— —,— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Cdnard Oilmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Pr. 256. Seih und eſebedingungen.. 1. oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 2 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Vuches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird.§ 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Me.— Pf. 5 uswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu forgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen müt Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen 6 der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche vie⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —— C. Spindlers Werke. Wohlfeile Ausgabe. Neun und dreißigſter Band. Enthält: Die Nonne von Gnadenzell I. Mit Königl, wuͤrttembergiſchen und Koͤnigl. bayeriſchen aller⸗ gnädigſten Privilegien. Stuttgart, Hallberger'ſche Verlagshandlung. 1840. Die Nonne von Gnadenzell. Sittengemälde des fünfzehnten Jahrhunderts, von C. Spindler. E rſ er B n d. „Sie hatten unter ſich gemacht eine große verderbliche Thorheit, und meinten, das waͤre gut.—— Alſo gingen ſie um mit Thorheit, und wußten nicht das End, das davon kommen ſollte oder moͤchte.“ Limpurger Chronik. Stuttgart, Hallberger'ſche Verlagshandlung. 1840. Erſtes Kapitel. Uns wollſt Du Gott bewahren rein, Fuͤr dieſem argen Goſchlechte, Und laß uns Dir befohlen ſeyn, Daß ſich's in uns nicht flechte. Der gottlos Hauf' umher ſich find't, Wo dieſe loſen Leute ſind In Deinem Volk erhaben. Luther⸗ Die Sonne kam allgemach hinter dem großen Stauffen⸗ berge hervor, und vergoldete den Thurm der Stiftskirche und die Häuſerſpitzen in der Badenſtadt. Die Frühglocken riefen zum Gottesdienſte, und auf den ſteilen Straßen, wie auf dem Platze vor der Kirche wurde es lebendig. Die Arbeiter, die an dem neuen Schloßbau des Markgrafen Chriſtoph ſchafften, wanderten in langen Reihen bergan; Jungfrauen und Mägde aus der untern Stadt trippelten geſchäftig mit Roſenkranz und Kerze nach dem Gotteshauſe; das übrige Volk, bunt zuſammengelaufen, gaffte theils nach der Seite, von wannen die Rathsherren kommen ſoll⸗ ten in ihren breiten ſchwarzen Mänteln, theils nach den weit geöffneten Pforten der Badhäuſer, welche die Kirche umgaben. Es war der ſeſtliche Tag, da für den heurigen Sommer die Bäder von Baden eröffnet werden ſollten mit prieſter⸗ ℳ 6 lichem Segenſpruch und Verkündigung aller Freiheiten, ſo von Kaiſer und Reich, wie von dem durchlauchtigſten Mark⸗ grafen insbeſondere, der uralten Stadt verliehen worden waren.— Tags zuvor hatten ſich bereits die Herbergen mit fremden Gäſten angefüllt, und die hölzerne Klapper der Badeknechte weckte die Müden, die noch auf dem weichen Lager ſchliefen. Sie ſammelten ſich jedoch ſchnell in den Höfen ihrer Gaſthäuſer, und beim dritten Glockenzeichen traten ſie ehrenfeſt und fein geputzt aus den Thoren der Herbergen zum Ungemach, zum Greiffen, zum Leuen und zum Baldreit, um nach der Kirche zu wallen. Der Magiſtrat empfing die Fremden auf dem Platze mit Gruß, Pandſchlag und Ehrenwein, der Ceremoniarius des Stifts führte ſie in die Kirche ein, wo der Chor vollſtändig ge⸗ fungen wurde, und der Leutprieſter die Bademeſſe begann. Die beſten Plätze waren für die Gäſte bereitet, denn ſo wollte es der Markgraf, der ſeine Hofſtadt liebte, ihre wunderthätigen Quellen berühmt zu machen begehrte, und für ſeine eigene Perſon den Entſchluß gefaßt hatte, die hoch⸗ gelegene Burg ſeiner Ahnen zu verlaſſen, und dicht über der Stadt ein neues Haus für ſein fürſtliches Geſchlecht zu bauen. Seine Bemühungen, ſein geliebtes Baden empor⸗ zubringen, hatten ſchon erwünſchten Erfolg gehabt; Fürſten, Grafen und Herren hatten den Weg zu den Heilquellen gefunden; die Würdenträger der Kirche, gelehrte Profeſ⸗ ſoren der allenthalben aufblühenden Hochſchulen, und reiche Bürgergeſchlechter von der Donau und dem Rhein waren dem Beiſpiel der Vornehmen gefolgt. Denn innerhalb der Herrenburgen, der hohen Stifter und Abteien, und der wohlverwahrten Mauern der Städte blühte Reichthum und Kunflfleiß, und Wohlleben und Ueppigkeit, wenn auch das Volk auf dem Lande erlag unter dem Drucke der Steuern und Frohnen, wie unter den zahlloſen Fehden der kleinen ð Dynaſten, die, landauf, landab, das Reich verſengten und verwüſteten. DDiesmal waren viele Fremde gen Baden gekommen, und auf den vorderſten Bänken der Stiftskirche blähte ſich mancher Edelmann im Sammtrock mit Pelz verbrämt, mit Ketten behangen; der Weiber und Kinder aus edeln Ge⸗ ſchlechtern waren viele vorhanden, und blendeten das Auge des ſchlichten Bürgers durch ihre wunderlichen Trachten, und das Gepränge ihrer Dienerſchaft. Deßhalb wurde auch die Meſſe feierlich begangen, und mit beſonderer Salbung ſprach hierauf der Prieſter von der Kanzel den Siggen des Heils über die Verſammlung, und verlas die Satzungen des Bades, die einem jeglichen Gaſt Sicherheit und Ruhe verhießen im Umkreiſe der Stadt und der Bäder. Das ſchnöde Wort der Beleidigung war ſchon bei namhafter Strafe unterſagt, die Drohung bei Verweiſung aus dem Bade, das Zücken einer Waffe bei Verluſt der Hand, der Schwertſtreich bei Verluſt von Leib und Leben. Mit dem Kopfe ſollte der büßen, der an ehrlichen Frauen Frevel geübt, der den Kaiſer und des Reiches Fürſten mit Wor⸗ ten verunglimpft, der an das Eigenthum eines Edeln die Hand gelegt, der Ketzerei mit läſterndem Munde gepredigt. Des Wappens, der ritterlichen und zünftigen Ehre ſollte entſchlagen ſeyn der, der einen Gaſt verläumdet, im Spiele betrogen, eine ehrſame Frau im Bade belauſcht, ein ſitt⸗ ſames Mägdlein verführt, Aergerniß gegeben durch Unan⸗ ſtändigkeit in Worten und Gebärden. Entweichen ſollte ſchnell der, der ſich mehr als dreimal an öffentlichem Tiſche betrunken, ohne gewichtige Urſache einen Wirth oder Bad⸗ knecht geſchlagen, eine fahrende Tochter heimlich in die Herberge gebracht, oder ſich öffentlich mit einer ſolchen ge⸗ zeigt, gleichſam als wäre ſie eine ehrliche Frau. Was die mindern Verſtöße gegen Sitte, Höflichkeit und Ordnung betraf, ſo wurden ſie mit Geld gebüßt, das entweder den Heiligen oder den Armen oder dem Frevelgericht anheim ſiel. Dieſe Verordnungen, ſtreng und rauh und gewaltig, wurden von den ältern Anweſenden mit Aufmerkſamkeit und Ehrfurcht angehört, die jüngern Männer dagegen lächelten, verzogen ſpöttiſch den Mund, zuckten die Achſeln, und flüſterten ſich leichtfertige Anmerkungen in die Ohren. Sie wußten wohl, wie des Geſetzes Drohungen meiſtens nur tönende Schellen waren, wie für den Edelmann nicht leicht ein Beil geſchliffen oder ein Schwert geſchärft wor⸗ den, wie der Richter vor einem Wappenhelm gewöhnlich mehr Scheu verrieth, als vor dem Vergehen eines Wap⸗ penbelehnten, wie die Grauſamkeit der Strafen ſchon bei⸗ nahe die Strafloſigkeit verbürgte.— Unter den lächelnden ſorgloſen Junkern ſtach beſonders einer hervor, roth von Wangen, gelb von Haaren, mit ſtarken gedrungenen Glie⸗ dern und kühn geſtutztem Bart, der ein Bild der Geſund⸗ heit hätte genannt werden können, wäre nicht ſein linker Fuß etwas hinkend und des heilſamen Bades bedürftig ge⸗ weſen. Seine Kleidung zeugte von Reichthum, auf ſeiner Bruſt funkelte ein koſtbares Geſchmeide mit dem goldnen Bildniß des tapfern Herzogs von Burgund, dem der Junker gedient bis zu ſeiner letzten Stunde, von dem er gehofft, den Ritterſchlag zu erhalten, welcher Hoffnung der Tod indeſſen bei Nanch ein betrübtes Ende gemacht.— Der Wirth zum Baldreit, der unter dem Volke ſtand, rühmte ſich, den goldlockigen Junker in ſeinem Hauſe zu beherber⸗ gen, pries ſeine Luſtigkeit, ſeinen Hang zur Verſchwendung, ſeine Keckheit beim Würfelſpiel, ſeine Ausdauer beim Zech⸗ gelage. Er deutete mit dem Finger auf drei oder vier junge Edelherren, welche ſchläfrig umherſaßen, und die alle in verwichener Nacht von dem gelbhaarigen Junker beim ——.— 9 Becher überwunden worden, und wünſchte laut und ohne Hehl, daß ein ſo freigebiger Tafelgaſt ſeinem Hauſe noch recht lange zur Zierde gereichen möchte. Während ſolches Geſchwätz hinter ſeinem Rücken vor⸗ ging, ſchaute der beſagte Junker leichtſinnig nach allen Seiten, gähnte die Schwalben an, die am Kirchengewölbe hin und her flogen, muſterte dann wieder mit ſcharfen Blicken das Frauenvolk, das in den Seitengängen bunt durch einander ſtand und kniete. Von den Schleiern und goldenen Hauben der vornehmern Weiber gleitete ſein Auge nachläßig ab, und ſuchte mit größerm Wohlgefallen unter den Blumen niederen Standes nach einem Veilchen für ſeine Luſt und Freude./»Was man aber in der Ferne ſucht, iſt wohl oft ſchon in der Nähe zu finden. So gewahrte auch der Junker, da die Feierlichkeiten zu Ende, alles Volk ſchon aufgeſtanden und im Begriff war, die Kirche zu ver⸗ laſſen, wie ganz dicht neben ihm ein Mägvlein ſich vom Boden erhob, deſſen Züge und Geſtalt des lüſternen Edel⸗ knechts Herz im Innerſten rührten. Bläſſe, wie die des Marmors, überkleideie zwar das Antlitz der Dirne, aber herrlich funkelnde Augen, braun wie das üppige Haar, und klar wie Sterne, belebten wunderſam das ſchöne ſchwermüthige Geſicht. Von dürftiger Kleidung umhüllt, verriethen die Glieder des ſchönen Kindes ein reizendes Ebenmaaß, geſchmeidig, füllreich und edler, als man ge⸗ meiniglich bei Dirnen ſchlechten Standes zu finden pflegt.— Der Junker beugte ſich vor, um, vom Gedräng begünſtigt, dem Mädchen keck und zudringlich in's Auge zu ſehen, ſeine zarte Hand zu berühren, aber ſchnell gab er den Verſuch auf, als das Mädchen ſein Geſicht gegen ihn erhob, und mit klarer Ruhe ihn betrachtete. Eine gewiſſe Sieghaftig⸗ keit der Unſchuld, ein kräftiges Bewußtſeyn ſprachen aus dem ernſten Blick, der zu fragen ſchien:„Was begehrt * 10 Ihr von mir, mein Herr, und wie mögt Ihr wagen, Eure Zudringlichkeit auf meinen Weg zu ſtellen?“ Dagegen ſchämte ſich der Junker, und ſchwor ſich heim⸗ lich, aber theuer zu, daß er nicht ruhen wolle, bis die ſtrenge gleichgültige Dirne ihm zu Liebe gelebt denn noch war ihm keine, weder in dem reichen Burgund, noch in den Gauen ſeines deutſchen Vaterlandes vorgekommen, die nicht mindeſtens mit einem günſtigen Blick, oft wohl auch mit ſüßerem Solde, ſeine herablaſſende Freundlichkeit erwiedert hätte.— Zerſtreut ſchloß er ſich an die Schaar ſeiner Her⸗ berggenoſſen, und wandelte mit denſelben hängenden Kopfes den Hügel hinab zum Baldreit, wo eine Bande von Stoß⸗ pfeifern und Zinkeniſten den Gäſten luſtig entgegentrompe⸗ tete, und die Wirthin der Herberge einem jeden ein duf⸗ tiges Kränzlein reichte, nebſt einem Blumenſtrauß, damit ihm das erſte Bad wohl gedeihe in aller Heiligen Namen. Unter dem Schalle der Muſik gingen die Fremden nach ihren Badekammern, wo ihre Diener, wie auch die Knechte und Mägde der Herberge, ſie abermals mit Glückwünſchen bewillkommten. „Laßt die Schalkspoſſen!“ ſagte der gelbhaarige Junker zu ſeinem Knechte Lutz und zu dem dicken glatzköpſigen Badwärter, der ihm die Thüre zu ſeinem Badkaſten öffnete. „Wenn der Himmel es haben will, daß mein Fuß wieder geneſe, ſo thut er's auch ohne ſolch heidniſch Geplärre.“— „Wie Ihr befehlt, edler Herr!“ entgegnete der Wärter mit ziemlicher Unhöflichkeit:„ſteigt alſo in Gottesnamen in das Bad! es iſt nach der Vorſchrift abgekühlt, die Tücher hängen über jener Stange, und ſo es Euch beliebt, Euch abtrocknen, mit dem Schwamme reiben, oder mit dem Frühſtück bedienen zu laſſen, ſo klopft nur an den Kaſten; ich bin bei der Hand.“ Während der Junker ſich von dem Knechte Lutz Sporen „ „ 11 und Stiefel abziehen ließ, ſah er dem Badwärter ſteif in's Geſicht, und ſagte halb verwundert und halb lachend:„Wie ich an Deiner Grobheit und Deinem breiten Maule ab⸗ nehme, ſo biſt Du mein Landsmann, ungeſchliffener Ge⸗ ſell.“—„Ich bin ein ächter Schwabe, Herr,“ erwiederte der Andere trotzig.—„Das ſehe ich,“ ſprach hierauf wieder der Junker, und wies ihm die Thüre. Zu ſeinem Lutz, während des Auskleidens, fuhr er indeſſen fort:„Du magſt dem Burſchen die Ohren tüchtig reiben, und ihm melden, daß er ſeine ungeſchlachte Vertraulichkeit weglaſſe, wenn er bei mir zu thun hat. Ein Schwabe ſollte doch mit vierzig Jahren klug geworden ſeyn, und ſich in die Leute ſchicken können. Gib ihm zugleich dieſe Paar Gulden, und mache ihn mit meiner Freigebigkeit bekannt.“ Der Knecht richtete die Botſchaft aus. Sobald er ſei⸗ nen Herrn allein gelaſſen, begegnete er dem Badewärter, und brummte ihm zu:„Du! ſey nicht mehr ſo grob gegen meinen Herrn. So wie er die Höflichkeit mit Silber be⸗ zahlt, ſo lohnt er die Strolchen mit Ohrfeigen ab. Vor der Hand will er Dein ungewaſchenes Maul für ein ge⸗ waſchenes anſehen, und ſchickt Dir dieſes Geld.“— Der Badknecht ſchob die Gulden in die Taſche, und meinte: „Ich weiß jetzt, mit wem ich zu thun habe, und will ſchon artig ſeyn, wenn Dein Herr mich nicht anſchnanzt. Wer iſt er aber, daß er ſo vornehm thut?“ Lutz machte große Augen, blies die Backen gewaltig auf, und verſetzte mit vielem Hochmuth:„Mein Herr iſt der Junker Heerdegen von Sperberseck, ſein Stammhaus ſteht unfern von Kirchheim an der Teck, viel Hab' und Gut hat er ererbt und in Burgund erworben, und nimmt's mit Jedem auf in Schimpf und Ernſt. In ganz Schwaben gibt es kein ehrlicher Geſchlecht als ſeines, und ſowohl von Fürſten als von Städten, namentlich zu Hall, wo er ein 12 eigen Haus beſitzt, iſt er wohl gelitten.— Lutz war im Zuge, den längſt auswendig gelernten und oft wieder⸗ holten Spruch zum Ende zu bringen, als er plötzlich be⸗ merkte, wie ſeines Zuhörers Wangen und Stirne feuerroth wurden, und dicke Zähren aus ſeinen Augen floßen. Der Mann hatte die Hände gefaltet, und beugte trübſelig den Kopf zur Erde.— Deßhalb hielt Lutz verwundert inne, und ſprang zu ſeinem Herrn in die Kammer, weil dieſer juſt klopfte, die Frühftückſuppe verlangend. Der Badewärter trocknete ſeine Thränen, lief zur Küche, und brachte ungeſäumt die Weinſuppe, verſetzt mit kräftigen Kräutern und mit trefflich geröſtetem Brode.—„Gott ſegne es,“ ſprach er kurz und gepreßt, indem er das Süpp⸗ lein dem im Bade ſitzenden Junker reichte.— Lutz ſtand vor der Thüre, und da ſolche wohl verſchloſſen, der Junker auch ſchon durch ſeinen Diener von dem ſeltſamen Betragen des Badeknechts unterrichtet war, ſo fragte er denſelben: „Was haſt Du auf dem Herzen, Alter? Deine Augen ſind roth unterlaufen, als hätteſt Du geweint, und Deine Lip⸗ pen hängen ſchlaff wie die des Pfaffen am Charfreitage?“ — Lange wollte der Badeknecht nicht antworten, bis er endlich verſetzte:„Ach, Landsmann, es betrübt mich, daß es Euch wohl geht, und mir ſo übel.“—„Wieder eine feine Schwabenrede!“ lachte Heerdegen:„womit habe ich verdient, daß Du mit mir aus einer Schüſſel eſſen willſt? Weißt Du, daß ſolche Unverſchämtheit mich höchlich juckt und ärgert?“— Der Wärter zog ſich einen Schritt von dem Badekaſten zurück, und ſagte mit trotzigem Scherz: „Ei was, wär' ich nicht unverſchämt, wie wäre ich ein Edelmann?“— Als der Junker ihn mit offenem Munde anſtarrte, fuhr er mit barſcher Vertraulichkeit fort:„Ei ja, glotzt mich nur an, mein Freund und Landsmann⸗ Ich hatte ein Wappen, ſo gut wie Ihr, und der Henker 18 hat mir's noch nicht zerſchlagen; wohl aber habe ich's ſelbſt gethan, weil ich ſteinreich geweſen und bettelarm geworden, weil der Bettelſack ſich nicht mit einem Wappen verträgt, und weil es eine Schande wäre, den Ritterhelm auf dem Kopfe, den Reibeſchwamm zu führen.“ Er ſchwieg, und auf's Neue floßen Thränen aus ſeinen Augen, aber Heer⸗ degen fragte zweifelhaft:„Brauchſt Du vielleicht Nieß⸗ wurz, armer Geſell?“ Darauf weinte der Andere noch heftiger und ſchluchzte:„Hätte man mir es nur vor zwan⸗ zig Jahren eingegeben, wie einem Rüden, der an der Sucht leidet, wie einem Mondſüchtigen, der in der Nacht auf den Dächern wandelt, wie einem hirnverrückten Kerl, den die Sonne geſtochen! Die Sucht der Hoffart machte mich ſchwin⸗ deln, keine Begierde war mir zu hoch, die Natter der Toll⸗ heit hat mich geſtochen. Ich weiß nicht recht, wie ich dazu komme, daß ich Euch mein Leid aufdecke, aber Ihr habt ſo ein ehrlich Geſicht, ſeyd mein Landsmann, da Ihr zu Hall ein Haus habt, ein alter Edelmann wie ich, und vom Teufel der Luſt und Verſchwendung beſeſſen, wie ich es einſt geweſen. Darum mag mein kläglich Beiſpiel Euch nützen, und wenn Ihr anders zu Hall bekannt ſepd, ſo wißt Ihr ſchon meine ganze Geſchichte, indem ich Euch ſage, daß ich Götz von Bachenſtein heiße.“ Heerdegen ſetzte ſich hoch auf, und fragte betroffen: „Wie? der alte Götz, deſſen Leichtſinn und Ueppigkeit ein Sprüchwort im Lande iſt? Von dem ſchon meine Mutter mir erzählte, als von einem Muſter nichtsnutzigen Lebens⸗ wandels?“ Götz nickte verdrießlich und zerknirſcht; der Junker fuhr fort:„Kaum glaube ich meinen Augen, was ſie ſehen, meinen Ohren, was ſie hören. Ihr wart der reichſte Mann, ſo weit die ſchwäbiſche Zunge reicht. Ihr konntet das Geld in Scheffeln meſſen, und von Euch erzählt man ſich die 14 wunderliche Geſchichte, wie Ihr einſt die Stadt Hall von den zudringlichen Forderungen ihrer gräflichen Nachbarn be⸗ freitet. Die Herren waren auf dem Rathhauſe, und ver⸗ langten unerhörte Dinge. Da ließet Ihr in Euerm Hofe, den man vom Rathhauſe überſchauen konnte, von Euern Dienern ein Paar tauſend Goldſtücke in einem großen Siebe waſchen, putzen und an der Sonne trocknen. Darob den Herren die Augen übergingen, und ſie meinten, daß nichts mit einer Stadt anzufangen ſey, deren Bürger ſo viel Gold beſäßen, daß es ſich ſchimmlich läge in den Kellern; und ſie zogen unverrichteter Sache ab.“ Götz ſeufzte tief, und meinte, damals ſey eine ſchöne Zeit geweſen, und die Sache verhielte ſich nicht anders. Aber Heerdegen redete immer weiter:„In Euerm Hauſe wurde es jedoch bald anders, weil Euer Schornſtein dampfte von früh bis ſpät, weil Ihr mit Euren Genoſſen ſchwelgtet vom Morgen zum Abend; und als Ihr Euch auf Dettingen ſetztet, ging der Greuel noch ärger als zuvor. Ein Chor⸗ herr von Stuttgart wurde Euer Schaffner, und was er Euch nicht geradezu aus dem Sacke ſtahl, verpraßte er in Hechtlebern, Pfauenhirn und Lerchenzungen, bis endlich Alles fort war und Ihr ſelbſt hinterdrein gehen und Euer Vaterland mit dem Rücken anſehen mußtet, ohne daß man bisher erfahren, wohin Ihr mit Sack und Pack, mit Weib und Kind gekommen wäret.“ „Ach, wie pfeift Ihr doch ſo voll und fein das Lied vom faulen Praſſer Bachenſtein!“ ſeufzte der alte Götz; „ſeht aber zu, daß nicht gleiches Schickſal Euch im Alter erwarte. Euch iſt das Turnier auch lieber als die Meß, angenehmer das Frauenhaus als Gotteshaus, und das vermaledeite Geld iſt rund und läuft, als wär's vom Teu⸗ fel beſeſſen, durch alle Welt, wenn man's einmal flügge gegeben. So wie mein Reichthum durch das Sieb g gefallen, 15 ſo könnte auch der Eurige ausreißen, und es wäre Schade um Euch.“ „Mein ebler Herr,“ verſetzte der Junker mit höhniſch aufgeworfenem Munde:„beliebt auf Euern Weg zu ſchauen, und nicht auf den meinigen. Was ich vom Vater erbte und unter Herzog Carls ſtolzen Fahnen eroberte, iſt nicht ſo leicht verpraßt, wenn ich's auch toll anfinge, ſo wie Ihr,— und endlich— ſeht, noch bin ich keine dreißig Jahre— endlich macht eine reiche Braut wieder Alles gut. Ich bin ein rüſtiger Kriegsmann, geize nicht mit meinen Freuden, fürchte mich nicht vor einem Leid; wie's auch kommt, ich ſchlage mich durch, und will Euch gebeten haben, eine kleine Erleichterung Eurer Noth von einem ebenbürti⸗ gen Landsmann anzunehmen.“ Nach kurzem Bedenken antwortete Götz mit Achſelzucken: „Ei nun, beim heiligen Kreuz, ich habe viel verſchenkt in meinem Leben, und ſchäme mich jetzo nicht, ein Geſchenk dagegen anzunehmen. Die Armuth, Junker Sperberseck, macht eine freche Stirne, und meine Hand krümmt ſich un⸗ willkürlich, wenn ich nur von Geld höre, ſintemalen ich keinen Pfenning beſitze, wenn mir das Badgeld fehl geht. Ich denke, daß Ihr einen Edelmann nicht mit einer Bettel⸗ zehrung abſpeiſen wollet, und Euer Gold ſteht meinem Säckel ſo gut an, als dem Kaſten eines Schenkwirths, oder eines Juden, oder einer feilen Dirne, voder eines wort⸗ brüchigen Borgers. Beſucht mich, wenn Ihr wiſſen wollt, wie es mir geht. Hier im Baldreit möchte unſere Ver⸗ traulichkeit die Leute wundern; in meiner Hütte können wir reden, wie uns der Schnabel gewachſen iſt.“ „Nach Euerm Gutdünken, edler Herr,“ lächelte der Junker: wo find' ich Euer ritterliches Haus, daß ich meine Lehenspflicht vor Euerm Stuhle abtrage?“ Götz verſetzte:„Wandelt nur getroſt zum Thor hinaus, 16 wo die Straße nach der Iburg aufwärts zieht, und die ſchlechten Häuslein an dem Oosbach ſtehen; jenſeits des Stegs, von der Straße ſeitwärts, links hinter dem Ge⸗ ſtrüpp, wo drei Birken ragen, iſt meine Hütte. Geht durch die rothe Thür ein, die kleinere daneben führt zu meiner Ziege. Doch könnt Ihr nicht fehlen, denn weiter hinaus ſieht nur noch eine Hütte, und darinnen wohnt der Hirt.“ „Recht; ich werde kommen, heute Abend noch. Ihr bietet mir ein ſeltſam Schauſpiel, wie ich noch keins ge⸗ ſehen, und was juſt das Mitleid nicht vermöchte, verdankt Ihr meiner Neugierde. Ruft aber jetzo meinen Lutz herein, daß er mich ankleide, denn es will ſich nicht geziemen, daß der Junker ſich von ritterlichen Händen ſolch ſchlechten Dienſt erweiſen laſſe.“ „Ihr ſeyd ein Mann nach dem Herzen Gottes,“ ſchmun⸗ zelte Götz behaglich:„der heilige Jörg ſende Euch in den Stunden der Trübſal einen Freund und Nothhelfer, wie Ihr mir zu werden begehrt.“— Der Junker ſtrich ſich ver⸗ drießlich den Bart, und rief mit ärgerlicher Geberde: „Fliege hinaus, Du ſchwarzer unglückkrächzender Rabe. Was ſchwatzeſt Du von Trübſal? Ziehe ab, das Leid kömmt immer zeitig genug.“ Götz entfernte ſich, Lutz erſchien und verrichtete ſeinen Dienſt, putzte ſeinen Junker wieder fein heraus, ſalbte ſeine Haare mit wohlriechendem Oel, wand das Kränzlein um ſeinen Arm, wie man den Prieſter ſchmückt, der ſeine erſte Meſſe geleſen, und geleitete ihn aus der ſchwülen Kammer in wie kühle Laube, wo von fröhlichen Gäſten der Ball geſchlagen, von emſigen Dienern die Tafel gerüſtet wurde, woran man ſich zu jener Zeit gar frühe niederzu⸗ laſſen pflegte. Die ſogenannte Laube war ein langer und breiter Gang, quer über den Eingang zum Garten gebaut, von ſtarken Pfeilern getragen, mit leichten Schindeln ge⸗ — —— 17 deckt, und zu beiden Seiien offen, nach wälſcher Sitte nur mit luftigen Gittern verwahrt, die man nach Belieben öffnen und ſchließen konnte. Von der einen Seite ſchaute man in den von Menſchen und Thieren belebten Hof, von der andern über den Baumgarten und die Häuſer der lan⸗ gen Gaſſe hinweg in's Freie, wo die grünen Höhen des Frieſenbergs ſich heiter in die Luft ſtreckten.— Des Scherzes war viel in dieſer angenehmen Laube, Bekannte und Fremde, Männer und Frauen wandelten traulich auf und ab, riefen ſich ihr luſtiges„Geſegne Gott das erſte Bad“ entgegen, ſchauten dem Spiele zu, ſangen, pfiffen und plauderten kurzweilig durch einander. Heerdegen bückte ſich über das Geländer, und zählte gedankenvoll die Blumen und Stau⸗ den des Gartens. Mancher Zechbruder ſtrich an ihm vor⸗ über, und klapperte leichtfertig mit der Würfelbüchſe an ſeinem Gürtel: Heerdegen hörte nicht. Manche Straßbur⸗ ger Schönheit verſuchte mit ſüßem Laut und Blick ſeine Aufmerkſamkeit zu erregen: Heerdegen ſchaute ſich nicht um. Endlich näherte ſich ihm mit klirrendem Schritt ver hoch⸗ gewachſene hagere Scherer von Landſäß, der ſo eben, eine muntere Weiſe ſummend, über die Treppe herauf geſtolpert war, klopfte ihn vergnügt auf die Schulter, und rief neckend:„Wie kommt es doch, daß Du ſo ernſthaft und verdroſſen biſt? Sieh mich an, den Du in verwichener Nacht unter den Tiſch getrunken, und ſchäme Dich vor meiner Roſenlaune. Potz hinkende Gans! Ich habe den Weinrauſch nur verſchlafen, um in Liebestrunkenheit zu ſinken.“ Heerdegen, der bisher mit einem Anflug von Wehmuth der ſchönen Dirne gedacht hatte, die in der Kirche ſo wun⸗ derbar und ſchnell ſein Herz berückte, ſchielte unwirſch nach dem Scherer, und murmelte, als ſey er des Geſchwätzes überdrüſſig:„Spiele nicht den Faſtnachtsnarrn auf, guter Nonne von Gnadenzell. I. 2 Freund; mich dünkt, Du ſollteſt nicht von Minne reden, die Du nicht kennſt. Man weiß ja wohl, mit welcher Kurzweil Du die Stunden verbringſt, Du Würfler und Zecher bei Tag und Nacht. Was über den Kuß der Anne⸗ lieſe hinausgebt, iſt Dir ſo fremd, wie das Himmelreich.“ Der Landſäß maß den Junker mit einem wilden Katzen⸗ blick. Doch hielt er dem freigebigen Zech⸗ und Spielge⸗ noſſen die harte Rede zu gute, und verſetzte blos mit leich⸗ tem Spott:„Bei meinem Eid, Du ſollteſt in die Kutte fahren und Buße predigen, oder die Laute ſchlagend in dem Lande ziehen, ein zweiter Frauenlob. Was iſt mit Dir? Du machſt ein ſcheel Geſicht, als ob Du ein Mägdlein frei⸗ toſt, das von Dir nichts wiſſen will.“— Haſtig polterte der Junker:„Es iſt auch ſo. Mir ſteckt ein Mägdlein in Gedanken 3 und ich glaube nicht, daß es mir damit glücken w. Darob lachte der Landſäß hell auf, und ſang mit fröh⸗ lichem Munde:„Ich kenn' ein Lieb, ſo fein und zart, wie Blümelein im Maien—„Doch iſt ihr Herze felſen⸗ hart, wie thut es mich gereuen!“ fügte Heerdegen halb lächelnd, halb unwillig bei, und der Landſäß ſang im Liede weiter:„die Stirne weiß und braun das Haar, wie Edel⸗ ſtein das Augenpaar..— Da unterbrach ihn Heerde⸗ gen heftig:„Daß Dich die Peſt, heiſerer Staarmatz! Auch meines Liebchens Stirne iſt weiß, kaſtanienbraun ſind ihre Locken, und ihre Augen funkeln wie Demanten, und Du ſollſt nicht mit frecher Zunge ſolche Reize preiſen, deren Du nicht werth biſt, und die auch vielleicht für mich nicht geſchaffen ſind. Mir zu Liebe ſchweig davon, wenn Du nicht mit mir raufen willſt.“ Begütigend ſtreichelte Landſäß Heerdegens erhitzte Wange, und ſprach:„Ei, nur nicht ſo böſe, lieber Getreuer. Was kann ich für Deinen Verdruß? Helfen könnte ich vielleicht, 19 wenn Du mir vertrauen wollteſt. Nimm Dir ein Beiſpiel an meiner Offenherzigkeit. Ich bin nicht eiferſüchtig mit meinem Lieb, und will Dich ſelber zu dem Mägdlein füh⸗ ren, wenn's Dir gefällt. Ich weiß das Neſt des Vögleins, bin ihm nachgeſchlichen, und habe noch nicht in die Hände geklatſcht, noch nicht einmal in die Lockpfeife geſtoßen, um es recht heimlich und arglos zu erhalten; ganz in der Stille werde ich mein Netz aufziehen, und Du ſollſ mit am Herde ſitzen, wenn Du willſt.“—„Danke,“ erwie⸗ derte Heerdegen trocken. Scherer ließ ſich nicht ſtören, und ſagte weiter:„Eine Frage an Dich. Haſt Du mit Deinem Lieb ſchon gerepet?“—„Nein.“—„Hoho, da iſt alſo noch nicht zu verzweifeln. In Minneſachen iſt das Reden gut. Wie oft haſt Du Dein Lieb geſehen?“—„Einmal, hier, heute.“—„Sieh doch, wie die Beichte Dir ſo ſchön vom Munde geht. Viel Zeit iſt noch nicht verloren, das Städtlein klein, der feinen Dirnen ſind nicht allzuviel, Du wirß Dein Kleinod ſchon wieder finden.“—„Viel⸗ leicht.“—„Aber reden mußt Du vann mit ihr und auf alle Zeichen merken, wenn ſie die Spröde ſpielen will. Du biſt lang in Burgund und den franzöſiſchen Landen herum geweſen, und haſt vielleicht vergeſſen, wie ſich im Vater⸗ land die Töchter geberden, wenn der Verſucher ihnen nahe kömmt.“—„Meinſt Du?“—„Potz hinkende Gans, das muß ich verſtehen. In der Weiber Mummenſchanz bin ich erfahren, denn, was Du auch ſagen magſt, ich habe nicht von der Annelieſe allein mein Liebes⸗Paternoſter gelernt.“ —„So? Laß doch hören; die Mahlzeit wird juſt aufge⸗ ſetzt, wir wollen unten an der Tafel Platz nehmen, und Du ſollſt für einen aufmerkſamen Knaben Schule halten, weil ich eben nichts anders hören will, und ſelber nichts zu reden weiß, weder im Ernſt, noch im Spaß.“ Sie ſetzten ſich, wie Heerdegen es gewünſcht, an das —— untere Tafeleck, von den übrigen Edelleuten und den ſchnat⸗ ternden Weibern durch eine Schaar ſchwarzröckiger Chor⸗ herren getrennt, die lateiniſch redeten, und das Gold ihres Stiſters, welches dieſer einſt von dem Schweiß ſeiner ar⸗ men Leute gewonnen, aus vollen Bechern tranken. Noch überdies ſchmetterte die gellende Muſik das geſammte Ge⸗ ſpräch zu einem unverſtändlichen Gemurmel nieder, und Heerdegen konnte ungeſtört den weiſen Lehren des Landſäß lauſchen, welcher alſo begann:„Zuvörderſt erfahre, wie das Weibsvolk abſonderlich von Gott dem Herrn gemacht iſt worden, um Freud und Leid in die Welt zu bringen. Damit ſich aber ein Jeder von ſolcher Creatur nehme, was er ſelber will— denn eitel Trug iſt ſowohl die Luſt, als auch das Weh, ſo uns die Weiber bereiten— hat der Him⸗ mel zugegeben, daß die Eva ein Räthſel ſey, und ein ſym⸗ boliſch Ding, das mehr durch Zeichen redet als durch Worte, und ſchwerer zu ergründen iſt, als der Bodenſee an ſeinen tieſſten Stellen. Traue daher nie der Zunge eines Weibes, denn ſeine Worte ſind falſch, und ſo Du mit dem Weibe redeſt, merke fein auf ſeine Geberde. Das Mündlein hat Eva in ihrer Gewalt, aber nicht ſo ganz des Leibes Be⸗ wegung, daß nicht ein kluger Mann aus ihrem zerſchied⸗ lichen Thun entnehmen könnte, was er zu erwarten habe.“ „Der Anfang Deiner Weisheit iſt breit und lang, mein Freund,“ bemerkte Heerdegen etwas zerſtreut. Land⸗ ſäß füllte indeſſen die Becher, und trank dem Genoſſen mit den Worten zu:„Ueberwinde immerhin Deine Ungeduld. Das Beſte findet ſich oft in der Neige. Vor Allem traue nicht dem Frauenbild, das unbeweglich ſteht oder ſitzt, wann Du ihm den Hof machſt, und nur die Augen regt, während die Glieder ruhen. Solch Frauenbild iſt einem Waſſerweib⸗ chen zu vergleichen, das mit den grünen Augen blitzt und lockt, indeß der Fiſchleib unter'm Waſſer aufrecht ſteht, um 2 den Thoren zu umſchlingen und zu erdrücken, den der Au⸗ gen Leuchten in die Fluthen zog. Ein kaltes Herz klopft hinter der ruhigen Bruſt, und die Liebe ruht doch nimmer. Das Weib will Dir gefallen, wenn es mit Kindern ſpielt, und ſie inbrünſtig küßt in Deiner Gegenwart; wenn es dem Ehemann zärtlich ſchmeichelt, ſo Du daneben ſtehſt; wenn es im Gehen plötzlich ſeinen Gang verändert, und an Dei⸗ nem Fenſter vorüber läuft, und dann wieder langſam ſchrei⸗ tet; wenn es unruhig mit dem Fuße den Boden klopft, ſo Du ihm ſteif in's Antlitz ſchauſt, oder die Hände bewegt wie ein Orgelſpieler, oder mit niedergeſchlagenen Augen an den Lippen kaut; wenn es voll Geſchäftigkeit in Deiner Nähe iſt, und ſich anßtellt, als ſähe es Dich kaum, dann ſieht und verſchlingt es Dich gewiß mit tauſend Augen. Und dem Auge folgt der Kopf, und dieſem das Herz, und dem Herzen Eva, ganz wie ſie Gott erſchaffen.“ „Ach Du unnützer Salbader!“ zürnte Heerdegen, und rückte ungeduldig auf ſeinem Stuhle;„Du ſchlägſt die Zeit mit groben Dreſchflegeln todt, und predigſt Dinge, die mir ſchon in meiner Jugend die Spatzen vorgeſungen. So Du nichts Beſſeres weißt, ſchweige lieber. Ich fühle meine Bruſt wie von einem bleiernen Harniſch gedrückt, und möchte heitere Kurzweil hören.“— Da ſtand hinter des Junkers Stuhle ſein getreuer Lutz, und flüſterte ihm in's Ohr:„Ich möcht's Euch gerne jetzt erſparen, aber der Bote will gleich wieder fort, der gekommen iſt, Euch zu melden, daß Euer Maierhof zu Urach in Flammen aufge⸗ gangen iſt.“—„Strahl und Hagel!“ rief der Junker be⸗ ſtürzt, und ſprang vom Tiſche auf. Lutz ſetzte hinzu: „Das liebe Vieh iſt auch mit umgekommen, bis auf ein räudiges Schwein, das beim Hirten im Stalle lag; und was vom Felde ſchon therein gebracht, verbrannte lei⸗ der mit. Die Mühle der Herren von Schwarzach liegt —— — 22 auch in Aſche und der Bote muß noch heute nach dem Kloſter.“ Heerdegen rannte zur Thüre hinaus, und erfuhr bald aus dem Munde des Urachers die Beſtätigung der Hiobs⸗ poſt. Zuerſt athmete er ſeinen Schrecken in Verwünſchun⸗ gen aus; die Faſſung gewann aber ſchnell die Oberhand, und er vermochte in der nächſten Viertelſtunde den Boten mit Verhaltungsbefehlen zu entlaſſen.„Beſitze ich doch noch der Meiereien ein halbes Dutzend!“ ſagte er leichtſinnig und getröſtet zu ſich ſelbſt:„macht doch ein kleiner Griff in meinen Geldſeckel den Schaden wieder gut! Und iſt nicht morgen der Tag, da der Herr von Bubenheim, mein Schuldner, mir auf Seel' und Seligkeit verſprochen, den ſtarken Vorſchuß zurückzuzahlen, den ich ihm vor einem Jahre geleiftet? Fahre darum hin, du ſchwarzer Verdruß, und lache fein, mein Herz. Hab ich auch keine Lnſt, wie⸗ der zur Tafel zu gehen, ſo macht doch ein Gang in's Freie mich wieder fröhlich.“ Zweites Kapitel. — Ach Vaͤterlein, mich hungert ſehr! „Was thut's? gib mir den Becher her.“ — Ach, Vater mein, ſieh' meine Noth! „Was thut's? hab' ich nur Zuckerbrod.“ — Ach, bin ich nicht Dein einzig Kind? „Der Storch trug Dich durch Nacht und Wind“ — und wenn mein armes Herzlein bricht e „Nach Deinem Herzlein frag' ich nicht.“ Volkslied. Leerdegen beſchloß, den alten Götz aufzuſuchen, füllte den Beutel an ſeinem Gürtel, daß er ſtraff von Sonnen⸗ ronen herabhing, und wandelte fürbaß aus der Herberge. In der langen Gaſſe begegnete ihm ein abenteuerlicher Zug. Muſikanten voraus, in wunderlicher Tracht, auf magern Pferden, paukend, ſchalmeiend, umtobt von jauchzenden Gaſſenbuben; hinterdrein ein poſſenhafter Herold, wie er in großen Städten zur Faftnachtzeit die Larvenſpiele ver⸗ kündete. Der trug an einer Stange eine große Fahne mit wunderlichen Figuren, und ſchrie an allen Ecken aus, daß alſogleich nach der Vesper der große egyptiſche Künſtler, ein Abkömmling der Herzöge aus dem Morgenlande, auf dem Wieſenplan der Schießſtätte ſein Spiel anheben werde, beſtehend aus Kunſtſtücken, wie ſie ein menſchlich Auge noch nie geſehen. So werde er auf ſeine Stirne einen Balken ſetzen, und denſelben im Gleichgewicht halten, wie einen 24 Strohhalm; hierüber über vierundzwanzig Hellebarden einen gefährlichen Sprung wagen, auf glühenden Eiſen gehen ſonder Gefährde, und ein ſchlichtes Ei in einen lebendigen Hahn verwandeln; Alles ohne Zauberei und verdammliche ſchwarze Kunſt, mit Erlaubniß des Biſchofs und des durch⸗ lauchtigſten Markgrafen Bewilligung.— Wäbrend der He⸗ rold ſchrie, daß ihm die Lunge zu berſten drohte, machte der Abkömmling der egyptiſchen Herzoge, gekleidet und ver⸗ mummt wie ein Heide, die ſeltſamlichſten Sprünge und Geberden, daß alles Volk lachte und jubelte, wie am Oſter⸗ feſte. Es war ſpaßhaft mit anzuſehen, wie unter dieſem Getümmel eiteln Poſſenſpiels ein Menſch herumlief, gehüllt in Pilgerkleider und eine Almoſenbüchſe in der Hand, Ga⸗ ben zu ſammeln für die armen Seelen im Fegfeuer und für die bedürftigen Wallfahrer in Zeruſalem. Heerdegen gedachte in frommer Erinnerung ſeines Vaters, der auch vor Zeiten nach dem heiligen Grabe gereiſet war, und warf ein Paar Silberlinge in die Büchſe, wenn ſchon der Trä⸗ ger derſelben eher einem liſtigen Beutelſchneider ähnlich ſah, als einem frommen Chriſten. Sodann ließ der Junker den luftigen Troß der Gaukler hinter ſich, und ſuchte den Weg zum engen Stadtthor hinaus, die Straße nach dem Fre⸗ mersberge, den Steg über den Oosbach. Er ließ zur Rech⸗ ten den Wieſenplan der Schießſtätte, wo die Gerüſte des egpptiſchen Wundermanns aufgeſchlagen wurden, bog links in das Geſtrüpp ein, dicht am Pfade nach dem Kloſter Lich⸗ tenthal, ſah unfern drei hohe Birken ragen, und entdeckte dahinter die rothe Thüre des jämmerlichen Hüttleins, gegen welches Götz von Bachenſtein ſeine ritterliche Herrlichkeit vertauſcht hatte. Ach, wie wurde ihm ſo bang, da er in das niedere Gemach trat, worinnen er nicht aufrecht zu ſtehen vermochte, obgleich er ſeinen ſtolzen Federhut demüthig abgenommen. 25 Die nackte Armuth hatte ihr Hoflager in der beräucherten Kammer aufgeſchlagen, das Tageslicht ſchämte ſich, durch die ſchmutzigen Hornfenſter hereinzuleuchten; graue Dämme⸗ rung lag über allen Gegenſtänden. Als das Auge ſich an dieſe Dunkelheit gewöhnt hatte, unterſchied Heerdegen einen Schemel, worauf eine alte Frau ſaß, die Hände müde in den Schoß gelegt, und dann einen groben Tiſch, hinter welchem Götz mit Behaglichkeit thronte, und ein verlegenes „Willkommen“ ſtammelte.— Der Alte hatte den Beſuch ſeines Freundes ſo frühe nicht erwartet, ſonſt hätte er ſich ſchwerlich an dem Schmauſe erwiſchen laſſen, wobei ihn der verwunderte Heerdegen antraf. In irdener Schüſſel zwar, aber feiſt und wohlriechend, mit duftendem Salbei und Peterſilienkraut beſtreut, ſtand eine große Lamprete vor dem alten Schwelger; daneben eine hölzerne Kanne, woraus lieblicher Weingeruch drang. Der Bart des alten Bachenſtein triefte von Fett und edelm Rebenſaft; in der Hand des Eſſers blinkte das Meſſer, womit er den Fiſch bereits übel zugerichtet hatte.„Sieh da,“ ſprach der Jun⸗ ker lächelnd:„Ihr laßt's Euch ſchmecken, und verzehrt gol⸗ dene Kerne in ſchmutziger Nußſchale““— Dagegen ſagte Götz mit ſchnell gewonnener Seelenruhe:„Ei, mein Freund und Junkerlein, was konnte ich Beſſeres thun, als von Euerer erſten Freigebigkeit auf Eure Geſundheit zu zehren? Ich hab's von jeher ſo gehalten, und wenn Ihr's ehrlich meint, ſo thut Ihr mir freundlich Beſcheid aus dieſem yöl⸗ zernen Kruge.“—„Warum nicht?“ entgegnete der Jun⸗ ker:„erlaubt jedoch, daß Euer Weib, die evle Frau von Bachenſtein, mir den Trunk kredenze.“ Die Frau des alten Ritters erhob ſich langſam, ſchlich nach dem Kruge, nippte einen Tropfen und reichte ihn dem Junker mit den Worten:„Gebe Gott, daß Ihr unſere Schande nicht verachtet, edler Herr.“ Der Junker wurde — bei dieſer Rede blutroth, und verſetzte, nachdem er getrun⸗ ken:„So ſtrafe mich Gott, wenn ich je des Unglücks ſpot⸗ ten könnte. Erheitert Eure Züge, edle Frau, denn ich bin hier, um Eure Bedrängniß zu erleichtern.“— Die Frau ſeufzte tief, als traue ſie dem Junker nicht gar viel, und dieſer fuhr fort:„Setzt Euch zu uns, wir wollen bekann⸗ ter werden; theilt mit uns die Mahlzeit, womit Euer Gatte dieſen Tag feiert.“— Die Frau verzog mit bitterer Weh⸗ muth den Mund, und antwortete:„Ihr kennt unſere Haus⸗ ordnung nicht, ſonſt wüßtet Ihr, daß die Leckerbiſſen, wo⸗ mit mein Herr in unſerer bittern Armuth dann und wann ſein Herz erfreut, nur für ihn beſtimmt ſind, und nicht an uns kommen. In Gottes Namen auch, wir machen uns nichts daraus, weil wir ſchon vergnügt ſind, wenn er nur Friede gibt mit ſeinen ewigen Klagen, womit er Tag und Nacht verbringt, obſchon er ſelbſt die Urſache unſerer Schmach iſt.“ Götz trommelte ſtörriſch mit dem Meſſer auf dem Tiſch; da er jedoch bemerkte, mit welchem Mitleiden Heerdegen das arme Weib betrachtete, ſtimmte er den Ton fein heuch⸗ leriſch und ſanft, und ſagte:„Nun, Grete, ſo arg iſt es wohl nicht. Der Himmel iſt's, der uns mit Hunger ſtraft, weil wir vordem zu viel geſchmauſet; ich theile aber revlich jeden Biſſen mit Euch, und kann nichts dafür, wenn Ihr Euch hartnäckig alle Freud' verſaget. Es iſt ein Kreuz, Herr Junker, um den Eheſtand. Das Weib war ganz ehrlich und fein, ſo lange wir im Glücke ſaßen, ſeither iſt es verſtockt geworden, und hat auch die Kinder mit ſeinem Staarſinn angeſteckt.“—„Eure Kinder? wo ſind ſie?“— „Mein Kind, wollt' ich ſagen,“ entgegnete Götz mit mür⸗ riſchem Geſicht. „Ach, Du Rabenvater!“ rief Grete mit erhobenen Hän⸗ den und Thränen in den Augen:„willſt Du denn ewig 27 Deinen Sohn verleugnen? Iſt's nicht genug, daß ihn Dein Fluch hinaus getrieben in Angſt und Jammer? Vielleicht bleichen ſeine Knochen ſchon irgendwo an der Landſtraße, oder ſie vermodern längſt in irgend einer Spittelgrube. Das war das Härteſte, mein junger fremder Herr, das mir im Leben begegnete, als dieſer Rabenvater den armen Buben hinausjagte, weil er mit ſchwacher Kraft verſucht, mich gegen die Mißhandlungen des Wütherichs zu verthei⸗ digen.“—„Ei ſo wollt' ich, daß Du auf den Lochen ſä⸗ ßeſt, alte heulende Klagfrau!“ fuhr Götz mit zorniger Stimme vazwiſchen:„Du machſt meinem Freunde den Kopf warm, und was iſt's am Ende? Ein ungerathener Bube, der mit dem Flaum am Kinne den Junker nicht ver⸗ geſſen konnte, patzig gegen den Vater wurde, und ſo lange den Schirmvogt ſeiner Mutter ſpielte, bis ich ihn von dan⸗ nen jagte. Was liegt daran? Der Bube iſt frech, und wird alſo nicht verhungern. Wer weiß aber, was uns be⸗ vorſteht, wenn Ihr nicht ſchleunig und kräftig helft, mein edler Landsmann.“ Wie ſehr auch Heerdegens Herz ſich gegen die unge⸗ ſchlachte Sinnesart des alten Ritters empörte, ſo war es doch wieder andererſeits zu herb beklommen bei dem An⸗ blicke ſo vielen Elenvs, daß der Junker mit eifriger Ge⸗ ſchäftigkeit die Börſe vom Gürtel riß, und auf die Tafel warf, als käme ſchon im nächſten Augenblicke die Hülfe zu ſpät. Dabei rief er bewegt:„Nehmt dieſes ehrlich erwor⸗ worbene franzoſiſche Geld aus treuer deutſcher Hand. Mein Vater hat vielleicht oft und viel mit Euch gezecht und ge⸗ tafelt, Herr Götz; empfangt zurück, was er und andere Edelleute von Eueren Schätzen verpraßten. Möge Euch's gedeihen, und dann ſoll's wahrhaftig nicht das Letzte ſeyn, was ich für Euch thue.“— Götz heuchelte tiefe Rührung, und die Frau weinte herzlich und ſchluchzte:„Ach, ſchaffte doch dieſes Geld meinem müden Haupte ein ſanftes Sterbe⸗ kiſſen, und meinem armen Töchterlein eine Verſorgung, wäre ſie auch noch ſo ſchmal!“—„Wo iſt die Dirne?“ fragte Götz, den ſchweren Beutel mit Wohlgefallen in der Hand wiegend:„was hat das Mägdlein ſo lange im Stall zu ſchaffen? Geißlin, wo ſteckſt Du? Komm herein, und danke dieſem Herrn für ſeine Gabe, für ſeinen wackeren Ritterdienſt!“ Die Mutter klopfte an der Holzwand des Gemaches, und kurz darauf trat die Tochter herein. Dem Junker ver⸗ gingen ſchier die Augen, als er ſeine ſchöne Kirchennachba⸗ rin vor ſich ſah, an einem Orte, wo er ſie am wenigſten vermuthet hatte. Der fremde Beſuch überraſchte auch das Mädchen nicht wenig, und es ſchien einen Augenblick, als wolle die Marmorbläſſe ſeines Angeſichts in Roſenröthe un⸗ tergehen. Die Bewegung dauerte jedoch nicht lange, und Giſela fragte mit ſchüchterner Stimme, aber unbefangen, was die Mutter befehle.—„Hier iſt ein wackerer Edel⸗ mann, der unſer Leid in Freude verkehren, uns aufhelfen will,“ ſprach die Mutter mit inniger Rührung:„vielleicht kann es ſich machen, daß Du im Kloſter aufgenommen wirſt, wenn Dein Vater mir erlaubt, einen Theil dieſes Geldes zu Deiner Ausſtattung zu verwenden.“— Heerde⸗ gen betrachtete das Mädchen aufmerkſam, und erſchrack bei⸗ nahe, als in Giſela's Augen ein Strahl der Freude auf⸗ ging, und das ſchöne Kind ſich mit gefalteten Händen zu dem Vater wendete. Götz nickte brummig mit dem Kopfe, und verſetzte:„Meinethalben, meinetwegen, damit nur Plage und Unfriede aus dem Hauſe komme. Geißlin ſehnt ſich ſchon ſeit langem nach dem Gotteshauſe, und meine Grete möchte gern das arme Schaf vor dem Verführer in Sicherheit bringen.“—„Vor dem Verführer?“ fragte Heerdegen, Giſela unverwandt anſtarrend, während das 29 Mädchen mit niedergeſchlagenen Augen neben der Mutter auf der Bank ſaß:„Wie meint Ihr das, Herr Götz?“ „Herr! da iſt der Freiherr von Harras, der den größ⸗ ten Theil des Jahrs auf Windeck ſitzt, uuſere Geißlin ge⸗ ſehen hat, und leider um meine Herkunft weiß, weil ich ſie einmal, da er mich in einer ſchwachen Stunde ausholte, verrathen habe. Nun hat er mir freilich ſein Wort als Edelmann gegeben, das Geheimniß zu bewahren, aber, ſtatt daß er als Edelmann ehrlich um meine Tochter an⸗ hielte, die ihm gefällt, verfolgte er ſie auf Schritt und Tritt gleich einer gemeinen Dirne, ſo daß die arme Geißlin kaum einen Fuß mehr vor die Thüre zu ſetzen wagt.“ Den Junker überkam heimlicher Groll und Neid, daß er ungevuldig die Fauſt ballte, und die Federn an ſeinem Hute ſchier zerknitterte. Ihm war, als ob der Freiherr in ſeine Jagd eingebrochen wäre, ein frecher Wildſchütz, und er achtete es für unverzeihlich, daß der Harras ein Belie⸗ ben trüge nach einem Kleinod, deſſen er ſelber begehrte mit Leib und Seel.— Indeſſen wurde von außen an das gen⸗ ſter der Hütte geklopft; die Mutter ſchaute hinaus, und ſagte:„Da iſt ja die Frau Irmel, die Wäſcherin. Was will ſie nur von mir? Sie winkt mit dem Finger und macht ein lachendes Geſicht. Ich will hören, was ſie begehrt, bin gleich wieder da.“ Margaretha war nicht lange aus der Stube, als vor der Hütte die gellende Stimme des Baldreitwirths laut wurde, der befehleriſch nach Götzen rief.„Was führt denn nun einmal den hochmüthigen Tropf wieder her?“ brummte der Bachenſtein verdrüßlich:„Tag für Tag ſinnt er auf neue Frohnarbeit, womit er mich hudelt, weil ich das Un⸗ glück habe, ihm ein Paar Florenen zu ſchulden. Na, ich bin gerade aufgelegt, ihn mit Grobheit zu bedienen, und ihm die Zähne mit einigen Kronen einzuſchlagen. Gedul⸗ vet Euch ein wenig, lieber Junker, ich halte mich mit dem Bengel nicht allzulang auf.“ Auch Götz verließ die Kammer, und Heerdegen war mit dem Mädchen allein. Giſela beſchäftigte ſich, ihm den Rücken zuwendend, des Vaters Tafel abzuräumen; Heer⸗ degen, von Leidenſchaft entflammt, faßte ſich ein Herz, und umſchlang die Dirne zärtlich. Giſela drängte ihn zurück, und maß ihn wieder mit dem befremdeten Blicke, der ihn am Morgen ſchon außer Faſſung gebracht hatte, ſo daß er nur halblaut ſtammeln konnte:„Euer Liebreiz ſollte für das Kloſter geſchaffen ſeyn, o Giſela?“—„Das Kloſter liebe ich, Eure Schmeichelei haſſe ich,“ verſetzte das Mäd⸗ chen ernſthaft und kalt.—„Ach, warum muß ich gerade Euch verhaßt ſeyn?“—„Ei, warum ſollte ich gerade Euch lieben, den ich nicht kenne, dem ich nicht traue?“— „Euere Zukunft könnte ſo heiter ſeyn, und ſomit auch die meinige.“—„Ihr ſprecht wie ein Freiersmann.“—„Nun, und wenn ich's wäre?“—„Sagt dann Eurer Braut die Schönheiten, die Ihr hier zu Markte bringt.“—„Und wenn Ihr dieſe Braut wäret?“—„Ihr lügt gottvergeſſen.“ —„Giſela!“—„Ein reicher vornehmer Mann wie Ihr, ſollte ſich ſchämen, einer armen Dirne zu ſpotten.“— „Was muß ich thun, meine Aufrichtigkeit zu beweiſen?“ — Das Mädchen lächelte verächtlich, und antwortete mit durchdringendem Blicke:„Geht hin, und werdet ſo arm wie ich. Dann kommt wieder, und holt meine Antwort.“ — Der Junker war betreten oh dieſer unerwarteten Rede, und betrachtete verlegen den ſchweren Siegelring an ſeinem Finger. Giſela ſchaute ihn noch einen Augenblick mit ſpöt⸗ tiſchem Mitleid an, zuckte hierauf die Achſeln, und ſagte, ſich abwendend:„Euch wird gewiß nicht wohl, lieber Herr?“ Heerdegen hätte um keinen Preis der Welt ein Wort enigegnen können, und freute ſich, als die Eltern wieder 31 hereintraten, und ihn der peinlichen Verlegenheit entrießen. Götz ſchimpfte ungemeſſen über den Wirth aus der Her⸗ berge, und verſchwor ſich hoch und theuer, den elenden Dienſt von Stund an aufzugeben; Margaretha war ver⸗ gnügt und erzählte mit geſchwätziger Haſt, daß ein neues Glück der armen Hütte bevorſtehe, indem Frau Irmel von einer reichen und vornehmen Dame geſprochen, welche vor Kurzem Giſela geſehen, und nichts eifriger begehre, als für das Wohl des Mägdleins zu ſorgen. Die Matrone habe ibren Wittwenſitz in der Grafſchaft Eberſtein, und Frau Irmel erbiete ſich, am nächſten Sonntag die gute Giſela über den Berg nach dem Hauſe der frommen Wohlthäterin zu geleiten, um dieſelbe zu beſuchen. Götz nahm nicht viel Antheil an der Neuigkeit, und Giſela verwarf den An⸗ trag ganz und gar, indem ſie ſagte:„Die alte Irmel iſt ein ſchlechtes Weib, und ich bin ſchon vor ihr gewarnt wor⸗ den. Ich bedarf keiner Wohlihäterin, nach dem Kloſter ſteht mein Sinn, und wenn Ihr mich nothdürftig ausſtattet, ſo nehmen mich die weißen Frauen zu Straßburg gern auf.“ Dem Junker wurde heiß vor der Stirne und im Her⸗ zen, als er dieſe entſchloſſenen Worte vernahm, und er brach ſchnell auf, um den Sturm in ſeiner Bruſt nicht zu verrakhen. Mit dem Verſprechen, bald wiederzukommen, und begleitet von prahlenden Lobpeiſungen des Alten, und don den Thränen der Mutter, ging der Junker aus der Hütte. Giſela hatte ihm keinen Blick mehr geſchenkt, und um ſo aufrühreriſcher pochten ſeine Julſe, wie gewöhnlich der Genuß, der uns verſagt iſt, fürmiſcher von uns ver⸗ langt wird, als die leicht zu erlangende Luſt. Sein Be⸗ nehmen in Götzens armer Hütte kam dem Junker nun er⸗ bärmlich vor; er ſchämte ſich der geringen Gabe, die er dort binterlaſſen; er ſchalt ſich einen Geizhals, der ſich nicht entblödet, eine magere Brodrinde für unermeßliche Schätze zu bieten. Giſelas Beſitz ſchien ihm mit einem ganzen Vermögen nicht zu theuer erkauft, und er beſchloß, Alles daran zu ſetzen, um ſeine Leidenſchaft zu befriedigen, dem Klofter eine Nonne, den lockenden Verführern eine Beute zu entreißen. Er fragte ſich nicht, was er denn eigentlich wolle; ob er das holde Mägdlein zum Altar zu führen be⸗ gehre, ob er ſie in Unehre zu bringen gedenke. Vor den Feſſeln des Eheſtandes zitterte der lebensfrohe Geſell, und dennoch hielt er Giſela zu hoch, um ſie der Schmach zu weihen. Sie der Armuth ihrer väterlichen Hütie zu entzie⸗ hen, ſie vor des Harras räuberiſchen Klauen zu ſchützen, die Widerſpenſtige allein in irgend einem entlegenen Winkel der Erde zu verwahren, ſie zu hegen, zu pflegen und zu minnen in ungeſtörter Einſamkeit, war ſeiner Begierde un⸗ erläßliches Ziel. Das Uebrige würde ſich finden, dachte er. Von der Wieſe, wo der egpptiſche Künſtler ſeine Gauk⸗ lerſtreiche trieb, ſchallte der dumpfe Lärm einer Trommel, der ſchnarrende Dudelſack. Die ganze Bevölkerung des Städtleins, die ſich auf rüſtigen Beinen bewegte, ſammt den fremden Gäſten, ſchaute dem Wundermanne zu; auch Heerdegen näherte ſich dem dichten Kreiſe, und ſtieß auf den Landſäß, der mit einem wohlgefälligen Bocksgeſicht heran⸗ ſchlenderte, und den Tafelnachbar freundlichſt begrüßte. „Potz hinkende Gans!“ rief er lachend:„Du kommſt zur guten Stunde, um mir Glück zu wünſchen. Ich habe mei⸗ nem Schatz das erſte Stücklein vorgepfiffen. Das kleine Städtlein iſt nicht mit Golde aufzuwiegen, denn ſchon fand ich eine gewandte Kupplerin, die bei meinem Lieb das erſte Wort anbrachte. Frau Irmel lügt wie ein Pfaffe, und alle Hoffnung iſt vorhanden, daß am nächſten Sonntag, da man die Vesperglocke läutet, auch mein Roſenſtündlein ſchlagen werde, in dem verſchwiegenen Walde zwiſchen hier und Eberſtein. Das Mägdlein wird ſich wundern, böſe thun, und über Frevel ſchreien, aber noch habe ich eine Jede gekirrt, daß ſie mir meine Lügen vergab. Aber. wie kommſt Du mir vor? Du wirſt blaß, wie eine Leiche, während Du eben noch glühteſt, wie ein Mann aus dem feurigen Ofen? He, Geſell, ſteigt Dir das Blut zu Kopfe, oder beſſer, die bleiche Ohnmacht zum Herzen?“—„Mich ſchüttelt das Fieber,“ entgegnete Heerdegen zähneklappernd: „Laß mich, und ſpare Dein Mitleid. Laß mich, ſag' ich Dir! Thue Deine Hand weg von meiner Schulter, wenn ich Dir nicht mit dem Dolch in die Rippen fahren ſoll, un⸗ geſchlachter, widerlicher Wüſtling!“ Mit vernichtendem Zornblicke riß ſich Heerdegen von dem Landſäß los, und wankte, ſeinen Grimm verbeißend, nach der Stadt zurück, ſich's heimlich bei allen Teufeln zu⸗ ſchwörend, des liederlichen Freundes Vorſätze mit eiferſüch⸗ tiger Beharrlichkeit zu vereiteln. Scherer ſah ihm verwun⸗ dert nach, und wußte nicht, was er von dem Auftritte den⸗ ken ſollte. Der kugelrunde, weinrothe Freiherr von Har⸗ ras traf ihn noch mit offenem Munde unbeweglich wie die Salzſäule, worein Loths Weib verwandelt worden.„Hallo, guter Freund, ſeyd Ihr in Verzückung?“ rief der Freiherr, ſich auf die Zehen ſtellend, in des langen Scherers Ohr. —„Ei, ich möchte ſchon die Engelein im Himmel ſingen hören, ſo bin ich entſetzt, ſeit ich erleben mußte, wie mein lieber Freund, der Herr von Sperberseck, plötzlich im Hirn verrückt worden iſt. Seht, dort hinkt er, und ſechtet mit den Armen, als ob die Verzweiflung ihm im Nacken ſäße, und ich kann mich kaum vom Schreck erholen.“—„Ha, ſo folgt ihm in die Herberge. Es iſt mit ſolchem Sonnen⸗ ſtich nicht zu ſpaßen, und mein Oheim ſtarb an plötzlicher Hirnzerrüttung, nachdem er noch ein klein Weilchen zuvor vernünftig geſprochen hatte, wie ein Doktor. Geht ihm nach, ſag' ich Euch. Ich beſuche Euch dann in Eue⸗ Nonne von Gnadenzell. I. 92 rer Herberge. Der Wein hat mir geſtern ſo gut geſchmeckt, daß ich gern die Arznei heute wiederholen möchte.“ Der Freiherr ſprach ſo rechthaberiſch, daß es dem Land⸗ ſäß vorkam, als habe er jetzt nichts Eiligeres zu thun, als dem geſtrengen Herrn zu gehorchen. So gabelte er denn unverdroſſen dem Junker nach, bis er zum Thor gelangte, bis ſein ſtörriſches Gemüth plötzlich wieder gefaßt wurde, und er ſich befremdet fragte, weshalb er wohl den Befehlen des Harras ſo blindlings gefolgt ſey?„Ich will ihm nicht folgen,“ brummte er unwirſch in den Bart:„Ich will den ſchönen Abend im Freien genießen, den milzſüchtigen Junker ſeinen Grillen überlaſſen, und dem Freiherrn die Zähne weiſen, wenn ihm noch einmal einfallen ſollte, mich her⸗ umzuſchicken wie einen Lohnboten.“ Seinerſeits hatte Harras bei ſich gedacht:„Traun, es iſt ſehr gut, daß der lange neugierige Schnüffler ging, da⸗ mit ich ungeſtört den alten Bekannten anreden mag, der juſt wie gerufen auf mich zukömmt.“— Sofort trat er mit einigem Ungeſtüm dem Menſchen in den Weg, der mit der Almoſenbüchſe die Leute brandſchatzte, welche der Egyp⸗ tier zuſammengetrommelt hatte. Freiherr und Pilger waren nicht lange, ohne ſich zu erkennen, ohne ſich zu begrüßen. „Du hier, ſpitzbübiſcher Gensbein?“ ſagte der Eine.—„Euch zu Dienſten und zu Befehl, gnädiger Herr,“ verſetzte der beiden Ohren herumläufſt.“—„Es iſt nicht meine Schuld, Herr, aber ehrlich währt halt am längſten.“—„Biſt Du ein Glied von dieſer Gauklerbande?“—„Bewahre mich die heilige Jungfrau! Wie ſollte ich mit einem Heiden in der Welt herumfahren? Ich bin ſeit einiger Friſt Wallfah⸗ rer vom Handwerk geworden, und ſammle für unbußfertige Seelen im Fegfeuer und für bußfertige Pilger auf Erden.“ —„Komm mit auf die Seite. Als Du den Waldburger 35 veſchwatzteſt, mir ſeinen Marſtall um ein Spottgeld zu ver⸗ kaufen, haſt Du mir einen großen Dienſt geleiſtet. Mir einen zweiten zu thun, fleht heut in Deiner Macht. Nur gilt es jetzt kein Roß, wohl aber eine feine Dirne.“— „Meinetwegen; im Roß⸗ und Mädchenhandel wird am meie ſten betrogen, folglich am meiſten verdient.“—„Ich habe etwas vor, was Dir am beſten glücken muß, da die Leute Dir bekannt ſind, die hinters Licht geführt werden ſollen⸗ Du dienteſt einſt dem Praſſer Götz von Bachenſtein?“— „Das war mein beſter Dienſt, Herr. Küche und Keller ſtanden unter mir, und ich rechnete nur mit dem Chorherrn, ver ſich ſelber nicht vergaß.“—„Du ſollſt Deinen alten Herrn wiederfinden; ſchürze Deine Kutte, und folge mir in meine Wohnung, Speiſe und Trank, Kleider und Geld ſind für Dich bereit, wenn Du einſchlägſt und die Sache ehrlich richteſt. Wo nicht, ſo fürchte für Deinen Schädel.“— „Sorgt nicht, gnädiger Herr. Man weiß ja ſchon hinläng⸗ lich, daß Ihr das Leben eines armen Mannes nicht höher achtet, als das eines Hundes. Geht nur zu, ich folge Euch von ferne, denn mein armſelig Gewand möchte neben Euerm Scharlachmantel eine ſchlechte Figur machen. Im Uebri⸗ gen ſind wir ſchon ſo gut als einig; den Götz zu betrügen wird mir um ſo leichter, als ich's nicht zum erſtenmal thue.“ Während dieſes auf der Wieſe vorging, hatte Heerde⸗ gen, wild wie ein Türke, ſeine Herberge erreicht. Leider fand er dort wenig Anlaß, ſeinen Mißmuth zu verſcheuchen. Einige noch geſattelte Pferde ſtanden im Hofe angebunden, die Reiter, von Staub überzogen, waren beſchäftigt, Ha⸗ berſäcke und Mäntel von den Gäulen abzuſchnallen. Der anſehnlichſte dieſer Reiter, ein großer ſtattlicher Mann, mit viereckigem Geſicht und grauen Haaren, ſchritt dem Jun⸗ er entgegen, und bot ihm ſchon von ſerne die Hand, ohne ein Wort zu reden. Verwundert fragte Heerdegen:„Nun bei Gott, edler Specht von Bubenheim, wie kommt Ihr hieher? Es iſt doch eine Pünktlichkeit ſonder Gleichen, daß Ihr Euch ſelbſt bemüht, das Geld, ſo Ihr mir ſchuldet, gen Baden zu ſchleppen.“— Der alte Specht lächelte hier⸗ auf verlegen, und erwiederte:„Biederer Freund, es iſt ja eben ein Unglück, daß ich nicht mit Silber komme, und juſt darum in eigner Jerſon. Der Leiningen hat mir nicht Wort gehalten, der Andlauer ließ mich ſitzen, Nathan borgt nicht mehr, und Iſaſchar, der Hund, vertröſtete mich mit leeren Worten bis zuletzt. So blieb mir denn nichts übrig, als in Gottes Namen vorläufig meine Haut zum Pfande einzufetzen, und mit zwei reiſigen Knechten mein Einlager im Baldreit zu halten, wie es einem ehrlichen Edelmann zuſteht.“ Der Junker wußte nicht, wie ihm geſchah, da alle ſeine Hoffnungen ſo ſchnell nach einander und ſo tief in den Brun⸗ nen fielen. Er verwünſchte ſeinen leichtſinnigen Schuldner von Grund des Herzens, und was ſeine Seele dachte, ſpie⸗ gelte ſich nicht undeutlich in ſeinem Geſichte. Bubenheim ließ ſich dadurch nicht irre machen; in jener leichtfertigen, treuloſen Zeit, als der leichtfertigſte Borger am Rhein und Neckar bekannt, war ihm das trübe Geſicht eines getäuſch⸗ ten Gläubigers eben nichts Neues, und dem Groll, wie den Vorwürfen deſſelben ſetzte er gleichmüthig leere Späße, Ach⸗ ſelzucken und luftige Verſprechungen entgegen. So trieb er auch heute ſein Spiel, bis Heerdegen ſich in ſein Schickſal ergab, und nur bitter klagte, daß er, des Geldes höchſt be⸗ dürftig, genöthigt ſeyn würde, von dem Kapitel zu Straß⸗ burg eine Summe zu holen, die er als Nothpfennig einſt dort angelegt. Specht ſagte dagegen:„Vollte Gott, ich ſteckte in Euren Schuhen; Euer Bruder hat des Geldes ge⸗ nug, und Euer Ohm auf dem Zavelſtein iſt auch ſteinreich 8 37 und zugleich ſteinalt. Die Gicht wird hoffenklich den acht⸗ zigjährigen Mann bald in's Himmelreich befördern, und ſicherlich vergißt er ſeines Neffen auf dem Sterbebette nicht.“ —„Ihr redet wie ein Kind,“ verſetzte Heerdegen unwillig: „wärt Ihr nicht der Herr von Obenaus und Nirgendsan, ſo müßtet ihr doch in der Dreifaltigkeit Namen wiſſen, daß mein Bruder der ärgſte Geizhals im römiſchen Reich iſt, und mein Bruder ſchon ſo gut als Alles den Pfaffen gab. Dazu kann er mich nicht leiden, und wenn er auch noch ſchöne Forſten beſitzt, ſo wird er doch ſchwerlich mir ſo viel Holz hinterlaſſen, daß ich mein Waſſerſüpplein dabei kochen könnte. Auch ſchere ich mich den Teufel um meine Verwand⸗ ten; habt Ihr mich gleich hinter's Licht geführt, und bin ich gleich jetzt von Geld entblößt, ſo hat's dennoch keine Noth. Mein Hab und Gut hält noch lange vor, und mein Glück iſt felſenfeſt.“ Bei dieſen Worten hatte Heerdegen ſtolz auf ſeine Bruſt geklopft, ſtrahlend von Hochmuth und Zuver⸗ ſicht, aber plötzlich wurde er ſtille, hinkte trübſelig nach ſei⸗ nem Stuhle, flützte den Kopf in ſeine Hand, und ſagte langſam vor ſich hin:„Mein guter Specht, wäre ich nur in zweien Stücken glücklicher! Einmal wünſchte ich, daß mein armer Fuß geneſe, den des vermaledeiten Schweizers Morgenſtern ſo hart getroffen; für's zweite,„doch Ihr verſteht mich nicht, wenn ich von Minne rede, und von einem Mägdlein, deſſen Kälte mich zur Verzweiflung bringt.“ — Specht ſtreckte ſich dem Junker gegenüber, ſo lang er war, auf einem Ruhebettlein aus, und entgegnete gleich⸗ gültig:„Das Bad heilt den wunden Fuß, dem wunden Herzen legt die Zeit ein Pflaſter auf. Bei meinem Eid, wenn ich ein Weib hätte, und von dieſem Weibe eine ſchöne Tochter, Ihr ſolltet die Tochter yaben, und wärt Ihr noch einmal ſo reich, und ich noch einmal ſo arm.“—„Das glaube ich; Ihr verdientet des Biſchofs Hofnarr zu ſeyn. 39 Ich habe indeſſen keine Luſt, ein Weib zu nehmen. Minne⸗ ſold begehre ich, nicht des Prieſters Segen.“—„Ei, ſo macht's wie Euer Ohm auf dem Zavelſtein, der ſich eine hübſche Pflegerin in's Haus nahm, und ſeine alten Augen an friſchen Reizen ſärkt.“— Heerdegen verſank in tiefes Nachdenken. Endlich ſprang er auf, klatſchte in die Hände, und rief luſtig:„Was mir einfällt, iſt Goldes werth. Ich will einen Streich ausführen, wie mir noch keiner in den Sinn kam. Wozu auch mir den Kopf zerbrechen? Da ſchlage ich mich ſchon einen ganzen Tag mit Furcht und Zweifel herum, und denke nicht daran, daß ein ſchlichtes Schelmenftücklein mich gradaus zum Ziele brächte. Ihr ſollt dabei ſeyn, Specht; Ihr ſollt mithelfen, und mein al⸗ ter Ohm nicht minder, wenn auch ohne Wiſſen und Willen. Hagel und Strahl! Dafür, daß ich Euch noch länger borge, könnt Ihr doch wahrlich nichts Geringeres thun, als einmal mir zu Liebe ein Schelm ſeyn. Die Hand her, dann zum Becher, und morgen an's Werk.“— Specht ſchlug freudig ein, und verſetzte:„Zugegriffen! Meine Kehle iſt verzweifelt trocken, und ich habe Euch unſäglich lieb: wenn ich Euch meinen Beiſtand zuſage, ſo geſchieht es wohl nicht, um Euch zu längerer Geduld zu ſtimmen,— warten müßt Ihr ohnehin, und ich gebe Euch kein gutes Wort dafür;— aber ich habe Freude an Schelmereien, und bin der rechte Mann, ſie auszuführen.“— Heerdegen rief jauchzend nach Wein, die Herren tranken wacker ſelbander im verſchloſſenen Gemach, gingen bedächtig zu Rathe, und um Mitternacht mit den beſten Hoffnungen zur Ruhe. Drittes Kapitel. Des Voglers Pfeiff gar ſuͤße ſang, Da er thaͤte den Vogelfang; Doch hilft das Gluͤck den kuͤhnen Leuten Nit zu aller Zeit, das laſſ' Dir bedeuten⸗ Altes Spruͤchwort. Der alte Götz, der noch reichlicher als ſein Wohlthäter dem Humpen zugeſprochen, erwachte am andern Morgen ſpät, von feinem Weibe gerüttelt.„Gehſt Du nicht an Dei⸗ nen Dienſt, Götz?“ fragte Grete mit ſanftem Ton, und der Mann antwortete:„Der Teufel hole den Dienſt, den Baldreit und ſeinen Wirth. Ich habe Geld genug, um mir wieder gute Tage zu machen;z wär' ich auf der Welt, um mich ewig zu ſchinden und zu placken?“—„Giſela ſpinnt fleißig ſeit dem früheſten Morgen, und ich habe ſchon das Stücklein Leinwand begoſſen, das wir auf die Bleiche leg⸗ ten.“—„Meinetwegen; Geißlin ſpinnt ihr Kloſterhemd, worinnen ſie dann faullenzt bis an ver Tage Ende. Thut übrigens, was Ihr wollt, ich habe mich genug abgemüht.“ —„Ach wenn ich ſo ſagen könnte! wenn die Leinwand auf der Bleiche ſchon mein Leichentuch wäre!“ ſagte Grete mit verbiſſenem Gram, und verließ den übermüthigen Praſſer. 20 Götz fuhr in die Kleider, ſchob Heerdegens ſchweren Beutel in die Taſche, und ſiellte ſich mit verſchränkten Armen vor die Hütte in die Sonne, wie er es ſchon früher zu Hall und Dettingen im Brauch hatte, wo er ſich ein König dünkte in ſeinem Ueberfluſſe.— Sein Nachbar, der Hirt, trieb die Heerde an ihm vorüber, grüßte ihn, und ſprach:„Ihr habt feſt geſchlafen die vergangene Nacht? Solltet beſſere Wache halten, ſonſt holen Diebe einmal Eure Ziege oder Eure Dirne.“ Götz ſchaute ihn flämiſch von der Seite an, und der Hirt fuhr fort:„Es lungerten die ganze Nacht hindurch einige Geſellen hier herum„des ſüßen Weines voll, und ihr Rädleinführer war ein bagerer Junker, der im Baldreit wohnt; ſie muſicirten, ſangen leiſe, klopften an das Fen⸗ fterlein, und verſuchten die Thüre zu öffnen, die jedoch mit Stricken feſt zugebunden war. Ich hatte Zahnweh, ſchaute aus meiner Hütte, und als die Kurzweil mir zu toll wurde, ſprang ich auf die Buben los, und hieb mit dem Schäfer⸗ ſtabe drein. Sie wollten ſich zur Wehre ſetzen, und der Lange fragte trotzig, wer ich ſey. Hättet ſehen ſollen, wie ſie ausrißen, als ſie merkten, daß der Schäfer ihnen gute Nacht ſagte. Bei St. Wendel! die Junker wollten nicht un⸗ ehrlich werden durch meine Schläge, und liefen davon, wie Juden. Hütet aber Eure Hütte fein und Euer Kind, daß Ihr nicht ein andermal Schaden leidet.“ Der Hirt trieb weiter, und Götz ſchob die Mütze auf's Ohr, und murmelte verdrießlich zwiſchen den Zähnen:„Es gibt nur Ruhe, wenn die Dirne aus dem Hauſe iſt. Sie ſoll fort, heute noch, nach Straßburg, oder wohin ſie will. Müßte ich noch den Nachtwächter machen, um des Mond⸗ ſcheingeſichts willen?“— Er wollte in's Häuslein ſtolpern, und ſchimpfend ſeinem Groll Luft machen, voch beſann er ſich eines andern, da er den Junker Heerdegen herankom⸗ men ſah, an deſſen Seite ein fremder ſtattlicher Mann ging. 21 Mit freundlichem Grinſen bewillkommte Götz ſeinen Wohl⸗ thäter, und dieſer begann:„Da iſt mir über Nacht ein freundlicher Beſuch in's Haus gekommen, der Euch von Nutzen ſeyn mag, werther Götz. Mein Oheim iſt's, der auf dem Zavelſtein bei Teinach haust, ein unbeweibter kin⸗ derloſer Mann. Er liebt mich zärtlich, und ich habe kein Geheimniß vor ihm. Er meint auch, es ſey an der Zeit, daß Ihr Euren Namen wieder zu Ehren brächtet, und er⸗ bietet ſich vor der Hand, bis Alles mit Euch beſſer wird, Eure Tochter als Haushälterin auf ſein Schloß zu nehmen.“ —„Wabrhaftig, das will ich,“ beſtätigte der Ohm mit aufgeblaſener Herablaſſung:„das Fräulein ſoll es gut ha⸗ ben; ich habe wenig Geſinde und keine Kinder, die das Fräulein ärgern könnten. Ich ſelber bin ganz froh und überaus vergnügt, wenn meine holde Pflegerin mir das Süpplein kocht, den Wein kredenzt, am Abend mit mir im Bretite ſpielt, und nothdürftig Ordnung im Hauſe yält.“— Götz bückte ſich vornehm und entgegnete freundlich:„Viel Ehre, Herr von Zavelſtein; empfangt zugleich meinen Glückwunſch über Eure treffliche Geſundheit. Wohl mögen's dreißig Jahre ſeyn, daß ich Euch im Gefolg des Grafen Ulrich ſah, und dennoch ſcheint Ihr ſo rüſtig, wie dazumal. Ich hielt Euch für älter; freilich iſt mein Gedächtniß ſchwach, und mir ka⸗ men ſeither ſo viele Leute vor, daß ich Einen mit dem An⸗ dern verwechsle. Was jedoch Euren Antrag betrifft, ſo wird's ſchwer halten. Meine Geißlin will in's Kloſter, hat ſo zu ſagen ſchon der Welt Valet geſagt.“—„Potz heili⸗ ges Blut! das thut mir leid,“ verſetzte der Zavelſteiner achſelzuckend, und Heerdegen fügte lebhaft hinzu:„Mit dem Kloſter iſt es eitle Thorheit. Wo findet man wohl in ſolch verdorbner Zeit eine edle Jungfrau, die den Schleier nähme? Laßt den Bauerdirnen das Pſalmenſingen und Chorgeplärrez beraubt Euer Alter nicht der Pflege der geliebten Tochter. lens ſepyn.“—„Gar gerne, geliebter Neffe.“—„So Ihr 42* Euer eigener Vortheil iſt's, wenn ſie Euch einmal einen rei⸗ chen Eidam in's Haus bringt, der Eurem Wappen zum al⸗ ten Glanz verhilft. Was meinen Ohm betrifft, ſo wird er nicht verſäumen, ſeiner treuen Pflegerin in ſeinem letz⸗ ten Stündlein ein genügendes Vermächtniß zu ſtiften.“— „Bei meinem Eid,“ rief der Oheim, nickend mit dem Kopfe, und recht frei von der Bruſt:„ſie ſoll Alles haben, was auf Erden mein iſt, ich mache mir nichts d'raus.“— Dem alten Götz leuchteten Heerdegens und ſeines Oheims Worte völlig ein. Er, der ſein Kind um jeden Preis los ſeyn wollte, war zufrieden, wenn dieſes mit einigem Nutzen für ſeine Perſon geſchähe, und er ſagte nach kurzer Ueber⸗ legung:„Wohl, meine edlen Herren. Ich rüfe das Mägd⸗ lein. Es ſoll ſich gleich erklären. Gut Ding muß ſchnell gethan ſeyn.“—„Nicht doch,“ fiel Heerdegen ſchnell ein: „gut Ding will Weile haben. Ihr mögt mit Giſela indeſ⸗ ſen reden, und mit ihr beſchließen, was Euch gutdünkt. Mein Oheim verweilt hier bis morgen, und frägt ſchon wieder nach.“—„Verſteht ſich, lieber Neffe.“—„Mir aber, werther Götz, erlaubt, daß ich von Euch Abſchied nehme. Ein Geſchäft ruft mich gen Straßburg, von wan⸗ nen ich nach Baden bei Zürich gehe, weil mir der Arzt heute verbot, das hieſige Waſſer ferner zu gebrauchen. So wie ich geneſen, fahre ich dann nach Niederland in den Kriegs⸗ dienſt, und ſehe Euch wohl nimmer wieder.“—„Nimmer wieder?“ wiederholte Götz betroffen und dachte wehmüthig an die vielen Sonnenkronen, die er aus des Junkers Beutel in den ſeinigen zu locken gemeint hatte. Heerdegen errieth unſchwer des Alten Gedanken, und ſprach weiter mit ge⸗ ſchmeidiger Treuherzigkeit:„Sorgt jedoch nicht, daß ich meiner Verſprechungen gegen Euch mich entſchlagen wolle; mein ehrwürdiger Oheim mag der Vollſtrecker meines Wil⸗ 48 Euch alſo mit ihm gut haliet, edler Götz, ſo wird er's mit Euch gut vorhaben. Erfüllt Ihr ſein Begehr, wird er das Eure ſtets erfüllen; was Ihr ihm thut, habt Ihr mir gethan, und was er Euch leiſtet, habe ich Euch beſchieden.“ —„Amen,“ ſagte der Oheim treuherzig und gerührt; und Götz rief mit einer Thräne im Auge:„Ihr verdientet rö⸗ miſcher König zu ſeyn, überaus vortrefflicher Junker. Wird mir je ein Tropfen Wein, ein Biſſen der köſtlichſten Speiſe munden, wenn ich dieſes betrübten Abſchieds gedenke? Wo iſt meine Grete, wo die kleine Geißlin, daß ſie ihr Gebet und ihre Thränen mit den meinigen vereinigen?“ Er rief den Weibern überlaut, und ſie erſchienen auf der Stelle, Grete mit neugierigem, Giſela mit finſterm Ge⸗ ſichte. Götz wiederholte nun mit aller Uebertreibung eines leichtſinnigen Wortſchmiedes, was Heerdegen für ſein ver⸗ armtes Haus gethan, wie bedauerlich es ſey, daß der Wohl⸗ thäter ſo ſchnell von hinnen ſcheide, und wie Mutter und Tochter den zärtlichſten Abſchied von ihm zu nehmen hätten. Mit aufrichtiger Wehmuth reichte dem Junker Grete die Hand; zögernd und widerſtrebend überließ ihm Giſela kaum einen Finger. Des Junkers Bruſt flammte in vollem Brande, aber ſein Antlitz heuchelte Kälte, und mit wahrhaft großväterli⸗ chem Lehrton ſagte er bedächtig zu der Mutter:„Ich habe weder den Empfang zu loben, den mir Euer ſtörriſches Fräulein angedeihen ließ, noch ſein Lebewohl; dennoch gebe ich Euch hiemit den Rath, den Verheißungen nicht zu trauen, welche die alte Irmel geſtern dem thörichten Kinde machte. Sie ſind eitel Lug und Trug, Lockungen eines häßlichen Verfüh⸗ rers, des verſchrieenen Scherer von Landſäß. Hütet Euch vor ihm, wie vor dem Harras, denn Eure Schmach würde mich dauern, wenn ſchon Euer Fräulein mich nichts küm⸗ mert.“—„Hättet den guten Rath für Euch behalten kön⸗ nen; weiß ſchon, wie ich mit der Irmel d'ran bin!“ ver⸗ 3 A4 ſetzte Giſela halblaut und ſpöttiſch. Worauf Margarethe ihr mit dem Finger drohte, und Götz polternd ausbrach: „Potz Kreuz und Stein! ſchnattert die Geißlin doch wie⸗ der, daß mir die Galle ſteigt. Undankbare, den guten Herrn ſo zu behandeln, der unſerer Noth aufhalf, der noch in der Stunde des Abſchieds einen neuen Beweis ſeiner Freundſe⸗ ligkeit für meinen Stamm abzulegen begehrte.. Heerdegen winkte dem Alten zu ſchweigen, und der Oheim ſagte mit wichtigen Falten im Geſichte:„Thut, wie wir's verabredeten; ich komme wieder.“ Somit gaben ſich die Männer die Hände, und Heerdegen kehrte mit ſeinem Be⸗ gleiter in die Herberge zurück. Lutz hielt das Pferd ſeines Herrn ſchon geſattelt nebſt dem eigenen. Der Wirth ſtand mit abgezogenem Käpplein daneben, und betheuerte, wie ſchwer es ihm falle, den freundlichen Gaſt zu verlieren. „Vielleicht komme ich wieder,“ entgegnete Heervegen luſtig: „was kann ich dafür, daß Euer Bad mir nicht bekömmt? Doch laßt den Herrn von Zavelſtein Euch empfohlen ſeyn, da er noch einige Tage hier verweilt, und vergeßt nicht, wie er nicht haben will, daß man von ihm ſpreche.“— Gehorſam verneigte ſich der Herbergvater, und Heerdegen ſtieg noch einmal in ſein Gemach, wo er ſeinem Gefährten um den Hals fiel, und leidenſchaftlich rief:„Daß jetzo das Werk gut von Statten gehe, kommt lediglich auf Euch an, vortrefflicher Specht. Mein bös Gewiſſen hätte nicht die forſchenden Blicke Giſela's ausgehalten, was Eurer Unver⸗ ſchamtheit leicht wird. Setzt nur dem Alten rüſtig mit Geld⸗ verſprechungen zu, der Mutter mit der leiſen Hoffnung, daß Ihr wohl ſelbſt einmal Eure Hand und Schätze dem Mägd⸗ lein bieten möchtet, als Euerm ehelichen Gemahl. Wenn Ihr dann noch vor dem Mädchen den Tugendhaften ſpielt, 7 und ſeine kindliche Liebe und Pflicht in die Schlacht führt, ſo muß es gehen, ſo muß der Sieg unſer werden. Binnen 45 drei Tagen bin ich zurück, heimlich, zur Nachtzeit wie ein Dieb, und bringe Gold mit, den letzten Ausſchlag zu ge⸗ ben, wenn es Noth thun ſollte. Geliebt es indeſſen Gott, ſo habt Ihr ſchon Eure Beute binweggeführt, und ich treffe Euch dann am verabredeten Ort. Um jeden Preis ſey das Mädchen mein, und ich will erſt dann mit Ernſt daran denken, das Gebreſte meines Körpers zu heilen, wenn ich mein Herz geſund weiß.“—„Verderbt Euch nur nicht im ſchnellen Ritt gen Straßburg, laßt Euch fein Zeit, denn ich werde ſchon thun, was Noth iſt,“ ermahnte Specht mit ſorglichem Tone;„will ſie ſchon dem Alten aus den Zähnen ſchmeicheln, die runde Giſela, und dann mag er immerhin auf dem Zavelſtein nachfragen. Ihn grob beimzuſchicken, wird die Sorge Eures alten Oheims ſeyn. Bevor Ihr je⸗ doch reitet, laßt mir etwas Münze zurück. Ihr wollt, daß ich groß thue, und doch iſt meine Taſche leer, wie ein Opſferſtock, wenn ihn der Pfaffe ausgeſchüttelt.“—„Bo⸗ denloſer Schlund!“ zürnte Heerdegen halb im Scherz, theilte ſchnell mit ſeinem Bundesgenoſſen ſeines Beutels letzten In⸗ halt, und ritt auf dem Wege gen Straßburg davon. Während den hoffnungsvollen Reiter das ſchnaubende Roß hinwegtrug, wurde in Götzens Hütte des Junkers eben nicht hoffnungsreich gedacht. In dem kleinen Hausweſen war offner Zwiſt ausgebrochen. Götz hatie nicht geſäumt, den Seinen mitzutheilen, was ihm der ſogenannte Herr von Zavelſtein geboten, und Margarethe ergriff mit neuer Zuverſicht die neue Hoffnung. Der armen Mutter war zu Sinne, als ob ihre Giſela ſich in's Grab legen würde, wenn ſie in's Kloſter der weißen Frauen ginge; ſie hätten gerne ihrem Kinde ein heiteres, erfreuliches Leben gewünſcht, wie es ſich ihm darzubieten ſchien auf dem Zavelſtein. Aber Giſela's Widerſpenſtigkeit war der Felſen, woran Götzens Ermahnungen und Margarethens Bitten zerſchellten.„Alles 46 in der Welt, nur nicht auf den Zavelſtein!“ rief das Mäd⸗ chen, von Angſt und Unwillen bewegt;„ich hange und ver⸗ lange nach dem Kloſter, doch will ich's aufgeben, wenn's Euch eine Freude macht, mich als eine ſchlechte Dienſtmagd verkümmern zu ſehen; aber nimmer gehe ich auf den Zavel⸗ ſtein.“—„Gott's Blut!“ ſchalt der Vater:„warum denn nicht, in aller Heiligen Namen?“—„Ihr wißt nicht, was in mir vorgeht,“ klagte Giſela mit gerungenen Hän⸗ den,„wie mir's die Bruſt zuſammenſchnürt, wenn ich mir nur den Junker vorſtelle, von dem Alles ausgeht. Ich fürchte, verabſcheue alle Männer, doch am meiſten graut mir vor dem Herrn von Sperberseck. Gebt nur Acht, wie ſeine Wohlthaten uns verderben, wie ſeine Silberkron uns den Fluch bringen werden. Seine Gaben in des Va⸗ ters unglücklicher Hand, die unſer Erbtheil, unſer Stamm⸗ haus verſchleuderte! mir ſchauvert, und ich will nicht Theil haben an dem Teufelsſchatze; dieſes Geld ſoll mich nicht ausſteuern, dem Junker will ich meine Zukunft nicht ver⸗ danken. Lauert nicht der böſe Geiſt in den Augen des alten Oheims? was ſoll ich in dem Hauſe der Bosheit und der Unehre? Lieber will ich mich als Küchendirne in dem Stift zu Lichtenthal anbetteln, lieber von des Vaters Fluch hin⸗ ausgeſtoßen, wie mein Bruder, in fernen Landen mein Kum⸗ merbrod an der Straße heiſchen, lieber dem fremdeſten Weſen folgen, als den Verheißungen jener Männer, die ein Recht auf uns zu haben glauben, weil ſie uns eine Handvoll verfluchten Silbers zuwarfen!“ „Jeſus, und Du, heilige Gnadenmutter, ſtehe uns bei!“ rief Margarethe, indem ſie ſich ſegnete,„wie vermeſ⸗ ſen die Dirne redet! Das iſt Dein Werk, pflichtvergeſſener Vater. Das Elend hat Giſela's Sinne verwirrt!“— „Der Teufel des Hochmuths hat's gethan,“ grollte der alte „der Kloſterſchwindel macht die Geißlin toll. Im 47 Chor ſingen, allen Heiligen die Füße abbeißen, Jeſukind⸗ lein aus Wachs drehen, im Refektorium ſchmauſen, faul in den Tag hineinleben, von Vater und Mutter demüthig ſich die Hände küſſen laſſen, und etwa vom Beichtpfaffen den Mund— darnach ſteht der Sinn der ausgearte⸗ ten Magd; alſo will ſie uns hintergehen, ſich in den Him⸗ mel lügen. Pfui der Schande über das ruchloſe Kind! Wenn nur jetzo, gerade in dieſem Augenblicke, irgend ein Engel oder böſes Geſpenſt herbeikäme, um Dich durch die Lüfte zu holen, daß wir der Plage los wären in Ewigkeit!“ Kaum hatte der Alte ausgeredet, als auch ſchon die Thüre aufging, und ein mageres Geſicht auf langem Halſe ſich in die Kammer ſtreckte. Mit einem dumpfen„Ach“ verhüllte Giſela, von Angſt betroffen, ihr Geſicht, die Mutter betete ein Ave, und nur der Vater, obgleich nicht minder überraſcht, beſaß hinlängliche Faſſung, um die Geſtalt zu muſtern, welche dem gelben Geſichte in die Kammer folgte. Es war ein dürrer Geſell mit langen Storchbeinen, ein braunes Röcklein umſchloß den Leib, am Gürtel hing ein Meſſer und lederner Geldſäckel, die Füße wandelten in hoch⸗ heraufgezogenen Stiefeln von rauhem Leder. Eine engan⸗ liegende Kappe ſaß ſo tief in der Stirn, daß kein Härlein hervorſah, dünne Augenbrauen und ein ſpärliches Kinnbärt⸗ lein verzierten das Geſicht, das den Stempel langjähriger, glatter Verſchmitztheit trug. Der Mann hatte einen breiten Hut in den Händen, und einen Staubmantel, der Bequem⸗ lichkeit halber, über den Arm gehängt. Der Eindruck, den die Geſtalt auf jeden Unbefangenen machen mußte, war ge⸗ wiß nicht der vortheilhafteſte, aber vor Götzens Sinnen ging eine bunte Welt voll angenehmer Erinnerungen auf, da er den Fremden gewahrte, und ſowohl in den Zügen als der Stimme deſſelben ſeinen ehemaligen Küchen- und Kellerſchreiber Gensbein erkannte.„Gott zum Gruß und 48 Segen in's Haus!“ rief ber neue Gaſt mit ſüßlicher Stimme. „Schlage doch der Veitstanz hinein, wenn das nicht Hans Gensbein iſt!“ antwortete der alte Ritter.„Ze, das iſt ja der Schreiber Hans!“ lächelte ſchnell Giſela, die ſich noch der Zeit erinnerte, da ſie als Kind auf Gensbeins Schvoße geſeſſen, und manchmal einen Schluck ſüßen Weines von ihm erhalten.„Glückliche Einkehr, alter Hans!“ ſagte auch Frau Grete, und gedachte mit wehmüthiger Freude der luſtigen Schnurren, die einſt der Küchenſchreiber in ihrem Hauſe ſo gerne erzählt. Und Giſela holte unaufgefordert einen Schemel für den Gaſt, und Grete bedauerte, daß ſie ibm nichts vorzuſetzen habe, und Götz meinte, daran ſey juſt nichts gelegen, aber Gensbein ſolle nur erzählen, was ihn hieherführe und wie er's gemacht, des Bachenſteiners Zufluchtsort zu finden.— Hierauf verdrehte Gensbein die Augen gar frömmiglich, und verſetzte mit freundlichem Lächeln:„Wie macht's der treue Hund, wenn er ſeines Herrn Spur und Fährte verfolgt? wie ſpät er ſie auch auf⸗ ſchnobre, ſo findet er ſie doch, und ein treuer Diener iſt gar wohl zu vergleichen dem anhänglichen Hunde. So habe ich denn meine Spürnaſe auf den Voden geſtoßen, und bin in meines Herzens Freudigkeit und Sehnſucht hiehergewan⸗ delt, wo ich Euch, Gott ſey Dank, geſund und wohl an⸗ treffe, was mir um ſo lieber iſt, als ich gute Botſchaft bringe.“ Hierauf neigte ſich der Bachenſteiner ſehr gnädig gegen ſeinen ehemaligen Diener, und Frau Grete verſetzte:„Laß hören, treuer Hans. ZJe ſeltner eine gute Mähr in dieſem Hauſe, je willkommner iſt ſie uns.“— Gensbein räusperte ſich, ſtand kerzengerade vor den Ritter hin, und begann feierlich:„Vor Allem einen ſchönen, lieben, verwandt⸗ ſchaftlichen S von Eurer ſmh Stiefſchweſter Adel⸗ heid zu Ulm.. 40 „Wie? ein Gruß von der Adelheid L“ rief Götz ver⸗ wundert und ſeines Erſtaunens kaum mächtig. Frau Grete hatte indeſſen keine Zeit, ihre Ueberraſchung auszudrücken, denn ſie ſank plötzlich palbohnmächtig von ihrem Sitze in Giſela's Arme. Verlegen und zweifelhaft, unentſchloſſen und furchtſam betrachtete Gensbein die Erbleichende, und er dachte einen Augenblick, ſein Stückiein werde ein Ende mit Schrecken nehmen, und gerathner ſey es, auszureißen, als da zu bleiben. Indeſſen ſchlug aber Grete die Augen wieder auf, erfaßte mit Begierde die Hände des falſchen Boten, und ßammelte:„Geſegnet ſeyft Du, und ich lobe Dich von ganzer Seele, Du Engel in menſchlicher Geſtalt. Ja, mein Gobet iſt erhört worden, meine Hoffnung hat Früchte getragen, ich habe ja gewußt, daß Alles ſo kom⸗ men würde.“—„Was habt Ihr?“ fragte Giſela.„Rede doch vernünftig!“ ermahnte Götz das begeiſterte Weib. Grete erhob ſich, wendete ſich zu ihrem Manne und ſprach: „Jetzt will ich nur geſtehen, was ich gethan, als vor ein paar Wochen uns die Noth ſo bitter heimgeſucht, daß wir nicht ein Broſämlein zu Hauſe hatten. Der Krämer Eitel⸗ fritz machte ſich auf den Weg gen Ulm und ſagte mir's, da ich ihm juſt auf dem Markt begegnete. Und alſobald erinnerte ich mich der ſtrengen Muhme Adelheid, die ſchon ſo oſt und vor langer Zeit unſere Bitten mit ſchnödem Hohne abgewieſen, und noch einmal wollte ich's bei ihr verſuchen. So bat ich denn den Eitelfritz, ein Brieflein an vie Frau von Dieſſenhoven zu beftellen; mein Beichtvater, der werthe Pater Seinrich, der leider wenig Tage darauf geſtorben, ſchrieb das demüthige Brieflein, und ich ſetzte varunter mein Kreuz. Seither haben ſie auf Herrn Hein⸗ richs Grabe auch ein Kreuz aufgspflanzt, und darunter ſchien mein Geheimniß eingeſchaurt; aber der Keim trug gute Frucht, frühzeitige Aehren, ſintemalen ich nicht hoffte, Nonne von Gnadenzell. I. 4 55 eine Antwort früher zu erhalten, äls bis Eitelfritz ſelber wieder kommen wötde. Und, nicht wahr, lieber Hans, Du bringſt ſchon vie Antwort, ein zükes, redliches Wort auf meine Bitte?“ Da verneigie ſich Gensbein tief, den günſtigen Zufall benutzend, äls wie ein kluger Feldhauptmann, der vie Schlacht zwar ſchon verloren gezeben, aber durch eine un⸗ vorſichtige Blöße des Feindes den Sieg wieder erringt, und ſagte:„Ihr habt's getroffen, edle Frau. Ich komme im Namen der Frau von Dieſſenhoven, ünd bringe Hülfe und Verſöhnüng mit. Die Zeit hat endlich ihren Groll getöd⸗ tet, und in des Alters Verlaſſenheit, in der Einſämkeit ihres Wittwenſtandes, ſieht ſie ſich um nach verwandten Herzen. Als Bürge ihter freundlichen Geſinnung ſchickt ſie Euch, Frau von Bachenftein, vieſen koſtbaren Roſenkränz, ihrem Stiefbruder dieſes goldne Kettlein, und ihrer holven Muhme die Einladung, zu ihr nach Ulm zu reiſen, ihr ein⸗ ſtens dort die Augen zuzudrücken, und ihre Häbe zu er⸗ ben. Doch bittet ſie, ſo ſchnell es angehen mag, ihren Wünſchen zu willfahren, weil ſie, ſchwach und hinfällig, ihrer Dage nicht mehr ſicher iſt. Darum hat ſie mich ver⸗ ordnet, der ich in ihrem Hauſe diene, gen Baden zu fah⸗ ren und das Mühmlein zu holen, wenn Ihr erlauben wollt, daß es mir folge. Mein Wägelein ſteht draußen an der Herberge zum Bock, und wenn wir uns heute noch von vannen heben, ſo erreichen wir morgen leicht zu Pforz⸗ heim einen Zug von Kaufherren, die dorten Raſttag hal⸗ ten, und dann unter ſicherm Geleit nach Ulm reiſen. So alſo das Mägdlein will, Ihr es erlaubt, und mir, dem alten Diener, Vertrauen ſchenkt, wird ſich Eher Schickſal ſchnell in Freude verkehren, und zum Feſte des peiligen Michael ſeyd Ihr geladen, Herr und Frau von Bachenßtein, Eure Lochter in der Stadt Ulm zu beſuchen. Frau Adel⸗ 51 heit möchte vorerſt durch den Anblick der holden Giſela mit deren Eltern völlig ausgeſöhnt ſeyn, bevor ſie dieſelben Aug in Auge wiederſieht. Dies meine Botſchaft, und nun entſcheidet.“ Wenn die Conſtellation darnach iſt, ſo hat der Schelm oft mehr Glück, als der Verſtand, und wie im Sturme wird thöricht beſchloſſen, was zu anderer Friſt die Vernunft nicht im Hui abthäte. Götz, dem die Tochter eine Laſt im Hauſe war, Grete, die ihres Herzens Verlangen erfüllt glaubte, Giſela, die in Alles willigte, um nur dem Zavel⸗ ſteine zu entrinnen,— alle trauten blindlings den ſüßen Worten Gensbeins, bauten Felſen auf ſeine Treue und Revlichkeit, ahnten in ſeinem Erſcheinen der Vorſehung un⸗ verkennbaren Fingerzeig, und gaben rüſtig ihr Jawort. Che noch ein Stündlein verging, war Giſela's Reiſeſack zurecht gemacht, der Segen des Vaters hielt nicht lange auf, und die Mutter, die ihr Kind bis zum Wagen zu begleiten ſich vorgenommen, verſparte die lange Litanei frommer Leh⸗ ren und Lebensregeln auf den Weg nach der Herberge zum Bock. Gensbein, die Bereitwilligkeit ſelbſt, verſprach hoch und theuer, aus allen Kräften für Giſela zu ſorgen, und war ſo gefällig, bei dem endlichen Abſchiede ſelber mitzu⸗ weinen, trotz des weichherzigſten Verwandten. Viertes Kapitel. Schach⸗Tafel⸗Spiel Ich nunmehr beginnen will; Bein⸗Wuͤrfel⸗Baſch, Klingt das Sirber in der Taſch⸗ Soll mich baß vergnuͤgen Volkslied⸗ Nicht lange, und in ver Hütte war Götz allein zu⸗ tückgeblieben mit leichter Bruſt und lachendem Munde, ver⸗ gnügt die Hände reibend, und entſchloſſen, dieſen Abend noch feierlicher zu begehen, als den vorigen. Darum pfiff er einem Hirtenbuben, ließ in der nächſten Schenke ſeine Schleifkanne füllen, und pflanzte ſich alsvann wohlgemuth hinter den Tiſch, um ſeinen Hoffnungen und Gedanken Au⸗ dienz zu geben. Die zu Ulm neu eröffnete Quelle des Heils behagte ihm ſehr, verſprach viel Ausbeute für die Zukunſt; doch ätte er gerne noch ferner ſeine Hand in Heerdegens Beutel gehabt, und ihm wurde ſchier angſt, wenn er des Zavelſteiners gevachte, dem er halb und halb ſeine Tochter zugeſagt. Der Herr hatte verſprochen, wiederzukommen, und, als wenn ein Kobold ihn eigens beſtellt, trat er auch in das niedere Hüttlein, da Götz juſt mit dem dritten Be⸗ cher ſertig geworden. Heerdegens ſogenannter Oheim ſchien 59 ſedoch beim Weine ein mehreres gethan zu haben; die ſchnau⸗ bende Naſe, die glühenden Wangen verriethen, daß er dem Vespertrunk faſt viel zugeſprochen. Nach dem lärmenden Abendgruß drehte ſich der ſtattliche Herr rund in der Kam⸗ mer um, und ſeine glänzenden Blicke ſpähten in jeden Win⸗ kel.„He da, wo iſt Töchterlein fein?“—„s iſt ausge⸗ gangen, ſpaziert im Abendſchein.“—„Geißlin, Geißlin, roſenroth, Geißlin auf der Weide! In Euerm Schatz fehlt der ſchönſte Karfunkel, wenn das Mägdlein nicht daheim⸗ ſitzt.—„Oho!“ dachte Götz in ſeinem Sinn:„iſt's ſchon um dieſe Zeit mit dem alten Herrn? Da wäre wohl noch etwas zu erpreſſen, ehe ich ihm reinen Wein einſchenke.“ — Der liſtige Specht fuhr fort:„He da, Du abgehauster Rittersmann, wie iſt's mit Dir und Deiner Tochter, wann hol' ich ſie in meinen Zwinger 7 Der alte Götz ſchüttete geſchwind einen großen Becher Wein hinunter, um den Grimm zu erſäufen, der ſich ob der wegwerfenden Vertraulichkeit des falſchen Zavelſteiners in ſeiner Bruſt rührte; hierauf ſprach er. verſchmitzt:„Je nun, wie es fällt! Rom wurde nicht in einem Tage ge⸗ baut, und bei Gott iſt all Ding möglich. Dirnen ſind veränderlich; wartet, bis die Geißlin ſelber ſagt, was ſie vegehrt.“—„Verſteht ſich, alter Götz. Ich gehe nicht von hier, bis ich aus ihrem rothen Mündlein die Zuſage habe. Das runde Ding hat mir's angethan, und ich trinke auf Geißlins Wohl, wenn Du's erlaubſt.“ Götz kredenzte den verlangten Trunk, und verſetzte: „Ihr ſollt blühen, wie der Rebſtock, der uns dieſen Wein ſpendete, und mein Freund bleiben, ſo treu, als Euer Neffe es geweſen, deſſen Hülfe mir wahrlich jetzo wieder nöthig wäre, da ein böſer Gläubiger mich unbarmherzig drängt.“—„Du biſt ein Sieb, das keinen Tropfen hält, wäre er auch vom ſchwerſten Golde. Du ſchielſt nach dem 52 Beutel an meinem Gürtel, wie ein Kirchendieb nach der koſtbaren Monſtranz? Um Deines Töchterleins willen möchte ich Deiner Habſucht ſchon willfahren; weil Du jedoch ein Ritter biſt, muß es Dich ärgern, ſtets Geſchenke anzuneh⸗ men. Das Schenken, wird es allzulang getrieben, ermüdet den Geber und den Empfänger. Setze etwas an meine Freigebigkeit und meinen Reichthum. Laß uns würfeln bis zu Geißlins Heimkehr. Wir betrügen die Zeit um ihren bleiernen Schritt, netzen dazwiſchen fein unſern Gaumen, und Du wagſt nicht einmal etwas dabei, da es, bei mei⸗ nem Eid, keinen unglücklichern Spieler im römiſchen Reiche gibt, als mich.“ Wie horchte Götz hoch auf bei dieſen Worten! Wie krümmten ſich ſeine Finger, die ſchon lange keinen Würfel gehalten! Wie gedachte er ſchmunzelnd der vielen Nächte, die er beim Spiele verſchwelgt im Wechſel des Glücks, aber ſtets mit ſeuer Freude und Ueppigkeit! Die Sonnenkronen in ſeiner Taſche ſchienen ſich tanzend zu regen, und ſchon hatte Specht aus der ſeinigen die verhängnißvollen Knöch⸗ lein gezogen, ſein lockendes Silber auf den Tiſch geſchüt⸗ zet, und zur Probe den ſchlechteſten Paſch geworfen.„Ei, da kann ich's ja beſſer, beim heiligen Blut!“ rief der Ba⸗ chenſtein, und neſtelte mit ungeduldiger Hand ſeine Börſe auf. Ein Wurf lockte den zweiten, und ſchnell war das Spiel in vollem Gang.„Laß ſehen, ob Deine Kronen rund find!“ ſcherzte der Bubenheim, und warf einen Preis aus. Götz hielt Widerpart, gewann, und Specht ſtieß eine neue Hand voll Silbers auf die Tafel. Das Doppelte fetzte dagegen der Bachenſtein, und holte ſich nebſtbei Muth und Ranſch aus dem Becher.—„Da! Noch einmal!“—„Gut ſtehen ſie!“—„Eins mehr!“—„Friſch drauf, drei gün⸗ fer!“—„Pah! wenn ich nicht drei Sechſe werfe, bin ich des leidigen Teufels!“—„Blitz und Sturm, das iſt wie 55 Hexerei!“—„Narr! Doppelt ſo viel!“—„Ei was, drei⸗ fach halte ich's mit.“—„So hab' es denn, da haſt Du den Paſch!“—„Gott's Blut! Da ſpringe ich zu kurz!“— „Schenke ein, trinke aus, und wirf wieder. Alles oder nichts!“—„Mir wirbelt's vor den Augen, Zaveiſteiner.“ —„Das iſt der Teufel, der Dich blendet. Noch einmal: alles oder nichts!“—„Meinethalben denn; in aller Ge⸗ ſpenſter Namen!“—„Noch einmal drei Sechſe! Haſt ver⸗ loren, alter Kahlmäuſer!“ Es war der ganze Schatz des Bachenſteiners, den mit gieriger Hand der Herr von Bubenheim einſcharrte. Götz machte ein Geſicht wie ein Drache, und trank zitternd ſei⸗ nen letzten Wein. Specht war dagegen teufliſch wohlge⸗ muth, um ein gutes Stück nüchterner, als ſein Gegner, und rief;„Die Peſt auf das Geld! Setze friſch!“— Götz zeigte mit verzerrtem Munde den bis auf den Boden ge⸗ leerten Beutel.—„Thorheit! Ich borge Dir auß Dein rit⸗ terliches Wort!“—„Drauf und dran alſo! Alles an Alles!“— Nach drei Würfen hatte Specht abermals ge⸗ wonnen.„Ich weiß nicht, welch ruchloſes Glück heute in meiner Hand ſitzt!“ ſcherzte er lachend:„ich borge Dir nicht mehr auf Dein Wort, aber ſpiele Dein Ritterwort ſelbſt au!“—„Wie ſo? Ich verſtehe Euch nicht.“—„Deine ritterliche Ehre, Du armer Spieler! wenn Du gewinnſt, ſo gehört der ganze Mammon Dein.“—„Alſo mein Rit⸗ terwort zum Pfande! Da habt Ihr einen guten Paſch!“ —„Heiſa, Paſch beſſer!“—„Verflucht!“—„Deine Ritterehre iſt nun mein. Ein wunderlich Spiel, aber mir gefäll's. Du wirſt doch nicht ehrlos wie ein Hund vom Spiele ſcheiden wollen? Setz' an, was Du noch haſt.“— „Mein Wappen an verlorne Ehre und verlornes Geld!“ —„Es ſey! Poff, da haſt Du's!“—„Weh mir, ich kann nicht drüber.“—„Dein Wappen iſt mein und wird als 56 Herzſchildlein dem meinigen wohl anſtehen.“—„Go tt ver⸗ damme das heilloſe Spiel!“—„Nicht doch; das Unglück ſey vermaledeit. Es dämmert ſchon durch's Fenſter, ge⸗ ſchwind noch ein Paar Würfe. Setz' Dich ſelbſt zum Pfande, ſchon beſſere Leute haben es gethan.“—„Nimm mich denn hin, Verſucher, mit Haut und Haar.“—„Zehne? Armer Tropf, da haſt Du fünfzehne. Du biſt mein, ein leibeig⸗ ner Knecht, wie nicht einer auf zehn Meilen in die Runde.“ —„Tödtet mich, Herr, in meiner Schmach!“—„Beßhüte, ich brächte mich ja um den Gewinnſt. Friſch drauf los! Wo der Hausvater iſt, müſſen auch Weib und Kinder ſeyn. Es gilt Dein Weib und Deine Geißlin; ſo Du gewinnſt, ſoll Alles wieder Dir gehören!“ Der trunkene Götz warf in ſeiner Verzweiflung, daß die Würfel ſprangen, und erlag noch einmal, und ſein Weib und ſeine Kinder gehörten dem Bubenheim. In tloſes Entſetzen verſunken, fützte Götz den Kopf in ſeine beiden Hände, und wünſchte abermals den blaſſen Tod herbei. Seinen beſten Freund hätte er ver⸗ rathen, den theuerſten Eidſchwur verletzt, aber des Spiels geheimnißvolles Zaubergeſetz ſchien ihm unwiderruflich.— Da ihn der Bubenheim ſo ohnmächtig ſeufzen ſah in Angſt und Kummer, ſchlug er ihn derb auf die Schulter, und rief:„Ermanne Dich, Götz. Du biſt nicht in eines Hei⸗ den Gewalt gerathen; ſollſt es bei mir gut haben, und wenn mit Deinem Mägdlein zu reden iſt, ſo gebe ich Dich vielleicht wie einen Kriegsgefangenen gegen billiges Löſe⸗ geld frei.“— Dem Bachenſtein legte ſich's auf's Herz wie der Alp, und er ſtotterte:„O Herr, Ihr wißt noch nicht... Gretens Stimme ließ ſich draußen vernehmen, gleich darauf erſchien ſie ſelbſt, und ſagte ohne Verweilen zu ih⸗ rem Manne:„Die Dirne iſt fort unter dem Schutz aller Engel. Der Wagen war ſchon voraus auf den Berg ge⸗ 52 fahren, und da meine ſchwachen Füße das Gehen nicht ver⸗ tragen, ſo nahm ich am Thore von dem lieben Kinde Abſchied, ſchlich hierauf in's Stift und betete dort bis jetzt für Giſela's Glück und Heil. Nicht wahr, Herr von Za⸗ velſtein, Ihr zürnt nicht mit uns armen Leuten? So dan⸗ kenswerth auch Euer Antrag war, ſo iſt das Mägdlein doch bei ſeiner Muhme am beſten aufgehoben.“—„Potz Blitz! was hör' ich da? was heißen dieſe Schwänke?“ fragte Specht, der aus den Wolken fiel:„Giſela wäre fort? Du hätteſt mich betrogen, ſchelmiſcher Götz?“ Götz ſchwieg hartnäckig; Frau Grete begriff die Vor⸗ würfe des fremden Herrn nicht, und verſetzte:„Wie redet Ihr doch ſo hart, und mögt einen Vater ſchelten, der heut zum erſtenmale ſeines Kindes Glück nicht gehindert hat? Wir ſind Euch Dank ſchuldig, Herr, doch wollet nicht ver⸗ geſſen, daß wir gleich edeln Blutes ſind, wie Ihr.“— „Den Teufel auch! Potz Dornen, Kreuz und Rruſalem! Mein gehört Ihr, mit Haut und Haar, meine eigenen Leute ſeyd Ihr, und das Mägdlein gehört in den Kauf, und wenn Ihr es nicht wieder zur Stelle ſchafft, ſollt Ihr das Wetter brummen hören, daß Euch Hören und Sehen vergeht. Gafft mich nur an, fragt lieber Euern Mann, ob er ſich und Euch nicht an mich verſpielt dat, nebſt Adel und Wappen.“—„Verſpielt?“ ſchrie Frau Grete ungläu⸗ big und empört, aber das Achſelzucken ihres Mannes be⸗ ſtätigte nur zu ſehr die Worte des Gewinners Das arme Weib verlor alle Beſinnung, zerſchlug ſich die Bruſt und heulte Zeter, bis der Bubenheim endlich nicht mehr zuhören konnte. Er warf ſeinen Mantel um, ſchlug auf den Tiſch und donnerte dem unglücklichen Ehepaar in's Ohr:„Schweigt mit dem Gewimmer und Geheul; hört vielmehr, was ich Euch ſage. Trachtet die Geißlin wieder herbeizuſchaffen, ſpäteſtens bis morgen, denn ich will Euch mit mir nach 58 meiner Burg hinwegführen. So Ihr aber nicht thut, wie ich befehle, ſo komme ich mit dem Richter, der Euch in den Thurm legen ſoll auf meine Gefahr, bis Ihr geſchmei⸗ dig werdet, betrügeriſches Volk!“ Indem er die Leute in der größten Beſtürzung zurück⸗ ließ, ſuchte er in zorniger Jaſt den Heimweg. Wein und Grimm durchbrausten ſeine Adern, und er trug ſich, da er ſein Recht für unumſtößlich anſah, mit den heftigſten Anſchlägen gegen die Eltern Giſela's.— Der Eintritt in die Herberge und in ſeine Kammer kühlte den wilden Mann bedeutend ab, denn Heerdegen, den er weit entfernt glaubte, trat ihm entgegen.„Was da, Junker, was macht Ihr da?“—„Ich komme ſo eben,“ antwortete Heerdegen leb⸗ haft und gemüthlich:„der Probſt des Kapitels begegnete mir; im Kloſter Schwarzach ließ er mir das verlangte Geld vorſchießen, die Ungeduld trieb mich zurück. O ſprecht, wie ſteht's mit Giſela? Iſt Alles in Ordnung, die holde Beute unſer? wann wird ſie Euch überliefert?“— Die Ungeduld des Verliebten machte den Bubenheim plötzlich nüchtern, und eröffnete in deſſen Kopfe die herrlichſten Aus⸗ ſichten. Er nahm ſich vor, einen Schelm über den andern kommen zu laſſen, und aus dem Mißgeſchick ſeines Gläu⸗ bigers ſein eigen Glück zu zimmern. Er ſellte ſich daher trotzig vor Heerdegen auf, verzog den Mund zu frechem Lachen, ſtrich ſich behaglich den Bart und ſprach;„Freilich iſt alles in Ordnung, nur vielleicht nicht, wie Ihr es wünſcht. Ich habe die Sache überlegt, mich reiflich beſon⸗ nen. Ihr müßt juſt nicht Alles haben in der Welt. Ich will auch etwas beſitzen, und Giſela iſt juſt das Kleinod, das mir gefällt. Ich behalte das Mägdlein für mich.“— „Seyd Ihr betrunken, verrückt oder beſeſſen?“—„Nicht eins, nicht das andere. Glück und Würfel haben mich ge⸗ ſegnet. Der alte Götz hat ſeine Geißlin an mich verloren, 59 und als Zugabe ſich ſelber und ſein Weib.“— Ein Strom von Verwünſchungen brach aus Heerdegens Munde, aber Specht lachte ſeines Zorns, und erklärte, mit Tagesan⸗ bruch die ſchöne Maid wegführen zu wollen.—„Abſcheu⸗ licher!“ zürnte Heerdegen mit unnennbarer Wuth:„Du varſſt es nicht, Du kannſt es nicht!“—„Wegen des Ein⸗ lagers und meiner Schuld?“ ſpottete der Bubenheim:„ein Wort nur, und der Lanvſäß gibt mir, was ich brauche, wenn ich ihm die Dirne nur für ein Weilchen überlaſſe.“— „Beim Sakramente des Altars! ſolchen Frevel dulde ich nicht. Nimm Dich in Acht, ſpitzbübiſcher Geſell. Ich klage bei dem Markgrafen; der Markgraf wird ſolch nichtswür⸗ digen Handel nicht genehmigen. Ein Adelicher kann ſich und die Seinigen nicht zu eigen geben, einen Ritter handelt man nicht ein, wie einen Bauer.“—„Nicht? Iſt er der Erſte, der im deutſchen Lande ſich alſo ausgeſpielt? Sein Adel? zerbrach er nicht ſein Wappen, da er den Reib⸗ ſchwamm ergriff, und das unehrliche Gewerbe eines Bade⸗ knechts antrat? Doch thut, was Euch beliebt. Klagt im⸗ merhin; indeſſen werf' ich die Bachenſteiniſche Brut in den Kerker, und ſage dem Markgrafen ein Wort von dem nichts⸗ würdigen Streiche, wozu Ihr mich, meine Armuth miß⸗ brauchend, gedungen habt.“ Dieſer letzte Hauptſchlag traf ſicher. Heerdegen er⸗ vleichte, knirſchte mit den Zähnen, ſtampfte wild den Bo⸗ den; dennoch hielt er mit ſtarker Hand den Bubenheim zu⸗ rück, der hinausgehen wollte.„Verweile,“ fagte er trotzig, aber nicht ohne Geſchmeidigkeit.„Du biſt ein hämiſcher Bube, ein ruchloſer Sünder, der ſeinen Vater um des ſchnöden Goldes willen umbringen könnte: aber was hilft's? den Böſewicht begünſtigt das Glück zum Schaden ehrlicher Leute. Ich kann nicht zugeben, daß Giſela in Deine Klauen gerathe. Sag mir den Preis, den Du für ſie ver⸗ langſt. Ohne Umſchweife; mein Schwert ſitzt Dir an der Gurgel, und wenn es mir das Leben koſten ſollte.“— Lä⸗ chelnd drängte Specht den Junker von ſich, und ſagte: „Ihr werdet mich doch nicht erwürgen wollen, während auf gelindere Weiſe mit mir auszukommen iſt? Denkt Ihr, daß Landſäß meinem Herzen näher ſtehe, als Ihr? Ich bin der beſte Menſch, ſo man mit mir umzugehen weiß. Gebt mir die Verſchreibung zurück, zahlt mir zweihundert Gulden für Hin⸗ und Herreiſe und anderweitige Koſten, und em⸗ pfangt dagegen alle Anſprüche auf den Bachenſtein und ſeine Tochter. Euer Bruder würde kaum ſo billig handeln.“ „Verächtlicher Menſch!“ murmelte Heerdegen zwiſchen den Zähnen, warf ihm die Verſchreibung hin, zahlte ſeuf⸗ zend das verlangte Geld, und befahl ihm dagegen, augen⸗ blicklich die Stadt zu verlaſſen. Specht erklärte ſich dazu von Herzen bereit, und ſchlich hocherfreut mit ſeinem Raube von dannen. Heerdegen rief mit gewaltiger Stimme ſei⸗ nen Lutz, und gebot demſelben, ihm mit einer Fackel vor⸗ zuleuchten. Der treue Knecht ermahnte den Herrn, ſeinen Fuß zu ſchonen, den der ſtrenge Ritt ſchwer angegriffen; Heerdegen wollte aber von keinem Aufſchub wiſſen, jeden Augenblick für verloren achtend, den er zubrächte, ohne der holden Giſela ihre Freiheit anzukündigen. Darum gebot er mit verdoppelter Strenge dem Diener Gehorſam, und bald hatten Fackelträger und Junker das Thor im Rücken. Des Bachenſteiners Häuslein war ſchnell erreicht; noch dämmerte darinnen ſchwaches Licht, und eine weibliche Stimme jammerte, und eine männliche ſprach in kurzen Abſätzen dazwiſchen. Heerdegen klopfte an, der Schimmer ſeiner Fackel ſchlug hell in's Gemach.„Jeſus, das iſt des Markgrafen Vogt, der uns zu holen kömmt!“ kreiſchte Ba⸗ chenſteins Weib, und zitternd öffnete Götz die Thüre. Wie vor einem Geſpenſte fuhren die armen Leute vor Heerdegen 61 zurück; dieſer achtete wenig auf ihre Beſtürzung, und rief aus voller Bruſt:„Ich bringe Euch Befreiung aus Furcht und Knechtſchaft. Ermuntert Euch, laßt allen Trübſinn fahren. Möge dieſe Unbeſonnenheit Eure letzte ſeyn, Herr Götz. Möchte es mir immer gelingen, die Gefahr von Euerm Haupte zu wenden.“—„Welch ein Engel führt Euch zurück?“ fragte ſchluchzend die Frau.„Hat Eure Fürſprache den grauſamen Oheim beſänftigt?“ fragte Götz mit verwirrten Blicken.—„Schweigt von dem Oheim,“ entgegnete Heerdegen beſchämt:„ein Schurke hat Euch und mich betrogen. Nun ſind aber ſeine Rechte mein, und ich gebe ſie auf. Ihr ſeyd frei, um Eures Unglücks, um der ſchönen Giſela willen.“— Bei dieſen Worten ſah er ſich in der Hütte um, machte ſich von den dankenden Eheleuten los, und fragte:„Wo iſt das holde Kind? ruft ſie, daß ich an ihrem Anblick mein Herz erfreue. Nicht länger ſoll Euch verborgen bleiben, daß ich ſie liebe, daß ich ein ſchwe⸗ res Unrecht an ihr gut zu machen habe. Reue und Be⸗ ſchämung haben mein Herz umgewandelt. Nicht vergebens hat die Jungfrau mir gezürnt, mich verachtet. Noch heute am Morgen begehrte ich ihrer zu ſchnöder Luſt, aber jetzo verlange ich ſie zu meinem Ehegemahl, den Teufelsſtricken ſie zu entreißen, mich mit mir ſelber zu verſöhnen.“ Götz und ſein Weib verſtanden kaum, was der Junker ſagte, ſo unerwartet kam ihnen dieſe Freiwerberei. Die Mutter brach envlich in die Worte aus:„Ach wäre Geiß⸗ lin noch hier„—„Herr Gott!“ rief Heerdegen za⸗ gend:„was ſoll das heißen?“— Ehe noch Grete zu ant⸗ worten vermochte, erſchien eine vierte Perſon in der Kam⸗ mer, und die Frau erkannte in dem neuen Beſuch den Krä⸗ mer Eitelfritz, der, ſeine Kretze auf dem Rücken, an der Schwelle ſtehen blieb, und rauh herein redete:„Ich komme juſt von Ettlingen, muß heute noch gen Steinbach, weil 82 worgen dort Markt gehalten wird. Da ich Euer Haus offen gefunden, und Eure Stimme vernommen, Frau Grete, ſo will ich Euch gleich im Vorbeigehen ſagen, daß Euer Brieflein an die Frau von Ulm zu ſpät gekommen iſt. Am Freitag vor Johannis Feſt iſt ſie begraben worden. Da iſt der Brief, noch unerbrochen; es iſt gerne geſchehen, und lebt wohl.“ Der gleichmüthige Bote verſchwand, und die Ueber⸗ raſchung, der Schrecken und die Verzweiflung, die er in die Hütte geſäet, gingen ſiebenfältig auf. Aus den Flü⸗ chen des Vaters, aus dem ſchluchzenden Wehruf der Mut⸗ ter vernahm Heerdegen mit Entſetzen, was ſich begeben, wie er Giſela verloren, daß dem unverſchämteſten Betrug ein beklagenswerther Sieg geworden. Wie ein Wahnſinni⸗ ger ſprang er empor, als die alten Leute zu ſeinen Füßen bettelten, daß er ihnen die Tochter wiederſchaffen möchte. „Der Betrüger hat ſie über den Berg hinweggeführt?“ rief er,„ich eile ihr nach; doch zuvor will ich die Hunde züchtigen, die das Bubenßück verübten. Ich kenne ſie, und fürchterlich ſoll ihre Strafe ſeyn!“ Er ſtürmte wie ein Wetterſtrahl von dannen, ſo daß dem verwundeten Gebieter der rüſtige Knecht kaum folgen konnte, und drang, laut den Namen des Bubenheim ru⸗ fend, in ſeine Herberge ein. Der ſchlaftrunkene Wirth, der auf ſeine Heimkehr gewartet, bat den Wüthenden, ſich zu mäßigen und zu ſagen, was er eigentlich begehre. „Den Menſchen, der mein Gemach bewohnte, den Böſe⸗ wicht, der mich betrog, wie noch kein Mann betrogen wurde!“ ſchnaubte Heerdegen.—„Den Herrn vom Zavel⸗ ſtein?“—„Nun ja zum Teufel, oder den, der ſich für jenen ausgab.“—„Ei, der hat vor einer halben Stunde dieſes Haus und die Stadt verlaſſen.“—„Verdammt!“ verſetzte Heerdegen und ſchlug ſich wild vor die Stirne, wa er ſelber den Abzug des Betrügers angeordnet. Hier⸗ auf vefahl er ſeinem Diener zornig, auf der Stelle die Pferde zu ſatteln, oder nur mit Decken zu belegen, und ſuchte hitzig die Schlafkammer des Landſäß. Er pochte an alle Thüren, rief gellend des Scherers Namen. Der Arg⸗ loſe öffnete ihm ſelber ſein Gemach. Wüthend ſtürzte ſich Heerdegen auf den Erſchrockenen, und fragte mit erſtickter Stimme:„Wo iſt Giſela? Du biſt ein verlorner Mann, wenn Du nicht geſtehſt!“—„Was weiß ich? von wem ſprichſt Du? Foltert Dich wieder der Sonnenſtich? Geh hin, und ſtöre mich nicht mit Deiner Thorheit. Such Dein Schätzlein ſelber, laß mich ungeſchoren. Ich will nichts vom Liebchen wiſſen, ſeit mich geſtern Einer braun und blau geſchlagen, daß ich heute nebſt dem Dietrich und dem Werner den ganzen Tag das Bett hüten mußte.“—„Er⸗ ſtice an Deinen Lügen, meineidiger Hund. Du haſt an Giſela's Raube Theil!“—„Potz hinkende Gans! Zieh ab, oder ich will Dir den Hund geſegnen.“—„Schweige mit Deinem abgeſchmackten Hausfluche! Willſt Du etwa meiner Wunde ſpotten! Nimm das für den Spott!“ Heer⸗ degen holte mit dem Dolche aus, Scherer wehrte mit dem Arme ab, der Stoß ging unter dem Ellbogen ein. Der Verwundete rief nach Hülfe, die Gäſte und das Gefinde der Herberge geriethen in Aufruhr. Von allen Seiten ſchrie man:„Mord! Fangt den Thäter! Schleppt ihn vor den Vogt, nach den Badgeſetzen! Mit dem Kopfe büße er!“ Von dem Gezeter verſcheucht, von dem Wirthe bei den Schultern fortgeſtoßen, gelangte Heerdegen in den Hof, mit Hülfe ſeines Knechts auf den Gaul. Er ſprengte aus dem Hauſe, und, ſich ſchnell beſinnend, daß er Giſelas Spur verfolgen müſſe, lenkte er ſein Roß nach dem Wege zur Teufelskanzel. Das Thor ſtand offen, weil ein Flügel deſſelben mangelte. Der altersſchwache Wächter ſtreckte die 84 Hand aus nach dem Zügel des Pferdes, und forderte den Sperrkreuzer. Mit rüſtiger Fauſt gab ihm der Junker ein Kopfſtück über die Blechhaube, daß er zurücktaumelte, und ſich ferner nicht mehr einfallen ließ, den ſchnaubenden Rei⸗ ter aufzuhalten. Fünftes Kapitel. Dem jungen Blut Iſt all' Welt gut Mit Jungfernleibes Zierlichkeit Hat auch der Schelm Barmherzigkeit. Der Schnepperer. Der klare friſche Morgen ſchien zu Gernsbach in die tiefe Stadt; auf der Brücke unweit von der Herberge zum Stern, lehnte Gensbein, und ließ ſich von dem kühlen Zuge anfächeln, der aus den Bergen über die braunen Wellen der Murg herniederſtrich. So behaglich Gensbein ſeine Stellung gewählt hatte, ſo unſtät zielten ſeine Angen rechts und links, abſonderlich nach der ſieilen Straße, die vom Thor und Rathhaus herablief. Hinter den unruhigen Au⸗ gen regte ſich nicht minder ein unruhig Gehirn, vurchkreuzt von bunten Gedanken, gemartert von peinlichen Zweifeln. Der lockere Landſtreicher hatte ſchon manches Stücklein voll⸗ führt, glatt wie ein Aal, unaufgehalten wie dieſer durch widrigen Wind und reißende Strömung; niemals jedoch war es ihm ſo ſchlecht ergangen, als bei dem Schelmen⸗ ſtreich, den er geſtern unternommen. Da hatte er ſchon bis in die tiefe Nacht hinein gewartet und gelauert, und dann Nonne von Gnadenzell. IL. 5 66„ nach kurzer Ruhe vom früheſten Morgenſtrahle an geſpähet und gehofft, und noch immer wollte ſich der Held des Aben⸗ teuers, der Gönner des Spitzbuben, der Freiherr von Harras nicht zeigen, trotz allem Wort und feierlichem Ver⸗ ſprechen. Das edle Wild ſchlummerte ſorglos in dem ge⸗ ſchickt geſtellten Netze, nur erſchien der Jäger nicht, es zu holen. Das Lob, das er gehofft, der Sold, der ihm ver⸗ heißen, zögerte allzulang für den habſüchtigen Schalks⸗ tnecht. Schon gewahrte er mit Verdruß, wie die Thüren der Häuſer ſich nach und nach öffneten, wie hie und da ein Bürgersmann den Kopf zum Fenſter heraus ſtreckte, um nach dem Wetter zu ſchauen; die Mägde ſchlichen faul zum Brunnen, der Hirt blies an den Straßenecken auf ſei⸗ nem Horne. In der Herberge wurde alles lebendig, die Knechte fuhren mit ihren ſtärken Stieren in's Holz, und vom Freiherrn nirgends eine Spur, nirgends eine Bot⸗ ſchaft. Da kam ein Bettelmann die Straße herab, von venen, die auf dem Heerwege rüſtig laufen, und durch Stävte und Dörfer hinken, als wären ſie von einem ſchwe⸗ ren Siechthum befallen. Des Bettlers Schuhe waren von Staub bedeckt, ein Zeichen, daß er heut ſchön eine Strecke weit gewandert. Eine Gabe, lieber Landsmann,“ ſagte der Strolch, als er vor Gensbein ſtand, und dieſer hängte an den Pfennig, den er in des Bettlers Mütze warf, die Frage:„Woher, du guter Bettelmann?“—„Ich bin im Dunkel von meinem Stroh aufgeduſelt, und komme juſt von Baden, wo ich ein Paar Tage darnieder gelegen.“— „Was gibt es Neues dort? Sahſt Du nicht Reiter vder Wagen vieſe Straße ziehen?“—„Einen Reiter wohl, aber der ritt nicht mehr. Er lag elendiglich an der Teu⸗ felskanzel, da ihm ſein Roß davon geſprungen, und einige Vauern tragen ihn auf Leitern und Stangen hieher in's Städtlein.“—„Hoho! iſt es ein Herr aus der Stadt oder —— — 67 ein armer Mann?“—„Ein Fremder, lieber Freund. Ich denke aber, daß er lieber hier zu Gernsbach als zu Baden ſeinen Fnß verbinden laſſen wolle. Geſtern gab's drüben ein Mordgeſchrei in der Stadt. Ein Junker war verwun⸗ det und ein Thorknecht übel geſchlagen worden, da haben ſie den Freiherrn von Harras beim Kopf genommen, der nächtlicher Weile den Berg hinan ritt, und der muß nun alles gethan haben, ob er gleich ſeine Unſchuld betheuert. Ich glaube jedoch, daß der eigentliche Mörder an der Teu⸗ felskanzel lag, und ſeinem Heiligen dankt, der ihn aus des Markgrafen Gewalt gerettet.“ Gensbein zog ein ſaures Geſicht, und ſchaute den Bettler ſo trutziglich an, daß derſelbe ſich eiligſt über die Brücke davon machte, aus Furcht, er müſſe den Pfennig wieder herausgeben, und Schläge dafür annehmen. Gensbein fluchte dagegen heimlich in ſich hinein, und ſiarrte, keinen Rath wiſſend, in den Strom hinab, und verwünſchte den Freiherrn bis in den tiefſten Grund der Erde.„Da habe ich nun den Mühlſtein am Halſe,“ brummte er grimmig: „was nun mit der Dirne anfangen? Der Satan weiß, was zu Baden vorgefallen iſt. Ich darf nicht mehr zurück mit dem Mägdlein, und habe doch auch nicht Zweck und Ziel zu einer weitern Reiſe mit ihr. Mein Witz iſt bügel⸗ los geworden, wie jener Reiter, von dem der Bettler ſprach, und der, wenn ich nicht irre, von den guten Leuten dort die Stadt herabgeſchleppt wird, wie ein fteifer Fichtenklotz.“ Er zog ſich unter das Thor der Herberge zurück, und gerade auf ihn los ſteuerten die Männer, die den Verwun⸗ deten ſorgſam trugen.—„Da iſt das beſte Wirthshaus,“ ſagte einer der Träger:„im Stern iſt gut ſeyn, und wir wollen hier den armen Herrn niederlegen.“— Als ſie mit ihrer Laſt in den Thorweg ſchritten, heftete der Kranke, deſſen Züge Schmerz und Angſt verriethen, den Blick auf Gens⸗ 68 bein, und fragte ihn mit ſchwacher Stimme:„Ich kenne Dich, Du frommer Almoſenſammler. Sage mir, ob Du nicht einem Mägdlein begegneteſt, das von Räubern dieſes Wegs geſchleppt wurde? Ich gab Dir neulich ein ſchön Stück Geld um meines Vaters armer Seele willen, aber zehnmal mehr ſoll Dir werden, wenn Du mir ehrlich ſagſt, wonach mein Herz verlangt.“— Gensbein gedachte nun wohl des großen Silberſtücks, welches aus der Hand des Junkers in ſeine Büchſe gefallen war; ſeine Sicherheit war ihm jedoch theurer als die Dankbarkeit, und er ſchüttelte den Kopf und beſchwor, daß ſeine Augen nichts geſehen. Hierauf ſeufzte der Junker ſchwer, ließ den Kopf ſinken, und antwortete kaum dem Herberger, der herbeitrat, dem wohlgekleideten Manne ſein Haus anzubieten. Die goldenen Sporen an den Stiefeln des Fremden, wie auch das blitzende Kleinod auf ſeiner Bruſt und der ſchwere Ring an ſeiner Hand ließen eine reichliche Vergeltung chriſtlicher Barm⸗ herzigkeit erwarten, und in der abgelegenen Grafſchaft Eberſtein war dazumal ein reicher Rittersmann ein ſeltener Vogel, den man mildthätig zu rupfen nicht unterließ. Darum ſetzte auch die Stimme des Herbergvaters ſein ganzes Geſinde ſchnell in Bewegung; ves Hauſes beſte Stube wurde auf⸗ gethan, den kranken Gaſt darin zu betten, nach allen Seiten flogen die Buben des Sterns aus, ſein entſprungenes Roß zu ſuchen und zu fangen, und ein tüchtiger Krug voll Weins belohnte die rüſtigen Träger, welche die koſtbare Beute in das Städtlein geſchafft. e Während der Junker von zwanzig Händen die Treppe hinaufgebracht wurde, ſtand hinter dem Geländer verſelben, allen Blicken verborgen, eine neugierige Zuſchauerin, die der Lärm im Hauſe in ihrem Morgengebete geſtört und aus ihrer Kammer gelockt hatte. Sie ſah aus ihrem Verſteck deutlich und klar den Kranken, und kauerte ſich nieder, wie 69 vor dem Allerheiligſten, aber nicht in Verehrung und freu⸗ diger Andacht, ſondern in Angſt und großem Entſetzen. Ihr Herz pochte gewaltſam, und ſie rührte ſich nicht, bis der ganze Züg und Haufe in die Stube eingetreten, und hinter ihm die Thüre zugefallen war. Alsdann erhob ſie ſich mit ſchnellem Entſchluß, flog die Treppe hinab wie ein Blatt im Winde, und rief ängſtlich:„Hans, Meiſter Hans, wo ſteckt Ihr denn?“ Gensbein vernahm Giſela's Stimme, und trat ihr ha⸗ ſtig in den Weg.„Was habt Ihr? Schreit doch nicht ſo laut, als ob man Euch Gewalt anthäte!“ Giſela ſtürzte auf ihn zu, ergriff in heftiger Bewegung ſeine Hand, und ſtammelte, ſcheu nach der Treppe zurückſehend:„Laßt uns gehen, lieber Meiſter. Wir müſſen fort, ohne einen Augen⸗ blick zu verlieren.“— Unſchlüſſig rieb ſich Gensbein die Stirne, das Mädchen fuhr aber dringend fort:„Zaudert nicht, ſtellt Euch nicht ſo ſchläfrig an. Ich bin verloren, wenn er mich ſieht.„—„Er? Wer?“—„Der Feind iſt im Hauſe, der böſe Feind. Fort, ſage ich, kommt!“ Von Giſela hinweggeriſſen, ſtand Gensbein auf der Brücke, ehe er ſich's verſah. Ein Reſt von Gewiſſen regte ſich in ihm. Zögernd ſagte er:„Ihr mögt wiſſen, daß der Wagen, den wir geſtern ſchon vergebens auf der Straße zu finden hofften, auch hier nicht anzutreffen war. Ich fürchte..—„Gleichviel; iſt mein Fuß nicht rüſtig 2 wo iſt die Straße gen Pforzheim? Laßt uns darauf fort⸗ wandern; ſorgt nicht, daß ich zurückbleibe, ich bin wacker und würde hundert Meilen laufen, dem Verderben zu ent⸗ rinnen.“ Dem Umgeſtüm des Mädchens nachgebend, von Unent⸗ ſchloſſenheit gefoltert, zeigte Gensbein nach den Höhen jen⸗ ſeits des Fluſſes.„Die rothe Straße führt nach Loffenau,“ ſagte er:„wenn Ihr meint, ſo ſteigen wir zu jenem Dorfe, und finden etwa dort den leichtſinnigen Knecht, der in die Welt hinausfuhr, ohne unſer zu harren.“—„Geſchwinde nur, geſchwinde, Meiſter Hans. Belebend weht die Luft vom Aufgange her, wir werden in jenem Dorfe ſeyn, ehe wir's denken.“—„In Gottes Namen, Fräulein Geißlin; Ihr erzählt mir wohl unterwegs, welch böſer Stern Euch von hinnen reißt.“—„Verlangt das nicht von meinem erſchrockenen Munde, von meinem keuchenden Athem. Viel⸗ leicht in Ulm, im ſichern Hauſe meiner Muhme, vertraue ich Euch, was meine Seele ängſtigt.“—„In Ulm?“ wieder⸗ holte Gensbein in Gedanken, während ſeine Lippen ſchwie⸗ gen:„Dü einfältiges Kind, defſen Zuverſicht noch feſt ſteht, wie die Felſen jener Berge. Wäreſt Du nur in Ulm, oder in Ungarn, oder in dem Türkenland! Eine Laſt hätte ich dann weniger, die mir mein Unſtern aufgebürdei.“ Da ſie nun ſchweigend neben einander hinſchritten, wurden Gensbeins Füße ſtets gelenker, weil Giſela's Bei⸗ ſpiel die Wanderung beſchleunigte, und ſo kam es, daß Loffenau erreicht war, bevor der Meßner zur Kirche läutete. Von der Anhöhe, zu deren Füßen das Dörflein verſteckt liegt, in das Thal der Murg hinabſchauend, athmete Gi⸗ ſela wieder ruhig und frei, und geduldig ſetzte ſie ſich auf einen Stein am Wege, während Gensbein in eine Hütte des Dorfes trat, angeblich, um Erkundigungen wegen des Fuhrwerks einzuziehen. Die Sonne ſchien mit aller Pracht in das Thal zu Giſela's Füßen, aus dem kühlen Walde zwitſcherten die Vögel, über Saatfelder und Halden flogen Bienen und Schmetterlinge ſummend auf und ab, und ſärkten im warmen Sonnenſtrahle die vom Nachtthau er⸗ ſtarrten Schwingen. Die Glocke des Dorfes wurde wach, und von allen Seiten des Gebirgs, aus Klöſtern und Dör⸗ fern tönten die metallenen Zungen das Geläute nach, und —— —— 6 . 1* 71 endlich ſtimmten auch aus dem düſtern Cernsbach die Glo⸗ cken ein, zum heiligen Meßopfer ladend. Giſela fühlte ihr Herz wunderſam bewegt, halb von der Freude des Daſeyns, halb von Sehnſucht nach der klöſterlichen Einſamkeit, welche ihr als des Lebens höchſtes Glück erſchien. Sie gemahnte ſich, wie der leuchtende Erzengel Michael, nachdem er von ſeiner goldnen Wolkenburg den Teufel mit ſeiner Rotte in den ſchwarzen Abgrund geſchleudert. Heerdegen, den ſie fürchtete und verabſcheute wie den Satan, lag in der dun⸗ keln Stadt zu ihren Füßen, gleichſam von Ketten gebunden, gleichſam im Grabez um ihre Stirne aber ſpielte die Ver⸗ klärung des Siegs; das Bewußiſeyn der Freiheit und jung⸗ fräulicher Stolz erweiterten ihre Bruſt, gürteten ſie mit Freude und Zuverſicht Triumphirend⸗ ſchier verächtlich, ſah ſie hernieder auf die Schmach ihrer Hütte, auf die Verſun⸗ kenheit des Vaters, den weibiſchen Kleinmuth der Mutter, auf die erbärmlichen Fallſtricke, die der Verſucher ihrer Ju⸗ gend und Unſchuld gelegt: ſie wiederholte feierlich den Eid, den ſie oft in ſtiller Nacht ſich zugeſchworen:„Keinem Manne zu gehören, jeden Mann zu haſſen, und nur nach der Krone des heiligſten Bräutigams zu ringen.“ Indeſſen kehrte Gensbein aus dem Dorfe wieder, langſamen ſchwankenden Schrittes, ſetzte ſich neben Giſela und hob verlegen an:„Es iſt ſchier unzweifelhaft, liebe Geißlin, daß mein Knecht uns heillos betrogen. Kein Pferd, kein Wagen wurde geſehen, und das Aergerlichſte iſt, daß der Schurke ſammt dem Fuhrwerk auch das Geld mit ſich genommen, ſo ich ihm anvertraute. Was iſt nun zu thun?“—„Ich weiß es nicht,“ antwortete Giſela nach langem Bedenken:„zwar ſteckte mir der Vater einige Kro⸗ nen zu, die ich gern in Deine Hand lege; doch fürchte ich, daß ſie nicht ausreichen, uns gen Ulm zu ſchaffen.“— Gensbein wog das Geld in ſeiner Hand, ſchob es ein, und verſetzte:„Die Fahrt iſt weit, und das bischen Silber langt nicht aus. Wenn Ihr wollt, ſo gehe ich gen Baden zurück, und hole von Eurem Vater ein mehreres.“—„Ihr dürft mich nicht allein laſſen;“ entgegnete Giſela heftig. Gensbein ſagte dagegen mürriſch:„So geht ſelbſt, allein oder ſelbander mit mir.“—„Nicht allein, nicht mit Euch. Ich bin vergnügt, der Hölle dort drüben entronnen zu ſeyn. Nicht um alle Schätze der Welt möchte ich wieder durch Gernsbach wandern, wo mein Verfolger lauert, nicht um den theuerſten Preis möchte ich die Eltern wiederſehen, von deren. Schickſal ich mich trennte. Ihr wußtet ſonſt für Alles Rath, Meiſter Hans; führt mich nach Ulm, und meine Muhme ſoll's Euchgeichlich lohnen.“ Es wurmte den alten Schelm, daß ihm das Mägdlein ſo hartnäckig die Gelegenheit verweigerte, auf und davon zu gehen; dennoch fühlte er ſich wie durch eine zauberiſche Macht an Giſela gebunden. Die Schönheit und unbefan⸗ gene Entſchloſſenheit der Jungfrau gebot ihm unwiderſteh⸗ lich; es jammerte ihn, ihre Unſchuld dem Zufall Preis zu geben. Sinnend ſtützte er ſein Haupt in ſeine Hände, überlegte lange, kam lange zu keinem feſten Entſchluß. Endlich dachte er:„Aufgeſchoben iſt ja nicht aufgehoben. Vielleicht hilft mir das Ungefähr aus der Klemme, und wenn's nicht anders iſt, ſo ſteht mir's immer frei, morgen oder übermorgen die Dirne zu verlaſſen, denn die Welt iſt groß, allenthalben ſcheint die Sonne, und eine jede Straße iſt die meine.“— Vondieſen hinterliſtigen Gedanken aufgerichtet, ſprach er zu Giſela:„Wohl weiß ich einen Weg über's Gebirge, durch den Schwarzwald und über die Alb, der viel abſchneidet, und rüſtige Fußgänger ſchnell gen Ulm führt; aber der Pfad iſt rauh, unwirthlich und ſchier un⸗ wegſam für eine zarte Magd.“—„Was thut's, Meiſter Hans? Ich laufe mit Euch um die Wette, fürchte mich 53 nicht vor dem wilden Forſt, nicht vor Waldſtrömen und rauher Haide, nicht vor einem Nachtlager in verödeten Heuſchobern. Allenthalben iſt ja mein Schutzengel bei mir, und ſeit der ſchwächſten Kindheit lernte ich das Schlimmſte ertragen, nachdem mein Vater unſer Hab und Gut vergeu⸗ det, und unſers Stammes Ehre in den Staub getreten. Friſch alſo voran, lieber Hans. Hunger und Durſt, die wir hienieden leiden, werden uns mit ewiger Freudigkeit im himmliſchen Saal vergolten.“ Gensbein verzog etwas ſpöttiſch den Mund, denn er träumte, wenn er des ewigen Lebens gedachte, nicht ſowohl von kühlen Palmen, als von dem heißen Palaſte des reichen Mannes im Evangelium. Wenn er abe die zuverſichtliche Giſela betrachtete, die er vordem ſo oft auf ſeinen Knieen geſchaukelt, deren Erbtheil er ſelber ſo muthwillig verkürzt, ſo ſchien ihm eine Donnerſtimme in das Ohr zu rufen: „Verlaſſe nicht das Mägdlein, greiſer Sündenknecht, willſt Du nicht heißer brennen in dem Pfuhl, den der Schwarze für Dich einheizt.“ Darum erhob er ſich rüſtig und ſagte: „In Gottesnamen, Fräulein. Laßt uns denn fürbaß ziehen⸗ und ſtracklich nach dem Tobel aufwärts klimmen. Euern Reiſeſack ſchleppe ich auf der Schulter, und will ſchon ſor⸗ gen, daß es am Gelde nicht mangle, wenn Ihr mir ver⸗ ſprecht, kein ſauer Geſicht zu machen, was ich auch beginnen möge.“—„Ihr werdet doch kein Dieb ſeyn, Meiſter Hans?“ —„Nicht doch, liebe Geißlin. Wer aber in der Noth ſitzt, mag ſeinem Witz den freien Lauf laſſen. In dieſem rauhen Lande lockt man nur durch Liſt einen Heller aus der Taſche des Volks; und dieſer Schwank iſt unſchädlich, Ihr könnt mir's glauben.“ Gensbein erläuterte ſeine räthſelhaften Worte unver⸗ züglich durch das Beiſpiel. Während er mit ſeiner Beglei⸗ terin an den Häuſern des Dorfs hinging, ließ er den auf⸗ 24 geſchürzten Mantel tief auf die Füße fallen, gürtete den magern Leib mit einem groben Strick, und ſang ſo laut er 4 es vermochte, ein Wallfahrerlied. Der Erfolg war augen⸗ blicklich. Die Weiber kamen auf die Schwelle ihrer Hütten, oder ſchoben die kleinen Fenſter auf, und guckten neugierig nach den Wanderern. Gensbein grüßte freundlich nach allen Seiten, ohne ſich im Liede irre machen zu laſſen, und bald fand ſich eine Frau, welche theilnehmend fragte:„Wo⸗ hin, guter Munn, mit der feinen Dirne?“ Da antwortete Gensbein demüthig und mit honigſüßer Rede:„Komme vom Rhein, liebe Mutter, und pilgere nach Rom und zu dem heiligen Lande um meiner Sünden willen, das Mägd⸗ lein iſt aber meine Tochter, und pilgert mit mir, das Ge⸗ löbniß eines frolſlnen Weibes zu erfüllen; denn es iſt er⸗ laubt und wohlgethan, für einen Chriſten des Gelübdes ſich zu unterziehen, dem ſelber abzuwarten er verhindert iſt.“ —„Die Heiligen ſegnen Euch, und wenn Ihr am heiligen Grabe für meinen armen Werner beten wollt, der unter den Reiſigen des Grafen ſtreitet, ſo nehmt dieſe kleine Gabe.“ —„Habt Dank; es ſoll geſchehen, als ob Ihr ſelbſt oder Euer Sohn nach Jeruſalem zöget.“— So ging's an allen Häuſern, nachdem einmal der Anfang gemacht worden. Heller und Pfennige flogen, die Taſche des falſchen Pilgers füllte ſich mit Lebensmitteln, die Klöſter Herrenalb und Frauenalb ſpendeten warme kräftige Suppen, der vorüber⸗ ziehende Landmann gab ſein letztes Stücklein Brod, damit zu Jeruſalem für ſeine Seele gebetet werde.—„Wie ge⸗ fällt Euch das?“ fragte Gensbein lächelnd ſeine Gefährtin, da ſie zur Mittagszeit unter einer ſchattigen Buche auf dem Tobel raſteten; und Giſela erwiederte ſpröde:„Euer Thun iſt das eines falſchen Propheten, und behagt mir ganz und gar nicht ſonderlich, doch bedrängt uns freilich die Noth, und ich will zu Ulm ſchon Meſſen leſen laſſen, 75 daß den armen Leuten ihr Recht und uns die Sünde ver⸗ 3 geben werde.“— Gensbein biß ſich ſchadenfroh in die Lippen, und nach kurzem Beſinnen ſetzte Giſela hinzu: „Aber Eines lerne ich doch noch beſſer aus Eurem Wandel, als es mir ſchon vorher klar geweſen.“—„So? Ei, was denn, liebe Geißlin?“—„Daß ihr Männer alle falſch und niederträchtig ſeyd, wie der gleißende Drache des Ab⸗ grunds; eurem frömmſten Lächeln iſt nicht zu trauen, euer ehrlichſtes Wort iſt eine Lüge, und ihr ſchändet das theuerſte Heiligthum.“—„Sprecht Ihr doch ſo hart und übermüthig, als ob unſer Heiland ſelbſt nur eine Jungfrau geweſen ſeyn könne, und nicht ein Mann, da er auf Erden wan⸗ delte.“— Giſela blickte den Meiſter Hans mit finſteren Augen an, und antwortete ungeſtüm:„Wahrlich, es galt, das ſündlichſte Geſchlecht wieder zu Ehren zu bringen, und varum wählte der fleckenloſe Geiſt des Herrn des Mannes ſchmutzige Hülle.“—„Fürwahr; Ihr ſeyd zur Abtiſſin ge⸗ boren.“—„Warrm nicht, Meiſter Hans? In ſolch elender Zeit iſt leider das Weib nur berufen, im Chor und am ſtilen Altar des Himmels Barmherzigkeit anzuflehen. Wenn aber noch das Reich beſtände, von dem die alten Sagen erzählen, wie einſt in Böheim eine Schaar eifriger Mägde es aufgerichtet, ſtracks zöge ich hin, die Lanze und das Schwert zu ergreifen, denn lieber möchte ich noch ſtreiten in der Schlacht, als beten am Altar.“—„Eure Muhme wird viel Freude an Euch haben, und die Amme ſegnen, die Euch mit Löwenmilch aufgeſäugt.“ Da glänzte eine Thräne in Giſela's Auge, und ſie ſagte halblaut, aber unwillig:„Scheltet nicht die Pflegerin meiner Jugend, die fromme Schweſter Cäcilia, die im Stift zu Lichtenthal mir Gebet und Tugend lehrte. In ihrem Schvoße tröſtete ich mich über die Schmach meiner Eltern, an ihrem Grahe gelobte ich, ihren Lehren treu zu 26 bleiben. Läge ſie nicht ſchon in der Erde, ſo wäre ich nicht gezwungen, in dem Hauſe meiner Muhme eine Freiſtatt an⸗ zunehmen, hätte ſchon längſt der Welt Valet geſagt, und ſäße mitten unter den hochmüthigen Nonnen zu Lichtenthal, die mir die Aufnahme weigerten, als meine Wohlthäterin geſtorben war.“ Verbittert ſtand Giſela auf, ſchüttelte den Stanb von ihren Schuhen, und wendete ſich nach der Gegend, wo der Pfad bergab in die Schluchten des Schwarzwalds führt. Gleichgültig kehrte ſie der unermeßlichen Fernſicht den Rücken, ließ den Rhein und die Berge des Wasgau's kalt in die Tiefe verſinken, und freute ſich, wie etwa das ſcheue Reh, da ſie ſich bald von den finſtern Tannenwäldern umgeben, von brauſenden Strömen ihren Fuß benetzt ſah. Die Schatten wurden länger, als die Wanderer in den tiefen Keſſel zum Städtlein Wildbad herniederkamen. Gellende Trompeten ſchallten empor aus den Häuſern und der Pfei⸗ fen luſtiger Klang.„Was gibt's dort unten?“ fragte Gensbein einen Buben am Wege.„Ei, der gnädige Land⸗ graf von Heſſen ſitzt unten im Bade, und gibt ſeinem Volke einen fröhlichen Tanz.“— Des alten Schlemmers Augen wurden hell, er ſchmunzelte, klatſchte in die Hände, aber Giſela verſetzte ungeſtüm:„Was fällt Euch ein, Mei⸗ ſter Hans? Ihr begehrt wohl nach Muſik und Wein? Da ſey Gott für; mögt Euch in Ulm erluſtigen, aber jetzo ge⸗ ziemt es uns, die arge Welt zu fliehen⸗ Ruhiger ſchlafe ich unterm Fulenporß als in dem Prunkſaale Babylons. 6 —„Ach, ſo wollte ich doch, daß ein Barfüßer Eure Grillen in einen Sack gefangen, und auf den Iberg zu den Hexen geſchleppt hätte!“ ſchalt Gensbein, deſſen Geduld zu reißen begann:„ſchon dachte ich, daß eine gute Mahlzeit meinen alten Leib erfriſchen würde, und nun begehrt Ihr, daß ich mit Euch in den Forſt fahre, und dort lagere, wie ein 72 Wilderer, wenn wir nicht auf eine Hütte ſtoßen, die uns mit faulem Stroh aufwartet.“—„Kann ich dafür, daß Euere Hülle morſch iſt, Meiſter Hans? Ich verabſcheue den wüſten Tanz, den ſchnöden Wirbel jener Leute. Seyd Ihr mein Herr, oder nicht vielmehr mein Diener? Wenn ich der Muhme berichte, was Ihr Euch unterſtanden— „Ach, Euere Muhme wird mir nicht viel anhaben,“ brummte Gensbein unwirſch in den Bart, folgte aber un⸗ geſäumt dem Gebot der herriſchen Dirne, und trollte, in ſein Schickſal ergeben, als Führer voraus. Durch eine wenig gangbare Wildniß leitete der Pfad; das Getümmel des Städtleins, die Töne der Trompeten, ſie drangen nur mehr wie aus der weiteſten Ferne von Zeit zu Zeit durch das dunkle Grün, verſtummten alsdann, und ſtatt der Fackeln aus dem Tanzhauſe des heſſiſchen Landgrafen leuch⸗ tete nur hie und da ein Stern auf die Spur der Pilger. Es ging wieder bergan, ohne Raſt, und der Pfad ſchien ſich bald zu verlieren, bald wieder auf's Neue emporzu⸗ dämmern am ſteilen Abhang, und keine Hoffnung war endlich mehr, einen Weiler zu erreichen, von dem Gensbein geſprochen hatte. Eine geſchwätzige Stimme plauderte durch den Wald: eine munterſprudelnde Quelle, die ihren Reich⸗ thum in tiefſter Einſamkeit vergeudete, und nur den dur⸗ ſtigen Hirſch mit ihren Fluthen tränkte. Ein Rudel dieſer wilden Thiere brach zu beiden Seiten durch das Gebüſch, und ſuchte ſein Heil in der Flucht, als die Wanderer heran⸗ kamen.„Hier ſey unſer Nachtlager,“ ſprach Giſela:„ich bin erſchöpft, und meine Zunge iſt trocken. Die Nacht iſt warm, das Blätterdach der Bäume wehrt dem Winde, und an dieſer öden Stelle lauert ſicherlich kein Mörder auf ſeine Beute.“— Gensbein ſah ſich ängſtlich um, und ſein Blick verlor ſich bald in dem Dunkel zu ſeinen Füßen, in der Tannennacht über ſeinem Haupte. Da flüſterte er:„Ach 78 perzige Geißlin, hier iſts ſchauerlich. Wie habt Ihr doch an meinem Alter gefrevelt, daß Ihr mich ſo weit hinweg⸗ gelockt von einer wirthlichen Herberge! Vor diebiſchem Ge⸗ lichter ſind wir wohl hier ſicher, aber wenn ſtatt der ſcheuen Hirſche, die wir verjagten, ein grimmiges Raubthier käme, ein Eber mit den ſcharfen Hauern, ein grauſamer Bär mit ver reißenden Tatze..—„Betet zu der heiligen Mut⸗ ter, und befehlt ihr Eure Wege. So Euch aber dieſes nicht genügt, ſo laßt uns wachen, eines nach dem andern. Legt Euch hin, thut die Augen zu; ich getraue mich, den rauhen Bären zu verſcheuchen. Wenn Ihr erwacht— das Alter hat ja keinen langen Schlaf— ſo hütet Ihr mich dann.“ Die Gutmüthigkeit der unerſchrockenen Jungfrau rührte das Herz des feigen Schelmen, und er verſetzte ehrlich: „Schlummert nur, wenn Ihr könnt. Billige Beſorgniß ließe mich ohnehin die ganze Nacht die Augen nicht zuthun. Behüte der Herr Euern Schlaf, wie ich ihn mit ſchwacher Kraft bewachen werde.“ Somit nahm er ſeinen Mantel und deckte damit das Mädchen zu, das ſich auf weichem Mooſe züchtiglich lagerte. Mit anmuthiger Kindlichkeit ſprach Giſela ihr Nachtgebet, gab dem Begleiter noch ein⸗ mal die Hand, und ſchlief alsdann feſt ein. Neben Ihr ſaß Meiſter Hans und ſann mit ängſtlicher Aufmerkſamkeit den Begebenheiten des Tages nach. Er fragte ſich, was ihn wohl feſthalte an der Seite dieſes Mädchens, er wun⸗ derte ſich, wie er, der gegen alle Welt treulos gehandelt, ſo lange nur dieſem Mädchen treu geblieben. Er ſuchte zu errathen, was die Zukunft bringen, wie er ſeiner Gefähr⸗ tin ledig werden möchte, und immer raunte ſein Gewiſſen ihm zu, daß es ſein Unglück ſey, wenn er von ihr ſchiede. So viele Macht übt die Jugend, die ſorgloſe Unbefangen⸗ heit der Unſchuld, ſelbſt über ein verhärtetes Gemüth. Das 3 2 Mädchen ſchien ihm ein Schatz zu ſeyn, den er beivahren müſſe, wenn auch wider ſeinen Willen. Und die Nähe die⸗ ſes Kleinods heiligte auch den Sünder; Giſela's tiefe Athemzüge ſcheuchten aus ſeiner Bruſt die Angſt, machten ihn der Zuverſicht theilhaftig, womit die fleckenloſe Jung⸗ fräulichkeit gleichſam wie mit einem Panzer ausgerüſtet wurde. Seit langer Zeit zum erſtenmale erinnerte ſich der Schalk ſeiner eigenen, heiteren Jugend, der Jahre, wo er noch fromm geweſen, wo er noch nichts von Betrug und ſchnöder Argliſt gewußt, wo er vor einem ehrlichen Auge das ſeine noch nicht niedergeſchlagen. So wie man mit ſtillbewegten Lippen ein Gebet ſpricht, ſo wiederholte er die Mährlein in Gedanken, die ihm einſt die ſorgliche Mutter erzählte, die Lehren, die ihm vor Zeiten ſein Vater mit auf den Weg gegeben. Weiter aber getraute er ſich nicht, ſeine Tage wieder durchzuleben in der Erinnerung, weil er ſie nur zu bald getrübt hatte, ſo wie ſich jetzo um Mitter⸗ nacht der Himmel mit ſchwarzen Wolken umlagerte, daß kein Sternlein mehr zu ſehen war. Die Wipfel der Bäume kurz zuvor noch ruhig, bewegten ſich und rauſchten, da ein ſcharfer Wind über ſie hinfuhr. Sie ſchüttelten ſich wie ein Wald von Lanzen, deren Träger ſich bereiten, in den Feind zu rennen, und von weitem klang der Donner, wie das Gebrüll ſchwerer Geſchütze, und den Forſt erhellten vor⸗ übergehend die falben Streiflichter des Blitzes. Kein Re⸗ gentropfen fiel, aber majeſtätiſch zog übex den ſchwarzen Wald das Gewitter, um in irgend einem fernen Thale ſeine Wolken auszugießen. Das Brauſen des Sturms brachte Angſt und Entſetzen in das Herz des Alten, Giſela ſchlum⸗ merte jedoch neben ihm ruhig wie ein Kind. Einmal wollte Gensbein ſchon entfliehen, aber ſeine Füße ſtrauchelten über dem Windbruch, der den Pfad verlagerte. Geſpenſterfurcht und Schen vor der dunkeln Nacht hielt ihn an die Stätte gebannt. Bald wollte er das Mädchen wecken, er ver⸗ mochte es nicht; bald verſuchte er zu beten, die Zunge ver⸗ ſagte ihm den Dienſt. Endlich verzogen ſich die Wolken, endlich beruhigte ſich ſeine Bruſt, die Sterne glänzten wie⸗ der, und bald wurden ſie bläſſer vor dem Morgenſchein, und mit dem Frühſtrahl waren Giſelas Augen wacker, ſo daß ſie ſich freundlich aufrichtete, und kaum begreifen konnte, wie ſie die ganze Nacht hindurch ſo feſt geſchlafen. Sie habe geträumt, ſagte ſie, von einem ſchweren, dunkeln Leben voll Pein und Noth, das ſich aber zuletzt in Friede und Freude verklärt habe. Gensbein beneivete ſie im Stil⸗ len um ihren Schlummer, und um des Traumes fröhliche Prophezeihung. Seinem Leben, dachte er, würde kein freundlicher Stern zu Grabe leuchten. Sie ſchickten ſich alſo an, weiter zu gehen; kaum hatten ſie ein Paar Schritte gemacht, ſo bemerkten ſie mit Verwunderung, daß ſie in ihrer Waldesherberge einen Nachbar gehabt, von deſſen Nähe ſie bisher nichts geahnt. Ein junger Knabe von höchſtens fünfzehn Jahren lag im Schatten eines gewaltigen Felsſtücks, und ſchlummerte mit roſenrothen Wangen ſo feſt, als hätte er nicht Luſt, ſobald wieder zu erwachen. Sein langes Ge⸗ wand von ſchwarzem Zeuge verrieth den fahrenden Schüler, das Haupt, von dem halb niedergeſchlagenen Barettlein be⸗ deckt, und von hellen Locken umringelt, ruhte auf dem be⸗ ſcheidenen Reiſebündel; eine kleine Laute lag neben dem Jüngling im Graſe. Giſela blieb vor dem Schläfer ſtehen, betrachtete ihn mit gefalteten Händen, und ſagte leiſe zu dem Begleiter;„Das iſt ein fromm Geſicht, Meiſter Hans, deſſen Anſchauung mir wohl thut. Iſt mir doch, als ob mein Schutzengel in Geſtalt dieſes Knaben hier vor mir läge, und von der Wache ausruhte, die er bei mir gehal⸗ ten.“—„Ei was! im Schlafe macht auch der muthwilligſte Bube ein andächtiges Geſicht. Laßt uns gehen; ich bin 81 überwacht, meine Glieder fröſteln, und ich muß ſie rüſtig bewegen, damit ich wieder erwarme!“— Giſela ſtand noch eine Weile unbeweglich vor dem Knaben, und vermochte kaum, ſich von ihm zu trennen. Nur die Furcht, ſeine Ruhe zu ſtören, bewog ſie endlich, dem Gefährten zu fol⸗ gen, und noch oft ſchaute ſie nach dem Schläfer zurück, bis des Waldes Dunkel ihn völlig ihren Blicken entzog. Mit tiefem Seufzen ſagte ſie alsdann:„Wohin auch der Bube wandern mag, und welches auch ſein Geſchäft ſey, ſo wird es ihm doch wohlergehen auf Erden, denn gewiß iſt der Herr mit ihm, und wenn er mit uns pilgerte, ſo würde ich mich frei von aller Gefahr und allem Schaden wäh⸗ nen.“—„Thorheit, Aberglauben, Abgöttereil“ murmelte Gensbein vor ſich hin, und ſchritt mißmuthig und verdroſ⸗ ſen weiter, bis ein Dörflein erreicht war, wo ein Frühim⸗ biß die Kräfte des Alten wieder ſtärkte. Sofort ging die Fahrt weiter, ohne Abenteuer, ohne Zufall, aber auch ohne Geſpräch; denn wie Giſela ihrerſeits mit allerlei Gedanken veſchäftigt war, ſo hatte auch Gensbein wieder ſeine Faſ⸗ ſung gewonnen, und überlegte für ſich im Stillen, wie er den Entſchluß, Giſela aufzugeben, vollführen möchte. Nonne von Gnabenzell. 1. 6 Sechstes Kapitel. Gold nit Alles iſt, was gleißt, Schon iſt nit Alles, was geweißt, Glaſur vergatt ſich edlem Stein, Goͤtzbild dem Menſchen gleicht, Mauskoth in Pfeffer ſich verſchleicht; Koͤſtlich gekleidet, iſt nit allzeit rein, Bockshoͤrner ſind kein Elfenbein. Paul Meliſſus⸗ Die Wanderer ſtanden gegen Mittag auf dem Rande ves ſchönen Nagoldthals. Die Thürme von Calw ſtreckten ſich zu ihren Füßen empor, und Giſela war damit einver⸗ ſtanden, in die Stadt hinein zu gehen, und dort zu raſten. Da ſetzte ſich plötzlich Gensbein auf den Raſen nieder, und ſprach:„Mir iſt nicht möglich, einen Schritt vorwärts zu thun. Ich bin matt, und alle Glieder ſchmerzen mich. Mir will faſt bedünken, als ob mich eine Ohnmacht an⸗ wandelte. Ich bitte Euch daher, berzliebe Geißlin, nach einer Quelle umzuſchauen, oder nach einer Hütte, woraus ein friſcher Trunk meinen Gaumen erquicken möchte.“— Da Giſela ihren Begleiter ſo hinfällig ſab, wurde ihr Herz von Mitleid bewegt, und ſie nahm die Kürbisflaſche des Landfahrers, und ſtrich durch den jungen Buſchwald dahin, um Hülfe und Erquickung zu ſuchen. Sie merkte ſich genau die Richtung, in der ſie ging, ſammelte erfriſchende Bee⸗ 88 ren, lugte durch alle Ausſchnitte des Gehölzes nach irgend einem Bauerhäuslein, und folgte dem fernen Rauſchen eines Waldſtromes, an deſſen Ufer ſie bald gelangte, aus deſſen Fluthen ſie ſchöpfte. Dann ſuchte ſie fröhlich den Rückweg, und freute ſich, dem alten Meiſter Hans eine Labung zu bringen. Um ſo größer war ihre Beſtürzung, als ſie ihn nicht mehr fand, wo ſie ihn verlaſſen. Er war verſchwunden, wie hinweggeblaſen, ſammt Reiſeſack und Sonnenkronen. Wie eine Träumerin ſtarrte Giſela um ſich her, und vermeinte, an der unrechten Stelle zu ſeyn. Aber dennoch war die Stätte die nämliche, vor ihr der Abhang, auf welchem Gensbein geſeſſen, der ſchimmernde Birken⸗ ſtamm, an den er ſich gelehnt, die Spur ſeiner nägelbe⸗ ſchlagenen Schuhe im Sande. Wo war der Alte nur hin⸗ gekommen? die Gebüſche regten ſich nicht, nirgends ein hallender Fußtritt zu hören; auf Giſela's ängſtliches Rufen antwortete nur der einförmige Pfiff der brütenden Vögel in den Zweigen. Die Verlaſſene fühlte ihre Standhaſtig⸗ keit weichen, ihre Glieder zitterten; das troſtloſe Bewußt⸗ ſeyn, allein zu ſtehen auf unbekanntem Boden, lähmte ihre Kraft. Nach langem Schweigen endlich ermannte ſie ſich wieder, lief rechts und links, vorwärts und zurück in verzweifelnder Haſt, drang in das Dickicht, wo nur die ſtille Schlange ſtreift, und nur die Eidechſe ihren einſamen Hof hält, rief zuerſt leiſe, dann lauter und immer lauter „Meiſter Hans, Meiſter Gensbein, was iſt mit Euch ge⸗ ſchehen? Treibt Ihr Scherz mit mir, und ſpielt Verſteckens? Meiſter Hans, habt Ihr mich verlaſſen, oder trug Euch der Wolf in den Wald?“ Keine Antwort. ZJe gellender ihr Geſchrei, je gräulicher die Stille, die ſtets darauf folgte. Plötzlich. ſie täuſchte ſich nicht.. Geräuſch in der Ferne, wie haſtige Tritte auf dürren Blättern. Athemlos vor freudiger Hoffnung, 3 den Gefährten wieder zu ſehen, 82 prach ſie durch das Gebüſch, dem Schalle nachſtrebend. Stimmen ſchlugen an ihr Ohr„ im nächſien Angenblic fühlte ſie ſich von einer Männerfauſt ergriffen; erſchreckt wendete ſie den Kopf, und ſah ſich in der Gewalt zweier Kohlenbrenner, die ſie rauh anhielten und mit grimmigen Flüchen überhäuften.„Haben wir Dich endlich?“ rief der Eine, ein rieſiger ſchwarzer Kerl mit funkelndem Auge: „Ertappen wir Dich endlich auf friſcher That, Du ſchmäh⸗ liche Diebin, die uns ſo lange ſchon das Holz geſtohlen?“ —„Der Krug geht ſo lang zum Waſſer, bis er bricht,“ krächzte der Andere, ein ſchiefbeiniger Geſelle mit dickem Kopf:„ſperre Dich nicht weiter, gehe mit, daß Dir Dein Recht geſchehe!“ Nachdem der erſte Schreck vorüber, ſah Giſela furcht⸗ los in die grimmigen Augen der Waldmänner, und ver⸗ ſetzte muthig:„Ihr ſeyd irre, ich bin keine Diebin. Führt mich hinab in die Stadt zum Richter, daß meine Unſchuld an den Tag komme.“— Dieſe unverhoffte Anrede machte die vußigen Burſche ſtutzen. Sie ſahen einander zweifel⸗ haft an, und der rießge Krauskopf ſagte etwas beſänftigt: „Du pochſt ſehr auf Deine Unſchuld, feines Dirnlein. Ge⸗ hörſt Du in die Stadt, und was führt Dich ſo allein in den Wald?“—„Ich bin hier fremd, gute Leute, und verlor vor Kurzem meinen Begleiter, einen alten, magern Mann, dem Ihr vielleicht begegnet ſeyd.“— Der Schief⸗ bein ſchüttelte ungläubig den dicken Kopf, und grinste: „Leichtfertiges Geſchwätz. Du ſollteſt Dich ſchämen, mit einem grauen Männlein im Forſt herum zu ſtreichen, wäh⸗ rend Du's bequemer haben könnteſt.“—„Schweige mit Deiner Schandrede!“ zürnte Giſela dem Kohlenbrenner zu; der Andere aber winkte ſeinem Geſellen, und ſagte kurz: „Komm nur mit, Mägdlein. Wir führen Dich, wo Du gewiß Deinen Freund wieder findeſt.“ — 85 Während dieſer Rede waren ſie unvermerkt ein guies Stück in den Wald hineingegangen, und ſtanden plötzlich auf einem ausgerodeten Platze, wo ein ungeheuerer Meiler dampfte; nichts regte ſich in der Runde, als das Kniſtern des Brandes, niemand war zugegen, als gerade nur die ſchwarzen Burſche, und der Weg, der jenſeits am Meiler hinlief, war menſchenleer um dieſe Zeit.— Der verlaſſe⸗ nen Giſela wurde bange an dem Orte.„Was ſoll ich hier?“ fragte ſie unwillig.„Sollſt Wirthſchaft mit uns halten, Mägdlein fein,“ antwortete mit ſchadenfrohem La⸗ chen der Krauskopf, während ſeine gewaltige Hand ſie am Kinn faßte:„Biſt ſchön weiß und blank, wie friſch gefalle⸗ ner Schnee, und für rußige Leute ein ſeltener Biſſen.“— „Hinweg von mir!“ ſchrie Giſela, und ſtieß den Verwege⸗ nen zurück. Schiefbein hielt ſie aber feſt, und verſetzte mit heiſerer Stimme:„Solche Wildheit ziemt Dir nicht, hoffär⸗ tige Magd. Entweder gibſt Du Deine Küſſe wohlfeil, und wir ſchweigen von Deinem verdächtigen Gewerbe, oder wir hängen Dir ein Reiſigbündel an den Hals, und ſchleppen Dich zu Schand und Spott in den Thurm.“—„Potz Got⸗ tes Blut!“ rief der Andere, und ftürzte wüthend auf ſeine Beute los:„für ſolche Dirnen iſt der Thurm zu gut; gib Dich unſerm Willen, oder wir ſtürzen Dich kopfüber in ven Weiler, daß fürder kein Hahn nach Dir krähen ſoll.“— Die beiden wüſten Geſellen ſchleppten das Mäd⸗ chen, ihre Drohung zu veraugenſcheinlichen, zu dem qual⸗ menden Holzſtoß, aber ihr Geſchrei drang hell in die Lüfte, und vom Waldwege her entgegnete eine ſtarke Stimme: „Hallo! Potz Gütigott! Was iſt's 94. Die beiden Knechte ſtanden im Nu wie Bildſäulen da, und ließen ihre Beute los. Während Giſela hochathmend einen Augenblick ſich erholte, und die Köhler ſchnell nach ihren Schürſtangen griffen, und am Meiler zu handthieren begannen, als hätten ſie kein Wäſſerlein getrübt, kam im ſteifen Trabe ein großer magerer Schimmel aus dem Bu⸗ chengrün. Auf dem Pferde ſaß ein langer Mann im wei⸗ ßen Zwilchrock, eine Filzkappe auf dem Kopfe, mit nieder⸗ geſchlagenem Rande, wie die Bauern ſie trugen. Unge⸗ heuere Stiefel von braunem Leder zierten ſeine Beine, und ſeine Rechte ſchwang eine tüchtige Peitſche mit derben Kno⸗ ten. Als er näher kam', bemerkte indeſſen Giſela unter dem groben Rocke des Reiters ein langes Schwert, ſein Roß war ritterlich aufgezäumt, und edelmänniſche Sporen blitz⸗ ten hinter den ſilbernen Steigbügeln.„Hallo, Antwort, ihr ſchwarzen Schelme!“ fuhr der fremde Herr immer ärger ſchreiend fort, klatſchte drohend mit der Peitſche, und die Köhler ſtanden zitternd und gebückt, da er auf ſie einritt. „Potz Gütigott!“ fuhr er fort mit einem verwunderten Blick auf die fremde Dirne:„ich will nicht ſelig werden⸗ wenn Ihr nicht Unbill an dem Mägdlein üben wolltet?“ Bei dieſen Worten hieb er einem jeden der Köhler ein Paar wohlgemeſſener Streiche über den Rücken, und ſie ſtammel⸗ ten, geduldig wie die Schafe, das alte Lied vom Holzfre⸗ vel, und wie Alles nicht wahr ſey, was die Fremde etwa zu ihrem Schaden vorbringen möchte. Der zornige Herr entgegnete:„Hab' ich Euch die Mäuler aufgeſperrt? Jetzt iſt die Reihe an Dir, Waldweiblein, rede Du ſonder Ge⸗ fährde.“ Obſchon der armen Giſela weder die bellende Sprache des alten Edelmanns, noch ſeine ungeſchlachten Geberden, noch ſeine glotzenden Augen, ſeine ſchlaffen Züge und blöd⸗ ſinnig hängenden Lippen gefielen, ſo verſäumte ſie dennoch nicht, in Kurzem und mit Wahrheit zu berichten, wie ſie falſch beſchuldigt, und von den Knechten mißhandelt worden. Bei jedem Worte, das ſie ſprach, nickte der gewaltige Peitſchenträger beifällig mit dem Kopfe, ſtrich ſich lächelnd die langen weißen Haare hinter das Ohr, und hing unver⸗ wandt mit ſeinen ſtieren grauen Augen an dem friſchen Munde und den Perlzähnen der Erzählerin. Nachdem ſie geendet, wendete er ſich wieder mit ſeinem Kernfluche zu den Kohlenbrennern, und rief, in neuen, faſt kindiſchen Zorn ausbrechend:„So möchte ich doch gleich vom Pferde niederfallen, und Euch mit der Peitſche zuſetzen, daß an Euch Jammer geſehen würde, ihr nichtsnutzigen Waldbä⸗ ren! Stoßt Eure Meiler an, daß ſie ehrlich brennen, aber rührt nicht an Dirnen, die des Weges ziehen, und nicht für Euch gemacht ſind.“ Da er nun ſein Werkzeug wieder gar bedrohlich in der Luft ſchwang, und gegen die beben⸗ den Knechte ſein Pferd ſpornte, fiel Giſela in des Roſſes Zügel, und bat ihn, der Geſellen zu ſchonen, und ihr zu erlauben, daß ſie neben ſeinem Roſſe herginge, und alſo ſicher dem Walde entkäme. Daher wurde den muthwilligen Buben eine weitere Strafe geſchenkt, und ſie baten die Dirne mit ſauern Mienen um Verzeihung, und wünſchten dem Herrn Marſchalk, wie ſie ihn nannten, einen glückli⸗ chen Tag und alles Wohlergehen. Giſela faßte aber den Zügel des Pferdes an, und ging mit dem Marſchalk die Straße hinab in das Thal. Auf dem Wege fragte der alte Herr ſie umſtändlich aus, und ſie erzählte ihm, ihres Va⸗ ters Namen verſchweigend, was er wiſſen durfte, wohin ſie zu reiſen gedenke, und wie ſie plötzlich ihren Führer verlo⸗ ren.„Das iſt abſonderlich ſeltſam,“ meinte der Mar⸗ ſchalk:„der alte Mann kann doch nicht gen Himmel ge⸗ fahren ſeyn, oder wollte er Dich etwa ſchädigen, arme Maid, und meinte es faſt ſchlecht mit Dir 2—„Ach, wie ſoll ich dieſes glauben?“ verſetzte Giſela traurig:„Der alte Gensbein hatte nicht Urſache, mir übel zu wollen.“ Da nun der Marſchalk dieſen Namen hörte, ſo verän⸗ derte er wieder ſein ganzes Geſicht in Zorn und Verdruß, und er polterte:„Gensbein? Hans Gensbein? Potz Güti⸗ gott! Der Schalk iſt mir gar wohl bekannt, dann ich ihn nur zu lange geſehen habe, wie er in meinem Stalle den Arzt machte, bis er eines Nachts die ſchönſten Pferde da⸗ von geritten. Du armes Geſchöpf! Du biſt in große Ver⸗ derbniß gerathen, und der Schelm gab Dir ein böſes Ende, wie ihm ſelber nicht entgehen wird. Lug und Trug, was ihm aus dem Munde geht. Den ſiehſt Du nimmer wieder.“ Und er hob eine Litanei an von Gensbeins Miſſethaten und Betrügereien, die er bereits zu Calw und Nagold, ja auch in Stuttgart und in Ulm verübt, und die Litanei wollte gar kein Ende nehmen, ſo daß der armen Giſela Augen und Herz übergingen, und ſie ſchier nicht mehr zweifelte, eines Betrügers Spielwerk geweſen zu ſeyn. „So ſeyen mir alle Heiligen gnädig!“ ſeufzte ſie voll Kum⸗ mer und kreuzte die Hände troſtlos über der Bruſt:„was geſchieht mit mir? was wird aus mir? möchte ich doch lieber auf der Stelle vergehen, als heimwärts kehren, und dennoch, wo ſoll ich hin?“— Da ſprach der Marſchalk mit zutäppiſcher Freundlichkeit:„Weißt Du was? ich bin ein guter alter Mann, und ſchöne Kinder können mich um den Finger wickeln. Komm mit mir, ſollſt es gut haben, und Alles in Ehren, fintemalen meine ſechsundſiebenzig Jahre Dich ſchützen, trotz dem theuerſten Eid.“— Giſela wußte nicht, was ſie auf dieſen Antrag erwiedern ſollte, und verſetzte auf die dringend wiederholte Frage:„Ei edler Herr, iſt Euer Haus nicht allzuferne, und habt Ihr ein ehelich Gemahl, ſo möchte ich wohl eine Herberge über Nacht dankbar von Euch annehmen.“— Da lachte der Marſchalk herzlich in ſich hinein, und gab den Beſcheid: „Wenn Ihr Euch zu mir auf's Pferd ſetzen wollt, ſo ſind wir in einer Stunde daheim, und meine Hausfrau wird Euch wohl empfangen. Morgen ſprechen wir dann weiter.“ 89 Dieſe Rede beruhigte Giſela, und als der Marſchalk ſtille hielt, und ihr den Vorderplatz im Sattel räumte, machte ſie keine Schwierigkeiten, denſelben anzunehmen. Es war ihr freilich ein widerliches Gefühl, als der kno⸗ chigte Arm des Reiters ſie umſchlang, aber hülflos, wie ſie war, ergab ſie ſich in ihr Geſchick, und rechnete darauf, daß der Ritt nicht lange dauern würde. Calw lag ſchon weit hinter ihnen, und aufwärts ging's im ſchönen trau⸗ lichen Thale. Mancherlei Volk begegnete dem Reiter und ſeiner Genoſſin; Fiſcher, Jäger, Waldbauern und geſchwä⸗ zige Weiber, die mit Holzbündeln auf den Köpfen oder mit Tragkörben auf dem Rücken des Weges nach der Heimath zogen. Die Männer lüpften alle demüthig die Mützen vor dem Herrn im Zwilchrocke, der hinwiederum gnädig grüßte, und einem oder dem andern einen vertraulichen, ſpaßhaf⸗ ten Peitſchenhieb über das Genick heruntermaß. Den Wei⸗ bern, die ſich neugierig gaffend zur Seite aufſtellten, um das Paar vorüber zu laſſen, warf er der Scherzreden manche zu:„Potz, Liſel, wie roth find Deine Backen! He, Grete, wann kommt der Storch in's Haus? Walburg, wie ſteht's mit Deinem Buben? Kleine Hexe, wie ſpringſt Du doch, als ob Dein Schatz davon gelaufen wäre?“ Mäd⸗ chen und Weiber lachten den ſchelmiſchen Herrn an, und noch weit hinter ihm ſcholl das Gejauchze der fröhlichen Zungen. Der ſtrengen Giſela gefielen dieſe Scherze nicht, und noch weniger Freude machten ihr die verdächtigen Blicke, womit die Weiber ſie maßen, und die halblauten Spöttereien, die ſie hie und da vernehmen mußte, wenn der harte Trab des Schimmels ſich auf kurze Zeit in lang⸗ ſamen Schritt verkehrte. Doch ſchwieg ſie geduldig, ſchwieg um ſo lieber, als der Marſchalk plötzlich einen ziemlich ſteilen Seitenweg einſchlug, und zwiſchen Hain und Wie⸗ ſengeländen einen Berg hinanritt, von deſſen Höhen die ſtattlichen Zinnen eines Herrenſchloſſes, die hohen Fenſter einer gaſtlichen Burg herniederblitzten.„Dort wohne ich!“ ſagte der Marſchalk, hinandeutend,„das iſt der Zavelſtein, auf dem Du ruhig ſchlafen ſollſt, mein ſchönes Dirnlein.“ Giſela meinte vom Sattel auf den ſteinigen Weg nie⸗ derſinken zu müſſen, als der Marſchalk dieſe Worte ſprach. Das Haus, dem zu entfliehen ſie die weite Fahrt nach Um unternommen, das Haus, welches eine trübe Ahnung ihr als den gefährlichſten Aufenthalt vorgeſpiegelt, es lag vor ihr, in ſeine Thore jſollte ſie einreiten. Ihr Schreck war indeſſen lautlos, ſie wagte nicht, eine weitere Frage zu thun. Mit Bangigkeit erwartete ſie, was das Schickſal über ſie gebieten würde, unfähig, der Macht, von der ſie beſtrickt war, zu entrinnen.— Ein Knecht, mit einem breiten Wappen auf dem Kittel, lief dem Marſchalk entge⸗ gen, als er ſich der Zugbrücke näherte.„Hallo, Lips, wie ſteht's zu Hauſe? Iſt die Luft rein, und liegt der Hubert ſchon, wo er hingehört?“—„Ach ja, gnädiger Herr. Wir haben den armen Geſellen ſchon beſtattet. Gott ſchenke ihm eine fröhliche Urſtänd.“—„Amen; nur hätte ſich der Burſche nicht einfallen laſſen ſollen, in meinem Hauſe zu ſterben. Er wußte, daß ich einen Todten auf dem Zavel⸗ ſtein nicht leide.“ Unter dieſem Geſpräche war der Schim⸗ mel über die Brücke in den Hof gepoltert, wo ein Paar Müßiggänger in dem Wappenrock des Marſchalks dem Herrn den Steigbügel hielten, und ſeine Begleiterin mit Verwun⸗ derung betrachteten. Zu einem der Knechte ſprach der Edel⸗ mann:„Spring hinauf, Thomas. Jungfer Mechtild ſoll auftragen, was die Küche vermag.“ Thomas ſtieg eiligſt die Wendeltreppe hinan; als aber Giſela mit ſtillem Za⸗ gen an dem Treppenthurme in die Höhe ſah, gewahrte ſie oben an einem breiten Fenſter ein ſchönes, wohlgewachſe⸗ nes und überaus ſtattlich aufgeputztes Weibsbild, das mit 9I gerunzelter Stirne und finſterm Auge herniederſchaute, und mit kreiſchender Stimme anhob:„Ich warte ſchon lange auf den gnädigen Herrn. Aber welch ſeltſamen Gaſt bringt er denn mit ſich nach Hauſe?“ Der Marſchalk fuhr ſchier zuſammen vor der Anrede, winkte begütigend hinauf, ſchob ſeine Gefährtin gleichſam verſtohlen in den Treppenthurm, und rannte ihr hinanſteigend in das Ohr:„Fürchte Dich nicht, herziges Kind, und ſey fein höflich gegen die Mech⸗ tild. Sie hat ein raſch Gemüth, und erhebt ihren Leib in Hoffart, aber mit Freundlichkeit und feinen Worten richtet man Alles bei ihr aus.“ War es die Erwartung der Dinge, die da kommen ſollten, oder die ſchneidende Kühle, die in den Gewölben des Schloſſes herrſchte, daß Giſela's Bruſt ſich zuſammen⸗ geſchnürt fühlte, und kaum des Athems genug aufbrachte, um dem Burgherrn zu folgen? Das Fräulein half ſich müh⸗ ſam an dem Geländer hinan, und was es auf dem ſteilen Wege ſah, machte es nicht ruhiger. Da war eine Magd, die mit dem Beſen die Stufen kehrte, und mit einer Kette raſſelte, welche ihre Beine verband, daß ſie kaum einen Schritt machen konnte; oben auf dem weiten Vorplatz vor dem Saale lag ein Knecht, grauſamlich in den Bock ge⸗ ſpannt, und bat flehentlich den Marſchalk, ſeinen Leiden ein Ziel zu ſetzen.„Armer Schächer, wer ließ Dich in die Fußblöcke werfen?“ fragte der Herr nicht ohne Mitleid. Da ſchmetterte die Thüre des Saales weit auf, und, die Arme in die Seite geſtemmt, die Bruſt frech vorgeworfen, und trotzig wie ein Mann, ſtand die Mechtild vor dem Ge⸗ bieter, und rief herriſcher als er:„Wer wird's gethan ha⸗ ben? wer, als ich? Das böſe Kreuz ſoll dem Schurken über den Hals fahren, ſo er noch einmal das Maul wider mich braucht. Ich will Dich lehren, Du Aberwitz, dem gnädi⸗ gen Herrn Deine Lügen vorzuplärren, ich habe Dich in den 92 Block geſprochen, bis die Sonne hinunter ſeyn würde, und dabei bleibt's.“— Der Marſchalk zuckte verlegen die Ach⸗ ſeln, und wendete dem Knecht den Rücken zu; Mechtild machte dem Herrn ein wenig Platz, in den Saal zu treten. Da jedoch der Marſchalk ſeine Begleiterin ermuthigte, vor ihm hineinzugehen, ſo verrannte ihr Mechtild mit ihrer ganzen Körperbreite den Weg, und fragte, gereizt wie eine zornige Henne:„Wer iſt die da? Was willſt Du hier? Du ſiehſt mir eben recht einer Landſtreicherin gleich, die des gnädigen Herrn mitleidiges Herz belog, und ihn ferner betrügen möchte!“— Schweigend, aber empört trat Gi⸗ ſela einen Schritt zurück, und ſchaute die Gegnerin mit ſtolzer Verachtung an. Der Marſchalk fand einen Augen⸗ blick ſeine Herrengewalt wieder, und ſchrie, daß Mechtild zurückprallte:„Potz Gütigott, habe ich das ſatt oder will ich's noch länger leiden? Platz da, Du rothwangiger Drache, oder ich führe mit Dir ein Tornei auf, wo mit Geißeln gefochten wird.“ Da nun der Eingang in den Saal frei war, nahm der Edelmann Giſela bei der Hand, und trium⸗ phirte mit ihr in das Gemach hinein, das an Zierlichkeit und einfacher Pracht ſeines Gleichen ſuchte. Man merkte wohl, daß in dieſem Schloſſe eine unnachſichtige Hand ſich des Regiments befließ. Das Getäfel war blank, daß es ſpiegelte, die Wappen ſtrahlten bunt und klar von den Fen⸗ ſtern, die goldenen Zierrathen der Decke leuchteten hell, als wären ſie von geſtern, auf dem farbig geplatteten Boden lag kein Stäubchen. Der runde Tiſch im luſtigen Erker war blendend weiß belegt, das Tafeltuch geſchmückt mit ſeinen rothen Franzen, der bequeme Polſterſtuhl des Herrn ſorgfältig aufgelockert, der Zinn der Schüſſeln und der Stahl der breiten Meſſer blitzend wie Silber. Ein fröh⸗ licher Imbiß ſtand gerüſtet, und der waivliche Deckelkrug, gefüllt mit edlem, durchſichtigem Rebenſafte. ——— — Dieſe Ordnung, dieſe Behaglichkeit that der armen Gi⸗ ſela ſo wohl, als ihr der Empfang der böſen Haushälterin wehe gethan hatte. Sie erinnerte ſich des ſtattlichen Refek⸗ toriums zu Lichtenthal, und des kurzen Traumes ihrer Ju⸗ gend, als noch ihr Vater ſein eigen Haus beſeſſen, ſo ſchön, und ſchöner noch als dieſes Schloß. Tief athmend ließ ſie ſich vom Marſchalk zur Tafel geleiten, wo er ſie ihm gegenüber ſitzen hieß. Verzehrt von Grimm, und den⸗ noch klug ſchweigend vor der plötzlichen Aufwallung des Gebieters, ſtand Mechtild im Hintergrunde, und rieß zor⸗ nig an den ſilbernen Ketten ihres Damafimieders. Der Marſchalk ſank zufrieden mit ſich ſelbſt in ſeines Stuhles Polſter, und ſprach, ohne der Haushälterin einen Blick zu ſchenken:„Du führſt einen feinen Tanz auf, Mechtild, wenn ich einmal einen Gaſt mit mir bringe. Darum ſollſt Du auch nicht zu Tiſche itzen dürfen; ſollſt uns bedienen. Dein Eiſenkopf wird noch zu brechen ſeyn, denke ich. Schneide die Keule an, und lege ſelbſt dem Mägdlein vor; denn wahrlich, unter ſeinem groben Gewande ſteckt etwas Evleres, und ich wette, daß die Dirne von anſehnlicherem Stande iſt, als Du, hoffärtige Jeſabel.“ Ohne ein Wort zu verſetzen, gehorchte Mechtild, ſchnitt blutrothen Angeſichts und mit zitternder Hand den Wild⸗ braten, legte haſtig dem Herrn, ſodann der Fremden vor, und warf der letztern verſtohlen einen Blick zu, der die ganze Wuth ihres Innern verrieth. Dann trat ſie ſchnau⸗ bend einige Schritte hinter den Seſſel des Marſchalks, und preßte die Hände zuſammen, als begehre ſie, die Finger zu zerquetſchen. Der verlaſſenen Giſela quoll der Biſſen im Munde, und der Burgherr ſpielte den Gleichgültigen, ob ihm ſchon bei dem Betragen ſeiner Hausjungfer nicht ſon⸗ derlich wohl zu Muthe war. Eigenhändig ſchenkte er in Giſela's Becher den perlenden Wein, und ſchüttelte ver⸗ 9⁴ drüßlich den Kopf, da ſie der Reben Glut verſchmähte, und ſo freundlich als ſie vermochte, von Mechtild einen Trunk Waſſers begehrte. Die Anmuth ihrer Rede rührte die Haus⸗ hälterin trotz ihrer Verſtockung, und ſie beeilte ſich ſogar, aus dem lebendigen Brünnlein in der Ecke des Saals die verlangte Erfriſchung herbeizuholen. Da ſagte der Mar⸗ ſchalk mit herbem Tone zu Giſela:„Wie bringſt Du's über's Herz, von dem garſtigen Weibsbilde Dir einen Trunk reichen zu laſſen, und fürchteſt Du nicht, daß ſie Dich mit Gift vergebe?“—„Ich thue ihr ja nichts zu leide, und habe alles Vertrauen in eines Weibes Gemüth,“ antwortete die Jungfrau gelaſſen. Während deſſen ſchoßen bittere Zäb⸗ ren in die Augen der leidenſchaftlichen Mechtild, und ſſie brach heftig in die Worte aus:„Das iſt zu viel, Herr Seybold. Habe ich denn verdient, daß Ihr mich alſo miß⸗ handelt, während ich nur auf Euer Beſtes ſchaue? Ich ein garſtiges Weibsbild? Ich eine Giftmiſcherin? Wir können nicht alle ſchön ſeyn wie die Mutter Gottes, und ich war Euch lange hübſch genug, und habe noch niemals Gift ge⸗ miſcht, ſo viel mir auch gebranntes Herzeleid angethan wurde, von dem und jenem.“ Ihre Rede verſiegte in lau⸗ tem Schluchzen, daß der Marſchalk unruhig wurde, auf ſeinem Stuhl hin und herrückte, und begütigend in Mech⸗ tilds Klagen rief:„Nun, ſey nur gut, war's doch nicht böſe gemeint. So Du nachgibſt mit Heulen, und verſprichſt, ein feines Kind zu ſeyn, ſo ſind wir ja wieder die beſten Freunde. Ich bin jäbzornig, und Du ſollſt mich nicht auf⸗ bringen, weißt Du's? Du ſollſt gaftfreundlich ſeyn, und die verfluchte Eiferſucht an den Nagel bängen, die ſogar ſcheel dazu ſieht, wenn meine Hunde mir ſchmeicheln. Weißt Du's nun? So wiſche die Thränen ab, und ſetze Dich an meine Seite, und genieße fröhlich mit, kwas der Himmel uns beſcheert.“ 95 Da Mechtild ſah, wie der Herr mit einemmale ſich umgewendet, ſo wurde ſie geſchmeidig wie eine Blindſchleiche, brachte aus dem Schranke geſchäftig die Nachtmütze des Alten, und den pelzverbrämten Hausrock, und die Filzſchuhe, und ruhte nicht, bis er ſich's bequem gemacht, und ſetzte ſich dann zwiſchen ihn und Giſela mit befriedigtem Geſichte und ziemlich glatter Stirne, wie wenn nichts Böſes in dem Hauſe vorgefallen wäre. Seybold wurde darob ganz mun⸗ ter, trieb allerhand kindiſche Poſſen, wie ſie bei einem Ha⸗ geſtolz von ſiebenzig Jahren nur zu oft vorkommen, rühmte gegen Giſela die Treue und die rechtſchaffenen Dienſte der Mechtild, und ſagte endlich ſchäckernd zu der letztern:„Du rothe ſchnurrige Katze, haſt gewiß gemeint, ich hätte auf der Heerſtraße mir ein Weiblein gekauft? Wenn ich Dir aber ſage, daß ich eigentlich von dem ſchönen Kinde gar nichts weiß, als daß es ſich Geißlin nennt, und von dem ſchurkiſchen Gensbein verlaſſen wurde, der mir die ſchönen Rothfüchſe ſtahl?“— Mechtild, die Augen auf den Teller geheftet, ſchielte unter den Wimpern argwöhniſch nach Gi⸗ ſela, und war überaus zufrieden mit der Unbefangenheit auf des Mädchens Antlitz. Der Verdacht, den ſie gebegt, als ob der leichtfertige Herr ein neues Liebchen in das Haus gebracht, verminderte ſich, während der Marſchalk des Ta⸗ ges Abenteuer geſchwätzig berichtete, und ſie ſagte am Schluſſe mit gar ſittigem und beſcheidentlichem Tone:„Chriſt⸗ liche Milde iſt Gott lieb. Dem Jungfräulein ſteht dieſes Haus zu Dienſten, und Alles, was ich mit ſchwacher Kraft vermag. Ich bin ja nur die Dienerin und der Herr hat zu befehlen.“—„Will Euch nicht lange zur Laſt fallen,“ entgegnete Giſela, indem ſie ihre Hand in die dargebotene der falſchen Mechtild legte:„des gnädigen Herrn Güte iſt zu groß, und ein ſolcher Edelſitz geziemt ſich nicht für mich arme Dirne, obſchon ich nicht minder edel geboren bin.“ *— — Mechtild verzog ungläubig die Mundwinkel, und drin⸗ gend erkundigte ſich der Marſchalk nach dem Geſchlechts⸗ namen ſeines Gaſtes. Aber Giſela verſetzte feſt und de⸗ müthig:„Erlaßt mir den ſchweren Kummer, Euch meines Vaters Unglück zu melden, und legt mir's nicht für Hof⸗ fart aus, wenn ich von meiner ehrlichen Geburt geſprochen. Ich wollte nur der Jungfer Mechtild zu verſtehen geben, daß ich keine fahrende Dirne bin, und lieber ſterben mag⸗ als barmherzigen Leuten überläſtig ſeyn.“—„Potz Güti⸗ gott! das Fräulein ſpricht wie von der Kanzel. Bei mei⸗ nem Eid, ſo redet nicht gemeines Volk.“—„Ihr ſagtet von einer Muhme zu Ulm?“ fügte Mechtild hinterliſtig hinzu:„Ihr ſeyd nicht weit vom Wege dahin abgekommen, könnt bald den Donauſtrom erreichen.“—„Hoho, Mech⸗ tild!“ ſagte der Marſchalk eifrig mit einem verliebten Blick auf Giſela:„Das eilt ia nicht. Es bleibt dabei, das Fräulein Geißlin iſt in meinem Hauſe wohl aufgehoben, bis es ſelber gehen mag. Davon iſt morgen zu reden Zeit, oder übermorgen, oder über's Monat, oder über's Jahr. Ich habe nicht Weib, nicht Kind, ſorge nicht für meinen Neffen, den ungerathenen Reißläufer, den Verſchwender, und liebe fromme Dirnen über alles. Verſprecht mir, gu⸗ tes fremdes Geißlin, noch nicht ſobald vom Scheiden und Valet zu reden.“—„Das findet ſich, geſtrenger Herr,“ ſagte Giſela zerſtreut und mit veklommener Seele:„gönnt mir nur bald die Ruhe in irgend einem ſtillen Kämmerlein, wo ich die Nacht verbringen mag, ſchlafend weniger als vetend zum Himmel, daß er in ſeiner Weisheit mir vor⸗ zeichne, ob ich voran oder wieder heimwärts wandern ſoll.“ —„Richts wandern!“ fiel Herr Sepbold ein:„dableiben ſollt Ihr, wißt Ihr's wohl? Potz Gütigott, widerſpenſtige Leute weiß ich feſt zu binden. Das ganze Thal zittert vor mir, wißt Ihr's? Nun, Ihr habt's ja ſelbſt geſehen. Fürchtet Euch vor mir, ich habe Haare auf den Zähnen, und was ich will, das geſchieht.“ Giſela bemerkte, daß des Weines Kraft den ſchwachen Kopf des Alten übermannte, und drang daher noch eifri⸗ ger auf die Vergünſtigung, ihre Schlafſtätte zu ſuchen⸗ „Gleich, mein unbekanntes Fräulein,“ erwiederte Mechtild mit Honigſeim auf den Lippen:„ich wohne in einer trau⸗ lich ſtillen Kammer, und Ihr ſollt mein Lager theilen⸗ Gebt Acht, wir werden noch recht vertraut zuſammen, und die Geſellſchaft einer ſeinen Jungfrau, deren ich ſo lange hier entbehrte aus Liebe zu dem gnädigen Herrn, wird mir wohlthun. Schmeichelnd umſchlang ſie die argloſe Giſela, die ihrer Gegnerin Mitgefühl erregt zu haben glaubte, und führte ſie zur Thüre des Saals hinaus.— Die Lichter waren unterdeſſen gebracht worden, und Sey⸗ bold, der, nachdem er Giſela's Gutenacht empfangen, der polden Erſcheinung von ſeinem Stuhle aus ſehnſüchtig nach⸗ geſtarrt hatte, ſchaute nun eben ſo ſteif in die Kerzenflam⸗ men, und träumte von einem neuen Glück, das aus dem tiefen Winterſchnee ſeines Alters aufblühen möchte wie eine ſpäte, aber unverwelkliche Roſe. Dieſe Roſe in ſeinem Garten zu hegen, war ihm erwünſcht, ſchien ihm Bedürfniß;z nur fürchtete er ſich ſehr vor der Wächterin mit dem feuri⸗ gen Schwerte, und war darum hoch beſeligt, da Mechtild hereintrat, luſtiger und freundlicher als jemals. Schalk⸗ haſt trat die liſtige Bübin vor ihn, drohte ſcherzend mit dem Finger und ſagte:„Das war eigentlich wider die Ab⸗ rebe, Väterlein Seybold. Aber, weil das Mägdlein Euch gofällt, ſo will ich's auch lieb haben, und danke für die neue Helferin.“—„Potz Gütigott, iſt das Dein Ernſt, Mechtild?“ fragte Seybold zweifelhaft, und Mechtild ver⸗ ſetzte:„So wahrhaftiglich, lieb Väterlein, daß ich den Kunz, der im Blocke lag, mit Geld beſchenkte, und die Nonne von Gnadenzell, I. 88 ungattige Liſe von der Kette befreite, nur aus Freuden über unſern neuen Gaſt.“—„Das walte Gott, und halte mir das Vöglein feſt, und ftifte immerdar Frieden zwiſchen Euch. Ich werde ruhig ſchlafen, Mechtild, weil ich hent ſo erſtaunlich gut mit Dir fahre. Komm, führe mich, die leidige Gicht ſpuckt wieder ſeit dem Ritte doppelt in mei⸗ nen Beinen. Es iſt doch alles friſch und geſund auf dem Schloſſe? Hat doch nicht wieder Einer Luſt, zu ſterben, und mich aus dem Hauſe zu jagen?“—„Mit nichten, lieb Väterlein. Alles friſch und geſund, und am längſten mögt Ihr leben, weil Ihr meine Freude und mein Stab ſeyd.“ —„Danke ſchön; Dein Erbe ſoll Dir auch nicht geſchmä⸗ lert werden. Den FPfaffen habe ich ſchon genug gegeben, alles übrige bis auf das Schloß gehört nun Dein.“—„Ich theile es einſt mit Giſela.“—„Das wollteſt Du? Du viſt mein Schatzkind, von dem ich nimmer laſſe. Ueber kurz oder lang kommt doch am Ende Geißlins Herkunft zu Tage, und ein reicher Mann kauft ſie zur Frau, und Alles⸗ was mir gehörte, iſt dann einzig wieder Dein.“—„Ich aber laſſe mich von Niemand kaufen, lieb Väterlein. Ich werve ſeyn gleich einer Wittwe, habt Ihr mich allein ge⸗ laſſen.“—„Daran erkenne ich Dich, treues Herz. Sorge nur revlich für mich, bis an's Ende, feines Lieb, und halte mir vie Giſela hübſch feſt.“—„Grämt Euch nicht, ſie bleibt ſchon gerne. Schlaft wohl, mein altes Väterlein.“— Der MVarſchalk, in ſeine Kiſſen eingehüllt, verſank ſchnell in den Schlummer, hielt noch lallend eine Weile Mechtilds Hand in der ſeinigen, ſchwieg alsdann, und ſchloß die Augen feſt. Mechtild, da ſie ihn eingeſchlafen ſah, machte ſich behutſam von ihm los, zündete die Lampe an, löſchte die Lichter, und verließ auf den Zehen des Herrn Schlafgemach, um nach ihrer Kammer zu gehen. An der „ Treppe begegneie ihr des Marſchalks Leibdiener, der ſchlanke Utrich, der die Schlüſſel der Burg zu bringen kam, und tauſchte für das ſchwere Eiſen, das er Mechtild vertraute, einen ſüßen Kuß ein, den ſie ihm gab.„Der Alte ſchläft gewiß,“ flüſterte er:„ich folge Dir, mein Herz.“—„Nicht heute, Utz. Die fremde Creatur ſchläft unter meiner Ob⸗ hut.“—„Was iſt es mit der Fremden?“—„Der Schwarze weiß es. Alt Böcklein iſt vernarrt in ſie, und das iſt mir ſchon genug, daß ich kurz ein Ende mache.“—„Du biſt klug, Mechtild. Rur ſchaffe ſchnell die Ueberläſtige hinaus, daß ich nicht morgen vergebens wieder um den Johannis⸗ ſegen betteln muß.“ Mechtild verſchloß dem Leichtfertigen, der ſie umſchlang, den Mund, und ſie gingen, er zum Hof hinunter, ſie nach ihrer Kammer. Als ſie die Thüre des Gemachs öffnete, ge⸗ wahrte ſie mit Verwunderung, daß Giſela am offenen Fen⸗ ſter ſtand, in die gewaltige Tiefe ſchauend, zu deren Füßen die lange Tanne ausſah, wie ein niedriges Geſträuch. „Warum ſchlaft Ihr nicht?“ fragte Mechtild mit hartem Ausvruck ihren Gaſt.—„Ich habe mit Gott geredet,“ verſetzte Giſela, und zeigte begeiſtert nach dem Himmel, wo der klare Mond, umgeben von ſeinem Sternenheere, ſchwamm⸗ ein ſilberner Schwan auf funkelnd blauem See. Mechtild ſchien wenig gerührt von der erhabenen Nachtfeier, drehte ſich kurz zu ihrer Gefährtin, und ſprach halb laut, aber darum nicht minder gebieteriſch und drohend:„So erlaube denn, Du Wilderling, daß ich mit Dir rede. Ich gehe nicht um den Brei, und bin gleich fertig. Wir taugen nicht zuſammen. Was Du auch in Deinem Köpflein haſt, und hier auszuführen venkſt, es wird nichts daraus. Herr Seybold iſt ein alter ſchwacher Mann, leicht bethört von einem zarten Geſichtlein, leicht belogen von einer ränke⸗ vollen Tauſendſchön; aber ich leide es nicht. Eine von uns beiden muß weichen, und da ich es nicht thun will, ſo wirſt Du es thun müſſen. Und zwar morgen ſchon, ehe der Hahn zum letztenmale kräht, und ganz in der Stille. Und wenn Du wiederkehrſt, ſo laſſe ich Dich geißeln, Du abenteuerliches Fräulein Wunderhold; und iſt es dann nicht genug, ſo ſetze ich Dich hin, wo Dich nicht Sonn noch Mond beſcheint; und müßte ich Dich umbringen, ſo ſoll doch Friede ſeyn mit Dir, und der Herr Dich nimmer ſehen⸗ Merke Dir das in Liebe und Güte, mein Schatz.“ Mechtild war verhoffend, die überraſchte Giſela beben, erbleichen, verzweifeln zu ſehen. Dem war nicht alſo. Der ganze Vorrath von Wildheit und frecher Zungenfertigkeit, den Mechtild beſaß, wurde zurückgeſchreckt durch die kalte Ruhe, womit die Tochter des Herrn von Bachenſtein ihrer Feindin in die Augenſterne ſah. Noch höher ſtieg die Ver⸗ wunderung der Haustyrannin, da Giſela gefaßt und beſon⸗ nen antwortete:„Spart doch Euere Drohungen. Nicht einer einzigen hätte es bedurft, denn ich wäre Euch entge⸗ gen gekommen, Euch zu ſagen, was ich beſchloſſen, und was Euern Wunſch erfüllt. Noch war ich nicht in dieſem Hauſe, und ſchon dachte ich auf die Mittel, wieder daraus zu gehen. Ich geize nicht, wie Ihr glauben mögt, nach der Freundſchaft des Herrn von Zavelſtein, und nach der Stelle, die Ihr bei ihm einnehmt. Ein einſameres Leben iſt mein Loos, der Himmel allein mein Freund. Mit ihm habe ich auch jetzt mich berathen, und da ſind mir ganz abſonderliche Gedanken gekommen.“ Mechtild ſtand betrof⸗ fen dem Mädchen gegenüber, und lauſchte mit ehrfurchts⸗ voller Spannung ſeiner Rede, da es fortfuhr:„Ich habe mich bedacht, wie doch der Meiſter der Schöpfung ſo un⸗ aus ſprechlich gütig gegen alle ſich erweist, die ſich ſein Ebenbild nennen. Die Sonne ſtrahlt dem Tugendhaften wie dem ſchelmiſchen Gensbein, der mich verrieth; des Mon⸗ ves Scheibe leuchtet dem Schlemmer bei ſeinen Gelagen, 1DI wie der züchtigen Kloſterfrau, die ihr rauhes Bett verläßt, um die Hora zu ſingen. Wir ſollen der ewigen Milde nach⸗ thun, wie es in unſern Kräften ſteht: mit Güte und Ver⸗ trauen dem Feinde lohnen, der uns anfällt in Haß und Argwohn. Darum ſollt auch Ihr, Mechtild, weil Ihr mich ohne Grund verfolgt, meiner Geheimniſſe theilhaftig wer⸗ den, damit Euerm böſen Auge die Schuppen abfallen, da⸗ mit Ihr wiſſet, gegen wen Ihr die ſ Hand zu er⸗ heben drohtet.“ Ruhig und ohne Rückhalt erzählte Giſela der ſtaunen⸗ den Zuhörerin ihres kurzen Lebens Bedrängniſſe, ihren Ab⸗ ſcheu vor dem Neffen des Marſchalken, jetzo noch doppelt geſteigert, ſeitdem ſie wußte, welch ein frevelnd Spiel er mit ihr zu treiben begehrte; ferner ihre Flucht aus väter⸗ lichem Hanſe, und ihren neu gefaßten Entſchluß, trotz des räthſelhaften Verſchwindens ihres Begleiters die Muhme in Ulm aufzuſuchen, auf die Gefahr hin, vor ihrer Härte zu Schanden zu werden, und ſodann, wenn nur als Laien⸗ ſchweſter, in einem Kloſter ſich begraben zu müſſen. Das ungeheuchelte Vertrauen, womit ſich, ohne es verdient zu haben, Mechtild beehrt ſah, zerknirſchte ihr Herz, ob es gleich demſelben ſchmeichelte. Sie gab ſich überwunden, bethenerte gegen Giſela ihre Reue, unterließ jedoch nicht, alles, was ſie gehört, zu ihrem Vortheil zu benützen. Sie vergrößerte durch abenteuerliche Erzählungen geſchickt den Widerwillen, der in des Fräuleins Seele gegen Heerdegen aufgewachſen, und die Mißbilligung, welche Giſela über des Marſchalken Wandel äußerte. Mechtild ſtellte ſich ſelbſt als eine unglückliche Verführte dar, die einen Fehltritt mit ſchwerer Reue büße, und kein Mittel unverſucht laſſe, was ſie auf einer Seite Böſes gethan, auf der andern durch ein gutes Werk zu vergelten. Sie halte es für ihre heiligſte Pllicht, ſagte ſie, ihre Hand zu Giſelas weiterem Fortkom⸗ 102 men zu bieten; die Gelegenheit treffe ſich juſt ſo gut, der Thalmüller fahre morgen auf einem Wagen, mit feiſten Pferden beſpannt, gen Pfullingen; das Fräulein ſolle ſich ihm anvertrauen, man werde für Alles forgen, von Pful⸗ lingen ſey Ulm bald erreicht, und wenn das Fräulein in jener Stadt nicht gediehe, oder für gut hielte, eines Beſ⸗ ſern belehrt, gar nicht hinzugehen, ſo ſtehe ein freundliches Ziel am Wege: ein Kloſter, juſt wie Giſela es wünſche, und deſſen Pforte Mechtilds Fürwort ihr zu öffnen im Stande ſey.—„Welches Kloſter?“ fragte Giſela neugie⸗ rig.— Mechtild verſetzte mit andächtig niedergeſchlagenen Augen:„Das heilige Kloſter Gnadenzell, Predigerordens.“ —„Wo liegt es, und wie iſt es möglich, daß Ihr mir den Schlüſſel dazu leihen könnt?“—„Das Gotteshaus liegt auf der Alb in tiefer Einſamkeit, wie Ihr's begehrt, den Höhlen zu vergleichen, worinnen die erſten hochwürdigſten Einſiedler gelebt. Die Priorin aber, die geiſtliche Mutter Richardis, iſt meine Schweſter.“—„Euere Schweſter? Ei, ſo ſtrauchele man nicht auf den dunkeln Wegen der zwigen Fürſicht, die Euere Schweſter an die Spitze einer heiligen Lämmerheerde ſetzte, während Ihr eines alten, wü⸗ ſten Junggeſellen Haus beſtellt.“— Mechtild fand nothwen⸗ dig, heuchleriſche Thränen aus ihren Augen zu preſſen, und ſeufzte, die Bruſt ſchlagend:„Die eine ging hienieden ſchon zum Himmel ein, und die andere in der Sünde Tod⸗ Meine Hoffnung iſt, daß auch für mich des Erlöſers Blut gefloſſen, daß auch ich dereinſt den Stricken des Toves ent⸗ rinnen werde, und mein irdiſch Leben dann in jener Klaufe zu beſchließen, iſt meine Sehnſucht.“— Mit edler Wallung fragte Giſela ſogleich:„Warum thut Ihr nicht heute, wor⸗ an Euch morgen vielleicht der Teufel verhindert? Werſt ſie von Euch, dieſe golvne Flitterhaube, die ſilbernen Span⸗ gen und Ketten, das üppige Seidenſtoffgewand. Laßt da⸗ ———,— 103 hinten alles, was die Tugend ärgert, und folgt mir nach Gnadenzell. Es ſey kein Unterſchied zwiſchen uns, wir wol⸗ len Schweſtern ſeyn, an unſerm Beiſpiel gegenſeitig uns erbauen.“ WMechtild erſchrack theils bei dieſem Vorſchlag, theils fühlte ſie ſich verſucht, der Begeiſterten frech zu ſpotten, doch bezwang ſie den Hohn, fellte ſich hinter den Schild ihrer Argliſt, und antwortete mit betrübtem Ausdruck: „Wie gerne, mein Fräulein! aber wäre nicht mein Abſchied des Marſchalken Tod? Muß ich nicht aushalten an dem Siechbette desjenigen, deſſen Lebensfreude ich einſt theilte 2 Die Friſt bis zu ſeinem Hintritte iſt ſchon eine goldne Prü⸗ fung für mich, und ſchon geläutert von vielen Schlacken werde ich einſt aus dieſem Hauſe gehen. Ihr aber ſeyd eine Auserwhlte, ein unbefleckter Engel auf Erden. Ihr werdet der Mutter Gottes Gnadenzelle heiligen, ſo wie Ihr mich bereits geheiligt habt. Verſprecht mir wenigſtens, ein Brieflein, ſo ich ſchreiben werde, meiner Schweſter zu beſtellen. Ihr Dank wird Euch die Mühe lohnen, wenn auch der meinige von keinem Werthe für Euch ſeyn kann. Ich gehe, kehre gleich zurück, und werde alles ordnen, was Euerer Reiſe frommt. Verfinſtert doch nicht Euer ſchön Geſicht, Ihr ſollt mir nichts ſchuldig bleiben, und mir von Ulm alles erſetzen, wenn überhaupt etwas zu erſetzen ſeyn wird.“ Mechtild entfernte ſich eiligſt; ſie hatte, wenn auch mit etwas Demüthigung, einen ſchnellen Sieg über den Feind errungen. Das ſchadenfrohe Lächeln, womit ſie ſich nieder⸗ ließ, ihre Buchſtaben auf's Papier zu malen, ſchien anzu⸗ deuten, als wenn ſie noch einen gewichtigeren Streich auf das Haupt derjenigen zu führen gevächte, deren heitere Un⸗ ſchuld ſie ärgerte.— Während deſſen verſank Giſela in Be⸗ trachtungen und Nachdenken. Hülfe und Wohlthat aus 102 Mechtildens Hand widerten ſie an; dennoch mußte ſie ſich ſtets im Geiſte wiederholen:„fort muß ich„ich will nicht mehr zurück.„mir bleibt keine Wahl.“ Und dann ſpielte das Bild der Gnadenzelle ſo freundlich vor ihrer Einbildungskraft, daß ſie darüber die Muhme in Ulm ſchier vergaß, und ſich ſchon gleichſam wie eingekleidet als Nonne in den heiligen Mauern ſah. In der erſten ſchwachen Morgendämmerung entſchlüpfte Giſela an Mechtildens Hand dem gefürchteten und verhaß⸗ ten Zavelſtein. Von dem vertrauten Utz im Voraus benach⸗ richtigt und gedungen, hielt der ehrliche Thalmüller mit ſeinem Fuhrwerke am Fuße des Schloßberges, und gelobte, da ſeine Reiſende zögernd den Wagen beſtieg, wie ein gu⸗ ter und weiſer Mann für dieſelbe zu ſorgen. Nach einſilbi⸗ gem Abſchiede rollten die Räder in's Weite, und ein Paar Stunden nachher betheuerte Mechtild ihrem Herrn mit be⸗ trübtem Geſichte, daß die undankbare Gifela Mittel gefun⸗ den, heimlich zu entwiſchen, und es nicht der Mühe werth ſey, weiter nach der landfahreriſchen Dirne zu fragen. Dem kindiſchen Manne war bald die Grille des vergange⸗ nen Tages ausgeredet, und ihrerſeits vergaß ihn Giſela gerne. Ein neues Leben winkte ihr, eine neue Welt, und ſie zürnte den Roſſen, daß ſie nicht in vollem Laufe immer weiter ſtürmten, ſondern den nächſten Berg ſchon keuchend hinanſchlichen, viel zu langſam für ihre Ungeduld. Der bedächtige Müller blieb bei dem Wagen zurück, voraus ſchritt das Fräulein, und erreichte bald eine ſchwarze Ge⸗ ſtalt, die, auf einen Reiſeſtock gelehnt, von der mühſeligen Bergfahrt ausſchnaufte. Das fromme Antlitz des Knaben, ſeine gelben Locken, ſein Schülergewand waren Giſela nicht fremd. Der Schläfer aus dem Tannenwalde ſtand vor ihr, und ſie grüßte ihn traulich, wie einen alten Bekannten. Dem Schüler gefiel der freundliche Gruß der Jungfran 105 gar ſehr, und knüpfte ſchnell zwiſchen beiden das Band der Herzlichkeit, welches ohnehin ſo leicht Wanderer vereinigt, die eine und dieſelbe Straße ziehen.„Wohin, liebe Jung⸗ fer?“—„Pfullingen zu.“—„Ich gehe auch dorthin.“— „Gut, junges Herrlein. Wie heißet Ihr, und weſſen Stan⸗ des?“—„Mein Name iſt Jakob Spittler von Göppingen, bin ein geiſtlicher Student, und komme juſt von Hirſchau. wo mich der Abt freigebig beſchenkte, weil ihm mein ſchwa⸗ ches Lautenſpiel gefallen.“—„Ihr ſeyd wohl müde, freund⸗ liches Studentlein?“—„Ein wenig, Jungfer, und wäre froh, wenn Ihr mich auf Euern Wagen ſitzen ließet.“— „Von Herzen, junger Freund. Wenn der Müller nichts dagegen hat. Der ehrliche Weißrock kam juſt heran, und hörte die Worte.„Nur aufgeſeſſen, junges Pfäfflein,“ ſagte er gut⸗ müthig lachend:„Eure Würde fällt noch nicht ſchwer in's Gewicht, und Ihr mögt uns eins vorſpielen, wenn wir Langeweile haben, oder die Pferde nicht mehr tapfer laufen. Zugleich zeigt mir die Straße; ich fahre zum erſtenmale auf Pfullingen, und der Weg iſt mir noch unbekannt.“ Siebentes Kapitel. Alldieweilen an dieſem Tage Mit Euer allem Behage Unter dem hellen Himmel klar Ein frei Halsgericht offenbar, Geheget beim lichten Sonnenſchein, Mit nuͤchternem Munde gekommen herein, Der Stuhl iſt auch geſetzet recht, Das Maaß befunden aufgericht, So ſprechet Recht ohne Furcht und Wonne, Auf Klag' und Antwort, weil ſcheint die Sonne⸗ Weſtphäliſche Gerichtsformel⸗ Es war ein ſchönes Jahr, da Alles gedeihen mochte in Freude und Ueppigkeit. Die Saaten hingen golden und ſchwer, der Rebſtock verſprach einen doppelten Herbſt, in Hülle und Fülle kam das Obſt an den Bäumen; die Matten grünten voll und wuchſen ſchier über Nacht in fetten Hal⸗ men wieder empor, ſo daß die Heerden feiſt wurden, Wolle und Fell ergiebig, und Luſt und Vergnügen an allen En⸗ den, weil das Volk einer heitern Zeit entgegenſah, des Krieges baar, aber wohl geſpeiſet, getränkt und warm ge⸗ kleidet. So ging der Jubel auf in Städtlein und Dörfern, und man verbrauchte luflig den alten Wein und das alte Korn, weil der liebe Gott ſo freigebig für die Zukunft ge⸗ ſorgt. Doch war darum nicht Alles gut im Lande, und wenn etwa der Bürger hinter den Wänden ſeines Hauſes ruhig lag, ſo fuhr er doch nicht immer ſicher die offene Heerſtraße, und manch einer verlor unter freiem würtem⸗ 107 bergiſchem Himmel Leib und Gut durch Schelmenhand, wenn ſchon Graf Eberhard, der Bartmann, auf Recht und Frieden ſchaute. So traf ſich's öfter, daß, wo die Obrigkeit nicht Fürſorge treffen konnte, eine Miſſethat zu verhüten, ſie hinterher mit dem Schwerte darein ſchlagen mußte, daß es Blut gab, und nicht immer war es das ſchuldige Blut, was vergoſſen wurde. Die leidige Zeit hielt nicht Treu und Glauben, die Eide waren nicht mehr heilig, und al⸗ lenthalben wuchs der Frevel auf, wie ein großes Feld, be⸗ ſtellt mit Unkraut. Einen Senſenſchnitt in ſolche Diſtelflur zu thun, waren in des heiligen römiſchen Reichs Dorfe Pfullingen zwölf geſchworene Richter beiſammen, unter blauem Hlmmel, da die Sonne ſchien, an der Königsſtraße, wie es der Brauch in den Landen deutſcher Nation geweſen. Die geſtabten Männer ſaßen im Ring, aber auf des Rathhauſes Stufen war der Stuhl des Obervogts von Urach erhöht, und er befahl dem Gericht, ſowohl im Namen des Kaiſers als des gnädigen Herrn von Würtemberg. Zwei Schreiber ſaßen zur Seite mit geſpitzten Rohrfedern und an den Schranken, die weit den Platz umgaben, wachten die Häſcher des Dor⸗ fes, und die Trabanten, die mit dem Obervogt gekommen, und Diener des Gerichts in ernſthaften Wappenröcken hiel⸗ ten die Fahne, das Schwert, das Stäblein, und riefen nach ver Reihe diejenigen in den Ring, ſo darinnen zu thun hatten. Um die Schranken drängte ſich ein unzählig Volks⸗ ſpiel, füllte die Straßen, ſo Bürger von Pfullingen, als auch Herren und Meiſter von Reutlingen, Bauern von der Alb und aus den Thälern, und viele von den Einwohnern von Ehningen, der Kaufherren von Reutlingen, Markthelfer und Waarenträger, denn für ſie war der Handel, der all⸗ hier geſchlichtet werden ſollte, wichtig und von großem Be⸗ lang. Weit hinter dem Volke aber, in demüthiger Ent⸗ 108 fernung, hielt ſich der Angſtmann mit ſeinen Helfern und ſeinem Werkzeug, ob er nicht etwa beſchieden würde, ſein Amt zu thun. Und alſo war es ein ehrliches, gebotenes Schrannengericht. Nachdem dreimal das Horn ertönt, und die Trommel geſchlagen, verlas der Obervogt ſeines gnädigen Herrn Befehl und Einſetzung, die Gerichtsknechte rieſen nach allen vier Winden Stille aus, und Niemand rührte ſich mehr, weder der Edelmann an den Schranken, noch der verwegene Bube auf dem Rande der Häuſergiebel. Die Gaſſen waren mit Ketten geſperrt, und nicht Roß, noch Wagen mochte zur Stunde des Gerichts durch Pfullingen ziehen. So be⸗ fahl der Obervogt, daß man den Beklagten herbeiführe; und aus dem Rathhauſe kam ein junger blaſſer Mann mit Flachshaaren und ſchwachem Flaum am Kinn, die Hände auf den Rücken gebunden, und die Knechte ſiellten ihn be⸗ ſcheidentlich in den Ring, nahmen ihm die Stricke ab, wahrten aber fleißig, daß er nicht entliefe. Sodann winkte der Obervogt zum zweitenmal, und drei Zeugen und Kläger kamen in die Schranken, den Gefangenen ſeiner Schuld zu zeihen: der erſte, ein Mann in grauer Herrenkleidung, ver⸗ brämt mit ſchwarzem Zeug und weißen Krauſen, einen Trauermantel über den Schultern, und auf dem Kopfe den Schlapphut eines Leidtragenden; der zweite, ein Oel⸗ und Leinwandträger von Ehningen, wie ſie für Rechnung der Reutlinger landauf, landnieder fuggern; der dritte, ein Jägersmann, im Dienſt der heiligen Karthauſe von Güter⸗ ſtein. Sowohl der Ehninger, als der Waldknecht waren verwundet, und trugen blutige Mäler am Haupte. Der erſte Kläger ſprach unter Gewähr des Eides und ſeiner evelmänniſchen Ehre, daß er, ein Geborner von Dieſ⸗ ſenhoven, auf ſeiner Heimfahrt von Um, wo er ſeines Vaters Schwägerin begraben, gegen Hohenloh, wo er zu ——— Hauſe, vor kurzen Tagen gen Urach gekommen, und wie er daſelbſt ſeine Pferde vorangeſchickt auf der Heerſtraße, da⸗ gegen für ſeine Perſon zu Fuß nach Sanct Johann hin⸗ aufgewändert, weil er gelobt, dort eine Meſſe anzuhören, für ſeiner Muhme arme Seele im Fegfeuer. Ein redlicher armer Mann von Ehningen, derſelbe, der hier verwundet ſtehe, habe mit ihm den Weg gemacht ſonder Gefährde und Falſchheit. Sie hätten jedoch ſelbander, da ſie von Sanct Johann hernieder geſtiegen, ſich nicht vermuthet, an Gut und Leben angefallen zu werden, wie ihnen plötzlich in je⸗ nen Felſen und dichten Waldungen begegnet, da ſie von dreien Männern, die wie Geſpenſter aus der Schlucht em⸗ porgefahren, hart bedrängt wurden, mit Mordgewehr ver⸗ wundet, und ihres Geldes beraubt. Sie hätten auch das nackte Leben nicht davon gebracht, wäre nicht der recht⸗ ſchaffene Waldknecht, von Gott geſchickt, dazu gekommen, der einen von den Schelmen in's Gras geſtreckt, und die beiden andern nach hartem Kampfe verjagt. Hierauf erhob der Ehninger ſeine Stimme, bezeugte daſſelbe unter Gelöbniß, zeigte ſeine Wunden, und beſchwor bei allen Heiligthümern, daß der Menſch, den man gleich darauf in einem Häuslein von Pfullingen eingefangen, und heute vor Gericht geſtellt, einer der Räuber geweſen. Ihm fiel der Waldknecht bei, und fügte noch hinzu, daß der ge⸗ tödtete Straßendieb ein in der Gegend unbekannter Mann geweſen, wohl aber für gewiß angenommen werden könne, wie der Entwichene und noch nicht eingefangene dritte Schelm niemand anders ſey, als der gefürchtete Hauptmann ſelbſt der Strolchen, die ſeit geraumer Zeit das Land um⸗ her brandſchatzen.— Zum Schluſſe vereinigten ſich die drei Zeugen, das hochweiſe Schrannengericht um Gotteswillen zu bitten, für ſolche Frevel ſtrenges Recht ergehen zu laſſen. Nach einer langen Pauſe kehrte ſich der Obervogt zu 110 dem Beklagten vor ſeinem Stuhle, und fragte ernſthaft: „Wer biſt Du? Wie iſt Dein Name, und woher ſtammſt Du?“—„Ich bin Heinz getauft,“ antwortete der Jüng⸗ ling, und ſchwieg alsdann hartnäckig.—„Weil Du dieſen weiſen und fürſichtigen Männern nicht ſagen willſt, woher Du Urſprung genommen,“ fuhr der Richter fort,„ſo muß ich es wohl an Deiner Statt thun. Ihr kennt alle, ehrliche und geſtrenge Beiſitzer, das Haus Stahleck, unfern von Holzelfingen, ein Edelſitz, wo vor Zeiten ein biederes Ge⸗ ſchlecht gelebt. Heute aber iſt's bewohnt von mehreren ade⸗ ligen Leuten verſchiedenen Namens, deren Leumund viel geſchädigt iſt im Lande. Wohl führen ſie alte Wappen und offene Helme, halten Taubenſchläge, wie es edlen Geſchlech⸗ tern zieme, beſtellen nothdürftig ihre Felder an den Werkel⸗ tagen, und ziehen Sonntags ehrbarlich zur Kirche, angethan mit Scharlachmänteln. Doch geht die Sage in dem Volk, daß ihre Aecker ſie nicht nähren, daß ihr Haus ſtets mehr und mehr verfällt, und ſchwerlich zu errathen iſt, wie ſie es gerechterweiſe anſtellen, ihres Leibes Hoffart zu pflegen, ihre Gelage zu halten, und in Saus und Braus dahin zu lungern, wie ſolches offenbar geworden. Einer dieſer nahr⸗ loſen Junker ſteht vor euch, der Seitenſprößling eines an⸗ geſehenen Stammes, derer von Schlaiz. Wie er ſich ſchämte, ſeinen Namen hier zu nennen, ſo hätte er ſich billig ſchämen ſollen, den Raubfrevel zu begehen, den man ihm Schuld gibt. Oder leugneſt Du, Heinz von Schlaiz, leug⸗ neſt Du noch immer hartnäckig, weſſen Dich dieſe glaub⸗ würdigen Männer beſchuldigen?“—„Ich leugne es.“— „Was Deine That und Deine halsſtarrige Lüge noch er⸗ ſchwert, iſt der Verdacht, mit dem entſetzlichen Räuber zu verkehren, welcher dieſe Thäler unſicher macht. Sein Name iſt ein Gräuel, wie ſeine Thaten längſt verhaßt ſind. Es iſt zu glauben, daß er ſchon oft in euerm Hauſe Stahleck *. — 111 eine Herberge gefunden, daß Du und etwa mehrere von euch ihn auf ſeinen Zügen oft begleitet haben.“—„Ich kenne den Wildherrn nicht.“ Der Waldknecht von Güterſtein rief hierauf überlaut: „Ich ſetze meine Seligkeit zum Pfande, daß jener Räuber bei dem Ueberfall zugegen war. Ich erkannte ihn, ſah ihn ſo deutlich wie dazumal, als ich ihm auf dem Aichelberg in den Weg kam, wo er mir mein armes Leben ſchenkte.“— „Schäme Dich daher, daß Du zu ſchuldigem Danke ihn verleumdeſt,“ entgegnete Heinz mit beſonderer Heftigkeit. Worauf der Obervogt ſchnell fragte:„Wie weißt Du denn, o Heinz, daß dieſer Kloſtermann verleumdet, während Du leugneſt, ſelber bei dem Raube geweſen zu ſeyn?“ Und ein beifälliges Gemurmel lief rund um den Ring und um die Schranken, und alle, die zugegen waren, ver⸗ wunderten ſich ob dem Scharfſinn des Richters. Heinz ſchwieg eine Weile lang, das Blut ſtieg ihm zum Kopfe; doch ſagte er alſobald mit neuer Faſſung:„Ich war nicht bei dem Raube, kenne dieſe Leute nicht und nicht den Wild⸗ berrn.“—„Und mein Roſenkranz, den man bei Dir ge⸗ funden?“ fragte der Dieſſenhoven.—„Und die ſchöne Valſambüchſe, die mein gehört, und in Deiner Taſche war?“ ſetzte der Ehninger hinzu.„Und der Verſteck im Heuſchober, wo man Dich aufſpürte?“ rief auch des Kloſters Wald⸗ knecht.—„Ich begehrte zu einer Dirne einzuſteigen, und mußte mich vor ihrem Hochzeiter verbergen; Roſenkranz und Balſambüchſe erhandelte ich an ſelbigem Abend von einem Juden, meinem Lieb ein Geſchenk zu machen.“— „In jenem Hauſe iſt ſkein Lieb für Dich, wohl aber ein ſchlimme Herberge, deren betrügeriſche Wirthin ihr Urtheil im Kerker erwartet,“ bemerkte der Richter, und nachdem er eine Weile vergebens einer genügenden Antwort des Ge⸗ fangenen entgegengeharret, ſprach er, ſich erhebend:„ So 112 befehle ich, kraft der Gewalt, die mir zuſteht, daß der junge verſtockte Verbrecher peinlich gefragt und auf die Folter ge⸗ ſtreckt werde, damit er der Wahrheit die Ehre gebe, und ſeine Spießgeſellen entdecke.“ Heinz zuckte ſchmerzlich auf, da er den vorläufigen Spruch vernahm, und wollte etwas erwiedern, doch beſann er ſich ſchnell, klemmte die Lippen zuſammen, und ließ ſich ſchweigend von den Knechten hinwegführen. Hinter ihm und dem Angſtmann, der mit ſeinen Gehülfen folgte, und einigen Beiſitzern des Gerichts ſchloß ſich die Pforte des Rathhauſes. Die Volksmenge gaffte nun geſpannt und wogend wie ein Meer dem Verbrecher nach, und die Richter erhoben ſich von ihren Stühlen, als ein grauköpfiges Männ⸗ lein ſchier mit Gewalt in die Schranken drang, vor dem Obervogt auf die Kniee niederfiel, die Hände rang, und mit bitterlichen Zähren für ſeinen Sohn um Gnade flehte⸗ „Seht hier einen Edelmann zu Eueren Füßen 1 jammerte er in Verzweiflung:„doch ſchäme ich mich nicht der Schmach, wenn Ihr barmherzig ſeyn wollt. Ich, der Vater dieſes Unglücklichen, bin ein armer Mann und habe noch zwei Töchter und mein lahmes Eheweib zu erhalten. Küm⸗ merlich erndte ich mein Brod von dem ſieinigen Felde, das mir zum Loos ſiel, als ich mit den anderen Gauerben in das verfallene Haus Stahleck und ſeine Güter zog. Meine Dirnen ſpinnen für die Leute, der arme Heinz ſchlägt ſelbſt das Holz im Walde, treibt die dürre Kuh, die an dem Pfluge ziehen muß, ſtatt in einem warmen Stalle ſüße Milch zu geben. Habet Mitleiv mit mir, dem ärmſten Vater. Ich weiß nichts von einem Frevel, ich betheuere Heinzens Unſchuld. Er kann kein Dieb, kein Straßenräuber ſeyn. Leichtſinnig iſt er vielleicht, ein Schlemmer, ein Nachtſchwärmer auf verbotenen Wegen, aber, fürſichtige Männer, wißt Ihr, woher das Uebel kommt? Wißt Ihr, 113 warum die Söhne wackerer Edelleute iu dieſer Gegend zu Verderb gekommen ſind, und was ſie übel berüchtigt? Das Schandkloſter zu Offenhauſen macht ſie zu Schelmen, zu faulen Leuten, und übermüthigen Buben. Dort haben ſie ihr Einlager, ſcherzen dort mit nichtswürdigen Pfaffen, buhlen dort mit gottvergeſſenen Mägden des Herrn. Wollt Ihr, Herr Obervogt, die Wurzel alles Uebels ausrotten, o ſo kehrt Euern Grimm gegen jene Rabenhöhle; ſchenkt mir aber den Sohn wieder, daß ich nicht umkomme in Hunger und Schmach.“ Der Alte erſchütterte durch ſeine herbe Rede die Ge⸗ müther der Richter; doch erwiederte ihm der Obervogt nur mit Achſelzucken:„Gott iſt das Recht, und nach unſerem unbefangenen Gewiſſen wollen wir das Recht handhaben. Das Schwert iſt nicht umſonſt in unſeres weiſen Fürſten Macht gegeben; wo Gnade nicht beſſert, muß die ſtrenge Rüge den Verbrecher treffen. Tröſte Euch Gott, armer Mann. In dieſem Kreiſe ſitzt kein Vater, der nicht Euern Schmerz fühlte, aber bewahret Euer eigenes Thun, und veſſert Euch ſelbſt, bevor die Ruthe von Euers Sohnes Haupt nach Euern grauen Locken zurückſchlägt. Man ſpricht nicht gut von Euch, und Ihr werdet doch nicht wollen, daß die Offenhäuſer Nonnen auch Euch verführten? Laßt die Kloſterfrauen ihre Rechnung ſelbſt abthun, wozu ſie mit nächſtem der Kanzler unſers erlauchten Grafen ſtrenge an⸗ halten wird, ſorget lieber für's eigene Wohl, und Eurer andern Kinder Zukunft.“ Dieſe Zwiſchenverhandlung, größtentheils nur von den Richtern ſelbſt vernommen, im Uebrigen verſchlungen von dem ſtürmiſchen Brauſen der unruhigen Volksmenge, wurde unterbrochen, indem das Rathhaus ſich öffnete, und Heinz nach ausgeſtandener Folter, getragen beinahe von den Schergen, wieder erſchien. Der erbärmliche Anblick des Nonne von Gnadenzell. 1. S 114 Gemarterten ſcheuchte den Vater hinweg; er floh mit ver⸗ hülltem Geſichte an die Schranken. Dagegen drängte ſich das Volk wieder heftiger an den Ring, und die Fenſter der Häuſer, die eine Weile geräumt worden waren, füllten ſich abermals mit neugierigen Zuſchauern. In der Herberge zum Helm, dem Rathhauſe gegenüber, wimmelte es wie in einem Bienenkorb. Dort ging es zu wie auf einem Jahr⸗ markt, mit Eſſen, Trinken und leerem Geſchwätz, ſo daß Keiner verſtand, was ſein nächſter Nachbar redete. Von Augenblick zu Augenblick ſtiegen mehrere Gäſte in die Stuben des Wirthshauſes, meiſtens Fremde, die ihre Fuhr⸗ werke vor den geſperrten Straßen ſtehen gelaſſen, und den Weg zur Hinterthüre des Hauſes gefunden hatten. Das Gewühl war unbeſchreiblich, und wer blöde war, fand we⸗ der einen Platz am Tiſch, noch einen Raum am Fenſter, noch einen Biſſen für den Hunger. So ſtand, verſchämt und ſchüchtern in eine Ecke gelehnt, eine ſchöne Masd mit einem Reiſeſack in den Händen, und vor ihr, die Laute unter dem Talar verbergend, ein kleiner geiſtlicher Student, und er ſagte zu der Begleiterin:„Faſt glaube ich, werthe Jungfer Geißlin, daß wir beſſer gethan hätten, vor dem Orte bei dem Bäcker einzutreten, wo der Müller ſeine Roſſe unterbrachte. Nach meinen Liedern frägt hier Niemand, und Ihr ſeht ſchwach und trübſelig drein. Ich weiß nicht, was da unten im Gericht ſich begibt; wenn's jedoch an's Kopf⸗ obſchlagen geht, dürfte uns noch übler um das Herz wer⸗ den, ſehen wir gleich das Blut nicht ſtrömen, und nicht den blaſſen Leib unſers armen Ebenbildes.“—„Guter Freund Jakob,“ verſetzte Giſela mit zagender Stimme:„Ich möchte wohl ſcheiden und gleich von hinnen gehen, wenn ich nur erſt wüßte, wohin? Wer ſagt mir, ob ich beſſer thue, ob bei der Priorin mich einzuſtellen, und ihren Rath zu begehren, oder Euch zu bitten, wenn Ihr Euern Lehrer im ———.—————— 115 Kloſter aufſucht, das Brieflein zu übergeben, und ich ſelber gleich nach Ulm zu weiſen 2 „Nach Um?“ fragte ein dicker Mann plötzlich, der neben Giſela von ſeinem Weinkrug in die Höhe ſah:„Bei Gott, ich bin von Ulm, und nehme Euch mit, wenn Ihr ehrlicher Leute Kind ſeyd.“—„Das wohl, Ihr könnt mir's glauben. Iſt doch die Frau Wittib von Dieſſenhoven meine Muhme, und hat verſprochen, mich zu verſorgen.“—„Du armes Kind,“ verſetzte darauf der Ulmer mit etwas ver⸗ ächtlichem Mitleid:„da kehre nur ſtracklich um, für Dich iſt nichts bei uns zu holen. Die geizige Frau iſt längſt begraben, und was von ihrem Gute nicht dem Spittel zu⸗ fiel, ſcharrte ihr Vetter ein, derſelbe, wegen deſſen unten Gericht gehalten wird. Ein harter Mann, ſo zäh, wie die ſelige Wittib, der genug geſcholten und geflucht, da er weniger vorfand, als er vermuthete.“ Wie nun der ulmer ſich gleichgültig wegvrehte, mit ſeinen Nachbarn zu ſchwatzen, und fürder nicht mehr die Rede davon war, daß er ſich um Giſela bekümmern wolle, wankten die Kniee des Fräuleins, und es flüſterte dem gu⸗ ten Studenten zu:„Das iſt ein harter Streich, und Gens⸗ bein hat mich wahrlich ſchnöde betrogen. Mein einzig Heil iſt nun das Kloſter, und wenn Ihr wollt, Herr Jakob, ſo gehen wir ſchnell, bevor ich in dieſer Hitze und nach ſolchem Schreck ohnmächtig werde.“—„„Ich bin bereit, liebe Jungfer, die Strecke wird von hier aus nicht mehr weit ſeyn, denke ich.“ So eben ſtrich der Wirth an ihnen vorüber, und Gi⸗ ſela zupfte ihn am Kleide, und fragte ſchüchtern, wo man hinaus müſſe, um nach Gnadenzell zu kommen. Der Her⸗ perger ſchnitt ein ſpöttiſches Geſicht, betrachtete die Fremd⸗ linge vom Wirbel bis zur Zehe, und ſagte mit ſchaden⸗ Frohem Lächeln:„Was wollt ihr denn in Gnadenzell, ihr 216 ſeltſame Früchtlein?“— Da nun die Beiden, von des Wirths Gelächter verblüfft, ſchwiegon, fuhr der Herberger fort, und höhnte nur noch ſtärker:„Seyd ſchon auf gutem Wege, ihr lieben Kinderlein. Sputet euch ja, daß ihr zu den gottſeligen Frauen kommt. Geht nur der Naſe nach, auf Honau zu. Dort zeigt euch jeder Schelm den Weg nach Offenhauſen.“ Als er ſodann zu einigen Trinkern abſchwenkte, diefen in die Ohren ziſchelte, auf die Fremd⸗ linge deutend, und einer nach dem andern in freches Ge⸗ lächter verfiel, entrüſtete ſich Giſela, und zog den Begleiter mit ſich fort, und da ſie mit Mühe auf die Straße gekom⸗ men, war auch der Weg gen Honau bald gefunden. Ver⸗ drießlich und bekümmert ob des Herbergers ungeſchlachtem Betragen ſchlüpften ſie burch die tobende Menge hin, und ließen gerne hinter ſich ſowohl das ungaſtliche Haus, als auch den geizigen Vetter, und das Blutgericht, deſſen ſchauer⸗ liche Gebräuche ihren unſchuldigen Herzen Furcht und Ent⸗ ſetzen einflößten. Inzwiſchen klang in dumpfen Schlägen das Geläute vom Kirchthurm nieder, und alle Zuſchauer beim peinlichen Gericht entblößten ihre Häupter, denn juſt beteten die Rich⸗ ter, vaß ſie Gott zu einem gerechten Urtheil erleuchte. Tie⸗ fes Schweigen lagerte ſich über dem Platz, und keine Zunge regte ſich, als der Obervogt mit den Beiſitzern wieder er⸗ ſchien, und feierlichen Tones das Urtheil ſprach:„Im Na⸗ men des Kaiſers und unſers geſtrengen Herrn Grafen von Würtemberg, und weil Du, Heinz von Schlaiz, ſo auf unſer äterliches Zureden, als auch auf der peinlichen Frage bei Deinem Leugnen heharrt biſt, und Deine Mitſchuldigen nicht offen gegeben haſt, ſo verurtheilen wir, Richter und Schöppen, Dich, daß Dir, wenn auch auf Leib und Leben der Spruch nicht zugelaſſen, dennoch, Dir zur Strafe und andern zum warnenden Beiſpiel, durch Henkers Faußt der 117 linke Fuß wie auch der rechte Arm abgeſtoßen werde; auch Du verbannt ſepeſt aus dem Lande, bei Strafe an Haut und Haar, ſo Du den Bann brächeſt. Gott beſſere Dich, und alſo haben wir zu Recht erkannt.“ Mit herzzerreißendem Geſchrei ſtürzte der Vater des Verurtheilten zu Boden, und Heinz hing wie vernichtet auf den Schultern der Häſcher, die ihn unterſtützten. Als ſich jedoch der Angſtmann ihm näherte, rief Heinz laut über den Platz:„Gott vergelte dieſes grauſame Urtheil ſowohl meinen Richtern auf dem Sterbebette, als auch hier auf Erden den Zeugen, die mich verderben. Wehe und Zeter über ihr Haupt!“ Eine furchtbare Stimme antwortete hierauf aus dem verſammelten Volke:„Amen!“ Das Volk gerieth in Auf⸗ ruhr, niemand wußte, woher die gräßliche Antwort gekom⸗ men, aber Hunderte ſchrieen alſobald:„Das war der Wildherr! Der Wildherr hat's geſchworen! Gott ſey den Zeugen und den Klägern gnädig!“— Dumpfe Todesangſt beſchlich nicht minder die Richter auf den Stühlen, ſo daß ſie untereinander murmelten:„Wehe uns, und unſern Kin⸗ dern! Der junge Frevler hat uns um den Hals geſpro⸗ chen!“ Und als der Obervogt fragte, was denn ſolch klein⸗ müthige Rede bedeute, ſo antworteten ihm die älteſten Richter zitternd:„Ihr ſeyd fremd, Herr; doch wiſſen wir nur zu gut, daß Wildherr nimmermehr verzeiht, und daß wir zum Tod geſprochen find, während wir den Verbrecher verurtheilten.“ Auch den Obervogt befiel heimliches Grauen, doch ver⸗ leugnete er nicht des Richters Würde, und ging mit den Worten:„Was geſchrieben iſt, iſt geſchrieben!“ in das Rath⸗ haus. Die Schöppen folgten ihm, und erſt in dem ver⸗ ſchwiegenen Rathszimmer befahl er, einſtweilen die Voll⸗ ſtreckung des Urtheils aufzuſchieben, und einen Boten auf das Schloß Achalm an den Grafen zů ſenden, damit dieſer in ſeiner Weisheit beſchließe, ob wohl unter ſolchen Um⸗ ſtänden der Spruch zu vollziehen ſey, oder nicht. Während der blutgierige Pöbel, unbekannt mit dem gebotenen Aufſchub, von der Verſtümmlung des Verurtheilten träumte, auf den Gaſſen ſchwärmend, oder plaudernd an den Häuſerpforten, oder trinkend in den Schenken, lief Heinzens Vater mit einer Haſt, die über ſeine Jahre war, durch das Dorf Unterhauſen nach der wilden Bergſchlucht, worinnen am rauhen Abhange das Haus Stahleck erbaut war. Es lag im Schatten der Trümmer des ehemaligen Burgſtalls, mehr gegen die Tiefe des Hohlwegs zu, und beſtand größtentheils nur aus Bruchſtücken der ehemaligen Veſte. Ein unregelmäßig Gebäude, ſo wie es nach und nach entſtanden war durch die Laune des Zufalls und des Bedürfniſſes. Der bäueriſche Thorbogen trug kaum mehr die Laſt des obern Stockwerks, deſſen Fenſteröffnungen wie dunkle Höhlen ſich nach dem tiefen Wege kehrten. Die Fenſterladen hingen verwittert in roſtigen Hacken, die Treppe war verfallen und mangelhaft, das Dach hatte Lücke an Lücke, und nicht minder dürftig verwahrt ſiand die Scheuer, worinnen des Hauſes Geſammtbewohner die kümmerlichen Vorräthe aufſchütteten, die ſie auf ihrem Acker erzeugten. Solch rauhes Feld lag aber den Hügel hinan, und größten⸗ theils innerhalb der Ringmauern des Burgſtalls, ſo daß der ſauere Haber wuchs, wo früher des Schloßherrn Pferde ſtanden, und der Pflug zwiſchen Trümmern und Gerölle ging, wo einſtens der Junker ſchmauste, das Fräulein tanzte. Man durfte nur mit einem Blick die Wohnung und das Eigenthum der Ganerben beſchauen, um gewiß zu ſeyn, daß der Mangel darinnen den Hofmeiſter mache, und nackte Armuth den Tiſch beſtelle. Zigeunerhaften Weſens trieben ſich da die Leute durcheinander, ein Spott und Graus der 119 umwohnenden, wohlhabenden Bauern, wenn gleich dieſe letzteren nicht ſelten freiwillig ihre Erndten zehndeten, um die Stahlecker zu erhalten. Sie thaten es, um ihr Eigen⸗ thum zu ſichern, um nicht Nacht für Nacht ihr Obſt und Korn vor den Angriffen der hungrigen Ganerben hüten zu müſſen; und wer am reichlichſten mit ſolchen Almoſen be⸗ dacht wurde, war der alte Schlaiz mit ſeiner Sippſchaft. Die Bauerſame fürchtete ihn mehr, denn die übrigen ſeines Gelichters. So gut er ſich auf's Heucheln verſtand, ſo jach und gefährlich war er in ſeinem Zorn, ſtets bei der Hand mit Drohungen, deren Erfüllung nicht ausblieb. Was er dabei nicht that, verrichtete ſein Sohn, und wenn dieſer nicht, ſo waren es deſſen beide Schweſtern, die Verwirrung und Unheil anrichteten, wo ſie nur konnten. Sie ſpannen und webten freilich, wenn ſie zu ſpinnen und zu weben hatten, ſammelten Kräuter, hackten Wurzeln, und fiſchten in der Echaz; aber dabei ſtahlen ſie auch, wie liſtige Ra⸗ ben, und trieben hie und da allerhand leichtfertige Stück⸗ lein, daß man ſie ſchier für Hexen hätte verſehen mögen. In ſolchem Handwerk waren ſie fein von der Mutter an⸗ gehalten worden, weil dieſe ſelbſt, an allen Gliedern ge⸗ lähmt, nicht mehr htnaus konnte.— Wann die Dirnen nun Abends nach Hauſe kehrten, ſo hockten ſie ſich zum elender Spreuſack, worauf die Alte hinſiechte, und erzählten ſchaden⸗ froh, womit ſie den Tag herumgebracht, was ſie geſiſcht, gefangen, entwendet und erbettelt, und holten ſich von der Meiſterin neue Anweiſungen für die Zukunft. Am Sonn⸗ tage waren ſie dagegen gar nicht zu erkennen. Mit alten Prunkkleidern angethan, ſaßen ſie vor der Thüre ihres bau⸗ fälligen Schloſſes, die Hände in den Schvoß gelegt, erzählten ſich Mährlein, oder ſangen, over ſcherzten mit ihren Lieb⸗ habern, von denen jede einen unter den Ganerben gefunden 120 hatte, ob ſie gleich häßlich waren, und verunftaltet durch Neid, Mangel und wüſtes Leben. Heute ſaßen ſie auch vor dem Thore, obſchon nicht Feiertag war, und ihre Hoffart war gedemüthigt, und ängſt⸗ licher als frech ihr Auge, womit ſie in die Ferne ſtarrten, nach einer Botſchaft von Pfullingen ausſchauend. Schon hatten ſich die Berge ringsum in veilchenblauen Duft ge⸗ püllt, als die ältere der Dirnen ausrief:„Bei Chriſti Wunden, dort keucht der Vater heran! Wehe uns, er kommt allein und der Heinz iſt nicht mit ihm.“— In Kurzem ſtand der alte Schlaiz vor ihnen, hielt ſich, erſchöpft wie er war, an dem Thorpfeiler, und ſeufzte, halb erſtickt von Wuth und Gram:„Jetzo iſt's am letzten mit uns, ihr Weiber. Jetzo haben ſie den Heinz um einen Fuß und eine Hand gebracht, und morgen werden ſie auch uns das Meſſer an die Kehle ſetzen.“ Ein gellendes Wehegeſchrei antwortete ihm aus dem Munde der Töchter, die ungeſtüm, gleich ſcheuen Fledermäuſen, in das Haus fuhren, und der lahmen Mutter die Schreckenskunde in die Ohren heulten. Die Kranke vermochte nicht in das Getöſe einzuſtimmen, aber ihre Augen ſchwollen, und fieberiſch zuckend ſtammelten ihre Lippen:„So ſind wir denn alle hin, und ihr mögt nun den Wäldern euere Heimath ſuchen. Was mich betrifft, ſtoßt nur ob meinen Häupten das Dach mit Feuer an, * daß ich eher zu Aſche, als vor den Bluthunden von Pful⸗ lingen zu Schanden werde.“ Die Botſchaft hatte ſich kaum im Hauſe verbreitet, als ſchon ſämmtliche Bewohner, Jung und Alt, Groß und Klein, perbeiliefen, ihre Flüche und Verwünſchungen mit denen der Schlaize zu miſchen. Der Alte ſagte wild vor ſich hin: „Sind wir verloren, und müſſen wir in den Hungertod oder an den Galgen, oder in die weite Welt, ſo möge doch die Rache unſere Vorläuferin ſeyn!“ Mit dieſen N 12 7 Worien verließ er die Weiber in ihrem Jammer, zog einen jungen Mann von verwegenem Ausſehen abſeits, und ſprach zu ihm:„Höre, Lamparter. Heinz war Dein Freund, meine älteſte Dirne iſt Dein Lieb, Du wirſt mir helfen. Ich weiß, daß Du den Wildherrn kennſt; Du haſt ihn ſchon zur Nachtzeit begleitet. Heinz hat mir's geſagt. Die letzte Hoffnung meines Vaterherzens beruht nur auf dem Manne, deſſen Beiſpiel meinen Sohn in's Verderben ge⸗ lockt hat. Führe mich zu ihm, heute noch, mein Knabe. Ich finde keine Thräne, bevor nicht der Wildherr mir ge⸗ lobt, ſeinen Arm zur Rache zu erheben.“ Lamparter zögerte ein wenig, und ſagte dann:„Be⸗ denke, alter Märten, daß Du ſchon dem Verdachte unter⸗ liegſt. Wir ſollten uns lieber eine Weile ſtille halten. Wildherr weiß ſchon ſelbſt, was er zu thun hat.“— „Wohl!“ verſetzte der Alte mit verſtocktem Grimm:„ſo laufe ich ſtracks nach Pfullingen zurück, und ſieche den Obervogt im Bette todt.“ Dabei zeigte er gar bedrohlich ein blankes Meſſer, welches er in ſein Wamms geſieckt hatte. Der verzweiflungsvolle Entſchluß des Greiſen er⸗ ſchütterte den rohen Lamparter, und er ſagte:„Bevor ich Dich ſo frevelhaft von hinnen laſſe, thue ich lieber, was Du begehrſt. Laß uns jedoch ſchnell und ohne Abſchied ge⸗ hen; hänge Deine Kapuze über, der Weg iſt weit für Deine alten Beine, und noch bin ich nicht gewiß, ob wir den Wildherrn ſo bald treffen.“—„Ich bleibe Dir zur Seite, die Wuth hat mich verjüngt,“ entgegnete Märten, warf den wollenen Regenmantel über, und folgte dem behenden Führer ſo rüſtig, wie er es verſprochen. Sie mußten nach dem Dorfe Unterhauſen zurück, noch war die Straße gen Honau lebendig von vielen Menſchen, die aus Pfullingen heimkehrten. Sie ſchwatzten durcheinander von dem Gerichte, von dem Wildherrn, und dem Verur⸗ theilten, deſſen Sache ſie ſchon abgethan glaubten; ſie ſchimpften auf den Henker, daß er nicht auf offenem Platze das Urtheil vollzogen, und hielten ſich in dichten Haufen zuſammen, fabelnd von Raub und Mordgeſchichten. Der Fuß des alten Martin wollte feſtwurzeln unter den vorüber⸗ ziehenden Gruppen, doch raunte ihm Lamparter zu:„Hier iſt nicht unſer Platz, laß uns vorübereilen, rechts den Pfad über die Flur, nach den waldigen Höhen.“— Es geſchah, wie er geſagt, ſie glitten auf bethautem Rain dahin, ver⸗ ließen immer mehr und mehr den Lärm der Straße, und rannten an einen Mann, der in der Dämmerung wie ein Kobold über die Felder fuhr. Ein leiſer Pfiff aus Lampar⸗ ters Munde, und der fremde Mann ſtand, und ſagte ein paar kauderwelſche Worte, worauf er weiter ſprang.„Wir ſind auf der Spur,“ meinte Lamparter zufrieden:„der Hauptmann liegt in ſeinem Sommerhüttlein, und wir wer⸗ den ihn bald zu Geſicht bekommen.“ Keine Viertelſtunde, und ſie kletterten unter dichten Buchenſchatten bergan, bis an einen Ort, wo finſtere Nacht war, und keine Helle leuchtete, als der Sandſtreif neben ſchwarzen Rinnen, wo im Frühjahr und im Herbſte die Waldbäche ſich ergießen.„Wir ſind am Ort,“ flüſterte Lamparter, und ſtieß ein Geſchrei aus, wie ein Wildvogel, der über dem Forſte kreist. Ein Paar Augenblicke war es ſtill, dann fragte eine dumpfe Stimme hernieder:„Wer ruft?“— Statt der Antwort wiederholte Lamparter das vorige Geſchrei, und kurz darauf praſſelten oben Aeſte und Zweige, und einen öden Holzſchlipf herunter rollten Fels⸗ brocken und Geſtein, und dem Gerölle folgte ſpringend an einem Bergſtabe eine mächtige ſchwarze Geſtalt, die ein Paar Schritte von dem Lamparter anhielt, und ungeſtüm fragte:„Was gibt's, ihr Buben? ich lte euch den Schädel mit der Axt.“ *——— —— — — ———— 124½ Da nun Lamparter ſeinen Namen genannt, begüligte ſich der Andere, und fragte weiter:„Wer iſt bei Dir?“— „Heinzens Vater.“—„Was will der?“— Lamparter ſtieß den Alten an, und dieſer begann kläglich:„Biſt Du der Wildherr, ſo öffne Dein Ohr dem Schmerz eines Va⸗ ters.“—„Kein Geheul; ich kann es nicht leiden. Was willſt Du von mirk“—„Mein Sohn iſt unglücklich.“ —„Ich weiß.“—„Sein Blut floß durch Henkershand, und ſein Schickſal iſt ſchlimmer, als hätte man ihm das Haupt abgeſchlagen.“—„Verhängniß; was kann ich da⸗ für?“—„In Deinem Dienſte hat ihn das Unglück er⸗ reicht.“—„Das kann Jedem geſchehen; ich habe immer redlich mit ihm getheilt, bin ihm nichts ſchuldig.“—„Auf der Folter hat er Dich nicht verrathen.“—„Danke es ihm der Teufel. Ein wackerer Knabe hält ſeinen Eid.“— „Du verdoppelſt meinen Kummer, führſt kein Mitleid.“— „Kann es helſen? Was habe ich mit Dir zu ſchaffen? Schweige mit frechen Reden.“—„Konnteſt Du meinen Sohn nicht retten, ſo räche ihn wenigſtens.“—„Das iſt ein Wort. Es kommt aber zu ſpät.“—„Wie?“—„Ich habe ſchon Ales ſelbſt beſorgt. Alter Thor, was ſtörſt Du mich hier? hätteſt mich näher haben können, war Dir zu Pfullingen ganz nahe, konnte Dich mit der Hand erreichen.“ —„Ach, wer kennt Dich unter Deinen hundert Larven? Dachte ich doch nicht, jemals Dich aufſuchen zu müſſen; zürnte ich doch ſtets mit meinem Sohne und dieſem Manne, der mein Eidam ſeyn will, daß ſie ſich in ſolch gefährlichen Handel geſtürzt, den ich ahnte, geſtanden ſie mir ihn gleich nicht. Aber zu dem Werk der Rache komme ich, Dir ſelbſt meinen Arm anzubieten.“—„Was thue ich mit Deiner zitternden Hand? Gehe heim, lege Dich zur Ruhe. Morgen wird Alles gethan ſeyn.“—„Wie?“ fragte der Alte lei⸗ denſchaftlich:„auch des Kloſters wirſt Du gedenken in 124 Deinem Zorn?“—„Welches Kloſters?“—„Der Offen⸗ häuſer Nonnen, wo mein Sohn verführt, meiner Gewalt entfremdet wurde?“—„Feiger Dieb, der einen Sohn hatte, wie er ihn nicht verdiente! Heinzens Muth war eines Junkers werth, während Du nur im Verborgenen ſtiehlſt. Kein Wort von Offenhauſen. Das iſt mir eine liebe Schule; dort werden kecke Männer gezogen. Wie kämen die unſchuldigen Nonnen mit Deines Sohnes Urtheil zu⸗ ſammen? Sein Vermächtniß will ich erfüllen an Richtern und Zeugen, und damit genug. Die Kläger kommen noch dieſe Nacht daran; dagegen will ich einige Tage der Richter ſchonen, damit ihnen zehnfältige Todesangſt heim⸗ komme. Iſt es ſo recht?“—„Wenn Du befiehlſt, muß ich ſchweigen. Eine Gunſt jedoch verlang ich.“—„Welche? Mach geſchwind, alter Schwätzer.“—„Sende mich an das Bette der Verfluchten, die meinen Sohn verdarben, laſſe auch mich in ihrer Bruſt das Meſſer umkehren.“—„Mei⸗ netwegen. Du haſt nicht weit zu gehen. Sobald die Schurken aufgefangen ſind, werden ſie hieher gebracht. Die Lügner haben gewagt, gegen mich auszuſagen, obgleich mich Keiner je mit einem Auge geſehen. Dieſe Freude mag ihnen im letzten Stündlein werden, und haſt Du Luſt, Dein Meſſer an einem zu verſuchen, ſo mag es ſeyn. Steige dort hinauf, ich folge Dir. Halte Dich an den Fels⸗ ſpitzen, die aus dem Boden ragen, hüte Dich zu fallen, es würde Dein Genick koſten. So man Dich oben anruft, ſo rühre Dich nicht, bis ich geantwortet habe. Vorwärts, morſcher Dieb!“ Während Märten, unſicher tappend, den ſteilen Pfad hinankroch, ſendete der Wildherr den Lamparter auf Kund⸗ ſchaft gegen Pfullingen und ſtieg ſodann dem raßſüchien Greiſen nach. v——— —— Achtes Kapitel. Frommes liegt in's Grabes Nacht, Boͤſes hat es umgebracht, Frevel erbte ſeine Habe, Tanzt dafuͤr ihm auf dem Grabe. Logau. Ueber die grünen Wälder des Sternenbergs zog leiſe und anmuthig die blaue Nacht und ihre ſilbernen Augen blickten freundlich in das ſtille Bergthal, das, wie ein ein⸗ ziger großer Forſt, vom Dörflein Kohlſtetten aus ſich dehnte, wellenförmig durchſchnitten, bis zu dem Gebirge, das nach den Geſtirnen des Himmels benannt iſt. Einſam, wie die Waldbächlein, die hie und da von den Höhen nieder wan⸗ dern, zogen auch Giſela und der Studioſus Jakob, und fröhlich pochten ihre Herzen in frommer Ahnung, dem ge⸗ wünſchten Ziele endlich nahe zu ſeyn. Flüchtigen Fußes hatten ſie die Dörfer an der Echaz durchſchnitten, die Ho⸗ nauer Steige erklimmt, kaum hie und da ein Büblein ge⸗ fragt, das aus dem Walde kam, oder eine Hirtin, ſpin⸗ nend bei der Heerde. Die letzte Raſt hatien ſie auf der Höhe gehalten, von dannen ſie, wie in einem bleichen Traume, aus der Waldesnacht ein Thurmkreuz blinken 126 ſahen, und nach jener Gegend, wenn ſie gleich nicht wuß⸗ ten, ob nicht etwa ihre Einbildungskraft mit ihnen geſcherzt, richteten ſie immer ſchneller und ſchneller vie Schritte.„Es wäre an der Zeit,“ ſprach Giſela, zum Himmel aufblickend, „daß die frommen Kloſterfrauen die Glocke zögen, denn es wird Spätabend.“— Als ob es nur auf ihre Mahnung angekommen wäre, erklang auch plötzlich nahe und recht nahe melodiſcher Glockenton. Ein fröhliches Zeichen für andächtige Gemüther, ein willkommener Gruß für müde Pilger. Trotz der Erſchöpfung der ungewohnten Wander⸗ ſchaft flog Giſela, mehr als ſie ging, dem Ausgange der Waldſtraße zn, und faltete die Hände voll innigen Dankes, da wirklich das Kloſter vor ihnen lag. Eine grüne Wieſe zog ſich wie ein Sammetteppich vom Forſte zu dem Non⸗ nenhauſe abwärts, wo das Lauterflüßlein die Kloſtermühle trieb, und gleich wie in einen Ring Gotteshaus und Frauen⸗ zwinger ſchlang. Bald war auch dieſe letzte Strecke neben einer Kapelle und ihrem Kreuzwege hin, gemeſſen, die Brücke zurückgelaſſen, und hochathmend, erwartungsvoll hiel⸗ ten die Pilger vor der uralten Kirche, von deren Portale die Mutter aller Gnaden, unter einem Baldachine aufge⸗ richtet, das Jeſuskind im Arme, den Scepter der Welten in der Hand, die Andächtigen willkommen hieß.„Ehe wir an die Kloſterpforte klopfen,“ begann wieder Giſela mit frommer Erhebung,“ wollen wir in das Gotteshaus treten, unſer Gebet verrichten, und dem ſüßen Geſange der Him⸗ melsbräute lauſchen.“ Die Glocke verſtummte ſo eben, und die Schauer des alten Heiligthums umfloßen die Beter, die, nachdem ſie dem Altar die erſten Augenblicke gegönnt, ſich wunderten, paß ſie allein blieben in der dunkeln Kirche. Richt nur fand ſich Niemand ein, der gleich ihnen nach dem Segen des Altars verlangt hätte, ſondern auch auf dem Chore 127 blieb alles ſtille, und in der Ferne ſchlurften ſchon die Holz⸗ ſohlen der Glöcknerin, die ſich in das Innere des Hauſes zurückbegab.—„Iſt es doch, als ob der Convent ausge⸗ ſtorben wäre,“ ſagte Jakob bedenklich, und der armen Gi⸗ ſela wurde bange um's Herz, als die Ruhe einer Gruft um ſie herrſchte, ſtatt der Flötentöne, die in dem Stift zu Lichtenthal zur gleichen Stunde ſtets ihr Ohr entzückten. Alſo ſchwand eine lange Friſt; endlich rauſchten wieder Schritte zur Seitenpforte herein in die Kirche, und eine Nonne, angethan im weißen Habit, den ſchwarzen Mantel weitfaltig nachſchleppend, erſchien, klirrend mit dem Schlüſ⸗ ſelbunde. Als wäre ſie erſtaunt, zu dieſer Zeit noch Leute in dem Gotteshauſe zu ſehen, betrachtete ſie die Fremdlinge mit ſcharfem Blicke, und ſagte dann, rauh wie ein Mann: „Hinaus, Ihr Leute, die Kirche wird geſchloſſen. In Got⸗ tes Namen, hebt Euch von hinnen.“ Giſela trat demüthig an die Kloſterfrau, küßte den Saum ihres Mantels, und ſagte, daß ſie komme, ein Brieflein an die hochwürdigſte Frau Mutter abzugeben.„Was geht das mich an?“ hieß die Antwort:„vor der Kloſterpforte iſt Euer Platz. Klopft an, und es wird Euch aufgethan werden.“ Die Schlüſſel⸗ bewahrerin zeigte nun mit ſo ausdrucksvoller Geberde nach der Thüre, daß die müden Gäſte alſogleich gehorchten, ohne weiter viel zu fragen. Die Pfortenflügel der Kirche fielen ſchnell hinter ihnen zu, aber das Kloſterthor öffnete ſich ih⸗ rem Klopfen lange nicht. Einmal kam zwar ein finſteres Geſicht an dem Gitterfenſterlein zum Vorſchein und fragte nach der Fremden Begehr. Dann hieß es, die Schweſter Pförtnerin werde gleich kommen, und das unfreundliche Ge⸗ ſicht verſchwand. Aber die Pförtnerin kam nicht, und Gi⸗ ſela ſaß verlaſſen wie zuvor mit ihrem Begleiter in dem Vorhäuslein, und vermochte nicht zu reimen, was ſich hier begab. Sie merkte wohl, daß das Kloſter nicht ausgeſtor⸗ 158 ben ſey, denn von Zeit zu Zeit drang aus dem Innern ein verworrenes Getöſe, als wie von vielen Menſchen, bis zur Pforte vor. Bald ſchlugen Thüren auf und zu, dann rauſchte ſchallendes Gelächter auf, dann tönte es, wie Muſik, dann klang es wie zuſammengeſtoßene Gläſer, oder war es, als ob in den Gängen des obern Stockwerks muth⸗ willige Leute eine Jagd hielten.—„Wohin ſind wir ge⸗ rathen?“ fragte der Student, deſſen Gleichmuth ein wenig aus der Waage kam; Giſela wußte nicht, was ſie ihm ant⸗ worten ſolle, aber das Spottgelächter des Wirths zu Pful⸗ lingen trat wieder wie ein arges Geſpenſt vor ihre Seele. Der Abend wurde immer dunkler, heller das Licht der Sterne, die Bäume an dem Gottesacker rauſchten geheim⸗ nißvoll; hinter ihnen, nach dem Wege gen Gomadingen, öffnete ſich ein Seitenthor in der Mauer des Kloſters; Gi⸗ ſela und ihr Gefährte bemerkten, wie dort mehrere Pferde herausgezogen wurden, und Reiter nachſtolperten, die ſich auf die Roſſe warfen, jauchzten, lachten, und lärmend da⸗ vonſprengten. Hinter ihnen knarrte das Einfahrtthor zu, und die Pilger in dem Vorſprungshauſe ſaßen noch vergeſ⸗ ſen wie zuvor. Vergebens verſuchte ſich ihre Hand aber⸗ mals, an die Thüre zu klopfen; der Erfolg war der näm⸗ liche. Ihre Zweifel und Aengſten zu vermehren, trat nun ein Mann, der raſchen Schrittes daherkam, zu ihnen unter das Vordach; ein Jäger, mit ſtattlichem Gewehr auf der Schulter, das Hifthorn an der Seite. Ohne ſeinen Ge⸗ fährten an dieſem Ort irgend eine Aufmerkſamkeit zu ſchen⸗ ken, donnerte er mit der Fauſt an die Thüre, und hierauf ließ ſich die Pförtnerin endlich murrend vernehmen, und fragte kreiſchend durch das Gitter, wer denn hier ſo beharr⸗ lich Lärmen mache.„Die Erſtgekommenen mahlen zuerſt,“ ſagte der Waidmann gutmüthig, und ſchob Giſela vor das Fenſter, durch welches ſie ihr Brieflein reichte, und mit dem 128 Studenten, der nach dem Pater Vicarius verlangte, ihre beſcheidene Bitte, eingelaſſen zu werden, vereinigte.„Ge⸗ duld,“ verſetzte die Pförtnerin, und ging mit dem Briefe in das Kloſter zurück. Der Jäger murmelte ungeduldig einige Worte vor ſich hin, und lehnte ſich an die Pfeiler des Vorſprungs mit verſchränkten Armen, hinaufſchauend zum monderleuchteten Himmel. Neugierig ſchielte Giſela nach ihm, und war betroffen von dem ernſten Ausdruck, welcher auf dieſem Geſichte lag. Es war eines von denen, die zum Befehlen geſchaffen ſind, mit hoher Stirne, derben Augenbraunen über glänzenden Blicken, und muthig vor⸗ ſtrebender Naſe. Ein dunkler Bart beſchattete ſo Wangen, als Kinn und Lippen des Unbekannten. Ein grünes Hüt⸗ lein mit funkelnder Spange und kurzem Federſtrauß bedeckte das langlockigte Haupt, und ſein Gewand von blaßgrüner Farbe, ſchmal mit Gold verbrämt, ließ auf keinen gewöhn⸗ lichen Jägersmann ſchlieben. Im Uebrigen hatte die Ge⸗ ſtalt nichts Ausgezeichnetes, war nicht beſonders groß, nicht beſonders kräftig, und dennoch ſchien's, als ob der Mann ſich um die ganze Welt nicht kümmere, und mit eben ſo kaltem Blute einem Rieſen gebieten würde, wie dem ſchlan⸗ ken Rüden, der ſich zu ſeinen Füßen ſchmiegte. Giſela hätte gewünſcht, in dieſem Augenblicke ein Mann zu ſeyn, um mit dem Fremden reden zu dürfen.— Indeſſen kehrte die Pförtnerin zurück, ſchloß die Pforte auf, und ſagte etwas freundlicher:„Herein, Du fremde Magd, herein, geiſtlicher Knabe, denn für Euch iſt eine Herberge im Klo⸗ ſter bereit.“— Als die Erwählten nun mit frohem Muth über die Schwelle geſchritten waren, ſchob die Schweſter die Thüre wieder zu, und fragte durch das Gitter den draußen gebliebenen Jäger:„Wer ſeyd Ihr? kommt Ihr mit Em⸗ pfehl?“—„Bin verirrt, bitte um Gafffreundlichkeit; habe kein Empfehl, weil ich ſtockfremd bin im Gebirge.“—„So Nonne von Gnadenzell. I. 9 geht mit Gott. Wildfremdes Volk gehört nicht in dieſes Haus.“—„Ei, würdige Schweſter, ich bin aus des Gra⸗ fen Gefolge, ein Waidmann unſers geſtrengen Herrn von Württemberg. Vielleicht empfiehlt mich das.“— Da ver⸗ kehrte ſich die harte Gleichgültigkeit der Pförtnerin beinabe in leiſen Spott, und ſie antwortete:„Behüt Euch Gott, lieber Herr. Unſer armes Haus iſt nicht auf ſolche Gäſte eingerichtet. Was würde unſer geſtrenger Herr dazu ſagen, wenn wir zur Nachtzeit unbekannte Leute bei uns einlie⸗ ßen? Nein, geht fürbaß, lieber Herr, der Mond ſcheint hell; ſo Ihr die Straße einhaltet, ſeyd Ihr flugs zu Kohl⸗ ſtetten, wo für Geld und gute Worte ein Nachtlager ſtets zu haben iſt.“ Die Pförtnerin ſchloß das Gitter mit dem Schieber, und horchte noch ein wenig hinter dem Brette. Da klang's von außen wie ein kurzes rauhes Lachen, dann ein lauter Pfiff, der dem Hunde galt, endlich die raſchen Tritte des Mannes, die ſich im Weiten verloren. Die Pförtnerin ſagte aber, während ſie ihre Begleiter in den Kreuzgang hineinführte, halblaut vor ſich hin:„Solche Kunden könn⸗ ten wir brauchen, Gott erbarm' es! Schnüffler und Häfe⸗ lesgucker vom Hof des Bartmanns, der ja ohnedies die langen Hände ſtets in unſerer Kloſterſuppe hat. Gott ſegne alle dieſe Feinſchleicher, bei uns kommen ſie zu kurz.“— Wie ſie nun juſt vor der Küchenthüre ſtand, woraus helle Feuersglut in den Kreuzgang ſchien, ſprach ſie vornehm: „Geht nur einſtweilen da hinein, Ihr Leute; ſetzt Euch an's Feuer, laßt Euch zu eſſen geben. Die hochwürdigſte Mutter und der Herr Viearius find in Geſchäften begraben, und werden Euch rufen laſſen, wenn es Zeit iſt.“ Mit dieſen Worten ſtieg ſie die Treppe hinan, Giſela und Ja⸗ kob ſtahlen ſich blöde in die Küche. Auf dem ungeheuern Herde brannte ein gewaltiger RE Scheiterhaufen, umgeben von eiſernen Töpfen auf glühen⸗ den Dreifüßen, und von rieſigen Keſſeln, die an Ketten und Hacken von der Decke hingen, luſtig brodelten, und gewürzigen Dampf in den Schlot ſteigen ließen. Auf dem⸗ ſelben Herde war noch Raum genug für ein breites Koh⸗ Lenlager, über deſſen Glaſt ein ganzes Schäflein am Spieße gedreht wurde, und hie und da auf heißen Platten wurden mächtige Kuchen und ſüße Aepfel⸗ und Rofinenſpeiſen warm gehalten.„Ach!“ ſeufzte der arme kleine Student behag⸗ lich, und rieß die Angen weit auf vor ſolcher Küchenherr⸗ lichkeit, und ſchlürfte ſelig den köſtlichen Duft in die Naſe. Die Köchin, eine ſtämmige Laienſchweſter, die ſelber beim Bratſpieß zum rechten ſah, nickte dem Studenten freund⸗ lich lachend zu, und die Küchenmeiſterin, eine dicke Nonne, mit aufgeſchürztem Gewand, welche am Pfeiler neben der Anrichttafel in einem gemächlichen Stuble ſaß, neigte gnä⸗ dig den Schaumlöffel gegen Giſela, und hieß ſie am Herde niederſitzen, und guter Dinge ſeyn. Kleinliche Neugier war hier nicht zu Hauſe, man ſchien fremder Gäſte gar nicht ungewohnt, und in der ſchönſten Ordnung liefen die Mägde ab und zu, ſchürten die Kohlen, ſchütteten Waſſer auf, und raſſelten mit einer Laſt von wohlgeſcheuerten Zinn⸗ tellern, und blinkendem Eßzeug. Alles deutete auf einen Schmaus, und Giſela fragte demüthig nach der Veranlaſ⸗ 1 fung deſſelben. Mutter Anna, die feiſte Küchenmeiſterin, ſtrich wohlgefällig lachend die Armel bis zum Ellbogen auf, und die Laienſchweſter lachte mit, und beide antworteten wie einſtimmig:„Es gilt beute den Namenstag eines Wohl⸗ thäters unſers Kloſters, und darum mögen wir wohl ein⸗ mal guten Mutbes ſeyn.“ Pie Laienſchweſter reichte der aufhorchenden Giſela einen Deckelkrug voll Neckarwein, wel⸗ cher fröhlich um den Herd kreiste, während Mutter Anna die friſche Wange des Studioſen ſtreichelte, und ihm ſchmun⸗ 5. 132 zelnd ſagte:„Du trägſt eine Laute, hübſcher kleiner geiſt⸗ licher Mann. So ſpiele uns auf, eines von den Liedern, womit Ihr auf Euern Feiertagsreiſen den Pfarrköchinnen die Krapfen aus der Pfanne häckelt!“ Jakobnus ließ ſich das nicht zweimal fagen; er ſtimmte ſeine Zither und ſchlug und ſang eine fröhliche Weiſe, in deren Verlauf die Küchenmägde, ihre Oberin nicht ausge⸗ nommen, ſo fröhlich wurden, daß ſie in einen Kreis traten, und mit den Händen klatſchten, auch die Füße hoben, als ginge es zum Tanz.— Giſela nahm nicht Theil an dieſer lauten Freude, und eben ſo wenig ein Mann, der am Fuße des Herdes auf einem Schemel kauerte, die Hände in den Schvoß gelegt, und mit dem Kopfe den Tackt nickte. Er war alt, verwitterten Antlitzes, ein greiſer Spitzbart ſtarrte an ſeinem Kinn; dazu trug er einen grauen Faltenrock, mit ſchlechtem Pelz beſetzt, und eine wunderliche Sammet⸗ kappe, wie etwa ein jüdiſcher Rabbiner. Er war hier nicht zu Hauſe, ein Pilgerſtab lag neben ihm am Boden, und ein Lederkragen mit Muſcheln beſetzt, und ein dickes Buch, woraus viele Bänder von allen Farben hingen. Wobhlge⸗ fällig verzog ſich ſein Geſicht bei der Muſik des Studenten, und er ſagte, zu Giſela emporſchauend, mit fremdartiger Betonung:„Fröhlichkeit hat Gott lieb, ſelig ſind die Fröh⸗ lichen; aber ſie haben dafür ihren eigenen Stern, und un⸗ ter ſolchen klaren Himmelszeichen iſt auch Dein geiſtlicher Bruder geboren, Du ernſthafte Dirne.“— Giſela bejahte halb zerſtreut mit einer Kopfbewegunß, und fuhr alsvann plötzlich zuſammen, denn ſie gewahrte, nur ein paar Schritte von ihr entfernt, ein leichenblaſſes Antlitz, wie das eines Geſpenſtes, welches ſich aus einer niedrigen Mauerblende hervorſtreckte. Sie dachte anfänglich, das Geſicht ſey nur ein Werk ihrer aufgeregten Sinne, gewebt aus zweifelhaf⸗ tem Lichtſtreif und Mauerſchatten, oder eines jener aben⸗ 138 teuerlichen Bildwerke, welche dazumal die muthwillige Laune der Baumeiſter da und dort in Kirchen und Klöſtern anzu⸗ bringen pflegte; aber je mehr ſie nach dem Winkel blickte, um ſo deutlicher wurde das fahle Geſicht, die hervorſprin⸗ gende krumme Naſe, der grinſende Mund, und des Schä⸗ dels Spitzgeſtalt, umhangen von ſtracken, langen ſchwarzen Haaren.— RNoch immer klang des Studenten klimperndes Spiel, und das Händeklatſchen der Weiber, als die Laien⸗ ſchweſter zu ihrem Schrecken bemerkte, daß während deſſen das Holz auf dem Herde in Aſche und Glut zuſammenge⸗ ſunken, der Bratſpieß ſtill geſtanden, die Flamme ſchier er⸗ erloſchen war.„Mein Jeſulein!“ rief ſie eifrig:„wer ließ das Feuer ausgehen? Das Kitzlein wird zur Kohle, in die Brühen ſchlägt der Rauch! geſchwinde, ihr faulen Dirnen, ſchürt und blast, daß die Mahlzeit nicht verderbe!“ Jede der Dienerinnen, von dem geſchwungenen Schaum⸗ köffel der Küchenmeiſterin bedroht, eilte flugs nach ihrem angewieſenen Platz; die Laienſchweſter ſtach mit der eiſer⸗ uen Gabel ein gewaltiges Stück aus dem Schmalztopfe, und ſchleuderte es, ſo beſonnen als unwirthſchaftlich, in die Glut, daß ſie friſch aufpraſſelte, und zur Lohe wurde. „Holz, mehr Holz herbei!“ befahl ſie nun, und die Mägde antworteten ſcheltend:„Es fehlt, es iſt ſchier keines mehr vorhanden; der faule Poppele hat wieder nur halb gethan, was ihm obliegt!“ Da entſtand ein laut Geſchrei von allen Seiten:„Poppele! wo ſteckſt Du? Spätzlifreſſer, wo hat Dich die böſe Angſt?“ Als wie ein langſames Ungethüm kroch der Gerufene aus der breiten Mauerblende, wo er geruht, und mit ſei⸗ nem Geſichte ſchon das Fräulein Geißlin erſchreckt hatte. Schimpfreden aller Art empfingen den armen Küchengehül⸗ fen, einen magern Menſchen von langen Gliedmaſſen, auf deſſen hohlen Wangen kaum noch eine Spur von Jugend 134 zu enträthſeln war⸗ Ein dürftiges Kleid vom gröbſten Zeuge, hie und da lächerlich mit Kälberſchwänzen verbrämt, bedeckte ihn; ſeine Füße waren bloß, nackt ſeine Arme, ge⸗ vückt ſein Gang, wie der eines an Tritt und Schlag ge⸗ wöhnten Hundes.„Geſchwind! ſpute Dich, Du lahmer Poßler,“ drohten die Mägde, und die Laienſchweſter, mit einer Hand den Bratſpieß regierend, erwiſchte mit der an⸗ dern einen Ochſenziemer, vor deſſen Anblick der arme Pop⸗ pele ſich zuſammenduckte, gleichwie auf allen Vieren zur Thüre hinaushuſchte, und bald darnach, wenn auch müh⸗ ſelig ſchnaufend, eine unbändige Laſt Brennholz in die Küche ſchleppte, und vor dem Herde niederwarf. Ein ſchallendes Gelächter belohnte ſeine Anſtrengung; ein Stück Roggen⸗ brod flog aus der Hand der Küchenmeiſterin in den Schooß des Armen, der begierig kauend zu Giſela's Füßen ſich auf die Steine niederhockte. Das erſchrockene Fräulein wollte ſeinen Schemel wegrücken, aber Poppele hielt Giſela feſt am Kleide, und ſagte mit ſchnarrender, faſt kindiſcher Stimme:„Bleibt nur, fromme Schweſter Hailwig, Ihr ſtört mich nicht. Ich muß ja lleiden, daß Ihr um mich ſeyd.“—„Was der Bube wieder ſchwatzt!“ ſagte Mutter Anna, die mit untergeſtemmten Armen vor ihn hintrat: „Thut er doch mit Euch, als wärt Ihr ſeine alte Be⸗ tannte.“—„Und er hat Recht, noch obendrein,“ verſetzte Crescenz, die Laienſchweſter, nach einem langen Blick auf Giſela:„wenn man ſich die Jungfer aus dem Bauernkleide in den Kloſterſchleier denkt, ſollte man ſieben Eide darauf ſchwören, die gute Mutter Hailwig ſäße vor uns am Herde.“ Wie ihm Chore ſtimmten die übrigen Weiber mit ein, und wunderten ſich und meinten, es ſey nicht anders.„Die gute Mutter Hailwig, die arme Mutter Hailwig!“ ging die Rede flüſternd und bedauernd in die Runde, aber Pop⸗ pele ſagte vertraut unv herablaſſend zu Giſela hinauf„in⸗ 135 dem er ihre Hand ſtreichelte:„Mir iſt ganz Recht, daß Du nicht die Hailwig biſt. Ich habe Dich als eine Fremde lieber. Mutter Hailwig hat mich einmal einen Affen ge⸗ ſcholten, und Gott wird ihr theimgegeben haben, was ſie an dem armen Poppele verſchuldete, denn ich ſuche ſie ſchon lang in allen Winkeln, und kann ſie nicht mehr finden.“— „Schweige, dummer Michel!“ ſchalt nun die Küchenmeiſte⸗ rin und drohte mit aufgehobener Hand:„Du ſollſt hun⸗ gern, drei Tage lang, wenn Du nur einmal noch die wür⸗ dige Mutter zu nennen wagſt!“ Der unglückliche, herabgeknechtete Menſch bückte ſich krumm auf der Erde wie ein Knäuel, erhob die Hände bit⸗ tend über ſeinem Haupte, und legte ſie dann beide feſt auf den Mund, als betheure er, denſelben nicht mehr aufthun zu wollen. Eine unnennbare Furcht und Wehmuth ſtrahlte aus ſeinen tiefliegenden, verwirrten Augen auf, und die dickhäutige Kloſterfrau verſpürte etwas von Mitleid und ſagte, als wie entſchuldigend, zu Giſela:„Man muß dem armen Narren viel hingehen laſſen, er iſt ein Erbſtück des Kloſters, ein leibeigen Kind, oder am Wege gefunden,. ich weiß das nicht ſo recht.“—„Alles erlogen, alles nicht wahr,“ murmelte Poppele heiſer, daß nur Giſela ihn hörte. Die Kloſterfrau fuhr indeſſen fort:„Wir haben oſtmals unſer Kreuz mit ihm, wenn der Wind ſich ändert, oder Tag und Nacht ſich gleich iſt, oder Schnee am Himmel hängt. Dann wird er tückiſch, ungezogen und närriſch vorlaut..“—„Ei, wie ſie lügt, ei, wie ſie läſtert!“ brummte der Unglückliche wie zuvor in ſich hinein— „wenn er auch ſonſt verträglich und gehorſam ſchien,“ ſprach Mutter Anna weiter.„Es iſt ein Glück, daß er nur mit der Zunge böſe thut, mit Worten nur, und nicht mit Werken.. Poppele grinste und kicherte grimmig in ſeine geballte Fauſt wie eine leiſe murrende Katze„und 136 daß vor Allem eine Thorheit iſt, die ſein Bischen Gehirn zu jeder Friſt beſchäftigt. Er bildet ſich nämlich ein.. doch, juſt höre ich die Glocke aus dem Refektorium. Die hochwürdigſte Frau ſammt dem Convent und den werthen Gäſten unſeres Hauſes wird bereits zu Tafel ſitzen.“ Nun erſt ging das Toben in der Küche los; Geklirr, Geraſſel, Befehl und Geſchrei von allen Seiten. Die Keſ⸗ ſel wurden umgeſtürzt, die Braten vom Spieße genommen, die Schüſſeln gefüllt, zierlich geputzt mit wohlriechenden Kräutern und bunten Blumen. Dreimal wurde im Refek⸗ torium an den Dreher geklopft, der aus der Küche die Speiſen in den Eßſaal beförderte. Die Küchenmeiſterin watſchelte zur Tafel, um zu ſehen, ob alles ordentlich be⸗ ſchickt worden; die Geſellſchaft jenſeits des Drehers ſchien in der beſten Stimmung. Nicht die Stille einer klöſterli⸗ chen Mahlzeit herrſchte, wohl aber lautes Geplander, ſcherz⸗ haftes Lachen und eine bedeutende Eßluſt, wenn man die⸗ ſelbe nach dem ungeduldigen Klopfen, Rufen und Becher⸗ ſtampfen der Gäſte bemeſſen durfte. Endlich kam mehr Ruhe in das Getümmel, die Mahlzeit begann, die Schüſſeln waren aufgetragen, Crescenz und einige Mägde halfen der Küchenmeiſterin an der Thüre des Refektoriums das Ge⸗ ſchäft einer Kellnerin beſorgen, die übrigen Dienerinnen⸗ jetzo ihres Tagwerks müßig, lauerten am Dreher neugie⸗ rig der Tiſchreden; der Student Jakobus war hinüber ent⸗ boten worden, die Tafelgenoſſame mit Spiel und Geſang zu erheitern. Giſela befand ſich mit Poppele und dem frem⸗ den Pilgersmann allein. Die Flammen erloſchen, nur hie und da brannte eine Ampel, zweifelhafte Lichter fuhren über die Stirne des Alten, über Giſelas Geſtalt; im tiefen Dunkel ſaß Poppele zwiſchen beiden. Da erhob er nach langem Schweigen ſeine Stimme abermals und ſagte bitter: „Das Alles nun bezahle ich, kann die Muſit nicht leiden, 137 und nicht den Wein, verderbe mir am Honig den Magen, und wenn die Schlemmerei vorbei, ſo heißt es immer: Poppele, zahl aus“—„Wie das, Du ſeltſamer Bube?“ fragte Giſel mitleidig, und Poppele verſetzte:„Ach, du weißt ja nicht, daß ſie mir Alles genommen haben; ein Erbe, wie es der Pabſt nicht hat, viel weniger der Kaiſer.“ Mit dieſen Worten, die er voll Eifer und Lebendigkeit ge⸗ ſprochen, richtete er ſich kerzengerade wie eine Lanze auf, ſtreckte bie bleichen Arme weit von ſich, daß ſie einen gro⸗ ßen Kreis beſchrieben, und fuhr mit männlicherem Tone fort:„Was da herumliegt, liebe Kinder, alles gehört mein, iſt mein Erbtheil, und ſie haben mir's genommen, und mir von meinem großen Gute nichts gelaſſen, als die Steinbank in jener Blende, wo ich zur Nachtzeit. ſchlafe, wenn ich mich den Tag über in ihrem Dienſte müde gehetzt habe, obſchon ſie mir dienen müßten, dieſe geſchorenen Weiber, dieſe Elſtern, die mit ihren weißen Kleidern und ſchwarzen Schleppen auf den Gräbern meiner Vorfahren herumtrium⸗ phiren, und ſtündlich Gott den Herrn beleidigen.“ Poppele verſchränkte die Arme, betrachtete mit geheimnißvoller Wich⸗ tigkeit ſeine beiden Zuhörer, und ſetzte ſich wieder gelaſſen zur Erde, indem er ſagte:„Nun, ich will's noch nicht aus⸗ plauderu; ſie denken, daß es dauern werde bis zum Zwie⸗ beljahr meinetwegen. Habe ich nur erſt den vergra⸗ benen Schatz gefunden, ſo wird es bald zu Ende ſeyn mit den Baalsweibern; bis vahin will ich ihnen ſchön thun, und mich freuen, daß ſie nicht wiſſen, wo das Gold ver⸗ ſcharrt liegt, das mir gehört.“ Er lehnte ſich ſehr zufrieden an den Heerd und betrach⸗ tete ſeitwärts wie ein Falk jede Bewegung Giſelas, die alle Mühe hatte, ihre Thränen zurückzuhalten. Der fremde Pilger war indeſſen aufgeſtanden, und ſprach, mit vorge⸗ ſtrecktem Finger auf den Jüngling deutend:„Wahrlich, 138 kein evler Stern, kein gutes Zeichen ſtand über dieſes Men⸗ ſchen Wiege. So fällt Glück und Fluch aus den Häuſern des Himmels auf unſere Häupter hernieder; und wir ſchla⸗ fen noch im Keime, und wiſſen es nicht. Die Aermſten ſind jedoch die auf Erden, denen gegeben wurde, in des Menſchen Zukunft zu leſen, und ſein Schickſal zu deuten aus der Schrift der Sterne. Jedoch will das Verhängniß erfüllt ſeyn. Darum zeige mir das Innere Deiner Hand, Du blöder Menſch.“—„Wer biſt Du?“ fragte Poppele argwöhniſch, ohne ſich zu bewegen.—„Ein Sterndeu⸗ ter.“—„Ein Narr, alter Mann. Wie findeſt Du in mei⸗ ner Hand die Sterne, die Du brauchſt?“—„Der Thor⸗ heit Hohn verwundet meine Seele nicht. Als Selave bei den Heiden, lernte ich, während langen Jahren, ſchlaflos in der Wüſte liegend, die Sprache der Geſtirne, wie ſie dort immer hell und klar am Himmel zu leſen iſt. Zugleich erfuhr ich von den Weiſen jener Länder, wie in des Men⸗ ſchen Hand der Sternenkreis ſich ſpiegelt. Gib her die Dei⸗ nige ſonder Furcht, daß ich Dir ſage, wer Du warſt und biſt, und ſeyn wirſt.“—„Wenn das iſt, ſo laſſe Deine ſeine Kunſt heraus,“ antwortete Poppele, und lehnte ſich über des Herdes Glut, daß der alte Zeichendeuter in die Fläche ſeiner Hand zu ſchauen vermochte. Giſela berührte dagegen leiſe ſeine Schulter, und ſprach ernſtlich mahnend: „Du ſchwacher Knab, v laß Dich nicht bethören. Was von den Heiden kömmt, iſt Teufelswerk, und nur der Fin⸗ ger Gottes regiert das Leben.“ Poppele drehte mißvergnügt mit einer garſtigen Fratze das Geſicht zu ihr, ohne ſeine Stellung zu verändern, und murrte wild:„Weißt Du denn, wer Theil an mir hat? Ich träumte oft, daß mich Gott verließ. Drum ſage ruhig Deinen Spruch auf, alter Heide.“— Der zudringliche Prophet hatte indeſſen das prüfende Auge nicht von der 135 Hand des thörichten Jünglings verwendet, öſters den Kopf geſchüttelt, und ſein Buch ergriffen, von deſſen Pergament⸗ blättern allerlei ſeltſame und bunte Zeichen in die ſtarren Blicke des armen Poppele leuchteten. Dann begann der Alte, die Kappe lüftend, mit dumpfer Stimme:„In die⸗ ſer Hand hat ein wunderlich Verhängniß ſeine Strahlen und Kreiſe gezogen. Etwas Deutliches herauszufinden, bin ich nicht im Stande. Doch läuft die ſchwache, viel durch⸗ ſchnittene, viel geäſtete Lebenslinie an allen Enven in eine Krone zuſammen; ſo wie man's dann und wann bei hohen Fürſten treffen ſoll.“— Poppele's Stirne wurde heiter als wie von Sonnenſchein, heſtig richtete er ſich auf, ſchlug den Propheten mit gutmüthiger Wildheit auf die Achſel, und rief:„Du biſt mein Mann, haſt was gelernt, und ſollteſt ſchwer mit Gold belaven von hinnen gehen, wenn Poppele nicht ſo blutarm wäre. Eine Krone...! Haha! ſie gehört mir. Ich will Euch zeigen, wer ich bin.“ Alſo⸗ gleich lief er nach ſeiner Ruhebank, und brachte von dort ein ſchmutziges Blatt herbei, worauf, ſchlecht in Holz ge⸗ ſchnitten, eine Königsgeſtalt zu ſehen war, wie ſie im Bette lag, oder auf dem Grabſteine, eingehüllt in Decke oder Mantel, aber eine mächtige Krone auf dem Haupte und zur Seite in den Armen den Scepter und Reichsapfel. Der Himmel mochte wiſſen, vurch welchen Zufall dieſes Blatt in des beklagenswerthen Thoren Beſitz gekommen war; aber mit hochmüthiger Geberde zeigte er darauf, und fuhr fort: „Seht, das bin ich, und alſo muß man mich einſt in's Grab legen, wenn mich Gvtt erhöht hat, ſo wie er mich erniedrigte.“—„O, welche Verwirrung, welch unſeliger Wahn!“ ſeufzte Giſela, und der Sterndeuter gaffte den vegeiſterten Jüngling mit offenem Munde an. Poppele ent⸗ gegnete aber ſchnell, von ſeinem Hochmuth unverzüglich zum bittern Schmerz des Knechtes herabſinkend:„Wahrlich, 1 140 es iſt kein Wahn! Du guter Engel, und Du magſt hören, was mir der Geiſt erzählte, und dieſes nicht für ein Mähr⸗ lein halten.“— Er ſetzte ſich mit zuſammengeſchlagenen Beinen auf den Rand des Herdes, legte den Zeigefinger an die Naſe, wie etwa einer, der ein Räthſel aufgibt, und hob eintönig an, als ob er eine Litanei ſpräche, wie folgt: „Vor Zeiten„ja, es iſt ſchon lange her, und der Heide ſaß noch in Rom.. da war auf dieſem Platze, wo wir jetzo ſtehen, ihr, die Gäſte, ich, der Knecht der geſchore⸗ nen Weiber,„da war auf dieſem Platze, ſage ich, eine große Stadt, und viele Menſchen wohnten darinnen zu⸗ ſammen, und ſie hatten einen König, dem ſie gehorchten, und die Stadt hieß Offenhauſen. Andere wollen, ſie habe weiter in dem Gebirge geſtanden, und Hayingen geheißen; das iſt aber nicht wahr. Offenhauſen, wie das Kloſter jetzt noch, nannte ſich die Stadt, denn die Gnadenzelle iſt lange untergegangen, und eine Teufelsklauſe daraus ge⸗ worden.“ Vor der verwirrten Rede des Jünglings entſetzte ſich Giſela ſehr, und ſpürte ſorglich den ſchwarzen Schatten nach, die ſich an den Wänden rieſig zeigten, ſobald die Mägdegeſtalten, die am Dreher lauſchten, dann und wann ihre Stellung veränderten. Sie vermeinte den Teufel ſelbſt mit ſeiner Rotte in die Gnadenzelle fahren zu ſeben. Auch konnte ſie nicht entweichen, denn der ſchauerliche Erzähler hatte ſich ihrer Hand bemächtigt, hielt dieſelbe krampfhaft feſt, und Giſela fürchtete ſich vor ſeiner Wuth. So per⸗ mochte Poppele ohne Hinderniß fortzufahren:„Auch ein Kaiſer war im deutſchen Lande, der hielt Hof guf dem Ho⸗ henſtaufen, und begehrte nach des Heiden Thron zu Rom, da er ſchläfrig wurde auf dem eigenen Stuhle. Und er entbot die Grafen ſeines Volks, daß ſie ihm beiſtänden auf dem Zuge; aber die Grafen weigerten ſich deſſen, da ſie 141 warm im Reſie ſaßen, und nochten nicht mit dem Heiden ſtreiten. Wie varob der Kaiſer ſich erzürnte, that er die Grafen in die Acht, daß ſie Knechte ſeyn ſollten, ſtatt Herren: Knechte, wie ich, der ich dazumal noch lange nicht geboren war. Knechtſchaft thut aber weh, und ſchmeckte den Herren nicht, ſo daß ſie miteinander zu Rathe gingen, einen Fußfall vor dem Kaiſer thaten, und zu Kreuze kro⸗ chen. Wohl verzieh ihnen der Kaiſer, aber wollte ihnen eine Buße aufgeben, daß ſie klug würden. Und ſprach zu ihnen:„Seht den König zu Offenhauſen, wie er ſteif über Land und Leute ſeinen Scepter reckt, und ſich nicht küm⸗ mert, weder um mich, noch um Euch, ſeine Nachbarn. Geht hin, und ſtoßt ſeine Burg mit Feuer an, und gewinnt ſeine Stadt; brennt und macht ſie der Erde gleich, und er⸗ baut auf ihrem Staube ein Kloſter für zwei und ſiebenzig heilige Jungfrauen. Dann ſoll Gnade ſeyn für Recht, und ſtraflos Euer böſer Wandel.“— Als das die Grafen hör⸗ ten, thaten ſie ſtracklich, wie der Kaiſer befohlen, und er⸗ ſchlugen den König, jagten ſeine Kinder in's Elend, und machten aus der Stadt einen Flecken, neben den ſie das Kloſter bauten, welches Gnadenzell geheißen wurde. Und es vergingen nicht viele Jahre, ſo ſagten ſie unter ſich: „Was ſchaffen wir mit dem Flecken, wo die Menſchen an⸗ noch wohnen, veren bleiche Geſichter uns immer anklagen, daß wir ihre Väter und Mütter zu Tode gewürgt haben? Wir wollen hingehen und ſie ſchlecht machen im Lande, als ob ſie böſe Leute wären, und Gottes Gericht, wollen wir ſagen, käme über die Sünder. So gingen ſie, wie ſie be⸗ ſchloſſen, und ſchlugen zuerſt die Ehre der armen Leute todt, und alsdann ihre Leiber, und verbrannten den Flecken von Grund aus. Die Kloſterjungfrauen in der Zelle aller Gna⸗ ven ſangen aber vazu ein Loblied, und Gnade war keine, als für die Leichen, die ſchon im Grunde ſchliefen, und für 142 die Kirche des heiligen Pancratius, die man aufrecht laſſen mußte, weil alle dahinſtarben, die mit einem Finger daran rührten. Ach, glaubt ja nicht, daß es ein erſonnen Mähr⸗ lein ſey, was ich erzähle; glaubt nicht, daß ich ein Thor ſey, der alſo redet. Wahrlich jedoch bin ich der Enkel des erſchlagenen Königs, und die Geiſter meiner Ahnen wan⸗ deln alle Nacht und haben mir's beſchworen, und dürfen nicht ſelig werden, bis nicht das Schickſal der grauſamen Kloſterweiber erfüllt und der Schatz gehoben worden iſt, auf welchem ich meinen goldenen Stuhl errichten ſoll.“ „Und dieſer Schatz— wo liegt er denn?“ fragte der Sterndeuter einfältiglich, als Poppele inne hielt.— Der Jüngling erwiederte pfiffig und lachend:„Frage Deine Tru⸗ tenfüße und den Mond; aber in den Bauch der Erde ſtrablt ja kein Stern, und eine keuſche Jungfrau muß dabei ſeyn, wenn nicht der ſchwarze Hund den Schatzgräber zerreißen ſoll.“— Der Zeichendeuter beutelte geckenhaft ſeinen Kopf hin und her, zwinkerte mit den Augen und meinte:„Du biſt ein Schalk mehr denn ein Thor, und dieneſt nur dar⸗ um dem Gotteshauſe, daß Dir eine reine Magd zu Dei⸗ nem Zwecke nicht entgehe.“ Worauf Poppele halb poſſier⸗ lich und halb entſetzt antwortete, indem er ſich ſchüttelte: „Huhu, mich friert. Die Keuſchheit dieſes Hauſes iſt die Peſt. Dieſe Mägde, die zu Tiſche ſitzen in Mummerei und Sünde... die das Schelmenlied aus voller Kehle ſingen⸗ und des Chors nicht warten.. Herr erbarme dich ihrer! Aber ich wüßte, was ich thäte, wenn ich der Herr wäre.“ Seine Augen rollten, häßlich verzog er den Mund, griff ungeſtüm in des Herdes Kohlen, unb ſchlenderte aus allen Kräften Aſche, Funken und Glut auf den Boden. Er blies hierauf über die verſengte Hand, und verſuchte raub und mißtönend in das Lied einzuſtimmen, das von der Tiſchge⸗ ſellſchaft iu dem Refektorium geſungen wurde, und nicht 143 gar fein klöſterlich herüber drang. Giſela verſtopfte ſich die Ohren, und der Sterndeuter ſtieg ſchwerfällig und albern wie ein Storch in der Küche auf und nieder, mit langem Halſe in jeden Topf guckend, und nach einer willkommenen Mahlzeit witternd aus den breiten Nüſtern. Der Schmaus ſollte jedoch mit einemmale ein Ende haben, denn im Re⸗ fektorium entſtand plötzlich ein eiliges Durcheinanderlaufen, und Mutter Anna rief in die Küche:„Aufgepaßt, die Lich⸗ ter aus! nicht gemuckſt und nicht geſchwatzt! Des Grafen Leute und Gejaid kommen von den Bergen her, und im Hauſe muß es ſtill ſeyn, wie im Grab.“ Dem geſchah alſo; als wie ausgeſtorbeu ſchwieg das Kloſter, weil die Bewohnerinnen deſſelben auf ſolche Fälle ſchon gerüſtet waren. Draußen tönte jedoch über Berg und Thal luſtiger Hörnerklang, der Hunde Gebell und das „Hoho“ der Jägersleute. Es wurde zwar an die Thüre des Kloſters ſgeklopft, aber von innen nicht geantwortet, als wenn alle im tiefſten Schlafe lägen. So zogen die Jä⸗ ger baldigſt ab, und Giſela wußte nicht, ob das Gelage vielleicht wieder aufgenommen wurde, wo man es gelaſſen. Schon ruhte das arme Fräulein, von der theilnehmenden Crescenz beſorgt, auf hartem, aber reinlichem Lager in einer ſchmalen Zelle, und ergab ſich dem Schlummer, der die Ermüdete nach ſo vieler Mühſeligkeit wie ein Tröſter, wie ein ahnungsreicher Mittler zwiſchen Vergangenheit und Zukunft heimſuchte. So ſchlief die müde Jungfrau, ver⸗ ſperrt hinter ſtarken Riegeln, welche vor die Thüre zu ſchie⸗ ben die freundliche Crescenz ihr dringend angerathen hatte. Neuntes Kapitel. „Liebe Herren, ich reiche nicht an Euere Fuͤrnehm⸗ „lichkeit und Euere Gewalt; aber ich danke Gott „fuͤr das, was er mir beſcheert hat, und kann ich, „ſo ich mich im dickſten Walde oder auf freiem Felde „in meinem Lande verirrte, ohne Furcht mein Haupt „in den Schvoß eines jeglichen meiner Unterthanen „legen, um zu ſchlafen.“ Herzog Eberhard aufdem Fuͤrſten⸗ tage zu Worms. Der fremde Mann, den die Pförtnerin ſo ſchnöde von der Schwelle des Kloſters gewieſen, war nach kurzem Be⸗ ſinnen weiter gewandert, und von dem Wege nach Kohl⸗ ſtetten nicht abgewichen. Da er jedoch in das Dörflein ge⸗ kommen, und die niedrigen Hütten ſah, worinnen die müden Albbauern bereits ſchliefen, wollte er nicht da verbleiben, und ſagte zu ſich ſelber:„Iſt doch die Nacht ſo klar und rein, und ſcheint doch der Mond ſo hell, daß Berg und Pfad leichtlich zu ſehen iſt! Darum will ich fürbaß gehen, und bin dennoch am frühen Morgen daheim, und überraſche mein Weib, vas nicht ohne Sorgen ſeyn mag.“ Zetzt tummelte er ſich, die Wohnungen hinter ſich zu laſſen, wo vie Hunde knurrten, denen ſein Feldmann ungeſtüm ant⸗ wortete; und wie er draußen vor dem Oertlein ſtand, wo ſich ihm drei Pfade darboten, der eine gegen Ohnaſtetten, der zweite gen Holzelfingen und der dritte dem Honauer 125 Thal zu, da ſagte er nach kurzem Ueberlegen:„Ich will Honau zu ausſchreiten, oder beſſer, mir nicht verſagen, bei ſo wunderherrlicher Sternenpracht längs dem Bergrand hinzugehen, wo der ſtattliche Wald nach Hauſen abwäris führt. Was man auch im Lande von Schelmen und Dieben redet, Gott iſt doch überall, und ich fürchte die Mörder nicht. Ich wag's.“— Seine Straße verfolgend, wurde ihm, je weiter er die Fuße ſetzte, immer freier und muthi⸗ ger um's Herz, und er koste traulich mit den Erinnerungen aus ſeinem Leben, die gleich durchſichtigen Zauberjungfern ihm zur Seite gaukelten. Wie er ſo oft als wilder Knabe vieſe Reviere durchßrichen, ſtets Abenteuer geſucht und we⸗ nige gefunden in ſeinem Uebermuth, wie er damals unter dem flimmernden Himmelszelt gleichgültig hingegan⸗ gen und ſich wenig darum gekümmert, ob Sonne oder Mond ſchien, ob Regen ſiel over Schnee ſtäubte, ob die Menſchen ſeine Freunde waren oder ſeine Feinde.„dieſes Alles erzählte er ſich ſelber aufrichtig wieder, ohne Lüge, ohne Falſch. Die rauhe Jugend lag hinter ihm, wie die rauheſte Alb; freundlich wie das Thal zu ſeinen Füßen erſchienen ihm die Jahre, da er zur Erkenntniß kam und den Sinn gewaltig änderte, wie es einem Manne zuſteht, der, im Schlachtgewühl der Leidenſchaften ſtark gefährdet, endlich ſein freudiges Panier aufrichtet, wie einen Cedernbaum und ruft:„Genug des Streits, der Sieg iſt mein!“ Mit ſchar⸗ fem Aug hinüber ſchauend nach den Bergen zu ſeiner Rech⸗ ten, wo in grünen Wäldern die Karthauſe verſteckt lag⸗ eine Quelle ewigen Heils, kam ihm das duftende Thal der Echatz vor, wie das blaue Meer, das er einſt auf ſchwan⸗ kendem Kiel durchſchifft hatte, und im wachen Traume ſtie⸗ gen vor ſſeinen Sinnen die Kuppeln der heiligen Stadt unſers Erlöſers auf, wohin er gepilgert war mit andäch⸗ Nonne von Gnabenzell. 1. 10 145 liger Sehnſucht, ſtolzer auf das Kleid eines ſchlichten Bet⸗ fahrers, als auf den Prunk, den er ſchon geſehen, den er ſchon getragen. Der ſchweren Sorgen Laſt war dazumal von ihm ge⸗ wichen, ein ohnmächtiges Gewölk vor den Sonnenpfeilen des Tages; und Segen war ihm geworden, ſtatt des Unfriedens und ruhig ſchlug das ſtarke Herz, ſtatt zu toben, gleich dem brauſenden Moſt, der an den Banden rüttelt, welche ihn einfangen.— In ſolcher Stimmung kam der Mann, ein⸗ ſam wandernd, an die Stelle, wo das Schlößlein Lichten⸗ ſtein auf keckem Vorſprung in das Thal ragt. Und vor⸗ ſichtig den Graben umkreiſend, über den nur ſelten die Zug⸗ vrücke der Burg ſich niederließ, ſagte er ſcherzhaft vor ſich hin:„Ich würde ankommen, wie bei den ſchlechten Nonnen zu Gnadenzell, wenn ich von der griesgrämeriſchen Edel⸗ frau, die den Lichtenſtein gebaut hat, die Gaſtfreundſchaft begehren wollte, und dennoch. macht es der kühle Schein des Mondes, oder die weite Fahrt durch die Berge.. fühl' ich mich mit einemmale ſo behaglich müde, daß jeder Baum mir ein willkommenes Dach, jeder Fels ein trauliches Bette ſeyn würde. Aber ich will der Müdigkeit nicht nach⸗ geben, und dem Beiſpiele des rüſtig laufenden Hundes fol⸗ gen, damit nicht etwa meine läffigen Gefährten früher denn ich, an meines Hauſes Thüre klopfen, und mein Weib er⸗ ſchrecken, wenn ſie nur Jägerbeute mit ſich bringen, aber nicht den Mann.“ So machte ſich der Wanderer mit erneuter Munterkeit auf den Waldpfad, der am Bergeshang nach Oberhauſen abfällt. Er war indeſſen noch nicht weit darauf gekommen, als er ſich von drei Geſtalten umringt ſah, die ihn bei der Schulter faßten, und fragten, woher und wohin. Er ant⸗ wortete unerſchrocken:„Sagt mir vorerſt, ihr Wegelagerer, wer ihr ſeyd, und wie es kommt, daß ihr an ſo abgelege⸗ 147 ner Stätte Wache haltet?“— Da lachte der eine von den Männern ſpöttiſch und verſetzte:„Wir müſſen freilich wa⸗ chen, wenn der Graf auf ſeinem Schloſſe ſchläft. Gebietet er, ſo lang es Tag iſt, über's Land, ſo nehmen wir bei Nachtzeit uns die Mühe.“—„Du biſt ein kecker Burſche, führeſt freventliche Reden.“—„Und auf die Rede folgt die That, aufgeblaſener Herr, wenn Ihr nicht alſobald mit uns geht.“—„Wohin?“—„An einen Ort, wo Euch kein Leides widerfährt, wenn Ihr nicht etwa einer der Schelme ſeyd, denen wir auflauern, daß ſie uns nicht ent⸗ wiſchen.“—„Ein Schelm!“ fragte der Jäger mit auf⸗ wallendem Zorn, beſänftigte ſich jedoch alſogleich, be⸗ ſchwichtigte mit Hand und Mund den treuen Feldmann, der den Wegelagerern an den Hals wollte, und fügte hinzu: „Ihr ſeyd Dreie gegen Einen; da verfteht ſich's, daß ich folgen muß. Doch geſchieht's auf euere Gefahr, merkt euch das; und aus den Bäumen dieſes Waldes können viele Galgen gezimmert werden, denen ihr nicht übel anſtehen würdet, woferne ihr mir nur ein Härlein krümmtet.“— „Poſſen und Prahlerei!“ höhneten die Kerle in den Bart, und führten ihren Gefangenen ſeitwärts in den Förſt, bald in die Höhe, bald in die Tiefe, bis ſie nach geraumer Zeit ein verſtecktes Hüttlein erreichten, aus deſſen Ritzen ein ſchwaches Licht in die Finſterniß ſtrahlte. Es ſchlug juſt Mitternacht auf dem fernen Lichtenſtein, als ſie an die Thüre pochten.— Als die leichte Pforte, aus Baumzweigen geflochten, aufging, ergab es ſich, daß ſie nicht ſowohl eine Hütte, als vielmehr eine Kluft verſchloß, die weit in den Berg hineinlief, und wenig Schritte hinter ihrem Eingang Raums genug in die Höhe und Breite darbot, um ein paar Duzend Leute zu beherbergen. Eine ſchwache Leuchte erhellte dieſes Felſenloch nothdürftig, daß man auf zwet 148 oder drei Schritte ſehen konnte, wo man ſtand. Neben der dürftigen Flamme ſaßen auf einem Sandſteinblock zwei Männer, die Hände in den Schooß gelegt, und ſprangen erſt dann von ihrem Sitze auf, als der Dritte, eine gewal⸗ tige Figur mit blanker Mordaxt in der Fauſt, der die Höhle aufgethan hatte, mit tiefklingender Stimme rief:„Bringt Ihr einen der Vögel? langſame Schnecken, die man nach der Peſt ſchicken muß, was zögert ihr ſo lange?“ Kaum hatte er ausgeredet, ſo ſiel ein eisgrauer Kerl mit ge⸗ ſchwungenem Meſſer anf den Gefangenen, wie ein wildes Thier, aber Felvmann war flinker, als der meuchleriſche Märten, und warf den alten Sünder zu Voden. Der mit der Axt bewaffnete Wildherr riß den Hund bei dem Ringe ſeines Halsbands zurück, und gab zu gleicher Zeit dem Märten einen Stoß mit dem Fuße:„Ich wollte, daß Dir des Rüden Zähne in der falſchen Kehle ſäßen!“ ſchalt er: „fliehe in den Winkel, bis man den Metzger braucht, oder ich hetze ſelbſt das Thier, daß es Dich zerfleiſche.“ Schnau⸗ bend und dumpf fluchend gehorchte Märten, und Wildherr nahm die Leuchte und trat damit bedächtig vor den Frem⸗ den, der, die Hand an das Jagdmeſſer gelegt, jedem An⸗ griff unverzagt entgegen ſah, obgleich die Burſche, die ihn fingen, mit ausgeſpreizten Krallen in ſeinem Rücken ſtanden. Die Lampe zitterte in des Räubers Fauſt, da er ſeinem Mann in's Geſicht ſchaute, und er fragte mit dem Ausdruck tiefer Unzufriedenheit:„Was habt Ihr da gemacht, er⸗ bärmliche Geſellen? Statt des Geyers hobt ihr den Adler aus? Was fiel euch ein? was wolltet ihr mit dieſem Mann?“ Während der Beredteſte der mitternächtlichen Häſcher ſeinen Spruch anhob, und ſeine Tbat zu vertheidigen ſuchte, ging Wildherr, mit geſenktem Kopfe überlegend, einigemal — 8 149 in dem engen Raume hin und her, und ließ dem fremden Jäger alle Muße, ihn zu betrachten. Der gefürchtete Räu⸗ ber war eine der ſeltſamſten Geſtalten; denen zu verglei⸗ chen, die in einem ſpuckhaften Mährlein beſchrieben werden, wenn juſt ein Zauberer oder ein Geſpenſt darinnen auf⸗ tritt. Alles an ihm war widerſinnig, paßte nicht zuſammen; nicht die heldenmäßige Stellung zu dem ſchlechten ſonder⸗ baren Gewande: nicht die kräftige Stimme und das lebhafte Auge zu dem Alter, das ſich auf dem Geſichte kund gab. Unter der ziemlich hohen kegelförmigen Mütze, die hinten niedergeſchlagen war, wie ein Helm, und worauf ein Bü⸗ ſchel langer Hahnenfedern prangte, fielen dichte graue Haare ſtrack herab, über der Stirne kurz geſchnitten, wie ſie die Bauern tragen. Greiſe Augenbrauen beſchatteten zottig den feurigen Blick, und ein gewaltiger Schnurrbart, ebenfalls vom Alter beſchneit, blähte ſich borſtig unter der mächtigen Naſe, über dem trotzigen Mund. Auch unter dem Kinn ſtand der Bart wie ein Kragen von weißen Ziegenhaaren, daß die braunen Wangen des Räubers noch dunkler er⸗ ſchienen. Entſchloſſene Verwegenheit drohte aus den Zügen, und das Gewand des Wildherrn verrieth, daß er gewohnt war, jedes Ungemach zu tragen, jede Mühſeligkeit zu ver⸗ achten. Die nackte Bruſt ſah aus dem grauen Wamms, nur von einem Ledergürtel zuſammengehalten, rothe Bein⸗ kleider ſchlotterten weit über die Kniee, Holzſohlen, feſtge⸗ ſchnürt mit Riemen, aus Ochſenhaut geſchnitten, ſchützten den Fuß. Die lange Geſtalt wickelte ſich noch überdieß in einen Mantel von leichten Schaaffellen, und war bewehrt mit einem Gürtelmeſſer, ſo breit wie eines Scharfrichters Schwert, und mit der drohenden Art, die ſchon manchem herzhaften Manne Entſetzen eingejagt hatte.— Nachdem der Wilhherr ſeinen Gedanken genug nachgehangen, rückte 150 er, diesmal mit einer gewiſſen Vertraulichkeit, dem Jäger auf den Leib, und ſagte zu ihm:„Es reut mich, daß Ihr hier ſteht, aber ich mag Euch jetzt nicht loslaſſen, um Euerer Sicherheit willen. Meine Kumpane ſtreifen auf flüchtige Hirſche, und könnten Euch Ungelegenheit machen. Verzieht darum noch eine Weile, bis der Morgen graut, ich bürge für Euer Haut und Haar.“— Der Jäger verſetzte mit ei⸗ nem zuverſichtlichen Blick auf den Räuber:„Ich hoffe das. Damit ich Dir beweiſe, wie ruhig meine Seele iſt, will an jenem Steine mich niederlaſſen, und eine Stunde ſchlum⸗ mern, denn ich bin müde, kann mich kaum aufrecht halten.“ —„Thut das, Herr,“ entgegnete der Räuber mit Treu⸗ verzigkeit:„ſollt nicht geſtört werden. Ihr habt wohl ei⸗ nes beſſern Lagers Gewohnheit, doch will ich ſorgen, daß Ihr leivlich gebettet ſeyd. Heda, Dornhan, guter Freundt Setze Dich zum BVoden nieder, und lege das Haupt dieſes Herrn auf Deinen Schooß. Deine Hände und Mantel ſind ein weicheres Kiſſen, als der Stein.“— Wenn ſchon Dornhan mit verwundertem Geſichte den Befehl vernahm, ſo verrichtete er voch augenblicklich, was ihm geheißen war, und der gefangene Jäger legte ohne Wiverſtreben ſeinen Kopf auf die Kniee des Gauners. Lä⸗ chelnd, obgleich mit einem gewiſſen Ernſte, hob er den Finger wie ein drohender Schulmeiſter gegen den Räuber⸗ hauptmann, und ſprach:„Du! ich erwarte, daß Dir die heutige Nacht heilig ſey, wie mein Schlaf, und daß Du die Hirſche losläſſeſt, ohne ihnen Leids zu thun.“—„Keiner wird gehenkt, man habe ihn denn zuvor!“ entgegnete Wild⸗ herr lachend, winkte alsdann den Genoſſen, und ſagte: „Hinaus, Geſellen. Der Herr will allein ſeyn, und die Trabanten gehören vor die Thüre.“ An der Spitze ſeiner Leute ging er ſelbſt aus der Höhle, und da ſo eben aus — 151 der Tiefe des Thales ein Schrei emporſchlug, wie der hei⸗ ſere Ruf eines Aasgeyers, antwortete er auf dieſelbe Weiſe, und flüſterte zu den Kumpanen:„Ha, ſie kommen. Nickel, ſtelle Dich hart an vie Thüre, und wehre dem Mann den Ausgang, wenn er etwa Luſt hätte, uns zu ſtören, da wir Gericht halten; doch binde ich Dir auf das Gewiſſen, ihn nicht mit der Schärfe Deines Nagels zu verletzen, ſonſt...“ —„s iſt gut,“ murmelte Nickel, der halbe Worte ver⸗ ſtand. Hierauf näherten ſich die Räuber alle dem Rande des Berges, und horchten aufmerkſam, wie es den Holz⸗ ſchlipf herauf raſchelte, näher und immer näher; gleitende Schritte, kletternder Leute Keuchen, leiſes Aechzen und Kla⸗ gen von Männern, die wider Willen herauf geſchoben wur⸗ den, von ihren Führern bei jedem Tritte mit dem Tode bedroht, wenn ſie ſchrieen, oder einen Widverſtand ſich ein⸗ fallen ließen. Wie ein verworrener Knäuel von Engeln des Abgrunds ſtiegen des Wildherrn Genoſſen vor ihren Freunden aus der Tiefe, und immer je zweie hielten einen zitternden Mann, gefangen und gebunden in ihrer Mitte, und riefen trium⸗ phirend:„Wir haben die Schurken, wir fingen ſie, da ſie unterm Geleit von Reutlinger Söldnern Pfullingen verlie⸗ ßen. Wie lieſen die Haſen von Lanzenträgern! wie zittern jetzt dieſe feigen Lämmer! Wir mußten ſchweifen weit durch Feld und Wald, dem ſtreifenden Volke zu entrinnen; dafür mag uns jetzt das Blut der Hunde lohnen.“ Wildherr gebot Stille, und auf dem engen Platze, im dichten Gebüſch, nur wenige Schritte von der Höhle ent⸗ legen, ſchloßen die Räuber einen Ring, ein kleines Feuer⸗ lein wurde angeſchürt, und beleuchtete bald wie eine Trauer⸗ kerze die bleichen Geſichter der auf den Knieen liegenden Gefangenen, die finſtern Geſtalten ihrer Todfeinde, und das 15 unheilſchwangere Antlitz des Wildherrn, der auf dem Stum⸗ mel einer gefällten Buche, die Axt in der Fauſt, zu Ge⸗ richt faß, mit ſeinem Leibe den grauen Märten verbergend, der hinter ihm lauſchte, wie ein blutdürſtiger Wolf. So verharrten ſie alle während kurzer Friſt in tiefem Schwei⸗ gen; der Wächter an der Höhle vernahm darinnen die tie⸗ fen Athemzüge des Schlafenden, und gab ein Zeichen, daß man von ihm nichts zu beſorgen habe. Wildherr nahm plötzlich das Wort, daß ſeine Stimme wie ein kaltes Erz, des hinrichtenden Dolches Vorläufer, in die Bruſt der Un⸗ glücklichen drang, die vor ihm knieten.„Du in dem Trauer⸗ kleide, geizhälſiger Leichenbitter, wie nennſt Du Dich?“— „Ich bin ein Edler von Dieſſenhoven, bereue ſehr, daß ich die verdammte Klage erhoben, ſo mich in's Verderben bringt, und würde ſtracks das Land verlaſſen, nimmer wie⸗ derzukehren, wenn ich von Euch das Leben erhielte.“— „Woher ſtammſt Du? ſage es friſch und lüge nicht.“— „Ich wohne im Hohenlohiſchen, beerbte juſt zu Ulm die Muhme, eine geborene von Bachenſtein, und unſer beider Stammhaus ſteht zu Hall.“—„Genug!“ rief Wilbherr mit Ungeſtüm:„Die Todesangſt, die Du erlitten, ſey Deine Strafe. Kumpane, dieſen Mann ſpreche ich frei, und befehle, daß er ſtracks gen Reutlingen geleitet werde⸗ Der Geizhals ſehe zu im heiligen römiſchen Reiche, wer ihn henken mag.“— Dieſſenhoven, der ſolche Milde nicht erwartete, rutſchte auf den Knieen gegen den Wildherrn, ihm zu danken, aber das Beil des Räubers drohte ihm, daß er zurückſank. Indeſſen murrten die Diebe im Kreiſe, und ſprachen zu einander:„Was iſt das? Warum gibt er den Schurken frei? weil er ein Wappen führt? Antworte, Wildherr!“— Der Anführer erhob ſich ſchnell und fragte rauh dagegen;„Wer unterſteht ſich, mein Wort zu deu⸗ — — ————— — * 153 teln? des Todes iſt, wer nicht zur Stelle ſchweigt. Schei⸗ benhart, mein wackerer Knabe, führe den Junker weg, bis an das Thor von Reutlingen, binde ihm dort die Hände los und laſſe den Filz laufen.“ Scheibenhart, der wackere Knabe, einer der grimmig⸗ ſten Knechte des Wildherrn, riß den Edelmann beim Kra⸗ gen auf, und ftürzte ſich unverzüglich mit ihm den Holz⸗ ſchlipf hinab, daß der Forſt hallte, und dem Junker Hören und Sehen verging.— Kaum war es im Grunde wieder ſtille geworden, ſo ſprach der Wildherr zu den Seinen: „Gedenkt ihr, blinde Tröpfe, denn nicht mehr des letzten Willens unſers ſeligen Hauptmanns, dem der Himmel eine fröhliche Urſtänd verleihe? Gebot nicht der tapfere Hopp auf ſeinem Sterbebette, daß wir ſeine Landsleute, die von Hall, ſtets bei Ehr und Leben halten ſollen? Potz rother Blunder! Ich will Euch lehren, Euerem Gelöbniß treu zu ſeyn. Dieſe beiden Schelme da werden ſchon anders pfei⸗ fen. Du, Gauner von Ehningen, und Du Kloſterknecht von Güterſtein, wißt Ihr ſchon, wie hoch der Galgen iſt? welcher Teufel hat Euch geritten, daß ihr unſern armen Klaus nieverſchlugt, den herzhaften Heinz vor Gericht ſchlepptet, und des Wildherrn Namen in Euere ſchmutzige Mäuler nahmt? Schleppt die Hunde heran, daß ſie mir in's Geſicht ſchauen.“ Er ſchwang einen Feuerbrand auf, beleuchtete damit ſeine fürchterlichen Züge, und höhnte den niedergeſchmetterten Schlachtopfern zu:„Heda, ihr Pfaffen⸗ und Judengeſindel! war ich dabei zu Sanct Johann? eer⸗ kennt Ihr mich wieder? iſt's wahr, daß ich Dir, Du Ha⸗ ſenfänger, einmal vas Leben ſchenkte? Walzfrieder, bedanke Dich doch bei den Schelmen, daß ſie Dich für den Wild⸗ herrn angeſehen; aber Euere Hoffart, mit meiner Bekannt⸗ ſchaft Euch zu brüſten, ſoll vergolten werden. Jetzt könnt 154 Ihr erſt ſagen, daß Ihr den Teufel geſehen, und es iſt Euer Tod.“ Die Verurtheilten wagten nicht mehr, den Kopf zu heben, wimmerten dumpf um Gnade. Der uner⸗ bittliche Wildherr ſtieß ſie mit dem Fuße von ſich, und fuhr fort:„Hattet Ihr Mitleid mit dem armen Heinz? Der Bube war beſſer am kleinen Finger, als Ihr mit Rumpf und Stumpf. Blut um Blut; für Heinzens Fuß gibt der Ehninger, für Heinzens Fauſt der Waldknecht ſeinen Kopf. Damit Ihr's aber beſſer ſpürt, ſo mag des alten Vaters ſchartig Meſſer Euch den Leib aufſchlitzen.“ Märten fuhr wie der Blitz in den Kreis, und wetzte ſein Meſſer an einem Stein. Wildherr ſprach mit grauſamem Hohne wei⸗ ter:„Ha, ſeht Ihr, wie der Eber ſeine Hauer ſchleift? Heut iſt ein Feſt für mich. Brüder, heute ſind wir mehr als Herren und Grafen. Neben uns ſchläft ohnmächtig die Gewalt, und wir baden ihren trägen Leib im Blute ihrer Knechte.“— Die Gauner wußten nicht, was dieſe Rede bedeute, die Verurtheilten hörten ſie nicht, denn ſie waren ſchon halbtodt vor Angſt, und ſtammelten nur mit erloſche⸗ ner Stimme, als Wildherr ihrem Mörder winkte:„Beten, laßt uns beten, gebt nur Friſt, bis wir gebetet!“—„Mei⸗ nethalben,“ verſetzte der Räuber verächtlich. Die armen Sünder knieeten einander gegenüber auf dem Mooſe, ſahen ſich verzweifelnd in's Geſicht, bewegten die Lippen, fanden aber nicht ein Wort des Gebets, ſo ganz und gar waren ihnen die Sinne geſchwunden.„Bete ihnen vor!“ ſprach der Wildherr mit kalter Schaden freude zu dem alten Mär⸗ ten, der mit einem Auge ſeine Beute bewachte, und mit dem andern an dem Räuber hing, nach dem Mordzeichen lechzend.„Wie ſoll ich, Herr. 2 ſtotterte der betroffene Greis.—„Du wirſt ihnen vorbeten, ſage ich. Nur um dieſen Preis darfſt Du ſie ſchlachten.“— Märten, der ſeit „— 155 vielen Jahren wohl nicht ein Wort mit dem Himmel geſpro⸗ chen, wenn er gleich zur Kirche ging, die Bruſt zu klopfen, das Kreuz zu ſchlagen und die Augen zu verdrehen, zer⸗ martete ſich unmächtig den Schädel, bis er zögernd und ſteis innehaltend mit gräßlichem Murmeln begann:„Ic glaube in Gott den Vater.—„in Gott den Va⸗ ter. antworteten dann ächzend die Verurtheilten.— „den allmächtigen Schöpfer des Himmels und der Erde„—„und der Erde, o Jeſus— „gelitten unter Pontio Pilato..“ fuhr Märten eben ſo beſtürzt fort, indem er aus dem Texte kam; gläu⸗ big beteten ihm die von Sinnen Gekommenen nach.— „.. wieder auferſtanden von den Todten— „von den Todten, o Herr erbarme Dich unſer!“— „Ablaß der Sünden.0—„. der Sünden; o Herr vergib uns armen Sündern!“ Ein heller Schrei juchzte wieder aus dem Thal. Alle horchten auf.„Seht, was es gibt,“ ſagte der Haupt⸗ mann:„ſpute Dich, Märten, aberwitziger Beter, zu Ende zu kommen, ehe man uns ſtört.“ Und Märten, ſelber ängſtlich, ſeiner Rache verluſtig zu gehen, begann wieder in ſeiner Herzensangſt und Unwiſſenheit:„„ der em⸗ pfangen iſt vom heiligen Geiſte—„ vom hei⸗ ligen Geiſte. wiederholten die Todesjünger mit er⸗ neuter Kraft, denn ihnen war, als käme für ſie Rettung aus dem Thale.—„Ein Menſch klettert eiligſt herauf!“ rief Walzfrieder in den Kreis.„Wer iſt's? was mag er bringen?“ enigegnete der Hauptmann nach dem Thale ſtar⸗ rend.—„ und ein ewiges Leben Amen;“ ſchloß Mär⸗ ten haſtig. Der Krämer ſprach die Worte blindlings nach, aber der beſonnenere Forſtknecht rief mit herzzerreißender Stimme:„O Herr, wie verkürzt Ihr doch das Gebet, wie 156 veeilt Ihr unſern Tod! kann denn nicht ein Wunder ge⸗ ſchehen? Ach, wenn der Graf um unſere Noth wüßte —„Die Peſt auf den Grafen und euere Noth!“ ſchnaubte Märten, ungeduldig losbrechend:„fahrt ab in die Hölle, Henker meines Sohns!“ WMit einem lauten Schrei fielen ſich die Unglücklichen in die Arme, vereint den Todesſtreich zu empfangen; aber eine hülfreiche Hand drängte das Meſ⸗ ſer des unverſöhnlichen Rächers zurück, und Lamparters Stimme ſchrie ihm in's Ohr!„Halt ein! jetzt erſt mordeſt Du Dein Fleiſch und Blut. Ich komme von Pfullingen, ich drang in Heinzens Kerker, habe ihn geſehen, wenn ich ihn auch nicht befreien konnte. Aber er lebt noch, iſt noch unverſehrt, und der Graf ſoll erſt über ſein Schickſal ent⸗ ſcheiden. Der Aermſte bittet Euch, mit blutiger Rache noch zu zögern, denn verloren wäre er rettungslos, wenn dieſe Männer ſtürben. Wenn nicht, ſo hofft er Milderung ſeines Schickſals von der Barmherzigkeit des Grafen.“—„Wer verläßt ſich auf des Würtembergers Gnade?“ fragte der Alte heftig, während die Genoſſen des Wildherrn jubelten, daß Heinzens Urtheil noch nicht vollzogen. Von neuer Le⸗ benshoffnung erfüllt und begeiſtert antwortete der Ehninger mit überfließender Zuverſicht:„O liebe Männer, o verza⸗ get nicht und ſchonet unſer; denn der Graf iſt ein Engel auf Erden, und wenn der liebe Gott ſtürbe, ſo verdiente uur der Vater Eberhard, die Welt zu regieren!“—„Laßt uns los, ſchenkt uns das Leben,“ ſetzte der Waldknecht hinzu,„und wir ſelber, die Beſtohlenen und Geſchlagenen, wollen barfuß und den Strick um den Hals, das Haupt mit Staub und Aſche beſtreut, vor dem Grafen betteln⸗ daß er dem Heinz den Kopf und die Glieder erhalte.“— „Damit er in ewigem Kerker verkümmere?“ fragte Mär⸗ ten mit düſterem Auge. Da redete Wildherr mit Ernſt zu — —, 152 ihm:„Du böſer Menſch, der nur der Rache nachhängi, da er doch jubeln ſollte, als ein fröhlicher Vater! Dieſer Spuk hat lange genug gewährt. Das Leben jener Männer iſt Deines Sohnes Leben; darum mögen ſie hingehen und thun, wie ſie gelobt. Der Graf, ich weiß, wird gnädig ſeyn; und legt er auch den Heinz in den Thurm, ſo iſt ein gefangener Mann doch immer noch ein Mann, und wir halfen ſchon manch einem aus den Ketten.“—„Und wenn dieſe Schelme ihr Wort nicht halten? wenn ſie ven Graſen zur unerhörten Strenge erſt aufreizen?“ warf Märten finſter ein.„Dann ſind ſie uns noch immer gewiß, und der Obervogt mit allen ſeinen Schöppen,“ antwortete der Wildherr mit einem Tone, der das Aergſie befürch⸗ ten ließ. „Iſt das wahr, Du Strahlbub?“ rief eine ſtarke Stimme hinter ſeinem Rücken. Der Schläfer aus der Höhle ſtand mitten in dem Ring, da Nickel, ſein beſtellter Wächter, dem geheimnißvollen Gerichte lauſchend, ſeine Schritte nicht gehemmt hatte. Wildherr ſah ihm irutziglich in's Auge, hob indeſſen unwillkürlich die Hand, ſeine Kappe zu lüften, und entgegnete ohne Bangen:„Ja, gnädiger Herr. Was ich geſagt, das iſt ein Evangelium, und Ihr mögt nichts Beſſeres thun, als der Barmherzigkeit zu pflegen, damit Euere Amtleute und Richter am Leben bleiben. Schlagt die Augen auf, ihr losgeſprochene Sünder,“ fuhr er zu den Verurtheilten fort,„und werft Euch zu den Füßen Eures Herrn von Würtemberg. Er leſe noch die Todes⸗ angſt von Euern Geſichtern und ſey menſchlicher als ſeine Schöppen, wie wir zahm und ſriedlich waren gegen ihn.“ Von ehrerbietiger Scheu ergriffen, mochten die Räu⸗ ber Flatz, der Ehninger und Kloſterknecht knieten vor dem Grafen Eberhard, und baten beweglich um Gnade für den * 158 Feind. Als aber der Graf, nach manchen Fragen erſt, ihr Begehren inne wurde, und ſich umſah nach den Dieben, die ihn eine Nacht beherbergten, da waren ſo Wildherr als die Seinen verſchwunden und nicht mehr eine Spur von ihnen geblieben. Im Thale dagegen hörte der Fürſt den Hörnerruf ſeines daherziehenden Gefolgs, und ſtieg beim erſten Morgenſchein nach Unterhauſen hinab, eine ſtattliche Geleitswache ſeiner wunderbar vom Tod erlösten Unter⸗ thanen. OS gI4 S1Ee