für ſeinen Verſtand, und des heiligen Glaubens Balſam, weil er fromm war, und nicht bloß verſtändig, und ſeine Fröm⸗ migkeit ſich mehr erbaute an dem ſonnenklaren Worte des Evangeliums, als an den ſchwülſtigen Legenden ſeiner Zeit.— Heute machten indeſſen die geliebten Handbücher nicht den 42 erwünſchten Eindruck auf ſein Gemüth. Sein kriegeriſcher Zorn war aufgerüttelt worden, und mit dem Zorn des Kampfhelden vertrug ſich heute nicht des indiſchen Weiſen Scharfſinn, und die Ruhe des heiligen Worts. Verlangend hing ſein Auge an dem im Winkel lehnenden Schwerte, ſein Herz pochte dem vorhergeſagten Streite entgegen, ſein be⸗ leidigter Stolz ſann auf Strafe und Vergeltung. Doch litt ſeine Seele unter dem Gedränge dieſer tobenden Em⸗ pfindungen, er wünſchte ſich ein Mittel der Beſänftigung, und gedachte des tapfern Königs Saul, deſſen finſterer Geiſt den Harfentönen Davids wich. Schnell befahl er, den kunſt⸗ reichen jungen Sänger Jakobus zu beſcheiden, den er vor Kurzem in ſeine Dienſte genommen, und vermocht, ſein Leben dem heitern Geſang und Lautenſpiel zu weihen. Dem Gebote des Herrn gehorſam, erſchien Jakobus alſobald, nicht mehr angethan mit dem ſchwarzen Studentenrocke, wohl aber mit hellen, ſanften Farben, wie ſie zu ſeinem freundlichen Antlitze, zu ſeinen roſenrothen Wangen und goldgelben Locken ſich ſchickten. „Komm herbei, Du kleiner Meiſter des Geſanges,“ redete ihn der Graf leutſelig an:„ich will nicht eher ſchla⸗ fen, als bis Dein Lied in meinem Ohr verklungen. Singe mir eine heitere Weiſe, ich bevarf ihrer. Das Saitenſpiel und die Stimme des Menſchen hat Gott zu erlaubter Luſt und Freude geſchaffen, und daß man ſich rüſtig erhole von der ſchwülen Hitze des Lebeus. Singe mir das Lied von der Beharrlichkeit; mir gefällt's von allen, die Du kannſt, am beſten.“— Hierauf neigte ſich Jakobus mit bereitwilli⸗ ger Geberde, ſtimmte behende die Laute in den rechten Ton, und ſang mit Fleiß und Ausdruck die Reime eines im deut⸗ ſchen Lande beliebten Meiſterſängers: „Wer recht zu thun den Villen het, Der acht nit was ein Jeder red, —checeii— — Sechehechechiic— „— 43 Sonder bleib auf ſeinem Fuͤrnehmen ſteif, Kehr ſich nicht an der Nachreder Pfeif. Hetten Propheten und Weiſſagen Sich an Nachred bei ihren Tagen Kehrt, und die Weisheit nit gſait, So waͤr ihnen jetzt längſt worden leid.“ Der Graf lächelte behaglich, weil er verſpürte, wie das köſtliche Arkanum der Muſica ſich an ihm bewährte, und ihn ruhig machte, ſchier wie ein ſanftes Kind. Auch Jako⸗ bus lächelte, denn er liebte den Herrn ſehr, aber mitten in dieſes Lächeln ſtahl ſich eine gewiſſe Verlegenheit, die dem Auge des Grafen nicht entging. Darum ſagte Eberhard milde:„Du haſt mich froh gemacht, ünd biſt es ſeiber nicht. Wo fehli's, mein guter Knab? was laſtet Dir auf dem Herzen? haſt Du etwas zu bitten, ſo thue es, und es ſoll geſchehen, weil Deine Wünſche ſo mäßiglich ausfallen, daß ich mein Wort nicht bereuen werde.“— Bei dieſer Rede hellte ſich das Antlitz des Sängers auf, und er wollte ſchon den Mund öffnen, als der Graf ernſthafter hinzuſetzte: „Wohlgemerkt, Jakobus, die Bitte muß nur Dir allein zu Nutzen ſeyn. Es iſt etwas Altes, daß ich Fürbitten zu anderer Gunſten nicht vertrage.“— Da war die Heiterkeit auf des Jünglings Geſichte ſchnell wieder verſchwunden, und der Mund, ſtatt zu reden, verſtummte vor der wohl⸗ bekannten Strenge des Gebieters. Hier öffnete ſich die Thüre, und der vom Grafen be⸗ ſtellte friſche Trunk wurde gebracht. Der Zwerg des Gra⸗ fen, der luſtige, ſpaßhafte Hartmann, in ſeiner hoch aufge⸗ bauſchten Tracht, zuſammengeſetzt von rothen und ſchwarzen Streifen, trug mit beſonderer Vorſicht und Zierlichkeit den Mundbecher Eberhards, vom feinſten Golde gearbeitet, und am Deckel mit einem hellen Diamant geſchmückt. Nachdem der Zwerg im Vorübergehen einen vertraulichen Blick mit Jakobus gewechſelt, neigte er ſich vor dem Grafen, hob den 44 Deckel vom Becher, nippte einen Tropfen des Weins, und reichte ihn alsdann dem Gebieter mit den herzlichen Wor⸗ ten:„Gott geſegne Dir den Trunk, unſer gnädigſter Herr von Würtemberg.“ Der Graf empfing den Becher, und bemerkte lachend, wie das kleine braune und runzelvolle Geſicht des Zwergen ſich gar ſauer verzog:„Wie ſteht's, Meiſter Hartmann? der Wein mundet Dir nicht?“— Indem ſich der Zwerg die Lippen abwiſchte, verſetzte er mit der ältlichen Stimme, die ſeines gleichen angeboren iſt: „Die ſchwäbiſchen Reben ſind herbe, gnädigſter Herr.“— „Ei nun, rauher Wein gehört auf rauhe Zungen. Der Deutſche verträgt den deutſchen Wein; Du ſäumteſt aber lange, mir den Trunk zu bringen?“— Der Zwerg lachte pfiffig, hob die winzige Hand belehrend auf, und ſagte: „Es koſten hier ſo Viele von dem Faſſe, bis der Fürſt an die Reihe kömmt.“—„So? laß hören.“— Da rechnete der Zwerg geläufig an ſeinen Fingern her:„Für's erſte ſtiehlt der Kellerknecht, ſodann der Kellermeiſter; dann zapft der Tiſchdiener, dann koſtet der Schenk, dann kredenzt Dein kleiner Knecht Hartmann, und der ſechste, Herr Graf, biſt Du.“—„Was iſt da zu thun? Sie zehnten meinen Kel⸗ ler, wie ich das Land.“— Der Zwerg lachte wieder, und entgegnete:„Auch beim Zehnten biſt Du der letzte, guter Herr, weil Deine Amtleute den doppelten nehmen, und den dreifachen der Pfaff, der Möncht, die Kloſterfrau.“— Des Grafen Stirne wurde finſter, und er rief:„Du! rühre nicht an den Altar. Alles auf Erden iſt wohlgemacht.“ „Auch ich?“ fragte, ſeine Beinchen ſchlenkernd, der Zwerg, mit gutmüthigem Spotte:„doch vergaß ich, daß mein gnä⸗ digſter Herr ſchon alle Kloſterleute zur Tugend zurückge⸗ bracht hat.“ Dießmal war der Spott geſalzen, und der Graf, weil er wußte, daß ſein lieber Zwerg ſich nicht einen leeren bos⸗ ——————— 4⁵ haſten Scherz gegen ihn erlauben würde, fragte haſtig: „Was haſt Du wieder in Deinem Ränzlein, kleiner An⸗ bringer? ſag's friſch heraus, ſtatt um den Brei zu gehen.“ — Jakobus winkte dem Zwerg mit den Augen, und Hart⸗ mann ſagte dreiſt:„Ach, es iſt nur wieder ein Offenhäuſer Stücklein, kaum der Rede werth.“— Der Graf fuhr in Zornesflammen auf; ſein Gevächtniß war ſcharf, und ver⸗ gaß nie eine Beleidigung. Darum rief er mit Entſchloſſen⸗ heit:„Was auch die garſtigen Weiber wieder begangen haben mögen, ihr jüngſtes Gericht iſt vor der Thüre. Ich nahm mir vor, von hier aus dem Teufelskloſter einen Be⸗ ſuch zu machen, und dabei bleibt's. Sie haben mich ver⸗ höhnt, in den Reformirſchweſtern meine Obergewalt beleidigt, ich ſprenge die Rotte aus einander, und wär's mit Feuer und Schwert. Sie werden darüber ſchreien, Kaiſer, Papſt und Biſchof beſtürmen„ was kümmert mich das? ich wag's.“— Ungeduldig und grollend ſchritt der Graf durch das Zimmer; als er ſich umdrehte, waren ihm die Zeugen ſeines Unwillens überläſtig, und er befahl:„Schert euch fort, was ſucht ihr hier? legt euch ſchlafen!“ Mit betrübten Blicken, als wäre ihnen ein gutange⸗ legtes Vorhaben mißlungen, ſchickten ſich Jakobus und Hart⸗ mann an, die Stube zu räumen, als vom Hofe zum Fenſter empor eine gar klägliche Stimme gellend laut wurde, und zu wiederholtenmalen rief:„Gnade, Gnade, mein gerech⸗ ter Herr von Würtemberg!“—„Was iſt das?“ fragte Eberhard aufgeſchreckt, und ſeine beiden kleinen Diener glaubten vor Angſt in den Boden zu ſinken.„Der Unglück⸗ liche! er iſt meiner Kammer entſprungen,„jetzo ver⸗ dirbt er Alles!“ ſtotterte Jakobus halblaut, und wollte ſich dem Grafen zu Füßen werfen, als dieſer raſch zum Fenſter eilte, es aufriß, und mit gewaltiger Stimme den tobenden Wächtern hinunterrief;„Laßt ab mit Euerm Geſchrei! 46 wer ruft meine Gnade an? ich will die Klage eines Jeden hören, wär es auch bei finſterer Nacht, darum hat mir der Herrgott Land und Leute gegeben. Haltet Ruhe, und ſchlagt den Menſchen nicht. Herauf mit ihm; dem Hunde gehören Prügel, den Menſchen will ich hören!“ Nun ging er auf Jakobus zu, und fragte ſtrenge: „Was iſt's mit dem Schreier? Du weißt darum, und auch Du, Hartmann. Das iſt ein angelegtes Spiel; geſteht, wenn ich verzeihen ſoll.“— Der blöde Jakobus kämpfte mit Thränen, der dreiſtere Zwerg nahm das Wort, und erwiederte:„Die Schandweiber von Offenhauſen haben ſchwere Gräuel begangen.. einen Unglücklichen, den das Kloſter ernährt, mit Peitſchenhieben ſchier zum Krüppel ge⸗ hauen—„Eine junge Kloſterfrau, die frömmſte uuter Allen, haben ſie in den ſchwerſten Kerker geworfen,“ fügte Jakobus ermuthigt bei.—„Sie haben ſich vorge⸗ nommen, die Arme zu tödten....—„Sie wollen ſie einmauern....“—„Der arme gepeitſchte Bube entkam ſeinem Kerker...“—„Wie durch ein Wunder gelangte ſeine Rede zu dem Ohr der Gefangenen.—„Sie trug ihm auf, dem sdeln Grafen von Würtemberg ſich zu Füßen zu werfen....“—„Gottes Engel ſelbſt brachte ihn nach Reutlingen, ein Zufall endlich in dieſen Hof.. —„Der Thürhüter ſtieß ihn zurück.—„Da kam ich herbei, der Unglückliche kennt mich, ich kenne die Nonne, die im Kerker ſterben ſoll....“—„Wir beſchloßen, die⸗ ſem Boten des Unglücks zu helfen...—„Ich barg ihn, doch entſprang er meiner Obhut...—„So ward ihr barmherziger, als mein Kanzler und der Hofmeiſter ge⸗ weſen ſeyn würden?“ begann der Graf mit Rührung: „ſeyd bedankt, ihr kleinen Fürſprecher des Elends; dem Ge⸗ mißhandelten ſoll das Recht nicht ausbleiben.“— Hartmann und Jakobus griffen nach der Hand des Grafeu, ſie zu 47 küſſen; indeſſen wurde Poppole von den Wächtern herbei⸗ geführt. Die Zerſtörung ſeines Geſichts, die wunderlichen Lumpen, die ihn bedeckten, erſchütterten den Herrn von Wür⸗ temberg; und er ſagte dumpf, einen Schritt zurücktretend: „Das iſt ein Wahnſinniger!“—„Habt Mitleid mit dem Hofnarren des Elends, o weiſer Fürſt,“ bat der Zwerg Hartmann, und Jakobus fügte fanft hinzu:„Seine Worte ſind verwirrt, aber die bittere Wahrheit ſitzt auf ſeiner Zunge.“ Somit ging er, als die Wächter vor die Thüre traten, auf Poppele zu, ihn dem Grafen näher zu führen. Das wehrte aber der Landhofmeiſter, welcher erſchrocken herbeigekommen war, indem er rief:„Hütet Euch, gnädig⸗ ſter Herr, vor dem Verrückten, der Euch Böſes thun könnte.“ Dagegen winkte ihm Eberhard, und verſetzte ruhig:„Ich fürchte dieſen nicht, bin ſchon ſein Mann, und will ihm in's Auge ſchauen.“ Auch näherte ſich Poppele wie ein demüthiges Hündlein demjenigen, den er als ſeinen Retter in der Noth betrachtete, küßte ſeine Kniee, ſchaute ihn dann verwundert, aber be⸗ friedigt, vom Kopf bis zu den Füßen an, und begann mit einer Art von Begeiſterung:„Ja, o Herr, Du biſt der Mann, den ich ſuchte. Ein Graf ſoll weniger ſeyn, denn ein Kaiſer, aber Du verdienſt, der Kaiſer zu ſeyn, weil ver alte Mann ſo ſchwach und blaß, und Du hingegen ſo braun und ſtark. Du biſt der Einzige, den die geſchorenen Weiber fürchten; zu Offenhauſen liebkoſen ſie den Teufel als ihren Freund, und haſſen Dich, als ihren Feind. Nein, Du bückteſt Dich nicht vor ihnen, ſie berücken Dich nicht mit ihren ſüßen Worten, bedrohen Dich nicht mit ihrer Peitſche. Für meinen Rücken ſind die Geißelhiebe,. befiehl', daß man mich entkleide, und ſieh, wie ſie mich zu⸗ gerichtet haben. Der Graf, deſſen Augen unverwandt an dem Jüngling 48 hingen, trübe vor Mitleid und Schmerz, winkte abwehrend, dem grauſigen Anblick gerne abweichend. Poppele fuhr aber fort:„Du biſt kein Metzger, ſiehſt nicht gerne Blut und Wunden, aber meine Leiden wiegen nicht ſo ſchwer, als das Ei einer Lerche, wenn ich der armen Mutter Geiß⸗ lin gedenke, die des härteſten Todes ſtirbt, ſo Du nicht wie ein Blitz dazwiſchen fährſt.“ „Ich weiß Alles, und werde die Schuldigen ſtraſen,“ ſprach der Graf, von dem Auftritte peinlich bedrängt. Da frohlockte Poppele, verzog das Geſicht zu grauſamem Lachen, und murmelte:„Ich ſchleppte bisher mein Holz zu ihrer Küche, will's jetzv zu ihrem Scheiterhaufen tragen.“— „Die Nonne, von der Du redeſt,“ begann der Graf mit ⸗ prüfendem Blicke,„was bewog Dich, für ſie meine Hülfe aufzufordern?“—„Ihr Leben iſt mein Leben; wenn ſie ſtirbt, bin ich todt. Sie iſt mir eine Mntter, weil doch die meinige mir nicht bekannt geworden iſt.“—„Du Armer,“ ſagie der Graf bewegt, denn er gedachte ſeiner eigenen Mutter, für die er ſtets ein zärtlicher Sohn geweſen:„wohl entbehrſt Du des größten Schatzes auf Erden; Wer biſt Du denn aber, wer Dein Vater?“ Da lachte Poppele verſtohlen vor ſich hin, und antwor⸗ tete leiſe:„Du weiſtt's am Beſten.“—„Ich? wie das?“— „Du wußteſt ja bereits, was ich von Deiner Gnade ver⸗ langen wollte; wie ſollteſt Du nicht meine Herkunft ſchon erfahren haben? Daß ich kein gemeiner Bube bin, daß ſie mir eine Krone geſtohlen haben, und zerſchlugen meinen Herrenſtuhl, verſchleuderten meine Schätze, zerbrachen mei⸗ nen Stab? Ha, wär ich nicht eines Königs Enkel, würden mich die geſchorenen Weiber peitſchen, die das Erbe mei⸗ ner Ahnen raubten?“— Der Landhofmeiſter machte eine ungeduldige Bewegung, die ängſilichen Fürſprecher des Blöd⸗ ſinnigen winkten demſelben, zu ſchweigen. Der Graf ver⸗ 49 hüllte ſich aber das Geſicht, und ſeufzte in ſich hinein:„O weh, iſt ſolche Wirrniß im Gehirne eines Menſchen möglich? wahnſinnige Bettler träumen von Kronen? hat die Sehn⸗ ſucht nach der ſchwerſten Bürde dieſes Menſchen leichten Verſtand hinweggetragen?“ Dann ergriff er die Hand des Werdenberg, und ſetzte erſchüttert hinzu:„Sieh, o Freund, ſieh, Du ehrlicher Diener, dieſes Jünglings Jam⸗ mergeſtalt! ſchrieb nicht Gott ſelbſt einen Geleitsbrief auf dieſe Stirne, hinter welcher ein Reich webt, das nicht von dieſer Velt iſt? befiehlt dieſer Wahnſinn nicht dem grau⸗ ſamſten Räuber Schonung? fordert er nicht den Fürſten wie den Bettler auf, dieſem Geſunkenen eine treue Hand zu reichen, und ihm zu ſagen: Wo Du mir auch begegneſt, ich will Dein Vater ſeyn! Und die Mägde der reinſten- Jungfrau haben dieſen Elenden gegeißelt, mit Füßen ge⸗ treten? Unter jenen ſchamloſen Weibern allen fand dieſer Unmündige nur eine einzige Mutterſeele, und auch dieſe wollen ſie ihm todtſchlagen? Sey getroſt, mein Sohn, ich will Dein Rächer ſeyn, Du ſollſt mich zur Vergeltung führen. Sobald ich den Kaiſer verlaſſen darf, Werdenberg, ziehe ich gen Hohenkrähen, der Friedinger Schloß, will auf dem Wege in der Gnadenzelle einſprechen. Sie ſollen einen ſtrengen Vogt an mir finden, das gelobe ich bei des hei⸗ ligen Petri Schlüſſeln. Geh zur Ruhe, armer Menſch, geh hin mit Deinen guten Fürſprechern, daß ſie, in meinem Namen, Deinen Wunden Oel, Deiner Zunge Erfriſchung ſpenden, daß ſie Dich kleiden, ſpeiſen und pflegen, denn wer der Armen ſich erbarmt, deſſen iſt das Himmelreich.“ Nonne von Gnadenzell. HI.— Viertes Kapitel. Ein Sprichwort bei uns Deutſchen iſt, Nach Regen kommt ein ſchoner Friſt, Und wenn die finſtere Nacht hingegangen, Da thut ein ſchoͤner Morg' anfangen. Und bricht herein der helle Tag, Vergeht alsdann Armer traurig Klag. Wer weißt nach meiner Traurigkeit, Ob in Freud ſich wend mein Leid? Darauf begehr ich auch ein Beſcheid. Nicodem Friſchlin. Der Biſchof ſoll beten, da er eines Gotteshauſes Grund⸗ ſtein legt:„Segne, o Herr, dieſen Stein, damit er ein Haus trage, worinnen ewiglich wohne der Glaube, die Furcht des Herrn und die brüderliche Liebe; denn es ißt gemacht, daß man des Erlöſers Name preiſe und anbete.“— Dieſe Worte des Friedens mögen jedoch von demjenigen ausgelaſſen worden ſeyn, welcher den Bau der Gnadenzelle zu Offenhauſen ſegnete; weil unter dem Boden der Kirche, unfern von dem Platze, wo der erſte Stein verſenkt worden, ein ſchauerlicher, ſtets von nächtlichem Dunkel umzogener Ort beſtand, wozu nicht die brüderliche Liebe, aber der Neid und die grauſamſte Verfolgung den Schlüſſel beſaß. Neben der Gruft ſtreckte ſich ein ſchmales Geißelgewölbe, d — 51 worinnen die Nonnen vor Zeiten ihren Leib peinigten; je⸗ doch am Ende dieſer niedrigen Halle lag ein anderes, tief verſtecktes Gemach, ein entſetzlicher Kerker, worinnen zu ſtehen oder zu liegen ſchier gleich unmöglich.— Kaum war mit hellbrennender Leuchte die Stelle zu entdecken, wo dieſe Keuche ſich öffnete, verwahrt von einem Pförtlein, durch welches der Gefangene mühſam kriechen mußte. Wer da⸗ hinter eingeſperrt lag, war von dem Leben geſchieden, und athmete eigentlich nur in der Nachbarſchaft der Todten: denn auf der einen Seite war die moderige Mauer der Gruft, auf der andern das Gräberfeld des Kirchhofs, und das ver⸗ zweifelnde Opfer im Kerker ſeufzte in derſelben Tiefe, ja noch tiefer, als die im Freithof Begrabenen.— Dort war Giſela eingeſchloſſen, beraubt des Lichts, der Luft und der Wärme; unglücklicher als die Otter, die im Bauche der Erde ſich frei bewegen mag, elender als der Wurm, der öfters den Kopf hervorſtreckt zum Licht der Sonne. Sie weinte nicht, ſie klagte nicht, ihre Bruſt war verſteint, ihr Herz erkältet von dem unſäglichen Lvoſe, deſſen ſie fich nimmer verſehen. Sie hatte verſucht, zu beten, aber ihre Stimme verhallte klanglos in dem entſetzlichen Raume; ſie hatte ihr Ohr angeſtrengt, um es zu beſchäftigen, aber nichts vernommen, als dann und wann das dumpfe Krachen der Särge in der benachbarten Gruft, oder das Nagen und Naſcheln irgend eines Ungeheuers, das in den Eingeweiden der Erde ſein verborgenes Daſeyn friſtet. Den Tod rufend, gewöhnte ſie ſich an die Todesſchauer, die ſie jetzv umgaben, ſah gleichgültig dem Ausgang entgegen, den ihr der blut⸗ gierige Haß bereiten mochte. Ihre Rechnung abſchließend mit dem Himmel und der Erde, vertraute ſie ihren Engeln, und zählte auf das Paradies, weil ſie hienieden ſchon die angſtvolle Strafe ausſtehen mußte, die ſie verdient zu haben glaubte, indem ſie die greiſen Eltern verließ. In ſolch 52 troſtloſer Abgeſchiedenheit vergaß ſie keiner, auch nicht der kleinſten Sünden, welche ſie ſich vorzuwerfen hatte, beugte ihr Haupt in Ergebung, und wartete des Endes.— Ein⸗ mal zwar während ihrer grauſamen Haſt, wovon eine jeg⸗ liche Stunde ihr eine Ewigkeit dünkte, war ein himmliſcher Strahl zu ihr gedrungen, ein Strahl der Hoffnung, getragen auf dem Lichte des Mondes, verkündet durch den Zuruf eines Thoren. Sie ruhte halb ſchlummernd auf ihren Knieen, das Haupt an die naſſe Wand gelehnt, und in dem leiſen Schlafe mochte ein ſtöhnender Klagelaut ſich ihrer Bruſt entwunden haben; und dieſen Jammer hörte ein armer Menſch, deſſen Füße, kaum von ihren Banden befreit, über den nächtlich bethauten Friedhof ſchlichen, deſſen Ohr ſehnſüchtig umherſpähte, ob er nicht einen Laut ſeines Müt⸗ terleins vernähme. Poppele war's, ſeinen Wächtern ent⸗ ſprungen, der auf dem Gottesacker ging, um die Irrlichter zu befragen, um den Geſpenſtern ein Zeugniß abzunöthigen, wohin denn wohl ſein einzig Kleinod gekommen. Giſela's Stimme vernehmend, warf er ſich zum Boden nieder, länas über das Grab der Büßerin Demuth, und ſcharrte mit ſei⸗ nen Nägeln an der Mauer des Kirchengebäudes. Da geſchah es, daß ein winziger Stein ſeinen Händen wich, und durch eine Spalte das Mondlicht auf Giſela's Augen ſiel. Sie erwachte; der bleiche, kaum bemerkbare Schim⸗ mer war ein Blitz in ihrer Nacht, und mit Entzücken lauſchte ſie den Worten, die von oben kamen:„Diſt Du's, Geiß⸗ lin, die hier begraben liegt?“— Sie antwortete:„Ich bin's, doch leb' ich noch, und wäre wohl zu retten, wenn ein Freund dem Herrn von Würtemberg mein großes Elend klagte.“ Der rechte Helfer in der Noth war ihr wie durch ein Wunder in's Gedächtniß gekommen, und ein zweites Wunder geſchah, indem Poppele den Hülferuf ſogleich ver⸗ ſtand, und alſobald entſchloſſen hinunterrief:„Ich ſuche ihn; o lebe noch, ich bringe ihn!“ Gleich darauf erhob ſich der Jüngling vom Boden, und Schutt und Steine rollten vor den kleinen Spalt der Mauer, daß unten des Mondes Strahl verſiegte, und Nacht war, wie zuvor. Dennoch verweilte in Giſelas Herzen die Hoffnung, bis nach und nach die Zeit dahinſchlich, und der Quell des Troſtes aus⸗ blieb; des Unglücklichen Sehnſucht hält nimmer gleichen Schritt mit der Möglichkeit, die von Zeit und Raum be⸗ dingt wird.— Giſela beſaß kein Mittel, die Tage ihrer Gefangenſchaft zu zählen, als nur allein die Beſuche der hartherzigen Schweſter Medora, welche ihr die kärgliche Atzung brachte: ſchlechtes Brod, trübes Waſſer, aber beides gewürzt durch den giftigſten Hohn, durch die ſchamloſeſten Verwünſchungen. Und es waren ſchon mehrere Tage ver⸗ gangen, ſeit Poppele auf dem Friedhofe geweſen, und täg⸗ lich wurde ſparſamer die Nahrung, welche Medora herbei⸗ trug. Giſela verzweifelte an ihres Boten Stern, und ahnte ſchwer, was die Verkümmerniß ihrer ſchlechten Koſt bedeute. —„Ihr wollt mich langſam umbringen,“ ſagte ſie bitter zu Medora. Dieſe verſetzte:„Entbehrung frommt dem üppigen Leib!“—„Grauſame! warum richtet ihr mich nicht? meine Unſchuld würde hervorgehen, oder meine Schuld.“—„Du biſt ſtrafbar, wir wiſſen es,“ ſprach Medora mit trium⸗ phirender Bosheit, und ſetzte, der Feindin Herz zu zer⸗ ſchmettern, die abſcheuliche Lüge weiter fort:„Poppele, Dein edler Buhle hat alles bekannt.“—„Poppele? Gott verzeihe Dir das meineidige Wort!“—„Hat alles be⸗ kannt,“ wiederholte Medora kalt:„nachdem er's gethan, hängte er ſich auf.“ Dieſe Rede ſchnitt ſcharf durch Giſelas Seele. Sie glaubte an Poppeles Tod, malte ſich aus, wie er auf's Neue gefangen worden, wie man etwa mit gräulichen Mar⸗ 54 tern das thörichte Geſtändniß von ihm erpreßt, wie der Unglückliche hierauf bereuend und verzweifelnd ſeinem küm⸗ merlichen Leben ein betrübtes Ende gemacht. Mit überwal⸗ lendem Groll zürnte Giſela daher ihrer Peinigerin zu: „Geh von hinnen, böſes Weib, denn ich will lieber mit den giftigſten Schlangen allein ſeyn, als mit Dir.“ Wor⸗ auf Medora mit Spottgelächter entgegnete:„So lebe wohl in Frieden, Genoſſin der Schlange; ich denke Dir nicht mehr oft beſchwerlich zu fallen.“ Und die niedrige Pforte raſſelte zu, und mit beſonderer Heftigkeit ſtieß Medora die Riegel vor, drehte ſie die Schlüſſel um, als verwahre ſie den Kerker für eine Ewigkeit. Mit kochender Wuth in der Bruſt, denn der Henker duldet's nicht, wenn ſein Opfer ſich beklagt, ſuchte ſie die Priorin auf, fand ſie nachdenk⸗ lich im Garten wandelnd, und ſprach mit blitzenden Augen: „Du magſt immerhin eine andere ſuchen, die etwa Luſt hat, dem eingeſperrten Weibsbilde eine Dienerin zu ſeyn, und ihre Schmähungen geduldig hinzunehmen. Ich thu' es nicht mehr; die Elende hat ein zähes Leben, geberdet ſich ſtets wiverſpenſtiger, wie viel wir auch an ihrer Nahrung abbrechen. Ich kann nicht ausdauern, bis ſie verſchmach⸗ tet.— Richardis ſchwieg ſinnend, doch flogen über ihre Stirne in treuen Zeichen und nach der Reihe alle Empfin⸗ dungen des Haſſes, des Sieges, und der entſetzlichſten Willkür, die den bezwungenen Feind um jeden Preis zu vernichten begehrt. Einen falſchen Blick warf ſie auf Me⸗ doras lauerndes Antlitz, griff ſchnell nach der Hand der verſchwiegenen Freundin, ſah um ſich, ob kein Lauſcher in der Nähe, und verſetzte:„Ich mag keine Vertraute wäh⸗ len, als nur Dich. Dein raſches und gehorſames Thun ſchickt ſich trefflich zu meiner Entſchloſſenheit. Keine Dritte darf unſer Geheimniß theilen.“—„So iſt es, ja, Richar⸗ dis. Die Schweſtern ahnen nicht, wo Giſela hingekommen, 55 ſeitdem wir bei ſtiller Nacht die Elende aus ihrer Kammer nach dem Gewölbe brachten. Wer mich auch nach ihrem Looſe befragte, ich antwortete ſtets, daß ſie von Dir hin⸗ ausgeſtoßen worden ſey, zu büßen und zu bereuen. Keine der Schweſtern denkt daran, das Geißelgewölbe zu betreten, nicht einmal die Hailwig, die auf ihrer Zelle in Thränen vergeht; noch weniger begehren ſie auf dem Gottesacker zu luſtwandeln, weil ſie den Spuk der Geſpenſter fürchten: die alte Demuth, die Agnes mit der blutenden Wunde, die vom Blitz erſchlagene Heinrike. Auch dränge ſchwerlich aus dem tiefen Grunde ein Laut der Gefangenen zur Höhe, und wir dürften ſolch Geſchrei dem Geſpenſt der einge⸗ mauerten Judith zurechnen, und die Schweſtern würden es glauben. Unſer Geheimniß iſt daher ſicher, unverletzbar. Aber was ſoll aus der Verworfenen werden?“—„Ein todter Leib, wie aus dem entſprungenen Poppele, den die wilden Raubthiere ſchon zerriſſen haben werden, ſo uns der Himmel gnädig war.“—„Der Verrückte macht mir nicht bange. Die Peitſchenhiebe haben ihn ganz toll ge⸗ macht, und wo er auch zu Menſchen käme, dem Thoren und ſeinen Klagen würde Niemand glauben. Aber Giſela, was ſoll mit ihr? ich bin der langen Quälerei mit dieſer Bübin müde.“ Mit teufliſchem Lächeln ſtreichelte Richardis Medoras Wange, küßte die Nonne auf den Mund, ſprechend:„So⸗ mit verſiegle ich Deine Lippen, und Du haſt mir nur die Schlüſſel zu geben, deren Amt Du nicht mehr zu verwal⸗ ten begehrſt.“ Zögernd, aber mit ſchadenfroher Erwar⸗ tung, reichte ihr Medora die Schlüſſel, und Richardis ver⸗ ſenkte dieſelben ohne Zaudern in das Becken der Lauter⸗ quellen. Medora begriff nun, was die würdige Meiſterin gemeint, und rief mit einem erleichternden Athemzuge:„Ruhe in Frieden, mein Täubchen. Das erfriſcht mir das Herz, 56 und ich will völlig fröhlich ſeyn, wenn auch Hailwigs Schickſal endlich entſchieden iſt.“—„Sey getroſt: die Strafe ereilt einen jeden, der ſich verſündigte. Doch mußte für Hailwig größere Schonung eintreten, weil ſie noch Blutsfreunde hat, die ſich nach ihr umthun möchten. Mit der alleinſtehenden Giſela, um die ſich Niemand kümmert, dürfen wir ſchneller enden.“— Medora umarmte die Prio⸗ rin innig, und ſagte ſchmeichelhaft:„Mögeſt Du lange zu unſerer Freude, an der Spitze des Convents verweilend, alle Widerwärtigkeiten beſiegen!“— Richardis antwortete mit zerſtreutem Weſen, und einem ſchwärmeriſchen Hinblick in die Zukunft:„Wie das Schickſal will, gute Schweſier. Die Zeichen ſind nicht ungünſtig; der Vikar, der geſtern von ſeinem Umritt heimkehrte, brachte tröſtliche Verſicherun⸗ gen von unſern Gönnern und Freunden. Wie jedoch die Würfel fallen,„wenn auch das Verhängniß mich früh oder ſpät von meiner Würde, von dieſem Kloſter, aus die⸗ ſem Leben entfernte,„bewahre in treuer Bruſt unſere Geheimniſſe, und des Himmels Segen ſchenke Dir den Stab der Gewalt, denn Du biſt die Würdigſte nach mir.“ Sie trennten ſich, Medora mit dem ſtillen Hochmuth einer zukünftigen Priorin im Herzen, Richardis, nach einem verſtohlnen Blick auf die Fluth, worinnen ſie ihrer Gegne⸗ rin Leben begraben; Medora, um in das Haus znrückzu⸗ gehen, Richardis, um die ſanfte Höhe hinanzuſteigen, die von der Mauer des Gartens bekrönt wurde. Dort befand ſich ein kleiner Ausbruch von zuſammengeſtürztem Geſtein, und bildete eine Bank, wo ſchon manche Nonne in ihren Gedanken verloren geſeſſen, jung und alt, in ehrgeizigen Träumen ſchwelgend, oder eine Beute des Kummers, oder eine fleißige Wächterin, des Buhlen wartend. Denn von dem Sitze aus ſah man in voller Pracht die waldigen, in die Einſamkeit ragenden Hügel, aber nicht minder einen 57 Strich der Straße, die aus der Welt nach dem Kloſter führt. Hier ließ ſich Richardis nieder, zog feſt den Man⸗ tel um ſich zuſammen, holte aus ihrem weiten Aermel einen Zettel hervor, und ſtudirte mit friſchen Augen die darauf gezeichnete Schrift, obſchon ſie bereits, ſeit ihr der Vikar das Liebeszeichen gebracht, während der Nacht und während des Morgens nichts anderes gethan, als leſen und wieder leſen, was Oſtertag, der Buhle, ſchrieb.„Es kömmt der Tag; heut wandelt ſich Leid in Freud, und ich fange den bärtigen Geier, komme dann, die Roſe zu bre⸗ chen; weit iſt gut, was ſich liebt, muß ferne ſeyn.“ Die Zeilen waren räthſelhaft, doch für Richardis leicht verſtänd⸗ lich. Sie rechnete fleißig nach, zum tauſendſten Male ſchon, wie viel Zeit verfloſſen, ſeit Oſtertag den Vikar auf dem Markte von Reutlingen zu ſeinem Boten beſtellt, und im⸗ mer brachte ſie heraus, daß ihr Geliebter geſtern ſchon den bärtigen Grafen von Würtemberg in ſeinen Schlageiſen gefangen haben müſſe, und nicht ſäumen werde, nachdem er ſeiner Bruderpflicht genügt, endlich ſeine Roſe wegzu⸗ holen austdem Kloſter, das ihr je länger, je unleidlicher. Und nach jeder neuen Rechnung lächelte die ſo böſe und ſo ſchöne Richardis auf's Neue, und küßte den Zettel, lieb⸗ koste mit ihren weißen Händen ihr rundes Kinn, und ſagte ſtill vergnügt, wie eine Braut, vor ſich:„Heute kömmt er, die Ahnung trügt mich nimmer; heute bringt er Gruß und Kuß, und in der Nacht zerreiße ich den Schleier, zer⸗ breche ich den Krummſtab, und Priorin ſey dann, wer Be⸗ lieben trägt, dieſer tollen Weiber Mutter zu heißen, und der Zukunft Verantwortung und Rechenſchaft auf ſich zu nehmen.“ Entflammt von dem Gedanken, endlich die Ket⸗ ten vollends zu brechen, woran ſie ſchon ſo lange mit frevent⸗ licher Hand gerüttelt, ſchaute ſie mit trunkenem Auge nach dem Forſte, über den Garten, und zählte die Bäume, hin⸗ 58 ter welchen der Buhle ſo oft gelauſcht, die Hecken, wo ſie ihn ſo oft geküßt, die heimlichen Pfade, worauf ſie ihn ſo manchesmal an weicher Hand in das Kloſterhaus geführt. Sie war glücklich in der Erinnerung, freudig ſogar, als ſie dem Plätzchen einen Blick ſchenkte, wo Giſela ihr Ge⸗ heimniß überraſchte. Denn juſt daneben hatte ſie heute den überläſtigen Zeugen begraben, und wollte jauchzend in der ßerne ihre Hochzeit begehen, während Giſela an Hunger und Verzweiflung dahinſtarb. Doch— unter den herbſt⸗ gelben Bäumen, hinter den dorrenden Hecken durfte ſie diesmal den Freund nicht ſuchen; auf der Heerſtraße mußte er kommen, mit Roß und Zeug, umgeben von jubelnden Freunden, ein Sieger aus der Schlacht. Darum wendete die Priorin mit verlangender Unruhe den Kopf nach dem Freien, und zürnte dem Winde, der unſanft mit ihren Schleiern ſpielte, und ſcharf in ihre Augen fuhr, daß ſie ſich trübten, und eine Weile verging, ehe ſie inne wurde, daß wirklich jenſeits der Kapelle und des Kreuzwegs eine Staubwolke aufſtieg. Das konnten Reiter ſeyn, fröhlich daherziehende Kriegsgeſellen! Aber auch ein Spuk des Herbſtwindes konnte es ſeyn, der auf der Alb frei und frank ſein Weſen treibt, den Boden, wenn noch ſo durchnäßt, ſchnell trocknet, und dann ſeine Wolken in die Lüfte ſtäubt, als kämen Heerden, als zögen kriegeriſche Fahnen zum Alb. Während Richardis noch mit ihren Zweifeln kämpfte, blitzte es durch den Staub in die Luft, wie von Lanzen⸗ ſpießen, und bunte Farben ſpielten dazwiſchen, wie von Panieren. Auch hallte es manchmal da, wo die Straße wieder in das Dickicht vor dem Kloſter lief, wie von rauhen Männerſtimmen, wie von Hörnerton.—„Er iſt's!“ rief ihre erwartende Seele, pochte ihr ſtürmiſches Herz, und ob⸗ gleich von dem fernen Heerwege das Zeichen nicht geſehen werden konnte, ließ ſie ihr Tuch wie einen blendenden —ꝛ —— 59 Schwanenflügel in dem Winde flattern. Der Staub ver⸗ zog ſich, der grüne Wald hatte Fahnen und Sperre wieder aufgenommen, aber dafür ſchallten die Stimmen näher. Von Raſtloſigkeit bedrängt, ſprang Richardis auf, wollte nach dem Kloſter zurück, und vermochte es doch nicht; dann wollte ſie bleiben, und doch war's, als rieße eine fremde Gewalt ſie hinweg. Sie klammerte ſich an die alten Steine feſt, ſie athmete ſchwer, und mitten durch dieſen Taumel der Sehnſucht und des Verlangens ſchlang ſich eine zärtere Erwartung: der Geliebte würde, nachdem er im Sieges⸗ ſchmuck an Kirch' und Kloſter vorübergezogen, von ſeinen Kampfgenoſſen heimlich ſcheiden, verſtohlen zurückeilen nach der traulichen Stelle, wo er einſt der Freundin, einſt die Liebende ſeiner geharrt. So dachte Richardis, ſo bezwang ſie ſich, daß ſie verweilte, um den Buhlen nicht um die Freude zu betrügen, ſie hier zu finden, hier zu überraſchen. Mit Anſtrengung ſtarrte ſie nun nach dem Orte, wo die Straße wieder aus dem Gehölz in die Matten einbog, und nicht lange ſeufzte ſie, nicht lange hoffte ſie der Erſcheinung entgegen. Blinkende Waffen, freudiger Trompetenklang, wallende Federbüſche, wehende Paniere. Reiter waren es, Krieger waren es,„doch, wehe ihr! das waren nicht die Farben des Friedingen, nicht ſein klingendes Spiel, nicht ſeiner Kämpen jubelnder Troß. Des Würtembergers wohlbekannte Feldzeichen ragten empor, ſeine Fahnen und Wappen ſchwammen in der Luft, die Trompeter blieſen des bärtigen Eberhards Waffenlied. Niedergedonnert in allen ihren Hoffnungen, aller Faſſung verluſtig, ſah Richardis erbleichend den heraneilenden Zug, folgte ihm ängſtlich mit thränenden Blicken, und ſtand vernichtet, als die Reiter vor das Kloſter ſprengten, als die Glocke ertönte, als Bar⸗ bara's grobe Stimme in den Garten ſchrie:„Hochwürdigſte Frau Mutter! Der Graf iſt da, der Graf ſelber, und von 60 ſeinem Gefolge wimmelt das Haus!“— Wie kämpfte ſie ohnmächtig nach einem Entſchluß! Giſelas Todesurtheil hatte ihr keinen Augenblick des Zweifels gekoſtet. Endlich iedoch ermannte ſie ſich, klemmte die Lippen trotzig zuſam⸗ men, und ging der Gefahr entgegen. Innerhalb des Kloſters war alles in Aufruhr gerathen; die erſchrockenen Weiber ahnten das Gericht, und alle die räudigen Schäflein ſahen ſich furchtſam nach der ausgelernten Hirtin um. Sie erſchien, geheuchelte Ruhe auf dem Antlitz. Im Vorübergehen ſagte ſie mit zerſchlagener Stimme zu Renata:„Geh, ſuche den Vikar, bringe ihn; er ſoll ſich nicht feige verſtecken, wo ſeine dreiſte Stirne etwa nützen könnte.“ Dann flüſterte ſie der vor Beftürzung hohläugig gewordenen Medora zu, ein Herz zu faſſen, und betrat, umgeben von dem zagenden Convent, die Kapitelſtube. Waffenknechte des Grafen mit blanken Hellebarden ſtanden an der Pforte; drinnen ſaß auf dem bequemen Stuhle der Priorin der Graf ſelber, umgeben von edeln Herren und Knechten, ihm zur Seite ein alter Predigermönch mit einem freundlichen Apoſtelgeſichte, und Herr Weibel, der Kanzler.— Da Richardis ſich dem Würtemberger demüthig näherte, ſeine Hand zu küſſen, weigerte ſich deſſen der er⸗ lauchte Schirmvogt, und fragte mit ernſtlich dräuender Stirne:„Seyd Ihr das Weib, das ſo gewiſſenloſe Zucht in dieſem Kloſter hält? die böſe Rippe, die den Samen der Widerſpenſtigkeit in dem liederlichen Convente immer wie⸗ derum ausſtreut? wer konnte Euch Stab und Ring ver⸗ trauen?“—„Die freie Wahl der Schweſtern hat's ge⸗ than,“ antwortete Richardis mit kaltem Trotz, und der Graf fuhr wild auf:„Nein, der Teufel hat's gethau, durch den Mund dieſer unzüchtigen Weiber. Was jedoch der Sa⸗ tan eingeſetzt, bin ich vielleicht im Stande, abzuſchaffen. Verantwortet Euch.“—„Ich hab es ſchon gethan, will's „— ₰ ———, 61 ferner thun,“ entgegnete Richardis, vor Grimm bebend. Der Graf fuhr fort:„Ihr habt's nicht mehr mit meinem gutmüthigen Kanzler, nicht mehr mit dem friedliebenden Va⸗ ter Wendelin. Mir ſelber werdet Ihr Rede ſtehen ob der Unverſchämtbeit, womit Ihr meine Befehle verſpottet. Die⸗ ſes Haus wurde zu Ehren der reinſten Jungfrau geſtiftet, Ihr habt einen Schandpfuhl daraus gemacht. Ich verbot Euch, Männer einzulaſſen, und der Convent feiert demun⸗ geachtet freche Bankette, mit Rittern und Knechten und Pfaffen des ſchlechteſten Leumunds. Spart Euere Entſchul⸗ digungen, erſtickt an Euern Lügen! Mich ſelber wieſet Ihr von Euerer Thür, während es in Saus und Braus bei Eüch zuging, weil ich ein ſchlichter Wanderer ſchien, und kein Vertrauter Euers Buhlgeſindels.“ „Oh weh!“ ſeufzte die Pförtnerin, jenes Abends ge⸗ denkend, und raunte ihren Schweſtern zu:„Wie wird's in einer Stunde mit uns ausſehen? den Schimpf vergibt er nicht.— Richardis ſchleuderte der unruhigen Benedikta einen mißbilligenden Blick zu, und antwortete dem zorni⸗ gen Herrn;„Wir wurden verleumdet, und ergeben uns darein, ſo man uns verdammt, ohne uns zu hören. Euerer gräflichen Gnaden Kanzler wird zu ſagen wiſſen.„ „Daß Ihr ihn belogen, daß Ihr ihn betrogen, ſammt und ſonders!“ rief Eberhard, von dem Widerſpruche auf⸗ gereizt:„Ihr gollvergeſſenen Weiber, Ihr Peſtilenzbeulen der Kirche, wo ſoll ich anfangen, Euere Laſter zu zählen, Euere Schändlichkeiten zu benennen? Vor allen jedoch iſt die meineidige Oberin der Strafe ſchuldig, ſintemalen ohne ihre Ränke und ohne ihr Beiſpiel gar manches anders ge⸗ worden wäre. Ihr leugnet, unwürdige Kloſtermutter, daß Ihr ſchlemmt, bankettirt, Buhlen bei Euch einſteigen laßt, und den Gottesdienſt ſchändet? wohlan, ſo leugnet auch, daß die armen Reformirſchweſtern, die auf meinen Antrieb 62 hier den Stall ſäubern ſollten, von Euch und Euern ſchlech⸗ ten Töchter verhöhnt, gekreuzigt und ſchimpflich davon ge⸗ jagt worden ſind, leugnet es, oder ſagt mir einen Grund, womit Ihr die That rechtfertigen mögt.“— Die Nonnen murrten, und ihre Priorin ſagte frech:„Die Pforzheime⸗ rinnen haben gelogen...“ Dieſe Rede erzürnte den Grafen dergeſtalt, daß er aufſpringen wollte, aber eine bittende Geberde des Kanzlers, und ein beruhigendes Wort des Predigermönchs dämpften ſeine Hitze. Er nahm ſich zuſammen, und verſetzte gelaſſe⸗ ner:„Darum bin ich Herr im Lande, und ein Vogt der Kirche, daß ſowohl die weltlichen als geiſtlichen Leute in ihren Schranken bleiben, unterthan der Obrigkeit, den Satzungen und Regeln. Als Euer oberſter Richter ſitze ich hier, wenn es Euerer Klöſter Zucht gilt, und höre ſowohl den Kläger als den Beſchuldigten. Iſt jedoch der erſtere ein lang bekannter Biedermann, und der andere ein längſt bekannter Dieb, ſo wähle ich nicht lange, weſſen Schwüren ich trauen ſoll. Nehmt Euch hieraus Euer Theil. Die Frauen von Pforzheim ſind die lebendige Gottesfurcht, und Ihr ſeyd die eingefleiſchte Teufelei. Darum lügt Ihr ſtets, und was die andern ſagen, iſt die Wahrheit. Und ich ge⸗ lobe, daß Euere Frechheit das Feld räumen ſoll, noch ehe eine Stunde vergeht. Deß ſeven die ehelichen und from⸗ men Männer Zeuge, die ich mit mir geführt, daß auch ſie über Euch richten, und der Welt verkünden, wie ich Euch behandle, und ob Ihr meinen Zorn verdient.“ Der Graf ſchwieg, aber auch keine Seele hatte den Muth, auf ſolche Rede zu antworten, und nur das Schluchzen einiger Nonnen unterbrach die jetzo herrſchende Stille. Ri⸗ chardis, ihre Wuth mit aller Kraft bemeiſternd, hoffte Gu⸗ tes, hoffte Milderung nach dem gewaltigen Zornausbruch des Grafen, und überlegte mit niedergeſchlagenen Augen 63 ſchlau für ſich, ob es nicht räthlich wäre, den Handel um⸗ zukehren, den gefährlichen Trotz mit unbedingter Unterwer⸗ fung zu vertauſchen, und die Macht reuiger Weiberthränen an dem ehrlichen Gemüthe des Würtembergers zu verſuchen. Da erſchien zum Unſtern der Priorin plötzlich der Vikar, und gab dem Zwiſt den unglücklichſten Ausſchlag. Herr Belzer hatte kein hochzeitlich Kleid an. Mit hän⸗ genden Strümpfen, ſchlappenden Schuhen, ſchiefer Kappe und unſauberm Kragen, ſo wie ihn Renata hinter dem Kruge gefunden, ſtellte er ſich ſeinem Patron dar. Der Sinne nicht vollkommen Meiſter, und daher ſeinen Unwillen und ſein Mißvergnügen an des Grafen Gegenwart nicht verhehlend, geberdete er ſich, als wäre er ein Legat des heiligen Vaters, dem der Purpur das Recht gäbe, vor ei⸗ nem deutſchen Fürſtlein, ſo keck es ihm beliebe, ſein„Ja ja“ und„Nein nein“ zu ſagen. Der Graf hörte ihm ver⸗ wundert zu, als er unaufgefordert das Wort nahm, und im Kanzeltone begann:„Wie geſchickt wäre es, und wie gottgefällig, wenn die Laien bei ihrem Leiſten blieben, und ſich nur kümmerten um das, was von dieſer Erde iſt! Der Pabſt, unfer aller Vater, hat eine ſchöne dreifache Krone, damit die Völker wiſſen, wie er vorne dran ſey auf Erden, vor den Kurfürſten und vor dem Kaiſer. Es kann nur ein Jehu ſeyn, der an dieſe Krone ſtößt, und in den Dienern der Kirche diefe allerfürtrefflichſte Mutter felbſt, und den Pabſt in der Kirche beleidigt. O mein Herr von Würtem⸗ berg, wie mögt Ihr alſo ausfahren von Euerem guten Recht, um Euere adeligen Hände zu beſchmutzen im Unrecht? Seyd eingedenk des Schickſals der Judenkönige, die ſich am Geſetz des Herrn vergriffen! zwacket und ſchindet nicht die Kloſterleute, damit Euch die Kirche nicht ſchinde und zwacke! Der Bann von Rom iſt leicht verwirkt, und mir ſollte es leid thun, Euch alsdann nicht gebührend verehren zu dür⸗ 64 fen.— Beharret nicht auf Euern ſträflichen Eingriffen, in Simonie und Beleidigung der Pfaffheit, denn wer weiß, wie nahe Euch das Ende, der Tod ohne Abſolution, und die gräuliche Verdammniß?“ Ob ſolchen widerwärtigen Redensarten wurden Priorin und Nonnen wie der kalte Schnee, und der Kanzler ent⸗ ſetzte ſich, daß er auf lateiniſch dem Vikar zurief:„Was machſt, was redeſt Du, Unglücklicher?“ Die zuhören⸗ den Hofleute verbiſſen mit Gewalt ein helles Gelächter, und der Graf fragte verwundert, ſeinen Ohren immer noch nicht trauend:„Wer iſt der Narr? in welchem Aufzuge wagt er's, hier zu erſcheinen?“— Herr Belzer kam ſelt⸗ ſamer Weiſe auf die Warnung des Kanzlers erſt recht in den Zug und fuhr, wie von einem Veitstanz beſeſſen, in mörderiſchem Latein eben da fort, wo er's auf deutſch ge⸗ laſſen. Es war ſchier nicht möglich, ſeiner Rede Fluß Ein⸗ halt zu thun, und während er von dem Kaiſer Conſtantin und Karl dem Großen fabelte, die ganz andere Kirchen⸗ freunde geweſen, als der Graf von Würtemberg, kam die⸗ ſer letztere nach und nach von ſeinem Erſtaunen zu ſich, und wurde immer zorniger, je mehr er ſich des ſchon Ge⸗ ſagten wieder erinnerte, und je weniger er verſtand, was ihm auf lateiniſch unter den Bart geredet wurde. Denn ſeine Kenntniß dieſer Sprache war ſehr gering, und er ſchämte ſich ſeiner Ungelehrſamkeit, indem ihn zugleich ſein Verſtand belehrte, daß der Vikar ihm keinen Lobſpruch hal⸗ ten dürfte. Von ſolcher plumpen Unverſchämtheit empört, wie von dem unanſtändigen Aufzuge des Pfaffen, ſtieß er demſelben plötzlich den Faden ſeiner Schmähungen ab, ſprang auf, winkte dem Beleidiger drohend, ſich zu entfernen, und ſprudelte ihm mit ſtürmiſcher Heftigkeit entgegen, was ihm von lateiniſchen Vocabeln, als zur Sache paſſend, einfiel: „Abi, abi, poena! baculus! neculo, abi, abi!“ Er hätte 65⁵ auch mit dem Stocke keine leere Drohung gemacht, wäre ihm nicht ſein Marſchall in den Arm gefallen. Belzer, halb zur Vernunft zurückgekehrt, flüchtete ſich in die Mitte ſeiner Heerde.„Ihr reißet uns in's Verder⸗ ben!“ heulten die Nonnen, und wendeten ſich von ihm. Der Graf ſtellte ſich wie ein Löwe mitten in die Stube, und rief ſtrenge:„Mit ſolcher Grobheit und Heuchelei, und dem unbußfertigen läſterlichen Wandel muß es ein Ende haben. Ehe ich jedoch mein Urtheil verkündige, will ich den Convent vollzählig vor mir ſehen!“— Stille von al⸗ len Seiten.—„Sind alle beiſammen? alle Weiber, die zur Gemeinde gehören?“— Die Blicke der Nonnen flogen zu Boden, keine antwortete.—„Fehlt keine von den Klo⸗ ſterweibern?“ fragte noch einmal der Graf mit Donner⸗ ſtimme. Noch ſchwiegen die Nonnen verſtockt, doch begeg⸗ nete Eberhards wetterleuchtendes Auge einem bleichen, de⸗ müthig und verſtohlen zu ihm hinaufſehenden Antlitz, und Hailwig lispelte zaghaft:„Mutter Cäcilia fehlt.“— Heiſeres Gemurmel ging wieder durch die Reihen der Kloſterweiber. Eine ſchwarze Verwünſchung ſtarb auf den Lippen der Richardis.—„Wo iſt ſie, die Fehlende?“ mahnte wieder der Graf, und als Medora ſelbſt, von der fürchterlichſten Verlegenheit geſchüttelt, vorlaut einige Worte zu ſtammeln wagte, von Cäcilia's Vergehen, und wie ſie deßhalb verſtoßen worden, brach der Herr von Würtemberg mit neuem Grimme los:„Schändliche! bin ich endlich bis in den Kern eurer Bosheit gedrungen? Verruchtes Ge⸗ züchte, ich will euch zeigen, daß ein gerechter Fürſt an der Allwiſſenheit Theil hat. Man führe den Buben herein, dem ihr das Brod ſchuldig ſeyd, und dem ihr an deſſen Statt die Peitſche zu koſten gabt. Er ſoll reden, ſeine Wunden zeigen, mich an den Ort führen, wo ihr die Un⸗ glückliche vermodern laßt!“— Ein Schrei der Angſt ent⸗ Ronne von Enadenzell. II. 5 66 fuhr unwillkürlich dem Munde Medora's, Richardis ſtand regungslos, feſt in ihre Gewänder gehüllt, des Schlimmſten gewärtig. Sie lächelte verächtlich, da Eberhard weiter ſprach:„Wer nicht Theil an der Strafe haben will, be⸗ kenne frei, denn nur das Bekenntniß mag euch retten!“ Aber Medora lächelte nicht, ſondern wurde an ihrer Ge⸗ ſellin zum Judas, flürzte zu den Füßen des Grafen, und nannte den Kerker Giſela's. Die Kloſterfrauen ſchauderten, Richardis zog ihre Schleier tiefer. Poppele eilte herein, ſchrie laut bei'm Anblick der verſammelten Nonnen, flüchtete ſich wie ein gejagtes Wild an die Seite des Grafen, hielt ſich zitternd an dem Gewande ſeines Beſchützers Jakobus. —„Ruhig; wo ich bin, thun ſie Dir kein Leid!“ tröſtete ihn Eberhard, und ſetzte hinzu:„Hier euer Ankläger, hier der Führer zu dem Gefängniß der Unſchuldigen. Wo die Schlüſſel?“ Medora wollte ihre Geſtändniſſe nicht weiter treiben, blickte fragend zu Richardis auf, deutete nach ihr. Die Priorin ſchüttelte trotzig den Kopf, ſagte mit wildem Auge, kurz und drohend, ſeitwärts zu Medora hinüber: „Ich habe die Schlüſſel nicht; Euch waren ſie vertraut. Wißt Ihr ſo genau, wo die Verbrecherin zu ihrer wohl⸗ verdienten Buße eingeſperrt iſt, ſo bringt ſie auch zu Tage Mein Urtheil war gerecht, wenn es ſchon nicht vor dem Zwingherrn beſteht.“— Der Graf erwiederte erbittert: „Dem Zwingherrn ſind Hacken und Beile zu Gebot, und er bedarf nicht eurer Schlüſſel.“ Dabei gab er ſeinen rüſtigen Hellebardenträgern ein Zeichen, und ſagte zu Poppele und Medora:„Geht und kommt nicht wieder ohne die Gefan⸗ gene. Ich will ſie ſehen, gerade wie ſie aus dem Kerker ſteigt.“ Poppele jauchzte vor Freuden, drohte im Vorübergehen den Nonnen mit geballter Fauſt, und lief voran der kopfhän⸗ genden Medora und den Beilträgern, die ihm mit Luſt folgten. 67 Noch immer ſtand Richardis wie eingewurzelt, der Vikar wie ein ertappter Dieb, das Häuflein der Nonnen tief gebeugt und weinend, theils vor Grimm, theils vor Wehmuth, theils vor niederträchtiger Schwäche.— Der Graf beſtieg wieder ſeinen Stuhl, und ließ ſich mit der heftigen Beſtimmtheit vernehmen, die ihm ſo eigen, wenn er ſich tief beleidigt fühlte, und die nicht einen Schatten des Widerſpruchs vertrug:„Ich war euch lange ein gnä⸗ diger Herr, und ihr habi's nicht geachtet. So will ich euch denn an's Kreuz hängen, daß ihr Jeſum Chriſtum erkennet, weil ihr alles gethan, was ich verbot, und nichts von dem, was ihr ſolltet. Ich thäte wohl, wenn ich euch alle, wie ihr vor mir ſteht, in's Elend jagte...“ Ein fürchterliches Geheul aus dem Munde der Nonnen war die Antwort die⸗ ſer Drohung, aber der Graf ſprach unerſchüttert weiter: „Doch hindert mich daran die angeborne Milde, und meine Züchtigung treffe nur diejenigen, die ſich am ſchwerſten ver⸗ gangen, und des Laſters Exempel waren, wo ſie der Tu⸗ gend Muſter hätten ſeyn ſollen.“ Hier kehrte er ſich mit finſterer Stirne zu der Priorin:„Du, Ausgeartete Deines Geſchlechts, Du haſt gewagt, den Bann über Freiheit und Leben Deiner Kloſtertöchter auszuüben? Du haſt gewagt, meinem Willen zum Trotz, eine Novize aufzunehmen und einzukleiden, eine alte, ſchwache Ordensſchweſter zu ſchlagen? habe Deinen Lohn, und zeuch zur Stelle aus, wohin Dich Deine Füße tragen. Wie Du biſt, verlaſſe dieſes Haus, und nimm mit Dir den pflichtvergeſſenen Pfaffen, der ein Zeuge der Gräuel war, die ſich hier begeben, und Amen dazu ſprach. Fort mit euch, ich ſag's, niemand wird meinen Willen ändern!“ Das hatte Richardis nicht erwartet; dieſe ſchimpfliche Verſtoßung griff ihr an das ſtolze Herz. Die Wucht des Schmerzens drohte ihre Bruſt zu zermalmen, und ſie be⸗ 68 durfte ihres ganzen eiſernen Willens, um zu ſchweigen, und durch erzwungene Unempfindlichkeit den Richter zu höh⸗ nen. Belzer war niedergeſchlagen, doch, unempfindlicher gegen das Gefühl der Ehre, beſeufzte er mehrentheils nur die Fleiſchtöpfe und fleißig rinnenden Krüge, die er dahinten laſſen ſollte. Der Convent zitterte, aber an eine Fürbitte war nicht zu denken; das ganze Land kannte darauf den Graf von Würtemberg. Dieſer rief nun doppelt drohend: „Fort, ſage ich, entweichet, wie ihr geht und fteht. Solche Vorgeſetzte pflegen öfters freche Diebe zu ſeyn, die ihren Nachfolgern nur die leeren Kaſten hinterlaſſen. Man ſorge dafür, daß die Ausgeſtoßenen nicht mehr ihre Zellen betre⸗ ten, mit niemand mehr in dieſem Hauſe Gemeinſchaft pfle⸗ gen, und geleite ſie, den einen eine Stunde über Goma⸗ dingen hinaus, die andere bis jenſeits Kolſtetten. Edeln Leuten därf eine fromme Schutzwache nicht entſtehen, und ihre Engel werden weiter ſorgen.“ Einige Mannen des Grafen näherten ſich dem Vikar, der verzweiflungsvoll ſich an den Biſchof und alle Konzilien der Welt zu wenden drohte; andere traten der Priorin entgegen, die ſich mit Abſcheu ihnen entzog, die Hände noch einmal gegen den Convent erhob— ſie wußten nicht, ob zum Segen oder zum Fluch— und eiligſt der Thüre zu⸗ ſchritt, den ſchweren Gang über die Kloſterſchwelle zu thun. Da öffnete ſich das Gemach, und der ſcheidenden Richardis gegenüber erſchien die todtblaſſe Giſela, im zerriſſenen, elenden Gewande, unterſtützt von Crescentia und Jakobus. Ihre Augen thränten vor dem grellen Lichte, deſſen ſie ſchier entwöhnt worden, ihre Hände waren noch roth von den grauſamen Banden.— Dieſe Geſtalt, umwebt von Moderduft, ein Bild der Schmerzen, erſchütterte doch endlich die Priorin, daß ſie zurücktaumelte, ihr Geſicht in den Mantel barg, und nur wie gelähmt an der Beleidigten 69 vorüberkommen mochte, um mit ihren Begleitern in der Vorhalle zu verſchwinden. Giſela wußte kaum, was ſich hier begeben hatte. Mit Erſtaunen gewahrte ſie die Schweſtern vor ſich, mit Ver⸗ wunderung duldete ſie Crescentia's Liebkoſungen, die thö⸗ richte Freude des armen Poppele, die kindliche Theilnahme ihres ehemaligen Gefährten Jakobus. Sie hatte nicht mehr auf ihre Befreiung gezählt, hatte ſich verloren gegeben. In dieſem Zuſtande, wo das leidensvolle Herz noch nicht das Unglück verwunden, noch nicht die Freude begriffen pat, wurde ſie vor den Herrn von Würtemberg geführt, und alle Welt ſagte ihr:„Danke jetzt und preiſe, denn dieſer iſt dein Retter!“ Und ſie öffnete ihre Augen immer weiter, und ſie fühlte, wie ihr Blut lebendiger zu ſtrömen begann, und eine ſelige Luſt zog in ihre Seele, aber ſie ſchwieg, und je inniger ſie den Grafen betrachtete, je weniger fand ihr Mund das Wort.— Da ſtaunten die Diener des Herrn, und murrten, aber der Graf, der ein tieferer Ken⸗ ner des menſchlichen Gemüthes war, verſtand, daß eine große Freude auch die Sprache raube, und ſagte:„Be⸗ müht Euch nicht, gute Schweſter Cäcilia, mit der Zunge den Dank zu ſprechen, den mir Euer beredtes Auge ſchon gezollt. Faßt Euch jedoch, geneſet von Eurem Weh und Leid, denn Ihr ſollt fortan die verwahrloste Heerde leiten.“ Die Nonnen, alle Zuhörer ſahen betroffen zu dem Grafen empor; am beſtürzteſten Giſela, welche ſcheu zurück⸗ trat, eifrig mit den Händen abwehrte, und, wenn gleich ſtumm, die zugedachte Gunſt verſchmähte. Da fragte Eber⸗ hard etwas unwillig und mit herriſcher Betonung:„Ihr weigert Euch; und ſeyd doch, wie alle zu berichten wiſſen, die Euch kennen, ein Vorbild der Erbauung, ein lebendiges Beiſpiel aller Kloſtertugenden? Ihr weigert dieſe Würde, die ich, ein ſorglicher Vater, Euch biete, anzunehmen?“ — 70 Als der mannliche Graf der ſtrengen Frage die ſanf⸗ tere Bitte folgen ließ, bebte Giſela zuſammen, faltete die Hände, neigte ſich vor vem Willen des Herrn, verſtummte jedoch wie zuvor.— Eberhards Geſicht erheiterte ſich nun, er blickte froh im Kreiſe herum, wo ſo manche ſtanden, die ſeinen Entſchluß nicht billigten, aber dennoch vor ſeinem Gebote die Häupter bückten, und ſprach ferner:„Hier ſteht der ehrwürdige Mönch Johannes Meyer; er wird Euch zur Seite leben, Mutter Priorin, und für des Biſchofs Beſtä⸗ tigung meines Machtſpruchs werde ich Sorge tragen. Wirkt Gutes durch euer Exempel, ihr neuen Vorgeſetzten diefes entehrten Hauſes, und ihr entartete Schweſtern des Con⸗ vents, vergeſſet nicht die ernſte Lehre, ſo ich euch heute ge⸗ geben. Wagt nicht fürder, an meinen Satzungen zu deuteln und zu mäkeln; ich werde euch nie aus den Angen verlie⸗ ren, und euere allſeitige Verſtoßung wäre die Folge des geringſten Fehltritts, den ihr verſchulden würdet. Lernet meine Gnade ſchätzen, fürchtet meinen Zorn!“ So ſchied er nach vollzogenem, unerbittlichem Straf⸗ amt, und die Nonnen hörten noch lange, furchtſam ergrif⸗ fen, in ihren Ohren den Donner ſeiner Worte. Aber Gi⸗ ſela warf ſich auf die Kniee vor dem ehrwürdigen Prediger⸗ mönch, und rief, wie aus zerriſſener Seele:„O mein Va⸗ ter, ich bin die ärmſte Magd auf Erden, bin nimmer würdig der Gnade, ſo der Herr zu dieſer Friſt an mir verrichtet!“ Fünftes Kapitel. Pflege deines Vaters im Alter, und betruͤbe ihn ja nicht, ſo lange er lebet, und halte ihm zu Gute, ob er kindiſch wuͤrde, und verachte ihn ia nicht darum, daß Du geſchickter biſt. Denn der Wohlthat dem Vater erzeiget, wird nimmer vergeſſen werden, und wird Dir Gutes geſchehen, ob Du auch wohl ein Suͤnder biſt, und Dein wird gedacht werden in der Noth, und Deine Suͤnden werden vergehen, wie das Eis vor der Sonne. Raͤche nicht zu genau allr Miſſethat, und kuͤhle Dein Muͤthlein nicht, wenn Du ſtrafen ſollſt. Den Hoffaͤrtigen iſt Gott und die Welt feind, denn ſie handeln vor allen beiden unrecht. Jeſus Sirach. „Gebt euch die Hände, weil doch Alles durch Sternen⸗ lauf und Verhängniß geſchieht. Wäre ich in die Heimath zurückgekommen, um euch feindlich zu machen, wie die Söhne des Erzvaters Adam? gebt euch die Hände, ſage ich; ich dürfte das Sonnenlicht nicht ſegnen, ſo es mir wieder die Welt hell machte, und euch beſchiene als grimmige Gegner.“ — Rach dieſen Worten hielt der alte Herr von Sperberseck inne, und horchte auf die Antwort der Söhne. Dieſe ſchwie⸗ gen aber hartnäckig, und der ängſtliche Greis ermahnte fer⸗ ner:„Ich hab' mich all mein Leben mit heimlichen Künſten abgeben wollen, und darüber ſo vieles verſäumt, das mir 72 hoch gefrommt hätte; dennoch bin ich zur Erkenntniß ge⸗ langt, wie der weiſeſte Mann eben ſo bald in die Grube fahren muß, als der ungelehrigſte. Ein weiches Kiſſen für die Sterbeſtunde iſt nunmehro alles, was ich verlange. Euere in Frieden verbundenen Hände ſeyen dieſes Kiſſen.“ Als nun der Vater dergeſtalt vom Sterben redete, be⸗ trübte ſich Heerdegen und zuckte mit der Hand, ſo daß Ans⸗ helm, der ängßllich mit den Augen an ihm hing, ebenfalls die Finger ausſtreckte, die Verſöhnung zu beſiegeln. Er fürchtete des Bruders Zorn, bettelte um ſeine Beſänftigung, und hätte zehn Eide geſchworen, den Frieden zu gewinnen, eben ſo leicht, als er bei veränderter Conſtellation die Schwüre zu brechen geneigt geweſen wäre. So geſchah es alſo, daß aus Liebe und Furcht Heerdegens warme Hand und Anshelms kalte Rechte ſich in des Vaters Hand begeg⸗ neten, während der Mund der Brüder ſprach:„Es ſoll fer⸗ ner kein Hader zwiſchen uns ſeyn.“— Deß war der Alte fröhlich, und rief:„Da ihr mir geboren und vor meinen hellen Augen getauft wurdet, achtete ich's nicht für ein hö⸗ heres Glück, als die Freude iſt, ſo ihr mir heute bereitet. Ihr ſeyd mir zum zweiten Male geſchenkt; denn ich glaube nun feſt, daß mein Anshelm dem falſchen Knecht nicht be⸗ fohlen, mich vom Hauſe zu treiben, und mein Heerdegen iſt ja von Gott wunderbar beſchützt worden, als ihn des Meu⸗ chelmörders Dolch bedrohte. Du hatteſt keine Ahnung von dem lauernden Unglück?“ Heerdegen ſchaute wild auf den Verband an ſeinem Arm, und verſetzte:„Ach, wie ſollte ich? Ich kann mir einen Meuchelmord nicht denken. Mitten in einer großen Stadt, beſchützt von dem Geleit des Kaiſers, nur einen Schritt von dieſes Hauſes Schwelle; zu einer Zeit, wo alles dem Banket zulief, oder im Bette ruhte wie konnte ich ahnen? hätte ich jedoch den Buben ergriffen, der 73 mir ſo tückiſch nachſtellte, und mich ſo ungeſchickt traf, er hätte mir's gebüßt.“—„Vielleicht galt's einem Andern,“ meinte Anshelm gleichgültig, und der Vater ſetzte wichtig bei:„Du ſtehſt unter guten Zeichen, mein Sohn, ſo daß einem blutigen Frevel, welcher Dich bedrohte, eine anmu⸗ thige Frucht entſprießen mußte. Dein Hader mit der Stadt und dem edeln Spechzart iſt geſchlichtet; um zu beweiſen, daß nicht er der Böſewicht geweſen, hat der Spechzart ſelbſt Deinen Bann abgebeten und zernichtet. Du wirſt bei mir bleiben, wir werden uns nimmer trennen.“ Heerdegen machte ein verlegenes Geſicht, und Anshelm ſeinerſeits konnte eine Bewegung des Mißbehagens nicht bemeiſtern; darum fragte er, die Rede auf etwas Anderes zu bringen, den Vater mit ſcheinheiliger Beſorgniß:„Wie ſteht's mit Euern Augen, liebſter Herr und Vater? gefal⸗ len Euch die Mittel, die von der Frau Anna, der Augen⸗ arztin, verordnet ſind?“ Der Greis lüpfte ein wenig die dunkle Binde, und antwortete mit vor Rührung zitternder Stimme:„Ich denke bei meinen Treuen, daß es beſſer da⸗ mit geht, denn die Tageshelle liegt vor meinen Blicken, wie ein Feuerſchein, thut mir weh und verwirrt mich. Das ſoll aber Beſſerung bedeuten, und der ſchmerzliche Sonnen⸗ brand iſt leichtlicher zu dulden, als die finſtere Nacht.“ Da⸗ bei wiegte der Greis ſeinen weißen Kopf, und murmelte vor ſich hin:„Die Flammen eben haben mir die Nacht ge⸗ bracht ich mußte weinen, daß mir die Augen ſchwol⸗ len, und dankte ſchier dem Himmel für die einbrechende Blindheit, weil ſie mir den Anblick der entſetzlichen Leute verwehrte, die unſer Stammhaus mit Feuer anſtießen, wäh⸗ rend ſie mich, den älteſten des Geſchlechts, als einen Bett⸗ ler mit kargem Brode fütterten. Was hatteſt Du dem grimmigen Wildherrn gethan? ſage es, mein Sohn Ans⸗ helm.“—„Weiß ich's?“ entgegnete Anshelm unwirſch, und 74 der Vater redete fort:„Ich habe den Räuber ſchier fußfäl⸗ lig gebeten, mir den Grund der Miſſethat zu erklären; er weigerte ſich deſſen, ſchalt mich um meiner Thränen willen, und ſetzte mich in das verfallene Haus zu Stahleck, unter einen ſtrengen Wächter, vem ich endlich durch Schlauheit entging, ob ich ſchon die edelſte Jerle des Morgenlandes, mein Buch von Himmelszeichen, Wundern und geheimen Künſten, dahinten ließ. Der Verluſt iſt nicht zu bezahlen, meine Söhne, und wenn ich euch meldete, wie ich zu dem Schatz gekommen. Heerdegen vernahm mit peinlicher Ungeduld, wie der Vater mit gewohnter Weitſchweifigkeit das alte Lied anhob, welches für ſein Geſchlecht von ſo traurigen Folgen gewe⸗ ſen war: das gläubige Geſchwätz von Zeichen und Wun⸗ dern, welches den Gatten von ſeinem Eheweib, die Kinder vom Vater getrennt, an die Stelle der Liebe Verachtung, an die Statt des Vertrauens den Haß geſetzt hatte.— Um über die Klippe des Zauberbuchs hinwegzukommen, rief er ungeſtüm:„Greint nicht um das Buch und ſeine Künſte; Euerer Söhne Liebe bedarf des Zaubers nicht, um Euch treu zu bleiben. Aber Gott verdamme die Elenden, die unſer Haus in Aſche legten, und überliefere ſie der Schärfe des Schwerts, dem Strange der Gerechtigkeit. Die Zeit iſt vor der Thüre, da ſich vieſe Hoffnung erfüllen mag. Der Graf von Würtemberg, der ſtets erneuerten Schänd⸗ lichkeiten ſatt und müde, zu größerem Zorn gereizt, ſeit auf der Straße gen Tübingen unverſchämte Raubknechte, von verwegenen Rittern angeführt, die Fauſt nach ihm aus⸗ geſtreckt haben, beſchloß, des Landes Wunden mit glühendem Eiſen auszubrennen, und iſt von ihm ein Schreckbot und Rügemeiſter eingeſetzt worden, der mit einer gewappneten Schaar im Lande ſtreifen, jedwed verdächtig Geſindel auf⸗ greifen, und alſobald richten und verurtheilen ſoll, ſonder 75 Anſehen des Geſchlechts, Standes und Alters. Er hat den rechten Mann getroffen, der weiſe Graf; den unerbittlichen Bero von Mordermorſer, der kein Federleſens macht, und ſich nicht erinnert, jemals in ſeiner Bruſt irgend eine Rüh⸗ rung empfunden zu haben. Er iſt gerecht, aber es will ſeine Gerechtigkeit Blut zur Nahrung haben.“—„Erſtickten ſie doch in ihrem Schelmenblute alle, die mein Eigenthum ver⸗ wüſteten, meine Habe plünderten, meinen Ruprecht ſchlugen, daß er binnen wenig Tagen elendiglich ſtarb, und Weib und Kind ſchier zu Tode ängſtigten!“ ſchalt Anshelm mit unverholener Wuth.„Aber, werde ich mein Geld jemals wieder erhalten? Die Köpfe der Schurken bringen mir nicht einen Heller wieder ein; der Henker zahlt ihnen den Lohn, und ſchließt damit auch meine Rechnung. Iſt das eine Gerechtigkeit? wer ſchafft mir armem Manne, was ich eingebüßt? ich habe nichts mehr, als einen kümmerlichen Nothpfennig, und iſt mir nicht durch jene Raubthat, die billig einem Kirchendiebſtahl zu vergleichen iſt, weil ein ſchwaches Weib und unmündige Kinderlein damit geſchädigt wurden, iſt mir nicht dadurch Seybolds, des Marſchalken Erbſchaft, zu Waſſer geworden? rief mich nicht auf halbem Wege der Unglücksbote meines Weibes zur Brandftätte zu⸗ rück? gewißlich ſtarb der alte Ohm, gewißlich haben die Pfaffen und die Jungfer uns um Alles gebracht, oder ſpei⸗ ſen uns mit einem Naſenwaſſer ab, während uns der Wein des Ueberfluſſes zuſteht. Boten und Mahnungen helfen nichts; ſelbſt iſt der Mann; aber der Teufel fahre nach dem Za⸗ velſtein in dieſen ſchwebenden Läuften, wo der Bruder ge⸗ rade vor meinem Hauſe, der erlauchte Graf von Würtem⸗ berg auf ſeinem Grund und Boden, gleich wilden Thieren angefallen werden.“ Heerdegen ſchwieg unzufrieden, weil er gar wohl die Tücke Anshelms begriff, der ſowohl dem Vater als dem 76 Bruder zu verſtehen geben wollte, wie ſie ihm, dem Ver⸗ armten, überläſtige Gäſte ſeyen; obgleich genugſam bekannt war, daß dem Ritter von Sperberseck hinlängliches Gut an liegenden Gründen und blanker Werthſchaft geblieben war, um irgend einen Mangel, ſelbſt bei verdoppeltem Hausſtande, jemals befürchten zu müſſen. Der alte Vater ſchenkte dagegen den Klagen ſeines Erſtgebornen weit auf⸗ richtigern Glauben, und, wie ihm ſtets aus dem Reiche der Geheimniſſe Mittel dienſtbar zu ſehn ſchienen, ſo neigte er ſich auch jetzo mit beſonderer Vertraulichkeit gegen den jam⸗ mernden Sohn, ſprechend:„Tröſte Dich, Du guter Ans⸗ helm. Ich habe zwei Gelübde gethan, eines in der Angſt des Herzens, das andere in des Herzens Freude. So mir Gott und die heilige Jungfrau das Augenlicht wieder ver⸗ leihen würden, gelobte ich, dankbar zur Gnadenzelle zu wallfahrten; nicht minder ſchwor ich, Dich wieder reich zu machen, mein verarmter Anshelm, da mir Deine Liebe wie⸗ der offenkundig wurde. Neben der Kirche aber, wohin ich wallfahrten will, liegt des Goldes mehr in der Erde be⸗ graben, als wir zuſammen bedürfen.“— Während Heerde⸗ gen ungläubig und betroffen ſich umdrehte, und Anshelm gierig den Worten des Alten lauſchte, ſetzte dieſer heimlich hinzu:„Nicht plaudern, liebe Kinder; haltet fein den Mund verſchloſſen. Das Reich der Geſpenſter und der Schätze hat ſeine eigenen Siegel; wer ſie verletzt, geht zu böſen Häuſern.“ Die weiteren Mittheilungen des unverbeſſerlichen Wun⸗ derjägers wurden für diesmal unterbrochen, weil die Au⸗ genarztin kam, um nach ihrem Werke zu ſchauen. Mit ge⸗ heimnißvollen Geberden führte ſie den Kranken in die Kam⸗ mer, daſelbſt ihres Handwerks zu pflegen, und die beiden Brüder blieben allein in der Stube zurück. Sie betrachte⸗ ten ſich von ziemlicher Entfernung mit geſpannten Blicken; 77 der eine mit unverborgenem Mißtrauen, der andere mit Katzenfalſchheit.„Was ſind Deine Gedanken von dem Va⸗ ter?“ fragte Heerdegen endlich. Anshelm verſetzte auswei⸗ chend:„Ei nun, er iſt noch immer der alte, wunderliche Mann, und des gelobten Landes heiße Sonne ihm nicht wohlthätig geweſen.“—„Glaubſt Du, er werde ſeine vie⸗ len Leiden, ſeine langen Irrfahrten noch eine geraume Friſt überdauern?“—„Hm, die Heiligen geben's, aber ich ſollte nicht denken.“—„Warum nicht? die Ruhe, wohlthätige Pflege von ſeinen Kindern, das ſpinnt den Lebensfaden noch lange fort.“—„Ei, wer weiß? die Ruhe iſt einem alten Wandergeſellen wahres Gift, Pflege im Ueberfluß kürzt ſein Leben.“—„Du geſtehſt doch, Bruder Anshelm, daß die von Heidenketten narbig gedrückten Gebeine des alten Mannes die Gebeine unſeres Vaters ſind, daß ſein Blut, obſchon es träg vor Alter in ſeinen Adern ſtockt, auch unſer Blut ſey?“ —„Bei meinem Eid, ſo iſt's, liebſter Bruder. Bein von unſerm Bein, Fleiſch von unſerm Fleiſch.“— Nun erhob ſich Heerdegen drohend vor dem argliſtigen Anshelm, und ſagte ihm mit Ernſt:„So will ich alſo Deinem böſen Her⸗ zen gerathen haben, Deiner Fflicht gegen den Vater nim⸗ mer zu vergeſſen, ſo lange ihm die Augen vffen ſtehen. Du wirſt ihn ehrlich ausrichten, wie ſich's für einen Edelmann gebührt, und nicht mit pfefferſäckiſcher Knauſerei abwägen, was Du ihm an Speis und Trank, an Atzung und Noth⸗ durft reicheſt. Verſtelle Deine Augen nicht, wie ein ſchie⸗ lender Jude, verſuche nicht, mit eiteln Worten mir vorzu⸗ rechnen, was Du thun, und was Du nicht thun willſt, wie viel Du an des Vaters Wartung zu tragen vermeinſt, wie viel ich dazu beiſteuern ſoll. Wir haben uns zwar, den alten Mann zu beruhigen, die Hände gegeben, doch wiſſen wir gar wohl, wie uns um's Herz iſt. Ich kann Dir nicht vergeben, was Du an dem Unglückskinde unſerer Mutter 78 verbrachſt, und Du verzeihſt mir nimmer, daß ich hinter Deine Bosheit gekommen, vor Deinem Gewiſſen Dein An⸗ kläger geworden bin.“ Anshelm ſchlug die Augen nieder, rieb ſich die Hände, daß die Finger knackten, und ſagte weinerlich:„Laß doch den verwünſchten Zwieſprach. Die Geſchichte mit dem klei⸗ nen Buben ſitzt mir als ein Widerhacken in der Bruft. Sage lieber, wie mit dem Vater wir's halten wollen. Du verlangſt doch nicht, daß ich allein die ſchwere Laſt ertragen ſoll?“—„Traun, ich wüßte nicht, wie wir es anders ma⸗ chen wollten,“ entgegnete Heerdegen ruhig,„ich habe nichts mehr auf dieſer Welt, das ich mein Eigenthum nenne, bin mit allem fertig geworden, muß Dich vertröſten auf die Zukunft, auf irgend eine ehrliche Beute, die ich mir in ei⸗ ner Fehde erringe, auf die reiche Mitgift meines Weibes, wenn ich jemals freie.“ Darob erſchrack der geizige Ritter ſehr, daß ihm die Kniee einſchnappten, und er in einen Stuhl ſank. Dann ſeufzte er:„Kein Eigenthum mehr! mit allem fertig gewor⸗ den! Du gibſt mir ſchöne Hoffnung, Du vertröſteſt mich auf's Zwiebeljahr, auf den Schnee zur Pfingſtzeit, auf den himmliſchen Lohn im Paradieſe; und der Vater kann noch zwanzig Jahre leben, und Du kannſt als ein Krüppel aus dem Felde kommen, und ich, Dein Bruder, der Verſorger von Euch allen, jetzo ſchon ein halber Bettler, werde noch als ganzer Bettler ſterben, und meinen Kindern das Elend hinterlaſſen, ſtatt der Freude und des Wohlſtandes!“ Auf dieſe Worte kannte Heerdegens Zorn ſchier keine Grenzen mehr, ſo daß er ausbrach, wenn gleich mit ge⸗ dämpfter Stimme, um vom Vater nicht vernommen zu wer⸗ den:„Der heilige Jörg bekehre Dich, Du armſeliger Rit⸗ tersmann, der Du beſſer ein Krämer zu Reutlingen gewor⸗ den wärſt, den Bauern zu meſſen mit falſcher Elle, zu wä⸗ 79 gen mit ungetreuem Gewichte, ſtatt ein Wappen zu führen, und Dich einen adeligen Herrn zu nennen! Dein Geiz iſt nur zu vergleichen mit Deiner Frechheit, Dein ſchlechtes Herz nur mit Deinem ſchamloſen Munde. Das wäre der Dank, weil ich noch chriſtlich ſchwieg von Deiner ſcheußlichen Miſ⸗ ſethat? So haben wir nicht gerechnet, Du filziger Geſell. Entweder fügſt Du Dich in das, was Dir die Nothwendig⸗ keit und Deine Sohnspflicht auferlegt, oder ich nehme mein Wort zurück, und werde ſelbſt auf allen Gaſſen der Herold Deiner Schande.“ Verdrießlich, aber boshaft erwiederte ihm Anshelm: „Das kannſt Du nur, wenn Du die Mutter im Grabe, un⸗ ſeres Vaters Ehre, uns Alle mit Schmach bedecken willſt.“ —„So fürchte Dein eigen Gewiſſen, Böſewicht; rufe ſie zurück, die Schrecken der Nacht, da wir uns wiederſahen, die drohenden Mahnungen der Geſpenſter, welche Dich zer⸗ fleiſchten. Daran hänge ſich mein Fluch, und ſiebenfältig werde er erfüllt, ſo wahr ich an die Heiligen glaube, deren Gemeinſchaft Dir einſt nicht werden ſoll!“—„Halt ein!“ rief Anshelm zerknirſcht, und die Haare ſträubten ſich auf ſeinem Scheitel,„hinweg mit jenen blaſſen Geſpenſtern, nimm ihn zurück, den ſchweren Fluch! kann ein Bruder den andern vermaledeien? ſchone meiner, liebſter Heerdegen. Denke, vaß auch Du nicht ohne Fehl biſt, daß Verführung und das boshafte Geſchäft leichtfertiger Schlangenzungen oft den beſten Mann in Sünde und Noth bringen.“ Heerdegen wendete ſich beſtürzt etwas zur Seite, ver⸗ ſetzte trocken:„Danke Deinen Engeln, daß ich meine Sün⸗ den nicht leugne, und das böſe Geheimniß nur in meiner Bruſt liegt, ohne von dem drohendſten aller Zeugen an's Tageslicht gezogen zu werden. Doch lebt noch irgendwo dieſer Zeuge, erinnere Dich deſſen. Ich achte fürwahr als ein Wunder, daß er im Augenblick verſtummte und ver⸗ 80 ſchwand, da er reden ſollte, reden mußte. Wo er hinge⸗ kommen? ich weiß es nicht, und auch der Freiherr, der prahleriſche Harras, ſagte mir es nicht, indem er beſchämt aus Hall entfloh, da er ſeinen Verheißungen als Kläger mit Beweiſen nicht genügen konnte. Dennoch iſt wahr, was jener unbekannte Zeuge durch den Mund des Harras ange⸗ geben; Du haſt es geſtanden, und vielleicht wartet Deiner noch der bitterſte Kelch.“— Eifrig fiel ihm Anshelm in die Rede, indem er rief:„Ich will ja alles thun, was Du be⸗ gehrſt, den Vater pflegen, Dir zu Liebe ſeyn, ſo Du mir nur verſprichſt, meinen Leumund zu verfechten, wenn der ge⸗ ſchwätzige Bube wieder hervortreten ſollte, Ruprechts böſer Freund und Spießgeſelle.“—„Ich verſpreche Dir's.“— „Und ferner,“ ſetzte Anshelm mit innerlicher Angſt hinzu, „wollen wir auch eine Wallfahrt thun, ſelbdritt mit dem Vater: eine Wallfahrt nach der Alb, wo das arme Büblein verunglückte, und in der Gnadenzelle, als an dem Orte, von wannen unfern ſich das Unheil begab, will ich Jahres⸗ zeiten ſtiften, zu Nutz und Frommen der armen Kinderſeele, und zur Beruhigung der Gebeine unſerer dahingeſchiedenen Mutter.“—„Dem ſey alſo,“ ſagte Heerdegen zerſtreut; nach der Gnadenzelle ſtand auch ſein Sinn, obſchon nicht in der frömmſten Abſicht. Ihn bedrängte der Trieb, ſeine Freundin wieder zu ſehen, zugleich des Vatergefühls dunkle Ahnung, und er war nicht der Mann, ſolchem Gelüſte uner⸗ bittlich zu widerſtehen. Anshelm ſchreckte zuſammen, als zur ſelben Friſt, ganz unerwartet, ſein Eheweib mit den Kindern hereinkam, und er fragte mit verwirrten Augen:„Was gibt's, Frau Els⸗ beth? was willſt Du hier? haſt Du gehorcht am Schlüſſel⸗ loch, oder biſt in eine Nebelkappe vermummt, in der Stube geweſen?— Elsbeth antwortete unbefangen:„Ihr träumt wohl am hellen Tage, liebſter Herr. Wir kommen von dem 81 alten Vetter Sperwer, denn heute iſt ſein Tag und der ſei⸗ nes Schutzpatrons. Jetzo wollen wir, wenn Ihr's erlaubt, nach der Antonikapelle gehen, wo ein fremder Mann um ſeiner Buße willen ein großes Frohnamt ſingen läßt.“— Anshelm trocknete ſich den Schweiß von der Wange, und ſprach ſeufzend:„Geh hin und ſorge, daß die Buben ſich nicht ungebührlich in der Kirche aufführen. Gott helfe dem armen Büßer!“ Frau Elsbeth ſammt den Kindern machte ſich unge⸗ ſäumt auf den Weg, und verlor ſich in dem Menſchenge⸗ dränge, das ebenfalls ihre Straße nach der Antonikapelle zog. Das Kirchlein lag vor den Thoren der Stadt, war klein und unſcheinbar, doch wurde es ſtets benutzt, wenn es galt, irgend eine Gewiſſensſchuld durch kirchliche Feier zu verſöhnen. Heute wurde ein großes Beſingniß dort ge⸗ halten; zum dritten Male rief die Glocke die Gläubigen zum geſungenen Amte, welches auch das dritte war, ſo heute in der Kapelle ſtatt fand: das erſte war zu Ehren der heiligen Dreifaltigkeit, das zweite zu Lob und Preis der unbefleckten Himmelskönigin, das dritte zum Heil aller Gläu⸗ bigen verordnet worden, nach uraltem Gebrauch und Her⸗ kommen, wenn ein ſchwerer Verbrecher und Todtſchläger ſeine Seele zu reinigen begehrte. Die bunten Meßgewän⸗ der funkelten ſonderbarlich in dem engen Kirchlein durchein⸗ ander, denn es waren der Sitte gemäß vierzig Prieſter auf⸗ geboten worden, das Feſt der Sühne zu begehen, und alle Pfarreien und Klöſter hatten dazu gegen billige Weßpfen⸗ nige ihre Pfaffen geſendet. Wachskerzen brannten allent⸗ halben im Ueberfluß, und umgaben einen vor dem Altare niedergelegten Sarg, der das Grab derjenigen bedeuten ſollte, welche durch des Büßers Hand und Schuld umgekom⸗ men waren. Der Rener ſelbſt hielt ſich hinter dieſem Sarge, aufrecht ſtehend, mit einer abgebrochenen, gelben Kerze in Nonne von Gnadenzell. II. 6 82 der Hand, und ſein Geſicht war bedeckt von einer tief her⸗ unterhängenden Lederkappe. So wohnte er dem dritten und letzten Hochamte bei, und ſchlug die Bruſt, bezeichnete ſich mit großen Kreuzen, und alle Welt war gerührt von ſeiner Bußfertigkeit, und betete zugleich mit ihm, daß ſeine Sün⸗ den von ihm genommen würden. Denn, noch war eine Zeit im deutſchen Vaterlande, wo neben grellem Sittenver⸗ fall die ungeheuchelte Frömmigkeit ſtand, als eine Tröſte⸗ rin und Fflegſchweſter der armen Menſchheit. Ein Volk war dazumal im Lande, das wohl ſeinem Nächſten harte Wunden ſchlug im Taumel der Leidenſchaft, in der Zunge Frevelmuth, im offenen, leicht erregten Streit; aber im Tempel des Erlöſers, im Verlauf der frommen Gebräuche, die ſeit Jahrhunderten beſtanden, treu und einfältiglich geübt wurden, vergaß dieſes Volk leicht des Feindes, der ſeinen Fehl büßte, fragte wenig nach ſeiner Herkunft, nach ſeinem Namen, wenig nach dem, was er verbrochen, aber verei⸗ nigte mit ihm ſeine Pſalmen, umarmte ihn als Bruder, ſobald er gereinigt vom Tiſche des Herrn ging. Abwechſelnd ſang die Menge mit den Prieſtern, oder ſprach mit ihnen laut und vernehmlich die Gebete, bis der Gottesdienſt zu Ende ging, und die letzte Ceremonie ſich vorbereitete. Die Pfaffen nahten ſich in Proceſſion dem Reuer, faßten ihn an ſeinen Händen, führten ihn zum Sarge, und legten ihn darauf mit ausgeſpannten Armen nieder, das Geſicht in das Bahrtuch gedrückt.— Nun folgten die dumpfen Strophen, die über Leichen geſungen werden, und während der Zeit ſegnete ein Prieſter das Wachs, welches der Bußfertige in das Spital des heiligen Geiſtes ſtiftete; ein anderer that daſſelbe an dem ſteinernen Kreuze, welches der Sünder zum Andenken ſeiner Verſöhnung neben der Kapelle aufzurichten verbunden war. Ein dritter ſprach hierauf zu dem über den Sarg Gebückten:„Armer Menſch, * 83 Du haſt der Miſſethaten viele begangen?“—„Viele, mein Vater.“—„Du haſt Menſchenblut vergoſſen, und bereueſt Deine Verbrechen?“—„Ich bereue, mein Vater.“— „Du haſt Deine Abſolution empfangen, und verlangſt nach dem heiligen Nachtmahl?“—„Ja, mein Vater.“—„Du haſt mit dem heutigen Tage Deine lang dauernde Buße vollendet?“—„Das habe ich mit der Hülfe Gottes.“— „So richte Dich auf, und bitte noch ohne Furcht und Rück⸗ halt die ganze Chriſtenheit um Vergebung, daß von Dir genommen ſey die Schuld.“ Der Büßer richtete ſich auf, und ſprach mit lauter Stimme die Formel nach, die ihm der Prieſter vorbetete, worauf er an die Schranke des Altars ging, und die Ho⸗ ſtie in ſeinem Munde empfing.— Indeſſen lief wie ein leiſes Gemurmel an der Pforte der Kapelle unter einem Häuflein von Menſchen die Rede um:„Er iſt's, er iſt's, und wir haben ihn gefangen.“ Es waren mehrere Söldner der Stadt, unter ihnen ein Rathmann, der Büttelmeiſter, ein Reiſiger in den würtembergiſchen Farben, und ein alter Geſelle, der in einem Mantel die Ketten verbarg, womit er belaſtet war. Dieſer Greis mochte kaum die innere Un⸗ geduld bezwingen, während ſeine Begleiter ganz ruhig den Ausgang der Kirchenhandlung erwarteten. Auch, als der Reuer in der Mitte der Pfaffenheit auf die Schwelle trat, um davonzugehen, ſchritt der Kettenträger haſtig auf ihn zu, legte die Hand auf des Mannes Bruſt, und rief: „Mein Haupt ſoll verloren ſeyn, wenn er's nicht iſt; mein Kundſchafter hat mich nicht betrogen, ich habe den Böſe⸗ wicht an der Stimme erkannt, und will, daß man nur ſeine Kappe lüfte, damit auch ſein Schelmenantlitz zu Tage komme.“ Das Volk, welches dieſem Auftritt zuſah, war be⸗ ſtürzter, als der, welchem die drohende Rede galt; denn 84 er zog ſelber gemächlich die Hülle vom Haupte, und fragte mit blaſſem, aber ruhigem Geſichte:„Wer will hier etwas von mir? ich din ein Fremder, habe nichts im Zehnten die⸗ ſer Stadt verbrochen, und ſchreie des Kaiſers Recht an.“— Darauf erwiederte der würtembergiſche Reitersmann:„Du biſt nicht im Frieden und Recht des Kaiſers, wohl aber im Acht und Bann des Grafen Eberhard von Würtemberg, und die fürſichtigen Herren von Reutlingen liefern Dich aus an des Grafen Standrecht.“— Der alte Judas in den Ketten war als wie vernichtet vor dem Antlitz des Ge⸗ bannten; als jedoch dieſer gleichgültig ſagte:„Ihr ſeyd am Unrechten, und ich will mich vor dem Standrecht als einen Unſchuldigen erweiſen,“ da fuhr der Greis wieder und er⸗ muthigt auf, rufend:„Er iſt es doch, bei allen Teufeln. Die Stimme iſt's, und verſtellte er auch noch zehnmal ſein Schurkenangeſicht!“—„Du bleibſt darauf?“ fragte der Rathmann mit bedenklicher Miene, und der Alte verſchwor Leben und Seligkeit, und der Reiſige rief entſchloſſen:„So führt ihn zur Stund hinweg, denn der Schreckvogt wartet ſeiner an der Kreuzſtraße zu Pfullingen.“— Dem geſchah alſo, und viele aus dem Volke drängten dem Zuge nach, weil ſich das Gerücht verbreitete, der gefürchtete Wildherr ſey endlich ergriffen worden. Die Pfaffheit floh beſtürzt nach ihren Häuſern, und Frau Elsbeth, die ſich auf des Gefangenen Weg geſtellt hatte, betheuerte gegen jedermän⸗ niglich, daß niemals ein größeres Unrecht geſchehen ſey; ſie habe dem Wildherrn leider das Weiße im Auge geſehen, und er gleiche dem Reuer, wie das Feuer dem Waſſer ähn⸗ lich ſey, während ſie den alten Ankläger deutlich und ge⸗ nau bei dem Brande der Sperberseck gewahrt habe. 85 Auf des Königs Straße zu Pfullingen war abermals ein Gericht zuſammengetreten, aber nicht zu vergleichen demjenigen, welches den Heinz von Schlaiz verurtheilt hatte. Es beſtand nicht aus Amtleuten, die in den Rech⸗ ten geübt waren, nicht aus Beiſitzern aus dem Rathe oder aus dem Volke. Hier war die Willkür und der ſchlichte Verſtand eines Kriegsmannes der Beſchuldigten Geſetz, An⸗ walt und Richter. Den Ring bildete eine dichtgeſchloſſene Schaar von Lanzenträgern, in der Mitte flotterte hoch das Panner des Herrn von Würtemberg, darunter ſaß auf einer Trommel der Richter, hinter ihm wurde ſein ſchnaubender Gaul gehalten, und der rothe Mann, deſſen Hand gewöhn⸗ lich des Standrechts Urtheil zu vollziehen hat, war unferne, verſehen mit Schwert und Strang. Die Blicke des ſchwei⸗ genden Volkes, ſo gut ſie durch die Reihen der Knechte zu dringen vermochten, betrachteten mit Scheu die Geſtalt des richtenden Schreckvogts und Rügemeiſters. Der Ritter Bero von Mordermorſer war in ſeinen kräftigſten Jahren, ein Mann von altem Schrot und Korn, und jener unbeug⸗ ſamen Derbheit, die in den adeligen Geſchlechtern kaum mehr zu finden war. Er hatte niemals weder Camelot, noch Sammt getragen; vom ſchlechteſten Tuch war ſein Gewand, ein Küraß, ſo tüchtig als nur der Plattner ihn fertigen mochte, ſein Prunkkleid. Auch ſchien ſeines Leibes Stärke beſonders für die Eiſenlaſt geſchaffen. Nicht von beſonderer Größe, aber dagegen von breiten Schultern und derben Gliedern trug er den Panzer wie die leichteſte Feder, und bewegte ſich im ſchweren Helm und ſteifen Krebskragen gewandt und behende, wie kaum ein Junker im Tanzhauſe. Sein Kopf war der eines Stiers, mit krauſen, ſchwarzen Haaren, ſein Auge groß und ſtarr, der Mund breit und muthig. Seine Entſchloſſenheit war in Schwaben ein be⸗ kanntes Ding, nicht minder der Spott, den er in Glück 86 und Unglück nicht unterließ, den er am Freunde übte, mit dem er zechte, und am Feinde, welchen er zu Boden ge⸗ ſchlagen.— Dieſem Manne war die Gewalt über Leben und Tod verliehen, damit er endlich das Land ſäubere, und mit Ruhmbegierde ſah er dem Räuberhäuptling entgegen, den ein Verräther in ſeine Hände zu liefern verſprochen hatte. Darum begann er mit heller Stimme und höhniſch aufgeworfenen Lippen, als der auf des heiligen Antonius Schwelle Gefangene vor ihn geſtellt wurde:„Haha, biſt Du der ſtättige Wildbock, der unſers gnädigen Herrn Re⸗ vier ſo ſchurkiſch verwüſtete? haben wir Dich endlich, und warum haſt Du Deine Spießgeſellen nicht beſſer gezogen, daß ſie Dich verrathen wie Schelmen?“—„Herr, ich bin nicht der, den Ihr meint,“ verſetzte der andere mit der kalten Ruhe, die ihn nicht verlaſſen hatte.—„Nicht? ho, das wollen wir ſehen. Herbei mit den Zeugen, deren wir bedürfen! Lauter ehrliche Leute, lauter fromme Männer, die ſchon hundertmal die Weide verdient haben.“ Des Wildherrn wackerer Knabe Scheibenhart wurde in ſchweren Eiſen hervorgebracht. Der Schreckbot ſagte ihm drohend:„Hund von einem Landfahrer, hier ſteht Dein Herr und Meiſter; erkennſt Du ihn?“— Scheibenhart trat gelaſſen einige Schritte auf den Beklagten zu, ſchüttelte alsdann den Kopf mit den Worten:„Eben ſo gut könnte dieſer der heilige Petrus ſeyn; das iſt der Wildherr nicht.“ —„O Scheibenhart, o lüge nicht!“ rief nun eine andere Stimme, und der alte Märten drängte ſich hervor.„Was willſt Du, der Du ſelber lügſt wie ein Schelm?“ fragte Scheibenhart, den Verräther ſteif anſehend:„gib Deine Mummerei auf, und rufe mich nicht bei einem Namen, der mir nicht gehört, denn ich kenne Dich nicht, Du fal⸗ ſcher Zeuge.“—„Führt den andern Buben herbei,“ befahl des Grafen Rügemeiſter. Ein Jüngling, ebenfalls mit Ketten 87 beladen, wankte heran. Märtens unruhiges Auge erkante ſei⸗ nen Sohn, und er zitterte vor Freude, daß Heinz beſtätigen werde, was er ausgeſast.—„Wer iſt dieſer Mann?“ fuhr Herr Bero den Jüngling an:„ohne Beſinnen, wer iſt er?“ Heinz warf auf den Beklagten einen überraſchten Blick, beruhigte ſich jedoch alſobald, ſprechend:„Ich kenne dieſen nicht.“— Nun erhob Märten ein lautes Jammern, und ſchrie:„Heinz, mein Sohn, den ich liebe, wie meinen Augapfel, Du magſt alſo reden? ich habe den Feind des Landes und Deinen Verderber zur wohlverdienten Strafe gebracht, und Du, mein eigen Blut, Du ſtrafſt mich Lü⸗ gen?“ Worauf Heinz nicht ohne Rührung erwiederte:„Ich ſehe Euch mit bekümmertem Herzen in Feſſeln, mein Vater, doch mögen ſie zu Euerm Heile dienen, daß Ihr in Euch geht, und nicht durch neue Sünden Euere alte Schuld zu tilgen begehrt. Was wollt Ihr aber von mir?“—„Daß Du der Wahrheit die Ehre gebeſt, und dieſen Mann als den Wildherrn erkenneſt, gleichwie ich ihn erkannte.“— „Das iſt der Wildherr nicht.“—„Mein Sohn, es gilt unſere Freiheit, es gilt den Preis, der auf den Kopf dieſes Räubers geſetzt wurde.“.— Nach einer Pauſe wieder⸗ holt Heinz mtt kalter Faſſung:„Das iſt der Wildherr nicht.“ Der alte Märten verhüllte ſich das Geſicht mit kläglichem Wimmern, und ſprach fürder kein Wort. Dage⸗ gen hob Herr Bero an:„Ihr ſeyd alleſammt Betrüger, giftige Schurken voll Lug und Niederträchtigkeit. Was der Alte beſchwört, läugnen die Jungen. Sag an, Du, um deſſen Haut und Haar die Raben ſtreiten: wenn Du nicht der Wildherr biſt, wer biſt Du denn?“— Der Unbekannte entgegnete nun, gelaſſen wie zuvor:„Ich bin ein armer Sünder, uud trieb einſt zu Würzburg das Handwerk jenes Gevatters, der mir gern das letzte Halsband drehen, oder eine Aderläſſe für die Ewigkeit geben möchte.“ 88 Als er dieſe Worte ſprach, entfernten ſich alle ſchen von ihm, die ihn bisher umherſtanden hatten, während er kaltblütig einen beſiegelten Brief aus ſeinem Wamſe holte, und fortfuhr:„Die Gnade Gottes iſt plötzlich in mir wirk⸗ ſam geworden, da ich ſchon lange mein ſchnödes Amt ge⸗ trieben. Der Biſchof hat meine Reue geheiligt, mir eine lange Buße aufgelegt, und eine Wallfahrt nach Einſiedel vorgeſchrieben. Ich will morgen meinen Stab weiter fort⸗ ſetzen, und hoffe zu Gott, daß Ihr um dieſes alten böſen Träumers willen mich nicht aufhalten werdet.“— Märten lehnte ſich ſchwachmüthig an einen Lanzenknecht, und mur⸗ melie:„Wenn mich Walzfrieder getäuſcht hätte...2 aber nein, es iſt ſeine Stimme, wenn gleich nicht ſein Geſicht, und mir wird doch noch ein Zeichen beifallen, was mir hilft, und meinen ungerathnen Sohn zu Schanden macht?“ Der Schreckbote hielt indeſſen des Biſchofs Brief in ſeiner Hand, und ſchaute verlegen um nach einem, der da leſen könnte. Der Rathsherr von Reutlingen, welcher da⸗ bei ſtand, eiferſüchtig auf ſeiner Stadt Privilegien zu wa⸗ chen, erbot ſich, dem Richter den Brief zu dollmetſchen, und deſſen Inhalt, ſo wie die daran gehängten Siegel be⸗ kräftigten in allen Punkten die Ausſage des Fremden. Ein Gemurmel der Verwunderung wurde von allen Seiten laut, und der Rathmann von Reutlingen begehrte eindringlich die Freilaſſung des Mannes, der ſein Bußgeſchäft in der Reichsſtadt ehrlich verrichtet. Ehe jedoch der Ritter von Mordermorſer dem Verlangen willfahrte, kniete Märten vor ihm nieder und klagte:„Wäre es geſchrieben, daß ich zu Schanden werden müſſe? Der Elende, den ich auf eines Geſellen Ausſage hin angab, wechſelt die Geſichter, wie ein Pfaffe die Kirchenröcke. Aber mir fällt ein Zeichen bei, den Zweifel zu entſcheiden. Der Wildherr, ich ſah's, trägt auf 89 ſeinem rechten Arm einen roth geätzten Stern. Beſehlt daß man dieſem Maune das Gewand auſfſtreife.“ Ein boshaftes Lächeln flog über das Antlitz des Ver⸗ dächtigen, wie über Scheibenharts Geſicht.„Wahrlich,“ ſagte der erſtere,„ich trage ein Zeichen am Arme, doch iſt's am linken, und, wenn ich mich recht beſinne, iſt's ein Kreuz.“ Er lüftete den Aermel, zeigte das geätzte, künſt⸗ liche Maal.„O mein Kopf, o mein Gedächtniß, o teuf⸗ liſche Verblendung!“ heulte Märten. Scheibenhart, einen gewaltigen Entſchluß faſſend, machte ſich ſtracklich in den Kreis, und donnerte dem Verräther zu:„Du pfeifſt auf dem letzten Loche. Dich gänzlich zu beſchämen, Du Elen⸗ der, opfre ich mein eigen Haupt, und frage nicht darnach. Ihr habt mich durch Liſt gefangen, des Lebens bin ich ſatt, an meinem Arme iſt der Stern, von dem jener Schurke ſpricht, ich ſelber bin der Wildherr. Beginnt mit mir, was Ihr wollt, doch führet mich zuerſt vor den Grafen, dem ich wichtige Dinge zu entdecken habe.“ Märten konnte nicht mehr aufkommen vor dieſer zer⸗ malmenden Rede, und ergab ſich ohnmächtig weinend in das Verhängniß, das gegen ihn ſich verſchworen hatte. Denn kaum öffnete er den Mund, um gegen Scheibenharts Ausſage einen Widerſpruch zu wagen, als ſchon der Schreck⸗ bote ihm zuherrſchte:„Stille, Du alter verleumderiſcher Bube. Iſt nicht ſchon genug der Zeit verfloſſen, ſeit wir uns hier um des Kaiſers Bart raufen? genug des leeren Geſchwätzes. ZJener läugnet, ein Räuber zu ſeyn, und be⸗ glaubigt ſich durch Brief und Siegel; laßt ihn daher frei zur Stelle. Dieſer nennt ſich ſelber als den Hauptmann der Staudenhechte; führt ihn gen Urach vor den Grafen; nehmt auch den Heinz mit hinweg, weil der Herr in einer Stunde beſonderer Gnade ihm das Leben ſchenkte. Fort mit ihnen, ich folge gleich ſelber nach.“ 90 Der Kreis lichtete ſich, ſtürmiſch zerrten die gehorſa⸗ men Knechte den Heinz und Scheibenbart von dannen; der vorgebliche Nachrichter von Würzburg zog mit dem Raths⸗ herrn nach der Stadt zurück. Wenige Knechte hielten noch auf der Kreuzſtraße Wacht, aber der Rügemeiſter ſaß noch immer auf ſeiner Trommel, und betrachtete den alten Mär⸗ ten mit gefährlichen Blicken. Niedergeſchlagenen Auges fragte der Verräther:„Was gebietet Ihr über mich, o Herr? wollet mich auch gen Urach führen laſſen, damit viel⸗ leicht allda die Wahrheit an's Licht komme; denn ich fürchte, Ihr habt den Unrechten freigelaſſen.“— Herr Bero ſchwieg, aber ſeine Augen wurden immer funkelnder, ſeine Stirne immer finſterer. Märten zitterte vor dem drohenden Ge⸗ ſichte, und wagte kaum, kleinlaut zu bitten:„Ach Herr, laſſet mich nur nicht wieder gen Wittlingen ſchaffen; die Kerker daſelbſt ſind ſo gräulich, daß ich lieber den blaſſen Tod erleiden, als dahin zurückkehren möchte.“—„Ich denke juſt daran,“ verſetzte Bero mit höhniſchem Munde.— „Woran, o Herr?“—„An Dein ſeliges Ende, Du ver⸗ logener Schalk.“—„Herr Gott im Himmel, an meinen Tod?“—„Ja, mein Freund. Ein Vaterunſer noch, und der Gevatter knüpft Dich an jenen Baum.“— Märten ver⸗ ſtummte vor kaltem Entſetzen.—„Maulſt Du noch, alter Dieb?“ fuhr Mordermorſer ſpöttiſch fort:„gib Dich darein, ich rathe Dir. Des Grafen Standrecht muß ſtets ſein Früchtlein tragen, und Du ſcheinſt mir der reifſte von den Galgenvögeln, die ſich hier tummelten. Heran, Meiſter Hämmerlein, hängt dieſen ſtattlichen Glunkart hübſch hoch, daß man ihn ſehe.“—„Gnade, Gnade!“ ächzte Märten, und warf ſich platt vor dem Richter nieder.„Warum denn?“ fragte dieſer mit ſteigendem Hohn:„warum Gnade Dir, der die Obrigkeit belügt, zum zweitenmal belügt? haſt Du Dein Wort gehalten? nicht Schwänke getrieben, wie dazu⸗ ———————.— 91 mal, als ihr des Grafen Diener in die Falkenſteiner Höhle locktet, wo ſie das leere Neſt fanden? Du wollteſt nur von Wittlingen fort, wollteſt die Gerechtigkeit bei der Naſe führen. Aber das Standrecht treibt keinen Scherz. Fahr hin, Du alter Böſewicht“ MWärten war außer ſich vor Verzweiflung, und rief alle Heiligen an; dagegen verſetzte Bero mürriſch:„Laß die Poſſen, und ſpute Dich. Biſt alt genug, zu ſterben. Macht fort Meiſter, knüpft ihn auf.“ Des Nachrichters Geſellen fielen über den Verurtheilten her, der ſich wie ein grimmig ſchäumendes Thier wehrte, und laut aufſchrie:„Seyd Ihr ein Menſch, Herr Ritter? kann ich nicht irren, als ein ſchwacher Menſch? aber nein, Ihr habt Euch betrogen, den Wolf losgelaſſen, um ein un⸗ ſchuldiges Schaf zu würgen! Und Ihr dürft mich nicht erwürgen, es iſt Euch verboten, ich weiß es zu gut. Dürft einen alten Mann nicht hängen laſſen, wollt nur Euern Spott mit meiner Todesangſt treiben, aber das iſt grauſam, verdammlich, heidniſch!“—„Bindet ihn feſt,“ befahl Bero mit furchtbarer Kälte, ſchwang ſich auf ſein Pferd, ritt vor den Unglücklichen hin, bückte ſich vertraulich zu ihm hernie⸗ der, und begann:„Du ſchmäheſt mich, und ich mache mir nichts daraus. Du zählſt auf Gnade im letzten Augen⸗ blick, aber davon iſt wieder keine Red. Ich will Dich mit einem Mährlein aus dieſer Welt entlaſſen. Es ſollte einer gehenkt werden, und der Herr gab ihm Gnade, da er ſchon den Strick um den Hals hatte.— Friſch Hämmerlein, werft dieſem alten Bock die Schlinge um!— Da nun der Begnadigte das Tuch von den Augen riß... Legt ihm doch die Binde vor's Geſicht, Meiſter Hämmerlein.. und wie ein Trunkener in die Welt ſchaute, ſo fragte ihn der Pfaffe.. Du gehſt aber ohne viaſe aus dem Leben, weil hier ein Standrecht iſt... ſo fragte 92 ihn der Pfaffe, was er jetzo wohl denke? und der Bube ant⸗ wortete: Ich denke juſt, wie es ſo leicht wäre, die ganze Stadt auszuplündern, weil Alt und Jung herauslief, mich zappeln zu ſehen. Da that dem Herrn leid, daß er dem Riffian ſein Leben geſchenkt, konnte es aber nicht zurück⸗ nehmen.— Ich dagegen habe Dir nichts verſprochen, und weil Du ein Schelm und ein Dieb ſeyn würdeſt, morgen wie heute, und ſo in alle Ewigkeit, ſo wirſt Du mit des Seilers Tochter Hochzeit machen, ſo wahr ich ein Mann bin.— Fertig, Meiſter Hämmerlein? Zieht an, fahr hin!“— Und ſo geſchah es mit dem verrätheriſchen Märten in der hellen Mittagsſtunde auf der Kreuzſtraße zu Pfullingen. ————— Sechstes Kapitel. Merk hoffart hat kein langen beſtand, vergleicht ſich dem ſchatten an der wand, ſein ſchein nit lanng mag bleiben, Gott in ſeim aller hoͤchſten thron, hoffart nit mocht erleyden. Ain new Lied(1460). Was die Herbſtzeit Liebliches zu bringen vermag, hatte ſie herbeigeſchafft in dieſem ſegensreichen Jahre: in den Thälern verſchwenderiſchen Ueberfluß an Obſt; an Bergen und Halden überſchwengliche Fülle von Weinbeeren. Nicht allein das fruchtbarere Unterland ftarrte von den Schätzen des Jahrs, auch um den Albtrauf ſchlang ſich der ergiebige Kranz dunkelblauer Trauben, des Landmanns Fäſſer und die Keller der Herren zu verſorgen. Es war Freude überall, und das würtembergiſche Volk luſtirte ſich in Dörfern und Städten trotz der von Neuem entbrannten Fehde zwiſchen dem Grafen zu Urach und dem Erzherzog in Tirol. Der Bauer machte Gumbiſtäpfel ein, kelterte ſeinen Moſt und ſang behaglich dazu das Spottlied, worinnen der Erzherzog verglichen wird einem eſpenen Schlegel mit erlenem Stiel. So fröhlich ſah es dazumal im Vaterlande aus, daß man 94 kaum der Zukunft gedachte, zufrieden mit der Gegenwart; die Leute hatten noch Mark in den Knochen, und freudigen Geſang in der Bruſt. In den Ritterſchlöſſern und Pfaffen⸗ ſtiftern wurde minder nicht die herbſtliche Zeit feierlich be⸗ gangen; das ärmſte Klöſterlein hatte ſeine Rekreation mit Scherz und Saitenſpiel. Nur in dem Hauſe der Nonnen zu Gnadenzell brütete Todtenſtille, obſchon vormals des Banketirens dort mehr geweſen war, als in anderen Frauen⸗ zwingern. Der Wanderer, der zur Alb fuhr, oder von ihr herniederzog, erkannte nicht mehr die Stelle, wo einſt mitten in der Einöde ein Haus der Fröhlichkeit geſtanden, und glaubte an einem Grabe vorüberzuſchreiten. Kein Scherz⸗ geſang in Hof und Garten, kein rothwangiges Kloſterfrauen⸗ Geſicht, das ſich aus den Fenſtern neigte, kein gaſtlich geöffnetes Tbor. Alles ſtill, Thüren und Laden ſtreng ver⸗ ſchloſſen, Hof und Garten leer und ſchweigſam. Innen ſaßen die Nonnen, gleich büßenden Gefangenen, und beſeufzten ſchwer die verlorne Freiheit. Die Stube, die ſonſt von ihrem Gelächter wiederhallte, war eine Werkſtätte geworden, worinnen ſie ſchafften und handthierten, wie fleißige Geſel⸗ len zu thun pflegen, etwa am vielbeſchäftigten Samſtag, da der müßige Sonntag naht, und der erwünſchte, gute Mon⸗ tag.— Für die Weiber zu Offenhauſen gab es freilich keinen guten Montag mehr, und in ihren beſten Feierſtunden durften ſie nicht die Hände ruhen laſſen; nur daß ihnen alsdann ein leichteres Geſchäft erlaubt war. So hatten ſie ſich zuſammengethan an dem ſchönſten Herbſtnachmittage, und die eine ſtickte an dem Kelchtüchlein, die andere putzte die Krone für die hochwürdigſte Jungfrau, eine dritte fertigte künſtliche Blumen aus farbigen Zeuchen, Flittern von Gold und gläſernen Perlen: die übrigen floch⸗ ten daraus die Sträußer für den Altar, und die drei Kränze, die der Mutter Gottes über das Haupt gehangen werden —— —— 9⁵ ſollten: der eine von rothen Roſen, zum Preis der reinſten Liebe, der andere von weiſen Roſen, ein Gedächtniß der unbefleckteſten Keuſchheit, der letzte von goldenen Blumen und Sternen, ein Wahrzeichen des göttlichen Sieges und Triumphs über den Widerſacher und die Sünde. Die Ar⸗ beit war ſchön, luſtig und gottſelig, und fromme Ordens⸗ ſchweſtern, wie etwa die zu Pfullingen oder Pforzheim, hätten ſie verrichtet mit tiefſter Andacht des Herzens, mit entzücktem Gebet auf den Lippen. Aber die Mägde der Gnadenzelle ſchauten mit trotzigen Augen auf ihrer Hände Verrichtung, und ſagten nicht, daß ihr Werk gut ſey, ſon⸗ dern verwünſchten es heimlich, weil ſie böſe und verdorben waren, oder mit ſchwacher Seele nach dem Pranger der eitelen Weltluſt verlangten. Kaum hatte ſich daher die über ſie geſetzte Werkmeiſterin Hailwig entfernt, um mit der Priorin die abgethanen Wochengeſchäfte zu vergleichen und zu bereden, als auch ſchon alle Finger ruhten, eine der Nonnen die andere anſah, alle herzhaft gähnten, und dar⸗ nach einen tiefen Athemzug thaten. Alſo begann, nachdem ſie einen Wink gegeben, recht leiſe zuzuhören, die ſchöne Renata:„Ein feines Leben, das wir jetzo führen, meine lieben Schweſtern, während ſich alle Menſchen freuen, und ſelbſt dann und wann in unſere Einſamkeit der vorüber⸗ laufenden Geſellen luſtiges Jauchzen hereinſchallt! hätten wir gedacht, daß es einmal ſo kommen würde2“— Die Aelteren ſchüttelten bedenklich die Köpfe, die jüngeren klopf⸗ ten ungeduldig mit ihren Nadeln und Stiften auf den Liſch. Benedieta, die abgeſetzte Pförtnerin, war die erſte, welche ihrem Groll Worte unterlegte, und verſetzte:„Ach, du liebe Zeit, wie ſind wir gedemüthigt worden? heut vor einem Jahre begingen wir ein köſtlich Traktament, und zu dieſer Friſt haben wir ſtatt Kuchen und Faſtnachtöhrlein das trockene Brod, und unſere geſalzenen Thränen ſtatt des 96 füßen lateiniſchen Weins.“ Ein tiefer Seufzer aller Wei⸗ ber ſtimmte in Benedictens Klagen ein. Mutter Simplicia indeſſen, welche dann und wann nicht ſo ganz albern war, als ſie gewöhnlich zu ſeyn pflegte, ſchnitt ein durchtriebenes Geſicht, und deutete auf die Schweſter Gertrud, als ſpräche ſie: Die könnte wohl helfen, wenn ſie möchte.— Alle Blicke kehrten ſich gegen die ehemalige Schaffnerin, und dieſe nickte mit dem Kopfe, während ſie eine fragende Ge⸗ berde nach der Thüre machte. Hierauf flüſterte Medora: „Wir haben jetzo mindeſtens eine Stunde für uns. Die beiden Teufelsweiber werden mit ihren Rechnungen nicht ſo geſchwinde fertig; was den Pfaffen betrifft, den ſchwach⸗ köpfigen Altvater, ſo habe ich ſchon wieder die dunkle Treppe mit Glasſcherben und zerbrochenen Deckeln beſtreut, damit wir ſeinen ungeſchickten Fuß ſchon von weitem hören.“ „Wenn dem ſo iſt, meinetwegen,“ ſprach hierauf Mut⸗ ter Gertrud, und brachte geheimnißvoll aus dem ſchier bodenloſen Abgrund ihrer Taſche einen ehrlichen Krug Weins hervor, darnach ein zierliches Scheuerlein von Silber und gelbem Metall, woraus lieblich zu trinken war. Bei dieſem Anblick ſtrahlten helle Sonnen über alle Nonnengeſichter, und Mutter Anna bemerkte, wie man der fürſichtigen Schaff⸗ nerin nicht genug danken könne, daß ſie noch einige Ueber⸗ bleibſel des früherhin ſo wohl beſtellten Kellers zur Ergötz⸗ lichkeit des treuen Konvents verſchleppt habe.—„Leider verſiegen bald dieſe verborgenen Brünnlein,“ entgegnete Gertrud mit liſtigem Achſelzucken:„darum genießt mäßig, ihr Töchter, was uns noch verblieb, und verrathet nicht euere gute Schweſter, wie unſere arme, getrene Kloſtermut⸗ ter leider verrathen wurde.“ Der finſtere Blick, der obige Worte begleitete, galt der erröthenden Medora, die ihre Hände verlegen rieb, und kleinlaut erwiederte:„Ich bereue ſehr, was ich gethan, und 97 tröſte mich nur damit, daß auch der Fels gewankt hat, wor⸗. auf der Herr ſeine Kirche baute. Wer kann für ſeine Furcht und den verfallenden Muth? ſtand unſer geſtrenger Schirm⸗ herr nicht vor uns, aufrecht wie ein krallender Bär, ſchoß Blitze aus ſeinen falſchen Augen, und ſchnaubte, daß ſeine Naſenlöcher weit wurden, und ſeine Haare auf und nieder gingen, wie im Sturme? war't ihr alle nicht halbtodt vor Schrecken und Entſetzen? that eine den Mund auf, um ge⸗ gen die neue Priorin zu eifern, die uns der Graf wider⸗ rechtlich aufdrang, die uns nicht einmal der Pabſt ſetzen dürfte, weil ſie keine rechte Nonne iſt?“ Alle ſchwiegen betroffen; nur die Schweſter Barbara hatte das Herz, zu antworten:„Wir bekennen freiwillig, daß wir uns fürchteten; es ging um Ehre und Brod. Wir hätten uns ſelber und Mutter Richardis allzuſehr geſchän⸗ det, ſo wir verriethen, wie es eigentlich bei dem Profeß zu⸗ gegangen. Hadert nicht deßhalb, ihr Schweſtern. Es wech⸗ ſelt die Zeit, und die kluge Richardis ruht gewißlich nimmer, ſo wie auch der biedre Herr Belzer, der an Biſchof, Kaiſer und König gehen wird, unſer Recht wieder herzuſtellen.“— Euſtachia ſetzte noch hinzu:„Allzuſtreng Regiment währt nicht lang. Duldet's ruhig, bis es bricht, und haltet feſt an einander. So haben wir's ſtets gemacht. Ehe wir uns verſehen, iſt ein Befehl des biſchöflichen Stuhles da, welcher die Herrlichkeit der Cäcilia zu Staub und Aſche brennt. So lange wollen wir lauernde Schlangen ſeyn, und endlich die Feindin beißen, daß ſie nimmer aufſteht.“—„Verſöhnung alſo!“ ermahnte Renata, und die Weiber gaben ſich die Hände, ſelbſt Gertrud und Euſtachia nicht ausgenommen. Worauf die erſte das Scheuerlein füllte, und friſch herum⸗ gehen ließ, daß der würzige Oſterwein die Lippen der Non⸗ nen befeuchtete, als wie mit dem ſüßeſten Honig. Scherzend ſagte die ehemalige Schaffnerin dazwiſchen:„Ich halte jetzt Nonne von Gnadenzell. III. 7 98 einen ehrlichen Hof, wozu ihr eingeladen ſeyd, als wäre ich eine Geſchlechterin von Ulm oder Augsburg, und ihr meine liebwerthen Nachbarinnen und Freundinnen.“„Ihr ver⸗ ſteht das,“ entgegnete Anna ſchmunzelnd:„Euer Vater war ein reicher Kramer, ein Stubenherr auf dem Trink⸗ hauſe, und Euere Mutter gab die ſchönſten Höfe; doch wurde den Leuten, die bei ihr in den Haingarten kamen, nicht nur ein ſüßer Trunk, aber auch Speiſe und Zehrung vorgeſetzt.“—„Daran fehlt's hier eben nicht,“ lachte Gertrud, und zog aus ihrem anderen Sack einen ergiebigen Bündel von Pfaffenkuchen oder Lebzelten, die alſobald unter die Kloſterſchweſtern vertheilt waren, daß ſie daran knuſper⸗ ten, wie fürwitzige Eichhäſelein. Der Mund koſtete den feinen Trunk, die ſüße Speiſe, ein Ohr horchte auf das leichtfertige Geſchwätz, das andere war lauernd nach der Thüre geſpitzt.„Wie Schade,“ klagte Medora,„daß wir unſerer Zunge nicht freien Lauf geben dürfen! es iſt ſchmerzlich, flüſtern zu müſſen, wo man jubeln möchte, und am traurigſten, ſchweigend zu genießen, was Mutter Ger⸗ trud beſcheert.“ „Ei, ſo halten wir ſtatt eines Sprechhofs einen Kart⸗ hof!“ rief Simplicia, und zog unter ihrem Scapulier ein ganzes Spiel der ſchönſten buntgemalten Briefe hervor: „die Mutter Cäcilia hat unſer Brettſpiel, unſern Wurfzabel verbrannt, und die Schlagzither obendrein, aber die Karten hat ſie doch nicht erwiſcht, und wir wollen jetzt ehrlich und heimlich ſpielen, um Bohnen, Lebzelten, oder farbige Per⸗ len.“— Während einige der Schweſterr mit freudiger Neu⸗ gier die ſchönen bunten Könige und Oberbilder betrachteten, ſagte Renata mit bitterm Scherze:„Ach, Frau Gertrud, wie ſo traurig iſt doch Euer Karthof, weil die lieben Geſellen fehlen, die am Schmauſe Antheil nahmen, und, nachdem ſie unter ſich genug gemünzelt, gerathen und gewürfelt, mit 99 uns um Küſſe ſpielten!“ Gertrud zuckte wehmüthig die Ach⸗ ſeln, und meinte:„Es iſt kein Ding vollſtändig hienieden, und ſchon würde es gut ſeyn, ſo wir Weltfrauen wären, und könnten ohne Zwang reden von dem, was uns freut; von unſern koſtbaren Kleidern, unſern Kleinodien, von Hochzeiten und Kindeleſſen.“ Renata fiel lebhaft ein:„Oder von unſern Hüten aus Marderbalg, und den reichen Pelzen, womit wir den Stoß an unſern Röcken verbrämten.“— „Ich würde den neuen Trapphart rühmen, den mein Bräu⸗ tigam mir kramte,“ ſagte Medora. Simplicia ſetzte fort: „Ach, wie ſchön war der gelbe Schleier, den mir einſt mein Vater verehrte!“—„Zu meiner Zeit trug man ſich nicht ſo üppig, wie heute,“ meinte Euſtachia mit unwilliger Ge⸗ berde:„Bürgermeiſter und Rath ſteckten der Verſchwendung ein Ziel. Die Schleier waren nicht zu fein, gingen aber bis auf den Nacken, die Aermel ſtießen juſt auf den Boden auf, die Mantelſchleppe ſogar durfte nicht länger ſeyn, als eine Viertelelle. Mein Zeſus! ſchleifen ſie jetzo Sammt und Seide und Fech und breite Bälge längshin auf den Gaſſen durch Staub und Koth, damit nur recht viel daraufgehe.“ —„Gotts Nieswurz! ich weiß nicht mehr, wie ein Prunk⸗ mieder, wie ein Staatsrock ausſieht, und habe einſt ver⸗ goldete Gürtel getragen, wie eine,“ lamentirte Benedicta, ohne jedoch des Landsknechts zu vergeſſen, den ſie mit Sim⸗ plicia ſpielte.—„Wie glücklich iſt eine Weltfrau,“ pries Mutter Anna;„da geht es hoch und herrlich zu mit Stu⸗ beneſſen und Faſtnachtsſchmäuſen, mit Kreuzumgängen und Oſterſpielen! Taufſegen und Kindbetthöfe, Badfeſte und Schlegelmahle, Chriſtbraten zu Weihnacht, Geſchlechtertänze und Zunftgelage. ach, ihr Schweſtern, was haben wir hingegeben, für Trauer und Herzeleid! dem Paradies haben wir Valet geſagt, und in einen Kerker uns geſteckt.“ „Ei, im Floſter war nicht übel wohnen:“ eiferte Bar⸗ 100 bara:„daß die Zeiten ſchlimmer wurden, wer kann dafür? ſolche Gewalt iſt noch nicht erhört, wie wir ſie erdulden. Da würde den heiligen Zwölfboten und dem frömmſten Erzengel die Geduld ausgehen. Ich habe die Cäcilia ge⸗ liebt als eine wackere Sängerin mit klarer Stimme, und als ein gut, unſchuldig Kind, aber ſeit ſie das Schwert führt, und ſich geberdet, als wäre ſie des Würtembergers Tochter oder Gemahl, ja, ſo hochmüthig wie eine Kaiſer⸗ braut, ſeither bin ich ihr feind, wie die Spinne, die ſtill und geduldig in ihrem Winkel das Netz webt, worinnen ſie ihren Raub zu fangen gedenkt.“ Der Genuß des Weins hatte die ehrwürdigen Schwe⸗ ſtern in eine gar wehmüthige Stimmung verſetzt, und des Klagens wurde kein Ende. Nicht ſelten ſogar von Schluch⸗ zen unterbrochen, folgten einander die Beſchwerden, wie die Wellen eines ſprudelnden Quells:„Wir darben, und lebten früher doch ſo gut!“—„Wir ſahen unſere Freunde, Wohl⸗ thäter und Geſippten, und jetzo ſind wir abgetrennt von aller Welt.“—„Mörder, Diebe und Juden haben es beſſer im Gefängniſſe, als wir in dieſem Gotteshauſe.“—„Sind nicht alle Thüren vermauert worden, die in's Freie gehen, bis auf die große Pforte, woran man das Fenſterlein ver⸗ nagelte, und die Crescenz zur Wächterin beſtellt hat?“— „Iſt uns nicht der Garten verboten worden, und jeder noch ſo kleine Ausgang verwehrt?“—„Die Zellen ſind uns genommen worden, wo wir allein ſeyn durften; die abſcheuliche Schlafkammer, wo unſer aller Betten ſtehen, auf denen wir jetzo ruhen, gekleidet und gegürtet, wie ein Kriegsmann im Felde, unter den Augen der verzweifelten Mutter, die allenthalben iſt, wo man ihrer nicht begehrt!“ —„Die Lampe neben unſern Betten, die ſo hell brennt, wie eine Fackel!“—„Wer nennt unſer Lager ein Bett? Spreuſäcke und Kiſſen mit Stroh geſtopft, wollene Decken, 101 ſo rauh und grob wie unſer Wiflingkleid, daß Gott er⸗ barm!“—„Könnten wir nur ſchlafen auf dieſen Marter⸗ lagern, aber die Mitternacht ruft uns zum Chor.“—„Und die Frühmette, das Amt, die Vesper, Komplet und Vigil, die unzähligen Paternoſter, die wir leiern müſſen, weil wir den Chorgeſang vergaßen!“—„Und keine Ruh nach Kirche und Chor, aber unaufhörliche Arbeit; kein anmuthig Ge⸗ ſpräch, aber tiefes Schweigen, wenn wir nicht von der Mutter Gottes und dem himmliſchen Bräutigam reden wol⸗ len.“—„Kein Troſt von unſern Blutsfreunden, mit denen wir im Sprachzimmer nur durch eine ſchwarzverhängte, und mit ſpärlichen Löchern verſehene Eiſenplatte koſen dürfen!“ —„Die Briefe unſerer Freunde werden von der Cäcilia geleſen, und nicht einmal in der Kirche vermöchte ein Blick der Treue zu uns zu dringen, durch das enge, ſchwarz wie ein Grab verhangene Gitter!“—„O, wir halten's nicht aus, und dennoch erbarmt ſich der Herr nicht unſer!“ klang der Wieverſang dieſes langen und ſiets ſich wiederholenden Trauerliedes! Der Schmerz der verdroſſenen Weiber war etwas laut geworden; doch vernahm eine wachſame Schweſter, wie der Pater Meyer die Treppe heraufkam; denn, was leiſe er auch zu ſchleichen ſich bemühte, den Convent unverſehens zu überraſchen, ſo verrieth ihn allzeit das Knirſchen der über die Treppe geſtreuten Scherben. Auf dieſes Geräuſch ſammelten ſich die Schweſtern alſobald, jeder verdächtige Gegenſtand wurde zur Seite gebracht, die Arbeit bunt über Eck wieder vorgenommen, und eintönig plärrten die Non⸗ nen, wie im Chor:„Gegrüßet ſeyſt Du, allergnädigſte Jungfrau Maria, eine Mutter Gottes, eine Königin der Himmeln, eine Pforte des Paradieſes, eine Frau der Welt; Du biſt eine ſonderliche Jungfrau rein, Du biſt empfangen ohne Erbſünde allein, wolleſt uns armen Sünderinnen 102 gnädig ſeyn, führen uns in die Seligkeit ein!“— Weil der vor der Thüre lauſchende Vicar die Frauen allzumal beten hörte, und durch die Klumſe ſah, wie ſie ihrer Arbeit fleißig warteten, ſo dachte er, hier ſey alles wohlbeſtellt, und ging leiſe von dannen, gerade wie er gekommen, ſtol⸗ pernd und gleitend bei jedem Schritt. Inzwiſchen pflegen Giſela und die von ihr geſetzte Kaſtnerin Hailwig mit einander Rath in der Zelle der Oberin. Dieſes Gemach ſah ſich nicht mehr ähnlich; aller Schmuck, womit es von Richardis ausgeſtattet worden, war verſchwunden. Die Wände ſtanden nackt, den Singvögeln war die Freiheit gegeben, das Hündlein war verwieſen. Der weiche Seſſel hatte einem harten Schemel Platz ge⸗ macht, an der Stelle der heitern Bilder hing ein braunes Crucifix. Die trauliche Schlafkammer, von ihren Vorhän⸗ gen entkleidet, war ein öder, leerer Raum. Ein grober Betſchemel, ein Legendenbuch und einige Werkzeuge der Disciplin und Kaſteiung ſtellten das Geräthe vor.— Gi⸗ ſela und Hailwig ſtanden von ihrer Berathung auf, und fanden, wie das jetzige Regiment gut und bereits ein merk⸗ licher Schritt zur Beſſerung zu verſpüren ſey. Darob mochte Hailwig ſich nicht enthalten, ihre Freundin zu prei⸗ ſen, und zu ſprechen:„Welch ein himmliſcher Friede muß in Deiner Bruſt ſeyn, ſo Du gedenkeſt, daß nunmehr auf dieſem Acker die Aehren der Gottesfurcht zeitigen, wo Dich vor kurzem Dornen und Neſſeln blutig peitſchten! wahrlich hat der Herr alles mit Dir wohlgemacht, denn Du wurdeſt zum Heil denjenigen, welche Dich verdammten, und lohneſt mit Segen den Fluch.“— Giſela nahm als eine demüthige Magd ſolches Lob hin, und mit niedergeſchlagenen Augen erwiedernd;„Wäre nur alles, meine Schweſter, wie Dein freundlicher Mund es verkündet! aber ich ſeufze unter der Laſt, die meine Schultern auf ſich genommen, und verzage 103 an meiner Stärke. Womit habe ich verdient, daß eine fromme Saat aufgehe, wo ich walte? durch meine Flucht von Vater und Mutter? durch meinen ſträflichen Gehor⸗ ſam gegen der Richardis Befehle? durch den Groll, den ich ſo oft mit Schrecken in meiner Bruſt verſpürte, wäh⸗ rend ich mich freudig in die Fügungen des Herrn hätte er⸗ geben ſollen? und jetzo, meine liebſte Schweſter, fühle ich mich tauſendmal unwürdiger als je, den Hirtenſtab zu füh⸗ ren, trage ihn nur mit Pein, achte mich nur als ein vor⸗ übergehend Werkzeug, als eine ſchlechte Stellvertreterin, und bete taglich brünſtig zum Himmel, daß er die Auser⸗ wählte ſenden möchte, die eigentlich berufen iſt, die Heerde zu hüten.“ Als Giſela ſeufzend ſchwieg, und wie mit innerlicher Angſt die Lippen feſt verſchloß, ergriff Hailwig zärtlich ihre Hand, und ſprach bewegt:„Schon öfter vernahm ich aus Deinem Munde Geſtändniſſe, wie das heutige, und beküm⸗ merte mich ſtets darüber. Was kann Dich alſo reden ma⸗ chen? ſage mir's. Der Zufall hat unſere Züge einander ähnlich gemacht, und obſchon gemeiniglich diejenigen ſich haſſen, die einander gleichen, ſo waren wir doch ſtärker, hatten den Muth, uns lieb zu gewinnen. Verhehle mir nicht Deines Kummers Urſach. Du ſchilſt Dich unwürdig, und biſt die reinſte aller Töchter Maria's?“— Giſela ſchüttelte heftig den Kopf. Hailwig fuhr ſanftiglich fort: „Was Dich quält, mögen nur leere Gewiſſenszweifel ſeyn. Sieh dagegen mich, gebrandmarkt von der Sünde, oft ver⸗ zweifelnd an Heil und Vergebung. Wie ſtehe ich vor Dir, und dennoch willſt Du zagen? Deine Seele iſt kräftig, Deine Schulter iſt ſtark; warum wollteſt Du dem Amte Dich entziehen, wozu eine höhere Fügung Dich berief? und wäre es Dir unleidlich, eine Heerde zu regieren, die im Pfuhle liegt, während Du in der Glorie ſtrahlſt, warum 104 ſprichſt Du nicht, ſiatt Dich ſelber zu quälen und zu foltern, daß man Dich aus dieſem Hauſe entferne, Dir ein würdi⸗ geres anweiſe? wohl iſt dem Engel des Lichts erlaubt, die Gemeinſchaft des Abgrunds zu fliehen, wenn ihn die Barm⸗ herzigkeit nicht darinnen feſthält.“ BGiſela erwiederte zögernd:„Der Herr hat befohlen, ind an mir iſt's, ſein Gebot zu vollziehen, bis er ſelber es zurücknimmt. Ach, wie könnte ich ihm widerſtehen?“— „Ich begreife Dich nun vollends nicht mehr; Du nennſt Dich dem Ewigen unterthänig, und ſträubſt Dich gegen ſeine Beſchlüſſe?“— Helle Thränen ſtiegen in Giſela's Augen, und mit ſchamrothen Wangen verſetzte ſie:„Wollte Gott, daß Du mich nimmer verſtändeſt, gute Schweſter. Verſchlöße doch ein ſiebenfaches Siegel meinen Mund, ver⸗ riethe mich doch nimmer ein Blick, eine Geberde, eine Zähre der Angſt und Reue! Hailwig, Du liebe einfache Schwe⸗ ſter, es gab eine Zeit, wo ich die Hoffart ſelber war, und mich brüſtete vor den Spiegeln meiner Eitelkeit, als ſey mein Herz ſo rein und hart, wie Demant, ſo klar und ſtolz wie Gold, das niemals roſtet. In dieſem Hauſe ſank mein Hochmuth in Trümmer; der böſen Luſt zürnend, die allhier den Thron aufgeſchlagen, bin ich ſelber in der Schwachheit Stricke gefallen, und reiße vergebens an meinen Banden.“— Hailwig betrachtete ihre Freundin forſchend, und ſtam⸗ melte, gleichſam als wäre ſie erſchreckt, von dem, was ſie ſagte:„Die heilige Mutter vergebe mir, wenn ich Deine Worte ungeſchickt deute. Aber, bei meinen Treuen, wärſt Du ein gebrechlich Weib, wie ich, und alle Schweſtern die⸗ ſes Hauſes, ich wähnte, Du redeteſt von Sehnſucht, von Verlangen und verborgener Minne.“ Als nun die Oberin mit heftiger Bewegung den Schleier vor das Geſicht riß, und ſich abwendete, zitterten der überraſchten Hailwig Kniee, und ſeufzte ſie:„O weh, ſo habe ich einfältige 105 Magd das Geheimniß errathen? o weh, Du arme Kloſter⸗ mutter, ſo fühlſt Du auch das ſüße Leid, die bittere Wonne des ſterblichen Weibes? nun verſtehe, nun beklage ich Dich, denn es iſt ein ſchweres Heimweh, das verbotene Hangen nach der Welt, ſo uns verlockt vom Kreuzesſtamm, den wir mit bräutlich überirdiſcher Liebe umklammern ſollen.“ Giſela ſchluchzte in verhaltenen Thränen, ohne zu ant⸗ worten. Dagegen marterte ſchon Hailwig ihr Gehirn, den Glücklichen aufzufinden, der Giſela's unbezwingliches Herz ſich unterjochte. Vergebens war jedoch ihr Bemühen. Von allen Männern, die ſeit Giſela's Ankunft das Kloſter be⸗ treten, achtete ſie Keinen wichtig und gefährlich; und als ſie an das Ende der Reihe gekommen war, ſtutzte ſie plötz⸗ lich, Schrecken und Mitleid im Geſichte, näherte ſich raſch ihrer Freundin, umarmte ſie ängſtlich, mit bebendem Munde fragend:„Nenne mir ihn, deſſen Du, wie durch einen Zauber berückt, nicht vergißeſt! verrathe mir ihn, der in Deinen heimlichen Gedanken, in Deinem reinen Herzen neben dem himmliſchen Bräutigam ſich Dir aufdringt. Du nennſt ihn nicht? Du verneinſt, und ſtößeſt mich von Dir? ach, mein Jeſus, es wird doch nicht der Teufel Deine Sinne verblendet haben, es wird doch nicht wahr ſeyn müſſen, was die böſen Weiber von Dir logen? jener thörichte Bube, der während meines Schlummers ſich zu Dir in die Kirche ſtahl, wird doch nicht ein Werkzeug der Hölle ſeyn?“ Bei dieſen Worten richtete ſich Giſela ſtolz empor, zog den Schleier von dem thränenfeuchten Auge, maß die Freun⸗ din mit unwilligen Blicken, und verſetzte:„Wofür hält mich Schweſter Hailwig? meine Eitelkeit iſt nicht ſo ganz erſtorben, daß ſie nicht bei ſolcher Frage ſich empören müßte. Als Deine Schweſter beklage ich Dich ob dieſes jämmer⸗ lichen Wahnes; als Deine Oberin befehle ich Dir, von Stund an unverbrüchlich von dem, was wir geredet, zu 106 ſchweigen. Der Kampf, den ich ſtreite, geht nur mich an, und ich hoffe zu Gott, daß nicht der Widerſacher den Sieg davon tragen werde.“ Crescenz unterbrach die ſeltſame Unterredung, indem ſie zu melden kam, daß Poppele dringend verlange, der Frau Priorin ein Anliegen vorzutragen. Sie habe ihn auf ein andermal vertröſtet, aber der Knab beſtehe mit aller Ge⸗ walt darauf, ohne Verzug bei der würdigen Mutter Gehör zu begehren. Alſobald ſprach die Oberin:„Ich habe Zeit, darum geſchehe, wie er will Führe ihn an's Sprachgitter, und bleibe daſelbſt, ich komme ſogleich.“ Und als Crescenz davon ging, fuhr Giſela zu Hailwig fort:„Folge mir, Schweſter. Die Satzung unſeres Ordens, die ich wieder hergeſtellt, verlangt, daß auch die Oberin, wenn ſie mit einem Manne redet, von Zeugen umgeben ſey. Dieſer Zwieſprach diene auch als Antwort auf Deine ſchwer ver⸗ zeihliche Frage“— Beſchämt trat Hailwig der Priorin nach, und, als die Frauen im Sprachzimmer anlangten, ſtellte ſich Poppele ohne zu ſäumen ein. Das Spiel ſeiner Geſichtszüge war lebhaft, eine abſonderliche Unruhe ſprach ſich in ſeinem Weſen aus, und er verrieth alſobald den Sturm ſeiner Sinne und Gedanken, als er ungeſtüm an die Eiſenwand klopfte, und rief:„Wichtiges hab' ich zu ſagen, aber dennoch ſpreche ich kein Wort, wenn nicht dieſe ſchwarze Scheidewand ſich mir öffnet. Das iſt ein Sarg⸗ deckel, ihr geſchorenen Weiber, das iſt ein Panzer, der mich erwürgt. Ich denke immer, Mutter Geißlin ſey todt, und rede aus der Gruft. Thut auf daher, um der Barmherzig⸗ keit willen!“— Weil die Rede des Jünglings immer hefti⸗ ger wurde, und er ſich an die Scheidewand klammerte, als dächte er davon nimmer zu weichen, öffnete Giſela den ſchweren Eiſenladen, ſtellte ſich mit unbevecktem Geſicht vor den Unglücklichen, und richtete mit zarter Milde die Frage 107 an ihn:„Gib Dich zufrieden, Poppele, hier bin ich, daß Du überzeugt ſeyſt, wie ich noch lebe, ganz bereit, Dir zu willfahren, ſo Du etwas Ehrliches Dir ausbitteſt.“ Die erſte Bewegung Poppele's war Freude; im näch⸗ ſten Augenblicke faltete er jedoch die Hände, und ſagte be⸗ trübt:„Ach, wie iſt mein Werk zerſtört worden! als Du in der Erde lagſt, warſt Du eine eingegrabene Lilie, und ich zog Dich hervor, daß Du würdeſt gleich einer Roſe. Nun aber biſt Du gelb, wie das Wachs, ein Nonnengeſicht wie die andern, mit eingefallenen Augen und abgeblühten Wangen. Warum, ſage mir, wurdeſt Du eine Elſter, und die grimmigſte unter ihnen, ſeit Du ihre Krone trägſt? ich ſah Dich lange nicht, und weine jetzo, da ich Dich ſehe.“— Giſela bezwang das Gefühl, welches ſie vor dem unbeſchei⸗ denen Frager beſchlich, und antwortete:„Alſo wäre es beſſer geweſen, wenn ich mit Dir hinter dem Vorhange ge⸗ ſprochen hätte. Doch kam ich nicht, eitles Geſchwätz zu hören, und bitte Dich, mir zu ſagen, was Du begehrſt.“— „Meinen Abſchied, Kloſtermutter verſetzte der Jüngling trocken. Giſela erſtaunte, und fragte:„Was heißt das?“— „Meinen Abſchied, meinen Freibrief. Ich will fort.“— „Warum mein Sohn?“—„Juſt, weil ich Dein Sohn nicht mehr bin. Haſt mich verſtoßen, aus Deinem Hauſe verbannt und Poppele mag's nicht vertragen.“—„Nur ein Mißbrauch duldete Deine Gegenwart in der Klauſur; der Mißbrauch iſt abgeſchafft, Du vliebſt aber dennoch, wenn auch in des Hofraums Gebäude verwieſen, der Pfleg⸗ ling des Convents.“—„Ich will dieſe Pflege nicht mehr.“— „Was haſt Du zu klagen? verweigerte man Dir, was Dir gehört? behandelt man Dich ungebührlich?“—„Hm, ſie geben mir das Brod, ſie reichen mir warme Suppe, des Müllers Knechte prügeln mich nicht mehr, weil Du ihnen 108 verboteſt, was Mutter Richardis ihnen befahl; ſie laſſen mich in einer warmen Kammer ſchlafen, und haben mir eine weiche Decke geſchenkt. Dieſes alles iſt mir aber nicht genug. Wenn ich leben ſoll, muß ich mehr haben, als Speiſe und Trank. Ich war an Dich gewöhnt, ſoll jetzo Deinen Anblick miſſen, und vas iſt mein Tod.“—„Geh hin, Du biſt thöricht.“—„Das ruft Ihr immer, wie der Kukuk. Aber ich bin kein Thor, glaube es mir. Ein Thor iſt wie ein Hund, und ich war vor dem ein ſolcher Hund, der nur den Leib ſättigte, die Frohn that, und alsdann ſchlief, bis wieder der Tag kam. Jetzo nicht mehr. Mir ſchmeckt das Eſſen nicht fürder, ich gräme mich, wie es ein Thier nicht thut. Ich möchte eines Menſchen Sohn heißen, und habe meine Mutter verloren. Ich will fort.“—„O bedenke, Du Armer, was Du redeſt, geh hin, und frevle nicht an Deinem Looſe.“—„Wer ſagt Dir, daß ich nicht denke? ich ſterbe unter meinen Gedanken, und das Haus meines Raths iſt die Kirche. Nur wenn die Sonne ſcheint, bin ich froh, und traurig, wenn die Volken trübe ſind.“— „Schicke doch den garſtigen Jungen hinweg,“ ermahnte Hailwig die Oberin, und Crescenz begehrte ſchon, das Git⸗ ter zu ſchließen; aber Giſela, voll von unendlichem Mit⸗ leid, verbot es ihr, und ſchenkte ferner dem Aermſten das Ohr, als er fortfuhr:„Ich habe mir einen Garten ge⸗ pflanzt, ſeit ich nicht mehr in den Kloſtergarten darf. Da blühen mir die ſchönſten Blumen, und wißt Ihr wo? in der Kirche, auf den harten Gruftſteinen des Bodens wächst mein Gärtlein luſtig und fröhlich, wenn die Sonne ſcheint. Die bunten Fenſter werfen dann ihren Schimmer herein, und ich wandle zwiſchen den Blumenländern, oder ſetze mich mitten in die roth, blau und grün beſprenkelnde Flur. Dort habe ich luftige Gedanken, denn ſie ſind Hoffnung. Aber die Hoffuung macht mich zu Schanden. Du läſſeſt — — 109 mich nicht mehr zu Deinen Füßen ſitzen, wenn ich Dich ſchon befreite, wenn ich ſchon mein Blut vergoß, als ſie mich peitſchten, weil ich bei Dir war. Geh hin, haſt Du geſagt? ich will's. Ich habe die weite Welt einmal geſehen, und vielleicht tröſtet mich nur die Welt für das, was ich hier verlaſſe.“ Die Oberin erwiederte mit Wehmuth:„Unſeliges Kind mit dem Antlitz eines Mannes! was willſt Du draußen, Du ſchwacher Bube? hier verlierſt Du alles, und gewinnſt draußen nur den Tod!“— Der Jüngling lächelte un⸗ gläubig, und verſetzte ſchnell:„Sterbe ich hier an Gram, ſterbe ich draußen an Wind und Sturm, was iſt verloren? gehört hier nicht alles mein? aber ich kann Dir's nicht rauben, weil Du jetzt mein Reich beſitzeſt, und weil ich Dich verehre, ob Du mich gleich haſſeſt. So gehe ich lieber und fürchte mich nicht, denn er ſagt, daß ich draußen ein Herr ſeyn werde, gefürchtet von meinen Leuten, ein reicher Mann mit Roß und Speer und goldnen Ketten. Er will mein Führer ſeyn, mich zu hohen Ehren bringen. Vielleicht vergeſſe ich dann die harte Mutter Geißlin, wie mich die leibliche Mutter vergaß.“ Die drei Nonnen ſahen ſich wechſelſeitig verwundert an, wiegten die Häupter mit ängſtlicher Bedenklichkeit, und Hailwig miſchte ſich mit den Worten in's Geſpräch:„Du wirſt betteln gehen, Narr, und am wilden Weg im Elend ſterben.“— Da erhob der Jüngling drohend ſeinen Finger, und murrte der Nonne entgegen:„Wer ſpricht mit Dir, fürwitziges Weib? ſchiltſt Du mich einen Rarren, wie vor⸗ dem einen Affen? geh ſelber hin zum Narrenhäuschen, und ſchreie nach Deinem Kinde, und höre, wie der lahme Junker Dich verlacht!“— Hailwig erbleichte und Giſela wollte dem Zürnenden Stille gebieten. Aber er ſprudelte fort:„Gelt, er iſt nicht gekommen? ich hab's gedacht, er „ 110 hat mich belogen, aber betrogen hat er Dich. Es iſt mir wie ein Traum, aber ich weiß nicht, was aus dem Junker wurde. Habe ſo viele Menſchen geſehen, Kaiſer und Für⸗ ſten, Ritter und Pfaffen, ganze Leute und zerriſſenes Volk was ſchere ich mich um den Lahmen, was ſchere ich mich um den Blinden, der mir auch von der Seite kam, wie er mir begegnete, gerade wie ein Geſpenſt? was ſchere ich mich um Dich, Du böſe Zunge, Du feile Nonne? laß auch mich zufrieden. Er hat mir geſagt, ich ſollte nicht lange fragen, auf und davon gehen mit ihin. Er wollte es, aber ich that's nicht, wollte mein hartes Mütterlein noch einmal ſehen. wohl zum letztenmal!“ „Wenn Du nicht aufhörſt, ſo ungeberdig zu toben, ſo laſſe ich Dich ſtrafen!“ rief Giſela drohend, und ſetzte, da Poppele plötzlich geſchmeidig wurde, ſtrenge zu:„Was ſteckt hinter Deinem verwirrten Geſchwätze? wer iſt der, welcher Dir befiehlt, mit dem Du gehen ſollſt? verſchweige nichts, und ſchmähe nicht die Schweſtern des Convents, wel⸗ cher Dich mit Wohlthaten überhäufte, poche nicht auf den Dienſt, welchen Du mir gethan. Nur dem Frommen bin ich dankbar, der Beſeſſene gehört in Zucht und Bande!“ Der Jüngling machte ein unbefangen neugieriges Ge⸗ ſicht, und fragte dagegen:„Was kann ich dafür, daß Du mich beſitzeſt? habe ich Dir nicht ſchon geſagt, wie alles ge⸗ kommen iſt? habe ich nicht geredet von dem alten Manne, der zu mir trat, als ich am Bache fiſchend ſaß? anfangs dachte ich, es ſey Gott Vater; dann ſah er mir zu ſchlecht dafür aus, und ich meinte, es ſey der Sterndeuter, und dann beſann ich mich, daß der Alte blind ſey, und mein neuer Freund hat Augen, hell und ſcharf, wie ein Raub⸗ vogel. Er redete liebreich zu mir, und ſeine Worte thaten mir wohl. Da zog ich einen Fiſch, und freute mich ſeiner ſilbernen Haut. Der Alte aber ſagte, er wolle mir zu 111 ſchönerem Silber helfen, wenn ich ihm verriethe, was aus des Friſchhanſen Buben geworden ſey. Ei, ich ſagte es ihm. Er lachte vergnügt, ſtreichelte mich, und befahl mir, ihm zu folgen, denn er wolle mich reich und glücklich ma⸗ chen. Jetzo entgegnete ich ihm aber, daß ich die Kloſter⸗ mutter fragen müſſe, und drohte ihm mit Schlägen, da er der Kloſtermutter ſpottete, und meinte, das alte Weib müſſe man nicht fragen. Er hat Dich alt geſcholten, Du bös Mütterlein, und ich habe darüber gelacht, und ihn einen Narren geheißen. Sodann bin ich hergelaufen, und der Narr wartet draußen auf Beſcheid. Willſt Du nicht mei⸗ nen Tod, ſo ſprich ein freundliches Ja. Das Feſt aller Seelen kommt bald, denke ich, aber ich ſterbe ſchon vorher, wenn ich bleiben muß; gewiß ſterbe ich vorher. Sie wer⸗ den mich eines Morgens vor der Kloſterthüre ſitzend finden, wohin ich alle Nacht ſchleiche, denn alle Nacht ſagt mir ein Engel, Dn würdeſt kommen, und mir erlauben, wieder einzutreten, auf Deiner Schwelle zu ſchlafen. Aber auch die Engel lügen, und ſo werde ich eines Morgens todt ſeyn, und Dir wird's nicht helfen. Mir hilft vielleicht die Welt, eine ſtarke Arznei. Laß mich ziehen, laß mich hinaus⸗ gehen; ſpare Dir den Schmerz, über meiner Leiche zu wei⸗ nen, was Du ſicherlich thun würdeſt, weil der Haß des ei⸗ nen ſtirbt, wenn der andere mit ſeiner Liebe erbleicht.“ Tiefe Beklemmung bemeiſterte ſich der Zuhörerinnen, daß auch Hailwigs Augen naß wurden, und Giſela ſich nicht enthalten mochte, zu erwiedern:„Wenn Du wüßteſt, grauſamer Menſch, wie Du mit lächelndem Munde und gleichgültiger Stirne mein Herz quälſt, ſo müßteſt Du Dich ſchämen und verſtummen vor Deiner eigenen Ungerechtig⸗ keit. Aber was könnte man Dir zurechnen? Du vermagſt nicht, Deiner Freundſchaft oder Deinem Haſſe zu gebieten, biſt ein ſchwaches Rohr, wählſt nicht zwiſchen Glück und 112 Unglück. Wie ich leiden muß, daß Du an mir hängſt, ſo leide ich, daß Du mich ſchiliſt und mißkennſt. Ich bete für Dein Leben, und daß Gott Dich erleuchten möge; will nicht Deinen Tod. Aber ich ängſtige mich für Dich, ſo Du in die Welt ziehſt, und frage billig, was Dein ſoge⸗ nannter Freund, der alte Schwätzer, für Dein Haupt und Glück einzuſetzen vermag. Haſt Du nur von ihm geträumt? trieb er ſeinen Scherz mit Dir? es gibt der Ruchloſen viele, die mit blöden Kindern Kurzweil haben.“ Crescenz antwortete für Poppele:„Der Knab hat nicht geträumt; vor dem Kloſter ſteht der Mann. Was er eigent⸗ lich will, was er im Schilde führt, Eure Weisheit, fromme Mutter, wird es ſchnell ergründen.“—„Bringe den Mann herauf,“ ſagte Giſela nach einigem Bedenken zu Poppele, der mit Cresrenz ging, nach der Oberin Geheiß zu thun. Giſela ſchloß behende den eiſernen Laden, und ſprach zu Hailwig, die in Gedanken verloren ſtand:„Wie iſt's, meine Schweſter? haſt Du Deinen Sinn geändert?“—„Vergib meinem ſchnöden Argwohn,“ flehte Hailwig und küßte die Hand der Priorin:„Die verzehrende Flamme lodert min⸗ deſtens nicht in Deiner Bruſt. Der arme Knabe wäre jedoch im Paradieſe wohl am beſten aufgehoben.“—„O ſchweige,“ verſetzte Giſela mit frommer Ermahnung:„und wünſche nicht einem Menſchen den Tod. Lebt nicht der Herr, welcher durch ein Wunder den Unglücklichen zur Be⸗ ſinnung rufen kann? vereinige lieber Deinen Scharffinn mit meinem Urtheil, daß wir den Aermſten nicht einem böſen Schickſal preisgeben. Der ganze Hergang ruht, wie ich fürchte, auf einem ſchlimmen Mährlein. Was ſoll mit dem Buben geſchehen? iſt mir doch, als käme es von der Richardis, welche ſicherlich einer ſchlau erſonneneu Rache nicht müßig geht.“—„O die böſe Hexe!“ ſeufzte Hail⸗ wig:„hat nicht Marie, die Tagwerkerin, erzählt, daß Ri⸗ —,— 113 chardis, als eine Bauerfrau vermummt, von ihr geſehen wurde, in der Gegend ſtreifend?“—„So iſt's; auch der Müller wollte ſie nah bei Holzelfingen verſpürt haben, ſie ſaß kaum einer Feldlängs weit von ihm, nächſt der Steige, und verſchwand, da er auf ſie zuging. So betheuerte der Mann.— Aber dieſem Volke und dem Geſinde iſt ſchwer zu trauen; ſie hängen alle noch an dem Weibe, das ihnen Thor und Thür zum bockern Wandel offen ließ. Sie die⸗ nen ihr noch immer, mindeſtens mit Lügen, bis es räthlich ſeyn wird, es mit Werken zu thun.“—„Ach, heilige Mut⸗ ter! die Feindin nahe bei Holzelfingen? was geſchieht mit meinem Söhnlein? wird die rachgierige Frau nicht dem Kinde ſchaden wollen, deſſen Mutter ihr verhaßt iſt?“— „Vertraue dem Himmel, reuige Kloſtertochter, und wende Dein Auge von der Erde nach oben. Damit Du es thun könneſt, folge endlich meinem ſchweſterlichen Rathe. Be⸗ kenne demüthig Deiner ehrwürdigen Groß mutter, was Du verbrochen; bitte, daß ſie des Würmleins ſich erbarme, deſ⸗ ſen Vater tückiſcher als ein Wildthier, der heiligſten Pflich⸗ ten, der heiligſten Sühne vergißt.“ Hailwig antwortete nicht, denn die aufrauſchende Thüre endigte das Geſpräch. Poppele, Crescenz und der Fremde gingen in die Sprachſtube ein. Giſela lüftete ein wenig den ſchwarzen Umhang, ſendete durch die Eiſenwand einen neugierigen Blick nach dem Gaſte, und ſank beinahe ohn⸗ mächtig an Hailwigs Bruſt, deren Arme ſie umfingen, de⸗ ren Lippen fragen wollten. Schnell gewann ſich Giſela ſelber wieder, winkte der Freundin, jede Aeußerung des Er⸗ ſtaunens zu unterdrücken, und raunte ihr die Bitte zu, an ihrer Statt den Fremden in die Frage zu nehmen.— Dieſer hatte ſich leiſe und ehrerbietig der Sprachwand genä⸗ hert, und wartete, daß man ihn anrede. Da noch alles jenſeits ſtille blieb, klopfte Poppele voreilig, wiederholend Nonne von Gnadenzell. MII. 8 114 ſeine Bitte, daß aufgethan würde. Er unterbrach ſich jevoch beſtürzt, als Hailwigs Stimme wie durch einen Helmſturz ſeiner Mahnung antwortete:„Gib Friede, zudringlicher Bube, und Ihr, alter Man„hebt Euern Spruch an, da⸗ mit ich höre, was Ihr begehrt, und was Ihr mit dieſem Menſchen vorhabt.“— Eine gleißende Zunge ließ ſich als⸗ dann vernehmen:„Hochwürdigſte Frau Mutter, der es nicht verborgen iſt, wie der Fürſehung Pfade wunderlich und duukel ſind, Ihr werdet mit Staunen hören, was der Herr über dieſen blödſinnigen Menſchen des Glückes ſo viel auszugießen begehrt.“ Nach dieſem Eingang horchten die Nonnen geſpannt, und Poppele, der Erzählung ſeines Freundes lauſchend, vergaß beinahe, daß nicht ſein lieb Mütterlein, ſondern Hailwig das Wort führte. Der Er⸗ zähler ließ ſich weiter hören:„Es ſind ſchon oftmals der fürnehmſten Herren Kinder in bäueriſche Lumpen geſteckt, und dem Elend hingegeben worden, damit ihre Herkunft nicht verrathen, oder ihnen ein Erbe nicht zu Theil werden möchte, nach welchem andere Blutsfreunde die Hände gerne ausſtrecken. Ein ſolches Lvos fiel vieſem Knaben, der, einem edeln Stamm entſproſſen, von einem geizigen Bruder ſchnöde verkauft und geopfert wurde, wie es weiland dem keuſchen Joſeph widerfuhr.“ „Ach, der Böſewicht!“ flüſterte Giſela mit ſteigendem Unwillen, während Poppele in die Hände klatſchte, und rollenden Auges rief:„Es ſtand geſchrieben; der Tag iſt gekommen. Bin ich nun ein Königsſohn oder nicht? ſpot⸗ tet Ihr noch meiner, diebiſche Kloſterfrauen? verachteſt Du mich noch, Du, ihre Mutter?“— Dazwiſchen fuhr Hail⸗ wigs ſcharfer Befehl:„Genug! ſchweige, wer zu ſchwei⸗ gen, rede, wer zu reden hat.“— Worauf der Andere ge⸗ horchte:„Ich bin hinter das Geheimniß gekommen; Gott erleuchtete einen unwürdigen Knecht, damit der Enkel rit⸗ —,——————— —,———————— 115⁵5 terbürtiger Ahnen aus dem Staube erhoben werde. Mir iſt bewußt, wie der verſtoßene Knabe, ſchier noch ein Säugling, ſein Leben nur der Barmherzigkeit des Mannes verdankte, welchem nicht undeutlich befohlen worden, das überläſtige Kind zu tödten. Chriſtliches Mitleid legte ihn dem Waldbauer Friſchhans in die Arme, und dieſer iſt des Friſchhans Pflegeſohn, und günſtig der Augenblick, ihn ſei⸗ nen Brüdern wiederzugeben, welche nach ihm verlangen, wie ſie ihn haßten vordem.“—„Eine recht ſeltſame Be⸗ gebenheit. Reichthum, Adel und Glanz ſtehen dieſem jun⸗ gen Menſchen zu Gebot? Das Glück dürfte wahrlich keinem bedürftigeren Sohne ſeine Gunſt zuwenden.— Und Ihr, einem verkündigenden Engel zu vergleichen, wollt die Mühe auf Euch nehmen, den Verbannten in ſein Erbe zurückzu⸗ führen?“—„So will ich, als mir Gott helfe, ſonder Eigennutz, Prangen und des Lohnes Hoffnung, allein aus chriſtlicher Milde, gehorſamend der himmliſchen Schickung.“ „Unerhörte Lüge!“ grollte wieder Giſela vor ſich hin, und ſchob die Freundin von dem Sprachgatter, als ſie juſt fragte:„Womit wollt Ihr beglaubigen, was Ihr ſo wich⸗ tig meldet?“— Der Nothhelfer verſetzte mit dem Tone eines Biedermannes:„Ich habe kein Pergament herfürzu⸗ bringen, und nicht ein ſiebenfaches Zeugniß. Doch wird alles ſchnell entſchieden ſeyn; der Weg iſt nicht allzuweit, und auch den Namen des Geſchlechts, deſſen Sprößling vor Euch ſteht, vertraue ich gar zu gerne Euerer zarten Verſchwiegenheit.“ Als er ſich bereitete, mit vollen Backen Wort zu bal⸗ ten, konnte Giſela ihrem Zorn nicht länger gebieten, riß das Gitter auf, trat mit unverhüllter, richterlicher Stirne dem Gleißner unter die Augen, zernichtete ihn durch ihren Anblick, wie durch die beflügelte Rede, die von ihren flam⸗ menden Lippen ging:„Verſtumme und zittre, grundböſer 16 Verſucher, weil Dein Gewebe zerriſſen iſt, weil Du hier ein Weib findeſt, das von Deiner Niederträchtigkeit das gültigſte Zeugniß zu geben vermag. Kennſt Du mich noch?“ — Wie falbe Blitze fuhren des ertappten Verbrechers Au⸗ gen zu der Nonne empor, ſchloßen ſich alsdann wie im Schlummer des Todes, und ſein bleicher Mund ſtammelte: „Fräulein Geißlin, Fräulein Geißlin, wie ſehe ich Euch wieder! wehe mir, liebwerthes Fräulein, daß ich alſo vor Euch ſtehen muß. vergebet und laſſet Euern Zorn.. verzeiht, wenn ich rede als ein verwirrter Mann, denn meine Zunge ſtockt vor dieſem ernſten Gewande.“— Mit geſteigerten Vorwürfen rief ihm jedoch die Oberin zu: „Hans Gensbein, Du falſcheſter aller Knechte, verdieneſt Du Vergebung Deiner Sünden? ja zittere, ja bebe vor dieſem Gewande, Lügner ohne Treu und Glauben! Deine Verworfenheit verlockte, Deine Bosheit verließ mich; von Mutter und Vater geriſſen, von der grauſamen Welt be⸗ droht, heillos belogen und hintergangen, blieb mir zur Wahl nur das Grab und dieſes Haus. Deine Schandthat kleidete mich in dieſes fremde Gewand, aber Du, betrüge⸗ viſcher Schelm, Du trägſt noch immer den Rock des Teu⸗ fels, die Farbe des Baal. Ein Betrüger gingſt Du von mir, ein Betrüger trittſt Du wieder vor mich. Wenn ich Dir auch vergeben wollte, wie kann es dieſer arme Knabe, deſſen Einfalt Du mißbrauchen willſt, wer weiß, zu wel⸗ chem ſchändlichen Vorhaben?“ Gensbein, der ſich immer tiefer und tiefer bückte, ver⸗ ſuchte einige Worte zu ſeinen Gunſten zu ſtottern, aber Giſela, von Leidenſchaft hingeriſſen, gab nichts darauf, und zürnte immer heftiger:„Schweig Elender, und hebe Dich von hinnen! Dieſes Verbrechen wird Dir nimmer glücken. Sieh Dich weiter in der Welt um, wenn Dir nach blödſinnigen Kindern gelüſtet, nach deren Blute Du ———————————— 117 lechzeſt, um etwa hölliſche Zauberkünſte zu vollbringen; oder welche Du verkaufen willſt an gottvergeſſene Schatz⸗ gräber, die ein unſchuldig Opfer dem Teufel zinſen; oder verſprachſt Du einem Diebe, ihm ein willenlos Werkzeug zu liefern? oder haben Dich die Erzfeinde unſeres Kloſters gedungen, dieſen Thoren in ihre Gewalt zu bringen, daß ſie mit Gift ſeine Zunge tränken, und ihm ein gräßlich Zeugniß abnöthigen, mich, ihn ſelbſt und den Convent zu verderben? eiligſt mache Dich von dannen, und ſage Dei⸗ nen Hehlern, daß wir dem Teufel trotzen und ihren Kün⸗ ſten. Fleuch! danke der heiligen Mutter, daß ein ſchwaches Kloſterweib vor Dir ſteht, und nicht ein Mann, deſſen Fauſt Dich zermalmen würde, wenn der gerechte Zorn ſei⸗ ner Rede Dich nicht ſchon tödtete.“ Dem ſo unverſehens ertappten Schelm war viel ſchlim⸗ mer zu Muthe, als wenn ein gewappneter Mann ihn an⸗ geſchnaubt hätte. Die ſchwarze Traurigkeit des Orts, der Nonnen düſtere Gewänder, Giſelas edler Unwille, und der Klang ihrer Stimme, die wie aus den Himmeln tönte als eine Mahnung des Gerichts, des armen Poppele Verſtörung, der mit den wildeſten Geberden Giſelas Rede begleitete, und nur auf einen Wink harrte, denjenigen im Grimme zu zerreißen, dem er noch eben zuvor blindlings vertraut,. alles dieſes wirkte mit vereinter Macht auf Leib und Seele des Böſewichts, daß die letztere verzagte, und der erſtere von dannen flog. Kaum vermochte Crescenz zu folgen, mit dem Zittern der Todesangſt erwartete er, daß die Pforte aufging, ſtürzte ſich dann in's Freie, verſchwand alſobald hinter Mauern und Gebüſchen. Als Crescenz zurückkehrte, fand ſie den Jüngling zu Giſelas Füßen niedergekauert, ihren Mantel küſſend, ent⸗ brannt in Entzücken. Hailwig ſtand theilnehmend vor ihm, — Die Pförtnerin ſagte:„Das war ein harter Sturm. 118 eine wunderliche Begebenheit. Wollt Ihr nicht, würdige Frau Mutter, daß ich den Poppele hinauslaſſe, und dem Miüller wiederholt und ernſtlich empfehle...2—„Nicht doch,“ antwortete Giſela ſanft:„wenn ſolche Ungeheuer vor der Menſchen Wohnungen lauern, iſt es an der Zeit, dem Sohne, den uns Gott ſchickte, mütterliche Liebe zu be⸗ weiſen. Räumt ihm ſeine alte Schlafſtelle ein. Bis jeg⸗ liche Gefahr für ihn vorüber, weile er in unſerer Nähe. Poppele, Du wirſt erkennen, welche Gunſt ich Dir erzeige, und ſie nicht mit ungeberdigem Thun und meuteriſchem Trotz vergelten.“— Mit verklärten Augen erwiederte Pop⸗ pele:„Ich bin Dein Hündlein, und glücklich zu Deinen Füßen. Der glückliche Hund beißt aber nicht.“ — — Siebentes Kapitel. Als von mir eine Frau, von Gottes reicher Hand Mit größrer Schoͤnheit, denn mit Hab und Gut verehret, Mit fliegendſchoͤnem Haar und lumpigtem Gewand Um Gott in ihrer Noth ein Stuͤcklein Gelds begehret; Empfand mit Andern ich, daß ihrer Augen Brand Viel mehr, denn ihre Vitt mit Lieb' das Herz verſehret Und daß ihr Haupt und Leib ſich, ihrem armen Stand Zuwider, einen Schatz unſchätzlich reich vermehret. Darum, o reiche Frau, ſprach ſeufzend ich zu ihr, Was bettelt dieſer Mund, der wuͤrdig zu befehlen? Und deſſen Reichthum mich verarmet gegen Dir? Denn nicht Rubin ihm, nicht die reinen Perlein fehlen, Und Deines Hauptes Gold will, daß, ſelbſt Bettler, wir Uns Deiner Freundlichke it und Lieb' mildreich befehlen. Rudolph Wekherlin. Das Kind ſchlummerte ſüß auf ſeinem Strohlager, um den ſchneidenden Herbſtwind, welcher draußen ſtürmte, wie um den Qualm der Hütte gleich unbekümmert. Die Wanderin im gemeinen Kleide betrachtete den Säugling mit verſchränkten Armen, und ihre Blicke ſpiegelten wun⸗ derlich bald den wilden Haß, bald das Mitleid, das in jedem Weiberherzen ſein Plätzlein hat. Da kam die Pfle⸗ gerin des Kleinen, die arme Gottliebe, und gewahrte nicht ſobald den Gaſt ihrer Hütte, als ſie ein Kreuz ſchlug, und 120 erſchrocken ausrief:„Ach heiliger Velten und alle Helfer in Noth und Krankheit! was führt denn Euch wieder hie⸗ her, Frau Mutter? das jüngſte Gericht wäre mir eher eingefallen!“— Die Mutter Richardis wendete ſich mit ſirengen Mienen zu ihr, herriſch fragend:„Bin ich Dir überläſtig, undankbare Kreatur?“— Gottliebe bückte ſich, trocknete eine hervorquellende Thräne von der Wange, und verſetzte demüthig:„Das wolle Gott verhüten, aber Richardis Augen ſprühten Funken, ihre Rede wurde zum bittern Vorwurf:„Aber? o du böſes verdorbenes Weibsbild! Du gleicheſt den andern auf's Haar, die der Glücklichen huldigten, und die Betrübte verachten. Sprich Du unſelig Geſchöpf, habe ich nicht Deinen Hunger geſtillt, als Mißjahr und Peſt die Alb heimſuchten? erfriſchte ich nicht Deine Zunge mit Waſſer und Wein, als dieſes Ge⸗ birgs ſpärliche Bäche verſiegten, und ein friſcher Trunk aus dem Brunnen mehr galt, denn eine Maaß des edel⸗ ſten Sekts? ich kleidete Dich, als Du frorſt, löste Dich von dem Schuldmann, der Dich auf die Straße ſtoßen wollte; ich ließ Deinen Mann, Deine Kinder begraben, als Du nicht vermochteſt, des Pfaffen Geld aufzubringen, ich wendete Dir die Pflege dieſes Kindes zu, damit Du eine ehrliche Nahrung hätteſt. Für ſolche Wohlthaten lohnſt Du mir mit ſchnöder Rede, mit harter Unbill?“ Gottliebe war zum Weinen gebracht, und vermaß ſich hoch und theuer, daß ſie niemals aufgehört, der gnädigen Mutter Dank und Preis zu ſpenden, aber mit ängſtlichem Weſen ſtotterte ſie ſodann:„Gebietet über das Weinige, ſo mein iſt, aber. dieſes unſchuldige Würmlein„ erinnert Euch ſiets, daß es nicht Segen bringt, einen Engel Gottes zu verderben!“—„Ich verſtehe Dich nicht, Du biſt unſinnig.“—„Scheltet mich eine Wahnwitzige,“ fuhr Gottliebe mit wachſendem Muthe fort,„aber ſtraft meinen 121 Wahnſinn Lügen. Ich will Euch ehrlich geſtehen, was ich fürchte. Ich weiß ja, daß Euch groß Leid widerfahren iſt, daß Euch die Feinde vom Kloſter verſtießen, daß die Mutter Hailwig nicht auf Euerer Seite war, daß Ihr ſie nicht mehr liebt im Herzen, wohl aber diejenigen unerbittlich haßt, ſo Euch verfolgen. Aber dieſes Kind iſt ſeiner Mutter Schuld nicht theilhaftig, und dennoch, als Ihr ſo plötzlich wieder in meine Hütte gekommen, und ich mit dem Kind⸗ lein Euch allein fand, erwehrte ich mich kaum des Grauens, daß Ihr etwa beſchloſſen hättet, ihm ein Leid zu thun. Verächtliches Lächeln ſpielte um Richardis Mund, und ſie entgegnete kurz:„Der hülfloſe Wurm ſchlafe in Frie⸗ den. Du hältſt mich für eine Teuflin? was läge mir am Leben dieſes Kindes? wohl ſtrich der Gedanke durch mein Hirn, als könne ich aus dieſem Geſchöpf ein Pfand machen, das mir nützte; vielleicht hätte ich vor wenigen Tagen noch nicht allzufreundlich mit ihm verfahren, aber dazumal ſtand es anders. Ich wähnte mich ganz losgeriſſen von dem Le⸗ ben, und, wohl mir, die Furcht hat mich betrogen.“— Der armen Gottliebe ging bei dieſen Worten das Herz auf, und ſie ſprach:„Ich bekenne, daß ich ſchwere Angſt hatte, wenn ich in den erſten Tagen, da Ihr bei mir die heim⸗ liche Zuflucht nahmt, mit meinen Blicken Euch verfolgte. Ich ſchlich Euch nach, als Ihr vor dem Dorf zur Nachzeit an dem Kreuzweg ſaßt, und auf irgend einen zu warten ſchient, der nicht kam, der nicht antwortete Euerm Rufe. Ich dachte, Ihr würdet Euch den Tod geben, und da Ihr plötzlich weggingt in die Ferne, rechnete ich nimmer auf's Wiederſehen.“ Richardis gab ein Zeichen, daß es wirklich alſo hätte kommen können, fügte aber mit innerlichem Entzücken hinzu:„Ich ging ein Grab zu ſuchen, und fand einen Le⸗ benden, und neu erſtanden iſt meine Hoffnung. Doch muß 122 ſchnell gethan ſeyn, was meine ſchwachen Hände ſchaffen können, ſchnell, ehe der mächtigſte Feind nach Hauſe kehrt. Was iſt es mit dem Müller? kundſchaftet er nicht bei Dir? fragte er nimmer nach ſeiner unglücklichen Herrin.“— „Freilich hat er's gethan, Frau Mutter. Erſt geſtern war er da, und wenn ich mich noch recht beſinne, ſo wollte er heute noch einmal an dem Feldkreuz Euch erwarten. Er fuhr zu Thal, kehrte heute wieder heim.“—„Er ſoll mich finden. Nimm ein Beiſpiel an dem treuen Diener; es möchte eine Zeit kommen, wo ich abermals die Gewalt hätte, den Gehorſam zu belohnen, den Verrath zu ſtrafen.“ —„Ach, Frau Mutter, bin ich nicht ohne Falſch wie Gold? habe ich denn ein Wörtlein verſchwätzt, ob mir's ſchon öfters übel vorkömmt, die Oberin des Kloſters und Mutter Hailwig zu hintergehen, deren Freigebigkeit mich jetzo ernährt?“ Richardis erzürnte ſich ſehr, und rief mit Leidenſchaft: „Wahre Deine Zunge und entſchlage Dich der müßigen Gedanken. Die Cäcilia iſt nur ein böſes Geſpenſt, das von der Hölle heraufbeſchworen, von dem Antichriſt an meine Statt geſetzt worden iſt. Das Reich der Hölle muß aber zerfallen, und zum Fluch wird dann der Dank, welchen Du dem Satan zinſeſt, und der Eid, den ihm die Verblendeten halten. Merke Dir's, und achte darauf.“—„Ganz nach Eurem Geheiß,“ verſetzte nun Gottliebe, und küßte Richar⸗ dis Hand, was die Zürnende alſogleich beſänftigte, daß ſie gemäßigt fortfuhr:„Was gibt es Neues auf der Alb und in dem Kloſter?“—„Das Gotteshaus iſt wie ver⸗ mauert; niemand weiß, was drinnen vorgeht. Das Ge⸗ ſinde traut ſich kaum zu reden, zittert vor der ſtrengen Cä⸗ eilia und vor den Drohungen des Herrn von Würtemberg.“ —„Gut, aber nach Regen folgt Sonnenſchein. Der Wür⸗ temberger,„wer weiß, wie es ihm geht. Er liegt vor 123 dem feſten Schloſſe Hohenkrähen, dürfte leicht mit blutigem Kopfe abziehen. Hört man nichts von ihm? verſpürt man nichts von ſeinen Kriegsgeſellen?“—„Nichts, Frau Mutter. Alles ſtill, alles todt. Wir leben wie in der tiefſten Ab⸗ geſchiedenheit.“—„Um ſo beſſer; der Augenblick iſt gün⸗ ſtig, an das Werk zu gehen, und einen Streich zu thun. Gehſt Du bald in's Kloſter, Deinen Milchpfennig zu holen?“ —„In einigen Tagen, denke ich.“—„Wohl; in einigen Tagen dürfte ſich Vieles geändert haben. Ich ſcheide jetzt von Dir, will glauben, daß ich mein Heil und Geheimniß zu Treumanns Händen gegeben habe. Aengſtige Dich nicht, wenn ich zögern ſollte, wiederzukehren. Beruhige Dich wegen dieſes Kindes. Ich bin ein Weib wie Du, und ahne die Gewalt der Mutterliebe, und ehre ſie ſelbſt an der Hailwig, die ich mit Fug und Recht verabſcheue als eine Meineidige. Leb wohl; Jedem wird ſein Lohn.“ Nach einem langen Blicke auf Gottliebe ging Richar⸗ dis davon, und ſchlich mit verhülltem Haupt, daß ſie allen Menſchen verborgen bliebe, zwiſchen Scheunen und Gärten aus dem Dorfe. Gottliebe ſah ihr bedenklich nach, und kehrte ſich, wenig beruhigt und wenig erfreut, zu dem blau⸗ äugigen Buben, der aus dem Schlummer erwachte. Wäh⸗ rend ſie ihn herzte, küßte und erquickte, ſagte ſie ſtille vor ſich hin:„Mutter Richardis redet erbaulich und klug, wie die Schlange, aber ich traue ihr nicht, weiß nur zu gut, daß ſie eher in Sünden ſtirbt, als dem Beleidiger in Liebe vergibt. Wie bezwang ſie ſich, das arme Büblein from⸗ men Auges zu betrachten! aber in der heuchleriſchen Sanft⸗ muth ſteckte ein ſchlimmer Wille. Ich will das Kind vor ihr in Sicherheit bringen. Würde ich hintergangen, wer bezahlte der Mutter ihre Schmerzensfrucht? ſtehenden Fußes gehe ich zu meinem Schwager nach Gomadingen, ob er nicht etwa des Buben Pfleger ſeyn will, bis die wüſten 124 Kloſterhändel im Reinen ſind. Unterwegs zeige ich vielleicht der eingeſperrten Mutter ihr Kind. Und ſo wird mein Herz beru⸗ higt, und ich verrathe nichts von den Heimlichkeiten meiner Wohlthäterin.“— Sie ſprach's, und rüſtete mit Entſchloſſen⸗ heit alles, wie es zu ihrem Vornehmen erforderlich war. Inzwiſchen hatte Richardis das Feldkreuz erreicht, wo die Straßen gegen Engſtingen und Offenhauſen ſich trennten. Sie ließ ſich,kum zu warten, auf der Stufe nieder, und blickte über die öde Fläche nach dem Bergrande hin. Wenn ſie gleich ſich vorkam als eine Bettlerin am Wege, oder als ein verloren Weib, das ſeine Buhlen von der Heerſtraße lockt, ſo war doch ihr Herz von Freudigkeit beſeelt, und ſie ſchätzte ſich rei⸗ chemals die Welſer und Fugger, ſo arm und vernichtet hatte ſie ſchon an demſelben Flecke geſeſſen. Hier war ſie er⸗ ſchöpft niedergeſunken, da ſie dem Kloſter entwich, hier war ihr Nonnenkleid gegen den bäueriſchen Rock vertauſcht worden, der letzo ihre Glieder verbarg; hier war von der geſchwätzigen Gewandkrämerin ihr erzählt worden, wie bei Tübingen der Graf ven Würtemberg mit Räubern an einander gerathen, wie er ſie bezwungen, die ihn fahen wollten, wie keiner von ihnen entronnen, und keiner Gnade erhalten vor dem Schwerte des Siegers. Dieſe Kunde, des geliebten Oſter⸗ tags Todesnachricht enthaltend, war der Blitzſtrahl gewe⸗ ſen, der in Richardis alles Menſchliche zu tödten verſuchte, der ihre Sinne Lerwirrte, und ſie bei nächtlicher Weile hinaus zu dem Feldkreuze jagte, für ihre Sicherheit wenig beſorgt, ihrer Rache vergeſſend, um glühende Zähren zu weinen, und des gemordeten Lieblings Namen in die Lüfte zu ſchreien. Die Wolken zogen gleichgültig über ihr ſchmerz⸗ beladenes Haupt hinweg, ſtatt des Buhlen Stimme ant⸗ wortete ihr höhniſch der Sturm, und wenn die ſchauerlichen Geſpenſter, die zur Nachtzeit über die Erde ſchweifen, und das Leid aufſuchen, es zum Verbrechen zu hetzen, — 125 wenn dieſe teufliſchen Verſuchergeſtalten zögerten, die jam⸗ mernde Richardis mit Dolch und Fackel zu bewaffnen, und zum letzten Frevel zu reizen, ſo wehrte ihnen ſicherlich nur das heilige Bild, deſſen Schutz und Schirm dieſer Strich der Alb anheimgegeben war. Was an der öden Stätte den betrübten Beter erhob, den Räuber entwaffnete, dem ſchüchternen Flüchtling Muth gab, der fromme Zauber der Andacht beſchwor die Wuth, die Leidenſchaft der verzwei⸗ felnden Richardis. Sie hatte davon geträumt, den Feuer⸗ brand in des Kloſters Dach zu werfen, als ein Sühnopfer ihrer Rache Hailwigs Kind mit zerſchmettertem Schädel vor die Pforte der Gnadenzelle zu ſchle dern, den Mörder ihres Buhlen, den Herrn von Würtemberg, mit reißendem Gift zu vergeben; aber plötzlich ſchwanden dieſe Träume, und ſie wollte ihres Liebſten Grab aufſuchen, es mit ihren Thränen zu benetzen, bevor ſie die Hand in Blut tauchte. Des Weibes angeborne Milde ſiegte für jetzt über ange⸗ wohnte Härte und Verworfenheit. Richardis ging, der Weiblichkeit zu huldigen, und ärntete den Lohn dafür. Mit unausſprechlicher Luſt hörte ſie, je weiter ſie zu Thal fuhr, wie das Gerücht gelogen, wie plauderhafte Zungen den Kampf bei Tübingen entſtellt hatten. Oſtertag lebte noch, unverwundet, aber in ſtrenger Haft. Und ſie drängte ſich an das Schloß, worinnen er ſchmachtete, ihre Bered⸗ ſamkeit, ihre Schönheit fanden beſtechliche Ohren und Au⸗ gen; Oſtertags Kerkerpforte war zu öffnen, die Zeit ge⸗ ſchickt, weil der Graf im Felde lag.. aber die Wächter forderten Gold, ſchweres Gold, vollwichtiges Löſegeld. Richardis Zähren galten nicht für Juwelen, das goldigſte Frauenhaar wurde nicht für edles Erz gezählt. Da wendete ſich ihr troſtloſer Blick wieder nach dem Kloſter, deſſen ſie nimmermehr in ihrer Liebespein gedacht hatte; ſie verſprach, das Löſegeld zu ſchaffen, ſie verſicherte ſich einer kurzen 126 Geduld des Kerkermeiſters, ſie ſchwelgte in Seligkeit, da ihr der Wächter hinter fernen Gittern des Liebſten kummer⸗ gebeugte Geſtalt zeigte, wenn dieſer ſchon nicht leiſe ahnte, daß ſeine Freundin in der Nähe ſey. Auf windſchnellen Sohlen kam ſie zur Alb zurück, mit entſchloſſenem Sinn, alles zu wagen, alles daran zu ſetzen, ihr höchſtes Gut frei zu machen. Darum war ſie glücklicher heute als die Fugger und Welſer mit ihren Schätzen, darum ſpottete ſie der traurigen Gegenwart, hoffend auf den Tag, der da kommen würde, mit Sieg und Siegesfreude. Ihr Wille war neu geſtählt, ihr Entſchluß ein feſter Panzer. Was ihre Liebe, bald zart, bald herriſch begehrte, bereitete ſich ihre Hand zu gewinnen, ob mit ſanftem Streicheln, ob mit rauhem Fauſtſchlage. Wahyrlich hatte ſie mit gleisneri⸗ ſchen Worten Gottliebe umſtrickt, wahrlich verzichtete ſie nicht, Hailwigens Kind als ein Pfand zu gebrauchen; nur ſchauderte heute noch ihre Seele davor zurück, Leib und L Leben des Säuglings zu verderben. Sie hoffte ja wieder mit Oſtertag ſich zu vereinen, ſie hoffte ſelber auf Mutter⸗ freuden. Es gingen wenig Leute an ver Einſamen vorüber; die Herbſtzeit machte nachgerade die Albfläche zu einer Wüſte. Endlich kam der erwartete Mann, der Kloſtermüller, ein Schlaukopf, deſſen Witz nur von ſeiner gemeinen Nieder⸗ trächtigkeit erreicht wurbe. Es war ihm alles feil, das Geringſte wie das Höchſte, und der freche Kloſterwandel, wie er unter Richardis geweſen, hatte den Schelm nicht beſſer gemacht. Schmeicheln und Kriechen war ihm tägliche Gewohnheit; blindlings that er, was ihm befohlen wurde für und wider ſeine Freunde, brachte es ihm nur Gewinn. — Mit demüthiger Vertraulichkeit begrüßte er die ehemalige Priorin, ſchickte eine bewegliche Klage über die Vergäng⸗ lichkeit aller Dinge voraus, und ſagte zudringlich:„Wo 127 habt Ihr denn ſo lange verweilt, würdige Frau Mutter? ich verzweifelte bereits, Euch noch einmal ſagen zu dürfen, wie treu ergeben ich bin.“—„Wohl; es zu beweiſen, gebe ich Dir Gelegenheit. Der Apfel iſt reif, muß vom Stamme fallen.“—„Ich will ehrlich ſchütteln; ſagt nur, wo und wie.“—„So wiſſe, daß der Biſchof ſowohl als der Kanzler des Grafen geneigt ſind, Alles wieder in's ehe⸗ malige Geleiſe zu verſetzen. Der Kaiſer, für den Erzherzog von Tyrol Parthei ergreifend, will den Würtemberger mit Acht und Bann belegen. Alle Zeichen ſtehen gut für uns, nur bedarf ich des Goldes, weil derjenige verachtet wird, der mit leeren Händen kömmt.“— Der Müller kratzte ſich hinter den Ohren, und verſetzte ängſtlich:„Würdige Frau Mutter, bei Skt. Wendels Gebeinen beſchwöre ich's, ich habe nicht Gold, noch Goldeswertb.“—„Erbärmliches Müllerthier, habe ich's von Dir verlangt? im Kloßter ſteht N eine Truhe, die mein redlich Eigenthum iſt, und worinnen ſich mehr findet, als vonnöthen, des Biſchofs und des Gra⸗ fen Kanzlei zu beſtechen. Wie alles Uebrige, ſo haben meine teufliſchen Feinde auch dieſes Schatzkäſtlein mir ge⸗ raubt, ſchändlich zurückbehalten. Mein Sinn ſteht aber darnach, und Du ſollſt mein Herold ſeyn, daß ſie mir's erausgeben.“—„So! wie fange ich das an? mir wär's ein gemähtes Wieslein, Euch zu dienen, und wahrlich lie⸗ ber als Gebratenes. Aber helft meiner Dummheit auf die Sprünge.“—„Tritt hin vor die Oberin von Satans Gnaden, die zu dieſer Friſt im Kloſter herrſcht, und ſage ihr, ich hätte Dich gemahnt, ihr zu melden, daß ſie un⸗ verzüglich das Käſtchen aus ihren Händen gebe, welches hinter dem Umhang meines Betſchemels verborgen ſtand. Würde ſie deſſen ſich weigern, ſo fiele auf ihr Haupt alle Verantwortung und Rechenſchaft des Verderbens, ſo über den ganzen Convent hereinbrechen wird. Nicht ihr Leib, 128 nicht der Nonnen Leben ſoll verſchont ſeyn, kein Stein des Kloſters fürwahr auf dem andern bleiben, und das erſte Opfer meiner Rache ſey das Kind der gottloſen Hailwig. Sage ihr, ich würd' es ihr zuſchicken als einen blutigen, entſeelten Leichnam. Das wird helfen, denke ich, denn Du ſelber erbleichſt, und die Cäcilia iſt ein feiges Weib.“— „Ihr gebt mir da einen garſtigen Auftrag, gnädige Frau Mutter, doch will ich ihn vollbringen. So finſter und hart auch die Oberin iſt, thut ſie doch alles für ihre werthe Schweſter Hailwig. Man drohe dieſer oder dem Narren Poppele, und alles wird geſchehen, was man begehrt.“ —„Verrichte alſo munter Dein Geſchäft, und zähle auf meinen Dank. Sage mir, wo ich Deinen Beſcheid erwarten darf. Holzelfingen iſt zu weit vom Kloſter entlegen; auch fürchte ich, daſelbſt nicht verborgen bleiben zu können.“— „Ei, ich wüßte ſchon einen flill verſchwiegenen Ort, wenn Ihr Euch nicht vor der Einöde fürchtet; wenig entfernt von Offenhauſen, in einſamer Schlucht, umzogen von Forſt und Geſtrüpp.“—„Nenne den Ort. Ich bin ein verſtoßenes flüchtiges Weib, und ſcheue keine Gefahr.“— „Nun die verlaſſene Hütte des Waldbauern meine ich.“ —„Des Friſchhanſen Hütte2 gut, ich will dort ſeyn.“ „Morgen denn, würdige Mutter.“—„Worgen? ſaumſeliger Bote, eine Stunde gilt mir für eine Ewig⸗ keit. Heute noch. Heute Abend kannſt Du Dein Geſchäft vollzogen haben. Bevor es dämmert, ehe die Sonne un⸗ tergeht, ſehe ich Deiner Antwort entgegen.“—„Meinet⸗ wegen auch das. Ich bin zuverläßig, ein handlicher Geſell. So Ihr wieder zur Gewalt kommt, vergeßt mich nicht.“ Behende machte ſich der Müller auf den Heimweg, und Richardis überlegte wohlgefällig, was ſie ſich vorgenommen: Alle zu täuſchen, nur nicht den geliebten Gefangenen, deſ⸗ — 129 ſen Ketten ihr Herz wund drückten. So geſchah es, daß ſie in ihren Betrachtungen verloren, das Geraſſel eines näher kommenden Wagens nicht eher vernahm, als bis derſelbe vor dem geldkreuze hielt, weil die Stränge ſich verwickelt hatten, und der junge Mann, welcher die Pferde leitete, abſteigen mußte. Dieſen Augenblick des Stillſtands benutzte die unter dem Decktuche des Wagens ſitzende Frau, ihr Gebet vor dem Kreuze zu verrichten. Sie neigie ſich aus dem Fuhrwerke, lüpfte die Reiſekappe von ihrer Stirne, griff nach dem Roſenkranz; und Richardis, die ſchier unbe⸗ merkt am Kreuze ſaß, ſah deutlich, wie aus der dunkeln Staubkaputze Zug für Zug das ſchöne Geſicht ihrer Schwe⸗ ſter Mechtild zum Vorſchein trat.„Schweſter!“ ſchrie Ri⸗ cardis, der ſich ein Himmel in dieſem verwandten Antlitz öffnete. Da entfiel der Roſenkranz den Händen der Mech⸗ tild, und mit Verwunderung ſah auch ſie, wen ſie vor ſich hatte, und entgegnete:„Biſt Du's, Schweſter Priorin? wer verrieth Dir meine Reiſe, und welch ein ſeltſamer Faſtnachtsſtreich, mir entgegen zu kommen, angethan wie eine Zigeunerin?“— Der Verdruß, eine kummervolle Vergangenheit mit widerſtrebender Zunge wieder erzählen zu müſſen, demü⸗ thigte Richardis Freude. Die Nonne ſchwieg, um ſich zu ſammeln, wartete auf Erleichterung an Mechtilds Bruſt, in ihren Armen. Dem geſchah nicht alſo. Mechtild, getreu ihrem fühlloſen widerwärtigen Gemüthe, rührte ſich nicht vom Wagen, ſchob nur die Vorhänge weiter aus einander, rang die Hände als ein Zeichen troſtloſer Ueberraſchung, und kreiſchte dem jungen Fuhrmanne zu:„Mein doch, ſieh doch, Utz, kannſt Du's glauben? das iſt meine Schweſter, die Predigerfrau. Reime Dir's, Utz, wenn Du kannſt. Wir fahren hin, die Priorin aufzuſuchen, und finden dieſe Land⸗ Nonne von Gnadenzell. III. 9 130 ſtörzerin! Du mein Heiland, iſt es denn auch wahr, 25 ich ſehe, oder narrt uns ein Hexenblendwerk?“ Nun kam auch noch der junge ſchlanke Mann hinzu, betrachtete die ſchamrothe Richardis mit frecher Neugier, vom Kopf bis zu den Füßen, ſtemmte die Hände in die Seite, und lachte:„Eine feine Schwägerin! wo ließeſt Du Dein Ordenskleid, Schweſter Richardis? es iſt nicht ehrlich, vor einem ſchmucken Schwager in Lumpen zu er⸗ ſcheinen.“— Der Verſpotteten kamen Thränen des Grimms in die Augen, und ſie ſchluchzte mit keuchender Bruſt:„Laßt mich in Ruhe, loſer Geſell, den ich nicht kenne. Mit Euch will ich kein Wort reden, aber zu Dir empor ſchreien, Du hartherzige Schweſter, bis die Stimme des Bluts in Deine tauben Ohren dringt.“ Und nun begann ſie leidenſchaftlich zu erzählen, wie es ihr ſo übel ergangen; aber je dringen⸗ der ſie ihr Unglück an den Tag ſtellte, je kräftiger ſie ihren Zuhörern in's Gewiſſen redete, um ſo weniger verfingen ihre Worte. Ulrich ſchien etwa nicht ungeneigt, der ſchönen Frau ſein Mitleid zu ſchenken; aber Mechtild geberdete ſich fort und fort wie toll und thöricht, und wüthete von ihrem Leiterkarren herunter mit bitterlichen Schimpfworten gegen die Schweſter:„Das muß ich ſagen! unſere Sippſchaft alſo zu beleidigen, Vater und Mutter in der Erde zu ſchim⸗ pfiren! um Deines gottloſen Wandels willen hat man Dich weggejagt? eine Kloſtermutter und ſolch ſchandlich Leben! ſage nimmer, daß wir Schweſtern ſind, und Du, liebſter utz, laß Dich nicht berücken von ihren falſchen Augen. Denke, daß alles, was wir haben, vou mir kömmt, daß unſere Kinder einmal nicht durch dieſe Hungerleiderin ver⸗ kürzt werden dürfen. Setz Dich auf, lieber utz; ich rathe Dir, daß Du nicht ſäumſt, lieber Utz; Du kennſt mich.. Ueberlaſſe dieſe Landſtreicherin ihrer Schande.“ Richardis kannte ſich nicht mehr, der Faden ihrer Ge⸗ 131 duld zerriß, und ſie entgegnete, die Hände drohend erhoben: „O pfui über Deine ſchwarze Seele, Du verdammliches Weib, welches da wüthet gegen ſein eigenes Blut! als ob Du beſſer wäreſt, denn ich, als ob nicht Dein Wandel der ſchlimmſte wäre auf Erden! Bin ich ſchwach geweſen, habe ich gefehlt, ſo geſchah es vielleicht im wilden Taumel, aber Dein Leben war ſtets Betrug und Heuchelei. Schweige darum, Du gefällige Dirne eines alten blödſinnigen Wüſt⸗ lings, welchen Du belogen, beſtohlen, mit den Seinen ent⸗ zweit, um Seligkeit und Frieden gebracht haſt. Schweige, Du Verführerin von jungen Geſellen, mit welchen Du im Lande ſtreichſt in üppiger Wolluſt, während Deine Schwe⸗ ſter an offner Heerſtraße verkümmert!“ Wie ſich nun Richardis in aller Fülle ihres Zorns ausſprach, ſo ſpannte mit nachgiebiger Tücke Mechtild die Saiten herab, und verſetzte mit weinerlicher Scheinheilig⸗ keit:„Ach, wie Du mich verläumdeſt, ach, wie Du mich ſchmähſt! Herr Seybold würde ſich im Grabe umdrehen, ſo er Dich hörte, der liebe Biedermann. War die Minne Betrug, womit ich bei ihm aushielt bis an ſein Ende? habe ich nicht meine Jugend geopfert, ihn zu beglücken? freilich, jetzo iſt er dahin, kann nimmer das Wort für mich nehmen. Dazu iſt aber mein lieber Utz beſtellt, mein Mann, und von Prieſter und Kirche eingeſegneter Eheherr. Verſtumme da⸗ her Du ſelber, verblendete Schweſter, denn ich habe kein Kloſtergelöbniß gebrochen, und fabre durch's Land als ein ehrliches Biederweib.“— Dieſe Anrede kältete die Wuth der Nonne bis zur tiefſten Verachtung ab, daß ſie, einen kurzen Blick in das Innere des Wagens werfend, ſagte: „So fahre denn zu in aller Märtyrer Namen, zuſammt Deinem Eheherrn und dem reichlichen Erbe Deines alten Buhlen! zittre jedoch vor dem Segen, den ich Dir nachrufe, Deinen ſchweſterlichem Empfang zu vergelten.“ 132 Richardis ſetzte ſich mit gelaſſenem Trotz am Fuße des Kreuzes nieder, das Kinn auf ihre Hände geſtützt. Mech⸗ tild und Ulrich, beide unwiſſend und abergläubiſch, erbebten wirklich vor dem angedrohten Fluche, betrachteten mit Sorge die vielen Kiſten und Kaſten, welche ſie auf dem unſchein⸗ baren Leiterwagen mit ſich führten, zitterten für ihre Habe, für ihr Glück. So raubt zuweilen eine kecke Drohung dem kleinmüthigen Schelm allen Rath und Zuverſicht. „Du Unglückliche!“ ſeufzte Mechtild,„ſind wir nicht ſelber geſchlagen von der Geißel, welche Deinen Räcken traf? wir hofften, hinüberziehend nach dem See, wo mein Utz daheim iſt, für eine Weile in Deinem Nonnenhauſe Zuflucht und Aufenthalt zu finden, denn wir ſind nicht frei von Neidern und mißgünſtigen Feinden. Nun fällt uns dieſe Hoffnung in den Brunnen, und ich kann mir nicht vor⸗ ſtellen, was für Dich zu thun wäre?“— Richardis lächelte bitter, antwortend:„Nichts. Du haſt mir die Geißel auf den Hals geſchickt, die mich vom Tempel verjagte. Freue Dich alſo Deines Werks und ziehe weiter, weil eine Zu⸗ flucht bei mir, die ſelbſt kein Obvach hat, nicht zu finden iſt. Die Strafe iſt jedoch der Falk, der im verborgenſten Winkel die Bosheit ereilt.“ Den jungen Eheleuten wurde ſtets übler zu Muthe. Urich wagte, mit ſcheuen Blicken bei ſeinem Weibe eine Fürſprache einzulegen, aber mit gehäſſigem Antlitz ſchreckte die Eiferſüchtige die Fürbitte ab, und ſagte mit dem verlo⸗ genen Tone, der Ja in Nein verwandelt:„Wahyrlich, bei meiner Treuen, uns drängt die Zeit, und bleibt nur übrig, Dir einen Sitz auf dieſem Wagen anzubieten, damit Du von der Stelle kommſt. Wir wollen Dich gerne eine Strecke mitnehmen, und indeſſen überlegen, was Dir frommen möchte.“— Richardis ſchüttelte den Kopf:„Du meinſt es nicht ehrlich, haſt Lügen auf der Zunge, Gift im Herzen. 133 Auch darf ich nicht von dieſer Stelle; eine ſchwere, aber theure Pflicht bindet mich noch an dieſe Gegend. Ein ſchwe⸗ ſterlich Wort hätte mir wohl gethan, Deine Hülfe, Du reiche Erbin, hätte mir gefrommt. Nun iſt es jedoch ab und aus zwiſchen uns; fahr wohl bis zum jüngſten Tage.“ „Liebes Weib, ich dächte.. ließ Ulrich verlauten, aber Mechtild, die ſich auf ihren Sitz wild zurückwarf, ſchnaubte ihn an:„Ei Du fauler, läßiger Mann, willſt länger ſchwatzen, länger zögern? habe ich nicht ſchon alle ſchweſterliche Lieb an dieſer Halsſtarrigen vergeudet? hat ſie nicht alles ſchnöde ausgeſchlagen, was ich ihr darbot? treibe Deine Gäule, Utz, mache, daß wir weiter kommen; dort muß die Straße ſeyn gen Trochtelfingen. Spute Dich, und gedenke des neugierigen Knechts, deſſen Herr gewißlich in der Nähe iſt, ob wir ſchon ſeiner Begegnung entbehren mö⸗ gen.“—„Potz Blitz und Mord, was mir einfällt!“ rief Ulrich, und ſprang wie ein Pfeil, das Leitſeil in der Hand⸗ auf den Wagen.„Der Knecht des Sperberseck wie ich das nur einen Augenblick vergeſſen konnte! Jüh! Bleß, Stern und Rapp! greift aus, meine Gäule, lauft weidlich zu, daß wir in ganzer Haut ſchlafen und gerettet ſeyen!“ — Nicht einen Blick mehr ſpendeten ſie der verbitterten Ri⸗ chardis, und rollten munter, was die Gäule zogen, auf Engſtingen zu, ſtatt links nach Offenhauſen einzubiegen. Ueber dieſen Verläufen war es Mittag geworden, und die Sonne ſtand hoch. Richardis wollte nimmer an dem Platze verweilen, wo ſie vergebens das Recht der Blutsver⸗ wandtſchaft angerufen, und ihre müden Füße ſuchten den Pfad, der ſie am ſchnellſten und verborgenſten nach der Friſch⸗ hanſenhütte brächte. Eines Ackers Länge ungefähr von dem Feldkreuze begegnete ihr ein Mann, in der Kleidung eines Spießknechts, der ein altes Schwert in den Händen trug⸗ und ſich deſſelben als eines Stabes bediente. Auf die Waffe 134 geftützt, forſchte er mit verſtörten Augen in der Runde um⸗ ber, und rief plötzlich die vorübergleitende Wanderin an: „He Dirne oder Frau! Potz hinkende Gans, ſchreitet nicht ſo rüſtig aus und ſagt mir, wo es Offenhauſen zugeht. Das iſt ein verwünſchtes Land mit ſeinen dürren Aeckern und ſteinigem Boden, ein troſtlos Blachfeld, und dahinter wilder Forſt ohne gebahnte Straße!“— Der vertrauliche Anruf befremdete die ſtolze Richardis, doch erinnerte ſie ſich gar bald, daß ihr jetzig Gewand die plumpe Zudringlichkeit rechtfertige, und erwiederte mit dem Ton einer Bäuerin: „Ich geh ſelber eine Strecke weit dem Kloſter zu, könnt mich begleiten, wenn Ihr wollt. Was habt Ihr aber dort zu ſchaffen?“— Landſäß, der in dem grauen Wamms ei⸗ nes reiſigen Knechts neben ihr lief, lachte ihr in's Geſicht ⸗ und ſpottete:„Ich werd's nicht gleich Dir auf das Näslein binden, obſchon, wie ich bemerke, Dein Augenpaar fein glänzt, und Deine Lippen mich gemahnen wie ſchöne rothe ſaftige Kirſchen. Potz hinkende Gans, Du biſt wohlgemacht, Weib⸗ lein, und Deine Lumpen paaren ſich nicht mit Deinen Rei⸗ zen. Ei, verziehe Dein Geſicht nicht ſtrenge; haſt von mir nichts zu befahren, denn ich habe theuer geſchworen!, kein Weib zu minnen, bevor ich nicht einen Feind erſchlagen, der leider mir noch zum Fluche lebt.“—„Das iſt ein ritterlich Gelöbniß,“ verſetzte Richardis mit prüfendem Blicke.„Euer Wamms ſchickt ſich etwa ſo wenig zu Euerer Herkunft, wie dieſes Kleid, nach Euerer Rede, zu meinem Geſicht.“ Der Landſäß antwortete nicht, aber betrachtete ſeiner⸗ ſeits die Gefährtin mit ſo durchdringenden Augen, daß ſie ausweichend fortfuhr:„Nehmt Euch in Acht, wenn Ihr zum Kloſter kommt; dort wohnen ſchöne Frauen, die bereits manch tapfres Herz berückten. Wahret dort Euer Gelübde.⸗ —„Ich fürchte mich nicht, gehöre vorerſt der Rache an⸗ und nicht der Minne. Zudem bin ich ein Liebesbote, und 135 dieſem ſteht zu, ein gleichgültig Ohr und einfältig Auge zu bewahren.“—„Ein Liebesbote, geſendet nach der Gnaden⸗ zelle?“—„Bei meinem Eide, ſo iſt's. An die Oberin lautet meine Botſchaft. Du ſtaunſt, ſchöne Bettlerin? Du kennſt vielleicht die Kloſterfrauen? Mutter Richardis ſoll ein Wunder ſeyn von Anmuth und Holdſeligkeit.“ Die Nonne hielt den Athem in ihrer Bruſt zurück, und ſuchte ängſtlich in den Zügen des bärtigen Mannes die Lö⸗ ſung ſeiner geheimen Rede. Schnell begreifend aber, daß ein Geſell von ungefügem Verſtande vor ihr ſey, beſchloß ſie, den Knoten zu zerſchneiden, durch ein raſches Entgegen⸗ kommen ſeines ungeſchickten Mundes Schloß zu zerbrechen. Darum warf ſie die Verhüllung von ihrem Haupte, daß es in ſeiner vollen Herrlichkeit ſtrahlte, beſchwor den ſüßeſten Zauber in ihre Augenſterne, und rief:„Richardis liebt nur Einen in der Welt, und der Herr von Friedingen iſt's, der Euch ſchickt. Spart den weitern Weg; Ihr habt gefunden, die Ihr ſucht. Ich bin Richardis. Kommt Ihr aus dem Kerker Oſtertags? was trug er Euch auf, und gedenkt er meiner noch in Liebe?“ Dem Scherer war im dickſten Kampfgewühl niemals ſo verwirrt zu Muthe geweſen, als ihm bei dieſen Fragen wurde. Er ſtammelte verlegen Worte des Unglaubens, dann des Staunens, endlich der Ueberzeugung, weil die Nonne heftig den Schleier zerriß, der ihr Schickſal vor des Landſäß Augen verbarg.—„Potz hinkende Gans!“ ver⸗ ſchwor ſich hierauf der Ritter,„das iſt wahrlich das Ab⸗ ſonderlichſte, das ich je gehört. Beim hohen Himmel, ein Engel muß über verbotne Minne wachen, und mich in ſei⸗ nen Zügeln leiten, daß ich Euch gefunden, die Verbannte und Verſtoßene. Ich theile Euer Loos, auf mir laſtet auch der Fluch des blinden Schickſals. Darum verſtehe ich Euern Schmerz, und führte gern den Buhlen ſelbſt in Euere Arme, ſtatt ſeine Worte als einen leeren Troſt Euch zu vermelden. Schönſte Frau, ich bin kein behender Herold, meine Bot⸗ ſchaft kommt ſpät an Ort und Stelle, und ich glaube kaum, daß jener noch lebt, der ſie mir aufgetragen.“—„Wie? noch geſtern athmete er, wenn auch in Ketten. Der Graf iſt fern, ſein Urtheil nicht geſprochen.“—„So wißt Ihr beſſer Beſcheid als ich, und könnt ich füglich meinen Spruch für mich behalten. Aber ein ehrlicher Spießgeſelle hält ſein Wort. Mit dem Friedingen war ich ſchon längſt verbrü⸗ dert, und was wir als Buben uns gelobten, hielt er als ein Mann. Ihn ſchreckte nicht mein ſchmählich Loos, er ſpottete nicht mein, er reichte mir die Hand im Elend. Darum half ich ihm, und weigerte nicht meine Fanſt, da es dem Würtemberger galt. Ich hatte eigentlich den Zahn auf den erlauchten Herrn gewetzt, weil ich Tags zuvor mei⸗ nen bitterlichſten Widerſacher nur halb und ſchlecht getrof⸗ fen, ſtatt ihm das Leben auszublaſen. Alles war gerichtet, alles ſtand bereit zum Fang des Würtembergers. Da hatte ein Teufel unſern Anſchlag verrathen, wir geriethen in die Falle, die wir ſtellten. Gar mancher wackere Geſell hat in's Gras gebiſſen, und mich ſtürzte der Hieb, deſſen kaum geheilte Narbe über meine Wange läuft, von dem Roſſe nieder. Ich ſah noch, wie Oſtertag hinweggeſchleppt wurde, der einzige, den der Sieger ſchonte. Nach langer Ohnmacht verſpürte ich wieder Leben, kroch davon, ehe die Todtengrä⸗ ber kamen, rettete mich gen Reutlingen zu einem Bader, der mich chriſtlich im Verborgenen heilte. Auf dem Schragen liegend, ein unnützer, wunder Mann, beſann ich mich auf eine Rede des Friedingen, die er vor dem Angriff, von böſer Ahnung beſchlichen, dem Bichishauſen und mir ans Herz gelegt. Wenn ich bleiben ſollte, da neben dem Sieger der Tod in der Wagſchale ſitzt. ſo ſagte er ungefähr.. ſo fahre einer von Euch gen Offenhauſen in's Kloſter, und 137 melde der Priorin Richardis, als ein williger Waffengenoß, daß ſie für mich beten möge, und meiner ſtets in Minne gedenke, weil ich ihr, wie im Leben, ſo im Sterben eigen und unterthan verblieb.— Da ich geheilt war, machte ich mich auf, des Freundes Willen zu vollziehen, der wagliche Truchſeß von Bichishauſen vermochte es nicht. Er hat den Reitertod gefunden, und ihm gnade Gott.“ Doppeltes Entzücken, und entflammtes Verlangen leuch⸗ tete aus den Zügen der Richardis, und mit hinreißender Beredtſamkeit ſchilderte ſie dem eifrig horchenden Landſäß, welche Hoffnungen ſie zu nähren berechtigt ſey, und wie ſie ſtandhaft dem Glück vertraue, daß es ihr die Hand biete, den gefangenen Freund zu retten. Die Wünſche des Sche⸗ rers vereinigten ſich mit dieſen Hoffnungen, und er ſagte, wie von einem plötzlichen Gedanken ermuntert:„Potz hin⸗ kende Gans, wir dürfen uns vorerſt nicht trennen, lieb⸗ lichſte der Frauen. Ihr ſollt wiſſen, daß, wenn Ihr das Gold ſchafft, ich mich vermeſſe, ſtarke Arme für Euch zu be⸗ waffnen. Seht, ich bin ein Rittersmann, aber mein Wap⸗ pen iſt geſchändet, und ich muß zu gemeinen Geſellen hal⸗ ten, daß ſie mir zu meinem Recht verhelfen. Ich ruhe nicht, bis ich den Feind erſchlug, der mich demüthigte. Zu Reut⸗ lingen, wo er haust, konnte ich, ſelbſt verwundet und nicht ſicher vor des Grafen Schergen, nicht mehr an ihn gelan⸗ gen. Darum habe ich mit einem fürchterlichen Menſchen einen Bund gemacht, und dieſer, der noch in den Thälern auf und nieder ſtreift, ſeine Geſellen zu ſammeln, welche vor dem Schreckboten des Grafen in ihre Schlupfwinkel flohen, hat mir einen ſtillen Ort im Gebirge verrathen, wo ich, der im Kampf Gezeichnete, mich einſtweilen bergen mag. Bald kommt der Wildherr ſelber mit ſeinem Volk, mich aufzuſuchen, und dann will ich meinen Feind gewin⸗ nen, wie der Wildherr ſchon deſſen Schloß gewann. Redet 138 dann mit dem kühnen Geſellen; Eure Schönheit, Euer Lie⸗ beszauber bewegen ihn ſicherlich, zu thun, wozu ihn meine Bitten noch nicht bewegen mochten: den Ritter von Frie⸗ dingen zu befreien; und vielleicht gelingt's, in den Beſitz Eurer Würde, Eures Schatzes Euch wieder einzuſetzen.“ Richardis fühlte ſich neu ermuthigt, über alle Wider⸗ wärtigkeit erhaben. Was lag ihr daran, die roheſten Kräfte zu entfeſſeln, ihre weiße Hand in die blutige Fauſt eines Mörders zu legen, wenn es galt, ihre Liebe zu krönen, ihrem Stolze genug zu thun? ſatt und trunken wollte ſie aufſtehen von dem Feſtmahl ihrer Rache, bebte nicht zurück vor dem brauſenden Becher, welchen ihr der Landſäß in der Ferne zeigte.„Seyd mein Gefährte, mein Beſchützer und Geleitsmann!“ rief ſie ungeſtüm:„wo iſt der Ort, den Ihr ſucht?“—„Die Hütte des Waldbauern Friſch⸗ hans.“—„Ha, ein kräftiger Zauberſegen vereinigt und ordnet unſer Verhängniß! auch mein Weg geht dorthin. Kommt Waffenbruder meines zarten Buhlen, mein eigener Bruder in Leid und Verbannung, kommt und ſäumet nicht!“ Mit der Gegend und des Orts Gelegenheit wohl be⸗ kannt, diente Richardis ihrem Begleiter als Führerin, und kaum waren ſie zum Saum des Waldes gelangt, ſo ſchlu⸗ gen ſie einen Pfad ein, der, von gefallenem Laube über⸗ ſtreut, nur dem vertrauten Auge kenntlich war, und fern von allen Menſchenwohnungen einen Kreis durch den Forſt zog, bis nahe an die Schlucht, wo das Ziel der Wanderer war.— Sie thaten wohl, ſtracklich des Waldes Verbor⸗ genheit zu ſuchen, denn ſchier zu gleicher Zeit wurden die weiten Albfelder von der Bande des Schreckboten betreten. Spießknechte liefen rechts, liefen links, reiſige Leute ſpreng⸗ ten hin und her auf den Geleiſen, die nach freier Willkür und nach allen Richtungen die öde Fläche durchfurchten. Der Schreckbot ſelber ritt in Begleitung von drei Män⸗ 139 nern heran, und wartete ungeduldig auf! den Beſcheid, den ihm ſeiner Knechte einer in voller Haſt zu bringen hatte. „Ein Hirt hat ſie geſehen!“ ſchrie der athemloſe Bote: „ein ſchwerbeladener Wagen, davor zwei bunte Gäule und ein Rapp, darauf ein friſches Weibsbild und ein ſchlanker Kerl; Trochtelfingen zu gings, was die Mähren laufen mochten!“—„Lauft nach, jagt zu, ſangt die Galgenvögel!“ befahl der Schreckbot, und drückte ſelber ſeinem Roß die Sporen in die Seite. Indeſſen beſprachen ſich die Männer in ſeinem Gefolge, und der eine ſagte:„Du haſt ein gutes Pferd, Bruder Heerdegen, und reiteſt ſchneller denn ich; bleib dem Mordermorſer zur Seite, und fang die gottver⸗ geſſenen Diebe; Dein Vortheil iſt's wie meiner. Ich leite in⸗ deſſen des Vaters ſanften Gaul dem Kloſter zu, und wir er⸗ warten Dich!“— Während Anshelm von Sperberseck alſo redete, und des Junkers Knecht Lutz herantrabte, ſeinerſeits den Zügel vom Roſſe des alten Herrn zu ergreifen, entgeg⸗ nete Heerdegen unwirſch:„Ich mache nicht gern den Beute⸗ fänger, doch ſey's darum. Ein Wunder, daß die ſchlimmen Vögel nicht zum Kloſter flogen, wo der Mechtild Schweſter Stab und Inful führt. Ich will mich aber ſputen, daß ich bei Zeiten wieder mit euch zuſammentreffe.“ Somit rannte er dem Schreckboten und ſeinem Haufen nach, während die andern geruhig des Kloſters Straße zogen; träumend mit halb verhüllten, kaum geneſenen Augen der Alte, für des Zavelſteiners Mammon betend der geizige Anshelm. Richardis und Landſäß, ohne zu vermerken, was ſich in ihrem Rücken begab, näherten ſich der Hütte des Wald⸗ bauern, deren graues Dach nur ſpärlich das Geſtrüpp über⸗ ragte, welches rtngsum üppig wucherte, längſt nicht mehr von einer Axt gelichtet. Die Schlucht war feucht von rie⸗ ſelnden Quellenfaden, der Sturm hatte die geſtürzten Blät⸗ ter zur Seite gejagt. Auf dem weichen Boden erblickte 140 Landſäß plötzlich eines Wildes Fährte, hielt erſchrocken die Nonne zurück, und ſagte heimlich:„Da iſt ein Wolf ge⸗ laufen, laßt uns gemach thun, liebe Frau. Schweigt und ſchreitet leiſe, daß wir nicht etwa in des Unthiers Lager gerathen.“ So geſchah es. Vorſichtig der jagderfahrne Ritter, furchtſam die zitternde Richardis, gingen ſie Schritt für Schritt, leislich, ohne Geräuſch, wie die ſtille Luft, der verlaſſenen Hütte zu, und lugten neugierig durch die gebor⸗ ſtene Wand in das Innere derſelben. Dort ſaß kein reißend Wild, aber wohl ein Menſch, der ſich's eben ſo wenig ver⸗ ſah, in der Einöde überraſcht zu werden, als ſeine Gegen⸗ wart von den neuen Ankömmlingen geahnet worden war. Er kauerte am Boden und ſcharrte emſig an einem Loche in der Mauer, woraus er nach manch mühſeligem Seufzer einen Scherben holte, angefüllt mit Gelde, wovon mehrere Stücke klirrend niederfielen. Der alte Spürhund ſah er⸗ ſchrocken um ſich, und murmelte in den greiſen Bart:„Daß dich die Peſt, verdammt vorlautes Silber! ſchreiſt als ob Dir Gewalt geſchehe, und ich erlöſe Dich von langem Müßig⸗ gange? komm her, mein Sparpfenning, den ich hier ver⸗ grub, des Alters und der Nothdurft Zeiten ahnend. Ich freute mich wohl nicht Deiner Schönheit, wenn der gierige Friſchhans von Dir gewußt hätte. Doppelt werth biſt Du mir jetzt, weil der Teufel in meinen Waizen Unkraut ſäte, und mich um den reichen Fang betrog, wozu der närriſche Baſtard mir verhelfen ſollte!“ Das leiſe knurrende Selbſtgeſpräch des Schatzgräbers verwandelte ſich in Angſtgeſchrei, da er ſich von einer har⸗ ten Fauſt im Nacken erfaßt, derb geſchüttelt fühlte, und des Landſäß Bärenſtimme in ſeine Ohren brüllte:„Was thuſt Du mit dem Gelde, welches doch dem Stärkern gehört? Das Revier iſt mein, und Du gibſt zur Stunde heraus, was hier verlocht war, wenn Du nicht des Todes ſeyn 141 willſt!“— Mit Jammer und Thränen vertheidigte der Alte ſeinen Schatz, und bat und ſchalt, und bot ſich an, zu thei⸗ len, und nannte dieſes Geld ſeines Alters einzigen Noth⸗ pfenning, und alle ſeine Worte verklangen im Winde. Landſäß entriß ihm das Geld, und der Beraubte ſtarrte ihn mit blitzenden Augen an, und rief mit einem Male: „Ach, wie fleht es Euch ſo fein, edler Scherer von Land⸗ ſäß, einen Bettelmann um ſein Letztes zu beſtehlen!“— Das ergriff den Ritter heftig, daß er den Raub auf den verwitterten Tiſch ſchleuderte, und grimmig fluchte, und den Sperberseck verwünſchte, der ihn unerbittlich unter das Diebsgelichter geſtoßen. Dann blickte er den andern ganz erſchrecklich an, und fragte:„Und Du marterdürrer Schelm, wie kennſt Du mich, wie kömmt mein Name in Deinen falſchen Mund?“—„Ich habe Euch zu Hall geſehen, Herr Ritter.“—„So ſtirb von meinem Schwerte, denn nicht leben ſoll, wo ich athme, wer Zeuge meiner Schmach ge⸗ weſen iſt!“—„Haltet ein!“ wehklagte Gensbein, der bleiche Sünder:„Wollt Ihr den ermorden, der Euch die vollwichtigſte Rache bereiten kann?“—„Wie das, Schurke?“ —„Ich bins, der den Harras vom Kampf erlöste, aber ich verließ ihn dann, weil ich inne wurde, daß gewiſſe Leute zu Hall lebten, die mir um ihrer Tochter, einer thörichten Dirne willen, übel zuſetzen, mich verderben konnten. Lieber gab ich den Harras der Schande Preis, weil er Euch ſo ſchnöde dem Unglück verſchrieb, während Euer beider Haupt und Ehre gerettet war, ſo er mit Euch gemeine Sache macht.“—„Haſt wohlgethan, Verräther. Die ſchwarze Peſt auf den Kopf des feigen Harras! Was willſt Du aber nun? was gibſt Du an? hoffe nicht, mich zu betrü⸗ gen!“—„Ich, der ehrlichſte Mann in Schwaben? der nur ein Plätzchen ſucht, ſein Haupt zu legen, und zu ſter⸗ ben? hört zu: im Kloſter zu Offenhaufen lebt ein Menſch, den wir nur an das Licht des Tages zu ziehen brauchen, um ſden Sieg des Sperberseck und Eure Schmach zu ver⸗ nichten, und für mich falle dann zum Lohne, was Eure adelige Freigebigkeit dem wichtigen Dienſt beſtimmt.“— „Judas, ſprächſt Du wahr?“—„Das Evangelium iſt nicht ehrlicher, o Herr. Schon habe ich mit Liſt verſucht, vas Werk anzugreifen; die Liſt mißlang. Eure Mannlich⸗ keit würde jedoch Alles überwinden, ſo ihr geneigt wärt, einen Menſchen aus dem Kloſterzwinger ſelbſt zu ſtehlen.“— „Was thu' ich nicht, meinen Durſt nach Vergeltung zu ſät⸗ tigen? Heraus mit der Sprache, ohne Verweilen!“— Gensbein fiel zuſammengeſchmettert auf die Kniee, als in ver offenſtehenden Thüre Richardis wie eine Spuckgeſtalt erſchien. Bebend deutete der feile Verräther nach der Zeugin; Landſäß antwortete dagegen ruhig:„Rede, ſage ich Dir, und ſieh nicht um. Jenes Weib iſt meine Freun⸗ din, und keine mehr berechtigt, als ſie, zu erfahren, was im Offenhauſener Kloſter vorgehen ſoll.“ Achtes Kapitel. „Dann wen man hatte gehalten in Contract und Kundſchafft vor einen ehrbaren Mann, der machte ſich ſelber zu einem Schalk, alſo daß er nimmer daͤchte auff Erdreich an Ehren und an Seligkeit.“ Limpurger Chronik. Am hochgelegenen Thurmfenſter ſtand der gefangene Ritter von Friedingen, lehnte die heiße Stirn an die Git⸗ terſtäbe, ſtarrte hinaus in das Abendroth. Es flammte, Wind und Kälte verheißend, und wie vor dieſem grellen Schein die ſchwarzen Dohlen und Raben zu Neſte flogen, ſchaute ihnen der Gefangene mit Sehnſucht nach, bei ſich denkend, er möchte wohl auch Flügel haben, einen ſichern Horſt zu erreichen. Dann ſummte er vor ſich hin das ſchwermüthige Lied vom gefangenen Grafen, und ſagte zum Schluß:„Ach, wie vertrocknet mein Herz, und lechzt nach Erfriſchung; doch bin ich nur froh, wenn frei, und Freiheit mag wohl nimmermehr meine Seele erquicken!“ Als hierauf die Wehmuth ſich verbrüderte mit dem peinigenden Groll, verließ er das Fenſter, um auf ſeiner Schlafbank das Ker⸗ kerelend zu verträumen. 144 So wie der Gefangene von ſeiner Höhe hernieder in den Abendſchein geblickt, ſo ſtierte auch der Thurmwächter aus ſeiner niedrigen Behauſung in die rothe Luft empor, und murmelte unwillig:„Da funkelt wieder der Himmel wie geſchlagenes Gold, daß ich ſchier ſterbe vor Begierde nach demſelben. Aber in meiner Hütte iſt's dunkel, und mein Kaſten leer. Der geizige Graf zwackt täglich mehr an ſeiner Diener Sold herunter, und wie gerne ich mit Untreue mein Glück machte, ſo begehrt man, wie ich fürchte, derſelben nimmer.“— Alſo umherſpähend mit habſüchtigem Aug, gewahrte er in der Dämmerung einen dunkeln Fleck, der ſich am Fuß des Thurms hin und her bewegte; der ſchwarze Körper war aber der eines Mannes, und der Mann umkreiste unabläßig den Kerker, lugte bald nach der Zinne, horchte bald nach den Luftlöchern, die, in den Felſen ge⸗ hauen, gähnten ans dem Schlund der Verließe. Dem Ge⸗ fängnißwärter ſchoß das Blatt, wie er meinte, und er dachte in ſeinem Sinn:„Was gilt's, das iſt ein Geſell des Wei⸗ bes, welches mir nach ſeinem Golde die Zähne lang machte, und die Zeit iſt etwa vor der Thür, da ich ein wohlhab⸗ licher Mann werden ſoll.“ Darum ging er herfür aus dem Thore der Veſte, nã⸗ herte ſich mit bedächtigem Winken dem Schattenmann, und dieſer wich nicht von dannen, wartete des ungetreuen Knechts mit feſtem Fuße.—„Wer da?“ fragte der Kerkermeiſter vertraulich.„Ei, Dein Freund, wenn Du willſt,“ verſetzte der andere.—„Was ſuchſt Du hier?“—„Eine offene Hand.“—„Biſt Du geſchickt von dem Weibe 2«— Nach einer kurzen Weile kam die Antwort:„Vielleicht.“—„Bringſt Du das Geld2«—„Eine ganze Taſche voll, zu Deinem Befehl.“—„Die Stunde iſt geſegnet, der Hauptmann auf der Jagd. Fünf Knechte behüten das Schloß. Dreie von 14⁵ ihnen ſchlafen, und ihre Genoſſen begehren nach der Ablö⸗ ſung, um nach der Stadt hinunter zu laufen, mit ihren Dirnen zu koſen.“—„Du biſt ein ganzer Mann; ſchicke ſie fort, und laß die andern noch ein Weilchen ſchlummern.“ —„Wenn Du mich nicht betrügen willſt. 2.— Der Kundſchafter ſchlug ſtatt der Antwort auf die klingende Taſche.—„Wo iſt aber das Weib?“— Wiever kurze Stille, dann klang es herüber:„Es wartet unten an der Straße.“—„Gib das Geld.“—„Nicht eher, als bis die Wache fort iſt.“—„Meinetwegen, iſt gleich gethan.“ Sein Verſprechen zu halten, ging der Thurmvogt wie⸗ der entſchloſſen unter das Thor, ſeellte ſich vor die ungedul⸗ dig ſchreitenden Wächter, und rief, in die Hände klatſchend: „In der Stadt geht's einmal luſtig her! ſie ſchenken den Wein bei Fackellicht auf der Gaſſe aus, und ſchlagen ſich weidlich, daß man's bis herauf hört.“—„Herrgott!“ murr⸗ ten die Knechte, und ſtampften mit den Füßen vor Reugier und Haſt. Der Kerkermeiſter ſagte darauf treuherzig:„Wißt Ihr was? ein Weilchen früher oder ſpäter, thut nichts zur Sache. Lauft in Gottesnamen hinunter, laßt Euch Kuß und Becher ſchmecken. Ich wecke derweilen die Andern, und Nie⸗ mand trägt uns das Schloß weg. Er durfte den Vorſchlag nicht wiederholen, denn alſo⸗ gleich warfen die Knechte ihre Spieße in den Winkel, und machten, daß ſie der Schildwacht entkamen. Der Thurm⸗ vogt ging fürſichtig an das Zwingerhaus, riegelte die Schla⸗ fenden ein, und winkte dem Kundſchafter heran. Wie ſie unterm ſinſtern Thor beiſammen ſtanden, und der Wärter mit zitternder Hand ſeine Leuchte anſteckte, ſagte er:„Gib das Geld und warte pier, daß ich den Ritter hole.“—„Den Ritter?“—„Nun ja, Junker oder Ritter, mir gleichvielz den Friedingen eben. Aber das Geld gib per.“— Der Nonne von Gnabenzell. IMI. 10 146 Andere beſann ſich und erwiederte:„Nicht doch, Freund. Wenn Du zurück kommſt mit dem Gefangenen. Beſſer jedoch, ich gehe mit Dir.“—„Beileibe; wer hütete das Thor?“ —„Ich hab' einen Gefährten bei mir. Dornhan, herbei Der treuloſe Wärter erſchrack, da ein vermummter Ge⸗ ſell herzuſprang, einen der Wächterſpieße ergriff, und zu ſchildern anhob, als wäre er in Eid und Fflicht genommen. Der Kundſchafter im Mantel ſagte aber weiter:„Faſſe Muth, laß uns zu dem Ritter ſteigen!“—„Ach, mein Gott. wie iſt mir denn? wär' ich betrogen?“— Der andere rap⸗ pelte wieder mit dem Gelde, das geizige Ohr erfriſchend, das falſche Herz des Meineidigen ermunternd, daß er willig voran ging, die Schneckenſtiegen hinan bis unter das Dach, und mit ſicherer Fauſt die Eiſenpforte aufthat, hinter wel⸗ cher Friedingen ſchlummerte. Der Ritter fuhr auf, und wachte nicht, und ſchlummerte nicht, von der ſpäten Heim⸗ ſuchung wie vernichtet, und ließ, ohne ein Wort zu reden, geſchehen, daß ihn die Männer aus dem Kerker führten; denn er dachte, es ginge zum heimlichen Tode. Als der Thurmwächter, über die Treppe leuchtend, voranſchritt, raunte dem Friedingen ſein Begleiter in's Ohr:„Ihr ſeyd frei, obſchon von ungefähr. Vergeltet aber meinen guten Willen, und helft den Wächter zwingen, daß er uns einen weiteren Gefallen thue.“— Oſtertag nickte ſchnell mit dem Kopf, weil in ſeiner Bruſt mit einem Mal der helle Him⸗ mel lachte, und wie auf der Schwelle des Thurms der Ge⸗ fangenwärter ſich umdrehte, ſagend:„Ich hab mein Wort Wort gelöst, und gebt nur friſch das Geld, auf daß ich mich davon mache, ehe es ruchtbar wird,“ packte ihn der Ritter bei Schulter und Kragen, und der Andere ſetzte ihm ein Meſſer auf die Bruſt, mit der fürchterlichen Drohung: „Ich bin der Wilvherr, eidbrüchiger Hund! öffne unge⸗ 147 ſäumt die Kerker meiner Spießgeſellen, oder es koſtet Dein Leben!“ Des Wächters Geſicht wurde wie Schnee, er ächzte un⸗ ter der würgenden Fauſt des Räubers:„Der Wildherr? ach Du mein Gott... der Wildherr ſitzt mit ſchweren Eiſen im Verließ.—„Der Teufel ſitzt darinnen, und Du fährſt zur Hölle, ſo Du nicht augenblicklich gehorchſt!“— Nun war keine Widerrede mehr; ſie fuhren in die Tiefe des Thurms, und des Wächters Schlüſſel öffneten die dunkeln Klauſen, worinnen Scheibenhart und Heinz ſaßen; wild an ſeinen Ketten reißend der erſtere, ergeben in ſein Schickſal der zweite. Die furchtbaren Kerker waren noch niemals Zeugen von Freudenthränen geweſen, wie heute. Wonne⸗ zähren benetzten die Feſſeln, welche des Wildherrn Art in Trümmer ſchlug. Der Räuber übte noch, bevor er mit den Seinen den Thurm verließ, eine Handlung boshafter Ge⸗ rechtigkeit, band den ſchelmiſchen Wächter mit Stricken und Ketten feſt, ſperrte ihn zu den Molchen in Scheibenharts Kerkergrube, verrieth alſo den Verräther. Ueber den Zwin⸗ ger eilend, hörten die Flüchtlinge, wie die erwachten Knechte an ihren Riegeln tobten, kümmerten ſich aber nicht darum, und liefen ſtracklich, die Stadt vermeidend, hinauf in's wilde Gebirg, wo ſie zur Mitternacht einen ſichern Verſteck fanden. Rings um eine wohlthätige Flamme im Kreiſe gela⸗ gert, ließen ſie ihren Zungen freien Lauf, zu fragen, zu erzählen, zu danken und zu preiſen. Friedingen vermaß ſich hoch bei ſeinem edelmänniſchen Wort, dem biedern Räuber ſolchen Liebesdienſt nicht zu vergeſſen, wenn ſchon der Wild⸗ herr betheuerte, daß ihm das Stücklein nicht gegolten habe. Er ſetzte noch hinzu:„Ich hatte Euch ſchon meinen Beiſtand verſagt, als ſich davon handelte, den Herrn von Würtem⸗ 148 berg zu fahen, und dachte ich nicht im mindeſten daran, Euch zu befreien. Aber ein williges Hexlein muß alles auf⸗ geſpielt haben, wie es kam. Ich ſtrich mit Dornhan auf und ab, ves Orts Gelegenheit zu muſtern, weil ich ge⸗ ſchworen, die guten Geſellen da frei zu machen, ſintemal ſie mich aus großer Gefahr gerettet. Siehe, da ſtand ich plötzlich am Ziel, ehe ich's erwarten durfte. Zieht daher nur Euere Straße, Herr Ritter, und laßt den Dank. Euer Schutzheiliger hat gethan, was mir nicht in den Sinn kam.“ — Der Ritter antworteie hierauf erkenntlich:„Es ſey, wie es wolle, ich denk' es Dir, und möchte wohl Deinen Arm und Deine Geſellen für meines Bruders ehrlichen Reiter⸗ dienſt gewinnen. Folget mir nach unſerm Schloſſe; ein beſſer Leben wartet Euer, denn eines Räubers gefahrvolles Daſeyn.“— Wildherr ſchüttelte den Kopf, verſetzend: „Glaub's wohl, beim rothen Blunder, daß Euer Bruder uns mit oſſenen Armen empfinge, ſintemalen der Herr von Würtemberg ſein Schloß mit Heeresmacht berennt. Aber wir taugen nicht in den Streit der Herren, und ein ander Ziel iſt uns geſteckt.“ Die Kunde, daß der Graf vor Hohenkrähen liege, ent⸗ zürnete den tapfern Muth des Ritters, daß er troſtlos und ungeſtüm ſeine Stirne ſchlug, und ſein Geſchick verwünſchte, das ihm Waffen, Roß und Reiter genommen, und ihn zur Ohnmacht verdammt hatte, während ſeine Fauſt zu ſeines Bruvers Gunſten Wunder thun könnte. Deß erbarmte ſich der Wildherr, und ſprach mitleidig:„Ihr ſeyd ein wackerer Mann im Felde, und will ich gerne Euch mit einer guten Klinge verſehen. Doch haben wir keine Roſſe, verlaſſen uns nur auf unſere flüchtigen Sohlen. So aber Ihr willens wär't, mit uns zur Alb zu fahren, will ich Sorge tragen, daß mein wackrer Knabe ein gutes Pferd, ſtark in Brußt 149 und Kreuz, aus einem Stalle ziehe, Euch zu dienen. Wir lagern morgen nah bei Offenhauſen, haltet mit.“ Bei dieſen Worten blickten vier helle Angen mit freu⸗ diger Zuverſicht zum Räuber auf. Heinz und Oſtertag ver⸗ nahmen mit gleichem Entzücken, wohin die Reiſe ging, und der Ritter, brünſtig, ſeine Buhlſchaft wieder zu ſehen, reichte ohne Bedenken dem Wildherrn ſeine Hand. Als er kurz darauf entſchlief, umgaukelt von holden Geſtalten, wendete ſich der Hauptmann zu ſeinen befreiten Genoſſen, drückte ihnen herzlich die Hände, ſagend:„Auf Leben und Tod der eure, meine Brüder. Im Gericht zu Pfullingen hieltet ihr euch wacker. Du, Heinz, verleugneteſt um meinetwillen den Vater, Du, Scheibenhart, gabſt Dich hin dem ſichern Verderben. Ein unerhörtes Wagſtück, Dich mit meinem fluchbelaſteten Namen zu taufen! Was fuhr Dir in den Sinn, Du treuer Knabe? was hoffteſt Du? wie, wenn der Schreckbote Dir zur Stelle das Haupt abſchlagen ließ?“— Worauf Scheibenhart trocken antwortete:„Gingſt Du nur hin als ein Freier, ſo war ja Alles gut, weil nichts an meinem Leben liegt. Ein Glück, daß meine Liſt gänzlich gelang, und mir die Tage friſtete.“—„Wie aber, wenn der Graf daheim geweſen wäre, Dich zu fragen, was Du ihm zu vertrauen hätteſt?“—„Ei, ich hätte ihm alsdann den Reinhold in's Gedächtniß gerufen, und um Deiner Sicher⸗ heit willen ein frei Geleit für Dich begehrt, aus dem Lande zu ziehen. Ein abenteuerlicher Gedanke, ich weiß das wohl. Doch am Ende, wie's auch fiel, kam's nicht darauf an. Ich ſchätzte meinen Hals nicht hoch.“ Wildherr umarmte den allzugetreuen Freund, und be⸗ kannte, daß er ſeine Warnungen zu niedrig angeſchlagen, und ſich ohne Noth, einer frommen Grille wegen, in die größte Gefahr begeben. Darauf fragte Heinz, wie denn ſein Vater ſo plötzlich in den Handel gerathen, und wie er des Wildherrn Angeber hatte werden können. Scheibenhart gah mit wilden Blicken den Beſcheid:„Dem Alten wurde es im Wittlinger Schloß zu traurig, darum nahm er den Verrath auf, wo ihn der ſchändliche Lomparter gelaſſen, ſich erbietend, dieſen oder jenen ſeiner Genoſſen, wo mög⸗ lich aber den Wildherrn ſelber, auf das Blutgerüſt zu lie⸗ fern, die Freiheit und das Sündengeld zu gewinnen. So führten ihn des Grafen Leute auf den Markt zu Reutlingen, in der Hoffnung, einer oder der andere von uns werde dort ſeyn, in die Falle laufen. Mich traf das Unglück. Von dem grauen Böſewicht bezeichnet, wurde ich verfolgt, und da ſie einen heftigen Widerſtand fürchteten, unter einem Vor⸗ wand in das Rathhaus gelockt. Bald nachher wurde auch Walzfrieder, der nach dem entſprungenen Blinden ſreiſte, eingebracht, und rettete ſeine Haut nur damit, daß er ſei⸗ nes Hauptmanns Aufenthalt verrieth. Die Furcht vor dem Dolche des Wildherrn mochte das Ihrige beigetragen haben⸗ Genug; Märten erfuhr Alles von ihm, da man ihn mit dem Buben allein gelaſſen, und die weiſen Herren machten wei⸗ ter nichts daraus, als der ſchlaue Judas ein Löchlein fand, wodurch er entkam. So war der Verlauf. Was ferner ge⸗ ſchah, wißt ihr Beide. Ich zitterte für des Wildherrn Leben mehr, als für das eigene, da ich nicht wußte, welchen Frei⸗ heitsbrief er in der Taſche führte.“— Wildherr antwortete lächelnd:„Den Brief erhielt ich von dem guten Meiſter Cun, der ihn dem pilgernden Nachrichter entwendete, kurz bevor er die Stadt verließ. Der arme Menſch ſucht jetzo vielleicht auf allen Heerſtraßen das verlorne Geleit, welches ich, als wie von einer Ahnung getrieben, an mich brachte, ehe ich dachte, daß es mir nützen würde.“—„Die Heiligen ſeyen dafür gelobt!“ rief Scheibenhart:„Dein Leben iſt ja unſere Frei⸗ 151 heit, Deine Freiheit unſer Leben. Aber dem Märten denke ich's, und dem Walzfrieder, denen Gott genade, fallen ſie in meine Hände!“—„Ach, mein Vater!“ klagte Heinz, und ihm wurde beinahe leicht um's Herz, als Wildherr gleichgültig ſprach:„Gib Friede, mein wackerer Knabe. Der Märten hängt zu Pfullingen am Baume, und dem Walzfrieder geſegnete ich ſelber den Abend mit dem Dolche. Im Waldthale, bei dem Falkenſteiner Loch, zerhacken ihn die Geier.“— Scheibenhart vernahm unwillig, daß ſchon das Werk der Vergeltung gethan war, und Heinz betete einen Stoßſeufzer für den Vater. Wildherr fuhr zu dem Jüngling fort:„Bete auch für Deine Mutter, Heinz, denn ſie iſt hin; Deine Schweſtern aber ſtieß man in das Haus der Büßerinnen.“ Dieſe Schläge erſchütterten zwar das Herz des Sohnes und Bruders, doch hielt ihn aufrecht der ſüße Gedanke an ſein Lieb, und darum ſtürzte ihn der Augenblick erſt nieder, da ihm Wildherr insgeheim ſagte:„Nimm Deine Kraft zu⸗ ſammen als ein Mann; denn Du ſollſt fortan in mir Dei⸗ nen Vater finden. Wir eilen nach dem Offenhäuſer Kloſter, meine Hochzeit zu halten; aber Du, mein armer Schelm, findeſt dort nicht Hochzeitskerzen, nicht die Braut.“ Der ſtarke Jüngling wollte ſchier zum verzweifelnden Weibe werden, als er dies vernahm, und mit Schrecken hörte, wie die unglückſelige Agnes, ihrem Schmerze und den Mißhandlungen der Privrin zu entweichen, ſelber den Tod erwählt. Vergebens tröſtete ihn der rauhe Wildherr, ſo gut er vermochte, umſonſt gelobte er ihm, ihn nimmer zu ver⸗ laſſen, ihn mit ſich aus dem Lande zu nehmen, wovon zu ſcheiden er entſchloſſen ſey. Es half nicht, daß er ihm eine reizende Zulunft ſchilderte, eine ehrliche Zukunft in fremden Landen, bei rechtſchaffenem Gewerbe. Heinz riß ſich von ihm 152 los, ſtürmte in den dickſten Wald, warf ſich heulend auf den kalten Boden, drückte ſein thränendes Geſicht in die rau⸗ ſchenden Blätter. Aber als der Morgen dämmerte, und das bekannte Zeichen die Genoſſen zuſammen rief, daß ſie ihre Straße weiter zögen, ſtieß auch Heinz wieder zu dem Häuf⸗ lein, mit trocknen Augen und eiskaltem Antlitz. Wenn jedoch ſein Auge nicht weinte, ſeine Lippen nicht redeten, ſo glühte deſto ſtärker ſein Gehirn, und brütete über gefährlicher Rache Gedanken. Wildherr vertraute der Zeit und ihrer verſöh⸗ nenden Kraft, richtete fürder die Rede nicht mehr an den Jüngling, und machte den Wegweiſer ſeiner Leute, rechts und links über Berg und Thal. An gewiſſen Stellen des Forſt ſchloßen ſich neue Gefährte dem Trupp an: der ver⸗ ſchwiegene Hünerkogel, der in Elend und Noth abgehärtete Schildbauer, der blindergebene Nickel, alle wohl mit Waffen verſehen, und willig folgend dem gewohnten Führer. So richtete ſich's, das ſie bei guter Tagszeit in die Nähe der Schlucht kamen, wo einſt Friſchhans gehaust. Da machte ſich Heinz an den Wildherrn mit dringender Bitte:„Wenn Du, wie Du ſagteſt, heut Nacht in das Kloſter willſt, Deine Braut zu holen, ſo geſtatte, daß ich den Kundſchafter mache. Es reißt mich fort mit Rieſengewalt nach jenem Hauſe, und ſiherlich werd' ich eine Stelle finden, die uns Einlaß geben mag. Beſorge nichts von meiner voreiligen Zunge, fürchte nichts von meinem Schmerz. Ich will ruhig liegen vor jener Trauerhöhle, lauernd wie ein ſtilles Wild. Doch wird mir beſſer zu Muthe ſeyn, als jetzo, da mich ſchier das Blut erſtickt, ſo ſtürmt es an mein Herz.“— „Geh hin, armer Bube,“ hieß des Wilherrn Antwort, und Heinz verfolgte dankend allein ſeinen Weg gen Gnadenzell. Als der Hauptmann wieder zu dem Trupp kam, fragte ihn der Ritter Friedingen:„Haſt Du einen Streich vor, Wild⸗ 153 herr? Deiner Geſellen ſind wenige.“—„Ein Jeder gilt ihrer Zehne. Wir werden's ſchon vollführen, haben nur mit Weibern zu thun. Und wenn auch Gewappnete wider uns ſtänden, gleichviel; ich finde am beſchiedenen Ort noch einen tapfern Mann, der ſich mir angeſchloſſen: ein Knecht oder Genoſſe von Euch, Herr Ritter, ein Edler von Land⸗ ſäß.“—„Wie, er lebt? iſt mir ſo nah?“—„Ich pflegte ihn ſelber, da er in Meiſter Cun's Hauſe darniederlag, und ich daſelbſt wohnte als ein verfolgter Mann.“— Darob vergnügte ſich der Friedingen, und hätte ſich noch mehr erfreut, wenn ihm bewußt geweſen wäre, was ſeiner an höherer Luſt noch wartete. Unaufhaltſam brach ſein Entzücken aus, da er des Friſchhans Hütte betrat, und nicht der Freund allein, ſondern auch ſeine Liebſte mit Froh⸗ locken an ſeinen Buſen ſank. Der Liebeswahnſinn, der aus Richardis Munde jubelte, machte tiefen Eindruck auf die harten Räuber, daß ſie, den Wildherrn nicht ausgenommen, in ſcheuer Entfernung blieben, des Wiederſehens Schauſpiel zu betrachten. Wort und Ruf, Frage und Beſcheid ſtrömten ohne Unterlaß, wollten kaum enden.—„Du in meinen Ar⸗ men!« ſchrie Richardis, und klammerte ſich um den Hals des Ritters:„Seligkeit des Himmels! Du biſt's wirklich, des blutdürſtigen Würtembergers Henker hat mich nicht um Dein Leben betrogen? Du biſt nicht ein Geſpenſt, herauf beſchwo⸗ ren, um ein ſchwaches Weib zu täuſchen?“— WMit heißen Küſſen antwortete Oſtertag. Da begann der Landſäß:„Du findeſt mich auf dem Gipfel irdiſcher Wonne. Meine Rache gelingt. Im Kloſter lebt der Baſtardbruder des Sperberseck; frage dieſen alten Mann.. wir haben Alles aus⸗ geklügelt, meines bitterſten Feindes Mutter ſtarb in jenem Kloſter, aber der Sohn lebt, und auf ihn bau' ich meine Zukunft.“—„Wie begreife ich? wie verſteh' ich? ich denke 154 nur an meine Liebe!“— Richardis ergriff das Wort:„Wahr iſt's, wie er ſagt... die alte Demuth, ich errieth es gleich„ nur ſie kann die Mutter ſeyn.... weißt Du, mein Herz? ihr Schmuckkäſtlein ſollte dienen, Dich zu be⸗ freien, v vergib, daß es nicht geſchsh. Aber der Müller, er kam geſtern nicht... der Grauſame ſagte mir erſt heute.... ach, wie troſtlos war ich, bis in den Tod betrübt! die elende Cäcilia lachte meiner Drohung, weigerte mir den Schatz, und auch Heerdegens Kind iſt meiner Hand ent⸗ gangen. aber Du lebſt, biſt frei, unſere Liebe ſiegt, und mit Blut und Feuer vergelt' ich meinen Feinden!“— Das Meiſte, was Richardis abgeriſſen und zerſtückelt hervorbrachte, war ein Räthſel für den Ritter, welcher verſetzte:„Ver⸗ gelten? ja, bei Gott. Bin dabei! brenne, wo Du willſt, tödte, wo Du befiehlſt. Rede nur, meine Taube, Sie haben Dich verſtoßen? Geduld, das ſchneid' ich auf des Würtembergers Kerbholz, daß er's fühlen ſoll.“— Der Landſäß fiel polternd ein:„Potz hinkende Gans, ſo biſt Du recht, mein adelich Blut! wie Schade, hingeſt Du als wie ein Räuber! ſag' nur, mit welchen Teufeln es zuging, daß Schonung Dir wurde, ſtatt des Schwerts2“—„Alles, was ich weiß,“ antwortete Oſtertag haſtig:„iſt, daß ich die⸗ ſem Ring mein Leben danke.“—„Dieſem Ring?“ ſchrie Richardis.—„Kennſt Du ihn, mein holdes Nönnlein? ich habe ihn von Dir, aus dem Schatz der Demuth! und als ich vor dem Grafen ſtand, ein armer, gefangener Mann, und mir der Hals ſchon abgeſprochen war, wie einem Wege⸗ lagerer, da reckten ſie mir ein Kruziſix hin, damit ich ſchwüre, wie kein Mitſchuldiger meiner That mehr im Lande ſey. Ich legte kühnlich meine Hand auf den Gekreuzigten, und des Würtembergers Auge wurde des Rings und ſeines Wappens gewahr. Das Blut ſtieg ihm in's Geſicht, ich denke vor 155 Zorn, und er fragte mich vorſchnell: Wie kam Euch dieſer Ring? ich antwortete nicht. Darauf hieß er Alle hinaus⸗ gehen, und wiederholte ſanft die Frage: Sagt mir in Liebe, wie Euch dieſer Ring wurde. Um der Ueberlaſt guitt zu ſeyn, erwiederte ich trotzig dem Herrn, daß ſolch ein Kleinod von meiner liebſten Frau komme, und ich weiter keine Rechen⸗ ſchaft zu geben hätte. Das war dem Graſfen nicht genug⸗ denn er berichtete mir, wie das Kleinod ſein Eigenthum geweſen, von ihm in theure Hand gelegt worden; daher verlange er es wieder, und beſtehe darauf. So ballte ich meine Fauſt, ſie auf des Grafen Tiſch hinſtreckend, und ver⸗ ſchwor mich, daß ich eher die Hand verlieren wolle, als mei⸗ ner Liebſten Geſchenk miſſen. Der Herr bemerkte, daß ich keinen Scherz trieb, und nannte mich einen böſen Starrkopf, und befahl, mich einſtweilen in den Thurm zu thun. Er wolle meinen Bruder zu Paaren treiben, und alsdann wie⸗ der fragen, ob ich nicht den Ring hergäbe; das Kleinod ge⸗ höre ſeyn, und er möchte mir wohl die Freiheit ſchenken, ſo ich von dem Ring ließe; dann ging er tief bewegt. Ich hätte jedoch lieber bis an mein Ende im Kerker geſeſſen, ehe ich, theuerſte Richardis, Deiner Liebe Pfand Mit ungewöhnlicher Begeiſterung umſtrickten ihn ſeiner Buhlin Arme, heftete ſich ihr Mund auf den ſeinigen. Ver⸗ klärung wie von Höllenflammen ſtrahlte in ihrem Blick, und grimmige Freude war's, die ihre Bruſt beengte, als ſie ſtammelte:„Sieg, mein Herz, Triumph, mein Leben! Das Siegel iſt zerbrochen, gebunden und gefeſſelt aber liegt der Feind zu unſern Füßen. Jauchzet zur Vernichtung des Wür⸗ tembergers, ein Blitz erhellt unſers Kummers Nacht. Poppele, der Thor, iſt Demuths Sohn, gezeugt in Schande mit einem erlauchten Herrn, und dieſer Ring aus Demuths Schatze, vom Würtemberg in liebe Hand gegeben, von ihm ſo heiß 156 begehrt. o, Du mein Held, ahnſt Du, was ich kaum zu ſtammeln wage? Du verſtehſt mich, Deine erblaſſende Wange bekennt es. Waffne daher die ſtarken Arme der Ge⸗ noſſen, die mit Dir gekommen. Hinauf, hinan zum Kloſter, Qual und Strafe den Nonnen, Pein und Schmach dem Grafen! wir fahen ſeinen Sohn, führen ihn hinweg als Geißel, und keinen Frieden gibt's, den nicht der entlarvte Wollüſtling uns zu Lieb und Gunſten bewilligte!“ Das Paar, gleich geſtimmt in Haß und Liebe, um⸗ armte ſich zum neuen, eng verſchlungenen Bunde. Landſäß führte indeſſen den Wildherrn herbei, beſchwor ihn, die Rechte der ſchönen Frau mit Kraſt und Muth zu unterſtützen.„Potz rother Blunder! das thu' ich gerne,“ rief der Raubgeſelle, und ſtrich behaglich den grauen Bart:„will ich doch ſelber heut zur Mitternacht in's Kloſter auf die Freite gehen. Mich kümmert nicht, was Ihr dort ſchafft, ich faſſe nicht, was Ihr begehrt, frage nicht nach Euerm Thun. Helft mir nur zu meinem Werben um die ſchöne Nonne Cäcilia, die als mein Weib ich wegzuführen denke, und zählt alsdann auf meinen Beiſtand.“ Mit wildem Gelächter antwortete Richardis:„Es ſey, alter fürchterlicher Mann. Cäcilia in den Armen eines Räubers. mehr als zehnfacher Tod iſt ſolche Schmach! o halte, trage mich, mein liebſter Knab, mir ſchwindelt vor der Seligkeit der nächſten Mitternacht!“ Neuntes Kapitel. Gleich fruh, wann ſich entzuͤndek Der ſilberweiße Tag, Und uns die Sonn' verkuͤndet, Was Nachts verborgen lag, Die Lieb in meinem Herzen Ein Flaͤmmlein ſtecket ſie an, Das brinnt gleich einer Kerzen, So Niemand loͤſchen kann. Friebrich Spee. Arbeit iſt leicht, Arbeit iſt ſchwer, ein Flaum dem Wil⸗ kigen, dem Verdroſſenen ein Fels; vor allem jedoch geſchickt, kranken Leibes Trübſal zu mildern, und eine müde Seele um ihren Kummer zu betrügen. Das verſpürte die fromme Giſela recht, da ſie, leidend von den Begebniſſen der ver⸗ floſſenen Tage, ſich entſchloß, mit zierlichen Händen und Geſchicklichkeit eines uralten Miſſals Buchſtaben und Rand⸗ verzierungen zu malen. Ein gottesfürchtig Werk, wie ſie meinte, und es förderte ſich wacker, als das Auge der Nonne ſich wieder erheiterte im Glanz der hellen Farben, im Schim⸗ mer des matten Goldes, worein ſie ihren Pinſel tauchte. Unvermerkt jedoch beſchlich der Verſucher, den fie fürchtete, 158 ärger als den Tod, ihre Arbeit, und mit Bangen gewahrte ſie, wie ihre Finger nicht mehr weg konnten von dem erſten Buchſtaben des Eleiſon, eifrig bemüht, an dieſer Stelle ein wahres Luſtgärtlein von Farbenpracht zu ſchaffen, ein leib⸗ lich ſinniges Wunderbild, von Bedeutung voll. Nicht nur allein verbrämte die Künſtlerin den Buchſtab mit Blumen⸗ ſchnörkeln und vielem Reichthum an edlen Metallen, aber ſie fügte auch eine Palme hinzu, mit ſchattenden Blättern, und ſchrieb um den Stamm des Baumes den Wahlſpruch: „attempto“ und lehnte daran den Wappenſchild ihres Herrn und Gebieters und Schirmvogts. Als dieſe Zierden fertig waren, die Meiſterin den Blick nicht mehr davon zu wen⸗ den vermochte, ob ihr ſchon die innere Stimme zurief: Löſch aus, Du ſündige Tochter, löſch aus, was Du gemalt, weil ein böſer Geiſt Deine Hand geführt.— Verzaubert ſtarrte ſie auf ihr vollendet Werk im Kampf mit tauſend ſüßen Zweifeln, als ſie ihren Nacken umſchlungen fühlte, ein war⸗ mer Hauch ihre Wangen berührte, und die gute Hailwig, unbemerkt zu ihr gekommen, alſo redete:„Laſſe doch die feine Malerei, denn ſchon dämmert der Abend, und Deine Augen mögen's nicht erleiden. Aber läugne Deiner Schweſter nimmer, was in Deinem Herzen ſtürmtz verſchweig ihr nim⸗ mer, wie Du mit heimlicher Treue und züchtiger Miene dem edeln Grafen zu eigen geworden, der wohl verdienen mag, daß ein Gemüth, rein und ſtark wie das Deine, ihn verehrt und liebt, wenn gleich dieſes ſtets in ſeiner Bruſt 4 Die freundliche Anrede beſänftigte dergeſtalt Giſela's Angſt und Ueberraſchung, daß ſie nicht mehr verneinte, was Hailwig errieth, aber mit leiſem Weinen an der Freundin Buſen ſank, und ſchluchzte:„Ja, Dir mag's nimmer ver⸗ borgen ſeyn. Nur zweimal ſah ich ihn, und bin ihm ver⸗ 159 ſchrieben auf ewig als eine treue Magd. O trennten mich nicht Himmel und Welt von ihm, ihm alſein auf dem Er⸗ denrunde wäre meine Hand, meine Liebe geworden; dem Manne, den ich fürchte, wie ich ihn verehre, deſſen härte⸗ ſtes Gebot mir ſüßer klänge, als die Honigrede jener Schmeichler, die ſich zum Weibe machen, um Weibern zu gefallen.“ Hailwig verſetzte mitleidig:„Du Aermſte, die ich be⸗ klage, womit haſt Du, Reine, verdient, daß Du ohnmäch⸗ tig nach dem Himmel greifeſt, die Sonne herunter zu holen, welche der ſtärkſte Rieſe nicht gewinnt? wärſt Du dem könig⸗ lichſten Blute entſproſſen, und ſtündeſt feſſellos, der Schön⸗ heit Blume, in einem Paradieſe, Du könnteſt nicht die Seine heißen. Er iſt vermählt, der geliebte Gatte eines hoch und werth geachteten Weibes, eines Sohnes Vater, der einſt ſeine Tugenden zu erben berufen iſt.. o Giſela, wie ſchön auch Deine Träume ſind, zwinge ſie hinab in den Abgrund, dem ſie entſtiegen. Wahrlich, oft verſtellt ſich der Widerſacher in den Boten des Lichts, unſer ſchwaches Herz zu zerreißen. Ich wähnte auch, reiner Minne zu pflegen, ich hoffte eine Seligkeit, und die Schuld zermalmte mich, und der Engel zerfloß in ein hölliſches Geſpenſt.“—„Sage ich mir nicht daſſelbe Tag und Nacht ohne Unterlaß 2“ klagte Giſela:„dennoch haftet der Zauber an mir, als wie ein böſes Gift. Die Strafe für meinen jungfräulichen Stolz iſt hart, und wollte ich gerne jetzv das niedrigſte Weib im Volke ſeyn, daß ich im Stillen meinem Leid nachhängen, m ein höchſtes Kleinod heimlich verehren dürfte. Ich würde vielleicht ſterben, aber keine Sünde wäre es, an Liebesſehn⸗ ſucht einen ſüßen Tod zu leiden. Hier, an dieſem klöſter⸗ li chen Ort, in dieſem ſtrengen Gewande, hier iſt's ein Fre⸗ vel, eine Miſſethat, und verlöſcht einſt meines Lebens Kerze, 160 verzehrt vom wonniglichen Gram, ſo lodert ſie als eine Höl⸗ lenfackel jenſeits wieder auf, und ich bin verloren für alle Zeiten, ohne Hoffnung und Erbarmen!“ Giſela ſenkte ihr Haupt in die gefalteten Hände nieder, und bemerkte nicht, daß Hailwig einen ſchweren Kampf mit ſich ſelber ſtritt, als ob ſie gedrängt würde, der Freundin etwas Wichtiges zu entdecken, und dennoch wiverſtrebend ſchwiege, aus Furcht, ſie zu verletzen. Indeſſen erhob die Oberin wieder ihren Kopf, ſchlug das Miſſale zu, ſchob es weit von ſich; und zwang ſich, andere Dinge zu denken und zu reden.„Wie ſteht's in unſerm Hauſe?« fragte ſie,„es iſt nicht gut, daß meines Leibes Mattigkeit mich hindert, Theil zu nehmen an der Arbeit meiner Schweſtern; doch wird es ſchleunig beſſer gehen, hoffe ich.“—„Es herrſcht tiefe Ruhe, würdige Mutter. Vielleicht wäre es nur die Windſtille vor dem Sturm, wenn nicht Deine weiſe Für⸗ ſicht die Weiber dergeſtalt eingeſchloſſen hätte, daß von außen nichts zu ihnen zu dringen vermag, was einen Brand an⸗ fachen könnte. Crescenz, die mit der Welt am meiſten verkehrt, iſt treu und eine verſchwiegene Schweſter. So mochte geſchehen, daß für den Convent die Schliche und Ränke der Richardis ein unverbrüchlich Geheimniß blieben. Sie ahnen nicht, daß jene trotzige Feindin in der Nähe lebt, und mit Drohungen verſucht, uns zu ſchrecken und in ihren Willen zu zwingen.“—„O, dieſe Richardis! einer böſen Peſt zu vergleichen, die umherſchleicht, ihre Opfer zu ſuchen. Baute ich nicht auf die Gnade Gottes und ſeine Allwiſſen⸗ heit, ich hätte nirgends Raſt, ſo lang die Frevlerin mit ihrem Helfershelfer, dem abſcheulichen Gensbein, neben uns verweilt. Aber Gott wird ſchützen, der Herr wird ſchirmen. Sind nicht die beiden ſchon gerettet, nach denen die Böſe⸗ wichter ihre Hände ſtreckten? Poppele ſicher hinter unſern 161 Mauern, Dein Kind zu Gomadingen, doppelt behütet von ſeiner Pflegerin und ihrem mitleidigen Schwager?“—„Mein Heiland!“ ſeufzte Hailwig mit bitterer Mutterangſt:„hätte ich nur längſt ſchon Deinen Rath befolgt, zärtliche Freun⸗ din! das Kindlein wäre lange daheim in den Armen ſeiner Ahnfrau, und ich müßte mich nicht fürchten vor des ſchel⸗ miſchen Müllers Luchsaugen, die ſo leicht die Zuflucht mei⸗ nes Kleinen aufſpüren, ihn dem Verderben verrathen möch⸗ ten. Denn gewißlich ſpielt der Müller mit treuloſen Karten und gebleiten Würfeln, und ein angſtvoll Mutterherz ver⸗ traut ihm nicht.“ Dieſem Glauben ſiel auch Giſela zu, indem ſie ſprach: „Wohl iſt es ſo. Die Frechheit, womit er ſeiner alten Her⸗ rin Botſchaft vorbrachte, mußte dem feſteſten Vertrauen ſelbſt die Augen öffnen. Er iſt mit unſern Feinden einverſtanden, wir müſſen auf unſerer Hut ſeyn. Vielleicht iſt die Gefahr uns näher, als wir denken. Crescenz berichtet, daß ſchon geſtern fremde Leute, verdächtig und geheimnißvoll, in der Mühle einkehrten. Mit dem Grauen des Morgens ſtrichen ſie um die Kirche, um den Gottesacker. Den ganzen Tag über ſind ſie nicht geſehen worden, und der Müller ſchweigt von ihnen, wie das Grab. Ich ſendete darum heute ein Brieflein gen Kolſtetten und Gomadingen, daß morgen mit dem Früheſten einige fromme Männer in der Gegend ſtrei⸗ fen, und unſer Haus behüten möchten, um Gotteswillen, wie auch uns zu Liebe. Der Herr iſt jedoch der beſte Wäch⸗ ter!“—„Freilich, liebſte Mutter, aber oftmals ſiegt der Feind, uns zur Prüfung. Wie ſchlecht iſt doch die Welt, ſo voll Betrug und Hinterliſt! Manches Jahr hat Richardis dieſem Kloſter vorgeſtanden, und nicht einen frommen Ge⸗ danken daraus mit ſich genommen. Aber nach Geld und Gut, nach unerlaubtem Beſitzthum ſtrebt ihr Sinn. Was iſt's mit Nonne von Gnadenzell. MI. 11 nicht ſtark genng geachtet war, Giſela's Feinden zu ſchaden⸗ 162 den Kleinodien, welche ſie unter Drohungen fordert?“— Giſela autwortete finſter:„Ich fand den Schatz, und habe ihn hinweg gethan, weil er von Teufeln kommen möchte, und ſeinen Urſprung Niemand weiß. Der Biſchof ſoll einſt darüber entſcheiden, und der Graf. Sprechen ſie, daß er dem Kloſter frommen möge, ſo geſchehe darnach. Ich waſche meine Hände in Unſchuld, und will nicht etwa eine neue Sünde auf mich laden, zermartert wie ich bin von ſchnöder Leidenſchaft und bangen Zweifeln.“ Noch einmal warf ſie ſich, unverholen ihren Schmerz bekennend, an den Hals der Freundin, und jammerte:„Rette mich vor mir ſelber, gib mir Troſt und Faſſung. Ich bin nicht werth, dieſes Kleid zu tragen, des Erlöſers Braut zu heißen. Doch meine Ge⸗ lübde ſind ewig, und keine Macht nimmt mehr vom Haupte mir den Schleier, das Skapulier vom blutenden Herzen!“ Da vermochte nicht Hailwig, ſich länger zu halten, und ſie ſtreichelte, ſelber weinend, das Geſicht der Leidenden⸗ ſprach wie ein Engel der Verſöhnung:„Zürne nicht, wenn ich Dir eine Wunde ſchlage, um Dich von ſchwererem Siech⸗ thum zu heilen. Meine Schweſter, längſt trage ich ein Ge⸗ heimniß bei mir, welches Dich von Deinen Aengſten be⸗ freien wird. Ich verſchwieg es, Dich nicht zu kränken, aber heute ſtehen die Zeichen anders, und Dir frommt, was vor⸗ dem Dich getödtet hätte. Du bißt nicht gültig zur Nonne geweiht, biſt von des Biſchofs Hand nicht eingeſegnet. Sie haben ein freches Larvenſpiel mit Dir getrieben, und, wohl Dir, es wird Dein Glück.“— Giſela fühlte ſich yernichtet, und zu gleicher Zeit neu geſtärkt. MWit bleichen Lippen fragte ſie weiter, mit Heftigkeit erzählte Hailwig Alles, wie ſie es nach und nach erfahren, da Giſela gefangen gehalten wurde, und Richardis der Freundin nur ſchonte, weil ſie 163 Als die Oberin vernahm, wie man ſie betrogen, wie Oſter⸗ tag den Biſchof vorgeſtellt, wie Alles abgeredet geweſen, ihr die ſchändlichſte Falle zu legen, da fragte ſie, wie aus einem langen Schlummer erwachend:„Der Convent wußte um den Betrug, und noch fand ſich keine boshafte Zunge, mir, der Unwiſſenden, den giftigen Dolch in das Herz zu drücken?“—„Sie ſparen's, die grauſamen Weiber, glaube mir. Sie hoffen alles von dem Ungeſtüm des ausgeſtoße⸗ nen Vikars, der ihre Klagen vor Prieſter und Laien bringt; ſie zählen auf die Ränke der Richardis, und erwarten mit Sehnſucht den Tag, da ſie ihnen erlauben wird, die Schänd⸗ lichkeit vor Biſchof und Provinzial zur Klage zu bringen, an Deiner Vernichtung ſich zu weiden.“— Ruhig lächelnd, mit erheiterter Bruſt antwortete Giſela hierauf:„Mögen ſie frohlocken im Stillen, denn ihre Bosheit gibt mir den Frie⸗ den. Ich danke Dir, Hailwig, wie nur je für einen Lie⸗ besdienſt gedankt wurde, und bitte Dich, mir jetzo die Ein⸗ ſamkeit zu gönnen. Es thut Noth, wenn man am Ziele ſteht, ſeinen Gedanken eine Stunde zu gönnen. Geh hinab, verrichte Deine Aufſicht bei den Weibern. Da ich nun weiß, wie dieſes Kleid mir nicht gehört, ſo bin ich feſt gewillt, nicht mehr unter dem Convente zu erſcheinen; und der Bi⸗ ſchof erfahre von mir ſelber, was ihm meine Feinde etwa noch nicht ſagen konnten.“— Hailwig gehorchte, innerlich erfreut ob der Faſſung ihrer Schweſter; zündete die Ampel im Gemach der Oberin an, und ſtieg die Treppe hinunter, ſich zu den Kloſterfrauen zu begeben, die im Refektorium, als in einer Kunkelſtube bei einander ſaßen. In einen Kreis gereiht, hatten ſie loſe Reden gepflogen, die Hände faul ruhen laſſen, und mänchen Scherz an Pop⸗ pele verſucht, der neben der Thüre ſaß, mit einem Rocken im Gürtel, und ſpann, ſo gut es gehen mochte. Als die 164 Aufſeherin bei den trägen Weibern erſchien, ſo ruhten plöt⸗ lich die Zungen, und dafür tanzten die Spindeln wohl auf und nieder, und ſah es aus, als wäre kein Wäſſerlein ge⸗ trübt worden. Neben der düſtern Lampe hockte Simplicia, und vergaß ſtets, ihres Amts zu warten, den Docht zu putzen; denn ſie ſchlief beſtändig ein, wie oft ihre Nachba⸗ rin Anna ſie auch mit dem Ellenbogen anſtieß. Die Nonnen gähnten um die Wette, und wollten ſchier nicht zurechtkom⸗ men mit dem Andreher, der ihnen zur Abendarbeit aufge⸗ geben war, ſo, daß Hailwig ſelber, in die Handthierung Leben zu bringen, die Mutter Simplicia zu wecken ging, indem ſie ihr ſagte:„Ihr gebt ein übel Beiſpiel, liebſte Schweſter, ſchlummert ſtatt zu ſchaffen, und langweilt den Convent, der von Euch ein ſchönes Mährlein begehrt.“— Simplicia rieb ſich verſchlafen die Augen, und entgegnete langſam:„Ei, iſt das nicht ein fröhlicher Lichtkarz, wo eine Spinnerin allein den andern die Zeit vertreiben muß? zu⸗ dem möcht ich gern erzählen, aber der Schlummer klebt mir die Augen zu, als wär' die ärgſte Sonnenhitze draußen. Es hat immer was zu bedeuten, wenn mich arg ſchläfert. Sicherlich geiſtert's wieder auf dem Kirchhof herum. Gott ſegne uns die Klöpflinsnächte, in den heiligen Zeiten lau⸗ fen die Geſpenſter zu Hauf.“—„So erzählt uns was von den Geſpenſtern,“ rief Medora mit Fürwitz;„s thut gar zu wohl, wenn man ſich fürchtet, bei der Kunkel, der dam⸗ pfenden Lampe und dem heißen Ofen.“— Statt darauf Ant⸗ wort zu geben, fuhr Simplicia mit dem Kopfe wackelnd fort:„Ich ſag's, Ihr Frauen, es iſt bei uns nicht geheuer. Geht nicht ein Spuck um, ſo iſt's mindeſtens ein Raubthier. Als ich vorhin draußen war, am Brunnen meine Augen zu waſchen, hörte ich das Thier heulen, als ſchliche es um den Gottesackw.“—„Was kümmert uns der Wehrwolf? erzählt 165 uns etwas, waſcht Euere Augen abermals mit kaltem Waſ⸗ ſer; das erfriſcht, gibt hellen Verſtand.“ Die Nonnen ſammt und ſonders ſtimmten mit Renatens Begehren überein, be⸗ ſpritzten Simplicia's ſchläfriges Angeſicht mit Waſſer, kneip⸗ ten ſie chriſtlich in die Arme und ließen nicht ab, bis ſie, völlig ermuntert, ſich zuſammennahm, dem neugierigen Un⸗ geſtüm genug zu thun. Daher netzte ſie ihre Finger, und ſpann wieder einen neuen Faden an, bat die Mutter Anna, an ihrer Statt das Licht zu putzen, und begann:„So will ich denn erzählen, welch ungeheuerliche Geſchichte ſich einſtens vor vielen hundert Jahren in unſerm Kloſter zugetragen hat. Ich hab's euch noch nie geſagt, um euch nicht zu erſchrecken. Wenn ihr jedoch begehrt, euch zu fürchten, ſo mag's drum ſeyn. Es iſt gar eine viſirliche Hiſtvrie.“ „Angefangen, angefangen, Mutter Simplicia!“ baten alle Nonnen, der Kreis that ſich enger zuſammen, und die Alte hob an:„Einmal war's ein Student von Köln am Rheine. Der hat ſeines Vaters Gut verbutzt und durchge⸗ jagt, verſchlemmt in Ochſenmark, verzecht in Malvaſier. Und als er auf den Grund ſeines Beutels gekommen war, ſagten ihm die Freßbrüder den Handel auf, die Leute beſa⸗ hen ihn nicht mehr, und er empfing Verachtung ſtatt Dan⸗ kes. Da holte er ſein Schülerkleid wieder hervor, und wan⸗ derte fürbaß in Schwaben, und kam eines Tags an den Fuß des Sternenbergs. Er vermeinte allein zu ſeyn, aber der Teufel begegnete ihm, und grüßte ihn als einen Lands⸗ mann, trug ein blaſſes Angeſicht, wie Mondſchein, und Haare, die glichen auf und nieder einem Rocken voll Herbſt⸗ fäden, flatterten abenteuerlich in die Luft. Seine Füße wa⸗ ren gemacht wie die Krallen der Eidechſe, und er war mit einem Wamms von geſchlenzter Seide angethan. Was iſts, Landsmann? Mich hungert, Landsmann.— Komm an des 166 Kaiſers Hof.— Ei gern, wo iſt der Kaiſer?— Da zeigte der Schwarze nach einer uralten Eiche, an deren Wipfel es funkelte, wie eine matte Sonnenſcheibe, und ſagte, das ſey des Kaiſers Wappen und Schild. Denn es ſitze im Ster⸗ nenberg der Rothbart, und halte Hof, wenn er ſchon vor undenklichen Zeiten geſtorben.— Der Student ſchüttelte fröh⸗ lich ſein Gewand, daß es auf ſeine Schuhe anſtändig nie⸗ derfiel, und ergötzte ſich, an einen Hof zu kommen, etwa dort ſein Glück zu machen. Der Eidechſenzwerg klopfte mit der feuchten Kralle an ein rothes Felsſtück, daß es wie Kupfer gellte, und ſtracks verkehrte ſich die Eichenkrone in ein prächtiges Gewölb, und der Stamm iu eine Säule von blankem Stahl, woran viele, viele bunte Schilder hingen, die ſich regten, als ſtriche die Märzluft zwiſchen ihnen durch, und zugleich ertönten wie ernſthafte Trompetenſtimmen. Und ein Thor ſtand offen mit breiten Flügeln, und dahinter lehn⸗ ten Trabanten auf ihren Spießen; große Hunde mit fun⸗ kelnden Halsbändern lagen zu ihren Füßen. Die Wächter riefen nicht an, und die Hunde bellten nicht, weil ſie alle ſchliefen, und hinter ihnen die ganze Hofhaltung von Her⸗ zogen, Marſchällen und Biſchöfen, die an einer Marmor⸗ tafel ſaßen, umringt von ihren Fahnen und Herolden. In ihrer Mitte ſaß auf ſeinem Throne der Kaiſer in einem gold⸗ ſtoffenen Mantel, mit Spangen von Edelſtein, mit Schwert und Krone. Der lange Bart des Herrn, als wie aus rothem Golde geſponnen, war ſiebenfach um den Marmorſtein ge⸗ wunden, daran feſtgewachſen. Neben dem Kaiſer ſtand ein wunderſchönes Frauenbild, geſchmückt und geputzt, und ihr Geſicht, obgleich todt und ſchlummernd, war lieblicher, als der Prunk von allen Fürſten in der Welt. Sie hielt eine Roſe, die in ihrer Hand gemahnte, wie Purpur auf Elfen⸗ bein. Der arme Student, der nie ſolche Schönheit geſehen, 167 wurde zumal verliebt, und der Teufel hieß ihn die Roſe aus der Hand der Prinzeſſin nehmen. Da hatte er jedoch was ſchönes angerichtet. Alle wachten auf; die Rüden knurr⸗ ten, die Wächter riefen an, die Trompeter blieſen, die Her⸗ zoge lärmten mit ihren Waffen und Helmen, die Biſchöſe ſangen das benedicite, und der Kaiſer beutelte bedräulich mit dem Kopfe, rechts und links, wieder rechts und links, und ſo fort. Des Kaiſers Tochter ſchrie jedoch lauter, als der ganze Hof, und ſagte dem armen Studenten in vollem Zorn, ſie verdenke ihm ſehr, daß er ſie aufgeweckt habe, und zur Strafe müſſe er alſogleich ſelbſt zu einem Weibsbilde werden, und als eine Nonne in das Kloſter zu Offenhauſen fahren. Und er habe ſich nur ſtutz und eilends davonzuma⸗ chen, wenn er nicht bei lebendigem Leibe verzehrt ſeyn wolle. Da fürchtete er ſich ſehr und lief hinaus, und alles war um ihn her wie zuvor, der Fels, die Eiche und der ganze Ster⸗ nenberg; aber aus ihm war eine Kloſterfrau mit Haut und Haar geworden, und es ging heftig der Wind, und kutzboh⸗ nelte mit Regen und Hagel auf ihn herab, daß Weihel und Kutte trieften.“ Bis hieher war von den Nonnen der ſtrengſte Ernſt be⸗ wahrt worden. Nun aber hielten ſie nicht mehr an ſich, und lachten überlaut trotz Hailwigs Gegenwart, daß die ſtrenge Aufſeherin ſelber lächelnd den Mund verzog. Dann riefen ſie mit einer Stimme:„Das iſt ein luſtig Mährlein, aber keins zum Fürchten. Wo bleiben die Geſpenſter, Schweſter Simplicia? Das iſt nicht ſchauerlich, iſt nur ein Narrenſtück⸗ lein!“ Simplicia runzelte die Stirne, ſchuppte ſich ungeduldig auf ihrem Schemel, und verſetzte mit drohendem Finger:„Loſes Volk, loſes Volk, das Geſpenſt iſt ſchon da, und die Furcht bleibt nicht aus.“ Wie nun der Convent mit doppelter Aufmerk⸗ ſamkeit ihrer Rede lauſchte, erzählte ſie weiter:„Der verſtellte 168 Schüler lief, was er konnte, ſchnurſtracks in's Kloſter, und alſobald in's Refektorium, wo jetzo wir den Lichtkarz halten, und ſetzte ſich ohnverweilt an den Tiſch, weil er meinte, der letzte zu ſeyn. Da ging jedoch ein großer Schauder auf in allen Kloſterfrauen, deren dazumalen noch zweiundſiebenzig waren, wohl gezählt. Doch nein; es waren ihrer nur ein⸗ undſiebenzig, denn die zweiundſiebenzigſte hieß Mutter Engel, und war vor einem Jahre verſtorben, und juſt in ihrem tod⸗ ten Leibe ſteckte eben der Student. Die Schweſtern wuchſen an den Bänken an, als der gelbe Leichnam hereintrat, von deſſen zerfallenden Gewändern der Regen troff, und beteten der Paternoſter faſt viel. Aber das Geſpenſt wich nicht, und verpeſtete mit Moderduft die ganze Stube, daß den Weibern ohnmächtig zu Sinne wurde, auch ihrer etzliche hinſanken, wie im böſen Weſen. Der Student wußte von allem nichts, und wollte tapfer zulangen; aber wo ſeine Hand hinreichte, an eine Schüſſel rührte, oder zu einer Speiſe griff, verherten ſich ſo Schüſſel als Atzung in Todtenknochen, gräuliche Regen⸗ würmer und ſchwarze Trauerfetzen. Auch konnte er nicht reden, ſo gerne er es verlangte, denn ſobald er den Mund aufthat, mochte er nur huſten und keuchen, wie die verſtorbene Mutter Engel, und vor ſeinem ſcheußlichen Geſichte liefen die heiligen Jungfrauen davon.“ 2 Indem bei ſolch ſchrecklichen Begebniſſen die Kloſterfrauen ſich von Angſt geſchüttelt fühlten, die Augen ſchloßen, und nicht den Kopf nach der Thüre wendeten, gerade als ob die todte Nonne dort eintreten würde, ſchleppte die Zunge der Simplicia immer langſamer und mühſeliger die Worte herbei, bis ſie endlich ganz ſtille ſtand, weil die Mutter feſt einſchlief. Schon wollten die Schweſtern auf's Neue die Schläfrige wek⸗ ken, aber Poppele drängte ſich in den Kreis, gebot Stille mit ausgeſtreckter Hand, und ſagte:„Ich will euch das Ende er“ 169 zählen, wie ich's von der Mutter Simplicia gehört.“ Die Nonnen ſahen ſich fragend an, aber Poppele ließ ſich nicht irre machen, fuhr geheimnißvoll fort:„Die Weiber im Klo⸗ ſter mochten ſich kaum der todten Schweſter erwehren, und der Student war von Hunger zerriſſen, weil alles zum Un⸗ rath wurde, was er berührte. Auch konnte er nicht ſterben, und des Leichnams verluſtig ſeyn, in welchen er gebannt war. Darum rief er den Teufel, daß er ihn tödte, und der Böſe wollte es thun, aber nur, wenn der Student alle Weiber im Kloſter der Hölle theilhaftig machte. Er ſollte hin⸗ gehen und ſie abſchlachten, ehe ſie gebeichtet hätten, damit ſie voll Sünden wären, wie Herodes voll Ungeziefer. So ſteckten ſie einsmals beiſammen, juſt wie heute ihr's thut, geſchorene Weiber, und ſpannen und ſchwatzten, und eine jede ſpann ihr Todtenhemd....« „Schweig, ſchweig, häßlicher Geſell!“ ſchrieen die Non⸗ nen voll Abſcheu, und ſprangen von ihren Stühlen:„zieh ab, Spätzlifreſſer, Du beſeſſener Knecht, denn ſchon iſt der Mohd drei Viertel alt, und Deine Zunge ſchwatzt Wahnſinn und Tod!“— Poppele entgegnete finſter und wie ein Pro⸗ phet:„Wohl iſt der Mond drei Viertel alt, und ehe er voll ſcheint, wird des Elends über euch gekommen ſeyn ein voll⸗ gerüttelt Maaß. Manch eine von euch hätte beſſer ihr Tod⸗ tenhemd angelegt, als daß ſie hinfährt in zeitlicher Schmach und ewiger Verdammniß.“— Worauf die Nonnen klagten: „Verſchließt ihm doch das böſe Maul, Mutter Hailwig. Seht, wie er ſich ſtreckt, als ſtände er aus dem Grabe auf! Er macht uns einen Spuk für, daß wir vor Angſt erſtarren.“ — Ehe Mutter Hailwig dem Jüngling ihre Gewalt zeigen mochte, rief er wild:„Wehe euch, wenn ich zur Grube fahre; denn ich werde daraus hervorſteigen alle Nächte, ohne Unterlaß euch zu peinigen, wie ihr's verdient. Spinnt euere 170 Grabtücher, mein Sterbehemd iſt fertig, und ich trage es auf dem Leibe!“ Euſtachia's Stimme kreiſchte empor:„Betet, liebe Schweſtern, betet Roſenkranz und Paternoſter, ſagt das Nacht⸗ gebet, denn der böſe Geiſt redet aus dem Fallſüchtigen!“— Auf dieſe Mahnung drehten die Weiber dem Unglücklichen den Rücken zu, und begannen vor dem Kruzifir Vaterunſer und Ave zu plärren. Poppele konnte das Gebet der Weiber nicht aushalten, warf die Kunkel hin, lief aus dem Saale; ſuchte jedoch nicht ſeine Schlafſtätte in der Mauerblende, aber auf Giſela's Schwelle, denn die Oberin ſchlief ſeit einigen Tagen, um ungeſtörter zu ſeyn, nicht in der Mitte der Scheſtern.— Hailwig verordnete, daß die Lichter aus⸗ gelöſcht würden, ſchaute nach, ob alles wohl beſchloſſen war, und die Nonnen ſammt und ſonders ſchlüpften unter ihre Decken, fanden lange keinen Schlummer ob der Furcht, die ſie empfunden. Als nach und nach die müden Augenlieder zugingen, träumte manche von ihrem Sterbehemde und vom jüngſten Gerichte. k* Da nun im Kloſter ſich nichts mehr regte, als der Brunnen plätſchernder Fall, wurde nach und nach die ſtille Mühle lebendig. Zuvörderſt huſchte der Müller von ſeinem Lager auf mit böſen Gedanken, und er dachte bei ſich: Die Nacht iſt hell, meine frommen Pilgergäſte ſchnarchen, der Weg nach Gomadingen iſt nicht weit, und wenn ich jezo hin⸗ ginge, das Haus des Kornhändlers anzuſtecken, der meine Kundſchaft verhetzt, und zu andern Mühlen verlockt, ſo könnte ich wieder zurück ſeyn, ehe man des Brandes inne wird.— Nun warf ſich der Böſewicht in die Kleider, ſteckte zu ſich Schwefelfaden und Stein, und wiſchte aus dem Hauſe. Kaum war er fort, ſo ſtieß in der Gaſtſtube der Ritter Anshelm ſeinen Vater an, und raunte ihm behutſam zu:„Ihr 171 könnt nicht ſchlafen, und ich vermag es auch nicht. Die Nacht iſt ganz ſtumm, der Mond liegt hinter den Wolken, ſpendet ein mäßig Licht. Da der Bruder noch ferne weilt, wollten wir nicht zum Friedhof ſteigen, und den Schatz erheben? Hier iſt Schaufel und Bickel, ich und Lutz haben rüſtige Arme, Ihr zeigt den Ort und ſprecht das Gebet.“— Der blöde Greis lallte entgegen:„Wohl recht, doch fehlt mir leider das Buch, und die Jungfrau, und das Zeichen Salomonis—„Ei was,“ ſpottete Anshelm voll Habſucht und Begierde:„ſo der Schatz in jenem Grunde liegt, wird er ſich ohne Zauberſegen, ohne Jungfrau finden laſſen. Hier Euer Mantel, zieht die Kappe über die Ohren. Wickelt Euch genüglich ein, denn die Luft iſt rauh, aber bald gethan iſt das Werk.“— So ſchlichen ſie von dannen, Vater und Sohn, und der ſtaunende Lutz trug Haue und Schaufel, und verſtand nicht, was da werden ſollte. Als ſie jedoch zur Kirchhofthüre kamen, und einander mühſam über das Gatter lüpften, ſegnete ſich der Knecht und ſeufzte, ob nicht vielleicht ein Teufelswerk hier im Spiele ſey. Ans⸗ belm fuhr ihn hart an:„Schweig, unnützes Maulthier. Ste⸗ hen wir nicht auf geweihtem Boden? iſt ein Hexenmeiſter bei uns? mißgönnſt Du etwa Deinen Herren das ſchimmliche Geld, wonach ſie graben wollen 2“— Lutz antwortete fromm: „Sprecht nicht alſo, Herr. Die eigne Wohlfahrt iſt mir nicht halb ſo werth, als die meines Junkers und des alten Herrn, und die Euere. Habe ich nicht ausgekundſchaftet, wo das Ge⸗ lichter, welches den ſeligen Herrn von Zavelſtein nach ſeinem Tode beſtahl, vorüberfuhr? gebietet alſo, wenn ener Werk von Gott iſt, und mein Junker nicht dabei verkürzt werden ſoll.“—„Jedem ſein Theil,“ brummte Anshelm:„Vater, ſchaut um Euch, weiſet uns die Stelle.“— Der Alte forſchte umher mit ſeinen ſchwachen Augen, die von der Arzneidoktorin ſich erheitert hatten; er zählte die Buchenbäume ab, deutete 172 auf einen Hügel an der Kirchenmauer, und ſprach:„Dort liegt der Schatz, dort ſah ich ihn im Geiſte; grabt, und der Herr ſtehe uns bei.“ Sie ſchlichen näher, aber wie vorſichtig ihre Tritte wa⸗ ren, ſo jagten ſie doch eine Geſtalt auf, die auf dem Hügel lag, und ſcharrte. Das fremde Weſen, gelblich ſchimmernd vor der ſchwarzen Kirchenmauer, ſtieß einen Laut aus, wie ein dumpf Gebell, fuhr ſtracks davon, verſchwand plötzlich.„Was war das? fragten die Schatzgräber untereinander, und der Alte ſchwor, es ſey der Zauberhund geweſen, und Anshelm zitterte, wie einer, der ein Geſpenſt geſehen, und Lutz ſagte trocken:„Das war ein grimmer Wolf, der auf den Got⸗ tesäckern ſeine Atzung ſucht, wenn ihm das Wild im Forſte mangelt.“ Ungläubig ſchüttelten die andern die Köpfe, be⸗ theuerten, der Unhold ſey im Boden verſunken, während Lutz meinte, es ſey ihm vorgekommen, als wäre das Thier in eines der Löcher des Gewölbes geſprungen.„Gleichviel,“ rief endlich Anshelm, von ſeiner Furcht ſich ermannend:„Ge⸗ ſpenſt oder Thier, uns kümmert's nicht. Das Ungethüm wird uns in Ruhe laſſen. Greif an, friſch an's Werk, da, wo die Krallen des Höllengeiſtes einſchlugen. Betet, mein Vater.“ Und der wundergläubige Alte that's, und murmelte geheim⸗ nißvolle Sprüche, während die Hacken den Hügel zerriſſen. Am entgegengeſetzten Ende des Kloſterzwingers, über die niedrige Mauer des Gartens gebückt, ſtand zu derſelben Friſt der lauernde Heinz, und lockte mit leiſem Pfiff in den Wald hinein, bis die Spießgeſellen ihm daraus antworteten, und mit Diebsſchritten herantraten, den Platz zu erreichen, wo ihre Kundſchaſter den leichteſten Uebergang gefunden. Heinz rief ihnen dumpf entgegen, daß ſie ohne Geräuſch einſteigen möchten; er wolle voraus gehen, ſchlüpfen in das ſtille Haus, und mit geſchicktem Meißelſchlag das Pforten⸗ 173 ſchloß eröffnen. Alſo geſchah es. Neben dem niedrigen Schwibbogen, ſo in den Garten führte, war ein eng, ver⸗ blindet Fenſterlein, umſponnen von dichtem Drahtgitter; aber Schnee und Regen und Sonnenbrand hatten die Eiſen⸗ fäden durchgefreſſen, und Heinzens prüfende Räuberfinger bereits ohne Lärm die roſtige Schirmdecke abgelöst. Der ſtaubige Rahm, worinnen die Glasſcheiben hingen, wich ſeinerſeits einem vorſichtigen Druck, und geſchmeidiger als ein Fiſch, der mit der Fluth durch eine Felſenſpalte glei⸗ tet, ſchlüpfte der Dieb in das wehrlos preisgegebene Kloſter. Ohne Verzug machte er ſich an die Pforte, ſuchte emſig Hafte und Nagel, wo der Sperrung am leichteſten beizu⸗ kommen; ſeine Fauſt zitterte, nicht vor ſaumſeliger Unge⸗ ſchicklichkeit, denn er war geübt in des Handwerks Kün⸗ ſten; nicht vor Zweifel und Beklemmung, denn er bebte nicht vor unbewaffneten Weibern der Rache lechzende, un⸗ erſättliche Begier zuckte in ſeiner Hand, und verloren ſchien ihm die theure Zeit, denen er bedurfte, das Schloß zu ſprengen.— Endlich krachte das Eiſen, dröhnte einen dumpfen Schlag durch das Haus. Heinz zog langſam die Pforte auf, und von außen fiel des Himmels blaſſer Schein in die Dunkelheit des Kreuzgangs.„Seyd ihr Alle da 2“ fragte der junge Räuber aus hohler Bruſt, und Wildherr, der erſte, reichte ihm ſtumm bejahend die Hand. Hinter ihm ſtrichen vereinzelt die Genoſſen, unter ihnen Richardis, mit wehenden Gewändern, mit flatternden Haaren. Ein Weib?“ fragte Heinz ſchnell und mißtrauiſch:„wer iſt das Weib?“—„Was geht's Dich an?“ entgegnete der Wild⸗ herr, und zugleich drängte ihn Heinz zurück, den Kopf plötz⸗ gegen die nahe Treppe gewendet: Halt inne! verharre noch, ich höre kommen. Rührt euch nicht! Poppele, der Wächter auf Giſela's Schwelle, war vom 174 Knall des in Trümmer gehenden Schloſſes aufgeſchreckt wor⸗ ven. Sein erſter Gedanke war, Lärm zu machen, ſein zwei⸗ ter, es möchte etwa der Wildherr ſeyn, welcher in dieſer Nacht käme, ſein Wort zu löſen.„O weh,“ ſprach er zu ſich ſelber:„ich bin ein läßiger Bube, ein fauler Pförtner, und halte nicht, was ich ihm zugeſagt.“ Da glitt er längs der Mauer des Ganges zu der Treppe, lief ſchnell hernieder in den Kreuzgang, an die Pforte, welche Heinz wieder an⸗ gelehnt, und fragte in das Dunkel:„Biſt Du's, alter Wild⸗ herr? gib ein Zeichen, Poppele wacht.“—„Ich bin's, guter Freund,“ antwortete Heinz, und griff nach dem Jüngling. Aber Poppele, eine fremde Stimme hörend, geſtachelt von Entſetzen, entwich der tappenden Fauſt, und ſprang mit gellendem Gezeter die Treppe wieder hinan. Wuthentbrannt und ſtolpernd folgte ihm Heinz auf dem Fuße, und, oben an⸗ gelangt, in fernen Gemächern weibliches Gekreiſch vernehmend, ſah er plötzlich, wie der Oberin Gemach aufging, und, die Lampe in der Hand, die tiefverſchleierte Priorin hervortrat, zu deren Knieen Poppele niederſtürzte, mit dem Angſtgeſchrei: „O rette Dich, lieb Mütterlein, ſie kommen, Dich zu töd⸗ ten!“ Heinz, das blanke, lange Meſſer in der Fauſt, ſtutzte einen Augenblick, und Giſela rief:„Was thuſt Du hier? was haſt Du meinen Löchtern an! gib Rechenſchaft der Mutter dieſes Kloſters!“ Heinzens grimmverzerrter Mund heulte ihr die Antwort zu:„Fahr zur Hölle, Mutter dieſer Schlangen, fahre hin, Agneſens Mörderin!“— Die Klinge zielte nach Giſela's Bruſt; den tödtenden Blitz aufzuhalten, klammerte ſich Poppele mit Tigersgewalt an den Feind, der ſich wild ſchüttelte, ledig zu werden der Laſt.„Entflieh!“ ſchnaubte er:„Ich hab's geſchworen, laß mich vollenden!“ Verzweiflungsvoller krallte Poppele die Hand in Heinzens Nacken, verletzte ihn mit Nagel und Zahn. Giſela lehnte 175 betäubt an der Wand, über die Treppe ſchallten die Tritie der Räuber. Seinen Blutdurſt zu ſtillen, ſeinem Opfer an den Hals zu kommen, ſtieß Agneſens verblendeter Buhle ſeinem hartnäckigen Gegner das Meſſer in die Rippen, daß ein Geheul, die Steine zu erbarmen, aus dem Munde des zum Tod Getroffenen fuhr, worauf gar bald ſeine erſtar⸗ renden Glieder nachließen, ſein Körper mit ſchwerem Ge⸗ wicht zwiſchen Heinz und Giſela zu Boden fiel. Nun war freilich keine Schranke mehr zwiſchen dem Feind und der Nonne, aber Giſela hatte ihren Schleier er⸗ hoben, beleuchtete mit vorgeſtreckter Lampe den blutigen Auftritt, und Heinz ſtarrte nun, ſelber verzweifelnd, in das fremde Antlitz. Seine Hände ließen die Mordwaffe, er ſtürzte mit einem Schrei in die Arme der Gefährten, fluchte ſeiner Blindheit, fluchte der gräßlichen Nacht.„Was haſt Du begonnen, Unſeliger!“ fragte Wildherr empört:„kamen wir herein, um zu morden? auf Dein Haupt dieſes Un⸗ ſchuldigen Blut!“ Heinz nickte ermattet, und da Richardis beim Schimmer einer an Giſela's Lampe entzündeten Fackel herzutrat, und Poppele's Leichnam gewahrend, zornig in die Worte ausbrach:„Wehe mir, wer iſt der Vermaledeite, der alle meine Hoffnungen erſchlug 26 da erhob Agneſens Liebſter ſein Haupt, und verſetzte mit grimmigem Haß in den ab⸗ geſpannten Zügen:„Dir hat es gegolten, Du Peinigerin, als eine Sühne für Agneſens Tod! Jetzo iſt meine Hand erlahmt, aber der Himmel genade Dir, ſo Du mir einſt auf meinem Wege begegneſt!“ Er ſank wieder in ſeine Kniee zuſammen, und Oſtertag, verſtummend vor dem fürch⸗ terlichen Schauſpiel, wagte nicht, für Richardis das Wort zu nehmen. Landſäß war dagegen flinker, und begehrte mit rauhen Flüchen den Tod des Elenden, der auch ihm und dem Schurken Gensbein die Hoffnungsſaat zernichtet hatte. 176 Der Wildherr ſtreckte jedoch ſchirmend ſeine Hand über Heinzens Kopf, und ſprach drohend:„Rührt ihn nicht an. Wißt ihr denn, ob nicht ſein Arm von Gott erwählt gewe⸗ ſen, mit dieſem jämmerlichen Todtſchlag Frieden zu ſtiften, ſtatt des Haders? laßt ab von fernern blutigen Gedanken. Soll meine Hochzeit mit weiterm Morde befleckt ſeyn? Mit nichten; es drängt die Zeit, und annoch ſind die Kerzen nicht entzündet. Wo iſt der Pfaff, daß er mein Bündniß ſegne? Hier ſtehen die Zeugen, hier der Bräutigam, hier die Braut.“ Er zeigte auf Giſela, die wie eine Schmerzensmutter neben Poppele kniete, das Haupt des Jünglings auf ihren Knieen hielt, und noch keine Thräne fand, den zu beweinen, der für ſie geſtorben war, ſo bitterer Schmerz zermalmte ihre Seele. Das Antlitz des Todten war ruhig, ſeine ſtar⸗ ren Augen blickten auf, als ſuchten ſie mit unendlicher Liebe die Freundin, die Mutter, das einzige Kleinod eines bos⸗ haft zertrümmerten Lebens. Vor dieſem Trauerbilde zähmte ſich der Räuber Muthwille, verſtummte die Wehklage der herbeigeeilten Nonnen, die nur leiſe flüſterten:„Wahrlich, es war geſponnen, ſein Todtenhemd. Wer aber rettet uns aus dieſer Noth der Gewalt der wilden Männer, und der erzürnten Priorin?“ Richardis ſtand Verderben brütend dem Konvent gegenüber, zagend Gensbein in dem Schutz des Landſäß, nachdenklich und verſchloſſen der Ritter von Frie⸗ dingen. Hünerkogel ſchleppte den Vikar herzu, kaum beklei⸗ det, halb entſeelt vor Schrecken. Der arme Mann wollte den Mund aufthun, die Kloſterſtürmer anzureden, aber Wildherr befahl ihm zu ſchweigen, und zur Kirche voranzugehen, um eine Trauuug zu verrichten. Zugleich gebot er den zittern⸗ den Weibern, daß ſie ſchwiegen, keinen Laut von ſich gäben, wäre ihnen lieb das Leben. Hierauf trat er vor Giſela und redete ſie an mit brünſtiger Leidenſchaft in den Blicken: — 177 „Laß von dem Knaben ab; was todt iſt, nimmer wird's lebendig. Ich habe Dich erkoren, das Lamm zu ſeyn, wel⸗ ches mich ſchon in dieſer Welt entſündige. Du haſt in mei⸗ nem Herzen die erſte Liebe entflammt, und ich will mir nicht verſagen, in Deinen Armen glücklich zu ſeyn. Willig oder ſpröde, mit Luſt oder mit Haß, wirf Dein Nonnen⸗ kleid von Dir, ſey eines tapfern Mannes Weib. Ich kam mit dieſen wackern Leuten, Dich heimzuführen, und des Prieſters Spruch ſoll uns vereinen. Folge mir zur Kirche.“ Als ob ſie dem von ferne rollenden Doyner lanſchte, richtete Giſela den Kopf in die Höhe, und ihr Ohr verſtand nicht, was der bärtige Greis ſprach, und zerſtreut gleiteten ihre Blicke in der Runde, wie eines nachtfertigen Menſchen, bis abermals auf den bleichen Poppele und auf das dunkle Blut ſie fielen. Da ſeufzte die Gebeugte mit verdoppelter Wehmuth, bückte ſich tiefer zu der Leiche nieder, gehörte wieder ganz dem brennendſten Schmerz. Eine harte Fauſt riß ſie empor, höhniſch rief die ungeduldige Richardis: „Ermanne Dich, auserleſene Braut eines Räuberführers! Ich will Deine Kränzeljungfer ſeyn und Zeugniß geben von Deinen Eiden.“ Giſela ſchrie entſetzt auf, entwand ſich der grauſamen Feindin, ſtrebte hin nach dem Leichnam, von dem ſie geriſſen werden ſollte, griff nach Hailwigs ſchützenden Armen, die ſich ihr öffneten. Aber von dem Todten ſtieß ſie der Wildherr, von der mitleidigen Schweſter trennte ſie Richar⸗ dis, und ſie fühlte ſich wie im Fluge davon getragen, von den Händen des erſchrecklichen Hochzeiters und der Braut⸗ führerin.„Sperrt die Weiber feſt ein! tödtet alſogleich die erſte, die verſuchte, um Hülfe zu rufen!“ befahl der Wild⸗ herr ſeinen Kumpanen, und Richardis ſetzte gebieteriſch hinzu: „Nehmt der blaſſen Thörin dort die Schlüſſel ab, und bringt ſie mir, denn ich bin fürder dieſes Hauſes Meiſterin, und Nonne von Gnadenzell. II. 12 178 wehe den Verräthern, die ſich an mir verſündigten!“— Nickel that den Dienſt mit roher Schadenfreude, und trieb die Kloſterheerde in die Kapitelſtube, wo die Schweſtern zähne⸗ klappernd den Ausgang dieſer Nacht erwarteten, und Hail⸗ wig und Medora, verſichert, daß Richardis ihnen das Ver⸗ derben geſchworen, zum Tode ſich bereiteten. — Zehntes Kapitel. Nicht, wie ich woll', itzund mein Sach Weil ich bin ſchwach, Und Gott mich Furcht laͤßt finden: So weiß ich, daß kein G'walt bleibt feſt, Iſt's allerbeſt, Das Zeitlich' muß verſchwinden. Das ew'ge Gut Macht rechten Muth, Dabei ich bleib, Wag' Gut und Leib; Gott helf mir's uͤberwinden. Altes Kirchenlied. Die Werkzeuge der Schatzgräber ruhten nicht; die Män⸗ ner ahnten nicht, was ſich im Innern des Kloſters begab. Sie hatten das Laternlein angezündet, welches gar trübſelig zwiſchen den aufgewühlten Erdhaufen brannte, und gruben undkhackten, und der Schlag ihrer Hauen wurde ſtets dum⸗ pfer, ſo daß der Alte mit abergläubiſcher Freude rief:„Laßt nicht ab, ihr Kinder, verzaget nicht. Der Geiſt hat mich nicht belogen, der Schatz ſteigt empor.“ Da reckte der Knecht ſein Ohr nach dem Kloſtergarten, und ſprach:„Mich dünkt, als hörte ich verworrene Stimmen im Nonnenhauſe. Was mag es geben?«—„Die Mettenfinken verſammeln ſich zur Hora,“ erklärte Anshelm:„darum friſch, hau zu, ſtoß dann ein mit Deiner Schaufel, ehe wir geſtört wer⸗ 180 den.“— Der Alte meinte, die Nonnen ſeyen verzagt, und fürchteten ſich vor Geſpenſtern, wie es denn auch in der That Geſpenſter in dem Kloſter gäbe, wovon er Zeuge geweſen; darum würden ſie nicht kommen, das ſchwere Werk zu unter⸗ brechen. Unterdeſſen ſchaute Lutz beſorglich umher, deutete nach dem Himmel, gegen die Mittagsſeite, und redete kopf⸗ ſchüttelnd:„Mein, wie ſind doch die Wolken dort ſo roth, und immer röther flammen ſie, und ſchwarzer Rauch kräu⸗ ſelt ſich empor. Dort brennt ein Dorf, ihr Herren!“— Die Glut war über Gomadingen, und bald erklang dort die heiſere Glocke im Kirchthurm.„Laß brennen, Luß, laß brennen,“ eiferte Anshelm:„um ſo ſchöner wird das Gold funkeln, ſo wir dem Schoos der Erde rauben. Hört Ihr, Vater, die dumpfen Streiche? putze das Licht beſſer, Lutz. Hebe ſie weg, die letzte Schaufel Erde. Lüpfe die Laterne. Ha, ein Kaſten, wir ſind am Ziele!“—„Gott ſegne Dir und Deinem Bruder dieſen Hort!“ betete der Vater inbrün⸗ ſtig, während der ungläubige Lutz zweifelnd verſetzte:„Viel⸗ leicht iſt's nur ein Sarg.“ Da ſchalt ihn Anshelm mit den Worten:„Daß Dich der gelbe Schelm, Du blinder Thomas! Ein Sarg? wo wäre dieſer Kaſten aus rauhen Brettern eine Todtentruhe? heraus mit ihm, hilf mir ihn an dieſem Ende heben. Haltet die Leuchte, Vater. Hu, wie ſchwer, brauche Deine Kraft, lieber Lutz. Lehne den Kaſten an, wir heben ihn dann auf der andern Seite!“— Wie nun gethan wurde nach Anshelms Befehl, und die Truhe halb aufrecht lehnte, auch der Greis, auf ſeinen Knieen kauernd, fürwitzig in die Grube zündete, brach der Deckel von der Kiſte morſch entzwei, und das aufgedunſene Antlitz der Frau Demuth, ſchon benagt von der Verweſung, aber kenntlich ganz und gar, ſchaute aus dem rauhen Sarge, und der Greis tau⸗ melte ſammt ſeiner Leuchte bewußtlos in das Grab zu ſei⸗ nem Weibe. Anshelm erkannte nicht minder alſobald der — —— 181 Mutter Züge, und ſank mit dem Angeſicht zu Boden, wäh⸗ rend der Knecht ein lautes Hülfegeſchrei anhob. Hierauf kamen Leute, aber wahrlich keine mitleidigen Helfer. Die Thüre, die ſich aus dem Kloſter in den Friedhof öffnete, wurde heftig geſprengt, und Heinz ſtürmte außer ſich über die Gräber, rufend:„Wer iſt der Frevler, der es wagt, meiner Agnes Gebeine zu ſtören?“ Ihm folgte Scheiben⸗ hart, als ein beſorgter Freund, und da er die fremden Leute fand, auch dem Knecht geholfen, den Alten aus der Grube zu heben, freute er ſich, den Sterndeuter gefunden zu haben, trug ihn auf ſeinen Schultern in den Kreuzgang, von dannen zur Kirche. Anshelm und Lutz traten ihm nach, wie gedul⸗ dige Schafe, der Ritter, von Gewiſſensangſt verzehrt, der Knecht, um ſeine Herren nicht zu verlaſſen. Heinz blieb auf dem Gottesacker zurück, ſeiner Buhlſchaft Namen rufend, und nach ihrem Grabe troſtlos ſuchend. In der Kirche ſah es wunderlich aus. Hie und da brannte ein Licht, eine lodernde Fackel beſchien den Altar, woran ſich der entgeiſterte Prieſter lehnte, ein Mann des Erbarmens. Vor dem Altar der Wildherr, auf ſeine fürch⸗ terliche Art geſtützt; auf den Stufen Giſela in Ohnmacht ausgeſtreckt; Richardis neben ihr, aufrecht wie eine Siege⸗ rin, den Schlüſſelbund des Kloſters in der krampfhaft ge⸗ ſchloſſenen Hand. Als Zeugen deſſen, was da kommen ſollte, Landſäß und Gensbein, und der Räuber etliche mit gezogener Wehr und Waffen. Der Friedinger, mitleidig ſchauend auf die Ohnmächtige, bebend im männlichen Herzen vor dem fühlloſen Triumph ſeiner Liebſten.— Fragend richteten alle die Blicke nach Scheibenhart und ſeinen Be⸗ gleitern, und der Räuber ſetzte den Greis zu den Füßen des Wildherrn nieder, ſprechend:„Hier Dein alter Prophet, dort ſein geiziger Sohn. Befiehl über das Haupt dieſer Männer.“ 182 Wildherr ſchleuderte dem Anshelm aus den Augen einen Drohblitz zu, aber den Alten liebkoste er, ſagte ihm ein freundlich Wort. Der greiſe Herr von Sperberseck begriff nicht mehr, was mit ihm vorging, denn er war ſtumpffinnig geworden, wie ein blödes Kind, und ſtierte ſchweigend vor ſich hin, als wollte er den Kopf nimmer verwenden.— Anshelm hatte inzwiſchen, mit dem Halbdunkel mehr ver⸗ traut, Gensbeins freche Stirne unterſchieden, mit einem Seufzer ſich verhüllt; und wie von des Engels Poſaune erdröhnte ſein Ohr, als der falſche Betrüger zu dem Land⸗ ſäß anhob:„Seht, v Herr, den Mann, der mir befahl, ſein Brüderlein hinwegzutragen, und auf ewig ſtumm zu machen. Die Heiligen rührten mein Herz, daß ich die Bosheit nicht vollführte, und in dem Friſchhans für den Knaben einen Pfleger wählte. Ich log dem ungetreuen Bruder vor, wie das Kind im Mühlbach ertränkt worden ſei; das Geld, ſo ich in des Waldbauern Hütte vergrub, war aber der vor⸗ ausbezahlte Sold der Miſſethat.“—„Das hätteſt Du ge⸗ than, Du Heide?“ ſchnaubte Landſäß dem Anshelm zu, deſſen Kniee ſchlotterten, und deſſen Lippen kaum die Frage hervorbrachten:„Wenn der Bube lebt, wo iſt er denn?“— „Geh' hinauf in's Kloſter,“ entgegnete Landſäß,„ſuche dort nach ihm, und hebe ihn aus ſeinem Blute. Die beſte Frucht der Rache fiel in den Staub, aber dennoch höre ich nicht auf, der Würgengel Deines Hauſes zu ſeyn, bis mir Dein Bruder zum Opfer fiel.“— Da verſtellte ſich des Anshelms Geſicht in eine ſcheußliche Larve, und mit gerungenen Hän⸗ den ſtammelte er:„Mein Bruder.. ach, er trägt die Schuld allein... ich ſage mich los von ihm... überlaſſe ihn der Strafe... ſchont meines Lebens, ich habe Weib und Kinder, ich will den Baſtard begraben laſſen.... eine Jahrszeit ſtiften; mein Bruder kömmt, er kann nicht ſäumen rechtet mit ihm, ſchonet meiner, des Armſeligſten!“— — 183 „Gedenkt doch, was Ihr redet!“ bat, für ſeinen Herrn zit⸗ ternd, von des Ritters Schlechtigkeit empört, Heerdegens frommer Knecht. Landſäß und Wildherr klatſchten dagegen hohnlachend in die Hände, und der Letztere rief:„Friſch auf, ſo ſteht die Rache in der Blüthe! Unſere Dolche, edler Landſäß, werden ihres Ziels nicht verfehlen. Bindet Ritter und Knecht an jene Säule, und Du, mein wackerer Knabe, eile hinaus, des Junkers zu harren, damit ſeine Rechnung getilgt werde.“ Alsdann ſchritt er raſch auf den Altar zu, dem Prieſter ſagend:„Mach voran und rüſte Dich, ich will mit dieſer heißgeliebten Magd verbunden ſeyn, ehe meine Hand ſich in Blut getaucht.“ Der Prieſter ächzte mit ge⸗ brochener Stimme:„Unglücklicher, was begehrſt Du, ein Gebannter, dieſes lebloſe Weib zu freien?“ Worauf der alte Sperberseck, wie aus dem Schlummer, den Kopf erhob, und gar beweglich warnte:„Wer ſpricht von Hochzeit? werbe nicht, o werbe nicht, Du alter Mann! Greiſe um⸗ armen nur den Tod, wie ich heut Nacht im Grabe den Brautreigen tanzte!“— Der Wildherr riß ſich von ihm los, verwünſchte den Warner, trat entſchloſſen hin vor Giſela, richtete ſie unſanft in ſeinen Armen auf, daß ſie ſchaudernd erwachte und ſprach dringend:„Ziere Dich nicht, holde Braut; biſt nicht die erſte, die einem Kloſter entriſſen wurde, einem ſtarken Maune anzugehören. Meine Bruſt ſchlägt heiße Flammen, kühle ſie, mein Herz.“—„Laß mich, Du Gräßlicher!“ lispelte Giſela, ſtarr wie eine Bild⸗ ſäule; nur die Augen ſuchten ängſtlich Poppele's Leichnam, begegneten aber der drohenden Geſtalt ihrer bitterſten Fein⸗ din.„Will ſie zum Leben bringen,“ ſpottete Richardis, und ſchüttelte die Jungfrau bei den Armen:„Hörſt Du, wie in meiner Hand die Schlüſſel klirren? ich gebiete hier; ſage mir den Ort, wo der Schatz verſteckt liegt, den Du 184 mir weigerteſt. Lüge nicht, wenn nicht die grimmigſte Nein Giſela, ſtets noch in den Armen des Wildherrn ſeſige⸗ halten, unvermögend, ihm zu widerſtreben, ſich zu regen, drehte mit unbeſchreiblicher Verachtung das leidenvolle Ant⸗ litz nach Richardis, und redete:„Drohe nicht mit Deinen Foltern, raſendes Weib. Des Lebens hab' ich mich ſchon entſchlagen, fürchte Deine Wuth nicht. Frei ſage ich Dir, daß ich die verfluchten Kleinodien in's Geißelgewölbe ſenkte, unter dem Altar verborgen, dicht neben dem Orte, wo Du mich im Kerker ſchmachten ließeſt. Suche dort, und nimm ihn vollends hin, den Fluch, der an dem Golde haftet.“ Giſela's Stimme erloſch, ihr Haupt ſank nieder, wie einer geknickten Blume Stern, und Wildherrs ſtreitgeübte Fauſt zitterte an der ſtockenden Bruſt der Jungfrau, doch Richardis kannte das Mitleid nicht, ſchwang frohlockend die Schlüſſel, reichte dem Friedingen eine Kerze, ſprach zu ihm: „Folge mir, lieb Herz, folge geſchwind.“ Mit leichten Schritten, als zum Tanze, ging ſie dem Ritter voran, verſchwand unter dem finſtern Chorgewölbe, ſtieß zur feuchten Treppe die Thüre auf, und wie von einem matten Irrwiſch umgaukelt, wandelten Nitter und Nonne in die Tiefe. Da ſtarrte von Riegeln und Nägeln die Pforte des Geißelgewölbes, und jeder Zug der Schlüſſel, jeder Ruck der Klammern toste wie unterirdiſcher Donner. Als der Flügel aufging, löſchte der Luftſtrom die Kerze in des Friedingers Hand.„Vermaledeit!“ ſagte er:„komm wieder herauf, mein Lieb, daß wir die Kerze friſch entzün⸗ den.“—„Geh allein, Du kühner Mann,“ antwortete Ri⸗ chardis mit feurigem Kuſſe:„ich zittere nicht vor dieſen Grüften, warte herzhaft Dein, und Du wirſt eilen.“ Der Friedingen, ſo ſchnell er konnte, ſtieg hinan, und Richardis, von Frevelmuth und Beutegier entflammt, wagte —————— —— ſich allein in das wohlbekannte Gewölbe. Der Luftzug ſtieß noch einmal die Pforte, daß ſie in den roſtigen Angeln knirſchte, und plötzlich zuflog, ſchnappend in das Schloß. Richardis ſtutzte, aber bald ermunterte ſie den Muth, indem ſie flüſterte:„Oſtertag kömmt gleich, und ſeine liebe Hand erlöst mich in der kürzeſten Friſt.“ So wagte ſie noch einige Schritte in den düſteru Raum, tappend an den niedrigen, dicken Säulen, blinzelnd nach dem Sternenlicht, welches durch die Fenſter ſchien. Sie ſtrebte vor nach dem Altar, und ſtutzte wieder, da ſie auf demſelben zwei düſtere Flämm⸗ lein brennen ſah, als ob in weiteſter Ferne auf einer Höhle ſchwarzem Grund zwei Kerzen leuchteten. Ein leiſes Murren klang von dort, und Geſpenſterfurcht wollte das Haar der Nonne ſträuben. Aber ſie raffte ſich zufammen, ſchalt die flackerndrn, leiſe bewegten Flämmlein einen Spuk ihres Gehirns, nannte das dumpfe Murren einen heranziehenden Sturm. Noch einmal ſchritt ſie vor mit keckem Fuß, und trat in's frühe Grab, die Thörin. Rauhe Krallen fuhren plötzlich in ihre Bruſt, in ihren Nacken, ein grauſamer Rachen zerfleiſchte ſie mit ſeinen Zähnen, ohnmächtig ſträu⸗ bend ſtürzte ſie nieder in der Klauen Gewalt, erdroſſelt von der Wuth der reißenden Beſtie, und ſchon hatte ſie im letzten Kampfe unterlegen, als der Friedinger an die Thüre klopfte. Sein Rufen, das Klirren der Schlüſſel, die er lange ver⸗ geblich zu gebrauchen ſuchte, ſtörten den grimmigen Wolf, daß er von ſeiner Beute ließ, die Schnauze triefend von ſüßem Blute, durch ein Luftloch in's Freie ſprang, und auf rothen Krallen dem Walde zueilte. Mittlerweile ſprach oben in der Kirche der geängſtigte Prieſter, ſtatt eine Trauungsformel zu leſen, auf lateiniſch zum lieben Gott:„Rechne mir nicht zu, v Herr, was jetzt in Deinem Hauſe geſchieht. Erbarme Dich der Unſchuldigen, die vor Deinen Augen leidet, erleuchte die Ruchloſen, welche 186 Dein Heiligthum ſchänden, ſtehe allen Sündern bei, welche da leben oder mit dem Tode ringen, und verleihe mir, Dei⸗ nem Knecht, einen baldigen Ausgang aus dieſem Gräuel nach Deinem unerforſchlichen Willen!“— Der Wildherr zürnte ihm:„Du machſt lange, zitternder Kahlkopf, beteſt, wie ich glaube, meine Braut zu Tode. Sieh ihre Bläſſe, ſieh, wie ſie hinſchwankt. O Du geliebte Jungfrau, an der ich hange, mehr als am Leben, vermag nichts Deinem Schmerz Dich zu entreißen? meine Umarmung iſt vielleicht grauſam, aber mich verzehrt die Glut, und lange Jahre hindurch will ich meine ſüße Braut tragen uud pflegen, wie eine Königin, daß ſie mir vergebe dieſe Stunde der Angſt.“ Giſela vernahm dieſe von Herzen kommenden Worte, richtete mit Staunen und Abſcheu das abgewendete Geſicht für einen Augenblick auf den Räuber, ſchauderte wieder zuſammen, und ſchrie, was ſie vermochte, zum Himmel:„Dieſem grauen Wiüterich ſoll ich zum Opfer ſeyn? o mein Erlöſer, haſt Du mich ſo ganz verlaſſen?“— Wildherr fiel nun heftig in ihren Jammer ein:„Mein graues Haar, mein wilder Bart, ich Thor, was dacht' ich nicht daran? Du ſchreckſt Dich vor dem Alter, Jungfrau, zitterſt vor des Winters Schnee? ſchaue mich, wie ich bin, mindere Deinen Schmerz, ſtille Deine Klage! Mit einem Zuge ſeiner Hand warf er von ſich, was ihn verſtellte; und ein braunes, muthi⸗ ges Geſicht, in des Mannesalters Blüthe, mit friſchen Wan⸗ gen und ſtarken dunkeln Locken erſtand aus der Vermummung. Giſela, ihn gewahrend, wie er mit der Fackel ſein Antlitz be⸗ leuchtete, ſtützte ſich auf den Altar und des Prieſters Arm, und verwendete nicht mehr von dem Räuber den ſtarren Blick. Der Landſäß ſagte aber, ſein Auge auf die Nonne heftend, zu Gensbein:„Verblendet mich ein Teufel, und iſt nicht jene das Mägdlein, dem ich einſt zu Baden nachgeſtellt? Dieſe —* —— 187 koſtet mich mein Blut und meine ritterliche Ehre und doppelt wüthet jetzt der Groll in meiner Bruſt.“ Haſtige Schritte ſtampften in die Kirche; Scheibenhart und Hünerkogel rißen den Junker von Sperberseck herein, und jubelten:„Wir fingen ihn, o Wildherr, fingen ihn beim Schein des Brandes von Gomadingen. Steh auf zur Ver⸗ geltung, greife zum Schwert!“ Als wäre er in Tigerklauen gefallen, fühlte ſich der Junker ergriffen; hier vom Landſäß, der ihn ſchmähte als den Mörder ſeiner Ehre, dort vom Wildherrn, der ihn vermaledeite als den Schänder ſeines Hauſes. Mächtig kämpfte er gegen die Feinde, entriß ſich ihnen mit Ungeſtüm, flüchtete zum Altar, warf ſich vor der Nonne hin, rufend:„Soll ich durch dieſe Mörder fallen als ein wehrloſer Mann, ſo erbarme Dich, o Weib, dieſes Kin⸗ des! Du wirſt für ſein Geſchrei nicht taub und fühllos ſeyn!“ Aus ſeinem Mantel, von ſeinen Armen reichte er einen weinenden Säugling zum Altar hinauf, und Giſela ſtöhnte, das Kind empfangend:„Jeſus, Heerdegen! Junker von Sperberseck!“ Dem Junker war dieſe Stimme genug; ſie riß ihn vom Boden empor, und mit einer Hand den blutdürſtigen Gegnern wehrend, die mit geſchwungener Waffe an die Stufen drangen, ſtreckte er die andere, außer ſich vor Schmerz und Liebe und Ueberraſchung, gegen die Nonne, indem er ſchrie:„O welch ein Himmelsbild in dieſer Mördergruft! O, ſeh' ich Dich noch einmal, ehe ich ſterbe? ach, Giſela, das haſt Du mir gethan? Du ſchworſt dem Heiland, während ich das Land nach Dir durchſpähte? ich habe mich ſo arm gemacht, wie Du es warſt, und finde Dich, verloren für mein Herz?“ Tiefe Stille trat umher bei dieſen Worten ein, die Zeugen dieſes Auftritts lagen in des Staunens Ketten. Giſela hob aber das Kind in ihren Armen, und entgegnete mit Ernſt:„Schweigt, Herr von Sperberseck, ſchweigt von 188 Minne, und gedenkt der armen Hailwig!“— Der Junker drückte ſeine Stirne in beide Hände, und Giſela fragte zutternd vor Bewegung:„Wie kommt Ihr zu dem Kinde, Herr?“ —„Ich hab's gerettet aus dem Brand zu Gomadingen, den Wurm mit mir genommen, vergebens forſchend nach ſeinen Eltern.“—„Herr, dies iſt Euer Kind.“— Der Junker verſtummte in Thränen unnennbaren Schmerzens, aber Wildherr ſchreckie ihn drohend auf:„Rech⸗ net mit dem Himmel ab, Junker, und ſterbt als wie ein Mann; denn fürwahr, der meine Schweſter verführte, darf nicht von hiunen gehen im Leben.“— Heerdegen maß ſo⸗ wohl mit Blicken ihn, als den Landſäß, und verſetzte bitter: „Ich verſtehe, warum jener Mann den Tod mir ſchwur; was that ich Dir jedoch?“—„Verdammter! Ich bin edel wie Du, bin ein Sohn des Götz von Bachenſtein. Leugne jetzo, daß Du meine Schweſter entehrt, daß Du ſie geraubt, meine Eltern verſtoßen in die weite Welt! Hünerkogel! herbei, Du treuer Knecht, ſtrafe ihn Lügen, den Schänd⸗ lichen!“ „Reinhold!“ ſchrie in dieſen Zorn eine klare Stimme, und ein tiefbetrübtes Herz vergaß mit einem Male ſeine Leiden ob des größern, unverhofften Glücks.—„Schlage mich todt, wilder Menſch!“ rief Heerdegen mit Begeiſterung: „zuvor empfange hier jedoch von meiner Hand die Schweſter, die Zeugin meiner Unſchuld!“ Vor dem Taumel und Jubel des Wiederſehens beugte ſich ehrerbietig der Haß, verſchwanden des Mordes Gedanken. Landſäß war entwaffnet, fühlte ſeine Augen naß. Gensbein und die Räuber ahnten eine höhere Fügung, Anshelms und des Knechtes Bande fielen, und umgeben war der alte Vater von ſeinen Söhnen; aber er grüßte ſie nicht, er kannte ſie ſchier nicht; und wenn ſein Mund ſich öffnete, ſo verſuchte er nur lallend den Namen ſeines Weibes auszuſprechen. 4 ——— 189 Lutz verrieth dem geliebten Herrn, was hier geſchehen, und Heerdegen ſprach zum Bruder mit Verachtung:„Ich rettete des Zavelſteiners Erbe für Dich, Du Ungethüm; Du biſt aber böſer, als jene Diebe, die nun im Kerker ihre Strafe erwarten. Behalte jene Habe, jenes Gold, aber nimmer ſage, daß Du mein Bruder ſeyſt.“ Anshelm ſchaute ver⸗ nichtet zu Boden, und ſeine Wange wurde blaß, gleich des Friedingers Antlitz, der, ein wankendes Geſpenſt, in die Kirche ſchlich, in des Landſäß Arme ſank, und ſchmerzlich ſeufzte: „Komm, mein Freund, laß uns ſchnell von hinnen. Mein Lieb iſt todt, und gewiß bricht mein Herz, ſo ich länger bleibe.“ Vor dem Altar hielten ſich zwei Glückliche umarmt, und von ihren Augen floßen Thränen des Dankes und der Liebe, aber ſchnell trat wieder in ihre Mitte der Fluch. Schei⸗ benhart näherte ſich mitleidig ſeinem Herrn, und ſagte leiſe: „Erſchrecke nicht im Traum Deines Entzückens! Unſere Zeit iſt um, laß uns fliehen, wir retten ſonſt nicht unſer Leben. Der Tag bricht an, und ſchon erklingen von ferne die Heer⸗ pauken des reiſigen Zugs, der von Hohenkrähen wiederkehrt, ſiegreich fördernd den Weg, bei Sonnenſchein und Nacht⸗ zeit.—„Wehe Dir, ärmſter Reinhold!“ wehklagte Giſela, des Bruders Angeſicht mit ihren Händen ſtreichelnd:„Du biſt ein Räuber, und geächtet? ſo rette Dein Haupt, und frage nicht nach meinen Schmerzen.“— Mit ernſtem Trotz ant⸗ wortete Reinhold:„Ich bleibe; vermag nicht, ſchon von Dir zu laſſen.“—„Und wir, Deine frommen Geſellen, die Gut und Blut für Dich auf's Spiel geſetzt? Der Friedingen iſt fort, mit ihm der Landſäß, und ihnen folgte Heinz.— Sie eilen, ſich vor des Grafen Zorn zu ſichern. Was ſollen wir?“ —„Geht hin, ich bin nicht mehr der Eure. Geht hin und rettet euch.“— Scheibenhart entfernte ſich nach einem Händedruck mit 190 geſenktem Haupte; nach kurzer Friſt war kein Räuber mehr zu ſehen, Gensbein verſchwunden, der alte Sperberseck, von Lutz beſorgt, auf dem Siechenlager, Heerdegen neben der Leiche ſeines Bruders Poppele, und ſeiner Mutter. Die Nonnen, ihrer Haft entlaſſen, knieten betend auf dem Chor, und Hailwigs Blicke hingen an ihrem Kinde, welches der Vikar im Arm hielt, über deſſen Haupt Giſela geſprochen hatte:„Ich will Deine Mutter ſeyn.“ Während dieſes ſich alſo zutrug, rückte das Heer des Grafen heran, ungeduldig die Alb durchſchneidend, um nach der lieben Heimath zu eilen. Gebrochen war das Hohen⸗ krähener Schloß, Oſtertags tapferer Bruder zum Frieden gezwungen; ein grüner Siegeszweig bekränzte den Helm des Würtembergers. Umringt von ſeinen mannlichen Kämpen und Fahnen, ſtolz auf die Beute und auf das feindliche Panier, das er mit eigener Hand vom Kloſter Zwiefalten geriſſen, in den Staub getreten, als des Ruhmes Zeichen mit ſich geführt, ritt Graf Eberhard der Aeltere, während ſein Fußvolk ſeitwärts zog, an dem Offenhäuſer Kloſter vorüber, betrat im bleichen Morgenſchimmer die Kirche, ſeine Andacht zu verrichten, und hörte mit Verwun⸗ derung, was ſich in der fürchterlichen Nacht begeben. „Und ſo nehmt von mir, erlauchter Herr, die allzu⸗ ſchwere Laſt, deren ich unwürdig geweſen von Anbeginn; laßt mich zurückkehren zu meinen Eltern, ihrer pflegen, die ich verließ, und bei dieſem Kinde Mutterſtelle vertreten. Dann wird Euch mein Herz ewig preiſen, wie einen Vater, und noch jenſeits meine Seele beten für Euer Heil.“ Alſo ſprach Giſela, fähig kaum, zu enden, weil die heißeſten Thränen ihre Worte erſtickten, und der edle Graf, ſinnend vor dem Altare ſtehend, erwiederte gerührt;„Ich hatte 6 ————— 191 es gut gemeint, fromme Schweſter, indem ich Euch an dieſes Kloſters Spitze ſtellte; aber fürwahr, nimmer ſoll ein Fürſt thun, was ihm der Zorn eingibt, bevor er nicht alles reif⸗ lich erwogen und geprüft. Ich ſehe, dieſes Haus wird unter⸗ gehen, wenn auch deſſen Beſſerung noch einmal verſucht würde. Der Kern iſt böſe, und die Wurzel ſchlecht. Tretet wieder hinaus in die Welt, unter die Eurigen, und verlangt von meiner Gnade, was Euch frommt.“ Da fiel Giſela weinend vor ihm nieder, und bat für ihren Bruder, welcher ruhig an ihrer Seite ſtand, den Feſſeln ſeine Hände ent⸗ gegenſtreckte. Der Graf deutete nach dem Gefolge, welches vor der Kirche geblieben war, und ſagte mitleidig:„Sie hören nicht, was Ihr bittet. Aber Gott hat mein doppeltes Gelübde gehört, daß ich des Reinholds Leben ſchonen wolle, zu jeder Friſt, weil er das meinige dem Lande zweimal erhalten. Aber Du haſt mein Volk geſchädigt, böſer, ver⸗ irrter Menſch. Zeuch hinweg aus Schwaben, hinweg aus dem deutſchen Reiche; der entfernte Mann iſt wie ein todter Mann. Nur auf Deinen Schwur hin, dieſes zu vollbringen, will ich Dir nebſt dem Leben auch die Freiheit ſchenken.“ Da nun der Wildherr gelobte, nach Rhodus zu fahren⸗ und dem Orden zu dienen, als eine billige Sühne für ſeine Thaten, und den Frevel, wovor ihn Gott behütet, ſeine ei⸗ gene Schweſter zu freien als eine Braut, zog der Graf von dannen. Der bitteren Trennungen manche ſtanden noch der Jungfrau bevor; vom Bruder, der ſich alsbald mit ihr letzte; von Poppele's Leichnam, den ſie am Abend zur Erde beſtattete; von dem Kloſter und der Freundin, denen ſie bald ein traurig Lebewohl zurief.— Dann pilgerte ſie gen Hall, Vater und Mutter mit ihrer Hände Arbeit zu ernäh⸗ ren, Heerdegens Kind aufzuziehen mit der Habe ſeines Vaters, der in den Krieg ging, und nimmer wiederkehrte. Alſo verſank in das Dunkel bürgerlichen Lebens der 192 ſtolzen Giſela freudenloſe Jugend, und ſie pflegte ſtille ihren Gram, verſchloß emſig ihre Liebe, und ahnte in frommer Begeiſterung, daß ihr jenſeits die Palme werden würde, ſo wie der arme Poppele, nach der Prophezeiung die Krone errungen: eine von Dornen im Leben, die eines Märtyrers im Tode. Der Unglückliche mußte wohl ein Sohn des himmliſchen Vaters werden, da er den Vater auf Erden nicht kannte, dieſer nie von ihm erfuhr. Manche Jahre waren hingeſchwunden, und in dem Nonnenhauſe zu Oſfenhauſen endlich Zucht und Ordnung eingekehrt, obgleich die geiſtliche Gemeinde ſichtlich dem Untergang ſich näherte. Aber Hailwig ſtarb zuvor, und auch der edle Graf von Würtemberg verſammelte ſich zu ſeinen Vätern. Da zog Giſela noch einmal aus der Reichs⸗ ſtadt Hall, eine verwaiste Tochter, eine kinderloſe Mutter, denn ihr Pflegeſohn war ſchon in die Welt gegangen.— Giſela's Pilgerfahrt galt dem Grabe Eberhards. An der Gruft dieſes Fürſten kniete ſie, und ſagte dem kalten Steine das Bekenntniß ihrer heißen unendlichen Liebe, und voll bitterer Wonne betete ſie:„Zürne nicht, Du Theurer, Einziger, daß ich jetz Dir geſtehe, was ich mein Leben lang in meiner Bruſt verſchloß. Ich mußt' es; thun, ehe ich im Hauſe der Seelſchweſtern meine Tage völlig be⸗ grabe. Zürne mir nicht um meiner Niedrigkeit und Ar⸗ muth willen, denn für mich ſchläft aller Reichthum dieſer Erde unter Deinem Marmor, Du edler, Du mannlicher Fürſt!“ —— . H8 SLM SEMdE S————