Leihbiblivthek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Cduard Oitmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih und eſebedingungen. 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 lihr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines gelichenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für mhchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————— auf 1 Monat:— Pf. 1 Mk. 50 Pf.— P — ————,———, „ 3 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ Und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Fefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und deſecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. C6 i Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. „—— — —— * 2— Moosrosen. C. Von Erſter Band. In unſerm Verlage ſind erſchienen: VBgißmin 1 Taſchenbuch fuͤr das Jahr 1830. 5 2 Herausgegeben von 6. S pinde Mit ſieben Stahlplatten. 55 Drei Sonntage. Aus den Papleren eines Künſtlers. Der Hofzu Caſteltaun. Schlafrock und Wachmantel. — Der Roman eines Abends. Vergißmeinnicht oder dasnie geſehene Bild. * Weiſſagung der Libuſſa. Hiſtoriſches Gemaͤlde 5 aus dem neunten Jahrhundert von Ludwig Bechſtein. gr. 12. 2 Bände, elegant broſchirt. Moosroſen. Erzaͤhlungen und Novellen von S pindley. 8 Grster Ban d. 1 8 3 0. — Inhalt des erſten Bandes. Seite Skißen aus dem Bade⸗Fournal eines Sechtigers 141 Der Missionär. Eine Novelle... 123 —— — 1— — C. Von S dl ₰ * —— — SkRien aus dem Badejournal eines Sechzigers. Moosroſen l. 4 Die Promenade. I. Es ſchlug fuͤnf Uhr, der Wecker meiner Pen⸗ dule trommelte mich aus dem Schlafe. Chriſtian ſtand, meine Badegarderobe auf dem Arm hal⸗ tend, vor meinem Bette. Ich blinzelte ſeitwaͤrts durch die Jalouſieen; es war ein heller blauer Tag vor dieſelben gelagert.„Oeffne das Fen⸗ ſter,v befahl ich meinem alten Freunde. Er that es, und bemerkte, daß es einen grimmig heißen Tag geben wuͤrde. Ich ſchauderte, denn in meinem einſamen Buchenwalde bin ich von der druckendſten Hitze entwoͤhnt worden. An dem Fenſter vorbeigehend winkte mir die duftende Kuͤhle unter den Kaſtanienbaͤumen der Prome⸗ nade ſo einladend zu, daß mein Entſchluß auf 1* N 4 der Stelle gefaßt war.„Ich werde heute nicht baden,» ſagte ich zu meinem Chriſtian, und warf mich in andere Kleidung. Waͤhrend deſſen brannte aber ſchon die Spiritusflamme unter meiner Kaffee⸗Dampfmaſchine.«Ich werde auch nicht zu Hauſe fruhſtuͤcken,» fuhr ich, dieß bemer⸗ kend, fort;„darum loͤſche die Flamme aus, oder beſſer, trinke Du den aromatiſchen Moka ſtatt meiner. Ueberhaupt, liebe alte Seele; ſtelle Dn heute den Herrn des Hauſes vor, denn ich werde den ganzen Tag nicht nach Hauſe kommen. Fällt etwas Wichtiges vor, bin ich auf der Promenade zu ſinden; um 9 Uhr Abends holſt Du mich jedoch zuverlaͤſſig ab, und vergiſ⸗ ſeſt meine ſeidene Mutze und meinen grauſeidnen geſtoppten Roquelaur nicht.“ Chriſtian wunderte ſich uͤber mein Vornehmen, allein erſtens iſt er an Subordination gewoͤhnt, zweitens ſpielt er gern hin und wieder den Hausherrn, ſpeist im Salon, ſchlummert auf dem Sofa, und raucht ſein Pfeifchen Swicent zu vorhanggeſchmuͤckten Fenſtern hinaus. Daher ſchwieg er, reichte mir —— — dd Hut und Zuckerrohr, und ich ging. Oefters ſchon hatte ich die Schatten der Promenade auf⸗ geſucht, heute aber hatte mich die Luſt ange⸗ wandelt, unter ihrem Schutz den ganzen heißen Tag zu verleben. Es war noch Alles ruhig und ſtille unter den maͤchtigen Baͤnmen, die Laͤden der Kauflente waren noch verſchloſſen, die Laterne in der Mitte der Alleen flackerte noch. Ein ſchlaf⸗ trunkner Marqueur oͤffnete ſo eben die Fluͤgel⸗ thuͤre des Promenade⸗Kaffeehauſes; einzelne vom Beitig herabkommende und zum Wochenmarkt eilende Bauerdirnen durchſchnitten den Spazier⸗ gang. Ich beſtellte mein Fruͤhſtuͤck; es wurde mir in's Freie gebracht, wo ich, mit dem Ruͤcken an einen tuͤchtigen Stamm gelehnt, die ganze Anlage uͤberſehen konnte. Nach und nach wurde es lauter in den Boutiken, deren Inhaber aus ihrem Nachtlager aufſtiegen, was unter den aͤußerſt niedern Bndendächern angebracht, einem Sarge nicht unähnlich ſeyn mag. Eine Schaar von Hunden wurde fuͤr's Erſte herausgelaſſen, die Eigenthuͤmer folgten nach und nach, beſchäftigt, M* 6 NN ihre Waaren auszuſtellen, pfeifend, ſingend, muͤrriſch oder freundlich gruͤßend. Die Eigen⸗ thuͤmerinnen ſchluͤpften, in Maͤntel und Schleier gehuͤllt, in's Bad. Auch in meiner Naͤhe wurde es lebendiger; Fruͤhſtuͤcksgaͤſte ließen ſich an benachbarten Tiſchen nieder, die Taſſen dampf⸗ ten, der blaue Cigarrenrauch wirbelte luſtig auf, in die reine Luft. Noch iſt es kuͤhl, aber alle Vorzeichen verkuͤnden eine druͤckende Hitze. Die Badepolizei iſt indeſſen bemuͤht, die Wirkungen derſelben zu mindern, denn ſo eben bewegt ſich ein Pferd,(das einzige, das die Promenade betreten darf) einen Karren ziehend, durch die Allee. Auf dem letztern liegt das Faß der Danaiden; immer aufgefuͤllt, ergießt es ſeinen Inhalt auf den ſandigen Boden, und benetzt ihn mit wohlthuender, die Luft erfriſchender Kuͤhle. um ſieben Uhr iſt die Promenade geſaͤubert, die Laͤden ſind groͤßtentheils offen, der Bazar legt ſeine Herrlichkeiten zur Schau, noch fehlen aber die Kaͤufer. Denn nur vereinzelt laſſen ſich ſpazierende Gaͤſte ſehen, die Mehrzahl ruht von Av 7 vw dem Bade aus, oder macht ihre Toilette, oder fruhſtuͤckt. Deſſenungeachtet fehlt es nicht an Unterhaltung. Auf der Bruͤcke nach der Vorſtadt wimmelt es von Marktleuten. Durch die Kloſter⸗ allee rollt ein Karren nach dem andern zur Stadt. Durch die engliſchen Anlagen jagt ein Poſtillon nach dem andern, neue Badegaͤſte in ſtaubigen Reiſewagen herzubringend. Im Vor⸗ grunde balgen ſich Hunde in buntem Gemiſch, gaffen die Bauernbuben an den Kupferſtichen, mit welchen der Bilderhaͤndler ſeine Laͤden frei⸗ gebig verziert hat. Zu meiner Rechten in dem Kaffeehauſe uͤbten ſich zarte Haͤnde auf dem Fortepiano. Zu meiner Linken ſchallt aus dem entferntern Schauſpielhauſe des unſterblichen Mozart„Don Juan, der heute Abend an die Reihe kommen ſoll. Unter dieſen Bildern, die⸗ ſen Toͤnen ſchwinden die Viertelſtunden, eine nach der andern dahin, waͤhrend welchen die Lebhaftigkeit des Platzes zunimmt. Nun erſcheinen auch Damen im tiefen Negligé. Die Familien des Mittelſtandes finden ſich ein, gehen lang⸗ Ad 8 AXd ſam hin und her, muſtern neugierig, kaufluſtig die zur Schau geſtellten Waaren, und verlieren ſich in den Anlagen. Um meinem Auge Abwechs⸗ lung zu geſtatten, folge ich ihnen, obſchon die Sonne bereits gewaltig gegen die Colonnade des Converſationshauſes prallt, nähere mich im⸗ mer mehr der jubelnden Opernprobe, biege aber links ein, und rette mich in das Leſekabinett des Buchhandlers, wo in ziemlich elegantem und köſtlich kuͤhlem Lokal deutſche und franzoͤſiſche Blätter und Broſchuͤren zur Koſt des neugieri⸗ gen Geiſtes aufgehaͤuft liegen. Der Geiſt ſpeist langſamer und uͤppiger, als die phyſiſche Ma⸗ ſchine; daher vergehen ein anderthalb Stuͤndchen bald; die Durchſicht von Kupferſtichen, die der zuvorkommend artige Eigenthuͤmer des Inſtituts den Schaubegierigen vorlegt, nimmt eine fernere halbe Stunde hin, der Beſichtigung einiger nicht werthloſen rings aufgehaͤuften Gemaͤlde wird noch ein Viertelſtuͤndchen geweiht, und man ver⸗ laͤßt das Muſeum, ſchenkt dem benachbarten Glaswaarenmagazin einige freundliche Blicke, vv 9 ANN lauſcht ein Paar Minuten an dem Hauſe des Thespis, wird aber von der ungewiſſen Dunkel⸗ heit, die darinnen herrſcht, zuruͤckgeſchreckt, und geht endlich durch neugepflanzte Alleen unter die breiten Kaſtanienbaͤume zuruͤck, um das Ange Mannigfaltigkeit, welche Waarenrepublik! Par⸗ fuͤmeurs und Stiefelmacher, Schnittwaarenhaͤnd⸗ ler und Pfeifenkraͤmer, Regenſchirmfabrikanten und Putzmacherinnen, Bijoutiers und Kinder⸗ ſpielzeugverkaͤufer ſtehen hier in vergnuͤglicher Eintracht neben und gegeneinander. Allein auch dieſe Eintracht iſt nur Schein. Mit argwoͤhni⸗ ſchem und mißguͤnſtigem Ange huͤtet ein Jeder ſeinen Concurrenten, beneidet ſein Gluͤck oder berlaͤchelt ſeinen Verluſt, und auch in dieſen be⸗ ſcheidnen kaufmaͤnniſchen Kreis hat Kabale aller Art ihren Weg gefunden. an Merkur's Schaͤtzen zu vergnuͤgen. Welche Die Zeitungs⸗, Buͤcher⸗ und Waarenſchau hat mich indeſſen ermuͤdet. Ich laſſe mich auf einer Bank vor einer der Buden nieder, und betrachte harmlos die wachſende Menge, die Nd 10 ſich an mir voruͤbertreibt. Junge Elegans in ihren Morgenkleidern, alte Herren in jugendli⸗ chen Gewaͤndern eilen geſchaͤftig auf und nieder, waͤhrend die Frauen kaufend an den Boutiken verkehren. Die intereſſanten Geſpraͤche wechſeln unter den Auf- und Abſpazierenden. Der eine ſchwatzt von Pferden, der zweite von Hunden, Graukoͤpfe von Spiel und Maͤdchen; die Juͤng⸗ linge von Regierungen und Politik. Verkehrte Welt! und dennoch die beſte. Hat doch Alles nur ein Ziel, ſo auch meine Spaziergaͤnger. Die Glocke brummt eilf, alle Uhren fliegen aus den Taſchen, mit wichtigen Mienen ſehen ſich die Beſitzer derſelben an, und als ob ein: Kehrt! kommandirt wuͤrde, drehen ſich Alle in einer Richtung und eilen von dannen.„Wohin gehen dieſe Herren? frage ich einen hoflichen Nach⸗ bar.—„Zum Spiel, mein Herrz» iſt die Ant⸗ wort.„Kaſſe, Croupiers, alles hat ſich ſchon in den Saal begeben, die Pointeurs duͤrfen nicht ſäumen.—„So, ſp. Wo haͤlt man Bank? —„In dem Converſationsſaale.—„Iſt denn AMd AN das Spiel Converſation??—„Sie ſcherzen.» —„Doch nicht ſo ganz. Ich war bisher der Meinung, der Mann ſolle ſtets die Sache be— zeichnen. Warum heißt man das Haus nicht Spiel- ſtatt Converſationshaus?;— Lieber Herr, wir koͤnnen froh ſeyn, daß darinnen ge⸗ ſpielt wird. Im entgegengeſetzten Falle waͤre es fuͤr das Publikum verſchloſſen.“—„Wie ſo? iſt ein Kurſaal oder Converſationshaus nicht oͤffent⸗ lich?—„An andern Orten vielleicht; hier aber nicht ſo eigentlich. Voriges Jahr wurde das Gebaͤude vollendet und eroͤffnet mit Schmaͤu⸗ ſen, mit Baͤllen, mit thés dansans, die von den vornehmſten Badegäſten gegeben, und von ihrer Kaſte ausſchließlich beſucht, von dem Ge⸗ ſammtpublikum durch die Fenſter angeſehen wer⸗ den konnten. War ſolch' ein Feſt vorbei, war auch der Saal geſchloſſen, und der Kuͤnſtler, der darinnen ein Conzert geben wollte, mußte das Lokal mit Gold aufwiegen. Heuer hingegen hat man den Saal gemeinnuͤtzig gemacht, und zu dieſem Behuf drei Spieltiſche darin errichtet. —„Ah! ah! eine wahrlich gemeinnuͤtzige Con⸗ verſationsanſtalt, zu welcher jeder Theilnehmer ein erkleckliches Entreè zu bezahlen hat. Ich danke, lieber Nachbar, fuͤr die Erlaͤuterung, behalte mir's aber vor, den Spielwinkel ein andermal zu betrachten.» Ich entferne mich von dem guͤtigen Beiſitzer, und eile zu einer andern Bank, um von einem nenen Standpunkte die aͤußerſt belebt gewordene Wandelbahn gehoͤrig zu beſchauen. Die Luſt⸗ wandler draͤngen ſich in breiten Reihen durch die Alleen; Geſpraͤch, Geplauder, Geſchnatter, Gekraͤchz von allen Seiten. Geputzte Damen, geſchniegelte Herrchen, ſolide Leute, junge und alte Geſchmacksmuſter und Zerrbilder in wech⸗ ſelndem Gemeng. Sie wuͤrden ſich im Wege ſeyn, in zu lebhaftes Gedränge gerathen, wenn nicht jene Converſation einen wirkſamen Ablei⸗ ter abgaͤbe, denn mit jedem Angenblick kommen neue Equipagen angerollt, und bringen frifche Spazierluſtige in den erſehnten Schatten. Karoſ⸗ ſen mit allen moͤglichen Schnoͤrkeln der Heraldik AN 13 N verziert, Kutſcher, Bediente, Jockeys und Jäger, Roſſe von von allen Racen umlagern die Pro— menade, in der es ſummt und ſchwirrt, wie in einem Bienenſtocke. Da ſchlaͤgt es Zwoͤlfe, und wie die Sonne des Tags, ſo ſteht auch das Geſtirn dieſes herrlichen Luſtplatzes in ſeinem Zenith. Denn der wuͤrdige Koͤnig von B** mit ſeiner erlauchten Gemahlin, umgeben von ſeinen liebenswuͤrdigen Toͤchtern, zur Seite ſeinen an⸗ ſpruchloſen Schwiegerſohn, betritt in Begleitung mehrerer anderer ſchaͤtzbaren Fuͤrſtenfamilien, zu Fuße kommend, ohne Vorreiter- und Lakaien⸗ prunk die Promenade. Einfache Kleidung, lent⸗ ſeliges Betragen, unbefangnes Hingeben in die unter ihm ſtehenden Verhaͤltniſſe zeichnen den geliebten Monarchen aus. Darum fliegen ihm auch alle Herzen entgegen, darum entbloͤßt ſich unwillkuͤhrlich jedes Haupt vor ihm, darum ehrt man ihn, als ob er auf ſeinem Erbe einher⸗ ginge.— Ich war ſo eben beſchaͤftigt, einige pia desideria in meinen Gedanken zu ordnen, waͤhrend der Fuͤrſt vorbeiging, und mit den A 14* Seinigen unter dem Zelt eines geſchmuͤckten Kaufladens Platz nahm. Das Gewuͤhl zerſtreute mich aber dergeſtalt, daß ich die meiſten derſel— ben vergaß, und daher außer Stande bin, ſie in dieſen Blaͤttern niederzulegen. Ich ſchlich da⸗ her an den Bilderladen, betrachtete die Portraͤts einiger ſchlechtgetroffenen Marſchaͤlle Frankreichs, die beſſer gelungenen Bildniſſe der Pariſer Schau⸗ ſpieler, ergoͤtzte mich an den Karrikaturen der Grimaciers, vor welchen lebende Karrikaturen ihr Obſervatorium aufgeſchlagen hatten, und lockte auf dieſe Weiſe die erſte Nachmittags⸗ ſtunde herbei. Nun verließ Alles ſchaarenweiſe den traulichen Sammelplatz, ſogar die Conver⸗ ſation hatte ein Ende, weil der Glockenſchlag: Eins! an die Beduͤrfniſſe des Magens mahnte. Die Equipagen rollten ab, und im Nu war es ſtill und oͤde unter den Kaſtanien. Aus den Buden der Verkaͤufer dampfte die wirthliche Suppe, und ermuͤdet von dem mannigfaltigen Schauſpiele dieſes Morgens ſuchte ich auch einen Platz an einem Tiſchchen der Reſtauration.— MN 15 NN Die Promenade. II. Der Tiſch des Hrn. Reſtaurateurs iſt deli⸗ kat, man muß es bekennen. Der Keller geht mit ſeiner Kuͤche einen parallelen Schritt. Von det ſchnellen Bedienung, und ihrer eleganten Reinlichkeit war ich erbaut; von dem Preiſe hingegen nicht ſo ganz, denn er war uͤbertrie⸗ ben. Wie kann es aber auch wohl anders ſeyn? Iſt der Paͤchter des Ganzen nicht ein Fremder? Hat er als ſolcher nicht das Recht, ſeinen deut⸗ ſchen Nachbarn das Fell ein bischen uͤber die Ohren zu ziehen, weil er Franzoͤſiſch ſpricht, und wir keine Induſtrie haben? Es beweist in der That eine ſchlechte, wenn ſich kein Landes⸗ kind zur Uebernahme eines ſolchen Etabliſſements findet, und die Behoͤrde den fetten Biſſen ohne weiters einer fremden Schmarozerpflanze uͤber⸗ laſſen muß. Denn ich will nicht glauben, daß eine deutſche Behoͤrde auf Koſten und wider Willen ihrer deutſchen Mitbuͤrger einen Frem⸗ 16% den beguͤnſtige. Uebrigens beweist Letzterer eine lobenswerthe Unpartheilichkeit. Er ſkalpirt naͤm⸗ lich ſeine Landsleute mit demſelben Meſſer, das deutſche, engliſche und ruſſiſche Koͤpfe in An⸗ ſpruch nimmt.— Mein Zweck war indeſſen er⸗ fuͤllt; ich hatte eine kleine lukulliſche Mahlzeit gehalten, und mich nicht von der Promenade entfernt, der ich den heutigen Tag ausſchließ⸗ lich zugedacht. Der Herr des Hauſes, der den Segen ſeiner Wirthſchaft in ſeinem Embonpoint vor ſich hertraͤgt, ſcheukte mir nun die Ehre ſeiner Aufmerkſamkeit, ließ ſich an meiner Seite nieder, und lamentirte mir von den ſchlechten Zeiten vor, die ich leider weder aus den Rubi⸗ nen ſeines Geſichts zu leſen, noch aus dem Klimpern der großen Thaler, mit welchen ſeine Hände in den Beinkleidertaſchen ihr Weſen trie⸗ ben, zu errathen im Stande war. Er theilte mir mit, daß die Zahl der Gaͤſte gegen vorige Jahre gewaltig abnehme, daß die Oekonomie allenthalben graſſire, daß endlich das edle Spiel dergeſtalt in Verfall gerathe, wie noch nie un⸗ 17* ter geſitteten Voͤlkern geſchehen ſey. Das Erſtere konnte ich nicht widerlegen, das Zweite nur bil⸗ ligen, und vollends in dem Dritten ſah ich keines von den uͤbelſten Zeichen der Zeit. Ich lernte indeſſen bald den Beweggrund obiger Klage ken⸗ nen. Der gute Mann iſt ſelbſt der Unternehmer des Spiels, und muß eine ſehr bedeutende Ab⸗ gabe dafuͤr erlegen. Nun entſchuldigte ich frei⸗ lich ſein Leid, konnte es aber durchaus nicht theilen. Um dem Geſpraͤch eine andere Wendung zu geben, ließ ich mir Kaffee reichen, und ſetzte mich, ihn zu genießen, vor das Haus, das be⸗ reits einen langen Schatten warf. Ein Menſch in griechiſcher Kleidung, auf zwanzig Schritte von Roſenoͤl duftend, ſeines Zeichens ein Par⸗ fuͤmerie⸗ und Schnurrpfeifereihaͤndler, nahm, ein kleines allerliebſtes Maͤdchen an der Seite, un⸗ fern von mir ſeinen Platz. Er wechſelte mit mir einige franzöſiſche und italieniſche Worte, pries mir ſeine Oele, ſeine Eſſenzen, wollte mir durchaus von ſeinem Roſenextrakt aufdringen. Ich verwies ihn an meine weißen Haare, an Moosroſen I. 2 vN 18 N meine ſchlichte Kleidung, und rieth ihm, die Jugend mit ſeinen Wohlgeruͤchen zu verſorgen. —„Wozu? fragte mich hierauf der Menſch mit ſchnippiſchem Naſenruͤmpfen, und krabbelte an ſeinem Schnurrbart. Wiſſen Sie denn nicht, mein Herr, daß die Jugend die Roſen ſelbſt pfluͤckt, mit ihrem friſcheſten Balſamgeruch? Dem Alter nur gehoͤrt die Erinnerung an ver⸗ gangene Bluͤthenzeit!!— Hatte der Spitzbube nicht Recht? Ich konnte nichts darauf antwor⸗ ten, kaufte aber doch nichts von ſeiner duften⸗ den Erinnerungseſſenz. Griechenland hat der Signor Tagan wohl ſchwerlich je geſehen, aber die Nachkommen der Pericles und Alcibiades wuͤrden ihn ohne Bedenken zu den Ihrigen zaͤh⸗ len, ſolch' eine unbefangene Laune von Spitz⸗ buͤberei, Gewandtheit, Spekulation und Sinn⸗ lichkeit gemiſcht, belebte ſeine Zuͤge. Ich hatte Gelegenheit, in der Folge zum oͤftern ſeine Hand⸗ lungsweiſe zu beobachten. Das Kind, welches das ſeinige hieß, und ein completer Zier⸗Affe war, wurde von ihm als Magnet gebraucht, Mv 19 NN das Publikum, beſonders das weibliche, anzu⸗ ziehen. Das Koſtuͤm that bei Vielen auch das Seinige, das luͤſterne, verlebte Geſicht verfehlte bei gewiſſen Einzelnen ebenfalls ſeine Wirkung nicht. Sein Bagatellenkram war beinahe immer von Kaufluſtigen umringt, oͤfters ganz geleert, aber die Paſten des Serails, die egyptiſche Roſeneſſenz u. ſ. w. nahmen doch kein Ende. Der Pſendo⸗Grieche, der ſeine Leute kannte, gleich einem aͤchten, fuͤllte ſeine Buͤchſen und Schach⸗ teln mit, in den naͤchſten Buden aufgekauften Kleinigkeiten, beſprengte oder miſchte ſie mit einem wohlriechenden Waſſer, und die Glaͤubigen nahmen ihm fuͤr Dukaten ab, was ihm nur Groſchen gekoſtet hatte, und ſtritten ſich um die geringfuͤgigen Waaren, als ob ſie gerade direet aus der Levante in Livorno oder Marſeille an⸗ gekommen waͤren. Doch, es ſchlaͤgt Drei, und die bisher ziem⸗ lich einſame Promenade fuͤllt ſich auf's Neue. Laͤngs dem Converſationshauſe hin, in dem brei⸗ ten Schatten auf eleganten Tabouretten, neben elegantern Marmortiſchen ſitzend, bruͤſtet ſich ein allerliebſter Blumenflor der ſchoͤnſten und ge⸗ putzteſten Damen. Unter mannichfachem Koſen, Scherzen und Schwatzen werden Erfriſchungen eingenommen. Waͤhrend Orangenbluͤthen, Him⸗ beerenſaft und Eis den Gaumen kuͤhlen, ertoͤnen, das Ohr zu kitzeln, Weber's Zaubermelodieen, Roſſini's Semper idem's, recht artig ausgefuͤhrt von einer Geſellſchaft reiſender Muſiker, die ſich den Sommer uͤber im Bade aufhalten, und auf der Promenade alle Nachmittage von drei bis fuͤnf Uhr zur Ergoͤtzlichkeit der Anweſenden froh⸗ nen muͤſſen. Man laͤchle nicht uͤber den Aus⸗ druck. Er verſteht ſich buchſtäblich. Die armen Jungen Euterpe's bezahlen mit dieſer Frohnar⸗ beit die Erlaubniß, ſich im Bade aufhalten und zuſehen zu duͤrfen, wo etwa ein Verdienſt fuͤr ſie abfaͤllt. Es iſt ihnen verboten, fuͤr dieſen Ohrenſchmaus etwas von den Zuhoͤrern zu ver— langen, und das iſt ſehr recht. Die Gaͤſte kom⸗ men gerade von der Tafel, wo ſie ohnehin Muſik zu bezahlen hatten. Von freien Stuͤcken dN 21 AN gibt aber das Publikum den Muſikern Nichts, und wenn das auch gerade nicht ſehr recht iſt, ſo iſt es doch einmal gebraͤuchlich. Folglich er⸗ halten ſie fuͤr die zwei geopferten Stunden Nichts, bezahlen dadurch ihren Miri, und die Behoͤrde hat das Geheimniß gefunden, das Ver⸗ gnuͤgen der Gaͤſte auf die uneigennuͤtzigſte Weiſe befoͤrdert zu ſehen. Eigennuͤtziger iſt ſchon der junge Thor, im Coſtuͤm eines Mamelucken, der mit einer derben Kurierpeitſche bewaffnet die Allee heraufſpringt, ſich an den Stufen des Pro⸗ menadehauſes auf einem Beine dreht, mit ſeiner Peitſche knallt, und mit einemmale davonlaͤuft, als ob ein Tiger auf ſeinen Ferſen ſaͤße.„Wer iſt das?» frage ich meinen Nachbar zur Rech⸗ ten.«Je n'en sais rien;» antwortet der Faquin, (uͤbrigens ein ehrlicher Deutſcher) und blaͤst mir eine Wolke Havannah⸗Dampf unter die Naſe. „Darf ich fragen... 7v begann ich zu meinem Nachbar Links, und bedaure die Frage im Augen⸗ blick, da ich bemerken muß, daß ich an einen grauaͤugigen, ſtark benasten und maulaufſper⸗ —„Gleichviel. Der junge Menſch muß auch NN 22 b renden Schotten gerathen bin, der nicht geeig⸗ net iſt, viel Vorurtheil fuͤr die Landsleute des genialen Walter Scott einzufloͤßen. Er ſchweigt, oder beſinnt ſich auf eine Thorheit, als eine redſelige Dame, ſchon bejahrt, ſtark geſchminkt, mein vis-Avis mir aus dem Traume hilft.„Der junge Menſch iſt ein Schnelllaͤufer, berichtet ſie mich, ader ſchon geſtern ſeine Kunſt produzirt hat, und heute eine Strecke von einer Stunde hin und her in 35 Minuten zuruͤcklegen wird.» Indem ich der Gefaͤlligen danken will, häͤlt mir auf einmal ein Menſch im blauen Ueberrocke eine blecherne Buͤchſe vor, ungefaͤhr wie ein Straßenraͤuber einem ehrlichen Manne die Pi⸗ ſtole auf die Bruſt ſetzen wuͤrde. Ich ſehe ihn fragend an.„Fuͤr den Schnelllaͤufer,„ perorirt er mit einer Stentorsſtimme.—„Wo laͤuft er? —„In der Allee nach dem Kloſter.—„Ganz gut; ich ſehe ihn aber nicht laufen.—„Gleich⸗ viel. Sie werden ihn doch unterſtuͤtzen.— „Wenn ich aber nicht Zenge ſeiner Kunſt bin? 23 AN leben.— Dieſes Argument ſchlug mich aus dem Felde. Ich beſann mich nicht gleich auf die liebenswuͤrdige Antwort, die vor Zeiten ein franzoſiſcher Miniſter einem ſollizitirenden In⸗ validen gab, und griff daher in die Taſche. Mein Nachbar, der Faquin, verſchanzt ſich hin⸗ ter Bollwerken von Tabaksqualm, in dem der hektiſche Sammler nicht ausdauern kann; der Schotte wirft ihm einen Blick zu, der ihm be⸗ greiflich macht, daß von dem Inſelbewohner Alles, nur kein Geld zu erhalten ſeyn duͤrfte. Die Dame endlich, die, wie ich bemerke, zu keinem meiner Geſellſchafter gehoͤrt, hat keine Scheide⸗ muͤnze bei ſich, und muß zu meiner Bereitwil⸗ ligkeit ihre Zuflucht nehmen. Der Schnelllaͤufer macht uͤberhaupt keine brillanten Geſchaͤfte. Eine brodloſe Kunſt; ein ſeltſamer Kuͤnſtler, den jener Koͤnig von Macedonien, der mit ſeinen Linſen ſo freigebig war, gewiß nur mit einer neuen Kurierpeitſche vergnuͤgen wuͤrde. Denn nur das Schnellſeyn gilt heut zu Tage; das Laufen iſt nicht mehr Mode. Die Laufer ſind A 24 NN reduzirt, weil Alles eilt, ohne die Fuͤße zu er⸗ muͤden. Unſre Poſtklepper ſind rontinirt, ihre Fuͤhrer haben Peitſchen; die Eilwagen durch⸗ ſtuͤrmen den Continent, die Dampfſchiffe durch⸗ fliegen den Moͤven zum Trotz die hohe See, Telegraphen ſchreiben alles Denkwuͤrdige ein⸗ ander durch die Luͤfte zu, die Taubenpoſt wird obendrein auf's Neue eingerichtet, wahrſcheinlich von Aleppo nach Bruͤſſel eine Station, von da aus hoͤchſtens zweie nach Mexiko bilden. Wozu alſo noch Laͤufer? Sie ſind unnütze Moͤbeln. Sogar bei Herren, wo Gelenkigkeit und flinke Glieder geſchaͤtzt werden, iſt das Schnelllaufen ſo eine Sache. Lief man lange vorwaͤrts, ſo kann man mit einemmale die Grille bekommen, auch einmal zuruͤck zu laufen, und hat gleich in fruͤhern Zeiten Mancher durch das Letztere ſein Gluͤck, wenigſtens ſeine Haut ſalvirt, ſo faͤllt das doch heutzutage, wo alle Soldaten der Welt Helden geworden ſind, wie billig weg.— Wer kuͤmmert vollends hier im Bade ſich um den ſeltſamen Fußvirtuoſen? Etwa jener Kaufmann, der nach einem unbedeutenden Handelsungluͤck ſeinen Glaͤubigern davongelaufen iſt, um ſich im Bade mit ſeiner hagern Gattin zu zerſtreuen von dem Schwall verdruͤßlicher Geſchaͤfte? Oder jener Domherr, der, ein Gegenſtuͤck zu dem ſub⸗ trahirenden Kaufmann, wegen einer verdruͤßli⸗ lichen Multiplication ſeine Heimath auf einige Zeit zu verlaſſen fuͤr gut fand? Oder dieſe Dame, die, dem ehrlichen Joche fuͤr einige Wochen ent⸗ laufen, dort am Arme ihres Hausfreundes luſt⸗ wandelt? oder jenes Maͤdchen, die das elter⸗ liche Haus vor Kurzem mit einem Verfuͤhrer verließ, um nie mehr dahin zuruͤckzukehren; oder dieſer Hofſchauſpieler, der ſich in das Badege⸗ wuͤhl ſtuͤrzte, um nicht Zeuge der Triumphe eines neuangeſtellten Nebenbuhlers ſeyn zu muͤſſen, oder jener Wucherer, der, einem ſpaßhaften Schuld⸗ ner nachſetzend, von ſeinem Geldkaſten Urlaub nahm, um hier mit taͤglich laͤnger werdender Naſe einer falſchen Faͤhrte nachzuſpuͤren? Behuͤte Gott! Alle dieſe Herren und Damen wiſſen recht gut, was Laufen heißt, und zu was es gut iſt. Aber ſie laufen anſtaͤndig auf Pferden in eignen und Poſtkutſchen, und beachten wenig den Fuß⸗ laufenden, der in dem Staub ihrer Raͤder er⸗ ſtickt. Wie aus einem ſichern Hafen in die ſtuͤrmi⸗ ſche See, alſo ſehen die gluͤcklichen Promenade⸗ gaͤſte von ihren Marmortiſchen hinaus in die Anlagen, wo ſich Wolken von Sand und Staub thuͤrmen, denn um dieſe Stunde,— die fuͤnfte des Nachmittags— fahren viele Equipagen aus in das Weite, und da ihre Beſitzer von der Zahl der Spaziergaͤſte abgezogen werden muͤſſen, ſo folgt daraus, daß die auf einen Punkt Conzentrirten ſich verringern muͤſſen. Nun beleben ſich die engen verſchlungnen Pfade in den engliſchen Anlagen, nun erſteigt man die Anhoͤhe, auf welcher ein in ruſtiker Manier er⸗ bautes Haͤuschen eine zauberiſche Ausſicht auf Schloß, Staͤdtchen, Gebirg und Thal gewährt. In dem großen Saale des Converſationshauſes dreht indeſſen der Zufall die Ronlette, miſcht das Gluck die Karten, ſtreut der blinde Plutus An 27 Ad ſeine Schaͤtze aus. Ich will aber weder Karten miſchen, noch das zackige Rad drehen ſehen, und wandle, um ja nicht die Grenzen zu uͤber⸗ ſchreiten, unter meinen Kaſtanienbaͤumen auf und ab. Alle Baͤnke ſind beſetzt, von alten Leuten meines Schlages. In allen Buden wird gemeſ⸗ ſen, gewogen, geſchnitten, gelobt, getadelt, gefeilſcht und zugeſchlagen. Einzelne Gruppen gehen hinter mir, vor mir und zu meiner Seite dieſelbe Straße, die ich wandle. Hier filzt ein langer Menſch von uͤblem Ausſehen einen ver⸗ druͤßlich und blank vom gruͤnen Tiſch kommen⸗ den Spieler aus, daß er die koſtbare vorge⸗ ſchriebne Martingale nicht gehalten. Dort zerrt ein gluͤcklicher Spieler ſeine Freunde zu einer Flaſche Champagner. Zu meiner Linken geht ein liebenswuͤrdiges Paar, das,— leſe ich recht in den eifrigen Geberden des Juͤnglings und in der verſchaͤmten Miene des Maͤdchens, eine Herzensſache verhandelt. Zu meiner Rechten, hinter jenem Baume, verkehrt ein alter Bon⸗ vivant mit einer luͤſternen Putzmacherin in AN 28— unſaubern Geſpraͤchen. Eine Gruppe ehrlicher Landleute in unbeſchreiblich langen Zipfelmuͤtzen, hält, vergnuͤgt ihr Pfeifchen ſchmauchend, die Mitte der Allee. Fliegende Truppen, aus plap⸗ pernden Mädchen, faſelnden Modeherren und jungthuenden Matronen beſtehend, ſchwaͤrmen auf und ab, bekritteln bald den altvaͤteriſchen Zupf eines Amtmanns, bald die uͤbertrieben modiſche Kleidung der Baronin, den Gang der Einen, die Haltung einer Andern, lachen ſich halb todt uͤber die Naſe jenes Kraͤmers, uͤber den breiten Mund dieſer Jüdin, verſpotten die Fuͤlle des dicken Sempronins, die unſcheinbare Figur der diaphanen Titia, das graue Roͤcklein meiner Wenigkeit. Vor dreißig Jahren haͤtte ich Feuer und Flamme geſpieen ob ſolcher Unbilden; jetzt gehe ich den Thoren aus dem Wege, verſchlen⸗ dre harmlos ein Paar Stunden, forſche hier⸗ hin, dorthin, belaure dieſes und jenes, und die achte Stunde koͤmmt heran, ehe ich mich's ver⸗ ſehe. Die Wagen, die Reiter kehren geraͤuſch⸗ voll von ihren Ausfluͤgen zuruck, die Fußgange AN 29 A* verlieren ſich allgemach in die Stadt, an die gaſtlichen Wirthstafeln ſich zu lagern. Ich verzehre in der herrlichen Kuͤhle mein Beefsteak aux fines herbes, und ſehe zu, wie ein Kraͤmer nach dem Andern ſchließt, wie es immer ſtiller, immer heimlicher wird. Waͤhrend ich zur Be⸗ ſeitigung einer Verkaältung mit einem Glaſe Punſch mein frugales Mahl beſchließe, koͤmmt die Zeit heran, in welcher die Promenade noch einen Anſchein von Lebendigkeit gewinnt. Doch iſts nur Schein. Das Schauſpiel iſt allzu fade, ein duͤnner Menſchenbach rieſelt aus dem Ge⸗ baͤude durch die Allee nach der Stadt.; bald darauf folgen im Geſchwindſchritt die hungri⸗ gen Kuͤnſtler, das trinkluſtige ſubordinirte Per⸗ ſonal der Buͤhne. Es ſchlaͤgt neun Uhr; Chri⸗ ſtian ſteht vor mir mit dem Verlangten. Ich wickle mich in den Roquelaure, ziehe die Muͤtze uͤber die Ohren, und trete von dem Schauplatz ab, der mich den Tag hindurch beluſtigte, um ihn einem andern Publikum, das ich nicht liebe.. Spielern und Phrynen, nebſt ihrem AN 30 N Gefolge— zu uͤberlaſſen, bis der Seiger Mit⸗ ternacht verkuͤndet. Der Offizier und ſein Hund. Ich ſaß einſam auf meinem Stuͤbchen und durchblaͤtterte Zeitungen, als nach kaum hoͤrba⸗ rem Klopfen ſich meine Thuͤre leiſe oͤffnete und ein braunes, baͤrtiges Geſicht in's Zimmer blickte. Dem Geſicht folgte bald die ganze Geſtalt. Ein Mann mittler Statur, mit ungeheuerm Schnurr⸗ und Backenbart, in eine Art von Pekeſche ge⸗ huͤllt, ſtellte ſich nun mit nachlaͤſſiger Verbeu— gung vor. Der Beſuch kam mir nnerwartet, allein ich hatte nicht lange nach ſeinem Zweck zu fragen, denn der Fremde begann ohne Wei⸗ teres ſeinen Spruch mit einer Gelaͤufigkeit, die mich in Erſtaunen ſetzte. Ich habe gehoͤrt,„ hob der Mann in der Pekeſche an, adaß ein ehemaliger Kriegsmann, der durch ſeine Ver⸗ Nd 31 AN dienſte keinen unbedeutenden Grad in der mili⸗ taͤriſchen Hierarchie erlangt hat, hier angekom⸗ men ſey, und dieſes Haus bewohne.“— Ich wies ihm mit ziemlich verlegner Miene einen Stuhl, den er alſobald in Beſitz nahm, und mit obiger Volubilitat fortfuhr: Ueberzeugt, daß Sie, mein Herr, mit der Unbeſtaͤndigkeit des Gluͤcks vertraut geworden ſind, als es wohl jeder Soldat wird, bin ich ſo frei, Sie zur Theilnahme an dem Schickſal eines alten Krie⸗ gers aufzufordern, dem ſtatt nicht unverdienter Lorbeeren nur unverſchuldete Neſſeln zum Kranz gewunden wurden.„ „Der Neſſelbekraͤnzten gibt es Viele, er⸗ wiederte ich.„Von wem ſprechen Sie aber eigentlich, mein Herr?* Von mir ſelbſt;? antwortete der Fremde unbefangen. Ich bin ein Opfer des Schickſals, an dem mein Muth erlahmte, dem ich mit dem Degen in der Fauſt nur voruͤbergehende Gunſt⸗ bezengungen abzudringen vermochte.— Ja,» ſetzte er weicher hinzu,— adas Geſchick hat mich 32 bezwungen; ich ſtand ihm in fuͤnfzig Schlachten, aber hier hat es mich niedergedruͤckt. Ich mußt' mich ihm beugen, und in der Bruſt edler Waffenbruͤder, ſie moͤgen unter meinem vater⸗ laͤndiſchen Paniere oder unter einem fremden geſtritten haben... Erſatz fuͤr ſeine Ungerech⸗ tigkeit ſuchen. Nichts bewegt mich ſchneller als der Schmerz auf einem maͤnnlichen Antlitz; ich ruͤckte daher dem Gebeugten naͤher, und horchte mit geſpann⸗ ter Aufmerkſamkeit. Kaum bedarf es einer Erwaͤhnung, ſprach derſelbe,„daß ich unter den Feldzeichen eines geſtuͤrzten großen Mannes erzogen wurde, daß ich dieſen Siegesfahnen mit Eifer folgte. Meine Ausſprache, meine Haltung, mein Orden endlich.... der große Mann befe⸗ ſtigte ihn eigenhaͤndig auf dem Schlachtfelde in meinem Knopfloch.... beweiſen es zur Genuͤge. Was hilft aber eine ehrenvolle Laufbahn im Drang gewaltiger Umſtaͤnde? Der Koloß des Jahrhunderts iſt nicht mehr, unſre Zeit iſt die, ſchmerzlicher Erinnerungen. Mein treues Aus⸗ A 33 N harren wurde uͤbel belohnt; in meiner Perſon ein wackrer Vaterlandsfreund mehr von ſeinem heimathlichen Heerde geſtoßen. Keapel, Piemont, Spanien ſahen mich nach der Reihe unter den Fahnen der gerechten Sache fechten... Ame⸗ rika haͤtte einen zweiten Bolivar oder Washing⸗ ton in mir erobert. Die undankbare Columbia verſchmaͤhte meine Antraͤge, und mein Unſtern fuͤhrte mich nach dem Land der Pyramiden, wo ein ſtaatskluger Statthalter des ottomaniſchen Reichs bereits mehrere meiner Landsleute auf⸗ genommen hatte. Ich war Ibrahim's Vertrau⸗ ter, der Erſte, der einen Funken der Aufklaͤrung unter die afrikaniſchen Milizen warf, und wäre nimmer von des Vicekoͤnigs Seite gekommen, haͤtte er nicht den Entſchluß gefaßt, Morea zu unterjochen. Ich hatte vor Allen hievon Kunde, und mein Gemuͤth ertrug den Gedanken nicht, gegen ein freiheitliebendes, ſeine Rechte behaup⸗ tendes Volk die Waffen fuͤhren zu ſollen. Ich verließ alſobald die Dienſte des Statthalters von Eghpten, und, nicht geneigt, nach dem Movosroſen I. 3 34 Beiſpiel einiger Waffengefaͤhrten mein Heil bei dem Thronerben von Perſien zu verſuchen, kehrte ich nach Europa zuruͤck. Meine erſparte, nicht unbetraͤchtliche Habe ſollte meine Erxiſtenz in einer Gegend der Schweiz oder der oͤſterreichi⸗ chen Monarchie ſichern, allein der Himmel hatte es anders beſchloſſen. Die Felucke, auf der ich heimwaͤrts ſegelte, gerieth in Brand.... mit genauer Noth rettete ich das nackte Leben in einem Boote; mein Vermoͤgen ging aber gaͤnz⸗ lich zu Grunde. Ich nahm freilich meine Zu⸗ flucht zu einem kleinen Capital, das ich vor einigen Jahren in guͤltigen Wechſeln und Obli⸗ gationen den Haͤnden eines Freundes anver⸗ traut hatte, und kam damit auf die vergangene Frankfurter Meſſe. Beim Herausgehen aus dem Schauſpielhauſe ſtiehlt mir aber ein Spitzbube die Brieftaſche aus meinem Kleide, und macht ſich mit ſeinem Raub davon. Meine letzte Hoff⸗ nung war nun ein treuer Freund, der ſich in hieſigem Bade aufhalten ſollte, und von dem ich jede Huͤlfe erwarten durfte. Mit der mog⸗ 35 lichſten Aufopferung reiſe ich hieher..... finde aber den Retter nicht, ſondern erfahre, daß er an der Graͤnze von Rußland ſich aufhaͤlt. Nun bin ich.... wie hart es mir auch faͤllt, es zu geſtehen.... in einer ganz verzweifelten Lage, in der mir nichts Anderes uͤbrig bleiben wird, als eine Kugel vor den Kopf, finde ich nicht einen Biedermann, der mir aus meiner Verle⸗ genheit im hieſigen Orte hilft, und Mittel an die Hand gibt, jene Reiſe bis an die ruſſiſche Graͤnze antreten zu koͤnnen. Ihre weißen Haare, mein Herr, haben mir geſtern, als ich Sie auf der Promenade an mir voruͤbergehen ſah, Ver⸗ trauen eingefloͤßt, und mir den Muth gemacht, Ihnen ein Geſtaͤndniß zu thun, das einem Sol⸗ daten, wie Sie fuͤhlen, ungemein ſchwer faͤllt, und hoͤchſtens einmal im Leben von ihm gewagt wird.» Hier ſchwieg er einige Angenblicke, und ſah duͤſter gegen den Boden. Ich haͤtte ja kein Menſch, kein alter Degenknopf, kein Vertrauter der Umſtaͤnde ſeyn muͤſſen, häͤtte dieſe kurze, N 36 v freimuͤthige, nicht ohne Selbſtgefuͤhl gegebene Darſtellung ſeines Mißgeſchicks mich nicht em⸗ pfaͤnglich fuͤr ſein Anliegen gemacht. Als ich nun aber bei mir ſelbſt uͤberlegte, auf welche Weiſe ich dem Vertrauen des Ungluͤcklichen am Genuͤgendſten wuͤrde entſprechen koͤnnen, fuhr er fort: „Nicht um meinetwillen allein habe ich den ſauern Schritt gethanz... vor einer Batterie haͤtte mir das Herz nicht ſo geklopft.... allein um eines treuen Freundes willen, der mich ſeit langen Jahren nicht verließ, und nun— alt und ſchwach geworden— von mir allein ſeinen Unterhalt erwarten darf. Sehen Sie hier,« ſprach er, einen Hund, den ich bisher nicht bemerkt hatte, unter ſeinem Seſſel hervorrufend, eſehen Sie hier meinen guten Lavaleur, den unermuͤdeten Gefaͤhrten all meiner Muͤhſeligkei⸗ ten. Der Pudel iſt nicht ſchoͤn, die rechte Vor⸗ derpfote durch einen ungluͤcklichen Schuß ver— ſtuͤmmelt und hinkenb. Allein ein treueres Gemuͤth giebt es nicht. Sie haben gewiß in Paſſicvurt's Nd 57 Ad Denkwuͤrdigkeiten von dem ſogenannten Batail⸗ lonshund geleſen? Er ſteht vor Ihnen. Wenn ich mich recht entſinne, ſo war von ſeinem Tode die Rede, allein das Geruͤcht iſt falſch. In Rußlands Steppen ging mein Regiment zu Grunde. Lavaleur, der ſich gerade zu demſel⸗ ben hielt, ſchloß ſich an mich an, und hlieb,— ſeine bisherige Flatterhaftigkeit vergeſſend, mir tren und hold. Unverzagt folgte er mir in das Leipziger Blutfeld, ſtand in den Gefechten von Champ⸗aubert und Montmirail mir zur Seite, ſchwamm nach Elba und zuruͤck, wurde mit mir zugleich bei Waterloo verwundet, und wich, durch meine Sorgfalt geheilt, nimmer von mir. Piemont, Neapel, Spanien durchhinkte er auf meiner Faͤhrte, unter dem gluͤhenden Himmel Egyptens war ſeine Treue dieſelbe. Geſtern theilte er mit mir mein letztes Stuͤck Brod. Ihn hungern zu ſehen, ſchneidet mir durch's Herz, denn, wenn ich auch fuͤr mich als letzte Weg⸗ zehrung eine Kugel haͤtte, nimmermehr koͤnnte ich mich entſchließen, den wackern Pudel vor⸗ Nd 38 anzuſenden, den der Tod tauſendmal verſchont hat; und der, ginge ich allein hinuͤber, auf meinem Grabe verhungern wuͤrde, da er von keinem Menſchen Nahrung annimmt, als von mir. Unſer einziger Troſt iſt das Kesmet der Mahomedaner, der Glaube an eine unausweich⸗ bare Vorausbeſtimmung.« Der Offizier ſtreichelte den Hund, der freund⸗ lich und zutraulich zu ihm aufſah, und die ge⸗ lähmte Pfote hob, um ſein Gewand ſchmeichelnd zu beruͤhren. Dieſes Bild mahnte mich, wie dringend es ſey, hier zu helfen. Und ich that, was meine Verhaͤltniſſe erlaubten. Dem Krieger ſtanden die hellen Thraͤnen in den Augen. Er druckte meine Hand.«Ich danke Ihnen fuͤr das Darlehen,« ſprach er;»Lavaleur wird Brod haben, ich werde, an Entbehrungen gewoͤhnt, meinen Freund erreichen. Von dort aus ſende ich Ihnen zuruͤck, was Sie mir großmuͤthig vorſtrecken. Als Unterpfand nehmen Sie dieß, das einem Soldaten theurer als das Leben iſt.« Er wollte ſein Ordenskrenz losmachen, und d 39 n mir aufdringen. Daß er dieſes Ehrenzeichen mir als Pfand ausliefern wollte, war ein Be⸗ weis ſeiner Gewiſſenhaftigkeit, daß ich es jedoch nicht annahm, war nur meine Pflicht. Ich wuͤnſchte ihm gluͤckliche Reiſe, und wir ſchieden, Lavaleur, ſein Herr und ich, wie es ſchien, nicht unzufrieden von einander. Am nächſten Morgen wandelte ich in der ſchoͤnen Allee, die nach dem Kloſter fuͤhrt, auf und nieder. Ploͤtzlich erblickte ich von ferne unter den Spaziergaͤngern meinen Beſuch von geſtern. Ich war erfreut, mit dem Manne wie⸗ der zuſammenzutreffen, obſchon ich ihn bereits auf der Reiſe geglaubt haͤtte. Ich winkte ihm zu, und hoffte, eine Stunde im Geſpraͤch mit dem Weitgereisten verp'audern zu koͤnnen. Er naͤherte ſich mir auch; ich glaubte indeſſen zu bemerken, es muͤſſe ihn irgend etwas verſtimmt haben, denn es lag eine gewiſſe Verlegenheit auf ſeinem Geſichte.—„Sie ſind noch hier?« fragte ich ihn freundlich. Ich dachte Sie ſchon weit von mir.«— Er ſprach von Verhaͤltniſſen, d 40 Umſtänden u. ſ. w.—„Wo iſt denn der gute Lavaleur?« fuhr ich fort, vergebens nach dem Pudel umſchauend.„Er iſt krank,« erwiederte ſein Herr, eich ließ ihn zu Hauſe.«— Ich bedauerte ſehr, allein mit einemmale brach der Fremde das Geſpraͤch ab, und empfahl ſich, als der liebenswuͤrdige Huſarenmajor von W. her⸗ angekommen war, auf eine etwas bruͤske Weiſe. Kaum aber war er einige Minuten entfernt, als der Major, der ihm nachgeſehen hatte, ſich zu mir wendete.„Kennen Sie den auch, lieber Eremit?« fragte er mit veraͤchtlichem Spott.— Ich bejahte.—„Haͤtte er Sie ebenfalls gebrand⸗ ſchatzt?« fuhr er im ſelben Tone fort.— Ich wollte ausweichend antworten, allein auf mei⸗ nem Geſichte— mochte er die Wahrheit leſen, denn er ſchlug ein helles Gelaͤchter auf, und trieb tauſend Tollheiten. Ich mußte lange um Erklaͤrung bitten, bis es ihm endlich gefiel, mir dieſelbe zu geben.—„Sie haben mit einem Abenteurer zu thun gehabt,« verſetzte er endlich, ader ſchon ſeit einigen Wochen im Bade herum⸗ 41 ſchleicht, und allen wackern Soldaten, die ſich hier aufhalten, auf die ruͤhrendſte Weiſe den Beutel gefegt hat.—„Der Ausdruck iſt hart, Herr Major,« aͤußerte ich, etwas empfindlich. —„Hart, aber gerecht,« erwiederte er.—„Daß der Menſch das Port d'épce trug, iſt wohl nicht zu bezweifeln, ob es aber mit ſeinem Orden, mit Ibrahim's Gnade, mit der reichbeladnen und verbrannten Felucke ſeine Richtigkeit hat, weiß ich nicht. Vor Zeiten trieben ſich ſogenannte genueſiſche, modeneſiſche, parmeſaniſche und ſar⸗ diniſche Hauptleute in den Bädern herum, und prellten die Leute; heutzutage ſind die Pſendv⸗ Conſtitutions⸗Maͤrtyrer an die Reihe gekommen. Der Herr in der Pekeſche iſt ein ſolcher. Troͤ⸗ ſten Sie ſich indeſſen, mein lieber Eremit. Sie ſind nicht der Einzige, den er hinter's Licht ge— fuͤhrt hat. Die hohen Herrſchaften, die Gene⸗ rale und Staabsoffiziere in ihrem Gefolge, die militaͤriſchen Badegaͤſte, Ihr Freund ſelber und meine Wenigkeit theilen Ihr Schickſal. Alle hat er gepluͤndert, und was man leider, wie immer, d 42 n zu ſpät erfuhr, ihre Gaben am Zech— und Spicl⸗ tiſch oder in den Armen gemeiner Hetären ver— geudet. Erſt geſtern hat man dem Trunknen, der in einem der erſten Gaſthaͤuſer ſeine Wohl⸗ thaͤter und ihre Fuͤrſten ſchmaͤhte, und auf Ko⸗ ſten der Letzteren ſeinen ehemaligen Feldherrn in die Wolken erhob, der ſich im Grabe um— drehen wuͤrde, wuͤßte er, wie ſein ſogenannter Zoͤgling ſeinen Namen beſudelt,.. mit Nach⸗ druck die Thuͤre gewieſen. Er muͤßte die Stadt raͤumen, wenn es nicht ein Jeder der von ihm Betrogenen unter ſeiner Wuͤrde hielte, der Po⸗ lizei ein Woͤrtchen von ſeiner Induſtrie in die Ohren zu ſagen.. Wir waren unter dieſem Geſpraͤch in die Stadt zuruͤckgekehrt, da gewahre ich den Pudel des beſagten Ibrahimiſten, ruhig auf der Schwelle eines kleinen Wirthshauſes liegend. Hätte ich doch nimmer geglaubt,« ſage ich, adaß der arme Lavaleur einem ſolchen Herrn gehoͤre.“—„Wer iſt Lavaleur,« fraͤgt der Major. —„Kennen Sie den chien de bataillon nicht?« — Leider nein..—„Dort, jener Pudel iſt d 43* Lavaleur.«—„Was meinen Sie damit?«— Sie wiſſen nicht?«—„Keine Sylbe.«— Ich erzäͤhle; der Major faͤllt wieder in ſein unaus⸗ loſchliches Gelaͤchter zuruͤck.„Rein, das iſt doch zu arg,« ruft er aus; adie Luͤge iſt ganz neu, ganz koſtlich! Er hat Sie mit allen Waffen an⸗ gegriffen, einen completen Sieg errungen. Der Monſieur wohnt in dieſem Hauſe, dieſer Hund iſt aber beſtimmt nicht der ſeinige, denn ich ſah ihn ſchon im vergangenen Jahre auf jener Schwelle liegen..— Ich widerſprach und lockte den Hund mit dem Namen: aLavaleur.“ Er blieb aber ſtolz auf ſeinem Poſten. Dennoch war ich nicht geneigt, dem Major beizuſtimmen, welcher behauptete, der Quidam habe ſich des Hundes bedient, wie gewiſſe Bettlerinnen gemie⸗ theter Kinder, allein waͤhrend wir noch uͤber den Pudel verhandelten, trat eine Magd, den Korb am Arme, aus dem Hauſe, rief:„Medor!« und der Pudel hinkte ihr ſchwaͤnzelnd und folg⸗ ſam nach.—„Lavaleur ſcheint incognitv ſeyn zu wollen,« fluͤſterte mir der Major kichernd N 44 zu, und ich mußte am Ende gute Miene zum boͤſen Spiel machen und mitlachen.— Der Po⸗ lizei mußte aber dennoch ein Woͤrtchen von dem Erwerb des Gluͤcksritters in die Ohren geraunt worden ſeyn, denn nach einigen Tagen ſah ich ihn, zufaͤllig an ſeiner Herberge voruͤbergehend, von einigen Dienern der oͤffentlichen Ordnung begleitet, den Weg nach dem Thore einſchlagen. Medor⸗Lavaleur lag gleichmuͤthig auf der Schwelle und ſah den Ernaͤhrer ruhig abziehen. Der Letztere hatte aber Dreiſtigkeit genng, mir im Scheiden zuzurufen:«Und auch Sie, mein Herr! muͤſſen Zenge der Ungerechtigkeit ſeyn, die mich von dannen reißt? Bin ich nicht zum Ungluͤck geboren?« Kesmet!« erwiederte ich achſelzuckend, und kehrte dem Entarteten den Ruͤcken. N 45 AN Bedientenleben. Das Treiben der eleganten Welt hat unſtrei⸗ tig viel Reizendes, und der ſogenannte hon ton, ſogar bis zur Thorheit geſteigert, iſt etwas Angenehmes. Man ſieht, daß man ſich unter Gebildeten, wenn auch dann und wann uͤber⸗ bildeten Menſchen befindet, daß man doch nicht mit Irokeſen verkehrt, und das beruhigt gar ſehr. Man ſage noch ſo viel von der Einfalt und kindlichen Guͤte der Soͤhne der Natur; es iſt doch nichts als Taͤnſchung. Wir brauchen die Beiſpiele nicht in Canada zu ſuchen, denn auch im lieben Vaterlande ſieht der Romantiker in Doͤrfern und Weilern Arkadier, rieſelnde Baͤchlein und gemuͤthliche Kindlichkeit, wo der unbeſtechliche Proſaiker nur ſchmutzige Acker⸗ knechte, Miſtpfuͤtzen und bedauernswerthe Roh⸗ heit findet. Es kommen indeſſen in dem menſch⸗ lichen Leben,(zum mindeſten in dem meinigen) Angenblicke vor, die man gerne mit Beobachtung A 46 A gemeinerer Naturen zubringt, und dafuͤr die feine Geſellſchaft fuͤr kurze Zeit hintanſetzt. Ein ſolcher Augenblick war uͤber mich gekommen, als ich, auf dem Wege, meinen guten Selben zu uͤberraſchen, und an ſeiner Tafel Platz zu neh— men, ploͤtzlich meinen Entſchluß nderte, und ſuͤdweſtwaͤrts ſteuernd, auch meinen Cours. Es war mir mit einemmale eingefallen, wie es doch gar zu unterhaltend ſeyn wuͤrde, wenn ich ein⸗ mal mein Mittagsmahl in einem der kleinern Wirthshaͤuſer einnaͤhme, an welchen, wie billig, in einem ſo beſuchten Bade, kein Mangel iſt. Gedacht, gethan. Ich ſchlenderte umher, und warf meinen pruͤfenden Blick nach den eiſernen Aushaͤngeſchildern. An dem fabelhaften Einhorn ging ich vorbei; die heiligen drei Koͤnige wink⸗ ten einladend daneben, allein ihr Pallaſt war mir zu geraͤuſchvoll, in der Blume pruͤgelte man ſich, der dicht nebenan lauernde Fuchs war mir zu ſchmutzig, in dem Nachbarswirthshauſe eroͤffneten bereits Handwerksburſche und Maͤgde einen Tag⸗Ball. Aber am jenſeitigen Ende des NMd 47 ANd Platzes ſprang mir ein Roͤßlein ſo luſtig entge— gen, daß ich nicht umhin konnte, in das freund⸗ liche, luftige Haus zu treten, und in dem kleinen aber nicht unebnen Lokal ein Eckchen an einem bereits beſetzten Tiſche mir zuzueignen. Zufaͤllig war mir die beſte Stelle zu Theil geworden. Die um mich her ſitzenden Leute aus irgend einem Landſtädtchen mit ihren Frauen und Toͤchtern ruͤckten, vor meinem weißen Kopf, und wahr⸗ lich nicht vor meinem Rock den Hut abnehmend, zuſammen, und ließen mir eine ganz freie Aus⸗ ſicht auf die Stube und das weit geoͤffnete Ne⸗ benzimmer. Beide waren angefuͤllt mit ſtehenden und wandelnden Perſonen, faſt durchgaͤngig Maͤnner, und auf den Tiſchen wurden die An⸗ ſtalten zu einer reichlich mit Gaͤſten verſehenen Mahlzeit getroffen. Der freundliche Wirth bot mir, auf mein nach Speiſe zielendes Verlangen, einen Platz an beſagter Tafel an, und beinahe haͤtte ich den gutmuͤthigen Buͤrgerkreis verlaſſen, in dem ich mich befand,— haͤtte ich nicht zu gleicher Zeit die Borten, Treſſen, Litzen und 48 N blendenden Farben bemerkt, mit welchen Kra⸗ gen, Aufſchlaͤge und Rockſchoͤſſe der eßfertigen Herren geziert waren, und meine bereits ein⸗ genommene Stelle allen Lockungen zum Trotz behauptet. Ich proteſtire hiemit gegen allen Ver⸗ dacht des Hochmuths; weder eine Livree, noch der darinnen ſteckt, iſt mir zu gering, um nicht cinmal an ihrer Seite zu Tiſch zu ſitzen. Mein Chriſtian ſitzt mir gar oft gegenuͤber, wenn ich zu Hauſe tafle, und ich habe wohl ſchon eher geſehen, daß aus Livreetraͤgern Livreegebende geworden ſind. Allein ich fuͤrchtete, die guten Leute durch meine Gegenwart zu ſtoͤren, da mich doch nun einmal der Zufall in Stand geſetzt hatte, ihr Thun und Laſſen in der Naͤhe zu beobachten. Ich lehnte mich daher, in Erwar⸗ tung meines beſchiednen Theils, in mein Eckchen zuruͤck, ſchlug die Arme uͤbereinander, ließ meine Tiſchgenoſſen von Flachs und Rinderzucht ver⸗ kehren, und meine Angen in der Stube nach allen Richtungen umherlaufen. Die bunten Gaͤſte ſchienen ungeduldig des Schmauſes zu warten, denn der Anblick des gedeckten, mit vielen Schoppen beſetzten Tiſches erregte ihren Appe⸗ tit beſtaͤndig auf's Neue, und bereits ſchlug es draußen drei Viertel auf Eins. Kreuzbataillon!» rief ein Vollmondsgeſicht zur Thuͤre herein. Noch nicht angerichtet? fruh geſattelt, ſpaͤt geritten, heißt's ſchon wie⸗ der. Das waͤr' mir ein Schoͤnes!?— Alsbald trommelte der dicke Patron Wirth und Wirthin herbei, kuͤndigte ihnen an, er fuͤr ſeine Perſon muͤßte auf der Stelle ſeine Nahrung einnehmen, indem er um Eins in dem Hotel ſeyn muͤſſe, wo ſein Herr ſpeiſe, um demſelben zu ſerviren. Der Grund wurde plauſibel erfunden, denn der hellblaue Monſieur wurde auf der Stelle, zum Mißvergnuͤgen der andern Harrenden, bedient. Unter allerlei Verwuͤnſchungen, die theils dem heißen Tage, theils der heißen Suppe, theils ſeinem Dienſt galten, verſchlang der geplagte Diener ſeine Gerichte, als ob ſeinem Gaumen zum Letztenmale dieſe Freude werden ſollte. Mit dem Glockenſchlag Eins war er dafuͤr auch fertig, Moosroſen I. 4 N 30 Nv und nahm Reißaus. Aber auch die Geduld ſeiner eßluſtigen Collegen that ein Gleiches, riß ab wie ein Herbſtfaden auf der Wieſe, und der Wirth wurde unter diverſen Redensarten, die die Herren wohl nicht in den Familien, die ſie bedienten, gelernt haben mochten, eiligſt und ſchleunigſt herbeizitirt. Im ſelben Moment pol⸗ terte auch eine Vierzahl beſteifſtiefelter, beſporn⸗ ter Leute herbei, die eine unerbittliche Stallat⸗ mosphaͤre in ihrem Gefolge mitbrachten. Doch dreimal geſegnet ſey dieſes Stallgas! Gleich den walloniſchen Reitern in Wallenſteins Lager gab hier die ſchwere Kavallerie den Ausſchlag, und die Suppe flog herbei. Mit ſtiller Deferenz raͤumte man den Roſſebaͤndigern, die, wie ich bald hoͤrte, im Solde einer Koͤnigin ſtanden, die Ehrenplaͤtze an der Tafel ein. Sie accep⸗ tirten ſie ohne Umſtaͤnde, und die buntſcheckige Reihe bildete ſich erſt alsdann. Die Diener ver⸗ ſchiedener Durchlauchten ſchloſſen ſich an die koͤ⸗ niglichen, weiter unten bruͤſtete ſich die Grafen⸗ und Freiherrnbank. Am Ende ſaßen vermiſcht * * A 351* und ohne Rangſtreit gemeiner Edelleute, reicher Wechsler und wohlhabender Beamten Domeſti⸗ ken. Eine feierliche Stille, unterbrochen durch das Klappern der Loͤffel und Teller, herrſchte, waͤhrend Suppe und Rindfleiſch verzehrt wurde. Das hat wohl die Bediententafel mit der herr⸗ ſchaftlichen gemein. Bei dem Gemuͤſe loͤsten ſich die Zungen, und im Nu war das mannichfaltigſte Geſpraͤch im Gange. Man erwarte hier keines⸗ wegs literäriſche oder kosmologiſche Unterhal— tungen. Ob das Brockhauſiſche oder das Coll— niſche Converſations⸗Lerikon das beſte ſey, wer kuͤmmert ſich hier darum, wo man ſich nicht erſt Auszuͤge aus obigen Nothhelfern macht, bevor man zur Tafel geht, um an derſelben zu glaͤn⸗ zen?(Ein Bedienten⸗Lexikon wuͤrde vielleicht von dieſen Herren nicht verſchmaͤht, und ich habe das voͤllige Zutrauen zu unſerer encyelopädi⸗ ſchen Zeit, daß auch dieſem„Beduͤrfniß⸗ bald begegnet werden duͤrfte. Ob die deutſche Sprache von der perſiſchen, die perſiſche von der deutſchen, oder keine von der andern ſtam⸗ 4 52 me, wer fraͤgt hier darnach, wo Jeder froh iſt, eine Sprache radbrechen zu koͤnnen, gleich⸗ viel, woher ſie ihren Urſprung nahm?— Nein; ſo wie unter Soldaten von der Parade, unter Kaufleuten vom Handel, unter Oekonomen vom Wetter geſprochen wird, ſo ſpricht die Livree vom Dienſt und ihrer Herrſchaft vor Allem, und Schade iſt's, daß die Letztere nicht oͤfters Zeuge von der Freimuͤthigkeit iſt, mit der ihr Lakai, Kutſcher oder Stallknecht ihr Portraͤt entwirft.—„Was macht Andres? Wo iſt er?* fragte ein Jaͤger uͤber den Tiſch hinuͤber einen Kutſcher, der, ſeines himmelblauen Rockes hal⸗ ber, ein Pendant zu dem eilfertigen Voreſſer zu ſeyn ſchien.—(Ei,» hieß die Antwort, ver iſt in der Sonne. Unſerer ſpeist dort, und Andres muß ihn ſerviren.“—„Aha,n verſetzte der Jaͤger. Meiner ißt auch dort, aber ich habe mich vom Serviren gedruͤckt; der Schafs⸗ kopf, der Wilhelm, kann's an meiner Statt thun.“—„Der hat doch einmal Seinen gezo⸗ gen,» ſpottete ein goldverbraͤmter Mohr.— „ „Beſſer als Du den Deinigenz⸗ erwiederte der Jaͤger eifrig.„Du mußt, wie Dein Herr will, der meinige tanzt aber nach meiner Pfeife. Nun hatte ich's auf einmal weg, was der Unſre, der Meine, der Seine, der Deine zu bedeuten hatte. Zugleich erkannte ich in dem Schwarzen und Gruͤnen die Stoßvoͤgel, die mir neulich ſo jaͤmmerlich alle Nahrungsmittel abge⸗ ſchnitten hatten, und wuͤnſchte der table dhöte Gluͤck, dieſe gefaͤhrlichen Gaͤſte zu miſſen, ob⸗ ſchon ich nicht daran denken mochte, was viel⸗ leicht Andres der in Gift und Galle davonge⸗ gangene Andres, am Ende Barbariſches gegen die Tiſchgeſellſchaft im Hotel beginnen wuͤrde. Es lebe der Stalldienſt!n rief Einer von den ſporntragenden Vorſitzern.— aUnd die Buͤchſenſpannerei! fuͤgten einige Gruͤnlinge hin⸗ zu.„Der Teufel hole das Serviren und die Zimmerquaͤlerei!» ſchloß das Quartett auf den Ehrenplaͤtzen. Vor ſolchem gewichtigen Aus⸗ ſpruch ſchwiegen die Servirenden maͤuschenſtille, und beneideten das glaͤnzende Loos der vorneh⸗ 54 Ndd d mern Collegen, die keck und ſtolz ihre Glaͤſer klingen ließen.„Ja, weiß Gott, Bruderherz!“ begann ein rothroͤckiger Vorreiter zu dem Spre⸗ cher: awir ſind gluͤcklich, brauchen nicht in Schuh und Struͤmpfen herumzuſteigen, leben im Stall unter unſern Pferden, als wie unter un⸗ ſers Gleichen, und uͤberlaſſen Andern das Schar⸗ wenzeln und Kratzfußſchneiden.“—„Dafuͤr muß man aber auch etwas im Kapitel haben,« meinte ein Andrer ſpaßhaft.„Jeder Tagdieb kann Lakai werden, aber die Pferde zu ordiniren, dazu gehoͤrt etwas mehr.“—„Ja wohl; entgegnete ein Lakai ziemlich giftig.„Den Futterkaſten muß man auch verſtehen. Wie ein Pulverfaß von einem Funken ent⸗ zuͤndet, alſo flog der beleidigte Kutſcher auf, und ergriff eine vor ihm ſtehende Schuͤſſel, um mit ihren darin enthaltenen Bratwuͤrſten Ach und Weh nach dem Haupte des Frevlers zu ſenden. Um die Wurſtmitraille zu pariren, packte dieſer einen Krug mit Sauerwaſſer und ſchwang ihn drohend. Aber ein derbes:«Quos egol» „ — 535 beſchwor den ausbrechenden Sturm, denn der koͤnigliche Leibkutſcher ſtreckte raſch ſeine gewal⸗ tige Fauſt, mit dem Vorlegloͤffel bewaffnet, zwiſchen die ſtreitbegierigen Partheien, waͤhrend die Pferdekundigen auf einer Seite, die bunten Lakaien auf der andern ſich beguͤtigend in's Mit⸗ tel legten. Die Heroldsſtimme des Vorſitzers gab nun in aller Geſchwindigkeit den Zuͤrnenden einige Lebensregeln zum Beſten, deren Befol⸗ gung er mit den energiſchſten Ausdruͤcken empfahl, und ſchloß mit einer Nutzanwendung, die eine allgemeine Ruͤhrung hervorbrachte. Die Ver⸗ ſoͤhnten fielen uͤber den Tiſch einander in die Arme, der buſchige Schnauzbart des Wagenlen⸗ kers marmorirte die glatte Wange des Lakaien mit Wein und Bratenſauce, und der Friede war hergeſtellt. Mit erneuerter Geſchaͤftigkeit regten ſich die Zungen in harmloſen Bemerkun⸗ gen uͤber die Herrſchaften und ihre Eigenthuͤm⸗ lichkeiten. Die Notabeln der Geſellſchaft ſchwie⸗ gen uͤber ihre Gebieter, der Reſpekt hinderte auch die Uebrigen, nur ein unrechtes Wort 56 ber dieſelben zu aͤußern, allein die Geringern mußten ſich vor ein freimuͤthiges Gericht ſtellen. Dem Einen war der Seinige zu knickeriſch, dem Andern die Seine zu freigebig, nur am unrechten Orte. Dieſer fuͤhlte ſich gehndelt, jener vernachlaͤſſigt. Hier beſchwerte ſich Einer zu fruͤh in's Bett gehen, dort der Andre, zu lange aufbleiben zu muͤſſen. Dem war ſein Koſtgeld zu knapp zugemeſſen, jenem hatte ſein Tyrann unterſagt, an der Spielbank ſein Gluͤck zu verſuchen.„Und doch ſpielt er ſelbſt wie beſeſſen,» ſchloß A. murrend.—«Juſt wie der Meine;' fuͤgte B. hinzu: Iſt mir oft den Lohn ſchuldig geblieben.—„Warnm bleibſt Du bei ihm7 fragte C.„Komm zu uns, Bruderherz! Meiner liebt nicht Wuͤrfel, nicht Karten, aber huͤbſche Maͤdchen. Da faäͤllt immer fuͤr Unſer⸗ einen etwas ab.—„Iſt die Kammerjungfer noch bei euch, das pralle, blonde Ding? er⸗ kundigte ſich D.—„Ich dachte gar!lv ſpottete C.„Die iſt mit dem Bodenwichſer auf und davon.?—„Pfui Teufello brummte E.«Sich „ „— A 357 n ſo zu miſtalliiren. Es iſt ein Standal! Hat ihr der Jaͤger nicht die Kur gemacht? was will die dumme Trine mehr?— Hm!» lachte F., awie die Frau, ſo die Magd. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.y—„Musje! das verbitt' ich mir!“ belferte C.„Ich laſſe meine Frau nicht ſchimpfiren. Sie iſt geizig, haͤßlich, verſtockt, und nimmt's mit den Maͤn⸗ nern nicht ſo genau, aber das geht Ihn nichts an, Er Gelbſchnabel!—„Das kommt einem Stiefelputzer, wie Er iſt, wohl zu, einen Gar⸗ derobediener Gelbſchnabel zu nennen„ fuhr F. auf.„Werde Er erſt trocken hinter den Ohren, ehe Er andre ehrliche Leute ausrichtet!* — Ha! ha! hal“ lachte C. boshaft; aer iſt mir auch ein ſchoͤner Garderobediener. Sein Herr hat nur zwei Frack's im Vermoͤgen, und alle Abende einen Haarbeutel. Waͤlzt er ſich nun mit dem Letzteren mit voller Kleidung in's Bett, und macht den ſchwarzen Rock voll Flaum⸗ federn, ſo muß er den braunen anziehen, in dem der Hr. Garderobediener verwichene Nacht auf dem Tanzplatz Wind gemacht, und jaͤmmer⸗ liche Pruͤgel bekommen hat.—„Das ſagt ein miſerabler Tropf!v donnerte F.—„Selbſt mi⸗ ſerabel!v trumpfte ihn ſein Gegner ab, und auf's Neue drohte der Krieg, auf's Neue wur⸗ den Flaſchen und Teller geſchwungen, aber auf's Neue ſchaffte auch des Leibkutſchers Vorlegloͤffel Ruhe; noch mehr that es aber der Eintritt einer Perſon, deren Erſcheinen ein allgemeines Ge⸗ laͤchter verurſachte, und den Zwiſt zum Minde⸗ ſten fuͤr den Augenblick beilegte. Ich traute meinen Angen kaum: es war mein alter Chri⸗ ſtian, der wohlgemuth hereintrat, und deſſen, ich muß es geſtehen, etwas altmodiſches Co⸗ ſtuͤnm das wiehernde Lachen erregt hatte. Ich druͤckte mich ſcheu hinter den Ofen, der zu mei⸗ ner Seite ſtand, und hatte das Vergnuͤgen, von dem alten Kumpan nicht geſehen zu werden. Ich bemerkte wohl, daß er von Vielen der An⸗ weſenden gekannt ſey, und war nengierig auf ſein Betragen. Er forderte ganz gelaſſen einen halben Schoppen Wein, trat zum Tiſch, ſtemmte „ 59 die Arme in die Seite, was er immer thut, wenn er etwas Entſcheidendes vorbringen will, und ſagte mit gutmuͤthiger Derbheit:„Was lacht Ihr denn, Ihr Narren? Habt Ihr mein alt⸗ fraͤnkiſches Kleid nicht ſchon einigemal geſehen? Meint Ihr denn, wir wuͤrden vor vierzig Jah⸗ ren weniger gelacht haben, wenn Ihr in Euern Hanswurſtjacken unter uns getreten wär't? Meint Ihr denn, man wird Euch in vierzig Jahren den Spott ſchenken, wenn Ihr wie aus einer alten Zeit in die neue hinuͤberſchaut? Der Geber meines ſchlichten Rocks iſt brav, ein guter, guter Herr, den ich, weil er nicht alt genug iſt, um meinem Vater verglichen zu wer⸗ den, am liebſten einem getreuen Bruder ver⸗ gleichen moͤchte, fuͤr den ich oft Leib und Leben gewagt habe und ferner wagen werde, wenn es Noth thun ſollte. Darum lacht nicht, Ihr mit euern Borten und Schnoͤrkeln, uͤber den altmodiſchen Rock, den ein treues Herz gegeben, unter dem immer ein ehrliches Herz geſchlagen hat.» NNN 60 ANn Die Spoͤtter verſtummten vor der ungeſchmink⸗ ten Rede des alten redlichen Dieners, und eine Art von Ehrfurcht war unverkennbar in den Augen der Allermeiſten zu leſen. Mein Chri⸗ ſtian trank hierauf ſtehend ſeinen Wein, und lief ſporenſtreichs nach Hauſe, um, wie er ſagte, ſeinen lieben alten Herrn zu erwarten, der wohl bald vom Speiſen heimkommen wuͤrde, und zu einem Mittagsſchlaͤfchen Luſt haben moͤchte. Die Zuruͤckbleibenden ſchluͤrften unter beifaͤlligen Ru⸗ ßerungen uͤber den wackern Knecht ihr Taͤßchen Cichorienkaffee, und ſetzten ſich zu einem unver⸗ zagten Schneidbaͤnkchen oder Labete zuſammen. Ich bezahlte meine geringe Zeche, und ging, mit meinem Mittageſſen zufrieden, hinweg.— Dem Chriſtian werde ich aber den heutigen Tag nicht vergeſſen. AN 61 NM Der Kammerjungfer Leid. Meine Freunde muͤſſen wiſſen, daß in dem Hauſe, welches ich bewohne, im erſten Stock, gegen Hof und Garten zu, ein offener Gang an⸗ gebracht iſt, der die ganze Laͤnge des Gebaͤudes einnimmt, und in friſcher Kuͤhle des Morgens, wie in ſanfter Abendſonne, einen angenehmen Spaziergang fuͤr den Négligéliebhaber darbietet. Oft wandle ich daſelbſt in den Fruͤhſtunden auf und ab, trinke Selterswaſſer mit Milch, und beobachte meine Witterungspropheten, die Spin⸗ nen in ihren Winkeln, oder unſer Katzenpaar, das auf den Daͤchern herrliche Equilibriſten⸗ uͤbungen zum Beſten gibt. Ofter jedoch ſchleiche ich Abends mit der in Geſellſchaften und auf Spaziergaͤngen verpoͤnten tuͤrkiſchen Pfeife auf meinen Gang, und ſetze mich in einen alten Kroͤpelſtuhl, der in der Ecke deſſelben ſteht, und betrachte den farbenwechſelnden Abendſchimmer an den Gipfeln der Berge, bis es dunkel wird, 62 A und mein Chriſtian mich in's Zimmer beruft, wo ich, bleib' ich zu Hauſe, ein Spielchen Piket mit dem alten Freunde zu machen pflege.— Neben obigem Kroͤpelſtuhl befindet ſich ein Fen⸗ ſter, durch welches ein kleines am Gang gelegnes Zimmer kein uͤberfluͤßiges Licht erhaͤlt. Nun moͤgen meine Freunde ebenfalls wiſſen, daß ich in meinem erſten Stocke der Nachbarſchaft nicht ermangle, indem vor Kurzem eine vornehme Familie, deren Haupt ein mediatiſirter Graf iſt, die Prachtzimmer neben meiner kleinen Klanſe eingenommen hat. Die Ruhe hat bei ihrem Einzuge die Flucht genommen, denn der alte und der junge Herr, die kokett⸗elegante und aͤußerſt lebhafte Frau Graͤfin, ſammt ihrer unſchoͤnen Comteſſe Tochter, die in ihrem vierundzwanzig⸗ ſten Jahre die Rolle der Gurli und Mimili nicht mit dem groͤßten Gluͤcke gibt, Kammer⸗ diener, Buͤchſenſpanner, zwei Lakaien, Kutſcher, Stubenmaͤdchen und Kammerjungfer, kehren das bisher ſo ſtille Haus total um. Die Kammer⸗ jungfer nun, die ich, um ſie auf die Rede zu Ad 63 d bringen, in die letzte Klaſſe der Domeſtikenord⸗ nung ſetzte, bewohnt beſagtes Gangzimmer, und ich habe das huͤbſche und fleißige Maͤdchen auf meinen Fruͤh- und Abendwanderungen nicht uͤber⸗ ſehen, und nicht mißfaͤllig bemerkt, daß ſie dem Sechziger viel Achtung erweis't, und ſeinem beſchneiten Haupte mehr als einen freundlichen Gruß goͤnnte. Dieſe Freundlichkeit und Ehrfurcht, die fuͤr ihr Herz,— ihre unermuͤdete Arbeit, die fuͤr ihren Fleiß,— dies wie ein Puppen⸗ ſchraͤnkchen ausgeputzte Zimmer, das fuͤr ihre Ordnungsliebe das Wort fuͤhrt, ſie haben der Jungfer meine Theilnahme gewonnen, und den Wunſch in mir rege gemacht, etwas Naͤhe⸗ res von ihren Verhaͤltniſſen zu erfahren. Was die Ruͤckſichten, die ein alter Mann nehmen muß, um nicht mißverſtanden zu werden, ver⸗ boten und verſagten, erlaubte mit einemmale der Zufall. Ich ſaß geſtern auf meinem Kroͤpel⸗ ſtuhl, unbemerkt und unbeachtet; um mich her lag Daͤmmerung, in der Jungfer Zimmer brannte Licht. d 64* Die aufmerkſam Naͤhende war weit davon entfernt, an einen Nachbar im Kroͤpelſtuhle zu denken, trillerte ein Paar Liedchen, zankte mit ihrem Ami, und rief endlich auf ein leiſes Klo⸗ pfen, ein lautes Herein. Nun wurden zwei weibliche Stimmen rege, naͤmlich die der Kam⸗ merjungfer, und einer Freundin aus der Reſi⸗ denz, die unvermuthet und uͤberraſchend ankam. Millionenmal fallen dergleichen Ueberraſchungen im menſchlichen Leben vor, und Millionenmal ſpricht dabei die menſchliche Zunge dieſelben Worte. Ich uͤbergehe alſo die Gemeinplätze des Staunens, der Verwunderung, der Freundſchaft, und ſpreche nur von dem, was meinem Ohr, ſo zu ſagen, unfreiwillig aufgedrungen wurde, als die Freundinnen ſich geſetzt hatten, und ihre Converſation ſo laut anhoben, daß mir ſchwer⸗ lich eine Sylbe haͤtte entgehen koͤnnen. „Sage mir doch, liebe Henriette, ſprach die Fremde, awarum haſt Du mir auf meinen letzten Brief nicht geantwortet, in dem ich Dich bat, mir irgend eine Stelle als Kammerjungfer zu Nd 65 MM verſchaffen. Es hat mich recht gekraͤnkt, Dein Stillſchweigen. Du weißt doch, daß ich immer zu einer ſolchen Stelle Luſt hatte, und ſeit dem Tode der Mutter durch nichts mehr gehindert bin, dieſen Wunſch zu verwirklichen.“ „Ach, beſte Louiſe!b entgegnete die Kammer⸗ jungfer:«wenn ich nicht antworte, magſt Du mir verzeihen und meinem Rathe folgen, wel⸗ cher heißt: Werde Alles in der Welt, nur nicht Kammerjungfer. Ei warum nicht?» lachte Lvuiſe.„Iſt das Spott oder Mißgunſt? Haſt Du nicht Deinen ſchoͤnen Lohn, Deinen herrlichen Tiſch? Stehſt Du nicht da, geputzter und zierlicher als die Frau Amtmaͤnnin in unſerm Staͤdtchen? Haſt Du nicht Ausſicht auf die beſte Verſorgung, wenn Du einmal heiratheſt?* Alles iſt, wie Du ſagſt, entgegnete Hen⸗ riette, aaber mit welchen Unannehmlichkeiten muß ich es erkaufen! Habe ich eine Stunde Muße fuͤr mich im ganzen Tage? Konnte ich nur eine Moosroſen I. 3 NNd 66 v Minute finden, Dir zu ſchreiben, liebe Seele? Denn ſeit wir hier im Bade ſind, habe ich vollends keinen ruhigen Augenblick, und ich werde dem Himmel danken, iſt die Saiſon ein⸗ mal herum. „Was Du ſagſt!* unterbrach ſie Louiſe, und ſchlug, wie der Schatten an dem Vorhang mich bemerken ließ, die Haͤnde tragiſch zuſammen: eich habe bisher geglaubt, Du ergoͤtzteſt Dich hier im Bade bei geringer Arbeit mit tauſender⸗ lei Vergnuͤgen. Wie man ſich irren kann!* Lieber Gott, ſeufzte Henriette:«wo ſollte das Vergnuͤgen herkommen? Fuͤr mich iſt Spiel und Tanz vorbei, koͤnnte ich ſingen, wie es in der gar zu ſchoͤnen Oper heißt, die wir in Zwiebelhauſen zuſammen laſen... weißt Du noch? Ich habe das uͤbrige Jahr hindurch nichts Angenehmes; aber geht die Herrſchaft in's Bad, ſitze ich im feurigen Ofen. „Armes Ding! klagte die Freundin theilneh⸗ mend.„Wie verſtehe ich aber... 2— Willſt NN 67 Nw Du mir aufmerkſam zuhoͤren, ſollſt Du's bald. lUm fuͤnf Uhr ſtehe ich auf, wecke die weibliche Herrſchaft, kleide ſie in das Bade⸗Negligé, und bediene ſie, wenn ſie das Bad nimmt, befoͤrdere ſie in's Bett, wenn ſie es genommen hat. Die halbe Stunde benutze ich, um mein Zimmerchen zu ordnen, eile dann ſchnurſtracks zu der gnä⸗ digen Frau und Tochter, ihnen das Promenade⸗ Negligé anzulegen, und den Dienſt beim Fruͤh⸗ ſtuͤck zu verſehen, das unterdeſſen gebracht wurde. Iſt es voruͤber, gewinne ich ein Paar Minuten, um mich zum Spaziergange zu kleiden, auf dem ich der Herrſchaft zu folgen habe. Doch auch dieſe Paar Minuten werden mir verkuͤrzt und verkuͤmmert, wenn der Buͤchfenſpanner um die Wege iſt, der mich trotz Bitten und Ermah⸗ nungen nie in Ruhe laͤßt. Anderthalb bis zwei Stuͤndchen wird herumgeſchlendert, ich ziehe den Damen gaͤhnend nach, und werde mit allen Waaren belaſtet, die meine Herrſchaft zu kaufen fur gut findet. Schwer bepackt.. ich ſchaͤme mich immer, wenn ich an des Herzogs von — 55 68 des Grafen von S... Palais voruͤbergehe, und die Dienerſchaft, laͤchelnd auf der Schwelle ſte⸗ hend, mich muſtert.... komme ich zu Hauſe an, und habe nichts Eiligeres zu thun, als meine Gebieterinnen aus⸗ und wieder anzuziehen. Es kommt naͤmlich die Zeit herbei, wo man auf der Promenade glaͤnzen will. Johann muß den Wagen richten, und waͤhrend er unten die Pferde aufputzt, putze ich oben die Damen, und ſchlucke gar zu oft von der Gräfin Mama eine dumme Gans, von der Comteſſe Tochter ein ſchlafriges ungeſchicktes Ding hinunter, wenn ich der Erſten den Kopfputz nicht verwegen ge⸗ nug aufſetzte, und der Zweiten ſproͤdes Haar nicht ſchnell genug in Locken zwang. Die Paar Stunden, die an der Toilette zugebracht wer⸗ den, um Mama jung und Comteſſe reizend zu machen, ſind Angſtſtunden fuͤr die Kammerjung⸗ fer, der nicht ſelten zum Schluß der Sitzung ein Paar rothe Backen und Thraͤnen im Auge zu Theil werden. Endlich aber.. endlich iſt das Qualgeſchäft vorbei, die zwoͤlfte Stunde hat Ad 69 NN geſchlagen, die Damen und Herren verlaſſen im Wagen das Haus. Ich bin nun ungeſtoͤrt(der unruhſtiftende Buͤchſenſpanner ſitzt mit auf der Droſchke), und raͤume die Zimmer der Graͤfin⸗ nen auf. Es wird Ein Uhr, bis die tauſender⸗ lei Kleinigkeiten an Ort und Stelle gebracht, die Abendkleidung bereit gelegt worden iſt. Die Herrſchaft ſpeist im Hotel, dem Kammerdiener und mir wird das Eſſen geſchickt. Aber die Tafelſtunde iſt die angenehmſte fuͤr mich. Hr. Capponi naͤmlich, der Kammerdiener, kann mich nicht leiden, weil ich ihm einen Korb gab, und ſchweigt entweder wie ein Karthaͤnſer waͤhrend der Mahlzeit, oder wuͤrzt mir ſie mit boshaften Bemerkungen, verbluͤmten Drohungen und Fa⸗ milienklatſchgeſchichten, mit denen er mich in Verſuchung zu fuͤhren gedenkt. Von Zwei bis Drei trinke ich Kaffee, und leſe in einem von den ſchoͤnen Romanen von Lafontaine, oder irgend ein Stuͤck aus der deutſchen Schaubuͤhne. Loͤgler's Ritterſtuͤcke gefallen mir am beſten, und ich komme mir beſtaͤndig vor, wie eins von 70 A ſeinen gemarterten Edelfraulein. Ach Louiſe! wenn die Muſen nicht exiſtirten, und die Zwie⸗ belhauſer Kultur nicht ſo weit her waͤre— wie wollte ich's aushalten! Um drei Uhr geht es wieder los. Die Herrſchaft kehrt zuruͤck, ver— langt andre Friſur, andre Kleidung. Jetzt... Dir darf ich das Geſtändniß wohl machen, denn die Herrſchaft fuhr zu einem Souper, der Kam⸗ merdiener iſt im Weinhaus, und unſer Nachbar liegt ſicher auf dem Ohrez.. jetzt ſpiele ich eine beſſere Figur. Denn die Taſche meiner Friſirſchuͤrze enthaͤlt entweder ein Briefchen fuͤr die Comteſſe, das ihr der Lieutenant von der Lunte ſchreibt, oder ſie nimmt ein Billetchen auf, von der Comteſſe an den Herrn Artillerie⸗ Lieutenant gerichtet, der ſie wider Willen der Eltern durch ſeine Zuͤndblicke erobert hat, zu erobern gedenkt, hier im Bade iſt, aber durch meine ſtille Mitwirkung allein in brieflichem Verkehr mit ſeiner Erwaͤhlten ſteht. Dieſes Briefträgeramt hat viel Angenehmes. Es er⸗ wirbt mir eine eintraͤglichere Behandlung von AN F AN Seiten Miranden's, und klingende Wohlthaten von Seiten des Lieutenants. Iſt die Nachmit⸗ tagstoilette endlich voruber, ſo gehen die Herr⸗ ſchaften aus, und ich benutze die Abendſtunden, um zu ordnen, zu naͤhen, zu flicken fuͤr das Haus, und nebenbei mein bischen Habſeligkeit auszubeſſern; die Conto's der Waͤſcherin, Mode⸗ haͤndlerin und Anderer zu pruͤfen. Nun geht aber mein Leid erſt recht an; bald ſtiehlt ſich der alte Herr nach Hauſe, ſucht mich heim auf meinem Zimmerchen, und will mir ſchoͤn thun; eine Ehre, wogegen ich mich mit Haͤnden und Fuͤßen ſtraͤube, und deren Zuruͤckweiſung ihn oft ſchon ernſtlich boͤſe machte;.. bald koͤmmt der junge Graf unverſehens heim, und macht aͤhnliche Vorſchlaͤge, die ich nur aus dem Fen⸗ ſter abſchlaͤglich beantworte, da ihm meine Thuͤre beſtaͤndig verſchloſſen;... bald verſucht der un⸗ geſtuͤme Buͤchſenſpanner ſein Gluͤck. Er koͤmmt aber nicht beſſer weg, als ſeine Herren, obſchon ich im Grunde ihm nicht gram bin; allein Capponi iſt faſt beſtändig auf der Lauer, und dann iſt der Menſch ja auch nur Buͤchſen⸗ ſpanner. Was fraͤgt Liebe nach Stand und Rang?“ fragte Louiſe pathetiſch.„Ich muß Dir geſtehen, ich bin den Jaͤgern hold. Der allerliebſte Cra⸗ mer ſchildert ſie ſo reizend, und beinahe in jedem ſeiner Buͤcher heirathen ſie Prinzeſſinnen, zum mindeſten Graͤfinnen mit vielem Geld und Eut. Du haſt Recht, Louischen;» verſetzte Hen⸗ riette in elegiſchem Tone.„Zudem ſpricht der liebe Mann nur von gemeinen Jaͤgern und Foͤrſtern; was wuͤrde er erſt von den herr⸗ ſchaftlichen ſagen? Es iſt eine Pracht;? meinte Louischen. Die knappe Uniform, die dicken Epauletten, der ſilberne Kragen, das vergoldete Bandelier mit dem glitzernden Hirſchfaͤnger; der Hut endlich, breit bordirt mit dem fallenden und wallenden Buſch von gruͤnen Hahnenfedern...„Ach, „ N 73 ſchweige!v rief Henriette ſeufzend.„Was kann es helfen? Friedrich iſt doch eigentlich zu nie⸗ drig fuͤr eine Kammerjungfer, denn unſer Eins muß auf Ehre und Reputation halten.» Freilich;v aͤußerte Loniſe beifaͤllig, aber kleinlaut:„Nun, meine Gute, weiter!* Ich bin ſogleich zu Ende,» entgegnete die Kammerjungfer.«Spaͤt erſt kehrt die Herrſchaft zuruͤck. Ich ſervire bei'm Thee, wenn ſie nicht auswaͤrts ſpeist, gaͤhne eine halbe Stunde, bringe ſie dann in's Bett, und gehe gegen Mit⸗ ternacht in mein Kaͤmmerlein.» Du biſt ja ein geplagtes Geſchoͤpfz» tro⸗ ſtete Louiſe, aund haſt mir auch allen Appetit benommen, Deines Gleichen zu ſeyn. Gott im Himmel! So fruͤh aufſtehn, ſo ſpaͤt zu Bette gehen, und nicht einmal etwas Liebes, etwas fuͤr's Herz zu haben..., das iſt traurig! Bei uns in Zwiebelhauſen iſt keine Magd ohne Schatz, und eine Kammerjungfer...— T4 „Das macht, erlaͤuterte Heinriette: aweil Un⸗ ſersgleichen ſchon, ſo zu ſagen, zur vornehmen Welt gehoͤrt. Die Briefe meines wackern Karl ſind die einzigen Sonnen, die meine Finſterniß erhellen.v „Du meinſt den langen Fourier, der neulich einen Gruß von Dir nach Zwiebelhauſen an mich gebracht hat? fragte Loniſe. Denſelben,« verſetzte Henriette:„Seine Liebe begluͤckt mich. Er ſorgt fuͤr mein Herz und fuͤr meinen Geiſt. Regelmaͤßig bringt er mir die ſchoͤnen Romane, die bei Hrn. Baſſe in Quedlinburg erſcheinen, aus der Leſebibliothek, ehe ſie noch zerleſen und verſchmutzt ſind. Welch' ein Genuß,. den ich hier gaͤnzlich entbehren muß.v— Mein armes Taͤnbchen,» trauerte Loniſe: Und fuͤr mich weißt Du alſo keine vct 2 He? rede, meine Liebe. ———— N 75 Hoͤre, mein Louischen,» ſprach Henriette, weit leiſer, und ich ſpitzte beide Ohren:„Da faͤllt mir etwas Charmantes ein. Ich ſinne nur auf Mittel, ſelbſt dieß Haus zu verlaſſen, um mir's bequemer zu machen. Da iſt unſer alter Nachbar, ein ſonderbarer Menſch, der mir jedoch eine ſehr gute Haut zu ſeyn ſcheint. Der thut ſo freundlich gegen mich, wenn er mich zu Geſicht bekoͤmmt, ich kann Dir nicht ſagen, wie. Ich wette darauf, mein Laͤrvchen hat es dem ſechzigjaͤhrigen Sonderling angethan, denn umſonſt ſchaut er mir nicht ſo ſtarr und ſteif in die Angen, gruͤßt mich nicht umſonſt, als waͤre ich die vornehmſte Dame. Seinen Griesgram von Bedienten habe ich auch ſchon halb und halb auf der Seite. Kann ich es da⸗ hin bringen, daß ſein Herr mich als Haushaͤl⸗ terin annimmt, ſo recommandire ich Dich bei meiner Herrſchaft als Kammerjungfer. Du haſt dann das eintraͤgliche Einkommen von dem Lieu⸗ tenant, der Alles anwendet, um die Comteſſe zu haſchen, und ich will ſchon den alten Murr⸗ 76 kopf dagegen ſo weit bringen, daß er mir ein anſtaͤndiges Legat auswirft, welches mir und meinem herzigen Karl wohl zu Statten kommen ſoll. Doch.. horch! Iſt das nicht ein Wagen. der vor der Thuͤre hält...2 Das iſt die Herr⸗ ſchaft.— So fruͤhe ſchon? Hat die Mama vielleicht ihre Kraͤmpfe bekommen? O charmant; der hochnaſige Kammerdiener iſt nicht zu Hauſe dem wollen wir ein Suͤppchen einbrocken... warte, meine Liebe; bald bin ich wieder bei Dir. Sie eilte mit dem Lichte davon, und ich tappte aus meinem Verſteck nach meinem Zim⸗ mer. Die Herrſchaft rauſchte unter lautem Ge⸗ ſchwaͤtz die Treppe herauf. Als ich aber ſpäter zufaͤllig die Thuͤre oͤffnete, um meinen Chriſtian zu rufen, ſah ich auf dem Treppenabſatz die ſpekulirende Kammerjungfer, vom Arme des ungeſtuͤmen Buͤchſenſpanners umſchlungen, und ſuͤße Kuͤſſe nachlaͤſſig von ihm duldend. Meine wohlgeoͤlte Angel, meine wei⸗ chen Filzſchuhe verhuͤteten eine Stoͤrung des Paͤrchens ich ſchlich alſo ungeſehen zuruͤck, bedauerte den langen Fourier, nahm mir aber feſt vor, der leidenden Kammerjungfer von nun an keinen freundlichen Blick zu ſchenken. 278 AN* Ein Märtyrer des neunzehnten Jahrhunderts. von allen Inſekten das läſtigſte. Das Haͤuschen, in welchem ich wohne, iſt klein, aber bequem, und der weiße Anſtrich, gehoben durch die gruͤnen Weinranken, von wel⸗ chen es uͤberſponnen iſt, gibt ihm ein heitres, froͤhliches Anſehen. Mehr noch als die Bequem⸗ lichkeit der Wohnung, die man in Baͤdern waͤh⸗ len muß, wie ſie der guͤtige oder unguͤtige Zufall ſchickt, intereſſirt mich meine Nachbar⸗ ſchaft im Erdgeſchoſſe; ein junger kenntnißreicher Mann, der, als Schriftſteller nicht unbedeutend, einige Monate der Muße in hieſigen Thermen zuzubringen beſchloſſen hat, um die hypochon⸗ driſchen Teufelchen, die ihn zu Zeiten quälen, von der anmuthigen Nire der Quelle verſcheu⸗ chen zu laſſen. Moroſus,— der junge Mann fuͤhrt den Namen mit der That,— bemuͤht ſich, mir meine Einſamkeit ſo ertraglich zu machen, als es in ſeinen Kräften ſteht. Bald beſucht 79 mich mein Satyr auf meinem Zimmer, bald ſuche ich ihn in ſeinen eignen vier Pfaͤhlen auf. So traf es ſich neulich, daß ich hinuntergegan⸗ gen war, um den Livius des nachbarlichen Freundes zu Rathe zu ziehen. Ein Geſchaͤft rief ihn aus ſeinen vier Pfählen; ich blieb darin zuruͤck, am Schreibtiſch ſitzend, den alten Hiſto⸗ riker vor mir, das Excerptenblaͤttchen zur Hand, die Feder hinter dem Ohre. Die Stube, mit drei Fenſtern verſehen, gewaͤhrt der Sonne, wie den Blicken der neugierigen Nachbarſchaft, freien Paß, und es wunderte mich keineswegs, mehrere Voruͤbergehende hereinblinzeln zu ſehen. Auffallender kam mir's vor, als ein Dickkopf ſich an den Scheiben zeigte, und eine Minute lang ſein Auge im Zimmer und auf meiner ge⸗ ringen Perſon verweilen ließ. Ich wollte ihm ſchon die Parole abfordern, allein er ſchluͤpfte ſo eben in die Hausthuͤre und pochte an die des Zimmers.—„Herein!n— Ein kurzer wohlge⸗ naͤhrter Mann, grauhaarig, kleinaͤugig, breit⸗ maͤulig, nicht brilkant gekleidet, tritt auf die oN 80% Schwelle, luͤpft vornehm den Hut, ſetzt ihn wieder auf, macht die Thuͤre zu, und koͤmmt mir nun einige Schritte naͤher. aIch bin hier wohl am rechten Orte d ſprach er in ſchlechtem Deutſch; ergriff ohne weitere Umſtaͤnde einen Stuhl und ſetzte ſich neben mich; langte in die Seitentaſche ſeines Rocks„ zog einen Bogen Großvelinpapier mit goldnem Schnitte, und einen Bogen geringeres hervor, und legte bei⸗ des mit den Worten vor mich hin:„Allons! Alter! die Brille aufgeſetzt und geſchrieben, was das Zeug haͤlt: S. Majeſtät gehen Morgen von hier ab, und auf heute Nachmittag iſt mir end⸗ lich der Zutritt erlaubt; darum geſchwinde die Petition hingeworfen, ſo wie ich ſie diectire. Die andere Supplik an den Großherzog wird nach dem Brouillon verfertigt, was ich bei mir trage.— Er ſpreitete hiebei ein ſchmuziges Stuͤck Papier auf den Tiſch, das ein Schema enthielt, nach welchem wohl viele Bittſchriften gefertigt worden waren.— Ich betrachtete den Menſchen mit ſteigender Bewunderung.— Mein A Sl Herr, fragte ich,«wie kommt es, daß Sie mir die Ehre ſchenken... 2—«Hm! entgeg⸗ nete er, den Kopf wiegend:„das hat ſo ſeine Urſachen. Der junge Menſch, der mir bishero ſchrieb, was ich brauchte... denn mit der Feder weiß ich alter Soldat nicht gut umzugehen,... hat ſich in eine von den Kunſtreiterinnen ver⸗ gafft, die hier ihr Weſen trieben, und iſt geſtern mit der Truppe auf und davon gegangen. Ich war in einer boͤſen Verlegenheit, da ſagte mir mein Wirth, daß in dieſem Hauſe ein armer Federjunker wohne, der gerne einen kleinen Ver⸗ dienſt mitnehmen wuͤrde. Spitzt alſo Ohren und Gänſekiel, Alter, und ſchreibt. Ich zahle per Stuͤck einen kleinen Thaler, wenn das Ding recht huͤbſch und ſauber wird.“— Ich mußte heimlich laͤcheln, entſchuldigte mich aber mit der Bloͤdigkeit meiner Augen, und bat den ſelt⸗ ſamen Bittſteller, bis zu der Ruͤckkehr meines Sohnes zu verziehen. Der Aufſchub ſchien ihn nicht zu ergoͤtzen, indeſſen.. gegen die Noth⸗ wendigkeit iſt jeder Widerſtand vergebens. Er Moosroſen J. 6 d 82 ſchlug demnach die Arme üͤber einander, ſtreckte die Beine weit vor ſich hin, pfiff ein Liedchen, gähnte, blinzelte nach dem blauen Himmel, der durch die Scheiben ſtrahlte. Das Wetter iſt hubſch, begann er, aallein die Saison im Gan⸗ zen ſchlecht. Meine Geſchaͤfte gehen miſerabel. — Ich aͤußerte Bedauern.— Iſt es nicht gerade,» meinte er ferner, aals ob den Geld⸗ beuteln der Vornehmen der Hals zugeſchnuͤrt woyden ſey? Donner und Hagel! iſt das nicht ein Unterſchied gegen die Jahre 16, 17 und 18! Seht, Alter: ich beziehe ſchon ſeit neun Jahren dieſes Bad, alle Sommer, die Gott werden laͤßt; nie ging es mir ſchlechter denn hener.» — Worin beſtehen denn Ihre Geſchaͤfte, wenn man fragen darf?— aHm! laͤchelte er ver⸗ ſchmitzt:„Curioſe Frage! das ſeht Ihr ja wohl; ich bin Petitionaͤr.— Ah ſo!— aIch bin ein Pole, war Soldat, habe es bis zum Lieutenant gebracht; ein Orden hätte mir nicht entgehen koͤnnen, waͤre ich weniger tapfer, die Mißgunſt weniger alarmirt geweſen. Das Jahr 1814 hat Nd 83 Nd mich um mein Brod gebracht. Vergebens ſuchte ich um eine Penſion nach; mein Brodherr ſaß in der Klemme, und kam ſpäter in eine aͤrgere. Gewiſſe Prinzen verſprachen etwas, hielten aber nichts; andere Leute kuͤmmerten ſich nicht um mich, und meine Landsleute haͤtten ſelbſt eine Penſion noͤthig gehabt. Da fiel ich auf die Idee wei man doch leben muß und der krumme Saͤbel, der mir ſonſt meine Beduͤrfniſſe ſchaffte, nicht mehr an meiner Huͤfte hing, mir durch eine regelmaͤßig alljaͤhrlich zu machende Collecte bei den Machthabern den Gehalt zu verſchaffen, den mir kein Einzelner geben will. Es ging auch vortrefflich. Ich genoß auf dieſe Weiſe die Penſion eines Oberſten; Reiſen und durch dieſelben verurſachte Nebenausgaben tru⸗ gen die Beutel der Privatleute, die ich fuͤr mein Schickſal zu intereſſiren wußte. Aber ſeit ein Paar Jahren hinkt die Spekulation. Dieſes Jahr geht ſie vollends par terre. Es giebt ihrer zu viele, die mir in's Handwerk pfuſchen, und die Herrſchaften, berlaufen und bedraͤngt von allen 6* 84 n Seiten, laſſen am Ende, ohne einen Unterſchied zu machen, alle Petitionaͤrs zum Hauſe hinaus⸗ werfen. Zu allem Ungluͤcke laͤuft mir noch mein Aleris davon; wie erſetz' ich den Teufelsjun⸗ gen?—„War er Ihnen ſo nuͤtzlich?— „Sacre Dieu! das will ich meinen. Er trug die Bittſchriften zu den Damen. Seine Schoͤnheit und Gelenkigkeit, wie die Suada, mit welcher er von ſeinem bleſſirten, an's Krankenlager ge⸗ feſſelten Vater ſprach, verruͤckte den Kammer⸗ jungfern die Koͤpfe, erregte die Theilnahme der Schluͤſſeldamen, oͤffnete die Chatulle der Herr⸗ ſchaft. Mein Schnanzbart, mein Kahlkopf und meine Kriegsabentheuer waren indeſſen die Wuͤn⸗ ſchelruthen, die bei den Fuͤrſtlichen Herren nie fehlſchlugen, und alſo hatten wir Erwerb die Huͤlle und in die Fuͤlle.“—„Welchen Anſpruch haben Sie aber eigentlich auf die Theilnahme der Großen?—„Das Ungluͤck. Große Bei⸗ ſpiele haben heut zu Tage das Ungluͤck des Sol⸗ daten ehrwuͤrdig gemacht, wie das eines gewiſ⸗ ſen Beliſar, von dem mir Alexis oͤfters erzaͤhlte. Ad 8S5 Man vergißt gerne, daß unſre Saͤbel und Ku⸗ geln einſt Wunden ſchlugen, daß wir mancher Huͤtte zu Grabe leuchteten, und unterſtuͤtzt uns großmuͤthig. Wie geſagt, wären nicht ſo viele Boͤnhaſen auf der Welt, und mein Alexis noch bei mir, ich tauſchte mit keinem Staatsbeam⸗ ten.—„Wer war aber dieſer Alexis? Ihr Sohn?7J—„Behuͤte Gott! Der Burſche war die Frucht einer ſchwachen Stunde, die ein Trom⸗ peter unſrer Legion mit einer franzoͤſiſchen Mar⸗ ketenderin verlebte. Die Mutter erfror in Ruß⸗ land, dem Vater riß 1814 eine Kanonenkugel die Trompete vom Maul weg, daß der Kopf mitging; und ich behielt den Buben, weil er mir ſchon die Stiefeln putzen und den Gaul aufzaͤumen konnte, bei mir. Der Sappermenter war mir auch dankbar, bis ihn die Liebe toll machte. Den haͤttet Ihr reden hoͤren ſollen! Zehnmal haͤtte er in einer großen Herrſchaft Dienſt kommen koͤnnen: der kluge Burſche ſchlug's immer unter dem Vorwande aus, er mache ſich ein Gewiſſen daraus, ſeinen armen, alten, ver⸗ 86* wundeten Vater zu verlaſſen. Dieſe Finte brachte ihm natuͤrlich immer große Geſchenke ein, die uns herrlich zu Statten kamen, und nun ſitze ich da, und mein Sohn, mein Secretaͤr iſt mir davon gelaufen. Wo bleibt aber der Eure?— So eben tritt er in's Haus.— Das Geſicht, das Moroſus machte, als er den fremden Beſuch in ſeinem Zimmer fand, war unbeſchreiblich merkwuͤrdig. Ein Augenwink von mir ſchloß ihm indeſſen noch zu rechter Zeit den Mund. So ernſthaft als moͤglich tiſchte ich ihm die Urſache der Viſite kurz und buͤndig auf, und erſuchte ihn, vorliegendes Concept ab⸗ und eine zweite Petition nach den Dictaten des Herrn niederzuſchreiben. Allerlei Lichter und Wolken fuhren uͤber des Schriftſtellers Antlitz; endlich aber druͤckte ihm der Lachkrampf die Kinnladen derb auf einander, und er ging an's Federſchneiden.—„Leſen Sie mir doch indeſſen das Concept vor, verlangte er von dem Peti⸗ tionaͤr.— Der verlegne Huſten des Letztern, 87 M ſeine ausweichenden Redensarten, die Manier, mit welcher er das Papier verkehrt in die Hand nahm, und endlich die Entſchuldigung, ohne die vergeſſene Brille keinen Buchſtaben leſen zu koͤn⸗ nen, bewieſen dentlich, daß ihm dieſe Kunſt ſo fremd ſey, wie das Schreiben. Moroſus zuckte laͤchelnd die Achſel und machte ſich an die zu dictirende Bittſchrift zuerſt. Der Pole, nach einigem Stirnreiben, begann:„Allergroßmaͤch⸗ tigſter Herr! Ew. Majeſtaͤt! Ich bin ein un⸗ gluͤcklicher Krieger, und flehe Ew. Majeſtaͤt an, mir um der Bitterkeit dieſes Geſtändniſſes wil⸗ len, noch einmal die Unterſtuͤtzung angedeihen zu laſſen, die ich ſchon mehrere Male der Gnade von Hoͤchſtdenſelben verdankte. Es iſt gewiß zum Letztenmale, daß ich Allerhoͤchſt Sie mit mei⸗ nem unverdienten traurigen Schickſal belaͤſtige, denn meine Jahre werden mich wohl bald an die Grube ſtoßen, wenn es nicht mein Elend fruͤher thut. Ich habe bei Marengo, Auſterlitz, Jena und Wagram gefochten. Meine Wunden ſind hiervon die Beweiſe. Ew. Majeſtaͤt, welche N 88 n die Tapferkeit ehrt, wird unter den Tauſenden, die Hoͤchſt Ihre Gnade anflehen, mich als Hoͤchſtdero groͤßten Verehrer erkennen, und meine unterthaͤnigſte Zuverſicht durch Hochſtdero Freigebigkeit rechtfertigen. In dieſer Erwartung erſterbe ich Ew. Majeſtät ergebenſter Knecht, Stanislaus Dowkowsky.— Die Supplik war fertig, und Moroſus reichte ſie dem Polen, der, als verſtehe er etwas davon, ſie von oben bis unten beſah, beifaͤllig belaͤchelte und mit der Bitte einſteckte, ſich jetzt an das Abſchreiben der andern, weit⸗ läufiger abgefaßten zu machen. Der Großherzog, fuͤr welchen ſie gemuͤnzt war, hatte noch nicht das Gluͤck gehabt, dem tapfern Dowkowsky un⸗ ter die Arme zu greifen. Er mußte deshalb um ſo eindringlicher heimgeſucht werden, und dar⸗ um waren in obigem Schema, das wohl von Anbeginn der Dowkowsky'ſchen Contributions⸗ geſchaͤfte gedient haben mochte, alle Treffen, Schlachten, Feldzuͤge, Belagerungen u. ſ. w., Nd 89 NN denen der Held beigewohnt, wie die Bleſſuren, die er erhalten, des Breitern aufgezaͤhlt. Mit der langweiligen Arbeit beſchaͤftigt, ließ mich Moroſus ungeſtoͤrt mit dem Polen verkehren, der in ſeinen Geſpraͤchen, wie in den Details, die er mir uͤber ſeine Spekulationen mittheilte, eine ungemeine Ausdauer verrieth. Zu wiederholten Malen hat⸗ te man ihn aus vornehmen Haͤuſern gewieſen: wie zum Sturm einer Batterie kehrte er dahin zuruͤck. Seine Petition war ſchon oft ungeleſen zerriſſen worden,.. umſonſt; er ſparte nicht Dinte, nicht Papier, um neue zu fertigen, die er wie Brandkugeln durch alle Kanaͤle und Rich⸗ tungen in die Palaͤſte zu ſchleudern wußte. Der Beharrlichkeit wichen auch allemal die feindlichen Hinderniſſe, und beſtaͤndig ging er ſiegreich aus den Vorpoſtengefechten, die er oͤfters mit den Lakaiencorps der Reichen zu beſtehen hatte.— Eine Zeit lang beluſtigte mich ſein Geſchwätz; dann wurden mir aber ſeine Prahlereien fatal, und es war die hoͤchſte Zeit, als Moroſus mit ſeiner Abſchrift fertig wurde, und ſie, zierlich AM 90 gefaltet, dem Pſeudoverfaſſer uͤberreichte. Dieſer warf einen Kronenthaler auf den Tiſch, und empfahl ſich mit dem Verſprechen, ſich in vor⸗ kommenden Faͤllen abermals an ſo gewandte und dienſtfertige Lente wenden zu wollen. Wir lachten viel uͤber den Auftritt; beſon⸗ ders Moroſus, der ſich kaum zu maͤßigen wußte. Der Kronenthaler, mit einer freundlichen Zulage, wanderte noch in derſelben Stunde in das Haus eines wackern armen Mannes, den, waͤhrend er am Noͤthigſten Mangel litt, der Himmel in verwichener Nacht mit der ſiebenten Vaterfrende uͤberraſcht hatte. Die Geſchichte mit dem Polen iſt jedoch noch nicht ganz zu Ende. Es kann dem Leſer dieſer Skizze nicht gleich⸗ guͤltig ſeyn, wie es kam, daß ich mich an dem Nachmittage vieſer Mittwoche in Geſellſchaft des Reiſemarſchalls obiger Majeſtät in der Woh⸗ nung deſſelben befand. Wir ſchritten auf und nieder, und unterhielten uns von der Liebens⸗ * 91 A wuͤrdigkeit des Monarchen, dem mein angeneh⸗ mer Wirth zu dienen die Ehre hat, als ein leb⸗ hafter Wortwechſel im Vorzimmer laut wurde. Der Mayſchall, welcher Uneinigkeit unter ſeinen Dienern wie die Suͤnde haßt, machte neugierig die Thuͤre auf. Sein Kammerdiener trat ihm entgegen, ein Papier in der Hand.„Ew. Ex⸗ cellenz,» begann er, ader alte Polak iſt wieder da, der Dieſelben ſchon ſeit einigen Jahren überlaͤuft. Ich habe ihn bereits ein Paarmal abgewieſen; heute behauptet er aber, Ew. Ex⸗ cellenz haͤtten ihm ſelbſt auf der Promenade zugeſagt, ſich bei Sr. Majeſtaͤt fuͤr ihn verwen⸗ den zu wollen. Nun moͤchte ich unterthaͤnigſt fragen...» Es iſt ſoz? unterbrach ihn der Marſchall gutmuͤthig:„Ich konnte ſeinen Bitten nicht aus⸗ weichen. Darum laſſen Sie mir nur dieſes Blatt; verſichern Sie dem Mann, ich wuͤrde es wohl beſorgen, und beſtellen Sie ihn zu heute Abend um 8 Uhr, die Gabe, die Se. Majeſtaͤt d 92 ihm zugedacht haben wird, in Empfang zu nehmen.* Ich erkannte das Velinpapier, die Aufſchrift meines Hausgenoſſen, und mußte unwillkuͤhrlich laͤcheln. Der Marſchall glaubte den Grund zu errathen.„In der That, ſprach er, aauch ich moͤchte lachen, ſo oft eine neue Supplik durch meine Haͤnde geht. Ob auf grobem oder Velin⸗ papier, ob lang oder kurz, ob in ertraͤglichem oder langweiligem Styl,.... der Zweck iſt immer derſelbe, die Wendungen immer die alten, — ſo daß es, um einmal die Fuͤrſten wieder dahin zu bringen, Bittſchriften zu leſen, gut ſeyn duͤrfte, eine ganz neue Schreibart dafuͤr in Aufnahme zu bringen. Suppliken dieſer Art... er ſchlug ſie auseinander,.. ſind langweilig, weil ſie einander gleichen, wie ein Tropfen Waſſer dem andern..» Bei dieſen Worten hatte er einen Blick in das Papier geworfen, unterbih ſich ſelbſt,. — NN 93 n las einen Satz und rief: Nein; dieſe Bitt⸗ ſchrift hier iſt keine gewoͤhnliche!— Ein Paar Worte weiter, und er konnte dem Lachreiz nicht widerſtehen, dem ausbrechenden Gelaͤchter nicht Einhalt thun, und reichte mir, ſich convulſiviſch auf dem Sopha ſchuͤttelnd, das Blatt. Waͤhrend er ſich den Bauch hielt, uͤberflog mein Ange die, groß und deutlich geſchriebene Supplik, und man denke ſich mein Erſtaunen, als ich las: „Ew. Majeſtaͤt! Ich bin ein unverſchaͤmter zu⸗ adringlicher Bettler, und flehe Ew. Majtſtaͤt aan, mir, um der Seltenheit dieſes Geſtaͤnd⸗ aniſſes willen, noch einmal die Unterſtuͤtzung eangedeihen zu laſſen, die ich ſchon zehnmal Hoͤchſt Ihrer Gnade abzuluͤgen verſtand. Es eiſt gewiß nicht das Letztemal, daß ich Aller⸗ choͤchſt Sie mit meinen Brandbriefen belaͤſtige, edenn meine Faullenzerei verſpricht mir hohe Lebensjahre, wenn nicht der Slibowitzer ein Uebriges thut. Ich habe vielleicht bei Marengo, „Auſterlitz, Jena und Wagram gefochten. Meine „Wunden ruͤhren vielleicht nicht aus der Schenke N 94* eallein her. Ew. Majeſtaͤt haben bisher an meine „Tapferkeit geglaubt, werden unter den tauſend Schmarozern und Geldigeln, die Hoͤchſt Ihre leichtglaͤubige Milde anflehen, mich ohne Wei⸗ teres als den groͤßten erkennen und meine Va⸗ gabundennatur durch Hoͤchſt Dero freigebige „Wegzehrung ſtaͤrken. In der Erwartung eines anicht unbedeutenden Almoſens erſterbe ich Ew. „Majeſtät ſehr unwuͤrdiger Knecht, Stanis⸗ alaus D.„ Sicherlich wurde, da S. Majeſtät die ſelt⸗ ſame Supplik zu ſehen begehrten, in welcher einem ungebildeten Soldaten von einem derben Witzbold ſo ubel mitgeſpielt worden, des armen Stanislaus Geſchenk bedeutender, als beſtimmt geweſen; allein.... Moroſus....7 der Spitz⸗ bube!— Was wohl in der i Bittſchrift ſtehen mag? 95„b Muſikleiden. „Warum ſo verdruͤßlich, lieber Selben?— Ach! ſollte man denn nicht verdruͤßlich ſeyn 2* —„Du machſt mir bange, mein wackerer Freund! Deine Wange ſo blaß, Dein Auge ſo hohl....⸗ — Iſt's ein Wunder? Habe ich denn dieſe Nacht wieder ein Auge zugethan? Ach guter Eremit. Wenn's ſo fortgeht, wirſt Du mich hier begraben!?— aUm Gotteswillen! das iſt ernſthaft. Komm, ſetze Dich zu mir, mein Lie⸗ ber, erzaͤhle was Dein Herz belaſtet. Wir ſetzten uns. Ich drang auf's Neue in meinen wackern Waffengefaͤhrten. Er wollte aber nicht mit der Sprache heraus. „Was kann Dich kuͤmmern 2 fuhr ich fort. Hat Fortuna, die launiſche Goͤttin, Deinen Bentel geleert?... Hat ihr naher Vetter, der kleine blinde Schalk, verſchmaͤht, Deinen fuͤnf⸗ zigjährigen Scheitel mit den Myrthen der Liebe NN 96* zu kroͤnen? Hat Dein Hector den Koller, Dein Bello die leidige Sucht? Oder biſt Du krank? Hat Dich Dein Schnupfen uͤberfallen? Mucken trotz der Baͤder Reminiſcenzen Deiner Jugend in Hand oder Fuß? Erzaͤhle; beruhige mich.—* „Ach, mein Freund,— begann er nach lan⸗ ger Pauſe, und die Eisrinde ſchien ſich von ſeiner Bruſt zu loͤſen,— enichts von allem dem iſt's, was mich darnieder druͤckt. Ich bin nicht krank, aber ich befuͤrchte es zu werden. Ich habe keine Ruhe in der Nacht, und nichts als Qual am Tage. Wahrlich, haͤtte nicht die kleine, allerliebſte, charmante Frau von Liedern mich gefeſſelt, ich hätte ſchon längſt das ver⸗ dammte Bad verlaſſen, in dem ich ſo viel Pein ausſtehen muß.— „Werde ich denn endlich erfahren, worin dieſe Pein beſteht?* Natuͤrlich. Ich habe ſchon angefangen zu beichten, und in zwei Worten wirſt Du wiſſen, „ 97* wo es mir fehlt. Du weißt aus fruͤheren Zei⸗ ten, daß mir eine beſondere Antipathie gegen die Muſik angeboren iſt. In meiner Jugend bekam ich bei dem Klange eines Saiteninſtru⸗ ments Convulſionen, Harmoniemuſik waͤre mein Tod geweſen. Mit den Jahren nahm freilich dieſer Schauder um Vieles ab, allein ich em⸗ pfinde ſtets ein ſehr unangenehmes Gefuͤhl, wenn ich Muſik hoͤre. Beim Regiment ſchickte ich gewiß die Haͤlfte der Hautbviſten auf Ur⸗ laub, um nicht von ihrem Geblaſe geaͤrgert zu werden, und verwuͤnſchte alle hohen Feſt⸗ und Landestage, die unerbittlich eine Parade oder Kirchenmuſik forderten. Bis jetzo bin ich noch ſo ſo durchgekommen, habe ich noch ausweichen koͤnnen, wo es nur immer anging, aber hier, hier, wo ich Ruhe hoffte, ſind alle hoͤlliſchen Geiſter los, die ich nicht bannen kann, weder durch Drohungen, noch durch gute Worte. Man wird in Muſik erſäuft, ſage ich Dir, und der verwichene Tag wirft mich auf's Kranken⸗ auf's Sterbelager, wenn nicht ein Gbtt ſich meiner Moosroſen. 1. 7 98 b erbarmt. Die Geſchichte des vorgeſtrigen Abends und des geſtrigen Tages wird Dir darthun, was meine Zunge nicht gelenk genug iſt, Dir zu klagen. Du erinnerſt Dich, daß der ruſſi⸗ ſche Graf vorgeſtern einen Ball gab? Ich war unter den Geladenen. Schandenhalber mußte ich bis zum letzten Mann aushalten, obgleich mir jede neue Tanzmelodie Perlen der Angſt auf die Stirne trieb. Indeſſen brachte ich der Etikette dieß Opfer, und eilte, froͤhlich wie ein Gott, aus dem Schwitzbade nach Hauſe, warf die Kleider von mir, und ſchluͤpfte noch mit gellenden Ohren unter die ſeidene Bettdecke. Kaum liege ich bequem, ſo ſchalmeit und trom⸗ petet es unter meinem Fenſter vorbei, hin und her, auf und ab, vorwaͤrts und zuruͤck. Ich reiſſe an der Schelle, erkundige mich nach dem Teufelslaͤrm.„Der Herr Graf laſſen die Da⸗ men mit Muſik in ihre Haͤuſer begleiten,» gibt mir mein Niklas zur Antwort. Ich will nicht mehr wiſſen, was ich hierauf antwortete;... genng; mit einem leichten Fluche ſchiebe ich * 99 v mein Ohr in die Falten des Kopfliſſens, bis die muſikaliſche Promenade endlich aufhoͤrt. Wer war gluͤcklicher als ich? Ich lege mich behag⸗ lich auf die Seite, denke an die ſchoͤne Frau von Riedern, und bin im Begriff einzuſchlafen, als wieder ein neues Ungluͤck hereinbricht. Ich hoͤre unter meinem Zimmer im Speiſeſaale eine teufliſche Baßgeige brummen, eine Fiedel quit⸗ ſchen, Hoͤrner lamentiren, und dieſe Vorboten des Sturmes brechen in einen ſataniſchen Wal⸗ zer aus, der durch Fußboden und Bettpfoſten zu mir herauf vibrirt. Ich ſtuͤrme noch einmal an der Schelle. Ungluͤcklicher! donnere ich dem eintretenden Marqueur entgegen:„Was geht da unten vor?— eEinige Herren haben beliebt, den Ball hier unten zu erneuen, haben ihre lie⸗ ben Freundinnen und Angehoͤrigen geweckt, und wirklich tummelt ſich Alles recht luſtig herum.» — Das glaube ich,„ fahre ich fort. aIch ſchwanke wie in einer Hangmatte.— Der Burſche zuckte die Achſeln.— Ich kann nicht ſchlafen,„ pol⸗ terte ich noch flaͤmiſcher, ſeiner Gleichguͤltigkeit 7 100 halber; ader Ball ſoll aufhören, auf der Stelle!« —„Sobald die Herren genug haben, erwie⸗ dert der naſeweiſe Kerl; aes ſind Kaufleute von Frankfurt, ſie haben ſchmaͤhlich Geld, und verzehren am meiſten, man kann ſie nicht vor den Kopf ſtoßen. Ich ſchliefe auch gerne, aber was hilft's? Ich muß doch aufbleiben, bis es ihnen beliebt, aufzuhoͤren.“—„Bis es ihnen beliebt, mich des Teufels werden zu laſſen,» brummte ich dem Abgehenden nach, und ließ meinem Mißvergnuͤgen in Gedanken und Reden vollig freien Lauf. Unten aber ging das Wal⸗ zen und Hopſen fort, und Piccvlo pfiff mich aus, wie ein Spottvogel. Kann ich die Qual beſchreiben, die ich litt, bis der Tag anbrach, und es den Luftſpringern endlich beliebte, auf⸗ zuhoͤren? Es waͤre vergebene Muͤhe. Matt und echauffirt ſtand ich auf. Beim Fruͤhſtuͤck nehme ich, um mich zu zerſtreuen, mein Agendataͤfel⸗ chen hervor. Sieh da, aum neun Uhr bei der Toilette der liebenswuͤrdigen Frau von Rie⸗ dern zu erſcheinen.“ Faſt haͤtte ich's vergeſſen; 101 ich ſpringe auf, kleide mich an, mit dem blauen Frack, der mich ſo gut kleidet, dem violett, braun und gelb geſtreiften Gilet, das mir ſo wunderhuͤbſch zu Geſicht ſteht, der großen Bruſtnadel von Amethiſt, die Du ſo oft belob⸗ teſt, ſchmuͤcke ich mich, und fliege, wohin meine Neigung mich ruft.“ Zu der zwanzigjaͤhrigen Frau von Riedern!“ erläͤuterte ich nicht ohne leiſen Spott.— „Was gilt's, dieſe Anmerkung ſoll boshaft ſeyn? fragte mein Freund aufgeregt. Immer⸗ hin, lieber Eremit. Die Grillen des Alters ſprechen aus Dir.* Freilich, erwiederte ich laͤchelnd. Ich bin um zehn Jahre älter als Du, mein Freund, denn, ſo viel ich weiß, zählſt Du zehn Luſtra.“ Gott behuͤte,» verſetzte Selben eifrig. Ich bin erſt neun und vierzig Jahre geworden, ſtehe im ſchoͤnſten Alter des Mannes, und begreife nicht, warum ich eine zwanzigjährige reizende 102 und geiſtvolle Wittwe nicht gerne ſehen ſollte.— Doch weiter im Tert. Zur Toilette kam ich ſchon zu ſpaͤt, doch ward der Vorwand einer Unpäßlichkeit, den ich auf's Tapet brachte, in Gnaden angenommen, und meine Freundin ent⸗ ſchloß ſich, mir ein ganz neues Potpourri von irgend einem Lieblingscomponiſten der ſchoͤnen Welt, auf dem Piano vorzuſpielen, um mir darzuthun, daß ſie durchaus keinen Groll hege. Ich meine, ich ſoll bei dieſem Vorſchlag zur Salzſaͤule werden; was war aber zu thun? Die Hoͤflichkeit, meine Neigung, der Wunſch zu gefallen Alles riß mich hin; ich legte mich auf die Folter. Das grauſame Potpourri wollte nicht enden;.. zum Gluͤck ſprang eine Saite, und wie ſehr auch mein Mund den Un⸗ fall bedauerte, um ſo mehr frohlockte meine Seele. Ich empfahl mich entzuͤckt, und die charmante Frau verſprach mir, mich noch vor der Tafel im Conzert mit ihrer Gegenwart zu vergnuͤgen. Ein neuer Donnerſchlag. Ich reiſſe auf der Straße meine Agenda aus der Buſen⸗ 103 taſche, ſehe nach richtig. Da ſteht's: cum eilf Uhr Conzert des Fraͤuleins Bl..... N. Die Frau Graͤfin von C.. hineinfuͤhren. Mich uͤberlaͤuft es ſiedend heiß. Ich bin unter den Maͤcenen des Fraͤuleins Bl... einer der Er⸗ ſten, kann nicht ausbleiben ohne uͤble Deutung, muß die Graͤfin in das Conzert bringen, laut Abrede, muß meine allerliebſte Wittwe darin begruͤßen. Wie konnte ich ermangeln? Ein Blick auf die Uhr.. es iſt drei Viertel auf Eilf voruͤber; ich renne nach Hauſe, nehme die Billets zur Hand, verſtopfe die Ohren tuͤchtig mit Baumwolle, und eile, meine alte Stifts⸗ dame abzuholen. Ziemlich einſylbig langen wir am Converſationshauſe an, treten in den Saal des Conzerts. Wieder eine Hoffnung zu Waſ⸗ ſer geworden. Unter dem Gewuͤhl der Zuhoͤrer dachte ich mich zu verlieren... umſonſt; kaum zwei Reihen von Stuͤhlen beſetzt. Die Stifts⸗ dame noͤthigt mich, zu ihrer Linken Platz zu nehmen. Im naͤmlichen Augenblicke tritt meine Huldgoͤttin nebſt ihrer Mutter ein, und zwingt N 104 mich, den Galantaufſtehenden„allen Geſetzen der Conzert⸗Etiquette zum Trotz, meinen Platz zu behalten, und ich befinde mich auf einmal zwiſchen zwei widerſtrebende Pole geklemmt, rechts die alte Stiftsdame, links die holdeſte der Grazien.» „Fuͤrwahr, eine beneidenswerthe Lage,„ ſchal⸗ tete ich ein, um ihn zu Athem kommen zu laſſen. Die ſchoͤnſte von der Welt,v verſetzte der Graf, chaͤtte ſie nicht gerade in einem Conzert Statt finden muͤſſen. Das muſikaliſche Chaos nahm ſeinen Aufang, aber gluͤcklicherweiſe hatte ich mir die Ohren dergeſtalt verrammelt, daß nur dumpfe Schatten der Toͤne bis zu ihnen drangen, und ich befand mich eine Weile recht behaglich. Poͤtzlich ergeht aber das alte Un⸗ gluͤck uͤber mich. Die ſchone Wittwe wendet ſich mit einer Frage an mich; ich verſtehe nicht, neige mein Ohr, vernehme mit Muͤhe, gebe redlich Beſcheid. Gleich darauf nimmt mich die N 1035 Stiftsdame in Anſpruch. Gleiches Manoͤver. Hoͤren Sie denn nicht gut, lieber Selben 2 fragte meine Charis ziemlich laut.—„Es iſt die Gicht, liebe Riedern.“— antwortet die verwuͤnſchte Stiftsdame;— amit fuͤnfzig Jah⸗ ren geht's einmal nicht anders. Darum hat der arme Schelm ſich die Ohren mit Baumwolle ver⸗ ſtopft.— Ich glaube in den Boden ſinken zu muͤſſen bei dieſer verlaͤumderiſchen Rede, beraube mich mit einem ſatyriſchen Ausfall auf die alte Plauderin meines Gehoͤrdaͤmpfers, und gebe mich allen Martern der vollen Orcheſtermuſik hin, bis endlich, wie Alles in der Welt, auch dieſe Plage ihr Ende erreicht. Mude, Klingen und Summen vor den Ohren, gehe ich zu Tiſch, vergeſſe in der Nachbarſchaft meiner Huldin alles Weh des Morgens; doch kaum beginnt mein Herz froh zu werden, ſo faͤngt auch die vermaledeite Tafelmuſik an, der man nicht ent⸗ gehen kann. Nach Tiſch Promenade an der Seite der ſchoͤnen Riedern, als Correctif des ͤbermaͤßigen Vergnügens jedoch Freiſchuͤtziana 106„ von der Fuldaer Bande auf fuͤrchterlichen Blas⸗ inſtrumenten vorgetragen. Der Abend koͤmmt heran.„Ich gehe in das Theater,» ſpricht meine Goͤttin, aum meiner Mutter und meinem Vetter eine Freude zu machen. Werden Sie uns begleiten? Kann ich nein ſagen? Ohne den Zettel zu beſehen folge ich, wie das Lamm zur Schlachtbank geht, mit truͤber Ahnung, die ſich rechtfertigt, denn ich falle recta in eine Oper, in das Gedudel der Italienerin in Algier, in Roſſini's Janitſcharenmuſik hinein, und muß aushalten, aushalten, mag ich auch roth und blaß werden, mag mir Schweiß auf der Stirne oder Schwindel im Gehirn aufſteigen. Denn meine Freundin verlaſſen? Lieber ſterben. Oder bekennen, wie verhaßt mir die Muſik iſt? Gott bewahre! Welche Dame wuͤrde an meine Auf⸗ richtigkeit, an meine Treue glauben? Aber end⸗ lich. endlich.. Amor omnia vincit; auch dieſe Pruͤfung iſt uͤberſtanden; ich fuͤhre meine ſchoͤne Begleiterin nach Hauſe. Auf dem Wege bringen unſelige Muſiker ein Staͤndchen und „ —— ———— N 107 Frau von Riedern noͤthigt mich, mit ihr zu verweilen, weil die Barbaren Prezioſa's Ro⸗ manze im Quartett vortragen. Bei dieſer Feuer⸗ probe uͤberraſcht uns Helminens Freundin, und ladet ſie nebſt meiner Wenigkeit ein, mit in ihr Hotel zu gehen, woſelbſt ein galanter Herr der ganzen Geſellſchaft ein kleines Vergnuͤgen bereitet habe.„Ein Ball? fragt meine ahnende Seele. Die Freundin verneint, verſchweigt aber nicht minder, aus was das Vergnuͤgen beſtehen werde. Wir langen an. Ein zahlrei⸗ cher Zirkel iſt verſammelt.. nach einer kleinen Weile erſcheinen vier Tiroler Vagabunden, in ſchmutziger Tracht und ſchinden meine Ohren mit ihren ſeythiſchen Gaſſenhauern und entſetzli⸗ chem Jodelkram. Halbtodt bringe ich Frau von Riedern nach Hauſe, wanke erſchoͤpft nach mei⸗ nem Logis, und ſinke auf's weiche Lager. Und nun„ Du wirſt es nicht glauben, alter Freund, aber meine hohlen Augen muͤſſen es be⸗ kraͤftigen,. nun bricht auf einmal eine an⸗ dere Serenade los, die ein judiſches Muſikchor 106 auf ſeinen Fiedeln einem vornehmen gegenuͤber wohnenden Badegaſt zu Ehren ertoͤnen laͤßt. Wuͤthend vergrabe ich mein Haupt in den Kiſ⸗ ſen, und ſchlummere, nachdem der Spectakel voruͤbergegangen, ermattet ein. Kaum aber traͤume ich von einer Welt, in der es keine Gei⸗ gen, keine Hoͤrner, keine Muſik gibt, ſo werde ich aus dem ſuͤßen Schlummer geweckt. Was iſt's? Derſelbe infernaliſche Sabbat, der ge⸗ ſtern mich zur Verzweiflung brachte, wird auch heute aufgefuͤhrt. Die Herren von Frankfurt tanzen den Kehraus ihres Badeaufenthalts, und ich muß mich auf dem Roſt des Laurentius win⸗ den, bis der junge Tag erwacht. Jetzt, mein Freund, urtheile, ob mich nicht die Muſik hier in's Grab ſtuͤrzen wird.» „Nun, ſo reiſe ab;zverwiederte ich lächelnd. „Ohne meine ſchoͤne Wittwe? fragte er hef⸗ tig. Nimmermehr.—„So ziehe wenigſtens aus dem Hauſe, worin man ſo gerne tanzt, fuhr ich fort. „ Nd 109* Ich kann kein bequemeres Logis finden;» wendete er ein.„Ich kann es nicht miſſen. Ei, ſo faſſe Dich in Geduld» gab ich dem bizarren Menſchen den endlichen Beſcheid.„Man muß ein Uebel ertragen, das man nicht aͤndern will, oder kann. WNd 110 M Der Spielſaal. Ich hatte dieſen Morgen ſo viel von koͤrper⸗ lichen Gebrechen und Krankheiten gehort, daß es kein Wunder ſcheint, wie es mir am Abend einfallen konnte, auch den Ausſatz des menſch⸗ lichen Geiſtes in der Naͤhe beſehen zu wollen. Das anſteckendſte, und einmal eingewurzelt krebsartig fortfreſſende Uebel lag mir vor Augen, und ich betrat, trauernd und neugie⸗ rig zugleich den Spielſaal, um hier meine kli— niſchen Studien zu treiben. Leute, die einen hellern Kopf auf ihren Schul— tern tragen, und eine weit geuͤbtere Feder fuͤh⸗ ren, haben bereits die Sucht des Spiels und ihre Folgen geſchildert, als wackere Kaͤmpfer dagegen geeifert. Fern ſey es alſo von mir, ihnen nachahmen zu wollen. Meine Darſtellun⸗ gen wuͤrden matt ſeyn gegen die ihrigen, meine * Nd 111 v Stimme ungehoͤrt verhallen, wie die ihre. Nur andeuten will ich, was meine Augen ſahen, nur wenige Bemerkungen hinzufuͤgen; einige harte Worte, die ein muͤrriſches Alter, einge⸗ wurzeltes Vorurtheil und meine lange Abgeſchie⸗ denheit von der Geſellſchaft entſchuldigen moͤ⸗ gen, werden mir nachſichtige Freunde nicht uͤbel deuten. Schüchtern ich darf es ſagen... trat ich in den hell erleuchteten Saal, vor dem die Polizei einen Cerberus unterhaͤlt. Mir iſt es immer ein druͤckendes Gefuͤhl geweſen, wenn ich ſehen mußte, daß Wachen die Thuͤren der Haͤuſer belagern, in denen man ſich einem an⸗ ſtauͤndigen Vergnugen weiht. Ein Anderes war es aber hier, wo die boͤſeſten Leidenſchaften aufgeregt werden, wie der giftige Brei im Hexenkeſſel, wo Selbſtmord oder Straßenraub vor der Thuͤre ſelbſt keine unmoͤgliche Begeben⸗ heit ſeyn duͤrfte. Ich gab der polizeilichen Maßregel Beifall, jedoch gerade hier ſchien * d 112 v mir der Hoͤllenhund zahm wie ein Lamm. Die ehrerbietige Stille, die im Saale herrſcht, ſchien auch dieſe Urbanitat zu rechtfertigen. Ob⸗ ſchon eine bedeutende Menge hier verkehrte, war allenthalben anſtaͤndige Ruhe unverkennbar. Laͤngs den Waͤnden ſaßen in blendender Reihe Schoͤne und Unſchoͤne, Grazien und Parzen des zarteren Geſchlechts, unterhielten ſich ſanft und melodiſch fluͤſternd, waͤhrend der groͤßte Theil der anweſenden Maͤnner regellos an ihnen vorüberſchweifte, bald da, bald dort ſich firirte, oder in gedraͤngten Schaaren die drei Spiel⸗ tiſche umſtand, auf welchen Plutus ſeinen trü⸗ geriſchen Markt auslegt. Gleich den, in den morgenlaͤndiſchen Maͤhrchen beſchriebenen Ta⸗ lismanen ſtarren die Spieltafeln mit ihren ſchraͤ⸗ gen Quadraten, Zirkellinien, Zahlen und Far⸗ ben in die ſie umwogende Menge, die von dem Zauber ergriffen und geblendet, ihr edles Me⸗ tall dem Magnet zufließen laͤßt, der das Eiſen verſchmaͤht und nur Gold und Silber anſaugt. Rollen und Kaͤſtchen, gefuͤllt mit dem Letztern, N 113 n prahlen mit ihrem Reichthum, zu dem ein Vier⸗ undzwanzig⸗Kreuzerſtuͤck an dem geringern Rou⸗ lette⸗Spiel, eine Viertelskrone an dem zwei⸗ ten, eine halbe Krone an der Prente et Un- Tafel den Schluͤſſel zu bieten ſcheint. Die Zau⸗ berformel: faites votre jeu! von dem heiſern Croupier gerufen, electriſirt die beuteluſtige Verſammlung, deren Veteranen ſitzend an den Tiſchen Platz genommen, und durch Ergreifung des ſogenannten Rateau's, ſich gewiſſermaßen den Corſaren des gruͤnen Tiſches angereiht ha⸗ ben. Von allen Seiten ſpringen Silber- und Goldfiſche auf die breite Flur, die in der Farbe der Hoffnung glaͤnzt. In einem Nu iſt Alles beſetzt, denn man darf ja nicht ſaͤumen; ſchon klingt die dringende Frage: Jeu fait? des un⸗ erbittlichen Sprechers die Kugel laͤuft aus ihrer Bahn, ſchlaͤgt gegen das zackige Rad: rien ne va plus! donnert der Ruf, der manchen langſamen Spieler zwingt, ſein Geld wenig⸗ ſtens bis zum naͤchſten Tanz zu behalten. Alle Qualen der Erwartung haben ſich in S Paar Moosroſen. 1. 4 114 Sekunden zuſammengepreßt, nun erfolgt der Spruch des Zufalls. Den Gläcklichen über⸗ ſpruͤht ein goldener Regen, dem Ungluͤcklichen raubt der fuͤrchterliche Rateau, was er als un⸗ gewiſſe Saat einem ſterilen Felde anvertraute. Noch tritt hier die Ebbe zuruͤck, noch ſchwillt dort die Fluth, als ſchon auf's Neue ſich der Bannſpruch wiederholt, und in einem ewigen Taumelkreiſe fortzeugt, wie ſich der Wirbel⸗ tanz trunkener Derwiſche verlaͤngert. Stiller, in dem Verhaͤltniß, wie ein Wahnſinniger zu einem Raſenden ſteht, treibt der Banquier am Kartentiſche ſein Weſen. Der Beſuch iſt an demſelben nicht ſtark, mittelmaͤßig an der Vier⸗ telskronen⸗Tafel, uͤberzahlreich an der geringen Roulette, denn einem beklagenswerthen Schwin⸗ del hingegeben, verſchleudert hier, auf zweifel⸗ haften Gewinn vertrauend, der Unbemittelte den Preis ſeines Fleißes, die Hoffnung der Seinigen, gibt Alles hin, ohne eine Luſt, einen Genuß, ſondern nur die Folter des Verlangens, der Ungewißheit, die Reue uͤber den Verluſt N 115 dafuͤr einzutauſchen. Einige aus der zahlreichen Reihe der Spieler ſind mir beſonders merkwuͤr⸗ dig. Ich ſpreche nicht von den uͤbernaͤchtigen, nicht zum Beſten zugerichteten Geſichtern der Herren vom Metier; ſie bilden eine Klaſſe, von der ich, um nicht parteiiſch zu ſeyn, lieber gar nicht rede. Eben ſo wenig verdienen die Veteranen der Dilettanti dieſer Kunſt eine Erwaͤhnung. Die Geſichter der Herren ſind pointirt wie ihre Buͤchelchen, in jeder Falte tragen ſie ein impair oder manque; was die Damen betrifft, ſo hat Barras uns die Schil⸗ derung eines Individuums mitgetheilt, welche die der Gattung uͤberfluͤßig macht. Meine Be⸗ merkungen gehen nur Diejenigen an, die noch nicht gänzlich das Spiel zu ihrem Lebensge⸗ ſchaͤft gemacht haben, die vielleicht zu retten ſind, weil ſie noch nicht ein Rouletteſchema auf dem Geſichte, ein DoubleZéro am Fleck, wo das Herz hingehoͤrt, tragen. Mein ſehr auf⸗ fallendes Gegenuͤber macht ein breitgewachſener und breitthuender Herr in dunklem Ueberrock 8 116 und brennend rother Weſte, die Lorgnette an einer ſchweren Goldkette tragend; die Linke ſpielt nachlaͤßig mit dem Quincaillerie⸗Maga⸗ zin, das an ſeiner Uhr haͤngt. Die Rechte pflaſtert alle Felder des Tiſches mit Kronen⸗ thalern. Vor wenig Minuten hat er auf dem Spaziergang einem huͤlfloſen Kruͤppel mit Haͤrte das Almoſen, um welches dieſer ihn anſprach, verweigert; hier ſpreitet er Kapitalien aus, um ſie nacheinander zu Grunde gehen zu ſehen. Veraͤchtlich ſieht er dem gierigen Spiele des Rateau zu, und ſein Laͤcheln ſcheint zu ver⸗ ſtehen zu geben, daß, wenn auch die Silber⸗ flotte abgetakelt wuͤrde, die Goldſiſche erſt an die Reihe kommen werden, die ſeine geraͤumige Weſtentaſche birgt. Der Mann ſcheint ein Ei⸗ ſenkopf zu ſeyn, und ich prophezeie ihm eine boͤſe Zukunft. Keine beſſere verkuͤnde ich dem Dickwanſt, der ihm zur Seite ſteht. Ein blei⸗ farbener Teint, Haͤngebacken, Mohrenlippen, ſtumpfe dicke Naſe, kurze Stirne, matte graue Glotzaugen, und ſpießige blonde Haare machen 117 ſeinen Kopf zu keinem reizenden Ganzen. Aber, daß der Mann obendrein ſtupid iſt, ſage ich ihm auf den Kopf zu, obſchon er eine Martin⸗ gale ſpielt, die, wie es heißt, ein Gluͤcksritter ihm ausgerechnet, und gegen baares Honorar uͤberlaſſen haben ſoll, mit der Verſicherung, ſie koͤnne nimmer truͤgen. Der Mann, der von Geburt ein Habenichts war, alsdann durch Erbſchaft ein reicher Menſch, aber dabei ein ſchlechter Spekulant und ein toller Verſchwen⸗ der wurde, muß in Allem Ungluͤck haben. Er hat auf Grundſtuͤcke Summen geliehen, fuͤr die er nicht den dritten Theil mehr zuruͤckerhaͤlt, er hat mit Wein gehandelt, den ihm kein Menſch abgenommen hat, er hat eine Theaterdirektion gefuͤhrt, von der er nichts verſtand, die er mit großem Verluſt dahinten laſſen muß. Er ſpielt die unfehlbare Martingale, und ſiehe, ſie ſchlaͤgt ihm immer fehl, ſie macht ihn mit einem Male blank. Eine dumme Gleichguͤltigkeit affectirend dreht er dem Ungluͤckstiſch mit leeren Taſchen den Ruͤcken, aber ich wette, draußen geht der N 118 Sturm los, furchterlicher als man denkt. Dem Manne prophezeie ich, treibt er's ſo fort, Man⸗ gel und Kummer, und bittere Vorwuͤrfe von ſeinen ſchmaͤhlich beraubten Kindern. Sieh! ſieh! wer iſt das Maͤnnchen, das durch das Abtreten ſeines korpulenten Vordermanns mit einemmale demaskirt wurde? Ein verſchaͤmter Spieler? Alſo noch keiner der Schlimmſten? Aber doch; denn ſo eben raunt man ſich hinter meinem Ruͤcken in's Ohr, das Maͤnnchen thaͤte beſſer an ſeinem Pulte daheim zu ſitzen, und Alkten zu kopiren, als hier ſeiner Familie taͤg⸗ liches Brod auf eine Colonne zu ſetzen.... A Cheral muß man ſetzen!» ruft ein langer Mann mit Sporen an den Fuͤßen, und reckt die Hand weit uͤber die Tafel, um einige Gold⸗ ſtuͤcke zu placiren....„Das iſt das beſte Spiel, ſolid und ſicherer als alle andern.“ Der Herr hat achtzehn Pferde mit in's Bad gebracht; er liebt nur dieſe auf der Welt. Demungeachtet hat ihn das ſichere und ſolide Spiel vermocht, ſechzehn ſeiner Lieblinge zu veraͤußern, und an 119 N die beiden letzten wird wohl auch die Reihe kommen. Gleichviel! muß er auch wie Andere zu Fuß gehen, ſaß er doch oft genng im Spiele à Cheval. Wer ſind die Herren dort mit den ungeheuern Vorſtecknadeln, deren Steine, waͤ⸗ ren ſie aͤcht, eines Koͤnigs Krone zu zieren wuͤrdig wären? Aus ihren Augen leuchtet die Begierde, doch ihren Händen entfallen nur duͤrf⸗ tige Samenkoͤrner.... Muß ich denn die Juͤn⸗ ger der Muſen, Melpomenens und des Momus Zoͤglinge hier antreffen? Zu Studien waͤre hier allenfalls fuͤr ſie der Ort, aber raſch vor⸗ bei zu den zwei allerliebſten Maͤdchen, die, halb im Schatten ſtehend, berathſchlagen, ob ſie denn einmal ihr Gluͤck wagen ſollen, oder nicht?„Den Spaß moͤchte ich wohl einmal mit⸗ machen, ſagt das ſchalkhafte Laͤcheln der Einen; aauf Deine Verantwortung!* das leichte Achſel⸗ zucken der Andern. Habſucht iſt nicht auf den un⸗ ſchuldigen Geſichtern der Liebenswuͤrdigen zu ſehen,. keine Spur von Goldgierde. Evens Toͤchter reizt hier nur auf einen Angenblick die Ge⸗ 120 legenheit, ein kleines Etui wird hervorgezogen, eine Silbermuͤnze herausgenommen, die Keckſte nimmt den Opferpfenning, erlauert den Mo⸗ ment, und wirft ihn aus ihrem Verſteck unter dem Arme eines andern Spielers hindurch, auf gut Gluͤck in das Gewuͤhl der Zahlen..... Ob ſie gewinnen? Die Maͤdchen lauſchen lächelnd und verborgen. Die Nummer fallt o wie gluͤcklich! Sie haben verloren. Sie ſehen ſich an, lachen ſich gegenſeitig aus, und verlaſſen, um nimmer wieder dahin zuruͤck zu kehren, den Tiſch. Die Harmloſen ſahen nicht die Furien, die daran präſidiren, und jenem Juͤngling, von der getaͤuſchten Leidenſchaft zu einem Adrame⸗ lech verzerrt, das Herz zerreiſſen. Wie es ſtuͤrmt in ſeinen zerſtoͤrten Zuͤgen! Wie es lang⸗ ſam verglast, das ſtiere Auge! Wie ſie er⸗ lahmt, die Hand, die vergebens noch in der letzten Taſche nach einem letzten Goldſtuͤck ſucht. Er muß nicht allein ſeine Habe, er muß in dieſem Spiele ſeine Ehre eingebuͤßt haben, denn ſein verwegener Blick ſpricht mehr als Reue 121 1 und Scham; er predigt eine begangene That, verzweiflungsvolle Plane fuͤr die Zukunft. Ich denke, der Phlegmatikus neben ihm, der eine Handvoll Gold nach der andern einſtreicht, duͤrfte wohl thun, beim Nachhauſegehen ſeinen jungen Nachbar nicht zum Begleiter zu waͤh⸗ len.— Was will die junge Dame, die ihr gefälliger Gatte ſchmeichelnd an Fortuna's Al⸗ tar fuͤhrt? Wird ſie den Bitten ihres Gefähr⸗ ten nachgeben, der ſie erſucht, ihr Gluͤck zu wagen? Er will ihr ein Vergnuͤgen machen, bietet der ſchoͤnen Hand Gold, allein ſie will nur ihm gefäͤllig ſeyn, verſchmäht das Gold, und wirft ein Silberſtuͤck auf die naͤchſte Num⸗ mer und gewinnt. Laͤchelnd bietet ſie dem Gatten den Gewinn, den er ausſchlaͤgt,.. birgt ihn in ihrem Koͤrbchen, und verlaͤßt milde und freundlich ihren Platz. Es ſcheidet ein Engel aus dieſem Zauberkreiſe, in dem ſo viele Herzen wild unbaͤndig klopfen, auf ſo mancher Lippe eine Laͤſterung leiſe verhallt, und im Ge⸗ hirn der Keim von Unthaten allzuuͤppig auf⸗ geht; in dem verblendete Muͤtter ihre unmuͤn⸗ digen Kinder verleiten, das zum Spiel be⸗ ſtimmte Geld zu ſetzen, und ihnen dadurch die erſte Lection in der laren Moral ertheilen. Aber gebetet wird auch in dieſem Kreiſe, Bitten der Angſt, des Kummers ſteigen aus dieſen dichten Reihen kecker Wagehaͤlſe ebenfalls empor zum Himmel. Ich hoͤre das Seufzen eines Ungluͤckli⸗ chen neben mir, ich ſehe ſeine gefalteten zittern⸗ den Haͤnde, ich folge der Richtung ſeines Au⸗ ges, das aͤngſtlich auf einer kleinen Summe verweilt, die wie ein verlorener Poſten auf einer Zahl ſteht. Im ſelben Augenblicke ruft der Croupier dieſe Zahl, und der Beſitzer des reichlichen Gewinnes, der das kleine Viereck uͤberſtreut, ſtuͤrzt, von der tiefſten Angſt zur hoͤchſten Freude uͤbergehend, an den Rand des Tiſches, ſtreicht das Geld in die Muͤtze, faltet dankbar die Haͤnde gen Himmel, und eilt hin⸗ weg. Die Unmſtehenden laͤcheln veraͤchtlich, ich muß aber ſehen, wo er hingeraͤth, eile, ſo ſchnell ich kann, ihm nach. Unter dem Dunkel N 123 der Kaſtanienbaͤume ſteht eine abgehaͤrmte Frau, umringt von zerlumpten Kindern. Auf ſie rennt der Gewinner zu. Vater!» ruft ihm die Frau entgegen: Verzweifle nicht! Gott hat geholfen⸗ So eben hat eine ſchoͤne Dame, die mit ihrem Manne hier vorbeiging, mir geſchenkt, was ſie an der Bank gewonnen hat, und ſiehe! lieber Mann, es iſt nicht wenig!“—„Nun ſo iſt ein Engel heute bei uns eingekehrt!* ſchreit der Mann außer ſich, und ſchuͤttelt der Staunen⸗ den den Inhalt ſeiner Muͤtze in den Schoos. „Das Letzte ſetzte ich auf's Spiel! Wir haͤtten Morgen nichts mehr zu leben gehabt! Gott hat geholfen, aber die namenloſe Seelenangſt ſtehe ich ein zweites Mal nicht mehr aus!» So hatte denn der Giftbaum heute zwei Brodfruͤchte getragen, eine verzweifelnde Fa⸗ milie vom Verderben gerettet. Soll er aber ungehindert das Land um ſich her verpeſten, weil er in Jahrhunderten einmal nuͤtzt? oder vielmehr weil er bedeutende Zinſen abwirft, 124 die nur zu ſehr an des geizigen Veſpaſianus Scherzrede erinnern? Iſt es eine Entſchuldigung fur den Vater, der dem Kinde ein Meſſer zum Spielen gab, wenn er, nachdem ſich daſſelbe verwundet, ausruft: Warum haſt Du Dich ge⸗ ſchnitten? Hätte er ihm lieber nicht die Waffe in die Hände geben ſollen?— Aber ihr wollt ja keine Kinder, wollt ja nicht unmuͤndig ſeyn! ruft hier mancher ſchadenfrohe Zelot.— Frei⸗ lich duͤnken wir uns muͤndig, aber den Muͤn⸗ digen regiere ein weiſes Geſetz. Wenn dann auch hin und wieder in dunkeln lichtſcheuen Hoͤh⸗ len das Werk der Finſterniß getrieben wird, ſo duͤrfen doch die Väter kuͤhn an ihre Bruſt ſchlagen, und ausrufen: Wir ſind rein! wir haben nicht die Hand geboten zum Verderben der Unſern! 8 — — — — 2 2 — — — x Novelle. „Ach, Mutter! wie wintert's draußen, und ſtaͤubet und weht! Ach, Mutter, wie pfeift doch der Wind von der Hofwand her, als wollte er Alles zerſchneiden, und dann ſtarr machen, wie den vereisten Strom!* Anna nahm bei dieſen Worten mit halb⸗ erfrornen Fingern das verhuͤllende Tuch vom Kopfe, ſchuͤttelte die Schneeſchicht davon ab, und naͤherte ſich dem gluͤhenden Ofen der Huͤtte. — Bleib' noch von der Glut, Du thoͤrichtes Ding!» ſchalt die Mutter, die, mit den Vor⸗ bereitungen zum einfachen Nachtmahl beſchaͤftigt, unfern des Heerdes ſaß; ableib weg und wahre Deine geraden Glieder! Haſt Du vergeſſen, was der hochwuͤrdige Pater Aloys erſt geſtern geſagt 128 hat? Froſt vertreibt Froſt, aber die Hitze toͤd⸗ tet die froſtige Hand.» „Scheltet nur nicht, Mutter, entgegnete Anna, und rieb ſich mit dem abgeſchuͤttelten Schnee gehorſam die Hände:„Ich bin ja doch nicht ſo ganz unklug, daß man mich nicht zu⸗ recht weiſen konnte. Die grimme Kaͤlte raubt aber halb den Verſtand. Zudem wird's ſchon dämmerig, und das Schneelicht bethoͤrt die Augen, daß man ſich fuͤrchtet, man weiß ſelbſt nicht, wovor.» „Deine Schuld, Nannerlz» verſetzte die Mutter mit unverholnem Mißmuthe.„Hätteſt laͤngſt wieder aus dem Markte zuruͤck ſeyn koͤn⸗ nen. Die Sonne ſtand im Mittage, da Du gingſt, und nun wird's Nacht.—„Aber Mutter; die kurzen Tagen— ſchaltete entſchuldigend die Tochter ein.—„Aber Maͤdel, der Katzenſprung nach dem Markte! Kaum eine Viertelſtunde rech⸗ net man. Schaͤme Dich, oder wirſt Du mir * 129 etwa weiß machen wollen, daß der gnädige Herr Pfleger Dich ſo lange warten ließ, um den armſeligen Martinizins in Empfang zu neh⸗ men? Da kenn' ich den Herrn beſſer. Kurz an⸗ gebunden, patzig iſt er, aber ohne Verſaͤumniß. Ihm geht's Regiment von der Hand, wie uns das Bohnenſchälen. Will Dir's beſſer ſagen. Der arme Schlucker war gewiß wieder dort, und hat Dich aufgehalten mit ſeinen glatten Reden. Gelt?— Gewiß und wahrhaftig nicht, Mutterz» ant⸗ wortete das Mädchen mit aufrichtigem Auge. Verplaudert habe ich mich aber wirklich mit der Muhme Sephe. Ach, Ihr hättet einmal ſehen ſollen,— das Elend! Dreizehn Männer haben ſie heute wiederum in den Reckthurm geworfen. Die armen Leute! Und die ärmern Weiber und Kinder, die vor der Pforte bleiben mußten, und vom Büttel unbarmherzig zuruͤck gejagt wurden! Zum Erbarmen war's, und gewiß vor Gott nicht recht und gut.v— Movosroſen I. 9 130 Schnattert doch die Gans in den Tag hinein, ſo unklug, daß mich's dauert! eiferte die Mut⸗ ter:„Laß Du das unſern gnaͤdigen Herrn, den Erzbiſchof verantworten. Den hat Gott einge⸗ ſetzt, und wird ihm ſchon weiſen, was gerecht iſt. Schlimm genug, daß die Ketzer es darauf ankommen laſſen.“—„Muß man denn aber die verblendeten Ungluͤcklichen deßhalb martern und gefangen halten? fragte Anna mitleidig: Lieber ließe ich ſie gehen, wohin ſie wollten, mit Frau und Kind und aller Habe.v— „Das muͤſſen ſie auch;z» erlaͤuterte die Alte: aber mit den Kindern und der Habe wird's nichts ſeyn. Der hochwuͤrdige Pater Aloys war dieſen Nachmittag hier, plauderte dieß und je⸗ nes, und hat mir erzaͤhlt, daß zu Salzburg dieſer ſchartigen Hacke endlich der Stiel gefun⸗ den worden iſt. Unabaͤnderlich muͤſſen die Lu⸗ theraner fort, ſo wie es ſchon hieß. Unſer Herr Pfleger zu Werfen und der Landrichter zu Gaſtein haben fuͤr die Verſtockten um Scho⸗ nung gebeten, aber der Pater hat mir ver⸗ * ——— 131 ſichert, daß die Verweiſe vom Erzbiſchof fuͤr die Herren ſchon unterwegs ſeyen, und morgen ſpaͤteſtens gepublizirt werden wuͤrden. „Ach, ſo genade Gott den elenden Menſchen, die ſo hinaus muͤſſen aus der Heimath in die⸗ ſen entſetzlichen Wetterſturm und in die Fremde! ſeufzte Anna:„Liebe Mutter, ich kann mir gar nicht denken, wie's hinter unſern Bergen aus⸗ ſieht; und ich wuͤrde vergehen, muͤßte ich allein hinuͤbergehen zu den unbekannten Menſchen.“— „Darum erhalte man ſeine Seele rein von dem ketzeriſchen Makel» predigte die Mutter; adamit man nicht vertrieben werde aus ſeiner Heimath. Nur die Gotteslaͤugner muͤſſen fort; die Rechtſchaffenen ſind unſerm gnädigſten Erz⸗ biſchof willkommen und liebe Kinder, pflegt Pater Aloys zu ſagen?— Und verdreht dabei die grauen Augen,» fiel Anna mit einem leichten Unmuthe ein: aund macht den Mund ſo weit auf, daß der Bart 9 d 132„n auf und nieder wackelt! Denket Euch, Mutter, ich weiß nicht, warum ich den Kapuziner gar nicht leiden kann.“— Finſtere Falten zogen auf der Mutter Stirne. Verſuͤndige Dich nicht,» ſprach ſie ernſt: Pa⸗ ter Aloys iſt ein gottesfuͤrchtiger Mann und unſer Vorgeſetzter, weil ihn der Herr zum Miſ⸗ ſionaͤr gemacht hat. Der Pfleger und der Pfar⸗ rer fuͤrchten ſich vor ihm, darum halte Du Deine Zunge im Zaum, albernes Maͤdel. Zu⸗ dem haſt Du das unverdiente Gluͤck, daß er Dich mit guͤnſtigerem Auge betrachtet, als Du ihn. Wie oft hat er nicht ſchon geſagt, wenn er hier im Stuhle ſaß, die Haͤnde unter dem Barte gefaltet, und Du zur Thuͤre hinaus gingſt,— Du ſeyſt ein bildhuͤbſches Ding, und er bedaure nichts mehr, als daß ſein Vetter, der Baͤcker zu Radſtadt, bereits vor einem Jahre ſich verheirathet. Du und keine Andere haͤtteſt in ſeine Sippſchaft kommen duͤrfen.“ . „Was?» rief Anna verwundert und halb la⸗ M 133 2 chend: Ich des kugelrunden Baͤckers Frau? Ei, wo denkt der Pater hin? In ſolch vor⸗ nehm Geſchlecht taugt'ne Bauerndirne nicht.— (J nun; meinte die Mutter und wiegte den Kopf bedeutend:„das wuͤrde nicht hindern, mein Kind. Die Tochter des geſchickteſten Stei⸗ gers zu Thurnberg koͤnnte wohl einen beſſern Mann noch bekommen, als den Baͤcker zu Rad⸗ ſtadt. Der Name Wirlmayr iſt allbekannt und wir ſaßen auf gruͤnem Zweige bis das ver⸗ dammte Lutherthum auch unſere Wohlfahrt zer⸗ ſtoͤrte, die Herren des Gewerks davon gingen in's Ausland, und Berg und Wand liegen lich⸗ ter ſammt den brodloſen Dienern. Da ſtarb Dein Vater vor Gram, und wir ſitzen nun hier auf der Einoͤde, und muͤſſen arbeiten, daß das Zugvieh mehr der Ruhe hat, als wir. Das haͤtte ich nimmermehr gedacht, als ich zu Sanct Veit dem Wirlmayr die Hand gab und den ſil⸗ bernen Ring.» „Seyd darum nicht wieder ſo betrübt und d 134 kummervollzv troͤſtete Anna:„Ihr ſprecht ſo viel vom lieben Gott und ſeiner barmherzigen Kirche; vertraut alſo auf beide. Vertraut auch nebenbei auf den Bruder, der uns gewiß bei⸗ ſtehen und Euer Alter erheitern wird.— „Recht, Tochter;zn entgegnete die Mutter mit verklaͤrten Augen: aauf den Mathias wollen wir bauen. Der iſt, wie Pater Aloys ſagt, ein auserwaͤhltes Ruͤſtzeug, und hat er erſt ausſtudiert, ſo kann ihm eine Pfarrei gar nicht fehlen, meine ich. Dann geht unſere goldne Zeit wieder an, Nannerl, und Du darfſt noch immer hoffen, einmal einen wohlhabenden Mann zu bekommen.— Das Madchen ſeufzte aus tiefer Bruſt. Die Mutter errieth jedoch ihre Gedanken und fuhr fort: adenn mit dem Lutzer⸗Seppel iſt's nichts; das kannſt Du Dir leicht ausrechnen. Er muͤßte nicht ſo arm, nicht aus einer ketzeriſchen Fami⸗ lie ſeyn; verſtehſt Du mich? Da waͤre ſeines AN 135 Pflegvaters Sohn, der Balthaſar vom Hagen⸗ bruch, ein ganz anderer Freiersmann. Er hat Geld und Gut vollauf, ſobald der Va⸗ ter ſtirbt, und ſieht Dich gar zu gern, Du Blitzmaͤdel. Daß er heute nicht vom Kegel herunter gekommen iſt, nach Dir zu ſchauen, wundert mich eben ſo ſehr, als daß Joſeph Deiner nicht zu Werfen gewartet haben ſoll.» Anna ſchuͤttelte langſam den Kopf, und ſetzte ſich— wohl wiſſend, daß eine Gegenrede nicht half— an der Mutter Seite, um das duͤrftige Abendeſſen zu verzehren. Die Talglampe leuch⸗ tete kuͤmmerlich dazu, weil ſchon das ſchwarze Geſicht der Nacht zu den kleinen Fenſtern her⸗ ein ſah. Durch das Pfeifen des Sturmwindes draußen hindurch ward jedoch Geraͤuſch hoͤrbar, und bald unterſchieden die Bewohnerinnen der Huͤtte Getoͤſe von vielen Maͤnnerſtimmen, und — taͤuſchte ſie nicht ihr Ohr— Geraſſel von Waffen. Die Aengſtlichen erbebten, und in Frau Wirlmayer's Seele ſtieg ſchon die Ahnung N 136 von einer blutigen Empoͤrung der heimlichen Ketzer auf; ein beſcheidenes Klopfen am Fen⸗ ſter beruhigte ſie indeſſen wieder, und die mu⸗ thigere Anna, die das Fenſterlein oͤffnete, ſtieß einen Schrei der Freude aus, da ſie Joſeph's wohlbekanntes Geſicht vor dem Hauſe erblickte. Ei um aller Heiligen Willen» rief die Uber⸗ raſchte:„Woher kommſt denn Du in ſpaͤter Nacht, und wie viel Leute haſt Du da um Dich verſammelt?— „Gute Freunde ſind'sz» erwiederte Joſeph mit bitterem Laͤcheln:„Kaiſerliches Volk, das ich eine Stunde von hier getroffen, wo es im Schnee ſtack, und ſich nicht mehr auskannte; ich fuͤhre es auf Werfen zu, und bitte Deine Mutter um eine Laterne. Der Soldat, der * 137* meine Leuchte trug, iſt dreißig Schritte von da in die Salza gefallen, und unter'm Eis um⸗ gekommen.“ „Ach Jeſus lv verſetzte Anna erſchrocken:„Al⸗ ſogleich ſollſt Du eine Leuchte haben, Joſeph. Habt Geduld, Ihr Herren, im Augenblick bin ich wieder da.— Waͤhrend Anna nach dem Heerde lief, begehrte der Offizier des Trupps von der Mutter Einlaß, um ſich eine Minute lang zu waͤrmen. Die dienſtfertige Frau fuͤhrte den in den Mantel Gehuͤllten gehorſam ein, und Joſeph benutzte die Gelegenheit, mit herein zu ſchluͤpfen, und ſeiner jungen Freundin ein halblautes„Willkommv und„Gruͤß Dich Gott!» zu ſchenken. Erſchrocken bemerkte Anna die Ver⸗ ſtoͤrung in Joſeph's Geſicht und fragte bekuͤm⸗ mert nach der Urſache.— Sollſt Alles wiſſenz» erwiederte der junge Mann heimlich, und Thraͤnen preßten ſich ihm in die Augen:„Gott bewahre mich, daß ich 138 heut' noch auf den Hagenbruch klettere. Ich bleibe zu Werfen uͤber Nacht, und wuͤnſche Dich ſobald es Tag wird, in der Kapelle am Wege zu ſprechen. Hoͤrſt Du? Anna bejahte ſtumm und freundlich, und ſcheu wichen die jungen Leute auseinander, denn die Mutter warf einen finſtern Blick auf ſie. Zum Gluͤck fuhr jedoch der Offizier in ſeiner begonnenen Erzaͤhlung fort, und berichtete, ſich behaglich am Feuer dehnend, daß fuͤr die Lu⸗ theraner ferner kein Pardon ware, daß er mit ſeiner Compagnie von Schuͤtzen nur der Vor⸗ laͤufer von 6000 Mann ſey, die das Land uͤber⸗ ſchwemmen wuͤrden, um das rebelliſche Volk im Zaume zu halten, und daß er das geſchaͤrfte Anweiſungspatent an den Pfleger von Werfen bringe, ſo wie daſſelbe auch in derſelben Zeit in des Landrichters zu Gaſtein Haͤnde kommen muͤſſe. Mit beifaͤlligem Kopfnicken hoͤrte Frau Wirl⸗ 139 mayr, mit finſterem Geſicht Joſeph, und mit der mitleidigen Miene eines Engeleins Anna, den Worten des Capitaͤns zu. Das Auge des Letztern, von Streitluſt glimmend, nahm einen ſanftern Ausdruck an, da es durch Zufall ſich auf Anna's Antlitz richtete.—„Sieh da, welch' ein huͤbſches Ding! rief er freundlich und er⸗ griff des Maͤdchens Hand: ahätt' ich doch nim⸗ mer in dieſer Eiswüſte eine ſo liebliche Pflanze geſucht. Sey Sie nur nicht bloͤde, Jungfer, wir wollen ſchon bekannter werden, denn ich halte Quartier in Werfen, und ſehe ſehr gerne dann und wann etwas Huͤbſches.— . „Sein Wort in Ehren, Herr Offizierzv ant⸗ wortete das Maͤdchen ſchuͤchtern,— aaber ich wollte, Er waͤre ſchon wieder hinausgezogen mit all' ſeinen Leuten. Dann waͤre doch Ruh' und Friede im Lande.— aHm! ſchmunzelte der Hauptmann:„Vor einer Stunde waͤr' mir's noch recht geweſen, 140 denn ich ſaß warm in der Garniſon; aber jetzt iſt's ein Anderes. Bloß um in Deiner Naͤhe zu ſeyn, Dirnel, wollte ich, die Lutheraner gaͤ⸗ ben keine Ruhe, obſchon ich nicht begreifen kann, wie man die Kirche verlaͤugnen kann in einem Lande, wo ſolche geborne Muttergottes⸗ Bilder gedeihen, wie Du, mein Kind.» „Er macht nur Spaßz aͤußerte Anna ver⸗ drießlich, und zog die Hand aus der ſeinen. Indeſſen pochten die draußen Gebliebenen un⸗ geduldig an's Fenſter, und ein eintretender Corporal meldete geziemend, die Mannſchaft koͤnne in der Ruhe ferner nicht draußen aus⸗ dauern.— Der Offizier ſchnauzte den Rappor⸗ tirenden an,— ſprach von Pruͤgeln und Hun⸗ ger und Stockwache,— druͤckte ſich indeſſen das Casquet auf den Kopf und ſchied mit einem leidenſchaftlichen Blicke von Annen, und einem kalt hingeworfenen Gruße von der Mutter. Anna ſah lange dem ſich fortbewegenden Zuge nach.— Die Scharfſchuͤtzen, in den Vermum⸗ * 14 mungen, welche ihnen die Kaͤlte aufgedrungen hatte, glitten wie Geſpenſter uͤber die ſpiegelnde Eisbahn hin, auf welcher der arme betruͤbte Joſeph als Fuͤhrer voraus ging. Erſt, als ihr Auge keinen Umriß mehr in der Ferne zu un⸗ terſcheiden vermochte,— erſt dann kam ſie in die Stube zuruͤck.—«Biſt Du zufrieden, eitles und verliebtes Ding?* fragte die Mutter hart: Der Joſeph hat ſich ja doch noch eingeſtellt, und der Offizier hat Dir zu tief in die Augen geguckt. Gott ſteh' uns bei, daß auch noch der Soldat taͤglich in unſere Huͤtte kaͤme. Haͤtte ich Dich nur ſchon unter die Haube gebracht. Iſt das Haus feſt zu? Der Riegel vorgeſcho⸗ ben, und die Kohlen geloͤſcht?— Nun, ſo lege Dich zur Ruhe, und ſtehe morgen vernuͤnfti⸗ ger auf.» Es graute kaum der Morgen uͤber die Berg⸗ ſpitzen in's Thal herein, als auch Anna auf 142„* leichten Socken das Lager verließ und zu der Kapelle eilte, wo Joſeph ihrer ſchon harrte. Freudig und wehmuͤthig zugleich eilte er der Lieblichen entgegen, zog ſie ſchmeichelnd in das Gebaͤude, und ſprach mit klappernden Zaͤhnen: Ich will ſo kurz als moͤglich ſeyn, denn mich erbarmt's, daß Du in dieſem Froſt hier außen verweilen ſollſt, und dennoch konnte ich nicht anders, weil Deine Mutter mich gar nicht gerne in ihrem Hauſe ſieht. Ich habe etwas Schwe⸗ res auf dem Herzen, und Du biſt ja nach Gott das einzige Weſen, dem ich vertrauen darf, was mich betruͤbt.—„Du machſt mir angſt und bange, Joſeph,» erwiederte Anna bekuͤm⸗ mert, und ſtreichelte ihm die bluͤhende Wange. —„Rathe einmal,„ fuhr er fort,«von wannen ich geſtern heimgekommen bin? Von Abtenau, mein Kind. Denke Dir, vorgeſtern am Abend kommt ein Köhler auf meines Herrn Hof und ſucht mich auf, da ich juſt allein unter'm Schop⸗ pen ſitze und an der Schnitzbank zu thun habe.» — Goſeph,» ſagte er leiſe: averrathe mich „ 143 b nicht, aber zu Abtenau liegt ein krankes Weib aus Kaͤrnthen, das mit Dir zu reden begehrt. Mach Dich darum auf, ſo ſchnell als Du kannſt, denn die Frau ſtirbt ſonſt vom Fleck weg, und 's iſt was Wichtiges, das ſie mit Dir vor hat.» —„Mit mir? fragte ich.—„Ja doch,„ ver⸗ ſetzte er, amit dem Joſeph Lutz zu Hagenbruch. Aber noch einmal, Nichts ſagen; ſie hat mir's auf die Seele gebunden.—„Somit geht der Koͤhler weiter, und ich wußte nicht, was ich davon denken ſollte. Ich habe ja keinen Men⸗ ſchen, dem ich angehoͤre, und keinen, außer meinen Pflegern, der mir bekannt waͤre, ſeit⸗ dem vor achtzehn Jahren mein armer Vater, der Bergknapp, hinaus mußte, um des Glau⸗ bens Willen, ſeitdem die Mutter ihm nachge⸗ folgt, und ich allein zuruͤckzubleiben gezwungen war, weil's der Erzbiſchof nicht litt, daß die Kinder mitgingen. Und Vater und Mutter wa⸗ ren ja ſchon laͤngſt geſtorben, wie mir immer mein Herr verſichert hat, der es von Wallfah⸗ rern vernommen haben wollte. Indeſſen blieb 144 die Neugier Meiſter, und ich erbat mir vom Alten die Erlaubniß hinwegzugehen, in einigen Geſchaͤften, um einen kranken Freund zu be⸗ ſuchen. Der ſchuͤttelte wohl den Kopf,— ſah mir in die Augen, und ſprach warnend:„Du warſt zwar immer ein guter Burſche, Seppel — aber— die Welt liegt heut' im Argen. Hal⸗ ten nicht etwa wieder die Evangeliſchen ein Convent, wie im verwichenen Auguſtmonat, zu Schwarzach, und haben ſie nicht etwa Deine Unerfahrenheit dazu verlockt?— aIch laͤng⸗ nete es freilich friſch weg, wie ich's auch durfte. Der Herr glaubte mir aber nur halb, entließ mich indeſſen auf gut Gluͤck und eigene Gefahr, denn er iſt ein biederer alter Mann und hat mir viel Gutes gethan in meinem Leben. So lief ich denn auf Abtenau zu, und kam bald hin, da ich der Wege kundig bin. Ich fand das bezeichnete Huͤttlein, wo die fremde Kranke nach der Sitte in Pongau fuͤr den Winter ein⸗ gelagert worden iſt, und erlauerte den Augen⸗ blick, wo die Bauersleute vom Hauſe waren, * 145% und die Fremde allein. Ach, mein gutes Nan⸗ nerl, mit der ſteht's uͤbel. Sie hat, was man bei uns die Verzehrung nennt, und ich glaube, ſie mag ſich von der kluͤgſten Frau meſſen laſſen, ſie bringt ſich nicht mehr auf*). Ich dachte, ſie werde mir in den Armen ſterben, da ich mich ihr nannte; ſo hat das Geſicht des Fremd⸗ lings ſie angegriffen. Aber mit mir ſtand's weit uͤbler, da ſie mir endlich vertraute, ſie ſelbſt ſey aus Villach, komme aber aus Bayern, und habe in einem armſeligen Graͤnzmarkte— auf Stroh und Kummer gebettet— meine Mut⸗ *) Ein Volksaberglaube. Der an Abmagerung Lei⸗ dende wird von der weiſen Frau mit einem ge⸗ weihten Faden vom Wirbel zur Ferſe, und von einer Handſpitze des ausgebreiteten Arms zur andern gemeſſen. Iſt die zuerſt genommene Länge kürzer als die zweite, ſo iſt die Verzehrung vor⸗ handen; unheilbar und tödtlich iſt ſie, wenn der Körperlängenmeſſer nur von der einen Handſpitze zum andern Ellenbogen reicht. Moosroſen I. 10 146 ter gefunden, meine Mutter,— Anna, meine Mutter!* Er ſtuͤtzte den Kopf ſchluchzend in die Haͤnde und Anna war vom Schreck ſchier verſteinert. Jetzt rathe, hilf, mein gutes Kind;» fuhr Joſeph nach einer kurzen Stille fort: aſage mir, was ich thun ſoll. An der Thuͤre ihrer Hei⸗ math verhungert meine Mutter und laͤßt mich bitten, ich moͤchte ihr doch, wenn's in meiner Macht ſteht, das Leben friſten mit einem Stuͤck⸗ lein Brod, ſie ſchirmen vor der bittern Kaͤlte, ihr huͤlfloſes Alter durch Sohnestroſt erquicken! Wie ein Wahnſinniger habe ich nach dieſer ent⸗ ſetzlichen Kunde ohne Zoͤgern das Haͤuslein ver⸗ laſſen; wie ein Wahnſinniger bin ich geſtern zuruͤckgelaufen, und weiß nicht, was ich begin⸗ nen, was ich laſſen ſoll.v— „Die arme Frau!„ klagte Anna:„Die un⸗ gluͤckliche Mutter! Aber was iſt da zu beden⸗ ken, Joſeph? Auf Deinen Armen ſollſt Du ſie „ 147 n hereintragen, ſie nimmer von Dir laſſen. Denke doch an das vierte Gebot.v—„Wie gern!* entgegnete Joſeph weinend:„Aber— ich bin ja doch nur ſelbſt ein armer Knecht, und habe nichts als den Pfuͤlben, auf dem ich ruhe. Und dann ſteht ja ſchwere Strafe darauf, hab' ich gehoͤrt, wenn Einer wieder kommt, der einmal aus dem Lande gegangen.— Ein armes Weib wird man ja nicht ſtrafen,? meinte Anna: aund Dein Väter d„— 6n iſt wirklich todt;» verſicherte Joſeph verduͤſtert: ader Jammer und der Hunger brach ihm im Auslande, in Holland glaube ich, dort, wo das Meer iſt, das Herz. Siehſt Du wohl?* ſprach Anna:„Die Frau kann doch nicht die Schuld des Mannes theilen, und er hat ja ſchon ſchwere Buße ge⸗ than. Wuͤßten wir nur ein Obdach fur die arme Frau. Unſre Huͤtte iſt zu klein, und die Mut⸗ ter haßt die Lutheraner wie die Spinnen. Dein Herr haͤtte wohl Raum genug, aber— Ei, rief Joſeph lebhaft: chaͤtte ich ſie nur 105 da, die gute Mutter! Fr Dach und Nahrung ſollte ſchon Rath werden; ſollte ich mir auch die Haͤnde blutig arbeiten; aber, ich traue nicht, ich traue nicht, meine liebe Anna.» Das Maͤdchen ſann ein bischen nach; dann ſagte ſie mit einem Male freudig:„Was mir einfaͤllt, lieber Joſeph! Ich werde Dir helfen o ja gewiß, ich werde es. Der Miſ⸗ ſionaͤr, Pater Aloys von Radſtadt, kommt oft in unſer Haus, und der hat ein großes Wort zu ſprechen. Ihm will ich Alles ſagen, und ihn ſo herzlich bitken, daß er gewiß ein guter Fuͤr⸗ ſprecher ſeyn ſoll,.. denn die Mutter ſagt, er halte große Stuͤcke auf mich.— Sauer wird mir's werden, dem Manne zu ſchmeicheln, aber fuͤr Dich und Deine Mutter thue ich gerne das Schwere; und wenn er ſagt: Ja! die Frau darf kommen, und ihr geſchieht nichts zu Leide, ſo iſt's, als ob's der Erzbiſchof ſelber ſpraͤche, ſo viel Reverens hat Pfleger und Pfarrer vor dem Pater. Sey zufrieden, guter Joſeph, und koͤnnen; N 149 komm in drei Tagen wieder. Ich werde Dir gute Nachricht bringen, glaube mir.“ Welcher Bekuͤmmerte vertraute nicht gern auf die Worte eines Engels, der ihm Hoffnung in die Seele fluͤſtert? Auch Joſeph ermannte ſich; heller wurde es in ſeinem Innern, und muthig ließ er ſein Geſchick in den beſten, in den Haͤnden der Freundin zuruͤck. Im Markte Werfen hatte indeſſen die Hoff⸗ nung aufgehoͤrt, und die unabaͤnderliche Gewiß⸗ heit einer furchtbaren Entſcheidung des Looſes von ſo vielen Tauſenden war da. Die Zeiten waren freilich vorüber, in welcher die Knechte des ſchwaͤbiſchen Bundes dieſe Thäler mit Blut uͤberſchwemmten, und der Neuglaͤubigen Habe in Flammen und Aſche verkehrten, aber das Jahr 1731 hatte andere Qualen gebracht. Der NN 150 Erzbiſchof Leopold und ſein Rath hatten ihren Landeskindern ein hartes Urtheil geſprochen;— mit demſelben ihr eignes in der Weltgeſchichte. Die Trommeln wirbelten allenthalben; uͤberall blitzten fremde Waffen, wie in Zeiten der offenbaren Rebellion, und von dem Altan des Schloſſes zu Werfen hatte ſo eben der Pfleger das geſchaͤrfte Emigrationspatent verleſen, das, aller Reklamationen ungeachtet, alle Lutheraner, die nicht mit Erb und Lehn angeſeſſen, binnen acht Tagen,— die Eigenthuͤmer hingegen und Paͤchter binnen drei Monden aus dem Lande verwies.— Viele, denen ſchon fruͤher der Aus⸗ zug anbefohlen worden war, die aber die Obrig⸗ keit bisher geſchont hatte, in Hoffnung auf eine Milderung von Seiten des Fuͤrſten, mußten jetzt auf der Stelle die Wanderung antreten, und die furchtbare Inquiſitibn, die unter dem Namen einer geheimen Religions⸗Deputation zu Salzburg geſtiftet worden war, ſo wie die unumſchraͤnkte Autoritaͤt der angeſtellten Miſ⸗ ſionäre im Lande, wurde dem in Beſtuͤrzung 151 b und Angſt verſtummenden Volke auf's Neue bekannt gemacht. So wie der ganze Pongau, ſo war auch Werfen ſammt ſeiner Umgegend ein Schauplatz des Jammers geworden. Mit der duͤrftigſten Habe beladen, mit zitternden Haͤnden, wankenden Fuͤßen und thraͤnenden Au⸗ gen ſtanden die Vertriebenen auf der Schwelle ihres Hauſes, hinſtarrend nach der Gegend, wo ſie das Heimathland verlaſſen ſollten. Nun erſt wurde es den Maͤnnern, die zu Schwarzach den Salzbund geſtiftet und beſchworen hatten, lieber Gut und Vaterland zu miſſen, als die Glau⸗ bensfreiheit, nun wurde ihnen erſt recht klar, was ein Vaterland ſey, die Staätte, auf der ſie geboren, auf der ſie gewirkt hatten bisher. Zoͤgernd nahmen ſie Abſchied von dem, was ihnen theuer war,— konnten ſich kaum los⸗ reißen; ſchwankten und waͤhlten; aber die Zeit 6 hatte ſich ſchrecklich gewendet. Zum Umkehren war nicht mehr Friſt, und gefuͤhlloſe Soldaten trieben mit Kolbenſtoͤßen die Elenden von ihrem Heerde, hinaus in die Schrecken eines entſetz⸗ 152 lichen Winters. Auf allen Straßen und Pfaden des Gebirgs und des Thals zogen die Verbann⸗ ten, bepackt gleich Laſtthieren, und kaum ver⸗ moͤgend, ſich fortzuſchleppen in der Kaͤlte. Ihre heißen Thraͤnen miſchten ſich mit dem Blute, welches ihr nackter Fuß auf dem ſtarren Eiſe zuruͤckließ, und von Seufzern der Klage, wie von Verwuͤnſchungen erſchallte weit in die Runde das Land.*) Der redlichen und ſtandhaften Maͤnner, die ſich an die Spitze der Geaͤchteten *) Der unſelige Starrſinn des Fürſten, der Fana⸗ tismus ſeiner Umgebungen, und vor allen die Wuth des Hofkanzlers ſprachen den redlichen Ver— mittlungsverſuchen einzelner wackrer Behörden Hohn. Der Kanzler ſchrieb unterm 14. Nov. 1734 dem Landrichter zu Gaſtein:„Die Emigra⸗ tionspatente müſſen vollzogen ſeyn:es gehe wie es wolle; leide daran wer lei⸗ den kann; keine Gnade, kein Mittel; ein Anderes iſt nicht zu hofſen; es koſte Leben, Blut, Geld und wases immer ſeyn wolle“ ꝛc. ꝛc. „ 153 ſtellen, ihr Gemuͤth erheben konnten, waren in⸗ deſſen nicht wenige; und ihrer bedurfte das Elend von 29,000 Menſchen, die ſich bereit machen mußten, Alles daheim zu laſſen. Ihr Zuſpruch, ihre Huͤlfe troͤſtete, ermunterte, und half uͤber den graͤßlichen Pfad hinweg, den ſchon ſeit 200 Jahren die Glaubensbruͤder ein⸗ zuſchlagen begonnen hatten. Vor den Ungluͤckli⸗ chen her zog wie die Wolkenſaͤule in der Schrift die Zuverſicht auf den Herrn und das Gefuͤhl ihres Rechts; hinter ihnen lag zwar die Mutter⸗ Erde, allein nicht beneidenswerth war das Lvos der Zuruͤckgebliebenen. Eine finſtre Tyrannei umguͤrtete dieſe mit ihren Feſſeln. Nicht allein die Haͤuſer der Lutheriſchen wimmelten von Soldaten; die der Verdaͤchtigen waren auch davon angefuͤllt. Wehe dem, der durch ein Wort, durch eine Geberde Mitleid gegen die Emigranten bewies; wehe dem, bei welchem ein geiſtliches Buch gefunden wurde; dreimal Wehe dem, der etwa durch Zufall— wenn auch nicht mit Willen— in eine verdaͤchtige Geſellſchaft 154 Pflicht gemacht, ihn zu verrathen, und Gefaͤng⸗ niß, Schande, Beraubung, Verbannung war ſein Loos. Die Bande des Vertrauens, der Verwandtenliebe waren geſprengt, und in jede Huͤtte draͤngte ſich das habgierige Auge der Miſſionaͤre, ihr auf jede Angeberei lauerndes Ohr. In dieſer Zeit des Argwohns und der Furcht ſuchten manche biedre Hausvaͤter in den Salz⸗ burger Ganen Rath und Huͤlfe bei ihren Obern, die aber ſelbſt um Rath verlegen waren. Der ſiebzigjaͤhrige Landmann Franz Rodel ſtand an dem Tage nach der Ankuͤndigung jenes beſtätig⸗ ten Urtheils uͤber ein ganzes Volk vor dem Pfleger zu Werfen, und redete zu ihm mit jener Treuherzigkeit, die den Bergbewohnern angebo⸗ ren iſt.— Der Pfleger, ein raſcher Mann, ging heftig auf und nieder, und ſprach alsdann: „Guter Freund, was ſoll das viele Reden? Sind Euch die Leute ſchuldig, ſo muͤſſen ſie gerathen war. Seinen Angehoͤrigen war es zur A 155 freilich bezahlen, ſo lange noch ein Faden an ihrem Leibe iſt.“—„Aber, fiel Rodel ein, awenn die armen Menſchen ſchon in ſo kur⸗ zer Friſt von ihren Hoͤfen ſollen, wie wird ihnen die Zahlung moͤglich ſeyn??s iſt ja bedauer⸗ lich, wie man mit ihnen verfaͤhrt.—„s ſind Lutheranerz erwiederte der Pfleger achſelzuckend: aund ich rathe Euch, ſcharf zuzugreifen, ehe die Obrigkeit Alles genommen hat. Es iſt boͤſe Zeit, Vater Rodel, und wer warm ſitzt, der halte ſich auch warm. Ich ſage das nicht umſonſt, Alter. Habt Acht auf Eure Zunge, damit man Euch nicht uͤbel auslege, was Ihr vielleicht in Unſchuld ſagt. Unſer Pater Aloys iſt nicht gut auf Euch zu ſprechen, und Ihr wißt, daß dieſe Leute am meiſten jetzt zu Salzburg vermoͤgen. Zweitens rathe ich Euch, habt Acht auf Eure Hausgenoſſen. Einer oder etliche von Euerm Geſinde, meint der Forſtwart, treiben Wild⸗ dieberei. Der Jäͤger will ſchon geſehen haben, wie man erlegtes Wild in Euern Hof geſchleppt hat, und nahm ſich vor, einmal unverſehens — 156 eine Hausſuchung bei Euch anzuſtellen auf dem Hagenbruch. Seht Euch vor. Die hochfuͤrſtli⸗ chen Satzungen verſtehen keinen Spaß, und machen auch mit Wildſchuͤtzen keinen. Gott befohlen.v Der alte Mann wollte ſich fuͤr ſein Haus verbuͤrgen, aber der Pfleger hoͤrte ihn nicht mehr an, ſondern wies ihm, zum Schreibtiſch gehend, die Thuͤre. Des befremdeten Nachdenkens voll, klimmte muͤhſam der alte Rodel den Pfad empor, wel⸗ cher unweit Werfen zu ſeinem Beſitzthume auf⸗ führte. An einer ſehr abſchuͤſſigen Stelle ſchlug eine um das Felseck herbrauſende Wind⸗ und Schneewehe in ſein Geſicht, daß er mit ſchnell geſchloſſenen Augen taumelte, und ſchier in den Abſturz zur Seite gefallen wäre, wo hinter „ M 157% tiefen Eisſchrunden das Bett eines Waldbachs zur Salza hinlief. Ein ſtarker Arm riß den Greis von der Stelle der Gefahr zuruͤck, und eine wohlbekannte Stimme rief ihm:„Halt an, Herr! Halt! in's Ohr.—„Ei Du getreuer Joſeph! ſprach Rodel dankbar, und reichte dem jungen Manne die harte Rechte:„Ohne Deine Huͤlfe haͤtte ich der Welt gute Nacht geſagt. — WViel zu fruͤh, Herrzv antwortete der frohe Knecht, und erbot ſich, den Herrn weiter zu geleiten.—„Nicht doch, meinte Rodel:„Du ſteigſt zu Thal, wie ich ſehe, und ich will dem Dienſt nicht Eintrag thun. Was ſchaffſt Du in dem Markte?—„Zur Schmiede ſchickt mich Euer Sohn,„ verſetzte Joſeph.—„Iſt er da⸗ heim?n—„Ja, Herr, er und einige Frei⸗ bauern aus dem Lungan. Sie ſind gutes Muths, und haben einen Bock an'n Spieß geſteckt, daß zum Schmauß nichts fehle.“— Rodel ſchuͤttelte den Kopf mißmuthig, verbarg ſeinen Unmuth und ſagte zu dem Joſeph:„So geh denn und warte Deines Amts. Das Stuͤcklein von vor⸗ d 158 hin will ich Dir im Leben nicht vergeſſen; und damit Du ſeheſt, wie mir's darum Ernſt iſt, ſo magſt Du wiſſen, daß ich kommenden Sonn⸗ tag nach der Kirche zum Pfleger zu gehen vor⸗ habe, damit er Dir das Huͤttlein ſammt dem Garten, das ich in der Zeit von Deinen armen Eltern, da ſie abzogen, erhandelt habe, wieder zuſchreibe als freiwilliges Geſchenk von mir und Eigenthum. Denn Du biſt ein braver Burſch, dem ich Freund bin, und den ich noch vor meinem Ende als Freiſaſſen ſehen will. Wer weiß, wie es ginge, ſtuͤrbe ich ploͤtzlich weg, ohne Urkund' meines Willens.» Ach, Herr, wie ſeyd Ihr doch ſo fromm und gut! jubelte Joſeph, und herzte den Alten mit der Dankbarkeit eines Sohnes:„Wie mag ich Euch vergelten, was Ihr an mir thut? Ich kann es nur durch Offenherzigkeit, lieber Mei⸗ ſter!!— Und nun erzaͤhlte der Juͤngling mit uͤberfließendem Herzen und Mund, was ihn nach Abtenau gefuͤhrt, was er mit Wirlmahr's ——— 6 W 159„ Tochter beſprochen, und wie heute der Tag ſey, an welchem er erfahren werde, wie der Miſſio⸗ naͤr von der Sache denke. Rodel ſtutzte anfaͤnglich, ſchuͤttelte dann aber⸗ mals mit dem Haupte, ſtrich ſich uͤberlegend mit den Fingern durch die Silberhaare und betrach⸗ tete den Redner, nachdem er geendet, mit freundlicher Wehmuth.„Du armer Knab'!v ſagte er endlich: Wie ſehr es auch ein gutes Kind erfreuen mag, daß die, ſo es geboren, lebt und ihre hellen Sinne hat, ſo moͤchte ich doch faſt begehren, daß Deine Mutter bei dem ſtarr⸗ köpfigen Lutz im Grabe läge. Allein, man ſoll des Herrn Schickung nicht deuteln. Wenn nur der Kapuziner aus dem Spiele geblieben waͤre! Wenn Du nur zu mir das Vertrauen gehabt hätteſt, das Du dem unerfahrnen Maͤdel ſchenk⸗ teſt! Aber ſo iſt's; den Graukopf furchtet oder verachtet Ihr, junges Volk, und die rothe Wange bethoͤrt Euch.— Joſeph entſchuldigte ſich treuherzig, und meinte endlich, ader Herr 160 moͤchte ihm mittheilen, warum er von dem Pater nichts wiſſen wolle?—„Weil ich von dem Manne nichts Gutes hoffez» hieß die Ant⸗ wort:„Du haſt ihm freilich nichts zu Leid ge⸗ than; aber vielleicht iſt er Dir feind, weil er mir, Deinem Pfleger, aufſaͤßig iſt.“—„Euch, Herr? Ihr betruͤbt ja kein Kind.“— aHm!* verſetzte der Alte verlegen und zoͤgernd:„Da ſtecken Dinge dahinter, die einem jungen Geſel⸗ len, wie Du biſt, nicht berichtet werden ſollen, am wenigſten von einem alten Manne. Sag' mir jedoch bei der Heimkehr, wie der hochwuͤr⸗ dige Herr Dich behandelt.— Joſeph ver⸗ ſprach's, und im Begriff, von ihm zu ſcheiden, fragte ihn der Meiſter mit ſorglicher Miene: anoch eins, mein Sohn. Man wittert Wild⸗ dieberei in meinem Hofe. Nun weiß ich, daß Du wacker ſchießen kannſt, und immer bei'm Scheibenſchießen auf den Zweckel trafſt; aber Dir traue ich den Diebſtahl am Herrn nicht zu. Haſt Du jedoch nichts unter Deinen Nebenknech⸗ ten bemerkt? Der Stoffel iſt ein verwegner * 6 161 Menſch, und der Niklas zu Allem zu bereden. Waͤren die vielleicht— 2 Obgleich auf des Juͤnglings Wange eine Flamme der Ueberraſchung aufſtieg, ſo leugnete er doch beharrlich, und wollte von keinem Wild⸗ frevel gehoͤrt haben. Rodel glaubte ſeinen Wor⸗ ten gern, und ſchied dann von ihm, wie der Freund vom Freunde. Wie Joſeph von den Hoͤhen hinunterſtieg in's eisflimmernde Stromthal, ſo winkte ihm ein buntes Tuͤchlein entgegen, und eine ſuͤße Stimme rief ihm unfern von dem Haͤuschen der Wittwe ein froͤhlich klingendes„Willkommen! zu.—„O, wie lacht Dein Mund! wie glaͤnzen ſo luſtig Deine Augen?» fragte der froh uͤber⸗ raſchte Joſeph, der mit ſuͤßen Ahnungen herab gekommen war: Maͤdel! bedeutet Gutes Dein Moosroſen I. 11 N 162 N Blick und Dein Lachen?—„Ich denke wohl, herzlieber Knab',» antwortete Anna wie ver⸗ klaͤrt: egeſtern ſchon hab' ich mit dem Pater geſprochen, und das Herz hat mir geklopft, und geſaus't hat mir's vor den Ohren wie aller Salzpfannen Gebrodel zu Hallein. Aber,. man ſoll doch immer das Beſte hoffen, denn der liebe Gott iſt uͤberall, und er ſprach auch geſtern aus den Augen und von der Stirne und aus dem Munde des hochwuͤrdigen Herrn, der gar nicht boͤſe wurde, ſondern mir freundlich erlaubte, Dich zu ihm zu ſenden, wenn Du wieder nachfragen wuͤrdeſt. Und heute,.. ach, ich wußte es ja, daß Du nicht ausblei⸗ ben wuͤrdeſt.. heut' iſt gerade der rechte Tag. Ich habe den Pater, der dort in der Huͤtte ſitzt, aufgehalten, und ihm den Kaffee⸗ trank, zu welchem er die Bohnen allenthalben im Ermel mit ſich fuͤhrt, beſonders gut gekocht. Die Mutter leiſtet ihm Geſellſchaft, und ſchluͤrft mit ihm den Trank. Ich aber hab' mich auf die Lauer geſtellt, um Dich zu empfangen. Und 163 nun komm und ſprich vernuͤnftig und recht de⸗ muthig, denn das liebt der geiſtliche Herr.“ Von freudiger Beklommenheit befangen trat Joſeph in das enge Gemach der Huͤtte, wo am wohlgeheizten Ofen, die Schaale mit dem brau⸗ nen Tranke noch in den Haͤnden, der Miſſionaͤr im Lehnſtuhle ſaß; zu ſeinen Fuͤßen auf einen Schemel gekauert Anna's Mutter, zu Bedienen und Einſchenken bereit, wie auch ſelbſt mittrin⸗ kend; das vom ungewohnten Trank gluͤhende Geſicht gab davon Zeugniß. Kerzengerad trat Joſeph vor den Moͤnch, ſcharrte ſeinen kurzen Buͤckling ab, und ſchielte verlegen nach ſeiner Anna, die an der Thuͤre lauſchte, und ſich nicht herein traute, um nicht zu ſtoͤren. Pater Aloys, ein Fuͤnfziger von lebhaften Geſichtszuͤgen, be⸗ trachtete den jungen Mann vom Kopf bis zu den Fußen, und nickte leicht mit dem Kopfe, als Joſeph ſeinen Namen genannt hatte.— Laſſe Sie uns doch einen Augenblick allein; begann er hierauf zu der Hauswirthin, eich 164 habe mit dem Burſchen hier etwas abzuthun.» Gehorſam und demuͤthig folgte Frau Wirlmayr ſeinem Befehl, und Joſeph ſtand nun allein vor dem gefuͤrchteten Manne, der ihn noch immer mit ſeinen forſchenden Augen durchbohrte.— „Anna hat mir von Ihm geſagt,» ſprach der Kapuziner:«Sein Vater war der Bergmann Lutz?*— Joſeph bejahte furchtſam.—(Er hat einen ſaubern Vater gehabtz» fuhr der Moͤnch fort, ſeine Stachelaugen noch immer nicht zu⸗ ruͤcziehend:«weiß Er, wie das Sprichwort heißt? Der Apfel faͤllt nicht weit vom Stam⸗ me. Wie ſieht's mit ſeinem Chriſtenthume aus?“ — Joſeph berief ſich ſchuͤchtern auf das Zeug⸗ niß des Pfarrers zu Werfen.— Aloys laͤchelte ſpottiſch und ſprach: Die Weltgeiſtlichen ſehen viel durch die Finger, waͤhrend es heut' zu Tage Noth waͤre, daß man tauſend Augen haͤtte. In Sack und Aſche mit dem Suͤnder, und das ohne Verzug, damit ſeine unſterbliche Seele gerettet werde. Bet' Er mir einmal den Glauben, und den engliſchen Gruß, und das 165 Vaterunſer, und die Litaney zur unbefleckten gebenedeieten Jungfrau Maria, der Mutter un⸗ ſers Herrn und Heilandes!?— Joſeph that dem Verlangten ohne Anſtoß Genuͤge, und Pater Aloys nickte beifaͤllig.—„Schickt Ihn ſein Herr vierteljaͤhrig zu Beicht' und Abendmahl? fragte er ferner.— Joſeph bejahte hellen Auges.— Haͤlt Er feinen Herrn für einen gottesfüͤrchti⸗ gen, katholiſchen Mann?* fuhr der Moͤnch fort. — Joſeph bejahte aus vollem Herzen.— Ein neues kaum merkliches Spottlaͤcheln flog uͤber des Paters Geſicht, verſchwand jedoch alſobald, und nur in den Augen blieb ein Reſt von Scha⸗ denfreude zuruͤck, mit welchem er fragte:„Nun, Sein Vater, der abtruͤnnige Mann, iſt unter den niederlaͤndiſchen Ketzern geſtorben? . Verdienter Lohn. Seine Mutter liegt nun, wie der verlorne Sohn, vor ihrem elterli⸗ chen Hauſe und bejammert ihre Thorheit. Hes —„Sie moͤchte gern in Pongau, wo ſie gebo⸗ ren wurde, ſterbenz;» erwiederte Joſeph mit ſanfter Stimme.—«Alles gutz* verſetzte Aloys: M 166 aiſt ſie denn wieder katholiſch geworden, da es mit der Ketzerei nicht mehr fort will?.—«Ich glaube, hochwuͤrdiger Herr,» antwortete Jo⸗ ſeph, dem die hellen Thraͤnen in's Auge traten: eich glaube, ſie iſt nie von unſerer Kirche ge⸗ wichen, ſondern nur dem Vater gefolgt, weil er ihr Ehemann war, und in's Elend ging.“— Verblendung,» entgegnete Aloys:«dem Hei⸗ land ſoll man folgen und nicht dem Teufel. Indeſſen, die Kirche iſt eine barmherzige, lie⸗ bende Mutter. In Betracht, daß die Seinige bereut, ſich gebeſſert hat, und vornehmlich mit Ruͤckſicht auf Seinen eigenen untadelhaften Glau⸗ ben koͤnnte ſich's wohl allenfalls machen, daß dem alten ſuͤndigen Weibe verſtattet wuͤrde, im Lande die Glaubensprobe zur Wiederaufnahme machen zu duͤrfen; eine hohe Verguͤnſtigung, die vielleicht bald Mancher mit ſchwerem Geld erkaufen moͤchte.*) Das muß aber von Salzburg *) Michel Wallner, Balthaſar Gruber und zwei an⸗ dere Bauern erkauften in der Folge dieſe Gnade für die Summe von 700 Gulden. N 167 kommen, und Er muͤßt' von dem Pfarrer des baierſchen Orts, in welchem das Weib jetzo haust, einen Bußſchein fuͤr daſſelbe beibringen. Kann Er ſchreiben??— Joſeph meinte, wenn man ihm Zeit ließe, wuͤrde er wohl einen Brief zuſammen bringen.—„Einen Brief?» fragte Aloys;„Sein Pflegvater hat Ihn ja faſt zu ge⸗ lehrt gemacht. Auf's Leſen verſteht Er ſich noch beſſer, ſetzte er laͤchelnd bei,— adenn Er hat es dem Maͤdel hier im Hauſe in den Angen geleſen, daß es Ihn gern hat, und Sein Roth⸗ werden ſagt mir, daß es Ihm gerade ſo geht. He?—„Ach hochwuͤrdiger Herr!* ſtotterte der Betroffene: Ich ſchaͤme mich, und Sie wiſſen auch Alles gleich auf's Haar.“—«Hm!* ſchmunzelte Aloys:«wenn uns auch Etwas ver⸗ borgen bliebe. Nun, zu ſchaͤmen iſt es uͤbrigens nicht. Ihr waͤr't gerad' nicht ungleich gepaart. Eure Väter waren beide Bergleute, und Ihr ſeyd beide gleich rechtglaͤubig. Ein ſeltner Fall; denn die Bergknappen, und was von ihnen ſtammt, ſind immer Gruͤbler und Dichtler geweſen, und haben immer an Gottes Wort gedeutelt, und den Wittenbergiſchen Unfug am begierigſten aufgenommen. Vor Allem der Schaid⸗ berger, der vor einigen und vierzig Jahren zum Lande hinaus mußte, hat viel Schaden geſtiftet durch ſein gotteslaͤſterliches Predigen und ſeine verfuͤhreriſchen Schriften, die noch jetzt im Ver⸗ borgenen geleſen werden. Unverbeſſerlich ſind Alle die, die aus dieſem truͤben ſtinkenden Quell getrunken haben, glaub' Er mir, und Keiner, der des Schaidberger's Geſchmier geleſen, be⸗ kehrt ſich je, das weiß ich. Darum laßt, was nicht Eures Amts iſt, damit Ihr ruhig ſterbet und ſelig werdet.—«So Gott will, hochwuͤr⸗ diger Vater;z» verſetzte Joſeph:«wenn ich Sie aber an Ihr Verſprechen erinnern duͤrfte.... — WVerſprechen?* fragte der Pater;«verſpro⸗ chen habe ich noch nichts; Alles wird auf Sein Betragen ankommen, und, wie geſagt, ſelbſt dann haͤngt es nur von unſerm hochwuͤrdigſten Herrn Erzbiſchof ab. Er hat die Gewalt allein; wir armen Moͤnche ſind nur die demuͤthigſten 169 und unwuͤrdigſten Diener der Kirche, die gleich einer liebenden Mutter immer denen verzeiht, die ſie beleidigt haben, immer die wieder zaͤrt⸗ lich aufnimmt, die ſich in boͤſer Verblendung von ihr gewendet haben.“ Die Thuͤr ging auf, und mehrere Leute, die es vernommen hatten, daß der Miſſionar ſich in dieſer Huͤtte befinde, traten ehrerbietig ein, obſchon auf allen Geſichtern Eile und ein dringendes Begehren zu leſen war. Des Paters Stirne hatte ſich bei der unerwarteten Stoͤrung ſehr gefurcht, aber der nächſte Augenblick glaͤt⸗ tete ſie wieder, und indem er den Leuten zu⸗ winkte, ſprach er leutſelig: Nur heran, meine Kinder, was habt Ihr vorzubringen? Nur huͤbſch Einer nach dem Andern; ſprecht!» Mein Herr, der Schmelzvogt in Bluͤhen⸗ bach iſt uͤber Nacht recht ſchlimm geworden,“ N 170 meldete der Erſte, aund der Bader gibt ihm kaum bis Abend zu leben. Er moͤchte gern die Wegzehrung empfangen, und verlangt nach Ihnen, hochwuͤrdiger Herr.“— Vorgeſtern war ich bei ihm;» erwiederte Aloys mit finſterem Spotte: eich wollte den Mann, der heimlich zu den Ketzern gehalten hat, bekehren, und er wies mich mit ſchnoͤden Worten ab. So bereite er ſich jetzt ſelbſt vor; der, dem er bis jetzt gedient, ſoll ihm auch forthelfen. Ich habe nichts mit ihm zu ſchaffen.“—„Der hochwuͤr⸗ dige Pater Wolfram, der Miſſionaͤr, läßt fra⸗ gen,» ſprach ein Anderer, aob er dem Pfarrer erlauben duͤrfte, daß die verſtorbene Hebamme Filsnarin auf dem Kirchhof begraben werde.» —„Die Lutheranerin, die die Bibel geleſen hat? fuhr der Moͤnch auf:„Der Pfarrer ſoll ſich unterſtehen! Der Pater Wolfram ſoll den Fall alſobald nach Salzburg berichten. Auf den Anger mit dem Weibe. Sie hat die Suͤnden all' der Kinder auf ihrer Seele, die durch ihre unheiligen Haͤnde gegangen ſind.» 171 N Ich habe mich uͤber den Pater Wolfram zu beſchweren;z« begann die Floßmeiſterin von Werfen, die ſo eben heftig eintrat: vor einer Stunde hat der geiſtliche Herr mein Haus zu durchſuchen ſich unterfangen. Ich bin aber eine ſtille gottſelige Frau, die weder Ketzer noch deren Buͤcher im Hauſe duldet, und will auch ſolche Gewalt nicht ertragen.... und...v— Still? Gottſelig?“ unterbrach die Klaͤgerin der Moͤnch: Verfolgt Sie mich bis unter die⸗ ſes Dach mit Ihrer leeren Klage? Weiß Sie nicht, wo ich ſonſt zu finden bin? Glaubt Sie mir durch Ihre Prahlerei beweiſen zu wollen, daß Sie unſchuldig ſey? Im Gegentheil. Nun halte ich Sie erſt fuͤr verdaͤchtig, und werde ſelbſt Ihr Haus durchſuchen. Verklage Sie mich dann beim Pfleger oder zu Salzburg, wann Sie uͤber die Grenze ſpringen will. Verſteht Sie mich? Und Ihr Alle, geht in Gottes Na⸗ men davon. Morgen will ich zu Hauſe mit Euch reden, beſſer als jetzt, denn das Weib hat mich unruhig und betruͤbt gemacht im Gemuͤthe.» 172 Wie eine Raſende rannte die Floßmeiſterin aus dem Hanſe. Murrend oder lachend gingen die Andern hinterdrein. Der Pater notirte ſich den Namen des Weibes in ſeine Schreibtafel, barg dieſe mit tuckiſchem Laͤcheln im Ermel, und wendete ſich zu Joſeph, als ob nichts vor⸗ gefallen waͤre. eUm wieder auf mein Voriges zu kommen,» — ſprach er— aſo waͤre es Ihm wohl recht lieb, wenn aus Annen und Ihm ein Ehepaar wuͤrde? Gelt?n—„Hochwuͤrdiger Herr,— verſetzte Joſeph; aſo arm ich bin, und des Gel⸗ des wohl beduͤrfte, ſo ließe ich doch, mein Seel', alle Schaͤtze liegen, die in der Hexenhoͤhle zu Scheukofen eingeſcharrt ſeyn ſollen— um *) Eine in der Mährchenwelt jener Bergbewohner berühmte und berüchtigte Grotte auf dem Hagen⸗ gebirge. Sie wurde zu Ende des ſiebzehnten und zu Anfang des achtzehnten Jahrbunderts ſo ſtark von Einheimiſchen und Fremden in der N 173 einen Haͤndedruck von ihr.“—«Hm lv laͤchelte der Moͤnch: aeines Engeleins Handſchlag iſt auch beſſer, als alles Gold des Teufels. Hab⸗ ſucht iſt verdammlich Ding, aber ein feiner, chriſtlicher Sinn mag wohl Alles erwerben, das er ſich in Froͤmmigkeit vornimmt. Ich will ſehen, was fur Ihn zu thun iſt. Es geht Ihm bei dem Dirnel Einer in's Revier. Vor dem nehm' Er ſich in Acht.—„Meinen Ew. Hochwuͤrden den Balthaſar Rodel,„ erwiederte Joſeph zuver⸗ ſichtlich, aſo hat's nichts zu bedeuten. Es könn⸗ ten wohl noch Andre kommen, als der vierzig⸗ jaͤhrige wilde Mann, und Nannerl bliebe mir doch treu und gut. Was wollte Er denn anfangen,„ ſagte Pa⸗ ter Aloys mit vornehm aufgerichtetem Haupte, Hoffnung, daſelbſt Schätze zu finden— beſucht, daß ſich die Regierung endlich veranlaßt fand, bei den betreffenden Behörden über das Treiben jener Höhlengäſte und den Erfolg ihrer Gänge die genaueſte Erkundigung einzuziehen. 174 awenn ich wider Sein Begehren waͤre? Trotz aller Treue und Beharrlichkeit muͤßte das Maͤ⸗ del einen Andern heirathen, wenn ich's ver⸗ langte, denn ohne mich macht zu Werfen, Ab⸗ tenau und Golling Niemand Hochzeit. Verſteht Er mich?— Er gefaͤllt mir aber nicht uͤbel, und darum will ich Ihm erlauben, zu hoffen, bis ich von Seiner redlichen Denkungsart uͤber⸗ zeugt ſeyn werde. Geh' Er jetzt mit Gott.“ eUnd meine arme Mutter, lieber Herr...25 fragte Joſeph ſchuͤchtern, weil er gar nicht wußte, wie ihm geſchah.—„Ich will's uͤberlegen;» antwortete der Pater freundlich, aber kurz, und Joſeph mußte hinweggehen aller Hoffnun⸗ gen voll, und dennoch gleichſam wie unverrich⸗ teter Sache. Da er aber Annen im Vorhauſe traf, da gruͤnten die Saaten ſeiner Hoffnung um ſo ſchoͤner, und jubelnd erzaͤhlte er dem Maͤdchen, was ihm der alte Rodel verheißen, was ihm der Pater verſprochen, und welche Freude fuͤr ſie Beide wohl im Hintergrunde lauſche. Das dunkle Roth des Entzuͤckens uͤber⸗ 175 flog Annens Wange, und verſchämt blickte ſie zu Boden. Die Mutter ließ ſich aber hinter den Froͤhlichen vernehmen, und ſprach:„Wenn der ehrwuͤrdige Herr da drinnen das Alles ge⸗ ſagt hat, und der Alte auf dem Hagebruch das Verſprechen in's Werk ſetzt, haͤtte ich eben auch nicht viel dawider, denn Du biſt ein wackrer Sohn, wie ich jetzt merke, und wenn Deine Mutter nur nicht lutheriſch geworden iſt, ſo ſoll meine Einwilligung nicht fehlen. Das Ma⸗ del macht mir jetzt gar zu viel Unruhe, und wenn Er nicht ſo brav wäre.... Der Offizier iſt ſchon zweimal da geweſen; heute erſt; aber ich meine, ſie hat ihn abgetrumpft. Kannſt Gott danken, Seppel, wenn Du die zur Frau kriegſt. Eine beßre bekoͤmmſt Du nimmer! Das glaube ich ſelbſt,» frohlockte Joſeph, und ſchied munter von Annen, ehrerbietig und dankbar von der Mutter, um ſeinem Dienſte zu genuͤgen. 176 Ich kann Dir die Arbeit gleich mitgeben, damit ich nicht auf den Bruch mußz» hatte der Schmidt zu Joſeph geſagt: aſtecke das Rohr aber fein vorſichtig unter den Juppen, daß es Niemand ſieht; Du weißt wohl warum. Ihr dort ohen ſeyd freie Leute. In meiner Ju⸗ gend bin ich wohl auch hinaus, rechts und links, und hab' nicht oft gefehlt; aber jetzt geht's nicht mehr, und auch die Zeiten ſind nicht mehr gut. Nu, auf Waidmanns Heil!* Unter dieſer Rede hatte er dem Joſeph ein kurzes Buͤchſenrohr unter das Wamms geſchoben, und ſchickte ihn weiter. Joſeph wußte wohl, daß Balthaſar, ſeines Herrn Sohn, oft Wochen lang auswaͤrts war im Gebirge, und hatte ihn grade in Geſellſchaft von beruͤchtigten Wild⸗ dieben verlaſſen.„Haͤtte auch wohl einen Andern nach ſolcher Arbeit ſchicken koͤnnen!“ murmelte er unzufrieden vor ſich hin.„Item, ſetzte er hinzu— ader Herr hat's befohlen!?— knoͤpfte ſein Winterwamms ſorglich zu, und ging froͤhlich S 177 fuͤrbaß nach dem Ausgange des Markts. Dort ſtanden viele Leute verſammelt, und ſahen ſtumpfſinnig zu, wie der ſchon beſprochne Pater Wolfram auf offner Gaſſe ein armes Weib ab⸗ kanzelte, das vor ihm auf den Knieen lag, und ihn um Gotteswillen bat, doch den Mann wie⸗ der frei zu machen, welchen er durch ſein An⸗ geben in den Thurm gebracht.— Die Seufzer und Klagen der ungluͤcklichen Frau verhallten unter den Donnerworten, die der Moͤnch auf ſie herniedergehen ließ. Und ohne Theilnahme ſtand die Menge, und verzweifelnd hatte ſich die Flehende mit ihren Haͤnden an des Kapuzi⸗ ners Kutte geklammert, und wollte den Schel⸗ tenden, Unerbittlichen, nicht von der Stelle laſſen. Der zornige Pater ſah ſich nach allen Seiten nach einem Schergen um, und Joſeph, das Schickſal der Armen wohl ahnend, trat, unter Allen der einzige Mitfühlende, zu dem Weibe, verſuchend, es mit Guͤte aufzuheben, los zu machen und hinwegzufüͤhren.— Nehen ihm reckten aber zwei kaiſerliche Shariſchüen Moosroſen I. 12 N 178 den langen Hals, und Einer von ihnen hatte ſchon zum Andern geſagt:„Seh doch, Tonel, was ſteht dem Bauer unter der Juppen vor?» — Und: vein Feuerrohr iſt's— hatte hierauf der Andre, ein wahres Falkenauge, erwiedert. — Da nun Joſeph zu dem Weibe ſich menſchen⸗ freundlich buͤckte, entfiel ihm das verderbliche Waffenſtuͤck, und wie die Geier ſchoſſen die Soldaten darauf nieder, und dem gutmuͤthigen Vermittler an den Hals.—«He, Patron!* riefen ſie: alaß Du den Handel, der Dich nicht küͤmmert; und komm' zum Hauptmann, und wehre Dich um Dein eigen Fell! Joſeph, alſo unverhofft angegriffen, ſah ſich zornig um, aber der Beſtuͤrzung war er nicht mächtig, die ihn ergriff, als er das Feuerrohr in den Haͤnden der Jäger erblickte. Bedauernd verließ er das Weib, deſſen er ſich angenom⸗ men, um vor den Hauptmann zu treten, der aus dem gegenuͤberliegenden Wirthshauſe ſchaute, A 179 n mit weingluͤhendem Geſichte, und dicke Wolken aus dem Pfeifenſtummel qualmend. „Ein Wilddieb!v jubelte das Volk, herbei⸗ laufend: vein Wildſchuͤtze hat ſich gefangen! Dummer Teufel!'s geſchieht Dir recht fuͤr Dei⸗ nen Unverſtand! Lern' erſt Dein Handwerk, und treib's dann geſcheuter!—(Ich habe die Buͤchſe im Felde gefunden; antwortete Joſeph dem ſummariſch zum Fenſter heraus verhoͤren⸗ den Offizier; denn er wollte nicht den Schmied, nicht ſeines Herrn Sohn in Gefahr bringen. Der Kapitaͤn lachte aber ihn und ſeine Aus⸗ fluͤchte aus.—„Wart, Vogelchen, ſpottete er, «wir wollen Dich auf den Anſtand ſtellen, wo es huͤbſch kuͤhl und dankel iſt. Du Galgen⸗ ſtrick! weißt Du nicht Deines Fuͤrſten Verord⸗ nung? Schon daß Du'ne Flinte haſt, bricht Dir den Hals.—„Kennen Sie mich denn nimmer, Herr Hauptmann? fragte Joſeph mit gefalteten Haͤnden: aIch war's ja, der Sie und Ihr Volk bei finſterer Nacht hierher gelei⸗ i tet. Haben Sie darum ein Einſehen, und..» „Das Maul gehalten, Donnerwetter!* polterte der Offizier:„Eben weil ich Dich kenne, Du Landſtreicher; im verbotenen Reviere puͤrſchen, und dem hoffaͤrtigen Bergknappen⸗Maͤdel nach⸗ laufen, das ſchmeckt dem faulen Burſchen beſſer, als arbeiten! He?— Nun wußte Joſeph klar, was er von dem Hauptmann zu hoffen hatte, aus deſſen Augen die unverhaltene Eiferſucht hervorbrach, und er ſchwieg ergeben ſtill. Der Hauptmann wurde durch dieſes Schweigen nur noch mehr gereizt, vermaß ſich hoch und theuer, er wolle ihn in Ketten und Banden nach Salz⸗ burg ſchicken, und ihn daſelbſt auf's geneigteſte empfehlen, und ließ ihn vor der Hand auf's Schloß, in den gefuͤrchteten Reckthurm bringen, wo er in einem dunkeln und feuchten Loche ein— geſperrt wurde.— 181 So truͤbe nun auch dem armen jungen Mann die Nacht in dem boͤſen Aufenthalte verging, ſo ſah er doch noch weit aͤngſtlicher dem Mor⸗ gen entgegen, der, wie er fuͤrchtete, ſein Schick⸗ ſal, und nicht auf die beſte Weiſe, entſcheiden wuͤrde. Um ſo erſtaunter war er, als der Pfleger, von dem er gerufen ward, ihm— wiewohl mit finſterem Blicke— die Freiheit ankuͤndigte, ohne nur ein Wort der Erklaͤrung des geſtrigen Vorfalls von ihm zu verlangen. Verduzt ſtand er da, und drehte die Muͤtze in der Hand, bis der Pfleger ihn barſch anre⸗ dete: Was ſteht Er noch hier? Geh' Er ſei⸗ ner Wege, und dank' Er Gott, daß Er alſo davon koͤmmt. Bei mir hat Er ſich nicht zu bedanken. In's Miſſionshaus geh' Er, bei'm Pater Aloys bring' Er ſeine Worte an. Gott befohlen.— Pater Aloys!v dachte Joſeph freudig fuͤr ſich, und ſprang wie ein Reh uͤber Treppe, Hof und Berg hinab:„Der wackere gute Mann! Ja, er ſoll in Zukunft all' meine Hoffnung ſeyn.» Die Dankbarkeit ſeines Herzens zog ihn natuͤrlich auf der Stelle zu der Wohnung des wohlthaͤtigen Kapuziners. Er fand denſelben, ſein Brevier leſend, in behaglicher Ruhe am Fenſter ſitzend; Joſeph's Mund floß uͤber von dem Gefuͤhle, das ſeine Bruſt belebte, und der Moͤnch hoͤrte freundlich ſeinem Schuͤtzling zu, reichte ihm die Hand zum Kuß, und ſprach alsdann: Er mag dem Allmaͤchtigen wohl fuͤr ſeine Guͤte danken, mein Sohn; denn in den Haͤnden des Gerichts, das nicht pruͤft und er⸗ waͤgt, und nur nach dem todten Buchſtaben richtet, waͤre es Ihm ohne meine Fuͤrbitte uͤbel gegangen. Seine hochfuͤrſtliche Gnaden haͤtte Ihn ſo ſicher, als zweimal zwei vier ſind, auf die Galeere nach Venedig geſchickt.“—«Ich weiß es wohl, wie dankbar ich Ihnen ſeyn muß,» erwiederte Joſeph;?— aob ich gleich unſchuldig bin. Aber ich begreife nur nicht, wie's moͤglich war, daß Sie.„— Der d 183 b Kapuziner unterbrach ihn hier laͤchelnd mit den Worten:«Sey Er ruhig, mein Sohn; ohne mich und meinen Conſens verurtheilt man zu Werfen keinen Menſchen. Was die Benedikti⸗ ner zu Gaſtein, die Auguſtiner auf dem Thuͤrn⸗ berg, und die unwiſſenden Franziskaner in Pinggau koͤnnen, das koͤnnen wir arme Kapu⸗ ziner von Radſtadt auch*). Was Seine Dank⸗ barkeit betrifft, ſo wird es gut ſeyn, wenn Er mir ſie durch Gehorſam beweiſ't. Ein Anderes ſteht nicht in Seiner Macht. Er iſt ein armer, aͤlternloſer Burſche, den der Himmel meiner Wohlthäͤtigkeit ſo zu ſagen in den Weg gewor⸗ fen hat. Wenn Ihm Einer zu der Mutter und zu dem Herzensſchatz verhelfen kann, ſo bin ich's allein, aber.„— 4O hochwuͤrdigſter Herr!“ rief Joſeph erfreut; der Moͤnch fuhr aber fort:„Mit der Wirlmayr hab' ich gere⸗ de es kann wohl einſt werden, daß laſſe er mich nur ausreden:— An den *) Unter dieſe Orden war das ganze Land gegeben. — d 184 A Pfarrherrn des bayeriſchen Dorfes, wo ſeine Mutter liegen ſoll, habe ich geſchrieben, und der Brief iſt zum Abgehen bereit Aberv— Euer Hochwuͤrden ſind ein Mann Gottes! ju⸗ belte der entzuͤckte Jüngling: obefehlen Sie, ſagen Sie was ich thun ſoll, um Ihnen in meiner Duͤrftigkeit zu beweiſen, wie viel ich fuͤr dieſe Gnade Ihnen ſchuldig bin.“—„Wir wollen ſehen,» antwortete der Moͤnch mit ſchar⸗ fem Blick auf den Juͤngling, und mit gewich⸗ tigerem Tone:„Er hat ein gutes Herz und guten Willen, das ſah ich Ihm an, und es iſt recht Schade, daß Er dort oben auf dem Ha⸗ genbruch als Knecht verſtocken ſoll, denn des alten Rodel's Haus iſt kein Himmelreich, wie Er wohl weiß, und*s iſt ein Wunder, daß Er ſich unter ſolch' ſuͤndlichem Regiment rein er⸗ halten hat. Er wollte immer ſeiner Brodherr⸗ ſchaft Fehl vertuſchen, und das iſt löblich eine Zeitlang. Aber damit Er nicht ſelber umkomme in der Gefahr, thut's Noth, daß der Greuel ein Ende nehme. Seine freudige Einwilligung 185 vorausſetzend, habe ich darum beim Pfleger ſchon in Seinem Namen die Anzeige gemacht, von den gottesläſterlichen Redensarten, die der alte Rodel beſtändig im Munde fuͤhrt; von den ketzeriſchen Buͤchern, die er bei ſich im Hauſe haͤlt, von dem Widerwillen, mit dem er die Gebraͤuche unſerer heiligen Kirche befolgt, und der Freudigkeit, mit welcher er Meſſe ſchwaͤnzt und Faſten und Weihe und Abendmahl, wie ein lutheriſcher Suͤnder. Von der Wilddiebe⸗ rei, die er daneben treibt, hab' ich nicht ge⸗ ſchwiegen, und damit aus Seinem Herzen ge⸗ redet, denn die Buͤchſe, die bei Ihm gefunden wurde, gehoͤrt doch niemand Anderm, als dem alten Rodel, der goͤttliche und fuͤrſtliche Ge— ſetze mit Fuͤßen tritt.— Den naͤchſten Confe⸗ renztag habe ich anberaumt als denjenigen, an welchem Er vor Gericht und unter meiner Aſſi⸗ ſtenz die Anklage oͤffentlich vorbringen und be⸗ ſchwoͤren werde... und dieß Geſtändniß erſt, — glaube Er mir,— wird Seine geiſtige Wie⸗ dergeburt vollenden.“— 186 Joſeph ſtand wie eine Bildſaͤnle da.— Wie ſtammelte er endlich:„Euer Hochwuͤrden.. ich ſollte, ich... meinen Pflegvater mei⸗ nen Wohlthäter...? O, es iſt gewiß nur Ihr Scherz, und Sie wollen mich nur auf eine Probe ſtellen.—„Das ſtuͤnde mir wohl an! verſetzte der Pater mit hochmuͤthigem Spott: Ich rathe Ihm hingegen, meine Geduld und mein Wohlwollen durch ein kindiſches Straͤu⸗ ben nicht auf die Probe zu ſtellen. Was ich von Rodel ſagte, iſt wahr, und Er weiß, daß es wahr iſt, und Er macht ſich der Suͤnde theil⸗ haftig, wenn er ſie verſchweigt.—„Herrgott!* ſeufzte Joſeph voll Angſt:«Herr Pater, Rodel iſt gewiß unſchuldig, er iſt ein frommer Ka⸗ tholik, und ſein Sohn ſtiehlt dem Fuͤrſten das Wild hinter des Vaters Ruͤcken, aber nicht Er.—„Schweig Er,» eiferte der Miſſionaͤr, und der Zorn fuhr ihm gluͤhendroth uͤber das Geſicht und den geſchorenen Scheitel:„Noch ein Wort, und aus iſt's mit Ihm und meiner Guͤte; aus mit Seinem Mädel und Seiner Nd 187 Mutter. Ich will Ihm ſchon lehren, mich Luͤ⸗ gen ſtrafen zu wollen. Was ich von Ihm vor⸗ läufig zu Protokoll gegeben, das iſt und bleibt geſchrieben, und wenn Er uͤber die Grenze ſprin⸗ gen muͤßte, verſteht Er mich?—„Aber be⸗ denken Sie doch,» bat Joſeph ſchuͤchtern:„Der Herr Pfleger... der allergnaͤdigſte Herr zu Salzburg.„— Will Er mich bei denen verklagen?* fuhr ihn Pater Aloys an:„Geh' Er hin, wenn Er auf die Ruderbank will, töl— piſcher Bauernluͤmmel, duͤmmer als ein Zeder⸗ hauſer, und ungeſchlachter als ein Hallore. Weiß Er, daß ich Ihn auf Zeitlebens ungluck⸗ lich machen kann? Ohne uns ſchließt man hier zu Lande weder Kauf noch Pacht; ohne uns miethet man nicht einmal einen Dienſtboten; ohne uns heirathet man nicht*); verſteht er mich? Schau' Er zum Fenſter hinaus. Dort wandern wieder bei hundert Verbannte mit Sack *) Buchſtäblich wahr, wenn gleich ein wenig un⸗ glaublich.— d 188 und Pack fort. Er ſieht, daß wir mit den Lu⸗ theranern fertig werden; um ſo eher alſo mit Ihm. D'rum geh' Er hin, bedenk' Er Seine Wohlfahrt. Zwei Tage gebe ich Ihm Friſt. Sey Er vernuͤnftig, und habe Er ſeine Mutter lieb und Seinen Schatz. Vor Allem aber plau⸗ dere Er nicht, ſonſt hat Er ſich ſelbſt den Stab gebrochen. Geh' Er fort, in Gottes Namen, und der Herr erleuchte Ihn!— So wie Joſeph noch am verfloſſenen Tage der gluͤcklichſte der Menſchen zu ſeyn ſich einge— bildet hatte, ſo war er jetzo in der That der Ungluͤcklichſte. Seine angeſtammte Bravheit machte ihn zuruͤckſchaudern vor dem Anſinnen des Paters, und dennoch... wochte er noch ſo ernſtlich nachſinnen, mochte er ſein Gewiſſen noch ſo rein erfinden.. der Schein, der graͤß⸗ liche, war doch einmal ſchon gegen ihn. Der 189 Miſſionär hatte in ſeinem Namen geredet; der Pfleger wußte ſchon um dieſe falſche Anklage, und nun befremdete den armen Juͤngling nicht mehr die Haͤrte, mit welcher ihn der Amtmann entlaſſen. Jeder Menſch auf den Straßen,— glaubte er,— muͤßte ihm ſein Ungluͤck anſehen, und ſelbſt Anna's Naͤhe vermied er, weil ihr Beſitz der Lohn einer tuͤckiſchen Bosheit ſeyn ſollte. In der harten Kaͤlte ſtreifte er, war er vom Dienſte frei, in den oͤden Holzungen um den Hagebruch umher, und betete an verſteckten Orten zu Gott um Troſt und gnaͤdige Eingebung. Der Himmel ſchwieg, aber ſein Herz ſagte im⸗ mer: Nein, nein, Joſeph, und wenn Du dar⸗ uͤber ſterben ſollteſt.— Er beobachtete nach ſeiner Weiſe ſeinen Brodherrn, und konnte keine Schuld an ihm finden. Der alte Rodel uͤbte alle Gebraͤuche ſeiner Kirche genau, ſpen⸗ dete Almoſen, und gab das Beiſpiel patriarcha⸗ liſcher Froͤmmigkeit. Und dieſer Mann mit den Silberhaaren, der den Knecht Joſeph mit ſo vieler Freude empfing, als er aus dem Kerker d 190* kam, unſchuldig und gereinigt von Verdacht dieſer Mann er ſollte, meinte Jo⸗ ſeph, kein Chriſt ſeyn, kein guter, glaͤubiger, katholiſcher Mann?— Des Juͤnglings Gewiſſen ſprach ihn frei, und wurde ſelbſt freier da⸗ durch; aber mit verdoppeltem Abſcheu ſah Jo⸗ ſeph auf den Sohn des Alten hin, der ihn rauh anfuhr, ihn einen Toͤlpel nannte, weil er ſich hatte mit dem Rohre erwiſchen laſſen, und ihm's— dem Anſcheine nach— wenig dankte, daß er ihn, den eigentlichen Wildſchuͤtzen, we⸗ der bei'm Pfleger, noch bei'm Vater angegeben hatte. Immer unruhiger wurde indeſſen Joſeph, und mittlerweile kam der Sonntag heran, und der Kirchgang nach Werfen und die Un erredung, die der junge Mann nach dem Gottesdienſte gewoͤhnlich mit Annen zu halten pflegte. Des * 191 Maͤdchens Anblick erneute ſeine Seelenqual, und er zitterte an allen Gliedern, da ihn die Frau Wirlmayr vor dem Gotteshauſe anredete, und ſprach: Ei, Joſeph! Es ſteht nicht fein, daß Er das Haus nicht beſucht, in welchem das Maͤdel wohnt, das Er zu freien gedenkt. Mein Nannerl da weint ſich ſchier die Augen aus dem Kopfe, und der hochwuͤrdige Herr iſt ungehalten, weil er mir Ihn ſelbſt zum Schwie⸗ gerſohne vorgeſchlagen hat. Denn.... mein Gott, lieber Seppel.. denk Er doch ja nicht, daß Nannerl um einen Mann verlegen waͤre. Der lange Balzer, der dort an der Ecke ſteht, der naͤhme ſie gleich, und der hat doch Geld und Gut in Hulle und Fülle, wenn der Alte einmal ſtirbt.“— Anna zupfte verweiſend die Mutter am Ermel, Joſeph blickte aber verdü⸗ ſtert nach Balthaſar hin, der richtig in der Ecke lehnte, an den Naͤgeln kaute, und wie ein Daͤmon auf die Sprechende hinſah. Die ganze Bitterkeit der verwichenen Foltertage kam mit einem Male uͤber Joſeph, daß er zu An⸗ 192 nens Mutter ſprach: aLiebe Frau, konnt Ihr das gute Nannerl gluͤcklich machen, ſo thut's doch ja. Ich,— fuͤrchte ich— kann's und darf's ohnehin nicht.“— Die Weiber machten große Augen, und:„Rappelt's?» fragte die Alte. Helf' mir der liebe Gott! rief Joſeph in Thraͤnen ausbrechend: abeim Blute des Hei⸗ lands! ich darf nicht, darf nicht. Nannerl, ſegne Dich Gott!— Und fort ſprang er an dem hohnlaͤchelnden Balthaſar vorbei um die Ecke, dem Pater Aloys gerade in den Weg rennend. Seine Haſt ſchien dem Pater eine guͤnſtige Vorbedeutung.„Ei! ei! Seppel! ſagte er, wie ſcherzhaft drohend:„Er kommt ſpät, ſchier zu ſpaͤt. Geſtern war die Friſt ei⸗ gentlich vorbei. Indeſſen ſoll's noch gelten, denn morgen erſt iſt Conferenztag. Um neun Uhr erwarte ich Ihn im Miſſionshauſe, und will Ihm noch ausfuͤhrlich erklaͤren, wie das Pro⸗ tokoll..—„Hochwuͤrdiger Herrz» unter⸗ brach ihn heftig der arme Joſeph:„Der liebe Herrgott, von dem wir jetzt Beide kommen, „ 193 wird uns einmal richten, aber.. ſtaͤnde der Scharfrichter hier mit dem Schwerte ich kann nicht thun, was Sie begehren; ich kann und kann nicht, und helfe mir mein heiliger Schutzengel!!— Da trat der Moͤnch einen Schritt zuruͤck, maß den redlichen Burſchen mit finſterem Blick, donnerte ihm ein grimmiges eApage!v zu, und ging raſch an ihm vorbei. Auf Worte hatte Joſeph geharrt, aber nicht auf dieſes ploͤtzlich abbrechende Scheiden. Wie ein Traͤumender ſah er nach der Kirche hin, und ihm wurde vor ſeinen ſchimmernden Augen, als ob in der Ferne ſeine Anna von einigen Weibern hinweggetragen wuͤrde, und der Pa⸗ ter, im eifrigen Geſpraͤch mit Balthaſar ver⸗ kehrend, denſelben nachginge. Der Schnee, welcher haͤufig zu fallen begann, jagte alle Kirchgaͤnger ſchnell in ihre Haͤuſer, und lange, aber unempfindlich gegen das Geſtoͤber, ſtand Joſeph allein auf dem Platze, bis ihm eine Stimme ſagte:„Komm mit, Joſeph. Was machſt Du hier? Komm!— Movosroſen I. 13 194* Die ernſt ausgeſprochenen Worte kamen aus dem Munde des Brodherrn. Mechaniſch folgte demſelben der Knecht auf dem gewohnten Pfade heimwaͤrts. So wie die ſtill neben einander ſchreitenden, finſter niederſehenden Wanderer in die Hoͤhe kamen, wurde das Flockengewirre heftiger; aber ploͤtzlich ſtand mitten im Win⸗ terſturme der alte Rodel ſtille, wies auf den Abgrund zur Seite, und ſagte: Hier, Joſeph, iſt der Fleck, wo Du mich vom Sturz errettet haſt. Hier gelobte ich Dir zur Belohnung Dein väterlich Erbe. Nimm!? Er reichte dem Be⸗ ſturzten ein Papier hin, und ſchob es dem Wei⸗ gernden in die Taſche der Sonntagsjacke.— „Nimm,» ſetzte er hinzu:„Die Schenkung iſt's, die ich bei'm Pfleger holte. Leb' wohl!— Herr!* ſtotterte Joſeph im furchtbaren Kampfe mit ſich ſelber, ob er dem Wohlthaͤter Alles entdecken, ob er, das eigene Wohl zu bewah⸗ ren, von des Paters Tuͤcke ſchweigen ſollte; der Greis ſchritt aber duͤſter voraus, und jeder Seufzer aus Joſeph's Bruſt verhallte im heu⸗ „ 195* lenden Wind.—„Oben! oben will ich reden!“ dachte der junge Mann, endlich feſt ent⸗ ſchloſſen, nichts mehr zu verſchweigen.— Aber der Meiſter drehte ſich zu ihm unter der Thuͤre des Hauſes, und redete zu ihm:„Du haſt jetzo Dein Eigenthum; geh' hin, Joſeph, aber be⸗ tritt meine Schwelle fuͤrder nicht mehr, Du ungetreuer, luͤgenhafter Knecht. Geh' hin mor⸗ gen, und klage Deinen zweiten Vater oͤffentlich an, der Wahrheit zum Spott, und einem Pfaf⸗ fen zu liebe, der mir's nach zwanzig Jahren noch nicht vergeben kann, daß ich ihn aus mei⸗ nem Beſitzthum wies, als er mein zweites junges Weib zu ſeinen Luͤſten erniedrigen wollte, das glaͤubige Vertrauen der frommen Frau miß⸗ brauchend. Der Pfleger hat mir Alles entdeckt, er will, ich ſoll dem Miſſionär ausweichen, bis ſeine Macht ſich gebrochen haben wuͤrde; aber der ehrliche Mann haͤlt aus, ich will ſehen, wie weit es Bosheit und Undank treiben wird; Dich aber in meinem Hauſe ſehen will ich nicht mehr. Fahr' wohl! NN 196 Mit dieſen Worten warf er vor dem in Un⸗ willen und Thraͤnen vergehenden Joſeph die Thuͤre zu, und kein Mittel, kein Flehen konnte den tiefgekraͤnkten alten Mann bewegen, die Pforte zu oͤffnen, oder auch nur ein Wort der Erklaͤrung anzuhoͤren. Da legte verzweifelnd, mit zitternden Haͤnden, Joſeph den Schenkungs⸗ brief auf die Schwelle nieder, und lief voll Angſt und Jammer tief in den entlaubten Wald hinein. In einem Bretterverſchlage, den Speiktraͤ⸗ ger*) errichtet hatten, um auf ihren Wanderun⸗ gen durch's Gebirge ein Obdach vor Regen und Gewitter zu finden, warf ſich Joſeph auf den *) Speik, celtiſcher Baldrian, wächst auf den Hochalpen im Lungau, und wird weit und breit verſendet. „ M 197 Boden, und uͤberließ ſich freiwillig den Leiden ſeiner ungluͤcklichen Lage. Vom Wohlthaͤter wie auch bald von der ganzen Welt verkannt, ver⸗ lor er Ehre, Ruf und Annen mit einem Schla⸗ ge, dennoch konnte ſein ſchlichter Biederſinn nicht die Haͤnde zu des rachſuͤchtigen Miſſionaͤrs Planen bieten. Was war aber ferner zu thun? Der Rache des Moͤnchs,— das fuͤhlte er,— war er blosgeſtellt, wie er ſich auch benehmen wuͤrde. Das offene Geſtaͤndniß des ganzen Han⸗ dels wuͤrde jedoch ſeinen Untergang nur beſchleu⸗ nigen. Wer glaubt mir armen Bauer, fragte er ſich ſelbſt, wenn der Pater Aloys heſchwoͤrt, was er geſagt? Ich bin verloren, und nachdem ſie mein Brod und mein Nannerl mir geraubt haben, ſchicken ſie mich auf die Galeere. Und dann, meine Mutter, meine arme Mutter, die vielleicht blutige Thraͤnen ſchon um mich geweint hat, die ſchon dem Verhungern nahe iſt!— Herrgott! ich kann hier nicht bleiben! fort muß ich! rief er aufſpringend: azu ihr mich betteln, mit ihr betteln,— fuͤr ſie arbeiten in der N 198 n Fremde,— ſie tragen, ſie pflegen, ihr einſt ſanft die Angen zudruͤcken.... O Herr! ſtaͤrke Du meinen Fuß und meine Haͤnde, und ſegne mein Nannerl, meinen wackern Pflegevater, daß ſie fuͤr mich beten, und meiner mit Liebe geden⸗ ken, daß meine Unſchuld an den Tag kommt, daß„ Stimmen wurden hoͤrbar; Joſeph buͤckte ſich hinter ſein Verſteck und blinzelte zwi⸗ ſchen den Ritzen hindurch. Einige Jaͤger, die Buͤchſe im Arm, wurden am Rande des Gehoͤl⸗ zes ſichtbar, ſchienen umherzuſpaͤhen, und ver⸗ theilten ſich, hinter den Baumſtaͤmmen ver⸗ ſchwindend. Die Ahnung, ſie ſeyen ausgeſchickt, um ihn wieder einzubringen, bemeiſterte ſich Joſeph's, und er getraute ſich nicht, aus ſeiner engen Behauſung zu gehen, ſondern beſchloß, die Nacht in dem Mondſchein zu erwarten, um ſeine Wanderung dahin anzutreten, wo der Goͤhl und der Unterberg emporſtreben, die Reſidenz⸗ ſtadt liegt, und hinter ihr der Graͤnzpfahl, in deſſen Nähe ſeine Mutter ſchmachtete. Der Schnee fiel noch obendrein immer haͤufiger, und „ 199 die Kaͤlte ſowohl als die Ermuͤdung ſeines Koͤr⸗ pers bewog den freiwilligen Fluͤchtling, ſich in den Blätterhaufen zu vergraben, der in der Ecke des ſchlechten Obdaches aufgeſchuͤttet lag. Eine Stunde mochte er darin vertraͤumt haben, als abermals Menſchenſtimmen ſich hoͤren ließen, obendrein noch ganz dicht an der Huͤtte, denn das reiche Flockenlager auf der Erde ließ jeden Schritt ungehoͤrt und unbeachtet, wie auf den leiſeſten Socken, herankommen. Joſeph erkannte an Ton und Dialekt die Spießgeſellen Baltha⸗ ſar's, die ſchon vor ein Paar Tagen Rodel's Haus verlaſſen hatten, um auf wilder Jagd herumzuſtreifen. Der Eine, ein tuͤckiſcher Lun⸗ gauer aus dem Muhrenthale ſprach halbleiſe zum Andern:„Der heilige Chriſtoph weiß, wie die Jaͤgersbaͤlge auf unſre Faͤhrt gekommen ſind. Sie haben uns vom Doppenkahr*) bis hieher gejagt, und dort haben ſie uns im Schuß, wenn wir nur das mindeſte Verdaͤchtige an uns *) Die höchſte Alp im Herzogthum. MN 200* haben.—„Darum wirf Dein Gewehr weg, wie ich's gethan habe, meinte der Andere, und laß uns auf Huͤttau zulaufen.—„Der Teufel ſchlag' hinein,» verſetzte der Erſte: a's bleibt aber nichts anders uͤbrig. Wegwerfen will ich's jedoch nicht, ſondern da drinnen unter die Blät⸗ ter ſtecken, damit ich's wieder finde.“—„Oder ein Andrer, lachte der Zweite, den Erſten zu⸗ ruͤckhaltend: aauf der Streu da liegt nach der Reihe Fiſch und Vogel, und keine Nacht iſt ſie unbeſetzt. Steck' die Buͤchſe in den hohlen Baum hier, da mag ſie ſicher ſeyn.“— Nach einigem Hin⸗ und Herreden geſchah es alſo, und bald vernahm Joſeph nicht mehr das Geringſte von menſchlicher Naͤhe. Wie er hervorkroch, kam ſchon die Daͤmmerung heran.... Das Schnee⸗ geſtoͤber hoͤrte auf, und eine angenblickliche Ruhe in der Natur lud den Fluͤchtling zum Antritt ſeiner Wanderung ein. Schnell gedacht, ſchnell gethan. Heraus aus der Huͤtte, ein Blick zum Himmel... Joſeph's zweiter fiel auf den hohlen Baum, und der Gedanke, ſich der Flinte dar⸗ „ 201 Wn innen zu bemaͤchtigen, ward in ihm rege. Er verhehlte ſich nicht die Gefahr ſeiner naͤchtlichen Bergwanderung und machte ſich kein Gewiſſen daraus, das vielleicht geſtohlene Werkzeng des Frevels an ſich zu nehmen, ſich feſt verſpre⸗ chend, wo es nur immer moͤglich ſey, es wieder an ſeinen Eigenthuͤmer einſt gelangen zu laſſen. Die Buͤchſe und den kleinen Waidſack mit we⸗ nigem Schießbedarf enthob er dem bergenden Baume, und ſtrich raſch durch den Forſt, bis er in's Freie und zum Abhange des Berges gegen das Thal kam. Tief unten blickten die Lichter von Werfen, aber— ſey es nun, daß den landkundigen Wanderer die Angſt vor ſeiner eigenen Unternehmung, oder das Schneelicht taͤuſchte,— genug,— nachdem er durch den tiefen Schnee herunter gewatet und geklettert war mit Lebensgefahr, und eine Strecke weit hingelaufen, ſah er ſich mit einem Male— Anna's Huͤtte vergebens zur Seite ſuchend— auf unrechtem Wege. Statt gegen Abtenau war er gegen Huͤttan zugerannt, und hatte eine Stunde vielleicht in muͤßigem Treiben verſaͤumt. Während er nachläſſig da ſtand, ſich die Augen rieb, und ſein Mißgeſchick verwuͤnſchte, hoͤrte er von der Huͤttau her, laͤngs der Salza, Schellengeklingel und ein Peitſchengeklatſche, dem Aperſchnalzen aͤhnlich, das die jungen Hir⸗ ten treiben, bevor ſie die Fruͤhlingsalpfahrt antreten. Ein ſchneller Reiter trabte blinzend heran, er fragte den Harrenden, aob dieß der richtige Weg auf Werfen ſey.» Auf die Beja⸗ hung hin rief er:«geh' Er doch dem Schlitten entgegen, guter Freund, und zeig' er dem Kut⸗ ſcher des Freiherrn, gleich mir, den Weg. Die Nacht iſt finſter, und der Schnee hat Straße und Fluß gleich gemacht, daß man nicht weiß, wohin, wo aus. Ein Trinkgeld verſpreche ich Ihm.)— Und ſomit gab er dem Pferde Spo⸗ ren und Peitſche, und trabte munter fort, hart an der Bergwand hin. Der dienſtfertige Joſeph hatte indeſſen kaum einige Schritte weiter ge⸗ than, als der aufgehende Mond ploͤtzlich eine gefahrvolle Scene beleuchtete. Der benannte „ 5 203 Schlitten erſchien naͤmlich ſchon, von tobenden ausgeriſſenen Pferden daher geſchleppt. Kein Kutſcher, kein Vorreiter bei dieſen letztern. Zwei im Schlitten ſitzende Männer ſchrieen nach Huͤlfe, und, indem das vordere Pferd ſtuͤrzte, die uͤbrigen ſich baäumten, und der Schlitten dadurch am Rande des Salza⸗Ufers ſtille hielt, erſah Joſeph mit Schrecken, daß ein blutgieri⸗ ger Wolf am Halſe des geſtuͤrzten Pferdes hing, und ein anderer, wuͤthender vor Hunger und grimmiger als der erſte, den Schlitten angefal⸗ len, und ſich in dem Pelzmantel verbiſſen hatte, den in der Verzweiflung einer der Fahrenden dem Ungethuͤm entgegenhielt, waͤhrend der An⸗ dere, von Schrecken gelaͤhmt, in der Ecke lag und nach Rettung ſchrie. Joſeph war beſonnen, erinnerte ſich ſeines Schuͤtzenruhms, fuͤhlte die Buͤchſe in ſeiner Fauſt, legte an, und ſtreckte mit einem gluͤcklichen Schuſſe den Wolf vom Schlitten nieder. Der zweite, entſetzt von dem Knall, ließ das Pferd los, und ſprang auf die Eisflaͤche der Salza, ſich zu retten. Das truͤ⸗ 204 geriſche Eis brach aber unter ihm ein, und die Fluth verſchlang ihn, waͤhrend Joſeph, der kaum den geſtuͤrzten und ſchreiend nachhinkenden Kutſcher erwartet hatte, ſich auf ein unverletz⸗ tes Pferd ſchwang, und den Schlitten bis an Werfen brachte. „Nun moͤg't Ihr mit Gott vollends hinein fahren,» ſagte er zu dem Kutſcher, da das Fuhrwerk an den Mark gelangt war, und ſchwang ſich vom Pferde:„Meine Straße fuͤhrt weiter und ich wuͤnſche der gnaͤdigen Herrſchaft wohl zu leben.“— Ei, ei, lieber Mann,* ließ ſich eine auslaͤndiſche Zunge aus dem Schlit⸗ ten vernehmen:«wer wird denn alſo eilen, ohne Dank und Recompens?—„Geben Sie's den Armen, Herr,» erwiederte Joſeph, die Muͤtze ſchwenkend: amir aber brennt's unter den Soh⸗ len. Behuͤt' Sie Gott!?—„Aber Euern Namen „ 205 wenigſtens!v rief der Andere im Schlitten dem Davoneilenden nach, und—„Ich heiße Joſeph Lutz! kam die Antwort zuruͤck, und ferner keine Sylbe; denn Joſeph arbeitete ſich, ſo raſch er konnte, durch den flimmernden Schnee hin⸗ durch, und gelangte endlich auf die rechte Straße. Er athmete freier, blies in die Haͤnde, druͤckte die Muͤtze tiefer in die Stirne, und ſchielte ſeitwaͤrts nach der Gegend, wo Anna's Huͤttchen lag, aus welchem ein duͤſtrer Lampen⸗ ſchein ſich in die Nacht ſtahl. Ob ich ſie noch einmal ſehe? uͤberlegte Joſeph bei ſich ſelbſt: die Mutter wird mich freilich ſchnoͤde von der Thuͤre weiſen, und vielleicht das Maͤdel nicht minder, denn ſie muͤſſen mich fuͤr verruͤckt halten aber bevor ich von der Heimath ſcheide, moͤchte ich doch noch einmal mein Liebſtes ſehen!» — Und ſchon war er auf dem Seitenpfade und ſchon unfern von der Huͤtte, als ploͤtzlich hinter Zaun und Gatter ein Knaͤul von Menſchen ſich hervor waͤlzte, welche einen einzigen Mann, den ſie in der Mitte hatten, unbarmherzig zu 206 mißhandeln ſchienen. Das empoͤrte Joſeph's Sinn, und mit einem lauten:„Halloh! ihr Burſche! reißt aus, oder ich ſchieße! trat er den hinterliſtigen Buben in den Weg. Die Er⸗ ſcheinung des Bewaffneten machte die Kerle ſtutzig, und ſie ließen die Beute fahren, ſich zerſtreuend. Nun erſt erkannte Joſeph in ihnen Scharfſchuͤtzen von der Kompagnie zu Werfen. Mittlerweile ſtand der Zerblaͤute ſchwankend auf, ſchuttelte ſich den Schnee von den Kleidern, und brummte wie ein Halbtrunkner vor ſich hin: Pol' doch der Teufel den Seppel, fuͤr den mich die Kommisbrodfreſſer gewiß gehalten ha⸗ ben!—„Danke fuͤr den Wunſch, Herr Bal— thaſar;» erwiederte Joſeph raſch, und Baltha⸗ ſar ſtarrte ihn mit aufgeriſſenen Augen an. „Wo kommt Ihr her und wo geht Ihr hin 25— Biſt Du denn ein Feldſchutz geworden? lachte der rohe Menſch:«wohl bekomm' Dir die Pa⸗ trull im Schnee; ich aber komm' aus warmen Armen und geh' in's warme Reſt.» 207 b „Ihr kommt? ſtammelte Joſeph mit ah⸗ nendem Zagen.—«J, Narr, verſetzte jener! «von Deinem Schatz, dem Nannerl, komm' ich, hab' bei ihr g'fenſterlt und heirath' ſie, eh's wieder auf d'Alpen geht.— Glaubſt's nicht?„ ſetzte er ſchadenfroh bei, da Joſeph erſtaunend vor ſich hin ſah:„Ei ja! die Mutter hat's geſagt, und der Pater hat's geſagt, und er thut's nicht umſonſt. Morgen iſt ein harter Tag, und heut' iſts weit auf den Hagebruch. Haſt Du'nen Schluck bei der Hand, Du dickkoͤpfiger Land⸗ ſtreicher?«— Unwillig kehrte Joſeph dem ſcho⸗ nungsloſen Prahler den Ruͤcken, und eilte fort, wie von einem boͤſen Geiſte. Das Gelaͤchter deſſelben ſchallte ihm nach, da er in einem wei⸗ ten Bogen um die Huͤtte nach der Abtenauer Straße ſchwankte, denn nun waͤre er um keinen Preis an Annens Fenſter gegangen!«„Sey's denn ohne Abſchied!v ſprach er muthig vor ſich hin, ob es gleich in ſeinen Augen flirrte, wie Thraͤ⸗ nen:„Ihr wuͤnſche ich alles Heil; dem Baltha⸗ ſar aber,— wenn er das herzliebe Dirnel nicht 208 auf den Häͤnden trägt,— alle Tage das Gluͤck, fuͤr mich angeſehen zu werden und unter gedun⸗ genen Soldatenfaͤuſten zu fallen. Jetzt aber voran, Joſeph, und Gluͤck auf! Das Geſchick ſchien heute jedem ſeiner Schritte ein Hinderniß in den Weg legen, und ihn zum Helfen in der Noth beſtimmen zu wollen, denn, als er inne hielt, um ſeinen Gurt feſter zu ſchnallen... da ſaß am Wege eine Geſtalt, verhuͤllt wie eine Nonne, und regungslos wie ein Stein. Ihm wurde bange zu Muthe, da das Landvolk gerade von dieſer Gegend ſich des Spukhaften viel zu erzaͤhlen hatte. Als ein Rechtglaͤubiger ſchlug er indeſſen ein großes Kreuz, und trat auf das daſitzende Weſen los. Es war ein Weib, in eine grobe Futterdecke Kopf und Oberleib gehuͤllt, das auf einem Mark⸗ ſteine kauerte, und in ein bewußtlos dumpfes Traͤumen verſunken zu ſeyn ſchien. Vergebens redete Joſeph die ſeltſame Geſtalt an: ihrem Munde entgingen nur Toͤne, dem Lallen eines „ N 209 n entſchlafenen Kindes zu vergleichen, und der junge Mann erſchrak auf's Heftigſte, da er die Haͤnde, das Geſicht des Weibes beruͤhrte, und ſie ſo kalt und ſtarr wie Eis erfand.— Herr⸗ Gott!« ſeuzte er in Seelenangſt:„Seh' ich recht, ſo iſt das arme Weib am Erfrieren.— Kein Ruͤtteln, kein Schuͤtteln half, und die Arme war im Begriff vom Stein herabzugleiten. Mit Rieſenkraft erfaßte ſie aber Joſeph, warf, ohne ſich zu bedenken, die Buͤchſe von der Schulter, ſchwang die Erſterbende darauf, und lief mit ihr in blinder Haſt zuruͤck, da nirgends vor ihm ein Lichtchen flackerte, und kam— zernich⸗ tet faſt von der unbeholfenen Laſt, wie von ſeiner Seelenfurcht— an die Huͤtte von An⸗ nen's Mutter. Sein ungeſtuͤmmes Klopfen rief die Alte an's Fenſter, und ſcheltend wollte ſie's zuſchlagen, da ſie des unwillkommenen Joſeph's anſichtig wurde. Um Gottes Barmherzigkeit willen!v klagte aber der wackere Traͤger und hielt mit der Linken das Fenſterchen auf:«Ich bringe eine Kranke, die ich am Wege fand, Moosroſen. 1. 14 N 210 ſteif und ſtarr. Uebt Mitleid um des Heilands willen. Ich gehe dann gleich fort und komme nicht mehr»— a's wird eine Lutheriſche ſeyn, die auf der Wanderſchaft verungluͤckt iſt;» murrte die Alte.—„Mutter, auch die Lutheri⸗ ſchen ſind Menſchen,» ermahnte Anna, die hin⸗ ter dem Fenſterlein hervorſah, zum Schrecken Joſeph's, der ſich nicht getraute, einen Blick auf die Dirne zu werfen.—„Nu meinetwegen,» meinte die Mutter: Du, geh' zu Bett und ich oͤffne. Verſtanden 2— Mit einem Seufzer ver⸗ ſchwand Anna, und die Thuͤre ging auf. Kaum hatte jedoch Joſeph die Buͤrde in den Großva⸗ terſtuhl geſetzt, und die Lampe warf ihr Licht auf das bleiche Geſicht mit den geſchloſſenen Augen;— da murmelte Joſeph vor ſich hin: „Ach, du mein Schutzengel! iſt das nicht das Weib aus Kärnthen?5— Die Wirlmayr jedoch, in deren Gedächtniß— wie es Alten zu gehen pflegt— die Bilder laͤngſt vergangener Tage lebendiger zu ſeyn pflegen, als die der juͤngſt verfloſſenen, ſchrie laut auf: Jeſus, Maria ii * 211 und Joſeph! Das iſt die Lutzin! Seppel, Deine Mutter iſt's! O du heiliges Blut! Seppel, Deine Mutter!* Von der erſchallenden Stimme des Sohnes kraͤftiger zum Leben erweckt, als von den Stär⸗ kungsmitteln, wie ſie eben die arme Huͤtte bot, ſchlug die erſchoͤpfte Pilgerin die Augen auf, und athmete einige Male tief, bis ihre Zunge wieder der Sprache maͤchtig wurde.—«O Du mein Joſeph!v ſeufzte ſie alsdann mit gepreß⸗ ten Lauten: av Du viellieber Sohn, hab' ich Dich endlich gefunden, da ich eher todt war als lebendig! Mir iſt's erbaͤrmlich ergangen.... aber ich hab' Dich wieder.. warum biſt Du zu Abtenau ſo ſchnell von mir gegangen? ich hatte Dir ja geſagt, daß ich es ſelbſt bin... Deine Mutter!?— Nach einer Weile, bloß 14 212* von dem Schluchzen des vor ihr Knieenden und der Wittib und ihrer Tochter unterbrochen, fuhr ſie langſam fort:„Vom Vater bring' ich Dir'nen Gruß, mein Seppel. Er ſelbſt liegt in Holland begraben, und mich litt es dort nicht mehr, in Pongau wollte ich mich in die Erde legen. Zu Abtenau befiel mich ein boͤs“ Fieber, und Gott ließ mich durch den ehrlichen Koͤhler Dich wieder ſehen. Ich wollte erſt wiſ⸗ ſen, ob Du noch Deiner alten Mutter in Liebe gedächteſt, und verſtellte mich, ſo ſauer es mir wurde. Aber als Du fort warſt, konnte ich auch zu Abtenau nicht lange bleiben, wo ich ja nicht ſagen durfte, wer ich bin. Da hab⸗ ich mich denn aufgemacht zu Dir, und bin drei Tage lang geſchlichen durch Froſt und Schnee, und verhoffte heute nicht mehr, Dich zu errei⸗ chen; denn ich konnte nicht mehr weiter. Aber der barmherzige Gott ließ mich an Deiner Bruſt wieder erwachen, damit ich ruhig ſterben moͤge. Gebenedeit ſeyſt Du, Maria, Du Mut⸗ ter aller Gnaden!?—„Gott ſey Dank!» ſtam⸗ „ Ad 213 melte die weinende Wittwe, eſie iſt keine Lu⸗ theranerin geworden.“— Die Kranke ſank in⸗ deſſen ermattet zuruͤck, ſchloß die Augen wieder vor Schwaͤche;— der in Angſt vergehende Sohn rief ſchmerzlich:„Brich nicht, Du theu⸗ res Mutterherz! ſtirb mir nicht in den Armen, Du vielgetrenes Muͤtterlein!!— Und auch ſeine Augen giengen in halber Bewußtloſigkeit zu, denn er meinte, er halte eine Leiche im Arm. Da aber lange nachher die Mutter ſich wieder regte und ſich aufzurichten verſuchte, ſah Joſeph auch getroͤſteter um ſich, und ge⸗ wahrte mit Befremden unfern von ſich in An⸗ na's und der Wittwe Armen einen langen jun⸗ gen Mann im ſchwarzen Alumnenrock, und zu ſeinem Entſetzen neben demſelben den gefuͤrchte⸗ ten Pater Aloys, der wie ein zurnender Luchs auf die Gruppe blickte. Wie zu Joſeph in fin⸗ ſterer Nacht die Mutter, ſo hatte ſich in die Huͤtte der Sohn Mathias gefunden, und be⸗ thenerte, er hätte nicht den naͤchſten Morgen gernhig zu Werfen erwarten koͤnnen, um die N 214„n Seinen zu ſehen, und ſey deshalb mit ſeinem Jugendlehrer, dem Pater, heut' noch heraus⸗ gekommen, ſie in ſeine Arme zu ſchließen.— „Welch' eine Beſcheerung!⸗ rief der Miſſtonaͤr, der, auf Joſeph und die Fremde ſehend, ſeinen Angen nicht traute, und nicht ſeinem Ohr, wel⸗ chem die Wittwe den Hergang berichtet hatte. Die Abtruͤnnige wieder im Lande, ohne Er⸗ laubniß, und gehegt von dem luͤderlichen Bur⸗ ſchen und Vaganten? Das gibt Futter fuͤr den Buͤttel, ihr Leute. Werft das Pack aus der Huͤtte, und ich will ſchon ſorgen, daß es in's Trockne kommt.—„Herr Pater!„ ſtammelte die Wirlmayr erſtaunt. Die Kranke ſtarrte theilnahmslos auf den Widerſacher. Aber Jvo⸗ ſeph erhob ſich, die Bruſt belaſtet von gerech⸗ tem Zorne. Im Hintergrunde aber ſprach Anna heimlich und lebhaft ſich geberdend, mit dem aufmerkſamen Bruder.— Was ſagen Sie, Euer Hochwuͤrden? fragte Joſeph bebend.— Mit Ihm rede ich nicht, „ — S— NN 215* verſetzte Aloys; aaber Ihr, Frau Wirlmayr, gebe ich auf, das Geſindel ſeinem Schickſal zu uͤberlaſſen. Das alte freche Weibsbild bekommt den Staupenſchlag, der hehleriſche Bube ver⸗ liert, was er hat, und ſpringt mit der Ketze⸗ rin uͤber die Grenze!?—„Herr! fuhr Jo⸗ ſeph grimmig auf, umſchlang mit der Linken die erbebende Mutter, und erhob die geballte rechte Fauſt:„Der Mutter den Staupenſchlag? Herr, nehmt mir was ich habe, was Ihr wollt, jagt mich nackt und bloß hinaus ſammt der Mutter, aber den Schergen, der Ihr zu nahe kommt, ſchlage ich todt, und den der ihn auf ſie hetzt.—„Der heimliche Lutheraner droht noch? erwiederte mit geifernden Lippen der Kapuziner:„Seine hochfuͤrſtliche Gnaden, der Erzbiſchof, ſpricht aus meinem Munde; ein geborner und ſtets raͤchender Legat des hei⸗ ligen Vaters. Vergreife Dich nur an mir, und ich bringe Dich zum Brandmark und zur Ga⸗ leere!?—«Jeſus! Jeſus lv klagte die Wittwe, und Joſeph's Mutter fing an laut zu weinen. N 216 Hochwuͤrdiger Herrhb antwortete Joſeph außer ſich: Thun Sie, was Sie wollen! Sie haben mir durch Ihre Luͤgen beim Pfleger ſchon vor der Welt alle Ehre genommen, mich zum Schur⸗ ken an meinem Wohlthaͤter geſtempelt. Thun Sie auch noch das Letzte, aber Gott und ſein heiliger Sohn und deſſen benedeite Mutter ſehen die Thraͤnen dieſer Armen, der Ihre Haͤrte vollends das Herz bricht.—«O ſcht Ihr, Mutter!» jubelte Anna, von ihrem Bruder ſich trennend, und an Joſeph's Hals eilend: eſeht Ihr! Er iſt unſchuldig! Rechtſchaffen iſt er wie immer, und nicht der ſchlechte Menſch, wie ihn heute Pater Aloys uns nannte. Er kann kein Boͤſewicht ſeyn, und den Balthaſar nehme ich nicht, Mutter, und ſollte ich mit Joſeph und ſeiner Mutter mich zum Lande hinans betteln.» Dazu koͤnnte Rath werden!» fuhr der Pater mit unausſprechlicher Bosheit fort: ein ſo fern Ihr eben ſo gut dieſes ketzeriſche Weibsbild hegt * und pflegt, wie es ihre Brut thut.„Seh' ich dem tollen Gewäſch, das ich jetz hier ver— nehme, durch die Finger, ſo geſchieht es nur, weil dieſer junge wackere Prieſter mit Euch ver⸗ wandt zu ſeyn die Unehre hat.— Sprechen Sie:— eUm der Gerechtigkeit willen!» ſagte Mathias ſehr ernſthaft und eindringlich zu ihm. —„Wo iſt die Gerechtigkeit? erwiederte Aloys heftig:„Beim paͤpſtlichen Stuhle. Der hat dem Erzbiſchof die Macht verliehen, dieſer uns. Der elende Menſch hier mag ſeine Angeberei läugnen wie er will; morgen bring' ich beſſere Beweiſe gegen Rodel und ihn. Des Alten eigener Sohn tritt als Klaͤger vor die Schranken, gegen ſei⸗ nen leiblichen Vater*), und dieſes Gezucht peitſcht der Henker in's Bayerſch' zuruͤck, oder *) Dieſer Gräuel hatte wirklich im Pongau Statt. Ein Sohn brachte ſeinen Vater um Habe und Vaterland, damit er ihn bei lebendigem Leibe beerbe. 218 Mn ich will ewig faſten bei Waſſer und Brod!— Joſeph's Geduld war am Ende, er ging wuͤ⸗ thend auf den Pfaffen los; Matthias hielt ihn zuruͤck, und von dem Geſchrei der Weiber er⸗ ſchallte die niedere Huͤtte. Die Thüre oͤffnete ſich; draußen ſah man Leute mit Windlichtern und Schneeſchaufeln ſtehen; herein trat der Pfleger. Zu ſeiner Rech⸗ ten ein wohlbeleibter ſchoͤner und vornehmer Mann, unter deſſen Pelzmantel Stern und Or⸗ denskreuz hervorblickte.„Was gibt's da? rief der Pfleger barſch in das Getuͤmmel.„Rebellion! Gotteslaͤſterung! Frevel an den Geſalbten!“— ſchrie ihm der Moͤnch rachſuͤchtig entgegen.«In des Kaiſers Name: Friede!» ſprach der vor⸗ nehme Fremdling, in welchem Joſeph den er⸗ kannte, den er von dem Wolfe errettet hatte.— Wir fuͤrchteten, ehrwuͤrdiger Herr, ſagte der Pfleger nach hergeſtellter Ruhe zu Matthias, — 219 daß Sie— Ihres langen Außenbleibens halber — ein Ungluͤck gehabt haben moͤchten, und der Herr Baron von Gentilotti, Kaͤmmerer und Ge⸗ ſandter Seiner roͤmiſch kaiſerlichen Majeſtaͤt wollten Sich's nicht nehmen laſſen, Ihren Rei⸗ ſegefaͤhrten ſelbſt aufzuſuchen. In welchem Tu⸗ mult finden wir Sie aber hier?— Pater Aloys wollte reden, aber die kraͤftige Stimme des jungen Prieſters gebot der ſeinigen Stille, und berichtete dem fleißig zuhoͤrenden Freiherrn was hier vorgefallen: Joſeph's Kindesliebe, ſeine Unſchuld, ſeiner Mutter Jammer und die Ge⸗ waltthaͤtigkeit, welcher die Aermſten unterliegen ſollten.„Und er hat ſeinen Brodherrn nicht verrathen, Herr Pfleger,» ſchloß die entzuckte Anna, und er iſt ſo brav als einer in dieſem Thale, und Gott wird und darf uns nicht ver⸗ laſſen.— „Sieh da, unſer Wolfsjaͤger!» ſprach der Ba⸗ ron, Joſeph fixirend:„Du trotziger junger 220 N Mann. Wirſt Du auch jetzv Deinen Recom⸗ pens ausſchlagen? Euer Hochwuͤrden werden billige Conſideration eintreten laſſen,— ſetzte er, an den Pater ſich wendend, hinzu,— aund dieſe armen Leutlein in gehoͤriger Tranquillität belaſſen. Fuͤr das Weitere will ich nach naͤhe— rem Examen allenfalls Sorge tragen.“—„Wel⸗ che Vollmacht haben Eure Exzellenz, und....» fragte der Pater giftig.— Der Baron erwie— derte aber hierauf kurz und vornehm:„Seine kaiſerliche Majeſtaͤt haben mich geſchickt, um denen Proteſtanten billiges Auxil und Succurs zu leiſten, wie der weſtphaͤliſche Friedensſchluß es bedingt. Wer meine Pouvoirs ſehen will, der perluſtrire ſie zu Salzburg. Mit allerhoͤch⸗ ſter Genehmigung durchreiſe ich das Land, habe ſchon zu Gaſtein und andern Orten viele Un⸗ gluͤckliche ans den Kerkern gezogen, und werde noch weniger dulden, daß man hier denen wah⸗ ren Katholiken ein Leid zufuͤge.—«Ich werde mich an die geheime Deputation wenden,— Ad 221 b eiferte der Moͤnch.— Fiat!» entgegnete Gen⸗ tilotti kalt:»Dieſer gegenwaͤrtige Herr Wirl⸗ mayr, Secretarius der Religions-Commiſ⸗ ſion, wird Ihre Beſchwerde ſelber vorlegen.— Er wandte dem Kapuziner den Ruͤcken zu, und trat wohlwollend zu Joſeph und Annen und den Muͤttern. Matthias zog den verdutzten Moͤnch auf die Seite, und ſagte leiſe und ſtrenge zu ihm: „Straͤuben ſich Euer Hochwuͤrden nicht, und laſſen Sie die Leute im Frieden. Ich war einſt Ihr Zoͤgling, aber ich liebe das Recht mehr als Ihre Perſon. Und wie,— wenn ich zu Salz⸗ burg ſagte, was mir meine Schweſter vertraut hat? daß Sie das bluͤhende Kind mit Unziem⸗ lichkeiten verfolgen? daß Sie ihr geſtanden, daß Sie eigentlich nur deßhalb ihr den Geliebten ſchenken wollten, damit Ihr eigener Lohn nicht ausbleibe? daß Sie heute die Arme an Baltha⸗ ſar verkuppeln wollten, damit Ihnen das Ziel d 222 nicht entſtände? Geben Sie nach, Pater, ſonſt wiſſen bald mehr als drei Perſonen um Ihre Schande.y—«Herr Secretarius» ſtotterte der verwirrte Miſſionaͤr, und buͤckte ſich verle⸗ gen, ohne ein Wort finden zu koͤnnen. Seine Giftblicke ſprachen zwar zur Genuͤge; man uͤber⸗ ſah ſie jedoch, ſo wie die unziemliche Weiſe, mit welcher er ſich wuͤthend entfernte. „Ach,» ſagte der Pfleger zu Matthias: aHerr Secretaͤr, wenn dieſer Schutzgeiſt, der Baron, nur immer in unſern Thaͤlern bliebe. Des Elen⸗ des iſt ſo viel, der Miſſionaͤre Druck ſo hart, und ich ſehe noch unendlichen Jammer in der Zukunft.v Sie haben Recht,» antwortete Mathias ſeuf⸗ zend: amir blutet das Herz; aber in ſolchen Stuͤrmen muß der Menſchenfreund zufrieden ſeyn, hat er auch nur einige Leidende dem Ver⸗ derben entriſſen. Das Uebrige ſteht bei Gott!* —————————— — 223 Des Paters Racheplan gegen Rodel ſcheiterte voͤllig. Balthaſar ſtuͤrzte auf ſeiner naͤchtlichen Heimkehr und brach den Arm. Die Schmerzen brachten ihn zuruͤck von dem Vorſatze, ſeinen Vater aus Habſucht zu verderben, und er ent⸗ ſagte ihm reuevoll. Joſeph und Anna feierten ihr Verloͤbniß in des alten Rodel's Hauſe, und zogen mit Joſeph's Mutter in's Friaul, woſelbſt der dankbare Baron ſeinen Retter zum Maier auf einem ſeiner Guͤter beſtellt hatte. Matthias fuͤhrte ſeine Mutter mit ſich nach Salzburg, und die biedern Leute alle waren auf ſolchem Wege der Rache des Miſſionaͤrs entgangen, der nun ſeine Tyrannei gegen andere Wehrloſere richtete. Joſeph ſagte aber noch oft nachher, ſaß er im Kreiſe ſeiner geliebten Familie:„Wie wunder⸗ bar fuͤhrt doch die Vorſehung! Gelang es da⸗ mals dem eiferſuͤchtigen Hauptmann, mich als Wilddieb auf die Galeere zu ſchicken, ſo ſtarb Nannerl vor Gram, meine Mutter im Elend, und fuͤnf gluckliche Menſchen waͤren weniger auf AN 2241 v der Welt. In der Hoffnung, mich fuͤr ſeine Tuͤcke anzuwerben, mußte mich der Pater retten. Alſo Muth, Muth, meine Lieben. Auch die Hand des Boͤſen muß wider Willen guten Wai⸗ zen ſäen, wenn's nur der Herr befiehlt!» H8 P — —