* deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seitß und eſebedingungen. 1 Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗§ en angenommen.. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt; für nhchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —— 6 — auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mt.— Pf. 5 Auswärtige Abonnenten hab en für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre S Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 5 6. Schadenersatz. 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Drei Theile. gr. 12. eleg. broſch. ———„ ——, † Moosroſen. Erzaͤhlungen und Novellen von der. Pweiter B an d. Stuttga S e 5 5„ 5 r 5 18 30. Inhalt des zweiten Bandes. Seite. Splhter Pinselchen. Skizzirte Erzählung. 41 Der Gang in's keinbliche Lager. Romantiſches Ge⸗ mälde aus der Zeit des dreißigjährigen Krieges 91 Die Virtuosin. Eine Erinnerung aus dem Tagebuche ies Künſe — Splvester's Nacht. Moosroſen lI. 1 „ ——— ———— ———— In einem grauen Walde lebte vor langen Jahren ein Forſtwart, den man um ſeines Handwerks willen Sylveſter geheißen. Seine Huͤtte lag abgeſchieden von aller Welt, einſam zwiſchen knorrigen Baumſtaͤmmen. Innerhalb des kleinen Hauſes ſchwaͤrmte aber ein luſtiges Leben: der vier Kinder des Foͤrſters froͤhliches Daſeyn unter den Fluͤgeln einer ſorgſamen Mut⸗ ter. Alle zuſammen waren in dem Walde gebo⸗ ren und aufgewachſen; Sylveſter wie ſeine Eva; Bluͤthe und Bluͤmchen, die Toͤchter; wie Wolf⸗ gang und Luchsauge, die Soͤhne. Darum war ihnen auch Alles, was außerhalb den Graͤnzen des Forſtes lag, fremd und unbekannt wie die Wolken, die Tag fuͤr Tag und Nacht fuͤr Nacht 1* Ad 4 d an den Wipfeln ihrer Baͤume voruͤberzogen, gleich fluͤchtigen, fernen, nimmer verweilenden Gäͤſten. Der Waldherr, welcher Vater und Mutter auf ſeiner engverſchloſſenen Burg erzo⸗ gen hatte, war auch der Pfleger ihrer Kinder geweſen, bis ſie zum ſechstenmale den Schnee geſehen hatten, und noch jetzt, obgleich in der Eltern Huͤtte zuruͤckgeſendet, durften ſie noch oͤfters zu dem fuͤr jeden Andern unzugaͤnglichen Schloß gelangen. Dagegen hatte aber auch der Herr Allen ſtrenge verboten, aus dem Bereiche ſeines Waldgebiets ſich zu entfernen ohne ſein Geheiß oder ſein Belieben. So lebte denn die kleine Familie ſtill und fromm vor ſich hin, nicht vorwaͤrts ſchauend, aber deſto oͤfter zuruͤck in die Tage, die ſie ſchon verlebt hatten. Syl⸗ veſter muͤhte ſich in ſeinem Tagewerk, und kam, ſo oft die Buͤſche wieder Knospen trieben, vor des Waldherrn Pforte, um ihm Rechenſchaft von ſeinem Thun abzulegen. Mit jedem Mond⸗ wechſel bemuͤhte ſich indeſſen der Gebieter ſelbſt zu Sylveſter's Wohnung, ſchaute durch das N 5 kleine Fenſter in die Wirthſchaft der Hausfrau, helobte oder tadelte ſie, nachdem ſie fleißig oder laͤſſig geweſen, und nahm die Kinder mit in ſeinen ſchoͤnen Garten, von dem die Kleinen nicht genug zu erzäͤhlen wußten. Wenn ſie ſo vergnuͤgt und froͤhlich heimkamen und plauderten und die Herr⸗ lichkeiten, die ſie geſehen, beſchrieben, laͤchelten wohl die Eltern theilnehmend und milde, aber ein wehmuͤthiges Gefuͤhl preßte ihre Bruſt. Und dieſes Gefuͤhl, das ſie nur ausſprachen, wenn die Kinder nicht daheim, war Sehnſucht, Ver⸗ langen nach dem herrlichen Garten ihres Mei⸗ ſters, in dem ſie auch einſt gelebt hatten, und den ſie jetzt ſeit Langem nicht betreten durften. Sie beneideten im Stillen ihre Sproͤßlinge, weil ſie gluͤcklicher ſchienen und kluͤger als die Eltern ſelbſt. Die Maͤdchen ſaßen oft halbe Tage lang im bluͤhenden wuͤrzigen Graſe, und plauderten mit den Blumen, mit den raſtloſen Kaͤfern, mit der fleißigen Spinne. Die Knaben wiegten ſich auf ſchwankenden Aeſten und horch⸗ ten auf das Reden der Baͤume, auf den Pfiff AN 6 des Vogels, auf die Stimmen der ruͤſtig wan⸗ dernden Wildthiere. Die Blumen mochten noch ſo niedrig ſtehen, die Kaͤfer noch ſo eilige Poſt⸗ reiter ſeyn, die Spinne noch ſo leiſe weben,— die Maͤdchen verſtanden ſie. Das heimlichſte Fluͤſtern der Blaͤtter, das ſtillſte Locken des Gefieders, und des Wildes ſeltſamſte Toͤne be⸗ griffen die Knaben. Die Sterne ſogar waren ihnen vertraute Bekannte, denen ſie laͤchelnd in's Geſicht ſahen, und hinauflangten nach den gold⸗ nen Augen. Die Eltern jedoch hatten der Blu⸗ men und Thiere Sprache vergeſſen, und da ſie nicht mehr auf die Baͤume kletterten, auch die ehemalige Bekanntſchaft mit den Geſtirnen groͤß⸗ tentheils aufgegeben. Es konnte wohl nicht anders ſehn: ein gewiſſer Mißmuth uͤber dieſe Vergeßlichkeit mußte ſich dann und wann einfin⸗ den. Eva beſchwichtigte denſelben mit ruhiger Ergebung und verdoppelter Ruͤhrigkeit; der ſtärker fuͤhlende Sylveſter konnte indeſſen ſeinem Mißvergnuͤgen nicht ſo geraͤuſchlos Herr wer⸗ den. Er vermehrte wohl auch ſeinen Eifer und N 7 ſeine Thatkraft, aber, wo er ſonſt beſonnen wirkte, uͤberſchritt er alsdann wild und rauh die Graͤnzen ſeiner auferlegten Pflicht. Staͤmme, die wohl noch lange gehalten, ſchlug er mit tobenden Beilſchlagen, ohne zu pruͤfen, nieder. Sein Geſchoß durchknallte ohne Raſt und Wahl den Forſt, und er ruhte nicht, bis Muͤdigkeit ihn abgeſpannt, oder der Waldherr ſelbſt ihn ernſt in ſeine Schranken gewieſen.„Was haben Dir dieſe armen Baͤume gethan? Warum wuͤ⸗ theſt Du unnuͤtz gegen unſchuldige Kinder mei⸗ nes Gebiets, die bei weitem nicht ſo ſchäͤdlich ſind, als Du in Deiner Unruhe Dir einbildeſt? fragte dann der Herr, und beſchaͤmt verſtummte der Forſtwart. Auf die Scham folgte Beruhi⸗ gung, und er wurde wieder gut und freundlich wie ehedem. Jedoch, beſonders zur Zeit des Winters regte ſich wieder friſch der wilde Drang in ſeinem Innern, und zur ſelben Zeit geſchah es einmal, daß er finſter und ſchmollend auf engen Pfaden rund um des Waldherrn Schloß wanderte. Er hielt inne, lehnte ſich an ein Nd 8 AN Felsſtuͤc, die Buͤchſe neben ſich, verſchränkte die Arme, und ſtarrte an den hohen Mauern hinauf.—„Hinter dieſen Mauern,» ſprach er, eliegt der zauberiſche Ort, in dem ich erzogen wurde, und meine Eltern vor meiner, und meine Kinder nach meiner. Und hier muß ich ſtehen, in Eis und Froſt, und jenſeits lacht ein ewiger Fruͤhling! Hier durchſchaudert Schnee⸗ luft mein Gebein, und dort ſchmeichelt balſami⸗ ſcher Duft meinen Sinnen. Verlohnten ſich die wenigen gluͤcklichen Jahre, da ich jetzt ſo viel Ungemach tragen muß? Zuruͤck darf ich nicht mehr; hinaus ſoll ich auch nicht, und alſo hier verſtocken, wie ein unterm Epheu erſtickter Stamm, bloß weil der Herr es alſo haben will 25— Wie er ſeine Augen wendete, ſah er ploͤtz⸗ lich durch einen offen ſtehenden Baumgang wohl viele Meilen weit durch den Forſt in einer geraden Richtung hinaus in's Freie. Ach, wel⸗ che Ebene breitete ſich vor ſeinen Blicken aus! Welch' milder Schein lag auf derſelben! Wie NMN 9 NN gruͤnte und bluͤhte Alles auf reichen Feldern und Waſſer durchſtroͤmten Fluren! Thuͤrme und Mauern, in dem ſonnigen Licht gleich goldnen Zinnen glänzend, tauſendmal ſchoͤner, als die ſchmuckloſen Mauern des Waldſchloſſes, be⸗ graͤnzten, von bunten Wimpeln und Fahnen geſchmuͤckt, die einladende Flaͤche. Wonnetrun⸗ ten feſſelte ſich ſein Blick an das ſchoͤne Schau⸗ ſpiel. Der ferne Fruͤhling machte ihm die un⸗ freundliche Kaͤlte ſeiner Heimath doppelt fuhl⸗ bar. Ein ſtuͤrmiſches Begehren lenkte ſeinen Fuß nach dem reizenden Lande zu. Das ge⸗ wohnte Pflichtgefuͤhl hielt ihn auf. Waͤhrend er noch ſchwankte und zoͤgerte, ſtand zu ſeiner Ueberraſchung ploͤtzlich der Waldherr vor ihm, und ſah ihm ernſthaft aber guͤtig ins Auge.— „Nun, Sylveſter,» ſprach er: agehe immerhin hinaus; ich habe nichts dagegen. Ich bin nicht ſo boͤſe, als Viele glauben. Du haſt die Reiſe⸗ luſt; reiſe alſo. Der Tag iſt guͤnſtig gerade. Gehe hin, mein guter Knecht!!— cHerr! antwortete Sylveſter, dem ob der unerwarte⸗ N 10 ten Guͤte die Thraͤnen in die Angen traten: eich begehre nicht, Dich zu verlaſſen. Aber meine Muͤhen ſind doch ſo groß, daß mir Er⸗ heiterung noͤthig waͤre. Laß mich nur, gleich meinen Kindern, auf eine Stunde in Deinen Garten, daß ich mich darin erquicke.“ Der Waldherr ſchuͤttelte laͤchelnd das ehrwuͤrdige Haupt.„Was willſt Du in meinem Schloſſe, fragte er, ada es doch Winter iſt?—«Herr, erwiederte Sylveſter: aſeh' ich doch die Bluͤ— thenbuͤſche uͤber die Mauer nicken.—„Be⸗ ſchneite Wipfel, Sylveſter, weiter nichts. Deine Zeit iſt voruͤber, und ſoll erſt wieder kommen, mein ehrlicher Knecht. Darum iſt jetzo in je⸗ nem Bezirke Winter fuͤr Dich, wie hier und draußen.“— Der Forſtwart ſah betroffen durch eine Luͤcke der Mauer in das getraͤumte Paradies. Der Herr hatte Recht. Kahles Geſtruͤpp, bereifter Boden, verſteinerte Ouellen waren darin zu ſchauen. Zwiſchen dieſem allen ſaßen jedoch Sylveſter's Kinder und ſpielten froͤhlich und 11 riefen, als ſie den Vater erſahen:«Komm her⸗ ein, Vater, zu uns. Sieh, wie ſchoͤn der Gra⸗ natapfel bluͤht! Sieh, wie die Tulpe keimt, wie der Finke bruͤtet und der Schmetterling tanzt!?— Die Knaben luden ihn zu einem Bade im warm ſprudelnden Bach; die Maͤd⸗ chen warfen ihm durch die ſich ſchließende Luͤcke einen bluͤhenden Jasminzweig zu. Noch einen Augenblick lebte die Bluͤthe in ſeiner Hand; dann wurde ſie zur trocknen Gerte, und er wen⸗ dete ſich voll Wehmuth ab.—„Du taugſt jetzt nicht zum Dienſtz» ſagte der Waldherr freund⸗ lich: Thraͤnen truͤben das Auge. Verſuche, ob Du dieſe unnuͤtze, vergebliche Traurigkeit im Getuͤmmel draußen bezwingen magſt.— Ein Strahl von Heiterkeit flog in Sylveſter's Auge auf, und er wollte fort. Nimm das mit Dir, ſagte ſein guͤtiger Herr, und oͤffnete mit einem Fußſtoß die Erde, aus welcher eitel Gold⸗ und Silbermuͤnzen emporſtrahlten: afuͤlle Dei⸗ nen Waidſack. Draußen wirſt Du die Waare brauchen.“— Der Forſtwart wunderte ſich N 12 zwar; da ihm jedoch die blanken Stuͤcke wohl gefielen, that er, wie ihm der Herr geheißen. »Wirſt Du denn auch den Weg wieder zu mir finden? fragte dieſer guͤtig: Aus dem Hauſe geht ſich's leicht, doch nicht immer trifft man den rechten Pfad, um heimzukommen.“— Ich daͤchte wohl,» meinte Sylveſter, und blinzelte nach der Sonne.„Die Sterne halten draußen nicht gleichen Schritt mit Dir;» antwortete der Waldherr: animm lieber den treuen Führer.“ Ein Jagdhund, ſchoͤn gefleckt, mit treuen und verſtaͤndigen Augen ſprang an dem Forſt⸗ wart in die Höhe, und ſetzte ſich dann ſtill zu ſeinen Fuͤßen.„Waͤchter wird Dich begleiten,» fuhr der Waldherr fort: avertraue dem Ge⸗ pruͤften. Er grubelt freilich nicht, doch beſitzt er Gehorſam und eine ſichere Spur. Verlierſt Du Dich von ihm, iſt's einzig Deine Schuld. Geh' jetzt, Sylveſter, und vergiß nicht, von den Deinen Abſchied zu nehmen.» Der Waldherr war fortgegangen, und Syl⸗ veſter ſtand vor ſeiner Huͤtte. Eva und die 13 Kleinen umringten ihn. Er erzaͤhlte ihnen von der Erlaubniß des Meiſters und von ſeinem eigenen Willen, einmal aus dem Walde zu gehen, und im Freien ſich umzuſchauen. Laͤ⸗ chelnd fragte er die verſtummten Kinder, ob nicht Eines von ihnen Luſt haͤtte, mit ihm zu gehen. Bluͤthe ſagte:„Nein, herzliebſter Va⸗ ter, im Herrengarten iſt's zu ſchoͤn. Ich bleibe gerne zuruͤck.“ Bluͤmchen ſagte:„Lieber Vater, der Weihnachtsbaum haͤngt noch voll in ſeiner Pracht; ich kann nicht von ihm gehen. Wolf⸗ gang ſagte:„Wohl moͤchte ich mitlaufen, aber ich habe dem Schwan im Schloſſe verſprochen, heute mit ihm um die Wette zu ſchwimmen. Luchsauge endlich ſagte:„Herzlich gerne waͤre ich dabei, aber der Mond hat mir ein ſchoͤnes Maͤhrlein zugeſagt, und da muß ich ja heute Abend im Tannenwipfel ſitzen. „Wohl und gut, meine Kinder;z» ſagte der Vater, und wendete ſich zu ſeiner Eva, die mit traurigem Geſichte und gefalteten Haͤnden ſtumm neben den Kindern ſtand. Und Du, meine 14 n Gefaͤhrtin?— Ach, fluͤſterte dieſe: alieber als ſelbſt die Buben ginge ich mit, liebſter Mann; es muß gar zu ſchoͤn draußen ſeyn, aber— ſchilt die Mutter nicht;— die Kinder kann ich nicht zuruͤcklaſſen. So will ich mich denn troͤ⸗ ſten, ſo gut ich kann. Du aber kehre bald zu uns zuruck. Sylveſter verſprach's, ſchuͤttelte Eva'n die Hand, kuͤßte die Kinder und winkte dem Hunde. Waͤchter, die Abſicht des Gebie⸗ ters merkend, fand ſchnell den beſprochenen Baum⸗ gang auf, und zeigte, ſtill hinlaufend, den Weg. Der Fuͤhrer, der ſich tummelte, ſchien dem Forſtwart die Haͤlfte ſeiner Schnelligkeit mitge⸗ theilt zu haben, denn die Bäume flogen nur ſo an beiden Seiten an den Wanderern voruͤber, und die Strecke, die mehrere Stunden zu betra⸗ gen ſchien, war in kurzer Friſt zuruͤckgelegt, der Saum des Waldes erreicht, und der Graͤnzgra⸗ ben uͤberſprungen, als noch die ſinkende Sonne die Thurmknöpfe der Stadt vergoldete, auf die es in vollem Laufe zuging. Sylveſter ſtutzte zwar anfangs. Der Fruͤhling auf dieſen Flu⸗ ren war nur eine Taͤuſchung geweſen. Die Fel⸗ der lagen kahl, die Wieſen trocken; mit rauhen duͤrren Dornen, nicht mit gruͤnen Buͤſchen, wa⸗ ren die Aecker eingefriedet. Schneegewoͤlk zog allenthalben zuſammen am Himmel, und eine kalte Purpurroͤthe legte ſich um die Stadt, auf das Feld.„So iſt's hier, wie daheim?* fragte ſich Sylveſter, und verdoppelte die Eile, um noch vor der tiefen Daͤmmerung in die Stadt zu gelangen. Er irrte ſich jedoch. Die Straße ſchien endlos, und es war in der That ſchon Nacht geworden, als Sylveſter durch das later⸗ nenbeleuchtete Thor einzog. Nun ging das Stau⸗ nen erſt an. Die langen, breiten Gaſſen, von Palläſten beſetzt, deren Aeußeres die Waldburg beſchaͤmte,— die freien, runden, mit Bildſaͤu⸗ len gezierten Plaͤtze— die prachtvolle Beleuch⸗ tung!— wie ergriff das nie geſehene Schauſpiel Sylveſter's Einbildungskraft! Und zwiſchen die⸗ ſen ſtolzen Gebaͤuden, auf dieſen geraumigen Maͤrkten war es nicht leer und oͤde, wie auf 16 den einſamen Pfaden im Forſte. Tauſende von Menſchen wimmelten untereinander im Freien, jubelten in den Haͤuſern, trompeteten und ſchal⸗ meiten vor denſelben.„Hei! das iſt ein luſtig Leben! jubelte Sylveſter mit:„Weib und Kinder ſollten hier ſeyn, und ich hier mein Leben be⸗ ſchließen!— Da zog ein Trupp froͤhlicher Leute voruͤber, und ſang:„Auch heute iſt Sylveſters⸗ tag! Juhe! Juhe! Juhe!—„Wie 2 fragte der Forſtwart, die Ohren ſpitzend, aber ſeine Frage wurde uͤberhoͤrt, und Waͤchter konnte nicht ant⸗ worten.— Wir ſitzen ſo froͤhlich beiſammen, und haben einander ſo lieb! ſchallte es aus ei⸗ nem hellen Hauſe zur Rechten. Freude, ſchoͤ⸗ ner Goͤtterfunken, Lochter aus Eliſium lv toͤnte es gemaͤßigter aus einem Hauſe zur Linken. Halloh! halloh! bei uns geht's immer ſo lv tobte es aus einem andern Gebaͤude, und gleich darauf erklangen Glaͤſer und Kruͤge, und ein lau⸗ tes: Vivat Sylveſter! Sylveſter's Nacht hoch!« folgte nach.— Die rauſchende Freude, und ſei⸗ nes Namens Preiſen beſtimmte unſern Wande⸗ A 17 rer in dem froͤhlichen Hauſe einzukehren, und zwiſchen den ſingenden und jauchzenden Trinkern Platz zu nehmen. Der Wirth brachte Wein und forderte Geld.„Ich bin ja der Sylveſter, dem ſie Alle zutrinken!» ſagte der Forſtwart ſtaunend: eich will ja nur Beſcheid thun!?— Der Wirth lachte uͤber den vermeintlichen Witz, und gab zu verſtehen, Sylveſter muͤſſe heute beſſer zahlen, als jeder Andere. Der Wandrer warf ein Sil⸗ berſtuͤck hin, und ſchenkte es dem kratzfuͤßelnden Wirthe. Die Kunde dieſer Freigebigkeit verbrei⸗ tete ſich, und mit dem Rufe:„Sylveſter iſt da! verſammelten ſich viele Gaͤſte um den ſonderba⸗ ren Fremden, der ſich in einem Athem fuͤr die Ehre bedankte, die man ſeiner Ankunft, wenn gleich wenig verdient, erweiſe. Die Leute lach⸗ ten laut, gratulirten ihm immer inniger, und tranken immer lebhafter auf ſein Wohl. Sylve⸗ ſter ſpendete dafuͤr manche Prachtmuͤnze aus ſei⸗ nem Waidſacke, und dachte bei ſich ſelbſt: Ich merke wohl, daß man die klingende Waare braucht, und daß ſie reißend abgeht; indeſſen Moosroſen II. 2 Nd 18 der heutige Abend iſt ja mein, ganz mein, und die guten Leute muͤſſen doch fuͤr die Ehre, die ſie mir anthun, etwas haben, das ihnen Freude macht.— Indem er nun aber vergnuͤgt und froh ſich immer feſter ſetzte, entſtand unter einer Gruppe von Maͤnnern, die gerade ein Lied zum Lob der Eintracht ſangen, eine Rauferei, welche allgemeiner wurde, und der zu entgehen der Forſtwart bedacht war. Waͤchter zog ihn auf die Straße und mit ſich fort. Der unge⸗ wohnte Rebenſaft hatte ihn etwas aufgeregt, und die Luſt in ihm erweckt, von der Stadt und ihren Haͤuſern, obgleich es Nacht war, ein Meh⸗ reres zu ſehen. Er blinzelte durch die erleuch⸗ teten Fenſter und gewahrte hinter einem derſel⸗ ben einen Mann, der mit auf den Ruͤcken ge⸗ legten Haͤnden und traurigem Geſichte auf und nieder ging. Sylveſter horchte und ſah ihm auf⸗ merkſam zu, wie er ſich ploͤtzlich vor die Stirne ſchlug, und wie in Verzweiflung ausrief:«Ich bin der Ungluͤcklichſte aller Menſchen! Warum „ 19 lebe ich noch? Heute ſollte ich zahlen, und Syl⸗ veſter laͤßt mich ſtecken! Ich bin verloren!“— Schnell ſtand der Waldmann in des Mannes Zimmer: Waͤchter blieb außer dem Hauſe.«Ich bin Sylveſter, ſagte der Geruͤhrte: eich will Dich nicht ſtecken laſſen, armer Mann. Kann ich Dir mit Gold und Silber helfen?— Der Mann ſah den Fremden verwundert an; als er aber auch zugleich den Schatz ſah, den Sylveſter mit ein paar raſchen Griffen aus dem Waidſack auf den Tiſch rollen ließ, ſo fiel er ihm ſtuͤrmiſch um den Hals, und jauchzte:„Retter meines Le— bens und meiner Ehre! Du hilfſt mir vom Ab⸗ grunde. Ungeſtuͤme Glaͤubiger haͤtten mich mor⸗ gen gepluͤndert. Da erſcheinſt Du, gewiß ein Heiliger! ein Gott zu meiner Huͤlfe!— Sylveſter entzog ſich, uͤber die leidenſchaft⸗ liche Rede des Geretteten betroffen, den hefti⸗ gen Umarmungen deſſelben, winkte ihm zu ſchwei⸗ gen und ging eilends weg.— Habe Dank,» ſagte 2* N N 20 er auf der Gaſſe,„Du edler Waldherr, haſt mir Gelegenheit gegeben, etwas Gutes zu thun in der Nacht, die mein iſt!“— Waͤchter ſchuͤttelte heftig Kopf und Ohren und ſprang fuͤrbaß. Sylveſter, der ſeinen Waidſack noch ſchwer fuͤhlte, ſchlich bedachtſam an den Fenſtern hin, fand aber uͤberall entweder leere Zimmer, oder froͤhliche Geſellſchaften, die ſeine Geſundheit tranken, oder ſtill ſchlafende Menſchen, oder kranke Klagende. Einem derſelben bot er durch's Fenſter eine Hand⸗ voll Geld. Der Kranke ſchob's aber zuruͤck, und ſagte:„Was nuͤtzt mir das Metall? Gieb mir die Geſundheit wieder!v und ſchlug, da Sylveſter die Achſeln zuckte, unwillig vor ihm und ſeinem Golde das Fenſter zu.„Die Dinger ſind doch nicht fuͤr Alles gut, murrte der Forſtwart: eich ſeh' es wohl; in gewiſſen Dingen muß ein An⸗ derer helfen.» Bald jedoch bot ſich ihm wieder eine Gele⸗ genheit, zu dienen, dar. Fenſterladen von Eiſen⸗ blech zogen des Waldmanns Aufmerkſamkeit auf ſich. Durch eine Ritze derſelben ſah er bei truͤ⸗ ber Lampe zwiſchen eiſernen Kiſten einen duͤrren Mann am Pulte ſitzen, und der Mann rechnete und rechnete, und allem Jubel war ſein Ohr taub.„Ach!» ſeufzte er endlich, und ließ die Feder ſinken: aes iſt einmal ſo, und ich kann's nicht aͤndern. Das iſt der erſte Sylveſter, der mich armen Mann dahinten laͤßt. Heute kann ich die Zwanzigtauſend nicht zuſammenſiegeln, die ich ſonſt alle Jahre um dieſelbe Zeit einzu⸗ packen pflegte. Das iſt mein Letztes, und der Nagel zu meinem Sarge! Ich ſterbe morgen an dieſem Ungluͤck.— Der Forſtwart klopfte mit nervigter Hand an die verriegelte Thuͤre. Wer da?» rief des Rechners zitternde Stimme: aes wird Niemanden aufgemacht.— aIch bringe Geld, armer Mannt* troͤſtete Sylveſter, und ließ die Muͤnzen klingen. Schnell ging die Thuͤre auf, und der Rechner fiel beinahe in Ohnmacht, als er die Goldhaufen ſah, die ihm der Gaſt darreichte, mit der Frage, ob's genug ſey?—„Darf ich fragen?— ſprach er aͤngſt⸗ 22 lich, und ſich die Stirne reibend.—«ch bin Sylveſter, antwortete der Wohlthaͤter ernſthaft: aund da ich gerade in der Stadt bin in meiner Nacht, will ich Dich nicht dahinten laſſen.— Der Rechner laͤchelte nun ganz beſonders, griff wieder nach der Stirne mit einem Seitenblick auf den Beſuch, ſcharrte das Geld ſchnell zu⸗ ſammen, und entgegnete:„Schon gut, mein lie⸗ ber Freund. Ich danke von Herzen, und wuͤnſche nur—„Danke dem guͤtigen Waldherrnz» unterbrach ihn Sylveſter ehrlich:«Kennſt Du ihn 7— Wie ſollt' ich nicht?“ fragte der Mann dagegen mit ſuͤßlicher Miene: bitte, meinen gehorſamſten Dank an ihn auszurichten. — Zugleich oͤffnete er aber mit einer Abſchieds⸗ verbeugung die Thuͤre, und Sylveſter ging, ſeiner Handlung ſich nicht recht bewußt, von dannen.— Er war ſo ſtill, wie ſein Waͤchter, der auf des Hauſes Stufen ſeiner gewartet hatte, und ging, in ſeine Gedanken verloren, fort, bis er ploͤtzlich bemerkte, daß er in einem kleinen Gaͤßchen ſtand, worinnen nur ſparſame Lichter hinter duͤſtern Scheiben hervorleuchteten. —„Sieh doch,» ſagte er fuͤr ſich: aſo gibt's in der großen Stadt doch auch Huͤtten, nicht beſſer als die meinige??— Waͤchter ſtand vor einer ſolchen ſtille, und wies mit dem Kopfe nach dem Fenſter. Sylveſter ſah in einer durf⸗ tigen Stube drei Menſchen, die ſich weinend in den Armen lagen.—«Ach, Ludwig, Du gehſt? klagte ein junges, huͤbſches Maͤdchen.— Ich muß ja wohl!» antwortete eben ſo ein jun⸗ ger Menſch, dem die Thraͤnen uͤber die Backen liefen.—„Ja freilich; Du mußt;' ſagte eine alte Frau, die beide umarmte:„Du lieber, treuer Menſch. Dir haͤtte ich das Maͤdel am liebſten gegeben, aber es ſoll nicht ſeyn. Haͤtte Dich Deine Krankheit nicht zuruͤckgeworfen, ſo haͤttet Ihr auf den Sylveſtertag, wie Ihr ge⸗ hofft, die noͤthige Summe beiſammengehabt, und Euch heirathen duͤrfen. Aber, da das Ungluͤck Euch ohnehin verfolgt,— warum auch noch ungluͤcklicher machen? Gehe alſo, Ludwig, und habe Gott vor Augen und werde gluͤcklich. Wir wollen uns durchhelfen, wie wir eben koͤnnen.» —„Ach, der ungluͤckliche Sylveſtertag!* jam⸗ merten die Liebenden. Der Horcher druͤckte aber das Fenſter auf, und rief hinein: Verſuͤndigt Euch nicht. Ich bin der Sylveſter; der Abend iſt beſſer als der Tag! und ſtreute einen ſilber⸗ nen Regen in das Gemach. Mit einem Schrei des Entzuͤckens fuhren Alle auf ihn zu.«Herr! Engel! zu viel! zu viel!» riefen ſie; aber Syl⸗ veſter war ſchon weit, und Waͤchter galloppirte froh neben ihm.—„Das war gut,» ſagte Er⸗ ſterer zu ſich:„Schade nur, daß mir die Andern ſo viel Geld gekoſtet haben. Die Leutchen haͤt⸗ ten, glaube ich, mehr verdient!l» Nun war der Spender ſo vieler Wohlthaten muͤde geworden, und trat, obgleich Waͤchter Miene machte, weiter zu gehen, in das naͤchſte Trink⸗ und Gaſthaus, ſeine Kehle zu erquicken. Auch hier wurde ſein Name geprieſen. Als er ſich aber dafuͤr geziemend bedankte, ſchwieg Alles, ſah auf ihn hin, und lachte oder laͤchelte. „Ihr ſeyd ein luſtiger Kumpan, ſagte ein Nach⸗ bar zu dem Forſtwart: alaßt uns anklingen, auf ein gluͤckliches neues Jahr!—„Damit hat's noch freilich Zeit!v lachte Sylveſter, und ſtieß gut⸗ muͤthig an.— Nicht lange mehrzv verſetzte der Andre.«In fuͤnf Viertelſtunden iſt's da.?—«J, wie rechnet Ihr denn? fragte Sylveſter ernſt⸗ hafter weiter: Bei uns geht's mit dem Fruͤhling an,— das Jahr; und Ihr hringt es mit Schnee⸗ flocken? Richtig, meinte der Nachbar:« vollkom⸗ men recht iſt's auch. Ihr moͤchtet gerne alles Ungemach des Jahrs auf die Letzt ſchieben; den traurigen Herbſt, den froſtigen Winter? Wir machen's huͤbſch, wie es im Menſchenleben uͤber⸗ haupt iſt. Finſter beginnt es, und ſchließt nach kurzem Glanze im finſtern Grab.—„Mit Er⸗ laubniß, das iſt gelogen; ſprach Sylveſter, den der Wein wildberedt machte: afroͤhlich iſt Lebens Anfang, das muß ich wiſſen, und frohlich der Ausgang, ſo Gluͤck und Hoffnung wohl will. Nur in der Mitte liegt die Plage: fragt nur den Waldherrn.» 26 (Den Waldherrn? wer iſt das? und wer biſt Du, der unſern Kalender bekrittelt? fragte auf⸗ ſpringend der Nachbar, fragten fuͤnfzig Stim⸗ men ihm nach; denn alle Gaͤſte kamen in Auf⸗ ruhr.—„Wir kennen den Waldherrn nicht! wiſſen nichts von ihm! wollen nichts von ihm wiſſen!» ſchrieen ſie bunt durcheinander; aaber der Schelm muß gezuͤchtigt werden, der unſern Ka⸗ lender angreift, und nicht leiden will, daß wir das Jahr anfangen, wo es uns beliebt! Sylveſter bemuͤhte ſich vergebens, dem auf⸗ geregten Volke vorzuſtellen, daß er keine boͤſe Abſicht gegen daſſelbe hege, und daß es ſich we⸗ nig ſchicke, denjenigen zu beleidigen, deſſen Ge⸗ ſundheit man ſo eben getrunken. Das Volk tobte durch einander, und Sylveſter, der ſich uͤber⸗ ſchrieen ſah, wurde ebenfalls heftiger als noͤthig. Wächter zupfte ihn am Kleide, als ob er ihn zum Fortgehen ermahnen wollte; Sylveſter ſchlug aber nach dem Treuen, und ſomit entfloh der⸗ ſelbe. Die Gegner drangen nachher heran mit N 27 b drohenden Geberden, und machten Miene, den Fremden hinauszuwerfen. Da griff Sylveſter nach der Buͤchſe, und wollte blindlings auf den Vorderſten anſchlagen, als wie auf einen Wolf. — Ein Schrei des Entſetzens rund um: Sylve⸗ ſter ließ aber plotzlich die Waffe ſinken, denn dicht vor ihrer Muͤndung hatte er ſeinen ehr⸗ wuͤrdigen Waldherrn geſehen, wie er ihm ernſt und finſter mit dem Finger drohte. Wie ein Blitz war die Erſcheinung wieder verſchwunden, Syl⸗ veſter's Herz wieder beruhigt, und verſoͤhnt ſtreckte er ſeinen erſtarrten Feinden die Hand entgegen. Die feindliche Bewegung hatte ihre Wuth ge⸗ reizt, die freundliche verſoͤhnte auch ſie. Ein Friedensfeſt begann jetzt; Gluͤckwuͤnſche und Ge⸗ ſundheiten wurden geſprochen; die Neujahrspo⸗ ſaunen und Trompeten blieſen munter darein, und bald drehte ſich die Welt um Sylveſter's Haupt, ſchwankend und roſenfarb. Seine Zunge wurde geſpraͤchig, ſeine Hand leerte freigebig den Ueberreſt ſeines Schatzes in die Schuͤrze des Wirths, in die Haͤnde ſeiner neuen Freunde.— Bleib bei uns,» riefen Alle:«was willſt Du in Deinem traurigen Walde? hier iſt Freude! hier iſt Luſt, und wir koͤnnen Dich auf nicht minder ſchoͤne Blumen betten, als diejenigen ſind, die Du in Deines Herrn Garten geſehen.“— Lal⸗ lend willigte Sylveſter ein, und forderte den Wirth auf, ihn nach einem Roſenlager zu brin⸗ gen. Der Wirth hielt ſein Verſprechen, und auf flimmernden Blumen ſchlummerte der von wil⸗ der Luſt Ermuͤdete ein, um reuevoll und ver⸗ droſſen zu erwachen. Der Tag war heiter, aber ſeine Stirne nicht, und quälend legte ſich die Erinnerung auf ſeine Bruſt.„Wie war mir denn?* fragte er mit ſcheuen Blicken um ſich her: War ich geſtern Ich ſelbſt? — O nein; heute bin ich's, glaube ich, wie⸗ der, obſchon nicht klar beſonnen, wie wohl ſonſt.“ — Da fielen ihm Weib und Kinder und Hei⸗ math ein, und verdrießlich ſprang er auf. Fin⸗ ſter ſah er auf die ungewohnten Waͤnde, die ihn umgaben, auf das Lager, das er verließ. Das waren keine Blumen, wie des Waldherrn Garten ſie erzeugte! Kunſtlich gefertigt waren ſie und bunt, doch fehlte ihnen das Leben, die friſche Farbe, der balſamiſche Athem, und aus der zerknitterten Larve ſchaute der Dorn. Miß⸗ muth erfullte Sylveſter's Bruſt, und Kummer trat dazu, als er den Waͤchter vermißte, und ſich beſann, wie er ſelbſt ihn ſo ſchnoͤde verſto⸗ ßen. Zuͤrnend auf ſeinen Leichtſinn, nahm er ſich vor, den Entwichenen aufzuſuchen, ergriff den leeren Waidſack, die Buͤchſe, und verließ das Haus. Keine Seele hielt ihn zuruͤck. Er hatte ſeinen Tribut gegeben, dafuͤr gab man ihn auf. Und dieſe Straßen,— wie ſo un⸗ heimlich weit und ſtarr dehnten ſie ſich vor ihm aus! Und wie ſo fremd, ſo fremd ſchauten alle Geſichter auf ihn; zum großen Theil verdroſſene verſtoͤrte Geſichter im Feiertagsputz. Die ver⸗ ſtoͤrteſten unter ihnen entſann ſich Sylveſter ge⸗ ſtern bei'm Gelage geſehen zu haben. Keines von allen jedoch erwiederte ſeinen ſtillen Gruß, und der Sylveſter, von dem geſtern die ganze N 30 Stadt geſungen und gejauchzt, war heute von der ganzen Stadt vergeſſen.— Wie er ſo fortwanderte, und vergebens ſei⸗ nem Waͤchter lockte, und vergebens nach einem Auswege aus dem Labyrinthe der vielverſchlun⸗ genen Haͤnſerreihen umſah, kam er zu einem Hauſe, vor dem ſich viele Menſchen verſammelt hatten. Ein Mann wurde herausgetragen: er hatte ſich ſelbſt umgebracht, und die Umſtehen⸗ den, die Seinigen unter der Thuͤre, ſchmaͤhten ſein Andenken.„Seht! riefen ſie: aſeht den ſchlech⸗ teſten Gatten und Vater! Am Spieltiſche hat der Unſelige geſtern all' ſeine Habe verſchleu⸗ dert, ſich alsdann den Tod gegeben!— Dem Teufel hatt' er ſich verſchrieben;v murmelten An⸗ dere: aaber als das ſchnoͤd' errungene Gold da⸗ hin war, hat der Schwarze ihm den Hals um⸗ gedreht.“— Sylveſter traute ſeinen Augen nicht, da er in dem Todtblaſſen denjenigen erkannte, den er geſtern beſchenkt, von dem er ein Retter in der Noth genannt worden war.«Iſt es moͤg⸗ A 31 n lich!»ſeufzte er ſtill vor ſich hin:»Ich hatt' es doch ſo gut gemeint! Er ging hierauf weiter, und ſtieß ploͤtzlich auf den hagern Rechner, dem er ſich geſtern huͤlfreich erwieſen.—„Sey gegruͤßt,» ſagte er gutmüthig zu dieſem: Wie haſt Du geruht? Ich habe eine Bitte an Dich.“— Der Hagre erkannte ſeinen Mann auf der Stelle, aber faßte auch ſchnell ſeinen Entſchluß.—„Wer ſeyd Ihr? brummte er hart:„Ich kenne Euch nicht! Packt Euch!— Sylveſter erinnerte ihn an den geſtrigen Abend, und bat, er moͤchte ihm den Weg zu dem Forſte angeben, wo der gute Waldherr hauſe. Was weiß ich?v polterte der Hagere wieder: Ihr ſeyd ein aberwitziger Menſch. In's Spital mit Euch und Euerm Waldherrn! Ich kenne ihn nicht und Dich eben ſo wenig, Trunkenbold oder Verruchter, wer Du auch ſeyn magſt.» Somit enrlief er geſchwind wie auf hundert Spinnenfuͤßen, um dem laͤſtigen Bekannten zu entgehen. Entruͤſtet ob ſolcher Unbill, wollte ihm Sylveſter folgen, fuͤhlte ſich jedoch bei der Schulter zuruͤckgehalten. Ein ehrwuͤrdiger Herr in ſchwarzem anſtaͤndigem Gewande ſah den Jä⸗ ger freundlich an. Laß ihn! ſagte er ſanft und ruhig: Jener Geizhals kennt in der That Dei⸗ nen guͤtigen Waldherrn nicht, und wenn er's gegen Dich geſtern vorgab, ſo hat er Dich ge⸗ taͤuſcht, um Dein Geld ſicherer behalten zu dur⸗ fen. Er hält Dich fuͤr einen Wahnſinnigen, und fuͤrchtet, die Gerechtigkeit moͤchte ihn zwingen, den Mammon, den er Dir wie einem Unmuͤn⸗ digen abnahm, wieder herauszugeben. Ich habe Euer Geſpraͤch angehoͤrt. Laſſe ihn, mein Freund. Der Menſch hat Millionen in ſeinen Kiſten, und Du haſt mit Deinem Schatze nur einen Tropfen mehr in den Strom ſeiner Qual geworfen.“— Sylveſter erſtaunte immer mehr, und holte tief und beklommen Athem.—„Ach, wie habe 33 ich mich getaͤuſcht!“ klagte er:„Gutes glaubte ich zu thun, und weh' mir, wenn mein Herr und Meiſter Rechenſchaft von dem mir anver⸗ trauten Reichthum fordert.— Der ehrwuͤrdige Herr laͤchelte.„Beruhige Dich,» erwiederte er: adie ſchnoͤden Schlacken vertraut der graue Mei⸗ ſter den unerfahrnen Haͤnden, um zu pruͤfen, wohin ſie ihre Saat legen. Solch' blankes Geſaͤme traͤgt oft herrliche Zinſen. Der Boden aber, auf dem es Schlacke bleibt, war ſchon von Anbeginn unfruchtbare Haide, oder ſtarrer Fels.— Der Waldmann ſtutzte.„Du redeſt ſo gelehrt?* fragte er: akennſt Du den Waldherrn, von dem Du redeſt?—»Ich kenne ihnz» entgegnete der Greis mit frendig leuchtendem Blicke: Viele, Viele ſind mit ihm vertraut; Viele fern nur mit ihm einverſtanden: ſehr Viele ihm gaͤnzlich fremd. Er hingegen kennt Alle, liebt Alle, und vergibt Allen.» Sylveſter war geruͤhrt durch das Anſehen, in welchem ſein guter Herr auch ſelbſt hier anßen Moosroſen II. 8 Nd 34 n zu ſtehen ſchien: beſchaͤmt, daß er den Gedanken hatte faſſen koͤnnen, ihn zu verlaſſen.„Wenn er Allen vergibt, ſagte er, aſo wird er auch mir verzeihen. Wuͤßte ich nur wieder den Weg zu ihm,— haͤtte ich nur meinen guten Waͤchter wieder!* Er iſt mir zugelaufen,» verſicherte der Greis: eiſt Dir's Ernſt, heimzukehren, ſo wird er Dich wieder fuͤhren.“— Sylveſter jubelte laut vor Freuden, und folgte dem alten Herrn zu ſeinem Hanſe. An einer Kreuzſtraße zog in einiger Entfernung eine Reihe geputzter Menſchen da⸗ hin; voran ein Brautpaar, einfach geſchmuͤckt, Roſen der Heiterkeit auf Wange und Stirne. —„Sieh' da!lv rief Sylveſter: adas iſt Ludwig mit ſeiner Braut.„Die guten armen Menſchen! Wenn nur ihnen wenigſtens die Schlacken, die ich ihnen gab, Gluͤck braͤchten.—„Das werden ſie,» antwortete der Greis:„Tugend und Froͤmmigkeit geleiten ſie jetzt von dem Altar in die kleine Huͤtte, und znter den unzaͤhligen 35 Vorſaͤtzen und Schwuͤren, die der heutige Tag erzeugt, iſt ihr Gelubde ein ſichres, feſtes, un⸗ umſtoͤßliches: das Geluͤbde, ſich rein und treu zu lieben, bis an's Ende! Hier traͤgt Deine Saat eine hundertfaͤltige Frucht.“ Sylveſter druckte dem wuͤrdigen Fuͤhrer dank⸗ bar die Hand, und dachte innig und ſehnend an ſeine liebe Eva, an ſeine bluͤhenden Kinder. Sein Dank brach aber in laute herzliche Worte aus, als der Greis die Thuͤre eines edeleinfa⸗ chen Gebaͤudes eroͤffnete, vor dem ſie ſtanden, und Waͤchter, freundlich wedelnd, daraus her⸗ vorkam. Willſt Du mich wieder fuͤhren, ver⸗ ſoͤhnliches Weſen? fragte Sylveſter. Der Hund nickte bereitwillig. Der Greis legte ſeine Haͤnde auf Sylveſter's Haupt, ſprechend:„Geh' hin in Seinem Frieden. Folge Deinem Leiter. Sage Deinem guten Herrn von mir. Sage ihm: ich ſehne mich, bei ihm zu ſeyn! Sylveſter wußte nicht, wie ihm geſchah. Die Gebaͤude, die ihn noch kurz vorher umla⸗ 3 0 36„n gert, waren weit zuruͤckgeſchoben, und in der Ferne lag der graue Wald. Waͤchter ſprang herzhaft darauf zu. Sylveſter folgte ſeiner Spur. Im Anfange war die Straße ziemlich lebendig. Gruppen von Maͤnnern und Frauen kamen dem Waidmann entgegen.—„Wohin, Landsmann?* riefen viele:„Kehr' um. Wir waren heute im Begriff, einmal jenen Wald zu beſuchen, aber es iſt doch ſchoͤner in der froͤhli— chen Stadt. Wir kehren um; gehe mit!* An Vielen ging Sylveſter verneinend vor⸗ uͤber: Viele ergriffen ihn jedoch vertraulich bei'm Arme, und zogen den Gutmuͤthigen eine Strecke weit mit ſich fort. So oft er indeſſen das ferne Bellen ſeines Hundes hoͤrte, riß er ſich maͤnnlich los, und lief dem Waͤchter nach, obgleich er manchmal einen großen Umweg zu machen hatte, um wieder auf ſeine Faͤhrte zu kommen.„Fahr' wohl,» ſpotteten ihm die letz⸗ ten, luſtigen Geſellen nach, denen er entrann: „Fahr' wohl, Sylveſter; gruͤß' Frau und Kin⸗ derlein! Ueber's Jahr,— nicht eher,— komm' 377 wieder!?—„Pfui! uͤber die rohen hoͤhniſchen Leute! rief der Forſtwart, und kuͤßte den Graͤnz⸗ boden des Waldes, als er— wieder bei ſinken⸗ der Sonne, gluͤcklich daſelbſt angelangt war. Ihn kuͤßten jedoch ſeine Soͤhne, Wolfgang und Luchsauge, die ſich an ſeine Bruſt warfen.— „Warſt lange weg, Vater! riefen ſie: ckomm' mit uns heim. Die Mutter wartet Dein.“— —„Der Falke hat mir berichtet,» ſagte Luchs⸗ auge, adaß Du kommen wuͤrdeſt. Er hat Dich von ferne erkannt.“—„Der Dachs hat mir's auch vertraut,» ſagte Wolfgang: ain ſeinem Lager hoͤrt er Deinen Schritt meilenweit. Bluͤthe hat Deine Heimkehr von dem Bach erfahren, der Deinen Fuͤßen voranlief, und Bluͤmchens Tannenbaum wußte ſie durch die Glockenzunge der Stadt, die bei ſtillem Wetter vertraulich mit dem Wipfel redet. Die Schweſtern und Mutter backen Kuchen fuͤr Dich, und geputzt, wie im Fruͤhling, iſt die Huͤtte.» Und ſie ſtanden vor der niedern Thuͤre, und in Sylveſter's Arme flogen ſeine Lieben, und A 38* der Waldherr, der mit ſeines Gartens Blumen eigenhaͤndig die Waͤnde geziert hatte, nickte ihm guͤtig zu.„Ich weiß Alles“ ſagte er zu dem Forſtmann, der ſich rechtfertigen wollte:„Sey ruhig. Daß Du den Waͤchter wieder gefunden, und drei Gluͤckliche gemacht, iſt mehr gethan, als Du wohl denkſt. Bringſt Du nun mir einen treuen, nimmer wankelmuͤthigen Knecht, Deiner Eva einen wackern Mann, Deinen Kin⸗ dern einen kuchtigen Vater mit, ſo will ich alles Andere vergeſſen.» So wahr Du mir helfen magſtz» betheuerte Sylveſter froͤhlich; zu ſeinem Weibe ſagte er heimlich:«Ich gehe nimmermehr von Hauſe und — glaub' mir,— es iſt doch beſſer hier, als dort.— Das fromme Weib ergab ſich gerne in ſeinen Willen und der Heimgekehrte labte ſich mit ſeinen Kindern um die Wette an den Bluͤthen, mit denen der Waldherr ſein Haus verziert hatte. Der Schnee kam und ging viele vielemal, und lange Jahre hindurch, und auch auf Syl⸗ 39 n veſter's und Eva's Haupt fiel Schnee. Die Kinder hatten laͤngſt ihre eignen Huͤtten, und durften laͤngſt nicht mehr in den Garten des Herrn. Doch mit den Enkeln fuͤhrte der Meiſter auch die Großaͤltern wieder hinein; von Zeit zu Zeit, und immer laͤnger durften ſie drinnen bleiben, und immer geſtaͤrkter im Geiſte kamen ſie wieder heraus. Aber zur unwiderſtehlichen Sehnſucht wurde endlich die erlaubte Luſt. „Herr! ſprachen ſie zu dem guͤtigen Schloß⸗ herrn: aſieh' doch, wie uns der Weg zur Huͤtte immer ſo muͤde macht. Laß uns in dem Garten wohnen bleiben bei den Enkeln, die wir ſo ſehr lieben!?—„Gerne thaͤt ich's!b antwortete der Waldherr laͤchelnd: aaber die Kleinen muͤſſen bald hinaus, und Ihr wuͤrdet einſamer ſeyn, denn zuvor. Seyd Ihr jedoch ſo muͤde, Ihr Guten, ſo moͤcht' ich Euch wohl in einen ſchoͤ⸗ nern Garten fuͤhren, zu wohlbekannten Leuten, um ſie nimmer zu verlaſſen, und an ihrer Seite zu ruhen.» d 40 Er oͤffnete eine mit Epheu berankte, ver⸗ borgene Thuͤre, und ließ die Neugierigen hin⸗ einſchauen. O, wie war es dahinter ſo praͤch⸗ tig! Dort bluͤhte und gruͤnte Alles erſt ſchoͤn, und eine unendliche Herrlichkeit ſtrahlte uͤber Alles hinweg, wie eine mild flimmernde Decke. Sylveſter's und Eva's Eltern kamen ihnen ent— gegen, und jubelten:„Endlich, endlich! Ihr habt lange gezoͤgert, aber nun bleibt Ihr, nicht wahr? Die Kinder kommen, die Enkel nach, und unter dieſen Palmen wohnt nicht Muͤhe, nicht Froſt, nicht Plage, nicht Hitze.“— Froͤh⸗ lich ſetzten ſich Sylveſter und Eva unter die Palmen, und Erſterer bemerkte, daß hier erſt eigentlich ſeine Macht zu Ende ſey. Laͤchelnd ſcchloß der Herr hinter ihnen die Thuͤre, und ſegnete die Gluͤcklichen.— Draußen hieß es freilich: ſie ſeyen geſtorben. ⸗ — Binselchen. Skizzirte Erzaͤhlung von S Der Storch hatte wieder einmal einen Be— ſuch in dem Hauſe des Malers gemacht; aber dießmal ſtatt der Maͤdchen Num. 1., 2. und 3. einen Jungen als Num. 4. hingelegt. Der Vor⸗ fall machte in der Vorſtadt ein gewiſſes Auf⸗ ſehen. Die vernuͤnftigen Leute zuckten die Ach⸗ ſel und meinten, der arme Teufel von Vater haͤtte wohl dieſes unangenehmen Familienzu⸗ wachſes entbehren koͤnnen; die unvernuͤnftigen Nachbarn hingegen ſchlugen verwundert die Haͤnde zuſammen, wenn ſie das Heil bedachten, das dem lockern Genie durch, oder vielmehr, mit dieſem Neugebornen widerfahren war. Das Söhnlein hatte nämlich ein Haͤubchen mit auf die Welt gebracht und ſolche Anomalie der Na⸗ A 41 tur bedeutet, wie man zur Genuͤge weiß, das ungeneſſenſte Gluͤck. Papa verlachte ſeinerſeits ſowohl das Achſelzucken der Klugen, als die Gratulationen der Thoren, ſpielte einige Tage lang mit ſeinem Erbprinzen wie mit einer Puppe, bekuͤmmerte ſich alsdann eben ſo wenig um ihn, als um die Grazien, ſeine Schwe⸗ ſtern, und zog gewohnter Weiſe ſeinen freiſa⸗ men Vergnuͤgungen nach, waͤhrend Weib und Kinder daheim alltaͤglich nichts Angelegentliche⸗ res zu thun hatten, als dem lieben Gott da⸗ fuͤr zu danken, daß er Kartoffeln erſchaffen. Von dieſen Fruͤchten genaͤhrt, von der ſtillen Mutter— einem Bilde der Reſignation— ge⸗ pflegt, wuchs der kleine Raphael heran, die Hoffnung ſeiner Aeltern, ſeiner Geſchwiſter. Eine kraͤftige Conſtitution wurde ihm zu Theil. und ein leidlich Angeſicht; aber hinter dem viel⸗ verſprechenden Stirngewoͤlbe, wie hinter den blanken Augenfenſtern, waren, wie ſich von Jahr zu Jahr deutlicher ausnahm, mehr der Kämmerchen zu vermiethen, als der bewohn⸗ ten. Die Mutter ſeufzte; der leichtſinnige Va⸗ ter ſchlug ein Schnippchen, und aͤrgerte ſich nur, daß ſein Princip, durch die beigelegten Namen ſchon die Faͤhigkeiten und lobenswerthen Eigenſchaften ſeiner Sproͤßlinge beſtimmen zu wollen, abermals bei dieſem vierten Kinde zu Schanden geworden war. Seine Aelteſte, die unreinliche Aglaja war nicht der Glanz des Vaterhauſes; die kraͤnkelnde Thalia war cher eine Gruͤnliche, denn eine Gruͤnende zu nennen, und die melancholiſche Euphroſine ein uͤbelge— waͤhltes Emblem der Heiterkeit. Und vollends Raphael, in deſſen Talent der Vater ſo gerne den Keim des Malers, wie er ſeyn ſoll, wahr⸗ genommen hätte, verrieth ſo wenig Anlage zu der Kunſt ſeines erlauchten Namenspatrons, daß hoͤchſtens die Hoffnung vorlag, aus ihm einen Pfuſcher erwachſen zu ſehen, ſeinem Er— zeuger gleich, der ſeit geraumer Zeit ſich nur mit Lackirarbeit, Vergoldungen u. dgl. abgab.— Raphael! ſeufzte oft der alte Pinſel, wenn der zehnjaͤhrige Bube wieder beim Farbreiben d 46 dumme Streiche gemacht hatte:«Till haͤtt' ich Dich nennen ſollen! Alberner, ungerathener Strohkopf!?— Hierauf ſah ihn aber gewoͤhn— lich der Geſcholtene mit jener ehrlichen,— man moͤchte ſagen— ruͤhrenden Dummheit an, daß der Zuͤrnende die drohende Hand ſenken und in das leichtſinnige Lachen ausbrechen mußte, das aus der unbeſonnenen Jugend mit heruͤber in die Runzeln ſeines Alters gezogen war. Ra⸗ phael ſtimmte alsdann mit ein, der Friede war nach kurzem Zwiſt abermals geſchloſſen, und Farbenreiberchen hatte wieder einen Freibrief auf vierzehntaͤgige Trag- und Plumpheit. Waͤh⸗ rend jedoch der Sohn einfaͤltig, der Vater ar⸗ beitſchen und fidel, die Toͤchter gleichmuͤthig und fiſchbluͤtig dahin lebten, mußte die arme Hausmutter beinahe vergehen vor Gram und verhaltenen Thraͤnen, denn die Umſtaͤnde der Familie,— ſchon laͤngſt in der ruͤckgaͤngigſten Bewegung— waren auf einen Punct gekom⸗ men, von wo ſelbſt kein Krebsgang mehr moͤg⸗ lich war. Fremdlinge aus Canaan, aber ver⸗ N 47 n ſehen mit wohlbekannten deutſchen Verſchreibun⸗ gen und Vertroͤſtungszetteln, pochten crescendo an die Thuͤre, die victualienliefernden Nach⸗ barn ſchnitten der belagerten Malerſippſchaft den Mundvorrath ab, und ſogar jeden Ausfall auf milde Herzen, n. ſ. w., verhinderte der bar⸗ bariſche Hauseigenthuͤmer, indem er dem Vater der Grazien ſeinen Rock— den Einzigen— abſchmeichelte, und einſtweilen aufhob. In ſol⸗ chem Drang der Verhaͤltniſſe ſaß die Familie bei der naͤchtlichen Lampe, und die Mutter er⸗ laubte ſich nach langen Jahren wieder einige Ermahnungen, um die Sorgloſigkeit des Man⸗ nes aufzureizen. Meiſter Pinſel, rittlings auf dem Stuhle ſich ſchaukelnd, und den Jagdkna⸗ ſter in dichten Wolken um ſich her ſchnaubend, laͤchelte wie immer bei ſolchen Sermonen, und ſeine bekuͤmmerte Ehehaͤlfte ſchwieg endlich— auch wie immer,— ohne etwas ausgerichtet zu haben. Darauf muſterte ſie die Kinder und bemerkte erſt, daß Raphael nicht gegenwaͤrtig war. Auf ihre aͤngſtliche Frage nach dem Sohne „ 48 laͤchelte der Vater abermals, und machte ein aͤußerſt pfiffiges Geſicht.„Ich habe den Jungen nach dem Gluͤcke ausgeſchicktzv ließ er ſich ver⸗ nehmen:„Du wirſt Augen machen, Weibchen, und mir gewiß nimmer Sorgloſigkeit und aͤhn⸗ liche Unbilden vorruͤcken.“— aHaͤtteſt Du den Buben nach Brod geſchickt, waͤre beſſerz» ſchmollte lieb' Weibchen, einen Blick des Kum⸗ mers auf die hungernden und frierenden Maͤd⸗ chen werfend.— aHm!» meinte der Maler ſchmunzelnd: azu Brod haͤtte wohl Rath werden koͤnnen, denn der Bierbrauer Traͤumlich, fuͤr den ich in vergangener Woche den Engel ver⸗ goldete, hat mir dieſen Morgen den reſtirenden Thaler geſchickt.—„Hat er?» fiel die Frau lebhaft ein: ahat er? O geſchwind— gib her. —— Nicht capabel!» erwiederte Pinſel: adas Geld iſt beſſer angelegt worden. Verwichene Nacht ſind mir vier Zahlen erſchienen, in gol⸗ dener Schrift auf gruͤnem Glanzgrunde;— ich habe noch nie ein ſchoͤneres Kneipenſchild ge⸗ macht. Nach reiflicher Ueberlegung wurde mir 49 N Gottes Finger klar, der uns auf dieſe Weiſe aus allen Noͤthen zu reiſſen gedenkt. Ich ſchwieg von dem Gelde, und habe den Raphael, da mir ſelbſt aus bewußten Gruͤnden heute das Ausgehen nicht dienlich, dieſen Abend zum Lot⸗ terieeinnehmer geſandt, um beſagten Engel⸗ wirthsthaler gegen einen Lottoſchein auszuwech⸗ ſeln, der ſich bei der morgen ſtatthabenden Ziehung unſtreitig als eine Quaterne realiſiren und uns aus armen, zu reichen Leuten machen wird. He? was ſagſt Du nun?— Der Spre⸗ cher ſtaunte, als er ſeine Frau ſeinen Ideen keineswegs beipflichten, ſondern vielmehr in offene Oppoſition ausbrechen ſah. Mit ſtuͤrmi⸗ ſcher Rede und thraͤnenvollen Augen hielt ſie ihm ſeine unverzeihliche Nachlaͤſſigkeit vor, die lieber von dem blinden Zufall eine auf truͤge⸗ riſche Hoffnung gegruͤndete Huͤlfe erwarte, als von dem Fleiße thaͤtiger Hand; ſeine Unbeſon⸗ nenheit, die lieber den letzten Pfennig der Noth zum Fenſter hinauswerfe, als ihn verwende, die hungerigen Kinder zu ſpeiſen, und vieleich Moosroſen II. 4 4 50 waͤre die auf's Aeußerſte gebrachte Frau noch viel weiter in dem nnangenehmſten aller Haus⸗ terte gegangen, haͤtte nicht Raphael's endliche Heimkehr die Scene veraͤndert. Der Knabe trat ohne Geraͤuſch in die Stube, und legte mit auffallender Langſamkeit Kappe und Cami— ſol ab.„Nun, mein Junge!» begann der Va⸗ ter, da der Kleine immer noch nicht aus dem Schatten ſeines Winkels ging: akomm' herz die Mutter weiß jetzt Alles. Gib ihn her, den Gluͤckszettel. Fuͤrchte Dich nicht.“— Erſt nach wiederholter Aufforderung ſchlich Raphael an den Tiſch, und praͤſentirte, zugleich mit dem Lottoſcheine, ein blutruͤnſtig gekratztes Antlitz, das obendrein eine unheilſchwangere Ahnung verkuͤndete.—„Was haſt Du gemacht, Teu⸗ felsjunge?„Was iſt Dir geſchehen, armer Raphael,» fragten Vater und Mutter uͤber⸗ raſcht; Raphael hatte indeſſen keine Zeit, die theilnehmende Letztere von ſeinem Mißgeſchick zu unterrichten, denn Pinſel's, wie aus blauer uuft einherflammender Zornblitz verſchaffte ihm Gelegenheit, die Geſchichte ſeiner Kratzſchmar⸗ ren mit der des fatalen Lottozettels vereint, gleichzeitig vorzutragen.—„Sage mir um des heiligen Lucas willen!“ fuhr der Alte auf: awelche Streiche haſt Du ſchon wieder gemacht, Eulenſpiegel aller Eulenſpiegel? Sind das die Nummern, die ich Dir aufſchrieb? Sieh her, Weibchen; ſieh ſie an, dieſe wildfremden Zif⸗ fern, und ſchilt mich nicht, wenn dieſe Zigen⸗ ner nicht gezogen werden. Ich kenne ſie nicht, kannte ſie nicht, und morgen werde ich ver⸗ zweifeln muͤſſen, wenn ich hoͤre, daß die, die ich meine, an der Gluͤckstafel ſtehen. Hoͤllen⸗ hund von Raphael! wie ging die Verwechslung zu?— Der Bube hatte bei ſeiner Heimkehr nicht uͤbel Luſt gehabt, mit einer Luͤge ſein Heil zu verſuchen; aber eines Beſſern bedacht, zog er es vor, die Wahrheit zu bekennen, in vie⸗ les Schluchzen und allerlei zoͤgernde Redens⸗ arten eingekleidet. Da ergab ſich denn endlich, daß auf dem Wege zum Collecteur begriffen, Raphael nicht unterlaſſen hatte, mit einigen Nd 52 Lehrbuben und desgleichen eine geringe Raufe⸗ rei einzugehen, die ſich bald aus Scherz zum Ernſt verkehrte, einige Klauenwunden auf ſei⸗ nem Geſichte und einige Riſſe in ſeiner Taſche zuruͤckließ. Beides haͤtte den guten Raphael nicht gekuͤmmert, waͤre ihm nicht, an der Thuͤre des Collecteurs angelangt, mit Schrecken klar geworden, daß eben durch eine der beſagten Rißoͤffnungen der anvertraute Zahlenzettel von dannen gewichen. Allen Nachſuchungen zum Trotze fand ſich der Fluͤchtling auf der kothigen Straße nicht wieder, und am Ende hatte Ra⸗ phael,— übergluͤcklich, ſeinen Thaler nicht verloren zu haben, es fuͤr zulaͤnglich gehalten, in dem Bureau vier Nummern auf's Gerade⸗ wohl zu nennen und einſchreiben zu laſſen, um doch nicht ohne Lottoloos nach Hauſe zu kom⸗ men. Armer Raphael! Die ungeſchminkte Dar⸗ ſtellung dieſer verhaͤngnißvollen Begebenheit er⸗ warb Dir nicht Lorbeeren, nicht Palmen, ſon⸗ dern den tarmaͤßigen Lohn der Wahrheit. Papa warf die ungebetenen Gaſtnummern veraͤchtlich in den Winkel, holte aber aus demſelben den ſchon lange als unnuͤtzes Moͤbel dahin verſchleu⸗ derten Malerſtock, und ſchickte ſeinen Majorats⸗ herrn muͤrb und bunt zu Bette. Hatte Einer den zornigen Pinſel geſehen, wie er, den Stab Wehe in der Hand ſchwin⸗ gend, Raphael's, aller Grazien und Laren Schrecken geweſen war; und ſah denſelben Mann am Nachmittage des naͤchſten Tages, wie er, gleich wie ein Toller und Beſeſſener, in der Stube auf und ab ſprang, ſcherzend, la⸗ chend, das volle Glas in der Hand, wie er freigebig ſeine Familie tractirte, und abſonder⸗ lich dem gepruͤgelten Stammhalter ein Stuͤck Kuchen nach dem andern mit zaͤrtlicher Gewalt in den kauenden Mund ſtopfte,— ſo mußte er eben ſo verwundert die Haͤnde uͤber den Kopf zuſammenſchlagen oder in die Seite ſtemmen, 54 wie es die ganze Nachbarſchaft that, die, auf der Straße in Reih und Glied ſtehend, nach den Fenſtern des Malers hinaufgaffte. Bald war es aber den Letztern kein Geheimniß mehr, warum der luſtige Pinſel alſo im Hauſe umher⸗ ſchalmeite und jubelte, warum er zuweilen Kopf und becherhaltende Hand aus dem Fen⸗ ſterchen herausſchob, und mit einem lauten Vivat auf die Geſundheit der Seinen und ſei⸗ ner Naͤchſten trank. Hing doch an des Lotte⸗ riecollecteurs Laden eine Tafel mit vier herrli⸗ chen Nummern, und vier bunten Schleifen ge⸗ ziert! hatte doch der Maler die gluͤckliche Qua⸗ terne gemacht! War doch Fortuna bei ihm ein⸗ gezogen, von Raphael's geſegneter Hand ge⸗ leitet!— Die Blocade der Familie war ur⸗ plötzlich aufgehoben. Die Cananaer boten frei⸗ willig Prolongation und fernere Vorſchuͤſſe; die Zufuhr an Lebensmitteln wurde neu eroͤff⸗ net und brillanter denn zuvor; das illiberale Concursverfahren vor Gericht ſtockte mit einem Male wie ein erroͤthendes Beichtkind, und der Hausherr brachte unaufgefordert ſeinem Zim⸗ merherrn den abwendig gemachten Oberrock zu⸗ ruͤck, mit den Feierlichkeiten, welche die Ueber⸗ reichung eines Ehrenpelzes begleiten. Von Gra⸗ tulirenden wurden Stube und Treppe nicht leer. Der gering geſchaͤtzte Nachbar war der Planet der Vorſtadt geworden. Seine, wie billig, weggebliebenen Freunde fanden ſich wie⸗ der ein; ſeine Feinde verſoͤhnten ſich mit ihm; die Bedeutenderen in der Kunſt erkannten auf einmal in dem verachteten Gurkenmaler einen wuͤrdigen Collegen. Allen und Jeden ſchienen die Schuppen wie durch einen Zauberſchlag von den Augen gefallen zu ſeyn; nur die Klaſſe der alten Weiber und der aberglaͤubiſchen Maͤnner aͤnderten ihr Benehmen am wenigſten, und uͤb⸗ ten nach ihrer Weiſe unpartheiiſche Gerechtig⸗ keit.„Was wird das helfen? ſchrieen ſie: „Das Gluͤck mag zu Haufen kommen; der Ma⸗ ler bleibt doch nur ein Klexer, ein fauler Menſch, ein leichtſinniger Vogel; aber unſere Prophezeihung wegen des Buben iſt eingetrof⸗ d 56 fen Ja, das Haͤubchen war nicht ohne. Was ein ſolcher Menſch anruͤhrt, wird zu Gold, wäre er auch die liebe Dummheit ſelbſt.— Der Vater ſchien ebenfalls etwas Aehnliches zu glauben. Denn er betrachtete ſeit jenem Lottv⸗ Quid pro quo ſeinen Sohn mit andern Augen denn zuvor. In einem eigenen Hauſe bequem eingerichtet und etwas Weniges ſolider gewor⸗ den, ſagte er offenherzig zu ſeiner Ehehalfte: Es iſt denn doch nicht zu läͤugnen, daß wir eigentlich dem Raphael unſer Gluͤck zu verdan⸗ ken haben. Ich will den Sappermentsjungen auch dafuͤr belohnen. Er ſoll lernen, wozu er Luſt hat; vor Allem aber die Malerei aus dem Grunde. Damit er kein Stuͤmper werde, wie leider ihrer zu viele auf der Welt ſind.— „Wenn nur ſeine Faͤhigkeiten,?— meinte be⸗ ſcheiden die Mutter;—„Pah lb erwiederte der Maler:„Das Lernen entwickelt den Geiſt, i waͤre es auch nicht, i nu, ſo hat der Junge Geld, und ich bilde mir faſt ein, das Haͤub⸗ chen hat doch etwas von Gluͤck zu bedeuten.— d 57 Raphael wurde vorgefordert und die Zeltern ſtellten ihm die Wahl ſeines Standes völlig frei. Der Junge kratzte verlegen Stirn und Ohr und erklaͤrte zuletzt auf vieles Zureden: agar kein Stand waͤre ihm allerdings der liebſte; wenn indeſſen Vater und Mutter durchaus auf einen ſolchen beſtaͤnden, ſo werde er— ein ge⸗ horſamer Sohn— eben nichts dagegen haben. — Der Papa ſchloß ihn entzuͤckt in ſeine Arme. „Du wirſt Maler werden,— in meine Fuß⸗ tapfen treten!“ rief er. Achſelzuckend nickte Raphael mit dem Haupte, meinte jedoch: ſo viel er ſich entſinne, habe er nie beſondere Luſt dazu in ſich verſpuͤrt. Der Vater erinnerte ihn aber ſeinerſeits an den Huſaren, den er juͤngſt mit leichten, aber kuͤhnen Kohlenzuͤgen auf die Mauer des Hauſes ſtizzirt, an den Holzſchnitt mit den drei Konigen, den er jungſt frescoartig illuminirt, und in welchem ihm be⸗ ſonders die Phyſiognomie des Schwarzen ge⸗ lungen, und Raphael wurde durch ſolche Er⸗ innerungen am Ende von ſeinem Berufe uͤber⸗ NNd 58 zeugt. Daher ſtraͤubte er ſich auch nicht lange, und ging, mit Geld, Equipage und Empfeh⸗ lungsbriefen verſehen, nach Wien ab, um da⸗ ſelbſt die Kunſt zu ſtudiren und ſich auf die Reiſe nach Italien vorzubereiten, die ſeinem Talent die Krone aufſetzen ſollte. Welch' ein Freudentag fuͤr die Familie, da endlich nach einer Reihe von Jahren der Viel⸗ gereiste, Vielgelehrte in's Vaterhaus zuruͤckkam! Den Juͤnger der Kunſt empfingen die annoch unvermaͤhlten Grazien ungeſtuͤm und laͤrmend; der Vater mit einem obligaten Haarbeutelchen, die Mutter mit banger, ſchier wehmuͤthiger Freude. Er war ein recht angenehm ausſehen⸗ der Mann geworden, von artiger Tournure, ſorgfaͤltig geſchniegelt, und ein ſo netter All⸗ taͤgling, wie ihn die Reſidenz nur aufweiſen konnte; Mama belobte ſeine Waͤſche und Ringe, — A 59 n denn das Weib klebt einmal am Aeußern; Papa war gar nicht in der Verfaſſung, ſich um Ra⸗ phael's Geiſt zu bekuͤmmern, und freute ſich ſei— nes glatten Angeſichts; die Schweſtern machten es nicht beſſer, das Bischen Neid abgerechnet, das ſie wegen des Bruders vornehmen Anſehens verſpuͤrten. Der Letztere war allerdings ein anderer Mann geworden, als ſie Alle erwartet hatten. Er hatte Alles in der Fremde getrie⸗ ben und gelernt,— bis auf das, was ihm als Hauptſache aufgegeben worden war; Malerei war ſeine Erholung,— die Wiſſenſchaften je⸗ doch, die einen ſogenannten ſchoͤnen Geiſt aus⸗ machen, waren ſein Tagewerk geweſen. Er hatte in Waͤlſchland Raphael's Madonnen nicht copirt, aber in ungereimten Verſen beſungenz im Vaterlande nicht nach dem Meiſtergrade in der Kunſt gegeizt, aber gegen ein Honorar von hundert Gulden ein Doctordiplom von einer gefaͤlligen philoſophiſchen Facultaͤt erhandelt; er wußte vielleicht nicht die geduldige Leinwand zu einem Oelgemaͤlde herzurichten, aber er hatte NNd 60 ein Project entworfen, die ganze ungeduldige Menſchheit gluͤcklich zu machen, ohne beſondern Aufwand. Die Familie ſtaunte immer mehr und mehr, als Raphael ihr mit gutmuͤthiger Zuverſicht alles dieſes mittheilte, und zuletzt nichts Geringeres darthat, als den Entſchluß, beſagtes Begluͤckungsproject in eigener Perſon an den Geheimenrath des Fuͤrſten zu bringen. — Der Aeltern und Geſchwiſter Befremden war unglaublich, denn die Hoffnungen, die ſie gehegt hatten, waren zu Waſſer, und ganz andere, von denen ſie nie getraͤumt!, deren Stellvertreter geworden. Dieſes Befremden waͤre beinahe zum Sturm erwachſen, dem je⸗ doch Raphael auf die geſchickteſte Weiſe zu be⸗ gegnen mußte. Der Mutter machte er eine her⸗ culaniſche Medaille von 1823 zum Geſchenk; dem Vater widmete er ein Stillleben, das den⸗ ſelben durch Erfindung und Colorit an jene Tage der Kraft und Bluͤthe erinnerte, da noch jeder Gefluͤgel⸗, Fiſch- und Obſthaͤndler ſeinen Ladenſchild von Pinſel dem Aeltern gemalt N 61„ ſehen wollte; ſeinen Schweſtern verhieß er end⸗ lich durch ſeinen in Kurzem maͤchtigen Einfluß Roſe, Myrthe und Wuͤrfel des Frauenge⸗ ſchlechts: naͤmlich die ſchoͤnſten, die liebevollſten und reichſten Maͤnner des Herzogthums. Jung und Alt war mit dieſen Proben blutsfreundli⸗ cher Anhaͤnglichkeit voͤllig zufrieden, und fuͤnf ſtolze Siegergeſichter ſahen aus den Fenſtern des Hauſes, als am naͤchſten Morgen Raphael, ſchwarz vom Kragen bis zur Zehe, die zierlich eingebundene Voͤlkerbegluͤckung unterm Arme nach dem Palais des Miniſters ſchritt, um zur Audienz ſich zu melden.„Drei Dinge muß ich vor Allem gewinnenzv ſprach er zu ſich:«wenn ich Aufſehen machen will. Einen Titel, Goͤn⸗ nerſchaft und einen gewiſſen Ruf. Das hab' ich viel tauſendmal in der Welt gehoͤrt, und immer iſt das wahr, was in aller Leute Mund iſt.—„Sorge nicht!“ ſprach unterdeſſen der Vater zu der zagenden Mutter: Das Pulver hat woh! der Raphael auch auf ſeinen Reiſen nicht erfunden, aber ich wette darauf, er macht . d 62 b dennoch ſein Gluͤck. Zudem weiß ja noch kein Menſch, was vielleicht hinter der Abhandlung ſteckt, von der er ſo viel ſpricht, und in ſeinem Gemalde ſehe ich mich ſelbſt wieder; noch mehr, das Geheimniß, die Farben recht huͤbſch grell und glänzend und abſtechend aufzutragen, ſcheint der Burſche beſſer weg zu haben, als ich ſelbſt ſogar. Da ſieht man doch auf den erſten Blick, was Gruͤn, Blau und Roth ſeyn ſoll, und kein confuſes Farbengeſchwemme, wie auf den neumodiſchen Bildern, daß Gott erbarm! Sieh einmal ſelbſt! Dieſer grillirte Kalbskopf auf der zinnernen Schuͤſſel ich wette er iſt Por⸗ trait, ſo taͤuſchend hat ihn Raphael, wie aus dem Spiegel, geſtohlen. Nicht minder gerathen iſt die Bierflaſche daneben, und das Stuͤck Em⸗ menthalerkaͤſe auf dem Papier, worauf gewiß ſehr ſinnreich das Dr. Pinsel jun. fecit, leſer⸗ lich angebracht iſt. Die Voͤgel, die darneben liegen, vermuthlich ſo eben geſchoſſen, moͤchte“ ich faſt fuͤr Repphuͤhner halten. Die Blume auf dem Fenſterbret iſt jedoch unbeſtritten eine Tulpe d 63 b von der ſchoͤnſten Sorte, und wer in dem dabei liegenden Dinge nicht eine fette gelbe Ruͤbe er⸗ kennt, muͤßte ein Schaaf in aller Malerei ſeyn. Nicht genug zu loben iſt beilaͤufig die zierliche Ordnung, in der alle Gegenſtaͤnde an einander gereiht ſind, huͤbſch abgeſchnitten von dem fin⸗ ſtern Fonds, und bequem anzuſehen in ganzer Form und Groͤße; nicht unter einander herum⸗ liegend, oder auf einen wuͤſten Haufen gewuͤhlt, wie andere Fusler oft zu thun pflegen. Kurz, je mehr ich mir den Raphael und ſeine Werke betrachte, je weniger glaube ich, daß er wirk⸗ lich ſo dumm ſey, als er ſich ſtellt, und wir be⸗ fuͤrchten. Dieß Bild hat er in ſeinen Mußeſtun⸗ den angefertigt; was muß erſt an den Dingen ſeyn, mit denen er ſich hauptſaͤchlich beſchaͤf— tigt! Du wirſt ſehen, daß wir Beide noch ver⸗ dammten Reſpect vor unſerem Sohne bekommen werden, und im Vorgefuͤhl deſſelben draͤngt es mich bereits, hinzugehen und eine Flaſche Wein auf die Geſundheit unſeres Emmanuel's zu trinken.» N 64 Waͤhrend deſſen nun Vater Pinſel wirklich hinging, den ungeſtuͤmen Forderungen ſeines zaͤrtlichen Herzens zu genuͤgen, ſtand Raphael Emanuel auf dem Teppich des Miniſter-Cabi⸗ nets, welcher fuͤr ſeine Hoffnungen zwar nicht zu einer Roſenflur, aber— Dank ſeiner Zuver⸗ ſicht— auch nicht zum gluͤhenden Kohlenlager ge⸗ worden war. Erſtaunt hielt der ohnehin nicht allzuwohl gelaunte Miniſter die uͤberreichte Schrift in den Haͤnden, und uͤberflog die erſten Blaͤtter. Der Autor verwendete kein Auge von dem Antlitz des Leſers, das im ſeltſamen Mie⸗ nenſpiel befangen, einen Apriltag repraͤſentirte. Endlich geſtaltete ſich das kaͤmpfende Wetter zu einer ſarkaſtiſch ⸗finſtern Phyſiognomie. Der Miniſter ſchlug das Buch zu, reichte es dem Harrenden hin, und ſagte mit Geringſchaͤtzung: „Nehmen Sie, lieber Freund. Sie ſind ein Pinſel.— aZu dienen, Ew. Excellenz!v ant⸗ wortete Raphael: Pinſel's Sohn aus der Vor⸗ ſtadt. Mein Vater, der Maler, iſt durch die Quaterne beruͤhmt geworden, die er vor mehre⸗ n 65 ren Jahren gewann, und ich wuͤnſche durch mein geringes Talent mein Gluͤck zu machen.— Der Excellenz ſtieg die Lachluſt erſtickend zu Kopf, und wenn auch gleich das Gefuͤhl ihrer Wuͤrde ſie abhielt, dieſem Reiz nachzugeben, ſo erlitt dennoch ihre uͤble Laune einen vernichten⸗ den Stoß.—„Sie ſind offenherzigz» verſetzte der Miniſter: coffenherziger, als Sie ſelbſt wohl wiſſen; allein leider verbieten mir die Verhaͤlt⸗ niſſe, das geringſte aller Talente gluͤcklich zu machen. Alle Stellen ſind beſetzt; und waͤren auch einige offen, ſo ſind doch die Beſoldungen ſo gering.„„Das wird Alles anders wer⸗ den,» entgegnete lebhaft der junge Mann:«wenn Ew. Excellenz den Begluͤckungsvorſchlag anneh⸗ men wollten, deſſen Einleitung Ihre Aufmerk⸗ ſamkeit gewidmet war. Bekennen muß ich jedoch, daß mein Sinn weniger nach einem Gehalte ſtand, als nach einem Titel, ohne welchen man, wie Ew. Excellenz aus eigener Erfahrung wiſ⸗ ſen werden, nicht wohl in großer Welt fort⸗ kommen kann.—„Ja wohl,» antwortete der — Moosroſen II. 5 N 66* Miniſter mit ſcherzhaftem Ernſt: adergleichen Titel ertheile ich jedoch nicht. Sie ſind, wie ich gehoͤrt habe, und meinen Ohren trauen darf, Doctor, oder vielmehr, man hat Sie dazu ge⸗ macht.—„Ernannt, unterbrach demuͤthig ver⸗ beſſernd der Supplicirende.—„Ganz recht,» fuhr der Miniſter immer heiterer fort:„Er⸗ nannt, nicht gemacht. Wie konnte ich mich auch nur ſo gewagt verſprechen? Eh bien, begnuͤgen Sie ſich mit dieſem Titel. Oder— wiſſen Sie, wie? ſetzte er hinzu, da die Trauer getaͤuſch⸗ ter Hoffnungen aus Raphael's Geſichte ſprach: damit das Vertrauen, mit dem Sie mich be⸗ ehrten, Sie nicht betrogen habe, will ich durch meine Verwendung ſorgen, daß die Stadtver⸗ waltungsbehoͤrde Sie zum Armencommiſſions⸗ rathe ernenne. Sind Sie das zufrieden 25— Im Hochgefuͤhle der Freude, die nur ein Titel von ſieben Sylben und zwanzig Buchſtaben er⸗ regen kann, kuͤßte der entzuͤckte Raphael dem wuͤrdigen Goͤnner die Hand, und entfernte ſich, nachdem er dem, mit Muͤhe das Lachen Ver⸗ N 67 beißenden, ſein handſchriftliches Project allge⸗ meiner Weltbegluͤckung als gebuͤhrende Huldi⸗ gung aufgedrungen. Ein gluͤcklicher Einfall! denn das Manuſcript erinnerte den Miniſter an ſein gegebenes Verſprechen, und nach wenigen Tagen ging von der Behoͤrde, die nicht ungern den vermöglichen Raphael unter ihre Armen⸗ commiſſion zaͤhlte, ein ſchmeichelhaftes Diplom in Pinſel's Haus ein. Die Familie ſchrie auf vor Entzuͤcken, und nur der Vater war ein bischen ungehalten, daß man ſeinen Sohn mit all' ſeinem Gelde nicht zum reichen Commiſ⸗ ſionsrathe ernannt hatte. Indeſſen war's ein⸗ mal geſchehen, und er mußte ſich darein ergeben. Dieſer glaͤnzende Anfang einer preiswuͤrdigen Carriere ermangelte nicht, der Neider haͤmiſche Schaar in die Schranken zu fordern. Auf ihren Zungen trug die verlaͤumderiſche Fama den Be⸗ richt der Miniſter⸗Audienz in der Hauptſtadt umher, allein Raphael war eben ſo ſtark in der That, als im Glauben, und zuckte mit ſie⸗ gendem Laͤcheln die Achſeln. Sein Vater, hef⸗ 5 68 n tiger und groͤber denn Er, nahm gewaltſam Parthei fuͤr ihn.„Die ganze Welt ſchilt mei⸗ nen Raphael dumm!» perorirte er: Mag's! aber das Gluͤck wird ihm kein Menſch abſpre⸗ chen. Es verhalte ſich mit der Audienz, wie es wolle; der Titel iſt doch nun einmal da, und damite Polla!“— Zugleich gab er dem Sohne eine wohlgemeinte Anleitung, wie die Goͤnner— ſchaft zu cultiviren ſey. Raphael hatte dieſes jedoch laͤngſt ausgezirkelt, und er benuzte den bald darauf fallenden Geburtstag der Geheimde⸗ raͤthin, um die erſte Bombe der Dankbarkeit in des Miniſters Haus zu werfen. Seine glacirte Hand uͤberreichte der vor vierzig Jahren Gebor⸗ nen ein Gedicht, das auf ſchneeweißem Atlas verkuͤndete: die Gefeierte ſey die Juͤngſte und Liebenswuͤrdigſte auf Erden,— die Einzige, wurdig, in ottave Rime beſungen zu werden. Der Versbau war nicht allzuviel, nicht allzu⸗ wenig ſtolpernd, und, einige ſeltſame Ausdruͤcke abgerechnet, die Hymne nicht ſchlimmer, als neun Zehntheile der Gelegenheitspoeſien. Aber — N 69 eben dieſe Ausdruͤcke... wie gewagt. wie keck! Der Dichter verglich ſeine Heldin mit der Goͤttin Iſis, an deren Buſen das ganze Weltall ruht;— er reichte ihr die Myrrhen der Liebe; — er fuͤhrte ſie in die elyſaͤiſchen Myſterien;— Eris nannte er die ſchuͤtzende Gottheit ihrer Ehe. — Manch' Andere haͤtte vielleicht die Abſicht des Saͤngers verkannt, aber die Miniſterin that es nicht.«Ach! ſagte ſie zu ihren Vertrauten: ewie unrecht beurtheilt man den jungen Pinſel. Kuͤhn ſind ſeine Wendungen, iſt ſeine Ironie; aber wann waͤre das Genie nicht dreiſt? dreiſt und wahr? Legen nicht Tauſende ihr Wohl und Wehe in meine Haͤnde! bauen nicht Tauſende auf meine Fuͤrbitte bei dem ſtrengen Gemahl? Iſis iſt alſo ſehr paſſend hier eingemiſcht, und was das Uebrige anbelangt, wiſſen Sie nicht, meine treuen Freunde, daß ich ſchon unzaͤhlige Mal gewuͤnſcht habe, in Elyſiums geheimniß⸗ vollen Auen zu wandeln, um zu vergeſſen, wel⸗ che Dornenkronen und Myrrhen die Zwietracht meiner ungluͤcklichen Ehe mir auf Erden be⸗ 70 ſcherte? Der Dichter ſang die Wahrheit, und meine dankbare Anerkennung beweiſe ihm, daß ich ſelbſt bittere Wahrheit liebe.“— Ein Hand⸗ ſchreiben der Miniſterin verkuͤndete dem Ent⸗ zuͤckten ihre Geſinnungen und ihren unwandel⸗ baren Schutz. Wie einen Talisman hielt der Geſchmeichelte das Billet den Harpyen entge⸗ gen, die in der Stadt verbreitet hatten, das Geburtstagsgedicht ſey ein non plus ultra von Albernheit geweſen,— und die Harpyen ver⸗ ſtummten, hoͤrten auf ſeinen Ruf zu beſchmutzen, und in allen Zirkeln wurde nach und nach die Meinung heimiſch, Pinſel's Raphael verberge hinter einem bizarren Benehmen und ſimpelhaf⸗ ten Aeußern viel Verſtand, ſchlagenden Witz, treffende Jronie, ſtechenden Scharfſinn, beißende Satyre, und wie alle ähnliche, den Rauhſinn unſerer Nation und Sprache bezeichnenden Bei⸗ woͤrter heißen moͤgen.— Auf dieſe, vom Senat der feinen Welt unter dem Vorſitze der Miniſte⸗ rin ertheilte Dichterkrone noch den Lorbeerkranz einer andern Kunſt zu ſetzen, war von nun an d 71 Raphael's einziges Sinnen und Trachten. Phi⸗ loſophie und Poeſie hatten ihm bereits Lob⸗ und Titelfruͤchte getragen; die Malerkunſt ſollte ebenfalls das Ihrige thun, ein Bild entſtehen, faͤhig auf der oͤffentlichen Kunſtausſtellung jedem andern den Rang ſtreitig zu machen. Kein ge⸗ ringfuͤgiges Stillleben, mit grillirten Kalbs⸗ haͤuptern und ſinnigen Tulipanen ausſtaffirt,— eine grandioͤſe Compoſition ſollte ſeinen Namen verewigen; ein hiſtoriſches Gemaͤlde von ganz origineller Erfindung ſeinen Ruf zu den Ster⸗ nen tragen. Und ehe drei Monden in's Land gingen, war das Werk vollendet, und prangte im Saale des Muſeums. Um einen wo moͤg⸗ lich noch nie abgebildeten Helden zu haben, hatte der beleſene Kuͤnſtler den unverzagten Griechen Stentor gewäͤhlt. Auf die Leinwand hingezaubert ſtand er da, hell und grell, ein Fallſtaff im Chlamys und Kuͤraß, den rechten Fuß auf einen Fels geſtemmt, mit der rechten Fauſt den Dragonerſaͤbel ſchwingend, und dem Beſchauer den geoͤffneten Mund zeigend, ge⸗ d 72 rade ſo weit aufgeriſſen, als erforderlich iſt, um zu ſchreien, wie fuͤnfzig Mann. Einen un⸗ beſchreiblichen Eindruck machte der von Pulver⸗ dampf und Kanonenblitz ſchauerlich umwöolkte und erleuchtete Hintergrund, in welchem man die mit dem Bayonnet angreifenden trojaniſchen Grenadiere gleichſam nur wie Schatten be— merkte, waͤhrend im Vorgrunde, gleichſam wie das draͤuende Fatum, ein coloſſaler Meilenzei⸗ ger zu ſchauen, deſſen kuͤhn ausgeſtreckter Arm die Worte trug:(Eine halbe Stunde bis nach Ilium!— Es liegt unter den Fehlern unſers Zeitalters auch derjenige am Tage, daß man gerne bewitzelt und recenſirt, was nicht auf allen Gaſſen zu finden iſt. Schon begann die Mißgunſt unter dem zahlreichen Publikum, das ſich vor Stentor's Heldengeſtalt, und nur, und immer nur wieder vor ihr ſammelte, ihren Lach⸗ und Spottſaamen auszuſtreuen; als ploͤtz⸗ lich irgend ein geuͤbtes und unparteiiſches Auge fuͤr den Maler Gerechtigkeit heiſchte. Ein all⸗ gemeines Fluͤſtern lief durch den Saal, wurde — 73 zum Gebrauſe des Beifalls, zum unausloͤſchli⸗ chen Gelaͤchter eines vollendet komiſchen Ge⸗ nuſſes.„Superb! herrlich! charmant!“ rief der Chor der kritiſchen Richter und Nichterin⸗ nen:„Eine Satyre, wie ſie der Pinſel nie ſchoͤ⸗ ner entwarf! Das iſt der Oberſt vom zweiten Dragonerregiment; wie er leibt und lebt iſt er's! Treffliches Scherzbild, wer iſt Dein Scho⸗ pfer?— Und vom Namen Pinſel!» hallte das Gewoͤlbe wieder. Iſt's moͤglich? Welcher Pinſel? Pinſel senior oder Pinſelchen? Köſtli⸗ ches Pinſelchen! Stentor! wie paſſend, wie un⸗ endlich komiſch! Sieht man nicht den Oberſt leibhaftig, wie er vor der Fronte ſeines Re⸗ giments ſein ungeheures: Halt!» herausdon⸗ nert? Den Meilenzeiger vor dem Pappelthore ſogar, bei welchem der Oberſt gewoͤhnlich ſeine Schaaren zum Einzuge ordnet, hat der Schalk nicht vergeſſen! Und das Geruͤcht drang zu der Miniſterin, und die Beſchuͤtzerin brachte es an den Fuͤrſten, und der Witz und Carricatur liebende Regent trat auf die Seite der Bewun⸗ d 74 derer, verwies den Satisfaction heiſchenden Oberſt zur Ruhe und in eine entfernte Garni⸗ ſon, und erhob Stentor's Raphael zum Hof⸗ rath und zweiten Director ſeiner Bildergallerie. Raphael's Vater hatte den Eulminationspunct ſeines Sohnes geſehen, und weiter nichts auf Erden zu thun, als dieſelbe eines Tages ſo geſchwind als moͤglich zu verlaſſen. Sein Hin⸗ tritt erregte keine allzubeſondere Senſation in der Familie. Die Mutter athmete freier, und die unverheiratheten Toͤchter, zu deren Ver⸗ ſorgung der Vater, Burgunders und Auſtern wegen, niemals hatte kommen koͤnnen, blickten mit glaͤubiger Zuverſicht auf den geehrten Bru⸗ der, der nun an die Spitze des Hausweſens und der Verwaltung eines nicht unbedeutenden, obſchon etwas geſchmolzenen Vermoͤgens trat. Dieſe Veraͤnderung machte ihn vollends zum Manne des Tages. Ueberall gern geſehen, uͤberall ungern vermißt, lebte Raphael ein be⸗ neidenswerthes Leben. Pinſelchen! Raͤthchen! Nd 75 b Commiſſionsraͤthchen! Hofraͤthchen! Director⸗ chen!» ſchallte es allenthalben hinter ihm, wenn er über die Straße ging. Allenthalben mußte er Rede ſtehen, ſprechen, hoͤren, erzaͤhlen, be⸗ richten, Complimente und Couverts annehmen. — Pinſelchen redet wenigz» hieß es hier: aaber der Geiſt in ſeinen Augen.... was denkt nicht der?„Pinſelchen ſcheint dummes Zeug zu plaudern;» hieß es dort: aaber es iſt auch nur Schein. Sein inneres Gemuͤth iſt hell und klar.— Die Vernuͤnftigſten betrachteten den jungen Mann als eine ganz gewoͤhnliche Er⸗ ſcheinung, wie ſie uͤberall zu Hauſe iſt. Der unparteiiſche Pobel verwunderte ſich, und blieb bei ſeinem Refrain: Pinſelchen iſt dumm, und bleibt dumm in Ewigkeit, aber das Gluͤck wird es nie verlaſſen, denn der Bube kam nicht um⸗ ſonſt mit dem Haͤubchen.— Dieſe Meinungen vereinigten ſich alle dahin, daß Raphael kein uͤbler Menſch, und beſonders eine nicht ver⸗ werfliche Parthie ſeh. Leider aber ſchien er das weibliche Geſchlecht zu haſſen und zu fliehen. Wo ein Frauenzimmer ihm nahe kam, rannte er davon. Nicht einmal vom Wetter wußte er mit einem Maͤdchen zu ſprechen. Wehe den Vertrauenden, die ſich auf ſeinen Ritterſinn verließen, von ihm am Theetiſche bedient, nach Hauſe begleitet ſeyn wollten. Das Erſtere that er nie; das Zweite hatte er vollends verſchwo⸗ ren. Seine Unempfindlichkeit war zum Spruͤch⸗ wort geworden, und die Maſſe der heiraths⸗ faͤhigen Jungfrauen begann ſchon feindlich ge⸗ gen Pinſel's Weisheitsruf zu agiren, als auch ihn plötzlich der Augenblick beſchlich, der wohl nimmer in einem Menſchenleben gaͤnzlich aus⸗ bleibt.— Der Rath ſtand eines Nachmittags am Fenſter in tiefe Gedanken verloren. Ihn beſchaͤftigte gerade die Kunſt, verkehrt auf Stein oder Kupfer zu ſchreiben, da er in dem Zei⸗ tungsblatte, das er in der Hand hielt, einen Artikel geleſen, der darauf Bezug hatte. Er bekam Luſt, dieſe Schreibart zu verſuchen, die winterlich bethaute Fenſterſcheibe zur Tafel, den Zeigefinger ſeiner rechten Hand zum Griffel zu 7T7 M machen; und ſiehe da, es ging. Es gelang ihm, groß und leſerlich die Titel mehrerer Taſchen⸗ buͤcher, die irgend eine Buchhandlung in dem⸗ ſelben Zeitungsblatte zu Neujahrsgeſchenken em⸗ pfahl, auf das Glas uͤberzutragen.«Corne⸗ lia! Huldigung den Frauen! Denk an mich! Vergißmeinnicht! Aurora— der Liebe und Freundſchaft!— Hier ſtoͤrte ihn ein unwillkommener und kurz abgefer⸗ tigter Beſuch. Dem Ueberlaͤſtigen noch einen unfreundlichen Blick nachzuſenden, oͤffnete Ra⸗ phael ſchnell den Fenſterfluͤgel, und der unhoͤf⸗ liche Kreuzſtock zwang ihn, ſeiner Eilfertigkeit halber, ein gezwungenes Compliment gegen die Straße zu machen. Als der Hofrath nun, be⸗ ſchaͤmt und erroͤthet, ſich erhob, um zu ſehen, ob Niemand den forcirten Buͤckling bemerkt habe, gewahrte er in dem Hauſe gegenuͤber, hinter ſpiegelhellen Scheiben, eine reizende weib⸗ liche Geſtalt, die, erroͤthend wie er, mit einem tiefen Knix heruͤber ſignaliſirte. Dieſe anmu⸗ thige Verbengung entſchied uͤber Raphael's Herz, 78 und zum Erſtenmale bemerkte er, daß ſeine Nachbarin, die holde Hauptmannstochter, zu den Schoͤnen ihres Geſchlechts gehoͤre, wie denn bereits die ganze Stadt ſie zu den Beſſern und Reichern zaͤhlte. Ihre Liebe zu der verwittwe⸗ ten Mutter, ihre treue Neigung zu einem jun⸗ gen Offizier, der ſie nicht minder zaͤrtlich um⸗ fing, und leider in der Bluͤthe ſeines Lebens auf dem Schlachtfelde fiel; ihre ſtandhafte Wei⸗ gerung, das Andenken an den Geſchiedenen durch einen Ehebund mit einem Andern zu ver⸗ draͤngen, hatten ſie der ganzen Reſidenz inter⸗ eſſant gemacht. Auch der Hofrath verwandte eine halbe Stunde lang kein Auge von dem hoͤf— lichen Maͤdchen, zog ſich aber dann ſeufzend in ſein Zimmer zuruͤck. Er gedachte des Lieu⸗ tenants, des Fiscals und des Profeſſors, die der Nachbarin gegenwaͤrtig den Hof machten, ohne zum erwuͤnſchten Ziele zu gelangen, und nahm ſich ernſtlich vor, niemals zu der Ver⸗ fͤhreriſchen Liebe zu faſſen. Pinſelchen's ge⸗ wohnte Zuverſicht ſchien dahin, bis ein Billet, 79„ in verſchwiegener Daͤmmerung von verſchwiege⸗ ner Zofe Hand uͤberbracht, ſein Selbſtvertrauen neu belebte. Er mußte waͤhrend der Lectuͤre die Kerze mehrere Male putzen, denn er ward irre in ſeinen Augen, als er las:„Wuͤrdiger Mann! Schwerlich hat je der gerade Sinn ei⸗ nes Biedermanns einem Maͤdchen eine zartere Huldigung dargebracht, als Sie es dieſen Nachmittag gethan. Die Kuͤrze und Herzlich⸗ keit Ihrer Erklaͤrung buͤrgt mir fuͤr Ihren Ver⸗ ſtand, der ſo oft mißkannt wurde, und fuͤr Ihr aufrichtiges Gefuͤhl. Meine Erwiederung ent⸗ ſpreche Ihrem Vertrauen. Der Befehl meiner verehrten Mutter legt mir als eine Pflicht auf, mich zu verehlichen. Ehe ich aber einem von den drei Freiern, die um mich anhalten, das Jawort gebe, will ich lieber Ihrem ſo zart ge⸗ ͤußerten Wunſch entgegen kommen, will ich an Sie denken, Ihrer nicht vergeſſen. Iſt es Ihnen Ernſt, die Morgenroͤthe der Freundſchaft und Liebe in unſer Haus zuruͤckzufuͤhren, ſo werben Sie bei meiner guten N 80 Mutter um die Hand Ihrer hochachtungsvollen Cornelia.v Das naͤchſte beßte Apothekerſubject haͤtte eher den Stein der Weiſen gefunden, als Pinſel⸗ chen die Veranlaſſung zu dem unerwarteten Ja, wo er nicht gefragt hatte. Die Sache an und fuͤr ſich war ihm indeſſen nicht unlieb, und die Mutter, welcher er vorſtellte, von welcher un⸗ beſchreiblichen Leidenſchaft Cornelia gegen ihn entbrannt ſey, fand die Wohlhabende und Schoͤne ganz nach ihrem Geſchmack; dergeſtalt, daß ſie ſelbſt das Freiwerberamt fuͤr den Sohn uͤbernahm, und ihm durch ihren Bericht den Muth machen konnte, in eigener Perſon ſeine Viſite abzuſtatten. Das geleckte Maͤnnlein er⸗ ſchien den Frauen als kein verwerflicher Gegen⸗ ſtand. Mit dem Verſtande war's freilich an⸗ ders. Da jedoch Cornelia behauptete, Raphael trage ſeinen Gott im Buſen und nicht zur Schau, und die zweifelnde Mutter am Ende ebenfalls zugab, Gutmuͤthigkeit, nicht übertrie⸗ * N 81 K bene Klugheit ſey des Eheherrn vorzuͤglichſte Eigenſchaft, ſo waren die Praͤliminarien bald geſchloſſen, und Cornelia hieß Pinſelchen's Braut. Dieſe unerwartete Neuigkeit, den Ne⸗ benbuhlern in hoͤflichen Abſagebriefen mitge⸗ theilt, weckte drei grimmige Loͤwen gegen Ra⸗ phael's Gluͤck. Die drei Verabſchiedeten tob⸗ ten in des Hofraths Zimmer, und wuͤtheten un⸗ erbittlich. Der Lieutenant forderte ihn zum Duell auf Leben und Tod; der Fiscal drohte mit einem fuͤnfzigjährigen Prozeß; der Profeſ⸗ ſor der Chemie verſchwor ſich, ein neues Gift fuͤr ihn zu erfinden. Die verzweiflungsvolle Klemme, in der ſich der Braͤutigam befand, gab ihm auch den Witz der Verzweiflung. Den erſten Gegner verwies er auf das Duellmandat, den andern lachte er furchtſam aus; dem Drit⸗ ten endlich drohte er ſelbſt mit der Polizei. Sie ſind ein Pinſel!» ſchmaͤhte der Offizier.— Ich bin ſtolz darauf!» entgegnete Raphael.— „Ein Spoliator unſerer Rechte!“ rief der Fis⸗ cal.—„Sie irren. Ich bin Hofrath und Di⸗ Moosroſen II. 6 rector;v verſetzte jener.—„Sie rauben uns die ſchoͤnſten Hoffnungen!* fuͤgte der Profeſſor bei:„Sie bringen uns um.»— wVerlaͤum⸗ der!v unterbrach ihn Pinſelchen: Ich? Sie wollen mich umbringen, aber ich dulde es nicht, meine Hercen, ich dulde es nicht.» Ein dreiſtimmiges Gelaͤchter ſchloß den Vier⸗ ſprach und verſcheuchte den drohendſten Daͤmon. „Wenn ich nur nicht bereits Schulden auf die Mariage gemacht haͤtte!o begann der Lieute⸗ nant muͤrriſch.—„Meine miſerable Geſundheit heiſcht die Pflege einer Frauzo meinte der Fis⸗ cal.—„Mein Haushalt verlangt eine bemit⸗ telte Vorſteherin;„ſetzte der Chemiker bei.— „Wie waͤr' es aber,— fragte Raphael, der ſo gerne den Betruͤbten geholfen haͤtte,— awie waͤr' es, wenn ich Ihnen Allen, wie Sie da ſind, die erſehnten Ehehaͤlften verſchaffte?v— Wie ſo? rief der Chor der Gegner.—„Hei⸗ rathen Sie meine Schweſtern;v fuhr Raphael fort: veine jede derſelben erhält 10,000 Thaler Ausſteuer. Das Gebot iſt doch honett, denke N 83 b ich.— Die Herren uͤberlegten, daß Cornelia ohnehin nur die Frau eines Einzigen von ihnen hatte werden koͤnnen;— daß in Ermanglung der 20,000 Thaler Cornelia's, zehntauſend Pin⸗ ſel'ſche nicht auszuſchlagen ſeyen, und gingen dieſen Betrachtungen zufolge, in Raphael's Vorſchlag ein, der mit nicht geringerem Bei⸗ fall von der Familie des Letztern aufgenommen wurde. So wie Baum und Schlingpflanze ſich gewoͤhnlich finden, ſo fanden ſich auch hier die Paare zuſammen. Dem Chemiker ſchien die nicht blendende Aglaja eine willkommene Ge⸗ huͤlfin am Schmelztiegel und rußigem Heerde, den kraͤnkelnden Fiscal intereſſirte die bleiche Thalia, und dem grimmigen Lieutenant konnte die truͤbſelige Euphroſine unmoͤglich widerſtehen. Aber auch von dem goldnen Gefieder der Poe⸗ ſie ſinkt man immer wieder herab in das Alle⸗ tagsgeleis der Proſa. Aus den Armen der Liebe wanden ſich die Freier, um nach den Obliga⸗ tionen und Wechſeln zu forſchen, die das Da⸗ ſeyn der dreißigtauſend Thaler erhaͤrten ſollten. 6* 84 Da zuckte jedoch Raphael die Achſeln und ſprach ſo unbefangen, als beſcheiden: aLiebe Herren und Schwaͤger! Fuͤr dieſen Augenblick iſt mir das Verlangte eine Unmoͤglichkeit, indem ich vor einigen Wochen dem Kaufmann Allegro am Markte mein ſaͤmmtliches Baarvermoͤgen anver⸗ traut habe, zum Behuf einer Speculation, bei welcher, wie mir der Mann verſicherte, unfehl— bar und zum mindeſten fuͤnfzig Prozent zu ge⸗ winnen ſind. Genuͤgt Ihnen jedoch die Hand⸗ ſchrift des Kaufmanns.„— Das Getobe wilder Leidenſchaft ließ ihn nicht endigen. Iſt's moͤglich?„ ſchrieen die Freier.—„Iſt's glaublich?» ſeufzten die Gra⸗ zien und ihre Mutter.„Dem Spitzbuben Alle⸗ gro konnten Sie das Geld an den Hals wer⸗ fen? begannen neuerdings die Erſtern:„Wiſ⸗ ſen Sie denn nicht, daß der Menſch am Ban⸗ krott ſtand, daß er ſchon ſeit vorgeſtern ver⸗ ſchwunden iſt, keine Seele weiß wohin, daß morgen in ſeinem Hauſe die Siegel angelegt werden ſollen?—„Wir ſind ruinirt!, wim⸗ merte die Familie; und Pinſelchen ſtand er⸗ ſtarrt und ſteif vor Schrecken. Pfui, Herr! uns alſo zu hintergehen! donnerte der Lieute⸗ nant: Ich eile, meine Piſtolen zu laden!v— Ich gehe, Ihre Citation vorzubereiten!* fuͤgte der Fiscal bei;— aund ich,— ſchloß der Profeſſor,— apräparire die fuͤr Sie beſtimmte Blauſaͤure!?— Fort ſtuͤrmten die Erſchwäger, und ließen das arme Pinſelchen den Vorwuͤrfen der Seinen zum Raube, denen es nur entging, indem es ſich in ſeinem Zimmer verriegelte. Ei, ſo machen Sie doch auf, Raͤthchen! ſprach nach wiederholtem Klopfen eine Stimme vor der Thuͤre, die viel Aehnlichkeit mit jener des boͤſen Schuldners hatte. Raphael ſchlich herzklopfend hin, um zu oͤffnen. Allegro ſtand in Lebensgroͤße vor ihm, im Reiſemantel, mit ziemlich verſtoͤrten Zuͤgen, in welchen jedoch eher eine gemiſchte Freudigkeit zu leſen war, als Verdruß und Angſt.—„Sie haben wohl d 86 viele Unruhe meinethalben gehabt, liebes Pin⸗ ſelchen! fragte der Kaufmann haſtig:„Gott ſey Dank jedoch, es war nicht noͤthig. Ich darf Ihnen geſtehen,— fuhr er vertraulich fort: daß ich dem Falliment naͤher war, als ſich ir⸗ gend ein Menſch denken konnte. Ihr Geld hat mir jedoch geholfen. Mein Buchhalter, den ich damit an Ort und Stelle ſchickte, hat gedeckt, vorgebaut, meinen Credit erhalten, und begeg⸗ nete mir triumphirend, da ich vorgeſtern— Ihnen darf ich's vertrauen— in der Angſt meines Herzens ſchon Reißaus genommen hatte. Meine Speculation iſt durchgegangen, und das plotzliche Steigen der groͤnlandiſchen Staats⸗ papiere macht mich zum reichen und ehrlichen Mann. Hier bringe ich Ihnen die geliehene Summe in guten Wechſeln wieder,— und hier,— er warf einen ſchweren Geldſack auf den Tiſch— ahier die verſprochenen fuͤnfzig Prozent, die Sie um ſo eher mit gutem Ge⸗ wiſſen nehmen duͤrfen, als ich mir keines dar⸗ aus gemacht haben wuͤrde, Sie um das Capi⸗ 87 tal zu bringen, wenn es gerade nicht anders haͤtte ſeyn koͤnnen. Ich fuͤge andere fuͤnfzig Prozent hinzu, indem ich Ihnen die Lehre gebe, ja niemals mehr an Speculanten Geld zu ver⸗ leihen. Der Allegro's gibt es viele darunter, aber die eigenſinnige Fortuna ſpielt ihnen nicht immer ein ſolides Largo zum Schluß, wohl aber ein Preſtiſſimo, das durchaus nicht im Geſchmack des Publikums und der Creditoren ſich vernehmen laͤßt.“— Der aufrichtige Kauf⸗ mann ging, und die reuigen Schwaͤger kamen; nicht um zu ſchießen, oder zu citiren, oder zu vergiften, ſondern um die verlaſſenen Braͤute heimzuholen. Raphael's Gutmuͤthigkeit— eine Erbeigenſchaft der Pinſel— trug ihnen keinen Groll nach, und ein und derſelbe Tag gab ihm drei zuverlaͤſſige Verwandte, und die beſte Frau. Er genoß das Gluͤck, der Letztern ein Schloß ſammt Dorf und Unterthanen als Brautſchatz zu widmen. Seiner Mutter uͤberließ er die Erb⸗ ſchaft eines reichen, bei den Esquimaux's ver⸗ ſtorbenen, weitlaͤufig mit ihm verwandten Pin⸗ ſel's, wovon die Kunde per Stafette waͤhrend der Tafel anlangte. Seither hat er ſich von den laͤſtigen Geſchaͤften der Armenkommiſſion, und von dem ſchweren Dienſte eines Gallerie⸗ Directors zuruͤckgezogen, und lebt in zufriede⸗ ner Muße im Schooße ſeines haͤuslichen Frie⸗ dens. Eine Reihe von Buben, alle cveffirt zur Welt gekommen, verbuͤrgt ihm den Wohlſtand ſeiner Nachkommenſchaft. Da obendrein durch die Sorgloſigkeit des Miniſters ſein Manuſcript eine Speiſe der Ratten, und durch die Nach⸗ laͤſſigkeit oder Tuͤcke des Gallerie⸗Aufſehers ſein Stentor ein Raub der Flammen geworden iſt, — mithin ſein Theuerſtes den Erynnien verfiel, ſo laͤßt Raphael's Gluͤcksſtern auf Unwandel⸗ barkeit rechnen. Die Nachbarn in der Vorſtadt behaupten, Pinſelchen habe bereits den großen Schatz gefunden, der nach glaubwuͤrdigen Be⸗ richten aus der Schwedenzeit im Keller ſeines Hauſes verſcharrt lag; und vermeſſen ſich hoch und theuer, das große Loos der Amſterdamer Lotterie muͤſſe ihm naͤchſtens zufallen. In Be⸗ ———————.—— „— Nd 89 tracht des Vergangenen und ſolcher Hoffnungen haben ſie auch an Raphael's letztem Geburts⸗ tage ihrem geliebten Mitbuͤrger einen ſilbernen Pocal uͤberreicht, mit der beſcheidenen aber viel⸗ ſagenden Inſchrift: Dem Verdienſte.— Der — Gang in's keindliche Aager. Romantiſches Gemaͤlde aus der Zeit des dreißigjährigen Krieges. Die Schlacht bei Noͤrdlingen hatte boͤſe Tage fuͤr den proteſtantiſchen Fuͤrſten- und Stäͤdte— bund herbeigefuͤhrt. Das Gluͤck und der Sieg waren wieder bei den kaiſerlichen Fahnen ein⸗ gekehrt, und Ferdinand's Heere uͤberſchwemm⸗ ten das Reich. Vor ihrem fluthenden Andrang wichen die ſonſt fuͤr unbeſtegbar gehaltenen Schweden allenthalben zuruͤck, und die von den groͤßern Heeren verſprengten oder abgeſchnitte⸗ nen Regimenter und Geſchwader warfen ſich in die, dem Schutze der Union ergebenen und 94* ihrer Sache anhaͤngenden Staͤdte und Feſtun⸗ gen. Die aufbluͤhende Stadt Hanau, deren neuſter und ſchoͤnſter Theil erſt entſtanden war, durch den Fleiß und das Geld hollaͤndiſcher und franzoͤſiſcher Auswanderer, hatte ebenfalls die⸗ ſes Schickſal. Mit bedeutenden Werken und Huͤfsmitteln verſehen, wählte ſie der darin kommandirende ſchwediſche Generalmajor von Ramſay, ein Schotte von Geburt, zum Schau⸗ platz eines kraͤftigen Widerſtandes. Schotten, Schweden und Weimar'ſche Voͤlker zog der kampfluſtige Befehlshaber zuſammen, und uͤber⸗ nahm, nachdem die graͤfliche Familie nach den Niederlanden entflohen, die unumſchraͤnkte Ge⸗ walt in Stadt und Feſtung. Buͤrger und Sol⸗ daten wurden auf's Strengſte angehalten, Be⸗ darf und Munition herbeizuſchaffen, die Schan⸗ zen und Verhaue zu vollenden, und ſich, zu Schutz und Trutz geruͤſtet, auf das Aeußerſte gefaßt zu machen. Der Erfolg bewies die Richtigkeit der Muthmaßungen Ramſay's. Kai⸗ ſerliche Truppen erſchienen in der Umgegend, 8 95 b vermehrten ſich von Tag zu Tag, zogen ſich ſogar enger um die Stadt zuſammen, und ge⸗ gen das Ende des Jahres 1635 begann der Generalwachtmeiſter, Freiherr von Lamboy, die foͤrmliche Belagerung Hanau's, unter den drohendſten Anzeichen. Die Tapferkeit der Be⸗ ſatzung gerieth in den ernſteſten Kampf mit dem Starrſinn der Belagerer, die alle ihre Aufforderungen mit Hohn zuruͤckgewieſen ſahen, und deſto begieriger nach dem Beſitze eines Platzes trachteten, der den Mainſtrom be⸗ herrſchte, und das platte Land umher im Zuͤ⸗ gel halten konnte. Vergebens troͤſteten ſich Bürger und Vertheidiger mit der Hoffnung auf einen nahen Entſatz; die Kraͤfte der Bundes⸗ genoſſen waren gelaͤhmt, oder in dem Wirrſal der blutigen Zeit nicht vermoͤgend, auf das Schickſal einer kleinen Feſtung Ruͤckſicht zu nehmen. So verſtrich denn Woche auf Woche, Monat endlich auf Monat, und die Blokade der Stadt wurde nach und nach zur Noth und offenbaren Bedraͤngniß. Das Schwert des Nd 96 N lauernden Feindes toͤdtete jeden Huͤlfebringen⸗ den, ſeine unzaͤhligen Kugeln mordeten die Krieger auf den Waͤllen, die Buͤrger in den Straßen; ſeine Bomben und Brandkugeln zun⸗ deten Haͤuſer und Kirchen an. Die Getoͤdteten wurden indeſſen durch neue Streiter erſetzt, die Breſchen ausgebeſſert, die brennenden Gie⸗ bel geloͤſcht; aber die haͤrteſten Plagen, die mit den Kaiſerlichen in Buͤndniß getreten wa⸗ ren, gab es kein Mittel zu vermeiden; den Mangel an Nahrungsmittel, und die daraus entſtandene peſtartige Seuche, die ohne Unter⸗ ſchied Unzaͤhlige jeden Alters, jeden Geſchlechts in's Grab riß. Nach ſieben Monden hartnaͤcki⸗ gen Widerſtandes hielt endlich Ramſay fuͤr ge⸗ rathen, mit dem kaiſerlichen General in Un⸗ terhandlung zu treten, aber der wuͤthende Groll deſſelben vereitelte dieſen einigemal wiederhol⸗ ten Verſuch. Die Parlementaͤre wurden ent⸗ weder, mit gluͤhenden Eiſen auf die Stirne gebrandmarkt, zuruͤckgeſchickt, oder aufgehängt auf den Redonten und Verſchanzungen des 97 Nn Belagerungs⸗Corps. Dieſe Verletzung des Vol⸗ kerrechts, nur zum Theil gerechtfertigt durch ein nicht minder grauſames Verfahren des ſchwediſchen Commandanten, ließ nur den haͤr⸗ teſten und blutigſten Ausgang fuͤrchten. Die auf's Hoͤchſte geſtiegene Verzweiflung kaͤmpfte mit der roheſten Erbitterung, und Ramſay ſchwur, auf den Truͤmmern der Feſtung zu ſterben, wie Lamboy gelobte, Beſatzung und Buͤrgerſchaft bei der unvermeidlichen Erſtuͤr⸗ mung der Stadt über die Klinge ſpringen zu laſſen, ohne Erbarmen. Moosroſen. II. 7 2. Wer ſollte denken, daß in dem Sturme einer gefahrvollen Zeit, auf dem Schauplatz des hoͤchſten Elends, des Mangels, des vielköpfi⸗ gen Todes, die Liebe noch geſchaͤftig ſeyn koͤnnte? Und dennoch ſchloß ſie auch hier manchen Bund, der uͤber die Monate des Truͤbſals hinausreichte; manchen, den die un⸗ erbittliche Parze im Werden zerriß. Im Hauſe des patriotiſchen Rathsherrn Eſaias Delatre blühten zwei anmuthige Jungfrauen empor; ſeine Nichten und Muͤndel, die Zierden ſeines beſcheidenen Eigenthums, die Freude ſeines — d 99„b Alters. Hedwig, die Aeltere der Schweſtern, ein reizendes Geſchoͤpf, in deren blauem Auge ein friedlicher, ewig klarer Himmel lag; Klaͤr⸗ chen, die Jungere, die neben aller jungfraͤu⸗ lichen Anmuth auch einen nicht geringen An⸗ theil maͤnnlicher Standhaftigkeit und Entſchloſ⸗ ſenheit von dem Vater ererbt hatte. Eine Ei⸗ nigkeit, wie ſie unter Geſchwiſtern ſelten beſteht, verband die Seelen der liebenswerthen Mäd⸗ chen, und ſelbſt die heftigere Neigung zu einem andern Gegenſtande, welche Hedwig bald em⸗ pfand, machte dieſer Einigkeit keinen Eintrag. Niels Peterſon, ein ſchwediſcher Graf, und Hauptmann unter dem Burgdorfſſchen Regi⸗ mente, hatte Hedwig's Herz gewonnen. Seine ausgezeichnete Rechtlichkeit, verbunden mit krie⸗ geriſchen Tugenden, dem Reiz eines vortheil⸗ haften Aeußern, und einer edlen Geburt, be⸗ rechtigten ihn zu dem Beſitze einer vollendeten Gattin, wie Hedwig zu werden verſprach. Un⸗ ter dem Donner des feindlichen Geſchutzes und den Gefahren wilder Gefechte hatten ſich ihre 6 100 Herzen gefunden, und der wackere Kriegsmann hatte nicht gezoͤgert, bei Delatre geziemend um die Hand ſeiner Muͤndel zu werben. Der alte Ohm, dem es freilich ſchwer fiel, die geliebte Jungfrau einſt fern zu wiſſen, im hohen Nor⸗ den, auf den Guͤtern ihres Gatten, beruͤck⸗ ſichtigte mehr ihre Neigung, als ſeine Wuͤn⸗ ſche, und gab das Jawort. Doch auch dem billigſten Verlangen des Rathsherrn, welcher die Hochzeitfeier bis nach wiederhergeſtelltem Frieden aufzuſchieben dachte, genuͤgte nicht des Hauptmanns lebhafte Ungeduld. Peterſon drang auf ſchnelle Vermaͤhlung.„Was kuͤmmert mich und meine Liebe das Kriegsgetuͤmmel um uns her? ſprach er:„Eben dieſes Toben von Außen beſtimmt mich zur Eile. Dem Solda⸗ ten gehoͤrt bloß der Augenblick; er weiß nicht, ob der naͤchſte noch ſein iſt. Das Blei des Feindes fliegt umher auf's Gerathewohl; mir kann es eben ſo gut beſtimmt ſeyn, als meinem Nebenmann, und an der Schwelle des Gluͤckes ſterben zu muſſen iſt hart; leichter wird der 101 Tod, hat uns das Gluͤck ſchon bekraͤnzt; und froͤhlicher gehe ich dem Schickſale entgegen, weiß ich, daß die, die ich hinterlaſſe, meinen Namen traͤgt, und erbt, was mein iſt.“— Hedwig ſchalt ihn liebevoll ob ſolcher Reden, der Ohm ſchuf Gegengruͤnde, der Hauptmann blieb aber unbeugſam bei ſeiner Forderung, und ſo wurden denn die Anſtalten zu einer ſtillen Hochzeit getroffen, wie die leidigen Um⸗ ſtaͤnde ſie nur erlaubten. An Schmaus, Tanz und Spiel war nicht zu denken, aber ein Brautkleid, ein ksſtliches Hochzeitgewand zu fertigen, ließen ſich Schweſter und Freundin⸗ nen Hedwig's nicht nehmen, und dieſem unzu⸗ beſtreitenden Vorrechte mußten acht Tage zum Opfer gebracht werden; fuͤr Peterſon ein un⸗ willkommener Aufſchub, fuͤr Hedwig's Sitt⸗ ſamkeit eine erwuͤnſchte Vorbereitungsfriſt. 102 3 S. Um die Zeit, da die Geſpielinnen das Ge⸗ wand zu fertigen beginnen wollten, geſchah es, daß zwei Kriegsgefangene in Delatre's Haus einquartiert wurden; ein kaiſerlicher Major, den Peterſon mit eigener Hand bei einem Aus⸗ fall aufgebracht hatte, nebſt deſſen Knecht. Die Herren waren in einer einzeln ſtehenden Schanze, ſo zu ſagen beim Mittageſſen er⸗ wiſcht worden, und wollten ſich nicht ſo recht in den ungewohnten Gang finden, obſchon der edelmuͤthige Peterſon ſie in das befreundete Haus gewieſen hatte, um ihre Lage moglichſt — —,— 103 N zu mildern. Der Mangel behagte ihnen nicht. Der Knecht, ein umfangreicher Dickling mit einem aͤußerſt verſchmitzten Geſichte, hielt ſich ſchadlos bei Wein und gebrannten Waſſern, die noch ziemlich wohlfeil und haͤufig zu haben waren; und der Major, einer aus dem ade⸗ lichen Hauſe Buddingen, ſuchte die laͤſtige Langeweile in Geſellſchaft der Maͤdchen zu ver⸗ ſcheuchen. Vom fruͤhen Morgen an ſaß er in der Unterſtube bei der Schaar der fleißigen Arbeiterinnen, ſah ihrem Tagewerk zu, erzaͤhlte Maͤhrchen und poſſenhafte Schnacken, und ſang zur Laute dann und wann einige hungariſche Liedlein, deren ungewohnter Klang den Ohren der Mädchen ſchmeichelte, weil ſie nicht das Geringſte von ihrem unſittlichen Inhalte ver⸗ ſtanden. Auf dieſe Weiſe war es dem Oberſt⸗ wachtmeiſter gelungen, ſchon am dritten Tage ein gern geſehener, ungern vermißter Geſell⸗ ſchafter zu werden, und die Jungfrauen be⸗ dauerten es ſchier, daß angenehme Erzaͤhler und Saͤnger einer der verhaßten Kaiſerlichen N 104 ſey, und nicht ein ſchwediſcher oder weimar⸗ ſcher Freund. Klaͤrchen allein hegte einen nicht zu beſiegenden Widerwillen gegen den Major, der nicht wich und wankte, ſo ſehr der Letztere ſich angelegen ſeyn ließ, ihren Beifall zu er⸗ ringen. Er ſprach ja nur zu ihr allein, ihr ſang er ſeine Lieder, auf ſie heftete er den gluͤhenden Blick, waͤhrend er den einfachen Ge⸗ ſchichten der Mädchen zuzuhorchen ſchien. In ſeiner ganzen Haltung, in ſeinen Geberden und Zuͤgen offenbarte ſich eine verborgene, aber um ſo heftiger gaͤhrende Leidenſchaft; und dieſe Merkmale eines ſinnlich ſtuͤrmenden Gefuͤhls, obgleich von Klaͤrchens reiner Unſchuld nicht als ſolche erkannt, waren es gerade, die ihr jene Abneigung einfloͤßten, welcher ſie nicht Herr werden konnte. Fiel durch Zufall ihr Blick auf Buddingen's Antlitz, ſo entſetzte ſie ſich faſt vor der dunklen Roͤthe ſeiner Wange; ſein begehrliches Auge ſchien ihr von Grauſam⸗ keit erfuͤllt, und die Hand, die er ihr ſchmei— chelnd bot, mit einem drohenden Schwerte be⸗ 105 waffnet zu ſeyn.»Sagt mir, was Ihr wollt,⸗ ſprach Klaͤrchen oft zu den ſcherzenden Freun⸗ dinnen: ader kaiſerliche Offizier iſt mir ein böſer unheimlicher Gaſt, und ich will dem Himmel danken, wenn er einmal ausgewechſelt wird, oder ſeine Ranzion bezahlt. Ich kann ihm nicht mit frohem Herzen in die Augen ſehen, und habe es auch gar nicht gerne, wenn ſeine wilden Blicke auf mich fallen.— Man lachte uͤber die ſeltſame Abneigung, und die ſchalkhafteſten der Geſpielinnen meinten, Klaͤr⸗ chen ließe es ſich wohl eher gefallen, wenn Uttenhofen's Gottfried, der Kuͤfermeiſter und Lieutenant unter den buͤrgerlichen Freifaͤhnlein, ſie anſähe. Sie ruͤhmten des Genannten ſchoͤ⸗ nen Wuchs, ſein treuherziges Angeſicht, ſein Vermoͤgen und ſeine handfeſte Unerſchrockenheit, und ſchloſſen mit der Vermuthung, Klaͤrchen und Gottfried wuͤrden wohl eben ſo gut ein Paar werden, als Hedwig und Peterſon. Das erroͤthende Maͤdchen, bisher noch nie im Rufe einen Mann vorzuziehen, laͤugnete ſtarrkoͤpfig, 106 und vermaß ſich hoch und theuer, an Gott⸗ fried eben ſo wenig zu denken, als an den verhaßten Major. Klaͤrchen wußte aber nicht, daß der arme Gottfried, leiſe eingetreten, ſchon eine geraume Weile hinter ihrem Stuhle ſtand, und Alles mit angehoͤrt hatte, was die luſtigen Gefaͤhrtinnen zur Sprache gebracht hatten, um ſich an ſeiner und Klaͤrchen's Ver⸗ legenheit zu weiden. Und als ſich das Maͤd⸗ chen endlich, vom Kichern und Lachen der Uebrigen belehrt, roth umdrehte, und ihm in das erbleichende Angeſicht ſah, da thaten ihr die ausgeſprochenen Worte in der Seele leid, denn der junge Mann buͤckte ſich ſtill, wie ein zum Tode gekraͤnkter Freund es thut, und ging, ohne ein Wort zu ſprechen, aus der Thuͤre. 4. Klaͤrchen ließ ſich ihre Ueberraſchung nicht merken, und wies die Spoͤttereien der Geſpie⸗ linnen auf's Nachdruͤcklichſte zuruͤck. Laßt mir doch meine frohe Laune,» rief ſie: amacht mich nicht mit Gewalt unwirſch. Bin ich nicht die Einzige im Hauſe, die das heitere Antlitz be⸗ wahrt hat? Der Ohm iſt von Geſchaͤften nie⸗ dergedruͤckt; die alte Muhme Urſel, die dort im Großvaterſtuhle ſchlummert, betet den gan⸗ zen Tag uͤber, und weiß der Bußpſalmen kein Ende, und die Braut vollends iſt die Truͤb⸗ ſeligſte von Allen. Seht nur einmal die Hed⸗ M 108 wig an. Morgen iſt das Staatskleid zu Ende gebracht, uͤbermorgen wird getraut, und ſie ſitzt da, mit einer Miene, wie eine zum Tode Verurtheilte. Der Himmel bewahre mich vor aller Hochzeit, wenn eine Braut ſich troſtlos geberden muß, wie lieb Schweſterlein— Schilt mich doch nicht,» entgegnete Hedwig mit geduldigem Ernſte: adaß ich. nachſinnend da ſitze, und Nadel und Scheere meiner Hand entſielen, hat wohl ſeinen natürlichen Grund. Laßt Euch einmal erzählen, was mir in letzter Nacht getraͤumt. Ich ſtand in voller braͤut⸗ licher Kleidung mitten im Zimmer, in der Oberſtube naͤmlich, und alle Fenſter rings um⸗ her waren hell, wie vom Fackelſchein. Dampf und Getuͤmmel auf den Gaſſen, ein Geraͤuſch, wie das Abziehen der Soldaten. Die Unruhe von Außen kümmerte mich aber nicht, und ich dachte bei mir, wie gut es ſey im traulichen Stuͤblein, und wie ich mich bemuͤhen wollte, den braͤutlichen Putz zu vollenden, und mir den Kranz auf das geſcheitelte Haar zu drucken 109„ Ich machte mich flugs an die willkommene Ar⸗ beit, aber den ungeſchickten Haͤnden wollte es nicht gelingen. Der Kranz fiel zu wiederhol⸗ ten Malen mir vom Kopfe herab auf den Bo⸗ den, und jedesmal ſchwirrte es wie ein Wind⸗ ſtoß in duͤrren Blaͤttern. Zuerſt ergotzte mich das Mißgeſchick, und die Ungeduld ſtellte ſich ſpäter ein, ohne mein Ungeſchick zu verbeſſern. Da pochte es leiſe an das Fenſter, und ich, die ſchon wußte, wer ſich draußen befinde, rief laut: Macht nur auf, lieber Niels, und ſetzt Ihr mir den Kranz auf!?— Das Fenſter ging ſchnell auf, und des Grafen Geſicht ſchaute herein, weiß, wie von Kreide, und hinter ihm zogen, wie im Nebelflor, viele, viele Soldaten voruͤber. Ich war jedoch kei⸗ neswegs erſchrocken uͤber ſein weißes Angeſicht, ſondern hielt ihm laͤchelnd den Kranz hin, und er nahm ihn ſchweigend und ernſt; aber ſo wie er die Rechte hob, ſo wurde er in dem Gewirr der Kriegsleute mit fortgeriſſen, ſtill und leiſe, wie ein Schneebild. Meinen Kranz! 110 rief ich beklommen, und langte nach dem in ſeiner erhobenen Hand Entſchwindenden, aus welchem einzelne Blaͤtter auf mich zuruͤckflat⸗ terten. Und, ſo wie ich dieſe faſſe, dehnen ſie ſich aus zu einem ſchwarzen Schleiergewebe, das auf mich herniederrieſelt, und mich mit ſolchem Schauder erfuͤllt, daß ich aͤchzend aus dem ſonderbaren Traume erwache.» Alle Maͤdchen hatten ſich ſcheu um das un⸗ gewiſſe Licht der Lampe zuſammengedraͤngt und ſchwiegen noch lange, nachdem Hedwig voll⸗ endet. Klaͤrchen war die Erſte, die mit ihrer gewohnten Unerſchrockenheit den Traum zu den Gebilden einer allzuerregten Einbildungskraft verwies.„Gute Traͤume kommen von Gott! behauptete ſie: aboͤſe jedoch vom Teufel, oder von Krankheit. Mache Dir keine unnoͤthige gefaͤhrliche Angſt, meine Hedwig. Der Graf hat durchaus keine Luſt, Dich zur Wittwe zu machen, und»— ſetzte ſie laͤchelnd hinzu— Es muß auch wahr ſeyn, was die Buͤrger AN 111 n und die Soldaten behaupten, Peterſon iſt feſt gegen Schuß und Hieb. Unzaͤhligemal hat er dem Feind die Stirne gezeigt, und niemals auch nur die kleinſte Wunde davon getragen.“ —„Du ſpotteſt nur, Klärchen,» miſchte ſich hier die Muhme Urſel, die aufgewacht war und gelauſcht hatte, in das Geſpraͤch: Was Du aber ſagſt, hat ſeine Richtigkeit. Feſt iſt er, das hab' ich oft gehoͤrt; und nur eine ſlberne Kugel oder eine von Elfenbein kann ihn umbringen.—„Nun„dann biſt Du aller Sorge uͤberhoben, Schweſter!„ ſchaͤckerte Klaͤr⸗ chen: Lamboy wird kein Silber und kein El⸗ fenbein vergenden, um nach Deinem Liebſten zu ſchießen.—„Damit iſt es aber noch nicht aus,» fuhr die geſchwaͤtzige Alte fort: adas Feſtmachen iſt doch immer ein Teufelswerk, und der Teufel laͤßt ſeine Mucken nimmer, weil er nichts umſonſt thut. Der Soldat muß — ſo ſagte mein Seliger— dem Gott ſey bei uns das Liebſte, das er auf Erden hat, fuͤr den Talisman verſchreiben; ſey es nun etwas, o 112 das er beſitzt, oder einſt beſitzen moͤchte; ein Pferd, ein Hund, oder ein Kind, oder die Braut. Oft gereut es dem Menſchen, und er will den Satan bewegen, davon abzuſtehen, aber in dieſem Falle verliert der Zauber ſeine Kraft, und die naͤchſte beſte Kugel ſchießt ihn mauſetodt, den Soldaten nämlich. Ein Gluͤck, wenn er ſich vorher nur wieder zum Chriſten⸗ thum gewendet hat.?—(Ei, ſo bewahre uns der Himmel in allen Gnaden!» fluͤſterten die Maͤdchen ſchreckhaft, waͤhrend Klärchen alle Saiten des Muthwillens aufzog, um die Aengſt⸗ lichen zum Beſten zu haben. 113 5. Der hereintretende Major gab dem Geſpraͤch keine andere Wendung. Die Maͤdchen drangen nämlich in ihn, zu beſtaͤtigen oder zu wider⸗ legen, was die Muhme geſagt hatte.—„Meine werthen Jungfrauen,» verſetzte er gefaͤllig: «wenig Beſtimmtes weiß ich auch von der Sache zu ſagen; denn ich ſelbſt bin durchaus nicht feſt.“— Er warf hier einen ſeltſamen Blick auf Klaͤrchen, welche von ſeinem Laͤcheln verletzt, die Augen niederſchlug.—„Ich will indeſſen mittheilen, fuhr Buddingen fort, was mir davon bekannt iſt, und was die Moosroſen II. 8 N 114 Meinung der guten verſtaͤndigen Muhme zu beſtaͤtigen ſcheint.—„Ein lieber Mann, der Majoro fluſterte Frau Urſel der ihr zunächſt ſitzenden Arbeiterin zu.—„Es hat vor mehre⸗ ren Jahren einen Fäͤhnrich bei meinem Regi⸗ mente gegeben,» ſprach Buddingen weiter, «der im Rufe eines Schlemmers und Ver⸗ ſchwenders ſtand, obgleich Niemand recht be⸗ greifen konnte, wie er das Geld zu Wuͤrfel⸗ ſpiel und Becher aufbringen konnte. Dieſer Fähnrich hat aber auch neben ſeinen Fehlern einen Muth beſeſſen, der in's Unglaubliche ging, und ihn immer unverletzt jeder Gefahr entriß. So hat ſich's einmal zugetragen, daß wir in Sachſen ſelbander auf Kundſchaft rit⸗ ten. Der Faͤhnrich hat ſich immer an meiner Seite gehalten, und unbekuͤmmert fort geſpro⸗ chen und geplaudert, obgleich des Feindes Ge⸗ ſchuͤtz wacker den Rain beſchoß, auf welchem wir hintrabten.„Ei,» rief ich endlich: Die Burſche ſchicken uns dicke Graupen heruͤber! Laßt uns umkehren, Fäͤhnrich! Dieſer hat N 115 jedoch gelacht, ganz gelaſſen die Aſche von ſeiner Pfeife geblaſen und geſagt: Laßt's gut ſeyn, Herr Ohbriſtwachtmeiſter. Die Kerle thun Euch nichts, denn ich fange die blauen Bohnen alle im Handſchuh auf. Zum Beweis ſchuttelte er auch uͤber ein Dutzend platt ge⸗ druͤckter Kugeln und Pfoſten aus den Stulpen ſeiner Handſchuhe. Ich entſetzte mich daruͤber, und fragte wie das zuginge. Der Faͤhnrich ſchuttelte jedoch den Kopf und meinte, er duͤrfe das nicht ſagen, ich koͤnne aber wohl merken, daß er feſt ſey, und wenn ich Luſt haͤtte, wollte er mir zu gleichem Vortheil verhelfen. Ich aber verwies ihm ſolch' Anſinnen als ein wackerer Chriſt, und mied den ruchloſen Men⸗ ſchen. Nach langer Friſt hat er mich aber ſelbſt wieder aufgeſucht, da wir an der boͤhmi⸗ ſchen Graͤnze im Lager ſtanden.—„Major, ſagte er, bleich und verſtoͤrt ausſehend, zu mir: Rathet mir zum Guten. Ich bin in bler Bedraͤngniß: Ich liebe ein Maͤgdlein un⸗ ſäglich und moͤchte es heirathen, nicht nach 8* 116 Feldmanier, ſondern wie's recht iſt, weil ich es unſaͤglich liebe.—„So geht hin und thut's mit meiner Erlaubniß,» erwiederte ich: „Euer Vorſatz iſt loͤblich, und wird Euch zu⸗ recht bringen.— Da zuckte der Officier die Achſeln, ſah zur Erde und ſprach:„Das wird ſchwer halten, Euer Geſtrengen. Ich moͤchte wohl, aber ich habe dem Herrn, der fuͤr mich die Kugeln faͤngt, meine Liebſte zugeſagt, was im tollen Uebermuthe geſchehen, weil ich da⸗ mals nicht die Moͤglichkeit mir traͤumen ließ, um ein Weib redlich zu minnen. Der Herr verlangt nun ſeinen Theil, und ſag' ich ja, ſo muß das Maͤgdlein ſterben. Sag' ich hin⸗ gegen nein..J—„So kann Euch der arge Herr nichts anhaben,» fiel ich dem Zagenden in's Wort:„Bietet ihm etwas Anderes, oder verſoͤhnt Euch mit der Kirche. Eines Prie⸗ ſters Segensſpruch iſt nicht minder kraͤftig, denn Eures finſtern Herrn Bann.— Darauf iſt denn der Menſch hingegangen, und hat wieder Friede gemacht mit dem Altar, und 117 ohne Scheu die Braut heimgefuͤhrt. Das naͤchſte Reitergefecht war aber ſein letztes. Ein Buͤch⸗ ſenſchuß hat den Cornet vom Pferde geworfen, und in ſeinem Nacken hat man die blutige Spur der Krallen gefunden, die ihm das Ge⸗ nick gebrochen. Der Talisman iſt nicht mehr bei ihm geweſen, und ſeine Wittib bald vor Kummer vergangen. 118 6. Der Zapfenſtreich erinnerte die aufhorchen⸗ den Maͤdchen, daß es Zeit zum Nachhauſe⸗ gehen ſey, und ſie entfernten ſich, waͤhrend Hedwig, von des Majors unbehaglicher Er⸗ zählung eingeſchuchtert, der Muhme in die Kuͤ⸗ che folgte. Klaͤrchen raͤnmte die umherliegenden Geraͤthſchaften zuſammen„und wollte ebenfalls gehen, als der Major ihr entſchloſſen in den Weg trat, und ſie bei der Hand ergriff, die ſie ihm vergebens zu entziehen ſtrebte.„Mit Unrecht ſtaunt Ihr, Jungfer,» begann er mit leiſer Stimme, abei meinem jetzigen Beginnen. M 119 Ihr ſolltet ſtaunen, daß ich nicht ſchon fruͤher gewagt, wozu mich mein tobendes Herz ſo ge— waltſam drängte. Dieſer Augenblick, in wel⸗ chem Euch, Dank ſey es meiner Erzaͤhlung, die Freundinnen ſchneller verlaſſen haben, denn ſonſt, will ich benutzen, um Euch das Geheim⸗ niß meiner Seele zu entdecken. Der Fortuna Laune hat mich in des Kriegers Hand gegeben, aber ein ſchmerzlich ſuͤßes Gefuͤhl hat meines Daſeyns edlern Theil in Eure Macht verfallt. Dieſe Bruſt, unerbittlich in der Schlacht, ath⸗ met nur Demuth gegen Euch. Ich habe Euch zur Koͤnigin meines Herzens gemacht, zur Dame meiner Gedanken. Laßt mich hoffen, Euch um dieſer Unterwerfung willen lieb zu werden.v— Klaͤrchen betrachtete ihn mit ſtum⸗ mer mißbilligender Verwunderung. Der leiden⸗ ſchaftliche Menſch fuhr aber fort: eZuͤrnt mir nicht, tadelt nicht meiner Neigung heftigen Aushruch. Eure Schoͤnheit rechtfertigt ihn. Glaubt aber auch nicht, als ſey ich unwuͤrdig, um Euern Beſitz zu werben. Ernſtlich ſind 120 meine Abſichten. Dem rauhen Waffenleben ab⸗ hold geworden, will ich mein Erbe an der Donan bauen, ein zufriedener Hausvater wer⸗ den. Meine Habe iſt nicht gering. Der Krieg hat mir manche reiche Beute zugeworfen. Der Friede kroͤne meiner Tage Gluͤck, und vergoͤnne mir, Euch als Gattin in meinen Arm zu ſchließen.“— aIhr zwingt mich, Herr, ganz offen mit Euch zu reden,» verſetzte Klaͤrchen trocken und kalt: aein bloßes Nein ſcheint mir nicht zureichend bei Eurer Zudringlichkeit. So moͤgt Ihr denn wiſſen, daß mir Eure Per⸗ ſon, wie Euer Benehmen gleich zuwider iſt. Ihr kennt und achtet nicht der Frauen Sitte, wie Euer leichtfertiges Geſchwaͤtz und Eurer Lieder lockre Weiſe genugſam verrathen. Ihr ſeyd Eurer Triebe und Leidenſchaften nicht Meiſter, wie Euer wildes Geſicht, das nur auf kurze Zeit die Larve vornimmt, deutlich zeigt. Eine Liebkoſung von Euch wuͤrde mir peinlich ſeyn, wie jedes nicht gleichguͤltige Wort, das Ihr an mich verſchwendet. Und 121 endlich, Herr— koͤnnte ich Euch auch lieben, ich duͤrfte es nicht. Der Mann, der meiner Vaͤter Erbe verwuͤſtet, meinen Glauben mit Fuͤßen tritt, und mir eine blutige Beute als Mahlſchatz anbietet, wird nie mein Ehewirth, und waͤre er der Schoͤnſte und Reichſte, der jemals geboren. Laßt darum meine Hand los, Herr, und ſpart. in Zukunft Eure Redekunſt. Ich muͤßte dem Ohm Alles ſagen, und Ihr muͤßtet das Quartier verlaſſen, das Euch doch ſo manche Annehmlichkeit gewaͤhrt.“— Ver⸗ ſchmaͤht Ihr mich, begann Buddingen mit wildem Ausdruck, ſo moͤgt Ihr mich immerhin aus dieſem Hauſe verweiſen. Eine Hoͤlle wird es mir ſeyn, ohne Eure Liebe!?—«Ihr redet irre, antwortete Klaͤrchen, den Kopf mitlei⸗ dig ſchuͤttelnd, und fuͤgte mit kalter und ſchar⸗ fer Beſtimmtheit hinzu: aLaßt aber jetzt meine Hand los. Ich rufe ſonſt der Muhme und der Schweſter.“—„Eure Hand?* fragte Bud⸗ dingen heftig, ſie feſter haltend:„Wer ent⸗ reißt mir dieſe? Mehr als dieſe Hand begehre N 122 ich; die ganze Fuͤlle Eurer Anmuth. Und ſie wird mein werden. Die Stadt muß in die Haͤnde der Sieger fallen, vielleicht mit der naͤchſten Morgenrothe ſchon erſturmt, und uͤber⸗ gluͤcklich wird ſich die ſtolze Buͤrgerdirne fuͤh⸗ len, wenn ſie in meinen Armen Schutz findet, gegen des Soldaten zuͤgelloſe Wuth!“ Er um⸗ ſchlang die Widerſtrebende gewaltig. Klaͤrchen riß ſich aber ungeſtuͤm von ihm los, und flog nach der Thuͤre, durch welche gerade Gott⸗ fried und des Majors Knecht eintraten.— Recht, Gottfried, daß Du kommſt!v ſprach ſie zu dem Erſtern mit voͤlliger Unbefangenheit: „Sage doch dem Herrn hier, wie man ſich ge⸗ gen ehrliche Jungfrauen zu benehmen habe.— Ohne weiter Rede zu ſtehen, verſchwand ſie. 123 1 „Euer eigen Bewußtſeyn mag Euer Prediger werden,» begann hierauf Gottfried finſter:„Ich war nicht Zeuge des Vorfalls, und will Euch nur gerathen haben, Klaͤrchen im Frieden zu laſſen. Sie iſt ein zuͤchtiges Maͤdchen, das ich hochachte und verehre. Eine Beleidigung, die ihr widerfaͤhrt, raͤche ich wie eine die mich ſelber angeht. Meßt mich nicht mit ſo veraͤcht⸗ lichem Blick, ſetzte er hinzu:„Ich fuͤhre einen Degen wie Ihr, und ohne Eigennutz, nicht um Sold diene ich dem Vaterlande. Vor der Hand fuͤhrt mich jedoch ein Geſchaͤft zu Euch. Die⸗ 124 N ſen Burſchen, Euern Knecht, entriß ich mit Muͤhe einem Haufen weimar'ſchen Volks, den er in der Schenke durch unuͤberlegte Prahle⸗ reien gegen ſich aufgebracht hatte. Ihr handelt wider des Kommandanten Reglement, dem zu⸗ folge einem Kriegsgefangenen die Schwelge⸗ rei in Schenken und das Ausbleiben vom Quartiere nach dem Zapfenſtreich voͤllig unter⸗ ſagt worden. Koͤmmt Ramſay dahinter, ſo haͤngt Euer Knecht in zehn Minuten am lichten Galgen. Laßt's Euch geſagt ſeyn, und lebt wohl!— Uttenhofen ging, und Major und Knecht verfuͤgten ſich nach ihrer Kammer.„Ihr werdet uns noch beide ungluͤcklich machen durch Eure Unziemlichkeiten!“ murrte der Major auf und nieder gehend vor ſich hin, waͤhrend der Knecht ſich bequem in dem einzigen Lehnſeſſel dehnte:„Der Geier hole Eure Ruhmredigkeit, die keine Schranken kennt, ſo leicht in Gemein⸗ heiten ausartet, und uns in die groͤßte Ver⸗ legenheit bringen wird.“—„Pah,» antwor⸗ tete der andere flaͤmiſch: ader Rock, den ich trage, will's nicht anders. Wuͤrd' ich abge⸗ meſſen daher ſchreiten, mich an die Officiere machen, und bei dem Ramſay zur Tafel gehen, ſo wuͤrde es gleich weltbekannt ſeyn, wer ich bin, aber unter dieſem Kittel, in der Aquavit⸗ ſchenke, ſucht man den gefuͤrchteten Mann nicht, deſſen leichtes Jaͤgergeſindel jeden Graben und Buſch auf zwei Meilen in der Runde unſicher macht.—„Oberſt! Oberſt! ſagte Buddin⸗ gen warnend:„Der Krug geht ſo lange zu Waſſer, bis er bricht. Merkt's Euch. Ob Ihr nun Breivogel heißt oder nicht, dem Kaiſer eine Freiſchaar aus eigenen Mitteln geſtellt habt oder nicht, Ramſay laͤßt Euch auf⸗ knuͤpfen ohne Gnade, erwiſcht er Euch zu un⸗ gelegener Zeit.“—„Aufknuͤpfen?» laͤchelte der Oberſt: Warum nicht gar! Warum habe ich mich in das Stallwamms geſteckt, he? Um mein Leben zu retten? Ihr wißt, daß ich mir weniger daraus mache, als aus den herrlichen Forellen, die wir ſtehen laſſen mußten, um dem unhoͤflichen Feind entgegen zu gehen. Um 126 mein Geld zu retten, that ich's, an dem mir weit mehr liegt. Welche Ranzion muͤßte ich erlegen, wuͤßte man, wie der gefangene Vo⸗ gel heißt! Euch geht's leichter. Ihr habt nichts als die Borten auf Euerm Rock, der vielleicht noch auf des Schneiders Rechnung ſteht. Euch wechſelt man aus als einen un⸗ nützen Koſtgänger; im ſchlimmſten Falle wer⸗ det Ihr untergeſteckt, und koͤnnt dann aus⸗ reiſſen, wann es beliebt, wäͤhrend der verwet⸗ terte Ramſay erſt nach meinen Ducaten äugeln und mir den Hals fein ſaͤuberlich ungeſchoren. laſſen wuͤrde. Laßt Euch darum nicht bange ſeyn. Ich theile Euer Lvos. Es verdrießt mich gar nicht Euern Knecht vorzuſtellen, bis es heißt: Geht in alle Welt, und Ihr habt nichts zu thun, als Euch auf meine Umſicht und Gewandtheit zu verlaſſen.“—„Ach!* ſeufzte Buddingen, ſich auf's Lager werfend: Schweigt, guter Freund; ich bin unwirſch, und moͤchte in ohnmaͤchtiger Wuth den Mond anbellen, der ſo neugierig in die Kammer — 127 ſcheint, wie ein Spion.—„Der Mond hat Recht; verſetzte Breivogel:„Ihr ſeyd ein ver⸗ liebter Geſelle, der den ſilbernen Herrn nicht verachten ſollte.—„Es iſt Alles vorbeizv grollte Buddingen: averſchmaͤht bin ich, abge⸗ wieſen ohne Mitleid, ohne Erbarmen.— So?v lachte Breivogel: ahaͤtte ich's doch ſchier merken ſollen. Die Dirne hat nicht un⸗ recht, Ihr werdet ihr von Euern Guͤtern vor⸗ gelogen haben, die hinter'Em Ende der Welt liegen; von Eurer Treue, die ſo gebrechlich iſt wie Glas, guter Freund! Die Lagerluft hat Euch zur buͤrgerlichen Liebe untauglich ge⸗ macht. Der Bremer Lore, oder dem Sabin⸗ chen von Gelnhauſen wart Ihr ein willkom⸗ mener Ritter. Das ſind aber auch Dirnen, die ſich ſelbſt zu Pferde ſetzen, und ein Stuͤck mit in die Welt hinein reiten, wo auch der Soldat ſeine luſtige Stadt baut. Aber ein Engelein, wie Klaͤrchen, verſchmaͤht des Rei⸗ ters Huldigung, und will anders geliebt ſeyn. Schlagt Euch das Maͤdel aus dem Sinn.— N 128 Ich kann nicht, und ich will nicht! ſuhr Buddingen auf: Mein muß ſie werden, trotz tauſend Teufel. Freund Oberſt Breivogel, helft! gebt nur dießmal einen Eurer geſcheu⸗ ten Freibeuterſtreiche an.“—„Ihr macht mich lachenz» entgegnete der Oberſt, ſich in die Decke ſeines Bettes wickelnd:„Schafft uns erſt hinaus aus dem vermaledeiten Neſt, dann ſoll mir's ein Leichtes ſeyn, durch ein Paar ver⸗ wegener Schuͤtzen das Maͤdel aus dem Bette ſtehlen zu laſſen. Fruͤher aber geht's, ſtraf' mich Gott, nicht an.» 8. Die Officiere der Beſatzung ſtanden im wei⸗ ten Kreiſe um den Commandanten auf dem Saale des Rathhauſes. Die Abendroͤthe ſchim⸗ merte gluͤhend durch die Scheiben, und malte die ernſten und ſinnenden Geſichter der Fuͤhrer. Sie und der Magiſtrat der beiden Staͤdte Hanau horchten ſchweigend auf die Verfuͤ⸗ gungen des Generalmajors, der von der Noth⸗ wendigkeit ſprach, die der Stadt ſo verderb⸗ liche Steinſchanze den Haͤnden der Feinde zu entreiſſen, und einen noch in derſelben Nacht zu wagenden Ausfall als das kraͤftigſte Mittel Moosroſen. II. 9 130 zu dieſem Zweck in Vorſchlag brachte und an⸗ ordnete.„Sobald der Waͤchter auf dem Thur⸗ me das Zeichen der zehnten Stunde gibt,» ſprach er, aſtellen ſich die Truppen auf dem Neuſtädter Platze auf. Die vier erſten Fähn⸗ lein des Burgdorf'ſchen Regiments unter den Capitaͤnen Schweikhard, Lisle, Peterſon und dem Fähnrich Alexander von Winterfeld, und zwei Geſchwader des Ihlliſchen Regiments un⸗ ter dem Rittmeiſter Sturm und dem Cornett Hembel ſollen Wagniß und Ruhm theilen. Oberſt Mongery wird den Aufbruch der Trup⸗ pen leiten, der in aller Stille vor ſich zu gehen hat. Indeſſen wird der Magiſtrat die Buͤrger unter's Gewehr treten, und alle Ver⸗ daͤchtige ſcharf beobachten laſſen, bei ſtrenger Verantwortlichkeit. Oberſt Mongery wird mir vom Erfolg des Unternehmens rapportiren, und an ihn haben ſich die Befehlshaber wegen ihrer beſondern Ordre zu wenden.— Der Commandant machte eine leichte Verbeugung gegen die Herren, und naͤherte ſich der Thuͤre, 131 2 um fortzugehen; da traten ihn der Haupt⸗ mann Peterſon und der Rathsherr Delatre be⸗ ſcheiden an.„Was gibt's, Ihr Herren?* fragte der Schotte kurz, da er eine Bitte in den Zuͤgen der Beiden zu leſen glaubte.„Herr Generalmajor!n begann Peterſon mit anſtän⸗ diger Ergebenheit:„Ihr wißt, daß ich nie⸗ mals eine Ausflucht ſuchte, wenn es zu ſchla⸗ gen galt. Erlaßt mir aber heute die Theil⸗ nahme an dem Ausfall.“— Ramſay ſchaute hoch auf.—„Der Graf gedenkt morgen mit meiner Nichte das Hochzeitfeſt zu begehen,» fuͤgte Delatre bei:«Um die ſiebente Morgen⸗ ſtunde ſoll ſchon die Trauung Statt finden. Entlaſtet ihn daher, geſtrenger Herr, von den Pflichten dieſes Abends, damit ſeine Braut nicht weine.—„Was kuͤmmert mich und die Stadt des Grafen Heirath 7v fragte Ramſay rauh entgegen:„Gerne achte ich den Haupt⸗ mann ſeiner glaͤnzenden Eigenſchaften wegen hoch; allein gerade deßhalb will ich ihn heute nicht vermiſſen. Ich brauche heute Männer 9* 132 von Kopf und Arm. Mißfaͤllig iſt mir's dar⸗ um, wenn Kriegsleute ſich an Weiber feſſeln; ſie werden laͤſſig in ihrer Pflicht..—„Herr Generalmajor! brauste der Graf auf: Ver⸗ diene ich dieß harte Wort?—„Sobald Ihr Euch der Schuldigkeit nicht weigert, Nein! verſetzte Ramſay wie oben:„Des Soldaten angetrautes Weib iſt der Degen. Auf dieſen folgt erſt die Kunkel. Habt Ihr des Feindes Schanze erſtuͤrmt, dann mag Euch ziemen, der Liebe eine Stunde zu goͤnnen. Macht Euch immer marſchfertig. Um Mitternacht iſt der ganze Tanz vorbei, und Ihr ſeyd um Sieben doch zur Kirche fertig. Eure Braut wird Euch noch einmal ſo freundlich empfangen, wenn Ihr eine Standarte als gute Beute mit Euch bringt. Gute Nacht!— Ramſay ging von dannen, und Peterſon ſtampfte leiſe knirſchend mit dem Fuße. Wir ſprechen uns noch, Herr Commandant! murmelte er zwiſchen den Zaͤh⸗ nen, und wandte ſich zu dem ernſt vor ſich hinſehenden Rathsherrn.„Was iſt da zu thun, 123 N Herr Delatre?* ſprach er achſelzuckend:„Der gute Ramſay läßt mich arkebuſiren, wenn ich nur eine Miene noch verziehe. So laßt uns alſo marſchiren. Nur bitt' ich Euch, meiner Hedwig kein Wort. Sie koͤnnte mich muthlos machen durch ihre Angſt, und morgen bin ich ja doch wieder da, bei guter Zeit.—„Da biſt Du herrlich berichtet!? rief der Faͤhnrich Winterfeld dazwiſchen:„Mir wird's nicht ſo leicht werden, denk' ich. Mein Ringkragen iſt heute Morgen in zwei Stuͤcke zerſprungen und von der Wand gefallen. Das bedeutet ganz gewiß den Tod, wie jeder brave Kriegsmann weiß. Ich habe darum auch ſchon mein Te⸗ ſtament gemacht. Dir bleibt mein Hund, dem Hembel mein Stoßrappier, und dem Ramſay, dem geizigen Menſchenquaͤler, vermache ich mein ganzes Vermoͤgen, anderthalb Thaler etwa.“— Peterſon konnte uͤber den Scherz des muthwilligen Juͤnglings kaum laͤcheln, ſondern bat den Cornett, ſein Fähnlein auf dem Platze aufzuſtellen, im Falle, daß er etwas zu ſpaͤt 134 n eintreffen ſollte. Hembel verſprach es, und der Graf eilte mit Delatre nach Hauſe, wo ihn Hedwig mit der Verſchaͤmtheit der ſittigen Braut anmuthig und liebreizend empfing. 135 n 9. Unbefangen koſend, wie die blind vertrauende Liebe, ſaß Hedwig mit ihrem Verlobten im traulichen Erker, und die Zukunft gab den Stoff zur Unterhaltung her. Die Braut ſchien die boͤſe Schwermuth abgelegt zu haben, von welcher ſie bedraͤngt geweſen, und uͤberließ ſich einer kindlichen Geſchwaͤtzigkeit. Peterſon ſtoͤrte ſie nicht, und horchte ſchweigend zu, bis endlich Hedwig, da er auf einige ihrer Fragen keine oder keine genuͤgende Antwort gab, inne hielt, bemerkend, daß ſeine Gedanken wo anders ſeyen.— Dieſe plotzliche Stille ſchreckte Pe⸗ 136 terſon auf aus ſeinen Gedanken und er rieb verlegen die Stirne. Was ſinneſt Du? fragte Hedwig ſanft, ſeine Hand ergreifend:„Sitzeſt Du doch da, wie ein lebloſes Bild, und es iſt doch der Vorabend unſeres Bundes, und die Lampe brennt ſo heimlich, und das gute Klaͤrchen iſt auf den Zehen davon geſchlichen, um unſer Gekoſe nicht zu ſtoͤren. Was fehlt zu Deiner Zufriedenheit, mein Liebſter? Noch heute ſchaltſt Du mich des Truͤbſinns wegen, deſſen ich nicht Herr werden konnte, und nun, da es mir gelungen— nun haſt Du mit mir umgewechſelt; was gilt's, Du ſehnſt Dich jetzt hinweg aus dieſem Lande der Truͤbſal und der Noth in Deine ruhige und ſtille Heimath, wo der Friede wohnt??—«In die ſtille Hei⸗ math? wiederholte der Graf halb bewußtlos. „Du koͤnnteſt Recht haben, geliebte Hedwig! ſetzte er, ſich ermannend, und froh, einen ſcheinbaren Grund ſeines Hinbruͤtens gefunden zu haben, hinzu.—„Ach, der Menſch iſt un⸗ erſaͤttlich in ſeinem Sehnen! laͤchelte Hedwig: N 137 a Verdenken kann ich Dir's aber nicht. In Dein Vaterland drang nicht der Waffen To⸗ ſen, und des Elends unertraͤgliche Laſt. Dort, wo, wie Du erzaͤhlt, die Sterne heller glaͤn⸗ zen, und ein kalter, aber heiterer Himmel ſein blaues Zelt aufſpannt, dort muß ein ſuͤßer Friede wohnen, und in Deinem Hauſe bei der waͤrmenden Flamme des Kamins zu walten, iſt auch nicht der geringſte meiner Wuͤnſche.» —„Gott gebe, daß es in Erfullung gehe!* erwiederte der Graf lebhaft:„Gott reiſſe uns bald aus dieſem gräßlichen Tumult menſchlichen Wuͤthens! Den Degen vertauſche ich dann mit dem Jagdſpieß, und ſuche im beeisten Forſt nicht den Feind der mir gleicht, ſondern das ſchmackhafte Wild, das uns zum Feſtbraten dienen ſoll. Kehre ich dann zuruͤck in's wohl⸗ verwahrte Haus, wo mich Deine Liebe em⸗ pfaͤngt und erquickt.»„—„Iſt Dein Haus geſchuͤtzt vor aller Gefahr? fragte Hedwig neugierig.—„Mit Thurm und Wall und Bruͤcke;z» verſetzte Peterſon: ein einer ſchlech⸗ 138 ten Huͤtte ließe ich Dich nicht allein.“— „Traulicher laͤßt ſich's in der niedern Huͤtte hauſen,» meinte die Braut.—„Ei, mein Va⸗ terhaus iſt ſchoͤn und verborgen in Fels und Wald» verſetzte der Graf: anirgends moͤchte ich ſterben, als in ſeinen Hallen. Und— ver⸗ ſprich mir's, Hedwig— ſollte das Geſchick uͤber mein irdiſch' Theil verfuͤgen, fern vom Heimathlande,— meinen Leib laſſe hinauf zum Norden ſchaffen, in die Erbgruft meiner Vaͤ⸗ ter; nur dort ruhe ich ſanft. Verſprich mir's!» —„Du biſt grauſam, liebſter Freund,» fluͤ⸗ ſterte Hedwig erſchreckt,«daß Du mit ſolchen Reden mich quaͤlen kannſt. Wenn es je dahin kommen koͤnnte.... Großer Gott!—„Sind wir nicht alle Staubꝰ fragte der Graf: Ver⸗ ſprich mir's. Der Anblick meines Grabes ſoll Dich nicht hindern, Dein Herz und Deine Hand einem Andern zu ſchenken, und Deines Lebens Gluͤck zu retten aus dem Schiffbruche der Zeit.“— Hedwig wollte ihn hindern, wei⸗ ter zu ſprechen, er fuhr aber dringend fort: N 139 „Laß mich nicht vergebens bitten! Dort ruhe meine Leiche, wo meines Erbes Thuͤrme ra⸗ gen, und wo das Nordlicht flammt!—„Ach, das Nordlicht! ſeufzte Hedwig:„Das iſt das Einzige, was ich in Deinem Vaterlande ſcheue! Obſchon Du oft begeiſtert es geſchildert, ſo fuͤllt doch der Gedanke an dieß Gluthenmeer mein Herz mit Schrecken, und immer Unheil muß es kuͤnden.“—„Du irrſt!„ antwortete der Graf, laͤchelnd den Kopf ſchuͤttelnd:„Wir nehmen es fuͤr eine guͤnſtige Vorbedeutung, und unter meinem Volke gilt der Glaube, daß ſich in ſolchen Stunden des Himmels Thuͤren oͤffnen, um den Seligen einen Blick auf die Erde zu vergoͤnnen. Und jeder Strahl, der aufſchießt in dem Purpurſpiegel, iſt eines Se⸗ ligen lichter Geiſt, der nach ſeinen Lieben ſieht, und mit dieſem ſchimmernden Wink Ruhe und Zuverſicht in die Bruſt der Verwaisten ſenkt. Aus dieſer Glorie will auch ich einſt herunter ſchauen, und mein Grab ſuchen und Dich, und Dich ſegnen, haſt Du gethan nach meinem 140 Wunſche!?— Niels ſchwieg, von wehmuͤthig freundlicher Stimmung befangen, und zog Hed⸗ wig's Haupt an ſeine Bruſt. Das Maͤdchen fuhr aber hoch empor, ſtarrte durch's Fenſter, zeigte dann mit zitternder Hand nach der Straße, und ſchrie auf:«Um's Himmels wil⸗ len! Was flammt dort? Iſt das Nordlichts⸗ ſchein, der jene Haͤuſer roͤthet?— Der Graf blickte hinaus, und verwuͤnſchte im Stillen ſein Zoͤgern, das ihn die feſtgeſetzte Aufbruchs⸗ ſtunde hatte verſaͤumen machen. Denn ſchon ruͤckten die Schaaren in gedraͤngten Reihen, mit dumpfem Tritt, ohne weiteres Geraͤuſch in die Gaſſe, und von der Ecke des Neuſtaͤdter Markts flackerte der blutrothe Schein einer Pechpfanne.— Peterſon konnte, ungewiß und dennoch raſch nach Hut und Degen greifend, ſeine Ueberraſchung nicht bergen.„Rede, Pe⸗ terſon! rief Hedwig in banger Ahnung:„Bei des Ewigen Gnade beſchwoͤre ich Dich! Was ſoll das heißen! Was bedeutet der Krieger „ 141 Aufbruch bei naͤchtlicher Weile?— Der Graf wollte eine ausweichende Antwort geben, als ein Klopfen am Fenſter hoͤrbar wurde, und Hembel, zu Pferde ſitzend, herein rief:„Capi⸗ taͤn Peterſon! Es iſt Zeit! Euer Fähnlein ruͤckt an!?—„In Gottes Namen denn»entgegnete Peterſon, den Hut aufwerfend, und Hedwig umarmend:„Der boͤſe Zufall ließ mich Dir nicht verheimlichen, was Dich ſchreckt. Faſſe aber Muth! Morgen ſiehſt Du mich wieder!* —„Wohin 7* jammerte Hedwig, den Ent⸗ eilenden mit ſchwacher Kraft aufhaltend:„Du toͤdteſt mich!?— Niels riß ſich aber los, ſchuͤttelte ihr die Hand, empfahl ſie der Sorg⸗ falt der hereinſtuͤrzenden Schweſter, und ver⸗ ließ haſtig das Haus. aLichter an die Fen⸗ ſter!v riefen dumpfe Soldatenſtimmen zu den Haͤuſern empor, und Hedwig ſchlug den Erker⸗ fluͤgel auf, um dem Theuern nachzuſchauen. Sein bleiches, zum Abſchied gruͤßendes An⸗ geſicht neigte ſich ihr entgegen, und mit dem 142 Schrei:„Barmherziger dort oben, mein Traum! ſank ſie ohnmaͤchtig in Klaͤrchen's und der Muhme Arme, waͤhrend Fußvolk, Roß und Reiter ſtille weiter zogen an ihr blutig Geſchaͤft. 143 10. Der folgende Tag war ein Tag der Trauer und der Klagen. Der Ausfall war gaͤnzlich mißlungen, und an der Wachſamkeit der Kai⸗ ſerlichen geſcheitert. Eine unvorſichtig und zu fruͤhe losgebrannte Muskete hatte Allarm ge⸗ macht. Die Angreifenden wurden auf's Haupt geſchlagen. Winterfeld, der geſtern in muth⸗ williger Laune ſein Ende prophezeit hatte, blieb in dem Graben der Steinſchanze. Hembel, im Begriff mit ſeinen Reitern den Ruͤckzug zu decken, fiel durch das Blei eines im Verhau verborgenen Scharfſchuͤtzen, und auch Peter⸗ 144 ſon's Stunde ſchlug; als er auf der Bruſtwehr der erſtiegenen Schanze die Fahne aufpflanzen wollte. Eines Konſtablers Eſponton traf ſein edles Herz zum Tode. Sein Fall brachte Alles in Unordnung. Viele Todte und Verwundete zuruͤcklaſſend, flohen die weimar'ſchen und die heſſiſchen Voͤlker der Feſtung zu, und brachten die unvermuthete Kunde des Unfalls dahin. Eine allgemeine Beſtuͤrzung herrſchte unter der Beſatzung, unter den Buͤrgern, aber am ſchmerzlichſten erſchuͤttert fuͤhlte ſich Hedwig's Bruſt, und ihr Jammer erregte die Theilnahme der ganzen Stadt. Dem Zureden ihres wuͤr⸗ digen Oheims, des hochverdienten Pfarrherrn, wich zwar bald die troſtloſe Verzweiflung der erſten Stunden, aber den herben Gram ver⸗ ſcheuchen konnte weder frommer Zuſpruch, noch die volle Liebe des tugendhaften Klaͤrchen's, der theilnehmenden Freundinnen. Die Ungluͤck⸗ ſelige jammerte raſtlos nach dem Geſchiedenen, und begehrte die theure Huͤlle wenigſtens zuruͤck vom Felde des Todes.„Ich muß ihn noch N 145 einmal ſehen! klagte ſie; eſehen, den letzteu Kuß auf ſeine Wange druͤcken. Ach, ich muß ihm ja gewaͤhren, was er in ſeiner fruͤhzeiti⸗ gen Todesahnung von mir erbeten. Seine Leiche muß ich nach ſeiner Heimath bringen laſſen, ſobald es Friede wird, und indeſſen ſein Andenken feiern an ſeinem Sarge! O, wer, wer ſchafft mir die Leiche, daß ſie nicht umkomme unter den Klauen der Geier, daß ſie nicht verſtuͤmmelt werde vom rohen Muth⸗ willen der grauſamen Feinde?— Delatre, dem billigen Verlangen ſeiner ungluͤcklichen Nichte zu entſprechen, begehrte auf dem Rath⸗ hauſe, daß man einen Parlementaͤr an den kaiſerlichen Feldherrn ſende, um, wie es oft im Kriege geſchehen, den Todten zuruckzufor⸗ dern. Ramſay widerſetzte ſich aber trotzig dem Begehren. Er erinnerte an die vielen Unter⸗ haͤndler, die Lamboy hatte haͤngen oder brand⸗ marken laſſen, und verſchwor ſich hoch und theuer, keinen von ſeinen Soldaten gleichem Schickſale ausſetzen zu wollen. Nicht den Mvosroſen. II. 10 146 ſchlechteſten Tambour gebe ich zu dieſem Ar⸗ menſuͤndergange!»“ ſprach er hart: Peterſon war ein wackerer Soldat, aber um ſeiner Leiche willen ſoll kein getaufter Chriſt in's Gras beißen. Es iſt des Soldaten Lvos, auf offe⸗ nem Felde zu fallen, und Sturm und Wetter uͤber ſich ergehen zu laſſen, bis eine mitleidige Hand ihn einſcharrt. Mir wird's auch nicht beſſer gehen, denke ich. Will ſich einer aus der Stadt mit Gewalt aufknuͤpfen laſſen, ſo laſſe ich ihm das Frankfurter Thor oͤffnen. Ich rathe Euch indeſſen Geld und Leute zu ſchonen. Ein todter Mann iſt zu nichts mehr nuͤtze, und verdient nicht mehr Ruͤckſicht, als der zerriſſene Rock, den ich in die Rumpelkammer werfe!» — Der Magiſtrat war im Innern empoͤrt uͤber die Rohheit des Commandanten, aber einſtim⸗ mig wies er den Antrag Delatre's zuruͤck, wel⸗ cher ſelbſt den gefahrvollen Gang wagen wollte. Das Geruͤcht des fehlgeſchlagenen Verſuchs drang in das Gemach der klagenden Hedwig, und ihr Jammer ſtieg wieder auf's Hoͤchſte. 147 Klaͤrchen, von ihrer Qual ergriffen, zermar⸗ terte ſich haͤnderingend den Kopf, ohne einen Ausweg zu finden. Da trat der ſogenannte Knecht des gefangenen Majors vor ſie, und ſprach:„Ich wuͤßte wohl ein Mittel, Jungfer, Eurer Schweſter zu helfen, und auch uns zu nuͤtzen. Mein Herr iſt Lamboy's Freund und Waffenbruder. Man biete an, ihn gegen den Todten auszuwechſeln, und ich wette, der Freiherr ſchlaͤgt gerne ein. Aber dieſer Antrag muß aus gefaͤlligem Munde kommen. Eure Schweſter gehe ſelbſt zu Lamboy, und fuͤhre den Major mit ſich, damit der General ſehe, wie Alles redlich zugeht. Ein Wort aus dem huͤbſchen Munde, und wir ſind draußen, der todte Graf herinnen.— Der kuͤhne Gedanke fuhr Klaͤrchen wie ein Blitz durch's Gehirn. Aber die Ueberlegung folgte warnend.„Meine Schweſter? ſprach ſie: adie Arme, die ſich kaum aufrecht zu halten vermag? Ihre Trauer wuͤrde den rohen Soldaten Spott ſeyn, ihre 10* M 148 an Zunge ſich vergeſſen bei dem erſten unfreund⸗ lichen Wort des Feldherrn. Ungluͤck ſehe ich nur bei dieſem Wageſtuͤck.—„So waͤhlt eine Stellvertreterin,» entgegnete Breivogel ſchlau: „Mir wuͤrde es nicht ſchwer fallen, ſendet man mich mit einem Zettel meines Herrn voraus in's Lager, vom General einem Geleitsbrief zu erwirken fuͤr die holde Bittſtellerin. Aber, merkt Euch wohl, ein Frauenbild muß gehen, weil Lamboy's Herz ſelten einem Begehren aus huͤbſchem Munde widerſteht, und heute noch muß der Verſuch gemacht werden, denn bis morgen finde der Kukuck den armen Grafen aus dem Haufen der Erſchlagenen heraus. . —— 11. Habt Ihr's gehoͤrt? riefen ſich um die zweite Stunde des Nachmittags Nachbar und Nachbarinnen auf den Straßen zu.„Delatre's Klaͤrchen geht ſelbſt hinaus in's kaiſerliche La⸗ ger. Das unerſchrockne Maͤdchen! Das loben wir, und auch der Commandant hat ihr den Major nicht abſchlagen koͤnnen, den ſie gegen des armen Hauptmanns Leiche auszuwechſeln gedenkt! Seht, dort koͤmmt ſie gegangen; ſchoͤner waͤre ihre Schweſter nicht als Braut geweſen!!— Und dem Frankfurter Thore naͤherte ſich das heldenmuͤthige Maͤdchen in der N 150 Mitte ihrer Freundinnen, umgeben von einer Wache buͤrgerlicher Schuͤtzen. Delatre's Segen ſchien ſie zu begleiten, denn aufrecht war ihr Gang, edel ihre Haltung und gefaßt. Noch einen Blick warf ſie nach des Oheims Hauſe, wo dieſer letztere der klagenden Hedwig ein noͤthiger Troͤſter zuruͤckgeblieben war, und ſchritt muthig auf die Pforte zu, die ſich vor ihr auf⸗ that. Der Oberſtwachtmeiſter ging ſtill und verſchloſſen ihr zur Seite, zu ihrer Linken die alte Muhme Urſel; und zuruͤcktrat, Abſchied nehmend und Gluͤck wuͤnſchend, die Schaar der Geſpielinnen. Ueber Bruͤcke und Kanal„durch Vorwerke und Palliſaden ging der Weg ſtill und ernſt, bis vor dem Angeſichte der Wan⸗ dernden die erſte feindliche Redoute aufſtieg, und ein lautes: Zuruͤck oder Halt! der Schild⸗ wachen darin erſchallte. Die kaiſerliche Feld⸗ binde des Majors, ſo wie das weiße Tuch, das der Tambour der Buͤrger in der Luft flat⸗ tern ließ, hielten die Buͤchſen der Soldaten in Ruhe. Nachdem der in der Schanze Com⸗ — 151 mandirende die Stillhaltenden befragt und be⸗ lugt, kam ihnen ein Troßknecht entgegen, dem Klaͤrchen den offenen von Lamboy erwirkten Geleitsbrief zuſtellte, in welchem der Haupt⸗ mann Jeſſachitz, der Befehlshaber der Schanze, ermaͤchtigt wurde, die Abgeſandte vor Lamboy zu fuͤhren und wieder in das Buͤrgergeleit zu⸗ ruͤck zu bringen, das in Schußweite von der Redoute Poſto faſſen mußte. Der ebenfalls herbeikommende Hauptmann forderte als uner⸗ laßliche Bedingung, daß der Major Buddingen nicht zuruͤckbleibe, ſondern alſobald, da ſeine Auswechslung keinem Zweifel unterliege, ſich mit auf den Weg mache. Vergebens proteſtirte der Anfuͤhrer der Buͤrgerwache gegen dieß Be⸗ gehren. Jeſſachitz berief ſich auf Lamboy's aus⸗ druͤcklichen Befehl, und da Buddingen ſich nicht weigerte, ſein Ehrenwort zu geben, wieder nach der Stadt zu kehren, wenn aus der Aus⸗ wechslung nichts werden ſollte, ſo ließ Klaͤr⸗ chen's Geleite ihn endlich ziehen. Des Maͤd⸗ chens Herz pochte aͤngſtlicher, als es ſich von 152 n den Mitburgern trennte, und, nur von der Muhme begleitet, die ihrerſeits ein Stoßgebet nach dem andern fluͤſterte, zwiſchen den beiden ſchweigenden Officieren eben ſo ſtumm weiter wanderte. Der Raum zwiſchen Redoute und Lager war wuͤſt und leer, denn die brennende Mittagsſonne verſengte Boden und Baͤume. Nur dann und wann ſtrich vom Maine her ein lindernder Luftzug. Von Strecke zu Strecke ſtanden Baracken mit Wachpoſten und einzelnes Geſchuͤtz. Kroaten lagen faul und muͤßig un⸗ ter dem Schatten aufgeſpannter Segeltuͤcher oder leichter Strohdaͤcher. Ihre Gaͤule ſtanden angebunden an den wenigen Bäumen, die des Krieges Wuth noch aufrecht gelaſſen. Das einfoͤrmige: Wer da! der Wachen und das Feldgeſchrei, womit die Officiere es beantwor⸗ teten, ſtoͤrte allein die Stille des heißen Ta⸗ ges. So wie ſich aber die Wanderer den vor⸗ dern Zeltreihen des Lagers näherten, ſo ver⸗ aͤnderte ſich der Schauplatz. Getuͤmmel und verwirrtes Treiben ſchallte heraus, und die 153 W Bruſt der Frauen wurde enger, da ſie in die Zeltſtadt eintraten. Baͤrtige Geſichter ſchauten aus jeder Ecke, mit wilden oder roh ſinnlichen Mienen. Waffen blitzten allenthalben, Pferde, Packthiere und Menſchen liefen unter einander umher. Von ferne toͤnte Trommelſchlag; vom jenſeitigen Ufer des Fluſſes Hoͤrnerſchall. Be⸗ kannte Officiere hielten die Fuͤhrer Klaͤrchen's auf, begruͤßten freudig den Major, ſchielten luͤſtern nach der ſchoͤnen Dirne, ſpotteten der alten runzlichen Muhme. Doch, wie die Flu⸗ then wechſeln im Strom, ſo wechſelten auch hier die Gebilde, und der Platz vor der Fah⸗ nen⸗ und Hauptwache des Lagers bot den Mit⸗ telpunkt des Lagerlebens dar. Von allen Sei⸗ ten umgaben ihn luſtige und tobende Gruppen. Im Marketenderzelte jubelten Kroaten und Scharfſchuͤtzen bei'm Klange verſtimmter Fi⸗ deln, und der Burſche ſchwenkte die Magd im ausgelaſſenen Tanze. Betrunkene Dragoner um Wein und Karte verſammelt; des Schmieds laute Werkſtatt, eines Marktſchreiers luftiges 154 Leinwandhaus faßte den geraͤumigen Platz ein, deſſen Volksmenge ſich immer neu geſtaltete. «Hier magſt Du warten, Maͤdel!« ſprach Jeſſachitz zu Klaͤrchen, indem er ihr eine Stelle unter den von der Wache aufgepflanzten Fah⸗ nen anwies:„Hier biſt Du ſicher; ich gehe, dem General Deine Ankunft zu melden. So⸗ bald er von der Tafel aufſteht, an welcher ihn heute der Oberſt vom Geſchuͤtze bewirthet, ſo kommt er hier vorbei, um ſich nach Steinhein, ſeinem Hauptquartiere zu begeben. Dann magſt Du mit ihm reden. Sey huͤbſch hoͤflich, Toͤch⸗ terchen, ſo erlangſt Du von dem Herrn Alles!» — Nach dieſer Ermahnung verließ der Haupt⸗ mann ſeine Schutzbefohlene, und als ſich die Frauen aͤngſtlich umſahen, war auch der Major von ihrer Seite gekommen, ſie wußten nicht wie. N 155* 12. So verhaßt auch immer der Major Klaͤr⸗ chen geweſen, ſo gerne haͤtte ſie ihn jetzt in ihrer Nähe gehabt. Das Ungewohnte der Um⸗ gebung wirkte peinlich auf ſie, und die ſtei⸗ gende Angſt der Muhme, die in einem fort theils betete, theils jammerte, theils den Au⸗ genblick verwuͤnſchte, in welchem ſie ihre Ein⸗ willigung zu dem entſetzlichen Gange gegeben, trug nicht wenig dazu bei, ihre Standhaftig⸗ keit herab zu ſtimmen. Wie manchen Anblick hatten die guten Weiber nicht, der ihnen eine unheilvolle Zukunft weiſſagte! Bald wurde in N 156* einer benachbarten Zeltgaſſe vor des Profoſen Baracke ein Rekrut gebracht, der unmenſchliche Stockſchlaͤge erdulden mußte, um irgend eines leichten Vergehens willen. Bald wurden Heer⸗ den eingetrieben, die auflauernde Kroaten ihren Eigenthuͤmern abgejagt hatten. Ungluͤckliche Bauern, die Lebensmittel nach der Stadt zu liefern verſucht hatten, wurden mit abgeſchnit⸗ tenen Ohren voruͤber gejagt; ein Paar Aus⸗ reiſſer, bis zum Guͤrtel entbloͤßt, wurden vor— beigeſchleppt, um auf der nahe gelegenen Ebene durch die Spieße der Pikenirer gejagt zu wer⸗ den. Machte auch gleich ſolch' ſchauderhafter Anblick gerade nicht Klaͤrchen's und der Muhme Herz erſtarren, ſo beunruhigte ſie nicht minder das zudringliche Gaffen der muͤßigen Soldaten von der Fahnenwache, oder die unſittlichen Lieder der unfern ſitzenden Trinker. Einige die⸗ ſer letztern, ein Corporal der leichten Schuͤtzen, ein ungariſcher Freibeuter und ein Arkebuſter, näherten ſich endlich unverſchaͤmt und keck den unter'm Schutze der kaiſerlichen Fahnen Stehen⸗ 157 den.„Wohin, Maͤdel? fragte der Corporal, den mit Tannenbruch gezierten Hut ſpoͤttiſch vom eisgrauen Kopfe luͤftend:„Haſt wohl Langeweile, armes Ding, weil Deine Liebſten ſo lange wegbleiben?n— Klaͤrchen ſtieß den Zudringlichen zuruͤck, waͤhrend die Muhme ſich mit Faͤuſten und Zaͤhnen gegen den Kroaten wehrte, der ein Kaͤſtchen mit Geſchmeide, das ſie— Klaͤrchen's und Hedwig's Eigenthum— unter'm Arme trug, in ſeine Gewalt bringen wollte. Närriſches Dirnel!“ ſagte der Arke⸗ buſier:„Straͤube Dich nicht. Wenn die Offi⸗ ciere ausbleiben, kommt das Volk an die Reihe!» Er machte Miene, Klaͤrchen umarmen zu wollen, aber die Marketenderin, eine ruͤſtige ſtaͤmmige Vierzigerin, in Soldatenwamms und Jaͤgerhut, beſtiefelt und beſpornt, aber noch nicht vollig abgeſtumpft fuͤr die Bedraͤngniſſe des ihr verwandten Geſchlechts, ſprang da⸗ zwiſchen: Unterſteht Euch, Ihr Hoͤllenbraͤnde! ſchrie ſie mit einer wahren Mannsſtimme: „Wer das Mädel anruͤhrt, hat eine Feige zu d 158 erwarten, die ihm ſicher nicht ſchmecken ſoll. Und Er, eisgrauer Corporal, ſchaͤmt Er ſich nicht, da herum zu ſcharmuzziren, wie ein junger Guck in die Welt? Leg' er ſich auf's Ohr und ſchlaf' Er den Rauſch aus. Die Dirne ſteht unter'm kaiſerlichen Adler; darum die Haͤnde weg!v—„Ich will erſt ſehen, ob die Weiber'nen Paß haben!» erwiederte der Schuͤtze grob, und Klaͤrchen reichte ihm zit⸗ ternd den Geleitsbrief hin, in welchem der Wenigbeleſene eifrig zu ſtudiren begann. Die Marketenderin ſprach dagegen der zagenden Jungfrau und ihrer Begleiterin Muth ein, ließ ſich von ihnen die Abſicht ihres Kommens er⸗ zaͤhlen, ruͤckte ihnen eine Trommel und ein Faͤßchen zum Sitzen zurecht, und brachte ein Glas mit Wein, um ihren trocknen Gaumen zu erfriſchen. Urſel ließ ſich's wohl ſeyn, und Klaͤrchen lebte wieder auf durch die Theilnahme der rohen, aber herzlich gut meinenden Frau. Dieſe Letztere erzaͤhlte geſchwaͤtzig, daß die 159 Leichen der in voriger Nacht getoͤdteten Offi⸗ ciere auf Lamboy's Befehl von den Uebrigen getrennt worden, und nach einem Hauſe des Dorfes Keſſelſtadt gebracht worden ſeyen, um am ſelben Nachmittage daſelbſt beerdigt zu wer⸗ den, und daß gewiß der General keine Schwie⸗ rigkeiten machen werde, des armen Haupt⸗ manns Koͤrper gegen ſeinen liebſten Waffen⸗ freund auszuwechſeln. Sie wollte ſich eben darauf einlaſſen, dem zuhorchenden Klaͤrchen einige Verhaltungsregeln mitzutheilen, wie ſich das Maͤdchen gegen den General zu benehmen haͤtte, als ploͤtzlich die Schildwache bei der Fahne ein gellendes:„Achtung, der General!» rief, der Trommelſchlaͤger den Wirbel ſchlug, und die Wache mit Gefreiten und Officier herauslief zu Buͤchſen und Partiſanen, um dem herannahenden Generalwachtmeiſter von Lamboy die gebuͤhrenden Honneurs zu machen. Klaͤr⸗ chen und Urſel verſteckten ſich zitternd halb hin⸗ ter den kaiſerlichen Pannern, Tanzmuſik und * 160 Gejauchze ſchwieg,— alle Soldaten wichen ehrerbietig in ihrer Zelte Bereich zuruͤck, und von einem glaͤnzenden Staate umgeben, trat der Feldherr auf den Platz. 13. Zu Lamboy's Linken ging der gefuͤrchtete Ar⸗ tillerie⸗Oberſt Kehraus, ein wilder, trotziger Mann, der das Vertranen des Generals im hoͤchſten Grade beſaß, und an ſeiner Statt das Commando im Lager fuͤhrte. Zu dieſem wendete ſich Lamboy, nachdem er einen Augen⸗ blick das reizende Klaͤrchen betrachtete, welches Veſſachitz mit freundlicher Gewalt aus ihrem Verſteck gezogen hatte.„Der Oberſt hat nicht Unrecht gehabt, fluͤſterte er dem Kehraus zu: eein ſchmuckes Maͤgdlein, und ſeinen hellen Angen zu Liebe ſoll ſein Geſuch gewaͤhrt ſeyn. Moosroſen. II. 11 S— 162 n Schon gut, mein Kind,— fuhr er zu Klaͤr⸗ chen fort, welche ihren Bittvortrag ſtotternd begonnen hatte:„Das ſeltene Gluͤck wuͤrdigend, das mir in dem Beſuch einer holden Jungfrau jener widerſpenſtigen Stadt entgegen koͤmmt, hab' ich bereits beſchloſſen, Dir zu willfahren. Hauptmann Jeſſachitz! Die Leiche des Haupt⸗ manns moͤgt Ihr alſobald zu der feindlichen Vorwache bringen laſſen!!— Der Officier winkte einem Trupp von Stuͤckknechten, die in der Ferne ſtanden, und ſie kamen heran, eine einfache Trage auf den Schultern; der ent⸗ ſeelte Peterſon lag darauf ausgeſtreckt. Klär— chen lief auf dieſen Gegenſtand des Kummers zu, erkannte die ehemals ſo freundlichen Zuͤge, und der traurige Anblick der blaſſen mit Blut befleckten Geſtalt erſchuͤtterte ihre Sinne ſo ſehr, daß ſie nur einen ſtummen Blick gen Himmel ſenden konnte, und nach einigen uͤbel zuſam⸗ mengefuͤgten Worten des Dankes gegen den General, der Leiche in Betruͤbniß und Thraͤ⸗ nen folgen wollte. Lamboy befahl ihr jedoch, 163 N zu verziehen, und waͤhrend des Grafen Koͤr⸗ per voraus hinweggebracht wurde, trat der Freiherr dem Maͤdchen naͤher, an deſſen Kleid die Muhme ſich aͤngſtlich anhielt.—„Du haſt weiter keinen Auftrag? fragte er Klaͤrchen mit durchdringendem Blicke. Klaͤrchen ver⸗ neinte.„Nicht?* wiederholte der General: Die Haͤupter der rebelliſchen Stadt benuͤtzen alſo nicht einmal die Gelegenheit, durch dieſe ihres Geſchlechts halber geſicherte Unterhaͤnd⸗ lerin meine Gnade anzuflehen? Wißt Ihr denn nicht, Verblendete, daß Ihr an der Schwelle des Todes ſteht? Der Hunger wuͤthet in Euren Manern mit Brand und Peſt um die Wette. Sobald ich ernſtlich will, ſtuͤrzen Eure ſchon halb in Schutt geſunkene Bollwerke ein, und den erſtuͤrmenden Soldaten gehoͤrt dann die Stadt.—„Lieber Herr! entgegnete Klaͤrchen beſcheiden und klug: Ich ſchwaches Ding ver⸗ ſtehe nichts vom Kriegshandwerk, und muß mir recht ſeyn laſſen, was Commandant und 164 a Rath der Stadt beſchließt. Ich vermag Euch daher nicht zu antworten.—„Du muͤßteſt nicht Delatre's, des eifrigen Patrioten Nichte ſehn; verſetzte Lamboy, aum nicht von Allem was in der Stadt vorgeht, zu wiſſen. Sag' an, wie ſtark ſind denn wohl noch die Streitkraͤfte Ramſay's; läugne, wenn Du kannſt, die Seu⸗ chen, die Buͤrgerſchaft und Kriegsleute hinweg⸗ raffen.—„Der Herr zaͤhlt ſeine Streiter; autwortete Klaͤrchen lebhaft:«wenn der Koͤnig der Welt befiehlt, ſo wird der Staub lebendig. Erlaßt mir daher alle fernere Zumuthung die⸗ ſer Art, geſtrenger Herr. Ich weiß von nichts, und wuͤßte ich's, ſo habt Ihr Selbſt mich erſt erinnert, daß ich Delatre's Nichte bin.— Des eigenſinnigen Mannes, erwiederte Lam⸗ boy gereizt, adeſſen blinde Wuth die Buͤrger⸗ ſchaft auf den Gipfel der Schwaͤrmerei ge⸗ riſſen hat. Sein ruckſichtsloſer, widerſpenſtiger Starrſinn, mehr als Ramſay's tollkuͤhne Tapfer⸗ keit, bereitet Euch das gewiſſe Verderben.— Aber,» ſetzte der General gemaͤßigter hinzu: 165 enoch einmal, das letztemal, will ich, da mich die Tauſende erbarmen, die unſchuldig in die⸗ ſem ungleichen Kampfe zu Grunde gehen, Gnade fuͤr Recht ergehen laſſen. Sage Dei⸗ nem Oheim, daß ich weiß, welchen Einfluß ſein Wort auf Rath und Buͤrger uͤbt,„ daß ich Hanau's Loos von Stunde an ganz in ſeine Hand lege. Er bewege die Rebellen gegen Kaiſers Majeſtaͤt zur Unterwerfung, uͤberfalle die Handvoll ſchwediſcher Soldaten, lifre Ramſay aus, und oͤffne uns das Thor, und eine glänzende Belohnung wartet ſeiner. Die allerhoͤchſte Huld, und das unſchaͤtzbare Be⸗ wußtſeyn, ſeine Heimath vom Untergange ge⸗ rettet zu haben. Verbleibt er hingegen in ſtoͤr⸗ riſcher Widerſetzlichkeit, ſo ſchone ich bei'm Sturme des Saͤuglings nicht, und Delatre's Schickſal ſey das blutigſte und entſetzlichſte von Allen. Richte ihm die Botſchaft aus, Du munteres Kind!?— Klaͤrchen ſah dem Frei⸗ herrn betroffen in's Auge und verſetzte dann unerſchrocken:«Ihr ſcherzt wohl nur, gnädiger N 166 Herr. Ich muͤßte meinem Leben Feind ſeyn, thaͤte ich nach Eurem Begehr. Der Ohm ſelbſt ſpraͤche mein Todesurtheil. Nein, Herr Ge⸗ neral. Wir ſind ſchwache Weiber, und ver⸗ moͤgen nicht zu ſtreiten, wie die Maͤnner. Koͤnnen wir der Heimath Waͤlle aber auch nicht vertheidigen, ſo ſind wir doch unfaͤhig, ſie zu verrathen an einen blutduͤrſtigen Feind. Rollt nicht alſo Euer Auge, Herr. Ihr zuͤrnt mir ſicher nicht, wenn Ihr Euch Eure eigene Toch⸗ ter in meiner Lage denkt.— Der General ſchwieg mit finſterem Blicke, waͤhrend der Oberſt Kehraus ihm zufluſterte:„Das war ein Kernſchuß, Herr, wie ich noch keinen beſſern that, aber die verwegene Dirne ſollte ein war⸗ nend' Exempel fuͤr die Velagerten abgeben, die am Ende ihre Weiber ſchicken, uns im Lager zu beleidigen. Laßt ihr den Kopf ſcheeren, und die Fidel anhaͤngen, und ſendet ſie alſo zum Thore zuruͤck— Lamboy ſchuͤttelte mißbilli⸗ gend das Haupt.„Ich gab ihr Wort und Brief, ſprach er: adrum ziehe ſie ruhig ihres 167 Wegs. Geh' heim, vorlaute Magd, und mahne Deine Landsleute, ihre Sterbehemden bereit zu halten, denn eh' noch der naͤchſte Mond eintritt, ſchlaͤgt ihr letztes Stuͤndlein. — Warte hier, bis der Hauptmann Jeſſachitz Dich wieder zu den Deinen geleitet,» ſetzte Kehraus bei:„Du moͤchteſt ſonſt wohl ſchwer⸗ lich Deinem verdienten Schickſale entgehen, kecke Plaudertaſche!— Lamboy kehrte ihr kalt den Ruͤcken, und ging mit ſeinem Stabe dem Fluſſe zu, uͤber welchen er zu gehen hatte, um nach ſeinem Hauptaurtiere zu gelangen. 168 14. „Ach, warum mußtet Ihr den Holofernes erzuͤrnen!“ jammerte die Muhme mit bedenk⸗ lichem Kopfwiegen:„Ihr werdet ſehen, Klaͤr⸗ chen, wie es uns ergehen wird, wenn die Höllenhunde in die Stadt kommen. Laßt uns beten, unvorſichtiges Kind, daß uns der Herr bewahre!?— Ei, ſo ſchweige doch, Klag⸗ unke!v verſetzte Klaͤrchen ſcheltend:„Bete lie⸗ ber, daß der Hauptmann bald kommen moͤge, um uns von dannen zu fuͤhren. Der Boden brennt unter meinen Fuͤßen. Die Schatten werden laͤnger. Seit wir hier ſtehen, iſt die — 169 Schildwache ſchon zweimal abgeloͤst worden, und der Abend bricht herein. Was muß der Oheim denken, was unſere arme Hedwig?5— „Wahr iſt's, wir ſtehen hier, wie am Pranger, ſeufzte Urſel, aund ich wuͤrde Gott danken, wenn wir daheim wären.— aKomm denn!* rief Klaͤrchen entſchloſſen, das Käſtchen unter den Arm nehmend und der Muhme die Hand reichend:„Wir wagen's und gehen allein!?— Ach, Du mein Himmel!„ jammerte Urſel: „Wie ſollen wir uns zurecht finden in den ver⸗ wuͤnſchten Zeltgaſſen. Ueberlege doch, mein Klaͤrchen!?—„Fort muͤſſen wir,» entgegnete die Ungeduldige, aund fort kommen wir, wenn wir die Richtung beibehalten, in welcher der General mit ſeinem Gefolge hinwegging.— „Wenn wir ſie aber verfehlen? warf Urſel aͤngſtlich ein:„Wenn wir unter das boͤhmiſche oder kroatiſche Raubgeſindel gerathen! Die ſchoͤnen goldnen Ketten von Eurer Mutter und Großmutter, die Ihr bei Euch tragt, und die gluͤcklicherweiſe der Lamboy nicht verlangt hat 170 fuͤr den Todten! Sollen ſie eine Beute der un⸗ gariſchen Diebe werden?—„Ei, Poſſen!v entgegnete Klärchen, boͤſe werdend:„Seyd doch nicht unklug, Muhme! Hab' ich nicht des Generals Geleitsbrief?,— So keck nun auch Klaͤrchen dieſe Worte ſprach, ſo beſtuͤrzt wurde ſie dagegen, als ſie mechauiſch nach dem Mie⸗ der griff, in welchem ſie das Papier geborgen hatte, und daſſelbe ploͤtzlich vermißte. Sie er⸗ bleichte; beſann ſich aber ſchnell, daß jener trunkene Schuͤtzenkorporal ſich des Papiers be⸗ maͤchtigt hatte. So weit aber ihre Falken⸗ augen ſahen, durch alle Zeltreihen in der Runde, nirgends war der Menſch zu erblicken. Wo ein gruͤner Buſch daherſchwankte, glaubte ſie ihn zu ſehen, fand ſich aber immer ge⸗ taͤuſcht. Vergebens wendete ſie ſich an die Marketenderin. Die Frau bedauerte, von dem Corporal nichts zu wiſſen. Vergebens beſchwor ſie den Officier der Fahnenwache, der vor dem Zelte ſich auf dem Feldſtuhle ſchaukelte, und mit ſeiner Schaͤrpe ſpielte, um ſeine Vermitt⸗ 171 lung, ihr den Paß wieder zu ſchaffen.— Nir Deutſch!» erwiederte ihr der Lieutenant un⸗ freundlich, und pfiff ſeinen Hunden. Klaͤr⸗ chen's Angſt ſtieg mit jeder Minute, und ſchon wollte ſie auf gut Gluͤck den Ruͤckweg antreten, als der Major Buddingen um die Ecke kam.— Die Noth lehrt oft den Feind benuͤtzen.„Lie⸗ ber Herr,n ſprach Klaͤrchen zu dem Officier: Einem traurigen Todesfall und meiner Liebe zu Hedwig verdankt Ihr Eure Freiheit. Ver⸗ geltet mir den Dienſt durch eine kleine Gefaͤl⸗ ligkeit, und fuͤhrt mich zu meinem Geleite zu⸗ ruͤck, da ich den Paß des Generals verloren. — Der Major ſah ſie frohlockend an.„Des Generals und ſeines Geleites beduͤrfen wir hier nicht; entgegnete er: aich habe ſchon die noͤ⸗ thigen Befehle ertheilt. Ihr werdet mit mir zufrieden ſeyn, und endlich meine Liebe erken⸗ nen, denn ich bin entſchloſſen, Euch nicht mehr von mir zu laſſen.— Klaͤrchen ſtutzte; die Muhme faltete ſtaunend die Haͤnde.—„Ich gehe nicht mehr nach der Stadt zuruͤck, fuhr 172 1 Buddingen fort:„Ihr aber auch nicht.— Allmaͤchtiger Gott!lb ſchrie Klaͤrchen entſetzt: „Was ſoll das heißen? Wo iſt der Haupt⸗ mann?.. Was bedeutet dieſer rohe Scherz? —„Kein Scherz, widerſpenſtige Dirnez» ſprach der Oberſtwachtmeiſter frech:„Du bleibſt in meiner Gewalt. Ich habe den Hauptmann nach der Redoute zuruͤckgeſandt, um die Spießbr⸗ ger mit Kugeln zuruͤck zu weiſen. Sie moͤgen den kalten Tod, des Grafen Leiche, in Gottes Namen nach der Stadt bringen; Dich aber, das ſuͤße warme Leben, ſollen ſie mir wohl laſſen, denk' ich.“—„Abſcheulicher* rief Klaͤrchen unter Thraͤnen des Zorns:„Dieſes Bubenſtuͤck wollt Ihr ungeſtraft veruͤben?— Ich unterſtehe mich;? ſpottete Buddingen, und wechſelte mit dem Wachofficier einige Reden in auslaͤndiſcher Mundart. Darauf wendete er ſich zu Klaͤrchen.„Mache Dir nicht unnoͤthige Angſt, mein Puͤppchen, ſagte er mit wider⸗ licher Freundlichkeit: adas Liebchen eines Sol⸗ daten iſt nicht uͤber daran, und Fortuna ihm 173 gewoͤhnlich hold. Ich gehe, um Dir im Dorfe eine Wohnung zu bereiten, ſo gut ſie unter der Verwirrung, die uns umgibt, zu haben iſt. Bis ich Dich abhole, bleibſt Du wohl unter meines Freundes Obhut. Nicht wahr, mein ſchoͤnes, trotziges Kind?— Er wollte der Getaͤuſchten einen Kuß auf die Wange druͤcken; ſie ſtieß ihn aber kraͤftig zuruͤck, und wollte ge⸗ fluͤgelten Fußes davon. Der Wachoffizier rief jedoch ein donnerndes:„Halt! Die Schild⸗ wache hielt den Fliehenden die Partiſane vor, und halb bewußtlos ſank Klaͤrchen auf eine Trommel nieder, waͤhrend Buddingen hohnla⸗ chend von dannen ging, und Muhme Urſel die Luft mit ihrem Zetergeſchrei erfullte. 15. Ei, potz Kroaten und Wallonen!“ rief eine nicht unbekannte Stimme hinter der Marketen⸗ derin und der Muhme, die um das halb ohn⸗ maͤchtige Klaͤrchen beſchaͤftigt waren:„Was gibt's denn da? Wird kaiſerlicher Majeſtät Hauptwache zum Spital?— Urſel ſah ſich um, und erſchrack in den Tod, da ſie einen wohlbeleibten Officier vor ſich ſah, deſſen Rock von Borten und Schnuͤren ſtarrte, von deſſen Hut ein praͤchtiger gruͤner Federſtrauß herab⸗ hing, und deſſen Zuge ihr ſogleich bekannt ſchienen.—„Ach, Du mein Herrgottchen!* rief 175 ſie freudig:„Iſt das nicht Adam, des Majors Stallknecht? Ei, Adam, wie ſchnell haben ſie Dich zum Officier gemacht? Das dachteſt Du wohl noch nicht, da Du gefangen in der Stadt lagſt, und oftmals ein Knoͤchlein von meiner Milde bettelteſt, um nicht zu verhungern!v — Ein Schwarm von leichten Freiſchuͤtzen, die ihren verwegenen Oberſt Breivogel umgaben, wieherten bei der Aeußerung der Alten in lau⸗ tem Gelaͤchter auf, waͤhrend der Chef der Frei⸗ ſchaar unwillig mit den Lippen zuckte. Urſel ließ ſich jedoch nicht ſtoͤren, ſondern fuhr fort: „Gut iſt's aber, Adam, daß Er ſo ploͤtzlich ein ganzer Mann geworden iſt. Rette Er uns aus den Klauen ſeines ehemaligen Herrn, den ich immer fuͤr manierlicher gehalten habe, als er in der That iſt.“—„Iſt denn das Weib⸗ ſtuͤck toll?v polterte Breivogel, der ſich der alten Bekanntſchaft ſchaͤmte:„Corporal! bring“ Er die Verruͤckte hinweg!— Der Aufgerufene trat vor, und Klaͤrchen erkannte, da ſie ſich aufrichtete, denjenigen, der ihr den Paß ge⸗ 176 nommen. Sie flehte den Oberſt an, ihr wieder zu dem Papier und zur Freiheit zu verhelfen. —„Neun und neunzig Gewitter ſollen mir den Bart ſcheeren» betheuerte der alte Schelm von Schutzen: Ich habe den Wiſch nicht mehr! — Die Markedenterin nahm ſich Klaͤrchen's an„und ſagte dem Corporal auf den Kopf zu, daß er des Generals Brief genommen. Der Trunkenbold proteſtirte, und Breivogel, in deſſen Taſche der fragliche Brief ſich ſchon lange befand, befahl der Fuͤrſprecherin zu ſchweigen, bei Strafe.„Das Maul gehalten, vorwitzige Hanne!» donnerte er:„Was ein Scharfſchuͤtze roͤmiſcher Majeſtaͤt ſagt iſt wahr, trotz allen Teufeln und Markedenterinnen. Ich bedaure die Jungfer, aber, wenn der Major ſie zuruͤckhaͤlt, wird er wohl ſeine guten Gruͤnde dazu haben.—„Belialsgruͤnde!v rief Urſel giftig dazwiſchen:«Und Er, Adam, iſt in dem beflinkerten Rocke auch um kein Haar beſſer ge⸗ worden.— Koͤnnt Ihr denn leiden, was die Alte ſchnackt? fragte der Corporal den 177 Oberſt, der ihm einen wiederholten Wink gab, ſie zu entfernen.—„Seyd doch vernuͤnftig!* raunte der Muhme die Marketenderin zu: ader geſtrenge Herr iſt der Oberſt Breivogel, der nicht mit ſich Scherz treiben läßt.“— Die Alte trieb aber den Ernſt immer aͤrger, tobte, ſchimpfte, und ſtraäubte ſich gegen den Corpo⸗ ral, der ſie hinwegfuͤhren wollte.—„Trennt doch wenigſtens die Muhme nicht von mir!v rief Klärchen verzweiflungsvoll dazwiſchen, aber dem Oberſt war die Stirnader geſchwollen, und er war nicht zu beſaͤnftigen.—„Fort mit der groben Hexe!» befahl er noch einmal, und die Schuͤtzen griffen zu. Klaͤrchen ſtuͤrzte ſich aber auf die ſchreiende Verwandte, und um⸗ klammerte ſie mit aller Gewalt.„Ihr duͤrft uns nicht trennen!v jammerte ſie:„Ihr duͤrft nicht! Verſucht es, Grauſame, und reißt dieſe Frau von mir!?— aLaß' loss bruͤllte aber Breivogel, und riß einem Schuͤtzen die Mus⸗ kete aus der Hand: Laß' los, oder ich ſchieße der Alten den Kopf vom Rumpfe!?— Da Moosroſen. II. 12 N 178 N ließ ſchaudernd Klaͤrchen los, und die rohe Schaar der Freibeuter trug ſchwebend das arme Weib nach dem Ausgang des Lagers. Dem quaͤlenden Gedanken Preis gegeben, nun ganz allein in der Gewalt roher Soldateska zu bleiben, ſetzte ſich Klaͤrchen erſchoͤpft nieder, ſchlug die Haͤnde vor das Geſicht, und betete um einen ſchnellen Tod. Der Oberſt betrach⸗ tete ſie eine Weile mit einem gewiſſen Be⸗ dauern, das aber bald verflog. Darauf ließ er ſich mit dem Lieutenant der Wache in ein Geſpraͤch ein, und ging lachend und ſcherzend mit ihm auf und nieder. Klaͤrchen hoͤrte von den Ausbruͤchen roher Laune ſo viel als Nichts; aber ſie fuͤhlte bald ein vertrauliches Kneipen am Arme, und erblickte, da ſie umſchaute, die Marketenderin, die neben ihr kauerte. Die Frau winkte ihr zu ſchweigen, deutete auf den Oberſt, und ihre lebhafte Augenſprache, wie die Geberden ihrer Haͤnde, gaben zu erkennen, daß von ihm allein Rettung zu hoffen ſey, in⸗ fofern man dieſelbe mit Geld zu erkaufen int 179* Stande ſey. Indem ſie auf Breivogel hinuͤber⸗ blinzelte, legte ſie beide Faͤuſte hinter die Ohren, tippte mit dem Finger gegen die Stirne, ſchlug dann auf die Taſche, und machte die Geberde des Geldzaͤhlens.— Klaͤrchen be⸗ griff nicht ſchwer. Heimlich langte ſie das Kaͤſt⸗ chen hervor, deſſen koſtbarer Inhalt im Noth⸗ fall als Loͤſegeld fuͤr Peterſon's Leiche ange⸗ boten haͤtte werden ſollen, und ließ die Mar⸗ ketenderin verſtohlen hineinſchauen. Die Frau ſchlug verwundert die Haͤnde zuſammen, da ſie die goldenen Ketten und Hacken anſichtig wurde, wie der Granatſchnuͤre und Perlbaͤnder. Mein Jeſus!v fluͤſterte ſie:„Fuͤr dieſe Herrlichkeit verraͤth er ſeinen Bruder. Verſaͤumt keinen Au⸗ genblick!?— Klaͤrchen wollte in der Freude junger Hoffnung der gutmuͤthigen Rathgeberin ein Kleinod des Kaͤſtchens aufdringen. Dieſe ſchuͤttelte aber ernſthaft den Kopf, gab das Kaͤſtchen aufgeklappt in Klaͤrchen's Haͤnde, be⸗ deutete ſie, es unverruͤckt ſo zu halten, und ſich den Anſchein zu geben, als muſtre ſie die Herr⸗ 12* N 180 lichkeiten, und naͤherte ſich dann dem Oberſt, den ſie mit einem Augenwink auf die Seite lockte.—„Seht doch, geſtrenger Herr, fluͤ⸗ ſterte ſie ihm in die Ohren, awas das Mädel dort dem Herr Major zum Brautſchatze mit⸗ bringt!— Eines Mehreren bedurfte es nicht, um den geldgeizigen Breivogel aufmerkſam und ſeine Habſucht rege zu machen. 16. „Ei, was macht Ihr denn mit dieſen zier⸗ lichen Kleinodien! ſprach Breivogel, nachdem er eine Weile hinter Klaͤrchen geſtanden, und den Inhalt des Käſtchens mit habgierigen Blicken verſchlungen. Ich beſehe mir noch ein⸗ 1 mal den kleinen Schatz, ehe er aufhoͤrt, mein zu ſeyn,„ antwortete Klaͤrchen wehmuͤthig:„Er iſt das Erbe einer unvergeßlichen Mutter, und ihn zu miſſen thut mir weh.“—„Ich glaub's,„ äußerte Breivogel mit beginnender Theilnahme, da ſein pruͤfendes Auge das feinſte Gold und gute Steine erkannte: Will's Euch aufheben, 182 und bei gelegener Zeit wieder geben. Der Major braucht nichts davon zu wiſſen.»— „Leider weiß er ſchon davon, entgegnete Klaͤr— chen mit ſchlauer Betruͤbniß: aund dennoch ſaͤhe ich alb die Pracht lieber in des Tuͤrken Hand, als in der Seinen.“— wGlaub's, mein Kind, verſetzte Breivogel vertraulicher:«der Major wird am Ende doch nicht ſo ganz Recht haben in ſeinem Verfahren, wie ich Anfangs meinte. Ein ſo liebes Kind um ſeinen Schmuck und noch obendrein um die Freiheit zu bringen!— „Ach, lieber entbehre ich noch das Geſchmeide, als die Freiheit!» fiel Klaͤrchen raſch ein: „Gern wollte ich auch einem wackern Manne, der mich der Gefahr entzoͤge, in welcher ich ſchwebe, Gold und Schmuck uͤberlaſſen! Wer wird ſich aber eines armen Maͤochens anneh⸗ men?„—„Ei, mein Kind, ſprach der Oberſt, man muß nie an Soldatenehre verzweifeln. Wenn ich zum Beiſpiel vergewiſſert wäre, daß Buddingen keine Anſpruͤche auf Euch hat...v— Eben ſo wenig, als auf dieſe Kleinodien!» ——— erwiederte Klaͤrchen raſch.—„So? fragte Breivogel mit dem ehrlichſten Geſichte entge⸗ gen: Wirklich nicht? Ich moͤchte es beinahe glauben. Vollwichtig? fragte er weiter, die Ketten in der Hand wiegend, und ſein beifaͤlli⸗ ges Kopfnicken bejahte eben ſo gut, als Klaͤr⸗ chen's Mund.—„Ja,» fuhr er fort: sobſchon ich mich nicht gerne in fremde Haͤndel miſche, ſo fordert es doch hier, denk' ich, die Chri⸗ ſtenpflicht. Wollt Ihr demnach meine ſchwache Huͤlfe annehmen, ſo will ich Euch aus der ver⸗ wuͤnſchten Lage ziehen, die ſich fur ein from⸗ mes Maͤgdlein, wie Ihr ſeyd, wenig ſchickt.“ — Wie gerne!n antwortete Klärchen, und machte das Käſtchen beſonnen zu:(Ich gebe jedoch kein Perlchen her, bevor ich nicht in Freiheit bin.“—„Haltet Ihr mich denn fuͤr einen eigennuͤtzigen Juden?» fragte der Frei⸗ beuteroberſt:„Frau Hanne mag den Mammon indeſſen verwahren.— Nicht doch» eiferte Klaͤrchen:«Ich gebe ihn nicht eher heraus, alt bis ich von des Majors luͤſterner Zudringlich⸗ N 181 keit befreit, und auf dem Wege zur Heimath bin.—„Mir recht, mein Puͤppchen,» erwie⸗ derte Breivogel mit begehrlichen Blicken nach dem Kaͤſtchen:„Mit dem Buddingen wollen wir bald fertig werden, denn dort ſehe ich den lockern Vogel kommen.— Klaͤrchen bedurfte der Theilnahme der ehrlichen Marketenderfrau, um muͤhſam ihre Faſſung zu behaupten, da Buddingen wirklich herbeikam, und ſich mit groͤßerer Zudringlichkeit denn zuvor an ſie wandte.„Im ganzen Dorfe war kein Winkel⸗ chen aufzutreiben;» ſprach er: edas iſt indeſſen gleichviel, mein Schaͤtzchen. So eben erhalte ich den Befehl, das Commando in der Kieſel⸗ ſchanze zu üͤbernehmen. Ich nehme Dich mit mir dahin. Die Huͤtte des Befehlshabers da⸗ ſelbſt iſt freilich nur aus Raſen und ſchlechtem Holze erbaut, aber Deine begluͤckende Gegen⸗ wart ſoll ſie zu einem Tempel ausſchmuͤcken.— Er ergriff Klaͤrchen's Hand. Aengſtlich ſich ſtraͤubend blickte die Wehrloſe nach dem Oberſt um, und er trat auch wirklich wie ein drohen⸗ N 185 der Engel der Huͤlfe dazwiſchen.— aLaßt Euch die Poſſen vergehen! ſprach er kalt zu dem Major:„Sucht Euch ein Lieb, wo Ihr wollt. Dieſes Maͤdchen iſt zu gur fuͤr Euch, oder Ihr vielmehr zu ſchlecht fuͤr ſie.“—„Alle Teufel! Was ſoll das heißen?» fuhr der Major auf, und prallte betroffen zuruͤck.— Verſteht Ihr's nicht?* erwiederte Breivogel grob:„Ihr ſeyd verdammt harthoͤrig. Eurer Wege ſollt Ihr gehen, und das arme Ding in Frieden laſſen!⸗ —„Oberſt!v fragte Buddingen ſtutzig:„Seyd Ihr denn betrunken, oder ploͤtzlich verruͤckt ge⸗ worden? Wußtet Ihr denn nicht um den Han⸗ del? Hab' ich nicht nach Eurem Rathe ſelbſt gethan?7—„Den Teufel habt Ihr gethan!* polterte Breivogel wie oben: Potz Federn und Blei! Laßt mich aus dem Spiele. Die Tugend dieſes Maͤdchens verdient ein beſſeres Loos. Sie hat ſo zu ſagen goldene Ketten um mein Herz geſchlungen, und ich laſſe ihr nichts Lei⸗ des thun.—„Es wird mir zu arg!» entgeg⸗ nete Buddingen zornig:„Ich will doch einmal 186 ſehen!.„— Ein Schelm, der das Maͤdel anruͤhrt l» ſchrie Breivogel, und trat mit ſeiner anſehnlichen Geſtalt vor Klaͤrchen, ſie zu decken. — Der Schimpf brachte den Major auf's Aeußerſte. Wuͤthend riß er den Degen aus ſeiner Scheide, und im Nu war auch Breivo⸗ gel's Saͤbel blank. Buddingen hieb wie ra⸗ ſend auf den Oberſt ein, der kaltbluͤtig parirte. Vergebens ſchrie die Marketenderin um Huͤlfe; der Officier der Wache vermochte es nicht, die Hadernden zu trennen, und mitten unter dem Tumult der Zuſammenlaufenden, erſchien der Oberſt Kehraus, der Lagercommandant, auf dem Platze, und bei ſeinem Erſcheinen ſanken die Saͤbel der Fechtenden erſt zu Boden.— „Was gibt's denn da, Ihr Herren?“ fragte er ſtreng:„Es laͤßt gut, wenn zwei Officiere im Angeſichte der kaiſerlichen Fahnen und des ganzen Lagers das Beiſpiel der Zuͤgelloſigkeit geben, indem ſie um eine Dirne raufen, die, wie ich merke, Unheil genug geſtiftet hat.“— Buddingen ſchwieg beſchaͤmt; Breivogel aber 187 nahm das hohe Wort:„Sehr wohl, Herr Commandantz rief er:«der Major mag ſich's zur Lehre nehmen, aber wer macht mir ein Verbrechen daraus, wenn ich mein Kind gegen die Frechheit eines Luͤſtlings vertheidige? Die⸗ ſes Mädchen, lieber Oberſt— wie Ihr es auch anſehen moͤgt— iſt meine Tochter, meine nach langer Trennung wiedergefundene Toch⸗ ter, und dieſe Thraͤnen der Ruͤhrung moͤgen Euch beweiſen, daß ich ein Recht habe, fuͤr ſie den Degen zu ziehen.“ Er umarmte mit hefti⸗ ger und erheuchelter Bewegung das erſchrockene Klaͤrchen, und kein Menſch wußte, was er von dem ſeltſamen Auftritt denken ſollte. 188 17. „Um Gotteswillen! Was macht Ihr? fluͤ⸗ ſterte Klaͤrchen, als der ſchelmiſche Raͤnkema⸗ cher ſie zum zweiten Male umarmte.„Sagt nur zu Allem ja!n entgegnete Breivogel leiſe, und kehrte ſich wieder zu den Officieren, die ihn mit offenem Munde anſtarrten: Ja, ja, guter Oberſtz» fuhr er fort.„Des Menſchen Schickſale drehen ſich wunderlich, abſonderlich im Kriege, und ich behalte mir vor, den Ge⸗ neral zu gelegener Zeit mit dem eigentlichen Hergange der ganzen Sache bekannt zu ma⸗ chen. Vor der Hand verlange ich nur Euern N 189 Schutz gegen den Oberſtwachtmeiſter, der dem Geleit des Generals zum Trotz, Klaͤrchen zu⸗ ruͤck halten wollte— Der Major ſprudelte auf ihn Gift und Galle, und erklaͤrte des Ober⸗ ſten Vorgeben ohne Weiters fuͤr eine freche Lüge, ſich auf die vielen Fälle beziehend, in welchen die Schlauheit und Tuͤcke des Freibeu⸗ terchefs zu Tage gekommen war. Kehraus nahm auf die Reden beider wenig Ruͤckſicht.— „Die Anſpruͤche des Oberſten ſcheinen mir ſehr zweifelhaft;? ſprach er lachend: dergleichen Verwandtſchaften finden ſich im Felde haͤufig, allein des Majors Anſpruͤche ſind voͤllig un⸗ ſtatthaft. Das Geleit des Generals iſt in⸗ deſſen erloſchen, denn ſchon trommelt man den Rappell, und die Stunde iſt da, in welcher die aͤußern Wachen eingezogen werden. Die Jung⸗ fer darf nicht mehr nach der Stadt zuruͤck, und ihr vorgeblicher Vater wird angewieſen, ſie mit aller Strenge in Obhut zu nehmen, damit ſie nicht entkomme.?—«Um Gotteswillen!“ jam⸗ merte Klaͤrchen, Breivogel's Liſt und Alles um 190 ſich her vergeſſend:«Ich ſoll bleiben? Hier, und in Gewahrſam dieſes Mannes?— Iſt's denn nicht Euer Vater? fragte Kehr⸗ aus ſpoͤttiſch:„Es bleibt dabei.?— Klaͤrchen war auf dem Punkt ſich zu ſeinen Fuͤßen zu werfen, allein im ſelben Angenblick ſprengte durch die einbrechende Dämmerung ein Croat daher auf ſchaumbedecktem Pferde, warf ſich herunter und uͤbergab dem Artillerie-Oberſt einen Zettel. Betroffen uͤberflog derſelbe die wenigen Zeilen, und ſein finſteres Geſicht wurde noch einmal ſo duͤſter.„Auf Euern Po⸗ ſten, Major Buddingen! donnerte er demſel⸗ ben zu:„Oberſt Breivogel! Eure Freiſchaar ſoll ſich am Waldſaume aufſtellen, ohne Ver— zug. Ich eile, einen Boten an den General abzufertigen.“ Er entfernte ſich raſch, und die Befehle, die er im Gehen an die ihm auf⸗ ſtoßenden Officiere austheilte, beurkundeten die Wichtigkeit der Nachricht, die er erhalten hatte. „Wir ſprechen uns noch!? ſagte Buddingen tuͤckiſch zu Breivogel, der kein Wort erwie⸗ M 191 derte, ſondern Klaͤrchen aufforderte, ihm nach ſeinem Quartier zu Keſſelſtadt zu folgen.„Nim⸗ mermehr! ſchluchzte die Troſtloſe:„Ich ſterbe hier lieber unter den Waffen der rohen Un⸗ garn, ehe ich einem Manne folge.“— Brei⸗ vogel runzelte die Stirne.„Es iſt jetzt nicht an der Zeit, einer falſchen Furcht Raum zu gebenz meinte er:„Habt Ihr etwas gewon⸗ nen, wenn ich Euch jetzt Eurem Schickſal uͤber⸗ laſſe? Ihr wißt uͤberdieß, daß ich Euch feſt⸗ halten muß. Um indeſſen Eure uͤbertriebene Scheu zu beſchwichtigen, ſo mag die Marke⸗ tenderin mit Euch gehen, als eine ehrenfeſte Waͤchterin Eurer Sittſamkeit. Ich werde ohne⸗ dieß die Nacht hindurch im Walde unter mei⸗ nen gruͤnen Voͤgeln liegen muͤſſen„und unter Frau Hannen's und meiner Wachen Schutz ſeyd Ihr ſicher und ungeſtoͤrt.“— Die Marke⸗ tenderin erklaͤrte ſich bereitwillig, uͤbergab ihrem Manne die Sorge fuͤr den Schenkvertrieb, und unterſtuͤtzte Klaͤrchen, die ſich in ihr Schickſal fuͤgen mußte, auf dem ſauern Gange nach des N 192 Oberſten Quartier zu Keſſelſtadt. Das Haus lag abgelegen vom Dorfe. Eine elende Stube, mit einer noch elendern Kammer boten die ein⸗ zigen bewohnbaren Stellen darin an. Die Huͤtte war fruͤherhin ausgepluͤndert, ihre Be⸗ ſitzer verjagt worden, und ſomit fanden ſich nur die erbaͤrmlichſten Geraͤthſchaften darinnen vor. Des Oberſten Feldbett wurde in die Kammer geſchafft, und die Frauen riegelten ſich in derſelben ein, waͤhrend in der Stube der alte Corporal, des Oberſten rechte Hand, nebſt zwei Fußjägern Platz nahm an dem zer⸗ brochenen Tiſche, bei der Branntweinflaſche und ſchmutzigem Kartenſpiele. Der Oberſt ſelbſt verließ auf ſeinem Gaule das Haus, um Runde zu reiten, und ſeine Schutzen bei ihren Wach⸗ feuern zu beſuchen. Hanne hatte Alles zu thun, die verzweifelnde Nichte Delatre's zu beſaͤnfti⸗ gen, welcher weniger fuͤr ihr Leben, als fuͤr ihre Ehre bangte. Beruhigt Euch dochz„ ſprach die ehrliche Frau:„So lange ich in Eurer Naͤhe bin, geſchieht Euch nichts. Der 193 n Oberſt iſt uͤberdieß ein Mann, der nichts liebt als Geld und Wein. Die Nacht iſt bald vor⸗ uͤber und morgen fuͤhre ich Euch ſelbſt nach Steinheim hinuͤber, wo Ihr Euch dem Gene⸗ ral zu Fuͤßen werfen koͤnnt, um ihm das ganze Bubenſtuck zu entdecken. Was gilt's, bis mor⸗ 2 gen Mittag laͤngſtens ſeyd Ihr im Schvoße der Moosroſen. II. 18. Flaͤrchen, von den mannichfaltigen Empfin⸗ dungen und Anſtrengungen des heutigen Tages ermuͤdet, ſank in einen leichten Schlummer da⸗ hin, welcher jedoch gar nicht lange anhielt. In ihrem Ohre ſchallten wohlbekannte Toͤne wieder, und freundlich beruͤhrte ſie die Erinne⸗ rung an die Heimath, da ſie erwachte. Ach! ſie war noch nicht in die Heimath zuruͤckge⸗ kehrt. Die ſorgſame Hanne ſaß ebenfalls ent⸗ ſchlummert dicht an dem Feldbette, auf dem Hedwig's Schweſter ruhte. Der Mondſtrahl ſchimmerte durch die truͤben Scheiben, und durch die Spalten der Thuͤre das Licht der Nd 195* ſchmutzigen Laterne, bei welcher die Wachen ihren Landsknecht ausſpielten. Seufzend fand ſich Klaͤrchen in der wuͤſten Wirklichkeit wieder, aber bald belehrte ſie ihr Gehoͤr, daß ſie den⸗ noch nicht bloß getraͤumt von jenen freundlichen Toͤnen. Eine wohllautende Stimme ließ ſich in der Stube vernehmen, und ſang juſt zur Laute ein frohliches Trinklied, das der Zuhoͤ⸗ rerin nicht fremd war. Mit uͤber die Bruſt gekreuzten Haͤnden lauſchte ſie, und immer ſtuͤrmiſcher klopfte ihr Herz, immer heitrer wurde ihre Miene, denn.... das war eines Freundes, eines lieben Freundes Geſang. Das Lied war zu Ende, die Kriegsknechte zollten dem Saͤnger ihren Beifall, und unter dieſem Geraͤuſche huſchte Klaͤrchen vom Lager an die Thuͤre, lugte durch die Ritze, und erkannte ohne Muͤhe in dem Baͤnkelſaͤnger und Lauten⸗ ſchlager den kuͤhnen Gottfried Uttenhofen, ihren Nachbar, den Geſpielen ihrer Jugend. Mit Muhe konnte ſie ſich bezwingen, um nicht laut 196„ aufzujauchzen vor Frende. Sie faßte ſich je⸗ doch, und horchte mit geſpannter Aufmerkſam⸗ keit den Reden zu, die draußen fielen.«Trink' einmal, Burſche!» ſagte einer der Schuͤtzen, dem Verkappten die Branntweinflaſche hinhal⸗ tend:„Feuchte Deine Gurgel an. Zu trinken wollen wir Dir ſchon geben fuͤr Deine Liedlein, aber Geld mußt Du nicht fordern.“—„Ach, liebe Herren,» entgegnete Gottfried demuͤthig: cich verlange nicht Geld, nicht Trunk; nur ein Plaͤtzchen, wo ich ruhen kann die Nacht hin⸗ durch. Ich komme weit hergewandert und bin muͤde. Duͤrfte ich nicht in jener Kammer einen Schlupfwinkel ſuchen?—„Bei Leibe!lv ver⸗ ſetzte der Corporal wichtig;„Darinnen ſteckt eine Kriegs- und Staatsgefangene; ein ſauber Dirnel von Hanau, und wie's heißt, eine Tochter unſers Oberſten. Bleib' lieber hier bei uns; ſinge und trinke und ſage mir, wie's kommt, daß ein ſchmucker Kerl wie Du, dem faulen Bettlerleben nachziehen mag?)—„Es wurde mir nicht an der Wiege geſungen, 197 klagte Gottfried, aaber die böſe Kriegszeit..„ —„Macht gute Kriegsleute,» ſiel der Corpo⸗ ral ein: aein Burſche wie Du gehoͤrt in den Soldatenrock, in welchem man allein der For⸗ tuna Gunſt gewinnt. Du muͤßteſt einen ganzen Schuͤtzen vorſtellen. Da, ſetze einmal meinen Hut auf, und trink' auf unſers Kaiſers Ge⸗ ſundheit!!— Trink' Kamerad!» riefen die Uebrigen einſtimmig; aber Gottfried, ſich und ſeine Vermummung vergeſſend, warf den Hut ſammt Becher zur Erde.—(Verdammt will ich ſeyn, wenn ich einen Tropfen trinke, um Euresgleichen zu werden! rief er wild, und gab dadurch das Zeichen zum ſtrengſten Hader. —„Neun und neunzig Gewitter ſollen Dir den Bart ſcheeren!b bruͤllte der trunkene Cor⸗ poral, ihn bei der Bruſt packend:„Des Kai⸗ ſers Feldzeichen trittſt Du mit Fuͤßen? Hund von einem Landſtreicher. Auf der Stelle wie⸗ derrufe und trink', oder..— Der Corporal konnte ſeine Rede nicht zu Ende bringen, denn ſchon lag er, von Gottfried's maͤchtiger Fauſt N 198 niedergeſtreckt, am Voden. Ueber ihn hinweg wollte der falſche Lautenſchlaͤger entſpringen, allein die beiden andern Jäͤger kamen ihm zu⸗ vor und hielten ihn auf. Ihren nervigen Ar⸗ men konnte er ſich nicht entwinden, und mußte uͤber ſich ergehen laſſen, was der von Wuth und Trunkenheit blinde Corporal befahl. Dem⸗ gemaͤß wurde er mit Stricken an Haͤnden und Fuͤßen gebunden, in den Stall geworfen, und darinnen eingeriegelt. Einer von den Schuͤtzen lief, den Oberſt aufzuſuchen, und von der Ge⸗ fangennehmung des verdächtigen Menſchen Mel⸗ dung zu thun. Der andere ſetzte ſich wieder ruhig mit dem prahlenden Unterofficier an's Spiel.— Der voruͤbergegangene Auftritt hatte Klärchen's Kraͤfte ganz gelaͤhmt, und ſie war unfahig, der erwachten Marketenderin den Grund ihrer heftigen Bewegung mitzutheilen. Die grauſame Gewißheit, den Freund, den ſie erſt vor wenigen Tagen in maͤdchenhaftem Ueber⸗ muthe tief gekraͤnkt, um ihretwillen im Verder⸗ ben zu wiſſen, nagte dergeſtalt an ihrem Her⸗ S— 199 zen, daß ſie es beinahe uberhoͤrte, als Pferde⸗ getrappel vor dem Hauſe laut wurde, und der Oberſt fluchend und roth vom Trunk in die Stube trat, und ungeſtͤm an der Kammer⸗ thuͤre Einlaß begehrte.„Mach' kein Federle⸗ ſens, Hanne! brummte er durch's Schluͤſſel⸗ loch der Zoͤgernden entgegen:„Es hat Eile, denn der leidige Satan beginnt in der Umge⸗ gend zu ſpuken.“—„Juͤngferchen!» ſprach er im Eintreten, die Laterne in der Hand:„Gebt den bedungenen Schmuck heraus; ohne Wider⸗ rede, auf der Stelle.— Von der Heftigkeit des Mannes erſchreckt, reichte Klaͤrchen faſt unwillkuͤhrlich das Kaͤſtchen hin, das der Oberſt gierig nahm.„Lamboy mag ſagen was er will,» redete er weiter, indem er einen vom Gelde ſchweren Mantelſack aus der Ecke ſchleppte: ewenn die Reiter, deren Spur wir haben, die Kuͤraſſiere ſind, die wir von Fulda erwarten, ſo will ich duͤnn werden, um durch ein Nadel⸗ öhr zu gehen. Ein kluger Mann baut vor. Kunz! das galt einem Schuͤtzen, der mit N 200 N ihm gekommen war: Trage das Felleiſen hin⸗ aus zu dem Peter, der die Pferde haͤlt. Bin⸗ det es auf den Schimmel, und ihr Beide damit fort, bis zu der großen Linde am Wald⸗ rande. Ich laſſe Euch ſchinden, finde ich nur einen Riemen daran verruͤckt!— Die Jaͤger trugen den Mammon hinweg.—„Simon! ſprach Breivogel zu dem Gefaͤhrten des Corpo⸗ rals:„Du ſchwingſt Dich auf den einen Rap⸗ pen, und begleiteſt mich dann. Einſam zu rei⸗ ten iſt kein Scherz zu gegenwaͤrtiger Zeit.— Der Corporal wollte Einwendungen machen, und ſprach von dem Gefangenen, der draußen im Stalle liege. Der Oberſt wollte nichts da⸗ von hoͤren.„Er wird doch noch Mann genug ſeyn, um einen Geknebelten, und eine Dirne bewachen zu konnen? ſchnauzte er den Alten an.—„In einer Stunde ohngefaͤhr, um Mit⸗ ternacht, wird ein Piquet von des Majors Leuten aus der Kieſelſchanze erſcheinen. Dem⸗ ſelben uͤberliefert er alsdann die Gefangene, und kann den Geknebelten hinzufuͤgen, damit N 201 W er morgen mit dem Fruͤheſten aufgehaͤngt werde.“„Allmaͤchtiger Gott!“ ſchrie Klaͤrchen: „Hab' ich recht gehoͤrt? Ihr wollt mich dem Major ausliefern??—„Das iſt ein Ehren⸗ punktz» entgegnete Breivogel gleichguͤltig:«Ich habe Euch ſo eben im Bretſpiel an ihn verlo⸗ ren, und habe noch obendrein des Majors Rap⸗ pen in den Kauf erhalten.“— Klaͤrchen und die Marketenderin verſtummten vor Zorn und Abſcheu.—„Fuͤgt Euch in Guͤte!v ermahnte der Oberſt:„Beim Lichte beſehen, iſt der Major doch ſo ubel nicht, und an ſeiner Seite lebt ſich's luſtiger, als in einer verhungernden Stadt. Wäre ich juͤnger, kein Satan jagte Euch mir ab. Indeſſen will ich mich ſtets beim Anblick Eurer Kleinodien Eurer erinnern, und mich freuen, daß ich Euch einen Dienſt leiſten konnte. Gott befohlen!— Er und ſein Be⸗ gleiter gingen hinaus, und bald hoͤrte man die Pferde luſtig von dannen traben. 19. In der Huͤtte war indeſſen die Traurigkeit eingekehrt. Klaͤrchen ging haͤnderingend auf und nieder; die Marketenderin ſaß beide Haͤnde auf den Tiſch geſtuͤtzt, und machte ſich die bit⸗ terſten Vorwuͤrfe, daß ſie mittelbar Anlaß zu dem Ungluͤck des armen Mägbleins gegeben. Auch der Corporal lehnte verdrießlich an der Thuͤre, und maulte ob des unwillkommenen Wachdienſtes und der harten Rede, die er von ſeinem Oberſt hatte erdulden muͤſſen.—„Grämt Euch nicht, Jungfer!v brummte er im halben Rauſche vor ſich hin: Ihr ſeyd noch jung, N 203 und werdet, wenn Ihr gleich des Oberſten Tochter nicht ſeyd, Euer Gluͤck machen, denn die Jugend hat Gluͤck. Aber einen alten Kerl, wie ich bin, wirft man hinter die Thuͤre, wie der Purſche vorhin gethan hat, wofuͤr er aber morgen baumeln ſoll, ehe noch die Wache neu aufzieht.“—„Gott!' ſeufzte Klaͤrchen heimlich, indem ſie durch das Fenſter, an welchem ſie ſtand, zu dem ſilbernen Mond hinauf ſah: „Muß denn Gottfried ſterben, um meinetwil⸗ len? Muß ich denn vergehen in der Gewalt des Feindes? O Du himmliſches Vaterauge, Du ſiehſt ſo milde hernieder; gieße Troſt in meine Bruſt! Wie ſagte mein Großvater, der arme Fluͤchtling*)? welcher Spruch hat ihn aufrecht erhalten in ſeinen Noͤthen?(Dieu voit tout: bénissons sa miscricorde!v— Sie wie⸗ *) Unnöthig ſcheint es faſt, hier zu bemerken, daß die Neuſtadt Hanau franzöſiſchen und nieder⸗ rändiſchen Réfugiés, die um des Glaubens willen ihr Vaterland mieden, ihren Urſprung verdankt. N 204 derholte den frommen Spruch mit lauter Stim⸗ me, und in etwas durch das fromme Vertrauen geſtärkt, das er einfloͤßt, ſetzte ſie hinzu: Nun fuͤhle ich mich wieder leicht!— Als ſie ſich umdrehte, ging eben die Marketenderin zur Thuͤre hinaus, und der alte Corporal kam auf ſie zu. Wiederholt mir doch, und lehrt mich das Spruͤchlein, das Ihr ſo eben geſprochen!v begehrte er freundlich, und als Klaͤrchen ihn mit großen Augen anſah, fuhr er fort:„Stellt Euch nicht ſo einfaͤltig, und haltet mich nicht fuͤr dumm. Wir wiſſen wohl, daß Ihr waͤlſche Heiden alle Teufelskuͤnſte kennt. Alle Eure Of⸗ ficiere ſind gefugte und feſt wie Eiſen, und wenn ſie nicht gerade ihren Spruch vergeſſen, oder heirathen, wie der Hauptmann, den Ihr wieder nach der Stadt geholt, und der feſt geweſen iſt, wie Einer, ſo mag man auf die Burſche ſchießen und ſtechen wie man will, es gibt nur blaue Flecke. Lehrt mich den Spruch.“ — Er iſt nicht geſcheidt!v erwiederte Klaͤrchen veraͤchtlich; der Soldat ließ aber nicht nach.— 205 „Thut's doch, bat er, deſſen Trunkenheit im Steigen war;«wie lange dauert's, ſo fuͤhrt Euch der Buddingen davon, und ich ſehe Euch nicht mehr in meinem Leben, und habe doch ſeit langen Jahren nach einem Hexenwerk der Art getrachtet. Schaut, man wird alt; ich moͤchte dann wohl ein Mittelchen wiſſen, das wieder leicht macht, wie Ihr vorhin ſagtet, und zugleich ein langes Leben ſichert. Ihr Cal⸗ viniſten habt das Zeug im kleinen Finger, wie ich wohl weiß. Thut mir alſo die Liebe!?— Klaͤrchen's Scharfſinn baute auf dieſen leichten Grund, indem ſie ſich die Erzaͤhlung des Majors am vorletzten Abend zu Hanau in's Gedaͤchtniß rief, einen kecken Plan.—«Er iſt kluger, als ich glaubte; ſprach ſie zu dem al⸗ ten Schuͤtzen: aweil ſein Vertrauen mir gefaͤllt, mag es drum ſeyn, aber, obſchon ich nichts fuͤr mich verlange, ſo ſind doch der Bedingun⸗ gen zweie, die ich machen muß.v—„Heraus damit;v entgegnete der Graukopf treuherzig: Alles gehe ich ein, nur nicht was Soldaten⸗ 206* pflicht verletzt.“— Vehuͤte, daß ich Ihm der⸗ gleichen zumuthete;» verſicherte Klaͤrchen ha⸗ ſtig; aaber— erſtens— darf Er nicht mehr heirathen, und zweitens... v— Der Corpo⸗ ral lachte.„Mit dem Heirathen hat's gute Wege, und ich wette, das Andere werde ich errathen. Der Teufel begehrt fuͤr das Kunſt⸗ ſtuͤck immer das Liebſte, das man hat, als Eigenthum.?—„Recht Alter, beſtätigte Klaͤr⸗ chen.„Er muß das Liebſte, das er bei ſich trägt, mir uͤberliefern, daß ich's entweder im Feuer verbrenne, oder in's Waſſer werfe; dann erſt lehr' ich ihm den Spruch, und mache ihm auf die Stirne das Zeichen, daß jede Kugel abweicht, wenn es nicht gerade eine ſilberne iſt, und Ihr verjuͤngt Euch, wie ein Adler. — Ha l» ſchmunzelte der Alte:„Der ſchwarze Herr wird von mir nicht viel erhalten, denn das Liebſte, das ich bei mir trage, iſt dieſes Fauſtrohr, das ich einem ſchwediſchen Officier abnahm, den ich bei Luͤtzen vom Gaule blies. — Klaͤrchen zog ein verdrießliches Geſicht. 207 Die Gabe iſt gering;» ſprach ſie achſelzuckend: aindeſſen ſcheint mir das Gewehr mit Silber eingelegt.—„Ja freilich!v verſicherte der Alte.— aLaß' Er ſehen! erwiederte Klaͤrchen. —„Gern,v meinte der Jaͤger: aaber die Jung⸗ fer nehme ſich in Acht; das Ding iſt ſcharf und geladen, und nur eines Drucks bedarf's an dem waͤlſchen Schloſſe, ſo knallt der Satan los.— „Wirklich? rief Klaͤrchen, heftig die Piſtole ergreifend, die ihr der Unbedachtſame trunken hinreichte:„Nun, ſo rathe ich Dir, auf der Stelle all' Dein Waffenwerk auf den Tiſch zu legen, und keinen Schritt nach der Buͤchſe zu thun, die dort in der Ecke lehnt!— Der Cor⸗ poral zögerte, zum Tode erſchrocken und ver⸗ dutzt.—„Auf der Stelle thu' wie ich ſage! herrſchte ihm Klaͤrchen zu, ſo rauh und wild, als ihre zarte Stimme es erlaubte:„Wofern Du nicht gehorchſt, eh' ich drei gezaͤhlt, und wofern Du einen Laut von Dir gibſt, kracht Dir die Kugel durch den Schädel.— Däs Maͤdchen, das nicht zum Erſtenmale ein Feuer⸗ geſchoß zur Hand hatte, zielte damit ſo bedroh⸗ lich auf den Alten, daß er, den Teufel ſelbſt in der kuͤhnen Dirne ahnend, zitternd Hirſch⸗ faͤnger und Meſſer zu Boden fallen ließ, und mit beweglicher Geberde um ſein Leben flehte. In dieſem Augenblick kam die Marketenderin wieder zur Thuͤre herein, und ſtaunte ob des ſeltſamen Anblicks, der ſich ihr darbot. Nehmt die Laterne, Frau! befahl ihr Klaͤrchen: «Leuchtet voran zum Stall, und Du, alter Kinderſpott, gehſt mit!?— Hanne that ſchnell wie ihr befohlen, und Klaͤrchen fuͤhrte den be⸗ benden Greis, ihn bei der Bruſt faſſend, mit ſich hinaus. Er mußte die Thuͤre des Stalles oͤffnen, und die Bande des Gefangenen loͤſen, der ſich in hoͤchſter Inbrunſt zu Klaͤrchens Fuͤßen warf.„Engel, der mich befreit!» ſtammelte er, 2 ihre Hand kuͤſſend.„Der gnaͤdige Gott erlaubt, daß ich Euch retten kann, der mich befreien wollte!“ antwortete Klaͤrchen mit frohem Aus⸗ druck:«Jetzt aber iſt die Zeit koſtbar. Lieber Gottfried, thut dieſem Mann hier, wie er —— 209 Euch gethan.— Der handfeſte Krieger ließ ſich das nicht zweimal ſagen, und band den Corporal, der ſich wie ein Lamm in ſein Ge⸗ ſchick ergab, an einen Pfeiler. Hierauf ver⸗ ließen alle den Stall, und Gottfried bewaff⸗ nete ſich in Eile mit dem Wehrzeuge des Ge⸗ fangenen.„Nun fuͤrcht' ich keine Gefahr mehr,n ſprach er:„Waffen in der Fauſt, Euch, meine Retterin, zu ſchuͤtzen, glaube ich ein Kriegs⸗ gott zu ſeyn.—„Ach! wem vertraute ich lie⸗ ber die Sorge fuͤr mein Leben?“ fragte Klaͤr⸗ chen mit ausbrechender Liebe, dem ehrlichen Gottfried die Hand reichend, und der Selige verſtand das Gefuͤhl, das Klaͤrchen bewegte, und vergeſſen war die Kraͤnkung, die ihm die Liebliche zugefuͤgt, und nimmer bereute er's, daß er, von Ungeduld und Angſt um Klaͤr⸗ chen's Geſchick zerriſſen, heimlich die Feſtung verlaſſen, um, waͤre ſein Leben der Preis, ihre Rettung zu verſuchen. Die Marketende⸗ rin unterbrach jedoch ſeine Rede, mit welcher er ſeinem Maͤdchen die Theilnahme ſchildern Movosroſen II. 14 210 wollte, welche in der ganzen Stadt ob ihres Schickſals rege geworden.—„Mein kuͤhnes Toͤchterlein!“ ſprach ſie, beſorglich durch das Fenſter blinzelnd:„Wenn mich nicht Alles truͤgt, ſo ſchlaͤgt in Steinheim druͤben die zwoͤlfte Stunde. Des Majors Leute ſind ſicher⸗ lich nicht fern. Weiß der junge Mann einen Pfad, auf dem er Euch retten mag, ſo flieht, flieht, und ſaͤumt nicht.—„Folg' mir, Klaͤr⸗ chen, und fuͤrchte nichts!b rief Gottfried;— ein Wort des Abſchieds, ein Haͤndedruck der braven Frau, die nach dem Lager zuruͤckeilte, und hinter den Fliehenden lag die Stelle ihres Ungemachs. Wenige Schritte davon rannte Gottfried an einen Mann, welcher wie ein Dieb um eine Ecke bog, und— um Gnade flehend, zu den Fuͤßen des„Werda? rufen⸗ den ſank.„Werda?» wiederholte Gottfried ungeſtuͤn, dem Knieenden die Piſtole auf die Bruſt ſetzend.„Ein armer Bauer, der ſich ver⸗ irrte;» lautete die Antwort, und Gottfried erkannte die Stimme eines Hanauer Buͤrgers, 2 211 des kleinen Heinrich's, der Kundſchaftergaͤnge beſorgte, und deſſen Ruͤckkehr von einer wich⸗ tigen Sendung man in der Stadt mit Unge⸗ duld und Sehnſucht erwartete. 20. Mit Blitzesſchnelle wechſelten nun in dem duͤſtern Heckengange die Fragen und Antwor⸗ ten der Landsleute. Hanau iſt gerettet;z» fluͤ⸗ ſterte der kleine Heinrich: aſo eben komme ich von Kaſſel; auf meinen Ferſen folgt mir das Heer des Landgrafen, deſſen Huͤlfe ſeine Gat⸗ tin, die Tochter unſers Grafen, beſchleunigte. Ich dachte, bei den Muͤhlen zur Stadt kom⸗ men zu koͤnnen, allein dort lagern Feinde. Laͤngs dem Mainſtrome will ich meinen Schleichweg ziehen, und iade Euch ein, mir leiſe zu folgen, —.— —ͤ——— 213 denn auf der Faͤhrte, die Ihr eingeſchlagen, droht Gefahr. Ein Piquet Fußvolk, das dieſe Straße zieht, iſt mir aufgeſtoßen. Wenn ich recht hoͤre, ſo naht es bereits.—„Buddin⸗ gen's Leute l» fluͤſterte Klaͤrchen:«O geſchwind, laßt uns eilen!?— Und gegen den Main flo⸗ gen die Dreie mit Blitzesſchnelle. Der Mond, ihnen guͤnſtig, verbarg ſich hinter einer Wolke. Klaͤrchen's flatterndes Gewand verrieth indeſ⸗ ſen ihre Spur den Arkebuſieren, die mittler⸗ weile das Haus umzingelt, und das Neſt leer gefunden hatten. Mehrere Schuͤſſe knallten ihnen nach; einer derſelben fuhr durch Hein⸗ rich's Arm. Maͤnnlich verbiß der Verletzte ſeinen Schmerz, und riß ſeine Begleiter mit ſich hinab zu dem Rande des Flußes. An dem ſteilen Ufer ſchlichen ſie hin, wie geraͤuſchloſe Schatten, und kamen gluͤcklich an den feindli⸗ chen Werken vorbei, denn alle Wachen waren erſtaunt nach den Windecker Anhoͤhen gekehrt, von welchen Raketen aufſtiegen, den Belager⸗ ten ein gutes, den Feinden ein bedrohlich Zei⸗ N 214 2 chen. In Hanau verſtand man das Signal der Hoffnung, und alle Trompeten blieſen, alle Trommeln ſchlugen, und auf den Schloßthuͤr⸗ men gaben zahlreich aufgeſteckte Fackeln Ant⸗ wort auf die froͤhliche Feuerſchrift von Wind⸗ ecken's Hoͤhen. Der Allarm im kaiſerlichen La⸗ ger ward allgemein, und dieſe Beſtuͤrzung, dies geſchaͤftige Treiben beguͤnſtigte gar ſehr die Heimkehr der den Feinden Entflohenen. Sein Klaͤrchen am Arme, den Verwundeten auf dem Ruͤcken, langte Gottfried an der Feſtung äußer⸗ ſtem Gitter an, und ihm, mit ſeinen Beglei⸗ tern war es vorbehalten, die frendige Kunde von dem anruͤckenden Entſatz in der geaͤngſtig⸗ ten Stadt zu verbreiten. Freudetrunken lag Klaͤrchen in Hedwig's, in der Muhme, in des wuͤrdigen Delatre's Armen, und betete dann dankbar zu Gott an dem Lager des in kriege⸗ riſchem Schmuck ſeiner Beerdigung entgegen⸗ harrenden, durch Klaͤrchen's Entſchluß aus Feindes Hand befreiten Braͤutigams Hedwig's —„Ermeſſe meinen Schmerz, ſprach die Letz⸗ A 215 1 tere,«wenn ich auch Dich verloren, nachdem Er hinüber gegangen. O, ſeine Ahnung iſt zu bittrer Wahrheit geworden. Dort, wo das Nordlicht ſcheint, wird ſein Sarg ſtehen, und mich toͤdtet der fuͤrchterliche Strahl!—„Richt doch; troͤſtete Delatre:«die Zeit gibt Leben, wie ſie den Tod gibt. Schoͤner wirſt Du auf⸗ bluͤhen in der Morgenroͤthe des Friedens in der Heimath!* Und dieſe Morgenroͤthe brach an. Der nächſte Tag, der dreizehnte Junius des Jahres 1636 verwirklichte die Zuverſicht der bedraͤngten Stadt. Das heſſiſche Heer, unter des Land⸗ grafen eigenem Commando, unter welchem die Generallieutenants Leske und King den Befehl fuͤhrten, ſtürzten ſich mit Anbruch des Tages mit dem Ungeſtm des Waldſtroms auf alle Verſchanzungen der Feinde zugleich, der ſeinen Gegnern heftigen aber unwirkſamen Widerſtand that. Ramſay und die Buͤrgerſchaft unterſtutz⸗ ten durch einen lebhaften Ausfall des Landgra⸗ fen Angriff, und ehe der Mittag herankam, N 216 waren die meiſten der feindlichen Redouten er⸗ obert, die Thore frei, und ein Ueberfluß von Lebensmitteln kam von den nächſten Ortſchaften in die von Hunger und Noth gepeinigte Fe⸗ ſtung. Lamboy zog nach Steinheim zuruͤck, und Buddingen, welchen Gottfried an der Spitze der Seinen im Grimme der Vergeltung aufge⸗ ſucht hatte, ſprengte ſich, um nicht in die Haͤnde der Hanauer zu gerathen, in der Kieſel⸗ ſchanze mit ſeinen Soldaten in die Luft. Mit ehrenvollen Wunden und einer eroberten Stan⸗ darte kehrte Gottfried, nachdem am folgenden Tage jede Spur des Feindes vernichtet wor⸗ den, in die Vaterſtadt zuruͤck, und legte die Beute zu Klaͤrchen's Fuͤßen nieder. So ſehr aber auch der feurige Juͤngling in die Geliebte drang, ſeine Wuͤnſche zu kroͤnen, und mit dem Feſte der Befreiung zugleich ihr Hochzeitfeſt zu begehen, ſo wies ſie doch erſt, aber liebevoll, auf die Trauerfloͤre in ihrem Hauſe, und auf der Schweſter Leid. Als aber der naͤchſte Fruh⸗ ling herbeikam, geſchmuͤckt mit Bluͤthen und der — —,— —————.— 217 Hoffnung ſinnvollem Gruͤn, da ſchmuͤckte auch Klaͤrchen ihr Haar mit dem gruͤnen Kranz, und willigte ein, in Gottfried's Haus die herr⸗ lichſte Bluͤthe des Lebensgluͤckes zu tragen. Und dieſes Gluͤck.. es ſtarb nicht in der Bluͤthe!— * — — 1 n 8 i i V Eine Erinnerung aut eines Künſtlers. Tagebuche dem Die ſchoͤne Badewelt hatte ſich glänzend und zahlreich in dem reizenden Badeort verſammelt. Beträchtliche Sonnenflecken hatten große Hitze fuͤr den Sommer prophezeit, und redlicher Wort gehalten, als in manchen andern Jahren. Die Brunnengaͤſte, die aus der Ebene herbei⸗ geeilt waren, die Quelle und Luft der Berge zu trinken, fanden ſich nicht getaͤuſcht unter den Kaſtanien⸗ und Lindenſchatten der lieblich⸗ ſten aller Thaͤler, dem erquickend kuͤhlenden Schirmdache vor den ſengenden Juliusſtrahlen. — Der herbe Sommer erlaubte jedoch nicht, 222 n die reizenden Umgebungen zu genießen. Berg⸗ parthien waren nicht zu machen, und die Mehrzahl der Gaͤſte ſah ſich auf das Städt⸗ chen und die daran graͤnzenden herrlichen An⸗ lagen beſchraͤnkt, weil ſelbſt der Abend jener heißen Tage nur Kraͤfte zur behaglichen Ruhe, nicht zu Wanderungen, gab. Daher kam es wohl, daß diejenigen Lente, die ſich alljährlich ſchaarenweiſe in den Baͤdern einfinden, um durch Kunſt, Kuͤnſte und Kuͤnſteleien das Pub⸗ likum zu erheitern, ihre Rechnung nicht uͤbel fanden. Der muͤßige Fremde griff mit Begierde nach dem beluſtigenden Zeitvertreibe,— wohl⸗ feiler und empfehlenswerther als das Gluͤcks⸗ ſpiel. Mit dem Beifalle ſteigerte ſich jedoch die Concurrenz. Wie die Baͤnke im Schauſpiel⸗ hauſe nicht leer wurden von Zuſchauern, die Fauteuils im Conzertſaal nicht leer von Zuhoͤ⸗ rern, ſo erneute ſich auch in ſtets wachſender Fluth die Zahl der auftretenden Hiſtrivnen und Conzertgeber. Der goldne Regen mußte end⸗ lich nachlaſſei, und Euterpe ſtand fruͤher im 223 Verluſte, als ihre Schweſter, die komiſche Muſe. So wie im Anbeginn der mittelmaͤßigſte Tonhandwerker eine reiche Arndte davon getra⸗ gen, ſo verſagte ſich jetzt der billige Lohn dem beſten Tonkuͤnſtler. Nicht der Boͤhme, nicht der Franzoſe, nicht der Italiener— am aller⸗ wenigſten natuͤrlich der Deutſche, vermochten durch Geſang und Spiel den verwaisten Mu⸗ ſikſaal zu fuͤllen, und eine Subſcriptionsliſte zu einem Conzert war ſchon an und fur ſich eine mit Proteſt zuruͤckgehende Tratte geworden. Da ereignete es ſich, daß die Ankunft einer fremden Kuͤnſtlerin wieder das Geſpraͤch auf Muſik lenkte; ein Thema, das ſchon lange als voͤllig verbraucht in jedem Zirkel bei Seite ge⸗ laſſen worden war. Ein in Penſion und Ruhe verſetzter Polizei⸗ director— das lebendige Anzeigeblatt des Ba⸗ deorts, meldete eines Nachmittags auf dem Promenade⸗Caffehauſe, daß eine Fremde ange⸗ kommen ſey, die ſogar in dem vielbeſuchten A 224 a Gaſthofe zum Thurm, woſelbſt ſie abgeſtiegen, anſehnliches Aufſehen errege. Ihre Haltung und ihre vornehmen Manieren ſeyen der Auß⸗ merkſamkeit wuͤrdig, weil ſie das Widerſpiel zu ihrem allzubeſcheidenen Putze und ihrem ge⸗ ringen Gepaͤck abgaͤben. Ihr Thun ſei ſtill und geheimnißvoll, ihre Sprache langſam und ge⸗ meſſen. Der Kutſcher, der ſie hiehergebracht, ſey unfaͤhig, einen naͤhern Aufſchluß uͤber ſeine Reiſende, die ihn in der naͤchſten Hauptſtadt gedungen, zu geben, und zum groͤßten Ungluͤck habe man bemerkt, daß ihre Suivante, deren Geſchwaͤtzigkeit man ſondirt, ſtumm ſey, wie das Grab; nicht nur ſtumm aus Grundſaͤtzen, ſondern— wie man ſagt, phyſiſch, von Ge⸗ burt an. Das Fremdenbuch nenne den auffal⸗ lenden Gaſt„Veronica Madre,» und bezeichne ihn als eine Violinſpielerin, Schuͤlerin des beruͤhmten Veſari, die ſich vorgenommen, im hieſigen Vade ein Conzert zu geben.— — «O weh, ſchon wieder ein Conzert! Abermals ———— . AN 225 Nn eine muſikaliſche Marter! klagten mehrere von den Zuhoͤrern, Cacilia's Antipoden. Eine Violinſpielerin? fragten dagegen wie⸗ der andere neugierig;— es war noch in jenen Tagen eine Seltenheit, Frauenzimmer auf dem ſchwierigen und wenig grazioͤſe Haltung erlau⸗ benden Inſtrument ſpielen zu ſehen. Jung? ſchoͤn? fuͤgte liebenswuͤrdig ver⸗ ſchmitzt laͤchelnd der junge Graf von Boſon hinzu; ein lockerer Jüngling. Wuͤſtling, der Welt zu Gefallen; von gutem Herzen und ſchwachen Grundſaͤtzen, wie es hieß.— Jung? ſchoͤn? wiederholten ſeine Anhaͤnger, ein Dutzend leichtfertiger und reicher Kavaliere, die mit leeren Boͤrſen vom Pharotiſche kamen. „Wer das wuͤßte!o entgegnete der Polizei⸗ director, ſich verlegen das Toupet reibend: Ich muß geſtehen, meine Herren, daß mich hier Ariadne's Faden im Stiche läßt. Es hat noch keine Seele im Thurme ihr Geſicht ge⸗ Mvoosroſen. II. 15 2 226 ſehen.— Ein Schleier ſoll, auf ihrem Zim⸗ mer ſelbſt, der Signora Antlitz bedecken. Kein Marqueur iſt noch ſo flink und geſchickt gewe⸗ ſen, auch nur die Spitze ihres Kinnes zu er⸗ blicken.» Das zeugt fuͤr Alter oder abnorme Häßlich⸗ keit!» bemerkte der Graf ſpoͤttiſch. Die hohe, volle Geſtalt moͤchte vielleicht von einem bluͤhenden Alter Zeugniß geben;» ͤußerte der Polizeidirector.— Ihr Scharfſinn laͤßt Sie im Stiche, wie vorhin Ariadne's Faden! lachte der Baron Tidolf: Vergeſſen Sie, daß Veſari der Leh⸗ rer der Signora geweſen? Der gute alte Kam⸗ mervioliniſt unſers Herzogs, der ſchon ſeit zehn oder zwolf Jahren ſeine achtzig Jährchen in die Grube gelegt hat? Wenn wir annehmen, daß der ſiebenzigjaͤhrige Veſari ſchon keine Lec⸗ tionen mehr zu geben noͤthig hatte und im Stande war, ſo duͤrfen wir keck in unſerer . Zeitrechnung um dreißig Jahre von heute an zuruͤckſchreiten, um die Lehrzeit der Signora zu beſtimmen, und heraus zu bringen, daß ſie in keinem Falle mehr die Juͤngſte ſeyn kann.» „Man kann ſich hievon morgen auf's Ge⸗ naueſte uͤberzeugen, meine Herren!“ ſagte der junge Graf, der ſo eben den erſten Conzert⸗ zettel erhielt:„Signora Madre wird ſich mor⸗ gen zu produziren die Ehre haben. Ich haͤtte Luſt, den kleinen Thaler daran zu wagen, und mir nachher einzubilden, ich haͤtte irgend eine Antiquität— eine Mumie etwa— geſehen. Sie vergeſſen, beſter Graf, daß wir mor⸗ gen die Parthie nach dem Jagdſchloſſe vorha⸗ benzv ſagte die alte Feldmarſchallin, die ſo eben im Gefolge ihrer liebreizenden Enkelinnen geputzt und prunkend wie ſie, in den Salon trat. Das heutige Morgengewitter hat ſo charmant abgekuͤhlt, daß wir hoffen duͤrfen, des ſchoͤnſten Tages zu genießen, und die Spazier⸗ 15 228 fahrt an Roſa's Seite wird Sie wohl fuͤr die verſaͤumte Mumie entſchaͤdigen. (Sie beſchaͤmen mich, Excellenz!» erwiederte der Graf maͤchtig ergluͤhend, ſprang auf, ſchloß ſich mit vertraulicher Ehrfurcht an die ſchoͤne, aber ſtolzblickende Roſa an, und verſchwand mit den Damen in den innern Saͤlen des Kur⸗ gebaͤudes. Die Zuruͤckbleibenden prieſen ihn glücklich als den erklaͤrten Freund und Braͤuti⸗ gam der reichſten Erbin in Lande.— „Der Menſch hat Teufelsgluͤck!“ murmelte Tidolf zwiſchen den Zaͤhnen.„Er erringt den Kranz, der ſich Hunderten ſchon verſagte; Hun⸗ derten, deren Abkunft mehr der Ehren hatte, „Als.. 2 wiederholte ein gegenuͤberſitzender polniſcher Capitan, den Baron ſcharf anſehend, „Was iſt's— wenn es Ihnen gefaͤllig waͤre— mit dem jungen Boſon?* Tidolf ſtutzte einen Augenblick, dann ſagte er ruhig und unbefangen:„Die Urſache Ihrer 1 220 Frage moͤge ſeyn, welche ſie wolle, Herr Ca⸗ pitaͤn, ich will ſie beantworten, weil ich Ihnen dann nur ſage, was die ganze Welt weiß. Einen jungen Boſon gibt's, aber nach einem alten wuͤrden Sie vergebens ſuchen. Dieſer gräfliche Name, wie ſein Wappen, iſt nagel⸗ neu, nicht aͤlter, als der ganze Graf ſelbſt, der ein Sohn der Liebe des Fuͤrſten von Meyern iſt. Man hat daher ein Recht, ſich zu ver⸗ wundern, daß die Wittwe des Feldmarſchalls, der Ahnenſtolz, wie er leibt und lebt, zu einem Verhältniß des Grafen mit ihrer hochmuͤthigen Enkelin die Hand bieten konnte, und es ge⸗ hoͤrt ein ſeltenes Gluͤck dazu, die Schwierig⸗ keiten alle zu uͤberwinden, wie es der junge Graf gethan. Sind Sie nun befriedigt, mein Herr?* Vollkommen, Herr Baronz» verſetzte der Officier hoͤflich:«Ich will meine Unbeſcheiden⸗ heit nur mit einer Berichtigung vergelten. So viel ich weiß, iſt der Graf nicht die Frucht 230 einer wilden Verbindung, ſondern eines vor dem Altare geſchloſſenen Bundes, der nur, um der Nachfolger und des Mißverhaͤltniſſes der Staͤnde beider Verlobten willen, nicht offen⸗ kundig werden durfte.» Si fabula verazv erwiederte Tidolf, unglau⸗ big die Achſeln zuckend.«Der Umſtand ver⸗ aͤndert dennoch in der Hauptſache nichts. Wenn eine Maitreſſe klug genug iſt, den fuͤrſtlichen Liebhaber durch eine Copulationskomoͤdie an ſich zu feſſeln, bleibt ſie darum weniger, was ſie bisher geweſen? Das Amen des Predigers macht's nicht aus, meine ich. Die Herkunft iſt's, die einen ſolchen Bund weiht und heiligt. Nur aus edlem Stamm kann Edles kommen. Ein wilder Zweig, dem Edelſtamme einge⸗ impft, bleibt ſtets wild und unnuͤtz, und ver⸗ derblich.» Ihre Vorfahren haben gewiß die Kreuzzuͤge mitgemacht?* ſagte der Officier etwas bitter. 231 «O jazv verſetzte Tidolf raſch:«„Sie haben mit den Buillon's und Luſignan's geredet wie mit ihren Vettern, und ihr Nachkomme wird auch gegen den Grafen Boſon nicht zuruͤckneh⸗ men, was er Ihnen ſagte, ſobald Sie nur die Muͤhe uͤbernehmen wollen, ihm das Geſagte zu hinterbringen.v „Dieſer Verdacht verdient eine ernſtlichere Ruͤckſprache, junger Herr! bemerkte der Ca⸗ pitaͤn kurz und trocken.—„Wie Sie meinen! entgegnete der Baron ſtreitfertig und gereizt, indem er ſeine Adreſſe aus der Schreibtafel nahm und vor den Hauptmann hinlegte:«Ich ſtehe zu Dienſten, wie und wann Sie wollen.» „Morgen denn!» verſetzte ſchließlich der Ca⸗ pitän aufſtehend, beugte ſich vertraulich zum Ohre des Barons hernieder, und fluͤſterte ihm einige Worte zu. Hierauf trennten ſich die beiden Streitluſtigen, gleichſam als ob nichts vorgefallen waͤre, und auch die hie und da zerſtreuten Zuſchauer des Vorgangs gaben ſich d 232 die Miene, als haͤtten ſie nichts vernommen und bemerkt, theils um die friedliche Ruhe im Badepublikum nicht zu ſtoͤren, theils um nicht zu etwaiger Zeugſchaft gezogen zu werden. Um ſo ungeduldiger erwarteten ſie in der Stille die Cataſtrophe des Zwiſtes. ————— —————————————— N 233 2. Der Ruf von der raͤthſelhaften Schuͤlerin Veſari's hatte ſich ſchnell verbreitet. Jeder⸗ mann ſchien begierig, ſie zu ſehen, aber dem⸗ ungeachtet war an dem Morgen, an welchem ſie ihre muſtkaliſche Unterhaltung geben wollte, der Saal beinahe leer. Ein Dutzend eifriger Kunſtfreunde behaupteten die vordere Seſſel⸗ reihe. Einige zur Kritik geneigte der Muſik Befliſſene, unter ihnen meine Wenigkeit, lehn⸗ ten in den Ecken des Saals. Die Brunnen trinkende Welt zog es vor, unter den Linden⸗ baͤumen vor den Fenſtern des Gebaͤudes wan⸗ 234 delnd, das Conzert zu hoͤren. Der öde Salon, deſſen zugezogene rothe Gardinen eine magi⸗ ſche Daͤmmerung verbreiteten, die harrenden, neben ihren Pulten gaähnenden Muſiker, boten einen ſonderbaren Anblick dar; den ſonderbar⸗ ſten die Virtuoſin ſelbſt, die, in einen ſchwar⸗ zen Schleier gehuͤllt, in einer Ecke des Saales ſaß, und ſchweigend wartete, wie eine duͤſtre Norne. Endlich, nachdem die eilfte Stunde geſchlagen, erhob ſie ſich wie mit majeſtaͤtiſcher Hoheit, oͤffnete mit ſilbernem Schluͤſſel das Gehaͤuſe ihres Inſtruments, zog daraus eine auffallend ſchoͤne Amatigeige hervor, und ver⸗ ſuchte darauf, ohne noch den Schleier zu luͤf⸗ ten, den erſten Bogenſtrich. Welcher Silber— klang entrauſchte den meiſterhaft beruͤhrten Sai⸗ ten! Welchen Genuß fuͤr den Kunſtfreund und Kenner verſprach nicht dieſer feſte und zier⸗ liche Vogenzug!— Eine feierliche Stille folgte auf den Orpheuslaut. Gedampft und im abge⸗ meſſenen Largo begann das Orcheſter den Ein⸗ gang des Conzerts. Aller Angen hafteten ge⸗ 235 ſpannt auf der Violinſpielerin, die langſam und zoͤgernd anfing, ſich von ihrer Verhuͤllung zu befreien. Schon naͤherte ſich die Stelle, in welcher das Violinſolo zu beginnen hat, ſchon hob ſich der Signora ſchoͤn geformte Hand, um den Schleier vom Geſichte zu ziehen— als ein Tumult vor dem Kurgebaͤude der Anwe⸗ ſenden Auge und Ohr zu den Fenſtern lenkte. — Gemurmel wogenden Volks— Geſchrei der Verwunderung!—— Die Muſiker ſchwiegen, und ſahen ſich beſtuͤrzt um. Die Zuhoͤrer oͤff⸗ neten Vorhaͤnge und Flugel der Fenſter. Brennt es im Kurhauſe?» war die erſte Frage.„Was iſt denn geſchehen?“ die zweite. Indeſſen loͤste ſich den Fragenden bald das Raͤthſel. Von einer neugierigen und ſtaunenden Menge um⸗ geben, wurde ein Mann voruͤbergetragen, im polniſchen Morgenuͤberrocke, das Hemd und die Bruſt mit Blut gefärbt, Todtenblaͤſſe auf den Zuͤgen, und ſchmerzlicher Krampf um den vom dichten Schnurrbart beſchatteten Mund.„Der Capitaͤn!» riefen die Leute theilnehmend.„Der 236 Capitaͤn Sobolew! Wie iſt das geſchehen? Wo trug es ſich zu?— Und:(Ein Duell mit dem Baron Tidolf im Amalienhaine!» antworteten hinwiederum andere Leute. Der Trauerzug ent⸗ fernte ſich uͤber die Allee nach der Wohnung des Capitaͤns. Wir am Fenſter erinnerten uns endlich wieder des Conzerts. Ich blickte hinter mich. Unfern ſaß die Signora— wie nieder⸗ geſchmettert von bitterem Schmerze—— die Haͤnde im Schvoße gefaltet,— das Haupt tief geſenkt, und das naͤchtliche Gewebe tiefer als vordem daruͤber herab gezogen. Wir ſtan⸗ den verwundert um ſie her. Sie erhob den Kopf, und ſprach uns franzoͤſiſch, von leiſem aber ſchwerem Schluchzen unterbrochen, an: Ich kann unmoͤglich heute mehr ſpielen, meine Herren! Vergeben Sie einer armen ſchwachen Frau, die Ihre Nachſicht ſo bitter taͤuſchen muß, aber mir zittern alle Nerven, und ich vermoͤchte keinen Ton richtig anzuſchlagen.» Zugleich ſtellte ſie uns mit der naivſten Un⸗ befangenheit frei, unſere Eintrittskarten wieder — — N 237 gegen den erlegten Preis zu vertauſchen, oder zu einem andern Conzert aufzubewahren, das ſie fuͤr den kommenden Tag im Schauſpielhauſe ankuͤndigte.— Es verſteht ſich, daß alle An⸗ weſenden den letztern Vorſchlag annahmen, und ſich entfernten, um der Angegriffenen Muße zu laſſen, ſich in Einſamkeit zu erholen. Auch ich ſtand ſchon an der Thuͤre; ein Blick jedoch, den ich auf den verlaſſenen Saal und die darin⸗ nen einſam Zuruͤckbleibende warf, bewog mich umzukehren, und der Kuͤnſtlerin meine Theil⸗ nahme und meinen Arm, ſie nach Hauſe zu fuͤhren, anzubieten. Es lag um ſo weniger Unbeſcheidenes in dem Antrage, als mein Stand dem Ihrigen verwandt, mein Alter be⸗ reits ein vorgeruͤcktes, und auch das Ihrige, wie ich aus ihrer Stimme entnehmen zu duͤrfen glaubte, meinen Jahren gleich war. Meine Rede ſchien der Niedergeſchlagenen wohl zu thun. Sie dankte mir mit gewaͤhlten Worten, die in den vornehmſten Kreiſen das Buͤrger⸗ recht haben.—„Ihr Anerbieten erhebt mich, — hatte ſie die Guͤte mir zu ſagen:„Sie ach⸗ ten mich hoͤher, als eine Bettlerin. Ich danke Ihnen dafuͤr, und nehme gerne Ihren Arm, weil ich, bloß von meinem Maͤdchen begleitet, die Pfeilblicke der draußen ſpazierenden ſchoͤnen Welt doppelt fuͤrchten wuͤrde. Fuͤr's Erſte je⸗ doch, mein Herr, erlauben Sie mir eine Frage, ob ich gleich deren Antwort ſchaudernd erwarte. Wie nennt ſich der Verwundete, der hier vor⸗ uͤbergetragen wurde? „Capitäͤn Sobolew, Officier in einem pol⸗ niſchen Lanziersregiment.“ „Gottlob!» verſetzte die Signora nach einer kleinen Pauſe hoch aufathmend:„So hatte ich's doch im Getuͤmmel recht vernommen, und mein Auge hat Unrecht, Gott ſei geprieſen! Wahr⸗ lich, mein Herr, dieſe Nachricht macht mich ſtark; ich koͤnnte auf der Stelle mein Conzert anfangen, um zu verſuchen, was ſchlechtgeuͤbte Finger noch vermoͤgen.“ — 239 n Sie ſcherzen, Madame. Veſari's Schuͤle⸗ rin, Amati's Inſtrument.....» Ja, das Inſtrument iſt ſchoͤn, iſt gut!* verſetzte ſie ſeufzend und ernſt, indem ſie es ſorglich in ſein Behaͤltniß legte. Es redet zu mir, nicht bloß in ſeinen Toͤnen, ſondern in ſeiner Form. Es iſt ein Zeuge beſſerer Zeiten, einer froͤhlichen Jugend,. mein einziger Schatz, meine alleinige Habe im huͤlfloſen Alter. Es ſprach ein tiefer Jammer aus den einfa⸗ chen Worten. Um ſie zu zerſtreuen, ſagte ich anerkennend zu ihr:„Mit Ihren Gaben, Sig⸗ nora, iſt man nicht huͤlflos; der Accord, den Sie auf dem Wunderinſtrumente anſchlugen, iſt ein Buͤrge Ihrer hohen Meiſterſchaft.“ Die Signora ſchloß mit Heftigkeit den reich verzierten Kaſten zu.„Sie machen ſich zu große Begriffe von meinem geringen Talente, ſagte ſie mit einer gewiſſen Reizbarkeit, die 1 1 ——— ihre Stimme rauher und ihre Geberde unange⸗ nehm machte. Ich bin Dilettantin; nichts wei⸗ ter. Die Muſik war mir Zeitvertreib, iſt erſt ſeit Kurzem mein Erwerb, weil das Alter vom Gluͤck verlaſſen iſt; weil graue Haare betteln muͤſſen, waͤhrend ſich auf jugendliche Locken von ſelber Kronen bauen.» Ich ſchwieg erſtaunt vor dem plotzlichen Um⸗ ſchwung, den die Fremde dem Geſpraͤch gege⸗ ben hatte. Sie ergriff lebhaft meinen Arm; wir traten unter die Colonade des Gebaͤudes. Um uns her ſchwirrte das bunte Weltgetreibe. Meine Begleiterin zog mich raſch und ſtuͤrmiſch durch die Menge, die, gaffend und neugierig wie allenthalben, eine breite Gaſſe machte, uns hindurch zu laſſen. Hie und da zuckte freilich laͤchelnd ein Mund; hie und da deutete freilich ein Finger ein bischen impertinent nach uns. Meine Dame mußte unter ihrem Schleier ein Paar ſcharfer Augen verbergen; ſie bemerkte, errieth Alles. Wie ſie ſtieren, wie ſie deuten! ——————— N 241 ſagte ſie ziemlich laut in italieniſcher Sprache zu mir:„Wie ſich doch der Poͤbel auch in Prunkkleidern kund gibt! Ei, meine Beſtez» erwiederte ich ernſthaft, als wir dem Gedraͤnge entronnen waren:«Sie urtheilen hart. Wir haben kein öffentliches Le⸗ ben, wie ſich's wohl in Italien findet; daher unſre kleinſtädtiſche Neugier, leicht indeſſen zu entſchuldigen, wenn ſich uns das Auffallende darbietet. Sie, zum Beiſpiel, ſind ein Raͤth⸗ ſel. Ein Gegenſatz zu den meiſten Kuͤnſtlerin⸗ nen, die ſich nur zu ſehr entſchleiern, ver⸗ mummen Sie ſich hartnaͤckig, wie eine Luͤrkin; noch ſtrenger als dieſe, denn man wird nicht einmal Ihre Augen gewahr. Verzeihen Sie daher dem Publikum, wenn es, muͤßig und zu⸗ gleich geſchaͤftig in ſeiner Neugierde, Muth⸗ maßungen erſchafft, Moͤglichkeiten erſinnt, und ſeiner Phantaſie unter dieſen Schleiern freie Bahn laͤßt.“ „Waͤre es noch der Muͤhe werth! entgeg⸗ nete Signora Madre bitter ſpottend:„Srau⸗ Moosroſen. II. 16 242 men die Leute vielleicht auf's Neue das Maͤhr⸗ chen von der Prinzeſſin mit dem Todtenkopfe? Sie moͤgen ruhig ſeyn, die Freier, die etwa nach meiner Hand und meinen Schaͤtzen ſtreben — und die Schoͤnen, die eine Nebenbuhlerin in mir fuͤrchten. Ich bin nicht der Tod; ich bin der Schmerz, und vielleicht in wenigen Wo⸗ chen die Verzweiflung.» Mein Arm zitterte unwillkuͤhrlich vor der entſetzlichen Rede. Sie fuͤhlte die heftige Be⸗ wegung und fuhr fort:„Halten Sie mir's zu Gute, mein wackrer Herr. Ich ging einſt bei'm Leichtſinn in die Schule und dachte, meine Wangen wuͤrden ewig bluͤhen. Seit ſie aber verbleichten, wie ein ſchlechtes altes Bild, hat ſich mir ein anderer Lehrmeiſter aufgedrungen. Wahrlich, mein Herr, wer ein halb Jahrhun⸗ dert auf dem Scheitel, zweihundert Reiſemei⸗ len vor ſich, ſeine ganze Hoffnung auf einem elenden Conzert ſtehen, und nur eine Geige im Vermoͤgen hat, darf wohl ernſter reden, als ein Anderer, und ſein Geſicht verbergen, denn das Ungluͤck— ach, ſelbſt das unverſchuldete — macht uns ſchamroth.“ Sie ſagen mit wenig Worten außerordent⸗ lich viel» verſetzte ich beſtuͤrzt und leiſe: Zweihundert Meilen, ſagen Sie? und von dem Nothwendigſten entbloͤßt? Haben Sie ſo wenig Vertrauen zu den Menſchen, daß Sie dieſelben eigenſinnig fliehen, ſtatt.....» «O mein Herr!* ſagte die Italienerin hef⸗ tig, und zog ihren Arm aus dem meinigen: „Moͤchten Sie mich, die Supplik in der Hand, von Thuͤre zu Thüre gehen ſehen? Daß man mich abweiſe, wie einen Landſtreicher? Daß man mir ſage: Zweihundert Meilen, Madame? Warum ſo weit? Thut's nicht auch ein Sprung in den Fluß? Ein Quentchen Arſenik? Gehen Sie doch lieber aus der Welt, da Sie doch nichts mehr darinnen zu ſchaffen haben! Nein, mein Herr! Denke ich mir gleich zu⸗ weilen all' dieſe ſchoͤnen Dinge, ſagen ſollen 16* — 244 mir ſie die Leute nicht. Auf Wiederſehen, mein Herr! Sie trat, mir ſchnell den Ruͤcken wendend, in ihren Gaſthof, und ich eilte meine Bekann⸗ ten in Bewegung zu ſetzen, um meinen Fehler in etwas wieder gut zu machen. Binnen we⸗ nigen Stunden hatte ſich ein zahlreiches Publi⸗ kum fuͤr das Conzert der Signora Madre un⸗ terzeichnet. Neubegier und aufgeſtachelte ro⸗ mantiſche Wohlthaͤtigkeitsſucht gaben ſich die Hand, der Ungluͤcklichen eine anſehnliche Ein⸗ nahme zuzuwenden. 245 3. Das Schauſpielhaus fuͤllte ſich außerordent⸗ lich. Wie drohende Wellen wogte es im Par⸗ terre. Von Logen und Gallerie brauste das Getobe der ungeduldigen Menge. Die ſchwuͤle Hitze im Gebaͤnde ſtach ſehr gegen den kuͤhlen abendlichen Luftzug ab, der durch die Saͤulen⸗ reihen des Periſtils ſtrich. Einzelne Logenin⸗ haber, ihrer Plaͤtze gewiß, erwarteten hier hoch⸗ athmend den Anfang des Conzerts. Eine Gruppe von reich geſchmuͤckten Damen ſtand auf den Stufen und ſah erwartend die Allee hinunter, geſpannter und harrender als ſie, der junge Nd 246 b Mann in ihrer Geſellſchaft. Die Feldmar⸗ ſchallin, die Tonangeberin dieſer Gruppe, das ſcharfe Opernglas vom Auge ziehend, wendete ſich zu dem jungen Manne.„Wahrlich'b ſagte ſie lebhaft: Ich will mein Wappen verlieren, wenn jenes nicht das Wappen Ihres Vaters iſt!—„So hat er doch Wort gehalten! Er koͤmmt! rief die reizende Roſa, der Foͤrmlich⸗ keit vergeſſend, und ſchenkte dem Freund einen hellen Blick der Liebe, wie ihre Schweſtern und Freundinnen ihr einen Blick aufrichtigen Gluͤckwunſches.—„Er kommt!? wiederholte Graf Boſon entzuͤckt:„Heute noch wird unſere Verlobungsfeier ſeyn!? Und auf dem breiten Kieswege laͤngs der praͤchtigen Baumreihen, rollte wie im Fluge ein funkelnder Wagen da⸗ her, von ſechs glatten Rappen gezogen, und ſchillernd von Kronen und hermelingeſchmuͤckten Fuͤrſtenſchildern. Es wimmelte um ihn her von geſchmackvollen Livreen, und als er vor dem Portale des Theaters hielt, oͤffneten zwanzig Haͤnde den Schlag und boten ſich dienſtfertig 247 an, dem alten Fuͤrſten von Meyern aus dem Wagen zu helfen. Der weißgelockte Herr in— deſſen, in feinem ſchwarzen Kleide, mit dem ſtrahlenden Sterne auf der Bruſt, legte ſich vorzugsweiſe an die Bruſt ſeines Sohnes, der ihm mit einem freudigen„Willkommen!» ent⸗ gegengeeilt war.— Die Damen uͤberboten ſich in ehrfurchtsvollen Verbeugungen. Boſon ſtellte ſeinem erlauchten Vater die erwaͤhlte Braut, ihre Großmutter, ihre Schweſtern vor, und aͤrntete geſchmeichelt und entzuͤckt die beifaͤl— ligſte Miene von den Zuͤgen des Fuͤrſten, die erwuͤnſchteſte Begruͤßung aus ſeinem Munde. Der Fuͤrſt druͤckte einen Kuß auf die Stirne der ſchoͤnen Roſa, die ſich herniederbeugte, ſeine Hand zu kuͤſſen; ließ der Feldmarſchallin Excellenz zu ſeiner Rechten gehen, und begab ſich mit den Damen in die Thuͤre des Schau⸗ ſpielhauſes.„Die ſchnelle Fahrt hat meinen alten Koͤrper etwas angegriffen,» ſagte er, adie Unruhe eines Gaſthofes wuͤrde mir jetzo nicht zuſagen. Ich ziehe es vor, in den Toͤnen dieſes Conzerts meine Empfindungen zu be⸗ ſchwichtigen; ich liebte ſtets Muſik vor Allem!» Boſon fuͤhrte geſchaͤftig und erfreut den Va⸗ ter und deſſen reizendes Gefolge nach der Loge, die ſeine Fuͤrſorge fuͤr die Damen in Beſchlag genommen hatte. Mit ihrem Eintritt begann eben die Ouverture, und der Laͤrm des Publi⸗ kums verwandelte ſich in ein leiſes Fluͤſterge⸗ lispel. Mozart's majeſtaͤtiſche Tonmaſſen, um⸗ ſchlungen und durchwebt von anmuthigen Figu⸗ ren, wie von Blumengewinden, feſſelten das Ohr, und entfeſſelten die Haͤnde zum donnern⸗ den Beifall. Die Brandung ſchwieg indeſſen wieder ploͤtzlich, als das Pult fuͤr die Virtuo⸗ ſin vorgetragen wurde, und dieſe Letztere ſelbſt auftrat. Eine Todtenſtille auf allen Lippen, verwunderungsvolles Starren aller Augen, denn, was bereits das Geruͤcht verbreitet hatte, war wirklich. Eine ſammtene Halblarve verbarg das Geſicht der Kunſtlerin eben ſo ſtreng, eben ſo neidiſch als der tieffallende Schleier. Dieſe N 249 ſchwarze Maske beengte unwillkuͤhrlich die Her⸗ zen der Anweſenden. Gleichguͤltig uͤberflogen die Blicke die hohe ſchoͤne Figur im anſpruchs⸗ loſen braunen Taffetgewande, das der Mode vergangener Zeit angehoͤrte. Alle hafteten nur auf der raͤthſelhaften Larve, bis endlich die Saiten der Amatigeige erklangen, wie vom an⸗ ſchwellenden Sturme beruͤhrt, und abermals das Largo begann, das gedaͤmpfte, erſchuͤtternde, im Conzertſaale unterbrochene. Und alſo iſt die Empfindung einer vom Schauerlichen und von Ahnung beruͤhrten Bruſt, das alle jene, die geſtern im Saale als Zuhoͤrer verſammelt ge⸗ weſen, mit Herzklopfen die Stelle heranklingen hoͤrten, bei welcher die Unterbrechung ſtattge⸗ funden,— als muͤſſe wieder geſchehen, was geſtern geſchah. Dieſes war jedoch eitle Be⸗ ſorgniß. Das Solo der Kuͤnſtlerin trat ein, ruhig, ungeſtoͤrt, und fuͤhrte in den erſten Tac⸗ ten, gleichſam auf einer klingenden Himmels⸗ leiter, die Anweſenden auf eine bedeutende Hoͤhe der Bewunderung. Die Kuͤnſtlerin ſpielte 230 b rein, ſicher, kuͤhn und maͤnnlich; Floͤten- und Engelſtimmen wechſelten mit Toͤnen, die dem tiefen Erz entlockt ſchienen. Dieſe Melodieen, obgleich dem neueſten Geſchmack entfremdet, erregten die Gefuͤhle; die Manier der Virtuo⸗ ſin, obgleich veraltet, griff an der Seele In⸗ nerſtes. Wunderbar wirkte die Kunſt verwi⸗ chener Zeit durch die Hand der Spielerin in der altfraͤnkiſchen Tracht, und was mochte vollends die geheimnißvolle Larve bergen?— Adagio und Allegro ſchloſſen unter Jubelruf, und mit einer halben Verbeugung nur vergalt die Signora die Anerkennung.— Eine ſtolze Donna! bemerkte die Feldmar⸗ ſchallin ſpoͤttiſch:„Das Compliment wurde ihr ſauer. Das Kuͤnſtlervolk uͤberhebt ſich heut zu Tage ungemein.» Beſte Großmutter!? entgegnete Roſa leb⸗ haft:„Sagten Sie mir nicht oft, ein gewiſſer Stolz ziere den Menſchen? Laſſen Sie der kunſtfertigen Frau immerhin dieß Gefuͤhl. Sie AN 251 b ſcheint zu bejahrt, um ſich vom Beifall berau⸗ ſchen zu laſſen, und aus Verhaͤltniſſen geſchleu⸗ dert, die ihr das Streben nach dem Lobe der Menge nicht zum Ziele geſetzt. Dieſe Maske koͤnnte zu beſondern Vermuthungen fuͤhren. Si⸗ cherlich iſt ſie der Schleier der verſchaͤmten Pa⸗ riſer Armen.* „Welch' romantiſches Gemuͤth gewinnen Sie in meiner Roſa, beſter Graf! ſprach die Feld⸗ marſchallin laͤchelnd zu dem Grafen Boſon: Die Jugend iſt und bleibt poetiſch. Man waͤre verſucht, auf ihr Wort hin, jene kuͤnſtleriſche Abenteuerin fuͤr eine Dame vom hoͤchſten Range zu halten, die irgend ein grauſames Mißge⸗ ſchick dem Schooße des Gluͤcks— vielleicht einem Throne— entriſſen. Die haͤßliche Larve ſoll etwa ein Seitenſtuͤck zu der beruͤchtigten eiſernen Maske ſeyn, und birgt doch wahr⸗ ſcheinlich nur das haͤßlichſte aller Geſichter, oder ein von Krankheit zerriſſenes. Was die Kunſt der Dame betrifft, ſo ſcheint ſie mir nicht 252 beſonders. Eine Methode von dreißig Jahren her— Tonſtuͤcke aus Veſari's beſter Zeit— mein Gott!— wenn das Mitleid nicht waͤre...„ „Man kann indeſſen nicht laͤugnen, Ihro Excellenz, verſetzte Boſon ernſthaft,— daß ein beſonderes Weſen ſich in dieſer Raͤth⸗ ſelhaften uns vor Augen ſtellt. Kommt ſie mir doch beinahe wie eine nicht vom Weibe Ge⸗ borne vor, die uͤber ihre Saiten einen Zauber⸗ ſegen geſprochen, um eine aͤngſtlich wehmuͤthige Tonſaat auszuſtreuen. Bemerken Sie, welche Stille im Hauſe herrſcht, weil ſich die Ver⸗ huͤllte zum Rondo ruͤſtet. Betrachten Sie den Eindruck, den ihr bisheriges Spiel auf meinen Vater gemacht!? Er zeigte nach dem Fuͤrſten, der, den Kopf uͤber die Bruſtlehne der Loge gebeugt, beide Haͤnde auf ſeinen Stock geſtutzt, unbeweglich, geſpannten Antlitzes da ſaß, und das Auge— Alles um ſich her vergeſſend— nicht von der Buͤhne wendete. Die Feldmar⸗ ſchallin, die ſich vorgenommen, zu ſeiner Zer⸗ 4 N 253 N ſtreuung beizutragen, wollte eine uͤberfluͤßige Frage und Erinnerung an ihn richten, als das Rondo des Conzerts anhob. Ein Hirtenlied nach ehemaligem Geſchmacke, trat es ſcherzend und taͤndelnd, die Schalmei nachahmend, ein. Die Begleitung der Baͤſſe ſtellte des Dudel⸗ ſacks und der Tambourine Accompagnement vor. Das Lied wiegte ſich auf der bequemen Schau⸗ kel zahlreicher Wiederholungen, und kaum ſchritt hin und wieder in dieſelben ein auf Augenblicke das Spiel aͤndernder Accord ein. Die all zu einfache Compoſition war federleichte Arbeit fuͤr die fertige Kuͤnſtlerin. Mechaniſch eine Wieder⸗ holung nach der andern aufnehmend, hielt ſie nachlaͤſſiger ihr Inſtrument, blickte ſie weniger in ihre Stimme. Eine unbedeutende Variation abſpielend— mehr wie dieſe in ihrem Kopfe, als auf dem Notenblatte ſtand, wendete ſie ſich ganz von ihrem Pulte, ſchweifte in die Hoͤhe mit ihren Angen, blickte links, wo eine eng⸗ liſche Herzogin mit ihren Frauen ſaß, blickte rechts nach der Loge, die der Fuͤrſt von Meyern 254 mit ſeinen Damen einnahm— und ploͤtzlich ver⸗ ſtummte die Amati⸗Engelsſtimme,— Violine und Bogen hingen ſchlaff in ihren Haͤnden,— das Orcheſter ſpielte einige Tacte weiter, und hielt dann, die Unterbrechung bemerkend, inne. Ein kurzer Laut der Ueberraſchung durch Par— terre und Gallerien— aus dem Munde der Kuͤnſtlerin keine Sylbe, aber ihr Blick ſtarr nach der Loge gerichtet. „Nun 29 ſtogte die Feldmarſchallin ungedul⸗ dig, und der Fuͤrſt zog mit aͤngſtlicher Haſt den Kopf in das Dunkel der Loge. Im Augenblicke erklang unten wieder in einigen reiſſenden, ſchreienden Diſſonanzen das Inſtrument. Die Signora nahm ihr Spiel wieder auf,— ſchnell, keck, laut, aber nicht das vergeſſene Rondo, und Orcheſter und Publikum lauſchten dem nicht geahnten Abſprung. Durch einen großartigen Marſchſatz wanden ſich die aufſtrebenden Toͤne zuſammen zu einem wilden kriegeriſchen Tanz, 255 der vom Allegro ſich ſchnell zum Preſtiſſimo ſteigerte. Auf und ab huͤpften Bogen und Klaͤnge; martialiſch und wildluſtig ſtießen ſie ſich ab von den vibrirenden Saiten, und die Virtuoſin ſchien immer wilder und leidenſchaft⸗ licher werdend, in der That eine Zauberin zu ſeyn, die einem Heere von Geiſtern gebie⸗ tet, aus dem harmloſen Inſtrumente zu ſpru⸗ deln, um in der Geſtalt von Hexenklaͤngen die Sinne der Zuhoͤrer zu bethoͤren, und in einen wilden Strudel des Rauſches zu verlocken. Von allen Anweſenden, die dieſe widerliche Empfin⸗ dung dunkel fuͤhlten, traf nur Einen heftig des Zaubers Gewalt.— Der Füͤrſt von Meyern, wie durch geheime Kunſt wieder zur Bruſtwehr gezogen, wurde blaß und immer blaͤſſer; den Wirbeln des wie raſend geſpielten Inſtruments zu entfliehen, riß er ſich endlich vom Stuhle auf, um, des Bewußtſeyns beraubt, an dem⸗ ſelben niederzuſtuͤrzen. Der Angſtruf der Sei⸗ nen und das Geſchrei:„Den Fürſten hat der 256 Schlag getroffen! warfen den Zunder des Schreckens unter die beſtuͤrzte Verſammlung, und erſtickten endlich das von finſtern Maͤchten geborne Spiel der Signora. 4. Wie auf einer ſtuͤrmiſchen Flucht raste das Publikum auseinander. Die Lampen der Buͤhne verſanken in truͤbes Dunkel. Ich war einer der Letzten im finſtern Corridor, der zur Seiten⸗ ausgangsthuͤre fuͤhrt. Eine haſtige Hand hielt mich am Arme feſt. Ein Strahl des Abend⸗ roths, der durch die Thurſpalte brach, erhellte die Geſtalt der zauberhaften Virtuoſin.„Ach, um der Liebe Gottes willen!» fluͤſterte dieſe: Verlaſſen Sie mich nicht, da der Himmel Sie auf meinen Weg fuͤhrt!— aIch, Ma⸗ dame? ſtammelte ich uͤberraſcht:„Wie meinen Moosroſen. II. 17 258 Sie das?—„Kommen Sie! fuhr ſie aͤngſt⸗ licher fort, und zog mich eine Treppe empor auf die Buͤhne zuruͤck, die in fabelhafter Daͤm⸗ merung lag. Auf meinen Knieen beſchwoͤre ich Sie,» rief ſie leidenſchaftlich, enicht von mir zu gehen; mir zu rathen, mir zu helfen lv Das Grauenhafte dieſes Auftritts läßt ſich beſſer denken, als beſchreiben. Noch viel weni⸗ ger leidet meine Verwunderung eine Schilde⸗ rung, diejenige huͤlflos zu meinen Fuͤßen zu ſehen, die vor Kurzem durch ihre unheimliche Kunſt das Leben eines Mannes und die Fuͤße von mehreren hundert Zuſchauern in die Flucht gejagt hatte. Ich hob ſie auf.„Erklaͤren Sie ſich! ſprach ich zu der Erſchoͤpften, ſie nach einem Tabouret, das ich im Dunkel entdeckte, leitend. Nach manchem Seufzer verſetzte ſie endlich:„Mein grauſames Verhaͤngniß will, daß ich hier zu Grunde gehe. Verſagen Sie, — der. einzige Menſch, der Theil an mir nimmt, Ihren Beiſtand, ſo bin ich verloren. 259 Der Fuͤrſt,— ſeine Familie,— ſeine Scher⸗ gen werden mich nach dem Kerker zuruͤck ſchlep⸗ pen, dem ich kaum entronnen.» „Der Fuͤrſt? fragte ich:„Er iſt ein todter Mann. Leblos trug man ihn davon. Die Dame ſtieß einen matten Schrei aus. Dann ſagte ſie dumpf:„Ja, ja, ſo mußte es kom⸗ men. Dieſe Toͤne mußten ſein Herz brechen, war es nicht gaͤnzlich verſteinert! Warum mußte ihn ſein Unſtern hieher fuͤhren; heute, zu ſei⸗ nem und meinem Untergange!» „Sie ſind ein ſchauerliches Raͤthſel, Sig⸗ nora!» entgegnete ich:„Was ſoll ich jedoch, Ihnen zu dienen, beginnen? Sind wir nicht in dieſem Gebaͤude gefangen? In dieſem Augen⸗ blicke ſchließt der Hausmeiſter,— in der Vor⸗ ausſetzung, daß Sie bereits daheim, das Ge⸗ baͤude. Wenn ich laͤrmend die Oeffnung be⸗ gehre— wird das Ihren Wuͤnſchen foͤrderlich ſeyn?* „Um Gotteswillen thun Sie das nicht!v bat 178 260 die Kuͤnſtlerin unter Thraͤnen:„Gewiß ſucht man mich bereits im Gaſthofe. Meine Ketten liegen wieder bereit. Nur auf Sie baue ich Nur auf Sie und die Nacht.— Hier war keine Zeit, nicht der Ort zu Er⸗ klaͤrung. Ich wuͤnſchte der armen Frau beluͤlf⸗ lich zu ſeyn, eine Gefahr zu vermeiden, die ich zwar nicht kannte, an die ich jedoch glauben mußte. Aber zugleich fuͤhlte ich wohl, daß ich zuerſt frei ſeyn mußte, um ſie zu befreien. Ich wandelte pruͤfend an den Fenſtern der Buͤhne umher. Ein halbgeoͤffneter Fenſterladen fand ſich im Winkel— alle uͤbrigen waren feſt ver⸗ ſchloſſen und mit Eiſenſtaben verwahrt. Ein maͤßiger Sprung konnte mich von dem offenen Fenſter zum Boden fuͤhren. Ein abgelegenes oͤdes Gebuͤſch umſchattete die Ruͤckſeite des Hau⸗ ſes. Das Abendroth wandelte ſich bereits in Grau. Ich rief meiner Gefaͤhrtin zu, Muth zu faſſen, mir zu vertrauen und ſtille zu ſeyn; ſpring alsdann kurz und gut hinab. Auf der 261 Promenade war noch Alles im Aufruhr. Man ſprach allenthalben von der ploͤtzlich verſchwun⸗ denen Hexenmeiſterin, die einen Fuͤrſten getoͤd⸗ tet. Die Polizei hatte wirklich im Gaſthofe zum Thurme Nachſuchungen gehalten, aber Niemand gefunden, als die ſtumme Zofe der Dame, und die Conzertkaſſe unter ihrer Auf⸗ ſicht. Stadtbediente ſtreiften durch die weit verbreiteten Anlagen, fiſchten in den Weihern nach dem Koͤrper der Fremden, die ſich viel⸗ leicht im raſchen Entſchluſſe das Leben genom⸗ men haben mochte; Alles umſonſt. An das Theater dachte Niemand. Mein Gaſthof war zu beſetzt, um die Ungluͤckliche darinnen ver⸗ bergen zu koͤnnen. Durch Zufall war kein Lehn⸗ kutſcher zu haben, und auf der Poſt war die Weiſung gegeben worden, auf die Italienerin ein Auge zu haben, und ſie anzuhalten, wenn ſie etwa Pferde beſtellen ſollte. Alle dieſe An⸗ ſtalten hatten ihren Urſprung weniger auf dem Polizeihauſe, als in der Wohnung des Fuͤrſten von Meyern, den man in einem Augenblicke 262 todt ſagte, und lebendig und auf dem Wege der Beſſerung im naͤchſten. Die Signora hatte ſich demnach nicht uͤber ihre Lage getaͤuſcht, und auch ich gab keiner abenteuerlichen Hoff⸗ nung Raum. Mein guter Wille fand kein Mit⸗ tel zur Huͤlfe, und dieſes meiner Unbekannten ſo ſchnell als moͤglich zu geſtehen, ſchien mir raͤthlicher, als ſie noch einige Stunden hindurch den Qualen der Ungewißheit zu uͤberlaſſen, und dann erſt mit leeren Haͤnden zu erſcheinen. Ich lief in tiefer Daͤmmerung nach dem Schauſpiel⸗ hauſe zuruͤck. Wie ich in das Gebuͤſch, von dem eben geredet wurde, einbiege, treffe ich auf einen ſchnell ſchreitenden Mann. Es iſt ein Bekannter— ein kecker unternehmender Mann,— Baron Tidolf. Ich rede ihn an. Er erzaͤhlt mir eilig, daß er nach ſeinem Land⸗ hauſe zuruͤcktehre, nach welchem er ſich zuruͤck⸗ gezogen, um das Geſchwaͤtz wegen des Duells verrauſchen zu laſſen; daß er nur eine halbe Stunde lang am Spieltiſche geweſen, und ſchwer vom Golde heimgehe. N 263 Nehmen Sie noch etwas Beſſeres mit, als Gold;z» ſagte ich ihm, Muth faſſend: adas Bewußtſeyn, einer Ungluͤcklichen geholfen zu haben.* Wie ſo?» fragt er.— Ich erzaͤhle ihm von der Signora, ihrem Ungluͤck, ihrer Furcht. Ich nenne den Namen des Fuͤrſten. Tidolf's Ge⸗ ſicht wird zornig, wie ich aus ſeiner zitternden Stimme abnehme.—„Meyern?* ſagte er: „Boſon's Vater? Dieſer Name gibt den Aus⸗ ſchlag. Vielleicht, mein Freund, erheben wir das Schild fur eine nichtswuͤrdige Landſtreiche⸗ rin, aber, wo es gilt, dem geckenhaften Guͤnſt⸗ ling der herrlichen Roſa oder ſeiner Familie einen Streich zu ſpielen, ſoll Tidolf nicht um⸗ ſonſt aufgefordert worden ſeyn. Wo iſt die Perſon? Sie mag uns auf mein Landhaus, das uͤber der Grenze liegt, folgen. Dort ver⸗ muthet man ſie nicht, und wuͤrde man's,— der Teufel holte ſie von dort nicht weg! Der Familien⸗ und Rivalenhaß war ein er⸗ 264 wuͤnſchter Fund. Ich zeigte dem Baron das Haus, das all zu hohe Fenſter, ich rief leiſe den Namen der Signora, die bald erſchien, und die Haͤnde rang, da ſie keine Moͤglichkeit ſah, den Sprung zu wagen. Tidolf wußte je⸗ doch Rath. Er lief nach dem Promenadehauſe. In wenigen Minuten kam er mit einer Leiter zuruͤck.«Zu Entfuhrungen bin ich abgerichtet!* lachte der tolle Menſch in ſeinem Uebermuthe: «Ich habe noch geſtern meinen Feind aus ſei⸗ nem Hauſe in das meine escamotirt.—«Ihren Feind 2—„Denſelben, den ich geſtern hart verwundet. Er war ſo edel geweſen, meinen Namen um keinen Preis zu nennen, und bei'm Lichte beſehen, war's doch nur eine Lumperei, die den Zweikampf veranlaßt hatte. Reue und die Luſt gut zu machen, befiel mich. Der Ca⸗ pitaͤn ſoll mein Freund werden, dachte ich, und holte ihn geſtern, als er ſich's am wenigſten verſah, ihn in mein bequemeres Haus und meine aufmerkſamſte Pflege zu verſetzen. 265 W* Hierauf beſchritt er die Leiter, klimmte zu der Verhuͤllten empor, half ihr langſam her⸗ unter, und wir Drei gingen ſchweigend davon durch die Nacht, an den buſchigen Anhoͤhen empor, auf welchen ſchon das Mondlicht lag, am Forſtſaume voruͤber, wo die raͤthſelhaften und ſchaurigen Blutbuchen rauſchten, im Wehen eines herniederfahrenden Gewitters, uͤber die Firnemark ſchreitend, wo die wappengeſchmuͤck⸗ ten Grenzpfaͤhle ſtehen, und jenſeits im Silber⸗ glanze lag ein thurmgeſchmuͤcktes Landhaus; darinnen hauste der Freiherr Tidolf, der freie, ledige Jung⸗ und Jagdgeſelle,— und dort ſollte die unbekannte Fluͤchtige eine Freiſtatt finden.— „Gott ſey gelobt! ſeufzte ſie:„Ein Obdach! Ruhe fuͤr meine muͤden Glieder! Wohl mir; denn ſelbſt der Gram, der mich zerreißt, kann meine Koͤrperſchwaͤche nicht beſiegen! Ruhe, einige Stunden Schlaf, und morgen will ich erſt daran denken, wie elend ich bin; wie ich N 266 heute Alles verloren habe,— das Inſtrument ſogar, das meinen Jammer erheiterte, indem es mit mir weinte, klagte und zuͤrnte lv „Faſſen Sie Muth!“ ſagte ich troͤſtend: Ihre Habe muß Ihnen unverloren ſeyn. Laſſen Sie nur den Sturm des erſten Angenblicks voruͤber gehen.— „Und was liegt am Ende daran, fiel Tidolf, der Theil an der Dame zu nehmen begann, gutmuͤthig aufbrauſend ein,«wenn man eine gebrechliche Violine verliert, hat man dafuͤr nur ein Paar ſtarke Menſchenherzen gefunden!» „Duͤrfte ich das hoffen? verſetzte die Fremde eintoͤnig, und trat am Arme des Hausherrn in die Flur des Schloͤßchens, wo Bediente mit Lichtern ſie empfingen. Aus einer Seitenthuͤre ſah ein baͤrtiger Mann im Nachtgewande, und ſtreckte dem Baron die linke Hand entgegen, da er die rechte in der Schlinge trug.— Will⸗ kommen! Warum ſo ſpaͤt, mein feindlicher Freund, und freundlicher Feind?— ſagte er. 267 b Tidolf drohte ihm mit dem Finger.„Woher Ihr ſo ſpaͤt, mein kranker Gaſt? fragte er entgegen mit gutmuͤthigem Vorwurf:„Das Bett iſt Euch heilſamer, als die kuͤhle Nachtluft!— „Konnte ich denn entſchlummern, ohne Dich begruͤßt zu haben, guter Menſch? verſetzte der wackre Capitaͤn. Aber alſobald brach die Signora in den Ruf aus: aUnd ich— konnte ich mich getaͤuſcht waͤhnen? Konnte ein frem⸗ der Mann mich betruͤgen? Konnte ich fuͤrchten zu ſterben, ohne Dich wieder geſehen zu haben, mein Stanislas?* Sie lag an ſeiner Bruſt. Der beſtuͤrzte Krie⸗ ger vernahm wohl eine Stimme, die ihm nicht fremd geweſen,— aber vergebens ſuchte er ein bekanntes Geſicht unter dem fallenden Schleier. Die Maske ſtarrte ihn an, und umſonſt ſuchte ſeine ungelenke, vor ahnender Freude zitternde Hand die Baͤnder der Larve zu loͤſen.—„Du wirſt mich nicht mehr erkennen! rief die Dame: „Du wirſt Deine Marie nicht mehr in meinen Zuͤgen finden. Aber hat denn meine Stimme N 268 nichts mehr von dem freundlich bekannten Klange der Jugend? Nichts, das Dich an Deine Schweſter erinnerte?— Sie riß hier ſelbſt die Larve vom Geſichte, und mit dem zugleich aͤngſtlichen und freudigen Ruf: Meine Schweſter Marie! druͤckte ſie der Capitaͤn an ſein Herz.— Staunend blickte ich, blickte Ti⸗ dolf auf die Gruppe; ſtaunend ſahen wir nun in das entſchleierte Geſicht der Virtuoſin. O, ſie hatte wahr geſprochen; nicht Jugend, nicht Reize waren mehr darauf zu finden; nicht das Alter allein, nur der blaſſe nagende Schmerz. A 269 5. Es war glaͤnzende Damen⸗Reunion im Kur⸗ ſaale. Unter allen Frauen ragte herrlich Roſa hervor. Ihr reizendes Antlitz war noch an⸗ ziehender geworden durch einen Anflug von Schwermuth, der ſich daruͤber gelegt hatte. Ihr in Sehnſucht glaͤnzendes Auge ſchien den Freund zu ſuchen, der in dem Saale fehlte. Ein Blick durch die hohen Glasthuͤren entdeckte ihr endlich den unter der Colonade wandelnden Grafen.—„Beſte Großmutter!» fluͤſterte ſie der Feldmarſchallin zu:„Boſon iſt da! Ware ——— ———— 270 es Ihnen nicht gefaͤllig, um Luft zu ſchoͤpfen, unter die Saͤulen zu treten?— Laͤchelnd ge⸗ währte die alte Dame das Verlangen der Ju⸗ gend.—„Baron Lidolf!“ ſagte ſie zu dem hinter ihrem Seſſel ſtehenden Freiherrn: aduͤrfte ich Sie wohl um Ihren Arm erſuchen?— Der geſchmeidige junge Mann zeigte ſich be⸗ reitwillig. Roſa, ſich an ſeinen Arm haͤngend, ſchien etwas verdrießlich.„Nicht boͤſe, rei— zende Cypris,» lispelte ihr der Begreifende mit laͤchelndem Munde zu:«man kann nicht galan⸗ ter und uneigennuͤtziger ſeyn als ich; ich fuͤhre Sie ja ſelbſt dem gluͤcklichen Nebenbuhler zu. Dieſer kam den aus der geſchmuͤckten Halle Tretenden freudig entgegen. Ein kuͤhler Gruß dem Freiherrn; dann wendete er ſich mit voller Seele den Frauen zu, die Tidolf's Seite ver⸗ ließen.—„Tauſend Dank!» ſagte der Graf: „Daß Sie mich bemerkten, und wie wohlthaͤ⸗ tige Goͤttinnen erſchienen, den Armen zu troͤ⸗ ſten, dem das Verhaͤltniß nicht erlaubt, in den d 271 w Kreis der Freude zu treten, moͤge Ihnen der Himmel vergelten; und einſt,— er ſprach zu Roſa— einſt meine treueſte Liebe.» Sie toͤdten die Zeit durch Worte, mein Beſterz» erwiederte die Feldmarſchallin: Laſſen Sie uns zum Wichtigern uͤbergehen. Wie be⸗ findet ſich Ihr durchlauchtigſter Vater?— Boſon ſeufzte.„Die Aerzte zucken noch die Achſeln wie ich;» verſetzte er: ader Fuͤrſt hat das vollſte Bewußtſeyn, aber noch immer nicht den freien Gebrauch ſeiner Glieder.» Die ſchoͤne Roſa beklagte ſein Schickſal. Die Feldmarſchallin wurde ſehr nachdenkend.—(Es iſt auffallend, meinte ſie,«daß dem Fuͤrſten gerade in jenem ungluͤckſeligen Conzert der Zu⸗ fall ſo übel wollte. Man fluͤſtert ſich allerlei in die Ohren, wie ich Ihnen nicht verhehlen darf. Man behauptet— zwiſchen der raͤthſel⸗ haften entſchwundenen Maske und dem Füͤrſten habe ein geheimer Rapport ſtatt gefunden,— Sie werden uns am beſten ſagen koͤnnen..»— 272 Der Graf wurde im Geſicht roth wie Blut. Eine ziemliche Verlegenheit ſprach aus ſeinen Mienen.— aLeeres Geſchwaͤtz!» verſicherte er: Eitle, muͤßige Rede der neugierigen Bade⸗ welt, meine Gnaͤdigſte. Mein Vater kannte nie die vermummte Virtuoſin; ſo wenig, als ich ſie kenne.» „Nie? Gewiß nie? fragte die Feldmar⸗ ſchallin mit durchdringendem Blicke:«Ich hoffe Ihnen glauben zu duͤrfen. „Auf mein Ehrenwort!v betheuerte Boſon mit unſicherer Stimme, und Roſa nickte ihm und der Großmutter freundlich zu. Dieſe that auch einen leichtern Athemzug und ſprach:„Gottlob alſo! So darf ich Alles nun fuͤr eine Grille halten, was meinen billigen Stolz ſchon beun⸗ ruhigt hatte. Sie koͤnnen denken, beſter Graf, daß,— wenn eine gewiſſe Perſon etwa noch am Leben waͤre, eine Verbindung mit mei⸗ ner Enkelin nicht Statt finden koͤnnte. Das Grab dect Manches zu, und wir wollen's nicht M 273 N aufruͤtteln, da Ihr Wort mir betheuert, daß es nicht aufgegangen. Gott erhalte uns das Leben Ihres Vaters, mein Herr Graf, und Ihrem Gluͤcke mit Roſa wird weiter nichts im Wege ſtehen.» Boſon buͤckte ſich und verſetzte:„Zu viele Liebe, Ihro Excellenz. Ich werde ſie jedoch verdienen. Fuͤr dieſen Augenblick entſchuldigen Sie mich indeſſen, wenn ich ſchnell zu meinem Vater zuruͤckkehre, von deſſen Seite ich mich nur geſtohlen.» Nach Gefallen!? antwortete die Feldmar⸗ ſchallin ſehr freundlich:„Auch uns geziemt es, wieder die Geſellſchaft aufzuſuchen.» «Um einen Augenblick erſuche ich Sie inzwi⸗ ſchen Beide! ſagte ploͤtzlich Tidolf, der bisher wie eine Epiſode hinter den Damen geſtanden: „In einer Minute habe ich Ihnen eine Hiſtorie erzaͤhlt, die auch fuͤr das ſchoͤne Fraͤulein vie⸗ len Nutzen haben duͤrfte.» Eine Hiſtorie?» fragten Boſon und die Feld⸗ marſchallin verwundert. Roſa ruͤmpfte das Naͤs⸗ Moosroſen. II. 18 274 chen. Die Damen blieben indeſſen, bereitwilli⸗ ger als der Graf, den nur die Schicklichkeit zuruͤck hielt. Fuͤrchten Sie keine Langeweile,» fuhr der Baron mit ſonderbarer trockner Kuͤrze ein: aich bin gleich zu Ende. Ein Edelfraͤulein aus Po⸗ len, ſchoͤn und warmen Bluts, von einem bi⸗ zarren Vater verbildet, verlaͤßt an der Hand eines liſtigen vornehmen Verfuͤhrers die Hei⸗ math, wo ſie durch ihr Geſchick in der Ton⸗ kunſt die arme Familie ernaͤhrte. Sie wird das Opfer ihres Leichtſinns, ihrer Leidenſchaft. Ein karger Gluͤcksſchimmer will, daß ſie dem Ver⸗ fuͤhrer einen Knaben giht, und dadurch eine ſolche Aufwallung der Dankbarkeit in ihm er— regt, daß er ſich entſchließt, ihr in's Geheim am Altare die Hand zu reichen. Der Verfuͤhrer iſt ein regierender Herr, in ſeiner fruͤhern le⸗ gitimen Ehe kinderlos verblieben, und hat ſchon laͤngſt dem Bruder und deſſen Soͤhnen das Recht der Erbfolge heiligſt zugeſichert. Der Rauſch der Frende in der geheimen Ehe dauert indeſſen A 275 nicht lange. Des Verfuͤhrers Liebe ſchwindet; ſeine Begehrlichkeit ſieht nach andern neuern Gegenſtaͤnden aus. Die Gemahlin wird ihm laͤſtig, und da der Zuſtand von Kraͤnklichkeit, wo⸗ rein Bruder und Neffe ploͤtzlich verfallen, dem Fuͤrſten die Moͤglichkeit vor Augen ruͤckt, den geliebten Sohn ſeiner ſtillen Liebſchaft einſt auf den Thron heben zu koͤnnen, ſo beſchließt er, das Weib zu entfernen, deſſen Herkunft ein Hinderniß ſeiner Plane werden konnte, wie deſſen Eiferſucht ein unertraͤglicher Zaum fuͤr des Gemahls Begierden. Man will ſie nicht todten, man will ſie noch ungluͤcklicher machen; und es gelingt. Eine Luſtreiſe nach Italien wird verabredet. Auf Sardinien, in den Hän⸗ den eines Kaſtellans, grauſam und feil wie ein Bandite, wird die Arme verlaſſen. Aus den Fenſtern ihres Thurmes ſieht ſie das Segel entweichen, das den Gemahl und den noch un⸗ muͤndigen Sohn dem feſten Lande zufuͤhrt; ſie muß bleiben, gefangen, gemißhandelt, des elen⸗ den Jargons, der dort geſprochen wird, nicht 18* 276 einmal maͤchtig, eine Verlaſſene unter barbari⸗ ſchen Wilden. Sie traͤgt viele Jahre hindurch ihr Ungluͤck, waͤhrend der falſche Mann daheim ein Cenotaph errichtet, fuͤr die an der Meeres⸗ kuͤſte von den Wellen verſchlungene Frau.— Endlich brechen ihr die Ketten. Der Kaſtellan ſtirbt. Seine Magd, ſtumm, aber ein Herz im Buſen tragend, befreit die Gefangene, die Nichts mit ſich in die Freiheit nimmt, als eine Violine des Amati,— ein Inſtrument, das einſt das Maͤdchen ſpielen lernen mußte, um die Ihrigen zu ernaͤhren, das ihr einziger Troſt in harter Gefangenſchaft geblieben war, das dazu dienen ſoll, ihr Leben ferner kuͤmmerlich zu friſten. Sie durchzieht Italien, ſie betritt deutſchen Boden; ſie ſieht die Graͤnzen des Fuͤr⸗ ſtenthums, deſſen Regent ſie elend gemacht. Ach, ſie will nicht dahin zuruͤck kehren,— nicht einmal ihren Sohn ſehen, ob auch ihr Herz blutet. Ihr Geiſt ſieht ſchon neue Kerker offen, und die Furcht, wie die Schaam, als Virtuv⸗ ſin da ihr Brod gewinnen zu muͤſſen, wo ſie A 277 einſt als große Dame geglaͤnzt, zwingen ihr eine entſtellende Larve auf, die ſie ſo lange zu tragen beſchließt, bis ſie dem Ziel ihrer Reiſe, Polen, wo ſie noch einen Bruder zu finden hofft, naͤher gekommen ſeyn wuͤrde. Die Ne⸗ meſis ſchleudert den zum Greis gewordenen Ver⸗ raͤther in ihre Bahn. Sie erkennt ihn, und die Furien helfen ihrem Spiel. Eine National⸗ melodie ihrer Heimath, die ſie oft ihrem ſchaͤnd⸗ lichen Gemahl vorgetragen, wirft ihn zu Bo⸗ den. Auch ſie flieht, verbirgt ſich vor den Krallen der Gewalt, und die einzige Hoffnung, die ſie glaubt hegen zu duͤrfen, beruht auf ihrem Sohne. Der unnaturliche Schwaͤchling hat zwar aus dem Munde des Vaters Alles vernommen, aber er verlaͤugnet die Mutter; er tritt mit dem Gefuͤhle des Kindes zugleich ſeine Ehre mit Fuͤßen. Er theilt die Falſch⸗ heit des Vaters, der von der ploͤtzlich wieder erſchienenen Gattin, die er, Berichten von der Inſel zufolge, auf der Flucht im Fiſcherkahne zu Grunde gegangen waͤhnte, Alles zu befurch⸗ 278 n ten ſcheint. Der Unwuͤrdige beruhige ſich jedoch. Seine Mutter wird auch ohne ſeine Huͤlfe ihr Daſeyn friſten. Maria's Bruder iſt durch ein Wunder gegenwaͤrtig. Die Gnade ſeines Mo⸗ narchen hat ihm Guͤter, einen andern Namen gegeben; aber ſein Herz iſt das alte, wuͤrdige, tapfere geblieben. Er wird ſich der Schweſter annehmen, und wenn er nicht mit dem Saͤbel in der Fauſt von dem treuloſen Gatten, von dem undankbaren Sohne Rechenſchaft fordert, ſo hindert ihn nur an dieſer ernſten Pflicht die Fuͤrbitte eben der mißhandelten Gattin, der verachteten Mutter!— Meine Geſchichte iſt zu Ende, und fuͤr die Wahrheit jedes Worts buͤrge ich mit Ehre und Degen.» Er entfernte ſich mit einem triumphirenden Blick auf den Grafen, der wie ein blaſſes Steinbild mit niedergeſchlagenen Augen und zitternden Fuͤßen vor den Damen ſtand.— „Meinen Wagen!» rief die Feldmarſchallin mit funkelnden Augen dem Portier zu:„Der Sohn der Abentheurerin, die noch lebt, der wan⸗ =— 279 dernden Violinſpielerin, ſoll ſich nie mit mei⸗ ner Verwandtſchaft bruͤſten duͤrfen! Bei meinem Zorn, Roſa, kein Wort mehr von dem entehr⸗ ten Manne! Roſa maß den Grafen mit verächtlichem Blicke, und ſagte zu ihm, halb von ihm ge⸗ wendet: Nicht der Stolz, nicht das Vorur⸗ theil meiner Großmutter reißt mich von Ihnen; Ihre unnatuͤrliche Abſcheulichkeit thut es. Hät⸗ ten Sie eine Bettlerin als Ihre Mutter aner⸗ kannt, ich wuͤrde Sie geliebt haben. Weil Sie ſie verlaugneten, verlaſſe ich Sie.» Die Damen giengen. Der Graf rief ihnen nach, aufgeloͤst in ſchmerzlicher Beſchaͤmung: Fuͤr Ihren Beſitz wagte ich meine Ehre und mein Gefuͤhl! Und nun dieſe Strafe? Es war Alles umſonſt. Der Wagen mit den Damen rollte ſchnell von dannen. Troſtlos blieb Boſon zuruͤck. N 280 n Ich habe die Hauptperſonen obiger Geſchichte nicht mehr geſehen. Der Fuͤrſt ging zu Grabe. Boſon verbarg, wie es hieß, ohne ſeine Mut⸗ ter geſehen zu haben, ſeine Schamroͤthe in Eng⸗ land. Maria, abgehaͤrtet, verſteinert durch das Elend, weder dem Gatten eine Thraͤne weihend, noch ferner den ungetreuen Sohn vermiſſend, ſuchte an der Hand ihres Bruders das Vater⸗ land. Wohl mag jetzt ein Raſenhuͤgel ihren Kummer zugedeckt haben. In Lidolf's Land⸗ hauſe brennt dagegen die heiterſte Lebensflamme. Roſa iſt die Oberprieſterin dieſes Tempels haͤuslichen Gluͤcks geworden. Dem Freiherrn hat ſeine männliche That ihr Herz errungen, und dem Herzen folgte die Hand. —=— . — 8 SL Sende