Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Cieſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. ceih- und Ceſebedingungen. 1 oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeven Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 2 5 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für hentlich Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————— auf Monat: 1 Wk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Answärtige Monnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersätz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ korene oder defecte Buch ein Theil eines egrößeren Werkes, ſo i der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 4 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. na— SpM.. C. Spindler's ſämmtliche Werke. Wa⸗ Pelge Zwanzigſter Band. Enthält: Luſtigr Geſchichten für ernſte eit. II. Stuttgart. Hallberger'ſche Verlagshandlung. 1850. Lnſtige Geſchichten für ernſte Beit. Weltanſichten, Hiſtorien und wunderliche Bekanntſchaften vom Touriſten Theophil Langenſtrick, genannt „Crand-Fusil.“ Herausgegeben von C. Spindler. Zweiter Band. — Stuttgart. Hallberger'ſche Verlagshandlung. 1850. I. Pierzehn Tage wie Uoch nie! Eine Kapitelüberſchrift, womit der„Geneig⸗ teſte“ zufrieden ſeyn wird, da ſie die vorzügliche Eigenſchaft beſitzt, nicht ungereimt zu ſeyn!— Eine Kapital⸗Kapitelüberſchrift alſo, auf Ehre. Aber die vierzehn Tage, von der ſie redet, ſollen mir gedenken, bis in's Grab hinein. So ſucht man oft Freuden und findet nur Leiden! Ich will aber der ruhigen Entwicklung des Dings da nicht vorgreifen. Der„Geneigteſte“ erinnert ſich mit großer Theilnahme, daß ich„mit Spielleuten“ geplagt geweſen. Der Ausdruck iſt von der Bina, die ſich bei allen Anläſſen gern pittoresk ausdrückt. In der That iſt der Ausdruck auch in Trefunz Luſtige Geſchichten 1I. 1 zu Hauſe,— in Oberklammern dagegen unbekannt. Auf deutſch heißt das:„Zahnſchmerzen haben.“ Dieſe„Spielleute“ alſo kaum per Cajeput mit Sordinen belegt, lag ich auch ſchon im Bette, unter dem bewußten ſeidnen Deckchen, und hatte vor mir, baldigſchlafenshalber, das Schriftſtück jenes hungrigen Literaten, das durch Zimmererb⸗ ſchaft mein Eigenthum geworden.— Ich leſe gut, ich leſe ſchnell, und die paſſabel ſchlechte Hand⸗ ſchrift machte mir nicht bange. Aber der ver⸗ zweifelte Inhalt!„Mach' Er mir nicht graulich, Neffſchateller!“ hat dazumal Kaiſer Joſeph geſagt. Hat mir aber doch graulich gemacht! Wie man doch ſo vertracktes Zeug ſchreiben kann! Ein angebranntes Kalbsgehirn hat vernünftigere Ge⸗ danken an den Tag zu legen! Indeſſen rutſchte die verdächtige Speiſe, Dank der volksthümlichen Manier— die Burſche von der Feder machen ja in keiner andern mehr— ganz geſchlacht hinun⸗ ter,— und mit der alten Lieb', die über Nacht wieder jung zu werden pflegte, ſchlummerte ich erſchöpft, abgearbeitet, das Licht nicht einmal aus⸗ gelöſcht, ein. Der Malefizſalzburgerſteiriſche Brei fing jedoch an, alſobald in meinem Phantaſieka⸗ ſten zu gähren, und mir kam der Halbbrandler mit ſeinen riepelhaften Speiteufeln ganz natürlich und daher abominabel im Traum für. Hab' ich mich gefürchtet!(im Traum ſchlag' ich nicht ſelten aus meiner Natur; im Traum iſt man gewöhn⸗ lich ein Tropf, ein Haſenfuß, ein Ausreißer und ſonſtiger poltron làche& sans coeur!) Das alte Geſpenſte hielt ein förmlich Treib⸗ jagen, eine rechte Reitſchule mit mir, Grand-Fusil, und ich kam nicht zum Losgehen, ſchwitzte aber ſehr.— Auf einmal jedoch ging ein andrer Akt dieſes hölliſchen Schauſpiels an, und ich hörte einen gar melodiſchen feinen Geſang von einer Frauenſtimme, und dieſe konnte eben nur dem „Waſchweiberl“ gehören! He! wie wird jetzt dem „Geneigteſten?“ Ich thue, was ich kann; das iſt: ich wache darüber auf, und löſche erſchreckt das Licht aus, und denke: Gottlob! jetzt iſt der Spuck zu Ende, und du willſt ruhig ſchlafen.— Sobald ich aber wieder in die Arme des Orpheus ſinke,. ſiehe horch, will ich ſagen, hebt der Geſang wieder an, und höre ich denſelben deutlich mit wachenden Ohren. Das Weiberl, das Weiberl ganz gewiß! Auch verſteh' ich nach und nach die Worte des Geſangs; ſo einigermaßen ausländiſch, wie ſie einem See⸗ und Waſchweiberl wohl zuzutrauen; und ſchier daſſelbe Liedlein ſang es mir, wie es dem Florian geſungen: Leb' denn wohl, wir ſind geſchieden, Ziehe hin, du biſt jetzt frei: Alte Lieb' wird nicht mehr neu— Suche wo du willſt den Frieden.... Lebe wohl, wir ſind geſchieden..! Und das alles mit einer vögerlfeinen Stimme, und ſo eindringlich....! Diable! wenn nicht die feine Stimme geweſen wäre, ich hätte— sur mon honneur— gedacht, die Bina ſei es, die mir den Abſchied geige. Aber ein Scheidegeſäng⸗ lein der Bina würde, meine ich, einen ganz an⸗ dern Spektakel gemacht haben. Da es alſo Bina's Geiſt nicht wohl ſeyn konnte, ſo war's an mir, Spektakel zu machen. Der„Geneigteſte“ muß jetzo erfahren, daß ich von jeher in gewiſſen Dingen Mordpech gehabt habe und noch habe. Ohne alle dieſe Dinge berühren zu wollen, führe ich nur eines an, das eben hieher paßt.— Wenn ich ſo ex raptu aus dem Schlaf geweckt werde— durch Mäuſe, Gaſ⸗ ſenlärm, Erſcheinungen oder andere Ratten, ſo kann ich alles thun, nur nicht Licht machen, meine Kleider erwiſchen oder mich im Zimmer zurecht finden. Ich ertappe nur diejenigen Zündhölzchen, die nicht brennen— wenn ich überhaupt das Feuerzeug finde,— ich fahre mit den Beinen in die Aermellöcher des Gilet und mit den Armen in die Pantalons— ich renne mit Kopf und Kniee an alle Ecken des Gemachs und der Ge⸗ räthſchaften darinnen. Da ich nun von beträcht⸗ lich langen Gliedern, ſo thut mir dieſes Anren⸗ nen wehe, und der Unmuth über dieſe Wehthat macht mich reden, heftig reden, maledeien— und zwar franzöſiſch und deutſch durcheinander,— vorherrſchend auf franzöſiſch, weil dieſe Weltſprache ſo kerngerecht für den Zorn und für die Liebe. Das Alles zuſammengenommen, bringt einen gewiſſen Lärm hervor, und ſo war's auch in jener Waſchweiberl⸗Nacht, da ich aus dem Bett ſprang, beſagtes Weiberl zu fangen, Nachttiſch und Leuchter, Stuhl und Regenſchirm zu Boden rannte, und doch nichts fing, als ein paar Beu⸗ len auf der Stirne, die ich mir am Ofen und Schreibkaſten beibrachte. Alle meine„Corbleu,“„Morbleu,“„Sang- bleu“ und„Ventrebleu“ halfen nur dazu, daß das Geſpenſte, das ſingende, plötzlich ſchwieg, und ſich„auf leiſen Socken,“ wie Racine ſagt, davonmachte. Und nach einem fünfminutenlangen Hin⸗ und Herſtolpern ließ mich mein gut Glück doch endlich das Bett finden, und ich ſtreckte mich darinnen aus— mein Gott! wie ſich ein ſechs⸗ ſchühiges Menſchengebein in einem Gaſthausbette ausſtrecken kann, das in der Regel um achtzehn Zoll zu kurz iſt. Dieſer nächtliche Ausfall diente indeſſen auch dazu, daß meine Spielleute wieder recht wacker und munter wurden, und nach vorläufigem Stim⸗ men und Saitenaufziehen mir eine Ouvertüre aufſpielten, gegen welche die des Zampa von Scherubini nur ein ſchwaches Pizzicato, und bei der mir Hören und Sehen verging. Doch machte ich herzhaft mit, mit allerlei Jammern und Knirr⸗ ſchen und Ach und Weh, daß ein Stein mit mir Erbarmen gehabt hätte.— Erſt gegen Morgen fiel ich in den Schlaf der Verzweiflung, der Ver⸗ nichtung, der Ohnmacht erſter Qualität; aus dem ich in geſchwollenen Zuſtänden erwachte. O, Ge⸗ neigteſter, wie doch ſo grundgeſcheidt und ſeelen⸗ kenneriſch hat Freiligrath geſungen: Gefährlich iſt's, den Leu zu wecken, Verderblich iſt des Menſchen Zahn!! Ja wohl verderblich! So lang Grand-Fusil in Trauer machte, war ſein Gebiß tadellos: aber ſeit er ſich in Syrup und Feigen geſetzt hat, iſt das Verderben über ſeine Backenzähne hereinge⸗ brochen! Unter dergeſtalten Umſtänden war nicht an die freie Luft zu gehen, und ich genoß das Pri⸗ vilegium der Kranken, durfte meinen ſogenannten Kaffee auf'm Zimmer trinken, und in aller Ein⸗ ſamkeit den Erinnerungen nachhängen, ſo die Nacht mir hinterlaſſen hatte. Ha, es war kein Traum geweſen, der Geſang, den ich gehört! Und ent⸗ weder war er aus dem Munde eines geſpenſtigen oder eines lebendigen Weiberl gekommen. Da die Sonne in's Zimmer ſchien, wollte ich nicht gern an ein Geſpenſt mehr glauben,... aber woher denn die lebendige Stimme? Da komme ich in meinen Schmerzen zu einem großen, männlichen Entſchluß. Aut oder Naut, wie mein Freund Friedrich Grauſam ſagt. Ich laſſe die Schelle ſpielen. Nur ein paarmal muß ich das thun. Nicht zehn Minuten ſind vergan⸗ gen, und ſchon ſtreckt einer den Kopf in die Thüre meines Vorgemachs:„Befehlen?“ Ich werde urplötzlich ſtolz, denn mir iſt Heil widerfahren; der Herr von Oberkellner in höchſt⸗ eigenſter Perſon geben mir die Ehre.— Und ich, der ich ſchon zur Anrede den„Stupideſten“ auf der Zunge hatte!! Zum Glück rekolligire ich mich ſchnell;— K tout seigneur tout honneur! denke ich, und honigſüß— wie man vordem zu großmächtigen Fürſten zu reden pflegte, ehe ſo viel in Freiheit gemacht worden— ſpreche ich den Kellner⸗Baſchi an:„Beſteſter, wären Sie nicht ſo gefällig, Herrn Wiſperling Wohlgeboren in meinem Namen er⸗ gebenſt zu erſuchen.... „Iſt heut Morgen verreist;“ antwortete der Ober ziemlich kurz und grob.— Nun war wohl derſelbige der miſſelſüchtigſte Grand-sommelier, der mir jemals vorgekommen, aber noch oben⸗ drein hatte er heute, was ich freilich nicht wußte, nach einem giftigen Wortwechſel mit dem Gaſt⸗ wirth ſeinen Congé erhalten. Und darum alſo gröber noch als ſonſt. Ich:„Bedaure ſehr; hätte gern mit Herrn Wiſperling geſprochen.“ Er. Wie geſagt: verreist. Befehlen noch etwas? Ich:„Hm, ſehen Sie Beſteſter: ich leide fürchterlich an Zahnſchmerzen.... — Er. Schön. Befehlen...?(Der Kerl war wie zwiſchen Thür und Angel, le pied en Pair.) Ich:„Nur nicht ſo hitzig, nicht ſo eilig, Beſteſter. Laſſen Sie ſich ſagen....“ Er. Schön. Befehlen? Ich:„Sehen Sie, Beſteſter. Wenn ich Zahn⸗ ſchmerzen habe, ſo bin ich etwas unleidlich, kra⸗ keele viel im Zimmer herum, und fürchte, meine Nachbarn zu ſtören. Hab' ich Nachbarn?“ Er:„Alles beſetzt.“ Ich: So? Zum Beiſpiel, hier zur Rechten? „(die Frage war dumm, aber dumm mit Vorbe⸗ dacht.) Er:(mit mitleidigem Achſelzucken und höh⸗ niſchem Maul;) Wandſchrank und Feuermauer. Ich:„Ah ſo! da ſtör' ich alſo Niemand.— Und hier zur Linken?“ Er: Ein Engländer, ein Lord, Mylord Dreaps-Dreedle.— Befehlen? Ich:„Nichts mehr. Danke, Beſteſter. Neh⸗ men Sie jetzt nur nach Gefallen Ihren Abtritt.“— Er: Schön!(Und plautz! zur Thüre draußen.) 12 — Ich bleibe ſehr beſtürzt und nachdenklich zu⸗ rück. Ein Lord..2 Nun, Lords ſind ſie alle, die Herren von Yes und No— aber dieſer Lord Dreaps-Dreedle— ein verfluchter Name— konnte doch unmöglich das Waſchweiberl⸗Lied ge⸗ ſungen haben.... alſo, alſo,. haarſträubend, aber wahrſcheinlichſt... iſt's ein Geſpenſt ge⸗ weſen, ein ächtes rechtes Geſpenſte...! O Wollkopp, du haſt die Wahrheit geredet: es ſpukt im Hotel, und ich ſitze mitten in dem Hexenkreiſe! — Hätte ich nicht Zahnſchmerzen gehabt, ſtehlings und gählings wäre ich ausgezogen aus dem ge⸗ ſpenſtigen Hauſe, aus dieſem Hotel des revenans! Ich armer armer Prinzipal und Kapitaliſt! Welch ein Pläſirvergnügen in der Hauptſtadt!! Ueber all dieſen Vorfallenheiten und Nach⸗ denklichkeiten gehts„poch poch“ an der Thüre und kommt ein Geiſt— ein dienſtbarer zu mir herein: der alte Lohnbediente Thaddäus, ein merk⸗ würdiges Original, eine vriginale Merkwürdigkeit, von der ich ſpäter einmal ausführlicher handeln werde, ſo die Zeit dazu kommt. Und dieſer Thad⸗ — däus bietet mir ſeine Dienſte an. Hat in frühern Jahren vielmal meine Waarenkiſte geſchleppt, auch öfters meine intimſten Briefchen beſtellt; darum anhänglich, zuthulich und geneigt, an mir und durch mich etwas zu verdienen, noch heute wie vor Jahren.— Und er erkundigt ſich nach meinen Befehlen. Damit ſich der gute alte Burſche nicht umſonſt bemüht habe, ſage ich freundlichſt zu ihm: Gehen Sie doch'mal zu meinem Nachbar Dreaps-Dreedle—(auszuſprechen beiläufig wie Tripstrill) hinüber, und ſagen Sie mein gehor⸗ ſamſtes Compliment, und Se. Lordſchaft möchte nicht ungehalten ſeyn, daß ich dero Ihr etwa etwas Nachtunruhe gemacht, aus Urſachen, die.. und ſo weiter. Der„Geneigteſte“ verſteht mich ſchon. Thaddäus entfernt ſich. Zerſtreuungshalber lauſche ich auf meinem Sopha an der bewußten Seitenflügelthüre; und ich höre den Thaddäus drüben reſpektvoll anpochen, und wie aus der Ferne eines Nebenzimmers erfolgt ein kurzes:„Nur herein!“— Der Lord hat jedenfalls eine feine — 6 Stimme, und möchte doch am Ende das Waſch⸗ weiberllied geſungen haben? Vieles Wagengeraſſel auf der Gaſſe verhin⸗ dert mich, meine Beobachtungen mit dem Ohre fortzuſetzen. Ich beluſtige mich daher, aus dem Fenſter zu ſehen, wie der ſchellende Omnibus zur Eiſenbahn eine Menge von Gäſten des Hauſes Wiſperling in ſeinen Bauch aufnimmt; und ich be⸗ neide dieſe ſchwunghaften Reiſenden, die ſcherzend und lachend mit weitaufgeriſſenen Mäulern Abſchied nehmen; denn Keiner von ihnen hat„Spielleute“; alle kerngeſund. Indeſſen führt ſich auch Thaddäus wieder bei mir ein, und berichtet: Ein ſchönes Kompliment, und das bischen Nachtlärm habe gar nichts zu ſagen. Sie mögen ganz nach ihrer Bequemlich⸗ keit lamentiren und fulminiren und der vollſtän⸗ digſten Diskretion und Theilnahme Ihrer Nach⸗ barſchaft verſichert ſeyn. Wenn Sie jedoch ge⸗ ſonnen ſeyn ſollten, etwas gegen Ihr verehrliches Zahnweh zu unternehmen, ſo ſteht Ihnen von drüben ein gewiſſer oſtindiſcher Balſam zu Dien⸗ ſten, der ſchon in den ſchwierigſten Fällen erkleck⸗ liche Dienſte geleiſtet. Worauf ich ganz koulant, da meine Muſikan⸗ ten nur noch mit Sordinen arbeiteten, erwiedere: Mich gehorſamſt zu bedanken, und ich hoffe, ſchon ſelbſt mit meiner Plage fertig zu werden.— Und alſo Adieu, lieber Thaddäus. Auf ein andermal. Er geht; ich bleibe, richte mich im Schlafrock bequem am Fenſter ein, gucke auf die Straße in das Gewühl des Volks, und raffinire einen neuen Entſchluß aus, den ich um ſo begeiſterter auszu⸗ führen gedenke, als damit eine Ueberraſchung für meine theure Bina verbunden ſeyn wird; eine Ueberraſchung, zu der ich allerdings ein paar Wochen brauche; aber: was lang währt, wird gut.— Ich will damit dem„Geneigteſten“ nicht hinter'm Berge halten. Ein Faktum iſt, daß ich ſchon ſeit langen Jahren einen wohlgepflegten Backenbart trage; mehr als das: einen Rundbart unter'm Kinn durch; ein ſogenanntes Collier auf deutſch.— Wer aber heutzutage ein bischen etwas vorſtellen will, muß — ſo viel Bart haben als möglich; ja wohl noch etwas über die Möglichkeit hinaus. Das iſt nicht mehr als billig, denn unſere geſegneten Errungen⸗ ſchaften und unſere Souveränität verdanken Wir Volk zunächſt unſern nach und nach freigewor⸗ denen Bärten.— Ha, wie ſich derjenige unbe⸗ dachtſame König und Gewaltherrſcher hinter'n Ohren kratzen muß, der zuerſt in Deutſchland einen Schnauzbart getragen, und ſomit denſelbigen Schnauzbart in die Mode gebracht hat! Aus die⸗ ſem Schnauz und Knebel wuchſen allmählig alle andern Bärte heraus, bis Wir Volk ſelbſt an⸗ ſchnauzen und knebeln konnten, was uns vordem an⸗ und abgeſchnautzt und zuſammengeknebelt!! Ich für meine Perſon, auf meinen Touriſtereien en articles de deuil, hatte mich lang nicht mit Politik und Menſchenwürde vis- ä— vis von Thro⸗ nen abgegeben, und daher nur meinen Backenbart, endlich einen Hambacher geführt.— Seit etwa an⸗ derthalb Jahren jedoch war mir ein Schnurr⸗ und Totalbart zum unabweislichen Bedürfniß ge⸗ worden; ſchon darum, weil mein einziger gefähr⸗ haftigkeit ſich zugelegt, und damit leider ziemlich Kunden angezogen hat. Der Kerl iſt aus einer wälſchen Familie, die wie bekannt in Bärten Großes leiſten, und trägt zu genanntem Wild⸗ wachsthum einen kühnaufgedonnerten Kalabreſer, einen ſchwarzen, mit einer mordialiſchen Kokarde, ſchwarzrothgold;— dazu einen Paletot von Na⸗ turellfarbe und Proletariertuch, ſo wie daſſelbe in der annoch zu Trefunz beſtehenden zeitweiligen Verſorgungsanſtalt für verkannte und unbegriffene Staatsbürger produzirt zu werden pflegt.— Den Paletot— par exemple— um einen Augenblick bei dem Kittel zu verweilen— werd' — ich nicht vertheidigen: ich, Theophil Langenſtrick, genannt Grand-Fusil, der ſeine Lehrzeit in Schnittwaaren durchgemacht, und manches feines Stück Sedan zu ſchwarzen Fracks verkauft hat. Der Paletot iſt eine ſchnöde Erfindung, und Gott vergebe ſie, wie ſo vieles noch, den Franzoſen. licher Konkurrent in Trefunz, Hermann Hektor Stracchinoni, auf'm Entenſpiegel, der in meinen Artikeln macht, ein ſeltnes Muſterding von Bart⸗ — Ohne dieſe hätten wir den Kittel nicht; weil ſie ihn jedoch haben, haben wir ihn auch.— Ich alſo vertheidige den Paletot nicht. Er iſt aber einmal ein Faktum; er iſt einmal da. Wie dieſes liederliche Kleidungsſtück zu unſerer Freiheit mitgeholfen, iſt gar nicht zu ſagen. Ich möchte zum Beiſpiel nicht die Verantwortlichkeit mit mir herumtragen, ſo derjenige König oder Kaiſer auf ſich hat, der zu allererſt ohne Hermelinmantel oder wenigſtens ohne Feldmarſchallsuniform und Or⸗ densband unter die Leute gegangen iſt. Oder gar vollends derjenige Kaiſer oder König, der ſich in einem Civilüberrock hat vor den Menſchen ſehen laſſen. Denn kaum haben ſelbige Menſchen ge⸗ merkt, daß der Großmächtige einen Rock tragen kann, in welchem er ausſieht, wie alle Sterbliche, die überhaupt einen Rock anzuziehen haben, und alſogleich ſind ihnen die Augen aufgegangen, und ſie haben ſich gedacht: Sieh, ſieh, der Groß⸗ mächtige wird doch ein Menſch ſeyn, wie wir.— Und gleich hinterdrein kam der Paletot auf, und da⸗ mit war's aus und aus. Der Paletot hat aus den Luſtige Geſchichten 1I. 8 2 —— 5— ruhigen Bürgern unruhige gemacht. Erſtens: von wegen deſſen, weil ein Jeder einen derlei Kittel von allem möglichen Geweb haben konnte;— das war die Gleichheit. Zweitens: weil derſelbe — der Kittel— ein Kleidungsſtück ohne allen Anſtand und Etikette iſt;— das war die Bri⸗ derlichkeit. Drittens: weil derſelbe Kittel höchſt unziemliche Seitentaſchen zuläßt; das war die eigentliche Freiheit. Warum? Von Stund' an war keiner mehr auf Erden, den man nicht, beide Hände in den Taſchen vergraben, umherlaufen ſah. So machten ſie bequem die Fauſt im Sack; ſo gewöhnten ſie ſich daran, gar nicht mehr zu ar⸗ beiten. Warum? Sie mußten ja die Hände in der Taſche behalten.— Daher gewannen ſie Zeit, zu reflektiren, zu deliberiren, in den Wirthshäuſern den Staat zu regieren, und über alle Schicklichkeit im Anzug, der doch den Mann macht, hinaus⸗ zuvoltigiren. Ich aber will das nicht weiter aus⸗ führen. Eine Thatſache iſt aber, daß mit den Fracks die herkömmliche Weltordnung unterge⸗ gangen iſt; und daher die Freiheit! — — Ich habe nun gegen die Freiheit nichts, bin ſehr gerne ein Souverän, und wenn nur mein Schwiegervater Biſſig im Geſchäft nicht ſo faul wäre— ich hätte mich, bei Gott! ſchon in's Par⸗ lament, oder wenigſtens in eine Kammer irgend⸗ wo wählen laſſen.... aber auf den Stracchinoni am Entenſpiegel habe ich eine giftige Malice. Sein Paletot aus der Anſtalt, worinnen die Or⸗ ganiſation der Arbeit eine Wahrheit geworden, und ſein äußerſt beträchtliches Bartgewächs haben ihm, wie ſchon geſagt, viele Abnehmer verſchafft, und juſt dieſe Abnehmer gehen mir ab. So muß ich alſo nothwendig mir einen dito Paletot an⸗ ſchaffen und möglichſt einen dito Bart. Aber— aber! Ebenſowenig als Bart und Kittel iſt aus der Schöpfung wegzuläugnen die Bina!! Die Bina iſt auch noch da, Gottlob noch da! Und Bina iſt keine Freundin von Kittel und Bart!— Hätt' ich indeſſen nur einmal die kom⸗ plette Zierde des Mannes, einen vollen anſehnlichen Wildpark im Geſichte,— der Paletot käme dann hinterdrein, ſo gewiß als das V dem W im . A B C! wie Beckmann ſingt. Ein Teufelskerl der Beckmann! Und da ſtehen wir wiederum„Geneigteſter“ an dem großen Entſchluß, den ich, in's Gewühl der Menſchen ſchauend, faßte: Ich wollte mir während meiner Pläſirvakanz im Hotel Wiſperling den Bart wachſen laſſen,... la barbe partout und toujours, la barbe à tout prix!— Und richtig auf der Stelle fing ich an, ihn wachſen zu laſſen, und ſtaunte gleich bereits über das Er⸗ ſtaunen, ſo meine großartige Bina ſtaunen würde, wenn ich einſt käme gen Trefunz mit Haar auf den Zähnen gleich der rothen Republik in Perſon. Und wie wollte ich dann erſt dem Stracchinoni die Zähne weiſen? Und wie, ſeiner, des Konkur⸗ renten, gedenkend, knirrſchte ich jetzo ſchon mit den Zähnen!! Aber— auweh! das Knirrſchen bekam mir übel, denn meine„Spielleute“ wurden abermals munter und ſtrichen mir eine Marcia furiosa herab, daß ich rabiat wurde, wie gar noch nie. Eine erſprießliche Leibesbewegung in ſolcher —— Noth iſt das Ohrfeigengeben. In Ermanglung eines Lehrburſchen gab ich mir ſolche ſelber, rechts und links, Kopfnüſſe mitunter. Cajeput half nichts,... die Leibesbewegung auch nicht, ich — ſonſt ein Mann wie von Gutta gymnasti- cum— gerieth in äußerſte Verzweiflung. Solche Schmerzen— eigentliche dolores— hatte ich noch nie ausgeſtanden, und das ſollten hauptſtädteriſche Pläſirs ſeyn!!! Endlich— wie gewöhnlich— gab der Ver⸗ nünftigere nach. Ich war der Vernünſtigere. So ſank ich maleriſch genug ohne Zweifel auf mein Sofa nieder, ſtützte den Kopf mit Reſignation in die Hände, die Ellbogen auf den Tiſch. Bina in ihrer pittoresken Redeweiſe heißt das„ſich auf den Tiſch lümmeln“. Und alſo ſtöhnte ich mein „Ach ach“ und„Au au“ daß es ein Kreuz und Elend war— und ſiehe: ein Gott hatte Erbar⸗ men, wie die Jungfrau von Orleans ſagt, oder der Geßler von Schwyz— ich weiß nicht mehr recht. Denn plötzlich klopfte es mit diskretem Finger an die Seitenflügelthüre hinter mir, und des Lord — Dreaps-Dreedle feine Stimme ließ ſich verneh⸗ men:„Aber ſehen Sie einmal, wie Sie ſind! Haben ſo entſetzliche Schmerzen und wollen doch von meinem India⸗Balſam nichts wiſſen?“ Ich bin hierauf gerührt, zerknirrſcht, und ant⸗ worte dem Weiberl— dem Lord, will ich ſagen — auf franzöſiſch: Tout-ä-Pheure, à Votre service!— Eins, zwei, drei, hab ich ſtatt des Schlafrocks den Ueberrock auf den Schultern— eins, zwei, drei! ſtehe ich drüben an des Lords Thüre, und klopfe an. Entrez! heißt es, und in dem Salon befinde ich mich. Und mir entgegen kommt der Lord— oder beſſer die„Lurdin“ wie irgendwo der Sta⸗ berl ſagt!! Richtig: der Lord war ein Frauen⸗ zimmer, und das Frauenzimmer zu meinem nicht geringen Erſtaunen niemand anders als die dunkel⸗ gehaltene Dame, die mit mir zugleich im Omnibus bei Wiſperling angefahren. Ich bin darob ver⸗ ſtutzt, vertattert, knüll mit einem Wort. Mein Deutſch hatte ich Ueberraſchungs- und 3— Schmerzenshalber ganz vergeſſen; ich drücke mich daher franzöſiſch aus, mich zu wundern, daß nicht Lord Preaps-Dreedle, ſondern ein ſchönes Ge⸗ ſchlecht mich empfangen, und was ſo der Artig⸗ keiten mehr ſind.— Die Dame geht zum Verwun⸗ dern ſelbſt auf meinen welſchen Dialog ein, und verſichert mich anmuthig mit etwas Roſenanflug, daß allerdings dem bewußten Lord der Salon ſammt Schlafzimmer gehöre, daß er aber ſchon einige Tage abweſend, und ſie— die Dame— ſeither auf Prokura des Lords das Logis eingenommen. Freut ſich meiner Nachbarſchaft mit ſchmelzender Stimme, und vermißt ſich hoch, meine diaboliſchen Schmerzen auf dem Fleck zu Grunde richten zu wollen.— Pardieu! ſie kam mir, trotz des griechiſchen ſchäflichen Angeſichts, reizend vor, gar ſehre, auf Ehre!— Ich empfange aus ihren Händen einen Flacon, ein Bündelchen Baumwolle, und aus ihrem Munde eine kurze Inſtruktion, wie damit zu verfahren, nebſt der Bitte, baldigſt von der außer aller Frage ſtehenden Heilung per⸗ ſönlich Bericht erſtatten zu wollen. Was ich na⸗ — türlich, im Voraus dankbar, verſpreche,— darauf . ſchiebe ich mich ab.— Mir war ſchon jetzt ſo gewiß wohl um's Herz, wenn gleich noch nicht in den Zähnen, und in mein Zimmer zurückdämelnd ſehe ich noch den ro⸗ ſigen Anflug vor mir, und die pechrabenſchwarzen Haare über der weißen Stirn, und ſo allerlei Geſtaltungen und Umriſſe, impoſant, wie kaum meine Bina ſie führt, aber bei weitem andres Deſ⸗ ſin, eleganter gezeichnet... und das zärtliche Mitgefühl in den Augen, und den tröſtenden pur⸗ purigen Mund... enfin, der„Geneigteſte“ ver⸗ ſteht mich ſchon, wenn er anders ein Mannsbild von Erfahrung iſt, und gewiß nickt er im Ein⸗ verſtändniß, wenn ich ihm geſtehe, daß ich mir in's Ohr flüſterte: Dieſe Lordin oder Keine hat dir den Blumenſtrauß en question auf den Tiſch gehuldigt!! Voll von dieſer Beſeligung gehe ich meiner Kinnlade auf indianiſch zu Leibe, und c'est dröle, mais c'est la vérité— der Schmerz nimmt vor dieſem biſamduftenden und zimmetſchmeckenden Balſam auf der Stelle Reißaus. Und während er ſo vergrimmert, wie ſie zu Trefunz ſagen, werfe ich einen Blick zur Seite, und paff vergeht augenblicklich aller Schmerzensreſt; denn.... man muß das ſelbſt erlebt, und ſelber Zahnſchmerzen gehabt haben, um es zu glauben— denn auf meinem Tiſche lag... lag... he,„Geneig⸗ teſter“ errathet Ihr's?.... lag der zweite Blumenſtrauß, dem erſten ähnlich wie ein Tropfen Waſſer dem andern, aber friſch und wohlriechend und eben ſo geheimnißvoll und räthſelhaft! Wahr⸗ lich, wahrlich, die Lordin konnte dieſes Bouquet nicht geſpendet haben, da ich mit meinen Augen ſie verſchlungen, da ſie nicht aus meiner nächſten Nähe gekommen und gewichen! folglich hatte ſie auch den erſten Strauß, den ältern Zwilling des zweiten, nicht geſpendet... und folglich... folglich... mußte das von einer andern Hand gethan worden ſeyn! Ich kannte mich nicht aus, ich ſtand da wie ein Schaf, wie ein Kameel.... aber ein Faktum, daß darüber mein Zahnſchmerz ausblieb, gerade, — als wollte er nicht mehr wiederkommen— und er iſt auch wirklich ſeither nicht wiedergekommen! Ein Beweis mehr, daß dieſe Plage immerdar weichen muß, wenn ſich der Geiſt des Menſchen eine ſtarke Zerſtreuung zu verſchaffen weiß, ſo was man auf deutſch„une émotion ou distraction salutaire“ heißt.— Und wenn ſchon ſo ein frappantes Bouquet die Wirkung macht, um wie viel kräftiger müßte z. B. ein Brief wirken, der dem Kranken meldet, daß er eine halbe Million oder eine ganze geerbt hat, wären's auch nur ſo viel miſerable franzöſiſche Franken? Ja wohl, ja wohl:„in's Innere der Natur dringt kein er⸗ ſchaffner Geiſt!“— Das hat ein Andrer geſagt, nicht ich; aber's iſt doch wahr.— Et voilaͤ! Und wie ich ſo daſtehe, und ſchaue und rieche und taſte an dem lieben Sträußchen herum, und frage tauſendmal mit flügelſchnellen Gedanken: „Woher kommſt du, holder Schelm und bedeut⸗ ſamer Bote?“ und wie ich nun aber auch nicht mehr die blaſſe Spur von einem Leid und Weh verſpüre, pöppelet es wiederum an meiner Seiten⸗ 2 flügelthüre, und der dunkelgehaltenen Dame Sil⸗ berſtimme fragt ſchneeſchmelzend: Comment va- t-il, cher voisin?— Worauf ich dankbar aus dem Ueberrock in den bewußten grünen Frack fahre, den der„Ge⸗ neigteſte“ ſchon von Flätz kennen wird, wenn er meine„Abenteuer in Flätz“ geleſen hat— ein ſchöner Fantaſiefrack, ein Frack der Eroberungen und ſo weiter— noch einmal ich mein Sträuß⸗ chen berieche unp beküſſe, es im Knopfloch be⸗ feſtigend,— und hinüberfliege ich, Flacon, Baum⸗ wolle und meiner heißen Dank bezeigungen ſchwere Tonnenlaſt/ der Retterin und Heilandin zu Füßchen zu legen. Schöne Füßchen, bei Gott! Praktiſcher, um felſenfeſt darauf zu ſtehen, ſind Bina's Füße, „ aber zum Küſſen und zum Schweben ſind die der griechiſchbeprofilten ſchönen Nachbarin! Es ſcheint, daß ich viele Worte gemacht habe, aber wahr iſt, daß die Dame mir mit zärtlichſter Aufmerkſamkeit zugehört hat, und, daß ſie von meinem Air, das ganz fein und ſchwalleriesk iſt, wenn ich will, angezogen, ja hingeriſſen wurde. Denn ſie führte mich zu ihrem Sofa, meine Hand in der ihrigen, ſetzte ſich vertraulich zu mir, dem Traulichen, und wünſchte mir Glück zur Heilung, und pries ſich ſelber glücklich, daß ſie vom Himmel beſtimmt geweſen, dabei mitzuwirken, und mit den Worten ſchloß ſie: Was man auch jetzo von Kali⸗ fornien ſchwatzen mag, ſo ſinb mir doch all ſeine Reichthümer geradezu Nichts und Null gegen das Vergnügen, Sie.. Da unterbrach ich ſie, einen galanten Calembour machend, und zwar alſo:„Gegen das Vergnügen, mich aus meinem Quali fornien erlöst zu haben! Wie dank' ich Ihnen! Und lebten wir zuſammen noch drei oder vier Ewigkeiten ab und durch,— nie werd' ich aufhören, Ihr Schuldner zu ſeyn, Geehrteſte!“ Disponiren Sie über mich! ſetzte ich hinzu, und gleitete ihr eine Karte mit der Firma Biſſig und Langenſtrick in die edelgeformte Hand.— „Der lange Strick bin ich;„erläuterte ich noch ſcherzend, und in der Dame ſchelmiſchem Gelächter lag die Beſtätigung, daß dieſer Strick ſie gefeſſelt und gebunden.— Der„Geneigteſte“ merkt, daß ich in der brillanteſten Laune mich befand, wie nur jemals Grand-Fusil in ſeiner beſten Zeit ſich deren erfreut hat. Ein hübſch und freundlich Weib, — ein paar Blumen voll von Zukunft.. eines mehreren bedarf es nicht bei mir. Und da ich einmal meinen Namen ſpendirt, pouſſire ich meine bonne fortune weiter, und verlange billige Reciprocität mit den zartgeſetzten Worten: Mit welchem Namen aber, Mylady, ver⸗ ehr' ich Sie? Da erröthet die Dame, wie ſchon einmal, lächelt ein bischen verlegen, aber um ſo zauberi⸗ ſcher, und ſpricht, lispelt eigentlich nur: Nennen Sie mich ſchlechthin Armadilla. Wir Mädchen haben ja im Grunde, ſo lang wir frei ſind, nur unſern angetauften Namen. Der rechte kömmt uns nur, wann wir in Ketten geſchlagen, zu.— Das war ſchön, aber ſehr ſchön geſagt, und wenn das der„Geneigteſte“ gehört hätte, ſo würde er erſt inne geworden ſeyn, welch' eine Sprache die franzöſiſche iſt; denn nur in dieſer Zunge kann man dergleichen ausgezeichnetes pro⸗ duziren. Darum rede ich auch am liebſten mit meiner Bina franzöſiſch; ſie kann's aus dem Fun⸗ dament von Genf her. Und während ſie im Deut⸗ ſchen, wie der„Geneigteſte“ ſchon gemerkt hat, eitel Natur von Trefunz und Kindlichkeit, ſo iſt ſie, wenn ſie ſich franzöſiſch gibt, reine Kunſt und feinſter Geſchmack in Pariſer Manier.— Hatte mich die Erklärung der Dame und ihr Name, der etwas Naturgeſchichtliches an ſich hat, das mir aber jetzt nicht im Detail beifällt, ange⸗ nehm berührt, ſo war ich doch auch nicht wenig verwundert. Kam ich doch dazumal aus dem Wundern nicht heraus. Darum verſetzte ich, fein und delikat wie ſie: Der Glückliche, Mylady Armadilla, der Sie an die Kette zu legen wüßte! Aber— auf Ehre — ich begreife nicht, daß dieſes noch nicht ge⸗ ſchehen? Glaubte ich doch in Ihnen die Gemahlin des Lord Dreaps-Dreedle zu verehren... 2 „Mit nichten, mein Herr; gab Armadilla mit neckiſchem Schmunzeln darauf: Ich habe Ficht die Ehre... ich möchte auch nicht.. es iſt ein ganz eigenthümliches Verhältniß, in dem ich zu Mylord Dreaps-Dreedle ſtehe.... ganz ei⸗ genthümlich. Wenn wie ich wünſche... unſere Bekanntſchaft nicht eine vorübergehende ſeyn ſollte, würde ſich ſchon Gelegenheit finden, Ihnen über dieſen Punkt nähere Auskunft zu ertheilen.“ Ich verbeugte mich geſchmeichelt, ſagend: Mein Aufenthalt in dieſem Hauſe wird ſich auf einige Wochen erſtrecken, und wenn Sie erlauben— ich werde ungeheuer glücklich ſeyn, wenn Sie er⸗ lauben. „Es wird mir Freude machen, Sie öfter zu ſehen;“ unterbrach mich Armadilla mit lieblicher Offenheit:...„ich weiß nicht was mich zu Ihnen hinzieht... doch ich lüge; ich weiß den Grund.. Für heute ſag' ich ihn aber nicht. Ihre Neugier, wenn nicht Andres, wird Sie vielleicht bewegen, mir wieder die Ehre Ihres Beſuchs zu ſchenken;... nur muß ich bitten, verſchwiegen zu ſehn; denn dem liebloſen Geſchwätz der böſen Zungen — bin ich feind, und mein ganz eigenthümliches Ver⸗ hältniß zu Dreaps- Dreedle befiehlt mir..... 3 Ich verſtehe, bin geſchmeichelt, bin ſtumm wie ein Fiſch, Verehrteſte; mache ich darauf, und er⸗ hebe mich, um meiner Bewegung Meiſter zu blei⸗ ben.— Auch Armadilla erhebt ſich, und mit einer gewiſſen ſüßen Verwirrung, meine Hand ergreifend, ſagt ſie, mir verdammt tief in die Augen blickend: „Noch eine Frage; auf's Gewiſſen: find Sie ſchon verheirathet?“— O wie glücklich, wenn ich's nicht wäre! er⸗ wiedre ich, und laſſe einen jener Blicke los, die eine Welt von empfindſamen Weibern toll machen müſſen.— Armadilla lächelte, kniff die Purpur⸗ lippen etwas verſtimmt, und leiſe entgegnete ſie: „So? alſo wirklich? Nun, deſto beſſer... aber auch für Sie, mein Freund, deſto ſchlimmer. Wie ſehr werden Sie hier im fremden liebeleeren Hauſe der Gattin Pflege vermiſſen?“ Da kam ſie mir recht, und mit Aplomb ſage ich hinwieder: Wir Männer ſind Touriſten und Jung⸗ geſellen immerdar, ſo bald wir in der Fremde.. — und, ſo Fortuna will, wird auch dieſes Haus nicht liebeleer für mich ſeyn. Sie aber, Geehrteſte, ſind meine Fortuna!! Das war gut; he?— Dafür klopfte mir Armadilla die Wange, und lachte:„O Schelm! Ihr taugt doch alleſammt nichts!“— Dann ging ſie, leiſe die Thür zu öffnen. Auf meine Frage, wann ich wiederum das Glück haben könne u. ſ. w. flüſterte ſie:„Werd' Ihnen bei Gelegenheit ein Zeichen geben!“ Hierauf huſchte ich in meine vier Pfähle zurück, und, weil geheilt, baldigſt auf die Promenade, um die Gefühlungen meiner Bruſt in friſcher Luft ausſtürmen zu laſſen. Ich lief weit weit vor die Stadt hinaus, auf ein ſtilles Dörfchen, in ein trauliches Kneipchen, beſtellte mir ein ländlich fru⸗ gales Mittagsmählchen, und hing meinen Ge⸗ danken und Hoffnungsſchwelgereien nach. O Grand-Fusil! Teufelskerl! großer langer unauf⸗ haltſamer Weiberüberwinder! Wie! mit friſchen Roſen kränzeſt du dein Haupt? Theophil und Armadilla! Welch' ein Roman, welch ein Drama, Luſtige Geſchichten. II. 3 welch' ein Schafs— nein, Schäfergedicht liegt hinter dieſer Firma begraben!— Aber Räthſel auf Räthſel, Geheimniß über Geheimniß! Dieſer Lord Dreaps-Dreedle... dieſe unbekannte Größe... was iſt mit ihm? Und Armadilla, die in einem ganz eigenthümlichen Verhältniß zu ihm ſteht? Ich habe die Frauen nicht ungern, die in ganz eigenthümlichen Verhältniſſen leben, — vorausgeſetzt, daß der Verhältniſſer, die unbequeme Perſon, weit genug vom Platz, etwa dort, wo der Pfeffer wächst, ſich befinde. Ach⸗ ſolche Verhältniſſe haben einen Reiz, aber einen Reiz... Enſin: ſo wie Geld wiederum Geld macht, ſo machen auch ſolche Verhältniſſe wieder neue Verhältniſſe,... und ma foi, als Rentier und Junggeſelle zum Pläſir kam mir Armadilla mit ihrem Verhältniß ſehr gelegen...! ich war ſo allein im fremden liebeleeren Hauſe, der Pflege meiner Bina entbehrend, in einer brunnenloſen Wüſte pour ainsi dire, und mit einem Durſt, einem Durſt.... nun, ich will weiter nichts ſagen!! Nur ſoll der„Geneigteſte“ auch weiter — 6 nichts Böſes dabei denken. Ich hatte nur Hunger nach Theilnahme, nur Durſt nach Umgang mit einer edeln Seele, mit einer weiblichen Seele. Ohne Umgang mit Frauen iſt der Mann ein Tropf, und Bina würde ſich gewaltſam entſetzt haben, wenn ich die Civiliſation, das Schwallerieske in meinen Manieren, das Coulante in meinem Be⸗ nehmen, abgeſtreift hätte, und als ein roher Wirths⸗ hausſitzer und Kneipenjäger heimgekommen wäre. Darum alſo;— und honny soit, qui maly pense! wie's auf'm Strumpfband der Königin Viktoria ſteht! „Ha, Viktoria, Viktoria!“ rufe ich ſelber mir zu, ſtoße mit mir ſelber an, trinke im anſäuer⸗ lichen Landwein meine eigene Geſundheit, und bin ſeelenvergnügt, die reizende Armadilla erobert zu haben, eine Quaſifeſtung, ein Quaſi⸗Gibraltar, von engliſcher Garniſon beſetzt, und ihres Erlö⸗ ſers ſchon lange geharrt habend. Donner und Darius! eine Eroberung unſtreitig!—„Ich weiß nicht, was mich zu Ihnen hinzieht...! Und doch— ich lüge— ich weiß es freilich— nur ſag' ich es heute noch nicht!“— Mordio! hat — ſie das nicht geſagt? Heute will ſie's noch nicht bekennen, daß es der kleine Kupidus geweſen, der ihr Herz mit einem Pfeil mitten durch die Bruſt getroffen... aber morgen, morgen ſagt ſie's! Sie will mir ein Zeichen geben!! Wenn das nicht Liebe iſt, brennende Liebe, ſehr bren⸗ nend, weil ſo tief verſchwiegen, ſo will ich wahr⸗ haftig Kilian heißen, ſtatt Theophil, und Lumpen ſammeln, ſtatt in Pomeranzen zu thun, und Gras und Kräuter freſſen, wie der heidniſche Nebukatz⸗ neder, ſtatt dieſer räuchelnden und ſchmirgelnden Hammelrippen, encore aux pommes de terre!.. Ich war juſt ſo weit im Text, als ich hier berichte, und klopfe ſtolz auf meine Bruſt, da fällt das Bouquet, das ich Undankbarer bisher vergeſſen, bolzgrad in das ſchöpſige Fett hinein, und erſäuft ohne Gnade in der brenzlichen Talg⸗ brühe. Wie Schiller ſingt:„Da iſt was ſchönes los auf dieſer Erden!“ Ha! wie konnte ich ſo ſchnöde vergeſſen, was ich noch nicht einmal recht wußte? Dieſer Strauß mit all ſeinen Geheimniſſen! War nicht auch er —— ohne Zweifel eine Siegstrophäe, ein Liebespfand, meiner Liebenswürdigkeit gehuldigt? Verdiente die Beſcheidenheit der Geberin nicht eine beſſere An⸗ erkennung und ihr zart Geſchenk nicht eine beſſere Stelle, als in dem ſtinkenden Schmeer des Maſt⸗ bocks?— Ja wohl, ja wohl!! allein ich mußte leider das Sträußchen in ſeinem Fett erſticken laſſen, und wohin es endlich gerathen, mögen die Götter der Unterwelt, der Styx und der Stax wiſſen.— Genug: ſchwere Vorwürfe mir ma⸗ chend, geſenkten Hauptes kehrte ich nach der Stadt zurück, und meine Siege freuten mich nicht mehr.— Und Bina! wie dieſe Bina mich von der Schnupftabacksbüchſe herab anſchaute! Nur mit abgewendeten Augen wagte ich, eine Priſe zu nehmen.—— Da bin ich wieder im Hotel. Es dämmert ſchon gewaltig; noch dazu bin ich geblendet von dem grellen Abendſchein, der mich im Heimkehren mit ſeiner Glorie umgeben. Und daher— C'est pourquoi— da ich in Wiſperlings heilige Hallen eintrete, und im düſtern Treppenhaus ein bischen ausſchnaufe, ſehe ich à— peu- près gar nichts um mich her, als ungewiſſe Umriſſe und derglei⸗ chen. Dennoch bemerke ich, daß juſt neben mir eine Thüre aufgeht— und aus dieſer Thüre drang ein Gerüchlein, wie etwa aus einer Speiſe⸗ kammer, und in mitten dieſes Gerüchleins erſcheint etwas, wie eine korpulente Frauensperſon, und ich meine ſchon, die Angelika neben meiner ahnen zu dürfen! Aber gehorſamer Diener. Eine weiche fleiſchige Hand ergreift plötzlich, aus dem Hinter⸗ halt hervor, gleichſam mir aufgepaßt, die meinige, und eine recht angenehm flüſternde Altſtimme ſagt mir sub rosa: Der Herr aus Nummer Sechs? Pour vous servir; mache ich ganz vertrau⸗ lich, denn— auf Seele— mir ſchwante und zwar mit Recht, von einem neuen Abenteuer! Und noch vertraulicher ſagt wieder dieſe ſo— nore Altſtimme: Ich habe Nothwendiges mit Ih⸗ nen zu ſprechen.... mein Mann iſt nicht zu Hauſe.... dürfte ich etwa um ſieben Uhr heut Abend bei Ihnen vorſprechen? Natur, Natur! erwiedre ich: Mein Gott, warum denn nicht? Darf ich fragen.... 7 Pſt! pſt! um Gotteswillen! fährt mir die Dame in die Parade: Es kommt Jemand! Rei⸗ nen Mund, ich bitte!— Noch ein Händedruck, und fort war ſie.— Und diesmal war's die trampelige Angelika, die breitfüßig über die Treppe kam und meine bonne fortune verjagt hatte.— Abſcheuliches Weibsbild! Ich greife mich in mein Stockwerk hinauf, an meine Thüre hinan, aller Gefühlungen voll. Mein Kopf war ein Feuer, meine Handpulſe und meine Halskaryatiden klopften verzweifelt im Sechsach⸗ teltaklt. Es war auch allerdings darnach. Er⸗ oberung Schlag auf Schlag— der Exkaiſer Na⸗ poleon ein armer Schächer gegen mich. Ich mache Licht... ſchon geht es auf ſechs Uhr.— Noch eine Stunde und ich werde mehr wiſſen, als bisher. Gut: ſehr gut. Wenn ich recht zählen kann, ſo belaufen ſich meine Siege ſchon auf dreie.— Recht; alle gute Dinge ſind drei. Die Sträußchenſpenderin.... Lady Arma⸗ —— ——————— dilla.. und dann... und dann die kor⸗ pulente Dame, die da ohne Zweifel— ſagte ſie nicht:„Mein Mann iſt nicht zu Hauſe?“ und iſt Wiſperling nicht verreist, und kam die Dame nicht aus der Speiſekammer, wohin ſich von Da⸗ men nur die Dame des Hauſes verirrt? facit: die Dame iſt Madame Wiſperling und keine an⸗ dere! Muß eine angenehme Frau ſeyn, beim Licht beſehen! Ich habe ſie nicht ungern, die Frauen von Korpulenz und einigermaaßen majorennen Jahren.... wenn ſie ſonſt nicht übel von Antlitz und Geiſt ſind. Das iſt auch die Meinung der großen Lichter des franzöſiſchen Montparnasse, der Herren Sue, Balzac und des unvergleich⸗ lichen Paul de Kock, denen die Frauen zwiſchen dreißig und vierzig Jahren als das Intereſſan⸗ teſte in der Welt vorkommen. Und die Franzo⸗ ſen treffen, wie bekannt, immer den Nagel auf den Kopf.— Ferner habe ich ſie nicht ungern, dieſe Frauen d'un certain àge, wenn ſie noch obendrein unglücklich in der Ehe ſind. Eine ty⸗ ranniſirte unbegriffene Frau iſt die anziehendſte Märtyrin auf Erden. Und es iſt wohl nicht zu läugnen, daß Herr Louis Wiſperling— ſonſt ein ſeelenguter Mann— etwas türkiſche Natur im Leibe hat. Warum hätte er ſonſt ſeine Gattin ſo gewaltſam von der Wirthſchaft und den Gäſten abgeſperrt? Der„Geneigteſte“ erinnert ſich der bedeutſamen Antworten, die mir der Mann ge⸗ geben, da ich mich unterſtanden, ihn nach ſeiner Ehehälfte und ſo weiter zu fragen?—— Wie natürlich daher, daß die geknechtetete Dulderin, wenn einmal die Kerkerpforte auf⸗ und gerade ein liebenswerther ſolider Mann vorbei geht, dem Soliden die billige Aufmerkſamkeit ſchenkt, ihn vergleichend mit ihrem Eheteufel, der juſt auf Reiſen, und ſich hoffnungs⸗ und ſehn⸗ ſuchtsvoll an den Liebenswerthen hängt, wie eine Ertrinkende an den rettenden Strick!!— Sieh da, ich bin juſt im Begriff, wieder einen Ca⸗ lembour auf meine eigene Perſon zu machen,... unterlaſſe es aber, der ritterlichen Begeiſterung gedenkend, in der ich mich an jenem verhängniß⸗ vollen Abend befand, da ich Licht gemacht hatte, — und nun meine beiden Gemächer ſchrittlings auf⸗ und abmaß, gleichſam ſtolpernd von Victoire zu Victoire, von Conquéte zu Conqusète... be⸗ gierig, die holden Geſtändniſſe der Dame Wiſper⸗ ling zu vernehmen, und ihr zur Rettung, zum Heil die Hand zu bieten!!—(Nichts übles denken,„Geneigteſter!“ Theilnahme, Mitleid, Empfindſamkeit, honette, für das Geſchlecht hat jederzeit in meinem Herzen Platz gegriffen, aber ſtets edel waren meine Gefühlungen, das ſoll ich den Satz nicht aus.) Enfin: ich war eine Beute meiner Gedanken —„unter Larven die einzige füllreiche Bruſt“ nach Göthe.— Aber— jedoch— indeſſen— wiewohl— unverſehens werde ich geweckt aus meinen Träumen, hinweggeriſſen von der korpu⸗ lenten Seelenfreundin— geſchmiſſen aus der Speiſekammer, der die Huldin entdämmert war. Wodurch? durch den feinen eindringlichen Geſang des Lord Dreaps-Dreedle, beziehungsweiſe ſeiner Verhältniſſerin, die hinter meiner Seiten⸗ flügelthüre zu irgend einer Guitarre oder Klein⸗ harfe ſich vernehmen ließ: Au clair de la lune Ein Zeichen dir zu geben, Mon ami Pierrot, Verſprach ich gerne dir! Préte moi ta plume In nächtlich ſtillem Weben Pour écrire un mot: Ach komm' geſchwind zu mir!! Gott, Gott! Gleichwie mit vier Pferden zog's mich hin an die Paradieſesthüre! Aber mit einer Kraft von ſieben Elephanten hielt's mich zurück auf meinem Standpunkt. Denn es ſchlug juſt ſieben Uhr, und die holde Wiſperling ſtand ſo zu ſagen, ſchon vor meiner Thüre.— Ich hätte ſo gern, ſo gern, auf das gottvolle Zeichen hin, mit Armadilla fraterniſirt, aber auch für die Ge⸗ mahlin des Hauſes mußte ich zu Hauſe ſeyn!! Was zu thun, um die Eine zu menagiren, ohne die Andere zu inſultiren? Mancheiner hätte nicht gewußt, was zu thun; vor grauen Zeiten ſchon iſt Einer einmal zwiſchen zwei Heubündeln geſtan⸗ * —— den— der Herkules, wenn ich nicht irre— und hat nicht gewußt, was anzufangen;... aber ich heiße nicht umſonſt Grand-Fusil, bin immer zum Losgehen parat, hab' immer eine Kapſel auf der Pfanne. Daher zog ich mich mit einem langen Schritt, wie nur ich dergleichen machen kann— ſammt dem Licht in mich ſelbſt, nemlich in mein Vorzimmer zurück, und rührte mich nicht... hörte von Armadilla an unſere Scheidewand klöpfeln, und rührte mich nicht... hörte dann über den Vorplatz leiſe, leiſe, obſchon nicht ungewichtige Tritte auf mein Logement zukommen, und rührte mich nicht.— Mit einem Wort: ich ſtand am Vorabend großer Ereigniſſe! Das Klöpfeln hörte gleich auf... die Schritt⸗ lein waren ſchon vor meiner Antichambre ange⸗ kommen. Eine unſichere aber weiche Hand taſtete an meiner Klinke herum... die Thüre pipſte, ging auf.... verklärt von der Gasflamme, die auf dem Collidor brannte, trat leiſe und ſchnell die Wiſperling herein... traun, eine recht an⸗ muthige Frau, nicht Schatten, ſondern Körper, — bien ficelée, ſo gewiß baumwollig, weich wie Mousseline de laine, zart wie Thibet, wie Fiſch⸗ otter. Sie mußte gewohnheitsmäßig ſchön roſig von Antlitz ſeyn, aber für dießmal war ſie eine weiße Roſe, blaßnobel weil verſtört, und daß ihr Buſen hochklopfte, war allerdings bemerkbar, ſehre. Ich hatte noch nicht Zeit gehabt, mein Komp⸗ liment zu ſchneiden, und ſchon war die Dame er⸗ ſchöpft auf meinen Koffer niedergeſunken, der un⸗ mittelbar neben der Thüre.—„Sie verzeihen,“ ſtammelte ſie mit ihrem klangreichen, obwohl ge⸗ dämpften Contralto:„aber ich bin ſo verwirrt, ſo erſchüttert.... meine Lage iſt eine ſo eigen⸗ thümliche, Ihnen gegenüber....“ Aha; ſchon wieder etwas Eigenthümliches!— „Was werden Sie von mir denken...?“ fuhr ſie fort, und hielt inne, ihr Schnupftuch vor die Augen drückend.— Obſchon beſtürzt und ergriffen, erwiederte ich dennoch coulant: An eigenthümliche Verhältniſſe, Madame, bin ich ſchon gewöhnt, und was das Denken betrifft, ſo geht's mir wie allen ſoliden ———— — Geſchäftsmännern im vorliegenden Artikel: Wir denken immer das Beſte, Madame! „Sie beruhigen mich einigermaßen;“ ent⸗ gegnete die Frau, obgleich ihre Aufregung nicht nachgelaſſen. Aehnliches hatte ich geſehen bei Ve⸗ nedig auf den Murazzi: das ungeſtüm auf⸗ und abwogende Meer, das ſeine Schranken zu durch⸗ brechen, zu überwallen drohte. Der„Geneigteſte“ verſteht den Rebus.— Und die Frau fährt im⸗ mer fort:„In meinem Leben hat mich kein Schritt ſo viel Kampf und Ueberwindung gekoſtet,.. aber von Ihrem Mitgefühl erwarte ich eine barm⸗ herzige Nachſicht mit meiner ſo ganz, wie ſchon geſagt, eigenthümlichen Lage....“ C'est cela, beeile ich mich zu erwiedern, gleite neben der intereſſanten Klagefrau, in der Nähe des ſtürmiſchen Meers auf den Koffer nieder, und will eine ſalbungsvolle Frage an ſie richten als auf einmal—— nein, man muß das ſelbſt erlebt haben, um es zu glauben— als auf einmal ein Zetermordio durch's Haus geht: ein Schellenſturm, als ob der Brand in allen Ecken.. Stimmen durcheinander:„Hausknecht! Lohnbedien⸗ ter! Fritz, Georges, Caſimir! der Herr! der Herr! Wo iſt die Madame? Madame Wiſperling!“— Kurz ein Durcheinander von männlich und weiblich, ein Charivari zum Närriſchwerden! Und von meiner Seite fährt hoch empor die Frau des Hauſes.„Gott ſteh' mir bei, mein Mann!“ flüſtert ſie in Todesangſt:„O Himmel, wenn er mich hier fände!“ Ich nehme ſie in meine Arme. Lebhaft macht ſie ſich los, flüſtert mir zu:„Ein andermal, ein andermal, wenn möglich! Aber ſchweigen, ſchwei⸗ gen, ſchweigen, ſonſt bin ich ewig unglücklich!——“ Und fort iſt ſie.... fort, ſammt ihren Ge⸗ ſtändniſſen und Bekenntniſſen... und ich mag gar nicht ſagen, wie ich ihr nachſchaute, wie ich überhaupt ausſchaute. Etwa wie ein dummer Junge, dem man das fette Butterbrod genom⸗ men... sans comparaison,„Geneigteſter,“ und en tout honneur!! Richtig war Wiſperling, der erſt am nächſten Tag eintreffen wollte, heute ſchon wieder gekom⸗ —————————— men, da man ihn am wenigſten erwartete. Ty⸗ rannen, eiferfüchtige Ehemänner und andere tückiſche Beduinen haben das ſo im Brauch; das iſt die alte Geſchichte, das ewige Einerlei, welches jedoch immer noch ſeinen Effekt macht. Und diesmal welchen Effekt! Zum Fenſter meines Vorzimmers, das in den Hof ging, hinausſchauend, ſah ich in dem Hintergrunde einige dito Fenſter hell werden, und obgleich von Vorhängen gedeckt, Wiſperlings pamſtige Figur dahinter erſcheinen und höchſt un⸗ ruhig geſtikuliren. Und mit einer Stimme, die einem Theaterdonner nicht unähnlich, hörte ich dieſe Figur ausrufen:„Ich frage— was haſt du oben im Hauſe gemacht?“— Hierauf ließ ſich eine klagende weibliche Stimme vernehmen, doch kapirte ich nicht die Antwort; wohl aber den neuen Aufſchrei Wiſperlings:„Ich habe dir tau⸗ ſendmal geſagt, daß Ihr nichts im Gaſthauſe zu thun habt. Ich leide das nicht, Sapperment, ich leide es nicht, und, wenn ich noch einmal dahinterkomme...!“ Da verhallte in unver⸗ ſtändliches Rollen der Donner, und ich ſeufzte — halb vernichtet: Die arme Frau.. um meinet⸗ willen, ach!!— Doch blieben mir andere Pflichten zu erfüllen. Hatte ich nicht jetzv, da mit Wiſperlings Gattin nichts zu verhandeln, noch mein, der holden Ar⸗ madilla verpfändetes Wort zu löſen? Was mochte ſie wohl von mir halten, da ich ihr Zeichen nicht beantwortet? Ich mußte ihr eine beſſere Meinung von mir beibringen; ich mußte das.— Ein bis⸗ chen Ausflüchte, ein bischen Schwänke... mein Gott, das findet ſich. Und, wie der Lateiner ſagt: Juvaces fortuna audat!— Ich alſo hinüber an Armadilla's Pforte. Poch poch!— das feine Stimmchen ſagt„Herein!“ Und ſo ich darinnen.— Welche balſamiſche Atmosphäre! Die Lady erhebt ſich von ihrem Seſſel.... ich bemerke auf ihrem Arbeitstiſchchen aufgeſchlagene Karten. Ohne Zweifel hatte ſie„Grand-patience“ ge⸗ ſpielt. Und ich— der Zögernde— war daran ſchuld, durfte aber nicht dergleichen thun, wollte ich mich gehörig und gründlich t Luſtige Geſchichten II. 50 Mit fremdartigthuendem Geſichtchen und auf⸗ geworfenem Mäulchen fragte Armadilla ſpitz und ſpröde:„Was wäre zu Ihrem Befehl?“ Aha! Böſe thun! ein gutes Zeichen. Ich ſage daher tout calin: Vergebens, o theure Mylady, hab' ich geharrt, hab' ich gehofft auf ein Lebens⸗ zeichen, auf einen Wink und leiſes Signal von Ihrer Hand. Ich wage daher, auch ungerufen mich Ihnen zu nahen, Sie zu fragen, ob Sie zu Hauſe für einen beſorgten Freund? So ſo? gab ſie darauf, ſchon etwas milder: Ich dachte.. Sie hätten bereits vergeſſen.... Kom⸗ men Sie erſt jetzt nach Hauſe? Spät iſt's.. doch hätte ich mich nicht unterſtanden, mich Ihnen anzumelden. Was ich, ein leichtfinnig Mädchen, Ihnen in der Wallung eines Augenblicks verſpro⸗ chen... o denken Sie nicht mehr daran! Mein Herz und Mund find beide leider gleich vorlaut..... Aha! das kam, wie ich gehofft. Darum ich: O Beſte, womit hab' ich verdient, daß Sie mit dergeſtaltigen Entſchuldigungen mich ekrafiren? Noch hab' ich zwar nichts gethan, Ihr edles Ver⸗ trauen zu rechtfertigen, aber mein Mund, mein Herz ſind nicht minder offen und aufrichtig, als die Ihrigen....! Wenn Sie jedoch wünſchen .. ja befehlen, daß ich Sie nicht beläſtige.... mit blutender Seele und niedergeſchmetterter Ge⸗ fühlung.... ertödtet in meiner ſchönſten Sym⸗ pathie müßte ich.... Das Weinen ſchien mir näher zu ſeyn, als alles andere;— ich kann das perfekt machen, ausgezeichnet täuſchend; habe ſchon darinnen viel umgeſetzt. Brachte auch bei der Lady ein gut Stück ſolcher Waare unverzüglich an. Begehrt, offerirt, acceptirt; meine Kurſe hoben ſich.— „Warum nicht gar!“ ſprach Armadilla ſüß und traulich werdend:„Nehmen Sie doch Platz an meiner Seite. Einen Nachbar, wie Sie einer ſind, jagt man nicht zur Thüre hinaus!“ Ihr die Hand küſſend, verſichere ich ganz ge⸗ rührt, daß ich bin ihr Knecht, ihr Hund, ihr Sklave, und ſetze mich beſcheiden nieder. So war das Verſtändniß wieder hergeſtellt. Gut und feſt abgemacht, das.—— —— Nun ging's über's Wetter her, über meinen Nachmittagſpaziergang, über die Einſamkeit, die das Fräulein ausgeſtanden... über den kürzlich ſtattgehabten Lärm im Hauſe(Wiſperlings Rück⸗ kehr, die alle Klingeln und Zungen in Bewegung geſetz)... endlich ſagte Wmadilla:„Fürwahr, ich läugne es nicht: Meine Einſiedlerei hier im Getümmel eines Gaſthofs erſten Rangs macht mich unausſprechlich verdrießlich, unleidlich... und wenn Miſter Dreaps-Dreedle nicht bald eintrifft O mein Gott! Sie wünſchen... hör' ich recht? Sie wünſchen ſeine Ankunft, ſeine Gegenwart?— Alſo mache ich mit zerknirrſchter Entrüſtung, zugleich ſeufzend und abattu. Dabei pflege ich die Stirne dermaßen zu runzeln, daß mir der Haarſchopf einen guten Zoll weit in's Angeſicht hereinrückt, was mir ein äußerſt ver⸗ ſtutzt⸗verſtockt⸗deſperates Anſehen gibt. Unwider⸗ ſtehlich wirkt dieſes einfache Kunſtſtück, und ſo bei Armadilla,— die erſchreckt und ſorglich ihre Hand auf meine Schulter legt, mit der Frage: — „Gott, was iſt Ihnen, beſter Freund? Mein Gott, Ihre Züge verändern ſich... 7“ Wenn doch alle meine ſchönen Träume dahin⸗ gehen zu den alten Mondſcheinen! antworte ich darauf melancholiſch, und deute dabei auf den alten Memminger, der durch's Fenſter hereinleuch⸗ tete, wie ein gefalſchmünzter Champagnerthaler: Wenn doch mein kaum geahntes Glück ſich wan⸗ delt in wermüthige Täuſchung und Hirngeſpinſt 7 Beſte, ſo bin ich nun einmal. Sie ge⸗ ſehen haben, und ſchon wieder Sie verlieren...! O Preaps-Dreedle!! Nun lächelte Armadilla wie ein Engel, und verſetzte:„Was reden Sie? Was denken Sie? Warum ließen Sie mich nicht ausreden? Wenn Er nicht bald kömmt, ſo muß ich dieſem Zwang, dieſer Einſamkeit entfliehen.. fort, fort will ich.. aber wo iſt die Hand, die mich entführte dem Labyrinth, worinnen ich ſchmachte, und dem Joch, das ich trage... ach leider tragen muß, wenn keine, keine Rettung kommt..2. Das war nun ein Schritt vorwärts, aber— — wie? da galt es klug ſeyn. Entführung? Was ſagte das peinliche Geſetz dazu? Ich— ein Ehe⸗ mann wie würde das dem Konſiſtorio vor⸗ kommen? Und endlich— geſetzt, es ginge, was nicht gehen würde... welche Laſt, welche Aus⸗ lagen und Baarverluſte im Hintergrund einer ſo riskirten Operation?— Kein Wunder, daß ich ſtil und ſtumm blieb. Die Hände jedoch ge⸗ faltet, ſtarrte ich trübe vor mich hin.— Arma⸗ dilla, nachdem ſie vermuthlich eine Entgegnung erwartet, aber vergebens— hob auf einmal ent⸗ ſchloſſen an:„Ich will Ihnen mit einem Worte ſagen Eh bien! dachte ich bei mir ſelbſt: da werd' ich etwas hören! Ja Proſit, die Mahlzeit!— In dem Mo⸗ ment dreht ſich Armadilla dem Fenſter zu, lauſcht, und ruft alsdann:„Ein Wagen! hören Sie nicht einen Wagen?“— Huſch, wir beide an's Fenſter. Richtig: eine Reiſekutſche hochbepackt... eine Dame in Pelz und Muff und blauem Schleier, die da ausſteigt mit Jungfer und dergleichen Volk....„Mon Dieu!“ ſchreit Armadilla:„est-il possible! ce carosse... l Nun, denk' ich verſteinert: ſo ſoll doch das polniſche... und ſo weiter! kommt am Ende der Dreaps als eine Weibsperſon vermummt... der Preaps als Lady Dreedle...! ſind denn heut alle böſe Geiſter und eiferſüchtige Manns⸗ teufel los? „Sie iſts, ſie iſts.... ruft ferner Arma⸗ dilla...„ſchon ſteigen ſie die Treppe herauf um Gott, Sie dürfen nicht bei mir ge⸗ funden werden....“ Mir war ſelbſt ſchon ängſtlich genug zu Muthe. Ich liebe die Esclandres nicht. Darum mach' ich einen Sprung nach der Thüre. Aber Arma⸗ dilla hält mich feſt beim Frackzipfel, beim grünen. —„Halt, halt! Sie laufen ihnen juſt in die Hände!“ 's war richtig, ſchon kamen ratſchende Weiber, kreiſchende Kellner die Stiege heran. Ich ſehe mich entſetzt um, Armadilla thut einen kühnen Ruck, ich fliege an eine Seitenthüre.. Armadilla dreht dort einen Schlüſſel... auf geht der Flügel....„Geſchwind, geſchwind o Freund!“ ruft die Freundin, ſtößt mich reſolut vorwärts, ſchlagt hinter mir zu, und riegelt ab ich purzle über ein ſchweres Möbel, gleich wie ein Sopha.... der dadurch entſtandne Lärm wird verſchlungen von dem Tumult, der jetzt in Armadilla's Zimmer bei der Invaſion der Fremden losgeht.... Geſchrei des Wiederſehens, Weiberjauchzen, Geſchlepp von Koffern und Schach⸗ teln auf dem Flur.... ich ſtehe mit abermals geſchundenem Knie im Dunkeln.— Wo bin ich? frage ich wie Carl Devrient im Hamlet, nur thu' ich's ganz leiſe.— Und nachdem ich mich verpuhſtet, ſeh' ich mich noch einmal um, und Mondesſtrahl und Gaslaternen, durch's Fenſter flimmernd, leiſten mir Sukkurs, und ich nehme wahr— zu meiner verwunderten Befriedigung— daß ich nirgends ſtehe, als eben nur in meinem eignen Zimmer... und daß mich Armadilla durch die bewußte Seitenflügelthüre über mein eigenes — Kanapeé hereingeſchmiſſen. Götter! ich danke Dir! — Ich ſetze mich, ich erleuchte meinen Salon... nebenan plaudern und klatſchen die Weiber, was gibſt du, was haſt du. Leider geht's auf alteng⸗ liſch zu, und meine ſchwache Seite iſt allein das Engliſche. Ich habe einzig Sinn und Zunge für's Franzöſiſche, neben meinem aufrichtig⸗patriotiſchen Deutſch, Dialekt von Oberklammern. Daher kann ſich der„Geneigteſte“ ſchon ſelber abklavieren— (das iſt ein maleriſcher Ausdruck von der Bina) — daß ich von dem engliſchen Halewatſch ſo viel verſtand, als wenn's javaniſch geweſen wäre. Eine ſchlechte Unterhaltung in einer Sprache, die man nicht kann!— Daher langweile ich mir bald, und will hinuntergehen, um Leute zu ſehen, und wo möglich in Wiſperlings Harem zu hor⸗ chen.— Aber da iſt ſchon wieder ein Spitzbub von einem Teufelchen los. Ich kann aus meinem Zimmer nicht hinaus, weil ich, zu Armadilla ſchwebend, meine Thüre zwar geſperrt, aber auch den Schlüſſel ſtecken gelaſſen habe.— So ſaß ich feſt, und mußte— wollt' ich frei werden— 58 Lärm machen, und meine wunderliche Situation verrathen. Wie aber daſſelbe den fürwitzigen Kellnerköpfen erklären? Das war die Frage, die mich ſchwitzen machte. Denn meiner verſchwieg⸗ nen Liebe durfte kein Haar gekrümmt werden, bei Gott!—— Et voilä. Jetzt machte ich einen Carillon du diable. — Ein Wunder, aber buchſtäblich wahr: zwei Kellner ſtürmten zumal, von verſchiedenen Seiten herbei, mir zu dienen. Der Umſtand jedoch, daß ich mich ſelber und zwar von draußen eingeſchloſ⸗ ſen, ging, wie zu vermuthen geweſen, weit über ihre kellneriſche Fantaſei hinaus.— Das war ein Staunen, das war ein unnützes Gefrage durch das Schlüſſelloch, ein„Wie ſo? Wie geht das zu?“ und ſo weiter!! Was die Kerle aber nicht thaten, war eben das Aufſchließen, bis ich giftig wurde, und mit Kreuz und Stern um mich her warf, und ſie impoſant anſchnauzte: „Was hat's da zu dibbern und zu kichern, Ka⸗ meele? Macht auf in's Drei....“ und ſo weiter, „und den Kragen dreh ich dem Böſewicht um, — der, einen dummen Witz zu machen, mir den Schlüſſel umgedreht hat!“ Das half! Während die Burſche indeſſen ſchläfrig am Schlüſſel arbeiteten, höre ich Einen zum Andern ſagen, wiewohl leiſe:„Du, das hat gewiß das Geſpenſte gethan!———“ Das Geſpenſte!— Ha, wie mir die Kourage zu wanken anfieng! Das Geſpenſt hatte allerdings nicht zugeſchloſſen, das wußte ich... aber den⸗ noch mußte es ein Geſpenſt im Hauſe geben, weil die Grasaffen davon flüſterten, und alle möglichen Wollkopp⸗ und Waſchweiberlgeſchichten gingen mir bunt im Kopfe herum, ſo daß ich kaum Worte fand, die Stupideſten tüchtig auszu⸗ filzen, da ſie mir mit offnen ironiſchen Mäulern leibhaft gegenüberſtanden.„Ich werde mich bei'm Wirth beklagen;“ ſagte ich nur verdroſſen:„der Bengel, der mir den Streich geſpielt, muß heraus, und dann aus dem Hauſe, parole d'honneur.“ Der Eine der Kellner, der frechſte, zuckte die Achſeln, als wollt' er ſagen: Beim Wirth wirſt du auch nicht viel ausrichten. Der Andere meinte: 6 Angelika könne im Verſehen die Miſſethat began⸗ gen haben.— Nun, und auf der Angelika ließ ich, da kein anderer Schuldiger vorhanden als ich ſelbſt, den Argwohn ſitzen, und machte erſt unten vor'm Tribunal des Oberkellners und des Gaſtwirths das rechte Spektakel.— Wiſperling ging nicht viel darauf ein, und rannte Thür ein Thür aus, wie ein rabiater Wildbär. Der Ober⸗ kellner, der ſchon ſeinen Congé in der Taſche hatte, ließ auch alles an ſich herunterlaufen, als wäre er mit Oel geſchmiert. Das ſind die Freu⸗ den eines Gaſthofs! Keine Sorge, keine Pflege, keine Theilnahme, und wenn man Millionen drauf gehen ließe. Das Haus war freilich, wie der „Geneigteſte“ nun weiß, keineswegs liebeleer für mich— aber dieſe Liebe durfte ſich nicht ſehen, nicht ſpüren laſſen. Und darum Reiſender zum Pläſir und Kapitaliſt!?! Und hinter all dieſen Leiden und Unbequem⸗ lichkeiten noch Geſpenſter... doch noch Ge⸗ ſpenſter, deren Bekanntſchaft ich noch zu machen hatte? O Himmel und Elend! Was ſollte aus hätte Ihr Doſenbild ſah, weiß Gott, immer grimmiger, und meine Unſchuld mitten in all dieſen Verwirrungen hätte ſie, auf Seele, nicht gel⸗ ten laſſen. Sie liebt mich ſo ſehr, ſo ſehr, daß ſie mir gar nicht über den Weg traut.— Ver⸗ kannt zu ſeyn, iſt mein Lvos, ein Opfer mein ganzes Leben.— So ließ ich mir denn eine Flaſche Champagner geben, du champagne frappé, und balſamte damit meine Wunden.— Auch gut, wenn ſchon nicht hinreichend. Deshalb trank ich auch noch die zweite Flaſche. Aber von Madame Wiſperling, der ich im Geiſte zutrank, nicht die blaſſe Spur. Auch der dicke Louis hielt nicht mit. Finſter und grob, jeder Zoll ein Flegel, mauderte er umher.— In einer Ecke des Saals ſchlemmten wieder der deutſche Profeſſor, der muſikantiſche Spaniol, der italieniſche Sprachlehrer bei Auſtern und Aal, bei marinirtem. Vergebens rief mir der Wiſſenſchaftsgaukler, mit dem Glaſe winkend„Vivat Australia!“ entgegen. Ich kam nicht zu ihnen, bei mir ſelber denkend:„Gemeine Kerle und tri⸗ 62 viale Freſſer! Euer Gott iſt der Bauch, der meinige aber iſt die Liebe, ihr Alltagsſeelen!“ faßte auch einen ſolchen Eckel vor jenen Gurgel⸗ dienern, daß ich noch ein Fläſchchen auf mich nahm, und der Zahnſchmerzen und Sorgen ledig, mein Bett aufſuchte, und alſogleich darinnen ent⸗ ſchlief, ohne von meiner Nachbarſchaft oder von andern Geſpenſtern etwas zu vermerken.— Bulletin des folgenden Tags. Ob⸗ gleich mit hohen Notirungen zu Bett gegangen, am Morgen darauf mit ſehr herabgegangenen Aktien wieder erwacht und aufgeſtanden.„Ruinart pére& fils!!“ welch eine bedeutſame, ja bedenk⸗ liche Firma! Wenn der Champagner nur nicht ſeinen lendemain hätte! Unſeliger Wein, den man vergleichen möchte jenem Büchlein in Johannis Offenbarungen, das ſo ſüß einging und dann ſo bitter wiederzukäuen! Man möchte irre werden an der Schöpfung, die uns einen Nektar vorſetzt, und am Morgen darauf einen Katzenjammer ſervirt. Doch— ich werfe einen Schleier über die trau⸗ rigen Reſultate meiner Erfahrungen in dem Artikel. — 66— Wer meine vortägige Deſperation und Seelener⸗ ſchütterung und das Bedürfniß, das ich gehabt, meinem innerſten Daſeyn ein bischen wieder auf den Strumpf zu helfen, begriffe, würde mich ent⸗ ſchuldigen und thatſächlichſt bedauern!— O, mit welchen Empfindungen notirte ich die Ausgabe für drei Flaſchen höchſt überflüſſigen Luxusweins in mein Taſchenbuch! Glücklich nur, daß meine Bina davon nichts weiß! Nicht einmal nach meinem Tode ſoll ſie in meinen Papieren etwas von dieſem Exceß vorfinden. Baſta. Ein Sonntag war's; die Glocken riefen zur Kirche. Ein zerknirrſchter Sünder folgte ich dem Ruf, und hörte eine ſtundenlange Predigt an, die meinem Zuſtand inſofern zuträglich, als er ſich fort und fort auf ſeiner Höhe behauptete, und mit mir heimwandelte Arm in Arm, als wolle er ſich nie mehr von mir trennen. Was mein Zwilling Theodor gethan hätte, weiß ich. Er hätte„Hunds⸗ haare“ aufgelegt, wie er zu ſagen pflegt. Zu ſol⸗ cher praktiſcher Lebensauffaſſung bring' ich's meiner Tage nicht. Ein wahres Heil für mich, daß ſich 64 Louis Wiſperling in's Mittel ſchlug.— Der Mann war wieder koulant geworden; er ſagte nach einer Prüfung meines Aeußern: Ihnen iſt nicht wohl, mir iſt nicht wohl, uns beiden iſt nicht wohl. Ich kenne einen Menſchenfreund, Pami des hommes, wie ihn der ſelige Larrey getauft hat. Wiſſen Sie was? Ich habe Sie geſtern, ſo wie alle Welt, ſchnöde behandelt, mache mir deshalb Vor⸗ würfe, möchte mich ſelber durchwichſen. Da je⸗ doch dieſes aus allerlei Gründen nicht angeht, will ich eine Flaſche ächten Bordeaux wichſen. Halten Sie mit?—„Allons, Wichsez!“ ſagte ich ſeufzend. Er that's— in einer halben Stunde war ich wiederum Grand-Fusil au complet, Wi⸗ ſperling ſeinerſeits wieder der Gaſtwirth par excellence. Wir ſaßen allein in einem diskreten Eckchen, vor uns der wackere Laffitte, der kapitale Leibarzt, und Wiſperling ſprach von dieſem und jenem. Unter anderm kam er auf einen Text zu reden, der für mich intereſſant zu werden ſich anſtellte. —„Sehen Sie“ waren ſeine Worte:„Sie kennen mich ſchon ziemlich lange, nicht wahr? Da ich noch als sommelier in der Ville de Lyon in Straßburg florirte. Ein braver Wirth, mein damaliger Patron: er lebe! Ihm hab' ich viel zu verdanken, und namentlich die koulante Manier, wie ich mit meinen Gäſten umzugehen weiß. Ge⸗ ſtern aber— ich weiß und beklage es— bin ich etwas weniges aus der Art geſchlagen. Warum? Für mich war der geſtrige Tag ein Tag des Aer⸗ gers, namentlich getäuſchter Erwartungen.“ C'est cela; machte ich, meiner eigenen geſtri⸗ gen Schickſale gedenkend. „Erſtens,“ fuhr Wiſperling fort,„hatte ich gleich am frühen Morgen Händel mit meinem Ober, der— im Vertrauen— ein pecus erſter Klaſſe, und dabei eigenſinnig wie alles Rindvieh. Ich gab dem Kerl den Abſchied— in ſechs Wo— chen bin ich ihn los, und ich habe ſchon einen andern, ein gewirt Bürſchchen, in Reſerve. Noch ein paar Unannehmlichkeiten mit Hausknecht, Stubenmenſch und dergleichen ſchenke ich Ihnen. Auch ſchied ich nicht allzufreundlich von meiner Luſtige Geſchichten II. 66 Frau et caetera, was ſo ſeine Urſachen hat. Kurz: ein triſter Morgen, der ſchon übel für den ganzen Tag prophezeite. Nun hatt' ich Geſchäfte auf'm Land, Holzhandelgeſchäfte; ich bin in einer Kompagnie, ſtecke tief darinnen, und unſere Zeiten, der Freiheit ſo günſtig, ſind den Gewerben und Geſchäften ſo feindſelig! Dennoch hoffte ich nicht mit leeren Taſchen zurückzukommen... aber, aber, es kam noch weit ſchlimmer. Die Kompagnie hat Bankerott gemacht— mit ſechzehntauſend Gulden ſtecke ich darinnen, ohne Hoffnung, nur einen Kreuzer mehr davon zu ſehen. Hol ſie der Teufel, ſtoßen Sie an!“ Ich fuhr ganz verdonnert auf. Ich hatte den guten Mann mißverſtanden. Er lachte und ſagte: „Nicht doch; der Teufel ſoll nicht Sie holen, beſter Freund, ſondern einfach meine Gulden. Stoßen Sie nur an, und zwar auf beſſeres Glück dereinſt!“ Ah ſo, machte ich beruhigt: wenn ich nicht gemeint bin! und trank eine volle Raſade, in Gedanken auf die Geſundheit der Dame des Hauſes. Wiſperling ſetzte fort:„So kam ich nicht in — der beſten Laune, und weil nichts einzukaſſiren, daher auch früher als ich ſſelbſt gedacht, wieder hier an. Ich hoffte indeſſen, mich meiner Frau mittheilend, mich zu beſchwichtigen. Mittheilung iſt ja eine Generalarznei für alle Leiden. Statt deſſen fange ich neuen Zorn, weil.... o mein Freund, wenn Sie nicht ſchon verheirathet wären, ich wollte Sie vor allen Ehebanden warnen; da aber dieſes nicht mehr nützen kann, ſo warne ich Sie jedenfalls vor einer zweiten Heirath, die nie⸗ mals Segen bringt— mein Beiſpiel profitire Ihnen!“ Ich ſaß wie auf Dornen, ja wie auf Nähna⸗ deln prickelnder und pitzelnder Neugierde.— Oho, ſagte ich lächelnd, Sie werden doch nicht unglück⸗ lich gegriffen haben in„des Schickſals finſterm Schvoße, wo die ſchwarzen und die weißen Looſe“ wie Jean Paul im„Siebenkees“ ſingt?— Worauf Wiſperling ganz gemüthlich und arg⸗ los, weil wirklich nicht in der Literatur bewandert: „Ich kenne außer Emmenthaler, Limburger, de Brie, Roquefort und Chester keine andern Käſe, — 66— laſſe dieſelben auch dahingeſtellt ſeyn. Daß ich jedoch, was meine Heirath betrifft, in eine ganz eigenthümliche Situation.... ich ſage Ihnen: ganz eigenthümlich... gerathen bin, das weiß ich.“— Worauf er einen ſtarken Seußzer losließ, und trank ſehr. Ich aber ſprach wieder bei nir ſelber: Nun Gott ſteh' mir bei! So gehen heute abermals die Eigenthümlichkeiten an, die mich geſtern zur Ver⸗ zweiflung brachten? Wenigſtens werde ich doch heute etwas hören, erfahren, ein Wiſſender werden!— Sagte auch zu dem ausruhenden Louis: Re⸗ den Sie nur heraus, und denken Sie, es ſäße Ihnen gegenüber ein Hackſtock oder ein Faß mit Rheinwein— nemlich voll von Geiſt aber den⸗ noch ſtumm! Das war nun, he„Geneigteſter?“ ein ſuper⸗ feiner Gedanke und ausgezeichnetes Selbſtlob, und gebe ich es hier wieder, damit es nicht für die Nachwelt zu Grunde geht; denn für Wiſperling— mein Gott— war's freilich zu hoch. Nahm auch wirklich keine Notiz davon, der Gaſtwirth, und ging mit ſeiner Vertraulichkeit für⸗ baß.„Sehen Sie, wenn ich glaubte, daß Sie ein Schwätzer, ſo würde meinerſeits nichts gereicht. Ich halte Sie aber mit Grund für einen ſoliden, honetten, verſchwiegenen Mann, und gerade auch deßwegen, weil man ſchon, wie ich weiß, von meinen ganz eigenthümlichen Familien⸗ und Haus⸗ umſtänden an Sie hingeſchwätzt hat, und weil juſt heute Zeit und Gelegenheit vorhanden... ſo iſt mir quasi Pflicht, Ihnen mitzutheilen...... 3 Freilich war Zeit und Gelegenheit vorhanden, wir beide allein, Wiſperling im beſten Zug, zu reden, ich in der beſten Laune zu hören, Wort für Wort zu verſchlingen, zu verſpeiſen, zu ver⸗ dauen. Beide lümmelten wir— mit Bina zu re⸗ den— in den Tiſch hinein, und ſaßen Stirn an Stirn, Naſe an Naſe gedrängt, um zu beichten und die Beichte zu empfangen... endlich, endlich war die Stunde da, wo ich erfahren ſollte.... Aber:„Gott iſt groß,“ wie der Türk ſagt. Und„der Teufel iſt ein Schelm“ wie alle Lum⸗ pazibrüder ſagen. Es ſollte halt, und ſollte nicht ſeyn.— Denn kaum hatte Wiſperling, ſo zu ſa⸗ gen, abgeprotzt, ſo ſtürzt der„Ober“ das„pecus“ en question mit ſeinem bleiweißen Geſichte, waſſerblauen Augen und kandelzuckerfarbigem Bocks⸗ bärtlein wie ein„Tappindieſchüſſel“ der er iſt, in unſer Kabinet, und ſchreit wie ein Didaktor: „Herr Wiſperling, Herr Wiſperling! Die Lady in Nummer acht will abreiſen und verlangt nach Ihnen, prompt, geſchwindeſt... ſollten ſchon droben ſeyn!“ Nun.. da hörte freilich Alles auf. Eine Lady, die da verreist und nach dem Wirth in Per⸗ ſon verlangt... na, da ſteht ſchon die Sonne ſtill, aber ein Vierundzwanzigpfünder geht im Ga⸗ lopp durch. Um ſo eher Louis Wiſperling, der nicht völlig wiegt, was ein Vierundzwanzigpfünder. Nicht zu halten... kein Wort mehr zu hören, als:„Hausknecht! die Kutſche! Hausknecht, der Poſtillon! Oberkellner, die Rechnung für die La⸗ dy..! Caſimir hier, Angelika da, und ſo weiter. Ich blieb mit länglicher Naſe ſitzen, trank den letzten Kelch des edeln Laffitte, und quälte mich mit der Lady herum. War damit Armadilla ge⸗ meint? oder die Beſucherin von geſtern... oder gingen alle beide heute dorthin, wo die Orangen blüh'n, im dunkeln Laub die Goldeitronen glühen..2 Ich predigte mir indeſſen, was noth that: Ge⸗ duld. Alles nimmt ein Ende, ſo auch der Ab⸗ ſchied einer Lady, eines Gaſtwirths rechnungs⸗ freudiger Wahnwitz, das ſcheußliche Allerwelts⸗ klingel⸗ und Poſtillonspeitſchen-Concert.— Ku⸗ ſchen, ſchön kuſchen! ſagte ich daher zu meinem Herzen: tout beau, tout beau, mein armes Herz. Du wirſt noch alles hören, weiſe und be⸗ friedigt ſeyn! Krick, krick! ein klein Geräuſch.—„Louis, Louis!“ ruft melodiſch eine ſonore Stimme, die eines Weibes, die der Dame, die ich nicht nenne, da der„Geneigteſte“ ſie bereits errathen. Ich fahre auf, drehe mich um, und ſehe durch den Spalt einer Tapetenthüre das roſige Ange⸗ ſicht, höre das„Ach“ der Ueberraſchung, womit ſie verſchwindet, mich wiederſehend,— und denke mir beſtürzt, und— ich läugn' es nicht, etwas — böſe: Dieſe Sprödigkeit geht doch in's Weite. Vor mir zu fliehen, den ſie geſtern ſehnſuchtsvoll geſucht!— Aber— allerdings: die Furcht vor dem Tyrannen!! Meiner Beklemmung auszuweichen— der Er⸗ ſcheinung zu folgen getraute ich mich nicht— eile ich unter den Portikus des Hauſes. Siehe... juſt zur Abfahrt der Lady komme ich zurecht. Dieſelbe Hetze von Bedienten, Jungfern, Kellnern und anderm Plethi, wie geſtern; hinterdrein die Lady, das Weib in Pelz und Muff und Wur⸗ ſchleiern von geſtern, zu ihrer Linken galant und lächelnd, weil ſchwer bezahlt, Freund Wiſperling, zur Rechten ſehr frei und frank und dito lächelnd Armadilla— im Hauskoſtüm; ſie reiste alſo nicht, und daß die Andre ging, ſchien der Miß gar nicht zu mißfallen.— Sie konnte ja wieder allein ſeyn mit mir!! Ich will ihr meine Dankbarkeit dafür ſchon im voraus durch einen Blick beſtätigen, durch einen jener Blicke, die einen Gletſcher ſchmelzen... aber, wer geradezu thut, als ob ich gar nicht auf der Welt, iſt Armadilla! Aufs neue beſtürze ich mich, bin ich böſe, und denke: Dieſe Prüderie geht doch in's Weiteſte. Mich ſo ganz zu ver⸗ läugnen, den ſie noch geſtern angeſungen und an⸗ geklopft!!— Aber— allerdings: die Furcht vor böſen Zungen!—— Ich ziehe mich hierauf zu⸗ rück, den Hoſpes zu erwarten, und endlich zu er⸗ fahren, was ich immer noch nicht weiß. Der Poſtillon bläst— ein rührend Erinne⸗ rungszeichen an verwichene Jahrhunderte— er knallt, der Wagenſchlag wird geräuſchvoll zuge⸗ macht. Die vier Pferde laufen aus Leibskräften, ihrem Poſtknecht ſeinen Thaler Trinkgeld zu ver⸗ dienen.— Abgemacht; denk' ich.— Und zu Wiſperling, der eben erſchöpft aber heiter eintritt, ſage ich: Und nun wieder zu Ihnen, Beſter.— Aber ſiehe: Er ein ganz andres Menſchenkind. So wie ein Löwe ein ander Geſicht macht, ſo⸗ bald er Blut geleckt, ſo ein Gaſtwirth, wenn er einer engliſchen Herrſchaft reichen Rechnungsſold in der Taſche hat.— Einen ziemlich gewichtigen Geldklotz in ſeinen Schreibtiſch ſchiebend, ſagte —————— —— mir Wiſperling gemüthlich:„Bin aus der Reihe gekommen, lieber Herr und Freund. Ein andermal.“ Und ſo wußte ich denn wieder gerade ſo viel als zuvor.— Ich faßte mich indeſſen, ſagend: Strahiren wir davon ab! Wer aber iſt die fremde engländiſche Dame, die heute verreist iſt, und mit der Sie ſo viele Umſtände machten, Lieber? Worauf Er, noch immer mit kaliforniſcher Heiterkeit:„Die Schweſter meines verehrten Kun⸗ den und Gönners, des Lord Dreaps- Dreedle, eine Lady Matches, eine ausgezeichnete Frau— Geld wie Heu, freigebig, ſich nicht lumpen laſſend; leider diesmal allzukurze Zeit hier verblieben.“ „Und der Lord?“ fragte ich ſehr unbefangen. „Immer noch anderweitig, leider;“ antwor⸗ tete Er. „Und das junge Frauenzimmer, das die Lady an den Wagen begleitete?“ „Ja, lieber Freund, das iſt eine geheimniß⸗ volle Geſchichte, worüber ein dichtes Duſter ver⸗ breitet. Der Lord ſcheint ihr Protégé.. (Protecteur wollt' er ſagen)... ich kenne ſie nicht —— näher... es ſcheint zwiſchen ihr und dem Lord ein eigenthümliches Verhältniß obzuwalten... Wiſperling lächelte dabei, wie ein Bock, der in Zweifeln und unziemlichem Argwohn befangen. Ei ſo wollt' ich— Notabene: das dachte ich mir nur— daß alle eigenthümliche Verhält⸗ niſſe...! und ſo weiter... Nahm meinen Hut, und ging— auf mein Zimmer.—— Wie ich ſo gehe, ſo denke ich: Weiß Gott, 's wäre beſſer geweſen, du wärſt zu Hauſe ge⸗ blieben! Die Bina ſagt mir wenigſtens doch Alles dick und dünn heraus, und ich erfahre doch von ihr Alles, was ich wiſſen ſoll, während hier in der Reſidenz meine gerechte Neugierde immer in suspensorio gehalten wird!! Wie ich alſo gehe— reſpektive Treppen ſteige, langſam und ſchleichend, weil Jeder ſchleicht, der über Wichtiges und Bedenkliches nachfinnt, höre ich in meiner Nähe flüſtern: zwei Kellnerburſchen und die Angelika. Juſt ſagt Einer:„Was doch heut das Geſpenſt angeſtellt haben muß?“— Worauf der Andere:„Es geht herum bläſſer als — — der Tod!“— Und die Angelika läßt einen ſtar⸗ ken Seußzer. Ich— natürlich an⸗ und aufgeregt,— ſtehe plötzlich unter den Tuſchlern, und frage:„Ah ga, von welchem Geſpenſt redet Ihr denn?“ Aber die Antwort? Das Stubenmenſch gickſt auf, wie ein Kibitz und entläuft. Die Stupideſten grinſen mich an, und entgallopiren heftigſt.— Wieder nichts erfahren. Auf's neue Geſpenſter⸗ ahnung im Leibe. Inzwiſchen vernahm ich aus Nummer 9 einen wunderholden, mir ſehr gekannten Geſang... Armadilla's Silberſtimme. Galvaniſch fühl' ich mein Herz aus ſeinem Phlegma aufgerüttelt. „Was gehen mich“— ſo ſag' ich zu mir— „was gehen mich die Geſpenſter dieſer und jener Welt an, wenn mir die Liebe winkt?“ Und heldenmüthig tret' ich— coute que coute — in den Salon von DPreaps-Dreedle, des Abweſenden. Mit Freuden wurd' ich aufgenom⸗ men— man flog mir entgegen, wenn auch juſt nicht an den Hals.. man war glücklich. —————————— — Ich theile das Glück, und ſpreche:„Ha, wie ent⸗ zückend, daß Sie jetzo wieder allein und ſich ſelbſt zurückgegeben... 1“ „Auch mich,“ ſagt ſie,„entzückt das Glück, denn der Beſuch hatte ſein Läſtiges aber...“ „Fahret hin, ſinge ich, fahret hin, Grillen fahrt mir aus dem Sinn!“ Und ſie fährt fort:„Ich ſehnte mich nach Ihnen, während ich doch der Lady mich widmen mußte. laber..„Aber ich bitte Sie,“ fahre ich fort—„ich bitte Sie um zehntauſend Pfund ſaure Gurken: was konnte ſie zwingen, dieſer Lady... wer iſt dieſe Lady, möcht' ich fragen 24 „Lady Matches, Jane Matches, die Schweſter meines.... des Miſter Dreaps-Dreedle, wollt' ich ſagen!“ verbeſſerte ſich Armadilla. Und mir ging ſtill, aber blendend— wie Bina zu ſagen pflegt— ein ganzer Seifenſieder auf! Das kleine Wörtlein„meines“ an dem Armadilla haperte und ſtolperte, hatte mir das Flamboh angezündet.—— Da haben wirs! ſie — iſt eben doch eine Gattin des Dreaps... wenn 5 auch von der äußerſten Linken... ſo heimlich, als möglich, aber dennoch verſchnappt... den⸗ noch verrathen! O meine feine Naſe.. 1 „Und, denken Sie ſich,“— fährt ſie immerdar fort, nach einer kleinen Pauſe—„welche Nach⸗ richt mir die Lady brachte! Nur wenige Tage noch der Freiheit, mein beſter gefühlvollſter Nachbar nur noch wenige Tage— o Gram und Grau'n und Grauſamkeit des Geſchicks! und Er kommt, kommt, ſag' ich, mit keckem Finger den goldnen Lebensfaden abzuſchneiden, der ſich mir hier ge⸗ ſponnen...! O, mein Freund..! darf ich Sie denn auch meinen Freund nennen?“ Bei dieſen Worten lag ihr Haupt auf der Schulter des Freundes, dem ganz wunderlich— auf Seele! — dabei im Gemüthe wurde.— Nun kann ſich der„Geneigteſte“ denken, was ich auf die Frage entgegnete, und wie ich mich ſo ganz zu Arma⸗ dilla's Diſpoſition ſtellte!— Ein erhabener Au⸗ genblick! Und weil denn alle große Welthandlungen won Kanonendonner und Glockengeläute begleitet werden— eine Kaiſerwahl zum Beiſpiel, und ähnliche Dinge— ſo fehlte wenigſtens die Glocke nicht im Hotel Wiſperling. Die Eßglocke nem⸗ lich läutete was Zeug hielt.— Und abermals mußte geſchieden ſeyn! aber punkt ſieben Uhr Abends ſollte Reunion in Armadilla's Gemächern ſtatt finden, und keine Störung irgend einer Art unſern ſtillen Frieden in Verdruß und Flucht ver⸗ kehren dürfen. Daß doch Gott endlich ſeinen Segen dazu geben möge! betete ich im Stillen. Bei'm Abgehen flüſterte mir Armadilla mit aller⸗ liebſter Unverſchämtheit— nicht doch! Unſchuld und Verſchämtheit wollt' ich ſchreiben, zu:„Kön⸗ nen immerhin direkt von Ihrem Zimmer aus hier eintreten, ſollen den Riegel offen finden. Ich werde meine Salonthüre verſchloſſen halten, und ſo werden wir ungeſtört von fremder Indiskretion nur uns ſelber leben können, unter vier Augen, die ſich gerne ſehen; unbekümmert vor der blin⸗ den Außenwelt!“ Welch ein Mädchen, Gott, o Gott! ſeufzte ich gepreßt, zur Tafel eilend.— Armadilla ſpeiste leider auf'm Zimmer! Doch.. nicht„leider“ ſollt' ich ſagen; um ſo geheimnißvoller und ver⸗ ſchwiegener blieb ja unſre Liebe)—— Und dennoch, dennoch zitterte ich alſobald für dieſe Verſchwiegenheit, für dieſes Geheimniß. zu Der„Geneigteſte“ ſtutzt wieder einmal; aber ich kann ihm nicht helfen. Ich ſetze ihn an meine Stelle, und führe ihn— quasi mich ſelbſt, oder ihn als meinen„alten Ego“ in's Tafelzimmer.... und ſiehe: urplötzlich kehren ſich mir Aller Augen, Aller offne Mäuler zu.— Die Gäſte, eine hübſche Anzahl, ſtanden noch aufrecht, ihre Mäuler waren noch unbeſchäftigt, und doch alle Augen auf mich gerichtet, alle Zähne, ſo zu ſagen, nach mir ge⸗ ſetſcht„Verrathen!“ dachte ich und ſchwin⸗ delte ſehr:„verrathen meine Liebe, verkauft mei⸗ ner ſüßen Geheimniſſe geheimnißvolle Dreizahl! O ewiges Faktum, wie wird das enden?“ Jetzt kann der„Geneigteſte“ wieder Athem ſchöpfen, und die„Geneigteſtinnen“ dürfen ſich alſobald beruhigen. Das Angenſtieren und Maul⸗ aufſperren war alſobald vorüber, und ein„Ah“ oder„Aha“ oder„Oho“ der Täuſchung ging murmelnd in der Runde umher, und die Gruppen ſammelten ſich wieder zum Plaudern. Auf mich war's offenbar nicht abgeſehen geweſen; aber auf wen denn? Neugierig genug war ich, um darnach zu fragen; aber auch hinlänglich weiſe, um das bleiben zu laſſen. Wußte ich doch jetzo ſchon zur Uebergenüge, daß ich nur zu fragen brauchte, um gewiß nichts zu erfahren!— Noch einmal ſagte ich„Kuſch kuſch“ zu meinem Gemüthe, und ſetzte mich ſtill an meinen Platz, und wunderte mich ſtill, wie ſchon zehn Minuten ſeit dem Tafelge⸗ läute vorübergegangen ſeyn konnten, ohne daß all dieſe Menſchengeſchöpfe bereits an der Krippe hingen und tapfer arbeiteten mit Zahn und Klaue!! Auf einmal— endlich— unverſehens— überraſchend— wie einer Alve geheimnißvolle Blüthe ging das Räthſel auf; zugleich mit der Flügelthüre des Salons, zugleich mit dem Eintritt des dicken Louis, der an ſeinem Arme eine Dame hereinführte: eine Dame.... nun, wahrhaftig Luſtige Geſchichten 11. 6 —— eine Luxusgeſtalt, wie ich bis dahin noch keine mit meinen ſterblichen und doch zugleich ſeligen Augen angeſehen hatte!— Wohlaſſortirt— Alles da— alles im Ueberfluß...! So muß die Königin Saba, in welche ſich der große Salomo ſo ſchmählich verliebt hat, ausgeſehen haben, wenn man ſich dieſelbe weiß denkt, ſtatt ſchwarz. Ja, du mein Gott! da mußte meine gewaltige Bina ſtark zurückbleiben, die Königin da gab ihr wenig⸗ ſtens vierundzwanzig vor. Himmliſche Mächte, welch ein Weib! Dergleichen kann man freilich nur in der Re⸗ ſidenz erleben; dergleichen kommt zu Trefunz nicht vor. Aber ſelbſt die Reſidenzler um mich her waren außer ſich vor Staunen, Entzücken,— enfin vor saisissement. Etwas Rares von einer Rarität! Die Dame machte ſo ungefähr durch den gan⸗ zen Saal den Unzug, bis ſie am obern Ende der Tafel ſtill ſtand, und von Wiſperling auf den Präſidentenſtuhl genöthigt wurde, den ihr der ſtammgaſtliche Oberſtlieutenant galant abgetreten. — Als ſie auf dem Throne Platz genommen, mach⸗ ten die Herren ringsum dreimal Applaus, wie rechte angeſtellte Claqueurs— die Dame nickte, die Herren ſaßen nieder. Einen dergleichen Em⸗ pfang hatte ich nochnie mit angeſehen... an der Table d'höte wohlverſtanden... und ich wußte nicht Gir nicht Gax darüber zu denken, geſchweige hervorzubringen. Inzwiſchen neigt ſich zu mir mein Nachbar zur Rechten, und ſpricht lächelnd:„Sie ſigen ſo kalt bei dieſem Triumph? Sahen Sie die Frau ſchon anderwärts?“ Und der Nachbar zur Linken flüſtert mir zu: Eine merkwürdige Frau, die Diodora! Wird Ihnen ſchon bekannt ſeyn? Und mein Gegenüber, ſich weit vorlehnend, murmelt mir ins Angeſicht: Ich habe Diodoren bereits in Leipzig beklatſcht und herausgerufen. Eine famöſe Jeanne d'Arc, eine köſtliche Medea! In welcher Rolle wird ſie hier auftreten? In der Königin Margaretha oder Katharina oder ſo was dergleichen, Ihnen zu dienen;— — antwortete Wiſperling, der mit dem Suppenteller zu mir trat, an meiner Statt. Ich fiel vernichtet aus meinem Himmel, 62 voll von Geigen und Herzoginnen und Hofdamen. Eine Schauſpielerin alſo! eine Komödiantin, um es deutſch herauszuſagen! Statt eines Engels von Adel und Stammbaum ein Dämon der Ver⸗ ſuchung von gemeiner Herkunft! O bittre Täu⸗ ſchung! O hui und pfui! (Dieſer Aus⸗ und Weheruf darf den„Geneig⸗ teſten“ nicht wundern, und die„Geneigteſte“ nicht verletzen. Es iſt ſo natürlich, daß ſolide Kauf⸗ leute wenig auf das Theatervölkchen halten!— Ausnahmen gibt's; in der Regel haben jedoch Kaufleute mit Theaterdamen wenig Glück. Aus⸗ lagen— nichts als Auslagen! Vertröſtungen— nichts als Vertröſtungen!— Allerdings iſt's ein Andres, wenn reiche Gönner und Beſchützer in's Mittel treten; am ſchlimmſten jedoch, wenn der Handelsherr ſelber den Gönner und Beſchützer ſpielen will. Man hat Beiſpiele.) Ich darf übrigens meiner Menſchengefühlung die Ehre anthun und geſtehen, daß ich gleich nach Suppe und Rindfleiſch von obigen harten und nicht zeitgemäßen Anſichten zurückkam; daß ich mich ſchnell an die Freiheit, Gleichheit und Brü⸗ derlichkeit erinnerte, die unſerm Jahrhundert auf die Stirn geſtempelt worden ſind. Zudem ſaß ich nur vier Mann weit von der ſchönen Diodora, hielt ſie trefflich im Auge, und nicht ſelten ſchweifte das ihrige zu mir herüber, wobei ſie höchſt an⸗ genehm lächelte. Daß nun die Damen vom Theater mit Blicke⸗ ſchleudern und Lächeln umzugehen wiſſen, das muß man ihnen laſſen. Ich habe ſie im Grunde nicht ungern, dieſe Damen, wenn dabei der Geld⸗ punkt aus dem Spiele bleibt. Ueberdies bin ich, ſeit ich aus den Windeln geſchlüpft, der zärtlichen und aufmunternden Frauenblicke gewohnt geweſen, und verſtehe, dieſelben verbindlich und diskret zu erwiedern. Warum ſollte ich das, der geprieſenen Diodora gegenüber, unhöflich unterlaſſen? Obſchon Komödiantin, war ſie ja doch, den Begriffen un⸗ ſerer Zeit zufolge meine Schweſter, ein Menſch 86 wie ich, und doppelt meiner Theilnahme empfohlen, weil vom Geſchlecht, dem andern. Ich merkte ihr ſofort an, daß ſie ſich gern mit mir auch mündlich unterhalten hätte; das ging jedoch vor der Hand nicht. Ihr Nachbar, der Oberſtlieutenant, ein dicker Penſionär mit glotzenden Augen, ſchwatzte in einem fort an ſie hin, und ein paar Herren vom Zoll, oder andere Appellationsgerichtsreferen⸗ däre hatten auch immerdar ihr Maul in dem Dis⸗ furs. Am meiſten intriguirte mich ein Menſch, der in dem Gefolge der Künſtlerin gekommen war, ein blaſſer kleiner Kerl mit fahlem Backenbart und blauer Brille, der, obwohl weit unten am Tiſch placirt, dennoch alle Fingerlang hinter Diodorens Stuhl mit Ohrenflüſtern und Pantomime diverſer Manier ſich zu ſchaffen machte. Was mochte das doch für ein Kerl ſeyn? Ich wußte wohl längſt, daß die Bretterheldinnen gern mit allerlei Beglei⸗ tern durch's Leben ziehen.... aber was ſollte ich aus dem ſchuftigen Kerl machen, der ſich eher benahm wie ein vertraulicher Bedienter, als wie ein mari de guerre oder wie ein Liebhaber? Der leibarme häßliche Kerl, und die ſtämmige Palme Diodora, ungleich großartiger als meine Bina? Je my perds! ſagte ich mir heimlich, wiewohl verdrießlich.— Aber juſt, weil ich nicht nach dem Kerl fragte, habe ich erfahren, wer er iſt. Mein Gegenüber flüſterte mir's auf ſeine Weiſe über die Tafel zu, ſeine Naſe karambolirend mit der meinigen.— Sehen Sie,— ſagte er— ſehen Sie den Herrn mit der blauen Brille, der unſrer gefeierten Mimin angehört? Der iſt ein grundgelehrter Mann: hat Romane und Novellen geſchrieben, auch zu Gera und Greitz einmal die Theaterregie geführt; ein durch und durch berühmter Literat; für den Au⸗ genblick der Reiſeſekretär der ihren Triumphzug von Oſten gen Weſten wälzenden Diodora. Ach ſo! machte ich, erleichtert in den Stuhl zurückſinkend; und im ſelben Augenblick redete mich— meuchlings ſo zu ſagen— und mit ge⸗ dämpfter Stimme ein Herr an, und wie ich mich umſehe, iſt's eben derjenige welcher, mit der blauen Brille!— Und mir ſagt er: Ich glaube wahr⸗ 8— zunehmen— ja, ich täuſche mich nicht— ich bin überzeugt, daß unſere große Diodora Ihre ganze Aufmerkſamkeit in Anſpruch genommen. Wollen Sie mir erlauben, Ihnen ein Andenken an dieſen Augenblick zu überreichen?— (Wupp! hatte ich ein Röllchen in der Hand— nicht etwa ein Röllchen mit Gold, aber ein Röll⸗ chen Papier, ein Broſchürchen oder dergleichen.) Und hinzufügte die Blaubrille ſehr geheim: Machen Sie aber ja nicht gegen Andere Gebrauch davon!'s iſt nur für Freunde!— Sagt's, ver⸗ ſchwand, und Punktum.— Ich konnte ſchier den Moment nicht erwarten, der mir erlaubte, einen Blick in das Souvenir zu werfen,— ſo unter die Serviette hinein... der„Geneigteſte“ ver⸗ ſteht mich perfekt. Grand-Fusil weiß ſich zu helfen; er verſchmäht ein Taubenragout, worüber die übrige Tafelwelt begierig herfällt; und während dieſes Herfallens ſchiele ich auf meine Kniee hinab, hinter die Ser⸗ viette hinein, in das Broſchürchen hinein, und leſe auf dem Titelblatt, worauf außerdem ein paar — Masken und Dolche und anderes dummes Zeug: „Lebensbeſchreibung der unvergleichlichen Künſt⸗ lerin Diodora.— Dargeſtellt durch Dr. F. L. I. P.“ Ihre Lebensbeſchreibung!! O, o, das hatt' ich nicht erwartet! Aher die Gabe ſchmeichelte mir doch gar ſehre, auf Ehre! Und ich blickte zu ihr— zu der Diodora nemlich— hin mit ſtummem aber lebendigem Dankgefühl— und ſie ſchmunzelte zu mir herüber mit einem gewiſſen... wie ſag' ich nur?— mit einem gewiſſen petit air qintelligence, und mich überkrabbelte ange⸗ nehm eine ſo zu ſagen befriedigende Empfindſam⸗ keit.. und das Kapaunviertel, das juſt à point auf meinen Teller fiel, ſchmeckte mir famos, und ich ließ mir noch ein Fläſchchen Wein geben, vom beſſern, den mir Wiſperling in Perſon brachte. Und zu ihm hob ich an: Glücklicher, Sie, in deſſen Hauſe alle Damen von Schönheit und von Diſtinktion Herberge nehmen! Welch' ein Loos, das eines Gaſtwirths! Aber nicht wenig ſtaune ich, da mir der Wi⸗ ſperling erwiedert, mit barbariſchen Augen, die ich der feiſten Haut gar nicht zugetraut hätte: Hat ſich wohl, hat ſich wohl! Ich wollte, daß die Weiber mit all' ihren Launen und Narrheiten und Bosheiten und Abgeſchmacktheiten.... ich wollte, daß ſie im Himmel wären! Oho, oho! mache ich, total verwundert.— Worauf Er: Wie mir's die Weiber machen...! Auf die Engländerinnen, auf die Miſſes und Miß⸗ treſſes und auf die Ladies und Peereſſen hätte ich Felſen gebaut,... aber pfui! wie mir's die Matches gemacht hat... Pums! rennt der Oberkellner an den Louis an, und flüſtert ihm Wichtiges in's Ohr: daß der Jagdhund Caro einen Braten gefreſſen, oder daß der Pudding verunglückt, oder ſo was dergleichen, und davonſtrampelt der Wirth, zur Küche ſtrebend, und läßt mich, comme à Fordinaire, gereizt, an⸗ geregt, angeneugierigt, aber unbefriedigt, ja ver⸗ dummt zurück.— Wie konnte die Lady es wohl dem Wiſperling gemacht haben? Schon wieder ſchweres Kopfzerbrechen von meiner Seite. Da bemerke ich— zerſtreut das lange Tafel⸗ viereck muſternd— daß alle Eſſer noch mit etwas anderm beſchäftigt, als mit den Speiſen; daß alle, jeder auf eigene verſtohlene Weiſe, auf ihre Kniee niederſchauen; daß ſie blättern in Broſchür⸗ chen, daß Nachbarn ſich dieſelben vertraulich zei⸗ gen, dabei wiſpern, dabei lächeln...; daß end⸗ lich ein langer Fremdling, von nordiſch⸗fiſchblütiger Race ohne Zweifel, gravitätiſch und geringſchtzäig ein Büchlein neben ſeinen Teller legt; gerade, als ob's ein Jahrmarktslied wäre, gedruckt in dieſem Jahr, und gekauft von einer beliebigen Harfnerin und Bettelſtrolchin.— Und— potz Herrſchaft!— das iſt ein Büchlein, wie das meinige... und die Freundſchaftsgabe, die ich allein erhalten zu haben mir geſchmeichelt— bei Gott! ſie iſt in Aller Händen!— Vermaledeiter blaubrilliger fahl⸗ bärtiger Kerl! eine Réclame-Omnibus! Ach, wohl hat Wiſperling wahr geredet: Die Weiber, die Weiber! wie machen ſie es uns!— Ich war völlig disguſtirt.— Weil ich nun, wenn völlig disguſtirt, nicht reden und nicht deuten mag, ſo gab ich meinen — Tiſchgenoſſen, die juſt jetzo redſelig wurden, um's Leben keine Antwort, als höchſtens„Hm hm“ und„Brumm brumm“, erwarb mir in der Ge⸗ ſchwindigkeit den Ruf eines rechten Tafelgrobians, und aß tapfer darauf los, um meinen Mißmuth, meinen Ingrimm u. ſ. w. zu bemänteln; bemän⸗ telte ihn auch ſehr. Der Diodora, die ſich durch den Brillenhans, resp. Renommée⸗Kuppler, ſo ſchnöde hauſiren tragen ließ, hätte ich um tauſend Gulden kein Blickchen mehr geſchenkt, und ſie mag deßhalb betreten genug ausgeſehen haben. Tant pis pour elle!— Um denn kurz zu Ende zu kommen, ſo füge ich nur bei, daß ich gleich nach dem Deſſert aufbrach, meinen Hut nahm, und hinausrannte auf die Straße, um mir eine Mo⸗ tion zu machen, n'importe ou. So bin ich nun einmal, Grand-Fusil au complet, ſtets zum Los⸗ gehen bereit, quand-méme! Die Rolandsſtraße iſt lang, himmellang, aber ich hatte ſie im Fluge durchmeſſen; im Verdruß läuft ſich's gut. Bald ſegelte ich in der wenig begangenen Niemandsgaſſe fürbaß. Im Hinter⸗ grunde durch den herbſtlichen Nebel dämmerte das Thor. Vor mir wandelte auf dem Trottvir dahin eine Dame im Mantel. Sehr graziös wandelte ſie dahin, auf Ehre. Ich war jedoch dergeſtalt eingeteufelt von Groll und Dégout, daß ich mir vornahm, die Dame überholend, ihr recht unver⸗ ſchämt in's Geſicht zu ſehen, und ein Maul zu machen, als wollt' ich ſagen:„Wär't Ihr doch alle, wo der Pfeffer wächſt!“ Jedoch im Moment, da ich gefliſſentlich ein Bengel ſeyn will, dreht die Dame den Kopf, und ich meine, ich ſei zu einem Eſel verwandelt...! Armadilla war's, Armadilla auf höchſteigenen Füß⸗ chen, in höchſteigenſter Einſamkeit.— Ah mon dieu, que vois-je! ſage ich. Ah tiens: le voisin! ſagt ſie. Puis- je vous offrir mon bras? ſage ich. Eh, pourquoi non? ſagt ſie, obſchon zögernd und in der leeren Gaſſe umherſpähend, ob nicht ein neugieriger Eck⸗ oder Schorſtein ſich Aergerniß mache, von wegen unſerer Vertraulichkeit. Ich, galant wie immer und ganz aufgeſeligt — durch die willkommne Begegnung, führe meine Dame, wie ein Graf, wie ein Baron aus denen Zeiten, da es noch galante Grafen und Barone gegeben. Dennoch frißt an meiner Leber der Argwohn, der ſchwarze, und lauernd frage ich: Ou allons nous, Madame? Da hieß es: Nur ein Stückchen Wegs vor das Thor hinaus; nur bis in die Nähe des„Für⸗ ſtenhofs“, wenn ich bitten darf. Dort, bitt' ich Sie, wollen Sie mich meinem Schickſal über⸗ laſſen.— Ich hierauf gewöhne mich immer mehr in den Argwohn hinein. Der„Fürſtenhof“, den der „Geneigteſte“ ja nicht mit dem Hofe eines Für⸗ ſten verwechſeln muß, iſt ein Gaſthof zweiten Rangs, in welchem gewöhnlich keine Fürſten ein⸗ kehren; der ſich weniger durch ſplendide Bedie⸗ nung, als vielmehr durch anſehnliche Stallungen und Remiſen empfiehlt; deswegen auch von Land⸗ edelleuten und Dorfpfarrern, am meiſten vom auswärtigen Publikum der Wochenmärkte in Ehren gehalten wird.— Was, um aller Nachtwächter — 5 willen, hatte Armadilla, die eigenthümliche Ver⸗ hältniſſerin des Lords Dreaps-Dreedle, meine ſtille geheime Liebe, was hatte ſie in dem„Für⸗ ſtenhof“ zu thun? (Wenn der„Geneigteſte“ Luſt hätte, in Folge des überraſchenden Eindrucks, den dieſe Erlebniſſe auf ihn zu machen nicht ermangeln werden, den fraglichen Gaſthof mit eigenen Augen zu beſich⸗ tigen, ſo frage er jetzo nicht mehr nach dem„Für⸗ ſtenhof.“ Seit das Jahrhundert demokratiſch ge⸗ worden, hat der Beſitzer jenes Hauſes daſſelbe in's Deutſche umgetauft, und heißt es nun: „Hoòtel de la nation.“—) Was ich mich ſelber, ängſtlich eiferſüchtig grü⸗ belnd gefragt, beantwortete, wie durch einen elek⸗ triſchen Telegraphen aufgemahnt, Armadilla alſo⸗ bald. Sie drückte ihren Arm feſter an den mei⸗ nigen, während ſie ſprach: Ich will meiner.... der Miſtreß Matches will 8 einen Beſuch ab⸗ ſtatten.— Jetzt fahre ich zuſammen, weil der Meinung und Befürchtung, die arme Armadilla möchte tout d'un coup verrückt geworden ſeyn. Ich ſchaue ſie bedenklich an, wie etwa ein ſorglicher Arzt, dem unverhofft ein qualifizirtes Nervenfieber und Compagnie begegnet, und frage ernſt: Eh quoi, vous vous trompe? sans doute? Jene Ihrige Miſtreß oder Lady... mich dünkt, ich ſah ſie heute verreiſen— und Sie ſelber.. Ja ſo— unterbricht mich Armadilla mit heit⸗ rer Stirn und roſig lächelndem Munde— ein komplett ſchönes extrafeines Frauenbild—: Sie wiſſen ja noch nicht... ich habe vorausgeſetzt, daß unſer Gaſtwirth Ihnen ſchon geſagt... Was denken Sie? fahre ich auf, weil mich an manche ärgerliche Geheimnißkrämereien erin⸗ nernd. Vous étes bien bonne! Wiſperling, der mir, mir etwas geſagt haben ſoll? Mais, vous ne savez pas votre monde! Wiſperling, der nichtsſagende Menſch! Wenn ich aber Sie gebeten haben dürfte... 7 O ſehr gerne; nur ſind Sie dagegen gebeten, mit der wunderlichen Laune meiner... meiner Miſtreß Matches Nachſicht haben zu wollen,— um meinetwillen. hören Sie? um meinet⸗ willen, liebſter Freund! Dieſen Worten gab ein praktiſcher Händedruck der herrlichen Armadilla den gehörigen Nach druck. Ich hätte ihr ja meine Seligkeit à venir zum niedrigſten Kurs hingegeben, wenn ſie's verlangt hätte. Warum ihr nicht auch alles Andere ver⸗ ſprechen? O, es war ein himmliſcher Moment von einer Minute, da wir zwei Beide ſo ſtill ſtan⸗ den an der geräuſchloſen Straßenecke, dem laut⸗ loſen Thorgatter gegenüber,— Armadilla mir erzählend mit jungfräulicher Munterkeit und flie⸗ ßender Rede— ich, ihr zuhörend mit geſpitzten Ohren. o wie ſehr geſpitzt! Denn jetzo ſollte ich ja endlich endlich etwas erfahren, und wenn nicht der Himmel einfiel, war niemand um die Wege, uns zu ſtören! Hier folgt in mucibus, was Armadilla er⸗ zählte: Ihre Miſtreß Matches ſei von der Wiege an ein kurioſes Weiblein geweſen, wetterlauniſch, mit jedem Wind ſegelnd, eine Beute des Angen⸗ blicks, eine leibhaftige Deſperation für ihre El⸗ Luſtige Geſchichten 11 7 tern, ihre Brüder, für die ganze Welt, mit der ſie zu thun bekommen;— hyſteriſch, mit einem Wort, von Geburt an.(Dieſe Schlußbemerkung und Bezeichnung mache ich; Armadilla hat nichts dergleichen geſagt.) Von drei Ehemännern ge⸗ ſchieden um ihrer Quinten willen, eine Wittwe des vierten, den ſie in den Flitkerwochen ſchon in's Grab gelegt,— Gott ſei Dank aller Kinder baar, und mit vielem Gelde behaftet, ſchweife ſie jetzo in der Welt umher, und ihre fixe Idee ſei, endlich einmal ein Klima aufzufinden, das ihrer Geſundheit zuträglich ſehn möchte. In Hyeres, in Madeira, auf der Inſel Rhodus lange ſchon geweſen, in Homburg, Baden⸗ Baden und Air en Savoie eine alte Gäſtin, männiglich wohlbekannt, habe ſie ſich in dieſem Jahr entſchloſſen, an dem Gardaſee zu überwintern; habe auch richtig den nächſten Weg dahin über Helgoland, Dobberan und Norderney, Kiſſingen und Schwalbach nach unſerer Reſidenz genommen. Heute morgen, wie ſchon gemeldet, ſei ſie per Extrapoſt nach Tirol und ſo weiter abgereist. Vor der Abfahrt jedoch ſeien ihr Briefe von der Poſt gebracht worden. (Eine Engländerin erhält überall Briefe, all⸗ überall.) Die langweilige lange Straße der Reſidenz hinauffahrend, ſei die Lady von ſchwerer Lange⸗ weile, ihrem gewöhnlichen Hauptübel, überkommen worden. Par ennui donc habe ſie einen ihrer Briefe eröffnet, und daraus mit Entſetzen erſehen und erleſen, daß die Kriegsflamme, die italieniſche, bis zum Gardaſee heraufſpucke, und an eine ru⸗ hige Saiſon dort nicht zu denken. Demzufolge ſei ſie beſtürzt an's Thor und vor das Thor hin⸗ ausgekommen, unwiſſend und rathlos,— in Ver⸗ zweiflung, brevi manu geſagt. Da— auf ein⸗ mal— habe ſie den„Fürſtenhof“ in's Auge gefaßt, wie er ſo behäbig daliegt in einer ſchönen Ebene, voll von Gegend und Horizont, mit ſei⸗ nem breiten Gemüsgarten zwiſchen Aeckern und Wieſen— vorn die Landſtraße, hinten den Bach — mit Badhäuschen und ſieben Pappelbäumen geziert, eine ſchöne Ausſicht habend auf die vier Thürme der Reſidenz, auf den Jagdwald, der — 100— nur eine Stunde, auf das Gebirge, das nur ein paar Meilen entfernt; die Sonne genießend hin⸗ ten und vorn, rechts und links nach Belieben (der Sonne);— und Lady fragte ſich: Warum ſollt ich nicht hier, gerade hier meinen Winter zubringen, soleil et bon air à discretion!— Fragte es, befahl dem Poſtillon, am„Fürſtenhof“ zu halten, miethete ſich ein in die beſten Zimmer, ließ abpacken u. ſ. w.— Kurz: inſtallirt und re⸗ cipirt mit Freuden, wie man ſich leicht denken kann.— Alles im Fürſtenhof in Freude und Glück⸗ ſeligkeit, ſogar den Poſtknecht nicht ausgenommen, der noch nie eine ſo brillante Station gemacht, und deßhalb auch ſich herabgelaſſen, höchſteigen⸗ händig der Miß Armadilla ein Billet zu über⸗ bringen, worinnen die Miß von der Lady erge⸗ benſt zum Mittageſſen in den„Fürſtenhof“ ge⸗ laden wurde.— Dies der Sache Verhalt, und höchſtens nur hinzuzufügen, daß Armadilla, um nicht den dicken Louis noch greller zu erzürnen, als ihn ſchon der Lady faux- bond in den„Fürſtenhof“ erzürnt gehabt, vorgezogen, ſtatt des Wiſperling Droſchke zu verlangen, inkognito zu Fuß ihre Wanderung zu Jane Matches anzutreten.— Das andre weiß der„Geneigteſte.“ Einerſeits war ich nun zwar beruhigt; aber andrerſeits furieusement in Verlegenheit.— Hin⸗ ausſchreitend gegen den verhängnißvollen„Für⸗ ſtenhof“ fragte ich bangend, hangend und verlan⸗ gend, mit ängſtlicher Ahnung und ſeeliſcher Be⸗ trübniß:„So werd' ich Unglücklicher am Ende noch gar aufhören, Ihr Nachbar zu ſeyn, und Sie ſich einlogiren müſſen, o Beſteſte, bei der Lady da außen?“ Worauf jedoch Armadilla lebhaft und entſchie⸗ den: Nein, o nein, o nein, o dreimal nein! Ich werde zwar heute ſpät heimkehren, denn ich kenne meiner Miſtreß Matches Diners— und aus unſ⸗ rer Soirée, liebſter Nachbar, wird heute nichts werden,.. aber ich werde nicht bei der Dame wohnen— gewiß und wahrhaftig nicht. Ich fürchte ihre Tyrannei ſo ſehr, als ich meine theure Nachbarſchaft liebe! Und zudem würde mein... — 102— Miſter Dreaps-Preedle nicht zugeben... und endlich: Wenn mich Einer in dieſer Welt von der Tyrannei des Dreaps-Dreedle befreien kann, ſo ſind Sie's, mein Freund, Sie ganz allein! Ja, es iſt nicht möglich, den entrain zu ſchil⸗ dern, mit welchem Armadilla dieſe Rede vortrug; mir war dabei ganz ſchwiemelig, ganz hitzigſieber⸗ lich geworden. Welch eine Glut, welch ein Drang, welch ein Schwung! Beſteſte! ſag' ich ihr, und meine Weſte bebte ſehr von meinem Herzſchlag: Ich danke Ihnen mit Inbrunſt für jedes Ihrer Worte, die da fa⸗ ckeln, flammen, ſprühen, gleich lebendigem Feuer aus Veſuv und Pompeji. Aber ſagen Sie mir doch noch— gleich jetzt, gleich hier— wo Sie geboren, wo Ihre Seele das Licht der Welt er⸗ blickt. Das kalte England hat Sie nicht erzeugt; im Nebel Deutſchlands haben Sie nicht den erſten Athemzug gethan! O nein, o nein! Ihr Vater⸗ land muß wärmer ſeyn! Worauf ſie mit ſchwärmeriſchem Auge und lei⸗ denſchaftlicher Geberde— ha, nie vergeſſ' ich die unvergeßliche Sekunde:„Errathen, o mein Freund, mein Herz! In dem ſchönen Andaluſien...1 Doch, was red' ich da? Auf, auf nach Sevilla!“ —(Sie kann auch:„Auf nach Valencia!“ ge⸗ ſagt haben. Genau weiß ich das nicht mehr.) Es war geweſen, als hätte ſie mich auf offner Heerſtraße an ihre ſpaniſche Bruſt drücken wol⸗ len.!! Gott, o Gott! Standen meine Aktien gut.. ich frage?— Jedoch, ſich plötzlich be⸗ ſinnend, und huldigend dem Anſtand und der Züchtigkeit, gab mir Armadilla einen kleinen Stoß vor die Bruſt, die meinige, rief mir halblaut zu: Allez-vous en; à revoir demain!— Und ſie entfloh in des„Fürſtenhofs“ dunkles Periſtalti⸗ kum;(zu deutſch: Vorhalle.) Nun ſag' ich keine Lüge, wenn ich behaupte, daß mir von da an jegliches Leben und Schwe⸗ ben, Bleiben und Treiben, Handeln und Wan⸗ deln in Welt und Reſidenz ſpaniſch vorkam. Die Menſchen, die mir auf'm Heimweg begegneten: ſpaniſch; der Pudel, der mich anbellte: ſpaniſch; die Thurmuhr, die da ſchlug: ſpaniſch, und ſo — weiter und ſo weiter: Merinos erſter Qualität, pure laine, pon teint!— Sogar die rothe An⸗ gelika, die mir über den Weg lief, ſah einer ächten Sevilleſerin ähnlich, wie ein Tropf dem andern!! Daß es in mir arbeitete wie in einem Loko⸗ motiv, wird mir der„Geneigteſte“ gern glauben, wenn er in amoribus etwas erfahren und in ſpaniſchen Dörfern etwas gethan. Daß aber auch um jeglichen Preis dieſer ungeheuern Ueberwal⸗ lung Einhalt gethan werden mußte, forderte die Vernunft, und ich bin ein Vernunftmenſch. Bei mir geht die Vernunft der Fantaſei vor. Und deshalb ſchaute ich nach einem Ableiter um, der mich ſelbſt mir wiedergeben, mir ſelbſt mich wieder retten ſollte. Im Vorzimmer des Speiſeſaals im Hotel Wiſperling fand ich, was ich ſuchte. Da hing ein Zettel, ein enormer: drei Fuß lang, anderthalb breit; Druck von ein⸗ und zweizölligen Lettern: das Programm von der er⸗ ſten Darſtellung der Künſtlerin Diodora, die am nächſten Tage aufzutreten und den Publikus zu — 105— Leid und Freud' zu allarmiren hatte.„Ein Weib aus dem Volke!“ Ich las, ich las noch einmal; ich wurde ru⸗ higer. Die mächtige Geſtalt der Kunſtrieſin drängte mit kühnen Ellbogen die Miß aus Valencia hin⸗ weg von meinem innern Auge, und füllte breit und majeſtätiſch den ganzen Rahmen aus; nicht in der ruppigen Toilette der Proletarierin„aus dem Volke“, ſondern angethan mit einem ſchwe⸗ ren goldnen Königsmantel, bezobelt und beherme⸗ lint, gekrönt mit Edelſtein und Sonnenſtrahlen, bewaffnet mit dem gebieteriſchen Zepter, der je⸗ doch nur ein ſchwaches Rüthlein vorſtellte, gehal⸗ ten gegen die Uebernatur von Gewalt und Zwangs⸗ gebot, die aus den ſchwarzen Brandaugen, über die Adlernaſe und die breiten Prachtlippen der Unwiderſtehlichen leuchtete. Sie ſchien mir zuzu⸗ herrſchen:„Du! laß ab für jetzo von dem Kinde mit der Schafsnaſe, und beuge dich vor mir im Staube, oder....!“— Und ich beugte mich, und dachte von Stund an lebhaft an die Künſt⸗ lerin, und wurde mir gleich dabei ein bischen — 106— viel vrientaliſch zu Muthe, ſo war doch das ſpa⸗ niſche Fieber vorbei, und ich konnte wieder ath⸗ men, ſtehen und gehen, plaudern und gähnen wie ein andrer Menſch. Gähnen! ja, das war ein Bedürfniß für mich geworden der„Geneigteſte“ erinnert ſich meiner Erlebniſſe vom geſtrigen Abend, vom heu⸗ tigen Morgen, meiner Gemüthsbewegungen zu Mittag, meiner Seelenerſchütterungen am Nach⸗ mittag, und wird einſehen, daß eine Roßnatur dazu gehören würde, nach all jenem tintamarre ſich nicht nach Ruhe ſehnen zu müſſen. Darum ſuchte ich mit dem einduſternden Abend mein ſtilles Gemach auf, vertagte Souper und Nachttrunk, und fand mich kaum in's Bett vor bleiernem Schlaf. Diodora ſchwebte mir zu Häup⸗ ten.... war mir doch verwehrt, Armadilla heut Abend zu ſehen!— Und dergeſtalt ſah ich bald gar nichts mehr, hörte eben ſo wenig mehr, ob und wann Armadilla etwa heimkehren thäte.. mit einem Wort: der Phyſikus in meinem Men⸗ — 107— ſchenleibe hatte die Oberhand, und der Pſychiker mußte kuſchen— ſchlafen. Aber— welch einen Schlaf dennoch! Ein Zuchthäusler hat ihn beſſer bei der Hand. Schwere Träume von Geſpenſtern, die in mein Zimmer gedrungen— von Blumenſträußen, die auf mich geregnet— von allerhand Engländern, Spaniern und Komödianten Diodora links, Diodora rechts, hinten und vorn.... eine beengende Schwüle, laſtend wie das Alpengebirge oder ein Gebirge von Alpen auf meiner Kehle, auf mei⸗ nem Lungenapparat.... Bref: ſchon um fünf Uhr Morgens wachte ich wieder auf, nach kurzen elf Stunden, und da ich leider alsdann gar kei⸗ nen Schlaf mehr beſaß ſo machte ich Licht, er⸗ wiſchte die Lebensbiographie der Diodora, die ich beim Entkleiden auf den Teppich hatte fallen laſ⸗ ſen, und las dieſelbe in einem Zuge durch.— Ich gebe ſie dem Leſer hiemit wieder, und ein paar meinige Anmerkungen dazu in den Kauf. Es iſt eine ſchöne kuriöſe Piece und klingt wunderbar — 108— genug; darum, friſch„Geneigteſter“! attaduez, consommez, et que bien vous fasse!— Die⸗ ſer Abſchnitt iſt ohnehin über die Gebühr lang geworden,— ein langgedrehter Strick, pour ainsi dire.. II. Lebensbeſchreibung der unvergleichlichen Rünſtlerin Diodora. Dargeſtellt durch Dr. F. L. I. P.*) „Es liebt der Menſch, das Strahlende zu ſchwärzen, Und das Erhab'ne in den Staub zu zieh'n.“ Alte Paſtete. Es iſt einmal ſo, und wird nicht anders wer⸗ den, ſo lang es eine Welt und Menſchen gibt: *) Dieſe Buchſtaben F. L. I. P. nimmt der„Geneigteſte“ vielleicht für ein bedeutſames Räthſel. Es iſt aber nichts dahinter. Der Verfaſſer, jener Sekretär(ſprich: Bedienter) der Diodora, heißt eben ganz einfach„Flip.“ Bekannt, daß ein engliſches Geſöff, aus Bier und Schnaps und Zucker gebraut, dieſen Namen führt. Der fahlbärtige Literat und Autor Flip mag darthun, ob er würdig ſey, ſich zu ſchreiben, wie obiger Tſchentl⸗ man. Ich darf bekennen, daß trotz der kolofſaliſchen Aufſchneidereien, die in dem Broſchürlein vorkommen, daſſelbe mir immer noch beſſer gefällt, als der Ver⸗ faſſer ſelbſt.— Langenſtrick.— — 110— Wer da wandelt auf den Höhen des Lebens, pyramidaliſch überragend ſeine Zeitgenoſſen, ſeine Schritte ſetzend in die Spuren der Gottheit, die da allein ſpendet Licht, Leben des Geiſtes und Genialität, wird immerdar dem Neid verfallen ſeyn. Aus dem Dunkel ſeiner Höhle ſpritzt das Gewürm ſein Gift nach der ſtrahlenden Zielſcheibe. — Viel Feinde haben, heißt groß, der Göttlich⸗ keit nahe ſeyn. Sogar die Auserwählten und Geweihten, die ſich in ihrer Nächſtenliebe hinopfern, und ihr gan⸗ zes Daſeyn daran ſetzen, der Mitwelt Freuden und Genüſſe der Kunſt zu bereiten, find ganz demſelben Schickſal unterworfen, wie Alles, was großartig und ſchön. Aber die Pfeile des Neides und der Verläum⸗ dung prallen ab von der Aegide, von dem Schild der Muſen, und auf den Wogen des Beifalls jubelnder Völker ſteigt immer höher und höher der leuchtende Genius, bis er in der Glorie des Ewigen aufgeht. Es findet ſich auch wohl dann und wann eine tapfere Seele, die für das beleidigte Ver⸗ dienſt die Waffen ergreift, und bis zum Tode kämpft, den Adel des Künſtlers unbefleckt zur Nachwelt hinüberzutragen. Dieſe Tapferkeit, dieſer Todesmuth fehlt uns nicht, da wir jetzo die Federlanze einlegen zum Trutz gegen elende Schreiberlinge, die in feilen Winkelblättern die unvergleichliche Heldin dramati⸗ ſcher Kunſt, die große Diodora zu begeifern wagten. Unſere Aufgabe iſt leicht. Wir dürfen nur die Wahrheit nackt und verklärt vor die Völker der Erde ſtellen, und der Sieg iſt unſer, Diodo⸗ rens Name auf ewig im Tempel der Unſterblich⸗ keit eingeſchrieben. Was auch gefabelt worden über den Urſprung, das Leben, die Geſchichte, die Kunſtbefähigung unſerer unerreichten Schauſpielerin Diodora— wir ſind in Stand geſetzt den Triumph der Wahr⸗ heit zu feiern, und die bloßgeſtellte Lüge gegeißelt der Verachtung des Erdbodens preiszugeben. Darum ohne Unſchweife, kurz und gediegen, zur Sache: — 112— Unſre hehre, durch und durch teutſche Künſt⸗ lerin iſt— wir ſagen es mit Stolz— eine Franzöſin. Schon dieſer Umſtand allein genügt ohne Zwei⸗ fel, alle Sympathieen der kunſtſinnigen Teutſchen und Teutſchinnen der lorbeerbekränzten Diodora zuzuwenden; allein, wir ſagen noch mehr. Wir ſagen das beinahe Unglaubliche, das Mirakuloſeſte, das in unſern Wundertagen ſich zugetragen: Die teutſche Diodora— wenn ſchon ſie nie auf franzöſiſchen Brettern aufgetreten— iſt nichts deſto weniger Frankreichs erſte und herrlichſte Schauſpielerin! „Begreife das, wer kann;“ werden die Pha⸗ riſäer und Thomaſſe unſerer Zeit ausrufen. Mit wenig Worten jedoch mag ihre Zweifelſucht ge⸗ demüthigt ſeyn: Frankreichs Theatermeteor nemlich, die gefeierte Rachel,(ſprich„Raſchell“) iſt nur uſurpatoriſch die Rachel;— aber — 113— unſere Diodora iſt die eigentliche Die Thatſache, obſchon eine vollendete, zur Geſchichte gewordene, von uns verbürgte, von unverwerflichen Zeugniſſen beſtätigte und für ſich ſelbſt redende, iſt dennoch von ſo ungeheurer noch nicht vorgekommener Tragweite, daß wir, der billigen Verwunderung unſerer geſinnungs⸗ tüchtigſten Leſer Rechnung tragend, auf ausführ⸗ lichere Erläuterungen uns einlaſſen wollen, und zwar auf breiteſter Grundlage; demzufolge alſo jetzt unſere Erzählung frei, friſch und fröhlich *) Wenn bei dieſem Lapſus der„Geneigteſte“ nicht„um⸗ fällt und hin iſt“, wie die Studenten ſagen, ſo muß er wirklich eine Natur von Stahl und Eiſen haben, und ich gratulire ihm dazu.— Was mich betrifft, ſo hatte ich, dieſe Stelle geleſen, einen Zuſtand von Ner⸗ ven und dergleichen: meine Haare ſträubten ſich fühl⸗ bar vor graſſem Erſtaunen, und mein Bart— der bis dahin ſtill gewachſen, was mir eine liebe, friedliche Beſchäftigung— wucherte überhand um ein gutes Stück.— Ich muß dabei ein verdammt einfältiges Geſicht gemacht haben;(ein welches mir zuweilen begegnet, aber nur unter meinen eigenen zwei Augen.) — Dann folgte Schweiß, und der Anfall ging glück⸗ lich vorüber. Lgſtrick. Luſtige Geſchichten II. 8 — 114— dahingehen mag, wie eine belebende Fluth über dürre verſengte und labungbedürftige Wieſen. In der Vorſtadt St. Marceau zu Paris, woſelbſt die Armuth tauſend und abertauſend Hütten bewohnt, ſteht ein fünfſtöckig, ſchmales Häuslein, und zu einer gegebenen Zeit wohnte im fünften Stockwerke darinnen eine Familie, an Kleinen reich, ſonſt ſchier an allem Mangel leidend. Sie gehörte zu dem ewigen Volke, das, ſeit bei⸗ nahe zwei Jahrtauſenden gebeugt in Schmach und Ketten, peinlich büßen muß die ſtolze Schuld, einſt das erſte der Völker, das auserwählte, vom Herrn geſegnete geweſen zu ſeyn. Wenn jedoch dem uralten Iſrael der Pactolus nicht mehr fließt— wenn auch Dürftigkeit getre⸗ ten iſt an die Stelle der Reichthümer, die es ehemals beſeſſen*), ſo hat die Gnade des Herrn *) Wird der alte Simon Bernheimer in Oberklammern lachen, wenn er das lieſt! Wird er lachen, und auf ſeine vollen Taſchen klopfen!!— Den Witz mit dem Pactolus“ verſteh' ich nicht. Was war das für ein Getränk? Muß doch mal einen Rabbiner fragen. Lgſcck. — 115— aller Welten dafür ihm zugewieſen die Krone in allen Reichen der Wiſſenſchaft und der Künſte. Iſraels Kinder gebieten herrlich auf den Höhen der Philoſophie, wie auf den Zinnen aller Lite⸗ ratur, wie auf den Strahlenſitzen, die vor Zeiten ein Hippokrates, ein Mozart, ein Raphael ein⸗ genommen,— und nicht weniger glanzvoll herr⸗ ſchen ſie auf den Bühnen, von denen Fleck, die Schröder und Eßlair zum begeiſterten Volke ge⸗ redet.*) Wer hätte geahnt, daß in jenem fünften Stock in der Straße St. Marceau, in der armſeligen Wiege, worinnen eben Zwillinge ſchlummerten, ein Hochgeſtirn teutſcher Schauſpielkunſt zum bal⸗ digen Aufgang am Firmament Europa's ſich vor⸗ bereitete? Nicht umſonſt wahrlich führte der Vater den vielverheißenden Namen„Felir“, der da be⸗ deutet einen Glücklichen! Die Zwillinge waren weiblichen Geſchlechts. *) Zu bemerken, daß Herr Dr. Flip ebenfalls zum Iſraet gehört. Farceur, va! Lgſcck. — Fortuna, Grazien und Muſen ſind Weiber. Die eine der Zwillinge, die jüngere war„Rachel“ (ſprich Raſchell) benamſet worden; die ältere wurde Dina gerufen. Rachel war die Lieblingin der Mutter Felir; Dina dagegen gewann, da ſie emporwuchs, des Vaters Felix ungetheilte Zuneigung.— Sothaner Zwieſpalt der elterlichen Liebe bildete die Wurzel des verwunderlichen Wunderbaums, der aus der Zwillingswiege gen Himmel wuchs. Rachels Auge verkündete die Hoheit einer überreich begabten Seele.— Die Mutter war davon entzückt. Dina's Blick heroldete deutlich den Trotz, den ſie, ihrer Geringfügigkeit bewußt, der Ueberlegenheit ihrer Zwillingsſchweſter allein entgegenzuſetzen hatte.— Den Vater kränkte und ärgerte ſehr der Abſtand Dina's von der Rachel. Rachel lernte Alles überraſchend ſchnell und fröhlich; Dina eiferte ihr nach mit nebenbuhleri⸗ ſcher Hitze. Mit ihrem Wachsthum entwickelte ſich auch Rachels ſeltne Schönheit: Dina war und blieb — 117— unſchön. Der Groll gegen ihre Schweſter legte ihr den bittern Zug des Haſſes um den Mund, den Unfrieden auf die Stirn, verlieh ihr die Magerkeit des Neides, während Rachel in reich⸗ ſter Fülle erblühte. Wenn die Eltern die Schaar ihrer Kinder betrachteten, ſo dachte die Mutter— ſie dachte das nur, weil es zu äußern ſie nie gewagt haben würde vor Felix, dem groben Hausvater—: Wie glücklich, daß mir eine ſolche Prachtblume ent⸗ ſproſſen! Der Vater jedoch, muſternd ſeine vielen Söhne und Töchter, die alle unſchön und ſeelenloſen oder ſchachergeiſtigen Ausſehens, ſagte und dachte mit böſer Hinterliſt: Gewiß iſt Rachel nicht meines Blutes; ſie gleicht ihren Geſchwiſtern nicht. Und Dina, die ich liebe, weil ſie mir ähnlich.. Dina ſollte ihr Leben hindurch vergiftet und ver⸗ letzt und verhöhnt ſeyn von der gleißenden feiſten Schlange, die ein böſer Geiſt bei mir eingeniſtet? Und er wälzte böſe Vorſätze in ſeinem Ge⸗ hirne.— Was er dann und wann ſagte, betrübte die Mutter außerordentlich, doch war das noch nichts gegen ſeine ſchlimmen Gedanken. Die Mutter meinte, mit dem Widerwillen des Vaters gegen die gute Rachel würde ſich's geben ſeiner Zeit. In dieſer Hoffnung bildete ſie den Geiſt des Kindes aus, ſo viel es in ihrer Macht. Im Hauſe fand ſich die Bücherſammlung eines ver⸗ lumpten Studenten vor: zehn Bände, die Felix als alten Trödel für einige Centimes an ſich ge⸗ bracht. Aber unter dieſen zehn verlotterten Bän⸗ den waren die dramatiſchen Meiſterwerke eines Corneille, eines Racine und Voltaire.— Ueber ſothane chefs d'oeuvre fiel einmal Rachel— ein Fingerzeig des Himmels— begierig her, und lernte die Kernſtellen auswendig, deklamirte ſie der Mutter vor, die davon begeiſtert wurde, vor allen ihren Kindern die Talente ihres Lieblings preiſete und in den Himmel erhob.— Das war den jungen Feliren, die ſich höchſtens mit Ziffern abgaben, zwar ſehr gleichgültig, doch machte es böſes Blut, zumal bei Dina.— Papa Felir hatte — 11 für's erſte gar keinen Sinn für Rachels drama⸗ tiſche Frühbegabung, nannte ihr Streben eine Thor⸗ und Narrheit, und grübelte fort und fort über ſeinen Plänen. Plötzlich verreiſte er, den Zwerchſack auf'm Rücken, wie er häufig zu thun pflegte, um kümmerlichen Handel auf dem Lande zu treiben. Die Mutter benützte ſeine Abweſenheit, um ihre Rachel zu Freunden und Bekannten zu füh⸗ ren, und dort des Mädchens deklamatoriſches Licht leuchten zu laſſen. Unter ſelbigen Freunden war auch eine wohlhäbige Dame, die große Freude an Rachel hatte.— Aus dieſem Kinde— pflegte ſie zu ſagen— kann nicht nur,— es muß ſogar etwas aus ihm werden!— kleidete das Mädchen neu, ſauber und wodiſch, zum Aerger der Geſchwiſter Felix; nahm es mit in einige Geſellſchaften, aus denen Rachel ſtets reich be⸗ ſchenkt zurückkam. Dina verging faſt vor heim⸗ lichem Grimm, ſetzte ſich zur Nachtzeit über die Bücher, und erſtarkte im Neide, in der Mißgunſt. Als Papa Felix wieder heimkam zu den großen — Feiertagen, wurde ihm geſagt von dem Ruhme Rachels; er lächelte dazu mit arger Liſt. Denn ſchon hatte er die Fallen geſtellt, die Retze ge⸗ ſpannt, in denen ſich Rachels Aufſtrebungen fan⸗ gen, elendiglich erwürgen ſollten. Da geſchah es, daß ein Beſuch, wie er noch nie in der Manſarde Felir vorgekommen, ſeine böſe Luſt noch ſteigerte, ſeine verderblichen Ränke zur ſchnellern Ausführung brachte. Ein Herr, fein gekleidet, mit Ketten und Rin⸗ gen und Nadeln geſchmückt, trat eines Tags bei Felix ein. Die Aeltern, Rachel, Dina waren zugegen. Die Mädchen zühlten, beiläufig geſagt, ſchon fünfzehn Lebensjahre. Rachel eine üppig aufgehende Roſe; Dina ein hageres, gelbes Prä⸗ parat. Dina entlief, verſteckte ſich in der Kammer, lauſchte, ließ ſich aber nicht ſehen. Der Herr ſagte, er habe gehört, daß in die⸗ ſem Hauſe, in dieſem Stockwerk ein Wundermäd⸗ chen wohnhaft, das in Paris bereits hie und da großes Aufſehen gemacht, und er ſei begierig, ſich — 121— ſelbſt von der Sache zu überzeugen. Er ſei Regiſſeur am Théatre-frangais und daher kom⸗ petent. Papa Felir grinſte, und ſagte weiter kein Wort. Mama jedoch führte ihre Rachel mit Würde auf, und ließ ſie die große Rolle aus den „Horatiern“ repetiren. Der Regiſſeur Samſon war außer ſich, und ſprach: Wahrlich, um dieſes Mädchens Scheitel flammt bereits der Heiligenſchein der Kunſt! Ich lade es daher ein, heute über 8 Tage Abends ſieben Uhr ſich in meinem Hauſe einzufinden, und vor dem Komité unſrer Großbühne einige Proben ſeines Talents abzulegen. Es ſoll nicht des Mäd⸗ chens Schade ſeyn, und für deſſen Zukunft ſtatt⸗ lich geſorgt werden. Sprach's, gab ſeine Adreſſe, und ging höchſt zufrieden, von Mutter und Tochter dankbar zur Hausthüre begleitet, von dannen. Papa Felir blieb in ſchweren Bedenklichkeiten befangen, eine geraume Weile allein. Wohl hatte er ſchon ſeine böſen Gedanken zur Reife kommen — 122— laſſen;— wohl gedachte er, ſchnöde Münze zu ſchlagen aus einem teufliſch vorbereiteten Verbre⸗ chen;— indeſſen waren die Ausſichten, die der Herr vom Théatre-frangais ſeiner Tochter, alſo ihm eröffnete, auch nicht zu verachten.— Hm! ſagte er ſich ſelber: wenn ich nur die Rachel dop⸗ pellebig machen könnte.. 2 Wenn ich nur ein Mittel fände, den einen Gewinnſt zu behalten, und den andern nicht zu laſſen? Da ſchlich, wie gerufen, Dina an ihren Vater aus dem Verſtecke heran, und flüſterte ihm zu: Ich kann auch, was Rachel kann. Ich hab' ge⸗ lernt, was ſie, und wollte es noch beſſer machen! Du? rief der Vater erſtaunt, und in der Ge⸗ ſchwindigkeit rezitirte ihm Dina ein Stück derſel⸗ ben Rolle aus den„Horatiern“; ſo daß dem Fe⸗ lix die Haare zu Berg ſtanden, theils ob boshafter Freude, theils ob dem Schauer, den Dina's Ver⸗ bitterung und zornmüthiger Vortrag in ihm leben⸗ dig machte. Er umarmte ſein Kind, empfahl ihm tiefes Schweigen gegen Mutter und alle Geſchwiſter, — — 123— und ſagte Dank dem Geſchick, das ſeinen ſehn⸗ lichſten Wunſch erhört hatte. Schon am kommenden Tage ſprach er zu ſei⸗ nem Weibe: Da iſt ein reicher Herr zu Neuilly, ein großer Liebhaber vom Theater. Da nun Herr Samſon ſagt, daß Rachel wie geboren zum Thea⸗ ter, ſo will ich ſie heute Abend in der Soirée des Herrn produziren, und es wird uns ein gut Stück Geld eintragen. Die Mama, die dem Geld nicht feind, gab ihre Zuſtimmung, und Rachel ging arglos freudig mit dem Vater, der noch nie im Leben ſo artig mit ihr geweſen.— Sie ging, um— um nicht wieder in's Vater⸗ haus, in der Mutter Arme zurückzukehren. Der frevelhafteſte Schacher eines Entarteten, der nicht würdig geweſen, ſeine Tochter ſie zu nennen, be⸗ gabte unſer teutſches Vaterland mit ſeiner unge⸗ heuerſten, immenſeſten Künſtlerin! Die Wege der Fürſehung ſind dunkel! Hier in wenigen aber getreuen und genügen⸗ den Umriſſen— um nicht unſrer Leſer Gefühl — 124— und Empfindung auf die Folter zu ſtrecken— das Trauerſpiel, das Papa Felir erſonnen und zur Aufführung gebracht. Nicht nach Neuilly, wohl aber nach Teutſch⸗ land hin entführte er ſein harmloſes Kind, wohl verpackt in einer Diligence, und in einer Stadt des Heſſenlandes, in einem engen, niedern Hauſe lieferte er die Verrathene an einen alten Mann, an eine alte Frau aus, ſagend: Hier eure Toch⸗ ter, hier Deine Aeltern. Ich bin nur dein Zieh⸗ vater geweſen, überglücklich, dich wieder in die rechten Hände zurückgeben zu können. Die Alten empfingen die zu Eis erſtarrte Rachel wirklich wie eine Tochter— der Felix ſtrich eine ſchöne Summe Geldes ein, und kehrte nach Paris zurück. Die Mutter, die um ihre Rachel ſo lange ſchon gejammert, daß ihre Augen faſt blind vor Thränen, ihr Verſtand ſchier ſchwach vor Schmerz, erhielt von Felir die Kunde, daß Rachel geſtorben, und einen gefälſchten Todten⸗ ſchein. Das brach ihr Herz; ſie ſtarb, und Dina lebte auf. Und dieſe Dina— man merke wohl den höl⸗ liſchen Kunſtgriff— führte Felix hin zum Regiſ⸗ ſeur Samſon, und ſprach: Sie vergeben, daß meine Tochter bis daher Ihrer Einladung nicht zu folgen im Stande geweſen. Die Krankheit ihrer Mutter und deren betrübter Hintritt haben ſie zu Hauſe feſtgehalten. Jetzt aber nehmen Sie mit Güte und Wohlwollen dieſe Kunſtjün⸗ gerin Rachel in Ihre Protektion. Da war das Verbrechen, ſo man in Frank⸗ reich„Substitution de personne“ nennt, voll⸗ bracht. Herr Samſon verwunderte ſich zwar, daß der kurze Schmerz die blühende Rachel ſo ſehr verändert, aber das Leid, die Klage um die ver⸗ lorne Mutter mußten als Motive herhalten, und da im übrigen die falſche Rachel die Rolle der „Hermione“ etcaetera mit vibrirender Stimme und Erregung zur Probe vortrug, und in ihre Deklamation all den Gift von Groll und Neid und verbitterter Verachtung legte, der ſich ſeit Jahren in ihr angeſammelt, ſo verblüffte ſie den Samſon, verblüffte das Comité, und da ſie endlich — 6— auf der erſten Bühne von Paris auftrat, verblüffte ſie nicht weniger das Publikum. Die„Römer des Lüſtre“ klatſchten Beifall, daß das Haus zit⸗ terte, die unbefangenen Zuſchauer folgten dem gegebenen Anſtoß,... Gedichte flogen, Blumen hagelten hernieder: der Triumph der falſchen Rachel war fertig!! Was machte indeſſen die ächte Rachel, unſere ungleich größere Künſtlerin? Sie lernte teutſch mit einer Schnelligkeit, die aws Unbegreifliche ſtreifte. Wohlhabender Leute Kind geworden, ſtudirte ſie Alles, was zu ſtudiren, lernte ſie Alles, was zu lernen. Jedoch immer⸗ dar hegte ſie in keuſcher verſchwiegener Bruſt den Beruf, der ihr vom Himmel geworden, eine wahre, treue, treffliche Dollmetſcherin unſerer großen Dichtergeiſter zu ſeyn. Was auch ſollte ſie mehr mit dem ſteifen Racine, mit dem brutalen Cor⸗ neille, mit dem tanzmeiſteriſchen Voltaire gemein haben? Die herrliche Natur, die unbefangene Größe unſers Göthe, unſers Schiller, trugen den Sieg davon. Nicht lang, und ſie war dergeſtalt — 127— teutſch geworden, daß ſie ihr Franzöſiſch ganz vergeſſen. Von den Zieheltern zu Paris und von der Dina wußte ſie keine Silbe mehr. Siehe: da kam ihre zweite Mutter zum Ster⸗ ben, und in der letzten Stunde legte ſie das wichtige Geſtändniß in Rachels Buſen nieder, daß der abſcheuliche Felix ſie verkauft gehabt, als ein unſchuldig Lamm, gegen ſo und ſo viele Gulden Reichswährung. Auf ſeiner vorletzten Wanderung nach Teutſchland hatte er mit dem alten Ehepaar, das ſchon ſeit Jahren den Tod einer geliebten Tochter, ihres einzigen Kindes, beweint, einen Menſchenhandel abgeſchloſſen, und verſprochen, ihnen ein ſchönes, geſundes Mädchen an Kindes⸗ ſtatt zu liefern. So hatte er gethan. Allein der Tod macht mürbe, und das Gewiſſen der Ster⸗ benden konnte das ſchlechte Kunſtſtück nicht bei ſich behalten. Wir ſchweigen von den Kämpfen, die nun in Rachels Buſen losbrachen. Es zog ſie nach Pa⸗ ris; es hielt ſie feſt in Teutſchland. Im Hauſe, dem ſie eingeſchmuggelt worden, war ſie nicht — 128— heimiſch mehr. Doch wollte ſie nicht den Greis verlaſſen, der ein Wittwer und gebrechlich, ihrer Pflege bedurſte. Hieß ſie doch auch vor der Welt ſeine Tochter! Jedoch: das Schickſal ſchreitet ſchnell! Die Kunſt half die Unglückliche tröſten. Kaum die Trauer um die ſ. g. Mutter abgelegt, ſchloß Rachel ſich einem Liebhabertheater an. Geſegnet ſeien dieſe Bildungsanſtalten! Bald war Rachel ihrer Dilettantenbühne Schmuck und Kern gewor⸗ den, und ein edler junger Mann, der über ſeinen Rollen ſeinen angelernten und aufgezwungenen Beruf vergeſſen, widmete ihr ſeine Aufmerkſamkeit, und vertraute ihr, daß er gedenke, ſeine Kanzlei zu verlaſſen, und der Bühne fortan ſeine Thätig⸗ keit zu weihen. Da nun zur ſelben Zeit Rachel tief verletzt wurde durch die Nachricht, daß ihr zeitweiliger Vater, der Greis und Wittwer, ſich zu verheira⸗ then gedenke— Alter ſchützt vor Thorheit nicht — ſo bot ſich ihr ſchnell ein willkommener Weg, ein durchgreifend Mittel, nicht Zeuge ſeyn zu — 129— müſſen von der Erniedrigung ihres Alten. Sie entfernte ſich aus Schonung für den Greis ohne ein Lebewohl, das ihm denn doch ſchmerzlich ge⸗ fallen wäre, und ging unter'm Schußz ihres Freun⸗ des vom Liebhabertheater zu einer jener Wander⸗ bühnen, die von jeher die Pflanzſchulen der größ⸗ ten Künſtler geweſen zu ſeyn den Ruf und die Ehre hatten. Nun aber weiſen wir gleich zur Stelle mit gebührender Indignation gewiſſe Folgerungen hä⸗ miſcher Art zurück, die vom verderbten Geiſt der Zeit bei dieſem Lebensübergang unſrer Kunſthel⸗ din dem Publikum, dem teutſchen Geſammtvolke etwa inſinuirt werden möchten. Wahrlich: eine reinere Verbindung, als die unſerer großen Ra⸗ chel mit ihrem Kunſtgenoſſen Robert hat es zu allen Zeiten nicht gegeben. Er war ihr Bruder, ſie war ihm Schweſter; denn ſeine Seele war rein, wie die ihrige. Und wenn ſchon ſich öfters begibt, daß ein edler Genius, obgleich umtoſet von den gemeinſten Leidenſchaften des Lebens, ſtolz und aufrecht und ewig unbefleckt durch den Fmn Luſtige Geſchichten II. der Erde ſchreitet— um wieviel reiner und ver⸗ klärter wird der Flug von zwei gleichſtrahlenden Geiſtern ſeyn, die gegenſeitig ſich in keuſcher Brüderlichkeit verbunden haben, um den Himmel zu erreichen; die gegenſeitig einander die Hände bieten, um zu tragen durch die Welt— nicht der Sünden Laſt— aber wohl im Gegentheil un⸗ ſchuldigſten Ruhmes Lorbeerbürde?—— ¹) Wir ſetzen hier dem Muſtermann, dem edeln Jüngling Robert ein Denkmal. Denn ſchon— leider— iſt ſein Geiſt in die Gefilde der Seli⸗ gen hinübergegangen. Er ſtarb zu Ritzebüttel als ein wackrer Künſtler(hervorgerufen nach jeder Rolle), als ein getreuer Ehemann(hatte ſeine Frau in ein paar Wittwenkaſſen eingekauft), als ein fürſorglicher Vater(hatte für ſeine Kinder *) Dieſer Constructus gefällt mir wohl, und hätte ich ihn dem mißfarbigen Kerl, dem Flip, gar nicht zuge⸗ traut. Da ich an dieſe Stelle kam, fühlte ich mich unwillkührlich in die Höhe gezogen,— gleichſam an einem Seil. O, daß mir in jener Stunde doch eine verwandte Seele nahe geweſen wäre... Hoch die Brüderlichkeit! Lgſcck. Policen in der Verſorgungsanſtalt gelöſt)— als ein guter Bürger endlich.(Hatte ſich nemlich, als Nationalgardiſt auf Wache ſtehend, zum Tode er⸗ kältet.. Friede und Ehre ſeiner Aſche. Zu jener Zeit aber, von der wir hier berich⸗ ten, lebte er ein halbes Jahr hindurch an Rachels Seite, ihr Freund und Beſchützer, lebte von ihrem Leben, ſonnte und bildete ſich in ihrem Ruhme; wurde mit ihr zugleich an dem Hoftheater des Deſpoten von Laufenheim engagirt.— Süße Tage hätten dort dem Kunſtgeſchwiſter⸗ paar beſcheert ſeyn können. Die Deſpotie Lau⸗ fenheim hatte noch nie eine Perle, wie Rachel, beſeſſen. Alles Volk jauchzte ihr zu, ſo oft ſie auf der Bühne erſchien— ſogar vor ihrem Schatten zog männiglich den Hut. Allein... allein... des Weibes Schönheit iſt ein reich Geſchenk; jedoch lockt ſie den Verſucher, den Teufel an. Der Deſpot von Laufenheim wollte die Perle Rachel für ſich, für ſich allein haben. Plötzlich erhielt Robert den Abſchied. Rachel — — 132— war kurz zuvor durch einen langwierigen Kontrakt gebunden worden. O Schmerz der Trennung! Aber Robert ſprach: Ich gehe, Beſte, für uns beide ein anderweitig Engagement auszumachen, was nicht fehlen wird. Gedulde dich bis dahin, und ſei ſtark. Der Genius wird am Ende auch mit dem Deſpoten fertig... und dann ein fröh⸗ lich Wiederſehen, und nimmermehr dann laß' uns ſcheiden! Dem Bruder floſſen Rachels Thränen; doch ſtanden ihr noch größere Prüfungen bevor. Der Deſpot ging immer mehr mit ſeinen ver⸗ werflichen Abſichten zu Tage. Die Deſpotin mußte unſere Künſtlerin zu Hofe laden... bei jeder Gelegenheit näherte ſich derſelben der Deſ⸗ pot mit ſtets zärtlichern Blicken und Worten.— O, hätt' er gewußt, wie wenig ihn die Heldin ausſtehen konnte! Der Deſpot war ein halber, faſt ein Drei⸗ viertel⸗Engländer. Rachel konnte als geweſene Franzöſin den Engländer ſchon per se nicht lei⸗ den. Als eine vollkommen geteutſchte Künſtlerin ſchätzte ſie an ihm nichts als ſein Gold. Doch mochte ſie nicht tauſchen gegen daſſelbe ihre Tu⸗ gend, ihre Ehre; o niemals! Zudem wurde der Deſpot in ſeiner Zudring⸗ lichkeit immer widerlicher, und die Manier, wie er,— auf engliſch— den Namen unſerer Künſt⸗ lerin ausſprach, derſelben immer peinlicher. Konnte ſie ſich„Rätſchel“ hin,„Rätſchel“ her nennen laſſen, ohne am Ende die Geduld zu verlieren? Und da ſie die Geduld ſchon ganz verloren, kam eines Tags bei Nacht und Nebel der Theater⸗ Intendant des Fürſten Rudolph von Geroſſtein — deſſelben, der in den Mystéères de Paris ſo viel gehandelt und gewandelt— eroberte die Unvergleichliche für die Gerolſteiner Hofbühne— und Rachel ging durch— alle Hinderniſſe und Pforten ihres Deſpotenzwingers noch in derſelben Nacht aus dem Bereich des„Rätſchel“⸗Begieri⸗ gen.— Von Stund' an nannte ſie ſich Diodora zur größern Ehre der Muſen. In Gerolſtein begann das Hohelied, der wun⸗ derbare Roman, die Iliade ihres Lebens. Dort — 134— ſteigerte ſie ihre Kunſt, ihr Gemüth, ihre Tugend bis zur höchſten fittlichen Verklärung. Ihrer Tage Silber⸗, ja Goldblick ſtrahlte in Gerolſtein auf. Ihr Werth beſtand dort die ſchwerſte Probe, und ſiehe: er war lauter!! Daß ſie gleich beim Erſcheinen vor dem Pu⸗ blikum des Landes— denn das ganze Land drängte ſich in Sturmzügen vor die Lampen des Reſidenztheaters— daß ſie alſobald alle Herzen eroberte, alle Hände elektriſirte, alle Kunſtpar⸗ theiung ſchweigen machte, und urplötzlich ſagen konnte:„Das Hoſtheater von Gerolſtein bin ich, allein nur ich!“ das verſteht ſich von ſelbſt. Sie hatte nichts mehr von der hehren Melpomene zu lernen. Sie trat auf, ſie ſchaute um ſich, und hatte bereits geſiegt!— Zur gleichen Zeit aber wurde ſie des Landes Wohlthäterin. Der Fürſt Rudolph, der, wie man weiß, ſein Leben zu Paris erſchöpft, hatte ſeit geraumer Friſt an Leber und Milz gelitten, und ſeine fin⸗ ſtere Melancholie war für das Fürſtenthum eine wahre Kalamität geworden. Keine Feſte mehr, — — 135— kein Hofleben, keine Freude. Die Beamten, hoch und nieder, Bürgermeiſter, Rath und Kleriſei traten nur zitternd vor den Fürſten hin; denn der Letztere, welcher ſonſt für jeden Unterthan ein freundlich Wort gewußt, hatte nun für einen Jeden und für eine Jede nur eine biſſige, dro⸗ hende, verletzende Rede. Die Gratifikationen blieben aus, die Steuern wuchſen an; von fürſt⸗ lichen Gaben wußte man bald nichts mehr; da⸗ gegen ſehr viel von Ab gaben an den Fürſten.*³) Jedoch— Hallelujah! Ein Sonnenblitz, und die Wetterwolke zerriß... Diodora erſchien, und der Fürſt von Gerolſtein genas. Es kam wie⸗ derum Freude und Geld in's Land. Diodora wurde auf den Händen getragen— wenn ſie nicht juſt in einer Hofequipage fuhr.— Nur eben ſie, die Gutthäterin, die Spenderin des Glücks, war im Begriff unglücklich zu werden. *) Die verdammte Politik-Stichelei kann doch jetzo ſich gar nicht mehr vom Leibe gehalten werden!! Lgſcck. —— — 136— Warum? Wer wird das nicht errathen? Weil Fürſt Rudolph ſie liebte, verehrte, und nach ihr verlangte als nach dem Heilthum ſeiner Seele und ſeines Leibes, das er ewig für ſich behalten, das er nun und nimmermehr laſſen wollte! Da war Diodora unaufhaltſam zum Gipfel gleichſam des Kaukaſus ihres Daſeyns empor⸗ getragen.. vor ihr lagen die Reiche, die Schätze, die Herrlichkeiten der Welt ausgebreitet, und der liebesdurſtige Fürſt ſagte zu ihr: Alles iſt Dein... wenn Du mich erhören, wenn Du mein ſeyn willſt! Eine andere hätte geprüft, gezaudert, gewählt Diodora verneinte ohne Bedenken. Der Fürſt ließ nicht ab. Die Eitelkeit des Weibes ſollte ihm als Köder dienen.— Eine Grafenkrone auf Dein Haupt! rief er; ſie ſei Dein, und zwar taxfrei, und zwar mit ſchwerer Penſion verbunden, wenn Du mir angehören willſt fortan auf ewig! Nun aber war der würdigſte, der großartigſte Moment in Diodorens Leben gekommen. Denn ——— ſie antwortete, milde zwar, doch unerbittlich:„Noch „einmal Nein, und zwar unwiderruflicher, als mein „erſtes Nein geweſen! Daß Sie mich lieben, ho⸗ „her Herr, will ich nicht tadeln, nicht unſchicklich „finden. Wer, der ſterblich, kann ſeinem Herzen „gebieten? Wer auch ſich ſchämen einer edeln „Leidenſchaft, einer edeln Liebe zu einem edeln „Weſen? Derjenige allein, der nicht edle Zwecke „will, und Liebe nennt, was nur Begierde, mag „reuig in ſeinen Buſen greifen, und ſchweigen „ſchuldbewußt. Hoher Herr! Sie ſind unver⸗ „mählt; Sie konnten mir ſagen: Komm' und „theile meinen Thron mit mir!— Wer weiß, „was ich— obſchon gewohnt, Kronen und Reiche „auszuſchlagen— wer weiß, was ich darauf geant⸗ „wortet haben würde? Ich opfre ja mein Leben „der Bühne, um von der Bühne aus das Volk „zu bilden und zu erheitern;— vielleicht hätt' „ich auch mein Herz dahingegeben, um das Ih⸗ „rige zu erfreuen, hoher Herr? Allein, da Sie „ſtrebten nach geheimer, darum verbotner Luſt, „und mich als Menſch Ihrer rechten Hand nicht — 138— „würdig hielten, ſo geſtehe ich Ihnen unumwun⸗ „den, daß mir die Tugend werther als das Di⸗ „plom einer Gräfin, auf welches ich, ſo wie auf „Ihre Penſion, ſo wie auf Ihre Protektion— „gern Verzicht leiſte. So ſage ich, ſo betheure „ich, ſo werd' ich's halten in Ewigkeit!“ ¹) Dieſe Rede, wortgetreu, diplomatiſch genau wiedergegeben, iſt das Magnifikeſte, das jemals ſeit dem ſiebenten Tage nach der Schöpfung der Velt geſagt worden iſt. Sie ging dem Fürſten Rudolph durch Mark und Bein. Wer weiß, was noch geſchehen wäre, wenn nicht zur Stunde Dio⸗ dora ihren Koffer gepackt, und die Reiſe nach Kopenhagen angetreten hätte, woſelbſt ſie bei'm teutſchen Theater Gaſtrollen ſpielte, deren Erfolg *) Schön, recht ſchön! Die hat's ihm geſagt! Wird dadurch bei allen Bankherren in Iſrael höher im Preiſe notirt worden ſeyn.—„ Ein Kreuzweib!“ würd' ich ſagen, wenn Rachel⸗Diodora getauft wäre! Doch„die Religion thut nichts zur Sache!“ Alſo behaupten die Literaten, die das Geld nehmen, wo ſie's nur kriegen; von Juden und Chriſten, von Tür⸗ ken und Anabaptiſten oder andern Papiſten. Lgſcck. ganz Skandinavien in künſtleriſch⸗fanatiſchen Auf⸗ ſtand brachte. Dort, ſo viel nördlich von der Eidergränze und von Schleswig⸗Holſtein meerumſchlungen— dort wurde Diodora's Herz abermals und zwar doppelt auf einmal geprüft. An einem und demſelben Tage kam ihr nem⸗ lich die Kunde, daß ihr ehemännlicher Gunſtbruder Robert*) zu einer andern Fahne geſchworen und ſich verheirathet,—— daß ihre Schweſter Dina als Rachel(Raſchelh zu Paris bei dem Théatre frangais ſich ein⸗ und feſtgelogen. Ihre edelmüthige Seele überwand herviſch dieſe peinlichen Zwiſchenfälle. Sie verzieh dem wankel⸗ müthigen Robert; ſie weihte ſtille Verachtung der Dina. Dennoch hätte ſie gern die Letztere auf der Bühne geſehen. Ein paarmal fügte es ſich, daß *) Scheußlicher Druckfehler! ſoll ehemaliger Kunſt⸗ bruder“ heißen. Lgſcck. — 140— dieſes beinahe hätte geſchehen können. Der Spiel⸗ pächter von Baden⸗Baden hatte einigemal Miene gemacht, die falſche Rachel ſeinem Publikum als eine Bademerkwürdigkeit vorzuführen. Allein die ſchlaue Dina erfuhr immerdar früh genug, daß ihre berühmte Schweſter Diodora ebenfalls nach Baden kommen werde, und folglich kam ſie nicht. Um keinen Preis hätte ſie gewagt, ihrer betroge⸗ nen Schweſter unter die Augen zu treten! Im Uebrigen war, von Kopenhagen an, Diodorens Leben ein Siegeszug von Oſten nach Weſten, von Süden gen Norden, und umgekehrt. Nur ihren Namen führen die Kunftfreunde Teutſchlands im Munde, nur ihr jubelt ausſchließlich das teutſche Volk zu. Wo ſie erſcheint, fließt Gold in Strö⸗ men den Theaterkaſſen zu, und ihrem Glück gleicht eben nur ihre uneigennützige Beſcheidenheit. Auch an der Politik hat ſich Diodora in neue⸗ ſter nachmärzlicher Zeit im höchſten Grade bethei⸗ ligt, dem Fortſchritt huldigend, und die heilige Sache der Menſchheit befördernd mit allen, allen MRitteln, die ihr zu Gebote ſtehen. Sie war es, —— die von mancher Bühne Worte der Erhebung und Geſinnungstüchtigkeit zum mündigen Volke geredet; ſie war es, die mit der ſchwarzrothgoldnen Tri⸗ kolore nicht ſelten hinausgetreten vor die Lam⸗ pen, und mit Begeiſterung geſungen das ſchöne Lied des alten Arndt:„Was iſt des Teutſchen Vaterland?“— Die falſche Rachel zu Paris hat's ihr mit der Marſeillaiſe nur nachgemacht, und zwar ſchwach. Tauſend und abertauſend Huldigungen in den mannichfaltigſten Formen wurden ihr zu Füßen gelegt. Alle hat ſie dankbar angenommen; jedoch am meiſten hat befriedigt ihr ſchlichtes Gemüth ein ſchmuckloſes Album, das ihr einer unſerer gefeiertſten teutſchen Schriftſteller und Touriſten mit folgender, freilich perl⸗ und diamantenreichen ppetiſchen Widmung ehrfurchtsvoll überreicht hat. In der Ueberzeugung, daß auch in hieſiger Reſidenz die Künſtlerin das Echo zu dieſer un⸗ übertrefflichen Hymne finden werde, theilen wir dieſe— unwürdig, die Heldin ferner zu loben at ae—— — 142— und zu preiſen— gleichſam als Schlußwort dieſer Skizze, den hochzuverehrenden Leſern mit: An Diodora, die Einzige. Diodora, Diodora! Du, der Kunſt Groß⸗Matadora! Dein gedenk' ich in Baſſora, Auf dem Meere di Marmora, Dein auf ſchwarzer Czerna⸗Hora, Dein auf grünem Buffalora, Diodora! Wär die Wurzel Mandragora ¹) Mein, ich legte Dir, o Dora, Sie zu Füßen sine mora; Doch Du ſelbſt biſt ja Pandora, Von der Puppa bis zur Prora ²) Unſers Glücksſchiffs Commodora! Diodora! ¹) Alraunwurzel, die im Rufe, alles mögliche Glück zu bringen. Flip. ²) Vorder⸗ und Hinterdeck eines Schiffs. Flip. —— — Dich zu ſeh'n ad ogni ora Stets zu klatſchen Dir:„Ancora!“ Dich zu lieben con furor' ah! Nur's zu denken, iſt Plethora! Heureux le mortel, qui t'aura!! 3 Diodora! Grimmig ſind die Carnivora 8 Bitter peitſchte mich die Bora, 4) Heft'ger doch als Gift und Pſora ⁵) Fürcht' ich Deinen Zorn, o Dora, Das iſt keine Metaphora, Diodora! 0 Iſt italieniſch und heißt:„zu jeder Stunde.“ 3 3 8 3 Flip. Das geehrte Leſepublikum wird doch ſo viel franzöſiſch verſtehen, um zu wiſſen, was dieſer Vers heißt. Flip. Das jleiſchfreſſende Gethier; nach Büffon, Cüvier, und andern Naturmenſchen. Flip. Abſcheulicher Wind, von dem die Trieſtiner zu ſagen wiſſen. Flip. Ein grauslicher Krankheitsſtoff der ſich auf teutſch in anſtändiger Geſellſchaft gar nicht nennen läßt;— nach Hahnemann. Flip. — Alſo ſchweig' ich, Telesphora, ¹) Von der Ceder grandiflora Deines Ruhms— und auf die Thorah*) Schwöre ich, daß von Angora Bis zum Port von Baltimora Ich nichts ſchön'res ſah, als Dora Mit der teutſchen Tricolora! Diodora!!!! ¹) Göttin der Geneſung. Flip. ²) Aha, iſt auch von unſere Leut'!! Lgſcck. III. Schöne Correſpondenzen. (Fortſetzung der„Vierzehn Tage“.) Es iſt zu glauben,„Geneigteſter,“ daß ich, obigen pojetiſchen und lebensbiographiſchen Biſſen verſchlungen, wieder in Schlaf fiel, und ſchlum⸗ merte wie ein Brett bis in die zehnte Morgen⸗ ſtunde hinein. Dergeſtalt war ich alſo zu meiner ſchier verkümmerten Ruhezeit gekommen, und das war in mehr als einer Beziehung wohl und weiſe, wie bald erſehen werden wird. Wie hätte ich, pour Pamour de Pieu, aushalten können, was mir gleich am kurzen Vormittag— zwiſchen elf und ein Uhr geboten wurde? Die Welt iſt eben ein Jammerthal, wogegen nicht Kapitalien, nicht Luſtige Geſchichten II. 10 . — 146— Leibrenten und die vortrefflichſten Conti correnti nichts helfen! Der„Geneigteſte“ erinnert ſich, daß ich in der nachtſchlafenden Zeit neben unerſchwinglichen Träumen auch an einer drückenden Schwülung im Zimmer gelitten, die ſonſt im Spätherbſt un⸗ ſers Klima's gewöhnlich nicht vorzukommen pflegt. Eh bien: dieſe ſchwülende Drückung hatte was zu bedeuten. Ich bin eben ein Sonntagskind. Warnm aber ſelbige Ahnungen und Vorbedeutun⸗ gen in der Welt ſind, da man doch niemals das Geahnte und Vorbedeutete aufhalten oder unge⸗ ſchehen machen kann, will mir nicht klar werden. Item iſt es eine Thatſache, daß ich, angezogen und gefrühſtückt, mir vom Herrn von Oberkellner, dem bekannten„Schön“⸗Redner, meine Rechnung geben ließ. So bin ich nun einmal; alle paar Tage muß ich den Rücken frei haben. Argent sur table: das iſt nobel und eines Kapitaliſten, auch Handelsherrn würdig.— Ich erhalte denn den Wiſch. Wie viel er be⸗ trug, will ich nicht ſagen; das mach' ich allein — 147— mit Gott und meinem Gewiſſen aus. Allein— ſiehe: bei eifriger Prüfung des Schriftſtücks(wie ſie heutzutage ſagen) nehme ich einen Poſten wahr, der da heißt: Zwei Briefe; thut dreiundzwanzig Kreuzer!— Und ich hatte doch keinen Brief er⸗ halten. Beſteſter? irren Sie ſich nicht? frag' ich den Oberle ſehr höflich, denn jetzt muß man höflich thun mit dem ärgſten Grobian.— Und Er hier⸗ auf, brutal wie immer, und mit einem air, als wolle er mir— das pecus mir— einen„Schafs⸗ kopf“ ausſpielen: Nun? werden ſich doch der Briefe erinnern, die geſtern Abend für Sie ein⸗ getroffen ſind?— Geſtern?— Geſtern.— Ei, wo wären denn die Briefe?— Wo anders als auf Ihrem Zimmer?— Wie ſo? ich ſah und hörte doch nichts?— Ei was, der Kaſimir brachte ſie Ihnen, da ſie noch abweſend, hinauf.— Hab' doch nichts gefunden?— Können ſich darauf ver⸗ laſſen. Sehen Sie nur nach!— Ich eile hinauf— quatre à quatre— und mache mit mir ſelber eine ſtille Wettung, daß ich 2 3 1 3 3 * 3 ———— ſ 11 13 nichts finden würde.— Pffectivement traue ich dem Kafimich nicht über den Weg. Er iſt ein Rother, roth von Haar und Politik, Sozialiſt und Communiſt— krapproth, mit einem Wort. Er drückt, wo er kann, auf das Capital; er ſitzt auf dem Beſitz, wie der leibhaftige † † † auf der armen Seele, reitet auf den Rentnern, verkauft einen honetten Kaufmann zehnmal in einer Viertel⸗ ſtunde... enſin: läuft der rothen Angelika in allen Winkeln nach. Alſo dem Kaſimich trau' ich nicht; glaube ihn bei der Gelegenheit zu ertappen, und dem dicken Louis, der ein hartgeſottener Réac, denunziren zu können...! allein: in die Stube einbrechend, in die meinige, ſchau'ich ringsum... und ſiehe: da liegen meine Briefe— zwar nicht auf dem Tiſche, je⸗ doch auf dem Schreibkaſten, und die Aufſchrift des einen— ma foi! von Grauſam— und die Addreſſe des andern— Pieu de Dieu!— von Bina!! von Bina, die nicht ſchreibt, als wenn es höchſt dringend..! Was mag in ih⸗ rem Briefe ſtehen? Und geſchlafen hatte ich mit Bina's Brief in einem und demſelben Gemach, ohne von ihm zu wiſſen!— Darum alſo die Schwüle, die drü⸗ cende 2— Geſchwinde nach den Siegeln geſchaut;— ſie ſind unverletzt. Bon!— Sogleich alsdann mache ich mich an Grauſams Depeſche, weil Bina's Schreiben behaltend mir vor zum Deſſert, poire et fromage en méme tems! Grauſam's Brief iſt ſchon von außen tröſtend, beruhigend, weil grün, hoffnungsgrün. Der Grau⸗ ſam liebt das Bunterlei in Briefpapieren— roſa, blau, grün und marmorirt.... hätte einen trefflichen Flachmaler und Vergolder abgegeben ... kleinſtädtiſcher Geſchmack, aber gemüth⸗ liches Herz; namentlich ſeit er verheirathet, und die Verbitterung aus der Periode Bina und Biſſig abgelegt.— Uebrigens: alles dieſes zugegeben, hatte der Brief doch ſein Befremdliches. Er lautete: „Lieber Langenſtrick!“(Wir dutzen uns ſeit der Heirath unſerer gegenſeitigen Inviduduen.) 1 — 150— „Dein Schreiben vom 5. hujus, de dato Reſi⸗ „denzſtadt X iſt mir richtig geworden, und beſtä⸗ „tige ich hiemit deſſen Empfang. Indeme Du „Dich aber in ſelbem auf Dein Werthes vom() „hujus, de dato Trefunz beziehſt, ſo zeige Dir „an, daß mir ein ſolches nicht zugekommen, wie „aus meiner Strazze darthun kann. Da nun die „Poſt von Trefunz à Flätz pünktlich und zuverläſſig „geht, ſo möchte der Grund des Nichteintreffens „etwa in dort zu ſuchen, auch zu finden ſeyn. „Dir überlaſſend, ob Dein Laufburſche oder Je⸗ „mand ſonſt(2²) die Schuld haben dürfte.—— „Jedenfalls iſt fatal, daß betreffendes Schrei⸗ „ben nicht an ſeine Addreſſe gelangt iſt; denn „vielleicht wirſt Du nicht mehr wiſſen, was dar⸗ „innen ſteht, und ich weiß es natürlich auch nicht—; „und der Brief ſelbſt, der uns darüber aufklären „könnte, wäre verloren, oder in Handen von Leu⸗ „ten, die er nichts angeht? „Vielleicht kommen wir in's Reine, wenn wir „uns zuſammenthun, und vereint nachforſchen; zu „welchem Zweck, wie auch zu andern— um ein „paar Einkäufe in nouveautés für die Weih⸗ „nachtsperiode zu machen, zum Beiſpiel— ich in „der That im Lauf dieſer Woche aufbrechen und „bei Dir, ſo gegen Sonntag oder Montag, ein⸗ „treffen werde.“ Charmant! dachte ich; freue mich, den guten Kerl wiederzuſehen u. ſ. w.) „Tinchen wird zwar nicht gerne einwilligen;.. „allein: Geſchäfte gehen Allem vor, und dann: „wie glücklich man auch in ſeinem Familienleben „ſeyn mag, ſo thut man doch wohl, dann und „wann auf kurze Sicht dem Glück zu entſagen, „anſonſt man verwöhnt wird.“ (Spitzbube von Grauſam! va!) „Sonſt iſt eben von hieſigem Platze nichts „Neues zu melden, als daß die Métalliques unter „ſchlecht ſtehen, und die Eiſenbahnaktien per Flätz „à 93 1ℳ. Umſatz in Kolonialwaaren ziemlich; „Schnittwaaren, wegen Nichtausführung der Be⸗ „ſtellungen in den franzöſiſchen Fabriken, flau.— „Mein Schwiegervater Gottlob Schäfle, iſt jetzt „wieder von ſeiner Gicht geneſen; aber mit dem — 152— „Arbeiten auf'm Comptoir geht's nicht mehr. Ich „werde mich um einen tüchtigen Aſſocié umſehen „müſſen, um Einen mit Kapital. Albertinchen „macht gut, und denke ich, ſie ſei'mal wieder in „intereſſanten Umſtänden. Gott gebe, daß dies⸗ „mal's Geſchäft rentire.— Ich trage dieſen „Brief ſelbſt zur Poſt. Auf dieſe Weiſe geht er „ungeſtört ab, was ich auch Dir bei Briefen an „Freunde empfehle. Die Frauen ſind eben zu „neugierig und haben keine Idee vom Briefge⸗ „heimniß. So wenigſtens meine Tina. Vielleicht „auch ſo meine— Deine Bina, da das Schickſal „es ja ſo wunderbar gefügt, daß wir beide— „Du und ich— bei unſerm Tauſchhandel in Ehe⸗ „artikeln dennoch dasjenige Lvos gezogen haben, „das wir gehabt hätten, auch wenn wir nicht ge⸗ „tauſcht haben würden. Darum iſt„Tauſchen“ „Täuſchen.— Auf Wiederſehen. Dein Freund „Johann Friedrich Grauſam. Flätz, am 9. No⸗ „vember 1848.—“ Dunkel zwar, aber's klingt doch wunderbar! Juſt wie die kleine Hexe Precioſa im„Cervantes“ — 153— von Maria Weber ſagt.— Ich habe ein fünf Minuten lang ſtudiren müſſen, bis ich den Sinn des letzten Constructus im Grauſam'ſchen Brief mir völlig enträthſelt hatte.— Hat Hitz' gekoſtet, aber dennoch hab' ich's herausgebracht. Der dif⸗ telige Grauſam hat einen kurios verſchwärmten verſchmitzten Stylum. Ich hätt' es kürzer gege⸗ ben, und klarer. Ich hätte geſagt: Bina oder Tina— da kehr' ich die Hand nicht um! oder ſo dergleichen. Am Ende iſt mir doch recht, daß der konfuſe Kerl mit ſeiner albernen Tina nicht beſſer gefahren, als ich mit meiner biſſigen Bina! Ach, Bina!!! Jetzt mußte ihr Brief zur“ Hand genommen werden, zur zitternden. Mir ſchwante ſchon von Raben!— Meine Nachbarin Armadilla hatte gut in ihrem Salon hüſteln und räuſpern, und leiſe trällern. Ich durfte ihr jetzo kein Zeichen des Verſtändniſſes geben. Die Frohn geht vor dem Lohn.— Ah ga! du courage! Wenn auch die lan⸗ gen, langen Züge auf der Addreſſe mich anſtarr⸗ ten, wie Geſpenſter... geſchluckt mußte die Doſis werden. Darum auf mit dem dicken Sie⸗ Da da ein lungen Brief,o weh! Ich las, ich las... Nanu, der„Ge⸗ neigteſte“ mag ſelber leſen. Ich erſpare ihm diesmal die Anmerkungen zum Brief. Er ſpricht für ſich ſelbſt, der Brief: „Ladſtock, Ladſtock! „Du rauchſt Dich ja mit jedem Tag ſchöner! „Alte Liebſchaften beerben— nun, das könnte „man ſich noch gefallen laſſen, um der Kinder „willen, die uns der liebe Gott noch ſchenken „dürfte;— aber alſogleich die Erbſchaft durch⸗ „putzen in Saus und Braus, und einen lieder⸗ „lichen Namen in der Hauptſtadt hinter Dir laſſen, „das iſt denn doch zu viel. Meinſt Du, fami⸗ „lienvergeſſener Strick, langer, daß ich Dir nur „eine Silbe von all dem Krimskrams glaube, den „Du mir geſchrieben? Den dummen Brief, Lad⸗ „ſtock, haſt Du im Rauſch ausgeheckt, und er „riecht ganz nach Bier und Wein; pfui Teuxel! „Ich wollt' mich ſchämen, meine gute Frau, die „ſich derweilen zu Hauſe abſchindet, während Du — 155— „in Floribus lebſt, ſo harrond(horrend) anzulügen. „Als ob ich mir nicht abklavieren könnte, wo das „Ding hinaushängt!— Was ich Dir jetzt ſage, „fauler langer Strick: daß Du Angeſichts dieſes „entweder heimkommſt— der Tapezierer und der „Weißler ſind ſchon lang fertig— oder ich komme „ſelber, ſobald die neuen Oefen geſetzt ſind, und „hole Dich. Für Schand' und Spott darfſt Du „nicht ſorgen, denn es iſt himmelſchreiend, daß „Du in dieſen ſchweren Zeiten bankettirſt und „das Unſrige durchbringſt, während Frau und „Kinder auf'm Stroh liegen. Das ſind noch die „Folgen vom Flätzer Schlaraffenleben mit dem „Hans Fritz und der Schaf⸗Tine; ich weiß das „ſchon, Kanof!*) Alſo: hiſt oder hott! Du „kennſt mich, und wird Dir nichts helfen, wenn „Du noch ſo ein erbärmliches Schellaug' machſt. „— Der Vater, der deinetwegen ſehr bekümmert, „grüßt und warnt Dich; der Lehrbub hat die „Makkes bekommen, die Dir gehören, und der *) Verſchmitzter Burſche.(Gaunerſprache.) — 156— „Sultan iſt das alte räudige Stück Vieh. Ich „aber Deine getreue Frau Sabina; eine geborene „Biſſig.“ Da hatte ich die Beſcheerung. Und am Rande noch das obligate Poſtſeript:„Hätte bald das „Beſte vergeſſen, Strolch! Wenn ich erfahre, „daß Du mit ſchlechten Weibsbildern herumziehſt, „ſo gib Acht. Will Dir ſchon den Ruß herunter⸗ „machen, als die obige Sabina, verehelichte Lan⸗ „genſtrick, Gott ſei's geklagt!“— Eh bien! Iſt das deutſch, iſt das verſtänd⸗ lich? Stand nicht unverſehens das ſchönſte Ge⸗ witter am Horizont? Was war da anderes zu thun, als zur Stelle aufzupacken, und in den Ehecarcer zurückzukehren? Grauſam's Brief hatte mir ſo viel Freude gemacht... ich hätte ſo gar gern mit dem Grauſam ein paar fidele Tage verkneipt und verplaudert.... aber Bina die dritte Perſon in unſerm Bunde?.. Puh, mich ſchauderte, mich fröſtelte...! Bina, die den Grauſam nicht mehr ausſtehen konnte! Grauſam, der die Bina nicht mehr leiden mochte, und den ſie nicht undeutlich formulirt... der mir Arg⸗ loſen damit einen dicken dicken s. v. Floh in das unbefangene Ohr geſetzt!— Hund und Katze, Feuer und Waſſer, Gift und Galle.... ein ſauberes Amüſement! Und ich zwiſchen beiden, wie ein Körnlein zwiſchen zwei ſauſenden Mühl⸗ ſteinen! Eine ſaubere Geſellſchaft! Und Bina unter einem Dache mit Armadilla, mit der Wi⸗ ſperling, mit der unſichtbaren Sträußchenwin⸗ derin. o weh, welche Genoſſenſchaft!— Nein, nein, fort mußte ich, fort, denn Bina droht nicht umſonſt; die iſt ein Weib, zum Worthalten leider geſchaffen!! Bereits ſchieße ich meine Blicke im Zimmer umher nach meinen Effekten, nach meinem Koffer, nach Reiſemantel und Mütze. Fort um jeden Preis! ſeufzt meine bange aufgeſchreckte Seele. Aber auch einen meiner Blitze— Blicke, will ich ſagen— ſchieße ich durch's Fenſter..... und horch, und ſiehe: ein ſchwermüthiger Grab⸗ geſang, von Blechinſtrumenten vorgetragen, klingt gröblichen Verdacht der Briefunterſchlagung gegen — 158 durch die Gaſſe, und nachgetragen wird— eine Bahre, eine Leiche— ein geweſener Menſch!! Ah! Ja wohl, ja wohl! Flip, der Kuppler des Ruhms, hat doch, hat tauſendmal recht: Das Schickſal reitet ſchnell! (nach Schiller.) Manch Einen hätte ſolch ein Anblick vollends unter die Erde gebracht— manch Einen, der ſo zu ſagen in meinen Stiefeln geſteckt hätte!— Aber mich— der„Geneigteſte“ ſtaune immer⸗ hin— mich errettete der Leichenzug vom bittern Schrecken, von der Pein des Abſchieds, von dem Wahnſinn der kopfloſen Reiſe!— Flugs fiel mir Bina's ſchwache Seite ein. O, ſie hat auch ihre ſchwachen Seiten, und die ſchwächſte derſelben iſt, daß ſie den Mann mit der Hippe nicht wenig fürchtet.— Und darauf einen kühnen und ge⸗ ſcheidten Plan bauend, hielt ich inne mit Reiſen und Scheidethränen, ſatzte mich flink und fröhlich hin, und ſchrieb— den erhaltnen Schreckbrief gänzlich ignorirend— eine Depeſche, aber eine Depeſche, wie ſie der ſelige Talljerand, da er noch lebte, nicht feiner und durchbohrender aus ſeiner ſpitzgiftigen Feder hatte laufen laſſen. Et voilã: „Bina, mein geliebtes Herz und herzige Liebe!“ „Ich will hoffen, daß dieſem, meinem Werthen „vom heutigen, nicht ſchon die tauſendgezüngelte „Phama nach Trefunz extrapoſtaliſch vorausge⸗ „laufen ſeyn werde... oder daß Dich beſagtes „Schreiben, das gegenwärtige, bei mannhafter „Faſſung und unerſchütterlicher Weiblichkeit an⸗ „treffen möge!“ „Liebe Bina! Ich hätte Dir nicht gemeldet „— gewiß nicht— daß ſchon ſeit etlichen Wochen „in hier die Blattern herumgegangen ſind: die „eigentlichen Blattern, die man Naturalia nennt, „zum Unterſchied von den ſ. g. Schafsblattern, „wie ſie vor'm Jahr der alte Schnederich, unſer „Nachbar gehabt hat. Obenberührte Blattern „haben viele Leute, ſowohl ganz kleine, als ganz „große hinweggenommen, und der dritte Menſch, „der Einem hier begegnet, geht in Trauer; was ———— 3 — 160— „mir denn auch eine gewiſſe Sehnſucht nach mei⸗ „nem alten Geſchäft okulirt hat.“ „Wie geſagt indeſſen: Ich würde Dir von „dieſer grauſamen Krankheit kein Wort geſchrieben „haben;(ich ſelbſt hatte nichts davon zu befürchten, „da ich fraglichen Artikel ſchon in meiner Früh⸗ „jugend nach allen Dimenſionen gehabt habe)— „allein heute iſt es etwas andres, und ich möchte „nicht, daß die Zeitungen Dich früher, als dies, „mein Werthes vom heutigen, von dem großen „Unglück in Kenntniß ſetzten, ſo unſerer Haupt⸗ „ſtadt zugeſtoßen. Es handelt ſich hier um die „famoſe Cholera, die geſtern in einigen Stadt⸗ „vierteln zumal ausgebrochen iſt. So eben hat „man einen Cholerakranken unter meinen Augen „und Fenſtern zum Kirchhof getragen, weil er „bereits todt war. Das geht ſchneller als auf „der Eiſenbahn, auf der jetzv gefährlich zu reiſen, „weil Alles voll von Flüchtlingen, die ſchon den „Krankheitsſtoff, den Cholerus im Leibe haben.“ „Liebe Bina, erſchrick darum nicht. Gott macht „alles wohl, und ich werde es klug machen, und — 161— „à tout prix meine Geſchäfte hier abkürzen, und „wenn's mich auch ein Stück Geld von der noch „nicht ausgefolgten Schenkungsſumme koſten ſollte. „Gebe nur der Himmel, daß ich nicht etwa das „Mis- oder Miausma, wie die Dökters den An⸗ „ſteckſtoff nennen, in meinen Kleidern oder in „meiner Athemſphäre gen Trefunz bringe. Denn „es iſt jetzo ſchlecht reiſen, zumal auf der Eiſen⸗ „bahn, wo zum Anſteck- auch noch der Anſtick⸗ „ſtoff kommt.“ „Aber, liebſte Bina, habe deswegen keine Angſt „um mich. Choleratiſch oder nicht, ich komme, „ſobald ich kann. Wenn alles hier wohl ſtände, „wär' ich im Stande geweſen, Dich auf ein paar „Tage in hier zu verehren und anzubeten. Aber „ſo geht's freilich nicht an, leider! So eben „ſind wieder dreizehn Perſonen in einem Hauſe „geſtorben... man läutet aus Leibeskräften. „In meinem Hotel hat's nur einen Kellner bei'm „Schlaffitich, und zwar in einem Dachſtübchen. „Er iſt ſchon blau angelaufen bis zur dritten „Rippe. Aber das ſicht mich nicht an. Wie Luſtige Geſchichten II. 11 — 162— „geſagt: ich komme bald, mit oder ohne Cho⸗ „lera⸗“ „Zur Vorſicht, liebſte Bina— und Vorſicht „kann nicht ſchaden— ziehe dieſen Brief, bevor „Du ihn geleſen, durch Eſſig und mache einen „Rauch darüber.— Und nur nicht bange ſeyn. „Bis auf ein kleines unterleibliches Uebelbefinden „und Froſt in denen Extremibus bin ich geſund, „und wie immer Dein getreuer, aufrichtiger, heftig „beſchäftigter und bald in Deine Arme liegender Theophil.“ Befriedigt legte ich meine Feder nieder.— Ha! das war mir wohl gerathen!— Jetzt kam ſie nicht, die Schreckliche. Jetzt dankte ſie Gott, wenn ich nicht gen Trefunz kam, und hätte vielleicht den Morbus im Nachtſack! Jetzo war mir erſt wohl und leicht um den Bruſt⸗ fleck;— und damit der wichtige Brief nicht etwa ſeine eigenen— nemlich des Hausknechts Privat⸗ wege ging, trug ich ſelber ihn zur Brieflade. „Triumph!“ So ſang ich mir ſelber, als das — 163— Meiſter⸗Schriftſtück in's ſchwarze gähnende Loch purzelte:„Triumph, die Liebe hat geſiegt!“ Ging hinweg zum Hotel, ſpeiste fröhlich, äu⸗ gelte mit Diodora, ſchenkte dem Flip, da er mich beſcheiden anbettelte, einen Gulden für die bewußte Broſchüre, und verabredete mit ihm eine Parthie Billard zum Nachmittag.— Mich auf der Stube ausgebürſtet, hör' ich hüſteln bei Armadilla, und hüſtle wieder pflichtgemäß. Und durch das Schlüſ⸗ ſelloch der Seitenthüre flüſtert's, zirpt es, lispelt's: Werd' ich Sie heute gar nicht ſehen, beſter Nach⸗ bar?— Worauf ich: O holde Voisine.... wann kann ich ſo glücklich ſeyn?— Um ſieben Uhr heut Abend, ohne Fehl. Miſtreß Matches wird mich zwar beſuchen; doch um ſieben ſpäte⸗ ſtens bin ich ihrer los und ledig.— Sie Glück⸗ liche! mache ich ſeeliſch und gefühliſch; ich gäbe tauſend Gulden, wenn ich's ſelber wäre: nemlich ledig!— Schäcker! macht ſie lachend.— Schä⸗ ckerin! lache ich Retvurchaiſe.— Auf Wiederſehen alſo? haucht ſie.— A revoir donc! hauche ich. — Abgemacht, und fort zum Kaffeehauſe, ſtolz ————— — ———————— ———.⸗ ⸗-—— — 164— und vergnügt, weil innig zufrieden mit meinem Tagwerk.—— Geſetzt, ich wäre nicht innig zufrieden geweſen mit meinem Tagwerk am Morgen, ſo hätte mich das des Nachmittags total verſtimmen müſſen. Ein Spitzbube, wie der Flip, iſt ſeit dem baby⸗ loniſchen Thurmbau— o, was ſage ich? ſeit Noah's Archentour, ſeit Kains deplorabler Graus⸗ geburt nicht zur Welt gekommen. Schenk' ich ihm zu Mittag einen Gulden, und zum Dank gewinnt er mir zwei Stunden ſpäter ein paar Dutzend von Gulden ab!! Und mit welcher ab⸗ gefeimten und abgeſchäumten Unverſchämtheit, auch hämiſchen Bosnickelei??— Läßt mich zuerſt, weil angeblich Er ein ſchlechter Spieler, ihm vierund⸗ zwanzig vorgeben..! wie gern hätt' ich ihm ſpäter fünfundzwanzig(alten Styls) nachgeben laſſen, wenn's nur die Grundrechte des deutſchen Volks erlaubten!— Denn: insensiblement hat er, ſich immer verſtellend, mein Spiel abgelauert, und ſodann iſt er mit allen Künſten mehr und mehr hervorgetreten, und hat mich abgeſchmiert, — 165— daß es eine Schande vor den Leuten war. Nein! ſolche Niederträchtigkeit iſt mir noch nicht vorge⸗ kommen! Das macht Galle, das macht Verdruß! Ich weiß noch recht gut, wie ſolche Argliſt dem überrumpelten harmloſen Spieler thut; hab's ein⸗ mal zu Beaucaire einem franzöſiſchen Windbeutel gerade ſo gemacht, und ihm tauſend Franken an einem Abend abgenommen. Hu! wie ſelbiger maledeite, den Billardſtecken in toller Wuth zerſchlug und zerſchmetterte, und endlich ein Loch in's Billard riß, damit nur einmal das Spiel ein Ende nahm! Gräßlich, aber wahr! Und nun kann man ſich denken, wie ich mich jetzo giftete! Ja, wahrhaftig: es gibt Dinge in der Welt, die man lieber an Andern erlebt, als an ſich ſelber!! Ich hätte die beſte Luſt gehabt, dem Flip den Stoßprügel auf dem Buckel zu zerſchlagen, wie mir es dazumal der franzöſiſche Windbeutel ge⸗ macht; aber der Bettelkerl, für den meine paar Dutzend Gulden ein ſeltner Reichthum ſind, hätte dazu gelacht, wie ich dazu lachte, meine tauſend — 166— Franken in der Taſche. Darum war ich generiös, gab ihm nur ein paar„ſchlechte Burſche“ und ſo etwas in den Kauf— und zudem kam was dazwiſchen, das meine Aufmerkſamkeit einem an⸗ genehmern Subjekt zuwendete. Es entſtand nemlich ein arg Geläuf und Tumultuiren auf der Gaſſe. Alle Kaffeehausbür⸗ ger eilten pflichtſchuldigſt an's Fenſter.„Was iſt? Was gibt's? Was da? Wo hinaus?“— Und ſo weiter, wie der Philiſter fragen thut. Was war's? Das neugierige Publikum war's, das ſich zum Theater drängte, obwohl kaum fünf Uhr geſchlagen. Donnerwetter! mir fiel bei, und zwar ſiedendheiß, daß heute„Ein Weib aus dem Volke“ gegeben wurde, daß heute die erſte Gaſt⸗ rolle der Diodora!— Sapperlot! hatt' ich das total vergeſſen! Nun: Grand-Fusil iſt ſtets geladen, ſtets zum Losgehen parat. Hut auf'n Kopf, Stock in die Hand— ein paar Schritte lang ausgeſchritten, und ich ſtehe vor der bereits aufgähnenden Pforte des Thaliustempels, die da ſchnappte nach Men⸗ ſchenfutter, und kaum Raum hatte für Alle die, ſo ſich verſchlingen laſſen wollten. Nicht umſonſt wahrhaftig hat die Natur einen großen Mann aus mir gemacht. Ich ſchlage mich durch mit Sturmesweh'n, für's Vaterland in das Parterr zu geh'n,— ich dominire de toute ma hauteur den übrigen ſchauluſtigen Pöbel, ich attakire die Kaſſa— ich habe ein Billet!!— Triumph! noch einmal hat die Liebe geſiegt! Ich erobere einen Platz: ich ſitze, und fteue mich wieder einmal ſo recht aus Grund der Seele, daß ich ein Deutſcher bin; weil man in deutſchen Parterren ſitzt, während man in fran⸗ zöſiſchen leider ſtehen muß.— Und um mich her ſchwärmt es, wie Bienen ſchwärmen, tobt es, wie freie Völker toben, kracht es, wie müde Bänke krachen, wenn ſie auf einmal mühſelig und bela⸗ den werden mit unverhoffter zwanzigfacher Ein⸗ und Aufquartierung. Ich löſe mich auf im Hoch⸗ gefühl der Erwartung, der Befriedigung und in Transpiration. Eine lebhafte warme Sitzung! Schon fängt r— — 168— ſie an, mich zu verſtimmen, wie die armen Orche⸗ ſtergeigen, die in der gewaltigen Hitze viel an Sehnennachlaß leiden und ihre ſchwachen Saiten preisgeben müſſen!(Der„Geneigteſte“ bemerke den hübſchen Calembour; er iſt wirklich von mir, mein eigenthümlich beſitzender Original⸗Artikel.) Ich ſchlage ihn alſobald— den Calembour— zum koſtenden Preis los; an meinen Nachbar, der mir wacker ſchwitzen half. War ein junger, aber gar nicht ſchöner Herr, fein gekleidet, aber grob gegliedert; exquiſit behandſchuht, aber ſehr ordinär beantlitzt; in Manieren wenig gut geartet, dafür à la Waldteufel bebartet. Der lacht ein holpriges Gelächter auf meinen Witz, und ſagt: Mordkerl, Sie! Das verſtimmt mich plötzlich abermals— ich ſehe ihn an, er ſieht mich an; ich mache Augen, er macht Augen. Zum Glück ging der Vorhang in die Höhe, und wir Beyde hatten beſſeres zu thun. Die Sache hätte ſonſt ſehr ernſthaft wer⸗ den können. Ich calmire mich— der Nachbar lauſcht mit Begierde der Piéce; ich lauſche mit — 169— ihm, der ganze Publikus lauſcht. Es iſt unge⸗ heuer, mit welcher Theilnahme ein deutſches Stück von deutſchen Brüdern und Schweſtern aufge⸗ nommen wird, inſofern es aus dem Franzöſiſchen überſetzt iſt! Vom Lauſchen zum Klatſchen, vom Klatſchen zum Brüllen, Schnupftücherwehenlaſſen, Hervorrufen u. ſ. w. iſt nur ein Schritt. Klatſchen Sie doch! rief mir rippenſtoßend der Nachbar zu: Schreien Sie doch Bravo! Schwenken Sie doch Ihren Hut oder Foulard! Biſſen Sie mit!(kommt von„bis“ nicht von „beißen“) He! Fuora! Hurrahen Sie mit!! Solch ein Fanatique war mir neu, ganz neu! Es verſteht ſich, daß ich mithielt— denn, es kurz zu ſagen, Diodora war gottvoll, herzzermal⸗ mend, lodernd und ſegelnd auf hoher Thränen⸗ fluth;— aber ich kam mir vor, neben meinem übergereizten Nachbar wie ein edles Roß, das von einem unedeln Reiter geſpornt, gereitpeitſcht, enfin mißhandelt wird, und über Hecken und Gräben ſetzen muß ohne Unterlaß, während es doch gern anſtändig auf der Chauſſee hintrabte.— — 170— So kam der Aktſchluß herbei, und ein Bei⸗ fallsdonner und ein„Heraus, Diodora, heraus!“ daß mir die Ohren ſausten, und mein Pavian von Nachbar alleweil muntrer, aufhüpfend, tram⸗ pelnd, applaudirend was Zeug hielt, und unauf⸗ hörlich mit„Brava! herrlich! bis, bis! Hierblei⸗ ben! Heraus! Diodora heraus!“ Wie werd' ich das bis zu Ende aushalten? fragte ich mich ſorglich und inwendig, watf dabei mein Auge per Ungefähr auf die transparente Theateruhr ober dem Vorhangsproſpektrahmen, und ein Fieberſchauer plötzlicher Reue und Miß⸗ behagens flog mir durch alles Geäder. Sieben Uhr! ſchon allbereits ſieben Uhr! Ich elender Menſch hatte ganz und gar vergeſſen, daß heute Abend, wie immer, die ſiebente Stunde kommen würde! vergeſſen, daß ich ein zartes Rendez⸗vous um dieſe Stunde acceptirt;— ver⸗ geſſen, daß Armadilla meiner wartete, inbrünſtig wartete. und ich ſaß noch vor den Quin- quets, welche Diodorens Füße beleuchteten; un⸗ ter'm Kronleuchter, der mit ſeinen Flammen ihr — 171— orientaliſchgeſchnittenes Angeſicht beſtrahlte!— Ar⸗ madilla's niedliche Füßchen, ihr griechiſches Pro⸗ phylium ganz vergeſſen!! O, ich hätte mich, wie ſchon ein paarmal, gern bei der Bruſt genommen, und aus dem Hauſe geſchmiſſen...! Das ging aber, weil zum Brechen voll,(das Haus) nicht wöht in Auch hier jedoch, wie oft genug, zur rechten Zeit, ſchlug ſich der Zufall, ein Genius, ein Schickſal in's Mittel. Der„Geneigteſte“ höre: es iſt gleich vorbei. Ich ertappe mich nemlich auf der Paſſion des Wollkopp: laut zu denken. Oder beſſer: ich er⸗ tappe mich eigentlich nicht darauf, ſondern mein Nachbar ertappt mich, da ich eben laut zu mir ſelber ſage: Mein Gott, mein Gott, wenn ich doch nur aus dieſem heilloſen Gedränge wäre! Worauf Er grob: Nun, Sie werden doch das Stück ſchön finden? Räſonniren Sie nicht über das Stück! Worauf ich gelaſſen: Was geht mich das Stück an? Das wäre mir ſchon recht, aber.. 172— Wiederum Er, noch gröber: So räſonniren Sie wohl über die Künſtlerin? Halten Sie das Maul über die große Diodora! Wiederum Ich, gereizter: Halten Sie es ſelbſt drüber, Herr! Wie kommen Sie mir vor? Und Er, in die Höhe fahrend: Machen Sie lieber, daß Sie hin aus kommen, Herr! Auch ich fahre jetzt in die Höhe. Aber ſchon wirbelt und ſchwirbelt es um mich her im Pu⸗ blikus:„Hat er über's Stück geſchimpft?— Hat er über die Diodora geſchandracht?— Hat er dies, hat er das 7.— Hinaus mit ihm! ſchreit der häßliche Nachbar.— Hinaus, hinaus! ſchreit ihm Populus nach... Und— ich weiß nicht, wie mir geſchieht... ich bin auf einmal in einer horizontalen Lage.... ich fliege, von rieſigen Fäuſten gehandhabt, wie ein Mauerbrecher gegen die Volksmaſſe, die ſich theilt wie das hrauſende Mee ich ſehe und höre nur mehr konfus Lachen, Gröhlen, Töne wie Katzengeheul.... aufkrähende Weiberſtinmen . dabei unaufhaltſame Schwebefahrt! Eine ſeltſame Empfindung und Gefühlung. Plötzlicher Wechſel von Licht zu Dunkel... ein paar Püffe in die Rippen, eine derbe Kopfnuß an irgend einem Eckpfoſten.... Bref: auf einmal ſtehe ich wieder auf meinen Füßen, im dunkeln Par⸗ terrelogengang, und erwache an der Bruſt, in den Armen eines Polizeidieners.—„Grand- merci!“ ruf' ich dem braven Menſchen zu. eben fliegt mir mein Hut nach; den Stock hatte ich noch krampfhaft in meiner Hand.... ich packe meinen Caſtor, nehme einen Sprung... Gott ſei Dank! ich bin draußen, an friſcher freier Luft,— und außer einem Knopf vom Paletot hatt' ich nichts verloren!! So war ich aus der Klemme durch die Hülfe meiner Brüder gerettet, während ich mit meiner ſchwachen Kraft vergebens das verſucht hätte. Mit wahrer Befriedigung kam ich im Hotel an, nehme Licht, gehe auf's Zimmer, lege meinen Frack, den gewiſſen grünen, an— finde abermals ein Sträußchen auf meinem Tiſche, den früheren —— Sträußchen ähnlich.... welch' ein Genuß!— Ich trällere und ſinge vor Pläſir. Derweilen klöpfelt Armadilla an die Thüre, die bewußte.„Lieber Nachbar, ſo luſtig?“.. fragt ſie.— Ich darauf galant: Weil in Ihrer Nähe, in Ihrem Horizont, in Ihrer Atmoſphäre! —„Kommen Sie?“— A vos ordres!— Ich ſchließe meine Thüre, Armadilla macht die ihrige auf.... ich gleite über das Sopha in das Paradies. Reſpektvoller Handkuß, Ver⸗ beugungen, ſüße Worte.... ich lächle ſeliſch hernieder auf das Sträußchen, das ich auf meine grüne Bruſt geſteckt Armadilla die Geberin, oder keine!! Das ſtand bei mir feſt. Auf der Ottomane neben der Griechiſch⸗pro⸗ phylaktiſchen ſitzend, athme ich Beruhigung, hauche ich Vergnügen. Mit zartem Vorwurf ſagt ſie: „Ei, ſo ſpät, werther Freund? Miſtreß Jane iſt ſchon lange fort.... ich warte ſchon lange auf Sie, guter Nachbar.“ Ich lüge auf gut Glück etwas von Geſchäften und dergleichen hin. Hätte ja ein Rinde ſeyn müſſen, wenn ich Theatergeſtändniſſe gemacht hätte. Sie durfte nicht ahnen, daß ich um Diodorens willen ein Stück Zeit verſäumt, das ihr, der ſehn⸗ ſüchtigen Armadilla gehörte.... durfte nichts merken und nichts wiſſen von meiner Sitz⸗ und Schwitzpein im Schauſpielhauſe, und von meiner unverhofften Befreiung aus derſelben....1 Nachdem ſie mich ein wenig, aber ſcherzhaft abgekanzelt, ſagte ſie: Ich habe an Ihres Reiches Gränze gelauert, wie ein Mäuschen, doch hörte ich nur zu lange nichts von Ihnen. Endlich.. aber wiſſen Sie, Beſter, daß es bei Ihnen drüben etwas weniges ſpuken muß? Ich war wie vertattert. Auch Armadilla prach mir von Geſpenſtern? Ich hörte plötzlich... fuhr ſie fort.... leiſe Schritte, dann Geräuſch, als wie von abge⸗ geriſſenen Worten und Seufzern aus weiblicher Bruſt... ich war ganz Ohr an jenem Schlüſ⸗ ſelloch Das wird Angelika geweſen ſeyn— machte ich mit vorgeblicher Ruhe, obſchon unruhig. — 176— Behüte! behüte! fuhr Armadilla fort: jene grobe irrdiſche Kreatur läßt ſich ganz anders ver⸗ nehmen.... ich kenne das. Was bei Ihnen drüben vorging, war— möcht' ich ſagen— überirrdiſchem Verkehr ähnlich. Und— ſoll ich geſtehen, daß ich die Klappe an jenem Thürſchloß lüftete, um zu ſehen... 2 Nun, nun, was geſehen? unterbrach ich ge⸗ ſpannt. Um zu ſehen— ſetzte ſie fort— daß ich nichts ſah. Alles dunkel, alles finſter.... dann ein abermalig klein Geräuſch, als ob die Thüre Ihres Vorzimmers knarrte....! Soll ich geſtehen, daß ich nach dem Ausgang dieſes Salons eilte, um mich zu vergewiſſern.... 2 Aber nichts... ebenfalls Alles dunkel.... die Gasflammen ausgelöſcht.... mich fröſtelte ich fürchtete mich...! Jetzt aber— neben Ihnen, werther Freund, unter Ihrem Schutze, iſt mir wieder wohl, iſt mir wieder herrlich zu Muthe. Sie drückte mir die Hand; ich drückte wieder, und rief: Das iſt Wirklichkeit, und zwar eine — 177— ſchöne; aber, was Sie vorhin gehört, war Fan⸗ taſei, pure Fantaſei! So lächelte ich; dachte jedoch bei mir: Wenn nicht die Wiſperling in meinem Zimmer geweſen, wenn nicht ſie das Sträußchen hingelegt, ſo will ich Narr heißen, ſtatt Theophil. Laut fügte ich hinzu: Wenn Sie ſich die Mühe gegeben hätten, jene Verbindungsthüre auf⸗ zuthun... 7 Da kam ich nun ſchön an. Sie gab mir einen Klapps auf die Hand, machte ein zornig Mäulchen, und ſchalt: Pfui, mein Herr, was halten Sie von mir? Glauben Sie, ich nehme mir die Freiheit, in Ihr Gemach zu drin⸗ gen, die Polizei auf Ihrem Grund und Boden zu handhaben? Wo denken Sie hin? Schon iſt's gewagt für meine Weiblichkeit, daß ich Ihnen jene Thüre öffne... aber den Weg zu Ihnen zu ſuchen, das fällt mir nicht ein, das fällt mir nicht ein! Ich will den„Geneigteſten“ mit dem Drama verſchonen, das jetzo aufgeſpielt wurde kurz aber gut: wie ich auf meinen Knieen um Verzeihung Luſtige Geſchichten. II. 12 —— —— — 178— bat, und wie ſich Armadilla etwa fünf Minuten lang vergebens anbitten ließ, bis ſie endlich kichernd mir den Mund zuhielt, und ſagte: So ſchreien Sie doch nicht wie ein Verzweifelter! Trotz der doppelten Thüre dieſes Salons wäre unſere ſtille Freude bald verrathen, wenn Sie auf dem Tone da fortführen! Ich verzeihe Ihnen ja, und da⸗ mit gut.— Um jedoch die Nachwehen meiner Geſpenſterfurcht, und Ihre Aufregung zu beſchwich⸗ tigen, ſo wollen wir fein leiſe und anſtändig von andern Dingen reden... Von meiner Liebe? flüſterte ich zärtlich.— Hierauf that ſie einen kurzen Lacher, ſagend: Was wandelt Sie an? Da müßten wir erſt einen Scheffel Salz zuſammen gegeſſen haben. Von etwas Vernünftigerm, s'il vous plait. A vos ordres; mache ich ſchwermüthig.— Armadilla jedoch ſtreicht mir mit weichem Patſch⸗ chen die Runzeln von der Stirne, und fragt geiſt⸗ reich: Soll ich Ihnen etwas vorleſen? Ich will Ihnen geſtehen, daß ich mich unterſtehe, zuweilen zu ſchriftſtellern. Da hab' ich etwas fertig, und — 179— möchte gern darüber das Urtheil eines Kenners vernehmen. Wollen Sie mein Richter ſeyn? Auf Nachſicht dürfte ich vielleicht bei Ihnen zählen? Wie ein ſchmeichelnd Kätzchen war ſie, wie ein Kätzchen. Aha! denk' ich bei mir: jetzt kommt ſie angeſtiegen mit ihren Künſten und Fertigkeiten ſie will mich jetzt erſt recht feſt bannen in ihren Zauberkreis..! Und dann: Bald oder nie! wie Papageno im Saraſtro ſingt:„Bald Jüngling oder nie!“ Der Holden ſchmunzle ich dagegen laut zu: Nachſicht? O mein Fräulein, bin ich nicht ein ſolider Kaufmann, und honorire ich nicht gern und prompt nach Sicht? Das niedliche Calembourchen ſchlug durch, „Geneigteſter.“ Armadilla war, wie vom Bock geſtoßen, mußte das Schnupftüchlein wie einen Knebel vor das Schnäbelchen appliziren, um nicht in lautes verrätheriſches Gelächter auszubrechen zupfte mich luſtig an den Ohren, ſtammelte, mit dem Lachen ringend, ein halbdutzendmal: O köſtlich, o prezios, o unübertrefflich!— gab mir — eine kleine, aber krallige Backpfeife, da ich mich unbeſonnen zu einem Kußverſuch wollte verleiten laſſen;... aber während ich meine Wange rieb und leiſe ſchmälte, faßte ſie ſich wieder, die Muth⸗ willige, zog ein Manuſcript aus dem Nähtiſchchen es war nicht gar zu dick, was mich tröſtete „ und— ſie ließ mich es in der Folge ab⸗ ſchreiben, weswegen der„Geneigteſte“ es hiemit unverkürzt mitgetheilt erhält.... und las mir vor mit einem Silberſtimmchen comme il faut: IV. Der kurioſe Lord.*) Es iſt geſchehen, daß einmal ein Adler von ſeinem Felſenneſt herunterkam zum Niederwald, wo ſtille ſanfte Tauben brüten. Und ſtatt zu morden, nahm der Adlet die Taube, die ihm ge⸗ fiel, lebendig mit auf die Höhe des Gebirgs, wo er ſelber wohnte, nahe der Sonne. *) Dieſer Titel iſt von mir, nicht von Miß Armadill a, die vor ihr Federwerk keinen Titel geſetzt hatte. Ein Titel iſt aber für deutſche Leſer ein Bedürfniß: zumal für Diejenigen, die ſelber keinen Titel haben; z. B. für mich. Dem„Geneigteſten“ daher zu Gefallen habe ich obigen Titel erfunden, komponirt, und durch den Druck zu Tage befördert. Man weiß doch gleich, woran ſich zu halten, und im Namen Deutſchlands hat mir die Verfaſſerin für die geiſtreiche Zuthat gedankt;— ja, ſie dankt mir noch immer fortlaufend. Lgſcck. —— — Die Taube war geblendet von dem goldnen Licht: doch gewöhnte ſie ſich daran. Sie lernte den Adler und ſeinen Horſt lieben. Sie vergaß den Niederwald, und ſchenkte dem Adler einen Sprößling. Dieſes Kind der Taube und des Aars ſollte Beyder Glück machen, aber ſtatt deſſen ſtiftete es ohne Wunſch und Wiſſen Unheil und Zwietracht. Bis eines Tags der Adler die Taube aus dem Horſt warf, und das Junge hintendrein, und ſich ferner um ſie nicht bekümmerte. Ohne Gleichniß ſtellt ſich die Geſchichte fol⸗ gendermaßen heraus. Ein Offizier von Gibraltar, ein Engländer von Geburt, hatte auf dem Boden Spaniens, in der Nachbarſchaft der ſtolzen Feſtung, ein noch junges ſchönes Weib entdeckt, deſſen Herz erobert. Die in Liebesketten Gefangene war dem Helden auf den Felſen gefolgt, um dort im Scheine ſeiner Herrlichkeit und ſeines Adels ſelber adelich und herrlich zu werden. Eine Tochter war der Verbindung Frucht. Sie erhielt in der Taufe den Namen Dolores. Wie bezeichnend! Ihr Leben wurde in der That eine Kette von Schmetzen!— — 183— Geſendet war ſie vom Himmel, um den Bund ihrer Eltern zu feſten. Aber um ihretwillen lei⸗ der geſchah das Gegentheil. Paquita, die Mutter, glaubte freilich am Ziel ihrer Wünſche zu ſeyn. Sie hoffte nemlich, daß die feierliche Eheſtiftung zwiſchen ihr und dem Offizier der Taufe des Kindes auf dem Fuße folgen würde. Aber, aber...! das war des falſchen Mannes Wille nicht. Arthur.... wahrlich: niemals hat ein Arthur gelebt, der treulos geweſen, wie dieſer... Arthur beſchwichtigte die arme Pagquita zuerſt mit Vertröſtungen. Da jedoch Friſt auf Friſt ver⸗ laufen, zeigte er ſich mißſtimmt und gereizt, ſo oft Paquita auf ihre gerechte Forderung zurückkam. Die getäuſchte Frau— nicht umſonſt ein Kind des lebendigen tiefglühenden Südens— machte ihre Anſprüche heftiger geltend. Nun ließ Arthur nach und nach die Maske fallen. Ich habe nicht — ſagte er eines Tags nach einer ſtürmiſchen Erörterung— mein theures Vaterland, vielleicht auf ewig, verlaſſen, weil ich einer reichen und vornehmen Erbin Hand, die man mir aufdringen — 184— wollte, ausſchlug, um hier mit einer gemeinen Spanierin ohne Herkunft die Ehe zu ſchließen! Die Beleidigung war ungeheuer. Jeder Spa⸗ nier und jede Spanierin ſind ſo zu ſagen vom Adel. Je räthſelhafter ihre Abkunft, um ſo vor⸗ nehmer. Paquita war, wie billig, in tiefſter Seele verletzt. Sie ſagte dem Undankbaren in ihrer und in ſeiner Landesſprache(ſo weit ſie's in der letztern vermochte) ihre Meinung auf's nachdrück⸗ lichſte.— Hierauf that der Grauſame den letzten Schritt: er fügte zum Frevel den Hohn.„Wohlan, Schätzchen, rief er, ich bin bereit, Dir meine Hand zu reichen; doch mußt Du zuvor meinen Glauben annehmen, und dem Papſtthum abſchwören. Ent⸗ weder ſo, oder nicht!“ Von Stund' an war der Zauber gelöst, das Band, ſogar der laueſten Liebe gelöst. Paquita bebte zurück vor dem Ketzerthum. Mit Unwillen und Schmerz verließ ſie den Ungetreuen, und floh mit ihrem Kinde zu ihrem Volke zurück. Ohne Vermögen und Ausſichten brachte ſie manches Jahr im Elende zu. Arthur bedachte ſie zwar mit einem —— 0 — 185— geringen Monatsgehalt; aber auch dieſer floß bald nicht mehr. Der Offizier verſchwand von Gibraltar. Es hieß, er ſei nach dem kalten England zurück⸗ gekehrt. Paquita hat ferner nichts von ihm ver⸗ nommen. Aber Lola lebte noch, der Mutter Hoff⸗ nung war Lola.*) Das Mädchen zählte ſchon neun Jahre. Von der Natur war es mehr begünſtigt als vom Glück. Dieſes letztere, ſchon lange lange hatte es gar nichts mehr in Paquitas Kämmerchen zu ſchaffen. Der Hunger that an ſeiner Stelle den Dienſt. Wie machte *) Lola(ſprich: Dolores) iſt ein weltbekannter Name, der des„Geneigteſten“ Aufmerkſamkeit anſtachelt, wie er die meinige während der Vorleſung angeſtachelt hat. Indeſſen habe ich nicht weniger Bewunderung dem Stylum gezollt, den Miß Armadilla ſchreibt. Es iſt doch einmal ein gedrängter, ein rechter Geſchäfts⸗ ſtyl. So viel brutto ſo viel netto, wie der Weck auf dem Laden. Wenn ich ein Romanen⸗ oder Novellen⸗ ſchreiber wäre, das wäre meine Sache. Lieber ließe ich mir dieſen laguoniſchen Styl ſechsmal theurer vom Buchhändler bezahlen, und ſchriebe weniger. Die vielen Bände machen's nicht aus, und was haben am Ende die Federmenſchen davon? Es geht ihnen doch, wie den Roßhändlern; iſt noch keiner reich geſtorben. Lgſcck. — 186— es nur die Mutter um nicht zu verzweifeln?— Da begab es ſich eines Tags, daß eine ſtattliche Dame in dem Dörſchen einfuhr. Die ungewohnte Reiſepracht verſammelte die Neugierigen auf dem Platze vor der Venta, an den Fenſtern aller Häuſer und Hütten.— Die Dame ſpazierte aus, geführt von einem ſchön gekleideten Kavalier. Sie trat in manche Wohnung der Armuth, ließ manchen Blanco darinnen zurück. So erſchien ſie unver⸗ hofft bei Paquita, und fragte nach dem Alter der kleinen Lola, und was dieſelbe gelernt haben möchte? Paquita antwortete beſcheiden, daß die Kleine noch nichts gelernt habe, weil ihr eben Alles fehle; daß ſie jedoch immer noch hoffe auf eine Hülfe vom Himmel herunter, in ihrer kaum mehr leidlichen Noth.— Da lächelte die Dame, wie der gütige blaue Himmel thut, und ſprach: Das Mädchen gefällt mir wohl, und ich will etwas für daſſelbe thun, es aufziehen und brav lernen laſſen; doch mußt Du mir für ſechs Jahre wenigſtens deine Mutter⸗ — 187— rechte auf das Kind abtreten, und dich begnügen mit einem Gehalt von fünfzehn Duros jährlich, bis ich dir das Kind wieder zuführe nebſt einem Geſchenk von ſechzig Duros zum guten Ende. Der armen Paquita war es zu Sinn, als ob es Duros regne in ihr ſchmales Jammerhaus... uud da die kleine Lola nicht ungern der wohl⸗ geputzten Dame zu folgen ſchien, ſo war der Handel bald geſchloſſen.— Die Noth bindet zwar feſt an einander die Bedürftigen; ſie iſt aber eine Feſſel jederzeit— und winkt der Wohlſtand zum Fenſter herein, ſo geht gern mit, wem der Wink gegeben, und die zärtliche Mutter ſieht gern das auserwählte Kind ſcheiden, weil ſein Glück das ihrige. Alſo ſegnete Paquita die Stunde und ihre Lola. Auf Wiederſehen, auf Wiederſehen! Der Abſchied kurz, die Wehmuth lang, freud'ge Hoff⸗ nung in der Zukunft.... die Zeit iſt eine gute Tröſterin. Hatte Lola ſich ſchon alsbald an ihre Wohl⸗ thäterin gewöhnt, ſo ging doch die Gewöhnung um ſo ſchneller auf der Reiſe vor ſich, und wie — 188— die eigene Tochter zugethan, wurde der Fremden Paquita's Töchterlein, als es in die franzöſiſche Grenzſtadt, und in das Haus der Gönnerin kam. Da waren viele viele Mädchen ihres Schlags und Alters verſammelt— ein wahres Kinderparadies. Lola wurde herzlich darinnen aufgenommen, eine Gefährtin bei Scherz und Tanz und Näſcherei will⸗ kommen, und jeder Tag, ſo zu ſagen, brachte neuen Zuwachs von Schweſtern, die alle klein, und hübſch und niedlich. Spanierinnen, Fran⸗ zöſinnen, ja ſelbſt Italienerinnen, bunt durch⸗ einander. Zwar trat bald der Ernſt des Lebens mitten in die Spiele der Jugend hinein. Die Mädchen mußten auch etwas lernen. Nicht Leſen, weil das, nach der Dame Behauptung, gefährlich; auch nicht Schreiben, weil das noch gefährlicher; auch wenig genug von Religion, weil dieſes unnütz!!— Aber ſie lernten tanzen, und eine Ronda ſingen. Und obſchon Tanzen und Singen immer noch ſehr an's Spiel gemahnten, ſo war der Unterricht dennoch bittrer Ernſt. Davon zeugten die vielen blauen Flecken, ſo die unerbittlichen Lehrer der einen wie der andern Kunſt den armen Geſchöpfen ſchlugen und ſtießen, und die grauſame Ermüdung, die den langgeſtreckten Tagesübungen zu folgen pflegte. Indeſſen: Noth bricht Eiſen und Zwang macht mürbe. Warum ſollten die Gliedmaßen der Kinder u ihre Kehlen nicht am Ende geſchmeidig werden? Sie wurdems und damit wurde immer zufriedener die Dame, und ſie ſagte oft: Ihr werdet mir noch viele Freude machen, meine lieben Kinder. Noch ein paar Monate, und die lieben Kinder 0 hatten gelernt, was ſie mußten, und eines Tages packte ſie der feine Cavalier, der mit der Dame Haus hielt, in ein paar Omnibus, die Dame und ſich ſelbſt in eine Poſtkutſche, und dergeſtalt reiſte die Geſellſchaft von Pau nach Bordeaux, nach Toulouſe, nach Aix in Provence, nach Marſeille— und überall tanzten die Kleinen in den Schau⸗ ſpielhäuſern vor dem Volke, und ſangen ſpaniſche 2 ſ und italieniſche Ronda's, und wurden groß belobt, 68 mager gehalten, und verdienten viel Geld— dem Cavalier und ſeiner Dame.— 190 Bald war die Geſellſchaft der kleinen Gauk⸗ lerinnen würdig, auf dem großen Theater von Lyon ihre Künſte zu machen; endlich eröffnete ſich ihnen— zur ernſteſten Prüfung ihrer Kräfte— das Opernhaus von Paris. Dort empfingen ſie die Weihe des Ruhmes. Dort wurden ſie ſ lichſt befähigt erklärt, ganz Europa— iid leicht auch Amerika— mittelſt ihrer Sigen Erſtaunen zu verſetzen, ganz Europa zu brad⸗ ſchatzen.. Je wehr indeſſen die Glorie der Kleinen wuchs, je leibeigener wurden ſie gehalten. Sie wuchſen heran, und ihr Kerket wurde immer enger, ihr Joch immer ſtrenger. Am Abend tanzten und ſangen ſie, geputzt wie Feen, muthwillig wie die ausgelaſſenſte Freude auf der von blendendem Licht ſtrahlenden Bühne, ermuntert vom erregteſten Beifall, mit Liebkoſungen und Kränzen überſchüttet; am Tage dagegen ſaßen ſie eingeſperrt hinter Schloß und Riegel. Viele von ihnen fügten ſich dem wunderlichen Schickſal ohne Murren. Andere ſträubten ſich ungeduldig gegen ihre Bande. Unter dieſen letztern war Lola, zu etwas Beſſerm wohl geſchaffen, als mit Leib und Seele ſich preiszu⸗ geben der Neugier und der leichtfertigen Volks⸗ gunſt von Europa. nedu half indeſſen nichts. Auch Lola ich⸗ oft beſtraft, oft mißhandelt, ſchwei⸗ gen und dulden, wie ihre Gefährtinnen. So vergingen der Jahre etliche. Die Geſell⸗ ſchaft hatte alle civiliſirte Staaten unſers Feſt⸗ landes bereiſt, in Rom, Neapel, Wien und Berlin, Moskau und Petersburg Lorbeern für ſich— gering gerechnet eine Million Thaler für ihre Führer und Zuchtmeiſter geerndtet. Da nun die meiſten der Zöglinge den Kinderſchuhen entwachſen waren, ſollte von ber Truppe der letzte, der glänzendſte Schlag geführt werden, und zwar in England. Sodann wollten die Unternehmer ſie in die Hei⸗ math entlaſſen, und vielleicht neue Schäflein rekru⸗ tiren, um ſie mit Vortheil und Ehre zu treiben und zu weiden. nra, die ohne alle Nachricht aus dem Vater⸗ land, hatte oft ihre Dame gefragt: Was macht — 1„ Mütterlein Paquita? Denkt ſie meiner, liebt ſie mich noch ſo recht von Herzen? Werd' ich wieder bald bei ihr ſeyn? Die Antwort war ſtets dieſelbe geweſen: Sie iſt geſund, ſie gedenkt dein und liebt dich wie ſie immer gethan; buld wirſt du ſie wiederſehen.— Ein Tropfen Balſam in Ocean von Leiden und Mißbehagen. In Dover angelangt, hatte ſich vorerſt die ſo berühmte und auspoſaunte Sylphidentruppe zu verwundern, daß ſie unterm Volke beinahe gar kein Aufſehen erregte; daß nemlich ihre Ankunft gleichſam unbeachtet hinging.— Allein das Publi⸗ kum von Dover hatte dazumal von andern Din⸗ gen zu reden. Unfern vom Hafen nemlich war juſt ein aus irgend einem überſeeiſchen und indiſchen Lande zurückkehrendes Schiff verunglückt, und— bis auf wenige Matroſen, die ſich gerettet— mit Mann und Maus untergegangen. Der Paſſagiere viele, die zum Theil den angeſehenſten Familien Englands angehörten, hatten neben der Equipage ihren Tod gefunden. Das Schiff war aviſir geweſen, und daher viele Angehörige der Reiſenden 193 im Hafen verſammelt, um ihre Väter und Brüder, ihre Mütter, Frauen und Schweſtern zu empfan⸗ gen...! Jetzo nichts als Trauernde, die auf den tückiſchen Waſſerſpiegel troſtlos hinausſtarrten; auf das Meer, das gar nicht dergleichen that, als ob es eine ſo anſehnliche Mahlzeit zu ſich genommen. Nur eine Maſtſpitze— in weiter Entfernung über die Wellen emporragend.... der zerfetzte Wimpel ſchwamm auf der Fluth.... bezeichnete den Ort, wo das gräßliche Unheil geſchehen. Unter der Menge von Trauernden, die längs der Küſte ſtanden, und auslugten nach den Schatten ihrer Lieben, zeichnete ſich ein Herr beſonders aus— durch ſeine lang hervorragende Geſtalt, durch den in ſeinem langen Geſichte tief eingefurchten lautloſen Schmerz. Er hatte mit dem Schiffe ſeine Gattin, ſeine Kinder verloren. Und ſtundenlang ſtand er auf der Düne, vom Winde umweht von Regen und Fluthengiſcht durchnäßt, mit ent⸗ blößtem Haupte, mit gefalteten Händen; ſchwarz ſein feines Kleid, blaß wie Schnee ſein wunder⸗ lich geformtes Antlitz— ſeine Augen lichtgrau, Luſtige Geſchichten 1I. 13 weit geöffnet, ſtier und vorquellend... ein Blick ſo ſeltſam matt und dennoch leuchtend... ein ſogenannter„weißer“ Blic So ſtand er eben, da die Tänzergeſellſchaft ſich ausſchiffte, und die kleinen und großen Kinder ſtaunten entweder den Mann, der in ſeinem ganzen Weſen das Gepräge des Sonderlings trug, wie ein fremdländiſch Ungethüm an, oder ſie lachten über ihn, und ſpotteten ſeiner. Das letztere bemerkend ſchnitt er ein paar gewitterdrohende Geſichter, und ging mit langen Schritten davon. Dabei fiel ihm eine Brieftaſche aus dem Rocke. Lola, die ihn, ſie wußte nicht *)„Comme un chien de porcelaine“ wie die Fran⸗ zoſen ſagen. Auch ich ſagte alſo, da Armadilla in ihrer Vorleſung hier angekommen war, und ich mir den„kurioſen Lord“ ſo recht natürlich vor die Fan⸗ taſei ſtellte, wie ichs kann, da mir mehr oder weniger Pojeſie innewohnt.— Mit dem Gleichniß machte ich indeſſen diesmal wenig Glück. Armadilla lachte nicht; ſie drohte vielmehr ernſthaft mit dem Finger, und von da an ahnte ich etwas.. doch, der„Geneigteſte“ mag's ſich ſelber abklavieren. Lgſcck. — 195— warum, mit einer gewiſſen Theilnahme betrachtet hatte, lief ihm trotz des Hohnes ihrer Gefährtinnen nach, und händigte ihm das Portefeuille aus.— Verwundert ſchaute ſie der Engländer an, und redete zu ihr, die er als eine Fremde erkannte, auf franzöſiſch die Worte: Du biſt die einzige Reine unter den Unreinen, mein Kind. Sei bedankt. Wenn du ein Geſchenk von mir annehmen willſt...2 Er zog den Beutel. Lola erſchrak und rief: Jetzt danke ich, Herr. Und wenn Sie mir eine Million ſchenkten, ich dürfte ſie nicht behalten; ſie würde mir von meiner Madame genommen. Zudem läßt ſich eine Spanierin nicht bezahlen, wenn ſie thut, was ihre Schuldigkeit.— Lief zu ihrer Truppe zurück, die eben in Poſt⸗ cariolen geſchichtet wurde, um eiligſt gen London zu kutſchiren.— Wurde ausgelacht von den Lei⸗ densſchweſtern, ausgeſcholten von Madame und Monſieur, daß ſie nicht das gewiß ſehr reich zu⸗ gedachte Geſchenk angenommen. Machte ſich aber gar nichts daraus. Kein Wort von den Erfolgen der Ballet⸗ 6 8 — 196— Unternehmung in London. Viel Beifall, viel Geld. Lola dachte mit Sehnſucht an ihre Mutter und an die Heimkehr. Viele ihrer Gefährtinnen theilten die frohe Erwartung. Aber es ſollte nichts daraus werden. Denn Madame kündigte den Mädchen plößlich an, ſie habe mit dem Theater della Scala in Mailand einen Vertrag für die bevor⸗ ſtehende Saiſon abgeſchloſſen, und von der Auf⸗ löſung der Truppe könne alſo vor der Hand keine Rede ſeyn. Was konnten die armen Geſchöpfe anders thun, als den Nacken beugen vor dem Schickſal? Unerfahren in der Welt, außer Stande, ſich von ihrer Knechtſchaft zu befreien, mußten ſie * der Führerin folgen, wollten ſie nicht auf ſchmäh⸗ lichere Weiſe ihrem Verderben entgegengehen.— Der Verſucher iſt überall bei der Hand und die elendeſte Armuth ſeine reichſte Beute. Die Tanzkaravane pilgerte demnach ihrem Mekka zu, und nach mühſeliger Fahrt kam ſie in Mailand 16 an. Im Poſthauſe war alles munter auf und fröhlich. Franzoſen, Deutſche und Italiener ſtan⸗ den da in hellen Haufen, und unterhielten ſich der gleich ſchon bei der Ankunft einen britiſchen Sonderlingsſtreich gemacht. Die Landkutſche, in welcher er angelangt, hatte vor dem Poſtgebäude gehalten und der Schlag war eben geöffnet worden, als ein ausſteigender Paſſagier zu ſeinen Füßen ein Taſchenmeſſer fand. Mit deutſcher Gutmüthigkeit,— der Reiſende war ein Wiener— wendete er ſich an den noch in der Kutſche verweilenden Engländer, und fragte den⸗ ſelben:„Gehört dieß Meſſer vielleicht Ihnen, und hãtte ich's etwa aus Verſehen herausgeſchleudert?“— Das Meſſer war elegant und ſchön, eines reichen Engländers vollkommen würdig. Ohne ein Wort zu erwiedern betrachtete der Britte das Meſſer mit ſtierem Blicke, und warf es dann verächtlich wieder auf das Pflaſter nie⸗ der.— Der Deutſche, von ſolchem Betragen verletzt gab dem engliſchen Mann eine harte Rede. Der Engländer war gelenk aus dem Wagen geſprungen, und hatte den Deutſchen im Nu niedergeboxt, ſo daß der Arme gleichſam heiter und wohlgemuth von einem„Sior Ingrese“ *„ 198 ohnmächtig in ſein Gaſthaus getragen werden mußte. Annoch verweilte der glückliche Boxer in dem Bureau, wo er kaltblütig für ſeine Koffer und Kiſten die Taxe entrichtete. Nachdem dieſes Ge⸗ ſchäft abgethan, ſchritt er über den Hof, und die neugierig umherſtehenden Tänzerinnen ſchrieen über⸗ laut:„Das iſt der kurioſe Lord von Dover!“ Der Vorbeiſchreitende warf ihnen den gering⸗ ſchätzigſten Blick zu; doch gewahrte er in ihrer Mitte die Lola, die allein ernſthaft unter den Spötterinnen geblieben, winkte ihr freundlich mit der Hand, und ging ſeines Wegs. Wie kommt es nur, daß ich ſeit Dover ſo häufig an den Engländer habe denken müſſen? fragte ſich Lola: und welch ein ſeltſam Geſchick, daß ich ihm hier wieder begegnen muß? Daß jedoch das Schickſal oder der Zufall — wie man will— im Grunde nichts umſonſt, nichts ohne Abſicht thut, hat ſich gar bald im Lebenslauf der Lola offenbart. Es waren nemlich kaum ein paar Wochen — 199— hingegangen— die Debuts der Truppe hatten mit gewohntem Erfolg ſtattgehabt— als Lola um eines gar ſehr geringfügigen Vergehens willen von der Zuchtmeiſterin hart abgeſtraft wurde. Die unverdiente Strafe hatte ihren Spanierſtolz auf⸗ geregt. Die Thräne in ihrem Auge trocknete ſchnell; zum rückſichtsloſen Entſchluß wandelte ſich der feige Schmerz. Sie entlief dem unwürdigen Kerker. Lieber, als in der Schmach verkümmern, wollte ſie bettelnd ihre Heimath, ihre Mutter aufſuchen, lieber verhungern im ſchlimmſten Fall auf dem Wege dahin, wenn ihr kein menſchlich Herz mit Hülfe und Wohlthat begegnen würde. Von andern Gefahren ließ ſich die Unſchuldige nichts träumen. Heldenmüthig war der Entſchluß geweſen... aber zur Ausführung taugte Lola's weiches Gemüth wenig. Kaum war ſie eine Stunde frei, ſo dachte ſie ſchon ſchaudernd: wie ſoll das enden?— Sie war ſo fremd und allein in dieſen dichtvoll⸗ gedrängten Gaſſen von Mailand! Wer kümmerte ſich um das arme fremdländiſche Mädchen? Sie — 200— wollte mit dem Betteln Ernſt machen, aber wie zugewachſen war ihr Mund; ihre ſonſt ſo beredte Geberde ließ ſie im Stich. Beinahe wäre ſie wieder in den Mädchenzwinger zurückgekehrt, mit heißen Zähren ihre Schuld bekennend, noch demü⸗ thiger denn zuvor ſich ſchmiegend in's Joch.— Da trat ein falſcher Heiliger an Lola heran: eines von jenen Tagdiebenden Geſichtern, die in allen Hauptſtädten das Pflaſter treten,.. Verführer und noch Schlimmeres in einer Per⸗ ſon. Der blaſſe ſchwarzbärtige Menſch fragte mit begierigblitzenden Augen das Mädch en: Sieh, biſt du nicht eine aus dem ſpaniſchen Ballet? Ich habe dich auf der Bühne geſehen. Dein aus⸗ drucksvolles Angeſicht hab'ich nicht vergeſſen. Haſt du dich in der Stadt verirrt, mein Kind? Soll ich dich nach Hauſe bringen? Dabei ergriff er die Hände der Lola, und in den ſeinigen glühte und klopfte es, daß dem Mädchen bange wurde, als rühre ſie ein böſer Geiſt an. Die Unſchuld hat immerhin einen mächtigen Engel zur Seite, der ſie warnt und mahnt.— — 201— Komm, komm mit mir! machte dagegen der falſche Heilige, immer zudringlicher werdend, denn Lola ſträubte ſich mit Worten und Geberden.— Weiter im Volksgedränge wollte der Menſch ſeinen Mantel um das Mädchen werfen, und es fortzie⸗ hen— wer weiß, wohin?— Aber die Vorſehung wachte. Ein langer Mann blieb plötzlich vor dem Pärchen ſtehen, überſchaute mit einem Blick, was da vor⸗ gehen ſollte, und ſprach: Halt! Halt, ſag' ich, feiler Burſche, Knecht der Sünde! Wie kommſt aber Du hieher und zu Dieſem da, mein wackres Kind, mein ehrliches Mädchen? Aufblicken und den Sonderling von Dover erkennen, war bei Lola eins. Mit einem Laut der Freude riß ſie ſich von dem Schandmann los, und warf ſich in die Arme des Ehrenmanns. Der Ver⸗ ſucher taumelte zur Seite, unſanft berührt von Hand und Fuß des Britten, und verſchwand. Das beſte, was er thun konnte.— An der Hand des Ret⸗ ters flog Lola mehr als ſie ging, ein paar Straßen weit von dem Getümmel weg.— Dort fragte ſie — 202 der Lord, anſtändig und zärtlich zugleich, wie ein Vater: Wo iſt deine Wohnung, Mädchen? Nun brachen Lola's Thränen, lange ſtockend, mit Gewalt hervor, und ſie erzählte ihrem Beſchützer, was ſich mit ihr begeben, was ſie gethan, und was ſie befürchten müſſe, wenn ſie wiederkehre in's Haus ihrer Zwingherrin. Der Lord überlegte; immer krauſer wurde ſeine Stirn, und den„weißen“ Blick richtete er bald wie fragend gen Himmel, bald ließ er ihn mit⸗ leidig ruhen auf dem Antlitz des ſpaniſchen Mädchens. „Ja, die Welt iſt ſchlecht!“ ſagte er endlich: „die Menſchheit iſt ein Durcheinander von Beſtien. Ich will jedoch— wenn ſchon der Sündigen Einer— ich will verſuchen, ob ich nicht deinem Loos einen Schwung zum Guten geben kann. Der Schwache iſt ſtark, wenn er das Rechte will. Geh' mit mir, ehrliches Kind. Ich vertraue deinen Worten; vertraue du immerhin meinen Handlungen. Ich habe nie gelogen, habe niemals einen Menſchen getäuſcht. Komm, du ſollſt frei ſeyn, wenn noch — 203— ein Hauch von Gerechtigkeit über dieſe Erde weht!“ Er führte ſchnell die Schutzbefohlene noch weiter weg, in ein ſtolzes Haus, ob deſſen Pforte das Wappen von Großbritannien hing. Dem Be⸗ wohner dieſes Hauſes, der ein feiner Mann, welcher tief ſich vor dem Lord verbeugte, vertraute er das Mädchen an;—„zu kurzer Herberge“ wie er ſich ausdrückte.— Und zu Lola ſprach er: Hier ſtehſt du auf freiem Boden Engl ands; hier biſt du ledig deiner Sklaverei. Nun will ich gehen, mit deinen Tyrannen ein Wort zu reden. Sei getroſt! wenn ich nicht ſterbe von jetzt bis in einer Stunde ſo bring' ich Dir den Freibrief, ehe noch die Stunde um iſt, und habe dir alsdann ver⸗ golten den Dienſt, den du zu Dover mir ſo ehrlich und uneigennützig geleiſtet. So ging er weg, und Lola wartete ſeiner mit Angſt und Zweifel, obſchon die Töchter des Hauſes ſich mit aller Freundlichkeit der Pflicht unterzogen, ihre unverhofft hinzugekommene Geſellſchafterin zu unterhalten und zu zerſtreuen.— Und der Konſul ſagte öfters tröſtend zu Lola: Seid nur — 204— ruhig, liebe Miß, Sir Richard iſt der Mann, Wort zu halten;— ſchwer von Gold, noch ſchwerer wo möglich von Edelmuth, da jede ſeiner Launen und Grillen ſogar einen ſchönen Tugendkeim in ſich ſchließt— Perle in mißfarbiger Muſchel, ſüßer Kern in rauher und ſtachelichter Schaale. Richtig um die angeſetzte Zeit kehrte Sir Richard wieder. Er hatte einen wunderlichen Anflug von Luſt und Freude auf dem Geſicht. Und wärmer als wohl gewöhnlich, ſprach er:'s iſt Feuer im Dach. Die Gaukelmutter ſchlägt Lärm, und läuft zu den Gerichten. Gauklerpapa verſteht jedoch mehr Raiſon als ſeine Madame. Bah! ſie ſoll klagen.... ich habe ſchon andere Händel vor Gericht aus⸗ gefochten. Mit dem Recht oder mit Geld ſetzt man alles Mögliche in der Welt durch. Beides habe ich auf meiner Seite. Ich werfe mich für dich, mein ehrliches Mädchen, ganz und gar in die Wagſchale, und verdammt will ich ſeyn, wenn ich nicht ſchwerer wiege, als die dicke Kinder⸗ freſſerin. Fürchte dich nicht, Spanierin. Haſt mir nicht umſonſt eine halbe Million gerettet; will — 205— dir's wett machen an Leben und Freiheit, die mehr gelten als die halbe Million.— Und ſo ging's in tauſend Redensarten fort, bis Richards Aufregung beſchwichtigt. Dann wurde er ſtumm wie eine Mauer.— Dergeſtalt wech⸗ ſelten bei ihm die Gemüthszuſtände.— Einen vollen Tag blieb er weg, und Lola der Gaſt des Konſuls. Am Tage darauf hatte Sir Richard in der That den Handel mit der Balletmeiſterin mittelſt einer Summe Geldes abgeſchnitten, und holte die Spa⸗ nierin ab; ließ ſie in eine Kutſche ſteigen, und wäh⸗ rend des Fahrens ſprach er zu ihr: So viel ich gehört habe, ſo iſt Deine Mutter eine ſpaniſche Wilde aus der Umgebung von Cadix oder Gibraltar? Eine Wilde? fragte Lola beſtürzt: Herr, was glaubt Ihr? Sie iſt eine arme, aber ehrliche Bäuerin, heißt Paquita Gonzales, und.... Beruhige Dich; verſetzte der Britte lächelnd: es iſt meine Gewohnheit, die Bauern„Wilde“ zu nennen, die engliſchen ausgenommen, die allein wahre und gerechte Landbauern ſind. Ich habe mir das in Amerika angewöhnt, wo ich mit den Rothhäuten viel zu thun hatte.'s hat weiter nichts auf ſich. Allein Du, mein ehrliches Kind, ſcheinſt in der That etwas wild aufgewachſen, und es wäre für mich eine Schande, da ich mich doch einmal mit Deinem Schickſal beladen, Dich ſo dumm und verwahrlost, wie Du biſt, Deiner Mutter zurückzugeben. Ich werde Dich daher einige Monate unterrichten laſſen;— ich bringe Dich eben zu einer braven Frau, die eine Meile von hier einer Erziehungsanſtalt für Töchter vor⸗ ſteht. Lerne brav, ſei fleißig, damit Deine Mutter an Dir und auch an mir ihre Freude habe. Ver⸗ ſtanden? Lola wurde ſehr wehmüthig geſtimmt, da ſie dieſe Worte hörte, und traurig ſagte ſie: Ach, wann werd' ich denn endlich ſie wiederſehen, die gute Mutter Paquita? Wiederſehen, wiederſehen? ſagte Richard da⸗ gegen, mit melancholiſcher Eiſeskälte: das Wie⸗ derſehen ſteht bei Gott, mein ehrliches Kind. Hab' ich nicht auch gehofft, die Meinigen wieder⸗ — 207— zuſchen? Und fſind ſie nicht untergegangen im Meere? Die Menſchen ſind Beſtien, das ſteht feſt. Die Beſtien auf jenem Schiffe„Prome⸗ theus“ haben meine Gattin, meine Kinder in's Verderben gerudert; die Beſtie von einem Lootſen, der ſie in den Hafen bringen ſollte, hat ſie an der Barre ſtranden laſſen; nur ſein eigen Leben hat der Burſche gerettet. Er gehörte an den Galgen, wenn Gerechtigkeit in der Welt wäre. Aber es iſt nur Sünde und Verthierung darinnen, und darum kann der Menſch nicht rechnen auf heute, auf Morgen. Nur wie Gott will, mein rechtſchaffenes Mädchen! Lola ſchluchzte gar ſehr vernichtet die Ant⸗ wort: Wenn ich doch wieder bei der Mutter wäre...! wenn ich doch wenigſtens ſchreiben könnte, um ihr einen Brief zu ſchicken! Ach Gott, warum kann ich nicht ſchreiben? Siehſt Du wohl? ſprach hierauf Sir Richard weiſe: Du erkennſt jetzo ſelber, wie dumm Du biſt. Lerne daher, was Du brauchſt, ſchnell wie der Vogel fliegt. Und weil ich Dich einmal — 208— auf dem Halſe habe, ſo will ich verſuchen, von Deiner Mutter etwas zu erfahren. Ja, ich würde ſelbſt hingehen... ſonſt war mir eine ſolche Reiſe eine Kleinigkeit...! aber jetzvn ich kann das Meer noch nicht ſehen... ich ſtürbe daran: das graue Meer hat meine Schätze ver⸗ ſchlungen, meine lebendigen Schätze. Seither bin ich krank, elend, zerſchmettert... ein Bettler iſt reicher als ich. Er ſtützte wie erſchöpft den Kopf in beide Hände, und ſchwieg eine gute Weile. Dann reckte er wieder das Haupt in die Höhe, und ſprach erleichtert: Weißt Du, wie ich hieher ge⸗ kommen? O, in England konnte ich nicht blei⸗ ben, nein, nein! Der Boden, den mein herrliches Weib beſchritten, auf dem meine Kinder geſpielt, — er konnte mich nicht mehr tragen. Ich mußte fort... fort auf's Feſtland, wo ich das grimme Meer nicht ſehe...! dennoch mußte ich über's Meer, wollte ich meinem Kerker, meiner Folter⸗ kammer entrinnen. Weißt Du, wie ich's gemacht habe? Einen Schlaftrunk hab' ich genommen — 209— im Schlaf gelangte ich nach Dover, an den Schreckensort, der meine Lieben verſchlungen! Im Schlaf fuhr ich auf den falſchen Wellen, über die Leichen meiner Lieben zum franzöſiſchen Strande. Das Stücklein hätte mir den Tod indeſſen— ich habe über⸗ wunden, wenn ein Sieg zu nennen, daß ich noch lebe in Mitte der verthierten Menſchheit, beladen mit Gold und mit unſterblicher Weh⸗ muth!?—— bringen können.. Lola, ihren eigenen Schmerz vergeſſend, ſtarrte mit weitoffenen Augen den Seltſamen an. da hielt der Wagen vor einem zirlichen Land⸗ hauſe. Im Garten hüpften muntere, hübſch an⸗ gekleidete Mädchen, ſpielend in Fröhlichkeit. Die Dame des Hauſes empfing, ſchon beſtens unter⸗ richtet, den neuen Zögling. Eine halbe Stunde redete Sir Richard mit ihr allein, und nahm alsdann von Lola Abſchied. Mit dem unbefangenſten Tone ſagte er zu ihr: Du biſt eine Laſt, die mir Gott zu meinen übrigen Beſchwerniſſen geſendet hat; eine centner⸗ Luſtige Geſchichten II. 14 ———— — 210— gewichtige Laſt. Gelobt ſei jedoch ſein Name, wenn ich gleich der Sklav einer Sklavin gewor⸗ den bin. Schaffe Du Deinerſeits an Deinem Wohl;... lerne, lerne, lerne, daß Du wirklich frei werdeſt auf Erden; dann will ich nicht mur⸗ ren über die Ruthe, die mir das Schickſal gebun⸗ den, da es Dich in meine Arme geworfen. Wenn ich wiederkehre, will ich ſehen, ob's ein Waizen⸗ körnlein war, das ich habe finden müſſen, oder ein ſchmutzig Unkraut!! Dieſe Sprache kam der Lola nicht beſonders freundlich vor.... was war jedoch zu thun? Sie vergaß die ungefüge Rede, vertraute dem beſſern Sinn ihres Verſorgers, und wurde ſchnell eine der beſten Schülerinnen des Hauſes. Ihre vorgerücktern Jahre halfen dazu, und von Haus aus hatte ſie immerhin einige Geiſtesgeſchmeidig⸗ keit zur Ausſteuer bekommen. Darüber gingen Monate in's Land, ehe Sir Richard ſich wieder ſehen ließ. Da er plötzlich, unverſehens, unerwartet wie⸗ der auf dem Landhaus einſprach, fand er die — 211— verwahrloste Lola in eine ziemlich anſtändige Eng⸗ länderin umgeſtaltet und ſchien angenehm davon überraſcht. Dennoch ließ ſich in ſeinem ganzen Weſen etwas ſo Unheimliches und Gedrücktes ver⸗ ſpüren, daß es ſogar ſeiner Pflegebefohlenen auf⸗ fiel, und ſie ihn fragte: Herr, ſind Sie nicht ganz zufrieden mit mir? Ich will's beſſer machen, wenn ich gefehlt habe. Er entgegnete mit trübem Lächeln: Du heſt, mein ehrliches Kind, gethan, was in Deinen Kräften, wie mir ſcheint. Die Mutter Eva hat ſich überraſchend ſchnell aus Dir hervorgearbeitet, und ſich möglichſt elegant gemacht.... Lola fiel ihm in's Wort: Sie nannten eine Mutter... bringen Sie mir Nachricht von der Meinigen, werther Herr? Sir Richard ſchien die Frage zu überhören, denn er fuhr in ſeiner vorigen Rede fort:... und es kommt nun darauf an, zu erfahren, ob das Weib, das ich geſchaffen, einen Preis der Tugend verdient, oder ob es ein Gefäß der Uieht — 212— Milord...! wollte ihm hier die Penſions⸗ mutter gekränkt in's Wort fallen. Er aber ließ ſich nicht ſtören, fortfahrend: O Miſtreß, Sie glauben nicht, wie verthiert die Menſchheit iſt, wie falſch, wie treulos....1 ein Larventanz, ein heidniſcher Karneval! Was wiſſen die fleiſch⸗ freſſenden, kaffeeſchlingenden, tabackrauchenden Be⸗ ſtien, die Schlemmer und Schlemmerinnen in Wein und gebrannten hölliſchen Geiſtern von Tugend, von Ehre, von der Würde der Unſchuld? Er ſammelte ſich, nahm die Dame bei der Hand, und ſetzte milde fort: Es gibt Ausnahmen allerdings. In Ihnen, Miſtreß, verehr' ich eine ſolche. Es gibt, Gott ſei Dank, eine Menge von Ausnahmen. Aber, wenn auch der Himmel voll von Sternen, ſo iſt doch auf ihm noch Platz genug für Millionen von Geſtirnen, die nun ein⸗ mal nicht da ſind. Verſtehen Sie mich? Ich will auch hoffen zu Gott und Ihnen, daß dieſe Spanierin eine der Ausnahmen geworden. Sie hätte auch nöthig, eine ſolche zu ſeyn: rein von Herzen, edel von Seele, gefällig von Sitten, und — — — 213— feſt, felſenfeſt in der Lehre Chriſti. Religion vor Allem, liebe Miſtreß! Haben Sie in dieſem Punkt mit Lola gethan, was Ihre Schuldigkeit, und wofür ich verantwortlich? Mein einfaches„Ja Ja“ genüge Ihnen; er⸗ wiederte die Dame ernſthaft: Lola iſt eine fromme Chriſtin. Nun wohl... hob Sir Richard feierlich an: ſo mag ſie jetzv zum erſtenmal in ihrem Leben das Kreuz des Herrn auf ſich nehmen. Mein ehrliches, mein chriſtliches Kind: Deine Mutter blickt ſchon ſeit anderthalb Jahren vom Himmel auf Dich hernieder... Dein Name iſt ihr letzter Hauch geweſen.... darum ſei getroſt... es gibt ein Wiederſehen.... es ſteht bei Gott!! Ach, das Kreuz drückte ſchwer, drückte Lola zu Boden. Sie wurde ohnmächtig, wurde krank . nur die ſorgſamſte Pflege und ohne Zweifel die Fürbitte der Mutter im Paradieſe retteten ſie dem Leben.* Da ſie wiederum geneſend am Arme des Engländers, der wenig von ihrem Lager gewichen — 214— war, im Garten herumging, redete er ſie auf einmal, von der Leber weg, wie er gewohnt, an: Du biſt wieder geſund, danke es dem Himmel und den guten Menſchen;— aber das iſt noch nicht Alles. Da ich nun einmal Dich im Leben umherzuſchleppen habe,— um meiner Sünden willen, und weil unſer Herrgott mich zum Vor⸗ mund und Nothhelfer ſo manchen armen Tropfs gemacht— ſo muß ich Dein Loos nun feſtſtellen. Ich thue nichts halb. Was ſollſt, was kannſt Du mir ſeyn? Wenn ich ein ordinärer Wittwer ohne Kinder wäre, und meine eigene Haushaltung hätte,.... ich könnte Dich als meine Sklavin in das Haus ſetzen. Allein ich haſſe die Skla⸗ verei, ich ſchleppe mich nicht mit Knechten, Be⸗ dienten und Gouvernanten. Wenn ich Ihnen, was Sie für mich gethan, vergelten könnte.... ſtammelte Lola, und eine geheimnißvolle Ahnung hob ihre Bruſt, machte ihr Herz heftiger pochen. Setze Dich auf dieſe Bank; befahl Sir Richard und nahm alsdann neben dem Mädchen — 215— Platz: Höre, was mir heute über Nacht eingefallen, denn die Sorge für Dich verläßt mich leider nicht und niemals. Was würdeſt Du ſagen, hübſch von außen, gut von innen, wie Du biſt, wenn ich Dich zur Frau nähme? Das Alter kommt mit Macht über meine Haare.. einer Pflege⸗ rin bedürfte ich bald mehr, als Du jemals ihrer bedurfteſt... ich habe niemand, der mich beerben könnte.. wie, wenn ich vergäße, daß Du die Tochter einer ſpaniſchen Wilden, eines unbekannten Matroſen oder ſo dergleichen... wenn ich Dir meine Hand gäbe... was würdeſt Du ſagen? Schnell gefaßt, wenn auch beſtürzt antwortete Lola: Sie verzeihen, wenn ich erkläre, daß ich „Nein“ ſagen müßte. Nein und unabänderlich Nein, ſo wahr mir Gott helfe! Als einen Gat⸗ ten Sie lieben könnte ich gewißlich nicht; dagegen als einen Vater mit Freuden Sie verehren! Lola hatte ihre Hände ſchlaff ſinken laſſen, und ihre Augen zu Boden geſchlagen, in der Er⸗ wartung eines grellen Donnerwetters, das ſich über ihrem Haupte entladen würde.— Aber die Sonderlingsnatur des Engländers, die von einem Extrem zum andern leichtlich überſprang, täuſchte dieſe Erwartung außerordentlich. Sir Richard, einen Augenblick betroffen, faltete ſeine Hände, wie am Strand von Dover, ſchaute gen Himmel, wie dort und dazumal mit ſeinem „weißen“ Blick, und murmelte zerknirrſcht aus tiefer Bruſt: O Gott, mein Herr, mein Gott! Welche Lehre läſſeſt Du da für mich, den reifen Sünder, über die Lippen der Unmündigen hervor⸗ gehen? Wahrhaftig, Dein Wort iſt ein Schwert, ein wohlverdienter Speer durch mein Herz! O, daß ich nie geboren worden wäre! Mußte ich ſo viel lieben und leiden auf der Erde, um ſo bergetief zu fallen? Seliger Geiſt meiner Gattin, und Ihr, meine verklärten Kinder, werdet Ihr vergeben können dem Gatten, dem Vater, der in ſündiger Wallung vergeſſen konnte Eurer Liebe, eures ſchauerlichen Endes und der Gelöbniſſe, die er an euerm naſſen Grabe, vor eurer Mee⸗ resgruft gethan?— Und Du, mein ehrliches Kind, wirſt auch Du mir vergeben, daß ich wie ——— — 217— ein jüdiſcher Wucherer die ſchwerſten Zinſen-von Dir verlangte, für die Handvoll Goldes, die Du mich gekoſtet? O ja, vergib, und nimm als Ge⸗ nugthuung hin, daß Du, ein unerfahren Kind, Schmach ſagen durfteſt meinen grauen Haaren, mit Geißeln züchtigen durfteſt meine verdorbne ſündbegierige Seele! Ja: der Menſch iſt eine Beſtie, und ich— der ich mich für beſſer gehal⸗ ten als Tauſende.... ich bin ein Ungeheuer, wie die Andern! Es iſt nicht zu beſchreiben, wie ſehr die arme Lola von der ſchmerzlichen Rührung des Mannes mitergriffen wurde. Ohne ſich ſelbſt von dem Sturm, der ſie dahinriß, Rechenſchaft geben zu können, warf ſie ſich zu Richards Füßen, benetzte ſeine Hände mit ihren Thränen, und rief: Lieb⸗ ſter, beſter Herr, faſſen Sie ſich doch; beruhigen Sie ſich. Bin ich nicht das Geſchöpf Ihrer Wohlthaten? Sind Sie es nicht, der mich, die verlaſſene Waiſe, zum Leben, zum Chriſtenthum erziehen ließen? O, erinnern Sie ſich doch mei⸗ ner aufrichtigen Worte, meines wahrhaftigen Ge⸗ — 218— löbniſſes, Sie nicht verlaſſen zu wollen... als Ihr Kind Sie lieben zu wollen! als Ihre gehor⸗ ſame Tochter nehmen Sie mich an! Wer aber ſchildert des Mädchens Staunen, ja Entſetzen, da auf einmal wieder des Sonder⸗ lings Züge ſich veränderten, den Ausdruck bitter⸗ ſter Seelenpein von ſich warfen, wie eine Maske, die ihre Rolle ausgeſpielt, und dagegen von Hoff⸗ art, ſpöttiſchem Unwillen und leichtfertigem Hohn ſpiegelten! Aufgeſtanden! befahl Richard, der ſelber ſchnell aufblitzte und in ſeiner ganzen Länge ſich emporrichtete: Aufgeſtanden, Miß, und keine Scene gemacht! Ihr ſeyd nicht mehr auf der Bühne, habt nicht mehr im Ballet zu grimaſſiren. Dankt das unſerm Herrgott, und nächſt Ihm nur mir, der Euch aus dem Staube geholt, und zum Menſchen gemacht! Aber wenn ſchon das Schick⸗ ſal Euch als ein ſchwer Gewicht an meine Ferſen kettete, und ich die Laſt gern trage um Gottes⸗ willen, ſo iſt damit nicht geſagt, daß ich Euch als meine Tochter anerkennen müßte! O nein. — 2— Meine Tochter Nanch, mein Sohn Georg, ſie ſchlummern tief unten im Meere, im Schooß der Welt, in den Armen ihrer verewigten Mutter. Ich habe keine Kinder mehr, will, darf keine mehr haben. Was würde die Rotte Korah, die ver⸗ läumderiſche Menſchheit ſagen, wenn ich mit einer Adoptivtochter vor ſie hinträte? Ha, ha, hat wäre das ein Jubel, ein teufliſches Gelächter! Sie würden mit Fingern auf mich zeigen, und ſpotten: Sceht, da ſteht der Tugendſpiegel, der in Sünde ein armes Weib, eine Wilde verführt hat und uns jetzn glauben machen will, daß er in Ehren einer Waiſe ſich angenommen;— O nein, nein, das kann nicht ſeyn. Entäußert Euch dieſes Gedankens, Miß. Ich werd' Euch nicht verlaſſen— aber mein Kind“ meine Erbin dürft Ihr nicht ſeyn... nie, niemals! Mit dieſen Worten rannte er fort.— Lola wäre beinahe in ihre Krankheit zurückgefallen, ſo tief erſchüttert war ſie von dem höchſtſelt⸗ ſamen Auftritt. Welch ein Tag, welch eine Nacht folgte hierauf! Stumm auf alle Fragen, — 220— die von der Dame des Hauſes an ſie gerichtet wurden, brütete Lola vor ſich hin, und nur wenn die läſtigen Zeugen, die ihr Lager umſtanden, ſich entfernt hatten, ließ die Arme ihrem Schmerze freien Lauf, und fragte tauſendmal den Himmel mit Angſt und Verzweiflung: Was wird aus mir werden, himmliſcher Vater, was ſoll aus mir werden?—— Wer am nächſten Morgen zur möglichſt frühen Stunde wieder da war? Sir Richard in eigener Perſon, gänzlich umgewandelt: der zärtlichſte Pfle⸗ ger, der rückſichtsvollſte Freund und Wohlthäter. Reuevoll entſchuldigte er ſeine geſtrige Abſchieds⸗ rede, ſeine Herzlichkeit und Güte war noch nie⸗ mals dergeſtalt ans Licht getreten. Wäre Lola erfahrener, unbefangener geweſen, ihr wäre nicht entgangen, daß eine tiefere, gewaltigere Bewegung, als Sir Robert kund thun wollte, ſich ſeiner Seele bemächtigt hatte. Was er nie gethan— Lola's Hand ergriff er, und ſprach milde wie ein Heiliger:„Ich habe Dir geſtern wehe, recht wehe thun müſſen, mein — 221— ehrliches Mädchen.. es iſt mir leid.. aber geſchehen Ding läßt ſich nicht ungeſchehen ma⸗ chen,.. und endlich: die Roheit des Augen⸗ blicks war ſtärker als alle Philoſophie... ich war eine Beſtie.. ein Menſch wie ein anderer.. Wenn gleich der Text meiner letzten Anrede an Dich ein vernünſtiger, ein gebotener war, ſo hätte ich ihn doch gelaſſen, vernünftig, verſöhnlich vor⸗ bringen ſollen. Daher und alſo...“ Lola— das verſteht ſich— vergab gern, aber hinzufügte ſie doch: Was ſoll aus mir wer⸗ den, beſter Sir?— Die Frage, gerade zur Stunde, war am Platz. Dennoch ſchien Richard davon abſpringen zu wollen. Der Mann war in jedem Moment ein anderer.— Zu der Dame des Hauſes ſich wendend, fragte er wie im Scherze: „Miſtreß Strubb, was halten Sie davon? Wenn mich nicht alles täuſcht, ſo iſt dieſes ehr⸗ liche Mädchen zu einer Spanierin verdorben? Sie hat in jeder Bewegung engliſchen Brauch,.. ja ſogar im Schnitt des Geſichts ſcheint ſich eng⸗ 222 liſch Blut zu verrathen?“— Die Miſtreß lächelte, ohne zu antworten. Doch nickte ſie ein„Ja.“ Engliſch oder nicht, das Blut ſtieg bei dieſer Anrede Richards der Lola heftig und ſtürmiſch zu Kopfe.—„Warum errötheſt Du, mein Kind?“ fragte Richard. Lola faßte heftig ſeine Hand, und flüſterte ihm in die Ohren:„Um Gotteswillen, Herr, kein Wort mehr vor der Miſtreß. Im Andenken an meine arme Mutter ſchäme ich mich zu Tode!“ Im ſelben Nu war die Dame Strubb ver⸗ ſchwunden und Richard fuhr fort: Was haſt Du denn? Sprich. Ach— ſtotterte das Mädchen: Muß ich denn geſtehen, daß meine Mitter ach, wie ſoll ich's ſagen?... daß mein Vater ein Engländer geweſen? „So? Ei, ei! Iſt's möglich? Darf man wiſſen, wie, und wer, und wo?“ Lola erzählte nun halbweinend, was ſie gern ihr Lebelang verhehlt hätte; endlich, daß ſie nie ihren Vater geſehen zu haben ſich erinnere, und überhaupt nichts von ihm wiſſe, als daß er ein Herr Offizier in Gibraltar geweſen, und Arthur geheißen habe.. Sie hier unterbrechend, rief Sir Richard, dem auf einmal blanke Zähren aus den Augen ſchoſ⸗ ſen:„So iſt es denn alſo wahr? keine leere Vermuthung, keine Fabel, keine verläumderiſche Teufelei? Arthur, Arthur... an dieſem ſchlim⸗ men Streich erkenn' ich Dich! Und ohne Reue, ohne Gewiſſensangſt konnteſt Du ſterben, und dein Geheimniß in's finſtre Jenſeits mitnehmen? Arthur, wie wirſt Du einſt vor dem ewigen Richter beſtehen? oder richtiger geſagt: Wie wirſt Du ſchon vor ihm beſtanden ſeyn?“ Lola hörte mit Verwunderung dieſen zum Him⸗ mel emporgerufenen Worten zu, und begriff nicht, wie Sir Richard ſich, was jener Arthur gethan, dergeſtalt zu Herzen nehmen mochte. Und klein⸗ laut fragte ſie: Kennen Sie denn meinen Vater? Lebt Er denn auch nicht mehr? „Ob ich ihn kenne?“ hob Richard tragiſch er⸗ griffen an:„War er nicht mein leiblicher Bruder? Starb er nicht— zwei Jahre find's— in meinen Armen? Geſchwiegen hat er von ſeiner Sünde .. geſchwiegen, wie ein Fels; nicht hat er mit einer Silbe des Weibes gedacht, das er verführt, des Kindes, das er unbarmherzig verlaſſen! Er konnte ſterben ohne Reue, ohne Geſtändniß, der Unmenſch! Mir, der ich ſchon an irdiſchen Gü⸗ tern zu viel beſaß, mir konnte er ſein Vermögen hinterlaſſen, das doch ſeinem Kinde gebührte, der Barbar! Stelle Dir vor, wie ich geſtern Abend, nach Hauſe kommend, gleichſam vom Himmel fiel, als ich dieſen Brief fand... dieſen Brief, der mir die unerwartetſten Aufſchlüſſe gab, Aufſchlüſſe, die durch Deine Worte nur zu ſehr beſtätigt werden..1 Richard händigte beſagten Brief der Lola ein, und dieſe las mit ſteigender Bewegung— und der Inhalt war für ſie intereſſant genug. Ein Freund ihres Wohlthäters, der in Gibraltar an⸗ ſäſſig, und an den ſich Richard gewendet, um über Paquita Gonzales Auskunft zu erhalten, meldete: er habe ſeinem letzten Schreiben, worin⸗ nen er Paquita's Tod angezeigt, jetzt noch, nach — 225— fleißiger Erkundigung an beſter Quelle beizufügen, daß der Vater der Lola niemand anders geweſen, als Sir Richards eigner Bruder Arthur.— Die darüber ausgeſtellten Zeugniſſe mehrerer Kamera⸗ den des Offiziers, auf Ehre und Gewiſſen gelei⸗ ſtet, lagen bei.— Lola ſeufzte nach dieſer Leſung, noch beklom⸗ mener, als zuvor: O mein Schickſal.. o mein Gott! was wird nun werden? Mit der Antwort ſäumte Richard nicht:„Es wird werden, was da werden ſoll; und das kann werden, und muß werden! Als meine Richte darf ich Dich der ganzen Welt kühn und keck vorführen, da ich in Stand geſetzt bin, gut zu machen, was Dein Vater an Dir und Deiner Mutter verbrochen. Du biſt engliſch Blut, biſt von meinem Blut;... Niemand auf Erden hat mehr Anſpruch auf meine Liebe, auf mein Erbe, als Du. Ich war reich von Hauſe aus— mei⸗ ner ſeligen Gattin reiche Habe iſt an mich gefallen — das große Erbtheil meines Bruders hat er mir vermacht... ich kann Dich glücklich machen, Luſtige Geſchichten II. 15 —————— —— und ich will es. Will Dein Vormund, Dein Ver⸗ walter, Dein väterlichgeſinnter Oheim bis an's Ende ſeyn... das ſchwöre ich, und will ver⸗ dammt ſeyn, wenn ich mein Wort nicht halte. Komm— die Hand reiche mir... ſchlage ein umarme mich!— Du haſt jetzt die Stelle, die Dir gehört, an meinem Herzen. Ich darf mich jetzt zu Dir bekennen, und ich thu's mit Freuden, ja mit Freuden!“ Die edle Gemüthsart Richards hatte völlig durchgeſchlagen, und der Bund,„der ſich beken⸗ nen ließ,“ war geſchloſſen.— Unmittelbar darauf beſchloß der unſtäte Oheim, ſeine Nichte müſſe ſtandesgemäß erzogen werden, und zwar in einem großen Penſionat der Schweiz, wohin auch er, der Onkel— ſich begeben wolle, da er jetzt Italiens ſatt und müde. Noch am ſelben Tage wurde abgereist. Im Wagen ſagte Sir Richard zu ſeiner Pflegebefohlenen: Unter anderm, Nichte, und zwar vor Allem andern: ich taufe Dich um. Lola darfſt Du nicht mehr heißen. Der Name gefallt mir nicht, gefallt hie und da in Europa —————— nicht. Mir iſt heut Nacht im Traum oder Halb⸗ ſchlaf ein Name in den Sinn gekommen, ein rarer Name, wie nicht ſo bald eine andere Lady heißt, und ich denke, ja ich gebiete Dir, ihn an⸗ zunehmen. Armadilla ſollſt Du heißen. Wie? — Topp; Armadilla. V. Worinnen der„kurioſe Lord“ im Geſpräch fortgeht.*) — Jetzo müßte der„Geneigteſte“ im Gehirne jedenfalls ein bischen vernagelt oder verbrettert ſeyn, wenn er nicht merkte, daß Armadilla die Lola, und Lola die Armadilla iſt. He? Das geſchriebene Heft war zu Ende, das Geſtändniß auf die zierlichſte Weiſe abgelegt. Die Schriftſtellerin ſchaute mich verſchmitzt an, und verſchmitzt lächle ich ihr zu: Hatte ſchon 5 längſt errathen, längſt gerochen den Braten. Tauſend Dank, daß ich endlich doch etwas erfah⸗ *) GC'est-à-dire, auf deutſch:„Il ne s'en va pas, mais nous continuons de nous en occuper en causant.“ Lgſcck. — 229— ren, und daß ich mich nicht länger mit dem ſchauerlichen Argwohn plagen muß, als ſeien Sie, Beſteſte, des Lord Dreaps-Preedle Gemahlin zur Linken, ja von der äußerſten Linken!“ „Abſcheulicher Mann! Mir dergleichen zuzu⸗ trauen!“ zürnte mich Armadilla an. * Darauf war nichts zu ſagen. Darum küßte ich beſchämt der Miß widerſtrebende Hand. Sie jedoch fuhr fort: „Ihre einzige Entſchuldigung iſt, daß ſie mei⸗ nen Onkel noch nicht geſehen. Sonſt würden Sie begriffen haben, daß er der Mann der Liebe nicht iſt; und ich ſelber, die ich doch ſeine Her⸗ zensgüte aus dem Fundament kenne, frage mich noch heute, wie es möglich geweſen, daß eine Frau ihn lieben konnte. Wahr iſt indeſſen, daß Sir Richard und ſeine Gattin,— kurze Friſten abgerechnet, die ſie vereint auf meines Oheims Landſitz zugebracht— ſich eigentlich nur auf Di⸗ ſtanz, und zwar auf ſehr weite Diſtanz geliebt haben. Bald war Er in Amerika, und Sie in London, bald ſie in Frankreich und Er in Aegyp⸗ — 230 ₰ ten; dann Er wieder in Liverpvol und ſie in den Pyrenäenbädern; dann ſie in Indien bei einem ihrigen Verwandten, und Er in Nizza und auf den Hyeren. Und dergeſtalt ging's vortrefflich in Liebe und Sehnſucht, in Hangen und Verlan⸗ gen, und ſo weiter.“ „Auf honneur; ein kurioſer Lord!“ machte ich verwundert, dachte aber dabei, wie pikant es ſeyn würde, wenn ich ein paar Jährchen in Spa⸗ nien und auf den Antillen zubringen könnte, wäh⸗ rend meine Bina in Calcutta ſäße oder ſonſt wo. Armadilla hob wiederum an:„Nicht ſo eigent⸗ lich ein Lord, möcht' ich ſagen, obſchon Sir Ri⸗ chard nicht ungern ſich alſo betiteln hört. Sie wiſſen aber, lieber Nachbar, daß man auf dem Feſtland dem reichen Engländer gern den„My⸗ lord“ gibt, und wenn er nur ein zur Ruhe geſetz⸗ ter Bierbrauer wäre. Mein Oheim iſt aus einer bürgerlichen Familie, die ſtock⸗, ſtein⸗ und grund⸗ reich geweſen von Anbeginn bis heute, daneben wunderlich und ſeltſam gelaunt, trotz des nobelſten Peergeſchlechts. Ich weiß nicht mehr, wie viele — 231— von den Vorfahren meines Onkels ſich gehenkt und erſchoſſen haben, gleich als wären ſie vom beſten Adel. Immer aus Lebensüberdruß, weil ihnen zu wohl geweſen auf Erden. Daß Miſter Richard nicht denſelben Weg eingeſchlagen, hat nur ſein ſteifes unerſchütterliches Chriſtenthum vermocht. Wenn es ihn eben anwandelt, iſt er ein Puritaner erſter Sorte. Er verachtet die Menſchheit, weil ſie ihm nicht chriſtlich genug; aber denen, die er verabſcheut, hilft er aus Lei⸗ beskräften, wo er nur kann. Er lebt, wie ein Bramine, ohne ein Loth Fleiſch zu genießen; der Wein iſt ihm ein Gräul, wie dem eifrigſten Mu⸗ hamedaner; den Genuß des Tabacks und des Kaffee haßt er, wie die Todſünde. Dieſe beiden Dinge, pflegt er zu ſagen, ſind ſchuld, daß die Menſchheit heutzutage ſo bodenlos ſchlecht gewor⸗ den. Rechnen Sie nun zu den genannten Eigen⸗ ſchaften und Whims hypochondriſche Zuſtände, die ihn bald zur feigſten Traurigkeit herabſtimmen, bald ihn zu grauſamem Uebermuth aufregen, und endlich eine Zerſtreuung, die manchmal in's Un⸗ — 232— glaubliche geht, ſo haben Sie ungefähr einen Umriß ſeines ganzen Weſens. Es iſt ſchwer, mit ihm zu leben, trotz des Adels ſeiner Geſinnung, trotz ſeiner tugendhaften Schwärmerei und ſeiner ſtrengen Rechtlichkeit, und ich geſtehe, daß meine froheſte Stunde ſchlagen würde, wenn mir Frei⸗ heit und Unabhängigkeit von ſeinen Launen werden ſollte!“ Armadilla verhüllte ihre Augen mit dem Schnupftuch. Ich, galant wie immer, und an⸗ gefühligt wie noch nie, tappe leiſe nach ihrer Hand, ſchmunzle leiſe ihr in's Ohr: O Beſteſte, wenn ich armer Sterblicher... Auf Ehre: ſie ließ mich nicht ausreden, zog die Hand zurück, und redete trocken weiter:„Ich habe Ihnen noch nicht geſagt, wie es ſeit Mailand weiter mit mir gegangen. Auch iſt im Grunde davon wenig zu ſagen. Indeſſen, auch das We⸗ nige will ich Ihnen nicht vorenthalten. Wir reisten alſo, wie bemerkt, nach der Schweiz. Dort gab mich Miſter Dreaps-Dreedle in eine ſehr anſtändige Penſion, allwo ich binnen einem ₰ 233— Jahre zu einer Deutſchen, zu einer Franzöſin zu⸗ gleich herandreſſirt wurde, nachdem ich ſchon von Erziehung eine Engländerin geworden, von Geburt eine Spanierin geweſen war...“ Mir fiel das„Hotel des quatre-nations“ ein, in welchem ich zu Lyon oder ſonſt wo logirt hatte. Eine ſehr pikante Angleichung. Doch gab ich ſie nicht laut von mir, wie begreiflich. Dagegen ging Armadillas Mäulchen auf deutſch, mit engliſcher Klarheit, franzöſiſchem Wohllaut und ſpaniſcher Lebendigkeit immerdar fürbaß: „... und nur zu geſchwinde vergingen mir dort die Monate, die ich in Freude und Luſt und mit freundlichen Schulgefährtinnen verlebte, wäh⸗ rend mein Onkel ſeine abenteuerlichen Züge im Oſten und Weſten Europa's fortſetzte. Unver⸗ geßliche Zeit, die leider nur allzuſchnell entſchwand! Damals war es, daß mir eine Bekanntſchaft wurde. die. doch hievon iſt noch nicht Zeit zu reden... 1“ Prrr! Mich überlief es kalt, da ich etwas von einer Bekanntſchaft hörte! — 234— „Endlich kam mein Oheim wieder, holte mich ab, brachte mich zu ſeiner Schweſter, die ebenfalls auf dem Feſtland herumabenteuerte. Was dieſe Tante Jane Matches in Lebenswunderlichkeit leiſtet, hab' ich Ihnen ſchon erzählt. Kein Wunder, daß nach halbjähriger Irrfahrt mit dieſer Sonderlin⸗ gin ich ihr ſo unausſtehlich geworden, als ſie mir. Das Band mußte gelöst werden; mit Vergnügen kehrte ich in die Sklaverei zu meinem Onkel zu⸗ rück, mit dem ich ſeither auf⸗ und abſtreife in Europa, und zwar ſo unbequem als möglich, allen Gaſthausleiden preisgegeben, da er nach ſeinen Grundſätzen mir nicht einmal eine Kammerjungfer erlaubt, ſo wie er ſelber nie einen Bedienten um ſich leidet. Lieber Freund: ein bittres Loos, als eine Touriſtin von Handwerk die Welt ab und zu zu wandern! In neueſter Zeit läßt er mich ſogar oft allein, Wochenlang allein in einem be⸗ liebigen Gaſthof. Zum Beiſpiel in dieſem Hotel. Da ich das Vergnügen hatte, mit Ihnen, werther Nachbar, zugleich hier anzukommen, hatte ich ihn einige Meilen weit von hier begleitet und auf — 235— ein paar Wochen von ihm Abſchied genommen, um hier bis zu ſeiner Rückkehr zu verweilen. Er kömmt nun früher, als ich dachte— wie mir Miſtreß Matches geſagt.... und— ach! ich kann mich ſeiner Ankunft nicht freuen!“ „Ha, wie unvernünftig“— deklamirte ich, in's Geleis kommend—„ſolche Reizungen ohne Schutz und Wache in einer Allerweltsherberge zurückzu⸗ laſſen! Und doch— wie vernünftig!“ fügte ich ſchmelzend hinzu—„da ohne ſolch Beginnen, ma foi, die Ehre Ihrer Bekanntſchaft mir kaum geworden wäre!“ Armadilla fuhr fort, als hätt' ich nichts geſagt: „Und wiſſen Sie den Zweck, das Ziel ſeines je⸗ tzigen unſtäten Treibens? Stellen Sie ſich vor: er will mich verheirathen!“ Assommant! ſchreie ich auf. Und Sie:„Stille, ſtille, kein Geräuſch gemacht! Wie ich Ihnen ſage, ſo iſt es. Er will mich aus⸗ ſpielen, ſo zu ſagen, in einer Lotterie, wo ich nur das Loos des Unglücks ziehen kann. Da hat er in Deutſchland eine Menge von guten Freunden —— —— umherſitzen, Britten, wie Er, reich wie Er, müßig⸗ gehend wie Er. Nach der Reihe trägt er mich den Herren an. welche Schmach! Noch hat keiner ihn bei'm Wort genommen, keiner nur der Mühe werth gehalten, zu kommen, mich anzuſehen, mich kennen zu lernen... welche Kränkung!“ Pardieu! mache ich. „Aber, muß ich nicht mit Angſt und Schrecken erwarten und befürchten, daß endlich — heute, morgen, übermorgen ein mir völlig fremder Freier eintreffe, in deſſen Arme der tyran⸗ niſche Onkel mich unbarmherzig ſchleudert zu mei⸗ nem Verderben— mich, das Geſchöpf und Opfer ſeiner Wetterlaunen? O, velche Lage? Wie aber ſoll ich ihr entfliehen, ich armes ſchwaches waffenloſes Mädchen? Wo ſteht die Hütte, die mir Friede gäbe, wo ſchlägt das Herz, das mei⸗ ner würdig wäre? Ach— nur eine Hütte und ein Herz! aber wo, wo 2 Ich, meiner nicht mehr beſitzend, werfe mich der Holden zu Füßen, und ſtammle in ſüßer Ver⸗ legenheit:„Das Herz, Beſteſte, das Herz wäre — gefunden, par exemple.... und die Hütte, den ich Paff! unterbricht mich die Miß ſehr miß⸗ geſtimmt, ſpringt auf, gibt mir— wahrhaftig— einen Klapps, ruft aus:„Pfui, ſchämen Sie ſich! Sind Sie nicht verheirathet?“ und wie der Wind in's Nebengemach, die Thüre zu, verriegelt und verſperrt, und auf all mein zartes Flehen nichts als„Gute Nacht!“ durch's Schlüſſelloch. Ich endlich, als ein Träumender, Verzwei⸗ felnder, Geiſtesbankerutter taumle an die Salon⸗ thüre,— verriegelt; dann an die gewiſſe Seiten⸗ flügelthüre... à la bonne heure: offen.— Fort in die Heimath! ſeufze ich aus ſchwerer Bruſt, und ſtürze mich in mein Zimmer hinein...! Aber— o nunerforſchliches Faktum—! aus meinem Vorgemach blinkt Licht zu mir herein, und hinter'm Licht glotzt die rothe Angelika mir n's weiße Angeſicht! Eine ſaubere Beſcheerung! — Daher ein neuer Abſchnitt. VI. Wirrwarr, Imbroglio, Braonillamini. Ich fahre, weil überraſcht, ertappt und beſtürzt, ja überſtürzt, das Weibsbild an:„Bliß noch einmal! Was macht Sie da?“ Das Weibsbild erwiedert mit neugieriger Un⸗ verſchämtheit(ich ſchenke, in Anbetracht der Dring⸗ lichkeit, dem„Geneigteſten“ Dialekt und Muſik): Ha, was werd' ich machen? Hab' das Waſſer gebracht zum Waſchen. Was aber machen Sie da? Ich hab' gemeint, der Herr ſei noch ſpa⸗ zieren und nicht da... und auf einmal kommt der Herr als wie vom Himmel herein, daß mir alle Glieder zittern vor Schrecken... 7 Ich— o ich war ein großes Rinde!— ich greife in die Taſche, fange einen Zwanziger her⸗ aus und gebe ihn ſothanem Weibsbild mit dem drohenden Rathe:„Halte Sie's Maul, verſteht Sie mich? Sie hat mich nicht geſehen, verſteht Sie mich?“ Das Weibsbild nimmt allerdings das Geld, fletſcht aber dabei die Zähne mit ſchmachlichem Grinſen und ſagt: Ha, wie werd' ich Sie denn nicht geſehen haben? Ich ſeh' Sie ja noch vor mir, und zu der Thüre da ſeyn Sie hereingekom⸗ men(ſprich: innecho)? „Aber, zum Teufel, Sie ſoll das keinem Menſchen ſagen, ſonſt dreh' ich ihr den Hals um!“ — Ha ſo? Meinetwegen. Adje.— Der Trampel zur Thüre hinaus. Eine ſchöne Geſchichte! Was war nun zu thun? Noch einmal hinübergehen zu der ſchnöden Miß? O nein, o nein! Meine Gefühlungen und Empfindniſſe hatte ſie mit Füßen getreten pftt Oder zu Bette gehen? Wie aber ſchlafen im Sturme der Leidenſchaft, mit Haß und Liebe in einem Bette? Unmöglich. Aber nachſchleichen der hinter meine Schliche k.ccn ee —— gekommenen Angelika? à la bonne heure; das war etwas anderes. Unten horchen hin, horchen her.. ein Stündchen mit Plaudern und Lauſchen hinwürgen..? das konnte ich, das mußte ich ſogar, auf die Gefahr hin, da es noch nicht elf Uhr geſchlagen und noch viele Gäſte im Speiſe⸗ ſaal, allerlei von einem zu hören, der aus dem Theater geſchmiſſen worden.— Enfin, ich ging hinunter.— Und nun beliebe der„Geneigteſte“ ſich den Abend zu bemerken, an welchem ein böſer Geiſt nach dem andern mich ad coram genom⸗ men.. dieſen vorläuferiſchen Abend von pas mal de Schreckniſſen und Hexenabenteuern! Noch in der Erinnerung ſträubt ſich mir das Herz, das Haar klopft mächtig, und Kälteseiſe adert mir durch alle Schleichen! Alſo: wie geſagt, ging ich hinunter; das heißt, ich ging noch nicht eigentlich hinunter, ſondern war nur vorderhand auf dem Wege, hinunter⸗ zugehen, war ſogar, möcht' ich ſagen, erſt auf dem Flur, wo gewöhnlich Gasflammen zu brennen pfleg⸗ ten, die jedoch an jenem Abend nicht brannten, — 241— wie der„Geneigteſte“ vielleicht ſchon weiß. Und ich rufe eben in die dunkle Halle us gepreßter Bruſt: O Weiber, Weiber! Sehr natürlich, daß ich das rief, weil eben von dem Weibe Armadilla ſchändlich gemaßregelt, mal behandelt und ſchlecht traktirt. Aber. aber! man ſoll nicht„Teufel!“ rufen, ſonſt kommt der Teufel. Ich hätte dieſem noch gar nicht dageweſenen und einzig daſtehenden Werke einen Plan des Hotels Wiſperling zur beſſern Verſtändigung der Dinge beigelegt, aber der Herausgeber war zu geizig, um das zu erlauben und zu beſorgen. Der neidiſche Burſche äußerte ſogar: So? auch noch ein Wirthshausplan in einem Buche, das überhaupt ohne Plan? Dieſe ſaubere Sentenz wird die Mit⸗ und die Nachwelt richten, nach Gebühr; je m'abstiens. Allein— wenn ein Plan des Hotels beiläge, ſo würde der„Geneigteſte“ jetzt ſchon wiſſen, daß aus dem Logis des dicken Louis, aus ſeiner Wei⸗ ber⸗ und Kinderſtube, aus ſeinem Harem enſin Luſtige Geſchichten II. 16 kxRee —— ein Gang direkt bis auf meinen Vorflur führt. Und kaum rufe ich: Weiber, o Weiber! ſo geht ſelbige Gangthür auf, ein Licht erſcheint, und, daſſelbe in der Hand, des dicken Louis eigene perſönliche Gattin! Ein Engel zur rechten Stunde! denk' ich, und fliege ihr entgegen, weil bedürftig eines Herzens, eines wohlgeneigten. Sie aber ſtreckt abwehrend die Hand gegen mich aus, flüſternd:„Mein Mann„1 Ich ſtutzte wieder einmal, aber alſogleich werd' ich zu Marmor, denn die Abwehrende greift mich plötzlich an— bei der Bruſt packt ſie mich an, und ihre Lippen ſtammeln zitternd, während ihre Augen ſtieren: Wie... alſo doch?. Was thun Sie? wenn mein Mann das ſähe. Sie dürfen das nicht tragen...! Und reißt mir aus dem Knopfloch das Bouquet, das bewußte;— geſagt und gethan war alles in einer Sekunde,— und mit dem Sträußchen zum Tempel hinaus... in's Harem wieder hinein! Ich ſtehe im Finſtern, ich kenne mich nicht mehr aus z ein begoſſener Hund, ein ertappter Schmuggler ſind nur Chimäre, gegen mich gehal⸗ ten— mit mir verglichen. Dem gewiſſen Barbier zu Flätz iſt ſicherlich nie ſo ochſig zu Muthe geweſen, wie mir, da ich mich meines Sträußchens entplün⸗ dert ſah durch die Hände Derjenigen, die mir's gegeben, das Sträußchen. Wunderbar wie dennoch der anatomiſche Menſch ſeine Verrichtungen fortſetzt, wenn ihm auch der Kopf davon gelaufen!— Mitten in meiner Ver⸗ ſteinerung, eine zweite Zampa, die Marmorbraut, gleite ich die Treppe hinunter, ſtehe ich vor der Glasthür des Speiſeſaals..? und darinnen geht es luſtig und lebendig, aber ſehr lebendig her. Geſchrei, Gejubel, Räſonniren und Lachen durch⸗ einander.— Ich hinein, ein Menſch zu Menſchen, zu männlichen Menſchen, weil die Weiblichkeit en bloc mir heute einen Affront nach dem andern gemacht. Der Saal voll von Herren, die ſtehend, die gehend, die wenigſtens ſitzend, Alle haſelirend wie von den wichtigſten Neuigkeiten.— Ehe ich noch 3 D. 244— fragen kann, ob vielleicht Paris in Brand, Lon⸗ don unter Waſſer, oder Konſtantinopel ſonſt wo, umringen mich bekannte und unbekannte Geſichter, vorn dran Freund Wiſperling mit ſeltner Be⸗ weglichkeit, die leibhaftige Neugierde, und alle ſchnarchen und ranzen mich an:„Waren ſie im Theater? Kommen Sie aus dem Theater? Erzählen Sie doch O weh! dachte ich: da muß ſtarr geleugnet werden, wenn ich nicht wegen der unfreiwilligen Contremarque, die ich genommen, ausgelacht wer⸗ den will!— Und ich antworte mit einer Stirn, die — auf honneur— wie ein Brett, ein glattgeho⸗ beltes: Nein meine Herren, war nicht im Theater. Was hat ſich zugetragen im Theater? Hat's was gegeben im Theater?— Und die Andern hier⸗ auf: O Schade, ſchade Sie wiſſen alſo nicht Worauf ich in mich hineinkichere: Schafsköpfe! Ihr wißt alſo nicht.. und tant mieux! und ſo weiter. Ein junger Enthuſiaſt gröhlt mich an: — 245— Die Diodora hat gottvoll geſpielt, und hat's trefflich gemacht, namentlich zuletzt. Der dicke Louis dagegen brummt mir bedenk⸗ lich ins Ohr: Was doch auch der Frau eingefal⸗ len iſt.. l ich möchte nur wiſſen.. 2 Ein herrlicher Witz! ſchreit dagegen ein rother Vollbart: Sind ſchier des Teufels geworden, die Heuler!— Ei, ei! macht kopfſchüttelnd und achſelzuckend ein blaßer Reac: die herrſchaftliche Loge wurde gleich leer! Prächtig, prächtig geweſen! jubelt ein Chor von jungen Herren. Hm! Hm! murmelt ein andrer Chor von alten Herren. Und ich, der ich nicht wußte platterdings, von was die Rede, ſpitze das Ohr hin, ſpitze das Ohr her, und„Wie ſo? Was denn? darf ich fragen... 7“ rufe ich lange vergebens, bis endlich der Knoten aufgeht, der Knäuel ſich entwirrt, und ich zu begreifen und zu verſtehen anfange. Was iſt's geweſen„Geneigteſter?“ Die Diodora hatte das Stück zu Ende geſpielt, der Vorhang war gefallen, die Zuſchauer wollten abziehen, da riefen einige Claqueurs die Künſt⸗ lerin heraus. Nun— ganz in der Ordnung. Sogar der allerhöchſte Hof war damit einverſtan⸗ den, und blieb.— Da— oUcberraſchung! tritt Diodora vor die Lampe, ſchwingend die deutſche Trikolore... eine Kabale von ſchwärmeriſchen Jünglingen wiegelt das Orcheſter auf, und es ſpielt das Lied:„Was iſt des Deutſchen Vaterland“ und die Künſtlerin fingt es mit hinreißender Stimme und Geberde und darüber geht denn ein Volks⸗ ſpektakel los.... der Bravo's und Bravo's iſt kein Ende.... der Hof verſchwindet, ein paar Ziſcher werden volksthümlich hinauscomplimen⸗ tirt.... und endlich geht alles höchſt beſeligt auseinander. Voilä. Ohne Zweifel war der Moment ſehr erhe⸗ bend— der ganze Publikus war aufgeſtanden— und ich bedauerte, das Theater zu früh zu verlaſſen veranlaßt worden zu ſeyn.— Was hatte ich nun davon? Mit Armadilla brouillirt, mit Madame Wiſperling zerfallen, ein zartes Geheimniß an die — 247— rothe Angelika verrathen.... o Himmel, welch eine ſchiefe Stellung und Lage! Diodora's Zaubergeſtalt allein, die plötzlich kerzengerade vor mir ſtand, die wallende Fahne in der Hand— im Geiſte ſtand ſie vor mir— erhob meine ſinkende Empfindniß, daß ich gleich⸗ ſam ſchwebte ob dem Getümmel im Speiſeſalon, das ſich erging in Frohlocken und Mißbilligung, in fröhlichen Toaſten und in lebhaftem Streit und Hader für und wider die Künſtlerin. O, hätt' ich ſie nur geſehen, umgürtet mit dem ganzen Stolze unſers Deutſchlands! Es iſt ein groß Vergnügen, mit der Menge zu ſchreien, zu ſchwärmen, zu rebellen! Man kann da ſo ſchön mitmachen und ſich gehen laſſen— und hinterher iſt man's nicht geweſen, thut man nicht dergleichen..! Um den Glanz des Abends voll zu machen, rückte noch eine Muſikbande vor's Haus, und ein Stück Liedertafel war dabei, und viel Patriotis⸗ mus wurde gemacht mit Menſchenſtimmen, Klari⸗ netten und Poſaunen; denn das Ständchen galt — 248— der herrlichen Diodora... die auch im dritten Stockwerk auf den Balkon trat— im weißen Nachtgewand, und herabredete zum Volk. Ich war ſchon ſo ſehr ergriffen und habe doch von ihrer Rede nichts verſtanden— wie wäre es erſt geworden, wenn ich ſie verſtanden hätte? Um meinen Schlaf, um meine Ruhe wäre es auf lange geſchehen geweſen..1 So aber begnügte ich mich mit irgend einer Flaſche Sillery, träumte und ſchäumte von der Ge⸗ liebten— ich meine die große Schauſpielerin— und mittlerweile machte die Polizei, glaube ich, dem Ständchen Anſtände, den Kehraus, den Gar⸗ aus, und in ſüßer Verwirrung ſuchte ich mein Lager, fortträumend von Ihr und nur von Ihr.... vergeſſend, was mich gedrückt, nur denkend an was mich beglückt, und— gute Nacht Welt!— So etwas muß man ſchon ſelbſt erlebt haben, um— und ſo weiter. Et pourtant: Was iſt der Menſch?„Halb Thier, halb Bengel“ wie Friedrich der Große geſagt. Die Freude iſt nur das Thor zum Leide... und ſo lag ich denn auch, wenn ſchon freudevoll und im weichen Bette, zugleich am Vorabend ſchwülſtiger Ereigniſſe.— Der Tag kam, wie er zu thun verpflichtet iſt; der Hausknecht kam, meine Fenſterladen aufzu⸗ ſperren, wie ſeine Schuldigkeit. Ich kam eben⸗ falls wieder zu mir, zum irdiſchen Leben nach Traumesſeligkeit. Mir war wohlig— auf Seele— wie faſt noch nie. Unheilvoller Trug und böſe Vorbedeutung. Ich hatte mich dergeſtalt in die große Künſt⸗ lerin hineingedacht, daß ich darüber merkwürdig deutſch, rein deutſch geworden, und über den hal⸗ ben Tag kein Wörtlein Franzöſiſch von mir gege⸗ ben. Auffallend, beiſpiellos und dennoch wahr. Der„Geneigteſte“ wird's bald merken. Ich hatte mir ferner einen Plan gemacht, einen feinen waſſerdichten. Der Tag ſollte nicht nur dem ſtillen Fortſchritte meines Bartwuchſes geweiht ſeyn... nein: ich wollte thun, was ich ſo faſt in meinem Leben nicht gethan. Ich wollte in Pveſie thun.... ich wollte machen ein Ge⸗ — 250— dicht, ein hohes Lied in Verſen auf die hehre Diodora, und ihr's zu Mittag in der Suppe— nemlich auf dem Suppenteller unter dem Teller⸗ tuch beibringen.. eine namenloſe Huldigung! Natürlich durft' ich nicht geſtört werden in meiner arbeitenden Begeiſterung..... die ſchnöde Armadilla ſollte nur klopfen und reumüthig den Nachbar locken... nichts da; taub wie Eis. Die Hausfrau ſollte mir nur noch einmal kommen mit einem Bouquet... Sträußchen, wollt' ich ſagen.. ei ja; warum nicht gar! kalt wie Schnee... nichts da; nur Diodora, Diodora! Um denn allein und nicht beunruhigt zu ſeyn, beſtelle ich den Kaffee auf mein Zimmer. Kaſimir macht darüber ein ſchiefes Maul; moi je m'en... ich mache mir den Teufel daraus, wollt' ich ſagen.— Papier her, Dinte her, Feder her.. alles bereit. Nach dem Kaffee— ich nenn' ihn ſo, weil ich kein deutſches Wort dafür weiß— ſoll's losgehen. Ich ſchreite auf und ab... ich habe ſchon zwei göttliche Reime:„Diodore“ und„Trikolore“ —— — es gährt und ſiedet ganz ſchilleriſch in mir herum...; C6ei Armadilla regt ſich kein Mäus⸗ chen— die Verſtockte! auch von der Wiſperling nicht die Spur zu vernehmen,. die Abſcheuliche!) ich reime weiter... ſchon hab' ich wieder einen himmliſchen Reim:—„ſel'ge Stunde“— wozu herrlich klappen würde„ſüße Wunde“ oder „Siegeskunde“?(die Wahl that weh,— indeſſen war ich ſchon halb und halb entſchloſſen, die „Wunde“ zu behalten, weil„Kunde“ denn doch mehr oder weniger an den Kaufmann erinnert, und ich gern unerkannt bleiben wollte.)— Ja; ſo weit war ich ſchon, da trabt der„Stupideſte“ mit dem Frühbrauntrank herein, ſetzt ihn hin, ant⸗ wortet ungefragt„Schön“ und geht ab. Ich habe Hunger;— warum ſollt' ich das läugnen? Der Umgang mit denen Muſen macht Hunger, alle Dichter ſind hungrig. Ich greife zu. mir fallen wieder ein paar Reime ein, brave Reime, wie gefunden, wie geſchenkt.... „mit Verlangen“ und„Dich umfangen“...1 Sind vielleicht wohl gar noch nicht dageweſen, dieſe — 252— Reime... Ich trinke einen Schluck,... meine gen Himmel verzuckten Augen werden wieder hell für die Dinge auf Erden... was ſeh' ich nun 2 was? „Zwiſchen Lipp' und Kelchesrand“ ſo zwiſchen Zuckerſchale und Kaffeekanne ſeh' ich ein Briefchen liegen, ein niedlich anſchmachtend Velinbriefchen.... es ſchlummert da wie eine Blüthe, wie ein Täubchen, wie ein Stück Unſchulds⸗ ſchnee... ach! Ein Briefchen, nicht mit der Poſt gekommen, nicht überſchrieben mit Bina's männlichen Zügen— im Gegentheil: von einer zarten Frauenhand, einer ächten Damenhand über⸗ ſchrieben an„Herrn Theophil Langenſtrick!“ Vor⸗ und Zuname! Wie wunderlich! Das kam von Armadilla oder von der Wiſperling! Den Theo⸗ phil hatte die Erſtere aus meinem Munde,— die Letztere konnte ihn aus dem Fremdenbuch geſchöpft haben... Richtig; Eine von beiden: ein Brief⸗ chen alſo, von Reue und Sehnſucht, von Bitten und Seufzern voll, übervoll ohne Zweifel!— So ahnte, ſo hoffte ich, und weidete mich eine — 253— Weile an der ſüßen Beute, die mir der Liebesgott in's Garn gejagt— weidete mich, ohne das Briefchen zu öffnen.— Jedennoch: auch dieſe Eröffnung mußte einmal ſtattfinden— die Thurm⸗ uhr draußen ſchlug eben zehn Uhr— ein Ruck, und das Siegel, das eine lachende Maske für⸗ ſtellte, war gebrochen, das Blatt entfaltet... und ein paar Zeilen enthielt es... mein kauf⸗ männiſches Auge flog hinab bis zur Unter⸗ ſchrift... Himmel und Allerlei! was war das? Diodora?. Wahrlich:„Diodora“ ſtand unter den paar Zeilen! Wie mir doch plötzlich ſo ganz kurios wurde!!! Das Briefchen ſprach mich folgendermaßen an: (Es ſprach mich ſehr an, und aus jedem der kleinen niedlichen Buchſtaben zielte der bekannte Kupidus mit ſcharfen Pfeilen auf mein Herz): .„Sehr geehrter Herr;“ „Werden Sie zürnen, wenn ich es wage, Sie 5 zu erſuchen, mir heute Vormittags die Ehre Ihres Beſuches zu ſchenken? Ich wohne im dritten — 254— Stock, Nummer Siebenundzwanzig, vorn heraus. 5 Ich werde von zehn bis elf Uhr für Sie zu Hauſe ſeyn— nur für Sie.“ „Ihre ganz ergebene Dienerin Diodora.“ Nur für mich... nur für mich!! Welch eine Hochgefühlung ſäuſelte mir von der Zehe bis zum Wirbel, vom Wirbel bis zur Sohle hin!!! O ich glücklicher Menſch! O ich elender Menſch! Elend deßwegen, weil ſchon zehn Uhr vorüber, weil ſchon ſtark ziehend der Zeiger auf halb Elf!! Wie ich mich tummelte und in meine verfüh⸗ reriſchen Gewänder fuhr! Wie geſchwind ich mich gehaarkräuſelt, mich durch und durch wohlgerucht habe! Ich war im Spiegel zufrieden mit mir, etwas blaß ſah ich aus, weil der Bart ſchon ein mächtiges Klardunkel auf mein Geſicht warf— nun, die Bläſſe ſtand mir gut, und der Bart auch, kleine Gräulichkeiten abgerechnet, die aber in der Eile nicht wegzuputzen waren.— Sodann Hand⸗ ————— — 255— ſchuhe her, den feinen Hut her— fertig im Nu. Alles liegen und ſtehen laſſend, wie es ſtand und lag, und hinaufgeflogen über die zwei Treppen, daß mir die Herzkammern Nummer Eins und Nummer Zwei beträchtlich krachten.— Gott! dachte ich bei mir während des Aufflugs: wie konnte der dicke Louis dieſe Diodora, dieſe Köni⸗ gin der Welt ſo hoch hinauf einherbergen? Und dennoch: iſt nicht angezeigt, daß die Himmliſche ſo nah als möglich wohne dem Himmel? Da— da— da ſteh' ich vor Nummer 27. — Auf einem niedrigen Rohrſeſſel davor ſitzt ein Weibsgeſchöpf, wie ein Drache bei'm Schatz; nicht ſchön, nicht ſauber, nicht jung, um ſo wach⸗ ſamer. Ich ſage Frulein Diodor 2 Nicht zu Hauſe.—„Nicht.. ich heiße Lan⸗ genſtrick.“— Ah ſo. Allerdings zu Hauſe.— Das Kreatur lächelt, öffnet halb die Thür, ſchiebt mich vertraulich hinein. Drinnen ſteh ich von allerlei Wohlgerüchen umſchwängert, drinnen im Heiligthum. Niemand im Zimmer. Aber nebenan klafft ein — 256— Thürchen. Ich räuſpere mich anſtändig. Ein großartig Antlitz erſcheint in der klaffenden Pforte. Eine weiße Hand winkt mir zu indem ich mich dem geheimnißvollen Pförtchen nähere, weiß ich nicht mehr ob ich gehe auf meinem Kopf, oder auf meinen Stiefelabſätzen... nicht doch: ich trug an jenem Tage Kamaſchen... Knöpfüber⸗ ſtrümpfe will ich ſagen.— Hierauf drinnen im innerſten Heiligthum, im Schlafkabinet der Bühnen⸗ heldin, die mich empfängt im reizendſten Nachtkleid. Wie mir zu Sinn war? Ja, ja wahrhaftig: die Natur, da ſie Diodoren geboren, hätte mund⸗ todt gemacht werden ſollen, ſo verſchwenderiſch hat ſie ſich bei jener Gelegenheit aufgeführt. Wie ſchon einmal angedeutet: meine denn doch im großen Maaßſtab ausgeführte Bina ein armes Geſchöpf, gegen dieſen ungeheuern Reichthum ge⸗ halten. Ich ſage nicht mehr,„Geneigteſter“. Das Kloſet war eng aber ſehr anſtändig, das Lager mit Vorhängen ſtreng verhüllt— zwei Armſeſſel ſtanden da. In dem einen thronte Diodora, den zweiten wies ſie mir an. —— — 257— Feierliche Stille ringsum.„Sie haben befoh⸗ len...“ſtackſte und ſtotterte ich endlich. Und hierauf hob bei Ihr die Rede an, fließend und unaufhaltſam, eine Muſik der Sfären— der Himmelskugeln, ſage ich. Mein Herr; hob Sie an: Wer mich näher kennt, weiß— ich verſichere Sie deſſen, und die Wahrheitsliebe iſt vielleicht meine beſte Eigen⸗ ſchaft— weiß alſo, daß nur die höchſte Dring⸗ lichkeit der Umſtände mich veranlaſſen konnte, an einen Mann die Einladung zu richten, die ich an Sie ergehen ließ. Sittlichkeit, und zwar in den engſten Grenzen, iſt die Tugend des Weibes; noch höher als alle andern Pflichten geboten iſt dieſe Tugend der Frau, die von der Bühne herab zu wirken berufen. Nicht der leiſeſte Schein einer Unziemlichkeit, nicht der bläſſeſte Makel ſoll haften auf der Künſtlerin;— ſo verſtehe ich das Leben bei der Bühne. Alſo: nur das Zufammenwalten der dringendſten Umſtände ließ mich an Sie ſchrei⸗ ben, mein Herr. Ich zweifelte nicht, daß Sie meiner Bitte Raum geben würden, denn erſtens— Luſtige Geſchichten. 1I. 17 — 258— o lächeln Sie nicht über den Scharfblick einer Dame, die da weiß, daß ſie nicht ſelten einigen Ein⸗ fluß auf das männliche Geſchlecht geübt— erſtens hatte ich bemerkt, daß Sie mir an der Tafel einige Aufmerkſamkeit geſchenkt, was mir geſchmeichelt, was mich ſtolz gemacht— und zweitens habe ich durch meinen Sekretär erfahren, daß Sie in der geſtrigen Vorſtellung geweſen... daß Sie alſo geſehen, was ich geleiſtet, was ich geſchaffen—— und wiederum ſchmeichle ich mir, daß Ihr Urtheil nicht zu meinem Nachtheil ausgefallen.... 7 „O, o, o, o!! ſehr nicht, äußerſt ſehr nicht! „ſtammelte ich und ſcharrte mit den Füßen bedeu⸗ tend...— Und darum hab' ich mich unterſtanden, fuhr Sie fort, in einer wichtigen Angelegenheit, der wichtigſten vielleicht meines Lebens, mich gerade⸗ zu an Sie zu wenden. Mit ein paar Worten iſt's gethan. Von der Begeiſterung des Publikums ſelbſt begeiſtert, hingeriſſen, berauſcht von dem Gott in mir, bin ich, da man mich hervorrief, mit der teutſchen Fahne aufgetreten, und habe, wie ſchon an andern Orten, eine patriotiſche Kund⸗ — 259— gebung geſtegreift mit höchſtem Erfolg der Aner⸗ kennung. Ich bereue es nicht: ich rühme mich deſſen, denn ich bin im Kerne über Alles teutſch, ein teutſches Weib, eine teutſche Künſtlerin! „Ah, ah, ah! o ſehre! äußerſt ſehre!“ mache ich wieder, und Sie macht weiter: Konnte ich jedoch ahnen mit der leiſeſten Faſer meines Daſeyns, daß dieſer mein Stegreifſchritt und Geſang, und die teutſche Fahne— ich habe ſie immer bei mir— Anſtoß beim allerhöchſten Hof allhier geben würden? Und dennoch war es ſo. Die regierende Familie ging zürnend weg; der Intendant machte mir Grobheiten hinter der Kouliſſe; die Komödianten liefen vor mir davon, wie vor der leibhaftigen Peſt; die Polizei verjagte die wohlgeſinnten Künſtler, die mir eine Serenade brachten, und heute— hier iſt der Brief, das Siegel— heute erhalte ich von Oben die Anzeige, daß meine Gaſtrollen nicht ferner zu geben, daß meine geſtrige Leiſtung nicht zu honoriren, daß ich ferner binnen drei Tagen die Stadt zu ver⸗ laſſem —— „Fatal, fatal! unerhört!“ mache ich wieder, aber auch mir wurde ſo von ferne etwas fatal. Eine leiſe Faſer meines Daſeyns fing zu ahnen an, ich wußte nicht recht, was? Nun bemerken Sie, redete Diodora weiter— (die Lebendigkeit ihres Vortrags ſchien ſie ange⸗ griffen zu haben, denn wirklich waren ihre Züge nicht ſo großartig ſchön geblieben, wie ſie zuvor geweſen) nun bemerken Sie, daß ich mich in der größten Verlegenheit befinde. Sehen Sie: wir Künſtler ſind an und für ſich nicht zum Reich⸗ werden geboren... unſere Garderobe und Atours freſſen viel Ein ziemlich unanſtändiger Ausdruck„Geneig⸗ teſter“ he ²) .. Die Bettelei von Kameraden und anderm Kunſtgeſindel ſchluckt enorme Summen... das Mitleid iſt des Weibes Schmuck.... dann die Reiſen und die theuern Gaſthöfe... patriotiſche Sammlungen, Kleinkinderbewahranſtalten, Suppen⸗ vereine und dergleichen.... die Thaler geh'n und nirmals kehren ſie wieder...!—(Diodora — 261— ſeufzte; aber dieſe Finanzerläuterungen machten ſie nicht ſchöner. Weiber ſollten nie vom Gelde reden, höchſtens nur von dem, das ſie haben.) . Zwar— machte ſie immer weiter— wiſſen manche von den Theaterdamen ſich zu hel⸗ fen— auf Koſten ihrer Ehre, ihres Selbſtgefühls, ihres Rufs, des höchſten Guts auf Erden thun ſie das. Aber o des Gräuls! Sollte ich, ich, Diodora, den Weg des Laſters gehen..2 Pfui! nicht um die Welt; eher den blaſſen Tod, eher den Dolch durch mein Herz, von eigner Hand geführt! „Mein Gott! nur nicht dieſen fürchterlichen Gedanken, nur nicht dieſe Sprache!“ rufe ich, um galant zu ſeyn. In Wahrheit aber machte ſich Diodorens Geſicht nachgerade häßlich, wie das einer Meduſia. Auf einmal lächelte ſie jedoch kümmerlich, gezwungen, ja etwas frivol, da ſie fortſetzte: Nicht etwa, als ob ich nicht ahnte, was Liebe ſei... dieſe noch mir unbekannte Empfindung. Ich ahne ſie ſchwärmeriſch, wie etwa die Seligkeit nach dem Tode, den Himmel — —— — 262— jenſeits der dürren Erde! O, mein geliebter Freund— laſſen Sie mich immerhin Sie ſo nennen—(Sie ergriff dabei meine Hand, und ich ließ ſie machen, aber meine Empfindniß war ſehr unbeſtimmt, ſehr zweideutig.... es muß ein unbeſchreibliches Gefühl ſeyn, den Mann gefunden zu haben, der unſer werth iſt, der vom Schickſal beſtimmt worden, unſer Schutz und Schirm, unſer Heiliger und unſre Liebe zu ſeyn!—(Wieder ein Seufzer, und ein Blick, vor dem ich roth wurde, und plötzlich ließ mich die große dicke fette Hand los.. ich athme freier... und Diodora ſpricht ganz abgekühlt, wie ich, weitert) Wenn ich aber je dieſem Gefühl mich hingeben ſollte, und mich verſtricken in die Leiden⸗ ſchaft, müßte ich frei ſeyn von den ſchnöden Ban⸗ den, die ſo oft und leider im Leben uns die Hände binden. Kein irdiſcher Mangel dürfte mit mir zu Tiſche ſitzen; gebieten müßt' ich können dem gemeinen Leben... während jetzo, heute, unglücklicher Weiſe das elende Alltagsgetriebe mich, die Künſtlerin beherrſcht! Wenn ich Ihnen ſage, V daß ich nun geldlos hier ſitze, wo ich ſehr viel Geld zu verdienen hoffte... daß ich Schulden habe, die ich verſprochen hier abzuzahlen..2 Rothſchneider und Kompagnie haben einen Wechſel von dreihundert Thalern, den ich acceptirt, in Händen... wenn ich Ihnen das Alles geſtehe, mit der Bitte um Ihren Rath und Ihre Hülfe, ſo werden Sie jetzt wohl im Klaren ſeyn? O wie eckelhaft! Freilich war ich bereits im Kanton Glarus, wie man zu ſagen pflegt. Eine ſchöne Geſchichte, in die mich die feiſte geſchminkte Perſon gern verwickelt hätte... mit Begierde hätte ſie das. Man brauchte nur ihre habſüchtigen Augen, den egviſtiſchen Krummſchnabel, den lüſter⸗ nen breiten Mund der Theaterprinzeſſin, und ihre ſchlemmerhafte Aufblähung in dem Seſſel, der kaum Platz für das Fettgebäude hatte, unparteiiſch zu beſehen, um zu wiſſen, wie viel es geſchlagen. Und ich war noch obendrein, wie ich ſpürte, Partei in der Sache. Wie eckelhaft mußte mir daher die Komödie vorkommen! Niederträchtig, einem ſoliden Mann ſo frech an den Geldbeutel zu wollen! — 264— Und da ich ſchweige, denn— was ſollt' ich da ſagen?— legt Diodora wieder los, packt mich mit ihren Fäuſten, und ruft gedämpft: Mit einem Wort: verbürgen Sie ſich bei Rothſchneider für die dreihundert Thaler, leihen Sie mir andere dreihundert auf meine Unterſchrift, damit ich flott werde, und beſtimmen Sie ſelbſt, wie und auf welche Weiſe ich Ihnen zu danken, und den Lie⸗ besdienſt wett zu machen habe!— Nein, das war denn doch zu arg! Mir ſolche Zumuthungen! Welch ein erbärmliches Inviduduum iſt doch eine Künſtlerin, die Alles verputzt und vergendet, die Schulden hat und ſo weiter! Ich habe gar keinen Reſpekt vor der Kunſt, die nach Brod geht, indem ſie den armen Kapitaliſten die Piſtole auf die Bruſt ſetzt. Die widerliche Perſon, die! Sie iſt ſo unanſtändig, die Zumuthung zu wiederholen. macht Anſtalten, mich zu um⸗ armen..! Nun, da ging mir die Geduld aus. War ich ſchon bereits über den ganzen Vormittag deutſch, ja ſogar teutſch geweſen, ſo wurde ich jetzo allerteutſcheſt, auf Seele! Das will — 265— heißen: ohne Menſchenfurcht und ohne Weiber⸗ vergötterung ſagte ich die Wahrheit dick und dünn heraus. „Madame, ſagte ich: Sie ſind äußerſt ſehr auf dem Holzwege. Ich bin nicht der Mann, den Sie ſuchen. Nicht der Mann des Darlehens, nicht der Mann der Verbürgung. Beinebſt habe ich gar kein Geld für Sie. Meine Bewunderung wäre Ihnen zu Theil geworden; ſie hat mich bereits geſtern vierzig Kreuzer(ein Parterrebillet) gekoſtet. Mehr kann ich nicht daran wenden; bin ſelbſt hier in Geldaffären verwickelt, die ich einem Darlehen an ein Frauenzimmer verdanke.(Nicht gelogen; der„Geneigteſte“ erinnert ſich an Scho⸗ laſtika.) Madame: es thut mir leid, Ihnen das geſtehen zu müſſen, aber es iſt mein Grundſatz, nichts zu borgen, nichts zu leihen. Meine Be⸗ dauerniß iſt Ihnen in jeder Beziehung gewon⸗ nen;— mehr kann ich nicht thun, bin das meiner gegenwärtigen und zukünftigen Familie ſchuldig. Meinem leiblichen Bruder würde ich keinen Heller geben.(Wieder ſehr wahr.) Dieſes Alles bekenne — — 266— ich Ihnen mit großer Offenheit, und wenn ich Ihnen weiter dienen kann, ſo befehlen Sie.—“ Das war nun ſehr gut gegeben. Was ant⸗ wortet aber hierauf die Hexe von Endor?— denn ſie machte nun ein recht herzlich wüſtes Hexen⸗ geſicht— Sie antwortet, Geringſchätzung heuchelnd, während ihr doch das Feuer auf allen Nägeln brannte: So? das Ihr Beſcheid? Sehr höflich, auf Ehre. Um mir alſo zu antworten, hätten Sie ſich nicht herauf zu bemühen gebraucht. Ein grober Mann, wie Sie, iſt mir noch gar nicht vorge⸗ kommen. Wahrlich: ich hatte ganz andere Dinge von Ihnen erwartet, nach der Empfehlung die Ihnen von Seiten des Gaſtwirths zu Theil geworden. Das ſteigt mir in die Naſe.„Von Seiten des Wiſperling?“ frage ich aufgeregt. Und ſie mit ſchnöd verzogenen Lippen: Ja doch, wie ich Ihnen ſage. Er rühmte Sie mir als einen galanten und freigebigen Herrn, und ſtatt deſſen habe ich einen rohen Kalmäuſer gefunden. Adieu, mein Herr, auf Nimmerwiederſehen! — 267— Nun, das war doch Fraktur geſprochen. Ich that ſchon den Mund auf, um auf den„Kal⸗ mäuſer“ zu dienen; weiß aber nicht, wie es kam: im Nu hatte mich die Furioſa vor die Thüre ge⸗ ſchuppt und dann das Schloß abgeſchnappt.— Trotzig ſetzte ich meinen Hut auf und ging meiner Wege. Und für obiges Weibsbild hätte ich beinahe ein Gedicht gemacht.... Kaum glaublich, aber wahr! Wie ich nun die Treppen hinuntertrotze, zufrieden mit mir, aber unzufrieden mit der ganzen Weibswelt, begegnet mir der dicke Louis. Kam juſt recht, der Heimtücker! Ich zerre ihn auf die Seite, ihn, der ſpöttiſch zwinkernd an mir vorüber wollte, ſtelle ihn ritter⸗ lich, und frage: Sie alſo ſind's geweſen, der mich der Komödiantin in Nummer Siebenundzwanzig als Bürge und Selbſtzahler rekommandirten? Mit der klaſſiſchen Unverſchämtheit ſeiner Pro⸗ feſſivn hat der Kerl die Stirn mir zu erwiedern: Helfe, was helfen kann. Sie wollte mich ſelber anzapfen, und da hab' ich in Gottes Namen auf Sie abgeladen, wohl wiſſend, daß ſie eher vom Gottſeibeiuns als von Ihnen einen Groſchen er⸗ wiſchen würde.— Ich ſage darauf verächtlich:„Solche Späſſe verbitt' ich mir. Wofür halten Sie mich, Herr?“ Er gibt darauf, falſch und ſüßlich: Für einen Herrn, der den Weibern hold iſt.... wenn's eben nichts koſtet. „Sie beleidigen mich,“ fahre ich auf:„Mein Ruf iſt mir theuer, Herr. Ich laufe keiner Schürze nach, wie...“ Da hebt Wiſperling den Zeigefinger, giftig wiſpernd: Geben Sie's nicht zu hoch, und danken Sie Gott, wenn ich dem Lord Dreaps-Dreedle nicht verrathe, was ich von Ihnen weiß!— Das war ſtark, und mir bleibt— auf hon- neur— das Maul offen ſtehen. Der dicke Louis fährt aber fort: Danken Sie Gott, ſage ich, wenn ich ſchweige. Das iſt eine böſe Geſchichte mit der Miß, Ihrer Nachbarin, und hätt' ich das ge⸗ wußt, und hätte mir die Angelika früher was davon geſteckt.... Ich ſtand, wie vom Donner gerührt. Wiſper⸗ ling ſeinerſeits machte Linksum, und verſchwand in ſein Harem.— Angelika! rufe ich aus, zu mir ſelber kommend: Angelika! was muß ich hören? Wie gerufen, kommt das rothe Trampelthier aus einer beliebigen Stube, den Kehrbeſen in der Fauſt. Ich ſpringe auf ſie zu, ihren ſchnöden Undank ihr vorzuhalten. Sie bemerkt ohne Zweifel meine zornmüthige Erregung und hält mir die Lanze ihres Beſens vor. Ich ſuche ihr denſelben zu entwinden. Der Trampel ſchreit, läßt die Waffe fahren und ſpringt die Treppe hinab. Ich folge, den Beſen ſchwingend.— Da fängt mich ein ſtarker Burſche auf: der Hausknecht. Was iſt, was iſt? fragt mich der Menſch mit finſterm Geſichte, mich entwaffnend: Preſſirt's mit der Angelika?— Und ſetzt alſobald drohend hinzu: Hören Sie, Herr Langenſtrick, das Mädel laſſen Sie mir in Ruhe. Ich bin mit ihr ver⸗ ſprochen. Nächſte Oſtern heirathen wir uns, und das Herrengeläuf nach den Mägden iſt nicht mein Guſto, Herr Langenſtrick! — 270— Läßt mich ſtehen perplex, geht hohnlachend dahin, und da ich wieder um mich her ſchaue, um mich in der Lokalität etwas zu morgenlän⸗ dern*), ſeh' ich am Fenſter drüben die Frau Wiſperling, die mir mit dem Finger droht, mit dem Kopfe ſchüttelt und ſo weiter, weil ſie Alles, Alles mit angeſehen! Von dem Moment— leider— kann ich dem „Geneigteſten“ von meinem Thun und Laſſen während der nächſten drei bis vier Stunden nichts, aber auch gar nichts berichten. Ich bin wahr⸗ ſcheinlich herumgelaufen und herumgetollt wie ein Narr, wie ein Beſoffener. Wo war meine Selbſt⸗ zufriedenheit hingekommen? Ma foi, ich weiß nicht, ich war gleichſam vogelfrei, doch nicht luſtig wie ein Vogel; da fehlte viel. Mit einem Wort den Wahnſinn meiner Lage zu bezeichnen, weil verrathen, weil beleidigt, weil mißhandelt von Mannſen und Weibſen: ich verſäumte ſogar das Mittageſſen!!! *) Zu orientiren. D. S. Da mag nun die Nachwelt lernen, was von den Gaſthoffreuden eines Rentiers zu halten ſei. Ich— der guteſte Menſch auf Erden war ohne mein Verſchulden verfeindet mit dem Wirth, mit der Wirthin, geſpannt mit allen Gäſtinnen des Hauſes, zerklüftetmit Angelika, zerfallen mit dem Hausknecht, ein Spott der rothen und nicht rothen Kellnerei. Wahrlich zum Unſinnigwerden. Darum auch ich wild rennend durch Wald und Flur, durch Hofgarten und Baumſchule— bis ein fei⸗ ner Regen mich gelind abkühlte, bis der Abend kam, der dunkle, und die ſchöne Stunde, von der der wackre ſchwäbiſche Uhland fingt: „Doch dem Guten iſt's zu gonnen, „Wenn am Abend ſinkt die Sonnen, „Daß er in ſich kehrt und denkt, „Wo man einen guten trinkt...“ Und ſo geſchah es, daß ich mich mit reſtaurirter Vernunft in einem ganz angenehmen Weinhauſe wiederfand, um auch meinen Magen zu reſtauriren. — Was bald gethan war.— O, wäre ich nur ſodann friſch und fröhlich heimgewandert— vieles — 202% wäre verhütet, manches Unheil nicht geſchehen worden!! Aber— das Schickſal will einmal ſeinen Lauf haben, und was ſeyn ſoll, ſchickt ſich wohl. So ſchickte fich's, daß ich mich mit ein paar ehrlichen Bürgern in eine ehrliche Unterhaltung vertiefte, mit Karten und dergleichen. Das Spiel iſt ſonſt meine Sache nicht, aber ein perfektes Mittel, von üblen Gedanken ſich loszumachen, und das Gemüth angenehm zu zerſtreuen. Das bischen Tarock that mir wohl, ich gewann nicht übel, die Einſätze waren anſtändig geſtellt, ich zog unaufhörlich den Gewinnſt. Da nun immerdar Gut Muth macht, wurde ich gutes Muths, und ſaß bis ſpät— bis Niemand mehr ſpielen mochte. Indeſſen hatte ſich die Stube gefüllt, und ich— mein Geld zuſammenſtreichend— bemerke, daß mir gegenüber zwei Mann ſitzen, die mich fixiren, einander in die Ohren murmeln, und mich dann immer wieder ſixiren. Wenn mich dieſes ſchon ſtaunen macht, ſo ſtaune ich noch heftiger, da ich in dem Einen den gewiſſen Doktor Flip, und in — 273— dem andern den häßlichen jungen Mann erkenne, der im Theater mein Nachbar geweſen, der ur⸗ ſprünglichſte Urheber meines unfreiwilligen Rück⸗ tritts von der Bühne. Eine, möcht' ich ſagen, vernünftige Ahnung dietirte mir auf dieſe Erkennt⸗ niß hin einen ſchleunigen und freiwilligſten Rück⸗ tritt vom Weingeſchäft, und wie gewöhnlich bin ich bereit, der Vernunft zu huldigen, lange meinen Hut vom Nagel, grüße leutſelig meine ehrlichen Bürgersleute, und trete, um fortzugehen, in den Hausgang, der beleuchtet.— Trapp trapp, kommt mir etwas nach. Ich ſehe mich um. Sind's die genannten fixirenden Herren. Mir ſchwant etwas. Das häßliche Jungblut verrennt mir den Weg, und ruft mich an: Sind Sie Derjenige, der ſich unterſtanden, und der großen Diodora, die ihm die Ehre ſchenken wollte, von ihm ein paar ſeiner erknauſerten Thaler zu leihen, einen ſchändlichen Korb gegeben hat? Auf dieſe Attake thue ich, was ich ſchon häufig mit Glück gethan habe: ich gebe mich für einen Luſtige Geſchichten 1I. 18 — 274— Franzoſen aus, und entgegne: Connais pas, comprends pas.— Will darauf fortgehen. Das garſtige Jungblut hält mich jedoch an und feſt, wenn ſchon Flip abmahnend an ihm zerrt und zupft, und ruft: Mein Gott, ſtellen Sie ſich nicht an, ſpielen Sie nicht Komödie. Kenn' ich Sie nicht? Hat nicht auf meinen Wink das Volk den glücklichen Wurf gethan, der Sie aus dem Theater promovirte? Monsieur, Monsieur, laissen-moi! ſage ich, und da er nicht losläßt, geht mir die deutſche Galle über, und ich ſchreie: Wollen Sie mich los laſſen, in's Teufelsnamen? Da verſucht der Burſche ein Attentat gegen mich, oder eigentlicher gegen mein Ohr, meine Wange— will mir Feigen wachſen laſſen, die ein ſolides Haus nicht acceptirt. Ich— ſchon öfter dabei geweſen, und gymnaſtiſch ausgebildet, ſtrecke mich auf die Zehen, werde himmellang. Das Attentat berührt nur meine Bruſt... ich dagegen ſtecke dem Kerl eine von oben herunter, daß er zurückfährt... ich bin frei. Aber Der⸗ jenige ſchreit mir nach: Das iſt Ihr Tod, müſſen ſich mit mir ſchlagen— auf krumme Säbel, auf Piſtolen, auf Kanonen...!— Und was des Unſinns mehr iſt.— Ich aber fort— ſchleunigſt. Der„Geneigteſte“ kennt bereits meine An⸗ ſichten vom Duell. Das Mittelalter mit ſeinen barbariſchen Feudalüberbleibſeln iſt mir als Menſch und Chriſt und immerhin möglichen Familienvater verhaßt. Ich beſchließe, heimgehend mit Klafter⸗ ſchritten, meinen Koffer zu packen, und Babylon zu verlaſſen in angemeſſener Morgenſtunde. Das beſchließ' ich. Und ſo komm' ich bei Wiſperling an.—— Ich war mitten im Gewell furchtbarer Bewe⸗ gungen und Erſchütterungen. Um die Abenteuer, die jetzo folgen, dem„Geneigteſten“ ſo dringlich und maleriſch als möglich vor's entſetzte Gemüth zu führen, will ich mich des Stylum bedienen, den weiland Cäſar, der altrömiſche General und Erfinder des Kaiſerthums in ſeinen Memoiren zu gebrauchen für gut erachtet. Ich will nemlich ein Stück lang von mir reden, wie von Einem, 6— der mich nichts angeht; von einem beliebigen langen Strick und Theophil— mit einem Wort. Langenſtrick war alſo zu Hauſe, nahm aus der untern Stube ein Licht, ſprach kein Wort mit einer Seele, und hob an, ſich nach ſeinem G. mach zu erheben. Der dicke Louis begegnet ihm, und flüſtert ihm zu: Sie werden doch nicht übel genommen haben, was ich Ihnen heut Vor⸗ mittags ſagte? Ich fürchte es beinahe, da Sie nicht zu Tiſche gekommen?— Langenſtrick verzieht ſein fremdartig gefaltetes Geſicht keineswegs— vornehm ſchweigt er— und, wie Herder zu ſagen pflegt: „Alle Dinge wohl beachtend Und Gemeines ſtill verachtend..“ Wiſperling fährt eben deswegen um ſo unterthä⸗ niger fort: Bitte übrigens, Freundes Warnung zu berückſichtigen.... Lord Dreaps-Dreedle iſt heut Abend angekommen... und die Miß... Worauf Theophil ſtolz wegwerfend antwortet: „Je me moque de Vous, du Lord et de la — 277— Miss!“ und treppan trotzt er, wie er am Morgen treppab getrotzt. Und er beſchließt immer mehr, zu packen und zu reiſen, während er ſein Zimmer aufſchließt. Durch das Vorgemächlein ſchreitend, denkt er: Du guter alter Koffer! O bald werden wir zwei Beide ledig ſeyn der Qualen des Ho⸗ tels, der ſchlecht vergoltnen Liebe, der Verſuchung, im Zweikampf zu tödten oder getödtet zu werden, und der albernen leeren Geſpenſterfurcht, die uns von Wollkopp und Kompagnie zugemuthet werden wollte! Und alſo geräth Langenſtrick in ſeine Stube, will das Licht auf den Tiſch ſtellen, ſtrauchelt jedoch, und läßt den Leuchter fallen, denn— o Grauen, o Gräul, o Gräßlichkeit! Die Geſpen⸗ ſter ſind kein leerer Wahn.... und aus dem Bette Theophils— aus ſeinem eigenen Bette ſteigt langſam empor ein ſchauderhaft Gerippe, angethan mit weißem Linnen des Grabes... aufgeſetzt mit einer hohen ſpitzen weißen Todten⸗ und aus hohlem Munde, hohl und tonlos, wenn ſchon markdurchſchneidend, fragt —————— — 278— eben daſſelbige Gebeinich:„Wer da? Wer iſt's?“ und ſo dergleichen. Das Licht fallen laſſen, auf ſeinen Ferſen ſich taumelnd drehen... weil außer ſich, auch aus dem Zimmer wollen, war für Theophil eines Angenblicks Thun und Handeln. Er ſtürzt ſich in den finſtergähnenden Spalt einer Thüre... der gewiſſen Seitenflügelthüre... Wie glücklich, daß er ſchon vor ein paar Tagen das ſtörende Sopha, die polirte Sammetbarrikade, hinwegge⸗ räumt, und längs der Zimmerwand rangirt! Er in Armadilla's Salon, der finſter. Indeſſen hat das Geſpenſt das Licht noch brennend auf⸗ gefangen in ſeinen Knochenfäuſten... und nähert murrend, Eiſeskälte hauchend ſich dem Flüchtling. Daß ſich Theophil fürchtete, war geboten, war natürlich... darum flieht er weiter... in das Schlafgemach der Miß... und weil's auch da ſo finſter wie im Grabe, duckt ſich Langenſtrick zu Boden, iſt im Nu unter'm Bett der ſpaniſchen Engländerin, liegt da auf ſeiner Bruſt dahinge⸗ ſtreckt, und fiebert, friert und ſchwitzt, zähnklappert, — — 0 herzpocht, und vermag nicht, einen armen Schrei aus ſeiner Kehle zu entſenden. Wahrlich,„Ge⸗ neigteſter“: Grand-Fusil hat ſich in hundert Jah⸗ ren nicht in ſolcher Lage befunden— Grand- Fusil— ſtets zum Losgehen bereit... nur damals nicht, als das Geſpenſte, das Licht in der Hand, auf ihn loszugehen nicht aufhörte...! Angſt⸗ geröchel entwand ſich endlich ſeiner Gurgel, und das Geripp in ſeiner Geſpenſterſprache ſchien zu fluchen und zu drohen, nach Leib' und Seel' ihm zu verlangen...! Da hebt es draußen, horch, zum Ueberfluß noch an zu donnern, und dem verfolgten Hingeſtreckten fallt plötzlich der alte Vers ein: Wann's donnert über'm dürren Wald, muß Alles ſterben, jung und alt! Kein Wunder: 's war November, und ein Gewitter um Mitter⸗ nacht! Alle Glocken fangen an zu läuten.. das Geſpenſt tanzt ein gräßliches Solo, mit dem Lichte nach dem Flüchtling ſuchend.... das Wetter ſchlägt ein, denn die Thüre des Salons ſpringt auf.. ein Meer von Glanz ſtrömt herein.... — 280— Geſtalten ſtrömen herein.... weibliche, männ⸗ liche ein Kellner. WMiß Armadilla... Langenſtrick, dem das Geſpenſt ganz nahe, kriecht wild aus ſeinem Verſteck, und flüchtet in den Saal, mit neuer Faſſung und muthig nach Hülfe rufend.... das Geſpenſt hinter ihm drein. Der Kaſimich entſpringt mit rohem Gewieher... Armadilla, der zu Füßen ich— der Theophil nemlich— gefallen, ruft aus:„Mein Gott, Herr Onkel, was machen Sie?“ Und verhüllt geſchä⸗ mig vor dem Negligé des Geſpenſtes ihre Augen. — Na, dieſe Begebenheit.... ſolch ein Aben⸗ teuer..! Man muß das ſelbſt geſehen haben, um's zu glauben!! Auch ich— jetzt geht's wieder in der erſten Perſon— auch ich ſchließe die Augen, geblendet, verdummt, glaubend, zu träumen, und träumend zu glauben.... und der geſpenſtiſche Onkel wettert immer noch auf Engliſch, und will wiſſen, wer ich ſei, ich, deſſen Zimmer er mißbraucht, in deſſen Bette er gelegen, ein Geſpenſt von oben bis unten! Er will wiſſen, wie ich unter's — 281— keuſche Lager ſeiner Richte gekommen, er, der mich doch ſelber in grauslicher Geſtalt hinuntergejagt!! Mittlerweile kommen andere Stimmen zu Tage: ich öffne wieder meine Augen, und ſtehe auf;— denn Armadilla ſaß weit von mir in einem Seſſeel, der Ohnmacht nahe;— die Frau Wiſperling war mit ihr beſchäftigt; der dicke Louis aber mit dem Geſpenſt von Onkel, es einhüllend in eines weiten Schlafrocks Falten, dem Anſtand zu liebe. Der Oberkellner jedoch beſchäftigte ſich mit mir, und rieth mir, mein Zimmer aufzuſuchen. Rieth's nicht nur, ſondern ſchaffte auch mich, den Schwan⸗ kenden, hinüber, Ssans„bon soir la compagnie.“ Satzte mich auf das bewußte Sopha, ſchloß die bewußte Seitenthür, und ſagte gefühlvoll: Beſter Herr, der Lord ſcheint nicht recht bei Troſte zu ſeyn?— Ich antworte nichts, weil von Eis, von Salz, wie die weiland verehelichte Loth.— Schön; antwortet dafür Er. Dann fügt er bei: Soll ich Sie zu Bette bringen?— Ich erbebe mächtig, deute hin und hauche: „In das Bett, worinnen ein Geſpenſt gelegen?“ — 282— — Worauf Er:„Schön.“ Worauf ich ohn⸗ mächtig werde, oder einſchlafe, ich weiß nicht mehr recht.— Da ich wieder zu mir komme, war's ſchon Tag, und ich lag auf einem Feldbett, das man geſchwind während meines Ablebens oder Schlum⸗ mers in mein Vorzimmerchen geſchafft hatte. Wenn nicht das Feldbett geweſen wäre, ich hätte alles Vergangene für ein wüſtes Bild verwüſteter Fan⸗ taſei gehalten! Und auch die Wirklichkeit ſelber, verkörpert in der maſſigen Perſonnage des dicken Louis, ſtellte ſich mir bald für, da ich noch darnieder lag, und mich immer noch nicht verwußte und auskannte.— Wie ein Doktor ſetzte er ſich— der Louis— an mein Bett, ſtellte ſich gerieben, wie ein Handſchuh, und berichtete mir den Zu⸗ ſammenhang des ganzen verzweifelten Spuks vom verwichenen Abend. Ich will die ſchlechte Pro⸗ ſodie dieſes Gaſtwirths bei Seite laſſen, und wie im Leopoldſtädter Theater der Vater Cephiſes, ſage ich nichts als dieſes: — 283— Donc, Miß Armadilla war am Nachmittag ausgegangen, um bei ihrer Tante Matches ein Diner sonpatoire einzunehmen.(Beinebſt: ſie war ſehr verdrießlich, was ohne Zweifel daher rührte, weil ich mich den ganzen Tag nicht gerührt.) Am Abend dagegen war Preaps-Dreedle, der Quaſi⸗Lord, angekommen; wie gewöhnlich, ohne Kurier, ohne Bedienten. Man hatte ihn von der Abweſenheit der Miß benachrichtigt, ihn jedoch in deren Gemach gebracht, und ein Kabinet neben an als Schlafraum zu ſeiner Verfügung geſtellt. Dreaps hatte— nach ſeiner Gewohnheit— Thee getrunken, und damit Holla. Weil er aber nichts als Thee und Waſſer trinkt, bekümmert ſich kein Menſch im Hotel weiter um ihn. So kam's, daß Dreedle Schlaf bekam, in ſeiner Zerſtreutheit—(als wär' er ein Wollkopp) ver⸗ meinte, ſeine Nichte ſei ſchon zu Bett gegangen, und ſein eigen Bett ſuchte. Auf obiges Kabinet total vergeſſend, hingegen ſich erinnernd, daß er ſchon ein paarmal in frühern Zeiten in meiner Nummer geſchlafen, öffnete er ohne Weiteres die — 284— gewiſſe Seitenflügelthüre und marſchirte ein in mein Beſitzthum, legte ſich in mein Bett und ſchlief ein. Mein Eintritt weckte ihn, er glaubte ſich in ſeinem Beſitzthum beeinträchtigt von einem Dieb„au bon soir“ und daher die Scene, die wir ſchon kennen, und die durch die Ankunft der Miß u. ſ. w. ihre dramatiſche Entwicklung erhielt. Et voilä! Ferner hielt Wiſperling dem Lord⸗Geſpenſt eine langweilige Lobrede, wie es nun durch des Gaſtwirths Zureden, durch der Miß Erläuterun⸗ gen, und ein bischen durch eigene Vernunft wie⸗ der zur Raiſon gekommen— wie es wohl merke, daß es mit einem guten freundlichen Nachbar ſtatt mit einem Feinde zu thun gehabt— wie es nun bereue, durch ſeine Zerſtreuung— die aller⸗ dings Luxus— den Grund zu allem Uebel ge⸗ legt, und mich, den Unſchuldigen unglaublich beleidigt zu haben. Preaps ſei zerknirrſcht, und wolle mich expreß im Lauf des Tags perſönlich und mündlich und öffentlich um Verzeihung bitten, auch allen Schaden erſetzen, den er etwa ange⸗ — 285— richtet; allein im Augenblick ſei es dem Dreedle nicht möglich, weil ſeine erſte Viſite der Schweſter im„Fürſtenhofe“ gebühre, wohin Dreaps bereits abgegangen. Soweit Dreedle durch den Mund des dicken Louis. Ich ſage hierauf:„Wollte Gott, Dreaps und Dreedle wären ſchon geſtern ſo geſcheit geweſen, ſelbige Matches zu beſuchen, ſeine Nichte dort abzuholen und dergleichen. Dann wäre nichts von Belang paſſirt und ich hätte die unverdiente Schande vor allen Leuten nicht. Ueber⸗ haupt, lieber Wirth— was mir ſchon in dieſem Zimmer paſſirt iſt— in dieſen beiden Zimmern, will ich ſagen....“ Da unterbricht er mit entſetztem Geſicht und folgenden Worten,— auch aufſpringend: Ha... Sie wiſſen noch gar nicht.... es geht Sie auch nichts an... aber mit dieſem Ihrem Ge⸗ mach dahat es ſeine eigne Bewandniß... es iſt das eine ganz eigenthümliche Geſchichte.. Kurz und gut: Wenn Sie je uns wieder ver⸗ laſſen ſollten, laſſe ich dieſe Ihre Eingangsthür zumauern! das thu' ich, bygott, ich thu's!— „Da können ſie nur gleich den Maurer und Konſorten holen laſſen;“ falle ich ein:„Heut Mittag noch reiſe ich ab, und bitte ich, mir eine Droſchke zu beſtellen, die auf mich warte, Schlag zwölf Uhr.“ Nu, das Schaafsgeſicht von dem dicken Louis!— Bah, ſagt er langſam: das wird doch nicht ſeyn? Sollte die verfluchte Hiſtorie.. oder das Maul, das ich geſtern gehabt... 7 Sie werden doch nicht 2 „Ich werde, Herr, ich werde“ mache ich:„und Sie thun mir einen Gefallen, wenn Sie mich vor Jedermann, der zu mir begehren ſollte, verläug⸗ nen. Ich bin bis zu meiner Abreiſe für Niemand zu Hauſe. Hören Sie? Und unfehlbar: Ich reiſe ab.“(Der Geneigteſte merkt, daß mir das Duell wieder eingefallen.) Der Eſel von Wiſperling erwiedert nun, ſich ſachte zurückziehend: Abreiſen— abreiſen? warum nicht gar? Das wäre mir lieb.! nein: das thäte mir leid, ſehr leid! Wollen hoffen, daß Sie ſich noch anders befinnen... ja, ja, ſoll — 287— Alles beſorgt werden indeſſen... empfehle mich beſtens, hm, hm...!— Draußen war er, und zählte gewiß im Geiſte die ſchönen Thaler, die ich noch hätte bei ihm verzehren können, der ſchlaue Fuchs! Der„Geneigteſte“ weiß nun ſchon im Vor⸗ aus, daß ich aufſtand, mich ankleidete, meinen Kaffee aufs Zimmer beſtellte.. denn nicht um alle Silberrubel der Welt wär' ich hinuntergegan⸗ gen in den Speiſeſaal zu den grinſenden Kellner⸗ larven, zu den dämiſchflämiſchhämiſchglotzenden Gäſten. O nie! Gleich nach dem Kaffee ſollte es über den Koffer hergehen. Ich fühlte trotz der Auftritte verwichener Nacht eine Energie, einen Todesmuth in mir, wie ſelten; weil mir die Aufgabe geworden, mich gemeiner Zumuthung, niedriger Verſuchung und Aufreizung zu Meuchelmord und barbariſchem Zweikampf zu entziehen. Man glaubt nicht, welch einen moraliſchen Halt der Mann in ſich findet, der feſt entſchloſſen iſt, mit dem Böſen nichts zu thun zu haben!! — 268— Der Kaffee kommt zwar... aber: man merke, wie ein ſolider Kaufmann, Kapitaliſt und guter, ſehr guter Gaſt in einem Hotel berückſich⸗ tigt wird, wenn er befohlen, daß man keinerlei Beſuch zu ihm laſſe—— aber mit dem Kaffee zugleich kommt natürlich der Kellner, und der iſt natürlich wieder ein Rinde, und ſagt: Da iſt ein Herr, der dringend mit Ihnen zu ſprechen wünſcht! Ich konnte hierauf kaum das„Nein“ denken vielweniger ausſprechen, und ſchon ſteht er vor mir, der gewiſſe obige bekannte Flip, Literat von Gottes Zorn, Doktor aus eigener Fabrik, Billardſpieler sans probité, Domeſtik, mit einem Worte, einer fahrenden und ausgewieſenen Komö⸗ diantin; beinebſt ohne Zweifel ein Galopin des häßlichen Burſchen, der mir hieblings, ſtoßlings, ſtichlings an das Leben wollte! Zum Henker war mein Appetit. Natürlich. Ich mache ein wild Geſicht, ſage zum Kellner, der Maulaffen feil hat: Abfahren! und bleibe — 289— mit dem Flip allein.— Dem Knirps wollt' ich den Meiſter gezeigt haben, wenn er einen Attentäter gegen meine Perſon hätte abgeben wollen! 8 „Was ſteht zu Dienſten?“ frage ich ihn, anderthalb Schuhe von oben herab.(Ich bin ſehr lang, wenn ich will.. Nun bringt der Kerl allerlei konfuſes Zeug hervor, von dem ich wenig mehr verſtehe, als daß ihn der Baron von Krims⸗ krams oder dergleichen geſchickt, um das bewußte Duell auf Morgen früh zu verabreden, und ſo weiter. Da ich merke, daß Mosje Flip ſehr ungewiß und ſchüchtern und verzwickt, ſo kommt mir der Appetit wieder; ich ſetze mich, laß' ihn ſtehen(den Flip), trinke, eſſe, laß' ihn reden, und mache dann eine große Pauſe. Es gibt nichts de plus assommant, de plus abasourdissant, als wenn man einen Anfrager eine halbe Stunde mit langer Naſe und hängen⸗ dem Lippel hinſtehen läßt, ohne ihm zu antworten. So ich den Flip.— Endlich hebe ich an— geringſchätzig von erſter Qualität: Luſtige Geſchichten II. 19 — „Ihr Baron.... wie heißt das Handvoll von einem Junker?“ Flip, betreten: Freiherr Joachim von Sterzen. Ich.„„alſo Ihr Jochen von Sterzen läßt ſich Zeit, wie's ſcheint. Warum wollen wir nicht heute Abend ſchon unſern Handel ausmachen? Ich wähle Piſtolen, gezogene. Warum nicht heute, frage ich? Flip; immer betretener: Der Baron hat heut noch ein wichtiges Geſchäft abzuthun.. Ich. Recht ſo. Es iſt auch, als ob ihm ſchon die Kugel im Hirn ſäße. Er wäre nicht der Erſte, ma foi. Flip: Morgen aber— um zehn Uhr, bei der Faſanerie... Ihnen zu dienen, wenn's Ihnen recht iſt? Ich. Meinetwegen; ich will Geduld haben. Ihr Jochen mache nur ſein Teſtament. Es iſt ſchon Andern gut bekommen, daß ſie es gemacht haben, vraiment.— Adieu, mein Herr. Der Flip räuſpert ſich, grüßt, geht ein paar Schritte nach der Thüre, räuſpert ſich noch ein⸗ mal. kehrt um, nähert ſich mir wie ein Iltis— räuſpert ſich zum drittenmale. Ich mache mich ſchlagfertig und frage:„Was noch?“ Flip ſodann vertraulich, wie ein Makler: Noch eins: Ich bin, werther Herr, in Stand geſetzt, Ihnen eine Modifizirung der Sache zu offeriren. Sehen Sie: ich bin ein ehrlicher, ein menſchen⸗ freundlicher Mann— ich liebe das Blutvergießen nicht. Ich möchte, ja ich könnte wohl auf eigene Fauſt den Baron herumbringen, daß aus dem Duell nichts würde.. wenn Sie ſich, ver⸗ ehrter Herr, zu einer Bagatelle ſich entſchließen 2 Ich hierauf kalt wie ein rechter Eiſenfreſſer: „Ich weiche nie einer Ehrenſache aus; niemals! Indeſſen auf welcher Grundlage meinen Sie zu unterhandeln?“ Er ſagt nun ganz geheim, und beſtürzt von meiner Heldenruhe: Wenn Sie Hochwohl⸗ 22 geborenſter ſich nur herbeilaſſen wollten, der großen Künſtlerin zweihundert Thaler, nur zweihundert elende Thaler vorſtrecken zu wollen, die uns in den Stand ſetzten, abzureiſen ohne entweder arretirt oder geſchoben zu werden... 2 Jetzo ſaß ich aber auf dem Gaul, weil die bewußte Droſchke im Hinterhalt, und rufe: Mit gebührender Indignation weiſe ich Ihre Anmuthung zurück, Herr. In eine Niederträchtigkeit habe ich nie gewilligt, niemals! Niemals nicht, nie ſag' ich Ihnen. Und mit Geld ſoll ich mich quasi loskaufen von einem Ehrenhandel? Sie reden da von zweihundert„elenden“ Thalern, die ich herborgen ſoll? Spricht man alſo von Thalern? O, ich möchte Ihnen von Thalern ſagen, was der Tell dem Landvogt Geßner ſagt von Kindern: „Ihr habt keine Thaler, Herr, Wißt nicht, was ſich bewegt in eines Kaufmanns Herzen“ ſo man ihm zumuthet, ſeine Thaler zum Fenſter hinauszuwerfen! Schade um den Geßner, der ſo ſchöne Idyllen gemacht hat, und dabei doch ein Tyrann ſeyn konnte! Deßwegen wurde er durch die Bruſt geſchoſſen, und auch Ihrem Baron Jochen wird's ſo gehen, auf Seele. Sagen Sie ihm, ich laſſe ihn einladen, heute Mittag mit mir auf den Schützenſtand zu fahren. Wir wollen nach der Scheibe ſchießen, pour nous former la main, ma foi! Dann wird er ſehen, was ich vermag mit Piſtolen, mit gezogenen. Denn mit ungezogenen Piſtolen und Leuten habe ich nie etwas zu thun gehabt. Adieu, mein Herr! Da war freilich nichts mehr von dem Flip zu erwiedern. Er machte einen kurioſen Bückling, ſagend: So waſch' ich meine Hände.— „Ich habe ſie ſchon gewaſchen;“ mache ich. Alſo Morgen um zehn Uhr Vormittags?— „Ja“.— Auf der Faſanerie?—„Oui“.— Mit Zeugen?„Ves“.— Fort war er, und ich freute mich meiner ſelbſt, und wollte nun auch fort, ernſtlich fort— fortissime, wie der Italiener ſagt.— Es zog ſchon wieder auf elf Uhr... keine Zeit zu verlieren, wenn dem Koffer ſein Recht widerfahren ſollte: ach, wie langweilig ſtand der — alte Diener da..! faul und gähnend, als wiſſe er bereits, daß ſeine Abreiſe noch gar nicht ſo nahe..! O, wo nehm' ich Worte her, den neuen Abſchnitt zu ſchreiben, der ſich mir gewaltſam aufdringt? VII. Tohu-Vohu.— Rraut und Rüben.— Satan in Floribus. Der„Geneigteſte“ weiß, daß ich für Niemand zu Hauſe ſeyn wollte? Daher— kaum war der garſtige Flip fort, und kaum mein Schlafrock in dem Koffer, ſo klopfte es wieder einmal an mei⸗ ner Thüre, leiſe, verſchämt, eines Bettlers Geklopf. Ich ſchreie wild:„Entrez!“(Und das war unklug, indem mich ja Flip abermals, und zwar beim Bündelſchnüren hätte überfallen können.) „Entrez donc!“ Die Thür geht diskret auf, und tritt. tritt ach: tritt Armadilla, im Hut, im im Mantel und Zubehör!! Ich laſſe vor Beſtürzung den Kofferdeckel zu⸗ klappen, ſchwebe ihr entgegen, ihr, die vorſichtig die Thür wieder zumacht, und frage koulant: — 296— „Um Gotteswillen, Miß, Sie hier? bei mir? Befehlen? Wünſchen?“ Sie ſehen, und wieder vom Haß in die Liebe zurücktaumeln— war eins. Aber ſie mit gedämpfter Stimme und ängſtlicher Haſt: Deuten Sie dieſen Schritt nicht übel, beſter Nachbar! Ich habe ſo ſchwere Bürde auf dem Herzen, daß ich ihrer los ſeyn muß zu dieſer Stunde! Wirft den Mantel weg, den Hut, den Schleier, den Muff, und lispelt:„Ich weiß mich nicht zu laſſen vor Haſt, vor fieberhafter Erregung.... meine Schuld macht mich unglücklich..! Beſter Freund— ich komme nicht nur im Auftrag meines Onkels, der mir befohlen, Sie in ſeinem Namen um Verzeihung zu bitten, bevor er es ſelber thun wird... ich komme im Auftrag meiner ſelbſt.. gepeinigt von bittrer Reue..! Ich habe Sie gekränkt, beleidigt, freundlicher Nach⸗ bar... vergeben Sie mir, verzeihen Sie mir, denn nicht fern iſt der Augenblick, der mich trennen dürfte von Ihnen auf immerdar, auf ewig!“ Meine Gefühlung bei dieſen Worten war nicht minder extrabitter. War ich denn nicht ſchon in der Trennung begriffen? Und ſo ſtotterte ich: „Beſteſte.. wer ſollte Ihnen nicht vergeben..? Von Herzen thue ich's, denn doch will ich Sie mit einem neuen Bekenntniß meiner ſelbſt nicht mehr beleidigen! Was will aber bedeuten, daß Sie von Trennung reden?“ „Erfahren Sie denn“ ſtottert Sie mir eben⸗ falls in's Ohr„daß Morgen ſchon der Mann ankommt, dem Sir Richard meine Hand ver⸗ ſprochen! Liebeleer ſoll ich mich werfen in die Arme des Liebeloſen!! Nicht ſeinen Namen weiß ich noch, und gehöre ſchon ſein! Stellen Sie ſich meine Lage vor.. und meinen Schmerz!“ „O ewiges Schaos!“ rufe ich; ſetze dann bei: Wollen Sie nicht in meine Beſuchſtube ein⸗ treten, liebe Miß?“ Deß weigert ſie ſich, weil auf dem Sprunge, weil eiligſt fortwollend. Und ſie ſtammelt weiter in über⸗ natürlicher Bewegung:„Glauben Sie mir: vor dem Looſe, das mir droht, entflöhe ich gern an Ihrer Hand über alle Berge!! Wären Sie nur nicht ver⸗ — 298— heirathet!— Ja, ja: ein Mann, wie Sie, von Ihrer Größe, Ihrem Aeußern, Ihrem galanten Weſen.... er könnte leicht der Mann meiner Liebe ſeyn. war lange ſchon mein Ideal... aber Sie ſind ja ſchon— o Bitterkeit! verheira⸗ thet... und darum, darum Lebewohl!“ Das arme Mädchen machte mir den Effekt— ich ſag' es zögernd, und es war nur eine leere, grundloſe Vermuthung— als wäre ein Geiſt, ein ganz beſonderer, über es gekommen,— als hätt' es ſeinen Thee mit Rhum und Cognac ein⸗ genommen! Aber— wie geſagt: nur ein elender Verdacht von mir; denn nur der grauſame Kupidus redete aus der Venuſia! Und während ſie alſo redet, im Auge Thränen, und in ihrer Hand die meine, die ſie heftig⸗ſpaniſch drückt,— horch: Ge⸗ räuſch, viel Geräuſch auf dem Flur, allerlei Schritte und Tritte... bedeutſam Klopfen an der Thüre. „Mein Heiland!“ ſeufzt Armadilla auf:„Hier darf man mich nicht finden!“— Und wetterſchnell hinein in meine große Stube..! den Mantel, Muff und Hut und Schleier werfe ich ihr nach— — die Thüre zu.... indeſſen probirt man draußen an der Klinke meines Vorzimmers..! Gott ſei Dank! Armadilla hatte vorſichtig den Nachtriegel vorgeſchoben..! „Wer da!. frage ich, wild wie kurz vorher. Und eine Stimme... halte Dich, mein Herz!.. eine Stimme, die nur allzuwohl mir bekannt, ruft entgegen:„Nur kein dumm Zeug gemacht, und aufgethan!“ Gerechte Güte! da durfte nicht gezögert wer⸗ den.... mir ging's wie eine Windmühle im Kopf herum... Sie ſelber.. war ſie's? oder ein Geſpenſt...? ich thue auf... Prrrr! Bina, die leibhaftige Bina ſteht vor mir, und hinter ihr der Hausknecht, einen Koffer auf der Schulter, und ganz hinten Angelika mit offenem Maule, und der dicke Louis mit verſchmitztem Lachen und katzbuckelnd, wie nur Er es kann!! Saubre Ueberraſchung! Ich hufe zurück, wie ein ſcheues Roß, Sie dringt ein wie ein Mauerbrecher, und erhebt gleich einen Dialog, vor dem jedenfalls die Napoleoni⸗ ſche Armee ihrer Zeit Reißaus genommen hätte.— Wenn ich nicht ſo genau wüßte, daß meine Bina gewiß kein ander Buch, als das Geſang- und Kochbuch zur Hand nimmt, ich würde mich nicht getrauen, hier wiederzugeben, was ſie damals geredet. Ein Vulkangeſpei, ein Wolkenbruch, ein Zapfenſtreich von hundert Trommlern, einer Pulver⸗ mühle Luftſprung, eines Dampfkeſſels Exploſion und Hagelſchlag von erſter Sorte ſind Kinderei und Flötenſpiel dagegen: „Schau, ſchau! Gelt, das hat Er nicht er⸗ wartet! Gelt, das macht Ihn kaput, langer Strick, Ladſtock, Schellaug“! Lügenbeutel, abſcheulicher! mir zu ſchreiben, die Peſtilenz ſei los allhier, und Er ſelber habe Seinen Theil davon! mich für eine Kuh zu halten, die Ihm Alles glauben, und ſich fürchten würde! Da muß Er früher aufſtehen, Tuckmäuſer, wenn Er die Sabina hinter's Licht führen will. Schlampampen und Schlaraffen mit Lumpen und Weibsbildern, das möcht' Er in der Stille ſo ganz allein für ſich, und Seine Frau kann daheim ſitzen, Trübſal blaſen und den Haus⸗ — 301— moppel machen. Das ginge mir noch ab! Und hätt' ich mir nicht ſelber ſchon Seine Liederlichkeit abklavirt, langer Stachander, ſo hat mir's noch obendrein der Stracchinoni verrathen, der hier geweſen und Ihn bei'm Billard geſehen hat, wie Er unſer Geld verklopft und verputzt hat, daß es nur ſo knallte!! Er iſt mir der Rechte... weiß Gott! Und— was hat Er denn da im Geſicht? Ich glaube wahrhaftig, Er hat ſich einen Bart gemacht, wie der Stracchinoni? Nun ja, das fehlte noch! Pfui Deixel!— Und— in was für ein Loch hat man Ihn denn da ein⸗ logirt? Pfui Henker! Und— wird Er mich jetzo immer ſo hinſtehen laſſen, wie einen Stallbeſen, und mich nicht komplimentiren, wie's einem ordent⸗ lichen Mann zu ſeiner braven Frau geziemt? Wart, ich will Ihm zeigen, was ſich ſchickt!!!“ Dies ein blaſſer Abklatſch von Bina's Antritts⸗ rede. O Schiffſal, o Faktum, o Stracchinoni!!— Was wollt' ich machen? Ich unternahm eine Um⸗ armung, die unwillig entgegengenommen wurde.— „Er iſt ein Klotz, eine fühlloſe Allarmſtange!“ — 302— fuhr Bina fort, und ſchlug dem gaffenden Haus⸗ knecht und anderm Geſindel die Thüre vor der Naſe zu.— Das lobte ich an ihr. Aber mir ging ein neues Grauſen auf, da ſie ſich umſchaute wie eine Löwin, die Appetit hat, oder ihre Jungen ſucht, und dabei fortdonnerte: „Meiner Treu, Er iſt da logirt, wie ein Hund; ſchämt Er ſich nicht? Oder hat Er nicht dort eine Stube vorn hinaus?“— Richtig näherte ſie ſich der Thüre, wohinter— wie mir wieder gräßlich beifiel— Armadilla, die verbotene Waare.— Ohne zu überlegen, was ich that, warf ich mich ihr— der Bina— in den Weg. Aber Sie: „Marſch da fort.. was ſollen die Viſimatenten? Will Er mich wohl da hineinlaſſen, falſches Schell⸗ aug?“ Erwiſcht mich bei'm Kragen, dreht mich in's Vorzimmer mitten hinein... bei Gott, ein groß⸗ artig ausgeführtes Weib— und dringt in die Hauptſtube. O weh! Armadilla hatte nicht ver⸗ riegelt, und mit Beben wartete ich nun der Dinge, die da kommen würden; denn kaum durft' ich 4— hoffen, daß die Miß ihren Rückzug durch die ge⸗ wiſſe Seitenflügelthüre genommen, weil dieſelbe von Caſimich einer⸗ und von dem Dreaps-Preedle andererſeits nach dem bekannten nächtlichen Rum⸗ mel verſchloſſen und verriegelt worden, wie ein Schatzgewölbe.— Dennoch— ich laufe hinter Bina drein, und ſehe die Miß verſchwunden. So wunderbar, ſchier unglaublich, als mir dieſes vorkam, ſo freue ich mich. Mochte Armadilla doch ſeyn, wo ſie wollte, wenn ſie nur überhaupt weg war! Bina ruft aus: „Schau, ſchau... das iſt doch'mal ein Zimmer! So eines haben wir ja in ganz Trefunz nicht!.. Das laſſ' ich mir gefallen!“—„Ach, wenn es Dir nur gefällt, liebe Bina;“ mache ich ſchüchtern. Da wirft ſie ihr großes Auge auf das Bett.— „Wie?“ ruft ſie wieder, aber mit ſtrengerer Be⸗ tonung, die ich leider nur zu gut kenne:„Noch ein Bett? He, Ladſtock, warum denn zwei Betten in hieſig? Brauchſt Du langer Strick, in hieſig zwei Betten? Oder haſt Du einen Bedienten ge⸗ nommen... oder... ſchlechter Ehegatte und — 304— pflichtvergeſſner Familienvater... hätteſt Du etwa eine Magd oder ſo was eingeſtellt?“— „Aber— liebſte Bina...“ mache ich noch ſchüchterner; denn in dem Augenblicke ſehe ich. was auch Bina ſieht..: Armadilla's Schleier und Muff und Mantel und Hut, hie und da ver⸗ zettelt auf Sopha und Stühlen u. ſ. w. Nun war das Unglück fertig, nun blitzte Bina's großes Auge erſt recht— nun wetterleuchtete es erſt recht in ihrem Geſichte herum, und wie der Engel des jüngſten Gerichts ſchrie ſie auf:„Potz Schande, potz Spott, Pfui Henker! was ſollen dieſe Fetzen bedeuten..? Da herinnen iſt ein Weibsbild verſteckt...! Strick! Strick! ein Weibs⸗ bild, ſag' ich... wo iſt das Weibsbild..2 O weh! da ſaß ich im Pfeffer, und wenn auch ſchweigend und ſtutzend denke ich ſtill bei mir: So wollt' ich doch, daß die Miß, die dumme Gans...! und was denn noch ſo der grim⸗ migen Wünſche ſind. Bina vernichtet mich mit einem drohenden Wink des Zeigefingers, mit einem Grellblick ſonder gleichen, und vom Iuſtinkt des 3056— Weibes beſeelt, fährt ſie los auf den armen Wand⸗ ſchrank, deſſen Thüre nur angelehnt... reißt ihn auf. und da hatten wir das ganze ganze Unglück da. Die Miß ſteckt im Schrank— ich glaube, in die Erde zu finken bis an den Hals.. ich gebe nicht mehr einen Heller für mein und für Armadilla's Leben... 1 Aber ſiehe: ein Wunder geſchieht... am hellen lichten Tage ein Wunder, zehn Thaler unter Brüdern werth,.. und wenn ich darüber nicht verrückt werde, ſo iſt es juſt eben wieder ein Wunder! Siehe alſo: mit leichtem Schritt und lachender Miene hüpft aus dem Wandkaſten die Miß, und fällt über die jetzo ſelber beſorgt zurückweichende Bina her... mit Umarmungen nemlich, mit Liebkoſungen, und ſchreiend wie ein luſtiger muth⸗ willig ausgewechſelter Papagei..: „Ah! mais c'est charmant! Ah ma bobonne! Ah, ma chérie! Ah, ma belle Sabine! Te voilã attrapée! te voilã surprise! Bon jour, Bobonne, bon jour, mille fois la bien venue! Ah, ab, ah!“ Tanzt mit der Bina im Zimmer umher... Luſtige Geſchichten 1I. 20 1 3 3 3 3 1 „ 36— und auch dieſelbige Bina ſchlägt plötzlich ein derbes Gelächter auf, und ſingt ein Duett mit der An⸗ dern: Est-il possible, ma belle! ces't toi, Miss Dreaps, Miss Dreedle! Ah quel bonheur... vraiment! quel bonheur! Während ſie tanzen, ſtehe ich da, wie... wie ein Eſel tout bonnement,.. aber wie ein zufriedener, lachender Eſel. Und nachdem ich dem„Geneigteſten“ verrathen, was ich baldigſt erfuhr— daß Bina hier ihre liebſte Penſionsgefährtin aus der Schweiz wieder⸗ gefunden... daß ſie vollſtändig ſich von der ſchlauen Miß beſchwatzen ließ, als habe die Letztere ſie vor dem Hauſe ankommen und ausſteigen ge⸗ ſehen, und ſei mit der Botſchaft zu mir geeilt, und mit dem Vorſatz, die alte Freundin mit luſt'ger Neckerei und Verſteckensſpielen zu überraſchen,.. 3 laſſe ich den Schleier über den herrlichen Auftritt fallen, und danke noch heute inbrünſtig dem kühnen Scharfſinn Armadilla's, der mich aus der ſchwierig⸗ ſten Lage meines Lebens mit heiler Haut gerettet! VIII. Ein deſperates Diner. Ich müßte nicht Langenſtrick heißen, und nicht ein Zwilling meines Bruders ſeyn, wenn ich mich nicht einer gewiſſen Erfindungsgabe, eines gewiſſen Improviſationstalents zu rühmen hätte, die mir ſchon zu ernſten und heitern Zwecken recht dienlich zu Statten gekommen ſind.— Allein— auf Seele! gegen Armadilla's Befähigung in dem Artikel: zu ſagen, was nicht iſt, oder was doch wenigſtens nicht ganz ſo iſt, als man's darſtellen möchte, bin ich ein hoffnungsloſer Stümper. Ich hätte lange an die ſtolze und ungläubige Bina hinan⸗ reden können, ſehr lange, und ſie hätte auf meine ehrlichſten Worte„keinen Pfifferling gegeben“— (Redensart meiner Bina)— hingegen der Miß Armadilla Exlola glaubte ſie bald jeden Hauch, — m 2—— ———— — 806— der ihr aus dem ſtets franzöſiſch plappernden Schna⸗ bel ging. Die Miß wußte ihrer Freundin die Wirk⸗ lichkeit auf's Beſte zu maskiren, unſre Bekannt⸗ ſchaft als pure Nachbarhochſchätzung ſo unverfäng⸗ lich und unſchuldig zu dekoriren, daß ich meine innige Freude daran hatte. Wie wir ſo manchmal von Bina geredet, und die Miß gewettet, daß ſie kommen würde, während ich daran gezweifelt— wie jener Cholerabrief von mir nur in der Abſicht geſchrieben worden, Bina's Liebe zu mir auf die Probe zu ſtellen... wie ſich die Miß nun über alle Maßen vergnüge, daß die eheliche Liebe ge⸗ ſiegt und ihr die Wette gewonnen; namentlich des⸗ halb ſich ſo vergnüge, da ſie ſelber—(o Schlange der Schlangen!) auf dem Punkte ſtehe, ſich mit einem geliebten() Manne zu verehelichen;... wie, unter Anderm, der Miß Onkel ſtets ab⸗ und zugereist, und wir uns nur in ſeiner Gegenwart geſehen.... All das, und noch vieles andere, pflanzte Armadilla meiner Bina mit einer Sorg⸗ loſigkeit, mit einer Unbefangenheit ein, die eine Pojetenkrone verdient hätte, wenn noch dergleichen — 309— Kronen ausgetheilt würden.— Und Bina, die jetzo wieder franzöſiſch ſchnacken konnte von den alten Schulfreuden und Jungfernpläſirs, glaubte Alles wie ein Evangelium, und war ſeelenvergnügt. — Da nun Bina's Freuden auch die Meinigen ſind, ſo machte ich von Herzen mit. Da kommt der Wiſperling, winkt mich hinaus, und wiſpert:„Die Droſchke iſt da..Befehlen?“ Hu, wie mir das Duell, und zugleich die Pflicht der Selbſterhaltung zentnerſchwer auf die Seele fiel! Und jetzo nicht, wahrlich jetzs— um tau⸗ ſend Gulden nicht— konnte ich ſelbiger Pflicht genügen— ich durfte nicht! Was hätte Bina geſagt, wenn ich, kaum gut mit ihr geſtanden, ſchon wieder von ihr weggegangen wäre? Ich beſtellte die Droſchke ab, und ein flottes Mittagsmahl auf mein Zimmer, drei Couverts: für mich eins, für Bina eins und für Elias— nein für Armadilla auch eins. Es war zu wetten, daß der Dreaps nicht heimkommen, ſondern bei der Matches ſpeiſen würde, der Dreedle. So war er einmal, und alſo machte er's gewöhnlich. ——*—— ———————= — 310— Der Miß jedoch galt unſer Diner als ein Frühſtück, und ich wollte darum, daß es gut aus⸗ fallen möchte. Der dicke Louis gibt den Küchenzettel zum Beſten. Der Braten: ein Faſan.— Hu! die Faſanerie! faſt wollte mir der Appetit entweichen. Ich wurde ruhiger nur dann, als ſtatt des Faſans ein Haſelhuhn oder ein andrer belie⸗ biger Vogel auf der Liſte ſtand. Das Uebrige à Pavenant.— Ein Mittagsmahl en petit comité, ſo zu ſagen zwiſchen Liebe und Freundſchaft eingenom⸗ men, in Geſellſchaft der verſöhnten Bina, dieſer Hochmeiſterin ehelicher Glückſeligkeit... der viel gewandten Armadilla, dieſer Hexenmeiſterin voll Geiſtesgegenwart und picanter Anmuth— es ſollte ein Lichtblick, ein Stern in der Nacht meiner Ver⸗ wicklungen ſeyn, dieſes Mittagsmahl! Indeſſen: der Menſch denkt, und ein Höherer lenkt. Alles ſtand bereit; der leidlichſte Kellner des Hauſes war zu unſerm Dienſte beſtellt;— Appetit da, Fröhlichkeit da, ein feurig belebender Wein da — 311— enfin!— Die Suppe und was darauf folgte, ſchenke ich dem„Geneigteſten“ um ihm nicht tan⸗ taliſche Qualen zu erregen... ebenſo das liebens⸗ würdige Geſchnatter meiner Genoſſinnen, die ſich in Schweizererinnerungen ergingen, gleichſam als wäre kein Onkel Dreedle, und kaum ein Langen⸗ ſtrick auf der Welt. Es ließ ſich famos an, das Gaſtmählchen, und kaum dachte ich dann und wann an die Piſtole, die morgen gern auf meine Stirn und auf mein Herz gezielt hätte. Bis dahin hat⸗ ten ja noch viele Stunden zu verlaufen... Droſchken waren ja zu jeder Zeit bei der Hand, und die Eiſenbahn ging etlichemal ab, bevor es Morgen zehn Uhr ſchlug. Alſo friſch, mein Herz, ſei munter und fröhlich! paar niedliche Toaſts hatte ich vorbereitet, die ungeheuern Effekt machen mußten... und ſo ſtanden oder ſaßen wir ſchon bei'm delikaten bayer⸗ ſchen Kraut, bei Dampfnudeln, dito bayeriſch, und was dazu gehört—— Da tritt wieder einmal der Kellner ein, und reicht mir einen Teller. Darauf lag nichts Ge⸗ —— bratenes, Gekochtes oder Gedämpftes; ſondern — ein Brief. Ich nehme, überfliege die Adreſſe... mir wird ſchwul, innerlich entrüſtet;— ich thue nichts dergleichen, lege den Brief neben hin— kalt, gleichgültig.. ohne eine Miene zu verziehen. Nun iſt aber eine Schwachheit meiner Bina, daß ſie gar zu gerne wiſſen mag, wer mir ſchreibt, was man mir ſchreibt.— Zeig' mal den Brief her! ſagt ſie neugierig, befehlend ſogar.— Ich antworte:*s iſt nichts, Geliebte, ein reiner Geſchäfts⸗ brief.— Indeſſen ſchon hatte ſie den Brief; ein kühner Griff, ganz in ihrer Manier. Während ich milde rügend ſpreche:„Aber... Bina!“ ſagt ſie gleich mit bewundernswerthem aber überflüſſigem Scharfblick: das kommt ja von einer Dame?— Und Armadilla ſtimmt bei: Ah ſo, von einer Dame? Wirklich, wahrhaftig: einer Dame Handſchrift!— Sucht auch— die Miß— plötz⸗ lich mit ihren Augen mein Geſicht ſo polizeimäßig ab, daß ich mehr oder weniger roth werden mußte und mittlerweile— ſchnapp! hatte Bina den — 313— Brief offen, und rief mit unheimlichem Gelächter: Richtig.. ein ſaubrer Brief..1 Ladſtock, was ſoll der Bettelwiſch, der Brand⸗ und Schandbrief da? Was will das Weibsbild, und wie kommt Er zu dem Weibsbild? Das Lachen der Großartigen und die Anrede per„Er“ war ſchon vielſagend genug. Und erſt der Brief, den ſie leider takt⸗ und rückſichtslos vorlas mit gehöriger Begleitung von Noten und Notizen. „Edler Mann, dem ich meiner tiefſten Seele „Leiden anvertraute!“(Was hat denn Er mit der Seele der Perſon zu thun ²) „Noch einmal wende ich mich an Ihr Gefühl „und an Ihre Ritterlichkeit, die ſich— wie ich „höre— immer den Frauen gegenüber bewährte.“ Pfui Henker, was iſt das mit der Ritterlichkeit, langer Strick, Ritter von der Elle ²) Liebſte Bina— heb'ich unmuthig und gekränkt an— laß' doch den Zettel da, und laß Dir viel⸗ mehr ſagen.... Aber Bina winkte mir Schwei⸗ gen zu mit ihrer mächt'gen Hand— Armadilla — 314— durchbohrte mich ſchier mit ihren Stechblicken.. was war zu thun, als gehen zu laſſen, was nicht zu halten war? „Wird Diodora noch einmal vergebens fle⸗ „hen?“(Ein rechter Vettelname— Diodora) „Meine Lage iſt äußerſt ſchwierig geworden... „ich kann ſio nicht mehr verhehlen...“(Schöne Geſchichten, Herr Langenſtrick! Was hat Er da angeſtellt. 2) Nun war mein Gefühl in der That allzuver⸗ letzend angegriffen... ich verſuchte den dummen Brief der ungerechtargwöhniſchen Bina zu entreißen; dafür erhielt ich eine... nun, ein Attentat in's Geſicht. O welche Schmach! Freilich... weiße Hände ſchänden nicht und Bina's Patſchchen() waren heute fürwahr weißer denn je.— Ich ließ das Attentat ſitzen, den Brief fahren... aber daß Armadilla mir ſo ſpöttiſch ins Geſicht ſchmunzelte, that mir wehe. ach, gar ſo weh! „Wenn ich heute den Rohr... Rothſchnei⸗ „der nicht bezahlen kann, werd' ich in den Thurm „geſteckt. oder aber, wenn ich ihn bezahlen —— „ſollte, auf den Schub gebracht...!“(Brav! eine wackere Landſtreicherin, die! Wie kommt Er nur an die? Abſcheuliche Mannsbilder, die unſer Geld verſchleudern ſammt unſrer Liebe!) Aber, beſteſte Bina.... ſtammle ich. Nichts da;'s Maul gehalten.—„So traurig „nun die Wahl, o Edler, ſo will ich doch lieber „als eine freie teutſche Frau geſchoben werden...“ (O pfui, wie eckelhaft, wie niedrig, wie gemeinl) Ich wiederum gefühlempört in die Höhe, und ringe, ſtreite, kämpfe um den Wiſch. Er geht in allerlei Stücke, denn Bina gibt nicht„friedlich luck.“(Eine Bina'ſche Redensart.) Und wie ich nun hochathmend und athletiſch keuchend mich wieder ſetze, das Tranſchirmeſſer an das fragliche Haſelhuhn zu legen, und außzuſchnei⸗ den— nein, zu erzählen, wie das Ding mit der Diodora zu verſtehen... hallo! geht meine Vor⸗ zimmerthüre auf.. ein Koffer wird hereinge⸗ ſchmiſſen, und dieſem Koffer folgt in Reiſemantel und Mütze ein fremder Herr.... und dieſer iſt Johann Friedrich Grauſam von Flätz 2 —.—*——— 3 —— m — 316— Er dringt herein— ſtutzt und ſcheut gewalt⸗ ſam, da er die Geſellſchaft bei Tiſche findet... ſtottert, ſtackſt. iſt verlegen zum Erbarmen. Seine Stammelrede ſollte ſoviel heißen, als: „So eben angekommen will ich zu Dir, mein Freund.. man ſagt mir unten nur, Du ſpeiſeſt auf dem Zimmer... arglos fall' ich bei Dir ein aber hätte ich gewußt, daß... dieſe Da⸗ men... bitte um Verzeihung... will mich alſo⸗ bald wieder ſchieben... bedaure herzlich und was dem mehr. Das ſind„Geneigteſter“ die Freuden eines Gaſthofes für ſolide Kapitaliſten und Handelsleute, daß Einem zu jeder beliebigen Stunde ein fremder reiſender Geſell ſo mir nichts dir nichts geradezu, ohne von dem Wirth gewarnt zu ſeyn, in die Suppenſchüſſel, möcht' ich ſagen, fallen kann, wäh⸗ rend man mit Lieb' und Freundſchaft en téte-- téte iſt! Zwar: Grauſam war mir nicht fremd, und unwillkommen kam er mir eben auch nicht, da er ein Ableiter für meine peinlichen Zuſtände zu wer⸗ den verſprach, und der Bina gewiß nicht will⸗ kommen war. Deßhalb hielt ich den Davonſtre⸗ benden mit allen Mitteln, die mir zu Gebot, zurück, zwang ihn, zu bleiben, Platz zu nehmen, ein Cou⸗ vert zu acceptiren, und mitzuſpeiſen, was der liebe Gott und Wiſperlings Küche uns beſchert hatten. Uns war damit geholfen: dem Grauſam ſelber, weil er hungrig, wie ein Wolf; der Armadilla, weil die Zänkereien der glücklichen Eheleute für jetzt ein Ende nehmen mußten; mir, weil ich jetzo ruhiger an's Eſſen denken konnte, und endlich der Bina ſelbſt, weil ſie Zeit bekam, ſich zu ſammeln, und Stoff, einen neuen Feldzug zu wagen.— Das grimme Compliment, das ſie ſchandenhalber dem Grauſam machen mußte! ein Labſal war's für mich, und auch das Schweigen war's, worein ſie gleich verfiel, während ich mit Grauſam von der Reiſe und von Flätz diskurirte, und die Miß ins Geſpräch zog, was ſie— die Miß— nicht ungern ſah und that. Ich wurde deſperat luſtig, wie der Don Juan beim ſteinernen Gaſtmahl, und wagte— mir zur — 318— Luſt und der Bina zum Herzeleid— eine Flaſche Champagner, eine echte, eine von Epernay oder ſo wo. Bina nippte mit Verdruß, da wir auf ihr Wohl anſtießen... Grauſam machte ſich koulant genug... Armadilla ſchien Geſchmack an ihm zu finden— die Flatterlingin!— Und ſchon wieder bringt mir der Kellner auf dem Teller einen Brief. Nun, den Unwillen darüber meinerſeits, Bina's Glotzen ihrerſeits... das muß man ſelbſt geſe⸗ hen haben... und wie's weiter heißt. Bina hatte doch jetzt ſo viel Schicklichkeit im Leibe, daß ſie mir den Brief nicht aus den Hän⸗ den riß, und ich meinerſeits war ſo gewitzigt, daß ich mit dem Brief an's Fenſter lief, ihn dort zu leſen. Aber ſein Inhalt..! Na, ſo etwas.. doch genug. La voilä, la lettre. „Mein Herr! Sie haben mir nicht umſonſt „ſagen laſſen, daß ich die Zeit verſäume. So viel „Courage, als Sie, habe ich auch noch, Gott ſei „Dank. Alſo: nach Ihrem Wunſche heute noch, „um vier Uhr Abends in der Faſanerie, auf Piſtolen, — 8— „auf Leben und Tod. Und damit Sie nicht in „Verſuchung kommen, durchzubrennen, werd'ich Sie „in der Wirthsſtube Ihres Gaſthofs in Empfang „nehmen, wo ich eben ſitze, und Ihnen dieſen „Zettel ſchreibe. Hoffen Sie nicht, meiner Wach⸗ „ſamkeit ein Paroli zu biegen. Ein Wagen ſteht „bereit für uns und unſere Zeugen. Wir wollen „noch galant zuſammen auf's Terrain fahren, ehe „wir uns das Hirn zerſchmettern.— Joachim „von Sterzen.“ Ich ſtand da, wie eine geſtorbene Leiche. Die Andern bemerkten hiervon nichts, weil ſie mittler⸗ weile— Bina und Grauſam wenigſtens, und Armadilla hörte gern zu— in ein ganz pikantes Wortgeplänkel gerathen waren. Wie beſagter kleiner aber giftiger Krieg angehoben, iſt mir nicht recht bekannt worden; allein die alte Liebe, die— nach dem Sprichwort— nicht roſtet, hatte ſich bei den Leuten quaestionis in ein Reibeiſen verwan⸗ delt, auf dem ſie ſich gegenſeitig abraſpelten, daß es eine Art hatte. Armadilla hatte dabei Pläſir; die Stichelreden thun den Weibern, die nicht da⸗ — 320— bei betheiligt ſind, ſo wohl! Ich für meinen Theil hatte dabei Ruhe, und konnte mit Muße wieder⸗ käuen den unſinnigen Mord, der mir drohte; die unanſtändige Zwangs⸗ und Henkerſchmach, die der Ariſtokrat Sterzen gegen mich, den bourgeois, in Anwendung zu bringen ſich unterſtand. Wie? ich ſollte mir gleich nach eingenommenem feiſten Mittagsmahl eine Kugel in den Leib ſchießen laſſen? Ich ſollte mich von dem frivolen Ban⸗ diten ſelber, wie ein Schäflein zur Schlachtbank hindroſchken laſſen? Mordio! das konnte mir nicht paſſen... das durfte nicht geſchehen!— Die Biſſen quollen mir im Munde.... wenn doch der Schwarze alle Duelle holte!!— Während dieſen ſehr unangenehmen Betrachtungen ging der Stichel⸗ ſtreit zwiſchen Bina und Grauſam immer leben⸗ diger vor ſich. „Ich verſtehe nicht“ ſagte Bina in ihrer Familienweiſe, nemlich biſſig,„wie ein galanter Ehemann, der Sie doch ohne Zweifel ſind, ſeine liebe ſchöne Gattin in winterlicher Einſamkeit da⸗ — heim laſſen kann, während er ſelber ſich in die Vergnügungen der Reſidenz begibt?“ Grauſam hierauf mit ſeltſamlicher Malice: „Geſchäfte, Geſchäfte, beſte Madame. Sodann hat nicht jeder Gatte die Mittel, wie mein Freund Langenſtrick ſie beſitzt, auch ſeine Gemahlin am Reſidenzleben Theil nehmen zu laſſen.. 2 Bina hierauf mit dem gewiſſen ſonoren Ge⸗ lächter, das dem Eingeweihten ankündigt, daß ihr — wie ſie ſelber ſagt—„der Pitzel ſteigt“: „Oho! glauben Sie, daß ich mit des langen Stricks gutem Willen mich hier befinde? O, da ſind Sie links. Er wüßte mich lieber tauſend Meilen von hier.“ „Aber beſte Bina...! alſo mache ich pflichtſchuldigſt. Sie wird jedoch nicht irre, und fährt fort:„Geſtehen Sie nur, lieber Herr Grau⸗ ſam, daß Sie beide ſich hier zuſammenbeſtellten, um Ihr Räppchen laufen zu laſſen, und zu leben, wie Junggeſellen von gewiſſem Kaliber thun?“ „So, ſo?“ ſagt Er:„potz tauſend! wie Sie das ſo genau wiſſen! Ohne Zweifel geht unſre Luſtige Geſchichten. 1I. 21 — 322— Korreſpondenz durch Ihre Hände?“ Je triftiger der Streich, den er geführt, um ſo wilder blitzte Bina auf:„Was wollen Sie damit? Was fällt Ihnen ein? Ich beſorge als eine ſchlichte Frau mein Hausweſen, und bekümmere mich nicht um meines Mannes Geſchreibſel, wie vielleicht Ihre ſchöne Albertine thut!“ Der Grauſam entgegnet mit dem Trumpft „Nun, nun, wenn Tinchen meinetwegen auch viel⸗ leicht dann und wann leſen ſollte, was mir ge⸗ ſchrieben wird, ſo hat ſie mir doch wenigſtens noch keinen Brief unterſchlagen; verſtehen Sie mich?“ Da wurde Bina weiß wie Kreide— das ver⸗ dächtigſte Zeichen, ein Vorläufer gewichtiger Grob⸗ heiten. Ich ſchlage mich daher in's Mittel, und kredenze Champagner.— Grauſam trinkt raſch aus, weil bewegt; Armadilla tunkt ihr Schnäbe⸗ lein ſchadenfroh lachend in den ſüßen Kelch; aber meine Großartige wirſt ohne weiteres das Glas um, und ruft:„Bah, bah! genug getrunken, genug verſchwendet. Ich klaviere mir ſchon ab, worauf es abgeſehen. Aber ich laſſe mich nicht bethören, nicht beſtechen, nicht berauſchen, mich nicht von ſchlemmenden Musje's über den.... führen. Thut, was Ihr wollt, ihr Herren; verlumpt nur unſer bischen Geld...'s wird euch ſchon heim⸗ kommen. Ich bin hier zu viel.... bin ſatt bis zum Hals herauf. Was meinſt du, gute Ar⸗ madilla? das Wetter iſt ſo ſchön... laß uns ſpazie⸗ ren gehen, damit wir die feinen Herren da nicht ſtören „Wenn du willſt, mein Sabinchen, gar gerne;“ antwortete die Miß:„Machen wir einen Gang nach dem Fürſtenhof? überraſchen wir meinen Onkel, meine Tante?“ Grauſam wollte, wie ich vorausſah, wenig⸗ ſtens die Miß von der Promenade abbringen, und ſich auf gut kleinſtädtiſch entſchuldigen.. abbitten, revveiren... was weiß ich? Aber ich, der ich ſeiner bedarf, gebe ihm ein Trittzeichen unter'm Tiſch, daß er beſtürzt verſtummt.. die Bina iſt ſchon ganz raſig aufgeſprungen, hat ihren Hut und Zubehör erwiſcht.. die Miß, mir ei⸗ — 32 nen vertraulichen Blick zuwerfend, der da heißen wollte: Sei nur ruhig; ich bringe ſie ſchon wieder herum! ſchlupft gleichfalls behende in ihren Man⸗ tel und ſo weiter, und mit dem höhniſchen Ruf, den Bina noch zum Beſten gibt:„Adieu, laſſen Sie ſich die Zeit nicht lang werden, Messieurs!“ verlaſſen die Damen gleich brauſendem Wirbelwind die Stube.— Wir ſind allein mit der Flaſche. Nachdem wir ſattſam uns zugenickt, die Achſeln gezuckt, mit dem Kopfe gebeutelt, und ſpöttiſches Lächeln ausgetauſcht, bricht Grauſam das Schwei⸗ gen, zum Himmel ſeufzend: Die Weiber, die Weiber! Und ich: Die Weiber, ja, die Weiber! Und Er: Wir ſind ſchön angekommen! Und ich: Wahrlich: Wir haben's gut ge⸗ troffen! 1 Und Er: Tina oder Bina! Gehupft wie geſprungen! Und ich: Bina oder Tina! Der Ehſtand iſt ein Wehſtand! Und noch einmal Er, faſt gerührt: Geduld, — 325— mein Alter! nur Geduld iſt unſere Medizin.(Er trinkt ſehr.) Und noch einmal Ich, ſehr bewegt: Laß uns geduldig ſchlürfen des Wermuthbechers Neige! (Ich trinke die Flaſche aus.) So war's abgemacht, das Intermezzo.— Wer aber hat— ich frage— den Wein einen Sorgenbrecher genannt? Das iſt ein abgeſchmack⸗ tes Vorurtheil, eine fixe Idee, entſprungen im Hirnkaſten eines durſtigen Literaten, der ſich reich dünkte, wenn er einen Rauſch beſaß. Der Wein biegt die Sorgen wohl, aber er bricht ſie nicht. Par exemple: bei mir kam gleich nach dem Champagner der Ernſt des Lebens wieder an die Reihe. Ich erzähle dem Grauſam die Hiſtorie mit dem„von Sterzen“, bemerke ihm, daß es ſich hier um mein Daſeyn handle, und bitte ihn um Rath und Beiſtand;— ſage ihm auch, des Junkers Mordbrief vorlegend, feierlichſt:„Du erinnerſt dich Grauſam, daß ich dazumal in Flätz dein rit⸗ terlicher Sekundant geweſen... ſei dafür heute der meinige; oder noch beſſer, ſei ſo gut— da — du ja per se ſo viel Luſt an Händeln haſt, und den Zweikämpfen nachläufſt, wie ein Andrer dem Butterbrod: geh' hin, und ſchlage dich an meiner Statt mit dem wüſten Knirps. Hoffentlich wirſt du ihn zuſammenſchießen, und dann Gloria! Wo nicht— und ſollteſt du in's grüne Gras beißen, ſo ſei, o Freund, meiner Thränen verſichert, und zugleich eines braven Monuments, wenn's mich auch koſten ſollte hundert Thaler!!“ Auf dieſe allerdings acceptable und vernünf⸗ tige Offerte erwiederte Grauſam: Mein Freund, Du biſt weiſe, und kannſt in allen Stücken einer reellen Behandlung von meiner Seite gewiß ſeyn; nur in dieſem ſpeciellen Fall bin ich außer Stande, Dir als Stellvertreter zu dienen. Die Zeiten, Bru⸗ der, ſind nicht mehr, da ich den Tod, ſo zu ſagen, unter'm Fabrikpreis an mich zu bringen ſuchte. Mein Erdenſchickſal iſt entſchieden, meine Firma konſolidirt, ich will's dem Schickſal überlaſſen, wie lang es mich noch wandeln läßt im Lichte. Doch will ich dir, wie ſchon geſagt, meinen Rath und vorkommenden Falls meinen Beiſtand nicht ver⸗ — 327— ſagen. Mein Rath alſo iſt, wie nun die Sachen ſtehen, und weil du verſäumt haſt, zu rechter Zeit den Platz zu quittiren, daß du bleibeſt, und muthig, ohne nur das Maul zu verziehen, dem Duell entgegengeheſt. Wenn du's nicht thäteſt, dich verſteckteſt oder ſo der⸗ gleichen, ſo könnte Dir's bitter aufſtoßen, da der Ariſtokrat von einem Junker grob und hainbuchen iſt, wie nur einer ſeiner Kaſte. Er könnte Dich aus Bosheit, Dir zufällig begegnend, mißhandeln. Ja ich kenne Einen, der eben wegen ſeiner klugen Zurückhaltung von ſolch einem Duellhandel, auf offner Gaſſe elend gereitpeitſcht worden iſt.... „Ich kenne auch Einen“ warf ich niederge⸗ ſchlagen ein. Das mußt du alſo verhüten; fuhr Grauſam, wie vom Katheder in Gymnasibus, fort: Nun könnte man freilich in der Eil' der Polizei die Anzeige machen— aber Du weißt, daß die Po⸗ lizei immer zu ſpät kommt, und zwar erſt, wenn Einer ſchon kalt auf dem Platze liegt. Das wäre alſo wieder nichts. Aber noch ein Mittel gibt's, der Sache eine andere Wendung zu geben. Wenn's — Dir entſpricht, will ich Dir dabei helfen. Du ſagſt, der Junker ſei ein Knirps, und der Flip ein leibarmer Kerl? Wohlan: Wir wollen mit den Burſchen auf die Menſut gehen. Und dort — ich führe einen tüchtigen Knüppel bei mir... Du wirſt einen dito Reiſeprügel haben— dort fallen wir, ehe noch die Piſtolen geladen, über die Hunde her, und holzen ſie recht demokratiſch durch, daß ſie nach Gott ſchreien; gehen dann unſerer Wege, und ſchnaufen nicht ein Wörtlein. Dagegen: ſollten Jene ſich muckſen, ſo laſſen wir die Tracht Prügel, die wir verabreicht, in den„Volksfreund“ einrücken, und fordern alle Proletarier von guter Geſinnung auf, die Lieferung zu komplettiren; was gewiß erfolgen wird, denn ich bin ſelbſt Mann des Fortſchritts, und weiß meine Brüder für die gute Sache zu begeiſtern.— He? Ich ſah den Grauſam voll Bewunderung an. In der That führte er jetzo einen Bart, trotz des Stracchinoni, plauderhaften Angedenkens, und ſeine Halsbinde zog ſehr in's Rothe. Da ich ferner wirklich einen kalabriſchen Heimtreiber von einem ——————— — 329— Reiſeſtecken bei mir hatte, ſo leuchtete mir ſein Projekt vorzüglichſt ein, und ich ſagte ihm ein gerührtes„Ja“ und ein inniges„Sei bedankt!“ Kaum war nun auch dieſes Intermezzo abge⸗ macht, als ſchon wieder der„Stupideſte“ ſich prä⸗ ſentirte, fragend:„Ob nicht bald der Herr Langen⸗ ſtrick zu den andern Herren unten kommen werde, laſſen die Herren fragen?“ Eine ernſte Mahnung des Schickſals.— Mlons! ſagt Grauſam männlich.— Marchons! ſage auch ich mit Todes- und Junkerverachtung. Die Prügel hervorgeholt, die Hüte demokratiſch auf die Stirn gedrückt; gewaltſam hinunter wir. Unter dem Periſtaltikum des Hauſes richtig ſchon der Knirps Jochen, ungeduldig hin und her trip⸗ ſondern ein Rieſe in blauem Ueberrock, mit Schnurr⸗ bart und Zuthat... ein Militärgeſicht von erſter Sorte!! Was war das? Ich ſchaue den Grau⸗ ſam beſorglich an... Grauſam mißt bedenklich den Rieſen, der ein paar Fäuſte höher als ich, und vierſchrötig à proportion.— Ich ſtoße den — 330— Grauſam vertraulich in die Rippen; Grauſam er— wiedert das Zeichen mit einem Blick, der da ſagt: Du! der frißt uns beide! Da war jedoch nicht zu fackeln, nicht zu hufen, nicht zu zögern. Wir waren einmal in der Bre- douille, die Suppe mußte ausgelöffelt werden. Der Junker brummt mir in's Geſicht: Laſſen lange warten, bei Gott! Wird ja ſchon Abend! (Der„Geneigteſte“ bemerkt, daß es erſt circa drei Uhr iſt.) Sind Sie fertig? Haben Sie Waffen bei ſich?— Ich verneine, Grauſam ver⸗ neint. Der Junker wirft das Maul trutzig auf, und ſpricht zu ſeinem Helfershelfer:„Vetter, wie ſteht's?“— Der Vetter antwortet mit dumpfer Donnerſtimme:„Ich habe meine Piſtolen im Wagen mitgebracht.“—„Bravo!“ macht der Jun⸗ ker und ſchlägt mir ein Schnippchen:„Und todt ſeyd Ihr, Pfefferſack, eh' noch der Tag ſich en⸗ det!“— Ich murre, Grauſam murrt;... weiter nichts. Der Wagen fährt vor. Wir hinein; die Junker im Fond, wir ihnen gegenüber.— Mir wurde allgemach graulich zu Sinn, blaulich vor — 331— den Augen. Jochem treibt allerlei curioſe Poſſen mit Geſichterſchneiden, Schnippchenſchlagen und wunderlichem Augengeblinzel. Auch kreiſcht er von Zeit zu Zeit:„Diodora! göttliches Weib! Miß⸗ handelt von der Camarilla.... geſchmäht und beleidigt von Bändelkrämern und Ladenjungen!“ — Wie uns das beleidigte, Grauſam und mich, kann man ſich denken, aber nicht um die Welt thaten wir dergleichen! Der blaue Rieſe ſaß da, wie ein ſtummes Flötzgebirge, ſchoß bald einen Seitenblick auf ſeinen Vetter, bald ſchien er uns mit ſeinen ernſten Augen abzuſchätzen, was wir wohl wiegen möchten brutto und netto.— Indeſſen fuhr der Kutſcher wie ein Spitzbube ſeinem Ziel ent⸗ gegen. Ich kam dadurch um ein gut Theil mei⸗ ner Beſonnenheit, und Grauſam ſelbſt war in ſich verſunken, überlegend, ob denn auch wohl der Rieſe ſich würde ſo gutwillig durchholzen laſſen, wie wir gemeint?— Und juſt hupfte Sterzen wiederum von ſeinem Sitze auf, ganz blödſinnig vor ſich hingrölend:„O, ſterben, Diodora, ſterben für dich! welche Freude! Schade, daß dem langen — 332— Schlingel da die Ehre werden ſoll!“—(Wobei er auf mich gefälligſt ſtichelte)— als— Prrr! der Wagen hielt.— Ein Thor mit Eiſengittern in hohen Mauern gähnte uns entgegen. „Ho, ho! wo ſind wir denn?“ machte Sterzen, und dabei tellergroße Augen.— An Ort und Stelle!— ſagte der Vetter trocken, und ſchob ſeine langen Beine aus dem Wagen. Vor demſelben erſchienen ein paar Geſtalten— nicht Baſſerman⸗ niſche— aber Geſtalten von duſterm, ernſten, zuſammengeknöpftem Anſehen. Sahen aus wie Schergen, oder wie Invalidenwächter, oder wie enfin duſter, daß mir die Zunge ſtehen blieb, und dem Grauſam auch, und dito dem Junker Jochem, der da wie im Traume fragte: „Soll das. das da die Faſanerie ſeyn?“ Nur heraus da Alle! kommandirte der Rieſe, und die Handfeſten näherten ſich uns, drei Mann hoch. „Horch! brummte mir Grauſam zu: Da iſt das Duell herausgekommen, und der Polizeiſtaat nimmt uns in Verwahr!“ „Verrätherei!“ ſtammelte ich; aber— ſonder⸗ bar: das Ding war mir recht, wenn's wirklich ſo war. Nur kein Duell nicht! Darüber geht das Chriſtenthum zu Grunde. Wer auf einmal nicht aus der Kutſche wollte, war Sterzen. Dem dummen Kerl ſchwante etwas. —„Allons!“ rief wiederum der Vetter:„Allons, meine Herren, helfen Sie mir, den jungen Mann da auf die Füße zu ſtellen, und Alles ſoll Ihnen klar werden!“— Ich und Grauſam waren gemeint. — Wir packten alſo zu, und mit Gottes und der duſtern Geſtalten Hülfe bringen wir den ſtram⸗ pelnden, ſchäumenden, um ſich ſchlagenden Jochem ins Freie. Dort war er jedoch keineswegs frei, denn ſchwebend, aber handfeſt trugen ihn die Wäch⸗ ter oder Helfershelfer in's Thor hinein!. Und zu uns gewendet, civil und honorig, hob der blaue Rieſe einen Speech an, der dem Ge⸗ halt nach folgendes enthielt: Es thue ihm leid, uns in die Geſchichte, ſo ſich vor unſern Augen begeben, hineingezogen zu haben, aber wegen der leichtern Ausführung habe das ſo ſeyn müſſen. „ Sein Vetter nemlich— der bewußte Sterzen— der ſchon ſeit geraumer Friſt allerlei Zeichen der Verrücktheit zum Beſten gegeben, und der ſich neueſtens wie ein Kameel in die volksthümliche Diodora verliebt, aller Orten wegen ihr Händel angefangen, und ſich namentlich gegen mich Lan⸗ genſtrick in todesgefährliche Drohungen von Er⸗ ſchießen und Aufſpießen ergangen, habe nothwendigſt in Gewahrſam gebracht werden müſſen, von Familie und Polizei wegen. Um nicht in der Stadt Skandal zu machen, habe Er, der Vetter, den Jochem mit dem bewußten Duell u. ſ. w. herausgekirrt, und ihn mit unſerer Hülfe in die Irrenanſtalt verbracht, die vor unſern Augen da⸗ ſtehe, und ſich uns ergebenſt bis auf weiteres empfehle. Vor der Hand hätten wir nichts darinnen zu thun, und möchten nur gefälligſt unſerer Wege gehen. Er,— der Rieſe— beurlaube ſich von uns, um mit dem Direktor der Irrenanſtalt über die Verpflegung und Behandlung ſeines Vetters in's Reine zu kommen. Sprach's, verbeugte ſich leutſeligſt, und ging in das verhängnißvolle Haus hinein, hinter deſſen Gittern allerhand poſſterlich gekleidete Leute zuſam⸗ mengelaufen waren.— Nach den Faſanen zu ur⸗ theilen, war das allerdings eine kurioſe Faſanerie. Beſſer jedoch ſo, als anders. Mir fielen ein paar Centnergewichte von der Bruſt, und eben Narrenhauſe verſorgt wußten; wir wären gern, leicht wie die Vögel, davon geflogen, aber die Fittige mangelten, und auch der Kutſcher war während des Rieſen Speech davon gefahren.— Wohin jetzo? fragte Grauſam: Du wärſt der Bina auf ein paar Stunden ledig... die Mei⸗ nige ſitzt zu Flätz, und liest vielleicht zum hundert⸗ ſtenmal das Billet, worinnen ich ihr meine Reiſe ſo dem Grauſam, da wir unſern Gegner im anzeigte und Urlaub nahm... 6 „Wie?“ ſchreie ich auf:„Ohne Abſchied biſt du 1 von Albertinchen gegangen? O Grauſam, wie 3 grauſam.! 3 Im Gegentheil; ſagt Er:'s war menſchlich, das zu thun. Du glaubſt nicht, was ſie und ich gelitten hätten! Während die Bina ſchimpft und tobt, heult die Tina mir die Ohren voll. und beinahe würde ich lieber mit der Furie als mit der Heulerin fertig. Nun— ſei's, wie's ſei, ich bin gekommen mich zu amüſiren, und da wir jetzo ledig ſind, ſo komm auch Du.... „Oui; ſage ich kühn entſchloſſen: Amusons nous!“ und wir wollen rechtsum machen, denn noch immer ſtehen wir vor dem Narrenhaus, als bettelten wir um die Entrée. Plötzlich klirrt das Thor, ſpringt auf und heraus wirft ſich auf mich Langenſtrick ein Mann und ich, à Pimproviste attakirt, meine, es ſei der Sterzen, der ſich wieder frei gepaukt, und rufe entſetzt:„Grauſam, zu Hülfe! zu Hülfe, ſonſt bin ich verloren!“ wie der Sara ſtro in der Zauberflöte ſingt. Der Grauſam ſchwingt den Reiſeprügel; ein anderer Herr, der hinter dem erſten Herrn drein gekommen— niemand geringeres als der Direktor der Narrenanſtalt ſelber— fällt ihm in den Arm, und ſchreit:„Um Gotteswillen, was thun Sie? 's iſt ein Lord, ein leibhaftiger Lord! Den holzt 3— man nicht, Sapperment!“ Grauſam und Prügel beruhigen ſich, und ich nicht minder, denn vor mir ſteht Dreaps-Preedle, wie er gewachſen, und nicht will er mir an's Leben, ſondern nur an die rechte Hand, die er auch erwiſcht, und mir mit ſolcher Freundſchaft und Hochachtung ſchüttelt, daß ſie beinahe aus dem Gelenk gegangen wäre! „Sieh, ſieh, ruft er dabei,(ich ſchenke dem „Geneigteſten“ das anglo-french-german Kau⸗ derwälſch);„Sieh, da ſind Sie ja! Wie ich mich freue! Wahrhaftig: Sie haben pünktlich Wort ge⸗ halten. Ich muß Sie ſehr um Verzeihung bitten, daß „O, ich bitte.. es hat ja gar nichts auf ſich!“ mache ich, und ſuche meine Hand, die da knackte ſammt dem Arm, in Sicherheit zu bringen: „dieſe Kleinigkeit.. Dreaps ſchaut mich mit ſeinem„weißen Blick“ an, aber zärtlich— daß man davon hätte laufen mögen— und fiällt mir in's Wort:„Freunde vergeben einander leicht, Gott beſſere mich, und einen vergnügtern Mann als ich jetzv bin, hab' Luſtige Geſchichten 1I. 22 — 338— ich nie geſehen. Stellen Sie ſich vor: aus dem Bedlam da kaum entlaſſen zu ſeyn, und gleich auf den vernünftigſten beſten Freund zu ſtoßen..! Gottes Güte iſt groß! Aber dennoch muß ich Sie herzlichſt um Vergebung bitten, daß ich.. bei unſerm Scheiden....“ „O, kein Wort davon— ich bitte;“ unter⸗ brach ich ganz koulant, vermeinend, er wolle auf den geſpenſtigen Auftritt in jüngſtverwichener Nacht anſpielen:„ein Mißverſtändniß... ein kleines Durcheinander....“ Der Dreedle:„Ja wohl, ja wohl, wie's eben auf Reiſen geht... allein ich hätte Ihnen doch ſagen ſollen, wo ich logiren würde, und Säß Ich: Nun, nun, das weiß ich ja ſchon, oder wollten Sie etwa den„Wiſperling“ verlaſſen, und im„Fürſtenhof“ Ihre Wohnung nehmen?“ Der Dreaps:„Gott iſt barmherzig: das werd' ich nicht thun. Gott ſei meiner armen Schweſter gnädig, die heut plötzlich nach Töplitz abgereist iſt... nach ihrer Weiſe... launiſch lebendig.. die Sache eines Augenblicks ich habe ſie nicht mehr geſehen... und hätte ſie verfolgt, wenn ich nicht gerathen wäre in dieſes Neſt ver⸗ dummter Sklaverei(auf's Narrenhaus deutend). Beſter Freund, ich haſſe die Knechtſchaft; vor allem das Helotenthum des Geiſtes. Frei ſollte man jene Unglücklichen laſſen, die nun einmal von Gott alſo geſchaffen wurden, wie ſie ſind, und nicht zu ihnen ſperren vernünft'ge Weſen, wie ich zu ſeyn die Ehre habe!“ Dabei ſah der Mann— auf Seele— ſo verrückt aus, daß mir bang wurde. Aber es ſollte noch beſſer kommen. Der Direktor der Narren war verſchwunden, da er geſehen, daß Alles ſich in Lieb' und Freundſchaft aufgeklärt, der Grau⸗ ſam guckte mit langweiligem Geſicht uns an, und auf meine ſchüchterne Frage, wie denn wohl Dreaps in die„Anſtalt“ gekommen, antwortete Dreedle⸗ „Wie kam Saul unter die Propheten? Wie unſer Heiland in die Geſellſchaft der Schächer? O, ich bin ein ſündiger Menſch, ja wohl! Mei⸗ nem Jähzorn hab' ich mich überlaſſen, da ich in — 340— der Taverne da auſſen erfuhr, daß Miſtreß Matches plötzlich in die Welt gegangen, ſchnell, wie ein Pulverfaß auffliegt..! Herr, Freund; ich ſelber bin eitel brennend Schießpulver, wenn mich die Gnade des Herrn verläßt, und ich zur Beſtie werde! Ja, ich habe gemaledeit, gewüthet, gezürnt mit der Jane, mit dem Himmel, und mit dem bierköpfigen Wirth zum„Fürſtenhof,“ weil er die Jane hat laufen laſſen in alle Welt! Gott halte mir aber die Biertrinker und Tabakſchnuller vom Leibe, das geſchwollene Gewürm! Heiden, Un⸗ chriſten! Und da ich nun meines gottvergeſſenen Zorns ſatt geworden, mich deſſen geſchämt, und vor dem Schöpfer gedemüthigt auf meinen Knieen, da ſind erſt die Weinſchlucker und Bierkneiper des vermaledeiten Wirths mit Spott und Ueberdrang auf mich losgegangen, haben mich geſcholten einen Narrn... und mich gewaltthätig verbracht in das Bedlam da, zum Aergerniß für alle Chriſten⸗ heit! Pfui, Beſtien! Pfui, Ungeheuer, menſchliche!“ Der Dreedle kam offenbar wieder in ſeinen gottvergeſſenen Zorn hinein, und Grauſam zupfte mich am Rock, und flehte: Durchbrennen, Freund, durchbrennen! Das war eine Kunſt. Der Dreaps hielt mich an ein paar Knöpfen feſt, und redete weiter: „Sollten Sie glauben, Freund, daß der Narren⸗ häuptling da drinnen mich anfänglich ſelbſt für ſeines Gleichen hielt? O Schmach, Schande! Doch war er ſo gefällig, mich an unſern Geſchäfts⸗ träger von Altengland ſchreiben zu laſſen, und dieſer reklamirte mich als einen vernünftigen und loyalen Unterthan Sr. Majeſtät. Darum ſteh' ich jetzt wieder, ein Freier, auf freiem Boden... und cChier ſchlug er„Klapps“ wieder in kindliche Milde um) und Dilly wird ſich freuen, Sie zu ſehen, beſter Freund!“ Ich ſchmeichle mir; gebe ich zu.— Der Grau⸗ ſam ſchürt immer an mir mit ewigem: Gehen wir, gehen wir doch! Auch Dreedle wurde plötzlich dieſer Meinung, mich unter dem Arme packend und ſagend:„Gehen wir zu Dilly, Freund—(Armadilla, wohl zu mer⸗ ken—) ſie freut ſich unendlich... kommen Sie! Wir gehen zu ihr über den Eiſenbahnhof... juſt um die Ecke... ich habe dort eine Perſon zu erwarten, die mir ſehr theuer.. 1“ Er ſchrotete mich fort... ich hätt' ihn lie⸗ ber wieder in die„Anſtalt“ geſchrotet... und Grauſam ſchlich mißmuthig nach, bis er wieder durch den Diskurs des alten Burſchen hellauf wurde. (Doch ich bemerke, daß ich ſchon längſt einen andern Abſchnitt hätte ereiren ſollen, und weil das Gute nie zu ſpät kommt(²) lege ich hier den Abſchnitt an, den neuen, in welchem meine Hiſtorien im Sturmſchritt vorrücken.) IX. Feuer auf der ganzen Finie. „Aber wie?“ hob der Malefiz⸗Engländer während des Marſches an:„Sie haben ſich, ſeit wir uns nicht geſehen, einen Bart wachſen laſſen 2 O thun Sie das nicht ferner. Mit den Bärten iſt das Unglück in die Welt gekommen.. ich liebe ſie nicht, die Bärte;... Dilly liebt ſie eben ſo nig Das thut mir leid; ſprach ich dagegen: aber ich dächte doch...(Der Dreaps kam mir im⸗ mer verwunderlicher vor. Und wenn Grauſam ihn nicht in die Flucht holzte, ſo ließ er's nur aus Rückſicht für mich bleiben.) „Nichts denken, beſter Freund, gar nichts, wenn Sie wollen, daß unſere Pläne völligſt ein⸗ ſchlagen ſollen!“ fiel der Dreedle lächelnd ein.— — 344„ Und ich falle ebenfalls ein mit der Frage:„Unſere Pläne 2 „Nun ja: ich hätte ſagen ſollen, meine Pläne; denn ich bin's ja, der Sie und Dilly glücklich machen will. Für das, was ich Ihnen ſchulde, zahle ich einen guten Preis, und Sie ſollen ihn einſtreichen, bei Gott...! und Dilly verlangt es auch nicht beſſer.... mit Vergnügen— ich betheure Ihnen... reicht ſie Ihnen ihre keuſche jungfräuliche Hand!“ Jetzo machte mit mir die Erde ſo zu ſagen einen Purzelbaum...„Mir? mir ihre Hand, ehrenwerther Herr?“ ſtotterte ich, ſtehen bleibend, und beſtürzt zu leſen ſuchend in den Eulenaugen Sr. ſ. g. Lordſchaft. Und Grauſam grinſt dagegen mich an, und raunt mir zu: Was, wie? Noch Eine heirathen willſt Du? Der Dreaps nahm überhaupt von Grauſam keine Notiz; leider deſtomehr von mir. Und dar⸗ um lacht er mir in's Angeſicht, daß mir alles Blut gerann, und ſprudelte ſehr humoriſtiſch: „Ja doch, ja doch; ich garantire es Ihnen, Freund. — 345— Sie wird Ja ſagen, und Jubel ſeyn bei Ihnen und bei mir! Doch— geh'n wir ſtärker ich hör' die Lokomotive pfeifen... jetzt, gerade jetzo können, ja werden Sie ankommen, den ich mit Ungeduld erwarte.“ Wer? Ich? oder... 7—„Ha, hm,“ macht Er:„siſt ja wahr... Sie find's ja ſchon, der an meiner Seite geht, und den ich ſo ſehnſüchtig erwartete. Kommen Sie geſchwinde... im ſchönen Abendſtrahl... zur Eiſenbahn. Man muß pünkt⸗ lich ſeyn, wenn's gilt, gute Freunde zu empfangen!“ Nun, ſo ſei uns der Himmel gnädig! ſeufzte Grauſam: das Narrenhaus iſt Fleiſch und Bein geworden! Und ich rede zum Engländer ernſthaft und mit lebhafter Beſorgniß: Ehrenwerther. wie kommen Sie mir vor? Ich will zum Dampf⸗ keſſel werden, wenn ich Sie verſtehe... nur von fern errathe! Ich ſoll Ihre Nichte heirathen? Bei Gott, ich thät's unter Umſtänden... aber, weiß Gott, jetzs kann ich's nicht mehr thun...! Mit dem ganzen Geſichte wetterleuchtend ent⸗ gegnet der Preedle:„Jetzt weiß ich nicht, wie — 346— Sie mir vorkommen, Herr. Iſt eines Gentle⸗ man würdig, was Sie da ſagen, Goddam?“ Da ſtößt mich Grauſam heftig in die Rippen: Du! wer kommt denn dort? fragt er haſtig, und wird blaß und bleich, wie einſt zu Flätz nach ge⸗ noſſenem Glühwein.— Ich, der ich juſt bärbeißig dem Engliſchman in die Viehſionomie gucke, brumme zur Seite hin: „Nun, wer wird denn auch dort kommen?“ Schaue aber während deſſen hin gegen den Bahnhof, der ſich im Frühabendlicht des ſpätherbſtlichen Tem⸗ peraments ſehr üppig präſentirte, und hätte eben meines Frauenhoferchen nicht bedurft, um meine grandioſe Bina zu erkennen, die daher ſchritt mit zwei Damen, von denen die eine ohne Zweifel Miß Dilly, die andere jedoch mir unbekannt, weil in fremdartigem Mantel, hinter grünem Schleier, und überhaupt fremd, da ſie einen Reiſekabas in Händen trug.— „Meine Bina!“ Der Ausruf entfährt mir. Der Dreedle ſchreit mich an:„Was Bina oder Lina! Herr, ſind Sie bei Troſte? Dort kommt meine Nichte, und nun werden wir ſehen, ob Sie vor ihren Reizen beharren werden auf Ihrer un⸗ galanten Junggeſellenmanier. Ob Sie ſich unter⸗ ſtehen werden, mein gegeben und verpfändet Wort mit Füßen zu treten?“ Dabei hielt mich der alte Burſche feſt; ſonſt wäre ich vielleicht ob Bina's Annäherung und ob der neuen Konfuſion, die da losgehen wollte, ent⸗ ſchwoben mit Geſchwindſchritten in den fernen Hori⸗ zont hinein. Neben mir geberdete ſich indeſſen Grauſam wie ein Narr mit Zerren und Zeichengeben, träp⸗ pelnd hin und her, und dazwiſchen ächzend: Ach, wer doch weit von hier wäre! Bei meiner armen Seele.. ſie iſt's, ſie iſt's! Damit er nicht„Pech gab“(ein Ausdruck der Bina), hielt nun ich ihn feſt, und fragte zornig: „Warum davonlaufen, Sapperment? Das wäre doch eher an mir als an Dir, Sapperment! *s iſt ja meine Bina, die dort anrückt, dummer Menſch!“ Worauf Er giftig, weil feſtgehalten: Ei du —— ſelbſt dummer Kerl, will ich denn vor der Bina ausreißen? Aber iſt denn diejenige, die neben ihr, die mit dem Kabas.. iſt denn das nicht..27 ja wahrhaftig.. der Schleier.. der Gang, der intereſſanteſte Zuſtände verräth... das iſt ja meine Tina, oder ich kenne mir ſelbſt nicht mehr! Geſtanden von meiner Seite, daß mir bei dieſen Worten ſo teufelswohlig um's Herz wurde, wie der leibhaftigen Schadenfreude ſelber. Nun war auch Er in der Patſche! Nun gab's auch mit ihm Verwickelungen, und nicht allein auf mir tanzten Satan und Zufall ihre hölliſche Polka!— Und während die Damen ſehr viel plaudernd, uns noch nicht bemerkend, immer näher und näher kamen, ſtanden wir wie eine Mauer, weil Einer den Andern am Wickel hatte, und zwar ſehre, auf Ehre. Endlich: paff! da war der Feind da, und die Augen gingen ihm auf, und zugleich der drei⸗ fache Roſenmund.— My dear oncle! rief der eine(von den Roſenmündern);—„Wo führt denn Ihn Gotts Wille her, Ladſtock, he?“ machte der andere; und:„Jeſus, Grauſam, böſer Grau⸗ ſam, erwiſch' ich dich da?“ ſchrie und ſchluchzte der dritte.— Dieſe Ouvertüre verſprach etwas, ma ſoi. Jetzo ließen wir uns los— ich und Grau⸗ ſam—; ich ſtrebte zwar meiner Bina entgegen, aber Dreaps ſchleppte mich wie eine Hekabombe vor die höchlich verſtutzende Armadilla.— Hier ſtelle ich Dir, Nichte, den bewußten Bräutigam vor! ſagte er mit einem Aplomb, der zum ſchau⸗ dern war.— Bräutigam? Miſter Langenſtrick? ſagte ſie ſcheu zurücktretend.— Ein Irrthum in der Perſon! ſeufze ich dazwiſchen.— Und Bina, die gewaltigen Arme ſtaunend gen Himmel hebend: Strick, Strick, was ſoll denn das wieder bedeu⸗ ten?— Inzwiſchen hatte auch Tina ſich demas⸗ firt und mit einer Thränenfluth in Grauſam's Arme geſtürzt: O Grauſam! mich ſo ſchnöde zu verlaſſen..! aber ich folge Dir... bis an der Welt Ende... ich bin da!— Das ſeh' ich; entgegnet der Demokrat kalt und geringſchätzend, worauf abermalige Fluth, und noch einmalige Gewaltsumarmung, mit etwas Ohnmacht. Wer kann wiedergeben das Babel, das von uns aufgeführt wurde? Ich bin zu kurz dazu. Des Engländers blindes Geraſe, der Miß Ge⸗ ſträube und das meinige in Worten und Geber⸗ den— der Bina unaufhörliche Einſprache gegen die mir zugemuthete Bigamie, und des Grauſam⸗ lichen Ehepaars gegenſeitige Vorwürfe— das zuſammen machte einen„Vacarme“, der allerlei Zeugen um uns verſammelte.(Wären wir noch vor dem Narrenhauſe geweſen, ſo waren wir ohne Zweifel auch ſchon drinnen, drei Mann und drei Weiber hoch.) Die Zeugen waren unangenehm; die praktiſche Dilly hatte einen braven, lichtvollen Ureinfall. Eben zauderte ein langer Omnibus vom Bahnhof gegen die Stadt an uns vorüber.—„Hinein mit uns Allen!“ rief die Miß, ihren Onkel ge⸗ bieteriſch anpackend;„Wollen wir länger dieſen Maulaffen ein Schauſpiel geben? Hinein, zur Stadt, ſage ich. Dort wird Alles ſich geſtalten!“ Ein Fräulein wie ein General, auf Seele! Wer hätte ſolch Chic und Kommando hinter ihr geſucht? Bina, mit ihr(in dieſem Punkte) ein⸗ verſtanden, gab mir einen Deuter in's Genick, daß ich augenblicklich in den Omnibus hinauf⸗ ſtrauchelte. Bina folgte mit Großſchritten. Dann flog Tinchen herein, wie ein rundes Ballot, ihr Grauſam ſprang nach. Der Dreedle wehrte ſich noch ein bischen;.. aber Dilly und der Kondukteur wurden auch mit ihm fertig. Dilly die letzte;— Alle drinnen. Außer uns noch ein paar beliebige gleich⸗ gültige Geſichter.— Draußen bereits ſinkende Däm⸗ merung(oder ſteigende, wie man will), drinnen be⸗ reits dunkel. Der Omnibus zaudert fort; und— wie's ſo geht— das Dunkelmachte auch die Heftigſten mauerſtill, und ſelbſt der Albertina Stöhnen ver⸗ ſchlang das Hochgerumpel des Fuhrwerks.— Rur im Stillen knuffte mich die Bina; ich hielt ſtviſch aus, und ſtreichelte die Hand, die mich ſchlug, und lehnte feſt an der Wand, die das Coupé von dem Langdarm des Wagens trennte, wün⸗ ſchend, draußen zu ſitzen, wie der einſchläfrige —— —— — 352— Reiſende, der eben dem Kondukteur die Fort⸗ ſetzung einer ſeinigen Lebensgeſchichte erzählte, unbekümmert und unberührt von den Leidenſchaf⸗ ten, die da hinter ihm ſchlummerten— pour le moment.— Der Reiſende ſagte: Wie ich Ihnen alſo ſchon zu bemerken das Vergnügen hatte— der Aufent⸗ halt in dem gewiſſen Friesland und anderweitigem Schweden hatte mich ſehr in meinem Zahnſyſtem angegriffen.. (Pien de Pieu! dachte ich bei mir: dieſe Stimme, dieſen Dialog ſollteſt du ſchon irgendwo gehört haben!— Bina knuffte mich wieder, ſo daß ich nichts mehr dachte; aber ich hörte doch das Weitere): .. Wenn ich Ihnen verſichere, daß dritthalb Monate hindurch, die ich dort zubringen mußte, ich Tag für Tag einen Zahn verlor, den ich ganz bequem mit den Fingern ausziehen konnte, ſo ſage ich Ihnen nur die reinſte Wahrheit. Endlich fürchtete ich ernſtlich für mein Gebiß, und reiste ab worauf 55 Schade, daß wir eben mit einem ungeſchliffe⸗ nen Frachtwagen karambolirten, und die ſchöne Erzählung unterbrochen wurde. Ich aber dachte wiederum: Pieu de Pieu, wenn ich nicht ſelber es bin, der die Geſchichte erzählte, was kaum anzunehmen, ſo kenne ich nur Einen in der wei⸗ ten Welt, der. Jetzt waren wir wieder flott, rumpelten ſchon in der Nähe unſers Hotels, und Bina kuuffte mich abermals ab, und herrſchte mir leiſe zu: Ladſtock, um keinen Preis will ich heut Abend mit dem verrückten engliſchen Kerl und mit der Heulerin des Grauſam zuſammenkommen. Wir wollen auf unſerm Stübchen einfach zu Nacht eſſen, ganz geheim ſeyn, und Du ſollſt mir ungeſtört Deine Beichte ablegen, Sozius. Aber aufrichtig, auf⸗ richtig, oder.. Ich duckte mich demüthig, ſelber froh, nicht mehr mit dem eingefleiſchten Bedlam zuſammen⸗ zutreffen. Darum... lang nachdem die Andern aus dem Kaſten gekrochen, krochen wir, Bina und ich, nach— und heidi heidi auf unſer Kämmer⸗ Luſtige Geſchichten. II. 23 — 354— lein, das mit möglichſter Rückſicht arrangirt wor⸗ den war, wie es ſich für ein liebend und ehelich Paar geziemte. Die Betten im Wohnzimmer und Prunkgemach blühweiß überzogen— vor der Sei⸗ tenflügelthüre ein Kleiderſchrank poſtirt, der alſo weder eine verſtohlne Paſſage zuließ, noch irgend einem Geſchwätz der Nachbarn den Zutritt zu un⸗ ſern vernünftigen und keuſchen Ohren geſtattete.— Ich hätte gern dem dicken Louis für ſothane Vor⸗ richtungen gedankt, aber der Edle hatte unten ein Monatskränzchen von vierzig Mann zu be⸗ wirthen, alle Hände voll zu thun, und ſammt ſeinen Kellnern dergeſtalt den Kopf verloren, daß er irgend eine Antwort zu geben nicht im Stande.— So ließ ich unbekümmert um England und Flätz ein beſcheiden kalt Soupeechen auf mein Gemach bringen. Der's brachte, war das jüngſte„Rinde“ des Hauſes, der kaum das Maul aufzuthun wagte, und nur die Neuigkeit mittheilte, daß während unſerer Abweſenheit die Komödiantin Diodora von der Polizei weggebracht worden, nachdem ihr Flip ſchon lang vorher verſchwunden.— Ich war außer mir vor Freude, und das ſetzte mir bei meiner Bina einen gewaltigen Stein in's Brett. Was ſie noch zu wiſſen brauchte, führte ich ihr ſanft und thunlichſt aufrichtig zu Gemüth. Die gute große Seele war wunderbar weich geſtimmt, gab mir ein paar milde Kopfnüſſe und ſprach: Sta⸗ chander, ich glaube Dir nur die Hälfte, aber es ſoll für jetzt gelten, wenn nur mir der verrückte Engländer vom Halſe bleibt. Gott, was muß die arme Dilla bei ihm ausſtehen! Der Mann hat ja einen enormen Leibſchaden unter'm Hut!(Pit⸗ toreske Redensart meiner Bina). Das arme herzige Miſſelchen! Das liebe durchtriebene Schälkchen! Es hat— à propos— ſchon längſt gewußt, daß ich Deine Frau... und hat Dir nichts davon merken laſſen lange Zeit! He? Sie hat mich auf Deiner Schnupftabaksdoſe geſehen, und flugs errathen, wo's heraushängt! (Das gab mir zu denken, und der„Geneig⸗ teſte“ mag ſich das geeignete auch denken.) Die Bina fuhr aber fort: Sie iſt eben immer noch die Alte, und mir heut ein wahres Labſal — 356— geweſen auf die Malicen des Grauſam. Der Flegel! Aber die Strafe kam gleich nach. Wir ſpazierten am Bahnhof, als der Zug von Flätz ankam. Kommt auch gleich das Weibsbild, die Tina, daher, als eine wahre Strolchin und Land⸗ fahrerin, ſpricht uns an, fragt nach dem Weg zur Stadt— war zu geizig, um in den Omnibus zu ſteigen—! So garſtig nun die Trine auch ge⸗ worden, ich erkannte ſie doch, dann erkannte ſie mich— und ſo weiter, wie Du weißt. Höre: der Grauſam, der Grobian, und ſeine Gans da dürfen uns nicht über die Schwelle. das will ich, anders thu' ich's nicht! „Ganz nach Deinen Befehlen!“ ſage ich ſchmel⸗ zend, und alſo beendigen wir unſere ſchmale Mahl⸗ zeit ungeſtört. Die Lichter blinkten ſo traulich, der Ofen glühte ſo ſtillwarm, der Wein war ſo gewiß ölig und feurig, Bina war in die herr⸗ lichſte Stimmung gerathen, weil müde, weil von ſo viel Unerwartetem erſchöpft... mir wurde ganz ſeeliſch, ganz vögeleswohlerlich in der Haut... da— o Jammerthal voll Plag' und Qual!— — 357— klopft's ſchon wieder einmal an meine Thüre... gerade als ob die arme Thüre juſt nur zum Klo⸗ pfen da wäre. Ich rufe„Herein!“— Und die Bina macht fürchterlich drohend, doch leiſe:„Hinaus mit ihm, wenn's der Grauſam iſt, der Gutedel!“ Derweilen aber kommt... Dilly in eigenſter Perſon! O der Ueberraſchung! Sie iſt gelind außer ſich, ſinkt auf einen Stuhl, und ſeufzt der Bina zu: Erlaube, meine Liebe, daß ich bei Dir ein wenig ausraſte! Mein Onkel iſt heute, fürcht' ich, wirklich übergeſchnappt, und ſein Zorn wie ſeine Güte, die da wechſeln wie Ebbe und Fluth, gleich ſchauerlich und ſchreckbar. Laß mich, Sabina, bei Dir verſchnaufen! Da war die Bina gleich zur Hand, und ſchickt mich hinaus in's Haus, um Wache zu ſtehen und dergleichen; zumal, weil Armadilla etwas auf dem Herzen zu haben ſchien, was ich nicht zu wiſſen brauchte.— Ach, mir hörte auf wohlig zu ſeyn, ma foi. Dennoch ging ich hinaus. Das Schildwachſtehen iſt ein einfältig lang⸗ ——————————— — 358— weilig Ding; das„Schildwachgeſtandenwerden“ 6. B. zwei Ehrenwächter vor dem Hauſe, zum Schutz der Familie und des Eigenthums) iſt ſchon viel vernünftiger.— Indeſſen iſt das Gaslicht auch eine treffliche Erfindung, und da auf meinem Vorplatz drei ſolche Flammen in werkthätiger Glorie brannten, ſo war mein Poſten leichter zu behaup⸗ ten. Ich fürchte mich zwar nicht im Dunkeln, und gehe ſo ſicher und akkurat in der Nacht mei⸗ ner Wege, daß ich nur eine Perſon kenne, die es mir gleichthut: meine Taſchenuhr; allein unter meinen damaligen Verhältniſſen war mir das Licht lieb, da ja von einem Augenblick zum andern der wahnfinnige Dreedle aus ſeiner Höhle her⸗ vorſtürzen, und mich mit Waffen anfallen konnte! Dem Druell war ich glücklich entgangen, aber vor'm Meuchelmord war ich ja doch, bei'm Him⸗ mel, nicht ſicher! Deshalb behielt ich die Salon⸗ thüre des Dreaps heftig im Auge, wenn ich auch, um nur eine unbefangenere Haltung zu haben, ſehr intim mit den Eiſenbahnkarten und Gaſthaus⸗ affiſchen, von denen der Vorplatz tapezirt war, beſchäftigt ſchien. Aber kange war und blieb's ſtill um mich her. Der tolle Richard muckſte nicht; fern von unten herauf dröhnte zu mir des Braten⸗ wenders Geraſſel, Tellergeklapper und anderes Getöſe des Monatskränzlichen Banketts.— Ich durfte hoffen, bald und unmoleſtirt von meiner Wache abtreten zu dürfen.... Indeſſen: aufgepaßt! da knarrten Schritte auf der Treppe. Stimmen ließen ſich vernehmen. „Achtung!“ kommandirte ich mir ſelber in Ge⸗ danken, unbeweglich lauſchend.— Und das oben⸗ bezeichnete jüngſte„Rinde“ des Hauſes ſagte, ohne ſich fichtbar zu machen:„Die erſte Salon⸗ thüre gradeaus, Herr Baron, wenn's beliebt!“— Sprang dann wieder hinunter zum Monatskränz⸗ chen. Herauf ſchritt dagegen ein langer fremder Herr, verzweifelt modiſch angekleidet, und meine Wenigkeit erblickend, ſprach er:„Ach, ein Lohn⸗ bedienter!“ Zur gleichen Zeit, als ich zwiſchen den Zähnen murmelte:„Ach, ein Baron!“ Daß er mich für einen Valet de place an⸗ ſah, giftete mich, und weil ihm beikam, mich im⸗ — 360— pertinent von Kopf bis Fuß zu meſſen, machte ich es gerade eben ſo.— Und wir ſchauten ein⸗ ander nicht nur fremd, ſondern auch befremdet an, und es ergab ſich bald, daß wir einander nicht ſo ganz fremd waren, pardieu.— Sein glattes Geſicht machte mich nicht irre; ihn nicht mein ſtoppligbebartetes Geſicht. Und zur ſelben Zeit ſagten wir verwundert, überraſcht, aber nicht angenehm:„The⸗The⸗o!(o weh)!“— Dann Er:„Theophil!“ dann ich:„Theo dor!“— Potz Zwilling und kein Ende! hatte ein Jeder von uns— äußerſt merkwürdig!— ſeinen Bru⸗ der gefunden!— Ein kurios heikles Wiederſehen!! — Was? Du hier als Lohnbedienter?— „Wie? Du hier als Baron?“— Pſt! Bitte, mich nicht zu dutzen!—„Pſt! Bitte, mich nicht zu kompromittiren!“— Erſuche, mich gar nicht kennen zu wollen.—„Erſuche, mich vollkommen zu ignoriren.“— Wird mir leicht ſeyn mit einem Lohndiener!— Das giftete mich nun gar zu ſehr, und mit flinkem Hupfer— wir hatten bisdaher unſern —————— — 361— Dialog im Dialekt von Oberklammern geführt, der für einen andern ehrlichen Menſchen ohne Dollmetſch à peu-prés unverſtändlich— ſprang ich dem Burſchen ans Kollet, und zog ihn in den duſtern Schlupf hinein, der zu den Zimmern führte, die nebenhinaus, für arme Reiſeſchlucker beſtimmt gelegen ſind, was er ſich überraſchungshalber ge⸗ fallen ließ, und donnerte ihm dort dumpf, aber ſehr dumpf in das Ohr und die Seele:„Wenn du nicht mit deinem hochfahrenden Weſen aufhörſt, ſo werd' ich dir Eine ſtecken, die ſich gewaſchen. Ich bin aber ſo wenig ein Dienſtkerl, als Du ein Baron, und weiß Gott, welche Kniffe und Ränke du wieder hieſig im Schilde führſt! Ich kenne Dir, Spiegelberg. Und wir beide können nicht unter einem Dache zuſammenwohnen. Du haſt kein Geld, du willſt hier Schulden und Streiche machen... ich will meinen Namen nicht zu Schanden werden laſſen. Packe Dich, oder ich ſage dem Gaſtwirth haarklein, wer Du biſt und was Du treibſt!“ Worauf Er— ich konnte meinem Gehör ſchier nicht trauen— ganz kaltblütig, aber mich dito am Fragen packend: Wer Du biſt, ſag' ich Dir gleich: ein alter Eſel biſt du, und, wie ich merke, noch ganz und gar der Hanswurſt von der Elle, wie ſchon ehedem.(Auf Ehre: das ſagte der Menſch.) Ich aber habe Geld und will nicht Schulden machen. Thu' deine Löffel auseinander: Wie klingt Dir das? Klingelte und glöckelte mir mit einem ſchweren Beutel vor der Naſe, vor den Ohren, und wahr⸗ haftig! es klang wie eitel Gold!!—„Reſpekt davor!“ ſagte ich alsdann:„aber mit dem Ba⸗ ron... he? wie denn damit?“— Worauf Er abermals und zwar noch kaltblü⸗ tiger: Ich heiße jetzo Theodor von Adelshielm, und darf, ja muß den Namen eines alten Schwe⸗ den führen, den ich zu Homburg pflegte bis an ſein ſelig Ende, vor welchem er mich adoptirt und zum Erben ſeiner Habe, circa zwanzigtauſend Thaler Silber, eingeſetzt. Die Schriften u. ſ. w. ſtehen Dir zu Dienſten, und jetzt ſei ſo gut, mich nicht länger aufzuhalten. Im weißen Bären ab⸗ — 363— geſtiegen, hab' ich vernommen, daß Sir Richard Dreaps Preedle in dieſem Hotel logirt, und mit ihm hab' ich zu thun, nothwendiges zu thun; verſtanden? Ich war ganz vernichtet; wenigſtens doch um⸗ gekehrt. Ich ließ den Herrn Bruder los, und er ſchritt vornehm, nachdem er mich boshaft am Backen⸗ bart gezupft, an des Dreedle Salon zurück, klopfte an, trat hinein— verſchwand... dis- parais!— Ich bleibe ſtehen, gefüllt von Ahnun⸗ gen und von Zweifeln, wie von Blättern eine Roſe, und bemerke kaum, daß hinter mir,— aus meiner Thüre— meine Bina hervorlauſcht; bis ſie mahnend anhebt: Je, wo ſteckſt du denn, Ladſtock? Die Miß iſt ja ſchon vor fünf Minuten wieder zu ihrem Onkel zurückgegangen. Komm herein;*s iſt ſo ſpät!! So ſpät! Noch nicht acht Uhr!! freilich liegen wir zu Trefunz bereits um dieſe Stunde zu Bette. — Ich, da ich in dem Augenblick ein Getümmel, wie von Freude, in Dreedle's Salon vernehme, winke der Bina, zurückzutreten, flüſternd:„Ich komme — 36 ₰ gleich!“— Bina verſchwindet wirklich;'s iſt mir heute noch unglaublich, daß ſie gethan, wie ich gewollt. Deſto beſſer für ſie. Sie hätte nur Verdruß gehabt, wär' ſie geblieben. Nämlich während ich horche, ob ich nichts von Dreedle's Ausrufungen (er ſchrie nicht übel, wie ein Dachmarder) erliggern könne oder möchte, und in der That nichts erliggere, weil alles auf Engliſch vorging, tappt Einer die Treppe heran, und Derjenige iſt Grau⸗ ſam, der einen wohlgerathenen Schwips führt, ſo eine Art von Haarbeutel, und ſich an meine Bruſt begibt mit taumeliger Umarmung.— Laß' Dir erzählen, Freund und Bruder. cht er, und ſeine Athpfosmähre dunſtet Glühwein.— Ich halte ihm den Mund zu— eine gerathene Maßregel in jeder Beziehung— und flehe ihn an:„Grauſam, Lieber, Grauſam mein... Du biſt ja ſchwer betrunken... geh' in Dein Käm⸗ merlein... Morgen iſt auch ein Tag, guter Junge.. geh', geh'!“ Aber unter meinen Fingern hervor ſtackſt der Demokrat: Das Wort iſt frei.... ein unver⸗ äußerliches Recht, und.... mich knechten laß' ich nicht, bei Gott nicht! niemals nicht... Du mußt hören.... „Nun in's Himmelsnamen, geſchwinde denn... was iſt?“ mache ich, und kneble ihn derweilen, ſo gut ich kann, ſo daß er kurz ſeyn mußte. So ſprach er denn, wie es eben anging: Albertine hat mich zum glücklichſten Vater gemacht! „Wie? Ei daß dich! Albertine Mutter ge⸗ worden? im Hotel? eine ſaubere Geſchichte!“ Kameel! ſtackſt er fort: wer ſagt denn das? Damit ja, ja hat's noch Zeit aber zwanzigtauſend Thaler gewonnen...! Freund! he? wie? „Noch einmal zwanzigtauſend Thaler? die zwanzigtauſend gehen ja heut Abend um, wie ein Geſpenſt!“ rufe ich aus, meines Zwillings gedenkend. Biſt ein Simpel, ein alter Eſel!(Die„alten Eſel“ gingen ebenfalls um, wie ich merkte.) Der Nichtsnutz.. der in Amerika, hä, hä, der freie Bürger von Temeſſen... ha ha... umgeſtan⸗ — 366— den iſt er, kaput iſt er.... geſtorben beim Steinklopfen als ein braver Republikaner... am Wysky hin geworden, der wackere Burſche.. ſein Erbtheil daher an Albertine gerumpelt... hoch Amerika und die Freiheit! hoch die zwanzig⸗ tauſend für meine Kinder...*s gibt viel Glüh⸗ wein aller für meine Kinder.. 1 Nun wurde mir der Rüpel gar zu überläſtig, ich laſtete ihn daher ſchnellſtens auf meine Schul⸗ ter, und trug ihn mit Lebensgefahr hinauf in's andere Stockwerk, legte ihn nieder vor die Num⸗ mer„fünfzehn“ die er mit ſchwerer aber getreuer Zunge angab, denn, wenn auch benebelt, irrt ſich Grauſam nie in Ziffern und dergleichen.— Ich hatte auch die Genugthuung, bald zu hören, wie Albertine den glücklichen Vater abfaßte.— Nun; auch dieſes abgemacht. Die Bina wollte mich nicht gar zu freundlich empfangen.„Es ſei ſo ſpät, ſie fürchte ſich.. ich gewähre ihr keinen Schutz!“ und was ſo der Vorwürfe einige ſind. Ich hatte aber den Ableiter bei der Hand und ärgerte ſie ein wenig mit dem — 367— unverhofften Vieltauſendthalerglück des grauſam⸗ lichen Paars, ſo daß ſie wieder weich und ſchmel⸗ zend wurde, und die Fortuna ein dummes Weib nannte, das nur fähig, das Glück der Dummköpfe zu machen, und was dem mehr. „O,“ flötete ſie bei dieſem Anlaß:„Wie viei Unglück auf dieſer Welt! Die arme Dilla— nun die ſitzt ſauber im Pech und Malheur! Stelle dir einmal vor, Stachander, daß der Onkel völlig wüthig geworden; hat ihr geſagt von einem alten Schweden, dem er ſie zur Frau verſprochen, weil der alte Schwede ihm einmal— vor kurzem— auf der Reiſe ſo zu ſagen das Leben gerettet... „Ein alter Schwede...7“ plumpte ich haſtig dazwiſchen.. und mir ging wieder einmal ein Flamboh auf.— „Ja doch;“ fuhr Bina fort—(ſie machte eben ihre Rachttvilette):„und denke dir die Narr⸗ heit: er behauptet, der alte Schwede ſeiſt Du, Du, mein Strick, mein Ladſtock, mein Schellaug'! Du ein Schwede!“ „Ein alter obendrein!“ ſpöttelte ich beſchämt — — 368— und gekränkt, und eine Unzahl von Ahnungen kroch in meinem Kopfe aus dem Ei.— Bina ahnte freilich nichts, und ſetzte daher fort:„Die Miß möchte um alles in der Welt dem alten Narrn entfliehen— und da ſie keinen Liebhaber hat— Dein Glück, langer Strick, daß ich deſſen gewiß bin— ſo möchte ſie gern mit mir durch⸗ gehen, nach Trefunz, ſich dort verbergen im Keller oder auf'm Speicher, bis es beſſer wird. Stell' dir einmal vor!— Du machſt ein ſauer Geſicht, und ich lobe das. Wir können das nicht eingehen, gelt? Wir haben doch Reputation, und die Ge⸗ ſchichten da geh'n uns nichts an; gelt? Und endlich könnten wir auch um's Koſtgeld und alle Auslagen kommen, weil das Mädel eben doch nichts hat, als was ihr der alte Narr zu geben ſo barm⸗ herzig... gelt?“ O, du biſt klug und weiſe! ſagte ich zerſtreut, und ſetzte Bina's Reiſeſtiefel vor die Thüre.— Während deſſen ſchlüpfte meine Holde in's Bette meines Prunkgemachs, mir das Lager im Vor⸗ zimmer, wie billig, überlaſſend.„Schließe fein die — 369— Thüre;“ mahnte ſie mich auf:„löſche fein das Licht; ich bin ſo müde, ſo ſchläfrig!“ „Ja, ja; ſoll all geſchehen;“ antwortete ich, und wollte auch pünktlich thun, wie Bina verlangte; aber da ich mich langſam entkleidete— Bina ſchlafathmete ſchon hörbar— fielen mir natürlich die Begebenheiten des Abends ein, und mein Bruder vor allem, und der alte Schwede, und des Dreedle Mißgriff, zu entſchuldigen wegen der großen Aehnlichkeit der beiden Zwillingsinviduduen und ich überlegte, ob ich der Bina etwas von dem Theodor berichten ſolle, und von ſeinem Geld⸗ und Adelsglück? Bald ſagte ich dazu Ja, bald wieder Nein. Ja, weil ihr— der Bina— Freude machen würde, wenn mein Zwilling, den ſie nur von Hören⸗ ſagen, aber als einen Nichtsnutz kennt, der aber ihr Chignon iſt, weil immerhin möglich, daß er als ein alter Lump ſich auf ſeine alten Tage bei uns einzubetteln kommen dürfte,(und dergleichen Koſtgänger liebt ſie nicht)— wenn mein Zwilling, ſage ich, als ein reichgewordener Menſch, ſeine Luſtige Geſchichten II.. 24 — 370— Gelder in unſerm Geſchäft anlegen, bei uns gegen Baria privatiſiren und uns oder unſere zukünfti⸗ gen Kinder zu Erben einſetzen möchte.—(Das nennt Bina in ihrer pittoresken Redeweiſe„Einen in's Haus metzeln“). Nein, weil nach dem, was ich vom Zwilling vernommen, und noch mehr, nach dem, was ich ahnte, nicht anzunehmen war, daß er ſich beſagte „Hausmetzelei“ gefallen, ſondern im Gegentheil Luſt haben würde, ſich auf eigne Fauſt zu ver⸗ heirathen und ſelber Kinder zu erzielen, die den unſrigen das Onkelerbe vor der Naſe wegſchnap⸗ pen würden. Was natürlich meine Bina höchſt⸗ ſehr zu erzürnen im Stande. Ueber ſolchen Bedenken vergaß ich die Thüre zu ſchließen— war aber daran, das Licht zu löſchen nach Vorſchrift, als meine Großartige plötz⸗ lich einen langen Athemzug that, aufwachte und melodiſch fragte:„Ladſtock, wo biſt du? Ach, ich fürchte mich hier ſo allein.. 1 ich kann nicht ſchlafen, weil die Leute nebenan unaufhörlich ſchwatzen, als ob nicht Nacht und nicht Schlafenszeit wäre...! Komm doch her, du herziges Schell⸗ aug', komm, daß ich wieder die Augen ſchließen und träumen kann.... ich fürchte mich ſo ſehr!“ Dieſe kindliche Furcht bei Nacht und Nebel und im Bette kommt der Bina auch zu Trefunz nicht ſelten an, und bin ich darauf ſchon dreſſirt. Ich ſchwebe daher von meinem Lager an das ihre, und faſſe ihre Hand, die mächtige, um mein Weibchen zu beruhigen. Ueber dem geht das Licht aus, und Bina ſagt ſtill vergnügt:„So iſt's recht; das Licht hat mich geſtört.....“ Weiß nicht, wie's kommt, aber: Sitz' ich in ſtiller Mitternacht(heut war's aber erſt halb Neun) Bei meiner Bina auf der Wacht—— ſo wird mir ordinairement ſo gewiß ſeeliſch, ſo gewiß wohlerlich— wie kaum vorhin bei'm Nacht⸗ eſſen,— und ſo auch heute, und ſo auch der Bina ſelber—— die Einſamkeit, die Gefühlung, die Stille— von Dreaps-Preedle's herüber — 372— nur ein verworrenes Summen per Thür und Wand und Kleiderkaſten. enfin— Aber plötzlich... horch! krächelt meines Vorzimmers Pförtlein... plötzlich... ſieh: dringt matter Lichtſchimmer in's Gemach... Wir ſtutzen, beben, ſtarren, ſtieren— und —,— X. Das Geſpenſt tritt ein, mit ihm die Verwicklung, ja die Ent⸗ wicklung. Ein leibhaftig Geſpenſte, Wollkopp's Erſchei⸗ nung, weiß genachtkleidet, ſchwarze Haare wallend lang hernieder, ein bleiches Geſicht, wie von einem geſtorbenen Mädchen... aber grauerlich, den⸗ noch ſchön, wie nur ein Geſpenſt ſeyn kem 3 eine Leuchte in der Rechten, und... v Himmel! ein Sträußchen in der Linken? So tritt es herein mit nackten Füßchen, und ſchwebt lautlos auf uns zu,„Geneigteſter“! das war ein Moment!! Ich war ſchon en train, unter's Bett zu fahren, wie ſchon geſtern, aber Bina, die Gemaltige, hielt mich empor, und ſich ſelber an mir feſt, und obgleich fröſtelnd vor — 374— Furcht(aber ſo ſind ſchon einmal die Weiber)— ſchreit ſie mich an voll Eiferſucht:„Strick, Strick, wer iſt das Weib, liederlicher Strick?“ Nun, das wird ſchön werden? denke ich, dem das Sträußchen und die Wiſperling und die Ar⸗ madilla und ſelbſt die Angelika ſammt Geſpenſt im Rundtanz durch's Gehirn walzten.— Aber noch nicht genug. Denn:(ſo etwas muß man geſehen und erlebt haben, um— u. ſ. w.) denn, ſage ich: dem lockenhaarfliegenden Geſpenſt folgt — rips— ein zweites in Nachthaube, Nacht⸗ ſchlender, mit dito Nachtlampe und fällt über das erſte her; und— raps— kommt noch ein drittes Geſpenſt, ein dickes, in Zipfelmütze und Rundjacke, ohne Lampe, und fällt über das zweite her... und plötzlich reden alle drei deutſch!! Geſpenſter, die deutſch reden! „Mein Gott... wo bin ich?“ kreiſcht das erſte, und läßt Leuchter und ſich ſelber zu Boden fallen.—„Schon wieder, ſchon wieder!“ kreiſcht die Nachthaube:„Mädel, das iſt mein Tod!“(Der Tod eines Geſpenſts!) ——— ———,———— „Ihr Teufelsweiber, was gibt's da ſchon wie⸗ der? Marſch, marſch, hinaus! und Morgen aus dem Hauſe mit dem Mädel! Marſch, marſch!“ Alſo kreiſchte das dritte Geſpenſt, das ich gleich im Verdacht hatte, der dicke Louis zu ſeyn.— Knuffte und puffte ſeine Geiſterweiber, daß es Zeug hielt..... ſchmiß ſie ſämmtlich zur Thür hinaus... und punctum finis mit der erſchreck⸗ lichen Erſcheinung! Bina ließ mich los, gab mir einen Genickfang, ſprechend: Geſchwinde, geh' und ſieh', was das für Narren ſind; Marſch, langer Strick! Ich, weil noch angekleidet und voll von Muth, gehorche, trete vor die Thüre, und— befinde mich tout à coup in brillanter Geſellſchaft von allen Fremden, die ringsum im Stockwerk wohn⸗ ten. Brillant, ſage ich, weil ein Jeder und eine Jede ein Licht in ihren Händen. Mitten im Kreiſe die drei Geiſter, von denen einer ohnmäch⸗ tig; auf der Treppe anſteigend das obligate Volk und Chor der Hausſklaven, wie ſich Dreedle aus⸗ drückt; auf der Treppe abſteigend der noch immer — 376— wachbare Grauſam, geſtützt von ſeiner Tina, der Neugierigen. Der dicke Louis in ſeiner Verwirrung und Beſchämung verwickelte, um ſich herauszuwickeln, ſich dergeſtalt in ſein bischen Deutſch und Fran⸗ zöſiſch, daß es ein Jammer: Mille pardons, Messieurs, Mesdames! Seh'n Sie: ein Miß⸗ verſtändniß.... meine Stieffrau.... meine zweite Tochterlene, ſonſt ein braves Mädchen... mais malade, mais somnambule. nachtfertig mille pardons... ga n'arrivera plus in meinem Leben nicht... bedaure ſehr.. marſch fort mit der Lene, du faules Weib. nous en reparlerons, va! Wollt ihr ſie gleich fortſchaffen? Mille pardons für die Störung, Mesdames, Messieurs!!—— Die arme Tochter-Lene wurde von der Wiſper⸗ ling— die in der Nachthaube ſehr verlor— und von andern Weibſen in des dicken Louis Harem geſchleppt, die Thür dahin, die jetzo ſperr⸗ angelweitoffen, verriegelt und vermacht. Punktum. Auch dieſes abgemacht. — Und in die Mitte der ſtaunenden Geſellſchaft tritt der dicke Louis, die Zipfelmütze in der Hand, und ſpricht— in nucibus à-peu-prés, wie folgt: Dieſes ſiebenzehnjährige Mädchen, mir ſtiefgeboren, Lene Rautenkranz, von Natur nachtwandleriſch, hatte leider ſich verliebt in einen Herrn vom Forſt⸗ weſen und aus Schwerin, der einſt in jenem Zim⸗ mer gelogirt geweſen, und ihr die Eh' verſprochen und wieder heim gereiſet um ſeine Papiere zu holen, worauf er ausgeblieben und nichts mehr von ihm zu hören geweſen— worauf ſich die arme Lene ſchier hinterſonnen, und hinter unſerm— meinem Rücken die Gewohnheit angenommen, zur Nacht ſchlafzuwandeln— oder auch bei Tage, mit entwendetem Hauptſchlüſſel, oder auch ohne und zu dringen in fragliches Zimmer und zu de⸗ poniren dort Blumenſträußlein von Geranium und dergleichen Zeug, gleichſam als Souvenir und Opferlämmlein für den Ungetreuen, der einſt dort⸗ ſelbſt gewohnt— was auch heute geſchehen ſollte, doch bald genug von der Mutter bemerkt werden wollte, der ich ſelber zu folgen nicht unterlaſſen mochte, woher der ganze Lärm und Scandalum. — Pardon, meine Herrſchaften alſo. Pardon hauptſächlich von Ihnen, Herr Langenſtrick. Wie mir meine Frau geſagt, wollte ſie ſchon einmal Ihnen von der Sache mittheilen— wurde jedoch geſtört und ſchämte ſich dann ſpäter ihrer Keckheit, und ſchwieg, ſo wie auch ich gethan. Pardon, mille pardons, Messieurs, Mesdames! Sprachs— verſchwand— und eine kleine Geſellſchaft blieb auf dem Flur zurück: das Haus Dreaps und Dreedle— die Brüder Langen⸗ ſtrick, das Paar Grauſam— und endlich meine Bina, die, in einen Schlafrock kenſch verhüllt, herbeigekommen und der Begebenheit nachgeſtaunt. Aber wie ſtaunte ſie erſt meinen Zwilling an, als dieſer, den feierlichen Augenblick benützend, vortrat, die Miß an der Hand führend, und zu mir ſprach mit dem Aplomb, der dem Burſchen eigen: „Mein Bruder— weil denn doch die Dinge ſich gewendet, daß ich Dich anerkennen darf: hier meine Braut, Miß Armadilla Dreaps-Dreedle!“ Ich verbengte mich ſtumm. Um ſo redſeliger wendete ſich der Preaps zu mir, und ſagte in ſeiner wundervollen Zerſtreuung, eines Wollkopps —— würdig, ſeinerſeits die Hand der Miß erfaſſend: „O Jyes, Sie ſeien mir gegrüßt als meiner Nichte Bräutigam, und Glück und Segen ſei auf allen Ihren Wegen!“ Legte dabei die Hand der Miß in die meinige — ein Pfarrer hätte das nicht beſſer machen können.— Zugleich wurde meine Bina konfus, ergriff des Theodors Hand, ihn anherrſchend: „Komm, langer Strick, wir wollen ſchlafen gehen!“ Theodor fuhr zurück, und rief: Madam, Sie ſind ſchief gewickelt..(Der Grobian 1) Und Ich: Bina, du biſt im Irrthum! Und Armadilla, zum Onkel: Sir Richard, Sie ſind am Unrechten!(Dabei aber leiſe zu mir: Weil Ihr Bruder Ihnen ſo ähnlich, darum ich ſeine Braut ſo gerne!) Und der Dreedle, ſehr dämlich umher⸗ ſchauend: Gott iſt groß; Welcher aber von den Beiden da? Nun: keine Frage, daß das Brautpaar ſich zuſammenfand, daß Bina ſich verſchämt hinter mich verſteckte. Der Preaps fand ſich endlich in das Ding und ging mit den Seinigen ab, ausrufend: So wie Sie mir einſt das Leben gerettet, wackerer Schwede, ſo retten Sie jetzo auch durch alle Ge⸗ — fahren der Zukunft das Glück meiner Nichte, meiner Erbin, meines Quaſikindes!!— Et bonsoir, la compagnie! (Wozugegen der Theodor dem beeal das Leben gerettet, das iſt mir entfallen. War's bei Jungbunzlau? war's bei Burtehude? ich weiß nicht mehr. Vielleicht hat er auch dem alten Konfuſius das ganze Ding nur weiß gemacht. Er iſt der Kerl hiezu.) Ein Faktum, daß der behaarbeutelte Grauſam noch durchaus von mir erfahren wollte, was denn eigentlich da verhandelt worden.— Kameel! ſagte ich ihm: merkſt du nicht, daß alle jene Leute be⸗ nebelt und betrunken? Geh' heim, du einzig Nüch⸗ terner, du glücklicher Familienvater! Stupid lächelnd folgte er ſeiner ſchmollenden Tina in's Neſtlein. Nun, wird's bald? ſagte auch ſchmollend meine Bina, auf unſere Thür zeigend. Da keuchte zum guten Schluß noch Wiſperling die Stiege herauf, und ſang mit fetter Stimme: „Er iſt da, er iſt da, er iſt da!“ Juſt wie in der Oper von Halevy. Wer, wer iſt da? Gottlob, der Forſtmeiſter, der aus Schwerin... ———————————— —————— — 381— meiner Lene Verlobter... eben angekommen— Papiere da, Mann da, Hochzeit da, Alles da!— Und verlor ſich unter'm obigen Refrain:„Er iſt dä, u. ſ. w. „Das ſind die Freuden der Reſidenz! Mor⸗ gen wollen wir nach Hauſe, Stachander!“ Dieſe Worte waren die letzten, die meine Bina vor'm Einſchlafen hinflötete. Ein Kernweib! Aber eine Thatſache, daß wir alleſammt noch blieben, bis ſie um waren, die„Vierzehn Tage wie noch nie.“ Und was von denſelben noch im Rückſtand, will ich unterlaſſen, dem„Geneigteſten“ zu ſchildern.— Familienglück iſt ſchwer zu malen, noch ſchwerer zu beſchreiben. Indeſſen will ich dem Publikus nicht vorent⸗ halten, daß mein Zwilling und die Miß richtig ein Paar geworden, und daß unſere Kinder(die zu hoffenden meinigen und Bina's) ſchwerlich in den Beſitz der reichen ſchwediſchen und der noch reichern engliſchen Erbſchaft gerathen werden. Arme Kinder! Noch heute übrigens hat mein Kröſus den Nadelhuber nicht bezahlt. Er thut dergleichen nicht gerne. Vielleicht geſchieht's nach dem Tode des Dreaps und Dreedle, der alle Symptome eines baldigen Hydro- Storax am Leibe hat. Ich dagegen und Bina— nous nous por- tons à merveille; ich führe einen Bart, der den Stracchinoni bereits hinunter geſtochen, und wünſche nur, daß die fürtreffliche Scholaſtika mir ferner Gelegenheit geben möge, im Hotel Wiſperling— dem jetzt entgeiſterten, einzukehren. Freilich: was iſt aus meinen ſtillen Verlieb⸗ niſſen geworden?— Ach, vorüber, ihr Schafe, orüber! Der„Geneigteſte“ begreift mich d wenn ich ihm nicht mehr ins Verſtändniß ede, und zu Gemüth führe, ſo iſt bei mir das Papier, und beim Geneigteſten ſelbſt die Geduld daran ſchuld. Die beiden Dinge ſind uns ausgegangen; aber der Troſt iſt mir geblieben, daß „Wenn beim Spaß der Leſer hat gelacht, Er mir zugleich ein groß Pläſir gemacht!“ Theophil Langenſtrick, ſonſt Grand-Fusil. ————— —— ——— — ———— ——— —— —— g14 Senqae