Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Ednard Oltmann in Giefßen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und eſebedingungen. 1. oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ ft pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. S 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 7 1 S wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 5 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———————— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „3„— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Alle Weiberanmuth jedoch, die auf dem reizenden Eilande zu ſchauen war, verdunkelte eine blonde Dame, die zu Anfang des Jahrs 1592,— eine Fremde— nach Murauo gekom⸗ men war. Nicht ihre ſeltne Schoͤnheit allein war es, die Aller Aufmerkſamkeit auf ſich zog, ſondern nicht minder das geheimnißvolle Ver⸗ haͤltniß, das die Fremde umgab. Ein deutſcher Fuͤrſt, von den Venetianern ſchlechtweg Mar⸗ cheſe Fortunato genannt, hatte die holde Signora Maric nach Murano gefuͤhrt, allein Niemand S wußte genau, in welcher Eigenſchaft es geſchehen * war. Maria ſchien des Markgrafen Gattin z1 ſeyn, und dennoch behandelte ſie kein Menſch aus dem kleinen Gefolge des Fuͤrſten als Herrin. Die Freundin des Gebieters wuͤrde hinge⸗ gen ſchwerlich die Wuͤrde in allem ihrem Thun behauptet haben, wie es Maria that. Darum gab es Viele, die ſogar wiſſen wollten, Maria ſey die Tochter des deutſchen Markgrafen, die zu Murano ihren zu Neapel befindlichen Gemahl erwarte, und wenn Andere dieſe Vermuthung verlachten, und zu bedenken gaben, daß der Va⸗ ter wohl keine zehn Jahre älter ſeyn moͤchte als die Tochter, ſo vereinigten ſich endlich alle Stim⸗ men dahin, die ſchone Unbekannte fuͤr die Baſe des Fuͤrſten auszugeben. Die Theilnahme, wel⸗ che alle venezianiſche Edeln an der Fremden nahmen, ſteigerte ſich, da man bald bemerkte, ſie werde in kurzem Mutter werden. Die ſchmach⸗ tende Anmuth dieſes Zuſtandes ruͤhrte die Her⸗ zen der Maͤnner dergeſtalt, daß ſich Gondel an Gondel draͤngte, wenn Maria auf ihrem Lieb⸗ lingsplätzchen ſaß, einem Vorſprunge des Ei⸗ A 9 NN lands in das Meer, von welihem man die ſtol⸗ zen Gebaͤude Venedigs in ihrer Ausdehnung ſehen konnte. Der Markgraf beſuchte täglich die Lagunenſtadt, erfreute ſich dort bei Spiel, Wein und Luſtbarkeit, und kuͤmmerte ſich nicht viel um den Maͤnnerſchwarm, der die 8 e befuhr, um ſeiner Begleiterin einen Blick d digung dar⸗ zubringen, denn es kam nicht einmal zu einer freundlichen Begruͤßung, da Maria nie allein war. Manchmal leiſtete ihr der hagere Geiſt⸗ liche Geſellſchaft, der in des Markgrafen Ge⸗ folge war, am oͤfteſten jedoch begleitete ſie die Pfoͤrtnerin ihres Hauſes, die alte Wittwe Bar⸗ berina. Dieſe Letztere wußte recht wohl um die Wuͤnſche und Neugierde der Herren von Vene⸗ dig und Murano, allein ſie machte eine Aus⸗ nahme von den gewoͤhnlichen Beſchließerinnen adelicher Haͤuſer, und wies jede Nachforſchung, jede Zudringlichkeit mit dem abſchreckenden Tone zuruͤck, den das vorgeruͤckre Alter ſo gut in der Gewalt hat, wenn es nur will. Die reinſte Ergebenheit fuͤr die blonde Dame beſeelte die Alte, und das Verſtauen der Fremden belohnte ſie dafuͤr. Sie wußte recht gut aus Mariens . Munde, daß die Bande der Ehe ſie an den Markgrafen Eduard von Baden feſſelten, was auch die Welt ſpreche, und der Markgraf ſelbſt. Sie wußte, daß Marie, obgleich von Liebe und znttite⸗ Gemahl durchdrungen, ein ungluͤckliches, zwiſchen tauſend Zweifeln ſchwankendes Leben führte, und daß ſie mit Pein und Sorge den Augenblick ihrer Nieder⸗ kunft erwartete.„O, wenn der Himmel mir einen Sohn ſchenkte,“ ſeufzte ſie oft, wenn ihr Gefuͤhl die Rede auf ihre Hoffnungen gebracht hatte:„dann wuͤrde wohl Vieles anders wer⸗ den! Auf ſo viel Gluͤck darf ich jedoch nicht hoffen. Ich wäre ſchon uͤberſelig, wenn ich nur ein lebendes Kind, wenn gleich eine Tochter, in des Vaters Arme legen duͤrfte. Allein eine trausige Ahnung fluſtert mir immer zu: Du wirſt ein todtes Kind gebaͤren, und dann... dann reißt vollends das leichte Band, mit wel⸗ chem aufbrauſende Leidenſchaft meinen geliebten — * 11 AMN Herrn an mich gefeſſelt hat. Dann hin ich die ungluͤcklichſte der Frauen!“— Barberina ſuchte der Bekuͤmmerten dieſe traurige Einbildung zu rauben, und freundlichere Bilder vor ihre Seele zu zaubern, es wollte der gutmuͤthigen Alten indeſſen nur ſchlecht gelingen. Eines Abends je⸗ doch,— als Maria— beinahe allein in dem weitlaͤufigen Hauſe— zur ſpaͤten Stunde noch den Markgrafen erwartete, der ungewoͤhnlich lange mit der Heimkehr zauderte,— ruͤckte Bar⸗ berina mit einem Vorſchlag heraus, der Ma⸗ rien in ſtummes Erſtaunen verſetzte.— „Ich fuͤrchte,“ ſagte die Alte,„Euer Ge⸗ mahl verdient die innige Liebe gar nicht, mit welcher Ihr an ihm hängt. Ihr lebt nur in ihm, er lebt aber außerhalb, und, wie die Welt zu munkeln weiß, ſo geht es druͤben zu Vene⸗ dig nicht immer am zuͤchtigſten bei den Gelagen her, die der Markgraf nebſt andern deutſchen Herren dort zu feiern pflegt. Die beruͤchtigte Carina ruͤhmt ſich ausgezeichneter Gunſt Euers Gemahls, und ſomit halte ich dafuͤr, Ihr moͤchtet Eure uͤbertriebne Angſt vor dem Augenblicke Eurer Niederkunft bezaͤhmen, und eher auf ein liſtig Mittelchen denken, das Gluͤck dergeſtalt zu faſſen, daß es laͤcheln muͤſſe, wie auch die Wuͤrfel fallen. Ihr beſorgt, ein todtes Kind zur Welt zu bringen, und leider trifft's ſich oft, daß Mutterangſt in Erfullung geht, und die Furcht allein das ungeborne Geſchöpf toͤd⸗ tet. Haltet Euch gefaßt auf dieſen Fall, und ſorgt fuͤr einen kleinen Wurm, den Ihr dem Va⸗ ter vorweiſen moͤgt, damit er umkehre auf dem Wege des Unrechts, und es Euch wohlgehe auf Erden.“— Marie ſah die Sprecherin noch im⸗ mer ſteif und verwunderungsvoll an, ohne eine Syibe zu erwiedern. Barberina laͤchelte hier⸗ auf, und meynte, die Dame wuͤrde ſie bald beſſer verſtehen, wenn ſie ihr nur ein geneigtes Ohr leihen wollte.—„Unfern von dieſem Hauſe,“ ſprach ſie weiter,„wohnt das Elend ſelbſt in der⸗Geſtalt zweier jungen Leute, de⸗ ren Ehe auch nicht im Himmel geſchloſſen wor⸗ den iſt, weil ſie nahe daran ſind, auf Erden zu Ad 13* verhungern. Der Mann iſt ein Deutſcher von Adel, aber blutarm. Er hat bei unſern Herren von Venedig ſein Gluͤck verſucht, und iſt Faͤhndrich geweſen unter dem Kriegsvolke auf Candia, wo er auch ſeine Frau geheirathet hat, die von jener Inſel gebuͤrtig, ſchön, aber nicht minder arm iſt, als er. Vor zwei Monden ungefähr iſt er nebſt vielen andern Waffenbruͤdern und Offizieren abgedankt worden, und von da an rechnet ſich das voͤllige Elend der armen Leute. Er hat nichts als ſeinen Degen, und ſie er⸗ wartet gleich Euch mit jedem Tag ihre Ent⸗ bindung. Meinen Beobachtungen zufolge wird's ein Junge ſeyn, den die Frau zur Welt brin⸗ gen wird, und auf den Fall, daß Euer Stuͤnd⸗ lein ungefaͤhr zu gleicher Zeit mit dem ihrigen ſchluͤge, und Euch ein Unglück geſchaͤhe, koͤnnte des Faͤhndrichs Kind gar wohl dem Euern un⸗ tergeſchoben, und alſo Euer Gluͤck befeſtigt wer⸗ den. Ich habe mit aller Vorſicht bei den Leut⸗ chen auf den Buſch geklopft, und einem guten Stuͤck Geld werden ſie nicht widerſtehen. Das 14 Uebrige moͤgt Ihr nun meiner Geſchicklichkeit und Treue überlaſſen. Es iſt nicht das Erſte⸗ mal, daß dergleichen praktizirt worden, und wird auch wohl das Letztemal nicht ſeyn.“— Marie konnte ſich noch immer die Unbe⸗ fangenheit nicht erklaͤren, mit welcher Barberina ihr den hinterliſtigen Vorſchlag gemacht hatte, und vermochte eben ſo wenig eine beſtimmte Erklaͤrung, auf welche die Alte drang, von ſich zu geben. Noch im Zweifel, ob ſie den Antrag der Pfoͤrtnerin mit dem verdienten Abſcheu zu⸗ ruͤckweiſen, oder die dargebotene Huͤlfe fuͤr den Angenblick der Gefahr ſich durch kluges Beneh⸗ men bewahren ſollte, uͤberraſchte der Markgraf die Plandernden.— Er war uͤbel gelaunt, ſandte Barberina hinweg, und ging in heftiger Gemuͤthsbewegung eine lange Weile vor der ſchweigend harrenden Maria auf und ab.— Endlich machte ſich ſein Unmuth Luft:„Der Teufel hole die ſpitzbuͤbiſchen Italiener und ihre Würfel und Karten. Weißt Du wohl, Marie, daß ich heut all mein Geld verſpielt habe? 19 wird erhoͤht werden,“ gab der Markgraf leicht⸗ ſinnig ſcherzend zur Antwort:„Zeit bringt Ro⸗ ſen, meine ſchoͤne Marie. Verbanne alle Schwer⸗ muth, und ſorge fuͤr das Wohl des Kindes, mit dem Du mich beſchenken wirſt. Iſt's ein Knabe, wer weiß, wie hoch ich Dich dann loh— nen werde!“—„Iſt's ein Maͤdchen—?“ fragte Maria, ſich zum Scherze zwingend:„wie dann, mein Eduard?“—, Hm!“ erwiederte der Markgraf kaͤlter:„Wie Gott will; doch iſt ein Mädchen kein Bube.“—„Ein lebend Kind iſt immer ein Segen Gottes;“ bemerkte Marie ernſthafter;„kein Wunder wäre es, wenn— in dieſem Meer von Bitterkeit und Schmach ſchwimmend,— die Frucht unſerer Liebe zu Grunde ginge.“—„Das moͤcht' 6 nicht erle, ben!“ ſprach hierauf der Markgraf mit einem falſchen Seitenblicke,„eine ſolche Begebenheit duͤrfte zugleich die Markgraͤfin von Baden twi machen. Gute Nacht, Frau Marie!“— Er ging nach ſeinem Gemache, und Marie durchwachte beinahe die ganze Nacht, umwogt von Ungluͤcksgedanken, und ſchwarzen Ahnun⸗ gen. Es fehlte nicht: Barberina's Vorſchlag tauchte ebenfalls, und oft genug aus dieſem Gewirre auf, und der Gattin von dem Leicht⸗ ſinn des Gemahls empörtes Herz ſträubte ſich ſchon nicht mehr ſo lebhaft dagegen, ſo wie der Gedanke: Liſt gegen Tuͤcke ſey erlaubte Noth⸗ wehr, mehr zu Tage trat. Eine neue Demuͤ⸗ thigung, die am folgenden Tage ihrer wartete, war nicht dazu gemacht, ihrer wankenden Auf⸗ richtigkeit zu Huͤlfe zu kommen. Der von dem Markgrafen angekundigte Graf von Oettingen erſchien zur feſtgeſetzten Stunde, und Eduard empfing ihn, wie man einen Mann nur em⸗ pfangen mag, von dem man Heil und Rettung hofft. Das Zeichen zur Tafel wurde gegeben, „ und der Graf, vom Gefuͤhl der Schicklichkeit geleitet, wollte den Platz zur Rechten Eduards, den dieſer ihm anbot, Marien, der Dame vom Hauſe, uberlaſſen. Eduard jedoch,— von dieſer Achtungsbezeigung verletzt,— moͤchte man ſa⸗ gen,— wies Marien zu ſeiner Linken, und ihren Geſchaͤftsverhandlungen zu uͤberlaſſen, und fluͤſterte,— jedoch ziemlich vernehmlich, dem Grafen in's Ohr:„Ohne Umſtände, lieber Vet⸗ ter! Dieſe Frau iſt nicht meine Gemahlin, ſon⸗ dern nur meine Freundin und Begleiterin!“— Dieſe Worte, die Marie nur allzuwohl vernahm, und welche die Arme auf die Stufe einer Curtiſane ſetzten, waren Dolchſtiche fuͤr ihr zärtliches mißhandeltes Herz. Zwar bewog das Gefuͤhl des Anſtandes,— das Maria, das wohlerzogene Fraͤulein, die ehemalige Hofdame der Mutter des bekuͤhmten Alexanders von Far⸗ neſe, des Herzogs von Parma, nie verließ,— Eduards Gattin, bis zu Ende der Tafel aus⸗ zuharren, obſchon jeder Biſſen in ihrem Munde quoll, und aufdraͤngende Thraͤnen ſie zu erſticken drohten. Als aber der Nachtiſch aufgetragen, und die Tafel mit den tryſtallnen und ſilbernen Weinflaſchen beſetzt worden war, verließ Maria die Männer, unter dem Vorwande, ſie ungeſtört floh in den Garten des Hauſes, deſſen hinteres Pfoͤrtchen auf ihr Lieblingsplätzchen fuͤhrte. Es war ein milder Aprilabend, und die Seeluft verſtand die Kunſt, Mariens Thraͤnen zu trock⸗ nen, ihr Herz zu erweitern. Barberina war 1 † nicht fern, und die Schlaue hatte bald wieder das Geſpraͤch auf den verwichenen Abend ge⸗ bracht, und auf den Vorſchlag, den ſie— wie ſie beſchwor,— aus lauterm, gutem Herzen ge⸗ macht hatte. Sie freute ſich, Marien nicht ſo widerſpenſtig zu finden, wie geſtern der Fall war, und bemuͤhte ſich, ihren Plan unter den ſchönſten Farben Mariens Phantaſie vorzufuͤh⸗ ren. Marie horchte aufmerkſam zu, und ant⸗ wortete endlich:„Ich will glauben, daß Du es ehrlich mit mir meynſt, Barberina. Aber, ich 1 will mich nicht taͤuſchen. Geſetzt— der Fall, der beklagenswerthe,— traͤte wirklich ein, und der Tauſch der Kinder, vom Zufall und Deiner Geſchicklichkeit beguͤnſtigt, ginge gluͤcklich vor ſich, wer buͤrgt mir fuͤr das dauernde Geheim⸗ niß, r fuͤr die Einwilligung der Eltern, die — trotz ihrer Armuth,— doch in ihrem Kinde den groͤßten Schatz ſehen werden?“—„Ei,“ „ erwiederte Barberina,„fuͤr das Geheimniß bürge ich mit Leib und Leben, und der Eltern Zu⸗ ſtimmung entſteht Euch ſicher nicht. Der Hun⸗ ger it ein boͤſer Gaſt, und der mächtigſte Kö⸗ nig in der Welt. Was er will, geſchieht. Zu⸗ dem— wenn's Euch beliebt,— wendet nur das Antlitz nach jener Seite. Dort koͤmmt der Fähndrich her;— er wird Euch anreden, hoͤrt ſelbſt von ihm, was Ihr mir nicht glaubt.“— „Wie?“ rief Maria;„Du haͤtteſt ihm ſchon geſagt.. 2—„Mußte ich denn nicht?“ grinste die Alte;„geben die Leute gleich ihre Kinder weg, ſo wollen ſie doch wiſſen, wo ſie etwa hinkommen. Verſtanden? Auf ſein Schwei⸗ gen duͤrft Ihr jedoch zaͤhlen. Sein Vortheil will's, denn die Suͤnde iſt auf ſeiner Seite; nicht der Kaͤufer des Kindes, der Verkäufer— als leiblicher Vater— verdient die Höue.“ „Abſcheulich!“ rief Maria vor ſich hin, und wollte dem Kommenden ausweichen— zu ſpät jedoch, ſchon ſtand er vor ihr, und be⸗ gruͤßte ſie mit deutſcher Zunge.— Das Aeußere des jungen Mannes machte nicht den angenehm⸗ ſten Eindruck, obgleich ſeine Zuͤge zu den wohl⸗ geſtaltetſten gehoͤrten. Aber die Bläſſe des Kummers hatte ſich daruͤber gebreitet, wie ein weißes Tuch, und verwirrt hingen die braunen langen Haare uͤber die gefurchte Stirne und die eingefallene Wange. Die großen, duͤſter glim⸗ menden Augen des Fremden waren halb auf den Boden gerichtet, und aus ihnen, wie aus einem bittern Zuge um den Mund ſprach die Scham, ſich unter ſolch unguͤnſtigen Verhält⸗ niſſen oͤffentlich zeigen zu muͤſſen. Das Gewand des Mannes zeugte von großer Duͤrſtigkeit. Es ſchien ſehr lange ſchon getragen, und auf Kra⸗ gen, Bruſt und Aermeln ſah man deutlich die dunklern Streifen, auf welchen die Borden ge⸗ hatten, die gewiß, um Brod zu gewin⸗ ne, in die Hände des Trodlers gewandert wa⸗ ren. Eine verbleichende Schaͤrpe mit den Far⸗ ben der Republik, ſo wie der Federbuſch auf dem Hute verriethen den ehemaligen Offizier, und die lange Stoßklinge an der Seite, die der Fremde ſo gewandt und ſicher trug, ließ in ihm einen geſchickten Fechtmeiſter vermuthen. Ma⸗ rie, von dem Aeußern dieſer Geſtalt wehmuͤthig bedraͤngt, hoͤrte theilnehmend des Mannes Gruß; ein Seitenblick belehrte ſie, daß Barberina an des Gartens Pforte wachſam auf⸗ und nieder⸗ gehe, und keine Gefahr zu fuͤrchten ſey.— „Gott gruͤß Euch, Herr“ erwiederte ſie dem Willkomm des ehemaligen Faͤhndrichs mit ſchuͤch⸗ terner Stimme:„Ihr ſeyd alſo der Mann..2“ — Der Fähndrich richtete hier die Augen groß und offen auf die Dame, und Bitterkeit und Scham wichen aus ſeinem Geſichte, um einer freundlichen Ueberraſchung Platz zu machen.— „Ja, gnaͤdige Frau,“ antwortete er;„ich bin der Mann, den geſtern nur die Noth bewegen konnte, ſeiner Ehe Hoffnung zu verkaufen vor, ihrem Erſcheinen. Aber heute,— da ich Euch geſehen, iſt's ploͤtzlich mein freier Wille gewor⸗ den, und ich duͤrfte des Fugger Schätze und Euer waͤre mein Kind.“— — Marie ſah ihm erſchrocken in das blitz⸗ 26— ende Auge, erbebte heimlich und ſprach:„Wie redet Ihr doch ſo ſeltſam, Herr? Ich verſtehe nicht, was Ihr meynt.“— Sie ſchwieg, auf eine Antwort harrend. Der junge Mann ſchien aber Alles um ſich her vergeſſen zu haben, denn er ſtarrte nur die holde Frau an, die erroͤthend vor ihm ſtand; ein wachſendes Gefuͤhl roͤthete ſeine Wangen, und wie in traͤumeriſchem Selbſt⸗ vergeſſen ſprach er vor ſich hin:„O, was gaͤbe ich nicht Alles fuͤr ſolche Schoͤnheit, die noch nie in dieſem Glanze mein Auge entzuͤckte? Nicht nur das Kind, das Weib, mein eigen Herzblut moͤcht' es gelten!“—„Ihr fabelt!“ begann Marie mit neuerwachender Wuͤrde: „Ihr ſprecht, wie es einem Gatten und einem Edelmanne nimmer ziemt, und zwingt mich, Euch zu verlaſſen.“—„Bleibt doch, ſchoͤne Frau!“ bat der junge Mann und erkuͤhnte ſich, mit zitternder Hand ihren Schleier zu erfaſſen; „„goͤnnt mir doch den ſchönſten Augenblick meines Lebens, in dem ein Goͤtterbild ſich zu mir neigt, und veruͤbelt meiner Zunge die ungewaͤhlten Worte nicht. Der Koͤnig hat nicht mehr Vor⸗ recht, die Wahrheit zu ſagen, ohne das Wort zu wiegen, als der Bettler. Mein Elend ſetzt mich uͤber die Schranken des Weltanſtands hin⸗ weg, und bekennen darf ich, daß ich nun erſt weiß, was Schoͤnheit iſt, und wie ſie das von Jammer vertrocknete Herz zu beleben ver⸗ ſteht.“ —„Gott behuͤte Euern Verſtand, Herr;“ entgegnete Marie gereizt, und entzog ihren Schleier den Händen des Begeiſterten:„Geht heim zu Euerm Weibe. Ich hoffe Euch nim⸗ mer zu begegnen!“ Sie eilte, ſo ſchnell ſie konnte, davon. Der Fremde blieb regungslos ihr nachſchauend zu⸗ ruͤck; aber Barberina wurde von der Gebieterin mit einer Fluth von Vorwuͤrfen empfangen. Marie war empoͤrt von dem auffallenden Auf⸗ tritt am Meeresufer, und beſchuldigte die Pfoͤrt⸗ nerin, ihren Namen und ihre Sorgen einem Verruͤckten preis gegeben zu haben. Barberina betheuerte dagegen, der Faͤhndrich beſitze ſeinen 28 vollen Verſtand, und Marie habe es lediglich ihren Reizen zuzuſchreiben, wenn dem armen Manne der Kopf davon gelaufen ſey. Marie befahl ihr heftig, zu ſchweigen, und eilte, an allen Rerven zitternd, in ihr Gemach. Die Erſchuͤtterung ihres reizbaren Koͤrpers blieb nicht ohne Folgen. Noch in derſelben Nacht ſchlug die entſcheidende Stunde. Die Ahnung der Mutter hatte ſie betrogen, ein friſches ge⸗ ſundes Maͤdchen entwand ſich ihrem Schooße, und ſie benetzte mit einem wiederholten:„Gott⸗ lob!“ das Pfand ihrer Liebe mit ihren dankbaren Thränen. Selbſt aus des Markgrafen verſchloſ⸗ ſener Bruſt brachen Strahlen der Vaterfreude hervor, als ihm die Tochter in den Arm gelegt wurde, und er kuͤßte Mund und Stirne der reizenden Mutter mit der Zärtlichkeit, welche die erſten Tage ihrer Liebe verklaͤrt hatte.— Um ſeiner Tochter einen ehrenwerthen Pa⸗ then zu gewinnen, ſandte Markgraf Eduard ſei⸗ nen Beichtvater, den Probſt Franz Born von Madrigal nach Venedig an den päbſtlichen Ge⸗ 29„ ſandten mit dem Gevatterſchreiben. Der Prälat fragte den Geiſtlichen, ob Maria Eduards Gat⸗ tin ſey. Der Probſt zuckte die Achſeln, und antwortete, dem vom Markgrafen empfangenen Auftrag gemaͤß: Nicht ſeine Gemahlin ſey Ma⸗ rie, wohl aber ſeine Vice-Gemahlin.— Der Nuntius laͤchelte verwundert ob dieſer Antwort, und erwiederte:„Ehefrauen beſagter Ordnung kenne er nicht, und vermoͤge deshalb nicht, im Namen Sr. Heiligkeit das Mägdlein aus der Taufe zu heben. Um jedoch dem Markgrafen ſeine Ergebenheit zu bezeugen, wolle er die Handlung in ſeinem eigenen Namen mit Got⸗ tes und der Heiligen Beiſtand vollziehen.“— Sogar dieſe unumwundene Erklärung konnte den Markgrafen nicht bewegen, ſeine rechtmaͤ⸗ ßige Ehe mit Marien kund zu thun, und er nahm des Legaten perſoͤnliche Gevatterſchaft an. Das Kind erhielt in der Taufe den Na⸗ men Lucretia, und ein feſtliches Mahl feierte zu Murano dieſen Tag. Als der Abend daͤmmerte, bereitete ſich der paͤbſtliche Geſandte, nach Ve⸗ 30* nedig zurüͤckzukehren. Markgraf Eduard gelei⸗ tete ihn in Perſon, und beſtieg, nur von eini⸗ gen Leuten begleitet, deſſen Gondel. Mit ihm zugleich draͤngte ſich ein Mann in das Schiff⸗ lein, der ſich beſtaͤndig an ſeiner Seite hielt. Beim Schein der Windlichter bemerkte Eduard den Fremden wohl, aber in der Meinung, er gehöre zu des Legaten Dienerſchaft, ließ der Fuͤrſt ſich nicht merken, wie laͤſtig ihm die Nach⸗ barſchaft des Unbekannten fiel. Der Praͤlat dagegen hielt denſelben fuͤr einen aus dem Ge⸗ folge des Markgrafen. So kamen ſie denn auf ſchaukelndem Fahrzeuge ſchnell in Venedigs Ka⸗ nälen an, und der Legät begab ſich in ſeinen Pallaſt. An der Thuͤre deſſelben nahm Mark⸗ graf Ednard Abſchied von ihm, und ging hier⸗ auf nebſt ſeinen Fackeltraͤgern dem Orte wieder zu, wo ſeine Gondel angelegt hatte. Da be⸗ merkte er, indem die Fackelträger vorauseilten, den Unbekannten abermals an ſeiner Seite, und er fuhr ihn mit einem rauhen:„Was wollt Ihr neben mir?“ an. Unerſchrocken antwortete ihm der Fremde auf deutſch:„Gnädiger Herr; Euch droht große Gefahr. Laßt mich an Eurer Seite bleiben, bis ſie voruͤher. Ich bin Euer Landsmann, fuͤrchtet nichts.“— Dieſe Worte, im ſchnellen Weitergehen halblaut geſprochen, beruhigten den Fuͤrſten in etwas, und ohne eine Sylbe weiter zu verlieren, ſputeten ſich Beide, an den Landungsplatz zu kommen. Die Gondel harrte, die Fackeltraͤger ſchritten voraus uͤber das ſchwanke Brett, und einer der Gondoliere, am Ufer ſtehend, und den Hut ſchwenkend, be⸗ gruͤßte den Fuͤrſten mit einem heiſern Gejauchze, mit dem ſich gewoͤhnlich nur Schiffer gegenſei⸗ tig anzurufen pflegen.„Hoͤrt Ihr den Hund von Gondoliere?“ fragte ſchnell der Fremde, und ſchlug den Schiffer mit dem Rappier uͤber den Mund, daß er hinter einer Reihe von Faſ⸗ ſern niederſtuͤrzte. Im naͤmlichen Augenblick jedoch waren hinter einer Hausecke zwei Maͤn⸗ ner in Maͤnteln hervorgeſprungen, die mit blo⸗ ßen Degen auf den Markgrafen einſturmten⸗ Der uͤberraſchte Eduard wäre unter ihren Sti⸗ chen gefallen, ehe er die Klinge hätte entblößen koͤnnen, aber ſein Begleiter ſprang wie ein ra⸗ ſender Teufel vor ihn, und fing mit Rappier und Mantel die wuͤthenden Stöße auf.„Olä, intami, sono qu!“ ſchrie er den Moͤrdern zu, und ploͤtzlich ſtuͤrzte der Eine durchbohrt auf's Pflaſter, und der Andere entlief, ſtark verwun⸗ det. Der verraͤtheriſche Gondoliere war zum Teufel gelaufen, die Fackeltraͤger in dem Schiffe waren unthaͤtige Zeugen des Handels geweſen, der in einem Augenblick geſchlichtet worden. Der Fremde beſtieg mit dem Markgrafen ſchnell das Fahrzeug, und befahl dem Gefaͤhrten des heim⸗ tuͤckiſchen Schiffers, ſchnell nach Murano abzu⸗ fahren, und ehrlich zu ſteuern, wollte er nicht des Todes ſeyn. Darauf ſagte er zum Mark⸗ grafen:„Wollet erlauben, gnädiger Herr, daß ich mit Euch wieder nach Murano fahre. Ich bin dort wohnhaft.“—„Ei,“ verſetzte Eduard: „wir haben wohl noch mehr zuſammen zu re⸗ den. Ich kann vor Erſtaunen noch nicht recht zu mir ſelbſt kommen. Wer wollte mir denn 33 an's Leben, und wer ſeyd Ihr?“—„Huͤtet Euch vor dem Givachimo Zufalo,“ erwiederte der Andere:„Ihr habt ihn neulich falſchen Spiels beſchuldigt. Ich ſollte Euch zu Murano todt ſtechen; meine Armuth glaubte der Burſche zu beruͤcken. Ich ſchlug's ab, und erfuhr nach⸗ her, daß zwei beruͤchtigte Moͤrder gedungen worden waren, Euch zu Venedig den Garaus zu ſpielen. Der Schuft von Gondoliere war gewonnen, das Zeichen zu geben. Man rech⸗ nete darauf, daß Ihr den Legaten begleiten wuͤrdet, aber auf mein Dabeiſeyn hatte man nicht gerechnet.“—„Euer Name? wackrer Landsmann,“ fragte Eduard, ſich dankbar ne⸗ ben dem Retter niederlaſſend.—„Ich heiße Hug von Neuklam; in der Wiege ſchon zog ich das Loos des Abenteurers, denn meine Familie iſt wohl die aͤrmſte im deutſchen Reiche.“— „Ich bin Euer Schuldner;“ erwiederte Eduard mit dem Aufſchwunge von Großmuth und Men⸗ ſchenfreundlichkeit, der ſich manchmal bei ihm einfand:„Ich wuͤnſchte, Euch an mich zu feſſeln. 6 Spindler's ſämmtl. Werke XVII. wheibe 2. 3 Verſteht Ihr Pferde zuzureiten?“—„Wenn ich die Kunſt zu Venedig nicht verlernte, verſteh' ich ſie aus dem Grunde.“—„Wohl denn;“ fuhr der Fuͤrſt fort:„geſtern wurde mir die kachricht, mein Stallmeiſter Roſenbuſch zu Ba⸗ den habe den Hals gebrochen. Seine Stelle ſollt Ihr haben, und, ſo Gott will, lange Euern Hals in meinem Dienſte aufrecht tragen.“— „Topp!“ antwortete Hug, in des Fuͤrſten dar⸗ gebotene Rechte einſchlagend:„Ich nehme Eure Gnade an. Sie konnte nicht zu gelegnerer Zeit kommen. Die Republik hat mir meine Fahne genommen, und nur das Hungertuch dafuͤr ge⸗ laſſen. Ich ziehe mit Euch, geſtrenger Herr, und denke, Euch nuͤtzlich zu werden.“— Das 4 Schiff ſtieß an's Ufer, und der von Neuklam 3 ſchied vom Fürſten, mit dem Verſprechen, mor⸗ gen ſchon unter ſeinem Hofgeſinde ſich einzu⸗ finden.— Der Markgraf erzählte zwar ſeiner Marie von der abenteuerlichen und gefahrvollen Be⸗ gebenheit, wie auch von ſeinem Retter und 3 N 35 deſſen Aufnahme in den markgraͤflichen Dienſt, aber Marie ließ ſich nicht traͤumen, daß der nunmehrige Stallmeiſter Hug von Neuklam ein Bekannter von ihr ſey. Um ſo mehr erſtaunte ſie, als nach ihrer volligen Geneſung der Stall⸗ meiſter ſich bei ihr melden ließ, um ihr ſeine Hul⸗ digung darzubringen, und der verwegene junge Mann hereintrat, der ſich erkuͤhnt hatte, an je⸗ nem Abende vor ihr ſeine Leidenſchaft auszu⸗ ſprechen, wie es ihr Ohr noch nie vernommen. Sie erſchrack heftig, allein die Veränderung, die aus Haltung, Miene und Sprache des Herrn von Neuflam hervorleuchtete, beruhigte ſie in etwas. Der wilde Blick hatte ſich gemäßigt; der bittere Trotz des Antlitzes ſich in eine ſanfte Trauer umgewandelt Haar und Bart waren geordnet, und die anſtändige Kleidung hob die vortheilhafte Geſtalt des Edelmanns gut her⸗ aus. Sein Benehmen war ruhiger geworden, ſein Ton gemeſſener.„Es üͤherraſcht Euch, edle Frau, mich hier zu ſehen 35 begann er be⸗ ſcheiden und leiſe:„zuͤrnt mir aher 2* 36„ nicht. So gut ich an eine Fuͤgung des Him⸗ mels glaube, ſo wenig werdet Ihr, holde Dame, daran zweifeln. Es gibt Guͤter, die nur der Beneidenswerthe, Beguͤnſtigte ſein nennen darf, wenn gleich die Sehnſucht von Tauſenden dar⸗ nach ſchmachtet. Die Demuth weiß ſich jedoch zu beſcheiden, ſtaunt das Gluͤck aus der Ferne an, und fuͤhlt ſich ſelig, darf ſie es nur von Ferne huͤten als ein treuer Waͤchter. Zu einem ſolchen Waͤchter ſcheint mich der Himmel bei Euch beſtellt zu haben, und ich bitte Euch, auf mich zu vertrauen in allen Noͤthen.“—„Euer Dienſt gehoͤrt dem Markgrafen;“ antwortete Marie verſagend:„ſollte ich ſeiner einmal be⸗ duͤrfen, werde ich Euern Beiſtand dankbar an⸗ erkennen. Eint ſonderbare Grille Barberinens hat uns ſchon einmal zuſammengefuͤhrt;“ fuhr ſie mit Bezug fort:„ich wuͤnſche nicht ein zweites aͤhnliches Begegnen, Herr von Neu⸗ klam; vergeßt das nicht. Da ich jedoch damals erfahren waß Ihr beweibt ſeyd, ſo erlaube ich Euch, mir Eure Ehefrau vorzuſtellen. Sie wird 6. jetzt auch ſchon die Freuden der Mutter em⸗ pfinden, und dieſes Gefuͤhl befreundet mich mit ihr, der Unbekannten. Macht ſie mir daher be⸗ kannt, mein Herr.“— Neuklam ſchwieg betrof⸗ fen, ſenkte die Augen zu Boden, und erwiederte dann langſam und mit dumpfer Stimme:„Meine edle Frau; kann ich den Graͤbern gebieten, daß ſie ſich aufthun, und den Verſtorbenen, daß ſie wieder leben? Mein Weib iſt dahin. Die Stunde ihrer Entbindung war auch ihre letzte; meines Sohnes erſter Athemzug ſein letzter. Kind und Mutter riß der Tod hinweg, und ich ſtehe einzeln und verlaſſen auf der Erde, dop⸗ pelt ungluͤcklich, wenn mein Anblick„Euch verletzt, die ich mehr verehre, als das Heiligſte dieſer Welt.“—„Der Anblickdes Mannes, der des Markgrafen Leben rettete, verletzt mich nicht;“ verſetzte Maria nach kurzem truͤbem Schweigen:„Ich rechne darauf, daß auch kein Wort, kein Blick von ihm meine Wuͤrde und mein Gefuͤhl beleidige. Die Trauch um ein liebes Weib und um eine vernichtete Vaterhoff⸗ AN 38 nung wird die Zunge des rechtſchaffenen Mannes im Zaum zu halten wiſſen, ſo wie die Ehrfurcht des Dieners Mund verſchließen wird. Nehmt meine aufrichtige Anerkennung Euers Verluſtes hin, und mein Mitleid folge Euch!“— Mit dieſen Worten verabſchiedete ſie den jungen Mann, in deſſen Bruſt ihr Anblick wieder ein Meer von tobender Leidenſchaft aufgeregt hatte. Es war Mariens Loos, durch ihre zauberiſchen Reize in jedem Manne ſtuͤrmiſche Sehnſucht anzuregen. Ein Blick aus ihrem himmelklaren Auge, ein Wort aus ihrem entzuͤckenden Mund hätte jeden Gefuͤhlvollen zu ihrem Paladin an⸗ geworben: nur den Gemahl allein vermochte ihr Zauber nicht maͤchtig zu feſſeln. Alle Her⸗ zen flogen ihr entgegen, die gleichguͤltig an ihnen voruͤberging; das Herz jedoch, an dem ſie ſelbſt mit voller Liebe hing, vermochte ſie nicht zu bezwingen. An dem Leichtſinn, dem Wankelmuth und der Verſtellung ihres Gatten ſcheiterte die Macht ihrer Liebenswuͤrdigkeit; und ſie, vor deren Anmuth die erſten Herren N 39 der Welt ihre Gewalt gebeugt hätten, ſie mußte bang und ſorglich von der Zeit allein eine Aen⸗ derung in ihren Lebensverhaͤltniſſen erwarten, die ihre Vorzuge nicht bewirken konnten. Der Markgraf war kurze Zeit nach Lucretiens Taufe wieder in ſeinen alten Ton zuruͤckgefallen, und noch war die Geſundheit der Mutter wie der Tochter nicht in dem Grade befeſtigt, eine weite Reiſe aushalten zu koͤnnen, als er ſchon dieſe Reiſe befahl, und Alles zur Heimkehr anord⸗ nete, denn ſein Vertrauter, der ſogenannte ro⸗ the Lakay, war aus Deutſchland, mit Geld und Wechſelbriefen verſehen, zuruͤckgekommen, und Ueberfluß herrſchte wieder in Eduards Hof⸗ haltung. Eine Perſon vermehrte noch dieſelbe, ehe der Markgraf von Venedig ſchied. Am letz⸗ ten Abend, den Eduard in der Lagunenſtadt zu⸗ brachte, fuͤhrte er einen Mann mit ſich nach Murano hinuͤber, der hald der Gegenſtand der Neugierde aller Begleiter des Markgrafen wurde. Die herkuliſche Figur des gleich einem Abbate ſchwarz gekleideten Mannes, ſein braunes Ge⸗ 40 ſicht, ſeine großen ſchwarzen Augen mit den dicken Brauen daruͤber, ſein freies unverzagtes, ſicheres Benehmen erregten an und fuͤr ſich Aufſehen. Noch mehr jedoch verbluͤffte das ge⸗ heimnißvolle Verhaͤltniß, in welchem er mit dem Fuͤrſten zu ſtehen ſchien. Jeder Morgen auf der Reiſe wie ſpaͤterhin fuͤhrte ihn auf eine Stunde in Eduards Schlafgemach, und eine Stunde vor Schlafengehen ſchloſſen ſie ſich wie⸗ der zuſammen ein. Im Uebrigen ging der ſchwarze Mann ab und zu bei Hofe, wie ein Beamter, dem große Ehrfurcht gebuͤhrt, und doch wußte man nichts von ihm, als daß er Arcangeli heiße, und zu Bologna geboren ſey. Der Beichtvater des Fuͤrſten, der Probſt von Baden, war nicht der Letzte, der uͤber den wech⸗ ſelnden Einfluß des vom Himmel gefallenen Unbekannten unruhig wurde, und ihn zu er⸗ gruͤnden ſuchte. Alle Mittel zu dieſem Zwecke anzuwenden, verſchmaͤhte er es nicht, in ein vertrauliches ergebneres Verhaͤltniß zu der Mark⸗ graͤfin zu treten, die er bisher, gleich den uͤbri⸗ gen Bedienſteten, wenig beachtet hatte. Er hoffte von ihr zu erfahren, welche Bewandtniß es eigentlich mit dem Italiener habe; aber Alles war vergebens. Niemand beſaß weniger Eduards Vertrauen, als gerade ſeine Gattin, und ſie, jede hinterliſtige Forſchung verachtend, gab dem neugierigen Geiſtlichen den Rath, ſich eher an den rothen Lakaien zu wenden, an den eigentlichen Schluͤſſel⸗ und Geheimnißbewahrer des Herrn. Dieſer Menſch, den der Markgraf aus Polen mitgebracht hatte, ſchlechtweg der Rothe genannt, nach der Farbe ſeiner Haare, und dem Scharlach ſeiner praͤchtig geſchmuͤckten Livree, hatte die Gunſt des Fuͤrſten im hoͤchſten Grade gewonnen, war von jeher ſein Leib- und Liebediener geweſen, ein getreuer Helfer in den mannigfaltigen Liebesabenteuern ſeines Herrn, wie auch ein unermuͤdlicher Spuͤrhund und Agent in deſſen zahlloſen Geldverlegenheiten und Leihgeſchaͤften. Unbedingt dem Willen des Gebieters unterworfen, verſäumte er dabei, wie es hieß, ſeinen eignen Nutzen nicht, und ſo ging 42 der Vortheil des Herrn und des Dieners, ſeit manchem Jahre, ungeſtoͤrt Hand in Hand, daß kein Geheimniß ſchier zwiſchen Beiden waltete. Eiferſuͤchtig belauerte dafuͤr der Rothe jeden neu Bedienſteten, und ließ nicht ſo leicht einen Andern in die Naͤhe des Fuͤrſten kommen. Da⸗ rum war auch von ihm allein nur etwas Ge⸗ wiſſeres in Bezug auf Arcangeli zu erfahren, und der Probſt uͤberwand den Widerwillen, ei⸗ nem Lakaien den Hof zu machen, um nur ſein eigen Gemuͤth zu beruhigen. Der Leibdiener hatte ſeines Verdruſſes kein Hehl, als kurz nach der Heimkehr in's Schloß zu Baden, des Markgra⸗ fen Beichtvater im vertraulichen Geſpraͤche die Rede auf den Italienerbrachte. Der Unwille oͤffnete dem Rothen den Mund, und er ließ ſich gar uͤbel über den fraglichen Mann vernehmen. „Der Wälſche treibt ſchwarze Kunſt;“ behaup, tete er;„er weiſſagt dem Markgrafen aus den Sternen und gegoſſenem Blei, und hat ihm,— ich weiß es— verſprochen, Gold und Diaman⸗ ten zu verfertigen, ſo viel ihm davon belieben 43 wuͤrde. Der hochmuͤthige Menſch iſt jetzt die erſte Perſon nach dem durchlauchtigſten Herrn, und Ihr werdet ſehen, hochwuͤrdigſter Herr Probſt, daß der Teufel noch das Spiel zu Ende bringen wird.“—„Ei, ſo laßt uns dem Spiel eine andere Wendung geben;“ ver⸗ ſetzte Born mit verſchlagener Miene:„man hat ja oft den gewaltigern Feind zuruͤckgeſchlagen.“— „Ja wohl,“ ſprach der Rothe hinwieder:„hier thut aber beſonders Ueberlegen Noth, denn un⸗ ſer Feind hat übernatuͤrliche Mittel zu Ge⸗ bote.“—„Wenn es wahriſt;“ entgegnete Vorn: „er kann auch ein Betruͤger ſeyn, der unſern Herrn am Gaͤngelbande fuͤhrt, und ihm Anlaß gibt, Land und Geld zu verſchleudern; unſer Wohlſtand ſteht ohnehin auf ſchwachen Fuͤßen.“ —„Das ſey Gott geklagt;“ meynte der Lakai; „wenn ich reden duͤrfte,.. doch, da koͤmmt der Leibarzt des Herrn. Sollte der nicht ein Medikament gegen den boͤſen Schaden wiſſen?“— Der gelehrte Piſtorius trat ein, begrußte den Probſt mit Freundlichkeit, den Rothen mit vertraulicher Herablaſſung, und ließ ſich's wohl gefallen, daß man ihm mittheilte, wovon die Herren gerade geſprochen. Er ſchuͤttelte bedenk“ lich und wichtig den Kopf, wie er gewoͤhnlich zu thun pflegte, wenn man ihm etwas Beach⸗ tungswerthes vortrug, blickte ſinnend an die Decke, und erwiederte, nachdem Born geendet, und ihn um ſeinen Rath befragt hatte:„Es iſt nicht wohl zu laͤugnen, daß der Markgraf in uͤble Haͤnde gerathen ſey. Indeſſen iſt hier nicht offen darein zu fahren. Ihr kennt die hart⸗ naͤckige Vorliebe, mit welcher der Herr an de⸗ nen haͤlt, die ſein Vertrauen ſich zu erringen wußten. Zudem iſt Arcangeli ein Nekromant und Aſtrolog, auch Alchymiſt, wie man ver⸗ nimmt. Wenn nun auch hin und wieder Leute von hellem Kopf betheuern wollen, dieſe Wiſ⸗ ſenſchaften ſeyen nichts als Lug und Trug, ſo mochte ich's doch nicht geradezu behaupten, denn es gibt außerordentliche Kraͤfte in der Natur, deren Zugang nicht jedem offen ſteht, und wir ſind verpflichtet, unſers Leibes und unſrer. * Seele zu warten, daß ihnen kein Schade ge⸗ ſchieht. Es kaͤme darauf an, die Vorliebe des Herrn auf einen andern Gegenſtand zu leiten, dem es zur Bedingung gemacht wuͤrde, den verdruͤßlichen Fremden lind und langſam zu entfernen. Ich wuͤßte hiezu niemand Vortreff⸗ lichern, als Frau Marien. Das arme Weib hat ohnehin mein Mitleid rege gemacht, denn es gleicht einem Weſen zwiſchen Thuͤre und An⸗ gel, einem Dinge, woruͤber ein Wuͤrfel entſchei⸗ det, ob es fortzuſchicken oder zu behalten ſey.“ —„Frau Marie?“ fragte der Lakai ſchlep⸗ pend, und verzog dabei ſpoͤttiſch den Mund; „Roſenblaͤtter im Aprilwetter! Der Markgraf iſt ihrer uͤberdruͤſſig, liebt ſie nicht mehr.“— „Dieſe Liebe ließe ſich wohl auf geſchickte Weiſe erzielen und neu hervorbringen,“ verſetzte Born ſchlau laͤchelnd,„allein die Frage iſt's, ob wir unſern Vortheil dabei faͤnden, wenn die Win⸗ kelehe beſtaͤtigt wuͤrde.“—„Unbedingt 8 ich: Ja,“ ſprach Piſtorins lebhaft;„Gott ehre mir die Unbedeutende, die nur fuͤr des Eheherrn 46 Bequemlichkeit, Tiſch und Kleidung ſorgt, in Sanftmuth daheim waltet, und hoͤchſtens daun ein Wort in ihres Mannes Angelegenheiten ſpricht, wenn's gilt, fuͤr einen Bauer zu bitten, der wegen Frohnfrevel fuͤnfzig Peitſchenhiebe aushalten ſoll. Eine ſolche Fuͤrſtin iſt fuͤr uns geſchaffen, und ihre Herrſchaft leichter als die des hergelaufenen und gefährlichen Arcangeli, gemaͤchlicher als der Stolz und die Hoffart ir⸗ gend einer Prinzeſſin aus altfaͤrſtlichem Hauſe, die ſich etwa der Herr, von Marien getrennt, einſt erwaͤhlen moͤchte.“—„Wahr! wahr!“ befraͤftigten nun einſtimmig die Zuhoͤrer, und Piſtorius fuhr fort:„Ich werde ſuchen, ſowohl den Fuͤrſten als Marien fuͤr unſere Anſicht zu ſtimmen. Verſaͤumt Ihr es ebenfalls nicht. Meiner Beredtſamkeit ſoll es ſchon gelingen, beim Kaiſer und bei dem Herzog von Bayern die Anerkennung dieſer Ehe zu erwirken, und Marie wird, darf nicht unterlaſſen, dankbar zu ſeyn, und alle Mittel der Liebe und Schmeichelei an⸗ zuwenden, den Italiener aus dem Korbe zu 47 werfen. Nur auf dieſe Weiſe bringen wir die Sache in's Geleis, nach unſerm Wunſch und Willen.“— Die beiden Andern ſagten ihre lebhafteſte Mitwirkung zu, und,— da ſchon der Mond am Himmel ſtand, und der Markgraf bald zu erwarten war, der den ganzen Tag in Neuklams und ſeiner Foͤrſter Begleitung am Vogelherd und beim Fiſchfang verweilt hatte, ſo wollten die Verbuͤndeten aus einander gehen. Mit dem Saalwärter jedoch, der die Kerzen auf den Wandleuchtern des Vorſaals anzuͤndete, trat auch der vielfach beſprochene Arcangeli ein; nach ſeiner Art und Weiſe ohne Scheu und Buͤckling, gerade und feſt, als ob er von Jugend auf dieſen Boden bewandelt haͤtte. Der rothe Lakai zog ſich bei ſeinem Kommen in die Entfernung von Born und Piſtorius zuruͤck, welche ihm die Hof⸗ und Rangordnung zur Pflicht machte, und ſtand kerzengerade vor der Thüre, die in des Markgrafen Zimmer fuͤhrte. —„Der Herr iſt noch nicht zuruͤckgekommen;“ antwortete er trocken auf Arcangeli's Frage nach dem Füͤrſten.„Ich werde ihn erwarten;“ ver⸗ ſetzte gleichgultig der Italiener, und wendete ſich vornehm zu den Herren, die im Begriff waren, Abſchied zn nehmen.—„s iſt heut ein üͤberaus guter Tag;“ begann er zu dem Leib⸗ arzt ſprechend:„die Conſtellation iſt ungemein guͤnſtig fuͤr das erlauchte Haus Baden. Was mehnt Ihr dazu, gelehrter Herr?“—„Von Euern Conſtellationen verſtehe ich nichts,“ äntwortete Piſtorius kurz:„Wir Aerzte berech⸗ nen blos die kritiſchen Fiebertage.“—„Nun ſo freut Euch auf mein Wort im Voraus,“ fuhr Arcangeli fort:„Euer harrt eine erfreu⸗ liche Sendung, und eine gluͤckliche Begebenheit ſteht uns allen bevor.“—„Das gebe Gott!“ ſprach der Probſt, ſeine Schleppe aufraffend: „was uns und dem Lande frommt, wird ja der Himmel in kurzem offenbaren.“— Piſtorius winkte ihm mit ſardoniſchem Laͤcheln zu, und ſagte zum Lakaien:„Der Herr wird unſrer Dienſte heut wohl nicht mehr beduͤrfen, da Mei⸗ ſter Arcangeli bei ihm ſeyn wird. Verſäumt 3 49 dennoch nicht, mein Freund, ihm zu melden, daß Beichtvater und Arzt ihrer Schuldigkeit gemäß hier geweſen ſind.“— Der Lakai er⸗ griff dienſtfertig einen Leuchter, und begleitete' die Herren, die dem Italiener eine kurze Ver⸗ neigung zugewendet hatten, bis zur Thuͤre. Ar⸗ cangeli ſah ihnen laͤchelnd nach, machte eine ſpoͤttiſche Geberde, und pflanzte ſich bequem in den ſammetnen Lehnſtuhl am Fenſter.„Morta la bestia, morto 1 veneno!“ ſagte er wohlge⸗ fällig vor ſich hin, ſich behaglich die Haͤnde rei⸗ bend:„wir wollen ſehen. Ein gutes Ohr iſt viel werth!““— Hierauf verſank er in Nach⸗ denken, von dem aufmerkſamen Lakaien wie von einem Falken beobachtet, bis das Getuͤmmel des Jaͤgerzugs auch des Fuͤrſten Heimkehr verkuͤn⸗ dete. Der Markgraf trat vergnügt und froͤh— lich in den Vorſaal, winkte dem Arcangeli gnaͤ⸗ dig zu, und befahl dem Rothen, indem er in ſeine Gemaͤcher ging, das Abendbrod fuͤr ihn allein aufzutragen. Nachdem er ſich umgeklei⸗ det und in's Nachtgewand geworfen hatte, Spindler's ſaͤmmtl. Werke. XVII. Winterſpenden 2. 4 50 n wurde Arcangeli zu ihm beſchieden, der den Fuͤrſten ſchon an dem kleinen Tiſche bei gewuͤrz⸗ ter Speiſe und froͤhlichem Becher ſitzend fand. Der Markgraf erlaubte ihm, einen Stuhl her⸗ beizuziehen, und ſich darauf niederzulaſſen; der Rothe mußte ſich entfernen, und Eduard fing nun an, dem Italiener gelaͤufig und luſtig den gluͤcklichen Vogelfang, wie die ergiebige Fiſcherei zu ſchildern, die ihn heute ergoͤtzt hatte.— „Du biſt ein grundgeſchickter Mann,“ ſchloß er laͤchelnd:„Du haſt mir heute einen gluck⸗ lichen Tag prophezeit, und keine Schlinge war leer, jedes Netz mit Beute gefuͤllt. Ich weiß mich ſeit langer Zeit keines Tags zu entſinnen, an dem ich ſo fröhlich geweſen waͤre. Bitte Dir eine Gunſt aus, Du wackrer Hexenmeiſter: ſie ſey Dir gewaͤhrt.“—„So erbitte ich mir die Gnade, wieder in die Heimath zuruͤcktehren zu duͤrfen;“ antwortete kurz entſchloſſen Arcan⸗ geli. Der Markgraf war aͤußerſt betroffen, und ſetzte beſtuͤrzt den Becher nieder, den er erhoben hatte.—„Ei Meiſter,“ ſprach er:„iſt 1 51 Ernſt oder Scherz, und was ſoll die Rede be⸗ deuten?“—„Es iſt mein Ernſt,“ verſicherte der Waͤlſche:„das Klima dieſes Landes bekömmt mir nicht zum beſten, und ich fuͤrchte mich vor dem herannahenden Winter, der mir eine un⸗ gewohnte Erſcheinung iſt.“— Der Markgraf lachte und rief:„Nun, bei'm Donner! Es wird ja doch noch Fuͤchſe genug in meinen Forſten geben, um Dir einen Pelz zu liefern, ſtattlicher als der des Koͤnigs von Polen. Erfrieren ſollſt Du nicht, Meiſter, und der ſpaniſche Wein aus meinem Keller wird Dich auch von innen rege und munter erhalten. Du biſt ja die Geſund⸗ heit ſelbſt, und Deine Wiſſenſchaft ſchuͤtzt Dich vor jedem koͤrperlichen Uebel, wie Du mir mehr als einmal ſelbſt geſagt. Was ſoll alſo ver Schnack bedeuten? Erinnere Dich an das, was Du mir verſprochen. Mein Horoſcop iſt noch nicht vollendet, noch nicht klar zu meiner An⸗ ſchauung gebracht worden. Kaum haſt Du be⸗ gonnen, mich in der Magie zu unterrichten, und in der Sternkunde, die zu erlernen mein liebſtes Trachten iſt. Noch iſt die Werkſtatte nicht gebaut, in welcher wir dem anmuthigen Geſchaͤft des Goldmachens obliegen wollten, und Du ſtellſt Dich ſchon an, als wollteſt Du von hinnen gehen? Geſtehe mir die wahre Ur⸗ ſache dieſes befremdlichen Verkangens. Sey ver⸗ nuͤnftig, und ſprich frei von der Brnſt weg.“ —„Durchlauchtigſter Herr,“ antwortete Ar⸗ cangeli mit demuͤthigem Blicke, und geſchmeidi⸗ ger Stimme:„die Conjunctur, die uns verbin⸗ det, iſt nicht mehr ſo guͤnſtig, wie damals, da Ihr mich zu Venedig in Euer Haus aufnahmt, ob Ihr gleich nur eine ſchwache Probe meiner Kunſt geſehen hattet.“—„Ei den Teufol auch!“ erwiederte lebhaft der Markgraf:„habe ich nicht den Silbergroſchen noch, den Du vor meinen Augen in ſchweres reines Gold verwandelt haſt? Haſt Du mir nicht geſagt, wie ich's anzufan⸗ gen hätte, um dem Vinotti, dem ſpitzbübiſchen Spieler, der mich noch zu guter Letzt anszu⸗ ſchaͤlen dachte, all ſein Geld abzugewinnen? Weiter indeſſen: warum ſtehen die Sterne nicht . wie damals zwiſchen uns? Hab' ich Dir mein Vertrauen etwa entzogen?“—„Nein, gnaͤdig⸗ ſter Herr; aber uͤber Kurz oder Lang wuͤrdet Ihr mir's entziehen, denn es haben ſich Feinde gegen mich an Euerm Hofe aufgeworfen, denen ich früͤher oder ſpaͤter unterliegen muͤßte, und darum ebenwuͤnſche ich...“—„Nein, nein und abermals nein;“ verſetzte Ednard unwillig: „das Verdienſt wird allenthalben angefeindet, aber ich bin nicht der Mann, der das an Dir ungeſtraft geſchehen laͤßt. Marſchall, Kanzler, Doktor und Beichtvater ſollen Dich in Ruhe laſſen; darauf gebe ich Dir mein Fuͤrſtenwort. Dein Kopf wiegt all' die tuͤckiſchen Schlafmütz⸗ en auf, und ich ſchaͤtze Deine Wiſſenſchaft. Sie ſollen ſich nur an Dir vergreifen, der unwiſſende Marſchall, der ſtotternde Kanzler, der Leibarzt, der ſeine Religion veraͤndert, wie ich mein Kleid, wann man es haben will; und nun gar der Probſt, der ſich unterſtanden hat, mir die Ab⸗ ſolution zu verweigern, weil ich gerade nicht in der Lanne war, ihm zu ſagen, ob Marie mein N 54 angetrautes Weib ſey, oder nicht. Sie ſollen ſchoͤn ankommen.— Beruhige Dich, und bleib, alter Meiſter. Der Tod nur ſoll uns trennen.“ —„Eure freimuͤthige Huld ruͤhrt mich zu Thraͤ⸗ nen, durchlauchtiger Herr;“ antwortete der ſchlaue Arcangeli, des Fuͤrſten Hand kuͤſſend; „gerne nehme ich's um dieſen Preis mit allen meinen Gegnern auf, obgleich ſie in der That unter den vornehmen Leuten zu ſuchen ſind, die Ihr ſo ſcharfſinnig bezeichnet habt. Allein noch einen Zweifel hat mein Gewiſſen, und Ihr habt ihn ſelbſt neu geweckt, indem Ihr Mariens, der edeln Frau erwaͤhntet.“—„Wie ſo?“ fragte Eduard mit verfinſtertem Blicke.—„Ihr wollt, gnaͤdigſter Herr,“ ſprach Arcangeli weiter,„daß die Planeten freundlich auf Euer Haus nieder⸗ ſchauen, dienende Geiſter Euern Willen foͤr⸗ dern, und die geheimen Siegel des Koͤnigs Salomonis ſich Euch oͤffnen ſollenz allein, be⸗ merkt, daß die Geſtirne nur in klare Haͤuſer klar niederſchauen, und hingegen Unheil denen verkuͤnden, auf welchen eine verworrne Nacht 55 des Unrechts ruht. Eure Gattin,— mir iſt's nicht verborgen, daß Marie wirklich Eure Gat⸗ tin iſt,— lebt ein trauriges Leben. Die Ge⸗ rechtigkeit verlangt, daß ihr ihr Eigenthum werde vor aller Welt. Meine Kunſt und meine Haͤnde ſind gebunden, ſo lange Ihr darauf be⸗ harrt, Marien Euern Namen und Adel zu ver⸗ weigern.“—„Ei, was ſicht Dich an?“ fragte der Markgraf betroffen:„Du haſt ja niemals Mariens Parthei ſo lebhaft ergriffen. Was kuͤm⸗ mert auch die Sterne mein Verhaͤltniß zu dem Weibe? Ich werde ſchon zur Kunde bringen, was ich will, und verſchweigen, was mir gut duͤnkt.“—„So erlaubt mir, daß ich gehe,“ erwiederte Arcangeli;„muthwillig zieht Ihr den Unſegen auf Euer Haus, und Marie wäre doch Euer Gluͤcksſtern geworden. Wie ſie Euch liebt, die Arme! Trägt ſie nicht abermals ein Kind unter ihrem Herzen? Ein Knabe wird es ſeyn, der Stammhalter Euers ruhmwuͤrdigen Geſchlechts, wenn Ihr die Mutter oͤffentlich als Eure Gemahlin anerkennt; der Zerſtörer Euers 56 Lebensgluͤcks jedoch, wenn Ihr Marie ferner eigenſinnig verſchmaͤht. Das hab' ich in den Sternen goleſen, und hier tritt der Fall ein, daß der menſchliche Wille den Lauf der Ge⸗ ſtirne und ihre Deutung aͤndern kann, wenn er der Auftlaͤrung folgt.“—„Ein Knabe, ſagſt Du?“ verſetzte Eduard, deſſen Aberglaube be⸗ reits unruhig wurde;„ein Erbe meines Lan⸗ des?“—„Ich habe Euch nie unwahr berich⸗ tet,“ antwortete Arcangeli,„ ich werde es auch nie thun. Es iſt, wie ich geſagt.“—„Meine leichtſinnige Liebe haͤngt jetzt in ihren Folgen an mir, wie eine unaufloͤsliche Kette,“ ſprach Eduard:„Ich darf Dir wohl geſtehen, daß. mir's zu Bruſſel nicht um die Ehe zu thun war. ch tauge nicht zum gelaſſenen Ehewirth. Ein flaͤchtig und veraͤnderlich Blut hab' ich von der Mutter geerbt. Man hat aber meine Leiden⸗ ſchaft in Fallſtricken gefangen. Ich ſchäme mich beinahe, oͤffentlich zu geſtehen, was mich insge⸗ heim feſſelt. Ich bin Marien hold, ich liebe ſie ſogar, aber das Geſtaͤndniß vor der Welt. 3 M 57 ſie iſt mir nicht ebenbuͤrtig,.... ein armes Fraͤulein; ihres Vaters Adel iſt beinahe erſt aus der Muͤnze gekommen. Was wird der Kaiſer, der Koͤnig von Schweden, der von Polen ſa— gen? Und vollen s mein Vormund, der Bayer⸗ herzog? Aus meinem Vetter zu Baden⸗Durlach mache ich mir nichts. Ob er mir ein bischen mehr feind wird, denn zuvor, mich kuͤmmert's nicht. Aber die andern Fuͤrſten,. der Bayer vornehmlich,.. wie ziehe ich mich da heraus?“ —„Habt Ihr denn nicht einen Demoſthenes in Euerm Dienſte?“ fragte Arcangeli laͤchelnd: „Der gelehrte Piſtorius traͤgt ein Schwert im Munde, und hinwieder glatten Honig, wie man's begehrt. In einem Athem könnte er den Fuͤr⸗ ſprecher eines Heiligen und den Teufelsadvoka⸗ ten machen. In einer halben Stunde demon⸗ ſtrirt er den Luther in die Höllez in der näch⸗ ſten predigt er den heiligen Vater in den Schwe⸗ felpfuhl. Gewinnt den ſprachſeligen Mann für das, was Noth thut, und verlaßt Euch darauf, er macht Euch Kaiſer und Reich geneigt, den N 58 b Vetter zu Durlach ausgenommen, weil Vettern uͤberhaupt einander am Wenigſten geneigt ſind⸗“ —„Von Deinen Lippen fließt die Weisheit,“ entgegnete Eduard;„aber ich weiche auch nur ihr und der Beſtimmung der Geſtirne. Es wird ein bittrer Kelch ſeyn, den ich leeren werde. Allein in der Vorausſetzung, daß Ma⸗ rie mir einen Erben ſchenkt....“—„Seyd deſſen gewiß,“ bethenerte Arcangeli.„Ich buͤrge Euch mit meinem Kopfe dafuͤr, ſo wie fuͤr das Gluͤck und Heil, das bei Euch einkehren wird, ſobald Ihr die unerlaͤßliche Pflicht erfullt habt.“ —„Gluck brauche ich, weiß Gott;“ rief Eduard leichtſinnig ſcherzend;„und es iſt bald Zeit, daß die Goldmacherkunſt mir unter die Arme greife. Dir darf ich ſagen, daß ich in einem Meere von Schulden ſchwimme. Meine Ren⸗ teneien gleichen ausgemelkten Kuͤhen, dagegen zerfleiſchen mich taͤglich verdruͤßliche Wechſel⸗ briefe und Schuldverſchreibungen, die Mahnung meiner unerſaͤttlichen Bruͤder um ihre Jahrge⸗ halte. Meine Pathin, die Koͤnigin von England, A 59 n ſendet auch nichts mehr, ſeitdem mein Bruder Carl die Mutter zu Antwerpen feſtſetzte, weil ſie's zu bunt machte. Bruͤſſel und Italien ha⸗ ben mir viel gekoſtet, aber Bruͤſſel iſt auch ein Goͤtteraufenthalt, in dem ich noch einmal ſchwel⸗ gen muß, ſollte auch die Markgrafſchaft darauf gehen. Dabin wird es indeſſen der Koͤnig Sa⸗ lomo, von dem Du mir ſo manches gelehrt haſt, nicht kommen laſſen.“—„All meine Wiſſen⸗ ſchaft ſteht Euch zu Dienſten;“ verſicherte Ar⸗ cangeli:„meine Kunſt wird auch koͤſtliche Fruͤchte tragen, ſobald Ihr ruͤckſichtlich Eurer Gemahlin das erfuͤllt, was die Gerechtigkeit erheiſcht.“—„Meinethalben;“ antwortete Eduard fluͤchtig:„Du magſt mir morgen noch einmal die Beweggruͤnde und Folgen dieſer Handlung aus dem Buche des Himmels erklä⸗ ren. Jetzt ſollſt Du zu Bette gehen. Mit Pi⸗ ſtorius werde ich morgen ſprechen.“— Der gewandte Leibarzt wunderte ſich nicht wenig, aus dem Munde des Fuͤrſten ſelbſt be⸗ fehlsweiſe den Plan zu vernehmen, den er ihm 60 tropfenweiſe wie ein uͤbelſchmeckendes Säftchen hatte beibringen wollen. Er ahnte wohl von Weitem Arcangeli's überraſchende Einwirtun⸗ allein die Entſchiedenheit, mit welcher Edyard die Sache— gleichſam wie aus ihm ſelbſt ſtam⸗ mend,— beſprach, wehrte dem weichruͤckigen Höfling, wie es einem unerſchrockenen Gegner geziemt haͤtte, ploͤtzlich das Wideppart zu er⸗ greifen. Seiner Eitelkeit verſicherte ſich der Markgraf, indem er ihm den Auftrag gab, die ſchwierigen Fuͤrſten zu ſeinem Vortheile zu ſtim⸗ men, und ſomit glaubte Piſtorius, ſeine Parthei wuͤrde ſich noch am beſten im Vortheile behaupten, wenn es ihm gelaͤnge, ſo ſchnell als moͤglich die Kunde von der raſchen Wendung ihres Geſchicks an Marien zu bringen, die Fuͤrſtin zu uͤberre⸗ den, daß ſie Alles nur den ergebenen Freunden verdanke, und ihr im erſten Rauſche der Freude das Verſprechen abzugewinnen, Arcangeli's, des Widerſachers Sturz zu foͤrdern und zu bewir⸗ ken. Kaum hatte Piſtorus des Markgrafen Gemaͤcher verlaſſen, als er auch bereits dem 61 Beichtvater das wichtige Geſchaͤft auftrug, und der Probſt ſaͤumte keinen Augenblick, ſeinen ei⸗ genen und des Freundes Wuͤnſchen zu genuͤgen. Aber auch bei der Markgraͤfin kam er zu ſpät; er fand ſie unterrichtet und nicht ſehr geneigt, an die Wahrhaftigkeit der Maͤnner zu glauben, die ſie bisher, wenn nicht beleidigt, doch kühl behandelt hatten, wie man ſich gegen eine Per⸗ ſon benimmt, deren Daſeyn man mit Erſtaunen in einem Hauſe duldet, fuͤr welches ſie nicht geboren und beſtimmt ſcheint. Die Marien an⸗ geborne Weichheit vermochte indeſſen nicht, das Recht der Vergeltung zu uͤben. Sie gab ſich bald das Anſehen, als ob ſie den thaͤtigen Fuͤr⸗ ſprechern Glauben ſchenke, und Dank wiſſe, und erwiederte, da die Rede verbluͤmt auf Arcan⸗ geli hin ſpielte, daß es ihr nicht zieme, die Handlungen und Neigungen ihres lieben Herrn zu meiſtern, daß aber fruͤh oder ſpät die beſorg⸗ ten Diener von der Weisheit des Markgrafen ſelbſt eine gerechte Schlichtung ihrer Befuͤrch⸗ tungen erwarten duͤrften.— Im Stillen jedoch 62 b hielt Marie den Italiener, der ihr durch den Mund ihrer Kammerfrau Ulrika von Steinfeld, ſeine Verdienſte um ſie anzupreiſen nicht unter— laſſen hatte, fuͤr ihren beſondern Freund, denn die Steinfeld war eine eifrige Freundin— man wollte ſagen,— ſogar Schuͤlerin Arcangeli's. Von dem Markgrafen, juſt nach ſeiner Ruͤckkehr aus Italien, aus dem Lichtenthaler Stift, wo ſie den Schleyer zu nehmen dachte, heraus gtzo⸗ gen, und als Geſellſchafterin ſeiner Gattin bei⸗ gegeben, hatte die zwei und zwanzigjaͤhrige Jungfrau ein raſches, fuͤr alles Abenteuerliche und Ueberſpannte eingenommenes Gemuͤth offen⸗ bart, wie es an Eduards Hofſtaat, wo es truͤb, ſeltſam und wunderlich genug herging, nicht uͤbel paßte. Die Natur, welche Ulriken eine kraͤftig anmuthige Geſtalt verliehen hatte, war nicht geneigt geweſen, ihr ein, dieſem Aeußern nicht entſprechendes Herz zu geben. Sie war nicht fuͤr's Kloſter beſtimmt, in welches nur der Zwang der Duͤrftigkeit ſie zu ſperren drohte. Sie hatte die Heiligkeit der erſten unentweihten Liebe — kennen gelernt; ihr Liebſter war aber in Frank⸗ reich, ein Kaͤmpfer der Liga, vorlaͤngſt gefal⸗ len. Um die Hand der armen Jungfrau hatte ferner Niemand gefreit, das Kloſter ſich ihr als letzter Zufluchtsort aufgethan, und als ſie des Mark⸗ grafen Gunſt daraus erloͤst, war ſie mit einem Herzen voll Trauer an ſeinen Hof gekommen. Die ſorgenfreie Lage, deren ſie daſelbſt genoß, — e noch nie von ihr gekanntes Verhaͤltniß, — ſtreifte den Schmerz von ihrem Gemüthe, und ließ es in neuer Liebesſehuſucht bluͤhen. Der Stallmeiſter Neuklam war es, der ihre Angen vor Allen auf ſich zog, und eine gewiſſe Zuneigung in ihr begruͤndete. Der trübe Ernſt in ſeinen Mienen, ſeine beſonnene und ruhige Handlungsweiſe, und das dennoch oft in ſeinen Blicken aufflammende leidenſchaftliche Feuer,— dieſe Eigenſchaften, verbunden mit einer anmu⸗ thigen, maͤnnlichen Geſtalt, gefielen Ulriken. Sein Gemuͤth, wie ſein Schickſal, ſchien dem ihrigen aͤhnlich zu ſeyn; Stand und aͤußere Lage waren ſich nicht minder gleich. Utrike, als ver⸗ „ nünftiges undliebendes Weib, verriethnicht undeut⸗ lich die Richtung ihres Gefühls. Neuklam,— ob dieſe Zuneigung verkennend,— ob ihr ausweichend — blieb kalt, und Ulrike ſah es fruͤh genug, um ſich ſtill zu bezwingen und ihren aufwallenden Unmuth zu meiſtern. Niemand am Hofe ſchien die voruͤber⸗ gehende Leidenſchaft bemerkt zu haben, ſogar der ſchlaue Arcangelinicht, der nun Ulrikens Auſmerk⸗ ſamkeit erregte, die er durch ſeine angenommene Wuͤrde, ſeine-albungsvollen Reden ſich zu er⸗ halten wußte. Er hatte Ulriken die Nativitaͤt geſtelltwe Kmnaß von Gluͤck und zeitlichem Segen-war e bedicht geweſen, der Glaͤubigen zu verkünden, und wir ſind ja ſo geneigt, uns freundlich an den zu ſchließen, dem wir hoͤhere Gaben zutrauen, und der vor uns die Pforten einer frohen Zukunft aufriegelt! Der weiſe Mei⸗ ſter ließ ſich herab, das Geſellſchaftsfräulein in der italieniſchen Sprache zu unterrichten, und ihren, nach Wundern ſrebenden Geiſt in die La⸗ byrinthe jener Myſtik einzufuͤhren, die damals ſehr haͤufig getrieben wurde, und der Schluͤſſel — zu dem aſtrologiſchen Wahnſinn genannt werden kann, welcher jener Zeit eigen war. Truͤbe, un⸗ ruhige Jahre, erfuͤllt von den Reibungen feind⸗ licher Religionspartheien, haben den Aberglau⸗ ben im Gefolge. Der Zweifler ſucht einen Halt, der Ungluͤckliche einen Helfer, der Mißtrauiſche einen Freund, der Leichtſinnige einen Buͤrgen zukuͤnftigen wohlfeilen Gluͤcks; und da das Le⸗ ben dieſe Wuͤnſche entweder nicht verwirklicht, oder wenigſtens in anderer Geſtalt, als die eigenſinnigen Begehrer es verlangen, ſo muͤſſen die Sterne reden, und die Lineamente der Han., und die todten Spruͤche der heiligen Buͤcher; kuͤmmerliche Huͤlfs⸗ und Vorſichtsmittel aller⸗ dings, aber bereit, ſich deuten zu laſſen, wie es die Selbſtſucht wuͤnſcht, wie es der Betrug gut findet.— Wie oben geſchildert, ſtanden die Sachen an Eduards Hofe, als Piſtorius die Reiſe zu Herzog Wilhelm von Bayern, dem ehemaligen Vormund des Markgrafen, antrat. Seiner Be⸗ redtſamkeit gelang das Erwuͤnſchte. Der ge⸗ Spindler's ſaͤmmtl. Werke XVII. Winterſpenden2. 5 N 66% fährlichſte Gegner Mariens gab ſeine Einſtim⸗ mung, wiewohl nur bedingungsweiſe. Eduards Leichtſinn, Arcangeli's Beharrlichkeit und des Leibarztes Eitelkeit ſetzten ſich jedoch uͤber alle fernern Klauſeln hinweg, und am vierzehnten Mai des Jahrs 1593 wurde Marie von Eicken zum zweitenmale oͤffentlich mit Eduard zu Ba⸗ den getraut. Die anſehnlichſten Maͤnner der Verwaltung und des Hofs waren Zeugen dieſer merkwuͤrdigen Vermählung eines ſchon getrau⸗ ten Paars. Des Markgrafen Leichtſinn und iermuͤthige Verachtung des Schicklichen entzog dieſer bedeutenden Ceremonie alle Ehrwuͤrdig⸗ keit, und ſtellte ſie dar, wie ein leeres, ſogar mit Spott vorgenommenes Spiel. Der Fuͤrſt erſchien dabei in der nachlaͤßigſten Kleidung, begleitet von ſeinen Jagdhunden; er verbluͤffte Prieſter und Zeugen durch ſeine ſeltſamen ge⸗ dankenloſen Reden, und betruͤbte Marie, die an das Wiedererwachen ſeiner Zaͤrtlichkeit ge⸗ glaubt hatte, auf's neue. Indeſſen verkuͤndeten doch Trompeten und Pauken, daß das Land nun 67 eine anerkannte, rechtmäßige Markgraͤfin habe, und ſomit war Arcangeli's, wie ſeiner Feinde Zweck erreicht. Eduards Vetter zu Baden⸗ Durlach ließ ſich erbittert und erboßt gegen das Geſchehene vernehmen, tadelte laut den Herzog von Bayern, ſchalt den Unterhaͤndler Piſtorius einen Betruͤger und Gaukelredner, der den wuͤr⸗ digen Bayerfuͤrſten verblendet habe, und hob alle Verwandtſchafts-Vertraulichkeit zwiſchen Durlach und Baden-Baden auf. So leicht der Markgraf Eduard dieſe Vorboten kuͤnftiger ge⸗ wichtiger Stuͤrme nahm, im Vertrauen auf ein gutes Gluͤck und Arcangeli's Vorherſagungen, ſo ſchmerzlich empfand Marie die Vorgefuͤhle einer ernſten Zukunft. Truͤbſinnig wandelte ſie oft unter dem Lindenſchatten des Gartens, der ſich um das weitlaͤufige Schloß ihres Gemahls herzog. Sie dachte an Bruͤſſel, an die ſtille Heiterkeit ihrer Jugend, an das einfache, aber heimelich und ruhige Hausweſen ihrer Eltern, an ihre dort zuruͤckgelaſſenen Schweſtern, und fͤhlte ſich verſucht, die in wenig glaͤnzender Lage Zuruͤckgebliebenen zu beneiden. Ihr hatte ja der Fuͤrſtenmantel kein Gluͤck gebracht!— Da traf ſich's einmal, kurz nach ihrer Vermaͤh⸗ lung zu Baden, daß auf einem jener einſamen Spaziergaͤnge ploͤtzlich der Herr von Neuklam vor der bekuͤmmerten Fuͤrſtin ſtand. Er ſchien von der Begegnung nicht uͤberraſcht zu ſeyn, er ſchien ſie ſogar geſucht zu haben, denn er be⸗ gann mit einer zierlichen, wohlgeſetzten Rede, die Marien Gluͤck wuͤnſchte zu ihrer endlichen Erhebung. Die Worte klangen ſuͤß und wohl⸗ gefaͤllig, aber ſie ſprach kein freundlicher Mund, und eine Thraͤne ſchwamm in Neuklams Auge. Nachdem er mit einer gewiſſen Heftigkeit, dem Brauch gemaͤß, Mariens Hand gekuͤßt hatte, ſo ſprach er mit wehmuͤthiger Geberde:„So laßt mich denn auch Abſchied von Euch nehmen, gnaͤ⸗ digſte Frau. Ich danke Euerm Liebreize, den ich von ferne anſtaunte, manche ſehnſuͤchtig gluck⸗ liche Stunde. Von Eurer Milde habe ich viel Gutes erfahren. Dafuͤr ſegne Euch der Herr der Welt, und ſende einen Cherub, Euch zu d 69* ſchirmen, ſtatt meiner, der ich ſo gar nichts fuͤr Euch thun konnte.“— Als er ſchwieg, und ſich tief verneigte mit ſchmerzlicher Miene, da hatte ſich Mariens Wange hoch gefaͤrbt, und gleich⸗ ſam ſich zwingend, die lange ungeſtoͤrte Liebes⸗ neigung des Beſcheidnen mit einem Strahl von Anerkennung zu belohnen, ſagte ſie theilnehmend: „Wo wollt Ihr denn mit Einemmale hin, Herr von Neuklam, und was treibt Euch von hin⸗ nen?“—„Euch darf ich's geſtehen;“ antwor⸗ tete Hug nach kurzem Beſinnen ernſtlich und warm:„vereitelte Hoffnung jagt mich weg. Ich habe all mein Leben hindurch nur das Noth⸗ duͤrftigſte gehabt, aber ſtets das Hoͤchſte zu be⸗ gehren mich werth erachtet. Mein Stolz wuͤrde nach einer Fuͤrſtenkrone greifen; meine Liebe nicht minder nach der himmliſchen Frau unter einem ſolchen Diademe.— Vergebt mir, aber der Scheidende wie der Sterbende darf frei und wahr reden: ich habe gehofft, gebetet, erwartet und mich bezwungen, bis jetzt. Ich habe auf Euers Gatten Wankelmuth, auf einen Fingerzeig vom Himmel gerechnet. Ich glaubte, den Augenblick voraus zu ſehen, in dem Alles Euch verlaſſen, in dem das groͤßte Schelmſtuͤck Euch aus die⸗ ſem Schloſſe, dieſem Lande weiſen wuͤrde. Dann wollte ich hervortreten, dann ſollte meine im Stillen gewachſene Liebe handeln. Mein Arm ſollte Euch, die Verſtoßene, ſicher nach der Hei⸗ math fuͤhren, mein Mund Euere Eltern, mein Gefuͤhl Euch ſelbſt gewinnen. Blut und Leben hätte ich dann im Dienſte eines kriegeriſchen Fuͤrſten geopfert, um Euch ein ſorgenfreies Loos zu hinterlaſſen: begeiſtert durch Euern Beſitz haͤtte ich das Unmögliche verwirklicht;... aber das Alles ſollte nicht ſeyn. Ein ſchnoͤder Traum hatte mich geäfft. Meine Unerfahrenheit verlor das Spiel, und der Tag, der Euch unaufloͤs⸗ lich mit dem Herrn verband, zerſchnitt mein Herz. Ich kann nicht laͤnger bleiben; der Sturm meines Innern muͤßte mich verrathen, und die⸗ ſer Verrath Euch verderblich ſeyn. Darum gehe ich, und ſterbe ich auch fern von Euch, ſo wird, ſo muß mein Geiſt Euch doch unſchweben, denn wie die Blume vom Licht, ſo hab' ich nur ge⸗ lebt in Euerm Anſchauen. Als er geendet hatte, ſeufzte Marie, auf deren Geſicht nicht Zorn, aber wohl eine bekümmerte Sorge zu le⸗ ſen war, tief auf, und ſagte, vielleicht weniger ſtreng als ſie es wuͤnſchte:„Haltet es meiner Nachſicht zu Gute, daß ich Euch bis hieher an⸗ gehoͤrt. Ihr ſeyd noch immer der verwegne Soldat, der ſchon zu Murano ſeine Worte nicht waͤhlte, und der Frauenſitte keine Achtung zollte. Schmeichelt Euch indeſſen nicht, daß dieſe Kuͤhn⸗ heit mir je gefaͤhrlich werden koͤnnte. Ich er⸗ laube Euch, wenn der Taumel voruͤbergegan⸗ gen, ungeſtoͤrt am Hofe zu bleiben; doch ₰ wollt Ihr durchaus ſcheiden, ſo fordre ich Euch ernſtlich auf, Euch ja in Euerm verblendeten Wahne kein Leid zuzufuͤgen. Ihr wuͤrdet Eure Seligkeit verſcherzen, und mich noͤthigen, Euer Andenken zu haſſen.“ „Gott verhuͤte das!“ erwiederte der Herr von Neuklam:„mein Gedächtniß bleibe rein zuruͤck, wie ein unſterblicher Geiſt. Vergoͤnnt 72 n mir noch einmal zum Abſchiede, Eure gnaͤdige Hand zu kuͤſſen, und dann...“—„Zum Ab⸗ ſchiede? Wie war das, Herr?“ fragte laut und ſtaunend der Markgraf, der plotzlich unter den Lindenſchatten trat:—„was faͤhrt Euch durch den Sinn, Herr? fort wollt Ihr, und habt mir doch das Leben gerettet? Laßt Euch das ver⸗ gehen, Neuklam. Ich kann Euch nicht wohl mehr miſſen, und ſolches Abſchiednehmen nicht hingehen laſſen. Was fehlt Euch hier? Meine Gnade habt Ihr; braucht Ihr Geld, die An⸗ weiſung ſoll nicht fehlen. Wollt Ihr einen hoͤ⸗ hern Titel? Ich ſchaffe einen fuͤr Euch. Aber macht nur kein Federleſens weiter. Oder— könnt Ihr, wie Arcangeli, etwa das Klima nicht vertragen? Auch fur dieſes iſt geſorgt. Morgen gehe ich nach Bruͤſſel. Ihr begleitet mich, und ich trage Euch auf, ſogleich fuͤr die Reiſe zu ſorgen, und Alles vorzubereiten. Ge⸗ habt Euch wohl, Herr.“— Neuklam war uͤberraſcht, und ſchweigend vor dem Fuͤrſten geſtanden. Die Erwaähnung 73 Md der Reiſe nach Bruͤſſel gab ihm neues Leben. Entfernung von Marien wuͤnſchte ſeine Ver⸗ nunft; ſie einſt wiederzuſehen, ſein Herz. Des Markgrafen Reiſeplan beguͤnſtigte Beides, und er eilte, ſeines Dienſtes zu warten.— „Ich kann nicht ferner mehr in dieſem ver⸗ drießlichen Lande bleiben,“ ſprach Eduard zu ſeiner Gattin:„der boͤſe Nachbar laͤßt mir keine Ruhe, und meine Beamten machen mir wenig Freude. Fordre ich Geld, ſo ſind die Kaſſen leer, und das Volk, das ſich gedruͤckt glaubt, beginnt ein beleidigendes, widerſpenſtiges Be⸗ tragen anzunehmen. Ich bedarf Zerſtreuung. Dich, Marie, laß ich zuruͤck, bis Deine Nie⸗ derkunft voruͤber iſt. Ich werde Dich alsdann zu mir beſcheiden, wenn mir's zweckmaͤßig ſcheint. Die Regierungsſorgen habe ich dem Kanzler uͤbertragen, und Reichard von Neuen⸗ ſtein, der Marſchall, wird fuͤr die Erfuͤllung Deiner Befehle und Wuͤnſche haften.“—„Mir wird ſo bang, bin ich von Euch getrennt, mein gnadiger Herr;“ ſeufzte Marie.—„Nicht doch, meine Gute;“ verſicherte Eduard, deſſen Seele ſchon zu Bruͤſſel war:„Du wirſt ver⸗ gnuͤgt ſeyn, und den Knaben pflegen, den Du mir zu ſchenken beſtimmt biſt. Ueberhaupt wer⸗ den klarere Zeiten fuͤr uns eintreten. Die ver⸗ wickelten und aͤrgerlichen Verhaͤltniſſe unſers Hauſes werden ſich entwirren: ich weiß es ge⸗ wiß: eine reiche und zufriedne Jahrfolge wird ſich einſtellen. Hoffe kuͤhn darauf, wie ich da⸗ von uͤberzeugt bin. Deine ganze Familie ſoll alsdann Deines Gluͤcks theilhaftig ſeyn, und den Augenblick doppelt preiſen,— der Dich mit Mir vereinigte. Gefaͤllt Dir's alſo, kleine Markgraͤfin?“— Er kuͤßte Marie leicht auf die Wange, und verließ ſie, ſeinen Launen nach⸗ zugehen. Am folgenden Tage reiste er in Be⸗ gleitung Neuklams, des rothen Lakaien, Arcan⸗ geli's und mehrerer Diener ab, um ſein Para⸗ dies, Bruͤſſel wieder zu beſuchen. Es iſt hier ein Zeitraum von achtzehn Monden fluͤchtig zu uͤbergehen, während deſſen das Ungluͤck Eduards ſich vorbereitete und er⸗ fuͤllte. Auf der einen Seite iſt nur zu berich⸗ ten, daß Marie nach der Geburt ihres Sohnes Wilhelm, ein einſames Leben auf dem Schloſſe zu Baden fuͤhrte, in Ulrikens alleiniger Geſell⸗ ſchaft; auf der andern Seite ſind die Ausſchwei⸗ fungen anzudeuten, denen ſich der Markgraf ohne Ruͤckhalt und Beſinnung zu Bruͤſſel ergab. Seine raſende Verſchwendung riß die wanken⸗ den Saͤulen ſeines Hauſes nieder, und der Fluch, der mit der Koͤnigstochter von Schweden bei ſeinem Vater Chriſtoph eingezogen war, wirkte fort auf den, Cäciliens wuͤrdigen Sohn. Die Einkuͤnfte der Markgrafſchaft, wie der Herrſchaft Spanheim, waren ſchon laͤngſt auf Jahre vorausgenommen, alle Huͤlfsquellen er⸗ ſchoͤpft, das mißhandelte Volk durch die Er⸗ preſſungen der vom Fuͤrſten gedrängten Rent⸗ meiſter zur Verzweiflung gebracht. Das Letzte wurde nach und nach nach Bruͤſſel geſchafft, um dort in dem bodenloſen Abgrunde der Ver⸗ geudung zu verſchwinden, oder durch den Schlot von Arcangeli's abboratorium zu fliegen. Die bewegliche Habe, die Eduards Vorgaͤnger, Phi⸗ lipp, ihm hinterlaſſen hatte, wurde verkauft, verpfaͤndet, verſplittert. Die Jahrgehalte ſei⸗ ner Bruͤder wurden laͤngſt ſchon nicht mehr be⸗ zahlt; der arme blinde und lahme Chriſtian Guſtav lebte duͤrftig zu Ingolſtadt, oder in der Grafſchaft Spanheim; Johann Carl, den Mal⸗ theſer, erhielt ſein in den belgiſchen Kriegen ruͤhmlich gefuͤhrter Degen; Carl, der unnatuͤr⸗ liche Sohn der tiefgeſunkenen Caͤcilia, der un— baͤndigſte der Bruͤder, war in Italien geſtor⸗ ben; Philipp, ein unbedeutender leichtſinniger Menſch, hatte die Parthie ergriffen, bei Eduard zu leben, ſo lange noch Geld aus eignen und fremden Kaſſen floß, ſeine wilden Freuden zu theilen, und bei Spiel, Wein und Maͤdchen des Bruders uͤbles Beiſpiel zu befolgen. Waͤhrend deſſen es dort in unverantwortlicher Schlem⸗ merei herging, die immer wuchs, je naͤher der Fall ruͤckte, wurde des Leids auf dem Badener Schloſſe immer mehr. Marie, auf den Vulkan feſtgebannt, der unter bedenklichen Vorzeichen T7 den Ausbruch drohte, ſah beſſer, als ihr ver⸗ blendeter Gemahl, wie das Ungluͤck von Tag zu Tag ſtieg. Buͤrger und Landmann zeigte neben ſeiner Erſchoͤpfung den ſtummen Trotz, welcher ankuͤndigt, daß der Zeitpunkt, den Ge⸗ horſam zu verſagen, gekommen ſey. Die zahl⸗ loſen Glaͤubiger Eduards, von gegruͤndeter Be⸗ ſorgniß gequaͤlt, wie auch von des Markgrafen Lebenswandel empoͤrt, legten die zuruͤckgewie⸗ ſenen Schuldſcheine, die ſchnoͤde verworfnen Wech⸗ ſelbriefe, zu den Fuͤßen des kaiſerlichen Throns. Rudolph der Zweite, gegen Eduard ſchon längſt eingenommen, verſchob es diesmal nicht, nach ſeiner Weiſe, den Glaͤubigern und Pfandinha⸗ bern gerecht zu werden. Unfaͤhig jedoch, ſelbſt dieſen Wuſt von Verlegenheit, Trug und Ver⸗ ſchuldung zu entwirren, uͤbergab er die Sache an Bayern und Lothringen. Dieſe waͤlzten die ſchwere Ausgleichungslaſt auf die Schultern des reichen, und in allen Geldgeſchaͤften weit ver⸗ breiteten M. Fugger. Eduard, von all dieſen Schritten und Begebenheiten unterrichtet, aber * 78% unthaͤtig in ſeinem uͤppigen Leben verharrend, beſchloß, die letzte Hand an das Verderben ſei⸗ nes Hauſes zu legen, und knuͤpfte mit Fugger eine Verhandlung an, deren Ergebniß, wie Eduard meynte, all ſeinen Verlegenheiten ein Ende machen, und ihm die Fortſetzung ſeines gewohnten Wandels erlauben ſollte. Er be⸗ gehrte nämlich, alle ſeine badenſchen Beſitzthuͤ⸗ mer an Fugger zu verpfaͤnden, gegen einen Jahrgehalt von 37,000 Thalern. Dieſes Vor⸗ nehmen gelangte jedoch zu den Ohren des auf⸗ merkſamen Ernſt Friedrich von Baden⸗Durlach. Vorausſehend, daß ſolches Beginnen die Zer⸗ ſplitterung, den Verkauf und Untergang des ehrwuͤrdigen Stammerbes der Markgrafen zu Baden nach ſich ziehen wuͤrde, und begierig, ſolcher Schmach des alten Geſchlechts zu weh⸗ ren, ſchritt er mit einem Gewaltsſtreich ein, der, klug in ſeinen Vorbereitungen verheimlicht, und überraſchend ausgefuͤhrt, ſeinen Zweck nicht verfehlte, und die obere Markgrafſchaft dem Hauſe rettete. Im Anfange Novembers des M 79 Jahrs 1594 ruckte ploͤtzlich durlachiſches Volk auf mehreren Punkten in Eduards badenſche Beſitzungen ein, und belegte das Land mit Se⸗ queſter. Ein Manifeſt zur Vertheidigung dieſer Handlung flog alſobald in alle Welt aus, und Eduards Amtleuten blieb die Wahl, entweder von ihren Stellen abzutreten, oder dem Mark⸗ grafen von Durlach zu huldigen. Faſt ohne Ausnahme geſchah das Letztere, und Marie, die arme zum Leiden Verurtheilte, ſah ſich von allen ihren Dienern, wie es dem Unglcklichen zu gehen pflegt, verlaſſen. Diejenigen, die bis⸗ her bei jedem Anlaß ihre unverbruͤchliche Treue betheuert hatten, waren die Erſten, welche von ihr wichen, und nur die Steinfeld, nebſt dem niedern Hausgeſinde, blieb zuruͤck bei der un⸗ gluͤcklichen Fuͤrſtin, die die neue Regierung in ihrem Reſidenzſchloſſe nur zu dulden ſchien⸗ Da erſchien nun freilich wie ein Stern des Gluͤcks und der Hoffnung, ploͤtzlich der Herr von Neuklam in der Wohnung Mariens.— Man glaubte in ihm einen Abgeſandten des „ 80 b Markgrafen zu ſehen, allein Eduard hatte noch nicht an die Sicherheit ſeiner Gemahlin ge⸗ dacht, von Durchlachs letzten Gewaltſchritten nichts gewußt. Neuklam war von Eduard nach Deutſchland geſchickt worden, um auf Rechnung des Statthalters der Niederlande Pferde einzu⸗ kaufen, und Reiter zu werben. Zwanzig Mei⸗ len von Baden entfernt, hatte ererfahren, was ſich daſelbſt begeben, und von Anhaͤnglichkeit und Treue angeſpornt, ſich dahin aufgemacht, um Marien ſeinen Schutz, ſein Geleit anzubie⸗ ten. Das Wiederſehen war froh und ſchmerz⸗ lich zugleich. Neuklam fand indeſſen Gelegen⸗ heit, dem wilden Drang in ſeiner Bruſt Luft zu machen, als der Kanzler zu der Fuͤrſtin her⸗ eintrat, und ihr mit kalter Formlichkeit die Frage des Markgrafen Ernſt Friedrich vorlegte: „Wie lange ſie woͤhl noch ſich in dem Schloſſe aufzuhalten gedenke?“ Der Herr von Neuklam antwortete an Mariens Statt mit aufſprudeln⸗ dem Grimme, empoͤrt, daß die Unſchuld leiden ſollte fuͤr die Vergehen eines teichtſnigen] Fuͤrſten.„Sagt Euerm Herrn,“ ſchloß er ſeine heftige Rede,„daß die Gattin des durchlauch⸗ tigen Markgrafen Eduard Fortunatus von Ba⸗ den ſich viel zu gut duͤnkt, als daß ſie nur ei⸗ nen Augenblick laͤnger in den Landen verweilen ſollte, die man raͤuberiſch ihrem Gemahle ent⸗ riſſen. Von Ernſt Friedrichs Gnade zu leben, iſt ſie zu ſtolz. In Bruͤſſel erwartet ſie Ueber⸗ fluß und Freundſchaft, wie ihren Gatten am Throne des Kaiſers ſtrenge Gerechtigkeit!“— „Wohl dem, der dieſe nicht zu ſcheuen hat,“ verſetzte der Kanzler mit ſpitzigem Laͤcheln, buͤckte ſich, und ging hinaus. Nun wurde aber die ſtrengſte Aufmerkſamkeit auf die Reiſevor⸗ kehrungen der Fuͤrſtin gewendet. Ein Zim⸗ mer nach dem andern wurde vor ihren Augen verſperrt, als es von ihren Habſeligkeiten ge⸗ leert war. Schritt fuͤr Schritt wurde ſie aus ihrem Eigenthume gedrängt. Endlich ſtieg ſie mit Ulriken, ihren Kindern, und ihrer Kam⸗ merfrau in den Wagen.„Gottlob!“ ſeufzte ſie beim Einſteigen;„Hottlob, daß ich aus Spindler's ſaͤmmtl. Werke XVII. Winterſpenden 2. 6 7 d 82 dieſem Hauſe trete, ſein ganzes Gewicht laſtete auf meiner Bruſt.“—„Ihr frohlockt, gnäͤdigſte Frau;“ fluͤſterte Neutlam, der ſie unterſtuͤtzte: „ich moͤchte weinen, daß gerade ich es ſeyn muß, der Euch einem unwuͤrdigen Gatten in die Arme fuͤhrt.“ Marie drehte mit ſtrengem Blick den Kopf nach ihm, und er wendete be⸗ ſchaͤmt die Augen ab. Er erſchrack jedoch faſt, als er gewahrte, daß Ulrike, gegenuͤberſitzend, ihn unverruͤckt anſah. Es ſchien beinahe, als hätte ſie ſeine Worte vernommen⸗ und ihr fun⸗ telnder Blick, wie eine gewiſſe Bläſſe, die ſich auf ihren Wangen verbreitet hatte, konnte auf eine bedeutende Theilnahme an Neuklams Rede ſchließen laſſen.— Die Reiſenden waren noch nicht zwei Tag⸗ reiſen von Baden entfernt, als Eduards rother Lakai ihnen zu Pferde begegnete. Sein Herr hatte ihn abgeſandt, ſeine Gemahlin aus den badenſchen Landen, deren Schickſal er inzwiſchen vernommen, hinwegzufuͤhren.—„Schon gut, mein Freund;“ erwiederte auf ſolche Botſchaft N 83 der Herr von Neuklam:„ich habe es ſchon uͤbernommen, die durchlauchtige Frau nach Bruͤſſel zu geleiten.“—„Ei, wer ſagt denn von Bruͤſſel?“ fragte der Rothe ziemlich un— verſchaͤmt entgegen:„nicht nach Bruͤſſel geht die Reiſe; ſo befiehlt der gnaͤdigſte Herr: Er hat der Frau Markgraͤfin ihren Sitz zu Ca⸗ ſtellaun angewieſen, und wird nicht zoͤgern, ſie daſelbſt bald zu bewillkommen.“—„Caſtellaun?“ fragten die Damen neugierig:„wo iſt Ca⸗ ſtellaun?“ Sie erſchracken gedoch, als der Lakai und der betroffne Neuklam ihnen berichteten, das alte finſtre Schloß liege am wilden Ge⸗ birge des Hunsruͤck, und ſey einem Gefaͤngniſſe aͤhnlicher als einer furſtlichen Reſidenz. Der Anblick des nach ſchwerer im Winter⸗ mond vollbrachter Reiſe endlich erreichten Schloſſes widerſprach leider dem unguͤnſtigen Vorberichte nicht. Im grauen Alterthum waren dieſe ungehen⸗ ern Mauern erbaut worden. Die Grundgewoͤlbe des ehemaligen Hunnenkaſtells ſtanden noch tro⸗ tzig aufrecht. Die in neuern Zeiten angebrach⸗ 6* § ten Befeſtigungen des Schloſſes machten daſſelbe zu einem bequemen Aufenthaltsorte eines tyran⸗ niſchen Dynaſten. Zu den Füßen des Felſens, der die Burg trug, zeg ſich im Halbkreiſe ein erbaͤrmliches Städtlein hin, deſſen niedrige Haͤu⸗ ſer und Huͤtten ſich wie ſcheue Thiere unter den Klauen des fuͤrchterlichen Lämmergeiers zu kau⸗ ern ſchienen. Wenig Betrieb, wenig Leben in der Stadt; finſtres Schweigen auf der Burg. Marie ſehnte ſich zuruͤck nach dem Badner Schloſſe, als ſie uͤber dieſe Bruͤcke fuhr, durch dieſe Thore einzog. Welcher Hofſtaat empfing ſie in dieſer neuen Behauſung? Einige Soldner des Pfalzgrafen von Birkenfeld, der ein Mitei⸗ genthumsrecht an Caſtellaun, ſo wie an einen Theil der Spanheimer Grafſchaft beſaß, gafften an der Pforte, und zogen das Fallgatter auf. Ein eisgrauer Caſtellan uͤberbrachte ziemlich muͤrriſch die gewaltigen Schluͤſſel des Hauſes, und bot ſeine Dienſte an. Ein Paar alter haͤß⸗ licher Schloßmaͤgde betrachteten neugierig die Herrſchaſt aus der Fenne. Aus dem engen 85 Stalle ſchauten abgemagerte Pferde, und ein zerlumpter Pferdejunge. Auf der Hoͤhe der Wendelſteige erwartete Marien jedoch der trau⸗ rigſte Anblick. Denn hier ſtand, von einem ha⸗ gern Diener gefuͤhrt, der arme Markgraf Chri⸗ ſtian Guſtav, der, von Geburt an blind und lahm, gegenwaͤrtig in dieſem Hauſe ein freu⸗ denloſes Leben fuͤhrte. Mit ſtammelnder Zunge und halb bloͤdſinniger Rede bewillkommte er die Schwaͤgerin, die, von erſchuͤtternden Ahnungen ergriffen, kaum dem uͤbel berathenen Hauswirth zu antworten vermochte, und ſchnell mit Ulri⸗ ken und den Kindern in ihre alterthuͤmlichen dunkeln Zimmer floh, um ſich dort auszuweinen. Neuklam, von dem Schmerz der geliebten Ge⸗ bieterin tief ergriffen, lehnte im Vorzimmer am Fenſter, und ſah nachdenklich hinunter in den tiefen Schloßgraben. Leiſe Schritte hinter ihm e ihn umzuſchauen. Ulrike war es, welche Narkgräfin, die nach ungeſtoͤrter Ruhe verlangte, inweggrſandt war. Sie wollte durch den Vorſaal gehen, als der Herr von Neuklam ihr lebhaft in den Weg trat, ihre Hand ehr⸗ furchtsvoll ergriff, und mit bewegter Stimme nach dem Befinden der Herrin fragte.— Ulrike, uͤber die ſchnelle Anrede etwas betroffen, berich⸗ tete jedoch in Kuͤrze, was ſie wußte. Doch zu⸗ gleich erroͤthete ſie vor dem gluͤhenden Blicke des Stallmeiſters, welchen dieſer auf ihrem Ge⸗ ſichte feſthielt, als wolle er auf demſelben leſen. So hatte ſie der Mann, zu dem ſie ſich einſt gezogen fuͤhlte, nie angeſehen, und ihr Herz ge⸗ rieth in unruhige Bewegung: die bezwungene Liebe taucht ja ſo gerne wieder aus der Ver⸗ gangenheit auf. Aber alſobald fluͤſterte ihr der argwoͤhniſche Verſtand zu, daß dieſe Bewegung des Geliebten einer Andern gelte.„Wie konn⸗ tet Ihr, die liebliche Troͤſterin, die Trauernde allein mit ihrem Kummer laſſen?“ fragte der Herr von Neuklam dringend, und ſie antwor⸗ tete ſpottiſch:„Vielleicht wäre ihr Troſt aus Euerm Munde willkommner, Herr.“— Hug verfaͤrbte ſich, biß ſich in die Lippen, und ſtam⸗ melte:„Mein Fräulein, ich weiß nicht, wie Ihr 87 b dieſe Worte meynt.“— Ulrike faßte ſich, den unedeln Unmuth zu verbergen.„Ich will nichts geſehen und gehoͤrt haben,“ ſprach ſie hierauf trocken:„erlaubt mir jedoch dagegen, eine Frage an Euch zu richten, die ich dem Lakaien des Larkgrafen nicht vorlegen durfte. Wie lebt mein Lehrer Arcangeli? Wie findet er ſich in Bruͤſſel? Ich durfte mich dann und wann eini⸗ ger Zeilen von ihm erfreuen. Seit geraumer Zeit ſchweigt er jedoch. Erklaͤrt mir das.“— „Ihr ſcheint an dem Manne mehr Antheil zu nehmen, als er wohl verdient;“ antwortete Neuklam:„moͤge er Eure Guͤte nie mißbraucht haben, wie das Vertrauen des Herrn. Der Markgraf ſah ſich ſeit langem ſchon bewogen, ihn zu Bruͤſſel unter feſtem Gewahrſam zu hal⸗ ten, um ihn zu Arbeiten zu zwingen, die er lange verkuͤndet, vorbereitet, aber nie ausge⸗ fuͤhrt hatte. Es hat uͤbrigens den Anſchein, als ob dieſe Arbeiten nicht den Erfolg gehabt hät⸗ ten, den man ſich von ihnen verſprach; denn geſtern wurde nach des Caſtellans Ausſage der 88 Italiener gut bewacht hieher gebracht, und ihm der Thurm gegen Oſten zur Haft und Werk⸗ ſtaͤtte angewieſen, bis er ſein Wort geloͤst ha⸗ ben wird.“— Ulrike erbleichte faſt.„Er iſt hier?“ fragte ſie mitleidig:„gefangen? O Herr, darf ich ihn nicht ſehen, und ein Wort des Tro⸗ ſtes ihm bringen 7 ½—„Ihr ſetzt mich in Er⸗ ſtaunen,“ ſagte Neuklam achſelzuckend:„der Caſtellan hat jedoch gemeſſene Befehle, und ohne des Markgrafen ausdruͤckliche Erlaubniß darf er Niemand zu dem Italiener laſſen.“—„O, mein Gott!“ ſeufzte Ulrike:„wie mich dieſe Nachricht ergriffen hat. Daß doch der Fuͤrſt ſchon hier wäre! daß doch meine Fuͤrſprache ſtark genug waͤre, ihn zum Mitleid zu ſtimmen. Guter Neuklam: Ihr beſitzt die Gnade des Markgrafen— Ihr wißt es nicht, wie ſehr Ihr mich verbinden wuͤrdet, wenn Ihr ein Fuͤr⸗ wort....—„Mein Fraͤulein;“ erwiederte Neuklam kalt:„Euch etwas zu Lieb zu thun, wäre mir erwuͤnſcht; aber einem Betrüger, wie Arcangeli, rede ich nie das Wort.“— Ulrike 89* ſchien verletzt von der abſchlaͤgigen Antwort, und entgegnete mit beleidigender Schaͤrfe, in⸗ dem ſie ſich ſtolz von dem Stallmeiſter wendete: „Ihr habt Recht, Herr von Neuklam, mich daran zu erinnern, daß ich eine maͤchtigere Pa⸗ tronin in der Frau Markgraͤfin ſelbſt beſitze, und daß dieſe ſich nicht wohl weigern kann, hier zur Suͤhne zu ſprechen.“— Sie ging, und Neuklam ſchuͤttelte den Kopf, indem er ihr nach⸗ ſah:„Ich habe kein Gluͤck mit den Frauen!“ ſprach er unwillig vor ſich hin.„Meine Theo⸗ doſin raubte mir der Tod, Marien, die ich un⸗ ausſprechlich liebe, darf ich nicht beſitzen, und dieſe Steinfeld grollt mich an, ohne daß ich ihr jemals etwas zu Leide that. Kaͤme doch endlich der Markgraf, mich aus dieſer Naͤhe zu erloͤſen. Jedoch, ohne ſeinen Willen mich zu entfernen, verbietet mir die Pflicht, und meine Leidenſchaft ſelbſt zwingt mich wider willen in den Zauberkreis!“— Der Markgraf kam jedoch immer nicht. In den Winterluſtbarkeiten des erzherzoglichen Hofs N 90 NN zu Bruͤſſel begraben, ſchien er Gattin, Kinder und Diener auf dem unwirthlichen Hunsruͤck vergeſſen zu haben. Auch der rothe Lakai, der ſogleich nach der Ankunft Mariens auf Bruͤſſel geritten war, kam nicht wieder zuruͤck, und der heftig eintretende Winter verlegte alle Wege und Pfade mit Schnee und Gewaͤſſern. Auf der Burg zu Caſtellaun ging es indeſſen ſehr traurig und einfoͤrmig zu. Marie pflegte ihre Kinder, plauderte bald mit der trauernden Ul⸗ rike, bald mit dem bedauernswerthen Schwa⸗ ger, und fand Troſt und Erleichterung nur im Gebete. Neuklam hielt ſich von den Frauen ſtreng entfernt, und hutete das Schloß. Ar⸗ cangeli hatte aber indeſſen eine Erleichterung ſeines Looſes errungen; die Bemuͤhungen ſeiner holden Fuͤrbitterin, verbunden mit der Erinne⸗ rung an vermeynte fruͤhere Liebesdienſte, hat⸗ ten die Markgräͤfin bewogen, zum Erſtenmal ihre Befehle denen ihres Gatten entgegen zu ſetzen. Dem Italiener wurde anfaͤnglich ver— goͤnnt, zweimal täglich auf der wohlverwahrten A 91 N Burgmauer Luft ſchoͤpfen zu duͤrfen; bald ge⸗ langte er zu der Verguͤnſtigung, zuweilen Nach⸗ mittags der Markgraͤfin Zimmer betreten, und ihr mit artigen Kunſtſtuͤcken die Zeit vertreiben zu duͤrfen. Der Schlaue pries unaufhoͤrlich Mariens Milde, Ulrikens Freundſchaft, und ſchwieg beſcheiden von der Urſache ſeiner Haft, da die Markgraͤfin ihm verboten hatte, davon zu reden, um nicht fuͤr eine Sache eingenom⸗ men zu werden, die ſie der Gerechtigkeit ihres Gemahls uͤberließ. Uebrigens arbeitete Arcan⸗ geli unermuͤdet in ſeinem Thurme. Der Blas⸗ balg ging, der Schornſtein dampfte, der Schloß⸗ knecht ſchuͤrte das Feuer Tag und Nacht, doch kein Auge ſah noch ein Ergebniß dieſes Lrei⸗ bens. Unter der rußigen Maske des Alchymi⸗ ſten barg Arcangeli den Schalk, den Verräther. Ein abſcheulicher Frevel bereitet ſich im Schloſſe vor. Der Schloßknecht und Gehuͤlfe des ſinn⸗ loſen Laborirens wird von des Italieners Wor⸗ ten und Geldern beſtochen, und läuft als Bote zwiſchen ihm und einem in die Naͤhe gekom⸗ 92 menen vornehmen Herrn, der nach der allge⸗ meinen Sage Niemand anders ſeyn ſoll, als des Markgrafen Bruder, der Maltheſer. Der, gegen ſeinen Bruder aufgebrachte junge Mann, nur ſeiner Leidenſchaftlichkeit gehorchend, will Eduards Sohn Wilhelm entfuͤhren, und in der Ferne verwahren, damit der Vater den ruͤck⸗ ſtäͤndigen Jahrgehalt von ſechs Jahren bezahle, und eine namhafte Schadloshaltung beifuͤge, widrigenfalls er gewärtig ſeyn muͤßte, daß der Knabe an den Vetter Ernſt Friedrich uͤberlie⸗ fert werden wuͤrde. Arcangeli bietet die Hand zu dem boͤſen Plane, begierig, die eigne Frei⸗ heit und reichen Lohn dafuͤr zu ernten. Tag und Stunde ſind beſtimmt. Unfern von Caſtellaun harrt der Maltheſer im Schlitten, von tuchti⸗ gen Rennern beſpannt. Arcangeli erſcheint in den Gemächern der Fuͤrſtin, zur gewöhnlichen Zeit, zum gewohnten Zwecke. Er erſieht die Gelegeuheit. Marie laͤßt ſich im Schlafgemache ankleiden; Ulrike, Lukretien an der Hand, Wil⸗ helm auf dem Arme, erſcheint, den Freund be⸗ ihm zu folgen, und ſtuͤrzt auf halsbrechend glat⸗ 93„* willkommend. Arcangeli naͤhert ſich ihr mit Schmeicheleien, lockt den Knaben auf ſeine Arme, und bemerkt Ulriken, er habe die Schelle aus der Markgraͤfin Zimmer vernommen. Die Dienſt⸗ fertige eilt mit Lukretien davou; Arcangeli mit Wilhelm, der arglos und ruhig iſt, durch's Ge— baͤude, hinab, dem Thore zu. Sein Verbuͤnde⸗ ter wirft ihm unterwegs einen blauen Livree⸗ Mantel um, druͤckt ihm einen Bedientenhut auf den Kopf, und der Waͤchter am Thore laͤßt ihn ungehindert durch.— Indeſſen erſchallt oben Gang und Gewoͤlbe von Ulrikens und der Kam⸗ merfrau aͤngſtlichen Stimmen. Die verzweifelnde Marie ruft nach ihrem Wilhelm, nach ihrem Kinde. Der Schloßknecht, erſchuͤttert von den herzzerreiſſenden Mutterklagen, ſteht verſteinert, ſtatt dem Verfuͤhrer zu folgen, und wirft ſich reuevoll und bekennend zu Neuklam's Fuͤßen, der, vom Geſchrei herbeigelockt, auf dem Platze erſcheint. Hug entbrennt in Wuth, zerrt den Knecht mit ſich fort, winkt den Thorwaͤrtern, AN 94 N tem Pfade dem Enſfuͤhrer nach. Das Gluͤck ſteht ihm zur Seite. Ein kleiner Unfall, der den Schlitten traf, läßt Neuklam Zeit, denſel⸗ ben zu erreichen. Arcangeli erblaßt, und der Stallmeiſter ſchlendert ihn den Waͤchtern zu, die ihn packen. Wuͤthend entreißt Neullam dem Maltheſer den weinenden Knaben. Eduards Bruder gibt aber die Beute nicht ſo leicht. Aus dem Schlitten ſpringt er; ſein Degen blitzt. Neuklam muß ſein Leben vertheidigen. Im wil⸗ den Fechtgetuͤmmel ſchwebt Wilhelm in Gefahr. Großmuͤthig ſchirmt ihn Neuklam mit aller Kraft, und gibt die eigne Bruſt frei, um den Knaben zu decken. Der Gegner erſieht die Bloͤße, und dicht an Neuklams Halſe ſchwirrt des Maltheſers Klinge ein. Das Blut ſtroͤmt, der Verwundete laͤßt die Waffe ſinken, aber mehrere Buͤrger von Caſtellaun ſtuͤrmen auch zu gleicher Zeit herbei: des Maltheſers Knecht reißt den Herrn mit Gewalt auf den Schlitten, und jagt mit ihm davon. Neuklam, mit Schwin⸗ del und Ohnmacht kampfend, erkennt unter den 95„ ihn Umgebenden den Schloßknecht, der heulend ſeine Hand mit Thraͤnen benetzt.„Fliehe, Un⸗ ſeliger! entweiche!“ raunt er ihm heftig zu: „Dir koſtet's ſonſt das Leben.“— Noch ſieht er, wie der Verbrecher fluͤchtig entſpringt, und ſchließt ſein Auge in der Nacht tiefer Ermat⸗ tung. Unter dem Schloßthore jedoch oͤffnet er's wieder, weil Mariens jauchzende Stimme an ſein Ohr ſchlaͤgt. Muͤhſam ſich aufrichtend in den Armen ſeiner Traͤger, zeigt er auf den blut⸗ befleckten Wilhelm, den man eben der Mutter uͤberreicht, ſtammelt muͤhſam, aber mit inniger Liebe im Ton und Blick:„Markgraͤfin! Euer Kind!'s iſt unverletzt!“ und verloͤſcht wieder im Schlummer der Ohnmacht.— Der herbeigerufene Bader des Staͤdtchens erklaͤrte die Wunde fuͤr durchaus todesgefaͤhr⸗ lich; der Pfarrer, der gekommen war, dem Ster⸗ benden beizuſtehen, in der Heilkunde erfahrner, nannte die Verletzung ſchwer, aber heilbar. Die Markgräfin empfahl ihm den Verwundeten an⸗ gelegentlichſt, befahl, den Arcangeli in ſcharfe A 96 Haft zu bringen, und ſandte einen Boten nach Bruͤſſel an den ſorgenloſen Gemahl. Die ge⸗ kraͤnkte Mutter wollte im Anbeginn auch Ul— riken nicht mehr ſehen, die durch ihre Anhaͤng⸗ lichkeit an den Italiener verdaͤchtig geworden war, ſo wie durch die Begebenheit ſelbſt. Ulrike jammerte mehrere Tage lang allein auf ihrer wohl beobachteten Kammer, und flehte verge⸗ bens um Gehoͤr. Endlich jedoch war Mariens heftiger Zorn voruͤber, und ihr Gewiſſen er⸗ mahnte ſie, auch die Vertheidigung der Bearg⸗ wohnten zu vernehmen. Ulrike gab dieſe Ver⸗ theidigung mit all der Wuͤrde und der einfachen Wahrheit, welche die Unſchuld als Gepräge mit ſich fuͤhrt, und Marie konnte nicht laͤnger unerbittlich ſeyn. Sie hob die Knieende auf, druͤckte ſie an ihr Herz, ſprach ihr Troſt zu, verſicherte ſie ihrer Vergebung, bat ihr ſogar das zugefuͤgte Unrecht ab, und ermahnte ſie nur, von dem unwürdigen Arcangeli abzulaſſen. Hier hatte ſie jedoch den empfindlichſten Fleck getroffen. Utrikens Thraͤnen floſſen auf's neue, Se 97 denn ihr aufgeregtes, fuͤr das Wunderbare em⸗ pfaͤngliche Herz konnte und wollte nicht an die Schuld des Mannes glauben, in dem es einen Weiſen, einen Gerechten verehrte. Ulrike gab dieſen Gefuͤhlen Worte, betheuerte, Arcangeli um ſeiner Lehren willen viele Dankbarkeit ſchul⸗ dig zu ſeyn, und ließ nicht undeutlich errathen, daß ſogar eine naͤhere Verbindung mit dem ge⸗ lehrten und ſonderbaren Manne ihr eben nicht widerlich geweſen ſeyn wuͤrde.— Marie ver⸗ ſuchte es, ihr dieſe Grillen voͤllig auszureden. Sie erinnerte ſie, daß Arcangeli's Verhaͤltniſſe in raͤthſelhaftem Dunkel ſchwebten, daß ſeine Kunſt, Leichtglaͤubige zu täuſchen, wohl ſeine beſte, daß er ihr nicht ebenbuͤrtig, daß er ihrer unwuͤrdig ſey. Sie verſuchte es, utrikens Ge⸗ danken auf einen andern Gegenſtand zu leiten, betheuerte dem Fraͤulein, daß es ſie freuen wuͤrde, es glucklich zu ſehen an der Seite ei⸗ nes Gatten, den es durch ſeine Veorzuge ſo ſehr verdiene. Die Markgraͤfin bemuͤhte ſich, in ihrer naͤchſten kleinen Umgebung eines Man⸗ Spindler's ſämmtl. Werke XVII. Winterſpenden 2. S N 938 nes ſich zu entſinnen, der ungefaͤhr die Eigen⸗ ſchaften vereinigte, die ſie einem Gemahl der Steinfeld wuͤnſchte; aber hier fuͤhrte ſie die Uebereilung hämiſch auf eine ſpiegelglatte Bahn. Sie nannte den Herrn von Neuklam, und rief den Purpur auf Ulrikens Antlitz; uf die eigne Wange. Denn fortgeriſſen von dieſem Zauber⸗ worte und der Macht des Augenblicks redete die Steinfeld heftig gegen dieſen Vorſchlag, ſteigerte ſich in ſprachſeligem Unmutb, und ver⸗ gaß ſich endlich ſo weit, daß Marie keine Frau, keine liebende Frau hätte ſeyn muſſen, um nicht zu erkennen, daß hier eine mißkannte Nei igung eigentlich das Wort fuͤhre. Zugleich aber fuͤhlte ſie ſelbſt einen ſchmerzhaften Widerhaken in der eignen Bruſt, als Ulrike in ihrer ruͤckſichtsloſen Lebhaftigkeit mit den Worten ſchloß:„Und von Euch, geliebte gnädigſte Frau, mußte ich horen, was mich kraͤnkt? wißt Ihr es etwa nicht, daß Neuklam an Euch und nur an Euch haͤngt mit kuͤmmerlich bezwungener Liebe? fuͤr Eure Angſt hat er geblutet; es koͤnnte unmoͤglich Euer 99 Ernũt ſeyn, an die ungeliebte Steinfeld den treue⸗ ſten Freund zu verwerfen!“— Dieſe kuͤhne unbeſonnene Rede entdeckte Marien ploͤtzlich den nicht geahnten Zuſtand ihrer Secle, aber ver— letzte auch ihre Wuͤrde und ihren Stolz in ho⸗ hem Grade.„Bedenkt, Steinfeld, wo Ihr ſeyd,“ ſprach ſie ernſt, obgleich nachſichtig: „bedenkt, vor wem Ihr ſteht. Vergeßt Eure Stellung nicht, und glaubt Euch ja nicht zu Vertraulichkeiten berechtigt, die ich gnaͤdig fuͤr diesmal uͤberſehen will, da ein empoͤrtes, Alles vergeſſendes Gefuͤyl ſie erzeugte. Die billige Strafe fuͤr Euern Uebermuth ſey Euch erlaſſen. Eüern Vorwurf habe ich nicht verſchuldet. Neu⸗ klam dient mir, wie Ihr, und Markgraf Eduard von Baden iſt mein Gemahl. Empfangt uͤbri⸗ gens mein Wort, daß ich mit Freuden in eine Ehe zwiſchen Euch und dem Herrn von Neu⸗ klam willigen werde, wenn jemals Gottes Fuͤ⸗ gung Euern Abſcheu gegen ihn, wie Eure ver⸗ werfliche Neigung zu dem elenden Arcangeli uͤberwinden ſollte. Somit geht auf Euer Ge⸗ 7 ₰ 100 v mach, und werdet ruhiger. Dann kein Wort mehr uͤber dieſe Sache!“— Ulrike entfernte ſich, beſchämt, grollend mit ſich ſelbſt und mit dem Zufall, und Marien beneidend, ſo uneigen⸗ nuͤtzig und treu geliebt zu ſeyn.— Arcangeli's Schickſal beunruhigte ſie aber von Tag zu Tag mehr, da der Elende Mittel fand, ihr die fle⸗ hentlichſten Bitten zukommen zu laſſen. Ein Schreiben des Markgrafen, das an der Statt des Furſten bald hierauf eintraf, und das Ma⸗ rie der Geſellſchafterin mittheilte, vermehrte ihre Sorge und Angſt. Eduard aͤußerte ſich heftig gegen den Italiener, ſprach von ſeiner baldigen, bis jetzt wegen Geſchäften ver⸗ ſchobenen Ankunft zu Caſtellaun, und von dem Todesurtheil, das er unfehlbar uͤber Arcangeli ſprechen werde.— Wie fuͤrchterlich war Ulri⸗ ten des Markgrafen baldige Gegenwart, die ſie vor kurzem noch gewuͤnſcht hatte! Arcangeli war verloren; ein Mann nur konnte ihm das Leben retten, wenn er die Umſtaͤnde jener Be⸗ gebenheit mildern wollte. Dieſer Mann war N 101 Neuklam, auf deſſen Bericht Alles ankam. Wie klopfte ihr Herz bei der Erinnerung an dieſen geliebten und geſchmaͤhten Mann, an die Fehl⸗ bitte, die ſie ſchon bei ihm gethan. Und den⸗ noch ließ ihr die wachſende Angſt nicht Ruhe. Noch einen Verſuch auf Neuklams Herz wollte ſie wagen. Vielleicht hatte der Wundenſchmerz ſeinen Charakter geſchmeidiger gemacht. Viel⸗ leicht... ſie wußte nicht, was ſie eigentlich hoffte; aber von dieſem Augenblick an ließ ſie ſich's nicht nehmen, einmal taͤglich ſelbſt bei dem Kranken im Namen der Markgraͤfin zu erſcheinen, nach ſeinem Befinden zu fragen, ihm Arznei und Labung zu reichen, und all die tau⸗ ſend Gefaͤlligkeiten zu erweiſen, die einem Kran⸗ ken ſein Siechthum ertraͤglich machen. Ach, ihre Hand regierte noch geheime Liebe, dieſe ſprach auch aus ihrem Munde ſo ſanft und zart mit dem Kranfen, daß er bald eine freundliche Anhaͤnglichkeit zu der guͤtigen Pflegerin zeigte. Dieſe Wahrnehmung gab ihr den Muth, end⸗ lich ihren wahren Zweck zu enthuͤllen, und Ar⸗ . 102 cangeli's Loos dringend an Reuklam's Herz zu legen.— Da ſchaute ihr aber der Kranke be⸗ truͤbt in das Angeſicht und ſprach:„O, wie bedaure ich Euch, mein Fraͤulein, daß Ihr von der Verblendung nicht ablaßt. Wie wenig ver— dient der Böſewicht die Freundſchaft eines ſo edeln Herzens. Aber ich veraͤndre um ſeinet— willen den Hergang um kein Jota. Der Ver⸗ räther hat Leib und Gut verwirkt, und die Ge— rechtigkeit habe ihren Lauf!“—„Starrſinniger Mann!“ verſetzte Ulrike hierauf beſchämt und ergluhend:„Ihr ſeyd einer Frauenbitte nicht werth, und beſitzt kein menſchlich Gefuͤhl. Euer eigner Wille macht uns zu Feinden. Seht zu, daß ich nicht rede, wo Ihr zu ſchweigen be⸗ gehrt. Lebt wohl.“— Dieſe Rede erfuͤllte mit Schauer und Schrecken des Verwundeten Ge⸗ hirn und Bruſt.— Die wiederholt Beleidigte hatte zuviel geſehen und gehoͤrt. Der Ruf der geliebten Marie ſtand auf dem Spiele. Dieſe Gedanken warfen den Herrn von Nenklam wie⸗ der auf's neue in das wuͤſte irre Fieber zu⸗ 3 AN 103 n ruͤck, dem er mit genauer Noth eben erſt ent⸗ ronnen war. Sein Zuſtand verſchlimmerte ſich zuſebends. Der heilkuͤnſtleriſche Pfarrherr be⸗ griff nicht, woher dieſe ploͤtzliche Veraͤnderung; er fuͤrchtete ſie aber im hoͤchſten Grade, und der darauffolgende Abend ſchien das Leben des Kranken ausloͤſchen zu wollen. Die Nachricht davon verbreitete ſich im Schloſſe. Der Ca⸗ ſtellan brachte ſie zur Markgraͤfin, die im In⸗ nerſten erbebte. Ohne zu wiſſen, was ſie that— die Kammerfrau war bei den Kindern, Ulrike grollend und weinend in ihre Stube verſperrt, — eilte ſie aus ihren Zimmern. Der Pfarrer begegnet ihr.„Iſt's wahr?“ rief ſie bleich wie der Tod:„er ſtirbt? der Retter meines Sohns ſtitbt?““— Der Pfartherr; ſtatt zu antworten, druͤckt die Thuͤre auf, vor welcher ſie ſtanden. Betroffen ſieht die Fuͤrſtin in das Gemach Neu⸗ klams. Auf weißen Tuͤchern ausgeſtreckt, ſelbſt weiß wie Marmor, ſchien er ſchon entſchlafen. —„Noch einmal ihn ſehen!“ fluͤſtert Marie, ſcheu wie der Wahnſinn, dem Pfarrherrn zu, — 104 und, raſch des Alten Arm erfaſſend, ſchreitet ſie in's Zimmer,— ſteht ſie, auf den Greis geſtuͤtzt, vor dem ſtillen Lager.„Neuklam!“ ſeufzt ſie, den Blick auf ihn geheftet, und ge⸗ truͤbt von bittern Thraͤnen.— Wie ein Ton, dem Erz entlockt, dringt dieſer Hauch an des Ohnmäͤchtigen Herz, und erſchließt ſeine Augen. Staunend, gluͤhend und ſelig ſtarren ſie auf die hehre Geſtalt an ſeinem Lager. Hoͤher hebt ſich die Bruſt, der Mund offnet ſich, und die Frage: „Himmliſche! Ogeliebte Erſcheinung! Du hierL“ geht uͤber Neuklams Lippen.— Marie will ent⸗ weichen, ſie iſt zu ſchwach, und ſchon hat ſich mit ernenter Staͤrke der Kranke ein wenig er⸗ hoben, ihre Hand gefaßt, dieſelbe an ſeine bren⸗ nenden Lippen gedruͤckt, und lispelt:„Mutter der Gnade! Von dieſer Hand werde mir der Heiltrank gereicht, und geneſen will ich vom Tode!“— Marie entzieht dem Fiebernden die Hand mit Schonung, blickt verwundert auf den Prieſter, und liest in deſſen Angen Hoffnung. Bittend und dringend reicht er ihr die Arznei, 105 die ſilberne Schale, und fleht mit ſtummen Ge⸗ berden, des Kranken Wunſch zu erfuͤllen. Noch immer ſtarrt Neuklam, wie in Verzuͤckung be⸗ fangen, auf die ſchamroth Zoͤgernde. Endlich ermannt ſie ſich, ihre zitternde Hand laͤßt den goldgelben Kühltrank in die Schale fließen, reicht ihn dem Kranken, der ihn gierig ſchlürft, einen Blick des waͤrmſten Dankes auf die Ge⸗ berin wirft, in die Kiſſen zuruͤckſinkt, und faſt plotzlich und ſanft entſchlummert.— Der Pfarrer fuͤhrt, guͤnſtige Vorbedeutungen preiſend, die Fuͤrſtin zur Thuͤre, und wie eine Träumerin gelangt Marie auf ihr Zimmer. Mochte in⸗ deſſen ihrer erregten Einbildungskraft Alles vor⸗ kommen, wie ein Gebild außer den Schranken der Wirklichkeit; das Gefuͤhl, das ſie tief in ihrem Innern empfand, das heilige, ſelige, be⸗ gluͤckende und ſchmerzende Gefuͤhl fuͤr Neuklam blieb wahr und unvergaͤnglich.— Neuklam genas von Stund an, wie durch eine Zauberwirkung, und die Erinnerung an Mariens beſeligende Erſcheinung,— der einzige 106 lichte Punkt, den er aus ſeinen Fieberträumen klar und deutlich aufzufaſſen vermochte, war die Pnnacee, welche ſeine Geneſung dergeſtait beguͤnſtigte, daß er das Bette ſchon verlaſſen hatte, als endlich Markgraf Eduard von Bruͤſſel eintraf. Die finſtere Miene des Herrn, ſcin rauhes abſtoßendes Benehmen erfuͤllte mit Furcht alle Herzen, die ihn zu ſcheuen hatten. Eine vollige Unzufriedenheit mit Allem, was ibn umgab, lag*n ſeinen Zuͤgen, und er ſprach dieſe auch gegen ſeine ihn bang erforſchende Gemahlin aus.—„Meine Pathin, Eliſabeth von Enßland, hat den bitterſten Spott mit mir getrieben,“— ſprach er,—„da ſie mich in der Taufe Fortunatus nannte. Infortunatus waͤre ein ſchicklicherer Name fuͤr mich geweſen; denn Alles wird unter meinen Haͤnden boͤſe und Un⸗ gluͤck. Ich mag unternehmen, was ich will, ſo ſchlägt's zum Unheil aus. Die Wurzel alles Uebels jedoch iſt meine Ehe mit Dir. Sie hat mir den Vetter abwendig gemacht, daß er mein Land ſtahl; ſie hat den Kaiſer mit mir ent⸗ 107 zweit, daß er nicht Miene macht, mir mein Erbe wieder zu verſchaffen. Wär' ich doch nie geboren! Was konnte aber aus meines Vaters Ehe Beſſeres entſpringen! Aus dem Blute eines Abenteurers und einer ſittenloſen, eiteln Prinzeſſin?“—„Denkt an das vierte Gebot, lieber Herr;“ verſetzte Marie ſanft:„ſcheltet mich, nur nicht Euern Vater im Grabe, und Eure alte Mutter.“—„Ha, dieſe Mutter iſt mein Ungluͤck!“ rief Eduard trotzig:„das weib⸗ liche Geſchlecht im Allgemeinen iſt's. Der Bund mit Dir hat mich elend gemacht. Warum hab' ich auch dem falſchen Propheten getraut, der mir Gluͤck und Heil vorausſagte? Seit unſrer Trauung zu Baden habe ich Land und Leute verloren, Undank erfahren, ſchwere Geldverluſte erlitten. Verpfändet, verſchuldet iſt Alles, was ich beſitze, und mir bleibt am Ende nichts übrig, als, wie mein Vater, an fremden Hoͤfen herum⸗ zulungern und meinen Degen an den Meiſtbie⸗ tenden zu vertroͤdeln.“—„Ich habe Euer Miß⸗ gtſchick nicht verurſacht,“ entgegnete Marie 108 ruhig:„es iſt auch keine Lage ſo boͤſe, die man nicht durch Geduld und Enthaltſamkeit ertraͤg⸗ lich machen koͤnnte.“—„Geduld?“ lachte Eduard bitter:„was nuͤtzt ſie gegen das Schick⸗ ſal, das mir feind iſt? Was ſoll mir geizige Sparſamkeit? Ich bin ein Fuͤrſt, ein alter deutſcher Fuͤrſt, und darf nicht wie ein nieder⸗ laͤndiſcher Tuchhaͤndler oder wie ein ſpaniſcher Hungerleider leben. Du biſt freilich an Kni⸗ ckerei gewoͤhnt, vom Vaterhauſe her. Aber ich.... verdammt ſey Arcangeli, der verſprochen hatte, meine Schatzkammer mit Gold zu fuͤllen, und mir hintendrein den Sohn ſtehlen wollte. Wie ging die Sache zu, Marie?“— Die Mark⸗ graͤfin erzaͤhlte, und berief ſich auf Neuklam. Der Stallmeiſter wurde berufen, berichtete der Wahrheit gemäß, wurde von Eduard kuͤhl be⸗ lobt und bedauert, und hierauf ſchnell wieder entlaſſen.„Der Mann miſcht ſich in Dinge, die ihn nicht kuͤmmern,“ begann Eduard als⸗ dann:„Wofuͤr iſt der Caſtellan da? Der Menſch ſoll haͤngen, weil er Deinen Befehlen 109 gehorchte, und den Fuchs ausließ. Fuͤr die Zu⸗ kunft werde ich Dir zuverlaͤſſigere Leute entge⸗ gen ſetzen. Daß ſich Neuklam ja nicht mehr unterſteht, ſo fluͤgge mit dem Degen zu ſeyn⸗ Wie leicht haͤtte er den Johann niederſtechen koͤnnen; ein weſtphaͤliſcher Junker einen Mark⸗ grafen von Baden!“— Marie verſuchte, Neu⸗ klams Aufopferung in's Licht zu ſtellen, und des beabſichtigten Kinderraubes Frevel grell zu ma⸗ len. Eduard mußte ihr endlich Recht geben, waͤlzte aher ſeinen ganzen Zorn auf Arcangeli. „Dem Buben koſtet es den Kopf! bei meiner Fuͤrſtenehre!“ rief er:„Der Rothe ſoll alſo⸗ bald den Scharfrichter beſtellen laſſen. Ich bin Herr zu Caſtellaun, und will ein ſtrenges Bei⸗ ſpiel geben!“—„Wollet dein Elenden minde⸗ ſtens das Leben ſchauken;“ bat Marie:„Seyd milde und gerecht, mein werther Herr. Straft ihn, wie er's verdient, aber vergießt nicht ſein Blut. Ich würde mir's zum ew'gen Vorwurf machen, und unſer Wilhelm ſoll nicht in ſeinem zarten Alter die Urſache des Todes eines Men⸗ ſchen ſeyn!“— Der Markgraf ſann eine Weile nach; dann ſprach er gemaͤßigter:„Du biſt eine glatte Katze, Marie, und verſtehſt's, mich beruͤcken. Zudem waͤre es wohl moͤglich, d hinter dem Burſchen mehr ſteckt, als man ben ſollte. Die Kunſt, Gold zu machen, beſtelt doch einmal. Vor meinen Angen hat er ſie ge⸗ uͤbt. Seither hat er zwar Tag und Nacht ge⸗ braut und geſchmolzen, ohne nur Blei zu ge⸗ winnen. Aber der Kuͤnſtler wie der Teufel ſind faule Geſellen, und es geht nicht, wenn man ihnen nicht die Sporen tuͤchtig einſetzt. Viel⸗ leicht preßt die letzte Drohung Gold und Ju⸗ welen aus Arcangeli's Hirn;— Schaͤtze, die er mir ſo oft truͤgeriſch verheißen. Er lebe denn; aber in ſtrenger ewiger Haft. Wofern er jedoch binnen einem halben Jahre, vom heu⸗ tigen Tage an gerechnet, ſeine Alchymie nicht bewahrt, und mir nicht das Geheimniß mit⸗ theilt, aus jedem beliebigen Metalle Gold zu machen, ſo ſterbe er des ſchimpflichſten Todes, als frevelhafter Vetruͤger an einem fuͤrſtlichen v 111 Haupte. Und alſo ſey's, und kein Wort an meinem Spruch geaͤndert!“— Die Glocke der Schloßkapelle laͤutete zur Veſper. Die Mark⸗ graͤfin, an taͤgliche Andachtsuͤbung gewoͤhnt, und gewiſſermaſſen froh, dem peinigenden Geſpraͤche mit ihrem Gemahl zu entrinnen, ergriff Roſen⸗ kranz und Buch, warf den Schleier uͤber, und ging, von der dienſthabenden Kammerfrau be⸗ gleitet, nach der Kirche. Eduard blieb einſam in ihrem Gemache zuruͤck, und ſchritt, verdrieß⸗ lichen Gedanken nachhaäͤngend, darin auf⸗ und nieder, als ſich mit einemmale kurz nach dem Hinweggehen der Markgraͤfin die Fluͤgelthüren oͤffneten, und Ulrike, ebenfalls zum Kirchgange bereit, hereintrat,... beim Anblick des Mark⸗ grafen jedoch, den ſie hier nicht vermuthen konnte, verlegen daſtand. Der Fuͤrſt, weniger uͤber⸗ raſcht als ſie, maß ſie nach leichtem Kopfnicken mit ernſtem, beinahe ſtrengem Blicke, der ſich jedoch in kurzer Zeit gar ſehr mäßigte, da er die vortheilhafte Veränderung wahrnahm, die mit Ulriken vorgegangen war. Das war nicht 112 2 mehr das bloͤde Landfraͤnlein, noch die leut⸗ ſcheue Kloſternovize. Ulrike hatte durch das bequeme ruhige Leben, und den Umgang mit Marien viel gewonnen. Ihr Koͤrper hatte ſich vortheilhaft ausgebildet; ihre Geſtalt war ſtatt⸗ lich geworden, ihre Formen fuͤllreich. Ein ge⸗ wiſſer beſcheidener Stolz hob ihren Kopf, die ſchoͤnen melancholiſchen Augen ſuchten nicht mit Ziererei den Boden, ſondern ſahen offen und gerade vor ſich hin. Der anmuthig gebildete Mund war nicht von bloͤder Furcht verriegelt, ſondern zur Antwort bereit. Ulrikens leichte Haltung war anſprechend, und der Markgraf fühlte ſich von dem Aeußern des Fraͤuleins an⸗ genehm befriedigt. Mit einem weit ſanftern Tone, als ſein erſter Blick vermuthen ließ, fragte er die in ſtummer Verueigeng Verhar⸗ rende:„Bin ich Euch ſo furchtbar, gute Stein⸗ feld, daß Ihr kein Wort zu meinem Willkom⸗ men ſindet? Bieſes verlegene Schweigen koͤnnte mich beinahe auf den Verdacht bringen, daß Ihr nicht ſo ganz unſchuldig an Arcangeli's 1 113 Verrath ſeyet, als die Markgräfin mir es be⸗ theuert hat. Seyd indeſſen ruhig. Euer ſchuld⸗ loſes Auge iſt der beſte Fuͤrſprecher, den Ihr haben moͤgt.“—„Ich bitte Ew. Durchlaucht, an meine Treue zu glauben,“ verſetzte Ulrike erroͤthend,—„und den verblendeten Doktor nicht allzuſtrenge zu beſtrafen.“—„Das Schick⸗ ſal des Doktors von Bologna iſt bereits ent⸗ ſchieden;“ antwortete Eduard laͤchelnd:„das Wohlbefinden Sr. Excellenz wird nur von ihr ſelbſt abhaͤngen.“—„Eure Weisheit, durch⸗ lauchtiger Herr, wird Alles wohl machen;“ meynte Ulrike, durch Eduards Laͤcheln beruhigt, und wollte ſich entfernen; der Markgraf hielt ſie jedoch zuruͤck.„Bleibt, meine nitleidige Steinfeld;“ ſprach er zu ihr:„der Pfaffe kann Euch im Vesperdienſt nicht beſſere Tugenden lehren, als Ihr ſchon beſitzt. Bleibt noch...“ — Urrike neigte ſich etwas aͤngſtlich, und ſtam⸗ melte:„Meine Pflicht, gnädigſter Herr; ich habe ohnehin die Stunde verſaͤumt, die Frau Markgräſin wird mich vermiſſen.— Spindler's ſämmtl. Werke KVII. Winterſpenden2. 8 114 n „Nicht ſchmerzlicher als ich;“ fiel Eduard ihr in's Wort:„die Markgraͤfin wird nicht ungu⸗ tig nehmen, wenn ich Euch befehle, zu bleiben. Ich wuͤnſche mit Euch zu reden.“— Das be⸗ ſtuͤrzte Fraͤulein antwortete mit einer demuͤthi⸗ gen Verbeugung.—„Lehrt mir die Tugenden, die Euch zieren;“ fuhr Eduard ſcherzhaft fort, ihre Hand ergreifend:„dieſe Milde, dieſe Liebe des Nächſten. Der ſpitzbuͤbiſche Arcangeli, der trockne hoͤlzerne Menſch, aus Eigenliebe und Betrug zuſammengeſetzt, iſt keines Worts aus Euerm Munde wuͤrdig, viel weniger einer zar⸗ ten Fuͤrbitte. Und dennoch... wahrlich, ſchoͤne Steinfeld! von Euch bemitleidet, von Euch beweint, ließe ich mich mit Freuden von den belgiſchen Rebellen arkebuſiren!“— „Ihr ſcherzt, Herr Markgraf, mit Eurer unterthaͤnigen Magd;“ erwiederte Ulrike in ſchwerer Verlegenheit. Doch Eduard lachte, und„Jungferngeplauder. Man kennt das. Ihr Weiber nennt unſre offne Liebe Scherz Ihr gleich den Ernſt aus unſern Augen N 115 leuchten. Was ſoll ich thun, Unglaͤubige, Dich von dem zu uͤberzeugen, was in meiner Bruſt vorgeht?— Ohne Unſchweife...,“ fuhr er fort, Ulrikens bebende Hand druͤckend:„der Au⸗ genblick iſt ſchnell herbeigekommen, und muß ſchnell erfaßt werden. Die ploͤtzlichſten Ein⸗ druͤcke ſind die allmaͤchtigſten. Seit einigen Minuten kenne ich auf Erden nur eine Schoͤn⸗ heit, einen Zauber: Euch mein Fraͤulein.“— „Allmaͤchtiger Gott!“ ſeufzte Ulrike erſchrocken: „gnaͤdigſter Herr... wodurch hab' ich ſolchen Spott verſchuldet?“—„Ernſt, meine Taube;“ fluͤſterte Eduard ihr in's Ohr, den Arm um ſie ſchlingend. Ulrike entzog ſich ihm jedoch mit Flammenblicken, und fragte heftig athmend: „Womit alſo, Ew. Durchlaucht, hab' ich die Herabwuͤrdigung verſchuldet, die Ihr mir an⸗ thut?“—„Herabwuͤrdigung?“ fragte der Markgraf, der es nicht gewohnt war, in ſeinen Liebeshaͤndeln mehr als eine fluͤchtige Ziererei zu bekaͤmpfen:„könnt Ihr das härte Wort ver⸗ pi B8* theidigen? Ihr ſeyd mein Werk, Fraͤulein, die Bime, die ich zog und pflegte. Ich hinderte es, daß Ihr in Duͤrftigkeit verwelktet, unter dem Schleier verkuͤmmertet, und duͤrfte wohl Anerkennung meiner Wohlthaten von Euch be⸗ gehren. Ich bin nicht zum Gluͤck geboren,— meine Verhaͤltniſſe feinden mich an; eine vor⸗ ſchnell geſchloſſene Ehe macht mir Reue; ich ſehne mich nach einem Weſen, daß mit mir Lieke gegen Liebe tauſche, dem ich ein freundlich Loos bereiten, das mir den Lebensweg erheitern moge. Ich ſinde dieſes Weſen ganz und vollkommen, in Euch; ich bettle um Eure Gunſt; und die Dienexin ſtoͤßt den Fuͤrſten, die dankſchuldige Waiſe den Wohlthaͤter zuruͤck? Was koſtet Wei⸗ bern die Liebe? Sie iſt eure Beſtimmung, und dem, der ſich um euch verdient gemacht, ein ſchuldiger Zins.“—„Ich hielt Euch fuͤr mei⸗ nen zweiten Vater, gnädiger Herr;“ ſtotterte Ulrike, die vor Unmuth blaß geworden war: „denkt doch, ich ſey Eure Tochter.“—„Denk an das Kloſter, Naͤrrchen;“ ſcherzte der Mark⸗ 117 n graf:„der Heiland iſt der Nonnen Vater und Bräutigam zugleich. Laß die Spitzfindigkeiten. Genieße und begluͤcke, ſo lange Kraft und Ju⸗ gend bluͤhen.“— Er wollte ſie neben ſich auf das Ruhebett ziehen, auf welchem er ſaß. Mit kuͤhner Stärke machte ſich jedoch das Fräulein frei, und flog gegen die Thuͤre.„Ich rufe nach Hüͤlfe,“ drohte ſie,„wenn Ihr nicht von Eu⸗ erm ſuͤndlichen Verlangen ablaßt, Herr Mark⸗ graf. Meine Ehre iſt mir heiliger, als die Ehr⸗ furcht vor einem Herrn, der ſeine Gewalt miß— braucht.“—„Steinernes Fraͤulein! ohne Ge⸗ fühl, ohne Empfindung!“ ſpottete Eduard, un⸗ muthig aufſpringend, und hin⸗ und her gehend: „die Sittenlehre aus Deinem Munde iſt mir unerträglich, wie der Markgräfin Schule, aus der ſie abſtammt.“—„Eure Gattin iſt ein fle⸗ ckenloſer Stern, Durchlauchtiger Herr;“ ver⸗ ſetzte Ulrike, deren Worte der Zorn wieder be⸗ flügelte:„ſie verdient wahrlich Eure Verunglim⸗ pfung nicht. Dafuͤr wiſſen Fremde ſie deſto in⸗ niger zu verehren, ihr Blut ſogar nicht zu ſpa⸗ ein truͤbſinniger Geſell, der wohl dergleichen 118 ren, wenn es ein Lächeln von ihrem Munde gilt. Nur wer ſeine eignen Schaͤtze nicht kennt, greift nach verbotnen.“—„Schweigt!“ befahl Eduard heftig und mit ſo gerunzelter Stirn, daß Ulrike ſchnell aus ihrer Begeiſterung fiel, und verſtummte:„Huͤtet Euch, nur mit einer Sylbe mehr das zu beruͤhren, wovon Ihr ſo eben ſpracht. Begebt Euch hinweg. Von die⸗ ſem ſeltſamen Auftritt bleibt mir nur die Schan⸗ de, mein fuͤrſtlich Werben an ein eitles, uͤber⸗ ſpanntes und unbeſonnenes Weib verſchleutert zu haben.“— Er winkte ihr ſtolz, zu gehen, und Ulrike gehorchte ſchnell. Der Markgraf blieb mit ſonderbaren Empfindungen allein zu⸗ ruͤck. Sein Scharfſinn hatte wohl errathen, was und wen Ulrike mit ihren letzten Worten meynte. Er dachte uͤber Mariens Betragen nach, und fand darinnen nichts Ungleiches. Ul⸗ rike ſelbſt hatte ſie ja heilig geſprochen.—„Und Neuklam?“ ſprach er vor ſich hin:„Neuklam ſollte?— Pah, er iſt ein toller Schwaͤrmer, 119 Albernheiten in ſeinem Buſen naͤhren koͤnnte. Ich koͤnnte forſchen, horchen, ſchleichen,„ aber eines Fuͤrſten iſt ſolch Betragen unwuͤrdig. Kann ich uͤbrigens dem Manne verbieten, Marien im Stillen zu lieben, ſich fuͤr ihr Kind, oder eine kleine Laune von ihr, den Tod zu holen? Nein fuͤrwahr, das kann ich nicht. Aber ihn mittelbar dafuͤr ſtrafen, ihm die gefaͤhrliche Luſt vertreiben, das kann, das will ich.“ Von dieſem Augenblicke an zeigte Markgraf ſeiner Gattin, Ulriken und dem Stallmeiſter ſtets ein freundliches Antlitz, und niemand ahnte, daß er Rache und Strafe im Schilde fuͤhrte. Hier iſt nun der Ort, von dem Gefolge zu reden, das wenige Tage nach dem Markgrafen, von demſelben beſchieden, auf Caſtellaun ein⸗ traf, und das einen ſonderbaren Anblick ge⸗ währte, wie auch ſeine Bedeutung räthſelhaft war.— Sechzehn Menſchen, nicht zum Hof⸗ dienſt, wie es ſchien, geſchaffen, ſondern Soöhne des rauhen Kriegshandwerks, ruͤckten in die Burg, bewaffnet, bewehrt, in abenteuerlichem 120 Aufzuge. Die ſpaniſche, franzoͤſiſche, niederlaͤn⸗ diſche und deutſche Zunge war unter ihnen hei⸗ miſch, trotzig ihr Angeſicht; ihr Weſen und Be⸗ nehmen das der Freibeuter jener Zeit. Drei Männer, die ſich auch im Aeußern um Vieles von den Andern auszeichneten, waren die An⸗ fuͤhrer des berittnen Trupps. Der Eine, Cor⸗ nelius von der Hart, ein Edelmann vom Rheine, um ſeines ungewoͤhnlichen Haarwuchſes willen Langhaar von ſeinen Freunden und Unter⸗ gebenen genannt, hatte in Frankreich unter den Liguiſten gefochten, und ſeither das Soͤldner⸗ handwerk getrieben. Der Zweite, Reland, ein Hollaͤnder von anſehnlicher Familie, hatte ſchon fruhe das vaͤterliche Haus verlaſſen, um die Welt zu durchſtreifen, zu Lande wie zur See. Jede Parthei war ihm gleichguͤltig geweſen. Unter Requeſens hatte er gegen ſeine Lands⸗ leute gefochten, unter dem Englaͤnder Howard beigetragen, Philipps Armada zu zerſtreuen. Seine ſtark gekrausten Haare verriethen einen krauſen Sinn, und in all ſeinem Thun und 121„ Laſſen, war im Gegenſatz zu dem feurigen von der Hart, ein beſonnenes Phlegma unverkenn⸗ bar, das um ſo gewaltiger traf, wo es hin⸗ zielte, je laͤnger es zu zaudern ſchien.“ Der Dritte endlich war ein Däne, Hans von Putt⸗ kammer, der gegen die Schweden vor dem Stet⸗ tiner Frieden die erſten Waffen getragen hatte, und eine ziemlich vortheilhafte Geſtalt beſaß. Seine blauen Angen, das blonde Haar und der Knebelbart von gleicher Farbe verliehen ſeinem Geſicht etwas Saufteres, als ſeine Gefaͤhrten aufzuweiſen hatten, und nicht minder unterſchied er ſich von ihnen durch ein geſchliffneres Be⸗ tragen, und eine weiche, gern zu vernehmende Sprache.— Alle uͤbrigen Begleiter der genann⸗ ten drei Edelleute waren aus der niedern Klaſſe entſprungen, Reiter, die ſchon zum Theil in ſieben Herrenfarben gekleidet geweſen, und ſich beſtändig dem Freigebigſten leibeigen machten; Geſindel, furchtbar im Kriege, und verdächtig im Frieden, getrennt durch Heimath, Rede und Vorurtheil, vereint jedoch durch Habſucht und Bruteluſt.— Mariens Bruſt wurde enge zu⸗ ſammengepreßt, da ſie dieſe unheilvollen Ge⸗ ſichter ankommen ſah; die übrigen Hofleute ſtaunten, aber Eduard beeilte ſich, die Anfuͤhrer ſeiner Gemahlin vorzuſtellen.—„Dieſe Herren,“ ſprach er nicht ohne Verlegenheit,„ſind eher meine Freunde zu nennen, als meine Dienſt⸗ mannen. Ich will daher, daß man ſie auch als meine Freunde behandle. Ich erhebe den Herrn von der Hart zum Marſchall meines Hauſes, den edeln Hans von Puttkammer zum Hofmei⸗ ſter dieſes Schloſſes, und den wackern Reland zu meinem Waffenhauptmann auf Caſtellaun. Die Zeiten ſind ſchwer, meine liebe Ehewir⸗ thin. Die kaum verſchollne Begebenheit mit dem Maltheſer gebietet Vorſicht. Mein Vetter zu Baden⸗Durlach bietet der Feindſeligkeiten im⸗ mer mehr gegen mich auf; ich muß mich alſo zur Wehre ſtellen, wenn es vonnoͤthen. Dieſen biedern Edelleuten, die den Degen zu fuͤhren verſtehen, vertraue ich die Obhut meiner Fa⸗ milie, weil meine Verhältniſſe mich nach Polen 123 rufen;— in einigen Tagen ſchon. Ich hege die gute Zuverſicht, daß Ihr, Frau Markgrä⸗ fin, in den beſten Haͤnden ſeyn werdet.“— Marie verbengte ſich ſtumm, und reichte den ſogenannten Freunden ihres Gemahls die Hand zum Kuß. Puttkammer verſprach darauf in ei⸗ ner wohlgeſetzten Rede, und im Namen ſeiner Gefährten, die treuſte Dienſtpflicht, und eher zu ſterben, als zu dulden, daß der Markgraͤfin, ihren Kindern, und irgend einem aus dem Hof⸗ geſinde, von des Markgrafen Feinden etwas Leides widerfahre.— Mit der freundlichſten Herablaſſung entließ ſie Eduard alsdann, und befahl, den Stallmeiſter Neuklam her zu be⸗ ſcheiden. Marie ergluͤhte bei dieſem Namen, und auch uͤber Ulrikens Angeſicht flog eine un⸗ freundliche Flamme. Der Markgraf taͤuſchte ſich nicht uͤber die Bewegung der beiden Frauen, und um ſo feſter ſtand ſein Plan, unter der Huͤlle des unbefangenſten Wohlwollens.— Ru⸗ hig und feſt ſtellte ſich Neuklam vor den Herrn, keiner Schuld bewußt,— bereit, deſſen Befehl — 124 1 zu vernehmen. Marie wollte mit ihrer Dame 1 ſich entfernen. Der Markgraf hielt ſie zuruͤck. „Bleibt, Frau Markgraäfin,“ ſprach er heiter: „bei dem Geſchäft, was ich mit Neuklam jetzt abzumachen habe, iſt Eure Gegenwart ſchicklich, nothwendig ſogar. Denn ich bedarf der Zeu⸗ gen, daß ich der Dankbarkeit ſelbſt in ungün⸗ ſtigen Conjunkturen meinen Zoll nicht verſage. — Herr von Neuklam;“ fuhr er fort, und er⸗ wartungsvoll horchten Marie und Ulrike:„Ihr habt mein Leben gerettet, die Freiheit meines Sohns erhalten, und meinem Hauſe eine Schmach erſpart. Ich wuͤnſchte, Euch vergelten zu koͤn⸗ nen. Meine Lage verbietet mir, Euch zu be⸗ lohnen, nach der Fuͤrſten gewoͤhnlicher Weiſe. Der Zufall jedoch erlaubt mir gerade, ſelbſt in meiner jetzigen Beſchränkung, Euch einen Preis⸗ anzubieten, der in ſeiner Wuͤrdigkeit ſelten iſt, und von einem fuͤhlenden edeln Manne hoͤher geſchaͤtzt wird, als Gold und Juwel.— Ihr babt eine theure Gattin verloren. Die Friſt der Trauer iſt indeſſen vorüber, und es wäre 125 4 Schade, wenn Euer Name mit Euch zur Grube ginge, ohne von Erben Eurer Tugenden fortge⸗ pflanzt zu werden. Ich habe Euch einen Erſatz fuͤr Eure geſchiedne Candiotin ausgeſucht, ein Muſterbild weiblicher Schoͤnheit und Guͤte,— Fraͤulein Ulrike von Steinfeld. Nehmt ſie als Gattin von meiner Hand, und bleibt ferner meinem Hauſe ſo ergeben, wie bisher.“— Neuklam, Ulrike, die ungluͤckliche Marie ſtanden um Eduard her, gleich Bildſaͤulen. Der Fuͤrſt ſchien ihre Beſtuͤrzung nicht zu bemerken, ſondern faßte gleichguͤltig Ulrikens Hand, um ſie dem vernichteten Neuklam zuzufuͤhren.— Dieſe Beruͤhrung erregte wieder Leben und Athem in der Steinfeld Bruſt.—„Nimmer⸗ mehr!“ rief ſie heftig:„Nimmermehr, Ew. Durchlaucht. Dieſem grauſamen Spiel wider⸗ ſtrebe ich. Ich kann nicht thun, was Ihr ver⸗ langt.“—„Nicht?“ fragte Eduard kalt da⸗ gegen:„Ihr werdet dennoch, wenn's beliebt. Durch mich wurdet Ihr, was Ihr ſepd. Von Eurer Dankbarkeit verlange ich dies Opfer, 126 wenn es anders eines zu nennen iſt, einem jun⸗ gen huͤbſchen Manne die Hand zu geben, welche ſonſt Niemand begehrt.“—„O, mein Gott!“ rief Mrike laut weinend:„dieſe Haͤrte ertrag' ich nicht!“—„So geht, und lernt in der Ein⸗ ſamkeit gehorchen;“ zuͤrnte Eduard:„heute Abend verkuͤndige ich die Verlobung. Morgen ſey die Trauung. Unerlaͤßlich, unwiderruflich iſt mein Befehl. Alberne Zierhaftigkeit haſſe ich, und erdruͤcke ſir mit Gewalt. Geht hinweg!“ — Schluchzend und wie betaͤubt verließ Ulrike das Zimmer.„Frau Markgräfin!“ fuhr Eduard ſtrenge fort:„ich verlaſſe mich darauf, daß Euer Zuſpruch die Widerſpenſtige bewege. Ich muͤßte Euch gewiſſe Abſichten zuſchreiben, wenn das nicht geſchaͤhe.“—„Die Steinfeld hat eine Abneigung gegen Herrn von Neuklam,“— erwiederte Marie zagend, ohne das Ange zu dem Gemahl zu erheben:„wollet bedenken, gna⸗ diger Herr...—„Was ich beſchloſſen, habe ich bereits bedacht;“ unterbrach ſie der Mark⸗ graf kurz:„das Straͤnben der Jungfrauen iſt 127 1 immer verdaͤchtig. Ich will dieſe Ehe. Die Liebe koͤmmt nach. Das gibt die beſten Haus⸗ haltungen. Liebe allein buͤrgt nicht fuͤr der Ehe Gluͤck. Das wißt Ihr, werthe Frau.“— Die⸗ ſer rauhe Ausfall verſchloß Marien den Mund. —„Zudem,“ ſprach Eduard,„iſt nicht von beiden Seiten Widerſtand. Bis jetzt hat Neu⸗ klam noch kein Wort geſprochen, uͤberraſcht von ſeinem Gluͤcke. Beruhigt Euch, Herr, Ulrike wird Euer, auf mein Wort!“— Die liebloſe, wie Hohn klingende Rede des Fuͤrſten ſchreckte den, in Beſtuͤrzung verſunknen Neuklam blitz⸗ ſchnell auf, und er rief leidenſchaftlich gluͤhend: „Durchlauchtigſter Herr! hoͤrt mich; erlaubt, daß ich zu Euern Fuͤßen,.— Eduard ent⸗ zog ſich, in ſeiner Verlegenheit ſchwelgend, jeder Erlaͤuterung.„Keinen, Dank!“ fiel er ein, zu⸗ ruͤcktretend:„zum mindeſten mir keinen Dank, Herr. Frau Marien moͤgt Ihr danken an mei⸗ ner Statt. Es zu thun, gönne ich Euch eine Minute. Ich bin nicht gerne Zeuge eines ruh⸗ renden Auftritts. Alsdann aber erwarte ich 128 v nur ein deutliches prunkloſes„Ja“ aus Euerm Munde.“— Eduard ging, des durchſchauten Neuklams Pein auf's hoͤchſte treihend, in ſein Kabinet, in deſſen Thuͤre Glasſcheiben befindlich waren, die eine freie Ausſicht auf den Saal offen ließen.— In der entſetzlichſten Unruhe ſtanden Marie und Neuklam einander gegenuͤber. Der beſonnenere Mann nahm indeſſen zuerſt mit halb unterdruͤckter Stimme das Wort:„Es iſt wohl unnöthig, zu betheuern,“ ſprach er, „daß nie, weder Gewalt noch Drohen, mir die Erfuͤllung eines tyranniſchen Befehls abnoͤthi⸗ gen werde. Ich weiß zu widerſtehen, und us⸗ thigenfalls zu ſterben. Euch aber, gnaͤdigſte Frau, Euch gehoͤrt mein Leben und deſſen Hand⸗ lungen. Beſtimmt Ihr, was ich thun, wohin ich gehen, was ich unternehmen ſoll.“—„Er⸗ fullt meines Gatten Wunſch;“ antwortete mit erloͤſchender Stimme die Markgräfin:„wagt Euch nicht mehr auf's ungewiſſe Mrer des Le⸗ bens, bleibt— unſer treuſter Diener und . N 129 Freund,— ehlicht Ulriken, und Ihr werdet glucklich ſeyn.“— Neuklam war weiß gewor⸗ den, wie ein Tuch, und verſetzte tief gekränkt: „O was hoͤr' ich? Ihr ſelbſt, gnaͤdige Frau.2 Ich gluͤcklich mit Ulriken, die ich nicht liebe, die mich haßt, die mir die Willkuͤhr aufdringt? — Ach, durchlauchtigſte Frau; aus Euerm Munde erwartete ich nicht dieſen harten Spruch. Die Himmelsgeſtalt, die an meinem Lager er⸗ ſchien, und mich durch ihre Beruͤhrung heilte, — ſie weiſſagte mir Anderes! Auf geheimes Mitgefuͤhl glaubte ich zaͤhlen zu tönnen,.. und jetzt,.—„Ungeſtuͤmer, ungerechter Mann!“ ſprach Marie aͤngſtlich und ſchnell: „war denn nicht jener Beſuch ein Beweis tie⸗ fern Gefuͤhls, als ich fuͤr Euch hegen ſollte? Wollt Ihr dafuͤr ſo grauſam ſeyn, durch Eure Weigerung mich noch ungluͤcklicher zu ma⸗ chen? Ulrike hat Euch durchſchaut; ich fuͤrchte, Eure Leidenſchaft hat ſich meinem Gemahl ver⸗ rathen; was ſteht mir noch bevor, wenn Ihr nicht Muth und Mitleid genug habt, dem Wil⸗ Spindler's ſämmtl. Werke XVII. Winterſpenden 2. 9 130 len Eures Fuͤrſten, meinem Wohl ein Opfer zu bringen!“— Das nur leicht verſchleierte Ge⸗ ſtändniß Mariens hatte dem Herrn von Neu⸗ klam eine freudige Heiterkeit verliehen. Die Aufforderung zu einem Opfer fuͤr ihr Wohl begeiſterte ihn mit edler Ritterlichkeit.„Ge⸗ nug; gnaͤdige Frau,“ ſprach er gefaßt:„Ihr ſeyd die Herrin, ich der Knecht. Was es auch ſey; Alles fuͤr Euch!“ Voll freudiger Ueberraſchung erhoben ſich Mariens Angen gegen ihn. Von der andern Seite klirrten ſchon die Sporen des Markgra⸗ fen uͤber die Platten des Saals. Forſchend betrachtete er Beide. Die Engelsruhe auf ſei⸗ ner Gattin Stirne, die Faſſung auf Neuklams Angeſicht ſtellte ihn zufrieden. Laͤchelnd fragte er:„Nun Meiſter Hug, wie iſt's?““— und: „Ich bin bereit“— ſprach freudig ohne Zagen Mariens ergebner Freund. Bei Ulriken war dagegen weder des Mark⸗ grafen Befehl, noch ſeiner Gattin Ueberredung von ſo ſchneller Wirkung. Ihre beleidigte Ei⸗ 131 telkeit, der kuͤnſtliche Widerwillen gegen Neu⸗ lam, ihr Eigenſinn, an ihrer Meinung und Arcangeli feſt zu halten, alles wirkte zuſam⸗ men, um ihr das Empoͤrende der markgraͤfli⸗ chen Verfuͤgung lebhafter zu malen. Marie verſtand es jedoch, nach und nach den Sturm zu beſchwoͤren, und ihre ſchroffe Widerſetzlich⸗ keit in jene ſanfte Trauer umzuſtimmen, die endlich nur Hingebung dem fordernden Willen entgegenzuſetzen hat. Marie bot alle Beredt⸗ ſamkeit auf, nicht minder ihre ganze Standhaf⸗ tigkeit. Sie fuͤhlte, daß ſie Neuklam liebe; ſie ſchauderte vor dieſem Gefuͤhl. Schmerzlich war es ihr, den theuer gewordnen Freund in dem Beſitz einer andern zu ſehen, aber nur in dieſer ſchmerzlichen Empfindung glaubte ſie die Hei⸗ lung ihrer eignen Seele zu finden. So lange Neuklam noch fre' war, konnte ſie ihm nicht frei in's Ange ſehe„und zwiſchen ſie und ih⸗ ren Gemahl rec immer das Bild des in Stille Liebenden und Leidenden. War er hingegen das Eiguum einer andern, liebenswuͤrdigen . A 132 Frau, ſo hoffte Marie ſo viel von ihrem ſtren⸗ gen Pflichtgefuͤhl, daß ihr der verehlichte Neu⸗ klam nicht anders mehr erſcheinen wuͤrde, als wie ein nicht allzunaher Freund. Ueberzeugt ferner, daß Ulrike hinter ihrem Haß gegen den Stallmeiſter nur eine ehemalige Leidenſchaft fuͤr ihn berge,— daß ſie doch endlich, mit ihm verbunden gluͤcklich ſeyn werde, ſparte Marie kein Mittel, die troſtloſe Verzweifelnde fuͤr ſich zu gewinnen. Ulrike verlangte nach dem Klo⸗ ſter zuruͤck; Marie ſtellte ihr vor, wie ungluͤck⸗ lich ſie ſelbſt dann, der freundlichen Geſell⸗ ſchafterin beraubt,— ſeyn würde,— Urrike wuͤnſchte ſich an die Seite ihres in Frankreich begrabnen Geliebten. Die Markgraͤfin verwigs ihr das Suͤndhafte dieſes Wunſches.— uſis 5 nannte ſich das ungluͤcklichſte Weib auf der weiten Erde. Marie ſtellte ihr das eigne Beiſpiel entgegen. Ulrike redete von Arcan⸗ geli, von deſſen Freundſchaft, von den Hoffnun⸗ gen, die ſie ſelbſt wohl dann und wann im Stillen genährt.— Marie bewies ihr die Ve⸗ * 133 truͤgerei und die zweideutige Herkunft des Ita⸗ lieners, ſeine Heuchelei, ſeine, oft geaͤußerte Ab⸗ neigung vor der Ehe, und ſeine Klugheit, Ein⸗ fluß habende junge, dem Wunderbaren zuge⸗ neigte Frauen zu ſeinen Anhaͤngerinnen zu ma⸗ chen, um durch ſie zu herrſchen.— Ulrike hoͤrte aufmerkſam zu, betheuerte jedoch, ſie koͤnne den hinterliſtigen Italiener zwar nicht mehr lieben, vermoͤge ihn aber auch nicht zu haſſen, und ſprach endlich nach langem Zweifel und Schwan⸗ ken, von Mariens anhaltender Ueberredung be⸗ drängt:„Es ſey denn, Frau Markgräfin. Euch zu Liebe will ich mit offnen Augen in's Ver⸗ derben gehen, weil doch Euer Gemahl auf ſeine Wohlthaten als Krone das Unglück ſetzt, und mich auffordert, dankbar zu ſeyn. Seine Be⸗ weggruͤnde ſind mir klar, aber ich will ſchwei⸗ gen, und dem verhaßten Neuklam meine Hand reichen, unter einer Bedingung jedoch: Arcan⸗ geli, der jetzt wie unter dem Henkerſchwerte athmet, ſey frei, und kehre unangetaſtet in ſein Vaterland zuruͤck. Gewaͤhrt der Markgraf dieſe 134 Bitte nicht, ſo thue ich nimmer, was er ver⸗ langt. Ich ſchwoͤre es bei der Mutter Gottes und den heiligen drei Koͤnigen zu Colln, daß ich mir eher den Tod anthue, als jene ſchimpf⸗ liche Trauung erlebe. Ob ich mich in den Schloßgraben ſtuͤrze, oder mich mit dem Hals⸗ bande erdroſſle, gleichviel. Wehren kann man mir's nicht. Thun aber werd' ich's, ſo wahr mir bisher Gott gnaͤdig war.“— Die Markgraͤfin erſchrack uͤber die Verwuͤnſchungen und Drohun⸗ gen aus dem Munde des abenteuerlich uͤber⸗ ſpannten Mädchens. Voll Entſetzen und Be⸗ gierde, die ungluͤckliche Sache zu Ende zu brin⸗ gen, begab ſie ſich zum Markgrafen, der, ge⸗ rade bei guter Laune, ſich mußig im Seſſel wiegte, ein ſo eben an ihn gelangtes Schreiben nachlaͤſſig in der Hand haltend.— Die Markgraͤfin brachte mit vieler angſ vor einer abſchlaͤgigen Antwort, ihren Bericht bei dem Gemahle an, und wunderte ſich nicht wenig, denſelben ſo ziemlich fuͤr Urikens Be⸗ gehren geſtimmt zu finden.—„Es woͤre wohl N 135% am Ende der Steinfeld lieber, ich ließe ſie mit dem Spitzbuben von Bologneſer zuſammenge⸗ ben, und mit demſelben in's Elend laufen?“ ſprach er:„Verblendetes Weibsvolk! Es iſt kaum recht, ſolchen Zumuthungen nachzugeben, aber, im vorliegenden Falle, da mir an der ſchnellen Vollziehung der Hochzeit liegt, will ich eine Ausnahme machen. Nach der Trauung Neuklams mit Ulriken ſoll der liederliche Be⸗ truͤger frei ſeyn, obſchon er Staupbeſen und Galgen ſo gut verdient hat, wie der beſte Ar⸗ beiter ſeinen Lohn. Ich mag aber weder mein Wappen mit ſeinem Blute beſudeln, noch ſeinen Wanſt laͤnger fuͤttern. Der feige Wicht ſchrieb mir heute dieſe Zeilen, in welchen er, um das nackte Leben bettelnd,— eingeſteht, daß ſeine Goldmacherkunſt nur ein eitles Vorgeben ge⸗ weſen, und daß in einem halben Jahre eben ſo wenig als wie jetzt und in hunderten, Gold und Juwelen aus ſeinem Laboratorio zu erwar⸗ ten ſegen. Fort alſo mit dem Betruͤger. Er ſuche ſeinen Strick anderswo. Ich wollte ihm 136 zur Warnung die Ohren abſchneiden laſſen, aber auf der Steinfeld Bitte hin mag der Gankler ſie behalten, ſich jedoch nie wieder auf meinem Gebiete, in meiner Nähe betreten laſſen. Die Brautleute, wie der Pfarrer, ſollen ſich indeſſen zur Hochzeit vorbereiten. Morgen, waͤhrend des Hochamts, ſey die Copulation. Du magſt die Braut ſchmuͤcken und führen, gute Marie. Ich will Zeuge der Verhandlung ſeyn, und den Ehe⸗ vertrag mit meinem Pettſchaft unterſiegeln. Vermelde der Steinfeld meine Gewogenheit und Huld, und laſſe die Abendtafel rüſten. Es ſoll geräuſchvoll bei der Verlobung hergehen, und der Wein nicht geſpart werden. Empfehle dem Kellermeiſter Freigebigkeit, meine Liebe. Ich danke Dir fuͤr Deine Mitwirkung, Marie.“— — Mehr noch als die Markgräfin ſtaunte utrike uͤber des Fürſten Wilffäͤhrigkeit; ſie hatte nicht darauf gehofft; jetzt aber war's an ihr, Wort zu halten.— Die Rache des Markgrafen war vollkommen, da er bemerkte, wie ſehr ſeine Wahl den Neigungen Ulrikens zuwider war, 137 und er freute ſich auf die Vollendung ſeines Plans. Bei dem großen Abendſchmauſe und Zechgelage rief er Hug von Neuklam als Braͤu⸗ tigam aus, und die Gläſer der neuen aben⸗ teuerlichen Gaͤſte klirrten auf das Wohl des Bräutigams zuſammen. Ihr„Vivat“ drang in die Gemaͤcher Mariens, die vergebens den Schlummer erwartete, weil der Gedanke an die betruͤbte Hochzeit, die ſie thaͤtig mitgeſtiftet, ihr Herz in bange Zweifelsqualen verſenkte. Ihr Troſt war noch immer der Glaube an die Liebe und Zaͤrtlichkeit, die ſich dennoch bald bei dem zuſammengezwungenen Paare einfinden wuͤrde. Dieſer Troſt war jedoch ſo fern wie jeder andre von Ulriken, die gleichfalls ſchlaftos die Nacht verſeufzte, und ſich am naͤchſten Morgen ſchmuͤ⸗ cken ließ, wie ein dem Opfer geweihtes Lamm. Die Glocke der Schloßkirche ſchlug an: das Grabgelaͤnte ihres Friedens. Der Brautigam trat in ihr Gemach, ritterlichen Anſtands und im Feierkleide, um die Braut zur Kirche zu geleiten. Bei ſeinem Kommen entfernte ſich die 138 Fuͤrſtin, und die Kammerfrauen zogen ſich auf einen Augenblick zuruͤck. Ulrike, bleich wie Schnee, hatte den Herrn von Neuklam noch keines Blickes gewurdigt, ſondern ſtarr vor ſich in den Spiegel geblickt, und auf den bunten großen Blumenſtrauß, der— ein Geſchenk der Engelpforter Nonnen,— ihren Buſen zierte. Neuklam fand es gut, der peinlichen Scene ein raſches Ende zu machen.„Reicht mir immer⸗ hin Eure Hand, mein Fräulein“ ſprach er ohne Bitterkeit und gelaſſen:„Zwang, und noch mehr als dieſer, unſer Zartgefuͤhl füͤr eine von uns Beiden verehrte Frau verbindet uns heute am Altare. Es ſteht aber nur bei uns, die Trauung als eine bloße Ceremonie gelten zu laſſen, und freudig fuͤge ich mich in Euern Willen.“— Mit heitererm Geſichte, denn zu⸗ or, wandte ulrike den Kopf nach ihm, und antwortete langſam, aber freundlich:„Das iſt ehrlich, Herr, und ſo ſey's auch zwiſchen uns.“ — Nun reichte ſie ohne Widerſtreben mehr dem armen Hug die Hand; die herbeieilenden Frauen 139 oͤffneten die Tbuͤren, und unterm Geleit aller Hofleute wurde der Weg nach der Kirche zu⸗ ruͤckgelegt, wo der Markgraf und die Mark⸗ graͤfin ſchon des Brautpaars harrten. Eduard ſtaunte insgeheim uͤber die Zufriedenheit Ulri⸗ kens und die Ruhe Neuklams. Er glaubte zu errathen, daß maͤnnlicher Wankelmuth und weib⸗ liche Schwäche hier einen Bund geſchloſſen, und um ſo inniger freute er ſich des Ausgangs, den er der Hochzeit geben wollte. Marie, ob⸗ ſchon ſchmerzlich bewegt von des Prieſters Bin⸗ dungsworten, die er uͤber die Einzuſegnenden ausſprach, war gluͤcklich in dem Frieden der Vermählten, und die Vorwuͤrfe, die ſie ſich ge⸗ macht, ſchwiegen. Herzlich kußte ſie Ulriken nach vollendeter Meſſe auf die Stirn, ſteckte ihr eine blitzende Nadel in's Haar, und wuͤnſchte, pro⸗ phezeite ihr Gluͤck. Der Markgraf unterließ es auch nicht, und jagte durch ſeinen triumphi⸗ renden Blick den Flammenpurpur beleidigter Scham auf Ulrikens Stirne.„Erfuͤllt hab' ich, was Ihr, mein Wohlthäter, von der Dankbaren 3 1 begehrtet;“ ſprach ſie laut vor allen Umſtehen⸗ den zu Edugrd:„ich darf fragen, ob auch ge⸗ ſchehen ſey, was mir Euer Fürſtenwort ver⸗ hieß?“—„Der Glockenzug, der den Augen⸗ blick verkündete, in welchem der Pfaffe Eure und Neuklams Hand mit der Stola umwickelte, rief auch Arcangeli's Freiheit aus;“ entgegnete der Markgraf eben ſo laut und unbefangen: „Der Menſch wird ſich beim Nachtiſch einfin⸗ den, und Eurer Huld danken, wie ſich's ge⸗ buͤhrt.“—„Ich wuͤnſchte nicht...“ ſagte Ul⸗ rike in einer aͤngſtlichen Verlegenheit.—„Doch ich, Frau von Neuklam, ich wuͤnſche es ſehr,“ unterbrach ſie der Markgraf ſpitzig, und drehte ihr den Ruͤcken zu.—„Frau von Neuklam!“ wiederholte bitter und leiſe zwiſchen den Zaͤh⸗ nen murmelnd Ulrike, und folgte ſchier bewußi⸗ los ihrem Eheherrn. Das neuvermählte Paar ſchritt dicht hinter dem Markgraflichen, umge⸗ geben von den wenigen Edelleuten und den Be⸗ amten des Schloſſes, zu dem Tafelzimmer hinan⸗ Dieſes Gemach war zu einem Feſte eingerichtet, 11 ſo glaͤnzend es in Caſtellaun gerade ſeyn konn⸗ te; die Tafel mit Ueberfluß und Geſchmack be⸗ ſtellt; die erſten Plaͤtze, mit paſſenden Deviſen verziert, gehoͤrten dem Brautpaare. Das Fuͤr⸗ ſtenpaar begnugte ſich heute mit den zweiten. Eine rauſchende Muſik begleitete jede Tracht der Speiſen, und zahlreiche fremde Gäſte fan⸗ den ſich während des Eſſens ein; Edelleute und Amtleute aus der Gegend, geladen von dem freigebigen Markgrafen. Scherz und Zeck⸗ luſt wurden allgemein. Unter dem Gewuͤhle und Getoͤſe fragte Eduard ſeine Nachbarin Ul⸗ rike ſpoͤttiſch:„Seyd Ihr jetzt gluͤcklich, ſproͤde Frau von Neuklam?“—„Sehr gluͤcklich;“ erwiederte die Verletzte mit einer Heiterkeit, die den Markgrafen völlig taͤuſchte, und ſogar in etwas mißſtimmte. Mariens Blicke, nicht ihre Worte, dankten dem Herrn von Neuklam ſeine Standhaftigkeit und Ergebung.— Der Nach⸗ tiſch wurde endlich aufgeſetzt, und Ulrikens Auge ſuchte unruhig die Thuͤre. Sie ging auf, und Arcangeli trat wirklich herein, aber in einem 142 Zuſtande, der, vom Markgrafen alſo befohlen, Ulrikens Eigenliebe wie ihre Theilnahme ſehr demuͤthigen mußte. Duͤrftige Kleidung bedeckte den Italiener, grobe Schuhe trug er an den Füßen, verwildert hingen die Haare über ſeine Stirn, der Bart war ſeit Wochen nicht geſcho⸗ ren worden, und aus dem bleichen eingefallnen Geſichte blickte die ausgeſtandne Todesangſt und das lähmende Gefuͤhl der Schande. So war von der ganzen Geſtalt das Anſehen von Wuͤr⸗ digkeit abgeſtreift, welches vordem ſo viel Ach⸗ tung einflößte. Die Haltung vornehmer Leute, der beſondre Schimmer, den die Zuverſicht des Italieners ſtets um ihn verbreitet hatte,— alles war dahin, und der gemeine, ertappte Betruͤ⸗ ger zu Hauſe in der elenden Huͤlle, als ob Elend und Schamloſigkeit ſeine Wiege geſchaukelt hät⸗ ten. Frech blickte er uͤber die Verſammlung hin nach dem Stuhle des Markgrafen, und nach Utriken, die, mit niedergeſchlagenen Augen auf den Teller ſehend, nicht bemerkte, wie giftig er ſie anſtarrte.—„Seht hier, meine lirben Herren, 143 Nachbarn und Freunde, den Mann, der ſich ruͤhmte, Salomonis, Alberti Magni, und Para⸗ celſi Weisheit im Schnappſack zu haben, wie jener Kurfuͤrſt von Mainz die roͤmiſchen Kai⸗ ſer;“ rief der Markgraf:„da ſteht er nun, der Schmerzensmaun, und von allem Ruhm iſt ihm nur der geblieben, meine Leichtglaͤubigkeit am Gaͤngelbande gefuͤhrt zu haben. In den Ster⸗ nen gab er vor zu leſen; und muß gewaͤrtig ſeyn, ob mir's beliebt, ſelbſt ſein Schickſal zu beſtimmen, ihn aufhaͤngen, oder laufen zu laſ⸗ ſen. Gold verſprach er Zentnerweis zu ma⸗ chen, und Diamanten Scheffelweis in meine Schatzkammer zu ſchuͤtten, und hier ſteht er, der reiche Mann, kaum vermoͤgend ſeine Bloͤße zu decken. Mit feigem Bekenntniß ſeiner Schande hat er um ſein Leben gebettelt, und die Fuͤr⸗ bitte der ſchoͤnen Frau von Neuklam hat ihm's allein erhalten, ihm die Freiheit obendrein in Kauf gegeben. Darum geh' Er hin, Gaukel⸗ ſpieler, und bedanke er ſich bei der Fuͤrbitterin!“ — Arcangeli ging keck auf Ulriken los, die N 144 vergebens ihm winkte, es zu unterlaſſen, und ſich zu entfernen.—„Ich danke Euch, holde Schuͤlerin;“ ſprach er grinſend zu der Geäng⸗ ſtigten:„Eure Freundſchaft half mir vom Strick, dafuͤr hat Euch der Himmel mit dem Braut— kranz geſchmuͤckt. Ich wuͤnſche Euch Heil und Gluͤck.“—„Nur den Wunſch?“ fragte Eduard lachend:„warum nicht die ſichre Prophezeihung, die Ihm, dem Wundermann, nicht ſchwer fal— len kann. Heraus damit. Zum Schluſſe Sei⸗ nes Lebens an meinem Hofe noch eine Weiſſa⸗ gung. Die Sterne ſcheinen leider am heitern Mittagshimmel nicht, aber gewiß verſteht Er die Chiromantie aus dem Grunde. Leiht ihm fuͤr einen Augenblick Eure Rechte, ſchoͤne Frau; die Hand einer Braut kann nur Gutes berich⸗ ten.“— Arcangeli's Augen blitzten in aufwal⸗ lendem Groll, und er biß ſich wild in die Lip⸗ pen. Ulrike ſtraͤubte ſich gegen des Markgrafen Begehren, allein der Fuͤrſt, der bis zur Neige den Becher des Behagens leeren wollte, zwang ſie durch den ranhen Befehl, ſich zu fuͤgen. Mit 145 abgewandtem Geſichte reichte ſie dem Arcangeli die Hand, die er ſtier betrachtete:„Kurzer Brautſtand,“ begann er,„langes Wittwenleben iſt Euers Daſeyns Gewinn. Schmerzhafte Er⸗ innerung wird Euch qualen, und des Troſtes wenig ſeyn. Viele Kinder im Haus, wenig Geld in der Truhe!“— Unwillig zog utrike die Hand zuruͤck, und der Markgraf ſprach: „Genug, Du heulender Schuhuh! Du biſt nicht artig gegen Deine Beſchuͤtzerin. Nimm dies Geld zum Lohne, Zigeuner, und verſuche an dem Brautigam Deine Kunſt.“— Reuklam je⸗ doch, dem ſchon der an Ulriken veruͤbte Zwang beinahe unertraͤglich geworden war, ſchob den Italiener von ſich, und ſagte:„Wozu die Poſſe? weiß ich nicht bereits aus meiner Frauen Hand, daß ich fruhzeitig ſterben werde? Hin⸗ weg alſo!“—„Warum nehmt Ihr das Blend⸗ werk fur eitel Ernſt?“ ſprach die Markgraͤfin, die ſich bemuͤhte, durch eignen Frohſinn die Hei⸗ terkeit des Paars wieder herbeizufuͤhren:„es ſchien faſt, als ob Ihr Euch vor dem Manne Spindler's ſämmtl. Werke XVII. Winterſpenden. 2. 10 * 146 v ſcheutet, und ich bin doch ein ſchwaches Weib, und fuͤrchte mich nicht vor ſeinem Propheten⸗ blic.“— Sie wollte den Handſchuh von den Fingern ziehen, ein ſtrenger verſagender Blick des Gemahls jedoch wies ſie in die Schranken der Fuͤrſtlichkeit. Dafuͤr hatten ſich die Herren von der Hart, Reland und Puttkammer um den verhoͤhnten Arcangeli verſammelt, und hielten ihm die Hände hin, lachend begehrend, ihr Schick⸗ falkzu wiſſen. Der Markgraf nickte beifallig und befahl dem Italiener, ihnen zu Willen zu ſeyn.—„Ihr ſcheint Freunde zu ſeyn, ihr Her⸗ ren, und ein Geſchick ſeit Langem getheilt zu haben, wie ein Gewerbe;“ verſetzte ſchlau mit leiſem Grimme der gezwungene Chiromant: „laßt mich daher in euern Haͤnden leſen wie von den Blaͤttern eines Buchs, die man durch⸗ einander wirft, nach Belieben.“— Er betrach⸗ tete hierauf aufmerkſam nach der Reihe die dar⸗ gebotnen Haͤnde, und ſprach mit hoͤhniſchem Laͤ⸗ cheln:„Eure Lineamente ſind auffallend gleich und aͤhnlich. Nur prophezcihen ſie alleſammt 147 nichts Gutes und Wuͤnſchenswerthes.“—„Ei was?“ lachten die Edelleute:„heraus damit, Du Weisheitkrämer!“—„Ein kurzes Leben voll Freud und Herrlichkeit habt ihr zu hoffen 3 fing nun Arcangeli zu deuten an.—„Herr⸗ lich,“ riefen die Erfreuten:„die Herrlichkeit wiegt die Kürze auf. Weiter!“—„Im Hintergrund jedoch,“ fuhr der Chiromant fort:„ſteht ein gewaltſam Ende.“—„Ein ehrlicher Soldaten⸗ tod;“ erwiederten die Herren lachend:„in Got⸗ tesnamen!““—„Ehrlich?“ fragte Arcangeli ſchneidend dagegen:„glaubt das nicht, ihr Herren.“—„Wie?“ rief Langhaar aufbrau⸗ ſend, und Relands Fauſt packte den Weiſſagen⸗ den:„Was ſagſt Du, Schurke? Unehrlich ſoll⸗ ten wir, wir adeliche und rechtſchaffene Rit⸗ ter, ſterben? Was haͤlt uns ab.... 2.— Putt⸗ kammer wehrte ab, die Gefaͤhrten wollten je⸗ doch dem Italiener die Beleidigung handgreif⸗ lich entgelten laſſen. Der Markgraf gab in⸗ deſſen ſeine Zuſtimmung nicht. Kurz und ernſt befahl er den aufgebrachten Kriegsleuten, den A 1 48 Arcangeli loszulaſſen, und rief:„Wie moͤgt ihr euch uͤber dieſen kurzſichtigen Maulwurf er⸗ eifern und erzuͤrnen? hier iſt meine eigne Hand. Was gilt's, er liest mir ſicher ein ſchauerliches Requiem daraus zuſammen. Fang' an, gelehr⸗ ter Doktor!“— Arcangeli ſah in des Furſten Hand, zitternd faſt vor Wuth, blinzelte mit den Augen argwoͤhniſch zu ihm auf, und fragte: „Bleibt's bei Ewr. Durchlaucht Fuͤrſtenwort, daß ich frei und ungefaͤhrdet ziehen kann?“— „Dabei bleibt's;“ verſetzte Eduard verdrieß⸗ lich:„faſſe Dich kurz und buͤndig, Landſtrei⸗ cher.“—„Meine Kunſt und Chiromantie luͤ⸗ gen heute nicht;,“ ſprach Arcangeli mit ſieghaf⸗ tem Hohne:„Euer Gluͤcksſtern, Herr, hat aber immer gelogen, und Euers Lebens kurze Linie, der Parſe Faden, reißt bald ab. Huͤtet Ench vor der Mitternacht, und ſehet zu, ſtebt Ihr hoch, daß Ihr nicht faller. Schnell greift der Tod und holt Euch, wann Ihr's gerade am wenigſten vermuthet.“— Eduards Zuͤge wur⸗ den finſter, und er ſtieß Arcangeli von ſich: 5 „Schweig, poͤbelhafter Burſche!“ rief er:„Du haſt Dein Gift gelaſſen, und hier nichts mehr zu thun. Schon zu lange hat Deine Gegen⸗ wart meine Tafel entwuͤrdigt. Fort mit Dir, und huͤte Dich, jemals auf meinem Gebiete Dich . betreten zu laſſeni“—„Dem iſt bald ausgewi⸗ chen,“ ſpottete, die Muͤtze ſchwenkend, der Ita⸗ liener:„habt indeſſen Dank fuͤr dieſe Stunde, gnaͤdiger Herr. Die Chiromantie luͤgt nicht, glaubt mir's, und meine Seele hat durch ſie die beſte Wegzehrung erhalten. Lebt wohl, ihr geputzten Wittwen! Dem Markgrafen zuͤrne ich nicht, daß er mich haßt, doch Euern Undank mit Todesbotſchaft zu vergelten— Dir, die ich dem Schlamm der Unwiſſenheit entzog, Euch, der ich den Fuͤrſtenmantel umgeworfen,— das war mir ein Feſt. Lebt wohl!“— Der Markgraf fuhr, wie Neuklam, von Zorn entbrannt in die Höhe; der Unverſchämte draͤngte ſich aber ſchnell durch Geſinde und Tra⸗ banten, und war im Schloſſe nicht mehr zu ſinden.—„Laßt den Niedertraͤchtigen!“ befahl 150 1 Eduard endlich mit ganz unerheuchelter Ruhe: „der Elende hat noch ſein Muͤthchen an uns gekuhlt; zum Gluck jedoch war ſters von dem, was er vorausgeſagt, das Gegentheil zu hoffen, nicht minder alſo von den Prophezeihungen die⸗ ſes Tags. Muſik! ſpielt auf, ihr Fiedler! Wein herbei! Seyd froͤhlich, ihr Herren!“— Bei den Maͤnnern ſtellte ſich die Froͤhlichkeit bald wie⸗ der ein; die Damen ſaßen jedoch wie Leichen⸗ bilder an der Tafel, von Arcangeli's Worten tief erſchuͤttert. Marie ſah in Eduards Tode den Untergang ihres Weltgluͤcks, des Schim⸗ mers ihrer Wuͤrde, des Vaters ihrer Kinder. ulrike dachte nicht gleichguͤltig an die Moͤglich⸗ keit von Neuklams Ableben, und Beide unter⸗ ſuchten im Stillen, ob Arcangeli's Vorwurf, daß ſie undankbar gegen ihn geweſen, wohl ge⸗ gruͤndet ſey. Ihr Gewiſſen jedoch, wie der Lauf der Begebenheiten ſprach ſie frei. Arcan⸗ geli's Suͤndenlaſt hatte ſeine Schale ſo tief herab⸗ gezogen, und Marie wie Ulrike waren ſich be⸗ wußt, genug fuͤr ihn gethan zu haben.— Neu⸗ * klam ſtarrte indeſſen in tiefem Nachdenken vor ſich hin, und bemerkte nicht, daß ſchon der Tag vom Firmament verſchwunden war, und bereits brennende Kerzen auf der Tafel ſtanden. Aber des Markgrafen Stimme drang ploͤtzlich durch das Geſumme der Gäſte in ſein Ohr.„Herren und Freunde!“ rief der Fuͤrſt:„die Nacht en⸗ det unſern Schmaus, und dieſer Becher, den ich halte, ſey der letzte! zugleich mein Abſchieds⸗ und Valettrunk an euch, freundliche Gäſte. Ich danke euch fuͤr die Bereitwilligkeit, mit der ihr gekommen, und empfehle mich eurer fernern Liebe, wie die Meinigen euerm Schutz und Bei⸗ ſtand. In dieſer Stunde reiſe ich nach Polen ab. Herr von Nenklam, ſagt Eurer jungen Frau Lebewohl, denn Ihr muͤßt mich be⸗ gleiten.“—„Ihr reist, lieber Herr?“ fragte Marie beſtuͤrzt:„und mit Euch Neuklam?“— Alle Gaͤſte ſahen betroffen und verwundert auf das ploͤtzlich wieder getrennte junge Paar, und ihr Staunen vermehrte ſich, da Neuklam mit einem ehrerbietigen:„Sogleich bin ich bereit!“ —————— von der Tafel aufſprang und hinwegeilte, um ſich in das Reiſekleid zu werfen. Die uͤber⸗ raſchte Ulrike fuhr, die uͤberlegte Unzartheigdes Markgrafen vermuthend, einigemal mit dem Schuupftuche über das Geſicht, zeigte aber hier⸗ auf die vollkommenſte Ruhe und Gleichguͤltig⸗ keit,— allen Fremden ein Raͤthſel, ſo wie ihr Braͤutigam. Es geſtaltete ſich Alles zum voͤlli⸗ gen Aufbruch. Eduard nahm triumphirend laͤ⸗ chelnd einen kuͤhlen Abſchied von Weib und Kindern; Neuklam küßte ſeufzend der Gebie⸗ terin zum Lebewohl die Hand.„Bringt den Gemahl mir unverſehrt zuruͤck, mein armer Freund;“ fluͤſterte ihm Marie zu.—„Ihr wollt's?“ antwortete er:„fuͤr ihn mein Le⸗ ben!“ Darauf umarmte er ſeine Gemahlin feier⸗ lich. Was empfand er aber, als Ulrike, nach⸗ dem ſie fluͤchtig umgeblickt und vom Markgra⸗ fen wie von den Uebrigen ſich unbemerkt ge⸗ ſehen hatte, ſeine Umarmung nicht blos zum Scheine duldete, wie ein Marmorbild, ſondern ihm die Wange darreichte, und mit halber W 153 Stimme die Worte ſagte:„Leb' wohl, mein Gemahl. Gott erhalte Dich!“—„Du wuͤn⸗ ſcheſt es?“ fragte Neuklam ſtaunend, geruͤhrt, und wollte der Sonderbaren in das Auge ſehen. Ulrike ertrug dieſen Blick nur einen Moment; raſch drehte ſie ſich um; er ſollte die Thräne nicht ſehen, die, wie unwillkuͤhrlich, ihr Auge preßte. Er ſah ſie auch nicht; er ſah aber, wie Marie, des ploͤtzlichen Abſchiedes vom Gatten nicht gewärtig, ſchwach und erſchoͤpft in der Geſellſchafterin Arme ſank, und folgte dann ſtuͤr⸗ miſch dem forteilenden Herrn. Pferde, Wagen, Dienerſchaft und Fackeln hatte des rothen La⸗ kaien Thaͤtigkeit beſorgt und geordnet. In we⸗ niger als einer Viertelſtunde waren Martgraf, Stallmeiſter und Gefolge ſchon auf dem Wege nach dem fernen Polen.— Wie dieſer Zug eine andere Richtung, naͤm⸗ lich nach Schweden, erhielt, wo Koͤnig Sig⸗ mund, Johann's des zweiten Sohn und Eduards Geſchwiſterkind, mit ſeinem Oheim Carl von Suͤdermannland um das Koͤnigreich kämpfte,— 154 wie Eduard von Baden ſich der Parthei ſeines Vetters anſchloß, in Hoffnung auf bedeutenden zeitlichen Gewinn— wie er in der Schlacht bei Stangebroo mitfocht, die fuͤr Sigmund ver⸗ loren ging,— wie er hierauf einer der Frie⸗ densvermittler wurde, die wirklich einen Ver⸗ trag zu Stande brachten,— wie er endlich dem reichsfluͤchtigen Sigmund nach Polen folgte, und daſelbſt, von deſſen Mißtrauen und Arg⸗ wohn gequaͤlt, traurige Tage verlebte, bis ihm endlich eine geheime Sendung nach Schweden zu Theil wurde,— wie er auf dieſer Fahrt von den Dänen gefangen genommen, und einige Zeit gehalten wurde, bis ihm das Schickſal ver⸗ gönnte, zu den Seinen zuruͤckzukehren,— ge⸗ buͤhrt ſich hier blos mit wenig Worten anzu⸗ zeigen, ſo wie daß Neuklam ihn nie verließ, ihm oͤfters die erſprießlichſten Dienſte erwies, und ſeine eignen geringen Erſparniſſe mit dem durch Krieg und koͤniglichen Undank verarmten Fuͤrſten theilte. Was waͤhrend der Abweſenheit des Herrn indeſſen am Hofe zu Caſtellaun vor⸗ 155 fiel, knuͤpfen wir, wie folgt, an das Verige an. Die traurigſten, auffallendſten und widerſpre⸗ chendſten Geruchte waren nacheinander zu Ma⸗ riens Ohren gelangt, und hatten ihr Herz er⸗ ſchuͤttert. Bald ſollte Markgraf Eduard im Streite erſchlagen worden, bald lebendig in des Suͤdermannland's Haͤnde gefallen ſeyn. Gluͤck⸗ liche Nachrichten kamen nicht, und folglich hat⸗ ten die Frauen zu Caſtellaun keine gluͤckliche Zeit. Ihr Tagewerk war einfoͤrmig, ihre Ge⸗ ſellſchaft beſchränkt. Der arme Chriſtian Gu⸗ ſtav, der während Eduards Anweſenheit ſeine Zimmer nicht verlaſſen hatte, fand ſich nun öf⸗ ters bei ſeiner Schwäͤgerin ein, und verſuchte, ihr entweder mit ſeinem Lautenſpiel, oder mit Erzaͤhlungen wehmuͤthiger Kindermaͤhrchen die Zeit zu vertreiben. Aber ſeine Muſik war ſo melancholiſch als ſeine Mährchen, und die Un⸗ terhaltung eine der truͤbſten, die es geben kann. Auffallend war es, daß auch Ulrike immer ſtil⸗ ler, in ſich gekehrter wurde, und es kam Ma⸗ rien oft vor, als ob die Morgenroͤthe einer A 156 N 3 3 ſchoͤnen Sehnſucht nach dem fernen Gatten in ihrer Seele aufſteiget, ſo eifrig ſie es auch zu erbergen ſuchte. Nur dann und wann, wenn in traulichen Stunden die Markgräfin ihr Ge ſchick beklagte, das ſich gegen ſie verſchworen hatte, den Gemahl immer von ihrer Seite zu reiſſen, und ſie einer klaͤglichen liebeleeren Ein⸗ ſamkeit Preis zu geben,— erwiederte Ulrike mit bitterm Laͤcheln:„Theile ich nicht Euer Loos, gnädige Frau, und wuͤnſchtet Ihr es nicht, daß ich es theile? Der Lügner Arcangeli hat die Wahrheit geſagt: ich bin eine Wittwe geworden allzufruͤh, und Ihr nicht minder, Frau Markgraͤfin.“— Es war auch in Stadt und Schtoß zur Gewohuheit geworden, beide Frauen als Witt⸗ wen zu betrachken, gleich der Gattin des Meere⸗ durchſchiffenden Odyſſeus. Man hegte keine Hoffnung, den Markgrafen und ſeine Begleiter wiederkehren zu ſehen. Die Fama hatte ja ſo⸗ gar den König Sigmund in der Schlacht von Stangebroo ſterben laſſen, ſammt der Bluͤthe 157 6 ſeines Adels und ſeiner ausländiſchen Freunde. Es konnte nicht fehlen, daß mancher daran dachte, bei der trauernden hinterlaſſenen Gattin ſein Gluͤck zu machen. Der Miteigenthuͤmer von Caſtellaun, Carl von Birkenfeld, kam oͤfters, die ſchoͤne Markgraͤſin ſeiner Theilnahme zu verſichern, ihr ſeinen Schutz und Schirm anzu⸗ bieten. Aus den Ardennen ritt noch oͤfter ein heirathsluſtiger Graf heruͤber, ſprach als Gaſt zu Caſtellaun ein, malte Marien die Herrlich⸗ keit ſeiner Jagdſchlöſſer, ſeiner fürſtlichen Be⸗ ſitzungen in Burgund, ſeines Hotels zu Paris aus, und hielt dagegen den duͤſtern Schleier der Wittib.— Beide Gaͤſte wurden bald Ma⸗ rien laͤſtig, die hinter der zuvorkommenden Freund⸗ lichkeit Abſichten ſehen mußte, welche die Herren auch gar nicht zu verbergen Miene machten. Ihre nahe Niederkmuft gab ihr den guͤltigſten Anlaß, keinen Beſuch mehr zu empfangen, und der deutſche Liebhaber wie der franzoͤſiſche Freier blieben natürlich aus. Ulrike kam nicht ſo wohl⸗ feilen Kaufs davon. Sie, eine Frau in der — — Sommerhoͤhe des Lebens, ſchoͤn gebildet, anzie⸗ hend fuͤr den Luͤſtling wie fuͤr den ernſten Be⸗ 158 werber, war von einem Stande, der ſchon nä⸗ here Anſpruͤche erlaubte, und ihr ſeltſames Schick⸗ ſal, ihre ſonderbare Vermaͤhlung machten ſie noch intereſſanter. Hans von Puttkammer, der Schloßhofmeiſter, nachdem er ſich vergebens die Muͤhe gegeben, die Aufmerkſamkeit der Mark⸗ gräfin auf ſich zu ziehen, hatte die Augen auf Elriken gewendet, welcher ſein ſuͤßliches, Hin⸗ terliſt und Falſchheit verrathendes Benehmen entſchieden zuwider war. Eher noch duldete ſie des Hausmarſchalls von der Hart Bemuͤhungen, ſich ihr gefaͤllig zun machen. Sein heftiger Cha⸗ rakter, die Lebendigkeit in ſeiner Unterredung, ſeine vielfachen Abenteuer in den franzoͤſiſchen Religionskriegen, die er feurig und gewandt zu erzaͤhlen wußte, machten ihn zu einem unter⸗ haltenden Geſellſchafter. In die Region der Leidenſchaft durfte er ſich bei Ulriken nicht ver⸗ ſteigen. Ihre kurzen verſagenden Antworten ſchiugen immer ſeine Hoffnung dergeſtalt dar⸗ A 1359 nieder, daß er beſiegt das Feld raͤumte.— Re⸗„ land, der Gefährte der Genannten, war Ulri⸗ ken, obgleich ſeine Neigung zu ihr unverkennbar war, der Liebſte von Allen. Der Hollaͤnder liebte ſtill und ſtumm; ſeine Blicke allein ſuch⸗ ten hin und wieder zu ſprechen; aber daß ſein Mund es gewiß nicht eher wagen wuͤrde, als bis die Geliebte ihn ſelbſt ermuthigte, wußte utrike genau, und verſprach ſich's heilig, dieſen Anlaß nicht zu geben.— Was uͤbrigens die Herren abhielt, die Frau von Neuklam auf lä⸗ ſtigere Weiſe mit ihren Schmeicheleien und Zu⸗ dringlichkeiten zu beſtuͤrmen,— was nicht min⸗ der Ulrikens Gleichguͤltigkeit gegen ſie in Wi⸗ derwillen verwandelte, war das Gewerbe, dem ſich die Herren nicht gar zu lange nach des Markgrafen Abreiſe hingaben. Gedungen und bezahlt, das Haus des Markgrafen vor ſeinen Feinden, beſonders vor dem Vetter von Dur⸗ lach zu ſchuͤtzen, begannen ſie, der Nachbarſchaft grimmigſte Feinde zu werden. Das ſtille Schloß von Caſtellaun wurde ploͤtzlich ein geräuſchvol⸗ 160* „ ſer Waffenplatz, ein Aufenthalt von Wegela⸗ gerern und Stegreifreitern. Das Fauſtrecht ſchien wiedergekehrt zu ſeyn, denn bald war die Umgegend nicht mehr ſicher: Kaufleute wurden geplündert, Viehtransporte weggenommen, das Wild in fremden Waldungen gehetzt und ge⸗ puͤrſcht. Es kam der Fruͤhling, und die Wei⸗ den der Nachbarn wurden geleert; es kam der Sommer, und ihre Erndte wurde vom Felde ge⸗ ſchleppt; es kam der Herbſt, und es galt die reichen Weinberge an der Moſel; es kam der Winter, und Scheuer und Heuſchober und Kel⸗ ler und Stall mußten ihre Vorraͤthe den Herren von Caſtellaun herausgeben. Die Markgraͤfin, kaum geneſen, entſetzte ſich uͤber die Klagen, die von allen Seiten einliefen,— ſtellte die Edelleute zur Rede. Dieſe betheuerten jedoch, der Markgraf habe es ſo befohlen, und trieben ihr Weſen nach wie vor. Langhaar war der Wildeſte unter den Räubern. Wo er erſchien, mußte Bauer, Buͤrger und Kaufmann das Letzte hergeben, was er hatte, und die Zügelloſeſten und Chorherren alles vor dem Munde weg. 161 A ₰ von den Abenteurern waren unter ſeinem Be⸗„ fehl. Puttkammer zog ſelten mit, vertheilte aber klug die heimgebrachten Vorraͤthe, und hielt die Kaſſe unter ſich. Reland hatte es hauptſächlich auf das Eigenthum geiſtlicher Stifter gemünzt, und das Erzſtift Trier war der ergiebigſte Schauplatz ſeiner Thaten. Er ſchonte den Land⸗ mann, nahm aber, als Proteſtant, den Moͤnchen Ein paniſcher Schrecken hatte indeſſen ringsum alle Herrſchaften, Amtleute und Voͤgte befallen, ſo daß ſie nur drohten und drohten, und nie⸗ mals mit Waffen und Wehr Ernſt gegen die Handvoll raͤuberiſchen Geſindels machten. Dieſe Schwäche mehrte nur die Kuͤhnheit dieſes letz⸗ tern. Alles hielten die Herren für erlaubt; die Helden⸗ und Reiterſtuͤcklein aus dem niederlän⸗ diſchen, däniſchen und franzoͤſiſchen Kriege wur⸗ den wieder hervorgeſucht und praktizirt; die Ermahnungen Mariens verlachten ſie, und mach⸗ ten Churmainz, Trier und Lothringen, die Granz⸗ nachbarn, zittern. Der Pfalzgraf von Birken⸗ Spindler's ſämmtl. Werke XVII. Winterſpenden. 2. 11 „feld blieb unthätig bei der Sache, zufrieden, auf dieſe Art einige uͤbelwollende Nachbarn ge⸗ peinigt zu ſehen, und ließ ſich nur ſelten ab⸗ mahnend vernehmen, in einem Tone jedoch, der es kund gab, wie wenig ihm an dem ganzen Unfug— blieb er verſchont,— gelegen ſey. Wie der wilde Jaͤger mit ſeinem Troſſe durch⸗ ritten die Freibeuter von Caſtellaun das Land, bergauf, bergab, und holten aus fruchtbaren Gegenden den Segen des Bodens, und Geld nach dem unwirthlichen Hunsruͤck.— So ſtanden die Sachen, als mit einem⸗ male unvermuthet und unangeſagt Markgraf Eduard aus daͤniſcher Gefangenſchaft wieder zu Caſtellaun eintraf. Neuklam und der rothe La⸗ kai waren in ſeinem Gefolge. Die Ankunft des Herrn machte diesmal Frende. Marie eilte ihm jubelnd entgegen, legte ihm das juͤngſte Kind in die Arme, und der leichtſinnige gleichguͤltige Mann, von harten Schickſalen etwas muͤrbe ge⸗ macht, weinte Thränen der Frende auf ſeinen Knaben, auf den Buſen ſeiner Gemahlin. Mit 163 n heftig pochendem Herzen ſtand Ulrike hinter ihr. Ein unnennbares Gefuͤhl drohte ſie an des ein⸗ tretenden Neuklams Bruſt zu ziehen, da ge⸗ wahrte ſie, wie ſein erſter Blick auf Marien fiel, wie er erbebte bei dem Anblick der ruͤhren⸗ den Gruppe,— wie ſcharfe Roͤthe auf ſein Geſicht, eine bittre Thraͤne in ſein Auge ſtieg, — und auch um ihren Mund zuckte bittrer Un⸗ muth, und in ihr Auge ſtieg eine heiße Thräne; — kalt wurde ihr Herz, kalt und fluͤchtig reichte ſie dem Gatten die Hand, und von einander wendeten ſich Beide. Gatten hießen ſie, doch Mariens treuer, ſtiller Knecht blieb Neuklam, Ulrike ein verſchloſſenes, mit ihrem Schickſale grollendes ungluͤckliches Weib.—„So bin ich denn nun wieder daheim!“ rief Eduard ent⸗ zuͤckt,— zum erſtenmal in ſeinem Leben in hausväterlicher Stimmung;„beinahe haͤttet Ihr mich nicht wiedergeſehen. Arcangeli's Spruch drohte in Erfuͤllung zu gehen. Nun aber trennt mich nicht mehr Eitelkeit, nicht Ruhmſucht mehr von Euch. Hier zu Caſtellaun will ich leben 11* 164 und ſterben; dich lieben, meine Marie, meine Kinder erziehen, und den Freund getreulich eh⸗ ren, der in ſo viel Noth mein Gefaͤhrte, mein Retter geweſen iſt.“— Er reichte dem duͤſter ſtehenden Nenklam die Hand, und zog ihn naͤher. „Ich habe Dich kennen gelernt, treue Seele,“ — fuhr er fort:„und bereue ſchwer die Haͤrte, mit welcher ich Dich gekraͤnkt habe. Aber— ſieh,— noch iſt nichts verloren. Ulriken hat die Zeit an Schoͤnheit nichts geraubt; ſogar ihre Reize nur vermehrt. Seyd jetzt ungeſtoͤrt gluͤcklich, meine Lieben, und verzeiht, was einſt der tolle Muth an Euch gethan.“— Ulrike ent⸗ floh entruͤſtet dem Zimmer.—„Ihr ſeht, durch⸗ lauchtigſter Herr,“ ſprach Neuklam truͤbe, aber gelaſſen:„daß dieſe Ehe zwar von Euch be⸗ fohlen, aber nicht im Himmel geſchloſſen wurde. Des Prieſters Stola iſt nicht allmaͤchtig, aber bindend auf die Lebenszeit. Laßt uns daher in Gottesnamen das Kreuz bis zum Ende tragen, Herr, und fuͤrchtet keinen Vorwurf.“— Watis ſeufzte gramvoll auf, und ſah Nun 165% klam mitleidig an, und ruhig zugleich. Eduard hatte ja endlich ſeine Liebe zu ihr, die Hoffnung einer heitern Zukunft ausgeſprochen. Sie war gluͤcklich, und dieſes Gluck ſtuͤrzte jede Erinne⸗ rung an den fremden Goͤtzen in ihrer Bruſt zu Boden. Freundlich reichte ſie dem Stallmeiſter die Hand, und ſagte:„Verzweifelt nicht, Herr von Neuklam: Es kann ſich alles zum Beſten wenden. Empfangt meinen Dank, daß Ihr meinen Herrn geſund und ruͤſtig wieder zu mir geleitet, und rechnet auf mein Beſtreben, auch Euer Geſchick freundlich zu machen. Gott ge⸗ waͤhrt ja die Bitte der Frommen.“— Neuklam neigte ſich mit einem Blicke, welcher klar zu behaupten ſchien, daß Gott ihm das Beſte und Erſehnteſte nicht gewaͤhrt habe.— Marſchall, Hofmeiſter und Hauptmann traten indeſſen her⸗ ein, dem angekommenen Fuͤrſten ihre ſoldatiſche Ehrfurcht zu bezeigen. Eduards gute Laune war dahin, da er ih⸗ rer anſichtig wurde, und noch mehr reizte ihn die unwuͤrdige Vertraulichkeit, mit welcher die 165 v Herren ihn begruͤßten.—„Schoͤn willkommen, ihr Männer;“ rief er ihnen zu, und ſein Ge⸗ ſicht glich einem Gewitterhimmel:„Noch bin ich von Fleiſch und Bein, der Suͤdermannland hat mich nicht erſchlagen, der Daͤne mich nicht erſaͤuft. Ihr habt mir zu voreilig das Libera geſungen, und die Herrſchaft meiner Guͤter uͤber⸗ nommen. Was muß ich von euch hoͤren? Ihr habt dies Schloß in eine Diebshoͤhle verwan⸗ delt, meine edle Hausfrau zur Fuͤrſtin einer Raͤuberhorde geſtempelt, und meinem Namen einen unausloͤſchlichen Mackel angehaͤngt, indem ihr behauptet, all' eure Straßenraͤubereien ge⸗ ſchaͤhen auf meinen Befehl. Was ſagt Ihr da⸗ zu?“— Der geſchmeidige Puttkammer wollte von Verlaͤumdung und verdaͤchtigen Anklagen reden; der derbere Reland fiel ihm jedoch in die Rede und ſagte:„Ewr. Durchlaucht er⸗ laube: wir ſind gedungen, gegen Eure Feinde zu ſeyn, und zum Schutz der Euern. Was koͤn⸗ nen wir aber dafuͤr, daß faſt alle Staͤnde des romiſchen Reichs Euch gehaͤſſig ſind, und auf⸗ 7 ½ v 167 Nd gehetzt von den Durlachern? Die naͤchſten Nach⸗ barn mißgoͤnnen uns die Luft! darum war es Pflicht, Euer Wappen hoch zu halten, und drein zu ſchlagen, ehe wir ſelbſt geſchlagen wurben.“— „Schoͤne Philoſophie!“ zuͤrnte Eduard: „durch eure Freibenterei habt ihr mir eine Le⸗ gion von Feinden auf den Hals gehetzt. Beim Kammergericht, beim Kaiſer und beim Reichs⸗ tag haben mich die Reichsſtände, die ihr ge⸗ pluͤndert, verklagt, einen deutſchen Fuͤrſten, ei⸗ nen Markgrafen von Baden der Räuberei be⸗ ſchuldigt. Ihr, welchen vier Ahnen aufzuweiſen eine Unmoglichkeit iſt, begreift nicht die Wuͤrde eines alten Stammbaums, aber ich muß auf ſeinen Adel halten.“—„Unſern Adelsbrief ſchrieb das Schwert;“ erwiederte Langhaar gif⸗ tig und raſch:„wir ſind keine Raͤuber und Landſtreicher; wir ſind ehrliche Soldaten, treue Diener, und in der Noth weit anhaͤnglicher und treuer als die Speichellecker der Fuͤrſten. Auch hier,— ſagt ſelbſt, Gefaͤhrten— auch hier iſt nur unſre Treue unſer Verbrechen. Euer Kriegs⸗ NN 168„ zug nach Schweden, gnaͤdigſter Herr, kuͤmmerte uns nicht; wohl aber der Sold und die Ver⸗ pflegung, die Ihr uns zugeſagt, und fuͤr welche wir unſere Haut und Haare eingeſetzt. Wir mußten leben, Herr Markgraf, und Geld iſt nicht in Euerm Schatze, in Keller, Speicher und Kuͤche wenig Vorrath. Pferd und Reiter wollen leben, und wir, wie es Edelleuten ge⸗ bührt. Da mußten wir bei Fremden zugrei⸗ fen, und danken ſollt Ihr uns, daß wir ſo lange ausgehalten. Unſre Heimath iſt uͤberall, zum Abzug der Rapp geſchirrt, der Sporn geputzt, der Stiefel geſchmiert. Aber um der Frau Markgraͤfin willen, und ihrer lieben Kinderlein, die Ihr uns anvertraut, ſind wir des gegebnen Wortes eingedenk geblieben, haben uns den Le⸗ bensunterhalt erſtritten mit Lebensgefahr, das Schloß verſorgt, und wahrlich nicht erwartet, daß man uns fuͤr all dies Wagniß und dieſe Beharrlichkeit Raͤuber ſchelten wuͤrde.“ Auf die kuͤhne Rede folgte eine lange Stille. Der Markgraf ſtand am Ofen, die Häͤnde auf 169 den Ruͤcken gelegt, die Augen auf den Fußtep⸗ pich geheftet. Aber nicht Ueberzeugung oder eine Art von Beſchaͤmung war es, die ſeinen Blick zu Boden zwang. Der heftigſte Zorn kochte in ſeiner Bruſt, und bezwang ſich nur gewaltſam. Neuklam kannte ſeinen Herrn, war ſelbſt von der Frechheit des von der Hart empoͤrt, und glaubte, für den Markgrafen das Wort nehmen zu muͤſſen.„Es will ſich nicht ziemen,“ ſprach er—„ihr Herren, daß ihr euerm Dienſtherrn ſo harte Worte ſaget in ſeinem eignen Gemache, und vor ſeiner allergnaͤdigſten Gemahlin. Ver⸗ ſpart die Eroͤrterung auf gelegnere Zeit und beſſern Ort, und thut dem Herrn die Liebe, zu gehen.“— „Es will ſich nicht geziemen,“ entgegnete Langhaar hochmuͤthig,„daß der Diener ſolche Sprache gegen ſeinen Obern fuͤhre. Der Herr Markgraf rede, wenn es ihm beliebt.“— „Schweigt!“ donnerte Eduard wild auffahrend: „Ich bin euer Herr, und ihr alle ſeyd vor mei⸗ nen Augen nur die Diener. Keinen Zwiſt! 170 aber auch weiter keine Gewaltthat, keinen Ein⸗ griff in fremdes Eigenthum! das rathe ich euch. Denjenigen, von dem ich Aehnliches fortan er⸗ fahre,— Anfuͤhrer oder Knecht— mit eigner Hand ſtoße ich ihn nieder. Richtet euch dar⸗ nach, und geht.“ Betroffen— denn des Mark⸗ grafen Jahzorn war bekannt, und er fuͤhrte eine gute Klinge,— entwichen die drei Spießgeſel⸗ len aus dem Gemache. Der Martgraf ging kopfſchuͤttelnd einigemal auf und nieder, wäh⸗ rend ſeine Gattin, von dem Auftritt ergriffen, ſtille am Tiſche ſaß, und Neuklam, unfern ſte⸗ hend, ſowohl den Herrn als die Herrin mit Aufmerkſamkeit beobachtete. Der Markgraf ſchlug ihn endlich auf die Schulter, und ſagte: „Du haſt recht gehabt, Neuklam, daß Du mir das Wort von den Lippen nahmſt. Miſchteſt Du Dich nicht ein, ich haͤtte Blut vergoſſen; die Fauſt zuckte ſchon nach dem Degen, denn ſolche Schmach ward mir noch nicht geſagt. In⸗ deſſen gilt's hier behutfam ſeyn. Eine ſolche Geißel ſchuͤttelt man ſo leicht nicht ab, als man 171* ſie geknuͤpft. Fort muͤſſen aber die Burſche, das ſehe ich ein. Wie?— durch welche Ver⸗ mittlung jedoch? Ich muß ihnen die Zähne wei⸗ ſen können.— Ob ich mich an den Statthalter zu Bruͤſſel wende? Er iſt nicht mehr der Alte, wie ich hoͤre. Oder an Churpfalz?— Du ſollſt mir rathen, Neuklam, und wir werden Zeit ha⸗ ben, uns daruͤber zu beſprechen. Die Weih⸗ nachtswoche iſt vor der Thuͤre, und ich habe ein Geluͤbde gethan, da ich in däniſchen Hän⸗ den war: falls Gott mich bald frei machte, die heilige Chriſtwoche mit Frau und Kindern im Kloſter Engelspſforte zuzubringen, und mich da⸗ ſelbſt andaͤchtigen Bußuͤbungen zu uͤberlaſſen, aus Dankbarkeit, fuͤr meine Befreiung.— Ich bin nicht lan in Kirchengelöbniſſen, und will, daß alles zu dieſer Reiſe bereitet werde. Du, Neuklam, begleiteſt uns; dort, in Stunden der Muße, ſoll das ſchon Beruͤhrte in's Reine kom⸗ men, und unwiderruflich ausgefuͤhrt werden.“ Die Zeit verſtrich ſchnell, und der Tag der Abreiſe kam heran. Eduard, Marie, ihre Kin⸗ der, der blinde Markgraf Guſtav, mit dem ſich Eduard mittlerweile ausgeſoͤhnt hatte, Neuklam, der Rothe, Kammerweiber und Hofdiener, nebſt dem Hofmeiſter Puttkammer fuhren nach dem Nonnnenkloſter ab, das vier Stunden von Ca⸗ ſtellaun entfernt liegt. Von der Hart war in einem Geſchaͤfte nach Trarbach verreist, Re⸗ land hütete das Schloß, und Ulrike, welche das kleine Ungluͤck gehabt hatte, den Fuß etwas zu verrenken, blieb ebenfalls zu Caſtellaun zuruͤck. Weniger aber hatte ihre Unpäßlichkeit, als die Sehnſucht nach einer wehmuthsvollen Einſam⸗ keit die Arme daheim gehalten. Sie fand ein ſchmerzliches Behagen darin, ſich ungeſtoͤrt und unverholen ihrem Kummer uͤberlaſſen zu duͤrfen, und ſaͤttigte ſich mit Thraͤnen, zu einer Jahrs⸗ zeit, in welcher man allgemein bemuͤht iſt, durch Hausfeſtlichkeiten und froͤhliche Kirchenfeier die Unbilden des Winters zu vergeſſen. Der Vor⸗ abend des heiligen Chriſttags wurde auch zu Caſtellaun luſtig gehalten. Langhaar war ſchon von Trarbach wieder heim, Puttkammer hatte 173 1 vom Markgrafen Urlaub genommen, um dieſe Nacht weltlich und mit den Freunden zu bege⸗ hen. Die angeſehenern Leute des Städtchens waren, um die Zechgenoſſenſchaft und die Ta⸗ felrunde groͤßer zu machen, eingeladen worden, und der alte Caſtellan hatte alle Haͤnde voll zu thun, den Anforderungen der froͤhlichen und weinluſtigen Gaͤſte zu genuͤgen. Die koͤſtlichſten Faſtenſpeiſen belaſteten den Tiſch, der Wein aus den fetten Kloſterbergen an der Prſe floß un⸗ geſpart. Das Getuͤmmel und Getoſe des Schmau⸗ ſes drang durch's ganze Schloß, bis zu dem fernen und einſamen Gemach der Frau von Neuklam. Sie verwuͤnſchte das tolle Gebrauſe, und ſehnte ſich nach der Zuruͤckkunft ihrer Kammermagd, die, Noͤthiges zu beſorgen, hinweggegangen war. Die neugierige Dirne ſtand aber im untern Stocke, in den Saal ſchielend, wo es beim hel⸗ len Kerzenſchimmer bunt zuging; ſie horchte auf die froͤhlichen Weiſen des Harfenſpielers und der Pfeifer; ſie ſchäkerte mit dem wohlgefaͤllig gelittenen Kellerbuben des Schloſſes, und auf 174 dieſe Weiſe konnte es geſchehen, daß ein Moͤnch in brauner Kutte, von dem trunkenen Thor⸗ waͤchter demüthig eingelaſſen, unbemerkt die Treppe hinanſteigen konnte, wie ein wohlbekann⸗ ter Hausgenoſſe, und in Ulrikens ſchweigſames Zimmerlein, von der Nachtlampe nur erhellt, eintrat, leiſe aber zuverſichtlich, wie einer, der da hineingehoͤrt. Ulrike fuhr zuſammen bei dem uͤberraſchenden Anblick; noch mehr entſetzte ſie ſich, als der Moͤnch die Kaputze herunterſchlug, und ein:„elicissima notte!“ ſprach.„Arcan⸗ geli!“ ſchrie Ulrike auf:„Unſeliger! wie kommt Ihr hieher! was ſoll dies Gewand? was Euer Beſuch bei mir um dieſe Stunde?“—„Die Nacht iſt meine Freundin;“ erwiederte Arcan⸗ geli ſchnell und dringend:„Auf Eure Freund⸗ ſchaft mache ich nicht weniger Anſpruch,— denn ich habe vergeben und vergeſſen, was vor⸗ gefallen.“—„Ihr?“ fragte Ulrike, uͤber dieſe Frechheit erſtaunt.—„Keine Winkelzuͤge;“ fuhr Arcangeli heftig wie das boͤſe Gewiſſen fort:„keine Ziererei, kein Wortverdrehen, die 175 Zeit draͤngt, mein Schickſal auch, und das Eure. Die geiſtlichen Gerichte von Trier ſitzen mir auf den Ferſen. In dieſem Hauſe nur kann ich frei Athem ſchoͤpfen, bis mir meine Flucht nach dem Ardenner Wald gelingt.“—„Un⸗ gluͤcklicher!“ ſprach Ulrike erſchrocken:„in die⸗ ſem Hauſe? Ihr ſeyd des Todes, wenn der Markgraf Euch erblickt.“—„Ei was,“ ver⸗ ſetzte Arcangeli:„ich bin nicht von geſtern. Ich habe den Eduard mit den Seinen zu Engel⸗ pforten geſehen. Man kannte mich nicht; ich er⸗ fuhr, daß Ihr zuruͤckgeblieben. Das Saufgelage unten beguͤnſtigte meinen Verſuch, Euch zu ſe⸗ hen. Goͤnnt mir in Euern oder Mariens Ge⸗ maͤchern ein Verſteck.“—„Wie?“ fragte Ul⸗ rike:„ich, ein Weib, ſoll Euch in meinem Ge⸗ mache bergen? Euch, den Fremden, den Ver⸗ brecher?“—„Weib, bring mich nicht auf!“ zurnte Arcangeli„Haſt Du mich nicht geliebt? Ich hatte Deine Neigung errathen, aber, den Weibern nicht unterthan, wollte ich ſie nicht mißbrauchen. Ich bin kein Verbrecher. Zu Trier 176 nennen ſie mich einen Ketzer, weil... doch das gehoͤrt nicht hieher. Ich fordere von Dir einen Zufluchtsort; Du mußt dankbar ſeyn, und nur von Dir haͤngt's ab, auch noch gluͤcklich zu wer⸗ den, ehe Dein Reiz verbluͤht. Folge mir, ich gehe nach Frankreich, wo man nicht zur Meſſe gezwungen wird. Du verwahrſt den Schmuck der Markgraͤfin: ich weiß es. Nimm ihn mit Dir. Sey meine Freundin, meine Gefaͤhrtin bis an's Lebensende, gluͤcklicher als hier; von mir geliebt, einſt meine Erbin!“—„Abſcheu⸗ licher!“ rief Ulrike zuruͤckfahrend:„hinweg von mir! ich eine Diebin? ich Deine Freun din? Weißt Du nicht, daß Marie meine Wohlthaͤ⸗ terin, daß Neuklam mein Gatte, daß mein Wan⸗ del unſtraͤflich iſt?“—„Heuchlerin!“ ſchalt Arcangeli:„Neuklam?— Marie?— Gaukel⸗ ſpiel einer Phariſäerin; Gib den Schmuck heraus, oder...“— Ulrike ſtieß den wuͤthend auf ſie Zugehenden heftig zuruͤck, und ſchrie nach Huͤlfe. Die ruͤckkehrende Magd oͤffnete beſtuͤrzt die Thuͤre, und rannte huͤlfeſchreiend zuruͤck. Ulrike riß ein N 177% Fenſter auf, und rief in den Hof hinab. Ihre Stimme verhallte, denn die ſtaͤdtiſchen Gäſte, von dem uͤbermuͤthigen Langhaar beleidigt, ver⸗ ließen ſo eben ſammt und ſonders, benebelt, lärmend und fluchend, die Burg. Das ſchlechte Gewiſſen Arcangeli's bewog ihn dennoch zur Flucht. Mit der geballten Fauſt Ulriken dro⸗ hend, verließ er das Zimmer, um den Ruͤckweg zu ſuchen, fiel aber am Fuß der Treppe in Re⸗ lands Haͤnde, der das Huͤlferufen der Magd vernommen hatte, und zu Ulrikens Schutz her⸗ beieilen wollte. Indeſſen rannte, einer fluchti⸗ gen ungewiſſen Ahnung folgend, Ulrike nach dem Schlafzimmer der Markgraͤfin, riß den koſt⸗ baren Schmuck derſelben aus dem Schranke, und ſchleuderte ihn in die todte Aſche eines offenſtehenden unverdaͤchtigen Kamins. Sie ver⸗ riegelte hierauf ihre Thuͤren feſt, und begab ſich unter ſteter Angſt und boͤſen Vorgefuͤhlen zur Ruhe.— Ueber den ertappten Arcangeli wurde mitt⸗ lerweile von den drei Edellenten ein herbes Ge⸗ Spindler's ſämmtl Werke XVII. Winterſpenden. 2. 12 4 3. 178 richt gehalten. Aufgeregt von Wein und Streit⸗ hitze hatte Langhaar kaum in dem von Reland Herbeigeſchleppten den Ungluͤckspropheten er⸗ kannt, als er ſchon die Strafe des Stranges uͤber ihn ausſprach, und begehrte, er ſolle au⸗ genblicklich am Thore aufgehangen werden. Putt⸗ kammer ſchien nicht abgeneigt, beizuſtimmen; Reland behauptete jedoch, der Markgraf allein koͤnne hier den Stab brechen. Arcangeli, den Tod vor Augen ſehend, ſuchte noch einmal die Frechheit und Luge hervor, die ihn ſchon ſo oft aus Gefahren gerettet, und ſprach keck und friſch:„Meinethalben, ihr Herren; macht ein Ende mit mir. Ich bin des Lebens muͤde, und weiß doch, daß ich in hundert Jahren wieder hier auf Erden bin. Aber ich fuͤrchte, ihr ſcha⸗ det euch ſelbſt aus unuͤberlegter Rache. Was meine Chiromantie euch prophezeiht, das koͤn⸗ nen die Sterne immer noch wenden; aber bin ich einmal todt, ſo iſt ein wichtiges Geheimniß, und ein ſchoͤner Anſchlag mit mir zu Grabe ge⸗ gangen.“—„Was iſt's? hervor damit!“ riefen — 179 die Drei wie aus einer Kehle.—„Eh' ich's verrathe, muß ich des Lebens geſichert ſeyn;“ verſetzte Arcangeli:„durch Edelmannsſchwur und Handgeloͤbniß geſichert.“ „Der Schuft hat uns zum Beſten;“ eiferte Cornelis von der Hart:„hat er unſer Wort, ſo ſagt er uns ein Narrenſtuͤcklein her, und da⸗ mit gut.“—„Wenn's euch nicht dient und nicht frommt, ſoll euer Wort nichts gelten;“ erwie⸗ derte der Italiener ſchnell, um den guten Ein⸗ druck ſeiner erſten Worte nicht vernichtet zu ſehen.—„Wohlan;“ riefen alle:„Was iſt's 2“ —„So hoͤrt;“ ſprach Arcangeli:„Was ich ſage, iſt lautere Wahrheit, die ſich in Kurzem beſtaͤtigen wird. Der Markgraf iſt vom Kaiſer in die Acht erklärt worden; Bayern hat die Vollſtreckung uͤbertragen erhalten. Eduard weiß ſchon ſein Schickſal, haͤlt es aber ſtreng ver⸗ borgen, bis er noch einmal hier geweſen iſt, und einen Schatz in Sicherheit gebracht hat, der,— der Rothe vertraute es mir,— in den Gewoͤlben dieſes Schloſſes vergraben liegt, und 12* 180 den der Schlaue vor Freund und Feind, vor Schuldnern und Gläubigern bisher verheimlicht hat.“—„Einen Schatz?“ riefen die Freibeu⸗ ter, und aus ihren Augen funkelte die Begierde. —„An euch iſt's nun,“ fuhr Arcangeli fort, „zu thun, was euch gut duͤnkt. Wollt ihr ihm das Gold uͤberlaſſen, und ſeinem Weibe den Schmuck, welchen die Neuklam verwahrt, und wollt mit leeren Taſchen, um euern ruckſtaͤndi⸗ gen Sold geprellt, abzieben? wohl und gut.— Dann faͤllt freilich der Verdacht aller Raͤube⸗ reien, und ihre Schuld auf Euch. Bleibt ihr hingegen, erhaltet ihr das Schloß dem Kaiſer † und den Exekutionsvoͤlkern, die heranziehen, ſo wird Euch Lob vom Reiche und volle Rechtfer⸗ tigung. Auf Eduard faͤllt dann aller Tadel, und Schatz und Schmuck ſind euer wohlerworbenes Eigenthum, das er kaum wieder fordern wird⸗ ihr jedoch ihm getroſt abläugnen könnt.“— „Donner und Teufel!“ ſagten die Herren nach einigem Geplauder unter ſich:„Der Wicht hat Recht. Pereat der Markgraf, der uns beleidigt 181 und mißhandelt hat. Unſer ſein Schloß, unſer ſein Geld, von dem der Heuchler nie etwas verrieth, und haben wir einmal die Demanten und den Schatz, ſo ſteht's uns noch immer frei, das Rattenneſt der Sicherheit halber zu ver⸗ laſſen. Es ſey. Iſt Arcangeli's Rede wahr, ſo fällt was fuͤr ihn ab; wo nicht, ſo iſt er dann noch eben ſo alt zum Aufhängen, als heut.“—* Hierauf warfen ſie, ogleich es in des Ita⸗ lieners Plan nicht paßte, den Verraͤther vor⸗ laͤufig in den Thurm, und ſchliefen ihren Rauſch aus.— Wie erſchrack nicht Ulrike, als am fol⸗ genden Morgen Puttkammer zu ihr in's Zimmer trat, in Relands Begleitung, und kurz und dro⸗ hend nach dem Schmuck Mariens fragte. Sie laͤugnete, etwas davon zu wiſſen, weigerte ſich anfänglich, die Schluͤſſel herauszugeben, mußte aber endlich doch gehorchen. Die Raͤuber durch⸗ ſuchten alles gierig, fanden aber nichts. Putt⸗ kammers Aerger wollte ſich in Mißhandlungen der wehrloſen Frau Luft machen,— Reland N 182 hielt ihn aber derb davon zuruͤck, und Beide begaben ſich mit der unangenehmen Botſchaft nach dem Keller, wo ſchon,— trotz dem Feier⸗ tage, Langhaar und Arcangeli durch einige Soͤldner nachgraben ließen. Von der Hart ſchaͤumte bei der unwillkommenen Nachricht vor Wuth, Arcangeli hetzte ihn auf, und Reland hatte alle Muͤhe, den Zornigen abzuhalten, ſelbſt nach Ulrikens Gemach zu rennen, und ſei⸗ nen Verdruß auszutoben. Ulrike wurde aber von Reland in eine kleine Kammer mit vergit⸗ terten Fenſtern gebracht, wo ſie und ihre Magd ſo lange in der heftigen Kaͤlte verharren ſoll⸗ ten, ohne Speiſe, ohne Trank, bis ſie den Ort, wo der Schmuck verborgen ſey, verrathen ha⸗ ben wuͤrden. Die ſchreckliche Wendung der Dinge entlockte der Gepruͤften bittere Thraͤnen, aber ſchloß ihren Mund.—„Ihr dauert mich;“ ſagte Reland mitleidig, bevor er ſchied:„Ge⸗ ſteht und macht nicht, daß es noch ſchlimmer kommt. Der Markgraf iſt reichsfluͤchtig und vogelfrei; Langhaar kommandirt nun im Schloſſe* 183 ununſchrankt.“—„Entſetzlich!“ ſchrie Utrike, welcher nun beifiel, daß Langhaar einſt nach ihrer Gunſt geſtrebt, und daß nun die Gewalt des Herrn von ihr begehren koͤnnte, was der Schmeichelei des Bewerbers verſagt worden war. Reland bemerkte, was in ihrer Seele vorging. Ihm ſelbſt gefiel ja die ſchoͤne Frau, und ſeine Neigung, trotz ſeinem Schweigen, war nicht läſſiger geworden. Raſch entſchloſſen, ge⸗ gen ſeine Gewohnheit, zog er Ulriken bei Seite, und ſprach:„Ich weiß, was in ſolcher Zeit einer Dame droht; Langhaars Uebermuth iſt mir zuwider. Ihr duͤrft ſeine Beute nicht wer⸗ den. Die Burſche fuͤrchten meinen Degen; aber nur unter einer Bedingung verſpreche ich Euch meinen Schutz. Werdet die Meine.“— ul⸗ rike ſtutzte.„Ich bin eines Andern Weib!“ ſagte ſie erſchrocken.— Reland lachte.„Thut nichts;“ ſprach er:„Ich glaube nicht, daß langes Verweilen hier uns nuͤtzlich ſey. Ich helfe Euch durch, und fuͤhre Euch nach Holland. Schwoͤrt dort Eure Lehre ab, und werdet mein a 184 N Weib am Altare. Verſprecht mir das, und we⸗ der Langhaar noch Puttkammer ſollen die Spitze eines Eurer Haare beruͤhren.“— Liſt gegen ei⸗ nen grauſamen Feind iſt erlaubt. Ulrike entgeg⸗ nete raſch:„Fuͤhrt Ihr mich unbeleidigt aus dieſer Burg, Reland, ſo mag ich wohl erfuͤllen, was Ihr begehrt, nur fordert keine Liebe von mir, bevor uns nicht des Prieſters Spruch ver⸗ einigte.“— Reland verſprach, gelobte es, und bedeutete Ulriken, die Flucht muͤſſe verſchoben werden, bis ein Schatz, dem man auf der Spur, gefunden ſey, und er hoffe„ſie werde alsdann den Schmuck der Markgräfin zu ihrer eigenen Ausſteuer wieder herbeibringen.— Darauf uber⸗ ließ er ſie der Geſellſchaft ihrer heulenden Magd, und kehrte in das Gewoͤlbe zuruͤck, wo unter lautem Fluchen gegraben, geſchaufelt, aber nichts gefunden wurde. Langhaar blickte immer mißtrauiſcher auf Arcangeli, den die Angſt und die Verzweiflung, keinen Ausweg zum Entkom⸗ men, wie er gehofft, zu finden, beinahe toͤdtete. — Die Mittagsglocke unterbrach die Arbeit. 185 Man eilte zur Tafel. Langhaar verſchloß ei⸗ genhändig das Gewoͤlbe, und ließ den Arcan⸗ geli in's Speiſezimmer fuͤhren. Allenthalben folgten dem Italiener Argusaugen, und die Furcht vor dem Mißlingen ſeines Plans, vor dem nahen Tode machte ihm jeden Biſſen ungenießbar. Von der Hart, obſchon ihn im⸗ mer belauernd, ſtellte ſich, als ob er ſeine Ver⸗ legenheit uͤberſaͤhe, und ſtimmte ein andres Ge⸗ ſpraͤch an.—„Verdammt!“ rief er:„Edel⸗ leute und Burgherren an der Tafel, und keine Dame, welche die Ehrenſtelle daran einnimmt! Man hole die Frau von Neuklam herbei, die ſproͤde Schoͤne, und ihre Gegenwart erheitre unſer Mahl.“ Puttkammer ſtand auf, und ver⸗ langte von Reland die Schlüſſel zu dem Ge⸗ faͤngniſſe Ulrikens. Reland druckte ihn aber trocken auf den Seſſel nieder, und entgegnete: „Keinen Schritt, Hans. Das arme Weib ſoll nicht mehr mißhandelt werden. Ich leide es nicht, und wehe dem, der etwas Anderes im Schilde fuͤhrt.“— Die Herren fuhren wild in 186* die Höhe; Reland ſtreckte aber das bloße Schwert uͤber den Tiſch, und rief mit Donner⸗ ſtimme:„Wer Luſt hat, mir die Schluͤſſel zu dem Gemach der Neuklam abzukaufen, der komme an!“— Von der Hart, der die Baͤrenkraft des Holländers wohl kannte, knirſchte mit den Zäͤh⸗ nen, und ſchwieg. Puttkammer begnuͤgte ſich, mit Worten Krieg zu fuͤhren, nannte Reland einen Ritter aus Koͤnig Arthurs Hofſtaate, Ul⸗ riken eine leife auftretende Suͤnderin, Neuklam den Feind der ganzen ſaubern Sippſchaft, und reizte den wilden Langhaar auf, mit Gewalt von Reland die Schluͤſſel zu begehren.— Da gewahrte Cornelins zu rechter Zeit, wie Arcan⸗ geli, in der Hitze des Streits unbeachtet, nach der Thuͤre geſchlichen war. Wie ein Geyer flog er auf den Italiener zu, und riß ihn bei der Kutte zuruͤck.„Halt, Schurke!“ donnerteer:„Hier muß ſich Dein Schickſal erfuͤllen, wenn am naͤch⸗ ſten Morgen der Schatz noch nicht gehoben iſt!“ So eben fielen einige Schuͤſſe vom Thor⸗ wall des Schloſſes. Die Edelleute, Arcangeli 187* in Verwahrung laſſend, Ulriken vergeſſend, flo⸗ gen an den Platz. Der rothe Lakai des Mark⸗ grafen, zu Pferde kommend, hatte Einlaß be⸗ gehrt, um mit dem Marſchall zu ſprechen. Die Soldaten am Thore hatten den Markgrafen ge⸗ ſchimpft, und den BVoten mit Flintenſchuͤſſen zu⸗ ruͤckgejagt.— Reland ſchuͤttelte mißbilligend den Kopf. Die Andern lachten aber wild, und riefen:„Recht ſo! Die Kriegserklaͤrung iſt ge⸗ ſchehen! Der Aechter ſoll nur ankommen, und ſich den Kopf an ſeinen eignen Baſteyen blutig rennen! Wir haben die Macht, die Schmach, die er uns angethan, zu vergelten, und fuͤrch⸗ ten den Habenichts ſo wenig, als den wilden Jaͤger!“— Das Thor wurde nun verrammelt, Schanzkörbe auf die Mauern geſchleppt, das Geſchuͤtz verſehen, und die Mannſchaft noch mit mehrerem franzoͤſiſchen Soldatengeſindel ver⸗ ſtarkt, fuͤr Langhaar und ſeine Genoſſen in Pflicht genommen. Birkenfelds Soͤldner wur⸗ den entwaffnet, und vom Caſtellan, der den neuen Zwiſchenherren ohne Widerrede gehuldigt 188 N hatte, in einen Schuppen geſperrt. Langhaar trug die Schluͤſſel der Burg an ſeinem Guͤrtel, und ließ den Buͤrgern des Staͤdtchens durch eine Schrift, die man an einem Pfeil hinuͤber⸗ ſchoß, bedeuten:„Eduard ſey in der Acht; fuͤr den Kaiſer bewahre er, von der Hart, das Schloß, und werde ohne Gnade mit gluͤhenden Kugeln die Häuſer der Stadt in Brand ſtecken, wenn die Buͤrger nur Miene machten, feindſelig zu handeln.“— Unter dieſen Vorbereitungen war der Abend faſt herangekommen, und die Burgherren eilten mit Arcangeli wieder in den Keller, um ferner zu graben; denn trotz des Mißtrauens, das ſie gegen den Italiener heg⸗ ten, war ihnen, den Habgierigen, das Daſeyn eines Schatzes in dieſen Kellern kaum zweifel⸗ haft. Waͤhrend nun das alte Hunnenſchloß in ſeinen Grundfeſten durchwühlt wurde, und Ul⸗ rike, auf ihren Knieen liegend, vom Himmel Rettung fur ſich und die Gutgeſinnten im Schloſſe erflehte, war ſchon lange durch den, auf ſchnel⸗ lem Roſſe fliegenden rothen Lakaien die Kunde 5 d 189 der ſeltſamen Aufwieglung im Schloſſe nach Engelpforte gekommen. Bei dieſer Nachricht vergaß der Markgraf Andacht und Buße, um dem gerechten Unwillen zu folgen. Er rief die Seinen zu Pferde, und Neuklam war der Erſte, bereit dem Rufe zu folgen, denn die Gefahr, die Ulriken in der Raͤuberhoͤhle bedrohte, ſtellte ſich ihm furchtbar vor die Seele. In Mariens Hand gelobte der Markgraf, ſich ſelbſt zu ſcho⸗ nen, aber die Beleidigung ſeiner Fuͤrſtenwuͤrde ließ ihn das Wort vergeſſen. Wie ein Wu⸗ thender ſprengte er an der Spitze ſeines Haͤuf⸗ leins gegen die aufruͤhreriſche Feſte. Je mehr er ſich ihr näherte, je gewiſſer wurde ihm die Hiobspoſt. Buͤrger aus der Stadt Caſtellaun kamen ihm damit entgegen, und baten ihn, zu zoͤgern, ſeinen Angriff aufzuſchieben, von den Nachbarn Kriegsleute herbeizuziehen. Eduard aber rief:„Nein! beim Himmel nein! haben mir die eigenen Diener das Schloß verrathen, ſollen es meine Unterthanen wieder gewinnen, oder Gott ſey ihnen gnaͤdig!“ Im Dorfe Bell „ 190— angelangt, trieb Eduard ſelbſt und Neuklam an der Spitze ihrer Leute, die Bauern aus den Huͤtten bei Fackelſchein und Schneewind, ſich zu bewaffnen, um dem Fuͤrſten zu folgen. Ein an⸗ ſehnlicher Haufe trat zuſammen, und näherte ſich mit Windlichtern in ſtockfinſterer Nacht dem Schloſſe. Ein Schuß aus grobem Stuͤcke em⸗ pfing den Fuͤrſten mit ſeinem Gefolge, und viele nachfolgende zwangen ihn, nach Bell zuruͤckzu⸗ kehren. Neuklam war in Verzweiflung. In dem Thurmgemache Ulrikens hatte er kein Licht ge⸗ ſehen, und vermuthete nichts Gewiſſeres, als daß ſie in's Gefaͤngniß geſchleppt worden. Seine Gattin,— die, die ſeinen Namen trug,— in den Haͤnden ſeiner Feinde! Der Gedanke machte ihn faſt wahnſinnig, und wie ein Engel erſchien ihm ein Stallbube aus dem Schloſſe, der nach Mitternacht, durch einen Abgußkanal aus der Burg entſprungen, zu Bell anlangte, und einen 8 in Eil vom Caſtellan bekritzelten Zettel dem Markgrafen uͤberbrachte.— Der alte Huͤter des Hauſes verſprach darinnen, um 4 Uhr Morgens 191 mit Huͤlfe guter Freunde das Thor der Burg zu offnen, wenn des Markgrafen Volk in der Nähe ſeyn, und ihm durch einen hellen Pfiff ein Zeichen geben wollte.— Der Markgraf lebte auf, und Neuklam begehrte ungeſtuͤm die Anfuͤhrersſtelle bei der wichtigen Unternehmung. Eduard uͤberließ ſie dem Tapferen, ließ ihn und einen Haufen von achtzig Wohlbewaffneten in aller Stille vorruͤcken, und folgte eben ſo ge⸗ raͤuſchlos mit dem Schwarm von ferne. Mit dem Schlage 4 Uhr,— die Wachen am Thore gähnten, von Muͤdigkeit und Trunk erſchlafft,— im Keller wuͤhlten die Herren der Burg nach eingebildeten Schätzen,— vernahm der, auf dem Walle verſteckt lauernde Caſtellan den gel⸗ lenden Signalton. Schnell herab, den Schup⸗ pen geoͤffnet, in dem die Birkenfeld'ſchen lagen, mit dem Rufe:—„Der Markgraf hoch!“ uͤber die uͤberraſchten Wächter her,— die Waffen ihnen entriſſen, die Haͤnde geknebelt,— und auf ſprang das Thor, ohne Schluͤſſel, durch die Gewalt der, in's Schloß abgebrannten Mus⸗ 192 keten eroͤffnet.— Herein wogte Neuklam's Schaar, die Freibeuterknechte mit Piken durch⸗ rennend, das Geſchuͤtz beſetzend, und ein bruͤl⸗ lendes„Gewonnen! gewonnen!“ in dem Hofe anſtimmend. Der Larm des Ueberfalls war in die Gewoͤlbe gedrungen, wo Langhaar Schätze ſuchte, und Arcangeli in Todesangſt zitterte. „Der Markgraf!“ rief Puttkammer erbleichend, und floh in das Innere der Keller.—„Hund! haſt uns verrathen!“ donnerte Langhaar, und warf mit einem Degenſtoß den Italiener blu⸗ tend in die Grube, die ſeine Betruͤger ei berei⸗ ten ließ. Hierauf ſprang von der Hart mit ſei— nen Leuten in's Gefecht. Schon fruͤher hatte jedoch Reland den Keller verlaſſen, das Hand⸗ gemenge im Hofe geſehen, und war hinauf zu Ulrikens Kammer geeilt, durch's Schluͤſſelloch ihr zurufend:„Das Schloß ſey uͤberfallen, ginge vielleicht uͤber, aber er wolle, ſie beſchuͤtzend, hier ſein Leben wagen.“— Ulrike erbebte und lauſchte zitternd: Da droͤhnte es die Stufen herauf. Beim Glanz einer Pechfackel liefen * 193 Leute heran.„Wo iſt Ulrike, mein Weib?“ ſchrie Neuklams Stimme, und:„Halt! nicht weiter!“ bruͤllte ihm Reland entgegen. Ulrike hoͤrte die Degen klirren, unnennbare Angſt be⸗ mächtigte ſich ihrer! Sie ſchrie laut auf; die Begleiter Neuklams rannten auf die Thuͤre ein, ſprengten ſie in Stuͤcken. Ulrike flog auf den Gang, ſah, wie Relands Schwert einen vollen Hieb nach Neuklams Haupte fuͤhrte, ſtürzte zwiſchen die Kaͤmpfenden, und erhielt eine tiefe Wunde in den Arm, mit welchem ſie Relands Streich auffing. Neuklams Leute riſſen den Hollaͤnder nun zu Boden. Er ſelbſt hielt die blutende Ulrike in ſeinen Armen.—„Ulrike!“ rief er, von Ruͤhrung und Mitleid durchdrun⸗ gen:„Weib! fuͤr mich opferſt Du Dich?“— Er wickelte ſein Tuch um ihren Arm, kuͤßte die blutige Hand, aber Ulrike machte ſich von ihm los, ſank an die Bruſt ihrer Magd, und lispelte kaum hoͤrbar:„Unnoͤthiger Dank, Neullam! Eile hinunter, wo fuͤr den Markgrafen gekaͤmpft wird, und fuͤr Frau Marien!“— Spindler's ſaͤmmtl. Werke. XVII. Winterſpenden 2. 13 1 Im Innerſten gekraͤnkt, riß ſich Neuklam von ihr, und ſtürzte in's Gefecht, das ſich bald entſchied. Die Rädelsfuͤhrer wurden alle ge⸗ fangen, ihre Knechte niedergehauen. Langhaar und Reland mit Wunden bedeckt, der hinter den Faͤſſern ergriffene Puttkammer, der in ſei⸗ nem Blute gefundene Arcangeli erfuhren die furchterliche Strenge des gereizten Markgrafen. Der Scharfrichter bekam volle Arbeit. Den Edelleuten wurde der Kopf abgeſchlagen, und Langhaars Haupt auf dem Thurme ausgeſteckt. Arcangeli aber verfiel dem Strange. Der Markgraf ſah zu, wie der beinahe Entgeiſterte die Leiter hinaufgezogen wurde. Von der Wunde und Todesangſt eutkraͤftet, ſtarrte Arcangeli dennoch zum Fürſten auf, und rief:„Gute Nacht, Markgraf! Glaubt Ihr nun an meine Prophezeihungen? Meine Vorgaͤnger haben's uͤberſtanden, ich werde es uͤberſtehen. Kommt bald nach!“— Bei dieſen Worten war er ſchon dm Ziel, ließ aber einen giftigen Stachel in der Bruſt des Markgrafen zuruͤck. Uebrigens 195 kehrte alles zur Ruhe. Neuklam wurde an den kaiſerlichen Hof und nach Bruͤſſel geſendet, um des Markgrafen Benehmen bei dieſer Begebenheit im rechten Lichte darzuſtellen. Er ſah Ulriken vor ſeiner Abreiſe nicht. Der Arzt verſagte ihm den Zutritt zu der ſchwer an Wunde und Fie⸗ ber darnieder liegenden Gattin. Der Friede und die Ruhe waren wieder hergeſtellt; der Markgraf dachte nicht mehr daran, noch einmal ſeine Gattin, ſeine Kinder zu verlaſſen, aber die alte Heiterkeit fand ſich nicht mehr bei ihm ein. Ein dumpfer Mißmuth hatte ſich bei ihm eingeniſtet, und eine Bangig⸗ keit vor dem Tode, die er nicht bezwingen konnte. Arcangeli's erfuͤllte Weiſſagung ſtand ihm ploͤtzlich vor der Seele, und er begann aber⸗ glaͤubiſch an der noch unerfuͤllten, die ſein eig⸗ nes Leben betraf, zu hängen, daruͤber zu gruͤ⸗ beln, ſie zu fuͤrchten. Sein Truͤbſinn zeigte ihm Marien ſtets im Wittwenſchleier, Ulrike, die noch ſchwer an der gefaͤhrlichen Verwundung Leidende, war ihm, ſo oft er ſie ſah, ein Ge⸗ 13* 196 genſtand ſtillen Vorwurfs, und die Melancholie, die Folge ſeiner fruͤhern Ausſchweifung, ſein immerwaͤhrender Begleiter. Die Mitternacht ſcheute er wie den Tod, weil ſie, nach Arcan⸗ geli's Worten, Unheil drohte. Um eilf Uhr muß⸗ ten alle Lichter ausgeloͤſcht, und er in ſeinem Schlafzimmer feſt verſchloſſen ſeyn. Kein Menſch durfte in ſeiner Naͤhe Waffen tragen; viele Speiſen ſcheute er, aus Furcht, ſie moͤchten ver⸗ giftet ſeyn. Er trank nur von dem Weine, den der Rothe mit eigner Hand aus dem Faſſe gezogen, ihm kredenzt hatte. Nach und nach ſtellte ſich bei ihm, der Vieles aus ſeinem Le⸗ ben gern vergeſſen mochte, der Hang zum Ze⸗ chen ein, und er fand Geſchmack an Trinkgela⸗ gen, die fuͤr Angenblicke Erinnerung, Wahn und Furcht in ihm zu betäuben vermochten. Gaͤſte beſuchten wieder das Schloß, und der Pfalzgraf von Birkenfeld kam manchmal her⸗ üͤber, mit dem Markgrafen zu ſchmauſen, und. Marien zu ſehen, deren Schoͤnheit noch nichk ihre Herrſchaft uͤber ſeine Einbildungskraft ver⸗ 197 loren hatte.— Bei einem dieſer Beſuche ge⸗ ſchah es, daß im Feuer des Geſpraͤchs und der Weinlaune der von Birkenfeld und Eduard zu⸗ ſammen ſaßen bis ſpaͤt nach Eilfe.— Der ro⸗ the Lakei erinnerte endlich ſeinen Herrn an den Aufbruch, und brachte den Johannisſegen. Eduard begleitete, wie es dem Wirthe geziemt, doch et⸗ was ſchwer vom Weine, den Gaſt an ſein Schlafgemach, und bereitete ſich, die Treppe zu ſeinen Zimmern herabzuſteigen, als die Thurm⸗ uhr hohl und heiſer die zwoͤlfte Stunde ſchlägt. —„Jeſus! Mitternacht!“ ruft der Markgraf, von aberglaͤubiſcher Furcht bethoͤrt, thut einen Fehltritt und ſtuͤrzt die Treppe hinab, an de⸗ ren Fuß er mit zerſchmetterten Gliedern liegen bleibt. Nach wenigen Stunden ſtirbt er in den Armen ſeiner treuen Gattin und des Pfalzgra⸗ fen, umgeben von den wenigen Dienern, die ihm wahrhaft treu anhingen. Die uͤbrigen hiel⸗ ten ſich ſcheu von der Leiche entfernt. Ednards⸗ Lehen hatte keine Fruͤchte getragen, und der Poͤbelwahn ſpielte noch mit ſeinem Tode; denn 198 das Volk behauptete, eine Stunde vor ſeinem Sturze ſey aus dem tiefen Graben des Schloſſes eine Stimme gehoͤrt worden, mit dem Ausrufe: Wehe, wehe meiner armen Seele!— Neuklam, von ſeiner Botſchaftsreiſe heim⸗ kehrend, begegnete dem Leichenzuge des Fuͤrſten, deſſen Koͤrper nach Engelpforte gebracht wurde. Troͤſtend trat er zu der Wittwe, die von ihren Kindern umgeben, ihrem Verluſte nachdachte.— „Muß ich Euch ſo wieder finden, gnädige Frau?“ fragte er ſchmerzlich am Schluſſe der Audienz:„Grauſames Schickſal! Nun ſeyd Ihr frei; die Liebe braͤchte vielleicht den Fuͤrſtenhut zum Opfer, und ich bin unaufloͤslich gebun⸗ den!“—„Seht hier, wofuͤr ich einzig in Zu⸗ kunft leben will!“ erwiederte Marie beſtimmt und entſchloſſen, indem ſie ihre Kinder an's Herz zog:„Ihr ſeyd mir treu geweſen, wie ſelten wohl ein Mann; doch nicht die Trau⸗ ernde, Verbluͤhte reiche Euch den Lohn. Ulrike lebt; Ihr habt fuͤr ſie gezittert, ſie hat fuͤr Euch geblutet ſoll laͤnger euch ein Mißver⸗ A 199% ſtaͤndniß trennen, eine feindſelige Gewalt, wel⸗ cher eure Herzen nur mit Muͤhe ſich unterwer⸗ fen?“ Sie ging, und oͤffnete die Seitentbuͤre. Ulrike ſchwankte heraus, noch blaß, aber von hinreißender Anmuth, den Arm in der ſchwar⸗ zen Binde tragend. Marie faßte ihre Hand, kuͤßte ihre Wange und ſprach:„Schlage die Augen auf, Ulrike. Sieh dieſen Mann, und laͤugne ferner, daß Du ihn liebſt, von ganzer Seele liebſt.“— Ulrike ſah ſcheu in die Hoͤhe, und war ſtill entzuͤckt, Neuklams Auge mit dem Ausdruck der ſehnſuchtsvollſten dankbarſten Nei⸗ gung auf ihr Antlitz geheftet zu ſehen.—„Reu⸗ klam!“ fragte ſie verſchämt:„ich haſſe Euch nicht, kann ich aber Euch gluͤcklich machen?“— „Gluͤcklich! Ulrike! Glücklich den Dankbaren, den Liebenden!“ rief Reuklam hingeriſſen, und ſturzte zu ihren Fuͤßen:„Verkannte! verzeih dem Verblendeten, und dieſer Engel, zu dem ich Uebermuͤthiger einſt mein begehrend Aug' erhob, dieſer Engel vergebe mir, und ſegne unſern Bund!“ 200 Neuklam kuͤßte feurig den Arm, der fuͤr ihn geblutet, Ulrike, ihrem Gefuͤhle folgend, neigte ſich liebevoll uͤber ihn, und Marie ver⸗ einigte, wie ein verſoͤhnender Schutzgeiſt, zwei Herzen, die ſo lange ſich feindlich widerſtrebt hatten, obgleich vom Schickſale fuͤr einander beſtimmt. Münchner Fest⸗Kalender. Aus dem Notizenbuch eines Reiſenden. Es iſt ſchon eine ziemliche Zeit her, ſeit ich zum erſtenmale Bayerns Grenzen uͤberſchritt. In dem Poſthauſe zu Ulm, wo der Eilwagen nach Muͤnchen umgepackt wird, kam ich mit dem erſten Bayer in Beruͤhrung; mit einem breit⸗ fchultrigen Condukteur, an deſſen Seite ich mei⸗ nen Platz im Cabriolet einnahm. Dieſer Mann, raſtlos in ſeinem Dienſteifer, und im Allgemei⸗ nen recht hoͤflich mit den Reiſenden, war wie⸗ der in anderem Betracht ein fonderbarer Kauz. Seine Schweigſamkeit ging ins Weite, und je⸗ des Wort, das ſeine Zunge ſprach, pflegte, wie man ſagt, mit Gold aufgewogen zu werden. Der Beſcheid, den er dann und wann auf eine Frage gab, trug uͤberdies nicht immer das Ge⸗ 204 praͤge der Artigkeit. Wir hatten in der Nacht bereits Zusmarshauſen paſſirt und naͤherten uns Augsburg. Halb aus Langeweile, halb aus Un⸗ geduld fragte ich meinen Nachbar:„Wie weit noch bis Augsburg?“—„Warum?“— Ich war verbluͤfft, aͤußerte aber hierauf ſehr beſchei⸗ den, daß ich es gern wiſſen moͤchte, wenn es ihm anders gefiele, mir noch einmal zu antwor⸗ ten.—„Wir werden ſchon hinkommen, wenn's Zeit iſt.“— Auf dieſe ſchließliche Erwiederung ließ ſich weiter nichts entgegnen. Nach ein paar Minuten jedoch begann ich wieder etwas zu⸗ dringlich:„Sind Sie von Muͤnchen gebuͤrtig?“ — Er nickte.—„Ihre Familie wird ſich ſehr freuen, Sie wieder zu ſehen.—„Hm!“—„Wir haben heute Sonntag. Bringt man in Muͤn⸗ chen den Sonntag immer luſtig zu?“—„Bei uns iſt alle Tage Sonntag.“— Hierauf ſchlief er ein, oder ſtellte ſich wenigſtens ſo. Ich brachte fuͤrder kein Wort mehr aus ihm, und uͤberlegte in der Stille, wie es denn wohl mit der geruͤhmten Sonntagsluſt ausſehen moͤge, wenn dem Condukteur alle ſeine Landsleute glichen. Ich ſah nun bald, in Muͤnchen ange⸗ langt, daß die wenigſten Einwohner mei⸗ nem Nachbar aͤhnlich waren. Ein friſches Leben trieb ſich durch alle Gaſſen, und Freund⸗ lichkeit und zuvorkommendes Betragen gegen den Fremden waren eineswegs ſeltene Voͤgel. Vertrauen erweckt mir Vertrauen, und bald wurde dem Anſpruchsloſen der Aufenthalt in Bayerns Hauptſtadt ſo behaglich, daß er mit vielem Vergnuͤgen die Wahrheit des Ausſpruchs ſeines Condukteurs:„Bei uns iſt alle Tage Sonntag“, zu erforſchen begann. Der Mann hatte nicht Unrecht. Dazumal ſchon, als Muͤn⸗ chen vielleicht ein Viertheil weniger der Ein⸗ wohner hatte, wie heut zu Tage, brachte jeder Tag ſeine Bluthe, jeder Tag ſein Feſt. Dieſe Feſte haben bis auf heute immer zugenommen, und es moͤchte fuͤr Manche, die im Auslande wohnen, und dieſe Blaͤtter leſen, nicht uninter⸗ eſſant ſeyn, zu erfahren, in welcher anmuthi⸗ 206„ gen Reihe die heitern Erſcheinungen einander folgen, welche das Muͤnchner Volk aus dem Kreiſe ſeiner Arbeiten und ſeines Strebens ſo oft in das bunte Leben hinausziehen. Der Fremde ſchoͤpfe aus dieſen Schilderungen neue Luſt, den Suͤden zu beſuchen, und der Einheimiſche freue ſich, ſie durchleſend, ſeiner buͤrgerlichen Verhaͤlt⸗ niſſe, die ihm erlauben, einen nicht unbedeuten⸗ den Theil ſeiner Zeit einem werthvollen Ziel ſeines Daſeyns, der Freude zu opfern. Der Morgen des Neujahrtages, noch be⸗ leuchtet von den Kerzen der froͤhlichen Silve⸗ ſternacht, wird mit klingendem Spiele begruͤßt; zum feierlichen Hochamt verſammelt ſich das Volk in den Kirchen, wo Pracht und Wuͤrde, edhoben durch herrliche Muſik, ſelbſt dem Chri⸗ ſten anderer Confeſſion Ehrfurcht vor dem ka⸗ tholiſchen Cultus einfloßen. Die Convenienz hat mit dieſem Gratulationstage gerade nur ſo viel zu ſchaffen, als unumgaͤnglich nothig iſt; dort aber, wo das Ceremoniel hingehoͤrt, in dem Koͤnigshauſe naͤmlich, wird es mit demjenigen 207 Prunk und Glanz beobachtet, der ſich fuͤr die erlauchte Wuͤrde des Fürſten geziemt. Der Abend des Tages wird, wie überall, in geſchloſ⸗ ſenen Geſellſchaften und Privatzirkeln und Thea⸗ ter von den hoͤhern Staͤnden, in Gaſthäuſern und Schenken vom Mittelſtande und dem Volke begonnen.— Dieſer Epoche der guten Vorſaͤtze, der Verſoͤhnungen, der häuslichen Frenden, folgt zunaͤchſt der Dreikonigstag, von Kirche und Volk gehalten, und zugleich der Beginn derjeni⸗ gen Meſſe oder Dult, die ſich nach dem Feſte benennt. Nicht leicht hat eine Stadt einen an⸗ gemeſſenern Platz fuͤr eine Meſſe aufzuweiſen, als gerade Muͤnchen. Das Boulevard von dem Karlsthor an bis uͤber das Maxthor hinaus iſt ſehr breit, ſehr geraͤumig, und, die Trottoirs an den Haͤuſern ausgenommen, nicht gepflaſtert. Die Dult, fruͤherhin von Verkäufern haͤufiger beſucht als jetzt, praͤſentirt ſich in vielen Buden⸗ teihen⸗ in deren Mitte ein ſehr niedlich gebau⸗ ter Bazar mit gedeckten Gaͤngen errichtet iſt. Die Eintheilung der verſchiedenen Gaſſen des Markts iſt ſehr zweckmaͤßig getroffen. Die paſ⸗ ſenden Gewerbe campiren neben einander, die juͤdiſchen Handelsleute haben ihren eigenen Be⸗ zirk, und die Verkaufer von Dingen, deren Aus⸗ duͤnſtung die Naſe beleidigen moͤchte, ſtehen in einer Richtung, wo die ſpazierende ſchoͤne Welt nicht hinkoͤmmt, ſondern nur der Kaͤufer, der dort zu thun hat. In den Mittagsſtunden, trotz der ſcharfen Kaͤlte, wandeln die eleganteſten Damen und Herren zwiſchen den Buden auf und nieder, und raͤumen um ein Uhr groͤßten⸗ theils den Platz, den in den ſpaͤtern Stunden die anderen Volksklaſſen in Schaaren einneh⸗ men. Das Gewuͤhl iſt wohl groͤßer als das Geſchaͤſt; aber die Befriedigung der Neugierde iſt eine ſo froͤhliche Arbeit, und ſieht ſich auch ſo luſtig mit an, daß es mir ſehr verzeihlich vorkoͤmmt, wenn man uͤber die Zuſchauer die Kaufleute vergißt. Von Sehenswuͤrdigkeiten, wie ſie in der Sommerdult haͤufig vorkommen, ſieht man zu dieſer Zeit wenige. Der Platz vor dem Karlsthor hat gemeiniglich nur einzelne 209 Buden, mit Panoramen oder Wachsfiguren et⸗ wa, aufzuweiſen. Aber die Dult dauert vier⸗ zehn Tage, und es lebt wohl kein Dienſtbote in dem volkreichen Muͤnchen, der nicht wenig⸗ ſtens einmal mit Erlaubniß ſeiner Herrſchaft, und ein paarmal verſtohlenerweiſe den bunten Waarenplatz beſuchte; der ſelbſtſtäͤndigeren Volksklaſſen zu geſchweigen, die taͤglich einmal die Dultſchaͤtze in Augenſchein nehmen.— In⸗ deſſen haben auch die Carnevalsbeluſtigungen ſchon begonnen. In den Haͤuſern der reichen und vornehmen Leute draͤngt ſich Verguͤngen an Vergnuͤgen, Ball an Ball. Die Hoftheaterin⸗ tendanz iſt in den Kreis ihrer thaͤtigſten Wirk⸗ ſamkeit eingetreten. Schauſpiele, Baͤlle im Odeon, maskirte Akademien eben daſelbſt und Masken⸗ bälle im neuen Hoftheater folgen ſich ununter⸗ brochen, ſo wie auch die abonnirten Buͤrgerbaͤlle im Gaſthofe zum ſchwarzen Adler. Der er⸗ lauchte Monarch, ſeine erhabene Gemahlin, und alle Glieder des verehrten koͤniglichen Hauſes⸗ verſchmaͤhen es nicht, waͤhrend im Schkoſſe Kam⸗ Spindler's ſämmtl. Werke LVII. Winterſpenden 2. 14 N 210 merbaͤlle und Conzerte wechſeln, an den Ver⸗ gnuͤgungen im Odeon und im Hoftheater An⸗ theil zu nehmen, und hin und wieder auf den Baͤllen des Muſeums und des Frohſinns, wie den Produktionen des Liederkranzes, die ſich das ganze Jahr durch fortſetzen, huldvoll zu erſchei⸗ nen. Die Gegenwart der geliebten Herrſcher⸗ familie vermehrt das Zuſtroͤmen des Publikums um ein ſehr Betraͤchtliches, und mit doppeltem Vertrauen, mit doppelter Zuneigung ſieht das Volk an ſeiner Spitze den Furſten ſtehen, der nicht allein mit raſtloſer Sorge fuͤr das Wohl des Landes handelt, nicht allein ſeine Kunſt⸗ ſchaͤtze freigebig und gaſtfreundlich allen ſeinen Unterthanen eroͤffnet, ſondern auch im ſchlichten Frack oder im einfachen Domino ihre Feſte, die Saturnalien unſerer Zeit, mitfeiert. Oft ver? herrlichen auch die hoͤchſten Herrſchaften durch brillante Maskenzuͤge die Baͤlle im Hoftheater; oft zeigen ſie ſich den Einwohnern Muͤnchens, wenn das Wetter guͤnſtig iſt, in prachtvollen Schlittenfahrten, die Nachmittags unter frohli⸗ 211 cher Muſik die Stadt verlaſſen, und nach einem Diner auf einem auswaͤrts liegenden Schloſſe, im Dunkel der Nacht, von luſtigem Fackelſchein beleuchtet, zur Reſidenz zuruͤcktehren.— Waͤhrend nun der Hof, der Adel und die reichen Klaſſen der Buͤrger ſich feinere und koſt⸗ ſpieligere Vergnuͤgungen ſchaffen, nimmt das ge⸗ miſchte Publikum ſeinen vollen Antheil an der freudigen Zeit. Es erſcheint als Zuſchauer auf der Gallerie des Odeon, des Hoftheaters, ja ſelbſt auf denen des Ballſaals im königlichen Schloſſe; es ſteht mit Neugierde und geſpann— ter Erwartung vor den Hotels der vornehmen Leute, wenn dieſe ein glaͤnzendes Feſtin geben, und die Vorhallen ihres Hauſes, wie die Trep⸗ pen darinnen, zu feenartigen Blumen⸗ und Myr⸗ thengärten umgeſchaffen haben. Das luſtige und ſorgloſeſte Volkchen endlich iſt dasjenige, das waͤhrend der Carnevalszeit, hauptfaͤchlich an Sonn⸗ und Montagen, maskirt die zahlloſen Gaſt⸗ und Gaffeehaͤuſer der Hauptſtadt durch⸗ ſtreift, die Bekannten, die es da findet, neckt, 14* 212 und die Thaten ſeines Abends auf irgend einem froͤhlichen Privatball oder auf einem luſtigen Tanzboden endigt. Die Masken haben alle Freiheit; während anderwaͤrts dieſes Vergnuͤ⸗ gen verpoͤnt iſt, erlaubt man es in Bayern, und die Behoͤrde, welche dieſem Spiel nichts in den Weg legt, hat noch keinen Grund gefunden, dieſe Nachſicht zu bereuen. An verſchiedenen Orten der Stadt, vor den Haͤuſern der Mas⸗ kenverleiher, ſieht man bei ſchoͤnem Wetter am hellen Tage Figuren aufgepflanzt, die mit dem abenteuerlichſten Flitterſtaat behangen ſind, und immer ein ſehr zahlreiches Publikum zu ver⸗ ſammeln pflegen. Aus jenen Magazinen waͤhlt ſich der Mann oder das Maͤdchen aus dem Volke den Prachtanzug, worinnen ſie auf den entfernteren Tanzplaͤtzen, z. B. im Paradiesgar⸗ ten, im Hubergarten u. ſ. w. zu glaͤnzen und Eroberungen zu machen gedenken; aus jenen Magazinen ſchluͤpft aber auch mancher Domino, von zierlichen und unzierlichen Schultern getra⸗ gen, in die Maskenverſammlungen der beſſern 213 Stäͤnde. Wer das Hoftheater in Muͤnchen in ſeiner großten Pracht ſehen will, beſuche darin⸗ nen einen Maskenball, wo ein Lichtmeer den Eintretenden umfließt, ein Ozean von maskirten und unmaskirten Geſtalten ihn umdrängt, und ein Kranz der lieblichſten Frauengeſichter, von Gallerie und Logen herabſchauend, ſeinem trun⸗ kenen Blicke begegnet. Auch das Muſeum ent⸗ faltet zu jener Zeit alle ſeine reichlichen Mittel, und die Geſellſchaft des Frohſinns thut ſich in ihrer Sphaͤre nicht minder hervor. Wie ge⸗ ſchwinde verfließen da nicht die Abende bei Mu— ſik und Ball! und der folgende Tag bringt im⸗ mer einen ſolchen Abend, bis der Carneval zu Ende geht. Die letzten Tage deſſelben nehmen einen volksthuͤmlichen Anſtrich an. Der gewerb⸗ treibende Buͤrger betrachtet die drei letzten Fa⸗ ſchingstage als ſein Eigenthum. Es iſt hier der Ort, zu bemerken, daß alle ſieben Jahre eine originelle Luſtbarkeit waͤhrend des ganzen Faſchings eintritt: der Schaͤfflertanz. Als vor langen Jahren die Stadt Muͤnchen von einer mörderiſchen Peſt heimgeſucht worden, die un⸗ zaͤhliche Opfer hingeſchlachtet, bis ſie ſich end⸗ lich in der eigenen Wuth erſtickt, erbot ſich die kraͤftige Zunft der Schaͤffler(Kuͤfer), durch Tänze und frohe Luſtbarkeit den Untergang der Peſt zu feiern, und auf dieſe Weiſe die Zuverſicht der Buͤrgerſchaſt zu befeſtigen, und den heitern Sinn des Volks wieder zu wecken. Zu jener Zeit galten Volksfeſte etwas, und daher genehmigte man gern den Antrag der Schaͤffler, die noch heut zu Tage von ſieben zu ſieben Jahren das Recht ausuͤben, waͤhrend des Faſchings, wann ſie wol⸗ len, auf den Straßen öffentliche Taͤnze zu hal⸗ ten, und froͤhliche Schwaͤnke zum Beſten zu ge⸗ ben. Sie ziehen von ihrer Herberge aus, ein ſtattliches Tänzerchor in rothen, ſilberverbraͤm⸗ ten Jacken, befiederten Muͤtzen und kurzen ſchwar⸗ zen Beinkleidern; in den Haͤnden halten ſie Reife, umwunden von Tannenreiſern und Buchs. Ihr Anfuͤhrer trägt ein zierlich geſchmuͤcktes Commandoſtaͤbchen und regelt die Taͤnze. Noch ein Anfuͤhrer hilft ihm in dieſer Pflicht. Ein Faͤßchen und Gläſer werden i nachgetragen, und zwei Pritſchmeiſter in Hanswurſtkleidern amuſiren mit ihren Spähen das Volk. In dem Hofe der koͤniglichen Reſidenz, wohin ſich der Zug mit lärmender Muſik zuerſt begibt, wird auch der erſte Tanz mit kunſtreichen Reifver⸗ ſchlingungen ausgefuͤhrt, hierauf die Geſundheit des Monarchen und ſeines Hauſes unter Fan⸗ faren getrunken und das Geſchenk der koͤnigli⸗ chen Gnade, welches immer hierauf erfolgt, dankbar angenommen. Von da geht der Weg nach den Palaͤſten der uͤbrigen hoͤchſten und ho⸗ hen Herrſchaften, bis endlich im Verlauf der Tage auch die Weinhaͤuſer, die Bräuereien, die Baͤcker u. ſ. w. an die Reihe kommen. Jedes Haus, vor welchem die frohliche Bande ihre Kuͤnſte treibt, lohnt ſie mit einem Geſchenk an Geld oder an Getraͤnke, wenn es nicht der ſchlimmen Zunge der Spaßmacher anheim fallen will. Am Faſchingſonntage, glaube ich, wird dieſe ächte Volksluſtbarkeit beſchloſſen. Die Metzgerzunft tritt nun auf den Schauplatz und 216 haͤlt am Faſchihgdienſtag den ſogenannten Metz⸗ gerſprung auf dem Schrannenplatze. Die Lehr⸗ linge beſagter Zunft, zu jener Zeit freige⸗ ſprochen werden und zü Knechten avanciren, verſammeln ſich in ſehr abenteuerlicher Kleidung vor dem Fiſchbrunnen, in welchen ſie, nachdem ein Spruch an ſie gehalten, hineinſpringen. Von hier aus werfen ſie Brezeln u. dgl. unter das Volk, und beſchuͤtten das neugierige und habſuͤchtige Publikum reichlich mit Waſſer, bis es des Spaßes genug iſt, und eine ſplendide Mahlzeit die halberſtarrten Brunnenſpringer zur Erholung ruft. Tanz und Scherz in allen Schenken und Gaſthaͤuſern beſchließen den Tag und den Faſching. Der darauf folgende Aſcher⸗ mittwoch ſetzt die Kirche in das Recht ein, nun ausſchließlich waͤhrend einiger Wochen mit ih⸗ ren Feſtlichkeiten das Volk zu beſchaͤftigen. Als Nachfeier des Carnevals pflegen rie⸗ ſenhafte Faſtendiners in den beliebteſten Gaſt⸗ haͤuſern diejenigen ruͤſtigen Leute in Anſpruch zu nehmen, deren Magen nach den Strapazen „ „ N 217 des Faſchings noch im Stande iſt, drei bis vier Stunden bei ſchmackhaften Fiſchgerichten und Mehlſpeiſen, in dtren unabſebbare Reihe viel zahmes und wildes Fleiſch ſich einſchwärzt, wa⸗ cker auszudauern. Dieſe Faſtendiners erneuern ſich auch ſo zu ſagen die ganze Faſtenzeit in⸗ 3 9 ganze 8 5 durch an Mittwochen und Freitagen, und man ſieht haͤufig die ausgeſuchteſte Geſellſchaft in ge⸗ wiſſen Gaſthaͤuſern an dieſen Tagen verſammelt. — In den Kirchen waltet zu jener Zeit der Genius der Muſik erhebend und erfreuend uber die Gemuͤther der Menge, und ſo koͤmmt auf leiſen Wellen der Palmſonntag heran und dann die ſtille feierliche Charwoche, die am Gruͤn⸗ donnerstag und Charfreitag die Andächtigen und Neugierigen zum Beſuch der heiligen Grä⸗ ber in den Tempeln und Hauskapellen einladet.— Dieſem Tage, wo ſelbſt die Glocken ſchweigen, und, in der Volksſprache zu reden, nach Rom reiſen, folgt ploͤtzlich die heitere Feier des Oſter⸗ tages. Wie dieſes Feſt an und fuͤr ſich in der poetiſch erdachten Folgenreihe der Feierlichkei⸗ 218 ten der roͤmiſchen Kirche ein ploͤtzlicher Ueber⸗ gang von der Trauer zur Freude, von der Nacht zum Licht iſt, ſo bemuͤht ſich auch jedes Gottes⸗ haus, wie klein es auch ſey, ſeine Raͤume in einen hellen luſtigen Garten zu verwandeln, wo fruͤhzeitige Blumen bluͤhen, und das friſche Laub gruͤner Buͤſche von den Altären herunternickt. Prieſter⸗-Ornate in den brennendſten Farben, der Glanz von unzaͤhligen Lichtern, blenden das Auge, und der Jubeldonner von Orgel und Chor bel⸗bt auf's neue das an ernſte Melodien gewoͤhnte Ohr. Doch nicht in den Kirchen al⸗ lein draͤngt ſich in der feſtlichen Zeit das Volk, denn ſchon beguͤnſtigt nicht ſelten die freundliche Witterung Ausfluͤge zu den Primizfeierlichkeiten junger Geiſtlichen in den benachbarten Gemein⸗ den. Die Andacht dieſer letztern, und die zarte Sorgfalt der Verwandten jener jungen Prieſter, ſchmuͤcken zu dieſen Erſtlingsmeſſen die laͤndli⸗ chen Kirchen mit allem Prunk, den Zeit und Ort erlauben. Auch nach Ebenhauſen, einem freundlichen Plätzchen, unfern von dem ſchoͤn an 219 der Iſar gelegenen ehemaligen Kloſter Schäftlarn, ziehen haͤufig lebensluſtige Leute, um bei Scherz und Mahl die Wiederkehr der ſchoͤnern Jahrs⸗ zeit zu feiern. Andere, die ihre Genuͤſſe näher, wohlfeiler und beſcheidener waͤhlen, ziehen nach der Vorſtadt Au, wo das ſogenannte Salvator⸗ bier den durſtigen Gaumen labt.— Am 24. April tritt das Ritterfeſt des St. Georgen⸗Ordens ein, wo die Formen und der Prunk einer ver⸗ gangenen Zeit hervorgeſucht, und dem Publikum zur Schau geboten werden. Nichts iſt ſchoͤner, als der Aufzug der Ordensritter in der Hofka⸗ pelle, die Erſcheinung des Koͤnigs als Groß⸗ meiſter dieſes Ordens, und das prachtvolle Cor⸗ tege, welches den Zug begleitet. Das Volk fin⸗ det ſich zahlreich bei dieſem Schauſpiele ein, welches eine ernſte Bedeutung aͤlterer Zeit ver⸗ ſinnlicht. Die Ritterſchafts⸗Candidaten, die der erlauchte Großmeiſter in den Orden aufnimmt, treten in weißen ſeidenen Roͤcken, braunen Schnuͤrſtiefeln und mit bloßem Haupte einher; ihnen folgen die Ritter in blau ſammtnen Maͤn⸗ teln und weißen Kleidern, das Haupt bedeckt mit ſpaniſchen Huͤten, von Federn beſchattet; dann der Großprior, deſſen Schleppe von Pa⸗ gen getragen wird; endlich der Großmeiſter ſelbſt, im wallenden Hermelinmantel, umgeben von reich gekleideten Hofbedienten und den Of⸗ fizieren der ſtattlichen Hartſchiergarden, die in ihren feſtlichen Caſaken, Partiſanen in der Fauſt, paradiren. Die Ceremonie in der Kirche iſt einfach, aber geſchmackvoll und erhebend. Nach geleiſtetem Eid, an Koͤnig und Vaterland treu zu halten, die Tugend der Frauen und der Waiſen Recht und Unſchuld zu beſchuͤtzen, wie auch nimmer an der unbefleckten Empfaͤngniß der goͤttlichen Mutter zu zweifeln, werden die altadelichen Knappen mit den Inſignien der Ritterwuͤrde bekleidet, und kehren alſo nach der Reſidenz zuruͤck, wo eine feierliche Rittertafel abgehalten wird, welcher am Abend noch ein Hoffeſt folgt.— Es iſt ein wunderlicher Ab⸗ ſprung von dieſem würdevollen Tage bis zum darauf folgenden 26. April, wo die Dienſtboten 221 der verſchiedenen Klaſſen einen ihrer ſogenann⸗ ten Schlenkertage Gerrſchaftswechſel) feiern. Von der zweiten Nachmittagsſtunde an beginnt fuͤr dieſe Leute ein wahres Interregnum. Die Methhaͤuſer Muͤnchens ſind hauptſaͤchlich der Schauplatz, wo bei dem ſuͤßen Honigtrank das Heer der Maͤgde und Bedienten die Sorgen des vorigen Dienſtes abſchuttelt, und ſich Muth macht zu den Verdrießlichkeiten des neu einge⸗ gangenen. Da wird das Suͤndenregiſter der Herrſchaften verleſen, werden die Liebesverhäͤlt⸗ niſſe der Domeſtiken abgeurtheilt, verſpaͤtete diethvertraͤge abgeſchloſſen, und im Voraus eine Unzahl von haͤuslichen Verſchwoͤrungen an⸗ gezettelt. Die Polizei hat in der Folge man⸗ chen Knoten zu loͤſen, den der Schlenkertag ſchurzt, waͤhrend die Herrſchaften ohne Bedie⸗ nung zu Hauſe ſitzen, verlaſſen von den abzie⸗ henden Domeſtiken, noch nicht begruͤßt von den neu Einſtehenden, und auch der Huͤlfe derjeni⸗ gen entbehren, die ſie beibehalten, weil dieſe ih⸗ ren Freundinnen und Freunden beim Ab⸗ und NN 222 Einzug Unterſtuͤtzung zu leiſten haben. Oft am ſpaͤten Abend erſt findet Magd oder Bediente das neue Herrſchaftshaus, und bringt haͤufig nebſt einer leichten Truhe einen ſchweren Kopf mit ſich. Nun koͤmmt der Mai, der Wonnemond, ſo⸗ gar in der rauhen Muͤnchner⸗Region, die gar oft nicht merken läßt, daß man ſich im tiefen Suͤden des Vaterlandes befindet. Vom erſten Mai an werden die Vergnuͤgungen außer der Hauptſtadt zahlreich und geregelt. An Sonn⸗ tagen wird überall öffentticher Tanz unter offe⸗ nen Pavillons im Freien gehalten. In der Woche beſucht man am Dienſtag und Donners⸗ tag das huͤbſch gelegene Bogenhauſen, am Don⸗ nerstag Großheſellohe, in einem Waͤldchen an der Iſar, den Luſtgarten zu Voͤhring, wohin am Iſarſtrand ein angenehmer Weg fuͤhrt, und von wo aus man die Thuͤrme und Haͤuſermaſſen Muͤnchens im Perſpektiv hat; Harlaching, auf dem ſteilen Iſarufer, und die reizend ſituirte Menterſchwaig, von deren Altane eine entzuͤ⸗ 223 ckende Ausſicht uͤber Stadt und Fluß ſich dar⸗ bietet. Dieſe Altane iſt leicht, aber ſo niedlich disponirt, daß man ſich in warmen Sommer⸗ naͤchten daſelbſt auf den Balkon eines italieni⸗ ſchen Hauſes traͤumen mag.— Auf der andern Seite beginnen in dem großen engliſchen Gar⸗ ten— einer Meiſterſchöpfung der Kunſt, in Muͤnchens ziemlich unwirthlicher Gegend— die Luſtfahrten und Spaziergänge der ſchonen Welt, die ſich täglich in dem Schloßchen von Neuberg⸗ hauſen beim dampfenden Kaffee zuſammenſindet. An jedem Mittwoch Abends ſpielt Militär-Muſik am chineſiſchen Thurm im engliſchen Garten; am Abend des Samſtags iſt jederzeit im Hof⸗ garten Muſik. An allen dieſen genannten Or⸗ ten iſt die Geſellſchaft republikaniſch gemiſcht, und es iſt angenehm, die verſchiedenen Klaſſen der Geſellſchaft im Freien in Eines verſchmol⸗ zen zu ſehen.— Indeſſen hat auch im Mittel⸗ punkt der Stadt ein anderes Vergnuͤgen ſeinen Thron aufgeſchlagen; der Bockkeller hat ſeine Pforten geffnet, und ſpendet dem Volke ſeine 224 Bierſchaͤtze. Man ſagt, daß dieſes Bier aller Biere zuerſt in Muͤnchen auf Befehl eines Her⸗ zogs gebraut wurde, deſſen Gemahlin ſchwer er⸗ krankte, weil ſie dieſes in ihrem Vaterlande ge⸗ braͤuchlichen Labſales entbehren mußte. Die Be⸗ reitung dieſes Einboͤcks blieb von jener Zeit an ein Regal, und ſo iſt es auch noch heute. Bei der alljährigen Eroͤffnung dieſes Kellers, der in einem unſchoͤnen Stadttheil liegt, und ſelbſt ein unſchoͤnes Gewoͤlbe iſt, geht es heiß her, und die Schaaren der ruͤſtigſten Biertrinker loͤſen ſich ununterbrochen darinnen ab, vom Morgen bis zum ſpaͤten Abend, ſo lange die Bockzeit (ungefaͤhr 4 bis 5 Wochen) dauert. Dort toͤnt unaufhoͤrlich Muſik, Gelaͤchter ohne Ende; dort rinnt unaufhoͤrlich das Faß, und nur mit Muͤhe laͤßt ſich eine hinlaͤngliche Menge der genialen Bockwuͤrſte erzielen, die, nur in dieſer Zeit be⸗ reitet, den Gutſchmecker reizen. Dort ſitzt der Poͤbel neben dem Mann von Bildung, der auch manchmal ein Halbſtündchen wie verſtohlen dort zubringt; Soldat neben dem Bauer, Handwer⸗ 225% ker neben Studenten; und Alle, von Froͤhlich⸗ keit aller Art hingeriſſen, vergeſſen das truͤbe Gewoͤlbe, von wenigen Lichtſtuͤmpchen beleuch⸗ tet, und verſetzen ſich in eine Welt, wo man keinen Unterſchied des Ranges kennt.— In dieſe Zeit fallt auch die erſte Dult in der Vor⸗ ſtadt Auz nur drei Tage dauernd, aber von vielen Tauſenden beſucht, ergiebiger als die Dult der Hauptſtadt ſelbſt. Dort wird viel ge⸗ kauft und viel zum Kauf ausgeboten; Seiltaͤn⸗ zer und Gaukler, Gluͤcksſpiele und wilde Thiere treiben dort ihr Weſen; die ſchweigerſche Volks⸗ buͤhne hat in ihrem leichten Bretterhauſe ihre Darſtellungen eroͤffnet, und zieht zweimal tag⸗ lich, um 4à Uhr Nachmittags und 8 Uhr Abends ein zahlreiches Publikum vor ihre duͤſter bren⸗ nenden Lampen. Da treibt die gemeinſte Ko⸗ mik, oft eine recht geſunde, ihr Spiel; da wer⸗ den Ritterſtuͤcke losgelaſſen, die ihresgleichen in der Welt nicht haben, pappendeckelne Drachen getoͤdtet und der grauſigſte Spuck getrieben, vor dem man ſich fuͤrchten wuͤrde, wenn er nicht ſo Spindlers ſämmtl. Werke. XVI. Winterſpenden 2. 15 lächerlich waͤre; da wird nicht ſelten in buͤrger⸗ lichen Poſſen eine recht derbe Naturphiloſophie gepredigt, und dem Volk eine Ahnung von thea⸗ traliſchem Genuß verſchafft. Leider iſt der Con⸗ traſt zwiſchen der hoͤlzernen Volksbuͤhne und den prachtvollen Hallen des Hoftheaters allzugroß, um eine Fortbildung der Menge in dieſem Be⸗ tracht zuzulaſſen. Eine Mittelſtation, wie das ehemalige Iſarthortheater war, waͤre vielleicht zu wuͤnſchen. In fruͤheren Jahren beſaß Muͤn⸗ chen ſein Hoftheater, die italieniſche Oper, das Theater am Iſarthor und die Lipperlkomoͤdie zu einer und derſelben Zeit, und alle dieſe Schauſpiele waren zahlreich beſucht. Seit je⸗ ner Epoche hat aber die Volkszahl in Muͤnchen noch ſehr betraͤchtlich zugenommen, ſo wie uͤber⸗ haupt dieſe Reſidenzſtadt das Beiſpiel der groß⸗ artigſten Entwicklung in unverhaͤltnißmaͤßig kur⸗ zer Zeit darbietet, die ſich je in Deutſchland begab. In demſelben Monat lockt das Pferderen⸗ nen zu Erding viele Muͤnchner zu dem ſechs 227 Stunden entfernten Orte. Eine Woche ſpäter fällt das Pfingſtfeſt ein. Am Pfingſtmontag iſt die aͤußerſt zahlreich beſuchte Kirchweih in Groß⸗ heſelohe, und die Pfingſttage hindurch große Geſellſchaft, beſonders von dem Perſonal der Kaufmannſchaft, an den reizenden Ufern des Starenbergerſee's. Nach dieſer Zeit eroffnen ſich die vielen laͤndlichen Baͤlle, die von ver⸗ ſchiedenen Koͤrperſchaften in Großheſelohe und Neuberghauſen veranſtaltet werden. Große Ele⸗ ganz und Zierlichkeit der Einrichtung wie der Geſellſchaft dabei, zeichnen dieſe Unterhaltungen aus. Der Junius bringt ſeine neuen Frenden. Das große Frohnleichnamsfeſt, eines der herr⸗ lichſten des roͤmiſch-katholiſchen Cultus, nimmt darunter den erſten Platz ein. Gruͤne Bäume ſchmucken Kirchen und Haͤuſer; ſchoͤne Altaͤre ſind in den Straßen, durch welche die Prozeſſion geht, errichtet. Das Pflaſter der Gaſſen iſt mit friſchem Gras und Blumen beſtreut. Das Buͤr⸗ germilitär in ſeinen ſchoͤnen Farben, die Kuͤraſ⸗ — 228 n ſiere in ihren funkelnden Harniſchen, paradiren auf Straßen und Plätzen; allenthalben Trom⸗ petenklang und froͤhliche Muſikchoͤre, allenthal⸗ ben unuͤberſehbares Gewimmel der bunten Volks⸗ maſſe; Glockenklang aus den Luͤften, Kanonen⸗ donner aus der Ferne, feierlicher Geſang der Prieſter und des Volks, flatternde Fahnen und Paniere, und endlich der lange ſchoͤne Zug, den der Franziskanerkonvent mit ſeinem Blumen⸗ kreuze eroͤffnet, und in deſſen Mitte unter dem Baldachin, der den Erzbiſchof mit dem Heilig⸗ thume ſchirmt, auch der Koͤnig einhergeht, mit entbloͤßtem Haupte und die Kerze in der Hand, gefolgt von den Prinzen ſeines Hauſes, ſeinen Generalen und Miniſtern, von den Buͤrgermei⸗ „ ſtern und Raͤthen der Stadt, den Lehrern der Hochſchule, und allen Staatsdienern in feſtlicher Uniform. Dieſer Tag laͤßt einen unausloͤſchli⸗ chen Eindruck in dem Herzen desjenigen zuruͤck, der das Feſt mit eigenen Augen geſehen. Froͤh⸗ lichkeit und Luſt herrſcht uͤberall, und das leicht bewegliche Volk von Muͤnchen freut ſich ſchon im Voraus auf das große Kirchenfeſt zu Ehren des heil. Benno, des Landespatrons von Bayern, welches in ſelbem Monat faͤllt, und mit großer Prozeſſion begangen wird; dann nicht minder auf die Johanniswoche, binnen welcher die Pfarr⸗ kirche zu Haidhauſen zählreich beſucht wird, wie auch die Kirchweih in Harlaching, die ebenfalls Anlaß zu vieler Luſtbarkeit gibt. Der Julius hebt an mit dem Eingang der Wallfahrten nach Rammersdorf, Thalkirchen und Maria⸗Eich, bei Planeck; ſie dauern dreißig Tage hindurch und das leibliche Vergnuͤgen bei Schmaus und Geſelligkeit geht, beſonders in dem Wirthsgarten zu Thalkirchen, mit den geiſt⸗ lichen Beduͤrfniſſen Hand in Hand. Den ſtatt⸗ lichen Krebſen an dem letztern Ort wird bedeu⸗ tend nachgeſtellt.— Am Abend des ſiebenten Julius iſt große Muſik vor der Hauptwache zur Vorfeier des Geburtsfeſtes Ihrer Majeſtaͤt der Koͤnigin. Dieſer Tag wird noch beſonders durch glaͤnzende Bälle bei Hof, im Muſeum und in der Geſellſchaft des Frohſinns gefeiert.— Die e⸗ N 230 Magdalenenwoche zieht hierauf die andächtigen und luſtigen Muͤnchner nach dem koͤnigl. Schloſſe Nymphenburg, und die daſelbſt befindliche Mag⸗ dalenenkapelle. Der Magdalenentag beſonders lockt bei guͤnſtiger Witterung Tauſende von Be⸗ ſuchern nach dem genannten Schloſſe, deſſen Waſſerwerke ſchon von vielen Fremden bewun⸗ dert wurden. Am Jakobstag hebt die Som⸗ merdult in Muͤnchen an. Was von der Drei⸗ koͤnigsmeſſe geſagt worden iſt, gilt im Ganzen auch von dieſer; nur vermehrt die ſommerliche Witterung das Zuſtroͤmen des Publikums und beguͤnſtigt die Aufſtellung von vielen Curioſita⸗ ten. Der Platz vor dem Carlsthor iſt dann ſehr lebendig; Buden mit Reitern und Sprin⸗ gern, mit Menagerien, Rieſen und Zwergen, eine wandelnde Waffelkuͤche, Affenkomodien, Polichinelltheater, erfuͤllen den Raum, und bis in die dunkle Nacht toͤnt das Gelaͤrm der gro⸗ ßen Trommel, die rauhe Trompete der Puppen⸗ ſpieler, und die Orgel der Baͤnkelſänger neben dem Jubel aus den mit gruͤnen Tannen 231„ geſchmuͤckten Trinkhaͤnſern, die ſich laͤngs dem Dultplatz hinziehen. Muſterhafte Ordnung wird indeſſen allenthalben beobachtet, und nach vier⸗ zehn Tagen verſchwindet die hoͤlzerne Stadt wieder ſo geraͤuſchlos als ſie ſich auferbaute. Der Auguſt zaͤhlt weniger Feſte und Luſt⸗ barkeiten als die vorausgehenden Monate, wenn man von den fortdauernden Sommervergnuͤgun⸗ gen abſtrahirt; aber das Portiunkulafeſt bei den Franziskanern wird ebenfalls hoch gehalten, und am hoͤchſten das Doppelfeſt der Geburts⸗ und Namensfeier Sr. Maj. des Koͤnigs. Schoͤne Muſik vor der Hauptwache wird am Vorabend gehalten, und der Tag ſelbſt von dem geſamm⸗ ten Volke aufs herzlichſte gefeiert, wenn auch der einfache Sinn des Monarchen ſich jedem rauſchenden Prunk entzieht. Indeſſen fehlen doch haͤufig glänzende Geſellſchaftsbaͤlle und Feſtſpiele im voͤllig beleuchteten Hoftheatergebaͤude nicht. Am erſten Montag des Septembers iſt der große Markt zu Käferlohe: ein Volksfeſt, wel⸗ ches ſeines Gleichen vielleicht nicht hat. Viele 282 Tauſende von Menſchen verſammeln ſich ſchon in den fruͤheſten Stunden des Tages auf der drei Stunden entlegenen Waldwieſe. Dieſer Markt iſt auch eigentlich eine rechte Waldwirth⸗ ſchaft. Die voͤlligſte Ungebundenheit herrſcht daſelbſt, und wird zur Loſung des Tages. Man bivonakirt theils auf dem Raſen, theils in den Fuhrwerken; die wenigen Häuſer, welche die Kirche umgeben, faſſen kaum die Zahl der Taͤn⸗ zer, aus den niederſten Volksklaſſen; von der einen Seite umgibt eine Wagenburg, von der andern die Reihe breitgeſtirnter Rinder und wohlgenaͤhrter Pferde den ganzen Bezirk. In der Mitte deſſelben ſind leichte Trinkhuͤtten, zi⸗ geunerhafte Kuͤchen, und mehrere Reihen von Jahrmarktsbuden errichtet. Jeder ankommende Marktgaſt verſieht ſich in der Regel mit einem Straͤußchen bunter Blumen, das er auf den Hut ſteckt, oder mit irgend einem laͤcherlichen Or⸗ denszeichen, das er in ſein Knopfloch haͤngt. Man denke ſich nicht etwa lukulliſche Schmau⸗ ſereien auf jenem Platze. Das beſcheidenſte Ge⸗ 233 richt— einfache geſottene Wuͤrſte— wird ge⸗ ſucht; das einfachſte Getränk— ziemlich ſchlech⸗ tes Bier, ſchlecht gemeſſen— wird beliebt. Wer etwas Beſſeres haben will, mag es in ſeinem Wagen oder in ſeiner Taſche mitbringen. Die groͤßte Derbheit, um mich gelinde auszudruͤcken, iſt an der Reihe, und die Loſung„keferloheriſch“ entſchuldigt alles. Darum ſieht man auch Ban⸗ den von jungen Bonvivans aller Klaſſen, am fruͤhen Morgen ſchon berauſcht, mit Tannenpruͤ⸗ geln in der Hand, ausgelaſſen durch das Volk ſturmen, aus dem Wege ſchleudernd, was ihnen nicht behagt, treibend, was dem Publikum vicht behagt, die Maädchen necken, Glaͤſer, die ihnen nicht gehoͤren, austrinken, allerlei muͤßige Spaͤße machen, und auf jede Zurechtweiſung nur„keferloheriſch“ antworten.— Daß hiebei Gluͤcksſpiele und Gaukler nicht fehlen, und manche Verwirrung vorfaͤllt, der von der Wach⸗ ſamkeit der Gensd'armerie nicht geſteuert wer⸗ den kann, laͤßt ſich begreifen. In dem Dunkel des Abends ſoll alles dieſes ſich noch hoher ſtei⸗ gern, doch„man begehre nimmer zu ſchauen, was die Goͤtter gnädig bedecken mit Nacht und mit Grauen!“— Es iſt am Intereſſanteſten, wenn man ſich am Abend in einem der Haͤuſer am Gaſteig einquartirt, und von dort aus be⸗ haglich die Unzahl der Heimkehrenden muſtert. Wagen draͤngt ſich an Wagen, und der Zug der froͤhlichen Fußgaͤnger dauert, gleich einer Pro⸗ zeſſion, bis in die ſpaͤte Nacht.— Den Monat hindurch reihen ſich kirchliche Feſtlichkeiten an⸗ einander: Walfahrten nach Harlaching und zu den Franziskanern; die Kirchweih in der St. Peterspfarre; Prieſterweihungen nebſt Primi⸗ zen; die Kirchweih in der Vorſtadt Au; Kir⸗ chenbeſuche zu St. Michael naͤchſt Berg am Laim. Das ſchoͤne Wetter, welches gewoͤhnlich hier im September herrſcht, beguͤnſtigt alle dieſe Anlaͤſſe. Der Oktober bringt das großartigſte Volks⸗ feſt, welches Muͤnchen aufzuweiſen hat: das landwirthſchaftliche Feſt auf der Thereſienwieſe. Es dauert im Ganzen vierzehn Tage, wenn man die Vortage dazu rechnet, an welchen die M 235 b Muͤnchener ſchon die bereits aufgeſchlagenen Wirthsbuden auf der Wieſe beſuchen. Am er⸗ ſten Sonntag im Oktober jedoch beginnt das eigentliche Feſt, verherrlicht durch die Gegen⸗ wart des Koͤnigs, der in eigener Perſon die Ausſtellungen der landwirthſchaftlichen Erzeug⸗ niſſe, ſo wie die aus allen Theilen des Reichs herbeigefuͤhrten Zuchtthiere beſichtigt. Wuͤrtem⸗ berg hat im Kleinen ein aͤhnliches Feſt bei Cann⸗ ſtadt, unfern von Stuttgart. Auf dem Okto⸗ berfeſt aber zu Muͤnchen verſammelt ſich eine Volksmenge von 40 bis 50,000 Menſchen, die von einer Anhoͤhe herab alles ſehr bequem mit anſehen koͤnnen, was ſich auf der Wieſe begibt: Die Preisvertheilung an die tuͤchtigſten Oeko⸗ nomen, das Pferderennen, welches darauf folgt, und im Ganzen den Pomp, welchen beſonders das Buͤrgermilitaͤr bei dieſer Gelegenheit ent⸗ faltet. Unter einem einfachen aber geſchmack⸗ vollen Zelte, umweht von den funkelnden Preis⸗ fahnen und den bayeriſchen Farben, iſt der Mo⸗ narch Zeuge und Theilnehmer der Feierlichkeit. 236 Das Geſchuͤtz, auf der Wieſe aufgepflanzt, ver⸗ kuͤndet das Erſcheinen und Hinweggehen des Fuͤrſten, und lauter Vivatruf empfaͤngt und be⸗ gleitet ihn. Unzaͤhlige Equipagen in doppelter oder dreifacher Reihe ſtehen laͤngs den Schran⸗ ken der Rennbahn; Vogel- und Scheibenſchie⸗ ßen laden in einem entlegeneren Theile der Wieſe die zahlreichen Schuͤtzen aus allen Gegenden des Koͤnigreichs zu dieſem bayeriſchen Nationalver⸗ gnuͤgen; ein reich begabter Gluͤckshafen lockt die gewinnluſtige Menge zum Einſatz; in mehreren Huͤtten wird getanzt, in vielen getrunken und geſchmaust: eine Plateforme, von einem induſt⸗ rioͤſen Kaffetier errichtet, bietet der eleganten Welt, die nicht in ihren Equipagen verharren will, angemeſſene und geraumige Zuſchauerplaͤtze. Acht Tage waͤhrt dieſe Feierlichkeit, binnen wel⸗ chen noch ein zweites Rennen, Ringelſtechen u. ſ. w. vorkommen. Taͤglich erneuert ſich der Be⸗ ſuch der frohen Gäſte; Muͤnchen wimmelt von Fremden. Alle koͤnigliche Kunſtanſtalten ſind in dieſen Tagen gaſtfreundlich geoͤffnet; das Hof⸗ 237 theater verſpart fuͤr dieſe Zeit ſeine vorzuͤglich⸗ ſten Leiſtungen. Der Koͤnig beſucht oͤfters den Feſtplatz, und erſcheint nicht ſelten darauf zu Fuß, im ſchlichten Kleide, der erſte und edelſte Buͤrger ſeines Staates. Er liebt es, unter den Schuͤtzen umherzuwandeln, ein Zeuge ihrer Ge⸗ ſchicklichkeit zu ſeyn. Mit derſelben Freundlich⸗ keit naͤhert er ſich dem reichen Buͤrger wie dem Landmann aus dem Hochgebirge, deſſen maleri⸗ ſche Tracht einen herrlichen Contraſt zu den ſtäͤd⸗ tiſchen Kleidungen gibt. Ein brillantes Feuer⸗ werk macht den Schluß des ganzen Feſtes, wel⸗ chem unmittelbar die Namenstagsfeier Ihrer Majeſtaͤt der regierenden Koͤnigin folgt, mit Muſik und Baͤllen begangen, wie die uͤbrigen Feſttage des Herrſcherpaares. In dieſelbe Zeit fällt die große Kirchweih zu Unſerer lieben Frau⸗ das Trauerfeſt zum Gedächtniß des hochſtſeli⸗ gen Konigs Max Joſeph und das feierliche Re⸗ quiem fuͤr die verſtorbenen Marx⸗Joſeph⸗Ritter, alle drei Jahre wiederkehrend die große Kunſt⸗ ausſtellung in dem koͤnigl. Akademiegebaͤnde, die * 238„ vier Wochen dauert und Hohe und Niedere an⸗ lockt.— Am dritten Sonntag des Oktobers wie⸗ derholt ſich mit demſelben Zulauf wie im Mai die dreitaͤgige Dult in der Vorſtadt Au.— Wer etwa nach all dieſen Vergnuͤgungen noch eine Leere in ſich verſpuͤren ſollte, mag in der letzten Haͤlfte des Monats noch den Uebungen der Ar⸗ tillerie, und dem naͤchtlichen Leuchtkugelwerfen, das hin und wieder vorkommt, beiwohnen. Die Uebungen in der militäriſchen Schwimmſchule ziehen auch den ganzen Sommer hindurch eine Menge von Nengierigen an. In den Anfang des Novembers faͤllt das große Allerſeelenfeſt. Ein ſchoönes Feſt, dem die erlauchte Herrſcherfamilie ebenfalls beiwohnt, zu Fuße wandelnd, und faſt ohne alle Begleitung, ſobald die Witterung es nur einigermaßen er⸗ laubt. Bei dieſem Feſte iſt der Zutritt zu den mit Trauerpomp geſchmuͤckten fuͤrſtlichen Gruͤf— ten geſtattet.— In dieſem Monat entfalten die Jagden des Koͤnigs, die ſchon im September begannen, ihren vorzuglichſten Glanz. Die ruͤ⸗ N 239 ſtige, wenig beſchaͤftigte Maͤnnerwelt von Muͤn⸗ chen, gleichviel ob jagdkundig oder nur von Neugierde getrieben, folgt zu Roß und Wagen dem koͤniglichen Jagdzuge nach Forſtenried, Gruͤnwald, Hohenlinden, Schoͤngeißling, Schleiß⸗ heim u. ſ. w.— Am 25. November oder am fol⸗ genden Tage ſind die letzten Geſellſchaftsbaͤlle und Volkstanze vor Weihnachten. Der Advent tritt ein, eine ſtille geſperrte Zeit. Die geſellſchaft⸗ lichen Unterhaltungen beſchraͤnken ſich auf min⸗ der rauſchende Vergnuͤgungen. Das ſtillere Ge⸗ muͤth und der ruhige Sinn gewinnt die Ober⸗ hand. Im Dezember, am Feſte der unbefleckten Empfaͤngniß, wiederholt ſich das Ritterfeſt des heil. Georgs⸗Ordens, und in den Tagen darauf wird Vigil fuͤr die verſtorbenen Großmeiſter und Ritter gehalten.— Am 22. Abends wird die Weihnachtsdult eroͤffnet; die vielen durch die Nacht glaͤnzenden Lichter ſcheinen recht traulich uͤber die meiſtens beeiste und beſchneite Flaͤche des Boulevard hin. Das Weihnachtsfeſt, die⸗ 240 ſes Feſt der Kinder und Eltern, welches um ſeiner Gemuͤthlichkeit nirgends abkommen ſollte, wird in Muͤnchen recht fromm und freigebig be⸗ gangen.— Die Metten in der Chriſtnacht wer⸗ den viel beſucht und mit Ordnung abgehalten. Ebenſo waͤhrend des Advents die ſogenann⸗ ten Engelaͤmter oder Fruͤhmetten, in den ver⸗ ſchiedenen Kirchen der Hauptſtadt; Rendez⸗vous verſchiedener Klaſſen und Staͤnde.— Nach der wuͤrdevollen Feier des heiligen Chriſtfeſtes be⸗ ginnt bald nach dem Stephanstage wieder der Cyclus geraͤuſchvoller Vergnuͤgungen. Die Tanz⸗ ſaͤle ſind wieder geoͤffnet, der Jubel des Volks iſt nicht mehr gehemmt; der Sylveſterabend iſt wie allenthalben ein froͤhlicher, glaͤnzender Ueber⸗ gang in das neue Jahr. So haͤtten wir denn in dieſen Zeilen die ſchwachen Umriſſe eines Muͤnchner Feſtkalenders entworfen. Dieſer Kalender iſt, wie man ſieht, nicht arm. Rechnet man noch dazu die Genuͤſſe, welche von den verſchiedenen Kunſtanſtalten und N 241 Vereinen der Hauptſtadt das ganze Jahr hin⸗ durch geboten werden, die Feierlichkeiten der Univerſitaͤt, die glaͤnzenden Privatzirkel in vor⸗ nehmen Haͤuſern, die haͤufigen Verſammlungen der Kuͤnſtler bei froͤhlicher Tafel, die immer fortdauernden Leiſtungen des Liederkranzes in dem. praͤchtigen Odeonſaale, die oͤffentlichen Schauſpiele, die Feſttage der Zuͤnfte u. ſ. w., ſo wird zumal ein Fremder leicht ahnen koͤn⸗ nen, daß er haushaͤlteriſch mit ſeiner Zeit umzugehen hat, wenn er von jeder Quelle des Frohſinns, die in Bayerns Hauptſtadt ſprudelt, einige Tropfen fuͤr ſich gewinnen will. Man darf behaupten, daß ſelbſt in Oeſt⸗ reichs Kaiſerſtadt verhaͤltnißmaͤßig nicht ſo viel erlaubt und gethan wird, um die Heiterkeit des Volks zu befoͤrdern. Die Freude iſt in Muͤn⸗ chen ein eigentliches Element, und wenn wir die Kehr⸗ und Schattenſeiten dieſes Luſtgemäl⸗ des wie billig uͤbergangen haben, ſo geſchah es, weil wir uͤberzeugt ſind, daß ohne Schatten Spindler's ſaͤmmtl. Werke XVII. Winterſpenden 2. 16 N — — — — — — — 8 — — —. = S — — — — — 5S0 v — 8 S — — 5 2 = c 8 £ zu wurdigen weiß. icht; in mr — vergils me oder: das nie geſehene Bild. — . Der aus Italien zuruͤckgekehrte Oberkam⸗ merherr war der Gegenſtand der vollkommenſten Aufmerkſamkeit in dem, nicht zahlreichen aber glaͤnzenden Zirkel geworden, welchen die Koͤ⸗ nigin in dem einſamen Luſtſchloſſe ihres Ge⸗ mahls um ſich zu verſammeln pflegte. Die Er⸗ zahlungen des Weitgereisten verkuͤrzten einen unfreundlichen Gewitterabend, der den ſchatten⸗ reichen Hain, welcher das Schloß umgab, mit Blitzſtrahl, Regenguß, und Hagelſchlag heim⸗ ſuchte. L⸗ Phantaſie der koͤniglichen Herrin hatte Zeit, lange in den Erinnerungen zu ſchwel⸗ gen, die des Oberkammerherrn Berichte in ihr erweckten. Der Koͤnig jedoch, am Naͤhern, An⸗ gelegentlichern haͤngend, unterbrach den Spre⸗ cher kurz und gut mit der Frage, ob nichts 246 Neues in der Hauptſtadt vorgefallen, die er auf ſeiner Reife zum Hoflager beruͤhrt hatte. Der Oberkammerherr pries die Ruhe und Eleganz der Hauptſtadt, verſaͤumte nicht, die Weisheit des Fuͤrſten zu ruͤhmen, der alles ſo gut ge⸗ macht, und ſchloß mit der Verſicherung: außer der Kunſt⸗ und Gewerbausſtellung beſchaͤftige die Reſidenzbewohner gegenwaͤrtig nichts, als ihr eignes Haus und ihr Wohlleben.— Prin⸗ zeſſin Eliſe erkundigte ſich eifrig nach dem Stre⸗ ben jener Anſtalt, die ihrer Anregung allein ihr Daſeyn verdankte, und der Oberkammerherr ließ ſich geſchmeidig in ein Detail der in der praͤchtigen Gallerie ausgeſtellten Herrlichkeiten ein. Vom Geringern zum Höhern,— vom Hand⸗ werk zur Kunſt vorſchreitend, ließ er zuletzt, was an Gemaͤlden vaterlaͤndiſcher die Sammlung verherrlichte, und beſchrieb mit der Gewandtheit eines Cicerone alle Madonnenbil⸗ der, Genreſtuͤcke, Hiſtorienmalereien und Por⸗ träts, welche des Gedaͤchtniſſes werth waren. Danit zum Schluſſe gelangt, unterbrach er ſich 247 plotzlich, und ſagte, wie mit einem Verweiſe gegen ſich ſelbſt:„Beinahe haͤtte ich vergeſſen, Ewr. Majeſtäten ein Doppelbild zu nennen, das, obwohl anonym und unguͤnſtig aufgeſtellt, durch Idee und Ausfuͤhrung die Krone ſeiner Umge⸗ bung genannt zu werden verdient. Etwas Wun⸗ derſameres habe ich in meinem Leben nicht ge⸗ ſehen, und jetzt noch, da ich davon rede, tre⸗ ten mir alle Einzelnheiten des frappanten Ta⸗ bleau's hell und entſchieden vor die Seele, daß ich ſie werde wiedergeben koͤnnen, ohne etwas Unerlaͤßliches hinwegzuthun.“— Dieſe Vorrede war geeignet, die hoͤchſte Neugier zu erregen, und die Gebieterin des Hauſes, ſo wie ihre Geſellſchaft bildeten einen engern Kreis um den Erzähler.—„Stellen ſich Ewr. Majeſtäten eine ziemlich große Tafel vor, in zwei gleiche Haͤlften getheilt, von wel⸗ chen eine jede ein eignes Bild darſtellt;“ be⸗ gann der Oberkammerherr:„die Bedingung des Raums trennt dieſe Bilder in der Form; ihr Weſen aber iſt eines und daſſelbe.— Auf dem 248 erſten iſt ein Maͤdchen zu ſchauen, in der Bluͤthe und Fülle der ſchoͤnen Jahre; das Gewand flattert loſe und leicht, der Fuß betritt in ſchwe⸗ bendem Tanze das ſchwankende Schifflein, wel⸗ ches— ohne Ruder und Anker,— der in Schaumwellen aufkräuſelnde Strom vom Ufer zu treiben ſcheint. Des Mädchens Augen bli⸗ cken ſehnſüchtig auf in die Ferne,— in ihren Zuͤgen liegt romantiſche Begeiſterung. Am Ge⸗ ſtade, das die Schifferin verläßt, ſtehen theil⸗ nehmende Geſtalten. Ein Greis im Silber⸗ haare winkt ihr das Lebewohl, eine Gruppe von Maͤdchen, bluͤhend wie ſie, und traulich umſchlungen, laſſen Tuͤcher und Bänder nach der Scheidenden flattern,— ein Juͤngling— ſchoͤn und ernſt— faltet die Haͤnde gegen ſie, und aus den Wolken blickt ein freundlich liebe⸗ voll wehmuͤthiges Antlitz auf ſie hernieder. Un— zaͤhlige uͤppige Roſen winken von dem herrlich geſchmuͤckten Ufer herab, und bilden einen ſelt⸗ ſamen Contraſt zu den lauernden gruͤnhaarigen Nixen, die unter'm Spiegel des Waſſers in 3 kaum angedeuteten Umriſſen ſchwimmen, und den ſchwachen Kahn fortzuziehen ſcheinen. Das Maͤd⸗ chen— man ſieht es— treibt dahin auf ge⸗ faͤhrlicher Bahn, aber ermahnend, wohl auch huͤlfreich, ſchwebt neben ihr eine aus dem zar⸗ teſten Schimmer gewebte Geſtalt— ohne Zwei⸗ fel die ewig jugendliche Hegemone— und Er⸗ mahnung und Bitte ſcheint ihr beſorgter Blick, ihre flehende Geberde auszudruͤcken. Ob die Schiffende der Grazie ferner angehoͤren, oder den dickkoͤpfigen Niren verfallen werde, iſt die Frage, mit welcher der Beſchauer ungerne das reizende Bild verlaͤßt, um ſich zu deſſen Sei⸗ tenſtuͤcke zu wenden.“„Nun?“ fragte die Koͤ⸗ nigin, fragten die Prinzeſſinnen:„weiter, Herr Graf. Wir ſind begierig zu erfahren, wie ſich die ſeltſame Compoſition ferner ausſpinnt.“— Der Oberkammerherr fuhr mit hoͤflicher Ver⸗ beugung fort:„Auf dem Bilde, das wir jetzt betrachten, iſt die Hauptfigur ein junger Mann mit Wanderſtab und Taſche, der der engen Pforte eines Hauſes enteilt, und keck,— man N 250 bemerkt es genau— auf den breiten Heerweg tritt. Frei athmet er, und Luſt und Behagen ſpricht aus ſeinem weitgeoͤffneten Auge. Le⸗ bensfreudig vorwaͤrtsſtrebend achtet er nicht fer⸗ ner der ehrwuͤrdigen Matrone, die ihn am Kleide zuruͤckhalten moͤchte,— nicht der holden Jungfrau, die ſehnſuͤchtig die Haͤnde ausſtreckt; nicht des treuaugigen Hundes, der, an die Kette geſchmiedet, dennoch ſich aufwartend und bit⸗ tend aufgeſetzt hat. Aus den Fenſtern eines ſeitwaͤrts liegenden Gaſthofes zeigt der Kellner eine Rechentafel und ſchwingt die Muͤtze,— ein Jude ſteht am Wege und hält ein Papier hin, das der Wandrer verſchmäht; am Brun⸗ nen im Vorgrunde verbengt ſich eine lockend und leichtfertig ſcheinende Dirne ſchnippiſch und pi⸗ kant gegen den Juͤngling, und bis hirher bildet das Gemaͤlde eine beitre Scene, wenig getrüͤbt von der ſtillen Trauer im Hintergrunde; aber — vor dem Wandrer, der ſorglos in die Luͤfte ſchaut, reißt ſich eine Kluft auf, in welcher eine ehrfurchtgebietende Leiche ſchwebt, mit ehrlichem und ſtrengem Antlitze. Ihre Augen ſind ge⸗ ſchloſſen, aber mahnend hebt ſich gegen den Da⸗ herſchreitenden die Rechte, waͤhrend die Linke, wie in ruhigem Bewußtſeyn, auf der Bruſt ruht.— Und ſomit“— ſchloß der Erzähler— „iſt das Bild zu Ende.“— Eine kurze Stille herrſchte in der Geſellſchaft. Der Koͤnig lehnte duͤſter im Seſſel; die Koͤnigin, an welche ſich die holden Töchter horchend angeſchmiegt, nahm das Wort und ſprach:„Das Bild iſt zu Ende, und der Beſchauer ſteht vor einer raͤthſelhaften Allegorie, zu welcher den Schluͤſſel zu finden, wohl nicht ſchwer ſeyn duͤrfte. Der Mann, das 3. Weib, hinaustretend in das weite Leben aus dem engen Vaterhauſe, hinter ſich laſſend das traulich ſchirmende Dach, und die uͤppigen Ro⸗ ſen der Kinderfreude, der Jugendluſt, um auf falſchem Gewäͤſſer zu ſchaukeln, oder auf duͤrrer Heerſtraße ſich zu muͤhen— ſie ſind— oder mein Gefuͤhl muͤßte ſich ſehr irren— die Ge⸗ genſtände, die der dichteriſche Maler darſtellen wollte.“—„Dem Scharfſinne Ewr. Majeſtat ————— S. — 232 Wb entginge das Schwierigſte nicht;“ verſicherte der Oberkammerherr:„allein in dieſem anzie⸗ henden Doppelgemaͤlde findet ſich noch mehr, wenn man nicht außer Acht laͤßt, daß es mit einem Vergißmeinnichtkranze eingefaßt iſt,— daß die Schiffende dieſe Blume im Haar, der Wanderer ſie an der Bruſt traͤgt. Die Bedeu⸗ tung des harmloſen Bluͤmchens, wie unſere Sprache vor allen andern ſie beſtimmte, dachte der Kuͤnſtler nebenbei wieder zu geben, und wie ſehr hat er in der beſchraͤnkten Faſſung das nothwendige Charakteriſtiſche erreicht! Der Scheidende iſt dem Zuruͤckbleibenden an und fuͤr ſich ein Vergißmeinnicht; aber eben dieſe, in den Boden, den die Liebenden verlaſſen, Feſt⸗ gewurzelten, moͤchten ihr Gedaͤchtniß dem Zug⸗ vogel eben ſo feſt einpraͤgen. Vergißmeinnicht! rufen der ſilberlockige Vater, der Jugendfreund, die Geſpielinnen dem Maͤdchen nach; Vergiß⸗ meinnicht! fluſtert die verklärte Mutter aus den Wolken, und die mahnende uͤber dem Waſſer ſchwebende Grazie der Weiblichkeit. Wohl der — 3 2353 n Sterblichen, uͤberhoͤrt ſie nicht den warnenden Ruf. Wohl auch dem Juͤngling, wenn der Mutter, der Braut, der Glaͤubiger: Vergiß⸗ meinnicht! noch lange in ſeinem Herzen an⸗ klingt; treu wird er wiederkehren und edel; die Verſuchung am Wege ſeines Lebens verſchmaͤ⸗ hen, und der väterlichen Ehre eingedenk ſeyn, die aus dem duͤrren Boden, durch den ſtummen Mund der Leiche ihm: Vergißmeinnicht! zu⸗ ruft.“— Die Königin ſtand ſchnell auf, nickte — wie es ſchien, von Thraͤnen uͤbermannt, dem Erzähler leicht zu, ſtuͤtzte ſich auf die beſorgten Toͤchter, und ging, von dem herzudraͤngenden weiblichen Hofſtaat umrauſcht, wie eine gegen die Ohnmacht Ankaͤmpfende aus dem Gemache. Der Koͤnig warf ihr einen unzufriednen Blick nach, der endlich auch den Oberkammerherrn traf, welcher, wie niedergedonnert, in der Mitte des Saals ſtand, ohne zu wiſſen, wie und wa⸗ rum das Beſondere ſich begeben. Die Hoͤflinge waren ſchen zuruͤckgewichen, und ziſchelten ſich in die Ohren.—„Geruhen Ew. Majeſtat mir 254 anzudeuten, ob ich den gegenwaͤrtigen Auftritt durch irgend eine Unſchicklichkeit oder Indis⸗ kretion veranlaßte, oder ob ein leidiger Zufall hier mitgewirkt;“ ſprach endlich ſchuͤchtern und zagend der Graf zum Könige. Statt der Ant⸗ wort gab der Herrſcher den Umſtehenden einen Beurlaubungswink, und gebot dem Grafen, zu bleiben. Näher gerufen, und der Erlaubniß, dem Fuͤrſten gegenuͤber zu ſitzen, ſich erfreuend, harrte der Oberkammerherr erwartungsvoll der Rede, die ſein Gebieter an ihn richten wuͤrde. „Unwiſſenheit entſchuldigt;“ begann der Koͤnig in ſeiner gewohnten kurzen Redeform:„die Königin findet ſich aber unangenehm von dem Namen: Vergißmeinnicht beruͤhrt. Es iſt eine alte Wunde, die heute aufgeſprungen iſt, und daher die auffallende Scene. Ihnen mag es unverholen bleiben, Graf, wo die Sonderbar⸗ keit wurzelt.— Ich hatte— es moͤgen neun⸗ zehn Jahre verfloſſen ſeyn,— die Zuͤgel dieſes Staats übernommen. Die Sorge dafuͤr rief mich, den kaum Vermaͤhlten, in's Feld gegen die Feinde, welche die vertriebene Regenten⸗ familie im Auslande mir gemacht. Eine Schlacht ſiel vor. Den gluͤcklichen Ausgang zu melden, ſendete ich einen jungen Ordonnanzoffizier in die Hauptſtadt, an den ſehr bejahrten Schwie⸗ gervater. Schnell, wie der Befehl lautete, war er wieder zuruͤck im Lager,— doch zugleich mit ihm die geheime Depeſche meiner eifrigen Agen⸗ ten, die im Stillen den Volksgeiſt huͤten, den Pallaſt beobachten, und der Kronprinzeſſin, mei⸗ ner Gattin, Wandel belauſchen ſollten. Der Ordonnanzoffizier, lange ſchon insgeheim fuͤr meine Gattin entbrannt, hatte aus ihren Haͤn⸗ den ein Sträußchen von Vergißmeinnicht in be⸗ ſonderer Audienz empfangen. Meine Eiferſucht kannte keine Graͤnzen. In dem naͤchſten Rei⸗ tergefechte fand der Offizier den Tod, und— wie die Sage ging— auf ſeiner Bruſt lagen die verhaͤngnißvollen Blumen. Nachdem ich als Sieger heimgekehrt, klaͤrte ſich's auf, daß meine Gemahlin dies Geſchenk mir zugedacht, unbe⸗ kannt mit der Wallung des ungetreuen Boten, der fuͤr ſich die Liebesgabe einer Königin be⸗ hielt.— Judeſſen war's zu ſpaͤt. Mutter und Schweſter trauerten an ſeinem Grabe, und das reizbare Gefuͤhl meiner Gattin trug das Leiden davon, das heute, nach ſo bielen Jahren ſich wieder geaͤnßert hat.“— Der Koͤnig ſchwieg hier, die Stirne duſterer faltend, und ſtuͤtzte den Kopf in die Hand. Der Oberkammerherr, von dem ſeltſamen Vertrauen des Monarchen uͤberraſcht, und ſich peinlich beengt fuͤhlend, wagte nicht, eine Sylbe zu entgegnen. Der Koͤnig, ſtatt ihn zu entlaſſen, wiegte das Haupt in truͤbem Sinnen,— ein bitteres Laͤcheln um⸗ ſpielte den Mund, der endlich wieder Folgen⸗ des vernehmen ließ:„Es war damals eine boͤſe Zeit fuͤr mich. Mein Temperament war, von Jugend unterſtuͤtzt, doppelt heftig, und des Widerſtands auf meiner Laufbahn fand ich viel. Durch! durch! war mein Wahlſpruch. Worte fruchteten nicht; Gewalt that Alles. Ich war den Leuten viel zu neu; die Verwegenheit eines Mannes ohne Herkommen, eine Krone anzu⸗ 257 nehmen, ſchien ein Verbrechen. Das verwieſene Herrſchergeſchlecht ſpukte noch in vielen Koͤpfen und Zungen des Volks. Ich hatte den Oheim der Vertriebenen mit Heeresgewalt auf dem Thron erhalten, ich hatte die oͤffentliche Ruhe gerettet, das Eigenthum, die Kirche, das Va⸗ terland. Bewieſen hatte ich, daß Niemand es beſſer verſtehe, das erſchlaffte Staatsgetriebe neu zu ſchaffen,— aber als die Augen des Alten ſich zuthaten, und ich ſeinen Scepter— dem Vertrage gemaͤß— ergriff, da ging ein Schrei der Beſtuͤrzung durch das Land. Die Thoren hatten geglaubt, ich wuͤrde das ſelbſt erbaute Haus den entfremdeten Merovingern uͤberlaſſen, und hoͤchſtens als ihr Majordomus die Ochſen an dem Wagen dieſer Popanze lei⸗ ten!— Eine Verſchwoͤrung zettelte ſich an. Sie entſinnen ſich, daß die Blume Vergißmein⸗ nicht als Rebellionszeichen galt. Ich meyne jedoch, die Faktion der Fluͤchtlinge vergißt ſelbſt jener Tage nicht, wo ich aus der Gruft des verblichnen Koͤnigs die ſchweren Befehle gab, Epindlers ſämmtl. Werke. XVIM. Winterſpenden 3. 17 welche die ſchwere Zeit erforderte. Der erſte Name, der in der Liſte der Ergriffenen mir in die Augen ſprang, hieß Albo. Jener Offizier, ſeine Familie, trugen dieſen Namen. Ich wußte, daß die Freifrau mich unverſoͤhnlich haßte ſeit dem Tode ihres Sohns, daß ihre Tochter nicht minder mich verabſcheute, daß ein wuͤthen⸗ der Anhaͤnger der Vertriebenen im Begriffe war, der Letztern die Hand zu reichen. Jetzt platzte die Bombe. In dem Hauſe des Albo ſollten Zuſammenkuͤnfte gehalten worden ſeyn; die Freyin ſollte geſchworen haben, ihre Toch⸗ ter nur demjenigen ihrer zahlreichen Bewerber zu uͤberlaſſen, der an meinem Untergange den thätigſten Antheil nehmen wuͤrde und was der Rachbegierde Plane noch mehrere ſind. Meine Strenge ſprach den Tod uͤber das ra⸗ ſende Weib;— die Milde meiner Gemahlin, der man vorgeſpiegelt hatte, die Beſchuldigun⸗ gen, die man auf Mutter und Tochter gehaͤuft, ſeyen nur ein Werk des Neides und Privat⸗ haſſes geweſen,— dieſe Milde alſo entwaffnete „ 259 meinen Spruch. Ich verbannte die Weiber, und zog ihre unbewegliche Habe ein. Der Braͤu⸗ tigam ſtarb noch im Kerker, und ſomit hatte ſich das Schickſal jener Familie betruͤbend erfuͤllt.“ — Neue Pauſe. Der Fuͤrſt fuhr dann langſam und eintoͤnig fort:„Ich will nicht laͤugnen, daß ich in ſpäterer Zeit mit einem gewiſſen un⸗ willigen Mitleid jener armen Weiber gedachte, die in's Elend wandern mußten, und daß ich ihnen noch ſpäter nachforſchen ließ. Mir wurde keine Spur von ihnen bekannt. Allein, ich ſehe, daß ich mich mehr in's Plaudern vertieft habe, als ſonſt wohl meine Sache iſt. Zu etwas An⸗ derem. Wer iſt der Maler, der jene Bilder, von welchen Sie geſprochen, entworfen hat?“ —„Sire;“ entgegnete der Oberkammerherr: „ſeinen Namen kenne ich nicht; wohl aber iſt derſelbe dem Inſpektor der Gallerie nicht fremd. Ich weiß nur, daß er kein Unterthan Ewr. Majeſtät iſt, und nur um die Verguͤnſtigung gebeten hat, einige Tage hindurch das Doppel⸗ bild, hinter der Thuͤre,— ſo zu ſagen,— auf⸗ 17* d 260 ſtellen zu duͤrfen. Vor der Hand verweilt er noch in der Reſidenz.“—„Ja, ja;“ ſprach hier⸗ auf der Koͤnig:„Niemand als Cremato kann dies Bild erfunden haben; nur ſeine Staͤrke gibt ſich in ſolchen allegoriſchen Compoſitionen kund; und die Anſpielung auf das Vergißmein⸗ nicht, ja, ja, wackrer Knabe,— wir wollen Friede machen, und Dein Kuͤnſtlerſtolz ſoll an der Sonne meiner Gunſt ſchmelzen. Ich will den Maler ſehen, Herr Graf. Sie werden ſich bemüͤhen, ihn hieher zu bringen. Er wird nicht gerne gehorchen, allein ein eigenhaͤndiger Befehl von mir ſoll alle Behoͤrden zu Ihrer Verfuͤgung ſtellen. Mit dem Fruͤhſten reiſen Sie ab, und uͤbermorgen erwarte ich den Widerſpenſtigen. Gute Nacht, Herr Oberkammerherr!“ Der Graf entfernte ſich unterthaͤnig, und der Koͤnig zog ſich in ſein Kabinet zuruͤck. Nach einigem fruchtloſen Kampfe bezwang er die auf⸗ fallende Schwermuth, die, oͤfter als je, ſein Gemuͤth umdüſterte, und trat an den Tiſch, auf welchem Bericht und Depeſchen, von dem Courier * — 261 ſo eben uͤberbracht, in bedeutender Anzahl la⸗ gen. Ungeduldig ſuchte er unter den machtigen Briefen einen hervor, den er mit Spannung und tiefathmender Bruſt erbrach. Doch nach ven erſten Zeilen verſchwand die unruhige Er⸗ wartung aus ſeinen Zuͤgen, Heiterkeit verbrei⸗ tete ſich uͤber dieſelben und mit einem leiſen: „Gut! gut! brav gemacht!“ ergriff er den ſil⸗ bernen Leuchter, und oͤffnete, ungeduldig, ſeine Zufriedenheit mit einer verwandten Seele zu theilen, die Tapetenthuͤre, welche in den Cor⸗ ridor fuͤhrte, der ſeine und der Koͤnigin Zim⸗ mer verband. Schnell hatte er den kurzen Weg zuruͤckgelegt, und horchte an dem Schluſſelloche des Schlafgemachs. Er hoͤrte Stimmen, ſah Lichtſtrahl und oͤffnete raſch mit ſeinem Haupt⸗ ſchluſſel die verborgene Thuͤre. Die Koͤnigin war noch wach und angekleidet. Sie ſaß in dem Lehnſeſſel und lehnte mit freundlicher Hin⸗ gebung das Haupt an Eliſens Bruſt. Zu ihren Fuͤßen, auf dem niedern Tabouret, ſaß Sophie, die jungere Prinzeſſin, und ſchmiegte lächelnd 2* 262 das bluͤhende Antlitz an die Kniee der Mutter. Das ſchoͤne Familienbild uͤberraſchte den Koͤ⸗ nig, und er befahl in einer Wallung hausvaͤ⸗ terlicher Laune den Frauen, die ſich ehrfurchts⸗ voll erheben wollten, in ihrer Stellung zu ver⸗ harren. Die Gruppe blieb alſo dieſelbe, aber der vorige Geiſt war von ihr gewichen, und den Koͤnig ſelbſt verletzte nach der Beſchauung einiger Augenblicke der Zwang.„Ich vergaß,“ ſagte er gekraͤnkt, indem er den Damen ein Zeichen gab, ihre Stellung zu verlaſſen,—„ich vergaß, daß mein Wunſch wohl einem ganzen Reiche zur Richtſchnur dient, aber kein Gefuͤhl hervorzuzaubern vermag. Die Thraͤnen jedoch, die ich in Ihrem Auge ſehe, Madame, kann ich nicht billigen. Sie haben dem Hofe ein Schau⸗ ſpiel gegeben, deſſen Motive zu veraltet ſind, um ferner gelten zu koͤnnen, und zu geringfügig, um Ihren Toͤchtern vertraut zu werden, wie ich vermuthen muß, daß es geſchah.“—„Sie irren, Sire;“ verſetzte die Koͤnigin, die letzte Thraͤnenſpur aus ihren Augen trocknend:„die —— N 263 Zäͤrtlichkeit der Toͤchter hat mich gepflegt, nicht ihre Neugier.“— Die Prinzeſſinnen kuͤßten ſchmeichelnd und liebkoſend der Mutter Hände, und der Koͤnig antwortete:„Recht; das muß ich loben, und um zu beweiſen, daß es mir Freude macht, zu erheitern, will ich Euch, meine Lieben, mittheilen, was mein Herz erquickt, und meiner Vaterſorgen Bürde um Bieles erleichtert. Dieſer Brief.... von meinem Geſandten im Nachbarlande— deckt einen heitern Himmel über mir auf. Die Zwiſtigkeiten, Gränz⸗ und Rechtsſtreite, die ſeit langer Zeit jenes Gebiet und das meine feindlich zu trennen drohten, lo⸗ ſen ſich friedlich auf, und gewiß darf ich dar⸗ auf rechnen, in kurzem einen außerordentlichen Botſchafter an meinem Hofe erſcheinen zu ſehen, der, fuͤr den Prinzen Julius um Eliſens Hand zu werben, beauftragt iſt.— So iſt mir's doch endlich gelungen, als volle Zahl in den Ver⸗ band der Souveraine einzuſchreiten. Der gluͤck⸗ liche Soldat iſt vergeſſen, und zum Koͤnig werden furderhin die Könige ſprechen; ihm in A 264 Liebe den Rang einraumen, zu dem Fortuna den Gewaffneten emporgehoben! Mein Name, das Gedaͤchtniß meiner Thaten wird nicht un⸗ tergehen mit meiner Huͤlle. Lebt mir auch kein Sohn, ſo wird doch der Enkel meine Krone tragen, und meines muͤhevollen Wirkens Frucht genießen“— Die Koͤnigin reichte ihm ſanftlaͤ⸗ chelnd die Hand, und ſprach:„Das Gluͤck be⸗ gleite Sie ferner, gnaͤdigſter Herx. Ihrer Weis⸗ heit fugt ſich gerne die Gattin, und die Tochter wird die Pflichten erfuͤllen, die ihr Stand ihr auferlegt.“—„Haben Sie mich denn nicht frühzeitig gelehrt, gtige Mutter, daß Entſagen und Opfer unſere Beſtimmung iſt?“ fragte Eliſe ruhig, wenn gleich von einem leiſen Seufzer unterbrochen:„Ich werde meinem koͤniglichen Vater gehorchen, ohne Widerrede, ohne Mur⸗ ren, wenn gleich...“—„Wenn gleich der Prinz dem Ideale nicht entſpraͤche, das ein Maͤdchenherz ſich zu ſchaffen pflegt?“ ergaͤnzte der Koͤnig:„Ohne Sorge, beſte Tochter. Der Prinz wird als ein zweiter Bayard geruͤhmt, 265 deſſen Tapferkeit mit der anmuthigſten Cour⸗ toiſie Hand in Hand geht. Der ſchoͤnſte Mann iſt er nun wohl nicht, wie ich vernommen habe, aber leidlich, und im Beſitze all der glänzenden Eigenſchaften, welche eine vollkommene fuͤrſtliche Erziehung bedingt, und deren Wirkung auf Frauenſeelen unbeſtreitbar iſt. Auf jeden Fall wirſt Du eines beſſern Freiers Dich ruͤhmen duͤrfen, als Deine Mutter, die ich, unbedeutend an Geſtalt und Herkunft, aufgewachſen in des Feldlagers rohen Sitten, der Bewunderung ih⸗ res Vaters mit dem Schwerte abrang. Die eherne Zeit herrſchte dazumal im Lande, mein Degen mußte Euerm Großvater, meine Kinder, das Koͤnigsgewand zuſchneiden, das er ſeinen Vettern abgenommen hatte, wie's das Volk ver⸗ langte. Mit Deiner Vermaͤhlung jedoch, meine Tochter Eliſe, ſoll eine goldene Zeit beginnen. Feſte will ich geben, daß vor meinem Glanze wie vor meinem Ruhme die Welt verſtummen ſoll; abſonderlich die Laͤſterzungen, die mich den Geizigen ſchelten, weil ich bisher meinen Schatz 266 vor den Speichelleckern ſtreng verſchloſſen hielt. Auch dieſes altfraͤnkiſche Gebaͤude ſoll ein Feier⸗ kleid anziehen, und von bunten Bildern feſtlich ſtrahlen. Cremato koͤmmt wieder, und ſein Pin⸗ ſel ſoll meiner Freigebigkeit wuͤrdig dienen.“— „Cremato!“ fragte die Koͤnigin verwun⸗ dert:„Eremato?“ riefen die Prinzeſſinnen wie aus einem Munde, und erinnerten ſich wech⸗ ſelſeitig des wunderlichen, vielbeweglichen Ita⸗ lieners, der manchmal wie ein fluͤchtiger Schat— ten am Hofe erſchienen, dann wieder verſchwun⸗ den war; der über die Zeichnungen der könig⸗ lichen Kinder ſich nicht ſcheute die derbſte Kri⸗ tiklauge zu gießen, von welchem aber die klei⸗ nen Schülerinnen in einer Viertelſtunde,— kieß er ſich bisweilen zum Unterrichte herab,— mehr lernten, als von den wohlbefoldeten Hof⸗ lehrern in Monaten.— Die Koͤnigin hielt es jedoch fuͤr gut, die plaudernden Prinzeſſinnen nach ihrem Schlafzimmer zu weiſen, und die Gehorſamen erfullten gar willig den Befehl der geliebten Mutter.— „Was will Cremato hier?“ fragte dieſe Letztere den Gemahl, der, im Plane der glaͤn⸗ zendſten Zukunft verſunken, ſchweigend auf⸗ und niederging:„Sein Name weckt neue Stachlen des Kummers in meiner Bruſt. Gibt es wieder eeine nene Verſchwoͤrung zu denunziren? Soll wieder Blut fließen, ſollen wieder Unſchuldige 3 in's Elend wandern? Rede, mein Gemahl, was 3 ſoll der entſetzliche Ankläger, der den Jammer von Tauſenden auf der Seele hat?“—„Das Weib verdammt ſo ſchnell und unbedacht, als es entſchuldigt;“ verſetzte der Koͤnig ernſt: „Cremato, durch Zufall mit den erſten Faͤden. der Conſpiration bekannt geworden, hat die 1 Pflichten eines wackern Buͤrgers erfuͤllt, indem er ſie aufdeckte. Cremato war dem Lande und dem Fuͤrſten, die ihm zu jener Zeit Schutz und Sicherheit verliehen, den Dienſt ſchuldig; der gleichgultigſte Fremdling war ihn der Morali⸗ tät ſchuldig. Cremato hat durch ſeine Denun⸗ ziation auch Deinen Thron gerettet, und ver⸗ dient, weder um dieſer Wohlthat, noch um der 268 Uneigennuͤtzigkeit willen, mit der er jeden Lohn ausſchlug, den Undank, den Dein Mund gegen ihn ausſpricht. Wahr iſt's, daß viele Opfer fielen— aber der Drang der Nothwendigkeit forderte ſie gebieteriſch. Darum kein Wort mehr davon. Alles, was ich gethan,— bis auf Ei⸗ nes,— verantworte ich vor dem, der auch den Gewaltigſten richtet!“—„Und eben dieſes Eine,“— erwiederte ſeufzend die Fuͤrſtin,— „hat es nicht zu jener Zeit noch fortgewirkt? Den armen Albo trieb Dein eiferſuͤchtiger Arg⸗ wohn mit Vorbedacht in den gewiſſen Tod, und ſelbſt, nachdem Du eingeſehen, daß meine Un⸗ ſchuld klar, daß nur ein abenteuerlicher Wahn den Juͤngling verleitet, mußten deſſen Hinter⸗ bliebene der fortglimmenden Rache Opfer ſeyn. Cremato's Anklage..—„NRicht doch;“ ant⸗ wortete der Koͤnig verdrußlich:„der Frevel der Weiber floß aus andern Quellen zu meinem Ohr. Ein Geruͤcht hatte ſich verbreitet, Albo ſey hingeopfert worden: die Mutter athmete Rache. genug, das Geſetz haͤtte ſie getoͤdtet; ————— 269 ich begnadigte ſie noch!“—„Fuͤrchterliche Gna⸗ de!“ rief die Koͤnigin,—„die den Ungluͤckli⸗ chen aus der Heimath ſtoͤßt, ihn losreißt von den ſuͤßen Gewohnheiten ſeines Daſeyns, von ſeiner Habe,— von dem Grabe ſeiner Lieben, um in Kummer und Armuth in fremdem Lande zu vergehen. Das verlangte ich nicht, als ich fuͤr die Unſchuldigen— das ſind ſie— um Gnade flehte. Das erwarteten die Armen nicht, die noch aus der Fremde ihre Klagen zu Deinem Throne ſandten;— die Bitte, ſie wie⸗ der in die Heimath aufzunehmen, wenn gleich Duͤrftigkeit und Mangel ihr Loos ſeyn möchte!“ —„Mit Geſetz und Urtheil ſpielt der Herr⸗ ſcher nicht, wie der Gaukler mit der Schlange;“ ſprach der König ſtreng und kurz:„die rache⸗ duͤrſtenden Weiber durften damals nicht wie⸗ derkehren; ſie duͤrfen es jetzt nicht; nimmer⸗ mehr! Und Sie, Madame, moͤchten wohl die Todten ruhen laſſen. Faſſch iſt der von uͤber⸗ reiztem Gefuͤhl diktirte Schluß, Sie hätten den unbeſonnenen Albo durch jenes Blumengeſchen? 270 in den Tod gejagt. Vergeblich ſind daher Ihre Thraͤnen. Des Juͤnglings Verhäͤngniß und meine Leidenſchaft tragen alle Schuld. Sie ſind frei von aller Verantwortlichkeit. Qualen Sie ſich daher nicht laͤnger mit eiteln Schreckbildern, und überlaſſen Sie meinem Gewiſſen die Laſt. Bußpredigten nuͤtzen hier zu nichts, und erbit⸗ tern nur. Aehnliche Verſuche, Madame, wa⸗ ren es, die den Maler Cremato, welchem ich mein Vertrauen geſchenkt hatte, von meiner Seite entfernten. Er hat Albo's Familie nicht beſchuldigt, wie Sie fälſchlich glauben, er hat ſie allzukuhn vertheidigt. Er hat die Frei— heit uſurpirt, mir in's Gewiſſen reden zu wol⸗ len, mir gegenuͤber den Maſſillon zu ſpielen. Ich bin jedoch nur tolerant bis zu einem ge⸗ wiſſen Punkte, und feit neun Jahren hat er den Hof gemieden, an welchem er manchmal erſchien, von dem er ging wie ein Zugvogel.“—„Ich kannte den Mann nicht, wie Sie ihn mir ge⸗ ſchildert haben, Sire;“ ſagte die Koͤnigin, ob⸗ gleich nur halb uͤberredet:„mein Herz ſchau⸗ ——— ſie durch eines Menſchen unerſchrockene Zunge 271 dert vor Strafe und unnachſichtlicher Strenge. Darum zittere ich vor dem Angeber, der Beides durch ſeinen Eifer damals hervorrief. Sie ſa⸗ gen, er trifft wieder ein? Wo lebte er, und wie, bisher?“—„Ich muß geſtehen,“ entgeg⸗ nete der Konig:„daß ich uͤber dieſes Mannes Verhältniſſe ſeit langer Zeit keine richtigen Da⸗ ten habe. Er war ein Menſch, wuͤrdig, eines Koͤnigs Freund zu ſeyn. Ich bin nicht Polizei⸗ meiſter; ich bedurfte nicht mehr. Hatte er ir⸗ gend einen feſten Wohnort? Ich weiß es nicht. In meinen Landen wanderte er nur, ſeit jenem Zeitpunkte, ab und zu. Aber, ſo ſehr ich mich ihn wieder zu ſehen ſehne, ſo weiß ich auch nicht, ob ich das Zuſammentreffen mit ihm fuͤrch⸗ ten ſoll, wie ich ſeit langen Jahren ſein An⸗ denken furchtſam bewahre.“—„Fuͤrchten?“ fragte die Königin mit leuchtendem Auge: „kennt der Held, mein Gemahl, die ſchnoͤde marternde Furcht?“—„Die Bruſt von Erz ſchaudert vor der tief verhuͤllten Richterin, wenn 272* ſich ausſpricht;“ antwortete der Held mit ge⸗ furchter Stirne:„Cremato's letzte Worte moͤ⸗ gen Dich uͤberzeugen, meine reine fleckenloſe Gattin. Mit Ungeſtuͤm, mit dringender Be⸗ redtſamkeit hatte er fuͤr Albo's verbannte Fa⸗ milie geſprochen, ihren Schmerz, weit von dem Lande, das ſie geboren, zu ſterben, geſchildert, im Namen der Menſchheit ihre Zuruͤckberufung verlangt. Ich widerſtand.„Wohl!“ ſprach dann der Sonderbare kalt und drohend zu mir; „wohl! ich laſſe ab von dem kalten Herzen des Eroberers. Fortuna's Sohn uͤberhebt ſich, und kennt das Ungluͤck nicht. Aber fortan wird ein Anderer an meiner Statt zu ihm reden. Albo's Untergang, und wie es dahei zuging, iſt kein Geheimniß, und mein Pinſel ſoll den Ungluͤckli⸗ chen verewigen. Sein Bild in der bleichen To⸗ deslarve, ſein Bild, der Herold blutiger Ty⸗ rannei, ſey mein naͤchſtes Werk, und das An⸗ denken, das ich Ihnen, Sire, uͤberlaſſe. Neh⸗ men Sie es auf als mein Vermaͤchtn ß, und ſo oft eine Ungerechtigkeit, eine Grauſamkeit in 273 1 Ihre Seele, auf Ihre Lippen tritt, ſo ſtehe die⸗ ſes bleiche Geſicht, auf ſchwarzem Grunde ſchwe⸗ bend, vor Ihren Augen; es diene der Rachſucht als Zuͤgel, es erinnere den Uebermuͤthigen an die Vernichtung; es ſchaͤrfe ſeines Gewiſſens Buße.“— Er ging, allein der Stachel ſeiner Rede wirkte von Stunde an. Meine Einbil⸗ dungskraft kehrte tauſend und tauſendmal zu dem entſetzlichen Gemaͤlde, womit er mich be⸗ droht, zuruͤck. Oft, wenn mein traͤumender Geiſt uͤber meine Schlachtgefilde irrte, hob ſich aus den tanſend Leichen nur dieſes eine, rieſenmaͤ⸗ ßige Antlitz geſpenſtig empor; oft, wenn ich, von Geſchaͤften und Muͤhen abgeſpannt, im Seſſel ruhte, ſah ich vor mir an der Wand das verſprochene Bild, den alten Chriſtusgeſichtern aͤhnlich, die auf dem ſchwarzen Grunde ohne Hals und Gewand ſchweben, ſchreckvoll und drohend naͤherſchreitend wie ein fantasmagori⸗ ſches Gebilde!“—„Halten Sie ein!“ rief die Koͤnigin entſetzt, denn, den Eindruck abgerech⸗ net, den dieſe Erinnerung an Albo auf ſie machte, Spindler's faͤmmtl. Werke XVII. Winterſpenden 2. 18 274 ſo war auch des Gemahls Antlitz waͤhrend ſei⸗ ner Erzaͤhlung zum blaſſen Geſpenſt geworden und leiſe, wie geheimnißvolles Fluͤſtern, ſeine Stimme.„Der furchtbare Cremato!“ fuhr ſie fort:„hat er ſein Wort gehalten? Seit wann iſt das unſelige Geſchenk in Ihren Haͤnden, und haben Sie es vernichtet?“— Der Koͤnig ſchut⸗ telte das Haupt:„Ich habe das Gemaͤlde nie geſehen!“ erwiederte er:„Cremato hielt nicht Wort; aber ich ahne— ich weiß es ſicher, daß das Bild vollendet iſt, daß es exiſtirt, und daß mir die Kraft fehlen wuͤrde,— käme es in meine Hände,— es zu vertilgen. Aber ſchauen, ſchauen wuͤrde ich es auch nicht koͤnnen, da meine Phantaſie es ſchon geſchaffen, um mir das Herz zu zerreißen. Unzählige Richterſpruͤche hat es ſchon gemildert, viele Leiden in ihrem einherbrechenden Laufe aufgehalten, denn, ſo⸗ bald ich die Feder ergriff, oder den Mund oͤff⸗ nete, uͤber Leben, Gluͤck und Ehre eines Men⸗ ſchen zu entſcheiden, ſah ich ihn, ſah ich Cre⸗ matos ſchauerliches Werk mir gegenuͤber.“— — 3 3 Der Fuͤrſt brach hier ploͤtzlich ab,— machte noch gedankenvoll einige Schritte durch das Zimmer, und ging dann mit einem kurzen Gruße davon. Die flammende Unruhe, welche das nach langen Jahren endlich hervorbrechende Ge⸗ heimniß in ihm erregt hatte, ließ den Monar⸗ chen nicht der Ruhe genießen. Er ſprang auf vom Lager, oͤffnete das Fenſter, und ſah hin⸗ aus in die ſtill und kuͤhl gewordene Sommer⸗ nacht. Die Baͤume des Hains fluͤſterten, ein⸗ zelne Tropfen, vom lauen Winde geſchuͤttelt, fielen von Blatt zu Blatt; durch den Wald zo⸗ gen, den Schlag der Nachtigall unterbrechend, fern heruͤberdringende harmoniſche Toͤne. So wie des Lauſchers Ohr vertrauter geworden war mit dem Rauſchen des Forſtes und dem traulichen Leben der Waldnacht, wurden auch die fernen Klänge beſtimmter, und geſtalteten ſich zum Liede, das der Koͤnig bald erkannte, tochaufathmend unter der ſüͤßen Buͤrde freund⸗ licher Jugenderinnerung. Die Vergangenheit, weit zuruͤckliegend hinter dem Getuͤmmel endlo⸗ 18* N 276 ſer Kriege, hinter den Taumeljahren des Ehrgeizes und der Ruhmſucht, uͤbte ihren namenloſen Zauber an ſeinem Gemuͤthe. Er ſah ſich wieder als Knabe auf dem Felſen des mittellaͤndiſchen Meeres; er hoͤrte wieder, wie damals, mit unendlichem Be⸗ hagen das melodiſche Lied der Schiffer, wenn ſie entweder im Goldſchein der Morgenroͤthe hinausrudern in die Fluth, oder in des Abends Roſenſchimmer heimkehren zum ſichern Hafen, zur wirthlichen Bucht: O sanctissima, O piissima Pulcis Virgo Maria! Mater amata, Intemerata, Ora pro nobis! Es waren zwar nicht kraͤftige Tenorſtim⸗ men, wie ſie der Suͤden und die bruſterweiternde Meerluft erzeugt, aber wohl zwei klang⸗ und ausdrucksvolle weibliche Stimmen, die das Lied vortrugen, und die Toͤne dem Zuhoͤrer ſo weich N 277 und ſchmeichelnd an den Buſen legten, daß die Ruhe ſich bei ihm einfand, und der Friede— nachdem der Geſang verklungen,— den Dank⸗ baren zum Lager geleitete.„O mein Vater⸗ land!“ fluͤſterte er, ehe er entſchlief:„Heiliger geſegneter Boden! Mich hat das rollende Ver⸗ haͤngniß Deinem Schvoße entriſſen, um mit ei⸗ ner fremden Krone mich an die Fremde zu feſ⸗ ſeln; aber ſehnſuchtsvoll gedenke ich Deiner, und geſegnet, dreimal geheiligt ſeyſt Du, v mein liebes Vaterland, meine fuͤße Heimath!“ „Das iſt nicht Cremato!“ ſprach der Koͤnig, als der Oberkammerherr, dem Befehle gemaͤß, den beſchiedenen Maler bei ihm ein⸗ fuͤhrte, einen ſchlanken ſchoͤnen Mann, dem Juͤngling kaum entwachſen,— mit freier Stirn, feſtem Blick, anſtaͤndiger Geberde und ſchlichter Kleidung.—„Man nennt mich Guido, Sire;“ antwortete er dem Herrſcher furchtlos.—„Guido war von jeher ein gluͤcklicher Patron fuͤr Man⸗ 278 ner Ihrer Kunſt;“ verſetzte der Koͤnig, und ent⸗ ließ den Kammerherrn:„Ich habe Gutes von Ihnen gehoͤrt. Haben Sie das Bild, von dem der Graf geſprochen, mitgebracht?“—„Nein Sire;“ ſagte der Maler achſelzuckend:„Ein freigebiger Kenner hatte es gekauft und wegge⸗ bracht, ehe mir die Botſchaft von Ewr. Maje⸗ ſtaͤt wurde.“—„Schade;“ ſprach der Koͤnig leutſelig:„Ich hätte gerne Ihr Talent bewun⸗ dert. Ich ſchätze die Kunſt, moͤchte Ihrem Pin⸗ ſel Beſchaͤftigung geben.“—„Ich bedaure,“ entgegnete Guido,„Ewr. Majeſtaͤt keine Probe meines geringen Talents zeigen zu koͤnnen. In⸗ deſſen habe ich eine Arbeit mitgebracht, die mir — ich wuͤnſche es,— Ihre Huld erringen wird, Sire. Ich war auf dem Wege zu Ihrem Hof⸗ lager, und habe den Haͤnden Ewr. Majeſtät Eremato's letztes Meiſterſtuͤck zu uͤbergeben.“— Der König verfaͤrbte ſich bei dieſen Worten, die wie ein Blitz in ſeine kaum beruhigte Seele ſchlugen. Er durchbohrte den Maler mit ſeinen Angen; da er jedoch deſſen Unbefangenheit wahr⸗ 279 nahm, ſo faßte er ſich in dem Grade, ihn fra⸗ gen zu koͤnnen:„Cremato? Alſo doch Cremato? Sein letztes Werk? Sie, mein Herr, vielleicht ſein Sohn?“—„Sein Schuͤler, gnaͤdigſter Herr, ſein Schuͤler, der ihn vor wenig Monden zu Neapel begrub, und in des Sterbenden Haͤnde geloben mußte, das Bild an Ew. Majeſtaͤt ab⸗ zuliefern.“—„Cremato todt?“ ſeufzte der Koͤ⸗ nig:„In ihm ſtarb ein wackerer Kuͤnſtler; ein ſonderbarer, aber edler Menſch. Mit Vorbe⸗ dacht habe ich nie nach ſeinen weitern Bezie⸗ hungen geforſcht. Er ſollte mir nur der Menſch ſeyn, den ich ſchätzen konnte!— Und das Bild, von dem Sie ſprachen,“— ſetzte er zoͤgernd bei,—„der letzte Beweis ſeiner Anhaͤnglichkeit — Sie haben es mitgebracht?“—„Ja, Ew. Majeſtaͤt,“ entgegnete Guido:„im Vorzimmer ſteht es; ich eile, es zu bringen.“—„Noch ein Wort!“ begann der Koͤnig unruhig zu dem Kuͤnſtler;„der Gegenſtand des Gemaͤldes.. 2 —„Fuͤr mich ein Geheimniß;“ antwortete Guido:„der Meiſter hat ſtets bei verſchloſſe⸗ 280 nen Thuͤren daran gearbeitet, das Bild mit ei⸗ gener Hand emballirt, und in dem Kaſten ver⸗ ſchloſſen. So ſtand es ſchon lange, zum Abſen⸗ den bereit. Nur mir wollte Cremato es anver⸗ trauen, und ſagte mir auf dem Sterbelager: „Nur Ew. Majeſtaͤt ſey, was das Gemalde vor⸗ ſtelle, bewußt,— und des Kuͤnſtlers aufrichti— ger Dank ſein letztes großes Werk.“ Des Koͤ⸗ nigs Miene hellte ſich auf, und er ließ es ge⸗ ſchehen, daß Guido den Verſchlag, in dem das Gemälde verſchloſſen lag, in ſein Kabinet brach⸗ te. Mit einer Art von geheimem Grauen wies er jedoch den Antrag zuruͤck, das Bild alſobald auspacken zu laſſen.„Auf gelegnere Zeit;“ ſprach er kurz und raſch:„Sie, junger Kuͤnſt⸗ ler, mogen es ſich in meinem Schloſſe gefallen laſſen. Ich werde darauf ſinnen, wie ich Ihnen den ſo puͤnktlich vollzogenen Auftrag Ihres Leh⸗ rers vergelten kann. Hinterließ Cremato Ver⸗ wandte, an welche ich den ungefaͤhren Preis dieſes Meiſterbildes entrichten koͤnnte?“— „Eine Mutter und zwei Töchter;“ entgegnete M 281„ Guido:„Kummer und Mangel druͤckt ſie zwar nicht, aber des Kuͤnſtlers Erbe iſt ſelten Ueber⸗ fluß. Doch nicht mit Geld laſſen ſie ſich gern dieſes Geſchenk bezahlen. Wichtige Gruͤnde be⸗ ſtimmen ſie, im Auslande ſich nieder zu laſſen, und ſie wuͤnſchten eine Zuflucht in dem Reiche zu finden, das Ewr. Majeſtät Weisheit gluck⸗ lich, Ihr Siegesruhm furchtbar macht.“—„Be⸗ willigt!“ antwortete der Koͤnig ſchnell:„CEre⸗ mato's Toͤchter zu verſorgen ſey meine Pflicht, oder hat vielleicht ſein Schuͤler ſchon den Weg zum Herzen der Einen gefunden?“— Guido buͤckte ſich erroͤthend und verneinte.„Ich bin ſchon gefeſſlt und gebunden;“— ſprach er, „allein den Harrenden Ewr. Majeſtät Gnaden⸗ wort zu melden, ſey meine erſte Arbeit. Bald werden ſie in Perſon Ihnen danken, Sire.“— Der Koͤnig nickte wohlwollend mit dem Kopfe, und ſagte:„Laſſen Sie ſich der Koͤnigin vor⸗ ſtellen, und pruͤfen Sie die Zeichnungen und Malerarbeiten meiner juͤngern Tochter. Crema⸗ to's Schuͤler hat ſicher die Kunſtfertigkeit von d 282 n ihm geerbt. Seinen Geiſt leſe ich ohnehin in Ihrem Auge, in Ihren Zuͤgen. Sie gefallen mir, und ich will ſehen, ob es moͤglich iſt, Sie fuͤr mich zu gewinnen.“— Er entließ den freu⸗ digen Kuͤnſtler mit Huld und Wuͤrde. Dann wendete er ſich ſinnend nach dem Winkel, in welchem das verhaͤngnißvolle, verkappte Bild lehnte.„Iſt mir's doch,“— ſagte er zu ſich ſelbſt,—„als ob Albo's Augen ſich durch das Holz bohrten, um mich zu verwunden. Zuͤrnen⸗ der Freund! Auf dem Sterbebette haſt Du, nach ſo vielen Jahren, Dein Wort geloͤst, und den Schatten des Erſchlagenen einheimiſch ge⸗ macht in meiner Koͤnigsburg! Wann werde ich die Faſſung gewinnen koͤnnen, Dein ernſtes Werk zu ſchauen? Es ſchauen? Nimmermehr! ich denke, ich muͤßte vergehen vor dem Anblick. Niemals will ich's ſehen, denn ich kenne es ſchon zu genau. Weg damit!“— Mit eignen Haͤnden verſetzte er den Kaſten hinter den ſchwe⸗ ren Seidenvorhang, der vor einem Fenſter lang und faltig niederfiel. Dann warf er ſich in den 283 n Lehnſtuhl, kreuzte die Arme, und fragte ſich: „Wie iſt es moͤglich, daß eine einzige That, im Rauſche des Wahns vollbracht, ihre Geißel unaufhoͤrlich uͤber meinem wunden Herzen ſchwin⸗ gen mag? Die Fluren, welche meine Schlach⸗ ten mit Blut duͤngten, die Schaffote, die ſich im Laufe der Zeiten auferbauten.... ſie ver⸗ ſchwinden vor meinem in der Vergangenheit pruͤfenden Auge; doch Albo's Grab liegt immer offen vor ihm.“ Es war ſpaͤter Abend geworden. Den Koͤ⸗ nig beſchaͤftigten Regierungsſorgen. Er arbei⸗ tete mit ſeinen Raͤthen. Der Geſellſchaftsſaal war einſam, in den Zimmern der Koͤnigin brann⸗ ten bereits die Kerzen. Prinzeſſin Sophia, von leichtem Unbehagen befallen, hatte ſich in ihr Gemach begeben. Die ſchoͤnere Schweſter Eliſe leiſtete der Mutter Geſellſchaft. Die Lektrice verſah ihr Amt, und trug der erhabenen Ge⸗ bieterin, ihrer Tochter, und der Oberhofmei⸗ ſterin, die allein zugegen war, des beliebteſten Dichters Meiſterwerk vor, in dem er die Wuͤrde und Anmuth der Frauen beſingt. Theilnehmend hoͤrte die Koͤnigin zu; die Oberhofmeiſterin heu⸗ chelte Intereſſe, und wuͤnſchte ſich an ihren Spieltiſch. Ungeduldiger aber noch als ſie, er⸗ trug Prinzeß Eliſe die Vorleſung. Eine uner⸗ klärliche Unruhe ſprach aus jeder Bewegung der ſchoͤnen Jungfrau. Bald ſchweiften ihre Augen an der Decke und den Waͤnden umher, bald ſah ſie unverwandt zum Boden nieder. Die leichte Arbeit, mit der ſie ſich beſchaͤftigte, foͤrderte ſich nicht in ihren gewandten Haͤnden, entſank endlich denſelben voͤllig; mit wachſender Unruhe veraͤnderte ſie einigemal ihren Platz und fuhr ſichtbar zuſammen, ſo oft die Penduͤ⸗ len ſchlugen, und die Zeit wieder um eine Stunde vorgeruͤckt war. Die Koͤnigin, eine be⸗ ſorgte liebende Mutter, ſaͤumte nicht, dies auf⸗ fallende Benehmen zu bemerken, und, ſelbſt aͤngſt⸗ lich werdend, benützte ſie den erſten ſchicklichen Ruhepunkt, der ſich in dem Vortrage der Vor⸗ 285 leſerin ergab, um die Dame ihrer fernern Pflicht fuͤr dieſen Abend zu entbinden. Die Lektrice entfernte ſich; die Oberhofmeiſterin, nachdem ſie die Befehle der Koͤnigin empfangen, folgte, und Mutter und Tochter blieben einſam zuruͤck.— „Erzeige mir den Gefallen etwas auf der Harfe zu ſpielen;“ ſprach die Mutter zu Eliſen:„das Inſtrument, das ich einſt fertig ſpielte, will unter meinen nachläſſigen Haͤnden nicht gedei⸗ hen. Deiner raſchen Jugend wird's beſſer ge⸗ lingen, Gefuͤhl aus dieſen Saiten zu locken. Spiele, mein Kind. Ich bedarf der Erheite⸗ rung.“ Eliſe gehorchte. Ueber die Saiten in praͤludirenden Akkorden glitten ihre zarten Fin⸗ ger, aber die holde Spielerin konnte nicht lange den gemaͤßigten Gang des gewaͤhlten Tonſtuͤcks halten; ein haſtiger zitternder Geiſt wehte bald in den ab⸗ und niedergehenden Toͤnen, zum Preſto wurde das Andante, und brach ploͤtzlich mit einer grellen Diſſonanz ab.—„Verzeihen Sie, Mutter,“ rief die Prinzeſſin aufſpringend: „ich kann nicht weiter ſpielen. Es will mir die N 286* Bruſt zerſprengen, daß ich ſchon ſeit dem Vor⸗ mittage etwas vor Ihnen geheim halte, und Geheimniſſe muͤſſen nicht zwiſchen uns ſeyn.“— „Sie ſollen nicht;“ antwortete die Mutter ru⸗ hig:„da Dein eignes Gefuͤhl Dich zur Mit⸗ theilung antreibt, ſo ſaäume auch nicht, meine Tochter.“— Die Prinzeſſin ſetzte ſich vertrau⸗ lich zu der Mutter, und erzaͤhlte, daß am Vor⸗ mittage, in dem Gemache ihrer Schweſter, bei⸗ nahe unter den Augen der beiwohnenden Aja, während der fremde Maler Sophia's Crayon⸗ ſkizzen durchgeſehen, ein Zettel in ihre Hand gerathen ſey, worauf ſie, wenn gleich uͤberraſcht, dennoch die Worte las:„Gnaͤdigſte Prinzeſſin! „Ohne Zweifel iſt Ihr Herz das, was Ihre liebli⸗ „chen Zuͤge verkuͤndigen: edel, gefuͤhlvoll, milde „und barmherzig. O, ſo werden Sie Fuͤrſpre⸗ „cherin der Armen, die beim Hegereiter im „Forſte ſtill und verſteckt wohnen, und auf ei⸗ „nen Strahl der Hoffnung harren. Hoͤren Sie „ihre Bitten; intereſſiren Sie Ihre erhabene „Mutter fuͤr das Werk der Liebe; ſchuͤtzen Sie 287 „die Aermſten vor dem Zorne Ihres Vaters!“ —„Dieſe raͤthſelhaften und dringenden Worte,“ fuhr die Prinzeſſin fort:„erſchuͤt⸗ terten meine Seele. Der Maler mußte den Zettel in meine Haͤnde gebracht haben.— Mein fragender Blick las in dem ſeinigen die bejahende Antwort. Ich haͤtte vielleicht dem Kuͤhnen zuͤrnen ſollen, aber der redliche biktende Ausdruck, der in ſeinen Mienen lag, entwaff⸗ nete mich, ließ es nicht zu, ihn vor den Augen der Schweſter und der Erzieherin zu beſchämen. Ich.. verbarg die Schrift, ſn Fefen Nach⸗ mittag hat meine ganz ergebene Kammerfrau beim Hegereiter eingeſprochen, eine alte, be⸗ kuͤmmert ausſehende Dame nebſt zwei huͤbſchen jungen Maͤdchen daſelbſt gefunden, und ſie auf meinen Befehl um die eilfte Stunde auf mein Gemach beſchieden, um zu hoͤren, worin ich ih⸗ nen nuͤtzlich ſeyn kann. Ich haͤtte gerne vorerſt vernommen, was die Trauernden begehren, um Sie, theuerſte Mutter, alsdann davon zu un⸗ terrichten, aber meine Unruhe hat mich verra⸗ 288 then, und wenn Sie's erlauben, ſo ſtelle ich gleich Ihnen die Bittſtellerin vor.“—„Wacker, meine Tochter;“ ſprach die Königin, Eliſens Stirne kuͤſſend:„die zu ruͤgende Unbeſonnen⸗ heit, von dem fremden kecken Manne eine Zu⸗ ſchrift anzunehmen, und zu verſchweigen, haſt Du durch Dein Vertrauen wieder herrlich gut gemacht. Wir wollen vereint erfahren, welche Bewandtniß es mit den Fremden hat, und nach Befinden den dreiſten Fuͤrſprecher ſtrafen, daß er uns Unwürdige empfahl, oder ihm danken, daß er uns Gelegenheit gegeben, Gutes zu thun.“ —„Die Kammerfrau Ihrer koͤniglichen Hoheit wartet im Vorzimmer;“ meldete die Kammer⸗ dame der Koͤnigin.— Fliſe ergluͤhte, wie Pur⸗ pur:„Der Zeiger ſteht auf die eilfte Stunde,“ lispelte ſie:„gewiß warten die Beſchiedenen ſchon, und— wenn Sie es erlauben,— laſſe ich ſie hieher fuͤhren.“— Die Königin willigte ein, die Prinzeſſin ertheilte den noͤthigen Be⸗ fehl, und nach kurzer Friſt trat eine in Trauer gehuͤllte hohe Frauengeſtalt in das koͤnigliche 289 4 Gemach, ſtannend, wie es ſchien, ſich der Koͤ⸗ nigin ſchon gegenuͤber zu befinden. Dieſer Um⸗ ſtand raubte ihr jedoch nicht das Geringſte von der Zuverſicht in ihrer Haltung, und jede ihrer Bewegungen verrieth die genaue Bekanntſchaft mit dem Leben der hoͤchſten Staͤnde, obgleich ihre Kleidung einem längſt verfloſſenen Zeit⸗ raume angehoͤrte. Ihr Geſicht, edel und von vieler Wirkung, verrieth ihr hohes Alter, aber der feſte aufrechte Gang ſtrafte beinahe die weißen Haare, die ſich ſpaͤrlich unter dem ſchwar⸗ zen Schleieraufſatze hervorſtahlen, Lügen. Mit den uͤblichen Verneigungen naͤherte ſich die Ma⸗ trone der Koͤnigin, beruͤhrte mit dem Munde, ehe dieſe es hindern konnte, den Saum ihres Gewandes, richtete ſich dann wieder auf, und redete mit bewegter Stimme:„Ewr. Majeſtät ſehen eine Frau vor ſich, die das Ungluͤck ge⸗ habt hat, unter Kummer grau zu werden, und älter, als ihre Gebete es wuͤnſchen. Ein un⸗ gerechtes Schickſal hat meinen Stolz, mein Wi⸗ derſtreben endlich gebeugt. Nachdem ich Alles Svindler's ſaͤmmtl. Werke. XVII. Winterſpenden2. 19 * 290 verloren, bis auf zwei Herzen, die mich lieben, bitte ich nur um die Gnade, innerhalb den Grenzen dieſes Reichs ſterben zu duͤrfen. Ei⸗ nes neuen Throns Erwerb kann Ihren erlauch⸗ ten Gemahl nicht ſo erfreuen, wie mich ein Grab in dieſer Erde!“—„Madame!“ ant⸗ wortete die Koͤnigin befremdet, und ergriffen von dem lebensmuͤden Grame der Bittenden: „bevor Sie weiter ſprechen,— wer ſind Sie? Ihr Name?“— In dieſem Augenblick ſprang die Tapeten⸗ thuͤre auf, durch welche der Koͤnig einzutreten pflegte, und der Monarch, ſeiner Arbeiten ent⸗ laſtet, und Willens, ſeiner Gattin, wie er ge⸗ wohnt, einen heitern Schlummer zu wuͤnſchen, erſchien ploͤtzlich vor den Frauen. Die Koͤnigin und Eliſe ſchwiegen beſtuͤrzt. Furchtlos ſah die Fremde ihm in's Auge. Auf ſie allein traf nur der Flammenblick des Fuͤrſten. Mit einer ſon⸗ derbaren Miſchung von Strenge, Ueberraſchung und Zorn brach er endlich in die Worte aus: „Wen ſeh ich hier? Was geht hier vor? Wie ————— 201* kommen Sie in dies Gemach, Frau von Albo?“ —„Albo?“ rief die Koͤnigin, und ſtutzte ſich, deren Fuͤße wankten, auf den Arm der Lochter. —„Sie haben meiner nicht vergeſſen, Sire;“ entgegnete die Freifrau ernſt und gefaßt:„ſeit manchen Jahren war ich dieſes Namens ent⸗ woͤhnt, und hier gerade, wo er geächtet iſt, hoͤre ich ihn wieder. Ihre Gegenwart, Sire, entſcheidet mein Geſchick, das ich freundlichern Haͤnden anvertrauen wollte. Ungerechterweiſe von Ihrem Staatsrathe verdammt, weiß ich recht gut, daß ich jetzt als Verbrecherin vor Ihnen ſtehe. Ich habe meinen Bann üͤbertre⸗ ten, und der Tod iſt mein Lvos. Schalten Sie mit dieſem grauen Haupte, wie Sie wol⸗ len. Nur meiner Enkelinnen ſchonen Sie, mein Koͤnig. Ihre Mutter iſt hinuͤbergegangen. Sie tragen nicht den verhaßten Namen Albo. Ge⸗ ſtatten Sie den Aermſten, in der Heimath ih⸗ rer Mutter zu leben; Blumen auf mein, auf ihres Dheims Grab zu pflanzen.“— Lange antwortete der Koͤnig nicht, und ſah finſter vor 19* 292 ſich nieder.„Ich bin kein Tyrann, der nach Ihrem Blute durſtet,“ ſprach er endlich:„aber ſtraffallig ſind Sie, und wiſſen muß ich, wie alles dieſes gekommen.“— Eliſe warf ſich zu des Vaters Fuͤßen, und erzählte, was ihr be⸗ gegnet.—„Guido?“ rief der Koͤnig, und zog die Schelle:„der kecke Fremdling ſoll mir auf der Stelle Rede ſtehen.“— Die herbeieilenden Diener wurden beordert, den Maler alſobald herbeizufuͤhren. Die Freifrau ſchien von allem, was um ſie vorging, nichts zu vernehmen. Den Blick gen Himmel gerichtet, die Lippen wie im Gebete bewegend, ſtand ſie da, ein von der uͤb⸗ rigen Welt getrennter und geſchiedener Geiſt. Die Koͤnigin ſprach Worte der Suͤhne zu dem Gemahl, aber ſeine Zuge blieben hart und fin⸗ ſter:„Muͤſſen mich denn immer Bilder einer boͤſen Vergangenheit umſchweben 2 murrte er: „nimmt denn der Tod ſeine ihm längſt verfallne Beute nicht an ſich, um mich nur immerfort zu quälen? Und was konnte Sie, Frau von Albo, bewegen, an der Grenze ihres Lebens, längſt — N 293 ſchon von der Heimath getrennt, ein ſolches Schauſpiel aufzufuͤhren?“—„Das Alter macht mich zum Kinde;“ erwiederte mit eiſiger Ruhe die Freifrau:„ich waͤre verzweifelt in der Fremde; ich mußte, um des Lebens Preis, wieder die Stätte ſehen, die mich geboren. Sie bleibt mein Vaterland, in deſſen Schvos meine Gebeine ruhen wollen, neben denen meines Sohns.“„0 Sanctissima!“ ſangen die zwei Engelsſtimmen durch den Wald, und die Toͤne drangen durch die offnen Fenſter, und auch ſei⸗ nes Vaterlandes gedachte wieder der Fuͤrſt, und ſeufzte tief. Raſch und kuͤhn trat ſo eben durch die Thuͤre der Maler Guidv.„Ihr Be⸗ fehl, Ew. Majeſtaͤt....“ ſprach er; die Frei⸗ frau unterbrach ihn jedoch mit den Worten: „Ich habe mein Spiel verloren, gnaͤdigſter Prinz, und Ihnen empfehle ich die Waiſen, die ich verlaſſen muß.“—„Das wolle Gott und des tapfern Koͤnigs Großmuth nicht;“ antwor⸗ tete der Verrathene, und ging ehrfurchtsvoll auf das Herrſcherpaar zu.„Ich bin Prinz Julius;“ A 294% ſprach er:„von Jugend auf dem Abenteuerli⸗ chen hold, wollte ich mich unerkannt uͤberzeu⸗ gen, ob das Gemuͤth der ſchoͤnen Prinzeſſin, um deren Hand ich werben will, ihren ſeltnen Reizen gleiche. Meine Hoffnung hat mich nicht getäuſcht, und meine Zuverſicht auf Ewr. Ma⸗ jeſtäten Milde wird ſich gewiß zu Gunſten der unſchuldig Gekränkten rechtfertigen, die ich Ih⸗ rer Huld empfehle.“— Die Koͤnigin nickte freundlich dem Fuͤrſtenſohne zuz Eliſe, von won⸗ niger Ueberraſchung bedraͤngt, ſchmiegte ſich ver⸗ ſchämt an die Mutter. Der Koͤnig reichte dem Prinzen die Hand, und ſprach mit leiſem Vor⸗ wurf:„Der junge Held, der an meinem Hofe ſo willkommen iſt, hätte der Verſtellung nicht bedurft, um meine Gerechtigkeit anzurufen. Sein Wort allein ſchon.....“—„Sire;“ un⸗ terbrach ihn der Prinz:„ich ſchmeichelte mir, die Sache ſelbſt werde zu dem irre gefuͤhrten Herzen des weiſeſten Koͤnigs ſprechen, mehr als ein Wort des unbedeutenden Mannes vermoͤchte, welcher ſich gluͤcklich ſchaͤtzen wuͤrde, wenn ihm — —— N 295 der Fuͤrſt, den er ſo ſehr bewundert, erlaubte, ſein Schuͤler zu werden, und ſeiner Familie an⸗ zugehoͤren.“— Der Ehrgeiz des Koͤnigs wurde durch dieſe Rede eines Sproͤßlings alten Fuͤr⸗ ſtengeſchlechts dermaßen geſchmeichelt, daß er, Vaterwonne und freudigen Stolz im Auge, mit den Worten:„Mein Prinz; Ihre Braut!“— dem frohlockenden Julius Eliſen, die gerne Ge⸗ horchende, zufuͤhrte.— Sich gegen die Freifrau kehrend, ſprach er:„Sie haben ſich in den Schutz der Koͤnigin begeben, ich will Sie nicht geſehen haben: aber eine Frau, die gegen mich conſpirirte, dulde ich in meinen Staaten nicht. Gehen Sie zuruͤck; ein Gehalt, hinreichend, Ihre Beduͤrfniſſe zu beſtreiten, auf meinen Schatz angewieſen, ſoll Sie uͤberzeugen, daß ich nicht Privatrache gegen Sie walten laſſe. Mehr kann ich nicht thun.“—„Von der Heimath ſcheiden!“ rief Frau von Albo ſchmerzhaft aus: „Nein, nein, nimmer! Seyn Sie barmherzig, Ew. Majeſtaͤt. Ich war nie ſtrafbar gegen Sie! Das Mutterherz hat ſich ſtets bezwungen. Ich 296 habe Ihnen nie geflucht. Die Verlaͤumdung Ihres verſtorbenen Kanzlers hat mich geſturzt, in's Elend gejagt, und doch hab' ich Ihnen nie geflucht. Darum uͤben Sie Barmherzigkeit. Laſſen Sie eine alte Mutter nicht verzweifeln. Meine Tochter fand ihr Grab in den Wellen,— ich kann es nicht aufſuchen, um darauf zu ſter⸗ ben. Der Grabhuͤgel meines Sohns ſteht in dieſem Lande; ich kann es nicht mehr verlaſſen. Behalten Sie das Geſchenk Ihrer Gnade, Sire. Behalten Sie die Guͤter, die man uns wider⸗ rechtlich entriſſen; nehmen Sie mein Leben, nehmen Sie dieſen meinen letzten Reichthum, meines Sohnes Vermächtniß, nur laſſen Sie mich hier, wo er geboren wurde, enden!“— In der Aufwallung ihres ſtuͤrmiſchen Gemuͤths hatte die Freifrau eine Brieftaſche aus dem Buſen gezogen, mit zitternden Haͤnden daſſelbe dem Koͤnig hingehalten, und einige vertrocknete Vergißmeinnichtblumen, mit Blutstropfen be⸗ ſprengt, fielen daraus auf den Boden. Der Koͤnig, die Koͤnigin ſtanden erſchuͤttert, und: A 297 „0 sanctissima!“ ſchallte auf's neue ſehnend und flehend durch den ſchweigenden Hain.—„Wo⸗ her dieſe wunderbar ergreifenden Toͤne der Hei⸗ math?“ fragte der Fuͤrſt ſtuͤrmiſch.—„Crema⸗ to's Toͤchter ſind's;“ antwortete Prinz Julius: „und hier ſteht ſeine Mutter. Albo's Schwe⸗ ſter war Cremato's Gattin, und endete kurz vor des Mannes Hintritt auf einer Luſtfahrt an der Kuͤſte. Der Schmerz um den Verluſt raffte den Wittwer hin, und ſeine Familie, wel⸗ cher Ew. Majeſtaͤt heute erſt Ihren Schutz ver⸗ hießen, bittet um einen Herd im Vaterlande. Wird ſie ſtets umſonſt flehen?“—„Cremato, Ihrer Tochter Gatte?“ fragte der Koͤnig ſtau⸗ nend:„die Räthſel häufen ſich.“—„In unſe— rer Erniedrigung und Armuth, im fremden Lande fand uns der fremde Mann;“ antwor⸗ tete die Freifrau:„weniger die Liebe als die waͤrmſte Dankbarkeit, die wir ihm ſchuldeten, ſchenkte ihm Leonorens Hand. Gott ſegne den edeln Mann!“—„Gott ſegne ihn;“ ſtimmte Julius feurig ein:„Edler war er, als ſelbſt 298 die Seinen es wußten. Ich war ſein Schüler. Mir entdeckte er ſich. Sein Bewußtſeyn hatte ihn aufgefordert, jene Verſchwoͤrung zu entde⸗ cken; ſein Zartgefuhl folterte ihn, da er erfuhr, daß auch Albo's Familie, der Verlaͤumdung Opfer, in jene Schreckensſache verwickelt wor⸗ den. Unfähig, den Zorn des beleidigten Fuͤrſten zu entwaffnen, ſuchte er unermuͤdet die huͤlfloſe Familie auf, entdeckte ſie, und zwang ſich, den Eheſcheuen, in der Ehe Joch, um der Erhalter derjenigen zu ſeyn, die er ohne Wiſſen und Willen in's Verderben geriſſen hatte. Der Herrliche hielt ſich und ſeine Verhaͤltniſſe vor dem Koͤnige geheim, und verließ denſelben end⸗ lich, da er ſich überzeugt hatte, wie unausloͤſch⸗ lich deſſen Haß gegen Albo's Namen ſich ein⸗ gewurzelt. Sein königlicher Freund hatte nicht einmal erfahren, daß Cremato aus ſeiner eige⸗ nen Heimath ſtammte; ſo ſehr verſchmaͤhte er, durch andere Beziehungen als durch ſich ſelbſt auf die Menſchen— waren es auch Koͤnige— zu wirken. Auf dem Sterbebette empfahl er 299 mir die Seinen, und jenes Bild, das ich nie geſehen. Ein Bild, das ich, nach Eremato's Angabe gefertigt, ausgeſtellt hatte, zog des Oberkammerherrn Aufmerkſamkeit auf ſich, und brachte mich ſchneller an's Ziel. Mein Incog⸗ nito, Cremato's Andenken, jenes vaterlaͤndiſche Lied, das Eremato ſeinen Kindern gelehrt hatte, der Anblick dieſer wuͤrdigen Matrone, der er⸗ lauchten Koͤnigin und ihrer engelgleichen Toch⸗ ter Fuͤrſprache endlich ſollten das Herz kes Koͤ⸗ nigs ruͤhren, und wenn ich recht ſehe, wem es wirklich Thranen ſind, die des hochherzign Fuͤrſten Auge erfuͤllen, ſo iſt der kühne Plan gelungen, und dieſe Nacht macht drei Gluͤckli⸗ che!“— Der Koͤnig ſchwirg im Kampfe mit ſich ſelbſt. Aller Augen hingen an ihm.„He⸗ ben Sie dieſe Blumen auf;“ ſagte er alsdann tief ergriffen zu Albo's Mutter:„Koͤſtlicheres vermag ich Ihnen nicht zu geben, wenn ich Ih⸗ nen auch Alles, was Sie an Guͤtern verloren haben, wiedererſtatte. Albo's, Cremato's Mut⸗ ter! ſeyen Sie gegrußt; vergeſſen Sie, wie ich 300 vergeſſe. Ihr Ende ſoll ruhig ſeyn, und Ihrer Enkelinnen Ausſteuer ſey meine Sorge.“— „Edelſter Furſt!“ rief Julius bewegt, und ſtuͤrzte an ſeine Bruſt, Gattin und Tochter um⸗ ſchlangen ihn. Die Freifrau faltete die Haͤnde und betete:„O ſieh, mein Albo, wie er gut macht! O vergib ihm doch ja, dem Reuigen, wie ich ihn vergebe!“— Als der Koͤnig von dem Tolmel der Freude ſich losmachte, lagen zwei ounderliebliche Maͤdchen zu ſeinen Fuͤßen: Crenato's Toͤchter, und benetzten ſeine Hände „it ihren Thraͤnen.„O sanctissima!“ ſeufzte er bei dieſem Anblick leiſe, machte ſich ſanft von ihnen los, und verſchwand, um den Gluͤcklichen ſeine Thraͤnen nicht zu zeigen. Der Koͤnig hielt Wort, und Friede kam von nun an uͤber den Menſchen. Cremato's Bild jedoch begehrte er nie zu ſchauen, und lange Jahre ſtand es verſchloſſen hinter jenem Vorhange. Die Freifrau war laͤngſt entſchla⸗ 301 fen, ihre Enkelinnen waren laͤngſt Wirthinnen ihres eigenen Heerdes, und eine Schaar bluͤ⸗ hender Enkel,— Eliſens und Sophiens Soͤhne— hatten laͤngſt den Koͤnig ſelbſt zum Großvater gemacht; da trat der Tod langſam zu ihm, und mahnte ihn, abzugehen von der Lebensbuͤhne. Freudig bereitete ſich der Fuͤrſt, und ließ willig die dem Scheidenden werthloſe Krone aus der Hand ſinken. Verſoͤhnt mit dem Leben wurde ſein Blick klar, ſein Herz ruhig, und er verlangte jetzt ſelbſt, Cremato's Bild zu ſehen.„Ich bin ſtark;“ ſprach er zu ſich ſelbſt und zu der weinenden Gattin, der einzigen Vertrauten jenes Geheimniſſes:„ſelbſt im Arm des Todes wird mich des Todten Antlitz nicht ſchrecken, denn er verzieh mir ja!“ Die Huͤlle fiel; muthig warf der Koͤnig den Blick auf die im hellſten Farbenglanz prunkende Tafel und Verklärung leuchtete von ſeiner Stirn. Nicht des Erblaßten ſchreckhafte Todeslarve— ein Cherub, ſtrahlend in hoher Schoͤnheit und himm⸗ liſchem Leben, neigte ſich aus den Wolken dem 302 Beſchauer entgegen. Aetheriſch verſchoͤnert lä⸗ chelten ihm Albo's Zuͤge zu; die Rechte des Engels deutete nach oben, und verſoͤhnend reichte die Linke den aus den Goldhaaren gezogenen Vergißmeinnichtkranz.— Des edeln Malers Werk,— ein Zeuge ſei⸗ ner Menſchenliebe und ſeines Gottvertrauens— wandelte des Monarchen letzten Kampf zum ſanften Hauche um.—„Cremato! Albo!“ ſtammelte er, lächelnd vergebend:„Gattin, Kin⸗ der, mein Volk! lebt wohl! und du mein Va⸗ terland! Vergiß mein nicht!“ Inhalt des zweiten Bandes. Das Schloß zu Caſtellaun. Dichtung und Wahrheit aus den letzten Jahren des ſechzehnten Jahrhunderts. 7 Muͤnchner Feſtkalender.„2201 Vergißmeinnicht; oder: das nie geſehene Bild. 243 —— S ₰ 3 *— 8 8. — S14 SEqae