deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. SLeih und Seſebedingungen. 1 oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2 Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet i — — 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —.————— au 1 Monat 1 W. P 1 Mr 5 Pf. 2 Wi.— Pf. 5„„ 3„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung er Bücher au ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 1 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bucher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Lavenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — 2. Der König von Zion. „—— Romantiſches Gemälde aus dem ſechszehnten Jahrhundert von C. Spindler. „Der Menſch iſt ein eitel, trotzig 45 und verzagt Ding.“ Sirach Erſter Ba Stuttgart, Hallberger'ſche Verlagshandlung. 1840. Der Schneider von Leyden. ——„—.— —— Erſtes Buch. 1530. Erſtes Kapitel. Die Heimkehr. „Natje, Natje! ſind die Tafeln in der Stube gedeckt? — Natie, da fehlen Franſen am Tiſchlaken; Natje, am Torfkeſſel ſind zwei garſtige Rußflecken; Natje, hörſt Du nicht? Wo ſteckſt Du denn, Natje?“ Die Magd ſchlüpfte unter dem niedrigen Querbalken der Thüre durch, die zu ihrer Koje führte, und ſagte ver⸗ drießlich und ſchlecht anſtellig:„Da bin ich ja ſchon, Frau Kampens; kann ja nicht überall ſeyn, liebe Frau. Eine Magd muß doch einen Angenblick dann und wann für ſich haben. Iſt's doch, als ob mit jedem Athemzuge, den ich für mich thue, ein Stüber von Euerm Gelde in die blaue Luft ginge!“ Brummig ſtellte ſie ſich zum Keſſel, und pußzte ihn mit dem Scheuerlappen ſo blank, wie die kupferne Kette, woran die Töpfe hingen.„Die Hexe muß an den Keſſel gegriffen haben!“ keifte ſie halblaut vor ſich hin. 8 »Du biſt verhext, Natje,“« erwiederte die Wirthin: „Seit geſtern iſt Dir der Kopf verdreht; ich hab' es wohl bemerkt. Wie geht das zu? Wer iſt daran ſchuld?“ „Hm, diealte Meert hat mich böſe gemacht.“— „Ei, wie kommt mein gutes Natje zu der hinkenden, boshaften Meert, die zaubern kann, und einen Kater hat, von dem man ſagt, er ſey der Teufel 2 »Eben, weil ſie zaubert, ging ich geſtern Nacht zu ihr, als mich die Frau zum Schiffmeiſter ſchickte.“ „O Du gottvergeſſ'ne Jungfer!“—„Es haben's wohl tauſend Dirnen vor mir gethan, und ich werde nicht die letzte ſeyn, die im Voraus ihren Bräutigam zu ſehen begehrt.“—„Aha, ich verſtehe. Die Alte zeigte Dir im Spiegel Einen, der Dir nicht gefiel!“ „Ihr habt's errathen, Frau. Mein Gott und Vater! ein armes Mädchen, wie ich, wünſcht auch eine Verſor⸗ gung, und die Verſorgung iſt ein Maun. Da wäre aber Hendrick, Ridder's Sohn, der cleviſche Reiter; er ſtünde mir wohl an, und hat geſagt, er wollte mich heirathen, ſobald er von des Herzogs Reiſigen ſeinen Abſchied er⸗ halten. Nun wünſchte ich zu wiſſen, ob der Himmel es wohl zugeben würde, und fragte die Meert. Pfui der Schande, was hat ſie mir in dem Spiegel gezeigt? Einen plumpen, dicken Geſellen in grauer Jacke, gelehnt an eine Gurkenbude. O die Schmach! ich eine Gurkenverkäuferin! ich die Frau des rothnäſigen Dickwanſtes! Ich weine mir die Augen aus dem Kopfe.“ Natje lehnte das Haupt an das Geſimſe des Kamins, und überließ ſich ihrer Trauer, bis Fran Kampens ernſt⸗ haft und derb anhob:„Sey nicht thöricht, Bräutchen, und zerknittere nicht die ſchöngeſteifte Sonntagshaube. Wenn ich Dir nun ſage, daß die Künſte der alten Meert nicht ſo viel bedeuten, als eine taube Nuß? Wenn ich Dir's beſtätige durch mein eigen Beiſpiel 2“ Natje horchte auf. Die Wirthin fuhr fort:„Sieh, 9 die alten Hexen machen den jungen Dirnen ein Blend⸗ werk vor, um Geld zu verdienen, aber der Himmel, der Alles fügt, kehrt ſich nicht an ihre trügeriſchen Künſte. Es ſind beiläufig ſechs Jahre verſtrichen, ſeit ich,— da⸗ zumal ein unverheirathet naſeweiſes Ding,— that, wie Du gethan. Ich hatte keinen Freier, und wuͤnſchte mir doch einen. Ich ſtand in meiner Blüthe, und fürchtete ſchon den Herbſt. Ich war voll Angſt, und opferte der Meert meinen Spartopf, um zu wiſſen, ob ich denn einen Mann bekommen, und wie der Mann ausſehen würde. Denke Dir nur, was das alte Thier mir für mein blan⸗ kes Geld vorſpiegelte2“ „Am Ende was recht Vornehmes2“ fiel Natje ſehr begierig ein:„einen Magiſter, einen Domine, oder einen Rathsherrn, oder einen Kriegsmann mit Fahn' und Ehren 24 „Wohl mehr als dieſes!“ ſeufzte die Kampens un⸗ muthig:„ein Mann zeigte ſich im Spiegel, der mit köſt⸗ lichen Kleidern angethan war. An ſeinen Fingern glänz⸗ ten viele Ringe, goldene Ketten hingen über ſeine Bruſt. Der Mann, obgleich ſehr mager und bleich, gefiel mir. Seine Augen ſchwammen in einer Art von Verzückung, die rothbraunen, krauſen Locken ſeines Haars ſtanden ihm ſo ſchoön; aber, Natje, denke Dir: auf deſſen Locken ſaß— uicht eine Mütze, nicht eine Pickelhaube— aber eine Krone!“ Natje verneigte ſich vor Ueberraſchung, wie in der Kirche.—„Eine Krone von purem Golde, ſage ich Dir,“ fuhr die Wirthin fort:„Die des Kaiſers und Königs kann nicht ſchöner ſeyn.— Ich erſchrack, aber es war ein frendiger Schreck und ich träumte nur von Für⸗ ſten und Prinzen, bis mir ein Paar Tage darauf des Schneidermeiſters Straatner Töchterlein vertraute, daß die alte Meert ihr Zug für Zug denſelben König als künftigen Ehegemahl im Spiegel gezeigt. Da war's am Tage, daß Alles nur Betrügerei. Der Erfolg hat's 10 zudem überflüſſig bekräftigt, denn ein Jahr darauf mußt' ich...« die Frau ſeufzte wieder tief—„den alten Kampens ehelichen, und Straatners Kind folate bald nachher dem murrköpfigen Bäcker, dem Jan Mathieſen von Harlem, zum Altar. Schöne Könige, der melancho⸗ liſche Mehlwurm, und mein ſteifer Schiffmann. Nimm Dir alſo den Spuck nicht zu Herzen, Natje. Kannſt trotz der alten Meert den clev'ſchen Reitersmann dennoch heim⸗ führen. Wiederhole mir aber, was der Schiffmeiſter ge⸗ ſtern ſagte. Er hat nicht Kunde von unſerm Meerſchwein 2“ „Nicht die kleinſte, Frau. Er fürchtet, es ſey verun⸗ glückt in den letzten Stürmen; verunglückt mit Mann und Maus.“ „Mit Mann und Maus 2“ wiederholte die Wirthin nachdenklich, wenn ſchon um ihre Unterlippe ein leichtes Lächeln ſpielte:„Ein ſchönes, ſchlankes Schiff, unſer Meerſchwein; Schade darum. Aber warum führte der Alte das Schiff bis in das ferne Portugal?— und mit aller Mannſchaft, ſagſt Du? Dabei wäre ja auch der Alte ſelbſt? ſo käme er denn gar nicht wieder heim 26 Das letztere ſprach ſie mit leichterm Athemzuge. „Ich fürchte ſchier, liebe Franu,“ verſetzte die Magd ſchalkhaft lächelnd:„Ihr ſeyd wohl ſchon eine Wittib, ohne es zu wiſſen.“—„Vor der Betrübniß bewahre mich der liebe Gott!“ ſagte ebenfalls lächelnd die Wir⸗ thin:„Wer würde mir die Laſt meines Tagwerks tragen helfen2“ „Je nu, der zweite Mann, liebe Frau.“—„Ach, wo fände ſich der zu einer Wittib, wie ich bin 2“— „Ei, Ihr ſeyd groß und ſtark, von rothen Wangen, ſeyd kinderlos, und dieſe Herberge trägt ihre Zinſen. Und wenn ich recht rathe, Frau, ſo iſt der zweite Mann be⸗ reits gefunden.“—„Warum nicht gar, Du kleiner Schelm, Du Närrchen 2“ Natje deutete hinüber nach dem Arbeitsplatze der 11 Zimmerleute, wo hinter einem großen Verſchlage von Holz eine rauſchende Muſik von Hörnern und Poſaunen ſich vernehmen ließ.„Hört Ihr? was gilt's, jetzt iſt er auf die Bühne getreten. Hört, wie das Volk jauchzt. Er iſt ein gar ſchöner Mann, der Meiſter Hazenbrvoker, und ſieht noch viel ſtattlicher aus, wenn er einen heidni⸗ ſchen Kaiſer oder den König David vorſtellt. Und... wie iſt mir denn? da wäre ja gleich der König gefunden, den die alte Meert wohl meinte 2“ „Schweige, Thörin. Siehſt Du nicht, daß ich blut⸗ roth werde? Wir ſtehen da, und ſchwatzen, und verſäu⸗ men die Wirthſchaft. Heffne doch das Schiebefenſter, Meiſter Gylle, der Anſprecher, klopft daran.“ „Ein Känuchen Wermuth, Gevatterin!“ krächzte der ſchwarzbekleidete, mit weißem Faltenkragen und fliegen⸗ dem Mantel geſchmückte Hochzeit-, Kindtauf- und Be⸗ gräbnißlader in die Stube. Während Natzje einſchenkte, plauderte Gylle mit geflügelter Zunge ſeinen Spruch: „Herr Peter Peterſen, von Peters ſelig an der ſcharfen Ecke, ein ehelicher Sohn, wird morgen Nachmittag, zur Vesperzeit, zur Kirche getragen werden. Die Anverwand⸗ ten zeigen's an mit Bekümmerniß, und laden ein zum Leicheneſſen.— Frau Diwara, des Jan Matthieſen, eines Bäckers zu Harlem eheliche Hausfrau, iſt eines Söhnleins geſund und munter geneſen. Der Meiſter Schneider Straatner von Geldern, der Vater der Kindbetterin, läßt es Verwandten und Freunden geziemend freundlichſt melden.— So; das meine Botſchaft, und nun das Kännchen.“ „Zwei für eins; ich kredenze es Euch,“ ſagte die Wirthin mit erkünſtelter Wehmuth:„Ach lieber Meiſter Gylle, wie bald werde ich Euch ebenfalls ausſchicken in der Stadt, meines armen Kampens Hintritt zu melden? Ich fürchte, den Biedermann habe ein Walliſch verſchlun⸗ gen. Keine Welle redet mehr von ihm. Bedauert mich, 12 Meiſter Gylle!“— Worauf der Anſprecher, ſeinen Trank ſchlürfend, die Augen verdrehte, ſalbungsvoll ſagend:„Alle Menſchen müſſen ſterben; vor Allen alte Leute: vor Allen Schiffer und Matroſen, die dem falſchen Meer vertrauen. Troͤſtet Euch, gute Gevatterin. Richter und Bürger⸗ meiſter, geiſtlich und weltlich muß daran glauben. Da ſagt mir mein Klaas, der zu Gravenhagen als Weber ſitzt, daß vorgeſtern der Altſchultheiß Laurenz Bockel das Zeitliche geſegnet hat, nachdem er friſch und wohl eine Makreele verſpeist hatte. In einer Viertelſtunde ge⸗ ſund und todt; ein Schultheiß, ein reicher Mann, kaum in den Fünfzigen; da habt Ihr, wie es in der Welt zugeht. Darum tröſtet Euch, und wenn's an das Anſa⸗ gen kommt, ſo vergeßt nicht etwa den Gevatter Gylle!“ — Er flog davon auf ſpindeldürren Beinen, leicht wie der Deut, den er für ſeinen verfälſchten Wermuth hin⸗ geworfen. Die Wirthin zog aber ihre Kopfbinde feſter, lächelte ſtille vor ſich hin, und ſprach zu Natje:„Rüſte Alles wohl, mein Bräutchen. Wir werden, ſobald nur das Schauſpiel zu Ende, viele Gäſte bei uns ſehen. Sie ſtellen heut den Sturm von Troja vor, und da gibt's immer viel Volk, weil die hölzerne Stadt in Flammen aufgeht. Ich will auch nicht das Ende verſäumen. Halt wohl Haus, mein Herzchen; merke Dir's.“ Mit neidiſchen Blicken nickte die Magd, und rumorte mit Keſſel und Buttertöpfen. Geert, der Kellerjunge, ſchlich ſich zu ihr, um den cleviſchen Reiter, den Abwe⸗ ſenden, zu erſetzen. Die Wirthin eilte indeſſen auf klap⸗ penden Pantoffeln hinüber, wo im weiten Viereck, von Brettern aufgebaut, die Tragödie geſpielt wurde, die halb Leyden herbeigelockt hatte. Die Sonne ſank bereits, und das Trauerſtück näherte ſich der Entwicklung. So eben wurde das ungeheure Roß auf die Bühne gezogen, und der Chor ſang ein⸗ toͤnig:„Das iſt das Pferd, das vermaledeite, aus deſſen 13 Bauch die Streiter ſteigen werden, Troja zu gewinnen. O weh, des blut'gen Werks der Nacht! o weh des Jam⸗ mers vieler Mütter! das Schwert iſt ſtark, doch ſtärker iſt die Bosheit wilder Rachegeiſter!“ Gleich den tauſend und aber tauſend Köpfen, die von allen Seiten ſich begierig auf langen Hälſen ſtreckten, um vom Schauſpiel keine Geberde zu verlieren, ſtarrte die verliebte Wirthin geſpannt und hochathmend in den Trupp der griechiſchen Krieger, die dem Roß entſtiegen, und das hölzerne Ilium mit Feuer anſtießen. Die An⸗ gen der Schifferin loderten heller wie die Fackeln, da ſie des wackerſten Helden anſichtig wurden: Agamemnons, des Königs der Könige, wie er ſo herrlich auftrat, mit nickender Pfauenfeder auf dem goldumzackten Helm; ge⸗ waffnet im Uebrigen zwar, wie ein Küriſſer, aber pran⸗ gend mit einem langen flächſenen Barte, der bis auf den Gurt von Büffelleder niederfiel.— Das war Hazenbroo⸗ ker, der Hauptſpieler und Anführer der Leiden'ſchen Ko⸗ mödiantengilde, die aus den Handwerkszünften zuſammen⸗ geworben wurde, je nachdem eine oder die andere der ſpärlich geſtatteten Vorſtellungen mitſpielenden Volks mehr oder weniger bedurfte. Alle überſtrahlend an Geſtalt, Re⸗ dekunſt und Gelehrſamkeit lebte der geweſene Schulmeiſter, Hazenbrooker, ein Lehrer für Alle und ein Vorbild; ein Hauptmann und Schatzmeiſter der fröhlichen Bande.— „Hazenbrooker obenauf!“ jubelte das Volk der Zuſchauer, da der Held den alten langen Priamus, ſtolzirend in dem ausgedienten Pluviale einer Stiftskirche, niederſtreckte, und ſich bereitete, die Schlußrede anzuheben. Er ſuchte mit ſeinen ſcharfen Blicken die Holdſchaft ſeines Herzens, und nachdem er ſie ausfindig gemacht, ſtemmte er den linken Arm in die Seite, ſtreckte die Rechte mit dem Komman⸗ doſtab weit aus, und ſprach mit Donnerſtimme, was ihm der Dichter in den Mund legte. Und als er an die Stelle gekommen war, wo es hieß: 14 „Auf dieſer Stätte, wo einſt Troia ſtand, Sey bis in Ewigkeit nur wüſtes, dürres Land! Ein Kreuzweg ſey, und voͤſen Geiſtern überlaſſen, Wo ſich die Stadt gedehnt mit ihren breiten Gaſſen. Ein Reſt der Raben von heut des Priami Haus! Den Hafen fuͤllet nun raſch mit Steineslaſt aus! Das Meer im Mittag ſterbe ab, ein todter Spiegel; Fleuch hin zur nord'ſchen See, Merkuri Wunderflügel! Mit Deinen Schätzen labe ihren fetten Strand: Dahin iſt Troja! Vivat, goldnes Niederland!“.. da klatſchte und ſtampfte, heulte und wüthete vor Frende das Volk— zum großen Theil Rotterdamer Krämer und Schiffknechte— und verwirrtes Gebrüll tobte um den Schauplatz, des Helden eherne Stimme verſchlingend. Frau Kampens war nicht träge, ihr Tüchlein wehen zu laſſen, ihre weißen Hände roth zu klatſchen;„als plötzlich mitten durch den Tumult eine rauhe Kehle zu ihrem Ohre rief:„J, i, potz Blitz, Miekje, Frau Miekje Kampens, find' ich Euch endlich hier 2«— Sie ſah nur gerade um; ihr Kopf hatte gerade nur Zeit, zu denken, mit Schrecken:„das iſt der Alte!“ ihr Mund, zu ſtam⸗ meln:„Je, je, Berndt, Meiſter Berndt Kampens, Ihr ſeyd's mit Leib und Leben 2“— Dann ſank ſie ohnmäch⸗ tig vor Angſt und Verlegenheit in die eiſernen Arme des alten einfältigen Schiffsherrn, der ſie aus dem Gedränge trug, wie einen Waarenballen. „Eſſig, Eſſig!“ rief er der ſchadenfrohen Natje zu, die etwas von der Art erwartet hatte:„Iſt's doch, als ob in dieſer wohlverſorgten Wirthshanscajüte der Eſſig zu Malvaſier geworden wäre, ſo ſpät und ſparſam kommt er an!“ Flugs übergoß er die Schläfe ſeines Weibes, und es wachte mit dem Seufzer auf:„Meine ſchöne Haube, mein ſchönes Buſentuch, meine ſchöne Kette! Ihr macht nur dumme Streiche, Meiſter Berndt!“ Sie blickte verdrießlich empor. Das verwitterte Ge⸗ ſicht des alten Schiffers neigte ſich über ſie; Natje's Kopf und das Antlitz einiger Kneipenkunden reihten ſich an Berndts; aber hinter dieſen ſchaute Einer herüber, der die Frau Kampens ſo zu erſchüttern ſchien, daß ſie beinahe wieder die Augen geſchloſſen hätte. Unverwandt Jenen betrachtend, ſitzend, und die Worte, nicht den Blick an ihren Mann richtend, fragte die Wirthin:„Ihr lebt, mein Herr und Meiſter? Wie kam's denn nur, daß wir Euch für todt hielten 2«—„Ei, zum Blitz, unſere Frau, wir könnten eben ſo gut jetzo als todte Körper auf den Wogen treiben, als wir, den Heiligen ſey Dank, auf un⸗ ſern Füßen lebendig vor Euch ſtehen.“— „Der papiſtiſche Krimskrams von den Heiligen war vom Uebel, guter Freund. Dankt Gott, und Alles ſey damit abgethan.“ So ſprach der fremde Menſch, den die Frau bisher unausgeſetzt betrachtete, mit galliger Leiden⸗ ſchaft, kurz und derb heraus, und kehrte dem Kreiſe der der Helfer und Neugierigen den Rücken.— Seine Worte, den auweſenden Altgläubigen ein Greuel, ein wohllau⸗ tend Lied den Lutheriſchgeſinnten in der Stube, erregten Verwunderung, aber Niemand antwortete darauf. Hin⸗ gegen ging der Hausherr mit langen Beinen auf den Fremden los, führte ihn vor ſeine Fran, und ſagte mit dem Gefühl eines dankbaren Herzens, zugleich mit der lächerlichen Salbung eines Thoren, der ſich wichtig macht: „Seht da, Frau, den Herrn, dem ich nächſt Gott meine Rettung verdanke. Wir waren übel daran im Angeſichte von Dünkirchen;.. nun, Ihr werdet das Meerſchwein ſehen, wenn wir einmal zum Hafen fahren: geborſten, leck, ein Sieb, mit einem Wort. Die Arme wollten uns er⸗ lahmen an dem Schöpfwerk!.. da war zum Glück dieſer Fremde als Reiſender an meinem Bord, und er betete uns vor— ſo jung er iſt, hat er, glaube ich, alle Pro⸗ pheten und Gebetbücher, auswendig gelernt, im Kopfe, — und wenn wir dennoch inne hielten mit Arbeiten, und ſein Mund von der Anſtrengung trocken geworden 16 war, dann verſicherte er uns ſo lange feſt und bündig, daß wir nicht untergehen könnten, weil er auf dem Schiffe ſey, bis wir ihm glaubten; und ſiehe: es hat eingetrof⸗ fen. Wir wurden gerettet bei Dünkirchen, wie wir ſchon bei Oporto ſalvirt worden ſind, obgleich dazumal das „Meerſchwein“ fünf Wochen auf dem Werfte liegen mußte, um kalfatert zu werden. Der Nordwind, der uns zum guten Ende ſchier in den Texel verſchlug, hat uns nichts gethan, Dank den Gebeten und Ermahnungen des jun⸗ gen Herrn!“ „Mir gebührt ein kleiner Ruhm,“ ſagte der Jüng⸗ ling, und ſtrich, geſchmeichelt, ſeinen rothbraunen Bart, der, wie die krauſen Löckchen des Haupthaars, grell gegen das weiße langnaſige Geſicht abſtach:„Gottes Geiſt ſchwebt über den Waſſern, und, wer da glanbet, wird unverletzt ſeyn in Sturm und Ungewitter!“ Er ſchlug die Augen, ſchwimmend in Verzückung, zum Him⸗ mel auf. Während die Umſtehenden, ob der ſeltenen Frömmigkeit des jungen Bluts verwundert, durch einan⸗ der murmelten, ließ der Fremde die Blicke ſinnlich und durchdringend auf die Wirthin niedergleiten, drückte ihr verſtohlen die Hand, und ſagte ihr leiſe:„Seyd mun⸗ ter, ſchöne holde Frau. Die alte Theerbüchſe kommt Euch ungelegen; doch, wie das Lied ſagt: „Es birgt ein brütend Weiberhirn „ſich trefflich hinter glatter Stirn!“— Die Kampens betrachtete ihn ſtaunend und ſprachlos. Er wendete ſich aber barſch zu dem Hauswirth:„Mich dünkt, es daure lange, bis das Pferd ankömmt, das mich weiter tragen ſoll 2“ „Beim Blitz! ich hatt es rein vergeſſen!“ fuhr Kam⸗ pens auf:„He, holla, Geert, ſpringe hinüber zum Nach⸗ bar Milchverkäufer. Er ſoll ſein Pferd und ſeinen Bu⸗ ben ſchicken. Der gnäd'ge Herr da will heute noch gen Gravenhagen reiten.“ —————— 17 „Ja, ſpute Dich, Du ſchmier'ger Kellerjunge!“ bekräf⸗ kigte der Fremde, und warf dem Buben eine kleine ſpa⸗ niſche Silbermünze zu. „Ei, will mein gnädiger Hert uns heute ſchon ver⸗ laſſen?“ fragte die Kampens, indem ſie plötlich wieder die Haltung einer Gaſtwirthin annahm:„es iſt Abend geworden, und für einen werthen Gaſt iſt in den drei He⸗ ringen doch Platz genug.“ „Nein, Frau, ich darf nicht ſäumen,“ antwortete Je⸗ ner:„doch ſage ich nicht, daß ich nicht baldigſt wieder⸗ komme, bei Euch einzukehren.“ Er drehte ſich wie ein Cavalier auf ſeinem hohen Abſatze um. „Ich wünſche Glück, Frau Kampens,“ ſagte murrend eine tiefe Stimme.—„Wozu, mein Herr?“ fragte die Wirthin, mit Verdruß in Hazeubrookers finſter Antlißz ſchauend.—„Je nun, zur Heimkehr Eures Eheherrn. Er iſt nicht ertrunken, aber alle meine Hoffnungen gin⸗ gen unter.“ „Ich weiß nicht, wovon Ihr ſprecht,“ entgegnete ſie ſchnippiſch, und ging von ſeiner Seite, neugierig den Fremden verfolgend, der ungeduldig und vornehm zwiſchen den hereinſtrömenden Trinkgäſten ab- und zuwandelte. „Was ſchwatzt Ihr nur von einem gnäd'gen Herrn? wie käme ein ſolcher in die drei Heringe 26 fragte indeſ⸗ ſen ein kleiner dünnleibiger Mann den Hausherrn, und zog dabei ein recht höhniſches Geſlcht, während er an der wohlgefüllten Geldtaſche krabbelte.— Meiſter Berndt, beieidigt von der ſpöttiſchen Frage, verſetzte eifrigt„O mein lieber Meiſter Stragtener von Geldern, dieß Haus iſt eine ehrliche Herberge, und ſind ſchon Leute darinnen eingekehrt, die ehrlich waren trotz den beſten Bürgern unſerer Stadt. Wollt Ihr ihn aber ſehen, den ich meine, ſo ſchaut dorthin. Der lange junge Mann in dem engli⸗ ſchen Rock von geſtreiftem Sammt iſt's, mit dem feinen Hute, den rothen Stiefeln und den goldbeſponnenen Der Konig von Zion. I. 2 18 Knöpfen an den camelottenen Beinkleidern. Jede Neſtel iſt ächt, alles in London gemacht, im neueſten Geſchmack, und aus Eurer Werkſtatt iſt kein Gewand hervorgegan⸗ gen, das jenem gleich käme, he 2 Der Meiſter Schneider guckte neugierig hin, machte dann eine Geberde des Erſtaunens, und als der junge Mann mit allen Zeichen der Ungeduld wieder auf den Schiffer zuſteuerte, ſagte Straatener eilig:„Wenn nicht der Satan meine alten Angen blendet, ſo wollt' ich wet⸗ ten, der feine Ritter ſey einmal mein Lehrjung geweſen, und ich hätte ihm den Geſellenbrief geſchrieben.“ Hazenbrooker, der daueben ſtand, lachte ſchadenfroh, ſtieß den Fremden an, und ſagte ihm:„Seht, mein Herr, da iſt ein guter Mann, der Euch zu kennen glaubt.“— „Wer? ſeyd Ihrs?“ Bei dieſer Frage, dem Schneider ins Geſicht ſehend, ſtutzte der Fremde gewaltig, und ſetzte halblaut hinzu:„Ei, grüße Euch der liebe Gott, Mei⸗ ſter Straatener. Schon lange haben wir uns nicht ge⸗ ſehen.“ Mit ſpöttiſcher Treuherzigkeit entgegnete der Alte: „Schon lange, weiß der Himmel, Jantchen. Je, wo ſeyd Ihr herumgekommen, Lieber, ſeit den vier oder fünf Jah⸗ ren, da Ihr den Bündel nahmt und wandern gingt? Ihr ſeyd fein genährt, es geht Euch gut, und ſchwerlich hat Eure Hand die Kleider zugeſchnitten, die Ihr tragt2“ Der Fremde wurde noch bläſſer, wo möglich, als er ſchon geweſen, und ſträubte ſich den Bart auf, wie den einer Katze. Aber, zum böſen Spiele ein gut Geſicht ziehend, hob er an:„Der at Alles wohl gemacht, lieber Freund. Wenn ich e Schneiderei bei Euch lernte, ſo war's doch ke denke ich, und ſeit ich von Euch gegangen, h ch Scheere und Elle an den Nagel gehängt, und mich der Handelſchaft ergeben, ch auch daneben die freien Künſte nicht verabſäumt. Eng⸗ land iſt die hohe Schule eines jungen Mannes, lieber 19 Meiſter, und wer es nicht geſehen, hat in der Welt noch nichts geſehen. Ich habe in Flandern den Tuchhandel gelernt, und lange Zeit zu London in dem Geſchäft ge⸗ dient; ich hab' in Frankreich und in Portugat mich um⸗ geſehen, und komme juſt von Liſſabon, über Amſterdam, um in der Heimath mich niederzulaſſen und einzurichten.“ „Beim Hagel, das wäre?“ rief Straatener halb ungläu⸗ big.—„Seht Ibr nun?“ fragte der Schiffer frohlockend. Hazenbrooker, einen Wuthblick auf die Kampens werfend, die von ferne zuhorchte, ſchlich eilig davon. Der empor⸗ gekommene Schneider fuhr prahlend fort:„Ihr wundert Euch wohl nicht mehr, guter Straatener, daß ich dann und wann nicht aufmerkſam der Arbeit wartete, hie und da den linken Aermel in das rechte Aermelloch ſetzte, die Knöpfe links aufnähte, und manche Zwillchjacke mit dein Bügeleiſen verbrannte? Ich ſtrebte nach Höherem, ſage ich Euch; ich wäre gerade nur ein Schneider für große Herren geworden. Ihr hättet mir Euer Haus und Eure Werkſtätte ſchenken dürfen, ich hätte nichts daraus ge⸗ nommen, wenn ich etwa Euer Töchterlein abrechne, dem ich von Herzen gewogen war.“ „Ich weiß, Jan, ich weiß, Ihr kamt darüber aus dem Hauſe. Doch das ſind alte Geſchichten, und zudem iſt jetzt Alles vorbei. Das Mädel iſt verheirathet.“ „Gott ſegne ſie mit ſeinen beſten Gaben!“ ſprach Jan mit gefalteten Händen andächtiglich:„Sie war mir nicht beſchieden. Dazumal hättet Ihr mir ſie nicht ge⸗ geben, und heute ja, mein Gott und Herr, ein Kaufmann muß in reiche und vornehme Geſchlechter hei⸗ rathen, daß ſein Einfluß wachſe, wäre auch ſeine eigene Habe noch ſo bedeutend. Nicht wahr, liebe Frau 2“ Er wendete ſich an die Wirthin, die mit Wohlgefallen hörte, wie er des hochmüthigen Schneidermeiſters Tochter ver⸗ achtete.— „Stellt doch um St. Peters Willen den Burſchen 20 an Diederichs Mähle, die ſeit geſtern keinen Flegel regt!“ brummte Straatener in des Schiffers Ohr.„Mit dieſem Geſellen mußtet Ihr freilich luſtig ſegeln gegen Sturm und Wellen.“ Hazenbrooker befühlte zart den Sammt an des Frem⸗ den Kleide, und ſprach, ſcheinbar ohne Falſch:„Der Rock ſizt Euch ſo eng, mein Herr, als ob er nicht auf Enern Leib gemacht wäre? Oder iſt das die neueſte Londoner Tracht?“ „Die neueſte, Herr. Der Narr mag ſſch jedoch die Jacke weiter machen laſſen nach Belieben; ſie gefällt ihm doch.“ Hazenbrooker prallte zurück. Seine funkelnden Blicke verriethen wachſenden Grimm. Seine breiten Schultern meſſend, blinzte Jan etwas verlegen mit den Angen, und fragte alsdann, ſein Zagen zu bemänteln, die Wirthin leiſe:„Wer iſt der kecke Tropf, der in Euerm Hanſe dieſe Sprache führt?“ Miekje blieb ihm, von Hazenbrookers Eiferſucht bewacht, die Antwort ſchuldig. Dafür nahm Straatener das Geſpräch auf, fragend:„Ihr wollt Euch anſiedeln, Jan, in Eurer Heimath Euch ſetzen? Potz! ſagt mir doch, wo Eure Heimath iſt? Kamt Ihr doch als eine Art don Findelkind durch Fürſprache des ſeligen Herrn Rektors aus dem Kloſter in meine Lehre. Hat's mich doch Mühe gekoſtet, Euch als Jan Janſen auf die Gilderodel zu bringen, wie Ihr wohl wißt, denn die Zunft verſteht nicht Spaß, wenn ſich's um eine ehrliche Geburt handelt?“ Jan's Stirne runzelte ſich gefährlich, ſein Mund be⸗ wegte ſich krampfhaft, ſeine Angen, früher ſo feucht, ſo locker, ſo angelernt von lüſternem Trieb und von Begehr⸗ lichkeit, wurden ſchnell zu Dolchen, guellend, wie die Augen züngelnder Nattern. Er antwortete dem betroffenen Frager ſodann mit kalter Verachtung:„Vor dem Herrn iſt alle Creatur gleich: der Fürſt wie der Kuecht, der 21 ſeine Ahnen nach dem Dutzend zählt, wie der, ſo nicht einmal ſiinen Vater kennt. Dir jedoch, Schneider, um Deiner Frechheit willen, ſage ich, daß Du aufhörſt, ſo vertraulich mit mir zu reden, als wäre ich Dir gemein, wie Deine Handlanger. Mein Vater hat meine Mutter geehlicht, hat mich erklärt zu ſeinem ehelichen Sohne. Mein Vater hat mit ſeinem Gelde mich auf den weiten Reiſen, in Lehr' und Wiſſenſchaft unterſtüßt. Auf ſeinen Reichthum werd' ich mein Handelshaus gründen, und meine Anker in ſeine Geldſäcke ſchlagen.“ „Sagte ich's nicht? Sperrt doch die Ohren auf, triumphirte wieder der Schiffer, den Schneider zupfend. Hazenbrooker kaute an den Nägeln, ſeiner Armuth geden⸗ kend. Miekje verſchlang mit ihren Gedanken den jungen Mann und die Schätze ſeines Vaters. Geert ſprang herein:„Das Pferd iſt da, mein edler Herr; ein frieſiſch Pferd mit einem Rücken, weich, wie Butter.“ „Wohlan denn,“ rief Jan, ſich unterbrechend, und reichte herablaſſend dem Schiffer und der Frau der Hände, „lebt wohl, mein Steuermann, lebt wohl, Frau. Ich ſeh' Euch baldigſt wieder.“ „Eine Ehre, Herr! eine Ehre für uns!“ autworteten die Leute. Miekje's brennende Wangen ſagten mehr. — Straatener flüſterte dem Hazenbrooker zu:„Blitz, ich möchte doch wiſſen, wie das Wunderthier von Vater heißt. Wo ſagte er, daß er hinreitet 24 Indeſſen drehte ſich, im Sattel ſitzend, Jan gegen die Herbergmutter um, und ſprach vernehmlich:„Solltet Ihr heut oder morgen nach Gravenhagen kommen, ſo fragt nach mir, wenn ich Euch dienen kann. Ich bin im Hauſe des Altſchultheißen Bockel daſelbſt. Der iſt mein Vater. Der Herr behüle Euch.“ Der Gaul trabte ſchon weit aus auf dem Pflaſter, als die Leute erſt zu einander ſagten:„Des Bockel, des Schultheißen Sohn! des reichen Bockel Sohn! Sieh, ſieh, 22 wer huͤtte das gedacht!“— Plötzlich ſiel der Wirthin des Anſprechers Mähr wieder in's Gedaͤchtniß, und ſie ſchrie:„Ach, mein Heiland! der arme junge Mann! Sein Vater iſt ja todt, iſt vorgeſtern geſtorben. Da kommt der junge Herr in ein Haus der Trauer, ſtatt in einen Frendenpalaſt!“ „Deſto beſſer für den Landſtreicher!“ knirſchte der ſilzige Straatener zwiſchen den Zähnen:„Der todte Va⸗ ter iſt dem Buben gewiß lieber, als der lebendige.“ „Wer weiß aber, wie es mit dem Reichthum des Alten ſteht?“ fragte Hazeubrvoker tückiſch.„Mir däucht, ich hätt' einmal etwas vernommen, das eben nicht beſtä⸗ tigt, was der Prahlhans ſagt.“ „Wer iſt die Mutter, he? aus welchem Geſchlechte? hat ſie Verwandte, und welche 2“ fragten andere Spieß⸗ bürger, über die Würfel hinausſchielend.— Da legte Straatener den Finger bedächtig an die Naſe und ver⸗ ſetzte:„Ja, ja, es iſt richtig, ich irre mich nicht. Der Bockel hat vor etlichen Jahren. ein gemeines Mädchen geheirathet das ihm ſchon einige Kinder geboren „„ich glanbe gar, eine leibeigene Dirne aus Denutſch⸗ jand „Puh! aus Deutſchland je wiederholten die Spießbür⸗ ger mit geringſchätzigem Lächeln und Achſelzucken. „Geert! ſchaff' mir ein Glas gewürztes Bier!“ ſeufzte der Patron des Hauſes,„vom ſtärkſten, hörſt Du? Mir wird ſo flan, rück' mir den Seſſel bei. Sag' unſerer Frau, daß ich ihrer bedarf.“ „Fran! Frau! der Meiſter wartet Euer!“ „Halt' die Schnute, Rohrdommel! ich komme gleich. — Wie ich Dir ſage, Natje,“— die Wirthin ſagte das hinter der verſchwiegenen Kellerthüre—„ich zittere noch am ganzen Leibe„„den hat mir die alte Meert ge⸗ zeigt, den und keinen andern.“— „Aber die Krone, Frau Kampens 7* 23 „Ei. er wäre gewiß würdiger als Viele, eine Krone zu tragen.“ „Aber mein Herr Hazenbrooker 2“ „Pfui, ich kann den boshaften Schelm nicht mehr leiden.“ „Frau, Frau! der Meiſter verlangt nach Euch!“ „Ich komme ſchon.— Natje, bete für mich Du weißt ſchon, was mir gut wäre!“ Als die Wirthin davon eilte, ſagte Natje kopfſchüt⸗ telnd für ſich:„Das laß ich wohl bleiben, Du bösartige Närriu. Was ſie nur an dem hagern, käſeweiſen, roth⸗ bärtigen Menſchen mit der Bocksnaſe gefunden haben mag? Iſt ſie nicht toll, die Frau? der reiche Tuchhänd⸗ ler wird ſich viel um ſie bekümmern. Welche von uns hat er denn freundlicher angelacht, Frau Kampens? Hal⸗ tet Euch an Euern alten Matroſen, oder an das Bier⸗ faß, den verdorbenen Schulmeiſter. Junge raſche Mägde haben wohl eher Glück bei jungen reichen Herren gemacht, als eine verbuhlte Ehefran, und wäre ſie die Wirthin zu den drei Heringen!“ In ſchnödes lautes Gelächter aus⸗ brechend verſchwand die Magd im dunkeln Raum der Faͤſſer. Indeſſen wurde aber Meiſter Berndt, von einem gähen Fieber befallen, in ſeinen Bettkaſten gebracht. Zweites Kapitel. Der Mutter Leid und Ergebung. Ein altes, ächt holländiſches Zimmer, mit ungeheuern Fenſtern, dunkler Decke von Getäfel, einem weiten, ver⸗ ddeten Kamin und wenigen Geräthſchaften, prangend mit einer Sammlung von Familienbildern, auf Holz gemalt, — trüb und traurig, wie der Tag draußen— war ein geziemender Ort für die Verſammlung von Verwandten in dem Trauerhauſe zu Gravenhagen. Die mit Leder überzogenen Stühle waren ſchwarz, wie die Leidkleider der Verſammelten. Ein Seſſel— der des Herrn vom Hauſe— war unbeſetzt geblieben. Der auf ihm ſo oft im Leben ausgeruht von ſeinen Sorgen, ſchlief ſeit geſtern in der wohlvermauerten Gruft der Kirche, und der Stein⸗ metz meißelte bereits ſein Thun und Laſſen auf der Welt, ſeine Ehren und ſeine Tugenden, in die Platte, die zu ſeinen Häupten aufgeſtellt werden ſollte.— In dem Hauſe, das der Verſtorbene kaum verlaſſen, wurden ſeine Güter gewogen, geſchäßzt, vertheilt, geplündert, und das ungeheuere Tintenfaß vor dem Tabellio verſchlang eine Mark Silbers nach der andern, bis endlich, nach geſche⸗ hener und vollzogener Zuſammenſtellung des Ganzen auf dem Papiere, eine lange, tiefe, ängſtliche Stille eintrat. 25 Da fragte, ſich ermuthigend, eine Frau, die in Trauer⸗ gewänder dergeſtalt eingehüllt war, daß kaum aus all den Schleiern und Kappen ihr gutmüthiges, ernſthaftes, deutſches Geſicht zu ſchauen vermochte:„Und endlich, jetzo, um des Erlöſers willen, was bleibt von all dem zerronnenen Gut und Reichthum mir und meinen Kindern 2“ Der Pfalzgraf und Notar räuſperte ſich, zog die Achſeln in die Höhe, ſah wie ein Sperber in das Inven⸗ tar, das vor ihm lag, verneigte ſich gegen drei Herren in langen Mänteln und Trauerhüten, die ihm zunächſt ſtanden mit unerbittlichen gelben Geſichtern, geſpannten Naſen und feſt zuſammengekniffenen Froſchkiefern, und fagte vernehmlich:„Wenn abgezogen worden iſt, was der ſelige Hochachtbare der Gemeinde ſchuldet, wie Ihr dar⸗ gelegt, Herr Obermeiſter Bireboom; wann zurückerſtattet worden, was er von Euch, Herr Nathanael Goes von Scheveningen, geborgt gegen annoch rückſtändige Zinſen, laut Verſchreibung; wann ausgeliefert worden, was er an Vermächtniſſen dem Spittel in der Perſon des Herru Schaffners Adrian von Coöhorn, und denen Dienſtleuten in einem vor zehn Jahren errichteten und nun eröffneten einzigen Teſtamente hinterlaſſen, ſo bleibt den natürlichen Erben: das Haus im Dorfe der Frau als Wittwenſitz; den Anderen insgeſammt zwei Wieſen am Haarlemer Weg, ein Stuhl in der Kirche, und die übrige bewegliche Fahrniß des Erblaſſers, wenn nicht der Spruch in dem Prozeſſe des Herrn Arnold Giericke gegen den Hochacht⸗ baren Seligen ein Anderes verfügt.“ Der Mann, der ſich auf ſeinem Sitze bei dieſen letz⸗ ten Worten blähte, als wäre er des günſtigen Spruchs mehr als gewiß, ließ einen Herrenblick über alle Bilder und Geräthſchaften leuchten, der nur zu deutlich ſeine Abſichten verrieth. Die Wittib ſeufzte tief, aber ohne Thränen, und ſprach, ſich erhebend:„So iſt es denn ſo gut, als reichte mir der Todte aus ſeinem allzufrühen 4 26 Grabe einen Bettelſtab herauf. Ich danke ench, meine Herren und Verwandte, für die Lehre, die ihr mir, frei⸗ lich für mich zu ſpät, gegeben habt. O, daß nie eine Frau ſich einfalen ließe, ihre Heimath zu meiden, um ſich in der Fremde an einen Mann zu hängen, als eine Verwaiste, als eine Verlaſſene! Bockel war redlich, und ich kann nur bedauern, daß er nicht früher eigenhändig mein und der Kinder Schickſal ordnete. Ihr, meine Herren, habt kein Herz für eine Fremde. Es hat euch weh gethan, das ich in eure Sippſchaft trat, und ihr laſ⸗ ſet mir es jetzo empfinden, wie ſich's gebührt. Gott mag euch verzeihen.“ Die Angeredeten ſcharrten mit den Füßen, und ſchwatz⸗ ten durcheinander, bald rauh und heftig, bald zuckerſüß und entſchuldigend:„Im Namen der Gemeinde. 4 „Hab' ich nicht die Verſchreibung 7..„Und die rück⸗ ſtändigen Zinſen 2«...„Ein Teſtament, das heilig iſt“ „Gott helfe uns, wir müſſen, wie wir thun.“— „Und der Prozeß, der Richterſpruch um meine Feldmark bringt euch fremdes, hergelaufenes Volk auch um's Letzte!“ polterte zum Schluß Gierike, blutroth vor Zorn und Galle, heraus. Seine Leidenſchaft entflammte die Erbitterung der zahlreichen Verwandten, die leer umher ſaßen, und doch gekommen waren, in der Hoffnung, zu erben. Wie aus einer Kehle ſchrieen ſie:„Amen, Amen, möge unſer Herr Giericke Recht behalten! Wir alle leiden unter dem fremden Bettelpack, das ſich in ein altholländiſches Haus und Geſchlecht eingedrängt, wie ein bohrend Unge⸗ ziefer. Es war des Geldes genng vorhanden, um jedem wackern Vetter, jeder freundlichen Baſe ein wohlgemeint Andenken zu hinterlaſſen; aber ſie ſind drüber hergefal⸗ len, wie die Raben, die Mutter und die Kinder; ſie ha⸗ ben auf die Seite geſchleppt, was ſich ſchleppen ließ; ha⸗ ben eingehamſtert das Korn, und blaſen uns die Spreu in's Angeſicht! Wehe, wehe über das fremde Geſindel! Es gehe ihm nicht wohl in unſerem Lande. Ihr habt's an uns verdient bis in's dritte Glied!“ An dieſe Schreier ſchloßen ſich die Dienſtleute, die niemals ihre gleichgültig trägen Dienſte genng belohnt wiſſen wollen.„Haben uns verkleinert im Geiſte des Herrn, daß er uns nicht nach zehn Jahren mehr ver⸗ machte, als er bereits vorher gethan; haben uns verkürzt an unſeren Gaben, Miethgeldern, Leidgewändern und Leichenkerzen; haben Alles vergraben und verzettelt, ſtatt ſich armer Knechte und Mägde zu erinnern! Und den⸗ noch war die Frau eine leibeigene Dirne, ſchlechter, als wir alle! der älteſte Sohn ein Schneiderbub und nicht viel beſſer als ein Baſtard; die Kinder alle erſt nach langer Zeit nothdürftig zu Ehren gebracht! Waren nicht geſchaffen für Brokat und Seide; trocken Brod wär' gut genng für ſie, und ſie klagen noch mit volgeſtohlnen Ta⸗ ſchen! Wehe! Unglück und Pein über ſie, daß es ihnen nimmer wohl gehe auf niederländiſchem Boden!“ Die Frommen in der Verwandten⸗Gemeinde machten zum Abſchiede große Kreuze vor Wittib und Waiſenz die Zänker ſpuckten vor ihnen aus; Kuetzte und Mägde zogen ihnen die Zunge. Der Spittelherr Adrian van Coshorn aber blieb noch zurück, einen langen Meßſtock in der Hand, den er, gleichſam als wäre er allein in der Stube, an Wände und Fenſterbrüſtung legte, rechnend, diftelnd, Schritte und Schuhe zählend, wie ein markt⸗ chreieriſcher Baumeiſter. Eine kalte Hand, die ſich auf die ſeinige legte, ſtörte ihn in ſeiner wichtigen Beſchäf⸗ tigung.„Was gibt's2“ fragte er mit dem Befremden des geſtörten Archimedes den blaſſen Jan Bockelſohn, der ſich mit erhabenem Zeigefinger vor ihn ſtellte, wie ein Verzückter redend:„Ihr nehmt hier nicht das Maß zu einer Stiftshütte, oder zu einem Tempel des Herrn!“ „Freilich nicht, aber zu einem Filialban für die alten 28 Pfründnerinnen des Spitals, die jetzo noch allzunah den Mannsbildern wohnen. Da Euer Vater uns dies Haus vermachte, werden wir hierinnen wohl an die vierzig Bettſtellen aufſchlagen können, die zwei Stockwerke gerech⸗ net, und das Kellergeſchoß bleibt noch für die Meiſterin der Spittelweiber und für die Speiſevorräthe.“ „Habt Acht, daß nicht der Herr in ſeinem Grimme Euch tödte in dem erſchlichenen Weinberge!“ Der Spitalherr betrachtete den Redner von oben bis unten, und verſetzte ſtutzig:„Wer gibt Euch das Recht, mir Vorhaltungen zu machen? Iſt dieſes Haus nicht ein Geſchenk des Altſchultheiben, womit er die Armuth bedachte? Bin ich etwa ein Räuber? oder bin ich nicht vielmehr ein Bevollmächtigter der Armen, die ſelig ſind, weil ſie eingehen werden in das Reich Gottes? Ihr merkt, lieber Freund, daß ich meine Sprüche ſo gut weiß, wie Ihr die Eurigen.“ „Wahrlich!“ begann Johann abermals,„wer den Pfen⸗ ning vom Altar nuimmt, und die Waiſen beſtiehlt, ſoll verflucht ſeyn in Ewigkeit. Ich bin nicht gekommen mit dem Frieden, ſagt der Herr; ich bringe das Schwert. Und das wird ſich erfüllen.“ „Ihr bringt ein wunderlich Durcheinander aus den heiligen Büchern hervor, das muß ich geſtehen,“ bemerkte Coöhorn nach einer Pauſe,„doch erinnere ich mich, daß Ihr von London kommt, und in England iſt's jetzo Sitte und Gewohnheit junger milchbärtiger Leute, in ihren Ge⸗ ſprächen einen Profeſſor der Gottesgelahrheit zu agiren. Der Herr ſey uns gnädig, wenn dieſer Schwindel auch zu uns herüberdringt, wie es faſt ſcheint, und gebe Son⸗ nenſchein nach kurzem Ungewitter.“ Auch die Wittwe ſtand jetzt vor ihm, die hohe ſchwarz⸗ vermummte Geſtalt, und ſagte warnend:„Ja, ja, mein Herr. Die Zeit iſt da. Beſſert Fuch, ſo lang's noch 29 frommt. Ich vergebe Euch, was Ihr an mir gethan, aber das Gericht kömmt.“ „Eine Familie von Verruͤckten!“ murmelte Coshorn zwiſchen den Zähnen, und ſaste darauf, ſich eilfertig em⸗ pfehlend:„Allerdings iſt's an der Zeit, da ihr das Haus zu räumen habt. Schafft daher auf's Schnellſte Eure Fahrniße von hinnen, ehe die Gerichte kommen, Euch zu treiben von dem Platze, den ihr güͤtlich nicht verlaſſen wolltet.“ „Phariſäer!“ ſchalt dem Gehenden Johann nach, mit der geballten Fauſt drohend.„Und wir müſſen ohn⸗ mächtig zuſehen, wie ſie uns ſchinden, die Zöuner und Sünder!“ „Du haſt's gehört, mein Sohn. Wir müſſen uns beugen. Für uns iſt kein Recht vorhanden.“ „So wollte ich, daß ich nie geboren worden!“ rief Jan in zügelloſem Aufbrauſen, ſein Haar raufend, ſeine Bruſt ſchlagend.„Mutter! Euere Suͤnde und Thor⸗ heit bringt Schmach auf Kind und Kinbeskinder. Ihr werdet dem gewiſſenloſen Vater nicht im Paradieſe be⸗ gegnen.“ „Schilt nicht in Deinem Grimm die Aeltern, Johann. Der Selige hat Dich anerkannt, hat viele Jahre treu für Dich geſorgt, und hätte gewiß das alte Teſtament. mit einem neuen günſtigern verwechſelt, wenn nicht der Tod und endlich, lieber Sohn, ſind wir gewiß von dieſen Holändern betrogen worden.“ „Ja, ja, wir wiſſen's, und müſſen's leiden! Wer ſind wir denn, daß wir uns ſchmiegen, kriechender als Hunde? Ohnmächtige Wuth, die grauſamſte Wuth! O, daß ich die Ungeheuer zertreten koͤnnte, wie ich dieſe Spinne unter meinen Sohlen zermalme! Daß noch ein zorniger eifriger Gott aus den Wolken blitzte, wie ehe⸗ mals! Hört, Mutter, ich habe die Bibel hin und her, rückwärts und vorwärts geleſen, aber ſtets gefiel mir am 30 beſten, wenn der Gott des Bundes zürnte, Pech und Schwefel regnen ließ, Heere untergehen machte, ganze Bölkerſchaften mit der Peſt ſchlug. Sie verdienen's, dieſe menſchlichen Gaunergeſichter. Ich bin jung, und hab's ſchon erfahren!— Ach, warum bin ich nicht ſchon ſteinalt, mit wackelnden Zähnen, mit zitterndem Haupte, ein Greis, der ſich bereirs ballt wie ein Igel, um in die Grube zu rollen? Fuhr nicht meines ganzen Lebens Hoffuung und Erwartung in das Grab mit meinem Vater? Soll ich ihm noch danken für das, was ich lernte, da ich's doch nicht mehr brauchen kann? ihm die todte Hand lecken für dieſe edelmänniſchen Gewänder, die ich jetzo auszie⸗ hen, und mit den Lumpen eines Taglöhners vertauſchen werden müſſe? Oh!.„ Er fing mit ſeiner rechten Hand nach ſeiner linken, packte dieſe krampfhaft, ſank an der Wand auf ein Knie zuſammen, und wurde ſtill. Beſorgt umarmte, unterſtützte ihn die Mutter. Seine Bruſt arbeitete unruhig; die Angen verfielen, die Stirne ſtund voll von Schweißtro⸗ pfen, die krauſen Locken des Haares ſtreckten ſich, und hingen naß und ſchlaff um die Stirne.—„Guter Gott!“ ſeufzte die betrübte Wittib,„iſt denn die böſe Krankheit noch nicht vollends von ihm gewichen? hat er ſie aus der Fremde wieder heim bringen müſſen 2“ Johann hörte, was die Mutter ſprach, ermannte ſich mit einem vollen Athemzuge, und entgegnete aufſtehend: „Nicht doch, Frau, nicht doch. Wenn ich's dann und wann habe, ſo wie heute, das Weſen, ſo iſt's Alles. Ein Wunderthäter zu Liſſabon hat mir die Hände auf⸗ gelegt, und ſiehe, ich nahm mein Bett, und wandelte.“ „Darum, o mein Sohu, preiſe den Hexru in ſeinem Wunderwerke, und bekümmere Dich nicht um irdiſchen Tand.“ „Ihr redet als eine alte, abgelebte Frau. Freilich, Euch ſtehen Kirchtäge und fromme Werke wohl an, aber 31 die Jugend begehrt nach dem, was Ihr jetzo Tand neunt. Warum bin ich nicht reich? Bin ich ſchlechter als die, die ſich im Reichthum brüſten wie die Pfauen? Warum hab' ich Trieb zu einem fröhlichen, ſorgloſen, fürſtlichen Leben, wenn ewig mir die Mittel mangeln ſollen, den angeborenen Trieb zu befriedigen? Wo iſt da Gerechtig⸗ keit, wo eine Hoffnung2“ „Warum verzweifelſt Du an der Zukunft! Stehen wir denn am Ende aller Tage? O mein Johann, nimm ein Beiſpiel der Geduld an mir. Auch ich hoffe noch; auf Deine Zukunft hoffe ich, und des macht mich ſtark und ruhig.“ „Ihr habt leicht, mir Ermahnungen zu geben. Aber Eure Ruhe bei ſo vielem Unglück Eurer Kinder iſt mir ſelber ſchon aufgefallen. Lehrt mir die Kunſt, ich birt' Euch.“ Mit prophetiſchen Geberden und Blicken hob die Wittib an:„Die Zeit iſt da, ſage ich Dir, und Viele, die in der Zeit leben, ſind zu großen Dingen berufen, weil die Tage Großes bringen werden. Du mein Sohn — ich gebe mein Haupt zum Pfande biſt berufen vor vielen Andern.“ Der junge Mann machte große Augen, und ſetzte ſich auf den niederen Schemel neben dem Seſſel, den Frau Adelheid einnahm, begierig zu horchen, denn ſein über⸗ reiztes, hochfahrendes Gehirn dürſtete nach Wunderſagen und Verheißungen.— Die Mutter nahm wieder das Wort: „Wir ſtammen aus dem Bisthum Münſter. Deine Großeltern wohnten auf der Hofmark Zoelken, die in das Amt Dodorf gehört, aber ein Eigenthum des Frei⸗ herrn Gottfried von Schedelich iſt. Die Zoelkner Bauern ſind alle Leibeigene, und haben ihre Aecker zu Lehen von dem Herrn. Wir waren die zahlreichſte Sippſchaft dieſer dienſtbaren Leute, und weil ich ſo viele Geſchwiſter hatte, 32 unter die der Herr nach und nach unſer Lehngut zerſtü⸗ ckelte, ſo blieb mir wenig Hoffnung, mich im Lande ehr⸗ lich durchzubringen. Ich wanderte daher nach Holland aus, um einer Herrſchaft meine Dienſte anzubieten. Hier ſah mich Dein Vater, nnd lobte meine Schönheit, und ſchwor mir zu, er könne ohne mich nicht leben. Ich ſchwankte lange; endlich wurde mir ſonnenklar zu Sinne, daß ich um eines höheren Zweckes willen nach Holland gekommen ſey, und daß ich meinem Schickſale mich über⸗ laſſen ſolle. Ich merkte nicht viel Glück im Hintergrunde; aber dennoch mußte ich meine Beſtimmung erfüllen.— Der Schultheiß ſetzte mich in's Dorf Zweer, und ich ſollte daſelbſt in aller Stille meine Niederkunft erwarten. Ich war ganz fremd im Dorfe, ſprach das Holländiſche ſehr ſchlecht, und konnte mich mit Niemand recht unterhalten, als mit der Urſula Schomacker, einer alten Frau, die in der Gemeinde die Dienſte einer Wehmutter verrichtete, und deutſch ſprach, wiewohl ziemlich übel. Dieſes Weib beſaß nach dem Dafürhalten Aller, die ſie kannten, die Gabe der Weiſſagung in hohem Grade. Dabei war ſie eine Halbgelehrte, die von ihrem Sohne, einem Magiſter zu Haarlem, manche Brocken von geheimer Wiſſenſchaft und Auslegung der heiligen Schrift aufgeſchnappt hatte. Eine Feindin der Pfaffen, wiewohl ihr eigener Sohn ein Mönch, gab ſie eine treffliche Vorläuferin der verwirrten heutigen Zeit ab, wo das Licht mit der Finſterniß auf Tod und Leben ſtreitet. Sie betheuerte immer, die Worte der Schrift müßten erfüllt werden, und mit einer Glau⸗ bensverbeſſerung, die ſich dazumal ſchon ankündigte, ſey es nicht gethan und abgemacht. Es müſſe eine ganz neue Ordnung der Dinge anheben, ein neues Iſrael mit einem neuen Tempel und Jeruſulem. Als ſie mich ſchon halb zu ihrem Glauben bekehrt hatte, kam ſie eines Tages außer ſich zu mir, und rief mit der höchſten Freude: „Höret, was ich Euch ſage, Adelheid. So wie der Mond 33 in's letzte Viertel tritt, werdet Ihr gebären, und es wird Euch kein Leiden ſeyn. Das hat mir der Geiſt eröffnet. Und geneſen werdet Ihr eines Knäbleins, von dem großer Glanz ausgehen wird in der Welt, und das beſtimmt iſt, der Schlange auf den Kopf zu treten. Ich ſah Euch im Zuſtand der Verzückung. Mein Geiſt wußte nicht mehr, was der Leib that; aber ich ſah Euch brüren über einem Neſt von hellen Flammen, und des Knaben Haupt war umgeben von einer feurigen Krone. Er wurde an⸗ gebetet als ein Herr der Welt, und als ein Sieger über den Antichriſt.“ „Gottloſer Aberwitz!“ fiel Johann fünſter ſpottend ein, und ſprang in die Höhe.„Die Vettel mußte am Abend ſchwere Speiſe genoſſen haben. Ein Sieger uͤber den Antichriſt! Ei lieber mocht' ich der Antichriſt ſelber ſeyn, deſſen Reich nach den Weiſſagungen lange dauern ſoll, als ein Herrſcherthum voll Gewalt und Wiukür.— Aber — Narrheit! Wo ſitzt der Antichriſt? wo iſt ſein Thron? wer gibt uns ein Zeichen ſeiner Zeit 2“ „Die Zeit iſt die unſerige!“ predigte die Mutter mit furchtbarem, ſchwärmeriſchem Eruſt,„eine babyloniſche Zeit, da Keiner mehr den Andern verſteht und duldet; da nichts mehr rein und heilig auf Erden; da die Ge⸗ rechtigkeit nur ein leerer Schall, der Tempeldienſt nur ein eitler Prunk geworden. Der Antichriſt? das vielkd⸗ pfige Ungeheuer, Du fragſt nach ihm? O ſieh Dich um, überall lechzen ſeine Teufelszungen. Der römiſche Statt⸗ halter und der abtrünnige Auguſtinermönch, der ſpaniſche Kaiſer und die deutſchen Zwingherren, der Ehebrecher auf dem engliſchen Throne und das liederliche Geſchlecht der Franzoſen, die buhleriſchen Weiber in Stadt und Land, die heuchleriſchen Richter und Kapitelherren, die Wuche⸗ rer, die uns plündern, der ſpitzbübiſche Coshorn, der in Gottes Namen unſere Armuth um der Armuth willen beſtiehlt,. ſie Alle, die Rotte Korah, ſind Augen, Der Koͤnig von Zion. I. 5 34 Zähne, Krallen und Zungen des triumphirenden Baal, der auf den Herrlichkeiten der Welt ſitzt, als ein Baſilisk. O Herr! die Unterdrückten deines Volks ſind die Gerech⸗ ten deines Volks, Du haſt's verheißen: Du wirſt einſt mit ihnen über die Heiden zu Gericht ſitzen, und einer deiner Kämpfer, ein tapferer Held, wird mein Sohn ſeyn, mein Kind, das ich geboren mit Luſt und ohne Leiden, das ich ſelbſt geſehen, umgeben von einem Strah⸗ lenſchein, das auf die Welt kam mit dem Häubchen der Glüͤcklichen, das die Erde anſchrie, da juſt ein fremder, drohender Stern mit feurigem Schweife am Himmel ſtand, ein vollgültig Zeichen deines Zorns und deiner Strafe!“ Die Frau ſchien gen Himmel zu ſchweben, ſo ſtreckte ſle ſich in verzückter Wuth auf den Zehen empor. Wild und trunken flackerten ihre Augen, und ihre zitternden Hände faßten die Hände Johanus, denen ſie ihre fieber⸗ hafte Erſchütterung mittheilten. Der junge Mann, deſ⸗ ſen ausſchweifende Einbildungskraft felber uur zu gern dahin flog auf den Fittigen wildſinnlicher Träumerei, hatte alle Mühe, ſeine Faſſung vor der Begeiſteruna ſei⸗ ner Mutter zu behaupten. Adelheid mäßigte ſich indeſſen ſchnell, ſchlug die Blicke nieder, rieb ſich die Stirne, und fuhr, wie ſie angehoben hatte, fort:„Aber auch die Ge⸗ rechten ſind ein Pfuhl der Schmach, ſind Gefäße der Schande vor den Augen des allmächtigen Könias der Welt. Der Unterjochte, der Knecht, der Hund kann nſcht tugendhaft ſehn, weil ihm der Schlamm der Dienſt⸗ barkeit anklebt, weil jede ſeiner Handlungen ein Betrug, jedes ſeiner Worte eine Lüge iſt. Darum thut Buhße, und waſcht den Schlamm eurer Sünde mit einem neuen Heilbade von eueren ausſfätzigen Körpern. Mein Sohn, Du mit dem Namen des heiligen Täufers, zieh' ein hoch⸗ zeitlich Gewand an, und taufe Dich und Dein Volk rein von der Erbfünde, denn ſeit dem Erlöſer iſt keine Tauſe gerecht geweſen, weil Chriſtus der letzte Prieſter auf Er⸗ den war. Nur alſo, zugleich die Ketten der Erbſünde und weltlichen Zwangs brechend, wirſt Du das neue Zion herſtellen, und der Propheten Verheißung erfüllen. Dann wird der Friede blühen, und Jeder, der da lebet und kein Heide iſt, an den Gütern der Welt ſeinen Theil haben; dann wird kein Reicher und kein Armer mehr hienieden ſehn; dann werde ich, die beraubte Wittib, wie⸗ der genießen, was die ſchreiendſte Ungerechtigkeit mir ge⸗ nommen, und entſchlafen werde ich ſanft unter den Pal⸗ men Jerufalems, wo Dein Panier flattern wird, mein Sohn, denn Du biſt geſandt, Großes zu vollbringen!“ „Haltet ein! Ihr macht mich ſchwindeln, Mutter. Es ſcheint mir Wahnwitz, was Ihr redet und ich muß entweichen, wenn ich nicht mit Euch aberwitig werden ſoll 16 Adelheid umarmte ihn unter Thräuen, und fagte dann gefaßt:„Du willſt gehen? So thu' es, ich halte Dich nicht, denn unbewußt wirſt Du vom Geiſte fortgetrieben. Wer kann ſeiner Beſtimmung entlaufen? Geh! Du biſt nicht verordnet, meinen Wittwengram, meine bettleriſche PVerlaſſenheit zu theilen. Geh hinaus in demüthiaen Kleidern, geh unter's Volk, in den Staub, wo die Ge⸗ rechten ſitzen. Dort laſſ' Dich bekehren, lerne und lehre, erwecke Dir Jünger, führe ſie, herrſche über ſie, ſiege mit ihnen. Du weißt jetzt, welcher Hoffuung ich meine Stärke und Gelaſſenheit verdanke. So lange Du lebſt, werde ich nie an der Vergeltung verzweifeln, und Du wirſt mit Deinem Beiſpiel für die Wahrheit der Verheißung zeu⸗ gen müſſen.“ „Luft! Luft!“ ſchrie Johann auf, wie ein Wüthender. „Ihr tödtet mich mit Eueren Hoffnungen! Ja die Welt iſt verkehrt; Ihr ſagt's mit Recht. Die Ingend muß Sack und Aſche tragen, und die Matronen ſchmücken ſich mit grünen Kränzen der Zaverſicht.— Was bleibt mir übrig, als in die weite Welt zu laufen, woher ich ge⸗ 36 kommen? wieder die Nähnadel in die ungeſchickte Hand zu nehmen, oder eines Bauhandlangers Tagwerk zu⸗trei⸗ ben? Fahr hin, Merkur mit deinen Schägen; ich will nicht als ein Ladenknecht Zimmet abwägen oder Spitzen meſſen, bis mein Scheitel kahl wird. Zu arm, um ein Fürſt des Handels zu werden, wie ich mir's geträumt hatte, hin ich wenigſtens zu ſtolz, um dem Troß des Handels anzugehören.— Lebt wohl, Mutter! Ihr habt, Ihr und der Vater, Euern Sohn unbarmherzig getäuſcht; gebe Gott, daß Euere Hoffnungen Euch nicht täuſchen. Ob wir uns wiederſehen, oder nimmer, gedenket mein. Glück oder Unglück! ob mich das Eine hätſchle, ob mich das Andere zerſchmettere, iſt mir gleichviel. Lebt wohl!“ Drittes Kapitel. Kuͤnſtlerleben. Des ehrlichen Schiffers Berndt Kampens wohlgelegene Schenke zu Leyden hatte ſeit einiger Zeit ein beſonders muntres und heitres Anſehen gewonnen. Die niedrigen, engen Schubfenſter des Erdgeſchoßes waren ausgebrochen, und mit lichten, rothen Vorhängen verziert worden; ein Tünchergeſelle aus Brabant hatte auf einen Streifen Gyps über der Hausthüre drei ungeheure Roſenſtöcke in ihren Töpfen gepinſelt; die drei Heringe ſchwirrten nen⸗ verſilbert an der in die Straße gereckten Eiſenſtange, gerade unter dem goldnen Anker, der als ein Zeichen der Handthierung des Erbauers auf der Vorderſeite des Hau⸗ ſes angebracht war.— Armer Berndt Kampens! der Anker war für Dich ſo viel, als das Schlachtſchwert auf dem Sarge des Helden; ſo viel als das Wappen, das au der Gruft des Letzten eines edelmänniſchen Geſchlechts verſport und verwittert.— Das Wrak des Meerſchwein⸗ führers, des Liſſabonfahrers, lag ſchon auf dem Grunde. Meiſter Berndt hätte ſeine eingeräucherte Stube nicht auslichten laſſen; er hätte nicht die zierlichen Fäßchen mit bunten Wimpeln an die Fenſter geſtellt, um die Vorübergehenden zum Würzwein zu locken; er hätte ſeine 38 holzernen Bierſtützen nicht gegen die blanken kupfernen Kannen vertauſcht. Vor Allem hätte er nicht zugegeben, daß Hazenbrooker, der verdorbene Schulmeiſter und wirk⸗ liche Komödiant, ſich im Hauſe breit machte, wie er's wirklich that, an einem ſchönen Herbſtmorgen, da noch Niemand zur Schenke gekommen war. Er ſaß in äußerſt nachläßigem Anzuge vor dem Kamin, ſpielte mit der Feuerzange, und ſprach befehleriſch über ſeine Achſel hin⸗ über zur Wirthin:„Hört, Miekje, das Ding laſſ' ich mir nun und nimmermehr gefallen. Ich will Meiſter ſeyn, und nicht vor den boshaften Geſichtern einer Magd die Segel ſtreichen, wie Euer Seliger zu ſagen pflegte. Hört: ich habe das keineswegs nöthig. Bendir Hazen⸗ brooker iſt ein Mann, der öberall gern geſehen iſt, der nur ſeine Hand auszuſtrecken brauchte, Miekje.“ „Ach, das hab' ich ſchon tauſendmal gehört, Bendir,“ verſetzte die Wirthin gelangweilt:„ich finde nichts abge⸗ ſchmackter,— mit Eurer Erlanbniß— als drei Tage vor der Hochzeit einen Krakeel anzufangen, wie es Euch heute beliebt. Glaubt nicht, mein Herr, daß Ihr dadurch liebenswürdiger erſcheint. O mein Gott nein. Aber mir iſt Alles in der Welt gleichgültig geworden, daher laſſ“ ich mir Alles gefallen. Was wollt Ihr denn eigentlich 2“ „Ich will gebt mir ein Kaͤnnchen Meth.. ich will, daß die Narje ſich aus dem Haufe packe. Da iſt des alten Siffrid Tochter am Hundethurm, ein feiſtes, arbeitſames Weibsbild, die würde mit allen Freuden in unſern Dienſt treten.“ „Die Guta? die Here, die Diebin, die Nachtſchwär⸗ merin?“ rief die Kampens, die Arme in die Seiten ge⸗ ſtemmt:„das wäre mir etwas Liebes, das wäre mir ein Meerwunder. Nein, Herr Iſegrimm, das thu' ich nicht, weiß ſchon warum. Rollt nur Eure Angen, als wie Rä⸗ der, im Kopfe hernm; ſchnaubt unr wie ein Löwe, pol⸗ tert nur recht dumpf, wie aus einer Tonne; das iſt 39 angelerntes Zeug, und ich jage deßhalb die Natje doch nicht fort. Ich habe lieber eine Dirne im Hauſe, die dem Herrn nicht gefällt, als eine, die ihm recht iſt. Ihr verſteht mich doch?“ „Bliß! wenn ich's nun ſchlecht verſtände? Wenn ich nun ſagte: entweder, oder? So lange Einer vor dem Altare noch nicht Ja geſagt hat... „Pah! laßt doch die Späße ſeyn⸗ Euch gefällt der Sekt und die fanle Haut in den drei Heringen ganz wohl, und mir iſt daran gelegen, aus dem übeln Witt⸗ wenſtand zu kommen, und wieder einen Maun im Hauſe zu haben. Darum müſſen wir beiderſeit, nachgeben.— Darum laßt mir zu Gefallen des Siffrid Tochter weg, und die Natje, wo ſie iſt. Amen.“ Bei dieſem Spruch machte der Bräutigam falſche Au⸗ gen, überlegte, und ſagte in einer Geberde ungefähr ſo viel, als:„Warte nur, bis ich Dein Herr bin!“— Die Braut verſtand ihn wohl, und murmelte für ſich:„Gott ſteh' uns beiz aber wir wollen ſehen.“ Das Geraͤuſch von mehreren Kommenden ſcheuchte ſie in den Verſchlag, wo Natje ſcheuerte, putzte, wuſch.— „Habe Alles gehört, Frau,“ flſterte die Magd:„Danke vielmals, und dafür wollen wir dem Dickkopf warm ge⸗ nug machen.“—„Welch ein Leben wird das geben!“ ſeufzte die ängſtliche Braut:„hätt' ich mich doch nim⸗ mermehr mit dem groben Menſchen eingelaſſen! Aber jetzt iſt die Sache zu weit gekommen. Der Anſprecher hat mich mit ihm ausgetragen. Welch ein Gerede gäb's, wenn etwas zwiſchen die Heirath käme!“ „Ihr ſäßet ſchlecht, liebe Frau; hättet keinen Mann, und der Katzenkopf würde Euch unbarmherzig verfolgen und peinigen. Laßt nur Alles ſeinen Gang gehen. Zwei Weiber werden mit dem grimmigſten Manne fertig, und wenn wir zuſammenhalten, ſo ſoll mein Herr Hazenbrooker den Haſenpfad einſchlagen, wie es ſich gebührt.“ 4⁰ „Meinetwegen, Natje. Ich nehm ihn alſo doch, ob⸗ ſchon mir von Maͤuſezähnen geträumt hat, die eben ſo gut wie Perlen Thränen bedeuten. Ach, mir iſt doch Alles auf Erden verleidet, weil ich den Bockelſon nicht haben konnte.“ »Denkt Ihr noch an den ſchwindſüchtigen Junker2 das wär' eine Hochzeit geworden, wie mit dem Tod von YPypern.“ „Pfui;z rede nicht ſo frevelhaft. Du weißt nicht, was ſchön iſt. Und dann die Prophezeiung der alten Meert.. aber, Du haſt Recht; ich will nicht mehr daran denken; mir laufen die Auger über. Zuerſt war er mir zu vornehm, und ich hatte noch meinen Alten auf dem Halſe, und ſpäter ja Du mein Heiland, da war er fort, in die Welt hinaus; und wer weiß, wo er jetzo ſein Liebchen herzt?2“ Während Frau Kampens ihre überlaufenden Augen hinter der Schürze verbarg, und die ſchadenfrohe Natje bei ihrer Arbeit das Bruderſchaftsliedchen ſummte:„Be⸗ wahr' uns vor dem blaſſen Tod«— thronte in der Stube, mit ganz anderm Gewicht, als ſeiner Braut ge⸗ genüber, Herr Hazenbrooker in ſeiner Schauſpielcollegen Angeſicht. Sie ſtanden um ihn her; nur Zweie hatten ſich er⸗ laubt, rittlings auf der Bank am Kamine niederzuſitzen. In ſeines Stuhls Lehne zurückgeworfen, die Füße von einander geſpreizt, fragte der Meiſter dieſer Kunſtgilde: „Was begehrt Ihr nun, nach all dem müßigen Ge⸗. ſchwätze 2“ »Unſern rückſtändigen Antheil, Bendir,“ ſagte keck einer der Sitzenden, ein grauhaariger Mann in einem bunten Rocke. Er ſchien ein Sprecher der Andern. „Ihr ſeyd wie die Bauern, und kommt immer wieder auf den alten, abgedroſchenen, unſinnigen Text zurück,“ ſpottete der Hauptmann:„da— da ſteht die Lade. Seht 41 zu, ob Ihr mehr, denn fünf Groote darinnen findet. Die Ausgaben liegen vor.“ „Tie— tie— tihahiha!“ ſpottete dagegen, eine Vogelſtimme nachahmend, der Hauswurſt der Compagnia: „wenn wir Alles blindlings glauben wollten. 2 Aber wer am Speck ſitzt, verzehrt ihn. Blit! ich kann mich im Winter bei'm Leimſieden ſcharf abſchwißzen, um das hereinzubringen, was Du mir aus der Haut geſchnitten, Bendix.“ „Glaubt Ihr, daß ich Euch betrüge?“ ſchalt der Prinzipal:„noch einmal; da iſt die Lade, ſeht ſelber nach. Ich hab' nur Schaden bei der ganzen Sache. War' ich nur nie auf das verdammte Comödienſpiel verfallen!“— Die Künſtler murrten, lachten, ſchimpften durcheinander. „Die Lade iſt leer,“ ſagte der Grankopf ſpißzfindig: „das iſt einmal ausgemacht. Aber, ob ſie mit Recht leer iſt, das iſt die Frage. Ich habe noch ſieben Mark lübiſch zu fordern.“ „Und ich zwei und einen halben Gulden.“—„Und ich ſo und ſo viel Stüber!“ riefen mehrere eifrig.— „Und ich noch dreizehn Pfund flämiſch!“ lachte der Hanswurſt mit einem Bockſprung. „O Du lübiſcher Schurke! O Du flämiſcher Pickel⸗ häring! O ihr Stüber- und Florenen⸗Spitzbuben!“ fuhr Bendir Hazenbrvoker auf:„habt Ihr gemerkt, daß ich das Glück habe, eine ziemlich gute Heirath zu machen? wollt Ihr mir jetzo das Mark aus den Knochen lecken, daß ich noch nebſt Schweiß und Kunſt und Mühe mein baares Geld an das Blendwerk hängen ſol? Und— was mir einfällt— mit dieſen Burſchen ſoll ich morgen noch ein Schanſpiel aufführen?“ „Morgen?— ha ha!— da wird nichts daraus!— Wir ſpielen nicht!— Der Sommer iſt herum, die Zeit iſt aus!— Wir thun's nicht!“ So ging's, wie in einem Bienenkorbe, von Mund zu Mund. 42 „Stille!“ ſchrie der Meiſter mit einem Schlag auf den Tiſch;„Es kann doch nicht anders ſeyn. Der Ma⸗ giſtrat befiehlt's. Wir ſollen für die liebe Armuth unſere Kunſt machen. Die Almoſenpflege hat ſchon das Stück gewählt. Wir kreuzigen uns freilich umſonſt; allein es iſt Ausſaat fürs nächſte Jahr. Nur, indem wir dem Rath gehorchen. der Schreiber hat mir's geſagt,— erhalten wir eine weitere Erlaubniß für Anno ein und dreißig.“ „Pah, pah, Flauſen, fanle Fiſche!“ ging wieder der Chorus:„kommt Zeit, kommt Rath. An des Sommers Feſttagen wollen die Bürger ihre Freude und Spektakul. Das iſt altes Herkommen, und darf nicht geändert wer⸗ den; und von einer Aktion zum Beſten des Armenſeckels ſteht noch nichts in unſern Privilegien.“ „Ihr ſprecht, wie dumme Leute, habt Spreu, aber keine Grütze im Kopfe,“ ſchrie Hazenbrooker abermals mit Fauſtſchlägen auf die Tafel:„ſeht Ihr denn nicht eine Spanne weit? wißt Ihr denn nicht, was um uns vorgeht? hört Ihr denn nicht die Prediger in den Kir⸗ chen donnern und wettern gegen das ſündliche Komödien⸗ ſpiel in Tagen, da, wie ſie uns glauben machen wollen, des Himmels Einſturz vor der Thüre iſt? Wißt Ihr denn nicht, daß die lebensſatten Sünder in unſerm Stadt— rath nach und nach fromm, und endlich Alles verbieten werden, was nach Luſt und Freude ſchmeckt? Laßt uns die Zeit noch benützen, eh man uns den Stall vor der Naſe zuſperrt; ehe ſie uns zurufen: Schuſter, bleib bei'm Leiſten! Leimſieder, bleib bei Deinen Töpfen! Druckerge⸗ ſell, ſtecke die Naſe in den Schriftkaſten!— So wahr ich's Leben habe: ein einziger winziger Ungehorſam von unſerer Seite, und die Kunſt liegt auch auf der Seite, wie ein todter Fiſch. Gebt ihnen nicht den Vorwand, liebe Brüder. Seyd einig, und laßt uns morgen ſpielen, wenn gleich umſonſt, Ihr Freunde.“ 43 „Ja, wenn die Sachen alſo ſtehen?“ hob der grau⸗ haarige Sprecher bedächtig an, und ließ ſeine Fuchsaugen auf den Geſichtern der Schauſpieler umherſtreifen:„was khnnen wir dabei thun, liebe Freunde?“ Der Pickel⸗ häring zog ſich an den Ohren, und rief, wie ein weinen⸗ des Kind:„Er hält uns, er hat uns an den Löffeln, der plumpe Jagdhund. Aber wenigſtens wollen wir un⸗ ſere Rückſtände einſacken, bevor wir ſpielen.“ „Ja, ja, beim Blitz! das wollen wir!“ hieß es ein⸗ ſtimmig. Und als Hazenbrooker die Stirne runzelte, machte der Graukopf mit Daumen und Zeigefinger die geldzählende Bewegung, ihm zurannend:„Entweder, oder? Ihr zieht doch auch das nächſte Jahr allein den Roogen, Bendir. Gebt den armen Schafen, was Ihr ihnen ſchul⸗ dig ſeyd, und ſie ſind Euer mit Leib und Seele. Wi⸗ drigenfalls... „Nun, in Gottesnamen!“ platzte der in die Enge ge⸗ triebene Magiſter der Spiele heraus:„Ihr ſollt haben, was Ihr anſprecht, aber ſpielen müßt Ihr morgen, oder unſer Theatrum hat ein Ende.“ „Geld, Geld! dann ſpielen, und Vivat Hazenbrookeré lautete der allgemeine Zuruf.— Nach einigen Verhand⸗ lungen unter vier Augen mit der Frau vom Hauſe zählte Meiſter Bendir Jedem auf, was er verlangte, und ließ einige Kannen bringen, die trockenen Kehlen der Künſtler anzufeuchten.—„Was ſoll's denn morgen geben?“ frag⸗ ten ſie nach lebhaftem Zutrinken. „Der weiſe Magiſtrat hat das ſchöne Spiel in Ver⸗ ſen verlangt, das betitelt iſt:„Die wunderbare Erhal⸗ tung Iſraels durch göttliche Fürſicht; oder: die Erhöhung der tugendreichen Eſther, eines hüdiſchen Mägdleins.“ Das Stück iſt verfaßt von dem berühmten Mathematikus Matthäus Lasusberg, und bereits dreimal von unſerer Geſellſchaft vorgeſtelt worden.“ „Der Teufel hole des Laönsberg Verſe, wie ſeine Kalender, an denen ich mich zu Lüttich ſchier blind geſetzt habe!“ murrte der Graukopf im bunten Rocke. „Ihr ſeyd undankbar gegen den gelehrten Autor, lie⸗ ber Stephens,“ bemerkte Hazenbrooker:„Ihr habt immer viel Beifall gehabt, ſo oft Ihr den Mardochai machtet. Habt ihn auch vortrefflich gemacht, bei meiner Seele.“ „Schönen Dank!“ ſagte hierauf der geſchmeichelte Schriftſetzer:„Werde ihn mit Gottes Hulfe auch noch dießmal leidlich vorſtellen.— Wie iſt's mit den andern Perſonen des Stücks 2“ —„e nun;'s iſt alles eingelernt. Den König Ahasver, den mache ich natürlich, wie immer.“ „Freilich, freilich. Die Könige macht keiner ſo gut, wie unſerer wackrer Bendir,“ lobten die Schauſpieler mit Verbeugungen und Häudeſchütteln. „Trara, Trara!“ trompetete der Luſtigmacher:„Da heirather er morgen als gekrönter König, und übermorgen als Heringswirth. Behalt' immerhin die Krone auf dem Kopfe, Bendir.“ Er machte eine unanſtändige Geberde. Hazenbrvoker erhob ſich majeſtätiſch gegen den Spöt⸗ ter, der plötzlich zur Thüre hinausſprang, und dem Hel⸗ den ein Rübchen ſchabte.—„Laß den Thoren! laß ihn!“ riefen die Uebrigen, ſich dem Zürnenden entgegenwerfend: „ihn ärgert, daß ein ernſthaft Schau- und Trauerſpiel vorgeſtellt werden ſoll, worinnen er nicht mitagiren darf. Laß ihn, und ſprich weiter von den Perſonen!“ Gelaſſen ſetzte ſich wieder der Prinzipal, und rechnete au den Fingern:„Da iſt ferner noch die Vaſthi, eine ſtumme Perſon, die macht des Kürſchners Sohn zu der goldenen Kugel.— Die Eſther..4 „Ich hab ſie ſchon agirt!“ begann mit feiner Stimme, der neben dem Stepens ſaß, ein junger Badergeſelle mit glatten Händen und bartloſem Kinn:„der Jeremias mag morgen des Meiſters Kunden bedienen. Ich rühre den ganzen Tag kein Meſſer an.“ 4⁵ „Die allegoriſchen Perſonen alſo. Der Neid der ſeyd Ihr, Weber Overkamp. Die Hoffart. kleidet Euch dießmal beſſer an, Jockum Vangeeſt. Auch war Euer Pfau nicht in der Ordnung, Euer Spiegel roſtig. — Die Zwietracht endlich„. Peter Smal, wo ſteckſt Du?“ „Ich mache die Zwietracht nicht, wenn die Schlangen nicht ausgebeſſert werden. Es war's letztemal eine Schmach und Schande, und die Fackel tropfte, daß mich's bis auf die Knochen brannte.“ »Die Schlangen ſollen friſch angeſtrichen, und die Fackel eigens bei'm Seifenſieder beſtellt werden: gib Dich zufrieden. Des Mardochai Knecht agirt der Michel Jan⸗ ſen, der Eſther Magd mein Kelerburſche Geert...“ „So? jetzt bin ich ſchon ſein Kellerburſche? Du fläm'ſcher Bengel!“ murmelte Geert in den Schwenkkübel. Hauptmann von den aſſyriſchen Bogen⸗ ſchůhen ſteut wie immer Meertens, der Schaarwächter, vor; hat kriegeriſchen Schick und Gang; kein Wunder — ein alter Landsknecht und ſomit wären wir fertig.“ „Mit Verlaub!“ ſagte Stephens wichtig:„wir ſind noch nicht fertig. Wo blieb denn der Hauptkerl des Spiels? der Kanzler des Königs, ſein Miniſter Haman?“ „Blis! hätt' ich ſchier den Hauptburſchen vergeſſen!“ verſetzte Hazenbrvoker herzlich lachend:„Der lange Hen⸗ nes mit dem Galgengeſichte, wo ſteckt er? Wie kommt's, daß der faule Schreiner heute bei der Verſammlung fehlt? er trinkt ſein Glas ſo gern, wie jeder andere. Ruft ihn her. Wer von Euch weiß, wo er ſein Frühſtück ein⸗ nimmt 2“ „Ich, ich, ich weiß es!“ rief der Pickelhäring zum Fenſter herein.—„So geh', und hol' ihn her, Du ſchus⸗ des Kalb!“—„Ach, Meiſter, nein. Mir iſt's zu weit.“ —„So ſage wenigſtens, Du fauler Geſelle, wo er zu 46 finden 7«—„Gar gern. Zu Amſterdam, ihr Herren.“ —„Zu Amſterdam? Du plumver Poſſenreißer, laß die Späſſe.“—„Zu Amſterdam, bei meinem Leben. Er iſt geſtern ſeinem Meiſter entlaufen, und hat mir bei'm Ab⸗ ſchied noch etwas vertraut.“—„Vertraut? was 76— „Daß er zu Leyden zwei Spitzbuben kenne, die ihres Gleichen nirgends haben. Seinen Meiſter und den Herrn Hazen.. hatzi, hatzi!“ Nießend lief der Schalksnarr davon, und ließ die ehrſame Geſellſchaft in großer Be⸗ ſtürzung zurück.— Sie kreiſchten, einer lauter, als der andere. Aber der Principal ſank niedergeſchlagen in den Stuhl, und ſaate mit erlöſchender Stimme: Das fehlte noch. Der Schurke hat die Handſchrift des Stücks mit⸗ genommen. Er hatte ſeine Lektion abzuſchreiben, weil er die erſte Abſchrift in die Kohlenpfaune fallen ließ. O, ich geſchlagener Mann! Woher nehme ich nun das Stück? Gerade dieſes will der Magiſtrat! und hätt' ich das Stück, woher nähme ich den Haman? Und gäbe ich ein ander ſchönes Spiel,— fehlt mir nicht überall der Hen nes? Der verlorne Sohn, der Holoferues, der Prinz von Island, der Hektor, der Kriegsgott Mars, Emannel, ein Herzog aus Griechenland, und ſo viele andere wackre und vornehme Leute ſind mir mit dem boshaften Bur⸗ ſchen davongelaufen! O weh, wer hiltt in dieſer Noth?“ „Wenn wir aus unſern Lektionen das Spiel zuſam⸗ menſchrieben„.26 ſchaltete Stephens ein. Aber ihm entgegnete Hazenbrooker wüthend:„Was da? wie das? und ging' es auch, wo iſt des Hamans unentbehrliche Perſon mit ihren langen Reden und ſchweren Verſen? — aber nein, nein... vielleicht iſt alles nur ein blin⸗ der Lärm.. der hämiſche Affe, der Pickelhärig hat gelogen; aewiß, bei meiner Seele— er muß gelogen haben. Zerſtreut Euch in der Stadt, ihr lieben Män⸗ ner, ſucht den Hennes, ſpürt ihn auf. Ihr, geliebteſter Handzweel, ein eifriger und finker Scherersknecht, macht 47 Euch auf die leichten Füße„ eilt, bringt mir den Hennes ſchnell, und zugleich die Ohren des verlogenen Schurken, der uns äffte. Lauft, lauft, und bringt mir Nachricht. Ein Becher Malvaſier demjenigen, der mir die gute Botſchaft anſagt. So lauft doch, ſag' ich Euch!“ Die Verheißung ſpaniſchen Weins machte den trägen Künſtlern Flügel. Im Nu war die Stube leer. Hazen— brooker war allein mit ſeiner Angſt und Sorge. Des Bürgermeiſters Zürnen, des Stadtraths zu befürchtendes Verbot„ der Hohn des ſchauluſtigen Volks... die Schadenfreude der Kunſtgenoſſen...! Den eiteln Prahl⸗ hans, für deſſen Muth gerade nur ſeine breiten Schultern bürgten, ergriff ein namenloſes Zagen. Er ſtemmte beide Arme auf den Tiſch, legte den Kopf in die Hände, und ſeufzte rathlos vor ſich hin. Eine Stimme, die ſein Ohr unſauft berührte, machte ihn aufhorchen. Ein Gaſt, der ohne Geräuſch eingetre⸗ ten war, verlangte eine Erſriſchung.—„Ei, Herr, wo⸗ her kommt Ihr wieder, und ſo ganz verändert?“ fragte Geert, der Kellerburſche. Hazenbrvoker ſah ſich verdrieß⸗ lich um. Dicht neben ihm ſaß der junge cavaliermaͤßige Herr aus Gravenhagen, der einſt ſeine Eiferſucht ſo ſehr gereizt hatte. Aber gerade nur wieder das Auge der Eiferſucht oder der Dankbarkeit— wie denn Geert die ſpaniſche Silbermünze nicht vergeſſen— gehörte dazu, um aus den elenden Kleidern, die an dem Reiſenden hin⸗ gen, denjenigen heraus zu finden, welcher damals auf dem krieſiſchen Pferde davon ritt, und nun au einem weißen Stecken, den Brodſack auf der Schulter, zurückkam. „Ei ſo? Grüß' Gott, mein Herr. Was machen Eure Silberflotten auf dem Meere? Oder liegen ſie noch vor Anker in den Geldſäcken Eures Vaters? Soll Euch der Bube abermals ein Roß bringen, oder reitet Ihr einſt⸗ weilen Euren eigenen Rappen?“ So begann der Ko⸗ 48 mödiant, unter den Wimpern nach dem Fremdling ſchie⸗ lend, und ohne ſich weiter zu rühren. „Sißet nicht, wo die Spötter ſitzen„«entgegnete Jo⸗ hann eintönig, und nahm ſeinen Platz im Rücken Hazen⸗ brookers, der, um ſeiner Würde dem Landſtreicher gegen⸗ über nichts zu vergeben, ſich gar nicht nach ihm umſah, obgleich er im boshaften Anſprechen fortfuhr:„'s iſt ſeltſam, wie die Zeiten umſchlagen. Sonſt erkannte man die vornehmen Herren an Dienern und Gefolge; leho wandeln ſie, wie ander Volk, zu Fuß unſcheinbar durch's Land.“ Johann antwortete nicht, denn die Thüre nach dem Innern des Hauſes öffnete ſich, und Miekje's Geſtalt neigte ſich durch dieſelbe. Ihr Antlit brannte von freu⸗ digem Schreck; wie einen länsſt Erwarteten begrüßte ſie mit der rechten Hand, obwohl von ferne, den Ankömm⸗ ling; der Zeigefinger der Linken lag, ein bedentungsvoller Riegel des Schweigens, vor den Lippen, welche den Au⸗ gen überlaſſen hatten, an ihrer Statt die Sprache zu reden, die ein eiferſüchtig Ohr nicht vernimmt. Johann nickte leiſe mit dem Anſchein der Zufriedenheit auf ſeiner Stirne, und die Thüre ging wieder zu, ohne daß Hazen⸗ brooker das Mindeſte gemerkt hätte.— Während der kurzen Stille, vergebens eine Erwiederung auf ſeine Spottrede erwartend, hatte er ſich auf eine neue, kräfti⸗ gere beſonnen, die er denn auch, verharrend in ſeiner vo⸗ rigen Stellung, bald zum Beſten gab:„Was meint Ihr wohl von den Veränderungen, die ſich an unſern beiden Perſonen zugetragen haben? Vor wenig Monden war ich Euer Narr; nicht wahr? ein Tropf, der unverſchämt in einem Hauſe redete, worinnen er keine Stimme hatte, nicht wahr? Jetzo— wenn Ihrs nicht ſchon wißt— iſt dieſes Haus das meine, und ich hab' allein darinnen zu reden, und kann den hinauswerfen laſſen, der mir nicht gefaͤllt. He26 49 Da hob Johann mit dumpfem Klagetone an:„Du ſprichſt: ich bin reich, und habe gar ſatt, und bedarf nichts! und weißt nicht, daß Du biſt elend und jämmer⸗ lich, arm, blind und bloß!“ Dieſe finſtern Worte erſchütterten plötzlich den Ha⸗ zenbrooker dergeſtalt, daß er ſich ſcheu nach dem Sprecher umſah. Bläſſe überzog ſein Geſicht, da im ſelven Au⸗ genblicke der junge Baderknecht hereinſprang, und ganz verwirrt aufſchrie:„Es iſt nur allzuwahr! der Hennes iſt fort, und in ſeiner Kammer hat ſich nicht ein Blatt Papier, noch etwas anderes vorgefunden.— Nehmt Euch aber jetzo vor dem alten Stephens zuſammen, lieber Mei⸗ ſter. Er will, ſobald Ihr morgen das Stück nicht ſpielen laſſen könnt, beim Stadtrath fur ſich ſelber die Privile⸗ gien erneuern laſſen, die bis jetzo von der Geſellſchaft Euch ſind überlaſſen worden!“ „Ach mein böſer Stern, mein böſes Schickſal!“ brach Hazenbrooker in Klagen los.„Die Burſche brechen mir den Hals; der Bürgermeiſter hält ſein drohendes Ver⸗ ſprechen. Ehe ich die Komödie aufgebe,— lieber will ich ſterben! ſie iſt mein einzig Vergnügen; mein Stab und Stecken iſt ſie. Und wenn ſie mich nicht mehr hier ſpielen laſſen„ dem verdammten Stephens trau ich alles zu— wenn ich fortwandern ſoll, in einer andern Stadt mein Heil zu ſuchen,— was fang ich an mit meiner Braut? O ich elender, geprüfter Menſch!“ Die Verwirrung zu verwirren, ſtürzte die Kampens herein, und überſchüttete den Bräutigam mit Vorwürfen aller Art. Sie ſchalt ihn einen ungetreuen Verwalter der Zunftlade, einen ſaumſeligen Hauptmann ſeiner Leute, einen Geizhals und muthloſen Maulhelden, einen dummen Pinſel, der ſich in jeder Noth nicht zu helfen wiſſe, einen abgewirthſchafteten Wüſtling, der ſich nicht entblöde, von ſeiner Braut, aus dem Kaſten der Wittib, Geld zu ent⸗ Der Koͤnig von Zion. I. ² 50 leihen, mit dem feſten Vorſatze, es nimmer heimzugeben: Geld, um liederliche Komödianten zu bezahlen, die fuͤr ſolche Wohlthar nur Undank, Grobheit und Hohn als Vergeltung in Bereitſchaft hätten.— Hazenbrooker beugte ſich vor dem drohenden Weibe, und ſchirmte unwillkür⸗ lich mit beiden Händen ſeinen Kopf, wie ein armer Schlucker, den ſein Unglück unter eine ſprudelnde Dach⸗ rinne geführt, welcher nicht mehr zu entlaufen iſt. Durch ein paar Worte des Badergeſellen, der eiligſt ſeinen Kunden nachlief, von dem Beſtand der Sache un⸗ terrichtet, näherte ſich Johann kecken Fußes und lächeln⸗ den Angeſichts dem Verzweifelnden; er klopfte ihm auf die Achſel, nachdem ein vertraulicher Blick Miekje's Zorn plötzlich beruhigt hatte. n„So faßt Euch doch,“ ſagte er dem barſch Umſchau⸗ enden. Worauf Hazenbrooker, der kürzlich gefallenen feier⸗ lichen Rede eingedenk, geſchmeidiger entgegnete:„Ihr ſeyd ein guter Prophet. Freilich wußte ich nicht, wie elend und jämmerlich, wie blind und bloß ich war. Ich weiß nicht, noch jetzo, wer mir ſchlimmer mitſpielt, ob meine Braut, die verſprochen hat, alles Ungemach, ſo wie alle Freude der Welt mit mir zu theilen, oder meine ſaubern Zunftgenoſſen, die Gott beſſern möge, oder der Magiſtrat, der meine Geſchicklichkeit, nicht in Anſchlag bringt, und durchaus das Unmögliche von mir verlangt. Groenwalt, unſer Gelegenheitsdichter und Spruchſprecher, ſagt ſehr weiſe: „Wie iſt ſo tückiſch doch ſo oft das Glücke? Eskſchrägt ſein Spielwerk ſelbſt in taufend Stücke.“ „Ein feiner Spruch,“ bemerkte Johann:„aber Sprüche helfen hier nicht. Ich will feurige Kohlen auf Euer Haupt ſammeln. Ihr wollt die Eſther aufſpielen laſſen 2“— „Ja.“—„Der Haman iſt Euch davon gelaufen?“— 51 „Ja, ja; woher witt denn Ihr Alles? Ihr, der von der Landſtraße kömmt?“—„Ich weiß Alles, mein Freund.“— Alles? Nicht übel. Seyd nun ſo gefällig, und ſpielt mir den Haman, den kein Menſch hier zu Leyden weiß.“—„Eben dieſes will ich thun. Schlagt ein. Ich helfe Euch.“ Befremdet blickten den Helfer ſowohl Miekje, als Hazenbrooker an. Als ob er dieſe Betroffenheit nicht bemerkte, ſagte Johann zu der Wittwe:„Die Trauer ſteht Euch fein und lieblich, meine ich. Doch wird ein Hochzeitkleid Euch beſſer zieren!“— Miekje ſeufzte, und verſank, ſo zu ſagen, in die ſchwimmenden Augen des leiſetretenden Verführers. Hazenbrooker packte ihn indeſſen beim Arme, fragend: „Wie? hab ich recht gehört? Oder treibt Ihr nur Nar⸗ rethei? Ihr habt das Anſehen eines Schwindlers, Ihr kommt mir vor, wie einer, der aus der Wahrheit juſt nicht ſein Tagzwerk gemacht hat;— wenn Ihr aber zu⸗ fällig heute, in dieſer Stunde, mit Eurem letzten Athemzuge nicht gelogen hättet,— ich wüßte nicht, was ich thun ſollte, Euch zu belohnen.“ „Von Euch erwarte ich keinen Lohn,“ antwortete Johann, wieder mit einem Seitenblick auf das Weib, das ihn wohl begriff:„Ich ſpiele Euch den Haman, und da⸗ mit gut. Dann ſchüttle ich den Staub von meinen Schuhen, und ziehe weiter.“ „Mein Herr und Gott, wie iſt mir denn zu Sinne? Ihr ein Komödiant? Wie kaͤme dieſes? Ihr fallt mir gerade wie vom Himmel auf die Bühne. Wenn hier nicht Euer Muthwille allein waltet„. „Ihr glaubt mir nicht? Hab' ich doch erſt vor einem Mond zu Amſterdam die Lektion des Haman aufgeſagt! Oder iſt es nicht etwa mit dieſer Rede, daß der Günſt⸗ ling des Königs das Spiel anhebt? 52 „Sag an, o Herr, wie iſt Dein Aug ſo trüb? Dein Fuß ſcheint zu ermatten, Von Deiner königrichen Würde brieb nur noch ein blaſſer Schatten. Dich freut nicht mehr Geſang und Saitenſpier; Du fliehſt von allen Feſten und doch war ſonſt der Luſt und Prach ſo viet in Deinen Goldpaläſten?“ „Poh Blitz! bei meiner Seele! das iſt's! ſo lautet, was der Haman ſagt,“ rief der Spielmeiſter aufſpringend, und ſeinen neuen Freund mit Fröhlichkeit umhalſend:„Ihr könnt ihn auswendig, den Kanzler und Günſtling. Ihr ollt ihn machen. Zum Verdruß des Hennes und aler ſSchurken, die mir übel wollen. Miekje, ſchickt nach den ſchadeufrohen Geſellen. Sie ſollen ſterben vor Neid. Miekje, traktirt mir den Herrn da wohl, und laßt ihm nichts abgehen.— Ihr ſeyd abgeriſſen, lieber Mann, Ibr ſeht recht lumpig aus. Miekje, gebt dem braven Mann von meinen Kleidern. Sind freilich nicht von Sanmt, guter Bockelſon, haben keine goldne Knöpfe auf den Nä⸗ then; ſehen jedoch ehrenfeſt und ſauber aus. Lauſt mir nur nicht davon, mein Schatz und Gönner. Bleibt nur bis übermorgen. Mogt Euch an unſerm Hochzeittiſch noch gütlich thun, nicht wahr, mein Bräutchen? Und alsdann meinetwegen Gott befohlen. Ich werd' Euch mit Reiſegeld unterſtühen, ich werd' Euch ewig in meinem Herzen behalten. Und Ihr auch, Miekje, nicht wahr? Sieh doch, der Menſch mit dem Zwerchſack, der vordem einen Cavalier agirte, und jetzo einem Bettler gleich ſieht, muß kommen, um mir aus der Noth zu helfen! Sekt, liebe Miekje, bringt Sekt herbei. Wir müſſen auf die Geſundheit des wackern Menſchen trinken!“ Mit ſeltener Eilfertigkeit brachte Miekje das Ver⸗ langte, und fläſterte bei einer günſtigen Gelegenheit dem 53 ſtolzirenden Johann in die Ohren:„Nicht Gott befoh⸗ len, Jan Bockelſon; nun und nimmer Lebewohl. Ich will Euch hier behalten, hier in Leyden, hier im Hauſe, ſo wie Ihr in meinem Herzen eingeniſtet ſeyd.“— Worauf Johann, ihre Hände drückend:„Verlang' ich's beſſer? will ich etwas Andres? Der Himmel lenke Eure Gedanken, liebe Frau.“ Viertes Kapitel. Das Hochzeitfeſt des Schneiders von Leyden. In den Straßen von Leyden wandelte eines Morgens ein junger Mann umher, der nach ſeinen Geſichtszügen und Fleidern zu urtheilen, ein Fremder, und zwar ein Deutſcher war. Die Tracht eines Studenten, wie ſie dazumal auf deutſchen Hochſchulen, die der neuen Lehre huldigten, üblich, ſtand ihm wohl, der Hut, nach Gebrauch, frei aus der Stirne gerückt, und gegen das rechte Ohr geneigt, das ſchmal gefältete Hemd weit aus dem offenen Wamms zu ſehen, der ziemlich lange Mantel— ein Ueberreſt der Kloſterſchülertracht— von der rechten Hand, die zugleich ein winziges Büchlein hielt, bequem aufgeſchürzt. Der von den Spaniern entlehnte Degen wurde von der Linken wagerecht, aber dergeſtalt vom Mantel verhängt gehalten, daß nur der ſtählerne Korb und ein Endchen der Zwinge daraus hervorſah.— Der Spazierende war ein grelles Gegenſtück zu den Hollän⸗ dern, die ihre Deckel tief in die Augen drückten, ihre Wämmſer zuknöpften, bis unter den Bart, ein kurzes, breites Käsmeſſerchen an den Gürtel hingen, und ihre Maͤntel von Tag zu Tag mehr abſchnitten, weil die Spanier an den ihrigen von Tag zu Tag mehr zugaben. 55 — Von dem ſchlumpernden Gang der Meiſten zu ſchwei⸗ gen, der freilich unter dem Aushängeſchild äußerſter Sorgloſigkeit oder kaufmänniſchen Eilens eine große Be⸗ dächtigkeit verbarg; ſo wie denn endlich auch der hollän⸗ diſche Fuß den gravitätiſchen des ſpaniſchen Oberherrn überflügelte. Der muntere Student trat auf, wie ein freiſam ſchrei⸗ tender Kämpe, doch verrieth hin und wieder ein gewiſſes Schwanken oder Innehalten, daß ihm die kecke Haltung wohl erſt ſeit Kurzem eigen. Auch kamen wahrend des Spazierens Augenblicke, die den jungen Fremdling gänz⸗ lich verwandelten, daß er den Kopf ſenkte, langſam und brütend ſchlich, als trüge er noch eine Kutte, und ſein friſches Antliß in die langen Falten tiefen Nochdenkens legte. Mit gerunzelter Stirne und finſteren Augen blieb er etwa dann und wann ſtehen, wo eine Linde ihren Schatten lieh, ſetzte ſich auf eine der allenthalben bereit ſtehenden Bänke, und las begierig und unbekümmert um das Treiben der volkreichen Stadt einige Seiten in ſei⸗ nem Buche. Gleichſam, als hätte er eine Arznei ver⸗ ſchluckt, die wieder eine Zeit vorzuhalten beſtimmt war, ſchritt er ſodann neugeſtärkt weiter, und machte allmäh⸗ lich die Runde durch alle Gaſſen. Unfern vom Thore, wo's nach Gravenhagen geht, hielt er plötzlich ſtutzend inne, legte die Hand vor die Augen, damit ihn die Sonne nicht blende, und ſchaute mit nicht geringer Verwunderung einem Manne und einer Frau entgegen, die durch's Thor gingen und deren Um⸗ riſſe von dem heiteren Herbſtlichte deutlich gezeichnet wur⸗ den.—„Bei'm Bachus, ſie ſind's!“ ſagte er vor ſich hin, nachdem er mit ſeinen Erinnerungen in's Reine ge⸗ kommen.„Ach, dieſes Glück hätte ich armer Schelm mir heute nicht geträumt!“ Auf ſeinen Degen geſtützt, ließ er die Leute näher wandeln. Der Mann, ein Vierziger, mit weißem Ange⸗ 56 ſicht, ſchwarzen Hängelocken, aufſchneideriſchem Reiterbart, äußerſt veraͤnderlichen Zügen und leichtſinnigen Angen, die bald wie die eines muthwilligen Knaben in die Welt guckten, bald einen tyranniſch-düſtern Ausdruck annahmen, bald vor ſich hinſtarrten in Zerſtreuung und Verſunken⸗ heit, als wäre nichts mehr um ſie her zu ſehen. Der Anzug, etwas vernachläßigt, und in allerlei Farben ſpie⸗ lend, ſtimmte zum Kopfe; ein Strumpf ſaß gut, der an⸗ dere hing in Falten; die Laſche eines Schuhs war unbe⸗ achtet aufgegangen; der Hut, ein ungeheuerer Kegel, ſtand ſo wunderlich, als ob ſich der Träger zu lange in der Schenke aufgehalten hätte.— Der Blick des Studenten verweilte nicht auf dem Manne, um ſo länger jedoch auf der Junsfrau an ſeiner Seite, auf der Tochter, die in Reinlichkeit und Ordnung, wie im Geſchmacke der Ge⸗ wänder, des Vaters Vorbild hätte ſeyn ſollen. Von des Vaters Zügen hatte ſie nur die gutmüthigen und heite⸗ ren geerbt, und die dunkeln Locken und die ausdrucksvol⸗ len Augen. Alles Uebrige in des Mädchen Antlitz, in ſeinen Geberden, in ſeiner Sprache, war das Erbe einer ſchönen, liehenswürdigen Mutter. „Das iſt Meiſter Lüdger, das iſt ſeine Angela; ich irre mich nicht,“ ſagte der Student entzückt zu ſich ſelbſt. Der Meiſter ſtand eben ſtille, legte eine Knie über das andere, und rieb ſich bequem das Schienbein. Ein klei⸗ ner, naſeweiſer Bube, der ein Kohlenbecken trug, gaffte ihn an, lachte ihm in's Geſicht.„Will vou ausreißen, damned polisson?“ ſchrie der Meiſter den Knaben an, und hob die Hand ſo bedeutend, daß der Frevler gröh⸗ lend davon lief.— Angela blickte verlegen zur Seite, und ſtieß einen Laut des Erſtaunens aus.—„Nun, was haſt Du, Engelein?“—„Seht doch, iſt das nicht Nachbars Rynald? der Lange dort? Ach freilich iſt er's. Kommt, lieber Vater, ihm einen guten Tag zu wünſchen. 57 Heilige Mutter, er hat uns auch erkannt; er ſpringt heran. Grüß Gott, Rynald!“ „Alles Liebe, alles Gute ſchenke er meinen Freundeu und Landsleuten!“ antwortete der Student, mit einer Glorie von Zufriedenheit angethan. „Ja, ja, Rynald,“ ſagte der Meiſter treuherzig und Freude zeigend, wie ein Kind.„Berge kommen nicht zuſammen, aber Menſchen. Du biſt gewachſen, Rynald, haſt einen Bart bekommen. Nun ja, die Zeit iſt da. Wir haben uns ſeit Hiobs Tagen nicht geſehen. Aber — wie iſt mir denn? darfſt Du denn ſolche Kleider tra⸗ gen? Sporen an den Füßen, ein Schwert, auf ein Du⸗ tzend Sperlinge eingerichtet. 2 God damen! biſt Du ein Bacchant geworden oder ein Lurbruder? Ich pinſelte Dich in Gedanken immer in einer Mönchskutte auf die Wände.“ „Ei, Vater lieb, das ritterliche Gewand ſteht dem Rynald viel beſſer, als ein Prieſterrock.“ „Ei, Tochter fein, das ſagt man nicht einem jungen Geſellen ſo gerade in den Bart. Der weiß es ohnehin, und braucht's nicht erſt aus Deinem einfältigen Muͤnd⸗ lein zu hören. Gelt, Rynald 26 „Legt doch der holden Jugendgefährtin keine Feſſeln an, Meiſter. Ich bin ja ſo glücklich, daß ich ihre Stimme wieder höre. Göunt mir das Glück.“ „Alles, was Du willſt. Nur erzähle geſchwinde, wie Du unter dieſe Holländer kömmſt? Unſere Geſchichte iſt kurz. Vor drei Monden ſind wir nach England ge⸗ reist. Ich hoffte mit meinen Bildern dort etwas zu ver⸗ dienen, und bei dem Hansnarrn, dem tollen Heinrich, Arbeit zu finden; denn— lieber Junge— es ſieht ſchlecht aus im Vaterlande. Aber— proſit! Se. Ma⸗ jeſtät waren ſchon mit etlichen elſäßiſchen oder ſchweize⸗ riſchen Malerſchlingeln behaftet,— darunter der lieder⸗ liche Holbein, denke Dir— und folglich wollten auch 58 die Hofſchranzen von dem ebrlichen Meiſter Lüdger zum Ringe nichts wiſſen. Außer ein paar engliſchen und franzöſiſchen Brocken, womit man hoͤchſtens einen Dutch⸗ Kerl in's Bockshorn jagen kann, hab' ich nichts aus der verwünſchten grünen Inſel mitgebracht, aber eine Leiche dort gelaſſen, des Jungfräuleins Amme; welcher Todesfall mir zu meinen übrigen Sorgen noch die Sorge für die Prinzeſſin da auf den Hals geladen hat.— Ich bin hie⸗ her gerathen, weil ich den Hausherrn beſuchen wollte, bei dem ich vor drei und zwanzig Jahren wohnte, als ich für den reichen Cornelius zwei Säle al fresco malte. Dazumal war Alles beſſer in der Welt. Glaub' mir, lieber Rynald.“ „Jetzt iſt die Reihe an Dir,“ begann Angela unge⸗ duldig.„Erzähle, Rynald. Was iſt ſchuld, daß wir die Freude haben, Dich hier zu ſehen? Wirſt Du mit uns nach der Heimath kommen? Wir haben einen Platz in unſerem Fuhrwerk, ſeit die arme Liſabeth dahin; und Vater Lüdger verbietet Dir gewiß nicht mitzufahren.“ „Hi, wer weiß 2“ warf Lüdger mit bedenklich ſpötti⸗ ſchen Mienen ein. Unterdeſſen nahm Rynald Augela's Hand, und erwiederte:„Tauſend Dank, Jungfer. Aber, ich darf noch nicht zurück nach Münſter.“ „Du darfſt nicht? Ei warum denn nicht? Wer ſoll Dir's wehren? Verſtehſt Du das, lieber Vater? Ich glaube eher, daß Herr Sibing, der Vicar am Stift des heil. Moritz, ihn mit vffenen Armen empfangen werde. Hat er nicht für Dich von Jugend an geſorgt, lieber Ry⸗ nald? Haſt Du nicht ſelbſt geſagt, als Du von Mün⸗ ſter gingſt, er habe Dir Unterſtützung verſchafft, um zu Cöln ein gelehrter Mann zu werden? Sieh, es iſt mir nicht das Geringſte entfallen, was Dich anging, was Du geſagt, was Du gethan, und ich habe oft, gar vielmal an Dich gedacht. Tanſendmal reicht gar nicht hin.“ Der Vater trippelte ungeduldig hin und her auf den 59 breiten Pflaſterſteinen.—„Angela!“ rief Rynald mit hervorbrechender Zärtlichkeit aus. Dann ermannte und beſann er ſich plötzlich, trat einen halben Schritt zurück, und ſetzte traurig hinzu:„Der Vicar ſelber, mein Vor⸗ mund, und ehedem ein väterlicher Freund dem Elternlo⸗ ſen, hat mir bei ſeinem Zorn die Rückkehr unterſagt⸗ Noch iſt die Zeit nicht gekommen.“ „So fable nicht in's Blaue, ſondern gib endlich Dei⸗ nen Spruch von Dir,“ polterte Lüdger nicht ohne Ver⸗ druß.„Wir ſtehen da eine Stunde unter heiterem Him⸗ mel, und wiſſen immer noch „Mit zwei Worten ſag' ich's Euch. Ich habe zu Cöln nichts gelernt, aber zu Straßburg, ſtatt der Theo⸗ logie, die ich an den Nagel hing, die Weltweisheit bei einem, dem Lutherthum ergebenen Profeſſor ſtudirt. Mein Glaube und mein Streben ſind die der jungen Zeit. Ich ſtimme nicht zu dem finſteren Treiben in der Vaterſtadt. Zu aufrichtig, um zu heucheln, wie's der Landsmann Bernhard Rottmann that, den ich zu Cöln getroffen, und der auch ein undankbarer Schützling meines Vormunds iſt, hab' ich Herrn Hermann Sibing rund und klar ge⸗ ſchrieben, was ich gethan, und wie ich denke. Als Ant⸗ wort ſandte er mir ein derbes Verbot, ihm wieder je⸗ mals unter die Augen zu treten, und legte den geringen Reſt meines Erbes bei. Hierauf ging ich nach Holland, mit wenigem Gelde und allein. Die Schriften des wackern Hutten ſind mein einziger Begleiter. Aus ihnen ſchöpfe ich Troſt, wenn mich die troſtloſe Gegenwart darnieder⸗ zubeugen droht. Seht, das iſt meine ganze Geſchichte.“ „Ihr ſeyd ein Lutheraner geworden, Rynald?“ fragte Angela ernſthaft und bekümmert. Rynald entgegnete ſeufzend:„ Wenn Ihr's ſo nennt . Gewiſſermaßen ja, meine tugendreiche Jungfer. Iſt's ein Verbrechen, ſo bin ich grauſam genug geſtraft, indem 60 Ihr mir das Du verſagt, das ſeit den Kinderſpielen uns verband, wie Geſchwiſter verbunden ſind.“ Angela ſprach nicht, ſondern heftete ernſthaft wie zu⸗ vor das Auge an den Boden. Lüdger räuſperte ſich ver⸗ legen, rieb ſich die Hände, und ſagte ſtockend;„Hi, ja, ob Lutheraner oder nicht.. mir iſt's gleichviel, wenn auch nicht der Dirne. Ein welterfahrener Mann weiß, was er von ſolchen Dingen zu halten hat. Die Weiber ſchelt' ich nicht, wenn ſie am alten Herkommen kleben,„aber das ſoll unſere Freundſchaft nicht ſtö⸗ ren, junger Mann.“— Sie reichten ſich die Hände. Da begann dicht neben ihnen eine Bande von Muſikanten ein gellend fröhliches Lied, und ein Kerl, in bunte Lap⸗ pen gehuͤllt, einen mißtönenden Dudelſack bearbeitend, machte wunderliche und poſſierliche Sprünge an der Spitze der Muſikanten vor einem auſehnlichen Hauſe.—„Was iſt denn das?“ fragten Lüdger und Angela den Lands⸗ mann. „Eine Hochzeit, meine Freunde. Mein Herbergvater feiert ſeinen Ehrentag. Hier wohne ich, ſeit ich zu Ley⸗ den hauſe. Die Schenke zu den drei Heringen iſt mei⸗ nem Beutel angemeſſen, und birgt zudem in ihren auf⸗ gevntzten Mauern ein wahres Wunderwerk von einem Menſchen, den ich ſtudire, wie ein Buch. Seht, da tritt er ſelber auf die Schwelle. Er grüßt uns. Ich wette, daß er Euch zu ſeiner Hochzeit ladet, ſo wie er mich als Hausgenoſſen ſchon geladen. Denn er iſt in ſeinem en⸗ gen Bürgerkreiſe freigebig, wie ein vornehmer Herr mit Land und Leuten nur immer ſeyn mag.“ In der That kam der Hochzeiter, prächtig angekleidet und mit Blumen geputzt, auf die Sprechenden zu, nach⸗ dem er der Muſik bedentet hatte, zu ſchweigen. Mit ſtolzirender Verbeugung hob er freundlich an:„Da mei⸗ nes werthen Haus- und Tiſchgenoſſen Freunde ſtets die meinigen ſind, ſo wage ich, dieſelben zu meiner geringen 61 Mahlzeit einzuladen. Sie wird nur alsdann Werth er⸗ halten, wenn ihr euch herablaßt, Herr und Frau, daran Theil zu nehmen.“— Er bot dem Mädchen einen Strauß von friſchen Herbſtroſen. „Nimm, Angela. Wir danken dem Herrn für ſeine Gaſtfreundſchaft, und wenn es möglich wäre...“ Lüd⸗ gers Rede wurde wieder von der Muſik unterbrochen. Die Bande ſtellte ſich in zwei Reihen, um die Eintreten⸗ den gebührend mit Sang und Klang zu empfangen. Der Hausherr ging, nach ſpaniſcher Sitte, den Eingeladenen voran.—„Laßt uns weggehen, Vater, der Mann ge⸗ fällt mir nicht,“ flüſterte Angela dem Maler dringend zu.—„Narrlein! Gerade um Dir die Schüchternheit zu benehmen, wollen wir hinauf.“—„Ich fürchte mich vor dem Manne,“ wiederholte Angela dringender.— „Pah, pah; die Furcht iſt albern. Ich wittere in dem Hauſe eine köſtliche Sammlung ächtholländiſcher Geſichter; da weicht kein Maler aus.“ „Die Jungfer will nur nicht an meiner Seite ſitzen,“ bemerkte Rynald niedergeſchlagen. Da ſchüttelte Angela wehmüthig den Kopf, und ſchritt an Vaters Arm, das Gegentheil zu beweiſen, haſtig voran.— Rynalds Hoff⸗ nungen lebten wieder auf. Indeſſen vraunte ihm der Maler zu:„Die Weibſen haben ein dunkles, aber nicht unrichtiges Gefühl. So wie jener Mann mag zu Zei⸗ ten der Gott ſey bei uns ausſehen, wenn er ſich geputzt hat, um eine Betſchweſter oder eine Kloſterfrau zu ver⸗ führen. Ich muß mir den Burſchen heimlich abreißen. Gemein und adelich„ ich habe ſo etwas noch nie in einer Geſtalt beiſammen geſehen.— Oder wer iſt der Menſch?“ „Ein ſchlichter Schneider, Meiſter Lüdger; aber ein ſeltener Menſch, gewiß und wahrhaftig.“ „Ein Schneider? So? ich glaub's; denn da ſchaut ans den übrigen Gäſten ein Obermann der Zuuft hervor, 62 den ich wohl kenne. Willkommen, Meiſter Straatener von Geldern! finden wir uns hier? Sieh, Rynald, das iſt der Mann, den ich in Leyden zu beſuchen kam.“ „Seyd gegrüßt, aleer Freund,“ ſagte Straatener wich⸗ tig, dem Maler die Hand hinhaltend.„Ihr tretet in ein fröhlich Haus.“—„Nehmt die Ehrenplätze am obe⸗ ren Ende der Tafel ein,“ hat der geſchmeidige Wirth, und ſetzte die niedergeſchlagene Angela zwiſchen ihren Va⸗ ter und den Studenten. Meiſter Straatener ſaß zur Rechten des Malers. Dieſen Gäſten gegeuüber, am un⸗ tern Ende des Liſches, Hochzeiter und Hochzeiterin; die Letztere behängt mit Perlen, Ketten und Schaumünzen, verklärt, entzückt, am Ziele ihrer Wünſche. Die Seiten des Tiſches wurden eingenommen von einigen Meiſtern des Handwerks, Nachbarn des Hauſes und ihren Wei⸗ bern, von dem Kämmerer des Raths, dem Herrn Elias Griggemann, dem Beiſtand und Vogt der neuverehelich⸗ ten Wittwe Kampens, dem Schriftſetzer Stephens, den biderben Handwerkern und Schauſpielern Jockum Van⸗ geeſt und Klaas Overcamp, dem Anſprecher Gylle, und einem Kaufmannsdiener aus Amſterdam, einem ſehr weit⸗ läufigen Verwandten der Braut, der ſich durch ſein ge⸗ ſammelt, andächtig und verſteinertes Geſicht vor allen übrigen Tiſchgenoſſen auszeichnete. Geert und Natje in friſch gewaſchenen Schürzen ſtanden zur Bedienung bereit: ein Helfer wirthſchaftete an dem Heerde. Die Schenke war an dieſem Tage für die gewöhnlichen Trinkkunden geſchloſſen. „Weil der ehrwürdige Pfarrherr, der mich mit meiner geliebten Braut zuſammengegeben,“ begann der Bräuti⸗ gam aufſtehend,„krankheitshalber hier zu erſcheinen ver⸗ hindert worden iſt, ſo unterſtehe ich mich, an ſeiner Statt das Tiſchgebet zu ſprechen. Ich thu's, liebe Männer und Frauen, nach meiner Weiſe, und bitte Nachſicht zu 63 Nach dieſen Worten ſagte er aus dem Stegreif ein ſo ergreifendes, den Umſtänden ſo angemeſſenes Gebet, daß eine tiefe Rührung ſich beinahe aller Anweſenden bemeiſterte, obſchon ganz ungewohnte Redensarten und Wendungen dem Sprecher entſchlüpften, und in ſeinem Ausdruck eine aufgeblaſene Wichtigkeit vorherrſchte, die auf den Brettern der Schaubühne mehr zu Hauſe gewe⸗ ſen wäre, als in dem Munde eines ſchlichten Vorbeters. Auch fiel Mehreren auf, daß von der Dreifaltigkeit und den Heiligen nicht ein Wort vorkam, und Gott der Herr nur mit dem einfachen Namen eines„Vaters“ bezeichnet wurde. Angela, obwohl ein gottesfürchtiges Mädchen, hörte das fremdartige Gebet mit Kälte und Ueberdruß an; ihr Vater— zu jeder Stunde begierig, den Freigeiſt ohne Vorurtheil, Glauben und Ehrfurcht zu ſpielen— gähnte die Wände an, und muſterte die vorgefundene bunte Reihe holändiſcher Köpfe. Rynald horchte aufmerkſam zu, und beſonders der Kaufmaunsburſche Peter Bulſt nickte zufrie⸗ den und erbaut, ſo oft der Redner inne hielt. „und ſo ſey daher mit uns Allen die Gnade des himmliſchen Vaters! Er erlaube uns jetzt mit irdi⸗ ſchen Nahrungsmitteln das Fleiſch zu ſtärken, und höre nie auf, in ſeiner Barmherzigkeit unſeren Geiſt zu er⸗ leuchten, der annoch in Finſterniß irret, und Babylons Ketten trägt. Amen!“ Mit dieſen Worten war das Gebet zu Ende, und Alle begannen zu eſſen von den Speiſen, unter denen ſich der Tiſch bog.— Hinter dem Rücken Angela's beugte ſich Rynald zum Maler hinüber, und fragte:„Was ſagt Ihr zu dieſem Menſchen? Eine große Summo edler Gaben hat die Natur an ihm verſchwendet, und iſt nur zu wünſchen, daß er ſie immer gut benütze. Dahin gehört vor Allem eine Leichtigkeit der Sprache, welche Staunen macht⸗ Solttet Ihr glauben, daß er, der eine Kaniel zieren 64 würde mit ſeiner Beredtſamkeit, ein fürtrefflicher Schau⸗ ſpieler iſt, und dann wieder als Schneider ſeinen Rock ſo gut macht, wie ein Anderer, und als Wirth ſeinen Gäſten die Zeit mit allen möglichen Ergötzlichkeiten und Schwänken zu verkürzen verſteht?“ „Er iſt ein gereister Menſch,“ hob ſeinerſeits Straa⸗ tener zum Maler an,„war einſt Lehrjung bei mir, und hat mich ſchwer geärgert. Ich konnte ihn bis vor Kur⸗ zem nicht leiden; aber ſein wunderbares Emporkommen und die Aenderung feiner Geſinnungen gegen mich haben mich zu ſeinem Freunde verkehrt.“ „Erzählt, ich liebe wunderliche Hiſtorien,“ meinte Lüdger zum Ringe, und Straatener fing an, Johann Bockelſons Geſchichte vom Ei an zu erzählen. Indeſſen ſprach der Kämmerer des Raths lächelnd zu der Braut:„Hab' ich Euch doch, bei'm Blitz, noch nie ſo vergnügt geſehen, wie heute. Und mich frent, daß Ihr auf die leichte Achſel nehmt das Ausbleiben Euerer uͤbri⸗ gen Verwandten von dem Hochzeitſchmauſe. Laßt die hochmüthigen Tropfe laufen. Hättet Ihr mit Hazenbroo⸗ ker die Ringe gewechſelt, wären ſie ja auch nicht er⸗ ſchienen.“ Miekje nickte lachend. Stephens rief über den Tiſch: „Was ſie ſich nur einbilden, die Schwefelfadenkrämer? Vom Hazenbrooker ſagten ſie:„s iſt nur ein Comödiant,“ vom Bockelſon:„s iſt ja nur ein Schneider und ein fahrender Poet.“ „Nur ein Poet!“ wiederholte Jan, die Naſe höhniſch rümpfend. „Ja, ein Poet, wie er bald im Rathe ſitzen wird,“ prophezeite der Kämmener.„Hat Euch der Prologus oder Epilogus,— ich weiß nicht mehr— den Ihr ver⸗ fertiget und dem Magiſtrate gewidmet habt, ſchon zu der Gunſt der Bürgermeiſter und ſo zu ſagen, zum Bürger⸗ 65 recht verholfen, ſo wird's noch beſſer kommen, wenn alle Euere Verdienſte bekannt werden.“ „Macht mich nicht eitel, Herr,“ verſetzte Jan, De⸗ muth heuchelnd:„Gott iſt Alles, der Menſch iſt nichts, ich bin der Geringſten Einer.“—„Warum nicht gar? ein Mann, der Latein kann, neben ſeiner Profeſſion, und Verſe macht, wie Waſſer!“ ſprudelte Gylle:„Wahrlich, ſeit mir der Meiſter Jan einen neuen Reimſpruch ver⸗ faßte, erndte ich doppelte Trinkgelder.“ „Wie werden die Leure in's Theatrum laufen, wenn's heißt: Jan Bockelſon ſpielt mit, und agirt einen König!“ pries Jockum Vangeſt. „Wie er den Hazenbrooker herunterſtach!“ lobte Over⸗ camp, der Weber. „Ei, wie ſegelte der in den Grund! Sollt leben, Bockelſon, und Euer frommes Weib nicht minder!“ ver⸗ ſetzte Stepheus wohldieneriſch.— Viele folgten ſeinem Beiſpiel. „Ich dank' Euch, Freunde, vb Ihr mich gleich hoffär⸗ tig macht. Doch laßt uns das Geſpräch ändern. Ich liebe unicht, von einem beſiegten Nebenbuhler hinter deſſen Rücken zu ſprechen.“ Jan drückte Miekjes Hand:„Nicht wahr, mein Fraulein 2“ Oben erzählte Straatener dem Maler weiter:„Und als der Hazenbrooker geſehen, daß der Jan beſſer gefiel, als er, und des Stadtraths höchſten Beifall hatte, wurde er grob, und wollte ihm das Haus verbieten. Das war juſt am Vorabend der Hochzeit, und das Kalb glaubte, die Braut ſo ſicher in der Taſche zu haben, als ich dieſe Thaler im Beutel habe.“— Der Prahler klapperte mit ſeiner wohlgefüllten Burſa. „So angenehm mir iſt, Euch begegnet zu haben, Jungfer zum Ringe,“ redete Rynald ſeiner Nachbarin be⸗ kümmert zu,„ſo beklage ich doch, Euch hier zu ſehen, der Langeweile und dem Ueberdruß zum Raube. Ueber⸗ Der Konig von Zion. I. 5 66 dieß bin ich zu Euerm Nachbar erkoren, ich, dem Ihr kaum einen kalten Blick ſchenkt, den Ihr nicht mehr lei⸗ den könnt?“ „Ich geſtehe,“ antwortete Angela trocken,„daß ich Euch bei weitem nicht mehr ſo lieb habe, als vordem.“ Bis in die Seele erſchüttert, ſprang Rynald vom Seſſel auf, und lief hinaus. Dem Mädchen ging nicht minder bei ſeinem Entfernen ein Stich durch's Herz, aber beharrlich ihren Muth feſthaltend, blieb Angela, wie eine Bildſäule ſtarr, zurück. „Goddam!“ fuhr der Maler auf:„der Komödiant war ein plumper Geſelle. Ich hoffe, daß die Braut ſeine Grobheiten nicht ruhig eingeſteckt hat, ſonſt...4 „Da habt Ihr den Beweis!“ antwortete Straatener, auf das Hochzeitpaar deutend:„Zur Stund' gab ſie ihm den Abſchied, und ſagt' ihm ins Geſicht, ſie wurde den Bockelſon heirathen. Er mußt es glauben, wurde wü⸗ thend, wollte ſich auf's Meſſer mit dem Jan ſchlagenz aber der, als ein kluger Mann, ſchlug's aus, und hielt's ſo gut mit den Komödianten, zu deren Rädelsführer er ſich aufwarf, daß ſie eines Tags den Hazenbrooker wacker durchhieben, und ihn zwangen, die Stadt zu verlaſſen. Wo er hingekommen, weiß ich nicht.“ „Gehen wir nicht bald, mein Vater? Die Leute fangen an, zu lärmen, und die Bierkannen fliegen unter den Tiſch.“ „Ein Zeichen, meine Puppe, daß der gelbe Rheinwein aufgeſtellt werden wird,“ entgegnete der Maler lecker: „ich liebe den Rheinwein, Kind, und die Köpfe der Leute werden immer ausdrucksvoller. Darum gehen wir nicht, nicht wahr, mein Kind 2.— Auf dieſe, ſo ſanft als möglich ausgeſprochenen Worte folgte ein entſetzlicher Fluch, der von einem Ende der Tafel zum andern ſchallte. —„Was iſt, was gibt's2“ fragte Angela beſorgt, Straa⸗ tener erhißzt, und Lüdger tobte, wie ein Beſeſſener:„Daß 67 doch der Blitz in das vermaledeite Land führe, wo nicht einmal im Herbſt die unſeligen Stechfliegen Ruhe geben. Seht meine Hand! ſeht, wie das ſchwillt!“ „Thut nichts,“ äußerte Straatener mit Kaltblütig⸗ keit;„man gewöhnt ſich daran, und am Ende laſſen uns die Schnacken in Frieden,“ „Was fehlt meinem Herrn und Gaſte 2“ fragte über Lüdgers Schulter der gefällige Wirth mit Flaſche und Pokal in Händen. Lüdgers Grimm beſchwichtigte ſich augenblicklich vor dem Wein, Lächelnd ſtieß er mit dem Wirthe an. „Darf ich meinem Jüngferlein kredenzen 7“ meldete ſich die Braut bei Angela mit gefülltem Glaſe. Die Er⸗ röthende nippte dann, und ſagte zögernd:„Ich wünſche Euch Glück zum neuen Eheſtande, liebe Fran,“ „Wenn Engel wünſchen, ſo gewährt der himmliſche Vater,“ antwortete hierauf Bockelſon mit andächtigem Tone, ebenfalls mit Angela anklingend. In ihrer Hand ſchwankte das Gefäß, erſchrocken mied ſie den abſonder⸗ lichen Blick, den ihr der Hochzeiter zuwarf, Sie wendete ſich ab. Indeſſen gingen die Vermählten Arm in Arm von Gaſt zu Gaſt, rund um die Tafel, Geſundheiten auszubringen, Glückwünſche zu empfangen. „Welch' abſcheuliche Augen!“ zürnte Lüdgers Tochter vor ſich hin, und drehte ihr Antlitz ihrem Vater zu. Der war abermals verſenkt in Straateners Erzählung, die alſo fortging:„Weil er ſich nun offenherzig an mich gewendet, verzieh ich ihm Alles, und brachte ſeine Auf⸗ nahme in die Zunft zu Stande. Sein Meiſterſtück war juſt nicht glänzend, aber ich half nach, und dann— das Kind wollte ja nur einen Mann haben. So wurde er Bürger auf das Schneiderhandwerk hin, und mir hat er Wort gehalten, Seine Manlfertigkeit, ſeine Kunſt zu überreden, hat im Nu viele Meiſter auf ſeine Seite ge⸗ bracht, beſonders, da er ihnen nicht an der Kundſchaft 68 ſchadet, und ſiehe da: Alle, die mir übel wollten, haben endlich ihre Stimmen mir gegeben, und ich bin Ober⸗ meiſter geworden. He? eine Hand wäſcht die andere.“ „Es heißt ſo, Herr Obermeiſter.“—„Und alſo hat Jeder, was ihm ziemt und lieb iſt. Er die Frau, ſie den Mann, und ich nun, das gehört nicht daher. Er hat ſein Glück gemacht, und hat es erſtens zu ver⸗ danken mir, und zweitens ſeiner Frau, der Kampens. Denn, was er noch ihr und den Verwandten vorgefaſelt hat von großen Erbſchaften, die er einſt machen werde, und dergleichen— das glaubt wohl die Fran wie's Evan⸗ gelium, aber die Sippſchaft hat's geläugnet, und ich läugne es auch. Nun, was liegt daran? Er iſt gebor⸗ gen, auch ohne Erbſchaften, und die Windbenteleien wer⸗ den ihm ſchon mit den Jahren vergehen.“ „Es iſt nicht wohlgethan von Euch, daß Ihr der Nochbar ſo ſtreng den Rücken weist,“ flüſterte die rück⸗ kehrende Miekje in Angela's Ohr. Erſchreckt ſah dieſe ſich um; Rynald hatte ganz ſtille ſeinen Platz wieder eingenommen. Sein betrübtes Ausſehen machte ſolchen Eindruck auf das Mädchen, daß es ſich wieder ſchnell abwendete, um ſeine naſſen Augen ihm nicht zu zeigen. „Laßt die Jungfer,“ ſprach Rynald mild entſchuldi⸗ gend zu der Frau Bockelſon:„'s iſt meine Schuld. Ich habe ſie mit einem unbedachtſamen Wort beleidigt, und muß warten, bis die Zeit vielleicht meinen Fehler ver⸗ zeihlich macht.“ „Dennoch ſolltet Ihr freundlich ſeyn,“ ſcherzte Miekje leiſe zu Angela:„wahrlich, für den Glückwunſch, womie Ihr mich jüngſt beehrtet, kann ich Euch nichts Beſſeres wünſchen, als einen Bräutigam, wie Euer Nachbar iſt, ſo fromm, ſo gut, ſo ehrlich und...4 Ein allgemeines Gelächter erſchütterte die Tafel. Die Luſtigkeit ging von Bockelſons Platze aus. Wer nicht aufmerkſam geweſen war, ſchrie durch's Gelächter mitten 69 durch und zwar mit der Löwenſtimme der Neugier: Was iſt dort unten los? Noch einmal den Spaß! wir wollen den Spaß hören!„Wenn Meiſter Jan ihn gemacht hat, ſoll er ihn wiederholen, oder zwei ſchwere Flaſchen Wein auftiſchen!“ kreiſchte Straatener mit aller Kraft der Lun⸗ gen durch's Gewühl. „Ei was!“ entgegnete Jan, den eine koboldartige Lu⸗ ſtigkeit befiel:„ich gebe die zwei Flaſchen, beim Bliß! und den Spaß obendrein,— wenn's einer iſt.“ „Den Wein, die Narrheit!“ forderte wieder der Chor gebieteriſch. „Mein Gott, welche Menſchen!“ ſeufzte Angela, die ſich bei ſolcher Gaſterei und in Rynalds peinigender Nähe, und dem Hochzeiter, der ihr Schrecken einjagte, gegenüber, wie auf einer Marterbank befand. „Ich hab' dem Vangeeſt gelehrt, wie er ſich unſicht⸗ bar machen könne,“ ſagte Jan lachend:„Wenn Ihr durch⸗ aus wollt, könnt Ihr Alle lernen, wie man's anfängt: Sechs Dinge gehören dazu; laßt Keines davon: Für's Erſt' ein paar Kannen voll Glockenton, Ein Kukuck dann, der ſchon im Winter geſungen, »Ne Hundshaut, worauf kein Floh noch geſprungen,, Ein Schranz', der noch niemals den Rücken gebogen »Ne Kanzel, auf der noch Keiner gelogen; Miſcht alles im Tiegel, und thut noch dabei Das Schwarze von einem Hahnenei, So wird Euch das unſichtbarmachen gelingen, Und Ihr ſeyd gefeyt zu allen Dingen.“ Rauſchender Beifall belohnte den Handwerksgeſellen⸗ witz, wie er auf Herbergen und Ladeſchmäuſen florirte, und die Geſchicklichkeit des Sprechers, der ſich ſo poſſire lich dabei angeſtellt hatte, daß ſogar der Pickelhäring ſei⸗ ner Komödiautengeſellſchaft von ihm hätte lern n kö „Merkt Ihr, wie er Gewalt hat über ſine fragte Rynald, der von Angelas Seite ge hinter Lüdgers Stuhl getreten war:„mit 70 zuge rührt er ſie zu Thränen, mit dem nächſten macht er ſie lachen, wie vor dem Hanswurſt.“ „Ich werd' ihn malen; morgen am Tage, wenn Du's veranſtalten willſt,“ ſagte Lüdger, als er bereits den Wein ſpürte.—„Mit Vergnügen will ich's,“ antwortete Ry⸗ nald ſchnell:„So genieße ich noch länger die Wonne, mich des Umgangs meiner Landsleute zu erfreuen.“ „Mein Vater vergißt, daß die Tage bis zu dem Ge⸗ burtsfeſte des hochwürdigſten Herrn Probſtes vom Dome knapp gezählt ſind, und daß er ſelber und leibhaftig beim Feſte zu erſcheinen hat.“— Angela ſagte dieſes haſtig und ermahnend. Rynald biß ſich in die Lippen und ſchwieg. Lüdger darauf:„Engelein hat ein vernüuftig Wort geſprochen; auch iſt der Weg weit, und unſere Pferde ſind keine Biſchofspferde. Aber einen halben Tag will ich noch bei mir ſelber verantworten; Sang-Dieu! das will ich, das werd⸗ ich. Jenes Geſicht muß ich ha⸗ ben. Morbleu! Es liegt etwas in dem Geſichte. Löw, Tiger und Aff nebeneinander, wie im Spiegel, beim Don⸗ ner 1«— Der Maler zog plötzlich, wie ein Blih aus hellem Himmel fährt, ſeine Stirn in Runzeln, glurte die Tochter ſcheel an, und fragte trotzig:„Ich werde, ſo hoffe ich, noch genugſam Herr im Hauſe ſeyn, um einen hal⸗ ben Tag meiner Kunſt aufopfern zu dürfen. Ihr werdet mich nicht gänzlich unter den Pantoffel treten wollen, verzogenes Prinzeßlein? he2 Angela, erſchrocken und zitternd vor der widerwärtigen Laune ihres Vaters, verneinte mit verſöhnenden Worten, die den Griesgram alfobald wieder in den hätſchelnden Schmeichelvater umwandelten:„Nun, nun, ſey nur nicht bange, liebes ſüßes Löchterlein. Du biſt ja doch die Hauptpartei. Was Du willſt, das beſchließt der Reichs⸗ tag, Und freilich knüpfen mich Bande der Danukbarkeit an den Domprobſt„ℳ Rynald führte den Hochzeiter herbei, und raunte dem 71 Maler ſchnell zu:„Sprecht ſelbſt mit ihm. Seine Ei⸗ telkeit wird Euch ein leichtes Spiel laſſen.“ „Ihr begehrt von meinem nnwürdigen Angeſicht ein Konterfey zu machen?“ fragte Jan geſchmeichelt, aber mit einer Beimiſchung von Hohn, der, ſobald er Wein genoſſen, ſelbſt ſeine freundlichſten Reden vergiftete:„Ein trefflicher Künſtler hätte freilich Beſſeres zu thun, als ſei⸗ nen Pinſel an eines armen Schneiders Angeſicht zu ver⸗ ſchlendern.“ „Ich heiße Lüdger zum Ringe, und von meiner Fer⸗ tigkeit habt Ihr wohl gehört, ſintemalen ſie weit und breit bekannt,“ antwortete der Maler ziemlich grob:„ich weiche Keinem in allen vier Orten der Welt. Goddam! aber, ſo gut als der theure, verewigte Meiſter Albrecht Dürer den Schuhmacher von Nürnberg malen thäte, eben ſo gut mal' ich den Schneider von Leyden. He 2“ „Es iſt mir eine Ehre, kunſtreicher Herr, komme ich ſchon bis jetzt dem deutſchen Hans Sachs nicht gleich. Was ich als Poet zu thun im Stande, wird erſt klar ſeyn, wenn ich meine poetiſche Schule eröffnet haben werde. Was die Lehrjungen alsdann auf ihren Bänken gelernt, mögen ſie ſofort auf der Schaubühne vor dem Volke agiren.“ „Ein herrlich Zeichen grüner, feſſelloſer Zukunft!“ rief der Student aufwallend:„Nicht fürder ſchlagen auf ſtol⸗ zen Burgen goldbeſporute Minneſänger junkerlich und ge⸗ ſpreizt die deutſche Harfe; jetzo ſpielt das Volk den Grund⸗ und Meiſterton.“ Angela fühlte ſich veranlaßt, den kühnſprechenden Jüngling wieder, und zwar ſehr erſtaunt anzuſehen. „Viele ſind berufen, wenige ſind auserwählt,“ be⸗ merkte Johann mit niedergeſchlagenen Augen, während ihm das hoffärtige Herz pochte, und die begierigen Ohren offen ſtanden den ahnungsvollen Stimmen eiuer bewegten Zukunft. 72 „Laßt nur den frömmelnden Spruch bei Seite, lieb⸗ ſter Herberger mein,“ fuhr Rynald dazwiſchen:„der miſcht ſich in Alles, wie ein trippelnder Pfaffe. Zu den Gütern dieſer Welt und jenes Himmels ſind Alle, gar Alle be⸗ rufen, und Viele, gar Viele auserwählt. Iſt's nicht thöricht, von irgend einem Menſchen, ſtaubgeboren, wie wir ſelber ſind, unſere Seligkeiten zu Lehen zu tragen? Soll denn auf Erden nur der Kaiſer ſeinen Wilten, nur der Edelmann die Freiheit, nur der Prieſter eine Religion haben dürfen? Sollen denn wir, die Menge, deren Kör⸗ perwucht allein die„wenigen Auserwählten“ erdrückt, ſollen wir denn ewig willenlos vor dem Einen Wil⸗ len uns beugen? um theuern Zoll und Steuerzins das Sonnenſtäubchen Freiheit kaufen, das uns die Eigenthü⸗ mer gnädig zukommen laſſen wollen? Sollen wir gerade nur glauben, was die Cleriſei zuläßt, und gerade nur ſo weit, als ſie es zuläßt? Zu welchem Ende hätten wir unſer Gehirn, ünſere Sinne? Der Panzer macht den Ritter, aber nicht den Helden; der Scepter macht den König, aber nicht einen vorſichtigen Salomo, oder einen gütigen Titum. Zieht ab vom Gewalt'gen den Ueber⸗ muth, nehmt hin die Namen der Würdiskeit, was ſind dann noch alle Menſchen, als gerade nur Menſchen 24 „Sang Pieu! Rynald, biſt Du beſeſſen? Du redeſt ja ſcharfe, geſchliffene, ſchwirrende Schwerter!“ Johann, der begeiſtert zugehört, richtete ſeinen Zeige⸗ finger gen Himmel auf, und murmelte dumpf:„Und die Könige auf Erden, die Oberſten und Gewaltigen bargen ſich in den Felſen der Berge, und ſprachen zu ihnen: Fallet über uns zuſammen, und berget uns vor dem Angeſicht deſſen, der auf dem Stuhl des Lammes ſitzt: denn es iſt gekommen der große Tag ſeines Zorns, und wer kann beſtehen 24 Straatener war eingeſchlafen. Lüdgers Einbildungs⸗ kraft wurde jedoch von Jan's prophetiſchem Spruch der⸗ 73 geſtalt erſchüttert, daß er aufſprang und Angela's Hand ergriff:„Komm, mein Kind; es wird mir hier zu ſchwül und rebelliſch zu Muthe. Dieſe beiden Menſchen könnten einem den Reſpekt vor kaiſerlicher Majeſtät verleiden.“ „Ja, laßt uns gehen, Vater. Sie ſpielen, ſie wür⸗ feln, ſie ſingen und ſchlagen die Zither, die Leute. Wir können entkommen ohne Aufſehen und Geräuſch.“ „Erlaubt, daß ich zu Eurer Herberge Euch begleite,“ ſagte Rynald, plötzlich zahm geworden.— Jan ſtand noch unbeweglich in der vorigen Stellung; ſein Auge, nach oben gerichtet, ſchien erſtorben. Mit widerwiligem Grauſen wollte Angela an ihm vorüber, da erwachte er aus der Verzückung, und, ſchnell vergeſſend, was ihn befangen, fragte er ſüß und höflich das Mädchen:„Ihr geht, Schönſte der Schönen, holdes Geſchöpf des Vaters? Wird denn Euer Reiz nicht den Tanz verherrlichen, der vald, ſo wie die Lichter blinken, hier aufgeführt werden ſou 26— Er ſtreckte die Hand nach Angela; mit einer Geberde, als böge ſie vor einer Schlange aus, weigerte ſich das Mädchen, und verſchwand, an Rynalds Seite tretend. „Hätt' ich Eure Tochter beleidigt?“ wendete ſich Jv⸗ hann befremdet an den Meiſter. Lüdger, ſchwankend auf ſeinen Füßen, und leichtſinnig im Haupte, verſetzte la⸗ chend:„Ei was, lieber Mann: das Fräulein kaun den Rynald beſſer leiden als Euch, das iſt Alles. Mir da⸗ gegen iſt Euer Kopf weit lieber, als Ryualds. Ihr ſeyd ein wunderlicher Heiliger, und habt ein Geſicht, voll„. wie ſage ich nur? ein Geſicht, voll voll Verhäng⸗ niß! Ja, das iſt das Wort, und das Geſicht zu malen, werd' ich morgen kommen.“ „Waun es Euch beliebt. Wir ſchlichte Bürgersleute ſind nicht gewohnt, lange Hochzeitnächte zu feiern. Das Gewerbe behauptet ſelbſt in den Honigwochen ſeine Rechte, Ich ſteh' zu Euern Dienſten.“ 74 Nachdem Johann an der Thüre des Hauſes von dem Künſtler Abſchied genommen, beſchaute er ſich in einem Spiegel des Erdgeſchoßes, und ſcherzte bitter mit ſeinem Bilde:„Ein Geſicht voll Verhängniß 2 das glaub' ich, deutſcher Hund. Hinter dieſem Geſichte ſteckt mehr, als die Welt glaubt, und wenn eines geſchaffen, gut oder ſchlecht Wetter zu machen, ſo wär' es wohl dieſes. Ja, wenn die Zeit käme, von der die Propheten reden, von der die Jugend träumt...!— Bedächtig und finſter ſette er hinzu:„Wie geſchieht's nur, daß mein Antlit noch keiner reinen Jungfrau Lieb' erregt hat, da doch die Weiber, ſchwache und unverſchämte, nach ihm geizen! Mich gelüſtete ſehr nach dem weſtphäl'ſchen Jüngferlein, und doch hat es mir Widerwillen, ſtatt Freundlichkeit gezeigt. Ha. bliebe ſie zu Leyden,— ſie muͤßte mein werden trotz des Teufels, und alle Künſte wolt' ich aufbieten, oder ſie müßte denn einen Smaragd beſitzen, der ein Liebhaber ſeyn ſol unzerſtörter Kenſchheit, und nicht dulden mag deren Untergang!“ So eben begegnete ihm Peter Bluſt, der Ladendie⸗ ner, und des Schneiders lüſterne Züge verkehrten ſich in ernſthafte.— Kopfſchüttelnd deutete Bluſt nach oben, und ſagte eintönig:„Dort iſt Babel, dort iſt das Thier. Sie ſtimmen das Saitenſpiel, und kleiden ſich in Purpur und Scharlach. Babel will tanzen. Wie duldet das der Ge⸗ rechte des Hauſes 2.—„Lieber, es werde Jedem gethan nach ſeinem Willen. Des Bräutigams Pforte muß offen ſtehen allen Gäſten, und er muß die Kelter preſſen, wenn er ſchon ſelber den Wein vermaledeit.“ Der Kaufmannsdiener ſeufzte tief:„Das Gericht iſt vor der Thüre.“—„Ja, lieber Bruder. Es ſteht ge⸗ ſchrieben.“—„Ich werde heimgehen, und mit dem Vater reden.“—„Thue das, lieber Bruder. Im Geiſte werd' ich bei Dir ſeyn.“—„Die Begierde nach der Gnade iſt nicht groß im Lande.“—„Hoffe und bete, mein Bruder. 75 Der Eichbaum wächst langſam, aber ſtark.“—„Wohl. Laß uns beten und Buße thun, mein Bruder.“— „Amen, lieber Bruder.“— Peter Bluſt ging von dan⸗ nen; Bockelſon wieder zu ſeinem Gelage, ein heiterer, ausgelaſſener Spötter.—— In der Nähe, luſtwandelnd noch unter mannigfalti⸗ gen eifrigen Geſprächen, verweilten Lüdger und Angela und Rynald. Die Männer ſchwatzten lebhaft; die Jung⸗ frau horchte, horchte beſonders auf Rynalds Worte mit Begier, denn ſie gaben ihr den Schlüſſel zu der ſeltſa⸗ men, farbigen Welt von goldenen Träumen, die der Jüngling in ſeiner Bruſt erbaut hatte, und deren baldi⸗ gem Erſcheinen im Erdenleben er blindlings vertraute mit kindlicher Leichtgläubigkeit. „Und was willſt Du denn eigentlich unter dieſen Hollän⸗ dern?“ fragte Lüdger geringſchätzig, und trat einem Vor⸗ übergehenden boshaft auf den Fuß, ohne ſich zu ent⸗ ſchuldigen. „Ich will Trauerpſalmen ſingen auf mein armes, zer⸗ riſſenes Vaterland, lieber Meiſter. In der Heimath iſt kein Bleibens für mich. Hier wandle ich auf fremdem Boden, und höre nur von Zeit zu Zeit die Ketten mei⸗ ner Brüder klirren. Ich wollte nach England gehen; ich gehe auch vielleicht ſpäter dahin. Aber hier lebt noch ein Volk, das ein Sprößling deutſchen Blutes iſt. Ein ent⸗ arteter Sprößling, wenn Ihr wollt, aber die Verwandt⸗ ſchaft macht mir ihn dennoch lieb. Zudem regt ſich in dieſen Provinzen ein Geiſt, der, ich zweifle nicht, bald gewaltig losbrechen, und Alles um ſich her neu erſchaffen wird. Von hier, von England, wird die Wiedergeburt Deutſchlands ausgehen. Häugen doch meine Landsleute ohnehin ſo ſehr am Fremden, daß ſie wohl einmal das Gute aus der Fremde neben fremden Thorheiten anneh⸗ men mögen.“ „Du ſprichſt mir aus der Seele, Rynald. Ein wäl⸗ 76 ſcher, ein niederlaͤndiſcher Pinſel iſt ihnen lieber, als die vaterländiſche Kunſt.“ „So leb' ich denn als wie ein Dachs im Winter⸗ ſchlaf dahin, und träume vou dem Morgenroth einer ſchönen Zukunft. Von Wittenberg iſt das Wort, das Anfangswort der Erlöſung, ausgegaugen, und hat in deutſche Herzen, die nur vom Ueberirdiſchen zu kühner That entflammt werden, den Funken geworſen. Aber— mit dem Worte, mit dem Alpha allein iſt's nicht gethan. Auch Luthers Lehre riecht nach der Kutte, und es muß ein neu aufblühend Werk begründet werden, ehe.. 4 „Das iſt's, das iſt's: nach der Kutte riechen, das iſt das Wort, Rynald. Ich habe nichts gegen den Doktor, gar nichts; ich bin ein Mann ohne Geſpenſterglauben und Alfanzerei. Mir iſt ein Polak und ein Indianer ganz einerlei, ſo wie ein Lutheraner. Der liebe Gott wird das Alles ſchon ſichten, und die Seinigen heraus⸗ fünden, aber der Doktor iſt auch ein Mönch, und bleibt es.“ „Doch iſt er ein deutſcher Maun, Lüdger, ein deut⸗ ſcher Vaterlandsfreund, und darum acht' ich ihn hoch. Er hat dem ſpan'ſchen Kaiſer und dem römiſchen Papſt keck und ohne Furcht die Wahrheit geſagt. Tod und Hölie! die Fremden geben uns Geſetze, und die deutſche Nation rührt ſich nicht in ihrem Joche? Ein Kaiſer, der nicht einmal unſere Sprache keunt, hält den Schlüſ⸗ ſel zu unſerer Erde? Ein Prieſter, der in wälſcher Zunge uns zehnmal des Tags deutſche Narren und Bä⸗ ren ſchilt, hält die Schlüſſel zu unſerm Himmel! Und legt ſich der Kaiſer hin und ſtirbt, ſo wird unſer edles Wahlreich abermals, als wie auf einer Vergantung, dem erſten beſten Fremdling für Geld und falſche Eide zuge⸗ ſchlagen! Und die Wahlherrn, die Herzoge deutſcher Stamme, verkaufen um Sold und Gaben die dentſchen Freiheiten! Sie haſſen ſich gegenſeitig wilder, als ſich 77 Chriſten und Türken bekriegen! In der Zwietracht ſu⸗ chen ſie ihr Heil, in der Dienſtbarkeit ihre Ehre! Das freie Wort der Jugend wird verhöhnt, die Freiheit des Gewiſſeus mit Füßen getreten. Der lutheriſche Sachſe wird wohl bald in Bayern den Feuertod ſterben, der Katholik in Sachſen geſteinigt, geächtet, gehangen werden! Gott ſteh' uns bei in ſolchen Nöthen. Wo das Schwert regiert und predigt, wo ausländiſcher Blutbann deutſche Vernunft und Sitten niedermetzelt, mag ein Biedermann nicht mehr verweilen.“ „Sperre immerhin die Angen auf, Angela; der Ry⸗ nald hat doch nicht Unrecht. Es iſt bei Gott, wie er ſagt. Der ew'ge Hader ſtreckt Kunſt und Gewerbe zu Boden. Wo ſpendet jetzo ein deutſcher Fürſt einem va⸗ terländiſchen Künſtler einen Heller? Der Meiſter Lukas iſt eine Ausnahme, aber er iſt ein Herrendiener von Natur, und eine Schwalbe bringt noch keinen Sommer⸗ Was thu' ich endlich mit Biſchöfen und Aebten, die ſo karg geworden ſind, daß ſie ihre Altarbilder nicht mehr ausbeſſern laſſen? oder die einen wälſchen Schlingel be⸗ zahlen, um dickblaue Berge, verrenkte Heilige und üppige Weibsbilder auf die Kirchenwände zu kleckſen? Goddam! ich gerathe in ſolche Unluſt und dergeſtalt in Harniſch, daß ich gar nicht weiß, ob's nicht beſſer ſeyn wird, dieß⸗ mal des Probſten Geburtstag zu ſchwänzen, als ihm beizuwohnen!“ „Herzlieber Vater, vergeßt nicht, was Ihr dem Herrn ſchuldig ſeyd. Rynald iſt ein junger Maun, der, frei und ungebunden, thun kann, was ihm beliebt, aber Den Meiſter aͤrgerte das abſichtliche Innehalten des Madchens, ſo daß er auffuhr:„Aber Ihr ſeyd ein alter Mann, ein alter Narr, ein alter Krüppel, der ſcherwen⸗ zeln und hofieren muß? das wollteſt Du doch ſagen, Prinzeſſin, altkluge Doktorin von ſiebzehn Jahren? nicht 78 wahr? läugne uur nicht. Aber Du biſt ein Gelbſchna⸗ bel, träsſt noch die Eierſchale hinter den Ohren. Ich wäre alt und ausgedient? Sang Pieu! Die Kunſt wird niemals alt. In meinem Gehirn ſſedet's noch, wie vor zwanzig Jahren. Mein Kopf und Herz bleiben jung, nur ſind meine Gedanken erleuchtet durch Erfahrung, Siehe doch!— ſchweige, ſage ich Dir. Vor dem Ry⸗ nald werd' ich gewiß die Segel nicht ſtreichen. Glaube das ja nicht, Rynald. Als ob Dein Bart dem meinigen gliche! Und überhaupt— wie kommt Ihr, junge Schmecker, dazu, Eure Weisheit erfahrnen Leuten auf⸗ dringen zu wollen? Habt Ihr etwas erlebt, habt Ihr etwas gearbeitet? ich frag.“ „Wir haben etwas gelernt, lieber Meiſter, und ſind die Erben der Weieheit unſerer Vorfahren; daher ſind wir reicher, als jene,“ erwiederte Rynald lächelnd und be— ſcheiden:„Möhlich, daß wir uns irren; möglich, daß wir einſtens ſelbſt verwerfen, was wir jetzo hoch halten, Aber heute erſchüttert dennoch Niemand, der da lebt, unſern Glauben an beſſere Tage, die kommen werden, kommen müſſen, und wär's nach langen Nächten der Noth und Trübſal. Wie! man lehrt uns in den Kirchen den Sieg des Evangeliums über Phariſäerwuth und Hei⸗ dentrohz; man ſpricht uns in Schulen von den fürtreffli⸗ chen Republiken des Alterthums, von ihren freien Bür⸗ gern, von ihren Helden, von ihren Umwälzungen, von den blutigen Feldern, wo ſie ihre Freiheit errangen, von den Herrſcherſtühlen, die ſie umwarfen, um ihre Rechte zu erobern;— man ſtellt uns jene Rieſen, die dennoch nur Menſchen waren, gleich uns, als Beiſpiel, als Vor⸗ bilder dar,— und wenn wir uns umſchauen im BVater⸗ lande, und üben wollen, was man uns als Lehre aufge⸗ drungen, womit man unſere Jugend gelautert und er⸗ hoben,— ſo ſchlägt, ſo feſſelt, ſo ächtet, ſo mordet uns die Gewalt, in deren Namen wir geſchult wurden, Faſſo es, ertrag' es, wer da kann. So man Hunde will, ziehe man nicht Löwen auf.“ „Siehſt Du, Angela, daß er wieder Recht hat? Ein außerordentlicher Kopf, der Rynald. Aus Dir wird noch ein Kanzler werden, Rynald, oder ein Landdroſt. Ja, liebe Angela, es iſt einmal nicht anders: von der Jugend muß uns das Heil kommen; und hätte ich nur einen Sohn, er ſollte in der edlen Malerkunſt ein tüchtiger Geſelle werden, tüchtiger als ich, weil er der Erbe mei⸗ ner Weisheit wäre, und ſollte die ausländiſchen Kleckſer zu Boden pinſeln, daß ſie das Aufſtehen vergäßen.— Nun, betrübe Dich nicht, mein Engelein. Du kannſt nicht dafür, daß Du kein Bube biſt. Warum zittert Deine Hand auf meinem Arme? Es iſt ſchon kühl, nicht wahr? Wir wollen heimgehen, mein Kind, Du ſollſt nicht frieren. Gute Nacht, Rynald; auf morgen wieder Rynald.“ „Auf Morgen,“ antwortete der Jüngling traurig. Aber ſein Herz ſchlug lichte Flammen, da ihm plötzlich Angela die Hand reichte mit den freundlichen Worten: „Wenn auch nicht morgen, Rynald, denn wir fahren mor⸗ gen gewißlich von dannen— dennoch auf baldig, fröhlich Wiederſehen!“ Das verlegene Lächeln des Malers verbürgte, daß er dem Reiſebefehl des Mädchens nicht ungehorſam ſeyn würde; aber Rynald war durch das Wort des Abſchieds glüͤcklicher geworden, als er heute noch zu werden gedacht hatte. Lag doch in dem Lebewohl ein holdes Pfand der Verſöhnung und des Wiederſehens! 3 weites Puch. 1532. Fünftes Kapitel. Haͤusliches Paradies. Der Abendſchein ſtrahlte in die Schenke zu den dret Heringen. Geert war beſchäftigt, herumſtehende und um⸗ herliegende Gefäße aufzuräumen. Natje ſaß am Herde, und ſchälte Rüben. Kein Menſch war außer ihnen zuge⸗ gen, und kein unbeſcheiden Ohr würde die munteren Ge⸗ ſpräche belauſcht haben, die gewöhnlich von Dienſtlenten in ſolchen halbmüßigen Stunden gehalten werden. Aber — ſowohl der Kellerburſche als die Magd ſchienen we⸗ nig aufgelegt, ihre Zungen ſpazieren gehen zu laſſen. Natje hing trübſelig den Kopf; Geert, dem ſchier das Herz um ihres Trübſinns willen ſprang, zermarterte ſich das Gehirn, um nur ein Wort zu erdenken, das die bange Stille in der Stube unterbräche, und bei Natje Anklang fände. „Hu, wie roth die Sonne flammt!“ hob er endlich ganz verzagt an,„das bedentet auf morgen Regen und 81¹ Wind.“— Natje antwortete nicht, ſah nicht einmal hin. — Geert verſuchte noch einmal ſein Glück:„Dennoch freut mich die Abendröthe, wenn ſie auch Sturm anſagt, — weil ſie Euere Backen wieder farbig malt, lieb Natje. Euer Geſicht iſt ſeit geraumer Zeit ſo blaß und weiß geworden.“ Natje heftete einen unwilligen, finſtern Blick auf den Sprecher, und ſenkte dann ſchnell wieder den Kopf. Geert verzweifelte faſt an ſeinem Bemühen, ihr die Rede abzu⸗ gewinnen. Doch ſetzte er noch hinzu:„Das waren wie⸗ der zwei ſchone Tage und eine liebliche Nacht. Mir ſtehen die Augen offen, als wären ſie mit Sperrhölzern auseinander geriegelt. Vor Mudigkeit werd' ich nicht ſchlafen können.“ „Tröſtet Ench mit mir. Es geht mir nicht anders,“ verſetzte Natje dumpf und langſam. Geläufiger fuhr Geert fort:„Nicht wahr, Jungfer? Die Wirthſchaft wird von Dag zu Tag bunter. Die lie⸗ derlichen Geſellen und Dirnen, die geſtern und heute ihre Zeche in unſerem Hauſe hielten, wären noch nicht abgezogen, wenn nicht heut Abend Andacht vor dem hei⸗ ligen Sacramente und agroher Segen in den Kirchen wäre. Es halten freilich nur Wenige mehr die Feſt⸗ abende und Heiligentäge aus gutem Herzen, aber die Buͤt⸗ tel werden immer ſtrenger, je mehr die Ruchloſigkeit und der Unglaube ſteigen.“ „Immer noch nicht ſtreng genug,“ ſeufzte Natje. „Das hätte der ſelige Meiſter Kampens erleben ſol⸗ len! Du mein Heiland, unter ihm waren die drei He⸗ ringe ein rechtſchafſen Gaſthaus. Da ich von meinen Eltern ging, ſagten ſie zu mir:„Lieber Sohn, Du kommſt in eines Biedermauns Hausweſen und kannſt da wohl lernen, was Du brauchſt. Vor allem führe Dich recht⸗ ſchaffen auf, und folge dem Meiſter in ſeinen chriſtlichen Sitten, wie in der Handthierung nach.— Was ſagen Der Koͤnig von Zion. I. 6 82 Deinen Bündel,“ ſagen ſie,„und amit Du nicht ver⸗ ſie mir jetzo?„Schnür' ſuche Dein Fortkommen anderwärts, d derbeſt.“ Und das werd' ich thun, Natje.“ „Ihr geht aus dem Dienſte?“ fragte ſchnell.„Ihr ſeyd glücktich; geht, geht geſchwinde! „Ach, daß gerade Ihr mir dieſes ſagen müßt!“ ſagte die Magd ſe Geert wehmüthig.„Wollte ich nicht ſchon vor einem Jahre von dannen? und bin ich nicht geblieben, eben, weil Ihr wieder in den Dienſt zurückkamt? Mir wird es marterſauer, von Euch mich zu trennen; mir blutet das Herz, daß ich Euch hier zurücklaſſen muß.“ „Ihr ſeyd ein Kind. Was habt, was wollt Ihr von mir? Bedenkt, daß Ihr um manches Jahr jünger ſeyd, als ich. Wir ſind zum Eheſtand zu ungleich, und... das Mädchen ſtockte—„zudem... wißt Ihr daß ich verlobt bin.“ „Ei was! die Verlobung ſicht mich nicht an, Natje. Der Reiter, der immer ſagen läßt, er würde kommen, und der nimmer kömmt! Cleve iſt weit, und hat viel⸗ leicht manch Schätzchen, mit dem der müßige Reiter ſeine Zeit vertändelt.“ „Wollte Gott!“ flüſterte Natje in ihre Arbeit hinein. „Was ſagt Ihr? ſeht Ihr, nun antwortet Ihr wie⸗ der nicht, und ich mein' es doch ſo gut. Was das Al⸗ ter angeht, ſo hat das nicht ſo viel zu ſagen. Der Bin⸗ dermeiſter Neels hat eine Frau, die wohl zehn Jahre äl⸗ ter iſt, als er, und dennoch iſt ſie hübſch und rund, wie Ihr, und ſie leben wie die Engel. Juſt bei unſerer Herrſchaft,— iſt's nicht eben ſo? Frau Miekje iſt um manchen Sommer reicher, als der Meiſter Jan, und doch berzen ſie ſich, wie die Tauben, und ſind ſeit zwei Jah⸗ ren ſchon verehelicht.“ „Der Schein trägt, lieber Geert.“ „Nun, was gehen mich auch andere Leute an? Ich 83 habe ja nur von uns zu reden. Ihr ſeyd eine wockere, ſittſam andächtige Jungfer, und ich hab' ein ehrlich hol⸗ ländiſch Herz. Ich will nicht von den paar Gulden re⸗ den, die meine Eltern mir erſpart haben, und die hinrei⸗ chen werden, eine Schenke und eine Küferwerkſtatt einzu⸗ richten. Aber meine getreue Zuneigung möcht ich Euch recht begreiflich machen. Es war mir eine bittere Arznei, ein Gift, als Ihr, bald nach der Hochzeit unſerer Frau, mit dem Herrn Streit bekamt, und plötzlich wegzogt. Blitz! wärt Ihr damals aus Leyden gegangen, ich wär' Euch nachgelaufen. Aber Ihr bliebt, und da Ihr einen Dienſt in der goldenen Kugel fandet, ſo ſah und grüßte ich Euch alle Tage, und war glücklich dabei, bis Ihr eben ſo plotzlich, als Ihr gegangen wart, wiederkamt. Ich glaubte dazumal, das geſchähe ein Bischen dem ar⸗ men Geert zu Gefallen; aber leider war's nicht ſo. Ihr wart ſo kalt, wie zuvor. Nun, wer redlich liebt, hofft immer an ſein Ziel zu kommen, und wär's noch ſo weit, und darum.. Aber Ihr hört mir ja nicht zu, Natje2 Die Rübenſchnitze ſind Euch aus den Händen gefallen, und Ihr ſchneidet mit dem Meſſer in der Luft hin und her. He, Natje! Ihr träumt wohl gar? ſeyd Ihr nachtfertig? Laßt Euch doch ermuntern!“ Er rüttelte an ihrem Arme. Sie fuhr haſtig empor, ſtieß ihn zurück, und ſagte grollend:„Ja, ja, Du leidi⸗ ger Prediger! Mir wäre beſſer, ich hätte nie mehr dieſe Schwelle betreten.“ „Ei, ſo iſt nicht Alles verloren. Geht mit mir aus dem Gomorrha. Es kann uns nicht fehlen, Natje.“ Sie wies ihn noch einmal von ſich, mit thränenden Au⸗ gen rufend:„Ich darf nicht mehr zurück, ich ver⸗ mags nicht!“ In ihre hohlen Hände ſeufzte ſie dann leiſe: »Und ich muß dennoch! Heilige Mutter, ſtehe mir bei!“ Die Stimme der Frau Bockelſohn ließ ſich verneh⸗ men. Geputzt, geſchnürt, geſchminkt trat ſie ein, den 84 Kämmerer des Raths aus dem Innern des Hauſes gelei⸗ tend. Ihre Augen funkelten von mühſam zurückgehalte⸗ ner Bosheit, während der Mund lächelte. Der Kämme⸗ rer ſchien ſehr ernſt. Sie ſagte mit freundlicher Vernei⸗ gung zu ihm:„Ich danke dem Herrn für ſeine Nachrich⸗ ren und Rathſchläge. Ich werde ſte, wie ſich's gebührt, benuhen, und für das Geld beſorgt ſeyn. Nur— um der Nachrede willen, bitte ich, zu ſchweigen, wie ich ſel⸗ ber ſchweigen werde.“—„Wenn's mit dem Gelde ſeine Richtigkeit hat,“ entgegnete Herr Griggemann trocken,„ſo will ich's verſprechen. Wenn nicht 22“ er zuckte die Achſeln. Dann:„Ihr habt jetzt noch drei Tage. Eine kurze, aber doch auch eine lange Zeit. Ihr werdet Eue⸗ ren Herrn wohl nicht auf den heißen Stein ſitzen laſſen wollen? darum ſchafft Rath.“— Er begab ſich hinweg, wie ein ſträubender Truthahn. Frau Miekje jagte alſobald die Sonne von ihrem Angeſichte, und hinderte die Sturmwolken nicht mehr, daſſelbe ganz zu umlagern. Nach der Sanduhr ſchauend, befahl ſie dem Kellerburſchen?„Geh hinaus auf die Straße gen Gravenhagen. Sieh nach, ob mein Mann nicht zu verſpüren. Er verſprach ſo gewiß, henute Abend hier zu ſeyn. Laufe, was Du kannſt.“ Geert entfernte ſich unwillig.„Seit vier Tagen im⸗ mer dieſelbe Hetzjagd!“ maulte er, und verſchwand.„Packe Dich hinauf,“ wendete ſich die Frau zu Natje.„Hier iſt Deine Arbeit gethan, und oben ſchreit das Kind.“ „Gleich!“ antwortete die Magd mit erlöſchender Stimme, und machte langſam Anſtalt, zu gehorchen. Un⸗ geduld überlief die Meiſterin.„Nun? ſoll's bald werden? findeſt Du endlich Deine Füße? Herr meines Lebens, welch faule Schnecke iſt aus Dir geworden! Höre, Natje, ſo Du nicht Dein Betragen änderſt, werd' ich bereuen, Dich wieder in Dienſt genommen zu haben. Es wäre nöthig, daß ich Alles ſelbſt verrichtete. Du biſt be⸗ 85⁵ quem, wie eine Herzogin, hängſt ſtets das Maul, bezeigſt über Alles Deine hohe Ungnade, eckelſt Dich zuweilen vor unſerer Koſt, die Dir ehemals gut genug geweſen, nimmſt einen geſpreizten Gang an, wie die junge Bürgermeiſte⸗ rin, die Meerkatze. Warſt ſonſt ſo flink, und jetzo ſo ſchwerfällig; ſonſt ſo wohlgeſinnt, und jetzo ſo wild und vornehm! Geſchöpf, was iſt mit Dir vorgegangen?“ Von den Vorwürfen empört, öffnete Natje keck den Mund, ſich zu verantworten. Da aber Geert ſo eben hereinſchlenderte, und langſam, ſchier gähnend meldete, der Herr ſey wirklich auf dem Wege, und werde bald hier ſeyn,— verſtummte die Dirne ängſtlich, und ſtieg die Treppe eilig hinan, um der Gebieterin zu gehorchen. Dieſe ſprach mit einer Art von Befriedigung zu ſich ſelber:„Aha, er kömmt alſo wirklich? Endlich kömmt er? Nun wir wollen ſehen.“— Alsdann laut:„Geert, ſchließe die Laden; wir haben heute keine Gäſte zu er⸗ warten; es iſt Bußabend. Zünde die Lampe an. Flink, flink, träger Burſche. Dann laſſe uns allein, und warte Deines Amts in der Torfkammer.“ Der Burſche hatte kaum ſeine Pflicht gethan, als Meiſter Jan in die Thüre trat. Es lag etwas Unwir⸗ ſches, etwas Herriſches in ſeinen Zügen, das jedoch alſo⸗ bald verſchwand, da ihm ſein Weib mit größter Freund⸗ lichkeit entgegenkam.—„Biſt Du da, biſt Du endlich da?“ fragte Miekje, ihn umhalſend. „Ja, ja doch, endlich. Leider bin ich mehrere Tage aufgehalten worden. Du weißt, wie Verwandte ſind. Sie fordern, daß man katzbuckle, und ich that ihnen den Willen. Lieblichkeit iſt gut Ding, ſagt der Prophet, und ein gefällig Wort mundet beſſer, denn ſüßer Wein.“ „Der heilige Mann ſpricht die Wahrheit. Aber ſüßer Wein iſt dem Müden ein willkommenes Labſal, mein Herz. Ich werde Deinen Tiſch ſchnell mit vnk und Speiſe verſorgen; dann plandern wir.“ 86 „Gern, der Abend iſt ſtill und Gäſte ſtören uns nicht. Geh denn hin, Du ſorgliche Hausfran. Du blüheſt in Geſundheit. Mich freut's, und das Kind, hoffe ich, iſt nicht minder geſund? Laß mich den Eugel ſehen.“ „Er iſt im Entſchlummern, lieber Jan. Mußt Dich für's Erſte ſchon mit mir begnügen.“— Schäkernd und mit den Schlüſſeln raſſelnd, eilte Miekje hinweg. Jan nickte hinter ihr mit zufriedenem Lächeln her, und ſetzte ſich überlegend auf den Polſterſchemel am Eh⸗ rentiſche. Da ſtahlen ſich von oben traurige langgehaltene Töne in ſein Ohr.—„Natje ſingt!“ ſagte er leiſe, und fuhr ein wenig zuſammen. Es war das Bruderſchafts⸗ lied, das ſie vor zwei Jahren in behaglicher Schaden⸗ freude geſungen hatte. Diesmal ſchien es aber etwas ernſtlicher gemeint: „Bewahr' uns vor dem blaſſen Tod, So lang das Herz nicht blank und rein; Die Sünd' iſt mehr als Todesnoth, Die Suͤnden ſchaffen Höllenpein.“ „Sie ſchnappt über, die Thörin!“ murmelte Jan mit gehäſſiger Geberde. Der eintretenden Fran rief er ent⸗ gegen:„Ein munteres Wiegenlied, das unſere Jungfer dem Kinde vorſingt! Stell' ihr das ab. Ein Klageweib in einem Wirthshauſe! das fehlte noch.“ Natje ſchwieg eben.„Will's ihr ſchon vertreiben,“ verſetzte Miekje nach oben drohend.„Jetzt aber, liebſter Mann, iß von dieſem geräucherten Fiſch, und trinke von dieſem Weine.— Von unſeren Dienſtboten nachher, bis auf Eines: der Geert will fort und verlangt ſeinen Ab⸗ ſchied. Natje will zwar nicht fort, aber ich gebe ihr den Abſchied. Punktum.“ Jan ſtutzte, entgegnete jedoch auf der Stelle, ſeine Bewegung bezwingend:„Thue nach Deinem Gefallen⸗ Der getrene Knecht gehe ein in des Herrn Freude, der 87 ungetreue werde verſtoßen in die Finſterniß.— Deine Mahlzeit iſt aber vortrefflich, Miekje.“ „So iß und laß Dir erzählen, was ſich während Deiner Abweſenheit begeben, lieber Mann. Der Stifts⸗ pfleger hat das Kleid zurückgeſchickt, das Du ihm fertig⸗ teſt. Es ſey verpfuſcht, ſagt er, und das verſchnittene Tuch und die zerhackte Seide mögeſt Du ihm erſetzen, wenn er nicht klagen ſolle.“ „Welche Sprache von einem Kloſtervogt, den ich und der Lüneburger Geſell ſo gut hergeſtellt hatten, als er niemals geweſen! Denn wir Schneider machen ja die Leute, wie das alte Syrichwort ſagt. Deswegen werd' ich mich nicht vor den Gerichten herumbalgen. Es liegt mir nichts an der Schneiderei. Die Leute ſollten dem Himmel danken, wenn ich ſie einmal gunſtweiſe be— diene. Geſchmack und Pracht iſt in ganz Leyden nur bei mir zu finden. Zahle ihm ſeine paar Stuͤver, und ich behalte das Kleid.“ „Dann iſt ein rothröckiger Stadtdiener dageweſen, um Dich vor den Bürgermeiſter zu rufen. Der Kämmerer hat mir vertraut, daß die letzte Comödie, die Du ge⸗ macht, und haſt agiren laſſen, daran Schuld ſey. Sie habe Aergerniß gegeben durch ihre allzufrechen Scherze, und man wolle Unkeuſchheit und Unflat darinnen finden.“ „Die Tröpfe werden mich um des Luſtſpiels willen filzen, nachdem ſie ſich darinnen halbtodt gelacht haben. Was kann ich für der Leute Einfalt und für die unflä⸗ tigen Zuthaten des Pickelhärings? Ueberdies ſpielen wir ja nicht für Kinder. Wenn dem Magiſtrat meine Co⸗ mödien nicht gefallen, ſo mag er ſie verbieten. Ich hänge nicht an der bunten lumpigen Thorheit.“ „Es geht auch die Rede, ſagt der Kämmerer, daß man mit der Thorheit ein Ende machen wolle. Die Kleriſei und die Winkelprediger eifern zu ſtrenge gehen das leichtſinnige Spiel in ſo ernſthafter, verwirrter Zeit. Der Rath wil die Spiele ſchließen.“ „Ein Beweis, daß er ſich ſelbſt Poſſenreißer genug iſt. Meinetwegen. Ich laſſe die Bande auseinanderlau⸗ fen. Daß ich mit dem Bürgermeiſter gut abkomme, ver⸗ ſteht ſich von ſelbſt. Ich bin nicht umſonſt der Schwager eines Bürgermeiſters.“ „Verlaſſe Dich nicht zu ſehr auf Deiner Schweſter Einfluß. Die junge Frau hat bereits vergeſſen, in wel⸗ chem ärmlichen Zuſtande Du ſie vor einem Jahr hieher⸗ brachteſt. Das Glück hat wunderlich mit ihr geſpielt. Zu meiner Magd beſtimmt, iſt ſie eine der erſten Frauen von Leyden geworden, weil der Narr, der Berghem, in ihre Netze ſiel. Aber ich weiß, daß ſie uns jetzo gering ſchätzt, Dich nicht minder denn mich.“ Dieſe Aeußerung wav dem Meiſter Jan widerwärtig. Er wich aus, und redete im obigen Ton weiter:„Ge⸗ nug, ich bin des Faſtnachtsſpiels überdrüßig. Morgen werde ich meine Komödianten auszahlen, und die Bretter des Theatrums verkaufen.“ „Du redeſt ſehr kurz und beſtimmt. Leider muß ich Dir anzeigen, daß der Kämmerer das Geld, das er mir geliehen, da ich Wittwe wurde, zurück haben will, ſammt Zinſen und ſo weiter. Drei Tage Friſt, und dann...“ „Nun, in Gottesnamen, ſo zahle ihm den Bettel, daß er uns in Frieden laſſe.“ „Deine Worte machen mir Muth, liebſter Jan; ſite ſind ein Beweis, daß Du von Deiner Mutter erhalten, was Du von ihr zu fordern haſt. O ſage mir, wo haſt Du das Geld? Kömmt es nach, oder trägſt Du's etwa in ſchönen Goldſtücken bei Dir? welche Freude, lieber Jan! denn ich muß Dir bekennen, daß mein Schatz leer und öde ſteht. Trotz aller Thätigkeit, die wir entfalte⸗ ten, gingen unſere Gewerbe den Krebsgang. Wie ge⸗ wonnen, ſo zerronuen iſt das Geld, und wahrlich hohe 89 Zeit, daß die ſo lang erſehnte Erbſchaft, oder Deiner Mutter Rückſtand an Dich, unſere Verlegenheit endige.“ Jan's Geſicht wurde immer länger. Zögernd, und nur mit Mühe lächelnd, brachte er die Worte vor:„Ver⸗ ſuche nicht unſer Gluͤck, Miekje. Verkleinere nicht ſelber unſere Habe; denn Du wirſt mit dem Deinigen aushel⸗ fen müſſen, weil— mein Guthaben noch nicht entrichtet worden iſt.“ „Nicht? Du machſt mir bange. Du brächteſt kein Geld von Deiner langen Reiſe?“ „Nein, bei meinem Leben, nein. Die Mutter hielt mich auf. Meines ſeligen Vaters Anverwandte vertrö⸗ ſteten mich. Ein Tag ſchlich nach dem andern hin— endlich welcher Sohn vermöchte dem Flehen einer Mutter zu widerſtehen, die nur um kurze Geduld weh⸗ müthig bittet?“ „Ehre Vater und Mutter! ſagen die Gebote. Und wann hat ſie Dich gebeten, wann Deine Bewilligung er⸗ halten?“ „Je nun,. vorgeſtern, geſtern wurde ich gepeinigt „ endlich heute ſchlug ich ein.“ „Heute erſt 2“ „Ja, heute. Doch hab' ich mich nur zu kurzem Auf⸗ ſchub gegen meine Mutter verpflichtet. Du wirſt mir nicht zürnen, denn, ſprich ſelbſt, wie konnte ich anders2 Was ſollt' ich thun?“ „Was 2“ Miekje erhob ſich haſtig, brandroth vor Zorn, und ſchlenderte ihm die Geldtaſche in's Geſicht.„Beſſer lügen ſollteſt Du, erbärmlicher Ränkeſchmied. Hörſt Du? beſſer lügen, daß man Dir glauben müßte, Du Wicht, Du Prahler, Du betrüglicher Bube!“ „Weib? Du unterfängſt Dich?“ Jan ſtotterte vor Beſtürzung und Wuth. Die Stimme verſagte ihm. „Weſſen ſoll ich mich nicht unterfangen?“ entgegnete heißer vor Zorn die Wirthin.„Elender, deſſen Schliche und Heuchelei mir jetzo bekannt ſind! welche Behandlung darfſt Du erwarten? Du verdienſt, geſtäupt zu werden. Alles, was Du ſagſt, iſt erlogen. Deine Mutter bettelt ſeit drei Tagen hier in der Stadt herum bei ihren Be⸗ kannten und Verwandten, und Du willſt bei ihr geweſen ſeyn? Sie beſitzt keinen Heller mehr, und Du willſt an ſie ein Erbtheil zu fordern haben, das ſie vor Kurzem empfangen haben ſoll? Sie hat Alles, was ſie konme, an Dich gehängt, und jene Erbſchaft iſt eine Lüge! Sie hat Dir Alles geopfert, und dennoch vergebens ſeit meh⸗ reren Monaten bei Dir insgeheim um Hülfe angehalten. Du haſt ihr nicht einen Dent gegeben. Die Gerechtig⸗ keit ihrer Sache macht die Arme, die im Kopfe nicht rich⸗ tig iſt, ſo frech und zudringlich, daß ich, daß Deine Schweſter ihr die Thüre gewieſen haben, vorgeſtern, ge⸗ ſtern, heute. Der Bürgermeiſter will ſie aus der Stadt und deren Weichbild bringen laſſen.— Wo warſt Du alſo, Böſewicht? Ich will Dir's ſagen, gottloſer Menſch. Du warſt zu Amſterdam, haſt Dich gewälzt im Schlamm der Sünden. Griggemann hat Dich dort geſehen, in ver⸗ dächtigen Gaſſen, in verdächtige Häuſer ſchleichend. Schein⸗ heiliger Bube! Lengne, wenn Du kannſt!“ Miekje verſchnaufte ein wenig. Während deſſen ſam⸗ melte ſich Johann, hob die Hände zitternd gen Himmel, und ſeufzte, die Angen verdrehend:„Die Philiſter ſind über Simſon gekommen. Der Gerechte muß leiden. Den Schwachen wird Gott kräftige Irrthümer ſenden, daß ſie glauben der Lüge, und auf daß gerichtet werden Alle, die der Wahrheit nicht glauben, ſondern haben Luſt an der Ungerechtigkeit! Des Herrn Name ſey gelobt!“ Ihrerſeits ſchlug Miekje die Hände verwundert zu⸗ ſammen, ſah auch mit offenem Munde gen Himmel, und rief:„Wie können die Wolken nur ſchweigen und ihren Donnerſtrahl zurückhalten? Jedes Deiner Worte iſt eine Läſterung. Anf Deiner Zunge ſitzt der Honig, oder beſſer, 91 der Vogelleim, woran alle Menſchen, die Dich horen, und nicht kennen, picken bleiben, aber in Deinem Innern iſt nur Geſtank und Verweſung. O ich weiß auch die heiligen Bücher brockenweis anzuführen, wie Du. Das lern' ich leicht in den Stündlein, die ich in der Kälber— ſtraße beſuche, bei dem ehrwürdigen Doktor Rasmus. Ich könute auch predigen, mein Schatz, und mich mit ge⸗ ſtohlenen Federn ſchmücken. Aber ich will Dir nur mit dürren Worten ſagen, daß ich Dich verabſcheue wegen Deiner Heuchelei. Hätt' ich das bei Zeiten gewußt! Aber, da war ich verblendet von wilder Liebe und einer dummen Weiſſagung; da hatte Peter Bluſt mir zuge⸗ ſchworen, daß er Dich zu Amſterdam und Deventer als einen grundgottesfürchtigen Menſchen kennen gelernt habe; und wer glaubte wohl, daß der fromme Bluſt falſche Eide ſchwören, daß er lügen würde um Deinetwillen!— Ach, ich erſticke!“ Die gezwungene Pauſe benützend, ſtellte ſich Jan, gleichſam, als fühle er das tiefſte Mitleid mit dem Weibe, vor daſſelbe hin, und redete ſanftmüthig zu ihm: „Ein böſes Weib iſt häßlich, wie ein Sack, ſpricht Sirach. Aber häßlicher, als ein wüthend Leuenantlitz iſt das ſchwarze Herz des Weibes, das ſich verſtellt in eine liebliche Fran, während es eine Teuſelin im Innern. Der Satan hat Dich zu einer trefflichen Komödiantin gemacht. Du ſchenkteſt mir ſüßen Wein, und ſiehe, er war Gift; Du labteſt mich mit ſyreniſchen Tönen, und ſiehe, es war eine betrügliche Lockpfeife. Ich würde Dich haſſen von Stund an, weun Du mich nicht erbarmteſt. — Fahre nicht auf, und höre mich ruhig, wie ich Deine Schmach gehört habe. Ich rede nicht von meiner Mut⸗ ter, die allerdings nicht wohl an mir gehandelt, und den⸗ noch meinen Lenmund verſchwärzt. Sie hat mich gebo⸗ ren, und ich ſchweige von ihren Fehlernz und weil ich ihre Ungerechtigkeit bemänteln wollte, wie ſich's ziemt, 92 hab' ich Dir die Unwahrheit von ihr geſagt, da ich doch gen Amſterdam gewandert bin, um Hülfe anderweitig zu ſuchen. Auch wird ſie mir werden, Weib, das merke Dir; denn der Herr hilft den Seinen um ſo eher, wann ſie ihn aufſuchen in verdächtigen Gaſſen, in übelberüch⸗ tigten Häuſern. Iſt denn nicht heute ein Tag des Un⸗ friedens, und muß vor der Gewalt der Papiſten und Tyrannen nicht ſelbſt unſer himmliſcher Vater ſeine Zu⸗ flucht in elenden Hütten ſuchen? Das Wort, das Fleiſch geworden iſt, wo darf's ruhig und ungeſtört gepredigt werden, als gerade nur in Häuſern, die das Siegel der Verhöhnung an der Pforte tragen? Ja, Weib, ich habe den Vater geſucht und habe ihn gefunden, während Grig⸗ gemann, der Verläumder, irdiſchen Zwecken nachlief. Uns wird geholfen ſeyn, ehe noch eine Woche vergeht, das ge⸗ lobe ich beim Blute des Lammes. Ich will demüthig das Zeichen der Schmach, das Du mir aufgeſteckt, tragen, bis die Sonne meiner Verklärung Deine ſchwachen Augen blenden wird. Trage ich doch das Zeichen ſchon von der Stunde an, da ich mich allhier in einen niedrigen Stand, in einen Stand des Staubes begab, der ſich wenig für mich ziemt.“ 2 „Sieh doch!“ unterbrach ihn Miekje gekränkt, aber dennoch viel gemäßigter, denn zuvor.„Wird er nicht aufſtehen, und ſagen, er habe ſich geſchändet durch ſeine Ehe mit mir? Der große vornehme Herr, der hieher kam, nachdem er Deventer, Delfft, Amſterdam und Utrecht als Tagelöhner und Schneiderknecht durchwandert, und nirgends ein bleibend Plätzchen gefunden! Der den Ko⸗ mödiant hat machen müſſen, um nicht zu verhungern! Der feine Junker, der meine Liebe mit Betrug vergalt, mir in der Zukunft Reichthümer vorlog, die Alle in ein Nichts zerfließen, während meine Habe unter ſeinen Hän⸗ den zerrinnt!“— Die Frau begab ſich in den Uebergang vom Zorn zur Verſohnung, ſie weinte. 93 Jan verſetzte gelaſſen:„Ich habe gehungert, Du haſt mich geſpeist; ich war nackt, Du haſt mich bekleidet. Was Du an mir gethan, haſt Du an einem Höheren verrichtet. Ich läugne Deine Liebe nicht, aber wehe dem, der die Weiſſagung läugnet, die meinem ganzen Geſchlecht das glänzendſte Emporkommen im Auf⸗ und Niedergang prophezeit!— Wahrlich; dieſer Stand eines Schneiders, Komödianten und Schenkwirths iſt nur die ſchmutzige Stufe, die ich zu überklettern habe, um Dich und mich zu erhöhen. Auch Dich, Miekje, die Du gleicheſt in der Verläugnung dem Apoſtel Petrus. Nicht Deinen Herrn und Deinen Glanben ſchwörſt Du ab, Du Arme, ſondern Deine Liebe ſogar und Deine Zuverſicht auf eine Weiſ⸗ ſagung, die Du thoricht nennſt. Die höchſten Güter wirfſt Du zornmüthig in den Koth. Du verläumdeſt einen getreuen Knecht Gottes, den frommen, felſenfeſten Bluſt, weil er Zeugniß für mich gegeben? unter dem Vorwande, er habe falſch gezeugt, ſchmäheſt Du ihn! Möge Dir der Vater verzeihen, wie Dir Bluſt, ſein Sohn, gewißlich verzeihen wird.— Mögeſt Du aber andere Früchte aus den geheimen Verſammlungen und Liebesmahlen der Neugläubigen mit nach Hauſe bringen, als ſolchen blinden Zorn und Haß! Wer die Arche an⸗ rührt, ſoll des Todes ſterben. Nun iſt aber ein Gerech⸗ ter, wie Bluſt, wie ich, wie Tauſend Andere, die da wandern unſcheinbar in Sack und Aſche, eine Arche, eine wahre Bundeslade, und wehe Dir, Miekje, wenn der Herr Dich zur Rechenſchaft forderte, bevor Du bereut hätteß— Ich hab' es geſagt, und waſche meine Hände in Unſchuld⸗“ Ohne den weiteren Erfolg ſeiner ſcharfen Bußpredigt abzuwarten, ging er, ſich ſchlafen zu legen, und allen Be⸗ muͤhungen des ſchwankenden, unruhigen Weibes gelang es nicht, ihm fürder eine Sylbe abzugewinnen. Er ſchien 94 mit der Ruhe und dem Frieden eines Heiligen zu ent⸗ ſchlummern. Frau Bockelſon, die ohne Aufhören mit der Begierde nach den Neuerungen der proteſtantiſchen, um ſich grei⸗ fenden Lehre, die alten anerzogenen Gebräuche der Mut⸗ terreligion zu vereinigen ſuchte, begab ſich am frühen Morgen in die erſte Meſſe ihrer Pfarrkirche, damit ſie am Fuß des Altars ihrer Zweifel, ihres Schwankens Ziel fände.— Natje, die ihr das Haus öffnete, benüßte alſobald die Abweſenheit der Meiſterin, und drang, ohne lange zu zögern, wiewohl mit ſtürmiſch klopfendem Her— zen, in die Schlafkammer Johanns, der von ſeinem Pol⸗ ſter verwundert und verlegen den Kopf erhob. „Sieh da mein Blümlein fein, was willſt Du denn ſo frühzeitig ſchon bei mir?“ fragte er, ſeinen Verdruß verſchluckend, und die honigbeſtrichene Zunge rührend. „Hülfe, Meiſter Jan; die langverſprochene Hülfe ge⸗ gen mein wachſendes Elend,“ antwortete Natje, mit ſtie⸗ rem Auge und gerungenen Händen. „Stets die alte Litaney! Ich kann nicht heren, Mä⸗ del. Geduld, Geduld, ſage ich Dir. Du haſt mein Ver⸗ ſprechen, und wenn ich das einmal gegeben habe.. 4 „Verſprechungen ſind wohlfeil, Meiſter; Geduld iſt ein gut Ding, aber es erfordert Zeit. Ich habe keine mehr zu verlieren. Wenn die Frau meinen Zuſtand ent⸗ deckt— und mich wundert, daß es nicht ſchon geſchehen — ſo ſtößt ſie mich mit Schimpf und Schande aus dem Hanſe.“ „Du machſt mich toll mit Deinen Klagen. Warte nur einige Tage, ich will Rath ſchaffen.“ „Ihr vertröſtet mich ſeit langer Zeit. O, warum habt Ihr mich berückt? warum fiel ich dem Verſucher zum Raube? Wenn meine alte Mutter wüßte... wenn Hendrik erführe... ich ſehe meines Jammers kein Ziel.“ „Ihr ſeyd die Verſuchung, ihr Weiber. Eva hat ſchon den Adam verführt. Nur keine Vorwürfe, Natje, Jo werde für Dich ſorgen. Wiuſt Du nach Amſterdam gehen? ich will Dich an einen Freund verweiſen.“ „Nein, Meiſter; das thu' ich nun und nimmermehr. Was in der verderbten Stadt aus den unglücklichen Dir⸗ nen wird, iſt weltbekannt. Ich käme dort etwa um Leib und Seligkeit. Gebt mir Hülfe und Unterſtützung, daß ich in der Nähe und verborgen mein Schickſal abwarten kann. Ihr habt's verſprochen. Um Gottes Barmherzig⸗ keit willen, haltet Ener Wort, oder...“ „Oder? Du drohſt mir? Was würdeſt Du beginnen, wenn ich nicht Wort hielte 2“ „Ich wär' gezwungen, Euerm Weibe Alles zu ent⸗ decken, und von ihm Hülfe zu begehren. Frau Miekje wird nicht wollen, daß meine Schande— weil ſie auch die Eurige iſt— offenkundig werde.“ „Schlange! das wolltteſt Du? und Du fürchteſt nicht meinen Zorn? Wiſſe denn, daß Du Alles, Alles zu be⸗ ſorgen haben würdeſt, wenn Du mich reizteſt, indem Du meinen Ruf autaſteſt. Undankbare, für die ich Alles thun wollte, was in meinen Kräften! Geh hin, handle, wie Dein böſer Sinn Dir's eingibt; ich werde mich ſchon retten, aber meine Hand werde ich von Dir abzieher, Dich dem verdienten Verderben frohlockend überlaſſen.“ „Jeſus! So weit iſt's gekommen, daß Ihr mir kalt⸗ blütig dieſes ſagt; daß ich zernichtet dieſes anhören muß! Ihr ſpracht nicht alſo in der Zeit, da.. O mein Hei⸗ land, ich komme noch von Sinnen!“ Sie wollte in Verzweiflung gehen. Aengſtlich hielt Jan ſie auf. Seine Feigheit machte ihn nachgiebiger. „Püppchen, Seelchen, mein ſüßes Leben!“ ſchmeichelte er,„beruhige Dein finſter Gemüth. Ich werde Hülfe ſchaffen, heute oder morgen. Verſprich mir, nur ſo lange noch zu ſchweigen, nur ſo lange noch mir zu vertraueh⸗ 96 Bei meines Vaters ewiger Seligkeit gelobe ich Dir„„. horch, der Klopfer an der Thüre pocht. Wär's meine Frau und ſie fände Dich bei mir„ „Ich gehe, Meiſter, will mich noch gedulden. Aber.„. feierlich nahm ſie ſeine Hände„wenn meine Se⸗ ligkeit Euch werth iſt, wenn Ihr nicht wollt, daß ich Euch einſt bitter anklage vor dem Throne, wo nur Ge⸗ rechtigkeit zu finden, wo Heuchelei nichts hilft und ein Blendwerk nicht täuſcht, ſo haltet Wort.“ „Ich thu' es, gehe nur.“ „Seht hier Euer Kind, wie es in Unſchuld ſchlum⸗ mert. Ihr liebt es, ſagt Euer Weib. Vergeßt nicht, daß ich in dieſem traurigen Angenblicke für ein Kind bettle, welches nicht weniger das Eurige iſt.“ „Natſe! Natje! der Müller iſt da. Natje, wo ſteckt Ihr!“ rief Geerts Stimme, und die Magd folgte, wohin ſie gerufen wurde. Jan zerſchlug ſich die Stirne, raufte ſich die wirren Locken:„Kaum hab' ich einen Sturm mit meinem Weibe überſtanden, ſo droht ein zweiter, grimmiger als der erſte. Verdammtes Geſchick, das mich in dieſe Kerkerwände lockte! Wer ſchafft mir ein Mittel, der Wildniß meiner Abentener zu entkommen! Welchen Block ſchlepp' ich am Beine! Die landſtreicheriſche Bettlerin, meine Mutter; die geizige, lüſterne, hoffärtige Sara, meine Rippe; die Schaar meiner Gläubiger; die üble Nachrede, die meinen Ruhm vom Seſſel geworfen; die Hagar, die mich mit einem Iſmael bedroht!— Was hilft mir von der Letz⸗ tern? Geld? aber ich bin arm, und weiß nicht, wo in Eile ein Schatz zu ſtehlen. Gute Worte? ſie ſind er— ſchöpft. Friſches Läugnen? Dennoch fiele auf mein Haupt die Schande! Was in aller Welt kann mich vetten Lange blieb er, den Kopf in die Hände geſtützt, dann fuhr er in die Höhe:„Zernichtung, Tod! das iſt's. Das 97 will ich verſuchen, das kann ich ohne Gefahr, wenn ich einmal das Mittel beſitze,„und es iſt eine Erleuch⸗ tung von oben, die mir den Weg vorzeichnet, den ich ein⸗ zuſchlagen habe, das Mittel zu erhalten. Der glückliche Gedanke iſt ein Pfund Goldes werth, und alſogleich will ich verſuchen, ihn auszuführen, ehe die Bedenklichkeiten, dieſe wuchernden Pilze, keimen und wachſen, meinen Muth zu erſticken, zu vergiften.“— Er kleidete ſich ſchnell an, und ging aus dem Hauſe, ehe noch ſein Weib aus der Kirche gekommen war. Der Konig von Zion. 1. 7 Sechstes Kapitel. Der Lehrling ein Meiſter. Eine gute Strecke von der Stadt Leyden, gegen Mittag zu, lag eine Hufe Landes, die, obgleich belebt und bebaut, einen ſehr wüſten Anblick gewährte. Da war eine Wieſe, aber ihre Gräſer waren fahl und un⸗ gleich; kurz, als wie geſchoren und abgeweidet an einem Ende, unkrautartig aufſchießend an dem andern. Da war ein Feld mit Kohl und andern Küchengewächſen be⸗ deckt, aber unordeutlich und wild ſtand alles darauf durcheinander und der Neſſeln Saat, die es umkränzte, war mächtiger als die der Gemüſe. Da war ein Haus, jedoch verfallen, mit gähnenden oder ſchlecht verwahrten Fenſtern und Pforten. Der Zaun mooſig und faul, klebte nur an dem Gebäude, und bot manche Lücken. Da waren Ställe, aber Jammergeſtalten von Thieren ſchlichen über ihre Schwelle, und ließen ſie wiederhallen von krankhaftem Gebrüll und Gewieher.— Menſchen lebten in der wüſten Beſitzung; das bewies die dünne Rauchſäule, die aus dem Schornſtein kräuſelte,— aber dieſe Menſchen waren verlaſſen, und auf ſich ſelber ge⸗ ſtellt; denn in weiter Entfernung— unbenutztes Land lag breit dazwiſchen— dehnten ſich lange Ziegelbren⸗ 99 nereien und eines Gerbers leichterbaute, am Waſſer ragende Werkſtätte: Gewerbe, die dazumal weit vor die Stadt hinaus verbannt waren. Und ſelbſt dieſe gefähr⸗ liche und verpeſtende Nachbarſchaft floh das verödete Haus. Denn es war die Wohnung des Scharfrichters von Leyden.— Der gefürchtete und gemiedene Lehenträger der ſtra⸗ fenden Gerechtigkeit ſtand, von der Sonne hell und klar beſchienen, auf ſeinem Hofe, und ſah in ſeinem ſchmutzi⸗ gen Reiche hin und her. Die Knechte verſammelten ſich nach und nach um den Herrn, deſſen weiße Patriarchen⸗ haare und mildes Antlitz nicht von ferne das ſchreckliche Amt, das er verwaltete, errathen ließen.— Er pfiff den Saumſeligen, belobte die Pünktlichen, und nahm die Burſche insgeſammt ins Verhör. „He, Melchior! wie ſteht's mit dem däniſchen Hunde des Prokurators 2“—„Blitz, es wird ihm nimmer zu helfen ſeyn. Das Vieh liegt ſchon auf der Stren, als ein todter Schelm*), und röchelt, daß ihm kein Tropfen mehr in die Kehle zu bringen.“—„Abgeſtochen, abge⸗ deckt; die Haut iſt ohne Mackel, und wird als Doktor⸗ lohn gelten müſſen. Ich kenne den geizigen Prokurator darauf.— Adrian, was iſt mit den Kühen der alten Brigite?“—„Lumperei, Meiſter. Die Milch iſt wieder weiß, wie Schnee. Das dumme Volk ſieht in der bluti⸗ agen Farbe ſtets Hererei, und bringt ſie doch nur der Zufall oder Büberei hervor. Wir kennen das.“—„Deſto beſſer, Adrian. Doch iſt dem Volk ſein Glaube nicht zu benehmen, hörſt Du? Wir müſſen im Anſehen bleiben. Bring' der Vettel ihre Kühe wieder, und fordre friſch die dopvelte Taxe. Das Drittheit iſt für Dich; hörſt Du2“—„Vivat Meiſter Strubb! Ich thu's den Angen⸗ blick.“—„Henneschen, Du ſchneideſt ein trübſelig *) Leichnam; die alte Bedeutung des Wortes. 100 Geſicht? Sag au, was haſt Du?“—„Ach Herr, Ihr werdet mich ſchelten. Der Krämer Laurenz hat noch nicht das Rattenpulver bezahlt, das Ihr ihm ſchicktet. Alle Tage weiß er einen andern Vorwand, mich los zu werden.“—„Vermaledeiter Pfofferſack! Geh hin, und drohe ihm, Du wolleſt Dein Meſſer in ſeinen Ladentiſch ſtoßen, ſo wird er alſogleich heransrücken. Und weigerte 8 ſich dennoch, ſo thu's, Henneschen: thu's unverzaat. Der eigendier mag dann erwarten, ob noch ein einziger Kunte waat, in ſeinem verſchimpfirten Gewölb etwas zu kramen. An Dir, mein gurer Junge Franz. Haſt Du die Schrauben an der Folterbank brav eingeblt, und die Stricke geſchmiert?'s gibt morgen Arbeit.“—„Ja, Herr, es iſt geſchehen. Auch ſteht Guer Schwert,— das mit den Andreaskrenzen,— heu geſchliffen und po⸗ lirt in ſeinem Schranke. Eine Luſt, die Klinge anzu⸗ ſehen,—„Recht; das kann ein wackrer Heakerknecht nicht oft genua thun. Das hilft der Tugend auf, und ſtärkt im Handwerkstrieb. Wir wollen's gleich zur Probe nehmen.'s iſt übermorgen ein ſaurer Dag für Euern Meiſter. Geh, mein Sohn Franz, und richte mir am Zaun hinterm Hanſe ein paar Kohlſtrünke anf. Noch beſſer: der dämpfige Schöps vom Bauer Till—'s iſt an ihm nichts mehr zu verderben— mag ſeinen hergeben. Und— wo ſteckſt Dn, Melchior?“ —„hier, Meiſter.“—„Haſt Du den Däuen ge⸗ ſchmiſſen und abgedeckt?“—„Noch nicht. Ich gehe eben hin.“—„Laß noch das Abthun. Binde den Dänen neben den Schöps an den Ich muß meinen ſteifen Arm wieder einhauen. Der Himmel gebe ſeinen Segen zu übermorgen. Was rint dort unſer Bernhard2“ „Das Roß des alten Graenske, der zur Strafe für ſeine Milchverfälſchungen die Waſſerſucht bekommen hat, und bald daran abſtehen wird,“ antwortete Adrian. „Das Pferd iſt ihm vorangegangen; doch iſt troßz ſeiner 101 Jahre ſeine Decke noch beſſer, als die des Herrn. Ein Staatspferd, Meiſter. Ich hab's zu Aurich ſchon ge⸗ kanut, da es im gräflichen Zeug ging. Schier mbcht' ich ſagen, daß ich unter dieſem Gaule groß geworden bin.“ —„Lad' ab, Bernhard, lad' ab, und fahre ſlugs zum Gärtner an dem grünen Deich. Deſſen Streitroß iſt ebenfalls dahin, und wartet ſeiner Beſtattung. So⸗ dann koͤnnen beide Creaturen abgedeckt und verlocht wer⸗ den, daß es in einem hingeht.“ Bernhard warf das Roß auf den Waſen, und raſſelte mit ſeinem Karren von dannen. Die Knechte gingen an ihre Arbeiten. Der Meiſter wuſch ſeine Arme mit Eſſig und Hefe, um ſeine Sehnen zu ſtärken, und wandelte hin, wo Franz das Schwert hielt, um ſeine Uebunger zu beginnen. Ueber die beraste Ebene kam ein Mann, den Hat ins Geſicht gedrückt, und blieb mit gekreuzten Armen vor dem todten Pſerde ſtehen.„Ja, ich kenne dich, armer Schelm,“ murmelte er,„du biſt das friesläu⸗ diſche Roß, dus mich zu meinem Glücke tragen ſollre. Ha, mit welchen Hoffnungen und Vorſätzen ſchwang ich mich auf deinen Ruͤcken!— aber du ſchleppteſt mich ins Eleud.— Jan, was iſt aus Dir und Deinen Dräu⸗ men geworden! Dieſes todte Scheuſal iſt beſſer daran, als Du; denn es fühlt die Fußtritte nicht, die ich im Namen meines fluchbeladenen Verhäungniſſes ihm gebe!“ — Er trat mit kindiſchem ſieberhaftem Zorne das leb⸗ loſe Thier, und entfernte ſich dann von ihm, aufgeregt, als hätte er einen wilden Feind erſchlagen.—„Meiſter Strubb! Meiſter Strubb! wo ſeyd Ihr?“—„He! houa! wer ruft? Daher, daher, guter Freund! Ihr ſeyd's, Meiſter Bockelſon? Seyd willkommen, Meiſter. Was führt Euch zu mir? Verzeiht, wenn ich Ench ſo ohne Umſtände empfange.“ Der Nachrichter hatte ſein Wamms abgeworfen, die 102 Hemdärmel in die Höhe geſtreift, und das blanke Schwert, beide Hände am Griff, über die Schulter gelegt. Ein zweites Richtſchwert lag neben ihm auf dem Boden. Franz befeſtigte juſt den ſchwachblöckenden Hammel, der den blöden Kopf nicht aufrecht halten wohlte, wie's von ihm verlangt wurde.— Jan trat ſtuhig einen Schritt zurück. —„Fürchtet Euch nicht, Meiſter. Es gilt für jetz⸗ nur dem Schöps und jenem halbrodten Doggenhunde. Habt Ihr ein Geſchäft mit mir?“—„Ich hätte wohl etwas zu fragen.“—„So geduldet Euch ein wenig nur. Ich bin im Zuge. Die Kohlſtrünke dort ſind meiſterhaft gefallen. Jetzo nur eine Probe an der lebend'gen Creatur.“ Der Scharfrichter holte aus, und ſenkte alſobald das Schwert:„Ai, Ai, Auweh! Ich hab' mir etwas in der Achſel verzuckt! Ach, das iſt eine ſchlechte Vorbedeutung, Meiſter. Ich werde übermorgen Schande auf meine wei⸗ ßen Haare laden. Sie werden mich ſteinicen, die Maul⸗ affen. Ach, Meiſter Jan! ein Künſtler ſollte niemals alt werden, daß ihn ſeine Kräfte verlaſſen. Richt wahr?“ „Iſt denn das Handwerk ſo ſchwer, Meiſter Strubb? Laßt einmal ſehen!“ Funkelnden Anges taſtete der Schneider nach dem ge⸗ ſenkten Schwerte. Mit andächtigem Entfetzen entzog es ibm der Nachrichter, indem er ernſthaft ſagte:„Ei, ei, mein lieber Freund, das iſt kein Spielwerk, Ihr mögt's alauben. Mit dieſem Stahle ſind ſchon achtzehn arme Sünder, denen Gott guädig ſeyn wolle, gerichtet worden. Das gibt ein frommer Mann von der Kunſt keinem Laien in die Hände. Betet ein Vaterunſer für die armen Seelen, und laßt Eure Finger von ſolchem Werkzeuge.“ Bockelſon ließ die Augen ſchier nicht mehr von dem blinkenden Eiſen.„Nur nicht böſe, Väterchen,“ ſagte er:„ich wollte Euch ja nur zeigen... woute nur ver⸗ ſüchen 103 Strubb brach in ein herzliches Gelächter aus.„Zei⸗ gen, mir? mir etwas zeigen? und was denn, wenn's beliebt? Verſuchen? ja, mein Gott, was will ein Geſell von der Nadel mit dieſen böſen Dingern? Da, da liegt ein ſolches zu meinen Füßen. Das will ich Euch erlau⸗ ben; es iſt noch nicht zur ernſten Stunde gebraucht wor⸗ den. Hebt nur einmal, und die Luſt, es zu führen, wird Euch vergehen.“ Bockelſon hob es ungeſchickt. Immer lachend fuhr Strubb fort:„Ja, was Ihr mir zeigt, iſt Eure Unge⸗ ſchicklichkeit. Prahlhans von einem Schneider! So, legt die Hände auf z ſo feſt. nun wiegt das Schwert, als ob Ihr ein Kreuz machtet. ſo, nun, wie geht's? Ihr haltet gut„beſſer, als ich dachte. Es iſt ſchwer, gelt, mein Freund? Den linken Fiß vor, den rechten feſt angeſtemmt am Boden! Es gehören freilich ſtramme Waden dazu;„indeſſen. ₰ Ihr macht's ganz na⸗ türlich. Wahrhaftig: Ihr haltet Ench ganz gerecht⸗ Wär't Ihr mein Sohn, Ihr könntet's nicht beſſer.“ —„Das lernen wir auf dem Theatro, Meiſter Strubb. Da müſſen wir ja allerlei Volk und Hand⸗ werke agiren.— Ihr ſolltet auch ſehen.. meine Seh⸗ nen ſind nicht ſchwach... wenn Ihr mir ein Ziel gäbet ich hab' oft in meinen Knabenjahren zu meiner Luſt Hunde und Katzen über die Klinge ſpringen laſſen; ich ungefähr, wo die S ſitzen.“— „Ei, Ihr blutdürſtiger Schneider! Ihr fallt ja ſonſt in wenn Ihr Euch mit der Stopfnadel in den Daumen ſtecht. Woher denn dieſer Heldenmuth? Er ſoll Euch bald ſchwinden. Ja, ich will uns einen Spaß machen. Da, ſeht den Hammel, faßt ihn in's Auge. Legt ihm das müde Haupt vor die Füße, wenn Ihr könnt. Ich will Euch anlehren, wie Ihr's zu ma⸗ chen habt. Wenn aber der Herr nicht gut getroffen, ſo läßt er auf ſeine Koſten die Scharten aus der Klinge 104 wetzen, und zahlt mir eine Kanne Hippokras. Einver⸗ ſtanden 2“ —„Meinetwegen. Nur geſchwinde. Wie mache ich's 26 „Paß' auf, mein Franz. Du kannſt von dem Roland da was lernen. Zuvörderſt fahrt Ihr aus zur rechten Seite, und nähert die Klinge dem Halſe bis auf eines Zolles Weite, als ob Ihr den Streich führtet; doch iſt's nur die bräuchliche Vorübung! So— ietzt ſenkt Ihr noch einmal das Schwert. Traun: Ihr macht's mit vielem Anſtande.“— Wie ein Schüler eifrig verwendete Jan keinen Blick von dem armen Opferthiere. Strubb fuhr fort:„Den dritten Wirbel merkt Euch. Nachdem Ihr obige Vor⸗ übung gemacht, raſch zugeſchlagen, und mit einem Zuck, — ſeht: alſo— geſchnitten. So iſt der Hieb nach der Kunſt. Stellt Euch: eins, zwei, drei!“ Bockelſon führte den Streich, und das Haupt des Hammels fiel zur Erde. Nach dem Brauch der Scharf⸗ richter drehte ſich Jan auf ſeinem Abſatz um, und reichte dem herzuſpringenden Buben das Schwert, es abzuwiſchen. Strubb, der wie verſteinert dem Hiebe zugeſehen, warf ſich nun voll Freude an den Hals des Kunſtlieb⸗ habers, und rief ſchluchzend:„Ihr ſolltet mein Sohn ſeyn, Meiſter! Zwei Finger meiner Hand gäbe ich darum, ob ſie mir ſchon zum Foltern ſehr nöthig ſind. Nein! Eine ſolche Geſchicklichkeit habe ich noch nie bei einem Anfänger geſehen, wenn er auch ſchon ein Jahr lang ſein Studium am lieben Vieh getrieben.“ Selbſt Jan ſtand wie verduht.„Iſt das Alles 26 fragte er wie außer ſich, auf das Thier deutend. —„Freilich, freilich, mein Sohn,“ jubelte Strubb: „Der dickſte Menſchenhals macht Dir nicht mehr zu ſchaffen. Du biſt als wie zur Kunſt geboren. Erlaubt, daß ich Euch dutze, Meiſter. Ich hab' im Leben eine Handlichkeit und einen Scharfſinn, wie die Eurigen ſind, 105 nicht geſehen. Was gäbe ich nicht hin, wenn Ihr mich übermorgen ablöſen köuntet!“ „Was iſt denn übermorgen? Eure Vorklagen machen mich neugierig.“ —„Ach, Ihr ſeyd gewiß verreiſet geweſen, daß Ihr's nicht wißt. Die Gudula aus Heerbrinks Hanſe ſoll daran kommen; die Kindsmörderin, die vor einem Vier⸗ teljahre— nun, die Geſchichte iſt Euch bekannt.— Da will aber mein Mißgeſchick, daß die Richter, weil die Verbrecherin ſo zu ſagen von Adel, ihr das Schwert zuerkannt haben. Gemeine Dirnen ſolcher Art werden üblicher Weiſe geſäckt,— oder ertränkt, wenn Euch das Zweite beſſer gefält. Das Säcken geſchieht von meinen Knechten, unter meinem Befehl, aber das Schwert muß ich ſelber führen, und mein Arm wird ſchwach; einen Stellvertreter fand ich nicht, und zudem dauert mich das arme Mägdlein, daß ich fürchte, fehl zu hauen.“ „Wohnt denn das Mitleid auch in Euern Herzen, Ihr Männer vom Schwerte?“ fragte Johaun etwas ſpöttiſch. Worauf der alte Meiſter ſehr gravitätiſch: „Wir ſind Chriſti Söhne, ſo wie Ihr und alle getauften Menſchen. Wir haben nicht Freud' an unſerm Dienſte, aber wir verrichten ihn mit Zerknirſchung und Gebet, weil er einmal gethan ſeyn muß. Vor Allem aber ſchmerzt uns, ein blühend Leben aus der Wurzel reißen zu muͤſſen, das noch viele Menſchen beglücken könnte, und das wir um eines Fehlers willen, der von der Schwäche mehr als von der Bosheit kömmt, abmähen. Geh' hinein, Franz, trage die Schwerter fort, und rei⸗ nige ſie.— Ja, Meiſter Jan: wir wiſſen, was das iſt: ſchwach ſeyn. Wir lernen's in den Marterkammern, in den Kerkern, auf dem Blutgerüſte. Der Menſch iſt ein verzagt Ding. So ihn die Leidenſchaft und Verfüh⸗ rung auf die Kante des Dachs getrieben, ſo ſtürzt er ſich lieber kopfuber in den Abgrund, als daß er„ 106 nun, wie ſage ich gleich?.. als daß er einen andern Ausweg ergriffe, welcher ſelten ermangelt, vorhanden zu ſeyn.“ Der Meiſter machte, indem er, ſich gleichſam Schwei⸗ gen gebietend, mit der Hand über den Mund fuhr, ein ſo pfiffiges Geſicht, daß die Ehrwürdigkeit beinahe ganz daraus verſchwand. Bockelſon, dem während ſeiner lehr— reichen Predigt der Muth, ſein Anliegen vorzubringen, ſchier entſchwunden geweſen, faßte— ein Kenner der Züge im Menſchenantlitz— jetzo von Neuem ein Herz. Er ſagte, den Unbefangnen ſpielend: „Wenn ich gleich recht begriffen habe, was Ihr zu Anfang Eurer Rede ſagen wolltet, ſo weiß ich doch nicht, was ihr Schluß bedeutet. Erklärt es mir.“ Strubb ſah ſich um, ob der Lehrburſch Franz nicht irgendwo die Ohren ſpitze, führte, als wie von ungefähr, den Schneider mehr abſeits, und entgegnete vertraulich: „Soll ich mit einem ſo geſcheidten Manne in Erempeln reden? Alſo zum Beiſpiel: wenn die Gudula ihren Vor⸗ theil verſtanden hätte, ſo wäre ſie bittweiſe zu einem guten und weiſen Mann gegangen, und hätte ſchweigend vermittelſt einer leichten Arzuei hinweggeſchafft, was ſie ſpäter, da es lebte und ſchrie, und ſich verrieth, zu ihrem eignen Schaden morden mußte.— Das Kind war ſo wie ſo dem Tode geweiht; warum grub ſich die Mutter neben ihm ihr ſchimpflich Grab, da ſie haͤtte am Leben bleiben können, um zu bereuen, zu büßen und endlich doch noch glücklich zu werden?“ Was der Greis da plauderte, grauste den Bockelſon an, obſchon zugleich ſein Herz von mildem, teufliſchem Behagen ſchwoll. Er verſtand nun klar des Pöbels Furcht vor dem grauen Scharfrichter, der in einem geſpenſter⸗ haften Anſehen war, trotz ſeiner blühenden Wange, trotz ſeiner weißen Locken, trotz ſeiner frommen Sprüche. Den⸗ noch ſtand er jetzo am Ziel ſeiner Wünſche, der ernie⸗ 107 drigte Sohn des Schultheißen von Gravenhagen. Er fühlte es; er ahnte, daß hier eine verwandte Seele die ſeinige umſchlungen halte.— Meiſter Strubb ſeinerſeits achtete auf die Kennzeichen, die er im Geſichte der Ver⸗ brecher, wonn ſie zu beichten anfangen wollten, aufzu⸗ ſpüren gelernt hatte. Er ſah vorans, daß der beruͤhmte und ſchon beruchtigte Schueider ſein Gewiſſen ihm auf— thun würde, und empfand für ihn bereits jenes Wohl⸗ wollen, das im Gewähren der Bitte voranläuft. Seit es Hammels Kopf vom Streiche Jans gefallen, lebte Jan im Herzen des Alten, als ein geliebter Zögling und Sohn. „Ich ſchwatze viel, wenn ich einmal das Maul rühre; nehmt's nicht übel, Bockelſon. Doch iſt die Zeit edel. Womit kann ich dienen 2«— Den fragenden Blick des Schneiders beantwortete ein gefälliges Angenzwinkern des Andern.— Sie faßten ſich unter den Arm, ſchlenderten eine Weile auf und nieder. Nach manchem Achſelzucken und Kopfſchütteln nickte Meiſter Strubb endlich, und ſie gingen ſchweigend in das Haus. Ohne ein Wort zu ſa⸗ gen, öffnete Strubb einen unſcheinbaren, mit eiſerner Thüre verwahrten Kaſten, wählte unter vielen Arzuei⸗ büchſen und Kolben ein Fläſchchen, theilte deſſen Inhalt in zwei Hälften und händigte die eine dem Bockelſon in einem wohlverſchloſſenen Gefäße ein.— Jan zählte eine ſilberne Erkenntlichkeit auf den Tiſch, die der Nach⸗ richter freundlich einſtrich, indem er dem Kunden noch die Ermahnung in den Kauf und zum Lebewohl gab: „Was auch vorfalle, haltet reinen Mund. Es würde Euch nicht nützen, meine Hülfe zu verlautbaren. Wir ſind Leute, die ſelten zu finden, und unſer Wort, wie Ihr wißt, ſticht vor Gericht drei Zengen aus. Daſür, mein lieber Meiſter, mögt Ihr verſichert ſeyn, daß, wenn Ihr je zur veinlichen Frage kämet, Euer Freund Strubb zur Hand ſeyn werde. Ihr ſollt rein als wie ein Engel, und dennoch mit heiler ſchmerzloſer Haut aus meinen 108 Schrauben und Stricken hervorgehen. Das wiſſen wir ſchon für gute Freunde einzurichten.“ Zu einer Hinterthüre hinaus ſchlüpfend, einen weiten Umweg nehmend, endlich ſchneller und immer ſchneller laufend, kam Bockelſon ganz erhitzt wieder bei der Stadt an, und wanderte durch ein vom Wege nach der Scharf⸗ richterei entlegenes Thor. Kaum fünfzig Schritte davon, vor einem Eckladen ſtehend, blähte ſich Peter Bluſt be⸗ haglich in der Sonne.— Der Laden war ſein Eigen⸗ thum, vor Kurzem erſt erworben, und ſein Handel mit Speiſevorräthen, Farbwaaren und Gewuͤrzen— ein Durcheinander und Rührei der mannigfachſten Subſtanzen — ging gut in dem von unbemittelten Leuten bewohnten Viertel, weil den Kunden Alles im Kleinen und zu einem ſcheinbar mäßigen Preiſe geboten wurde. Der fromme Krämer lieferte ſeine Waaren in gehörigem Maße und Gewicht, gab im Wechſel kein falſches Geld heraus, und hielt für ärmere Kaufer, deren Beutel nicht zu jeder Zeit gefüllt ſind, ein billiges Schuldbuch.— Bockelſon redete ihn, ausrghend von dem ſchuellen Gange, an.„Lange nicht geſehen, Peter Bluſt.“—„Recht lange nicht, Meiſter Jan.“—„Die Geſundheit?“— „Wohl.“—„Das Gewerb?“—„Wohl.“—„Alle Hände voll zu thun?“—„Gott ſeh gedankt: ja.“— „Doch ſeh' ich keinen Burſchen in Deinem Gewölbe?“— „Was Du felber thun kaunſt, vertraue keinem Knechte.“ —„Löblich. So allein, ziehſt Du Dich ganz von der Welt zurück?“—„Es iſt das beſte, Jan. Ich bin meinem Nächſten nützlich, aber ich ſorge in der Einſam⸗ keit für mein Heil.“—„Du biſt ein Apoſtel, Peter Bluſt. Gott erhalte Dich bei Deinen Vorſätzen, denn die Zeit ſchleift ſie ab.“—„Hat nicht viel abzuſchleifen, Meiſter Jan. Die Zeit iſt bald um.“—„So heißt es.“—„Das erſte Wehe wird bald kommen; wehe den Menſchen auf Erden, und denen auf dem Meere.“ 109 Die Behaglichkeit des Kaufmanns verwandelte ſich, da er ſich wieder in den finſtern Lieblingsgedanken, der ihn faſt nie verließ, hineingeredet, in trübſelige Nieder⸗ geſchlagenheit. Er faßte Bockelſon bei der Hand, und führte ihn in ſeine Schreibkammer, wo auf dem Liſche die Offenbarung Johannis aufgeſchlagen war.—„Da ſteht's, und lies ſelbſt: Die Zeit iſt um, und wehe denen, die beladen ſind mit Sünden und Schulden.“—„Du biſt weiſe, mein Bruder.“—„Ich rechne nur die Zeit aus, als ein demüthiger Kaufmann, und finde, daß nichts vor dem Herrn beſtehen kann. Unſere Sünden reichen leider bis in den Himmel, und der Vater gedenkt unſrer Frevel“— Peter Bluſt ſeufzte tief, und ſtierte in das offene Buch, das ſein Gehirn ziemlich in Unordnung ge— bracht hatte. „Du biſt reich, Peter,“ ſagte Jan, ſeine Stimmung zu benützen.„Du biſt reich und kannſt Gutes thun in Almoſen an Deinen armen Brüdern.“—„Das thue ich auch, Jan; aber wird es helfen? Wie ſagte unſer Pre⸗ diger zu Deventer? So ihr nicht eure Kleider abwerft, nackend und bloß zu büßen, ſo wird euch das neue Je⸗ ruſalem nicht aufgethan werden.“ „Das iſt nicht alſo zu verſtehen, wie Du etwa meinſt. Du ſollſt nicht darben, um Andere zu bereichern, aber Deinen Ueberfluß mit Wahl gemeinnützig machen. Chriſtus hat unter den Seinigen die Gemeinſchaft der Güter befohlen. Daher darfſt und ſollſt Du haben, was Deine Brüder; nicht mehr, aber auch nicht weniger. Ein gutes Herz,— freilich, das iſt ein gar zu milder Dar⸗ leiher. Ich hab's ſelbſt erfahren, da ich nun in der Klemme ſitze, weil ich Andern ausgeholfen.“ Der Kaufmann betrachtete mit feſtem Auge ſeinen Bruder im Herru, und ſagte, gleichſam als wär' er vor⸗ bereitet:„So? rede weiter, mein Bruder.“ 110 „Ich lieh, ich ſchenkte, ich ſpendete, ich vergabte; und, nun der Tag gekommen, da ich ſelber an den Kämmerer Griggemann eine Schuld, die ich gemacht, abtragen ſollte fehlt mir das ſchnöde Metall, fehlt mir eine freund⸗ liche Bürgſchaft, und ich ſehe mich ſchon im Geiſte, als berrüglicher Schuldenmacher auf den heißen Stein— au den Pranger verwieſen.“ „Das ſoll Keinem widerfahren, der da glaubet. Der Vater wird ſtets Einen erwecken, der dem ſtraucheluden Bruder unter die Arme greife, und bei Dir will ich der⸗ jenige ſeyn. Ich weiß jetzo Alles, was Dich angeht, und das iſt Gottes Fügung. Dein Weib, meine Baſe, iſt heut bei mir geweſen, und hat mich um ein Darlehen angeſprochen. Aber die Weiber ſind ſchwache Gefäße! ſie plaudern viel, das nicht wahr iſt; beſchönigen Alles, was an ihnen unrecht, und verläſtern jeden Andern; wär's der eigene Mann, der doch ihr Herr ſeyn ſoll. Baaſe Miekje hat's nicht anders gemacht, und ich, der Schwätzerin mißtrauend, hab' ihr abgeſchlagen, was ſie begehrte. Kaum war ſie jedoch von hinnen gewichen, als ich in dieſem fürtrefflichen Buche las:„Aber, wer fromm iſt, der ſey immerhin fromm, und ſiehe, ich komme bald, und mein Lohn mit mir, zu geben einem Jeglichen, wie ſeine Werke ſeyn werden. Da reute mich die Hartherzigkeit.“ Eine tiefe weibliche Stimme unterbrach den Kauf⸗ mann:„Um der Barmherzigkeit Gottes willen, gebt ein Almoſen!“— Peter Bluſt trat in das Gewölbe, um zu geben.„Gebt ein Scherflein einer armen alten Frau, die von den Heiden gezwungen iſt, die Stadt zu meiden, und die eine lange Reiſe in Dürftigkeit und Blöße vor ſich hat.“— So fuhr die Stimme fort. Jan blinzelte haſtig durch das Guckfenſterlein. Draußen ſtand ſeine Mutter, und Bluſt reichte ihr eine Gabe. Der Sohn ſchaͤmte ſich jedoch ſeiner Mutter, und fürchtete ſich vor 4 111 ihr. Darum drückte er ſich heimlich in eine Ecke, daß er verborgen wäre, und ſchnaufte nicht. Um ſein un⸗ willig Ohr ſchwirrten zwar neben der Klageſtimme ſeiner Erzeugerin andere Stimmen wie Poſaunen, die ihn be⸗ ſtürmten mit den Anfangsworten des Spruchs, welchen Peter Bluſt zuvor angeführt hatte:„Wer boöſe iſt, der ſey immerhin böſe, und wer unrein iſt, der ſey immerhin unrein!“ Der Kaufmann trat endlich wieder betrübt herein, und ſagte erſchüttert:„Die Frau hat gewißlich beſſere Tage geſehen, und iſt jetzo in ihrem Alter eine Ver⸗ ſtoßene! Sie ſpricht von heidniſcher Verfolgung, als wäre ſie in dem wahren Iſrael geboren. Ob's nun Ver⸗ rücktheit, ob es der Glaube wäre, der ihre Zunge regiert, Friede ſey mit ihr, und baldige Erlöſung von ihren Uebeln. Nicht wahr, mein Bruder?“—„Amen, mein Bruder,“ ſtammelte Jan, und ermuthigte ſich dann nach und nach, da er von dem Weggehen ſeiner Mutter und der Unwiſſenheit des Krämers ſich durch Aug und Ohr verſicherte. „Wo blieb ich ſtehen 2“ fragte Peter Bluſt.—„Bei der Reue, ſo Du über Deine Hartherzigkeit empfandeſt.“ —„Recht, und ich beſchloß, Buße dafür zu thun, und bat Gott inbrünſtig um ein Zeichen, daß Miekje die Wahrheit geſprochen habe; daß ihre Klage wegen Man⸗ gel und Noth nicht die Lüge eines leichtſinnigen Weiber⸗ kopfes geweſen ſey. Siehe: da koͤmmſt Du, und beſtä⸗ tigſt mir Wort für Wort, was ſie geſagt; und was die Urſache euerer Verlegenheit angeht, ſo glaube ich Dir, als einem Frommen, mehr als Deinem Weibe, das lei⸗ der lockere Geſellſchaft in Euer Haus gezogen, und daſ⸗ ſelbe mit dem Siegel der Unehre bezeichnet hat.“ „Verläumdung, liebſter Bruder; nichts als Verläum⸗ dung.“—„Gleichviel! ich richte nicht. Darum will ich Dir helfen. Da liegt, was Dein Weib gefordert, und 112 was Dir fehlt. Tilge damit Deine Schuld, den viel⸗ leicht iſt der Tag des Zorns nicht mehr eine Woche weit entlegen, und beſſer iſt's, ſeine Rechnung auf Erden ge⸗ ſchloſſen zu haben, ehe der ſiebente Engel die Schale des göttlichen Zorns ausgießt über die Welt.“ Die ſchlichte Freigebigkeit des Kaufmanns kam dem Bockelſon troßz ſeines Vertrauens auf Peters myſtiſche Thorheit ſo unerwartet, daß er lange ſchwieg, alsdann ihm herzlich die Hand ſchüttelte, und mit einem Anflug von Dankbarkeit ausrief:„Meine Geſinnungen ſind Dir bekannt, und Miekje ſoll Dir heute noch ſagen, wie hoch ihr erkenntliches Gemüth...“ „Stille!“ unterbrach ihn Bluſt, der ſich ängſtlich die Ohren zuhielt:„Ich thue dieſes nicht um eitlen Ruhmes willen, und begehre, daß Du gar nicht zu dem Weibe davon redeſt. Der Mann ſey des Weibes Herr; aus ſeinen Händen empfange das Weib Alles, und frage nicht, woher; denn er iſt ihr Verſorger, und ihre Er⸗ nährung ſein Stolz.“ „Wohl,“ verſetzte Jan freuudlich;„aber Du wirſt erlauben, daß ich Dir gleich jetzo eine Verſchreibung..“ „Mit nichten,“ ſagte Bluſt:„Unter den Brüdern, die den Vater ſuchen und das neue Jeruſalem, ſey weder Pfand, noch Eid, noch Geſchrift. So will's die Liebe; weil Alles, was ſie untereinander ſich geben, entweder nur eine Rückgabe und gerechte Vertheilung, oder— in dieſer bangen Zeit vor dem Gerichte des Zorns— ein Vermächtniß Sterbender an Sterbende ſeyn ſoll. Du wirſt mir das Geld wiedergeben, wann Du kaunſt, und wann ich deſſen bedarf. Wiſſen wir aber, ob uns Friſt bleibt, zu fordern und zu erſetzen 26 „Der Vater ſchenke Dir lange Jahre heiligen Lebens um Deiner Frömmigkeit willen! Er laſſe Dich hienieden ſchon eingehen in die ueue Stadt des Bundes und des Lammes; in ihre Thore von Perlen, deren zwölf Pforten 113 ewig offen ſtehen werden, denn da wird keine Nacht ſehn. Erquickt ſey ſchon hienieden Dein Herz und Ange durch ein irdiſches Paradies. Dir werde eine Lebeusgefährtin voll Lieblichkeit und Huld, und ſie ſchenke Dir viele Kin⸗ der, Sprößlinge und Erben eines Auserwählten, eines Gerechten, der da ſelig iſt, weil er wachet, und ſeine Kleider hält, wie reinen Schnee!“ „Ei, lieber Bruder, laß hinweg das Loben und Prei⸗ ſen; es iſt nur ein tönend Erz, eine eitle Schelle. Was ſollte mir der Eheſtand? Welcher ſich verheirathet, thut wohl; wer ſich nicht verheirathet, thut beſſer.“ „Lieber Peter: das Herz eines Hageſtolzen verhärtet ſich; eines Gatten Seele bleibt milde. Sieh' mich ant ich war ein wilder Knabe, aber jetzo— erſt zähle ich vier und zwanzig Jahre— habe ich die Milde und Gu⸗ tigkeit und Reife eines Mannes in dem Herbſte ſeines Lebens; und dieſes hat nur der Eheſtand, und die Liebe zum Weibe hervorgebracht.“ Der Kaufmann nickte ſo treuherzig, daß der böſe Schalk ihm gegenüber kaum die Larve vorzuhalten im Stande war; es drückte ihn, in lautem Spottgelächter aufzuſchreien. Als ſich Peter Bluſt eine Weile beſonnen, ſagte er zögernd:„Ich habe den Glauben, daß, ſo wie einige auf Erden ſind, die nur ihren Lüſten leben,— eine ſchwere Laſt ihrer Mitbrüder,— Andere nur zu der Letzteren Aufrechthaltung und als Opfer für dieſelben ſich hinzu⸗ geben, verpflichtet ſeyen. Das Loos dieſer Anderen, die⸗ ſer Opfer hab' ich mir erwählt, denn der Geiſt hat mir's eingegeben. Ach! in dieſem Sundenpfuhle hilft mein Streben doch nur ſo viel als ein Waſſertropfen in einer Feuersbrunſt helfen mag. Wenn ich das ſchwerſte Kreuz auf mich lüde, vermöchte ich ja doch nur von wenigen Häͤuptern die Schuld zu nehmen. Mit Ablaßbriefen und Fegfeuerlöſegeldern iſt's nicht gethan zu dem, wie wir Der Koͤnig von Zion. I. 8 114 wiſſen. Aber ein Jeder verrichte, was in ſeinen Kräften ſteht. Darum will ich nicht Bäume pflanzen, von denen ich hienieden Fruchte einſammeln könnte; ich will, um der Erlöſung theilhaftig zu werden, für meine Neben⸗ menſchen ein Fruchtbaum ſeyn; ein Mantel, ihre Schande zuzudecken, ein Stecken und Stab den Verſtoßenen und Verachteten. Du verſtehſt alſo recht gut, daß ich nicht heirathen darf, ſintemal ich für meine Kinder allein ſeyn müßte, was ich der Welt werden möchte.“ Ein feuriger Strahl der Erleuchtung blitzte durch Jan's Gehirn. Als ob der Geiſt auf ihn fiele, ergriff er Bluſts Hände und rief:„Wer Ohren hat, zu hören, der höre: ich prophezeie. Du wirſt eingehen den Bund der heiligen Ehe, mein Bruder; denn Du biſt auser⸗ wählt, dadurch eine Verachtete ehrlich zu machen, und Dich für die Miſſethat eines Frevlers zu opfern, damit die Tugend einer Verſtoßenen und ihres Kindes Leben erhalten werde. Der Vater ſtärke Dich im Guten!“ Angeregt und gläubig fragte Bluſt demüthig:„Was ſiehſt Du, Bruder? Erkläre mir, was Du weiſſageſt, da⸗ mit ich thue nach dem Gebot der Verheißung.“— Wor⸗ auf Jan eifrig und in der vorigen Stellung verharrend: „Ein Mägdlein ſchmachtet, befangen von den Stricken der Erbſünde. Der Verſucher denkt vollſtändig zu ſiegen, und der Mutter und dem Kinde das zeitliche und ewige Leben zu nehmen. Deine Hand mag ſie erretten von dem Sturz in die Hölle. Nenne die jungfräuliche Mut⸗ ter Dein Weib, und ſie wird nicht verzweifeln; ſie wird Hallelujah ſingen und vergeſſen des landflüchtigen Ver⸗ führers!— So Du jedoch nicht glanbeſt dem Worte des Geiſtes, wirſt Du ſchwarz werden vor Schande und auf Dein Haupt die Verantwortung ſammeln, ſo wie das Verderben zweier Seelen.— Ich habe es geſagt.“ Peter Bluſt bengte ſein Knie demüthig, faltete die Hände, ſprechend:„Du haſt die Gabe der Weiſſagung, 11⁵5 Bruder; ich weiß es aus vergaugher Zeit; der Geiſt treibt Dich daun und wann,„. ich glaube Dir, und wil nicht mein Haupt beſchweren. Sag an: wer iſt das Mädchen? ich will es mit Ehren krönen, um unſrer Seligkeit willen. Sein Kind ſoll das meinige ſeyn, und den Verführer will ich nicht wiſſen.— Thue ich alſo geuug dem ewiger Gebote?“ „Völlig genug; denn Du biſt ein Gerechter. Und ich werde die Arme im Staube finden, und ſie Dir dar⸗ bringen, daß Du ſie hochzeitlich kleideſt. Aber ſie iſt ge⸗ ringen Herkommens, niedrigen Standes, und die Ent⸗ deckung ihrer Schande nahe. Bedenke Alles, und prüfe Deine Stärke.“ „Die Letzten werden die Erſten ſeyn; ich will das Joch auf mich nehmen und nicht murren; denn das Ende aller Dinge— das glaube ich feſt— iſt nahe!“ „So iſt's, mein Bruder. Morgen zur ſelben Stunde wird Dir der Geiſt das Nähere verkünden. Friede ſey mit Dir!« Ohne ſich dem prophetiſchen Pathos zu ent⸗ rücken, verließ Bockelſon die Wohnung des armen leicht⸗ gläubigen Thoren, der ſich alſobald wieder mit Aug' und Ginbildungskraft in das trügeriſche Meer der Apocalypſe warf, und mit Begierde„das ſüße Buch verſchlang, das ihn ſodann im Bauche grimmte.“ Siebeutes Kapitel. Der Fluch einer Mutter. Es war zur ſelbigen Zeit, daß zum Behuf des Mei⸗ ſterwerdens eines jungen und reichen Tuchwebers eine ziemliche Anzahl fröhlicher Geſellen dieſes Handwerks von dem Candidaten in den drei Heringen verſammelt wor⸗ den war, auf ſeine Koſten zu ſchlemmen und ſich's wohl ſeyn zu laſſen, damit er Freunde hätte, die durch ihr Geſchrei durchtrieben, was etwa die Schaumeiſter bei der Würdianng des Meiſterſtücks aus Tadelſucht oder Hand⸗ werksneid hintanſetzen möchten, die Beförderung des kecken und eiteln Zunftgenoſſen.— Da ging es locker zu, gegen die Mittogsſtunde, und die Zecher, die da wußten, daß Wirth und Wirthin mit Wohlgefallen das leichtſinnige Leben ſahen, und mit der Kreide nicht ſparſam umgin⸗ gen, wenn ſie ihre rechten Leute vor ſſch hatten, waren ſchon eingerichtet, bis in die ſpäte Nacht da zu bleiben, und den abbietenden Stadtknechten einen entſchloſſenen Widerſtand entgegen zu ſetzen, wie ſie ſchon oft gethan. Denn es war eine, in Stadt und Nachbarſchaft äußerſt gefürchtete Schlemmerbande, die des augehenden Meiſters Simon. Der Held im Trinken, Vorſtugen und Poſſenreißen 117 war ein junger, langer Menſch von weißem Angeſichte und lichten herabhängenden Haaren, ein Weſtphälinger, aus dem Städtchen Warendorp, uufern von Münſter. Er wurde gemeinhin Rotger genanut, ſtand ſeit kurzer Zeit bei Simon's Vater als Geſelle, und hatte, obſchon ein Deutſcher, unter den Juländern ein großes Anſehen erlaugt.— Der brachte mit heller Stimme ein Lied nach dem andern auf, und dittete endlich etwelche aus dem Stegreife, welche Kunſt er nebſt anderen nicht alſo zu empfehleuden Künſten in Meiſter Bockelſon's poetiſcher Schule gelernt hatte. Seine Genoſſen ſchrieen, ſo gut ſie kounten, dieſe Geſänge nach, und klatſchten ihrem Vorſänger den gewaltigſten Beifall zu. Frau Miekje, die, von ihren Dienſtleuten unterſtützt, den freigebigen Gäſten juſt den Imbis auftrug, beſtehend in gedämpftem Fleiſche, Eierſpeiſen, Pfannenkuchen und geſalzenen Fiſchen, machte ſich hanptſächlich um den luſti⸗ gen Rotger zu ſchaffen, und vergaß dann und wann, die Anderen zu bedienen, die ſchon früher geklopft, gewinkt und gerufen hatten.— Der Geſelle belohnte dieſe Auf⸗ merkſamkeit mit ſchäkernden Liebkoſungen. Er ſchlang die Arme um Miekje's Leib, er küßte ihre runden Hände, er lehnte ſein Haupt an ihre Bruſt, je nachdem der Au⸗ genblick ihm eine dieſer Freiheiten erlaubte, und flüſterte ihr endlich übermüthig in die Ohren:„Wie lieb' ich Euch, ſchöne Frau. Und dieſer Labetrank ſoll mich ver⸗ giften, wenn ich lüge!“— Hier trank er nach weſtphä⸗ liſcher Sitte jener Zeiten mehrere Becher hintereinander geſchwinde aus.—„Ihr ſeyd ein Taugenichts,“ ſcherzte Miekje, da ſie wieder an ihn zu treten Gelegenheit hatte, „was iſt zu halten von einem jungen Löffler, der einer Ehefrau ſolche Dinge weiß macht, und ſie bekräftigt durch Ueberlaſt des Trinkens 2“—„Das weiß ich nicht, mein Schatz,“ verſetzte Rotger, im üppigen Scherz fortfahrend, „aber ich weiß, daß mein Vater, der Goldſchmied, mir 1¹8 kein beſſer Geſchenk machen könnte, denn mit einem Ringe, der Euch unauflöslich an mich bände.“—„Närrchen!“ ſie ſchlug ihn zärtlich anf die Wange, und er wollte für dieſen anmuthigen Schimpf die Entweichende haſchen. Mit Erſtaunen bemerkte er, umſchauend, den Wirth der Herberge, Jan Bockelſon, hinter ſeinem Schemel ſtehend. Einen Tigerblick ſchoß der Schneider ſeinem Weibe nach, mit falſch⸗freundlichen Mienen, den Finger anfhebend, drohte er ſcherzend dem Webergeſellen:„Das wirſt Du mir wohl noch büßen müſſen, Freund,“ ſagte er, und vor dem Scherze fiel dem Rotger der Uebermuth ſo ſehr, daß er ganz ſtille wurde. „Nun, was iſt dem Buben in die Gurgel gerathen 2“ fragte Simon laut von ſeinem Platze herüber.— Rotger, nachdem er ſich vergewiſſert, daß Bockelſon wieder hin⸗ weggegangen, lehnte ſich vertraulich über den Tiſch, und um auf ſeine Rede zu horchen, ſteckten alle Tafelbrüder die Köpfe zuſammen.„Der Schneider hat ein brſes Ange,“ ftüſterte der Geſelle.„Er hat mich erſchreckt, wie ein Baſilisk.“—„Was iſt das, ein böſes Auge?“ frag⸗ ten die Einen im Scherz, die Anderen mit ernſthafter Nengier. „Das bringt Unelück Jedem, den es anglurt. Da ich zu Münſter in Arbeit ſtand, habe ich zwei Leute da⸗ ſelbſt kennen gelernt, die böſe Unglücksaugen hatten, einen Maun, genannt Tylan, der ein Rieſe von Geſtalt iſt, und Alles verdirbt, was er nur anſchaut mit boſem Wil— len. Obſchon er ſo ſtark, daß nicht leicht einer gegen ihn im Ernſte aufkommen mag, ſo hat er dennoch oft nur durch den Strahl ſeiner Augen ſeinen Feind darnie⸗ dergeblitzt. Daher iſt vor Zeiten Einer hingegangen, und hat ihm mit einem Pfeil ein Ange aus dem Kopfe ge⸗ ſchoſſen, ſo daß er jetzo herumgeht, als ein Cyclop, wie wir Poeten zu ſagen pflegen. Weit entſernt aber, daß der Mangel und Verſuſt ihm geſchadet hätte, ſtellt der 119 lange Tylan ſeit jenem Tage mehr Unheil au, als zu⸗ vor, und da ſein Gegner, der ihn verwundet, ihm einſt in der Aegidienſtraße entgegen kam von ungefähr, hat Tylan ſich ihm nur in den Weg geſtellt, aber dabei ihn dergeſtalt angeglotzt, daß er ſtracklich des Todes verfah⸗ ren. Solche Augen hat der Bockelſon auch, und ich möchte nicht im Ernſte mit ihm zu thun bekommen, da ich ſchon fürchte, er möchte ſogar halten, was er Boͤſes nur im Scherz verheißen.“ Deß lachten viele, manche ſchüttelten bedenklich die Köpfe. Simon erwiederte, ſeine Kanne leerend:„Was gehen uns des Schenkwirths Augen an, ſo lange ſein Getränke gut, und ſein Griffel willig, aufzuſchreiben? Erzähle uns indeſſen von dem andern Menſchen, der zu Münſter böſe Augen machte.“ „Ein Weib iſt's, des alten Säufers Knupper Ehe⸗ frau, an Runzeln und an Bosheit reich, wie an geheimer Wiſſenſchaft. Sie ſoll ein Donnerwetter machen können, ehe einer den engliſchen Gruß ausbeten mag. Von der Vettel ſind viele Hiſtorien zu erzählen.“ „Erzähle denn, erzähle, während wir eſſen!“ ſchrieen die Genoſſen.—„Plandre friſch“ ermahnte Simon,„ich will Dir den Becher füllen, und Du verſtehſt die Kunſt, viele Worte auszugeben, während Du große Biſſen ein⸗ ſchluckſt.“ Rotger ließ ſich nicht lange bitten, und begann ſeine Geſchichten, die bald Verwunderung, bald Gelächter unter den Gäſten erregten, und im Ganzen eine ſo heitere Stimmung hervorbrachten, daß Geert nicht genug der Kannen herbeiſchleppen, nicht genug die Ohren ſpitzen konnte, um mitten durch den Lärm die verſchiedenartigen Befehle zu vernehmen. Derweilen winkte Jan ſeinem Weibe gebieteriſch, daß es ihm die Treppe hinauf folgte.— Miekje, die wohl betrachtet hatte, wie ihr Mann Zeuge von Rotgers zärt⸗ 120 licher Zudringlichkeit geweſen, erwartete einen wilden Sturm der Eiferſucht, und hielt alle Vertheidigungsmit⸗ tel bereit, deren eine Weiberzunge bei ähnlichen Anläſſen ſich zu bedienen verſteht. Aber ſie war nicht gefaßt auf das, was ſie hören ſollte. Mit verächtlichen Geberden zog Jan aus ſeinem Gür⸗ tel den Beutel mit blankem Golde, den er von Peter Bluſt erhalten, und warf ihn vor Miekje auf den Tiſch. —„Da haſt Du, Weib, um deſſentwillen Du den Frie⸗ den unſeres Hausſtandes geſtört haſt. Da liegt das elende Geld, ſo Du höher verehrſt, als Deinen Ehemann und ſeine Liebe,— höher achteſt, als ſeine Verſprechungen. Ich befehle Dir, es aufzunehmen, und heute noch dem wucheriſchen Gläubiger zuzuſtellen, damit er ſeine boshafte Gurgel damit fülle.“ Miekje ſtand verſteinert und beſchämt vor ihrem Manne, und bewegte den Mund, eine Entſchuldigung zu ſtammeln; aber Jan unterbrach ſie alſobald mit herriſchen Worten:„Schweige und hebe Dich von mir, Kleinmü— thige, denn Du haſt nicht geglaubt, und biſt nicht theil⸗ haftig meiner Frende und Zuverſicht. Du haſt nicht ge⸗ glaubt, und biſt unwerth meiner Liebe.— Noch mehr, Du gehſt um mit buhleriſchen Gedanken, und ſiehſt einem fremden Mann in's Geſicht, wie Du nur Deinen Ehe⸗ gatten anſehen ſollteſt. Ich verſchließe vor ſolcher Unehre meine Augen, bis mir der Geiſt eingegeben haben wird, was ich thun ſoll; aber der himmliſche Vater, und ſeine Engel, die da ſind ewige Wächter des Bundes und der Treue, werden Dich richten.— Hebe Dich jetzo von mir, ſage ich, und nimm das Geld mit Dir.“ Weil trotz dieſes Befehls Miekje nicht wich,— denn ihre Beine zitterten vor Scham und böſem Gewiſſen, entfernte ſich Bockelſon ſelber von ihr, und da er wußte, daß ſie die erſte Zeit mit Weinen und Bereuen und Zählen des Geldes zubringen würde, rief er, hinabſtei⸗ 121 gend, der Magd, ihm in einen beſchloſſenen Winkel zu folgen, nachdem er dem Geert ſtreng befohlen, nicht aus der Stube zu gehen, und beſtändig zum Dienſte der Schmauſenden bereit zu ſeyn. „Was iſt zu meines Herrn Willen und Gebot?“ fragte Natje, am ganzen Leibe bebend, denn ſie ahute, daß die Entſcheidung ihres Schickſals jetzo gekommen ſey. — Jan antwortete leutſelig:„Ermuntere Dich, meine Tochter. Der Herr thut Wunder an Dir durch mein Gebet, und meine Fürſorge. Sag mir geſchwinde, wie Du mit Deinem Hendrik, dem Reitersmanne, ſtehſt 26 Natje ſeufzte ſchwer, und entgegnete:„Ich habe lange nichts von ihm gehört, und wollte— verzeih' mir's Gott— daß ich nimmer von ihm hörte. Ich hab' ihn ſo innig geliebt, und bin ſeiner ſo unwürdig geworden!“ —„Laß das, alberne Thörin. Was kannſt Du gegen den Trieb der Natur? Ein Bräutigam, der ſo viele Meilen weit von ſeiner Braut entfernt lebt, iſt ſo gut wie todt, iſt mehr als todt, weil er Dir gewißlich un⸗ treu geworden. Vergiß ihn daher mit aufgeweckter Seele, denn Dir blüht ein Glück, wofür Du dem Herrn und mir nicht genugſam danken kannſt. Richte Dein Haupt empor, und glaube, ſage ich Dir, ſtatt zweifelnd mit dem Kopfe zu ſchütteln.“ „Ein Glück? Ach, Meiſter, ich kann's nicht glauben. Ich träume nur Unglück.“ „Träume ſind nichts. Träume ſind keine Geſichte. Was ich Dir bringe, iſt jedoch kein Traum. Du wirſt von einem frommen, reichen Manne zur Ehe begehrt.“ „Weh' mir! den frommen reichen Mann ſollt' ich betrügen 2“ „Ich ſage nein. Er weiß von Deiner Schwäche, und daß Du ſchwach geweſen, macht Dich eben ihm lieb und werth. Du ſollſt ihm Ehr' und Glück und die ewige Seligkeit verdanken, hat er ſich vorgenommen.“ 122 „Ihr ſpottet meiner. Ein ſolcher Mann lebte zu Leyden, und wäre fromm und reich und liebevoll? Ihr höhnt mich aus; ich habe das nicht um Euch ver⸗ dient.“ „Ich will den Kopf verlieren, wenn ich lüge. Glaube, ſage ich noch einmal, der Glanbe kaun Berge verſetzen. Der Mann, von dem ich rede, lebt, lebt zu Leyden, lebt wenige Straßen von hier, Du Zweiflerin.“ „So danke ich meinen Schöpfer für die Erlöſung aus den Ketten ſchwarzer ſündlicher Verzweiflung. Nach dem Herrn und der heiligen Jungfran ſollt Ihr bedankt ſeyn, der mich zwar in's Unglück gebracht, deſſen Bemühung mich aber aus dem Pfuhle zieht. Sagt mir nur, wer iſt der ſeltene Mann, der eine arme, ihrer Ehre verlu⸗ ſtige Magd zu ſeiner Rechten ſtellen will 2“ „Peter Bluſt, der Kaufmann neben dem Haus zum Wallſiſch, in der Straße, die 4 Natje fuhr beſtürzt und entſetzt zurück, beide Hände vorſträckend, den Kopf gegen die Mauer ſinken laſſend. Jan theilte die Beſtürzung, und fragte kleinlaut, was ſie bedeute.— Das Mädchen murmelte anfänglich unver⸗ ſtändliche Worte, bis, nachdem Jan in die Erſchrockene heftig mit Fragen eingedrungen, ſie voll Abſcheu deutli⸗ cher wurde.—„Jeden, nur dieſen nicht! Das wäre wider meine Natur. Der Gurkenhändler! Er wäre es, den mir die alte Meert gezeigt? er! wie er leibt und lebt, der Gurken- und Pfefferverkäufer. Die grane Jacke, die rothe Naſe hu! auf einmal ſteht wieder ſein Bild vor mir! Der dicke Gurkenhändler! Nein, nein, tauſendmal nein! Und wenn's Galgen und Rad gälte, und wenn mich jetzo gleich die Erde verſchlänge... nein, das kann, das will ich nicht. Uebergebt mich und mein Kind der Schande, dem Mangel, dem Tode, Bo⸗ ckelſon, aber zu dem häßlichen Ehebund werdet Ihr mich nimmer bereden.“ 123 Es bedurfte nur noch weniger Fragen, und Jan wußte bereits um den Grund des Widerwillens und des Ab⸗ ſcheus, den Natje vor dem Kramer hegte. So lächerlich und nichtswündig ihm übrigens der Aberglaube der Dirue vorkam, ſo begriff er doch an ihrer wilden, verſtockten, eiſenfeſten Weigerung, daß für den Augenblick der ſtätige Kopf nicht zu milderen Geſinnungen zu bringen ſeyn würde. Deshalb brach er unwillig ab, und hielt,— die Widerſtrebende durch die Ausſicht auf einen gefährlichern Schritt vorzubereiten, ſich ſtinem Wunſch und Befehl zu fügen— ihr piotzlich das Fläſchchen, das er von Meiſter Strubb erhalten, vor.„So bleibt Dir nichts übrig, als dieſe Tropfen zu verſchlucken. Sie tödten ſchnell, was Dich bennruhigt, und ſetzen Dich in den Stand, den Zweifeln der Welt ſiegreich Trotz zu bieten, oder vielmehr, Deine Schwäche ihr gänzlich zu verbergen. Binnen ſechs Stunden iſt Alles vorüber, und ein leichtes Fieber rettet Dich.“ „Gott im Himmel!“ ſeufzte das Mädchen erſchreckt. „Was muthet Ihr mir zu?“ „Du haſt nur unter dieſen beiden Dingen die Wahl. Eins von beiden— die Ehe mit Bluſt oder dieſe Arz⸗ nei— vermag Dich zu Ehren zu bringen. Verlaß Dich nicht auf meinen Schutz, auf meine Hülfe. Mir ſind die Hände gebunden, und das Schickſal ſpricht: Es ſol alſo geſchehen, oder nicht ſeyn.“— Er ſchob gewaltſam das Fläſchchen in das Mieder der Unglücklichen, und machte ſich davon, weil Frau Miekje ſich hören ließ.— Natje, außer ſich, gleich wie träumend, eilte nach ihrer Bettkam⸗ mer. Sie wußte nicht, was ſie that. An der Ciſterne des Hofs blieb ſie ſtehen, und führte unwillkürlich die Hand an das Mieder. Während der Bewegung vergaß ſie jedoch, was ſie eigentlich hatte beginnen wollen. In ihrem Verſchlage ſtand ſie abermals ſinnend, was ſie wohl dahin geführt haben möchte. Plötzlich riß ſie die 124 Spinde über ihrem Bettkaſten auf, warf die gefährliche Arzuei hinein, und murrte, die Thür zuſchlagend:„Da ruhe, vermaledeites Gebräu. Du ſolſt nicht meine Fin⸗ ger, noch meine Seele verunreinigen!“— Als ſie jedoch die Treppe hinabſtieg, und die Wirthin ſie hart anredete, wo ſie ſo lange geſteckt habe, konnte ſie ſich wieder nicht auf eine Autwort beſinnen. Ein Glück füͤr ſie, oder vielleicht ein Unglück, daß Frau Miekje vom Weinen aufgeſchwollene und rothe Augen hatte, ſelbſt zerſtreut war, und, ſich ſchnell abwendend, nicht für nöthig erach⸗ tete, länger bei den Träumereien und Gedankenloſigkeiten ihrer Magd zu verweilen. „Natje! Der Herr hat gerufen!“ ſchrie Geert, und erſchrak zum Tode vor dem leichenähnlichen Augeſicht des Madchens:„Wie ſeht Ihr aus, Natje? nein, da will ich lieber gehen, und an Eurer Statt die Karten holen.“ „Nichts da,“ hob Jan, der dazu kam, mit boshaftem Ausdruck an.„Natje geht, beim Blitz. Der Gang wird ſie zerſtreuen. Aber flink, Du träge Magd. Die Herren da begehren zu ſpielen, und es ſind weder der Karten noch der Würfel genug vorhanden. Rühre Dich; ein Gang in's Freie gibt gute Gedanken!“ Den Kopf mit Verdruß wegdrehend, entlief Natje der Schenke. Sie wandelte draußen, wie eine Schlaf⸗ gängerin, mit ſehenden Augen, aber mit blöden, kindlich ſtaunenden Augen; das Gewöhnlichſte für ungewöhnlich und merkwürdig achtend. Die Sonne ſchien und drückte die Dünſte am Hori⸗ zont nieder.—„Wie? es iſt heiter am Himmel, und in meinem Herzen iſt doch ſo traurige Finſterniß 2“— Die Leute trieben ihre Handwerke, wie alle Tage, liefen, ſaßen, plauderten, lachten.—„Alle dieſe ſind ſo munter und vergnügt, und ich allein bin ſo betrübt, und Nie⸗ muand theilt meine Betrübniß?“— Das Glockenſpiel * tönte vom nächſten Thurm.—„Es klingt wie alle Tage, und mein Tag iſt doch ſo ſtumm und todt 26 Da kamen Reiter daher, eine große Schaar. Der Statthalter des Kaiſers, Herr Georg Schenk von Teu⸗ tenburg, der in den Niederlanden befehligte, ritt eben durch die Stadt mit einem glänzenden Gefolge von Edel— leuten und Reiſigen, um an's Hoflager eines Fürſten zu ziehen.— Das Volk drängte ſich wenig um ihn; er war nicht geliebt, der rauhe, ſtolze Mann.— Aber Natje ſtand wie vom Blitz getroffen, ein Jeder von den Rei⸗ tern trug Hendriks Antlitz unterm Federhut oder unter der Pickelhaube. Die Reiter alle ſahen zornig auf ſie herab, bildete ſie ſich ein, und zitterte. Da jedoch der Zug an ihr vorüber in der Gaſſe Krämmung verſchwun⸗ den, athmete ſie wieder auf; nur ſagte ſie zu ſich ſelber im Weitergehen:„Was, um Chriſti Wunden willen, würdeſt Du beginnen, armes Kind, wenn Hendrik käme?“— Vor einem Kirchenkreuze hielt ſie an, betrachtete das hundertmal Geſehene mit Verwunderung:„Warum iſt das Krenz nicht zuſammen gefallen vor meinem Elende 26 — Und wenn ihr Kinder begegneten, die auf-dem Arme getragen wurden, wendete ſie ſich ab, und ſpie aus; ſie, welche ſonſt den Kindern liebreich zugethan geweſen. Denn ſie dachte an Bockelſon's Kinder. Und alſo kam ſie vor ein großes Haus, an deſſen Pforten viele Menſchen ſich drängten, Treppe auf, Treppe ab. Die Säulen ſchienen zu leben und ſich zu bewegen, dergeſtalt wimmelten zwiſchen denſelben die Menſchen, gleich Ameiſen. Natje betrachtete lange das Haus, ſee⸗ lenlos, mit ſtumpfen Augen, wie man wohl zur Nacht⸗ zeit eine dunkle Bergmaſſe beſchaut.—„Was iſt das Haus da?“ fragte ſie ein Weib, das neben ihr ſtand. —„He, Nachbarin, Ihr werdet doch unſer Rathhaus kennen?“ ſpottete dieſe entgegen.— Ein Flor fiel von Natje's innerem Geſicht. Sie ſchämte ſich, und fuhr P 126 fort:„Ich hab' mich nur verredet. Was wollen die Menſchen? wollt' ich fragen.“ „Die Gudula von Heerbrinks, die übermorgen gerich⸗ tet werden ſoll, iſt ansgeſetzt, und Jedermann darf ſie in der Armenſünderſtube anſchauen.“ „Die Kindsmörderin!“ ſagte wieder Natje mit klap⸗ pernden Zähnen, und Rathhaus ſammt Säulen und Men⸗ ſchen, Fenſtern und Giebelzacken ſchwamm vor ihren Bli⸗ cken, wie auf wildem Meere hin und her:„Gibt denn der Kaiſer zu, daß ſie gerichtet werde 26 „Bliß, was geht das den Kaiſer an? Die Sipp⸗ ſchaft hat freilich Himmel und Erde bewegt, aber um— ſonſt. Sie haben ſogar dem Statthalter eine Bittſchrift auf den Knieen überreicht. Er hat aber die Achſeln ge⸗ zuckt, und iſt weiter geritten.“ 42, Und iſt weiter geritten!“ wiederholte Natje halb⸗ laut und ſtier blickend.— Dann zu dem Weibe, das ſich zum Fortgehen anſchickte:„Wohin, Nachbarin? bleibt doch.“ „Nein, nein; ich will jetzt hinauf gehen, und mir die Züge der Verbrecherin recht ia's Gedächtniß prägen. Für uns arme Leute iſt ein ſolcher Anblick ein Troſt und eine wahre Aufmunterung. Wir ſehen ſo gern Eine, die noch unglücklicher iſt, als wir; nicht wahr? Und heut iſt doch die Gudula die Unalücktichſte in ganz Leyden.“ Das Weib ging, und auch Natje ging mit taumelnden Schritten. Aber ſie mußte denken; und mit wahnſinni⸗ ger Gewalt dräugte ſich in ihr Gehirn der Gedanke: „Die Thörin hat gelogen. Gudula die Unglücklichſte? Sie, die fertig it mit ihrer Sünde und ihren Folgen? die fertig iſt mit der Welt? die verſöhnt iſt mit Gott, und ihr Kindlein im Himmel zu umarmen geht? Pab, Thorheit! ich weiß Eine, die um vielen Jammer reicher iſt als ſie, die Morderin, die Gerichtete, die Verſoͤhnte, die Sterbende!— Sterben mz doch oft eine Selikeit 127 ſeyn!“ ſetzte ſie hinzu,„der grimmige Tod wäre nur in den Armen des Bluſt! Pfui! lieber Alles thun, Alles wagen, als den Gurkenhändler nehmen!“ Sie kam zu ſpät nach Hauſe; ſie wurde ausgeſcholten von dem Herrn, ausgelacht von den Zechern und Spie⸗ lern; Geert ſchüttelte den Kopf mitleidig über ihr Be⸗ tragen. Aber mitleidiger noch empfing ſie Frau Miekje. Der Weiber Herz iſt ſo veränderlich, vom Zorn zur Güte ſchweifend, und Miekje glaubte plötzlich, Natje's Schmerz und Leiden zu verſtehen. Sie zog ſie bei Seite. —„Was gibſt Du mir, wenn ich mit einemmale den Kummer, der Dich belaſtet, von Deinem Herzen nehme, Natje?“— Die Magd betrachtete ſie, als ſähe ſie ihre Meiſterin zum erſtenmale in ihrem Leben.„Was ſoll ich geben, Frau? Ich habe nichts, ich arme Dorftaube.“ „Was Du haſt, Natje, iſt ein harter Kopf, wie ihn die Bauergreten gewöhnlich mit auf die Welt bringen. Euer Eigenſinn iſt ein Sprichwort im Lande, und wenn ihr euch einmal vorgenommen habt, etwas zu thun, oder zu laſſen, oder zu verſchweigen, ſo möchtet ihr euch eher die Hände abhacken, als daß ihr ließet, was ihr beſchloſ⸗ ſen, als daß ihr thätet, was ihr verworfen;— ihr möch⸗ tet euch eher die Zunge ausreißen, als daß ihr ein Wort ſchwatztet, das ihr für euch behalten wollt.— Sieh, Natje, ſchon ſeit Monden haſt Du mich mit Deinem Schweigen und Schmollen geärgert, während ſchon Deine Prägheit mich in Harniſch jagte. Warum haſt Du kein Vertrauen zu mir? Bin ich Dir nicht immer eine gute Meiſterin geweſen? Aber Du biſt ein Stock, Du biſt eine Schildkröte, Natje. Ich hatte ſchon geſchworen, Dich fort zu ſchicken. Dennoch— ich will's nicht thun. Ich habe mich heute——“ Miekje ſeufzte mit gefalte⸗ ten Händen—„mit einem gewiſſen Jemand, den ich vielleicht ohne Urſache beleidigt habe, wieder verſöhnt. Ich will auch wieder gut mit Dir ſeyn. Gib mir die 128 Hand, Natje, und vertraue Dich mir, zum Lohn für meine Güte.“ „Ich habe Euch nichts zu vertrauen, Meiſterin,“ ver⸗ ſetzte Natje halsſtarrig. „Ich muß von Deinem eiſernen Schädel ablaſſen,“ begann nach einer Pauſe Frau Bockelſon unwillig,„ich will mich nicht Dir aufdringen, Gott bewahre.'s iſt gar nicht nöthig, Jungfer; denn ich weiß ohne Dein Ge⸗ ſtändniß, was Dir auf der Seele liegt.“ „Ihr Ihr wißt„2“ ſiel Natje erſchreckt und unbedachtſam ein; aber im Nu verſank ſie wieder in die vorige Verſtocktheit, indem ſie trocken fortfuhr: „So redet doch einmal, Frau.“ „Du biſt verliebt,. und dieſe Liebe beißt Dir das Herz ab.— Natje, leugne nur nicht; laß die lee⸗ ren Ausflüchte weg. Bin ich nicht ein Weib, wie Du? Weiß ich nicht, daß die Weiber unter einander ſich ver⸗ ſtehen auf den Wink, wenn auch die Männer noch ſo verſchmitzt von ihnen angelogen werden? Ich hab's ge⸗ merkt, ich weiß es; genug. Mit Deinem Hendrik iſt's noch nicht alle; aber der Brautſtand dauert Dir zu lange. Biſt manchmal boͤſe auf Deinen Reitersmann, aber dem⸗ ungeachtet hängt Deine Seele an dem Clevener?— Nun, ſey immerhin ruhig. Alles Ding nimmt ein End in dieſer Welt, die Knappenſchaft der Junker, der Ge⸗ ſellenſtand der Handwerker, das Noviziat einer Kloſter⸗ frau, die Honigwochen des Eheſtandes und die Wartezeit einer Verlobten. Auch die Deinige, mein Herzchen, iſt aus, wenn der Bräuknecht, der mir heute dieſen Brief für Dich übergab, nicht gelogen hat. Er kommt von Cleve mit ſchönen Grüßen von Deinem Hendrik, und.. doch das andere wird im Briefe ſelber ſtehen.“— Sie reichte der Magd das ſorglich verklebte Papier, das noch obendrein mit einem Bande umſtrickt und verſchloſ⸗ ſen war. 129 Natje's Bruſt wallte ängſtlich auf, daß ſie kaum hör⸗ bar ſtammelte:„Ja„ das kommt von ihm. Ich hab' ihm einſt das Band von meinem Mieder gegeben 4 — Und da Frau Bockelſon lächelnd fragte, ob ſie denn nicht den Brief zu ſich nehmen, ob ſie denn nicht wiſſen wolle, was darinnen geſchrieben, ſtieß ſie ihn haſtig von ſich mit den Worten:„Lest ihn, liebe Frau. Es macht mir zu viele Mühe. Lest, ich bitte Euch,„um Gotteswillen, ſagt mir, was er enthält?— Nicht viel Gutes, will mich bedünken,“ ſetzte ſie mit dumpfer Stimme hinzu, und ließ Kopf und Arme troſtlos ſinken. „Im Gegentheil, Du unluſtige Zweiflerin!“ lachte Miekje,„mach' Dich gefaßt, das Allerbeſte zu vernehmen.“ Als eine Vorleſerin nahm Frau Bockelſon Platz auf der Fenſterbank. Auf dem Fußſchemel neben ihr kauerte Natje, die geſchloſſenen Augen in den hohlen Händen verborgen, die Ellenbogen auf den Kuieen, Laugſam und jedes Wort betonend, begann die Leſerin: „Süßes Kleinod meines Lebens! Lips von Braun⸗ ſchweig, der dieſen Zettel zu tragen uͤbernommen, wird Dir ſagen, daß ich geſund und wohl, und ia allen Srü⸗ cken Dir ergeben bin, wie vordem, wann ich ſchon in langer Friſt nicht geſchrieben, noch eine Meldung von mir gethan. Darum habe ich mich um meine Loslaſſung vom Reiterdienſt bemüht, die ſchwer zu haben war, weil des Herzogs Gnaden wieder viel Roß und Mannen guf⸗ bringen laſſen, weil man fürchtet, oder ſich verſieht, daß die Kriegsleute des Herzogs zu des Erzbiſchofs von Cöln Fähnlein ſtoßen werden, weil es Krieg geben ſoll. Aber der Marſchall hat mich losgegeben, und ich werde unge⸗ fähr vier Tage oder fünf, da Du dieſen Brief erhalten haben wirſt, nachher zu Leyden einwandern, und mein Handwerk wieder vorſuchen, und Dich heimführen als meine Hausfrau, wann ich nur einmal meinen eigenen Ambos habe. Den Hufbeſchlag kann niemand beſſer ma⸗ Der Koͤnig von Zion. I. 9 130 chen, als ich, und niemand hat Dich lieber, als ich, wenn ſchon meine Zunge grob iſt, wie meine Fauſt. Die wahre Lieb' iſt aber von außen rauh und hart, doch von innen ſüß und mild, und.. „Himmliſcher Vater!“ unterbrach ſich Miekje ſelber, und ſprang der Dirne bei, die ſo eben, den Kopf und die Hände voran, ohnmächtig auf den Boden geſtürzt war:„Natje, was iſt Dir? Armes Ding, hat Dich die Freude gethdtet?— O du grauſame Liebe, welch Unheil richteſt Du an unter den ſchwachen Menſchen! Natje, komm' doch zur Beſinnung!“ Wie aus einem unruhigen Schlummer fuhr das Mäd⸗ chen plötzlich in die Höhe, und ſtieß von ſich die Hände der Meiſterin, die ſo eben die Ketten ihres Mieders auf⸗ ſchnüren wollte.—„Weg!“ ſagte ſie ängſtlich, wie eine, die von Sinnen kömmt.„Rührt mich nicht an, laßt mich los. Ich bin wieder geſund, ich brauche Euch nicht. Habt Ihr nicht vom Hendrik geleſen, und daß er binnen vier Tagen kömmt?2“ Sie zählte an den Fingern:„Frei⸗ tag, Samſtag, Sonutag, Montag! am Montag alſo? O, barmherzige Mutter des Heilands! er wird ſein Wort halten. O du elende, erbarmenswerthe Magd! Natje, Du thörichtes Geſchöpf! was ſoll mit Dir geſchehen 2“ Sie weinte eine kurze Zeit heftig vor ſich hin. Daun wendete ſie ſich, beſonnen und ruhiger, zu der Gebiete⸗ rin:„Laßt mich zu Bette gehen, Frau. Es hat mich ſtark angegriffen.“—„Geh, liebe Natje. Erhole Dich und laſſe die Freude heilſam bei Dir einziehen, nachdem ſie Dich wie ein Sturm zu Boden geworfen. Verlangſt Du nach einem Arzt? Ich will zum Meiſter Cornelins ſchicken. Nicht? Nun, ſo halte Dich ſelber wohl, und geſunde. Willſt Du aber nicht dieſen Brief zu Dir ſtecken 2“ Natje erbebte. Sie zögerte, ſich des Schreibens zu bemächtigen.„Ich hab' genug daraus vernommen. Ihr 131 habt mir doch Alles geleſen?“—„Bis auf das„Lebewohl und Wiederſehen“ am Ende, ja.“—„Ihr habt mir Al⸗ les vorgeleſen, ſo, gerade ſo, wie es darinnen ſteht?“— „Gerade ſo.“—„Hendrik wird am Montag hier ſeyn?“ —„Ja doch, ja. Du kannſt es glauben; ſey nur nicht ängſtlich. Dein Beichtvater las noch nie das Evangelium getreuer ab, als ich des Reiters Brief.“—„So hab' ich ſchon genug, und bedarf des Briefes nicht mehr.“— „Was, Du Thörin? Hat Deines Liebſten Schreiben ſchon jetzt ſo wenig Werth in Deinen Augen? Ge⸗ ſchwinde, leichtfertige Jungfer, nimm den Brief, und ſchließe Dich mit ihm in Deine Kammer ein. Sollſt frei von Arbeit ſeyn bis morgen. Doch wirſt Du, denk' ich, von nun an luſtiger arbeiten, weil Du endlich am Ziele Dei⸗ ner Wünſche ſtehſt. Schlaf' wohl.“ Ueber dieſen häuslichen Begebenheiten war der dunkle Abend hereingebrochen. Simons Webſtuhl- und Zechge⸗ ſellen hatten ſich vor der bald läutenden Abendglocke und den durch die Thüre und Ladenritze dann und wann ſchie⸗ lenden Stadtknechten hinter eine Bretterwand zurückgezo⸗ gen, die eine Art von Vorrathskammer von der Schenk⸗ ſtube trennte. Der Verſchlag dämpfte ihre bierrauhen Stimmen und das Aufſchlagen ihrer derben Hände, wenn ſie die Karten auſtrumpften, Becher und Denari, die blauen Schwerter und gelben Zepterſtäbe.*) Miekje ſaß am Kamine, und erzählte ihrem Manne leiſe, was ſich mit Natje zugetragen; Jan hörte klopfen⸗ den Herzens, aber ruhigen Geſichts zu; Geert verzehrte, im Dunkeln hockend, ſein ſpärliches Abendbrod und dachte an Natje's ſeltſames Betragen, an ihre Krankheit, an ſeine Hoffnungen, und an deren grauſame Zerſtörung. Da öffnete ſich, von Allen unbemerkt und ohne Geräuſch, die Thüre nach der Straße, und eine finſtere Geſtalt *) Die vier Farben des itarieniſchen Kartenſpiels: Spade, Bastoni, Coppi, Denari. ſchritt wie auf den Zehen herein. Sie ſtand bereits ne⸗ den des Torfkeſſels düſter aufglimmender Glut, die allein den Vorgrund der Schenke belenchtete, ehe die am Ka⸗ min Schwatzenden ihrer gewahr wurden. Von ungefähr erhob Miekje ihre Augen, und ſagte aufſchreckend, und den Gatten mit dem Arme anſtoßend:„Ach, da iſt ſie wieder!“— Jan, die Geſtalt in's Auge faſſend, ſetzte im ſelben Ton hinzu:„Wie, Mutter, Ihr ſeyd's? hier zu dieſer Stunde 2“—„Ja, ich bin's, mein Sohn; ich bin Deine arme Mutter,“ antwortete ihm Adelheid mit einer Verneigung, und ſtreckte ihm die Hand hin:„Gib mir Deine Hand, Jan; ich habe Dich lange nicht mit meinen leiblichen Angen geſehen.“ Zandernd legte der Sohn die Hand in die kalte Rechte ſeiner Mutter.— Miekje ſagte verdrießlich:„Was wollt Ihr denn, Frau? Hab' ich Euch nicht eingeſchärft, mich nicht mehr zu überlaufen? Ich vermuthete Euch ſchon weit von hier, in Euerm Orte ruhig ſitzend.“ „Wer kann mir verwehren, meinen Erſtgebornen zu ſehen?“ fragte die Mutter mit einer gewiſſen Hoheit, „das leid' ich nicht von der hartherzigen Schwiegertoch⸗ ter, wenn ich auch ihren Geiz vergeſſen will.“ „Nun, nun, Mutter, beleidigt nicht mein Weib.“— „Ich hartherzig, ich geizig? Hörſt Du, Jan, wie ſie mich behandelt? Viel Dank, Frau Mutter, aber ich ſinde nicht löblich, daß Ihr daher kommt, unſer ſtilles Glück zu ſtören.“ Adelheid zuckte verächtlich die Schultern in die Höhe. Geert, der unterdeſſen vernommen, was ſich zutrug, ſtellte ihr einen dreibeinigen Schemel hin, damit ſie ſich ſetzte. Weder Sohn noch Tochter, auf ihren Stühlen verblei⸗ bend, hatten ſie zum Ausruhen eingeladen.—„Dir wird's wohlgehen auf Erden, mein junger Freund,“ ſagte die alte Frau wohlgefällig, als ihr der Kellerburſche 133 neben den Sitz einen gefüllten Becher und etwas zum An⸗ beißen ſtellte. „Was machſt Du, Geert 26 fragte Miekje mißgünſtig. Der Jungling verſetzte:„Was ich dieſer Frau hier gege⸗ ben, will ich baar an Euch bezahlen, oder zieht es von meinem Lohnſchilling ab. Ich habe von Vater und Mut⸗ ter gelernt, daß ich das Alter zu ehren ſchuldig und ver⸗ bunden ſey.“ „Du haſt ein unnützes Maul, Bube,“ ſchalt Miekje, und ihre Stirn umwölkte ſich mit boshaften Falten. „Der ſelige Meiſter Campens hätte das nicht geſagt,“ bemerkte Geert, ſich zurückziehend. „Schweige, Böſewicht!“ rief ihm Jan aufſpringend und hitzig nach.„Wirſt Du mich lehren, wie ich meine Mutter zu empfangen habe? Eine Flaſche Sekt für meine Mutter, vorwiziger Tropf! Das Beſte im Hauſe ſteht ihr zu Dienſten.“ „Ich danke Dir, mein guter Jan,“ antwortete die Mutter mit bewegter Stimme.„Du biſt mein rechtes Fleiſch und Blut, und wirſt nicht der böswilligen Frau folgen, an deren Seite Dich der ewige Vater zur Pru⸗ fung geſetzt hat.“ „Ihr wollt mich von hinnen treiben mit Euern Be⸗ ſchimpfungen? Aber ich bleibe, Euch zum Trotze, um zu ſehen, wie weit Eure Ungerechtigkeit und die Schwäche meines Eheherrn wohl gehen möchte.“ Miekje trat ent⸗ rüſtet auf den Fuß ihres Mannes, und ſetzte ſich breiter, denn zuvor. „Ich befehle Dir ſogar, zu bleiben,“ befahl Johann mit wichtiger Stimme.— Adelheid ſchien ihre Schwie⸗ gertochter gar nicht mehr zu bemerken, und fuhr in ihrer* Anrede an den Sohn fort:„Ich bin müde, mein Johann, müde dieſer Stadt und dieſes Lebens. Aber ich wollte⸗ und mußte Dich noch einmal ſehen; darum unterſtand ich mich, ſobald es dunkel geworden, wieder in die Stadt 134 zurück zu gehen, aus deren Thoren die Knechte meines Schwiegerſohns mich gebracht hatren. Mir hatte Einer geſagt, Du ſeyſt wieder heimgekommen, Jan,— und wenn das Schwert darauf geſetzt geweſen wäre„ich mußte Dich noch einmal umarmen“ Sie woute ihre Arme um Johanns Nacken legen; er machte ſich jedoch von ihnen los, und fragte trocken: „Warum haben Euch die Stadtknechte fortgeführt? Warum ſeyd Ihr überhaupt aus Euerm Wittwenhauſe gegangen? Was kann Euch, eine ehrbare Frau, bewegen, im Land umherzuſtreichen 2“ „Sie kam, um zu betteln, und Dich bei mir zu ver⸗ läumden, und ich wurde ihrer endlich nicht los, als mit Härte und Verdruß. Das Alter hat ſie, glaub' ich, bös und aberwitzig gemacht.“— Miekje zitterte vor Zorn, als die Wittib ſie unterbrach, aber ohne ihr nur einen Blick zu ſchenken, ſtets an den Sohn gewendet:„Ich habe kein Wittwenhaus mehr, mein gutes Kind. Herr Arnold Giericke hat ſeinen Rechtſtreit nach ſo manchem Jahr gewonnen, und mich aus Allem, was ich beſaß, vertrieben. Hätt' ich denn an Dich um Hülfe und Nah⸗ rung geſchrieben, mein Sohn, wenn ich nicht ſchon am Unterſinken war? Du weißt, ich habe Dich genahrt, außer der Milch, die dem Säugling gehört, mit dem Blute aus meiner Bruſt; genährt mit den Biſſen, die ich meinem darbenden Munde abſparte. Ich habe das Betteleigenthum Deiner Geſchwiſter verkürzt, um Dir nach Delfft und Deventer, und in's reiche Amſterdam einen Pfennig zu ſchicken, daß Du nicht umkämeſt in *„ſt denn wahr, was das Weib ſagt?“ fragte Miekje Halb zornig, halb gerührt. Jan rückte unmuthig hin und her.„Die Gaben waren nicht der Rede werth, auch habe ich nur wenige erhalten,„„ und dann„„die Noth —— 135 „Verhüte Gott,“ fuhr Adelheid ſauftmüthig fort, „daß ich Dir aurechnete, was ich für Dich aufgebracht! Iſt mir doch in meinem Alter gelehrt worden, daß aller Menſchen Eigenthum gleich vertheilt werden ſoll! Wie durfte alſo das Kind weniger haben, als die Mutter? Und das iſt nicht allein die Liebe, ſondern das göttliche Recht.— Darum hab' ich mich an Dich gewendet, nur in der finſterſten Nacht meiner Trübſal, und mich gerne veſchieden, als Du mir die Hülfe weigerteſt, und endlich nicht mehr antworteteſt. Du biſt zu fromm und weiſe in den Lehren der heiligen Schrift, als daß Du Deine hungernde Mutter, Deinen verſchmachtenden Bruder zu⸗ rückgeſtoßen hätteſt, wenn Dir die Hände nicht gebunden geweſen wären.“ Jan ſchwieg vor böſem Gewiſſen, als Miekje ernſt⸗ hafter und vorwurfsvoller auf's Neue fragte:„Iſt wahr, was dieſe Frau ſagt?“— Geert bot der Wittwe den Sekt, und ſprach mitleidig:„Das iſt ein ſüßer Trank, Mütterchen, und zerſtreut die bitteren Sorgen im Gehirn.“ Adelheid trank einige Dropfen, und fuhr fort:„Da kam jedoch der letzte richterliche Spruch, und für mich war kein Bleibens mehr. Der Jakob trat bei einem Schuſter zu Harlem in die Lehre, um Gotteswillen; und der tugendhafte Schomaker rieth mir, hinzugehen, bei meinen Kindern anzuklopfen. Ach, ich wollte ja nur ei⸗ nen Zehrpfennig auf die Reiſe, die ich nach meiner Hei⸗ math anzutreten bedacht war. Der Freiherr, von dem Dein ſeliger Vater mich, die Leibeigene, abgelöſet mit Gelde, würde mich etwa wieder auf ſeinen Gütern auf⸗ uehmen, in einem Spittel mir ein Plätzchen zuwenden, meinte ich. Und lieber ſtürbe ich daheim unter Men⸗ ſchen, die mich jung gekannt— unter Landsleuten; als hier auf fremder Erde, nach langen Jahren immer noch eine Fremde.“ „Halt, halt! da iſt Betrug!“—„Halt, laßt ihn 136 nicht fort!“—„Stecht ihm ein Meſſer durch die Hand, dem Dieb!“—„Gebt mir einen Blechpfennig, daß ich dem Schurken das Geſicht kreuzweis aufſchneide!“ —„Anseinander! Karten niedergelegt. Rührt's Geld nicht an!“ Das Geſchrei brach hinter dem Verſchlage der Trin⸗ ker los, und Schläge folgten. Das Toben derer, die ſich beeintraͤchtigt glaubten, das Fluchen der Geſchlagenen, die Klagen derer, die ihren Einſatz im Tumult einbußten, drohten überhand zu nehmen, und Leute von der Gaſſe hereinzuziehen.—„Geh' doch: ſtifte Ruhe!“ gebot Miekje ihrem Manne, der mit Frenden die Gelegenheit ergriff, um ſich der Erzählung ſeiner Mutter zu entziehen. Er miſchte ſich in das Getümmel, während Geert auf die Schwelle trat, um die Stadikuechte weehnin⸗ wenn ſie kämen, vom Lärmen angelockt. Miekje benutzte die Zeit, zu der plötzlich ſchweigenden Adelheid zu treten, und ihr die Hand zu bieten:„Ich habe Euch beleidigt und fortgewieſen; vergebt meiner Uebereilung; ich kannte Eure Leiden nicht in ihrer gan⸗ zen Größe. Ich hab' Euch heute mit Worten mißhan⸗ delt; verzeiht mir, denn Jan hatte mich belogen. Jan iſt bl und Gott vergebe ihm!“ „Jan iſt nicht böſe,“ verſetzte Adelheid mit Härte. „Jan iſt zu großen Dingen berufen, und der Vater im Himmel würde das nicht zugeben, wenn er nicht ein gu⸗ ter Sohn wäre. Aber Margitta, meine Tochter, iſt verdorben und verloren in den Sünden der Welt, und Ihr ſeyd ein eitles, nach Gütern und heidniſchem Reich⸗ thum geizendes Weib. Wegen Euer, die mich aus dem Hauſe gewieſen, bin ich nicht gekommen, und nur meinen Sohn geht mein Beſuch an. Ich will auch nur mit ihm reden.“ Miekje verſchloß voll Staunen über ſolche Unverſöhn⸗ lichkeit ihren Mund, und Jan, der indeſſen den Lärm 137 geſtillt hatte, nachdem Rotger einen der Geſellen hinaus⸗ geworfen, fragte ſeine Mutter trotzig:„Nun, ſo redet, redet, weil's nicht anders ſeyn kann. Ihr wollt zurück in Eure Heimath? Ihr thut wohl daran. Wann zieht Ihr Eure Straße? Unſere Wege gehen verſchieden, Mutter. Ich ſagt es Euch, da wir zu Gravenhagen da⸗ mals von einander Abſchied nahmen. Jetzo bin ich Bür⸗ ger, Verwalter einer koſtſpieligen Wirthſchaft, Hausvater und Gatte. Die Schrift ſagt: Er wird Vater und Mut⸗ ter verlaſſen, um dem Weibe anzuhängen, donn ſie wer⸗ den ein Leib ſeyn. Nach all dieſem— was wollt Ihr noch von mir? Speiſe und Trank? da ſteht beides. Ob⸗ dach? ich darf Euch nicht gegen das Gebot der Bürger⸗ meiſter beherbergen; zudem iſt dieſes Haus ſo enge. Geld? ich hab' zu ſorgen für Weib und Kind, bin ver⸗ ſchuldet, habe Bielen geborgt, habe viele Einnahmen ein⸗ gebüßt, die ich kaum zu genießen augefangen. Ihr habt ſehr Unrecht gethan, daß Ihr Euch mit Margitta, Eurer Tochter, verfeindet habt. Wie hat ſich das begeben? All Ding hat ſeinen Grund und Anfang.“ Adelheid ſtarrte den Hartherzigen mit großen finſlern Augen an. Dann begann ſie langſam und nachdrücklich: „Die Margitta iſt böſe; Dich hab ich für gut gehalten. Die Margitta iſt böſe geworden durch ihren Mann, den alten Sünder; Dich hat dieſes Weib hier verdor⸗ ben. Das iſt Alles. All Ding hat ſeinen Grund und Anfang.“ „Nein, das iſt zu erſchrecklich anzuhören!“ ſchluchzte Miekje zwiſchen Aerger und Wehmuth ſchwankend. Jan mit unwandelbarer Stirne ſprach ihr Faſſung ein, und zu der Mutter:„Ihr verläumdet mein Weib und mich.“ „So möge mich einſt der Vater im Himmel aus ſei⸗ nem Angeſichte verſtoßen, wenn ich nicht überzengt bin, von dem, was ich ſage,“ erhob Adelheid ihre Stimme feierlich,„ſtrafe mich Lügen; ich will gerne mein Unrecht 138 pekennen. Rede zu mir, handle für mich, wie ein gutes Kind ſoll, und wie ich gehofft habe, und ich will Dir die Füße küſſen.“ „Mutter.. dieſer Auftritt„„ſeht, ſchon wer⸗ den die Leute dort am LTiſche aufmerkſam.„ Ihr thut mir wehe, Mutter.. Gott ſieht mein Herz „Johann, mein Sohn, umarme mich, dulde meine Umarmung. Du wirſt freilich einſt grbßer ſeyn und hö⸗ her ſtehen, als Deine elende Mutter, aber eine treuere Bruſt wird niemals an der Deinigen ſchlagen!“ Die Wittwe ſank wieder von ihrer Aufregung in die frühere Weichheit zurück.„Nein, Du wirſt mich nicht verſtoßen, wie Margitta, die ſich meiner ſchämte. Du wirſt mich nicht rufen„Ketzerin“, wie Margitta's Mann, der Heide, mich gerufen, da ich ihm in meinem Zorne von dem Je⸗ ruſalem predigte, welches da kommen wird und muß. Sieh, ich war unglücklich, jetz bin ich glücklich,— ich ſloh durch die Gaſſen, verfolgt von Häſchern, die mich aus Babylon werfen ſollten, jetzo liege ich am Friedens⸗ tempel Deines Buſens in Sicherheit!— Siehe, ich habe gebettelt bei einem Auserwählten, den mir eine fromme Zunge genaunt, und er hat ſeine Schweſter mit einer reichen Gabe erfreut, jetzo umfaſſe ich Dich als meinen reichſten Schatz; die Häſcher haben mir unterm Thore genommen, was der Kuecht Gottes mir gegeben, haben mich hinausgejagt, arm und bloß, jetzo habe ich trotz der Heiden Wuth mein höchſtes Gut wieder hinweggenommen und erobert!“ Die Mutter hing an Johanns Halſe, der, zitternd vor Aerger und Beſchämung, nach und nach der höchſten Stufe der Entmenſchung entgegenwuchs. Die Zecher wa⸗ ren herausgekommen, unter der feierlichen Rede der Wittwe, neugierig, lachend, höhnend, auf wankenden Beinen ſchrei⸗ tend, mit trunkenen Häuptern nickend, näherten ſie ſich dem Orte, wo Adelheid den Sohn umſchlungen hielt.— 139 „Mach ein Ende, ſchaffe ſie von Dir! Das Weib macht mich krank und Dich zu Schanden flüſterte Miekje ih⸗ rem Manne zu. Geert, im Vorgefühl einer böſen Eut⸗ wickelung, zupfte die begeiſterte Frau am Kleide, beſcheiden flüſternd:„Faßt Euch, geht doch, er wird böſe, und ſeht doch die Leute!“ Endlich brach Jan los, die Schranken überſpringend, die ihn bis jeßzt zurückgehalten:„Weib, Weib, Ihr ſeyd wahnſinnig, und ſtellt Euch mit mir dem Geſpötte dar. Weib, was hab' ich mit Euch zu ſchaffen? Geht hin, woher Ihr gekommen, und ladet nicht anf Euch den Zorn der Obrigkeit! Hier iſt kein Platz für Euch, und die Glocke hat ſchon geläutet. Wenn Ihr alſobald gehen wollt, ſoll Euch dieſer Burſche vor die Thore in eine Herberge geleiten; ich will Euer Nachtlager, Eure Zeche vezahlen, und das iſt Alles, was ich thun kann, Gott iſt mein Zeuge! Zögert Ihr jedoch, ſo muß ich, wenn mir's Herz auch blutet, Euch auf die Gaſſe ſtellen, und hinter Euch die Thüre ſperren. Laßt mich los, und entſchließt Euch, denn ſchon zu lange hat das Thränenſpiel ge⸗ währt.“ „Das Thränenſpiel?“ ſeufzte Adelheid, von ihm zu⸗ rücktaumelud,„daß ſich Gott meiner und Deiner erbarme! Die Täuſchung eines Mutterherzens hat zu lange ge⸗ dauert!“ Leichtfertiges Jauchzen gellte vor der Schenke auf. Rotger und einige frevelmüthige Buben hatten Dirnen von der Gaſſe aufgegriffen, und zerrten ſie jubelnd in das Haus, das ſchon öfters ſolche Auftritte geſehen.„Ein guter Fang, ein ſchöner Fang!“ triumphirten die Geſel⸗ len, die da brachten und die empfingen. Die Mägde, alle von der ſchlimmſten Zucht, kreiſchten durcheinander, und der Bacchantenunfug wurde erneuert, trotz der lauen Ermahuungen der Wirthsleute. Gleich einem Schwarm von Heuſchrecken ließen ſich die Nachtläufer auf allen 140 Bänken nieder, ſcherzten theils mit den Dirnen, theils wetzten ſte ihre Meſſer, den Stadtknechten, die ſie ſtoren möchten, zu drohen, theils goßen ſie Bier und Wein unvernünftig in ihre Kehlen. „Was ſoll ich gegen die Uebermacht?“ fragte Jan gleichgültig. Dann wieder herrſchte er der Mutter zu: „Geht von dannen, Frau; hier iſt nicht Raum für eine Matrone.“ Da erhob die Wittwe abermals ihre Hände, als wollte ſie in die Wolken greifen, und verſetzte:„Du ſiehſt, All⸗ mächtiger, daß dieſer Undankbare feile Dirnen und bös Gelichter unter ſeinem Dache aufnimmt, und keinen Win⸗ kel hergibt, wo ſeine Mutter ſchlafen könnte. Du ſiehſt es, und Dein Zorn ſchweigt? O, beſſer wäre ein Blis, der herabführe, uns zu zermalmen! beſſer eine Sünd⸗ fluth, die nieder ſtrömte, uns Alle hinweg zu ſchwemmen, denn wahrlich, das Elend, das da kommen, der Fluch, der ſich an dieſem Hauſe erfüllen wird, iſt unermeßlich, wie der Geiſt mir offenbart. Jan, Jan, mein ungerathener Sohn! welche Schuld häufeſt Du auf Deinen Schei⸗ tel! Wehe, wehe Deinem Dache, Du Henker Deiner Mutter!“ Ihr letztes Wehgeſchrei verhallte auf der dunkeln Gaſſe, in die ſich ie Alte geworfen, um dem Sohn die letzte Mißhandlung, die er ihr anthun woute, zu erſpa⸗ ren. Aber ihre Geſtalt war kaum verſchwunden, als eine andere über die Schwelle drang, trotz des Wieder⸗ ſtrebens des Hauswirths, der mit ausgeſpannten Armen ihren Eingang hindern wollte. Mit einer Donnerſtimme fuhr der Geiſtliche, der da erſchien im flatternden Mantel, das Prieſterbiret auf dem Kopfe, den Bockelſon an:„Weiche, weiche, ſündiger Leno und Kuppler! Ich hab' nicht mit Dir zu ſchaffen, aber die Seele meiner Tochter, des mir anvertrauten Schafs, will ich retten!“ 141 „Der hochwürdige Doktor Rasmus!“ rief Frau Miekje, und küßte des heimlichen Sektirers Hände und Kleider. „Welch ein Engel führt Euch unter mein Dach 2“ „Der Engel des Zorns, der Engel des Strafgerichts!“ entgegnete der Doktor, brüllend vor Begeiſterung. Die Schwelger, die Dirnen fuhren zuſammen, und ſtrömten heran in geſchloſſener Schaar. Jan fragte dreiſt, ſeine Furcht zu bemänteln:„Wer ſeyd Ihr? ich kenne Euch nicht. Wer gibt Euch das Recht, in mein Haus zu fallen, wie ein Scherge?“— „Werft ihn hinaus!“ hoben Rotger und ſeine Freunde an. Rasmus machte ſich Platz, ſtreckte die langen Arme weit aus, und eiferte:„Ihr ſelber, Alle, die ihr hier ver⸗ ſammelt ſeyd, Liederliche und deren Hehler, ſeyd Eure eigenen Schergen, und tragt den Sündenſtrick am Halſe, habt ihn euch ſelber umgeworfen. Zittert, ihr ruchloſen Heiden! in eurer Nähe ſtirbt ein Gerechter, den ich zum Eingang in's himmliſche Zion bereitet habe, und Ihr heult eure Teufelstänze in die Engelpſalmen, worauf er zum Himmel ſchwebt? Fluch über euer Treiben! des Himmels Fluch, wenn die irdiſche Obrigkeit ſchweigt, die ſelbſt im Pfuhl des Frevels ſich wälzt. Du nennſt Dich meine Tochter, Maria? Du willſt Dich bekennen zum neuen Bunde, und Dein Haus iſt ein Gefäß der Schande?2 Bekehre Dich, fege Deine Tenne, ſonſt wirſt Du nicht bezeichnet werden mit dem Siegel des neuen Bundes.“ Jan ſchwieg feige, Miekje ſank heulend auf die Kniee. Die Schlemmer, die bis jetzo eine Weile ſtumm gewe⸗ ſen, murrten durcheinander:„Der abtrünnige Pfaff, der Winkelprediger, der Neuerer, der wahnſinnige Narr!“— Endlich ſchrie Simon auf:„Was braucht's ein lang Be⸗ denken? der Kerl iſt ein Wiedertäufer! Schlagt ihn todt!“ „Ein Wiedertaͤufer!“ hallte es nach im Chor, und zu gleicher Zeit brach eine Rotte von Stadiknechten in das 142 Haus:„Friede, Ruhe! Ihr ſeyd im Verruf, ihr Nacht⸗ vögel! Ihr müst gebüßt werden mit Geld⸗ und Kerker⸗ ſtrafe!“ Bei dieſer Erſcheinung wurde der Tumult ärger. Die Stangen der Wächter, die Meſſer der Frechſten unter den Zechern fuhren in die Höhe. Jan zog ſich aus dem Getümmel hinter ſein Weib, das der Doktor, obgleich immer ſcheltend und tobend, mit ſeinem Mantel bedeckte. „Laß uns geſchwinde Waſſer holen, Geert!“ ſagte zu dem Burſchen der Weber Rotger, kecken Muthes voll, „eine Taufe mehr oder weniger ſchadet dem Anapabtiſten nicht, und bringt die Häſcher ſchimpflich zum Weichen, daß wir unſere Beutel und unſere Leiber retten.“ Die Beiden liefen in den Hof. Indeſſen hatte der Anführer der Häſcher gehört, wie einige gegen den Prie⸗ ſter ſchimpften, und fragte wild in die Menge hinein: „Blitz, ein Wiedertäufer? wo iſt ein Hund von Wieder⸗ täufer? Ihr Knaben, haltet ein, laßt die lockeren Vögel, fangt den Ketzer heraus. Das Fanggeld für ihn allein iſt beſſer, als für alle dieſe windigen Geſellen!“— Des Zuchtmeiſters Stimme wurde von Vielen nicht gehört, die zu raufen fortfuhren; Andere ſahen ſich neugierig nach dem Ketzer um. Rasmus trat einen Schritt vor, riß den Mantel auf, und ſchrie:„Wollt Ihr ein Ovfer, heidniſche Kriegskuechte, die ihr den Heiland an's Kreuz geſchlagen? Stoßt zu, ermordet mich, den Bekenner, den Blutzeugen.“— Allgemeines Gelächter beantwortete die⸗ ſen Ausruf. Hitziger fuhr Rasmus fort:„Euer Jubel, ihr Teufel, wird ſich wandeln in Zähnklappern, denn die Zeit iſt um, ſage ich ench. Thut Buße, Verworfene!“ — Der Spott, das Gelächter wurde zur Raſerei. Der Prediger donnerte ſeine Jüngerin an:„Maria, nimm ein Beiſpiel an dieſen vom Engel mit Schande Gezeich⸗ neten. Sieh hier das Thier mit zehn Hörnern auf ſie⸗ ben Häuptern; das Thier, ſo geweſen iſt, und nicht iſt, 143 wiewohl es doch iſt!*) Das ſind die ſieben Berge der Schande, das ſind die zehn Fürſten der Schmach. Auf ihnen reitet das freche Weib, ſo man nennet die anti⸗ chriſtiſche Obrigkeit.— Und auch Du biſt voll Schmach, und ſchwarz von Unehre, denn dieſes Haus wird brennen, mit Allem was darinnen, in den Flammen des Pfuhls; dieſes Haus der Sünden, der Unzucht, des geheimen Fre⸗ vels! Aber Alles wird au's Licht kommen!“ Er ſank nieder, erſchöpft vom Schreien und von der Begeiſterung, aber auch trunken vom Weine, ſo wie er gekommen.„Waſſer, Waſſer!“ ſchrieen Simons Geſellen dem Rotger entgegen, der mit einer vollen Bütte in die Stube kam:„Taufe ihn, taufe ihn noch ein, zwei, dreimal!“ Die Häſcher, an ihre Stangen gelehnt, wollten ſich ausſchütten vor Lachen, da ein unwillkommenes Schwemm⸗ bad über den Leib des Predigers ſtrömte. Doch verkehrte ſich unter Allen die Luſtigkeit bald in Anaſt und Beſtür⸗ zung, der Rauſch in Nüchternheit und Stille, als Geert erſchien, mit ſträubendem Haare, gleichwie gejagt von Geſpenſtern, und mit allen Zeichen des Schreckens die grauſigen Worte ſtöhnte:„Wehe uns Allen, und dieſem Hauſe, wehe! Die Weiſſagung der alten Mutter geht in Erfüllung. Draußen in der Ciſterne.„ach, mein Heiland! ich hab's ſelbſt mit dem Eimer herausgezogen ach, ſchaut mit enern Angen das Entſetzen.. 5 ein ermordet Kind lag in dem Brunnen!“ „Wehe, wehe, was iſt das 2“ heulten die Dirnen, mur⸗ melten die Zecher, in ſich zuſammenſinkend. „Eine Unthat, ein Todſchlag!“ brüllten die Schergen, mit Lichtern hinauseilend.—„Natje!“ kreiſchte die Wir⸗ thin, der mit einemmale die Schuppen von den Angen fielen, und ſtürzte nach des Mädchens Kammer.—„Die Unglickliche! ſie hat's gethan, zur Unzeit gethan!“ mur⸗ *) Capitel 17 der Offenbarung des Johannis. 144 melte Jan und hielt ſich am Kamin, denn ſeine ſchlot⸗ ternden Beine vermochten ihn nicht zu tragen.— Durch die plötzliche Stille ſchlug aus weiter Ferne ein gellender Schrei.„O weh, meiner Mutter Stimme!“ lallte der böſe Sohn, vom Eulenruf zum Tode erſchreckt. Es wollte Nacht werden vor ſeinen Augen. Achtes Kapitel. Buͤrgermeiſter und Buͤrgermeiſterin. In der ganzen Stadt Leyden war kein Haus im Innern ſo prächtig verziert, ſo verſchwenderiſch mit Allem ausgeſtattet, was die Erfindungskraft eines lebeusluſtigen Geſchlechts nur erdenken mag, als das Haus des Bür⸗ germeiſters Berghem. Seine Vorfahren hatten ſchon un⸗ ter der ruhmwürdigen Herrſchaft des kühnen Burgunder⸗ herzogs Carl viele Reichthümer erworben, in Stadt und Land die vorzüglichſten Ehrenſtellen inne gehabt; und der jetzige Beſitzer all' dieſer reichen Habe, die von getrenn⸗ ten Zweigen nach und nach in ſeine Hand zuſammenge⸗ floſſen, war in die Fußtapfen ſeiner Vordern getreten. Prunktſüchtig wie dieſe, freigebig wie ſie, an altem Her⸗ kommen klebend, wozu ihn die Erinnerungen ſeiner Ju⸗ gend aufforderten, welche in die Zeiten des Fräuleins von Burgund und der Brautkämpfe des ritterlichen Maxi⸗ milian gefallen, hatte er ſeines Lebens Beruf und Zweck in des Lebens Luſt und Behaglichkeit geſetzt. Was die Natur in ſeltnen Gaben blos für den Feinſchmecker er— ſchafft, was der Handel auf ſeinen Schiffen nur dem Reichen zuführt, was die Künſte nur für den geſchmack⸗ vollen Gönner hervorbringen, zierte ſeine Tafel, ſchmückte Der Koͤnig von Sion. I. 10 146 ſein Haus, ergötzte ſeine Sinne. Sein Jünglingsalter patte nach Vergnügen gedürſtet, und ein jedes gevoſſen; ſeine reifen Sommerjahre waren vergangen auf Reiſen durch alle Theile Europa's, waren verlebt auf den Bah⸗ nen des Ehrgeizes.— Nachdem er Ales geſehen, Alles erfahren, Alles verſucht, dachte er ſeinem Greiſenalter mit einem jungen Weive— ſeinem vierten— die Krone der Unvergänglichkeit aufzuſetzen. Da hatte er auf einmal den Stolz bei Seite gewor⸗ fen, der früher ſeine Ehewahlen geleitet. Drei Frauen, eine reicher als die andere, jede von einem Stamme, würdiger als der ſeinige, waren ſeinem Hauſe als noth⸗ wendige Uebel vorgeſtanden; Uebel, weil ſie entweder unſchön, oder tyranniſche Meiſterinnen, oder träge Ver⸗ zehrerinnen geweſen; nothweudig jedoch, weil ſie den uberlebenden Gatten am Hochzeittage ſchon zum Erben hatten einſetzen müſſen. Nachdem ſie ihm Geld ſtatt Kindern hinterlaſſen, gelüſtete ihn, der die Einſamkeit ſpäter Jahre ſchmerzlich empfand, ein Kind im Hauſe zu haben; aber es ſollte zugleich ſeine Gattin ſeyn, dieſes Kind.— Der Selbſt⸗ ſüchtige, der Genießer, der noch keinem Menſchen getreu aeweſen, geizte plötzlich nach Dankbarkeit, und wollte alle ſeine Reichthümer an die Wonne hängen, daß von einer verpflichteten kindlichen Hand ſeine Augen im Sterben geſchloſſen würden. Darum hatte er mit ſeinen Geſippten ſich überwor⸗ ſen, darum hatte er ſtrenge und kopfſchüttelnde Rathge⸗ ber von ſich gejagt, darum hatte er ſich dem Gelächter einer ganzen ſchadenfrohen Stadt preisgegeben, und die Wappen an dem Hauſe ſeiner Vorältern in Unehre ge⸗ bracht, indem er eine Magd, eine ſechszehnjährige unver⸗ ſtändige Dirne, des Schenkwirths zu den drei Heringen Schweſter, Margitta Bockel, als ſeine eheliche Frau heimgeführt. 147 Sie war ein ſeltſames Ding, dieſe Margitta. Ihr Antlitz trug im Kleinen und verweiblicht die Züge des Bruders, und war dennoch hübſch und anziehend zu nen⸗ nen. Ihre Geſtalt war klein und ſchmächtig, aber jede Bewegung hatte etwas Zierliches, Ungezwungenes und Keckes, wie es nicht leicht an den ſtoffbekleideten Frauen vornehmer Leute damals bemerkt wurde. Ihre Augen ſprühten lebendigen Geiſt und ihre Zunge war ſtets im Felde; dennoch ſtand ihr Gehirn leer, jede ihrer Seelen⸗ kräfte im Keime verwahrlost.— Wie ihr Aeußeres einem frühreifen Kinde, ſo glichen auch häufig ihre Einfälle, Launen und Geberden denen eines Kindes; im Innern ſah es anders aus. Bei allem Leichtſinn war ihr Cha⸗ rakter trotz ihrer Jugend fertig und darinnen ein un⸗ verkennbarer Hang zum Schlimmen. Wenn ſie noch nicht in jeder Beziehung die Leidenſchaften ihres Bruders theilte, ſo war daran gerade nur ein Mangel körperlicher Ent⸗ wicklung Schuld. Dagegen entſchädigte ſie ſich durch die völlige Freiheit, womit ſie, unterſtützt von den Lebens⸗ anſichten, die ihr zartes Alter und ſchnelles Emporkom⸗ men in ihr erwecken mußten, ihren Gefühlen den Lauf ließ, wenn nicht gerade ihr dringendſter Vortheil ſie be⸗ ſtimmte, Heuchelei vorwalten zu laſſen. Dieſes tändelnde, reizende, herrſchbegierige, lebeſüch⸗ tige Weſen hatte Berghem in ſeinem Hanſe auf den Thron geſetzt. In den erſten Monden, Zug auf Zug, hatte er alle Schlüſſel zu ſeinen Schätzen, zu ſeinem Herzen und zu ſeinem Willen der kleinen Meiſterin aus⸗ geliefert. Sie ſpielte mit ſeinem grauen Barte, wie mit ſeinen Befehlen; ſie verſchwendete ſein Gold, wie ſeine Geduld. Wenn ihm manchmal einfiel, flämiſch aufzu⸗ wachen, und nach den Zügeln des Hausregiments zu greifen, ſo wußte Margitta auf mannichfache Weiſe den Bären zu beſchwichtigen und die Oberhand zu behalten. Schmeichelei, Poſſen oder Trotz, jedes zu ſeiner Zeit, 148 entwaffneten immer den abgeſättigten Schlemmer, der am Ende lieber mit Schmach auf Roſenblättern lag, als daß er männlich zu Felde zog. Eine namhafte Zer⸗ ſtreuung ſeines Grdächtniſſes und ſeiner Gedanken, die ihn nicht ſelten befiel, half zu ſeiner Unterjochung treff⸗ lich. Es gab nur Eines, worauf er nnerbittlich hielt: den altkatholiſchen Gottesdienſt, und Maraitta beob⸗ achtete— gern oder gleichgültig— alle Uebungen und Gebote deſſelben.— Es gab nur Eines, welches der weiſe Bürgermeiſter anfänglich nicht genugſam erwogen hatte— das ihn aber nach ſeiner Heirath unaufhörlich wurmte: die niedrige Sippſchaft ſeiner Gattin. Aber darinnen hegte Margitta mit ihm eine und dieſelbe Mei⸗ nung. Ihre Verwandten zu verachten, war ſie mit dem Gatten einverſtanden. Um dieſen Preis haßte er nicht minder als ſie ſeine eigenen Vettern und Blutsfreunde. Auf ſolche Weiſe lebten Bürgermeiſter und Bürger⸗ meiſterin ziemlich gut in der Ehe, obſchon es täglich, und Stunde für Stunde, nicht an Stürmeu gebrach. Dann und wann legte ſich zwiſchen beiden der Streit, bevor er völlig entbronnen; am Haͤufigſten brach er wild aus, und Berghem's Niederlage war ſchnel entſchieden; ſelten wußte der Eheherr, des Feindes Angeſicht trotzig meidend, ſeine aufrühreriſche Stellung bis zum nächſten Morgen zu verlängern, worauf dann die Unterwerfung um ſo feierlicher ſtatt fand. * So führte er unter goldenem Getäfel, in fürſtlichen emächern, ſchwimmend im Ueberfluß, ein elendes ge⸗ drücktes Leben ohne Ruhe von außen, ohne Frieden von innen; denn ein welkend Herz quält ſich ab ohne Ret⸗ tung und Aufhören an den Flammen thörichter Leiden⸗ ſchaft und alberner Lüſtelei. Eines Morgens, nachdem er eine lange Nacht ſchmol⸗ lend und einſam in Langeweile und Schlafloſigkeit zu⸗ gebracht, ſaß er mißmuthig, abgeſpannt in ſeinem Stuhle, 149 und hörte den Klagen zu, die ein Fremder, ein Gaſt des Hauſes, ſeinen Ohren vertraute.— Dieſer trug auf ſei⸗ nem ritterlichen Reiſekleide das Abzeichen der Würde eines vornehmen Geiſtlichen, und im Laufe des Geſprächs verrieth ſich gar oft, wenn auch der Herr es hätte ver⸗ bergen wollen, daß er ein Edelmann und Domherr ſey. In ſeinen Reden wechſelte adeliche Derbheit mit dem Tone, der in Kapitelſtuben und an geiſtlichen Höfen ge⸗ lernt wird. „Die Welt liegt in den Stricken der teufliſchen Irr⸗ ſaale,“ ſeufzte Berghem:„Wie konnte nur in Eurer got⸗ tesfürchtigen Stadt, mein Herr von Büren, ſolcher Schwindel überhand nehmen 2“ „Hm, große Uebel ſcheinen öfters aus geringen Urſa⸗ chen zu entſpringen,“ eutgegnete der Domherr,„wir lebten in unſerer Stadt Münſter frohmüthig und ſicher, und vielleicht nirgends iſt der Stand eines Kapitelherrn an⸗ genehmer geweſen, als bei uns. Wir erwählten den Biſchof, wir beriethen ihn, wir handelten für ihn, und die Menge der niederen Cleriſei wagte nicht, an unſer Anſehen zu taſten. Ein geringfügiger Anlaß gab der biſchöflichen Obergewalt den erſten Stoß, und wir litten plötzlich und immer härter unter demſelben Frevel. Ein Handel vor dem Oſffizialen— ich entſinne mich nicht mehr der Beſchaffenheit dieſes Handels— machte die Flamme auflodern. Ein Bürger der Stadt, Anton Kruſe, hatte die Unverſchämtheit, den Richter in ſeinem Prätorio— eine Gerichtsſtube im Bezirke des Doms, die das Paradies genannt wird— thätlich mit vielen Anhängern zu überfallen, ihn ſchimpflich daraus zu ver⸗ treiben. Der Magiſtrat nahm den Rebellen beim Kopf, ließ ihn jedoch, milde zur unrechten Zeit, wieder frei. Der Biſchof, dazumal der gnädige Herr Friedrich von Wied, wollte auf einer andern Seite die ungeſchicklichkeit des Raths wieder gut machen, und ließ den thätigſten 150 Frennd des Rebellers, den, der eigentlich den Zunder an⸗ geblaſen, einen gewiſſen Tuchhändler Berndt Knipper⸗ dolling, da er zu einer Meſſe zog, von der Heerſtraße bei Vechte aufgreifen und in's Gefängniß legen. Der Knipperdolling iſt ein erzböſer Menſch, von aufrühre⸗ riſcher Natur und leider mit einer ſo verrucht geübten Zunge begabt, daß er eine Menge von Freunden und Anhängern zählt, die bei ſeiner Gefangennehmung ein großes Geſchrei erhoben und in einem Anflauf den Stadt⸗ rath zwangen, für den Verbrecher am Stuhl des Biſchofs unterthänige Fürbitte einzulegen. Auch wir im Kapitel waren ſchwach genug, um des lieben Friedens willen un⸗ ſere Bitten mit denen der Stadt zu vereinigen, und das räudige Schaf wurde hierauf leider freigegeben!“ „Ja! was thut man nicht, um den Frieden zu erhal⸗ ten,“ bemerkte Berghem, ſeiner häuslichen Zuſtände mehr gedenkend, als des Haders in der alten Biſchofſtadt. Der Herr von Büren, roth werdend vor Zorn, hob wieder an:„Lieber Freund, Ihr mögt ebenfalls, wie viele andere Leute, dafür halten, es habe ſich hier nur gerade um den ärgerlichen Vorfall im„Paradieſe“ ge⸗ handelt? Aber dieſer war nicht die Wurzel, ſondern vielmehr die Frucht bereits eines tiefer liegenden Gebre⸗ ſtens.— Aus Sachſen iſt uns alles Elend gekommen. Der meineidige Mönch von Wittenberg hatte mit ſeinen baueriſchen Fänſten die Fenſter der Mutterkirche einge⸗ ſchlagen und das trügeriſche Licht der Hölle mit vollen Händen hineingeworfen. Sie hielten's für den Tag der Verheißung, die Unſinnigen, die ſich an den Rädelsführer ſchloßen, wie beuteluſtige Diebe an den frechſten ihres Gelichters. Und wo es nicht alſobald offen durcheinander ging, als bei einer Plünderung, da wurde doch mindeſtens der Saamen ausgeſtreut, woraus Mord und Ranb kei⸗ men ſollten. So war's auch ſchon ſeit mehreren Jahren bei uns geweſen, bei uns, die wir ſtrenge hielten auf 15¹ die wahre Lehre und auf die Gebote der Päpſte und Concilien.“ „Gerade wie bei uns, Herr von Büren. Alle Win⸗ kel liegen voll von Kundſchaftern der Finſterniß!“ „Da iſt es klar geworden, wie grauſam der Verfall alten Herkommens, uralter Sitten ſich an den nachfol⸗ genden Geſchlechtern rächt. Der ſelige Kaiſer kann's vor Gottes Thron nicht verantworten, daß er dem Gewicht des Adels ein Ende gemacht, daß er die Turnierſchran⸗ ken geſchloſſen hat. Vor ſeiner Zeit war Furcht und Schaam unter den Meuſchen, auf jedem Hügel ſaß ein feſtes Schloß, auf jedem Schloſſe ſaßen eifrige Wächter, zu ſchirmen des Kaiſers und der Kirche Vorrechte. Warum? weil einem Jeden von ihnen die Bahn offen ſtand, ſelbſt, mit Glück und Fleiß, ein Fürſt, ein geiſt⸗ licher oder weltlicher, zu werden. Seit aber das Reich zu einer Erbſchaft geworden, die vom Vater auf den Sohn geht„„ſeit die Kurfürſten„ doch wir wollen von dieſen Mißbräuchen ſchweigen.“ „Wir können's ja nicht ändern, hochwürdiger Herr und Freund.“ „Leider nein. Aber ſie werden eilen, das Werk zu zerſtören, die es zu bauen berufen wurden. Der Pöbel iſt an die Reihe gekommen, ſich mit Adel und Kirche gleich zu ſtellen. Gott vergebe denjenigen, die ihn auf⸗ geboten. Von dem Pöbel geht alles Böſe aus. Auch der Pöbel hat ſeinen Adel in den wucheriſchen Kauflen⸗ ten, die allenthalben ihre vorwitzigen Naſen und gierigen Hände in das Spiel ſtecken.“ „Ei, mein werther Freiherr: die Kaufmanusgilde iſt doch nicht ſo ganz verwerflich, und„„ „Nehmt meine Rede nicht krumm, Freund Berghem. Ihr ſolltet ſchon längſt vergeſſen haben, daß Euere Vor⸗ eltern am Wechſeltiſche ſaßen, und nur Eueres wohler⸗ 152 worbenen Wappens gedenken. Ihr zählt vier adeliche Vorfahren, und das iſt ſchon etwas. Aber, ich kann Euch nicht helfen: die Handelsleute ſind gefährlich. Sie umfaſſen die Welt, ſie haben das Geld, ſie führen und veſolden Waffen, ſie ſättigen das Volk, und laſſen es hungern, nach ihrem Gefallen. Der Handel trachtet ſtets nach Erweiterung, daher immer nach dem Neuen. Das Beſtehen des Alten iſt der Tod ſeiner Fortſchritte.— Nun iſt ihm aber das ſchneidendſte Schwert in die Fauſt gegeben: der Wucher mit dem Geiſte, mit dem Gedanken. Der menſchliche Geiſt iſt eine Waare gewor⸗ den, und nicht ein Geſchenk des Himmels geblieben, wie der Thau, wie die Sonne. Die ſchwarze, verfluchte Kunſt der Buchdruckerei hat das Wort zu einem Körver geſtaltet, der ſich feil gibt. Gleich feilen Weibsleuten iſt das Wort ſataniſch geworden, und was man das Göttliche nennt, iſt daher, ſobald es gedruckt iſt, nur ein Blendwerk des Teufels, eine gleißende Larve, den armen gebrecheriſchen Menſchen zu irren und zu ver⸗ ſtricken. Die Bibel iſt verfälſcht, die Wahrheit ver⸗ fälſcht, und wird in Läden und auf Jahrmärkten um ſo begieriger gekauft, als ſie wohlfeiler iſt, denn zuvor. Das Alles bewirkt der Handel, und begnügt ſich nicht damit. Er trägt nicht allein giftige Bücher im Lande umher, ſondern auch Meinungen, Irrlehren, Teufelseingebungen, die nicht einmal noch in Wort und Schrift gefaßt ſind. Und da bin ich auf den Punkt gekommen, auf den ich zielte. Viele waren ſchon in Münſter lutheriſch, ehe ſie noch einen Buchſtaben von dem Baalspfaffen Luther ge⸗ ſehen. Kaufherren und Ladenburſche waren verpeſtet von ihren Fahrten zurückgekommen, hatten ihren Weibern und Kindern, ihren Mägden und Markthelfern das Gift mitgetheilt, und manche ihrer Kuechte brauchte auf der Gaſſe nur eines Patriziers Aermel zu ſtreifen, um auch den Patrizier anzuſtecken.“ 153 „Es iſt, als ob Ihr unſere Geſchichte erzähltet,“ klagte der Bürgermeiſter. Der Domherr fuhr jedoch hitzig fort:„Ach, Ihr ſitzt nur im Fegefeuer, während wir ſchon in der Hölle der Ketzerei braten. Wir haben Schlangen im Buſen erzo⸗ gen. Prieſter, die wir mit unſern Mitteln unterſtützten, ſind unter unſerem Barte abtrünnig und Prediger des Satans geworden. Der Bernhard Rottmann iſt nach Wittenberg gelaufen, um die Peſt einzuſangen. Unglück⸗ liches Stadtloo, unſeliger Ort, der dieſen Teufel gebar! Der Johann Langermann, vom Rathe, Gerhard Rei⸗ ning, ein Kaufmann, Knipperdolling, der Tuchkrämer, der Mäckler Behem von Warendorp ſind die Hehler die⸗ ſes Böſewichts geweſen, und haben ihn wieder in unſere Nähe, auf die Kanzel zu St. Moritz gebracht, woſelbſt er mit ketzeriſcher Zunge Alles begeiferte, was ſonſt ehr⸗ würdig geachtet worden. O, welche Zeitläufte, welche elendige Schwachheit der Menſchen! Seine Obern haben ihn abgeſetzt; ſeine Freunde haben ihn mit gewaffneter Hand wieder eingeführt; er wurde verklagt und belangt; er hat geantwortet mit dem unverſchämteſten Glaubens⸗ Bekenntniß, das noch je geſchrieben wurde. Alle Kirchen ſind ihm verſchloſſen worden, aber ſeine ſataniſchen Brü⸗ der und Helfershelfer haben ihm in einem Beinhauſe des Lambertikirchhofs eine Kanzel bereitet. Ha, welch' ein Omen! Von den Gebeinen ihrer Ahnen hernieder predigte der Heide den verblendeten Nachkommen; und ſeine Irrlehren werden die Knochen jener Bethörten nur allzufrüh auf die Bleiche legen, Ich ſeh' es kommen.“ „Möchtet Ihr doch ein Prophet ſeyn. Das Schwert iſt nicht zeitig genug anzuſetzen. Was ſagte jedoch der Biſchof zu dem tollen Unfuge 2« „Ihr reißt durch Euere Frage meine Wunden wieder anf. Die Hand, ſo dazumal den Biſchofsſtab führte, war die eines ſanften Hirten und nicht eines ſtarken ENN 154 Fürſten. Nach Rottmanns Predigt auf dem Kirchhofe brach und plünderte das Volk alle Gotteshäuſer, den Dom allein beſchutzte der Herr wunderbarlich, daß die Frevler ſich nicht daran wagten. Der Biſchof ſchwieg⸗ — Sie riefen den Berndt zum Prediger in St. Lam⸗ bert aus, und der Biſchof ſchwieg. Sie mishandelten die Prieſter am Altare, riſſen ſte von der Kanzel, traten Recht und Geſetz mit Füßen— und der Biſchof ſchwieg. Er zog vor, ſeine Würde abzulegen, was er zu Werne that, und ging nach Cöln.“ „Das haben wir zur Zeit mit Leidweſen vernommen. Sein Nachſolger hat ebenfalls nicht günſtig, nicht lange regiert.“ „Es war ein ſtarker Mann, der Biſchof Erich von Braunſchweig, der Osnabruck, Paderborn, und durch un⸗ ſere Wahl auch Münſter unter ſeinem Stabe vereinigte. Doch liebte ihn das Volk nicht, und reizte ihn um ſo gehäſſiger. Die ſogenannte Reformation gewann täglich an Raum und Anhängern. Die Patrizier in den Per⸗ ſonen des Hermann Bispink und des Hermann Tilbeck; die Krämer in denen, die ich früher ſchon genannt; zwei Rechtsverdreher, der Richter Arnold Belhold und der Fürſprech Ummegrove ſchrieen die neue Lehre aus und riefen deren Prädikanten in die Stadt. Der Biſchof wollte nicht ruhig dem Aergerniß zuſehen, und bereitete einen Streich vor. Da ſtarb er plötzlich auf dem Schloſſe Fürſtenau.“ „An einem allzugroßen Becher Weins,“ ſchaltete Berg⸗ hem halb lächelnd ein. „Richtet nicht, daß auch Euerer das Gericht ſchone,“ ermahnte der Domherr:„ſomit war noch einmal der Stuhl erledigt, und allen Gräueln Thor und Thür ge⸗ offnet. Ich war ein Zeuge jener Tage, und ſie würden mir wie ein Traum vorkommen, wenn ich nicht noch heute mit offenen Angen ſähe, wie die Frevel wachſen und aufgehen, bis die Garben des Fluchs reif ſeyn wer⸗ den. Wir ſaßen in unſerem Bezirk, wie in einer be⸗ drohten Burg, die Waffen kamen nicht von unſerer Seite. Rings um uns das tobende, raſende Volk, und zu unſerer Hilfe Niemand bereit. Der ſchwache Magiſtrat wäre ein ohnmächtiger Zuſchauer unſeres Untergangs ge⸗ weſen, wenn nicht unſerer himmliſchen Patronen Für— ſprache, wenn nicht ein Reſt des ehemaligen Anſehens und Gewichts uns vor den Rebellen bewahrt hätten.— So ſchnell wir konnten, erwählten wir auf der Veſte Lüdinghauſen zu unſerem Biſchof den theuern Herrn Franz von Waldeck, der ſchon zu Minden ein Biſchof geweſen ünd ſchon von Osnabruͤck geküret worden Noch heute bin ich der Meinung, daß der heilige Geiſt uns beigeſtanden in dieſer Wahl. Er wird ein Rüſtzeug des Herrn ſeyn, der Graf von Waldeck; der in der Blüthe männlichen Alters ſteht, voll Feuer und Leben, und be⸗ ſeelt von hohem Stolz auf ſeine Würde; der von Ju⸗ gend auf gelernt hat zu befehlen und nicht zu gehorchen.“ „Ich wunſche ihm Gedeihen. Wie verhielt ſich das Volk bei ſeiner Erhebung 2“ „Toller als zuvor hat es gelärmt. Entfeſſelt nur einmal die Beſtien, und ſeht zu, wie Ihr ſie wieder bän⸗ diget. Waldecks erſtes Patent wurde mit Grobheit und Trotz erwiedert. Auf dem Schau⸗ oder Zunfthauſe der Stadt, das mit Fug ein Teufelshaus genannt werden moͤchte, haben die Gildemeiſter, Moderſon, ein Fleiſcher, nnd Reddecker, ein Kürſchner, die Zünfte berufen. Der Tribun Windemouer hat gewagt, die Annahme des Lu⸗ therthums vorzuſchlagen. Knipperdoling hat gehetzt, und die Ehrlichſten dieſer Brut, den Schneider Mennemann, den Goldſchmied Iſermann überſchrieen. Bis in unſere ſtiuen Kapitelhöfe iſt der Lärm gedrungen. Sie haben ſich gerauft, ſie haͤtten ſich erwürgt, wenn nicht endlich 156 — o der Schmach— der keßzeriſche Unfug angenommen worden wäre!“ „Alſo dennoch wahr, wie's uns berichtet wurde.“ „Nur allzuwahr, ſage ich euch. Der Rath, der ſich ſchwach geſträubt, wurde aufgelöst, die Pfarrer und Stiftsherren wurden verjagt.„Luther und Rottmann!“ Von dem Geſchrei klangen uns die Ohren. Die Meuter brüſteten ſich mit dem Beiſtand des Landgrafen von Heſſen; ſie führten die lutheriſchen Apoſtel ein: den Bririus von Norden, den Johann Glandorp, den Henrich Roll, den Euer Land uns geſchenkt— eine unwinkom⸗ mene Gabe— und mehrere andere, deren Namen zu nennen meine Zunge vor Eckel verweigert. Dieſe haben die Kirchen eingenommen, während die alten Pfarrer auswanderten ſammt den Bürgermeiſtern Eberwein Droſte und Willbrand Plonies, ſammt dem Stadtrichter Schen⸗ king, und den ehrenwerthen edeln Männern Theodor Munſtermann und Hermann Heerde Und nun wen⸗ dete ſich auch der Magiſtrat gegen ſeinen rechtmäßigen Herrn und Biſchof, verhöhnte ſogar den Majeſtätsbrief, den unſer Kaiſer Karl von Regensburg an Biſchof und Empörer geſchrieben. Unſer fürſtlicher Herr, begierig, bei guter Zeit den Streit zu endigen, verlangte Hiülfe auf einem Rittertage zu Billerbeck. Aber ſo weit waren ſchon die Wirrniſſe der Zeit gediehen, daß auch die Rit⸗ terſchaft ſchwankte, und Zaudern beſſer hieß als Eilen; gute Worte beſſer als gerechte Strenge. So entſtand der Tag zu Wolbeck, wo Abgeordnete des Adels und die Vikarien des Bisthums zuſammentraten mit Verord⸗ neten der Stadt. Der gegenſeitige Haß glich ſich nicht ans. Es wurde viel geſtritten, nichts gefördert. Gegen den Willen des Biſchofs errangen die gleißneriſchen Red⸗ ner des Raths von Münſter acht Tage Bedenkzeit für die ungehorſamen Bürger. Sie benutzten dieſelbe, um von Rottmann eine Erklärung ſchreiben zu laſſen, die 157 man nicht anzuhdren vermag, ohne an Galgen und Rad für den Schreiber zu denken. Die Frechheit der Rebellen ſtieg, da Knipperdolling durch ſchmähliche Ränke von dem verblendeten Kammergericht— ein Jammergericht hieße es mit Recht— einen Erlaß erwirkt hatte, der dem Biſchof Ruhe auferlegte. Aber der Magiſtrat dieſer Aufwiegler ſogar hatte noch Schaam genng im Leibe, ſich dieſes Erlaſſes nicht zu bedienen. Dagegen bewaff⸗ neten ſich die Bürger, und mißhandelten die Reiter, die auf Befehl des Biſchofs— weil Einzug und Haft auf die Güter und Habe der Münſter'ſchen Angehörigen ge⸗ legt worden— einige Ochſen mit Beſchlag belegt hat⸗ ten.— In jenem Zeitpunkte wanderten wir aus der Stadt, wir Domherren, und ließen nur unſere Vikarien dahinten, den Chor zu beſorgen. Unſer Rath und unſere Freiheit iſt dem Biſchof nützlicher als unſer Verweilen in der aufrühreriſchen Stadt, wo die Unruhen geſtiegen ſeyu mögen, ſeit ich auf Urlaub bei einem Verwandten in Holland geſeſſen. Das deutet mir der Befehl des Biſchofs an, der ſein Kapitel und ſeine Ritterſchaft zu einem neuen Tage nach Dülmen beruft, wohin ich mich zu begeben im Begriff ſtehe.“ „Euere Ahnungen täuſchen Euch nicht, mein edler Herr. Unſere Nachrichten beſagen, daß die Münſterer Kriegsleute geſammelt haben, ihre Mauern und Thore zu beſetzen. Der Hauptmann derſelben, Georg Kilian, hat auch von hier Leute dahin geworben und weggeführt. Bei alledem iſt von den empörten Bürgern zu Münſter ein bewaffnet Aufgebot geſtellt worden, das Tag für Tag Ausfälle in's Land macht, die zerſtreuten, bevbachtenden Reiter des Biſchofs beunruhigt, und die Dörfer in der Runde mit Brand und Plünderung ängſtigen ſoll. Gott lenke Alles zum Beſten!“ „Und wenn wir Gut und Blut daran ſetzen ſollten,“ betheuerte der von Büren mit ritterlicher Anfwallung, 158 „ſo wollen wir doch dem Gräuel ein Ende machen. Wir fechten, ſo zu ſagen, für unſeren eigenen Grund und Boden, für unſere Zukunft.— Teufel und Tod, ſind wir denn gewöhnliche Pfaffen, die das Volk mit Termi⸗ niren und Meßleſen plündern? Leben wir nicht von unſerem Eigenen? Verſchwenden wir nicht unter den Pöbel, der uns flucht, unſere Einkünfte? Verringern wir nicht durch unſere Eheloſigkeit die Zahl des Adels, die dem dummen Bürgergeſindel ein Dorn im Auge iſt? Warum ſollten wir weichen? Warum unſere Rechte für ſo viele Opfer, die wir dem Lande bringen, aufgeben? Der Donner ſchlage in dieſe gottvergeſſenen Neuerungen, und auf die Häupter derer, die es ſo weit mit uns kom⸗ men ließen. Iſt's nicht ſchon an dem, daß wir alle Tage zittern müſſen, ob es nicht einem oder dem andern Erzbiſchof bei Rheine etwa einfallen möchte, ſich zu verehlichen, und ſein Land ſammt der Kurwürde an ſeine Kinder zu bringen als ein wohlerworbenes Erbe? Wo bliebe dann unſere Beförderung, wo unſeres Ehraeizes Bedürfniß 2 Wir ſäßen auch lieber in Waffen zu Pferde, wir labten uns auch gerne an Weib und Kind, aber wir dienen der Kirche, wie vordem der Knappe um die Rit⸗ terſporen diente; wir gehorchen einem Biſchof, aber wir wählen auch dieſen Biſchof; wir halten auf die Frei⸗ heit der Wahl, um ſelber einmal Biſchof zu werden; wir ſtreben nach dem Fürſtenrang, um einmal den Kai⸗ ſer wählen zu können!— Doch bemerke ich, daß ich meinen Gaſtfreund mit Reden beläſtige, die ihm als einem Laien gleichgültig ſeyn müſſen. Darum zieh' ich vor, meinen ſchon ſeit einer Stunde verzögerten Urlaub von Euch zu nehmen, mit der Bitte zum Himmel, daß er Euch und Euer Land verſchonen möge mit der Trubſa', die er über unſerem Haupte zugelaſſen.“ Die fromme Wendung bei'm Abſchiede hatte den auf⸗ brauſenden Freiherrn ganz und gar zurückge ührt in die 159 Mildigkeit eines Prieſters, dem am Herzen liegt, vor dem Volk ehrwürdig und auferbaulich zu erſcheinen. Die Linke ritterlich am Schwerdte, ſegnete er den Bürger⸗ meiſter mit der Rechten, und mäßigte im Gehen den Klang ſeiner Sporen, ob er ſchon das Haupt hoch auf⸗ recht trug mit ſtolzem Federſchmuck, als ſprengte er einem geharniſchten Geſchwader im Blachfelde voraus. War dem Bürgermeiſter bei des Domherrn Anwe⸗ ſenheit öde und unheimlich zu Sinne geworden, ſo wurde er noch verdrießlicher im Gemüth, da jener fort war. Es fehlte ihm in jeder Ecke, und da er ſich beſann, merkte er, daß ihm Margitta abging. Auf die ſtille Frage, warum er ſich ſo lange von der Kleinen getrennt gehal⸗ ten, konnte er, weil ihn plöslich ſeine bedenkliche Zer⸗ ſtreuung befiel, ſich gar nicht mehr der Urſache des Ehe⸗ zwiſtes erinnern, und— zögernd wiewohl und ſchleichend — ſtand er vor dem Gemach ſeines Weibes, ehe er recht bei ſich ausgemacht, was er zu thun Willens. Die Stuben der Bürgermeiſterin lagen im Hinter⸗ theile des Hauſes, mit Vorkammern und Doppelthüren verwahrt, wie auch in Deutſchland das Frauengemach be⸗ ſchaffen war: eine wohlverſchloſſene Dürnitz, abgegränzt von andern Gemächern, und ſo zu ſagen unter'm Schutz des ganzen Hauſes.— Noch beſtand die Sitte, daß, wann weiblicher Beſuch bei der Hausfran eingetreten, irgend ein Zeichen— die abgelegten Ueberſchuhe, der aufgehäungte Mantel oder das ausgeſpreitete Regentuch der Beſucherin— den Gaſt verkündigte, und ſtiuſchweigend den Eheherrn oder die Söhne und männlichen Verwand— ten, die allein der Dürnitz nahen durften, von deren Pforte zurückwies. Darum ſuchten Berabems Angen zu⸗ vörderſt verlegen nach einem ſolchen Zeichen. Es war keines vorhanden. Er drückte ſachte die Hand auf die Klinke der Thüre am Vorgemach. Der Flügel wurde ſchnell von innen geöffnet, und in die Thüre trat eine 160 Zofe, mit aufgedunſenem Geſicht und rothgeweinten Augen. Sie verneigte ſich ehrfurchtsvoll, da ſie des Herrn anſich⸗ tig wurde; blieb jedoch nichts deſtoweniger auf ihrem Platze ſtehen, den Eingang gleichſam verwehrend. Statt ſich darüber zu verwundern, zeigte der Bürgermeiſter nur Theilnahme für das verſtörte Geſicht der Kammermagd. „Was haſt Du denn, Lenor? Wie ſiehſt Du aus 2 Kaum mehr zu kennen! Armes Bräutchen, was iſt mit Dir vorgegangen?“ „s iſt nicht der Rede werth,“ verſetzte ſie, ihre Stirne glatt ſtreichend und die Haube aufrichtend:„die gnädige Frau iſt nur wieder ein wenig hitzig geweſen, und hat mir einen Schlag in's Geſicht gegeben, daß mir die Naſe blutete und die Augen überliefen.“ „Ein heftiges Kind, wahrlich: nur ein heftig eigen⸗ williges Kind,“ ſeufzte Berghem und reichte der Geſchla⸗ genen ein Geſchenk:„Du wirſt eben nicht ehrerbietig genug geweſen ſeyn, Lenor? Ich habe Dir ſchon oft ge⸗ fagt, Du ſolleſt Dein hitzig Blut und Deinen groben Mund zügeln. Die Frau wird Dich einmal davonjagen, wenn Du ihr nicht gehorchſt; denn Gehorſam muß ſeyn, und Ehrfurcht vor den reichen und vornehmen Leuten. Wir ernähren Euch, arme Schlucker! Ihr lebt von un⸗ ſern Broſamen. Merke das und verliere ja kein unſchö⸗ nes Wort über Deine Gebieterin. Ich müßte Dich ſtra⸗ fen und möchte Dich doch eher belohnen, Du rothbäckiges Kind.“ Ich will gewiß nicht des Herrn Unzufriedenheit ver⸗ dienen,“ ſagte die Magd mit angenommener Schüchtern⸗ heit:„auch ich bin unſchuldig an dem, was mir begegnet iſt.“ „Eure gewöhnliche Ausrede, Volk der Dienſtboten. Ihr ſeyd die natürlichen Feinde Euerer Herrſchaften; ver⸗ miethet Euere Dienſte um Geld und ärgert Euch, dienen zu müſſen.— Aber genug des Geplauders. Laß' mich in der Frauen Gemach, Lenor.“ 161 „Es iſt mir ſtreng verboten, Herr Bürgermeiſter.“ Die Dirne ſetzte, während Berghem betreten die Augen niederſchlug, verſchmitzt hinzut„Iſt mir's doch ſchon ſo übel ergangen, da ich den andern Beſuch hinein ließ! Aber ich konnte mir nicht helfen. Der Mann war zu ſtürmiſch, ließ ſich nicht beſcheiden.. „Der Mann? ein Maun?“ bei dieſen Worten ſtand Bergbeim, die Magd zurückdrängend, mitten in der Vor⸗ kammer:„Was hör' ich? ein Mann in den Zimmern meiner Hausfrau? Platz da!“ „Ich darf wahrhaftig nicht zugeben. Lenor wagte, den Regierenden bei'm Aermel zu packen. Entrüſtet ſprang er zurück. Da hörte er in dem Nebengemach die ſcheltende Stimme Margitta's, die ſich nach Herzenstuſt ausſprach; und er wurde gelaſſen.—„Das iſt wenigſtens kein verdächtiger Beſuch,“ ſagte er,„um ſo weniger werd' ich ſtören. Tritt bei Seite, Lenor.“ Er klopfte mit zierlichem Finger.„Ich öffne alſo⸗ gleich, Herr von Berghem,“ antwortete, ohne die Anrede abzuwarten, Margitta ſchnippiſch durch das Schlüſſelloch. Drinnen ſchwieg die Unterredung. Nachdem kaum einige Augenblicke verſtrichen, ging die Thüre auf, und die kleine Frau empfing den Eheherrn mit ſpröden Verneigungen. „O Du bethörter Ziegenbart!“ hohnneckte Lenor hin⸗ ter ihm drein, und ſetzte bei, an ihre Arbeit zurückkeh⸗ rend, nachdem ſie einen Blick in das Gemach geworfen, das ſich wieder vor ihr zuſchloß:„Jetzt iſt ſie ganz allein? Iſt denn der Haſenfuß durch's Fenſter geflohen? O, ſie iſt mit ſieben Waſſern gewaſchen, die liſtige Schlange 6 Der Bürgermeiſter ſeinerſeits hatte auch eilends das ſpaͤhende Ange in alle Winkel irren laſſen: ſeine Frau befand ſich jedoch alein. Sie war höflich gezen ihn, aber ihr ernſthaftes und langgezogenes Geſicht verrieth, daß ſie den Zwiſt des vorigen Tages noch nicht vergeſſen.— Begierig, die ſpröden Falten aus dem launenhaften Lärvchen Der Koͤnig von Zion. 1. 11 162 zu tilgen, küßte Berghem die Wange, die ſich ihm halb entzog, drückte die weichen Hände, die ihn regierten, und ſprach mit der Süßigkeit, die ihm in früheren Jahren beſſer angeſtanden:„Lieb Weibchen, laß uns wieder Freunde ſeyn. Die Urſach unſeres Haders iſt ja ſo klein und geringe, daß ich, auf meine Ehre, ſie vergeſſen habe. Thu' desgleichen, mein Herzlein.“ „Ihr vergeßt wohl wichtigere Dinge, mein Herr,“ ant⸗ wortete Margitta geringſchätzig,„ich habe jedoch einen geſunden Kopf und ungeſchwächte Sinne. Kann ich da⸗ für, daß mich jede unwürdige Behandlung kränkt, mein Herr? Ich ſollte freilich Fuers Betragens ſchon gewohnt ſeyn, daß Gott erbarm!“ „Nun ja doch, Du weißt ja. meine Heftigkeit meine brauſende Leidenſchaft.. es iſt, ols ob ein gährender Wein das Faß ſprengte, ſo klopft es dann in meinen Adern, und.. „Lügt Euch doch nichts vor, mein Herr. Ihr ſeyd ein alter Mann. Gebt daher nicht für Ingendfener aus, was nur Schwäche und Murrigkeit des Alters iſt.“ „Du biſt grauſam, Du biſt ungerecht, mein Kätzchen. Du willſt mich demüthigen, und weißt, daß die Sache ſich anders verhält. Ich bin zwar nicht mehr ſo jung, wie mein Gritchen, aber.. „O, ich bitt' Euch, laßt die kindiſchen Tändeleien weg.„Mein Kätzchen“,„mein Herzchen“,„mein Gritchen!“ wie eckelhaft ſtehen dieſe Spielereien Euerm alten Munde an! Werdet ernſthaft, vernünftig und ehrwürdig; dann will ich Euch Ehre erweiſen.“ „Hat nicht Deine Anmuth mich leider berückt, Du Undankbare? Die Liebe macht einen Aelteren, als ich bin, zum Kinde. Zürne mit Deinen Reizen, und ver⸗ ſoͤhne Dich mit mir.“ „Ihr gebt vor, mich zu lieben? Ich muß lachen. 163 Ihr aͤrgert mich alle Tage, werdet mich in's frühe Grab ſtürzen, und ich ſoll an Eure Liebe glauben?“ „Du thuſt es, mein kleiner Schelm. Ja, ja, Du glaubſt an ſie. Du weißt wohl, wie ich empfinde. Du verſöhnſt Dich auch gern mit mir, ſtreiteſt nur, um zur Verſöhnung zu gelangen 2“ „O heiliger Wendelin, Schutzpatron der Schafböcke, die verwirrt im Haupte ſind, ſtehe dieſem Manne bei!“« Die Beleidigung, die ſo grell an die gemeine Abſtam⸗ mung der gnädigen Frau erinnerte, machte Berghem's Wange von Zorn lodern. Aber— im Begriff, ein Wort zu ſchlendern, das den Streit auf's Neue entzündet hätte — hielt er ſeine Zunge zurück, und verſetzte mit halber⸗ ſtickter Stimme: „Du kränkſt mich tief, und kein anderer Menſch ſollte ſich ein Gleiches unterſtehen, ohne...« er ſchlug au ſeinen Dolch.„Aber ich vergebe Dir als einem Kinde; und Dir zu beweiſen, daß auch Du geneigt warſt, unſe⸗ ren Zwiſt geſchlichtet zu ſehen, erinnere ich Dich nur, daß Du mir, Deinem Gatten, die Thüre öffneteſt, bevor Du meine Stimme gehört. Das war die Sehnſucht, Margitta, die..5 „Das war die Ueberzenaung, die ich hatte, daß Ihr kommen würdet, kommen müßtet, mein Herr. Der vie⸗ len Worte bin ich jetzt müde. Da, küßt meine Stirne, da, drückt meine Hand. Ihr dürft mir das Kinn pfetzen; ich bin nicht mehr böſe, weil Ihr zur Vernunft gekom⸗ men.— Behagt Euch das Verſtändniß jetzt beſſer? Gelt, ich kann auch freundlich ſeyn?— Ich wär's gerne immer; aber Ihr laßt mir nicht Zeit, nicht Luſt dazu. Ihr ſeyd ein abſcheulicher, alter Mann!« Sie ſetzte ſich, wie ein Kind, auf ſeinen Schvoß, und dahlte mit ihm weiter:„Soll ich Euch vielleicht einen Kuß geben? Bittet ſchön darum. So, die Hände ge⸗ faltet macht ein paar verliebte Augen! Vor einem 164 Jahr habt Ihr's noch ſo ziemlich gekonnt; aber jetzo geht's nicht mehr.— Wißt Ihr warum? Eure Augen ſind Seen, die nur zu Mittag hell ſind, und Morgens und Abends trübe. Die Runzeln verſchütten nach und nach Eure Augen, wie einfallende Dämme. Seht ſelbſt im Spiegel, ſeht, dies Fältchen iſt erſt über Nacht ge⸗ kommen. Armer Bürgermeiſter, Ihr habt mit dieſen Augen viele Weiber gefangen, aber ihr Zauber iſt matt geworden. Ich möchte Euch jung gekannt haben. Ihr ſollt ein bildſchöner Mann geweſen ſeyn?„ Nun? warum irren Eure Blicke ſo zerſtreut an der Decke des Gemachs? Wärt Ihr nicht etwa wieder im Begriff, Euch ob meiner Reden zu erzürnen? Wißt Ihr ſchon wieder nicht mehr, wie ich's mit Euch meine?“ „Nicht doch, Margitta. Wie ſeltſam auch Deine Scherze im Ohre eines Dritten klingen möchten, ich weiß ja ihre Bedeutung,“ antwortete der geduldige Ehemann, „aber mir iſt plötzlich beigefallen, daß ich, hier eintretend, an etwas dachte, das mich quälte, und dem ich auf den Grund kommen wollte. Und nun hab' ich dasjenige rein vergeſſen. Hm, wenn mir nur eine Sylbe.„ „Die Jahre, mein Herr, nichts als die Schwäche der Jahre,“ lachte Margitta,„unter grauen Haaren wird auch das Gehirn blöde. Nur nicht böſe, mein Herr. Was könnt Ihr für Euer Alter? Seyd Ihr nicht froh, ſo alt geworden zu ſeyn? Ei, in fünfzig Jahren wird die flinke Margitta Euch nichts nachgeben.— Kommt, laßt Euch den verwirrten Bart auskämmen. Ihr liebt's, wenn ich ihn mit meinen feinen Fingern ſträhle. So, mein Väter⸗ chen. Thut's Euch wohl? Der weiße Bart ſteht Euch trefflich zu Geſichte.“ „Grau, willſt Du ſagen, grau. Ich hab' mich viel in Wind und Wetter getummelt. Das bleicht die Haare ab, und dann die vielen Sorgen für's allgemeine Beſte „„„und endlich mein ſchwarzes Haar„ſieh' nur 165 mein Bild im Saale. So war ich, mit ſchwarzen Locken, wie von Ebenholz aber die dunkeln Locken verlieren ihre Farbe am Früheſten.“ „Richtig, Herr. Darum ſinat auch die Spinnerin: „Schwarzes Haar, Kummerhaar!“ Nicht wahr, Väterchen? Was ich jedoch von Euern Augen und Jahren geſagt habe, iſt eitel Spaß. Ihr ſeyd ein rüſtiger, friſcher Mann. ich möcht' um's Leben keinen jungen haben, der mich betröge. Ich lobe mir einen Mann von rech⸗ tem Alter, den ich wie einen Vater ehren, der mich wie ſein Kind erziehen kann. Sebt, wer iſt glücklicher zu Leyden, als wir? Ich pflege Euch in Euern Schwächen — Ihr beſſert mich in meinen Unarten. Ei, man ſollte gar nicht glanben, daß Euch noch des ſeligen Kaiſers Marxen Brautfahrt denkt. Daß Ihr Euch jedoch daran erinnert, iſt eine Probe Euers guten Gedächtniſſes. Ihr vergeßt gerade nur Beleidigungen. Aber— da fallen mir juſt Kleinigkeiten ein, die Ihr gewiß nicht vergeſſen werdet: Den Kürſchnermeiſter Vaanje mit ſeiner Rech⸗ nung für Pelz und Grauwerk.— Den Krämer dann, den Abenteurer wie heißt er denn? Franz. Franz helft mir doch ein wenig.. „Franz Grenat,“ ergänzte Berghem etwas verdrieß⸗ lich, dennoch lächelnd,„das iſt der Kerl aus Lyon, der den theuern Sammet liefert, den wir zu Antwerpen..* „Wohlfeiler härten, aber nicht mit Gold durchwirkt, mein Herr, das iſt ein Unterſchied. Zudem, meine kleine Geſtalt, kaum ſpannenlang es iſt ein Bettel, den ich zum Gewand brauche. Aber Ihr müßt mich ſehen, Väterchen. Der Rock von rothem Sammet mit dem Grauwerk verbrämt, und beflinzt mit Golde,— die Statt⸗ halterin kann ein ſchöneres Kleid nicht haben!“ „Wohl. Aber die Rechnungen für die Perlen, die langgeſpitzten Schuhe aus England, der Diamant vom Liſſaboner Juwelier, und„jetzt weiß ich wieder, 166 warum wir geſtern ſtritten, die ſeidnen Strümpfe! Mar⸗ gitta, plagt Dich der Böſe? ſeidne Strümpfe? Ei, die koſten einen Jahrzins meiner Güter in Brabant. Das iſt eine Tracht der Fürſten, der Königinnen!“ „Väterchen, habt Ihr mich nicht ſo oft genannt die Königin Euers Herzens und Euers Hauſes? Und welch' ein Reich gliche Euerm edeln Herzen?2“ „Schmeichlerin, wie kannſt Du ſo ſchön liebkoſen? Aber die böſen Zeiten wiſſen wir, was die Zu⸗ kunft bringt? Du hätteſt den Herrn von Büren, bevor er abreiste, e zählen hören ſollen... „Bah, bah! iſt er endlich fort? Das Zwittergeſchöpf, aus einem Junker und einem Baarfüßer zuſammenge⸗ backen? Ich bin vergnügt, daß er ging. Ein ächter Edelmann, ein ächter Prieſter, die laß ich mir geſallen! Ihr müßtet in einem Harniſch ausſehen, wie ein Engelz in einer Biſchofsmütze wie ein Heiliger.— Dem hoch⸗ müthigen Domherrn, der mich immer über die Achſel anſah, etwa weil ich nicht von Adel bin, hätte ich mein Gemach verboten, wäre er länger geblieben.— Nicht wahr, Väterchen— damit wir den häßlichen Molch ver⸗ geſſen— Ihr bezahlt endlich, was ich ſchuldig bin? Eure. Ehre verlangt's, wie die meinige, und Ihr wißt, daß ich dankbar ſeyn kann, wie ſonſt niemand auf der Welt.“ ¹„Nun ja, in Gottesnamen, hier iſt meine Hand, und Friede alſo.— Was mir jedoch bei des Domherrn An⸗ gedenken in den Sinn kömmt, ich habe gehört, daß Du einen männlichen Beſuch angenommen? heute Morgen angenommen? Wer war's? ich dacht' ihn hier zu finden.“ Margitta lächelte hoͤhniſch, ſchadenfroh, wie eine üppige junge Here.„Eure Eiferſucht iſt nicht am Platze, mein 3 Herr. So frech der Gaſt, der ſich bei mir eindrängte, auch geweſen, ſo iſt er doch nicht gefährlich. Jetzt nehm ich keinen Anſtand, ihn Euch vorzuſtellen.“ Sie ging raſch zur Seitenthüre, die in ihre Schlaf⸗ 167 kammer führte, bffnete ſie, und zog eilig den dahinter verborgenen Mann heraus. Der Bürgermeiſter ſtand mit Verwunderung ſeinem Schwager, dem Schneider Jau Bockelſon gegenüber, der, ſeine gewöhnliche Faſſung ein⸗ büßend, ſich verlegen vor ihm verbeugte. Margitta trat herriſch auf ihn zu, und ſagte ihm trocken und haſtig: „Du haſt jetz vernommen, Jan, auf welchem Fuße Deine Schweſter mit dem Bürgermeiſter von Leyden ſteht, und ob ſie nöthig hat, Deine erbärmlichen Drohungen zu fürchten. Geh daher von hinnen, frecher Geſell, und wage nicht, jemals wieder über meine Schwelle zu kommen.“ Jan hätte dem trotzigen Befehle knirſchend gehorcht, aber Berghem, der den Zuſammenhang der Sache nicht verſtand, verrannte ihm den Weg, und gebot ihm, zu verweilen.„Der Schneider bleibe,“ ſagte er finſter,„ich habe mit ihm beſonders zu reden. Was hat jedoch der Schneider mit Dir zu ſchaffen, Margitta?“ „Ihr ſeyd unter deu weiſen Vätern dieſer Stadt der weiſeſte, mein Herr, und Eurer Klugheit will ich einen Fall vorlegen, den Ihr entſcheiden mögt. Wenn ein ſchlimmer Menſch aus eigenſüchtigen Gründen ein armes Kind an ſich gezogen, und es ernährt, in Hoffnung, daß es ihm in böſen Dingen helfe.. iſt dieſes Kind, wenn es zu Jahren und Vermögen kam, verbunden, dem Ver⸗ ſucher dankbar zu ſeyn? geſetzt, wenn dieſer ihm einen Eid abgepreßt hätte?“— So fragte Margitta. „Mit nichten, meine Hausfrau. Gezwungener Eid thut Gott leid. Und in böſen Dingen iſt kein Paktum heilig vor den Rechten.“ „So dacht' ich auch. Seht hier dieſen Mann, den der himmliſche Zorn zu meinem Bruder beſtimmt hat. Er lockte mich aus der Mutter Hauſe, die mich gern verſchmerzte, weil ſie arm geworden durch eigene Schuld, und weil ſie Niemand liebt auf dieſer Welt, als ſich 168 ſelbſt und ihre Thorheiten. Er zog mich in ſeine Wirth⸗ ſchaft, er rechnete auf meine Jugend, auf meine Schön⸗ heit, auf meine Unerfahrenheit. Ich ſollte ihm Gäſte werben, ich ſollte ihm Geld münzen, wie man ſagt. Wär' ich in die Stricke des Satans gefallen„er hätte triumphirt. Obendrein war ich noch die Magd ſeines Weibes, das Laſtthier des Hauſes; um ihre Dirne Natje zu ſparen, hat mich die Frau dieſes Menſchen aufgenommen. Und da mich plötzlich ein beſonderes Glück aus der Höhle der Erniedrigung geführt, hat er mir— dieſer Menſch— noch einmal ſehr beweglich Alles vor⸗ geſtellt, was er für mich gethan, und mir das Verſpre⸗ chen abgezwungen, abgebettelt, ihm ſtets zu helfen, wenn er in Noth gerathen würde. Ich verſprach's, ein uner⸗ fahren Mädchen, um nur ſeinen Klauen zu entkommen. Aber alſobald hat mich dieſe Zuſage gereut, und ich habe allen meinen Verwandten, die Mutter nicht ausgenom⸗ men, wie Ihr wißt, die Freundſchaft aufgeſagt.— Und heute unterſteht ſich dieſer Menſch, zudringlich bei mir einzutreten und mir Dinge vorzuſchwatzen, bei deren An⸗ hören mir die Sinne wirbelten. Er hat durcheinander gefabelt wie ein Wahnſinniger. Bald hat er Geld, bald meine Fürſprache bei Euch verlangt, bald mich bei allen Heiligen beſchworen, bald mir geflucht und gedroht. Seht ſelber zu, mein Herr, wie Ihr mit ihm fertig werdet. Um dem Geſinde kein Aergerniß zu geben, hatte ich ihn vor Euerm erſten Zorn verſteckt. Jetzo ſeyd Ihr kalten Bluts, und werdet Euch nicht ereifern. Redet mit ihm.“ Margitta ſetzte ſich geruhig auf die Fenſterbank. Jan, nach einem wüthenden Seitenblick auf die Schweſter, beeilte ſich, vor dem Bürgermeiſter ſeine Ausrede anzu⸗ bringen. Seine Worte klangen verwirrt, waren bunt durcheinander geworfen. Aus dem zerriſſenen, oft hoch⸗ trabenden, oft demüthig kriechenden Vortrag war nur zu entnehmen, daß dem Schneider Geld fehle; daß er 169 ſich über Ungerech igkeiten, die man ihm zugefügt, beklage, und daß er um der ewigen Barmherzigkeit willen ſeine Schweſter gebeten, ein gutes Wort bei dem Bürgermei⸗ ſter einzulegen, damit einem Prozeſſe bei dem Blutge⸗ richte, worein er verwickelt zu werden befürchte, Einhalt geſchähe; Einhalt um ſeiner Unſchuld, um ſeiner Ver⸗ wandtſchaft willen mit dem Bürgermeiſter ſelbſt.— So⸗ bald Berahem unter hundert Namen, die über Jan's fie⸗ bernde Lippen ſtolperten, Natje's Namen gehört, wußte er alſogleich, wovon eigentlich die unruhige Angſt des Schneiders handelte. Er nahm die ſtrenge Miene des Richters an, und ſprach: „Weil der Schneider auf die Klage kömmt, die gegen das vor einigen Tagen verhaftete Mägdlein geführt wird, ſo will ich ihm nur bedeuten, daß er der Vorladung Folge zu leiſten hat, die an ihn ergehen wird, indem die Beklagte auf ihn ausſagt, daß er ihr die giftige Subſtanz gereicht, womit ſie ihr Kindlein getödtet.“ „O Gräuel der Lüge!“ rief Jan, aus Verzweiflung ein Herz faſſend:„Das iſt nicht wahr, Herr Bürger⸗ meiſter.“ „Sie ſagt noch mehr gegen den Schneider aus. Er ſey ihr Verführer geweſen; er ſey des Kindes leiblicher Vater, betheuert ſie. Des Schneiders Mitſchuld vergrö⸗ ßert ſich dadurch in's Ungeheure, und wird zum Aeußer⸗ ſten führen.“ „Ich betheure auch, daß das Letztere nicht wahr iſt. Die Schelmin hat mein Verderben beſchloſſen. Mein Kopf ſoll mit dem ihrigen ein Paar werden. O, die Natter, die ich groß ſängte! o die ſchaͤndliche Verlänm⸗ derin! Es iſt ſo gut, als ob ich ſie nicht kennte, und ich ſoute..72 o Herr, der Kelch iſt herbe, laß ihn an mir vorbeigehen!“ „Hm, welchen Nutzen gewährte der Verbrecherin eine falſche Anklage? Ihr Leben iſt darum nicht weniger 17⁰ verwirkt? Oder, glaubt vielleicht der Schneider, daß böſe Anſtiftung Anderer hier im Spiele 2. „Ich nehme den Leib des Herrn darauf. Der Käm⸗ merer Griggemann,— mein eigen Weib.. mein Weib iſt eine Ehebrecherin; ein gewiſſer Rotger iſt iht Buhle; ſie wollen mich aus dem Wege ſchaffen.“ „So? wäre das möglich? Und der Schneider wäre bereit, auf das Evangelium mit dem theuerſten Eide zu beſchwören, daß er niemals mit der Beklagten in Ver⸗ ſtändniß geweſen? daß er eben ſo wenig das Gift gelie⸗ fert habe, um die kleine Creatur zu morden 2“ »Ich ſchwöre die heiligſten Eide auf's Evangelinm, Herr; ich nehme das Abendmal darauf,“ ſchrie Jan außer ſich,„ vermaledeit ſey mein Haupt und Leben! die, ſo mich geboren! verwünſcht meine Sterbeſtunde, und die Hölle meine Zukunft, wenn ich je die Dirne umarmt, wenn ich je zu dem teufliſchen Verbrechen die Hand geboten!“ „Läſterung, Läſterung!“ rief Margitta, und hielt ſich die Ohren zu.— Berghem betrachtete eine lange Weile den Schneider, der mit aufgereckter Hand und feſtem Fuße da ſtand, als ein Held und Märtyrer einer guten Sache. Dann ſagte der Bürgermeiſter überaus verächt⸗ lich zu Margitta, indem er auf ihren Bruder wies: „Das iſt der ſchlechteſte Bube, den noch je die Sonne beſchien. Wäre er nicht— mir zur Schmach— mein Schwager, und wollte ich nicht noch größere Schande von meinem Hauſe entfernen,— ich triebe ihn ſo weit, daß ihm auf Erden kein Fuß breit Raum mehr bliebe, als — das Schaffot. Meine klägliche Verwandtſchaft mit ihm iſt ſein Glück.— Und“— fügte er, ſich vor die Stirne ſchlagend, hinzu:„Was mir beifällt, die persona quaestionis hat ſich in verwichener Nacht im Kerker er⸗ henkt. Sie hat auf dieſe Weiſe ihren Handel ſchnell ge⸗ endigt, und was den Schneider betrifft, ſo will ich die Klage niederſchlagen. Aber„ 17¹ Die Nachricht von Natje's unglücklichem Tode ver⸗ klärte Jan's Angeſicht mit einer Glorie von Sonnenglanz. Seine ſchwer belaſtete Bruſt dehnte ſich wieder frei aus. Jeder Nerv ſeines hinſinkenden Körpers ſtrebte wieder empor. Zuverſichtliche Keckheit verdrängte die an Irreſeyn gränzende Angſt des ertappten Verbrechens. Damit aber ſein frevelnder Muth nicht in den Himmel wüchſe, hob der Bürgermeiſter eine erſchütternde Strafpredigt gegen ihn an:„Ihr ſeyd hier mit Ruhm aufgetreten, aber Eure Ehre hat ſich in Schande verwandelt, Schneider Bockelſon. Eure Zunge und Verſtandesgaben haben Euch Freunde erweckt, aber dieſe ſind jetzt Eure Feinde ge⸗ worden. Ihr habt Euer Handwerk entweder betrügeriſch getrieben, oder faul an den Nagel gehängt; Ihr habt aus Euern Komödien ärgerliche Schandgedichte voll Hohn und Unflat gemacht, daß Euch mit Recht das Theatrum verſagt worden; Ihr habt aus Eurer poetiſchen Schule eine Schule der Niederträchtigkeit gebildet, worinnen einige Schüler zu Grunde gingen, und andere auf dem Punkte waren, zu verderben. Ihr habt Euer ehrlich Wirthshaus in einen Pfuhl der Unehre verſtellt, wo Nachtſchwärmer ſchlemmen, feile Dirnen tanzen, und lie⸗ derliche Söhne rechtlicher Eitern deren Habe verpraſſen und verſpielen. Weil ſolcher Schandgewinn nur Unſegen bringt und Verderbniß, ſo ſeyd Ihr plötzlich in Schulden und Noth gerathen, und der Ganttag wartet an Eurer Thüre. Zu allem dem ſeyd Ihr ſelbſt ein heuchleriſcher, aber im Geheimen um ſo böſerer Menſch, ein Verführer unſchuldiger Mägde und Frauen, ein Verführer des eige⸗ nen Weibes, das Ihr zur Kuppelei anleitet, und neben anderen ſtrafwürdigen Verbrechen auch der Ketzerei ver⸗ dächtig, Ihr mit Euerm Weibe! Zieht jetzt ſelber die Rechnung zuſammen, und ſeht zu, wie's Euch gehen wird, wenn ich auch, meine eigene Ehre zu ſchonen, Euern Hals für diesmal rette? Mein Rath iſt, daß Ihr ſam⸗ — — 172 melt, was Ihr noch vermögt, und ſammt Eurem Weibe und Kinde, ſammt Eurer landſtreicheriſchen Mutter und dem feinen Bruder Jacob, der ſchon jetzo ein Dorn iſt, ſtracklich aus unſeren Provinzen ziehet. Da iſt jenſeits der Meere noch das Land Amerika, von dem Wunder⸗ dinge berichtet worden. Der Kaiſer, unſer Herr, braucht ſtarke Arme und verſchlagene Köpfe in jenen Himmeis⸗ ſtrichen. Ihr habt beides. Verſucht, in einer anderen Welt ein anderer Menſch zu werden, und wartet nicht bei uns den Zeitpunkt ab, da Ihr nur mehr zwiſchen Galgen und Scheiterhaufen die Wahl haben dürftet. Man gehe jetzt, man erſcheine nie wieder vor unſeren Augen. Gott beſſere alle, die ihn beleidigen!“ Jan wagte nicht, dem gebieteriſchen Winke des Bür⸗ germeiſters ungehorſam zu ſeyn. Er entfernte ſich mit gebucktem Haupte, aber mit racheſchnaubender Bruſt und ſiedendem Gehirne. Seine Wuth, ſeine Feigheit, ſeine Ohnmacht gegen den Gewaltigen und die Furcht vor der Verachtung ſeiner Mitbürger waren ſo heftig in ihrem Sturme, daß ſie auch einen kräftigeren Körper zu Boden gedrückt haben würden. Nur die Frende, daß Natje's beichtender Mund im Tode verſtummt, und daß ſomit ſein Leben aus der dringendſten Gefahr gerettet, hielt den Verbrecher noch für's Erſte zuſammen, daß er nicht ſchon auf der Straße im Fiebertaumel dahin fiel. Neuntes Kapitel. Die Juͤnger des neuen Bundes⸗ Es waren etliche Wochen ſeit Natje's Gefangenneh⸗ mung verſtrichen, als eines Morgens Frau Bockelſon un⸗ ter der Thüre ihrer Herberge im lebhaften Geſpräche mit dem Webergeſellen Rotger verkehrte.— Der ſagte, neben der Beſturzung eine gewiſſe Schadenfreude verrathend: „Das ſind ſehr unerwartete Geſchichten, die ſich begeben haben, da ich auf Kundſchaft in der Heimath geweſen. Alſo die Dirne, ſagt Ihr? Schade, daß ſie, indem ſie ſich erhenkte, die Sache im Zweifel lietz. Der eigentliche Urheber des Frevels iſt ſomit nicht an den Dag gekom⸗ men, obſchon ich, für mein Theil, keinen Augenblick zweifle, daß Euer Mann im Spiele geweſen ſey. Was hallet Ihr davon?“ Troßz ſeines leichtfertigen Blinzelns ſtimmte die Frau nicht in die Muthmaßung des Geſellen, verwies ihm ſeine liebloſe Rede, und ſprach:„Weil der Herr dazumal mein Herz noch nicht erleuchtet hatte, wie ſeither wohl geſche⸗ hen, habe ich Unglückliche freilich den erſten Stein auf meinen Gatten geworfen, aber nachhero bitter meine Un⸗ bill bereut.“ „Alles ſchön und gut, doch iſt er nicht umſonſt halb 174 verrückt oder ganz toll geworden. Das böſe Gewiſſen, Frau Miekje, das laſterhafte Bewußtſeyn— dieſe Gifte verwirren die Sinne.“ „Schweigt, und hört mir zu, wenn's Euer Ueber⸗ muth erlaubt. Die giftige Verläumdung der Menſchen kann ebenſowohl den Verſtand eines wackern Mannes er⸗ ſchüttern. Mein Jan iſt krank vom Bürgermeiſterhauſe gekommen. Der Schwager... nun, ein Kreuz vor allen Verwandten! hat ihn angelaſſen, wie man einen Mörder anfährt. Die Schweſter, durch ihre Bosheit, hat den Trumpf darauf geſetzt. Bockelſon zitterte ſchon im Fieber, da er heimkehrte, und mich gemahnte, als würde ich an der hitzigen Krankheit meinen zweiten Mann ver⸗ lieren, ſo wie ſie mir ſchon den erſten geraubt hat.“ „Kein Unglück, ſchöne Frau. Hier vor Euch ſteht bereits der dritte Mann, wenn's Euch einmal aefällig wäre.“ Miekje lächelte, halb geſchmeichelt, halb gerinaſchätzig, und fuhr fort:„Dennoch hätte vielleicht meine Pflege das Uebel beſeitigt. Ich grollte zwar dem Mann, da ich ihn für falſch hielt; aber die Ermahnung des Gottesmannes Rasmus, der ein Heiliger iſt, wie ſchmählich ſie ihn auch verläumden, die Heiden— hatte mich gerührt, und meiner Pflichten, ſelbſt gegen den Undankbaren, ein⸗ gedenk gemacht. Da geſchah es am ſelbigen Tage, daß Sie wurde von Kettengeklirr unterbrochen, das die Straße heran klang. Eine kleine Schaar gefeſſelter Män⸗ ner ging, von Söldnern geleitet, dem Thore zu. Mit einem Anfluge von Schreck zog ſich die Wirthin hinter ihre Thüre zurück und blinzte nur durch eine Ritze der⸗ ſelben. Rotger ſah, wie der Vorderſte im Zuge, im An⸗ geſicht der Schenke, die Augen wild rollend zum Himmel aufſchlug, und die gefeſſelten Hände drohend emporhob. Die Söldner trieben ihn mit ihren Gewehren vorwärts, im Thore verſchwindend. 175 „Habt Ihr ihn geſehen?“ fragte Miekje ihren Ge⸗ fährten halblaut.—„Wer war der Mann?“ fragte Rotger entgegen.—„Eben der, dem mein armer Jan ſeine boſe Krankheit und ſeinen Irrſinn verdankt. Denn um die Eſſensſtunde jenes Tages kam der Unglücksvogel, angekleidet wie ein Reiter, aber in fremden Herrenfarben, in unſere Schenke. Jan, nach dem er fragte, war nicht daheim. Der Menſch ſchien etwas verwirrt zu ſeyn. Er trank ein Kännchen nach dem andern, weinte daun ein Stückchen, dann lachte er hell auf; ſo daß ich, die in ihrem Schmerze zuerſt auf den Menſchen wenig Ach⸗ tung gegeben, ihn genauer zu betrachten begann, wobei er mir als wie ein Bekannter vorkam. Und wirklich trat er plötzlich vor mich hin, und fragte rauh:„Kennt Ihr mich nicht mehr, Frau?“—„Ich ſollte wohl, ſagte ich,„aber mir fäut nicht ein, wie und wer und wo?“ Da brüllte er auf:„Ich bin Hendrik Ridder; was habt Ihr mit meiner armen Natje gemacht?“ Ihr müßt wiſſen, daß es der alte Schatz und Liebhaber der Dirne war⸗ Ich fror an allen Gliedern; indeſſen kam mein Mann heim, und alſobald fiel ihn der tolle Reiter an, mit Schelten und Dräuen und thätlicher Mißhandlung, und beſchuldigte ihn, wie der Bürgermeiſter, und vermeinte, das Schwert entblößend, ihm den Todesſtreich zu ver⸗ ſetzen. Ich wehrte ab, ſo gut ich vermochte; der kranke, bebende Mann konnte ſich ſelber nicht helfen; die Nach⸗ barn, ſo herbeiliefen, guckten ſchadenfroh zu, und mein⸗ ten, dem Jan geſchähe nicht mehr als billig. Endlich, endlich kam die Wahrheit an den Tag. Da mein Jan ſich nicht anders retten konnte, ſagte er wehklagend:„An meinem Leben iſt mir ſelber nichts gelegen, aber mein Weib und mein Kind erbarmen mich. So will ich denn Euch ſagen, wer Natje's Verderber geweſen. Eine ge⸗ ringere Noth ſollte mir's wahrlich nicht entlockt haben.“ „Er wußte alſo„2 und ſchwieg ſo lange?“ 176 „Da entdeckte er uns, dem Hendrik und mir allein, daß ein Kaufmann von hier,„ Ihr kennt ihn wohl nicht ein gewiſſer Peter Bluſt, der ganzen Geſchichte Urheber ſey. Ich wurde ſchier ohnmächtig, denn der Bluſt iſt ein Vetter von mir, und ein Frommer im Lande, dem ich niemals ſolch Sceimenſtück zugetraut hätte. Der Hendrik nun wie ein Blitz auf und davon. Ich dachte mir, daß er ein Unglück anſtellen würde. Es dauerte auch nicht lang, ſo hörte ich, daß er ſeine alten Schul⸗ und Handwerksgeſellen zuſammenrottirt, das Gewölb des Bluſt geſtürmt, Alles im Hauſe verwüſtet, und den Krä⸗ mer, ihn zu tödten, aufgeſucht habe. Der war jedoch entkommen, und die Söldner des Raths haben, nachdem die Verwüſtung vorüber, alle die Stürmer beim Kopfe genommen, und Ruhe geſtiftet. Während dieſer Zeit aber lag ſchon mein Mann in der heftigſten Hiße dar⸗ nieder, und that, wie ein Wahuſinniger, welcher Zuſtand auch jezo, nach ſeiner ziemlichen Geneſung, zu Zeiten wiederkehrt, daß er anzuſchauen, bald wie ein fallſüchti⸗ ger, bald wie ein täppiſcher, oder wie ein wilder Narr. Er liest wohl immer in der heiligen Schrift, aber leider will das nicht helfen.“ „Armer Hendrik! den guten Jungen bedaure ich, Frau Miekje. Er hat für ſein geopfert Lieb Rache neh⸗ men wollen wie's einem Soldaten ziemt. Wenn ſie nur uicht zu hart mit ihm verfahren 2“ „Ach, mein Freund, Sie haben ihn des Landes ver⸗ wieſen und banniſirt, weil der Herzog von Cleve für ihn und ſeine Helfer ein gut Wort geredet, das ihnen das Leben ſchirmte. Was war auch zu thun? Natje iſt einmal todt, und Bluſt hat ſich gerettet. Daß er ſeine Habe zum Theil verloren, mag ihm als billige Straſe gelten, da er doch den Frevel beging, der Tuckmäuſer. Er hat ſich noch nicht wieder ſehen laſſen, und ich glaube meinem Mann Alles, da er das Geſtändniß der Miſſe⸗ 177 khat von dem Heuchler ſelbſt empfangen. Sie ſind beide „ich ſag's Euch im Vertrauen, Brüder der neuen Lehre, und haben zu Deventer oder irgendwo anders zu den Füßen eines und deſſelben Predigers geſeſſen. Jan würde ſeinen Mitbruder gewiß nicht verläumden; er würde ihn auch gewiß nicht verrathen haben, wenn nicht die Noth ſtärker geweſen wäre, als die Verpflichtung.“ „Nun, liebe Frau, Ihr glaubt, was Euch gut dünkt, und will ich den Glauben Euch nicht benehmen. Ich be⸗ trachte nur für mich in meinem Sinn, welch ein toller Schwindelgeiſt von Frevel und Verwilderung in die Menſchheit gefahren iſt. Ueberall Tumult und Wirrniß. Wenn Ihr wüßtet, wie es bei mir zu Hauſe zugeht! Ein Veitstanz, der die älteſten Leute nicht verſchont! denn ſogar mein graner Vater iſt rein beſeſſen; anders kann ich mir das Ding nicht erklären. Sie haben neu⸗ lich zu Warendorp die Kapelle geplündert, und mein Al⸗ ter, der ſich einen Evangeliſchen und Lutheraner nennt, hat mit eigener Hand einen heiligen Antonius in's Feuer geworfen, wie einen gewöhnlichen Holzblock.“ Während ſie des Geſprächs alſo pflogen, kamen zwei Männer langſam die Straße daher, und der kleinere von ihnen ſaate zum andern:„Von meinen werthen münſter“ ſchen Gaſtfreunden hab' ich wahrlich nicht gehört, was in ein Mausöhrlein ginge. Alles ſtil von ihnen, als wären ſie geſtorben. Ich hätte gern gewünſcht, demn Herrn Magiſter oder Doktor etwas Räheres mittheilen zu kön⸗ nen, aber die Unmöglichkeit...4 „Schon gut. Verſchont mich mit dem Titel, der mir nicht gehört, und der ſich zu meinem Kleide gar nicht mehr ſchicken wil.“ Rynald, der da redete, trug einen unſcheinbaren Soldatenrock.„Ihr ſolltet das auf den erſten Blick bemerkt haben, Meiſter Straateuer.“ Boshaft lächelnd meinte der Schneider:„Man weiß Der Koͤnig von Zion. I. 12 —— 178 heutzutage nicht mehr, was man ſehen und nicht ſehen, glanben und nicht glanben ſoll.“ „Wahr, Meiſter, ſehr wahr. Mein bitterer Mund beſtätigt gerne, was Ihr ſagt. Das Lrben iſt nur ein eitel Maskenſpiel. Trau, ſchau, wem! Wer mir vor ein paar Jahren geſagt hätte, daß dieſe glühende Bruſt vor der Wirklichkeit, gleichſam wie ein Feuerbrand im Eiſe, erſticken, vergehen, erkalten würde! O mein Va⸗ terland! warum hab' ich Dich verlaſſen? Setbſt in Dei⸗ ner Schmach, in Deinen Todeszuckungen biſt Du ſchöner als die Fremde. Außer der Heimath iſt kein Heil. Von außen— ich ſeh' es jetzt— läßt ſich der eigene Herd nicht retten. Mitleid, Gefühl, Trene wo find' ich in der Fremde dieſe Schäte? Diebe, um meine Wiege zu beſtehlen, Waffen, um mein Volk zu zerfleiſchen... Bosheit, um deſſen Untergang zu belächeln.. nichts anderes bietet das Ausland. Die Lehre hab' ich thener bezahlt in England, wo ich bald Hungers geſtorben wäre, und in Frankreich, wo ich diente um's liebe Leben! Die Fluth des Oceans wäſcht nicht von mir die Schmach, den Franzoſen gedient zu haben um Sold!— Wär' nicht ein Engel noch, der da lebt in der ſüßen Heimath— ein Engel, dem ich noch vertraue, obgleich mit einem zweifelvollen Herzen neben den Feldzeichen der Va⸗ lois, die ich auf der Grenze mit Füßen trat, hätte ich meinem Daſeyn ein Ende gemacht!“ „Ein deutſcher Narr,“ murmelte Straatener vor ſich hin,„ich bin jetzo froh, daß er ein Nachtlager in meinem Hauſe nicht angenommen.“ „Was ſagt Ihr, Meiſter? Vergebt, wenn ich, als ein Zerſtreuter, nicht hörte, was Ihr ſpracht.“ „s hat gar nichts auf ſich. Ich meinte nur, daß dort Eure Herberge ſich ſchon ſehen laſſe.“ „Richtig. Das wohlbekannte Haus. Auf dieſem 179 Flecke glaubte ich, von ihr Verzeihung gewonnen zu ha⸗ ben hier ſah ich ſie zum Letztenmale! Wie iſt mir aber, Straatener? Man erzählt ſich wunderliche Dinge von dem Hauſe.“ »Wunderlich, und auch nicht, wie man's nimmt. Ich hab' Alles vorausgeſehen. Laßt uns hier verweilen. Mich dünkt, die Wirthin ſtehe unter der Thüre, und ich will nicht gerne von ihr angeredet ſeyn.“ „Wie? Ihr, ein alter Freund des Hauſes 2 „Je nun, die Freundſchaft hält, ſo lange ſie kann. Der Umgang brachte keine Ehre. Den Leuten ging end⸗ lich, wie man ſagt, das Waſſer an den Hals, und ſie hätten aus dem Wellenſtrudel etwa nach meinen Händen gegriffen. Das wollt' ich vermeiden, und will es jetzo noch mehr.“ „Ja wohl. Im Unglück weicht jeder Freund. Das iſt der Welt Lauf.“ „Hm, das iſt natürlich. Hat doch ein Jeder ſein Päcklein zu tragen. So ich das meinige, wie jeder Au⸗ dere. An Eurer Statt ging ich in eine andere Schenke, in die Lilie 4 „Pfui der Lilien! Nein, ich bleibe meinem alten Wirthe getreu.“ „Der Burſche iſt vor Hochmuth, Liederlichkeit und Verbrechen närriſch geworden. Die Frau... nun, Ihr ſeht, wie ſie mit dem Fant ſponſirt. Ein rechtlicher Menſch ſetzt ſich nicht mehr in die verrufene Kneipe, wo die gehenkte Maad in der Kammer, am Brunnen das ermordete Kind ſpucken ſoll. Schaut, da zieht eine Truppe von Kohlenträgern in das Haus. Eine ſchöne Geſell⸗ ſchaft. Ich bin dran, den Bockelſon aus der Gilde wer⸗ fen zu laſſen.“ »Ihr könnt's. Hat er Euch doch zum Obermeiſter gemacht. Und mit einem Worte, ich glaube nicht, was von dem armen Mann gefaſelt wird. Ich glaub's nicht. Der Meiſter liebte ſtets die freien Kunſte und die edle Poeterei. Die Muſen ſind es aber, welche die Sitten mildern und nicht zulaſſen, daß ſie grauſam ausarten.“ „Ihr ſeyd noch jung, lieber Herr, und träumet nur von Roſen ohne Dornen.— Stocfiſch!“ ſegte Straa⸗ tener leiſe hinzu. Indeſſen hatte ihn der Student trotz ſeines Sträubens bis zu den drei Häringen gezogen, und redete die Wirthin an, die ihn ſchnell erkannte und freund⸗ lichſt begrüßte. Er zeigte auf den ſcheelſehenden Ober⸗ meiſter, ſagend:„Der gute Freund hier benutzt die Ge⸗ legenheit, Euch ſeine Dienſte nachbarlichſt anzutragen, liebe Frau; nicht weniger Eurem Manne, als deſſen Zunftmeiſter ihm verbunden und gewogen.“ Miekje verneigte ſich und verſetzte ſpitzig:„Wir haben den Meiſter lange nicht bei uns geſchen. Glaubt mir, Herr Rynald.“ „In Gedanken war ich ſtets bei Euch,“ antwortete Straatener mit bösartiger Beziehung. Ebenſo fraate ihn Miekje weiter:„Ihr werdet wohl der Sorge viel um Eure Lieben zu Harlem gehabt haben? Es geht Mat⸗ thieſens ſchlecht, wie's heißt 2“ Erroͤthend erwiederte Straatener:„Ei unn, ich danke Euch. Es geht aber Vielen noch ſchlechter, und fege Jeder nur vor ſeiner Thüre.“ Miekje überhörte mit Fleiß, fortfahrend:„Die gute Diwara; ſie that mir immer leid, daß ſie an den ver⸗ drießlichen Bäcker hat fallen müſſen. Das liebe Geſchöpf! Wir waren ſo zu ſagen Jugendgefährtinnen.“ „So zu ſagen, Fran Bockelſon. Denn, wenn ich nicht irre, war mein Kind um vieles jünger als Ihr. Diwara's Loos iſt noch nicht das beklagenswertheſte, ge⸗ wiß nicht, liebe Frau. Wenn auch Matthieſen in ſeinem Handwerke den Krebsgang einſchlug, ſo war's doch nicht 181 die Liederlichkeit, die ihn herunterbrachte, ſondern die Gottesfurcht, der Durſt— nicht nach Wein— ſondern nach dem göttlichen Wort.“ „Verlumpt iſt verlumpt,“ lachte Rotger:„ob ich über'm Begper, ob ich über der Bibel mein Gewerbe ver⸗ ſaume, kömmt auf eins heraus.“ „Wohl beſſer waͤr's,“ bekräftigte Rynald,„wenn Bür⸗ ger und Bauern frohmüthiger wären, als ſich mit den dunkeln Worten der Weiſſagung und Offenbarung, wie ſie in den heiligen Büchern zu leſen, beſchäftigten. Aber es iſt ein grauenhaftes Zeichen unſerer boſen Tage, daß alles Volk aus den geheimnißvollen Charakteren der Bi⸗ bel herauszugrübeln ſucht, was ihm ſein Verſtand nicht offenbart: Erlöſung und Errettung aus dem unſeligen Zuſtande, worinnen es leidet, das Menſchengeſchlecht, mit Leib und Seele leidet.“ „Der Marthieſen,“ fiel wieder Miekje giftig ein,„hat ja ſeinen Laden ſchließen und den Gläubigern Alles preis geben müſſen? Wohin iſt er gewandert mit der armen guten Diwara?“ „Ihr ſeyd ſchlecht berichtet,“ eiferte Straatener, den der Zorn algemach übernahm: Nichts ſchließen, nichts preisgeben! Eitel, thoricht, boshaft Geſchwätz, ſo lange der alte Straatener von Geldern lebt. Der wird ſein eigen Blut nicht ſtecken laſſen, wenn er auch muthwilligen Schuldenmachern den Beutel verſchloß. Sie können's ihm nicht vergeben, die Borger, aber er ſitzt ruhig, und bleibt ſtets der alte Straatener.“ „Ereifert Euch nicht,“ tröſtete Miekje, wie oben: „Der Gerechteſte entgeht der Verläumdung nicht. Was Wunder, daß die Einen von Euch ſagen:„Er iſt ein ſchaͤbiger Filz!“ die Andern:„Er iſt ein undankbarer, boshafter Mann!“ und etwa die Dritten:„Es iſt nicht Alles Gold, was gleißt. Der alte Straatener ſitzt auch nicht ſo grün, als er ſich ſtellt, und Mancher ſchon hat ſich mit Reichthum gebrüſtet, der dem Schuldgefängniß näher ſtand, als einer Tonne Goldes!“ Der hinterliſtige Streich, der nicht ſo ganz in's Blane geführt worden, ſondern einen wunden Fleck getroffen, machte den Obermeiſter wüthend. Mit ausgeſpreizten Händen wagte er einen Hahnenſprung gegen Miekje's Geſicht. Lachend fuhr Rotger dazwiſchen, und Rynald hielt den Wüthenden am Kleide feſt. „Laßt mich!“ zeterte Straatener:„Ich muß ihr die Augen auskratzen, der wüſten Lügnerin! Laßt mich! ſeht doch, mein Eidam! meine Diwara! mein guter Ruf! Matthieſen wäre davongelaufen? ha, ha! das macht mich luſtig, bei Gott!— Eure Fanſt weg, Weberjunge, oder„. Meine Diwara eine Bettlerin? ha, ha! das iſt zum Zerplatzen. Ihr reißt mir den Koller in Stücken, Herr Magiſter! Zieht nur Enern Mund krumm wie eine Sichel, Läſterzunge von einer Gelegenheitsmacherin! Ich beſchäme Euch und die ganze Stadt; denn heute, ja, ge⸗ rade heute werden ſie kommen von Harlem, die Mat⸗ thieſens. Gerade heute nehme ich mich mit dem letzten Heller um die Sache an, ihr Geſindel. Matthieſens werden wieder obenauf ſeyn, während ihr im Drillhäns⸗ chen florirt, ihr Volk, ihr Freihausleute, ihr... Die pobelhafteſten Beſchimpfungen erſtarben in ſeinem Munde, als plötzlich aus dem Innern des Hauſes Geheul drang, ähnlich dem lautklagenden Jammer, und wieder zu vergleichen dem wilden Gebrüll eines gereizten Thiers. — Erſchrocken horchten Alle im Hauſe. Es polterte Je⸗ mand mit unſichern Tritten die Treppe herab. „Mein Heiland! gebt Friede! er iſt's!“ flüſterte Miekje, kreideweiß werdend. Rotger und Rynald ließen von dem Obermeiſter ab, der, geſtreckten Halſes, über ſeiner Neugier ſeinen Zorn 183 vergeſſend, in die Schenke ſah. Die rußigen Trinkgäſte ruͤckten zuſammen, ſpitzten die Ohren, ließen die karteln⸗ den Fäuſte ruhen. Da ſprang, wie von einem Fußtritt, die Treppen⸗ thüre auf, und Jan taumelte herein. Sein Aublick war furchterregend. Aus dem grauen Nachtgewande ſtarrten ſo blaß der Kopf, ſo lang und hager die Hände, deren rechte eine Geißel, von Stricken zuſammengeflochten, ſchwang; die Linke trug mit angeſpannter Kraft das ſchwereingebundene Buch der heiligen Schrift. Die Au⸗ gen des von Krankheit und Begeiſterung Verzückten trieben ſich mit Gewalt aus ihren Höhlen, und muſter⸗ ten wild und irre, was ihnen ſich darſtellte. Nicht lange jedoch— und der Mund des ſeltſamen Wandlers brach ſchäumend in die Worte aus:„Stehet nicht ge⸗ ſchrieben, mein Haus ſoll heißen ein Bethaus allen Völ⸗ kern? Ihr aber habt eine Mördergrube daraus gemacht 26 — Zweimal wiederholte Jan denſelben Spruch mit ſtei⸗ gender Wuth, und fiel ſodann über ſeines Hauſes Gäſte her, die uuter ſeinen Schlägen, den Wahnſinnigen als ein Geſpenſt fürchtend, ihres Körpers Stärke vergeſſend und aufgebend, ſchreiend und wehklagend, davon eilten, und das Weite ſuchten.— Kaum hatten ſie die Schwelle hinter ſich, als Fan's Zoru ſich gegen die Geräthſchaften der Schenke kehrte. Er zertrümmerte, was ihm in die Hände fiel. Miekje, zitternd vor dem Verluſt, der ihrer Habe bevorſtand, rief mit gerungenen Händen:„Jan, was thuſt Du, biſt Du ganz raſend geworden? Meine Freunde, hilft keiner von Euch einem armen Weibe 2“ Rotger ſprang, ohne ſich zu beſinnen, auf den Wilden los, ihn zu packen. Straateuer, eine Gelegenheit ſuchend, ſeinen Grimm durch einige Mißhandlungen an dem Gilde⸗ bruder auszulaſſen, folgte dem Beiſpiel des Webers. Ry⸗ — 184 nald beruhigte bald die klagende Frau, bald rief er zu wiederholtenmalen und in vollem Schmerze aus:„O des Unſeligen, dem des Wahnwitzes Dämon die Worte des hetligſten Erlöſers in den geifernden Mund legt, gleichſam, um das Kreuz und das Evangelium zu ſchmähen! Wer hilft dem Unſeligen, dem Armen 2“ Es ſammelten ſich die Nachbarn um den läſternden. Kranken, um die wilden Helfer, die ſchlagend und ſtoßend ſich kaum vor Jan's Zähnen und Klauen ſichern konnten. —„Gebt Ruhe mit Euerm Heulen?“ ſagte Einer zu der Wirthin:„Der iſt nicht toll, der ſtellt ſich nur verrückt.“ „Ein trefflicher Komödiant, das muß man ihm laſ— ſen,“ hohnte Jockum van Geeſt, Jan's ehemaliger Spiel⸗ genoſſe. „Pah! pah! die Blutſchuld drückt ihm's Herz ab,“ bemerkte wieder ein Anderer, mahnend zum Himmel deutend. „Dumm Geſchwätze,“ eiferte Overcamp, der Weber: „Er bekehrt ſich; der gute Geiſt ſchlägt ſich in ihm mit dem Teufel und hat obgeſiegt; darum treibt er ſelber die liederliche Wirthſchaft aus, die er geſtiktet.“ „Ich glaube ſelbſt, daß der Gaukler uur Blendwerk treibt,“ meinte Rotger, der uber den gleichſam berechneten Widerſtand Bockelſon's nachgerade böſe wurde.— Da ließ ſich der Letztere mit einemmale ganz ſteif und ſtarr wie ein Scheit Holz darnieder gleiten, und röhrte ſich nicht. Seine Augen ſtarrten in die Höhe, als ſähen ſie nicht. „Er ſtirbt!“ zeterte Miekje, und riß die Haube ab, ihre Haare zu zerranfen. 3 „Sein Herz ſchlägt ruhia, und wie ein Glockenſchwen⸗ gel gleichmäßig,“ ſpottete Straatener:„Gebt eine glü⸗ hende Kohle her, daß wir den ſtarren Tod vertreiben.“ 185 Rohes Gelächter der Einen, murrendes Bedauern Anderer antwortete dieſem Vorſchlage. Indeſſen wurde eine klangvolle Weiberſtimme in dem Haufen der Neu⸗ gierigen laut:„Um des Herrn Gedächtniß willen, Vater! was macht Ihr da?“ Straatener ſchaute ſchnell auf, ließ die Feuerzange, die er ergriffen, fahren, und rief, halb gerührt, halb zornig:„Diwara? mein Kind? Wo ſteckſt Du, unge⸗ rathene Tochter 2“ »Und ſie werden ſeyn ein Leib, und der Mann ſoll ſoll ihr Herr ſeyn!“ antwortete eine gräulichtiefe Stimme aus dem Munde eines rieſenhaften Mannes, der neben Diwara ſtand:„Kommt heraus, Meiſter Straatener, wenn Ihr die Frau Matthieſen ſehen und begrüßen wollt.“ Der kleine Obermeiſter ging verdroſſen auf den thurm⸗ hohen Schwiegerſohn los, der zu ſeiner friſchen, üppigen Ehefrau ein wunderſames Seitenſtück abgab, mit ſeinem dicken und breiten Kopfe, umwildert von ſtraffen Mäh⸗ nen, wie die eines Leuen und mit ſeinen vorliegenden großen Augen, die bald in trübſter Melaucholie vor ſich hin glotzten, bald rothunterlaufen funkelten, wie eines lauernden gewaltigen Raubthiers. Die Begrüßung des Harlemer Ehepaars wurde unter dem Getümmel kaum von irgend Jemand bemerkt, als gerade nur von Miekje, die mit einer Hand- und Kopf⸗ bewegung gegen Diwara zu ſagen geſchienen hatte: O ſiehe, in welchem Elend Du mich findeſt!“ Alle Blicke waren auf Jan gerichtet, der, Diwara's Anrede verneh⸗ mend, mit den Wimpern gezuckt, ſeine Augäpfel bewegt hatte. Er rührte auch ſeine Glieder, wie zum Aufſtehen, und Rotger ſpottete eben:„Gottlob, daß er wieder aus dem Grabe ſteigt, der arme Lazarus,“ als ein plötzliches Zittern Bockelſon's Körper überlief, bei der Annäherung eines Menſchen, den er nur zu gut hinter den blinzelnden 186 Augeuliedern erkannte.— Peter Bluſt neigte ſein unbe⸗ weglich, wie aus Stein gehauenes Geſicht über ihn, und ſagte mit ſeinem gewöhnlichen Jeremiastone:„Mein Bru⸗ der, ſteh' auf und wandle; denn wahrlich: der Geiſt treibt mich, mit Dir zu reden“ Ohne Weigerung, mit offenen Ohren und niederge⸗ ſchlagenen Blicken folgte Jan dem Gebote.— Die Menge des Volks verſtummte, mit Ausnahme der Wirthin, die da kläglich aufſchrie:„Ach Vetter, was ſoll Euere un⸗ reine Gegenwart in dieſem Hauſe 26 und auf dieſe Rede gingen erſt wieder, leiſe gemurmelt, die Namen des Pe⸗ ter Bluſt und der Natje Zeredam, von allerlei Ausru⸗ fungen begleitet, in der Runde umher. Der Kaufmaun ſprach aber zu der Muhme hart: „Was hab' ich mit Dir zu ſchaffen, Weib? Komm, mein Bruder, denn, was ich Dir zu ſagen habe, iſt nicht für die Ohren der Ungläubigen und Heiden.“ Er nahm den Betänbten unter den Arm wie ein ſchwankendes Kind, und führte ihn nach ſeiner ihm wohlbekannten Schlaf⸗ kammer. Miekje folgte leiſe und von ihnen unbemerkt, bis au die Thüre der Kammer. Rotger hielt vor der Treppe Wucht, dem neugierigen Pöbel zu wehren, der den ganzen Raum der Schenke anfüllte, und, alles Zu⸗ redens des Studenten ungeachtet, nicht von dannen wich. Derweilen ſagte auf der Straße Matthieſen ganz ruhig, aber vernichtend, zu dem Obermeiſter:„Ihr ſeyd ein eckelhafter Knauſer und ein prahlender Geſell, der das Maul voll nimmt, während im Beutel nichts ſteckt. Ihr ſeyd ein Diener des Baal und Mammon, aber den⸗ noch ein blutarmer Hund auf Erden. Ihr wollt, ich ſolle Brode auf Brode kueten, wie Ihr Flicken aut Flicken ſetzet? Euer Ruhm iſt nicht fein. Wiſſet Ihr nicht, daß ſchon ein wenig Sauerteig den ganzen Teig verſäuert 2“ 187 „Ein Grobian, der ſeinen Schwiegervater läſtert,“ polterte Straatener ſeiner Tochter zu:„ein Narr, der in Gleichniſſen ſeiner Zunft redet. Juſt, als ob ich immer von Elle und Scheere faſeln woute.“—„Matthieſen, mein Herr, redet aus der heiligen Schrift, die Ihr nicht verſteht,“ antwortete ihm Diwara kalt.— Straatener ſtand auf dieſe Zurechtweiſung, die er von ſeiner lebens⸗ luſtigen Tochter nicht erwartet hatte, wie mit Waſſer begoſſen. Indeſſen hob in Bockelſon's Kammer und vor Miekje's lauſchenden Ohren Peter Bluſt ebenfalls ganz ruhig an: „Bruder, Du haſt durch Verläumdung und Lügen meinen irdiſchen Wohlſtand zertrümmert. Hendrik hat Alles be⸗ kannt; läugne nicht, denn ich verzeihe Dir, Bruder.“ Jan ſtammelte einige unvernehmliche Entſchuldigungen, und in Miekje's Adern wurde das Blut kalt, da Peter Bluſt trocken fortfuhr:„Bemühe Dich nicht; das wird einſtens wo anders entſchieden werden. Ich vergebe Dir, wiederhol' ich. Nur verlange ich freundlichſt von Dir, daß Du mir zurückſtelleſt, was ich Dir geliehen habe. Und wär' es nur die Hälfte oder ein Theil deſſelben; ich bedarf des Geldes dringend, weil ich nicht mehr hier unter den Heiden zurückbleiben will, denen ich auf ihre üble Nachrede immer nur antworten könnte: ich bin un⸗ ſchuldia. Sie würden's aber nimmer glauben.“ „Was verlangſt Du?“ fragte Jan auf einmal, ganz gefaßt:„Ich ſchulde Dir nichts, hab' keine Wiſſenſchaft von irgend einer Schuld.“ „Wie? Beſinne Dich, mein Bruder. An jenem, dem einzigen Tage, da Du mich beſuchteſt in meinem Ge⸗ wölbe,— am Tage, da Deine Frau bei mir geweſen „gab ich Dir nicht Geld auf Deine Klagen hin.. 26 „Du biſt im Irrthum, wahrlich: ich habe nichts von Dir empfangen.“ 188 „Die Schuld, ſo Du dem Kämmerer abtragen woll⸗ teſt. entſinneſt Du Dich nicht?“. „Wär' mein Gedächtniß in meiner Krankheit ſchwach geworden, ſo beweiſe mir's. Zeig' auf die Schrift, die ich Dir gegeben.“ „Welche Schrift?“ „Nun, die Verſchreibung, meine Unterſchrift, das Beweisthum, daß ich geliehen habe, von Dir geliehen. Du wirſt als ächter Kaufmaun nicht ohne Pfand und Handfeſte Dein Geld verleihen?“ „Jeho verſtehe ich Dich, Bruder. Ich ſche, daß Du biſt von bitterer Galle, und verknüpft mit Ungerechtigkeit. So hab' ich hier nichts zu thun, als den Staub von meinen Schuhen zu ſchütteln. Ich vergebe Dir.“ „Du biſt ſehr freigebig mit Deiner Verzeibung und Gnade, Peter Bluſt.— Wil ich jedoch eine Gunſt von Dir 2 Sind nicht Gerichte in der Stadt Leyden? Iſt nicht der Eid vorhanden, um Herz und Nieren zu prü⸗ fen? Ich erwarte Dich mit feſtem Fuße in den Schran⸗ ken des Rechts.“ Betrübt ſchüttelte Bluſt ſein Haupt, verſetzend:„Die Zeit iſt wahrlich um, da nichts mehr heilig iſt auf Er— den. Aber die Liebe hört nimmer auf, und mit ihr bleibt das Vertrauen ewiglich. Schickeſt Du mich gleich arm und hungrig von hinnen⸗— ſiehe, ich bin reicher als Du, und bitte Gott, daß Dir vergeben werde die Tücke Deines Herzens. Für mich wird der Vater ſorgen.“ Er ging, ohne länger zu ſäumen, hinweg. Draußen ſiel ihm Miekje weinend zu Füßen, und bat ihn, daß er von ihr annehme, was ihr Gatte ihm ſchmählich abge⸗ ſchworen. Er aber wies ſie ſtrenge von ſich, ſagend: „Weiche von mir, o Weib, und thue Buße mit Deinem Manne. Für mich wird der Vater ſorgen.“ Da er unten durch die Leute wandelte, kam oft zu 189 ſeinen Ohren:„Das iſt der, welcher Zerdam's Natje und ihr Kind verdarb!“ Er blickte jedoch ſauftmüthig um, und fragte:„Wer iſt es, der mich richtet, als nur der Herr allein? Richtet nicht den Unſchuldigen, meine Freunde.“ Die Nengierde, das Erſtaunen über ſolch ungewöhn⸗ liches Betragen machten das Volk beweglich, daß es dem Hinwandelnden nachlief, die Einen voll Hohn und Lach⸗ luſt, die Andern unwillkürlich durchdrungen von Ehr⸗ furcht. Der lange Matthieſen, durch das Geſchrei auf— merkſam gemacht, ſchlu ſeinen Scwäher auf die Schulter und ſprach, dem Peter Bluſt nachdentend:„Der iſt ein rechter Apoſtel, der auen Reichthum hinter ſich läßt, um den Herrn zu ſuchen, und wie jener Mann macht es auch der unwürdige Knecht Gottes, der vor Dir ſteht, alter Heide.“ „Ihr nehmt Euch ſehr viel heraus gegen den Vater Eures Weibes,“ ſtotterte Straatener von Geldern. Matthieſen lächelte verächtlich, warf die dicken Lippen vornehm anf:„Was kann die ſchmutzige Muſchel dafur, daß in ihr die Perl gedeiht? Dank' ich's dem Aehren⸗ ſtengel, ſo auf ihm ſechzigfältiger Waizen wächst?“ „O weh, da iſt er abermals in ſeine Bäckergleichniſſe gerathen!“ ſeufzte Straatener, und wollte ſich die Ohren zuhalten. Mattbieſen riß ihm die Hände davon weg und ſagte ihm vernehmlich und gelaſſen:„Du alter Wucherer haſt vergebens geſucht, mich in Deine Klauen zu ver— wickeln. Der Geiſt hat mir eingegeben, daß ich mein Handwerk liegen laſſen, meine Gerechtigkeit und Kund⸗ ſame verkaufen ſolle. Ich hab's geſtern gethan, und ziehe jetzt in die Welt, das wahre Evangelium zu lernen und ſodaun zu verbreiten.“ „Alle Heilige, ſteht bei mir!“ rief Straatener ent⸗ ſeht:„iſt das wahr, meine Tochter?“ „Er hat's geſagt,“ verſetzte die Andächtige mit einem ſchwärmeriſchen Blick auf ihren Gatten.— Zum andern Male ſtand Straatener verſteinert; daß er kaum lallen mochte:„Kind, Kind, was iſt mit Dir vorgegangen?“ „Der Herr, der ewige Vater hat uns erleuchtet nach langer Nacht der Trübſal und Unwiſſenheit,“ entgegnete Matthieſen:„Wie Saulum hat er uns von dem Thiere der Ueppigkeit geſturzt, um uns zu heiligen. Wir ziehen aus, das neue Jeruſalem zu ſuchen, zu erwarten. Wir ſind nicht die Einzigen. Der Berufenen ſind noch meh⸗ rere auf dem Wege.— Wir ſagen Dir und Deinem Reichthum Lebewohl, alter Zöllner und Sünder.“ „Lebe wohl, Mann, den ich auf Erden meinen Vater nennen muß,“ ſetzte Diwara hinzu:„der Vater im Him⸗ mel möge auch Euer Herz erleuchten.“ „Bevor wir jedoch ſcheiden,“ fuhr Matthieſen fort, „gelüſtet meinen Geiſt, den Jan Bockelſon kennen zu ler⸗ nen, von dem hier zu Leyden und auswärts ſo Vieles geſprochen wird, unter den Ungläubigen. Dies iſt ſein Haus. Komm' Diwara, laß' uns eintreten.“ Straatener warf ſich Beiden entgegen, und flehte: „Geht nicht in dieſes Haus. Es iſt ein Winkel, den ehrliche Leute nicht mehr betreten mögen. Es iſt ein Haus des Unfriedens und der Schande.“ „Deſto beſſer, alter Heide. Des Vaters Sohn hat gerne ſolche Stätten durch ſeine Gegenwart geheiligt; denn, wo Sünde iſt, wird Buße gedeihen, ſobald der Geiſt kömmt.“ „Diwara, mein Kind, mein liebſtes Kind! in welcher Verblendung ſagſt Du Dich los von allen Banden des Bluts? Diwara, höre mich; geh' wenigſtens Du nicht in dieſes Haus. Folge Deinem Manne mindeſtens nicht in jenen Pfuhl!“ „Er iſt mein Herr,“ antwortete Diwara kurz, und 191 Straatener, ſeinem giftigen Unwillen nicht mehr gebie⸗ tend, drehte der Tocter mit einer Verwünſchung den Rücken zu, und rannte die Gaſſe hinab.— Matthieſen und Diwara gingen in das verrufene Haus. Sie fanden Miekje mit zerrütteten Haaren, in Ry⸗ nalds und Rotgers Armen hängend, und ſchreiend:„Hel⸗ fet mir! rettet mich! Er kommt, mich zu tödten; er hat meinen Untergang geſchworen, um ſeinen Freveln die Krone aufzuſetzen.“ Vor der Erbebenden ſtand plötzlich ihr Gatte, im leichten Wanderrock, den breiten Hut über der Schulter, einen Stab in der Hand, unter'm Arm die Bibel.— Miekje verbarg vor ihm das Angeſicht. Diwara, die nur mit Mühe aus Johanns Zügen das Bild des Lehrknaben herausfand, das ihr einſt ſo ſehr gefalen, hing an ihm mit den Augen.— Sein Autlitz war gefaßt und ernſt; keine Spur von Verrücktheit oder von Zorn auf ihm zu ſehen. Strenge klang jedoch ſeine Rede, da er begann: „Weib, fürchte Dich nicht. Meinen Geiſt gelüſtet nicht nach Deinem Tode. Deine Zeit iſt noch nicht um; aber, da Du noch einmal gezweifelt an mir— berückt von der frechen Verläumdung eines falſchen Apoſtels und von den Schlangenzungen der Ungläubigen, ſo verſtoße ich Dich, indem ich mich ſelbſt verbanne. Sieh' hier meinen Rock, ſieh' hier meinen Stab. Beide brachte ich in Dein Haus; ich nehme nur dieſe beide mit mir hinweg. Demuth iſt mein Stecken, bis die Weiſſaaung ſich erfüllen, und der Herr das Schwert in meine Hände geben wird. Wäre es ſchon jetzo mir zu Theil, Du hätteſt Deine Strafe erlitten. aber— Demuth iſt noch heute mein Stab. Beſſere Dich; mich, ſeinen unwürdigen Sohn, wird der Vater leiten.“ Matthieſen trat raſch auf ihn zu, ſtarrte ihn lange an, und ſagte, ihn umarmend:„Du wirſt ein Ruͤſtzeug 192 Gottes werden. Gib mir den Bruderkuß.“—„Ich kenne Dich ſchon lange; im Geiſte kannt' ich Dich,“ entgegnete Jan mit Salbung:„ich grüße Dich, Bruder Matthieſen.“ „Segne dieſes Weib, Johann!“ Matthieſen deutete auf Diwara, die ſich vor Jan auf die Kniee warf. „Diwara!“ rief Johann mit großer Bewegung;„weun eines Sünders Segen fruchtet, ſo empfange ihn mit Glauben“ Miekje zerfloß in Thränen der Unruhe und des Zwei⸗ fels, und lief zur Thüre hinaus. Rotger ſtieß den Stu⸗ denten an mit den Worten:„Wie gefällt Euch des Ko⸗ mödianten Poſſenſpiel 2“ Rynald warf ihm jedoch einen ſtrafenden Blick zu, und murmelte:„Ihr ſeyd eine ge⸗ meine Natur, guter Freund. In dieſem Manne liegt Großes verborgen, und bereitet ſich herrlich vor.“ Ein Stadtknecht ſtreckte den Kopf in die Schenke? „Meiſter Bockelſon, der Quartenier*) ſendet mich. Die Nachbarn klagen über Unfug in Eurem Hanſe. Ihr wollt Euer Weib mißhandeln, jagt Eure Gäſte zur Thüre hinaus 2 Ich ſoll's nicht leiden, Meiſter; aber Ihr möchtet kommen, Euch zu verantworten.“ „Geh' hin!“ herrſchte ihm Jan zu:„Geh' hin, Büt⸗ tel des Landpflegers! ſage, Du habeſt mich geſehen, da ich die Schuhe ſchnürte, aus Ninive zu wallen.“— Der Stadtknecht ſtand mit offenem Manle. Jan, der den Rynald an ſeiner Seite erkannt hatte, ſprach zu demſel⸗ ben ſanft und leidend:„Ihr ſeht mich, gelehrter Herr, im Kleide der Knechtſchaft, da Ihr mich doch im hoch⸗ zeitlichen verließet. Aber durch Staub und Aſche führt der Weg nach dem herrlichen Zion. Bin ich nicht zu vergleichen dem fluͤchtigen Hirſche, den Jäger und Hunde verfolgen durch den Wald voll ſilberner Stämme? Aber *) Hauptmann des Viertels. 193 wahrlich: es wird ſich erfüllen, was der Geiſt befohlen, und wenn die Tyrannei ihre Beile mit tauſend Armen führte. Ich will nicht reden von der Hydra, denn das iſt ein heidniſch, giftig Gleichniß, und wer glaubte wohl an das Thier mit hundert Köpfen? Aber ſchlaget und ſchneidet den Erlenſtamm, und aus dem Stumpf wird wachſen eine ſechsfältige Erndte von Bäumen. Alſo das nene Iſrael, das ſich aus ſeinem eigenen Blut erzeugen, in ſeiner Schmach ſelber veredeln wird; damit ein neu Geſchlecht Davids aus der Wurzel ſchlage, und als ein heller Morgenſtern aufgehe!“ Rynald ſchlug in die dargebotene Hand. Matthieſen umarmte auf's Neue den ſchnell gewonnenen Freund. „Du wirſt ſeyn ein Aelteſter im neuen Zion und ſitzen neben mir!“ rief er prahleriſch:„folge uns in die Welt, laß Alles dahinten, gleich mir; folge uns!“ Jan wollte den Mund zu einer Frage öffnen, als ein volltönender Geſang über die Gaſſen erſcholl, und ein langer Zug von Männern, Weibern und Kindern erſchien, Wallfahrern zu vergleichen; doch ſangen ſie nicht der Wallfahrer Lieder, ſondern von den neuen Geſängen, darunter manche wunderliche zu hören. Vor den mit Zwerchſäcken und Reiſebündeln Beladenen ſchlich ein todt⸗ bleicher, ausgemergelter Mann in einem härenen Gewand. „Wer ſind die Menſchen?“ fragte Rynald, Rotger und Jan ſelber. Matthieſen verſetzte feierlich:„Sie ha⸗ ben ihre Heimath verlaſſen, um den Heiden zu entfliehen, um den Heiland zu ſuchen. Ihr Zug geht nach Weſt⸗ phalen und Oſtfriesland, wo die herrlichſten Kanzeln des Evangeliums errichtet wurden, damit ſie lernen, und ſo⸗ dann aus Jüngern Apoſtel werden. Der ſie führt, iſt Peter Schomaker, der heilige Mann, und ich rechne mir's zum Verdienſte, ein Schüler dieſes Auserwählten zu ſeyn. Emden, Aurich, Osnabrück, Paderborn und Der Koͤnig von Zion. I. 13 Münſter werden dieſes Häuflein gleich zerſtreuten Scha⸗ fen aufnehmen, und in ihre Herzen den Saamen des wahren Chriſtenthums legen. Folge uns, Jan Bockelſon.“ „Folge uns!“ wiederholte Schomaker ſelbſt, der mit ſeinem Zuge vor den drei Heringen anhielt, und die Sänger ſchweigen machte:„Sohn einer frommen, heiligen Mutter, thue Buße wie wir, und ſuche den Vater. Es iſt geſchrieben, daß Dir Großes vorbehalten. Wirf Alles hinter Dich und ſchleppe das Kreuz. Die Armen werden reich ſeyn, und Manna wird träufeln, unſern Hunger zu ſtillen.“ Jan zauderte muthlos. Die Bewohner der Stadt ſtrömten auf's Neue zuſammen. In den Gaſſen wogte und tobte Alles.„Wiedertäufer, Wiedertäufer!“ ſchvieen Pöbel und Gaſſenjungen, ohne zu wiſſen, was dieſes Wort bedeute. Stadtknechte flogen nach dem Rathhauſe, die Bürgermeiſter zu berufen. Die Quartierhauptlente wollten den Schwarm auf den Straßen zerſtreuen; ver⸗ gebens. Die Waller erhoben wieder ihre Stimmen im Ge⸗ ſang. Mitten hindurch ſchrie Miekje aus dem obern Fenſter des Hauſes, ihr Kind zeigend:„Jan, Jan! was willſt Du thun? Bleib', verlaſſe mich nicht, und Dein Kind!“ Er ſah ſich ſchnell um, und ſtrauchelte, indem er ſich eben ſo ſchnell, die Hände vor den Augen, abwendete: „Thut mir die Dirne, thut mir das blutige Kind weg,“ murmelte er. Seine mit Verbrechen beſudelte Einbil⸗ dungskraft zeigte ihm nicht Miekje und ihr Kind, ſon⸗ dern die Geſpenſter der Natje und ihres Säuglings. „Chriſte, Herr, erlöſe uns!“ ſangen die Waller. Einige brüllten überlaut:„Büßet! beſſert euch! krenziget euch!“ — Und darauf das Volk:„Schlagt ſie todt, werft ſie * in's Waſſer!“ Viele darunter:„Laßt ſie ziehen, die Elenden. Gott ſteh' ihnen bei!“ „Ein neuer Bund!“ rief wieder Schomacker, Juns Rechte erfaſſend, während Matthieſen ſich der Linken be⸗ mächtigte:„Ein neuer Bund, ein ſtarker Bund! Es folge uns, wer mit dem Zeichen des Bundes geheiligt zu werden ſtrebt!“ „Geſchwinde, geſchwinde, ehe die Bürgermeiſter kom⸗ men,“ riethen diejenigen unter dem Volke, die es mit den Sektirern hielten, und drängten ſich um ſie, als eine Leibwache. „Welch Geſindel!“ lachte Rotger, und ſummte vor ſich hin das weſtphäliſche Sprichwort:„Reiten und Rau⸗ ben, das iſt keine Schande! das thun ja die Beſten im Vaterlande!“ „Darum eben bedarf es eines neuen Bundes,“ ent⸗ gegnete Rynald mit flammenden Augen, ſeine Lieblings⸗ gedanken wieder heftig erfaſſend:„Wenn nicht vom hohen Himmel gegen die Zwingherrſchaft im Vaterlande das Heil und der Sieg ausginge— von wannen dann? Ja ein neuer Bund, ein ſtarker Bund!“ „Wir gehen, Jan! ſoll meiner Mutter Weiſſagung an Dir zu Schanden werden?“ fragte Schomacker mit fanatiſcher Wildheit.— Von dem Sturm, der zu Zei⸗ ten ſein Gehirn ergriff, hingeriſſen, Natje's Geſpenſt fliehend, nach Diwara's Reizen ſtrebend, Verfolgung und Strafe fürchtend, ſprang Johann Bockelſon von ſeiner Schwelle in den Haufen, und zog mit ihm von dannen. „Bringt ihn zurück, bringt ihn zurück, um Gottes⸗ willen!“ wehklagte Miekje, und Rynald eilte, ihre Bitte zu erfüllen, dem Zuge nach; aber— wie der räthſel⸗ hafte Schwindel des Veitstanzes, wie die Raſerei der Geißler einſt anſteckend und verheerend auf Tauſende ge⸗ wirkt, die anfangs nur Zuſchaner zu ſeyn begehrten, ſo ſchleppte der Wahnſinn derer, die den Vater ſuchten, auch den Studenten mit hinweg, daß er ganz vergaß, wieder umzukehren.„Münſter! Münſter! gen Münſter!“ Die⸗ ſer Gedanke, dieſe unendliche Sehnſucht brauste in ſeinem Hirn, vor ſeinen Ohren, lechzte aus ſeinem Munde.— Und alſo zogen ſie hin, damit die Verheißung erfüllt würde. Ende des erſten Bandes. In unſerem Verlage iſt erſchienen: Vater Goriot. Familien⸗Gemälde aus der höheren Pariſer Welt. Nach dem Franzöſiſchen des Balzac. Herausgegeben von Friedrich v. R. 2 Bände, 8. br. 2 Thlr. oder 3 fl. 36 kr. Einer Novelle, deren Verfaſſer Balzae iſt, eine Em⸗ pfehlung vorausgehen laſſen, würde die gebildete deutſche Leſe⸗ welt ſehr geringſchätzend behandeln heißen. Kaum war dieſe Novelle in der„Revue de Paris“ erſchienen, als ein beſonderer Abdruck davon gemacht werden mußte, mehrere Auflagen ſich raſch einander folgten, und ſelbſt die Theater dieſen höchſt intereſſanten Stoff zum Vaudeville benutzten, und die herbeiſtrömende Menge durch unausgeſetzte Vorſtellungen unterhielten. Daher glaubt der Herausgeber dieſer deut⸗ ſchen Bearbeitung auf den Dank des größern vaterländi⸗ ſchen Publikums rechnen zu dürfen. Almanach für's Luſtſpiel. Zuſammengeſteltt von . Ch. Baron Zedlitz. Erſter Jahrgang. s. br. auf milchweißem Velin⸗Papier 2 Thlr. oder 3 fl. 30 kr. Inhalt: Bürgerlich und Romantiſch von Bauernfeld. — Die Frau von dreißig Jahren von Roſier.— Luft⸗ ſchlöſſer von A. F. Weidner. „Das Repertvir der deutſchen Bühne wird von Jahr zu Jahr ärmlicher; dieſer Uebelſtand drängt ſich auch dem ober⸗ flächlichſten Beobachter des Theaterweſens beim erſten Blicke auf!«— So beginnt der Herausgeber ſeine Vorrede, und der Wunſch, dieſem Mangel einigermaßen zu Hülfe zu kom⸗ men, hat ihn zur Zuſammenſtellung dieſes Almanachs ver⸗ anlaßt. Derſelbe wird keine Gattung des Luſtſpiels, vom feinen Intriguen⸗ und Charakterſtück bis zur Poſſe aus⸗ ſchließen, demnach Jedermann Unterhaltung gewähren, und ihm auch der gediegene Literator ſeine Aufmerkſamkeit ſchenken. Dabei ſoll das praktiſche Vühnenbedürfniß durch⸗ aus nicht aus den Augen verloren werden, ſo daß die Theaterdirektionen hier zu den geringſten Koſten ein brauch⸗ bares ſorgfältig gewähltes Repertvir für die komiſche Bühne erhalten, das ſie im Manuſeripte ſich für theures Honorar anſchaffen müßten, woneben ſie nicht Gefahr laufen, Stücke zu erhalten, die den Anforderungen der Bretter nicht ent⸗ ſprechen. Die Meberſchwänglichen. Komiſcher Roman von L. Bauer. 2 Bände 8. br. 3 Thlr. oder 3 fl. 15 kr. Die Widerſprüche und Kämpfe der Zeit haben uns ſchon ſo vielen Verdruß gemacht, daß es wohl kein unbilliger Wunſch iſt, wenn wir auch einmal darüber lachen möchten. Zu dieſem Genuſſe ladet der Verfaſſer obgenannten Ro⸗ mans männiglich ein, vorausgeſetzt, daß man ſich entſchlie⸗ ßen will, zu thun, wie er gethan hat, Philoſophenmantel, Amtsrock, Brille und Buch auf die Seite zu legen und wie ein zufällig ins neunzehnte Jahrhundert gerathener Wan⸗ dersmann mitten in das Getümmel hineinzublicken. Bald wird ſich's zeigen, daß die Grillen vergehen und der Groll verſchwindet. Denn in dieſem Buche findet der günſtige Leſer, wenn er anders ſich lieber ergötzen als erzürnen mag, ein naturgetreues, buntfarbiges Gemälde der Thorheiten ſeiner Zeit in ihrer ganzen Ueberſchwänglichkeit und wird uns, wenn er das Buch aus der Hand legt, Dank wiſſen, daß wir es ihm dargeboten haben. Bilder aus Schwaben von A. Zoller. 8. br. 1 Thlr. 6 gr. oder 2 fl. Wie Wilibald Aleris in den Wiener Bildern das Leben und Treiben der deutſchen Kaiſerſtadt, führt der Verfaſſer dem Leſer Tableaur aus einem andern nicht we⸗ niger intereſſanten Theile Süd⸗Deutſchlands vor. Dieſes Werk liefert Bilder und Blätter, Früchte der Anſchauung und Wahrnehmung aus Würtemberg, begleitet mit witzi⸗ gen, humoriſtiſchen und geiſtreichen Bemerkungen. Es wird hinreichen, das Intereſſe darzuthun, das dieſe Schrift bei Allen erregen muß, die gern bei einem lebhaften und tref⸗ fenden Volks⸗ und Sittengemälde verweilen, wenn wir die Rubriken hier aufzählen, welche vom Verfaſſer beliebt wor⸗ „ den ſind: Die Mundart;— die Komödie und Muſik in ihrem Volkscharakter;— das Kunſtgetriebe;— die Dichter;— das Arbeitsleben;— die vier Jahreszeiten und Schönheiten Schwabens;— die Vereine;— die Gelehrten und Erzie⸗ her;— der Adel;— die hohe Geſellſchaft und die Geſell⸗ ſchafts⸗Ariſtokratie;— Bürger und Volk nach Geſellſchafts⸗ Beziehungen;— Frömmler und Sektirer;— Buntes Surporte beim Ausgange. Stuttgart. Hallberger'ſche Perlagshandlung.