5 N pfangnahme und Siuke der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche vie⸗ Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und Geſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher:„ auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf.— Pf. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Geſahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt ſe der Leſer i Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. . — — „ C. Spindler⸗ Werke. Woblfeile Ausgabe. Vierzigſter Band. Enthält: Die Nonne von Gnadenzell H. Mit Konigl. württembergiſchen und Königl. bayeriſchen aller⸗ gnädigſten Privilegien. Stuttgart, Hallberger'ſche Verlagshandlung. 1840. Die Nonne von Gnndenzell. Sittengemälde des fürczehnten Jahrhunderts, von C. Spindler. 3 weiter B ab. „Sie hatten unter ſich gemacht eine große verderbliche Thorheit, und meinten, das waͤre gut.—— Alſo gingen ſie um mit Thorheit, und wußten nicht das End, das davon kommen ſollte oder moͤchte.“ Limpurger Chronik. Stuttgart, Hallberger'ſche Verlagshandlung. 1840. — Erſtes Kapitel. Gott geb ihm ein verdorben Jahr, Der mich macht zu einer Nonnen, Und mir den ſchwarzen Mantel gab, Den weißen Rock darunten. Soll ich ein Nonn gewerden, Und wider meinen Willen, So will ich auch einem Knaben jung Seinen Kummer ſtillen. Und ſtillt he mir den meinen nit, Daran mag he verlieſen. Volkslied. Der Kloſterhahn hatte ſchon lange ſeine Tagwacht ge⸗ kräht, und ſchrie nach Regen, als Giſela aus ſchwerem Schlummer auffuhr. Verwundert blickte ſie rund um ſich, und fand ſich kaum zurecht in ihrer neuen Behauſung, weil ſie von des Vaters Hütte geträumt hatte, und von den bekümmerten Geſtalten ihrer Eltern, die nach ihr die Hände ausſtreckten und riefen:„Tochter, warum haſt Du uns ver⸗ laſſen, und kehrteſt nicht um auf dem weitem Weg in die Fremde?“— Sie brauchte eine geraume Friſt, ihre Ge⸗ danken zu ſammeln, ihre Erinnerungen zu ordnen, und in der engen Zelle einheimiſch zu werden. Nachdem jedoch die ſchwerſte Laſt der Sorge ü berwunden, rüſtete ſie wieder als 6 eine ehrliche Magd das rauhe Lager, ſtrich Pfühl und Decken glatt, öffnete den Riegel an der Thür, ſpähte mit vorſichtigem Auge hinaus auf den öden Gang, horchte in das Haus, wo noch kein Schritt ſich regte, und kniete, von Niemand belauſcht, vor dem Crucifix der Zelle nieder, ihr Morgengebet zu verrichten. Sodann that ſie das kleine, unter dem Dach gelegene Fenſter auf, die Kühlung des Morgens einzuathmen, und die Gegend umher zu beſchauen. Die Zelle lag im hintern Flügel des Kloſters mit der Aus⸗ ſicht nach den Bergen, und in den Kloſtergarten, der einen kleinen Keſſel bildete, rings von Mauern eingefangen, welche an mäßig ſteilen Hügeln hinliefen. Das matteſte Sonnengold, der Vorläufer regneriſcher Tage, beſtrahlte vieſe Abgeſchiedenheit. Die Wälder ſtanden ſchwarz auf den Höhen, falb ſchimmerten die Wieſen, und in den ver⸗ wilderten Gebüſchen des Gartens zwitſcherte nur ſelten eine Vogelſtimme. Aus der Tiefe der Gartenwildniß tönte nur einförmiges Plätſchern herauf, gleich dem Gemurmel eines Brünnleins, und etwas ferner klapperte im langſamen Takt die Mühle. Giſela war erfreut über dieſe Stille, und ſeufzte zum Himmel auf, daß ihm doch gefallen möge, ſie an ſolch beſchaulicher Stätte in des Erlöſers Brautgewand zu kleiden.— Wie ſie mit gefalteten Händen ſich weiter aus dem Fenſterlein bengte, um noch mehreres von dem Garten zu überſchauen, den die vorſpringende Ecke des Ge⸗ bäudes zum Theil ihren Augen verbarg, vernahm ſie ein leichtes Geräuſch neben ſich, und Erescentia's Stimme, die ihr einen freundlichen Morgen wünſchte.„Ihr habt gut geſchlafen?“ ſagte die Laienſchweſter lächelnd:„Gott ſegne Euch die Ruhe. Wie findet Ihr unſere Einſamkeit? Nach der weiten Fahrt, die Ihr vollendet, muß Euch dieſes Thal wie ein Kerker erſcheinen.“—„Nicht doch, würdige Schwe⸗ ſter, die alten Einſiedler bauten ſich ja auch nicht in Städten 7 an, denn nur in der Trennung von der Welt findet man den Weg zur Gnade.“ Crescentia lächelte abermals, deutete in's Freie, und fuhr fort:„Seht, liebe Jungfer, jene Wieſe haben edle Gutthäter dem Kloſter geſchenkt, und aus jenen Wäldern holen wir das Holz. Dort ſeht Ihr aber den Sternen⸗ berg, dem die Aichenhald gegenüber liegt, und auch ein Stück der Hoppenhalde, alſo genannt von einem Räuber, der vor langer Zeit gar oft ſein Weſen dort getrieben. Mir gedenkts freilich nicht, aber die würdige Mutter Eu⸗ ſtachia hat den furchtbaren Mann öfters geſehen, wann er aus dem Geklüft der Alb herunterkam, in unſerer Kirche zu beten. Denn er war fromm, ehrte die Heiligen und die Klöſter, und bereute dann und wann ſeine Sünden. Seit Langem hat man aber nichts von ihm gehört, und er mag wohl geſtorben ſeyn, im wilden Forſt etwa, oder viel⸗ leicht ereilt von der Rache der Menſchen; jetzo iſt hier herum alles ſicher, und nur die Raubthiere ſtreifen oft bis an die Mauern des Kloſters.“—„Beſſer, wilde Thiere zu Nachbarn haben, als böſe Menſchen,“ bemerkte Giſela mit Andacht. Die Schweſter ſprach weiter:„Es iſt Schade, daß von hier aus unſer Garten nicht ganz zu über⸗ ſehen iſt, doch führe ich Euch ſpäter dahin. Wir ziehen darinnen trotz der rauhen Albluft manch ein edles Kraut, und unſer Zwiebelgärtlein iſt ſchön, wie die zu Honau. Anmuthige Gebüſche fehlen nicht daneben, worinnen man ſich ergehen mag, wenn die Witterung geſtattet, den Kreuz⸗ gang zu verlaſſen. Bei heißer Sonne iſt vornehmlich das Plätzlein kühl und wonniglich, wo die Lauter entſpringt, und in drei Quellen aus dem Felſen ſtrömt. Oſt baden ſich die Kloßterfrauen in dem reinen Becken, wenn der Mond durch die dichten Zweige ſcheint, und alles ringsum ſchläft und ruht. Ach, viel lieblicher iſt der ßille Garienhain, als 8 der Friedhof, von dem Ihr links eine Strecke überſehen mögt. Dort liegen im tiefen Grunde die modernden Ge⸗ beine der alten Offenhäuſer, und man ſagt, daß oft zur Nachtzeit ihre Gräber ſich öffnen und die Geſpenſter der alten Frevler heraufſteigen, und einen langen Reigen tanzen unter den rauſchenden Bäumen. Gott verleihe einſt den armen Seelen eine fröhliche Urſtänd, nicht minder den abgeſtorbenen Leibern der Nonnen, die in der Kirchengruft ſchlafen, weil wir doch alle Sünder vor dem Herrn ſind.“ Bei dieſen Worten ſah Crescentia recht nachdenklich vor ſich hin, fuhr dann, gleichſam ſich ermuthigend, mit der Hand über Augen und Stirne, und ſetzte hinzu:„Schier hätte ich vergeſſen, daß die hochwürdigſte Frau Priorin nach Euch verlangt. Sie befahl mir, Euch zu führen.“— „Ich gehorche,“ antwortete Giſela und folgte der Führerin mit freudiger Erwartung. Sie ſtiegen die knarrende Treppe, in das mittlere Stockwerk hinab, gingen an dem offenſte⸗ henden Sprachzimmer vorbei, worinnen einige träge, ver⸗ ſchlafene Weiber das Geräthe des letzten Schmauſes ſon⸗ derten, und klopften an die Thüre, die zu dem Gemache der Priorin führte. Eine Dienerin ſchloß auf, und wies die Eintretenden an das Ende eines düſtern Ganges. Crescentia ging zuerſt zu der Domina hinein, kam nach wenig Augenblicken zurück, und ſchob Giſela in die helle Stube. Das Zimmer war mit einer gewiſſen klöſterlichen Pracht geſchmückt, die Täfelwand mit vielen Heiligenbildern auf goldenem Grunde behangen, große Büſche von künſtlichen Roſen und Stern⸗ blumen ſtanden auf dem Tiſche, auf dem Betaltar, in den Fenſterniſchen, ein ſüßer Duft durchzog wie leichter Weih⸗ rauch den zierlichen Raum, und ſchwere Vorhänge von grünem Zeuge deckten die Thüren, die Fenſter, und warme Teppiche den Boven. An dem Tiſche ſaß im Polſterſtuhl, vie Füße weich auf ein Sammetkiſſen geſtellt, die Priorin, S— B hielt ein Hündlein mit beiden Händen auf ihrem Schooße, und nickte der eintretenden Pilgerin vornehm zu. Die hoch⸗ würdigſte Mutter Richardis ſah ihrer Schweſter Mechtild vom Zavelſtein in den meiſten Stücken gleich; daſſelbe ſchöne Geſicht, dieſelbe blühende Wange, dieſelben gefährlichen Au⸗ gen, und nicht weniger der leidenſchaftliche Zug auf dem Antlitz, verbunden mit dem Stolz einer Befehlshaberin, die ihrer Gewalt ſicher iſt. Eine feine weiße Kutte umhüllte, nicht ohne Kunſt geordnet, die ſchlanke Geſtalt, das weichſte Linnen umſchloß Stirne und Wange, und über das Ganze war nachläßig geworfen der ſchwarze Schulterkragen und Mantel, worunter das blitzende Kreuz leuchtete, gebettet auf dem weißen Skapulier. Die bewundernswürdig ſchönen Hände der Priorin ſpielten ſchmeichleriſch mit den Haaren des Schooßhündleins, und weich, wie dieſe Schneefinger, klang die Frage aus dem Munde der Oberin:„Biſt Du, mein Kind, die Ueberbringerin des Briefleins, das meine Schweſter mir geſchrieben?“—„Ich bin's, hochwürdigſte Frau Mutter, und erwarte Euere Befehle.“ Die Priorin heftete die dunkeln Augen ſtarr auf Gie ſela, und der Blick wollte ſchier nicht enden. Ueberraſchung, Hochmuth und gleißende Freundlichkeit malten ſich darinnen. Giſela hielt dieſe Prüfung furchtlos aus, bis die Priorin begann:„Was Dich berührt und angeht, meine Tochter, habe ich bereits aus dem Schreiben erſehen. Meine liebſte Schweſter empfiehlt ein ſcheues Schäflein meiner Obhut; wäre nur immer die Gewalt des armen Erdenwurmes eins und gleich mit ſeinem Willen! Was ſoll ich Dir antworten, herzliebe Tochter? Es iſt Verdienſt, Tugend einer jung⸗ fräulichen Seele, wenn ſie der ſchnöden Welt abſagt auf Tod und Leben, und wir arme Kloſterſchweſtern ſind gern geneigt, ſolche Tugend zu unterſtützen; aber Du kommſt zu einer böſen Zeit in dieſes Kloſter, theure Geißlin. Die à0 Gewaltigen der Erde treten Chriſti Jünger in den Staub, und wir arme ſchwache Weiber mögen uns ſonderlich der Uebermacht nicht erwehren. Du findeſt hier nicht den Frie⸗ den, gute Tochter, aber wohl viele bittere Drangſale. Haſt Du Deinen Entſchluß wohl überlegt?“— Giſela bejahte eifrig.—„Weinen Deine Eltern nicht um Dich? fühlſt Du keine Sehnſucht, zurückzukehren, und iſt Dein Herz dem Heimweh fremd?“— Giſela, obſchon erſchüttert von der plötzlichen Erinnerung an die trauernde Mutter, faßte ſich ſchnell und antwortete mit feſter Stimme:„Mein Vater iſt todt für mich, die Mutter gewöhnte ſich ſchon längſt an den Gedanken der Trennung. und, wie auch mein Loos gefallen wäre in dieſer Welt, hätte ich nicht der Eltern Haus früh oder ſpät verlaſſen müſſen? wenn das Weib der Mutter ſich entfremden muß, um dem Mann zu folgen, warum zauderte ſie, da es dem himmliſchen Bräutigam gilt?“— Die Priorin nickte beifällig, ſann eine Weile nach, und fragte dann wieder mit beſonderer Argliſt in den Augen: „Und auch nicht die Sehnſucht nach dem Manne wäre es, welche Dich einſt bereuen machen könnte, dieſes Kleid ge⸗ wählt zu haben?“—„Ich verabſcheue ihn,“ antwortete Giſela mit Heftigkeit. Die Priorin lächelte und fuhr fort: „Spricht nicht ein gekränktes Herz aus Dir? Du biſt jung, nicht ohne Anmuth; hätte ſich noch keiner Dir genaht, der Dich betrog, deſſen Undank Dir den Eid abgenommen, in dem Frevler fürder das ganze Geſchlecht zu haſſen?“— „Ich bin eine reine Magd, hochwürdige Mutter, habe kei⸗ nen Frevel zu bereuen, keinen Undankbaren zu haſſen.“— Noch einmal ſchwebte ein vielſagendes Lächeln um den Mund der Priorin, und ſie ſprach, von ihrem Stuhle ſich erhebend: „Du verſprichſt, ein Licht des Ordens und unſers Hauſes zu werden. Wie aber, wenn ich Dir demungeachtet die 3 11 Aufnahme verſagen müßte? Der würtemberger Graf, unſer geſtrenger Herr und harter Schirmvogt, iſt gegen uns er⸗ bittert, ohne daß wir arme Kloſterfrauen wüßten, warum. Schon hat er uns verboten, Novizen aufzunehmen, Schwe⸗ ſtern einzukleiden, und noch größere Gewaltthat droht uns ſein Zorn.“—„So laßt mich im Kloſter dienen als eine Magd, bis die Zeit ſich freundlicher geſtaltet.“—„Du ro⸗ deſt von einer ſchönen Zukunft, und wir hoffen nicht dar⸗ auf; es nahet der Welt Ende, das Schwert der Herren würgt die Knechte des allmächtigen Gottes. Unſer heiliger Vater zu Rom iſt fern, und ſieht mit weinenden Augen, wie Streich auf Streich die Chriſtenheit verdirbt. O Jam⸗ mer! was der Grimm der Gewaltigen noch übrig läßt, zerſtört des ruchloſen Volkes giftige Zunge. Da hilft nicht, daß wir einſam leben, uns hinter Riegeln und Mauern verbergen vor aller Welt: dennoch läſtert man uns, ver⸗ ſchreit uns im ganzen Lande, der Graf zu Urach begünſtigt dieſe ſchmählichen Gerüchte, und wir haben keine Waffen gegen ihn, als Sanftmuth und Geduld. Haſt Du nicht auf Deiner Pilgerfahrt ſolche Schandreden vernommen? Erzählt man nicht im Lande von unſern Schmauſereien, unſerm Wohlleben, von dem vernachläßigten Gottesdienſt zu Gnadenzell?“—„Ich habe nichts davon gehört.“— „Du Glückliche, zu deren Ohr das Ziſchen der Schlange nicht hinanreicht! Aber wahrlich, ſo verläſtert man uns. Den unſchuldigſten Anlaß, ja unſer Recht ſogar benützen die Teufel der Finſterniß, uns mit Geißeln zu ſchlagen. Was wären wir arme Mägde, angewieſen von Almoſen zu leben, ohne die Barmherzigkeit frommer Wohlthäter? wie natürlich, daß die freigebigen Seelen öfters in dieſem ſchlechten Hauſe zuſprechen, um zu ſehen, wie wir ihre Gaben verwenden? wie natürlich, daß wir alsdann ver⸗ ſuchen, ihren kurzen Aufenthalt ſo feſtlich zu begehen, als 12 möglich, namentlich in dieſer Zeit, wo es uns Noth thut, Gönner, Beſchützer und Freunde zu haben? Das nennt der boshafte Pöbel Schmäuſe halten, ein ärgerliches Leben führen. Und endlich: wenn wir die Metten nicht mehr halten zur Nachtzeit, nur ſelten den Chor ſingen, und den Gottesdienſt mindern, ſo geſchieht es nur auf Befehl des Pabſtes, der durch ſolch ſtummes Interdict die Trauer über den Verfall der Pfaffheit und die ungerechten Mißhand⸗ lungen der Kloſtergemeinden an den Tag legen will. Ach, meine Tochter, glaube ja nimmer der niederträchtigen Ver⸗ läumdung der Menſchen, verachte ſtets das liebloſe Urtheil der Welt, vertraue nur den Worten Deiner Mutter und gottgefälliger Prieſter.“—„Ich will, ich gelobe,“ ant⸗ wortete Giſela und küßte inbrünſtig die Hand der Priorin. —„So gehe denn zurück in Deine Zelle, und bereite Dich vor in Faſten und Gebet, und in beſchaulicher Meditation eine ganze Woche lang, da ich Dir alsdann kund geben will, was ich und der Convent über Dich beſchließen. In Deiner Einſamkeit ſtärke Dich, daß wir die Vollmacht ha⸗ ben, zu löſen, was der Graf bindet, und wiederum zu bin⸗ den, was der G Möſen möchte.“ Dieſe Rede ſchien der eifrigen Kloſterjüngerin ein Pfand des Heils, und darauf hoffend, wie auf den Segen der Sacramente, begab ſie ſich hinweg, die Dornenzeit der Prüfung anzutreten, wie ihr diejenige geboten, der ſie nun auf Erden die nächſte Gewalt über ſie einzuräumen begehrte. — Die Priorin, nachdem Giſela mit geſenktem Haupte und zuſammengelegten Händen die Stube verlaſſen, ſah ihr lange nach, zuerſt mit Verwunderung, dann mit gerunzelter Stirne, dann mit höhniſch verzogenem Munde.„Närriſches Geſchöpf!“ ſagte ſie verächtlich vor ſich hin, die ernſtere Stimme betä ubend, die in ihrer Bruſt für das Gotiver⸗ trauen der Jungfrau ſprach, und ſie ging zum Tiſche zurück, 13 öffnete ihr Putzkäſtlein, beäugelte ſich wohlgefällig im Spie⸗ gel, zog unter dem gefalteten Schleier hervor die reichen Locken ihres Haars, daß ſie von der Schläfe bis zum Bu⸗ ſen niederhingen, brüſtete ſich ſehr damit vor dem venetia⸗ niſchen Glaſe, und lispelte vor ſich hin:„Iſt's ſo recht? ſieht er mich nicht am liebſten ſo?. Ohne eine weitere Anmeldung ſprang die Thüre auf, und zwei Nonnen ſtürmten herein, überraſchten die Oberin bei ihrer ſüßen Beſchäftigung. Die eine, von mittleren Jahren, mit frechem ſpitzigem Geſichte, die andere, jünger als die Priorin, und ſchön wie ein Lenztag; beide lebhaft, ausgelaſſen, in ihren Handlungen die Schranken ihres Stan⸗ des überſpringend, wie in ihrem Gewande. Der feinſte Camelot, die glatteſte Seide an dem Kleide dieſer Bettel⸗ kloſterfrauen verſchwendet, weiche Filzſchuhe, ſtatt der Holz⸗ ſohlen, an den Füßen, auf dem Kopf phantaſtiſche, nach eigener Laune gelegte Schleier. Die häßlichen Hände Me⸗ dora's waren mit prächtigen Handſchuhen überzogen, ge⸗ ſchmückt mit flimmernden Ringen; die ſchöne Renata zeigte voll eitler Ueppigkeit den weißen Hals und die liebreizende Bruſt, trotz Kutte und Skapulier. Zu Faſtnachtszeiten hätte man ſie für leichtfertige Frauen gehalten, die mit dem ſtrengen Nonnengewande ihren Scherz treiben; gaukelhaft und geräuſchvoll wie Curtiſanen liefen ſie auf die Priorin zu, umarmten dieſelbe mit größter Vertraulichkeit, und zo⸗ gen ſchäkernd die Vorhänge auf, die das Schlafgemach der Oberin verdeckten.„Hab' ich nicht recht?“ lachte Renata und höhnte Medoren mit eiteln Geberden:„die heilige Domina verſteht den Handel beſſer, und läßt den Falken fliegen am früheſten Morgen, ehe die neugierigen Fleder⸗ mäuſe zu Neſte kehren.“— Medora zuckte die Achſeln und brach in ein widerliches Gelächter aus.—„Was habt ihr, tolle Schweſtern?“ fragte die Priorin, ohne an der Neue⸗ 14 rung ihres Kopſputzes das Geringſte zu verändern.— „Denke Dir, hochwürdige Mutter,“ verſetzte Renata mit frecher Luſtigkeit,„daß Medora, die verläumderiſche Zunge, mich überreden wollte, daß Oeſterlein noch in ſeiner Her⸗ berge verweile, und in den Tag hineinſchlummere, der tapfere Ritter in einer keuſchen Nonne Schooß!“—„Ich werde der leichtfertigen Schweſter die Diseiplin verordnen,“ entgegnete Richardis im ſelben Ton. Medora aber klagte mit luſtigem Zorn:„Ach, mir glückt keine Bosheit mehr. Seit ich die Mutter Schaffnerin mit ihrem Holderſtock am Kornboden überraſchte, hab' ich nicht Freud, nicht Stern.“ —„Nicht gut iſt's, wenn man überall die Augen haben will,“ meinte Renata, und zupfte Medoren bei der Naſe; „wie aber, wenn ich's geſehen hätte, als heute in grauer Morgendämmerung der wohlbeleibte Hug aus Schweſter Medora's Zelle ſchlich?“—„Gottloſe Frevlerin!“ ſcherzte Richardis mit aufgehobenem Finger.„Wir ſind Sünderin⸗ nen allzumal,“ verſetzte Medora mit erheuchelter Zer⸗ knirſchung, während ihre Augen flammende Luſt ſprühten. Renata rief jedoch:„Das mögen uns die ſteinernen Hei⸗ ligen vergeben, und die Mutter Gottes von Lindenholz, die Schweſter Gertrud ſo fein mit Nußöl falbt, wenn ſie vor dem Volke weinen ſoll.“—„Ihr übermüthigen Thörinnen!“ predigte Richardis:„wißt Ihr nicht, daß die Strafe hinkt, aber nicht minder den beſten Reiter einholt?“—„Ich bitte um Abſolution,“ ſpöttelte Medora und küßte die Hand der Oberin. Renata ergriff die andere Hand der Richardis, ſtreichelte ſie wie ein verliebter Buhle und flehte ſchelmiſch: „Bitte, bitte, lieb Händelein, wolleſt uns Armen gnädig ſeyn. Schlag uns nicht, bitt für uns. Sieh' doch, Me⸗ dora, welch niedliche Fingerlein, ſo zart, wie Flaum, ſo rein, als Kryſtall, die Spitzen ſo roſenroth, ſo durchſichtig die glatten Nägelein. Ei, Mutter Richardis, da iſt ein 15 weißer Fleck darauf, eine Glücksblüthe; ſag' an, hold Müt⸗ terlein, ob Dir nicht etwa ein Knabe gut iſt in verſchwie⸗ gener Minne?“— Darob lachte Richardis hell auf, und erwiederte:„Ihr ſeyd mir geſchickte Wahrſagerinnen. Kennt Ihr den Knaben, und wie ſein Name?“—„Braune Haare, ſchwarze Augen,“ ſagte Renata.„Wie er heißt?“ fragte Medora:„Die hochwürdige Mutter eines frommen Kloſters muß den Schönſten und Heiligſten haben, der im Kalender ſteht; wenigſtens den Oſtertag, den lieben, friſchen, freudigen Tag.“—„Ihr Schäkerinnen,“ verſetzte Richar⸗ dis geſchmeichelt:„ich will's dem mannlichen Friedingen ſagen, wie Ihr ſeinen Namen preist und feiert, gleich ei⸗ nem Heiligen.“—„Warum ging er denn ſo früh? Habt ihr euch erzürnt?“ ſagte Renata, indem ſie mit der Priorin Schvoßhunde tändelte.—„Wo Lieb iſt, ſtirbt der Zorn,“ antwortete Richardis:„der Junker iſt aber auf Kundſchaft geritten, gen Pfullingen oder Reutlingen. Uns droht ein Wetter, und ſoll uns gerüſtet finden.“ Ein ſchleppender Fuß ſcharrte vor der Thüre; Mutter Anna, die Küchenmeiſterin, ſtreckte das breite Geſicht herein mit den Worten:„Das Morgeneſſen iſt fertig, wollt Euch in die Kapitelſtube bemühen, werthe Frauen.“—„Wir folgen,“ rief Medora, die Feinſchmeckerin:„was gebt Ihr uns heute zur Erfriſchung?“—„Die ſchönſte gelbe Suppe, die ie gekocht wurde, und einen ſtattlichen Ueberreſt vom geſtri⸗ gen Schmauſe; eine ſchöne haſelbraun gebratene Gans, darinnen ein feiſtes Huhn, und darinnen ein fettes Brat⸗ würſtlein; der alte Vater auf dem Güterſtein hatte es nicht beſſer, da ihm der Pabſt erlaubte, die Faſten zu brechen.“ Mit fröhlichem Geplauder ſchritten die Nonnen nach dem bezeichneten Gemach, wo man en Imbiß einzunehmen pflegte, wenn man etwas zu verhandeln hatte, was den am Refectorium lauſchenden Mägden ein Geheimniß bleiben 16 ſollte. Ein heftiger Lärm ſchallte ihnen daraus enigegen. Sie fanden die würdige Mutter Gertrude, die Schaffnerin, und Mutter Euſtachia, die älteſte und häßlichſte des Con⸗ vents, in grimmigem Hader und Wortſtreit. Gertrudens Geſicht war blutroth vor Zorn, wachsgelb dagegen vor Aerger das hexenartige Antlitz ihrer Gegnerin.„Läugnet nur nicht, krummfingeriges Weib, daß Ihr das ſchöne Lei⸗ nenſtück entwendet und irgendwo verhamſtert habt!“ ſchrie die Schaffnerin in ſchlagfertiger Stellung. Euſtachia gei⸗ ferte dagegen ein Schmähwort nach dem andern aus dem zahnloſen Munde, und zeterte:„Muß ich nicht alles gethan haben, was in dieſem Jammerthale geſchieht? nichtsnutzige Wirthſchafterin, wenn eine Diebin in dieſem frommen Got⸗ teshauſe lebt, ſo ſeyd Ihr's; ein Blutigel, der ſich an Alles hängt, ein Zeck, der ſich in alles mit ſeinen geizigen Schau⸗ feln einbeißt. Die Mutter aller Gnaden ſoll mir's ver⸗ zeihen, aber in der heidniſchen Stadt Sodom ging's nicht ſo abſcheulich her, wie zu Offenhauſen.“—„Mein Linnen, ſag' ich, gebt es heraus, was Ihr geſtohlen!“ belferte die Schaffnerin und ſchwang den Schlüſſelbund gleich einem Wurfgeſchütz. Richardis fiel ihr in den Arm, Renata lachte wie toll, Medora hetzte an Euſtachia, deren blaue Lippen vor Wuth zitterten, aber unaufhörlich in Verwünſchungen überſprudelten.„Mir dieſen Schimpf, Frau Kaftnerin? mir, der Aelteſten im Kloſter? trage ich nicht meinen Wei⸗ hel mit Ehren? Bin ich nicht, Gott ſey es geklagt, ein Exempel der Keuſchheitlin dieſem verdammlichen Babplon?“ —„Denkt zurück, Mutter Euſtachia, zwanzig Jahr zurück!“ ſpotteten die Nonnen einſtimmig, aber die Seniorin ließ ſich nicht irre machen, und fuhr fort:„O ihr Sündenkinder, voll von Hohn und Uebermuth, wärt ihr nur der Buße theilhaftig, wie ich. Bin ich nicht ein Exempel der Demuth und des Gehorſams? Thue ich denn nicht blindlings, was 12 Dieſe mir befiehlt, die doch um kein Haar beſſer iſt, als ihr?“—„So thut, was ich befehle und ſchweigt,“ ſagte die Priorin mit Härte, worauf Euſtachia ihren Groll be⸗ zwang, und nur mit funkelnden Augen der Kaſtnerin drohte, die ſich eifrig vernehmen ließ, wie Mutter Euſtachia längſt im Geruch der Dieberei ſtehe, alles verſchleppe, was in ihre Hände falle, vom ſilbernen Weihbrunnnapf bis zur ſchimmlichen Käsrinde, und wie ſie ohne Zweifel das ſchöne Leinenſtück entwendet und verlochet, was ihr, der Kaſtnerin gehöre.„Woher? Warum?“ fragte Richardis mit Strenge. —„Ich habe mir's erſpart.“—„Erſpart!“ rief Euſtachia und ſchlug ein gellendes Gelächter auf, daß ſich die Nonnen die Ohren zuhielten:„Seit wann erſpart ſich bei uns ar⸗ men Bettelnonnen die Schaffnerin etwas, wenn ſie's nicht dem Convent abſtiehlt? Kommt heran, wenn ihr die Wahr⸗ heit hören wollt. Schaut euere feinen Kleider an, und da⸗ gegen den geflickten Rock, den ich trage, vom rauheſten Wifling, wo Pletz auf Pletz ſitzt, daß bald nichts anders mehr als aufgeflickte Lappen daran ſind. Ich bin eine ge⸗ horſame Kloſterfrau, und kümmere mich nicht um euern unbußfertigen Wandel, aber es kömmt der Hochmuth vor dem Fall, und der Graf wird euch ſchon den rechten Mayen ſtecken.“ Dieſe Prophezeiung that ihre Wirkung, indem die Kaſt⸗ nerin ſchwieg, und an ihrem ſilbernen Biſamapfel roch, und Richardis die Saiten herabſtimmte.„Ei was, ei was, ſagte ſie begütigend:„vertragt euch doch, ihr thö⸗ richten Weiber. Ich will euch ſchon beide zufrieden ſtellen. Mutter Gertrud, ſchont das Alter, und Ihr, Mutter Eu⸗ ſtachia, ſchimpft nicht Euere Vorgeſetzte; in ſolch böſer Zeit der Wirrniß ſollen alle Zwiſte ab und todt ſeyn, daß wir vereint erſtarken mögen gegen den drohenden Feind.“— „Ach Jeſus!“ rief Mutter Anna dazwiſchen,„ſetzt uch Nonne von Gnadenzell. II. 2 18 doch, ihr Frauen, die Suppe gerinnt und macht euch dann einen ſchlechten Magen, ſtatt dem nüchternen Convent wohl⸗ zuthun.“ Maulend nahmen die Gegnerinnen ibre Plätze ein, ſcherzend die jüngeren Nonnen, und die Priorin fragte: „Wo bleiben denn die andern?“—„Potz Jeruſalem! ich vergaß die Glocke zu zieben,“ verſetzte Mutter Anna und rief nach dem Schellenſtrang. Während ſie läutete, ſchlich eine blaſſe, ſchmächtige Geſtalt herein und ſetzte ſich ſtille an das Ende der Tafel. Das bleiche, zerſtörte Geſicht mit rothgeweinten Augen ſah wie der Mond aus der ſchwar⸗ zen Kappe, an das Skapulier hatte die Nonne eine Trauer⸗ ſchleife geſteckt, in einer Falte ihres Brufiſchleiers hing ein verwelkter Blumenſtrauß. Sie ſeufzte nur, als die Priorin mit einiger Theilnahme fragte:„Wie geht es Euch, Schweſter Agnes? Iſt des Kummers noch kein Ende?“ — Renata verſetzte mit wegwerfendem Tone:„So begreife ich doch nicht, wie einem Landſtreicher zu liebe Euere Anu⸗ gen überlaufen mögen, wie im Lenz die Brünnlein. Heinz war ein ſchmucker Bube, aber ein liederlicher Geſelle, der an keinem Taubenſchlag vorüberging, wo er zugreifen, und an keinem Mägdefenſterlein, wo er einſteigen mochte.“— „Gott verzeihe Euch die böſe Rede,“ ſchluchzte Agnes: „möge es Euch doch nie ergeben, wie mir geſchah. Ich weiß aber, daß mir jetzo, ſeit die in Pfullingen den armen Knaben verurtheilten, das Leben zur Laſt iſt, und ein Stein am Hals mir lieber wäre im Mühlenſtrudel.“— „Pfui doch, ſeyd Ihr eine Kloſterfrau?“ fragte die Priorin kalt.—„Der Vater hat's auf dem Gewiſſen, daß er mich in dieſes Haus ſtieß. Ich kann nicht helfen, darum laßt mich zufrieden, oder werft den erſten Stein auf mich, wenn Ihr's wagen dürft.“—„Welch unbeſonnene Reden!“ ſchalt die Priorin:„wenn fremde Ohren das hörten! Ich 18 kege Euch Schweigen auf, binde Euch die Zunge. Wir ſind alle ſterbliche Geſchöpfe, voll von Sünden, aber die Wehmüthelei in der Sünde iſt eine unwürdige Schmach, und gehört zur Hölle. Thut Euere Trauerſchleife ab und das Gedächtnißſträußlein, wenn ich Euch nicht auf Waſſer und Brod in die Zelle ſprechen ſoll.“— Agnes erhob die ſchwimmenden Augen, deutete mit bitterm Vorwurf auf der Priorin Locken, auf Renata's Buſen, auf die Ringe der Medora, und legte alsdann gehorſam das ſchwarze Band und den welken Strauß neben ſich auf die Bank. Weil die Priorin es befahl, verſuchte ſie zu eſſen, doch ging es nicht, und die gutmüthigere Anna ſteckte ihr mitleidig eine Hand voll Pfeffernüſſe zu, von welchen Leckerbiſſen die Ta⸗ ſchen der Küchenmeiſterin ſtets zu ſtrotzen pflegten. In⸗ deſſen klappte die Thüre auf, und die grobe Stimme der Meßnerin, auch Chorregentin, Barbara ließ ſich ziemlich ungebührlich vernehmen.„He, he!“ rief die bärtige Schöne, auf ihren derben Sohlen hereinpolternd:„Ich werde erſt gerufen, ſcheint's, wenn man die Broſämlein vom Tiſchtuch fegt? Die arme Mutter Barbara ſoll am Ende verhun⸗ gern, und iſt doch die einzige Imme, die noch in dieſem verrodeten Stocke arbeitet? Wenn ich nicht wäre, wer putzte denn das Gotteshaus, wer wiſchte denn den Staub von eueren Chorſtühlen, wo ſeit dem Jubeljahr keine Nonne mehr geſeſſen? Der Poppele hat mir geſagt, daß heute Nacht ein Geſpenſt auf unſerer Orgel muſieirte, Gott ſey bei uns; aber der Teufel, oder wer es ſonſt geweſen, hat Recht, darauf zu ſpielen, ehe das Inſtrument in Staub und Moder zerfällt. Ich weiß wahrlich nicht, ob ich noch ein Kyrie darauf heruntertrommeln könnte. Die Hand wird mir ſteif, weil ich nur den Beſen führe und das Glocken⸗ ſeil anziehe.“—„Nun, ſetzt Euch, laßt's Euch wohl ſeyn,“ lächelte die Priorin. Barbara ſetzte ſich neben die Kaſtnerin, 20 ſpeiste in größter Schnelligkeit für Dreie, und murrte end⸗ lich über die Tafel:„s iſt eine Schande und ein blutig Aergerniß, heut hat der Pfaff ſchon wieder keine Meß ge⸗ leſen. Da kommt uns bald kein Menſch mehr in die Kirche, und in den Opferſtock legen die Spinnen ihre Eier, aber nicht die frommen Chriſten ihre Pfennige.“ „Die Mutter Chorregentin ſagt's auf's Tipfele, wie's iſt,“ fiel plötzlich eine ſchnarrende Stimme ein, und es war die der Pförtnerin. Schweſter Benedicta mit den verglas⸗ ten Augen und der roth geſprenkelten Naſe, ein verdroſſenes Weib, wenn nicht der Wein ſie luſtig machte, bückte ſich über den Tiſch, ſchob den ſchweren Roſenkranz an ihrem Gürtel raſſelnd bei Seite, zog einen hölzernen Becher aus ihrem Sack, und hielt ihn an den Schnabel der Schleif⸗ kanne, welche Mutter Anna hanvhabte.„Schenkt ein,“ ſprach ſie,„und dann will ich euch ſagen, daß der Pfaff heut nach Gomadingen gegangen iſt, um dem Pfarrer mit dem jungen Schüler, der die Laute ſo wacker ſchlägt, eine Ergötzlichkeit zu machen.“—„Der Belzer ſpielt doch all⸗ zuſehr den Herrn,“ brummte die Kaſtnerin, und die jungen Nonnen kicherten, während die älteren murrten. Der gelbe Neid überkam inzwiſchen die Mutter Barbara, und ſie rief hämiſch:„Schöne Muſica, wovon die Trunknen reden, od ſie gleich nicht hören! wenn einmal ein unbärtiger Fant wie jener Knab als aus dem Himmel in das Kloſter fällt, und die Saiten rührt, wär's auch noch ſo ſchlecht, ſo werft ihr gleicht euere Chormutter in den Winkel. Ihr Unarten! meint ihr, weil ihr aus Faulheit den Chor ſchwänzt, ich hätte mein Zitherſpiel vergeſſen? geſchwinde, Schweſter Be⸗ nedicta, gebt mir das Werkzeug her, dort ſteht es auf dem Sims. Ich will euch zur Ergötzlichkeit das alte Schleifer⸗ lein aufſpielen, wornach ihr ſchon ſo oft getanzt, und ihr werdet mir abbitten.“— Schnell ſtand vor der Chorregentin 21 die Schlagzither, und ſie hämmerte darauf das alte Schlei⸗ ferlein, daß alle Nonnen rührig wurden, die arme Agnes ausgenommen, die ſchier vor Schmerz verging. Mittler⸗ weile rebellte unten an der Kloſterpforte die Glocke wie im Sturme auf und nieder, und wie aus einem Munde riefen die jungen Nonnen, luſtig in die Hände klatſchend:„Das iſt die Kloſtereſelin! Salve, Mutter Simplicia! Nun wer⸗ den wir Neues ſehen, Neues hören, und uns todtlachen für alle Ewigkeit!“ Zweites Kapitel. Erndten thun ſie, wo nicht ſä'ten Obſt und Brod und Honigſeim Trägt der faule Praſſer heim—— Die Raupen ſollen ihrer Frucht geleben⸗ Arbeit der Leut' iſt den Heuſchrecken geben. Altes Lied⸗ Einer Zwergin eher zu vergleichen, als einem ausge⸗ wachſenen Weibsbilde, erſchien Mutter Simplicia, von der Laienſchweſter eingelaſſen, in der Kapitelſtube. Unter dem einen Arme ſchleppte ſie ein ungeheures Bündel Flachs, un⸗ ter dem andern mehrere Stücke werchenes Zeug von ver⸗ ſchiedener Gattung; über der Schulter ſchleifte ſie ein veil⸗ chenfarbiges Altartuch, auf dem Rücken trug ſie einen klei⸗ nen Korb mit allerlei Hausgeräth von Eiſen, Kupfer und Meſſing. Eine vollgeſtopfte Ledertaſche hing an ihrem Gürtel, und auf ihrem Geſichte lag die höchſte Selbſtzufrie⸗ denheit, ein dummſtolzes Bewußtſeyn. Freudengeſchtei em⸗ pfing die rüſtige Terminirerin, die allmonatlich ausſlog, um die armen Albvörfer zu brandſchatzen, damit der an⸗ dächtige Convent nicht Mangel leide. Triumphirend wur⸗ den die abgedrungenen Almoſen ausgebreitet, und wohlge⸗ fällig beſchaut, was die zinsbaren Gemeinden um Gottes⸗ willen beigeſteuert hatten. Da waren Leuchter, Gabeln, Beſtecke, Pfefferbuchſen, Leder, Wolle und dürre Schnitze, auch zuſammengezettelte Gröſchlein in dem Terminirſäckel; und Mutter Anna hatte alle Hände voll zu thun, die Eſelin im Hofe abzupacken, belaſtet mit Hirſe, Linſen, Mehl, Butter, Speck und Unſchlitt. Hinter einem vollen Becher ſttzend, empfing Simplicia wie ein ſiegreicher Feldhauptmann die Glückwünſche ihrer Kloſterſchweſtern, und ſchöpfte hinlänglichen Athem, um zu erzählen und wieder zu erzählen, was ihr während der Paar Tage begegnete, da ſie vom Kloſter auswärts gewe⸗ ſen. Die Einfalt des guten Weibes, im Convent gar wohl bekannt, machte, daß man ihren Berichten neugierig ent⸗ gegenſah. Sie begann aber folgendermaßen:„Da ich vorgeſtern mich im Gebet erhob, und den Schlaf aus den Augen rieb, ward ich mit vieler Freude inne, daß ich den Schuh am rechten Fuße zuerſt angezogen hatte, und errieth ich wohl, meine Sammelfahrt würde einſchlagen. Die Eſelin ſchrie zwar erbärmlich, und wackelte mit dem linken Ohre, was ſonſt fürnehmlich Sturm und Wetter bedeutet; doch der Katze darin mehr zu trauen iſt, und Mäuſerling lag ruhig im Winkel, leckte nicht an ſeinem Wadel, ſon⸗ dern kratzte ſich nur dann und wann am Kopfe, und dann ſteht uns ein Beſuch zu.“—„Ja, ja, Mutter Simplicia! wir hatten Beſuch, luſtigen Beſuch!“ riefen die Nonnen theils mit Spott, theils mit ernſthaftem Beifall, und Sim⸗ plicia ſprach weiter:„So mache ich mich denn auf in Jeſu Geleit. Ich habe dreimal genieſet, da ich mit der Eſelin vor das Thor kam, was ein gut Zeichen iſt! aber ein beſſeres war, daß mir der freudige Jägersmann Hug begegnete, und ſein Hund, und gleich darauf ein rothbacki⸗ ges Mägdlein. Ich habe wohl auch Schweine geſehen, doch ging der Trieb links ab über die Alb nach der Kar⸗ thauſe zu, und den weißen Mönchen mögen die Schweine 24 vedeuten, was ſie wollen.“— Der Convent murmelte wie⸗ der beifällig, und betete juſt nicht für die Glückſeligkeit der Herren von Güterſtein, die, weil vom Grafen geliebt, allen andern Klöſtern ein ſcharfer Dorn im Auge waren. Mut⸗ ter Simplicia hob aber wieder an:„Stracks war ich zu Gomadingen, und trieb das Oehrle luſtig, und ſchellte mit dem Glöcklein, ob ich ſchon weiß, daß in dem knützen Ort für uns kein Broſämlein abfällt. Die Mordleute vergifte⸗ ten uns die Wieſen, wenn ſie es im Stande wären, und richten ihre Frohnen dem Kloſter als wie für Bettelbuben aus. Doch ſchellte ich, und lachte in die Kappe, da Manche aus dem Fenſter ſchauten, der Meinung, es ginge unſer Herr im heiligen Sacramente vorbei. Wie ſie ſchimpften und raſaunten, will ich nicht ſagen; ich habe weite Ohren und eine glatte Haut. Allweg ſiel bei des alten Adams Wittib ein großer Wecken in den Korb der Eſelin, weil ich ihrer Kuh ein Amulet an die Stirn band, damit ſie wieder Milch gebe. Das Heu der Wittib ſchmeckte der Eſelin, wie mir der Wecken, und ſo kam ich bei Zeiten nach Stein⸗ gebronn. Dort wohnen gottſelige Leute, die nicht erſt ſpöt⸗ tiſch fragen, warum die Offenhäuſer Nonnen auf dem Bet⸗ tel umherziehen; die nicht ſäumen, ſondern alſo gleich in den Topf greifen, wofür ihnen der Herr im letzten Stünd⸗ lein barmherzig ſeyn möge. So habe ich viel ausgerichtet, und bin am frühen Abend gen Bernloch gekommen, und habe bei der andächtigen Frau Betzin übernachtet, auch viel Gutes genoſſen, ſo dort als in Meidelſtetten. Der Pfaff zu Bernloch ſah freilich ſcheel dazu, wie ſeine Art iſt, da er meint, wir ſollten das Terminiren einſtellen, und im Hauſe ſitzen bleiben, und mit faulen Händen verhungern. Bis daher ging alles gut, und die fröhliche Mutter Sim⸗ plicia, die, wie Ihr wißt, voll der ſchönſten Mährlein ſteckt, war wohl gelitten und zog munter fürbaß gen Engſtingen. 25 Wie ich aber in den Wald kam, ſo wußte ich ſchon, daß mir ein Aergerniß begegnen würde. Die Naſe juckte mich, und das bedeutet Zorn, und dann biß mich das rechte Auge, und das bedeutet Weinen, und endlich fiel mein Meſſerlein zur Erde, und blieb darin mit der Spitze ſtecken: ein Zei⸗ chen von Bedrängniß. Was geſchieht? Mitten im Walde kömmt ein Troß daher in grünen Kleidern, die Mützen auf dem Ohr, und vorwitzig plaudernd und guckend rechts und links. Mir fiel gleich das Herz, da ich das Wappen erkannte, ſo die Jagvleute trugen: das leidige Jägerhorn und Hirſchgeweih des Grafen von Würtemberg. Demüthig ſtellte ich mein Eſelein zur Seite, zog die Kaputze über die Augen, aber wen laſſen denn die Hofſchranzen ungeſchoren? Da mußte ich Reden hören, die mir faſt die Seele ab⸗ ſtießen. He, ſagte der eine, wohin Du Zwerglein mit dem Eſel?— Oho, ſchnauzte ein anderer, eine freche Predigernonne, eine liederliche Offenhäuſerin, eine Land⸗ fahrerin, die man brennen ſollte.— Ich zählte bis auf Hundert, und von Hundert wieder zurück auf Eins, daß ich nicht ausbrechen möchte im Zorn. Da unterſtand ſich einer mir die Kappe abzuziehen, und ſagte hämiſch: Ein artig Ungeheuerlein! und was Mehreres, ſo ich nicht wiederholen will.“— Die Nonnen lachten wieder ſchallend, und weide⸗ ten ſich an Simplicia's Eifer; ohne ſich ſtören zu laſſen, fuhr die Sammelſchweſter fort:„Da ſtand vor mir ein Mann, dem die andern viel Reverenz erwieſen, wenn er gleich zu Fuße ging, und ein feiſter Schimmel wurde ihm nachgeführt. Der Herr ſah mich mit trutzigen Augen an,„ und hatte einen Bart wie ein Dieb, und er war der Graf ſelber, und ſagte endlich mit brummiger Stimme: Woher? Von Offenhanſen, ſagte ich. Seit wann fahrt Ihr im Lande wie die Juden? ſagte er. Unſere Armuth iſt Schuld, ſagte ich. Ich werde Euch das Handwerk legen, ſagte wie⸗ der er, und kämmte ſich mit den Fingern den Bart gar be⸗ dräulich: die Weiber gehören in den Zwinger, ſolche Ca⸗ rabellen ſind Ungeziefer für die armen Leute.— Da ich nun mit offenem Munde einfältig ihn anſchaute, und nicht wußte, was er ſagen wollte, ſo grommelte er weiter: Ja, Alte, ich ſag's, nicht beſſer ſeyd ihr, als die wälſchen Weibs⸗ bilder, ſo die Landsknechte mit nach Hauſe bringen. Ihr werdet von mir hören.— Nun brach ein Ziſchen, Heulen und Gelächter los, daß ich vermeinte, alle böſen Geiſter ſtiegen aus der Hölle; der Graf winkte aber mit dem Fin⸗ ger und ging ſeines Wegs, worauf alle leidlich ſtill von dannen zogen, bis auf den letzten, der ſeinen Gaul aus⸗ ſchlagen ließ, daß mein armes Oehrle ein Wundmal davon getragen hat. Ich machte viele Kreuze hinter dem Satans⸗ gezüchte her, und wanderte bekümmert nach Engſtingen hin⸗ ein, und gedachte mich daſelbſt im Löwen zu erfriſchen.“— „Wohl bekomm's, arme Mutter Simplicia!“ riefen wieder die Nonnen mit ſpöttiſchem Bedauern. Die Terminirerin nahm einen Schluck, und ſetzte dann den Stab ihrer Rede weiter fort:„Ich war noch voll Schrecken und entſetzte mich noch mehr, da ich beim Hirtenhäuslein über einen Stein ſtolperte; ein übles, übles Omen. Was war's? Der gottesfürchtige Wirth zum Löwen war geſtorben; und ſein frecher Sohn an die Herberge gekommen; der empfing mich, wie der Jud das Schwein, jagte mich aus dem Hauſe, und rief, wir ſollten ihm nur die Hühner herausgeben, die wir ſeinem Vater abgeplaudert, und die Weiber zu Offen⸗ hauſen möchten fürder ſelber die Eier ausbrüten; wir ſeyen ein knützes Pack, und noch mehreres, wovon ich lieber ſchweige. Da machte ich's wie der Prophet, weilte nicht lange im Orte bei gutthätigen Seelen, und zog aus dem Drachenneſte ab.“— Nun erhob ſich ein Getümmel und Geſchelte unter den Kloſterfrauen, daß dem Löwenwirth zu 22 Engſtingen die Ohren faſt viel geklungen haben werden, und Renata zupfte mittlerweile die Simplicia am Armel, und fragte leiſe:„Geſchwind, wie ſteht's mit meinem Püpplein zu Meidelſtetten? habt Ihr's geſehen? iſt's fein geſund und wohl?“—„Geſund und ſchmuck, wie eine Grafentochter,“ verſetzte Simplicia mit albernem Lächeln, „wenn nur der Ammenpfenning nicht ausbleibt, wird es ſchon gedeihen, liebe Schweſter. Die Martha ſagt, es ſey ſchon ſo, daß die Kloſterkinder ſtets am beſten aufkommen.“ — Indeſſen hatte ſich die Ruhe wieder hergeſtellt, und auf den Befehl der Priorin erzählte Simplicia weiter:„Nicht lange, und ich kam gen Holzelfingen, wo ich gute Beute machte und viele ſchöne Grüße an den Convent mit auf den Weg bekam.“—„Von der Hailwig?“ fragte die Priorin, und alle Nonnen ſielen ein, ſogar die ſtumme Agnes nicht ausgenommen:„Habt Ihr die arme Hailwig geſehen? Iſt alles ſchon vorüber, und kommt ſie bald zu⸗ rück?“— Simplicia antwortete mit geläufiger Zunge: „Die Heiligen mögen wiſſen, warum es ſo lange dauert, aber noch iſt die Aermſte ihrer Noth nicht ledig, wohl ſchö⸗ ner doch, als zuvor. Ihr blaſſes Antlitz leuchtet nun als wie ein Rothapfel, und das weltliche Kleid mit dem Blend⸗ lein über dem Scheitelhaar ſteht ihr, wie einer Königin ihr Geſchmuck. Auch iſt ſie guter Dinge in ihrer Einſamkeit, und ſeufzt nur, daß ihr Knab ſie gänzlich verlaſſen. Ich hab es immer voraus geſagt, die fromme Hailwig hat nie verſtanden, das Feuer auf dem Herde hell anzublaſen, und welche dieſes nicht kann, kriegt niemals einen beſtändigen Buhlen. Schon hat ſie ein Hexylein befragt, aber nicht Bann noch Spruch helfen vor dem Schickſal.“— Die Lip⸗ pen der Nonnen ſprudelten wieder über in Spott und Theil⸗ nahme; mitten in dem babyloniſchen Gewirre ſchlug Mut⸗ ter Barbara die Zither an, und ſang mit rauher Stimme? „Jetzt koch ich mei'm Schätzle ein Zelleri, ein Zelleri, jetzt koch ich mei'm Schätzle, ein Zellerigemüs;“ worauf die jüngeren Kloſterweiber luſtig erwiederten:„Wozu ſoll mir helfen ein Zelleri, ein Zelleri? der Kuß von mei'm Schätzle iſt immer noch ſüß!“ Das Getümmel verhinderte den ehrwürdigen Convent, den raſchen Sporntritt eines Fremdlings zu vernehmen, der ſich im Kloſterhofe vom ſchäumenden Gaul geworfen, und nach einem vertraulichen Gruß an Crescentia, gleich wie ein alter Bekannter, den Einlauf in das Haus genommen hatte. Als ob ihn ein Blitz durch die Decke geſchleudert hätte, ſtand er unter den beim Frühſtück ſitzenden Weibern, von allen bewillkommt, und mit Geſchrei der Verwunde⸗ rung empfangen.„Ei, Junker Gilg, was führt Euch hie⸗ her?“ rief die Priorin; Renata begrüßte ihn als ihren Vetter, und die übrigen ſchrieen:„Woher? Gott grüß Euch, Herr Truchſeß von Bichishauſen!“—„Ich bitte um einen Reitertrunk,“ antwortete der bis an die Zähne be⸗ waffnete Mann, indem er ſich ohne Umſtände neben der Priorin niederließ,„meines Bleibens iſt hier nicht, und wäre ich gar nicht eingekehrt, wenn mir nicht der Oſtertag von Friedingen ein Wörtlein an die hochwürdige Mutter aufgegeben hätte.“—„Der Oſtertag?“ ſagte Richardis neugierig.„Warum ſo eilig, Vetter?“ ſetzte Renata hinzu.—„Ei, Potz Stern, ich will mich nicht erwiſchen laſſen.“—„Wer jagt Euch nach? Was habt Ihr ge⸗ than?“—„Ein Schlämplein iſt's, und weiter nichts. Der Ehinger hieit zu Tübingen einen Tanz, und der Geper wollte, daß kockere Studenten auf die Stube kamen, und einer mit der Braut zu ſpringen begehrte, als ich ſie juſt zum Reigen führte. Nicht lang beſann ich mich, und warf den Strolch zum Fenſter hinaus auf die Straße, daß er einige Knochen brach, darunter das Genick. Nun iſt der 23 todte Geſell freilich nur ein Frank, und als ſolcher nichts an ihm gelegen, aber der Graf hätſchelt die Burſchen ſeiner neuen Schule wie die Meerſchweinlein, und der Sprung des Kerls pätte mir den Hals gekoſtet. Drum jagte ich ab, und will nach Hauſe, ob die Freiſtatt ſchon zu Reut⸗ lingen näher war, aber die Krämer ſind ein ſchlechtes Volk, zumal nicht meine guten Freunde, und würden etwa falſch an mir handeln.“—„Welch ein Unglück!“ ſeufzten die Nonnen, aber Gilg ſchlug ein Schnippchen mit den Wor⸗ ten:„Was da! Hinten an der Lauter bin ich ſicher, und die Tübinger holen mich dort nicht. Da vertreibe ich mir die Zeit mit Schweinshatz, Hirſchgefaiſt und Bärenfang, bis über den Streich Gras gewachſen iſt.“—„Armer Vetter!“ klagte Renata, und Simplicia ſetzte mit zufam⸗ mengeſchlagenen Händen weinerlich hinzu:„Gott beſſer's! eine Zeit der Trübſal iſt gekommen, mit feurigen Ruthen und ängflicher Verwirrung. Was ich nicht alles gehört habe auf meiner Terminei!“—„Der Oftertag läßt Euch melden,“ flüſterte inzwiſchen Gilg der Priorin vertraulich zu:„daß der Graf auf der Achalm ſitzt, und beſchloſſen wurde, ſein Kanzler ſolle euch unverſehens überraſchen.“— „Herr Gott!“ ſeufzte Richardis beſtürzt.— Die Nonnen hatten ſich bei Simplicia's Worten an dieſelbe gedrängt wie eine Heerde; nur Agnes ſaß verſteinert im Winkel, während ihre Schweſtern zudringlich und begierig lauſchend fragten:„Was Neues, Mutter Simplicia? Neues aus der Welt, von Krieg und Frieden? Erzählt doch, laßt ge⸗ ſchwind uns hören!“ Worauf Simplicia mit bedeutſam wackelnder Stimme anhob:„Liebſte Schweſtern, in dem Niederland, wo doch ſo viel Waſſer iſt, brennt's an allen Orten, und das Blut fließt dorten wie aus Quellen.“— „Wie aus Quellen!“ wiederholten die Nonnen, außer ſich bor Verwunderung.—„Und zu Wien iſt's noch weit ſchlimmer; unſer Herr, der Kaiſer, hat Reißaus nehmen müſſen, der ungariſche Türk ſitzt jetzo auf dem Thron des Kaiſers, heißt Matthias, der grauſame Heide, ſiebt ſchwarz aus, wie ein Rab—„Wie ein Rab?“ wiederhol⸗ ten die Schweſtern einſtimmig, und verfielen dann ſelbſt in ein wirres Geplauder, wie die Krähen, während deſſen Gilg zu der Priorin weiter ſprach:„Das Unglück und die Schmach der armen Hailwig iſt am Hofe zu Urach ruchbar geworden. Man will euch auf der That ertappen, die ihr bishero ſtets geleugnet, kein Vorwand ſoll belfen, und ihr ſollt gehalten ſeyn, die Hailwig vor den Kanzler zu bringen, ob krank, ob todt oder lebendig. Klauſur und Disciplin, und wie euere Mummereien ſonſt heißen mögen, ſollen auf's Strengſte unterſucht ſeyn, und Euer Schickſal hängt davon ab. Oſtertag will ſeine Kundſchaft bis an des Grafen Hof ſelbſt treiben, und ſendet mich einſtweilen, Euch vorzubereiten.“ Die Priorin hatte ſchweigend zugehört, aber nun ſchlug ſie die Augen wieder auf, klopfte mit entſchloſſenem Lächeln in die Hände, und verſetzte:„Wir ſind gewaffnet, wie mit Stahl und Eiſen. Das Glück hilft durch eine eigene Schickung aus der Verlegenheit und Pein. Wir werden den Sieg erringen, und des Schreibers ſpotten, der uns zu fangen wähnt, wie der Marder in der Falle.“—„Potz Stern, das gebe Gott!“ rief der Truchſeß, und die Priorin klopfte mit dem Meſſer auf den Tiſch. Das Geſchwätz war mit einemmale zu Ende, das Häuflein der Nonnen ſtäubte aus einander und reihte ſich ſtille um die Tafel, und die Priorin ſagte mit ſtrengem Ernſte:„Eine harte Prüfung iſt vor der Thüre, und darum erbebe ich wieder auf's Neue des Hauſes Ordnung, widerrufe jeglichen Dispens, und binde euere Zunge mit dem Schweigen des Gehorſams.“ Kaum hatte ſie dieſe Rede geendet, als ſie mit dem Beiſpiel voranging, 1 ihrer Locken Reichthum unter dem Schleier tief verbarg, und das Geſicht in die gravitätiſchen Falten, wie die un⸗ veſtechlichſte Oberin, legte. Ihre Untergebenen thaten wie ſie, Schüſſeln und Becher verſchwanden von der Tafel, und in einem Augenblicke ſaßen ſtreng verhüllte, andächtig ſchweigſame Nonnen an dem Platze der ausſchweifenden Weiber, die ſeit ein Paar Stunden hier ihr Weſen ge⸗ trieben. Der Truchſeß wußte nicht, ob ſolches Treiben Ernſt oder Scherz ſey, aber merkte, daß ſeine Gegenwart über⸗ flüſſig werden möchte, und beurlaubte ſich, ſchon um der eigenen Sicherheit willen, auf's Schnellſte von ſeinen from⸗ men Wirthinnen. Renata geleitete ihn ſteif hinaus, und nahm dann wieder ihren Platz im Convent ein. Die Priorin begann ihre Rede mit gedämpfter Stimme alſo: „Wir wollen nicht von den Urſachen ſprechen, die eine all⸗ mählige Erleichterung der grauſamen Ordens⸗ und Kloſter⸗ regel herbeiführen mußten; nicht von dem Zwange elter⸗ licher Gewalt, wodurch Manche von uns in die Klauſur ge⸗ ſtoßen wurden, nicht von der Armuth, welche die Anderen in dieſes Haus verbannte. In dieſer Zeit, da alle Feſſeln locker werden, wäre es Thorheit geweſen, wenn wir in den unſrigen verharrt wären. Doch will man uns die Freiheit rauben, uns um ihretwillen verderben. Unſer gefährlichſter Feind iſt, der uns zu ſchirmen und zu bevogten geſchworen hat, Graf Eberhard der Aeltere. Er, der ſelber in rohem Jugendtaumel der Zügelloſigkeit huldigte, wie nicht der ſchlechteſte Junker im Lande, will jetzo den finſtern Sitten⸗ richter ſpielen, und uns ſchlagen, weil wir fröhlichen Her⸗ zens find. Es gelüſtet ihn, die freche Drohung wahr zu machen, und zu ſeiner plumpen Rachſucht geſellt ſich noch das Laſter der Heuchelei, der falſcheſten Hinterliſt. Unver⸗ ſehens will er uns überfallen, in unſerer Einfalt zu Boden würgen. Laßt uns daher zeigen, daß der Weiber Klugheit über den Witz der Männer geht; laßt uns zu den Waffen greifen, die er ſelber zu führen begehrt. Die Milde euerer Priorin hat euch bisher verſtattet, nach Gefallen zu leben, pie und da ein Roſenblättlein auf euern Weg zu ſtreuen. Der wilde Graf finde euch aber auf einem Dornenlager, verſenkt in Arbeit, Buße und Gebet. Kein Laut, kein Schritt verrathe fürder die billige Freiheit, die bisher in dieſem Hauſe geherrſcht; in den finſterſten Winkel ſey jedes Ding verbannt, das gegen uns Zeugſchaft ablegen könnte: die bequemere Kleidung, das feinere Geräth, der einfachſte Putz euerer Zelle. Dann wollen wir ſtehenden Fußes und aufrechten Hauptes den Verſucher erwarten. Gebannt und im Voraus excommunicirt heiße ich die Zunge, die ein Wörtlein an den Zwingherrn verräth, die einen Buchſtaben lallt, welcher der Gemeinde Schaden bringen möchte.“— Alle Nonnen verneigten ſich ſchweigend. Die Priorin fuhr fort:„Das Unglück der Schweſter Hailwig, ihre Schwäche, der Erbſünde allzunatürliche Frucht, will unſerm Verfolger zum Vorwand dienen, unſer Haus und unſere Rechte um⸗ zuſtürzen. Er gedenkt uns mit der Forderung zu peinigen, die arme Kloſterfrau ſeinen Augen darzuſtellen; er wähnt vielleicht die gräuelvolle Zeit zurückzuführen, da man eine ſchwache Kloſterjungfrau einmauerte und verſchmachten ließ, ſtatt ihren Fehltritt mit Liebe zu bedecken; doch werde ihm Beſchämung und eine ſchmähliche Flucht aus dieſen Mauern. Der Kanzler komme, wann er wolle, ja der Graf ſelber. Sie ſollen die Mutter Hailwig in unſerer Mitte finden und vor ohnmächtiger Wuth vergehen.“— Als hier die Nonnen die Priorin mit fragenden Blicken anſtarrten, er⸗ hob ſie die Stimme und ſagte:„Gott ſelbſt hat in unſer Haus ein Mägdiein geſendet, das er nur darum der Schwe⸗ ſter Hailwig in Antlitz und Geberden ſo ähnlich gemacht, damit es uns aus den Stricken des Teufels rette. Ein Fräulein edler Geburt, iſt es ſchwärmeriſch zum Kloſter⸗ ſtande hingezogen, und bettelt, als um eine Wohlthat, um das Kleid unſers heiligen Ordens. Dieſe Schwärmerei verbürgt mir ihren blinden Gehorſam, und indem ich die Sorge über mich nehme, Giſela für unſere Wünſche zu ge⸗ winnen, warne ich noch einmal eine Jede von euch, das Geringſte zu thun, was die Novize in ihrer Seelenruhe ſtö⸗ ren möchte. Unſere Ehre, uner Heil, unſere Rechte und Zukunft hängen davon ab. Mir iſt nicht unbekannt, daß i dieſem kleinen Convent mehrere ſind, die feindſelige Ge⸗ danken gegen ihre Oberin und ihre Mütſchweſtern hegen, aber um des gemeinen Wohles willen wird der Groll und die Gehäſſigkeit der Einzelnen ſchweigen.“—„Amen!“ rauſchte es von den Lippen der Mitglieder des Convents. Die Rede der Priorin, die noch länger dauern ſollte, wurde durch den Eintritt des Kloſtervicars unterbrochen. Der feiſte junge Mönch, deſſen knochiges Geſicht und wirr gekräuſeltes Haar einen tumultuariſchen Geiſt verrieth, ſtutzte da er die Verſammlung ſeiner Beichttöchter in ſo ehrwür⸗ diger Haltung erblickte. Seine Ueberraſchung that ſich um ſo öffentlicher kund, als er munter vom Weine war, und mehr zum Muthwillen aufgelegt, als zu ernſter Betrach⸗ tung.„Gelobt ſey Jeſu Chriſt!“ ſagte er mit großen Au⸗ gen:„was geht hier vor, würdige Frauen? haltet ihr Ge⸗ richt, und über wen?“— Verdrießlich antwortete ihm die Oberin:„Wir ſollten über Euch den Stab brechen, nach⸗ läßiger Hirte einer bedrängten Heerde.“—„Warum, Frau Mutter?“ fragte wieder Herr Belzer mit Spott und Scherz. —„Weil ſtets der Klagen mehrere gegen Euch erhoben werden.“—„So? Ach ja, alles Sterbliche iſt eitel.“— „Wo wart Ihr heute ſchon ſo frühe?“—„Nun, bei dem Pfarrherrn zu Gomadingen, der ein köſtlich Sauereſſen Nonne von Gnadenzell. II. 3 34½ aufgeſtellt, weil ich den Jacobum hinüber führte, vor ihm zu muſiciren.“—„Für ein Sauereſſen opfert Ihr Tag für Tag Eure Pflicht.“—„Ei, würdige Domina, wie iſt mir denn?“—„Wie Euch nicht ſeyn ſoll, mit einem Wort. Ihr bringt Verdacht und Aerger über unſer Kloſter, haltet teine Meſſe, keine Predigt. Die Gläubigen aus der Ge⸗ gend finden in unſerer Kirche wohl das Sacrament, aber nicht den Prieſter, der es ſpendet.“—„Die Welt geht un⸗ ter, denn die Frau Priorin liest mir die Leviten. Iſt's Euch ernſt mit dieſen Vorwürſen?“—„Bitterer, bitterer, perzinniger Ernſt.“—„Nun, ſo bin ich thöricht oder Ihri —„Ihr bringt unſer Haus in Verfall, der böſe Leumund wächst, die Almoſen fallen nicht mehr, wo Meſſe, Beichte und Abendmahl nicht mehr gehalten werden.“—„Bleibt mir doch mit dem Scherz vom Leibe, und denkt, wie wir's ſchon lange practiciren. Alle Sonntage Gottesdienſt, das iſt genug für Offenhauſen. Die Bauern lernen mir's ſonſt ab, wie man die Meſſe hält.“—„Bedenkt Ihr ſelber Eure Reden; ſie ſind gottlos, und wir werden uns, geht es ſo fort, beim Biſchof einen andern Vicarius ausbitten.“ —„Meinetwegen; dann ſoll er mir auch andere Nonnen geben, denn ihr ſeyd mir gerad ſo unerträglich, als ihr vorgebt, daß ich's euch geworden ſep.“ Ein Schrei des Unwillens gellte durch die Stube; der gereizte Vicar fuhr aber grob fort:„Wer das Kloſter ſchlecht gemacht hat, das ſeyd ihr, gleißneriſche Weiber. Schon nennt man's nicht mehr Gnadenzell, wohl aber das offene Haus, gleichwie ein Haus fahrender Frauen. Was ſoll ich mir viel Mübe geben für euch, da ihr doch zur Hölle fahrt, wie euere Vorgängerinnen ſeit hundert Jahren? Seht doch! für meine Verſchwiegenheit und meinen Beiſtand ſolchen Undank? wenn ich den Mund aufthue, ſollen euch die Haare zu Berge ſtehen ⸗ Ihr ſollt arm ſeyn, arm und 25 bloß, doch nur im Bade ſeyd ihr nackt und arm; ihr ſollt gehorſam ſeyn, aber nur bei Tiſche ſeyd ihr's, wenn die Teller klappern und die Kanne rinnt; ihr ſollt endlich keuſch ſeyn, doch ſind's die Nonnen nur im Chor, und da ihr den Chor nicht mehr beſucht, ſo ſeyd ihr niemals keuſch. Potz heiliges Kreuz, ſperrt euch nur nicht, und thut nicht, als ob der Bußengel plötzlich in euch gefahren wäre. Ihr bleibt ſchwarz, pechſchwarz, und wenn ihr euch Stund für Stund mit dem Speckſchwärtlein ſchmiertet, wie die Jung⸗ fern zu Laichingen. Stehenden Fußes fahre ich gen Urach, und zünde dem Grafen das rechte Licht auf.“ Dieſe Drohung wandelte ſchnell den Aerger der Nonnen in Nachgiebigkeit und Bitte. Sie wußten, welch eifrigen Vorfechter ſie an Herrn Belzer hatten, und bewegten die Priorin durch einſtimmiges Flehen, von der unzeitigen Strenge abzulaſſen. Richardis ſagte daher freundlicher zu dem Vicar:„Seyd nicht böſe, geiſtlicher Herr, und ver⸗ tragt Euch mit uns in Fried und Liebe. Aber wollet be⸗ denken, daß der Graf uns auf den Ferſen ſitzt, und war⸗ tet, bis der Sturm vorüber, mäßiglich Eures Amts, ſtatt auf den Pfarrhöfen herum zu ziehen, und Euern Leib zu mäſten.“—„Warum denn nicht?“ antwortete Belzer ſchnell beſänftigt, und lächelte behaglich:„Ich thue euch alles zu Liebe, ihr wißt es ja, drückte ſtets die Augen zu, wenn im Hauſe etwas Menſchliches geſchieht, und habe noch alle Schweſtern abſolvirt, wenn ſie geſtrauchelt waren, und mindeſtens die Kloſtermauern nicht von Kinderlein beſchrieen wurden. Dafür verlange ich aber meine Ruhe, und mei⸗ nes freien Willens Herr ſeyn zu dürfen. Ich liebe ferner ein gedeihlich Leben, Tag für Tag gleich, ſtets wohlgehalten, und des Leibes Nothdurft ſtets in Ueberfluß gewährend. Bei euch iſt dagegen heute Saus und Braus, und morgen nagt ihr am Hungertuch, weil ihr aufzehrt, ſo lange etwas da iſt. Warum ſollte ich nicht heute zu dem Pfarrer von Gomadingen gehen, der mir einen ehrlichen ſchwarzen Pfef⸗ ſer vorſetzte, weil ich doch fürchten mußte, nach dem geſtri⸗ gen Schlampampen kaum ein hartes Brodrindlein daheim vorzufinden? Beim Pfarrer zu Gomadingen iſt Küch und Keller wohl beſtellt, und heut Abend veſpern wir bei ihm mit einem wackern Sulzfiſch in der Brühe und friſchen Milchfladen.“—„So iſt denn heut mit Euch nichts Ver⸗ nünftiges anzufangen?“ klagte Richardis, indem ſie die Hände über den Kopf zuſammenſchlug, und die Nonnen ſchmunzelten, und Kaſtnerin und Küchenmeiſterin ärgerten ſich über den Verächter ihrer Wirthſchaft.—„So kehrt Ihr wieder um nach Gomadingen?“ fragte die Priorin, va Herr Belzer die Kappe in's Geſicht drückte, und ſich durch die Stube nach der Thür ſchwenkte.„Freilich, ja,“ ver⸗ ſetzte der Vicar, als ob es ſo ſeyn müßte:„zur Meſſe iſt es heut zu ſpät, und die Vesper mag, wenn ihr wollt, ein anderer halten.“—„So möchte ich Euch fragen, warum Ihr denn wieder zu uns gekommen? Beſſer wärt Ihr gleich drüben geblieben.“—„Warum? das will ich Euch ſagen: des Pfarrherrn Söhnlein, ein ſchmucker Knab, liegt krank am Fieber. Der Schäfer hilft nicht, und auch nicht die Here. Da fiel mir der Sterngucker ein, der geſtern hier einkehrte, und den Junkern aus der Hand gewahrſagt hat. Er weiß mehr, als andere Leute, und ſoll das Fieber vertreiben. Wo iſt der Landfahrer? Schweſter Benedicta, ruft ihn her.“—„Wo denkt Ihr hin? ich laufe ihm nicht nach,“ entgegnete die verdroſſene Pförtnerin. Mutter Anna ſprach aber:„Bevor ich aus dem Hofe kam, ſah ich den wunderlichen Bruder auf dem Gottesacker umherſteigen, als ob er Ameiſeneier ſuchte.“—„Da hat er gewiß den Schatz gewittert, der auf dem Friedhofe verſcharrt liegen Joll,“ ſiel Simplicia ungeſtüm ein. Die unhöfliche Bar⸗ 37 bara verſetzte alſogleich:„Schweigt doch mit Eueren Mährlein und zauberhaften Hirngeſpinnſten; ſchon habt Ihr dadurch den armen Poppele verrückt gemacht, und könnt doch Euere Zunge nicht regieren.“—„Was Schatz, was Hirngeſpinnſt!“ rief der Vicar ungeduldig:„Man rufe mir den Hexenkerl, denn zur Stunde muß ich mit ihm fort.“ Zögernd machte ſich Benedicta auf den Weg; als je⸗ doch der Vicar die Thür weit vor ihr aufriß, ſchallte aus dem Kreuzgange des Kloſters ein furchtbar klägliches Ge⸗ heul empor, dem alle Nonnen beſtürzt zuhorchten. Mutter Anna wurde ſchneeweiß im Geſichte, und ſtammelte:„Ach, heilige Mutter, was mir einfällt! mein Gedächtniß wird ſo kurz und ſchwach; jetzo beſinne ich mich, daß ich ſeit heſtern, ſeit dem Mittagimbiß, die arme Frau Demuth ganz und gar vergeſſen habe. Nun ſchreit das Weiblein gewiß vor Hunger und Ohnmacht, daß ſich die Steine erbarmen möchten; aber ich will eilen„ Sie watſchelte hinaus, doch wurde juſt zur ſelben Friſt die heulende weibliche Stimme von dem Angſt⸗ und Hülfe⸗ ruf einer männlichen abgelöst, und der Convent, der ſammt und ſonders voll Schrecken über die Treppe in den Kreuz⸗ gang eilte, ſah den Sterndeuter in rathloſer Flucht nach der Pforte laufen, davon zurückprallen, da er ſie verſchloſſen fand, ſodann in das Kreuzgangsgärtlein ſpringen, und durch den niedern Schwibbogen in den großen Kloſtergarten entweichen. An dem Schwibbogen aber lehnte faul und ver⸗ droſſen der arme Poppele, dem der Vicar ungeſtüm zurief: „Huſſa, Poppele, fauler Knecht! fang den Dieb, fang den Landſtreicher!“ Wie bei den Haaren aufgeriſſen, ſchnellte Pop⸗ pele empor, fuhr durch den Schwibbogen, und ſiöberte des Sterndeuters Spur auf, der an der Mauer von dem langbei⸗ nigen Verfolger erreicht wurde, mit ihm balgte, wie ein Räu⸗ ber, endlich jedoch einen Fetzen ſeines grauen Maniels in Pop⸗ pele's Fäuſten zurückließ, ſodann mit einer Kraft, die über ſeine Jahre ging, an der Mauer emporklimmte, und jenſeits hinab⸗ ſiel. Mehrere Nonnen und Leute vom Kloſtergeſinde waren Zeugen dieſes ſeltſamen Auftritts; die übrigen ſchrieen bunt durcheinander, aber die beſonnenere Richardis ſendete flugs Crescentien hinauf zu Giſela's Zelle, damit die Kloſter⸗ jüngerin nicht komme, mit eigenen Augen die Unordnung des Hauſes zu ſchauen.— Giſela lauſchte wirklich ſchon an der halbgeöffneten Thür ihrer Klauſe, und fragte erſchrocken nach der Veranlaſſung des ſonderbaren Lärms. Crescentia antwortete aber mit gleichgültiger Stirne:„Es iſt nichs, lieb Fräulein. Poppele, der Knöpflifreſſer, hat wieder den Aufſtand angerichtet. Der Mond wird jetzo im Zunehmen ſeyn, und dann iſt's mit dem armen Tropf nicht gehener.“ Drittes Kapitel. „Das war ein Fuͤrſt, ihr Herren, dem an Weisheit und furſtlichen Tugenden ſonſt keiner mehr im roͤmiſchen Reiche gleich kommt. Wir haben viel an ihm verloren.“ K. Mapimilian I., an dem Grabe des Herzogs Eber⸗ hard im Bart. Der Herr des Landes war nach ſeiner Gewohnheit frühe aufgeſtanden, und wandelte hin und her in dem Saale ſeines Fürſtenhauſes zu Urach. Da öffnete ſein Leibdiener behutſam die Thüre, und ließ den Obervogt herein, der ſich mit tiefem Bückling dem ſtrengen Gebieter näherte. Der Graf verſchränkte die Arme, blickte den Richter finſter an, und ſagte:„Ihr haltet ſchön auf Ordnung im Lande, ihr Amtleute und Verweſer. Kaum iſt's zwei Tage her, ſeit mir begegnen mußte, in einem Spitzbubenwinkel meine Nachtherberge aufzuſchlagen. Handhabt ihr alſo die Ge⸗ ſetze, die ich vorgeſchrieben? Ich begehre, daß meine Unter⸗ thanen nach ſo manchem Ungemach des Friedens genießen ſollen, und dennoch lagert das Raubgefindel ungeſtraft auf Bergen und in Thälern? Noch mehr: es wagt zu dro⸗ hen, und ſeine Drohung fürchterlich in's Werk zu ſetzen, 40 wenn euer Urtheilsſpruch einem ſeiner Spießgeſellen den Stab gebrochen? was iſt die urſache ſolchen Unfugs?“— „Gnädigſter Herr,“ verſetzte der Obervogt mit ruhigem Bewußtſeyn:„Ich kann nicht einſtehen für die Läßigkeit meiner Mitbrüder im Amte. Erinnert Euch jedoch, wie blutige Fehden und Zerwürfniſſe dieſe Gegenden mit ſchar⸗ ſer Geißel heimgeſucht haben, und wie nicht mit einem Streiche das Unkraut getilgt werden mag⸗ welches der heil⸗ loſen Saat entſproſſen iſt.“—„Dieſe Ausflüchte hör' ich immer, doch genügen ſie meinem Herrſcherwillen nicht. Der Fürſt und ſeine Diener ſind nicht gemacht, unthätig in den Tag hinein zu leben, und träge von der Zukunft zu er⸗ warten, was heute geſchehen kann und muß. Ich dulde fürder nicht die Saumſeligkeit, die meine Unterthanen ſchä⸗ digt. Richtet Euch danach.“— Der Obervogt verneigte ſich ſchweigend. Der Graf fuhr nach einer Weile fort:„Es nutzt nicht, einen ſtrengen Spruch zu fällen, man muß den⸗ ſelben zu vollſtrecken wiſſen, ohne Furcht der Menſchen. Wohl mag das Herz des Richters bluten, wenn er genö⸗ thigt iſt, zum ſcharfen Schwert zu greifen, aber heut iſt noch die äußerſte Strenge ein allzunothwendiges Geſetz. Das Volk, gutmüthig zwar, treu und gehorſam, iſt ver⸗ wildert, dumm von alten Vorurtheilen, abergläubiſch, doch nicht minder zur Stelle ruchlos, ſobald man einen Zügel nachläßt. Sie wiſſen nichts, die armen Leute, drum fallen ſie in jegliche Satansſtricke, und das heiligſte Band, die wohlthätige Feſſel des chrifllichen Glaubens, iſt, Gott ſey es geklagt, gebrochen durch die Zuchtloſigkeit der Pfaffheit, ſo in Städten, als in Dörfern und in Klöſtern. Es thut Noth einmal, einerſeits die Köpfe aufzuhellen, andererſeits, dem ſchlimmen Beiſpiel und den Leidenſchaften ein Gebiß anzulegen. Wenn die Sitten einſt milder geworden, Ver⸗ ſtand und Weisheit nach oben gekommen ſeyn werden, dann . 41 mag die Peitſche ruhen, und das Volk freier einhergehen⸗ Leider ſind wir nicht ſo weit, doch nach dem Ziele hinzu⸗ ſtreben, iſt mir unverwehrt. Darum habe ich Schulmeiſter verordnet in allen Aemtern, darum verbeſſere ich die Klö⸗ ſter, eines nach dem andern, und daß es dem Lande fürder nicht an tüchtigen Richtern und gelehrten Prieſtern mangle, habe ich zu Tübingen die hohe Schule aufgeſtellt. Sie mag ein Aergerniß dem Einen, dem Andern eine Thorheit ſchei⸗ nen; gleichviel, ich wag's. Dummheit und ſchlechter Unter⸗ richt ſind die Wurzeln alles Uebels. Ich ſelber kann hie⸗ von ein Liedlein ſingen, und ſchäme mich nicht, frei zu ſagen, daß ich mit großer Bekümmerniß beklage, in meiner Jugend nicht genug gelernt zu haben, um dem Lande vor⸗ zuſtehen, wie ich gerne möchte. Gott tröſte meinen Vater, wie meine Vormünder und Hofmeiſter; aber auf die Stu⸗ dia haben ſie nichts gehalten, und einen ungehobelten Ge⸗ ſellen aus mir geſchnitzt, daß es mir nachgehen wird mein Leben lang.“— Da der Graf verdrießlich inne hielt, machte der Obervogt Miene, als wolle er den Mund aufthun und antworten, doch fuhr ihm Eberhard geſchwinde durch die Rede:„Laßt's gut ſeyn, mein Freund, und behaltet's für Euch: Ihr ſeyd ein treuer Diener, aber dennoch hättet Ihr mir wohl nichts anderes geſagt, als daß mir trefflich ge⸗ lungen ſey, die Mängel meiner Ingendzucht durch ein gar kluges Regiment ungeſchehen zu machen. Nun höre ich aber ſolche Schmeicheleien nicht gern; ein Schelm thut mehr als er kann, und eines Fürſten Pflichten ſind am Ende ſeiner Tage bei weitem nicht alle erfüllt, dem beſten Willen zum Trotze. Ein Anderes iſt's mit den Pflichten der Amtleute, davon ſoll kein Haar abgelaſſen werden, und ſomit gebe ich Euch und euern Mitbrüdern die ernſtliche Weiſung, bin⸗ nen kürzeſter Friſt das Raubgelichter zu vertilgen, welches ſogar die Nähe meiner Hofſtatt unſicher macht. Hat uns 42 ver liebe Gott mit Land und Leuten geſegnet, ſo müſſen wir auch deren Vater und Beſchirmer ſeyn, anſonſt all' unſer Sach nichts iſt, und damit Punktum.“— Der Obervogt, trotz ſeines Gleichmuths, fühlte ſein Herz innerlich bewegt, und erwiederte freudig, daß er gern ſein Gut und Leben daran ſetze, die Befehle des Grafen genüglich auszurichten, und daß von allen Amtleuten gleiche Bereitwilligkeit zu erwarten ſey. Benebſt fragte er, was der geſtrenge Herr in der Sache des Heinz von Schlaiz be⸗ ſchloſſen.—„Habt Ihr den jungen Dieb anhero geführt, wie ich befohlen?“ ſagte der Graf, und weil der Obervogt vejahte, ſetzte er hinzu:„Man bringe ihn vor mich, ich will ihn ſehen. Von ſeinem Betragen wird abhängen, ob ich den harten Spruch unterſchreibe, oder den Fürbitten der Beraubten ein willig Ohr leihen mag.“ Der Obervogt entfernte ſich, winkte den Lanzenknechten, die im Hofe den gefeſſelten Heinz umringten, und alſobald ſtand der Verurtheilte vor ſeinem höchſten Richter. Des Jünglings Haupt war auf ſeine Bruſt geſunken, beſchämt hafteten ſeine Blicke am Boden, ſeine Kniee bebten. Nach⸗ dem ihn Eberhard eine gute Weile ſtumm betrachtet, gebot er mit väterlicher Stimme:„Nehmt ihm doch die Ketten ab. Es will ſich nicht geziemen, daß er vor ſeinem Landes⸗ herrn in ſolchem Zuſtand erſcheine. Zu dem Fürſten mag ein Jeder das Geſicht frei und freudig emporrichten.“— Alſo that auch der Verbrecher, faltete innig die entfeſſelten Hände, und ſagte mit weicher Stimme:„Ich danke Euch, o Herr. Ihr verſchafft mir ein ſelig Vergnügen“—„So ſtelle Dich aufrecht, wie ein Mann.“—„Ich kann nicht, Herr Graf. Die Folter zu Pfullingen hat meine Glieder geſchwächt und verrenkt.“—„Schade, daß man Dein zartes Alter mit ſolcher Pein heimſuchen mußte! Du biſt noch ſo jung, und bereits ſo verderbt, ſo verſtockt und un⸗ 43 bußfertig? haſt nicht geſtanden, ob man gleich Schraube auf Schraube drehte, und Keil auf Keil zwiſchen die Folter⸗ pretter und Deine Glieder trieb? das iſt böſe, ein Knab wie Du ſollte ſchon der freundlichen Vermahnung, dem liebreichen Worte weichen, ſintemalen die Reue ſelbſt den grauſamſten Verbrecher noch zu ſchmücken vermag.“— „Ach, Euer Gnaden, dieſes Wort iſt nicht zu mir geredet worden. Ich bin ein wüſter Bube, ich geſteh's, aber mein Ohr und mein Herz ſind leichter zu bewegen durch die Sanftmuth, als meine Zunge und mein Leib durch alle Foltergualen.“—„Es iſt ſchon viel, daß Du Deine Ver⸗ verbniß erkennſt. Wie kömmt das?“—„Die Stille und die Nacht des Kerkers haben mich weich gemacht; ich war ſo gewöhnt an Freiheit, Luft und raſches Leben, daß ich be⸗ weinen muß, vurch meine Unthat ſolch köſtliche Güter ver⸗ ſcherzt zu haben.“—„Was bewog Dich, das Verbrechen zu begehen, ſo Du jetzo bereueſt?“—„Die Armuth, Herr, und die Luſt, mein Lieb zu vergnügen.“—„Wie das?“ —„Mein Lieb iſt unglücklich, weil es nicht frei iſt, und mir nicht gehören darf. Seine Trauer durch Geſchenke zu zerſtreuen, verlangte ich, doch ſind wir bettelarm, ich und die Meinen, und ich raubte, was ich ehrlich nicht gewinnen mochte.“—„Wer iſt Dein Lieb?“— Der Jüngling ver⸗ ſtummte und ſchüttelte das geſenkte Haupt.—„Die Helfers⸗ helfer Deines Raubes, welche waren ſie?“— Neues Ver⸗ ſtummen, abermaliges Verneinen.—„Was hat es mit dem Wildherrn für Bewandniß, wer iſt der Räuber? und warſt Du mit ihm verbunden?“— Heinz ſchwieg aber⸗ mals hartnäckig.—„Du mißbrauchſt meine Geduld, jun⸗ ger Menſch. Du ſorgſt nicht gut für Deine Zukunft. Ich glaube nicht an Deine Reue, ſo lange die Offenherzigkeit fehlt.“—„Ich kann mich noch nicht überwinden, ein Meh⸗ reres zu geſtehen, als mein Verbrechen.“—„So ſage mir 44 mindeſtens ein Näheres von Deinem Hauſe, Deinem Vater, Deinen Geſchwiſtern; welch ein Leben ihr führet, ob einer revlichen Zucht bei Euch gewartet wurde?“— Heinz er⸗ wiederte beſcheidentlich:„Ihr fragt mich, lieber Herr, um Dinge, die Ihr bereits wiſſet. Erlaßt dem Sohne, der die Seinen liebt, die peinliche Antwort.“—„Fürwahr, Heinz, es ſteckt ein beſſerer Kern in Dir, als man von Deiner That ſchließen ſollte. Dein Vater trägt ſchwere Verant⸗ wortung; ich habe eine gefährliche Bekanntſchaft mit ihm gemacht, und weiß zur Genüge, daß er vom Menſchen nichts hat, als die Geſtalt, denn ſeine Liebe zu Dir iſt nur der Trieb, den auch die Beſtie hat, wenn ſie für ihre Jungen die Klauen ſtreckt, und den Zahn wetzt. Ihr entwürdigt einen edlen Namen, ſeyd der Schandfleck Eueres Geſchlechts; ich werde das Reſt ausnehmen laſſen.“—„Iſt ſchon ge⸗ ſchehen nach Euerem Befehl,“ bemerkte der Obervogt,„doch fand man nichts darinnen als die letzte Neige. Die gau⸗ neriſchen Ganerben hatten ſich plötzlich zerſtreut, der alte Schlaiz war nicht mehr zurückgekehrt, und nur die Schwe⸗ ſtern dieſes Strauchjunkers ſind verblieben, um der gelähm⸗ ten Mutter zu warten. Die Pfullinger legten eine Wache in das Haus.“—„Geſtrenger Herr Graf,“ bat Heinz in⸗ brünſtig und mit thränenden Augen,„Ihr habt ja mich, und der Vater ging flüchtig; ſchont mindeſtens der Schwe⸗ ſtern und der Mutter!“—„Du biſt viel beſorgt um das Wohl der Deinigen, denkſt Du jedoch an Dein eignes Schickſal? wenn ich, erzürnt ob Deines Schweigens, zur Stunde an Dir vollziehen ließe, was in Pfullingen über Dich als Recht erkannt wurde?“—„Das thut Ihr nicht, geſtrenger Herr,“ verſetzte der Verurtheilte mit ruhiger Zu⸗ verſicht.—„Wie? Du wähnſt vielleicht, mir ſey bang vor den Drohungen des Räuberhäuptlings? wiſſe, verſtockter Knab, daß ich die Furcht nicht kenne, und den Spruch 45 vollzöge, wenn auch der greiſe Böſewicht jetzo mit der ge⸗ ſchwungenen Mordaxt hinter mir ſtände; oder ſollte ich Deiner ſchonen aus Dankbarkeit, weil die Schurken mich nicht tödteten, da ich in ihre Hand gegeben war? Die Gaſtfreundſchaft der Mordbuben verpflichtet mich nicht, und wenn ſie mein fürſtliches Haupt nicht ſchlugen und ſchädig⸗ ten, ſo verrichteten ſie gerade nur, was ihnen der Herrgott ſelbſt befiehlt. Warum werde ich alſo nicht thun, junger Vorwitz, was mir beliebt, über Dich zu verhängen?“— „Weil Euere Gerechtigkeit es ferner nicht zulaſſen mag,“ entgegnete Heinz mit freundlicher Demuth:„Ihr habt ge⸗ ruht, ſo lange Euere Worte an mich zu richten, ſo lange mich vor Euerm Angeſicht zu dulden, daß ich des Lebens und der geſunden Glieder getroſt ſeyn darf, ſintemalen Ihr ein gnädiger Fürſt ſeyd, und nimmer dem Raubthier zu vergleichen, welches mit der Beute grauſam ſpielt, ehe es dieſelbe zerfleiſcht.“— Auf dieſe Rede ſchlug der Graf ver⸗ wundert die Hände zuſammen, und verſetzte, ſchmerzlich und freudig gerührt zugleich:„Da ſteht dieſer unſelige Menſch mit ſonnenklarer Zuverſicht vor meinem Gewalt, und pre⸗ digt mir, wie Gnade und Verzeihung fürſtliche Tugend ſey; aber, iſt nicht auch der Fürſt ein Menſch, und ſoll nicht Milde eines jeglichen Menſchen Uebung ſeyn, und verſteht ihr euch denn, ihr Diebe und Wegelagerer, auf Gnade, Friede und Barmherzigkeit?— Ach, wohl iſt das ſterbliche Herz ein unergründlich Meer, worinnen gut und bös durch einander ſchwimmt, das Ungeheuer neben der Perl ſchläft, bald der Sturm aufbraust, und bald die Sonne rein in bie grüne Tiefe niederſchaut! So beleidigen wir täglich Gott und trotzen doch auf ſeine Gnade, ſo beküm⸗ mern wir ſtündlich Vater und Mutter, und ſteifen uns auf ihre ewige Liebe. Und am Ende... trotz aller Miſſethat, begnadigt der Herrgott ſteis, hört der Eltern Liebe nie 46 anf und auch ich will barmherzig ſeyn, Dir das ſchwere Urtheil erlaſſen, Du armer Sünder, und Bedenkzeit in leivlichem Kerker geben, ob Du mein fürſtliches Mitleid mit umfaſſender Reue und kindlich treuer Beichte vergelten wolleſt.“ Heinz wollte ſich zu des Grafen Füßen niederwerfen, aber mit abwehrender Bewegung drehte ſich Eberhard von ihm; die Knechte führten ihn gelinde von dannen, der junge Verbrecher weinte helle Thränen, und der Obervogt ſagte mit tiefer Rührung zu den Umſtehenden:„Sebt ihr einen Wolf, den unſers Eberhards Güte und Verſtand zu einem reuigen Menſchen gemacht hat! Gott erhalte uns den ſelte⸗ nen Fürſten, den vom Himmel geſendeten!“ Und alles Volk ſtimmte ein, denn ſie hielten den Eberhard gar hoch und werth, als einen fürtrefflichen Herrn, und betrogen ſich nicht. Der Graf wollte in ſeiner Frauen, der Prinzeſſin von Montua, Schlafgemach zurückkehren, um dieſelbe aus dem Morgenſchlummer zu wecken, als er zufällig auf den Hof blickte, und eine bekannte Geſtalt wahrnahm, die unter dem Vorſprung eines Söllers vor dem Regen Schutz geſucht hatte, nichts deſto weniger aber von den Fenſtern des Saa⸗ les kein Auge verwendete, gleichſam als harre ſie ungedul⸗ dig der Stunde, da ihr der Eintritt zum Herrn erlaubt ſeyn würde. Eberhard ſah ſcharf nach dem klapperdürren, in verſchoſſene Hoſtracht gekleideten Mann, und ihm blieb kein Zweifel mehr. Er öffnete das Fenſter, nickte gnädig mit dem Kopfe gegen jene Seite, und rief:„Guten Tag, Herr von Sperberseck! habt ſchlechte Witterung gewählt, zu Hofe zu reiten. So Euch jedoch ein Anliegen an mich daher führt, mögt Ihr immer heraufkommen; ich bin für Euch zu Hauſe.“ Der Angerufene machte einen tiefen Reſferenz, und be⸗ 47 reitete ſich mit vielen Umſtänden, die wenigen Schritte nach dem Eingange zu ſegeln. Mit einer Hand hielt er, zu ehrerbietig, um vor dem Grafen ſeinen Scheitel zu bedecken, das unſcheinbare Federhütlein als eine ſchwache Schutzwehr vor dem Regen empor; mit der andern hob er den Man⸗ tel auf, daß derſelbe hinwiederum das Hütlein berge; auf den Zehen ſchreitend ſprang er von Stein zu Stein, ſeine ausgeſchnittenen Stumpfſchuhe nicht zu beſchmutzen. So gewann er denn nach manch gefährlichem Sprung vas Ziel und des Grafen Gemach. „Ein ſeltener Gaft!“ redete ihn Eberhard in der beſten Laune an:„Was gibt's, edler Herr? wurde Euch das Le⸗ ben auf Euerer einſamen Burg zu langweilig, und trachtet Ihr nach einem Hofdienſt? Sagt friſch heraus, was Ihr begehrt? Zu meiner Aufwartung ſoll ſtets für einen Rit⸗ ter Euersgleichen ein Plätzlein offen ſtehen.“— Worauf der Herr von Sperberseck verlegen und ſchüchtern erwie⸗ derte:„Euere Gnaden treibt nur Scherz mit meiner Un⸗ behülflichkeit und Armuth. Wie könnte ich bei Hofe dienen, und bin ein Bauer mehr als ein Edelmann? Mein Weib und meine ſechs Kinderlein, für deren Nothdurft und Atzung ich zu ſorgen habe, treiben allen Stolz aus meinen Ge⸗ danken. Die Zeiten werden immer ſchlimmer, geſtrenger Herr. Ein Strohjunker, wie ich, hat vollauf zu ſchwim⸗ men, will er oben bleiben.“—„Ha, Ritter Anshelm, Ihr verfündigt Euch. Rühmt man doch Euere Habe gleich der des reichen Mannes im Evangelio!“—„Böſer Leumund, gnädigſter Herr, die übelſte Nachrede, die einem Bieder⸗ mann begegnen mag. Da ſchwatzt das Volk in den Tag hinein von Hab und Gut, Silber und Gold, und gibt uns Preis den Betklern und den Räubern, böſe Nachbarn zu geſchweigen, die ſchon öfters manch einem den rothen Hahn auf das Dach geſteckt haben, nur aus Neid, nur aus Miß⸗ 48 gunſt.“— Der Graf runzelte die Stirne, und verſetzte nicht ohne Spott:„Man nennt Euch reich, Herr Anshelm, zugleich ſchilt man Euch karg. Wollt Ihr nicht das erſte ſeyn, mag ich auch das andere nicht von Euch glauben. Ein Filz iſt mir verhaßt, und ich ſchätze doch mir's zur Ergötzlichkeit, Euer Freund zu ſeyn. Was wäre Euch zu Gefallen?“ Anshelm ſammelte ſeine Gevdanken, und begann mit der ängſtlichen Bedächtigkeit, die jedes Wörtlein auf die Wage legt:„Dreierlei, geſtrenger Herr. Ich werde kurz ſeyn, da ich nicht liebe, viele Worte zu verſchwenden, und Euere Zeit ein koſtbarer Schatz iſi. Erſtens: ich habe einen Bruder, und derſelbe beſitzt allhier zn Urach einen Hof, der jüngſt verbrannte, den er mir zu kaufen angetra⸗ gen. Obſchon mit meinem Wenigen ſparſam, will ich dem Bruver doch die Liebe thun, und das ſtark beſchädigte Gut um billigen Preis an mich bringen, ſo Ihr es genehmigt.“ —„Warum nicht, Herr? Ein Bauer dürfte es kaufen, ohne irgend eine Anfrage; warum nicht Ihr, den ich als Nachbar ſchätze? was iſt aber mit Euerm Bruder? Ich erinnere mich ſeiner von den Feſtlichkeiten zu Trier; er war im Gefolge des Herzogs von Burgund. Man nannte ihn einen tapfern Degen, die Ritterwürde ſtand ihm nah. Leichtſinn wurde ihm vorgeworfen, und allzugroße Freige⸗ bigkeit; doch ſindet man ſolche Eigenſchaft bei manchem un⸗ erſchrockenen Mann. Wie geht es ihm?“— Anshelm ſeufzte recht ſchwer, zuckte die Achſeln, ſchüttelte den Kopf, und ſprach mit zerknirſchter Stimme:„Seine Verſchwendung iſt es eben, und ſeine Raufergewohnheit, die ihn in Noth⸗ mich in Sorge und zugleich in den Zwang verſetzt hat, Euch mit einer Bitte beſchwerlich zu fallen. Seine Wun⸗ den zu heilen, iſt er gen Baden gezogen, in lockere Geſell⸗ ſchaſt gerathen, hat des Muthwillens viel getrieben viel 49 des Geldes durchgebracht, endlich einen ſchweren Handel bekommen, einen Edelmann mit dem Schwerte geſchlagen, und flüchtig gehen müſſen. Darauf hat der Markgraf Chriſtoph dem ſtrengen Badengeſetze zufolge ſein fahrend Gut zu Baden an ſich genommen, ihm das Leben abge⸗ ſprochen, ſeinen Adel und Geſchlecht an der Ehre geſchädigt. Alſo ſandte er mir ſeinen Knecht von Gernsbach, wo er krank danieder liegt, und läßt mich ſchier beſorgen, als würde er heimkehren, an meinem Tiſche zu eſſen, aus mei⸗ nem Becher zu trinken. Sein Bruder bin ich zwar, aber auch ein ſchwer belaſteter Hausvater; geneigt, ihn zu unter⸗ ſtützen, außer Stand, ihn zu ernähren als einen kranken Mann. In ſolcher Noth gehe ich an Euch, Euere Gnaden, daß Ihr gelieben möchtet, den Zorn des Markgrafen, Euers erlauchten Freundes, zu beſänftigen, damit er meines Bru⸗ ders Fahrniß herausgebe, deſſen Adel und Wappen makel⸗ los wieder herftelle, und das ſchwere Urtheil von ihm nehme. Euere Gnaden wird alsdann dem unbeſonnenen Junker ein ernſtes Wort der Vermahnung nicht entſtehen laſſen, auf daß er, ſtatt meinem geringen Haushalt zur Laſt zu fallen, lieber ſein übrig freilich geſchmälertes unbe⸗ weglich Gut veräußere oder verpfände, und mit den Trüm⸗ mern ſeiner Habe wieder nach dem Niederland zurückgehe, oder wohin es ſey, da er im Vaterlande nicht mehr gut thut.“ Eberhard ſah den getreuen Bruder mit mißvergnügtem Blicke an, und entgegnete langſam:„Das iſt ein fein Verwandtenſtücklein, Herr Anshelm. Indeſſen, ein alter Knorren gibt nimmer einen ſchlanken Stamm; daher kein unnütz Wort hierüber. Doch will ich an den Markgrafen ſchreiben laſſen, daß er mir den Handel mittheile, und wenn Euer Bruder ſich nur eine Unbeſonnenheit zu Schul⸗ den kommen ließ, wird ihm als einem biedern Kriegsmann Nonne von Gnadenzell. I. 4 — 50 mein kräftiges Fürwort zu ſtatten kommen. Nachher ſoll er ziehen, wohin es ihm beliebt; wäre es hieher an meine Hofſtatt, nur nicht zu Euch in's Lenninger Thal! verlaßt Euch drauf, daß ich ihm abrathe, Euch zu beſchweren.“— Der Geizhals faßte nur halb den ſcharfen Sinn dieſer Rede, und erſchöpfte ſich in Dankſagungen, und wußte nicht genug zu berichten, welch Unmuß und Verdrießlichkeit ſein Bruder Heerdegen in ſeinem Hauſe und der ganzen Gegend geſtiftet habe, da er, noch ſey kein Jahr verfloſſen, zur Einkehr bei ihm geweſen. Um den Grafen, der nur zerſtreut zuhörte, mehr für ſeine gute Sache zu gewinnen, ſetzte er kläglich hinzu:„Unzufriedenheit und Wirrniß ſind leider in un⸗ ſerm Stammhauſe ſteis einheimiſch geweſen. Der Vater haderte ſtets mit der Mutter, die Mutter mit uns Kindern, ein Bruder neckte den andern; die Schweſtern waren ſich feindlich. Ein Jeder von uns hatte juſt das Gemüth, was die anderen nicht liebten, und ich weiß nur einen Tag, da wir einig und ſcheinbarlich vergnügt beiſammen ſaßen, ob⸗ ſchon derſelbe das Vorzeichen eines ſchlimmen Sturmes wurde. Es war das Hochzeitfeſt meiner beiden Schweſtern, die zugleich heiratheten, und von ſtattlichen Männern ge⸗ kauft wurden. Dieſes doppelte Beilager zu feiern, ſo wie die Fahrt, die mein Bruder Heerdegen nach dem Nieder⸗ land antreten ſollte, waren unſere beiden anderen Brüder, die jetzt im ewigen Freudenreich find, der pfälziſche Amt⸗ mann und der Comthur, nach dem Stammhauſe gekommen, und wir ſetzten uns traulich zu Tiſche nieder. Der Vater fehlte freilich; er war aus Unluſt und Ehezwiſt nach dem gelobten Lande gewallfahrtet, und wir hatten ſchon dazu⸗ mal vernommen, daß er geſtorben.“ Anshelm unterbrach ſich, um recht veweglich zu ſeufzen; auf des Grafen Stirne traten wieder Falten, als ob er mit einer peinlichen Erinne⸗ rung kämpfe, bis der Sperberseck weiter ſprach:„Dafür 51 ſedoch ſaß unſere liebe Mutter oben an, und glänzte friſch, wie in den Tagen der Jugend, da man ſie nur Frau Tau⸗ ſendſchön von Sperberseck nannte, was Ihr wohl gehört haben mögt, gnädigſter Herr, wenn Ihr nicht etwa gar zu jener Zeit unſere Mutter irgendwo geſehen.“— Ehrer⸗ bietig, als wie fragend, hielt der Ritter wieder inne, und der Graf, deſſen Augen ſeltſam glänzten, wie ſeine Wange von heller Röthe überlaufen wurde, verſetzte kurz und drin⸗ gend:„Ich entſinne mich, Herr von Sperberseck. Fahrt nur fort, und kommt zum Ziele.“— Anshelm, ſtets gehor⸗ ſam und unterthänig, eilte nun wie im Fluge:„Alſo war ſie wie zu ihrer Roſenzeit, und wir Geſchwiſter flüſterten eines in des andern Ohr, wie die Mutter vor Freude und Behaglichkeit ſich geberde, als eine junge raſche Frau. Da überzählte ſie mit heitern Augen ihre Kinder und Tochter⸗ männer, und fand fie, daß fünf Ritter zu Tiſche ſaßen, und daneben einer, dem um ſeiner Tapferkeit die goldenen Spo⸗ ren nicht mangeln würden; rühmte ſich auch dieſer Söhne und ihrer blühenden Töchter, ward aber hierauf gar plötz⸗ lich ſtille, weinte heftig, und ſagte, ſie ſey der großen Ehre nicht werth; verließ hierauf die Tafel, ſperrte ſich in ihr Kämmerlein, ließ ſich vor Niemand ſehen, und wie am Abend die Brautleute vor ihre Thüre kamen, ihren Segen zu holen, ſo war ſie auf und davon, nirgends eine Spur von ihr, und haben wir bis auf heutigen Tag nichts mehr von ihr vernommen.“—„Nichts mehr von ihr vernom⸗ men,“ wiederholte der Graf, auf das Fenſtergeſimſe ge⸗ ſtützt, gleichwie in Gedanken verloren. Anshelm fuhr gleich⸗ gültig fort:„Es geſchah wohl, daß die arme Frau in den Wäldern verunglückte, oder von Dieben getödtet wurde, da ſie ihren Schmuck und Kleinodien mit ſich genommen. So verwandelte ſich das Freudenfeſt in einen Trauertag.“ Da nun der Sperberseck nicht mehr redele, ſchwieg 52 auch der Graf lange, bis er ſich plötzlich aufrichtete und ſagte:„Das Weiter hellt ſich auf, ich werde gleich aus⸗ reiten. Sagtet Ihr nicht von einem dritten Anliegen, Rit⸗ ter Anshelm?“—„Das knüpft ſich an meine Erzählung,“ antwortete Jener mit Aengſtlichkeit:„die Mutter iſt ver⸗ ſchollen, doch höre ich mit Staunen, daß in unſerer Gegend ſich ein Menſch gezeigt haben ſoll, der ſich für unſern Vater ausgibt, und namentlich vom Pfarrherrn zu Owen als ſolcher erkannt worden ſey. Auf meinem Schloſſe hat er ſich nicht eingefunden, woran er wohlthat, denn der Menſch fann nur ein Betrüger ſeyn, ſintemalen unſer Vater zu Joppe oder Rama des Todes verblichen, wie wir als ge⸗ wiß vernommen. Aber ſolche Lügen und ſchlechte Mähr⸗ lein wirken auf die Leichtglä böſes Geſchwätz und kränken Hauſes. Wer weiß auch noch, ter ſieckt, und ob nicht mein ubigkeit des Volks, ſchaffen mich in dem Frieden meines wie große Schurkerei dahin⸗ Verderben und Verfall von den ſchlimmen Geſellen ausgeſonnen wurde, die das Fünd⸗ lein, mir zu ſchaden, unter die Leute bringen? Schon wär's bedenklich, wenn unſer wahrer, eigentlicher Vater vurch ein Wunder aus dem Grabe erweckt vor mich träte, ſein Eigenthum verlangte, und mich ſammt den Meinen an den Bettelſtab brächte; doch iſt verdrießlicher noch, einem ſchamloſen Betrüger anheim zu fallen, und gleichſam Noth⸗ wehr zu thun für das gute Recht. So wollte ich Euch gebeten haben, auf Eueren Aemtern zu verordnen, daß man den hin und wieder ſtreifenden Schelm ergreife, derb ab⸗ ſtrafe, und aus den Grenzen weiſe.“—„Das ſoll geſche⸗ hen,“ erwieverte der Graf nach einigem Beſinnen:„fängt man den Fremden ein, ſoll der Sache iſt. Nicht Ihr, ni varf ſwiderrechtlich an ſeinem man unterſuchen, was an cht mein geringſter Unterthan Beſitzthum gekränkt werden. Seyd aber deßhalb nicht ſo ängſtlich; wer weiß, ob man 58 Euch nicht täuſchte? Ein Jeder hat ſeine Feinde, und nicht immer kann man ſich vor deren Praktiken und ihrer Nähe hüten. So habe ich erfahren, daß der Friedingen, der ſtets mit mir in Zwiſt und Neckerei lebt, erſt neuerlich zu Achalm und wohl ſelbſt hier zu Urach geſehen wurde. Der ſchleicht auch nicht herum, mir ein Röslein zu verehren, und Hinter⸗ liſt hat leichtlich Spiel gegen eine offene Stirn. Reitet getroſt nach Hauſe, Herr von Sperberseck. Ich will für Euch verrichten, was in meinen Kräften ſteht.“ Ritter Anshelm buckelte zur Thüre hinaus, und wurde abgelöst von dem Kanzler des Grafen, der dem Gebieter meldete, wie er gerüſtet ſey, nach Offenhauſen zur Unter⸗ ſuchung zu reiten.—„Sputet Euch, Meiſter Kanzler,“ ſagte der Graf mit entſchloſſenem Tone:„ich brauche nicht zu erinnern, daß die allergrößte Strenge Euere Pflicht iſt. Die Kriegsliſt gegen die frechen Weiber muß dießmal glücken, und das Aergerniß, ſo die fromme Mutter Hail⸗ wig gegeben, wie man ſagt, muß den halsſtarrigen Gleiß⸗ nerinnen den Gnadenſtoß verſetzen. Ihr kennt meinen Willen, richtet ihn eifrig aus, denn Ihr ſeyd der Vorläu⸗ fer, der den ehrwürdigen Kloſterfrauen, die ich von Pforz⸗ heim verſchrieb, den ausgearteten Convent zu reformiren, den Weg bahnen ſoll.“— Sonmit entließ der Herr ſeinen Bevollmächtigten; während dieſer jedoch ſeine Schreiber beſchied, und die ſanften Maulthiere geſattelt wurden, flog ein Hofjünkerlein auf flüchtigen Sohlen aus dem Fürſten⸗ hauſe nach der Herberge zur Krone, und im Augenblick ſaß davor ein ſchneller Reiter zu Pferd, und ſprengte, was gibſt Du, was haſt Du, hinaus nach dem Seeburger Thal, wo man zur Alb fährt; und der verkappte Reiter war Oſtertag von Friedingen. Viertes Kapitel. Ein friſcher Muth iſt uͤber alle Schaͤtze Iſt über allen Neid⸗ Er ſelbſt iſt ſein Seſete⸗ Sein Mahl, ſein Sold, ſein Preis. Paul Flemming. Die Witterung war ſeit einigen Tagen herbe geworden dald ſchwemmte der Regen Berg und Thal, bald fegte der Albwind mit rauhen Beſemen; dann grieſelte der Hagel, und kaum hatte einen Augenblick die Sonne wieder aus den Wolken geſchaut, ſo ergoßen ſich auf's Neue die Schleu⸗ ſen des Himmels.— Ein kurzer Waffenſtillſtand in dieſem Zwiſt der Elemente war eingetreten, doch über den Berg⸗ rücken lagen drohende ſchwarze Wetter, verkündeten heran⸗ nahenden Sturm. Zu der Zeit ſaßen im Hauſe unter Stahteck zwei Wächter; gute einfältige Bürger von Pfullin⸗ gen, gähnten ſich an, und beobachteten voll Langweile und Verdruß den Wechſel und die Ungebühr der Witterung⸗ Ihre Spieße lehnten faul wie ſie im Winkel, und einer der Wächter begann zu dem andern?„Sind wir nicht dumme Leute, daß wir träge hinſitzen und bewachen ein leeres Neſt? Die Spitzbuben ſind ausgeflogen, und kehren ſicher⸗ lich ſo bald nicht heim; die gichtbrüchige Alte trägt uns niemand weg; und die garſtigen Hexen, ihre Töchter, fügen uns am Ende noch ein Leid zu, ſintemalen ſie ver⸗ 55 borgene Künſte treiben.“—„Ihr ſeyd ein gelehrter Mann, Gevatter Kreidenweiß, und redet überaus klug und ver⸗ ſtändig,“ verſetzte der andere:„obendrein vergißt uns der Schuldheiß auf dieſer langweiligen Feldwacht, und unſer Handwerk leidet. Euere Häute werden liederlich gegerbt, und meine Kunden beſtellen ihre Schuhe anderwärts, wäh⸗ rend der Meiſter im Felde lungert. Unſer Brod iſt aufge⸗ zehrt, die Hexen haben ſelber nichts zu brechen und zu na⸗ gen, und das böſe Wetter iſt noch einmal ſo abſcheulich in dieſer einſamen Schlucht.“—„Mein Rath wäre, Gevatter Staigle, wir machten uns auf den Weg, und kehrten in Hauſen bei dem Vogt ein, der heute ſeinen Kindtaufſchmaus abhält. Die fette Mahlzeit wird uns wohl bekommen nach ſolchem Faſten, und, ſind wir zu Pfullingen eingerückt, ſo ſchimpfen wir den Schuldheiß derb aus, und er mag an⸗ dere gute Geſellen herausſchicken, wenn's ihm beliebt.“— „Allemal, Freund Kreidenweiß. Wir wollen fein ſachte un⸗ ſere Waffen aufnehmen, und ohne Lärmen von dannen ziehen. Bis das Schelmengelichter ſolchen Abzug inne wird, iſt vielleicht ſchon unſere Ablöſung zur Stelle.“ Der Gerber und der Schuſter thaten, was ſie in ihrer Weisheit beſchloſſen. Sie ſchlichen leiſe wie Geſpenſter aus dem verfallenden Hauſe, und eilten, was ſie konnten, das Dorf zu erreichen, bevor der Regen wieder anhob, ver⸗ meinten auch, unbemerkt wie die Katze von dannen zu ge⸗ hen. Dem war indeſſen nicht alſo. Lisbeth, eine von Märtens Töchtern, hatte, verſteckt hinter der Dielenwand, den Kriegsrath der Ausreißer belauſcht, ſprang voll Freude hinauf zu Mutter und Schweſter, und berichtete die Flucht der ehrlichen Pfullinger.„Wie Schade,“ rief ſie ausge⸗ laſſen,„daß wir es nicht wußten, als Dein Liebſter heut Morgen am Fenſterlein mit uns plauderte. Wir hätten ihn dabehalten, vielleicht den Vater wieder geſehen.“— 56 Die Mutter, die verſchmitzte Rathgeberin, ſagie hingegen ſchnell beſonnen zu Lamparters Geliebten:„Geſchwinde, Appel, ſtecke das Zeichen auf das Dach; ich möchte wetten, daß einer von den armen Leuten noch in den Trümmern des alten Schloſſes liegt, welcher dann den übrigen berich⸗ tet, wie nunmehro die Luft rein ſey.“ Apollonia gehorchte gar gerne, kletterte auf den wan⸗ kenden Speicher, und ſchob einen großen Birkenbuſch, an einer Stange befeſtigt, aus der Dachluke in's Freie. Leicht⸗ lich konnte das Zeichen von oben geſehen werden, und bald jauchzte eine Stimme aus dem Burgſtall, daß die Berge wiederhallten. Nach kurzem Verlauf ſchlich der Lamparter wieder, einem ſcheuen Fuchs zu vergleichen, an das Haus heran, und Apollonia nickte ihm freundlich zu. So faßte er denn Muth, fürchtete weiter keinen Fallſtrick, und begab ſich getroſt an das Lager der Kranken, in die Arme ſeiner Liebſten. Mit verſtockter Wilvheit ſagte er:„Es iſt ein Glück für die Schlucker von Pfullingen, daß ſie freiwillig den Weg unter die Füße nahmen. In einer Stunde wären ſie verloren geweſen. Juſt hat mir der Nickel geſagt, daß der Wilvherr ſelber auf der Fahrt hieher begriffen ſey, und ſich vorgenommen habe, gerade in dieſem Hauſe ein Ob⸗ dach vor dem Unwetter zu ſuchen. Es ſind ihrer vier oder fünf wackere Leute beiſammen, und mit den Hälſen der Spießbürger hätte man nicht geſpaßt.“— Eine grauſame Freude leuchtete aus den Geſichtern der Mutter und Töchter; ſie bedauerten, daß die bezeichneten Schlachtopfer ihrem finſtern Schickſal entronnen waren. Die Gefahr des eige⸗ nen Hauptes, wenn die Pfullinger Wächter nicht heimgekehrt wären, ſchien den böſen Weibern kaum zu vergleichen mit der Luſt, Zeugen und Helferinnen einer blutigen That zu ſeyn. Lisbeth meinte, es tröſte ſie nur, daß ſie endlich den gefürchteten Wildherrn von Angeſicht zu Angeſicht zu ſehen — ——— — 57 bekäme; Apollonia beklagte, wie ſie nicht gerichtet ſeyen, den werthen Gaſt gebührend zu empfangen, aber die Mut⸗ ter, des Handwerks Meiſterin, erinnerte ſie, daß ein ehr⸗ licher Wegelagerer, ſobald er im Hauſe eines Freundes ein⸗ kehre, ſelber ſchon die Vorräthe mitbringe, um einen guten Tag zu begehen. Lamparter lief von Zeit zu Zeit die Höhe hinan, lugte und lockte, und brachte endlich die Nach⸗ richt, wie das erwähnte Häuflein ſich bereits in der Nähe befinde. In der That kam es auch im leiſen Trab in der Rich⸗ tung des Hardberges hernieder, und hielt ſeinen Einzug unter gewaltigen Regenſtrömen. Voraus ging Nickel, der Späher und Spärhund; vorſichtig folgten ihm Walzfrieder und Dornhan, die einen Mann führten, der, wunderlich aufgeputzt, kaum vor Müdigkeit zu ſchreiten vermochte: als⸗ dann langte der Hauptmann ſelber an, von Märten gelei⸗ tet, und den Rücken deckte Scheibenhart, der wackere Knabe, — Die Geſellen waren auf den Mord geſpannt, und wun⸗ derten ſich, die Thüre frei, kein Ziel für ihre Meſſer zu finden. Während die Burſche darüber klagten oder ihren Spott ausließen, Märten mit Thränen der Wuth und Dro⸗ hungen gegen alle Welt die Seinigen begrüßte, und Nickel überall im Gebäude herumkroch, ob nicht etwas Verdächti⸗ ges im Hinterhalt liege, ſetzte ſich Wildherr gemächlich am Feuer nieder, das ſtets unterhalten wurde, den froſtigen Luftzug zu mildern, welcher von allen Seiten in das mor⸗ ſche Haus drang.„Es iſt gut,“ ſagte er finſter vor ſich hin,„daß uns die Metzgerarbeit erſpart iſt. Wir mußten um jeden Preis ein Obdach haben, uns vor dem Grimm des Wetters zu ſchützen, weil die Pfahlbürger die Höhlen beſtreichen, die uns bisher ſo trefflich dienten. Dein Haus iſt nicht bequem, alter Märten. Mich wundert nicht, daß Deine feigen Geſellen es ſchnell verließen, da ſie Unrath 58 witterten. Im Walde iſt es wenig ſchlimmer. Dieſe ſind Deine Töchter? welche iſt Dein Lieb, Lamparter? Armer Junge, noch wird's eine Weile dauern bis zu Deiner Hoch⸗ zeit. Die Unbeſonnenheit des Heinz iſt Schuld an Euerm Unglück; man muß ſich nie ertappen laſſen.“—„Wer kann für für ſein Schickſal?“ fragte Märten verdroſſen:„Gebt lieber ein Mittel an, Herr, den armen Buben zu rächen oder zu befreien.“—„Säße er noch zu Pfullingen,“ ent⸗ gegnete der Räuber,„ſo wäre er ſchon in Freiheit; aber die Kerker auf Hohenurach ſind feſt, und ſtrenger die Wäch⸗ ter unter den Augen des Grafen. Doch lebt der Heinz und iſt geſund, und darum nichts verloren. Schweigt mit euren Klagen, und Ihr, meine Brüder, thut eure Schnapp⸗ ſäcke auf, damit wir unſern Hunger ſtillen. Siedet und bratet, ihr Dirnen, denn ich will euch einen Schmaus be⸗ reiten. Je grimmiger der Himmel ſürmt, je luſtiger mag ich ſeyn und alles, was mir anhängt. Potz rother Plun⸗ der! wären Fiedler zur Stelle, und Jungfern für meine Geſellen, ich möchte einen Tanz halten unter der Naſe des Obervogts. Ein Verfolgter iſt nirgends ſicherer, als gerabe vor der Schwelle des Schergen, weil man ihn dort nicht ſucht.“ Auf den Befehl des Wildherrn packten die Räuber aus und förderten eine derbe Waivmannskoſt zu Tage; Schweins ſchultern, Bärenpfoten, einen Luchs, und Wildvögel man⸗ nigfacher Art. Nickel wurde fortgeſchickt, Wein herbei zu ſchaffen, und die ganze Sippſchaft half, das Mahl zu rich⸗ ten. Bald war der Hauptmann dieſes Handthierens über⸗ drüſſig, hängte ſorgfältig den durchnäßten Mantel neben dem Feuer auf, winkte dem vertrauten Scheibenhart, und ging mit ihm in einen der verlaſſenen Räume des Hauſes. Dort lehnte er ſich in eine Ecke, ſchlug die Arme überein⸗ ander, ſtarrte vor ſich hin, und ſagte nach langem Schwei⸗ 59 gen zu dem Geſellen, der ſeine Rede geduldig erwartete: „Es wird mir übel zu Muthe vor den Teufelsgeſichtern je⸗ ner Weiber. Der alte Märten mit den Seinigen hat den gröbſten Ausſatz aller Miſſethat am Leibe; der junge Dieb in den Kerkern von Hohenurach iſt noch der Beſte ſeines Stammes. Die andern„bei meiner armen Seele! ſie wurden unſern Herrgott verkaufen um weniger als dreißig Silberlinge.“—„Schlechtes Gefindel,“ verſetzte Scheiben⸗ hart achſelzuckend;„ich habe Dich gewarnt; Du hätteſt dem Heinz nimmer erlauben ſollen, mitzuhalten. Früh oder ſpät hatten wir die Sippſchaft auf dem Halſe; das war voraus zu ſehen. Traue nicht dem Kumpan, dem Märten, der Weinen und Lachen in einem Sack hat. Traue nicht dem Lamparter, weil er eine Tochter des alten Schurken minnt.“—„Wohl haſt Du mich gewarnt,“ hob der Wild⸗ herr nachdenklich an:„ſo man jedoch in der Wirrniß ſteckt, wer weiß denn, wo er aufhören wird? Das Leben wird mir zur Laſt, Scheibenhart.“—„Pah!“ lachte der kecke Geſelle; aber der Räuber fuhr fort:„Wie lockend auch iſt, zu leben als ſein eigner Herr und König, zu thun, was uns beliebt, zu laſſen, was uns nicht freut, ſo will mir doch öfters bedünken, als ob auch das Leben eines rechtſchaffenen Mannes etwas werth ſey. Sag an, wackerer Knabe, woher dieſe ſeltſamen Gedanken kommen? Ich ge⸗ mahne mich ſeit kurzer Friſt als ein Baum im Lenze, wal⸗ lend voll geſunden Safts, damit er Knospen treibe; aber während er von Blüthen träumt, tödtet ſie der rauhe Froſt über Nacht, und die Zeit wird kommen, da er abdorrt, und nichts getragen hat, als ſchwarzen Bluſt und taube Frucht. Das iſt recht elend, guter Scheibenhart.“— „Hoho, Dich plagt die ſchwarze Galle!“ rief der An⸗ dere:„willſt Du Trauben ziehen, wo man Rüben pflanzte? wahrlich: keiner von uns ſprang aus den Armen des Glücks 60 in unſer gefährlich eiſernes Handwerk. Die Noth, Wild⸗ herr, ſie war unſere Lehrerin, da die ganze Welt uns ver⸗ ließ. Sind wir verſtoßen worden, daß wir Segen bringen ſollen? Nein; den Streit, das Schwert bringen wir, Wun⸗ den ſind unſere Roſen. Was man uns verſagt, holen wir mit Gewalt, laſſen's uns ſauer werden; der geplagteſte Kriegsmann duldet nicht größere Mühſeligkeit. Gleich dem muthigſten Landsknecht erwarten wir die letzte bittere Frucht an unſerem Lebensbaume: den Tod. Und Du, den ſeine Stärke und Unerſchrockenheit zu unſerem Oberhaupte gemacht, Du wankſt, Du zweifelſt?“ Wildherr faßte den Scheibenhart an beiden Schultern, ſah ihm ſteif in's Auge und erwiederte:„Wir kennen uns, Geſell. Zeigheit iſt uns fremd; was kann ich jedoch dafür, daß ich ſchwereres Blut habe, und trüben Gedanken ver⸗ fallen bin? ich liebe nach wie vor die Freiheit, die unge⸗ bundene, die man mit Trotz und Gewalt Tag für Tag vertheidigen muß, aber ein unerklärliches Gefühl meiſtert mich. Vielleicht iſt es Langeweile, oder ein unbehaglich Hangen und Verlangen, oder bin ich krank? Der Teufel weiß es.“—„Gehe heraus mit der Sprache,“ verſetzte Scheibenhart lächelnd, und Wildherr antwortete mit dem zögernden Gelüſten eines Kindes, das wunderbar gegen ſein graues Haupt abſtach:„Sieh, Brnuder: dreierlei möchte ich. Einmals eine Weile hindurch, nicht allzulang, nicht allzukurz, begehre ich fröhlich zu leben, alles zu ha⸗ ben, was das Herz erfreut, und behaglich, ohne Anſtren⸗ gung, zu erwarten, was der Tag bringt und die Zukunft verheißt.“—„Auf der Bärenhaut liegen, die Ueppigkeit der Welt verkoſten 2“—„Zum Zweiten ſehne ich mich nach dem Sakrament der Buße und dem Leib des Herrn. Ich denke die Arznei ſoll mich aufheitern, und eine Weile vorhalten.“—„Ein abſonderlicher Wunſch. Ich für mein —— 861 Theil trage kein Gelüſte danach.“—„Zum Dritten, glaube ich, ſollte ich freien.“ Scheibenhart lachte hell und wiederholte:„Freien? Der Wildherr ein Weib kaufen? Biſt Du raſend? Wohl mag ein böſer Geiſt Dich verzaubert haben, daß Du auf ſolche Irrwege geräthſt. Ein Sohn des Waldes, entweder flüchtig wie der Hirſch, oder reißend und grimmig wie das Raubthier, redet von Braut und Hochzeit, von Freierſtand und Ehebund? Traun, es iſt nöthig, Dir Zerſtreuung zu machen. Flugs will ich mich auf die Spähe legen, den nächſtbeſten Gaukler oder fahrenden Muſikanten wittern, mitten aus der Zechſtube herausholen und heran ſchleppen, damit er Dir die Zeit vertreibe.“—„Du biſt ein gewalt⸗ ſamer Bruder,“ venſetzte Wildherr, ſpaßhaft zwar, aber zugleich drohend:„ſoll ich Dir indeſſen zum Guten rathen, ſo erlaſſe mir Deine Vorwürfe; ich möchte anſonſt in Dei⸗ nem Blute meine Aufheiterung ſuchen.“ Die Erinnerung genügte dem Scheibenhart vollkommen. An ſeinem Erbleichen war leicht bemerklich, wie ihm kalt in den Adern wurde, und er antwortete leiſe mit nieder⸗ geſchlagenen Augen:„Nun, bemühe Dich nicht; ich bin ſchon ſtille. Dein Begehren iſt jedoch meines Bedünkens ein Kinderſpiel. Ein kühner Streich verhilft zu vielem Gelde, und Du magſt es in fernen Gegenden verzehren; Dein blanker Dolch zwingt den nächſtbeſten Pfaffen, Dich allen Sünden zum Trotz zu abſolviren und mit der Hoſtie zu begnadigen; willſt Du ein Weib, ſo beſiehl. Uns ſtehen der Gefälligen manche zu Gebot.“ Worauf der Wildherr kopfſchüttelnd lächelte, und verſetzte:„Potz rother Blun⸗ der, das Alltagsweſen iſt nicht meine Sache. Den Reich⸗ thum möchte ich nicht einer Miſſethat, den Leib des Hertn nicht einer Drohung, die Gunſt des Weibes nicht ihrem feilen Lebenswandel verdanken. Noch nie, Du weißt es, umarmie ich eine Dirne; euere Tänze und Gelage waren mir ſtets ein Eckel. Die reinſte Taube nur könnte dem Verlangen des Geiers genug thun.“— Da war es nun an Scheibenhart, den Kopf zu ſchütteln und zu erwiedern: „Drei ſchwere Stücklein, Meiſter Wildherr. Bin neugierig, wie ſie auszuführen wären.“ Ein verworrenes Getöſe erhob ſich in der Stube, wo die Hausbewohner mit den Raubgeſellen verkehrten. Es ſchien ein Zwiſt am Heerde ausgebrochen zu ſeyn. Ruhe zu ſchaffen, trat der Wildherr unter die Streitenden, und ſah, wie Märtens Töchter mit funkelnden Augen den müden Fremdling, der mit der Rotte gekommen war, am Kragen hielten, und mit ihren Fäuſten bedrohten, während die Räu⸗ ber lachend und müßig zuſahen. Sobald jedoch der Haupt⸗ mann ſein gebieteriſches„Friede! Was iſt da?“ in den Tumult gerufen, ließen die Hexen furchtſam ab, und aus den Händen des alten Märten fiel ein ſchweres Buch, das er zum Herde geſchleppt hatte, es in den Flammen zu ſchleudern.„Was hat man Dir gethan,“ fragte der Wild⸗ herr den zitternden Fremdling im wunderlichen Kleide, und der entgegnete mit einfältiglicher Angſt:„Ich ſchlief, o Herr, und träumte von ſchwarzen Vögeln; da weckten mich dieſe und ſchalten mich einen Zauberer, wollten mir die Augen auskratzen, und meinen Schatz, das Buch der Sterne, ſo ſie mir entwendet, zu Aſche brennen.“—„Iſt's wahr, Ge⸗ lichter?“ rief der Hauptmann und warf einen gräßlichen Blick auf Märtens Sippſchaft. Die Alte murmelte, mit dem Kopfe wackelnd, unverſtändliche Worte, aber Lisbeth entgegnete kreiſchend:„Was ſoll der Hexenmeiſter in un⸗ ſerm Hauſe? Wir pahen ſchon des Unglücks allzuviel auf dem Nacken. Pfui auf den Teufelsbanner!“— Apollonia ſetzte hinzu:„Die Mutter hat wieder neue Schmerzen, ſeit der Höllenbraten über die Schwelle kam.“ Und Märten brummke:„Dieſes verdammliche Buch fand ſich in ſeinem Gewande. Die Zauverzeichen bringen uns den Fluch.“ „Wie?“ begann wieder der Wildherr:„ihr mißhandelt einen Mann, der in meinem Schutze ſteht? ihr beſtehlt ihn in Euerm Hauſe? freches Geſindel, das ich ſelber zu Aſche verwandeln möchte, entfernt euch aus meinen Augen. Ich will euch nicht mehr ſehen. Es iſt Platz genng für euch unter dieſem Dache. Bringt euch wo anders unter. Der nächſte beſte Winkel iſt gut für euch. Werft ſie hinaus, ihr Brüder!“— Die Alte heulte, die Töchter zeterten, WMärten ſchäumte. Wildherrs Spießgeſellen griffen jedoch, den eigenen Fehler gut zu machen, ohne Säumen zu, und ſchafften die tobende Sippſchaft aus der Stube in ein an⸗ deres verlaſſenes Gemach, wo das Geheul in ſtummen Thränen der Wuth verſiegte. Wildherr ſprach zu Lam⸗ parter, der in bitterm Verdruß ſchwieg:„Du hafteſt mir mit Deinem Schelmenkopfe für jene Leute. Wehe Dir und ihnen, wenn nur einer des Geſindels aus dem Haus ent⸗ flieht, und auf Verrath finnt. Ich will euch lehren, den Wildherrn in Ehren zu halten. Wißt ihr nicht, erbärm⸗ liche Tröpfe, daß ich allenthalben den Meiſter ſpiele, wo ich einkehre? Hinaus, und keiner rühre ſich, wenn ihm an ſeinem Leben gelegen iſt.“ So entfernte ſich auch Lamparter mit verbiſſenem Groll, ſein Liebchen und deren Verwandte zu tröſten Dornhan wurde als Wacht vor die Diebsherberge geſtellt, Waizfrieder und Scheibenhart beſorgten den Herd, und Wildherr be⸗ gann zu dem Alten, der noch zitternd vor Furcht am Boden huckte:„Sey getroſt, ſie ſollen Dir nicht ein Härlein aus dem Barte rupfen. Ich halte es für ein Glück, daß uns der Zufall zuſammenbrachte, denn ich liebe weiſe Leute, und glaube an die Sterne und ihre Vorbedeutungen. Ich will Dich nimmer von mir laſſen, ſo Du mir ſtets ehrlich weis⸗ 64 ſagen wilſt, was mir bevorſteht.“ Da nickte der Zeichen⸗ veuter furchſam mit dem Kopfe, und blätterte mit bebenden Händen in ſeinem Wunderbuche, als ob er ſich verſichern wolle, daß ihm von ſeinem Schatze nichts entwendet wor⸗ den. Der Wildherr, mit abergläubiſcher Scheu die ſelt⸗ ſamen Figuren betrachtend, machte ſeine Stimme noch ſanf⸗ ter, und fragte:„Sag an, woraus Du das Schickſal der Menſchen zu prophezeien verſtehſt.“—„Aus den Sternen, aus der Hand und aus den Träumen.“—„Du biſt Dei⸗ ner Kunſt ganz gewiß?“—„Die Kunſt lügt nicht.“— „So biſt Du ja ein reicher gewaltiger Mann?“— Der tiefe Seufzer, womit der Sterndeuter ſein Haupt ſinken ließ und die Augen niederſchlug, antwortete gerade nicht bejahend. Wildherr fuhr daher fort:„Erkläre mir doch, warum Du, dem die Zeichen des Himmels und die Ge⸗ danken der Menſchen klar ſind, ſo blind vor Schrecken und vor Angſt gepeitſcht geweſen, als Du bei Sirchingen in meiner Geſellen Hände ſielſt?“—„Mich hatte ein Geſpenſt er⸗ ſchreckt, und ich habe keine Macht über Geſpenſter.“— „Ein Geſpenſt? ich habe noch niemals einen Spuck geſehen, doch glaube ich daran, weil ich ein Chriſt bin, und von Himmel und Hölle weiß, auch von dem Fegefeuer, woraus die armen Seelen dann und wann zur Erde wiederkehren, wenn es ihnen von Gott erlaubt iſt. Wo wandelt das Geſpenſt, das Dich erſchreckte?“—„Zu Offenhauſen, im Kloſter.“—„Was machteſt Du im Nonnenkloſter?“— „Ich ruhte ans von meiner Pilgerfahrt und ſuchte nach ei⸗ nem Schatze, der dorten auf dem Gottesacker liegt.“— „Eil wer verrieth Dir den Schatz?“—„Ein wahnſinni⸗ ger Knab, ein unmündiger Prophet.“—„Du glaubteſt dem Aberwitz?“—„Im Morgenlande wiſſen alle Leute, daß aus dem Munde der Wahnſinnigen die Stimme Gottes re⸗ det. Zudem hat mir ein Traum des Knaben Verheißung 35 beſtätigt.“—„Du folgteſt dieſem Traume?“—„Die Träume haben mein ganzes Leben geleitet, wie an einem Gängelbande. Ein Traum war Urſache, daß ich freite, ein anderer Traum, daß ich Haus und Hof und Weib und Kind verließ vor langen, langen Jahren, das gelobte Land zu beſuchen; ein Traum verhieß mir Befreiung aus den Ketten der Ungläubigen. Nie hat mich der Schlaf mit ſeinen Bildern betrogen.“ Als der Greis hierauf in tiefes Schweigen verſank, uberlegte Wildherr deſſen Worte, und ſein geſunder Sinn, obgleich dem Aberglauben unterthan, ſträubte ſich gegen die Reden und Prophetenweisheit des Sterndeuters. Darum fragte er neugierig weiter:„Alſo den Schatz zu Offenhauſen, haſt Du ihn geſehen?“—„Mit den Augen des Geiſtes. Er liegt unter der dritten Buche, links von ver Pforte, da man auf den Friedhof eingeht. Fünf Span⸗ nen unter der Fläche des Bodens, und darüber iſt der Leichnam eines lang verſtorbenen Mannes von Offenhauſen begraden. Neben dem Schatze ſitzt jedoch ein ſchwarzer Hund, und muß weggebetet werden, wie das Gerippe des Offenhäuſers, weil es ein verdammter Leichnam iſt. Dazu braucht man aber eine makelloſe Jungfrau, und dieſe wohnt im Kloſter.“— Der Wildherr lachte.„Die Frauen von Offenhauſen find ihrer Keuſchheit wegen nicht berühmt,“ ſagte er. Dennoch nickte der Sterndeuter zu dreien Malen mit dem Kopfe, und verſetzte:„Bei meinem Leben! Sie iſt dort, die reine Jungfrau, die auserkoren iſt. Am ſelben Abend wie⸗ich, betrat ſie die Gnadenzelle, und der Traum hat mir's beſtätigt.—„Warum hobſt Du den Schatz nicht?“—„Das Geſpenſt verjagte mich, v Herr.“— „Ein Schatzgräber ſollte Muth haben, ſich nicht fürchten vor dem Teufel.“— Da ſchaute ſich der arme einfältige Mann ängſtlich um, als läge ihm der Tod im Genicke, und Nonne von Enadenzell. II. 5 G65 ſagte leiſe:„Du weißt das nicht, aber jenes Geſpenſt iſt wahrlich ſchrecklicher, denn der Teufel ſelbſt. Gott erlöſe die arme Seele, aber da ſie noch auf Erden wandelte, pei⸗ nigte ſie mich ſchon mit glühenden Zangen, daß ich über's Meer floh, und nun verfolgt ſie mich auf's Neue, obgleich ihre Hülle ſchon ſeit langem vermodert iſt, und will nicht verbleiben an der Stätte, die ihr angewiefen wurde. Und dennoch habe ich nichts verbrochen, und kaum einmal mein Haus wieder beſucht, um nicht die zürnende Seele etwa unverſehens zu beleidigen...—„Du ſprichſt kraus und wunderlich durch einander, lieber Alter. Wäre Dein Ge⸗ hirn etwa ſchwach geworden, oder träumſt Du vielleicht mit wachen Augen? wo kamſt Du her, wer biſt Du, wie Dein Name?“—„Du verſtehſt mich nicht, aber Gott weiß es, wer ich bin; doch will ich ſelber meinen Namen vergeſſen, und bis an mein Ende ein Fremdling in der Hei⸗ math ſeyn, wenn nur der böſe Geiſt ruhen möchte, deſſen Schreckensgeſtalt mich gezwungen, unter Räubern meine Zuflucht zu ſuchen.“—„Sey nur ruhig, Alter. Du ſollſt es gut haben, und mit der Zeit wirſt Du mehr Vertrauen zu mir faſſen.“— Mit dieſen Worten überließ der Wild⸗ herr den Greis ſeinen Betrachtungen, und trat zu Schei⸗ benhart, welcher der Unterredung lächelnd zugehört hatte. „Was hältſt Du von dem wunderlichen Kumpan?“ fragte ihn der Hauptmann halblaut, und eben ſo antwortete ihm Scheibenbart:„Der Graubart hat Waſſer im Schädel, dennoch ſteckt etwas hinter ihm, und ſein Geheimniß möchte uns Früchte bringen, denn von der Thorheit des Zehnten lebt der Eilfte in der Welt. Ein für allemal weißt Du jetzo, wo von Deinen drei Wünſchen zwei Dir zu Gebote ſiehen: den Schatz, den Du nur zu heben brauchſt, und die keuſcheſte aller Jungfrauen.“— Auch der Wildherr lachte nun, und meinte, nach einer Nonne ſtehe ſchon lange ſein Sinn und er wolle nächſtens zum Beſuche in Offenhauſen einſprechen, geſchähe es auch nur, um des armen Heinz Geliebte zu tröſten. Walzfrieder drehte den Spieß noch einmal am Fener, und rief mit wäſſerndem Munde:„Die Braten ſind gar und wir wollen uns ſetzen, und einmal wieder ſchmauſen wie Edelleute!“ Da trat ein Menſch ſtürmiſch in die Stube, durchnäßt und mit Schmutz bedeckt, wie einer, der von langer Wanderſchaft zurückkommt, und bei ſeinem An⸗ blick jauchzte der Wildherr wie aus friſcher Jünglingsbruſt, ſprang ihm entgegen, umhalste ihn, und rief:„Hüner⸗ kogel, lieber Bruder, biſt Du wieder da, Du ſchneller Bote! Ein Engel muß Dich geführt haben, weil Du mich ohne Zögern fandeſt, an einem Orte, wo Du mich gewiß nicht ſuchteſt!“—„Nickel war der Engel,“ antwortete Hüner⸗ kogel trocken:„ich ſtrich um's Nebelloch und Sommerhütt⸗ lein, aber nirgends war's geheuer, überall der Scherg auf meiner Spur. Am Wechſel unten im Thal ſtieß ich auf den Nickel, und da bin ich, Wildherr.“—„Geſchwind, kalter Geſelle,“ rief Wildherr ſtürmiſch, indem er den Bo⸗ ken auf die Seite zog:„thu Deinen Mund auf, tapfer, wie Du gelaufen biſt. Friſch heraus das Mährlein von Deinen Lippen, lege den Honig aus Deiner Botentaſche auf meine durſtige Zunge. Was machen die Leute, die lieben Leute? Sind ſie geſund, denken mein, und gabſt Du ihnen das Scherflein, und tauſchten ſie dagegen einen Gruß an mich? Antworte doch, Du fauler Knabe, ſtehe nicht ſo kalt wie ein Opferſtock; mein Herz ſchlägt wie ein Hammer, ſpute Dich daher.“— Da öffnete Hünerkogel, gleich als widerſtrebend, den Mund, und erwiederte lang⸗ ſam:„Du pätteſt Dir die Freude, mir die müden Füße ſparen können. Die Leute find fort, auf und davon, und die ſtreichende Schlange hinterläßt der Spuren mehr als 88 ſe. Jeder Kunve lediz, aber voll von Aerger und Ver⸗ druß, kehr' ich zurück.“ Wildherr patte kaum die erſten Worte vernommen, als ihm dereits der Muth ſiel, das Blut ſtockte, die Stimme verging. Stille ſetzte er ſich nieder, faltete die Hände zwi⸗ ſchen den Knieen, hing den Kopf, und erſt da ihm vie Au⸗ gen naß wurden, ſeufzte er:„Ach Jefus, und ihr heiligen Nothhelfer!“ bat auch nach langer Pauſe den Unglücks⸗ boten, mehr in's Breite zu reden. So legte Hünerkogel ſeinen Mund an das Ohr des Wildherrn, uud ſie flüſterten beide ſo leiſe in einanber pinein, daß weder der Stern⸗ deuter, noch die am Herde ein armes Wörtlein vernahmen. Da ſagte der Scheibenhart bedauerlich zum Walzfrieder: „Die Braten ſind zwar fertig, aber ich weiß, wem ſie nicht ſchmecken werden.“ Als ſte nun unter ſich beriethen, wie der mißvergnügte Hauptmann aufzuheitern ſey, denn ſie hatten ihn gar lieb, ſprang der Lamparter eiligſt in's Gemach, und gleich darauf der Dornhan, und beide ſchrieen: „Was iſt das? vie Luft ſtreicht von Hauſen her, und wir vernehmen deutlich, wie in der Ferne Trommeln geſchlagen werden.“—„Trommeln? Hörſt Du, Wildherr? man ſchlägt um im Thale,“ riefen die anveren. Aber Wildherr horchte nicht darauf, in ſeine Bekümmerniß vertieft, ſondern winkte mit der Hand abwehrend, daß man ſchweigen möchte, denn noch revete Hünerkogel in ihn hinein, wie ein Beicht⸗ vgier · Ein neuer Bote kam, der keuchende Nickel, ohne Flaſchen und Becher zwar, aber mit gefäbrlicher Hiobspoſt.„Packt auf, packt ein!“ ſchrie er:„wir müſſen fort, in's Gebirg, in den Wald. Der Graf hat den ſtrengſten Befehl gege⸗ ben, auf uns zu fahnden; auf des Wildherrn Kopf ſind zweihundert Gulden geſetzt, Gnade und Lohn dem verheißen, der, wenn auch ſelbß ein Raubgenoſſe, ſeinen Anführer 89 verräth. Vor der Firche haben ſie's verleſen, der Vogt bewaffnet die Streifwacht, man ſchlägt mit der Trommel um in allen Dörfern!“ Da erwachte der Wildherr mit einer furchtbaren Ser⸗ wünſchung aus ſeiner Betäubung, und rief:„Vergilt der Graf alſo unſern Gehorſam und Scheu vor ſeinem fürſt⸗ lichen Haupte, daß er uns nicht Ruhe läßtk ſo wollen wir unſern blinden Verfolgern Fackeln anftecken, ihnen die rechte Spur zu zeigen. Ich habe mit den Junkern abzurechnen, und, entgehen unſerm Schwert die Herren, ſo ſollen doch ihre Schlöſſer brennen! Auf, ihr Geſellen, haltet unter⸗ wegs euere Mahlzeit, aber folgt mir geſchwind in den Forſt, von dannen wir gekommen ſind. Wer mich lieb hat, bleibt nicht zurück, und Dir, mein wackrer Knabe Scheibenbart, empfehle ich diefen alten Mann.“— Die Burſche, deren Sehnen zu Streit und Flucht ſtets geſpannt waren, liefen rüſtig mit Sack und Pack dem Hauptmann nach; Scheiben⸗ hart warf den Alten wie ein Federball auf ſeine Rieſen⸗ ſchultern, und ſtieg tapfer mit ihm den Forſt hinan. Lam⸗ parter und Märten zögerten noch eine kurze Friſt, dann fagte der erſtere mürriſch:„Was iſt zu thun, Appelꝰ wir müſſen ſchon für's erſte noch dem Wildherrn folgen, damit unſer Leben geſichert ſey.“ Worauf Märten mit grimmiger Bosheit hinzufügte:„Ja, Kinder, ihm folgen, damit wir ihn verderben. Nicht umſonſt ſoll er unſern Heinz un⸗ glücklich gemacht, euch, ihr armen Weiber verachtet und geſchmäht haben; nicht vergebens ſoll der ſchöne Preis auf ſeinen Kopf geſetzt ſeyn. Fahrt wohl indeſſen, meine Ehe⸗ frau, meine Töchter. Wenn auch die Schergen euch in den Kerker ſchleppten, ſo verzaget nicht. Wir löſen euch und den Heinz mit dem Haupte des Wildherrn, und erbauen unſers Glückes Haus auf ſeinem Blutgerüſte!“ — (xinftes Kapitel. Haͤnde küſſen, Huͤte ruͤcken, . Kniee beugen, Haͤupter buͤcken Worte ſchrauben, Rede ſchmuͤckens Wer, daß dieſe Gaukelei, Meinet, rechte Freundſchaſt ſey⸗ Kennet nicht Betrugerei. Logau⸗ Der ſchnelle Reiter Friedingen hätte Sporn und Zügel käßiger gebrauchen dürfen, und er wäre dennoch früher an ſein Ziel gelangt, als des Grafen Kanzler mit ſeinen Be⸗ gleitern, dem Pater Wendelin aus dem Kloſter zum blauen Mönch, und den beiden Schreibern, die dem vertrauten Rathe des Landesherrn auf jedem Schritte folgten. Die Maulthiere gingen gar bequem, und die gelehrten Herren waren nicht gewohnt, durch Wind und Wetter zu reiten, gleich dem Junker, der heute im Forſt lag, und morgen im Blachfelde einen Span und Fehde ausfocht. Mit jedem neuen Regenguſſe, der auf Mantel und Kapuze nieder⸗ ſtrömte, wurde die Geduld und Rüſtigkeit der Reiter ſtets lockerer und mürber. Und als ſie zur Alb kamen, wo der Regen zu Schnee und Hagel wird, und der Wind ſaust, vaß ſchon eine wackere Bruſt dazu gehört, ihm Widerpart zu halten, da war des Ueberdruſſes kein Ende. Vater Wendelin, deſſen Augen von langer Krankheit geſchwächt ———— 21 waren, empfand darinnen ſtechenden Schmerz, als der Grie⸗ ſelregen ihm in's Angeſicht ſprühte; der Kanzler ſchnaufte ſchwer und huſtete oft; die jüngeren Schreiber ſteckten die rothen Naſen tief in die Mäntel, und dachten und ſagten zu einander:„Säßen wir doch in der Türnitz zu Urach, oder beſſer im goldenen Leuen, wo man den guten Wein trinkt, bedient von ſchönen Maiden, oder am allerbeſten im Kutzisbad zu Reutlingen, wo wir ſo manchen Feiertag ver⸗ ſchlenkerten, uns zwacken und ſcheeren ließen von dem när⸗ riſchen Bader, dann das Honigbier ſchlürften, und aller Welt Neuigkeiten und Geſchwätz vernahmen!“ Was die Schreiber ſagten, dachten ſich die Herren im ſtillen Sinn. Der Pater wäre gern in ſeiner Zelle, der Kanzler hinter ſeinem Tintenfaß geweſen, und die ausge⸗ laſſenen Weiber zu Offenhauſen, nahmen ſie ſich vor, ſoll⸗ ten büßen für den unzeitigen Ueberdrang. Wie ein hart⸗ herziger Gläubiger noch zehnmal wilder vor ſeinen Schuld⸗ mann tritt, ſo er zuvor einen Becher in den Zorn getrun⸗ ken, ſo ritten die Bevollmächtigten grollend und grauſam in den Kloſterhof ein, gepeitſcht vom Wetter und der übel⸗ ſten Laune. Benevicta ſchaute durch das Gitter.„Reitet in Gottes Namen fürbaß,“ ſagte ſie ſchnarrend,„denn der Convent will zu Tiſche ſitzen, und unſer Herr von Wür⸗ temberg hat ſtreng verboten, ein Mannsbild im Kloſter auf⸗ zunehmen.— Dagegen polterte der Kanzler, indem er prahlend den Mantel öffnete, daß man ſeine Goldkette ſah, und das prächtige Schreibezeug an ſeinem Gürtel:„Da⸗ von iſt keine Red, Schweſter Pförtnerin, denn wir ſind hungrig, bitten um einen Imbiß, und der Graf iſt es ſel⸗ ber, der uns ſchickt. Darum aufgemacht ohne Umſtände, wenn wir nicht mit Gewalt eindringen ſollen.“— Alſo⸗ gleich entgegnete Benedicta mit Unterthänigkeit:„Da ſey Gott für, daß wir des geſtrengen Grafen Abgeſandte von der Schwelle weiſen ſollten. Unſer Haus ſteht Euch zu Dienſten, und ich öffne gleich.“ Während die Pförtnerin mit dem Schlüſſelbunde raſ⸗ ſelte, ſchwere Riegel aufſchob, und das Schloß knarren ließ, ſtiegen des Grafen Leute von den Thieren, banden dieſel⸗ ben an die Ringe des Vorſprungs, und flüſterten zu ein⸗ ander:„Wir kommen juſt zu rechter Zeit, die Rotte Korah in ihrem Saus und Braus zu überfallen, und wollen un⸗ ſer Müthchen kühlen für den ausgeſtandenen Sturm.“ So⸗ mit traten ſle aufgereckten Hauptes und gravitätiſchen Schrittes in die Pforte. Benevicta verneigte ſich demüthig vor ihnen, und weil ſie gewahr wurde, daß auch ein Prie⸗ ſter dabei war, küßte ſie demſelben als eine gehorſame Magd die Hand. Das ſchmeichelte dem Vater Wendelin ſehr, und da er nur den mächtigen Roſenkranz an dem Gürtel der Nonne ſah, nicht aber den Becher darunter in ihrer Taſche, ſo nickte er gnädiglich mit den Worten: „Weuigſtens iſt dieſes Haus einer ehrlichen und gottes⸗ fürchtigen Beſchließerin anvertraut, und der Herr ſegne Dich, meine Tochter.“ Indeſſen hatte die Glocke die Priorin benachrichtigt, daß ein Beſuch gekommen, und das Sprachzimmer ſtand offen, die Herren zu empfangen. Keine Spur darinnen von Staub und Vernachläßigung; alles ärmlich, aber rein und ſauber. Die Priorin trat den Geſandten des Grafen ent⸗ gegen mit züchtigem ſchwerem Kloſterſchritt, und der Kanz⸗ ler war überraſcht von dem ſchönen Antlitz der Richardis, ſo aber leider von einem groben Weihel halb verhüllt war, wie auch die Geſtalt von einer unſcheinbaren rauhen Kutte. Der Kanzler huſtete verlegen, als die Priorin anhob:„Seyd willkommen im Namen der reinſten Jungfrau, edle und ehrwürdige Herren. Euer Beſuch erleuchtet unſere tiefe Abgeſchiedenheit, und wir erwarten unterwürfig, welche 33 Botſchaft von Euch ausgerichtet werden ſoll. Möge die⸗ ſelbe ſo fröhlich ſeyn, als ſie unverſehens kömmt.“— Vater Wendelin entgegnete hierauf:„Möge ſie Euch ge⸗ faßt und vorbereitet finden, Euch genugſam zu rechtfertigen, denn wir erſcheinen nicht ohne ſtrengen Auftrag.“—„Der Wille des Herrn geſchehe,“ verſetzte Richardis niedergeſchla⸗ genen Auges und mit der Stimme einer Dulderin, wäh⸗ rend der Kanzler etn breites Papier hervorzog, und des Grafen Befehl verlas, der ſeinen Bevollmächtigten aufgab, das Kloſter zu unterſuchen, und die Inzichten, ſo ſich gegen des Hauſes Ordnung und Unbeſcholtenheit erhoben, zu be⸗ ſtätigen. Punkt für Punkt waren dieſelben angegeben: der Verfall der Sitten und des Kirchendienſtes, der Bruch der Klauſur, trotz der verſchärften Verordnungen eines Conci⸗ liums, des Biſchofs und des Grafen, die Verſchleuderung der Gelder, Almoſen nnd Gefälle, und endlich die Beſchul⸗ digung, daß erſt in neueſter Zeit eine Schweſter des Klo⸗ ſters ſchweres Aergerniß gegeben, welches exemplariſche Strafe verdiene. Richardis hörte mit geſenktem Haupte die Verleſung an, und erwiederte, nachdem der Kanzler ge⸗ ſchloſſen:„Die Bosheit des Teufels iſt groß, aber unſere Herzen ſind rein, und kein Winkel derſelben, ſo wie kein Winkel des Hauſes mag Euch verſchloſſen bleiben. Wollet eintreten in die Klauſur, ehrwürdiger Vater, gelehrter Herr Kanzler. Der Convent iſt zur Mahlzeit verſammelt; theilt mit uns, was der Himmel ſeinen unwürdigen Mäg⸗ den beſchert, und verfügt ſodann, wie Euch gut dünkt. Eure Schreiber, die, unſern Satzungen zufolge, nicht in das Innere gelangen dürfen, werden mit Speis und Trank ver⸗ ſorgt ſeyn, ſo gut unſer blutarmes Klöſterlein es vermag.“ Wie ſie nun das Gitter aufthat, ſahen ſich Mönch und Kanzler verwundert an, nicht wiſſend, was ſie von dem ruhigen Empfang denken ſollten. Beſänftigter, als ſie ge⸗ 74 kommen, folgten ſie der voranſchreitenden Oberin in das Refektorium, wo die Schweſtern ſtill und gehorſam zu Tiſche ſaßen, züchtiglich ſpeiſeten, und einer Nonne zuhörten, die von dem Katheder mit wohlklingender Stimme eine Stelle aus dem Evangelienbuche vorlas. Der Eintritt der Frem⸗ den brachte ſchier keine Störung in die Verſammlung; die Vorleſerin hielt inne, die übrigen Frauen erwarteten die Befehle der Priorin, die ohne viel Geräuſch für die beiden Herren die oberſten Plätze bereiten ließ, und herabrückte, ihnen die Ehre zu gönnen. Alsdann bat ſie dieſelben um Erlaubniß, das angefangene Evangelium vollenden laſſen zu dürfen, worauf die Vorleſerin wieder fortfuhr, und die Laienſchweſter die Speiſen, die noch vorräthig waren, den Gäſten auftrug. Der von Huſten und Schnupfen geplagte Kanzler hatte eine üppige Tafel erwartet, die vorerſt ſei⸗ nem Leibe eine Ergötzlichkeit, ſodann aber ſeinen Vorwür⸗ fen einen Grund und Beweis abgeben ſollte; aber umſonſt blinzelte er nach gaumenkitzelnden Schüſſeln, wie auch ver Pater Wendelin trotz aller Anſtrengung ſeiner ſchwachen Augen vergebens nach einem Verſtoß gegen Kleid, Sitte und Zucht unter den Nonnen umherſpähte. Der Erſtere wurde nichts gewahr, als eine bleiche Suppe von ſauerer Milch nebſt einem dürftigen Gemüſe von Hülſenfrüchten; der Andere ſah um und um nur geflickte Kleider, rauhe Skapuliere, ſtreng verhüllende Beffen, und Weihel von gro⸗ ber Leinwand, darunter ernſthafte, beſonnene und gotterge⸗ bene Geſichter. Statt des Weines wurde von den Nonnen klares Waſſer getrunken, und den Gäſten ein widerlicher Schillertrank vorgeſetzt, der ihnen Lippen und Gaumen zu⸗ ſammenzog; ein ſaueres Gewächs, halb Eſſig, halb Moſt, von der Gattung, welche vas Volk einen Rathsmann zu nennen pflegte, weil entweder die Rathsherren denſelben gar nicht trinken wollten, oder mindeſtens, hatten ſie den⸗ 25 noch davon gekoſtet, ſo nüchtern blieben, daß ſie ihrer Ge⸗ meinde Anliegen und Geſchäfte nach wie vor ſonder Ge⸗ fährde beſorgen mochten.— Die Mahlzeit war ſo kurz zu⸗ geſchnitten, daß ſie mit dem Evangelium zu gleicher Zeit ihr Ende hatte. Worauf die Nonnen ſich ernſthaft erhoben, und beteten und dankten, und eine nach der andern das Refektorium ſchweigend und mit gefalteten Händen ver⸗ ließen. Auf die Fragen des Kanzlers nannte die Priorin eine jede der Abgehenden bei ihrem Welt⸗ und Kloſterna⸗ men, und als die Vorleſerin, die letzte von allen, das ſchwere Buch zumachte, und von der Kanzel ſtieg, der Pa⸗ ter Wenbelin aber nach ihrem Namen ſich erkundigte, ant⸗ wortete die Priorin:„Das iſt eben die ſehr fromme Mut⸗ ter Hailwig, die ſo ſchnöde bei unſerm Grafen verleumdet worden. Der Himmel vergebe dem unehrlichen Lügner, der ihre Reinheit geſchmäht, ſeine Sünde.“— Nun be⸗ trachteten ſich wieder die Bevollmächtigten mit fragenden unb erſtaunten Blicken, und Vater Wendelin bat, die Nonne möchte näher treten. Dieſes geſchah. Die Kloſterfrau trat ſittig vor ihn, die Hände unterm Skapulier zuſammen ge⸗ legt, die ſchönen Augen auf die Schuhe des Mönchs ge⸗ heftet. Dieſer ſchaute ſie lange an, zuckte die Achſeln, warf dem Kanzler einen bedenklichen Blick zu, und verſetzte? „Wahrlich, das iſt die Schweſter Hailwig, wie ich ſie ſchon geſehen, da ſie vor einigen Jahren mit der würdigſten Frau Mutter gen Reutlingen kam, um für die an der Jeſtilenz danieder liegenden Albleute zu ſammeln.“— Die Priorin bejahte mit zufriedenem Lächeln, und der Kanzler, vor Zei⸗ ten ein Bewunderer und Kenner weiblicher Schönheit, fügte bei:„Wahrlich, ehrwüerdiger Herr, dieſe Kloſterfrau iſt ſchändlich verläumdet worden. Die Keuſchheit ſelbſt redet aus ihrem Geſichte und ihrer Geſtalt. Darum wollen wir dem Grafen die Augen öffnen und den Lügner beſchämen, der das böſe Mährlein erſonnen.“—„Geht in Frieden, liebſte Tochter,“ ſagte Wendelin mit erfreutem Herzen: „Selig ſind die Frommen, und weder die Hölle noch deren Genoſſen haben Theil an ihnen.“ Die Nonne verneigte und entfernte ſich, nach dem her⸗ kömmlichen Kuſſe auf die Hand des FPrieſters und der Priorin. Richardis ſah ſich aber kaum mit den Fremden allein, als ſie mit weinenden Augen anhob:„Ach, ihr werthen fürſichtigen Herren, wie ſtark wir uns auch fühlen mögen hinter dem Schilde unſers Bewußtſeyns und des göttlichen Schutzes, ſo find wir doch nur ſchwache Weiber, wehrlos hingegeben den Angriffen unſerer Feinde, ſintema⸗ len unſer Graf von Würtemberg das Aergſte glaubt, das man von uns ausſagt. Wie oft haben wir ihn mit bittern Thränen und gebogenen Knieen angefleht, ſtreng aber ge⸗ recht mit uns zu ſeyn, und immer hat er uns nicht gehört, immer härter uns bedrängt. Wann findet wohl ſolch Trüb⸗ ſal ein Ende?“—„Heute,“ antworteten der Kanzler und der Mönch:„zufrieden mit dem, was wir bisher geſehen und gehört, wollen wir unſern Auftrag weiter durchführen, und Euere Fürſprecher ſeyn vor dem Stuhle unſers Herrn, der nur Gerechtigkeit begehrt. Seyd unſere Führerin und fürchtet nichts, ſo Ihr auf rechtem Wege wandelt.“ Da ergriff Richardis mit tiefem Seufzer auf's Neue die Schlüſſel, ließ durch Crescentia die Schaffnerin beſchei⸗ den, und öffnete nach der Reihe jede Stube, jede Kammer, jeden Keller in dem Hauſe. Des Grafen Diener und Ge⸗ ſandte wunderten ſich immer mehr über die Ordnung des Kloſters, die Arbeitſamkeit der Nonnen, die ſämmtlich mit Handthierungen beſchäftigt waren, vor allem über die Ar⸗ muth in Küche, Keller, Speicher und Vorrathskammer. Der Kanzler mochte ſich nicht enthalten, dabei auszurufen: „Ei, Ihr armen Weiblein, wie hat man Euch verſchrieen! ——— i — 27 ſtatt im Oel des Ueberfluſſes zu ſchwimmen, iſt der Man⸗ gel Euer Koch, und begreifen wir nicht, wie Ihr's macht, um zu leben.“— Zur Antwort deutete Richardis auf ir ſchlecht Gewand, die Kaſtnerin auf die kleinen hölzernen Schüſſeln, worinnen den Nonnen die Speiſen aufgeſetzt wurden, und beide redeten, wie ſie verhungern müßten, wenn nicht die Barmherzigkeit der Chriſten ſie durch Almo⸗ ſen erhielte. Die Regel ſey ſtreng und verbiete, ein Eigen⸗ thum zu haben, außer den von den Stiftern geſchenkten Gütern; aber auch dieſe Güter ſeyen geſchädigt worden durch die vielen Kriege, den leidigen Zwiſt des Kaiſers Ludwig mit dem Pabſte, die einreißende Gottloſigkeit der Laien. Dann ſey noch obendrein die Peſtilenz gekommen und zu verſchiedenen Malen herein gebrochen, ſo viele Ge⸗ ſchlechter wegfraß, worauf fremde Leute in's Land gezogen, Häuſer und Ländereien um Spottpreiſe erkauft, und mit⸗ telſt Hader und Gewaltthätigkeit auch vem Kloſter Gnaden⸗ zell bald ein Aeckerlein, bald eine Wieſe, bald ein Stück Wald freventlich hinweggenommen. Die Strenge der Her⸗ ren von Würtemberg und ihr ungerechter Verdacht hätten noch weitere Verderbniß für das Gotteshaus erzeugt, da man vor den Wohlthätern des Kloſters die Pforte ver⸗ ſchließen, und alſo deren Schutz und Gönnerſchaft aufgeben müſſen, wie auch von anderer Seite kein Zuwachs an Stiftungsgut erhalten worden, weil der Graf verboten, No⸗ vizen aufzunehmen. Darum ſey der höchſte Jammer vor der Thüre, und weder Oberin noch Schaffnerin im Stande, dem Unheil zu ſteuern, nicht minder eine jede ſchon bereit geweſen, Stab und Gewalt niederzulegen, damit andere zuſehen möchten, wie ſie es deſſer durchtrieben. Während dieſe Klagen voll Bitterkeit fortvauerten, und daneben ſtets der verläumderiſchen Bosheit gedacht wurde, welche den armen, ſchier zum Ausſterben verurtheilten Con⸗ 78 vent verfolgte, wandelten die Würdeträgerinnen ſammt ihren Gäſten in den Kreuzgang, und der Kanzler bemerkte in einer abgelegenen Ecke deſſelben mehrere Stufen, die un⸗ ter einem ſehr niedrigen Bogen durchgingen, und in einen ſtockfinſtern Raum führten. Aus dieſer Finſterniß ſchallte aber dumpf und traurig die Melodie eines Bußpſalms, ge⸗ ſungen von einer tiefen Stimme. Die Abgeſandten ſtutz⸗ ten. Fragend deutete der Pater nach der dunkeln Höhlung, und die Priorin verſetzte gleichgültig:„Dort unten haust eine gottſelige Büßerin, den Eremiten der thebaiſchen Wüſte zu vergleichen, die ſich entſchloſſen hat, den Reſt ihres irdi⸗ ſchen Lebens in jener ſchwarzen Zelle zuzubringen, damit ſie einſt um ſo freudiger in den goldenen Himmelsſaal ein⸗ „Solch Beiſpiel gaben viele heilige Weiber in ven erſten Zeiten des ſiegenden Chriſtenthums,“ meinte Vater Wendelin.—„Wer iſt das Weib?“ fragte der Kanzler neugierig.—„Frau Demuth, eine alte Laienſchwe⸗ ſter dieſes Kloſters,“ entgegnete die Priorin,„ſie hatte ſich ſchon in die kerkerhafte Einſamkeit zurückgezogen, da ich vas Fleid nahm. Es ſind nur zwei Kloſterfrauen bei uns, venen es gedenkt, wann jenes geſchah.“ Der Kanzler blickte ſcharf in die Augen der Richardis, und fragte wieder:„Iſt es wahr, hochwürdige Mutter, daß jene Schweſter ſich freiwillig in das Grab verſenkte? Nicht als ob ich gerade Euch die Grauſamkeit zurechnen möchte, doch könnte wohl ſeyn, daß Euere Vorgängerin ſie durch einen allzuſtrengen Spruch um irgend eines Fehlers in den Kerker verbannt hätte.“—„Mit nichten, gelehrter Herr. Würde man ſie denn hieher gelegt haben, wo die Kloſter⸗ leute täglich auf und ab gehen? tragt Ihr ein Bedenken, fo fragt ſie ſelber.“— Mittlerweile war der Gefang verſtummt, und die Ein⸗ ſieplerin horchte auf das Geſpräch, das die Nonnen mit — 50 den Fremden fübrten. Der Kanzler, ſeine Neugier zu be⸗ friedigen, ging die Stufen hinab, tappte längs den feuch⸗ ten Wänden, und gewahrte, ſeine Augen anſtrengend, eine ſchwere Pforte mit eiſernen Bändern beſchlagen, mit gewal⸗ tigen Riegeln verſehen; daneben ein viereckiges Loch, das inwendig mit einem hölzernen Laden verſchloſſen werden konnte, jedoch zur Friſt halb offen ſtand, indem die Be⸗ wohnerin der ſchauerlichen Höhle den Kopf hervorſtreckte, obſchon mit einer ſchwarzen Kapuze verhüllt. Da ſie den Kanzler nahen, und die Schritte der Uebrigen heranſchlurfen hörte, fragte ſie mit rauher gebrochener Stimme:„Wer geht da? bringt Ihr meine Abendſuppe, und warum kom⸗ men ihrer ſo viele?“—„Beruhigt Euch, Frau Demuth,“ antwortete die Priorin:„es iſt ein Herr von der Obrig⸗ keit, der mit Euch reden möchte.“—„Ich will nicht mit ihm reden. Laßt mich in Ruhe.“—„Wir bewundern nur Euere gottſelige Standhaftigkeit,“ meinte der Kanzler.— „Dm, was geht das mich an?“—„Möchten Euch fragen, ob Euer Wille gar nicht mehr zu ändern, Euer Leib ganz ſür die Welt abgeſtorben ſey?“—„Staub zu Staub; wir ſind Aſche. Gott behüte Euch.“—„Was bewog Euch, dieſe Einſamkeit zu wählen?—„Meine Sünde.“—„Wie nennt Ihr Euch?“—„Demuth.“—„Euer Weltname2“ —„Ei, ich habe keinen mehr.“—„Euere Heimath?“— Die Büßerin beſann ſich eine Weile, dann verſetzte ſie kurz: „Kirchheim an der Teck.“—„Euere Eltern?“—„Ich habe keine mehr.“—„Euere Geſchwiſter?“—„Alles todt; laßt mich in Ruhe.“—„Ihr führt ein traurig Leben, wenn ſchon um Gotteswillen. Wollt Ihr das Geſicht nicht ent⸗ hüllen?“— Frau Demuth ſchüttelte langſam den Kopf.— „Dürfen wir Euch nichts anbieten, die Strenge Eurer Klauſur zu mildern?“—„Die Frau Mutter ſorgt für mich.“ —„Sagt aufrichig: was wäre Euch lieb?“—„Daß ihr euch entfernt.“— Da der Kanzler ſammt ſeinen Be⸗ gleitern noch zögerte, warf Frau Demuth ungeſtüm den Laden zu, und verriegelte ihn. Gedankenvoll ſtiegen die Boten des Grafen wieder in den Kreuzgang empor, und athmeten dort freier.„Eine wahre Heilige!“ ſagte Vater Wendelin, und der Kanzler, der Lebemann, zuckte zweifelnd die Achſeln. Die Priorin erklärte aber dienſtfertig, daß Frau Demuth in der langen Zeit ihrer Klauſur nicht ein Strichlein von ihrem Entſchluß abgegangen ſey. Pater Cunrath, der längſt verſtorbene Beichtvater des Kloſters, ein ſtrenger auferbaulicher Maun, habe die Büßerin zu ihrem ſchweren Schritte vorbereitet, und ihr die feierliche Abſolution gegeben; er ſey auch der Einzige geweſen, der von ihrer Herkunft gewußt, und dem Kloſier anbefohlen, ſie zu erhalten, ſo lange ſie lebe. Sie beobachte ſtrenges Faſten, eſſe niemals Fleiſch, trinke nie⸗ mals Wein, und keine verwandte Seele habe je nach ihr gefragt. Weil die Kloſterkirche nicht allzuweit von ihrer Klauſe entfernt, feiere ſie ſtets in Gedanken das heilige Meßopfer mit, horche begierig auf die Zeichen mit der Klingel, und empfange allmonatlich den Leib des Herrn, welchen der Vicar zu ihr trage, wie zu einer Sterbenden. Nur jede Woche einmal, da man ihre Klauſe fegen und ſäubern müſſe, verlaſſe ſie dieſelbe, doch immer nur zur Nachtzit, geführt von einer Nonne, und wandle in dem Kreuzgangsgärtlein, bis in ihrer Zelle alles wieder in Ord⸗ nung gebracht worden. Niemand dürfe um die Wege ſeyn, und ihr Geſicht ſey dabei immer verhüllt. Der Kanzler äußerte, das ſey ein irdiſch Fegfeuer, aber den Frauen von Gnavenzell gereiche es zur Ehre, daß ſie neden ihrer Armuth ſo getreulich des würdigen Prieſters Cunrath Befehl nachkämen. Die Priorin verſetzte mit bit⸗ terer Betonung:„So find wir nun einmal, wir armen, verſchrieenen Weiber von Offenhauſen. Wir thun Gutes, ſo viel in unſern Kräften, wirft man gleich auf uns die Steine der Läſterung.“—„Mein Gott!“ rief Mutter Gertrud haſtig dazwiſchen:„haben die verfluchten Juden nicht unſern himmliſchen Bräutigam mit dem Kleide der Schande angethan, das hochwürdigſte Gut? Und, ehrwür⸗ diger und gelehrter Herr, Frau Demuth iſt nicht die einzige Creatur, die wir Bettelfrauen von unſern Broſämlein in ihrer Hülfloſigkeit ernähren. Der geſtrenge Herr Graf, der nichte von jener Büßerin weiß, weiß eben ſo wenig von dem elenden Tropf, der, wie Ihr ſeht, auf der Küchen⸗ ſchwelle hockt.“ Sie zeigte auf den hagern Poppele, der mit offenem Munde die Fremden anſtarrte, und keine Miene machte, aufzuſtehen und zu grüßen.„Grober Klotz!“ ſagte die Priorin mit einem Blicke, worinnen dem Unſeligen Geißel und Peitſche vrohten:„weißt Du nicht, was Dir zuſteht?“— Dem Unheil vorzubeugen, ſprang der arme Jüngling ſtracklich in die Höhe, krümmte den Rücken wie ein furchtſames Thier, und griff nach dem Mantel des Prieſters, ſeinen Mund darauf zu drücken. Deſſen wei⸗ gerte ſich der Vater Wendelin, wohl aber fragte er den Unglücklichen mit väterlicher Milde:„Wie heißeſt Du, mein Knabe?““—„Ich bin der arme Poppele,“ verſetzte jener, aber ein ſcheuer Blick auf die Priorin belehrte ihn, daß er nicht gut geredet, darum verbeſſerte er ſich, und fuhr fort: „Poppele Friſchhans, des Waldbauern Sohn.“—„Wie alt?“—„Das weiß ich nicht, Herr Mönch.“— Die Priorin machte dem Kanzler ein Zeichen, vaß es mit dem jungen Menſchen und ſeinem Verſtande nicht ganz richtig ſey; der Prieſter warf ihm eine kleine Gabe zu, und ging bedauernd weiter.„Das Geſicht des Menſchen ver⸗ räth, daß er nicht für die Verrücktheit geſchaffen wurde,“ ſagte der Kanzler,„hat ein beſonders Unglück ihn betroffen?“ Nonne von Enadenzell. II. 6 82 —„Wer weiß?“ entgegnete die Priorin verächtlich:„der Vater des Elenden war ein durch und durch verdorbener Geſell, abſtammend von dem Räubervolk des ehemaligen Fleckens Offenhauſen. Er hat ſich tauſendmal gerühmt, daß ſeine Vorfahren die Schuldheißen des verruchten Fleckens geweſen ſeyen, unumſchränkte Herren, gleichſam die Könige jenes Gelichters. Ihre Tugenden waren auch die des alten Friſchhans. Er hat geläſtert, alle Heiligen geſchmäht, ge⸗ logen und betrogen, auch wollte man wiſſen, daß er zu der Diebsrotte gehalten, die vor manchen Jahren die Um⸗ gegend verwüſtete; ſeine Hütte war dazu herrlich gelegen, im dichten Walde, wenn gleich unfern von hier. Als er zu ſterben kam, bat er meine Vorgängerin im Amte um Gottes Barmherzigkeit willen, den verwaisten Buben anzu⸗ nehmen, und es geſchah, obgleich der Alte das Kloſter ge⸗ ſchädigt hatte, wo er nur konnte. Seither lebt der arme Tropf von unſerm Brode, da er nur zum Poßler tauglich iſt, indem ſein einzig Erbtheil der Blödſinn geweſen.“ „Laßt uns den Herrn der Schöpfung preiſen, daß er uns das Licht geſunder Sinne gegeben!“ ſagte der Prieſter, und ſchritt voraus in die Kirchenpforte, auf deren Schwelle der Vicar Belzer die Bevollmächtigten des Grafen empfing, würdiglich angethan, die Haare prieſterlich geordnet, mit erneuerter Tonſur. Ehrfurcht und Zerknirſchung lagen auf ſeinem Geſichte, und, ſeine grobe deutſche Sprache zu ver⸗ bergen, redete er den Vater lateiniſch an. Indeſſen ging die Glocke im Thürmlein ſchwingend auf und nieder, daß es eine Luſt war, Barbara's gewaltige Hand ließ die Or⸗ gel erdröhnen, nacheinander rauſchten die Nonnen in den vergitterten Chor, beteten leiſe, beteten laut, und erhoben endlich den Geſang, zur Erbauung und Andacht der Zu⸗ hörer. Die Stimmen klangen zwar meiſtens ſcheu und ſchwach, und die Organiſtin hatte viel zu thun, mit dem Donner ihres Inſtruments die Lücken im Chorgeſange zu decken, aber eine ſüße, klangvolle Stimme tönte ſiegreich aus dem wirren Liede der übrigen, ſo daß die Herren von Urach überraſcht nach der Sängerin fragten.„Mutter Hailwig,“ erwiederte die Priorin mit einem gewiſſen Stolze, und gleichſam wie aus einer Kehle ſagten der Kanzler und Wendelin:„So iſt denn jene würdige Magd ber heiligſten Jungfrau die erſte Zierde dieſes Gotteshau⸗ ſes, ſtatt deſſen Aergerniß zu ſeyn?“ Schmeichelnd flüſterte ihnen die Priorin zu, da ſie wieder die Kirche verließen: „Wollet des Lobes und Euerer Zufriedenheit gedenken, wann Ihr vor den Herrn tretet, damit er uns arme Weiber nicht vor der Welt zu Schanden mache, und, ſo wir gefehlt hät⸗ ten, an unſere Beſſerung glaube.“—„Alſo wollen wir thun,“ ſprachen hinwieder die Andern,„und die Gelegen⸗ heit iſt vor der Thüre, da ihr vor dem Herrn beweiſen mögt, wie es euch mit dem Guten Ernſt ſey. Nächſtens werden fromme Frauen von Pforzheim bei euch einkehren, das Werk der Reformation mit chriſtlicher Liebe zu voll⸗ enden. So ihr dieſen gehorchet, ſo lange ſie bei euch ver⸗ weilen, gehorcht ihr auch dem erlauchten Grafen. Wir werden nicht minder berichten, was wir gehört und ge⸗ hört und geſehen, und danken für euere Gafifreundſchaft.“ Sowohl die Priorin als auch die Kaſtnerin zogen ihre Geſichter in die Länge, und erbleichten, da ſie von den gehaßten Reformatorinnen hörten. Jedoch beherrſchte ſich Richardis, verſuchte mit ſüßen Worten, die Gäſte, die nach ibren Maulthieren riefen, zum Bleiben zu bewegen, und bot wenigſtens einen Abſchiedstrunk, ein Veſperbrod. Weder der Kanzler noch der Prieſter ſebnten ſich aber nach der Kloſterkoſt, bemerkten, daß der Abend finke, daß in Mün⸗ fingen die Nachtherberge für ſie gerüſtet ſtehe, und empfah⸗ len ſich dem Gebet der frommen Frauen. Noch unter der ——— 84 Kloſterpforte ſagte ihnen die Priorin ein ſalbungsvolles: „Reiſet glücklich, und Gott erhalte den Grafen!“ Aber die Wünſche, welche die beiden Nonnen aus dem tiefen Grunde ihres Herzens den Reitern nachſendeten, waren weder dem Genick verſelben, noch dem Wohlſeyn des Gra⸗ fen beſonders günſtig. Sechstes Kapitel. Der Noͤnnlein und der Moͤnchen Lieb Verſtecken ſich in dunkle Klauſen, Was iſt verwehrt, iſt gut zu ſchmauſen, Verbotner Apfel ſchmeckt dem Dieb, Und in der Schlange Ringelreih'n Zeucht Eva's Luſt den Adam ein. Fliegendes Blatt des 16ten Jahrhunderts. Richardis, nachdem ſie der Schaffnerin die Weiſung ge⸗ geben, im Refektvrium einen ehrlichen Abendtrunk zu rüſten, der den Convent für gehabten Zwang und Mühſeligkeiten entſchädigen möchte, lief ſchnell nach der Kirche, ſtieg in den Chor, und begegnete den Nonnen, die ſich eiligſt davon machten, von dem ungewohnten Tagwerk zu verſchnaufen. Mit ſchelmiſchen Augen nickten Medora und Renata der Priorin zu, und Richardis fragte leiſe:„Iſt die fromme Mutter Hailwig noch vorhanden?“ Renata bejahte lachend, und Medora beſpöttelte durch ausdrucksvolle Geberden die andächtige Einfalt der Novizin. Dieſe letztere kniete im Gebet in ihrem Chorſtuhl, und die Priorin winkte der Or⸗ ganiſtin, die ſich über den Geſang der fremden Jungfrau lobend ausſprechen wollte, davon zu gehen, ſie mit derſelben allein zu laſſen. 86 Vorſichtig wartete ſie nun, bis die Jungfrau ihre ſtille Bitte vollendet, näherte ſich ihr alsdann, und ſagte mit mütterlichem Tone:„Die Engel im Himmel werden ſingen und muſiciren, die Größe des Allmächtigen zu preiſen! nimm den Dank einer betrübten, aber durch Deine Hülfe wieder aufgerichteten Kloſtermutter. Dein Gehorſam hat ein ſchweres Unwetter von unſerm Haupte abgewendet, theuerſte Geißlin, und wer der bedrängten Kirche Gutes ge⸗ than, iſt himmliſchen Lohns werth.“— Giſela dankte ent⸗ gegen mit beſcheidenen Worten, doch verdüſterte ſich ihr Geſicht, und ſie verſetzte zögernd:„Wenn's nur keine Sünde iſt, würdigſte Mutter, daß ich zu einem Betruge die Hände vot! Dieſer Gedanke quält mein Herz, und nur von Euern und des Beichtigers Lippen kann wieder Troſt in meine Seele kommen.“—„Welche Zweifel, geliebte Tochter? alles für die Ehre der Kirche. Sind wir denn Verbrecher, wenn wir eines armen Menſchen Unthat mit Chriſtenliebe vor der Welt verheimlichen? Und hier war kein Verbrechen zu verſchleiern, ſondern nur ein Mißgeſchick, welches dem rohen Zwingherrn einen Vorwand abgegeben hätte, uns bis auf's Blut zu ängſtigen. Mutter Hailwig liegt ſchwer krank bei ihren Verwandten, das iſt alles. Aber, hätten wir die unſchuldige Liſt verabſäumt, die uns half, ſo wäre die Schandlüge, die uns bekümmert, für wahr gehalten, wir alle nach Urach abgeführt worden, als Mitſchuldige der Miſſethat. Wenn auch der Himmel, wie nicht anders, envlich die Wahrheit ſiegreich an den Tag gebracht, ſo hätte uns der feindſelige Graf doch nimmer in unſere Rechte wieder eingeſetzt, denn die Gewalt gibt ihr Unrecht niemals zu. Wir wären verſtoßen, in andere Klöſter zerſtreut wor⸗ den, ich, Deine liebevolle Mutter, hätte nun und nimmer etwas für Dich thun können.“—„Wie gerne glaube ich Euern Worten, weil ich mich gänzlich in Euere Hände gegeben habe! doch peinigt mich ein anderer Zweifel. Iſi's wohl erlaubt, daß ich dieſes Kleid trage, ehe mir's der Biſchof gab?“—„Du weißt, was ich Dir verſprochen. Wir haben in gewiſſen Fällen die Freiheit von dem Pabſte, in unſerm Hauſe Nonnen einzukleiden, wenn auch der Herr des Landes es verbot, denn ſolch Gebot iſt widerrechtlich. Beruhige Dich, ſobald es ſeyn kann, legſt Du vor dem Prieſter Dein Gelübde ab, da mir die Macht zuſteht, die Prüfungszeit nach Gutdünken zu verkürzen. Wenn Du gleich nur bei verſchloſſenen Thüren Profeß thun kannſt, ſo iſt derſelbe doch nicht minder gültig, ich ſchwöre Dir's zu.“ —„Ich glaube Euch; was werden jevoch die Schweſtern denken, und was ſagen ſie zu meiner plötzlichen Erſcheinung in ihrer Mitte?“—„Eine gehorſame Ordensfrau denkt und ſpricht nur, was ihre Oberin befiehlt, doch genüge Dir, daß ſie glauben, Du ſeyeſt bereits in Deiner Heimath klöſterlich gebunden, aber um geheimer Uurſache willen ge⸗ zwungen geweſen, Deine Zelle zu verlaſſen, und begehreſt Dein Gelübde hier zu erneuern.“—„Ich vertraue blind⸗ lings Euerm Willen und Befehl, und hoffe feſtiglich, volle Abſolution zu erlangen, aber ſprecht ein Wort der Güte zu meinen künftigen Schweſtern, daß ſie mich freundlich in ihrem Schooße dulden. Ich habe ihrer etliche geſehen, ſo mich voll Hohn, andere, ſo mich voll Verdruß betrachteten, und dachte öfters auf dem Katheder und im Chor vor Scham verſtummen zu müſſen.“— Hier nahm die Priorin eine weinerliche Stimme an, womit ſie nach tiefem Seufzen, die Hände zuſammen legend, erwiederte:„Du berührſt da einen böſen Fleck, welcher Dir indeſſen nicht verborgen bleiben kann. Die Würde einer Oberin, meine geliebteſte Tochter, iſt nicht ein Stand der Freude und Glückſeligkeit, vielmehr ein ſcharfer Dornenkranz, eine bittere Kreuzeslaſt. Nur ſelten folgen die Schäflein willig der ſorglichen Hirtin, da leider viele berufen, aber nur wenige auserwählt ſind. Wir ſchwachen Geſchöpfe faſſen wohl die beſten Vorſätze, ſchwö⸗ ren die theuerſten Eide, und dennoch brütet unter dem Schleier des Gehorſams wie zuvor der widerſpenſtige Kopf, ſchlägt unter dem Skapulier das ſtürmiſche, leicht verirrte Herz. Nur den ſtrengſten Kampf lohnt endlich die Palme, und viele gehen dahin aus dem Leben, ohne ſie je errungen zu haben. Mißgunſt, Eiferſucht und Leidenſchaft ſind böſe Drachen, die einer Oberin ſanfte Gewalt nie gänzlich aus⸗ zurotten, nur zu bändigen vermag. Auch in dieſem Hauſe ſind der getreuen Mägde nur wenige; halte Dich an ſie, die bald Dein Scharfblick herausfinden wird. Vergib den andern, ſo Dich beneiden, weil Du leſen, weil Du im Chor ſingen kannſt, was jene vergeſſen haben; weil Du fromm biſt, was jene nie geweſen. Solcher Unfug, meine Tochter, iſt ein alter Schaden, den die heutige böſe Welt verſchul⸗ dete, und ich habe oft mit blutigen Thränen dagegen ge⸗ rungen, aber vergebens. Meine letzte Hoffnung iſt auf die Reformatorinnen geſtellt, die baldigſt hier einkehren wer⸗ den, und deren eifrigſte Schülerin ich zu ſeyn begehre, wenn nur mein Beiſpiel hilft, die verirrten Seelen in das Joch der Zucht, in den Weg zum Heil zurückzuführen.“ Von der erbaulichen Sprache gerührt, gedachte Giſela ſchnell der Wirrniſſe und Zwiſtigkeiten, deren Zeuge ſie dann und wann im Stift zu Lichtenthal geweſen war; ſie begann zu ahnen, wie doch alles eitel ſey in der ſterblichen Welt, und ſeufzte im voraus ſchon den Zuchtmeiſterinnen entgegen, welche die Priorin verkündete, als die Vorläufer⸗ innen einer ſchönen, heiligen Zeit. Ihr angeborner Stolz fand nach und nach Gefallen, in der Bahn der Unterthä⸗ nigkeit zu wandeln, und blindlings einem Leitſtern zu fol⸗ gen, wie die Priorin zu ſeyn verhieß. Darum weinte die hochmüthige Jungfrau Zähren des Vertrauens und des Ge⸗ horſams auf die Hände der Richardis, und flehte mit wei⸗ cher Empfindung:„Behaltet mich lieb, fürtreffliche Frau, und führt die Strauchelnde. Niemals werde ich mein Ohr den Böſen leihen, die Euch ſchmähen und mich verhöhnen wollten, daß ich mich Euere treu ergebene Tochter nenne!“ Der ungeheuchelte Ausdruck des ächten Eifers, der völ⸗ ligſten Selbſtüberwindung, wie er ſich von Giſela's Lippen kund gab, erſchütterte ſogar das falſche Herz der Priorin, daß ſie der Schamröthe ſich nicht erwehren mochte, und mit verſtörtem Weſen antwortete:„Weine nicht, Geißlin. Ver⸗ gib den Schwachen, und ſchließe Dich wieder in Deine Zelle, bis ich komme, mit der Kerze in der Hand Dich zum Altar zu führen als eine reine Braut des Himmels. Nur wenn der Prieſter Dich eingeſegnet, magſt Du mit den übrigen Schweſtern Gemeinſchaft pflegen, Du, eine Lilie unter ihnen!“ Wie ſie nun aus der Kirche ſchieden, und eine jede ihren eigenen Weg ging, Giſela nach ihrer Zelle, die Prio⸗ rin nach dem Refektorium, ſchalt ſich die letztere bitter aus, daß ſie von den Empfindungen einer Thörin ſich einen Au⸗ genblick hatte hinreißen laſſen. Sogar brannte in ihren Augen ein leiſer dringender Schmerz, wie von ungewohnten ſtechenden Thränen, aber ſie preßte dieſe Boten des Heils zurück, ſcheuchte die Rührung von ihrem Antlitz, warf hinter ſich die Drohungen ihres Gewiſſens, die ſchwere Rechen⸗ ſchaft, eine reine Seele ſo unverantwortlich zu hintergehen, und ſuchte die Genoſſinnen ihrer Verirrungen auf. Die leichtſinnigen Weiber, vor Kurzem noch ſo verzagt, ſo heuchleriſch ernſt, hatten die Larve der Gottſeligkeit, den ſchwanken Zügel der Ordnung bereits wieder abgeſtreift. Aus den verborgenſten Gewölben war abermals herauf ge⸗ ſchafft worden, was das Herz erfreut: ſüße Früchte, lockeres Gebäck, feuriger Wein. Der Römer ging friſch in der Runde, ſie ſchmausten, ſie lachten, der Vicar trieb allerlei Poſſen und Kurzweil, die älteren Schweſtern ſpielten im Brett, die jüngeren horchten den wenig anſtändigen Mähr⸗ lein der Mutter Simplicia zu. Man ſcherzte, als ſey das Paradies eröffnet worden, kaum wurde der drohenden Re⸗ formatorinnen gedacht. Der Feind war überwunden, be⸗ trogen, entfernt, was kümmerten ſich die Siegerinnen um den nächſten Tag?— Schweſter Agnes, die mit ihrer ſteten Trauer nicht in frohe Gelage paßte, wurde ſchnöde ange⸗ fahren, von der Priorin nach ihrer Klauſe verwieſen.„Ach, ich werde euch nicht lange mehr zur Laſt fallen!“ antwor⸗ tete die Beklagenswerthe, als ſie davon ging, mit ihrem Schmerz allein zu ſeyn. Doch nicht minder zeigte ſich die Priorin geneigt, der fröhlichen Geſellſchaft ſich zu entziehen, ſchützte Müdigkeit vor, und munterte die Schaffnerin auf, in ihrer Abweſenheit den Convent zu vergnügen.„Seyd fröhlich, meine Kinder,“ ſagte ſie gnädig:„morgen wollen wir überlegen, wie den ſteifen Betſchweſtern von Pforzheim mitzuſpielen ſey.“ Medora raunte ihr leichtfertig in's Ohr: „Wir werden's heute nicht allzulang machen, der Abend iſt langweilig, weil das Wetter ſo grauſam ſtürmt, und die liebſten Gäſte fehlen.“ Sie meinte die Herren und Junker, die öfters in dem Kloſter einſprachen, und darinnen theil⸗ nehmende Herzen gefunden hatten. Richardis lächelte da⸗ gegen zweideutig, wiederholte noch einmal ihren Abend⸗ gruß, und begab ſich auf den Weg nach ihrem Gemach. Sie hörte noch mit feinen Ohren, wie hinter der Thüre, der Scheidewand zwiſchen ihr und dem Convent, boshafte Anſpielungen und Witzeleien ſielen, ſowohl über ihre eigene Entfernung, als über die fremde Giſela, von welcher die Nonnen nicht wußten, woher ſie kam, wohin ſie ging; doch kümmerte ſich Richardis nicht um ſolch Geſchwätz. Eine Sorge, eine Sehnſucht nur berührte in dieſem Augenblick 91 ihr Herz, und die Sehnſucht war zärtlich, ſüß und ange⸗ nehm die Sorge. Verſtohlen, wie das ſchlanke, ſcheue Wild, wenn es aus dunkelm Forſt ſich wagt, den friſchen Quell zu ſuchen, ſchlüpfte die Priorin im Dämmerſchein des reg⸗ neriſchen Abends die Stiege hinan, und drehte ſich unwillig um, da ſie von Crescentia ſich gerufen hörte, der überlä⸗ ſtigen Dienerin Rede ſtehen mußte.„Was gibt's denn, in Chriſti Namen?“ fragte ſie böſe; die Laienſchweſter ant⸗ wortete mit Unterwürfigkeit:„Hochwürdigſte Frau, es wird doch täglich ſchlimmer mit der alten Klausnerin, der wun⸗ derlichen Frau Demuth. Ich ſeh' es noch kommen, daß ſie mir die Augen auskratzt, wie blöde auch die ihrigen ge⸗ worden ſind. Schon hat Mutter Anna gänzlich aufgegeben, ſie zu beſuchen, und die Laſt ruht eben ganz allein auf mir. Seit dem Tage aber, wo der vorwitzige Tropf von Stern⸗ gucker ſeine Naſe in jenen Winkel geſteckt, iſt es nicht mehr bei der Demuth auszuhalten. Sie faſelt von Geſpenſtern, wohl gar von Mördern, die ihr an's Leben wollen, fürchtet, daß man ſie vergifte, und ſeufzt dennoch wohl zehnmal in einem Athem nach dem baldigen Tode.“—„Gott ſchenke ihr ein fröhlich Sterbeſtündlein; ſie wird's nicht mehr lange machen, Schweſter Crescenz, und für die Spanne Zeit reicht Deine Geduld ſchon aus.“—„Hochwürdige Mutter, ich will nicht davon reden, daß Frau Demuth, je elender und ſchwächer am Leibe, um ſo heſtiger und giftiger im Geiſte werde; ich wollte mich darin fügen, wäre es nur um meiner Sünden willen, deren ich freilich viele abzubüßen habe. Doch jammert mich die arme Seele des alten Weibes, weil ſie nimmer zum Paradies kommen mag, ſo ſie nicht geſänftigt und beruhigt wird. Ein kräftiger geiſtlicher Zuſpruch thäte der Armen Noth, aber ich bin dafür zu einfältig und un⸗ gelehrt, und die würdigen Kloſterfrauen. nun, Frau Priorin, Ihr wißt ja ſelbſt.„und mit dem Vicar iſt auch nichts anzufangen..!“ Die gutmüthige Laien⸗ ſchweſter ſchluchzte bei dieſen Worten in banger Herzens⸗ angſt, denn ſie zitterte aufrichtig für das Seelenheil der Pflegbefohlenen. Um ſich die zudringliche Mahnerin vom Halſe zu ſchaf⸗ fen, verſetzte die Priorin trocken und wegwerfend:„Faſſe Muth, Schweſter Crescenz. Ich weiß eine Predigerin, welche ganz für das Schwindelhirn der alten Demuth ge⸗ macht iſt. Von morgen an ſoll Schweſter Geißlin deren Wartung auf ſich nehmen. Das iſt ein rechter Zuſpruch für ſie, ich zweifle nicht.“— Da nickte Crescentia beifällig und entgegnete zufrieden:„Ja, das iſt die Wahrheit. Die fremde Schweſter Geißlin iſt ein ſchneereiner Engel, den Gott der Herr in ſeiner Gnade für uns Unwürdige daher geſchickt, dieſes Haus zu erhöhen. Vergebt, Frau Mutter, aber uns allen fehlt noch himmelweit, bis wir an die Tugend der frommen Geißlin reichen.“—„Was biſt Du ſo unverſchämt, Schmähworte gegen Deine Vorgeſetzten zu wa⸗ gen?“ ſagte die Priorin drohend;„gelüſtet Dich nach Fa⸗ ſten und Geißelgewölbe? verſtumme und entferne Dich, bei meinem Zorn und ſtrenger Ahndung!“ Erſchreckend zog ſich Crescentia zurück, und murmelte, davon eilend, in ſich hinein:„Wenn nur mein Gewiſſen ſchwiege ach, wie werden wir erwachen aus Uebermuth und Thorheit!.. wird uns der Himmel einſt vergeben können.„2 die ver⸗ führten Lämmer von den Verführerinnen ſondern 2 er⸗ barme Dich unſer, o Herr, mit Deinem roſenfarbenen Blute,„ ſende uns bald aufrichtige Buße und das Heil„ Indeſſen war die Priorin grollend bei ihrer ſtillen Be⸗ haͤuſung angekommen, drückte haſtig die Thüre hinter ſich in's Schloß, und ſchritt in ihre Stube, wo ihr ſchmeichelnd das Hündlein entgegen kam, und ihre Singvögel entgegen zwitſcherten, obſchon bereits in der Dämmerung von halbem Schlummer befangen. Was jedoch die Vögel munter er⸗ halten, war das leiſe girrende Spiel auf wohlklingenden Saiten, welches aus dem Schlafkämmerlein der Oberin ſich durch die ſchweren Vorhänge ſtahl: ein ſüßes Lied, wie von Geiſterhänden geſchlagen. Aber die Priorin erſchrack nicht vor dem Spuck, wohl aber zog ſie den Vorhang zurück, und hauchte einen zärtlichen Abendgruß dem Künſtler zu, der auf ihrem Lager ſaß, und der murmelnden Theorbe minnigliche Weiſen entlockte. Die verſchwiegene Lampe be⸗ leuchtete matt die Geſtalt eines jungen Mannes in ritter⸗ licher Kleidung, der in dem klöſterlichen Verſteck ſo wohlge⸗ muth harrte und hauste, als hätte ihm der Prieſter er⸗ laubt, des Kämmerleins Genoſſe zu ſeyn.„Kömmſt Du endlich, Richardis?“ fragte er ſchelmiſch mit ſchmollenden Mienen, und die Priorin, neben ihm den Sitz einnehmend, antwortete lächelnd:„Hier bin ich ganz und gar, mein Herzbröſelein.“—„Die ſchwarzen Vögel haben mir die Zeit lang gemacht,“ fuhr der Ritter fort, auf ſeiner Laute klimpernd,„und ich beneidete ſie, daß ſie das helle Augen⸗ licht meines holden Schätzleins genoſſen, während ich hier gleich einer Katze lauerte“—„Sie ſind fort, liebwerthes Oeſterlein,“ erwiederte Richardis ſchmeichelnd, und ſpielte mit den Locken des Buhlen;„nun ſage ich Dir tauſend und abertauſend Dank, daß Du ein fo freundlicher Herold ge⸗ weſen. Du ſcheueſt nicht die Mühe und Zeit, Dein Lieb zu beſchirmen.“—„Nennt mich das Land umſonſt den verwegenen Friedingen? gäbe es doch nur etwas Ernflliche⸗ res für Dich zu thun! Drein ſchlagen, brennen, klopfen, ſengen, das möchte ich; Hals und Leben wagen, und Dein Kloſter ſchleier ſollte mein Panier ſeyn. Ich tauge wenig zu einem Fuchs, hätte einen guten Leuen abgegeben.“— „Zerreiße mich nur nicht, das arme Schäflein!“ ſcherzte 92 Richardis. Der Friedingen warf aber die Theorbe von ſich, umſchlang die Nonne heftig, und rief:„Nicht zer⸗ reißen, aber in meine Hände nehmen, Dich weit über Berg' und Meere tragen, darnach ſtände mein Sinn. Und das muß geſchehen, wenn ich nicht verzweifeln ſoll. Du haſt mir's angethan; als ein muthwilliger Junge ſtieg ich in den Kloſterpferch, verbotene Koſt zu ſchmecken, und nach ge⸗ haltener Mahlzeit davon zu ſchleichen, wie ein ſatter Mar⸗ der. Doch vermag ich's nicht, liege in Deinen Netzen wie in den Zauberhaaren eines Waſſerfräuleins, kann Dich nicht laſſen, Dich nicht miſſen, bin Dir eigen, loderte auch die Verdammniß vor dieſer Kammer.“ Die Glut der ſeligſten Befriedigung überſtrahlte das Antlitz der Nonne, und ſie flüſterte buhleriſch:„Ich will mit Dir gehen in den heißen Pfuhl, wenn jenſeits der Bruch der Ordensregel mit der Flammenpein vergolten wird; nur ſehne ich mich, wenige Jahre hienieden des un⸗ geſtörten Glückes mit Dir theilhaftig zu ſeyn, und wenn Dein Muth unerſchrocken, ſtandhaft Deine Liebe, Deine Arme ſtark ſind, ſo lächelt uns der Kranz der Minne end⸗ lich, in nächſter Friſt.“—„Beſiehl; die Mummerei, das klöſterliche Heuchelweſen behagen mir nicht länger. Bin nicht gewohnt, mir Zwang anzuthun, genieße gerne frank und frei.“—„Ja, mein guter Knab, ich theile dieſes Sehnen, dies Verlangen, und folge Dir, wann Du gerü⸗ ſtet biſt. Meines Bleibens iſt hier nicht lange mehr. Die Anmuth dieſes ſtillen Orts wird ſich in düſtre Strenge und eiſerne Knechtſchaft verkehren. Ich will gerettet ſeyn, ehe noch das Wetter alle meine Saaten niederſchlägt. Sind Deine Hände noch gebunden, oder biſt Du dran, Deines freien Willens Meiſter zu ſeyn?“— Oſtertag that einen tiefen Athemzug, runzelte die Stirn, und verſetzte:„Mit meinem Bruder bin ich noch im Alten, ich hoffe nichts von 95 ihm; doch ſagte ich ihm zu, eine Fehbe für ihn auszu⸗ kämpfen, mit ihm einen Ritt zu thun, den er in des Wür⸗ tembergers, unſers Erbfeinds, Land vorhat. Vielleicht er⸗ ringe ich ehrliche Beute, vielleicht geſegnet bald die Schwe⸗ ſter das Zeitliche, die mir ein kleines Erbtheil verhieß. Habe ich den Mammon, ob wenig oder viel, ſo ſetze ich Dich auf mein Roß, und jage in's Weite, nach fernem Land, zu fremden Menſchen, wo die Kloſtergelübde nichts mehr gelten, wo des Kaiſers Acht, des Pabſtes Bann verlacht wird; zu den Böhmen, die den Kelch verehren, oder in das wilde Ungerland, ja wahrlich zu den Türken eher, als ich Dir entſagte.“ Richardis kredenzte ihm einen Becher voll ſüßen Weins, und ſprach:„Trinke dieſes auf alter Buhl⸗ ſchaft Wohl, Du mannlicher Held, und vernimm, daß auch die arme Kloſterfrau Dir eine Mitgift bringt, nicht mit leeren Händen kömmt.“ Als der Friedingen, nachdem er luſtig getrunken, mit großen Augen zu ihr hinan ſab, eilte ſie geſchäftig zu ihrem Betſchemel, lüpfte den buntgewirkten Umhang, und zog einen Kaſten hervor, alt und unſcheinbar, mit erblindeten Zier⸗ rathen geſchmückt, von mäßiger Größe.„Während meine Schweſter Mechtild,“ fuhr ſie gebeimnißvoll fort,„mit Un⸗ geduld und Zweifel des alten Zavelfteiners Tod erwartet, um ſein Geld und Gut zu erben, habe ich aus dieſen dür⸗ ren Kloſtermauern ohne ſonderliche Mühe einen goldenen Quell geſchlagen, wie mit Moſis Stabe.“— Oſtertag griff mit gierigen Händen nach dem ſchweren Käſtlein, und fragte ſpöttiſch, ob darinnen der Schatz verborgen, von dem das Volk erzähle, als ſey er im alten Offenhänſer Gottesacker begraben. Richardis ſchüttelte den Kopf, öffnete mit roſti⸗ gem Schlüſſel die kleine Truhe, und vor den ſtaunenden Blicken des Friedingen lag ein funkelndes Gewirr von gol⸗ denen Spangen, Keiten, Gürtelſchnallen„Halsgeſchmeiden, 96 Armbändern, koſtbaren Taſchenſchlöſſern, Perlſchnüren, präch⸗ tigen Nadeln und mannigfachen Kleinodien, wie der reich⸗ ſten Frauen Prunkliebe ſie zu erſinnen vermag, von hohem Werthe, zum Theil verziert mit edlen Steinen. „Was iſt das? wem gehörte dieſer Schatz, bevor er Dein Eigenthum wurde?“ fragte Oſtertag mit ſteigender Begierde:„iſt doch der Anſchein, als hätteſt Du den Reich⸗ thum der Jungfrau von Altenötting geplündert!“—„Mit nichten,“ verſetzte Richardis ſchlau:„ich vergriff mich nie an den Juwelen der Heiligen. Dieſer Reichthum iſt ein Erbe meiner Vorgängerin, die ohne Zweifel gleich mir für beſſer achtete, denſelben in ihrem Beſitz zu halten, als für des Kloſters Nothdurft zu zerbröckeln. Doch iſt es nicht ein Raub, freiwillig wurde dieſer Schatz geſpendet. Er iſt der Sold, das Pfand für die Verpflegung des alten unbekann⸗ ten Weibes, der finſtern Frau Demuth, welche der Herr bald in ſeinen Schvoß aufnehmen möge.“—„Der alten Büßerin, über deren Herkunft und Leben ein undurchdring⸗ liches Geheimniß ruht?“—„Derſelben. Das Geheimniß modert in der Gruft des Vaters Cunrath; was kümmert es uns? was gehen uns die Myſterien der alten Träu⸗ merin an? wir pflegen ein ſüßeres Geheimniß, wie eine zarte Blume, und es zur Reife und zur Frucht bringen, diene dieſes todte, längſt von aller Welt vergeſſene Gold.“ Oſtertag wog prüfend mehrere der Kleinodien in der Hand, und ſagte nach aufmerkſamer Betrachtung:„Wohl mag es lange her ſeyn, ſeit dieſer Schmuck aus des Gold⸗ ſchmieds Werkſtatt ging, man trägt ihn heutzutage nicht ſo ſchwer, nicht ſo geſchnörkelt. Es iſt, als hätte er einer überreichen Bürgersfrau gehört, wie ſie zu Augsburg oder Uim ſtolziren gleich den Pfauen. Sieh da, ich täuſche mich auch nicht, neben dem Zeichen des Meiſters ſieht der Tann⸗ zapfen von Augsburg. Gott geſegne der Reichsſtädterin ihre Buße und Frömmigkeit, und ein baldig kühl Begräbniß.“ —„Sie wird mürbe, ihr Leben hängt nur noch an einem Fädlein, und damit der Armen die Seele baldigſt ausge⸗ betet werde, habe ich das fromme Wunderthier, die Geißlin, zu ihrer Pflegerin beſtellt.“—„Die abergläubiſche, thö⸗ richte Dirne? wie ſtellte ſie ſich an, der Tugendſpiegel? hat ſie geſtrahlt gleich einem Meerſtern, und die blöden Augen der ſteifen Uracher verblendet?“—„Vollkommen iſt die Liſt gelungen. Doch bin ich in Sorge, wie ich ge⸗ gen die einfältige Magd mein Wort löſen ſoll. Eine Schweſter aufzunehmen, iſt ſtreng verboten, und der Viear, der zu Urach und beim Biſchof rabenſchwarz angeſchrieben ſteht, weigert ſich, ſeinen vielen Gefälligkeiten auch noch dieſe hinzuzufügen. Dennoch muß etwas geſchehen, wär's auch nur ein Blendwerk, um die Thörin zu boruhigen, ihres Schweigens gewiß zu ſeyn. Alsdann mag es gehen, wie es will; ſie wegzuſchaffen, unſchädlich zu machen, werde ich Mittel finden, ſobald ſie völlig in dem Garne iſt. Mech⸗ tild hat mir die Närrin auf die Seele gebunden; ich ſollte ihr nicht das freundlichſte Loos bereiten, bat die Schweſter, und ich willfahre gern, weil ich das Tugendgepränge, die eckelhafte Sprödigkeit, den dumpfen Aberglauben und die Larve der übermüthigen Frömmlerin haſſe.“ Oſtertag lachte, ſchalt die Priorin eine Eiferſüchtige, und ſagte muthwillig:„Was zagſt Du, und der Helfer ſitzt neben Dir? Wenn es gilt, einen Feind, einen Juden oder einen Rarren zu betrügen, was in der Welt wäre ſo toll, daß es der Friedingen nicht unternähme? Laß den Würtemberger ſeine Verbote austrommeln und trompeten, laß dem Pfaffen ſeine Zweifel; halte Dich an mich, und ich ſelber will die Jungfer zu einer Nonne machen, wie der heiligſte Biſchof es nicht beſſer kann.“—„Du?“ fragte die Priorin, und das fernere Wort erſtarb in ihrem Munde⸗ Nonne von Gnadenzell. I. 7 98 Mit freventlicher Prahlerei fuhr Oſtertag fort:„Nun ja, beim Blitz! die Maid hat mich noch nie geſehen, und ich will ein Biſchof ſeyn, ein Kardinal, ein fahrender Heiden⸗ bekehrer, oder was Dir lieb iſt. Trieb ich nicht einſt das Handwerk eines Pfaffen, und wollte eine Fackel des Altars abgeben, bis ich an dem Hausfräulein meines Vetters, des Domprobſten, Geſchmack, und an dem Brevier ein Leiden fand? Noch habe ich mein Latein nicht vergeſſen, nicht die Formeln, nicht den Segen und das Pſalmiren. So lange ich Muße habe vor dem Span mit dem Würtemberger, führe ich den Schwank aus.“—„Ich verſtehe Dich noch nicht, wunderlicher Krauskopf!“—„Das findet ſich. Du haſt nur die Obliegenheit, mir die Tonſur zu ſcheeren, und bildeſt Dir ein, wie gern ich wieder eine Weile in den Prieſterrock ſchlüpfe, weil Du weißt, daß ich ſtets an geiſt⸗ lichen Dingen hänge.“ Er küöte inbrünſtig Richardis Lip⸗ pen, und ſprach weiter:„Jetzo, liebes Herz, ohn' Wider⸗ red, belehne mich mit Stab und Ring, und halte Dich ſo hoch wie einen Pabſt, gleichwie Du reizender biſt als der Altvater zu Rom!“— WMit buhleriſchem Koſen entwand ſich Richardis ſeinen umſtrickenden Armen, ſchlug das Schatz⸗ käſtlein der Frau Demuth auf, zog einen ſchweren goldenen Fingerring hervor, und reichte ihn dem Geliebten, ſagend: „Hier der Ring, mein Knab, zum fröhlichen Gedächtniß!“ —„Er ſey zugleich der Verlobungsring, der Ring der Treue!“ rief Oſtertag, nahm den Becher, hielt den Ring vor den Mund, und trank durch den Goldreif auf das Wohl ſeines Liebchens. Inmitten ſetzte er ab, betrachtete den Ring genauer, und ſpottete ſchadenfroh:„Sieh, ſieh, das Wappen meines erlauchten Freundes, des edelſten Herrn von Würtemberg; die Hirſchbörner, die Fiſchlein, ei, wie ſchön! welchem Juden hat das ehrbar fürſtlich Haus dies Kleinod verpfändet, daß es an die derbe Fauſt der Augs⸗ burgerin gelangte? lieber hätt' ich's dem Grafen nach offner Feldſchlacht von der ſtarren Hand gezogen; doch mag es mir auch werth ſeyn zum Gedächtniß des Lebenden. Frei⸗ lich mußt Du mir dann ein anderes Ringlein ſchenken, mein Herz, einen glatten Reif, bedeutend einen ewigen Bund, denn das Würtemberger Wappen kündet nur Unfrie⸗ den, Zwietracht und ein ſchlimmes Ende.“— Statt der Antwort bot ihm Richardis auf's Neue den Rubin ihres Mundes, und das verliebte Geſchwätz verſtummte nun, wie ihm früher die Silberlaute der Theorbe hatten weichen müſſen. Siebentes Kapitel. Einem falſchen Mann horet das zu, In den Aengſten liegen ſpat und fruh;— Ein'm Andern hat er ein Grub gemacht, Und iſt ſelber darein gejagt. Altdeutſche Sprichworter. Mit dem unruhigſten Morgenſchlummer kämpfend, wälzte ſich der Herr von Sperberseck auf ſeinem Lager, und weckte durch ſein Stöhnen die neben ihm ruhende Ehe⸗ wirthin, daß ſie ſich entſetzt in dem geräumigen Himmel⸗ bette aufrichtete, den Arm des Schläfers derb anpackte, und ängſtlich rief:„Anshelm, was iſt Dir? Anshelm, erwache doch um des heiligen Bluts willen!“— Der Eheherr fuhr nun auch empor, knirſchte mit den Zähnen, ſeufzte alsdann tief und zu wiederholten Malen, und verlangte mit weiner⸗ licher Stimme das Wiſchtüchlein, um ſich den Angſtſchweiß vor der Stirn zu trocknen. Dann ſagte er ſchwach:„Das war ein fürchterlicher Traum, und der Tag bleicht immer noch nicht? Stehe auf, Elsbeth, und zünde das Aemplein an, daß mir leichter um's Herz werde.“ Die Ehefrau that, wie er begehrte, obſchon der erſte blaſſe Frühſtrahl durch die engen Fenſter ſchien, ſetzte ſich ßierauf neben das mit Wappen und Vorhängen verzierte Lager, und fragte beſorgt, was ihr Herr im Traume ge⸗ 101 ſehen. Anshelm beſann ſich, gedankenvoll aufgeſtützt auf das Lederkiſſen, und erzählte endlich, von manchem Seuf⸗ zer unterbrochen:„Ach, wie iſt mir's ſo übel ergangen! war ich nicht luſtig und guter Dinge, da ich in's Bett ſtieg? und dennoch. höre mir zu. Es geſchah mir plötz⸗ lich, daß ich mich vom Kopf bis zu den Füßen beſchaute als wie in einem Spiegel, und ſiehe, ich war von Krank⸗ heit geſchlagen wie ein Ausſätziger, und kein Flecklein mei⸗ nes Leibes war befreit von dem garſtigen Siechthum, und einer hing mir ein ſchwarzes Tuch über den Scheitel, ſtellte mich auf die Schwelle meines Hauſes, und ſagte, der Bi⸗ ſchof würde kommen, mich zu holen, und in die Einöde zu verſtoßen. Von ferne klangen auch die Glocken, und ein Pſalm, ſo rauh und tief, als ſängen ihn hundert der äl⸗ teſten Pfaffen. Ich zitterte an allen Gliedern vor Kälte und Schmerz, und meine Furcht wurde immer größer, als der Zug herankam, mit Fahnen und Kerzen, unabſehbar das Thal entlang, ein ganzes Kapitel von bleichen Chor⸗ herren, voraus ein eisgrauer Biſchof in ſilberner Inful, ſchwarzem Trauermantel, die dunkle Stola mit ſilbernen Todtenköpfen geſchmückt. Vor meinem Hauſe ſchloßen ſie einen Kreis, und der Biſchof ſtieß mich mit ſeinem Stabe, und hieß mich ihm folgen. So that ich auch mit nackten Füßen, und alle Leute wichen mir auf viele Schritte aus, und ſegneten ſich, da ſie mich ſahen. Ein alter Dom ſtand offen, und darinnen, vor dem Chore aufgerichtet, eine dop⸗ pelte Reihe von ungeheuern Lichtern, und man ftellte mich in deren Mitte, und ſang ein Todtenamt über meinem Haupte, worauf der Zug wieder fortging, bis auf einen Gottesacker. Da ſchob man mich an eine tiefe Grube, und der Biſchof ſagte mir, mein Ausſatz ſey des Himmels Fluch, und ich müßte von nun an todt ſeyn für alle Welt. Dar⸗ auf nahm er drei Hände voll Erde, bröſelte ſie über mei⸗ 102 nem Kopfe aus und murmelte: Geh hin, Du ausſätziger todter Menſch, geh hin und gedenke des Grabes!— Kaum hatte er aber dieſe Donnerworte ausgeredet, Anshelm ſtarrte mit einem Male unbeweglich vor ſich yin, und die zuhörende Frau rüttelte ihn wieder heftig, und rief:„Anshelm, was machſt Du? Du haſt den Glotzer, Anshelm. Wache doch auf, und erzähle zu Ende.“ — Anshelm ſprang dagegen mit gleichen Füßen aus dem Bett, und antwortete ungeſtüm:„Wecke unſern Buben auf, den Andres. Hörſt Du nicht, wie er in der Wiege herumſchlägt? und die andern Tölpel, wie ſie ſchnarchen! ſie ſollen aufwachen, der Tag bricht an, Gott ſegne den Tag!“ Maulend ging Elsbeth hin, den unruhigen Kleinen zu beſchwichtigen, die übrigen Kinder gelinde zu wecken, und der Ritter kniete in ſeinem Schlafpelz vor dem Bilde des Hauspatrons nieder, um zu beten. Seine Gedanken hiel⸗ ten aber nicht zuſammen, und ſtets ſchoben ſich in ſeine Bitte mehrere ſchreckhafte Geſichter, von denen er ſeinem Eheweibe nichts zu erzählen für gut befunden hatte. In Gevanken verſunken, das Antlitz in die Hände geſtützt, fand ihn die rücktehrende Elsbeth.„Erhole Dich, mein Alter!“ ſagte ſie,„ſo biſt Du nun einmal. Die Furcht und den Teufelsglauben haſt Du von Deinem Vater geerbt, der einen Strich hatte wie die Leute ſagen. Was wird's denn ſeyn? Ich will Dir's erklären. Du hörteſt geſtern, wie Dein Ohm, der Marſchalk, ſo gefährlich darniederliege, dachteſt an deſſen Tod und Erbſchaft; da mag Dir wohl das Leichengepräng im Schlafe vorgekommen ſeyn.“— Bei dieſen Worten richtete Anshelm, wie einer, der mit Be⸗ gierde nach dem Hoffnungsanker greift, die Augen zu der Hausfrau empor, gedachte wieder des preſthaſten Oheims und ſeines Erbes, und nickte freundlicher, einverſtanden 103 mit der Erklärung ſeiner Traumauslegerin. Zugleich ſprach er:„Ich hatte das vor Angſt vergeſſen, und beſinne mich, daß ich heute auf die Reiſe muß, wenn ich den Alten noch beim Leben treffen, und was mir gehört, aus den Klauen der Erbſchleicher retten will!“—„Freilich,“ erwiederte Frau Elsbeth:„Ruprecht hat ſchon für alles geſorgt, das Roß gefüttert und geſtriegelt, und das Wetter hat ſich auf⸗ gehellt. Oder willſt Du vielleicht auf dem Wägelein fah⸗ ren? Es wäre kommlicher.“—„Aber viel theurer,“ fiel Herr Ansbelm eifrig ein:„Du weißt nicht, wie die Schur⸗ ken von Herbergern den Reiſenden ſchinden. Zwei Gäule und der Joſt fräßen mir armem Manne den Beutel leer. Nein, beſſer iſt's, ich reite, trotz der Mühſeligkeit. Ich will den magern Schecken, er läuft ſchnell, ſieht aber aus wie der Aſchermittwoch, und wird mir ſicher nicht geſtohlen⸗ Dann lange mir die graue Kaſacke, ſie iſt zwar ſchwer und grob, aber reizt keinen Dieb. Die ſtarken Stiefel von Rindsleder, den langen Degen mit dem Eiſengriff, die Faltenmütze, geſchwinde, reiche ſie mir.“—„Ei, Anshelm, Du wirſt ausſehen wie ein Spittelknecht.“—„Das will ich auch; den Heerſtraßen iſt nicht zu trauen. Bereite mir ſchnell das braune Mus; weil's auf die Reiſe geht, will ich mir was zu Gute thun. Das Brunnenwaſſer, das ich ſonſt genieße, hält nicht vor, und der Schecke ſtößt, wenn er austrabt.“ Frau Elsbeth ging geſchäftig nach der Küche, die an das Schlafgemach ſtieß, und wo die Magd das Feuer ſchürte. Anshelm, mit der Peitſche bewaffnet, die an dem Bette bing, bedrohte ſeine Kinder, die, eines nach dem andern, aus dem Bettlein krochen, und ſich wie an jedem Morgen alſobald in die Haare fielen. Nach der Reihe jagte er Bu⸗ ben und Mägdlein zum Betſchemel, wo ſie den Morgen⸗ ſegen plapperten, und entließ ſie hierauf in die Wohnſtube 104 mit dem Bedeuten, ſich nicht zu rühren. Von dem unruhi⸗ gen Völklein befreit, holte er einen auf ſeiner Bruſt hän⸗ genden Schlüſſel hervor, öffnete damit die eiſerne Thür des Wandſchrankes, und überzählte in Eile das Geld, ſo dar⸗ innen verborgen lag, ſtellte ein weniges zu ſich, durch⸗ ßöberte einen Bund von Kerbhölzern und beſchriebenen Blättern, riegelte alles wieder ſorglich ein, und rief durch einen lauten Pfiff den Hausmeiſter Ruprecht, der im Hofe mit den Stallknechten ſchalt. Aufmerkſam den Himmel be⸗ ſchauend, und behaglich friſche Luft athmend, ſagte Ans⸗ helm zu ſich ſelber:„Der Ritt ſoll mir die Grillen ver⸗ treiben, denn der helle Tag und die Bergluft ſind eine köſtliche Arznei, obendrein hat man ſie umſonſt. Schon faſſe ich kaum mehr, wie mir das thörichte Zeug in den Sinn kommen mochte. Was habe ich denn noch mit den Verſtorbenen zu ſchaffen? Der Vater ruht ſanft und auch die Mutter, und. Der kurze dicke Hausmeiſter, ein auffallend Widerſpiel zu der hagern Burgherrſchaft und dem dürren Geſinde, ſtrampelte herein, rund und prall wie eine Kugel.„Glück⸗ ſeligen Morgen, gnädiger Herr,“ gurgelte er aus fetter Kehle:„Ihr habt ſchön Wetter, und dürfi nur auffitzen. Der Scheck wartet, und ich habe ein Säcklein mit Brod und Zinskäſe an den Sattelknopf gehängt, und ein halb Mälterlein Haber hinten aufgebunden. Ich weiß ja, wie Ihr's liebt, gnädiger Herr.“—„Gut,“ verſetzte der Rit⸗ ter:„höre aber nun, was ich Dir befehle. Zum Vogt von Guttenberg iſt zu laufen, und derſelbe zu bitten, auf den Landſtreicher wachſam zu ſeyn, von dem der einfältige Pfaff zu Owen ſo viel Aufhebens macht. Sodann iſt zu erwar⸗ ten, ob der Schildbauer von Böhringen heute ſeinen Zins bringt. Ich habe dem Truchſer allzulange nachgeſehen; ſo et nicht zahlt, falle Du ihm in den Hof, und nimm ihm 105 Vieh und Alles, was mitgeht, auch ſich fortſchleppen läßt.“ — Des Hausmeiſiers kleine Augen funkelten vor Vergnü⸗ gen; in dem breiten glänzenden Geſichte war nicht ein Zug, der wie Barmherzigkeit ausgeſehen hätte. Der Burſche war dem Hab und Gut fremder Leute nicht minder gefährlich, als der Scheuer und den Vorrathskammern ſeines eigenen Herrn.„Da will ich nur meine Stiefel ſchmieren,“ ſagte er ſchadenfroh,„denn der Schildbauer iſt ein armer Schluk⸗ ker, ein abgenagter Knochen, und hohe Zeit, daß man ihn vollends auspreſſe.“—„Ein Wilderer, lieber Ruprecht, ein Korndieb, Holzfrevler und Obſtſtehler. Ich bin ein zu guter Herr und warte, ſo lange ich kann, aber er treibt mir's zu arg. Jetzt rüſte alles, guter Ruprecht. Sobald ich mein Mus verſpeiſet, geht's fürbaß.“ Der Hausmeiſter entfernte ſich, das braune Mus er⸗ ſchien. Der Schloßherr löffelte das Frühſtück gierig aus, und predigte mitunter ſeiner Ehewirthin vor, wie ſie ſich zu verhalten hätte, bis er zurückkehre; ſie möge ſparſam ſeyn, nichts unnöthig verthun, früh und Abends fleißig beten, daß Gott ihn beſchütze; es ſey jetzt an der Zeit, daß die Weiber der Zinspflichtigen den Rückſtand an Jacobibutter und Eiern brächten, auch die Männer die Sommerfrohnden vollends verrichteten; Keinem und Keiner ſollte etwas daran erlaſſen, jedem Zögernden alſogleich der Preſſer geſchickt werden; endlich möge man die Burg fein beſchloſſen halten, keinem Bettler etwas verabreichen, weil das Korn in ho⸗ hem Preiſe ſtehe, den Pfaffen vertröſten, bis der Herr heim⸗ kehre, und ſo alle, die einſprechen möchten, um etwas zu holen; keinem Reiſenden dürfe man Gaftfreundſchaft ge⸗ währen, indem ſchon oft der Wirth von dem Gaſt beſtohlen worden; dagegen bleibe kein altes Weib unbeſchenkt, weil ſie eine Hexe ſeyn und das Haus verzaubern möchte; doch ſey es ſchier gleich, was man derſelben gebe, und das Ge⸗ ſchenk eines Apfels zerſtöre den Zauber ſo gut, wie ein Pfund Goldes.— Nachdem der Ritter Frühſtück und Pre⸗ digt geendigt, alle Thüren des Hauſes, Feuer und Licht und Geſinde, nebenbei auch die Kinder der Wirthin dring⸗ lich an das Herz gelegt, ſchritt er zum Abſchiede, umarmte Frau Elsbeth, ließ von den Eprößlingen ſich die Hände küſſen, und kletterte auf den dürren Gaul. Es dauerte lange, bis er ſich zwiſchen dem Brod⸗ und Haberſack, und in den roſtigen Steigbügeln eingerichtet hatte: aber endlich gab er dem Pferd einen Streich an das rechte Ohr und klepperte zum Thore hinaus. Ein Paar Schritte vor dem Schloſſe wendete der Gaul um, als ob er wieder nach ſei⸗ ner Krippe begehre, und auch der Reiter ſah noch lange zu den ſchmalen Fenſtern empor, wo die heimiſchen Schwalben auf und ab flogen, zu dem Storche, der auf dem Gipfel des Thurms im Neſt ſtand, und luſtig klapperte.„Sollteſt vielleicht wieder umkehren!“ ſagte Anshelm voll unerklär⸗ licher Bangigkeit zu ſich ſelber, aber die Erinnerung an den reichen todtkranken Oheim gab ihm friſchen Muth, und ſeine Sporen ſtachelten den Schecken, daß derſelbe weiter keine Umſtände machte, ſchnell von dannen trabte. In dem Schloſſe war alles munter und lebendig. Die Abweſenheit des Herrn war eine feſtliche Zeit, denn nun bekam während der Friſt das Geſinde genugſam zu eſſen, Ruprecht verſchleppte dreimal mehr als ſonſt, und Frau und Kinder ves Burgherrn ſpeiſeten fette Suppen, naſchten huchen und Fladen, und vergnügten ſich an geſottenen Hühnern und Wildpret. Doppelt war heute die Freude, denn Anshelms Rückkehr war ſo bald nicht zu erwarten.— Der Knauſer ahnte von ſolcher Verſchwendung nichts, und trabte fürbaß gen Böhringen, wohin er bald gelangte, den Gaul in ein Seitengäßlein drs Dorfs lenkte, und mit der Peitſche an ein niedriges Fenſterlein klopfte. Die Lucke ging 107 auf, ein abgehungertes Weibergeſicht ſchaute heraus.„Wo iſt der Jörg? faullenzt er noch im Stroh oder ſchläft er den Rauſch aus?“—„Daß Gott ſich erbarme, geſtrenger Herr, er iſt hinten im Gärtlein, will juſt auf den Taglohn gehen.“— In demſelben Augenblick trat der Schildbauer auf ſeine Schwelle, und zog dem Gläubiger ein gefährlich trotziges Geſicht, ob er ſchon den kahlgeſchornen Kopf ent⸗ blößte.—„Heda, Du böſer Zahler! iſt denn heut endlich Dein Zinstag?“— Der Bauer zuckte mit erbärmlichem Kratzfuß die Achſeln, und Anshelm fuhr fort:„So Du nicht heute zahlſt vor dem Abendläuten, jag ich Dich ohne Gnade von Deiner Hufe. Merke Dir's, Dieb!“ Dabei ſprengte der Herr davon, daß Staub und Sand dem Jörg in's Geſicht flogen, und ſah nicht, wie der Bauer hinter ihm her drohte, als ſpräche er:„Warte, Dir will ich's gedenken!“ Gen Urach hinab ging das Rößlein ſeinen ſichern Schritt, und auf dem Stege, der über die Elsach führt, da wo die Bergſtraße niedergeht, ſo aus dem Lenninger Thal über Grabenſtetten ſtreicht, begegnete ihm ein Menſch mit verwegenem Geſichte, einſam daher laufend, und ver⸗ langte Pöhniſch ein Almoſen.„Gott helfe Dir!“ war des Ritters Antwort, und er eilte ohne Raſt an dem Wande⸗ rer vorüber, ſich nach ihm umſchauend von Zeit zu Zeit, als wie nach einem Räuber, bis er im Walde verſchwand. Diesmal hatte der Herr von Sperberseck nicht übel ge⸗ rathen. Der höhniſche Betler war Lamparter, des Wild⸗ herrn Genoſſe, und unfern, in der Falkenſteiner Höyle, dort wo die Elsach hervorſprudelt aus finſterm Felſenſchachte, ruhte der kühne Räuberführer mit ſeinen Geſellen, wie der Bär in ſeinem Lager. Lamparter kam jedoch von Urach, und ſein Geſicht glühte von Schadenfreude und ſiegreicher Bosheit, ob er es gleich in trüben Ernſt verſtellte, als er 108 nach mühſamen Klettern durch Wald und Geſtein zur Höhle gelangte, und vor den Hauptmann trat. „Was bringſt Du von Heinz?“ fragte Wildherr mit Theilnahme.„Was hörteſt Du von den Meinigen?“ fragte der alte Märten mit ſchlauem Blick. Und Lamparter erwiederte:„Ich habe nur ſo viel in Erfahrung gebracht, daß ſie alle hinter feſten Riegeln ſitzen, und nur von uns und dem lieben Gott ihre Befreiung erwarten.“— Da ſich hierauf der Wildherr wieder neben den alten Sterndeuter⸗ niederſetzte, und die Spießgeſellen ehrerbietig zurückwichen, trat Lamparter hart und einſam vor den alten Schlaiz, und raunte ihm wohlgefällig in das Ohr:„Freue Dich, Vater Märten. Ich habe unſere Freiheit und den Blut⸗ preis ſo zu ſagen in der Taſche. Heute Nacht um die zehnte Stunde wird ſich des Obervogts Rottmeiſter mit bewaffne⸗ ten Knechten am Waldbrücklein einſtellen, und ich führe ſie. Der Feind muß unterliegen, wir aber werden unbe⸗ ſcholtene Edelleute ſeyn wie zuvor.“ Deß freute ſich Mär⸗ ten mit wilder aber verſchwiegener Luſt, drückte dem Geſpan die Hände, und ſchied vorſichtig von ihm, keinen Argwohn zu erregen. Indeſſen ſaß derjenige, deſſen Blut und Leben alſo ſchnöde verhandelt worden, in unbeſorgter Ruhe neben dem alten Propheten, und war beſchäftigt, demſelben ſeine Aben⸗ teuer zu erzählen, und fuhr darinnen weiter fort:„So war ich demnach, eine verſtoßene Waiſe, abermals auf einen Weg gerathen, wo ich Glück und Ehre hätte erringen können. Aber mein Fluch gab es nicht zu. Wir Knaben bei Hofe hatten öfters unedle Dienſte zu verrichten. So war ich der Falknerei beigegeben, und der Meiſter hatte mir einen der ugeberdigſten Vögel anvertraut, denſelben zu füttern und zu pflegen. Der Herr war abweſend, und der Hofmeiſter grollte mir. Täglich hatte ich um unbedeutenden Fehls ir⸗ 109 gend eine Strafe verwirkt, mußte bald faſten, bald auf ſpitzigen Hölzern knieen, bald im Thurm eine Zeit lang Trübſal leiden. Nun geſchah es, daß ich einmal feſt ſaß, und vergeſſen hatte, einem meiner Dienſtgefährten des Fal⸗ ken Pflege zu vertrauen. Wie ich aus meinem Gewahrſam kam, war der wilde Vogel vor Hunger ganz raſend ge⸗ worden, hatte ſich den Kopf an dem Gilter eingeſtoßen, lag todt im Käfig. Das wurde ruchbar, der Hofmeiſter wollte mir dreihundert Reitſchenhiebe geben laſſen, denn der Vogel war von ſeltener Schönheit und eines Fürſten Geſchenk ge⸗ weſen. Weil nun der Herr nicht daheim, der mich gewiß nicht hätte peitſchen laſſen, und ich zum Hofmeiſter mich nichts Gutes verſah, lief ich noch ungepeitſcht davon, und der Zufall führte mich juſt in dieſe Höhle, wo ich mich ver⸗ ſteckte und noch in ſelber Nacht der Gefangene desjenigen wurde, welcher dieſe Felſen dazumal als Schlupfwinkel be⸗ nützte. Der fürchterliche Mann war der Räuber Hopp, und ich mußte ihm dienen, ihm folgen, ſeine Beſchwerden und Gelage theilen, und nach und nach gewann ich ſo viel Freude an dem unfläten, waglichen Leben, daß ich ſeinen beſten Schüler abgab. Seither treibe ich das Handwerk, habe vielen ärgern Dieben, als ich bin, ihren Lohn gege⸗ ben, manchem Armen und Unſchuldigen beigeſtanden und geholfen, und verſehe mich auch zu deren Fürbitte, wenn ich einmal aus der Welt in das Fegefeuer gehe. Da haſt Du nun die Erklärung, warum mir die Thränen in die Augen kamen, als wir dieſe Höhle betraten.“ Der Alte bejahte ſtumm, und auch ſeine Wimper wurde naß, als er ſprach:„Wohl mögen wir weinen, ſo wir in unſerm ſpäten Alter die Stätte wiederfinden, wo wir in Jugendkraft geſtanden. Jch war nicht minder ein fleißi⸗ ger Gaſt dieſes Felſenſchlundes, als noch meine Haare braun, meine Glieder gelenk waren. Oft kam ich von 110 meinem väterlichen Haus her über Berg und Haide, und träumte auf dieſer Stelle von wunderbaren Sagen und zauberhaften Dingen, vom Lauf der Sterne und von den Geſpenſtern, die, ſo gut als böſe, den Wald bevölkern, in den Fluthen ſchwimmen, und im Bauch der Erde ſitzen, heidniſche Schätze zu hüten. Ich habe mich oft hier ge⸗ fürchtet in ſchauerlichen Ahnungen, und begehrt, das Siegel der Geheimniſſe zu löſen, den Ring des Salomo zu brechen, wie es den Herren auf Valdeck und Wittlingen gelungen war. Ach, dieſe ſind arge Zauberer geweſen, und wenn ſchon ihre Burgen in Forſt und Gebirg verſteckt lagen, ſo reckten ſie doch ihren Zouberſtab über's Land, und niemand mochte ihnen widerſtehen. Ich habe vielmals mit meinen Ohren gebört, wenn ich in dieſen Felſen zur Nachtzeit lag, wie die beiden Teufelsbanner aus ihren Schlöſſern auf⸗ rauſchten, wie flammende Strohbrände, und hoch über den Waldgipfeln zuſammenſtießen, und jauchzend nach dem Heuberge abflogen, wo der hölliſche Sabbath gehalten würde Wildherr bemerkte nur zu denutlich, daß die Einbildungs⸗ kraft des Alten wieder über die Schranken hinausſetzte, und ſchnitt ihm daher die weitere Rede mit der Frage ab:„Wie ich höre, biſt Du aus dieſem Lande gebürtig? Nicht weit von hier ſtünde Deine Heimath?“—„Du ſagſt es,“ er⸗ wiederte der Greis nach kurzem Beſinnen:„unfern ſteht meines Vaters Wohnung, und dieſes Land iſt meine Hei⸗ math, obgleich meine Sprache ſchier nicht mehr klingt, wie die meiner Landsleute; aber ich bin weit umher geweſen, habe aller Herren Unterthanen geſehen, bin ein halbher Sarazene geworden, zugleich ein Schüler der Geſtirne,.. alles dieſes, um wieder daheim, ein eisgrauer Mann, bet⸗ teln zu gehen, und von eines Räubers Barmherzigkeit mein täglich Brod zu gewinnen.“—„Fandeſt Du keinen Ver⸗ —— 111 wandten mehr bei Deiner Rückkehr? iſt Deine Sippſchaft ausgeſtorben 4“— Der Greis brach in Thränen aus, und ſchluchzte mit kindiſcher Wehmuth:„Ich will Dir's ge⸗ ſtehen, denn auch Du biſt ein alter Mann, und hoffeſt viel⸗ leicht auf eines Kindes Dankbarkeit. Laß ſie fahren, dieſe Hoffnung. Was uns der Herr an Gütern und Zufrieden⸗ heit geſchenkt, zerſplittert die Bösartigkeit des Weibes, rauben uns die habſüchtigen Söhne. Auch ich habe Söhne, und ſie leben, haben ſich in mein Gut getheilt, ſind ſelber wieder Väter geworden, und ich habe vor der Thüre mei⸗ nes Aelteſten gebettelt, vor der Thüre meines eigenen Hau⸗ ſes, und ſeine Diener haben ihre Hunde auf mich gehetzt, und, wüthender als der Türk es thut, mir zugeſchrieen, ich ſey ein Dieb, aber nicht der aus den Ketten heimkehrende Vater, und mir gehöre der Galgen, aber nicht das Brod der Gnade.“— Wildherr ſtarrte erſchüttert vor ſich yin, der Greis erholte ſich nach und nach wieder von ſeinem Schmerz, und plauderte kindiſch weiter:„Ich ſchämte mich und entfloh; ich war ja des Bettlerlebens ſchon lange ge⸗ wohnt, denn auf meinen weiten Reiſen wollte keine Seele mich um meiner Kunſt willen pflegen, und die Menſchen ernährten mich nur aus Mitleid. Da kam ich in's Kloſter, und ſah im Geiſte den Schatz, und wenn ich jenen Schatz zu heben vermöchte.—„Würdeſt Du damit die Lei⸗ den Deines langen Lebens abkaufen können?“—„Nein, aber ein Spittel würde ich bauen für verhungernde, miß⸗ bandelte Väter, und daneben einen Zwinger für ſchlechte Eheweiber.“—„Ei, Du möchteſt einem das Freien in Ewigkeit verleiden.“—„ Wohl Dir, daß Du längſt über die Jahre hinaus biſt. Dem Eheteufel entgingſt Du, ob auch gleich Dein ganzes Leben verloren wäre.“—„Dieſe Sorge kümmert mich nicht. Ich mußte ſpielen, wie die Würfel gerade fielen, hatte nichts gelernt, hatte nichts zu 112 hoffen. Seit ein Paar Tagen bin ich gänzlich von dieſer Welt losgeſchnitten, und meines Leben Reſt ſey beſtimmt, meine Rechnung mit den Elenden zu tilgen, die ſich Edel⸗ leute nennen. Einer derſelben trat alles mit Füßen, was mich noch an das Leben ehrlicher Leute knüpfte, und ſein ganzes Gelichter weit und breit im Reiche mag ſeine Schuld büßen, ſo wahr ich der Wildherr bin.“—„Kennſt Du den Frevler?“—„Ob ich ihn kenne? Potz rother Blunder, er ſoll den Reigen eröffnen.“ Scheibenhart ſah verſtohlen in die Höhe und winkte dem Wildherrn. Hinter ihm, halb vom Geſträuche verdeckt, ſtand ein Mann mit kecken Angen und geſpannten Zügen: der Schildbauer von Böhringen, ein alter Vertrauter, Hehler und Helfer des Wildherrn und ſeiner Schaar. „Endlich eine Kunde,“ ſagte der Hauptmann lebhaft und ging hinaus, heimlich mit dem Jörg zu reden. Märten und Lamparter gewahrten, was vorging, und ihr bös Ge⸗ wiſſen ſchlug ſie mit Fäuſten. Aengſtlich, ob nicht ihr Bu⸗ benſtücklein verrathen wäre, hefteten ſie die Blicke auf die Sprechenden, und ihnen entging, daß Scheibenhart mit Luchsaugen ſie betrachtete, und zu Walzfrieder murmelte: „Die Geſellen ſind mir verdächtig, wir wollen wie der Teufel auf ihren Ferſen ſitzen.“ Indeſſen kehrte Wildherr zurück, ſein Geſicht ſtrahlte, und er ſagte zu Scheibenhart:„Die Gelegenheit iſt da; zwar entgeht uns für heute der leckerſte Braten, aber es iſt für ein andermal. Der Hund ſoll nach und nach zu Grunde gehen, erſt verzweifeln, und ſpäter an unſerm Dolche ver⸗ bluten.“ Hierauf wendete er ſich zu dem Zeichendeuter mit den Worten:„Sag' an, Prophet, iſt der Tag glücklich für eine kühne That?“—„Heute iſt ein ſehr günſtiger Tag,“ antwortete der Greis mit zuverſichtlicher Wichtigkeit: „gut zum Aderlaſſen, gut zum Bartſcheeren, gut zu jeg⸗ 113 lichem Geſchäfte, eine Hochzeit ausgenommen.“—„Weg mit der Hochzeit! Aderlaſſen und Wunden brennen, das wollen wir. Macht Euch fertig, Geſellen, die Fahrt iſt zwar nicht weit, aber wir müſſen vorſichtig gehen, und der Alte kommt nicht ſchnell fort. Scheibenhart, Du wackerer Knabe, Lamparter und Jörg, geht voraus, daß wir Euch folgen.“— Scheibenhart ſchloß ſich vergnügt an Lampar⸗ ter, deſſen Arm er feſt an ſich drückte, wie den eines Ge⸗ fangenen, und mit Wuth im Herzen ſah der Verräther, wie heute ſein Schelmenſtreich mißglückte. Walzfrieder, mit Scheibenhart einverſtanden, rückte an die Seite des ent⸗ mutbigten Märten, und langſam ſchob ſich der Zug vor in der Richtung gen Böhringen, aber auf weiten Umkreiſen, damit kein Bauer, kein Wanderer die ſchleichenden Geſellen gewahtre. Nach langem Raſten, nach vielem Zögern, zur Stunde der Dämmerung, lauſchten die Räuber aus dem Forſie hervor, in das Thunthal, in die Schlucht, hinten an dem Lenningerthale. Unter ihren Füßen, auf ſteilem Bergvor⸗ ſprung lag ein Schloß mit hochgeſtrecktem Thurme, erleuch⸗ teten Fenſtern, und aus ſeinem Hofe ſchallte der Fiedel lu⸗ ſtiges Schnarren, und Jauchzen von tanzenden Leuten. „Die Mäuſe machen ſich luſtig, ſo die Katze nicht zu Hauſe iſt,“ flüſterte der Schildbauer höhniſch, indem er hinab deutete, und Scheibenhart ſetzte hinzu:„Tanzt, hung⸗ rige Ratzen, wir bringen euch den Johannisſegen!“ Der Hauptmann ordnete ſeine Leute, befahl ihnen, zu dem an⸗ führenden Schildbauer zu halten, an das Schloß zu laufen, und friſch Graben und Thor anzufallen, damit der Schrecken über die Tänzer käme. Er ſelbſt wolle mit Märten und Hünerkogel den Rücken decken. Die Vorhut glitt die Höhe hinab, aber der Zeichendeuter faßte ängſtlich des Wildherrn Mantel, und fragte mit zitternder Stimme:„Ach, Herr, Nonne von Gnadenzell. I. 8 112 was willſt Du mit jenem Hauſe? ich kenne das Haus.“— „Das iſt die Sperberseck,“ antwortete der Wildherr fürch⸗ terlich,„und brennen muß ſie, daß das Morgenroth in ihre Flammen ſcheint.“—„Jeſus! warum Brand und Feuer in jenes Dach?“—„Was kümmert's Dich? dort wohnt der Schurke, der mich um meine einzige Freude be⸗ trogen!“—„Alle Heiligen ſtehen mir bei!“ jammerte der Greis, ohnmächtig niederſinkend:„das war meines Vaters, das war mein eignes Schloß, das iſt das Eigenthum meines grauſamen Sohnes!“— Wildherr ſtutzte, aber mit neuem Aufſchwunge rief er, die Arme über den Hingeſunkenen er⸗ hebend:„Deſto beſſer, Gottes Finger! unſere Fackeln be⸗ ſtrafen heute ein doppeltes Verbrechen, und doppelt ſoll er gerächt werden, der unglückſelige Vater!“ Den ohnmächtigen Alten Nickels Obbut überlaſſend, ſtürmte der Wildherr an das Schloß, über deſſen Brücke, zu deſſen ſchwach verſchloſſenem Thor die Vorderſten bereits gekommen waren. Der Schildbauer zog beſcheidentlich den Pfortenring, und Ruprechts Stimme fragte lallend aus dem Hofe:„Was gibt's denn noch? wer iſt draußen 2—„Ich bin's, Hausmeiſter, ich, der Jörg von Böhringen, und bringe den ſchuldigen Zins.“—„Geh zum Teufel, die Friſt iſt um. Ich will jetzt Deinen Zins nicht mehr, und jage Dich morgen vom Hof.“—„Ei, Herr, noch hat die Abendglocke nicht geläutet; öffnet, oder ich lege den Zins beim Vogt unſers Grafen nieder.“—„Verdammte Nacht⸗ eule! warte, ich will Dir den Vogt eintränken.“ Die Riegel raſſelten, das Thor ging zur Hälfte auf, der Hausmeiſter erſchien, ſchlug den Bauer auf die Wange, ſprechend:„Das war für den Vogt. Wo iſt aber Dein Zins, Du Prahl⸗ hans?“—„Nimm hin, und friß Dich daran ſatt in Ewig⸗ keit!“ prüllte der Schildbauer und ſtieß dem Ruprecht ſein Meſſer in die Schulter. Der unbeholfene, trunkene Mann 115 ſchlug ſchwer zu Boden; über ſeinen Leib drangen die Räu⸗ ber in das Schloß, unter das tanzende Geſinde, hieben und ſtachen um ſich her wie Raſende, und nach allen Seiten entſprangen die Bewohner des dem Verderben geweihten Hauſes, um entweder in die tiefen Gräben zu flürzen, oder unter die Streiche der Mordknechte zu gerathen. Rach kurzem Gemetzel verſtummte das Geſchrei, nur ſchwach ver⸗ nahm man das Heulen der Burgfrau und ihrer Kinder, die ſich in den Thurm geflüchtet und die hölzerne Treppe des⸗ ſelben ausgehenkt hatten. Die Räuber polterten aber auf und nieder in dem Hauſe, in den Speichern, und da der alte Herr von Sperberseck in Nickels Armen erwachte, glaubte er die Nacht verſchlafen und die Morgenröthe vor Augen zu haben. Aber verzweifelnd zerraufte er ſich das Haar, die Täuſchung inne werdend: er ſchaute hernieder in den Brand ſeines alten Stammſchloſſes. Achtes Kapitel. Die Moͤnche ſeynd dem Spiel erheben, Wo der Probſt ſelber die Wuͤrfel thut drehen, Die Frauen zumal ſeynd waglich im Spiel, Setzen Alles, ofte gewinnen viel, Doch ſey, o Chriſt, nicht ohn' Bericht: Der Krug geht zum Brunnen, bis er bricht, Die Hexen holen auf ihrer Gabel So Muͤnzelbret als Schachzabel. Faſtnachtsſpiel. Die Nonne ſtand vor der Klauſur der Büßerin De⸗ muth, klopfte mit zartem Finger an das Fenſter, und ſagte, als die Bewohnerin der Klauſe hervorſah:„Ich bringe Euch das Morgeneſſen; müßt es heute ſchon eine Stunde früher annehmen, weil ich ſpäter verhindert bin, und doch nicht gern die Pflicht verſäumt hätte!“—„Euer Antli thut mir immer wohl,“ verſetzte Frau Demuth mit gerühr⸗ ter Stimme,„und ich werde Euch von Tag zu Tag mehr Dank ſchuldig für die Mühe, ſo Ihr Euch um ein altes Weib gebt, das in der Welt zu nichts mehr nütze iſt.“— „Redet nicht von Dank; begehrt Ihr jedoch etwas für mich zu'thun, ſo betet heute einen Roſenkranz um meinetwillen. Ich hab's nöthig, ſintemal ich mein Gelübde ablege.“ „Wie? Ihr thut Profeß? ei, das kam geſchwinde.“— 117 Freilich, Mutter Demuth; mir jedoch ſehr erwünſcht. Der hochwürdige Biſchof von Tripolis, auf der Fahrt in's Hei⸗ denland begriffen, wird dieſen Morgen hier einſprechen, mein Gelübde empfangen und mich einſegnen, wozu er be⸗ vollmächtigt iſt, wie die ehrwürdige Frau Mutter ſagt.“— „Herzliebe Geißlin, wie beneide ich Euer Glück, ob es ſchon etwa beſſer, wenn Ihr in eine andere Gemeinde getreten wäret. Es mag öfters hier nicht alles ſeyn, wie es ſoll.“ —„Wir ſind allzumal ſündliche Menſchen; wer aufrecht ſteht, ſehe zu, daß er nicht falle. Betet für mich, Frau De⸗ muth.“—„Mehr noch als das, liebſtes Kind. Euch zu Ehren will ich heut noch einmal meine Klauſe verlaſſeu, die Kirche beſuchen, und die Meſſe mithalten, ob ich ſchon deſſen nicht würdig bin. Sendet mir die Crescenz, daß ſie mich führe, wenn es Zeit iſt. Ich will mir einen Freuden⸗ tag bereiten. Da Ihr ein wahrer Engel der Reinheit und des Troſtes ſeyd, ein Engel, der mein verſteinertes Herz wieder ſchlagen machte, ſo will ich gegenwärtig ſeyn, wann Ihr dem Himmel Euch ganz und gar verlobt.“—„Ich danke Euch, Frau Demuth. Gedenket meiner an der Mut⸗ ter Statt, meine Mutter iſt ja ſo fern. Gott ſegne und vergelte Euch dieſen Gang.“ Giſela begab ſich hinweg, und ſchritt mit geſenktem Haupte wieder nach ihrer Zelle, um daſelbſt das Glocken⸗ zeichen und den Ruf der Priorin zu erwarten. Die Laien⸗ ſchweſter Crescenz begegnete ihr, küßte weinend ihre Rechte, und ſchluchzte:„Ihr werdet ſeyn ein Stern des Heils, das Lamm, ſo für uns und unſere Sünden im Himmel bittet. Wäret Ihr doch zugleich die Hirtin und führtet den ſanften Stab, damit wir geneſen möchten!“—„O ſchweige doch,“ entgegnete Giſela milde:„jetzt verſündigſt Du Dich, weil Du Hoffart in meine Seele pflanzen willſt. Ich habe einen ſchwereu Kampf mit meiner Eitelkeit geſtritten; gönne 118 mir des Sieges Ruhe.“ Sofort ſchickte ſie die Laienſchwe⸗ ſter zu der Klausnerin Demuth, und wandelte von dannen bis an die einſame Stiege, wo ihr die blaſſe Agnes in den Weg trat. Mit leidenſchaftlicher Bewegung redete dieſe zu ihr:„Gehſt Du, Braut des Himmels, Dich zu ſchmücken? Laſſe dieſes, löſche aus die Kerze, wirf hinweg den Kranz⸗ Du betrügft Dich, tauſcheſt eine Hölle ein für Deiner Seele Frieden.“— Giſela betrachtete mit ſtrengem Blicke die bleiche Nonne, und entgegnete:„Ich weiß nicht, wovon Ihr redet, Koſterjungfrau, begehre auch nicht, es zu erfah⸗ ren, bitte Euch nur, mich meine Straße ziehen zu laſſen, wie ich die Eurige nicht verſperre.“—„Du biſt grauſam in Deinem Selbfigefühl!“ rief Agnes heftiger:„ſieh dieſe Wange, ſie blühte einſt gleich der Deinigen; ſieh dieſe wränenden Augen, die einſtens nur Freudenzähren kannten; ich wurde betrogen, doppelt betrügen ſie Dich.“—„Laßt mich, ſage ich Euch. Habt Ihr durch Frevel oder Leichtſinn Euern Frieden weggeworfen, warum ſoll mir ein Gleiches geſchehen?“—„Wirf nicht den erſten Stein auf mich; ſey barmherziger als die andern, denn Du ſprichſt zu einer Todten. Lebe wohl, beklage mich, daß ich nicht reden darf⸗ Der heutige Tag entſcheidet unſer beider Loos. Glücklich für mich, unglücklich wird er für Dich ſeyn. Im Paradieſe ſehen wir uns wieder!“ Heftig riß ſich Agnes von der Stelle los und floh davon. Giſela wickelte ſich tiefer in ihr Gewand, in ſich hineinflüſternd:„Gott ſchenke dieſer betrübten zermarterten Seele den Frieden!“— Vor der Thüre ihrer Zelle ſaß aber wieder ein betrübter zermarter⸗ ter Menſch, der arme Poppele mit wirr herabhängenden Haaren, dahinter glänzte feucht und bekümmert ſein Auge, und mit zerſchneidendem Tone rief er zu Giſela empor: „Du willſt mich heut auch verlaſſen, um in den Himmel zu gehen? was ſoll aus dem armen Poppele werden, wenn 5 118 Du eine Schweſter der geſchorenen Weiber biſt? ſie wol⸗ len Dir nicht allein die Locken Deines Hauptes nehmen, ſondern auch das Herz aus der Bruſt, und mit dem Her⸗ zen das Mitleid, daß ich, der geſchlagene Knecht, zu Grunde gehe.“—„Stehe auf,“ ſprach Giſela gütig,„und ſage mir, was Du mit Deinem räthſelhaſten Spruche willſt.“ Poppele ſirich ſeine Haare zurück, und fuhr fort:„ch träumte ſüß, träumte von einem Engelein, das mich pflegte wie einen Bruder, mir wohl that, da die andern mich ſchlugen, mich ſpeiste, da die andern mich hungern ließen, das alles iſt vorbei, und ich werde abermals auf dem Grabe meiner Vorfahren ſitzen, ein Genoſſe trügeriſcher Geſpenſter, ein verſpotteter Thor, ohne Gemeinſchaft mit den Heiligen und ihren Engeln!““—„Mit nichten, armer Menſch; Deine Leiden werden mir fiets am Herzen liegen, aber es iſt wohlgthan, wenn eine Schranke zwiſchen uns errichtet wird. Du weicheſt kaum von meinen Ferſen, ſo ich die Zelle verlaſſe, Du fliehſt Dein Lager, um auf mei⸗ ner harten Schwelle zu ſchlummern, Du trotzeſt jeder Strafe, um Dich an mich zu ketten, das darf nicht alſo bleiben. Was thue ich für Dich, daß Du mich ſo abgöttiſch ver⸗ ehrſt?“—„Was Du thuſt? Du machſt mich glücklich. Dein Auge iſt mein Himmel, Deine Rede mein Balſam.“ —„Ich verbiete Dir, Dich mir aufzudrängen. Ich zürne Dir nicht, denn heut iſt ja mein Verſöhnungstag, aber ge⸗ horche mir auch. Wenn ich der hochwürdigen Frau Priorin entdeckte„ Poppele zog ſich furchtſam zurück, legte beide Hände auf den Mund, bückte ſich tief zur Erde. Giſela fühlte ſich von der Angſt des armen Jungen bekümmert, und verſchloß ſich in ihrer Zelle. Laute Stimmen aus der Küche riefen nach dem faulen Knechte, und er ſprang eilends hinab, wenn er ſchon lieber zur Kirche gelaufen wäre, wo in aller 120 Stille und Heimlichkeit die feierliche Handlung des Tages vorbereitet wurde. Die Chorregentin, das Amt einer Meßnerin verwal⸗ tend, Renate und Medora, alle drei mit verſchmitzten Mie⸗ nen, putzten den Altar, ſchmückten den Betſchemel der No⸗ vizin. Alles geſchah im tiefſten Schweigen und Geheimniß; niemand ſollte wiſſen, was ſich heute in der Kirche begab, und das Geheimniß zu bewahren fiel um ſo leichter, als die Landleute der Umgegend ſchier die Kloſterkirche verlaſſen hatten, und wann ſie ſich bewogen fühlten, in dem abge⸗ ſchiedenen Bergthal ihre Andacht zu verrichten, der Kapelle des heiligen Pankratius zuliefen, welche halb verfallen am Wege gen Kolſtetten lag, jedoch als die Pfarrkirche des ausgerotteten Fleckens Offenhauſen im Geruch beſonderer Heiligkeit war.— Während die Nonnen in der Marien⸗ kirche leiſe handthierten, ging vor der Pforte, längs der Friedhofmauer, der Vicarius Belzer, angethan mit Rochet und Stola, auf und nieder, im heimlichen Geſpräche mit dem Pfarrherrn von Gomadingen. Der letztere führte ſein Rößlein am Zügel, worauf er gen Tübingen zu reiten ge⸗ dachte, und ſagte mit freundſchaftlichem Scherze zu dem Vicar:„Es begeben ſich wahrlich Zeichen und Wunder, liebſter Bruder, weil Ihr beginnt, mit Gewiſſenszweifeln zu fechten.“—„Potz Jeruſalem!“ antwortete Belzer miß⸗ muthig,„ich füble mich ſchier umgewendet wie ein Hand⸗ ſchuh, und mir kömmt nach gerade vor, als wäre hier das Reich der Freiheit bald zu Ende. Der Graf ſcherzt nicht, und die Weiber treiben's dann und wann zu arg. Wie ich vorhin geſagt, liebſter Bruder, ſo haben ſie wieder ein Schwänklein für, wobei ich die Augen zudrücken muß, wenn ich ſchon nicht gänzlich die Hände dazu biete. Sagt mir, lieber erfahrner Bruder im Herrn, wie ich mit meinem Ge⸗ wiſſen in's Reine komme.“—„Berichtet mir zuerſt, ob 121 ſothaner Schwank zu des Kloſters Frommen und des Con⸗ vents Nutzen gereichen wird?“—„Hm, ja, ſie denken's.“ —„So beruhigt Euch; den Laien Aergerniß geben, iſt ein Fehl, das Aergerniß geſchickt verkleiden, ein Verdienſt. So Ihr einſt zu beichten begehrt, kommt zu mir und getröſtet Euch der Abſolution. Wollt Ihr jedoch im voraus durch ein gutes Werk Euere Skrupel beſchwichtigen, ſo erinnert Euch an unſers Herrn Worte:„Vergebet, daß Euch ver⸗ geben werde,“ das heißt:„abſolvirt irgend einen recht ſchweren Sünder mit chriſtlicher Barmherzigkeit, und hoffet alsdann das Beſte.“ Nach dieſer Rede ſchüttelte der Pfarr⸗ berr die Hand des getröſteten Belzer, ſtieg auf den Eckſtein der Kirchhofmauer, von dannen auf den Gaul, und ritt über das Brücklein in's Weite. Inveſſen kam vom Ster⸗ nenberg hernieder ein alter Mann von abſonderlichem Aus⸗ ſehen, betrachtete ſcharf ringsum die Gegend, ſchritt in den Gottesacker, kniete eine Weile vor dem Kreuze, lief dann hervor an die Pforte des Gotteshauſes, kniete abermals vor dem Bilde der Jungfrau, ſtill und eifrig betend, auch die Bruſt mit tiefer Andacht ſchlagend, und ſagte kurz und ge⸗ bieteriſch, nachdem er ſich erhoben, zu dem Vicar, der ihn verwundert beobachtete:„Friſch, ehrwürdiger Herr, es be⸗ liebe Euch, meine Beichte zu hören. Mein Gewiſſen drückt mich ſchon lange, und ich habe mich hieher verlobt.“— Der Vicar, beſtürzt ob dem wilden Ausſehen des bocksbär⸗ tigen Alten, ſuchte erſtlich eine Ausflucht, vertröſtete dann auf den Abend, auf einen andern Tag. Der Fremdling wollte jedoch davon nichts wiſſen, und verſetzte drohend: „Meine Zeit iſt gemeſſen, ehrwürdiger Herx, ich kann nicht ſäumen, habe einen weiten Weg gemacht. Ihr ſeyd bei der Hand, das Gotteshaus iſt leer, mein Herz iſt bußfertig, und ich ſehne mich nach erquickendem Troſte. Geht voran, ich folge.“— Noch immer zögerte der Vicar, und redete 122 von einer heiligen Handlung, welche bald anheben, wobet kein Zeuge verweilen ſollte. Der Fremdling zog darauf ein furchtbares Geſicht, und polterte mit rauher Stimme: „Darum eben ſputet Euch. Potz rother Blunder, es iſt nicht meine Sache, langes Werch vom Rocken zu ſpinnen, ich ſcheere meine Haare kurz, halte nicht viel auf eiteln Umſchweif. Ehe die Glocke ſchlägt, ſollt Ihr alles wiſſen, was mich drückt, und beim Blitz genug daran haben.“— Solchem Zureden war nicht zu widerſtehen. Belzer ging voran, erfüllt von bangem Grauen, ſetzte ſich in den en⸗ gen Beichtſtuhl im finſterſten Winkel der Kirche, reckte ſein Ohr hin, wo der alte Sünder knieete, und hörte, und horchte und lauſchte, bis ihm ſchier Hören und Sehen ver⸗ ging ob der gräßlichen Bekenntniſſe, die ſein Beichtſohn in ſeinen Schooß niederlegte. Er haſpelte ohne allen Verzug eine Litanei grober Verbrechen, entſetzlicher Miſſethaten ab, daß des Beichtigers Blut erſtarrte. Raub, Mord und Brand, Gewaltthätigkeiten aller Art folgten einander auf der Ferſe, bald dargeſtellt mit dem Ausdruck tiefſſter Zer⸗ knirſchung, bald erzählt, als ſeyen ſie nur Kinderſpiel. Nach und nach ſtieg in dem Prieſter eine ſchwere Ahnung auf, und als der Beichtſohn das lange Regiſter ſeiner Greuel mit der Erzählung beſchloß, wie er vor Kurzem erſt die Burg eines Edelmanns angezündet, die Schuld vom Tode mehrerer Knechte deſſelben geweſen, und ſchier ſogar des Edelmanns unſchuldiges Weib und ſeine Kinder den Flammen geopfert, brach der Vicar, der allerdings von dem Brande der Sperberseck gehört, in die Worte aus: „Ihr ſeyd entweder der leibhafte Teufel ſelbſt, oder wenig⸗ ſtens ſein getreueſter Knecht, der Wildherr!“—„Der bin ich, ehrwürdiger Herr,“ antwortete der Räuber mit dumpfem Ton:„der ſündigſte aller Menſchen, obendrein der unglück⸗ lichſte, ſo Ihr mir die Losſprechung verſagt. Verdammt 123 mich zu jedweder Buße, aber hebt die Laſt von meinem Gewiſſen weg. Gott und der Pabſt haben Euch eingeſetzt, zu löſen und zu verzeihen. Vergebet, daß Euch vergeben werde.“ Mit dieſen Worten ſtand wieder die ganze Unterredung mit dem Pfarrherrn von Gomadingen vor Belzers Gedächt⸗ niß, und er ſagte zu ſich ſelber:„Wahrlich, dieſen Sünder hat mir Gott geſchickt, mein eigen Gewiſſen zu erleichtern,“ gab dem Bußfertigen eine Unzahl von Gebeten auf, des⸗ gleichen ſtrenge Faſten und Kirchenbuße durch lange Zeit, und erſt nach Verrichtung ſolcher Andachtsübungen, nach der Spendung vorgeſchriebener Opfer und Almoſen ſollte dem reuigen Uebelthäter erlaubt ſeyn, dem Tiſche des Herrn zu nahen. Nachdem ſich der Wildherr dieſen mancherlei Strafen unterzogen, ſprach der Viear die Abſolution aus, ermahnte den Beichtſohn, unverweilt die heilige Stätte zu verlaſſen, damit er nicht ſtöre, und entfernte ſich ſelber voll Entſetzen in die Sakriſtei. Wildherr ſagte voll Freude und Inbrunſt ein Gebet her, und wollte der Ermahnung des Prieſters Folge leiſten, als ein plötzliches Geräuſch vor der Kirchenthüre ihn, der Verrath fürchtete, in den Beichtſtuhl zurückſchreckte. Einige Kloſterfrauen traten mit allen Zeichen der Beſtürzung in das Gotteshaus, die Hände ringend, leiſe und ängßilich mit einander redend; ihnen folgte bald die Oberin, beſon⸗ nener, gefaßter, und ſuchte die furchtſamen Weiber zu be⸗ ruhigen, zu ermuntern.„Was iſt?“ fragte ſie hart: „warum die Bläſſe, warum dieſer Schrecken? Die elende Thörin wollte durch ihren letzten Schritt dem Kloſter einen Schandfleck anheften. Laßt uns klug ſeyn, che das Unglück ruchbar wird. Wollen wir ſelbſt die Waffen zu unſerm Verderben ſchmieden? Friſch, bereitet die Bahre, ſchafft die Unſelige herein. Das Volk ſoll nur erfahren, was wir 124 für gut finden. Eilt, ehe die Meſſe beginnt. Unſere neue Schweſter darf nicht ahnen, was ſich zugetragen; wir hät⸗ ten Zeit und Mühe verloren.“ Den Befehlen der Priorin gehorſam, liefen einige Schweſtern hin, und hoben die Bahre, die unfern des Beicht⸗ ſtuhls im Dunkeln hing, aus ihren Haken, ſtellten ſie tief unter das Gebälk des Nonnenchors, und gingen ſodann den andern entgegen, die geſchäftig und haſtig zu der Hinter⸗ pforte wieder herein drangen. Sie trugen in einem großen Leintuche, tief zur Erde hängend, einen Körper, ſtarr und regungslos, die Leiche einer Nonne. Ihnen folgten die Laienſchweſtern und trugen den Sarg, den eine jede der Kloſterfrauen in ihrer Zelle bewahrte. Ohne viele Um⸗ ſtände wurde die Todte in den Sarg gelegt, der blutige Hals derſelben mit einem reinen Schleier zugedeckt, das Tuch um die ganze Geſtalt geſchlagen, der Sarg aufge⸗ bahrt, eine weite ſchwarze Decke darüber geworfen. Noch einmal empfahl die Priorin den bleich und zitternd umher⸗ ſtehenden Weibern gehorſames Schweigen oder blindes Ver⸗ harren bei der Ausſage, daß Schweſter Agnes plötzlich in ihrer Zelle von der Hand Gottes getroffen worden ſey; des Kloſters Ehre ſey auf ewig dahin, wenn es offenbar würde, daß die Verſtorbene eine Selbſtmörderin geweſen. Die Stunde ſey ferner vorhanden, da der neuen Schweſter Einkleidung vor ſich gehen werde, und weder kindiſche Angſt noch vorlaute Unziemlichkeit müſſe die Handlung ſtören.— So entfernten ſich alle, indem ſie die Thüren nach außen ſorgfältig verriegelt, und keine ahnte das mindeſte von dem ungebetenen Zeugen des Vorfalles. Wildherr konnte ſich aber nicht enthalten, an den Sarg Agneſens zu treten, die Züge der Erblaßten zu betrachten, und er murmelte vor ſich hin:„Was iſt denn grauſamer, als der Menſchen Verhängniß? ich komme, ein Bote zu ſeyn des Troſtes für 125 dieſes arme Weib, ihm zu ſagen, daß ſein Buhle noch lebt, daß er ſeines Ltebs mit friſchen Sinnen gedenkt, und zur ſelben Stunde gibt die Unglückliche alles verloren, und reißt gewaltſam den Faden ihres Lebens entzwei!“ Kaum hatte er wieder die Decke über das Geſicht der Leiche niedergelaſſen, als abermals einige Nonnen durch die Kirche eilten, dreimal hart an die Thüre geklopft wurde, und der Vicar aus der Saeriſtei ſchritt, gefolgt von einem Meßdiener, der den Weihwedel trug. Mutter Barbara ſperrte mit einiger Förmlichkeit die Thuͤre auf, ſchlug einen Flügel derſelben zurück, und demüthig, den Schleier über das Geſicht gezogen, eine geſenkte ausgelöſchte Kerze in der Hand, zeigte ſich auf der Schwelle eine Nonne, von ihren Schweſtern mit unzweideutigen Zeichen der Theilnahme empfangen, und angeredet von dem Vicar:„Wer ſeyd Ihr?“— Die Nonne antwortete mit erloſchener Stimme: „Die Unwürdigſte der Kloſterfrauen.“—„Was wollt Ihr, Mutter Hailwig?“—„Meine Schuld bekennen und ab⸗ büßen.“—„Der Herr iſt allbarmherzig; iſt der Teufel der Sünde von Euch gewichen?“—„Ja.“—„Tretet Ihr wieder in den Schooß der Gemeinde?“—„Ja.“—„Neh⸗ men Euch die Schweſtern wieder auf?“—„um zu ver⸗ geben und zu vergeſſen,“ antworteten die Uebrigen Non⸗ nen.—„Was bringt Ihr als ein Gewähr der Buße?“ — Die Nonne verſetzte ſchluchzend:„Mein Herz für den Erlöſer, ein Opfer für die Armuth.“— Nun ſprach der Vicar eine Entſündigungsformel über die Kloſterfran, be⸗ ſprengte ihren Schleier mit Weihwaſſer, und empfing aus ibrer Hand auf eine Patene einige Silberſtücke, als das verheißene Almoſen. Hiemit war dieſer Akt vollendet, der Meßknabe zündete Hailwigs Kerze an, die Kloſterfrauen führten die wiederkehrende Schweſter feierlich in den Chor hinauf, und Barbara ſchloß ſorgfältig die Kirche. Halb⸗ 126 laut ſagte die Chorregentin zu dem Prieſter:„Das arme Geſchöpf iſt ſehr angegriffen, aber der Bube, heißt es, ſey des Vaters Ebenbild.“ Belzer legte lächelnd den Finger auf den Mund, und der Meßdiener kam, Barbara anzu⸗ ſagen, daß ſie die Glocke ziehen müſſe. Während er die Kerzen am Altar anzündete, und nach dem Weihrauchfaſſe ſah, ſprach Belzer mit Unmuth zu der Nonne, auf Agne⸗ ſens Bahre zeigend:„Potz Jeruſalem, ſo gern ich einen Schwank mitmache und eine Mummerei, ſo verleivet mir's voch in der Nähe eines ſo betrübten Leichnams, und die fromme Geißelin verdient nicht, daß wir arge Kurzweil mit ihr treiben, denn ſie iſt heiliger als wir alle mit Haut und Haar.“—„Was geht das uns an?“ fragte Barbara entgegen,„wir thun, was uns befohlen wird, und die Richardis mag's verantworten.“ Somit zog ſie die Glocke, einmal, zweimal, und zum drittenmale, nur als Zeichen, nicht als Geläute, und auf dem vergitterten Chore erſchienen die Kloſterfrauen verein⸗ zelt, und in die Kirche kam wankenden Schrittes, von Cres⸗ zens geführt, die alte Frau Demuth, und ſank im vorder⸗ ſten Betſtuhle auf ihre Kniee; bald nach ihr zeigte ſich, von mehreren ſeltſam gekleideten Prieſtern umringt, ein Mann mit langem Bart und goldnem Mantel, dem zur Seite eine Biſchofsmütze und der ſilberne Krummſtab getragen wurden. Die kleine Schaar, theils in Chorhemden, theils in ſchwarzen Röcken, ſtellte ſich am Hochaltar um den Stuhl des Mannes im glänzenden Pallium. Zuletzt— und hin⸗ ter ihr ſielen wieder die Pforten feſt in's Schloß— er⸗ ſchien Giſela, in der härenen Kutte zwar, aber mit herab⸗ wallendem, roſenbekränztem Haar, geleitet von der Priorin, die eine mit Blumen umwundene Kerze hielt, unterſtützt von zwei Schweſtern, welche den Schleier, das Scapulirr, 127 die Sandalen, Gürtel und Mantel der Himmelsbraut in den Händen trugen. Wildherr, überraſcht von der ſchlanken Geſtalt der No⸗ vizin, noch mehr ergriffen von ihrer Schönheit, da ſie das Geſicht gegen ihre Begleiterinnen kehrte, denſelben für ihren Beiſtand zu danken, verwendete kein Auge von der Hand⸗ lung, welche ihm ungewohnt, ſeltſam und wunderlich er⸗ ſchien. Die Novizin vertiefte ſich im Gebet, der Vicar trat im Meßgewand vor dem Altar, die Orgel klang in zitternden, leiſen Tönen, der Miniſtrant rührte die Glocke, das Rauchfaß vampfte, und die Meſſe begann. Die Ge⸗ wänder der Kloſterjüngerin wurden eingeſegnet, das Meß⸗ opfer ging zu Ende, der Vicar verlas mit lauter Stimme Regel und Satzungen des Ordens.„Habt Ihr mich ver⸗ ſtanden?“ fragte er die Novize. Sie antwortete mit einem kaum vernehmlichen„Ja.“ Frau Demuth ſchluchzte laut, die Nonnen ziſchelten neugierig am Gitter. Da erhob ſich der Biſchof, ſtellte ſich dicht vor die Novizin, und gebot: „Steht auf.“— Es geſchah.—„Was begehrt Ihr?“— „Die Barmherzigkeit Gottes.“—„Die Barmherzigkeit Gottes hat Euer Herz ausgethan, und wird Euch den Pfad zum Himmel zeigen, wenn Ihr das Kreuz des Erlöſers auf Euch zu nehmen und ihm zu folgen bereit ſeyd.“— „Ich bin es.“—„Seyd Ihr entſchloſſen, der Welt abzu⸗ ſagen?“—„Ja.“—„Alle Gelübde treu und redlich zu erfüllen, die von der Regel vorgeſchrieben ſind?“—„Ja.“ —„Seyd Ihr nicht von ſtrengern Gelübden gebunden und gehindert?“—„Auf meine Treuen, nein.“—„Wohlan, im Namen Gottes, ſprecht Euer Gelöbniß.“ Zitternd legte Giſela die Finger auf das dargeſtreckte geweihte Kreuz: Frau Demuth warf voll Rührung ihre ſchwarze Kappe zurück, und rief mit gefalteten Händen: „O Du glücklichſte der Himmelobräute, ſey gebenedeit ſchon 128 hier auf Erden!“— Bei dieſer Unterbrechung hielt Giſela beſchämt inne, die Nonnen kicherten, Belzer runzelte die Stirne, und der Mann im Rauchmantel ſammt ſeinen Genoſſen hatte Mühe, ein lautes Gelächter zurückzuhalten. Indeſſen aber zeterte eine andere Stimme von der Höhe der Kirche herab:„Schwöre nicht, lieb Mütterlein! Thu' mir's nicht zu Leide, Deine Locken ſind ſo ſchön! was thuſt Du unter den geſchorenen Weibern?“ Alle Blicke flogen empor; auf einem vorſpringenden Simſe, zu den Füßen eines Heiligenbildes ſaß Poppele in gefährlicher Schwebung, hereingeſchlüpft durch eines der ſchmalen, offen⸗ ſtehenden Kirchenfenſter. Sein tolles Geſchrei verbreitete allenthalben Unwillen, Spott und Störung. Verwirrtes Getümmel wurde unter den Anweſenden laut, ſie winkten dem blöſinnigen Frevler, ſie riefen ihm zu mit Güte und Dro⸗ hung; er ließ ſich nicht bedeuten, und ſetzte ſeine Klagen, ſeine Warnungen und Bitten immer dringender fort. Frau Demuth war außer ſich wegen dieſes Aergerniſſes, kaum mochte Crescenz ſie beſänftigen. Dagegen kehrte ſich Pop⸗ pele's Zorn auch wieder ſie, und er ſchrie, ſie mit dem Finger bezeichnend:„Thut mir dieſes ſchwarze Weib weg! was will das Geſpenſt am Sonnenlicht? hinweg mit ihr, oder ſie verhext uns alle!“ Die Priorin ſagte inzwiſchen erbost zu der neben ihr ſtehenden Renata:„Wer endigt dieſes Narrenſpiel? wer ſchafft den wüſten Buben hinaus? ſieh, ſieh, wie der Wahnſinn dieſe beiden Creaturen gleich und ähnlich macht! verzerren ſie nicht ihre Geſichter, als ob ſie einander aus den Augen geſchnitten wären?“ Plötzlich erhob ſich neu ermuthigt, ihre ganze Stärke wieder ſammelnd, die ſtolze Giſela, faßte den armen Jun⸗ zen feſt in's Auge, richtete die Hand gebictend auf, und rief laut:„unſeliger, ſtörſt Du alſo meinen Ehrentag? wenn Du getauft biſt, ſo höre mein Wort und meine Bitte: 129 flieh, verberge Dich, in aller Heiligen Namen!“ Einen Augenblick trat Stille ein, dann huſchte Poppele gehorſam auf, und ſchlüpfte wieder durch das Fenſter hinaus. Frau Demuth beruhigte ſich, die übrigen Zeugen fanden mühſam ihre Faſſung wieder, und der Biſchopf ſprach weiter:„Sagt an Euer Gelöbniß.“—„Ich verheiße Gott und der aller⸗ heiligſten Jungfrau Maria, dem ſeligen Dominikus und allen Heiligen, zu leben unter der Regel, die unſerm Orden von dem Statthalter Chriſti gegeben iſt, alle Zeit meines Lebens, in Gehorſam, ohne Eigenthum, in Keuſch⸗ heit und auch unter ver Beſchließung; ſo mir Gott helſe und die heilige Cäcilia, deren Namen ich als meinen Kloſter⸗ namen erwecke, den Segen erwartend und das Paradies.“ Worauf der Biſchof die Gewänder herbei holen ließ, mit den Worten:„Gott ziehe Euch den alten Menſchen aus mit allen ſeinen Werken, und bekleide Euch nach ſeinem Ebenbild mit Gerechtigkeit und Wahrheit.“ Dann reichte er ihr die Sandalen, während unter der Scheere der Priorin Giſela's dunkle Locken fielen, fortfahrend:„Er befeſtige Euern Weg zum Heil, daß Ihr nicht ſtrauchelt, abſagt den geſchehenen Fehltritten und nicht fallet in neue Verſuchung.“— Bei der Darreichung des Gürtels, ſprach er;„Er, der da iſt die Hoffnung der Chriſtenheit lege Euch Hoffnung und Zuverſicht in die Seele, daß Ihr nicht verzweifelt an ſeiner Barmherzigkeit, noch in Euerer Liebe nachlaſſet.“— Da man ihr das Skapulier anlegte: „Unſer Herr gibt Euch das Kleid unbefleckter Keuſchheit;“ da man ihr den Mantel umthat:„Gott der Allmächtige, aller Dinge Ende und Anfang, ſtärke Euch im wahren Glauben und befeſtige Euere Seele, daß ſie einſt leuchtend hervorgehe aus dem ſchwarzen Grabtuche.“— Nun hing ihr die Priorin ſo den weißen als den ſchwarzen Schleier über bei dem Spruche des Biſchofs:„Dieſe Gewänder Nonne von Gnadenzell. II. 9 1360 cyen Euer Sckhild gegen die Verſuchung!“ Schließlich wurde der Reuaufgenommenen eine brennende Wachskerze gereicht, und der Biſchof redete:„Der das Licht der Welt iſt, öffne Euer Herz dem geiſtlichen Lichte der Weisheit, vamit die Straße zum Himmel vor Euerer Seele Angen vell werde, dagegen alles todt ſey, was irdiſch und ſterb⸗ lich.“ Nin wendete ſich der Biſchof gegen den Altar, gleich⸗ ſam im ſtillen Gebet, und der Convent ſtieg vom Chore mit brennenden Kerzen, umkreiste, die Priorin an der Spitze, die neue Schweſter, und begrüßte ſie mit dem Kuſſe des Friedens. Der Vicar trat wieder in ſeinen Dienſt, reichte der bewegten Giſela den Leib des Herrn und ſchloß die Handlung. Wie im Triumph führten die Nonnen die Schweſter Cäcilia hinweg. Sie ſtand vor der Frau Demuth ſtille, neigte ihr Haupt, und bat:„Segnet mich in der Mutter Namen.“ Mit überſtrömender Rührung legte De⸗ muth die Hände auf Giſela's Scheitel, und ſelbſt die leicht⸗ ſinnigſten Spötterinnen im Convente waren tief ergriffen von dem Ausdruck himmliſcher Verklärung, der von De⸗ muths Stirne leuchtete. Ihr Geſicht, neben den Verwü⸗ ſtungen des Alters und der graufamſten Selbſtpeinigung noch manche Spuren früherer, außerordentlicher Schönheit tragend, ſchien ſich aus dem Wohnſitz der Seligen hernie⸗ der zu neigen. Weinend entfernte ſich Giſela von ihr, blickte dann im Kreiſe ihrer Schweſtern umber und fragte ſanft: „Wo iſt denn Mutter Agnes? zürnt ſie mir, daß ſie nicht kam, mir den Schweſterkuß zu reichen?“ Mutter Anna deutete ſtumm auf die Bahre im dunkeln Chorgewölbe, und Giſela erſchrack, daß ſie ſich an der Priorin halten mußte. In demſelben Augenblicke, da man die Pforte nach dem Koſtergange aufthat, ſahen mehrere beſtürzte Geſichter her⸗ ein, und dumpf klangen die Worte zu den Ohren der Non⸗ nen:„Seyd auf Euerer Hut, liebe Frauen! Die Reformir⸗ — 18 ſchweſtern von Pforzheim ſind auf dem Wege hieher, und verrichten ihre Andacht in der Kapelle des heiligen Pan⸗ kratius. Ja, binnen kurzer Friſt werden ſie hier einſprechen.“ Auf einen Wink der Priorin flogen alle Nonnen, die Feierkleidung von ſich zu werfen, und ſich vorzubereiten zu dem Empfang der ungebetenen Gäſte.„Schweigen und Geborſam!“ flüſterte Richardis bedeutſam in Giſela's Ohr. — Von der andern Seite rannte der Biſchof mit ſeinen Begleitern nach der Sakriſtei, die geiſtliche Mummerei ab⸗ zuwerfen, und ſich dem ſcharfen Auge der Reformatorinnen zu entziehen. Oſtertag mit ſeinen Freunden, wilden Jun⸗ kern aus der Nachbarſchaft, die ihre Faſtnacht ſo ſchnöde geſtört ſahen, ſprengten eiligſt davon auf windſchnellen Roſ⸗ ſen, während der langſame, mit Ochſen beſpannte Wagen, der die Pforzbeimerinnen herbeiführte, Schritt für Schritt in das Waldthal rollte. Keine Seele bewillkommte die fremden Frauen an der Kloſterthüre, und als nach langem, vergebli⸗ chem Pochen die verdrießliche Benedicta mit ſcheelen Blicken aufthat, und die Fremden fragten, wo denn die Schweſtern ſeyen ſammt der Priorin, antwortete die Pförtnerin verſtockt: „Hm, ſie kommen aus der Kirche, wo ſie die Mutter Agnes begruben. Hätten ſie euch nicht etwa mit Kreuz und Fahne erwarten ſollen? mögt ſelber zuſehen, wir riefen euch nicht.“ — In der That war zur ſelben Stunde der Gruftſtein ſchnell gelüpft, die arme Agnes ohne Gepränge hinabge⸗ laſſen worden, und ihre Leiche mußte den Vorwand abge⸗ ben, warum die Reſormatorinnen bei ihrem Eintritt das Kloſterleben außer ſeinem gewöhnlichen Geleiſe fanden. Neuntes Kapitel. Seiner Haͤnd' Feind, der in Weſpenneſter greift⸗ Seines G⸗wands Feind, der ſich an Keſſeln reibt⸗ Deutſche Sprichwoͤrter. Es koſtete manches Auſgebot, bis der Convent von Gnadenzell in der Kapitelſtube eintraf, den Mufternonnen ſchweſterliche Reverenz zu bezeigen. Die Neugier that das Beſte; die Frauen von Offenhauſen wollten ihre Gegnerin⸗ nen mit den Blicken meſſen, bevor ſie die Ränke ſpielen ließen, worüber ſie ſich verſtändigt hatien. Vereinzelt kamen ſie zuſammen, und die biedern Floſterweiber von Pforzbeim verſuchten mit Liebe und guten Worten die ſchwere Ver⸗ richtung anzutreten, die ihnen auferlegt worden war. Die erſte dieſer Nonnen, Mutter Beate, war ein freundlich klein Mütterlein, mit gutmüthig zwinkernden Augen, kieblichem, aber ſtark gerunzeltem Geſichtlein; die zweite, Mutter Hein⸗ rike, ein ſtarkes, großes Weib, bleich und hager von Ka⸗ ſteiungen; die dritte, Muiter Placida, fett und ſchwerfällig, dabei ein ungetrübter Spiegel der größten Behaglichkeit, des unveränderlichſten Gleichmuths. Die Ränkeſpinnerinnen von Gnadenzell durchſchauten baldigſt ihre Gäſte, und hiel⸗ ten ſich noch leidlich ſtill und ruhig, da Mutter Beate mit ſüßen Redensarten des Biſchofs Befehle verkündete, und die 133 vorzunehmende Reformation in den beſten Willen der Con⸗ ventsglieder verlobte. Lange antworteten dieſe nicht, als mit ſchlechtverhaltnem Gähnen und höhniſch gerümpfter Naſe, bis die Priorin gar ſanft und zierlich verſetzte:„Wir ſind die Unterdrückten, darum ſchweigen wir, und verzeihen chriſt⸗ lich unſerm Schirmherrn die Mißhandlung, dem Biſchof die Wehrhat, und euch ſelbſt, liebe Frauen, euere Ankunft; verſprechen auch, euch nicht zuwider zu ſeyn in allen Stücken, ſo euere Disciplin uns einleuchten und zuſagen möchte.“ Mutter Beate bezeigte ſich ſehr freundlich, und Heinrike ent⸗ gegnete mit dumpfer Stimme:„Ein Mehreres verlangen wir nicht, und Gott wird ſchon durch unſern Mund das Uebrige thun.“ Mutter Placida machte jedoch ein beweg⸗ liches Geſicht, faltete die Hände und ſprach zur Priorin: „Ehrwürdigſte, wir ſind müde und hungrig von der Reiſe, wollet verordnen, daß man uns ein Weniges gebe, wo⸗ durch wir leiblich erquickt ſeyen.“— Mit gleichgültiger Miene zeigte die Priorin auf die Schaffnerin, und ging da⸗ von. Gertrude zuckte die Achſeln, und meinte, es thäte ihr leid, aber vor Kurzem ſeyen die Räthe und Schreiber des Grafen in dem Kloſter gelegen und hätten die geringen Vorräthe aufgezehrt. Renata, ungeduldig, in Feindſelig⸗ keiten zu beginnen, machte die Fenſter der Kapitelſtube weit auf, und rief voll giftigen Hohns:„Euch zu erquicken iſt friſche Luft das Beſte, und dieſe mögt ihr hier oben auf der Alb aus der erſten Hand zu luſtlicher Nießung haben.“ Da ſahen ſich die fremden Weiber beſtürzt an, und re⸗ deten keine Splbe mehr von dem Imbiß, wenn ſchon Mut⸗ ter Gertrud hinzufügte:„Die Mittagsmahlzeit iſt vor der Thüre, und ihr mögt unſere arme Koſt verſuchen. Freilich ſind wir Bettelfrauen und ihr ſeyd Beſſeres gewöhnt.“— Um dem peinlichen Geſpräch eine andere Wendung zu ge⸗ ben, fragte Mutter Beate:„Ihr pabt heute eine liebe 134 Schweßer begraben?“ Und alſogleich antwortete Medora ſpitzig:„Ja, und wir preiſen die ſelige Mutter Agnes glücklich, daß ſie von hinnen ging, ehe hier alles drunter und drüber geworfen wird.“—„Amen,“ ſetzten alle Ron⸗ nen bei, Giſela ausgenommen und die ſchweigſame Mutter Hailwig, die mit ihren Gedanken noch immer auswärts war. Die Frauen von Pforzheim verſchluckten auch noch die⸗ ſen Spott, und baten, daß man ſie zur Gruft führe, damit ſie für die arme Seele ein Paternoſter und Ave ſprächen. Giſela erklärte ſich bereit, ihnen den Weg zu weiſen, und die zurückbleibenden Nonnen wußten nicht genug ves Schimpfo aufzubringen, ſich über die Reformirſchweſtern und die neu⸗ eingekleidete Cäcilia luſtig zu machen.„Gott geſegne den Pforzheimerinnen und der Landſtreicherin ihren Einſtand!“ riefen ſie ſpöttiſch durcheinander.„Die ſpröde, vornehme Cäcilia iſt ein und daſſelbe Tünkiein mit den Fremden,“ meinte Gertrud.„War denn die Einkleidung Schimpf oder Ernſt?“ fragte Euſtachia hämiſch.„Der heidniſche Biſchof iſt mir verdächtig vorgekommen,“ ſprach Simplieia mit pfiffigem Geſichte.„Hm, wenn ich reden wollte.. ver⸗ ſetzte Benedicta mit erhobenem Zeigefinger.„ Wollt Ihr ſchweigen, vorlaute Schweſter!“ drohte Barbara mit ge⸗ ballter Fauſt:„ſepyd Ihr nicht in dem Gehorſam der Oberin? iſt Euch nicht die Rede verboten? wartet, bis man Euch den Mund wieder öffne.“— Indeſſen kicherte Medora und flüſterte Renaten zu:„Oeſterlein hat's gut gemacht. Man merkt ihm an, daß er dran war, ſich eine Platte ſcheeren zu laſſen.“—„Ich habe mir faſt die Zunge abgebiſſen,“ flüſterte Renata entgegen:„wie auf einem Larventanz.“—„Schade, daß die einfältige Agnes uns den Tag verdarb,“ ſprach Anna mit einigem Mitleid, und die grobe Barbara fiel ein:„Potz Jeruſalem! Die Pforz⸗ heimerinnen werfen uns den Unrath in die Suppe.“— 135 „Sollen es bereuen,“ ſchnarrte Venedicta mit rohem Ge⸗ lächter:„ich habe ſie gleich angeſchnauzt wie der Jud das unreine Thier.“—„ Sie ſollen hingehen in Frieden, denn hier iſt ihres Bleibens nicht,“ bekräftigte Euſtachia:„wir haben alles weggeſchafft, was ihr Herz erfreuen möchte.“ —„Mutter Euſtachza half treulich,“ meinte die Kaſtnerin, „weil ſie gleich dabei iſt, wenn es an's Ausräumen geht.“ —„Schimpft nicht, ſonſt geh ich hin und verrathe alles!“ drohte Euſtachia entgegen. Aber Gertrud ſtellte ſich ihr un⸗ ter die Naſe, und rief mit unbeſchreiblicher Frechheit: „Thue das, alter Drach, und ſieh dann zu, wie es Dir ergeht. Lebendig kömmſt Du nicht aus dem Kloſter, mit unſern Nägeln kratzen wir Dich todt und ſcharren Dir das Grab!“ Während Eußachia eine Verwahrung gegen ſolche Un⸗ bill ſtammelte, und Simplicia einen plumpen Spaß auf⸗ tiſchte, die erzürnten Gegnerinnen zu zerſtreuen, zog Re⸗ nata die ſtumme Hailwig herbei und rief lachend:„Seht dieſes Frohnfaſtengeſicht! kaum hat ſich die Agnes den Hals abgeſchnitten und alſogleich ſpricht wieder eine traurige Geſtalt bei uns ein.“— Medora faßte Hailwig auf der andern Seite an und lachte:„Heda, luſtig, Mütterlein! denkſt Du Deines Kleinen, oder ſeufzeſt Du nach dem un⸗ getreuen Buhlen? vergiß ihn, Schatz, ſie machen's nicht anders, und juſt der Wechſel iſt ein Glück!“—„Mein Herz blutet bei euern Scherzen,“ ſeufzte Hailwig bekümmert, aber die Kaſtnerin nahm das Wort:„Seyd kein Aberwitz, und werdet luſtig wie zuvor. Was iſt Euch geſchehen? Ihr habt ein Söhnlein bekommen? freut Euch, und ver⸗ geſſet die Vergangenheit. Zu meiner Zeit, im Söflinger Kloſter, war keine Nonne, die nicht ihren Buhlen und ein Pfand ſeiner Liebe gehabt hätte. Da ſchrieben wir bei Tage Liebesbriefe und Minneliedlein, und tanzten bei Nacht 136 mit unſerm Schatz. Zu jedem Ausfallthürlein hatte jede Schweſter ihren heimlichen Schlüſſel, und die Priorin mochte ruhig ſchlafen: im Kloſter wurde nichts geſtohlen, weil es immer voll herzhafter Männer lag.“— Als die arme Hail⸗ wig vor ſolcher Sprache erröthete, ſchlug Simplicia ein grelles Gelächter auf, und pappelte einfältig weiter:„Friſch und wohlgemuth, liebſte Schweſter. Seyd nicht die erſte, werdet nicht die letzte ſeyn. In unſerm Hauſe geht's ein⸗ mal nicht anders. Ich bin hier alt geworden, und fragt nur die Mutter Euſtachia. Wir könnten viel erzählen, wenn man uns fleißig darum bäte. Zu unſerer Zeit ging's noch viel luſtiger her, obſchon wir dazumal drei grämliche Oberinnen hintereinander hatten. Aber die eine wurde mit Leckereien abgefüttert, und die zweite liebte den Frieden, und die letzte ließ ſich gern betrügen, wenn man ihr nicht auf die Finger ſah, ſintemalen ſie gern zuſammenſcharrte. Da war es hier gleich einem Taubenſchlage, bei Tage ritten und fuhren die Herren und Junker ſtattlich heran, bei Nacht ſtiegen ſie ein, wie ſie nur mochten. Die Grafen von Lu⸗ pfen, die Gott ſelig habe, und die geſtrengen Herren von Neuffen, und die edeln Ritter von Spät... nun, Renata weiß, wie ihre Vettern und Oheime luſtige Vögel waren dann die Herren von Zollern, die ganze Ritterſchaft, dieſſeits der Alb und jenſeits, von hüben und drüben, und wurde gejauchzt und gezecht und gemuſicirt, daß der Staub davon flog. Das Banket, das neulich der Friedinger und der Truchſeß gaben, iſt nur ein elend Schlämplein gegen jene Zeit. Und wißt Ihr, wer die Aergſten waren? die geſtrengen Herren von Würtemberg, vor allen der junge Eberhard unter der Steig, aber auch der ältere Eberhard ſoll einſt hier eingeſtiegen ſeyn, ob man ihn wohl nicht kannte, und er es jetzo gewiß nicht geſtehen wird.“—„Nun ſeht,“ rief Medora,„wenn ſo mächtige Herren und Patrone 137 in den Klöſtern einſprechen, um Kurzweil zu haben, was ſollen wir thun, wir arme Kloſterweiber? iſt es ſchlecht, was jene beginnen, ſo mögen ſie's verantworten; ein ſelig Sterbſtündlein hilft über alles hinaus. Aber Schmach dem⸗ jenigen, der bei ältern Jahren grauſam verfolgt, was er in der Jugend gelobt und ſelber gethan! Darum wollen wir dem Grafen ſtets zuwider ſeyn, und ſeinen Räthen, und ſeinen Reformirſchweſtern.“—„Auf groben Klotz ein harter Keil!“ bekräftigte Barbara, auf den Tiſch ſchlagend, „haltet euch nur wacker, ihr guten Frauen. Hohn und Spott den Verfolgern!“—„Der runzlichen Beate mit dem wacklichen Kopfe!“ ſagte Renate.„Der Mutter Hein⸗ rike, der hohläugigen Hungerleiderin!“ ſtimmte die Kaſt⸗ nerin bei.„Der ſchläfrigen Fettmaus, der heiligen Mutter Placida!“ höhnte Medora mit einer verächtlichen Geberde. „Und allen, ſo an der gleißneriſchen Sippſchaft hängen!“ fuhr Benedicta hinein:„damit meine ich inſonders die ſo⸗ genannte Mutter Cäcilia, welche in unſer Haus gefallen iſt, unerwartet, wie der Schnee am Pfingſttag.“—„Haltet das Maul!“ drohte wieder Barbara,„ſie iſt eine ehrbar⸗ liche Jungfer, und verſteht den Chorgeſang, den Ihr ſchon lange über der Weinkanne vergeſſen habt.“—„Sie ge⸗ fällt mir,“ verſetzte Hailwig ſchüchtern,„und wenn ich ſchon kein Wort mit ihr geredet, ſo thut mir doch ihr lieblich Antlitz wohl.“—„Die ehrwürdige Mutter Hailwig preist mit dieſem Pſalm ihre eigene Schönheit,“ bemerkte Me⸗ dora mit eiferſüchtigem Stechblick:„die Jungfer Geißlin ſieht ihr etwas ähnlich, hat auch ihre Perſon fürgeſtellt, da ſie um wichtiger Verrichtung zu Holzelfingen wohnte.“— „Haltet inne mit Euerm ſchwarzen Hohn!“ rief Hailwig empört:„ich bin unglücklich, und an dem Unglück iſt mein Fehl ſchuld, mein Verbrechen, das ich bereue; aber ich würde mich zur Stunde hinrichten, gleich der armen Agnes, wäre 138 ich ſo niederträchtig, wie Ihr!“— Medora wurde kreide⸗ weiß, und Renata nahm lebhaft für ſie das Wort, indem ſie auf Hailwig deutete:„Seht doch die gekränite Unſchuld! ſeht doch, wie ſie uns die Liebe vergilt, womit wir ſie wie⸗ ver empfangen. Wird ſie nicht ſchellig, wie eine gereizte Bärin? Sey klug und ſchweige, Du würdiges Kloſter⸗ weiblein, und denke an Deinen davongelaufenen Liebſten, mit dem eine Herrlichkeit war, als könne ſolche kein Ende nehmen. Wo iſt er mit ſeinen Prahlereien, mit ſeinem Gelde, mit ſeinen Gnadenketten, mit ſeinem hinkenden Fuße? weine nur, Püpplein, über ſeine Treuloſigkeit, und mache uns glauben, er ſey der pferdehufige Satan ſelbſt geweſen, der nach Deinem unſchätzbaren Kleinode Luſt getragen.“— „Quält ſie nicht,“ eiferte nun Mutter Anns:„weil ihr die Schweſter Cäcilia geſällt, verdient ſie deshalb ſolche Vor⸗ würfe?“—„Gotts Nießwurz!“ blöckte Benedicta:„ ſie werden gute Freundinnen ſeyn, die bußfertige Hailwig und die Geißelſtreicherin von der Heerſtraße, ſo wie ſie einerlei Gelüſte haben, ihre Liebſten auszuſuchen: die eine den hin⸗ kenden Junker, die andere den Putzemummel, den närriſchen Poppele.“ Das heftigſte Schluchzen der Hailwig und die Zürſprache der Mutter Anna wurden von dem wilden Ge⸗ lächter der frechen Weiber erſtickt.—„Den Poppele?“ ſchrieen ſie alle, und Simplicia erwieverte kreiſchend:„Frei⸗ lich, ihr luſtigen Schweſtern. Trabt er nicht auf ihrer Spur wie ein Hündlein?“ Da Simplicia mit ihrem un⸗ geſchickten Leibe den Gang des armen Thoren nachzumachen ſuchte, fiel wieder neues Gelächter ein. Sie fuhr fort: „Hat er nicht heute Einſprach gethan, da ſie eine Nonne und nicht ſeine Hochzeiterin zu ſeyn begehrte?“—„O weh!“ ſpottete Medora:„Richardis hat den Buhlen der Mutter Cäcilia weggejagt.“—„Iſt ſchon wieder anders,“ be⸗ merkte die Kafnnerin:„Schweſter Cäcilia bat für ihn, und 138 unſere heilige Oberin kann der Schweſter Cäcilia nichis abſchlagen.“—„Wir erleben noch eine Hochzeit im Hauſe,“ ſprudelte Benedikta in rohem Scherze:„mit dem Gelübde der Geißlin hat's ohnehin nichts auf ſich. Ich darf nicht reden, aber wir hätten ſo eben gut die Mutter Simplicia zum Pabſte gemacht.“— Ein Sturm von Gelächter und Jubel brach los, bis die Priorin erſchreckt hineinſtürzte, und au⸗ genbicklich Stille gebot.„Wollt ihr uns alle verderben?“ fragte ſie:„die Pforzheimerinnen kommen jaſt aus der Kirche, ſchweigt um Chriſti willen, und mäßigt euch. Leiſe und langſam müſſen die Streiche fallen, wenn wir die Mettenfinken hald los ſeyn wollen. Schweigt, noch ein⸗ mal, und geht zum Refektorium, mit den willkommenen Gäſten die Mahlzett der Trübſal zu theilen. Macht gute Miene zur kahlen Suppe, gedenkt unſerer Abrede, und er⸗ innert euch, daß wir ſchmauſen, ſobald die Betſchweſtern zur Ruhe gegangen ſeyn werden.“ Der Kanzler des Grafen und der Vater Wendelin hat⸗ ten bei ihrem Kloſterbeſuche fürſtlich getafelt, verglichen mit dem Imbiß, der den armen Pforzheimerinnen vorgeſetzt wurde. Die Kloſtermägde, von denen keine ein Wort zum Schaden ihrer Frauen geſprochen hätte, aus Furcht, die vielen Trinkgelder der adelichen Gäſte und vas eigene lockere Leben einzubüßen, lauſchten wieder ſchadenfroh an dem Dre⸗ her, und lachten der ſauern Geſichter, womit die Reformir⸗ ſchweſtern das elendeſte Karthäuſermahl verzehren, den ſpöttlichſten Wein ſchlucken mußten. Als der magere Ab⸗ hub aus dem Refektorium geſchafft wurde, verſchmähte eine jede der Dirnen, ſich damit die Zunge zu verderben, und ſchoben alles dem armen Poppele hin, der mit trüben Au⸗ gen in ſeiner Blende ſaß, ſeinen Träumen Audienz gebend. Ueberraſcht von ver Freigebigkeit der Mägde griff er gierig in die Schüſſel, warf aber ſchon den nächſten Biſſen von 140 ſich. Als die Spötterinnen lachten, ſchalt er mit weiner⸗ lichem Eifer:„O ihr falſchen und hämiſchen Küchenge⸗ ſellen! was habt ihr mir gethan? ihr ſeyd ſelber den ſchlech⸗ ten Brodſchnitten zu vergleichen, welche da ausſehen, als wären ſie Honigſcheiben, und ſind doch nur im verdorbenſten Fette getränkt! Gebt mir lieber ein trocknes Stück Brod, und darauf eine Hand voll von dem ſchönen grünen Zagel⸗ bein*), als wie ein Häuflein Unglück mit Hoffnung ver⸗ brämt. Ich bin das Kummerbrod gewöhnt, wär es auch noch ſo hart, denn ich eſſe meine Thränen dazu und ſelbſt die Steine werden von Thränen erweicht.“—„Gib Ruhe, Knöpflifreſſer,“ verſetzte die älteſte Dirne mit herriſchem Winke:„faullenze weniger und ſey zufrieden mit Deiner Koſt. Der Kettenhund verdient ſeine Nothdurft fleißiger denn Du. Seit einiger Friſt regſt Du kaum noch die Arme, und treibſt Poſſen über Poſſen, ſtatt zu ſchaffen.“— Pop⸗ pele verzog ſein Geſicht auf's Grimmigſte, knirſchte mit den Zähnen und zürnte:„Ihr ſollt brennen in Ewigkeit, bos⸗ hafte Weibsbilder. Will euch aber ſchon vergelten und ein Wörtlein ſagen, daß kein Broſam euch mehr ſchmecken ſoll.“ —„So, Du Thor? rede doch, ſag an!“—„Heut Nacht geht's euch allen an die Kehle, denn ein Räuber hat in der Kirche geſteckt, und ich habe mit ihm geredet, weil er böſe iſt, daß die Jungfer Geißlin ſich die Haare ſcheeren ließ. Er well mich auf den Thron ſetzen und euch alle zu Kohlen verbrennen, wie er die Sperberseck angezündet hat.“— „Hört doch den Mondſüchtigen!“ ſchnatterten die Mägde und wollten laut aufkrähen, als die Laienſchweſter Cres⸗ renz ſich in das Geplauder miſchte, und ganz ernſthaft ſagte: „Der Poppele redet die Wahrheit. Der berüchtigte Mörder Wilvherr iſt hier geweſen; der Vicar hat's der Frau Priorin 6) Schnittlauch. 141 erzählt, und dieſe den Frauen aus Pforzheim, und die gu⸗ ten Kloſtermütter zittern ſchon für ihr Leben.“— Nun ſchwieg plötzlich die Luſtbarkeit, weil die geringſte Dirne ſchon von den Gräueln des Räubers gehört, und eine jede für ihren Hals bang war. Poppele grinste triumphirend, aber Crescenz wendete ſich nun mit Strenge an ihn, ſagend: „Immer iſt's jedoch nicht ſchön von Dir, Deine Lügen dazu zu thun. Er hat nicht gedroht, der wilde Mann, aber wohl Buße gethan und wird vielleicht noch ein frommer Knecht Gottes. Schon iſt er fern, und ich bereue nur, daß ich der armen Frau Demuth, da ich ihr die Speiſe brachte, von dem blutigen Sünder und dem Brande der Sperberseck erzählte. Das Mütterlein entſetzte ſich dergeſtalt, daß ſie nicht Speiſe noch Trank genoß, ihr Fenſterlein verriegelte, und ſo ſchwerlich zu ſeufzen und zu ſtöhnen begann, als ob ein hartes Gebreſte ſie befallen pätte. Ich konnt' es nicht mehr aushalten.“— Poppele murmelte zwiſchen den Zähnen:„Geſchieht ihr recht, der böſen Zunge. Hat ſie nicht die Geißlin überredet, eine Elſter zu werden? hat ſie mir nicht mein einzig Kleinod geſtohlen? wer hilft mr ar⸗ men Knaben, wenn auch die Geißlin mich verläßt?“— Still weinend ſprang er von ſeiner Bank, verließ die Küche und ſagte draußen vor ſich hin:„Sie wollen's nicht glau⸗ ben, daß der Wildherr mit mir geredet.. meinetwegen er kömmt doch wieder„ ſobald er ſeine Kirchenbuße gehalten, hat er geſagt im fünften, im ſechsten Voll⸗ mond ach, wie eifrig will ich dem Monde nachzählen ich ſoll der Pförtner ſeyn? ich will's, zum Tod, zur Hölle der geſchwornen Weiber!“ Er drückte ſich in einen Winkel, weil die Priorin her⸗ anſchritt, gefolgt von den fremden Frauen, umgeben von einigen vertrauten Nonnen des Kloſters. Richardis, Honig im Munde, bittern Wermuth im Herzen, zeigte ihren Gä⸗ 1Z2 ſten das Gelaß des Hauſes, ſie bekannt zu machen mit der neuen Wohnung. Beate, von dem böſen Mährlein des Vicars erſchreckt, ſchaute ängſtlich hinter jeden Pfeiler, ob der wilde Räuber nicht dort verborgen läge; Heinrike ſchlich, trüb ſinnend, ſchlimmen Abnungen preis gegeben; Placida war muthlos ob der Aermlichkeit, die ſich hier in Allem kund gab, ob der Entbehrungen, die ſie voraus ſah; ob der Feindſeligkeit, die ſich im Convente verrieth, ihren Frieden zu ſtören drohte. Ein bitterer Tauſch, der Ueber⸗ gang aus einem reich beſtellten, ehrlich geordneten Hauſe in die Gebirgseinöde, aus der Mitte chrißtlicher Schweſtern in dieſes Neſt des Haſſes, der Ueppigkeit, des Neides und der Schlangen. Medora und Renate bohrten mit ihren Reden unaufhörlich ſpitzige Stacheln in die bereits verwun⸗ deten Herzen der Fremden. Als ſie den Gottesacker über⸗ ſchauten, ſagte Medora mit verſtellter Furchtſamkeit:„Lei⸗ der halten auf dieſem Flecke die verdammten Geiſter der Offenbäuſer allnächtlich ihren Umzug,“ und die geſpenſter⸗ gläubige Beate erbebte wie das Eſpenlaub.— Da ſie in den Kloſtergarten traten, und an die Quellen der Lauter kamen, ſprach die Priorin ſeufzend und bedenklich:„Wohl ſprudelt rein und klar das Waſſer, und man ſollte nicht meinen, daß vor zehn Jahren eine Nonne ſich darinnen er⸗ fäufte.“ Heinrike, des Selbſtmords änsſtlichſte Feindin, ſchlug mit einem Laut des Entſetzens ein Kreuz. Sie zu veruhigen, warf FPlacida die Bemerkung ein:„Wie der Wald ſo luſtig vom Sternenberg und den Hügeln in den Garten herabwinkt! die niedere Mauer iſt beſchützt von den Bäumen, wie von einer Wacht.“—„Ja, das thut dem Auge wohl,“ verſetzte Renate mit eiſiger Kälte;„doch ſind leider auch die reißenden Thiere nah. Ueber jenes verfal⸗ lende Geſtein ſprang im vorigen Winter am hellen Tage ein hungriger Wolf, holte das Lieblingsſchäflein der würdigen 143 Frau Mutter aus dem Kreuzgang, kam ſodann wieder und trug den jüngſten Buben des Müllers davon.“—„JZeſus Maria!“ klagten die fremden Weiber, und ihre Blicke ſchie⸗ nen ſich zu ſagen:„Welch ein Unglück, auf dieſe rauhen Berge verſchlagen zu ſeyn!“— Indeſſen lief in der Ferne längs den Kloſtergebäuden Poppele in ſeltſamen Sprüngen hin und ber, und die Pforzheimerinnen fragten nach ihm. „Ein Wahnſinniger,“ hieß die Antwort:„er ſchlägt und beißt, wenn man ihm nahe kömmt. Haltet Euch nur fern. von ihm, weil er Euch nicht kennt, und unfehlbar ein Un⸗ glück anrichten würde.“—„Gott verzeihe uns die Sünde!“ ſtammelten wieder die Fremden, und als wie beſtellt und gerufen eilte Crescens herbei, und ſagte erblaſſend zu der Priorin:„Vergebt, würdigſte Mutter, aber Frau Demuth plötzlich krank geworden, heult, daß es einen Stein er⸗ barmen möchte, und verlangt nach dem Troſte einer Schwe⸗ ſter. Wollet die Schlüſſel zu ihrer Pforte geben, und ver⸗ ordnen, wer hinaehen ſoll, ihres Uebels kundig zu werden.“ — Mit unerſchütterlicher Rube gab Richardis den Schlüſſel, und erwiederte:„Schweſter Cäcitia iſt mit ihr vertraut; ſie gehe, der Aermſten Hülfe zu bringen.“—„Demuth? wer iſt Frau Demuth?“ fragten wieder die Reformirſchwe⸗ ſtern, und wieder hieß die Antwort:„Eine unglückliche ene, die n ſeit langen mmit ihrer uns zur Laſt fällt, Schrecken v Entſetzen unter uns ver⸗ breitet, und wie der böſe Feind alle unſere Augenblicke bei Tag und Racht vergällt und ſtört. Wahrlich, liebe Frauen, es gehört ein ſtark Chriſtenthum dazu, unter ſolchen Leuten nicht die Geduld und den Weg zum Heil zu verlieren.“— Troſtlos erhoben die Reformatorinnen die Augen zum Him⸗ mel, ſchon jetzt um Erlöſung aus ſolchem Fegfeuer zu bit⸗ ten, und ſtellten weiter keine Frage mehr und gingen ſchwei⸗ gend, wie Lämmer, die man zum Tode führt. — 144 In dem entlegenſten Theile des Gartens, nächſt der Einfriedung des Kirchbofs, ungeſehen von den übrigen Non⸗ nen, wandelten indeſſen Giſela und Hailwig, Hand in Hand gelegt, beide mit naſſen Augen, beide in vertrautem Geſpräche. Sie hatten ſich gefunden, wie Landsleute, fern von der Heimath, wie Unglückliche, zu gleichen Feſſeln be⸗ ſtimmt, wie helle Thautropfen, die, einander fremd, vom nächtlichen Himmel fallen, um ſich im Kelche einer wilden Blume zu vermählen. Und durch ſolche Verwandtſchaft wird die Dornenblüthe zum Palaſt, weil nach den Thau⸗ tröpflein das Sonnengold hineinfließt, Diamanten darin⸗ nen zu beſtrahlen. Die Schweſtern, mackellos die eine, die andere rein ſogar nach dem Fehltritte, ſie hatten ſich alles geſagt, was ihr Leben enthielt; bewundernd ſchmiegte ſich Hailwig an Giſela, milde und verſöhnend neigte ſich dieſe zu Hailwig. Noch vor einem Mond hätte ſie etwa die reuige Sünderin mit jungfräulicher Hoffart zurück geſtoßen; heute war jedoch ihr Herz verändert, weich durch das Ge⸗ lübde, erſchüttert von dem Tode der verblendeten Agnes, und im Innerſten dieſes Herzens war ein Gefühl aufge⸗ gangen, das ſie zum Mitleid ſiimmte: das Bewußtſeyn, wie das Herz des Weibes doch nicht von Erz beſchaffen, und wie vielleicht neben dem Siegesprunk der flüchtigen Stunde ſchon die Schwäche der nächſten lauern möchte. Was jedoch am ſchnellſten das Bündniß geſchloſſen, am ſchnellſten Giſela's Neigung gefeſſelt, war der Blick, den ſie heute nach langer Verblendung in das Haus gethan, das ſie bewohnte, in die frevelnde Rotte, von der ſie umgeben; endlich aber eines Mannes Gedächtniß, den ſie gefürchtet, den ſie ſtets verabſcheut, welchen ſie aber heute doppelt haſſen gelernt, weil er es geweſen, der die arme Hailwig unendlich betrog. Das Opfer hatte ſeinen Verführer ge⸗ nannt, es hatte den Namen des Junkers von Sperberseck 145 ausgeſprochen. Heerdegen hatte die Nonne unglücklich ge⸗ macht, Giſela ſchwor ſich zu, die Schweſter zu tröſten, mit ihrer Liebe zu beglücken. Crescenz kam, brachte den Schlüſſel, meldete der Priorin Befehl. Giſela, erſchreckt von der unerwarteten Kunde, drückte freundlich Hailwigs Hand, folgte dann der gern übernommenen Pflicht. Das Stöhnen der kranken Klaus⸗ nerin beflügelte Giſela's Hand, daß ſie rüſtig das ſchwere Schloß öffnete, und in die dunkle Höhle trat, wohin Cres⸗ eenz eine Lampe nachtrug. Welch ein Aufenthalt! Nächſt der von Näſſe triefenden Mauer, auf einem elenden Spreu⸗ ſack ausgeſtreckt, ruhte Frau Demuth, niedergedrückt von tödtlicher Ermattung. Ein Waſſerkrug, eine hölzerne Schüſ⸗ ſel voll von unberührter ſchlechter Koſt, ein hartes Stück Brod neben ihr, wie der ſchmählichſte Verbrecher in ſeinem Kerker verſorgt wird; ihr Troſt ein mit Schimmel über⸗ zogenes Crucifix, ihre Ergötzung ein ſchwerer Roſenkranz, der tanſend und aber tauſendmal durch ihre zitternden, ent⸗ fleiſchten Hände gelaufen war. Und ſie ſelbſt hatte dieſes Loos gewählt, ihren Leib mit rauhem Gewand, ihre Füße mit harten Sohlen bekleidet, einen Stachelgürtel um ihre Hüften gelegt, eine ewige Gruft zwiſchen ihr und der Welt befeſtigt. Während der langen Zeit ihrer freiwilligen Ein⸗ mauerung hatte ihre Bruſt ſich nur einmal dem Vertrauen, der Liebe geöffnet. Vor ſo kurzer Friſt hatte Giſela dieſes Wunder bewirkt, und ſchon war das Ende dieſes ſpäten Glückes da; vollenden wollte heute noch der Todesengel den langen Kerkertraum der Büßerin, und ſie ahnte den Willen des Engels.„Ich ſterbe,“ ſeufzte ſie der einzigen Freundin mit erloſchener Stimme entgegen,„und Du, mein Herz, ſollſt mir die Augen zudrücken.“ Giſela verſuchte einige Ermunterung, aber ſie erſtarrte ſelbſt vor der Kran⸗ ken Erſchöpfung, und dieſe fuhr, nachdem ſie Crescenz hin⸗ Nonne von Gnadenzell, I. 10 — 146 weggewinkt, kaum vernehmlich fort:„Laß mich Dir beich⸗ ten, mein Herz; kein Prieſter iſt vorhanden, und der wüſte Vicar könnte meiner Seele kein Tröpflein des Erbarmens ſpenden. Welch ein Unglück, o Cäcilia, reißt mein Leben entzwei! Mein Haus, meine Kinder, ſie ſtarben in Flam⸗ men, mein Geſchlecht verdarb, um meine Miſſethat!“ Gi⸗ ſela horchte aufmerkſam, aber ungläubig; die Kranke klam⸗ merte ſich an ſie, und ſeufzte:„Glaube nicht, mein Herz, daß ich thöricht bin. So wahr mein Leib von der Arznei nicht geneſen wird, die Crescentia mir bot, ſo wahr iſt es, daß meine Vernunft geſund geblieben. Ja, ich hatte ein ſtattlich Haus, ein blühend Geſchlecht von Kindern, aber der Reichthum machte mich böſe; durch meinen Haß jagte ich meinen Gatten, der mich liebte, in Krieg und Tod er hat mich geliebt... fürwahr, wenn er gleich ſchwach genug geweſen, vor meiner Bosheit zu entweichen. Ich Unſelige, ſtatt zu büßen, befleckte ſein Haus,... vergib mir, o Herr der Gnade, denn ob mich auch Chunrad, der fromme Mann, losgeſprochen, ich hoffe noch nicht auf meine Seligkeit!“— Wie ſie nun troſtlos ächzte und wimmerte, ſprach Giſela ſanft:„Verzaget nicht, denn für Alle ſtrömt der Quell der Barmherzigkeit. Leget nieder in meinen Buſen, was Euch beſchwert, damit mein ſchwacher Mund Euch aufrichte, damit Ihr geneſet.“— Heftiger klammerte ſich Demuth an die Tröſterin, ſchüttelte das Haupt, und von Augenblick zu Augenblick ſtieg ihre Angſt, ihre Verwirrung und Ver⸗ zweiflung.„Ich war eine Bübin, eine grauſame Mutter, grauſam noch in meiner Buße. Höre mich, mein Kind,“ fuhr ſie ſchluchzend fort,„erröthe nicht in Deiner Schuld⸗ lofigkeit. Ach, wie viele Jahre ſeitdem dahin gefloſſen, ich weiß es nicht,. ein Jüngling, ein mächtiger Graf, der böſe Feind, zur Nachtzeit kam er,. müde von einem Fehdezug, ich die Mutter vieler Kinder, gab 147 mich verloren in ſeine Arme,„er ging, als das Mor⸗ genroth kam, und die Schande blieb mir, die lebendige Schmach, gekleidet in Fleiſch und Blut... Giſela fühlte bei ſolchem Bekenntniß ihre Wangen brennen vor Beſchämung, und wendete ſich halb weg von der Sterbenden, deren kalte Hand jedoch nicht von der Ihrigen abließ, deren ſchier gelähmte Lippen noch wie im Fieber ſtotterten:„In einem Walddorf barg ich den ſün⸗ digen Sohn, den Zeugen jener Stunde, habe ihn nie wieder geſehen,. mein verzweifeltes Gewiſſen jagte mich von meiner Schwelle,.. ich weiß nicht, was aus dem Knaben geworden, mein Sohn verſprach,. ach, jetzo quält mich die Sorge mit feurigen Ruthen! ich kann nicht weiter,... die Priorin, rufe ſie, ich will ihr geſtehen, ſie ſoll um der ewigen Barmherzigkeit willen nachforſchen,. wehe mir!“ Frau Demuth ſank erſchöpft auf ihr Antlitz nieder, Giſela entſprang der Klauſe, an deren Thüre Crescentia wachte. Die Frauen von Pforzheim knieten laut betend im Kreuzgang, neugierig ziſchelnd, gleichgültig die meiſten, ſtanden die andern Nonnen umher. Richardis fehlte unter ihnen.„Wo iſt die Oberin?“ fragte Giſela mit beftürz⸗ ten Blicken. Die Weiber antworteten nicht, Medora allein zeigte mit verſtohlener Geberde nach dem Garten. Giſela floh dahin. Mit leiſen Schritten kam ſie an die Gebüſche nächſt der Lauter, ſie hörte der Priorin Stimme vertraulich ſprechen:„Geh', mein Knabe. Bald ſiehſt Du mich wie⸗ der, aber die Feindinnen lauern heute. Sey nicht mehr ſo keck um unſer beider willen.“ Haſtig bog Giſela die Zweige aus einander, Richardis ſtand vor ihr, von einem fremden Mann umſchlungen. Betroffen fuhr ſie empor, und der Mann mit blankem Dolche auf Giſela zu, mit dem Rufe: „Verräthſt Du eine Sylbe, ſo biſt Du des Todes!“ Em⸗ 148 pört maß Giſela den Helden mit ihren Blicken, und winkte ihm gebieteriſch, ſich zu entfernen. Wie von einem Zauber gejagt, entfloh er auch über die Mauer, und nun trat Giſela vor die vernichtete Richardis, und ſprach verächtlich:„Von Stund an geſtattet mir, daß ich Euern Geſetzen den Gehorſam verſage. Ihr ſeyd nicht werth, mir zu befehlen.“ Nun die Priorin mit niedergeſchlagenen Augen ſchwieg, fuhr Gi⸗ ſela fort:„Demuth, die Sterbende, verlangt nach Euch. Folgt dieſer Mahnung, wenn Ihr noch ein Gewiſſen habt.“ — Mit wüthendem Zornblick enteilte die Priorin, langſam folgte Giſela, überraſcht, beſchämt, erſchreckt, eine Beute der tiefſten Erbitterung. Als ſie aber zum Kloſter kam, hatten die Nonnen die Sterbende auf einer Matte in die Kirche getragen, die Priorin kniete neben ihr, ihre letzten Worte zu vernehmen, rings umher der übrige Convent. Giſela kam aber ſchon zu ſpät, der Bemitleidenswerthen die Augen zuzudrücken. Sie war hinübergegangen mit räthſel⸗ haften Worten auf den Lippen, von Richardis nicht ver⸗ ſtanden, in deren Bruſt ein tobendes Ungewitter ſtürmte. „Ruhe in Frieden!“ beteten alle Nonnen mit dumpfer Stimme, betete Giſela aus tiefſter Seele. Aber Heinrike ſagte mit unglücksſchwangerem Tone zu Beate und Placida: „Wahrlich, der Tag, da wir hier eintraten, iſt kein guter, denn ſchon zweimal ſchlägt heute der Tod mit ſeinem Schwerte in dieſes Haus. Die heilige Mutter ſchenke uns Allen einen ſeligen Ausgang!“ „ Zehntes Kapitel. Die Tugend alleine gibt tuͤchtigen Adel, Das Waffengemaͤld An Helm und an Feld Bedecket vergebens den inneren Tadel; Ein leeres Geklaͤnge Ein glaͤſern Gepraͤnge Sind Ahnen, wo Tugend iſt ferne davon. Logau. In einem der alten Ritterthürme von Hall, der be⸗ rühmten Reichsſtadt in Schwaben, hinter einem Fechtbuche, deſſen Wappen noch einmal ſo bunt glänzten im Abend⸗ ſtrahl, ſo zum Erker hereinſchien, ſaß der alte verdrießliche Hauseinwohner, ihm gegenüber die Frau, auf die Straße lugend, wo die Rathsherren, in ſchwarzen Mänteln, vom Stadthauſe kommend, vorüberſchritten.„Nun iſt die Ver⸗ ſammlung zu Ende,“ ſagte die Frau,„und wir werden bald hören, ob das Ding friedlich abläuft, ob nicht.“ In⸗ deſſen läutete die Glocke vom St. Michaelsthurme, die ein⸗ tönige gemeſſene Zeichenglocke, und der Alte erhob den Fin⸗ ger, und rief:„Da haſt Du's, Grete; das Zeichen läu⸗ tet das Kampfgericht ein.“—„Deß walte Gott!“ ver⸗ ſetzte Grete:„ſo müßte es ein Tag des Leids für uns ſeyn, daß der edle Junker um unſertwillen ſein Blut und Leben daran ſetze.“—„Wer hat's ihm geheißen?“ fragte der — 250 Alte mit plumper Gleichgültigkeit:„ich wollte, wir hätten ihn nimmer geſehen. Hat ihn nicht der Böſe in unſer Haus geführt? lief die Geißlin nicht gerad um ſeinetwillen mit dem Spitzbuben davon? was frommte uns ſein lothringiſch Plündergeld, ſo im Rauch und Dampf aufflog beim erſten wie beim letzten Paſch?“—„Du biſt ein arger Mann, Du halsſtarriger Götz. Du leugneſt der Sonne Licht, und verſchwörſt alle Heiligen. Denn klar wie die Sonne war des Junkers Liebe zu Geißlin, und ſeine Verzweiflung, da ſie fort war, die wir nimmer wiederſehen werden.“ Hier weinte ſich Grete ein Weilchen aus, dem ſteinharten Schlem⸗ mer gegenüber, und fuhr alsdann nnter Schluchzen fort: „Du haſt kein Herz, Du biſt ſchuld, daß wir Sohn und Tochter nimmer umarmen werden, und verfolgeſt noch den⸗ jenigen mit Bosheit, der uns ein zweiter Sohn zu ſehn begehrte. An dem Junker lag es nicht, daß er die Geißlin mit ihrem Dieb nicht wiederfing; ſeine Wunde warf ihn nieder in einem fremden Hauſe, und dennoch gedachte er unſer mitten im Fieber, ließ uns durch ſeinen Knecht aus Baden führen, wo uns Gefängniß drohte, als der Tumult anging mit dem wunden Landſäß und dem dicken Freiherrn Harras, der von des Markgrafen Amtleuten zur Nachtzeit, dieſelbe Straße reitend, für den Sperberseck feſtgenommen, und des Mordanfalls beſchuldigt war. Von unſerm Kinde wollte niemand wiſſen, aber es wurde genannt als des Ha⸗ ders Urſach, und wir, die Eltern, freventlicher Kuppelei verdächtig, hätten mit Haut und Haar dafür gebüßt. Statt deſſen führte uns der wackre Lutz gen Hall zurück, ſetzte uns in ſeines Herrn Haus, der ſeither für unſere leibliche Nothdurft alleine geſorgt. Iſt ſolche Wohlthat nicht dankens⸗ werth?“—„Sm, daß ich nicht wüßte,“ erwiederte Götz mit ſpöttiſcher Bitterkeit:„wohl flüchtet ſich der Haas vor den Hunden auch in ein Dorngebüſch, aber damit iſt nicht 151 5 geſagt, daß ihm wohl ſey in den Dornen. Lieber ſäß ich auf den Lochen, als in der ſtinkenden Stadt, wo mich al⸗ les an mein Ungemach erinnert, wo ich mich vor aller Welt verkriechen muß. Zeigen nicht die Buben mit Fingern auf mich? haben mir die Geſchlechter nicht ihre Trinkſtube ver⸗ boten? verwehrt mir nicht der ehrbare Rath um einer alten Schuld willen, zum Wein zu gehen, bei einem Feſte zu er⸗ ſcheinen? ein Donnerkeil in dieſes Leben! daß ich ein ſchä⸗ biger Karthäuſer wurde, hat der Junker zu verantworten.“ —„Iſt denn mein Loos beſſer?“ fragte Grete wehmüthig entgegen:„bin ich nicht auch beſchloſſen und klauſurirt, wo ich einſtens in langen Mänteln ging, einen prächtigen nürn⸗ berger Sturz auf dem Haupte? theile ich nicht die Schmach, ſo Ihr durch Euere Verſchwendung verſchuldet, Herr Götz? das koſtet mich der bittern Thränen manche, doch bin ich dem Junker dankbar für unſer täglich Brod, weil wir ohne ſeinen Schutz Almoſen heiſchend im Lande umziehen müßten; Ihr wißt ſchon ſelbſt warum, Herr Götz.“— Götz ſtützte ſich auf ſeine beiden Ellenbogen, ſchob die Unterlippe weit vor, und ſagte flämiſch:„Was wär's? ein Zigeuner iſt beſſer dran, denn wir. Wenn der Judenarzt des Junkers Fuß nicht geheilt hätte, ſo wären wir ohnedies von ſeinem Erben ab Haus und Nahrung gejagt worden.“— Ver⸗ zweifelnd über ſolche Ungeſchliffenheit und den ſchnöden Un⸗ dank, erwiederte Grete heftig:„Das geſchieht auch noch, das iſt vor der Thüre. Wenn es zum Zweikampf kömmt, wenn der Scherer oder der Harras dem guten Junker ob⸗ liegt—„Da iſt der Herrgott Richter, da mag der Hertgott ſorgen,“ verſetzte Götz mit unerſchütterlicher Kälte. Mit ganz anderer Bewegung und Haſt trat nun Jun⸗ ker Heerdegen in das Gemach, und rief:„Hört ihr das Zeichen? aus dem Vergleich iſt nichts geworden, wie ich 152 ſagte. Der Rath hat Mühe und Worte umſonſt vergeudet, und morgen entſcheidet das Schwert.“—„Herr Jeſus!“ klagte Frau Grete mit gerungenen Händen, während Götz kein Wort redete. Heerdegen fuhr hitzig fort:„Bei mei⸗ nes Vaters Gevächtniß! es kann nicht anders ſeyn. Der Landſäß machte Bedingungen, die ein Sperberseck nicht ein⸗ gehen darf. So ich einen im Zorn verletzte, mag ich ihm wohl alsdann die Hand reichen, aber nimmer eine Abbitte leiſten. So bleibt's bei der Herausforderung; zuerſt der Landſäß, und alsdann, ſo mir Gott Leben erhält und Sieg verleiht, der Harras.“—„Das iſt ja erſchrecklich!“ ſeufzte Grete:„wie werdet Ihr zwei Kämpfe hintereinander be⸗ ſtehen?“— Darob lachte Heerdegen, ſeiner Fauſt bewußt, und meinte:„Hab ich einmal den Scherer verſchluckt, fürchte ich mich nicht mehr vor dem Harras. Mit dieſem Freiherrn wär ich wohlfeilen Kaufs davongekommen, wenn nicht der Landſäß den Vorkämpfer machte. Der Harras hat ein ſchlecht Gewiſſen, und heute noch ſag ich's ihm auf den Kopf zu, daß er um der Geißlin Raub gewußt, ob⸗ ſchon er's läugnet; zudem hat er mich vor's Schwert ge⸗ fordert auf ſeiner Freunde Zureden, da ich ſonder Hoffnung eines Aufkommens zu Gernsbach darniederlag. Mein Tod ſchien ihm gewiſſer als der Kampf, und ſicherlich verwünſcht er aus allen Kräften den Juden Levi, der mich ſo ſchnell und wunderbar geheilt. Doch, wie's auch kömmt, ſie ha⸗ ven's gewollt, und ich habe es gewollt, und wär's mein Ende. Ich ftürbe gern, wenn ich damit das verlorne Kind Euch, der troſtloſen Mutter, wiederſchaffen könnte.“— Frau Grete faßte des gerührten Junkers Hand, und ſagte mitleidig:„Ihr ſeyd ſo gut und edel, lieber Herr;“ worauf Heerdegen ungeſtüm erwiederte:„Was hilft da Güte und Edelmuth? damit wird das geſtohlene Mägdlein nicht zurückgebracht. Aber in Vorausſicht meines möglichen 153 Hintritts habe ich euer Schickſal bedacht, Vater Götz, Mutter Grete, ſo viel noch in meinen Kräften ſtand. Ich leichtſinnig Blut habe mehr als die Halbſcheid von meinem Gut verſchleudert, doch mögt ihr aus den Ueberbleibſeln noch ganz ehrlich leben, und habe ich euch dieſelben heute vermacht, und die Urkunden im deutſchen Hauſe niederge⸗ legt, damit ſie, wenn ich todt bleibe, euch und vielleicht der allerliebſten Geißlin, ſo dieſelbe einſt wiederkäme, zu Nutz und Frommen ſeyen.“— Bei dieſen Worten ſchaute Götz mit habſüchtigen Blicken auf, und Grete ſchluchzte, den Junker wie eine Mutter umhalſend:„Ach, womit ver⸗ dienen wir dieſe neue Wohlthat? was werden Euere Ge⸗ ſippten ſagen, die Ihr hintanſetzt, um uns arme Leute zu bereichern?“— Heerdegen runzelte die Stirn, und ant⸗ wortete:„Die Schweſtern haben reiche Männer, und mein Bruder iſt ein Geizhals, der, wie ich befürchte, bei der Erbtheilung nicht gar brüderlich mit mir verfuhr. Kein Wort davon. Der Schultheiß und der Commenthur werden trotz Teufel und Widerſpruch meinen letzten Willen voll⸗ ſtrecken.“—„Ihr ſeyd ein rechter Ebelmann,“ ſagte nun Götz behaglich:„wir wollen auch eine Jahrszeit ſtiften zu Euerm Gedächtniß, nach Euerer Answahl.“ Heerdegen bedachte ihn mit einem verächtlichen Blick, und kehrte ſich um ſo liebreicher zu Frau Margarethe, die, ihres Gatten Rohheit zu mildern, mit naſſen Augen ſagte: „Laßt uns nicht von Euerm Tode reden, wohl aber von dem Siege, den Euch Gott verleihen möge.“ Heer⸗ degen antwortete feierlich:„Bleibe ich Meiſter im Kampfe, ſo iſt nicht minder all mein Gut Euer und der Geiß⸗ lin Eigenthum, ſintemalen ich gelobte, durch aller Her⸗ ren Länder auf und ab zu ziehen, damit ich das ſüße, verlorne Kind wiederfinden und in Euere Arme führen möge. Jetzo lebet aber wohl und gedenket mein mit Fröm⸗ 152 migkeit. Meine Zeugen erwarten mich auf der Trinkſtube, von wannen ich in's deutſche Haus gehen will, die Nacht über mich zum Kampf vorzubereiten.“ Eine Umarmung der weinenden Margarethe, ein Hände⸗ druck dem gleichgültigen Götz, und mit leichterem Herzen ging der Junker aus ſeinem Hauſe auf die Straße, wo ihn ſeine Freunde, die edeln Herrn und Bürger von Hall, aus den Geſchlechtern von Rinderbach und der Senfften, in die Mitte nahmen. Heerdegen, der ſelber zu Hall das Bürger⸗ recht genoß, hatte dieſe unerſchrockenen Degen zu ſeinen Zeugen und Grieswärteln erwählt, um ihm beizuſtehen bei dem feierlichen Zweikampf, den der ehrbare Rath zu Hall, zufolge des von Kaiſer und Reich der Stadt verliehenen Kampfrechts verwilligt hatte, nachdem jede Thaidigung, die Herausforderer mit dem Geforderten zu vertragen, eitel unnütz geweſen war. Mit ſolchen Zeugen und Beiſtänden wandelte nun der Junker von Sperberseck der Trinkſtube zu, und begegnete auf dem Wege ſeinen Widerſachern, die, ebenfalls im Geleite vou Edelleuten, ihren Kampffreunden, die Straße zogen. Mit drohenden Blicken ſtrichen ſie an einander vorüber, getrennt durch die Begleiter, aber dop⸗ pelt erbittert durch die Nähe des Kampfplatzes ſelbſt, wo bereits unter Aufſicht des ſtädtiſchen Bauherrn und des Büttel⸗ meiſters die Schranken erhöht wurden. Viel Volks ſtand gaffend auf dem Fiſchmarkte, und betrachtete die Zurüſtungen für das ſeltene Schauſpiel, ſo am nächſten Morgen beginnen ſollte. Viel Geſchrei und Luſtbarkeit war auf dem Platze, die Zimmerleute ſangen, während ſie die Pfoſten einſchlugen, die Buben ſpielten und ſchäkerten auf dem herbeigekarrten Sande, den das Abend⸗ voth überflammte, als ränne ſchon darauf der Kämpfer Blut. Die Menge drängte ſich beſonders um die Kampf⸗ gäſte ſelbſt, geleitete ſie neugierig von Straße zu Straße, 155 von Haus zu Haus.— Nach einer drohenden Geberde, die der Scherer von Landſäß im Rücken des Sperberseck ge⸗ macht, ſagte er zu dem Freiherrn von Harras:„Es däm⸗ mert, und der Buben Geläuf wird mir überläſtig; ich will in's Stift gehen, mit meinem Beichtvater den Abend ver⸗ bringen und dort ſchlafen. Auf Wiederſehen, Freund, und viel Glück zu morgen.“— Schweigend und beklommen gab ihm Harras die Hand, ſchied von dem Kampfgenoſſen, und fragte mit gezwungenem Lächeln ſeine Beiſtände:„Was meint ihr, biderbe Geſellen? rathet ihr mir wohl, in einem Kloſter zu übernachten, ermüdet durch Gebet und Pfaffen⸗ zuſpruch, oder in der Herberge den Abendtrunk und geſun⸗ den Schlaf zu genießen?“ Nun waren des Harras Kampf⸗ zeugen gar fröhliche Kumpane, die gern an der Lecket ſaßen, und eine hübſche Dirne lieber hatten, denn eine Welt voll Prieſter und Monſtranzen, und ſie antworteten leichtfertig: „Morgen iſt noch Zeit zu Beichte und Nachtmahl, und beſſer, den Abend in guter Freunde Kreis zu beſchließen, Muth und Zuverſicht und Kraft zu trinken aus dem perlen⸗ den Rheinfal. Da iſt die Herberge des Matthäus Vogel⸗ mann; er hat guten Wein und ein artig Kredenzmädchen. Komm mit uns, Freund Harras, und denke nicht an mor⸗ gen!“— Der Freiherr griff mit beiden Händen nach dem Rathe ſeiner Frenude; wie gerne folgte er ihnen zum küh⸗ len Wein, zum heißen Dirnenkuß, wie gerne hätte er nicht und nimmer des kommenden Tages gedacht! Da ſie an Vogelmanns Haus kamen, zu beiden Sei⸗ ten viel herzulaufend Volk, ſtand auf der Schwelle der Herberge ein Mann in wanderſchaftlicher Kleidung, das Ränzlein über der Schulter, die Bundſchuhe voll Staub, auf dem Kopfe eine Zottelmütze, ſo tief über die Augen herabging. Der Zotteln ungeachtet jedoch ſchaute der Frei⸗ herr ſeinen Mann wie ein Falk durch und durch, griff ihn — 156 hart an den Kragen, da er juſt entweichen wollte, und ſagte zu ſeinen Begleitern:„Geht nur derweilen zur Zech⸗ ſtube, ihr guten Geſellen, und beſtellet für mich einen fri⸗ ſchen Trunk; ich hab' noch dem alten Männlein hier etwas heimlich zu vertrauen.“ Die Edelleute lachten, und liefen der Kellermagd zu, die ihre roſenrothe Wange zur Thüre herausneigte; der Wanderer ſprach jedoch ängſtlich:„Herr, mich gelüſtet nicht nach Euerer Vertraulichkeit;“ worauf ihn der Freiherr hineinzog mit den Worten:„Komm nur, alter Schelm!“ und brachte ihn alſo in ſeine Kammer, verriegelte die Thür, und ſah ihn grimmiglich an, der ſich kaum vor Angſt zu faſſen mußte.„Warte, Hund, Du ſollſt mir nicht umſonſt begegnet ſeyn,“ brummte Harras dem Mann entgegen:„beichte jetzt auf der Stelle; wo iſt die Geißlin hingekommen?“ Dabei griff er ihn wieder hart an die Gurgel, daß ſich der Andere erſchrocken wehrte und krächzte:„So Ihr mich nicht loßlaßt, edler Herr, will ich des Kaiſers Recht und den Schutz der Stadt Hall anrufen.“—„Verſuch es, Thor, wenn Du lebendig ge⸗ braten ſeyn willſt. Der ehrbare Rath treibt nicht viel Kurzweil mit Deinesgleichen. Seine Thürme ſind tief und naß, die Henkerbrücke und die Blendſtatt ſind nicht weit. Du weißt, was Du verdient haſt. Ein offen Bekenntniß mag allein Dich retten.“— Da ſchnitt der Andere ein gar beweglich Geſicht, und verſetzte weinerlich:„So wahr ich nach dem Vorläufer des Herrn getauft bin, und mein Va⸗ ter der ehrlichſte Gensbein in Schwaben geweſen, ſo treu gelobe ich, daß ich von der Geißlin nichts weiß.“ Als bei dieſen Worten des Freiherrn Augen funkelten wie Irrwiſche, fuhr der Schalk mit dem Tone des Vorwurfs fort:„Ihr ſeyd ſelber Schuld, edler Herr, daß die wohlerſonnene Liſt zu Waſſer wurde. Wie lautete unſere Abrede? verſpracht Ihr nicht, auf halbem Wege, ſpäteſtens zu Gernsbach uns 157 einzuholen? war dann nicht mein Amt zu Ende? hätte mich's bekümmert, was Ihr ſofort mit dem Mägdlein ange⸗ fangen? aber, der nicht kam, wart Ihr, und ein Mägdlein iſt ſchwerer zu hüten, denn ein Sommervogel. Zwei Tage trieb ich mich mit der Geißlin umher, da war ſie eines Abends fort, ich weiß noch heute nicht, wohin.“ Der ungeduldigſte Zorn hatte ſich des Freiherrn be⸗ meiſtert, daß er den erſten Grimm an ſich ſelber ausließ, wild an ſeinem Knebelbart rupfte, mit geballter Fauſt ſeine Stirn ſchlug, und mit dem Fuße den Boden ſtampfte, daß die Fenſter zitterten. Sein Ungeſtüm brach in Ver⸗ wünſchungen aus, und er rief:„Mich hat ein böſer Geiſt regiert, vielleicht, weil ich mich mit dem abgefeimteſten 1 Schurken eingelaſſen. Alles ging an jenem verfluchten Tage krumm. Freunde, die mich beſuchten, und über die Ge⸗— bühr aufhielten, mein Roß, welches der ungeſchickte Schmied vernagelte, und endlich die blinde Hirnwüthigkeit der Stadt⸗ wächter, die mich für einen andern hielten, und als einen Mörder zurückbrachten, weil ich das Unglück hatte, juſt bei finſterer Nacht deſſelben Wegs zu ziehen, wie der tolle Sperberseck, der an mir vorüber den Berg hinanjagte, als ob die Peſt hinter ihm wäre. Obſchon meine Unſchuld ſon⸗ nenklar geweſen, hielten mich die Badner binnen dreien Tagen in Gewahrſam, und wie ich frei geworden nach Gernsbach eilte, verlor ich Deine Spur, und nicht ein Stäubchen Euerer Sohlen war mehr vorhanden.“—„Ihr ſeht es ſelbſt: Ihr habt die Schuld, und ſchuldet mir noch obendrein die Mühwaltung in Euerm Dienſte.“—„Das böſe Kreuz auf Deinen Kopf, Du Kyderſchalk! wälze nicht auf mich, was Du verbrochen, denn Du wirſt mich nimmer glauben machen, daß die Geißlin ohne Dein Wiſſen ent⸗ floh.“— Hierauf nahm Gensbein ſein ernſthafteſtes Antlitz vor, ſtreckte die Finger empor wie zu einem Eide, und 158 ſprach feierlich:„Beginnt mit mir, was Euch beliebt. Wir ſind allein, würgt mich ab, ſtürzt mich in den finſter⸗ ſten Winkel, ziehet dann ſtraflos davon. Aber ich kann Euch nimmer bekennen, was aus der Geißlin geworden, die mich, unfern Loffenau, verließ, da ich eingeſchlummert unter einem Baume ſaß. Ich will mich auf die Folter werfen, mit einer Diele mir den Kopf abſtoßen laſſen, und vermöchte doch kein Tüpflein an meiner Ausſage zu ändern.“ Da er bemerkte, daß der Freiherr von ſeiner Zuverſicht überredet, ſeinen Worten Glauben zu ſchenken begann, ſetzte er mit frommem Angenauſſchlag hinzu:„Ach, ich bin ohnehin des Lebens überdrüſſig, und ſtehe daran, alle meine Sünden zu bereuen, und ein gotiſelig Ende zu nehmen; ſintemalen mir zu Gemünd der Glaube in die Hand ge⸗ kommen, wo ich, unſchuldig gleich dem unbefleckten Lamme, ſeit der Zeit, da Geißlin von mir wich, im Thurme lag. Man zieh mich einer Fälſchung, die ich nicht begangen, drohte, mich durch die Backen zu brennen, und richtete mich am Ende zu, wie Ihre ſeht.“ Als er hiebei die Kappe et⸗ was vom rechten Ohr lüftete, nahm der Freiherr mit Ab⸗ ſcheu wahr, daß ihm das Ohr fehlte. Er gebot dem Gau⸗ ner, die Mütze wieder herunterzuziehen, und ſagte:„Er⸗ innerſt Du Dich noch meiner Worte, da ich Dir zu Baden begegnete? Mich wundert nur, daß Du erſt ſo ſpät um eines Deiner Fuchsohren kamſt. Jedoch ſchenke ich Dir in Betracht der Gemünder⸗Gerechtigkeit eine weitere Strafe, und will Dich mit der Angſt davonkommen laſſen. Mich wurmt aber, daß mir die Geißlin mit heiler Haut entkam, ob ich gleich morgen wegen jener Begebenheit mein Leben wagen muß.“—„Ihr ſepd alſo einer der Kämpfer?“ fragte Gensbein mit verſtellten Mitleid, und ſetzte auf des Freiherrn ſeufzende Bejahung hinzu:„Das iſt traurig, denn der Zufall ſpielt öfters denjenigen hart mit, die ihm 159 vertrauen. Noch in Euern beſten Jahren, in der Fülle der Geſundheit, mit Geld und Gut und Freunden reichlich be⸗ gabt, und morgen etwa vergeht Ihr wie der letzte Sonnen⸗ ſtrahl an jenem Dachgiebel!“ Der Freiherr ſeufzte noch einmal, und ſchwerer, denn zuvor. Gensbein fuhr mit geſteigerter Theilnahme fort:„Was thäte ich nicht gerne, um Euch in dieſer Sache nützlich zu ſeyn! aber die Zeit iſt zu kurz, und wenn ich ſelbſt ein Schwarzkünſtler wäre. Hätte ich ein Wappen, ich träte für Euch in die Schran⸗ ken...“ Der Freiherr zuckte verächtlich die Achſeln, aber Gensbein ſprach, ohne ſich irren zu laſſen, weiter: „Oder wißt Ihr was? verſchiebt den Kampf; ich kenne eine Hexe, die Euerm Gegner einen Atzmann in den Ha⸗ fen ſetzen ſoll, damit er ausdorre und dahinſchwinde wie das Herbſtlaub.“—„Der Kampf iſt nicht mehr zu verſchieben,“ brummte Harras, und weil die einbrechende Finſterniß ihn, dem Spitzbuben gegenüber, weniger ge⸗ ſchämig machte, fügte er bei:„Ich will geſtehen, daß mir der ganze Handel nicht gefällt. ich bin ein luſtiger Geſell, liebe nicht den Kampf auf Leben und Tod. bin vom Landſäß aufgehetzt worden.. aber mein Hand⸗ ſchlag, mein adelicher Name ich kann nicht mehr zu⸗ rück, es wäre eine unauslöſchliche Schmach.“ Da fragte Gensbein liſtig?„Was kümmerte es Euch, ob der Land⸗ ſäß zu Tode gehauen würde, wärt Ihr nur ſelber los und frei? Iſt denn an Eurem Gegner oder ſeinem Wappen kein Schandflecklein zu finden, daß dem Kampf zuwider⸗ ſtünde?“—„Ich hab' dieſes auch ſchon verſucht, darauf geſtützt, daß der Markgraf von Baden den Sperberseck als einen Uebertreter der Badgeſetze rechtlos gemacht; aber der Graf von Würtemberg hat bewirtt, daß ſolches Urtheil abgeſtellt wurde. Kein anderer Flecken haftet ſonſt an der Ehre der Sperbersecke.“ 160 Gensbein ſchwieg eine Weile, und ſagte dann haſtig zu dem Freiherrn:„Befehlt, daß man eine ehrliche Abend⸗ koſt auftrage, denn ich bin hungrig, und begehre aus Euerm Beutel zu zehren, wogegen ich ein Geheimniß losſchagen will, das Euch vom Kampfe erledigt, mein Gewiſſen be⸗ freit, und mir etwa ein ehrliches Alter ſichert, inſofern Euere Freigebigkeit die Wichtigkeit meines Dienſtes er⸗ kennen mag.“ Der Freiherr horchte hoch auf, ſchöpfte Hoffnung aus des Spitzbuben Rede, ließ Wein, Licht und Imbiß heran⸗ bringen, gab Wort und Gelöbniß, den Gensbein zu ſchir⸗ men und ziemlich auszuhalten, riegelte ſich mit ihm noch eine halbe Stunde ein, und erſchien alsdann mit ſtrahlender Stirne unter ſeinen Herberggeſellen. Alle Befangenheit war von ſeinem Geſichte verſchwunden, er trank und ſchä⸗ kerte wie am Vorabend einer Hochzeit, und ſuchte, der letzte, das Lager, wo er unbekümmert dem Sonnenaufgang entgegenſchlief. Die Bewohner von Hall verließen frühzeitig ihre Häuſer, geweckt durch das Geläute der Glocken, durch das Rollen der Trommeln, die an jeder Straßenecke die Hegung des Kampfgerichts verkündeten, durch die Stimme des ſtäd⸗ tiſchen Herolds, der bei ſchwerer Strafe allen Weibern und den Buben unter zwölf Jahren verbot, in der Nähe des Kampfplatzes zu erſcheinen. Aller Orten liefen die Büttel, die Ketten an den Straßen zu beſichtigen und aufzuſpan⸗ nen, damit kein Wagen fahre, kein Auflauf entſtehe; nur die Fallthürlein an den Porten wurden offen gelaſſen, und vorſichtig ſpähten die Thurmwächter in's Feld hinaus, ob nicht ein reißiger Ueberfall das Kampfrecht zu ſtören käme, gewappnet ſammelten ſich auf den Lärmplätzen die Zünfte der Handwerker, gewärtig, ob nicht irgendwo ein Feuer aufginge. Indeſſen war auf dem Fiſchmarkt alles vorbe⸗ 161 reitet, der Kampſplatz mit Sand beſtreut, mit Schranken verwahrt, worauf hie und da offene aus Holz geſchnitzte Hände aufgerichtet ſtanden. Das war des Kaiſers Friede und der löblichen Stadt Hall Gewalt; weswegen auch vor dem Sitze der Kampfrichter die Wappenſtangen von Hall erhöht waren, mit Avler, Hand und Ring. Zugleich die Wappenſchilder der adeligen Kämpfer wurden von deren Freunden in Harnifch und Wehren zu Blalt getragen, ob nicht irgend einer daran zu tadeln fände, bevor der Kampf begonnen. Innerhalb der Schranken wie außerhalb der Bruſtlehnen ſtanden nach alten Herkommen die Sieders⸗ knechte aus den Salzhäuſern von Hall, Pickelhauben auf den Köpfen, Morgenſtern und Wehrſtangen in den Händen; ibnen gebührte, nach den Bütteln, die Ordnung zu halten. Auf dem Platze im Schrankenring waren auch zwei Häus⸗ chen von Brettern erbaut, worinnen ſich die Kämpfer mit ihren Grieswärteln zu halten hatten, und an dieſe Hütten wurden ihre Wappenſchilder gehängt, an die eine das Wap⸗ pen der Sperberseck, an die andere des Landſäß und des Harras Schilder. Das ſchönſte Wetter begünſtigte die Zu⸗ bereitungen zu dieſer ſeltenen Feierlichkeit. Der Markt wimmelte von neugierigen Zuſchauern, aber nicht weniger die Kirche von St. Michael, wo den Kämpfern am Frohn⸗ altar ein Amt gehalten, alsdann des Herrn Nachtmahl aus⸗ getheilt wurde. Nach dem„Ite, missa est,“ verließen un⸗ ter eintönigem Glockenzeichen die Kämpfer die Kirche, um in die Schranken zu treten; zuerſt der Sperberseck, umge⸗ ben von ſeinen Beiſtänden, neden ihm ein Prieſter des deutſchen Hauſes, pinter ihm der Sarg für ſeinen ſterblichen Leib, deveckt von einem Bahrtuche, von Geſellen einer Brüderſchaft getragen; alsdann der Landſäß mit ſeinen Freunden, an ſeiner Seite einer aus dem Stifte Comburg; zum dritten der Freiherr von Harras mit einem Barfüßer⸗ Nonne von Enadenzell. M. 1¹ mönch und ſeinen Zeugen. Auch dieſen beiden letziern Kämpfern folgten ihre Särge, und wurden niedergeſetzt neben den Hütten in den Schranken, und zu einem jeden vier Wachslichter geſtellt und ein Weihbrunnkeſſel gethan⸗ — Sperberseck war ruhig, kalt und gefaßt, ſein leichtſin⸗ niger Ungeſtüm verließ ihn ſtets im Augenblicke, da es galt. Scherer von Landſäß ging blaß, finſter und nach⸗ denklich einher; Harras, von allen Dreien dem Waffen⸗ handwerk am wenigſten gewachſen, wandelte mit fröhlichem Angeſicht, als hätte er bereits den Sieg gewonnen. Die Gegner gingen in die Häuslein, ihre grauen Kampfwämm⸗ ſer anzulegen, und ſolchem Thun wohnten verordnete Kampfe richter aus den Geſchlechtern bei, beſtiegen hierauf wieder das Gerüſt, wo der Schultheiß des Reichs ſaß, als oberſter Kampfrichter, neben ihm die Stättmeiſter von Hall, als ſeine Beiſitzer, und alle ließen ſich nieder; der Schultheiß winkte mit dem Stabe, die Zinkeniſten blieſen, der Herold trat in ſeinem abenteuerlichen Schmucke in die Mitte des Platzes. Da verlas er die Privilegien des römiſchen Kö⸗ nigs und der Churfürſten, zugleich die Kampfordnung des Raths, rief die Kämpfer aus ihren Hütten, und ſprach ſie an, wie gebräuchlich:„Mein edler Herr Scherer von Land⸗ ſäß, der Ihr in meiner löblichen, des Reiches Stadt Hall das Recht fordert, beſteht Ihr darauf, den Herrn von Sperberseck eines mörderiſchen Angriffs zu zeihen, worinnen derſelbe Euch verwundet, und dieſe Wunde ihm nimmer zu vergeben?“ Scherer ſchwieg trotzig, und an den Harras wendete ſich der Herold, fragend:„Mein Edler des Reiches Freier von Harras, welcher Ihr neben dieſem Kampfhelden allhie Euer Recht ſucht, beſteht Ihr darauf, dem edlen Herrn von Sperberseck Euer ungerecht Gefängniß zu Baden zur Laſt zu legen, und ihm nimmer zu vergeben.“ Der Frei⸗ herr ſchwieg, wie Landſäß, und gegen Heerdegen gekehrt, 50 ſchloß der Herold:„Mein edler Herr von Sperberseck, ein Edelknecht und Burger meiner des Reiches Stadt Hall, Ihr läugnet ſtets die genannten Beſchuldigungen, und wei⸗ gert Euch nicht des Kampfrechts?“ Jach einer Pauſe wies er die Kämpfer vor den Stuhl des Schultheißen, um den Eid zu leiſten, daß ſie keine verzauberten Waffen, noch Teufelsſalbe und Hexenkräutlein an ſich trügen, dem Geg⸗ ner zu ſchaden, und die Heiligen zu beleidigen. Sie ſchwo⸗ ren mit aufgehobenen Händen, ein jeder auf ein ihm dar⸗ gebotenes Heiligthum, den verlangten Eid, und kehrten an ihre Plätze zurück. Der Herold ſchrie alsdann überlaut nach den vier Winden:„Ihr Männer, die ihr zuſchaut einem ehrlichen Zweikampf und Gottesurtheil, ſeyd frommen Sinnes, und betet heimlich, daß der guten Sache der Sieg nicht ausbleibe; aber ſchweiget und reget euch nicht, gebet Lein Zeichen, keinen Wink, keinen Laut! ſo einer das thut, wahrlich verfallen iſt er nach des Kaiſers Bann dem Hen⸗ ker, zu büßen mit ſeiner rechten Hand und ſeines linken Fußes Verluſt!“ Dieſes drohende Gebot zu bekräftigen, rüſteten die Salzknechte und Büttel die Schlingen, womit ſie die Schuldigen auf weite Entfernung beim Halſe zu fangen verſtanden, und der Nachrichter, den rothen Mantel über die Schultern, ſchritt mit Beil und Block in den Ring. — Joch einmal erhob der Herold ſeinen Stab, und rief: „So ſtehet denn bereit in Gottes Namen und wartet auf das dritte Zeichen. Wer dem andern obliegt, hat deſſen Leben gewonnen, ſo derſelbe nicht um Gnade ſchreit, und dem Beſiegten wird ein ehrlich Begräbniß; rechtlos aber ſey derjenige, der ſich ergibt, fintemalen bier nicht ge⸗ kämpft wird auf ritterlich Gefängniß oder Löſegeld, wohl aber auf Haut und Haar, auf Tod und Leben, dem Gott genade!“ So gingen denn zuerſt hervor der Landſäß und der 162 Sperberseck, beide mit unbedecktem Haupte und ohne Panzer, in den Händen eine Streiaxt, an dem Gürtel aber ein kurzes ſcharfes Schwert. Der Schultheiß theilte Sonne und Wind, während die Fechter in die Kniee ſanken und mit ihren Beichtvätern ſtille beteten; fodann warf der Schultheiß ſeinen Handſchuh in die Schranken, und Einer rief zum erſten⸗, zweiten⸗ und drittenmale:„Heraus in Gottes Namen!“ Da fielen ſich die Gegner an, und der Scherer war hitzig in ſeinem Angriff, ſeiner Leibeslänge und Ge⸗ wandtheit wohl vertrauend. Heerdegen mit dem geſunden Fuß in dem Sande wurzelnd, ſchonend das kaum getheilte Bein, wehrte mannlich des Landſäß wüthenden Streichen, und bald geſchah es, daß des Letztern Kampfbeil von des Sperberseck Waffe gepackt in die Luft flog, worauf der Scherer einige Schritte zurückſprang, und ſein Schwert ent⸗ blößte. Flugs ließ auch Heerdegen die Mordayt zur Erde gleiten, und zückte das Schwert, und wartete des neuen Angriffs. Grimmiger noch denn zuvor ſtieß der Landſäß auf ihn zu, aber beſonnen gab der Sperberseck ſcheinbar eine Blöße, und wie ſein Feind den Streich nach feiner unbewehrten Schulter führte, unterlief ihn der Sperberseck, ſtürzte den langen Mann mit Leibeskraft zu Boden, kniete auf ſeine Bruſt, ſetzte ihm des Schwertes Schärſe an die Gurgel, und rief ihm drohend zu:„Gib Dich, oder ſtirb!“ — Da überkam den Scherer unter dem Eiſen ves Siegers unnenubare Angſt vor dem Tode und er ſtammelte, ſeine Waffe aus der ſchwachen Hand laſſend:„Gib Gnade!“ Nun erhob ſich Heerdegen ſchnell, zeigte allem Volke des Landſäß Schwert, befahl dem Feinde auf ſeine Kyiee zu liegen, und rief:„Das Leben ſey Dir geſchenkt, Du prahleriſcher Mann, aber kraft des kaiſerlichen Rechts er⸗ kläre ich Dich des Adels unwerth, verblete Dir für Deines Lebens Zeit, Dein Siegel als ein ehrlicher Ritter zu ge⸗ 1SS brauchen, Deinen Bart zu ſcheeren, auf ein Roß zu ſitzen, Wehr und Waffe zu tragen, Zeugſchaft abzulegen, und ir⸗ gend ein Vorrecht des Adels deutſcher Nation zu üben; zugleich befehle ich Dir, daß Du die Schranken unverzüglich meideſt.“— Scheter von Landſäß, welcher erſt bei dieſen Donner⸗ worten zur Beſinnung gekommen war, und mit Schrecken einſah, in welchen Abgrund der Schande ein Angenblick der Tovesfurcht ihn geſtürzt hatte, flehte nun mit Thränen der Verzweiflung um den Gnadenſtoß mit dem Schwerte, aber Heerdegen drehte ihm den Rücken zu, und mehrere Büttel packten ihn bei den Schultern, ihn vom Kampfplatz und aus der Stadt zu führen. Der Aermſte mußte den Scher⸗ gen gehorchen, denn die Freunde, ſo mit ihm gekommen, wichen ſcheu von ihm zurück, weigerten ihm beſchämt jede Hülfe, und einer von ihnen ſchrie ihm mit dem Tone der Verachtung nach:„O Du feiger, pflichtvergeſſener Edel⸗ mann! eben ſo gut wärſt Du an einer Flucht erſtochen worden, als Du jetzo Dich und uns mit Schmach be⸗ deckeſt!“ Darauf machten ſich alle Begleiter des Landſäß aus den Schranken davon, ritten ſtill und verdroſſen der Heimath zu. Heerdegen, nachdem er des Landſäß Schwert vor dem Kampfrichter niedergelegt, und deſſen Wappen noch vor den Augen des Beſiegten umgeſtoßen, hielt wieder auf dem Plane, und rief den Harras zum Gefechte. Seiner unge⸗ ſchwächten Kraft bewußt, gedachte er mit dem Freiherrn bald auseinander zu kommen, aber mit Staunen ſah er dieſen höhniſch lachend hervortreten, einem Wächter die Wehrſtange aus den Händen nehmen, und damit dem Schilde des Sperberseck einen ſolchen Stoß verſetzen, daß in Stü⸗ cken zerſplittert zu Boden fiel. Ein wahrer Aufruhr ging los um die Schranken, ſchnaubend vor Wuth ſchwang Heerdegen ſein Kampfbeil. Der Freiherr ging jedoch raſch auf den Schultheiß zu, und ſchrie:„Mit einem Ehrloſen kämpfe ich nicht, und der Sperberseck ſammt ſeinem Ge⸗ ſchlechte iſt ehrlos. Seine Mutter hat ihr Ehebett geſchän⸗ det, einen Baſtard auf den reinen Stamm gepflanzt, und ihre Söhne haben darum gewußt, gelobt den Buben auf⸗ zuziehen, ſodann ihren Eid gebrochen, und den leiblichen Bruder, ein unſchuldig Blut, hinausgeſtoßen in's Verderben. Darum rufe ich Zeter über das unehrliche Haus und die Verderber eines ſchuldloſen Kindes!“ Heerdegen traute nicht ſeinen Ohren; zehnmal mußte man ihm wiederholen, weſſen ihn der Harras beſchuldigte, und nur durch ſtummes Entſetzen vermochte er der unge⸗ heuern Inſchuldigung zu antworten, die er für eine Lüge hielt, die er als den gräßlichſten Frevel ausſchrie. Dagegen beſtand der Harras darauf, gelobte Beweife und Zeugen zu ſtellen, und forderte Heerdegen fammt ſeinen Geſippten vor des Grafen von Würtemberg Stuhl.„Dort liegt Euer Stammſchloß,“ rief er:„dort lebt vielleicht jetzt noch das Opfer Eurer Grauſamkeit, ihr Brüder von Sperberseck! dort wird ſich endlich ergeben, ob Du nicht ſelber ein Ba⸗ ſtard biſt, Heerdegen, mit dem ein ehrlich geborner deut⸗ ſcher Edelmann nicht kämpfen darf.“—„Was habe ich mit dem Grafen von Würtemberg?“ eiferte dagegen der Junker, von einem Fieber des Zorns geſchüttelt:„ich ſetze eine Ehre darein, ein Burger von Hall zu heißen, und rufe des Kaiſers Recht an. Sein Gericht mag entſcheiden, ich ſtelle mich zu ehrlichem Gewahrſam innerhalb dieſer Stadt, und ſo Ihr das Recht für Euch zu haben vermeint, thut Ihr ein Gleiches.“— Nach kurzem Hin⸗ und Her⸗ reden mit ſeinen Freunden und Geſellen willigte der Har⸗ ras ein; der Schultheiß und die Stättmeiſter beraumten den Gegnern den Umfang der Stadtmauern als ein ritter⸗ 167 liches Gewahrſam, und hoben das Kampfgericht auf. Von Zweifeln, Zorn und Scham bedrängt, floh Heerdegen, ſich im deutſchen Hauſe zu verbergen, und frech wie der über⸗ müthigſte Sieger ſetzte ſich der Freiherr bei Sang und Klang mit ſeinen Geſellen zum Freudenmahl in der Her⸗ berge des Matthäus Vogelmann. Eilftes Kapitel. „Ich wandte mich und ſahe alle an, die da Unrecht leiden unter der Son⸗ nen; und ſiehe, da waren Thraͤnen de⸗ rer, ſo Unrecht litten, und hatten kei⸗ nen Troſter, und die ihnen Unrecht thaten, waren zu maͤchtig, daß ſie kei⸗ nen Troͤſter haben kundten.“ Der Prediger Salomo. In dem Kloſtergarten zu Gnadenzell, an den Quellen des Lauterflüßleins, ſaß die ehrwürdige Mutter Beate, und weinte verſtohlen, und hörte kaum auf die Tröſtungen der nicht weniger bekümmerten Placida. Vor den beiden Non⸗ nen ſtand jedoch der fromme Vater Benno, ein Karthäuſer von Güterſtein, welcher herübergekommen war, die Refor⸗ mirſchweſtern in ihrem Leide zu beſuchen. Er hatte eben ſeinen ſalbungsvollen Zuſpruch geendigt, als Beate mit thränenden Augen begann:„O mein ſehr ehrwürdiger Herr und Bruder, wie eindringlich Euere Worte auch klin⸗ gen, ſo habt Ihr doch gut reden und ermahnen, ſintemalen Ibr wieder heimkehret zu Euerer gottesfürchtigen Gemeinde, und nicht gemüßigt ſeyd, in unſern Drangſalen zu verblei⸗ ben. Wenn Ihr wüßtet, wie ich ſammt meinen Leidensge⸗ — 163 fährtinnen zu Gott gebetet, wie im Kampfe wir gerungen! wir halten's aber nicht aus, hochwürdiger Pater. Des Aergerniſſes, Mangels und Kummers wird uns zu viel, und billig möchten wir dies von Gott verlaſſene Haus mit einer Otternhöhle vergleichen, wenn uns die chrißtliche Liebe ſolches nicht verböte.“—„Und wahr iſt's, was die Mut⸗ ter Beate ſpricht,“ nahm Placida das Wort,„jeder Tag bringt uns neue Qualen, jede Nacht der Angſt und Schrecken faſt viel. Die böſen Schweſtern peinigen uns, wie die ar⸗ men Seelen im hölliſchen Pfuhl gemartert werden. Wi⸗ derſpenſtig und verſtockt ſpotten ſie unſerer Lehren, weigern ſie Arbeit und Gehorſam, verſäumen ſie den Chor und Gottesdienſt; ihre Zungen ſchlagen uns mit Verläumdung und Hohn, ihre Augen drohen uns wie Baſilisten, und ſie würden uns mit ihren Zähnen und Nägeln zerfleiſchen, wenn ſie nicht hofften, daß der Hunger uns bald aufreiben werde. Ja, Pater Benno, kaum erhalten wir das tägliche trockene Brod, unſern fierblichen Leib nothdürftig zu ernäh⸗ ren; wir, die des Ueberfluſſes gewöhnt ſind, die bisher ſon⸗ der Mangel und Tribulation dem Herrn dienten in ge⸗ laſſener Seelenruhe. Wehe uns, wenn eine Klage unſerm Mund entſchlüpft. Schimpfreden ſind unſere Antwort, Spottreden begegnen unſerer Ermahnung. Ich verſtehe viel zu ertragen, ohne den Mund aufzuthun, aber folche Mißhandlung überſteigt meine Kräfte und Sanftmuth.“ Als Placida mit einem ſchweren Seufzer ſchwieg, ſagte der Karthäuſermönch ſtrenge:„Wenn auch Euer Stand ſchwie⸗ rig und peinlich wäre, ſeyd Ihr denn zur Welt gekom⸗ men, um nur Honig zu koſten und auf Roſen zu liegen? Kampf und Streit iſt das Loos aller Menſchen, ſo irgend etwas zu Gottes Ehre gefördert werden ſoll. Darum ha⸗ ben Euere Vorgeſetzten Euch nicht hieher gethan, gleich als in ein Paradies, ſondern daß Ihr im. Schweiße Eueres 170 Angeſichts den verwahrlosten Acker bauet, und den Samen himmliſcher Erndte in den Boden ſtreuet, wo bisher nur Dornen wuchſen. Letzt Euch an dem Beiſpiel der heiligen Einſiedler, die mit Tod, Teufel und Verſuchung rangen, die Siegespalme zu gewinnen. Euer Verdienſt wäre nur halb, wenn nicht Hinderniſſe Euern frommen Zwecken be⸗ gegneten, und erleuchtet werdet Ihr ſeyn vor dem Herrn, ob Ihr nur eines der verirrten Schäflein rettet, von denen ſich das Auge des Barmherzigen gewendet. Sollte denn unter den Schweſtern dieſer Gemeinde nicht eine einzige ſich befinden, die Euch gehorchte als eine reuige Jüngerin?“— Nach einigem Beſinnen erwiederte Beate:„Wir dürfen wohl zweie von den Frauen loben, die uns ehren und ge⸗ horſamen, wenn ſie gleich nicht als Werkzeuge dienen, die andern zu bekehren. Die Schweſtern Cäcilia und Hailwig ſind gottesfürchtige Weiber, was auch Mißgunſt, Neid und Verläumdung von ihnen munkeln, aber ſie machen ihr Bei⸗ ſpiel nicht fruchtbar, haben ſich ganz in die Hände der ſtrengen Heinrike gegeben, beten und faſten mit ihr, geißeln und kaſteien ſich mit ihr, und kümmern ſich nicht, ob andere von ihnen lernen. Und dieſe andern ſind eine ſchlimme Rotte, zu beginnen von der Priorin, die ihr böſes Herz mit Gleißnerei vermummt, bis auf die geiſtesſchwache Sim⸗ plicia, und die ſteinalte Euſtachia, ſo ihre Bosheit gar nicht verhehlen, Stund für Stund auf neue Unbill ſinnen, und nimmer ruhen Tag und Nacht. Darum„ ſollten wir auch Eueren Tadel verdienen, hochwürdiger Herr, ſo wollen wir Euch dennoch bekennen, daß wir in unſerer Bedrängniß und Verzweiflung ein Mittel erwählt, dieſem kläglichen Zuſtande ein Ende zu machen. Wir haben in aller Stille an's Clarenkloſter zu Pfullingen berichtet, daß man uns von dort aus chriſtlicher Barmherzigkeit ein Wäge⸗ lein ſchicke, worauf wir von dannen fahren könnten, und 171 gen Pforzheim zurückkehren. Die Oberin mag uns alsdann ſtrafen, der Biſchof eine Buße auferlegen, die Nonnen von Gnadenzell mögen uns verlachen und verhöhnen, ſo wir nur der Trübſal quitt ſind, die ſchon gegen einen Mond andauert, ſtets unerträglicher wird. Heute oder morgen ſehen wir der Befreiung entgegen, und überlaſſen dem all⸗ mächtigen Schöpfer, ſelber Ordnung herzuſtellen, wo unſer ſchwacher Muth nicht ausreicht, Beſſerung zu erzielen.“ Darob entſetzte ſich der Karthäuſer, und rief mit un⸗ williger Geberde:„Ihr thut recht, Euern Muth ſchwach zu nennen, denn fürwahr, klein iſt Euer Glaube, und träge Euere Liebe, gleich den thörichten Jungfrauen, die kein Del in ihre Lampen füllten, den allerſüßeſten Bräutigam zu empfangen. Habt Ihr denn bedacht, blinde Weiber, welchen Sieg Ihr der Finſterniß bereitet? Töchter des heiligen Dominikus, nicht alſo handelte Euer vortrefflichſter Ordensſtifter, der mit Wort und That, mit wohlthätigem Eiſen und der Arznei des Feuers den Teufel bezwang, wo er ſein Reich begründen wollte. Ihr ſeyd verfallen der Schmach, der ſchweren Buße und ewigen Verantwortung, wenn Ihr beharren wollt auf Euerm Vorſatze. Am Tage des Gerichts wird der Herr Euch ſagen:„Ich habe Euch geſendet, Friede zu ſtiften und Ihr habt Wunden geſchla⸗ gen, ich habe Euch befohlen, Cedern zu pflanzen, und Di⸗ ſteln ſind aufgegangen, ich habe Euch geboten, nützliche Arbeit zu thun, und Ihr habt Euch als faule Mägde er⸗ wieſen! wo iſt dann Euere Rechtfertigung?“—„Haltet ein, Ihr zerdrückt unſere Herzen!“ jammerten die Nonnen weinend, und der eifrige Mönch fuhr fort:„So Ihr je⸗ doch Muth faßt, und des Gottvertrauens Panzer anlegt, ſo wird gewißlich die himmliſche Krone Euch zu Theil. Wie der Tag auf die Nacht, wie der Friede auf den Krieg, wie die Liebe auf den Haß, wie an dem Baume auf die 152 Blüthe die Frucht, ſo wird auch endlich an dieſem Orte auf den Fluch der Segen folgen. Denn dieſes hat der Er⸗ löſer verheißen, als er ſein tauſendjähriges Reich verſprach, und was er der ganzen Welt gelobet, wird ſich erfüllen an den einzelnen Menſchen. Wanket nicht, liebe Frauen. Seht um Euch in dieſer Waldeinſamkeit: auf den Bergen lagern ſchwere Wolken, ungehenere Hitze verſengt das Thal, daß die Blätter gelb werden, der Grashalm verdorrt, die Brünnlein ſparſam laufen. Aber, wenn es Gott gefällt, und ſicherlich kommt die Stunde, und ſie iſt nahe, denn die Hähne krähen nach Donner und Regen, dann wird der belebende Athem des Windes ſtreifen über Berg und Thal, die Wolken werden ihre Schätze ausgießen, am ſchwülen Himmel die Lichter hervorbrechen, und üppiges Grün wird die verbrannten Halden überkleiden. Alſo ſchenkt einſt der Herr Euern Mühen ſein Gedeihen, und berubigt entſchlummert Ihr einſt mit dem Troſtgedanken:„Wir baben eine ſchwere Pflicht vollbracht, und die geretteten Seelen preiſen uns dafür in Ewigkeit.“ Das lenkſame Gemüth der gottergebenen Kloſterfrauen fühlte ſch wunderſam hingeriſſen durch den Eifer des Kar⸗ thäuſers, und mit Thränen der Reue baten ſie dem Mönche ihren Kleinmuth ab, verſprachen auf's Neue, treulich ihres Amtes zu warten, und an der Stätte zu verharren, wohin ihr Schickfal ſie geſtellt. Mit beſonderer Freudigkeit ſchickte ſich Vater Benno an, nach ſeinem Kloſter zurückzuwandeln, und wollte keinen Augenblick ſäumen, theils, weil er einem Sterbenden zu Gomadingen verſprochen, ihn noch vor ſei⸗ nem Hinſcheiden zu ſehen, theils, weils rings über die Höhen ein ſchwarzes Wetter heranzog, der Glut des Spät⸗ ſömmers ein Ende zu machen. Mit Worten des Friedens, mit den Segnungen eines väterlichen Herzens beurlaubte er ſich, hüllte den kahlen Scheitel in die weiße Kaputze, 173 wickelte ehrbar die Hände in den faltigen Mantel, und ver⸗ ſchwand bald hinter den Bäumen an der Kirchhofmauer. Beate und Placida begegneten im Kloſter der Schweſter Heinrike.„Pater Benno hat uns befohlen, mit Gott aus⸗ zuhalten und nicht von dannen zu weichen,“ ſagten ſie ernſthaft zu der Freundin, und Heinrike antwortete ſchwär⸗ meriſch, die Arme ausbreitend:„Wie Goitt will! ſo blei⸗ ben wir; laſſet uns gehen und beten.“ Sie deutete nach der Kirchenthüre, in deren Schatten ſo eben. vie Giſeia gleiteten, und folgte feierlich dieſen Töchterr Buße und ernſteſten Andacht. Die verbündeten Schweſtern hielten Stunden der Meditation, während der übrige Con⸗ vent dem Müßiggange nachhing, eitelm Geſchwätze ſich er⸗ gab, oder tückiſch in einem Winkel ſich berieth, wie den Feindinnen wieder ein neuer Streich zu verſetzen wäre. Indeſſen wurde die Luft über den Albwälpern heiß, als ſtreiche ſie aus der lybiſchen Wüſte daher. Neblichter Qualm erfüllte Schlucht und Thal, Brodem, wie aus glü⸗ henden Schmelzöfen brütete rings umher, und die Wälder wurden flille, wie die öde Kluft, wie das ſchweigſame Grab. Die Wilothiere ſchlichen nach ven Gipfeln der Berge, ſchnap⸗ pend nach Luft, krochen in movſige Tiefe, mit der bren⸗ nenden Schnauze nach kühlendem Naß ſuchend; die Vögel duckten ſich im Neſt, kein Blatt rührte ſich, nur die Wol⸗ ken bewegten ſich langſam und ſtille herauf, dunkel und hängend, eingefaßt von gelben Rändern, wie ſchwarze Schilder, von mattem Golde beſäumt. Allmählig ſtießen ſie zuſammen im Scheitelpunkte des Waldthals, wölbten ſich zu einer Halle, gleich finſterm Baſalt, wälzten ſich dann abenteuerlich durch einander, wie ſinkende Felsſtücke, ſchlepp⸗ ten ſich in ungeheuern Laſten tiefer und tiefer herab, ver⸗ hüllten die Berge, der Bäume Wipfel, drohten, alles zu begraben unter ihren Schleiern. Da fuhr plötzlich der 174 Wind aus Weſten auf, daß der Staub flog, daß der Bäume Laub in wilder Flucht vor ihm herſtürmte, und die zuſam⸗ mengeballten Wetter empörten ſich im Mittag und im Nie⸗ dergange, fernes Brauſen verkündete den nahen Ausbruch der Volkenſchlacht.— Wie traurig lagen die Gärten des Kloſters, wie furchtſam pochten die Herzen der ſündigen Nonnen! Doch wurde die ſtille heimliche Angſt zur beben⸗ den Verzweiflung, als mit ſeltnem Ungeſtüm der tobende Aufruhr in der Luft losging, als der Sturm da war, und mit ihm der Donner aus jeder Weltgegend, und der zuckende Blitz, der ſeine Flammen regellos ſchleudert, und im rauben Gebirge mit demſelben Zornſtrahl die Eiche auf der Höhe des Forſtes und die kriechende Schlingpflanze in der Tiefe der Schluchten bedroht.„Kyrie Eleiſon, heilige Mutter, bitt für uns!“ kreiſchte es aus jeder Zelle, ſo oft der Donner ſchlug, der Blitz über den Wald raste. Beate lief, ſo ſchnell ihr Alter es geſtattete, von Thür zu Thür, klopfte und flehte:„Laßt uns zur Kirche gehen, liebſte Schwe⸗ ſtern, daß wir den Zorn des Höchſten beſänftigen! Wenn i es jemals Noth that, im Gebet zu liegen, ſo iſt es heute, liebſte Schweſtern!“ Was noch nie geſchehen, begab ſich jetzo: Die Frauen von Gnadenzell gehorchten den verhaßten Reformirſchwe⸗ ſtern. Die leichenblaſſe Priorin an der Spitze, geſchüttelt von Furcht und Schrecken, mit zitternden Lippen, mit heu⸗ lendem Munde, an einander gedrängt wie eine von Wölfen gejagte Heerde, wankten ſie nach der Kirche, ſanken ſie in ihre Chorſtühle, ſchluchzten Gebet auf Gebet, ſchrieen eine Litanei nach der andern, und das Wetter orgelte dazu mit ſchauerlicher Wuth. Der Sturm ſchüttelte das Tbürmlein, die ſchmalen bunten Kirchenfenſter, die ſchweren Schlöſſer an den Thüren, als müßte das Gotteshaus zu Trümmern, aus allen Fugen gehen. Auf dem Chore war es ſo dunkel, 175 daß die Nachbarin nicht von ihrer Nachbarin erkannt wurde, und wenn des Himmels Feuer in kurzen Zwiſchenräumen das Heiligthum erleuchtete, ſenkten die Weiber erſchrocken ihre Wimpern, verſchloßen die Augen ſcheu vor dem Grimm der Natur. Immer wilder raste draußen das Wetter, im⸗ mer lauter wurde das Geheul und Geſtöhne der Nonnen. Zu dem Toſen des Donners geſellte ſich der ſchwere Hagel⸗ ſchlag, der in kurzen Stößen auf das Dach der Kirche praſſelte. Vor ſolch neuer Wuth verſtummten einen Augen⸗ blick die Nonnen, und nur Beatens zitternde Stimme wurde laut, einem tief eingewurzelten Aberglauben zu huldigen. Aengſtlich rief das gute Mütterlein:„Wo iſt der Kirchen⸗ knecht, wo weilt die Meßnerin? die Glocke ſchweigt, die allein den Sturm beſchwören, den zornigen Herrgott be⸗ fänftigen könnte!“— Aber der Kirchenknecht war verſteckt auf irgend einem Speicher, und die Meßnerin, unfähig ihr Geſchäft zu verrichten, meldete ſich nicht. Da ſprang Hein⸗ rike, wie von Begeiſterung beſeelt, empor, und antwortete, da juſt der Donner wieder entſetzlich krachte:„Wo iſt das Glockenſeil? rührt Euch nicht von Euern Plätzen, Ihr Wei⸗ ber von Gnadenzell! Euere ſündigen unreinen Hände wür⸗ den uns nur Verderben bringen. Ich bin aber eine unbe⸗ fleckte Magd, und, von meiner Hand bewegt, wird die Glocke ſchnell das Wetter zertheilen!“ Ohne Zögern lief ſie die Treppe hinab, ein Blitz zeigte ihr den Glockenſtrang, ſie läutete, langſam erſt, als gäbe ſie ein Sterbezeichen, ſchneller dann und immer ſchneller, als riefe ſie zu Feuers⸗ noth, und nicht müßig war ihre Zunge, die mit lautem Ge⸗ bete den Herrn anrief, ſeine unwürdigen Dienerinnen zu ſchirmen. Von der entſchloſſenen Jungfrau mit neuer Zu⸗ verſicht erfüllt, ſtimmten einige der Nonnen ein Lied an; aber kaum war die erſte Strophe deſſelben vollendet, als mit betäubendem Knall ein Donnerkeil auf die Kirche 176 ſchmetterte, daß die Säulen und Gruftiſteine ſich zu regen ſchienen, und die hohen Wände zitterten, wie ſchwankes Röhricht. Vor dem blutrothen Blitzſrahl, unter der Wucht des fürchterlichen Donnergebrülls waren die Nonnen laut⸗ los auf ihr Angeſicht geſtürzt, aber auch die Glocke war plötzlich ſtumm geworden, und entſeelt, unter dem wehen⸗ ven halbverſengten Glockenſeil lag die vom Feuerpfeil des Wetters getroffene Heinrike. Als ob gerade nur dieſes unglückliche Opfer das Ziel der Grauſamkeit des wilden Hochgewitters geweſen wäre, ſchwiegen nun mit einemmale die Keulenſchläge des Don⸗ ners; ein dem Wolkenbruch zu vergleichender Regen troff zur durſtigen Erde nieder, und ringsum begrüßt von mat⸗ tem Wetterleuchten riß die Sonne die Schichten der Luft entzwei, daß ein heller blauer Dom ſich über der Alb, über der Gnadenzelle wölbte. Ein tiefer Athemzug, wie nach verzweifeltem Siech⸗ thum, ſtieg aus der Bruſt der Nonnen, doch folgte der Geneſung von Angſt und Todesfurcht alſobald der Schrecken vor der Leiche der Geopferten. Selber vom Blitze getrof⸗ fen, ſtanden die Reformirſchweſtern neben dem todten Leibe ihrer Gefährtin; weinend warfen ſich Hailwig und Giſela über die geknickte Blüthe. Der Schmerz der einen war ſo ſtumm, die Trauer der andern ſo laut und gewaltig, daß ſelbſt die verſtockteſten Weiber des Convents eine Weile mit ſtarrem Auge, mit gepreßtem Herzen das jämmerliche Schau⸗ ſpiel betrachteten.— Aber— wie des Menſchen Seele iſt! Der gerettete Meerfahrer ſchmäht den Heiligen, dem er ſich in tiefen Nöthen verlobte; der Wüſtling bricht nach über⸗ ſtandnem Gebreſte die Gelübde, die er auf dem Schmerzen⸗ lager gethan; der Böſe, zitternd, während das Verder⸗ ben droht, frevelt auf's Neue, wann der blaue Himmel über ihm lacht. 172 Richärdis, beſonnen und gefaßt, ahnte augenblicklich⸗ wie der Sieg in ihren Händen ſey, wie er benützt werden müſſe.„Gottes Finger!“ ſagte ſie mit unglückverheißender Stimme, indem ſie ſchaudernd den Mantel über Heinrikens Hülle warf:„Der Herr ſtand auf, und hat ſeine Sache gerichtet. Der Uebermuth dieſer Verblendeten forderte die Strafe heraus, die ſtets nur zögert, niemals ausbleibt. Mit ſeurigen Händen hat der Herr die Prahlerin gezüchtigt, uns zu belehren, und diejenigen zu warnen, die mit der Todten in gleichen Bahnen wandeln! Hier iſt nicht Zufall, hier iſt Gottes Schickung, und ein jäher Tod iſt kein ſeli⸗ ger. Faſſet Muth, Ihr, meine verfolgten unterdrückten Lämmer! an den frechen Dienerinnen kirchenräuberiſcher Gewalt hat des Herrn Zorn ein flammend Zeugniß gege⸗ ben. Denn ſie alle, Du Beate, mit dem ſüßlichen Ammen⸗“ tone, und Du, Placida, mit dem Heiligenſcheine der Ge⸗ laſſenheit und Demuth— Ihr ſeyd Heinrikens Schuld theilhaftig; Euch werde unſer Abſcheu, Euch werbde die ver⸗ viente Züchtigung. Wie kann eine neue Orvnung der Dinge ſegenreich ſeyn, da der Allmächtige ſie verwirft? was ſollen in unſerm armen Hauſe Sünderinnen, die den Blitz auf ihre Häupter lenken?“ Dieſem Schlachtruf, dieſer Kampfforderung fielen eiligſt alle der Priorin verbündete Nonnen bei, und erhoben ein Zetergeſchrei, daß den fremden Schweſtern das Blut in den Avern erſtarrte. Die Bosheit, die bisher tückiſch und meu⸗ chelmörderiſch ihre Netze ſtellte, ihre Streiche führte, trat jetzo mit offnem Helme in das Feld. Einen mächtigen Bundesgenoſſen fand ſie an ihrer Seite: das fromme Ent⸗ ſetzen Beata's, Placida's, deren ſchwache Seelen jetzo mit Gewiſſenszweifeln härter kämpften, als mit der Trauer und den Thränen um die geſchiedene Freundin. War das ver⸗ hängnißvolle Feuerzeichen nicht wirklich des Himmels Zorn? Nonne von Gnadenzell. M. 12 178 war dieſer jähe Todesfall nicht in der That eine Verheißung zukünftiger Strafen?— Sie wußten dieſe Fragen nicht zu beantworten, wußten keinen Rath in dieſer gefährlichen Stunde. Der Boden brannte unter ihren Füßen; das hei⸗ tere Firmament, ihrer Feindinnen Ermuthigung, dünkte ihnen ein ſchwarzes Leichentuch. Ihre Kleingläubigkeit ach⸗ tete das Unglück als eine Sünde, ſah in der geſchiedenen Schweſter eine von Gott Geſchlagene.— Da ſie nicht rede⸗ ten, ſondern nur weinten, da ſie nur zu ſeufzen und nicht zu gebieten wußten, ſchärften im Siegesvorgefühl die Gna⸗ denzeller Nonnen ihrer Zungen giftige Bolzen, und fielen die ohnmächtigen Gegnerinnen gleich wilden Thieren an.— „Was ſäumen wir, dieſe Gleißnerinnen aus unſern Mauern zu jagen?“ rief Renata, deren Schönheit von Wuth und Rachgier entſtellt wurde.„Warum glauben wir nicht an die Vorzeichen, die uns der Himmel gab?“ fragte Sim⸗ plicia kreiſchend, als ob der LTod ſie bei der Kappe hielte. „Agneſens Hintritt, das plötzliche Verſcheiden der Demuth⸗ warum öffneten ſie nicht unſere Augen?“ fiel Medora, hetzend und ſtachelnd, ein.„Treibt ſie aus, die Teufelin⸗ nen, die unſer Gotteshaus verwüſten,“ ſchrie Benedikta, und ſchwang drohend ihren ſchweren Roſenkranz.„Mauert ſie ein, neben der Blende, wo die frevelhafte Judith ver⸗ pungerte,“ ſetzte Euſtachia ſchäumend hinzu, mit grauſamer Schadenfreude der Hinrichtung gedenkend, der ſie als No⸗ vizin vor Zeiten beigewohnt.„Lange genug haben wir die Unglücksraben gefüttert!“ ſchnaubte Gertrud, die ungetreue Kaſtnerin.„Fort mit den unbefleckten Mägden, die des Himmels Strahl richtet!“ höhnte Barbara, und ſtieß mit dem Fuße nach Heinrite, die von der Glöcknerin Haupt den Wetterſtrahl auf ihr eigenes genommen.„Geht heim an Eure faulen Tafeln; Euch war ja alles hier zu ſchlecht mahnte Anna mit ſchwerfälligem Neide; und Richardis 120 ſchloß die erbauliche Litanei mit den ſchnöden Worten: „Ihr ſebt's, heuchlerlſche Runzelmutter, fette Müſſiggänge⸗ rin, wie der Convent euer Urtheil gefällt hat. Euch bleibt die Wahl, davon zu eilen, und von uns den Jammer enerer Gegenwart zu nehmen, oder von den Albbauern ge⸗ ſteinigt zu werden. Entſchließt euch kurz und unverholen. Ich ſtehe nicht dafür, daß meine Töchter ſelbſt noch länger Geduld mit euern gebrandmarkten Stirnen haben möchten.“ Da richtete ſich Beata auf, und entgegnete mit innig⸗ ſter Betrübniß und jämmerlichen Schluchzen:„Ich will Dir nicht wünſchen, Schweſter, daß Du zu hohen Jahren Lommen, und ſolch Elend ertragen müſſeſt, wie Du mir zufügſt. Du mißbrauchſt, wie Deine Helferinnen, den Namen Gottes, und er wird Dich für ſolche Miſſethat zur Rede ſiellen!“ „Du droheſt noch, Geſpenſt?“ fragte außer ſich vor Wuth und Beſchämung die Priorin, und ſchlug nach der Armen. „Jeſus!“ kreiſchte Placida, und deckte die Schweſter mit ihrem Leibe. Nun ſchlugen alle Nonnen mit Fäuſten auf die beiden Opfer ihres Grimms, ſpieen ihnen in das An⸗ geſicht, und ließen nicht ab, bis Giſela und Hailwig her⸗ beieilten, die Heinrikens Leiche bei Seite getragen, um die⸗ ſelbe vor Barbara's Fußtritten zu ſchützen. Giſela drängte mit zornfunkelnden Blicken die Priorin hinweg, Hailwig wehrte Renaten ab.„Schlange!“ ſchalt Richardis:„Wir rechnen ab, Dein Reich iſt zu Ende!“—„Elende!“ gei⸗ ferte Renata:„daß Du verbrennſt ſammt Deinem Win⸗ kelkinde!“— Giſela und Hailwig antworteten den Schmä⸗ hungen nicht, ſtanden feſt wie Engel auf der Himmelswacht. Den Knoten der abſcheulichen Zerwürfniß zerhauend, trat Schweſter Crescenz in der ungeberdigen Weiber Mitte, und berichtete den Frauen von Pforzheim, daß ein Wagen, ſie abzuholen, vor dem Kloſterthore ſtehe, und nur ſo ſpät 180 erſt eingetroffen ſey, weil das böſe Wetter ihn zu Kohl⸗ ſtetten aufgehalten. Es war Rettung aus den Klauen grau⸗ ſamer Raubthiere, und darum ſielen ſich weinend und freu⸗ dig Beate und Placida in die Arme, einſtimmig rufend: „Was auch daraus entſtehe wir wollen fort, zur Stunve fort, dahin, wo Menſchen ſind, und fühlende Her⸗ zen ſchlagen!“ Deß frohlockten auch mit Spottgelächter die böſen Nonnen, und ſchrieen:„Hinaus mit euch, ihr Alterthümer, ihr Vogelſcheuchen, ihr Klebſäcke und verlogene Sybillen! Pfui über euch in saecula saeculorum! Sela!“— Kaum drangen unter dem wüthenden Getöſe Giſela's Worte zu Beaten's Ohr:„Ihr geht, liebe Frauen, und laſſet mich und Hailwig allein zurück?“ Worauf Beate erwiederte „Jeder ziehe ſeines Weges, und ſey getroſt. Ihr allein mögt an dieſer Stätte eine beſſere Zeit erſchaffen, wenn der Himmel gnädig iſt; wir ſind zu ſchwach und unſere Kräfte ewiglich gebrochen!“ Sie vermochte nicht weiter zu reden, denn die erbitzten Weiber warfen ſich dazwiſchen, und ſtießen die Fremden vor die Kirchenthüre. Einige von ven Nonnen liefen wie Ko⸗ bolde nach dem Kloſter, nach den Zellen der Verſtoßenen, warfen mit Hohngeſchrei deren wenige Habſeligkeiten auf den Hof, und fangen frech dazu:„So muß es denn ge⸗ ſchieden ſeyn? Zeuch ab, mein Schatz, kehr' nimmer ein!“ — Noch einmal drehte ſich Beate, von den Drängerinnen geſchoben und gemißhandelt, nach dem Kloſter um, wollte mit aufgehobenen Händen reden, aber die Nonnen hielten ihr den Mund zu, und ſetzten ſie ſammt ihrer Begleiterin ſchier gewaltſam auf den Wagen, daß der Fuhrmann nicht wußte„wie ihm geſchah, ſolche Unordnung bemerkend.— „Fahr zu, Bäuerlein!“ befahlen nun mit muthwilligen Geberden die ausgelaſſenen Kloſterweiber:„peitſche Deine 151 Gäule, denn Du führeſt die Mütter aller Gnaden! Fahrt wohl, ihr Lieben, ihr Geſegnete des Herrn! Warum bleibt ihr nicht bei uns, da es doch Abend werden will? Grüßet die hochwürdigſte Frau Oberin zu Pforzheim! vermeldet unſere Demuth dem Grafen von Würtemberg, und Alles geſchehe, was wir euch wünſchen!“ Beate, ſolcher Verhöhnung zu entkommen, gab dem Fuhrmann ein Zeichen, und er fuhr im Trabe aus. Don⸗ nernd flogen nun die Kloſterpforten zu; aber noch lange hörten die verjagten Reformatorinnen das zügelloſe Ge⸗ lächter der Predigernonnen, und ihre unanſtändigen Reden und Verwünſchungen aus den Fenſtern ſchallen. Die armen Flüchtlinge hatten Alles in dem entarteten Kloſter zurückge⸗ laſſen: ihre Gewiſſensruhe, den Frieden ihres Daſeyns, zwei wunderbar gefundene Freundinnen, und einer theuern Schweſter Leben, ſogar die Leiche derſelben, preisgege⸗ ben der Wuth ihrer Neiderinnen, wenn nicht Giſela und Hailwig ſchirmend über die Todte wachten. Sie über⸗ häuften ſich ſelber deshalb mit bittern Vorwürfen, aber die Schrecken des Tages, wie die peinlichſte Furcht vor Gottes Strafgericht und den mörderiſchen Drohungen der Priorin hatten ſie vermocht, ihr eigen Haupt zu retten, und der Pflicht, ihrer Schweſter Körper der Erde wieder zu geben, untreu gemacht. Da ſie ſich wieder ermannt, wieder ge⸗ faßt und muthig fühlten, war es ſchon zu ſpät, umzu⸗ kehren, und mit blutenden Herzen ergaben fie ſich in die Folgen ihrer Schwäche, und in die düſtere Zukunft, die ih⸗ nen ohne Zweifel daheim von der ſtreng zürnenden Oberin bereiten wurde.— Die ſiegreichen Bewohnerinnen von Gnadenzell feierten indeſſen einen fröhlichen Feſtabend. In der Küche wurde geſotten und gebraten, Scherz und Gelächter vergnügte die leichtfertige Tafelrunde, woran nur Giſela und Hailwig 182 ſehlten, die ſich das Wort gegeben, bei Heinrikens Bahre in der Kirche abwechſelnd zu wachen und zu beten.— Freilich mangelten auch freigebige Buhlen und Gäſte, aber die Nonnen erſetzten dieſen Verluſt durch den Jubel des vollen⸗ detſten Triumphs, den ſie auf Felſen gegründet glaubten, oder mindeſtens zu glauben vorgaben. Wann ſich hie und da eine furchtſame Frage erhob, ob denn auch der Sieg von Dauer ſeyn dürfte, antwortete die ſchlaue Priorin mit dem zuverſichtlichſten Tone: Wie Gott ſelbſt ſich des Klo⸗ ſters angenommen, wie Graf Eherhard jetzo zu viel mit dem feindlichen Erzberzog Sigmund und deſſen Verbün⸗ deten, den tapfern Friedingern, zu ſchaffen habe, als daß er ſich um kirchliche Angelegenheiten kümmern dürfe, und wie vereits der Vicar Belzer hinausgeritten ſey, zu den Herren von Lupfen, von Spät, von Zollern und andern Gönnern des Kloſters, deren Beiſtand und Hülfe kräftiglich in An⸗ ſpruch zu nehmen, und wie envlich die vollkommenſte Ein⸗ tracht der Schweſtern das Ziel gewinnen müſſe, wonach alle zu ſtreben hätten.„Wir haben wiederum den Stab der Gewalt an uns genommen,“ ſchloß Richardis mit ſtol⸗ zer Prahlerei:„der geſtrenge Herr von Urach wird uns wohl in Ruhe laſſen, und ſich nimmer in eine gefährliche Fehde mit gereizten Weibern begeben.“—„So führe auch mit Macht den Stab der Gewalt,“ mahnte Renata, die rachſüchtigſte ihrer Schweſtern, leiſe:„befreie uns mit einem Streich von den beiden abtrünnigen Geſchöpfen, die in unſrer Mitte ein eigen Reich zu handhaben ſich unterfangen.“ — Richardis begnügte ſich, der Vertrauten mit einem bos⸗ haften Augenwink zu verſtehen zu geben, daß ie bereits an alles gedacht, zu allem ſich vorbereitet. ta ſaugte Troſt aus dieſem Blicke der Verheißung, aber Medora mahnte ihrerſeits:„Gib ein Beiſpiel, Richardis. Nicht was lebendig, nicht was todt iſt, ſoll unſer Anſehen verhöhnen 183 dürfen. Die Selbſtmörderin Agnes, die von Gott geſchla⸗ gene Heinrike ſollen nicht unſere Gruft verunreinigen. Hin⸗ weg mit den ſchmach bedeckten Leibern nach dem Orte, wo ſie hingehören; in's öde Feld, oder an die Mauer des Gottesackers!“— „Es ſey, wie Du im Namen des Convents verlangſt,“ entgegnete die Priorin freundlich:„Laß uns warten bis Mitternacht, und dann im vollen Zuge die unwürdigen Leichen holen. Wann die Schweſtern vom ſüßen Weine trunken und ermuthigt ſeyn werden, will ich die Knechte wecken laſſen, daß ſie den Gruftſtein heben, und Hand an die entweibten Gottesbräute legen. Auf dem Friedhofe gähnen nächſt der Mauer zwei eingeſunkene Gräber; dort beſtatten wir bei Fackelſchein die Sünderinnen, und das Weitere findet ſich.“— Doppelt ausgelaſſen führten nun die beruhigten Buhlſchweſtern das Wort bei dem freveln⸗ den Gelage, und rißen durch ihre Reden, durch ihr Thun und böſer Luſt Gewohnheit die Gefährtinnen mit ſich im Tau⸗ mel dahin, daß der Schmaus nicht anders, denn ein wil⸗ des Geſchlemme verkleideter Knaben anzuſchauen war. Während ſolche Auftritte ſich im Innern des Hauſes begaben, ſaß Giſela gedankenvoll unter dem ewigen Lichte in der Kirche, neben Heinrikens Bahre, und blickte unver⸗ wandt auf die Sanduhr zu ihren Füßen. Hailwig, ſchwach und erſchöpft, ſchlummerte tief, in dem entfernten Beicht⸗ ſtuhle niedergeſunken. Giſela hatte eben mit Beten nach⸗ gelaſſen, und beſchaute die finſtern Bilder, die an ihrer Seele vorüberzogen, während Korn auf Korn des ſtummen Zeitmeſſers verrann. Der unglücklichen Getäuſchten war zu Muthe, als vb aus ihrem gewaltſam gepreßten Herzen ein Blutquell hervorbrechen müſſe, ſo viel des Schmerzens war darinnen. Die Träume dahin, an denen ſie ſich hoffärtig geletzt, hinweggeſchwemmt der Schmelz ihrer Jugend, zu 184 Staub zermalmt ihre Hoffnung, ihres Lebens ſeligſte Er⸗ wartung. Dieſe Höhle des Gräuels, die ſtille Andachts⸗ ſtätte, von der ſie geträumt; dieſe Erniedrigung unter den Scepter der Bosheit; der Schatz, dem ſie ihre Jugend ver⸗ lobt; die ſchändliche Richardis, aller Sünden voll, die Leß⸗ rerin und Mutter, woran ſie geglaubt mit kindlicher Hoff⸗ nung; ein Ausgang in Kummer und Verzweiflung, ſtatt des ſeligen Endes, das ſie in den Kloſtermauern erwartet! Peinlicher denn alles, was ſich vor ihren Augen begeben, erſchütterte ſie ihrer eigenen Empfindungen fürchterlicher, wechſelvoller Drang. Bald kochte in ihrem ſtolzen Buſen der Haß, die Mahnung, zu vergelten, die Geißel über die Sünderinnen zu ſchwingen, ſtatt damit den eigenen reinen Leib zu zerreißen; bald ſprach wieder ihre Frömmigkeit von dem unſterblichen Verdienſte der Ergebung, der Entſagung; dann waren ihre Thränen nahe, Thränen der Sehnſucht nach ihrer leiblichen Mutter, die ſie ohne Tröſtung ver⸗ laſſen, nach ihrem Vater ſogar, den die Entfernung ihr zum erſtenmal ehrwürdig machte; endlich meldete ſich die Reue, den zu wenig gekannten Dornenpfad betreten, das Bewußtſeyn, vielleicht eine ſanftere Lebensbahn ver⸗ ſcherzt zu haben.!— Als bei dieſen Gedanken eine Geſtalt der Vergangenheit vor ihr auftauchte, wie ein Ge⸗ bilde des Schlummers, wie ein Blendwerk des Verſuchers: eines Mannes Geſtalt... da ſchanderte ſie ſchmerzhaft zuſammen, klammerte ſich, gleichſam nach einer rettenden Hand greifend, an Heinrikens ſchwarzes Lager, und ſuchte Zerſtreuung, Kräftigung in den ernſthaften Zügen der ent⸗ ſchlafenen Nonne, die im Tode freundlicher ausſah, denn um Leben, und mit ihrer Marmorweiße das blanke Gewand beſchämte, welches ihre Glieder züchtiglich verhüllte. Da gewahrte Giſela einen Menſchen an ihrer Seite, ginen ſebendigen Menſchen, den armen Poppele. Er hockte — ——— 185 auf ſeinen Ferſen neben der Leiche, und betrachtete mi wehmüthiger Freundlichkeit ſeine Fürſprecherin.„Was willſt Du hier?“ fragte Giſela unwillig.„Ich bin gekommen wie die Katze,“ antwortete der Jüngling mit ſanftem Tone: „Du ſcheucheſt die Katze nicht von Dir; laſſe auch mich in Deiner Nähe.“—„Du verfolgſt mich.“—„Wie der liebe Gott mit Gebeten verfolgt wird, Mutter Geißlin.“— „Nicht dieſen Namen mehr. Ich habe unter einem andern mich dem Himmel verſprochen.“—„Biſt eine Wiedertäu⸗ ferin geworden? Ich kenne Dich nur als die engelgute Mutter Geißlin; habe nicht gern geſehen, daß Du eine Elſter wurdeſt. Wende Dich nicht von mir; ich habe mein leibliche Mutter nie gekannt. Du ſollſt es ſeyn.“—„Wenn ich könnte, armer Bube aber wie vermöchte ich's?“ —„Geſtatte nur, daß ich mir's einbilde.“—„In Gottes⸗ namen; doch muß ein Sohn der Mutter gehorſamen. Geh hin, und lege Dich ſchlafen.“— Poppele ſchüttelte den Kopf und verſetzte:„Die fromme Schweſter auf der Bahre ſchlummert für uns Alle. Heute gedachte ich eine ſchläfrige Eule zu fangen, deren Nacht⸗ lampe die Sonne iſt, aber die Hexe hat ein Wetter ge⸗ macht, und der Regen durchnäßte mich, ob ich ſchon neben einem brennenden Baume ſtand, mich zu wärmen.“— „Was heißt dieſes? woher kommſt Du?“—„Vom Sternen⸗ berge, aus eines Kautzen Felſenneſt. Habe das Wetter aus⸗ gehalten; ohne mich zu rühren, bin aber zu ſpät heimge⸗ kommen. Sie ſchlagen mich, wenn ich mich ſehen laſſe; darum will ich in der Kirche bleiben. In die Kirche kom⸗ men die geſchornen Weiber nicht.“—„Die böſe Wahrheit vermummt ſich in die Rede eines Thoren,“ ſeufzte Giſela vor ſich hin, und ſetzte alsdann hinzu:„So bleibe; doch iſi's hier kalt, und Du zitterſt vor Kälte und Näſſe.“— „Das bin ich gewohnt,“ entgegnete Poppele lächelnd: = 156 „Ich ſitze oft zur Nacht im Gottesacker und höre, wie die Geſpenſter flüſtern.“—„Das iſt der Bäume Blätterſpiel, mein Sohn. Selige Geiſter kehren nicht wieder, und die verdammten meiden die geweihten Oerter.“—„Was meinſt Du, Mutter Geißlin? iſt Frau Demuth im Paradieſe, oder.—„Im Paradieſe ſicherlich. Laß ſie ruhen, die gute Demuth.“—„Ich ſtöre ſie nicht, konnte ſie nie⸗ mals leiden;'s war mir ſtets, als hätte ſie mir ein Leid zugefügt.“—„Die arme Büßerin, die Keinem Böſes that?“ —„Wer weiß das? ſie war ſchon alt, da ſie in's Kloſter kam; und was ſie draußen Schlimmes nicht getrieben, kann ſie von den geſchornen Weibern gelernt haben.“—„Schweige, Du läſterſt.“ Giſela drehte ſich von dem Jüngling, begann auf's Neue ihre Gebete. Doch wollte der Mund nicht recht gehor⸗ chen; das Gedächtniß weigerte den Dienſt. Zudem ſchienen die Lippen der Leiche, ruhig und bedächtig geſchloſſen, zu ſagen: Was beteſt Du ſo angeſtrengt für mich? Ich will mein Leben ſchon ſelber vertreten!— Giſela ſetzte ſich auf ihren Schemel, beobachtete den Poppele, welcher, mit unge⸗ wöhnlicher Klarheit im Auge, beſcheiden daneben kauerte, und ſagte zu ihm:„Ich will ausruhen. Wenn Du nicht thöricht reden willſt, ſo berichte mir Einiges von Deinem Leben und Schickſal. Ich zürne Dir nicht, möchte gerne wiſſen, ob Du verdienſt, daß man Dir gut ſey.“—„Ich bin Dir gut; warum wollteſt Du mich haſſen? ich war einſt den Kloſterweibern gut, aber ſie haßten mich dennoch, und nun haſſe ich ſie wieder. Maaß für Maaß; ſo viel Mund, ſo viel Pfund.“—„Welch ein Chriſtenthum! wie hat Dich Dein Vater erzogen!“—„Wie das Holz im Walde wächst, ſo viel Mühe machte ich ihm. Er gab mir zu eſſen, wenn er etwas hatte; damit genug.“—„Der wüſte Mann!“—„Er hat mich freilich viel geſchlagenz 187 mit der Fauſt ſchlug er meinen Kopf, und wenn ich ihm klagte, daß mir das Gehirn wehe thue, ſo meinte er, es geſchähe mir recht; und ich ſey noch viel zu glücklich.“— „So? ei, warum denn?“—„Hml er hat mir einmal ge⸗ ſagt, er hätte mich dem Tode abgebettelt, der mich erſticken wollte.“—„Unſinn! warſt Du krank?“—„Der Tod hat mich ihm gebracht, Mutter Geißlin.“—„So ſtarb Deine Mutter, da ſie Dich gebar?“—„Ich weiß von keiner Mutter. Ein Prinz oder König war mein Vater.“ —„Du redeſt verrückt.“—„Ach nein; der Friſchhans hat mir's oft im Zorne vorgeworfen, daß er mich aufätze, wie einen Guckuck, weil mein Vater ein großer Herr ſey; der mich verhungern laſſe; und es reute den Friſchhans gar zu ſehr, daß er mich vom Tode erbeten, weil ich ungeſchickt war, und immer einen ſchweren Kopf hatte.“—„Was Du Dir einbildeſt, armer Menſch!“—„Frage nur Mutter Simplicia,“ verſetzte Poppele eifrig:„ſie hat mir ſonnen⸗ klar gemacht, daß ich des Königs von Offenhauſen Söhn⸗ lein bin, und der Friſchhans war des Königs Vetter, der ihn dem Kaiſer verrieth, und den Schatz verzauberte, wel⸗ cher im Kirchhofe liegt, neben meinen Vorfahren; und die Geiſter, die wie brennende Lichtlein auf dem Gottesacker wandeln, haben mir die Stelle bezeichnet, und Du ſollſt als eine reine Jungfrau den Schatz heben helfen.“— „Schweige, Du blödſinniger Geſelle. Mutter Simplieia hat Dir ein Mährlein erzählt, und Du glaubſt, damit ge⸗ meint zu ſeyn.“ Poppele ſtreckte ſich lang empor, und ſprach, auf ſei⸗ ner Einfalt beharrend:„Biſt Du auch wie die andern? ſchiltſt Du mich auch einen Affen, wie Mutter Hailwig 2 Ich habe noch nie einen Affen geſehen, aber ich bin ein Menſch, und Einer lebt, der bald kommen wird, mich auf den Stuhl meines Vaters zu ſetzen. Kennſt Du den 188 Wildherrn, der ſo oft mit dem alten Hopp bei dem Friſch⸗ hans einkehrte? Jetzo iſt er ſelber ſteinalt geworden, aber er liebt mich noch, und will den geſchornen Weibern den rothen Hahn auf's Dach ſtecken, die ganze Brut in Flam⸗ men auflodern laſſen. Aber für Dich werde ich bitten, und mit Dir hat er Mitleid, und der Schatz wird unſer ſeyn in Luſt und Frenden... „Halt ein! Du zerreißt mein Herz mit Deinem Wahn⸗ ſinn!“ erwiederte Giſela ängſtlich, da ſie die ſteigende Er⸗ bitterung des Jünglings bemerkte, und vor dem Ausbruch ſeiner Verrücktheit zitterte.— Der flehende Ton der Jung⸗ frau ſchläferte alſobald den Grimm des Aermſten ein, daß er ſich wie ein Hündlein zu ihren Füßen ſchmiegte, und fanft fortfuhr:„Das iſt die reine Wahrheit, und Du wirſt ſie erfüllt ſeyen. Aber wo blieb ich mit meiner Geſchichte? War der Friſchhans ſchon todt? ich war ein kleiner Bube da ich vor ihm ſtand, als er mit dem unſichtbaren weißen Mann kämpfte, und ſtöhnte, ich ſolle in's Kloſter laufen und die Weiber um's Brod bitten, und vielleicht würde mir's noch gut gehen; mit ihm ſey's aber aus. Da lief ich zu der alten Priorin, die zwar meinen Vater als einen böſen Mann verfluchte, aber mich in's Kloſter nahm. Ich bekam wenig Brod von ihr, aber keine Schläge. Zetzo be⸗ komme ich mehr Brod, aber auch viele Schläge, und ver⸗ gelte ſie, wie ich kenn. Habe ich einmal den Schatz.. ſie haben die Frau Demuth juſt an⸗den Ort gelegt, aber müßte ich dieſe mit den Nägeln bervorſcharren „Still, um der Heiligen willen!“ flüſterte Giſela, ihm den Mund verſchließend, und horchend nach der Pforte, wo ſich Geräuſch vernehmen ließ.„Es ſchlägt zwölf Uhr,“ ſagte Poppele leiſe, und zählte an den Fingern die Schläge des Hammers. Indeſſen eilte Hailwig aufgeſchreckt herbei, und ſtammelte:„Was gibt's? wer kömmt? Vor der Thüre —————— 180 Geräuſch? die Pforte geht auf. Fackelſchein? was wol⸗ len die Schweſtern?“— Wirklich quoll der ganze Convent mit Windlichtern durch die Pforte: hinter ihm die Mühlknechte mit Stangen und Stricken.„Eine feine Mette!“ rief Richardis mit boshafter Freude, da ſie eiligſt den Ueberraſchten näher kam:„eine feine Todtenvigil! ſchreit Zeter, ihr Schweſtern, über die Abſcheuliche, die mit einem elenden Narren die Kirche ſchändet, und ihr Buhlſtündlein hält! Zeter über die ſchändliche Hailwig, die ſolcher Buhlſchaft Vertraute ſeyn mag!“— Die Nonnen heulten ein fürchterliches Wehe⸗ Hailwig, jetzo erſt den ſorglos gaffenden Poppele gewah⸗ rend, ſtieß einen lauten Schrei aus. Giſela bot kühn der Verläumderin die Stirne, aber auf einen Wink der Prio⸗ rin war ſie von den raſenden Schweſtern Renata und Medora gepackt, mit Stricken gebunden, hinweggeſtoßen. Hailwig ſchmachtete unter Benevictens rohen gänſten. Pop⸗ pele wurde von den Knechten zu Boden geworfen. Uner⸗ hörter Tumult erfüllte die Kirche. Unter Schmähungen der niedrigſten Art ſchleuderten die Unmenſchen Agneſens und Heinrikens Körper in die eingeſunknen Gräber des Kirch⸗ hofs, und das Geſchrei des armen Poppele, der ſich unter den Reitſchenhieben ſeiner Peiniger wand, begrüßte die Morgenröthe. B.. G. Farbkarte 613