C. Spindler's Werke. Woblfeile Ausgabe. Drei und fünfzigſter Band. Enthält: Der König von Zion. IHI. Mit Konigl. wuͤrttembergiſchen und Königl. bayeriſchen aller⸗ gnädigſten Privilegien. Stuttgart, Hallberger'ſche Verlagshandlung. 1840. Der König von Zion. Romantiſches Gemälde aus dem ſechszehnten Jahrhundert von C. Spindler. „Der Menſch iſt ein eitel, trotzig und verzagt Ding.“ Sirach Dritte Band. ——— Stuttgart, Hallberger'ſche Verlagshandlung. 1840. Der König in ſeinem neuen Tempel. Sechstes Buch. 1535. Zwanzigſtes Kapitel. Die weſtphaͤliſche Judith. Je ſpärlicher und ungewiſſer noch zur Zeit der Refor⸗ mation die Verbindungen zwiſchen den verſchiedenen deut⸗ ſchen Ländern waren, um ſo abenteuerlicher und anregender mußten die Gerüchte und Sagen ſeyn, die ſich verbreiteten, die ſich ſo zu ſagen unter der Hand fortſtahlen, ſobald ſich auf irgend einem Punkte des gemeinſamen Vaterlandes etwas nicht Alltägliches begeben hatte. Die Eilboten der großen Herren mochten ihre Auf⸗ träge noch ſo geheim halten, ihre Briefe mochten noch ſo feſt verſiegelt ſeyn,— es war, als ob die Luft oder ein leiſe durch die Welt ziehender Geiſt dieſe Geheimniſſe ausgeplaudert hätte. Plötzlich wußten unzählige Zungen davon zu ſchwatzen, und eine jede erzählte auf ihre eigene Weiſe das Geſchehene weiter. Die Einbildungskraft des Volks hatte nicht Frende an der trockenen Wahrheit; ſie verlangte, ſich an Wundern und Schreckniſſen zu laben. 8 Sie, die den Sturm in ein wildüppiges Zauberweib um⸗ geſchaffen, die den Wehruf des Uhu's in Geſpenſterſtimmen verwandelt, die bald den trotzigen Luther einen Teufels⸗ banner genannt, bald den drohenden Papſt als ein Molochbild geſchildert; die von den lebenden Fürſten Mährchen murmelte, nicht weniger ſeltſam als die Ueber⸗ lieferungen von den todten Kaiſern und Herzogen;— ſie ſchlug auf in Flammen, da ihr, wie vom Himmel gefallen, die Kunde wurde, daß zu Muͤnſter ein neuer König auf dem goldnen Stuhle Platz genommen; ein König, der ſich einen Regenten der Welt nenne, und ſeinem Scepter die Unterwerfung aller Reiche der Erde prophezeie. Die göttliche Berufung, die der neue Herrſcher vorgab, erhohte in den Augen der fernen Völker die glänzenden Farben des Blendwerks. Die deutſche Ration liebte, für Gottes und des Glaubens Ehre in den Kampf zu gehen. Darum erſchütterten die Manifeſte und die Sagen, die von Münſter ausliefen, weit und breit den deutſchen Boden. Es war ein gefeſſelter Rieſe, der ſich ungeberdig wälzte, um aus ſeinem Grabe hervorzubrechen. Zwar wurden dem Hünen allenthalben die Ketten enger um die gewaltigen Gilieder geſchuürt, aber die Blicke aller Deutſchen ſtarrten nach dem kleinen Münſter, wie nach einem plößlich aufgeriſſenen Paradies oder Zauberland. Hatte der Heiland, hatte der Satan dort ſeinen Thron erbaut? Saß der Sieg oder das Verderben auf Münſters Zinnen? Die Zukunft mußte es lehren.— Aber die Tage gingen dahin ohne Entſcheidung. Die auserwählte Stadt, von einer Handooll muthiger Leute vertheidigt, lag unberührt und unbeſiegt in der Mitte gewaltiger Heereskräfte die ſich nicht mehr an ihre Mauern wagten. Puſber und Geſchütz ſchwamm den Rhein herab, den Rhein hinauf, um die Belagerer auszu⸗ rüſten; Söldner zogen ab und auf, das Heer immer zu 9 verſtärken; aber die Kanonen waren wie verzaubert, das Pulver knallte in's Blaue, die Kugeln flogen in den Wind. Jeder Zuzug führte muthloſere Leute in's biſchöf⸗ liche Lager. Und als kein Mittel war, die Ohnmacht der Bela⸗ gerer und den Heldenmuth der Wiedertäufer länger zu verhehlen, da ſchlich nicht allein in die Hütten des Land⸗ volks und in die Rathhäuſer der Reichsſtädte, ſondern auch in gar manche Hofkanzleien und fürſtliche Schlafge⸗ mächer der Glaube oder die Furcht ein, es möchten doch etwa himmliſche Waffen das neue Zion decken, und die Poſaune des tauſendjährigen Reichs ſey doch vielleicht nicht eine Lüge. Dieſe Ueberzeugung ſchien ſich Desjenigen ſogar be⸗ mächtigt zu haben, deſſen Anſehen und Glück bei den traurigen Wiedertäuferhändeln am meiſten betheiligt war. — In einem der Vorſprünge des Schloſſes Wolbeck be⸗ fand ſich ein, von allen Gemächern durch lange Söller⸗ gänge getrennter Thurm; darinnen eine ſtille Kammer ohne Zier, nur mit dem nothdürftigſten Geräthe aus⸗ geſtattet. Dieſes öde Gemach war des Biſchofs Aufenthalt ge⸗ worden. Auf dem harten Bette eines gemeinen Kloſter⸗ bruders lag er ausgeſtreckt, ein leibhaſtes Bild des ſchwär⸗ zeſten Kummers. Theilnahmlos an Allem, was ſich in der Welt begab, beinahe ohne ein Wort zu reden, ruhte er vom Morgen bis zum Abend, ſeinem Gram nach⸗ hängend, und ſtarrend in die Dämmerung des Gemachs, dem ſelbſt der Sonnenſtrahlen Heiterkeit verſagt worden war. Es kamen ſeine Brüder, ihn zu tröſten; er hieß ſie gehen. Der Arzt erſchien, an dem Leidenden ſeine Kunſt zu verſuchen; der Biſchof ſchüttelte den Kopf, jede Hülfe verſchmähend. Das Kapitel verſammelte ſich bei ihm zum Rathe; er ſagte dem Kapitel:„Regiert an meiner Statt, und alles ſey wohlgethan.“ 10 Wann die Feldoberſten bei ihm eintraten, ihre Mel⸗ dung zu bringen, richtete ſich der trauernde Löwe empor, mit Hoffnung in den Blicken; aber bald ſank er bitter lächelnd auf ſein Lager zurück. Die Oberſten hatten nie⸗ mals gute Botſchaft zu verkünden. Dieſer Trübſinn raubte dem Grafen Waldeck das Vertrauen ſeiner Unterthanen und ſeiner Bundesgenoſſen. Viele der Letzteren verließen ihn; ſie kannten den Biſchof wenig. Der Geiſt eines ſo kräftigen Mannes, wenn auch lange gebeugt im Joch des Leidens, wäre nicht unterge⸗ gangen, ohne wieder auf's Neue, und gewaltiger als zuvor, Himmel und Erde bewegt zu haben, um ſein Ziel zu erreichen. Ein untrügliches Zeichen von der Glut, die in ſeiner Bruſt arbeitete, gab des Biſchofs Begierde nach blutigen und unbarmherzigen Urtheilen über die Ketzer, die in ſeine Hand gefallen waren. So oft ſein Kanzler ihm von dieſen ſprach, leuchteten des Grafen Augen rachgierig, als ob ſich in ihnen der Wiederſchein eines allgemeinen Brandes von Münſter abſpiegelte. Selten erhob ſich für die armen Verirrten eine Stimme der Barmherzigkeit, ſtark genug, um zu dem Herzen des Fürſten zu dringen.— An einem ſommer⸗ lichen Morgen jedoch ſtand ein ſolcher Fürſprecher des unglücks vor dem Stuhle des Biſchofs, und ſtritt mit dem finſtern Kanzler um das Leben eines auf Erden Verdammten. Sibing, der Mann des Friedens, ſagte:„Ich kann mit meinem prieſterlichen Wort bezeugen, gnädiger Herr, daß der Verurtheilte in den Schvos der Kirche zurück⸗ gekehrt iſt. Ich beſchwör's bei meinen Eiden, Ew. Gna⸗ den. Ihr werdet ihm das Leben nicht abſprechen, da ihm der Allmächtige durch meine Abſolution das Himmelreich zugeſprochen hat.“ Der Kanzler ſagte ſeinerſeits:„Es hat ſich oft ereignet, 11 daß Ketzer, die auf's Aeußerſte gebracht, vorgeblich und lügenhaft, oder mürbe gemacht durch Folter, Kerker und ſchlechte Koſt, einen Widerruf geleiſtet haben, um ihr Leben zu friſten. Aber die böſe Natur kehrt immer wieder; und wenn auch die Reue wahr, wenn daher auch die prieſterliche Losſprechung kräftig, wo ſteht geſchrieben, daß ein Verbrecher deshalb zu begnadigen wäre? Iſt nicht eine Vorſchrift im Gegentheil, daß jeder Todeskandidat zu unterrichten, mit Gott zu verſöhnen ſey, bevor er ſeine Strafe leidet? Iſt ein Urtheil wie dieſes nicht eigentlich ein Exempel für Andere, und hat nicht der Gerichtete nach dem Schmerz eines Angenblicks die Ewigkeit himm⸗ liſcher Vergebung und Freuden zu erwarten?“ —„Ihr vergeßt das Fegfener, Herr Doktor,“ ſprach Sibing ſpöttiſch, und wendete ſich an den Fürſten mit der letzten, treuherzigen Bitte um Gnade für den armen Hermann Ramers. Waldeck ſchüttelte den Kopf.„Fiat justitia!“ fügte er der Geberde hinzu. —„Dieſe Gerechtigkeit, o Herr, bringt nicht Roſen, aber bittre Früchte,“ bemerkte der Prieſter mit Sanft⸗ muth:„Es iſt meine Pflicht, Euch zu ſagen, daß die Ketzerbrände die Flammen des Aufruhrs verſtärken,. daß der Tod des Syndikus Wyk, den der Henker unver⸗ ſehens vom Schachſpiel zum Block ſchleppte, aller Orten Betrübniß und Abſcheu erweckt hat. Der in Wuth ge⸗ peitſchte Hund iſt der gefährlichſte.“ Der Biſchof betrachtete den Cuſtos gleichſam mitleidig und zuckte die Achſeln. Der Kanzler benützte die Ge⸗ legenheit, dem Letztern begreiflich zu machen, daß er ſeine Befugniſſe überſchreite.„Der Schuſter bleibe bei ſeinem Leiſten,“ ſagte er:„der Pfaff wolle nicht regieren.“ —„Iſt nicht in dieſem Lande eben der Herr und der Biſchof ein und derſelbe Mann?“ fragte Sibing trocken:„Der Prieſter iſt hier das Holz, woraus die 12 Cleriſei ihren Fürſten ſchnitzt, und nicht immer haben altadeliche Geſchlechter den Stuhl von Münſter behanptet. Lüdger, der ruhmvolle Heilige, Erpo, ſein weiſer Nach⸗ folger, waren Plebejer.— Doch ſoll mich der Höchſte vor dem Fürwitz bewahren, Euch, gnadiger Herr Biſchof, irgend eine Lehre geben zu wollen. Die Geſalbten haben nur dem Herrn Rechenſchaft abzulegen, und der Herr hat für Hohe und Gemeine nur eine Gerechtigkeit, ein Fegfeuer, eine Hölle,— wie auch nur einen Himmel.“ Graf Waldeck begriff wohl, wohin des Cuſtos Rede zielte; aber ihm gefiel, die Beſprechung mit einem bittern Scherz zu endigen, indem er verſetzte:„Die Fürſten haben nur den Vorzug, das Purgatorium überſpringen zu dürfen, indem es ihnen ſchon auf Erden wurde. Seyd bedankt, würdiger Sibing: Ihr meynt es redlich. Habt Sorge, mein getreuer Oberrichter, duß der Ramers unfehl⸗ bar noch vor der Vesper als ein Spion aufgehenkt werde.“ Der Kanzler verbeugte ſich.„Er hat ein Weib, er hat Kinder in der verpeſteten Stadt zurückgelaſſen,“ ſeufzte Sibing, die Hände demüthig zum Fürſten erhebend. Waldeck erwiederte:„Iſt er nicht ein ergebener Diener ſeines Schneiderkönigs geweſen? Seine Majeſtät mag Wittwe und Waiſen eines treuen Knechts verſorgen.“ —„Mir iſt gelungen, ihn von allen Irrthümern zurückzubringen, gnädiger Herr. Aus einem Blinden iſt er ein Sehender geworden. Er hat verſtehen gelernt, daß ihn Bockelſon nur mißbrauchte, da er ihn mit dem Zettel, der den Matthieſen verrieth, zum Lager ſendete. Der falſche Prophet hat auf des Ramers Tödtung ge⸗ rechnet, indem er den Mann preis gab.“— Sibing hielt ſtracks inne, da er das nächtliche Dunkel gewahrte, das in des Biſchofs Geſicht aufſtieg. Der Fürſt winkte ihm, ſich zu eutfernen, und da der Klang kriegeriſcher Waffen, über die Treppe heranſchritt, mochte ſich auch der Kanzler 13 wegbegeben; denn es war um die Stunde, da die Feld⸗ hauptleute zum Kriegsrath erſchienen. Sie traten langſam ein: der Graf von Uberſtein und der von Wied; Wilkin Stedingk, der Oberſte über alles Fußvolk; Hermann Sittard, und Johann von Sen⸗ den; Hans von Teklenburg, der Nachfolger des im letzten Sturme ſchwer verwundeten Hans Coryzer; endlich Her⸗ mann von Mengersheim und Einer von Schönebeck, die, um ihrer Erfahrung willen, dem Kriegsrath beigeſellt worden waren, wenn ſie ſchon keine Befehlshaberſtelle im Heere bekleideten.— Wie gewöhnlich erhellte ſich die Stirne des Biſchofs bei'm Eintritt feiner Hauptleute; aber wie gewöhnlich verdoppelte ſich ſeine Traurigkeit, da er wiederum in den Geſichtern der Grafen und Herren nichts als Unglücks⸗ poſten las. „Geſchwinde, geſchwinde nur! Welch neues Mißge⸗ ſchick habt Ihr mir anzuſagen 2“ fragte der Fürſt unge⸗ duldig mit verhüllten Augen, während die Oberſten lang⸗ ſam in einen Kreis um ſeinen Sitz zuſammentraten.— Sie winkten alle dem rauhen Stedingk zu, dem Biſchof zu antworten. Er begann vernehmlich und derb:„Die Sachen vor der Stadt Münſter ſtehen gerade noch auf demſelben Fleck, gnädiger Herr. Die Feinde graben ſich ein, wie Dachſe in ihrem Baͤu; wir halten alle Ausgänge ſtreng beſetzt. Die neue Erfindung des Werkmeiſters Offerkamp, ſich in Laufgräben der Stadt zu nähern, hat nicht Probe gehalten. Ich habe ihn bedeutet, daß er die wälſchen Poſſen zu unterlaſſen habe. Dagegen verſuchen die Feinde nicht ohne Erfolg und häufig die vermaledeite, von den Türkenhunden erlernte Teufelskunſt, vergrabnes Pulver anzuzünden, und was herumliegt oder ſteht, in die Luft zu ſprengen.“ Die Hauptleute ſeufzten zugleich mit dem Biſchof. Sie wußten nur zu gut, was die beſchönigenden Worte „nicht ohne Erfolg“ bedeuteten.— Die Flatterminen der Wiedertäufer tödteten immer ſehr viele Leute, die, in Folge eines trügeriſchen Ausfalls, fechtend bis an die Mauern der Stadt gelockt wurden. „Meine Büchſenmeiſter verſtehen nichts„zürnte der Bi⸗ ſchof:„längſt hätten ſie den meineidigen Ketzern Verderben für Verderben beſcheert, längſt die Schanzen geſprengt, ſo wie Jene unſere Schaaren zerfetzen und verbrennen.“ Stedingk zupfte unmuthig an ſeinem Schnauzbart, erwiedernd:„Ew. fürſtliche Gnaden weiß nur nicht, daß ſchon die verſtändigſten Geſchützmeiſter vor dem Feind geblieben ſind, indem ſie ſuchten, ihm das Verderben wett zu machen. Die Münſtrer haben Schützen, die ihren Mann nie fehlen. Die Namen des einäugigen Tylan, des frechen Bernhard Burtorp, der täglich aus den Thoren geht, und nie heimkommt, ohne einige unſerer Fußknechte in den Sand geblaſen zu haben, des Johann Nochleus, der mit ſeiner Bande, von den Nußbäumen am Horſterthor herab, erlegt, was ihm vor das Rohr kömmt, dieſe Namen ſind bei uns wohl vekannt worden, bekannt und gefürchtet. Der Soldat glaubt— mit Erlaubniß zu reden— daß der Böſe den Ketzern ſeinen Beiſtand verleihe. Der Soldat will nicht mehr anbeißen, weil ſein Kriegsherr nicht in Perſon an der Spitze ſteht, und weil keine Beute zu hoffen iſt; wohl aber Rad und Strang, hätte der arme Schlucker auch nur ein Ferkel geſtohlen, um nicht zu verhungern.“ —„Sitte und Gehorſam muß ſeyn!“ fuhr der Bi⸗ ſchof empor:„ich weiß, was mich Eurer Leute Zügelloſig⸗ keit gekoſtet hat. Ihr bedient Euch einer ſeltſamen Sprache, Stedingk. Redet feiner, aber ſchlagt gröber drein. Ich kenne Euch nicht mehr; ich werde mich an Andere wenden müſſen. Wo iſt der tapfre Albrecht Veltz, wo der erfahrene und ſchnelle Gerhard Münſter 2“ 15 Zuvörderſt antwortete ein tiefes Schweigen dieſer Frage. Waldeck wiederholte ſie heftiger. Da erwiederte ihm Stedingk mannlich:„Ihr habt mich feig geſcholten, Herr Biſchof, und zwei Verräther geprieſen. Aber der Feige ſteht Euch noch zur Seite, während Münſter, der Verräther, geſtern zur Abendzeit in die rebelliſche Stadt entfloh, während Beltz, der Pflichtvergeſſene, in der Nocht mit ſeinen Meißnern abzog, um gewiß nicht minder zum Feinde überzugehen.“— Der Biſchof wurde feuerroth, und forſchte mit eiligen Blicken in den Geſichtern der übrigen Befehlshaber. Eines Jeden Antlitz und Kopfbewegung beſtätigte die Ausſage Stedingks.—„Die Meineidigen!“ rief der Fürſt tiefbewegt:„Iſt nichts geſchehen, um die Leute zur Pflicht zurückzuführen 26 „Sobald ich vernommen hatte, daß die Meißner ihr Lager verließen,“ nahm Uberſtein das Wort,„und die Richtung nach der Gegend von Sendenhorſt einſchlügen, habe ich dem Rittmeiſter Berndt von Weſterholt den Befehl gegeben, mit ſeinen Reitern ihnen nachzujagen. Viele Freiwillige, unter ihnen die tapfern Vettern von Recke, haben ſich dem Zuge angeſchloſſen. Ich habe ihnen geboten, die Rädelsführer augenblicklich nach Kriegsbrauch zu beſtrafen. Ich erwarte jede Stunde Botſchaft von dem Ausgange der Unglücksgeſchichte.“ Nach einer langen Stille hob der Graf von Waldeck an:„So hat denn der unbegrefliiche Fluch, der auf meinem guten Rechte ruht, auch die Gemüther Derjenigen benebelt und verwirrt, denen ich die Rettung meiner Würde zu⸗ nächſt anvertraute? Wahrlich: der eiſernſte Wille hielte kaum Stand gegen die hölliſchen Kunſtgriffe, die alle meine Entwürfe zu Schanden machen. Eine Handvoll Ketzer ſpottet meiner in meiner eignen Hauptſtadt; ich mache mich zum Bettler, um ſie zu bezwingen, und nicht einmal mein Gold iſt mächtig genug, mir die Treue 16 meiner Feldoberſten zu erhalten? Alles verläßt mich, alle Eide ſind eitel. Ich finde nicht einmal ein paar Scher⸗ gen mehr, um den Verwegenen zu fangen, der ſeit einigen Tagen bald zu Drenſteinfurt, bald auf Dülmen, bald hier zu Wolbeck ſelbſt, Feuer anlegt, um die Pulverkeller zu ſprengen. Der Unſinnige iſt ein Bürger von Münſter, der Schornſteinfeger Wilhelm Baſt, ein von den Ketzern abgeſendeter Verbrecher; Jung und Att kennt ihn, alle haben ihn geſehen;— aber keine Hand von allen denen, die bei der Huldigung zum Schwur ſich erhoben, hat ge⸗ wagt, nach dem Mordbrenner zu greifen. Verrath, Lüge und Feigheit iſt, was mich umgibt, und mir iſt oft zu Sinne, als müßte ich ſelbſt ein Wiedertäufer werden, um des Himmels Gunſt zu gewinnen; der Himmel iſt mir feindlich, und mein Stern ausgelöſcht. Iſt nicht ſchon oft geſchehen, daß, wann ein Land an des Verder⸗ bens Rande taumelte, die Vorſehung eine unerwartete Hülfe ſchickte?— Mich und mein armes Land verläßt aber jeder Beiſtand. Die Wunder ſind nur für die Ketzer, und heutzutage wird der Herr in meiner höchſten Noth gewiß nicht zu aller Männer Schande ein ſchwaches Geſchöpf erwecken, wie er vor Zeiten in Frankreich ge⸗ than, wo der Muth einer Hirtin wiedergewann, was Könige und Heiden verloren hatten.“ Unmittelbar auf die heftige und erbitterte Rede, deren Schluß der eben eintretende Droſt Theodor von Merfeld vernommen, antwortete dieſer heiteren Angeſichts, zu Aller Erſtaunen:„Wolle Ew. fürſtliche Gnaden das Vertrauen auf den Höchſten nicht ſinken laſſen, und die wunderbare Hülfe deſſelben wird nicht fehlen. Ich bin der Ueberbringer einer ungewöhnlichen Botſchaft, die ich meinem gnädigſten Herrn ohne Verzug, und allergeheimſt zu vermelden hätte.“ Die Feldhauptlente waren insgeſammt gerne bereit, ſich aus der peinlichen Audienz fortſchicken zu laſſen, und 17 der Biſchof entledigte ſich eben ſo gern ihrer unerfreulichen Gegenwart. Er gab ihnen Urlaub, mit der Weiſung, ſeine weiteren Befehle zu erwarten, und wendete nicht allzu neugierig ſein Ohr dem Oberamtmann zu, weil der Herr von Merfeld ihm als ein Mann bekannt war, der oft unbedeutende Dinge mit großer Wichtigkeit vortrug, und, wie das Volk ſagt, aus der Mücke einen Elephanten machte. „Was bringt mein getrener Droſt von Wollbeck?“ fragte der Biſchof obenhin. —„Es hat fürwahr ein Engel Eure Zunge regiert, da ich bei Euch erſchien, gnädigſter Biſchof,“ begann der Droſt:„denn eben das, was Ihr von dem Mägdlein von Orleaus beiſpielweiſe bemerkt habt, wird ſich ohne Zweifel in Euern Landen zu dieſer Friſt auf's Neue zutragen.“ Der Biſchof maß den Sprecher mit verwunderten Blicken.—„Erlaubt mir,“ fuhr der Droſt fort,„Euch eine Perſon vorzuſtellen, die mit einer Sendung des Himmels an Euch beauftragt iſt.“ „Erlaubt mir,“ entgegnete Waldeck,„Eure Reden für ſehr närriſch zu halten, und Euch zu fragen, wer es iſt, den Ihr in meine Nähe führen wollt?“ —„Ein Weib, ein ſchönes, junges, unbewaffnetes Weib, Eure biſchöfliche Gnaden,“ antwortete der Droſt, und lächelte heimlich, da er bemerkte, wie des Biſchofs Züge alſobald milder ſahen, ſein Widerſtreben gelinder wurde. „Woher 26—„Aus der Stadt Münſter.“—„Pfuiz weg mit ihr.“—„Eine Ausreißerin, gnädiger Herr, die ſich unſern Vorwachten freiwillig überlieferte.“— „Was will ſie 2«—„Mit Euch reden, gnädiger Biſchof. Ein Engel des Herrn hat's ihr geboten.“—„Etwa eine verrückte Ketzerin, die mich zu bekehren käme 2“—„Nicht doch, gnädiger Herr: eine rechtgläubige Chriſtin. Ich hatte ihr befohlen, die Frühmeſſe in Eurer Schloßkapelle Der Koͤnig von Zion, II. 2 18 zu bören, und das Abendmahl zu empfangen, brvor ich iur Hoffnung machte, ſie vor ihren Fürſten zu bringen. cie hat ſich der Andachtpflichten einer ächten Katholikin mit Freudiakeit und Inbrunſt entledigt.“—„Unbewaffnet ſagt Ihr 2*—„Des Caſtelluns Ehefrau und Schweſter, die ihre Kleider durchſuchten. verbürgen ſich, daß ſie keine 2 ffen führt; keine Waffen, als ihre ſeltnen Reize.“— Saft „In der That? Laßt hören, was die Thörin will.“— Die wahrhaft königliche Schöuheit des Weibes, das der Herr von Merfeld jetzt in das Gemach einließ, ver⸗ ſehzte den Biſchof in Erſtaunen. Von dem ſchlanken und ſihpigen Wuchs der Fremden, von ihrem blendenden Ant⸗ liy, ſo rein und fromm, ſo ſchön umfloſſen von langen wohlaepflegten Locken und Zoͤpfen,— vbn ihren ſonnen⸗ ähntichen Augen, deren Blige nicht erreicht werden konnten, weder von dem Funkeln der Juwelen, noch von dem Strahl der Ketten und Ringe, womit ſich das Weib ge⸗ ſchmückt hatte, von der ganzen Geſtalt, wie ſie ſich dar⸗ ſtellte, prangend und ſtegreich vom Scheitel bis zur Sohle, ging ein Schimmer aus, der die ärmliche Mönchszelle mit Verklärung übergoß, und dem Fürſten einen guten Theil ſeiner Beſonnenheit raubte.— Waldeck war unwillkürlich aufaeſtanden und der Er⸗ ſcheinung einige Schritte entgegengetreten. Der Droſt btieb ehrfurchtsvoll an der Thüre. Die ſchöne Frau näßerte ſich furchtlos dem Gebieter, küßte deſſen Hand und den Saum ſeines Kleides. Dann betrachtete ſie ihn mit hellen Augen voll von Schwärmerei und Begeiſterung. „Wer biſt Du, und was willſt Du von mir?6 lantete des Biſchofs freundliche Frage⸗ —„Der Name eines Geſchöpfs thut nichts zur Sache,“ antwortete die Fremde:„Ich begehre wenia von Dir, o Herr! ich Schwache bin geſendet, Dir Glück zu propbezeien und zu byingen.“ „Deine Lippen ſcheinen in der That nur auserwählt, 19 Freude anzuſagen. Rede denn, ich bin geneigt, Dich anzuhbren.“ Die Fremde ſah ſich beſorgt nach dem Oberamtmaun um, di ſie langſam erwiederte:„Nur Dein Ohr ſoll vernehmen, was ich rede. Sey nicht mißtrauiſch, mein Herr und In kurzer Friſt läßt ſich vieles ſagen.“ die Thüre, Merfeld.“— Der Droſt gehorchte. Das ſchöne Weib beugte die Kniee vor dem Biſchof: „Sey geſegnet und regiere lauge! Vertrane Deiner ſchwa⸗ chen Maad, und binnen Kurzem ſoll Münſter Deinen Fahnen ſich neigen.“—„Rede, Junafrau.“— Aufge⸗ richtet fnhr ſie fort:„Es mag vielleicht die Blüthe meiner Tage auf meinen Wangen leuchten, doch bin ich ſchon vermählt, und vom Niederland mit meinem Manne— kaum ſind zwei Monate verſtrichen— gen Münſter ge⸗ zogen, weil die falſchen Propheten mit ihren Verheißungen von Freiheit und Wohlleben viele Tanſende bethört hatten; unter dieſen meinen Gatten.— Wie ſahen wir uns je⸗ doch getäuſcht? Wir waren in ein hölliſch Reich gerathen, und unſer Anker in wilden Stürmen war nur das Gebet, das einſame und verſteckte Gebet in unſerer ſtillen Kammer. Vor wenigen Tagen unterbrach eine Stimme, die von oben zu meinem Herzen redete, die Seufzer meiner Reue und Andacht. Sie befahl mir, das Gewiſſen meines Ehegemahls zu erwecken, und mit ſeiner Hülfe die un⸗ glückliche Stadt ihrem rechtmäßigen Herrn und Biſchof wieder anszuliefern. Ein Strahl des Geiſtes erleuchtete das Herz meines Mannes bei meinen erſten Worten. Er iſt, wenn ich gleich heute noch ſeinen Namen verſchweige, mit vielen angeſehenen Leuten von Münſter eng verbun⸗ den, und alle dieſe tragen ungeduldig das Joch, das ihnen ein böſer Geiſt auferlegt hat. Ich komme, gnädiger Herr, von Dir ein ſichres Geleit für meinen Gatten zu erbitten, und als Geiſel zurückzubleiben, bis er ſelbſt mit 20 Dir ſich unterredet, und ſeine Vorſätze Deiner Weisheit unterworfen haben wird. In der Hoffuung auf den Schutz des Himmels und die Großmuth Deiner Krieger, die eines ſchwachen Weibes ſchonen, habe ich die Schuͤchtern⸗ heit meines Geſchlechts von mir geworfen, und das Amt eines Spähers übernommen.“ Der Graf von Waldeck horchte mit Vergnügen auf die Rede, die ihm wie Muſik klang, und vermochte nicht, das Auge von der ſchönen Botſchafterin zu verwenden. Dennoch ſagte er zögernd:„Was Du ſprichſt, ſcheint fremd, ſcheint räthſelhaft. Das Geheimniß, womit Du Dich umgibſt„ —„Ich liebe meinen Gatten nicht,“ antwortete das Weib ſpröde:„aber ich bin ihm verpflichtet durch den Schwur am Altare, und weil er das große Werk Deines Siegs befördern ſoll. Wenn ſein Name nur von dem Wind über die Mauern in die Stadt geflüſtert würde, — ſein Leben wäre dahin, Vergönne daher, daß ich den Namen verſchweige, bis er felbſt ihn Dir nennt.“ „Wohl; womit bekräfrigſt Dn jedoch Deine Sendung, unbekannte Tröſterin?“ Sie zeigte gen Himmel.„Ich habe noch nicht Alles geſagt,“ äußerte ſie gelaſſen.— „Rede mit mir von dem Zuſtand der Stadt und ihrer Bürger. Wie ſteht es dort?“. —„Ein König, der aus ſeiner Nähnadel ein Seepter geſchmiedet hat, und ein Volk von geknechteten Bettlern; beide von einer Handvoll bewaffneter Schurken bewacht. Das iſt Münſter.“ „Leider. Doch etwas Näheres; weißt Du nichts vom Schickſal Iſelmuds 26 Das Weib bezeichnete durch ſeine Geberden die Tödtung und Begrabung eines Menſchen. Der Biſchof zuckte traurig die Achſeln. Eine viel ſchwerere Frage wand ſich mühſam von ſeiner Bruſt. 21 „Haſt Du nichts von einem gefangenen Edelknaben ge⸗ hört? ſein Name iſt Chriſtoph, und... „Du redeſt von Deinem Sohne. Er ſchickt Dir ſeinen Gruß, und dieſe Gabe: ein Pfand ſeines Lebens und ſeiner Zuverſicht.“— Sie reichte dem Biſchof eine Haar⸗ locke. „Bei meiner Seele! das iſt vom Golde ſeines Haupts!“ rief der Graf voll Entzücken, die Locke emporhebend. Aber ſchnell ließ er ſie wieder ſinken, und ſeufzte ſchmerzlich: „Sage mir die Wahrbeit, Du Rächſelhafte: Haſt Du nicht etwa von ſeinem todten Scheitel dieſe Gabe gepflückt?2“ Die Fran lächelte, und erwiederte:„Du kennſt den Tod nicht. Er bricht alle Ringe und ſtreckt die krauſeſten Locken. Sieh dagegen dieſe, friſch und gelb, geringelt wie eine Schlange. Nein, fürſtlicher Herr; Dein Sohn lebt und ſeufzt, das Du ihn erretteſt.“ „Das will ich, bei meiner Ehre ſchwör' ich's. Du gibſt mir neue Hoffnung, neues Leben, unbekannte Freundin, und Dein Lohn ſoll überſchwenglich ſeyn, wenn Du zum Siege führſt.“ — Ich kenne nur einen Lohn, wonach ich geize: Deine Gunſt.“— Der üͤberraſchende, durchbohrende Blick des Weibes entzündete das erregte Herz des Fürſten. Sein Blick fragte entgegen:„Verſteh ich Dich?“ während ſein Mund in Zerſtrenung ſagte:„Fordre Alles von Deinem Herrn. Er wird Dein Freund ſeyn.“ Die Fran betrachtete ihn mit wunderſamer Bewegung. Sie athmete unrubig, ſie wechſelte die Farbe.. „Wie nenne ich Dich?“ begann wieder der Biſchof mit Theilnahme. —»Nenne mich Maria,“ verſetzte das Weib, und ließ mit ihren Angen nicht von dem Grafen ab, ſo daß er wie ein Gebannter nicht ausweichen konnte, und gleichſam demüthig fragte:„Was ſuchſt Du aus meinem Geſicht zu leſen, Maria 2“ 2 22 —„Ob Du geneigt wäreſt, von der Geringſten Deiner Unterthanen ein ſchlechtes Geſchenk auzunehmen 2“ „Ein Geſchenk? Wie meinſt Du? Schon Deine Bot⸗ ſchaft iſt Manna vom Himmel.“ Woranf die fremde Maria:„Der fürſtliche Jäger, wenn er dürſtet, nimmt einen Trunk aus des Köhlers rußigem Becher gnädig an. Kein Federchen iſt ſo klein, daß es nicht in dem Kopfkiſſen einer Königin Platz fände⸗ Empfange mit Herablaſſung das Köſtlichſte, das ich von meinem Vater erbte.“ Sie zog aus dem Geſchmeide, das ihre Bruſt um⸗ panzerte, ein Paar feinbereitete Männerhandſchuhe, weiß und zart, mit goldnen Näthen, und auf den Stulpen mit einem Krenz von Perlen geziert. Der Duft, der von ihnen ausging, erfülte die Thurmzelle mit den lieb⸗ lichſten Wohlgerüchen.— Die fremde Maria fuhr fort:„Ein Biſchof vom Rheine verehrte vor vieten Jahren meinen Voreltern dieſe Gabe, die der berühmte Zauberer Albertus unter'm be⸗ ſondern Einfluß heiliger Geſtirne verfertigt hat. Lämmer, zur glücklichen Stunde geboren und geweiht, gaben ihre Felle dazn. Die Fäden ſind aus dem Schleier der hei⸗ ligen Hildegard, das Gold aus dem Mantel des tapfern Roland, die Perlen aus dem Meer von Galiläa. Die Gabe iſt geſegnet, Gluͤck zu bringen, und Hände zu be⸗ kleiden, die einen gnädigen Hirtenſtab führen. Nimm ſie an, o Herr, und fürchte nicht, Deine Hoheit damit zu entweihen, denn wahrlich: von dieſer Stunde an wird Dein Stern wachſen, und Freude auf Freude Dein Haus heimſuchen!“ Der Biſchof, heimlich lächelnd über den Wunder⸗ glauben der ſchönen Schwärmerin, empfing die Handſchuhe, und antwortete dankbar, indem er ſie in ſeinen Gurtel ſteckte:„Möge Deine Verheißung erfuͤllt werden!“— Dann ergriff er die Hand ſeiner Freundin, ausrufend: ämlich Ales ſchenkeſt? Reichen Herzens, von den Juwelen, womit kommt es aber, daß Du, geſchmuckt der Diamantenhöhlen, aus der räuberiſchen Siadt ent⸗ weichen kounteſ?“ „Ich erwartete, nicht mehr dahin zurückzukehren. Neine Kleinodien, die ich vergraben hatte, holte ich zur Nochtzeit, trug ſie wohlverborgen nächtlicher Wei meinem Bündel fort. Ich habe erſt hier mit dieſen⸗ weiblichen Zierrathen angethan.“ „Warum dieſes, Maria? Sollten dieſe Ketren mich beſſer überzengen, als Deine Worte? Be⸗ durfte Deine Schönheit dieſer Zierden Die Fremde wich einen Schritt zurück, ſenkte die purpurglühende Stirue, und verſeßte:„Schmücken wir uns nicht, um die Feſte der Heiligen zu begehen? um die zu ehren, die wir lieben?“ prand ie Beherrſcherin Bei dieſen Worten erfaßte eine zanberiſche Erſchütte⸗ rung den Biſchof, der in ſeiner unbekannten Freundin eine Roſe ſah, die, wenn gleich ſcheuverſchtoſſen und ge⸗ ſenkt, einen Schatz von Freuden und Liebreiz verhieß. „Moria! welche Sprache, welche himmliſche redeſt Du?“ rief er begeiſtert. Der ſchüchterne Finger des Oberamtmanns klopfte dreimal. Waldeck, verdrießlich aber ſchnell gefaßt, rief den Droſt herein.„Was bewegt Euch, unſeſe Unterre⸗ dung zu unterbrechen? hieß ich den Herrn von Merfeld kommen?“ fragte der Gebieter rauh. „Vergebt, wenn mein Eifer Euern Unwillen reizte, gnädiger Herr; aber ich konnte nicht verſchweigen, was mir ein Bote meldete: Der Mordbrenner Wilhelm Baſt iſt ertappt, und wird eben in den Ort geführt.“ „Wohl, wohl. So habt denn Sorge, daß unver 24 ihm geſchehe, wie das peinliche Gericht geſprochen. Dieſer Fang iſt unbezahlbar.“ —„Noch köſtlicher iſt, was ich ferner erfuhr, gnä⸗ digſter Herr. Wiſſet alſo, daß.4 Muntrer Trompetenlärm ſchmetterte in des Ober⸗ amtmanns Rede. Zwiſchen durch klangen Geſänge aus rauhen Männerkehlen; hie und da ſchlugen dumpfe Trommeln darein. „Horch? was bedeutet das Getöſe 26 fragte der Biſchof mit pochendem Herzen. „Die Meißner werden eingebracht,“ rief der Droſt frohlockend:„Theodor von Recke, der tapfre Mann, hatte ihre Spur verfolgt, und die Meuterer bezwungen, obſchon er ſelbſt aus zehn Wunden blutete. Der Oberſt Stedingk und der Kriegsrath erwarten Eure Befehle, gnädiger Herr.“ Die helle Sonne ging in Waldecks Geſicht auf.— Die fremde Maria fragte heftig:„Hab' ich nicht ver⸗ kündet, daß bei Dir das Glück einkehren würde, fürſtlicher Herr? Lange und ohne Mißgeſchick ſey Dein Leben!“ Sinnend antwortete der Biſchof:„Es iſt, wie Du ſaaſt. Von Deinem Eintritt an beruhigte ſich mein Herz, und jetzt ſchlagen wieder die erſten Strahlen meines Sterns durch die finſtern Wolken meiner Trauer. Ja, auch die Rache, die Vergeltung iſt ein Sieg. Ich will ihn genießen. Reißt die Vorhänge und Schirme von dieſen Fenſtern; Es werde Tag um mich her! Mir ſteht wieder ein Engel zur Seite.“ Im Nu waren des Biſchofs Befehle erfüllt, hatten ſeine Kämmerer die Fenſter befreit, und eine Thüre ge⸗ öffnet, die auf den langen Trompetergang über einem Thore des Schloſſes führte. Waldeck trat hinaus, be⸗ gleitet von der Wunderthäterin und lebte auf im Hauche⸗ der warmen Luft und im Gefühl wiedergewonnenen Glücks. Zu ſeinen Füßen wurden die armen verlockten Meißner Söldner zuſammengetrieben, gebunden mit Stricken, je 25 ein halbes Dutzend von ihnen der Willkür eines Reiters anvertraut, der mit der breiten Klinge ihre Rücken be⸗ arbeitete. Fahnen und Waffen der eidbrüchigen Kriegs⸗ lente wurden von den Steckenknechten des Lagers auf Karren nachgeführt. Der Pöbel lief mit und ſang den Beſchämten Spottlieder in die Ohren.— Der Biſchof vermißte unter den armen Sündern nur den Haupträ⸗ delsführer, den tapfern Albrecht Beltz. Er hatte ſich mit Hülfe der Dunkelheit nebſt ſeinen Fähndrichen der Niederlage entzogen. Die ganze Menge der Meißner ſollte demungeachtet einer fürchterlichen Strafe nicht entgehen. Waldeck befahl dem Herrn von Uberſtein, nach Soldatenbrauch alſobald das Urtheil zu vollſtrecken. „Laßt durch den Henker die Fahnen verbrennen und die Waffen über den Häuptern der Meineidigen zer⸗ brechen!“ lautete der Spruch des ſtrengen Herrn:„e der zehnte Mann ſtrecke ſeinen Hals; den Uebrigen haue man die Schwörfinger ab und ſchicke ſie geſchornen Kopfs und ehrlos von dannen.“ Als dieſes Urtheit unter Trommelſchlag verleſen worden war, erhob ſich unter den armen Soldaten ein Gezeter, das weit über Wolbecks Mauern hinausſchallte, und alle fielen auf die Knie, flehentlich die Arme aus⸗ ſtreckend, um Gnade bettelnd.— Die Hauptleute des Heers, im Innerſten bewegt, unterſtützten dieſe Bitten durch eine Geſandtſchaft aus ihrer Mitte an den Grafen von Waldeck. Der Schritt war vergebens. Kopfſchuttelnd kehrten die Führer zurück, und redeten unter ſich:„Hat deun der Biſchof ganz vergeſſen, daß er einen Prieſter der Barmherzigkeit vorſtellen ſoll? Wer hat ihn jemals ſo blutdurſtig geſehen? Wer iſt das geſchmückte Weib, mit dem er auf dem Söller vor alem Volk des Geſprächs pflegt? Hat dieſe Fremde ihm die Menſchlichkeit vom Herzen weggeſchmeichelt und den Rath der Grauſamkeit 26 gegeben?— Niemand kaun den armen Verurtheiltei helfen, Niemand ihr Schickſal lindern, wenn uicht der evle Mengervheim.“— Der alte Ritter war nicht zur Stelle. Stedingk ſendete einen Bein an ihn ab, und befaht, die Zu⸗ rüſtungen zu der Volſtreckung des entſeßhlichen Urtheils mit der grötßren n mkeit anzuſtellen, damir Mengers⸗ heiln noch zur rechten Zeit käme. Das bürgerliche Gericht war ſchneller. Binnen einer halben Stunde waren eilends herbeigeſchaffte Holzbündel zum Scheiterhanfen geſchichtet, und Wilbelm Baſt, der Mordbrenner, wanderte mit der rauhen Lebensverachtung, die einem entſchloſſenen Schwärmer beiwohnt, ſeinem Tode entgegen. Er verhöhnte den Biſchof, ſang ein wiederräukeriſches Lied und prophezeite den Untergang aller Herrſche und Da er vorüber zog, ſah ihm der Graf von Waldeck, auf das Geländer des Altans geſtutzt, verächtlich nach. Die fremde Maria hatte dem Verurtbeitten den Rüͤcken zugedreht. Vergonne, mein Fürſt,“ ſagte ſie unruhig zu Beſchutzer,„daß ich mich ſirne und in einem Winkel dieſes Schloſſes Deine Gebote erwarte. Mein weiblich Gemüth iſt wenig für ſolche Schanſpiele geſtimmt, wie unter dieſem Söller ſich begeben haben und voch zu⸗ agen werden. Auch möchte meine Ehre kaum den zö. haften Reden des Volkes und der Herren vom Adel entgehen, die mich mit Befremden an der Seite meines avädigen Fürſten zu ſehen ſcheinen.“— Worauf der Biſchof: keine Sorge. Der Droſt wird bereits Deinen Leumund in Schutz genommen haben. Ich 1 will Dich nicht von mir laſſen, weil Du mir Glück gebracht haſt, und Wehe dem, der ſich unterfinge, einen gehäſſigen Tadel gegen Dich auszuſprechen. Dieſes wäre eine Be⸗ leidiaung, mir ſelber angethan.“ Da die Fremde immer dringender bei ihrem Wnnſche 27 beharrte, ſich den Augen der gaffenden Menge zu ent⸗ ziehen, faltete der Biſchof ſeine Stirne gar ernſtlich, und entgegnete ihr ſtrense:„Ich will, ich befehle, daß Du bleibeſt. Mich dünkt: wenn ich Deine Nähe angenehm ſinde, werdeſt Du meine Geſellſchaft Dir wohl gefallen laſſen können?“ Der Ritter von Mengersheim erſchien— nnange⸗ meldet, wie ihm frei ſtand— auf dem Söller, und ging auf ſeinen Gebieter zu. Ehrſurchtsvoll, aber bekümmert war ſeine Haltung: demüt big ſein Blick; nur einmal ſcweifte ſein Ange verwundert und durchdringend zu dem geſchmückten eibe auf, das neben dem Biſchof ſtand. —„Herr von Mengersheim,“ redete ihn der Leßtere freundlich an:„Was will der Weiſeſte meiner Hofräthe 2“ Der Ritter ſtellte ſich an, als wolle er reden; dann betrachtete er plötzlich die fremde Frau, wechſelte einen fragenden Blick nmit dem Biſchof, und verbengte ſich ſchweigend. —„Was ſoll das, Mengersheim? habt Ihr die Sprache verloren 2“ „Nein, guädiger Herr. Ich kann aber jetzt nicht mit meinem Anliegen heraus.“ —„So wählt eine günſtigere Stunde, und kommt wieder. Ihr ſolt immer geneigtes Gehör finden.“ „Wie gerne ginge ich und käme wieder! Aber— wenn nicht die jetzige Stunde die günſtigſte iſt, habe ich meinen Handel verloren. Und dennoch— ich kaun hicht vorbringen, was ich will, ſo lange Ihr nicht allein ſeyd, Ew. Gnaden.“ —„Allein? Fürchtet Ihr dieſe Frau? Ich verſichere Euch, ſie iſt eine himmliſce Botſchafterin, der ich Troſt und Hoffuung verdanke. Hoffnung und Glück ſind aber allein das Leben, foiglich bin ich Ihr das Leben ſchuldig. Ihr werdet Alles erfahren, mein edler Hermann. Macht alſo ferner kein Geheimniß aus Euerm Begehren. Dieſe 28 Frau weiß von meinen Angelegenheiten mehr, als Ihr und ich.“ Mengersheim überflog noch einmal die Fremde mit Blicken, denen die ihrigen nicht Stand hielten, und be⸗ merkte nachdrücklich:„Es laufen viel wunderliche Gerüchte von dieſem Fräulein in Schloß und Stadt umher; ich will mich beſcheiden; ich verſtehe von Wundern nichts. Ich halte mich an die Begebenheiten, die ſich unter meinen Augen zutragen, und achte als ein großes Unglück die⸗ jenige, deren Zeuge ich heute ſeyn ſoll. Gnädiger Herr! Ihr habt befohlen, ſo biele hundert wackere Soldaten unglücklich, ehrlos, zu Leichen zu machen; das iſt eine Gräuelthat, Ew. Gnaden.“ Das Antliß des Fürſten verzog ſich gehäſſig.„Wißt Ihr wohl, zu wem Ihr redet?“ fragte er auflodernd. Mengersheim antwortete kühn:„Zu dem Biſchof von Münſter und Osnabrück, deſſen Hofrath zu ſeyn ich mich ſchämen würde, wenn mir nicht erlaubt wäre, ihm die Wahrheit zu ſagen. Ich habe geſchworen, meinem Lan— desherrn mit Rath und That ſtets hold zu ſeyn, und nimmermehr vom Pfad der Rechtſchaffenheit mich zu ent⸗ fernen. Ich bin meinem Eide getren, und nicht weniger Euch, gnädiger Herr, indem ich rathe, eine Streckens⸗ handlung zu unterlaſſen, die Euern Namen mit Schmach bedecken würde. Was haben jene armen, verblendeten Kriegsknechte anders gethan, als gerade nur den Befehlen ihrer Hauptleute gehorcht? Iſt es ihre Schuld, wenn dieſe Anführer meineidig geweſen? O, ſtrafet nicht den kriegeriſchen Gehorſam, da die wahren Urheber des Uebels Euerm Zorn eutflohen ſind. Würdigt Ener Unglück nicht durch ſolchen Blutfrevel herab. Stolz und Gieich⸗ muth adeln das Mißgeſchick, während Feigheit es lächerlich preis gibt und grauſame Wuth es verächtlich macht. Das Ende jener Verurtheilten beſchleunigt nicht Euern Sieg; Ihr werft noch nicht mit ihren zerſtuͤckelten Gliedern die 29 Mauern darnieder, die ench trotzten. So viele Schwerter, ſo viele Fahnen, als der Henker auf jenem Plane knickeh wird, ſo viele Waffen und Banner werden ſich gegen Euch kehren, während ein Wort der Gnade ſie für Euch in's Gefecht treiben würde. Wer Euch den Rath zum Morden gegeben, that Unrecht. Wäre aber Euer Herz allein der ſchuldige Theil, ſo perhindert, daß es in frucht⸗ loſer Reue verblute.— Bin ich's nur, ich, der Greis, der Euch mit Bitten bedrängt? Fabelt vielleicht aus mir die Kraftloſigkeit des Alters? Hätte mein Gedächtniß Lücken bekommen, daß es ſich nicht mehr den Anforde⸗ rungen männlicher Kriegerehre erinnerte? Bangt mir etwa vor meinem baldigen Tode und der Rechenſchaft von meinen Thaten? Wollte ich vielleicht jene Verbrecher retten, um meine eigenen Verbrechen zu ſühnen, und auf den Für⸗ bitten der Begnadigten gen Himmel zu fahren?— O nein, gnädiger Herr. Vor Kurzem ſtanden ſie noch vor Euch, die kräftigſten, für Kriegsehre begeiſterten Maͤnner, die noch nicht ergraut ſind im Sturm des Lebens, die noch lange Jahre vor ſich haben bis zu Tod und Buße, die noch ſtreng und raſch im Urtheil ſind, weil ihr Blut ſtark und emſig wallt;— nnd ſie alle haben dieſelbe Bitte an Euch geſteut! Und Ihr widerſtrebt, Ihr, ein Fürſt der Kirche? Ich ſtaune darob, und zehnfach wundert mich, daß ein Weib neben mir ſtehen mag, ohne ſeine Bitten mit den meinigen zu verbinden.“ „Weil ich ein Weib bin, miſche ich mich nicht in die Handlungen unſers fürſtlichen Herrn,“ erwiederte die fremde Maria finſter. „Nicht?“ fragte Mengersheim, und ſeine Augen leuchteten als wie von aufziehenden Gewittern:„Erlaubt, daß ich dieſes bezweifle. Erlaubt ſogar, daß ich mich in Eure Handlungen miſche.“ Maria erblaßte. Der Biſchof trat feſten Fußes zwiſchen ſie und den alten Ritter, dem er zurief:„Schweigt; Frechheit gegen ein Weib? gegen dieſes Weib? Kein Wort mehr; entfernt Euch, überläſtiger Murrkopf.“ „Ich gehe, um das Kapitel und den Ritterausſchuß zu berufen,“ verſetzte Mengersheim gelaſſen. Dieſe Worte machten den Biſchof kühler und aufmerk⸗ ſam.„Was ſollen dieſe? wozu gedenkt Ihr ſie zu be⸗ rufen? Steht Euch dieſes zu? Wer iſt Herr? Der Bi⸗ ſchof oder des Landtags Marſchall 2“ Die Fragen folaten ſchnell, um den Greis zu über⸗ flügeln. Der ließ ſich aber nicht irre machen, erhob warnend den Finger und ſprach:„Euer Herr iſt das Kapitel, Ew. Gnaden, das Kapitel, das Euch wählte, und die Ritterſchaft iſt des Kapitels Schweſter. Wir haben, ſo viele wir ſind auf den Bänken des Kapitels und des Adels, wir haben dem Lande früher geſchworen, als wir Euch huldigten. Ihr wurdet nicht gewählt, weil Ihr ein Graf von Waldeck, weil Ihr mächtiger Sippſchaft ver⸗ wandt und vornehmer Freunde Freund ſeyd; nicht, weil Ihr Euch einer fürſtlichen Geſtalt erfrent und der Jünsſte ward unter den Mitbewerbern um den Biſchofsſtuhl. Im Gegentheil: wir fürchteten Eure Sippſchaft; Eure Freunde drohten, uns zur Laſt zu fallen, wie auch wirklich geſchah; Euer Antlitz täuſchte uns nicht über Euern Jähzorn, Eure Härte, Enre ungeiſtlichen Neigungen und andere Fehler; Euer Alter bürgte uns noch keineswegs für den weiſen Lebenswandel eines Bi⸗ ſchofs.— Wir hofften aber in Euch den Mann zu ge⸗ winnen, wie er, in ſo böſer und verwickelter Zeit, auf dem Stuble Münſter nothwendig war; kräftig, feſt, kriegeriſch und milde, je nachdem es angewendet; ſparſam im Haushalt, ſtreng aber gnädig in ſeinen Geboten, nicht ängſtlich, aber gewiſſenhaft in ſeinen Pflichten. Antwortet ſelbſt, gnädiger Herr, wie habt ihr des Kapi⸗ tels Wahl, der Ritterſchaft Huldigung gerechtfertigt? Es hat Euch ſchweres Unglück betroffen, aber dieſes Unglück iſt nicht Anderer Schnld allein geweſen. Wo iſt Land? Verſunken in namenloſen Jammer, in klä Armutb. Was as iſt aus dem Fürſten geworden? ſeine Schäße, ſein Anſehen, ſein Ruhm ſind dabin. Ihr be⸗ klagt Euch, daß Ihr verlaſſen ſteht?— Der Unbarm⸗ herzige hat keine Freunde, gnädi Herr. Nur der liebt kann Liebe anſprechen.— Der Eigenſinnige, Ew.( hat auch keine Rathgeber mehr, er hat nur Knechte, die ihn meiden, ſobald das Unbeil vollends bereinbricht.— Dieſe Freimüthigkeit empört Ehch, mein Fürſt? ich werde ſie dem Kapitel und dem Adel vorlegen und unterwerfen, ich werde ihnen ſagen, wie Ihr meine Würde beſchimpftet, und verlangen, daß das Wohl des Landes geſichert werde, da dem Biſchof nicht mehr geholfen werden kaun.“ „Welche Schmähungen!“ fuhr der Graf von Waldeck auf:„Ihr verwirkt Euer Leben.“ „Weiſe ihn von hinuen, o Herr!“ flüſterte ihm Maria wild und dringend zu. Unerſchüttert bückte ſich Mengersheim vor dem Biſchok und fuhr mit der Hand in ſeine weißen Haare:„Laßt dieſen Schädel nur auch zu den Köpfen Eurer Krieger werfen, Biſchof von Münſter, mein ſtummer Mund wird immer noch lant genug predigen, daß Ihrverloren ſeyd, wenn ihr vicht die Grauſamkeit bändigt, die ſeit geraumer Zeit Eure Hanblung bezeichnet, wenn Ihr nicht den abergläubiſchen Bann abthut, worein dieſes betrügeriſche Weib Eure Sinne ſo ſchnell und ſo gefährlich gezaubert 5 „Weh mir, ich eine Betrügerin? welch bittern Kelch gibt mir dieſer rachgierige Greis zu trinken!“ „Eutfernt Euch!“ grbot Waldeck, der ſeines Zotnes nur mit Mühe Herr wurde. Mengersheim fuhr, dieſen Befehl überhörend, mit wochſender Sicherheit fort:„Ja, Du fremdes nächtliches Gebilde, ich nenne Dich eine Betrügerin. Ich weiß nicht, . aden aden, 32 was Du unſerm gnädigen Herrn verheißen, aber bei meiner Seele ſchwöre ich: es iſt gelogen. Wer bürgt für Dich und Deine Wahrhaftigkeit? Der Droſt von Merfeld, der Leichtgläubigſte aller Menſchen? Es war keine Kunſt vonnöthen, den zu berücken, den ein Kind hinters Licht führen koͤnnte.— Oder Deine Schönheit? Auch der Teufel weiß ſich oft in eines reizenden Weibes Geſtalt zu verkleiden. Oder das verführeriſche Licht Deiner Augen? Herr Biſchof, Ihr habt noch nicht unterſcheiden gelernt, und die Erfahrung war noch nicht Eure Lehrerin. Es haben Euch bisher nur heuchleriſche Augen Liebe und Hoffnungen zugelächelt, der Greis verſteht ſich beſſer auf Weiberblicke. Seht in dieſes Weibes Augen, Graf Wal⸗ deck, ſeht, wie ſie mich anſtarren wie zielende feurige Pfeile, ſie würden mich vergiften, wenn's in ihrer Macht ſtande. Sie verhehlen nicht den Haß, den ſie gegen mich aus ſprudeln möchten. Sobald das Alter ſeinen Eispanzer um das eitle Menſchenherz gelegt hat, räumt die Ver⸗ führung das Feld und verſchmäht, die ohnmächtig gewor⸗ denen Waffen zu gebrauchen.— Oder— ſollte ich dem reichen Prunke glauben, der dieſe Späherin mit Gold und Edelſtein überſchüttete? Dieſer Prunk iſt geſtohlen, Herr Biſchof, denn die Kette, die ich an dem Halſe der Schlange ſehe, iſt die im Sturm von Telgte verloren gegangene Kette des Herrn von Plettenberg, an dem Gürtel der Schlange blitzt ein Kleinod aus der geplün⸗ derten Schatzkammer des Doms, auf ihrem Finger prahlt ein Ring des Freiherrn von Morrien, den ich wohl kenne. Laßt den Dechant, den Domherrn, den Oberſtallmeiſter beſcheiden. Ich will. ſchweigen und mein Leben laſſen, wenn nicht ein Jeder von ihnen das ihnen geraubte Gut wieder erkennt.“ Vor dieſer unerwarteten und buͤndigen Beſchuldigung verging dem Weib die Standhaftigkeit und der Biſchof wurde wankend in ſeinem Vertrauen. „Wär' es möglich?“ ——— 33 ſtammelte er mit einem furchtbaren Blicke auf die Fremde, die ſich verlegen ab- und das Geſicht der Straße zuwendete. Da begab es ſich jnſt, daß dem verbrannten Wilhelm Baſt ein Nachgänger folgen ſollte: der an den Galgen geſprochene Herrmann Ramers. Die Schergen führten ihn, den Troſtloſen, am Schloſſe vorüber, an ſeiner Seite ging der Cuſtos Sibing, der ihm vom Himmelreich und von ſeliger Vergebung redete.— Es war natürlich, daß der Verurtheilte ſein thränendes Auge zu jenen Fernen erhob, die ſeine unſterbliche Seele aufnehmen ſollten. Von dem Söller neigte ſich ihm ein ſehr ernſtes, aber wohlbekauntes Geſicht, gleich wie ſchon aus dem Himmel zu, und da er neben der ernſthaften, hochzeitlich geſchmückten Frau den Biſchof ſelber ſah, den Herrn über Leben und Tod, ſo rührte ſich in ihm noch einmal der heftige Trieb der Selbſterhaltung, und er ſchrie mit ſtarker Stimme in die Höhe:„Ach Hilla, Hilla, Phuiken's Tochter, die Du ſtehſt in wunderbarer Glorie und eine Auserwählte an der Seite des Fürſten von Münſter! bitte, bitte für mich, Deinen Bekanuten und Landsmann. Du haſt Dich bekehrt, ſchöne Hilla, ſonſt ſtändeſt Du nicht wie ein goldner Engel am Throne! aber auch ich bin wieder um⸗ gekehrt vom Verderben, und habe meine Irrthümer abge⸗ ſchworen. Bitte alſo für mich; daß ich lebe, o Hilla, denn der Tod des kaum Geneſenen iſt herbe!“ Hilla, die wie eine Bildſäule von dem Altan ge⸗ ſchaut hatte, raffte ſich zuſammen, um der verderblichen Anrede zu entfliehen. Aber Mengersheims Fauſt hielt ſie zurück, und des Biſchofs drohende Frage wart„Hilla, was bedeutet das? woher keunt Dich jener Mann 26 Der Zug hatte unten angehalten. Des Verurtheilten Klaggeſchrei dauerte immer fort, unterſtützt von dem Rufen des Cuſtos nach einem Gnadenwort. Und da auf Befehl des Biſchofs Hermann Ramers vor ihn gefordert wurde, und zitternd auftrat in Beglei⸗ Der Koͤnig von Sion. IMI. 3 34 tung ſeines Beichtvaters, ſauk der entlarvten Späherin votends der Muth vor dem ehrwürdigen Prieſter, denn auch Sibing, wie Ramers, ſprach:„Bei meiner Seligkeit, dieſe iſt Hilla, eine Tochter Phniken's, des Zimmermanns, eine Jungfrau und die wildeſte Schwärmerin uuter den Ketzern won Münſter.“— Die Ueberwieſene ſchwieg an⸗ fäualich, und ließ ſich ohne Widerrede die Kleinodien ab⸗ nehmen, die von ihren Eigenthümern anerkaunt wurden, und die Ramers ſich entſaun, unter den zuſammengeraubten Schätzen auf dem Rathhanſe der Stadt bemerkt zu haben. „Unſelige!“ fragte Waldeck:„Was wollteſt Du hier? Welchen Zweck wollteſt Du erreichen? Wozu Deine Vor⸗ ſpiegelungen, Deine Lugen? Welchen Eutwurf barg Deine Seele 2* Hilla ſchwieg noch immer hartnäckig mit niederge⸗ ſchlagenen Augen. „Geſtehe, buhleriſche Schlange, daß Du an dem Haupte unſers Fürſten frevern wollteſt!“ rief ihr Mengersheim zu.— Der Herr von Merfeld, ſeine Nachläßigkeit zu beſchönigen, antwortete entſchuldigend:„Sie iſt ohne Waffen, ich hätte nicht geduldet, daß ſie vor unſerm Herrn erſchiene, wenn nur eine Spur von mörderiſcher Abſicht aufgefunden worden wäre.“ —„Wahr iſt's,“ bekraͤftigte der Biſchof etwas ver⸗ legen:„Sie trat in tiefſter Demuth vor mich hin, und bot mir ein Geſchenk, das mit den wunderbarſten Kräften goſegnet ſeyn ſollte, wie ſie bethenerte.“ Er zog die koſtbaren Handſchuhe hervor. Mengers⸗ heim entriß dieſelben ohne zu ſäumen, dem Fürſten, ſchlenderte ſie zu Boden, und rief warnend:„Erinuert Euch des Kaiſers Otto, den ein Weib in Wälſchland mit einem Liebespfand, dieſem ähnlich, vergiftet hat!“ Der Graf von Waldeck ſtutzte und verſtummte, da plößtich Hilla, ihve Verſtelung bei Seite werfend, trotzig und begeiſtert auhob:„Wohlan denn! der Vater will 35 nicht, daß durch meine Hände verrichtet werden ſolle, was einſt die Heldin von Bethulien an dem Aſſyrer gethan. Ich läugne aber nicht, daß ich Deinen Tod beſchloſſen hatte, gränlicher Tyrann und Menſchenverderber. Könnte ich mein Beiſpiel mit feuriger Schrift an den Himmel zeichnen, damit recht bald ein Nachfolger deſſelben erweckt weiden möchte! Vor meiner ſehuſüchtigen Rache, Blur⸗ hund, hat Dich der Moloch, den Du anbeteſt, gerettet. Wähne aber nicht, daß Du am Eude ſeyſt. Was nicht ich, das wird ein Andrer thun. Was nicht heute, das wird morgen geſchehen, und es ſteht geſchrieben. Der König von Münſter, der König der Gerechtigkeit in aller Welt hat es prophezeit, und die Apoſtel an ſeinem Stuhle haben mich geſegnet, als er mir die Hände auf⸗ legte, und mich zu meiner Sendung ſchmückte. Fluch Dir und Untergang allen Heiden! Israel wird obſtegen und ſeine Bänme iu Euerm Moder pflanzen. Trübſal und Elend über Euch! Ihr ſollt nicht einmal die Freude haben, Euch an meinen Martern zu weiden, denn des Königs Hand hat mich geweiht und feſt gemacht. Eure Flammen werden mir ſeyn wie kühl fächelnde Lilien und Palmen, Eure Schwerter werden wie Glas an meinem ſchlanken Nacken zerſplittern.“ Das Geſicht der Schwärmerin glühte, und eine dä⸗ moniſche Majeſtät lag darinnen ausgeprägt. Mit Ver⸗ achtung riß ſie die letzten Zierrathen von ihrem Gewande, mit Verachtung maß ihr unerſchrockenes Auge ihre Richter. — Der Biſchof, der eine Weile überlegend ihr gegenüber geſtanden, gab endlich das ſtumme Zeichen, ſie fortzu⸗ führen. Erſt nachdem ſie, von Wachen umringt, den Söller verlaſſen, holte der Biſchof wieder leicht Athem, und ſagte mit gefurchter Stirne zu dem Droſt von Woubeck:„Ich gebe Euch eine Stunde Zeit, den Leichtſinn, womit Ihr mein Leben in Gefahr gebracht habt, wieder gut zu machen.“ 36 Dann wendete er ſich zu dem alten Ritter, nmarmte ihn freundlich, zeigte ihn allen Leuten und rief:„Dieſer furchtloſe Mann hat Euers Biſchofs Leben erhalten! ver⸗ langt Mengersheim von Euerm Fürſten, was Ihr wollt. Ich gewähre es Euch, und es ſey weniger eine Belohnung Eurer Männlichkeit, als eine Genugthnung, die ich wegen meines Ungeſtüms Euch ſchuldig wurde. Fordert, mein würdiger Hofrath.“ Auf dem Plan ſchlugen wieder dumpfe Trommeln. Die Vollſtrecker des Urtheils über die eidbrüchigen Knechte wollten nicht länger warten. „Schenkt jenen armen Leuten das Leben und die Hand, womit ſie ihr mühvolles Daſeyn im Herrenſold erfechten, 4 bat Mengersheim, beſcheiden, als hätte er kein Recht auf des Fürſten Gnade. „Es ſey,“ antwortete Waldeck leutſelig;„verkündet ſelber ihnen das Heil.“— Dankbar küßte Mengersheim die Hand des Biſchofs, und bald klang Jubel und Muſik und Vivatgeſchrei auf dem Platze, wo nur Heulen und Zähnklappen geweſen war. Noch ein Unglücklicher, zagend in Hoffnung und Zweifel, ſtand vor dem Herrn. Mit einem Kniefall flehte Sibing:„Wollt Ihr, ſürſtlicher Herr, nicht auch den begnadigen, der keinen geringen Antheil an der ſchnellen Entdeckung der Verſchwörung gegen Euer Leben hatte 2“ „Die Todesſtrafe ſey ihm erlaſſen,“ lautete der Be⸗ ſcheid des Biſchofs:„doch will ich ihn noch in meinem Gewahrſam halten. Wenn dieſer Mann für Dankbarkeit Sinn hätte, und nebſtbei Vertrauen auf meine fernere Erkenntlichkeit, ſo möchte er vielleicht das Werkzeng werden, mit deſſen Hülfe die Stadt wieder unter meine Botmäßigkeit käme.— Ich behalte mir vor, ſpäter mit Dir ausführlicher davon zu unterhandeln, Herrmann Ramers.“ g 37 Der Begnadigte, der des Fürſten Knie umfaßte, rief aus:„Ich bin Eurer Gebote gewärtig, o Herr, und will Alles thun, was Ihr befehlt, ſobald ich bei Eroberung der Stadt Sicherheit für mein Weib, meine Kinder, und meine kleine Habe erhalte. Auch bin ich der Erſte, Ew. Guaden, der Euch bittet, ihn nicht und nie, man biete auch die größte Ranzion, heimzuſchicken. Ich müßte des Todes ſterben, weil Hilla's Verbrechen durch meine Aus⸗ ſage entdeckt worden iſt.“ „Fürchte Dich nicht,“ verſetzte der Biſchof, in deſſen Gedanken Hinterliſt und Rachgierde brütete:„Du ſollſt nach Münſter zurückkehren, wie die vermummte und ver⸗ ſchwiegene Nacht, und ich will einen entſchloſſenen Mann ausſuchen, der Dich begleite. Geh' indeſſen wieder in leidliche Haft, und laß' Dir wohl ſeyn nach ausgeſtandener Todesangſt.“ Zur Stunde verſammelte ſich im Schloſſe ein geheimer Kriegsrath. Erſt nach langer Beſprechung zerſtreuten ſich die dazu Berufenen. Einige der Oberſten kehrten zu den Feldlagern, in der Stille Alles zu einem neuen Sturme zu bereiten und den muthloſen Soldaten gold'ne Berge zu verheißen. Mehrere andere, an ihrer Spitze der unerſchrockene Mengersheim, ſchickten ſich an, als Abgeordnete mit Aufträgen nach der belagerten Stadt zu reiten.„Ihr unternehmt kein geringes Wagſtück,“ ſprach der Biſchof zu dem alten Ritter:„Ihr ſetzt Euer Leben, Eure Freiheit unter jenen Wüthenden auf's Spiel. Aber zagt nicht, da es unſers Vaterlandes Wohl gilt. Die vollwichtigſte Rache, die auf Erden je genommen wurde, ſoll— ich ſchwör's, jeden Schimpf, der Euch angethan würde, vergelten, ſo wie der höchſte Preis, Deutſchlands Bewunderung, Eurer harrt, brächtet Ihr zu Stande, was ich, obgleich ſchwer beleidigt, noch ein⸗ mal den Rebellen biete.“ Mengersheim erwiederte: „Zittert nicht für eines 38 Greiſes ſchwache Tage, gnädiger Herr, Ich will Euch beweiſen, daß ich ein Recht hatte, ein mänmich grades Wort zu Euch zu reden.“ Merfeld trat hinzu mit fröhlichem Angeſicht:„Ich habe gethan, wie Ihr geheißen, Herr Biſchof,“ meldete er:„unſre Schwerter ſind nicht wie Glas an dem Nacken der Wiedertänferin zerſplittert. Die Gerechtigkeit iſt befriedigt. Das leßte Wort der Mörderin war eine Verwünſchung gegen Euch, aber ſo wie der Ketzer Segen jener Dirne den Fluch gebracht hat, ſo bringe Euch, hoher Fürſt, ihr Fluch des Himmels Segen!“ Ein und zwanzigſtes Kapitel. Der Koͤnig und ſein Hof. Kaum war der Morgen, ſchwül und gewitterlich, heraufgezogen, ſo wimmelte ſchon der ganze Umkreis der Stadt Müunſter längs den Lageraränzen der Biſchöflichen von fleißigen Schanzarbeitern, die begannen, eine Schanze mit der andern vermitteſt tiefer Gräben, Pfahlreihen und Heckenſtrichen zu verbinden. Alle Bewohner der Gemeinden, ſechs Stunden in der Runde gelegen, mußten * zur Frohne eilen; dreitauſend dieſer Leute mußten be⸗ ſtändig auf dem Platze ſeyn, die Einſchließung der bela⸗ gerten Stadt zu vollenden. Sie arbeiteten außer dem Bereiche der wiedertäuferiſchen Geſchütze, und die Ebene zwiſchen ihnen und den Stadtthoren, theils aus Gras⸗ boden, theils aus Sand- und Kiesniederungen beſtehend, — gemeinhin ſpottweiſe„das Königreich“ genannt, blieb unbeſetzt, ſowohl von den Kriegsleuten des Biſchofs, als wie von den Vertheidigern des nenen Zion. Die Pferde der Letztern liefen da weidend im Schatten und Schutz der Bollwerke, kecke Buben ließen da ihre Viehheerden im Freien, den Belagerern gleichſam zum Trotz, hin und her wandeln. Die Feuerſchlünde des Lagers und der 9 Stadt ſchwiegen ſeit geraumer Zeit; der Krieg ſchien eingeſchlummert. — 40 Die Sonne ſtand hoch und bleich am Himmel, als Hermann von Mengersheim mit den biſchöflichen Räthen, ſeinen Begleitern, an die Grenze des Königreichs geritten kam. Ein Drompeter trug an ſeiner Seite ein weißes Fähnlein, hoch aufgepflanzt, und weit zu ſehen. Ein Läufer ans der Stadt, in rothem Rock mit blauen Aer⸗ meln, auf deren einem ein Reichsapfel mit zwei kreuz⸗ weis hindurchgeſtoßnen Schwertern geſtickt war, harrte der Geſandtſchaft, und hielt ihr einen offenen Geleits⸗ brief entgenen.„Euerm Begehren, ihr Männer, iſt willfahrt worden,“ ſagte er mit anfgeblaſener Scheinhei⸗ ligkeit:„Zion iſt euch geöffnet, und drei Stunden ſind euch freigegeben, um euere Anfträge anzubringen, den Beſcheid zu vernehmen, und wieder in das Lager zurück zu reiten. Beliebt, mir nach dem goldnen Thore zu folgen.“ — Der Domherr von Büren, der ſich in dem Co⸗ mitat befand, und ſeine Zunge gern vornweg gehen ließ, rief den Laufer, den er fruͤher als Calefactor der Chor⸗ ſtube im alten Dom gekannt hatte, trotzig an:„Je, Caspar Wynſchenek, welchen Aufzug führſt Du jetzo?2 Welch wunderlich Zeug redeſt Du? Gott ſoll mir in meiner letzten Stunde ungnädig ſeyn, wenn ich weiß, was Du mit Deinem goldenen Thore meinſt 2“ Wynſchenek ſchüttelte mitleidig den Kopf und ant— autwortete grob:„Zur Heidenzeit war das Thor das Ju⸗ defelder genannt worden; doch ziemt heutzutage einer Pforte Zions der übelriechende Name nicht mehr. Merkt euch das, ihr Männer aus Edom.“ „Unverſchämter Geſell!“ brummte der Herr von Büren zornroth. Aber ein Wink des alten Ritters von Men⸗ gersheim legte ihm Schweigen auf.— Die Reiter hatten das neugetaufte goldne Thor vor ſich; es ſtand offen, nur mit einem leichten Schlagbaum verwahrt, der langſam bei der Annaͤherung der Abgeſandten in die Höhe ging. 41 Ein verwirrtes Geſchrei, das aus dem Bogen ſchallte, machte die Räthe des Biſchofs ſtutzen⸗ Sie hielten den Zügel an. Aber aus dem Thore ſprang ein fliehendes Weib mit flatternden Haaren und lief in die Ebene heraus, auf die Pferde der Herren zu. Ein Schwarm von bewaffneten Leuten folgte ihr geſchwinde und ſchrie hinter ihr drein:„Haltet, haltet die Abtrün⸗ nige auf!“ Das Weib ſtürzte zu den Füßen der Pferde nieder, umſchlang dieſelben und bat:„O ihr Männer von Gott geſendet, laßt mich lieber von den Hufen eurer Roſſe zermalmen, als daß ihr mich dieſen Bätteln ausliefert. Habt Barmherzigkeit mit einer Armen, die uur den Tod ſtatt eines Lebens voll Quat und Schmach herbeiſehnt!“ „Wir können Dir nicht helfen, Unglückliche!“ erwie⸗ derte ihr Mengersheim bewegt:„Wir bringen ſelber unſer Leben nach Münſter mit geringem Vertrauen zu Markte. Faſſe Dich; weiche von den bäumenden Thieren. Mache nicht, daß wir über Dein Blut in die Stadt der Verblendung einreiten.“ Schon waren die Verfolger zur Hand und rißen mit Schmähungen, die dem Flüchtling wie dem Kommenden galten, das Weib vom Boden auf. Ein Mann kam hinzu, flammend von Grimm und heftigem Laufen und ſchnaubte:„Haben wir Dich wieder. Du ungehorſame Here, Du widerſpenſtiges Weib? Weg mit ihr, meine Brüder. Schleppt ſie vor den Stuhl des Königs. Er mag ihr den Hals abſprechen. Ich werde mich hüten, eine Fürbitte einzulegen.“ Die arme Frau wurde bewußtlos fortgeſchafft. Die Abgeordneten folgten dem wilden Geläuf nachdenklich und langſam. Hinter dem Thore wurden ſie von den An⸗ führern der wiedertäuſeriſchen Kriegsmacht empfangen, die ihnen zu Roß eutgegen kamen. Da waren Gerlach von Wylen, und Lambert Leodius, die Kriegsherren; Nequam 42 3 bor Mühlheim und Spejus, die Befehlshaber des Fuß⸗ volkes; die Fahndriche Aldenzeet, Schbnhof, Johann von Jülich und Rynald Volkmar; nebſt mehreren andern Beireitern. — Die Begrüßung war kurz. Die meiſten der Herren, ſowohl von der einen als von der andern Partei, kannten ſich, ſchienen jedoch nicht aufgelegt, die Bekannt⸗ ſchaft zu erneuern. Der Herr von Büren allein konnte ſich nicht enthalten, den erſten Fähndrich anzureden:„He, Infans von Aldenzeel, der Du einſtens Fiſchmeiſter bei meinem Vetter, dem Dechant, geweſen, wie kamſt Du in die kriegeriſche Ruſtung, worinnen Du ſteckſt, kurz und rund, wie ein Karpfen in ſeinen Silberſchuppen 2“ „Fluch allen Heiden!“ ſagte hierauf Infans Aldenzeel mit wilder Tücke:„Wer biſt Du, ſchlaffer Burſche mit der Pfauenfeder, duß Du alſo mit mir redeſt? ich kenne Dich nicht; oder Du wärſt vielleicht ein Rabe, der aus dem Schilde ſeines Zwingherrn fiel!“ ²) Der Domherr ſah zu dieſer Rede ſcheel, wie ein Ranbvogel; doch ſchwieg er, da er hinter ſeinem Rücken flüſtern hörte:„Herr von Mengereheim, bittet Eure Frennde, daß ſie kein unſchönes Wort in der Stadt ver⸗ lieren. Ihr Ausgang durfte ſchwieriger als ihre Ankunft ſeyn, ſobald ſie nicht verſtehen, eine Beleidigung mit Stilſchweigen zu erwiedern.“ Der alſo zum alten Ritter ſprach, war Rynald Volk⸗ mar. Mengerspeim kaunte ihn nicht, doch nickte er ihm dankhar zu, und prägte ſich das edle kummervolle Geſicht des jungen Mannes in's Gedächtniß ein.„Der da ſcheint* auch zu gut für dieſe Gräuel,“ ſeufzte der Greis für ſich, während der Herr von Büren den ſchulfüchſigen Spaß *) Anſpielung auf das Waldeck'ſche Wappen, worinnen Raben⸗ oder Adlerköpfe vorkommen, ſo wie Pfanenfedern auf einigen ſeiner Helme.— Auch das Stift Münſter führte drei ſtehende ſchwarze Vögel im Wappen. 43 zwiſchen den Zähnen murmelte: Westphalus est sine pi, sine pu, sine con, sine veri*) —„Wohin geleitet Ihr uns, daß wir zum Volke reden wögen? denn an die ganze Bürgerſchaft, oder an die Vorſteher der Zünfte haben wir unſere Auſträge ans⸗ zurichten.“ Alſo fragte Mengersheim den Herrn von Wulen. Dieſer erwiederte trocken:„Folge mir in meine Wohnung; ich habe die Weiſung, Dich und Deine Be⸗ gleiter zu bewitthen, bis die Reihe an Deine Botſchaft fommt. Du wirſt des Volkes Verſteher ſehen; Züufte und Gildemeiſter gibt es nicht mehr im nenen Iſrael.“ Gerlach führte die Deputarion durch die abgelegenſten, menſchenarmſten Gaſſen nach dem Mittelpunkt des Ver⸗ kehrs, vach dem Markte. Seine Wohnung lag etwas unterhalb vom Dorhoff'ſchen Hauſe, aber demſelben gegen⸗ über. Die Fremden wurden raſch dort eingeführt, und ihre Pferde von Knechten abgenommen, die ſie nach dem Domplatz brachten.— Nachdem Gerlach ſeinen Gäſten einen Becher Wein eredenzt, und einen wahren Ueberfluß von Backwerk vor⸗ geſtelt hatte, ließ er ihnen die Freiheit, an die Fenſter zu treten, und den Markt mit dem, was ſich darauf be⸗ gab, in Augenſchein zu nehmen. Es waren vielleicht tanſend Menſchen jeden Alters und Geſchlechts auf der breiten Gaſſe verſammelt. Sie drihten der Wulen'ſchen Wohnung den Rücken und gafften lautlos, unbeweglich nach der andern Seite, wo zwiſchen dem Dorhoff'ſchen Hauſe und dem Bogen ein Thron er⸗ richtet war, zu dem man über ein paar Stufen hinan⸗ zuſteigen hatte. Ueber dem goldnen Stutle war ein purpurner Baldachin ausgeſpannt; ſeidene Stoffe bedeckten die Stufen. Auf dem Stuhle ſaß der König, umgeben von Hotgeſinde und blitzenden Lanzen. Noben dem Thron war eine ſchlichte Kanzel aufgebaut, von deren Höhe ſo *)„Sine pietate, pudore, cönscientia, veritate.“ 44 eben ein Mann in ſchwarzem Talar, heftig und viel agirend mit den Händen, predigte. Der Maun war Bernhard Rottmann, der königliche Redner, zu welchem Amte ihn der Prophet von Leyden befördert hatte. An den offnen Fenſtern eines anſehnlichen Hauſes ſaßen, auf Kiſſen und Decken gelehnt, mehrere ſchimmernde Geſtalten, und horchten, wie der König und das Bolk that, der eifrigen Predigt zu.„Es find die Königinnen,“ ſagte, ohne nur eine Miene zu verziehen, der Herr von Wulen zu dem alten Mengersheim, der ihn befragt hatte. So oft hie und da während des ſters abreißenden Geſprächs der Name des Königs genannt wurde, verbeugten ſich die wiedertäuferiſchen Hauptleute, und ihr Benehmen hatte ein ſo beſtimmtes Gepräge von Ueberzeugung, daß man hätte meinen ſollen, es handle ſich hier um eine ſeit Jahrhunderten feſtgewurzelte Ordnung aller Dinge. Der Einzige, deſſen Haltung etwas im Widerſprach mit dem Benehmen der Andern ſchien, war Rynald. Er hielt ſich abgeſondert, ließ merken, daß ihn üur der Zwang des Gehorſams an die Waffengefährten binde, und daß er nicht ungern von der Pflicht, den Gäſten aufzuwarten, freigeſprochen wäre. Gerlach von Wulen, der ihn mauchmal mit finſtern Blicken maß, duldete auch nur mit Widerſtreben ſeine Gegenwart. Zudem behagte dem aufrühreriſchen Edel⸗ maun die Art und Weiſe nicht, in welcher Rynald mit den Fremden verkehrte. Seine Reden waren, obſchon rauh, kurz und ſelten, dennoch um vieles gemäßigter und verbindlicher, als die Kriegsherren gewünſcht hätten.— Darum trat Wulen plößlich auf den Fähndrich zu, und befahl ihm, alſogleich dem Hofmarſchau und Cere⸗ monienmeiſter Tilbeck die Ankunft der Abgeordneten zu melden.— Ohne ein Wort zu erwiedern, ohne nur mit einer Geberde zu bejahen oder zu verneinen, ging Rynald hinunter, freier athmend, weil er dem verhaßten Feind 45 und Nebenbuhler nicht länger in die falſchen Augen ſehen mußte. Der Marſchall oder Oberhofmeiſter war nicht weit entfernt, denn ſein Amt feſſelte ihn an des Königs Seite; dennoch ging Rynald langſam ſeinen Weg durch die ſich allmählig verdichtende Volksmenge. Die Predigt war zu Ende, des Königs feierlicher Gerichtstag, wie er deren dreie in der Woche zu halten pflegte, wurde eröffnet, und der Botenmeiſter des Gerichts rief die Parteien auf: „Auguſtin Torrentin! Eliſabeth Wandtſcheerer, ſeine Ehe⸗ frau! Wandtſcheerer, der Vater!“ Dieſer Aufruf erregte des Fähndrichs Neugierde; er drängte ſich, ſeinen Auftrag vergeſſend, bis hinter die Trabanten, die den Kreis vor dem Throne geſchloſſen hielten. Ein wüſt und boshaft ausſehender Greis ſtand da, plump und unverſchämt. Ihm zur Seite Torreutin, deſſen Antlitz noch roth von Zorn und Erhitung. Den Männern gegenüber Eliſabeth, von Nylands Beilträgern gehalten, zitternd und erſchöpft von ihrer vereitetten Flucht. „Es iſt das zweitemal, daß ſie böelich von mir ge⸗ flohen iſt,“ klagte Torrentin:„übe an ihr Gerechtigkeit, Kbnig im neuen Tempel!“ „Sie iſt unverbeſſerlich, und hat öfters gegen ihren erſten Mann gewüthet, wie eine Wölfin,“ ſagte auch der Vater, der wüſte Greis:„Streiche ſie aus dem Regiſter Iſrael, König der Gerechtigkeit. Es iſt beſſer, daß mit ihr mein Haus verlöſche, als daß ſie etwa ein Ungeheuer, unbändig wie ſie ſelbſt, in der Welt hinterlaſſe.“ „Was ſagſt Du gegen die Klagen und Forderungen Deines Vaters, Deines Ehemanns?“ fragte der König die Beſchuldigte. Sie erwiederte mit einer Kraft, die ihres Körpers Ohumacht Lügen ſtrafte:„Ich kann nicht unglücklicher werden, als ich ſchon bin: die Tochter eines ſolchen Vaters, die Wittwe eines Schenſals, die Gattin eines Wüthrichs, 46 dem ich nicht aus Liebe, ſondern aus Zorn und Trotz die Hand gereicht habe.“ „Was willſt Du damit ſmen?“ fragte der Köniz. „Torrentin hat mich an's Sterbelager des Harderwyk geführt; darum war ich ihm Dank ſchaldig. Aber ich babe ihn geehlicht, weil ich ergrimmt war gegen mein Geſchick, das mich eintens einen Maunn lieben hieß, in deſſen Liebe jetzt eine Aadre glücklich iſt. Ich halte für eine Sände, ſich leiblich zu ermorden, aber ich wollte mich an mir ſeibſt rächen, wollte ſelbſt mein kaum be⸗ freites Leben wieder zerfleiſchen, und habe in Torrentin einen trefftichen Qhäler gefunden. Bald koante ich meinem Abſchen nicht mehr gebieten, und ich trachtete zu ent⸗ fliehen. Schaffe mich aus der Welt, König Jan, und Dein Lob ſoll auf meinen Lippen ſeyn.“ Der König betrachtete ſie prüfend, überlegend. Ny⸗ land, der Schwertführer, näherte ſich der ſchönen Eliſa⸗ beth, wie eine lanernde blutdürſtige Katze.— Da ſtreckte Jan ſein Scepter aus, und rief;„Wir wollen Gnade ſprechen, ſtatt des Rechts. Ich löſe Deinen Ehebund auf, junges Weib. Wähle aber zur Stelle einen Gaten, dem Du ferner angehoren, dem Du endlich gehorſam ſeyn willſt, Du Widerſpenſtige.“ Eliſabeth verſetzte, ohne ſich zu beſinnen:„Der, den ich liebte, iſt für mich verloren, und auſſer ihm Keiner in dieſer Stadt, dem ich gehorchen mag. Ich danke für Deine Gnade, König Jan.“ Worauf dieſer Letztere:„Ei, Du haſt eine hohe Meinung von Deinem Werthe, eitles Weib. Du ſündiaſt viel auf Deine Schönheit. Wer, glaubſt Du wohl, wäre denn würdig, Dich zu beſitzen?6 3 —„Weil ich mein Herz nicht mehr zu fragen habe, und die Liebe für mich todt iſt, ſo will 8 die Magd deſſen ſeyn, der allen Andern an Gewalt und Wärde voranſteht.“— Da erhob ſich der König und ſagte zu Krechting, ſeinem Rath und Schatzmeiſter:„Führe alſo dieſe hinweg in unſerer Königinnen Gemach, deun fürwahr: ihr ſoll geſchehen, wie ſie geſagt.— Eliſabeth Wandtſcheerer! der Erſte auf Erden an Gewalt und Macht und Anſehen, erhebt Dich in die Zahl ſeiner Frauen.“— Bei dieſen Worten ſteckte er ihr einen Ring an den Finger ſeanete ſie, und ſprach endlich zu der Staunenden:„Biſt Du nun mit Deinem Looſe zufrieden 2“ „Ich kann nicht unglücklicher werden, als ich ſchon bin,“ autwortete die Stbrriſche:„Gott wird helfen.“ Jan ſteute ſich, als hätte er dieſe Worte nicht ver⸗ nommen, Krechting führte Fliſabeth von dannen. Der aite Wandtſcheerer und Torrenrin entfernten ſich ihrerſeits mißvergnuͤgt und kopſſchüttelnd. Aber Diwara mit ihrem Gefolge rauſchte dovpelt ärgerlich von ihrem Sitze auf, und begab ſich eiligſt nach dem Hauſe der Konigiunen, um die Neuaufgenommene mit Fröhlichkeit in den Augen, aber mit Haß im Herzen zu empfaugen.— Von der Wendung, die Eliſabeths Schickſal genommen, ſeltſam ergriffen, richtete Rynald dem Oberhofmeiſter ſeine Botſchaft aus, und ſuchte ſodann den Maler zum Ringe auf. Tilbeck hatte, nachdem er ſeines Gebieters Befehle eingeholt, nichts Dringenderes zu thun, als ſich in dem Aufzuge eines alten Hofgecken zu deu gemeldeten Gäſten zu verfügen. Da er bei ihnen eintrat in dem goldbe⸗ blechten laugen Damaſtrocke, den gelben, tauſendfältig ge⸗ ſchlitzten, mit lächerlichen Wülſten verzierten Unterkleidern, iu den unmäßig breit abgekappten Schuhen, die ſeine Füße den Hufen der Pferde ähnlich machten,— da flog ein nicht unmerkliches Lächeln über die ſo perdrießlichen Geſichter der biſchbflichen Räthe.— Tilbeck ließ ſich da⸗ durch nicht aus ſeiner Gravität bringen, ſondern ſchob den beinahe ganz flachen Sammideckel auf ſeinem Haupte noch ſchiefer, und reckte noch höher deu weißen Stab von 48 Elfenbein, den er, ein Zeichen ſeiner Würde, zwiſchen den Fingern führte. Er begann zu den Abgeordneten, die in Verlegenheit waren, wie ſie den ihnen längſt bekannt und vertraut geweſenen Patrizier anſprechen ſollten:„Es hat eine Zeit gegeben, da wir uns näher ſtanden, ihr Männer aus den Ländern Eſau. Aber der Vater macht die Zeit, und ändert ſie nach Gefallen. Alſo ſind auch wir verändert, und bleibt mir nichts, als das Gebet für Euch. Der König aber, ihr Männer, befiehlt Euch, im Pallaſt vor ihm zu erſcheinen. Ich ſoll Euch vorläufig an Ort und Stelle bringen. Wann das Gericht des Königs vorüber, wird er Euere Aufwartung annehmen.“ „Der Majeſtät unſern Dank,“ platzte der Domherr von Büren heraus:„Wir ſind jedoch nicht an Euern König geſchickt, ſondern an das Volk. Darauf haben wir frei Geleit begehrt, darauf erhalten.“ Tiülbeck nickte lächelnd und tippte mit dem Zeigefinger vor ſich hin, ſprechend:„Eben der König iſt das Volk. Es iſt Keiner in Iſrael, der nicht dächte, wie der Konig. Ihr werdet ihn ſehen, umgeben von den Würdeträgern der Krone, von den Aelteſten des Volks, von dem Stadt⸗ vogt und den Reichsverweſern aller Länder. Folgt mir nur, denn der Sand rinnt unaufhorlich in der Uhr, und drei Stunden ſind eine kurze, kurze Zeit.“ „Ihr vereitelt unſere Sendung, aber wir müſſen unſere Pflicht bis zu Ende thun,“ ſagte Mengersheim feſt, und da er dem Tilbeck nachging, thaten alle Uebrige nach ſeinem Beiſpiel.— Sie achteten wenig auf die Spottreden, die rechts und links fielen, da ſie durch das Volk gingen; wenig auf die rohen Geſichter, die ihnen in die Augen ſtarrten, und auf die niedergeſchlagenen der Beſſern, die ſich vor ihnen zu verbergen trachteten. Aber ihnen alleſammt wurde das Herz ſchwer, als ſie auf den Domplatz ge⸗ langten, und die Verſtümmlung der ehrwürdigen Gottes⸗ 49 häuſer ſahen. Die Thürme derſelben waren abgedeckt, die Fenſter eingeſchlagen, die Zierrathen heruntergeriſſen, das Bild des anferſtehenden Heilands mit der Sieges⸗ fahne lag zertrümmert vor ihnen im üppig aufwuchernden Graſe. Und drehten ſie ihre Köpfe weg von dieſem heile loſen Schauſpiel, ſo fielen ihre Blicke auf die ſonſt ſo friedlichen Häuſer der Domherren, die einſt ihr Eigenthum geweſen, und worein ſich nun die Aufrührer getheilt hatten, auf den geplünderten Biſchofshof, in deſſen Umfang die zum Unterhalt des neuen Hofſtaats„aufbewahrten Rinder und Schaafe blöckten. Die alten Bäume ſogar, der Schmuck des Domplatzes, hatten ihre Geſtalt ver⸗ ändern müſſen. Die Zweige von vielen derſelben hingen welk, zerſplittert von den Kugeln der Wiedertäufer, und beſudelt mit dem Blute der an den Lindenäſten geſchtach⸗ teten Opfer. Zwiſchen dieſem Graus der Zerſtörung bewegte ſich ein ganz umgeſchaffenes Geſchlecht. Eine Schaar von Dienern und Trabanten, allenthalben zerſtreut, verkündigte i Nähe de Hoflagers. Abenteuerlich, aber prächtig gekleidet, ſpreizten ſich die Schranzen neuen Zuſchnitts vor ihren Quartieren, ließen ihre Borten und Quaſten in der Sonne funkeln, raſſelten wohlgefällig mit ihren ſchillernden Waffen, Das Gedränge ihres Geſindes nahm zu, da ſich die Boten des Biſchofs dem ſchönen Hofe Melchiors von Büren näherten. Eine Wache von roth und blau gekleideten Männern mit Bruſtpanzern und Pickelhauben ſtand am Eingang, dahinter liefen Bediente und Kammerbuben in gruͤn und granen Wämſern hin und her: die Palaſtdienerſchaft des Königs. „Ach mein armer Vetter!“ ſeufzte der Domherr von Büren:„wüßteſt Du, wie in Deinem ſchönen Hauſe gewirthſchaftet wird! in dieſem Hauſe, worinnen ich ſo manche frohe Stunde genoß!“ Gerlach von Wulen blickte den Snheh ſeitwärts Der Koͤnig von Zion. MII. 50 und hohnlächelnd an.„Wenn Euch unſer aller Leben lieb iſt, ſo haltet Eure vorwitzige Zunge im Zaum,“ raunte Mengersheim dem von Büren zu:„nehmt ein Beiſpiel an mir, dem das Herz nicht minder als Euch bintet.“ Sie gingen die breite Treppe hinan, durch ein Vor⸗ zimmer, angefüllt von Leuten, die faul oder ſchmauſend umherſaßen und zu dem Hausſtaat des Konigs grhörten. Der lange Tylan, in einem brokatnen Kleide, aus einem viſchöflichen Kirchengewande gemacht, ſtand als Thürhüter vor dem Audienzſaale. Er hielt in ſeiner Rechten eine ungeheure Streitart, ein Feuerrohr, in ſeinen Handen eine furchtbure Waffe, hing an einer goldnen Schnur von ſeiner Achſel herab.— Die Abgeordneten mußten ihre Waffen in des einäugigen Rieſen Obhut niederlegen, bevor ſie zum Eintritt in den Saal zugelaſſen wurden. Dieſes große Gemach, mit vier breiten Fenſtern, die ein grelles Licht hereinfallen ließen, war ſehr wunderlich aufgepuzt. Alle Gemälde, welche des vorigen Beſitzers Reichthum darinnen angehaͤuft hatte, waren hinausgeſchafft worden. An den nackten Wänden klebte zum Erſatz der Bilder hin und wieder das Wappen des neuen Reichs, die blaue Weltkugel mit dem bedeutſamen rothen Kreuz zwiſchen den zwei kreuzweis gelegten Schwertern, wovon das eine golden, das andere von Silber. Mit dieſen plumpen Schildereien wechſelten eben ſo plump gemalte Inſchriften ab, wie:„Jan von Leyden, ein König der Gerechtigkeit im neuen Tempel,“ oder:„Die Furckt des Herrn iſt aller Weisheit Anfang,“ oder:„Gottes Macht iſt meine Kraft.“— Ueber der Pforte ſtand aber mit goldnen Buchſtaben:„Das Wort iſt Fleiſch ge⸗ worden, und wohnt in uns.“ Von der Decke hingen viele Se von allen Ge⸗ ſtalten, wie ſie aus Kirchen und Schlöſſern zuſammenge⸗ bracht worden waren, dazwiſchen an farbigen Bändern 51 Straußeneier, und an ſtarken Meſſingketten ein Elephanten⸗ zahn.— Das Geräthe in dem Saale war mager: aun dem einen Ende eine kleine Orgel mit vielen Pfeifen, in der Mitte ein behängtes Pult, worauf die Bibel in ſammtnem Einbande, eine Sanduhr auf hohem Poſtamente an der Wand, der einzige Seſſel in der Audienzſtube war der Thron, gegenüber der Orgel, mit Goldſtoff rings be⸗ kleidet und mit Federbüſchen geſchmückt. Als die Eintretenden nach dieſem Stuhle ſchauten, waren ſie nicht wenig verwundert, ihn ſchon beſetzt zu finden. Ein Mann in einem enganliegenden Kleide, von ſchwarzen, gelb und grünen Streifen, ruhte ſorglos ſchlummernd auf dem Sitz der Würde. Die Räthe des Biſchofs hatten Mühe, in dieſer Umgebung ein lautes Gelächter zurückzuhalten, denn die langen Ohren an der Mutze des Schlafenden und das leiſe Schwirren der daran befeſtigten Schellen, ſo oft das träumende Haupt nickte, verriethen zur Genüge, von welchem Schlage der wunder⸗ liche Mann auf dem Throne ſeyn mochte. „Der Hofnarr!“ rief Tilbeck entrüſtet aus, und eilte hinzu, um mit ſeines Elfenbeinſtabs unſanften Streichen den Unehrerbietigen zu wecken:„Willſt Du aufſtehen, Schlummerkopf? iſt dieſes Dein Sitz auf Erden, fauler Bauch und muthmaßlicher Heide 26 Der Narr ſprang kerzengerade auf ſeine Beine, rieb ſich die Ohren, ſchüttelte den runden Wanſt, gähnte und ächzte kläglich, bis er in die Worte ausbrach:„Tilbeck, Tilbeck, Bruder in Iſrael, halt auf mit Deinen Ermah⸗ nungen! warum gelüſtet Deinen Geiſt nach meinem Rücken, und der Vater läßt doch eine ſo heiße Sonne ſcheinen, und im Saale des Königs weht es ſo kühl? warum iſt des armen Narren Koſt nicht beſſer und macht ihn ſchläfrig? Sagt nicht das Sprichwort von Weſtphalen: Grob Brod, dünn Bier, lange Meilen 26 Tilbeck unterbrach ihn zornig:„Schweig Burſche; ver⸗ 52 kappter Heide. Siehſt Du nicht, daß Männer ans der Fremde vor Dir ſtehen? Was ſchmähſt Du Zion mit ſeinen herrlichen Thoren und ſeinen Bächen voll Milch und Honig 2“* „Thoren genng, Bruder Marſchall; aber der Honig. 26 Der Narr ſchnitt eine ſpöttiſche Fratze und ging, ohne ſeine Rede zu endigen, dreiſt an den Boten vorbei, ſie zu muſtern nach ſeiner Weiſe.„Ich kenne euch alle, ihr Heiden,“ ſagte er pfiffig:„Pfaff und weltlich durcheinander, verwahrt enre Köpfe. Was denkt ihr, hieher zu kommen? Atte Lente und noch ſo thöricht 2 Ich möchte Euch meine Kappe ſchenken.“— Da die Fremden nichts erwiederten, faßte der Narr den Domherrn von Büren beim Ermel und ſagte:„Der Rock da kam von meiner Nadel, Dompfaff. Du warſt mein beſter Kunde, haſt am Längſten zu dem armen Meiſter Helcueper gehalten.“ Der Domherr drehte ihm erzürnt den Rücken zu⸗ Tilbeck, der indeſſen an der Thüre dem Tylan einige Be⸗ fehle gegeben hatte, ſprach zu ſeinen Gäſten:„Ich gehe, um meinen Dienſt beim Heimzug des Königs zu verſehen. Bleibt ruhig hier, ihr Männer. Verlaßt den Saal nicht. Hofnarr, ſuche die Männer zu unterhalten, daß ſie nicht mit dem Gähnen ihrer Langeweile oder mit Verwün⸗ ſchungen gegen die geflügelte Zeit das Haus des Königs verunreinigen. Die Friſt meines Ausbleibens wird kurz ſeyn, aber Gott beſſere euch indeſſen, ihr Männer. Der Vater bedarf nur eines Augenblicks, um die Verſtockteſten zu bekehren.“ Nach dieſem ſonderbaren Wunſch überließ der Hof⸗ marſchall die Geſandten dem Hofnarren.— Mengersheim beobachtete unruhig die Sanduhr. Der Domherr und die Anderen murrten:„Sie werden uns aufhalten, bis das Geleit vorüber, und dann wehe uns!, „Mein Vetter, der König, iſt ein weiſer und gerechter 53 Maun,“ bemerkte Heleneper mit ungläubigem Lächeln: „Wer ſich ſeiner Großmuth anheimſtellt, iſt geborgen. Wir ſind nur falſch, wenn wir's ſeyn müſſen.“ „Erquickender Troſt,“ flüſterten die Boten, während Mengersheim ſich an Helcueper mit den Worten wendete: „Du warſt länaſt zu Münſter als ein Schalk bekannt, der's mit Niemanden redlich meinte: vielleicht mit ſich ſelber nicht.“ „Und das iſt wahr, Herr,“ ſagte der Flickſchneider mit Bewußtſeyn:„ich hab' mich ſelbſt im Leben immer noch ärger betrogen, als andere Leute. Figura zeigt's. Bin ich nicht aus dem Holze, daraus man heutzutage die Könige ſchnitzt? Und doch iſt mein Vetter König, und ich ſein Narr; er der Erſte, ich der Letzte im Staate. Ja Herr, ich habe mir ſelbſt die längſte Naſe gedreht.“ „Sehen nicht in Münſter andere außer Dir daſſelbe ein?“ fuhr Mengersheim fort. „Ich weiß nicht.“ „Schwärmt der Unſinn noch auf der aiten Höhe 2“ „Ich weiß nicht, wovon Du redeſt, Mann.“ „Wenn Du mich nicht verſtehen wihſt,“ entgegnete Mengersheim leiſe,„ſo ſtößeſt Du noch einmal das Glück mit Füßen von Dir.“ Der Narr verſetzte im ſelben Ton:„Wenn Du mein „Ich weiß nicht“ nicht verſtehen willſt, ſo biſt Du ein noch größerer Thor, als der Du warſt, da Du hier ein⸗ ritteſt, eine Maus in den Rachen des Katers; und Du weißt ſelber nicht, daß hier an Thür und Wänden mehr“ Dhren wach ſind, als Augen in einem Pfauenſchwanz.“ „Man ſchneidet uns auen Umgang mit den Leuten bou Münſter ab,“ flüſterte Mengersheim eilig:„ich ver⸗ traute mich daher gerne Dir, um in der Stadt Einver⸗ ſtändniß zu gewinnen; denn ich biete Dir ein beſſer Glück, als deſſen Du genießeſt.“ Helcueper klapperte aus Leibeskräften mit ſeinen Schel⸗ 54 len, und reckte dabei immer begieriger das Ohr an den Mund des alten Ritters, der dringend weiter redete: „Der Tag, an welchem der Biſchof wieder in dieſe Stadt einzöge, wäre der erſte Deines Reichthums, wenn.4 —„Hrraus damit. Was müßte ich thun, um endlich reich zu werden?“ Heleueper ſchüttelte ſeine klingende Mütze noch heftiger. „Du biſt ſters in der Nähe des Schneiders, der ſich einen König nennt?“ —„Der Schneidernarr ſchläft auf der Schwelle des Schneiderkonigs. Nun? Dächtet Ihr, ich würde ihn etwa im Schlafe... 2“ Helcuepers Geberde vervoll⸗ ſtändigte den Mordgedanken. „Pfui!“ erwiederte Mengersheim entrüſtet:„Wer trant mir ſolchen Greuel zu?“ —„Vergebt; jetzt wird mir das Herz leichter. Alſo nur ein Verrath an der Stadt etwa?“ „Nicht doch. Verſprich mir nichts, als mir zu melden, wann der Betrüger vielleicht den Vorſatz haͤtte, heimlich aus der Stadt zu entfliehen, und ſuche, ihn zurückzuhalten.“ „Das will ich. Ei, mein Brodherr ſou mir nicht durch die Lappen gehen, ha ha! wie ſäh' es um meine Verſorgung aus? Sogar.. Der Hofnarr wurde geſtört, indem die Fähndriche Adelzeel und Schönbeck mit einer Menge von Bogen⸗ und Feuerſchützen hereinkamen, und ihre Leute in doppelten Reihen bis zum Throne aufpflanzten. Zugleich ertönte auf den Gaſſen von ferne eine Muſik, die ſo wunderlich war, wie Alles, was die der Stadt entfremdeten Bot⸗ ſchafter umgab. „Seyd ihr nicht nengierig, die Pracht und den Prunk unſers Herrn zu ſehen?“ fragte Heleueper und öffnete einen der breiten Fenſterſtügel. In der That bewegte ſich der Zug des Königs auf den Domplatz herein. Die Feldoberſten von Zion gingen gepanzert voraus, aber ſt att der Schwerter die an ihrer Seite müßig hingen, hielten ſie Schalmeien, Baßpfeifen und Flbten in den Händen und ſpielten eine Weiſe, die halb einem Pſfalm, halb einem Hirtenliede ähnelte. Die beiden letzten dieſer Kriegsherren, Johann Kurſener und Conrad Kruſe, die Rittmeiſter, ſchlugen das Saitenſpiel, eine Art von Davidsharfe.— Den kriegeriſchen Mnuſi⸗ kanten folgten vier Räthe des Konigs in Gewändern von eitel Purpur, behängt mit dicken Gnadenketten.„Das ſind die wackern Männer Reining, Gerhard zum Kloſter, Redecker, ehemals ein Kürſchner und Zuuftmeiſter, und Kerkering,“ erklarte Helcueper;„der ihnen ſo pomphaft nachſchreitet in dem ſilberdurchwirkten Kleide, iſt der Kanzler des Königs, der weiſe Gograf von Schoppingen.“ Der Narr zeigte bedeutſam auf die langen Obren ſeiner Kappe. Dann fuhr er fort:„Der letzt auftritt, iſt euch bekannt. Der Hofmarſchall geht immer dem König unmittelbar voraus. Alſo iſt nicht ausgemacht, daß der Eſel ſtets hinter dem edeln Roß zu ſchlendern habe. Hört ihr's ſchnauben, das Roß? In ganz Zion gibt's keinen Schimmel, der würdiger wäre, den König der Gerechtigkeit zu tragen.“ Der Herr im neuen Jeruſalem ritt ſtolz heran auf einem muthigen Pferde, das jedoch von zwei Stallbe⸗ dienten an langen rothen Zügeibändern geführt wurde. Die Decken und Zierrathen des edeln Thieres waren pracht⸗ vou, doch überladen. König Jan ſaß ſtolz aufgerichtet, die Linke auf ein ſchimmerndes Schwert geſtützt, ein koſt⸗ bares Scepter, das noch obendrein mit einigen Goldketten umwickelt war, in ſeiner Rechten. Bockelſon war gekleidet in ein ſcharlachrothes Wamms, mit blauem Futter und Sammetborden ausgeſchlagen. Ein offener Ueberrock, aus einem Rauchmantel des Biſchofs geſchnitten, hing in weiten Falten darüber. Die könig⸗ lichen Finger ſchienen, von ferne geſehen, mit Goldhand⸗ ſchuhen bekleidet, aber in der Nähe ergab ſich, daß die ungeheure Menge von Ringen, mit denen ſie geſchmückt waren, dieſe Täuſchung veranlaßte. Ueber die Bruſt des Königs hing die ſchwere Kette mit dem kunſtvoll und in Juwelen ausgeführten Wappen des neuen Zion. Den Kopf des Herrſchers zierte und bedeckte eine Krone von Gold und Perten mit Zackenkranz und Bügeln. An den Sammetſchuhen dieſes Wiedertäuferfürſten ſchimmerten Sporen aus den edelſten Metallen verfertigt.— Neben den mit Edelſteinen ausgelegten Steigbügeln gingen ge⸗ meſſenen Schritts zwei Jünglinge von großer Schönheit in feidnen Kleidern. Der Eine trug ein bloßes, aufge⸗ richtetes Schwert; der Andere, der ſchönere, aber traue rigere von beiden, trug eine aufgeſchlageue Bibel. „Jener Knabe„ der gelbhaarige, der mit den niedergeſchlagenen Augen,„heiliger Michael. wäre er nicht. 2« die Worte erſtarben auf der Zunge des Domherrn. Gerührt nahm Mengersheim für ihn die Rede auf:„Der Juͤngling iſt Chriſtoph Waldeck, nicht wahr?“ fagte er kurz. Heleueper bejahte, hinzufügend: „Bewundert endlich die weiſe Milde unſers Herrn. Der Knabe ſollte ſterben, er ſtand ſchon im Buche der Todten. Da hat ihn plötzlich mein Vetter als einen Leibknappen und Tempeldiener an ſeine Seite genommen, und er darf ſich des Lebens freuen, bis alle Stricke reißen und ſein Fädchen mit.“ Dicht hinter dem König ritten Knipperdolling als Stadtvogt von Zion und Nachfolger im Reiche, und Krech⸗ ting als Schatzmeiſter; beide auf rabenſchwarzen Pferden mit ſilberbeſchlagenem Zeug. Anf jeder Seite des Königs und ſeiner Begleiter gingen vierzehn glänzend geputzte Trabanten mit ungeheuern Lanzen.— Der Geheimſchreiber und der königliche Orator Rottmann eröffneten den Nach⸗ trab des Zugs. Auf ihren Ferſen war Nyland, der Schwert⸗ führer in ſeinem grünen goldbeſezten Gewand; ſeine rothen Beilträger umgaben ihn. Ein dichter Schwarm von Hof⸗ 57 leuten, Läufern und ähnlichem Volk ſchloß den Aufzug. — Doch gewann er auf dem Berge Zion— wie der Domplatz geheißen wurde— BZufluß an Menge uud Mannigfaltigkeit.— Zwölf Männer mit überaus langen Bärten und halb geiſtlich, halb ritterlich angethan, empfingen den König mit tiefen Verneigungen.— Zwei abgezehrte Geſtalten in zerlumpten Röcken, baarfuß und baarhaupt mit langen verwildert fliegenden Haaren und Bärten, ſtellten ſich vor den Zionsfürſten, und hoben an, Zeichen und Verrenkungen zu machen, eine lächerlicher und unbe⸗ greiflicher als die andere. „Was wollen die ſchmußigen Vögel?“ fragte der von Büren leiſe den alten Ritter, und Helcueper erwiederte eben ſo vertraulich:„Ihr ſeht die Aelteſten von Iſrael, die zukünftigen Verweſer aller Reiche auf Erden. Die an ihrer Spitze ſind aber die beiden Hofpropheten Duſent⸗ ſchuer und Peter Bluſt. Sie haben an allen Gerichts⸗ tagen die Pflicht zu erfüllen, des Königs Aus⸗ und Ein⸗ gang zu ſegnen, und daneben zu prophezeien, was ihnen der Geiſt eingibt.— Ihr ſeyd verwöhnt, Männer aus Heidenland, da ihr die Augen von den ehrwürdigen Pro⸗ phetengeſtalten ſchnöde abwendet. Nun, ihr werdet gleich etwas Schöneres ſehen. Beliebt auf jeue Thüre zu achten, die ſich gegen den Berg Zion aufthut. Dort hat vor Zeiten der Verwalter des biſchöflichen Hauſes gewohnt. Der allmächtige Vater laſſe ihm die Höllenflamme nicht alzuheiß werden; er war für einen Heiden ein ganz tugendhafter Mann und— ach, mein Schwiegervater, da er mir zur eigenen Erleichterung ſeine böſe Tochter gab. Wenn er aber ſähe, was ſich in ſeinem Hauſe zuträgt 2 dort wohnen die Königinnen.“ „O Brut des Satan!“ knirſchten die Räthe heimlich für ſich, konyten jedoch ihre Blicke nicht von den ge⸗ ſchmähten Weibern abkehren, die in einer langen Reihe, ſechszehn an der Zahl, geſchmückt wie Fürſtentöchter, und 58 Blüthen der Schönheit, aus ihren Gemächern traten, den König zu bewillkommen. Die erſte, Diwara, und die letzte, Eliſabeth Wandtſcheerer, Harderwyks Wittib, über⸗ trafen alle ihre Gefährtinnen an Reizen und Anſtand. Begleitet von ihren Trabauten, die grün und kaſtanien⸗ braun angezogen waren, wie auch von ihren Hansbeamten, da die erſte Königin ihren eigenen Hofſtaat hatte, um⸗ ringten ſie den vom Pferd geſtiegenen König, und führten ihn, gleichſam wie in einem ernſthaften Tanze, in ſeinen Palaſt. Bald erſchallten die Saiten und Blasinſtrumente unter den Gewölben der Treppe, bald rißen die Laufer die Pforten auf, und der König trat mit ſeinem ganzen Gefolge in den Saal. Die aufgeſtellten Schützen ſchloßen mit ängſtlicher Vorſicht ihre Glieder, und Jan, als fürchte er einen Angriff mitten unter ſeinen Gewaffneten, eilte, was er konnte, dem Throne zu. Während einiger Augenblicke verwirrte ſich die ganze Menſcheumenge in einen großen unordentlichen Knäul; alsdann, und zwar auf Tilbecks und des Herrn von Wulen Gebot, lichteten ſich die Reihen, die Hecke der Scützen löste ſich auf, und die Krieger entfernten ſich aus dem Saale.— Am Throne war indeſſen alles geortnet, wie auf einer Schaubuhne. Jan erſchien, ſitzend in gravi⸗ tätiſcher Haltung, ihm zur Rechten ſtanden die Aelteſten und ſeine Kriegsoberſten, zur Linken ſeine Königinnen. Hinter ſeinem Stuhle ragten die Lanzen der Wächter und die bleichen Geſtalten der Propheten. Auf den Stufen des Throns ſaßen die Jünglinge mit Schwert und Bibel; der Letztere übergoſſen von Schaamröthe und von Traurig⸗ keit niedergedrückt, da er die Räthe und Boten ſeines fürſt⸗ lichen Vaters ihm, dem Gefangenen, gegenüber erblickte. „Was begehren dieſe Maͤnner, die Wir mit freiem Geleit begnadigten, obgleich ſie Unſere Gnade wenig ver⸗ dienen?“ hob der König an, und ſeine Augen wurden ſtarr und wild, wie das blaſſe Geſicht lang und lauernd⸗ 59 Tilbeck führte den alten Ritter vor. Die andern Boten, umgeben von einem zahlreichen Kreiſe von Be⸗ amten und Dienern des Hofs, die keine ihrer Bewegungen überſahen, blieben erwartungsvoll auf ihren Plätzen.— Mengersheim, aufrecht ſtehend und mit freudigem Muthe, begann:„Der Biſchof, unſer Herr, hat uns an ſeine Bürger in der Stadt Muͤnſter abgeſendet: wir haben nicht erwartet, mir dem Mann, der zu dieſer Friſt hier das Wort führt, zu verhandeln. Wir thun Einrede gegen dieſe Verkümmerung unſeres Rechts, wie daſſelbe im Geleitsbrief enthalten iſt.“ Nach einer geraumen Stille antwortete der König langſam:„Die Macht, die das Wort führt, iſt ſelbſt das Recht. Ein Recht, das ſich nicht Anſehen zu verſchaffen weiß, iſt ein eingebildetes. Unſer Oberhofmeiſter hat euch bereits hinlänalich auf eure Bedenklichkeit geantwortet. In unſerer Majeſtät, in unſern Räthen und Aelteſten habt ihr den Senat von Zion vor euch. Bringt eure Auf⸗ träge vor, oder ſchüttelt den Staub von euern Schuhen. Ein heidniſch Geſchrei vor allem Volke auf dem Markte, zur Aufwiegelung des gemeinen Weſens, dulden wir nicht.“— Mengersheim warf einen fragenden Blick auf ſeine Gefährten.„Perge 1““*) rief ihm der ungeduldige Dom⸗ herr zu, und der König, ſeine Gelehrſamkeit zu zeigen, fügte lächelnd bei:„Perge, mi pater, et in ſide persiste salvus!“**)— Die Hoſſchranzen des neuen Jernſalems verbengten ſich, und murmelten beifällig von ihres Mo⸗ narchen Weisheit. Der alte Ritter, der ſein Mitfallen kanm verbarg, ſprach weiter:„Unſer Herr, der Biſchof, obgleich auf's Grauſamſte in ſeiner fürſtlichen Würde verletzt, hat noch immer nicht den Born ſeiner Gnade ausgeſchöpft. Seine Langmuth iſt die eines ächtgeiſttichen Hirten. Mit zer⸗ *)„Fahre fort!“ **)„Ja, fahre fort, mein Vater und beharre im Glauben.“ 60 riſſenem Vaterherzen, aber den Tod des Verblendeten nicht wünſchend, bietet er noch einmal— zum Letztenmal — die Hand zu einem Vergleicd. Ihr habt alle ſammt und ſonders, alle, die dem neuen Unweſen anhängen, nach Satzung und Recht das Leben verwirkt. Euer Untergang, da ſich alle Fuͤrſten Hülfe leiſten, kann nur um etliche Tage verſchoben und aufgehalten werden. Eure Hart⸗ näckigkeit reißt euch und dieſes arme Volk in's Verderben. Gleichwie eure alten Sagen behaupten, daß die Gründer dieſer einſt ſo blühenden Stadt Münſter ſie zuerſt Mai⸗ land geheißen haben, zum Angedenken an die reichen Ebenen der Lombardei, woher ſie kamen,— alſo werden einſt unſere ſpäten Nachkommen von der gräulichen Ver⸗ wüſtung Münſters erzählen, das, wie den Anfang, alſo auch das Ende von Mailand hatte, da es der Kaiſer Friedrich ſchleifen, Salz auf die Erde ſtreuen, und den Pflug hindurch führen ließ. Verhindert dieſes grauſame Schickſal, laßt ab von euern Vergehungen. Der Biſchof will euch das Leben ſchenken, will alles, was vorgefalen iſt, vergeben, wenn ihr das ſelbſtgeſchaffene verderbliche Regiment, das ihr eingeführt habt, auflöſen, wenn ihr ohne Waffen aus der Stadt gehen, und dieſelbe ihrem rechtmäßigen Herrn übergeben wollt. Ein Jeder von euch, ſelbſt die Rädelsführer, ſollen frei Geleit nach den Ländern erhalten, wohin ſie ſich begeben wollen. Wer in der alten Ordnung, zum alten Glauben aufrichtig wieder⸗ kehrt ſoll aufgenommen werden, wie der verlorne Sohn. — Bedenkt, daß dieſe Anerbietungen, für deren Drene der Biſchof ſeine Ehre verpfändet, um ſo koſtbarer ſind, als ſie in dem Augenblick gemacht werden, da eine Mörderin, von euch berathen und ausgeſtattet, aus eurer Mitte kam, um den Geſalbten des Herrn zu ermorden: ein Verbrechen, das der Himmel vereitelte, aber das unſers Fürſten Seele mit ſchwerer Bekümmerniß erfüllte. Dennoch will er Alles vergeſſen, und Alles ſoll abgethan 61 ſeyn, wofern ihr handelt, wie er verlangt. Ein Tag iſt euch gegönnt, um Ordnung in eure Lage zu bringen, aber ferner keine Stunde Bedenkzeit bewilligt. Sollte, wie wir nicht vermuthen, euer Herz verſtockt, euer Verſtand ſtumpf genug ſeyn, die angebotene Gnade auszuſchlagen, ſo wiſſet, daß ſich unſer Herr mit Feuer und Schwert einen Weg in dieſe rebelliſchen Mauern bahnen, Alle, die ſich widerſetzen, über die Klinge ſpringen laſſen, und die Rädelsführer zur beſondern furchtbarſten Strafe ziehen werde.— Ich bin zu Ende.“ Der Sprecher war nicht im Geringſten unterbrochen worden. Die Bruſt von vielen Zuhörern hatte ängſtlich geklopft, viele andere hatten mit Verwunderung der kühnen Rede gelauſcht. Die erbitterten Volksführer hingen dagegen mit ihren Augen an dem feſtzugeklemmten Munde des Königs, über deſſen Antlitz manchmal eine aufwauende Röthe, manchmal eine gallige Färbung ſching. Seine Erwiederung ließ ſich nicht lange erwarten. Mit Heftigkeit brach er los: „Potentia Dei robnr meum! Gottes Macht iſt meine Kraft! Dieſer Beſcheid wäre ſchon erſchöpfend für euch, und der Beweisſtellen ans den heiligen Schriften ſiud alzuviele vorhanden, die den Zuſtand dieſer auser⸗ wählten Stradt rechtfertigen. Ich verſchmähe aber, gegen Heiden mit den Waffen der Propheten und des Evan⸗ geliums zu fechten, denn Eure Ohren ſind taub für den Prediaer. Wſſſet aber, ihr, die ihr euch vermeſſet, uns das Gericht zu verkünden, daß euers Schickſals Vollendung vor der Thüre iſt. Der Tag iſt geſchrieben, da der Engel des Herrn ſiegen wird. Daher verlange ich nicht für mich und mein Volk die Gnade des Feindes, der damit Gott laͤſtert, indem er, der Tyrann ſelbſt, der Gnade des Vaters bedarf. Er ſpreche nicht von Rebel⸗ len, da er ſelbſt als ein Rebell gegen das reine Wort Gottes und deſſen Bekenner wüthet. Wir leben nicht im 62 Aufruhr, ſondern im Stande der Wiedergeburt, und die Lehre Chriſti iſt die Richtſchuur unſerer Handlungen. Der Biſchof hat den Bund gebrochen und das Maaß ſeiner Ungerechtigkeiten bis an den Rand gefüllt. Er ſchrecke Kinder mit der Lüge, als hätten wir nach ſeinem Leben getrachtet; vielmehr konuten wir dergleichen heimliche Miſſe⸗ thaten des Biſchofs an's Licht ziehen. Wir bedürfen gegen ihn des Mordes nicht, er iſt bei lebendigem Leibe ſchon des Satans, und ſein Herzblut— ſein Sohn, in unſerer Gewalt, ein Sklav des neuen Tempels. Jedoch mag er in der Perſon ſeiner Boten lernen, was er einem von Gott, den Propheten und dem neuen Zion gewählten König ſchuldig ſey. Er unterſtehe ſich ferner nicht, unſern Namen, unſere Krone verächtlich zu behandeln. Ich bin kein Rädelsführer einer Schurkenbande, ich bin ein von Chriſtus erhöhter König, der Biſchof iſt nur ein ohnmächtiger Uſurpator. Nicht berarf es, um zu regieren, eines fürſtlichen Herkommens. David, der Erlauchte, iſt ein Hirtenknabe, Romulus ein abenteuernder Kriegsmann geweſen. Weiſe Geſetzgeber oder tapfere Soldaten ſind es, von denen die Königsſtämme ausgehen. Iſt aber eine Sendung heiliger als die meinige, die unmittelbar vom Vater des Himmels und der Erde koͤmmt, und mir vefiehlt, den Thron der Welt zu erobern und zu hüten, bis unſer Heiland ſelbſt herniederfahren wird, ſein Reich zu beherrſchen? Welcher von euern Fürſten, ihr Männer, hatte je einen mächtigern Lehensherrn, einen heiligern Nachfolger als ich? Darum iſt auch mein Seepter nur der Stab eines ſanften Hirten und Alles füget ſich dar⸗ unter nach Gottes Rathſchluß. Meine Gepanzerten plaſen die Schalmei, und ſchlagen die Harfe; dem ſchwachen Knaben zu meinen Füßen habe ich das Schwert vertraut, plode Weiber halten, ſpinnend an der Kunkel, auf Zions Wällen die Wache, und dennoch liegen des Tyrannen Schaaren, zahlreich wie Heuſchrecken, davor. Woher unſere 63 „ Zuverſicht? Sie kömmt aus unſerm Glauben. Die Weiſſagung muß erfüllt werden, und ſchlummerten wir mit trägen Händen im Angeſicht eurer Waffen. Auf weſſen Haupt der Geiſt des Vaters ruht, vor dem ſchweigt die Erde. Ich bedarf der Gewalt nicht; die heilige Schrift geht zu Eude. Wenn ich das Scwert ergreife, ſo ackre ich damit im Garten des Herrn, und ziehe die Furchen, worein der himmliſche Vater ſeine Saat legt. Das Schwert in meiner Hand iſt nur der Spaten, der die Grundfeſte des neuen Tempels und der Weltherrſchaft vorbereitet. Darum hat mich der Herr zugleich zum Hoheprieſter und zum König erwählt. Wie mein königlicher Bruder, Heinrich von England, wie mein lieber Vetter, Landgraf Lips von Heſſen, vereinige ich auf meinem Haupte die geiſtliche und weltlice Krone. Hütet euch, ſie anzutaſten, wenn ihr nicht des Todes ſterben wollt. Laßt daher ab, mit Euers Tyrannen lächerlichen Drohungen unſer Ohr zu beſchweren, und ſagt ihm, wir hätten zum Dienſt Gottes den Harniſch ange⸗ legt, und würden denſelben nicht abziehen, bis ſich Alles erfüllt hat. Euer Herr gebe ſich immerhin das Anſehen des wilden Großtürken, der das griechiſche Kaiſerthum unterjocht hat. Wir wollen ſehen, wie er ſeine Lektion zu Ende agiren kann. Wäre unſer Zion ein Conſtan⸗ tinopel, der türkiſche Biſchof ſollte an mir nicht weniger einen Conſtantin finden, der ſich unter den letzten Trümmern begrübe; aber Sünde wär's, nur einen Athemzug lang dieſe Vergleichung feſtzuhalten. Unſere Sache iſt die Sache Gottes, daher heilig, ſiegreich, un⸗ vergänglich wie Er!“ Jan, der mit dem Anſtand eines vollendeten Schau⸗ ſpielers dieſe Rede gehalten, endigte ſie mit frommem Angenaufſchlag. Um ſo vernichtender war der Blick, mit dem er die Geſandten betrachtete, als der ganze Hofſtaat — Männer und Weiber— großen Lärm erhob, und 64 aus voller Kehle ſchrie:„Heil unſerm König Johann von Leyden! Heil dem neuen Tempel! Sieg den Gerechten! den Heiden Tod und Hölle!“ Nachdem ſich das Getümmel gelegt hatte, ſprach Bockelſon mit Verachtung weiter:„Zieht ench zurück aus meinen Augen, und bückt eure Stirne vor meiner Ge⸗ rechtigkeit in den Staub. Ein Andrer, der nicht vom Vater geſendet wäre, hätte eure Schmähungen beſtraft und euern Geleitsbrief in Fetzen zerriſſen. Geht hin und erzählt ſchaamroth der ganzen Welt, wie der König von Zion ſelbſt den Tyrannenknechten das gegebene Wort hält. Oberhofmarſchall! erquicke dieſe Männer noch mit einer Mahlzeit aus unſern fetten Vorrathskammern, mit einem Trunk aus unſern überlaufenden Kellern. Krech⸗ ting, Schaßmeiſter in Zion! begnadige— nach unſerm Brauch, die Heiden zu behandeln,— einen Jeden dieſer Leute mit zwei Goldſtücken unſers Schlags und Gepräges aus Zions reichen Schatzgewölben. Auch die Neugierigen und Spötter müſſen dienen, unſer Reich allenthalben zu verkündigen.“ Krechting trat mit einem Beutel von rothem Sammet vor, zog daraus zwölf große Goldmünzen mit dem Bruſt⸗ bilde des Königs und der Inſchrift:„Das Wort iſt Fleiſch geworden, und wohnet in uns,“ und warf vor jedem Geſandten zwei dieſer Stücke zur Erde nieder, rufend:„Empfanget die Gnade und ein Geſchenk des Konigs im neuen Tempel. Bekehrt euch, und glaubet: denn, wer nicht geboren iſt aus dem Waſſer und dem Geiſte mag nicht eingehen in das Reich Gottes.“ Die Geſandten ſtutzten vor der Art und Weiſe, wo⸗ mit das Geſchenk geleiſtet wurde. Mengersheim bückte ſich jedoch bald und hob ſtillſchweigend die Goldſtücke zu ſeinen Füßen auf. Die andern ahmten ihm nach, bis auf den Domheryn, der das Geſchenk liegen ließ, und ſich kaum erwehren konnte, es mit der Spitze ſeiner Stiefel 65 wegzuſtoßen.— Statt eines Dankes ſagte indeſſen Mens gersheim, die goldnen Pfennige emporhaltend, mit ſtrenger Stimme ſowohl zum König als zur ganzen Verſammlung? „Wir tragen dieſe Münzen hinweg, einzig und allein aus dem Grunde, ein fühlbar Zeugniß heimzubringen, daß wir in der Stadt Münſter geweſen und den Auftrag unſers Herrn ausgerichtet. Wahrlich: nur dieſem un⸗ geſegneten Golde wird unſer Biſchof glauben, daß wir nicht lügen und wirklich mit unſern Ohren in einer Stadt des Biſchofs und des Reichs die gräßlichen Dinge hörten, womit der Trotz des Aufruhrs unſre Friedensbotſchaft be⸗ antwortet hat. Wehe euch! dieſes geknechteten Jünglings Haupt iſt wohl in enern Händen; ihr habt es nicht aus⸗ geliefert, weil es euch eine Geiſel für die leste böſe Stunde ſeyn ſoll. Bedenkt aber, daß eure Henker dem Unſchuldigen den Himmel öffnen werden, während ihr der Verdammniß auheim fallt. Ihr werdet einſt mit Thränen den heutigen Tag zurückkaufen wollen, ihr Bürger von Münſterz aber es wird zu ſpät ſeyn!“ Ohne Gruß oder Verneigung wendeten ſich die Boten vom Throne ab, und wurden von Tilbeck von dannen geleitet. Nur im Vorübergehen begegneten ſich Mengers⸗ heims und Helcuepers Augen. Der Narr nickte dem Ritter kaum merklich zu. Im Kopfe des Königs krenzten ſich finſtere Gedanken. Er ſtühßte ſich verſtimmt auf die Lehne ſeines Stuhls. Ueber Chriſtophs Wangen rollten heiße Zähren. Der Hofſtaat war⸗ tete vergeblich auf ein Zeichen der Beuͤrlaubung. Duſent⸗ ſchuerder, mit verhülltem Geſicht eine Weile geſtanden, zog die magern Finger von den verwierten Fatten ſeiner Stirn, und rief im Prophetentone:„Durchlauchtigſter König, Du haſt es geſagt: die Schrift geht zu Ende. Das Reich ſoll durch Apoſtel ausgebreitet werden. Laß' ein Abendmahl auf dem Berge Zion zum Gedächtniß des Herrn veranſtalten. Die Namen der Apoſtel wird mir Der Konig von Zion. IMI. 5 66 der Geiſt eingeben. Die Erde erſchüttert ſich, und ihre Voölker werden den Predigern folgen zu unſerer Befreiung und Verherrlichung.“— „Amen, entgegnete der König ſchwermüthig:„Morgen werde das Abendmahl gehalten. Der Küchenmeiſter ſorge dafür, und meine Läufer ſolen's unter Trommelſchlag den Iſraeliten verkündigen. Strenge Strafe denen, die dem Liebesmahl auszuweichen Luſt haben möchten!“ Nun gab der König ein Zeichen, das den Hofſtaat auflöste. Mit tiefen abgöttiſchen Kniebengungen ent⸗ ſernten ſich alle. Kuipperdolling, Krechting, Gerlach von Wulen und Helcueper blieben allein beim König, da auch Duſentſchuer und Peter Bluſt ſich vor die Thüre ſtellten. „Was haltet ihr von der Unverſchämtheit, womit unſere Feinde dieſes Heiligthum verunreinigten?“ fragte Jan unruhig. —„Ich halte dafür, daß wir doppelt vor den Unter⸗ nehmungen der Belagerer auf unſerer Hut ſeyn müſſen,“ antwortete Gerlach:„Gewißlich folgt dieſer Botſchaft eine raſche, kühne That auf dem Fuße.“ Krechting verſetzte trübſinnig:„Es iſt böſe, daß Hilla's wohlberechneter Anſchlag mißglückte. Wer maa die Ent⸗ ſchloſſene verrathen haben? Sie verſtand zu ſchweigen und zu handeln. Ihre Begeiſterung fürchtete die Folter nicht, und ſie würde eher, wie jene römiſche Sclavin, ihre Zunge in der Peiniger Angeſicht geſpieen haben, als daß ſie ihr und unſer Geheimnib geoffenbart hätte.“ „So denke ich ebenfalls,“ meinte der König; dann rief er aufbrauſend:„Wenn ich ihn hielte, in meinen Händen hielte, den Niederträchtigen,„„er ſollte büßen, wie noch keiner!“ Tylan, der Thürhüter, brachte einen Zettel für den König herein. Jan erbrach ihn, und las ſtille für ſich. — Indeſſen beſah ihn Knipperdolling boshaft von der Seite, und ſagte mit ſeiner polternden Stimme zu den 67 Andern:„Das Unglück kommt von den vermaledeiten Ränken, die bei uns überhand nehmen. Trug, Lüge, Hinterliſt und Verrath ſind an der Tagsordnung. Wir haben die Regimentsveränderung nicht alſo angefangen. Wir ſprachen gut weſtphäliſch von der Leber weg, und ſchlugen aufrichtig drein. Matthieſen wäre lieber ſelbſt hinausge⸗ gangen, und hätte den Biſchof, Aug in Auge, niederge⸗ ſtoßen. Zur Hölle mit den Pickelhäringsſchwänken! Sie mögen für die feigen Holländer gut ſeyn, aber 4 „Du vergiſſeſt Dich, Bruder Stadtvogt!“ unterbrach ihn Krechting, mit einem Fingerzeig auf den König, der ſich ſtellte, als hätte er des Reichsverweſers aufrühreriſche Reden nicht gehört. Im Gegentheil: er ſtand mit fröh⸗ lichem Geſichte auf, und ſagte:„Wie doch der Herr ſeinem Knecht in die Häͤnde arbeitet! da meldet mir Gerhard Münſter, der heute den Befehl am ſilbernen Thore führt, es ſey ein däniſcher Mann vom Heer des Biſchofs hereingelaufen, und bringe unter andern die Nachricht: Hermann Ramers habe die arme fromme Hilla ihrem Untergang überliefert.“ „Hermann Ramers?“ Mit Verwunderung und Be⸗ ſtürzung riefen die Zuhörer dieſen Namen. „Derſelbe, der Dein Knecht, Dein Hund und Affe war, Bockelſon!“ fügte Knipperdolling hinzu. Eine Höl⸗ lenflamme ſchlug in des Königs Augen empor. Sein Mund antwortete jedoch eiskalt:„Derſelbe, mein Bruder. Geh' darum hin, und verſichere Dich, aber in aller Stille, ſeines Weibs und ſeiner Kinder.“ »Das iſt Nylands Arbeit, Jan Bocketſon,“ verſetzte der Stadtvogt grob. „Du haſt recht, lieber Bruder. Gib Dir indeſſen die Mühe, Deinem untergebenen Nyland die Arbeit zu befehlen.— Verlaßt mich Alle!“ ſchloß der König freund⸗ lich, wenn gleich Ungewitter über ſeine Stirne zogen. Sie gingen mürriſch. Helcueper verweilte noch hinter „Weißt Du was Neues, Vetter?“ ihnen, zupfte Jan beim Ermel und ſagte ihm in's Ohr: „Was willſt Du, trauriger Narr?“ „Ich möchte nicht an Knipperdouings Stelle feyn.“ „Warum nicht 2“ „Du thatſt ſo freundlich mit ſeiner Grobheit. Das bedeutet nichts Gutes.“ „Hebe Dich weg.“„ „Darf ich nicht einmal zu Deiner neuen Ehe meinen Glückwunſch bringen, Vetter?“ „Aus meinen Augen!“ Der Befehl war von einem wilden Fauſtſchlag hegleitet. Heleueper fuhr zurück, ſtarrte den zornigen Khnig giftig an, brach aber nach kurzer Weile in gewaltſames Lachen aus. „Du wirſt mich zeitig genug zurückrufen laſſen, Meiſter. Wie hielteſt Du ohne mich die Mirternacht aus, Vetter Bockelſon?“— Nach dieſen Worten verſchwand der Narr. Der gekrönte Schneider zog ſich haſtig unter ſeinen Thronhimmel zurück, und ließ den Zuckungen des Zorns und ſeiner Krankheit, die ſich immer nach beftigen Ge⸗ müthsbewegungen zu äußern pfiegte, freien Lauf. Eine Viertelſtunde lang wand er ſich einſam in ſchmerzlichen Krämpfen, nach welchen ſich ein dumpfes Hinbrüten ein⸗ ſtelte, woraus er nur nach und nach wieder zur Beſin⸗ nung erwachte. Die augenblickliche Verrücktheit, die iyn nach ſolchen Auftritten ergriff, klärte ſich bald auf, da er eine Weile, ſpielend wie ein blödſinnig Kind, ſeine Krone, ſeine Ketten, ſeinen Thron betrachtet hatte. Das närriſch lächelnde Geſicht veränderte ſich in ein ſorgen⸗ volles. Seufzer entſtohen der keuchenden Bruſt.„Der Schurke, der Helcueper, weiß, daß ich ohne ihn die Nacht nicht überdanerte!“ flüſterte Jan vor ſich hin;„er weiß allein, wie unglücklich der Mann von Leyden iſt. Die Poſſen jenes Narren, die Erinnerung an meine früheſte Ingend, ſtnd ſie nicht mein einziger Troſt2“ 69 Er wandelte hin und her, ttellte ſich dann vor die Sanduhr, und fuhr in ſeiner leiſen Rede fort:„Ein Königreich auf einem Pulverfaß! Siedend Blut in den Adern, Schätze, Leckerbiſſen, Pracht und Gewalt, ſchöne Frauen, eine ganze Stadt mein Eigenthum! Aber wie ſchmeckt der eilige Genuß, wobei das Ende mich plötzlich überraſchen kanu? Das Volk wie wandelbar! der Biſchof, wie gefährlich! die Hülfe, wie ſo weit im Felde! Und der unruhige Traum aller Nächte, wenn mir auch die Ge⸗ ſpenſter Ruhe laſſen, iſt immer nur entweder das Blut⸗ gerüſt mit tanſend Peinen, oder der letzte Sturm auf die Stadt, oder ein Ueberfall von Verräthern, unter deren Fußtritt meiner Kehle Geſchrei erſtickt.“ Dieſer Gedanke rief dem König Knipperdollings Frech⸗ heit und Ramers Verrath in's Gedächtniß.„Rache! Rache!“ ſagte er auflebend zu ſich ſelber:„Die Rache darf nicht vergeſſen werden.— Tylan! Tylan!“ Der Rieſe erſchien. Jan befahl, daß ein Läufer an den Schwertführer geſchickt würde. Nyland ſollte auf's Schnellſte Knipperdollings Gattin ſammt der weiblichen und männlichen Sippſchaft Hilla's verhaften.„Mir iſt angezeigt worden,“ ſagte der König,„daß jene Weiber Hilla's Vorhaben ſchwähten. Sie können Theil am Ver⸗ rath der Ungluͤcklichen haben, und keine ſoll ihrer Strafe eutlaufen.“ Während der Läufer flog, ſeinen Auftrag zu ver⸗ richten, ſchaute der König zerſtreut durch's Fenſter, und öffnete es ſtürmiſch, da er den Fähndrich Rynald Voikmar vorbeigehen ſah. Er winkte dem jungen Mann.— Dann ſprach er freundlich vor ſich hin:„Der iſt das rechte Werkzeug. Er ſoll das Meiſterwerk vollbringen helfen.“ Jan lehnte ſich nachdenklich auf das Pult, welches die Bibel trug, ſchlug ſie auf's Gerathewohl auf, und las bei'm Eintritt Rynald's mit bedentſamer Stimme die Klage des Propheten Jeremias:„Wie iſt mir ſo herzlich weh, mein Herz pocht mir im Leibe und ich habe keine Ruhe; denn meine Seele hort der Poſaunen Schall, und eine Feldſchlacht, ein Mordgeſchrei nach dem andern. Wie lange ſoll ich des Feinds Panier ſehen, und ſeine Poſaunen hören? Aber mein Volk iſt toll und ſie glanben mir nicht; thoricht ſind ſie, und achten es nicht.!—„Sey gegrüßt, mein Sohn,“ unterbrach ſich der König leutſeligen An⸗ geſichts.— „Was befiehlt der König von Zion?“ fragte Rynald ernſt und langſam. —„Es drängt mich, mein Herz in den Buſen eines Freundes auszuſchütten, guter Rynald. Dein Anblick hat ploͤßzlich die Beſorguſſe, die ich ſeit einiger Zeit hegte, wieder aufgefriſcht. Du ſcheinſt nicht glücklich, mein Sohn. Dein Antlitz iſt verfallen und bleich, Dein Gang und Deine Bewegungen entbehren der gewohnten Lebhaftig⸗ keit. Wenn ich mich nicht täuſche, ſo ſteht Dir das Handwerk eines Kriegers nicht an, und ich glaube ſelbſt, daß Du zu etwas Beſſerm berufen wurdeſt.“ Rynald forſchte in den Augen des Königs, und da er darinnen nur Wohlwollen las, erwiederte er traurig: „Deine Kenntniß des menſchlichen Herzens betrügt Dich nicht, Johann von Leyden. Ich bin ein zerſchlagenes Gefäß, und in einem Zwieſpalt mit mir ſelbſt, der mich eine völige Zertrümmerung meiner Seele fürchten läßt. Ob⸗ gleich durch Schwüre gebunden, kenne ich nicht mehr die Sache, der ich meine Eide geleiſtet habe. Das ganze Weſen in dieſer Stadt hat ein ſo ungeheuerliches Anſehen gewonnen, daß ich jetzo zweifle, wo ich vor Kurzem noch glühend Partei nahm. Wie gerne hätte ich von Dir Belehrung angenommen, aber Du biſt ſelbſt fortgeriſſen von dem Strudel der Begebenheiten und der Verwirrung. Ich rede freimüthig zu Dir, weil ich Dich noch achte, obſchon die Handlungen Deiner letzten Tage meinem Her⸗ zen wehe thaten. Jan, was haſt Du aus dieſem Volke, 71 das Dir vertraute, gemacht? Chriſt, Bekenner der reinſten Lehre, Du, mit Prophetengaben ausgerüſtet,— welche Werke beginnſt Du, und fürchteſt nicht, in Satan's Ketten zu fallen? Ich nenne Dir nur drei Dinge: Deine Hoffart und Pracht ſeit Deiner Erhöhung, den Gräuel der Viel⸗ weiberei, deſſen Beiſpiel Du ohne alle Scheu dem Volke gibſt;— endlich den Meuchelmord, den Du, in eine ſchwärmeriſche Buhlerin verkappt, gegen den Feind aus⸗ ſchickteſt wohin führen dieſe Thaten, als zum Ab⸗ grund? Zürne mir, aber höre die Wahrheit. Haſſe mich, aber tritt zurück um Deinetwillen, um des Volks und der guten Sache willen.“ Rynald ſchwieg, von tiefer Bewegung ergriffen. Der König, weit entfernt, ſeinen Grimm ausbrechen zu laſſen, nahm eine niedergeſchlagene Miene an, und verſetzte nach einiger Sammlung: „Der Geiſt hat mich noch nicht verlaſſen, geliebter Sohn, und Satan hat noch keinen Theil an mir. Es iſt nicht an der Zeit, Dir die Beweggründe meiner Hand⸗ lungen zu offenbaren. Einſtens werde ich's glänzend und ſteghaft thun dürfen. Für heute wiſſe nur, daß ich ſelbſt in ſchmerzlichem Ringen ſenfze, und mich gegen das ei⸗ ſerne Joch ſträube, das mir der Vater, meine Kräfte zu prüfen, auferlegt hat. Ich köunte mich, was die Ehe mit mehreren Weibern betrifft, auf das Beiſpiel der Pa⸗ triarchen berufen; doch liegen höhere Weltzwecke dieſer ſcheinbaren Ungehenerlichkeit zum Grunde, und nicht mein Wille, ſondern der Beſchluß aller Aelteſten hat das Geſetz erſchaffen. Meinen Prunk und Staat, geliebter Sohn, vertheidige ich gegen Dich allein, und nur mit einem Worte, das mich gleich an die Quellen aller meiner Schmerzen ſtellen wird. Es iſt ein Unglück, die Krone der Erdenmacht zu tragen, und die Schlangen des Neides kriechen unter den goldnen Sohlen der Geſalbten. Wäre ich nur ein Apoſtel! ich wäre glücklich im Staube der 72 Niedrigkeit; aber, obgleich vom himmliſchen Vater ſelber erwählt, obſchon ein ſiegreicher Schirm meines Volks gegen alle Stürme brüllender Feinde, iſt doch in dieſem undank⸗ paren Volke vielleicht nicht Einer, der ſich nicht eben ſo gut des Königthums würdig dünkte, als der demütbige Mann von Leyden von den Propheten deſſelben werth geachtet worden iſt.— Waos ſag' ich? Eben ſo tüchtig? Noch viel tüchtiger als ich denken ſie alle zu ſeyn. Denn: „mein Volk iſt toll, und ſie glauben mir nicht.“ Daher iſt nothwendig, daß die Gewalt auf Erden eine Kluft zwiſchen ſich und den Niedrigen im Geiſte befeſtige; und noch immer iſt der ſaufteſte Widerſtand gegen die gemeine Rohheit, die ſich frech als gleich und gleich zum ſchim⸗ mernden aber wenig beneidenswerthen Bankett des Regi⸗ ments drängen möchte, eine ehrwürdige Pracht, ein gott⸗ ähnlicher Glauz, der dem Pöbel ſeinen Meiſter nur in einer fernen Glorie zeigt.“ Der König hielt inne, um zu beobachten, ob ſeine Erklärungen den Studenten zu überzeugen im Stande ſeyen. Rynald horchte gelaſſen, aufmerkſam. Mit einem ſchweren Seufzer, und Zähren in den Augen rollend, nahm Bockelſon wieder das Wort.„Weun meine Stimme,“ ſagte er,„dem Rechzen der Weiden an den Flüſſen Ba⸗ bylons gleichen ſollte, ſo verzeihe mir, geliebter Sohn, und denke, daß auch der Mann von Leyden in trauriger Ge⸗ fangenſchaft liegt, und daß Stürme der Wuſte an ſeine Gebeine brauſen. Niemals wird ein Vorwurf meinem Gewiſſen ſchmerzlicher ſeyn, als der des Meuchelmords, den Du mir gemacht haſt. Wie vieles auf Erden ſcheint lautere Wahrheit, mein Sohn, und iſt doch nur eine finſtere Lüge? Wie viele tauſend Werke und Thaten muß ein Herrſcher auf ſeine Schultern nehmen, und ſie ſind doch nicht ſeine Werke? Wie oft iſt nicht ein König ge⸗ zwungen, den Irrthum ſeiner Rathgeber, die Verbrechen ſeiner Völker zu vertreten, und es ſind doch nicht ſeine Irrthümer, nicht ſeine Verbrechen! Denn, wie Jeremias, der heilige Mann, zu klagen weiß:„Mir pocht das Herz im Leibe, da mein Volk thöricht iſt, und achtet es nicht!“ Der Konig ſchluchzte und ſtreckte dem erſchütterten Rynald ſeine langen weißen Hände entgegen, fortfahrend: „Deuke Dir, als ſeyen dieſe Hände von Feſſelringen wund gedrückt. Bilde Dir ein, es fielen Blutstropfen unter einer Dornenkrone hervor über meine Stirne. Ich bin — Dir allein vertraue ich mein Leid— ein vom Pöbel Gebundener, ein von ſeinen Knechten Gemarterter. All⸗ nächtig bete ich um ein Wunder, das mich befreie,— immer noch verlängert der Himmel meine Prüfung. Der Trotz dieſes Knipperdollings, der gern ſelbſt den Thron beſäße, der Uebermuth der ehemaligen Edellente, die blut⸗ dürſtige Schwärmerei des Schatzmeiſters und aller Räthe, die Mordbegier der Aelteſten haben ſtets meine Stimme überſchrieen, wenn ich ſie zur Vertheidigung des Biſchofs erhob; denn ich war ſein Anwalt, da beſchloſſen wurde, ihn wie den Holofernes zu opfern.„Bewillige, oder Du biſt verloren!“ iſt das Wort, das mir die Rotte verblen⸗ deter und aufrühreriſcher Diener ſtets in das Ohr ſchreit. Klagend muß ich den wilden Schwärmern nachgeben, weil noch nicht die Zeit kam, wo ich allein, ohne irgend einen menſchlichen Beiſtand, meine Feinde und die des tan⸗ ſendjährigen Reichs beſiegen werde.— Und endlich, guter Rynald: ich bin nicht unſterblich. Was ſoll aus Zion, was aus der chriſtlichen Republik werden, wenn ich bevor alles erfüllt, unter dem Dolche eines Moͤrders fiele 2“ Rynald ſchüttelte traurig den Kopf, und verſetzte: „Das weiß der Herr der Schlachten; aber, wie wird ſich Dein Wirrſal auflöſen? Nein, nein!— angethan mit den Waffen der Ungerechtigkeit können, dürfen wir nicht ſiegen. Ich beklage Dich, Jan Bockelſon. Wenn Du auch das Lamm biſt, das auf Erden die Sünden jener Verirrten trägt, die ganze Welt wird dennoch Dein Reich 74 eine Herrſchaft der Grauſamkeit und des Verbrechens heißen.“ —„Mag ſie,“ entgegnete der König ſehr demüthig: „Der Vater wird einſt meine Unſchuld an den hellen Tag bringen. Gib Zengniß für mich, Rynald. Lebt nicht Chriſtoph, des Biſchofs Sohn? Nähre, kleide ich ihn nicht fürſtlich? hab' ich nicht dem böſen Rotger ver⸗ geben, und dulde ich ihn nicht in Iſrael? kannſt Du ſagen, daß ich grauſam bin?— aber ich will mehr thun, als die Ungerechtigkeit Anderer beſeufzen, ich will ſie im Stillen gut machen, und Du ſollſt mein Geſandter, mein Gnadenbote ſeyn. Meine Milde ſoll bei dem anheben, der ſie am Wenigſten erwartet: bei dem Knaben Chriſtoph. Um dem Biſchof zu beweiſen, daß ich zu Hilla's Verſuch meine Hand nicht geboten, will ich ihm den Sohn zurück⸗ geben. Dieſe Wohlthat wird ſein Herz erquicken, vielleicht der Anlaß zu ſeiner Bekehrung ſeyn. Indem ich für des Knaben Freiheit und die Koſten ſeiner Atzung nur den armen Hermann Ramers zurückfordere, beweiſe ich meine Uneigennützigkeit, und verhelfe nebenbei einem wackern Iſraeliten, meinem lieben Bruder und Freund, zur Er⸗ löſung aus bitterer Gefangenſchaft.“ „Du biſt ein edler Mann, ein wahrer König der Milde!“ rief Rynald, hingeriſſen von dem Vertrauen des Königs:„Ja, ſolche Handlungen machen mich wieder an Dich glauben, wie vordem, und Du befreiſt auch meine Seele aus langem Schmachten, wenn Du den Chriſtoph losgibſt. Unter Knipperdollings und Nylands wilden Eberaugen iſt der Unſchuldige niemals ganz ſicher zu nennen.“ —„Wie freut es mich, Dir zu gefallen, mein Sohn!“ antwortete der König lächelnd:„Weil Du aber Dein eigen Gemüth von dem beſchloſſenen Gnadenwerke er⸗ friſcht fühlſt, ſo iſt's billig, daß Du daran helfeſt. Nicht wahr, Du willigſt ein, den Unterhändler beim Biſchof zu 75 machen? Keinem andern als Dir möchte ich das Geheim⸗ niß anvertrauen, denn ein Geheimniß muß die Sache bis zum Austrag bleiben. Die Eiferer in Zion könnten mein Vorhaben blutig vereiteln.“ „Recht, recht! ich begreife Deine Bedenklichkeit, König Johann. Wie zu Allem, was ehrlich, geb' ich meine Hand mit Freuden. Aber, wie ſtell' ich's an, in's Lager zu gelangen? Man ſagt, daß Jeder, der ſich ſeit Hilla's Kühuheit hinüberwagt, wenn ſogar als Ueberläufer, in den Kerker geworfen, und auf die Folter geſtreckt werde. Würde ich von einem der Hauptleute des Biſchofs erkannt, ich müßte mehr, ich müßte den Tod erwarten, da mich das Fürwort des Waldeck ſchon einmal vom Kerker be⸗ gnadigte.“ „Den Tod erwarten? Iſt nicht eine Geiſel für Dein Leben in meinen Händen? Bürgt nicht des Biſchofs Sohn für Deine Wohlfahrt?“ Des Königs Augen blitzten bei dieſen Fragen. „Vergib,“ erwiederte Rynald mit ſchwärmeriſcher Ueberſpannung:„ſchilt mich nicht kleinmüthig und feige; ich hänge am Leben nicht für mich, aber für eine Braut, für ein geliebtes Mädchen, deſſen ich mich erſt würdig fühlen kann, wenn Chriſtoph Waldeck in ſeines Vaters Armen ruht. Ich bin meiner Braut für dieſen Waldeck Bürge geworden, und getraue mich nicht mehr, in ihr herrlich Angeſicht zu ſchauen, weil ich dem Knaben nicht Wort halten konnte.“ —„Ich verſtehe Dich ganz und gar nicht, mein Sohn,“ bemerkte der König mit Kälte. Aber Rynald fuhr um ſo feuriger fort: „Es iſt nicht die Stunde, den ganzen Zuſammenhang Dir vorzulegen, König Johann. Ich eile, Dir meine Zuſage zu geben. Ich entſinne mich, daß mein Pflege⸗ vater Sibing in der Nähe des Biſchofs verweilt. Laß' mir ein unverdächtig Kloſtergewand geben, ich will bis 76 zu meinem Vormund dringen. Er wird mich dem Bi⸗ ſchof nicht verrathen, er wird mich unter einem fremden Namen dem Fürſten vorſtellen. Kein Zweifel, daß dieſer einwilligen werde. Gib mir zwei kleine Tage Friſt, und ſchicke mir dann den Knaben bis auf die Mitte des „Königreichs“ entgegen. Sibing führe ihn dann zum Vater, ſo wie ich den Ramers in die Stadt bringen werde.“ —„Sorge nicht. Schieße einen Pfeil mit einem Zettel in die Stadt, und bezeichne darauf die Stunde der Auswechslung. Ich will dann ſelbſt des Knaben Geleits⸗ mann ſeyn.— Was verlangſt Du noch, mein Sohn 2“ ſetzte der König hinzu, die ſteigende Verwirrung des Studenten bemerkend. „Erlaube mir ein gemichtig Wort, das kaum über meine Lippen will,“ begann Rynald zitternd und hoch— athmend:„Ich fordere nur eine Zuſage von Dir, aber, o Konig, ſie ſey Dir heilig! Gebiete dann über alle meine Kräfte, ich weihe ſie Dir blindlings.“ —„Rede doch, mein Sohn. Die Gunſt des Königs iſt wie der Thau auf dem Graſe. Dein König liebt Dich, rede.“ „Gerlach von Wulen wird mit Dir von einem Weibe handeln,“ fuhr Rynald ſtürmiſch fort:„von einem Weibe, das er zur Ehe begehrt. Er wird Deine Macht auf⸗ rufen, ihm das Weib zu ſchaffen, das ſich vor ihm ver⸗ birgt. O, höre ihn nicht, folge ihm nicht, denn, die er begehrt, iſt meine Braut. Wir haben uns verlobt; wir wenden unſern Bund ſegnen laſſen, ſobald wieder Friede in dieſem Lande iſt, und die Thore dieſer Stadt offen ſtehen.“ „Das wird bald erfüllt ſeyn!“ ſprach Bockelſon mit einem Prophetenblick gen Himmel:„Der Geiſt hat mir eingegeben, daß die Wiegenzeit unſers Herrn vom Friedens⸗ ſrahl beleuchtet ſeyn werde.“— Die Augen ſchlau gegen 77 Rynald kehrend, fügte der König bei:„Nun erſt errathe ich, warum der Oberſte Gerlach Dir ſo gram geworden⸗ Ach, wenn Du wiüßteſt, wie ſie mich quälen! Meine beſten Freunde ſuchen ſie von meinem Herzen zu reißen. Doch bin ich feſt. Sieh doch, was der abgewirthſchaftete Edelmann ſich einbildet! Weil's ihm mit dem Regiment nicht glückte, mochte er mich in meines beſten Sohns Liebe verwunden. Es ſoll ihm nicht gelingen, ich ſchwör⸗ es Dir bei dem Reiche des Herrn.“ Rynald küßte die Hand des Königs, was er noch nie gethau, und rief jubelnd:„Beim Reiche des Herrn, ich glaube an Dich. Nur in dieſem Vertrauen wag' ich, meine Braut auf einige Tage zu verlaſſen. Der rohe Gerlach wollte ſie ſchon mit Gewalt entführen, wollte ihren armen Vater mißhandeln. Doch iſt des Madchens Verſteck ihm jetzo ein Geheintüiß, und Dein Befehl wird ihn zwingen, ſeine Verfolgungen aufzugeben.“ —„Mein gekröntes Hanpt ſey Dir verfallen, wenn ich den Strauchjunker nicht von dem Mädchen abſchrecke!“ gelobte der König feierlich, daun ſprach er vertraulicher: „Wer iſt die Braut? ihr Vater? ihre Wohnung? ſoll ich für Aller Sicherheit mit Eifer ſorgen, muß ich um Dein Geheimniß wiſſen.“ „Angela zum Ringe, des Malers Tochter, im Hauſe zur Roſe in der Aegidienſtraße„..4 —„In der Straße der Königin,“ verbeſſerte Bockel⸗ ſon, der aller Hauptſtraßen und Thore Namen verändert, und das Aegidienthor in das„der Königin“ umgetanft hatte. »In der Straße der Königin,“ wiederholte Rynald gehorſam:„das arme Mädchen iſt im Keller eingeſchloſſen, der ſich nach dem Hofe öffnet. Niemand, als ihr Vater und ich und ihre Großmutter, weiß um ihren Aufenthalt.“ —„Ich werde mir's merken,“ ſprach Bockelſon gleichgültig:„mein Gedächtniß iſt trefflich, und vor Ahem 78 dient es meiner Dankbarkeit; verſtehſt Du mich, Rynald? Thue daher Dein Beſtes beim Biſchof. Deiner Ueber⸗ redung wird nichts unmöglich ſeyn. Sage dem Waldeck, ich ſey nicht ſo böſe, als man ausſchreie; des Volks Ungeſtüm lege mir harte Worte gegen ihn in den Mund, die meiner Seele und göttlichen Sendung zuwider ſind; es ſey wohlgethan, wenn ſich Fürſten gegenſeitig ſchätzen, ob auch ihre Völker ſich bekriegen,— und was ferner noch Dein Wohlwollen für mich hinzufügen möchte. Ich werde dankbarer ſeyn, als irgend ein Fürſt auf Erden. Du ſollſt der innigſte Vertraute meiner Gedanken, der Spender meiner ſtillen Wohlthaten und Guaden ſeyn, und dereinſt offen vor aller Welt der Nächſte an meinem Throne. Deine Zukunft ſey ganz mein Werk, und ich arbeite ſchon für dieſelbe, indem ich den heulenden Wolf von Deinem Schäflein ferne halte. Empfange noch ein⸗ mal mein königliches Wort.“ — Rynald war kaum voll Entzücken hinweggeeilt, um ſich zu ſeiner Fahrt vorzubereiten, als der Hofmar⸗ ſchall Tilbeck mit ſeinen Nachtretern vor dem König er⸗ ſchien, und ihn fragte, ob der Monarch nicht endlich er⸗ laube, daß die Drompeter und Pauker des Hofſtaats zur langverſäumten Tafel das Zeichen gäben.— Schnöde wendete ſich der König von dem Mahner, und ſagte: „Eſſet und trinket, denn ſeine Knechte zu ſättigen iſt des Fürſten Freude. Aber mir hat der Vater befohlen, zu faſten und meine Seele zu erforſchen, daß morgen ſein Geiſt beim Abendmahle über mich komme!“ Nach dieſen Worten begab ſich Bockelſon über einen ſtillen Gang, und durch eine vor Kurzem erſt in's nachbarliche Gebäude eingebrochene Thüre in die Gemächer der Kö⸗ niginnen, um von den Mühen des Tages auszuruhen. Zwei und zwanzigſtes Kapitel. Das Abendmahl auf dem Berge ZSion. Das Firmament hatte zu dem großen Feſte in Münſter keineswegs ſein feſtliches Kleid angelegt. Die Wolken ſtanden viel düſterer als am vorigen Tage zuſammenge⸗ ballt in der dunſtigen Höhe, die ermattende Hitze des Sommers brütete über der Stadt. Noch ſchlummerte der Blitz in ſeinem ſchwarzen Lager, aber jeder Hauch des Windes ſchien nicht minder erſtorben und erloſchen. Von der neunten Morgenſtunde an war der Prophet Duſentſchuer, die Sackpfeife blaſend, in den Gaſſen um⸗ her gewandert, und hatte mit den rauhen Klängen ſeines Inſtruments, wie mit ſeinem einthnigen Rufen die Bürger mit ihren Weibern und Kindern aus den Häuſern auf den Domplatz gelockt. Sonntäglich geputzt, ſo gut als die am ganzen Volk verübte Plünderung es erlaubte, ſchlichen die neuen Iſraeliten an den Ort, wo das Gaſt⸗ mahl des Königs vorbereitet wurde.— Unter den Bäumen des Platzes waren lange Tafeln aufgeſchlagen und mit feinen Tüchern aus den Schränken des Doms und des Biſchofhofs bedeckt. Viele Fäſſer mit Bier, Meth und Wein wurden zwiſchen den Tafeln aufgepflanzt, und eine Menge von Kuchen, den jüdiſchen Oſterfladen 80⁰ ähnlich, in großen Körben unter der Obhut der könig⸗ lichen Trabanten aufgeſtelt, um den ſich verſammelnden Gäſten die ganze Herrlichkeit des verheißenen Abendmahls im Voraus zu vergegenwärtigen. In den Geſichtern der allermeiſten der Geladenen war der Freude wenig, des Ueberdruſſes dagegen viel zu leſen. Der Mangel, der ſich leiſe in der Stadt fühlbar machte, ſchüchterte die Gemüther ein, und nur diejenigen Leute, deren Magen von den ſchmalen Nahrungsmitteln, die aus den Vorrathekammern täglich einem Jeden aus⸗ getheilt wurden, unmöglich befriedigt werden mochte, freuten ſich der Gelegenheit, ſich einmal auf Koſten der königlichen Freigebigkeit ſatt eſſen zu dürfen. Denn der König hatte für ſeine und ſeines zahlreichen Hofſtaats Bedürfniſſe das Meiſte und Beſte von allen vorhandenen Lebensmitteln in Beſchlag genommen. Die feiſte Behaglichkeit der königlichen Diener ſtach traurig genug gegen die Abmagerung der übrigen, durch Entbehrung, Wachdienſt und Schanzarbeit entkräfteten Bevölkerung ab. Der Uebermuth des Hofgeſindes war daher groß, und zeigte ſich am heutigen Tag doppelt, weil die Schranzen mit Verdruß ſich dazu hergaben, ihre Mitbürger aus ihrem Reichthum zu ſpeiſen, und mit eigenen Händen zu bedienen. Mit unerhörter Grobheit hütete der Küchenmeiſter Berndt von Zwollen vor den gierig Andringenden ſeine Tafeln, der Mundſchenk und Keuermeiſter Walther Schemmtringk ſeine Fäſſer. Die Credenzer und Speiſeknechte ſchlugen denen, die ſich vor⸗ witzig näherten, mit Stäben auf Kopf und Hände, je nachdem es traf, und verwieſen die Gäſte auf die Ankunft des Königs, die ſich aber von Stunde zu Stunde verzog⸗ Ein einziger von den zum Küchendienſt beſtellten Die⸗ nern, der Tafeldecker Reimenſchneider, muſterte mit trü⸗ ben Augen das wachſeude Gewühl, während er Zwie⸗ ſprach hielt mit einem blaſſen Mann, der ſich ſchen hinter 81 dem Stamm einer Eiche vor aller Welt verbergen zu wollen ſchien. „Seht nur, lieber Meiſter Lüdger, wie ſie zahm ge⸗ worden ſind, die rauhen Geſellen von Münſter,“ ſagte Reimenſchneider mitleidig zu ſeinem Nachbar;„ich kenne das Volk nicht mehr, das muthig genug geweſen, den Biſchof und die ganze Welt herauszufordern, und heute ſo feige iſt, ſich von ein paar betreßten Schurken mit Knüppeln zu Paaren treiben zu laſſen. Du liebe Zeit, es wird noch ganz anders kommen.“ Als der Tafeldecker bemerkte, daß Meiſter Lüdger zum Ringe nur mit einem yhm, hm,“ und leichten Achſel⸗ zucken antwortete, fuhr er vertraulicher fort:„Mißtraut mir nicht, lieber Meiſter, und ſchaut nicht ängſtlich um⸗ her. Ich bin kein Angeber, und wenn Euch vieueicht wundert, wie ein Mann, der in die Farben des Königs gekleidet iſt, eine dreiſte Sprache führen mag, ſo erfahrt, daß erſt vor kurzen Dagen auf dieſem blutbefleckten Platze meines beſten Freundes, des Küſters Matthäus Aeſch unſchuldiges Haupt gefallen iſt.— Seht, lieber Meiſter, ich hab' auf Erden nicht Weib, noch Kinder, ich hatte nur dieſen Freund, und bin nun im vollkommenſten Recht, gegen einen Mann, wie Ihr ſeyd, der alle Bedrängniſſe der Zeit fühlen muß, gleich mir, meinem Herzen ein bischen Luft zu machen.“ Dem Maler ſchwamm eine Thräne im Auge. Reimen⸗ ſchneider fragte abbrechend:„Was iſt aus Eurer Tochter geworden?“ Nach einigem Beſinnen verſetzte Lüdger:„Ich weiß wahrhaftig nicht, wohin ſte gekommen iſt. Sie war plötzlich wie verſchwunden.“ Die unbehülfliche Lüge täuſchte den Lafelbẽcfer nicht. Er begnüate ſich jedoch, zu ſagen:„Ich will nicht weiter in Euch dringen, aber wohl ihr, wenn's der Jungfer ge⸗ lingt, von dem heidniſch zuchtloſen Weſen unſrer Tage entfernt zu bleiben. Ich ſage Euch: in Sodom iſts nicht Der Koͤnig von Zion. III. 6 ärger geweſen. Ich ſtecke nicht umſonſt in dieſem Kittel, und habe meine Augen offen. Im Rachen des Löwen iſt man oft am Sicherſten, denn man merkt leicht, wann das Unthier brüllen will, und warum.“ Lüdger ſpißte die Ohren, und fragte:„Was meint Ihr mit dem Gleichniß?“ „Daß ich Euch eine Geſchichte erzählen konnte, die in verwichener Nacht den ganzen Palaſt in Aufruhr gebracht haben würde, wenn nicht der König der vor⸗ ſichtigſte Manun wäre. Aber, ich ſag' es Euch voraus: heute wird Jan Bockelſon grimmig hauſen, wie die großen Kaßtzen der Wüſte in Afrika. Heut mag nicht gut Kir⸗ ſchen mit ihm zu eſſen ſeyn. Seht, da kommen ſeine geheimen Räthe aus dem Schloſſe. Sind ſie nicht bleich, wie die Majeſtät ſelber? Zittert nicht der Gograf von Schoppingen wie das Espenlaub? Da kommen noch ein paar Oberſte mit entſtellten Geſichtern. Ha, ich möchte das Voreſſen nicht mit ihnen getheilt haben.“ „Sehr bedenklich, wackrer Reimenſchneider. Aber die Geſchichte, von der Ihr ſagtet?“ „Ich ſehe eben verſetzte der Tafeldecker,„daß auf dem koniglichen Tiſche noch ein Pokal fehlt, und ich will gehen, ihn aufzuſtellen. Die neue Königin Eliſabeth wird zwar ihren meiſten Wein ſchon getrunken haben, aber die Schicklichkeit fordert dennoch, daß man ihr heute den Becher noch nicht vorenthalte. Ich komme wieder, Freund.“ Lüdger wartete, angelehnt an den dicken Baumſtamm, im Schatten unbemerkt, unſichtbar in der Fluth von Menſchen, die ſich nach und nach auf den Domplatz ge⸗ wälzt hatte. Zwei Soldaten gingen an ihm vorbei, eilig und geſchäftig plaudernd. Der eine, verſchnaufend unter dem nächſten Baume, ſprach zum Begleiter die Worte: „Mein armer Vater iſt vollig verrückt geworden. Er ſchreibt ſich alles Elend zu, das in der Stadt einriß, 83 und will zur Buße an der Spitze der Apoſtel ausziehen, um entweder Hülfe aufzuwecken für die, die er ins Ver⸗ derben geführt zu haben glaubt, oder um mit Ehren, wie er ſagt, zu erliegen.“—„Laß' ihn, Rotger,“ ver⸗ ſetzte der Gefährte:„vielleicht hilft ihm das Schickſal durch, und Du findeſt ihn wieder, wenn wir einmal dem verwünſchten Neſte eutronnen ſind.“— Worauf Rotger, Duſeutſchners Sohn, traurig:„Ach, ein grauſam Ende iſt ihm gewiſſer, als das Heil, und unſere Flucht, lieber Bruder Braunſchweiger? nie war ſie gefährlicher als jetzt. Käme ich nicht unbemerkt am Lager des Biſchofs vorbei, ſo würde mir als einem Ausreißer ein ſchimpflicher Tod. Lieber fiele ich auf den Wällen dieſer Stadt, als in die Hände des Stedingk.“—„Pah, pah, laß' uns auf gutes Glück hoffen,“ erwiederte der Andere:„Du gehſt auf Deinen Poſten?“—„Ja, Braunſchweiger. Wir haben ſeit geſtern die Wache, und dürfen uns erſt nach der Ablöſung auf dem Berge Zion gütlich thun.“ Hohnlachend eutfernten ſie ſich. „Brr! die Köpfe dieſer Leute ſtänden in meiner Hand, wenn ich hingehen wollte, ſie anzugeben,“ murmelte Lüdger, und fühlte dabei mit Schauder an den eigenen Hals:„Mehr bedürfte es nicht, um ſie zu tödten. Warum ſind aber nicht tauſend ſolche Männer in der Stadt? Unſer Jammer hätte bald ein Ende.“ Eine wilde Stimme donnerte an dem Maler vorüber, Knipperdolling durchſegelte prahleriſchen Schritts mit Kerkering den Platz.„Warte, Königlein!“ drohte er: „ich will Dich lehren, mein Weib in's Gefängniß führen zu laſſen! Der Syuck ſteht am Ziele. Du ſolſt ſehen, Kerkering, wie ich den Burſchen behandle!“ —„Wahre Deinen Kopf,“ meinte der Patrizier: „Poche nicht. Reize nicht den verrückten Schneider. Wohin ſoll das führen 2«—„Weiß ichs? aber das Ge⸗ ſiadel muß fort. Ich werde ſelbſt noch ganz toll. Die Peſt auf alle Narren! komm!“— 84 Lüdger ſah den beiden Männern betrübt nach, denn ihm fiel ein, daß anch die Freundinnen ſeiner Schwieger⸗ mutter, die Dreyerin, die Tuneckens und die Michelſen plötzlich verhaftet worden waren, und daß vielleicht am Ende die aute alte Roſenwirthin auch nicht verſchont bleiben würde.— Und Angela! ſein Vaterherz zitterte um ſo mehr, als ihm der Beiſtand Rynalds fehlte, der am verwichenen Abend auf kurze Zeit von ihm Urlaub genommen hatte. Juſt noch zur rechten Stunde, um die aufquellenden Sorgen des Malers einzuſchläfern, kam der Tafeldecker zu ihm zurück.—„Nun? die Geſchichte aus des Königs Palaſt?“ fragte Luͤdger nengierig.— Reimenſchneider antwortete bereitwillig und nicht be⸗ horcht unter dem Getöſe und Geſchwärme, das auf dem Platze wiederhallte:„Ganz kurz zu berichten verhält ſich die Sache alſo, daß die Eiiſabeth Wandſcheerer, auch Harderwyk, auch Torrentin genannt, jetzo eine der Königinnen, dem König erklärt hat, daß woferne er nur mit einem Kuſſe ſich ihr nähern wollte, er des Todes ſeyn würde. Sie werde ihn ohnfehlbar ermorden, er könne ſich darauf verlaſſen. Der König iſt wüthend ge⸗ worden, hat getobt, wie ein Unſinniger, hat das böſe Weſen auf's Heftigſte bekommen und mit allen Drohungen von der Eliſabeth nichts anders erhalten, als die Er⸗ klärung: ſie wiſſe wohl, daß er ihr das Leben nehmen werde, aber das ſey gerade ihr Wunſch.— Zur Be⸗ ſchämung des Bockelſon iſt Diwara dazu gekommen, und hat triumphirt, wie ſich von ſelbſt verſteht. Weil dieſe eiferſüchtige Frau, die nur mit Wuth und Gram ihre Nebenbuhlerinnen duldet, im Begriff war, großen Lärm zu machen, hat der König plötzlich gelinde Saiten aufae— zogen, und die ganze Sache vertuſcht. Mir hat jedoch Alerander Buſchodock, ein Läufer der Königinnen, der in der Vorkammer den ganzen Auftritt mit angehört, das 85 Verſtändniß eröffnet, und durch die plauderhaften Mägde der geſchwätzigen Diwara weiß der elendeſte Küchenjunge ſchon um das Geheimniß. Wie gefällt Euch nun die ganze ſaubere Wirthſchaft? Die Gaſſenbuben werden einſt von ſolcher Schamloſigkeit Lieder ſingen können.“ Es ſchmetterten Tromperen über den Platz.„Se. Majeſtät tritt auf!“ rief der Tafeldecker mit bitterm Scherz, und eilte, ſeinen Dieuſt zu verſehen. Lüdger näherte ſich einem Tiſche, und nahm daran unter einer Rotte von Fremden, die er nicht kannte, ſeine Stelle ein.— Jan Bockelſon hatte ſich in ein ſchwarzdamaſtenes Gewand geworfen. Seine Ketten, ſeine Ringe und ſein blitzendes Schwert waren die einzigen Zierrathen, die er heute an ſeiner Perſon zur Schau ſtellte. Die Würdenträger ſeines Reics umgaben ihn; die Könniginnen folgten in prächtigen Auzügen, am geſchmück⸗ teſten Diwara, die Anführerin, deren phautaſtiſches Kleid aus den prachtvollſten Meßgewändern des Doms zuſammen⸗ geſtoppelt war. Wunderlich erſchien an dem Mautel⸗ ſaume der Wiedertäuferkönigin eine Doppelreihe von in Gold und Silber geſtickten Figuren der heiligen Mutter und der frommen Biſchöfe, die in Münſter die chriſtliche Kirche gegründet und verherrlicht hatten. Um das Seltſame dieſes Aufzugs zu vollenden, trug Diwara auf ihrem Scheitel eine Juwelenkrone, die von dem Haupte eines heiligen Leibes genommen, und unverändert geblieben war.— Ihr Schritt war übertrieben heldenmäßig und voruehmthueriſch. Die rüſtige Schbuheit der Bäckerwittwe allein verlieh ihrer Aufgeblaſenheit, die außerdem nur lächerlim geweſen wäre, einen Anſtrich von Majeſtät. Ihre Nachtreterinnen wollten ihre Haltung nachäffen, doch geſchah es nicht mit beſonderm Glück. Eliſabeth, die Leßte, ging ruhig und gefaßt einher. Die Natur hatte den Adel, der Eliſabeth auszeichnete, in ihre Be⸗ wegungen geprägt.— 86 Diwara's Antlitz lächelte, Freude ſtrahlte aus ihren Augen. Sie betrachtete den finſtern und verſchloſſenen König dann und wann mit einem ſehr merklichen Aus⸗ druck von Ueberlegenheit. Jan vermied ihre Blicke, und zwang ſich, das Geſicht ſtets muſternd nach dem Volke zu richten, das ſich ungeſtum an den Tafeln ſchaarte. Bockelſon, deſſen Sitz ihm vergbnnte, Alles zu überſchauen, thronte wie Sardanapal. Zweitauſend wehrhafte Männer, fünftanſend Weiber, vierhundert Greiſe und Knaben wurden von den Mar⸗ ſchaͤllen des Banketts auf dem Berge Zion gezählt. So hoch belief ſich die Anzahl der Bevölkerung außer den Kranken und den auf den Wällen Wacht haltenden zahl⸗ reichen Schaaren. „Wo iſt Knipperdolling, der Stadtvogt?“ fragte Bockelſon, da er ſich zum Gebet erhob.— Niemand wagte, zu antworten, und der König gab den ernſten Befehl, den Reichsverweſer allenthalben zu ſuchen, und zur Stelle zu ſchaffen.— Sodann ſprach er das übliche Gebet, ſegnete die Speiſen und das Getränke, und er⸗ mahnte das Volk, rüſtig zuzulangen. Das Abendmahl war einfach, da die erſte Tracht nur aus friſchem Fleiſche mit Wurzelgemuͤſen in kräftiger Brühe beſtand; die zweite aus Schinken und geräucherten Rippenſtuͤcken, die dritte aus Schaf⸗ und Ochſenbraten. — Aber die ehrenvolle Bedienung, die dem Volke Zions zu Theil wurde, entſchädigte daſſelbe hinlänglich für die ſchlichte Koſt, denn der König ſelbſt ſammt ſeinem Hof⸗ ſtaat ging an den Tafeln umher, das Eſſen auszutheilen, und dieſem oder jenem Begünſtigten ein ſalbungsvolles Wort zu ſagen. Die Mahlzeit war noch nicht zu Ende, als die Körbe mit den Kuchen herangetragen wurden. Der König, in ſeiner Eigenſchaft als Hoheprieſter des Reichs, brach dieſe ungeſäuerten Brode, und reichte, von Rottmann und 87 deſſen Leviten bedient, einem Jeden ein Stuͤck mit den Worten:„Nehmet hin und eſſet; dabei ſollt Ihr des Herrn Tod verkündigen!“ Die Königin Diwara folgte ihm auf der Ferſe mit einem ſchweren Keilche von Gold, und gab Allen zu trinken, mit den Worten:„Trinket Alle daraus und verkündiget des Herrn Tod.“— Die übrigen Weiber des Königs unterſtützten ihre Gebieterin, die in dem Zwang ihrer Prunkgewänder ſeufzte, die von Ringen ſtarrenden Haͤnde bald nur ſchwerfällig bewegen konnte, und das Haupt unter der läſtigen Reliquienkrone beugte.— So wie nach und nach die Menge das Abendmahl empfangen hatte, ſang ſie das Lied:„Gott in der Höh' allein ſey Ehr,“ bis die erſte Dämmerung ihre Schatten breitete. Zu dieſer Stunde, wo die Einbildungskraft am Auf⸗ geregteſten erſcheint, ließ der König das ganze Volk in einen Kreis zuſammentrommeln, und fragte laut:„Wollt ihr dem Wort Gottes unverbrüchlich gehorchen?“ und ein mehrtauſendſtimmiges:„Ja, ja,“ antwortete der Frage. Der Prophet Duſentſchner beſtieg eine Kanzel neben dem Tiſche des Königs, und verlas die Namen von ſieben und zwanzig Apoſteln, die, ohne zu ſäumen, aus Zion aufzubrechen, und in allen Orten der Welt den neuen Bund zu verkündigen hätten. Mit ſchwärmeriſcher Wuth heulte der Mann aus Warendorf:„Werbet mit feurigen Zungen die Volker der Erde zu unſerer Befreiung, Gott wird helfen. Wo jedoch das Wort des Herrn verachtet würde, da ſprecht den Fluch über die Stätte, damit der Engel der Vernichtung ſie kenne, wann er daher fahren wird auf ſeinem Zorn! Wo ſeyd ihr, die ich genannt habe? Fürchtet nicht Gefahr, noch Marterthum! Ich werde an eurer Spitze gehen, und verheiße euch den Sieg 1“ Die ſieben und zwanzig Genannten, meiſtens Männer, die der König im Verdacht des aufrühreriſchen Religions⸗ 88 eifers hatte, ſtellten ſich, ohne zu mutren, dar, und er⸗ klärten ſich bereit, unverzüglich aus der Stadt nach ihrer Beſtimmung abzugehen, wenn der König für ihre Weiber ſorgen wolle, deren ſie nicht weniger als hundert und vier und zwanzig zurückließen.— Das Verſprechen wurde gegeben, und die Hofbedienten zündeten Windlichter an, um die Apoſtel feierlich an die Thore zu geleiten, wo⸗ hinaus ſie nach Zuſen, Warendorf, Osnabruck und Coes⸗ feld zu gehen hatten. Unter dem Getümmel des Abſchieds ſprach Duſent⸗ ſchuer ernſt und hart zum König:„Du wirſt befreit von Clopris, Strahl, Vinnius, Frieſe, Mennegrove und Rege⸗ ward und Andern, die beſchloſſen hatten, gegen Dich mit Gottes Wort in Munde aufzuſtehen. Ich ſelbſt, ein Büßer für das Unheil, das ich verſchuldete, indem ich Dich zum Herrſcher ſalbte, gehe Deinem Argwohn aus dem Wege, um das wahre Reich Chriſti auszubreiten. Ich habe keine Weiber Dir zu empfehlen, ich nenne Dir nur meinen Sohn.“ —„Er ſoll der Meinige ſeyn,“ antwortete Bockelſon trocken:„Gott belehre Dich, Du alter Jeremias.“ „Wäre ich's immer geweſen! hätte ich doch nimmer den Samuel vorgeſtelt!“ ſeufzte Duſentſchuer:„aber mein letztes Wort an Dich lautet: Bekehre Dich, wie Salomo gethan, büße wie David, wahrlich: Du wirſt dem Gerichte nicht entgehen.“ Der König, dem unwillkommnen Bußvprediger zu ent⸗ weichen, ſchwang ſich auf die Kanzel, und ſchrie, umſtrahlt von einem Meer von Fackeln:„Gehet hin, Apoſtel, geyt und bereitet uns den Ort! Wir kommen nach, ein Heer in lichten Waffen, und wehe den Verächtern eurer Lehre, wir wollen ſie wiedertaufen im Blut, und mit dem Schwerte ſegnen.“ Die Apoſtel mit ihren Fackelträgern begaben ſich, nach den vier Weltgegenden ziehend, hinweg. Das übrige 89 Volk blieb noch verſammelt, denn der König begehrte weiter zu reden.„Liebe Bruͤder!“ ſagte er:„ich darf euch nicht verbergen, daß mir der Geiſt eingegeben, wie noch manche harte Prüfung nahe, ganz nahe liege, die wir im Namen des Herrn überwinden müſſen. Wer weiß, ob nicht etwa dieſe Nacht beſtimmt wäre, eine ſolche Prüfung zu gebaren? Seyd ihr von Herzen willig, Völker von Iſrael, mit aller Macht und Kraft den Sturm, der uns von Feindes⸗Händen droht, zurückzuſchtagen, und muthig auszufallen, wo es Noth thut?“—„Wir ſind hiezu willig! Ales zu Chriſti Ehre!“ rauſchte es vom Volke empor zum König.—„Wohlan,“ ſagte dieſer: „ſo empfangt den Gratiastrunk“), und geht, euch zu waffnen, nicht zu ſchlummern.“ Der Johannisſegen war ein treuloſes, geheimnißvolles Gebräu, worinnen die Schenken Subſtanzen aufgelöst hatten, die den Kopf des Trinkers anregten und zu wilder Raufluſt ſpannten. Es wurde Sorge getragen, daß Männer und Weiber davon nicht zu viel genoſſen, und alsdann ſchickte ſie der König alleſammt nach Hauſe, und die Abloͤſung auf die Wälle.— Nun erſt hob des Königs Feſt auf dem Berge Zion an, und der Hoiſtaat ſeßzte ſich zum Schmauſen.— Nun erſt öffneten die Küchen ihre reichen Schätze, und verſorgten die Tafel mit köſtlichen Speiſen, nun erſt floß der ſpaniſche Wein in die Becher der auser⸗ wählten Gäſte. Der Konia, in deſſen Seelengrunde viel des Grimms, und nicht wenig der Furcht und Bangniß wühlte, zwang ſich, guter Dinge zu ſcheinen, und leerte öfters nach einander ſeine Trinkſchale. Das Beiſpirl des Herrn ſteckte die Hoflente an. Sie gläcteten die froömmelnden Falten auf ihren Geſichteru, * Der letzte Trunk bei den alten niederdeutſchen Gaſtgeboten, der eingeführt wurde als Regel, damit die Gäſte nicht vergaßen, das Gratias zu ſprechen. 90 ſie verſchluckten die Bibelſprüche, die ſſe auf der Zunge hatten, ſie brachen aus in die derbe, rohe Luſtigkeit der damaligen weſtphäliſchen Gaſtmahle. Scherz und Gelächter hallte wieder auf dem Berge Zion, und je ärger das Ge⸗ töſe wurde, je beſſer gefiel's dem König. Er bedurfte des Lärms, um ſeine Angſt zu übertäuben; denn er wußte aus dem Munde eines Ueberlaufers um den Vor⸗ ſatz des Feindes, in derſelben Nacht'einen allgemeinen Sturm zu wagen, und ihm bangte vor dem Ausgang, wenn gleich Gerlach Wulen und ſeine Genoſſen in aller Stille ihre Vertheidigungsmaßregeln auf's Beſte getroffen hatten. Diwara, die Moderſon, die Knipperdolling kredenzten dem König den Wein, und ſchmeichelten ſeiner Behag⸗ lichkeit; aber mit einemmale ſahen ſeine ſcheuen Angen unfern eine hohe drohende Geſtalt, und des Stadtvogts Geſicht ſchaute über die Kerzenflammen der Tafel.„Ei, woher, Du böſer, ſpäter Gaſt?2“ fragte Bockelſon gezwungen freundlich:„Das Eſſen haſt Du verſaͤumt, Bruder Knip⸗ perdolling.“ „So werde ich immer noch von dieſer Tapfern Bro⸗ ſamen mich ſättigen können!“ verſetzte Knipverdolling, indem er auf die ſechshundert Gewaffneten dentete, die, eben von den Wällen abgelöst, ihren Antheil an der Mahl⸗ zeit des Königs zu nehmen kamen. Das Aeußere des Stadtvogts hatte ſo viel Wunder⸗ liches, ſeine Bewegungen waren ſo ſonderbar, ſeine Ge⸗ ſichtszüge ſo wechſelnd und verzerrt, daß Mancher darüber getänſcht worden wäre. Aber der König kannte ſeinen Mann zu genau, um nicht zu wiſſen, daß nnter der Larve der Begeiſterung oder des Wahnſinns Knipperdolling immer nur einen wilden Entwurf verbarg, der ſtets zwar mit Geſchick und Kraft hervorzutreten anhob, jedoch immer an der Gemüthsverworrenheit des Schwärmers und Selbſt⸗ ſüchtlers zu ſcheitern pflegte.— Daher ließ Bockelſon 91 für's Erſte dem Stadtvogt die Freude, und ſprach:„Deine Augen blitzen, und Dein Mund lacht, wie mich dünkr. Willſt Du tanzen? Eroffne mit der erſten Königin den Reigen. Pfeifer, Cymbaliſten, rührt euch! Wir erlauben heut einen ehrbaren Tauz nach heidniſchen Weiſen!“ Die rauhe, zuckende und kouernde Melodie des Soeſter Kirchweihtanzes brach los, und überſchrie den leiſen Donner, der ſich am Himmel regte. Knipperdolling nahm Diwara und die Moderſon um den Leib, wiegte ſich mit ihnen nätriſchen Muths vor dem König hin und her, und rief mit boshafter Frechheit:„Mir iſt oft geſchehen auf Maͤrkten und Kirchweihfeſten, daß ich mit ſchlimmen Weibern tanzte. Heute will der Vater, daß ich vor dem Schellen-König ſchlimme Tänze verſuche.“ Die Königinnen flohen erſchrocken von ihm. Der Stadt⸗ vogt wirbelte jedoch immer weiter, von der einen der ſechszehn zu der andern, heulte unverſtändliche Worte, fiel dann auf den Hofmarſchall, hauchte denſelben an, und rief:„Ich blaſe Dir den Geiſt ein!—„Nimm hin Dein Geſicht!“ ſchnaubte er dem falkenäugigen Krechting zu, und beſtrich deſſen Wimper mit dem Zeigefinger.— Seine Thorheiten nahmen kein Ende.— Die Spe ſenden und das Hofgeſinde ſtarrten bedenklich das Schauſpiel an, weil in der Stadt, ſeit den wieder⸗ täuferiſchen Weiſſagungen, jeder Tolle ſür einen Auser⸗ wählten Gottes und einen Propheten galt.— Der König erhob ſich wild, um auf die Seite zu treten. Da ſchoß Knipperdolling wie ein Bliszſtrahl auf den goldnen Seſſel zu, entriß dem einen der Tempeljünglinge das Schwert, dem andern die Bibel, und ſang wie ein Be⸗ ſeſſener:„Jeto thront der vom Herrn Bezeichnete auf dem Stuhle Davids. Jan Bockelſon iſt ein König nach dem Fleiſche, ich bin aber ein König nach dem Geiſte. Ich befehle Dir, Bockelſon, den Apoſteln zu folgen, die Du in's Heidenland ſchickteſt. Geh hin, den Fürſten von Sachſen zu bekehren, der uns mit Feindſchaft droht, und laß' ab von Deinem liederlichen Wandel. Thue von Dir den Prunk und den Hochmuth, jage von Dir die Weiber der Schande, und gib meine Gattin frei, die au Dein Geheiß in Feſſeln gelegt wurde. Denn ſie ſoll Deine und Aller Königin ſeyn, wie ich Dein Herr. Wofern Du zögerſt, fremder Popanz aus Holland, zittre vor dem Schwerte das ich in meine Hände genommen! Kommt aber, ihr Anderen, daß ich euch die Reiche der Weit ſchenke!“ Der Stadtvogt raste ſo künſtlich und grimmig, daß die Anweſenden ihn betrachteten wie einen biſſigen Wolf, und keinen Finger regten, ihn vom Stuhle zu werfen. Die Bewaffneten ſogar murrten gegen den Befehl Bockel— ſon's, der ſie ermahnte, des Wüthenden ſich zu bemeiſtern. Hie und da ſchrie eine Stimme:„Vivat Knipperdolling! Vivat Beruhard, unſer Koͤnig!“ Jan, ſchwankend zwiſchen Furcht und Erbitterung, rief den Kriegsleuten zu:„Wenn ihr Gottes Ehre, wenn ihr euers rechtmäßigen Königs Würde preis gebt, warum bewaffnet euch nicht wenigſtens der Haß gegen dieſen Elenden? Sind keine unter Euch, die ihren Vater, ihre Brüder, ihre Freunde unter dem Schwerte des Grauſamen verloren haben? Hat keiner von euch den Muth, ſich an dem frevelhaften Mörder zu raͤchen?“ „Stirb Du ſelbſt, mörderiſcher Bube!“— Mit dieſen Worten ranute Knipperdolling gezuͤckten Schwerts auf den König los, der mit geſchickter Wendung ihm die Waffe entriß, indeſſen mehrere der Bürger, gereizt durch Bockelſons letzte treffende Rede, den Stadtnogt unterliefen, und ihn banden, den Schäumenden.— Die Poſſe war ansgeſpielt, und ein Trauerſpiel hob an. Einer von den Kriegern, die au den Tafeln gleich⸗ gulrig ſitzen geblieben waren, erhob ſeine Hand, und ſpottete bitter:„Laßt doch die Narren um die Komodiauten⸗ krone raufen, daß wir beide los werden!“ Unglücklicherweiſe 93 hörte Bockelſon dieſen Spott, von einer Stimme, die ihm nicht gefiel, ausaeſprochen. Auf ſeiner Ferſe ſich umdrehend, ſtand er plötzlich vor dem unzeitigen Schwätzer, wie ein arimmiger Todesbote.„Was redeſt Du da, Rotger, und haſt doch kein hochzeirlich Kleid an?“ fragte er. „Weh mir!“ ſeutzte Duſentſchuers Sohn, gedenkend der Drohung in der Schenke zu Leyden. Damit war aber ſeines jungen Lebens Gedächtniß ausgelöſcht. Der Konig, eben ſich entſinnend deſſer, was er zu Leyden von dem Meiſter Strubb gelernt, hatte mit einem Zuge des Jünglings Haupt abgeſchlanen.— Das Entſetzen, welches dieſe Strafe erweckte, war groß, und machte den wilden Knipperdolling plößlich zahm, daß er, ſeinem Spiel entſagend, jämmerlich um Gnade rief. Der König deutete auf Rotger, ſprechend:„Wißt ihr nicht, Kleinglänbige, daß der Segen auf dem Haupte der Gerechten rubt, daß aber die Strafe den Mund des Frevlers überfällt? Laßt euch dieſes ein Exempel ſeyn. — Man bringe den kanken Stadtvogt in das Gefängniß, damit er zur Beſinunng komme!“ Während der Rebell von dannen geführt wurde, ſtützte ſich Bockelſon auf Chriſtoph Watdeck, um auszuruhen, und ſagte zu demſelben:„Wie kommt es, daß Du zitterſt, Knabe? furchteſt auch Du für Deinen Kopf 26 Der arme Junker hob ſeine Stirne empor, und ant⸗ wortete:„Ich bin in Deiner Hand, doch alaube nicht, daß ich feige ſey. Der Kerker und die Knechtſchaft haben mich allerdings ſchwach gemacht, ich bin nur in der Frei⸗ heit ſtark.“ Da lächelte der Könia, ihm zuftüſternd:„Wer weiß, wie nahe Dir die Freiheit2“ Ehriſtoph erbebte von Nenem, voll Hoffnung. Alſo⸗ bald ließ er den Kopf ſinken, und murmelte:„Hm, die Freibeit jenes Todten vielleicht 2“ Gerlach von Wulen trat geharniſcht auf den Platz. 94 Sein Auge ſuchte den König. Dieſer winkte ihm näher, und befahl den Uebrigen, den Tanz wieder zu beginnen. — Als die Königinnen, zwar noch mit klopfenden Herzen, aber gehorſam ihrem ſchrecklichen Gebieter, mit den Hof⸗ leuten ſich im Reigen ſchwenkten, ſagte Gerlach insgeheim zum Bockelſon: Faſt will mich bedünken, als ſey des däniſchen Ueberläufers Geſchwäßtz ein blinder Lärm ge⸗ weſen. Es rührt ſich nichts im ganzen Umkreis des Lagers. Nur hie und da ein Feuer zu ſchauen. Da alles beim Feinde vollkommen ſtill geblieben, iſt zu hoffen, daß die Apoſtel ſammt und und ſonders glücklich ent⸗ kommen.“ Des Könias Stirne runzelte ſich, er hatte erwartet, daß ſeine geiſtlichen Widerſacher im Anlauf des Sturms unter Feindesſchwert ihr Ende finden würden.„Laß' den Ueberläufer aufhenken, ſo er nicht Wahrheit geredet,“ befahl er dem Edelmann ſtrenge. Aber an den Befehl fügte er ſelbſt einen leichten Athemzug, weil die aufge⸗ ſchobene Gefahr ihm minder ſchrecklich vorkam, als die mit offenem Rachen drohende. Von Neuem ergriff er ſeinen Becher, reichte ihn dem von Wulen gnädig hin, und ſprach mit Süßigkeit:„Nimm und labe Dich, Ge⸗ treuer. Ich möchte Deinen Pokal und Dein Haupt ſchon mit Eichenlaub gekrönt ſehen!“ Gerlach verſetzte haſtig:„Es ſteht nur bei Dir, mich mit Roſen zu bekränzen, o König. Ich liebe des Malers zum Ringe Angela. Der wortbrüchige Vater und ein raufluſtiger Schulfuchs von Nebenbuhler verbergen ſie vor meinen Nachſtellungen. Mache das Geſetz geltend, König Johann. Befiehl, und ſie werden Dir gehorchen. Wo nicht, den Tod dem Wortbrüchigen, den Tod der Stolzen, die eines tapfern Mannes Werbung verſchmäht.“ Worauf der König:„Wahrlich: der Tapfre ſoll nicht vergebens ein Weib fordern. Ich will im Voraus Deine Heldenthaten, welche Zion erlöſen werden, belohnen, ich will ſelbſt Dein Freiwerber ſeyn, und es wird nicht des Schwertführers bedürfen, um Deine Braut an's Licht der Sonne zu bringen. Der Konig weiß Ales, mein Freund.“ So„lebe der König!“ rief Gerlach mit wilder Luſtig⸗ keit, den Becher ſchwingend.„Der König lebe!“ wieder— holten die Waffenlente tumultuariſch, und ein harter Donnerſchlag begleitete fernhin verhallend den Ruf der Zecher. „Horch, Vetter, wie die Engel im Himmel zu Deinem Preis die Pauken ſchlagen!“ ſcherzte Helcueper, der Narr, mit erbleichendem Geſichte, denn aus den Wolken leckten mit einemmale unzählige Feuerzungen des Gewitters. Auch des Königs Antlit zog ſich länger, die Königinnen und das Hofgeſinde fluchteten ſich erſchrocken in die Nähe des Gebieters, wie zu den Füßen eines Altars. „Zürnt der Vater?“ fragten Viele im bewaffneten Volke, da die Fackeln im Winde verlöſchten, und der Donner abermals grollte, und die Blitze abermals den von Rotgers Blut getränkten Raſen beleuchteten. „Horch! Stimmen vom Hebron und Sinai!“ ſchrie Peter Bluſt, der in einem weißen Bußhemde mit flattern⸗ den Haaren unter den erſchreckten Schwelgern erſchien. — Da flammte rings am Geſichtkreis eine feurige Helle hoch in die Nacht empor, als öffne ſich die Erde, um feindlichen Brand gegen die Blitze des Himmels zu ſchleudern. „Elias fährt auf mit feurigen Roſſen!“ ſchrie Peter Bluſt abermals, und fiel auf ſein Angeſicht nieder, denn plötzlich erzitterte der Boden, und ein fürchterlicher Knall zerriß die Luft. Fortdauerndes Gepraſſel folgte dieſem Getoſe, bald näher, bald ferner.— Dann wieder kurze Stille. „Was war das?« fragte der König erſtarrend.„Was war das?“ wiederholte ſein Hofſtaat. Die Lärmtrommel 96 antwortete. Auf den Wällen wurde Sturm geſchlagen, die Brandalocke henlte, der uͤber Münſter hinrolende Donner wurde von einem abermaligen Krachen, wie das vorige geweſen, verſchlungen.„Zion heraus! Bürger vor! Der Feind läuft an! Alles, was bewaffnet, herbei!“ brüll⸗ ten daherſprengende Boten, und zum drittenmale wurden alle Feuerſchlünde in den Schanzen der Belagerer auf einmal losgebrannt. „Sie ſtürmen, ſie halten Wort!“ rief Gerlach, und eilte an die Spitze der heranfluthenden Vertheidiger.— So wie in der Stadt Nothgeſchrei und Nothgeläute, ſo vor der Stadt unter den Belagerern Freudengeſchrei, und kriegeriſche Muſik von Trompeten und Trommeln. Nachdem die ſogenannte„Teufelskanvne“, die von dem Landgrafen von Heſſen geſchickt worden war, dreimal ihren graulichen Mund geöffnet, und das ganze im Kreis um Muͤnſter aufgepflanzte Geſchütz ihr den Gruß nachge⸗ brüllt hatte, zogen die Völker des Biſchofs keck und muthig aus den Lagern, mit wehenden Fahnen, in dicht geſchloſſenen Gliedern. Die Reiter ſchaarten ſich im Felde mit Fackein in den Fäuſten. Das Fußvolk lief voran auf dem von den Reitern beleuchteten Pfade. Die Stodt wurde an ſechs Orten zugleich, je von tauſend herzhaften Krieasleuten angegriffen. Den bloßen Degen zwiſchen den Zahnen, eine kurze Sturmleiter auf der Schutter, auf dem Kopfe ein Bündel von Reißig und Riedgras, ſtürzten ſie ſich in die Waſſergräben und ſetzten über, ſchwimmend auf dem Graſe und Reißig. Des Biſchofs Feuerſchlünde ſpieſten über ihren Häuptern gegen die Bollwerke der Stadt, ſchtngen die Verkleidung derſelben in Staub, ſchmetterten die Thore aus ihren Angeln. Es war ein heißer eifriger Angriff, ſo beſonnen und vor⸗ ſichtig, wie am hellen Tage, denn das Kanonenfeuer, der Brand einiger Gebaͤude, und des Himmels Wetterſtrahlen machten das Feld des Kampfes licht und klar. 9⁵ Während an den Pforten die Stürmenden im Hand⸗ gemeng mit den Vertheidigern lagen, krallten Andere die Leitern ein, und kletterten am Wall empor. Schon ragte manches Fähnlein auf der Böſchung ſchon wäthete mauche Art in der dichten Dornhecke, die als letzte Wehre auf den Wällen ſtand.„Viktoria! Stadt gewonnen!“ jubelte ſchon mancher Soldatenmund.— Aber die Fahnen ſanken wieder zurück, die Aexte fielen darnieder, die Siegtrunkenen verſtummten. Denn wo die Gefahr am höchſten, bewährten ſich die Belagerten auch am tüchtiaſten. Kein Alter, kein Geſchlecht hatte ſich vom Streite ausgeſchloſſen. Die unmündigen Buben, in ſtarken Rotten mit Armbruſten bewaffnet, hie und da von einem ättern Mann geleiret und ermuthigt, lagen hinter Bienenkorben, Vogelkäfigen, Gänſeſtällen und Kiſten, die ſie als beweg⸗ liche Schanzen mit ſich gebracht hatten, verborgen, und ſchoßen ruhig ihre Pfeile gegen die Anklerternden ab. In ſolcher Naäͤhe traf auch der Schuß von Knabenhand zum Tode. Andere krochen bis an die Leiterhacken vor, hoben dieſelben aus, und ſtürzten ſie mit der anſteigenden Manuſchaft in den Graben zurück.— Die Greiſe knupfe ten an den zuſammenbrechenden Thoren die Seile feſt, die den Thorftügeln einen Halt zu geben beſtimmt waren, ſie ſpannten und kreuzten die Ketten dahinter, ſie trugen den rüſtigen Feuerſchützen Pulver, Lunten und Kugein nach. Manche ſechzigjahrige Fauſt erhob, geſchützt von einem Erdkorbe, noch zur rechten Zeit den altväteriſchen Morgenſtern, und ließ ihn auf das Haupt des empor⸗ klimmenden Feindes fallen, daß er ſein Gehirn auf der Maner ließ, während der Leib kopfüber den Rückzug ſuchte. Maucher zitternde Ofenſizer, geſtählt von Wuth und dem zauberiſchen Gratiastrunk des Königs, ließ Balken auf Balken den ſtürmenden Rotten entgegenrollen, und erlegte ſie reihenweiſe.— Am furchtbarſten ſtritt das weibliche Geſchlecht mit Der Koͤnig von Zion. II. 7 98 den Biſchöflichen. Weiber und Mädchen, Mütter und Töchter kochten dem Feind die entſetzlichſte Morgenſuppe. In weiten Keſſeln brodelten Pech und Kalk auf den Wällen. Wer den Weibern nahe kam, empfing die glühende Taufe, die ihn zurückſchreckte. Hunderten der Biſchofsknechte haben die Weiber flammende Pechkränze um den Hals geworfen, die von den Unglücklichen nicht mehr losgemacht werden konnten. Nicht der Panzer, nicht der dann und wann niederrauſchende Gewitterregen, nicht der Sumpf der Gräben ſchützte und befreite die Brennenden. Zurückſchlagend in die Tiefe, enderen ſie in unerhörten Martern. Wer ihnen beiſpringen wollte, wurde von den Flammen ergriffen, wo ſie ſich wälzten, lag am andern Morgen der Raſen dürr und abgeglüht. Glücklich, wer unter der Wucht über ihn herfallender Waffenbrüder erlag, glücklich, wer, von der Schwere ſeiner Rüſtung niedergezogen, im Waſſer oder Schlamm erſtickte. Vielen, die noch athmeten, ſchien die Morgen⸗ ſonne auf die klaffenden Schädel, auf die bis zum Knochen verkohlten Glieder. Indeſſen hatte, dem wankenden Kriegsglück zum Trotze, die Standhaftigkeit und Rachbegierde der Stürmenden an einem ſehr wichtigen Platze die Oberhand gewonneu. Zwiſchen dem Kreuz⸗ und dem Neunbrückenthore' war von den ungeheuern Kugeln der Cleven'ſchen Karthaunen eine breite Lücke in die Mauer geſchoſſen worden, wohin ſich eine Menge von ſiegsluſtigen Fußknechten ſtürzte, um in die Stadt zu dringen. Ungehindert faſt, nach dem erſten blutigen Aulauf, rückten ſie voran, und winkten und ſchrieen ihren Nachläufern, ſchnell zu folgen: die Stadt ſey über. Nur hie und da knallte ihnen noch aus dem Dunkel ein Gewehr entgegen, matte Pfeile pralten ab von ihren Sturmhauben und Bruſtſtücken. So verfolgten ſie ihren Weg, einige hundert Schritte weit, neben Mauern und Gräben und Bächen, die ſie nicht kannten, — 99 als auf einmal der Boden unter ihnen zuckte, und den Nachkommenden über den ſtürzenden und aufhüpfenden Leibern ihrer Vorderleute weißer Dampf und rothe Lohe ſchrecklich entgegenſchlugen. Eine auffliegende Miene hatte ihrem Eindringen ein Ziel geſetzt, und ihr Triumph ver⸗ wandelte ſich in Flucht.— Die Unglücklichen fanden jedoch den Ausweg ven Gegnern beſetzt, die wie aus den donnernden Wolken geſchüttelt erſchienen, und ihre Fanſt⸗ röhre den Umgangenen auf Herz und Gurgel abdrückten, ehe ſie zur blanken Waffe griefen, den Ueberreſt vollends hinzumetzeln.— Da mähte Tylan, der Cyklop, unter niederſtürzendem Regen unverdroſſen die Garben der Schlacht, da hackte der Mesger Moderſon mit ſeiner Mordart manchen ſchlimmen Sohn braver Mütter in Stücke, da ſchlug der furchtbare Kilian, ein Bauer aus Friesland, ſeine Opfer mit einer Keule, die er langſam führte, wie ein fauler, aber nachdrücklicher Dreſcher.— Die Wiedertäufer wurden des Mordens nicht mjde, vor dem Wehgeſchrei und Röcheln ihrer Brüder, das herzzer⸗ reißend über die Mauern hinausdrang, entfloben die Reiter, die ſchon am Rand des Grabens ſtanden, und abgeſeſſen waren, ihr Heil zu verſuchen. Nun erſt hob das ſchwere Geſchütz der Stadt an, zu toben, und ſchleuderte einen Hagel von Kugeln und Ketten, von Steinen und Pulverbüchſen den Reitern nach, von denen viele des Flüchtlings unrühmlichen Tod ſtarben, im Rücken verwunder, weil ſie die Bruſt hatten retten wollen. Die da entkamen, brachten die ſchimpfliche Bot⸗ ſchaft, ſammt Schrecken und Verwirrung in's Lager. Der Biſchof trabte wieder, Gott und ſein Geſchick läſternd, nach Wolbeck, die Feldoberſten ließen zum Rückzug blaſen, da ſchon beinahe kein lebendiger Mann mehr im Feuer ſtand. Als die Nacht von dannen wich auf den ſtränbenden Fittichen des Gewitters, das mit ihr vor der blutrothen 100 Sonnenſcheibe in den Grund ſank, da überſchaute das ſtannende Menſchenauge erſt den ganzen umfang des Schlachtens und der Verwüſtung. Herrenloſe Pferde in Menge ſprengten auf dem„Königreiche“ umher, Trümmer, Waffen und Leichen bedeckten die Ebene, rother Thau benetzte das Gras der Schanzen, in den Gräben ſchäum⸗ ten Blut und Regenfluthen. Die Mauern und Thore der Stadt zerriſſen, beſudelt, verbraunt, auf den Zinnen ein bleiches, wüthendes, jauchzendes Volk, das mit ſeinen Feindes triefenden Schwertern dem Feinde nachdrohte, des Lager ſtumm, öde, entvölkert.— Ueber zweitauſend Er⸗ ſchlagene, ohne die Verwundeten, von denen Viele im Dunkel der Nacht von den Ihrigen weggeſchafft worden waren, lagen im Kreiſe um die Stadt.— Die Wieder⸗ räufer zählten nur ſechzehn von ihren Streitern zu den Todten. Drei und zwanzigſtes Kapitel. Der koͤnigliche Freiwerber. König Johann hatte die gräuelvolle Nacht auf dem Markte, in der Mitte ſeiner Trabanten und einer aus⸗ erleſenen Schaar von jungen, ihm blindlings ergebenen Handwerkern zugebracht, Rottmann hatte den Leibwächtern immer vorgebetet, Peter Bluſt jammernde und rach⸗ gierige Bitten zum Himmel geſchrieen, die Königinnen, knieend vor Bockelſon, hatten ſich die Bruſt zerſchlagen, die Haare zerrauft, und Lieder geſungen, ſo gut ihre ſtammelnden Zungen es erlaubten. Denn in Allen war der Schreckensglaube, der letzte Tag ihres Lebens ſey ge⸗ kommen, drohend aufgeſtiegen. Die jungen Kriegsleute, knirſchend vor Zorn, daß ihnen der Konig nicht erlaubte, am bewegten, herzbefreienden Streite Theil zu nehmen, waren in wildverzweifeltes Schweigen verſunken und be⸗ reit, als die letzten Opfer des einbrechenden Feindes, den raſendſten Widerſtand leiſtend, heldenmäßig zu enden. Johann athmete ihre Verzweiflung, aber nicht ihren todesverachtenden Muth.— Da noch die Wage ſchwankte und der Sieg noch lüſtern mit beiden Partheien buhlte, überkam den König ein Schwindel von Angſt und Reue, der ihn, wäre er im offenen Felde geweſen, in die eiligſte 102 Flucht getrieben haben würde. Aber auf dem Markte Zions, b wacht von den Blicken der Leute, die in Ge⸗ danken ſchon die Rechnung mit der Erde abgeſchloſſen hatten, war der König gezwungen geweſen, mit mühſamer Vorſicht die Larve der Ruhe und des unerſchütterlichen Vertrauens vor dem bleichen Antlitz zu erhalten. Kaum daß er einen Augenblick haſchte, zu ſeinem Narren Hel⸗ cneper, der ſich an den Schweif ſeines Schimmels hielt, zu ſagen, indem er ihm einen ſcharfen Dolch reichte: „Mein Bruder, ſtoße mir dieſes Eiſen in den Leib, ſo bald die Feinde dieſe Stadt gewinnen, und den Markt er⸗ reichen ſollten!“— Der ſeigen Bitte an den Knecht fügte er mit der mordbegierigen Eigenſucht eines Wollüſt⸗ lings den lauten Befehl bei:„Wenn der Leufel ſiegte, o Nyland, o meine Brüder, ſo haut ohn' Erbarmen dieſe königlichen Weiber zuſammen, damit ſie nicht in des frevelnden Feindes Haͤnde gerathen!“ Worauf die Kb⸗ niginnen alle Faſſung verloren, und, gleichſam ſchon halb entſeelt, auf dem Pflaſter lagen, wartend der Dinge, die da kommen ſollten.— Als jedoch beim Aufſteigen des Morgenroths die Donner des Sturms allmählich ſchwiegen, als ein Freuden⸗ bote nach dem andern dem König zulief, heiß von Wun⸗ den, heiß vom Siege, da geſtaltete ſich Alles neu um den Herrn von Zion. Er träumte nicht mehr von Ge⸗ fahr, er fühlte nicht mehr die Schwerter des Biſchofs in ſeiner Bruſt, er predigte wieder begeiſtert von ſeinen Prophezeiungen und dem vorausgeſagten Schirm des Vaters, er prahlte mit ſeinem gelaſſenen Muthe in der Stunde des Schreckens, und ſeine Wächter, befreit von der ſchmerzlichen Spannung, worinnen ſie eine Nacht hindurch gelebt, riefen ihr donnerndes:„Heil dem ſieg⸗ reichen Johann von Leyden, unſerm Heldenkönig!“ und die Weiber, da ſie nicht mehr die kalte Schneide von Nylands Beilen auf ihren Nacken ſpürten, jauchzten Ehre, 103 Preis und Dank ihrem Gebieter. Nur Diwara und Eliſabeth bargen im tiefſten Herzen den Groll und ſammelten ihn. So wie Eliſabeth den Tyrannen um ſeiner Feigheit willen unendlich verachtete, ſo verabſcheute ihn von Stund an Diwara, weil er leichtſinnig und grau⸗ ſam ihr Leben auf die Wagſchale des Zufalls geworfen hatte. Der König ſetzte ſich auf ſeinen Thron, um vor allem Volke die Berichte der von den Wällen und vom Ausfau zurückkehrenden Krieger anzuhbren, und die Huldigungen zu empfangen, die er verdient zu haben ſich ſchmeichelte. Ein barbariſch anznſchauender Hofſtaat um⸗ ringte ihn: blaſſe Weiber mit aufgelösten Locken, in Prachtgewaͤndern, die das nächtliche Getümmel und der Gewitterregen faſt unkenntlich gemacht hatten, roche Henkersknechte mit ſchmutzigen Aexten, berwachte Reiter mit zerflatterten Federbüſchen und durchnäßten Kollern auf mähnſträubenden Gäulen, die nach ihren Ställen wiehernd verlangten, Chriſtoph Waldeck, wankend auf ſeinen Füßen vor Hunger und Müdigkeit, ſeiner letzten Hoffnung beraubt, und in banger Erwartung, daß Jan des Biſchofs mißlungenen Angriff an ſeinem, des Knaben, Leben vergelten werde. Die Geſtalten der Herren vom Rath und von der Kanzlei, die weder aus ihrer Kleidung noch aus den angſtvollen Geſichtern und den zerzausten Bärten die Spuren der peinlich durchzitterten Nacht zu tilgen vermocht hatten, vollendeten das klägliche, aber wunderſam ſich entwickelnde Gemälde.— Denn, wie nach einem Larvenfeſte ein vermummter Schwarm, der von der Faſtenglocke auseinander gejagt, von Schwelgerei und Tanz ermattet, begoſſen vom Wein der Herberge und von den Traufen himmelhoher Häuſer, in den unwirthlichen Gaſſen irrend,— plötzlich vom Morgenſchein überraſcht wird, und beſchämt ſeiner ſchaalen Narrheit Fetzen und Blößen muſtert,— alſo dieſe 104 Schaar von Höflingen, alſo die auf dem Markte zu⸗ ſammen kommenden Kämpfer, aber das zerlumpte Volk rief Viktoria, dieſe zerrütteten Geſichter ſangen Triumph. Unbeſchreibliches Wohlbehagen, als hätte Zion heute ſchon den ganzen Erdball ünterjocht, bewegte die bunte Menge, die grünen Zweige, die von den heimkehrenden Streifern geſchwungen wurden, fächelten lauter ſtolze Siegerſtirnen. Sie kamen zwar wund und blutig heim, aber ſie zeigten mit Lachen ihre Wunden, ihre Gewänder hingen in Stücken, aber ihre ſchartigen Waffen hatten des Feindes Schaͤdel in Stücken geſchlagen. Sie hungerten nicht mehr: ſie waren ſatt vom Schlachten, ſie dürſteten nicht: ſie hatten der Biſchöflichen Blut getrunken.— Und wie ſie der König mit überfließenden Lippen pries und lobte, ſo vergalten ſie es ihm mit Ruhmgeſängen und begeiſter⸗ tem Zurufen, ſo prahlend, ſo vergötternd, ſo herriſch und knechtiſch, wie es die römiſchen Soldatenkaiſer von ihren Prätoriauern gewohnt geweſen.„Regiere lang und mach' uns endlich frei!“„Der Sieg war von nöthen, aber Du dankeſt ihn uns!“„Gort war mit Dir und gab Zeugniß von Deiner Sendung!“„Sey verehrt und gluͤcktich, doch laß' die Tage des goldenen Reichs anbrechen, ſonſt glauben wir nicht an Dich!“ Atſo wechſelte der Helden Geſchrei. — Der König neigte ſich aber leutſelig vor den Wunden, den ſchartigen Waffen, den wehenden Zweigen und dem übermüthigen Gruß der TDapfern. Es nahten die Leichen der ſechszehn vor'm Feinde Ge⸗ bliebenen, getragen von ihren Freunden, Bekannten, oder den untergebenen Kuechten. Gerhard Münſter, der über⸗ getretene Hauptmann, hatte mit ſeinem Leben die Schuld des Ueberläufers bezahtt, er eröffnete die Reihe. Dann kam Nochleus, der Hinkende. Eine Kngel aus einer feindlichen Kanone hatte den gefürchteten Schützen ſammt dem Nuß⸗ paum, der ihn und ſein gutes Gewehr zu bergen pflegte, zerſchmettert. Dann Regeward Schlippert von Beckem, 105 er war in der Mitte von dreizehn Feinden, die er mit eigener Hand erſchlagen hatte, gefunden worden. Dann Auguſtin Torrentin und der alte Wandtſcheerer, ſie hatten nebeneinander von feindlichen Hellebarten den Tod em⸗ pfangen. — Sliſabeth blickte ſtier und kalt zu dieſem Schau⸗ ſpiel, und nach ihr drehte ſich der König um, und deutete ſtumm aber vorwurfsvoll auf die Leichen. Die letzten Eilfe der Erſchlagenen waren fremde Einwanderer, an die ſich keine Erinnerung der Bürgerſchaft knüpfte.— Den⸗ noch ſegnete der König auch dieſe unbekannten Todten mit den andern ein, und nannte ſie Helden Chriſti, und verſicherte, ſie ſeyen bereits im Paradieſe, koſteten daſelbſt die ſinnlichen Freuden des verheißenen Jeruſalem, und dürften wieder lebendig auf die Erde herniederſteigen, wann das tauſendjährige Reich ſeinen ſichtbaren Anfang genommen haben würde. Sodann befahl Jan Bockelſon, den Kuipperdolling aus den Kerkern des Rathhauſes vor ſeinen Thron zu führen.— Das Volk brannte von Neugierde, zu ſehen, was der König mit dem verwegenen Rebellen vorzuuehmen be⸗ ſchloſſen hätte. Es trat in lärmenden Haufen, für und wider Bockelſon und den Stadtvogt ſtreitend, zuſammen, und achtete kaum eines kleinen Trupps von Gefangenen, der von Redecker in die Stadt, und vor den König ge⸗ ſcleppt wurde. Redecker, der ehemalige Gildemeiſter, hatte an der Spitze einer berittenen Schaar einen Aus⸗ fall gewagt, und die Biſchöflichen, mit dem Degen in der Fanſt, bis in ihres Lagers Bezirk verfolat. Ein Theit der Zelte ſelbſt gerieth in ſeine Hand. In einer Pro⸗ foſenhütte baten mehrere gebundene Lente, Männer und Weiber, um ihr Leben. Redecker nahm ſie mit ſich in die Stadt, damit ſie als Zeugen ſeiner Siegesthat dienen möchten.„Deine Weisheit, o König,“ ſprach er zu Bockel⸗ ſon„ſcheide die Böcke von den Lämmern. Du wirſt 106 wiſſen, ob dieſe Leute, die unſer Feind in Feſſeln legte, um der guten Sache willen gelitten haben oder ob ſie verdienen, aus der Welt geräumt zu werden. Wir ſan⸗ den keine Schätze in dem ausgehungerten Lager der Aſſyrer, laß' Dir alſo dieſe Beute von menſchlichen Häuptern gefallen.“ Während Redecker dieſe ſeine Huldigung darbrachte, überflog der König die Gefangenen mit ſeinen Blicken, und auf ſeinem Antlitz malte ſich Erſtaunen nebſt einem Schimmer von wilder Freude. Mebrere dieſer Fremden, die vorgaben, aus benachbarten Städten gebürtig zu ſeyn, wurden in engern Gewahrſam bis auf weitere Kundſchaft von ihrem Herkommen geführt. Die drei letzten des Häufleins, auf die es Jan namentlich abgeſehen zu haben ſchien, ſtanden ſchweigend ihm gegenuͤber, zwei Männer und ein Weib, und nur der juͤngſte der Männer wagte dann und wann mit einigem Vertrauen ſeine Augen zu dem Könia aufzuſchlagen. Bockelſon wendete ſich zu ihm, und ſagte freundlich: „Was zögerſt Du, Benjamin, Dich mir zu nähern? Bin ich nicht Joſeph, der Erhohte, der von Gott Geſegnete? Komm getroſt, mir die Hand zu kuͤſſen, denn Du haſt keinen Theil an dem Verrath meiner Blutsfreunde, der mich verderben ſolite.“ Der Jünaling ließ ſich die Einladung nicht wieder⸗ holen, und umfaßte die Kniee des Königs. Dieſer um⸗ armte ihn, zeigte ihn dem Volke, und rief:„Seht hier, meinen Bruder Jakob, an dem ich Wohlgeſallen habe! Was führte Dich hieher, was in die Ketten des Biſchofs2“ „Der Ruf von Deiner Hoheit erfüllt die Erde,“ ent⸗ gegnete Jakob, der ehemalige Schuſterlehrling, und Jan's leiblicher Bruder:„darum hatt' ich mich aufgemacht, als ein Knecht des Bundes einen Strahl Deiner Herrlichkeit zu genießen. Ich zog mit andern Taufgeſinnten, wie ſcheue Diebe thun, zur Nachtzeit wandernd, und am 107 Tage verborgen liegend, dem nehen Jeruſalem zu. Auf dem Wege— fand ich dieſes Weib als eine verſtoßene Bettlerin. Jan, ſie iſt die Tochter unſerer Mutter, er⸗ barme Dich ihrer, und zürne nicht, daß ich ſie, die Ver⸗ zagende, auf Deine Gnuade vertroſtete. Nimm ſie auf als ein verzeihender Joſeph, wenn es auch nur um des Wunders willen geſchähe, das uns befreite, nachdem wir vier und zwanzig Stunden lang in des Biſchofs Ketten geſchmachtet, und als Wiedertaufer den Flammentod er⸗ wartet hatten.“ Jan verſendete einen ſtrengen Blick nach dem unſchein⸗ baren Weibe, das in den Lumpen tiefſter Dürftigkeit einherging.„Sie da, Frau Bürgermeiſterin von Leyden!“ hob er mit dem Spott der Rachluſt an:„beehrt Ihr dieſe arme Stadt mit Eurer Gegenwart? Ei, wie beſcheiden Eure Tracht, edle Frau von Berghem? Wo habt Ihr die köſtlichen Pelze gelaſſen, die Euch der geſchickte Vaanje lieferte? Wo die Schleppe von thenerm Sammet, die Ihr von Franz Grenat, dem Lyoner, gekauft? Wer in aller Welt hat Euch denn die engliſchen Perlen, die langge⸗ ſpitzten Schuhe ans Cordova, und den großen Diamant von Portugal abgenommen? Warum ſind dieſe zarten Füßchen nackt, die einſt in ſeidenen Geweben wandelten, wofür Euer Gemahl einen Jahrzins ſeiner brabantiſchen Güter vergeudete? Sagt mir das, Margitta, meiner Mutter liebſtes Kind.“ Eine Fluth von bittern Zähren überſchwemmte Mar⸗ gitta's Augen, die vom Elend der jüngſten Tage in trübe Spiegel verwandelt worden waren. Dennoch ſtrich ſie mit den zitternden Händen entſchloſſen ihre allzu frühzeitig ergrauenden Haare von der Stirne, und entgegnete: „Wenn Du mich fragſt, wer mir den Reichthum genommen, den ich einſt beſaß, ſo antworte ich keck: Du haſt es ge⸗ than. Dein ſeltſames Glück hat Dein Weib zu Leyden auf das Blurgerüſt, Dein Kind in den Tod der Ver⸗ kümmerung geriſſen. Sie ſtarben, weil ſie das Mißge⸗ ſcick hatten, Dir anzugehbren. Mein Mann verſtieß mich, weil ich Deine Schweſter. Ich wollte mich in die Fremde zur Mutter betteln. Der Zufal, Jakobs Vor⸗ ſpiegelungen, Dein Sieg, legten mein Geſchick in Deine Hände. Räche Dich am Leben oder an der Freiheit der Beleidigerin, aber erlaß mir Deinen Hohn.“ „Fürwahr,“ bemerkte der König mit einer Geberde der Verwunderung:„Du führſt eine ſtolze Sprache. Dein Starrkopf iſt noch nicht gebrochen. Ein edles Metall erblindet zwar im giftigen Hauche des Abgrunds, aber ſein Werth bleibt ſtets derſelbe, nicht wahr? Gleichermaßen wird aber eine Padde, ob vergoldet, oder eingeſchlammt, immer eine Kröte ſeyn.— Schweige, Margitta, ich will menſchlicher handeln, als Du gethan. — Wer iſt jener Mann, euer Gefährte in den Feſſeln? kennt ihr ihn, Jakob, Margitta?“ Die Geſchwiſter verneinten. Der alternde Mann war kurz vor dem Sturme, da er wahrſcheinlich des Spionirens verdächtig geweſen, zum Profos gelegt wor⸗ den, und hatte keine Sylbe mit ſeinen Unglücksgefährten geſprochen. Erſt zwiſchen den Pferden der Redecker'ſchen Streifzügler war ihm der Mund aufgegangen, und er hatte mehreremale inſtändig gebeten, die Reiter mochten ihn lieber tödten, als vor den König der Wiedertäufer bringen. Bockelſon maß den ärmlich gekleideten Menſchen, der verſtockt ſchwieg, und die Augen niederſchlug, mit ganz beſonderm Ausdruck, und rief ihn holländiſch an: „Warum zagſt und zitterſt Du? das Schickſal muß ſich erfüllen.“ Worauf der Andre pathetiſch in derſelben Sprache und mit den Worten einer niederländiſchen Hanpt⸗ und Staatsaktion: ——— 109 „Nimm noch mein Letztes hin, der Du mein übrig Eigen⸗ thum genommen, Andronikus, Du finſtre mitleidloſe Seele, Die Flnth der ſchwarzen Trübſal ſteigt mir an die Kehle, Der Avgrund gähnt, auf dem ich Kronberaubter lang geſchwommen. Es ziemte trefflich Dir, mein Reich zurückzugeben An mich, den Herrn, ſammt Zepter, Purpur, Thron und Leben: Doch kann ich ſolche Wohlthat nicht von Dir, dem Sieger hoffen, Mein Herrſcherthum iſt aus, mein Bettlergrab iſt offen.“— Der König winkte entrüſtet nach der Seite, wo des Volks aufraſendes Geſchrei Knipperdollings Herannahen verkündigte.„Brüllt Iſrael, wie der grimme Leu, oder heult es wie der bunte Fuchs der Wüſte? Was be⸗ deutet das ſchaamloſe Getümmel? Schweigen ziemt vor dem Herrn. Das Ungluck iſt geworden zur Würdigkeit. Wir ſind nicht rachgierige Heiden, ſondern Cyriſti echte Jünger vou Sanftmuth und Verſohnungsliebe!“ Nach dieſen Worten winkte er den pathetiſchen Reimſprecher näher heran, und ſagte ihm halb vertraulich:„Folge dem Herrn, und wie er Dich leitet, Dir wird es wohl gehen.“— Die künſtliche Spannung, worein ſich Knipperdolling am vorigen Tage verſetzt hatte, war einer unbeſchreiblichen Niedergeſchlagenheit gewichen. Schwäche und Reue und Beſchämung zeichneten ſich in dem wil'en Geſichte des Rebellenhäuptlings. Er kniete beim erſten Wink zu Bockelſons Fußen nieder, und blinzelte beſorgt an dem Schwertführer auf, der mit dem König verdächtige Blicke zu wechſeln ſchien.— Nachdem Viele unter dem Volke geſchrieen hatten:„Laſſe Barrabam frei!“ oder:„ilge Barrabam von der Erde!“ ſtellte ſich eine tiefe Ruhe ein, und die Erwartung bewaffnete alle Augen und Ohren des verſammelten Zion. „Ich habe geſündigt, Vater!“ betete Knipperdolling 110 dem einflüſternden Rottmann nach:„Wenn Verzeihung im Himmel und auf Erden iſt, ſo vergib mir, Vater.“ Der König, nachdem er ſich an der Erniedrigung un⸗ beſonnener Hoffart geweidet, ſprach mit kläglicher Be⸗ tonung:„Was iſt aler Honig des Waldes gegen die Bitterkeit, die meine Seele erfüllt? Meine Bitterkeit iſt aber nicht Haß, ſondern Betrübniß. Iſt denn ein Thau⸗ tropfen ſo klar, daß er nicht Schmutz bärge? ein Demant ſo rein, daß er nicht ein Sandkörnchen enthielte? Lebt denn einer, der nicht ſündig wäre? iſt denn ein Gerechter, der nicht des Tags ſiebenmal fiele?— Meine Brüder! dieſe Hinfälligkeit der Beſten iſt ein ſehr demüthigendes Erempel für uns Alle. Jede Größe ſchleppt ihre Ver⸗ gänglichkeit nach ſich, jeder Held ſeine Gebrechen und Schwachheiten. Nur, was vom Vater kömmt, iſt ewig, vor allem ſeines Sohnes Reich. Daher beſteht es, und ich bin ſein ſtegreicher Statthalter und König, bis der Herr mich abrufen wird.— Welche Lehre hat Dir die verwichene Nacht gegeben, Knipperdolling, verblendeter Bruder? Du, der ein Joſua des neuen Tempels hätte ſeyn ſollen, Du ſeufzteſt im Kerker, während wir trium⸗ phirten! Du haſt keinen Theil an den Trophäen des heutigen Tages! Du biſt ſtrenger beſtraft, als wenn ich Dich dem Schwerte überantwortete. Sey frei, bleibe er⸗ höht im Volke, wie Du vordem geweſen. Unſer Heiland vergibt Dir wie dem Zweifler und Läugner Petrus, und der Geiſt zeigt mir an, Du werdeſt ferner nicht mehr ſtraucheln.“ Neue Lebensfrende übergoß die Stirne des Aufrüßrers. Er griff nach den Händen des Königs. Dieſer zog ihn an ſein Herz. Viele der Bürger waren von dem ſchlau⸗ berechneten Kunſtſtück zu Thränen gerührt. Bockelſon fuhr ernſthaft zu Knipperdolling fort: „Lerne jetzt verſtehen, was ein von Gott eingeſetzter König bedeute, Lerne, daß mein Haupt heilig, daß meine — 111 Prophezeiungen gerecht und wahr, daß mein Siea unfehl— bar. Siehe,— ſeht, Iſraeliten, ſeht dieſes Weib Mar⸗ gitta. Sie ſchwamm in den Ueppigkeiten des Lebens, und verachtete ihre Brüder. Heute wimmert ſie aus dem Staube zu meiner Gnade empor. Aber ſie werde nicht erhöht, weil ſie meinem Blute angehört, ſie werde er⸗ niedrigt, um ihrer Sunden willen. Nehmt ſie hin, meine Königinnen; ſie ſoll eure Magd ſeyn.— Du jedoch, Benjamin, ſeyſt in meinen Hofſtaat aufgenommen. Em⸗ pfange den goldenen Ring, das Kennzeichen meiner Diener. Du biſt meiner Sorge werth, denn auf Dir ruht Ge⸗ rechtigkeit, wenn auch nicht der weiſſagende Geiſt des Herrn.“ Nun deutete Bockelſon mit Wichtigkeit auf den Mann, mit dem er zuletzt geſprochen, und ſaute:„Seht ferner hier, Männer von Zion, ein deutliches Beiſpiel, wie das Hohe gedemuthigt wird, wann der Herr befiehlt. Zumal Du, Kuipperdolling, öffne Deine Sinne. Kennſt Du den Mann? Ich kenne ihn, denn der Geiſt hat mir ihn gezeigt. Er iſt derſelbe, Bruder Stadtvogt, mit deſſen Heereskraft Du mich geſtern ſchrecken wollteſt. Seht hier vor Euch, Iſraeliten. den Mann Friedrich, den Fürſten von Sachſen, Luthers Beſchützer und Freund! Von den Wechſelfällen des Glücks, von dem Undank ſeines Volks, und der Tücke des ſpaniſchen Kaiſers preis gegeben, um Land' und Leute gebracht, hat er ſeine Zu⸗ flucht zu meinen Fahnen genommen, und verlangt, ein zum Bettler herabgeſunkener Heidenfürſt, vom Gottge⸗ ſendeten König Schutz und Belehrung im wahren Glauben. Staunt, und betet zum Vater, der alle Größen vor eurer Herrlichkeit erniedrigt!“ Ueberraſchung, Glauben und Unglauben erzeugten im Volke viel Gemurmel. Der König, um die Aufmerkſam⸗ keit der Zuhörer zu feſſeln, fuhr mit lauter Stimme fort: „Schweigt, und hort, welche Nutzanwendung aus dieſer 112 Fügung Gottes zu ziehen iſt. Hättet ihr je, dieſen Mann betrachtend, geahut, daß unter ſeinem ſchlechten Wamms ein Großer der Erde ſich verberge? O nein, denn ſeine Züge ſind nicht anders, als die eines Jeden von euch, ſein Auge iſt nicht heller, ſeine Stirne nicht königlicher, ſein Mund nicht edler als die euern. Ihr würdet euer Haupt nur dann vor ihm entblößen, wenn er einherzöge im Fürſtenſchmuck, den Churhut auf dem Kopfe, das Reichsſchwert in der Hand und nach ſich ſchleifend den rothen Mantel, womit die heidniſchen Zwing⸗ herren ihrer Füße blutige Syuren zudecken. Heute aber? dieſem Manne, der ähnlich iſt einem verdorbenen Schul⸗ meiſter oder einem abgelaufenen Gaukler, dieſem Mann, aus herzoglicher Wiege erwachſen, würdet ihr nicht ein⸗ mal das Amt eines Viertelſchöffen übertragen.— Lebt jedoch einer unter euch, der mich nicht baarfuß und baar⸗ haupt, mit elenden Fellen bekleidet, geſehen? und dennoch habt ihr mich aus dem Staube herausgefunden, und euere einſtimmige Wahl hat mich zum Thron berufen?— Seht da den Unterſchied zwiſchen einem Herrſcher nach dem Fleiſche und einem König nach dem Geiſte. Meine Sendung war auf meinem Geſichte geſchrieben, und alſo werden einſt ale Reiche der Erde die fürſtliche Sendung derer aus euch, die zu ihren Regenten bernfen ſind, er⸗ kennen und verehren, während dieſes Mannes, des ſächſi⸗ ſchen Friedrichs, Tyranneigenoſſen gleich der Spreu im Winde zu verwehen, verurtheilt ſind.“ Der ſo plötzlich gefürſtete Gefangene ſah ziemlich ver⸗ dutzt aus, wie ſehr er ſich auch bemühte, ſeine Haltung mit den Verſicherungen des Wiedertäuferkönigs in Ein⸗ klang zu bringen. Begierig und zutäppiſch umdrängte ihn die Menge des Pöbels, die alles glaubt, weiter hin⸗ ten ſtanden die, die nur ungläubig lächelten, ohne zu reden, am entfernteſten die Gruppen von Kaufleuten, die in der Welt geweſen waren, den Fürſten von Sachſen hie und 113 da geſehen hatten, denſelben in dem Abenteurer nicht er⸗ kannten, und über den Betrug empört, zu murren wagten: „Unverſchämt! unverſchämt! bodentoſe Lüge! In welche Schmach hat unſere Einfalt uns verſtrickt 2“ örte auch nicht der Kbnig, was ſie murmelten, ſo ahnte er's doch, und ſtellte ſich mit der rohen Majeſtät auf, deren Aeußerung bei dem gekrönten Schneider ſters eines blutigen Exempels Vorbote war.„Ruhe, Stille! das Gericht des Herrn hebt an!“ ſchrie er, und ſeinem Wink gehorchend, führte Nyland mehrere unglückliche ge⸗ bundene Weiber vorüber: die Dreyer, die Tuneckens, die Michelſen und die Gattin des Stadtvogts.— „Was ſoll mit dieſen geſchehen?“ fragte Nyland dro⸗ hend.—„Sie haben geläſtert, ſie ſollen des Todes ſterben, nachdem ſie den Sieg Iſraels geſehen haben!“ autwortete der König, jedoch ſich beſinnend, ſeyte er bei:„Die Frau meines lieben Bruders Knipperdolling ſey begnadigt um ihres Mannes willen. Damit ſie jedoch die Gebote des Vaters und des Königs achten lerne, möge ſie eine Stunde lang auf des Rathhauſes Staffeln das Schwert, dem ihr Hals verfallen war, in den Händen tragen, ihr zur Buße, und Allen zum warnenden Beiſpiel.“ „Du biſt der König aller Gnaden!“ ſagte Knipper⸗ dolling mit hündiſcher Verehrung. Sein Weib wurde halb ohnmächtig an den neuen Pranger geſchleppt. Ihre Ver⸗ wandten und Freundinnen gingen ſchmähend und die Rache des Himmels anrufend, zum Berge Zion, ihrer Strafe entgegen. Die Läſterer im Volke ließen ſich die War⸗ nung frommen, und verkrochen ſich in ihre Häuſer. Bockelſon ordnete aber ein allgemeines Dankfeſt an, und erlaubte ſowohl den Bürgern als dem Hofſtaat der Ruhe zu pflegen, und Speiſe und Trank zu genießen. Er empfahl dem Hofmarſchall Tilbeck, für ſeinen hohen Gaſt aus Sachſen die beſte Sorge zu tragen, und wen⸗ dete ſich, ſeinen Thron verlaſſend, zu Gerlach von Wulen, Der Koͤnig von Zion. III. 8 114 der Seine Majeſtät an die ſchnelle Ausbeſſerung der be⸗ ſchädigten Wälle und an die nöthige Wachſamkeit, um einen Ueberfall zu verhindern, erinnerte.„Zion kann nicht in beſſern Händen ſeyn,“ ſprach der König zum Edelmann:„Du ſollſt einſt wor allen Thronen der Erde glänzen. Dein beulenvoller Panzer ſteht Dir gut. Haſt Du nicht geſtern von Roſen geredet? Ich will zur Stunde beſorgt ſeyn, mit den Roſen der Schlacht, die auf Deinem Harniſch blühen, die Myrthen der Liebe zu vermählen. Halte Wacht mit feurigem Schwerte, ſey der Engel unſerer Pforten. Ich will indeſſen mein Wort löſen, und Deinen Hochzeitwerber machen.— Knipper⸗ dolling, ergreife den Zügel meines Roſſes, und geleite mich zur Wohnung des Lüdger zum Ringe.— Ergreife meines Schimmels Zügel, ſage ich Dir,“— Kuipperdolling hatte argwöhniſch gezandert, den niedrigen Dienſt zu thun—„damit die Stadt des Herru von unſerer Ver⸗ ſöhnung Zeugniß gebe.— So, lieber Bruder Stadtvogt, gehe aufrecht, erheitere Deine Stirne, rufe meine Tra⸗ banten, ich will außer Dir und ihnen keine Begleitung. Ein milder und ſtarker König fürchtet keine Gefahr unter ſeinem Volke.“— Der langſame Ritt Bockelſons durch die Gaſſen zog nur wenige Neugierige an die Fenſter. Furcht und Er⸗ müdung machten die Stadt nach der wilden Aufregung der Nacht ſchweigen. Auch die Thüre des Hauſes zur Roſe war verriegelt.„Der Koͤnig! öffnet dem König der Gerechtigkeit!“ ſchrieen die klopfenden Trabanten zu wiederholten Malen, bis eine ſchüchterne Weibsperſon, die Stahlhofen, ſo ſchnell ſie konnte, die Pforte aufthat. Bockelſon trat allein in das Haus, den Stadtvogt und ſeine Begleiter bei ſeinem Roſſe verlaſſend. Die Stahlhoven ſank faſt zuſammen vor der wilden und abenteuerlichen Er⸗ ſcheinung, die mit herriſchem Gewicht die Treppe hinanſtieg und bofahl, daß Meiſter Lüdger eilends ſich einſtelle. 115 Der arme Maler, vor kaum einer Stunde heimge⸗ kommen, um ſich von den Aengſten des Sturms und der Gegenwehr zu erholen, trat in der größten Unordnung vor den Herrn, der ihn ſo unvermuthet mit der zwei⸗ deutigen Ehre ſeines Beſuchs überraſchte. „Wie kommt mein geringes Haus dazu, von der Majeſtät des unüberwindlichſten Königs beglückt zu wer⸗ den?“ fragte Lüdger ſtammelnd, während Bockelſon in ſeinem Gemach ohne Umſtände Platz nahm. Der König erwiederte mit Hoheit:„Ich komme, eine alte Bekanutſchaft zu ernenern, lieber Bruder in Chriſto. Ich entſinne mich, zu Leyden Dich geſehen und bewirthet zu haben.“ „Es war an dem Hochzeitfeſte Deiner Majeſtät,“ bemerkte Lüdger nicht ohne Zittern, denn die Augen des gefürchteten Gaſtes liefen auf dem Maler und in dem Gemach wie geſchäftige Ameiſen hin und her. — Ich war dazumal ein glücklicher Bräutigam, mein Lieber und Getreuer. Jetzo bin ich ein betrübter Wittwer geworden,“ entgeguete der König mit falſcher Trauer.— Lüdger dachte an die ſechzehn Königinnen, und wußte nicht, ob die Majeſtät zu ſcherzen geruhte, oder ob ſie's mit der Betrübniß ernſtlich meinte. Darum verbeugte ſich der Maler ſchweigend, und Bockelſon fuhr fort:„Entſchädigen mich denn die Laſten der Krone und die Prüfungen, die mir der Vater für ganz Iſrael aufer— legt, für mein verlorenes beſcheidenes Glück? Sprich ſelbſt. Künſtler und Poeten ahnen die ſchwarzen Sorgen der Könige.“ Lüdger wollte mit einem lobenden Gemeinvlatz ant⸗ worten, doch uuterbrach ihn der König:„Weißt Du noch, daß wir uns gegenſeitig eine Schuld abzutragen haben? Ich komme, die meinige zu zahlen, und einzufordern, was mir gebührt.“ Lüdger erſchrack. Der König war der furchtbarſte 116 Gläubiger, und auf die Schuld konute ſich der Maler nicht beſinnen.„Ich weiß nicht,“ ſagte er blöde,„wie ich Deine Majeſtät verſtehen ſoll 2“ —„Ich ſchulde Dir mein Geſicht, Du ſchuldeſt mir mein Bild,“ ſprach Bockelſon:„Ich denke, mein Kopf werde ſeit den paar Jahren im Preiſe geſtiegen ſeyn, wie meinſt Du? Sagteſt Du nicht an meiner Hochzeitrafel, Du hätteſt nie einen Kopf geſehen, wie den meinigen? Sagteſt Du nicht, Löwe, Tiger und Affe ſtritten in meinem Antlitz um den Vorrang, und es ſey voll Ver⸗ hängniß? Wo ſind Deine Pinſel, Deine Farben, Dein Pergament, Maler? Du ſollſt das Bild des dreifachen Thiers machen, und meine Krone darauf ſetzen, denn die Krone war leider mein Verhängniß.“ Der furchtſame Künſtler kniete vor dem gefährlich ſcherzenden Manne, und ſlehte:„O, gedenke nicht der unbeſonnenen Worte der Vergangenheit, gedenke nicht einer trunkenen Tiſchrede, o Majeſtät der Gerechtigkeit. Ich war zu blind, um auf Deiner Stirne das Siegel der Hoheit zu erkennen, das jetzo wie ein Stern, wie eine Sonne, wie ein Blitz... Lüdger verwickelte ſich ohne Rettung in ſeinen Widerruf, um ſo mehr als Bockelſon mit trockener Ernſthaftigkeit ihm ihn die Rede fiel.„Laß' Deine Betheuerungen weg. Du ſollſt mich malen, ich ſcherze nicht,“ ſagte der König. Der Meiſter ſtand zwar verwirrt auf, aber ſeine Hände kneteten ängſtlich die Mütze, die ſie hielten. „Deine Majeſtät weiß, daß die Kunſt der Schilderer von den Propheten und Satzungen des nenen Zion ver⸗ pönt worden iſt. Denn: uns ſollen nicht verführen der Menſchen böſe Practiken, und nicht der Maler... der Maet Lüdger hielt wieder inne, wie ein Schulknabe, dem die Lektion entfallen. Der König lächelte, und verſetzte bibelfeſt:„Und nicht der Maler unnütze Arbeit, nemlich — 117 ein buntes Bild mit mancherlei Farben, welche Geſtalt die Unverſtändigen ärgert, und die gern Böſes thun, haben auch ihr Luſt an dem lebloſen und todten Bilde!“ „Das meinſt Du doch, Bruder Lüdger?“ Der Maler wiſchte ſich den Schweiß von der Stirne, als hätte er ſelbſt den langen und dunkeln Spruch aus dem Buch der Weisheit wiederkänen müſſen, und nickte beifäuig. Aber Bockelſon erklarte weiter:„Die Schrift redet nicht ſowohl von den Bildern der Menſchen und Thiere, als vielmehr von den frevelhaften Göhenfiguren, womit die Heiden Chriſti Lehre verdorben haben. Zudem geziemt es ſich, daß die Bilder berühmter Könige auf die Nachwelt kommen. Male mich, Freund Lüdger, ich befehle es Dir. Ich bin vielleicht heute etwas bleich, etwas verſtört, meine Keidung iſt vielleicht nicht die ge⸗ wählteſte, aber ich trage noch das Gepräge der Schlacht in meinen Zügen, und der Lorbeerkranz, womit Du meine Krone umflechten ſollſt, adelt ſelbſt den Zwilchrock eines Bauern. Du fändeſt vielleicht nie einen beſſern Augen⸗ blick, mein Bild zu entwerfen. Der Löwe beſiegt vielleicht heute in meinem Antlitz den Affen.“ Jedes Wort des Königs vermehrte die Verlegenheit des Künſtlers. Mit zitternden Händen ſuchte er aus verborgenen Winkeln ſeine Geräthſchaften zuſammen, und Bockelſon ſprach lächelnd:„Du haſt Deine Pinſel doch nicht in's Fener geworfen, guter Lüdger. Die Vorſicht macht, daß ich Deinen Scharfſinn lobe. Du hoffteſt, daß Deine Kunſt wieder zu Ehren kommen würde? Geſteh' es nur: ich zürne Dir nicht. Ich habe Dich ſchon lange beſchütt, ohne daß Du es ahnteſt, ehrlicher Lüdger. Ich weiß, daß Du mehrere gottesläſterliche Gemälde aus dem Dom gerettet, und bei Dir verſteckt haſt. Iſt es nicht ſo? Bekenne nur. Dein König iſt Dir hold, und will nicht wiſſen, was er weiß.“ „Ew. Majeſtät. ich bin vernichtet, zerſtreut.. 118 bei meiner Seele„! Gett vergebe mir die ſündliche Bethenerung,. ich habe keinen klaren Gedanken.. keine Vorſtellung...!“ Der arme Lüdger zerarbeitete ſich in Entſchuldigungen. Worauf der Koͤnig mit ſchlauprüfender Nachgiebigkeit: „Ich will Dir keinen Zwang auferlegen, Freund. Faſſe, ſammle Dich, und erſcheine morgen in meinem Pallaſt, um mein Konterfey zu machen. Ich werde Dein vergänglich Werk mit meinem unvergänglichen goldenen Bildniſſe be⸗ lohnen.“ Die königliche Freigebigkeit ſäete mehrere Goldmün⸗ zen auf den kahlen Tiſch des herabgekommenen Künſtlers. „Deine Majeſtät beſchämt mich,“ verſetzte Lüdger, immer ängſtlicher als dankbar, und Bockelſon bemerkte, daß die Blicke des Schilderers bald vom König auf das Gold, bald vom Gold nach der Thüre im Hintergrunde des Gemachs flogen, und daß unter ſeinen Sohlen der Boden glühen mochte, ſo ungeduldig hob er einen Fuß um den andern in die Höhe, ſcharrend, grüßend, katzbuckelnd. —„Mich dürſtet,“ ſprach der König, indem er auf⸗ ſtand:„erquicke meine Zunge mit einem kühlen Trunke.“ Ein Donnerſchlag durchbrauste bei dieſen Worten Lüdger's Gebeine. Bockelſon fuhr, ihn anſtarrend, fort: „Mach' eilig, und ſchicke Deine Tochter, daß ſie mir den Becher kredenze.“ Der Maler riß ſeine Augen wie ein Schlafſüchtiger auf, es ſauste vor ſeinen Ohren. Mit bebenden Lippen ſtotterte er:„Mein armer Keller... Gott ſoll es be⸗ zeugen. die Fäſſer ſind leer—...4 —„So fließt doch Dein Brunnen, Freund? Von Deiner Tochter Hand ſoll mir das Waſſer wie Rhein⸗ wein ſchmecken. Gehorche nun.“ „Ach, meine Tochter... Deine Majeſtät meint doch meine Angela. 2 ach, Du reißeſt meine Wunden auf großmüthiger Herr von Zion. ob ſie lebt, ob ſie todt iſt, welcher Engel ſagt es mir?“— 119 Der König ſah den Maler immerfort ſteif an, und drohte mit dem Finger.„Du haſt böſe Dinge in Deinem Schelmenkopfe! Du verbirgſt die Tücke eines Diebs hinter dem Autlitz eines ſorgloſen Künſtlers. Denkſt Du aber im Ernſte, mich zu belügen, den König im neuen Tempel, der die Znkunft weiß, wie Du des letzten Tags einförmige Vergangenheit? Komm, geh' mit der Farbe heraus.— Ueber den Lügner wird Strafe kommen, ſage ich Dir. Du birgſt in Deinem Keller ein köſtliches Ding, wohl⸗ thuender und gewürziger als Wein. Du verhehlſt Deine Cochter umſonſt. Alle Geheimniſſe entſiegeln ſich vor dem Blicke Deines Königs. Dein Kind trauert in dem Keller, der ſich nach dem Hofe dieſes Hauſes öffnet. Hole es, ich will es ſchauen.“ „Wenn ich Dir mit tauſend Eiden beſchwöre 20 rief Lüdger mit neuwachſender Lebendigkeit. —„Hole Dein Kind, ich gebiete. Oder— ſoll ich dem Stadtvogt und meinen Trabanten befehlen, dieſe Lügenherberge zu durchſuchen?“ „Beſiehl, beſiehl es, o Herr!“ entgegnete Lüdger haſtig:„Die Thüren der Keller ſollen geöffnet werden. Du biſt der Meiſter, ich der Knecht.“ —„Verräther!“ ſchnaubte ihn Bockelſon plotzlich an, und faßte ihn bei den Schultern:„Du wagſt, Wurm, mit mir zu ſpielen und zu deuteln? Heide, Sohn des Baal, ſoll ich Dir Deine Tochter zeigen, bevor ich Dir das Haupt vor die Füße lege 26 Er riß den Maler gegen die Thüre, welche Lüdger mit ängſtlichen Augen hütete. Das Hülfsgeſchrei eines Weibes ließ ſich hören, und mit den Worten:„Vater! rette Dich und Dein Leben!“ ſtürzte Angela in das Ge⸗ mach. Da jedoch der König den Maler alſobald losließ, und auf das Mädchen zuſchritt, floh die Erſchreckte eiligſt in die Nebenſtube zurück, warf ſich vor einer alten Frau, ihrer Großmutter Wernecke, die unbehülflich auf ihrem Stuhle ſaß, auf die Kniee, und verbarg weinend ihr Geſicht in den Schooß der Greiſin.— Bockelſon, in deſſen friſchem Gedächtniß das Bild der zarten Jungfrau emporſchwebte, wie er ſie in Leyden ge⸗ ſehen,— vor deſſen begierigen Augen dieſelbe Jungfrau nun erſchien, zu einer vollendeten Wundergeſtalt von Kraft und Anmuth erwachſen, betrachtete wurzelnden Fußes und ſtumm, was ſich vor ihm begab. Angela ſchluchzte:„Mutter, lieb' Großmutter mein, bitte für den Vater, bete für mich!“ Die Wernecke betete auch: den Glauben, das Vater⸗ unſer, das Ave Maria, und die Gebete gegen böſe Wetter und den hölliſchen Drachen in ſonderbarem Gemiſch, wie eine Sinnverwirrte. Der Maler raufte ſich das Haar, und ſeufzte:„Ich bin verloren, wir alle ſind verloren. Ach, warum iſt Rynald ſo fern!“ Dann warf er ſich wieder vor dem König nieder, und flehte:„Vergib mir die Sünde, o Herr, und laß' nicht meiner Tochter entgelten, was ich verbrach, indem ich den allwiſſenden König belügen wollte. O, liefere die Arme nicht dem wilden Gerlach aus, den den ſie verabſcheut. Laß' ſie nicht das Opfer ſeyn!“ Der Konig der Gerechtigkeit erwiederte, da Angela das ſcheue Geſicht halb gegen ihn drehte, um der Antwort zu lauſchen:„Der Eheſtand iſt von Gott eingeſetzt, und der Ael⸗ teſten Spruch in Zion lautet, daß ein Weib, welches der Wer⸗ bung eines Chriſten widerſteht, des Todes ſterben ſolle.“ „Mein Erlöſer! mußte ich ſolche Zeiten erleben 2“ klagte die Roſenwirthin. „Ich bin Braut!“ rief Angela auſſpringend:„ich bin Braut! Rynald iſt mein Verlobter!“ „So biſt Du ſchon Wittwe,“ antwortete Bockelſon kalt:„Rynald kehrt nimmer wieder!“ Angela fuhr mit einem Schrei zurück.„Um Gottes⸗ willen!“ ſchaltete Lüdger, die Hände faltend, ein. 121¹ „Du mußt, nach dem Geſetz, des Wulen Gattin werden, oder dem Schwerte fallen,“ fuhr der König fort, wie oben:„ich allein vermag Dich zu beſchützen, und auch mir bleibt dazu nur ein Mittel verliehen. Ich werde mich aber deſſelben zu Deinem Nuß und Frommen bedienen.“ FUnſer Dank. riefen Luͤdger und Angela. Auch die Wernecke hob ihre Hände, als wollte ſie den gekrönten Drachen ſegnen, weil ein Troſt und eine Verheißung aus ſeinem gefährlichen Munde gegangen war.— Der König entferute ſich plötzlich mit einer vornehmgrüßenden Handbewegung.— Lüdger kniete noch betroffen. Angela, die ſich ihres Verlobten und der wunderlichen Rede Bockel⸗ ſon's erinnerte, ſtürzte dem König nach, und ſchrie: „Rynald, König von Zion was iſt mit Rynald geſchehen?“ Aber Bockelſon antwortete nicht, und ritt mit ſeinem Geleite eiligſt davon, doch wurde von den Nachbarn be⸗ merkt, daß einige der Leibwächter in der Aegidienſtraße verblieben, und die Thüre der Herberge zur Roſe nicht aus den Augen ließen.—— Und als der König bei'm Siegsbankett ſaß, unter ſeinen Weibern und den Großen des Reichs Zion, den falſchen Churfürſten an der Seite, warde er fröhlich und guter Dinge, hob den Pokal, und ſprach:„So nimm den Feind vollends in Deine Hände, Du ſtarker eifriger Gott, tritt auf ihn mit Füßen, und ſtoße ihn gar zu Boden, daß Roſſe und Wagen ſinken, denn er hat verderbet Dein Heiligthum, und Zion will nen erbaut ſeyn Die Pauken wirbelten, und die Poſaunen blieſen, da der Konig wieder anhob:„Wahrlich, ich ſage euch: am Feſt des Herrn werden wir frei ſeyn, völlig frei!“ und Alle ſprachen aus Herzens Grunde:„Amen!“ Die Cymbeln klangen und die Flöten blieſen, als der König zum drittenmale anhob:„Mein Herz iſt freudig und voll von Lobgeſang, aber eines mangelt zu meinem Glücke. Wo iſt meine Braut vom Libanon? Sie weilt noch auf den Höhen Senir und Hermon, auf den Bergen der Leoparden, und wo die Leuen wohnen. Sechzehn iſt die Zahl der Königinnen, aber eine iſt meine Taube, meine fromme. Wo weilt die Taube?“ Eliſabeth wendete ſich voll Widerwillen ab, Diwara's Stirne umwölkte ſich finſterer, und ihre unſtäten Augen ſuchten die des Königs, der jedoch mit der liebestrunkenen Schwärmerei des hohen Liedes über die Tafel wesſchaute, ohne Diwara eines Blicks zu würdigen. Die andern Kbniginnen lauſchten, und eine jede beugte ſich aus der Reihe ihrer Gefährtinnen, legte ſtumm die Hand auf die Bruſt, und ſchien zu fragen:„Bin ich es, Herr, die Du meinſt?“ Der König fuhr mit ſuͤßer Lockſtimme fort:„Welche iſt's, die von den Töchtern ſelig geprieſen und von den Königinnen gelobt wird? Welche, die hervorbricht wie die Morgenröthe, ſchön wie der Mond, und auserwählt wie die Sonne 26 Die Neugier rauſchte in tauſend leiſen Fragen um die Tafel, bis der König mit lauter Stimme anhob: „Steh auf, Rodeus, Oberhofmeiſter der Koniginnen, nimm mein ſchönſtes Pferd aus dem Stalle und belege es mit dem Zeug des Zelters, den unſere vielgeliebte Diwara zu reiten gewohnt iſt. Sammle die Trabanten der Köni⸗ ginnen um Dich her, und hole im feierlichen Aufzug mit Saitenſpiel und Schalmeyen meine holde Braut, des Malers Lüdger Tochter Angela. Diene ihr, und bürge für ſie. Dein Kopf iſt mir für meine Taube verantwortlich.“ Der Oberhofmeiſter Rodeus erhob ſich ſchnell, und eilte, ohne eine Bemerkung zu wagen, von dannen. Eliſa⸗ beth ſchaute betroffen auf, da ſie Angela's Namen hörte, Diwara zerbiß ihre Lippen, und bezwang ſich mit Mühe, daß ſie nicht von der Tafel aufſprang. Die andern 123 Weiber des Bockelſon ſaßen wie in Bildſäulen verwandelt. — Eine finſtere Geſtalt, vom Ende des königlichen Tiſches aufſtehend, näherte ſich bald dem König, als er des Schmauſes überdrüſſig, ſeinen Stuhl verließ.„Hab' ich recht gehört, König Johann?“ fragte der zürnende Gerlach von Wulen:„Angela..2 mein Gott und Herr das Mädchen, das Du mir verſprochen... es wäre.. 26— —„Ermanne Dich,“ erwiederte der König:„Der Geiſt hat mir's eingegeben. Jenes Weib iſt Dir nicht beſtimmt geweſen. Wähle eine andere, eine ſchönere, eine reichere.“ Gerlach machte eine Bewegung, feindſelig wie ſein Geſicht. Jan ſchlug ihn vertraulich auf die Schultern und raunte ihm zu:„Gerlach, Gerlach! Fürchte mich, und denke, daß ich um alle Deine Ränke weiß. Du biſt der Gerechtigkeit verfallen, wann mir's beliebt. Reize meine Strenge nicht. Tauſche, vernünftig ſchweigend, Lohn für Strafe, Reichthum für den Tod ein. Ja, ich werde Dich reich machen, und, um Dein Herz gleich jetzo zu befriedigen, will ich Deinen Erzfeind in Deine Gewalt geben.— Der Fähndrich Volkmar— morgen oder über⸗ morgen wird er ſich wieder um Einlaß melden, von Wollbeck kommend,— er ſey Dein mit Haut und Haar. Wenn Du ihn und Ramers, den Verräther, der neben ihm gehen wird, beim Eintritt niederſchießen läſſeſt, ſo erfüllſt Du ein Gebot Gottes, und des Königs Wunſch. Dieſer Rynald— ich ſage es nur Dir allein— iſt der böſeſte Menſch auf Erden, und verdient, daraus hinwegge⸗ tilgt zu ſeyn. Schweige, handle,— ſey würdig meiner Gunſt.“ Um dem mürriſchen Edelmann den am Schießgatter des Thors beabſichtigten Meuchelmord lebhaft auszumalen, vertieſte ſich Bockelſon mit ihm in ein leiſes Geſpräch, während die Muſikanten zum Tanze blieſen, und Freude und Jauchzen allenthalben losbrach: ein leichtſinniger Jubel bei ſorgenvollen Gemüthern. Fiebentes Buch. 1535. Vier und zwanzigſtes Kapitel. Ein fuͤrſtliches Wort. Die Lage des Biſchofs von Münſter ſchien verzweifelter, als je. Dennoch bewährte ſich auch an ihm das Schickſal, das nur den Muthloſen verläßt, aber dem kräftigen Kämpfer dann und wann ein Lächeln nicht verſagt, wenn es ihm auch noch den Preis des Kampfes ſproöde verweigert.— Knirr⸗ ſchend über den Fluch, der auf ſeinen Waffen zu ruhen ſchien, hatte ſich der Graf von Waldeck kaum in ſein Schloß Wollbeck zurückbegeben, als ihn Herolde begrüßten, die ihn im Namen aller Fürſten und Herren am Rhein zu einer freundlichen und ernſthaften Beſprechung nach Coblenz einluden, woſelbſt eine neue Verbrüderung zur endlichen Unterjochung der aufruhreriſchen Hauptſtadt des Münſter⸗ landes ſtatt finden ſollte. Der Herzog von Grubenhagen war ſelbſt mit den Herolden gekommen, des Biſchofs Un⸗ entſchloſſenheit oder ſeinen Widerſtand gegen die Vor⸗ ſchläge von Herren, die zum Theil ſchon in ſeinem Bunde geweſen und von ihm abgefallen waren, zu beſiegen. Die jüngſtvergangene ſchlimme Nacht war indeſſen dem ſtolzen Grafen eine tüchtige Lehrmeiſterin geworden, und hatte ihn ſo nachgiebig geſtimmt, daß er ohne Verzug dem Vor⸗ haben der rheiniſchen Fürſten ſeine Hände darreichte, daß er ohne Verzug ſeine Reiſe nach Coblenz anordnete. Mitten unter der Verwirrung dieſer Zurüſtungen überraſchte ihn die Nachricht, daß ein Barfüßer ſich eingeſtellt habe, und auf's Dringendſte, von dem Cuſtos Sibing unterſtützt, um Gehör bitte.— Geſtiefelt und geſpornt, wie er aus dem Gefecht gekommen, und wie er ſeine Fahrt zum Rheine anzutreten geſonnen war, ungeduldig und erhitzt, bequemte ſich der Biſchof gleichwohl, der ungeſtümen Anforderung des fremden Kloſterbruders zu entſprechen. „Nur geſchwinde, Frater mendicans!“ rief er dem verkappten Rynald zu:„meine Zeit iſt gemeſſen, meine Roſſe ſcharren den Boden. Du haſt den Tag übel gewählt, Deinen Spruch anzubringen. Es kann nur der plumpen Zuverſicht eines Bettelpfaffen, dem alle Welterfahrung man⸗ gelt, einfallen, nach einer verlorenen Schlacht von Cäſar etwas zu begehren. Heraus denn mit Deiner Litanei, weil ich doch einmal das Unglück habe, als Biſchof das Gewäſch der unwürdigen Kloſterbrüder anhören zu müſſen. Woher? weßhalb? was willſt Du?“ Der Graf ging bei dieſen Worten heftig auf und ab, und war mit ſeinen Gedanken viele Meilen weit von dem vorgeblichen Barfüßer entferut.— Da hörte er eine Stimme, die nicht Kloſtergeläute war, und ſchaute verwundert in ein Geſicht, dem eines Huſſiten ähulicher, als eines Kutten⸗ bruders. Die Stimme redete aber von ſeinem Sohn, und klang daher zehnfältig in ſeiner Seele wieder. Und nachdem der wjldbärtige Redner geendet, hielt der Biſchof ſeinen Kopf in beiden Händen, und verſetzte:„Wer ſagt mir denn, 126 daß dieſes nicht ein Blendwerk ſey? In den Mord und die Klagen, die ſeit fünfzehn Stunden mein Aug und Ohr beläſtigen, miſcht ſich auf einmal die Verheißung eines Glücks? eine Verheißung aus dem Munde meines gräß⸗ lichſten Widerſachers? Nein, nein, ich glaube Dir nicht. Der elende Schneider hat geſiegt; wie käme er zu milden Vorſchlägen, wie zu einem biedern Werke?“— Schnell trat der Graf auf Rynald zu, faßte ihn hart an, und fragte:„Willſt Du mich ermorden? Bekenne, Frevler, daß Du mich ermorden willſt. Was vor Kurzem der Buhlerei eines Weibes nicht glückte, ſoll heute von einem vermummten Meuchelmörder an dem leichtgekirrten Vaterherzen verübt werden?“ Rynald wies den Biſchof gelaſſen ab, deutend auf den Cuſtos Sibing:„Fragt den Greis, Herr Biſchof, ob ich eines Schelms und Mörders Natur habe?“— Sibing ſprach mit kummervollem Geſichte und ſeufzend:„Euer Gnaden! dieſer Mann iſt ein Verirrter, aber ſicherlich kein Böſewicht. Ich hafte für ihn mit Leib und Leben.“ —„ Ihr keunt ihn, Hermaun Sibing?“ fragte der Biſchof wieder. Und der Cuſtos nickte dann, den thränenden Blick zum Himmel richtend:„Ich kenne ihn, wie mich ſelbſt.“ „Wiederhole Deinen Auftrag,“ befahl ſofort der Graf von Waldeck.— Rynald ſagte noch einmal, was ihm der König von Münſter aufgegeben, und ſchloß mit den Worten: „Da ich mir bewußt bin, keinerlei Mißtrauen in dieſer An⸗ gelegenheit zu verdienen, ſo erwarte ich furchtlos, Herr Biſchof, was Ihr, von Euerm Verluſt erzürnt, über mich und meine Botſchaft verfügen werdet. Ich ſtehe ein für die menſchliche Abſicht, die unſer Bockelſon dabei gehabt hat. Freilich wurde ich entſendet, bevor der letzte Sturm verſucht und abgeſchlagen wurde. Wie gerne hätte ich den Kampf neben meinen Brüdern beſtanden! wie entſeßzlich war mir, der ich bereits einen Tag lang Eurer Ankunft hier zu Wollbeck wartete, jeder Kauonenſchuß, der aus der 127 Ferne während der ſtillen Nacht bis zu mir drang! Im Gefechte, Herr Biſchof, hätte ich Euch die Zähne und mein Schwert gezeigt; den Dolch des Mörders kenne ich nicht.“ „Du ſprichſt ſehr freimüthig,“ bemerkte Waldeck finſter: „wer biſt Du, der ſich herausnimmt, mir in's Auge zu drohen?“ Rynald ſah den Cuſtos an. Dieſer antwortete ſchüchtern, der Lüge ungewohnt:„Er heißt Anton Kieſevelt, iſt ein Bürgersſohn von Münſter, hat von mir das erſte Abend⸗ mahl empfangen; ein guter Junge, aber eiſernen Kopfs und ſchnell zu einer langen Trunkenheit begeiſtert.“ „Warum verharreſt Du, den dieſer tugendhafte Prieſter lobt, hartnäckig in dem Ketzertaumel?“ hob Waldeck an. Rynald erwiederte bewegt:„Die Meinigen ſind ſchuld, . Derr Biſchof.. ich habe eine Braut zu Münſter... ich kann ſie nicht verlaſſen, und wenn's mein zeitlich und ewig Leben gälte. Man hat nicht vergebens ein Herz in der Bruſt.“ Dieſe Rede traf auch des Biſchofs Herz, daß er weich wurde, und entgegnete:„Mein inniges Gefühl für einen armen Knaben, den ich liebe, verleitet mich, Dich anzu⸗ hören und auf Dein Gewiſſen zu fragen: Meint der Schneider, euer... ener ſogenannter Prophet, den Handel ehrlich?“ Rynald legte die Hand auf die Bruſt, und ſagte feierlich: „Ich bin überzeugt, daß er ohne Fatſch iſt, und betheure, daß er auch jetzo, nachdem er einen Vortheil errungen, ſein Wort nicht zurücknehmen werde. So wie ſein Ver⸗ ſtand trefflich, ſo iſt auch ſein Gemuͤth menſchlich und milde, menſchlicher als die unbarmherzigen Horden, die ihn umgeben, und deren er nur langſam Meiſter wird.“ „Was der Schlamm ausgeſpieen, verſchlingt wieder der Schlamm,“ verſeßte der Biſchof mit Erbitterung. „Ihr redet alſo von einem Mann, der Euch das Liebſte, das Ihr auf Erden beſitzt, wiedergeben will2“ fragte nun 128 Rynald aufwallend, und kaum beſäuftigte ihn ein Wink des ängſtlichen Sibing.— Der Graf betrachtete den jungen Maun mit Adlerblicken, die nichts Gutes verkündigten. Doch milderte die Sehnſucht, ſeinen Knaben zu umarmen, den ſteigenden Groll des Biſchofs, daß er ſich begnügte, argwöhniſch hinzuzuſeßzen:„Wäre der Schneider nicht etwa ein ſchlauer Fuchs, der, verzweifelnd an der Möglichkeit, ſeinen Frevel glücklich durchzuführen, ein Recht auf meine Dankbarkeit gewinnen, eine Milderung ſeiner dereinſtigen Strafe bezwecken möchte? Er täuſche ſich nicht. Ich habe Fürſtenpflichten zu erfüllen, mit denen die Vaterliebe nichts zu ſchaffen hat.“ Rynald antwortete kalt:„Wie könnte unſers Bockelſon ſtandhaft Gemüthe von Furcht erſchüttert ſeyn, nach dem, was ſich begeben, und was ein Zeugniß von dem Schutze iſt, den der Vater im Himmel ſeinem Rüſtzeug angedeihen läßt 2“ „Schweige! mir ekelt vor dem Wortgepränge des über⸗ müthigen Pöbels!“ zürnte der Biſchof, und machte wieder einen raſchen Gang durch den Saal.— Leidlich beruhigt ſtand er alsdann vor Rynald ſtil, und fuhr im Ton gleich⸗ gültiger Frage ſort:„Der Preis alſo? Du ſagteſt...“ Die Züge des Cuſtos ſpannten ſich erwartungsvoll und bekümmert, da Rynald entgegnete:„Die Freilaſſung und Heimkehr des Bürgers Hermann Ramers. Bockelſon ver⸗ langt nichts als dieſes frommen Chriſten Freiheit.“ —„Wohlan, es ſey gewährt,“ entſchied Waldeck ohne Bedenken und klatſchte in die Hände.„Man ziehe auf der Stelle den Ketzer Ramers aus ſeinem Kerker, und bringe ihn wohlbewacht vor meine Augen 16 befahl er dem Kämmerer, der ſich ehrerbietig zeigte, und davon eilte, das Gebot auszurichten.„Einer meiner Oberſten wird bei dem Austauſch der Gefangenen gegenwärtig ſeyn.— Ich ſelbſt will den Junker Chriſtoph an der Gränze meines Feldlagers erwarten, und verſchiebe deßhalb meine Reiſe 129 um einen Tag. Wehe Dir, Du Abgeſandter eines falſchen Abenteurers, Wehe Euch, Herr Sibing, auf deſſen Bürg⸗ ſchaft hin dieſem Mann Gehör geſchenkt worden iſt, wenn ein betrügliches Spiel mit mir getrieben werden ſollte! Ihr Beide müßtet mir's entgelten!“ Rynald nickte mit vollkommener Ruhe; aber Sibing begaun mit warnender Stimme:„Eure Drohung, guädiger Herr, iſt nicht, was mich ſchreckt. Ich ſetze ſo viel Ver⸗ trauen in dieſen Jüngling, daß ich beherzt behaupten möchte, er würde lieber ſelbſt das Hanpt verlieren, als einer Un⸗ gerechtigkeit Werkzeng in dieſem Handel ſeyn. Aber es iſt eine höhere Pflicht, die mir den Mund öffnet, um Euch zu bitten, den Anträgen dieſes Boten Eure Zuſtimmung zu verſagen.“ „Wie das?“ fragte der Biſchof überraſcht. Rynald drehte ſich mit großen Augen nach ſeinem Vormund, der aus einem Gönner plötzlich ein Gegner wurde. Ohne ſich irre machen zu laſſen, ſprach Sibing ferner:„Die Sache iſt einfach, gnädiger Herr. Ihr dürft den Ramers nicht auswechſeln.“ —„Ha! ich dürfte nicht? O ſagt mir's noch einmal: ich dürfte nicht! Wer, beim großen Gott und ſeinen Engeln! wird dem Herrn des Landes wehren wollen, was ihm zu thun beliebt 7“ „Euer Fürſtenwort, Herr Biſchof, das zu halten Für⸗ ſtenpflicht iſt; eine von den Pflichten, deren Ihr ſelbſt er⸗ wähnt habt, und mit denen Vaterlieb' und Vaterherz nichts zu ſchaffen haben.“— Die gelaſſene Demuth des Cuſtos verminderte keines⸗ wegs die Entrüſtung, womit der Biſchof auffuhr:„Wer wagt, mich gleich einem böſen Schuldner an mein Wort zu mahnen? Ich habe den Ketzer begnadigt, und halte ihm mehr, als ich verſprach, indem ich ihn gänzlich frei gebe.“ „Ihr haltet ihm weit weniger, gnaͤdiger Herr. Ihr Konig von Zion MI. 9 130 habt ihm feierlich zugeſagt, ihn nie und um keinen Preis auszuliefern.“ —„Das ſagt der Teufel, Herr!“ „Ich ſage es, Ew. Gnaden! denn ich war Zeuge des Fürſtenworts.“ —„Und wenn es wäre?. ein Wort der Ueber⸗ eilung, ein Wort, einem Ketzer gegeben!... „Guädiger Herr, Ihr, ein Oberhaupt der verſöhnlichſten Mutter, der chriſtlichen Kirche! bedenkt, daß der Unglück⸗ liche in den Schvoß der Mutter zurückgekehrt iſt, daß er ſeine Ketzerei verdammt und abgeſchworen. Die eifrigſten Glaubeusrichter würden Euch anhalten, ihm das Wort nicht zu brechen!“ —„Zum Donner! hab' ich eine Wahl, um den Jungen zu befreien? Muß mir der Junge nicht näher am Herzen liegen? Wenn ich dem Ramers erlaube, heimzugehen, ſein Weib, ſeine Kinder zu umarmen, geht er dann in ſein Unglück?“ „In den Tod, gnädiger Herr.“ —„Pah! Ihr ſchwärmt.“ „In den Tod, ich wiederhole es, Herr Biſchof. Wird ihm der bluttriefende Wiedertäufer ſeinen Abfall, ſeine Ausſage gegen Hilla verzeihen? Nein, o nein. Was auch dieſer Mann hier, der noch an den Träumen der Jugend hängt, dagegen vorbringen mag: der Wiedertäufer vergibt nicht, und kennt nur eine Strafe: den Tod.“ Der Biſchof ſah betreten vor ſich nieder, als wie in einen Abgrund. Er faltete die Hände, und rief erſchüttert: „Soll ich meinen armen Kuaben preis geben, um einen alten aufruͤhreriſchen Unterthan, der zehnfach den Tod ver⸗ dient hätte, vor einer eingebildeten Gefahr zu ſichern?“ „Ihr habt ihm ein fürſtliches Pfand gegeben; das iſt meine Antwort. Euer Leibſpruch heißt: Gerechtigkeit ſey, und ginge auch die Welt zu Grunde. Das Wort alſo, die Ehre eines Fürſten, iſt mehr, als Gold und Waffen. 13¹ Wie ſich auf Schätze und Kriegsmacht wenig zu verlaſſen, habt Ihr zur Genüge erprobt. Wollt Ihr denn Eure Fürſtenehre Euerm Gelde und Euerm Ruhm in die Grube nachwerfen? Soll jenes armen Mannes Seele einſt vor dem ewigen Richter Euere Anklägerin werden?“ —„Aber mein Sohn?“ klagte der Biſchof:„Ich habe nichts im Leben, als nur ihn. So lange beweine ich ſchon ſein elendes Loos heute koͤnnte ich's ändern, ünd ſoll der Knecht eines Wortes ſeyn? Iſt nicht der Papſt zur Hand, ein voreilig Verſprechen zu löſen? iſt denn kein Menſch auf Erden, der mich deſſen entbände? findet denn mein armes Kind nicht einen einzigen Fürſprecher?“ Die Trauer des Grafen rührte den Studenten derge⸗ ſtalt, daß er nicht wagte, den Mund zu einer Einrede zu offnen. Sibing warf hingegen nur die Worte hin:„Ihr habt Einen zur Seite, der ſich auf eines Biedermannes Tugenden und Pflichten verſteht. Fragt den Herrn von Mengersheim, Ew. Gnaden!“ Die bedächtig gethane Rede erreichte ihren Zweck. Waldeck fuhr zuſammen, denn vor ſeiner Seele ſtand plötzlich das Bild des ſtrengen Landmarſchalls, der nicht gelernt hatte, ſich mit irgend einem Gebot der Ritterehre abzufinden. „Was würde Mengersheim ſagen, wenn ich mein Wort bräche,“ fragte ſich der Biſchof insgeheim, und ſein erſter Entſchluß fiel darnieder. Doch ſprach er laut und mit geſenkten Augen:„Wie aber, grauſamer Prieſter, wenn ich, ſtatt den Ramers zur Auswechslung zu zwingen, ihm nur erlaubte, davon Gebrauch zu machen? Er muß ſelbſt am beſten ermeſſen können, was er zu fürchten, was er zu hoffen habe.“ „Ihr ſeyd weiſe, gnädiger Herr,“ antwortete Sibing zufrieden:„wenn Ramers Euch ſelbſt des Verſprechens ent⸗ bindet, ſo mögt Ihr mit dem ruhigen Gewiſſen eines deutſchen Biedermanns und Fürſten Euern Sohn an's Herz drücken.“ Ketten klirrten im Vorgemach. Ramers wurde ſo eben 132 vor den Biſchof gebracht. Der Mann war beſtürzt, ver⸗ ſtort, und ſuchte in den Augen des Fürſten zu leſen, was ihm bevorſtand. Die Feſſeln, womit man ihn belaſtet, die Wachen, womit man ihn umgeben, ſchienen ihm einen unerfreulichen Wechſel ſeines Geſchicks zu weiſſagen.— Waldeck betrachtete ihn unſtät, er kämpfte mit ſich ſelbſt, und fand lange keine Anrede, ſo daß endlich, von ſeinen Ahnungen und der Ungewißheit übermanut, der Gefangene vor dem Grafen niederſtürzte und jammerte:„Ihr wollt mich gewiß tödten laſſen, Ew. Gnaden? Was hab' ich ge⸗ than, daß Ihr mir an's Leben wollt, nachdem Ihr mich mit dem Leben begnadigt habt?“ Die Tröſtungen des Cuſtos waren vergeblich. Der aus ſeinem frühzeitigen Schlummer geriſſene Mann verſtand nicht, oder wollte nicht begreifen, was ihm Sibing zurief, bis der Biſchof, dem qualvollen Auftritt ein Ende zu machen, Stille gebot, und mit einer wunderlichen Miſchung von berechneter Gutmüthigkeit und natürlicher Härte an⸗ hob:„Halte das Maul, und laſſe die weinerliche Leyer, ſchlaffes Haſenherz. Ich nehme ein Geſchenk niemals zurück, alſo auch nicht Dein Leben, das Du mir verdankſt. Hältſt Du mich für einen Bluthund, für einen Caligula? Faſſe Muth endlich. Es handelt ſich hier um Deine Freiheit, furchtſamer Menſch. Bockelſon, der Dich liebt, und vor Deinen Mitbürgern ehren will, wünſcht meinen Sohn gegen Dich auszutauſchen. Du ſolſſt Dein Weib und Haus und Deine Kinder wieder haben, und ich werde meinen Sohn,— hörſt Du, der Du ſelber Vater biſt? — meinen Sohn werde ich wieder erhalten.— Freiheit iſt ein köſtlich Ding, Ramers, und mein Kind iſt mein liebſtes Kleinod. Das Schickſal von Münſter bekümmre Dich nicht. Du ſolſt meiner Gnade genießen, und wenn anch ein jeder Andere bei der Eroberung über die Klinge ſpringen muͤßte.— Nun? Du frenſt Dich nicht? Du be⸗ ſiunſt Dich?“ 133 „Ihr habt mir gelobt, Ew. Gnaden..“ begann Ra⸗ mers ſehr kleinlaut. —„Gelübde thut man zu Gott und ſeinen Heiligen; einem Menſchen gibt man ein Verſprechen. Ich habe Dir alſo verſprochen, gutex Maun, was ich noch ſehr wohl weiß. Aber Du kannſt die Freude ermeſſen, die mir die Wieder⸗ eroberung meines Sohnes machen würde, und ich hoffe, daß Du, meinem Wunſche gehorchend, auf jenem Verſprechen nicht beſtehſt?2“ Ramers ſah ſich mit namenloſer Angſt im Kreiſe um, ſtierte den Rynald an, und ſtammelte halblaut:„Den Mann ſollte ich kennen 4 „Thut nichts zur Sache!“ ſiel Rynald mit ſeiner rauhſten Stimme ein, und trat in den Schatten eines Pfeilers: „Entſchließe Dich kurz, und folge mir. Der Prophet lechzt nach Deiner Nähe und Freundſchaft.“ —Ha! nach meinem Blute lechzt er!“ ſchrie Ramers auf, und bedeckte ſich das Geſicht, als ſähe er den Schwert⸗ führer Zions ihm entgegentreten:„Ich bin ihm dreimal verfallen, er fürchtet, daß ich plandre. Laßt mich henken, Herr Biſchof. Ich ſterbe lieber hier als zu Münſter, da mein armes Leben doch geopfert ſeyn muß! Ich bin ein ſchwacher gebundener Menſch, ich kann Euch nicht hindern, wenn Ihr an mir zum Schelm werden wollt. Aber es iſt ein Gott im Himmel!“ Er ſchwieg erſchöpft.„Ungeheuer!“ rief der Biſchof voll Schmerz:„Mein Sohn verblutet an Deiner Wei⸗ gerung, und es rührt Dich nicht 2“ Wie einer, der mit dem Leben ganz und gar fertig geworden iſt, und ſich die Sprechfreiheit eines Sterbenden zu Nutzen macht, antwortete Ramers, indem er ſich lang⸗ ſam vom Boden erhob:„Was geht mich Ener Sohn an, Herr? Bin ich von ſeinem Fleiſch und Blut, Herr? Auch ich habe Kinder, und laſſe ſie getröſtet in des Wüthrichs — nein, in Gottes Händen. Würde ihnen frommen, wenn ich mit ihnen zugleich ſtürbe? Kann ich ſie nicht retten, ſo wünſche ich wenigſtens ihren Tod zu rächen, Herr, wenn Ihr es mir erlaubt.“ Die Schwärmerei des heiligſten Gefühls flammte aus dem Geſichte des Verzweifelnden, der nicht den Muth hatte, in den Armen der Seinigen zu ſterben, aber vor Begierde loderte, ihr Rächer zu ſeyn. Er fuhr fort in ſeiner unverlarvten Selbſtvertheidigung:„Ich werde mich mit Zähnen und Klauen gegen den Tod wehren, gnädiger Herr. Ihr ſeyd ſchuldig, mir das Leben zu erhalten, ich will, ich darf jetzt noch nicht ſterben. Mein Leben iſt das Leben meiner Kinder, der König wird ſie hüten, wie eine Henne ihre Küchlein, in der Hoffnung, daß ich doch einmal zu dem Neſte kehren werde, mich ſelbſt verrathend an die Rachſucht. Und auch Euern Sohn— wird er ihn nicht bis zum äußerſten Augenblick bewahren, als ſeinen letzten Schirm, ſeine letzte Waffe 26 Es trat eine ängſtliche Stille ein. Waldeck, auf deſſen Lippen ein vorſchnelles und ſtrenges Urtheil ge⸗ ſchwebt hatte, faßte ſich mit aller Kraft, die einem Mann zu Gebote ſteht, murmelte zwiſchen den Zähnen:„Armer Chriſtoph, gute Nacht! fahr' wohl, armer Chriſtoph!“ und wendete ſich dann heftig zu dem Boten des Königs von Zion:„Sage Deinem Meiſter, was Du hier geſehen. Soge ihm, wie ein deutſcher Fürſt die Heiligkeit ſeines Worts aufrecht hält. Dieſer Menſch verbleibt in meinem Schußz. Den Jüngling Chriſtoph ſtelle ich dagegen unter den Schutz aller Einwohner von Münſter. Zehnfältiges Wehe dem, der ihm nur ein Haar zu krümmen wagt. Und wäre Einer von euch ſo rein wie Schnee, und hätte er ſich gegen den Unſchuldigen vergangen, ihn ſollten die gräßlichſten Martern ereilen!— Wehe auch Dir.“— ſetzte der Biſchof mit durchdringenden Blicken hinzu, „wenn Du ein zweitesmal Dich in meine Hände lieferteſt. Ich kenne Dich, ich durchſchaue dieſes Prieſters fromme 135 Lüge. Wenn Du nicht Rynald biſt, der Abtrünnige, den ein ſchöner Mund einſt meiner Gnade empfohlen, und der ſich dieſer Gnade durch ſeinen Rückfall ſo unwürdig ge⸗ macht, will ich Inful, Stab und Ring verlieren. Hebe Dich weg aus meinen Augen, geht auch Ihr, Herr Cuſtos. Ich bin nicht in der Laune, Eure Nähe länger zu ertragen.“ Sibing und Rynald entfernten ſich ſtumm und be⸗ ſchämt.— Ramers ſtand in ſeinen Ketten zitternd und nachdenkend.— Der Biſchof ging, beſchäftigt mit einem Entwurfe, der ſich ſeiner plötzlich bemeiſtert hatte, noch einigemal ſtarken Schritts hin und her, rief zum Fenſter hinaus, daß man die Anſtalten zu ſeiner Reiſe beſchleunige, ſtand vor dem Gefeſſelten ſtill, und redete ihn mit drohen⸗ der Stimme an:„ch habe Dir nnverbrüchlich mein Wort gehalten, jetzs mahne ich Dich an das Deinige. Mache Dich fertig, mit einem beherzten Mann als Späher in Münſter einzudringen, und im Verborgenen für mich geſchäftig zu ſeyn. Merke wohl: die Stadt muß fallen, und ſollte ich des Kaiſers ganze Heeresmacht vor ihre Wälle führen. Das größte Elend ſoll jedoch nur Kinder⸗ ſpiel ſeyn gegen das Loos, was Dich und Deine Sipp⸗ ſchaft erwartet, wenn Du mich betrögeſt und meine ge⸗ rechte Sache verkaufteſt!“ Worauf Ramers gefaßt:„Ich bin Euch jetzo doppelt ergeben, gnädiger Herr. Sagt, was ich thun ſoll. Wie ſchwer es halten mag, mein zu Münſter wohlbekanntes Geſicht zu vermummen, ich will mich hineinwagen. Ich will tauſendmal lieber mit Liſt und Geſchicklichkeit des Feindes Blößen aufſuchen, und mich vor ihm verbergen, wie ein Mörder, als wehrlos meinen Hals ſeiner falſchen Lockung hinſtrecken.“ Waldeck ließ ihn hinwegbringen, und den Anführer der Meißner rufen.—„Wie iſt noch die Stimmung Eurer Leute 2“ fragte er den getreuen Weſterholt, den er an die Stelle des entflohenen Beltz geſetzt hatte. „Sie beklagen, daß Ew. Gnaden Verbot, ſie an dem Sturm Theil nehmen zu laſſen, ihnen die Gelegenheit benommen habe, ihren ſchweren Fehler wieder gut zu machen, und ihre Dankbarkeit vor der ganzen Welt zu beweiſen,“ antwortete der Edelmann;„ſie flehen ihren Kriegsherrn fußfällig an, bei dem nächſten Angriff die Schmach der Unthätigkeit von ihnen zu nehmen. Sie wollen gern die Ehre, im gefährlichſten Vordertreffen zu ſtehen, mit all ihrem Blut und Leben bezahlen.“ „Was iſt aus Demjenigen von ihnen geworden, der ſich ſo keck angeboten, die Stadt auszukundſchaften, und ihre Eroberung zu bewirken 2“ Weſterhoit zuckte die Achſeln.„Ich habe ihn wegen einer Schlägerei beim Spiele in die Wache werfen müſſen. Nach den Kriegsartikeln müßte er von der Fahne ge⸗ jagt werden.“ „Laßt ihn kommen, ſchleunigſt kommen, ich will ihn ſehen. Stedingk und Mengersheim ſollen Zeugen der Unterredung ſeyn. Geſchwinde aber. In einer halben Stunde will ich zu Pferde ſteigen.“ Der Befehl des Fürſten war im Fluge erfuͤllt. Der Feldoberſt und der Landmarſchall kamen, einen Augenblick nach ihnen führte Weſterholt den raufluſtigen Soldaten vor: ein freiſames Geſicht, wild von Bart verwachſen, und mit breiten Narben geziert, die über Aug und Wangen, wie ein verwirrtes Geflecht von weißen und rothen Näthen, liefen. Die Geſtalt des Fußknechts war kräftig gemuskelt, ſein Gang und Schritt der eines Reiters. „Wie nennſt Du Dich?“ begann der Biſchof, ihn derb anſprechend. Eben ſo dreiſt erwiederte der Soldat:„Die Zeltbrü⸗ der heißen mich Henſel Eck, ich will aber dem Herrn Biſchof und meinen Oberſten, da ich ſie für verſchwiegene Lente halte, geſtehen, daß mein Name Hendrik Ridder iſt. 137 Geburtsort: Leyden. Alter: zwei oder drei und dreißig Jahre. Ich bin ein Hufſchmidt von Gewerbe, und habe ein paar Jahre bei den Clevenſchen Reitern gedient.“ „Wie kamſt Du unter's Meißner Fußvolk2“ „Eigene Wahl und Luſt, Ew. Gnaden. Der Oberſt Belß führte Reden, als wolle er die Munſtrer mit Hant und Haar auf dem nächſten Morgenbrode ſpeiſen. Deß⸗ halb lief ich ihm zu. Was ich im Sinn habe, kann ich als Fußknecht beſſer in's Werk richten, denn als Reiter.“ „Du hätteſt größern Sold bei den Pferden, und be⸗ gnügſt Dich mit dem geringern 2“ „Ei, ich diene nicht um Soldgewinn.“ „Was führſt Du im Schilde, wie Du ſagſt?“ „Ew. Gnaden weiß es ſchon, hat mich aber auf die lange Bank geſchoben, und da habe ich mich anders ein⸗ gerichtet.“ „Wie ſo?“ „Ich hoffte nicht mehr, mit Ew. Gnaden Vertrauen beehrt, und nach der Stadt geſchickt zu werden. Es iſt mir Alles krumm gegangen. Zuvörderſt hat der Beltz die Stadt nicht erobert.— Ich ärgerte mich, da wurde aber gemunkelt, wir wurden zum Feinde übergehen. Das war mir recht. Die Stadt waͤre vielleicht jetzt ſchon Euer. Leider wurde der Ueberlauf vereitelt. Ans Ver⸗ druß hatte ich mir aus dem Tode nichts gemacht. Da hat uns der Herr Biſchof begnadigt. Ich habe mich dem Herrn Biſchof angetragen, der Herr Biſchof hat nicht Ja, nicht Nein geſagt. Nun wollte ich doch nach der Begnadigung nicht ausreißen, und auch nicht ſtille liegen. Darum ſchlug ich den Martin von Aurich bei'm Spiel, ich muß nach dem Fahnenrecht fortgejagt werden, und will ſchon frank und frei in die Stadt kommen. Freilich wäre bequemer geweſen, auf höchſten Befehl Reißaus zu nehmen, und ich hätte wenigſtens nicht die Kugeln der Vorwachten zu fürchten gehabt.“ 138 Die biſchöflichen Kriegsräthe ſahen ſich erſtaunt an, und verwunderten ſich ob der ſeltſamen Reden des Sol⸗ daten, der ohne alle umſtände mit dem Biſchof verkehrte. Aber Waldeck, wenn auch dann und wann bei einem unehrerbietigen Worte die Stirne faltend, hörte mit einer gewiſſen Befriedigung zu, und ſagte leutſelig:„Wenn ich Dir nun den Befehl gäbe.. 2 „So wäre Münſter in Eurer Gewalt, bevor ein Mo⸗ nat verfließt, und wenn auch keine in der Stadt bekannte Seele mir an die Hand ginge. Wolltet Ihr mir jedoch einen zuverläßigen Begleiter oder Kundmaun zuweiſen, ſo brächte ich's um Vieles früher zu Stande“ „Du ſcheinſt Deines Lebens Hoffnung und Zuverſicht auf dieſe That geſetzt zu haben? Dennoch haſt Du noch nicht vom Lohne geredet 26 Hendriks Geſicht wurde fürchterlich drohend, da er mit von geheimer Wuth oder Bekümmerniß erſtickter Stimme antwortete: Ich will ewiglich verdammt ſeyn, wenn ich's um klingenden Lohn thue. Wollt ihr nach Vollendung der Sache mich belohnen, wohl und gut. Ich will als ein armer ſterblicher Kriegsgeſell den Preis im Voraus meinen Waffenbrüdern vermachen. Nein, gnädiger Herr, nein, ihr tapfern Oberſten! Ich gehe nicht wie ein Soldknecht, ſondern wie ein Potentat in dieſen Streit. Es iſt mein eigener Krieg, den ich auszufechten habe, und ich bekümmere mich dabei wenig um die Stadt, noch um ihre wiedertäuferiſchen Ketzer. Dem König ſelbſt will ich nach Kron' und Haupt trachten, und trotz allen Teufeln ſein Neſt bewältigen, um ihm das Schwert durch die Gurgel zu ſtoßen. Ich hab' eine alte Rechnnng mit ihm, ſie iſt ſo blutig, daß ich Euch keine beſſere Bürgſchaft für meinen Haß und Eifer ſtellen kann.“ Die ſchreckliche Betheurung machte, daß der Biſchof und ſeine Räthe lange ſchwiegen, bis Mengersheim end⸗ lich gutmüthig fragte:„Wie wilſt Du an den Bockelſon 139 kommen, wie von Deinem alten Schuldner unerkannt bleiben2“ Hendrik zeigte ſein zerfetztes Geſicht.„Ich habe mit Fleiß in jedem Gefecht meine Stirn und Naſe preisge⸗ geben, und kenne mich ſelbſt nicht mehr, wenn ich in den Spiegel ſchaue. Freilich wäre ich ein todter Mann, ſo der Schurkenkönig in mir den Cleve'ſchen Reiter witterte, aber ich hoffe feſtiglich, er werde zuerſt unter meinem Eiſen von mir hören.“ Da drohte der Biſchof mit dem Finger, und ſagte: „Du! verlange, was Du willſt, für Deinen ehrlichen Dienſt, der mir Geld und Leute ſparen ſoll, aber ver⸗ greife Dich nicht an dem Schneider. Er gehört zu mei⸗ ner Beute.“ Hendrik kratzte ſich unſchlüſſig hinter den Ohren, ent⸗ gegnend:„Das verrückt mir den Tert. Ich habe meinem Vater, und meiner Liebſten im Grabe zugeſchworen, daß...“ „Sorge nicht,“ fiel Stedingk mit wildem Lächeln ein: „die Strafe des Hochverraths wird dem Laſterbuben gräß⸗ licher und peinvoller ſeyn, als der Tod durch die Hand eines Kriegsmannes.“ „Da Ihr mir das zuſichert, liefere ich ihn auch lebendig!“ antwortete Hendrik. „Feuer! Feuer! es brennt in der Stadt Muͤnſter!“ ſchrie ein reitender Bote ans dem Lager zu den Fenſtern des Schloſſes auf.— Dieſe Nachricht unterbrach die Unterredung des Biſchofs, der auf den höchſten Thurm eilte, um den Widerſchein der Verwüſtung aus der Ferne zu ſchauen. Es war nur ein ſchmaler rother Streif am Horizont ſichtbar.— Rynald und Sibing, die auf der Straße von Wollbeck gen Münſter eilig wanderten,— das Schloß war ihnen längſt im Ruͤcken,— hatten von dem Boten die Kunde früher als der Biſchof empfangen. „Angela! meine Braut in den Flammen! vielleicht haben Elende die Stadt angezündet, um ſich unterm Schutz des letzten Sieges aus Münſter zu retten, oder es denken Verräther, dem Biſchof das brennende Zion zu öffnen!“ So rief der Student und eilte dringender in den Abend hinein. „Bleib, o bleib, Verblendeter!“ bettelte Sibing, ſeine Füße neben dem Jüngling ermüdend.— Dieſer ſah ihn wild an, und fragte:„Warum klebt Ihr Euch an meine Ferſen? Ihr ſeyd ein hindernd Bleigewicht. Bleibt zu⸗ rück, ich bedarf Eures zweideutigen Schutzes nicht mehr. Ihr war't mir Feind ſtatt Freund, Ihr ſeyd mir nie mehr als ein Feind geweſen. Ich verdanke Euch nicht einmal meine Befreiung aus Nymwegen! O Angela, Du wahrer Engel der Rettung und des zarten Schweigens! Angela! mich erfüllen gräßliche Ahnungen! ich muß noch vor Mitternacht bei Dir ſeyn, und liefe ich mir die Sohlen blutig, und käme ich nur halbtodt durch das Lager und die Hellebarten ſeiner Wachen.“ Mit einer Kraft, die des Augenblicks Drang ſteigerte, daß ſie des eiligen Rynald Ungeſtüm überwältigte, hielt ihn Sibing feſt, und ſagte ihm:„Schmähe, mißhandle mich, aber höre. Auch mich, den erfahrenen Greis, dem gegeben iſt, einen Blick in die Znkunft zu werfen, auch mich überfallen gräßliche Anhnungen. Horche auf mich! überlaſſe jene Stadt ihrem Schickſal! rette Dich, Dich ſelbſt. Mir iſt, als zielten mörderiſche Feuerröhren nach Deiner Bruſt. Bleib! kehre mit mir um. Ich will Dich vor dem Biſchof verbergen, bis Ales vorüber. Er wird dann gnädig ſeyn. Doch zittere vor ſeiner Unbarm⸗ herzigkeit, würdeſt Du auf den Trümmern der Stadt ge⸗ fangen. Du haſt ſeine Drohung gehört. Er ſchonte Dich um ſeines Sohnes willen, aber.. —„Schweige, blöder alter Mann! Wer redet von Zertrüͤmmerung der Stadt? Gäbe ſie der Himmel zu, ich würde mich wahrlich von dem Biſchof nicht fangen laſſen! 141 Aber hinweg, Angela's Gefahr reißt mich von dannen. Sie iſt meine Braut, hörſt Du, Alter? O, Du kennſt nicht die Liebe, eigenſinniger Prieſter. Du kennſt meine Angela nicht!“ „Ich kenne ſie, aber Du ſtehſt mir näher. Rynald, kehre um. Gib Dich nicht in die Gewalt des blutigen Mannes, den ſie einen König ſchelten. Dein Auftrag iſt Dir nicht geglückt, der Wiedertäufer wird Dir zürnen, Dich ſtra⸗ fen, Dich tödten, und ich wäre an Deinem Tode ſchuld!“ —„Du haſt all mein Unglück verſchuldet, treuloſer Vormund und Pfleger! Laß mich vorüber, bei allen Wettern! Was ſoll das Blendwerk auf der Straße? Wirſt Du unſinnig, Greis, daß Du vor mir knieeſt, und meine Füße wie mit eiſernen Fingern umklammerſt2“ „Tritt das Haupt Deines Pflegevaters, eines Prieſters geweihtes Haupt, unter Deine Ferſen! Ich weiche nicht eher! Du ſollſt leben, trotz Deiner Hartnäckigkeit. Sieh': der Fenerſtreif iſt ſchon erloſchen. Du kannſt nicht mehr retten, wenn dort ein Unglück geſchah. Aber bewahre Dich vor dem Schrecken des Uebergangs von Münſter. Spotte nicht! verlache mich nicht! Ramers hat dem Biſchof gelobt, die Stadt zu verrathen. Die Stadt iſt der Preis, womit er ſein Leben bezahlt— und in wenigen Tagen etwa...“ —„Verrath? Ramers?6 ſchrie Rynald auf:„Lab' mich, ſage ich, daß ich fliege, den König zu warnen. Deine Ge⸗ ſchwätzigkeit rettet Zion, ich dunke Dir, Du ohnmächtige Zunge, die nichts mehr verſchweigen kann. Hinweg von mir!“ „Ach, was hab' ich geſagt?“ ſeufzte der Cuſtos, dann umfaßte er des Rynald Kniee mächtiger.„Du darfſt um ſo weniger von hinnen,“ ſetzte er entſchloſſen hinzu.— Es ſprengten Roſſe heran, Hanns von Teklenburg nahte an der Spitze ſeines Reitergefolgs, dem Lager zu⸗ eilend.— Rynald hörte die Hufſchläge. Darum ſchnaubte er dem Cuſtos zu:„Mach' ein Ende, weiche von mir, 142 falſcher Greis. Wenn meine Eide, wenn meiner Braut heilige Rechte Dich nicht kümmern, ſo bedenke wenigſtens das Loos des Biſchofbuben. Der Liebling Deines Herrn, Du augendieneriſcher Knecht, Deines allergnädigſten Mei⸗ ſters Baſtard iſt verloren, wenn ich nicht zurückkehre. Zur Seite alſo!“—„Weh' mir! Was liegt mir an dem Buben Chriſtoph? Der Herr hat Dich wunderbar meinen Händen vertraut!“ Der Cuſtos rief's und da er in ſeiner Stellung beharrte, ſtieß ihn Rynald ergrimmt von ſich, daß er geſtreckt zu Boden fiel. Obgleich von dem Niedertaumelu des Greiſen beſtürzt, gedachte Rynald den⸗ noch zu entweichen, aber im Nu waren die Reiter an ihm, Roſſe umbrausten ihn, harte Picken ſtemmten ſich ihm als Schranken entgegen, gepanzerte Fäuſte packten ihn am Genick. „Wer biſt Du, gottvergeſſener Bettelpfaff, der Du einen ehrwürdigen Prieſter mit Füßen trittſt?“ fragte ihn der Tecklenburg, raſch vom Pferde ſpringend, und dem Cuſtos in die Höhe helfend.— Sibing antwortete ſtatt des tobenden Rynald:„Ein Unſinniger, der in den Stall der Beſeſſenen gehört. Im Namen der Menſch⸗ heit und des Fürſten biete ich deſſen Reiter zu dieſes Mannes Verhaftung auf. Bindet, verwahrt ihn wohl, und führt ihn auf meine Verantwortung in's Lager vor den Grafen Uberſtein. Ich werde nicht ſäumen, nachzu⸗ ſolgen, und dem edeln Herrn Red und Autwort zu geben.“ „Sibing! Auch dieſes noch? Ihr ſolltet mein Vater ſehn, und ſtürzt mich in den Kerker? Mein Blut, Angela's Verzweiflung komme über Euer Gewiſſen!“ Rynalds Klagen und Vorwürfe verwehten im Winde, denn ein ſchneller Traber trug den Gebundenen davon. Sibing kniete aber vor einem Kreuze an der Straße nieder, und betete aus Herzensgrund:„Laß' ihn gerettet ſeyn, himmliſcher Vater. Erhalte mir ihn, Mutter der Schmerzen. Führe ihn durch das Dunkel eines Kerkers endlich zur lichten Freiheit, Erlöſer aller Menſchen!“ Fünf und zwanzigſtes Kapitel. Haushalt der Koͤniginnen von Zion. Der Feuerlärm zu Münſter vertobte,— der Volks⸗ tumult trat allmählig in ſeine Schranken zurück, da die Flammen, welche einige Vorrathshäuſer niedergebrannt hatten, gelöſcht worden waren. Ob nun die Bosheit, ob die Sorgloſigkeit das Unglück verſchuldet, gleichviel. Der Stadtvogt benutzte den Anlaß, um einige ſeiner Feinde in Feſſeln werfen zu laſſen, und ſie dem Pöbel als Opfer gerechter Vergeltung zu bezeichnen. Dabei bernhigte ſich die aufgeſchreckte Menge, und dumpfe Ruhe ſtellte ſich nach dem Brandgetümmel ein.— Der König, den die Augen Iſraels vergebens auf dem Platze der Gefahr geſucht hatten, begab ſich beim Einbruch der Nacht durch die Verbindungsthüre ſeines Palaſts in das Haus der Königinnen. Es traten ihm jedoch keine Fackelträger vor, und kein Gefolge begleitete ihn, wie ſonſt bei ſol⸗ chen Abendbeſuchen gebräuchlich geweſen. Er kam allein, in der Kleidung, die er bei dem Siegsbankett getragen, mit ſcheuen Blicken, runzelvoller Stirn und ungewiſſen Schritten. Auf dem langen Gange, der zu dem Innern der Frauenwohnung führte, war das erſte Gemach zur Lin⸗ ken die Krankenſtube der königlichen Weiber. Auf der 144 Schwelle derſelben, unter der davor brennenden Lampe, ſaß Margitta, des Königs Schweſter, in dem groben Ge⸗ wande einer Magd, aber mit dem Geſicht einer Edelfrau, der die Herabwürdigung Alles, nur nicht das ſtolze Be⸗ wußtſeyn genommen. Johann ſtand vor ihr ſtille, und deutete fragend auf die Thüre des Krankengemachs. Margitta antwortete beißend:„Geh' vorüber. Jan geh' vorüber. Heute iſt keine Hochzeit für Dich; oder Du wollteſt etwa den Tod umarmen 2“ Der König erbebte. Da kam ihm der Oberhofmeiſter Rodeus mit Lichtern entgegen, und ſagte unterthänig: „Ich habe gethan nach Deinem Befehle, mein Herr und König. Wie ich mit meinem Kopfe verbürgte, ſo habe ich Lüdgers, des Malers Tochter, Deine auserwählte Braut, in den Palaſt der Königinnen geliefert. Aber, ach! die Braut hat ſich in ein Marmorbild verwandelt. Die Ueberraſchung hat ſie in eine Erſtarrung verſetzt, die, wie der Arzt fürchtet, mit dem Tode endigen dürfte. Unvermögend, ſich zu bewegen, unmächtig, ein Wort über die Lippen zu bringen, blaß und kalt liegt ſie darnieder, und nur daun und wann entringt ſich ihrer Bruſt— gleichſam als ein Vorläufer der Auflöſung— ein dumpfes Wimmern oder Geheul, vor dem die Königinnen ſich in ihre Gemächer geflüchtet haben.“ Johann horchte, ohne zu reden, dem Oberhofmeiſter zu, und forſchte argwöhniſch in dem Geſichte des Hof⸗ wundarzts Hans Winold, der aus der Krankenſtube trat, und Wort für Wort des Oberhofmeiſters Meldung be⸗ ſtätigte. Eine ganz andere Beſorgniß jedoch, als um die Braut, ſchien den König zu beſchäftigen, indem er manch⸗ mal zerſtreut über die Hofbeamten wegſah, manchmal wie erſchreckt und zuſammenfahrend den Kopf nach der Pforte drehte, wodurch er gekommen war. „Man verriegle dieſe Thüre ſorgfältig!“ befahl er halblaut und mit leichtem Schauder:„Man durchſuche meine Gemächer. Ich will wiſſen, ob nicht ein Frevler oder eine Frevlerin ſich darinnen verſteckte!“ Die Hofdiener betrachteten ihren Gebieter neugierig. Er fand jedoch nicht für gut, ihnen ein Mehreres zu ſagen, und machte ein Zeichen, worauf ſie ehrerbietig zur Seite traten, ihn vorüber zu laſſen. Indem ließ ſich aus der Krankenſtube Lüdgers Stimme vernehmen, wie ſie troſtlos und ſchluchzend zu der Tochter ſprach:„O mein Kind, o mein Kind! Dein Elend wird mich über Nacht grau und kahl machen! O, nimm mich mit Dir hinweg aus dieſen Martern. Was ſteht mir bevor, wenn ſie mich zwingen, in der geſpenſtigen Nacht Dein Lager zu berlaſſen, Du zartes Lamm? Eine Sterbende küſſe ich hier, und daheim finde ich eine Leiche, denn ſie überlebt dieſen Schlag nicht, Deine arme Großmutter! Meine Angela! haſt Du kein Wort mehr für Deinen Vater, keinen Strahl Deiner Angen mehr? Verzeihe mir, Schäfchen, Herzchen, was ich an Dir verſchuldet habe! O bitte für mich, oben im Himmel! Ach, wir werden bald bei Dir ſeyn, Rynald und ich, Dein Vater! — Haſt Du kein Wort mehr für Deinen Vater2“ ſetzte Lüdger mit der weichſten Rührung hinzu.— Da hob das Wimmern an, von dem der Oberhofmei⸗ ſter geredet, und ſchwirrte zuerſt wie ein Glockenton, zitternd und unbeſtimmt, ſteigerte ſich dann zur zerreißen⸗ den Klage, und ſank plößzlich zum dumpfen Geheule her⸗ nieder.— Margitta lauſchte, die ſpottglänzenden Augen auf den Bruder geheftet, mit Wohlgefallen den gräßlichen Tönen. Die Männer verſtopften ihre Ohren,„der König flog davon wie ein dunkler Schatten, und öffnete ſtürmiſch den großen Saal, wo die Königinnen, waun ſie ihre Zellen verließen, zuſammenlebten. Ein ganz anderes Schauſpiel erwartete hier den Herrſcher von Zivn. Das weite Gemach ähnelte einer Trödelbude und Der Koͤnig von Zion. II. 10 146 einem Speiſeſaal, einer Schneiderwerkſtätte und einer un— ordentlichen Tanzſtube. Mit Flittern behängt, war es dennoch armſelig; von tauſend wohlriechenden Düften durchzogen, war dennoch die Luft darinnen widerlich. Abentenerlicher Prunk überall, neben unaufgeräumtem Wuſt; feierlicher Schmuck und hoffärtige Bewohnerinnen neben dem Treiben alltäglicher Beſchäftigungen und kin⸗ diſchen Poſſen. Ein Saal, ſtets bereit und geputzt für den unvorhergeſehenen Beſuch eines unumſchränkten Ge⸗ bieters; aber eines Gebieters, vor dem die Weiber keine ſittliche Ehrfurcht zu beobachten hatten; eines wüſten Zwingherrn, deſſen Geſetze zwar Gehorſam, aber nicht Zucht, Ordnung und Würde forderte.— So lag— gleichwie des Biſchofs Abgeorduete den Narren auf des Königs Throne ſchlafend gefunden— eine bunte Katze mit ihrer Brut auf dem Prunkſeſſel der erſten Königin.— Die leichtſinnige Anna Knipperdolling beluſtigte ſich auf ihrem Platze mit der Beſchauung ihrer Zierrathen und Kleinodien. Maria Hecker ſchneiderte nebſt einigen Mägden an einem Staatsgewand; Eliſabeth Bü⸗ ſchodus nähte mit Hülfe ihrer Dienerin feine Hemden aus zertreunten Altartuͤchern zuſammen. Anna Averweg und Katharina Averweg, die Schweſtern, eine leichtfertiger als die andere, ſpielten mit Karten, und zeichneten ſich mit Lampenruß bei jedem Veriuſte. Martha Hangesbecke, Katharine Miling und Eliſabeth Dregger tanzten, über die Gebühr aufgeſchürzt, nach den Tönen einer kleinen ſchnarrenden Orgel, die Alexander Buſchoduck, der Stuben⸗ heizer und Läufer der königlichen Weiber, gleich einem fahrenden Muſikanten ſchlug. Margaretha Groll, die einſame und ungeſellige, nickte auf ihrem Stuhle und ſchnarchte, über der Spindel eingeſchlafen. Anna Kippen⸗ broik, die ihre Nachtkleider angelegt, und ihre Staatsröcke unordentlich auf den Boden geworfen hatte, kämmte ihre langen braunen Haare vor ihrem Spiegel und ſummte 147 die Melodie des Tanzes, den Buſchoduk ſpielte. Anna Laurenz, Angela Kerkering, und Chriſtina Rhoden ſtan⸗ den müßig, aber mit Butterbröden und vollen Gläſern zwiſchen den beringten Fingern um die alte Kuppelmutter und Quackſalberin Knupper her, die beſchäftigt war, der ſchwerfälligen Moderſon die Hühneraugen zu ſchneiden. Dabei erzählte und klatſchte ſie, weiſſagte von Glück und Geld, von vielen kleinen Prinzen und Prinzeſſinnen, plapperte Mährchen und Geſpenſterſagen her, und vergaß dennoch nicht, der Bierkanne und dem Schinken zuzuſpre⸗ chen, die daneben auf dem Liſche ſtanden, nachbarlich verſammelt zu der Laute, welche die Mezgerstochter zu ſchlagen verſtand, und zu dem Abendmahlkelch, den Di⸗ wara am vorigen Tage umhergetragen. Diwara fehlte im Saale, und Eliſabeth Wandtſcheerer desgleichen. Um ſo freier tummelte ſich die Luſtigkeit der Andern, die vor dem Ernſt und der Schönheit der Genaunten zu verſtummen pflegten. Sie hatten alle Hängeleuchter im Saale angezündet; die Kugellampen, die vor den in Kathederform geſchnitzten Plätzen der Weiber aufgepflanzt waren, brannten hell, und flackerten unruhig, angefacht von dem Abendwinde, der durch die Gitter und Vorhänge der offenen Fenſter einzog. Ge⸗ wänder und Schleier, die an den Simsvorſprüngen der Wände aufgehangen waren, wehten wie kriegeriſche Fahnen über dem Wirrwar des ſalomoniſchen Zwingers; der Wind lüpfte von Zeit zu Zeit die grünen Kränze, womit der Pfeiler, der mitten im Saale ſtand, aufgeputzt war. Dieſe Kränze rahmten eine an der Säule befeſtigte Tafel ein, worauf— gleichwie auf einer Chortafel die Dom⸗ herren— alle Namen der königlichen Weiber geſchrieben ſtanden. Ein Stift, der an einem ſeidenen Faden über die Tafel hing, diente, unter den Frauen Diejenige zu bezeichnen, welche das Loos traf, ſich dem König zu n 148 Als Jan ſo ungeſtüm in den Saal eindrang, hörte wohl der Tanz auf, aber alle übrigen Geſchäfte gingen ihren Gang fort. Die hochathmenden Tänzerinnen um⸗ ringten den König, und fragten vorwitzig und dennoch gleichgültig nach dem Ausgange des Brands, und nach den Befehlen des Gebieters. Ohne hierauf zu antworten, fragte Jan ſelber und finſtern Blicks:„Wo iſt Diwara, wo die Wandt⸗ ſcheerer?“ Die Morderſon entgegnete lächelnd:„Die eine iſt müde, die andere unpäßlich. Sie haben ſich in ihre Zellen be⸗ geben.“ Die Knupper ſetzte, ihr Antliß herenhaft verzerrend, hinzu:„Es iſt im Kopf der Eliſabeth nicht richtig. Aderlaſſen, Aderlaſſen, habe ich ſchon geſagt. Sie brütet über böſen Dingen.“ Der König ergriff eine Lampe, und ging nach der Thüre, die zu den Zellen führte. Aller Blicke folgten ihm, mancher ſchadenfroh, mancher eiferſüchtig. Maucher Wei⸗ bermund verzog ſich boshaft, oder ziſchelte der Nachbarin in die Ohren.— Da Johann plötzlich vor der Säule und der Tafel inne hielt, ſchwiegen alle, und kein Lächeln krauste mehr die Lippen. Achſelzuckend ging Bockelſon weiter, und die Stirnen erheiterten ſich.— An der Thüre wendete ſich der König um.„Laßt das Orgel⸗ ſchlagen und den ſtampfenden Tanz!“ ſagte er böſe,„legt die Karten zuſammen. Iſt nicht genng, daß ihr tanzt und ſpielt, während allen Iſraeliten Reigen und Spiel verboten iſt? Mißbraucht die Freiheit nicht, wann eine Sterbende im Hauſe liegt. Löſcht die Lichter, ich gebiete die ſtrengſte Ruhe.“— Die Weiber ſahen ſich erſtaunt an, da ihr Gemahl verſchwunden war.„Eine Sterbende? die Angela? Alſo ſchon ſo weit? Ein billiger Lohn für beide!“ flüſterten ſie ſich zu, und ſchickten den Buſchoduck, ſich nach dem 149 Zuſtand der Kranken zu erkundigen.— Auf den Zehen kam der Läufer zurück, und lispelte in den Saal:„Sie wird es über ein paar Tage nicht aushalten, meint der Arzt!“ Worauf die Weiber flugs und fröhlich die Lich⸗ ter löſchten, und ihre Zellen aufſuchten. Indeſſen hatte ſchon Bockelſon einen Beſuch bei Eliſa⸗ beth abgeſtattet. Mit drohenden Mienen war er vor ſie getreten, die mit übereinandergeſchlagenen Armen am Tiſche ſaß und in die Flamme ihrer Kerze ſchaute, und hatte gefragt:„Biſt Du noch nicht zur Beſinnung ge⸗ kommen, verblendetes Weib? Bereiteſt Du Dich nicht, Deine Widerſpenſtigkeit abzulegen 24 Eliſabeth betrachtete ihn ſtumm, mit kalter Verach⸗ tung. Er fuhr eilig, aber außer Faſſung kommend, fort: „Dein ſteinernes Herz weiß nicht einmal von Eiferſucht? Du ſiehſt ruhig eine jüngere, ſchönere Braut in dieſes Haus einziehen,— und dennoch koſtete es Dich nur ein Wort, um die Nebenbuhlerin zu entfernen 2“ Eliſabeth erwiederte ſtolz:„Du redeſt von der Braut des Todes, Grauſamer. Der Engel ſtirbt eher, als er ſich vom Satan umarmen ließe. Angela iſt nicht in dieſem Hauſe meine Nebenbuhlerin. Ich werde nie das Wort ſagen, das ſie entfernen würde. Sie weiß zu ſter⸗ ben, ich nicht minder.“ Ein leichter Fieberſchauer kräuſelte durch des Königs Glieder. Halb abgewendet, mit Wuthblicken ſagte er leiſe:„Du trotzeſt mir, bis.. bis meine Langmuth zu Ende? Deine Härte iſt unnatürlich. Nicht einmal Deines Vaters, nicht Deines Maunes Leichenzug ver⸗ mochte Dich zu rühren, und dennoch drohte aus ihrem bleichen Antlitz Dein Urtheil. Merke Dir, Angela's Geneſung iſt Dein Tod, wenn Du auf Deinem Starr⸗ kopf beharren ſollteſt. Angela's Sterbeſtunde iſt auch die Deinige, wenn Du Dich nicht entſchließeſt, die Ver⸗ lorne mir zu erſetzen.“ 150 Eliſabeth zuckte die Achſeln, und ſagte nur:„Rufe den Nyland.“ „Und wenn ich jetzt ſchon, um von der Beleidigung zu ſchweigen, die Du mir anthuſt, indem Du meine Liebe verſchmähſt— wenn ich jetzt ſchon das Recht hätte, den Schwertfüͤhrer zu rufen? Unglückliche! wirf den Mantel der Heuchelei von Dir. Sah ich nicht heute bei dem Siegesmahl, wie der Junker Scheiffort mit Dir plauderte, in Deine Ohren flüſterte, und Dich mit den Augen verſchlang, ſobald er nicht Gelegenheit hatte, ein Wort mit Dir zu tanſchen?“ „Ich kann Dir leider dieſen Sieg dt gönnen, Jau Bockelſon,“ verſetzte Eliſabeth mit herbem Spott:„Des Junkers Schwatzen trägt nichts bei zu dem Widerwillen, den ich gegen Dich hege.— Anch hat er von Allem geſprochen, nur nicht von Liebe!“ ſetzte das verſchlagene Weib liſtig hinzu:„er weiß ſeit geſtern, wie Du Deine Nebenbuhler behandelſt.“— Da Johann auf ſie zutrat, ſchrie Eliſabeth auf:„Weg, weg mit Deinen rothen Händen, Du gekrönter Nachrichter!“ Ein Geränſch an der Thüre der Zelle machte, daß ſich Jan umſah. Er ſchaute in die zornfunkelnden Augen der erſten Königin, die ſich horchend in's Gemach neigte. Dann verſchwand ſie. Jan machte eine drohende Ge⸗ berde gegen Eliſabeth, und folgte der Andern auf dem Fuße. Diwara eilte in ihre Stube, und Jan fand ſie an der Wiege des Kindes, das ſie ihm geboren hatte. Wie eine ſchnaubende Löwin wehrte ſie ihm ab, rufend:„Was willſt Du hier, Unſeliger, den eine Jede verwirft, die ein ehrlich Weiberherz im Buſen trägt? Was ſuchſt Du bei dieſem unſchuldigen Kinde, Du Knecht aller Ueppigkeit 2 Warum tanzeſt Du nicht den Fackelreigen, wie einem König zuſteht, wann er ſich vermählt? Warum beſchie⸗ deſt Du mich nicht zu Deinem Hochzeitfeſte? Deine —————— 151 Braut könnte ſich ſpiegeln in meinen Thränen. Deine Begierde könnte ſich letzen an meinen Seufzern! Aber — nicht wahr? Du verſtehſt, daß meine Rache den Segen über den neuen gottesläſterlichen Bund geſprochen hat? Du wirſt inne, daß mein Fluch Dein Brautbett in einen Todtenſarg verwandelt?— Habe das für Deine Sünden!“ Jan, der zu anderer Zeit dieſe Reden nicht vertragen hätte, ohne in die eutſetzlichſte Wuth zu gerathen— worauf Diwara es angelegt hatte— nahm die Vorwürfe hin, und fühlte ſich ſo erſchüttert, daß er ſich wie ein blaſſes Geſpenſt auf die Kiſſen neben der Wiege nieder⸗ ließ, und den Kopf ſenkte.— Dieſe Ermattung des wil⸗ den Heuchlers entkräftete Diwara's Ingrimm, daß ſie, mit Thränen kämpfend, fortfuhr:„Was hatteſt Du mir⸗ verſprochen, was haſt Du mir gehalten? Du haſt meil ner Seele ganzes Verderbniß auf dem Gewiſſen. Ich war getreu, Du haſt mich verlockt; ich war gläubig, Du haſt mir den Glanben geſtohlen; ich war ein mitleidig Weib, Du haſt mich hart und hoffärtig gemacht. Für meiner Seele Untergang wollte ich nichts als Deine Liebe.. wie haſt Du mich betrogen? Du, der Alle betrügt, fandeſt nicht einmal Aufrichtigkeit für Dein Weib! O, der Vater im Himmel wird uns ſchwer züch⸗ tigen, und ſeine Strafe wird, nach der Schrift, auch dieſes unmündige Weſen ereilen, das hier wie ein Enge zwiſchen Teufel und Sünde ſchlummert.“ „Es ſchläft, damit es nicht Deiner Ungerechtigkeit Zeuge ſey,« antwortete Jan, der ſich mit Mähe ſam⸗ melte, indem eine ganz beſondere Zerſtreunng in ſeinem Kopfe Herr wurde:„Sind wir nicht alle nur die Werk⸗ zeuge des Vaters? Regiert er uns nicht in allen un⸗ ſern Handlungen, wie er eines Schmetterlings Flügel mit ſeinem Hauche leitet?— O Diwara, dieſes Kind eben iſt ein Pfand, daß wir noch glücklich und ruhig endigen 152 werden. Wie ich es liebe, dieſes Mädchen! Hab' ich ihm nicht den Namen Averall gegeben? Wahrlich; dieſe Tochter geht mir über Alles, und ich ſollte die Mutter gekränkt, beleidigt, betrogen haben? Schweige, und kehre zu Deiner Sanftmuth zurück. Es wird und muß noch Alles anders kommen.“ Diwara bemerkte nun erſt, daß Johann ein ganz an⸗ derer Menſch zu ſeyn ſchien. Seine Worte ſchleppten, ſein Ausdruck hatte etwas läppiſch Furchtſames, ſeine Augen blitzten, ſeine Finger bebten, er lehnte das Haupt an die Wiege, und ſeufzte. „Du haſt tauſendmal mir und dem Volke daſſelbe geſagt,“ begann Diwara, die ihr ruhiges Uebergewicht wieder gewann:„Bald war es Oſtern, bald das Pfingſt⸗ feſt, dann des Erlöſers Geburtsfeier, die unſere Leiden endigen ſollten. Ich glaube Dir nicht mehr; ich wollte, ich wäre die einzige, die an Dir zweifelt. Was willſt Du mit Deiner neuen Vorherſagung beweiſen 26 Jan ſchmalzte ungeduldig mit dem Munde.„Ich ſage nur, daß Alles beſſer ablaufen wird, als Du zu glauben ſcheinſt, und daß ich nicht im Vertrauen auf den Vater wanke,„obſchon„ —,Obſchon?“ „Obſchon bedenkliche Zeichen meinen ſchönſten Tagen aufgeprägt werden, und düſtere Vorbedeutungen ſich in meine Lobgeſänge flechten.“ Der König rieb heftig ſeine Stirne. —„Was iſt mit Dir vorgegangen? Welche Zeichen, welche Vorbedeutung meinſt Du?“ fragte Diwara, eine aberglaͤubiſche Grüblerin. „Setze Dich zu mir, Diwara. Laß mein müdes Haupt auf Deinen Knieen ruhen,“ hob der König ſchüch⸗ tern an:„Du biſt wieder wie ſonſt. Du biſt wieder ſanft und hold; ich liebe Dich, Diwara, und zwar nur Dich allein, wenn auch Staatsgründe. 153 Er bemerkte die Runzeln auf Diwara's Stirne, hielt inne, und fuhr dann ſchmeichelnd fort:„Du allein be⸗ ſitzeſt mein Vertrauen. Laß mich Dir erzählen, was mir begegnet iſt. Deine verſtändige Theilnahme wird mir helfen, ein Hirngeſpiunſt zu belächeln... das noch jetzo — ich geſtehe es— mir das Blut in den Adern gefrie⸗ ren macht.“ Nach einem tiefen Athemzuge fuhr er fort:„Die Schrecken in der letzten Nacht hatten mich erſchüttert, und der Sieg war nur ein vorübergehendes Heilmittel geweſen. Auch die Aufregung der Freude lähmt die Sinne und das Herz. So hatte ich dem heutigen Sie⸗ gesmahl beigewohnt, und endlich kaum mehr die Laſt der Pflichten eines gaſtlichen Wirths ertragen. Der Schlaf drückte meine Angen mit bleiernen Fänſten zu. Ich ſuchte in meiner Schlafkammer das Lager, die Ruhe auf. Von Ferne brausten mir die Klänge des Gaſtmahls nach, und meine Gedanken mit Gewalt von der ſchnöden Weltfrende zum Buch aller Bücher wendend, ſchlummerte ich ein, unter des Vaters Obhut, wie ich meinte.— Ich weiß nicht, wie lange dieſe Ruhe gedauert hat; ich weiß eben ſo wenig, ob das, was ſie unterbrach, ein Traum oder eine wahrhafte Begebenheit geweſen iſt. Für einen Traum war es zu deutlich; dennoch ſpricht auch in Träu⸗ men das Glück oder das Unglück mit dem Schläfer.“ „Wahrlich, ſo iſt's,“ nickte Diwara. „Ich hatte, wie ich glaube, die Augen offen, und der Abendſchimmer färbte die bauſchigen Falten meiner grauen Vorhänge roth... da lief ganz ſachte ein ſchwarzes Thier, in der Geſtalt eines Krebſes, aber mit dopyelt langen Füßen und Scheeren, über mein Bett, und wie ich's verjagen wollte, kamen ein zweites, ein drittes und endlich unzählige dieſer geräuſchlos krabbelnden Ungehener von allen Seiten, aus der Wand, aus dem Boden, von dem Gewölbe herab, und krochen mir über den Leib, die 154 Hände und das Geſicht. Das Schlimmſte war, daß ſie mit ihren Scheeren meinen Hals umkrallten und meine Lippen zuſchloßen. Jedes Rufen wurde vereitelt. Ich lag wie gebunden mit vorquellenden Augen, und mußte ſehen, wie eine gelbe, dürre Hand meine Achſel ſchüttelte, mußte hören, wie eine ſcheppernde Stimme über mein Kopfkiſſen herein rief:„Wortbrüchiger, ungetreuer Sohn! warum läſſeſt Du meine Gebeine verwittern?— Dann ſaß plötzlich das todte Weib— die Mutter— neben mir, ſchaukelte mich wie in einer Wiege, bückte ſich zu mir mit leeren Augenhöhlen, worinnen die ſchwarzen Krebſe auf⸗ und abliefen, und raunte mir, Eiskälte aus⸗ hauchend, zu:„Ich hab' Dir geſagt, wohin Du mich be⸗ ſtatten ſollſt... Lamberti Thurm iſt warm, und draußen im Sande friere ich ſo ſehr..« Und ſo oft ſie— unzähligemal— dieſe Worte kopfwackelnd und klappernd mit den Kiefern wiederholte, ſtieß ſie zum Schluß ein Geheul aus, das. 4 Der König horchte auf, wie ein ſtutzendes Wild, und ſtammelte:„Herr des Lebens und der Himmel! hörſt Du, Diwara, die ferne Klage? Hörſt Du? ſiehſt Du etwa auch? Er deutete verſtört und vorgeſtreckten Fin⸗ gers in eine dunkle Ecke. „Der Allmächtige ſtehe uns bei!“ ſeufzte Diwara: „aber ich denke, daß die Töne aus der Krankenſtube kommen.“ „Ha, Angela!“ ſagte Jan, ſich beſinnend:„es iſt die Freude, die ſie tödtet. Ein königliches Geſchick entrollte ſich zu ſchnell vor ihr...4 „Schweige von ihr, oder laß' mich gehen!“ unterbrach ihn Diwara ſchnöde. Er tappte nach ihren Händen, und fuhr fort, ein ängſtlicher Lügner:„Zürne nicht. Sieh' den Schrecken, den der verwünſchte Traum in meine Ge⸗ beine geblaſen... wie ſollte ich ein Hochzeitfeſt zu be⸗ gehen in der Lanne ſeyn? Zudem betrügſt Du Dich — 155 ſelbſt. Ich wollte nur für den Rynald Volkmar ein Hüter des Kleinods ſeyn, damit nicht Gerlach von Wulen, vermöge der Geſetze Zions... „Für den Rynald, den zu erſchießen Du dem Wulen auftrugſt?“— fragte Diwara ſtreng. Da ſich Jan in die Lippen biß, ſagte ſie ferner:„Wundere Dich nicht, daß ich von der Miſſethat hörte. Ihr habt ſie nicht heimlich genug verhandelt, und eines eiferſüchtigen Weibes Sh „Iſt ein Ziel, das ſich von den fernſten Pfeilen treffen läßt, wie von den nächſten,“ ergänzte Jan mit einiger Bosheit:„Du haſt nicht gut verſtanden. Von dem Ramers ſprach ich, der... ich bebe vor dem Gedanken, — der im Stande wäre,— wie er die Hilla verrieth, — auch mein Haupt, das Deinige zu verkaufen.“ „Du haſt in der letzten Nacht meinen Kopf um einen gar geringen Preis ausgeboten,“ bemerkte Diwara finſter; „Jan, ich kann Dir's nicht vergeben. Einem blinden Lärm, einer Lüge warſt Du bereit, mein Leben zu opfern. — Suche mich nicht zu beſchwatzen. Ich weiß, was ich hörte, und ich werde Deine Geheimniſſe nicht verrathen. Beruhige Dich; aber bedenke, ob Du nicht für den ſchwachen Plauderer, den Ramers, ein allzuthenres Pfand auswechſeln willſt? Chriſtoph kann im äußerſten Unfall noch Dein Leben ſichern, wenn auch nicht das meinige und dieſes Kindes Daſeyn, welches Dir nicht ſehr am Herzen liegt!“ „Undankbare, vertrauſt Du meinen Sternen nicht mehr?“ fragte Jan mit ſchneidendem Vorwurf:„Der Herr iſt ſtark, der Herr wird ſiegen, aber er iſt ein zor— niger Gott, und eifrig in ſeinem Zorne. Ramers hat ihn beleidigt, Ramers muß des Todes ſterben. Aber— ſo gab mir's der Geiſt ein— auch Chriſtoph ſoll nur leben, bis ihn ſein Vater lebendig an's Herz gedrückt hat. Ich erwarte von Stunde zu Stunde eine Nachricht 156 von Rynald. Dann entlaſſe ich den Knaben mit einem fröhlichen Imbiß...4 „Abſcheulicher!“ fiel Diwara dumpf aufſchreiend ein: „das hätte Dir der Geiſt beſohlen? wie dem blühenden Rotger das Schwert, ſo dem armen Chriſtoph den Schier⸗ ling?“ »Hängt das Leben des Geſunden nicht an einem Fa⸗ den, Diwara? Iſt die Jugend ein Freibrief vom Tode? Und wenn der geſunde Jüngling dahinſtirbt, warum nicht der vom Ausſatz des Heidenthums befleckte? Miſche Dich nicht in das Herrſcheramt, in die Weltverbeſſerung. Wiege Dein Kind, Diwara. Liebe denn ich den Thron, die Krone? O, mit nichten. Aber die Schrift mußte er⸗ füllt werden. Wenn ich jedoch heute abtreten dürfte...“ —„Wollte Gott!“ rief Diwara mit Inbrunſt:„Was ſoll uns der Glauz, der mich anfänglich verblendete? Ein Thron in der ausgeleerten, darbenden Stadt! eine Krone, von dem Fluche eines eingekerkerten Volks belaſtet! Sind wir denn beſſer als Gefangene? Du ſiehſt, daß trotz unſerer Siege die Feinde nicht weichen, immer enger werden ſie uns einſchnüren in das Elend, wo der bleiche Hunger König iſt. Die Noth zerreißt dann alle Bande. Deine eifrigen Freunde werden Dich noch dem Biſchof ausliefern, um ſich einmal ſatt zu eſſen. Ganz Zion wird feil ſeyn um ein Stückchen Brod Gezwungen ſcherzend entgegnete Jan:„Deine Be⸗ fürchtungen ſchmecken nach dem Bäckerladen, Diwara. Wo iſt Dein hochfahrender Sinn geblieben, meine Liebe? Die munterſte Heldin iſt doch immer nur'ein Weib. Du bebteſt kaum in dem Gebrüll der Schlacht, warnm denn jetzo vor der Möglichkeit des Mangels? Was wirſt Du beginnen, wenn ich Dir ſage, daß der Brand dieſes Abends Deine Beſorgniſſe um Vieles näher gerückt hat? — Wir und der Hofſtaat ſind noch auf lange wohl ver— ſorgt, aber es ſind zwei Vorrathshänſer des Volks in 157 Aſche niedergelegt worden. Mehl und Fleiſch in beträcht⸗ licher Menge iſt zu Grunde gegangen. Ich werde mir nicht anders helfen können, als indem ich die überflüſſigen Eſſer aus der Stadt jage.“ —„O welche Zukunft! So laß' uns nur gleich mit jenen den Wanderſtab ergreifen, und in's Elend gehen.“ „So2 Du vergiſſeſt, daß der königliche Bettler nicht mehr Herr ſeines Lebens iſt. Warum ſchon jetzt verza⸗ gen? Sind nicht die Apoſtel hinaus, um den ganzen Erdball für uns zu bewaffnen 2“ Diwara ſchüttelte ungläubig den Kopf. „In Holland bereitet ſich ein neuer Aufſtand der Wiedertäufer vor. Die Propheten lügen nicht. Deutſch⸗ land wird nicht dem Beiſpiel widerſtehen, das der ſäch⸗ ſiſche Churfürſt gab, der ſich in meine Arme warf.“ —„Halt ein, Du betrüglicher Gaukler! Iſt es möglich, daß Du hoffen konnteſt, mich, die hellſehende Landsmännin, zu täuſchen? Glaubſt Du denn im Ernſte, daß ich den falſchen Churfürſten nicht erkannt hätte? Es iſt noch nicht gar zu lange her, ſeit ich den ehrlichen Hazenbrooker zu Leyden auf der Schanbühne ſah... Der König lächelte verlegen.„Du haſt ein friſches Gedächtniß, Diwara,“ ſagte er:„ergiß nur nicht, daß nicht allein Hazenbrooker des Todes iſt, wenn er plau⸗ dert, ſondern mit ihm Alle, die ſich beikommen laſſen möchten, das Volk aufzuklären.“ Diwara verſetzte gekränkt:„Wie kalt redeſt Du vom Tode Derer, die Dir nicht gefallen, und fürchteſt ſelber das Ende ſo ſehr? Nein, Jan Bockelſon, ich werde nie an Dir zur Verrätherin werden, da mich einmal das Schickſal mit Dir verbunden hat. Ich werde niemals von Dir laſſen, wenn ich ſchon bereue, Dir blindlings gehorcht zu haben. Ich verabſcheue Deine Mordluſt, Deine Ueppigkeit; ich zittere vor Deiner Falſchheit und traue weder Deiner Liebe, noch Deinem Muthe;— aber 158 „ich fühl's, ich kann mich nicht von Dir losſagen, und wenn der Tag der Rache und des Zorns herein⸗ bricht, und Alle von Dir weichen,— dann werde ich noch bei Dir ſeyn, um mit Dir zu ſterben.“ Der nnerklärliche Drang, der das leidenſchaftliche Weib hinreißt, ſogar den Fluch zu theilen, der auf dem Geliebten ruht, hatte alle gehäſſigen Vorſätze Diwara's überwältigt. Sie reichte naſſen Anges dem König von Zion die Hand.— Dieſe Hingebung ſchmeichelte ihm ein Geſtändniß ab. Er wurde aufrichtiger als je, indem er Diwara umarmte, und ſo leiſe als möglich flüſterte: „Faſſe Dich, wir werden noch glücklich ſeyn. Was küm⸗ mert uns des Biſchofs Wüthen, des Kaiſers Bann? Die goldenen Schätze dieſer Stadt ſind in meinen Händen, und wenn das Unglück über uns zuſammenbrechen ſollte, weiß ich immer noch einen Ausweg: die heimliche Flucht. Wir ſind dann bald im Vaterlande, bald auf des Meeres Küſten, bald auf einem Schiffe, das uns nach Portugal entführt, in das Land ohne Schnee und Winterſturm, in das Land, wo Niemaud unſere Schickſale ahnt. Wir werden reich ſeyn, und das Blendwerk unſers Königthums vergeſſen. Ich will dort mein Handwerk wieder vorſu⸗ chen, einen Tuchladen zu Liſſabon eröffnen. Deine Schön⸗ heit und mein Gold ſollen uns Freunde machen. Die warme Sonne wird uns verjüngen, die milde Luft zu hohen Jahren bringen. Freue Dich der Hoffnung, Di⸗ wara. Du ſollſt bald die einzige Königin meines Her⸗ zens ſeyn.“ Diwara unterſuchte mit ängſtlicher Prüfung die Ge⸗ ſichtszüge Bockelſons, und verſetzte:„Wie gern möchte ich Dir glauben, wie geſchwinde wollte ich Alles vergeſſen, was meine Bruſt belaſtet; aber— täuſcheſt Du Dich nicht ſelber, leichtſinnig, wie Du biſt?— Es könnte mir nichts erwünſchter kommen, als Dich frei und ohne Ge⸗ fahr an meiner Seite zu wiſſen, fern von dieſen blutigen 159 Händeln. Froh, Dein liebes Weib zu ſeyn, würde ich Deine Mängel und Vergehen hinter mich werfen, und unſer Glück mit dem Raube einer ganzen Stadt nicht zu theuer erkauft wähnen. Aber, wirſt Du im Augenblicke, da es Noth thut, vollbringen können, was Du ſagſt? O, glaube mir: Späher belauſchen auch Deine Schritte. Ein eiferſüchtiges, verzagendes Volk hütet Dich mit Sorgfalt. Wo iſt die Pforte, die ſich uns öffnen wird? wo ſind die Wächter, die ihre Augen verſchließen? wo die Vertrauten, unter denen kein Verräther wäre 2“ „So höre denn,“ ſagte Jan geheimnißvoll und leiſe, wie zuvor:„Ich bin nicht leichtſinnig, wie Du meinſt. Ich habe die Zukunft nie vernachläßigt. Du haſt von einem Pfaffen gehört, der um das Geheimniß eines un⸗ terirdiſchen Ausfalls wußte. Er iſt mir verrathen ge⸗ weſen, der Mönch; und das ganze Volk, heute nicht Einen ausgenommen, glaubt, der Gang ſey verſchüttet, und der Pfaffe getödtet worden. Dem iſt nicht alſo. Er lebt in meiner Haſt, von mir gefüttert, in einem unzu⸗ gänglichen Keller des Doms. Die Sage, daß heidniſche Geſpenſter in dem geplünderten Baaltempel wandern, entfernt zur Nachtzeit, und ſelbſt am Tage, jeden Neu⸗ gierigen aus der Nähe des Gefangenen. Es iſt nichts nehr im Dom zu holen; zudem ſtehen die ſchweren Ge⸗ ſchütze, die auf dem Wall keinen Platz fanden, darinnen, und der Schlüſſel dazu liegt in meinen Händen. Vor Kurzem noch beſorgte ein Getreuer die Verpflegung des Pfaffen Norbert. Der Getreue iſt geſtorben; ſeitdem füttere ich den Kellerwurm mit eigener Hand. und wenn mich hin und wieder ein Wächter um Mitternacht in den Dom treten ſah, ſo wiſſen die Leute doch nichts An⸗ deres, als daß ich dann und wann gehe, die Karthaunen zu ſegnen und vom Hexenbann, den der Feind darüber geſprochen haben könnte, zu reinigen.“ „Welch abentenerliches Geheimniß! Warum aber, da ein Wink von Dir, oder— mich ſchaudert, es zu ſagen, — Deine eigene That den unbequemen Mitwiſſer weg⸗ ſchaffen könnte?“ Bockelſon zog die Achſeln, faltete ſein Geſicht ver⸗ drießlich.„Da liegt's eben,“ murmelte er:„das Ge⸗ heimniß ſtürbe mit ihm, bevor ich's wüßte. Der hart⸗ näckige Sünder hat es nicht preisgegeben, widerſtehend meinem Zorn und meinen Verſprechungen. Doch macht ihn nachgerade der feuchte Keller mürbe, ſeine weißen Haare ſind ſchon vom Schimmel grün geworden und ſein Kopf wird von Tag zu Tag ſchwächer. In einer guten Stunde entlocke ich ihm, was er weiß. Dann ſind wir geborgen, Diwara.“ „Geborgen? neue Schrecken überfallen mich. Wenn die Feinde plößzlich durch den Gang in die Stadt drängen 26 —„Er öffnet ſich in meinen Palaſt; das wußte Iſelmud und bekannte es auf der Folter in mein Ohr, der doppelzüngige Spion. Zwar iſt der Gang ſo ſchlau verborgen, daß mein eifrißſtes Nachforſchen nicht zum Ziele gelangte. Aber, wehe den Feinden, die ſich in mein Haus wagten! Sie wären augenblicklich entdeckt, die er⸗ ſten niedergehauen, die andern zurückgeworfen, der Gang verrammelt und verwehrt.“ „Unbeſonnener! wir ſchlafen über einem Abgrund des Verderbens. Unſere Entweichung iſt nicht geſichert. Wir rennen in die Hände der Belagerer, die... Der König lächelte wieder, ſtatt ſich zu ängſtigen. „Zum Glück,“ ſagte er,„weiß der Biſchof ſo wenig als ich den Gang zu finden, und ihn etwa mit der Wünſchel⸗ ruthe zu ſuchen, verbieten ihm unſere Feuerſchlünde. Es iſt ein altes Herkommen geweſen, daß immer nur zwei der älteſten Domherren, einer aus der Walpurgisbrüder— ſchaft, der andere aus der Geſellſchaft des Apoſtels Paulus, den heimlichen Ausfallweg zu zeigen und zu er⸗ öffnen verſtanden. Auf dem Sterbelager ſagte der Able⸗ 161 bende von den Beiden einem Andern aus ſeinem Conbent die Heimlichkeit, allein und ohne Zengen, oder er vertraute ſie dem Biſchof. Erich war der letzte Fürſt, der ſie be⸗ ſaß. Er ſtarb ſchnell; nicht minder ſchnell, bald nach des Waldeck Erhöhung, verging der alte Dechant, ohne daß ihm Zeit geblieben wäre, das anvertraute Pfand weiter zu geben. Das habe ich von dem bewährten Ger— bard Münſter erfahren, und es iſt gewiß, daß nur der alte Dompfaffe Norbert von den Wiſſenden übrig geblie⸗ ben iſt, und daß die Gicht, die ihn in der Stadt zu ver⸗ weilen nöthigte, während ihn die ehemalige Aebtiſſin von Ueberwaſſer verbarg.. „Ich will der böſen Gicht danken, wenn ſie uns einen Retter und Ausweg aufgeſpart hat,“ ſagte Diwara ſchnell:„aber, wird ein guter Engel des Herrn die Zunge des Starrſinnigen löſen? Wenn er einem Andern ver⸗ traute, was für uns allein bewahrt werden ſollte.. 24 „Es kann keine menſchliche Seele zu ſeinem Aufent⸗ halt dringen. Er liegt wie ein Todter in ſeinem Grabe.“ „Und wenn er plötzlich ſtürbe 2« fuhr Diwara heftig fort:„Wenn Du ihn todt fändeſt, den Du zu füttern kämeſt? Wenn Dich eine Krankheit unfähig machte, ihm Speiſe zu bringen— wenn er verhungerte? Tauſend Befürchtungen, Johann! Tauſend Aengſten, die mich er⸗ ſchüttern! Das Haupt meiner Mutter iſt mir nicht theurer geweſen, als der greiſe Schädel, als die geizige Zunge, als der ſo ſterbliche Mund des lebendig begrabe⸗ nen Prieſters, den ich nicht kenne, den ich niemals ſah, und von dem allein ich plötzlich mein Heil und das Dei⸗ nige erwarte!“ Jan erſtarrte in ihren Armen, ſtammelud:„Das Haupt der Mutter! ſiehſt Du's nicht ſchweben in der Luft? So fuhr es mir uach, als ich meinem Lager entſprang! Siehſt Du, wie ihre rieſigen Arme das ganze Gemach umſpannen? Dein Licht, Diwara,— wo Der Koͤnig von Zion. II. 11 162 iſt Deine Lampe? Ach, die Gräßliche deckt ſie zu mit ihren Leichentüchern; immer finſterer werden die Schatten... laß' ab, Zürnende. Ich will Deine Gebeine ſammeln... ein fürſtliches Begräbniß... Ach!“ Er ſiel zu Boden. Sein Bruſt arbeitete keuchend. Diwara rang die Hände, unfähig, den grauſamen Aufall zu beſchwichtigen. Nach einer Weile, von ſelbſt ſich er⸗ holend, öffnete Jan die Wimpern. Er ſagte erſchöpft: „Das war hart, Diwara. Ich kann mich kaum bewegen. Was ſagteſt Du zuletzt? Du ſprachſt von Krankheit, und wie ein Blitz überfiel ſie mich. Dennoch muß ich in die Gruft des Pfaffen. Er iſt geſtern von mir vergeſſen worden. Der Sturm,— die Gefahr... nichts war natürlicher. Aber ich kann nicht allein gehen; ich bin ſchwach, furchtſam. Begleite mich, Diwara. Ich fühle, daß mein Siechthum dauern wird. Ich will Dich anler⸗ nen, an meiner Statt des alten Heiden Rabe zu ſeyn.“ „Ich bin Denes Vertrauens werth,“ verſetzte Diwara ſtolz:„ich bin nicht falſch, nicht geſchwätzig, wenn nicht Eiferſucht meine Zunge regiert. Ich folge Dir. Vielleicht bezwingen eines Weibes Schmeicheleien den Widerſacher eher, als des Königs Strenge. Ich werfe einen Mantel um. Wir ſchlüpfen über die kleine Hoftreppe. Ich will ſchon vorſichtig mit Dir gehen. Wollte Gott, wir be⸗ dürften auch zu unſerer Flucht keines fremden Menſchen! Aber, ſobald wir mit unſern Schätzen dieſe Stadt verlaſſen wollen, ſo ſind unſere Schultern zu ſchwach, ſie zu tragen.. „Fürchte keinen Verrath,“ tröſtete Jan, der ſich er⸗ müdet auf Diwara's Arm ſtützte:„Die letzte Stunde ſoll erſt diejenige ſeyn, worinnen wir Freunde werben. Die Ueberraſchung und die Eile bürgen dann mehr für deren Treue, als der tanſendfältige Schwur, der noch eine Nacht vor ſich hat, um mündig und Meineid zu werden.“— Sie traten ihren Weg an. Sechs und zwauzigſtes Kapitel. Das hoͤchſte Opfer. Es war eine Woche hingeſchlichen; Schweigen und Bekümmerniß laſtete auf der belagerten Stadt. Die ſtol⸗ zen Träume der Vergangenheit, einen Augenblick aufge⸗ friſcht durch den letzten Sieg der Wiedertäufer, ſchwanden dahin, und erbleichten vor der böſen Wirklichkeit, die ſich allmälig in ihrer ganzen Blöße vor den Angen der ver⸗ blendeten Bürgerſchaft entwickelte. Der Hunger, ein un⸗ erbittlicher Lehrmeiſter, nahm die Unglücklichen in die Schule; der Mangel fuͤhrte ſie zum nüchternen Bewußt⸗ ſeyn zurück. Die Meiſten bereuten, was ſie gethan; aber da ſie verzagten, ſowohl an des zürnenden Biſchofs Gnade, als auch an der Barmherzigkeit des erwählten Königs, litten ſie ſtumm und thränenlos das Unvermeidliche. Es war ein ganzes Volk, das ſich zum verſchuldeten Unter⸗ gang vorbereitet zu haben ſchien. Nicht einmal die Ver⸗ gleichung zwiſchen ſeiner eigenen Noth und dem Ueberfluß des Hofs vermochte es gegen ſeine Verführer aufzureizen. Zudem war der Palaſt ſtill wie die Stadt, und des Kö⸗ nigs Antlitz hatte ſich ſeit einer Woche ſeinen hungernden Unterthanen nicht gezeigt. Die Einen verſicherten, der König faſte und bete, und werde ein Wunder der Be⸗ 164 freiung vom Vater erflehen; die Andern murmelten von einer bedenklichen Krankheit, die den Herrſcher befallen habe. Mehrere gingen ſo weit, zu behaupten, ein Meu⸗ chelmörder habe nach dem Leben Bockelſons getrachtet, und denſelben verwundet; aber die Huld Gottes werde ihn dennoch erhalten. Keiner wollte indeſſen der Gewährsmann ſolcher Ge⸗ rüchte ſeyn, deun für den vorſchnellen Schwätzer, wie für Verräther gab es nur eine Strafe... und die von Tag zu Tag düſterer werdenden Geſichter der Gewaltha⸗ ber verſprachen keine Gnade. Während, ſo zu ſagen, die ganze Stadt mit dem Tode kämpfte, verſchonte er wunderſam die junge unbe⸗ fleckte Blüthe, die in dem Hauſe der Königinnen ſchmach⸗ tete. Angela, die dem Grabe verfallen geſchienen, erholte ſich von ihrer Erſchöpfung, und der Arzt hatte bereits, obſchon trauernd um die Zukunft der Armen, das Wort geſprochen:„Sie wird leben.“ Ein ungeheurer Schmerz tödtet nicht immer. Die Kräfte der Jugend retten oft den Leidenden, wenn er gleich ihre Hülfe Grauſamkeit nennen und ſein Eude her⸗ beiſehnen möchte.— Angela fühlte nun ihr Elend, ſie empfand ihre Verzweiflung, zehnfach unglücklicher, als da ſie in Starrſucht hinbrütete, das Schickſal vergeſſend, das ſie darnieder geworfen, und kaum mehr wie aus der Ferne vernehmend, was ihr troſtloſer Vater zu ihren Füßen jammerte. Und dieſer gräuliche Zuſtand des Bewußtſeyns— dem auch ſogar der troſtloſe Tröſter fehlte, da Lüdger mit Gewalt von ſeiner Tochter entfernt worden war— hatte die Geneſende vermocht, ſich künſtlich in die Unempfind⸗ lichkeit der Krankheit zurück zu verſetzen. Sie klagte nicht, ihre Thränen floßen nicht; ſtumm und theilnahmlos ruhte ſie auf ihrem Lager, aber hinter ihren geſchloſſenen Augenlidern zog ohne Aufhören eine Reihe von Bildern 165 der Sehnſucht, des Schreckens und der letzten Dinge des Menſchen vorüber. Die Hoffnung war nicht unter den Geiſtern, die mit Angela ſprachen. Manchmal klangen Stimmen neben ihr: die gleich⸗ gültigen Reden der Wärter, das Flüſtern einiger Weiber, die Muth und Neugierde genug beſaßen, um ſie in ihrer Zelle aufzuſuchen; dann und wann ein bedauerndes Wort aus dem Munde des Wundarztes, der noch nicht alle Menſchlichkeit abgelegt hatte. Angela ließ alle dieſe Stimmen gleichgültig, ohne zu antworten, noch die Augen zu öffnen, verwehen. Sie hoffte nicht mehr auf die An⸗ näherung eines Freundes; ſie fürchtete ſich nur vor der Stimme eines einzigen Menſchen,— des Koönigs. Aber auch dieſe Furcht war vergeblich. Der König hatte ſeit ſieben Tagen das Haus ſeiner Weiber nicht betreten. Manchmal glanbte Angela, ſie ſey vergeſſen worden, ſo von den Freunden, als von dem Feind. Dieſer Glaube machte ſie auf kurze Zeit ganz ruhig, daß ſie Stunden⸗ lang in Gedanken zu Gott um die Guade beten konute, ſie trotz des Widerſtands ihres jungen Lebens plötzlich hinwegzunehmen, oder ihr ein Zeichen zu geben, daß ihr erlaubt werde, ſich ſelber vom Leben zu befreien. Eine ſolche Stunde war's am Nachmittage, da ſich Angela ganz einſam wähnte, in der ein ſanfter Ton ihr Ohr beſchlich.„Angela!“ liſpelte ein weicher Mund.— Sie hielt leiſe bebend den Athem an, und horte den weichen Mund ferner reden:„Angela, Du wirſt nicht ſterben, Du wirſt geneſen. Morde Dich nicht ſelbſt mit dem Gifte ſtummer Verzweiflung. Oeffne die Angen und die Lippen. Hat denn die Sprache keinen Talisman, um Dein Herz zu erwecken? Deines Vaters Name? Rynalds, Deines Verlobten..4 Die Tröſterin ſtockte mit einem Seufzer. Aber ſie hatte die Saite berührt, die noch in der Seele der Lei⸗ denden wiederklang, und die Sterne der Sehuſucht erſchloßen ſich unter'm milden Than der Wehmuth, und die Bild⸗ ſäule bewegte ihre marmornen Glieder; die Todte er⸗ wachte zum Leben. Sie ſah die ſchöne Eliſabeth, die an ihrem Bette ſaß, und vergeſſend, was ſie bedrohte, umſchlang und küßte ſie die Beſucherin. Sie ſchluchzte, ſtatt zu reden, aber die ausbrechenden Thränen heilten ihren Geiſt, daß er ſich ſammelte, und wieder verſtand, was Liebe und Freundſchaft auf Erden bedeuten.— „Du zarter, reiner Engel!“ erwiederte Eliſabeth ihre Liebkoſungen:„ja, meine Hoffnung hat mich nicht betro⸗ gen. Ich habe Deine Auferſtehung bewirkt, und bitte Dich nur in dieſem feierlichen Augenblick, Muth zu faſſen und tapfer gegen Dein Schickſal anzukämpfen.“ „Mein Schickſal!“ erwiederte Angela zurückſinkend und die Haͤnde ringend:„O, daß ich das Gedächtniß verloren hätte! So iſt es denn nicht der Himmel, worinnen ich erwachte, an Deinem Buſen, in Deinen Armen, und Ry⸗ nalds Namen auf den Lippen? O, mein Heiland, wirſt Du mich, die tren verblieb Deiner Lehre, wirſt Du mich nicht erlöſen? Es war nicht die Thorheit des Fiebers, Eliſabeth, die mir vorgeſpiegelt hätte, was ich mit wachen Augen um mich ſehe? Ich bin wahrhaftig in der Höhle des Menſchenfreſſers, des Verderbers aller Seligkeit! Ach, Eliſabeth, welch ein Loos iſt das meinige! Dieſes Mannes, des Ungeheners Raub, des Mannes, den ich bei ſeinem erſten Anſchauen fürchtete, wie den grimmigen Athem der Peſtilenz! Jeſus! was machſt Du in dieſem Hauſe,„.. was ſoll ich darinnen, als verderben? Hilf mir wenig⸗ ſtens, daß ich ohne Schmach verderbe. Reiche mir ein ſchnelles Gift, reiche mir ein ſcharfes Meſſer. ich will, ich muß meinem Rynald in die Ewigkeit folgen, und der Herr wird mir micht zürnen!“ —„Thörin! Rynald lebt, und Du wollteſt der Erde entftiehen?“ ſprach Eliſabeth vorwurfsvoll.— Angela 167 ſtaunte ſie an, ließ ſich die Verſicherung, daß Rynald lebe, wiederholen, und entgegnete:„Der falſche Schneiderkönig hat alſo gelogen; aber wird mir dann nicht das Sterben doppelt zur Pflicht? Ertrüge ich, daß Rynald lebte, und argwöhnte, ich ſey ihm treulos geworden, um den Baſiliek zu umarmen? Einen Dolch, Eliſabeth! Laß' mich in Deinem Schooße ſterben.“ —„Du biſt überreizt, Angela, während Du verſtändig ſeyn ſollteſt, begann Eliſabeth dringend:„Warum bin ich gekommen? Wahrlich nicht, um mich an Deinen Leiden zu ergötzen; eben ſo wenig, um Dich mit leerem Troſt zu betrügen. Wüßte ich nicht, Dir zu helfen, Du hätteſt mich nie an Deiner Seite geſehen, denn dieſes iſt ein Haus des Fluchs, und ich ſelbſt muß enden, damit der Fluch mein reines Gewand nicht beſchmutze.“ „Mir helfen? Du, das ſchwache Weib? Wenn Ry⸗ nald neben Dir ſtände, wollte ich's glauben, aber... —„O, ſchweige von ihm, wenn Du mit mir redeſt!“ bat Eliſabeth mit naſſen Augen:„Wenn er hier neben uns ſtände— es ſiele mir nicht ſo leicht, zu thun, was ich im Sinne habe. Ich ſage Dir nur, daß er allenthal⸗ ben ſicherer iſt, als hier, und daß ihn die Vorſehung ſelbſt von Münſter entfernt hält. Hier lauert der Un⸗ tergang auf ihn. Ich denke nicht, nachdem ſo viel Zeit verlaufen, daß er freiwillig ausbleibe, aber es iſt noth⸗ wendig, daß auch Du ihm folgeſt, damit er nicht viel⸗ leicht, um Dich zu ſchützen, ſeinen Freunden entrinne, und ſeinem Feinde die argloſe Bruſt biete.— Du ver⸗ ſtehſt nicht, was ich hier ſchwatze, aber es eilt die Zeit.— Der König iſt vor einigen Tagen durch einen Pfeil ver⸗ wundet worden. Die Wunde war nur leicht, der Thä⸗ ter hat das unkenſche Herz verfehlt, man iſt ſeiner nicht habhaft geworden. Morgen jedoch wird Bockelſon wieder öffentlich erſcheinen, grauſamer, ſchamloſer als je; ein Wüthrich voll Argwohn und blinder Rachbegierde. Aller 168 Welt zum Trotz will er vollführen, was er begonnen.— Morgen will er mit Dir ſeine Hochzeit feiern.“ „Nie! nie!“ ſiel Angela wild und entſchloſſen ein. Die Entrüſtung gab ihr Kräfte, daß ſie aufrecht vor Eliſabeth ſtand, die Hand betheuernd aufhebend. —„Nein, mein Lamm, das ſoll nicht geſchehen,“ fuhr Eliſabeth fort:„Aber Du mußt heldenmüthig ſeyn, und vor Allem liſtig. Wenn der Oberhofmeiſter bei Dir erſcheint, des Koͤnigs Befehle zu verkündigen, ſo verſichere ihn Deines Gehorſams. Die Geſchenke, die er bringt, nimm ſie an...4 „Das kann ich nicht!“ antwortete die erbitterte Jung⸗ frau:„ich will und werde es nicht. Du ſprichſt von Be— freiung, und der ſchimpflichſte Gehorſam ſey meine Pflcht, ſagſt Du!“ —„So erlaube, daß ich in Deinem Namen handle, weil ich ſelbſt an Deiner Beſonnenheit verzweifle. Wider⸗ ſprich wenigſtens nicht, wage keinen unbeſonnenen Schritt. Erwarte mich dann zur Nacht in dieſem Gemach. Die Morgenröthe wird nicht ſchneller am Himmel, als Du in Freiheit ſeyn. Ich werde Dich einem ſichern Mann über⸗ geben. Schwöre mir nur, kein lautes Wort zu ihm zu reden, und Dich nicht eher ihm unverſchleiert zu zeigen, als bis Du in der Obhut des biſchöflichen Lagers biſt. Alsdann laſſe Dich zu dem Cuſtos Sibing geleiten, das iſt ſo viel, als in die Arme Rynalds.“ Sie ſeufzte, umarmte Angela heftig, und ſtammelte: „Ich habe Deinen Bräutigam geliebt, er war der einzige, für den mir Liebe gegeben war ſeine Nähe während der Belagerung der Stadt war mir eine Pein, die mein elendes Daſeyn mir vollends verleidet hat. Ihn zu ſehen, und ihm fremd zu ſeyn; ihn zu lieben, und nicht von ihm geliebt zu werden! Alle Martern der Erde ſind Wohltbat gegen dieſes Leiden!— Ich hab's überwunden, ich habe Alles überwunden! Du liebſt ihn, 169 Du ſollſt glücklich mit ihm ſeyn.— Der Zwang, das Schweigen weniger Stunden— was iſt das gegen die goldene Freiheit 2“ „Du liebteſt ihn, ſo wie ich ihn liebe2“ fragte An⸗ gela überraſcht, und ſchwieg dann lange, überlegend, mit geſenktem Haupte. Dann erhob ſie es plötzlich, ſah offen in die Augen der Freundin, und ſetzte hinzu:„Du haſt nie gelogen, Eliſabeth. Du wußteſt nie, was Lüge iſt. Nicht wahr, Du wirſt mich heute nicht betrügen? ich darf Dir Alles glauben? keine Hinterliſt fürchten? Ach, man wird böſe in dem Hauſe der Bosheit; ich mißtraue Allen in dieſem Gräuel des Unglaubens!“ „Angela!“ rief Eliſabeth gekränkt:„Wenn Du wüß⸗ teſt, was ich auf's Spiel ſetze, Du würdeſt mich nicht ſo tief verletzen!“ Sie ſammelte ſich gewaltſam, drückte das Mädchen an ihr Herz. und flüſterte:„Mit dem, was ich an Dir thue, will ich alle meine Sünden abbüßen, folge mir nur, gehorche, ſammle Deine Kräfte, und frage nicht mehr.“. —„Ich vertraue Dir jetzt blindlings. Wenn auch Dein Entwurf mißglückte...4— „So bliebe Dir noch immer der Tod, und ich würde Dir ſelbſt die Waffe reichen, die ich Dir heute verſage. — Aber es wird und kann nicht fehlen.“ —„Eliſabeth! Du ſchützeſt meine Ehre und mein Leben in dieſer blutigen Zeit, die ſelbſt kühnen Männern die Rettung verſagt! Warum benützeſt Du nicht für Dich die Gelegenheit, ſtatt ſie mir großmüthig anzu⸗ bieten 2“ „Ich folge Dir, morgen ſchon,“ verſetzte Eliſa⸗ beth, ihre Beklommenheit überwindend. Angela fuhr zuſammen vor einem blitzähnlichen Ge⸗ danken, der ſie überraſchte.„Mein Vater! Gott! was wird aus ihm?“ fragte ſie, und griff zitternd nach den Händen der Freundin. 170 „Auch er wird Dir folgen; ich ſorge für ihn,“ ant⸗ wortete Eliſabeth, das Geſicht voll von Heiterkeit er⸗ hebend. —„Die Großmutter aber, die arme, gute alte Frau? Wer ſoll ſich ihrer erbarmen, wenn auch mein Vater dieſer Stadt entflohen iſt? für die Großmutter gibt es keine Flucht!“ „Sieh' zum Himmel auf, Angela. Die alte Mutter iſt euch Allen vorangegangen. Sie iſt wohl aufge⸗ hoben.“ Angela verſtand dieſe Worte und ſchwankte auf ihren Füßen. Eliſabeth unterſtützte ſie, ſprechend:„Weine jetzt nicht, weine dereinſt an ihrem Grabe, wann Du, wann Rynald, wann Münſter wieder frei geworden. Die Engel ſehen Deine ſtumme Rührung, und zeichnen ſie als ein herrliches Todtenopfer in das Buch der Liebe. Faſſe Dich aber jetzt; ich höre den Feind nahen. Schweige, und wundre Dich nicht über das, was ich ſagen und thun werde Rodeus, der Königinnen Hofmarſchall, öffnete die Thüre mit Geräuſch, und trat mit plumper Vornehmig⸗ keit zu den Frauen.„Der König iſt Dir hold, Angela zum Ringe,“ ſagte er prahleriſch:„Der Vater hat ihm abermals ein Zeichen ſeines Wohlgefallens gegeben, und der erſte Tag, da Johann von Leyden wieder unter ſei⸗ nem Volke erſcheint, ſoll ein Feſt der Freude werden. Der König, frohlockend über Deine Geneſung, will mor⸗ gen Deinen heißen Wunſch erfüllen, und Dich in die Zahl ſeiner Gemahlinnen aufnehmen.— Mit welchen Worten ſoll ich dem Herrſcher Zions Deinen Gehorſam vermelden?“ Angela forſchte ängſtlich in Eliſabeths Blicken nach einer Antwort.— Eliſabeth nahm eine ſprödverächtliche Miene an, und redete zum Oberhofmeiſter:„Zweifle nur nicht an der Ergebenheit dieſes Weibes. Siehſt Du 171 nicht, daß es vor Entzücken ſprachlos wurde? Sage Deinem Herrn keck und frei, daß ſeine Magd demüthig ſeine Gunſt empfangen werde.“— Sie lachte ſpöttiſch auf, und ſetzte mit dem Ton einer eiferſüchtigen Neben⸗ buhlerin hinzun:„Sage ihm auch, daß ich ihm Glück wünſche, alles Gluͤck, das er verdient.“ Rodeus lächelte vielſagend:„Wenn's auch nicht ernſt⸗ lich gemeint wäre, ſchöne Königin— dennoch werd' ich's dem Herrn hinterbringen. Ich dachte ſchon, Du ſeyeſt mir vorausgegangen, um Unkraut unter den Waizen zu ſäen, und freue mich nun, gerade aus Deinem Munde zu vernehmen, daß des Königs Waizen ſchöner blüht, als je.“ Eliſabeth drehte ihm wie entrüſtet den Rücken zu. Mit einem höhniſchen Seitenblicke, und Angela zuwin⸗ kend, als begreife er die gereizte Stimmung einer Ver⸗ ſchmähten, wendete ſich Rodeus zu der Tochter des Ma⸗ lers.„ch ſoll Dir die Geſchenke des Königs vorlegen; er will, daß Du Dich Morgen damit ſchmückeſt;“ ſagte er. Angela verneigte ſich ſtumm.„Darf ich dieſe Geſchenke ſehen 2“ fragte Eliſabeth heftig.—„Warum nicht, wenn's Dir Freude macht?“ lächelte der ſchlaue Rodeus, und auf ſeinen Wink legten zwei Trabanten des Hauſes eine be⸗ trächtliche Anzahl von Gewändern und Kleinodien auf dem Tiſche vor Angela nieder. Da waren Schleier und ſeidene Zeuge, köſtliche Lein⸗ wand und Purpurgürtel; reiche Schnallen mit Edelſteinen, um den Mantel zuſammenzuhalten; goldene Schnüre, um die Zöpfe zu durchflechten; eine Pracht von Halsbändern und Armgeſchmeide, mit Rubinen und Granaten beſetzt; eine Unzahl von flimmernden Ringen, um die Finger der Braut zu harniſchen, wie es Diwara liebte; Schuhe von rothem Sammet, Ueberkleider von Silberſtück, und Röcke von Damaſt. Auf all dieſen funkelnden Kram legte Ro⸗ 172 deus eine künſtlich gearbeitete Krone von feinem Golde, umſchlungen vom grünen Myrtheukranz.„Ich eile, dem König Deine Botſchaft zu hinterbringen, und ſein Herz zu erfreuen!“ ſprach der Hofmarſchall mit einer Befriedi⸗ gung, die wohl errathen ließ, daß er nicht gehofft hatte, ſo leichten Kaufs ſeine Befehle und Geſchenke los zu werden.— Nachdem er mit ſeinen Begleitern fort war, deutete Eliſabeth auf die reichen Gaben und flüſterte:„Der König hat bewährt, daß er ſein Handwerk einſt nicht übel erlernte. Die Wahl dieſer Dinge iſt ausgeſucht; Diwara würde ſich zu Tode grämen, wenn ſie Dich in dem Putze ſahe. Das Silbergewand hat Bockelſon, wie ſo manchen Schmuck ſeines Leibes, gewiß mit eigner Hand verfertigt, den Brautkranz ſelbſt geflochten. Der Stoffmantel hat einſt der Stadtrichterin gehört; ich habe ihn an ihr geſehen. Aber die Juwelen hat des Königs Freigebigkeit darauf geheftet. Sie ſchmückten einſt das Ciborium des marianiſchen Hanſes.“ —„O welch ein Gräuel! welch entſetzlicher Raub an Gott und Menſchen!“ entgegnete Angela empört, und Eliſabeth hatte Mühe, ihr den Mund zu verſchließen und ſie zu erinnern, daß der Horcher an der Wand zu fuͤrch⸗ ten ſey. Demungeachtet fuhr Angela, wiewohl leiſe fort, indem ſie Stück für Stück von den Geſchenken vorſichtig und ſchen lüpfte, wie man eines Erſchlagnen Beute mu⸗ ſtert:„Iſt nicht all dieſer geſtohlene Prunk gräßlich? Die Wahl der Farben und Edelſteine zeugt von dem wildbrauſenden Gehirn des verworfnen Gebers. Der Karfunkel, der Granat, der ſardiſche Stein, die Purpur⸗ ſtreifen,„iſt das nicht ein Meer von Blut? das ſcheußliche Katzenauge*) auf dieſem Gürtel, glimmt es nicht, wie des gekrönten Frevlers Augenſtern? Ach! wie bedeutſam hat er mit Perlen den Brautkranz um⸗ *) Augenſtein, Wolfsauge; falſcher Opal. 173 wunden: Thränen, worunter die Hoffnung erliegt!— Mich ſchaudert vor dem Reichthum!“ Winold, der Arzt, ſteckte den Kopf durch die halb⸗ geöffnete Thüre.„Ich kann Euch, bei Gott, nicht läuger allein laſſen, ihr Frauen; verzeiht, Frau Harderwyk: ich bin Euch zu Dienſten, doch kann ich die Weiber nicht abweiſen, die in hellen Haufen kommen, die Geſchenke des Königs zu bewundern.“ „Muth, Muth und Verſtellung!“ ermahnte Eliſa⸗ beth ihre Freundin:„Sie müſſen ſicher gemacht werden.“ Die Weiber, unter denen nur Diwara, die Schmol⸗ lende, fehlte, ſchlurften träge entweder, oder tanzten frech in das Gemach ein. Der Neid, die Putzgierde, die Schadenfrende, die Thorheit waren ihr Gefolge. Es begab ſich ihnen gegenüber plötzlich eine große Verände⸗ rung in Angela's Weſen. Das Mädchen begriff, daß von ſeinem Betragen die Rettung meiſtentheils abhänge, und ein übermächtiger Drotz obſiegte ihrer Schüchternheit. Sie wühlte in den Geſchenken, wie ein Kind, das ſich nicht ſatt ſehen kann; ſie antwortete den falſchen oder zudringlichen Fragerinnen oft und heiter. Sie er⸗ ſchrack nicht vor dem Hofmarſchall, der ein zweitesmal kam, um des Königs dankbaren Gruß zu melden. Sie fand die Stärke, ihm zu antworten:„Ich bin des Herrn unterthänige Magd, und es geſchehe, was der Herr be⸗ fiehlt!“ So daß ſich alle verwunderten, und bei ſich dachten, oder einander zuflüſterten:„Die Heuchlerin hat ſich liſtig im Preiſe gehoben, und ſie wird die Erſte von uns werden, ſo wie ſie ſchon die reichſte iſt.“ Die neidiſchen Kebsfrauen hätten die Glückliche ver— giften, die Geſchenke des Königs zu Aſche verbrennen mögen. Indeſſen ſchoß Rodeus einen ſcharfen Pfeil, den des Königs Bosheit geſchmiedet hatte, auf die äußerlich zürnende, aber innerlich zufriedene Eliſabeth ab.„Unſers Herrn Majeſtät,“ ſprach er tückiſch grinſend zu ihr,„will Deinen Glückwunſch, als den erſten, gebührend belohnen. Du ſollſt— ſo iſt des Monarchen Wille— der reizen⸗ den Königin Angela zum Ringe als Brautführerin dienen. Deine Pflicht iſt daher, ſie nicht mehr zu verlaſſen, mit ihr beim Einbruch der Nacht das Bad der Königinnen zu beſuchen, und ſie morgen geſchmückt, wie anbefohlen, vor den Thron des Königs zu geleiten. Verneigt euch alle vor dem Gebot des Herrſchers von Zion, der heute noch verborgen in ſeinem Pallaſte verweilen, aber mor⸗ gen, wie die Sonne der Welt in heiterer Glorie hervor— gehen wird aus dem Dunkel der Beſchaulichkeit und des Gebets!“ Elifabeth zitterte vor Freuden, da ſie des Königs Tücke inne wurde, die ſich ihren Entwürfen als Hand⸗ langerin ergab, indem ſie ihr befahl, nicht von Angela's Perſon zu weichen; und nicht weniger hämiſch entgegnete ſie, während ihre Genoſſinnnen ſich neigten und Glück⸗ wünſche murmelten, dem Hofmarſchall:„Die Majeſtät unſers Herrn mag ermeſſen, wie tief ich ſie verehre, da ich mit frohem Herzen und lachendem Munde mich dem Dienſte unterziehe, die ſchönſte aller Braute zur Vermäh⸗ lung vorzubereiten.“ Nun ſchwang Rodeus ſeinen Stab, und lud die Kö⸗ niginnen zum Vesperimbiß ein.„Sey des Feſtes, wie des königlichen Herzens Meiſterin, Angela zum Ringe!“ ſchmeichelte er:„Wenn auch Deine Lippen, kaum wieder aus weißen in rothe Roſen verwandelt, noch die Speiſe ſcheuen, und den Becher verachten, ſo erheitere dennoch Deine Gegenwart das Mahl. Der Stuhl der erſten Königin ſoll Dein Platz ſeyn, und alle Zungen werden Dir huldigen, wie es jetzt die meinige thut!“ Die Heerde der Weiber zog würdelos und lärmend die kaum vom Siechenlager erſtandene Angela nach dem Saale, wo der Credenztiſch wie die Tafel hell ſchimmerte von prächtigen Gefäßen und herrlichen Decken. Ach, wie 175 wurde der Aermſten zu Muthe, da ſie von ihren Sam⸗ metpolſtern die Koſtbarkeiten uͤberblickte, und darunter viele ihr ſo bekannte Gegenſtände wiederfand? die Pracht⸗ ſchüſſeln von delftiſcher Töpferarbeit, die Antwerpner Kelchbreter von Ebenholz und Elfenbein, die venetianiſchen Pokale mit vergoldeten Helmen und Greifenklauen?— Als wie von einem böſen Geiſte, Angela zu äffen, zu⸗ ſammengeſchleppt, ſtand das geraubte Erbe ihrer Groß⸗ mutter vor ihr, und das heranfluthende Weinen drohte, ihre Bruſt zu zerſprengen.„Muth, Muth,“ flüſterte ihr Eliſabeth ohne Unterlaß zu, und ſie bewältigte ſich der⸗ geſtalt, daß die Zähren nur bis an ihre Wimper dran⸗ gen und nicht überliefen. So vermummte ſich der heiße Schmerz, daß ihn die fremden Zuſchauer für Frende nah⸗ men.„Seht, wie ihre Augen in Wonne ſchwimmen und von Hoffart glänzen!“ ſagten die Weiber, knirſchend und lachend zugleich. Das Unglück gibt ſich nicht lange dazu her, vor dem Pöbel die Larve der Zufriedenheit zu tragen, aber das Glück, wenn ſchon nur ein vermeintliches, iſt auch ein Schauſpiel, das der Neidiſche wohl entbehren mag. Da⸗ her nahm das Vespermahl im Hauſe der Königinnen bald ein kaltes Ende, trübe, wie die Nacht, die allmäh⸗ lig zur Erde herabſtieg.— Angela hatte übermenſchliche Qual ausgeſtanden, den Kummer verborgen, Frende ge⸗ heuchelt, ſie hatte ihre Hände in die unreinen der zucht⸗ loſen Weiber legen, ſie hatte ihnen die Wange zum lüg⸗ neriſchen Freundſchaftskuß reichen müſſen. Ihr war zu Sinne, als hätte ſie von dem Makel der verführten Heerde geerbt; ſie zürnte ihrer Nachgiebigkeit. Sie konnte ſich die Möglichkeit, der Verderbniß zu entrinnen, faſt nicht mehr denken, ſo viel Hoffnung auch Eliſabeth in ihr anzuregen ſuchte. Und doch.. die Gefahr des nächſten Tages!.. Welch' ein Schauder befiel ſie bei dem entſetlichen Gedaͤnken! Sie fühlte endlich— ein Gefühl, vor dem wieder alle Bedenklichkeit und alles Zandern zerſtiebte— daß ſie bei'm nächſten Frühroth entweder außer der Stadt ſeyn, oder aus dem Leben ſcheiden müſſe.—„Wann und wie?2“ ſagte ſie darum entſchloſſen zu ihrer Freundin:„Mache mit mir, was Du willſt.“ „Ich gehe, um zu befehlen, daß der Königinnen Bad gerüſtet werde. Es iſt zugleich um die Zeit, da ich mit dem unfreiwilligen Beſchützer Deiner Flucht zu reden habe. Erwarte mich in Geduld, und weiche nicht aus dieſer Zelle.“ Niedergeſchlagen und betend für die entſchlafene Groß⸗ mutter, wie für den in Gefahr zurückbleibenden Vater, betend auch für den theuern Rynald, den wiederzuſehen ihr verheißen worden war, harrte Angela eine tödtlich lange Zeit beim düſtern Kerzenſchein. Das Haus wurde nach und nach ruhig. Die Wärterinnen waren hinweg⸗ gegangen, Arzt und Trabanten hatten ſich entfernt. Nur im Badegewölbe, das am Hofraum gelegen, war Geräuſch. Dennoch, wenn hie und da ſchnelle Schritte, bald ver— hallend, ſich hören ließen, bebte Angela wie das Laub der Espe.„Wenn der König käme...2“ fragte ſie ſich oft mit Schrecken:„Wenn wir verrathen wären? oder wenn der elende Wüſtling mich mit ſeinem Beſuche zu beſchimpfen Luſt trüge...2? Wehe! mir bliebe nur der Sturz durch's Fenſter!“ Sie trat an die kleinen runden Scheiben herau, und maß mit den Blicken die Tiefe bis zum Boden des Hof⸗ raums. Da wurde in nicht allzugroßer Entfernung ein Lied geſungen, das durch die ſommerliche Nacht deutlich bis zu ihr drang: „Ich hab' einſt um ein Lieb' geklagt, Das meine Treue lohnen ſollte; Ich hab' für's Lieb' mein Haudt gewagt, Da ich's aus Schmach erretten wollte. 177 O falſcher Traum, o blind Verlangen! Die Lieb' hat mir Valet geſagt; Und doch blieb ich in ihren Ketten hangen, Zugleich von ihr, zugleich vom Feind gefangen.“ Der Sänger klagte, wie ſein Lied. Angela glaubte, ſeine Feſſel klirren zu hören. Er ſchien nicht ein Mann zu ſeyn, deſſen Kehle in Schlachten rauh geworden, es wohnte noch die Zartheit der Jugend in des Sängers Tönen, und nur am Schluſſe der Liedesabſätze wurden die Klänge ſcharf und ſtählern. Als der zweite Vers an⸗ hob, ſchwebte Eliſabeth wieder in die Zelle.„Biſt Du gefaßt und bereit2“ fragte ſie, und warf über Angela's Haupt einen langen und dichten Schleier von dunkler Farbe. Angela hielt ihre Hand feſt.„Horch!“ ſagte ſie. Das Lied ging fort: „Ein Teufel führt mein Engelein In ſeine gräulbefleckte Kammer; Fahr wohl, gefallner Engel mein, Fahr wohl, mein Irrthum und mein Jammer! Jetzt will ich friſch mein Leben meiden, Ein Todter, ſtumm und ruhig ſeyn: Und lächeln, ſo bei'm Willkomm, als beim Scheiden, Und ſchweigen, ſo in Liebe, als in Leiden.“ „Weſſen iſt die Stimme?“ fragte Angela.—„Das iſt der arme Chriſtoph Waldeck, den der König in den Thurm des Palaſtes werfen ließ, weil Rynald noch nicht wiederkam,“ erklärte Eliſabeth:„Bockelſon ſtellt“ ſich. als ſey er für den jungen Mann beſorgt, und droht mit Wiedervergeltung an dem goldlockigen Jüngling, wenn Deinem Verlobten nur ein Schatten von Beſchimpfung angethan würde.“ — Tiefſiunig ſagte Angela vor ſich hin:»Er kam, mich dem Höllenpfuhl zu entreißen. Warum kolgten wir ihm nicht dazumal? Er und ich, und Rynald und der Vater— wir wären frei und glücklich! Ach, mein Vater, wie thut mir das Herz ſo wehe da ich Deiner Der Koͤnig von Zion. III. 12 gedenke!— Eliſabeth, Ich ſoll davon gehen, ohne ihn zu umarmen? Warum kam er nicht 2“ „Es iſt ihm verboten worden, man hat ſeine Klagen gefürchtet. Der alte Reimenſchneider hat ihn glimpflich genug hinweggeſchafft, damit er ſich in ſeinem Schmerz, den König verfluchend und verwünſchend, nicht um den Hals reden möchte.— Zittre nicht, quäle Dich nicht. Ich gebe Dir die Hoffnung auf meine Seligkeit zum Pfande, daß er morgen ſchon Dir nacheilt, bevor Dein Verſchwinden ruchbar wird.“ —„Ich zähle auf Dich, Eliſabeth. Und Du kömmſt mit ihm? Auch Du folgſt mir in die Freiheit? „„Auch ich,“ ſagte Eliſabeth nach einer kurzen Pauſe, und nmarmte die Freundin mit Innigkeit. Dann ſetzte ſie, männlich gefaßt, hinzu:„Komm, mein liebes Herz.“ Sie ſchlüpften durch das geräumige Haus, deſſen Be⸗ wohner meiſtens ſchon ſchliefen, in den Hof hinab. In dem Badegewölbe handthierten die Mägde.„Ihr ſeyd müde,“ begann Eliſabeth:„ſpart eure Kräfte auf mor— gen. Deckt das Feuer zu, und legt euch ſchlafen. Ich brauche Niemand, um mir im Dienſte bei dieſer Schö⸗ nen helfen zu laſſen. Geht unterm Schutz des Vaters.“ Die gähnenden Dienerinnen folgten gern dem er⸗ wünſchten Gebot. Nachdem ihre Schritte verhallt waren, ſagte Eliſabeth vorſichtig:„Du verſtehſt, daß wir hier nicht länger verweilen werden, als wir Zeit bedürfen, eine Unordnung anzuſtellen, die morgen dazu dienen ſoll, einem Argwohn der Mägde vorzubauen, und Dein Ent⸗ weichen nicht zu früh zur Kenntniß der Stadt gelangen zu laſſen.“ Nachdem die Tücher und alle Geräthſchaften in den Stand gebracht worden waren, zu bezengen, daß das gerüſtete Bad auch gebraucht worden ſey, küßte Eliſabeth ihre Angela noch einmal und rannte ihr zu:„Jetzt muß es ſeyn, mein Engelein. Was Dir auch begegne, Schlim⸗ 179 meres kann nicht kommen, als was Dich hier erwartet. Fürchte Dich nicht und geh' getroſt Deinem Wegweiſer entgegen. Rede nichts mit ihm, als höchſtens flüſternd, ſo lange Du den Umkreis der Stadt noch nicht über⸗ ſchritten haſt, deun merke Dir: der Mann denkt nicht an Dich und ahnt nicht Deine Nähe. Ich ſelbſt bin diejenige, die er zu erobern und davon zu führen gedenkt.“ „Du? Welche Entdeckung?“ „Der Mann liebt mich glühend und will mit mir dem einſtürzenden Zion den Rücken kehren.“ „Und Du? wie belohnſt Du ihn? mit Betrug 2“ „Es iſt der frömmſte, der ſeit langem zu Münſter geſpielt wurde. Ich liebe ihn nicht, der mein begehrt. Aber, Dir zu helfen, heuchelte ich ihm ein paar Tage hin⸗ durch die Neigung, wonach er verlangte. Ich gelobte ihm für meine Rettung meine Hand. Du biſt ja nicht ge⸗ halten, mein Verſprechen zu erfüllen. Geh' jetzt, geh' mit mir, und frage nicht mehr. Dein Held erwartet Dich. Laß ihn nicht vergeblich harren, da er ſeine That um meinetwillen beſchleunigt hat. Er wollte erſt mor⸗ gen in der Nacht die Stadt meiden. Fort, fort, ich habe die Hinterthüre des Hofs offen gehalten. Geſchwinde.“ Ohue Licht, im ſchwarzen Dunkel tappend, klammerte fich Angela an die Führerin.„Dein Zurückbleiben macht mir Sorge,“ lispelte ſie. Eliſabeth murmelte dagegen: „Biſt ein Närrchen. Ich komme morgen mit dem Vater. Auf dem Wege nach Wollbeck magſt Du unſer harren.“ Sie huſchten über den Domplatz. Die Fenſter des Saals im königlichen Palaſte waren beleuchtet. Lautes Geſpräch ſchalte herunter.„Es iſt Kriegsrath oben!“ ſagte Eliſabeth,„aber die Wächter ſchlafen.“ Plotzlich ſchimmerte unfern von den Wanderinnen ein Lichtchen hinter einem Vorſprunge des Chors vom alten Dom. Sie verbargen ſich, unwillkürlich auf die Knie ſinkend, hinter einer rieſenmäßigen Bildſäule des Simſon, 180 die verſtümmelt an der Kirchmauer lehnte. Das Licht kam näher, und die Trägerin deſſelben war Diwara. In die Kleider einer gemeinen Frau vermummt, trug ſie neben der Laterne einen Korb, und ſpähte mit vor das Licht gehaltenen Händen, ob Alles um ſich her auch ruhig und ſicher.— Die Freundinnen athmeten nicht. Eudlich blies Diwara das Licht aus, und wagte ſich unter die finſtern Schatten des Domplahes, eilig dahingehend. „Sie will nicht bemerkt ſeyn,“ hauchte Eliſabeth in Angela's Ohr.„Wohl uns, daß wir von ihr nicht geſe⸗ hen wurden. Gleichviel, was ſie auf heimliche Wege ver— lockt; aber gut, daß Du nicht in ihre Hände und Fra— gen fielſt. Freilich wird ſie jubeln über Deine Entfer⸗ nung, aber, wenn ſie Dich eines Verbrechens, der Flucht, hätte zeihen können... doppelt glücklich wäre ſie gewe⸗ ſen; ſie hätte Dich verſtoßen und obendrein beſtraft ge⸗ ſehen.“ Die Frauen ſetzten den Weg fort. Bei einer Ka⸗ pelle, die eine Pforte des Domplatzes bildete, blieb Eli⸗ ſabeth ſtehen, machte das Zeichen des Kreuzes dreimal über Angela's Stirne, Mund und Bruſt, und ſagte mit gepreßter Stimme:„Siehſt Du unter jenem Erker den lichtwehenden Federbuſch? Das iſt der Mann. Gehe ge⸗ troſt auf ihn zu; bleibe ſtumm, zum letzteumale rathe ich es Dir. Der Himmel ſegne Dich, mein Kind.“— Mit ahnnngsvollem Beben fügte ſie bei:„Gedenke meiner in Deinen Gebeten, lächle mir, wann Du glücklich biſt.“ Eliſabeth ſtieß die Zögernde ihrem Schickſal entgegen und verſchwand. Der frende Mann ging einige Schritte auf Angela zu. Er ergriff ihren Arm.„Es iſt ſpät,“ ſagte er kurz,„müſſen uns ſputen.“ Es ging im Sturmſchritt fort, gegen die Biſpink⸗ pforte. Nach den Außenwällen eilend, ſprach der Fremde, ein Krieger, der unter dem Frießmantel ein Lederwamms trug, mit rauher Zärtlichkeit zu ſeiner Gefährtin:„Eli⸗ 181 ſabeth, wenn ich Euch je dieſen Gang vergeſſe, will ich zwiſchen zwei Hunden aufgehängt werden. Wir wollen leben, wie im Paradieſe, und mich hole der Schwarze gleich zur Stelle, wenn ich nicht mit dem erſten Kuſſe bis nach des Prieſters Segen warte. Ich bin verzaubert in Euch, und hab' die wahre Liebe noch nie gekannt, ſo alt und ungeſchlacht ich bin. Bei meinem Schwert und Wappen.. „Halt! wer geht da?“ fragte ein Mann, der Bart an Bart mit dem Krieger zuſammenſtieß. Angela erkannte, von Todesangſt ergriffen, den verhaßten Gerlach von Werner, der einherſchlich, wie ein Dieb. „Zum Wetter, Gerlach! in dieſer kohlrabenſchwarzen Nacht2“ fragte der Ausreißer etwas beſtürzt. Doch antwortete Wulen ganz friedlich:„Sey gegrüßt, Wulen, ich habe Wachtſchau gehalten, und muß noch zum König in den Rath. Du gehſt ſpät auf Dein Thor? Wer iſt bei Dir, Schelm? ein Mann oder ein Weib2“ Seine Hand berührte den Schleier. Angela bog ſich zu⸗ rück.„Ein Weib!“ ſagte Wulen halb wunderlich, halb ſpaßhaft.„Wer iſt die Schöne? Komm', dort iſt die Nacht minder ſchwarz. Laß ſehen Dein holdes Mägdlein.“ „Du darfſt nicht„ſagte der Werner trotig. „Ich will,“ entgegnete Wulen eigenſinnig. „Tod und Hölle, Du ſollſt nicht,“ fuhr Werner auf und ſtieß den Wulen zurück. „Wie? ich, Dein Vorgeſetzter, Dein Feldhauptmann?“ „Biſt Du noch ein Edelmann?“ fragte Werner. „Wer zweifelt? Inde mit dem Inden⸗ Heide mit dem Heiden, Ritter mit dem Ritter.“ „So höre und ſchweige, als ein guter Waffenbruder,“ verſetzte Werner ſchnell und entſchloſſen, drängte ihn ein paar Schritte zur Seite und ſagte ihm einige Worte im Vertrauen.— Angela wartete, wie zu Stein verwandelt, der Dinge, die ſich begeben würden. Da lachte Gerlach wie eine ſpottende Eule und ſagte: „Freien Paß mit Deinem Liebchen, Werner. Verſäume aber nicht, das Kind zur rechten Zeit wieder zurückzu⸗ bringen, damit's nicht Lärm gibt. Ich gönne dem Kro⸗ nenbock den Schimpf, hat mir die Angela geſtohlen, ſoll mir nicht mehr trauen. Geſcheidt, Werner, die Stunde nicht verſchlafen, und gute Nacht.“ Lachend eutfernte ſich der Oberſte, und Werner, ſeine Schritte beſchleunigend, ſagte zu Angela:„Ein Glück, daß wir in einer halben Stunde Alles gethan haben werden. Wer weiß, welch ein Teufel des Wulen plau⸗ derhafte Zunge regieren möchte?“ — Unfern der Pforte, wo man auf den Wall ging, kam ein Menſch wie eine Katze angekrochen.—„Alles gut, Herr Junker,“ fing er mit ausländiſcher Zunge an, „ich habe mir den Platz gezeichnet, und wir wollen nicht einen Augenblick länger verweilen. Meine Partiſane ſteht neben dem Wachthäuschen aufgepflanzt, als wär' ich's ſelbſt. Die Nacht iſt finſter, die Schildwächter, die hung⸗ rigen Schelme, ſchlafen mit knurrendem Magen.“ —„Laß uns gehen, Henſel,“ erwiederte Werner, und ſie hoben die Verſchleierte behutſam über die Hecke auf dem Walle.„Ich mache uoch den Weg um den Thor⸗ thurm und folge dann ſchnell. Hüte mir das Weib da, wie Dein Auge!“ Mit dieſen Worten ging Werner wieder etwas zu⸗ rück, und Angela gleitete an Henſels ranher Hand die ſchräge Wahfläche hinab. Der Soldat trug ſie durch einen naſſen Graben, eine Anhöhe hinan, längs einer Pfahlreihe fort, und hieß ſie dann mit ihm in den äußer⸗ ſten Wallgraben klettern.— Unten warteten ſie, am Boden niedergekauert; keine Spur von Werner, kein Laut ſchwirrte durch die Luft, kein Schritt tappte über das kurze Gras. In der Höhe ſchrieen ferne Schildwachen einander zu. Den Flüchtlingen gegenüber, auf der Ebene, 183 die vom Rand des Grabeus ſich ausdehnte, ertönte hin und wieder Schnauben und Hufſchlag. Die wenigen Gäule, die den Münſterern noch blieben, liefen dort auf der Weide, bis die Schlachtbank ſie einforderte.— Eine peinliche Viertelſtunde verging, ohne daß Henſel mit ſeiner Schutzbefohlenen eine Sylbe gewechſelt hätte. Er lanſchte nach allen Seiten, ſpitzte die Ohren, witterte mit der Naſe. Endlich, des Harrens überdrüſſig, brummte er:„Es muß dem Herrn ein Unglück zugeſtoßen ſeyn. Was iſt zu thun?“ Angela erhob bittend ihre Hände und flehte:„Fort, fort, um Gotteswillen nur fort!“— Worauf Henſel:„Es iſt freilich am gerathenſten, aber was ſoll ich mit Euch beginnen? Weiß ich doch nicht, wer Ihr ſeyd, und kann ich Euch doch nicht die Auf⸗ nahme verbürgen, die Euer drüben wartet?“ Augela ſenkte ſeufzend den Kopf. Henſel fuhr mür⸗ riſch fort:„Das Wetter ſoll drein ſchlagen! ich werde nicht um des Junkers Ungeſchicklichkeit willen mein Leben durch längeres Zaudern auf's Spiel ſetzen? dennoch möchte ich das Weib nicht hülflos im Stich laſſen? Wer mir einen Rath gäbe? es blöken aber nur Fröſche um mich her, und höchſtens bellt in der Stadt ein heiſrer Hund!“ Da patſchte es im Waſſer; quer durch den ſchmalen Sumpfgraben mühte ſich ein ſchwarzer Körper.„Was gibts 2“ fragte Henſel leiſe,„der ſcheint noch eiliger, als wir.“ —„Henſel, Henſel!“ ſchwirrte eine Stimme herüber. „Das iſt unſer Mann,“ antwortete Henſel in ſeinen Bart, ergriff rüſtig ſeine Gefährtin bei dem Arme, ſchwang ſie auf ſeine Schulter und ſchritt dem Schatten nach. „Woher? warum ſo ſpät2“—„Kommt, kommt, ich freue mich, Euch zu finden!“ So fragte der Knecht, ſo entgegnete der Herr. Und Angela in die Mitte nehmend, flogen ſie den letzten Abhang bis zum Rand der Ebene hinan. Mit klopfender Bruſt ſtanden ſie oben ſtill. Sie waren im ſogenannten Königreich. — 184 Aber auch hier war längeres Bleiben nicht. Eine ge⸗ wiſſe Unruhe ließ ſich auf dem Bollwerk hinter ihnen ver⸗ ſpüren. Ein donnernder Ruf zitterte ihnen nach. Dann die tiefſte Stille. Die Fliehenden, den Rücken preisge⸗ bend, raſchelten durch Strauch und Dorn. Weiße Füllen bockten an ihnen vorüber, Fledermäuſe ſausten über ihren Häuptern weg. Der Ruf vom Wal wiederholte ſich; von Poſten zu Poſten gaben die Wachen Laut. Indeſſen ſtan⸗ den Angela und ihre unbekannten Freunde ſchon an den Zäunen, die das„Königreich“ jenſeits begränzten, und neben denen die Erdwälle der Belagerer ſteil anliefeu.— „Links, links!“ ermahnte Henſel, und brach an einer lich⸗ ten Stelle durch den Zaun. Mehrere grob in den Kies und Schutt gehauene Staffeln erleichterten das Klettern. Henſel und die Seinen waren auf dem Gipfel der Schanze, als juſt ein Schuß aus einer Muskete über die Zinnen der Stadt flammte, beantwortet von einer ausgedehnten Wachenkette. Angela konnte nicht einen Schritt mehr thun. Sie ſank im Schatten eines Einſchnitts in die Schanze nie⸗ der. Werner warf ſich neben ihr zu Boden, und Henſel, kriechend auf Händen und Füßen, lugte nach dem Lager. — Einige Feuer brannten in der Eutſernung von einer Feldlänge. Die Kriegsleute des Biſchofs rührten ſich nicht. Der unbedeutende und bald verſtummende Lärm auf dem Stadtwall ſtörte ſie nicht, als ein ſchier allnächtig vor⸗ kommendes Ereigniß. „Wie weit kann's in der Nacht ſeyn?“ fragte Henſel, nach dem Junker zuruͤckſchauend. —„Ich denke,'s iſt Mitternacht ſchon längſt vor⸗ über,“ verſetzte dieſer. „So thun wir am klügſten, des Tages Anbruch hier zu erwarten,“ hob wieder der Knecht an, indem er ſich zurückgleiten ließ,„ich habe wohl mein Zeichen und Sig⸗ nai, ich führe wohl das Tuch bei mir, aber der Guckuck 185 weiß, ob die Schlummerköpfe im Dunkeln darauf achten, und ob uns nicht blaue Bohnen ſtatt eines friſchen Trunks erwarten 2“ —„Ich kann jetzt nicht weiter,“ liſpelte Angela auf Werners Frage, ob ſie dem Vorſchlag beiſtimme, und der Junker ſetzte hinzu:„So ſchlaft ein Weilchen, Krone meines Lebens, und zaͤhlt auf Eure Wächter. So durch⸗ näßt und zerſchunden ich bin, mein Arm hält noch feſt, und ich will das Glück tapfer beſchirmen und hüten, das wieder zu erobern ich vor Kurzem noch verzweifelte.“ Angela antwortete nicht und lag ruhig, in ihren Schleier gehullt. Henſel dämpfte daher noch ſorglicher ſeine Stimme, indem er den Edelmann,fragte:„Was iſt Euch nur be⸗ gegnet, Herr? Ich dachte nicht mehr, Euch wieder zu ſehen, und das arme Weib lag mir ſchwer auf dem Her⸗ zen und auf den Armen.“ Weruer erwiederte:„Ich ging, wie ich mir vorgenom⸗ men, zweimal um den Thurm der Biſpinkpforte. Unter meinen Füßen plauderten ein paar Söldner, andere ſchnarch⸗ ren. Da war mir, als hörte ich Geräuſch an dem Fen⸗ ſterchen der Kammer, worinnen meine Lente mich, ihren Befehlshaber, ſchlummernd glaubten. Du weißt, daß dort Trümmer von alten Gebäuden ſtehen. Ich ging dem Ge⸗ räuſche nach und entfernte mich bis auf die Spitze, wo der Zinnengang wieder anhebt. Da bemerkte ich erſt, daß mir nur das Blut in den Ohren ſummte, und wollte, meiner Aengſtlichkeit lachend, umkehren. Aber in der Dun⸗ kelheit ſtrauchle ich, gerathe in ein Geflecht von Diſtel und Dorn, und plötzlich weicht ein Stein unter meinen Füßen, daß ich kerzengerade hinunterſtürze, und auf mei⸗ nen Sohlen ſtehe in einem ſchwarzfinſtern Raum. Einige Steine rollten mir nach; aber wie ich in die ziemliche Höhe hinaufſehe, war auch da wieder Nacht geworden, und Geröll hatte die Heffnung verſtopft, durch welche ich meine Höllenfahrt gemacht hatte. Mein Kopf brauste, 186 über meine Wangen und Hände lief das warme Blut, ich fühlte mein Knie ſtark gequetſcht. Trippelnd vor Un⸗ geduld und Schmerz, ſtoße ich mit dem Fuß an etwas Klingendes; ich bücke mich, ein Käſtchen, wahrſcheinlich mit Geld gefüllt, geräth in meine Finger. Ich ſtecke den Fund in meinen Koller; da ſteckt er noch. Aber mir war mit dem Reichthum nicht geholfen. Ich drehe und tummle mich, wie ein fallſüchtiges Schaaf, ſtoße die Stirn an rauhe Ecken, verwickle meine Füße in Steine und Moder und ſchließe endlich die Angen, ſtill ſtehend, um mich zu ſammeln. Denn um jeden Preis wollte ich der fürchterlichen Lage entgehen.“ „Puh! wenn Ihr das unglück gehabt hättet, zu ru⸗ fen 2 ſchaltete Henſel ein. „Ei! das hätte geheißen: den Henker rufen. Nein, das fiel mir nicht ein. Der Verſtand verließ mich nicht ganz und gar, und der Schuhpatron aller Kriegsleute, St. Velten, war mit mir. Denn, wie ich die Angen oͤffne, entſchloſſen, lieber zu verhungern, als mich und euch zu verrathen, und einige behutſame Schritte vor⸗ wärte mache, dämmert eine bleiche Helle vor mir auf. Ich gehe ihr nach, ſie verſchwindet, aber ſie kommt wie⸗ der; ich muß dann und wann gebückt ſchleichen, hie und da auf den Knien kriechen, aber endlich— endlich— ich hatte niemals ſo brünſtig gebetet— wird der Weg eben, und ein Ausgaug zeigt ſich. Sieh, der Himmel iſt dunkel, aber die NRacht in jener Gruft iſt ſo gräß⸗ lich, daß mir unſere heutige düſtre Sommernacht wie von Feuerſtrahlen erleuchtet ſchien. Nun, auf das Feuer ge⸗ hörte Abkühlung. Vor der Seffnung des Gangs ragten Stauden empor; ich hoffte, auf trockenes Land zu kom⸗ men, fiel aber in das Schilf des Sumpfs. Ich arbeitete mich unbehütflich durch, und ſiehe, ich Verſpäteter hatte euch einen Vorſprung abgewonnen.“ „Deo gratias!“ ſagte der Kuecht, und dann, den Fin⸗ 187 ger an die Naſe legend:„Ich will meine Seele verwet⸗ ten, daß Ihr von ungefähr den unterirdiſchen Gang be⸗ treten, wonach die Feldherren des Biſchofs vergeblich und lange geſpäht haben. Ha, wenn ihn die Wiedertäufer nicht oben verſchüttet hätten...« „Pah,“ ſprach Werner,„eittes Vorgeben. Sie haben ihn noch nicht gefunden, aber wohl den Einzigen todtge⸗ ſchlagen, der darüber etwas Näheres wußte. Ich getraue mich, den Weg noch einmal von außen zu treffen, und es wäre ein tapferes Tagewerk, aus dem Bauch der Stadt mit Waffen emporzuſteigen, während die Andern über das Kreuzthor einbrechen.“ »Mit dem Kreuzthor iſt's richtig,“ verſetzte Henſel: „ich habe einen Schanzpfahl locker gemacht und mit einem Kreuzſchnitt mir gemerkt. Iſt einmal dieſer ausgehoben, ſo liegt ein ſicherer Pfad vor uns, und dann...« „St! St! hör' ich nicht Trompeten?“ unterbrach ihn der Edelmann. „Bei Gott! es iſt das Clevner Reiterlied!“ ſagte Henſel, den Tönen freudig lauſchend:„Seht aber nur, Herr Junker: während wir plauderten, iſt das Morgen⸗ roth leiſe an den Himmel gekommen. Laßt uns dem lie⸗ ben Heiland danken, daß er uns glücklich herübergeleitet. Wollte nur das Glück ferner, daß wir abermals drinnen wären, um die Erndte zu halten!“ Mitten in die from⸗ men Gedanken, womit Henſel ſeine Rede begonnen, fiel eine ſchwere Verwünſchung aus dem Munde des Kriegs⸗ knechts:„Lieber wollt' ich verdammt ſehn, als die Aehre fehlen, die mir in der Erndte beſchieden iſt!“ knirſchte er, und ballte die Fauſt gegen die Stadt. Flugs wurde er jedoch weicher, daß er ſeufzte:„Natje, Natje, bitt' für mich, daß ich Dich räche!“— Eine Thräne aus dem wilden Auge wiſchend, ſprang er auf, und zog eine weiße Binde hervor.„Ich gehe jetzt, mich bei den Vorwachten zu melden. Verhaltet Euch mit Eurer Braut ruhig auf 188 dieſem Flecke, bis ich Euern Vetter, den Oberſt Sittard gefunden. Ein Geleit von ihm wird Euch am ſchnellſſten das Lager öffnen. Auf's Gerathewohl iſt jeßt nicht mehr mit dem Ausreißen und Ueberlaufen zu ſpaßen.“ Die weiße Schärpe hoch über ſeinem Kopf in der Runde ſchwengend, lief Hendrik wohlgemuth den erloſchen⸗ den Feuern und den roſenroth ſchimmernden Zelten ent⸗ gegen. Werner ſendete ihm ein„Fahrewohl“ nach, und murrte vor ſich hin:„Was hab' ich nun von dem Wahnſinn, der mich in der Wiedertäufer Narrenhaus gejagt hat? Die Reue, die Beſchämung und das quälende Bewußtſeyn, als ein Fremdling, wie ein geächteter Bettler, an der Gränze des Feldlagers zu ſitzen, wo alte Freunde und Verwandte ehrlich dienen und ritterlich befehlen.“ Er er⸗ mannte ſich lächelnd, weiter ſprechend:„Was ſchwatze ich aber? hab' ich nicht die Perle der Schönheit im wieder⸗ täuferiſchen Pfuhl gewonnen? und— damit die Schön⸗ heit nicht mit leeren Händen käme,— hat nicht ein wohlthätiges Zaubermännlein mir eine Ausſteuer dazu be⸗ ſcheert? Ich bin fürwahr ein undankbarer Schelm.“ Er beängelte das Käſtchen von allen Seiten, klimperte damit vor ſeinen Ohren.„Das klingt wie Gold,“ ſagte er wohlgefäuig. Alſobald ſetzte er hinzu:„Ja, ich bin ein Schelm, daß ich dieſes Mammons gedenke, bevor ich meine Holdſchaft begrüßte.— Da ruht ſie wie ein ſorg⸗ loſes Kind an meiner Seite. Der garſtige ſchwarze Schleier, dicht wie ein Sack! Hätt' ich nicht ſo viel Ehrfurcht vor der Schonen, und hätt' ich nicht theuer gelobt, nicht zutäppiſch ſeyn zu wollen,— ich weckte ſie mit einem Kuſſe. Mindeſtens darf ſie nicht zürnen, wenn ich der erfriſchenden Morgenluft ihre Wangen preisgebe, um mich zugleich an deren Lilien und Roſen zu ergötzen.“ Er hob ſachte den Schleier. Ein Schrei der Ueber⸗ raſchung entfuhr ihm. Die erwachende Angela ſah vor 189 ſich ihren Retter mit offenem Munde, verſtörten Augen, aufrecht, aber wie zur Flucht ſich wendend.„Alle gute Geiſter...“ ſtammelte er, und ihm verſagte die Stimme. Angela, die ihrer Erinnerungen ſchnell wieder Herr wurde, faltete die Hände, und bat mit ſüßer Wehmuth: „Wollt vergeben, Herr von Scheiffort. Ihr ſeyd getänſcht, aber Ihr habt die unſchuldigſte Jungfrau aus dringender Todesgefahr gerettet. Wenn nicht Eliſabeths Liebe, ſo vergelte Euch doch meine Dankbarkeit mit tauſend Se⸗ genswünſchen Enre That.“ „Das iſt Angela zum Ringe,“ ſagte Scheiffort, wie zu ſich kommend:„Ihr ſeht blaß, Jungfer. Kaum dem Rachen des Fiebers entgangen,— wie fandet Ihr die Stärke, den gefährlichen Gang zu wagen...2 Und Eliſabeth...2 O die Schlange, o die Betrügerin! Darum mußte ich um eiuen Tag früher meinen Streich ausführen...2 O welch ein Blendwerk! und jetzo liegt doch alles mir ſo klar vor Augen. Die Falſche wollte ſich einer furchtbaren Nebenbahlerin euttedigen, um des Schneiderkönigs Gunſt vollends an ſich zu reißen, und ich, der Narr mit Schild und Wappen, war die Katze, die mit ihren Pfoten die Kaſtanien aus dem Feuer holte!“ Da ſich Werner in ſeinem Unwillen auf die Bruſt klopfte, traf er auf das Käſtchen, zog es hervor, und ſprach bitter lächelnd, indem er ſeinen Fund betrachtete: „Hatte ich nicht recht, mein Auge zuerſt auf den Schatz zu wenden? Das Gold iſt mir treu geblieben, während meine erſte, wahre Liebe...! O laß ſehen, Du zau⸗ beriſcher Fund, ob Du wirklich mit Gold meine zermalm⸗ ten Glieder heilen willſt, oder ob auch mit Dir mich ein Herenmann äffte. Gold oder Kohlen? laß ſehen!“ Er brach das Käſtchen auf.„Herr Gott!“ ſchrie Angela:„das iſt meines Vaters, Maler Lüdgers Schatz!“ Werner von Scheiffort lachte grell und höhniſch auf. 190 „Wohl, mein Püppchen!“ rief er:„ich hätte nichts Eili⸗ geres zu thun, als meine Thorheit volkommen zu machen, und Dir auch noch das Gold als einen Reiſepfenning zu überlaſſen? Bei'm Leib des Herrn, den ich wieder als ein rechtgläubiger Chriſt verehre: das wär' ein luſtiger Streich, wenn ich dem Liebchen und dem Geld zugleich entſagte, ich guter Narr!“ Angela erzählte ihm, wie Rynald den kleinen Schatz in dem Gewölbe der Biſpinkpforte vergraben, ſagte ihm die Zahl der Goldſtücke, und einen Reim, der in den Kaſten geſchrieben war, damit der habſüchtige Junker von ihrem Recht, ihr Eigenthum wieder zu fordern, überzeugt würde. Dann ſprach ſte aber mit adelichem Sinn und Ausdruck:„Dies ſoll Euch nur beweiſen, daß ich nicht log, mein Herr. Im Uebrigen danke ich fußfällig dem Himmel, daß er mir vergönnt, Euern Beiſtand, ob Ihr ihn gleich bereut, mit mehr als leeren Wünſchen und Gebeten vergelten zu können. Behaltet ruhig dieſen Noth⸗ pfenning, ich ſchenke ihn Euch, und mein Vater wird gerne das Geſchenk beſtätigen. Für ſeiner Tochter Leben iſt ihm kein Löſegeld zu groß.“ Werner errothete, und klapperte unſchlüſſig mit dem Käſtchen in ſeiner Haud. Er wagte nicht, der ſchbönen Jungfran in's Geſicht zu ſchauen; ein Reſt von ehrlicher Geſinnung mahnte ihn, den Raub zurückzugeben. Die Habſucht, die ſeinen Finger krümmte, ließ es nicht zu... Da wirbelten dumpfe Trommeln in der Stadt. Hoch über die Schanzen ſchlug Geſchrei in die milde Luſt em⸗ por; nicht nur Geſchrei unruhigen Volks, ſondern Ge⸗ kreiſch, Gehenl, Gezeter.— Angela ſtarrte nach dem Liebfrauenthor, das ſich in mäßiger Entfernung zu ihrer Linken zeigte. Werner gaffte, neben ihr lehnend.— Nicht lange, und ein buntes Gewühl wälzte ſich ans dem Thore über die fallende Brücke. Männer, Weiber und Kinder durcheinander. Hellebarten und Knüppel jagten, 191 von Kriegerfäuſten geſchwungen, die Menge auf das„Kö⸗ nigreich“ heraus. Da zerrann das Gewühl in einzelne Schaaren, da näherten ſich viele der Schanze, von deren Höhe Werner und Angela niederſahen. Und ſie gewahr⸗ ten, was das roheſte Herz zerreißen mußte: abgemagerte alte oder kranke Weiber mit ſchreienden Sänglingen auf den dürren Armen, an der vertrockneten Bruſt; kleine ab⸗ gehungerte Geſchöpfe, die blau, voll Beulen und hohl⸗ äugig an der Mütter Seite ſchwankten, ſtolpernd über die eigenen Füße; greiſe Männer, zitternd wie Schatten und gekrümmt unter Gebreſte und Mangel. Dieſe Jam⸗ mergeſtalten erfüllten mit ihrem„Wehe! wehe!“ die nackte Ebene des Königreichs. Hie und da ſtürzte eine derſelben vor Mattigkeit zuſammen, ohne daß die übrigen halfen; andere krochen zu den Hecken, um Rinde und Blätter zu ſammeln, ihren ſchnappenden Mund zu füllen; ein Haufe von alten Bettlern fiel über ein Pferd her, das ſcheu an ihnen vorüberhinkte, lahm an einem Fuße. Aber die Stärke des kranken Roſſes war immer noch ubermächtig gegen die Hungerwuth der Entkräfteten. Mit einem Huf⸗ ſchlag machte es ſich Luft, und ſeine gierigen Verfolger lagen hülflos zu Boden. Die Rüſtigſten der bis auf die Knochen abgehärmten Schaar verſuchten die Erdwälle der Biſchöflichen zu erklimmen.— Vergebliche Mühe. Dieſe Dämme wimmelten plötzlich von Söldnern und Bauern, die aus dem Boden zu wachſen ſchienen. Waffen ſtreckten ſich den Anklimmenden drohend entgegen. Dennoch war der Angriff nicht feindlich gemeint; die Hülfloſen warfen ſich auf die Kniee, falteten die Hände, und wimmerten: „Gib uns unſer täglich Brod, o Herr, denn der König hat uns verſtoßen, weil wir hungern, und keine Speiſe mehr für uns vorhanden iſt. Habt Barmherzigkeit, ihr Feinde und Landsleute! Wir haben nicht Salz, nicht Mehl bekommen ſeit mehreren Tagen. Ratzen und Wür⸗ mer waren unſere Koſt, und auch dieſe ſollten wir nicht 192 mehr in der Heimath genießen! Seht die Peſt, die un⸗ ſere Kinder verzehrt! Der Biſchof wird nicht wollen, daß die Unſchuldigen ſterben! Nehmt unſer Blut, aber füttert damit unſere Kinder!“ — Dieſes Wehklagen erſchütterte manches Soldaten⸗ herz, und mancher Knecht im groben Kittel zog weinend eine Brodkruſte aus ſeinem Schnappſack, und warf ſie in's Königreich hinunter, wo ſie des Stärkſten Beute wurde. Aber unerbittlich wurde den Jammernden der Eingang in des Lagers Bereich verwehrt.„Des Biſchofs Befehl! des Biſchofs Befehl!“ ſchrieen die Auführer, und die Partiſanenſtangen ſchiugen ohne Unterſchird in die Ebene zurück, die ſich zu nahe herandrängten. Auch Werner und Angela waren aiſobald von Reitern umgeben, beſtürmt mit tanſend Fragen. Weruer berief ſich auf den Oberſt Sittard, und gewann bei der Rotte Gehor; aber was er für Angela vorbrachte, wurde ver⸗ worfen, verhöhnt und verflucht.„Hiuab mit der Fremden zu den Andern!“ ſchalt ein Hauptmann mit grauen Haa⸗ ren auf brauſendem Kopfe:„was ſollen uns ihre Thrä⸗ nen, ihr glattes Geſicht? Eine Ketzerin, wie die andernz ſtoßt ſie hinab.“ Angela klammerte ſich an Werner.„Laßt ſie los 1“ polterte der Hauptmann wieder:„Ihr ſeyd auch ein ver⸗ dächtiger Maun, und wehe Euch, wenn der Oberſt nicht für Euch Bürgſchaft leiſtet. Schlagt zu! die Peſt allen Wiedertäufern!“ Dieſelben Schimpfreden erſchallten im weiten Kreiſe der Gränze; die unglücklichen Vertriebenen hatten vor ihnen den rachgierigen Feind, und hinter ihnen, auf den Zinnen der Stadt, die hohnlachenden Trabanten des Kö⸗ nigs, oder die wehrloſer Angehörigen, die entmuthigt den Verwieſenen nachſchauten. Zwiſchen den vorgereckten Spießen und Musketen der Biſchöflichen klang nur hie und da ein Wort der Beſänftigung und des Mitleids hervor. Es 193 waren die Prieſter, die im Lager bei den Fahnen weilten, welche die aus der Stadt Verſtoßenen zur Hoffnung und Geduld ermahnten.— Einer von ihnen, der ehrwürdigſte, näherte ſich hülfreich und ſorgenerfüllt dem Orte, wo Angela, von Werner getrennt, ſich gegen die Soldaten ſträubte, die ſie in den Tumult der Verbannten hinnnter⸗ ſtürzen wollten. Angela ſah das wehende Gewand des Prieſters.„Mein Vater! hochwürdiger Herr! zu Hülfe, zu Hülfe!“ ſchrie ſie, und warf ſich verzweifelt zu ſeinen Füßen.„Was iſt, meine Lochter! warum mißhandelt Ihr dieſes Weib?“ fragte der Prieſter mit aller Heftig⸗ keit der Menſchenliebe,— und die halbohnmächtige An⸗ gela erwachte an Sibings Bruſt. Sie umſchlang ihn krampfhaft.„Rettet mich, oder laßt mich in Euern Ar⸗ men meinen Geiſt aufgeben!“ ſeufzte ſie, und er erwie⸗ derte„Fügung des Himmels! ich verehre Dich!“ Aber die wilden Krieger wollten von ihrer Grauſam⸗ keit nicht laſſen.„Was will der Pfaffe?“ tobten ſie,„iſt nicht der Befehl da, alle zurückzuwerfen, die aus der Stadt kommen? Soll dieſes Geſchöpf eine Ansnahme machen?“—„Wieder eine, die unſern Biſchof ermorden will!“ rief einer der Reiter, worauf die Andern:„Weg, weg mit ihr! Sie muß hinunter, und hätte der Papſt ſeine Krone über die Ketzerin gedeckt!“ Die morſchen Arme Sibings ließen ſchier die Jung⸗ fran fahren,— als„Gnade!“ gerufen wurde, als die Barmherzigkeit ihre verſohnende Stimme erhob. Der edle Mengersheim ritt längs den Wällen hin, und rief:„Es ſind eure Landsleute, es ſind Menſchen wie Ihr! Schont die armen Hungernden, und laßt ſie heran, daß ſie ſich erquicken. Ich nehme es auf mich, dieſe Milde zu ver⸗ antworten. Der Biſchof wird bei ſeiner Heimkehr mein Verfahren gutheißen. Kommt, kommt, ihr Müden und Beladenen! Kommt, ihr Reuigen und Schmachtenden! Der König von Zion. III. 15 194 Wir wollen euern Leib ſtärken, ehe wir eure unſterbliche Seele wieder geneſen machen!“ Da ſchwieg das Wuthgebrüll, und tauſendfältiges Schluchzen der Rührung antwortete dem weißlockigen Friedensherold.— Sibing umſchlang nun ſeinerſeits die bebende Angela und ſagte:„Komm auch Du, Du Müde und Beladene, daß ich Dich erquicke.— Komm, Du ſollſt noch heute Deinen Rynald ſehen.“—„Rynald? Engel des Troſtes! Er lebt, gedenkt meiner?“ —„Er lebt, aber erſchrick nicht, ihn in Feſſeln zu finden. Deine Hand wird ſie ja löſen, Deine Liebe wird ja ſeinen Geiſt befreien, und ihn wieder zu einem der Unſerigen machen!“ Der würdige Cuſtos zog ſeines Rynalds Braut froh⸗ lockend aus dem Getümmel, der Anhöhe zu, wo des Gra⸗ fen von Uberſtein Quartier erbaut war, und des Biſchofs Fahne flatterte. Achtes Buch. 1535. Sieben und zwanzigſtes Kapitel. Belehnung und Martyrthum. Die bei Sonnenaufgang begonnene und plötzliche Aus⸗ treibung der verſchmachtenden Weiber und alten Leute von Münſter dauerte mehrere Stunden ſort. Die vom König geſendeten Schergen brachen in die Häuſer, und zogen Viele, die ſich vor dem unmenſchlichen Befehle ver⸗ krochen hatte, an's Tagslicht.„Hinaus mit den unnützen Verzehrern!“ hieß das Feldgeſchrei der Büttel, bei denen weder Fürbitte, noch Bürgſchaft, noch Beſtechung half. Viele der Verwieſenen gingen indeſſen gleichgültig ihrem dunkeln Schickſal entgegen. War es ihnen doch einerlei, ob ſie in ihren Häuſern, oder im Freien den Tod fanden! Ein ſtillſchleichendes Peſtillenzfieber niſtete ſich bereits in den düſtern Gaſſen ein, ſchöner war's, unter'm heitern Himmel zu ſterben. Darum zogen lange 196 Reihen von Vertriebenen, ohne zu murren, geduldigen Schaafen gleich, und verhüllten Hauptes, den Thoren zu. Es miſchten ſich unter dieſe ruhigen Opfer dann und wann Gruppen von ihren Verwandten und Freunden, die ihnen Zuſpruch und Troſt ſpendeten, und ſie nicht eher verließen, als au dem Schlagbaum, den die Rüſtigen nicht überſchreiten durften. Daher ſah man hin und wieder ſogar königliche Dienerröcke unter den verblaßten Gewän⸗ dern der ziehenden Menge ſchimmern. Reimenſchneider, der Tafeldecker, zum Beiſpiel, führte ein hinkendes Weib, das den Kopf kaum mehr aufrichten mochte.„Faſſe Dich, Baſe, faſſe Dich, alte Barbara,“ ſagte der Tafeldecker von Zeit zu Zeit mit lanter Stimme:„Draußen gibt's auch Menſchen, hier innen wird jedoch bald kein Brod mehr ſeyn, und der Eſſer ſind gar zu viele. Faſſe Dich, alte Barbara. Sobald Zion geſiegt hat, wird euch tau⸗ ſendmal vergolten werden, was ihr heute leidet.“ Dann bückte er ſich hie und da zu dem hängenden Kopf der Lahmen nieder, und flüſterte:„Macht's nicht gar ſo arg, Meiſter, und hebt Euern gichtbrüchigen Fuß gelenker. Je früher Ihr draußen ſeyd, je beſſer iſt's für Euch, für mich, und für die Frau Eliſabeth.“ Worauf Meiſter zum Ringe, der in der Vermum⸗ mung ſteckte, ein wenig den Kopf hob, die Naſe und den geſchornen Mund ein bischen frei machte, und ängſtlich murmelte:„Mir iſt zu Muthe, als hinge mir eine Tafel auf dem Rücken, und auf der Tafel ſtände mein Name! Ach, guter Mann, wenn nur mein armes Kind... Sang Dieu! die Wehmuth erſtickt meine Stimme... 6 Lüdger räusperte, ſchneuzte ſich und nahm die groben Röcke, die ihm ſehr hinderlich waren, linkiſch genug zu⸗ ſammen, als plötzlich die ganze Maſſe von Wandernden einen Stoß erhielt, der ihre Schritte bis zur Flucht be⸗ ſchleunigte. Es war ein Geſchwader von wilden Reitern, das den 197 Markt herabſprengte, Alles vor ſich niederwerfend und wegfegend, Knipperdolling, auf ſeinem Rappen, und Krech⸗ ting waren an der Spitze. Hinter dem wilden Troß leuchtete der Schimmel des Königs, und Bockelſons Stimme ſchrie, ſobald ein wenig Stille wurde:„Treibt ſie aus, aus, in die Länder der Heiden! Gebraucht das Schwert, ihr Kämpfer! Wehe denen, die nicht ſchnell genug von dannen weichen! Des Vaters zürnende Herrlichkeit naht!“ Was Reimenſchneiders Zureden nur mit Mühe be⸗ wirkt haben würde, gelang dem Anlauf der ſchweren Mannſchaft zur Stelle. Lüdger vergaß ſeine Gicht und die Unbequemlichkeit ſeiner Kleidung. Er lief, ſprang, flog wie die Andern. Er war einer der Erſten, die aus dem Thore quollen. Auf Befehl des Königs wurden die Pforten alsbald hinter den Flüchtigen verſchloſſen und verriegelt. Die gezehntete Bürgerſchaft verſammelte ſich beim Schall der Trommeln und Zinken auf dem Markte, wo der Thron des Königs prächtiger, denn ſonſt, herge⸗ richtet war, von geputzten Wächtern umringt, und zu einem ganz abſonderlichen Auftritt geſchmückt. Der König ſaß ſchon auf ſeinem Stuhle, mit allen Zierrathen behangen, die er an ſeinem Leibe hatte an⸗ bringen können. Sein Anblick hatte, trotz der verſchwen⸗ deriſchen Pracht, etwas Närriſches, und ſein Geſicht war zerriſſen von tauſend immer heftiger auf einander folgen⸗ den Bewegungen. Seine Augen ſchienen in Feuer zu ſchwimmen, ſeine Wangen trugen rothe Streifen, wie die eines Fiebernden, die bald kamen, bald vergingen. Er drehte dann und wann ſeinen mit der Krone bedeckten Kopf, wie ein Vogel, plötzlich, ohne Urſache, nach allen Seiten, er ſpielte ungeduldig und zitternd mit dem Zep⸗ ter, und klopfte damit,— wie ein zerſtreuter Muſikant auf das Hackbrett,— ſo auf zwölf kleine, verſchieden⸗ artig geſtaltete Kronen, die vor ihm in einer Reihe auf Polſtern ſtanden. 198 Es ſchaarten ſich ſeine Aelteſten und Freunde um ihn. Rottmann hielt eine kurze ſalbungsvolle Predigt von der Erwählung und Berufung, und pries den Fürſten von Sachſen glücklich, der dazu gelangt ſey, Gottes Gebote einzuſehen, und alle Hoffart der Welt zu verabſchieden. Der falſche Churfürſt, der in ziemlich betrübter Größe neben dem König ſtand, hörte andächtig zu, und ſchien in Gedanken eine Rede durchzugehen, ſo eifrig bewegte er die Lippen, wenn er ſich ſchon ſtellte, als ob er ganz Ohr wäre. Der König ließ nach Rottmanns Predigt die Trompeten blaſen, und ſprach von ſeinem Throne mit einer ſo aus⸗ ſchweifenden und ſchwülſtigen Heftigkeit, daß Alle darob erſtaunten:„Es iſt ein Kreuz, das unſer Heiland auf die Erde gelegt hat, mir iſt das Kreuz und die Dornen⸗ krone geworden. Herr, nimm von mir den bittern Kelch! Iſrael hat falſch und niederträchtig am Herrn gethan. Die Amalekiter ſind rechtſchaffener, die Bundeslade wird zu ihnen heimkehren. Euer König iſt ermordet worden; es iſt, als ſähet ihr ihn todt vor euch. Verruchte Miſſe⸗ that, vor der die Erde ſchweigt, und die von der Hölle in tiefe Nacht begraben werden wollte. Aber... hier rollten des Königs Augen wild und argwöhniſch im Kreiſe umher.„Aber der Vater hat mir den Thäter ge⸗ offenbart. Hört ihr? ich weiß den Schuldigen, ich kenne den Hochverräther, den Gottesmörder,— denn es iſt gerade ſo, als hätte der Frevler den Pfeil auf den Er⸗ löſer abgeſchoſſen, da er ihn auf mich, Chriſti Statt⸗ halter, abdrückte. Ich werde in Kurzem den Meuchler bezeichnen und ſtrafen, es iſt mir hente noch unterſagt.“ Bockelſon beſann ſich etwas. Sein argwöhniſcher Grimm hatte den Faden der Rede verloren. Er wendete ſich zu Hazenbrvoker:„Sprich Du, unſer lieber Vetter.“ Hazenbrooker antwortete mit der Faßſtimme und den Geberden, die einſt Leyden an ihm bewundert hatte. 199 Seine Erwiederung war übrigens auswendig gelernt, und hatte durch Bockelſons Eingang vorbereitet werden ſollen. Darum paßte ſie nicht auf das Stichwort. Hazenbrooker begann in ganz barbariſchem Deutſch:„Was die unüber⸗ windliche Majeſtät von Zion geſagt hatte, iſt trefflich und weiſe, goldene Früchte in ſilbernen Schaalen. Die Menſchen müſſen weichen, wo Gott ſelbſt, unſer Vater, befiehlt. So lege denn auch ich... Gerlach von Wulen drängte ſich ungeſtüm in den Kreis um den Thron, und fiel dem nachgemachten Chur⸗ fürſten ohne Umſtände in die Rede:„Du biſt verrathen⸗ König, verrathen. Der Hauptmaun Scheiffort— Fluch ihm, den ich begünſtigt hatte!— Scheiffort, dem die Biſpinkpforte vertraut geweſen. „Der Feind 26 hallte es wie eines einzigen Mannes Geſchrei aus der Menge. Der König ſprang ängſtlich auf, und ſeine Kniee ſchlotterten. Knipverdolling drückte ihn barſch auf den Seſſel nieder, hinzufügend:„Die Stadt iſt noch ganz und gar unſer. Der Verräther allein iſt entflohen, in Geſellſchaft eines Knechts, der ſich vor wenigen Tagen anwerben ließ, und für einen Jütländer ausgab. Deine Gebetzeit, Bockelſon verbot Dir, den Jüt⸗ länder ſelbſt zu verhören, ſonſt hätte Dein Scharfſinn des Burſchen Falſchheit ergründet. Was iſt nun mehr? zwei räudige Schafe weniger in der Hürde; das iſt Alles. Der Moderſon bewacht jetzt die Pforte, und Alles iſt gut. Unterbrich die Sitzung des Königs nicht ferner, Gerlach!“ Der Name Eliſabeths ſchwebte auf der Lippe des bos⸗ haften Edelmanns; zum Glück beſann er ſich, daß er ſei⸗ nen Kopf in Gefahr bringen würde, wenn er von dem Abenteuer der letzten Nacht ſpräche. Zudem ſchnitt ihm der König ſelbſt das Wort vom Munde. „Hallelujah!“ rief Jan mit gezwungener Begeiſterung. „Die Feigen bedeckten ihr Haupt mit Schande und mit 200 Aſche der Schmach. Ehre allein denen, die getreu ihre Pflichten üben und ihr Amt verwalten! Ich ſpreche den Fluch Salamons über die Elenden aus, die ihre Hei⸗ math und Fahnen treulos verlaſſen. Sie ſollen verdorren, wie der verfluchte Feigenbaum, in ihren Gebeinen ver⸗ trockne das Mark. Streiche ſie aus, Herr, aus dem Le⸗ ben und dem Buche der Engel. Nicht im Thale Joſaphat, nicht heute am Tage königlicher Huld und Freude werde fürder ihr Name genannt!— Fahre fort, lieber Vetter Fritz von Sachſen.“ Trotz des Gemurmels, das einige Unzufriedene erho⸗ ben, wurde es ſtille, und Hazenbrooker ſollte weiter reden. Aber die Unterbrechung und Angſt hatten den dreiſten Schanſpieler in Verwirrung verſetzt. Was er vorbrachte, war ein wunderlicher Knäul von unverſtändlichen Senten⸗ zen, die er herausſprudelte, je nachdem ein oder das an⸗ dere Schauſpiel ſich ſeinem Gedächtniß darbot, ihm aus der Noth zu helfen.— Endlich ſchloß er zur großen Freude der Zuhörer und zum Verdruß des Königs, in⸗ dem er eine Fürſtenkette, die man ihm umgehangen, von ſeiner Bruſt nahm, zu Bockelſons Füßen niederlegte und ſehr geſpreizt ausrief, was der Held in dem Stück vom „Herzog Emanuel“ zu ſagen hat: „Das Reich iſt Dein; ich wilt von Griechen nichts mehr wiſſen, Mein Leben dann als Klausner auf Olymp beſchließen. „Was hat er geſagt?“ fragten die guten Munſtrer, „reden ſie wälſch in Sachſen?“—„Da haben wir den Pfaffen Fabritz beſſer verſtanden, als dieſes räthſelhafte Stück von einem Fürſten!“—„Pſt! ſtille, läſtert nicht! der König redet!“ Jan erklärte in gutem Plattdeutſch des Hazenbrooker Meinung:„Unſer Vetter will ſein Reich abgeben und von Sachſen nichts mehr wiſſen! dagegen als ein Klaus⸗ ner ſich nach Galiläa zurückziehen.— Wohlan denn!“ 201 fuhr Bockelſon fort,„ſo nehme denn alsbald die Verthei⸗ lung der Erde unter die wahren Iſraeliten ihren Anfang. Der Vater hat mir befohlen, heute zwölf Herzoge zu er— nenneu. Da ſtehen ihre Kronen; gebt Achtung: ich rufe die Hänpter unter die Kronen, und weil es unſerm Vet⸗ ter Freude macht, ſoll das Herzogthum Sachſen den Vor⸗ tritt haben.— Johannes Denker! ſteue Dich, und em⸗ pfange die fächſiſchen Churlande!“ Denker nahte ſich, angenehm überraſcht, bog die Kniee vor dem König, ließ ſich von ihm den Goldreif auf die ſtruppigen Haare drücken und empfing einen Kuß vom kö⸗ niglichen Munde, der huldvoll hinzuſetzte:„Jan Denker! Du haſt, im Staube verborgen, wie Moſes im Schilfe verſteckt geweſen, Kerbhölzer geſchnitten, auf Tafeln ge⸗ rechnet, die Kreide geführt, Luch gemeſſen und Pfeffer gewogen. Jetzo geht Leuchten von Deinem Geſichte aus, und Du wirſt die Geſetztafeln bewachen, Jedem Deiner Unterthanen mit gleichem Maße der Gerechtigkeit meſſen und zuwiegen. Geh' hin und folge nur dem Geiſte, denn es bedarf der Menſch keiner Gelehrſamkeit, ſobald er dem Vater gehorcht.“ Denker ſtellte ſich zur Seite. Der König rief wieder, nachdem die Trompeten verklungen:„Henrich Tantus, der Kupferſchmied! nimm hin als Dein Eigenthum das reiche Erzſtift Mainz. Du ſoliſt nicht nur ein Kanzler des Reichs, ſondern der ganzen Welt ſeyn. Du wirſt ſchreiben mit Griffeln von Erz, wirſt mit ſchweren Häͤnden auf die Stirnen von Zions Feinden ſchreiben.“ „Willigis Leddan! Der Vater hat Dir das Reich unſeres herben Feindes, des Pfaffen von Cölln, beſcheert. Du wirſt Segen bringen, wo die Baalsprieſter Schande ſäeten.“ „Henrich Koch, der Osnabrücker! Dein gehört die Krone des Erzſtifts Trier!“ „Bernhard zur Moer, ein Schneider! Dir iſt das 202 Herzogthum Braunſchweig zugefallen. Sey glücklich, ſtolz und gefürchtet!“ „Johannes Redecker, Chriſtian Kerkeriuck, ihr verſuchte Stüßtzen Iſraels! empfahet das Herzogthum Weſtphalen, und die Länder von Jülich und Cleve, deſſen Heideufürſt auf unſern Untergang ſinnt.“ „Niklas Stripe, Du fleißiger Krämer! herrſche über die Frieslande und das Land von Gröningen.“ „Getreuer Hermann Reyninck! laß' Dir huldigen von Magdeburg und Hildesheim!“ „Jan Raterberg, der Waffenſchmied! Die Bisthümer Bremen, Minden und Verden ſeyen in Deiner Hand ver⸗ einigt.“ „Geldern und Utrecht hat der Geiſt dem Hans Palk zugewieſen, daß er ſie als ein tapfrer Herzog regiere.“ „Engelbert Edinck! Du biſt der Letzte unter den Be⸗ rufenen, aber der Preis, den Du hinwegzunehmen haſt, iſt nicht der geringſte. Laß' Dich krönen als ein Herzog von Brabant und Holland!“ Ein furchtbares Getöſe von allerlei lärmenden Inſtru⸗ menten, von Waffen und Menſchenſtimmen, brauste him⸗ melan. Die nengemachten Herzoge waren unter ihren Kronen gleichſam toll geworden. Die Würden⸗ und Län⸗ derverleihung machte ſie alle glücklich, wenn gleich ihnen ſelbſt das Beſitzergreifen zur Stunde noch ſchwierig vor⸗ kam. Kaum woülte der Freudenranſch endigen. Die Kro⸗ nenträger tanzten wie Thoren vor dem König, bis dieſer ſie mit dem Zepter ſchlug, und mit dem Stampfen und Schreien eines aufgebrachten Herberggeſellen wieder etwas Ruhe ſtiftete. „Hört! hört! ts ſpricht der Herr alſo!“ rief der Kö⸗ nig:„Zion ſoll in zwölf Viertel getheilt, und über ein jedes ein Herzog geſetzt ſeyn mit vier und zwanzig ge⸗ panzerten Trabanten. Von den Thoren und Pforten der Stadt ſoll ein jegliches und eine jede von dem Herzog 203 des Viertels abſonderlich bewacht und gehütet werdeu. Drei Räthe ſollen bei einem jeden Herzog ſeyn, und ihn unterſtützen. Die Herzoge haben nur vom Könige Be⸗ fehle zu empfangen, und mögen den Tod über einen jeden Iſraeliten verhaͤngen, der auf einen Fehltritt betroffen wird.“ Dieſe Privilegien wurden mit abermaligem Jubel auf⸗ genommen, und die zwölf Herzoge leiſteten, ohne ſich zu bedenken, einen fürchterlichen Eid in die Hände des Kö⸗ nigs, worauf ſie auf dem Platze ſelbſt alſogleich ihre Räthe und Trabanten auserwählten, Bedienungen, die gar zu gern angenommen wurden, weil ſie Ausſichten auf größere Gewalt und größern Antheil an den Lebensmit⸗ teln gewährten.— Die Aelteſten, die Räthe des Königs, der Stadtvogt und Schatzmeiſter, die Kriegsherren und Diakonen machten ſcheele Augen zu dieſer Neuerung. Sie fühlten, daß ihren Händen die Macht zu entfallen im Begriff ſey, denn Jan hatte nicht umſonſt die ver⸗ wegenſten und unbengſamſten Ketzer in Herzoge verwan⸗ delt. Er ſchuf ſich in ihnen und ihren bewaffneten Knech⸗ ten dreihundert tapfre Leibwächter, die ihm und ſeinen Pforten allenthalben nahe ſeyn konnten, ſeinem Leibe zum Schutz, dem Feind zum Trutz. Wenn aber der Stadtvogt ſchwieg und Krechting nicht murrte, und der ganze Senat ihrem Beiſpiel folgte, ſo kounte Gerlach von Wulen ſeinen Groll nicht hinnnter⸗ ſchlingen.„Das iſt der Lohn Deiner Getreuen?“ fragte er den König trotzig: O Jan, was hatteſt Du uns ver⸗ ſprochen 2.—„Daß Ihr die Erſten vor allen Thronen ſeyn ſolltet, und das werd' ich halten, lieber Bruder Gerlach,“ antwortete der König mit vieler Gelaſſenheit: „Sieh' dieſe Herzoge, die erſt ihre Länder zu gewinnen haben, und beneide ſie nicht, Du, der dem Throne ſo nahe ſteht. Ich bin jedoch bereit, Dir auf der Stelle einen Beweis meiner Liebe zu geben, einen glänzenden 204 Beweis. Zwinkere nicht eiferſüchtig mit Deinen Augen, Bruder Knipperdolliug. Du haſt Deinen Lohn ſchon vor⸗ weg, indem ich Dich zum Naochfolger in meinen Reichen ernannt habe. Gerlach iſt noch nicht bedacht worden, wie Knipperdolling. Darum ſoll er ſich heute noch mit mei⸗ ner Schweſter Margitta vermählen, und das Band ſchwä⸗ gerlicher Freundſchaft verknüpfe uns.“ —„Mein König...!“ ſtammelte Gerlach, deſſen Wange von Beſchämung erglühte:„vergönne, daß... höre wenigſtens...« Er ſtockte, weil ihn die Wuth zu erwürgen drohte. Der König fuhr aber hämiſch fort:„Nicht doch, mein guter Gerlach. Deine Beſcheidenheit ſteht Dir wohl, aber Du ſollſt mich nicht hindern, Deine Hochzeitkerzen anzu⸗ zünden. Du biſt geneigt zu heirathen. Zions Geſetze gebieten es. Kann ich nun mehr thun, als meine Schwe⸗ ſter in Deine Arme legen? Gerne würde ich Dir meine Averall antrauen, wenn nicht ihre gar zu frühe Jugend Dir eine allzulauge Wartezeit aufetlegte.— Nein, nein, guter Gerlach, es iſt zwiſchen uns bereits Alles im Rei⸗ nen. Dem Verſprechen ſoll die Erfüllung auf dem Fuße folgen. Ich ſchickte meinen Hofmarſchall, das Erſcheinen der Königinnen zu beſchleunigen. Wenn ich mich nicht irre, zeigt ſich dort an der Ecke der Aufzug. Rottmann, halte Dich bereit zur Einſegnung. Gerlach ſoll die Ehre haben, am ſelben Tage, wie ſein König, das Hochzeitfeſt zu begehen.“ Wulen ſpielte unentſchloſſen und emport mit dem Knopfe ſeines Schwerts, und mehr als einmal beſchlich ihn der Gedanke, die tapfere Klinge in des heuchleriſchen Bockelſon Bruſt zu ſtoßen, und ſomit des grauſamen Poſſenreißers Laufbahn zu endigen. Aber— die Folgen waren nicht im Voraus zu berechnen. Die Freunde des Tyrannen konnten den Sieg behalten.. und Gerlach, obſchon ein friſcher Degen, war nicht Held genng, ſein 205 Leben auf dieſe Weiſe in die Schanze zu ſchlagen. Er bezwang ſich daher, und machte ſogar, die Spötter hin⸗ ter's Licht zu fuͤhren, ein gut Geſicht zum böſen Spiele.— Des Königs Auge hatte ihn nicht betrogen. Der Zug der Königinnen näherte ſich in der That, geführt von dem Oberhofmeiſter, doch näherte er ſich, wie ein Leichen⸗ zug. Tilbeck ſchien verlorene Demanten im Sande zu ſuchen; Rodeus ſtützte ſich ermattet auf einige Diener. Diwara und ihre Gefährtinnen hatten ihre Schleier, ein Zeichen der Trauer, über das Geſicht gezogen. Heleueper, der Luſtigmacher, ſchlich, einem müden Laſtthier zu ver⸗ gleichen. Die Pagen trugen die Fackeln umgeſtürzt, das Pferdchen, das die Braut hatte tragen ſollen, folgte ledig und ſeine grünen mit Blumen durchwundenen Laubbe⸗ hänge ſchleiften auf dem Pflaſter. So wie der Zug, ohne Muſik und Sang, heranſchritt, und ſeine einzelnen Theile ſich dentlich entwickelten, ſtieg eine ganz beſondere Bangigkeit zum Herzen der Zuſchauer, und des Königs Unruhe wuchs hoch empor. Er reckte den Hals, er ſchärfte ſeine Blicke, er neigte ſein Ohr, aber, was ſich ihm nahte, blieb ſtets daſſelbe, kein Klang, kein Fackelglanz, keine Braut.— „Wer kommt da?“ fuhr er auf:„Was ſoll das Blendwerk mit den Fledermäuſen, mit den Eulen, die da ausfliegen bei hellem Tage? Gebt Antwort, und ſcherzt nicht mit Euerm Herrn!“ Bei dieſer Anrede ſanken die Weiber, die meiſten heulend, auf die Erde nieder und zeigten ihr ängſtliches, erbleichtes Antlitz. Rodeus knieete neben ihnen, Tilbeck machte achſelzuckend ſtumme Geberden und Verneigun⸗ gen, die Bockelſon's ungeſtuͤmen Fragen nicht genügend antworteten. „Bei'm Heiland und den Engeln der Höhe! werdet ihr den Mund aufthun?“ fragte wieder der König, der bebte vor Zurn.— Neues Heulen, ernenerte Geberden 206 der Verzweiflung und Entſchuldigung.—„Wagt ihr, meiner zu ſpotten?“ fuhr Jan doppelt gereizt fort:„Was habt ihr aus meiner Braut gemacht, Rotte Korah?“ Helcueper, dem der Schalk durch die betrübte Larve lachte, entgegnete endlich herzhaft:„Was willſt Du, Vet⸗ ter? Zum Ehebund gehören ihrer Zweie, und Einmal Eins macht nur immer Eins.“ Die Umſtehenden murrten, waͤhrend der König wie gefroren auf die Knieenden ſtarrte. Helcueper ſchnitt den Murrenden eine Fratze und ſetzte hinzu, indem er ſich geſchickt hinter die Oberhofmeiſter und aus dem Bereiche des Thrones drehte:„Was habt ihr zu brummen, da gründlich wahr iſt, was ich ſage? Macht einmal Hochzeit ohne Braut? Das wird mein Vetter, der allmächtige König von Zion, ſelbſt nicht können. Und die Braut iſt verſchwunden, wie hinweggenommen von den Geſpenſtern der Nacht. Die Geſpenſter ſind mißgünſtig, Vetter, und die Nacht keines Menſchen Freund.“ Bockelſon erhob ſich, wie ein Raubthier zum Sprunge. Seine Blicke funkelten verwirrt und roth.„Angela eut⸗ laufen 2“ knirſchte er:„Meine Majeſtät betrogen? Wer hat mich alſo hintergangen?“ Schluchzende Weiberſtimmen entgegneten:„Ach Herr, wir wiſſen nichts, wir ſind unſchuldig!“ Bockelſon ſtand ſchnaubend im Kreiſe der Königinnen. Er deutete auf Diwara mit gräßlicher Drohung:„Diwara! das iſt Deine letzte Stunde. Deine Eiferſucht oder der Satan hat das Verbrechen begünſtigt. Geſtehe, Diwara. Geſtehe auch Du, Rodeus, Hüter meiner Weiber. Es iſt das einzige Mittel, Dein elendes Leben zu retten.“ Rodeus legte ſich mit dem Geſicht auf die Erde und betete zerknirſcht:„Gehe nicht mit dem Unſchuldigen in's Gericht, o Herr. Bitte für mich, o meine Tochter Chriſtina, die Gnade gefunden vor den Augen des Königs, und die von meiner Unſchuld weiß!“ 207 Chriſtina, eine der Frauen Bockelſons, erhob das Gezeter, worein alle einſtimmten, Diwara ausgenommen und die ſchweigende Eliſabeth. Diwara ſagte zum König: „Du haſt mir nicht Wort gehalten, aber Dich zu kränken und die Entweichung der Andern zu begünſtigen, war fern von mir. Glaub' es oder glaub' es nicht. Strafe mich, wenn Du willſt. Mein Schatten ſoll kommen und Dich wegen Deiner ungerechten Strafe zur Rechenſchaft ziehen. Bockelſon wendete ſich erſchreckt von der Schlauen, die an ſeine furchtſame Gewiſſensangſt ihre Drohung ge⸗ 1 richtet hatte. Er forderte den Rodeus auf, zu ſagen, 3 was er wiſſe. Der halbtodte Palaſtmarſchall wußte nicht mehr, als die Weiber. Angela's Zelle war leer gefunden und dem gefürchteten Gebieter das Unheil verſchwiegen worden, bis zum Augenblick, der es an's Licht bringen mußte.— Jede der Frauen antwortete einzeln dem Kö⸗ nig. Auch Eliſabeth that es; ſie läugnete.—„Du, die Brautführerin?“ ſagte der König finſter:„Deine Pflich⸗ ten„kannteſt Du ſie nicht?“ Gerlach, der mit Exſtaunen Eliſabeth unter der Zahl der Kbniginnen und Angela daraus verſchwunden ſah, rief vorſchnell:„Ich gebe meine Ehre zum Pfande, daß Scheiffort des Malers Tochter entführte!“ Der Konig durchbohrte ihn mit dem Blicke, da er entgegnete:„Dann biſt Du ſein Mitſchuldiger, böſer Gerlach.— Man entwaffne, binde dieſen Mann, und ſetze ihn in den Kerker!“ Herzog Lantus von Mainz vollzog alsbald den Be⸗ fehl, und Knipperdolling, ein Gegner des von Wulen, ſührte den Unbeſonnenen in den feuchten Keller des Rath⸗ hauſes. Der König forſchte noch eine Weile in dem Geſicht der Eliſabeth; mißtrauiſch gegen ſie, aber noch beſtochen von ihren ſpröden Reizen, unterbrach er endlich das Kund⸗ ———— 208 ſchaften in ihren Zügen, und gebot dem Nyland, zur Stunde in alle des Heidenthums verdächtige Häuſer zu fallen und die widerſpenſtige Angela, ihre Helfer, nament⸗ lich zuerſt ihren Vater, vor den Richter zu führen.„Wer mit dem Maler verwandt oder befreundet geweſen, unter— liegt dem Verdacht,“ fügte Jan bei:„Marter und Tod einem Jeden, der ſeine Unſchuld nicht ſonnenklar bewei⸗ ſen mag.“ Nyland und ſeine rothen Vögel rauſchten auf, um die bluttriefenden Fittiche zu ſchütteln und den drohenden Flug zu beginnen. Da ſprang Eliſabeth vor, ſtreckte eine Hand gegen die Trabanten des Schwertführers aus, und legte die andere wie eine Heilige auf ihre Bruſt.„Heiße ſie bleiben!“ herrſchte ſie dem König zu, der beſtürzt zu— rücktrat:„mache nicht ganze Geſchlechter unglücklich und zu Leichen. Hier haſt Du, ohne Marter und Pein, ohne einen Fuß zu rühren, die Urheberin der That vor Dir. Du nennſt mein Beginnen ein Verbrechen, Unhold? wohlan, ſo ſtrafe es an mir, daß ich im Himmel ſelig werde.“ Der König war ſprachlos vor Ingrimm und haſchte nach der Linken, wie ihm eigen war, ſobald die Vorboten ſeines Uebels in ihm ſpukten. Eliſabeth, um ihn zum Aeußerſten zu reizen, richtete ihre Stirn noch höher auf, und redete ihn unerſchrocken und höhniſch an:„Was be⸗ ſtürzt Dich alſo? was lähmt Dich, König von Ungefähr? Was ſoll ich noch ſagen, um endlich zum Ziele zu kom⸗ men? Geh' unter vor Scham, gekrönter Gaukler: An⸗ gela und Lüdger ſind Deiner Rache durch meinen Bei⸗ ſtand entrückt, Rynald iſt vor Deinen Schlingen gewarnt worden! Ich, ich habe das gethan, dem Schneider und Jahrmarktsnarren zum Poſſen. Ich ſchmähe, ich läſtere und verhöhne Dich, wie alle Zungen Dich verfluchen. Ich habe nur ein Leben, um dieſe Freude zu bezahlen, und hienieden nur noch eine Hoffnung: das Grab. Münſterer 209 Landeleute! gebt mir ein Grab neben der alten Wer⸗ necke, und tanzt darauf, ſtatt zu weinen, denn ich, die da ſcheidet, bin glücklicher, als die zurück bleiben!“ Mitleid und Schauer bewegte und erſchütterte das Volk. Eliſabeth rief trotzig den König an:„Sögerſt Du noch, Betrüger, Lugner und Kuppler 26 Plötzlich löste ſich die Erſtarrung des Königs und er kreiſchte wüthend:„Auf die Kniee, Weib der Schande!“ — Eliſabeth ſank freudig nieder, ihre Lippen jubelten: „Herr, in Deine Hände befehle ich.. Da ſchloßen alle Zuſchauer die Angen vor dem Blitze des königlichen Schwerts, und als ſie ſich wieder auftha⸗ ten, ſprang und tanzte der König mit allen Zeichen der Verrücktheit um einen zu Boden geſtreckten Körper. Seine Kebsfrauen hielten den Reigen mit ihm, und er ſang, wie einſt Knipperdolling auf dem Berge Zion:„Sie iſt ſtets eine Frevlerin geweſen, daher hat mir der himmliſche Vater geheißen, die Aufrührerin aus der Welt zu ſchaffen. Ehre dem Herrn in der Höhe! Sieg und Frende Zions!“ Nicht lange und es erblickte der Halbwahnwitzige im trüben Spiegel ſeiner Einbildung des gerichteten Rotgers Geſtalt, die mit der geopferten Eliſabeth vortanzte, und der König wirbelte zu Boden ohne Beſinnung. Sein Hofſtaat ſchleppte ihn in den Palaſt.— Der gute Rei⸗ menſchneider wagte, nach Einbruch der Nacht, den Leich⸗ nam ſeiner Freundin an dem Orte, den ſie erwählt hatte, zur Erde zu beſtatten. Koͤnig von Zion HMlI. Acht und zwanzigſtes Kapitel. Der Tag des Zorns. Es war am Feſt des Täufers Johannes ein unge⸗ ſtümes Wehen in der Luft. Die Wolken hatten ſich all⸗ mälig aufgethürmt, wie Angeheure ſchwarze Berge, die gegen Sonnenuntergang dergeſtalt anſchwollen, daß kaum mehr ein Fleckchen am Horizont hell blieb, wo das Tages⸗ licht gelb und bleich erloſch.— In dem düſtern Ra⸗ mer'ſchen Hauſe war ſchon finſterer Abend, und oben an der baufälligen Treppe,— nicht in der alten Wohnſtube, deren Erker auf den Hälſen der gähnenden Drachen ruhte, ſondern im Gemach, das einſt der Prophet von Leyden bewohnt hatte, lauerten vier kleine, hungernde Kinder und horchten und warteten und zitterten vor Begierde. Das älteſte ſagte:„Seht, wie es Nacht wird! Ach, wie wer⸗ den wir uns fürchten, ohne Licht?“— Das zweite: „Der Pathe bleibt lange weg, und wir haben ſeit dieſem Morgen nichts gegeſſen! Ich friere vor Hunger.“ Das dritte:„Ich ſchwitze vor Mattigkeit, liebe Ge⸗ ſchwiſter, und ihr wollt nicht den Fenſterſchieber aufthun, und ich bin doch allzuklein, um es ſelbſt zu vollbringen!“ Das älteſte Kind, ein Knabe, ſagte wieder:„Pſt! der Pathe hat's verboten, und der Vater iſt noch viel ſtren⸗ ger, als der Pathe.“ Das vierte Kind, ein winziges Mädchen, dahlte vor 211 ſich hin und erzählte, wie es alle Nacht träume, daß der Vater komme, es zu küſſen und wie bei'm Erwachen eben Alles leider nur ein Traum ſey. Die drei ältern ſchauten ſich dabei lächelnd an und zupften einander am Kittel; aber ſie ſchwiegen, wie alte Leute kaum gethan haben würden, und erwarteten, ängſt⸗ lich zwar und mit Herzklopfen, aber ſtumm, die Ankunft ihres Pathen. Endlich ſtolperte ſein Schritt über die wankende Treppe, ſein Schlüſſel drehte ſich im Schtoß; mit einer Laterne trat er ein, an ſeinem Arm hing ein Zwerchſack. „Pathe Reimenſchneider!“ riefen die Kinder tanzend und krabbelten mit den Händchen an dem Sacke, der ihre Nahrung für vier und zwanzig Stunden enthielt.— Der Tafeldecker hieß ſie ruhig ſeyn, und ſchüttelte ſeine Mütze, wie den Mautel aus, der über ſeine Schultern gewor⸗ fen war. „Das iſt ein Wetter, wie vor der Sündfluth, ihr Kinder,“ ſagte er:„ein Hagelſchauer, eh' man ſich's ver⸗ ſieht, und dann zur Abkühlung ein Plahregen. Seyd froh, daß ihr nicht hinaus müßt.“ Er theilte mit gerechter Hand das Brod, den Käſe, die Fleiſchbrocken, die von des Königs Tafel gefallen wa⸗ ren, unter die Kinder, legte dem jüngſten ſeine Hand auf den Kopf, und fuhr mit bewegter Stimme fort:„Vergeßt heute ja nicht das Nachtgebet, ihr Kinder; heute nicht, hört ihr? Lieber ſchenk' ich's euch ein andermal.“ „Wenn ich recht fleißig gebetet habe, beſucht mich der Vater im Schlaf,“ lächelte das Mädchen von vier Jahren, und die Brüder ſtießen wieder pfiffigen Angeſichts einan⸗ der in die Rippen. „Recht ſo,“ ſprach Reimenſchneider:„der Frömmigkeit gehört ihr Lohn. Aber euer heutiges Nachtgebet kann köſtlichere Früchte tragen.— Habt ihr nicht Luſt, enre Mutter wiederzuſehen?“ 212 „Ach, die Mutter, die liebe Mutter!“ klagten die Kleinſten und der Aelteſte ballte die Fauſt. „Wem drohſt Du?“ fragte der Pathe.—„Dem böſen Schneider,“ antwortete der Bube trotzig, und der Pathe drückte ihm ängſtlich die Hand auf den Mund. Der Kuabe machte ſich frei und fragte:„Warum muß die Mutter im Gefängniß ſitzen, und warum ſo lange?“ „Kinder, begann Reimenſchneider vertraulich:„ver⸗ ſündigt Euch nicht an der göttlichen Vorſehung. Säße eure Mutter ſetzt nicht gefangen,— ſie wäre dennoch nicht frei, aber wohl todt.“ Die Kinder,“ bis auf das jüngſte, das ſorglos, nach⸗ dem es geſättigt, in des Pathen Armen entſchlief— die Kinder ſchluchzten leiſe. Reimenſchneider flüſterte ihnen zu:„Macht keinen Lärm; es wird Alles gleich ein Ende haben, der Mutter Gefangenſchaft, des Vaters Verfol⸗ gung und eure Einſperrung.“ Die Buben lachten behaglich bei der letzteren Ausſicht. „Es wird uns doch bald zu eng in der ſtets verſchloſſe⸗ nen Stube,“ meinten ſie. „Das einzige Mittel, nicht das Gerede der Nachbarn aufzuwecken, und eurer Zunge ſich zu verſichern,“ erwie⸗ derte Reimenſchneider.„So wie euch die Nachbarn nicht hören, denken ſie nicht an euch und vergeſſen euch ſammt dem Vater. Freilich,“— ſetzte er ſeufzend bei—„hat anch ein Jeder mit ſeinem eigenen Kummer und Hunger genug zu thun.“ „Glaubſt Du, wir würden den Vater verſchwätzen 2“ fragte der Aelteſte haſtig. »Ruhe, Ruhe, Hermann!“ ermahnte Reimenſcheider, „die Jugend verſchnappt ſich bald, und es wär' keine Klei⸗ nigkeit von Elend, das ihr anrichten würdet. Der König ließe den Vater, die Mutter, euern freundlichen Pathen, und vielleicht euch ſelbſt umbringen. Lieber alſo duldet noch die kurze Gefangenſchaft im Vaterhauſe. Ihr ver⸗ 213 dankt nur der Wohlthat des Knipperdolling, der eurer Mutter Milchbruder geweſen, hier und nicht im Kerker zu ſeyn. Der König ſelbſt weiß nicht anders, als daß ihr mit eurer Mutter die Haft im Roſenthaler Kloſter theilt.“ „Horch!“ unterbrach ihn der kleine Hermann und deutete nach der Treppe. Laut athmend ſprang ein Mann herauf, und ehe noch Reimenſchneider die Thüre ſchließen konnte, in die Stube.„Der Vater! der Vater!“ riefen die Kinder mit ſorgſam gedämpfter Stimme. Er ſchob ſie aber von ſich, zog ein ſcharfes Meſſer, und raunte dem Gevatter zu:„Erſchrick nicht, wenn ich Einen vor Deinen Augen umbringe!“ Indeſſen guckte der Erwartete durch die Thüe, und ſagte poſſenhaft:„Ertappe ich Dich, Du bös Gewiſſen?2 Wie viel Löſegeld bieteſt Du mir, Geächteter? ha, ha, ha? ein Meſſer in Deiner Hand? ein Meſſer für mich? O Ramers, was ſoll das gegen Nylands Beile?“ Helcueper, in eine Regenkayuze gewickelt, kam nach dieſer Anrede dreiſt herein. Ramers wollte ihn ernſtlich anfallen, aber Reimenſchneider fuhr zwiſchen beide, ſtiftete Friede, und verſchloß die Thüre. Dann ſagte er zu Helcueper:„Was willſt Du hier, Narr des Königs?“ Helcueper maß verwundert den Tafeldecker und ver⸗ ſetzte:„Wenn ich Dich fragte, Diener des Konigs? Ich komme von ungefähr, die Straße wandelnd, auf die Spur eines Menſchen, den ich kenne, und der, nachdem er mich erkannt, läuft wie ein Spißzbube, und zwar nicht allein vor dem Regen. Wer wär' ihm nicht nachgegangen? Du aber, Tafeldecker, biſt nicht durch Zufall hier?“ „Was kümmert's Dich?“ fragte Reimenſchneider barſch. — Heleueper lachte höhniſch in den Bart.—„Lache nicht wie ein Affe,“ drohte Ramers,„oder ich werde Dich ſchweigen lehren!“ „Hm! ſo grob, lieber Meiſter?“ ſpaßte Heleneper: 214 „ich hätte alle Luſt, Dich im Namen der Majeſtät von. Zion zu verhaften. Dein verborgen Hierſeyn iſt ein Zei⸗ chen des Hochverraths.“ „Helcueper, Du wollteſt?“ fragte Reimenſchneider be⸗ ſorgt. Der Flickſchneider fuhr jedoch in ſeinem Uebermuthe fort:„Auch Dich verhafte ich, als den Mitſchuldigen des Hochverraths.“ „Du gehſt nicht lebend aus dem Hauſe!“ rief Ra⸗ mers, das Meſſer ſchwingend. „Ich rufe die ganze Nachbarſchaft zu Hülfe! jeder Blutstropfen ſoll euch theuer zu ſtehen kommen!“ erwie⸗ derte Helcueper, vom grauſamen Scherz nicht laſſend. Da klopfte ihm Reimenſchneider entſchloſſen auf die Schulter und ſagte kalt:„Dann ſag' ich nicht nur der Nachbarſchaft, ſondern auch dem Bockelſon, wer es war, der auf den Konig von Zion geſchoſſen!“ Helcuepers Vollmondgeſicht wurde blaß, die Augen ſanken tief in ihre Höhlen.„Werdet doch meinen Spaß nicht übel deuten?. das wäre zum Todtlachen!... ich, der gute Kerl, der ſeinen Freunden nichts Leides thut aber, was meinſt Du eigentlich, ſcharfſichtiger Reimenſchneider?.. ich will des Teuf... ich will ein Heide ſeyn, wenn ich begreife..26 „Haſt Du ſchon vergeſſen, was Du vor ſechzehn oder ſiebenzehn Tagen gethan? Die Nacht war heiß und dunkel, ich hatte die Naſe vor das Fenſter geſteckt, um Luft zu ſchnappen, und ſah den König, der mit einem Weibe zum Dome ſchlich, und ſah einen fetten Burſchen, der um die Kirche huſchte, wie eine Katze, und im Ge⸗ mäuer endlich ein Verſteck ſuchte. Und dann kam der König zurück ſammt dem Weibe, beide ſchweigend, aber durch die nächtliche Stille ſchnalzte eine Armbruſt, und der König flnchte:„Tod und Hölle!“ mit der Hand an ſeine Rippen fahrend. Das Weib leuchtete hin, ich ſah Blut über Bockelſons ſchwarzes Kleid fließen, und der 21⁵5 dicke Burſche war indeſſen auf leiſen Socken durch die Zäune gegangen. He? friſcht das nicht Dein Gedächt⸗ niß auf?“ „Hm!“ erwiederte Helcueper mit verlegenem, närriſch verzogenem Antlitz;„ich ſtanne, daß die wunderfitzige Naſe, die vor dem Fenſter lag, keinen Lärm machte?“ „Was denkſt Du? ich hatte das Schickſal eines braven Mannes, dem ich forthelfen wollte, im Kopfe, und ver⸗ abſcheue alle Angeberei. Wir ſind übel genug daran. Was mir bei der Sache leid that „Daß der Schuß nicht beſſer getroffen?“ ergänzte Helcueper leiſe:„ei, der Schütze war nicht ſchlechter, als der Schuß. Er wollte das Herz nicht treffen. Was hätten wir gewonnen? daß eines Andern Dyrannei von vorne losgegangen wäre? Nein, der Mann mit der Arm⸗ bruſt wollte nur durch einen geſchickten Pfahl im Fleiſch die Majeſtät vom Davonlaufen abhalten, denn die Majeſtät kam ihm ſelbigen Tags wunderlich vor. Was hegt der König in dem öden Dom? Was ſucht er dort? Der Schütze wollte ihm nachſchleichen, aber ſchon war die Thüre wieder feſt verriegelt, und der Nachtreter zu dick, um durch's Schlüſſelloch zu kriechen. Indeſſen iſt's offen⸗ bar auf eine Ausreißerei abgeſehen, und dem geſcheidten Narren des Königs entginge der verſprochene Apfel wider den Durſt, wenn der Marder aus dem Taubenſchlag entkäme. Wer klug iſt, verſteht halbe Worte.“ Ramers und Reimenſchneider betrachteten ſtumm und forſchend den Narren, der allgemach mit der Farbe her⸗ ausging. Mit liſtigem Lächeln ergriff Heleneper die Hände der beiden Männer und flüſterte: „Nichts für ungut, ihr Männer, aber ich bin von den Euern, und nur meine Theilnahme an dem, was vorgehen ſoll, hat mich bewogen, dem da nachzulaufen, der ziemlich unbeſonnen und leicht kenntlich unter Hagel und Regen wegſtelzte.“ Er zog bei dieſen Worten eine 216 weiße Binde hervor, und ſprach:„Keunſt Du dieſen Fe⸗ ten, Ramers? Er ſoll beſſer ſehn, als ein Amulet, und die Sieger belehren, daß ſie in mir, wenn's einmal drun⸗ ter und drüber geht, einen braven Katholiken zu vereh⸗ ren, und nicht einen Wiedertäufer todt zu ſchlagen haben.“ „Er hat das Zeichen,“ ſagte Ramers zum Tafeldecker. „Nun das Wort?“ Helcueper raunte ihm zu:„Wald...4—„Eck 6 ergänzte Ramers, ihm fröhlich die Hand reichend.„Wer hat Dich zum Vertrauten gemacht 2“ forſchte er nach.— —„Der ſogenannte Jütländer wars, der Henſel, der vom alten Mengersheim eine Ermahnung an mich im Sacke trug. Ich habe ihm gleich mit der That, die kurz zuvor der Nachtſchütz begangen, geantwortet, und wir ſind als die beſten Freunde geſchieden. Ich brenne, ihn wie⸗ derzuſehen, das Schwert hoch, die Kuger zwiſchen den Zähnen. Es eilt, lieben Leute, es eilt, bei Gott. Der Hunger wirkt unerbittlich; Leichnam an Leichnam auf den Schutthaufen in den ſonſt ſo reinlichen Gaſſen, in den Winkeln der Häuſer; Geſpenſter ſtatt lebendiger Men⸗ ſchen auf den Wällen.. ſelbſt bei Hofe werden die Biſſen ſchmäler, und die Wiedertäufer, die in Amſterdam nach dem großen Auflauf gehenkt wurden, werden uns zu Münſter nicht viel nützen. Der Schneider iſt ganz ver⸗ rückt vor Angſt und Argwohn; er träumt jetzt nur von Meuchelmördern, die ihm nachſtellen; er trägt einen Pan⸗ zer unterm Kleide; er weiß nicht mehr, was Schlaf iſt, und ſieht ſelbſt am Tage Spuckgeſtalten ohne Kopf, die ihn umringen. Es drängt den Biedermann, ein Ende zu machen; doch ſpinnt er mit ſeinem Weibsbild, der Diwara, irgend einen Anſchlag im Dunkeln. Das Dringendſte folgt jetzt. Es iſt geſtern abermals ein Rath gehalten worden, und ich war dabei, nämlich mit dem Ohr an der Thür⸗ ſpalte. Da haben die Herren Statthalter und Herzoge ausgemacht, daß, ſo bald die letzte Krume aufgezehrt ſeyn würde, ein trojaniſcher Brand anzulegen, und mit gewaff⸗ neter Hand ein Ausfall zu machen ſey. Wer davon kömmt, mag laufen; wer fällt, mag liegen bleiben; wer mit ſei⸗ nem Hauſe verbrennen will, mag brennen; aber dem Feinde ſollen nur Kohlen und Aſche in die gierigen Klauen fal— len.— Den Vorſchlag hat der König gut geheißen; aber er kam mir nachher viel zu aufgeräumt und luſtig vor, der wackre Herr, als daß ich glauben möchte, daß er mit beim Ausfall ſeyn werde. Erklärlicher iſt es mir, wenn er im Schilde führt, während des Tumults mit erkleckli⸗ chem Raube ſich davon zu machen. Was ſagt ihr nun? Ramers.. Du liegſt nicht umſonſt hier verborgen.3 verkünde denen draußen, wenn's in Deiner Macht, was ich, der gute, ehrliche Burſche, euch ſo treuherzig angezeigt habe. Vergiß nicht, meinen Eifer zu rühmen; ſage, daß ich im äußerſten Nothfall den liederlichen Schneider eher umbringen, als zugeben würde, daß er entſpränge. Der lebendige brächte mir freilich viel mehr ein„ aber, es komme, wie es mag. ſie ſollen beſchleunigen, was ſie thun wollen.“ Worauf Ramers bedeutſam das Geſicht verzog, und ſagte„Wer weiß„.!“ Reimenſchneider trat ihm auf den Fuß, daß er ſchwieg.—„Wenn ich das Feld⸗ wort wüßte. 6 ſetzte Ramers wie verloren hinzu. Helcueper ſagte:„Ich kann damit dienen. Wynſcheueck hat mir's vertrant. Es heißt:„die Erde.“ Ramers nickte zufrieden, denn des Narren Bericht ſtimmte mit einem andern, den ihm ein Weib, von ſei⸗ nem Buhlen unterrichtet, am Abend ſelbſt gemacht hatte. — Noch einmal reichte er dem Helecueper die Hand, ſpre⸗ chend:„Wer weiß, wie bald? Ich vertraue des Königs Perſon gänzlich Deinem unermüdlichen Späherauge, und und dem biedern Reimenſchneider das Leben des Chriſtoph Waldeck. Weiche nicht aus ſeiner Nähe, Gevatter.“ „Ohne Sorge, Herrmann. Ich erfahre es alſogleich, 218 wenn die Gefahr ſeinem Thurme nahen ſollte. Es iſt aber an der Zeit, daß der arme Knabe befreit werde; er läßt ſich vor Hunger ſterben.“ —„Ich will meine Aufſicht mit der Deinigen verei⸗ nen,“ ſagte Helcueper bereitwillig.„Der Knabe bringt uns Gold ein, ſchwerer, als er ſelbſt mit Haut und Haar.“ „Du haſt nur Geld und Lohn im Auge!“ tadelte Reimenſchneider. Dann drohte er dem Lachenden mit dem Finger, hinzuſetzend: Vergiß nicht, daß ich von Deinen Schlichen nicht weichen werde. Wärſt Du verſucht, mich oder den Gevatter in's Unglück zu bringen, ſo magſt Du's wenigſtens mit uns theilen.“ Helcueper betheuerte ſeine Aufrichtigkeit und ſchloß:„Glaubt ihr denn, daß ich dem Jan die Schläge und Mißhandlungen, womit er mich täglich beehrt, ſchuldig bleiben werde? Wer mich kennt, weiß, was er von mir zu halten. Aug für Aug, Zahn für Zahn. Der Zunftmeiſter Stuhldreher weiß zu ſagen, wie der luſtige Heleueper, wann er böſe iſt, den Leuten die Haut flickt. Genug daher und ſchweigt, wie ich ſchwei⸗ gen werde.“ Sie trennten ſich. Ramers bettete ſeine entſchlum⸗ merten Kinder ſanft, küßte ſie mit Vaterangſt und ſprach über ihren Häuptern einen herzlich gemeinten Stoßſeufzer zum Himmel. Dann löſchte er das Licht aus, verriegelte alle Thüren ſorgfältig, hing an die Treppye einen weißen Lappen, ein Schutzzeichen für ſeine armen Kleinen, und eilte leiſe, den Häuſermauern nach, in die windige und regneriſche Nacht hinaus. Während er nach der Kreuzpforte ſchlich und an der innerſten Thüre, durch welche die Wachen zur Ablöſung in die Schanze zu gehen pflegten, das befeſtigende Seil heimlich durchzuſägen begann, gelangten Helcueper und Reimenſchneider auf den Domplatz; denn beide hatten Eile, der eine, um des Königs Nachtmahlzeit aufzuſtel⸗ 219 len, der andere, um ſeine Poſſen dem durchlauchtigen Schneider zur Gemüthsergötzung vorzumachen.— Keiner von Beiden ſprach ein Wort, ſie waren im Gedanken verloren. Der heulende Wind ſchnaubte den Schall ihrer Schritte unter ihren Sohlen weg. Daher wurden ſie nicht von Diwara bemerkt, die wieder mit halbverhüllter Leuchte und in ſchlechtem Aufzuge von der Domkirche herkam. Statt des Korbes hatte ſie jedoch diesmal einen Mann an der Seite, den ſie führte, wie eine Tochter ihren blinden Vater. Der Mann ging außer⸗ ordentlich ſchwerfällig, mit ſtarkgebogenem Rücken; ſein Prieſtergewand ſchleppte über ſeine Ferſen zur Erde; die Kapuze, wie ſie dazumal die Domherrn der alten Kirche oder der Paulusbrüderſchaft über ihre weißen Röcke beim Ausgehen zu tragen gewohnt waren, verhüllte des Strau⸗ chelnden Geſicht.— Die Königin und ihr Begleiter ver⸗ ſchwanden in eine kleine Thür des Palaſts.— Helcueper und der Tafeldecker, die ſtille geſtanden waren, bis die Nachtgänger vorüber, gaben ſich ein Zeichen mit den El⸗ lenbogen, und der erſtere murmelte:„Aufgepaßt! es geht etwas Unrichtiges unter den Majeſtäten vor; das laß ich mir nicht nehmen. Aufgepaßt, Alter, daß uns nicht Fang, noch Belohnung zu Waſſer werde!“ Beim Scheiden war⸗ tete Jeder ſeines Dienſts.— Der König und ſeine Günſtlinge ſaßen und tranken. Die Herzoge ſchmausten vom Fett der Hofküche und wilde Freude belebte das Mahl, bis der König fröhlich den letz⸗ ten Trunk ausbrachte, mit den Worten:„Der Vater hat die Reben geſegnet, daß ſie des Menſchen Herz er⸗ freuen ſollen, und ſtärken den Arm der Streiter. Wahr⸗ lich, ihr Helden und Fürſten der Welt! eine Prophezeiung ſtrömt auf dem Geiſte des Weins von Bacharach über meine Lippen. Der Herr wird zwiſchen heut und mor⸗ gen ein Wunder thun und Israel frei machen ohne Kampf und Morden. Der Vater will nicht ein großes Brand⸗ 220 opfer Zions; der Vater will Zeugniß geben wider die Heiden, und Zions Schätze ſollen nicht gemindert werden. Sechzigfältig ſollen die Körner tragen und Erndte geben; die Stürme werden Roſendüfte wehen; des Himmels Re⸗ gen wird Balſam ſeyn. Geht hin auf eure Pforten, ihr Herzoge der Welt, geht hin zu euern Weibern, ihr Reichs⸗ verweſer, Stadtvogt und Schatzmeiſter! Schlaft heute, und laßt euer müdes Volk, bis auf die nöthigſten Wächter, des Schlafs genießen; deun heute ſchlummert ein Engel des Herrn über der Stadt, und deckt ſie mit ſeinen wei⸗ ßen Flügeln zu. Der Feind zittert dagegen hinter ſeinen Lagerwällen, denn Zion hat ſich mit Schrecken gehar⸗ niſcht. Morgen werde ich den ganzen Umfang der Gnade, die uns der Vater beſcheert, verkündigen dürfen.“ Die Herzoge und Großwürdner des Reichs küßten des huldvollen Königs Hand und begaben ſich mit ſchwe⸗ ren Köpfen von dannen, um des Monarchen Gebot buch⸗ ſtäblich zu erfüllen, und ſich dem Schlummer ſorglos hin— zugeben. Er ſollte ihnen, auf des Königs Verheißung hin, um ſo erquickender ſeyn, als ſie ſchon lange dem Schlaf entſagt hatten, ihre Poſten zu huten, und ihre ausgemergelte Mannſchaft munter zu erhalten. Auf den Wällen lief aber zur ſelben Stunde ein Mann umher, und rief, wie das Geſpenſt auf den Mauern Zions, von dem Joſephus erzählt:„Wehe, wehe Dir, Jeruſalem!“— Die Gewappneten reckten zwar ihre Oh⸗ ren, und fragten:„Was ſchreit der Mann, was will er?“— Doch war die Mattigkeit der Meiſten ſo groß, daß ſie, während ſie fragten, die Stirne an ihre Spieße neigten, und alſo entſchliefen. Die Wenigen mit offnen Augen verſtopften dagegen ihre Ohren. Sie hatten ſeit einer langen Zeit des Geſchrei's viel und mehr gehoͤrt, als ihnen lieb geweſen. Da nun der Unglücksprophet merkte, daß er nur der Wüſte predige, ſchritt er in die Stadt hernieder, aber in den ausgeſtorbenen, trümmervollen und in Pfützen ver⸗ wandelten Gaſſen lanſchte kein Menſch dem nächtlichen Eulenruf. Der Wind allein henlte ihn nach. Was noch lebte in der Stadt, ſchlief ohnmächtig und mäde. Alſo kam der Herold an des Königs Palaſt, ſchrie ſein„Wehe, wehe, Jeruſalem!“ zu den hellen Fenſteru empor, und war bald, trotz Thlans und aller Thürhüter Widerſtreben, eingedrungen in den Saal des Königs, der ihm entrüſtet entgegen trat:„Was machſt Du, Peter Bluſt? Was beginnſt Du? Warum heulſt Du, daß ſelbſt mir das Herz in der Bruſt zittert? Iſt nicht ge⸗ nug, daß ich hinter jedem Pfeiler eines Mörders Schat⸗ ten zu ſeheu glaube? Muß noch Deine Thorheit auf⸗ ſtehen, mein Fieber zu reizen 2“ Der König griff, ſchmerzlich das Geſicht verziehend, an ſeine glühende, rothgefleckte Stirn. Peter Bluſt ſtand vor der Tafel, blies die Kerzen aus, daß nur die Leuch⸗ ter an den Wänden Helle verbreiteten, ſtürzte die Pokale um, und rief mit wehmüthiger Stimme:„Du Men⸗ ſchenkind Johann! Du wohnſt unter einem ungehorſamen Haus, und ich will Dich als ein Wunderzeichen ſetzen dem Haus des Ungehorſams!“ Hazenbrooker, der mit Helcueper allein bei'm König geblieben war, fühlte, wie ſein Haar ſich ſträubte. Hel⸗ cueper ſagte vor ſich hin:„Der Hofprophet wittert die Leiche Iſraels., Peter Bluſt fuhr fort mit ſteigender Klage:„Die Laſt wird ſeyn gleich, dem König und den Stämmen Iſrael. Ihr Fürſt wird tragen im Dunkeln, er muß ausziehen durch die Wand, die der Feind brechen wird, und ich will mein Netz über ihn werfen, daß er in mei⸗ ner Jagd gefangen werde. Alſo ſpricht der Herr.“ „Du läſterſt!“ fuhr ihn Bockelſon an:„hinaus mit Dir!“ „Höre und merke, was der Maun, der in Leinwand gekleidet iſt, zu Dir ſagt: Thue Buße, Buße, Buße! 222 Das Schwert wird durch das Land fahren, und es wird Deiner nicht ſchonen!“— Während Peter Bluſt dieſes begeiſtert und drohend ausrief, ſagte wieder Heleueper, die Haltung des Königs durchſpähend, zu ſich ſelbſt: „Tragen im Dunkeln? durch die Wand brechen? bei mei⸗ ner Seele! ich glaube faſt, der König hat etwas der⸗ gleichen im Sinn. Ich muß mich vorſehen.“— Er barg geſchickt ein geſchliffenes Vorlegmeſſer in ſeinem Gewande. — Peter Bluſt, deſſen Geiſt offenbar geſtört worden war, ſowohl von der blutbefleckten Vergangenheit, als von der ſo natürlichen Ahnung entſehlicher Zukunft, warf ſich vor dem König nieder und jammerte:„Bockelſon, ich habe Dich verehrt als einen Götzen, und weiß jetzo, wie falſch Du biſt. Du haſt gegeſſen eitel Semmel und Honig und Oel; Du warſt überaus ſchön, und haſt das Königreich gewonnen. Aber weil unter den Heiden Dein Ruhm erſcholl, biſt Du verderbt geworden und haſt Uep⸗ pigkeit getrieben, daß Sodom, Deine Schweſter, nicht gethan hat, was Du. Büße vor Deinem Ende! Meue, mene, tekel!“ „Laß mich!“ rief Bockelſon und ſtieß den Prediger von ſich. Bluſt richtete ſich auf, und ſchrie aus vollem Halſe:„Fahre nicht hin in Sünden, und waſche ab den Namen des Herrn, den Du geſchändet. Du wirſt dahin⸗ gehen in Rauch und Brand, nachdem Du Dein Brod ge⸗ geſſen mit Beben, Dein Waſſer getrunken mit Trübſal. Die Zeit iſt um. Thu' Buße!“ Der König packte den Dränger bei dem Halſe und warf ihn den rieſigen Tylan zu.„Stürze den Hund aus dem Fenſter!“ befahl er im hochſten Zorn, und der Maun in Leinwand flog unter'm Gelächter der Traban⸗ ten auf dem Domplatz nieder, wo er liegen blieb, ohne Laut, ohne Regung, wie eine der niedergeſtürzten Bild⸗ ſäulen der Kirche.— Aber die Thäter überkam ob ihres Verbrechens ein ſolcher Schander, daß ſie ſchnell und 223 furchtſam ihre Lagerſtätten ſuchten und die Decken über ihren Kopf zogen. Der Konig prahlte dagegen mit einer ganz beſondern Heiterkeit.„Laßt uns luſtig ſeyn!“ begann er zu dem bleichen Hazenbrooker und dem fiünſtergewordenen Hof⸗ narren:„Die Nacht iſt noch nicht zur Hälfte abgelau⸗ fen, der Wein ſoll nicht in den Kammern verrauchen. Schemmtringk, der Credenzer und mein Tafeldecker ſind in der Vorkammer bereit, die Becher friſch zu füllen. Noch haben wir Licht genug, um uns einzubilden, wir ſäßen in einer Herberge, die Letzten einer fröhlichen Ge⸗ ſellſchaft. Mache Poſſen, Helcueper, Vetter von Sach⸗ ſen, laß Deine Larve fallen, und lüge uns ein luſtig Stücklein vor. Laßt uns eine Stunde dieſer unruhigen Sturmnacht kürzen!“ Hazenbrvoker ſagte:„Wie ſollen uns Poſſen und Mährchen auf die Zunge kommen, während vor dieſen Fenſtern der Hofprophet mit dem Tode ringt 2“ Worauf der König:„O Du ungeſchickter Comödiant! Sahſt Du nicht hundertmal auf unſern Schaubühnen ganze fürſtliche Geſchlechter ſterben, auf Deinen Befehl? Und ſage mir nicht, daß ein Schauſpiel etwas Anderes ſey, als das Menſchenleben ſelbſt. Ein Jeder von uns ſagt ſeine Lection, wie das Schickſal ſie ihm in den Mund legt, ein Jeder prunkt mit abenteuerlichen Lappen, bis der Tod ſie ihm auszieht. Was bleibt dann, wenn das Grab uns verſchlungen hat? Deine churfürſtliche Gna⸗ den und meine Majeſtät werden vermodern, wie die Reſte geſalbter und gekürter Herren, von denſelben Würmern verzehrt.“ „Vetter, biſt Du nicht gekürt und geſalbt, wie Deine Genoſſen auf den Thronen?“ fragte Helcueper verſchmitzt. „Sey nicht allzudemüthig, Vetter, und laß auch dieſen edeln Herrn bei ſeinen Ehren. Wecke die nicht auf, die nicht glauben.“ 224 „Ich achte ihrer nicht,“ ſpottete Bockelſon:„die Zeit iſt um, hat Peter Bluſt geſagt. Wohl war ſie um für ihn, den thörichten Schelm, und für uns Alle iſt ſie zu Ende; doch werden wir leben, und eine neue Zeit wird. ſich für uns aufthun.“ „Rathe, rathe: was iſt das?“ ſang der Hofnarr.— Hazenbrooker wiegte den Kopf, ſprechend:„Leb' ich doch ſchon ſeit Wochen, als wie in einem Fiebertraum! Ein Bettler war ich durch's Land gezogen, als ein Spion in des Biſchofs Hand gefallen, und hatte mein kurzes Te⸗ ſtament gemacht, da ich in Deine Gewalt kam, Jan Bockelſon. Siehe, da haſt Du mich begabt mit Lände⸗ reien und mit Leuten, haſt mich köſtlich gekleidet, und— bin ich gleich Dein Gefangener, ſo möcht' ich's doch im ganzen Leben nie und nirgends beſſer haben!... Jan, Du haſt mir einſt ſehr wehe gethan,— ich hätte nicht gedacht, Dich noch als Wohlthäter verehren zu müſſen; aber Deine Wohlthaten ſind gefährlich. 4 „Altes Kind!“ ſchalt Bockelſon:„wirſt Du Dich vor der Zukunft fürchten? hängt Dir, was hinter uns liegt, wie ein Block am Bein? Du wärſt noch geneigt, ein Thränchen für Miekje Kampens zu weinen? Ei, ſie ruht wohl, und hätte Dich nur unglücklich gemacht, ſo wie ſie es böſe mit mir vorhatte. Aber, alles Schickſal der Menſchen iſt von der Welt Anfang her geſchrieben und beſiegelt.“ „Schneiderglück! das getreueſte unter der Sonne!“ ſpaßte Helcueper, der ſich ausgelaſſen zu geberden aufing: „Welch' ein Handwerk iſt adelich, wie der Schneider Handthierung? Der Herr ſelbſt hat unſern Stamm⸗ eltern im Paradieſe die erſten Kleider zu verfertigen be⸗ fohl en.“ Der König nickte dem Hazenbrooker zu.„Wie ſelt⸗ ſam ſcheint es, daß uns das Geſchick wieder zuſammen⸗ ſtoßen ließ? Feinde, zu Freunden geworden! Lebe hoch, 225 Bendir, und trinke auch meine Geſundheit, denn mir geht das Herz in roſenrother Freude auf.“ Bendir, wenn ſchon den Mund verziehend, trank. „Auf die Geſundheit des Königs!“ rief er. „Auf ein langes, ellenlanges Regiment!“ fügte Hel⸗ cueper anſpielend hinzu. —„Der König bedankt ſich,“ erwiederte Jan;„laßt aber von jetzt an die Krone bei Seite. Ich verabſcheue den goldnen Deckel. Ich weiß ein Blumenfeld in meinem Gedächtniß, und der Garten iſt meine Jugend, die nichts von der Vibel, nichts von Königreichen wußte. Laßt uns auf der blumigen Matte wandeln. Die theure Ju⸗ gend ſey geſegnet!“ „Sie ſey es!“ ſtimmte der ergrauende Hazenbrooker wehmüthig ein. „Und das Handwerk!“ rief Helcueper:„das Hand⸗ werk, das die geſcheidteſten Leute erzieht. Meiſter Bockel⸗ ſon! es hat immer tapfere Schneider gegeben, ſie ſind immer vorne dran, weun's Lärm ſetzt. Schueider haben im Feld gefochten, Schneider haben die Harfe geſchlagen, haben gepredigt, prophezeiht, haben Reichthümer geſam⸗ melt, und Hab und Gut verſchleudert, Meiſter Bockel⸗ ſon. Du haſt aber dem Handwerk eigentlich die Krone aufgeſetzt. Ich bringe Dir's zu, und ruſe: Es blühe das Handwerk und gedeihe!“ „Meinetwegen,“ verſetzte Jan:„'s war eine ſchöne Zeit, da ich mit Ellenmaß und Scheere am Werktiſch ſtand, und der Geſellen luſtige Geſpräche anhörte, und ihre Lieder heimlich lernte...“ —„Ja, ja, die Lieder von den nenn und ueunzig Schneidern, von der Nähnadel, die von ſelber ging wohl auf und ab, weil ſie verhert war? von der ſchönen Jüdin zu Liſſabon, und das Schelmenreimlein von der Scheer⸗ maus Zick zack zick?“— Helcueper begann, ſich in allem Ernſte an der Erinnerung zu ergötzen. Der Konig von Zion. IMl. 15 Dem König wurde das Auge naß, wie von Thränen, weil der Zauber der Jugendtage noch aus ihrem Grabe heraus ſo mächtig wirkt, daß ihm der härteſte Panzer von Stolz und Sünden nicht widerſtehen mag.— Da nun Helcueper vollends mit bewegter Stimme zu ſingen anhob: „Liebes Mäuslein Zick zack zick, Hilf mir bei der Scheere, SEs girt des Schneiders Meiſterſtück, Ach, daß es fertig wäre! Zicke, zacke, zick, Mäuslein, bring mir Gluͤck!“ da ſprang Bockelſon auf, lief haſtig hin und her, und hob an, wie ein verwirrter Menſch:„Das muß wiederkom⸗ men, Diwara hat mir zuerſt das Lied geſungen;— wir waren dazumal ſo jung,— und ſo rein, ſo kenſch.. o pfui des elenden Madenſacks, den ſie einen Menſchen nennen! Meine Freunde, ich will ſterben, wie ich an⸗ fing zu leben. Ich habe die Macht dazu... ich will mich und euch glücklich machen, aber wer nicht ſchweigen kann Er unterbrach ſich, und ſeine Blicke flammten bald in Hazenbrookers, bald in Heleuepers Augen, während ſeine Finger krampfhaft mit dem Dolche ſpielten, der an ſeinem Gürtel ſteckte.— Die zu Vertrauten auserleſenen Tafelgenoſſen warteten des Weitern wie verſteinert. Indeſſen öffnete ſich die Thüre, und Diwara fragte hereinſchauend:„Darf ich eintreten? Werden dieſe Männer bleiben, oder“— „Herein! neue Gäſte kommen, unſere Freuden zu er⸗ höhen!“ befahl der König mit der Luſtigkeit eines Tigers. Seine Wehmuth war in zitternde Aufregung umgewandelt. Mit geheimnißvollen Schritten näherten ſich Diwara, Jakob, des Königs Bruder, und Reimenſchneider der Tafel. Sie ſührten den gichtbrüchigen, gekrümmten Prie⸗ 227 ſter. Während derſelbe genöthigt wurde, am Tiſche Platz zu nehmen, winkte Reimenſchneider dem Hofnarrn ängſt⸗ lich mit den Augen.— „Mein Vater, Du haſt endlich der Vernunft, Deiner Wohlfahrt und den Ermahnungen unſerer Königin nach⸗ gegeben 2“ fragte Bockelſon honigſüß, nachdem er alle Ausgänge wohl verwahrt hatte. Der eisgrane Norbert, der ſeine Sinne kaum mehr beiſammen hatte, ſo war er von Alter, Krankheit und Kerkerluft geſchwächt worden, betrachtete den König mit verglasten Angen, und nickte geringſchätzig mit dem Kopfe. — Diwara verſetzte dann:„Er hat endlich geſtanden. Aus dieſem Gemache ſelbſt geht eine Thüre in den Gang des Geheimniſſes. Eile, Jan belade unſere Freunde. Mir ſagt eine peinigende Ahnung, daß wir keine Zeit zu ver⸗ lieren haben.“— Der König trat mit heldenmäßigem Anſtand in die Mitte der neugierig zuhorchenden Männer, und forderte ſie auf, ſeiner Flucht als getrene Freunde und Träger zu folgen, und die leicht wegzubringenden Reichthümer der Schatzkammer dereinſt zu theilen. Er ſchilderte ihnen die Noth der Stadt, ihr jammervolles nahes Ende durch Brand und Mord, und verhieß ihnen, wie ſeinem Weibe, ein Paradies des Wohllebens im fernen Portugal. End⸗ lich aber ſchloß er wild und drohend:„Es bleibt euch nur die Wahl zwiſchen treuem Gehorſam und dem Tode. Jakob, entblöße Dein Schwert, Hazenbrooker, ziehe Deine Waffe blank! Rechnet auf meinen Arm, ihr Freunde, und tödtet auf der Stelle dieſen Narren und dieſen Knecht, ſobald ſie nur zaudern, ſobald ſie nur zoͤgern einen Augen⸗ blick!“ Die Aufgerufenen gehorchten, die überraſchten Diener leiſteten ihre Zuſage.„Ach, wie werden wir nur Zeit gewinnen? an einer Viertelſtunde hängt heute die Welt!“ raunte Reimenſchneider dem Helcueper zu, der wie ein Schlaftrunkener zu allem ſah. Während deſſen öfſnete Jan die anſtoßende Schaßzkammer und befahl, dieſelbe auszuleeren.— Es geſchah. Die Kleinodien vom höch⸗ ſten Werth wurden in Säcke vertheilt. Die Krone Zions, das Schwert, die Sporen und das Zepter des Königs wurden auf die Tafel geſtellt, um ihrer Inwelen emkleidet zu werden. Jakob, der ſich mittlerweile mit dem Siegelring des Königs und einem geheimen Auftrag deſſelben entferut hatte, kehrte ſchnell zurück und führte den Jüngling Chriſtoph Waldeck in den Saal, der in ſeiner Verwir⸗ rung einer Räuberſchenke glich. Chriſtoph, hager und bleich wie der Tod, ſchenkte dem vielen blitzenden Golde kaum einen Blick. Norbert ſaß gleichfalls ſtumpf und verloren neben den Schätzen. „Dieſer Knabe wird uns als eine Geißel begteiten,“ ſagte Bockelſon:„ich vertraue ihn Deiner Obhut, Jakob. Friſch an's Werk. Nehmt dieſe Fackeln, ladet enre Bürde anf. Zion wird ſtannen, wenn es morgen als Republik erwacht.“— „Was ſoll aus Margitta werden?“ fragte Jakob demüthig bittend. Der König erwiederte granſam:„Sie büße ihre Frevel in den Flammen des Biſchofs oder des Mordbrands.“—„Unſere Schweſter!“ erinnerte der Bru⸗ der Jakob mit rührendem Flehen.—„Sie ſterbe, ſie vergehe, ſie bleibe zurück!“ nahm Diwara trotzig das Wort, dann wendete ſie ſich ſchmeichelnd zum alten Chorherrn: „Jeto, mein Vater, erfüllt ener Wort und Verſprechen.“ „Was ſoll ich?“ fragte der Greis, wie aus dem Schlaf erwachend. Bockelſon ſchüttelte ihn.„Wo iſt die Thüre? Ge⸗ ſchwinde, eile. In dieſem Saale, ſagſt Du?“ „O Norbert!“ wehklagte Chriſtoph:„Ihr habt mir einſt das Geheimniß zu meinem und des Biſchofs Heil entdecken wollen und verkauft es jetzo an die Ketzer?“ 229 „Schweige, oder Du biſt des Todes!“ drohte ihm Jakob.„Immerhin,“ erwiederte der Junker ſtolz. Nor⸗ bert wackelte mit dem ſchwachen Haupt, verſetzend:„Ich will unter Gottes freiem Himmel ſterben, und nicht in dem ſtinkenden Kerkergrab vermodern. Kann ich dafür, wenn der Teufel ſiegt?“ „Wo, wo die Thüre2“ drangen Jan und Diwara gierig in den alten ſtumpfen Mann. „In jener Ecke... führt mich...!“ Norbert ſuchte, mit der Sohle plump auftretend, ein Feld im Getäfel des Fußbodens. „Geduld, noch einen Angenblick! Der vermaledeite Demant hält fo feſt am Kronenbügel!“ ermahnte Reimen⸗ ſchneider, der mit einer Zange an dem goldenen Kopf⸗ ſchmuck arbeitete. Er betete in Gedanken um Auſfſchub, um Verzögerung. „Die Krone nimm ſammt dem Demaut!“ befahl Bockel⸗ ſon, neben dem, dicht angeſchloſſen, Helcueper, gebogen unter einer ſchweren Laſt von Gold und Kleinodien, wandelte. „Da wird es ſeyn,“ rief Norbert und trat auf einen Fleck, der hohl klang. „O der Schande!“ ſeufzte Chriſtoph, den Jakob zwang, einen Theil der Beute auf den Ruͤcken zu nehmen. „Da? da? leuchtet, leuchtet! wo, wo?“ fragten König und Königin mit Ungeſtüm. „Halt! horch! was geht vor?“ antworteten ihnen die Helfer und eine kurze Stille des Lauſchens unterbrach das eifrige Treiben. Auch Norbert lauſchte. „Trommeln? was ſoll der Trommelſchlag zu dieſer Stunde?“ Bockelſon wurde zum Schneebild, da er dieſes fragte.— Todesangſt bemächtigte ſich der Einen, in den Andern blühte Hoffnung auf. Die Trommeln wirbelten freudig in der Nähe des Palaſtes, und eine Menge von kriegeriſchen Stimmen 230 ſchrie:„Waldeck! Waldeck! laßt die Fahnen fliegen! All gewonnen!“ „Waldeck!“ ſchrie Chriſtoph freudig nach.„Waldeck!“ wiederholte Norberts zitternde Lippe. „Der Feind! der Feind in der Stadt!“ murmelten die Uebrigen. „Jan! biſt Du verzanbert?“ kreiſchte Diwara, den König rüttelnd. Bockelſon fuhr auf:„Blendwerk des Teufels! Und wenn zehntauſend Feinde vor unſern Pfor⸗ ten— wir entgehen ihnen. Pfaff! wo iſt die Thüre?“ „Waldeck? das iſt mein Biſchof? Die Hölle unter⸗ liegt endlich 26 ſprach Norbert erſchüttert, ſank auf die Knie und ſchüttelte bei dem neuen Andringen des Königs den Kopf. „Heide! im Hafen ſoll mein Schifflein ſcheitern 2“ wüthete Bockelſon, und packte den Junker wie ein Rieſe. „Ich tödte Deines Biſchofs Sohn vor Deinen Augen, wenn Du nicht alsbald der Rettung Pforte öffneſt!“ Die Trommeln ſchlugen heftiger, Schuß auf Schuß knallte auf dem Domplatz durch das Toben der Luft und Rauſchen der Bäume.„Zion heraus 1« rief's von ferne, und die Brandglocke ſchlug ein vaarmal an. „Norbert! ſchweigt, damit die Frevler ihrer Strafe nicht entriunen!“ ſchrie Chriſtoph. Die Getrenen des Königs, im Palaſt zuſammenlau⸗ fend, pochten an die verſchloſſenen Thüren und heulten durch das Schlüſſelloch:„König, hilf! der Feind iſt da mit ſeinem Zorn!“ „Standhaft, Norbert!“ wiederholte Chriſtoph,„gerne ſterb' ich; ſtirb auch Du für den Biſchof und die Kirche!“ „Natter! Wolfsgezücht!“ ſchäumte Bockelſon, und fuhr mit dem Dolche gegen den Junker aus. Aber Reimen⸗ ſchneiders und Helcuepers vereinte Kraft ſchlenderten ihn von dem Opfer zurück. Norbert wand ſich unter den ſchlagenden Fäuſten der raſenden Diwara. Tylan ſprengte die Thüre, brüllte ſein Kriegsgeſchrei herein, und die Trabanten begehrten des Königs mit großem Lärm und Getümmel. „Ich komme!“ antwortete der athemloſe Jan,„er⸗ greift aber vorerſt dieſe Schurken und richtet ſie zur Stelle, damit Er verſtummte ſchnell, denn ein ſchreckhaftes Gebrauſe wurde unter dem Fußboden hörbar. Riegel und Schie⸗ nen zerſchmetternd, flog unter gewaltigem Druck die ge⸗ ſuchte Fallthüre in die Höhe. In Wolken des auffliegen⸗ den Staubs und dampfender Fackeln gehüllt, ſtiegen ge⸗ wappnete Rotten mit dem wilden Feldruf„Waldeck! Wal⸗ deck!“ hervor. Augenblicks warf ſich Alles in helle Flucht vor dem Ueberfall. Helcueper ſchwang die weiße Binde, und um⸗ armte mit krampfhafter Angſt den Werner von Scheif⸗ fort, den Anführer der Befreier.„Da iſt des Biſchofs Sohn!“ jubelte Reimenſchneider, Fjetzt muß der Drache unterliegen.“ „Wo ſind wir26 fragte Werner haſtig.—„Im Pa⸗ laſt!—„Wo der König 26—„Entflohen! dort knäult ſich noch das flüchtige Volk!“—„Die Schatzkammer 2“ fragte der gierige Edelmann.—„Hier, hier ſind die Schätze!“— Wie ein Geier fuhr Werner auf die Krone zu, zer⸗ trat ſie unter ſeinen Füßen, wie die Sporen, wie das Zepter; ſteckte die Trümmer in ſeinen Panzer und rief ſeinen Leuten:„Wohlan, friſch darauf! gewonnen das Königreich, gewonnen!“ Indem er ſprach, fielen die Pforten des Palaſts vor dem Geſchütz darnieder, das die in die Stadt gedrunge⸗ nen Soldaten unter Stedingks Befehl und Ramers Füh⸗ rung aus dem Dom herbeigeſchleppt hatten, und zumal losbraunten.— Obſchon die Wiedertäufer in hellen Hau⸗ fen und voll verzweifelnden Muths in den Gaſſen mit 232 den Feinden kämpften und den Sieg mehr als einmal zweifelhaft machten, dennoch drangen einzelne Sölduer des Biſchofs in den Palaſt, gierig nach Beute, nach Wein, nach Weibern jagend. Unter ihnen war aber Hendrik, von Blut triefend, mit blankem Schwerte und heiſerer Schlachtſtimme.„Behaltet das Königreich!s ſchrie er dem Scheiffort zu,„und geht, eure bedrängten Ge⸗ fährten zu retten, die vor den Wiedertäufern weichen. Ich ſuche nur den König! wo iſt der König?“ Helcueper zerrte den Vergelter nach dem Frauenge⸗ mache, während Scheiffort den Wiedertäufern wie Gottes Blitz in den Rücken fiel. Allenthalben Leere, Oede, Ver⸗ heerung oder ſchreiende Weiber, oder verwundet liegende Palaſtdiener.„Nirgends! nirgends! wär' er entſprungen 2 ſchnaubte Hendrik, und ſo drangen ſie in's letzte, in Di⸗ wara's Gemach. Die Königin war nicht vorhanden; ein Weib ſaß neben Averalls Wiege. Das Weib war Mar⸗ gitta, kalt und unbeweglich wie Stein.„Weſſen das Kind?“—„Des Könige!“— Ein Fußknecht, der dem ſuchenden Hendrik folgte, warf das Kind vor's Fenſter in die Piken der Meißner.„Wo der König?“ brüllte Hen⸗ drik. Margitta antwortete nicht.„Wo der König?“ wie⸗ derholte er noch gräßlicher.„Den König oder Dein Le⸗ ben!“ Da zeigte ſie ſchweigend in einen Winkel, wo un⸗ ter Tapeten und Plunder der König verborgen lag.— So wurde Jan verrathen durch diejenige, die er ver⸗ rathen wollte, und ſo fiel er in die Hände des unerbitt⸗ lichſten Vergelters.„Kennſt Du mich noch?“ ſchrie ihn Hendrik an, da er ihm den Fuß auf die Gurgel ſetzte. „Natje's Heudrik, keunſt Du ihn?“— Bockelſon wand ſich wie eine Schlange und ächzte: „Gnade, Gnade; der Sünder ſoll nicht ſterben!“—„Sorge nicht, Elender,“ knirrſchte ihm Hendrik zu,„ich will Dich nicht tödten, aber Du ſollſt dabei nichts gewonnen ha⸗ ben.“— 233 In der blutigen Nacht wurde das Koͤnigreich Zion zu Grabe getragen. Nachdem die Biſchöflichen in großes Gedränge gekommen, hatten ſie endlich und völlig obge⸗ ſiegt, und über die leeren Schanzen war das ganze Heer hereingeſtiegen, um zu ſchlachten und zu plündern. Wer hohläugig, blaß und abgemagert zu Tage kroch, wurde als Wiedertäufer niedergemacht. Kinder und Weiber wur⸗ den heerdenweis in's Lager geſchleppt. Nur wenige hundert Mäuner erhielten Quartier.— Glücklich, die im nächtlichen Kampfe umkamen: Rott⸗ mann im Soldatenkleide, der feige Tilbeck ſelbſt, alle Hoffnung aufgebend; Jakob, des Königs Bruder, aber heldenmüthiger als er; Tylan, der Rieſe; Redecker, Mo⸗ derſon und ihre tapfern Genoſſen. Der gefangene Wulen friſtete ſein Leben und gewann Gnade. Der Kerker war ſein Glück geweſen.— Knipperdolling und Krechting hat⸗ ten nicht den Muth, als Soldaten zu ſterben, und lie⸗ ßen ſich für den Henker fangen. Diwara und alle Kebs⸗ frauen des Königs hatten daſſelbe Schickſal.—— Es war eine graunſame Victorie, die mit einem gro⸗ ßen, faſt gränzenloſen Blutbad endigte. Der Biſchof hatte geſchworen, keine Gnade zu geben, und ſeiner Nachrichter Schwerter arbeiteten fleißiger noch, als Knipperdollings und Nylands Beile. Ein trauriges Halbjahr war vorüber gegangen. Das Wäthen der Rache und der Geſetze hatte ein Ende ge⸗ nommen, und ein ſtummes, aber unſägliches Leiden drückte das, aller Rechte und Vorzüge beraubte Muͤnſter darnie⸗ der. Der König der Wiedertäufer und ſeine Geſellen ſammt Diwara und ihren Vertrauten hatten den Lohn ihrer Thaten empfangen. Lamberti Thurm war Jans luftiges Begraͤbniß geworden, und ſeine Gebeine bleichten in dem an den Zinnen des Kirchenthurms aufgehaͤngten 234 Eiſenkäfig.— Der Frühling begaun wieder, die Erde mit ſeinen Blumen zu ſchmücken, und auch die Gottes⸗ äcker zierte er mit ſeinem Schmelz. Da ſtanden an einem hellen Nachmittag vier betende Menſchen um die Gräber der Frau Weruecke und der unglücklichen Eliſabeth Hardewyk. Lüdger drückte dem Cuſtos Sibing die Hand, und ſagte:„Goddamn, Herr Cuſtos, der Herr hat Alles gut gemacht,“ und Sibing hob die Hände dankend gen Him⸗ mel, mit unbeſchreiblicher Zufriedenheit auf das junge Paar deutend, das nachdenkend an ſeiner Seite ſich um⸗ fangen hielt. „Ja wohl, Dank dem Allmächtigen!“ betete auch Au⸗ gela mit Inbrunſt, und Rynald ſprach demüthig:„Ihr habt einen neuen Menſchen aus mir gemacht, lieber Pfleger und Freund. Vergebt das Leiden, das ich Euch verurſachte, wie mir der Himmel meine Verblendung ver⸗ zeihen mag. Ich geſtehe, daß ich oft bereute, was ich gethan, aber— ſo iſt der Menſch— nur die Schickſale meiner Angela und die handgreiflichſten Beweiſe von der Niederträchtigkeit des Ungeheuers, das zu Münſter ge⸗ herrſcht, vermochten erſt, mich gänzlich zu überzeugen.“ —„Wanke nicht mehr im Guten, und vergiß Du ſelbſt die Vergangenheit in den Armen Deiner tugend⸗ haften Gattin,“ antwortete Sibing.— Und Lüdger ſtimmte erröthend ein:„Ja, wir ſelbſt wollen vergeſſen, was ſich begeben, und nicht mehr wanken.“— Rynald zuckte dem⸗ ungeachtet die Achſeln, und meinte leiſe:„Es iſt doch nicht Alles, was ich träumte, ſo gar ſchlimm geweſen...6 —„O ſtille, ſtille!“ bat Angela. Da neigte ſich zu ihnen ein weißes Hanpt voll Ehren, der alte Ritter Mengersheim ſtand vor dem Paare, und ſprach leutſelig:„Herr Volkmar, ich bin ein Geſandter des Biſchofs, und habe Gutes zu verkünden. Des Cuſtos fromme Liſt, die Euch verhinderte, am Aufſtand ferner Theil zu nehmen, hat Euch zugleich des Fürſten Guade erwirkt. Freilich kann er nicht, wie Ihr gewünſcht, Euch den Schulen von Münſter als Lehrer vorſetzen, aber er verleiht Euch die Verwaltung der frommen Stiftungen der Stadt unter meiner Aufſicht.— Ich habe nicht ver⸗ geſſen, wie freundlich Ihr uns in der empörten Stadt beigeſtanden habt, und bin für Euch Bürge geworden.“ Rynald benetzte des Ritters Hand mit Thränen. Mengersheim fuhr gerührt fort: „Ihr habt in Euerm Amte viel zu thun; es iſt das Zerſtörte, es iſt Alles neu zu bauen; es ſind viele Zähren zu trocknen, viele Unbilden ungeſchehen zu machen. Ihr müßt verſtehen, wieder das Vertrauen zu pflanzen, wo die Zwietracht und die Vernichtung wucherten. Euer Eifer wird mein Fürwort rechtfertigen, und den Biſchof über⸗ zeugen, daß er in Euch ſeiner beſten Unterthanen Einen wiedergewonnen.“ Rynald legte entſchloſſen die Hände auf ſeine Bruſt. Angela ſprach entzückt:„Glaubſt Du nun, Rynald, was ich Dir ſo oft vom Biſchof wiederholte? Bereue Deine Ungerechtigkeit. Eile, dem erhabenen Wohlthäter zu danken.“ „Ich gehe mit, Sang-Pieu,“ fiel Lüdger ein:„es iſt doch nur am Ende die Kunſt des vielerfahrenen Meiſters zum Ringe, die den Durchlauchtigen zu ſolchem Gute ſtimmte, denn, ſieh Rynald, die Kunſt, die Tochter des Himmels, und...4 Mengersheim unterbrach des Künſtiers Redſeligkeit, indem er ſagte:„Der Biſchof erläßt euch allen Dank, denn ſein Gemüth iſt fern von Freunde, und gehört der Trauer. Sein Sohn Chriſtoph hat dem Kriegs⸗ und Junkerſtand entſagt, um zu Osnabrück in's Noviziat der Baarfüßermönche zu treten. Ein ungewöhnlicher Trüb⸗ ſinn hat ſich des Jünglings bemächtigt, und droht, ihn bald in die Gruft zu reißen. Ermeſſet nun den Schmerz des liebevolſten Vaters!“ Rynald ſah ſeine Angela bedeutſam an, Hörſt Du? Der Knabe ſtirbt um Deinetwillen,“ flüͤſterte er ihr zu, „und ich muß leiden, daß er ſich in Deinem Herzen ein Gedächtniß ſtifte?“ Angela's Augen glänzten von Rührung, ſie umſchlang ihren Gatten, auf das grünende Grab zu ihren Füßen zeigend, und antwortete ihm mit zartem Vorwurf:„Arg⸗ wöhniſcher, Eiferfüchtiger! iſt denn nicht Eliſabeth für Dich geſtorben, und lisvelt nicht aus dieſen Halmen ihre ſtille Liebe:„Liebe mich doch endlich?“ Ende des dritten und letzten Bandes. Höchſt wichtiges Werk. Bei uns iſt erſchienen und in allen Buchhandlungen zu haben: Lehrbuch des Vernunftsrechts und der £ nchaf Stantswiſſenſchaften von Dr. Carl von RNotteck, Großh. bad. Hofrath und Profeſſor, der Akad. d. moral. und polit. Wiſſenſchaften am königl. franzöſiſchen Inſtitut correſpondirendem, und mehrerer anderer gelehrter Geſellſchaften ordentlichem, corre⸗ ſpondirendem und Ehrenmitgliede. Bweite verbeſſerte und nermehrte Auflagr. Erſter Band. Allgeneine Einleitung in das Vernunftrecht. Natürliches Privatrecht. Auch unter dem beſondern Titel: Lehrbuch des natürlichen Privatrechts. Der Zweck des Verfaſſers iſt ein doppelter, einmat nämlich den Begriff des Vernunftrechts, frei von meta⸗ phyſiſchen Spizfindigkeiten und transcendenten Vorſtellun⸗ gen, aus den, dem gemeinen Menſcheuverſtand einleuchtenden Bedingungen der, für die in Wechſelwirkung ſtehenden Menſchen möglichſt größten Ausdehnung ihres äußeren Freiheitsge⸗ brauches abzuleiten, und ihn durch Begründung auf den unläugbaren und darum auch des allgemeinſten An⸗ erkenntniſſes nothwendig ſich erfreuenden Saz des Wi⸗ derſpruchs dem Streite der Schulen oder der, auf bloß ſubjektiven Anſichten oder Träumen ruhenden, Theorien zu entziehen; ſodann zu zeigen, in wie ſern für dieſen einfachen Begriff und die aus demſelben natürlich fließen⸗ den Folgerungen auch eine praktiſche Geltung in allen Sphären jener Wechſelwirkung in Anſpruch zu neh⸗ men ſey, insbeſondere aber zu zeigen, daß das Vernunftrecht ſämmtliche Staatswiſſenſchaften zur Grund⸗ lage gegeben werden und die praktiſche Politik auf jedem Schritte begleiten müſſe. Es iſt dieſe Unterſuchung in der heutigen Zeit, deren Charakter ganz eigends in dem Kampfe zwiſchen dem ins klare Bewußtſeyn getretenen natürlichen oder vernünftigen und dem ihm widerſtreiten⸗ den hiſtoriſchen Recht beſteht, gewiß von höchſtem Inter⸗ eſſe; und wenn das frühere Werk des Verfaſſers, näm⸗ lich ſeine„Weltgeſchichte,“ eben wegen des vernuuft⸗ rechtlichen Standpunkts, von welchem aus darin die Schickſale der Völker und Staaten überſchaut und beurtheilt werden, ſich des ausgebreitetſten Beifalls erfreute, ſo wird auch dieſes Lehrbuch des Vernunftrechts, welches die Grundſätze, worauf jene Beurtheilung der Menſchengeſchichte beruht, in ihrem ſyſtema tiſchen Zuſammenhang darſtellt, ſich eine gleich günſtige Aufnahme verſprechen dürfen. Es ſind auch wirklich, gleich nach dem erſten Erſchei⸗ nen des Werks(1829 und 1850) die günſtigſten öffent⸗ lichen Urtheile darüber ergangen. So in der allg. Hal⸗ liſchen Literaturzeitung(von 1850, Ergänz. Bl. Nr. 30, 51 und 32), in dem Literaturblatt von Menzel(von 1830, Nr. 60), in den Jahrbüchern für Geſchichte und Staatskunſt(Aprilheft 1830) u. v. a. Um das ganze vier Bände umfaſſende Werk jeder⸗ mann zugängig zu machen, haben wir den Subſcriptions⸗ preis für die Abnahme aller vier Bände zumal in ge⸗ wöhnlichem Druckpapier auf 6 Thlr. oder 10 fl. 48 kr., in fein Velinpapier auf 10 Thlr. oder 16 fl. feſtgeſetzt, was beinahe um die Hälfte wohlfeiler als der bisherige Preis iſt. Den zweiten Band: Lehrbuch der allgemeinen Staarslehre, können wir ſchon in etwa vier Wochen nachliefern; es iſt ebenfalls eine zweite vermehrte Auflage davon unter der Preſſe. Oben⸗ genaunter Subſcriptionspreis dauert aber nur bis zum Erſcheinen des zweiten Bandes, wonach unfehlbar ein er⸗ höhter Ladenpreis für alle vier Bände zuſammengenom— men eintritt. Jetzt ſogleich ſind zu haben der 1., 3. und à Band, da die beiden letztern in ihrer bisherigen Form bleiben. Für Diejeuigen, welche etwa eine zweite Auf⸗ 1 5 lage derſelben abwarten wollten, erklären wir hiemit, daß die Auflage der zwei erſten Bände dem Vorrath vom 5. und 4. Band gleich gemacht wurde, und daß alſo von letzteren keine neue Auflage erſcheinen kann, es würde denn der 1. und 2. Band auch wieder in einer nenen Auflage erſcheinen. Dir einzelnen Bände koſten wie bisher: I. Band. Lehrbuch des natürlichen Privatrechts, ordi⸗ när 2 Thlr. oder 3 fl. 24 kr. Velin 3 Thlr. oder 5 fl. II. Band. Lehrbuch der allgemeinen Staatsrechtslehre, ordinär 2 Thlr. oder 3 fl. 24 kr. Velin 3 Thlr. oder 1II. Band. Lehrbuch der materiellen Politik, ordi⸗ när 3 Thlr. 6 gr. oder 5 fl. 24 kr. Velin 4 Thlr. 24 gr. oder 8 fl⸗ 1V. Band. Lehrbuch der ökonomiſchen Politik, ordinär 3 Thlr. oder 5 fl. Velin 4 Thlr. 12 gr. oder 7 fl. 36 kit Stuttgart. Ballberger'ſche Verlaushandluns.