C. Spindlers Werke. Wohlfeile Ausgabe. Zwei und fünfzigſter Band« Enthält: Der König von Zion. II. Mit Konigl. württembergiſchen und Königl bayeriſchen aller⸗ gnädigſten Privilegien. Stuttgart, Hallberger'ſche Verlagshandlung. 1840. Der König von Zion. Romantiſches Gemälde aus dem ſechszehnten Jahrhundert von C. Spindler. „Der Menſch iſt ein eitel, trotzig und verzagt Ding.“ Sirach Stuttgart, Hallberger'ſche Verlagshandlung. 1540. Der Prophet Johann zu Münſter. Drittes B uch. 1532— 1533. Zehntes Kapitel. Weihnachtszeit zu Muͤnſter. Die letzte Feſtwoche im Jahre war eingetreten; eine Zeit, die in Weſtphalen gebührend gefeiert zu werden pflegte. Doch hatten ſich die bürgerlichen Verhältniſſe des Bisthums Münſter und vor Allem die der Haupt⸗ ſtadt ſo wunderlich geſtaltet, daß die Eintracht nicht mehr vorhanden war, die allein die heitere Weihnachts⸗ feier zu ſchmüͤcken und zu beleben im Stande iſt. Das alte Muͤnſter, reich an Bürgern, Gut und Gelde, vornehm an Herkommen ſeiner edeln Geſchlechter und ſeiner edeln Stiftungen, fröhlich und üppig, eben weil es reich und vornehm, hatte zu Ende des Jahres 1552 ſeine äußere und innere Geſtaltung ganz verändert. Die Ordnung auf Straßen und Plätzen, in Kirchen und Stif⸗ tern, auf dem Rathhauſe und in den Wohnungen der Bürger war verkehrt; Gaſtfreundſchaft, die alte Tugend des Landes, war verbannt, weil die Sippſchaften ſich ge⸗ ſpalten, weil Haus für Haus ſich mißtrauiſch auf ſich ſelbſt beſchränkt hatte. Es gab wohl Gaſtereien, aber ohne Gaſtlichkeit, Verſammlungen ohne Vertrauen, Ge⸗ ſellſchaften ohne Anmuth und Zeitvertreib. Die Männer ſaßen lärmend und tobend, Krieg und Frieden verhan⸗ delnd, in Herbergen und Schenken, oder die Köpfe zuſam⸗ menſteckend bei geheimen Zuſammenkünften, oder brütend, ſchwindelnd, Aufruhr und Umſturz predigend, in ſtillen, verborgenen, halb andächtigen, halb rebelliſchen Genoſſen⸗ ſchaften.— Die unruhigen, neuerungsſüchtigen Weiber ahmten ihren Männern oder ihren Vätern nach, denn auch ihnen ſchien das neue Evangelium eine Freiheit zu verheißen, wonach ſie begierig geizten. Die gelaſſenen, bedächtigen und einem frommen Wandel ergebenen Frauen zogen ſich zuruͤck, und fanden ſich nur ſelten zur Beſpre⸗ chung der traurigen Zuſtände in der Vaterſtadt bei ir⸗ gend einer Freundin ein, die mit ihnen gleiche Anſichten hegte, und in deren Gemächer aufgereizte und ungeſtüme Partheigänger keinen Zutritt hatten. Ein Haus dieſer Art war die Herberge zur Roſe, in der Aegidienſtraße. Frau Wernecke, die Wirthin, hatte die Sorge für die Einkehrgäſte in die Hände eines rüſti⸗ gen Verwandten niedergelegt und ſich in dem Oberſtock eingerichtet: denn ſie war ſchon ziemlich alt, ſchwerfällig und kränklich geworden. 5 In ſolcher Wittweneinſamkeit ſind die Freuden ſpär⸗ lich zugemeſſen; dennoch war Frau Wernecke heiter und zufrieden. Die Munterkeit ihrer früheren Jahre hatte nicht von ihr Abſchied genommen; ihre Zunge war gelenk, wenn ſchon die Beine nicht mehr gehorchten; ihr Sinn war gerade, feſt und ſchlicht geblieben, wie vordem. Da⸗ her hatten auch ihre Freundinnen ſie nicht verlaſſen, und der eigentliche Troſt ihrer Augen und ihres Alters, ihre Enkelin, des Malers zum Ringe hübſche Angela, kam 9 oft und gern zu der luſtigen Großmutter, die ſo viele und ſchöne Dinge aus älteren Zeiten erzählte. Nach dem Beſuche ihres Beichtvaters und Freundes, des nunmehrigen Cuſtos im Maurizſtifte, Herrn Hermann Sibing, welcher im Gemüthe der Roſenwirthin als ein Wesweiſer zum himmliſchen Leben allen Erdenkindern voranſtand, war Angela's Beſuch ihr der liebſte. Die emporblühende Jungfrau, ihrer Mutter ſo ähnlich, vom Vater ſo verſchieden, hatte in vollem Maße die Liebe geerbt, die einſt Frau Wernecke ihrer jüngſten Tochter bis zu deren frühem Tode erwieſen. Angela war hier⸗ durch obendrein das Band geworden, das ihre Großmut⸗ ter noch in etwas an den Schwiegerſohn, den Maler Lüdger, zu knüpfen vermochte. Die ſchlichte Bürgerfrau war allerdings nie recht wohl mit dem Künſtler zufrie⸗ den geweſen, weil ſie ſich niemals in ſeine Launen und Sonderbarkeiten hatte finden können. Sie lobte nur zwei Dinge au ihm, daß er Angela's Vater, und daß er nicht zu einer zweiten Ehe geſchritten. Von dieſem letzteren Umſtande ſprach ſie auch am Spätnachmittage des Weihnachtfeſtes, da Angela vor ih⸗ rem Stuhle im Erkervorſprung ſtand, ihre fetten Hände ſo zärtlich umfaßt hielt und ſo freundlich in ihre Augen ſah, die noch lebhaft glänzten, obgleich ſie vor Alter ſchon vom Blauen in's Graue ſpielten. Sie ſagte bewegt, die gute Großmutter:„Es war bieder, daß er Dir keine Stiefmutter gegeben, Engelein. Eine Stiefmutter iſt ein Kreuz für die älteren Kinder, und gewöhnlich ſelbſt dem Wittwer ein ſchlechter Erſatz.— Aber jetzo, liebes Schäf⸗ lein, waͤr's bald an der Zeit, Dich zu verändern. Du biſt wohl noch ſehr jung, aber bereits viel zu alt, um in der Junggeſellen-Haushaltung Deines Vaters zu ver⸗ bleiben. Ja, wär' er ein Mann, wie andere! Jedoch in ſeiner Sorgloſigkeit ſpricht und thut er ſo Manches, und läßt er von ſeinen neuen Freunden und Geſellen in ſeinem Hauſe ſo Manches ſprechen und thun, das für eine züchtige Dirne keine Schule der Ehren iſt. Ich will nur von dem abſcheulichen Schwören reden, das er ſich ange⸗ wöhnt hat, wie ein Rabe das Stehlen. Ich will nur von der Ketzerei reden, worein er ſich allgemach zu ver⸗ ſenken ſcheint, wie mir geſagt wird. Das Alles iſt nicht geſund für Dich.“ Angela nickte traurig und verſetzte:„Liebſte Groß⸗ mutter, Ihr habt nicht Unrecht, ob es ſchon nicht ſo arg iſt, als die Leute ſagen. Des Vaters Heftigkeit iſt Euch von jeher bekannt; dabei iſt er jedoch der beſte Menſch. Ich habe ſchon erlebt, daß er einen Bettler zehnmal in einem Athem verwünſchte, und alsdann— kaum war ſein Zorn vorüber— ſeine ganze Baarſchaft dem Men⸗ ſchen hingab.“ „Das iſt das Benehmen eines ſehr unweiſen Mannes. Alles zu ſeiner Zeit.“ „Er iſt aber einmal ſo, Großmutter. Wir werden ihn nicht ändern und müſſen's mit Geduld ertragen. Was nun die Irrthümer angeht, von denen Ihr geſpro⸗ chen, ſo hab' ich freilich mit Leidweſen bemerkt, daß Leute bei uns aus- und eingehen, die, was den Glauben be⸗ trifft, in übelm Geruch ſtehen. Auch offenbare Lutheri⸗ ſche ſind darunter. Ich weiß nicht, was ſie unter ſich verhandeln; aber der Vater hat mir's einmal in die Hand hinein verſprochen, daß er nicht und nimmer von dem wahren Glauben weichen wolle.“ „Ach, die Gelübde leichtſinniger Männer„ was find ſie heutzutage? Lockere Vögel lieben die Verände⸗ rung, ſind ſchwankend, wie das Schilf im Teiche, ſingen heut das Hochamt mit aus voller Bruſt und näſeln mor⸗ gen Ketzerlieder ab. Dein Vater iſt um kein Haar beſ⸗ ſer, als alle ſeines Gleichen.“ „Sagt mir nur, was ich thun ſoll. Ihr werdet doch nicht verlangen, daß ich meinen Vater verlaſſe 2. 11 „Du wirſt es doch einmal müſſen, liebe Seele. Ver⸗ berge nicht Dein Erröthen, es iſt eine Zierde jungfräu⸗ licher Wangen. Ich meine eben, daß Du bald thun ſoll⸗ teſt, was Du jedenfalls einſt thun wirſt. Suche Dir einen wackern Mann aus. Ein ſolcher iſt in trüben Zei⸗ ten, wie die unſerigen, eine Stütze für das Weib; ein wahrer Herrgott, ſag' ich Dir. Es wird noch böſe kom⸗ men, glaub' mir, Angela. Was nützte Dir in einem all⸗ gemeinen Sturme Dein Vater, der ſelber mit dem Strome ſchwimmt, ein leichter Strohhalm2“ Angela betrachtete verlegen die Löwenköpfe an der Lehne des Seſſels ihrer Großmutter, und ſagte zerſtreut: „Ich bin noch ſo jung das iſt nicht Euer Ernſt... ich kenne nicht Einen, der mir gefiele...“ Bei den letzten Worten verſiegte ihre Stimme allmählig. „Sie werden ſchon kommen,“ meinte Fran Wernecke lächelnd,„weiß ich doch ſelber einige recht empfehlens⸗ werthe Jünglinge, die gerne ihr Wort anbringen würden, der junge Kerkering, der als Kaufmann in Hamburg dient und bald wieder heimkömmt, der Elias Redeward, des Mühlmeiſters Sohn,— der erbt einmal drei Müh⸗ len. Noch einen ſag' ich Dir, aber ganz in Heimlichkeit und Vertrauen, Heinrich Mennemann, der Luchhändler, ein Vetter vom alten Johannes Mennemann, ein eifriger Katholik; er hat das ſchönſte Haus im Judenfelder Vier⸗ tel als ein freies Eigenthum, und iſt ſchon einmal zum Bierherrn in den Rath gewählt worden, hat's aber aus⸗ geſchlagen. He, meine Tochter 2“ Angela entgegnete etwas trutzig:„Der Kerkering iſt mir nicht bekannt; einen Müller mag ich nicht, und der Bierherr iſt älter als vierzig Jahre.“ „In den beſten Jahren alſo,“ nahm die Roſenwirthin eifrig das Wort,„in der Blüthe des männlichen Alters, Du vorwitziges Aefflein von neunzehn Sommern. Neun⸗ zehn Sommer! du lieber Gott! da ſind wir noch oben⸗ 12 hinaus und nirgends an, aber, wie bald, wie bald zer⸗ rinnt Schönheit und Geſtalt! Und der Müller iſt Dir zu ſchlecht, und weil Du den Kaufmann nicht kennſt, ſagſt Dn gleich Nein? O Du verzogenes Mägdlein! haſt doch den Eigenſinn Deines Vaters geerbt?— Nein, ich irre mich, Deine Mutter war noch eigenſinniger, ſonſt hätte ich ſie nie dem Herrn Lüdger gegeben. Aber des ſtolzen Meiſters Hochmuth haſt Du zugewogen bekom⸗ men, biſt eine rechte Bogenjungfer geworden*), ſeit Du am Markte wohnſt. Ein Freier, der weniger iſt als ein Edelmann, gefällt Dir ſchon nicht? Einer aus der Rit⸗ terſchaft, oder mindeſtens ein recht Vornehmer unter den Erbmännern?**) Da würdeſt Du Dich allenfalls noch beſinnen, he26 „Ihr thut mir ſehr Unrecht,“ antwortete Angela be⸗ trübt.„Ich bin kein hoffärtig Ding, möchte lieber eine demüthige Kloſterfrau ſeyn, als eines Landdroſten Weib.“ Die Großmutter wollte ſchon begütigend einlenken, als ſich der erwartete Beſuch anmeldete, mehrere Freun⸗ dinnen der Wernecke, verheirathete Frauen, junge und aͤltere; ſodann einige Jungfern, ehemalige Schulgefäbrtin⸗ nen von Lüdger's Angela. Sie kamen, um das Weih⸗ nachtsfeſt mit einem mäßigen Schmauſe zu begehen. Angela hatte an ihrer Großmutter Statt die Pflich⸗ ten der Hausfrau zu verſehen, und flog davon, den Tiſch zu beſchicken, nach den Speiſen zu ſehen, die ſilbernen Flaſchen zu füllen.— In einem weiten Kreiſe um die in ihrem Seſſel thronende Großmutter verſammelten und ſetzten ſich die Geladenen rauſchend nieder; die Meiſten der Gaſtgeberin vertraut und geheim; die Minderzahl *) Weil die Haͤuſer am Markte von den anſehnlichſten Leuten bewohnt waren, und im Erdgeſchoſſe offene Bogengaͤnge haben, nannte man die Bewohnerin derſelben Bogenfrauen und Bo⸗ genjungfern. *) Erbmaͤnner, Patrizier. 13 ſolche, die von der Einladung auszunehmen nicht anſtän⸗ dig geweſen wäre. Die Vorzüglichſten der Geſellſchaft befanden ſich am nächſten dem kleinen Erkervorſprunge, eine Frau mit langen und ſteifen, aber ehrlichen Geſichtszügen, die Gat⸗ tin des reichen Tuchhändlers Knipperdolling; neben ihr Anna, ihre Tochter aus erſter Ehe, deren roſiges Antlitz eben ſo viel Leichtſinn verrieth, als das der Mutter ge⸗ heimen Kummer ausdrückte; ferner Margaretha Tuneckens, eine Grobſchmiedin, und rüſtiges Mannweib; Lisbeth Dreier, eines vermöglichen Webers Frau; Hilla, ihre Bruderstochter, eine ſchwärmeriſch blickende, tief in ſich ſelbſt verſunkene Jungfrau von ſtattlichem Aeußern. Die Kürſchnerin Stahlhoven, eine Tochter der Roſenwirthin, an Dickleibigkeit mit ihr wetteifernd, aber von trägem Geiſte; Meta Michelſen, eine alte Jungfer und Bet⸗ ſchweſter, die unerbittlichſte Zunge und allzeitfertige Neuig⸗ keitsträgerin der Stadt; endlich einige unbedeutende Wei⸗ ber, die als Nachbarinnen geſchätzt, und als Geſellſchaf⸗ terin nie unerträglich wurden, weil ſie meiſtens nur zu⸗ hörten, und höchſtens ein„Ja“ oder„Nein“ von ſich ga⸗ ben.— Am Ende der ganzen Reihe ſaß die am ſpäteſten Gekommene, noch ſehr jung an Jahren und von der rei⸗ zendſten Geſtalt, an Hoheit und Ungezwungenheit einer Edelfrau zu vergleichen, die Gattin des Reiner Harder⸗ wick, eines Mannes, den die halbe Stadt für reich, die andere Hälfte für abgewirthſchaftet ausgab, und den im Grunde Niemand recht leiden mochte. In dem Geſichte der ſchönen Eliſabeth lag viel Entſchloſſenheit neben viel Herzensgüte, und ihre düſtere Stirne, die auf manchen übel verhehlten Unmuth ſchließen ließ, eine Miſchung von Trotz und Leiden, machte ſie um ſo anziehender. Nachdem die Witterung beſprochen, und die Rede auf den Feſttag gekommen, hob Meta an, wiederzuerzählen, was am Vormittag die lutheriſchen Prädikanten von ih⸗ 14 ren Kanzeln verkündigt hatten.„Die Läſterung,“ ſagte ſie heftig,„wird immer unverſchämter. Hat ſich nicht der gottloſe Rottmann ſogar unterſtanden, am heutigen Feſte vor ſeinen Anhängern und thörichten Schafen zu behaupten, die Taufe der Kinder ſey nicht nur unnütz, ſondern ein Frevel zudem, und eine Sünde 24 Ein Schauer des Entſetzens ging durch die ganze Ver⸗ ſammlung. Die ledigen Töchter allein horchten gleichgüt⸗ tig zu, und über Anna's Lippen fuhr ſogar ein kaum be⸗ merkbares Lächeln. Die Roſenwirthin ſegnete ſich, ſprechend:„Ja, ja, es wird noch kommen, wie es Zeichen und Wunder bereits verkündigt haben. Wer von Euch ſich noch des Jahres ſiebzehn erinnern kann, wird mir beipflichten. Ich meine, es ſey erſt geſtern geweſen, ſo lebhaft ſteht vor meinen Augen das fürchterliche Himmelszeichen, das im Jenner damaligen Jahrs am hellen Vormittag ſichtbar wurde. Drei Sonnen zugleich ſtanden über der Stadt, und wa⸗ ren alle drei von großen blutigen Schwertern durch⸗ ſtochen.“ „Ja, wir entſinnen uns wohl,“ riefen mehrere der Weiber.—„Das iſt ſchon gar lange her!“ meinten an⸗ dere. Worauf die Wernecke bedächtig:„Wohl iſt es lange her, aber fuͤnfzehn Jahre ſind gar wenig, ſind nichts im Meere der Ewigkeit. Und haben ſich nicht jene Zeichen als ſchreckliche Herolde beſtätigt? woher kamen die leidi⸗ gen Kriege mit den Bauern im weiten deutſchen Lande, die Metzeleien und Vertilgungen ſo vieler adeligen Ge⸗ ſchlechter? Und die Ketzerei von Wittenberg, nahm ſie nicht dazumal ihren Anfang und Beginn? Die Bilder⸗ ſtürmer, die ſchändliche Rotte, wann verwüſteten ſie die armen Gotteshänſer, wenn nicht dazumal, traurige Vor⸗ läufer jetziger Sünden 26 Aus den ſtrengen Augen der Knipperdolling ſchoßen Zähren. Meta Michelſen machte die anderen ſchadenfroh 15 aufmerkſfam darauf. Frau Wernecke wendete ſich jedoch alſobald tröſtend zu der Bekümmerten:„Weine nicht, Du Kreuzträgerin, und hoffe auf die Güte des Schöpfers aller Welten, der auch Deinen Mann von ſeinen leidigen Irrthümern zurückbringen möge! Dir haben wahrlich meine Worte nicht gegolten, und ich denke, keine von uns werde ſie alſo gedeutet haben, denn es iſt ja welt⸗ bekannt, daß nur der Zwang Deines Eheteufels Dich in die ketzeriſchen Predigten jagt, und daß Du ſtets von Herzen gut katholiſch geblieben.“ Die Dreier, die Tuneckens und die Harderwick um⸗ ringten beſchwichtigend die Traurige. Sie richtete ſich aus ihrem Schmerze auf, und drückte dankbar die Hände der Tröſterin, vornehmlich die der ſchönen Eliſabeth: „Ihr wißt, was Leiden ſind; Ihr verſteht mich ganz, und ich danke Euch,“ ſagte ſie ergriffen, und umarmte das junge Weib. Unterdeſſen begann die Stahlhoven bequem und breit: WDie drei Sonnen ſind mir entfallen fammt den blutigen Schwertern, aber der engliſche Schweiß ſteht mir im friſchen Angedenken. Heilige Mutter! wie ſtarben da die Leute weg, wie Sommerfliegen im Herbſte! Mein Se⸗ liger— geſund und friſch ging er aus— todt oder halbtodt wenigſtens brachten ſie ihn mir nach Haus. Und er ſchwitzte und ſchwitzte, und kaum hatt' ich ihn wacker zugedeckt, damit er das Gebreſten vollends durchſchwitze Trude! rief er noch einmal, und war weg. Das hatte gewiß etwas zu bedenten.“ Die Tuneckens fiel ein:„Ei was! ſchau hin, ſchan her, der engliſche Schweiß war die Peſt, und die Peſti⸗ lenz iſt der Tod, und eine Strafe Gottes war's. Mit der Strafe war jedoch dazumal die Zeche abgemacht. Was ſagt ihr aber zu dem Schweifſtern, der im vorigen Herbſtmonat ſeine Ruthe über das Münſterer Land aus⸗ geſtreckt hat 2“ 16 „Den hat mir mein Mann erklärt,“ entgegnete die Dreier,„mein Mann weiß von Sternen zu reden. Jener ſaß aber unter dem Sternbilde des Löwen, unter deſſen Bruſt, unter dem Stern, den man den Baſilisk nennt, wenn ich meinen Mann recht verſtanden habe. Aber der Löwe bedeutet immer Unglück für unſer Land, und das Ganze will heißen, daß ein fremder König mit Heeres⸗ macht in Münſter fallen werde, zu ſengen, zu morden und zu plündern.“ „Das hat mein Mann auf den Biſchof gedeutet, der dazumal zu waffnen anfing,“ bemerkte die Knipperdolling ſchüchtern. „Ja,“ hob plötzlich Hilla an,„der Biſchof iſt ein Fremder, und liegt vor unſeren Thoren, wie ein ſchwar⸗ zes Ungewitter.“ „Pfui doch!“ begann wieder die Dreier verwundert, „wer heißt Dich in unſer Geſpräch plappern? Schweige, vorwitzige Dirne. Du haſt nur zuzuhören.“ „Freilich,“ fügte Meta giftig hinzu,„nehmt ein Exempel an der Jungfer Anna, die noch kein Wort ge⸗ ſprochen.“ Anna verneigte ſich geſchmeichelt. Ihre Mutter flü⸗ ſterte in die Ohren der Roſenwirthin:„Mir iſt bange um die Dirne. Immer ſchweigt ſie und iſt verſchloſſen, aber ich ahne ein leichtfertig Gemüth unter der kalten Decke. Still Waſſer, betrüglich Waſſer.“ Zuſtimmend nickte die Wernecke, dann ſagte ſie:„Wir kennen den Biſchof freilich noch nicht, und, wie die Sa⸗ chen leider jetzv ſtehen, wird er wenig Luſt haben, uns kennen zu lernen; aber dennoch iſt er uns kein Fremder, ſondern ein beſonderer Lehnsherr unſerer Stadt und ein geiſtlicher Vater uns allen, weil er, wie das Herkommen verlangt, von dem Domkapitel erwählt, und von dem heiligen Vater zu Rom beſtätigt worden iſt.“ „Er ſoll ein ſtrenger Herr ſeyn, und zürnet un⸗ 17 ſeren Aufrührern und Lutheriſchen ſehr,“ ſeufzte die Stahlhoven. „Und ſollte er nicht, bei allen Sternen?“ rief die Tuneckens,„iſt noch einem Biſchof alſo übel mitgeſpielt worden? Er befiehlt uns, die Ketzer zu verjagen, und wir thun's nicht. Er befiehlt uns, ihm zu huldigen, und wir laſſen's bleiben. Wo nähme ich, ein elend Weib, die Langmuth her, die der Graf von Waldeck beweist? Die Landtage, die er ausgeſchrieben.. halt, daß ich ſie herzähle, der zu Wolbeck, der zu Dülmen, und die Geſandtſchaft hieher nach Münſter. was haben ſie gefruchtet? Wir haben ihn aufgezogen, den guten Biſchof, und das Uebel iſt immer ärger geworden. Der Schwarze weiß, wie's zugeht, aber das neue Unkraut wuchert wie die Peſt. Ich habe fünfzig Freundinnen verloren, die zu den Prädikanten gelaufen ſind. Viele thun's freilich nur aus Furcht„ „Ja wohl,“ ſeufzte die Knipperdolling halblaut. „Aber mittlerweile,“ fiel die Roſenwirthin ein,„geht's immer ärger zu. Die Kirchen entweiht, das Domkapitel verjat „Die Pfarrer vertrieben, die Klöſter bedrückt und er⸗ brochen klagte Meta Michelſen. Sodann die Dreyer:„Ein anderer Rath, andere Zunft⸗ meiſter,— die Dörfer von unſeren Leuten geplündert, unſere Ochſen und Hirten vom Biſchof gefangen!“ Die Stahlhoven:„Zwei lutheriſche Prediger im recht⸗ gläubigen Nonnenſtift Ueberwaſſer! Ein Klingelbeutel, um die falſchen Lehrer zu bezahlen!“ Meta unterbrach mit vielem Feuer:„Verſteht ihr die Frechheit der Weiber des Severius und des Lerting? Sie betteln ſelber für die Baalspfaffen. Unſere Prieſter müſſen verhungern, dürfen nicht mehr den Mund aufthun, müſſen ſogar die Soldaten bezahlen, die von den Auf⸗ rührern gegen den Biſchof geworben ſind. Das iſt him⸗ Der Koͤnig von Zion. I. 2 18 melſchreiend, und der Rottmann ſammt ſeiner Höllenrotte zieht umher, ſuchend, wen er verſchlinge und zu ſeinem gottloſen Abendmahl verführen möge. Denkt euch, er theilt Brocken von Waizenbrod als Hoſtien aus, und gibt den Kelch darnach, ſo voll mit Wein als Einer nur will 1« Die Dreier rief:„In ſeinem weiten Aermel ſchleppt er die Brode mit ſich. Darum heißen ihn die Buben in der ganzen Stadt nur den Stuten⸗Berendt!“*) Hilla ausgenommen, lachten Alle herzlich. Knipper⸗ dollings Fran ſogar erheiterte ſich bei den abenteuerli⸗ chen Erzählungen, die nun folgten; wie Rottmann es manchmal noch kürzer mit dem Abendmahle haite, und eine Schüſſel voll Brodbrocken nur mit Wein übergieße, und alsdann ein Jeder nach Belieben zulange; wie er allnächt⸗ lich ſchwelge und mit ſeinen Kanzelgenoſſen die geweihte Hoſtie verunehre; und was der Mährchen fernere ſind, die der Haß erzeugt und verbreitet. „Wißt ihr,“ nahm Meta gellend das Wort,„daß der Syndikus Viger geſtorben iſt?“—„Ah! geſtorben 26 ſchrieen die Meiſten auf. »Er iſt mauſetodt; in Ems liegt er begraben,“ fuhr Meta fort:„Man munkelt viel. Er ſoll im Bade er⸗ ſtickt ſeyn 4 „Glaublich. Es hat ihn ja ſchon einmal in ſeinem Garten die Hand Gottes berührt, und deshalb war er zur Herbſtzeit nach dem Bade gefahren,“ ſchaltete die Wernecke ein. „Er hat ſein Weib mit einem Buhlen überraſcht, und es hieß, der Rottmann ſey es geweſen,“ erzählte die Tuneckens. „Der gottesfürchtige Mann!“ ſpottete Meta.„Nun, das ſtimmt zum Anderen. Man ſagt, die Frau habe dem armen gebrechlichen Syndikus den Kopf unter's Waſ⸗ ſer geſtoßen, und ihn alſo im Bade erſäuft.“ *) Stute, Semmel. 19 Gemurmel des Abſcheus unter den verſammelten Frauen, nur Anna lächelte, und Hilla nahm keinen An⸗ theil, mit ihren Gedanken beſchäftigt. „Und kurz, man ſagt, ſie wolle den Rottmann heira⸗ then!“ ſchloß Meta heftig, und das Gemurmel verdop⸗ pelte ſich. „Gott ſteh' uns bei!“ ſeufzte die Roſenwirthin,„wenn auch bei uns die Prediger ſich vermählen, dann iſt der Welt Ende nah. Solche Schamloſigkeit fehlte noch.“ „Der Biſchof wird keine Gnade mehr walten laſſen!“ verſetzte die Tuneckens.„Weh uns, er iſt uns nahe, er ſitzt in dem Städtlein Telgte, nur eine Meile von hier, und ſpricht nur leiſe noch von Verſöhnung. Wie wird's uns gehen! Er hat den Landtag zu Telgt mit viel bewaff⸗ netem Volk umgeben, und ſtürmt die Stadt bei'm gering⸗ ſten Hohn, den wir ihm neuerdings anthun.“ Die Knipperdolling ſchüttelte den Kopf. Die Roſen⸗ wirthin neigte ſich zu ihr, fragend:„Iſt denn auf dem neuen Landtage zu Telgte wieder verhandelt worden um Friede und Ausgleichung?“—„Ja freilich, aber ich fürchte..«—„Wie? wäre noch keine Hoffnung, den unſeligen Zwiſt beigelegt zu ſehen?“—„Ich fürchte, nein. Denn„ aber Du mußt mich nicht verrathen, liebe Wernecke?“—„Nein, nein, ſag' nur an.“—„Sieh, ich habe von Ungefähr gehört, wie in unſerem Hauſe ge⸗ redet worden iſt„ die Wortführer kommen alle zum Knipperdolling„„„ aber er ſagt mir gewöhnlich nichts von Allem„ ich babe alſo gehört, daß etwas gegen den Biſchof ſelbſt im Werke iſt.“—„Gütiger Heiland! wenn ich den guten Herrn warnen könnte„.16— „Das wird nicht möglich ſeyn. Nach dem, was ich ver⸗ nommen, müſſen jetzt die Thore ſchon geſchloſſen ſeyn, und Niemand, wer es ſey, darf die Stadt verlaſſen.“ „Wenn es Euch beliebte, werthe Frauen und tugend⸗ ſame Jungfern.. 2“ rief Angela zur Seitenthüre her⸗ 20⁰ aus, die ſich aufthat, um auf eine zierlich geſchmückte, roth und weiß gedeckte Tafel die Ausſicht zu gewähren. Die Roſenwirthin hatte es darauf angelegt, ſich als eine wohlhabende Frau zu zeigen. Der Imbiß, ſo ein⸗ fach er war, galt als ein fürſtliches Leckermahl. Von hellen Kerzen beſchienen, funkelte das reiche Geſchirr dop⸗ pelt prachtvoll, Sitber, wohin die Gäſte nur blickten, und dazwiſchen die verdeckten Schüſſeln von der feinſten delff⸗ tiſchen Töpferarbeit, Credenzbreter von Ebenholz und Elfenbein, venetianiſche Pokale mit vergoldeten Helmen und Greifenklauen. Was die kunſtreichen Hände der Nbiederländer Seltenes gearbeitet, was die abenteuerliche Einbildungskraft der wälſchen Künſtler Sonderbares und Wunderliches erfunden, und der Handel vom adriatiſchen Meere in's kalte Nordland befördert, ſtand hier beiſam⸗ men, als ein Zeuge bürgerlichen Wohlſtandes. Deun viele der beſſeren Häuſer in Münſter waren eben ſo reichlich beſtellt, und der Ueberfluß war in der Biſchofsſtadt kein unbekanntes Ding. Ein Platz am Tiſche blieb unbeſetzt, der zur Rechten der Roſenwirthin.„Ich erwartete meinen hochwürdigen Gewiſſenspfleger, den Cuſtos Sibing,“ ſprach die alte Frau,„doch iſt die Stunde ſchon ſpät, und ſchwerlich dürfte der Herr mehr erſcheinen. Seiner Geſchäfte ſind in ſo trübſeligen Zeitläuften gar viele. So manche fromme Seele dürſtet nach ſeinem Labewort und Troſt. — Setze Dich daher nur an meine Seite, liebe Kuipper⸗ dolling. Wir halten ja ſchon am Längſten zuſammen, gelt? Rückt an meine Linke, Dreierin. Tuneckens, Meta, Stahlhoven, nehmt Platz. Die Wandtſcheerers Lisbeth— vergebt, Frau Harderwich, daß ich Euch noch manchmal mit dem Jungfernnamen beläſtige, aber ich bin vergeßlich, und es iſt ja noch nicht ſo lange, daß Ihr zum heiligen Ehſtand Euch bekehret— die Eliſabeth alſo ſetze ſich zu den Jungfern an's End des Tiſches. 21 Sie plaudert gern mit dem jungen Volk, ging mit allen dreien, die gegenwärtig, in die Schule. So. Ein Platz wird freilich immer noch übrig ſeyn, und der bleibe auch für einen Gaſt, den uns der Himmel etwa beſcheert; oder es ſetze ſich darauf ein Engel, unſer Weihnachtsmahl un⸗ ſichtbar zu heiligen.“ Es geſchah, wie Frau Wernecke es verordnete. Wäh⸗ rend des Eingangs der Mahlzeit, da von den geſalzenen Fiſchen und den gewürzten Sulzen gekoſtet wurde, die zum eifrigen Speiſen reizen ſollten, blieb die Geſellſchaft ziemlich ſchweigſam. Sobald jedoch die rothe Liſchdecke von der weißen genommen war, und die Gerichte aufge⸗ ſetzt wurden, wonach der Weiber Gaumen am meiſten gelüſtete, die Eierſpeiſen, die ſüßen Leckereien, Backwerk von allen Gattungen, die goldgelbgebratene Gans und das Lamm von Zucker und Manteln, das an dieſem Tage nicht fehlen durfte— da belebten ſich alle Zungen auf's Neue. Die Matronen begannen wieder, die Zeit und ihrer Männer Fehler durchzuhecheln; die Jungfrauen, und mit ihnen die ſchöne Eliſabeth, redeten viel und ſchnell von dem Verfall der ſchönen Kleidertrachten, von dem unangenehmen Aufkommen der ſchwarzen und der grauen Farbe an Frauenkleidern, von Gürteln und Schnallen, von Schuhen und Schäplern*). Das Geſpräch zu be⸗ flügeln, gingen die kleinen ſilbernen Becher voll Muska⸗ tellerweins tapfer im Kreiſe; die hohen Pokale, da keine Männer gegenwärtig, ſtanden nur zum Prunke da. Auf einmal vernahmen die Plaudernden ſchwere aber raſche Tritte über die Treppe herankommen. Die Tafel⸗ runde war plötzlich ſtill. Die Schritte kamen näher; eine vertraute Hand klopfte an die Thüre des Vorge⸗ machs. Angela eilte hinaus, den Beſucher zu empfangen. Der Cuſtos im St. Morizſtifte war's, und kaum erkannte *) Schäpler, Hütchen, chaperon. 22 ihn des Malers Lochter. Sein ehrwürdiges Geſicht flammte, ſeine gewöhnlich ſo ruhigen und klaren Augen blitzten beinahe feindſelig, und ſeine Stimme bebte vor innerer Bewegung, da er der Geſeuſchaft den„guten Abend“ bot. Seine Erſcheinung trieb alle Frauen von ihren Seſ⸗ ſeln. Eine jede bot ihm ihren Platz. Er ſetzte ſich je⸗ doch neben Angela, und ſprach, die Wernecke und ihre Freundinnen zur Ruhe winkend:„Laßt mich hier, wackere Frauen. Es iſt nichts geeigneter, ein empörtes Herz zu beſchwichtigen, als die Nähe und Nachbarſchaft eines frommen engelreinen Kindes. Wir eheloſe und einſame Leute wiſſen das recht gut, und mir iſt ein ſolcher Bal⸗ ſam um ſo nöthiger, als ich mich in einem Zuſtande fühle, der dem Zorne nah verwandt iſt, und Zorn iſt eine große Sünde, die ich vermeiden möchte.“— Er lüftete die Krauſe um ſeinen Hals, faltete die Hände, und ſtarrte vor ſich hin. 3 „Was hat es denn nur wieder gegeben?2“ fragten ei⸗ nige der Weiber halblaut. Der Cuſtos vernahm jedoch die Frage recht gut, und antwortete, immer noch gereizt: „Sünden, ihr Frauen, wachſende Sünden. Gott ſegne dieſe Nacht und verzeihe denen, die gerade dieſe Nacht ausgeſucht, ſie mit Frevel zu beflecken.“ „Erzählt, ſagt uns, hochwürdiger Herr„. wir bit⸗ ten Euch riefen Meta und die Tuneckeus. „Du wirſt nun erfahren, was ich gern verſchwiegen hätte,“ raunte die Knipperdolling der Roſenwirthin zu. Sibing begann:„Ich wäre nicht hier an Eurem Tiſche erſchienen, ſehr würdige Frau, trotz Eurer freundlichen Einladung, mir iſt nicht zu Mutie wie einem, der ſchmau⸗ ſen und ſich beluſtigen möchte. Wohl allen denen, deren Herz noch leicht und dabei unſchuldig; ſie mögen der Freude genießen, wenn auch der Donner über ihnen rollt, wenn auch der Boden unter ihnen bebet. Ich darf nicht 23 heiteren Sinnes mich rühmen, denn mir iſt ſchon lange die Bruſt von Seufzern geſchwollen, und ich trage bereits in der Ahnung die blutige Bürde der Zukuuft, aber. ich bin auch nicht unſchuldig, denu ich, ich habe die Schlange groß gezogen, deren Stachel uns vergiftet.“ Nach einer Pauſe, in welcher kein Athemzug gehört wurde, fuhr der Cuſtos forr:„Vernehmt, was mir be⸗ gegnet. Ich hatte einigen Gläubigen in aller Stille den Leib des Herrn gebracht, und wurde vor das Thor ge⸗ rufen, zu einem Kranken, der nach mir ſich ſehnte. Die Wohnung deſſelben iſt bei den Windmühlen vor dem Lüd⸗ gerthore, und weil es ſchon anfing, zu dämmern, ſo eilte ich, meinen Weg anzutreten, um ſodann bei guter Zeit an dem Servatiusthore vorüber in mein Stift heimzukeh⸗ ren. Wie groß war jedoch nicht mein Erſtaunen, als ich das Thor mit doppelten Wachen beſetzt und bereits ver⸗ ſchloſſen fand. Alles Zureden half bei den wilden Sold⸗ knechten des Hauptmanns Kilian nicht das Geringſte. Es ſey Befehl von Rath und Zünften, ſagten ſie, daß Nie⸗ mand, wer es auch ſey, die Stadt verlaſſe. Auf meine Frage, warum der außerordentliche Befehl gegeben wor⸗ den, wurde mir nur Hohngelächter zur Antwort. Den⸗ ſelben Beſcheid erhielt ich an den Thoren des heiligen Servatius und an der Moritzpforte. Beſtürzt ging ich in das Innere der Stadt zurück. Da begegnete mir Herr Caspar Judefeld, und vertraute mir in Kürze, daß heute ein Bote von Telgte mit einem Schreiben der Stände an den Magiſtrat und die Gildemeiſter gekom⸗ men ſey, daß man deuſelben widerrechtlich aufgehalten und einen gewaffneten Zug nach Telgte beſchloſſen habe, um den Biſchof ſammt den Erſten des Kapitels und der Rir⸗ terſchaft zu fangen, damit die böſen Händel auf dieſe Weiſe ihr Ziel erreichen möchten. Raſerei auf der Seite der Rebellen, Angſt und Schrecken auf Seiten der Gut⸗ geſinnten offenbaren ſich durch die ganze Stadt. Die 24 Cleriſei des Doms, der noch einzig und allein von den Eingriffen der lutheriſchen Parthei verſchont geblieben, fürchtet jetzo das Aergſte, und hat ſich innerhalb der Ringmauern des Domplatzes, in ihren Häuſern verram⸗ melt. Ich konnte dort keinen Eintritt gewinnen, und habe mich alſo hieher begeben, um in dieſem Hauſe eine Freiſtatt für die böſe Nacht zu finden.“ „Entſetzlich! mörderiſch!“ jammerten die Weiber. Der Cuſtos fuhr fort:„Welch ein Schauſpiel wurde mir, als ich mich dieſer Herberge näherte? Alle Rädels⸗ führer unſerer Wirrniſſe ſtehen in den Gaſſen vertheilt, Fackeln und Pechpfannen werden entzündet, der wilde Knipperdolling, der ungeſtüme Kerkering, Tylan, der ein⸗ äugige Rieſe, Nochleus, der gefährliche Schütze, laufen hin und wieder. Rottmann, an der Spitze ſeines Troſ⸗ ſes, predigt auf dem Markt den Mordzug als ein ver⸗ dienſtlich Werk. Ein Haufe von Wüthenden, der meine prieſterliche Tracht beim Fackelſchein erkannte, fiel mich an mit Beleidigungen und gräßlicher Drohung. In die⸗ ſem Hauſe ſelbſt, unter unſern Füßen läſtert in voller Wehr und Waffe, bei'm Zechgelage, der blutdürſtige Metz⸗ ger Moderſon unſeren Biſchof und ſchwört ihm und al⸗ ler Pfaffheit den Tod! Was wird aus dieſen Gräueln noch erwachſen? Das Herz möchte mir zerſpringen vor ohnmächtiger Angſt.“ Die Weiber theilten mit lauten Klagen des Prieſters Beſorgniſſe. Knipperdollings Gattin eilte ſchnell mit ihrer Tochter nach Hauſe. Die harmloſe Freude des kleinen Feſtes war unwiederbringlich geſtört. Außer ſich ſeufzte Sibing:„Und ſie liegen harmlos auf ihrem Lager zu Telgte, und ahnen nicht den Mord, die Feſſeln, die ſich ihnen nahen! Wenn ich eine Taube verſenden könnte, ihnen die Botſchaft zu bringen! Aber vergebens, ich bin's, der den wilden Drachen eutfeſſelte, der den verwor⸗ fenen abtrünnigen Rottmann aus dem Staube hob, wo 25⁵5 er ohne meine blinde Wohlthat vielleicht verblieben wäre, der Menſchheit unſchädlich!“ „Ihr macht Euch ungerechte Vorwürfe,“ troſtete ihn die Wernecke.„Es iſt göttliche Schickung geweſen, und nicht Euere Schuld. Zählt doch der Herr alle Haare auf unſerem Haupte! Er weiß, wer gerecht, und wer böſe. Seine Strafe wird nicht ausbleiben.“ „Gebt Acht, gebt Acht,“ rief der Geiſtliche,„wir werden aus einem Meere von Blut und Jammer zu ſei⸗ ner Gerechtigkeit emporſchreien. Die Würfel liegen zum teufliſchen Spiele. Es wird ausgeſpielt werden.“ Meta hob an mit unglückſchwangerem Tone— ihr war das heranfluthende Elend eine Freude—:„Ja wohl, ja wohl, ſo wird's kommen. Und der hochwürdige Herr hat bei alledem eine unglückliche Hand mit ſeinen Pflegeſoͤh⸗ nen. Vorerſt der Rottmann, dann der Rynald.4 Angela's Geſicht färbte ſich blutroth, ſie rückte ihren Stuhl in den Schatten. Sibing erwiederte der hämiſchen Mahnerin:„Es ſcheint wohl nicht anders mit dem Ry⸗ nald. Dennoch halte ich ihn für ein verleitetes Schaf, während Rottmann ein reißender Wolf geworden. Ry⸗ nalds Irrthümer werden wohl noch einſt geläutert wer⸗ den, da das Unglück übernahm, ſchon jetzo ſein Lehrmei⸗ ſter zu ſeyn.“ „Wie das? Was hört man von ihm?“ fragten die Roſenwirthin und die Dreyer lebhaft. „Schade um ihn; ich hatte den muntern Buben im⸗ mer lieb,“ meinte die Tuneckens. „Auch ich,“ ſeufzte Eliſabeth leiſe vor ſich hin in die weißen Hände.— Angela hörte es nicht, denn ſie bückte ſich gegen die Erde, um ihre wachſende Verlegen⸗ heit zu verbergen. Der Cuſtos nahm das Wort:„Ich hatte ihm, wie bekannt, ſein Erbe übermacht, mit dem Bedeuten, mir nicht mehr vor die Augen zu kommen. Das war eine 26 Uebereilung von mir, doppelt unrecht von einem Prieſter. Indeſſen, der Brauſekopf lief in die Welt hinaus, ſeinen Grillen und Geſpenſtern nach. Er ſey in England und in Holland geweſen, hörte ich. „Ganz recht,“ ſchaltete die Roſenwirthin ein,„meine Enkelin hat ihn dort geſehen. Nicht wahr, Angela 2“ Eliſabeth betrachtete mit feſtem Blicke ihre junge Nach⸗ barin, die nicht ein Wörtlein ſagte, ſondern ſich begnügte, niedergeſchlagenen Auges mit dem Kopfe zu nicken. „Nachher verlor ich lange die Spur von dem thörich⸗ ten Jungen. Endlich vor Kurzem ſchrieb mir ein geiſt⸗ licher Freund von Nymwegen, daß Rynald daſelbſt ange⸗ kommen. Aber in welchem Zuſtande, mit welchen Genoſ⸗ ſen? Folgend einer Schaar wilder Schwärmer, den längſt verſchollenen Geißlern zu vergleichen, die, das Evangelium in der einen, das Mordſchwert in der andern Hand, über unſer armes Land herzufallen beſchloſſen hatten. Ihr habt gehört, daß der Statthalter des Kaiſers in den Niederlanden, Herr Georg von Teutenburg, einen Schwarm von ſolchen Heuſchrecken, beſtehend aus Unchriſten und Wiedertäufern, gezwungen, wieder in die Heimath zuruck⸗ zuwandern: daß er die Rädelsführer zum Theil bei'm Kopfe nahm, zum Theil als Verſprengte verfolgte. Ei⸗ nige der Gefangenen mußten, wie ich höre, mit dem Leben büßen„„„ „Heiland der Welt!“ fuhr Eliſabeth ängſtlich auf. „Die übrigen ſchmachten in dunkeln Kerkern. Rynald alſo liegt in Feſſeln zu Nymwegen, und der Himmel weiß, welch ein Schickſal ihm beſchieden.“ Der alte Mann bedeckte ſich wehmüthig die Augen mit den Händen. Eliſabeth athmete dagegen wieder leich⸗ rer. Angela eilte, ihrer Thränen nicht mehr Herr, in's Vorgemach an's Fenſter. Die anderen Weiber redeten eifris durch einander. „Dieſe meine zitternden Hände gäbe ich darum, wenn 27 ſch ihn als einen renigen, gebeſſerten Suüͤnder vor mir ſäbe!“ rief der Cuſtos mit ticfempfundener Wehmuth, ſeine Arme erhebend:„Wenn er wieder kame, der verlo⸗ rene Sohn, ich wollte nicht hartherziger ſeyn, als der gute Vater im Evangeliv. Ich wollte meinen Rynald bekleiden mit einem Ehrenrocke, und mit ihm theilen, was ich habe und was ich von Andern erbetteln würde!“ „Amen! Gott gebe es!“ ſagten die Weiber laut, wie im Gebete. Hilla ſprach indeſſen vor ſich hin:„Wer dem Lichte anhängt, wird vom Herrn beſchutzt werden ohne menſchlich Zuthun.“— Eliſabeth ſprang aber hef⸗ lig auf, und fragte:„Wo iſt Angela hingekommen? Wo biſt Du, mein lieb Kind?“ Worauf die Stahlhoven, die herbeikam:„Sie liegt draußen im offenen Fenſter. Eine ſeltſame Laune, in die kalte Winternacht hinauszuſterren!“ „Was thuſt Du hier, meine Tanbe?“ fragte Eliſabeth wieder mit aller Herzensgüte, zu Angela eilend und ſie umſchlingend. Ehe dieſe antworten konnte oder wollte, drängten ſich ſchon alle Frauen nach dem Erker und dem Fenſter nebendran, denn es begab ſich Ungewöhuliches auf der Straße. Sie war hell erleuchtet, von Augenblick zu Augenblick mehrten ſich auf das Gebot der umherſchreien⸗ den Stadtknechte die Lichter an den Fenſtern der Häuſer. Laternen und Pechkränze wurden auf Pfähle geſteckt. Die Rathsdiener und Boten des Magiſtrats, das ſilberne Stadtwappen auf der Bruſt und ein Band von ſilbernen Buckeln um den Arm, klopften von Haus zu Haus die Bürger heraus, die, ſchon benachrichtigt und gerüſtet, mit Feuergewehren, Hellebarten und Mordbeilen bewaffuet, zuſammenliefen. Einige Haufen gemeinen Volkes rottir⸗ ten ſich, mit Aexten und Hebebäumen verſehen. Der Schaarwachmeiſter nebſt ſeinen berittenen Gehülfen ſprengte ordnend umher; die Soldner der Stadt rückten in einzel⸗ 28 nen Trupps vorbei. Mehrere Wagen mit Geſchütz und Kugeln, mit Pulver, Bretern und leichten Sturmleitern beladen, raſſelten ihnen nach. Es wurde keine Trommel geſchlagen, es riefen nicht Glocken, noch Trompeten; das dumpfe Rufen der Viertel⸗Schöffen leitete allein die ganze große Bewegung, die ihre Richtung nach dem Markte nahm. In kurzer Zeit war wieder Alles umher ſtumm und öde. Sorgfältig ſchloßen die Weiber und Greiſe die Thüren; voukommene Ruhe ſtellte ſich ein.„Sie werden wohl jetzo hiuaus ſeyn,“ ſagte die Roſenwirthin.„Du kannſt ohne Sorgen nach Hauſe gehen, Angela. Dein Vater wird Dich erwarten, da er nicht kömmt, Dich zu holen.“ Eliſabeth, die unfern dem Markte wohnte, erbot ſich der Malertochter zur Begleiterin. Eine Magd des Hau⸗ ſes leuchtete voraus.— Nachdem ſie eine Weile ſtill neben einander fortgegangen, ſagte Eliſabeth:„Du Glück⸗ liche! Zu Hauſe empfängt Dich ein Vater, der Dich ver⸗ göttert, und nicht ein roher, trotziger, ſcheltender Gatte. Du genießeſt noch das ſchönſte Glück auf Erden.“ „Ich befinde mich ganz wohl bei'm Vater,“ verſetzte Angela etwas zerſtreut,„und möchte nicht mit einer An⸗ deren tauſchen. Denke Dir aber, daß meine Großmutter heute wieder angefangen, das alte Lied vom Heirathen zu ſingen!“ „Folge ihr in allen Stücken, nur nicht in dieſem, En⸗ gelein,“ flehte Eliſabeth eindringlich.„Nimm an mir ein Beiſpiel. Verhandelt an einen Mann, den ich nie geliebt, trage ich eine Dornenkrone, wie niemals ein Märtyrer. Betrachte um Dich her dieſe bärenhaften plumpen Männer, außer dem Hauſe grob, noch gröber in dem Hauſe; ausſchweifend und händelſüchtig, habbegierig und dabei verſchwenderiſch. Die jungen Männer zu Mün⸗ ſter taugen alle nichts. Der Braunſchweiger, der um 29 mich freite, und der ſich ſo ſchön trug immerdar in neuen zierlichen Kleidern, wie das überhaupt in Braunſchweig Sitte, wurde vom Vater abgewieſen, und dann war mir gleichviel, wem ich mein Jawort gab. Aber ſtelle Dir vor, welch ein Loos mir blüht. Mein Mann iſt noch jung, und wenn nicht ein geſegnetes Unglück ihn von meiner Seite plötzlich nimmt, wie ich alle Tage zu Gott bitte „Du redeſt ruchlos, Eliſabeth,“ unterbrach ſie Angela mit Entſetzen, und förderte ihre Schritte. Eliſabeth fuhr aber ganz ruhig fort: „Wie ich alle Tage zu Gott bitte... ſo dulde ich vielleicht noch vierzig Jahre an ſeiner Seite alles Leid und alle Mißhandlung, und beſſer wär' es endlich, ich führe vor ihm in die Grube. Denn— ſchlöße er mor⸗ gen die Angen, ſo hätte er gewißlich ſchon all ſein Gut und meines verthan, und ich könnte als eine zu Grund gerichtete Wittib die Kaſtenſchlüſſel auf ſeinen Sarg legen, und, einen Strohhalm in der Hand als einzig Erbe, von dannen gehen.*) „Du dauerſt mich in tiefſter Seele, Eliſabeth. Ver⸗ zweifle jedoch nicht an der Vorſehung, und hoffe.— Freilich wäre es beſſer, Du hätteſt Dich mit dem Manne Deines Herzens vereinigen können. Eine Ehe mit einem innig geliebten Manne mag wohl ſchön ſeyn.“ Angela's Buſen flog dabei heftig auf und nieder. „Hm,“ ſagte Eliſabeth darauf zur größten Verwun⸗ derung des Mädchens,„ich habe den Braunſchweiger auch nicht geliebt, er hätte mir nur beſſer gefallen als der lockere Harderwyk.— Ich habe eigentlich noch nie ge⸗ liebt,“ ſetzte ſie hart und bitter hinzu. „Noch nie? Du, Eliſabeth 2“ fragte Angela überraſcht, * Damaliger Rechtsgebrauch, ſobald die Wittwe außer Stand war, ihres Gatten Schulden zu bezahlen. und ſchwieg plöhlich, als hätte ſie ihr eigen Herz ver⸗ rathen. Trocken antwortete die Harderwyk:„Nein, ich habe nur einmal von Liebe geträumt; aber.. es war eben nur ein Traum.— Sieh, da biſt Du zu Hanſe, mein Kind. Beſuche mich doch einmal. Fürchte Dich nicht vor meinem Manne. Du findeſt mich immer allein, wenn Du nach der erſten Abendglocke kommen willſt. Dann ſitzt mein Unhold auf ſeiner Zunft bei Würfelſpiel und Becher, und kehrt ſelten vor Mitternacht wieder heim. Ein fröhlich Leben für ihn und mich. Nicht wahr, meine Seele 2«— Mit ergrimmtem Lachen ſchied Eliſabeth von ihrer jungen Freundin, und dieſe ſtieg gedankenvoll die hallende Steintreppe hinan, die zu ihrer Wohnung führte. Meiſter Lüdger ging völlig angekleidet und prahleriſch ausſchreitend in der Stube hin und her. Mit gezwun⸗ gener Wichtigkeit rief er der Tochter zu:„Aha! endlich wieder zu Hanſe? Der Schmaus hat lange gedauert, morbleu! Der arme Vater ſitzt daheim, ſeinen Sorgen und Befürchtungen preisgegeben, und das Töchterlein läßt ſich's wohl ſeyn, bei Kuchen und ſüßem Wein, in from⸗ mer Betſchweſtern Geſellſchaft.“ „Liebſter Vater, hättet Ihr's nicht erlaubt, ich wäre nicht hingegangen; oder hätte Euch beliebt, ſelbſt dort zu erſcheinen, ſo würdet Ihr mit Frenden als ein will⸗ kommener Gaſt empfangen worden ſeyn.“ „Willkommen? Daß Gott erbarm! Die reiche Groß⸗ mutter kann mich nicht leiden, weil ich nicht ſo viel ver⸗ mag, als ſie bereits beſitzt. Willkommen? Goddamm! Mit all dem Reichthum und der Betſchweſterei wird's ein End mit Schrecken nehmen. Das Alles muß auf⸗ hören.“ „Aufhören?“—„Wie ich Dir ſage. Die Zeit iſt da. Du wirſt noch viel erleben, Engelein. Ich hab's erſt heute wieder aus ſicherer Quelle geſchöpft. Eine 31 ganz neue Religion, das Beſte von allen Religionen zu⸗ ſammengenommen, eine neue Regierung und endlich gleich⸗ mäßige Vertheilung aller Güter,„ das thut Noth, und das will die Zeit, und— Sang-Dieu, die wird's durchſetzen.“ Angela, wiewohl erſchreckend, ſchwien. Sie hielt ih⸗ ren Vater für einen von Wein oder Ehrgeiz Beranſch⸗ ten. Er fuhr indeſſen begeiſtert, aber völlig nüchtern, fort: „Erinnerſt Du Dich deſſen, was Rynald ſagte? Der iſt ein ganzer Mann, Engelein; der hat den Nagel auf den Kopf getroffen; der wird ſich zu einem ungehenern Gluͤck aufſchwingen.“ „Er liegt zu Nymwegen in Feſſeln,“ antwortete An⸗ gela verdroſſen. „Liegt er? Hat nichts auf ſich, Mädchen, gar nichts. Und wenn ſie ihm den Kopf vor die Füße legten, ſo hätte es wieder nichts zu bedeuten. Der böhmiſche Pfaff.. ſein Name entfiel mir iſt auch verbrannt worden, aber nachher ging der Teufel erſt recht los, Goddamm. Hätt' ich dem Rynald nur dazumal gefolgt! aber das Töchterlein ſträubte ſich ja dagegen. Zu des Probſten Feſttag ſollt' ich hier ſeyn, nicht wahr? Und da wir kamen, juſt am Vorabend— war der Herr Probſt ſammt den Domherren ausgeriſſen, davongelaufen. Was hatt' ich davvn? Keine Arbeit. Wäre ich in Holland geblie⸗ ben, hätte die Käſehändler abkonterfeit, mir wäre beſ⸗ ſer. Sogar den herrlichen Schneiderkopf mußte ich im Stiche laſſen, parbleu! und ſeit der Zeit ſind wir den Krebsgang gegangen. Weißt Du etwas Neues? Alle Bilder in den Kirchen werden abkommen;'s iſt Götzen⸗ dienſt, Unſinn, Raſerei. Die Maler werden ſich mit an⸗ deren Dingen, als mit ihren Pinſeln und Farben abge⸗ ben müſſen.— Ich werde nun meinen Antheil an der Regierung bekommen, und das iſt mir recht. Aber zuvor 32 werde ich noch ein Conterfei liefern, und ſelbiges will ich ſelbſt in Holz ſchneiden, in Kupfer ätzen, und an alles Volk im Münſterbisthum verkaufen.“ „Welches denn, mein Vater?“ „Des Biſchofs Bildniß, Engelein. Morgen früh wer⸗ den ſie ihn bringen, den guten Herrn, denn ſie holen ihn heute Nacht aus dem Bette. Da wirſt Du ſehen, wie ein Tyrann ausſchaut. Weißt Du noch? die gräulichen Königsbilder, die ich Dir im Tower zu London gezeigt? Sang-Dieu! Kleinigkeit gegen dieſen. Den male ich in einem Kranz von Feſſeln und einen Teufel neben ihm, der ihm die Inful aufſetzt. Sie werden ſich in allen deutſchen Landen um das Bild reißen, und den ganzen reichen Ertrag des Verkaufs beſtimme ich dann zu Deiner Ausſtener.“ „Bewahren mich alle Heiligen vor ſolchem Unglücks⸗ gelde! Nein, Vater, ich hätte mir nicht eingebildet, daß ihr alſo reden und denken würdet von einem Fuͤrſten der Kirche, von einem Herrn, der Eure Kunſt erkennen, bewundern und reichlich belohnen würde. Habt Ihr nicht lange aus dem Schatz des Domkapitels geſchöpft, für Eure ſchönen Bilder, während kaum von Jahr zu Jahr Einer aus der Stadt Euch etwas zu verdienen gab2 Das iſt Undank, was Ihr da redet, lieber Vater.“ Der Maler zog ein recht händelluſtiges Geſicht, aber der ſchlaffe Zug der Furchtſamkeit um den Mund verrieth den Haſen, der ſich vergeblich in das Fell des kriegeriſchen Luchſes verkleidet.„Angela! Angela!“ rief Lüdger, den Finger zur Drohung erhebend,„Du ſchulmeiſterſt ſchon wieder Deinen verſtändigen Vater? Denn verſtändig iſt und bleibt er, pardieu, wenn auch ſeine Leidenſchaftlich⸗ keit manchmal ſeine Zunge fortreißt. Nun, blicke nur nicht ſo ernſthaft, Engelein. Ich hab's wahrlich nicht halb ſo böſe gemeint, als etwa meine Rede klang. Ich habe immer den Papſt und die hohe Cleriſei geliebt und 33 geſchätzt. Aber Du glaubſt nicht, wie mir noch jetzt die Ohren brauſen von dem, was ich heute in Peter Frieſens Gaſthof hören mußte. Das ging durcheinander. Die Männer von Münſter reden wie mit feurigen Zungen. Eine böſe Stimmung, Kind; Gott ſchütze unſern Biſchof und vernichte alle Ketzer! Hätteſt Du den heutigen Abendſchmaus bei'm Frieſe mit angeſehen, Du wärſt da⸗ von gelaufen. Der Rheinwein war gut, das iſt richtig, und der Feſtkuchen auch; aber, Angela, mich ſchmerzt noch der Fleck auf der Bruſt, wohin der ungeſchliffene Kippenbrack, der Gaſtgeber, mit ſeiner plumpen Fauſt ſchlug, als er den Kuchen austheilte, und dabei den Wer⸗ keltagsſpaß anbracht:„Kleine Stücke, großes Gluͤcke, beſ⸗ ſer iſt der Gaſt als die Küche!“*) Freilich iſt der Gaſt beſſer geweſen, als die Kuche. Meiſter Lüdger wiegt Alle zehnfach auf, die heute bei Peter Fries tafelten und zechten; und wenn unſer gnädiger Biſchof mit den Tho⸗ ren einmal in's Reine käme, und einſehen wollte, welch einen Künſtler Meiſter Lüdger zum Ringe vorſtelt,— Sang-Pieu, ich wollt' ihm herzlich gerne hundert geſeg⸗ nete Regierungsjahre wünſchen. Biſt Du nun zufrieden, Engelein? Dir fallen ſchon die Augen zu? Der Sand⸗ mann kömmt? Nun, die heilige Mutter wache uber Deinen Schlaf!“— Auf den Zehen ſchlich der Maler in ſein Gemach, und legte ſich völlig beruhigt zum Schlum⸗ mer nieder. *) Ehemals gebrauchte Formel bei Weihnachts⸗ und Neujahrs⸗ mahlzeiten in Weſtphalen. Der Koͤnig von Zion. II. Eilftes Kapitel. Hinterliſtiger Krieg und fauler Friede. Die zu Telgte verſammelten Domkapitularen und Herren von der Ritterſchaft hatten nicht unbedingt der Ehrlichkeit der Bürgerſchaft von Münſter vertraut. Der Wollbeckiſche Oberamtmann, Theodor von Merfeld, war mit der Obhut des Städtleins Telgte und mit dem Schutz der Verſammlung beauftragt worden. Das Still⸗ ſchweigen der Münſterer, das Ausbleiben des Boten der Stände waren ganz geeignet, Mißtrauen einzuflößen, und einer dringenden Ahnung folgend, hatte der Biſchof ſelbſt, gleich nach der Mittagstafel des Chriſttags, Telgte verlaſſen, um ſich nach ſeinem feſten Schloſſe Iburg zu verfügen. Der Droſt von Merfeld, beruhigt durch die Entfer⸗ nung ſeines Herrn, begnügte ſich, bei anbrechender Nacht einen Reiterzug auf die Straße gen Münſter zu entſen⸗ den, mit dem Befehle, die Gegend auszukundſchaften, und die kleine Brücke über die Werſe abzuwerfen. Die Reiſigen, unter dem Befehle eines jungen Fähnd⸗ richs, rückten bis zur bezeichneten Stelle unter'm hell⸗ leuchtenden Sternenhimmel vor, und rißen einige Balken von der Brücke los, vermeinend, hiemit einem möglichen 35 Ueberfall ein Ziel geſteckt zu haben; denn der kleine Strom ging lebendig und eilig ſeinen Weg, während ringsum die Felder mit Schnee beſtrent, die größern Gewäſſer mit Eis bedeckt waren.— Nach der geringen Heldenthat ordnete der Führer des Trupps den Rückzug. Und als ſte auf ſchnellen Pferden wieder zum Blach⸗ feld gekommen waren, wo der Galgen ſtand, ſammt ſei⸗ nen ſchauerlicheu Umgebungen, ſchnauften die Gäule hart, und die Reiter mußten ſie langſam ſchreiten laſſen. Da rief einer der Knechte, der ſich, bequem im Sattel ſitzend, umſchaute:„Junker von Schöneberg, ſeht doch rückwärts. Was glimmt und glitzert dort am Rand der Ebene? Der Schnee läßt mich nicht ſeh'n, ob nahe oder ferne die Dinger leuchten 2“ Der Fähndrich und all' die Seinigen ſchauten hin und erblickten eine Menge von kleinen funkelnden Punkten, die bald glühenden Kohlen, bald flackernden Flämmchen glichen.— Der Junker war der erſte, der ein Kreuz ſchlug. Ein anderer Reitersknecht ſagte muthiger:„Das ſind Sterne, die erſt aufgehen.“—„Warum nicht gar? ſeht ihr denn nicht, wie ſie tanzen auf und nieder, nach allen Seiten hin?“ fragte ein Dritter.—„Frrlicher, Hexenflammen!“ murmelten die Uebrigen, und der Junker befahl eiligſt:„Trabt aus, trabt aus! in der Nähe des Hochgerichts iſt's nimmer geheuer!“ Worauf ſie alle gern gehorchten und bald am Thore von Telgte eintrafen; der Junker begierig nach dem weichen Bette, die Reiſi⸗ gen nach ihrer warmen Streu. So entſchliefen ſie alle in Sicherheit. Wenn aber unter Irrlichtern Kobolde verſtanden wer⸗ den, die den Wanderer irre führen, und in Sumpt und Verderben rennen, ſo hatten jene Reiter völlig Recht. Es waren die Lunten der Feinde geweſen, die ihnen nach⸗ ruͤckten. Die Biſchöflichen hatten einen weiten Vorſprung gewonnen, mochten nicht mehr von ihren Gegnern erreicht 36 werden, und da ſowohl die Bewaffneten der Stadt, als auch deren Geſchütz auf dem weichen Schnee ohne Ge⸗ räuſch dahin gleiteten, ſo konnte anch das Ohr der ſaum⸗ ſeligen Kundſchafter nicht gut machen, was ihr Auge und Aberglaube verſchuldeten. Die Städter, die darauf rechneten, die Brücke über die Werſe zerſtört zu finden, warfen die Bretter und Pfähle, die ſie mit ſich genommen, über das Flüßchen, und gingen getroſt auf's jenſeitige Ufer und ſodann raſch vorwärts, ohne Geräuſch, ohne Streit, ohne Unbeſon⸗ nenheit. An dem Thore von Telgte, das freilich ver⸗ ſchloſſen, aber nur von ſchlafenden Wächrern beſetzt war, wurden die Hebebäume angelegt, die Flügel aus den Angeln gehoben, nnd plötzlich warf ſich der ganze Schwarm von ſechshundert bewehrten Bürgern und dreihundert Söld⸗ nern in die krummen und winkligen Gaſſen, die noch in Finſterniß begraben lagen; denn es war kaum die vierte Morgenſtunde angebrochen. Der Ueberfall war ſehr geſchickt von dem Oberſten der ſtädtiſchen Soldknechte geleitet worden. Da im Vor⸗ aus die Häuſer bekannt waren, worinnen die Vornehmſten der Diöces, und die edelſten Herren der Ritterſchaft ſammt den aus der Stadt entflohenen Patriziern wohn⸗ ten, ſo fiel man gleich in die rechten Pforten und Höfe, holte die erſchrockenen Standesherren eigentlich aus dem Neſte, und hielt die bewaffneten Männer im Städtchen mit raſendem Geſchrei und Müsketen⸗Feuer in Ruhe, daß ſie nicht allein aller Gegenwehr entſagten, ſondern auch Waffen und Pferde ihren Siegern überließen.„Der Biſchof, der Biſchof! wo iſt der Biſchof?“ heulte aber die Menge, nachdem ihre Gefangenen beim Schein der Fackeln auf den freien Platz zuſammengebracht worden waren. „Ungeheuer!“ eiferte den Feinden der Oberſtallmeiſter Gerhard von Morrien entgegen:„der Heiland hat Euch 37 den Frevel erſpart, den ihr an Euers Herrn würdigem Haupte verüben wolltet. Sucht ihn hinter den Mauern der Iburg, und zerſtoht an jenen Bollwerken Eure auf⸗ rühreriſchen Schädel!“ Dieſe Worte und die Wuth, die ſie unter den Sie⸗ gern hervorriefen, machten, daß Alle über ihre Gefan⸗ genen herſielen und dieſelben um die Wette plünderten. Nichts entgiug der Habſucht der Städter und ihrer Söld⸗ ner. Ketten von Gold, Siegelringe von Werth, Spangen und Franzen, die Beutel mit Gelde, die koſtbarſten Waffen wurden den Gefangenen entriſſen, ihre Perſon mit der ausgeſuchteſten Gemeinheit mißhandelt. Viele des Kaypitels, unter ihnen Herr Melchior von Büren, Philipp von Hoerde und Adolf von Bodelſchwing; die Räthe des Biſchofs Hermann von Mengersheim und Jo⸗ hann von Merkel; die Ritter und Herren von Büren, von Riche; die Patrizier Hermann Schenkingk, der ehe⸗ malige Stadtrichter, die Gebrüder Warendorp, die Söhne des ehemaligen Bürgermeiſters von Münſter, Eberweins Droſten, und mehrere andere aus den fürnehmſten Erb⸗ manngeſchlechtern, mußten ſich dem ſchimpflichen Joche beugen. Baarfuß, im Hemde entkamen der Domprobſt von Morrien, der Donmſcholaſter von Schmiſingk, und der Domherr von Plettenberg ihren räuberiſchen Drän⸗ gern, indem ſie ſich über die zugefrorene Ems ins Weite machten. Die in der Stadt Münſter Zurückgebliebenen erwar⸗ teten indeſſen mit Sehnſucht den Ausgang des Unterneh⸗ mens und die Heimkehr ihrer Tapfern. Zahlloſes Volk war am Morgen des Stephantages an den Thoren, auf dem Markte zuſammengeſtröͤmt. Rottmann mit den übrigen Predigern ſeines Bekenntniſſes waren abermals geſchäftig, durch Ermahnung, Aufmunterung und Sermone den Pö⸗ bel zu erhitzen. Rathsherren und Gildemeiſter unter⸗ ſtühzten ſie trefflich. Einige der Patrizier, vor Allen 38 der lanuerſame leiſetretende Hermann Tilbeck, und der gewaltthätige rohe Gerlach von Wulen, ein kriegserfah⸗ rener, aber tiefverſchuldeter Edelmann, der bei dem Um⸗ ſturz aller beſtehenden Ordnung nur gewinnen, nicht ver⸗ lieren konnte, ſchürten ihrerſeits die Glut zu hellen Flammen.— Und als endlich Leute an's Rathhaus ſtürzten, die von Weitem den heimkehrenden Zug der Krieger geſehen, als endlich die Vorläufer derſelben ſiegs⸗ trunken hereinſprengten, da war der Frende kein Ziel, des Jubels kein Maß, und der Mund der Aufrührer, die bis jetzt noch bange Befürchtung im Buſen getragen, füllte ſich mit Galle und Grimm. Wer es noch mit der fallenden Macht des Biſchofs und mit der wankenden Kirche hielt, war verſchloſſen in den Häuſern. Die Flu⸗ then des Volks, die in den Gaſſen brausten, hatten nur einen Sinn; den der Rache für Beleidigung und Wil⸗ kür, die ſie erlitten zu haben vermeinten. Endlich langte der Triumphzug in der Stadt an: eine Reihe von Leiterwagen, auf denen die Gefangenen ſaßen, wohl oder übel zuſammengeſchichtet, wie der Zu⸗ fall es juſt gewollt; die Fahnen der Söldner, dicht ge⸗ ſchaart mit geladenen Feuerröhren und brennenden Lun⸗ ten; im wirren Durcheinander die Bürger, keuchend unter der Laſt ihrer Beute, prahlend mit Gefahren, die ſie nicht beſtanden, mit Thaten, die ſie nicht verrichtet Sie glühten von Siegesluſt und Wein; ſie hatten ihre Ge⸗ ſichter mit Pulver geſchwärzt, als kämen ſie aus der wildeſten Schlacht; ſie trugen Kugeln im Munde, um ſich ein recht martialiſches Anſehen zu geben. Die rü⸗ ſtigſten unter ihnen, wie auch die Gildemeiſter, die den Zug als Anführer mitgemacht, mummelten ſich auf den edeln Roſſen der gefangenen Ritter und ſpornten die koſt⸗ baren Thiere zu Schanden. Gewöhnt, nur auf ſanften Kleppern zum nächſten Jahrmarkt zu traben, oder auf lebensmüden Karren⸗Gäulen ſitzend, ihren Sand, ihre 39 Steine, ihre rohen Waaren zu verführen ſpielten ſie nun den Rittersmann, und wurden von ihrem Pöbel bewun⸗ dert, trotz ihres Ungeſchicks und ihres lächerlichen Aus⸗ ſehens.— Edler noch ſaßen auf ihren Marterfuhren die Gefangenen; wiewohl zum Theil recht alte Männer mit hängenden Köpfen und im traurigſten Aufzuge. Hohn und Spott von allen Zungen empfing die Un⸗ glücklichen iusgeſammt. Einige derſelben wurden jedoch von der blinden Rachſucht des Volks ausgezeichnet, denn es verlangte ohne Weiteres ihre Köpfe.„Da wir den Biſchof nicht haben, ſo mogen ſeine Rathgeber büßen!“ tobten die Wuͤthenden:„da iſt der von Morrien, da iſt der Bodelſchwing! ſie ſind's, die verordnet, daß man uns die Zufuhr abſchneide, daß man unſere Heerden wegtreibe!“ —„Jetzt brülen und brummen die Ochſen erſt recht!“ hohnueckte der Schreier Kippenbroick.„Zum Tode mit ihnen! herunter, herunter, ſchlagt ihnen die Häupter ab, hängt ſie an den Füßen auf!“ lautete der furchtbare Wie⸗ derhall. Der Magiſtrat, ſchier ſämmtlich von der gemäßigten Partei unter den Rebellen, ſtand in ſchwarzen Mänteln vor dem Rathhauſe, und beobachtete ein tiefes, wichtig ſcheinendes Schweigen. Indeſſen war's hauptſächlich die Verlegenheit, was mit den Gefangenen zu beginnen ſeyn würde, die der Rathsherren Mund verſchloß. Endlich nahm Tilbek das Wort, und verlangte für die Dom⸗ herren und Ritter eine ehrliche Haft in den Herbergen der Stadt, gegen das Pfand ihres Worts und Hand⸗ ſchlags, bis nach ausgemachter Sache nicht von dannen zu weichen. Der Vorſchlag wurde angenommen, und die Vornehmen in die Gaſthöfe vertheilt.„Mit den land⸗ flüchtigen Patriziern in den Diebsthurm!“ ſchrie dagegen Knipperdolling, der lange, ſtramme, unerbittliche Rebell, und ihm zeterte alles Volk das Urtheil nach.— Die armen Erbmänner wurden unterm Gepfeife und Gejohle 40 des Pöbels in die gemeinen Gefäͤngniſſe der Miſſethäter gelegt.—„Aber nun heraus mit dem Morrien, mit dem Bodelſchwing!“ lärmten die Hetzer und ihre Geſellen: „Zum Tode mit ihnen!“ Es wäre um die Aermſten geſchehen geweſen, denn ſchon ſtreckten ſich hundert Fäuſte nach ihnen, und Hell⸗ barten und Beile funkelten über ihren Köpfen, wenn nicht der Oberſte Kilian mit einigen ſeiner Anführer in den Kreis geſpyrungen wäre, und überlant gerufen hätte: „Wer ſelber Leib und Leben liebt, halte von den Män⸗ nern ſeine Hände fern! Wir haben ſie gefangen, und ſtehen für ſie ein! wir ſind Leunte, die ſchon mächtigen Herren dienten, wir ſind beherzt, fürchten uns nicht vor Euch, und wiſſen, was Kriegsrecht iſt. Glaubt ihr, wir ſeyen ausgezogen als wockere Soldaten, und kämen heim als Räuber und Metzgerknechte? Bei St. Velten, der allen Kriegsleuten helfe, wir leiden nicht, was ihr be⸗ ginnen wollt. Mord und Tod ſey zwiſchen uns und Euch, wenn ihr nicht Friede gebt! Die Herren hier ſind adeliche Leute mit kriegeriſchen Wappen und Ehren; ſie ſollen nicht das Leben laſſen und nicht im Gefäng⸗ niß liegen; ſie ſollen ſeyn, wie die Andern, und wir wollen Wachen vor ihre Herbergen ſtelen, damit das Geſindel ſich nicht an ihnen vergreife! Macht Platz, Ge⸗ ſellen, Platz für unſere Kriegsgefangenen!« Mit der Gewalt der Speere und der Büchſenkolben drangen die Söldner durch die Menge, und führten ihre Schützlinge in einen Gaſthof, wo ſie dieſelben hüteten, wie ihr Auge. Das Beiſpiel wirkte. Die Wüthriche wurden ge⸗ ſchreckt, die Beſſergeſinnten ermuthigt, und am Abend deſſelben Tages ſchon entließ der Magiſtrat die Patri⸗ zier aus den Gefängniſſen nach ihren eigenen Häuſern. Am nächſten Morgen forderte der Herr von Men⸗ gersheim Geleit, um vor die Verſammlung des Raths 41 treten zu dürfen. Sie wurde ihm gewährt. Da ſprach nun der biedre Edelmann, dem Alle gerne zuhörten, weil er ſtets als ein friedliebender und zum Guten rathender Greis bekannt geweſen, Worte der Begütigung, der Er⸗ mahnung und der Verſohnung. Er bewies den Vor⸗ ſtehern des Volks ſonnenklar, daß ſie auf unrechten Wegen wandelten; er entrollte vor ihren Anugen die Zukunft, ſchilderte ihnen getreulich die Geſinnungen des Biſchofs, der, obſchon ein kriegsluſtiger und ſtrenger Mann, ſeinen Pflichten nachkommen werde; die Gefahren, denen ſie bei längerer und wilderer Verwirrung der Dinge ſich ausſetzen würden.„Glaubt ihr denn,“ ſprach er leutſelig, aber der Wahrheit gemäß,„daß es in eurer Macht ſtehen werde, den Biſchof zu zwingen, ſeine Ho⸗ heit darniederzulegen? Es mag in eurer Gewalt ſeyn, arme unvorbereitete Leute, wie ich und meine Genoſſen ſind, mitten im Frieden zu überfallen und zu fahen; ich ſehe keine Möglichkeit, wie wir entrinnen ſollten, wenn euch einfiele, uns zu tödten;— aber: wäre mit unſerem Tode Alles zu Ende? Seht den Biſchof, wie er daſteht, verbündet mit Köln, mit Trier, mit dem Herzog von Cleve und andern mächtigen Fürſten, gerüſtet mit Alem, was er zum Kriege und zu eurer Vernich⸗ tung bedarf, ſobald er nur will und befiehlt. Was habt ihr ihm entgegenzuſetzen? Den Landgrafen von Heſſen, auf deſſen Fürwort ihr euch ſtützt, auf deſſen Beiſtand ihr hofft? den ſchmalkaldiſchen Bund, von dem eure lu— theriſchen Prediger euch Vieles verſprochen? Beſinnt euch doch, öffnet eure Augen. Die römiſche Kirche oder Luthers Lehre, die Meſſe oder die Predigt, das Abendmahl mit oder ohne Kelch— alle dieſe Dinge, wie heilig ſie auch ſind und ſeyn mögen,— thun hier nichts zur Sache. Der Biſchof von Münſter, Osnabrück und Münden, euer rechtmäßiger und des Landes Herr, iſt nicht allein ein Fürſt der Kirche, er iſt ein deutſcher Fürſt; begreiſt 42 mich wohl! Die Glieder des ſchmalkaldiſchen Bundes ſind nicht minder deutſche Fürſten, und werden nimmer dulden, daß Einer ihres Gleichen euerm Trotze und euern Waffen weiche. Seht eure Bürger, ſeht eure Züufte. Ihr prahlt mit ihrer Eintracht. Einer ſtehe für Alle, das wollt ihr, und das macht eure Stärke? Denkt ihr, daß der Fürſtenſtand weniger auf ſeine Ehre und ſeine Unverletzlichkeit halte, als eure Handwerker? Geht darum in euch, und ſprecht das Wort des Frie⸗ dens, euch ein Wort des Heils. Ihr haltet feſt an euerm neuen Glanbensbekenntniß? Wohl, entbindet euch aber dieſes von den Pflichten des Gehorſams gegen eure Obrigkeit? Fürchtet ihr nicht, daß einſt der Pö⸗ bel euch eben ſo behandeln werde, wie er heute ſei⸗ nen Oberherru behandeln möchte? Mir iſt bekannt, daß der Doktor Luther ſelbſt, daß ſein gelehrter Freund, der ſanftmüthige Melanchton in offenen Briefen an Euch, ſowohl Rottmanns und ſeiner Genoſſen, als auch das Beginnen vou Vielen aus eurer Stadt offen und unverholen ſtreng getadelt haben. Wer ſoll denn fürder zu euch mit Erfolg reden, da ihr dieſen von euch tief verehrten Stimmen nicht Gehör ſchenkt?— Wenn nun der Biſchof euch den Glauben, wozu ihr euch bekennen wollt, und bereits bekennt, ungeſchmälert ließe, — wenn er vergeſſen wollte, was vorgefalen— wenn er euch beſtätigte in euern Rechten und Privilegien— nur unter der Bedingung, ſeine Oberherrlichkeit zu erken⸗ nen, den ehrwürdigen Dom dieſer Stadt unangetaſtet zu laſſen, und ſeinen Amtleuten zu leiſten, was Herkommens — was gäbe es denn, das ihr billigerweiſe noch ferner verlangen könntet?“ Die Beredtſamkeit des von ſeiner Ueberzeugung durch⸗ drungenen Mannes erſchütterte die, zu welchen er ſprach. Es gab unter denſelben Viele, die gerne wieder einge⸗ lenkt hätten; manche, die einen günſtigeren Angenblick 43 für ihre weiteren Entſchlüſſe abwarten wollten. Daher lautete die Antwort beinahe einſtimmig:„Man ſey aller⸗ dings auch im Magiſtrate füͤr den Frieden, inſofern man ſich mit Sicherheit getröſten könne, daß der Biſchof es ehrlich meine, und daß er die neue Kirchenordnung, die nun einmal die große Mehrzahl der Bürger vorgezogen, beſtätigen und ſchützen wolle. Indeſſen hätten frühere Erfahrungen gelehrt, daß ohne gewiſſe Bürgſchaften das offentliche Vertrauen ſich nicht mehr einſtelle; und wer ſtehe denn dafür, daß nicht der biedere Herr von Men⸗ gersheim in dem, was er geſagt, allerlei verſprochen, was hinterher der Biſchof nicht billigen werde? Man traue völlig den Geſinnnugen des edeln Redners, aber für die des kriegsluſtigen Grafen von Waldeck ſey nicht Brief, noch Siegel vorhanden. Da rief der von Mengersheim, von einer ſchönen Begeiſterung hingeriſſen:„Wie aber, ihr Herren, wenn ich mich anheiſchig machte, dieſen Brief zu ſchaffen? Die Väter der Stadt Münſter haben mir ſchon öfters in frü⸗ hern Zeiten ihre Angelegenheiten vertraut; verſucht es heute noch einmal! Gebt mir Urlaub auf drei Tage, daß ich zum Biſchof mich begeben möge. Entweder bringe ich binnen dieſer Friſt den Frieden und die Be⸗ ſtätigung eurer Rechte in dieſe Stadt zurück, oder ich liefere im ſchlimmſten Falle meine Hände wieder in eure Ketten, worauf ich mein ritterliches Wort verpfände, ſo wahr mir Gott helfe!“ Dieſem Vorſchlag, der nur Gewinn und nicht Ver⸗ luſt hoffen ließ, folgte eine kurze Berathung, und der Beſcheid des Magiſtrats fiel dahin aus, daß der Herr von Mengersheim alle Freiheit haben ſolle, mit einer Bittſchrift der ubrigen Gefangenen verſehen an das Hof⸗ lager des Biſchofs zu Bevergern zu reiſen, und daſelbſt als ein Bevollmächtigter der Stadt die erwünſchte Ver⸗ mittlung zu treffen. Wäre ihm dieſes binnen der feſt⸗ geſetzten Friſt unmöglich, ſo habe er ſich wieder zur Haft der Stadt zu ſtellen. Mit Schreiben, ſowohl von ſeinen Unglücks⸗Genoſſen, als von dem Magiſtrate beauftragt, eilte der ächte Ritter und Edelmann noch am ſelben Tage nach dem Schloſſe des Biſchofs. Am Abend trafen Mahnbriefe von Seiten der Ritterſchaft in Münſter ein, am folgenden Morgen deraleichen Schreiben von einigen kleinen Städten Weſt⸗ phalens; ſpäter Drohbriefe von Köln und von den zu Hörter verſammelten Ständen des ſchmalkaldiſchen Bun⸗ des; denen allen zwar der Magiſtrat ausweichend ant⸗ wortete, immer nur betheuernd, daß er Alles um des lieben Friedens thun wolle, wenn man die Stadt nur bei der evangeliſchen Lehre ließe— wmoraus er jedoch allgemach erſah, in welch ein Labyrinth von Drangſalen jener unbeſonnene Zug gen Lelgte das ganze Gemein⸗ weſen verwickelt hatte. Noch lag jedoch der ärgſte Feind nicht vor der Stadt, wohl aber darinnen, in ihrem Herzen. Der Pöbel wurde von Tag zu Tage ſchwieriger zu beherrſchen. Un⸗ ruhig von Natur, hatte ſeine Wildheit zugenommen, weil ſie von den nimmerruhenden Aufruhrſtiftern geſtachelt wurde. Die Gildemeiſter, obgleich ſie im Magiſtrate von der Friedenspartei überwunden waren, obſchon ſie zum Theil mit der letzten geſtimmt hatten, hetzten das Volk gegen den Rath auf:„Rebellt, ſchimpft, ſchmäht! ſchont auch unſer nicht! fordert die Auflöſung des gan⸗ zen Raths. Dann wollen wir ſchon ſehen, was zu thun!“— Rottmann, ſein Schwager Bririus, Dionys Vinnius, Clopris, Heinrich Roll und Gottfried Strahl, die Prediger der neuen Lehre, deren Daſeyn von dem Ausgange des Kampfes zwiſchen Biſchof und Stadt ab⸗ hing, bewegten Himmel und Hölle, die Bürger in ihrem Trotze ſtandhaft zu erhalten. Knipperdolling, Kerkering, Kippenbroick und Andere, die gar zu gerne dem Telgter 4⁵ Zuge ein Blutbad angehängt hätten, um zwiſchen den feindlichen Parteien einen Abgrund der Unverſohnlichkeit aufzureißen, knirſchten, da ſie ihre Erwartung vereitelt ſahen, und bereiteten neue wilde Auftritte unter ihren Anhaͤngern vor.— Der ſchwache, ebenfalls nicht ſchuld⸗ loſe Magiſtrat ſchwankte in der Mitte dieſer Sturm⸗ fluthen. Ihm ſchien Alles gefährlich: die Schwärmerei der Evangeliſchen, die rohen Begehrniſſe der Tribunen, die Gährung des Volks; ſogar das eiſerne Schweigen der niedergetretenen Eleriſei und der adelichen Gefangenen jagte ihm Schrecken ein.— Was Wunder, daß er ſich die Menge über den Kopf wachſen ließ, und blind, un⸗ thätig zuſah, bei Dingen, die er um jeden Preis hätte verhüten ſollen? Die Siegesfreude eines der Waffen unkundigen Hau⸗ fens, der nur ſeiner Rachluſt und Leidenſchaft fröhnt, indem er den Schild erhebt, hat immer etwas Heidniſch⸗ Tolles an ſich. Das geheime Bewußtſeyn, den Sieg eben nicht verdient zu haben, und dennoch zu ſiegen ſo glücklich geweſen zu ſeyn, mag den Taumel verdop⸗ veln. Ein Anderes war ſtets von einem Volke zu ſagen, das um eines großen Zweckes willen zu den Waffen griff, und in der herben Schule blutiger, raſch ſich drängender Schlachten den Lorbeer kühn und vorſchnell erraug, der gewöhnlich nur den lang erprobten Krieger belohnt. Der Trinmph von Telgte äußerte den ſchlimmſten Einfluß auf die Ueberwinder, und arbeitete den Verder⸗ bern des Volks eigentlich in die Hände. Es träumte jehzt nur von Fehde, Sturm, Belagerung; es wünſchte beinahe, des Biſchofs Heer vor der Stadt zu ſehen, und erlaubte ſich Alles unter dem Vorwande, daß drohende Gefahr vorhanden. So thaten ſich viele zuſammen, und arbeiteten an der Befeſtigung der Stadt mit allem Fleiß und Geſchick; Andere übten ſich in Ausfällen, in Streif⸗ zügen, beunruhigten die Fuhrlente und Wanderer, die auf entferuten Straßen zogen, raubten auch, was ihnen unter die Hände kam. Wieder andere räumten Alles auf, was in einem weiten Kreiſe um die Stadt her die Ausſicht in's Feld hindern konnte. Strecken von Gehölz und Pflanzungen nutzbringender Bänme wurden gefällt, alle Zaune und Dorngebüſche ausgeriſſen und gerottet. Die Häuſer, Gehöfte und Gehege nächſt bei der Stadt wurden eben ſo wenig verſchont, als die Klagen und Be⸗ ſchwerden der Eigenthümer berückſichtigt. Da nun die Bürger von Stunde zu Stunde das An⸗ rücken der biſchöflichen Heeresmacht erwarteten, ſo war kein Wunder, daß ſich bald das dumpfe Gerücht verbrei⸗ tete, wie der Biſchof im Werk habe, das Kloſter des heiligen Moritz, vor dem Thore gleichen Namens gelegen, mit vielen Kriegsknechten zu beſetzen, und daraus eine feſte Schanze zum Verderben der Stadt zu machen.— Da liefen die Bürger in hellen Haufen dem Rathhauſe zu, und begehrten mit großem Geſchrei, daß man ihnen erlaube, das Morihſtift der Erde gleich zu machen; kein anderes Mittel ſey, der Leibeigenſchaft zu entrinnen, die ihnen der Biſchof zudenke.— Der Magiſtrat ſuchte ihnen das Thoͤrichte ihrer Befürchtung und ihres Verlangens begreiflich zu machen, und verweigerte die Erlaubniß. Grund genug, daß der Pöbel dieſelbe als entbehrlich achtete. Gegen Morgen verſammelte er ſich mit Wehren und Brechmaſchinen auf dem Markte, und fiel alſobald aus dem Thore über St. Moris⸗Stift her. Kirche und Kreuzgang deſſelben wurden gepluͤndert, verunehrt; die Grabmaltafeln und Marmorbilder zerſchmettert, die Ge⸗ mälde durchloͤchert und zerfetzt; die Orgel, ein Meiſterſtück jener Zeit, wurde verdorben, und auf ihr trommelten grobe Handwerksfänſte, ſtatt der kunſtreichen Finger des Organiſten, der ſich mit ſeinen Genoſſen, den Stifts⸗ herren, im Innern des Kloſters eingeſperrt hielt, um der Wuth der Stürmer zu entweichen. Die Ränber wollten 47 aber ihrem Werk eine feurige Krone auſſetzen, und bra⸗ chen Locher in die Gewölbe, die ſie mit Holz, Stroh und andern brennbaren Dingen anfüllten, damit die Flammen bald und ſtark zum Himmel wüchſen. Wie jedoch ein leeres Gerücht das ehrwürdige Stift in die äußerſte Gefahr gebracht, ſo ſollte wieder eine Sage ohne Grund das Kloſter retten.„Des Biſchofs Reiter ſeyen im Anſprengen; wer ihnen entkommen wolle, müſſe alſobald flüchtig werden!“ hieß es plötziich:„über die Furth des Werſeſtroms brächen Pferde mit Büchſen⸗ ſchützen, die kein Quartier geben würden!“ Und vor einer Schaar, die Niemand geſehen, denn nur in der allerweiteſten Entfernung zeigten ſich dann und wann einzelne Wachtreiter, floh die Horde nach ihren Wällen zuruͤck, und ließ ihre Arbeit unr zur Hälfte ge⸗ than.— Statt der Strafe, die ihr für den zügelloſen Frevel hätte werden ſollen, empfing ſte der Jubel ihrer Mitbürger und die fröhliche Kunde, daß Meugersheim, glücklicher als einſt der römiſche Regulus, ſein Wort ge⸗ halten, und der Biſchof, die Hand zum Frieden bietend, den Beſchlag auf die Münſter'ſchen Güter und Heerden, die Sperrung der Straßen und der Zufuhr ſammt allen Feindſeligkeiten anfgehoben.— Die Stadt wiederhallte von Geſängen; Luſt und Fröhlichkeit kehrten wieder in den alten Mauern ein, und nachdem die Bürgſchaften von beiden Seiten ausgewechſelt, die Gefangenen losge⸗ laſſen und Handel und Wandel freigegeben worden, harrte Jedermann mit Begierde auf den Spruch der Schieds⸗ richter, die der Landgraf von Heſſen zu ſtellen hatte, und auf die, dem Frieden demnächſt folgende Einführung oder Beſitzergreifung des Biſchofs. Nach vielem hinterliſtigen Zögern, nach manchen Auf⸗ ſchub veranlaſſenden Ausflüchten von einer, wie von der andern Seite, kam endlich der Friede wirklich zu Stande. Die Münſterer behielten ihre Privilegien, und gewannen 48 noch obendrein das Recht, in den ſechs Pfarrkirchen der Stadt ausſchließlich das Evangelium predigen zu laſſen. Der Dom und die Stifter ſollten ausgenommen ſeyn und bei ihrem alten Herkommen verbleiben.— Dieſer Aus⸗ gang hatte für Rottmann die glückliche Folge, daß er zum Vorſteher der zwölf ernannten Prediger erhoben wurde, und den Titel eines Superintendenten erhielt, worauf er ſich mit der Wittib des Syndikus Viger ver⸗ mählte, und am Ziele ſeiner Wünſche ſtand. An Vigers Statt verſah zur Zeit der Doktor Wyk von Bremen, ein berühmter Rechtsgelehrter, die Stelle eines Syndikus, und regierte den Senat.— Das Volk jedoch, gewaltiger als der Syndikus, vernichtete mit einem Schlag den Rath, der ihm ſo väterlich durch die Finger geſehen, und wählte einen neuen Magiſtrat, der lediglich aus Staats- und Kirchenverbeſſerern, von der überſpannteſten Art zum Theil, beſtand. Hermann Tilbeck, der ſchleichende Patri⸗ zier und Caspar Judefeld regierten als Bürgermeiſter an der Spitze des Raths; die Häupter des Volks waren jedoch der Mezger Moderſon, der Kürſchner Redecker und deren Freunde. Unter den Wahlherren, die den neuen Senat erfanden, ſtachen die Namen Berndts Knip⸗ perdolling, des Malers Lüdger zum Ringe und des wild⸗ ſchwärmeriſchen Schloſſers Mollenhecke beſonders hervor. So wurde ein fauler Friede, um den entſetzlichſten Krieg zu gebären. So bereitete ſich unter Lachen, Triumph und Scherzen eine biuttriefende Zukunft vor. Zwölftes Kapitel. Das Feſt der Inthroniſation. Ein herrlicher Maimorgen hatte ſein blaues Zelt über das Land und die Stadt Münſter ausgeſpannt. Es war der Sonntag Jubilate, und, wie zum allgemeinen Jubel auffordernd, wogten die vollen Glockenſtimmen von alen Thürmen zumal in den Lüften, und allenthalben in den reinlich geputzten Gaſſen drängten ſich feſtliche Geſichter und feſtliche Kleidungen. Der Biſchof wurde erwartet; er hielt für angemeſſen, nicht länger zu ſäumen, ſeine Würde vor allem Volke anzunehmen, und die Huldigung von Rath und Bürgern ſeiner Hauptſtadt zu empfangen. Reitende Boten hatten angeſagt, der Fürſt ſey nur noch eine halbe Meile von der Stadt. Das Domkapitel alſo, ſeiner Pflicht gemäß, machte ſich auf den Weg, den Herrn zu bewillkommnen. Im vollen Staate zogen die alten adeligen Kapitularen, in ihrem Gefolge die jüngeren Domherren, die Schaar der Vikare, der Sänger und Choriſten, die Menge der Beamten des Domſtiftes, aus dem Thore, beſcheiden zu Fuße wandelnd; aber zu ihren Seiten wurden, glänzend gezäumt und angeſchirrt, hundert der edelſten Roſſe geführt, die ſie als ein herkömmlich Geſchenk ihrem Fürſten überreichten.— Der Magiſtrat Der Koͤnig von Zion. II. 4 50 von Münſter, umgeben von einigen Stadtreitern, erwar⸗ tete den Oberherrn auf der Ebene, die man den Geeſt nennt. Der Eid der Treue wurde ihm daſelbſt geleiſter, und er folgte langſam der Pfaffheit und dem Senate in die Stadt. Ungeheures Volksgewühl drängte ſich in der Königs⸗ ſtraße ihm entgegen. Kaum vermochten Spieße und Ge⸗ wehre der Stadtknechte die Andringenden zurückzuhalten. Jeder von den Einwohnern war begierig, den Biſchof zu ſehen, mit dem ſich ſo heftige Händel entſponnen hatten. Der Graf von Waldeck war ein Mann von vierzig Jahren, wohlgewachſen und beleibt. Seine Geberden und ſeine Blicke verriethen viel Stärke und Kuͤhnheit. Er hatte das Anſehen eines zum Kriegsdienſt erzogenen Edel⸗ manns; ein ſtarker brauner Bart, nach ſpaniſcher Art geſchoren, zierte ſein Geſicht, ein prachtvolles Schwert ſeine Hüfte. Seine Haltung ließ den gewandten Reiter erkennen; auf ſeiner rechten Fauſt ſaß der adelige Sper⸗ ber. Uueber ſein Antlitz war neben vieler Strenge eine gewiſſe Mildigkeit verbreitet; aber ein unbeſtimmter, ver⸗ worrener Anflug von finſterer Beſonnenheit und Verſtel⸗ lung, der ſeine Stirne und Braunen kraus zog, kun⸗ digte den Verſchloſſenen an, der lächelt und zugleich haßt, der vergibt, aber niemals vergißt; mit einem Worte den Mann, der nichts in der Welt, das ihm zuſteht, aufge⸗ ben würde, der aber zu warten weiß, bis die Früchte reif ſind, und wie von ſelber fallen.— Die Weiber, die ihm nahten, liebten ihn, und er war ihnen um ſo weni⸗ ger gram, als er ſich niemals für einen, den Gelübden unterworfenen Cleriker gehalten hatte, da er noch die prieſterlichen Weihen nicht empfangen.— Die Männer dachten anders von ihm. Sein Jähzorn, ſein Ungeſtüm, ſeine grauſame Hartnäckigkeit, verbunden mit der Gewohn⸗ heit und Kraft, zu befehlen, flößten ihnen Furcht oder Haß ein, je nachdem ſie ihm ergeben oder feindlich. 51 Der Biſchof war umringt von ſeinen Brüdern, von mehreren Grafen und Rittern, von einer auserleſenen Reiterſchaar, zwei Fähnlein ſtark; von zahlreichen Hof⸗ leuten und Dienern; aber von dem ganzen glänzenden Geleite wurde außer dem Grafen Waldeck keiner mehr in's Auge gefaßt, als ein Edelknecht, welcher dicht an deſſen Seite ritt, ein Muſter und Wunder von Schön⸗ heit, deßgleichen ſelten zu ſchauen. Er mochte ſiebenzehn Jahre zählen, von Haaren blond, von Anugen braun, von Angeſicht mädchenhaft lieblich, zugleich muthig und voll Leidenſchaft, wie lebhafter Jünglinge Züge zu ſeyn pfle⸗ gen.— Ein Edelknabe des Biſchofs ſey er und von dem Biſchof innig geliebt; ſo hieß es und ein Weiteres wußte man anfänglich nicht von ihm.— Es fehlte nicht, daß die Feindſeligen betheuerten und ausſprengten, der Page ſey ein verkleidet Mädchen im Gefolge des Herrn. An⸗ dere behaupteten mit größerem Rechte, er ſey ein Sohn des Biſchofs, da er auch den Namen Chriſtoph Waldeck führte. Der ſchöne Knabe war während des Einzugs im be⸗ ſtändigen kindiſch neugierigen Geſpräch mit dem Biſchof. Bald deutete er auf die ſeltſamerweiſe mit Ketten ver⸗ ſperrten Seitengaſſen, bald auf die unter ihren Fahnen bewaffnet verſammelten Buͤrger und Handwerker. Auf ſeine Fragen antwortete Graf Waldeck lächelnd:„Sie fürchten mich und meine Reiter; darum ſperren ſie die Straßen und ſtehen wie zur Schlacht gerüſtet. Doch traue ich ihnen auch nur halb, und rathe Dir, nicht ei⸗ nen Tropfen Waſſers anzunehmen, ſobald ein Münſtrer ihn Dir reicht.“ An der Kirche des heil. Lüdger hätte der Biſchof abſteigen, am Altar ſein Gebet verrichten, und ein Ge⸗ ſchenk erlegen müſſen; aber um es kürzer abzumachen, und den Evangeliſchen keinen Anlaß zu Spott und Ha⸗ der zu geben, unterließ er die Ceremonie, und ſeine Die⸗ ner gaben in ſeinem Namen das Geſchenk.— Aber an dem Domplatz angekommen, wo ſein Schloß ſtand, ſtieg er vom Pferde, und ging die Steintreppe zu der Capelle des heitigen Michael hinan, die über einem Thore des Domplatzes erbaut war. Nachdem er ſein Gebet knieend vor dem erleuchteten Altar geſprochen, und einen Beutel mit Goldſtücken als eine Spende darauf niedergelegt, fiel ſein Blick auf das prächtige Bild, das die Capelle ſchmückte, und er ſtand davor einige Zeit, als wie verwundert. Dann warf er ſich in ſeinem Schloßgebäude in prieſter⸗ liche Kleider und den Ornat eines Biſchofs, und verfügte ſich in die Domkirche, an deren Pforten die ganze Geiſt⸗ lichkeit der Stadt aufgeſtellt war; etwas von dem großen Haufen abſeits ſtanden auch die evangeliſchen Prediger, mit finſteren ascetiſchen Geſichtern. Die Karthaunen donnerten lant von den Wällen, die Glocken tonten ma⸗ jeſtätiſch, Trompeten, Poſaunen, Pauken und Orgelklang emyſingen den Herrn der alten Kirche. Mit ſtotzer Freundlichkeit ſchritt er in das Portal ein; aber während dieſer wenigen Schritte hatte er Zeit, dem Rottmann und deſſen Amtsbrüdern einen Blick entgegen zu ſchießen, der ihnen die ganze Gewalt des Grolls verrieth, welchen der Graf gegen ſie in tiefſter Bruſt hegte.—„Habt ihr's geſehen?“ flüſterten ſie unter einander.„Tod und Verderben zwiſchen uns fortan, und keine Verſohnung!“ Damit gingen ſie aufgerichteten Hanptes und trotzigen Auges von dannen nach ihren Häuſern. Die bewaffneten Bürger unter ihren Fahnen, da ſie dieſes fahen, murrten und grollten. Mit ihnen ſtimmten die Zuzüger von den kleinen Städten des Muͤnſterlandes, die der Magiſtrat hatte einladen laſſen, in Harniſch und Wehr die Feierlichkeit zu verherrlichen. Die Gildemei⸗ ſter nahrten auf geſchickte Weiſe die feindſelige Stim⸗ mung.„Was helfen Eide, Verträge und Briefe 2“ fraate Redecker hoͤhniſch.„Was helfen ſie, ſo das Herz nicht 53 dabei iſt? Welch eine Zukunft haben wir zu erwarten?2 Hat uns der Biſchof nicht in unſeren Predigern beſchimpft2 Konute er ihnen nicht ein einzig armes Wort gönnen 2“ »Die guten, lieben Herren,“ klagte Moderſon, dem der weinerliche Ton wenig anſtand,„lind ſie nicht bis heute nur auf den Pfaden der Drübſal und der Verfol⸗ gung gewandelt? ſol ihnen denn niemals die Sonne des Friedens ſcheinen? ihnen, die uns ſo uneigennützig das Licht des Evangeliums angezündet haben 2«—„Schirmt es nur, das Licht, daß der Waldeck es nicht ausblaſe,“ fiel Knipperdolliug giftig ein, und rieb ſich die Hände, als wolle ihm die Bosheit durch die Haut platzen,„er wird uns wohl eine Weile anädig zuſehen müſſen, und an die kleinen Städte kommi's zuerſt. Sobald er jedoch mit dem Lande im Reinen..„ „Ja, bei Gort!“ rief ein Coesfelder,„Ihr habt's ge⸗ troffen. Er will nicht haben, daß wir uns reformiren.“ „Und wir,“ ſcrie einer von Warendorf,„die ſchon einen ſo guten Anfang gemacht hatten wo ſtehen wir jetzo? Unſer biederer Regeward, der Gottesmann, war gezwungen, ſich zu flüchten, um nicht in die Kerker des Waldeck geſtoßen zu werden!“ „Gott ſey's geklagt!“ ſtimmten die von Aalen und Beckem ein„wir dürfen uns nicht rühren und regen, denn des Biſchofs Amtsleute liegen vor unſeren Mauern mit aufgeſperrten Rachen, und warten nur auf einen Anlaß, uns zu verſchlucken.“ „Ein Bündniß, ein Bündniß, ihr Leute!“ ermahnte Gerhard Kippenbroick, der Patrizier.„Eintracht macht Kark; viele ſchwache Pfeile machen vereint ein dickes Bündel. Ein Bündniß zu Schutz und Trutz, und dann ſoll der ungeweihte Biſchof nur ankommen!“ »Du prediaſt den Pfahlbürgérn und Hinterſaſſen Dinge, die ſie nicht verſtehen; Dinge, wozu ihnen der Muth fehlt,“ miſchte ſich Gerlach von Wulen ein.„Je, mein Heiland, laß die Bauern am Pfluge, die laufen immer neben der Gewalt als getrene Knechte her.“ „Ei, ſo ſollen ſie— zum Wetter— unſere Ge⸗ walt fühlen, wenn ſie die des Biſchofs fürchten!“ fuhr Moderſon auf, und die Kleinbürger zogen ſchon gehäſſige, fletſchende Geſichter, ihre Partiſanen ſchüttelnd, und ſpre⸗ chend von ſchnellem Abzug und ewiger Feindſchaft. Unter ihnen befand ſich jedoch ein alter Mann, der bei ſeinen Landsleuten hoch in Ehren ſtand, obgleich er nur ein zurückgekommener Goldſchmied war, Duſentſchner geheißen. Jung und Alt hatte ſich längſt angewohnt, ihn für einen Greis von hohen geiſtigen Gaben zu halten. — Dieſer ſagte nun zu den ſchwürigen Kleinſtädtern: „Was brummt, was tobt ihr, Bürger von Warendorf und Cvesfeld, lieben Freunde von Beckem, Aalen und Dülmen? Solltet ihr nicht vielmehr euch geſchmeichelt fühlen, wenn dieſe großen Herren der reichen Stadt Mün⸗ ſter, gegen welche enre Wohnſtädte unr Pfützen ſind,— wenn dieſe euern Beiſtand ſo hoch achten, daß ſie ſogar die Pflichten der Gaßfreundſchaft hintanſetzen, ſobald ſie ſich nur einbilden, ihr möchtet ſelbigen Beiſtand ihnen verſagen? Oder merkt ihr nicht, daß ſie mit euch nur Scherz treiben? Dieſe vernünftigen Herren, viel weiſer allemal und klüger, als wir Bauernſtädtler, wiſſen recht gut, daß wir das Werk der Glaubensverbeſſerung nicht minder kräftig angefangen haben, als es in Münſter ge⸗ ſchah. Hier, hinter Wällen und Geſchützen, wo tauſend Bürger und viele Söldner unter den Waffen ſind bei Tag und Nacht, hier konnte wohl leichter geſchehen, was Noth that, als in unſeren erbärmlichen Städtleins, wo die Gräben ſich füllen mit unſeren einſtürzenden Mauern. Dennoch hat unſer Rathsherr Ervo die Capelle der hei⸗ ligen Anna darniedergelegt und ausgeleert; dennoch haben die Männer von Aalen ihre Götzenbilder zerſtört; den⸗ noch haben die von Cvesſeld ihrem Abendmahl den Kelch hinzugefügt; dennoch predigt heute zu Dülmen, unter dem Barte des Biſchofs, ein unerſchrockener Jünger des Rottmann die unverfätſchte heilige Schrift.— Beruhigt euch daher und haltet Friede. Was wäre, wenn unſere Feinde ſähen, daß wir uneinig?“ Kippenbrvick und Wulen und Kerkering, der mit dazu geholfen, ſchwiegen beſchämt, und die Bürger der kleinen Städte ſtreckten ſich in behaglichem Selbſtvertrauen. Ge⸗ nug!“ rief Knipperdoling,„der Meiſter hat ein Wort zu ſeiner Zeit geredet. Gebt uns die Hände, hier habt ihr die unſerigen. Zu Schutz und Trutz, und unſer Pa⸗ nier ſey das reine Evangelium, ſo wie es Rottmann, ein Heiliger in Menſchengeſtalt, bisher gelehrt, und von Tag zu Tag mehr läutert und verbeſſert.“ „Verbeſſern? das Evangelium?“ fragten die Pfahl⸗ hürger einfaltigtich. Duſentſchuer hieß ſie ſchweigen, und nahm das Wort:„Ein Heiliger? wahrlich, das iſt er beinahe, obſchon er viel auf irdiſche Luſt hält, wie man ſagt. Nun,„heißt es doch vom theuern Manne Luther ebenfalls, daß er ſinge:„Wer nicht liebt Wein, Weiber und Geſang 4 „Das iſt anders zu verſtehen, als Ihr wohl glaubt,“ brauste Knipperdolling auf.„Wir wollen nicht das Sai⸗ tenſpiel Babylons, nicht Davids Bathſeba, nicht die Ta⸗ feln und Keller unſerer infulirten Zwingherren. Einfache Freud' thut keinem Leid. Aber ſogar das Unſchuldigſte, das ein Menſcheuherz erquickt, verſagt ſich ſeit einiger Zeit der ehrwürdige Rottmann ganz und völlig.— Saht ihr nicht, wie eingefallen ſeine Wange, die vordem ſo blühend? Hörtet ihr nicht, wie dumpf und hohl ſeine Stimme, die einſt ſo klangvoll? wie finſter die ehemals heitere Stirne? wie düſter das Ange, das ſo feurig ge⸗ weſen 2 „Wahr iſt's,“ murmelten die Bürger,„er ſieht ſich nicht mehr gleich, Rottmanns Berendt!“ Knipperdolling fuhr „ 56 fort:„Er faſtet jetzo, wie einſtens der Herr in der Wüſte; kaum vermählt, eutzieht er ſich ſeinem Weibe und ſucht die Einſamkeit; er iſt ſchon einigemale in Ver⸗ zückung gefunden worden; er ſpricht nur von den letzten Dingen des Menſchen, oder wie ein Prophet von Er⸗ ſcheinungen, die er gehabt, von Geheimniſſen, die er er⸗ fahren. Jedoch verſteht Niemand, was er meint, was er vernommen, und von wem; er ſchläft nicht mehr; ganze Nächte bringt er in Gebete oder in tiefen Betrach⸗ rungen zu. Er iſt oft gehört worden, wie er hinter ver⸗ ſchloſſenen Thüren laut ſprach, bald, als redete er ſich ſelber an, dann wieder ſol ihm eine andere Stimme, wie von oben, geantwortet haben.. kurz, er iſt ein Räthſel, und ich halte dafür, daß wir bald etwas Großes und Ungewöhuliches aus ſeinem geſegneten Munde ver⸗ nehmen werden.“ „Hm, das iſt auch meine Hoffnung,“ fiel der Mezger Moderſon zuräppiſch ein,„der Rottmann hat ſich hiuter⸗ dacht, wie's heißt. Bei allen Hexen! es gehört die Na⸗ tur eines Stiers dazu, alle Verfolgungen und Bosheiten auszubalten, die der arme Mann ſchon zu erdulden hatte, um Gottes Ehre willen. Mord und Tod! wenn ich an ſeiner und des Bririus Stelle geweſen wäre..6 Ein ſtarkes Geläuf von Bürgern gegen die Pforten der Domkirche unterbrach den wilden Prahler. Die Glo⸗ cken ſchlugen heller zuſammen, die Orgelpfeifen klaugen mächtiger, und der Trompeten Freudengeſchrei erſtickte die letzten Töne der Hymne zum heiligen Pautus, die das Kapitel und der Chor des Donmſtifts geſungen; der Bi⸗ ſchof war aus der Kapiteiſtube nach der Glockentbüre ge⸗ zogen, woſelbſt ein prächtiger Stuhl für ihn bereit ſtand, um welchen ſich die Vaſallen und die Kleriſei des Mün⸗ ſtergebiets verſammelten, dem Oberherrn die Huldigung zu leiſten. „O ſeht, o ſeht, wie ſie laufen, die Tröpfe, um die 57 Mummerei mit anzuſchauen!“ geiferte Knipperdolling zu Kerkering gewendet,„die Kerzen, die am heuen Tage brennen, die wunderlichen Meßröcke und Seidenmantel, der heidniſche Dampf der Rauchfäſſer.„. das lockt ſie dennoch, das zieht ſie dennoch an, die vermaledeiten Schöpſe! Ich ſage Euch, Herr, wir werfen noch auf ge⸗ ebnetem Wege um, wenn nicht bald der ganzen Rotte ein Oberhaupt geſetzt wird, mit Haar auf den Zähnen, regierend mit Ruthe und Schwert ſonder Erbarmen. Wir hätten Zeit und Mühe verloren, wenn wir länger zuſähen 4 „Recht und klug geredet,“ meinte Kerkering liſtig, „das Oberhaupt wäre ſchon gefunden... wie 2“ Knipperdolling ſtreichelte ſich behaglich den Bart, er⸗ wiedernd:„Wenn das iſt, Herr, ſo inthroniſirt es bald. Es wäre an der Zeit.“ Redecker kam herbeigelaufen:„Wollt ihr nicht den Tilbeck und den Judefeld ihre Kratzfüße machen ſehen? Die Huldigung des Magiſtrats iſt an der Reihe. Unſere Stadtväter machen Grſichter, als harten ſie birtere Man⸗ deln genoſſen.“ Als ſie gleich anderen Neugierigen der Domkirche zu⸗ eilten, kam ihneg der Maler Lüdger zum Ringe in den Weg, der, anf ſeiner Tochter Arm geſtützt, einherhinkte. —„Guten Dag Meiſter,“ ſprach der Patrizier Kerkering mit vornehmer Herablaſſuna.„Sticht Euch der Vorwitz auch? Warum hinkt Ihr auf dem linken Hinterfuße?2 Hat's geſtern ei schen gar zu gut geſchmeckt? eine Kanne zu viel bei Peter Frieſe? oder ein Schluck in der Roſe? oder das ſtarke Bier bei'm Wirthe am Geſpenſter⸗ thurm? die Straße iſt dort nicht die beſte und ein trun⸗ kener Fuß bald verſtaucht 2“ Lüdger blickte fauer und verdroſſen, als wie Bürger⸗ meiſter und Rath bei'm Huldigungsakt, und ſein Antlitz verzog ſich, wie das einer Katze. Deunoch bückte er ſich vor dem Erbmann, entgegnend:„Gott behüte Euch, edler Herr, vor dem Zipperlein, das mich heimzuſuchen beliebt hat. Aber— wäre es dennoch Gottes Schickung, ſo zählt darauf, daß ich hinter Euerm Mitleid und Zartge⸗ fühl nicht zuruͤckbleiben werde.“ Kerkering lachte anf.„Ihr vermeldet Euch ungnädig, Maler? Ei, ich bin untroſtlich, und werd' Euch die Be⸗ leidigung einmal abbitten, wenn ich Zeit habe.“ Ohne zu grüßen ging er vorüber. Knipperdolling ſchnanzte den Maler höhniſch an:„Ihr ſeht ſo fromm am Arme der andächtigen Tochter! Ich hore, Jungfer Angela beſuche noch fleißig die Kloſterkirche zu Ueberwaſſer? um ſich im Chriſtenthum zu ſtärken, nicht wahr, Jüngferlein? Doch verſtehe ich nicht, wie Meiſter Lüdger, ein abgeſagter Feind des Papſtthums, jenem Mummenſchanz nachlaufen mag? Dreht ſich nicht Euer Eingeweide um bei ſolchem Anblick?“ la wurde hochroth vor Zorn; Lüdger ſtotterte verl„Hm ich bin eben nicht um deſſentwillen au Hauſe gegangen. aber der Meiſter Arzt wollte es haben. und Angela befahl es„nicht doch, ſie bat mich darum. Es taugt mir nicht, im Bette zu verweilen... und daher. Küipperdolling war ſchon w immer noch im Zuge zu reden, brach, und faſt weinend ausrief: Freunde, lieber Vater! Wel welche Schamloſigkeit! Und Ihr och ſolchen Män⸗ nern zu Gefallen reden, was Ihr nicht denkt!“ Worauf Lüdger:„Lieb' Kind, Du ſitzeſt zu Hauſe, eine Fremde in der Welt. Ich müß aber mit den Wöl⸗ fen laufen, folglich mit ihnen heulen. Sang-Pieu, ich ſage nicht, daß mich nicht geärgert hätte, was der Laffe von Kerkering zu ſagen ſich unterſtanden. God damm, wär' ich nicht jetzo ein kranker Mann, eine ſchwache Gicht⸗ gen, und Lüdger Angela unter⸗ Leute ſind Eure iche Spötterei, roſe, ſo zu ſagen, ich wollte ihm auf den Zahn gefühlt haben. Ich weiß noch den Degen zu führen, und meine Kunſt iſt ſein verbauertes Wappen wohl werth. Lieber von Kaiſern gehudelt, als von Pfahljunkern gepudelt! Der Tropf! von trunkenen Füßen zu reden! Er mag freilich geſtern in Kopf und Fuß nicht zum Beſten beſtellt geweſen ſeyn, der Schlemmer, der Taugenichts. Er ver⸗ putzt nach und nach ſein ganzes Erbe, der Störefried. Ich ſage Dir, auch heute iſt er nicht nüchtern; juſt wie der Pfaff am Oſertage!“ „Höhnt nicht die Prieſter, lieber Vater,“ bat Angela inſtändigſt.„Seht, der ganze Platz iſt voll von guten Chriſten; gebt kein Aergerniß; gönnt uns die Frende, daß wir heute wieder einmal unſere Kirche in vollem Glanze ſchauen, nachdem ſie erſt vor wenig Tagen ſo tief erniedrigt worden.“ „Ach, Du meinſt die Reinigung der Lambertkirche und des Lüdgerſtifts?“ fragte der Vater leichtſinnig. „Nennt es lieber Plünderung, Entweihung des Hei⸗ ligſten! Jener Knipperdolling hat die Gotteshäuſer ver⸗ wüſtet, daß ſie ſchlechter ſind, als Ställe.“ „Ja, ja,“ lachte Lüdger,„der Berendt und der Kip⸗ penbroick waren an der Spitze. Teufelsleute, ſag' ich Dir, parbleu! wohin die greifen, wächst kein Gras mehr. Nun— die alten Schnörkel konnten nicht mehr in den Kirchen bleiben. Weiß angeſtrichen, damit holla; das iſt jetzt Schick und Sitte. Es iſt freilich Schade um die vielen hübſchen Bilder, aber was thut's? Der Biſchof ſammt allen ſeinen Platten verſtand ſo wenig von der edeln Materkunſt, als der Schweißhund des Herrn von Wulen, unſeres Nachbars. Gott beſſere den Fiſch ſammt dem Fiſchkopf!“ Der plumpe Spaß war kaum aus des Malers Munde, als eine ſchwere Hand ſich auf ſeine Schulter legte und eine derbe Stimme ihm in's Ohr rief:„Ihr ſollt Euch —— 60 ſtehenden Füßes in den Biſchofshof verfügen, Meiſter zum Ringe. Sr. Guaden will Euch vor ſeinem S uhle ſchen, ſobald die Huldigung vorüber.“ „Sr. biſchöfliche Gnaden? der Biſchof?“ fragte Lädger ſtuzig und verzagt den ſtattlichen Drabanten, in deſſen Prachtgewändern er kaum einen Menſchen erkaunte, der vor langer Zeit Farbenreiber bei ihm geweſen und ſodann in Dienſte bei Hofe gekommen.„Hans? iſt's denn wahr? bin ich gemeint, oder ein Anderer?“ Der Trabant verſetzte lächelnd:„Bei meinem Eid, Ihr ſeyd, den ich ſuche, und den die ſcharfen Augen des Domprobſtes von jenem Fenſter aus erkannt haben. Be⸗ ruhigt, faßt Euch nur, lieber Meiſter. Ich ſage Euch nichts Böſes an. Des Biſchofs Gnaden hat mit Ver⸗ wunderung das Bild des heiligen Michael geſehen, das Euere Hände malten, und nach dem Namen des Künſtlers gefragt. Der Domprobſt, Euer aiter Gönner, nannte Euch, und der Biſchof wünſcht...4 Der Maler blähte ſich auf, zog das ſeidene Futter weit aus den Schlitzen ſeines Staatskteides, nickte dem Trabanten gnädig zu, und ſprach ſüßlich:„Ich weiß ſchon, ich weiß genug, lieber Freund. Ich werde mich ein⸗ ſtelen, alſobald,„. ſagt das keck höheren Orts wieder. geht nur geſchwint Hans ich werd' Euch, wenn aus der S as meht als ein Handkuß werden ſollte, bedenke gebührt..3 ich bin Euch recht zugethan, lieb 9eht nur immerhin mit Gott,“. »Bin zu Enern Dienſten, Euch zu fuhren.“ Verdrüßlich murmelte Lüdger, zu Angela gewendet: „Welche Zudringlichkeit! Die lange Stange, ein rieſen⸗ hafter Pfittich, ein wandelnder Kirchthurm in tauſend Farben! Sang Pieu, wie ich mich ärgere, ihm nachgehen zu müſſen! Wird nicht morgen die ganze Stadt davon reden? Wird's nicht heißen, ich ſey plößlich gut biſchof⸗ 61 lich geworden? Bleib bei mir, Angela, weiche nicht von mir. Ich bin beruhigt an Deiner Seite, als ginge ein leibhaftig Engelein neben mir. He, guter Freund, he!“ Der bunte Rieſe drehre ſich um.„Nicht wahr, mein Guter, dies Jüngferlein kann immerhin an meiner Seite verweilen? So viel ich mich erinnere, ſo iſt ein Saal im Biſchofshofe, ein Saal der Wartenden, und während ich mit dem Herrn... mit Sr. biſchöflichen Gnaden ſpreche 4 Kann das Jüngferlein im Saale verbleiben!“ ergänzte der Trabant gleichgültig, und dem Maler fiel, ohne daß er recht wußte, warum, ein Fels vom Herzen. Sie ſchritten eben in den Biſchofshof. Er wimmelte von den Staatslenten des prunkliebenden Fürſten. In dem düſtern Vorſaale, der an die Gemächer des Herrn ſtieß, Kanden viele Lente, geiſtliche und weltliche, mit Bittſchriften in den Händen, oder mit Sorgen und ſchwe⸗ ren Anliegen auf der Stirne Herr Sibing, der Cuſtos, kam gerade aus der Audienzſtube. Seine Züge waren abgeſpannt und unzufrieden. Indem er an Lüdger und deſſen Tochter voruberging, ſagte er ihnen:„Ihr kommt eben anch, um zu ſchöpfen aus dem Born aller Gnaden? Vergeßt unr nicht, daß Fürſten auch Menſchen ſind, daß ibnen Leidenſchaften nicht fremd, und daß ſie geiziger mit Thaten, denn mit Worten.“ Einen bekümmerten Blick zum Himmel werfend, begab ſich nach dieſer Aenßerung der Cuſtos hinweg. Angela, obwohl den Sinn ſeiner Rede nicht verſtehend, folate ihm mit den Augen, gerührt von ſeiner Betrübnß. Der Maler dagegen ſtrich den Bart in die Höhe, und verſetzte mit Achſelzucken:„Da haben wir's. Der atte Schleicher, der ſonſt nur den anädigen Herrn im Mnnde führte, ſo lange er ihn nicht kannte, mahlt jeto da ihm wohl die Beförderung abge⸗ ſchlagen wurde, die er benehrte. Wie frei und ledig ſteht doch der Künſtler ſolchen Herrendienern gegenüber! Das fühlen die vornehmen Leute; darum behandeln ſie unſer einen eher wie ihresgleichen, und jetzo habe ich erſt viel Vertrauen zu dem Geſchmack und dem Verſtande unſeres Biſchofs.“ Der Trabant, der Lüdgers Ankunft angeſagt, kam zurück, und führte ihn vor den Grafen, während Angela in banger Erwartung dahintenblieb. Der Biſchof hatte ſich ſeiner ſchweren geiſtlichen Ge⸗ wänder entledigt, und ſaß im ſchmucken Ritterkleide auf dem Seſſel von golddurchwirktem Sammet. Er neigte leutſelig ſein Haupt, da er den Maler anblickte und ſprach freundlich:„Ich habe mit Verwunderung entdeckt, daß in dieſer Stadt ein kunſtreicher Maun zu Hauſe, wie ich ihn hier nicht vermuthet haͤtte. Euer Bild des heili⸗ gen Erzengels Michael hat mir wohlgefallen, Meiſter zum Ringe.“ „Meine Kunſt hat den Beifall vieler Potentaten er⸗ halten, wie ich mir ſchmeichle,“ verſetzte der Maler etwas ruhmredig. „Ich liebe die Malerei, die ſchön gewählten Farben bei gerechten Umriſſen ſprechen mehr zur Seele, als eines Schnitzers oder Bildhauers Fertigkeit.“ „Freilich. Den Arbeiten des geſchickteſten Steinmetzen fehlt das Leben und das Licht. Aber das eigentliche Leben und Licht der Malerei kömmt von der Sonne fürſtlicher Gunſt; denn nur Fürſten vermögen die Kunſt zu ernähren und zu erhalten.“ „Der Meinung bin ich auch, lieber Meiſter.“— Der Maler wurde um ein paar Zoll größer und vergaß des Zipperleins ganz und gar. Der Biſchof fuhr fort:„Ich begehre, ein Andenken an Eure Meiſterſchaft mit mir zu nehmen, bis ich mehr für Euch thun kann. Habt Ihr nicht ein Gemälde, deſſen Käufer ich werden könnte?“ Der Maler beſann ſich ein wenig, dann entgegnete er wichtig:„Mein beſtes Bild ſteht noch in meiner 63 Wohnung. Die heilige Helena, da ſie das Kreuz unſeres Herrn gefunden.z ich darf das Bild rühmen, der Kopf iſt mit Fleiß gemalt, er iſt ein Conterfei meiner Tochter Angela! Ich würde mich deshalb ſchwer von dem Gemälde trennen; jedoch, wenn Ew. biſchofliche Gna⸗ den befehlen ſollte.4 „Ich wünſche nur, lieber Meiſter. Ich habe in Wälſch⸗ land die Künſtlerwelt kennen gelernt, und weiß, daß Ihr Herren vom Pinſel euch nicht wohl befehlen laßt.“ »Er weiß ſeine Leute zu unterſcheiden,“ murmeite Lüdger zufrieden in den Bart. Indeſſen ſprach der Graf von Waldeck fein lächelnd weiter:„War Angela, von der Ihr geredet, die ſchöne Führerin, die Euch in den Hof geleitet? Ich ſah Euch kommen, und vermiſſe neben Euch die holdſelige Führerin. Wo iſt ſie 24 Der Maler deutete mit einer ſtummen Verbeugung nach der Thüre. Seiner peinlichen Verlegenheit nicht achtend, klatſchte der Biſchof in die Hände, und befahl dem hereintretenden Kämmerer, des Malers Tochter ein⸗ zulaſſen. Bald erſchien Angela mit niedergeſchlagenen Augen, verwirrt und ſchwankenden Fußes. Ein ſchöner Jüngling, derſelbe Page Chriſtoph, der bei'm Einzuge des Biſchofs ſo viel Aufſehen erregt hatte, führte das Mäd⸗ chen an der Hand, und entfernte ſich dann mit ehrfurchts⸗ vollem Gruße. Der Biſchof betrachtete mit Theilnahme die holde Dirne, und hob endlich zum Maler an:„Wenn Eure Kaiſerin Helena dieſer Jungfrau gleicht, ſo habe ich nie ein ſchöner Bild von ihr geſehen. Eilt, mir das Mei⸗ ſterwerk zu bringen, daß ich mit eigenen Augen mich überzeuge.“ Lüdger machte abermals einen tiefen Bückling, und winkte der Tochter, ihm zu folgen. Worauf der Biſchof ernſthaft:„Nicht doch, lieber Mann. Laſſet die Jung⸗ frau getroſt unter meiner Obhut bis zu Eurer Wieder⸗ 64 kehr. Sie wird nicht ſchlimmer aufgehoben ſehn, als un ter ihres Vaters Angen.“ Angela's Schüchternheit wurde zur wahren Angſt. Sie verſuchte einen flehenden Blick zum Grafen aufzu⸗ ſchlagen, und Lüdger unterſtützte ſie mit einem zögernden: „Aber Ew. biſchöfliche Gnaden wolle vergeben 4 Da unterbrach ihn der Fürſt herriſch:„Habt Ihr nicht verſtanden, Meiſter Lüdger? Ich achte Euch einer Ehre werth, die Manche Euch mißgönnen würden, und Ihr zaudert? Eilt, wenn Euch daran liegt, meine Gunſt zu verdienen. Es möchte Eurer Künſtlerlaune einfallen, mir Guer ſchönſtes Bild vorenthalten zu wollen, deßhalb will ich Eure Lochter als ein Pfand bei mir bewahren. Geht!“ Da war keine Widerrede mehr zu verſuchen, und Lüdger gehorchte.— Mit Angela allein, und nachdem er ſie eine Weile unverwendet angeſehen, näherte ſich ihr der Biſchof, legte die Hand auf ihren Scheitel, und be⸗ gann mit ſanfter Stimme:„ Es ſollte mich ſchmerzen, wenn ich Dir furchtbar wäre, meine Tochter. Faſſe Muth; der Biſchof iſt ein Mann wie ein anderer, und ſeine hohe Würde gar oft nur eine ſchwere Laſt. Warum ſollte er nicht einen Angenblick der Freude genießen? Dein Anblick macht mir Veranügen! ich habe ſelten ſo viel Unſchuld mit ſo vi lem Reiz gepaart geſehen. Ich wünſchte, Dir mein Wohlgefallen beweiſen zu können. Deines Vaters Kunſt vermag ich mit Golde zu beloh⸗ nen, Dir hinaegen möchte ich eine Gnade erzeigen, die ein wenig Dankbarkeit und Anhänglichkeit für mich in Deinem Herzen erweckte. Wie fange ich das an?“ „Gnädiaſter Herr.„ Eure Güte. womit ver diene ich ſie2. ₰ Was könnte ich von Euch erbit⸗ ten, als daß Ihr meinem Vater hold verbleiben möchtet 2* „Verlange irgend etwas zu Deinem Nutzen, zu Dei⸗ ner Wohlfahrt. Ich will meine kurze Anweſenheit zu Muͤnſter mit Handlungen bezeichnen, die mir Segen brin⸗ gen, und meinem Namen ein gut Gedächtniß bereiten.“ „Ich wüßte nichts, Ew. Gnaden; ich bin vbhig zur frieden mit dem Loos, das mir Gott beſcheerte.. „Denke nach, meine Tochter, denn die Zeit verriunt geſchwinde. Ich habe nur noch wenige Augenblicke für mich zu verwenden. Bald ruft mich wieder des Tages Feierlichkeit unter ihr Joch zurück, bald zwingt mich wie⸗ der die Herrſcherpflicht, die Stadt zu verlaſſen, und wer weiß, wie lange es dauern könnte, bis ich meiner ſchön⸗ ſten, tugendhafteſten Unterthanin mich erinnern dürfte 2« Da Angela nur ihre Hände verlegen faltete, und kein Wort hervorbrachte, fuhr der Biſchof, von dem Zauber des Mädchens hingeriſſen, dringender fort:„Und wenn ich überläſtig erſcheinen ſollte— beſinne Dich. Ich witt einmal etwas zu Deinem Glücke beitragen. Und wenn Du ſelber in Deiner Beſcheidenheit nicht wüßteſt, was Du zu verlangen hätteſt— ich verſtehe, daß die Jugend nur von der Zukunft die Krone ihrer Wünſche erwartet, daß ſie von der Gegenwart wenig fordert— ſo denke nach, ob nicht etwa Deine Freundin, Dein Freund, Dein Verwandter meiner Gnade bedürftig wäre? So ich irgend Einen, der da lebt, um Deinetwillen ſchützen, berathen, glücklich machen könnte, ich thäte es mit Freu⸗ den, um mir ein dankbares Herz, das Deinige, zu ge⸗ winnen.“ Die letzten Worte des Biſchofs erſchütterten Angela's Seele. Die geheimnißvollſte Sehnſucht, die in ihr ſchlum⸗ merte, erwachte, und vergebens ſträubte ſich die jungfräu⸗ liche Sprödigkeit gegen eine Bitte, die, ein halbes Ge⸗ ſtändniß, das Mädchen in Gefahr brachte— wie es dunkel ahute— des Biſchofs beſondere und ſo auffallend dringend angebotene Gunſt alſobald einzubüßen.— An⸗ gela faßte ein Herz, und nannte den Geſpielen ihrer Ju⸗ gend den zu Nymwegen im Kerker ſchmachtenden Rynald, Der Koͤnig von Zion. M. 5 66 und erbat von dem Biſchof, den ſie fuͤr allgewaltig ach⸗ tete, des kühnen und verirrten Studenten Befreiung. Der Graf von Waldeck ſtußte. Ueber ſeine Stirne flog eine düſtere Wolke. Sein Mund verzog ſich mit einer Art von Bitterkeit zum Lächeln. Ernſthaft und ſorſchend ſchaute er in Angela's plötzlich begeiſtertes Ant⸗ litz, und erwiederte langſam:„Es iſt ſeltſam, daß dieſer Name heute ſchon zum zweitenmale vor mir geßannt wurde. Ein lebensſatter Greis ſprach ihn zuerſt vor mir aus, und ich habe ihm mit harten Worten abgeſchla⸗ gen, was ich jetzo, zur Buße für meine Härte, der blü⸗ henden Jungfrau gewähren muß, wenn ich mein fürſtliches Wort nicht zu Schanden werden laſſen wiu.“ »Gnädigſter Herr! Ihr gewährt mir die Bitte 2“ rief Angela fröhlich, und küßte die Hand des Biſchofs, der im vorigen Tone fortfuhr:„Ich thue es, ſo weit es in meiner Macht ſteht. Des Kaiſers Statthalter ſind nicht die meinigen; ihnen befiehlt ein höherer Wille als der meinige. Doch will ich nicht hoffen und erwarten, daß ſie meine Fürſprache mißkennen, und einen Unterthan des Bisthums nicht freigeben ſollten, ſobald ſein Landesherr dieſe Freilaſſung ernſtlich begehrt.“ Seine Hand losmachend aus Angela's Händen, fügte er hinzu:„Beruhigt Euch, Jungfer. Der Rynald Volk⸗ mar ſoll losgegeben werden; der Tollkopf ſoll frei Geleit nach Münſter erhalten, und Ihr mögt ihn dann ſtrafen oder belohnen nach Euerm Gefallen. Wahrlich, es muß mit dem jungen Ketzer eine beſondere Bewandtniß haben, weil eifrige Chriſten, wie der Cuſtos Sibing und Ihr, mein gutgläubiges Kind, ſich für ihn ſo angelegentlich verwenden.— Schärft ihm jedoch⸗ ein, daß er ſeine Irr⸗ thümer verlaſſe. Ein zweitesmal dürfte die Gerechtig⸗ keit auf Erden nicht mehr vergeben.“ Angela wollte auf's Neue und wärmer in Dankes⸗ worte ausbrechen, aber in dem Augenblicke kam Lüdger 67 mit ſeinem Bilde zurück, und der Biſchof wendete ſich von dem Mädchen zum Gemälde.— Wie ſtaunte der Meiſter zum Ringe, der ſich bemühte, ſein Kunſtwerk in das beſte Licht zu ſtellen, und den Fürſten auf alle Vor⸗ züge deſſelben aufmerkſam zu machen, als der Biſchof, nach ziemlich kaltſinniger Beſchauung, gleichgültig und zerſtreut ſaate:„Es iſt gut; ich wiu die Tafel behalten. Sagt den Preis.“ Lüdger erwiederte betreten und verletzt:„Bei meines Vaters Seligkeit! Die Helena wäre mir nimmer feil geweſen, wenn nicht Ew. Gnaden ſo gnädigſt verlangt hätte, daß„aber, bei meinem Schutzpatron, dem hei⸗ ligen Lüdger, um weniger als zweihundert Goldkronen möchte ich ſie ſelbſt Ew. biſchöflichen Würden nicht laſſen.“ Der Biſchof öffnete die Thure, die in das Junere ſeiner Gemächer führte. Das Kapitel und der ganze Hofſtaat wurde dahinter ſichtbar.—„Herr Dechant,“ rief der Fürſt dieſem Würdenträger zu,„dieſem Maler ſind zweihundert Goldkronen auszuzahlen, und das Bild iſt anf mein Schloß Dülmen zu ſenden. Geht mit Gott, Meiſter, Ihr ſeyd entlaſſen.“ Die Trompeter blieſen zur Tafel. Lüdger ging unter den übrigen Bittſtellern und Gehörſuchern aus dem Bi⸗ ſchofshofe.„Was hat's denn nur gegeben?“ fragte er ſeine Tochter verdutzt.„Du warſt doch artig und ſitt⸗ ſam? warſt nicht ſtörriſch und bäueriſch verſtockt? haſt doch nicht des Herrn Mißgefallen erregt? Ich kannte ihn ja nicht mehr wieder, ſö verändert und eiskalt kam er mir jetzo vor 2“ Angela, die des Biſchofs plötzliche Verſtimmung nicht begriff und nicht beachtete, ſchwebte in ſtiller Freude, als wie auf eilenden Wolken, dahin, und erwiederte nur lä⸗ chelnd und zufrieden dem Vater:„Beruhigt Euch, lieb 68 Väterlein mein. Der Fürſt iſt überaus gnadig mit uns geweſen, und ich danke Gott für dieſen Tag!“ Den Maler verließ jedoch ſein Verdruß nicht.„Mei⸗ ner Helena kaum einen Blick zu ſchenken!“ murrte er. „Hab ich mich denn ihm aufgedrungen? mir ſo gleichgül⸗ tig den Preis zu gewähren, und mich fortzuſchicken wie einen Bettelbuben! God damm! der närriſche König von England war ja höflicher, als dieſer Waldgraf! Sang- Pieu! ſagte ich nicht immer, die großen Herren wiſſen und verſtehen nichts von der Kunſt? Zweihundert Goldkro⸗ nen! ein ſchönes Almoſen, fürwahr! Das Bild iſt für den Kaiſer zu gut, parbleu! Hätt ich's noch, ich würde es in's Feuer werfen. Wenigſtens ſollte er mir ein Jahr⸗ geld geſtiftet haben, der hungrige, weißnäthige Biſchof, der fadenſcheinige Graf, der knauſerige Leutſcheerer!“ Brummend ſchielte er zur Seite hinaus, und bemerkte den Edelknecht Chriſtoph Waldeck, der an der gegenüber⸗ ſtehenden Häuſerreihe hinſchlich, und das Paar nicht aus den Augen ließ.„Was will jener Laffe, der uns folgt, wie ein Kundſchafter?“ fragte Lüdger zwiſchen den Zäh⸗ nen.„Wie biſt Du an den gekommen, Angela?“ Das Mädchen warf gleichmüthig einen Blick hinüber, erwiederte kurz des Jünglings freundlichen Gruß, und ſagte:„Er iſt im Saale zu mir getreten, und hat mir mit recht ſittigen Worten die Zeit vertrieben. Ein Menſch, wie gedrechſelt, nicht wahr, mein Vater?“ „Hm, das finde ich gar nicht, und verbiete Dir— parbleu— mit ihm weiter zu verkehren. Die Schran⸗ zen ſammt dem Herrn taugen nichts. Die Unverſchämt⸗ heit, uns auf der Ferſe zu folgen! zieh den Schleier herab, Angela!“ Die Jungfrau that es, und ſagte:„Ich verlange es nicht beſſer, mein Vater. Laßt uns geſchwinder gehen, ſo verliert er uns aus dem Geſichte.“— Das geſchab, und Chriſtoph kehrte bald traurig nach dem Biſchofshofe 69 zurück.— Schmaus und Luſtbarkeit war dort zu Hauſe, aber dem guten Knaben ſchmeckte nicht die Mahlzeit, nicht Scherz, nicht Spiel. Kaum daß ihn auf einige Stunden das Tauzfeſt zerſtreute, wo die ſchönſten Patrizierfrauen ſich um den niedlichen Tänzer ſtritten. Und am nächſten Morgen ſchon mußte Chriſtvph im Gefolge ſeines Vaters die Stadt meiden, und ſein Herz darinnen zurücklaſſen, ohne daß es von der Geliebten als Eigenthum angenom⸗ men geweſen wäre. Als jedoch der Biſchof ſeiner meuteriſchen Hauptſtadt den Rücken gekehrt hatte, regten ſich alle Leidenſchaften und Partheien wieder, in der Stille zwar, aber gehäſſi⸗ ger, denn zuvor.— Rottmann benutzte den darauf fol— genden Predigttag, um nach ſeiner Weiſe zu erklären den herriichen Tert:„So laſſet uns ablegen die Werke der Finſterniß und anlegen die Waffen des Lichts!« Mit wenig ſchonenden Worten ſchilderte er den Biſchof und ſeine Gewalt als den Antichriſt und deſſen Tyrannei, er⸗ mahnte ſeine Zuhörer, in der Nacht der Verfolgung und der Trübſal einander getreu zu bleiben, und ihren Haß nicht abzuthun, betete für den Landgraf Philipp von Heſſen als den einzig wahren Freund des Evangeliums, und ſchloß mit den Worten:„Seyd verſichert, Brüder und Freunde, daß die Saat, die wir in die Erde gelegt ha⸗ ben, jetzo ſchon treibt und keimet. Es wird daraus ein neues Iſrael, ein neues Volk Gottes erwachſen, und nicht ferne iſt die Zeit, wo ich furchtlos wagen darf, auch den letzten Wuſt von Irrthum, darinnen wir befangen, nieder⸗ zureißen. Ich werde nicht ſterben oder meinen Feinden erliegen, bevor ich nicht geholfen, den Tempel eines neuen Bundes zu erbauen. Bis dahin betet, und bereitet euch zur Reinigung und Buße.“ Die Freunde der neuen Lehre, wie eifrig ſie auch Rottmanns Worten auhingen, konnten nicht umhin, ſich verwundert anzuſehen, und ihr Erſtaunen wuchs, als vor 70 ihren Angen ein fremder Mann, den Niemand kannte, aus ihrer Mitte hervorging, und den von der Kanzel ſteigenden Rottmaun brünſtig umarmte. Er rief dabei aus:„Des Vaters Segen über Dich, denn Du biſt ein Gerechter, und ich will als einen Apoſtel überal, wohin mein Fuß tritt, Deine Bekehrung und Erhöhung preiſen!“ Der unbekannte Mann verſchwand hierauf aus der Kirche und wanderte durch die Thore fürbaß. Die Menge der Kirchengänger umringte dafür den Prediger und fragte dringend nach dem Fremden und dem Sinn ſeiner dunkeln Worte. Es entgegnete ihnen mit ſchwärmeriſchem Ausdrucke der Superintendent:„Es iſt nur ein ſchlichter Mann aus Leyden, ein Schneider; ſein Name iſt Johannes, eines Vorläufers Chriſti. Erſt ſeit Kurzem wanderte er hier ein, um von mir Unwür⸗ digem das wahre Evangelium genau und gründlich zu erlernen. Aber“— ſetzte Rottmann geheimnißvoll hinzu —„es iſt noch die wichtige Frage, wer von uns Beiden vom Anderen mehr gelernt hat? Der himmliſche Vater iſt ſtark, und erweckt im Staube die mächtigſten Kräfte!“ Piertes Puch. 1534. Dreizehntes Kapitel. Enoch und Elias. Es gab in der Nachbarſchaft des kleinen Städrchens Coesfeld— da, wo vordem eine gangbare Fahrſtraße von Osnabrück herkam, die ſich in den großen Heerweg von Münſter gen Holland mündete— ein Landgehöfte, deſſen geringer Umkreis, ſo zu ſagen, keinen andern Ober⸗ herrn hatte, als den jeweiligen Eigenthümer des Hofes. Die kahle Erhöhung, worauf das ziemlich übel berathene Haus ſtand, graͤnzte an vieler Grafen und Herren Ge⸗ biet, und man nannte den Ort insgemein nur„auf dem Wipper.“ War es, daß— wie die Sage ging— vor granen Zeiten eine Kapelle dort geſtanden, die einem Märtyrer geweiht geweſen, und von heidniſchen Dänen zerſtört worden; oder daß die ritterlichen Nachbarn, nach langem Streite um den kahlen Hügel, den keiner von ihnen für 72 ſich behaupten konnte, ſich endlich dahin vereinigt hatten, ihn herrenlos und frei zu laſſen— genug: der jeweilige Beſitzer des Wippers trug denſelben von keinem Men⸗ ſchen zu Lehen, zahlte keinem Menſchen Steuer und Ga⸗ ben, trieb auf ſeine Fauſt ungeſtört das Gewerbe eines Herbergers, das einzige, das er, in Ermanglung des Feldbaus, treiben konnte,— und wurde von Niemand beneidet. Es war ein kümmerlicher Verdienſt in der Herberge auf dem Wipper, und es ſchien ein beſonders Unheil auf ihr zu ruhen. Das Volk ſuchte die Urſache deſſelben in der obigen Sage und meinte: die geſtörten Gebeine des Märtyrers verſcheuchten jeden Segen von der unberufenen Anſiedlung. So geſchah es, daß einer der Bewirth⸗ ſchafter nach dem andern auf dem Wipper zu Grunde ging, und am Ende ohne Erbrecht, Kauf. oder Pacht⸗ vertrag immer derjenige, der zuerſt kam, das verfallene Anweſen ſich zueignete. Der Unſegen des Orts wurde ruchbar. Man nahm an, daß Alles, was auf dem Wipper geſchah, ſchlimm ausfallen müſſe, und dieſem abergläubiſchen Wahn zufolge ließen die Grundherren in der Runde und die biſchöf⸗ lichen Amtleute ihre Hände von dem Hügel, ſo daß ſich nach und nach dort eine Freiſtätte aufthat, deren Um⸗ kreis kein Scherge und kein Flurſchütz mehr überſchritt. Der Zigeuner, der raſtlos und verfolgt ſtreifende, mochte dort eine Weile in Sicherheit verſchnaufen; der ent⸗ ſprungene Leibeigene mochte ſich dort frei wähnen, ſo lange ſein Mundvorrath dauerte; der fliehende Schuldner bot dort ſeinen Gläubigern Trotz ſo lange ihn der Hun⸗ ger nicht forttrieb. War jedoch der armſeligen Wirth⸗ ſchaft Bierkanne und Brodkorb geleert, ſo mochten die Flüchtlinge wieder den Weg unter die Füße nehmen, und zuſehen, welch ein Heiliger ihnen durch die am Zaune des Wippers lauernden Häſcher weiter half. 73 In ſommerlicher Jahreszeit kehrten nur wenige Bie⸗ derleute in dem Steinhaufen ein, weil es hieß, daß Drank und Speiſe dort nicht gut bekaͤmen. Fuhrleute tranken ihren Schluck neben ihren Pferden auf des Biſchofs Straße; Metzger und Waarenhändler ſchloßen ebendaſelbſt Kauf und Tauſch, weil Beides in der Herberge unglück⸗ liche Folgen gehabt haben würde.— Aber im Winter regierten Regenwetter, Schneegeſtöber und Kälte den Verſtand der Wanderer, und ſie waren insgeſammt froh, auf dem Wipper eine Zuflucht gegen den Grimm der Elemente, ein belebendes Herdfener zu finden. Da ſchlüpfte Freund und Feind unter dem räucherigen Dache zuſam⸗ men; der Gerichtsknecht ſaß neben dem Spitzbuben, den er verfolgte, der Geldleiher neben dem unredlichen Borger, dem er nachſtellte; des Biſchofs Knecht neben dem Söld⸗ ner der Stadt Münſter; und ſelbſt die Letzteren dachten nicht von ferne daran, Meſſer oder Schwert gegen ein⸗ ander zu zucken, wenn ſie auch beim Fortgehen und nur einen Schritt jenſeits des Zauns ſich anfielen wie brül⸗ lende Thiere; denn es war abermals aus dem Frieden die blutigſte Feindſchaft erwachſen. Der Jänner im Jahre 1534 war bitter unfreundlich in's Land gezogen, und kein Tag vergangen, mitten unter dem Wirrniß der Parteiungen, daß nicht Beſuch und Zuſpruch auf dem Wipper geweſen wäre.— Am Mor⸗ gen des zwölften Jänuers ſaßen in der kahlen Stube, die Füße auf den niedrigen Herd geſtemmt, zwei junge Männer, von denen der Eine blaß, langbärtig und un⸗ ſauber, der Andere in derbes Tuch wohlgekleidet und geſunden Anſehens. Dennoch hätte von Rechtswegen dem Erſtern ein beſſeres Gewand gebührt, denn er war der Student der Theologie und freien Kuͤnſte, Rynald Volk⸗ mar, während der Zweite nur ein Webergeſelle, Rotger Duſentſchuer aus Warendorp. Rynald hatte ſchon einigemal lant geſeufzt; hie und 74 da ungeduldige Worte in ſeinen Bart gebrummt, und Rotger ihn nur von der Seite angeſehen. Der Wirth auf dem Wipper, eine der drolligſten Geſtaften, dick und rund, aber ſchmutzig und zerlumpt, hatte ſich kaum die Mühe gegeben, dem Studenten einen Beick zu ſchenken; er war abentenerlicher Fremdlinge nur allzugewohnt. Gleichgültig rührte er daher ſeinen Brei— er vereinigte in ſich alle Bedienſtungen des Hauſes, deſſen einziger Bewohner— und ſummte ein Geſellenliedchen vor ſich hin. Endlich mochte Rotger nicht länger au ſich halten, und ſprach mit rauher Treuherzigkeit zu ſeinem traurigen Nauchbar:„Sagt mir um's Himmelswillen, ob Ihr noch derſelbe, den ich zu Leyden als einen wilden und ſtraffen Junker bewundert habe? Ihr kamet aus Frankreich, und ſahet dem Mars gleich, wie wir Poeten ſagen;— wenn ich mir nämlich den Mars als einen abgedankten Reiter vorſtele. Ich hab' Euch nicht geliebt, denn Frau Miekje ſah Euch gar gerne; ich habe Euch nicht geliebt, denn Ihr ſchautet trotzig drein, als wollte Ihr immer raufen, und mir ſelber juckte dazumal die Fauſt beſtändig. Aber dennoch that mir's leid, als Ihr mit den Schwärmern davon lieft, und ich dachte, es ſey Schade um Euch.— Zumal jedoch heute, da wir beide der Frau Miekje nicht mehr nahe, da ich viel zahmer geworden bin, möchte ich ſelber ſeufzen und klagen, Euch ſo niedergeſchlagen zu ſehen. Das war nicht unſere Abrede, Herr Magiſter, da wir uns auf der Dülmerſtraße fanden, und ich Euch beredete, mir hieher zu folgen, was Euch recht war, weil Ihr nur aus des Biſchofs Zwinger zu kommen ſtrebtet. Hier aber, mein junger Herr, ſeyd Ihr frei; hier ſuchen Euch des Biſchofs Manner nicht. Warum alſo traurig? warum alſo erſchöpft? Ziemt ſich das für einen jungen Mann, dem die Welt gehört, hätte er auch nicht einen Heller im Sacke 2“ 75 Ohne aufzuſehen antwortete Rynald finſter:„Du kennſt das Unglück noch nicht, Freund Rotger.“ »Oho! weit gefehlt! Erſtens, habe ich meine Mutter nicht gekannt, zweitens, hat mir's in der Fremde mit Allem geglückt, nur nicht mit der Arbeit; drittens, iſt mir einmal mein Buͤndel geſtohlen worden, und ich habe ſechs Monden als ein Landſtreicher mich durchfechten müſſen, bis ein Schätzchen mir aus der Noth half; vier⸗ tens, möot' ich ein großer Herr ſeyn, und bin es doch nicht; fünftens, habe ich leider einen Vater, der Schul⸗ den beſitzt, aber kein Geld, einen verwirrten Kopf und keinen Verſtand; einen Vater, dem ich jetzo ſeit ſieben Tagen im Lande nachlaufe, ohne ihn zu finden.. meine letzte Hoffnung war, ihn auf dem Wipper zu treffen— nun, begehrt Ihr des Unglücks noch mehr?“ „So lange Du mir nicht ſagſt, daß Du zwei und ſechzig Wochen in einem finſtern Kerker zugebracht, und daß— was noch mehr iſt— das einzige Geſchöpf auf Erden, dem Du vertrauteſt, Dich ſchändlich betrogen.. 4 „Nein, Gott ſey Dank; beides iſt mir noch nie be⸗ gegnet. Seltſam, daß ich noch nie eingethuͤrmt wurde, aber was die Holdſchaften angeht.. nein„wüßte mich nicht zu beſtnnen, daß ich jemals Einer die Zeit gelaſſen hätte, mich zu betrügen.“ „Bleib' glücklich in Deinem Uebermuth, leichtſinniger Sohn eines ſchwärmeriſchen Vaters!“ rief Rynald voll bitterer Wehmuth:„Du mögeſt nie empfinden, wie es thut, wenn brauſendes Jugendblut in enge Ketten ge⸗ ſchnürt, wenn die edelſte Leidenſchaft des Herzens ohne Mitleid zu Boden getreten wird! Nach langer Kerker⸗ nacht hatte meinen verdüſterten Geiſt wieder ein Strahl der Sonne erfreut. Wie eines Engels Harfe tönten in meinen Ohren die Worte: Du biſt frei, gehe hin, Dei⸗ ner Feſſeln ledig;— Worte, die ich auf Erden nie mehr zu hören vermeint hatte! Frei, frei! uur dieſes 76 ſtammelten meine Lippen, und ich entfloh meinem Thurm. — Da befahl mir die eitle Herrſchergewalt, vor den Biſchof zu treten, deſſen Fürwort mich meiner Bande entledigte; ich ſollte ihm danken, dem unbekannten Manne. — Mein ſo frohliches Herz ſchwoll wieder von Ingrimm; trotz deſſen wollte ich gehorchen, denn ich vermeinte, an den Stufen des Fürſtenthrons einen Mann zu finden, dem ich gleich einem Vater zugethan bin, obſchon er mich verſtoßen, den Einzigen auf Erden, der es gewagt haben wird, für mich ſeine Stimme zu erheben! Wem könnte ich ſonſt meine Freilaſſung verdanken, als meinem Vor⸗ mund, einem Prieſter, wie er ſelten zu finden?— Und ich ging wie ein Büßender in die Thore von Dülmen ein, und trat in des Schloſſes Säle, und ſah...o Fluch und Verderben! ſah meiner Inniggeliebten Bild als eine Zierde an des Biſchofs Wänden! und der Caſtellan, den ich mit klappernden Zähnen nach dieſem Bilde, und wie es nach Dülmen gekommen, befragte, lächelte wie ein Satan,— und des Waldeck Gelüſte ſind der Welt bekannt!— Plotzlich waren von mir gewichen Dankbar⸗ keit und Freude des Wiederſehens! Ich hätte einen Mord begangen, wenn ich dem Biſchof vor die Augen getreten wärez ich hätte den ehrwürdigen Sibing, meinen Freund, wüthend von mir geſtoßen, wenn ich ihm begegnet wäre! Darum ſloh ich zur Stelle und begehre nimmer den Ty⸗ raunen, nimmer den Prieſter, nimmer die Buhlerin, die ſich ſo weit vergeſſen, zu ſchauen. Wenn ich doch die Welt um mich her vertilgen könnte! wahrlich: ſie iſt nur ein Abgrund von Elend und Meineid, ſo jämmer⸗ lich, daß ich ſie unter meinen Sohlen zerbröckeln möchte, und dennoch zu ſtark gegen eines einzigen Mannes rache⸗ dürſtende Wuth!“ Rynald weinte vor Grimm. Der Wirth auf dem Wipper verſetzte lachend:„Ein Poſſenſpiel, lieber Freund, bei Gott, nur ein Poſſenſpiel. Schonet Eure Haare, 77 junger Herr. Laßt die weißen Perlen nicht vor der Zeit hineinkommen. Laßt andere Leute reden, in's Himmels⸗ namen! Seht meinen Fettwanſt— ich habe alles Leid des Lebens daran hinunterrinnen laſſen, als wäre ich mit Del geſchmiert. Haha, welches Elend käme denn noch, dem ich nicht in die Zahne lachte 26 Rynald erhob die großen Augen zu dem poſſenhaften Sprecher.„Du ſcheinſt nicht in dieſen Mauern zur Welt gekommen zu ſeyn?“ fragte er langſam. Der Andere ſchüttelte lachend den Kopf, erwiedernd? „Seyd Ihr ein Fremdling im Lande, und reder doch un⸗ ſere Sprache ſo gut? Ich hier geboren? Herr, auf dem Wipper kennt man nicht Wochenbert, nicht Taufhandlung. Nur der Tod, nicht die Geburt kömmt hier vor. Nein, Herr, ich bin ein ehrlich Bürgerkind aus Münſter, und habe noch nicht lange die Ehre, hier zu wirthſchaften. Mein Vater hatte in der Salzgaſſe ſein Haus; jetzt haben's meine Gläubiger. Mein Vater war ein Herren⸗ ſchneider; ich hab's nur bis zum Flickſchneider gebracht; mein Vater hat nur eine Frau gehabt: ich hatte ihrer zweie, eine ſchlimmer als die andere; mein Vater hatte nur einen Buben, und leider iſt derſelbe am Leben ge⸗ blieben; ich hatte eine Menge von Kindern, und ſie ſind alle geſtorben, um den Müttern zu folgen. Arbeit war mir ein Leid; Poſſen reißen machte mir Freude. So kam's, daß ſich kein Menſch mehr ein Wamms' von dem luſtigen Meiſter Heleneper flicken ließ. Soll aber darum eine Chriſtenſeele verhungern? Mit Nichten. Ich ſchma⸗ rotzte, und endlich rebellirte ich, wie ſo viele Hunger⸗ leider. Ich wurde ein Jünger des Stuten⸗Berendt, und wurde es immer eifriger, je dümmeres Zeug er vor⸗ brachte, denn die andern Freunde der neuen und aller⸗ neueſten Lehre bezahlten meine Lunge und ſtärkten ſie mit Speiſe und Trank.“ 78 „Wie?“ rief Rotger verwundert:„Ihr ſeyd ein Wiedertäufer geworden, Meiſter Helcueper?“ „Mein Gott und Vater, warum nicht?“ antwortete der Wivperwirth lachend:„was liegt mir an dem Na⸗ men, da mir an der Sache nichts liegt? Blau oder grau, weiß oder ſchwarz, gilt mir gleichviel. Mir iſt die Welt mit allen ihren Aufzügen nur ein Puppenſpiel. Ein neuer Fleck auf einem alten Rock,— was thut's? die Narr⸗ heit geht einmal nicht aus, darum mache ich jetzo eine jede mit.— Nun, es ging gut. Kaum war der faule Friede geſchloſſen, ſo fing auch wieder der Krieg au, und Rottmann ging mit der Farbe heraus, und predigte gar ſchön die Wiedertäuferei, und daß Alles in der Welt neu gemacht werden müſſe, und einer ſo viel haben ſolle, als der andere. Wir ſchrieen Vivat, und ließen's uns brav ſchmecken. Die Lutheraner brummten, und ihnen ſchmeckte kein Biſſen. Die Altgläubigen durften gar nicht das Maul aufthun. Es war gar zu luſtig!“ „Eine ſaubere Luſtigkeit,“ murrte Rotger:„mein Va⸗ ter iſt ob dieſer Späſſe verrückt geworden, und läuft predigend durch das Land, um wieder Andere toll zu machen.“ „Wer kann dafür,“ ſprach Heleueper ſpöttiſch weiter, „daß Euer Vater das dumme Ding ernſthaft aufnahm? Ich habe mir, während ich ſchrie und das neue Jeru⸗ ſalem verkündigte, in das Fäuſtchen gelacht. Narrethei, Eſelsſtreiche! aber ſie machten mich leben; was wollt' ich mehr 2“ „Mich dünkt, es ſey an der Sache nicht Alles Nar⸗ rethei,“ äußerte Rynald ernſthaft,„wie ging aber die Hiſtorie weiter? Ich ſteige aus dem Kerker gleichwie in eine mir unbekannte Welt.“ „Nun, die Hiſtorie ging ſo einfältig, als möglich. Der Rath, der vordem dem Biſchof alles Herzeleid ange⸗ than, wußte ſich nun vor der neuen Ketzerei nicht zu 79 helfen, kroch zu Krenze, und erbat ſich vom Biſchof Hilfe. Der ſpottete nun des Magiſrats und hatte recht, denn an ihm war einmal die Reihe. Und ſie baten und flehten wieder, und er wollte von ihren Abgeſandten nichts wiſſen, ſie hätten denn zuvor die Wiedertaufer aus der Stadt gejagt. Da wohten ſie Ernſt machen, und mir wurde ſchon etwas baug. Doch lachte ich bald wieder. Wir machten nur ein einzigesmal in der Nacht einen Mordlärm auf den Gaſſen, wetzten nur unſere Schwerdter auf den Pflaſterſteinen, und der Magiſtrat kroch jetzo bei uns zum Kreuze. Ein Jeder ſollte glau⸗ ben, was er wollte, hieß es im Vertrag. Iſt das nicht ein Puppenſpiel?“ „Ein recht gräuliches obendrein,“ meinte Rotger, und Rynald ſetzte finſter hinzu:„Es birgt eine höhere Deu⸗ tung, als Du begreifſt. Weun das Jahrhundert redet, verſtummen nach und nach Alle, die ihm Ketten anzu⸗ legen ſich vermeſſen.“ „Das verſtehe ich nicht,“ entgegnete Helcueper lachend, „enug— Rottmann und die Seinigen waren oben. Der Landgraf von Heſſen ſchickte lutheriſche Prediger, das tauſendjährige Reich zu bekämpfen; wir haben ihnen jedoch mehrentheils das Predigen verboten. Der Biſchof ſchickte einen Barfüßer, daß er in der Domkirche das römiſche Handwerk lehre; den litten nicht wir, nicht die Lutheriſchen. Endlich ſagte der gute Herr von Waldeck auf dem leßten Landtage der Stadt ab, und viel Schrecken ſtellte ſich ein. Aber ich mußte lachen, denn der rechte Spaß ging erſt an, als die alten Krüppel auswanderten, die plötzlich meinten, ſie kämen mit ihren paar Lebens⸗ kagen nicht mehr in der Heimath aus. Uebel war's, daß ſie mit ihrem Gelde fortgingen, und daß auf dem Lande der Biſchof ſengte und todtſchlng, bis alles daſelbſt wieder katholiſch wurde. Darum lief Euer ater von Varrendorf weg, Herr Duſentſchuer, und ihm wäte beſſer, 80 er ſaäße auf dem Wipper, wie Ihr vermuthet habt, als daß er von den Biſchoͤflichen gefangen würde.“ „Unſeliger Wahnſinn!“ ſeufzte Rotger mit geballten Fäuſten. Rynald dagegen ſagte:„Freiwillige Märtyrer ſind immer die Vorläufer des Siegs geweſen. Die neue Weltordnung muß feſt einwurzeln, und von Deutſchland ausgehen über alle Theile der Erde. Juſt dieſes hab' ich mir zu Nymwegen in der Einſamkeit meines Kerkers ausgerechnet.“ Mit mühſam verhaltenem Lachen erwiederte Hel⸗ cueper:„Ihr ſeyd gelehrt, Herr, und habt den Glauben. Juſt dieſes oder ähnliches hab' ich, da ich von Wein trunken war, zu Münſter verlautbart, und Händel be⸗ kommen, in denen ich das Unglück hatte, den Zunftmeiſter Stuhldreher zu verwunden. Zwar trug ich auch eine Schramme davon— ſeht da meine Hand— der Leon⸗ hard Prick ſtach mit dem Meſſer nach mir; da jedoch der Stuhldreher ein Schwager von dem rachgierigen Raths⸗ herrn Windemoller, der ein Feind aller Wiedertäufer, hielt ich für gut, die Stadt auf ein Weilchen zu meideu⸗ Mein erſter Gang war auf den Wipper, und ich kam gelegen, mich hier niederzulaſſen, denn der Wirth lag— wie ein verendender Kater— in jenem Winkel, wo der Kerl ſchläft, der vor einigen Stunden angekommen iſt, und wohl bis zum jüngſten Tage zu ſchlummern Luſt hat.“ Die Wanderer ſchauten in den düſtern Winkel. In einem Haufen dürrer Blätter eingegraben lagerte dort und ſchlief ein Mann, der ein zottiges Fell über Kopf und Schultern gezogen hatte.— Helcueper fuhr fort: „Der Hausherr alſo war in den letzten Zügen, und ich legte ihm barmherzig das Haupt niedriger, daß er ſtarb. Hierauf begrub ich ihn am Zaune, und wirthe nun ſtatt ſeiner, bis meine Gönner und Verſorger zu Münſter mich wieder heimholen.“ „Dakauf könnet ihr lange warten,“ ſpöttelte Rotger, 81 „der Magiſtrat iſt wieder zu Sinn und Kraft gekommen; er hat die wiedertäuferiſchen Prediger aus der Sradt führen laſſen.“ Now ſpöttiſcher verſeßzte Helcueper:„So iſt's, mein weiſer Geſell; aber das Volk hat ſie am ſelben Tage wieder zu andern Pforten hineingefuͤhrt. Das iſt gewiß und wahr, und wenn meine Kundſchafter nicht gelogen haben, ſo wird's heute oder morgen mit des wohlweiſen Raths Widerſtand und Grimm ein Ende haben. Als⸗ dann lebe die Bruderliebe und die Gleichheit! es iſt zum Todtlachen, nicht wahr? Ein Herz und ein Sinn, ein einzig Bündniß der Gerechten, ein einzig Reich der Er⸗ wählten wird ſeyn auf Erden! ha, ha, ha!“ Helcueper war mit ſeinem krampfhaften Gelächter noch nicht ſtill geworden, als eine donnernde Stimme in die öde Halle rieft„Ein Gott, ein Glaube, eine Taufe!— Der Vater ſey mit euch, ihr Lieben!“ „Das iſt Matthieſen! das iſt der Bäcker von Har⸗ lem!“ Mit dieſen Worten ſprangen Student und Weber⸗ geſelle auf. Der rieſenhafte Mann, in einem ſeltſamen Gewande, das aus Thierfellen zuſammengeheftet, ſchritt herein; ihm folgte zitternd vor Kälte und müde, ein mäßiges Bündel Habſeligkeiten tragend, Diwara mit ver⸗ huͤlltem Haupthaar, in der Tracht, wie die Maler jener Zeit auf ihren Paſſionsbildern die jüdiſchen Weiber dar⸗ zuſtellen gewohnt waren. »„Siehe da, Rynald, der Gottgeprüfte!“ begann der Bäcker und reichte dem Studenten ſeine mächtige Hand, „ich glaubte nicht, Dich je wieder im irdiſchen Jeruſalem begrüßen zu können. Wir eutkamen der Wuth des heid⸗ niſchen Statthalters, und kehrten heim, auf den Herrn vertrauend. Siehe, da begruben wir den alten Prahler und Wucherer, den Vater dieſes Weibes, und hofften zu erben, und— erbten nicht viel, ſo daß Uebermuth von uns ferne blieb. Und es ſprach im Traume der Herr Der Koͤnig von Zion. I. 6 82 zu mir, daß ich mich aufmachen ſolle gen Osnabrück, wie mir Jan, der Seher, der dort im Stillen predigte, ge⸗ ſchrieben. Das Weib ſprach nicht„Nein“, und wir ha⸗ ben allen Erdentand von uns geworfen, um zu pilgern nach der Stätte, wo nach der Verheißung Alles, was wir geopfert, uns zehntanſendfach erſetzt werden ſoll.“ Heleneper ſtarrte den Begeiſterten mit lächeluder Fratze an, und erndete dafür einen Blick tiefſter Verachtung. Des Bäckers Rede fand Anklang in dem von Kerker⸗ ſchmach und Erbitterung aufgeregten Geiſte Rynalds. Der kühle Rotger ſchüttelte den Kopf. Aber es miſchte ſich ein Anderer in die kleine Verſammlung. „Stimme in der Wüſte, wober?“ fragte der aus dem Blätterlager ſich aufraffende Mann, der ein Kleid trug, wie Matthieſens Gewand. Und ſie umarmten ſich, wie Brüder, und Diwara küßte überraſcht und frendig die Hände des Erwachten, lispelnd:„Sey gegrüßt im Namen des Herrn, Jan Bockelſon, geprieſener Lehrer, Apoſtel unter den Heiden!“ „Jan, Ihr ſeyd's? ein Wunder iſt Eure Erſchei⸗ nung!“ rief der Student entzückt, und ſtreckte die Rechte dem blaſſen, abgemagerten jungen Mann entgegen.„Bo⸗ ckelſon, der Schneider von Leyden?“ fragte Rotger etwas erſchrocken.„Ein Zuuftgenoſſe als Apoſtet?“ kicherte Helcueper und beſann ſich auf den lang vergeſſenen Hand⸗ werksgruß. „Stimme in der Wuͤſte, woher?“ wiederholte Jan feierlich und mit gerunzelter Stirne, während er Diwara mit verſtohlenem Händedruck aufrichtete:„Weh uns, Bru⸗ der, aber noch werden ſie nicht erfüllt werden, der Pro⸗ pheten Weiſſagungen! Wiſſe, daß Baal triumphirt, und wage noch, weiter nach dem Aufgang vorzuſchreiten. Meine Schtitte agehen dem Niedergange zu.“ „Wie das, Jan? Schriebſt Du nicht, daß. »Spgte„ nicht eben, daß Baal obſiegte zu 83 brück? Siehe vor Dir einen geſchlagenen, geſchmähten, verjagten Apoſtel des großen Vaters. Der Unſinn hat dort die Oberhand gewonnen. Für Jene iſt die Zeit noch nicht da, und ich will heimgehen, von mir werfen des Täufers rauhhaarigen Rock, und der Zukunft ent⸗ gegenſchlummern in meiner Hütte.“ „Falſcher Mann!“ murmelte Diwara zwiſchen den Zähnen, nur dem Jan verſtändlich, der muthlos von ihrer Seite wich. Matthieſen ſprach jedoch mit Nochdruck: „Und wenn Deine Hütte weggeweht wäre vom Sturme? wenn Dein Haus zerfallen wäre im Verderben?2“ Jan ſtarrte ihn mit feiger Erwartung an. Rotger ergänzte trocken:„Es iſt wahr, Meiſter. Die Gerichte haben ſich in Eure Habe getheilt, und Frau Miekje liegt, der Ketzerei verdächtig, im Gefängniß.“ Jan fuhr zuſammen, maß alsdann den Weber mit zornigen Augen, und verſetzte langſam:„Dich kenne ich, Freund. Dir glaube ich nicht.“ Rotger ſchwieg betreten. Aber Matthieſen nahm heftig das Wort:„Du mußt geſündigt haben, Jan, daß Dir der Vater nicht entdeckte, was ſich mit den Deinen begeben. Es iſt, wie Jener ſagt. Dein Weib eine Wittib und Gefangene, Dein Kind eine Waiſe und im Kerker.— Hüte Dich, Dein Haupt darzuſtrecken der Ge⸗ walt derer von Leyden. Berghem Dein Feind, Deine Schweſter Deine Feindin; Niemand Dein Freund!“ „Was ſoll ich thun 2“ fragte Jan ſich ſelber rathlos. Es war, als ob die von Osnabrück noch auf ſeinen Fer⸗ ſen ſäßen. Matthieſen errieth ſeine Gedanken, und ſagte noch einmal:„Du mußt geſündigt haben, denn von Dir iſt die Zuverſicht gewichen. Ermanne jedoch Deinen Geiſt, und ringe mit dem Vater im Gebete, bis er Dich er⸗ leuchtet. Muß denn Osnabrück gerade die Stätte ſeyn, von wannen das Heil ausgehe? Wird nicht jedes Dörf⸗ lein, wo die Kinder des Vaters lehren, zu einer Burg Zion?“ „Iſt nicht Münſter an dieſer Straße gelegen?“ fiel Rynald feurig ein:„Dort iſt das Ackerfeld, da die neue Lehre, die neue Weltordnung keimen ſoll. Die Tyrannei zu Boden geſtürzt, die Bürgerſchaft voll von Muth und Glauben, Prediger, die das Werk ſonder Furcht vorbe⸗ reiteten. Dort iſt Eure Stelle, Bockelſon. Ihr wißt mit Zauberworten das Volk zu lenken; es wird Euch an⸗ hängen, da Ihr aus dem Volke ſeyd!“ „Was thut Ihr denn, Magiſter? welcher Schwindel befällt Euch?“ fragte Rotger leiſe, den Studenten am Aermel zupfend. Helcueper verſetzte mit der Miene eines Schalks:„Wahre Worte, goldene Worte. Zu Münſter iſt Euer Bett gemacht,— legt Euch nur hinein. Ich wüßte keinen Ort der Erde, der für Euch beſſer wäre. Schon Euer Aufzug als ein Schneider müßt Ihr wiſſen, daß die Kleider Alles thun, und dieſe Fele die ganze Stadt läuft Euch nach, Ihr brecht wie reißende Woölfe in das Rathhaus.“ „Du biſt ein trauriger, eckelhafter Narr,“ fagte Jan, den Flickſchneider zur Ruhe verweiſend;„Deinen Rath halte ich überflüſſig, denn zu Münſter bin ich bekannter, als Du meinſt; aber“— er wendete ſich zu Matthie⸗ ſen mit niedergeſchlagenem Geſichte,„ich habe böſe Ah⸗ nungen von jener Stadt. Seit meinem Scheiden daraus hätte ich gern zum öftern meinen Weg wieder dahin genommen,„aber ſtets weigerte ſich der Fuß, mir zu gehorchen. Mir droht Unheil dort; das ſagt mir meine Seele.“ „Kleingläubiger!“ zürnte Matthieſen, und wendete ſich von dem Bockelſon. Diwara warf auf ihn einen finſtern Blick des Unwillens, dem er zu widerſtehen nicht die Kraft hatte. Er rief plötzlich aus, wie ein Verzückter: „Wer ſchilt mich ſchwach und kleinmüthig? Der Geiſt treibt mich, ich folge euch!“ „Komm!“ eutgegnete der Bicker und öffnete die Thüre,„die Sonn' ſteht hoch; wir erreichen noch heute die Stadt.“—„hHier bin ich!“ erwiederte Jan, der mit Gewalt ſeine Furcht bezwang, von Diwara's Augen nicht laſſend. „Ich gehe mit ihnen!“ rief auch Rynald ſchnell ent⸗ ſchloſſen.„Was beginnt Ihr2“ ermahnte Rotger, aber der Student ſagte flammenden Auges, über die weite Ebene deutend:„Sieh hier mein Vaterland im Leichen⸗ tuche. Ich wil's erwecken helfen. Dort— mich dunkt, ich ſehe die Spige von Münſters Thürmen— dort ſind Mauern, um den Weltheiland zu ſchirmen, dort hängen Glocken, um Sturm zu läuten durch Deutſchland, dort roſten jetzo noch die Waffen, die im Blute der Wider⸗ ſacher reingewaſchen werden ſollen. Auch mich, Geſell, auch mich treibt der Geiſt!“ „Fort, fort in den Narrenthurm, in's Trillhäuslein!“ höhnte Helcueper vor ſich hin,„wie will ich lachen, wenn ich euch Alle tanzen ſehe, wie die Schafe, die das Dre⸗ hen haben!“ In der Mitte des kleinen Hofs war aber Jan plötz⸗ lich wie angewurzelt ſtehen geblieben. Drotz der Kälte verlte ſeine Stirne von Schweiß, ſeine Glieder zitterten, ſeine Füße konnten nicht von der Stelle.„Nein! nein!“ ſchrie er,„ich kann nicht vorwärts, ich ſoll nicht! Iſt mir doch, als läg' ein weites ſchwarzes Grab aufgeriſſen zu meinen Füßen! Was willſt Du, Schattenbild? Warum greifſt Du ſchon jetzt nach mir?“— Natje's Name zer⸗ ging tonlos auf ſeinen bebenden Lippen. Von Mitleid ergriffen, packte Diwara unwiukürlich Matthieſens Arm, ihn zurückzuhalten. Er riß ſich jedoch zornig von ihr los und ſchalt:„Laß den Verrückten ſei⸗ nem Schickſal. Er hat die wahre Gnade nicht, und ſey 86 verwünſcht!“ Diwara zögerte. Seinen ungeheuern Stab ſchwingend, wiederholte Matthieſen zorniger:„Laß ihn, Weib, oder ich brauche die Gewalt, die mir der Herr ge⸗ zeben. Es war jedoch nun an dem Baͤcker ſelbſt, ſeinen Schritten Einhalt zu gebieten. Am Eingange des Zauns ſtand ein Bauer mit einem Schiebekarren, worauf unter kümmerlicher Bedeckung gegen den Winterfroſt ein armes Weib lag, deſſen verzerrtes Geſtct ſchon eine Larve des Todes war. Der Baner machte Auſtalten, die Armſelige vom Karren zu heben. „Was willſt Du, Freund26 redete ihn Matthieſen an, während Diwara der Kranken beiſprang.— Der Bauer erwiederte kaltbluͤtig:„Hm, ich will dieſe da auf den Wipper legen, daß ſie nicht auf meinem ehrlichen Karren den Geriſt anfgebe.“ „Wer iſt's 2“ rief Heleneper herbeieilend.—„Eine Sterbende,“ antwortete Rotger betroffen,„ich kenne ſte, und das iſt Gottes Finger!“ Er ſah ſich ſcheu nach Jan um, der noch mit den Händen ſeine Angen vor dem Blendwerk ſeiner Sinne ſchirmte. „Eine Sterbende? herein mit ihr. Für den Tod iſt auf dem Wipper Platz. Eine Kindbetterin hätte wohl draußen bleiben müſſen!“ Heleueper legte, obſchon grin⸗ ſend, Hand an, die Frau in die Stube zu tragen. „Vater im Himmel, was ſeh' ich?“ fragte nun Jan mit zitternder Stimme, die Worte ſchleppend, den Körper vorgebeugt, die Arme ausgeſpreizt.—„Eure Mutter, Eure Mutter, Jan Bockelſon!“ hieß die vorwurfsvolle Antwort aus Rotgers Munde.— Jan war, wie vom Blitze gerührt. Krämpfe erſchütterten ſein Gebein. „Siehe, das war das Grab, ſo Du ofſen geſehen!“ predigte ihm Makthieſen,„komm getroſt, tritt als ein Maun zum Sterbelager Deiner Mutter, die der himm⸗ liſche Vater nicht vergebens ſendet in dieſem Augenblick.“ 87 Jan folgte dem Bäcker, wie ein Schaf zur Schlacht⸗ bank geht. Eine feierliche Stille trat ein, nur von dem Raſcheln der Blätter, worein die Schwerathmende verſenkt wurde, unterbrochen. Dann ſagte der Bauer leiſe und gerührt: „Ich ſollte das arme Weibsbild nach Coesfeld ſchaffen, damit ſie von Gemeinde zu Gemeinde weiter geſcoben würde, bis nach Holland, glaub' ich. Sie hat ſich auf dem Gebiet des Herrn von Schedelich umhergetrieben, ob ihr gleich der Edelmann Feuer und Waſſer verboten hatte. Das hat nun ein leibeigen Geſchöpf davon, wenn es ſich loskauft von der Hufe. Ihm bleibt nicht mehr 'ne Heimath, wo es die Augen ſchließen darf.“ Adelheid erwachte aus ihrer Erſtarrung, blickte ſtier vor ſich hin, und ſeufzte kummervoll:„Wer in die Fremde geht, iſt verloren daheim thut ſich ihm die Thüre nicht mehr auf. O mein Sohn Johann!“ Sie gewahrte plötzlich den jungen Mann, der neben ihr ſtand, richtete ſich halb in die Höhe, und wiederholte frendig:„Mein Sohn Johann! Du warſt mir nahe, und ich verzweifelte 2“ „Mutter!“ ſtammelte Jan dumpf und zerknirſcht. Adelheid verſank in ein ſtilles Brüten, und haſchte mit den Händen in die Luft, wie Sterbende oft zu thun pflegen. Dann kehrte ihr das Geſicht wieder, wenn auch nur das Geſicht des Wahnſinns, der ſchnell ihr Antlitz überſtrahlte. Sie dahlte kindiſch:„Ich war verbannt von Deinem Herzen, und Du haſt mich wieder in Deinen Palaſt zurückgerufen, königlicher Sohn?“ Das Lächeln des Grauens zuckte aus den Geſichtern der Umſtehenden. Jan mit verglasten Augen horchte be⸗ gierig auf. Adelheid fuhr fort:„Geſegnet ſeyſt Du, mein Erſtgeborner. Du biſt am Ziele; Du herrſcheſt, und prächtig iſt Dein neuer Tempel!“ Ihre Blicke irrten fröhlich umher:„Dieſe Gewölbe, wie ſchön! Die vergol⸗ 88 deten Fenſter, wie herrlich! Dein Pelzgewand, o König, wie reich! Dieſes Lager, wie weich und üppig! Bücke Dich vor Deiner Leibeigenen, grauſamer Freiherr! Sie ſollte nicht einen Stein Deiner Felder zum Kopfkiſſen haben, und ruht nun unter der Krone ihres Sohnes, die Mutter eines Königs!“ „Denkt an den Himmel und das ewige Leben, arme Frau!“ ſprach ihr Rotger zu. Sie faltete mit Mühe die ſchlaffe gelbe Stirnhaut, und ſagte verächtlich:„Schweig, Pfaſſe, aus deſſen Munde nur Verweſung geht. Wer ſagt Dir, daß ich ſterbe 2 Ich will leben, ich werde noch lange leben, denn meiu Sohn liebt mich wieder! Jan, nicht wahr, Du liebſt mich, haſt nie aufgehört, mich zu lieben 26 Vor dieſen herzzerreißenden Worten fank Jan auf die Kniee; ſchwere Tropfen preßten ſich aus ſeinen Augen. Sein Gewiſſen donnerte ihm zu: Erfaſſe dieſen Augen⸗ blick, Sünder, daß er Dich heilige. Adelheid ſtreichelte ſeine kalte Wangé, und ſprach wie ein Kind weiter:„Wenn ich einmal ſterbe, Jan, ſo laß mich in der Lambertkirche beiſetzen, verſprich es mir. Ich will nicht weit von Deinem Throne ruhen. Der Lambert⸗ thurm ſoll unſer beiderſeitig Grabmal ſeyn.“ Sie ſetzte heimlich hinzu:„Wir wollen dort ganz alleine ruhen; nicht Dein Weib,— o pfui— nicht Margitta, nicht Dein Bruder ſollen uns ſtören. Lamberti Thurm,— merk' ihn Dir wohl!“ „Von Münſter redet ſie! Sie prophezeit von einer güldenen Zukunft!“ rief der Student, der keine Silbe aus Adelheids Munde verlor.— Jan gedachte hoch⸗ klopfenden Herzens der Worte, die ſeine Mutter zu Gravenhagen im Trauerhauſe geſprochen, und ſeine Thrä⸗ nen trockneten. „Hoſianna dem König!“ ſchrie die Sterbende auf, „Ich hab' ihn geboren, daß er die Welt reinige! Ehre 89 dem Vater in der Höhe, und ſeinem Statthalter auf Erden!“ Da ſie wieder in das vorige Brüten verſank, rief Jan wild und laut in ihre Ohren:„Wenn Ihr eine Prophetin ſeyd, Mutter, ſo gebt mir ein Zeichen! ſagt, was ich thun ſoll?“ Nach mühſamer Aufrichtung antwortete die Mutter abgebrochen:„Sie werden kommen, Dich einzuholen... o folge ihnen, damit Dein Schickſal erfüllt werde... ſey frei.. Dir winkt der goldene Stuhl... Chriſtus wird Dich krönen küſſe mich, Du Herr der Welt!“⸗ Unter dem kalten Kuſſe des Sohnes entſchlief die Mutter. Er drückte ihr die Angen zu, und erhob ſich vom Boden.„Man ſage nicht,“ ſprach er mit erheu⸗ chelter Würde,„daß Ahnungen leer und eitel ſeyen! Der Vater zeigte dem Kurzſichtigen dieſe Leiche im Geiſte, aber der Kurzſichtige verſtand den Vater nicht. Jetzo— da ſie hinüber, die mich geboren und geſängt, die ich ſtets geliebt, zärtlich, wie ſie mich liebte,— jetzo verehre ich des Himmels dunkle Weiſungen, und glaube, was dieſe Todte prophezeite; denn im Sterben ſitzt den Menſchen Gottes Geiſt auf den Lippen.“ Er ſah mit grellem Blicke im Kreiſe umher, und ſtieß auf Matthieſens finſteres Geſicht. Errathend, was in des hochmüthigen Bäckers Seele vorging, drehte er die Augen, gleich wie mit demüthiger Ergebung, gen Himmel und ſeufzte, als ob ihm Zähren und Schluchzen nahe wären:„Sie hat mir eine Krone prophezeit; doch bin ich reif genug, um meines Uebermuths zu lachen; bin zu ſehr erleuchtet im Geiſte, als daß ich eine irdiſche Krone erwarten möchte. Mir iſt eine ſchönere beſchieden, ich ahne es: die Martyrkrone! Ich ſoll mit meinem Blute zeugen für die Wahrheit der Propheten und des neuen Bundes. Des Herrn Wille geſchehe! Anf, nach Münſter!“ 90 „Eudlich!“ rief Rynald in wilder Aufregung,„endlich, Du Auserwählter! Strauchle nicht mehr; ziehe hin und binde die Schwärmer, die Trunkenen in die Feſſeln Dei⸗ ner Rede. Wir folgen Dir, als einem Werkzeug der Wiedergeburt unſers Volkes. Du wirſt, wenn Du will, unendlichen Segen um Dich her verbreiten, und ich will Dein Leben mit dem meinigen beſchützen!“ „Ein ausgemachter Narr, oder ein weiſer Betrüger,“ lächelte Helcueper dem Webergeſellen zu,„doch macht er ſeine Schwänke gut, und die Münſterer werden dümmer ſeyn, als dieſer Holländer!“ „Keine unuützen Worle mehr; komm!“ begann Mat⸗ thieſen unwirſch zu dem Bockelſon,„Münſter ſey alſo die Loſung, und es wäre Zeit, daß wir mit Zinſen vom Herrn wiederbekämen, was dem Herrn wir aufgeopfert haben.“ Jan deutete nach oben. Diwara faßte ſeine Hand, und zog ihn nach der Thüre. „Und Eure Mutter?“ fragte Rotger ernſt:„wer wird Eurer armen Mutter die letzte Ehre erweiſen?“ Jan erbebte, aber ſchnelt gefaßt entgegnete er fröm⸗ melnd:„Wer begrub den Moſes auf dem Berge unter Donner und Blitz?“ „Rabenſohn!“ murmelte Rotger zwiſchen den Zähnen. Helcueper rief indeſſen überlaut:„Männer von Mütſter! ſeht, ſie kommen, wie in Prozeſſion, auf den Wipper gewallt, mit Waffen, mit Fahnen, mit Stäben. Sie ſingen einen Pſalm,. Coesfelder ſind auch dabei. Potz Wetter, Herr Duſentſchner, Euer Vater vorne dran, mit einem ſeltſamen Menſchen Hand in Hand. Iſt das nicht zum Todtlachen?“ „Sollte wahrhaftig über dieſes alte Weib der Geiſt des Herrn gekommen ſeyn 2“ fragte Matthieſen mißmu⸗ thig, und die gläubige Diwara nickte dem Freunde Jan mit heiterem Blicke. 91 „Mein Vater! endlich ſinde ich Euch nach langer Trennung wieder?“ ſchrie Rotger an der Bruſt des alten Goldſœmieds von Warendorp, der ihn jedoch von ſich ſchob mit den Worten:„Der Tag iſt des Herrn. Mein Sohn, das Weltkind, nachher. Vor Allem gedenken wir der Frommen, die da wandeln ats Vorläufer des tau⸗ ſendjährigen Reiches!“ Rotger trat erſtaunt zurück. Der Nebenmann Du⸗ ſentſchners, von wunderlich armſeliger Kleidung und ſtarr eiſernem Geſichte, deutete auf Jan, der ſich gern vor ihm verborgen hätte, und ſagte eintönig:„Dieſer iſt ein Er⸗ wählter des Vaters!“ „Und dieſer,“ ſetzte der Goldſchmied, verzückt wie ein Irrſinuiger, hinzu,„iſt der Andere der Erwählten.“ „Hallelnjah!“ ſangen die Begleiter aus Muͤnſter und Coesfeld:„Wir ſind nicht umſonſt ausgezogen, und ha⸗ ben unſer Netz nicht vergebens gebreitet.“ „Was iſt? wen ſucht Ihr 26 fragte Matthieſen ſtolz und ſchwärmeriſch.— Rotger und Rynald fragten ſich leiſe:„Peter Bluſt von Leyden unter dieſen Streifern? was bedeutet das?“ Perer Bluſt verneigte ſich vor Matthieſen, und ſprach in ſingendem Tone:„Es iſt eine Pilgerfahrt ausge⸗ ſchrieben, doch nicht gen Rom zum Thiere und nicht zum heiligen Grabe des alten Jeruſalem, wohl aber zu der Krippe des neuen Zion. Sie ſtrömen dahin aus Gel⸗ dern, Brabant, Friestand, Thüringen und Dänemark, und die Krippe iſt von den Heiden Münſter genannt. Ich bin auch unter den Pilgern geweſen, und habe mich geſetzt an den Teich Bethesda.“ „Und ein Engel hat die Waſſer gerührt,“ ſiel Du⸗ ſentſchuer heftig ein,„und die Heiden ſind bezwungen worden, und frei und ohne Schen wird das Reich Chriſti und die wahre Taufe gepredigt.“ „Und der Apoſtel Rottmann, den der Vater ſegne,“ fuhr Bluſt wie oben fort,„ſprach geſtern auf der Kanzel, daß Gläubige ſollten ausziehen aus allen Thoren der Stadt und reinigen die Straßen von des Biſchofs Schwär⸗ mern, und zum Zeichen des Bundes würden ſie deu Pro⸗ pheten Enoch und Elias begegnen, und dieſe würden ihnen folgen, die Sradt zu belehren und geiſtlich wieder aufzubauen.“ „Und wir verjagten des Biſchofs Schwärmer,“ ſchrieen die Bürger nach.„und ſtreiften bis in Cvesfeld, und der Mann Gottes Duſentſchuer ging mit uns, die Propheten zu ſuchen.“ „Enoch und Elias!“ ſchrie der Goldſchmied plotzlich auf, und fiel zu den Füßen der fellbekleideten Männer. Bluſt bückte ſich ebenfalls tief vor Jan, der ſeinen Angen und Ohren kaum traute.— Da nun die Bürger, mit den Waffen und Stäben klappernd, auch in das tobende Geſchrei ausbrachen:„Enoch und Elias! die wieder⸗ erſtandenen Propheten und Apoſtel?“ fragte Bockelſon den ehemaligen Kaufmann von Leyden:„Sag' mir, Bru⸗ der, was Du im Schilde führſt? Denk' an unſer Schei⸗ den, und ſprich ſelbſt, ob ich Dir trauen darf?“ Worauf Bluſt mit verdrehten Angen:„Richte nicht, ſo wirſt Du nicht gerichtet. Weiß ich denn, ob ich ge⸗ rechte Urſache hatte, Dir Vorwürfe zu machen und Krän⸗ kung anzuthun? Kann nicht damals ein Engel aus Dir geredet haben, um meine Geduld und Tugend zu prüfen? Hat nicht etwa Satan wider Deinen Willen Deinen Mund gebraucht, meiner Schwachheit Schlingen zu legen? Und iſt die Zeit nicht allzukurz, als daß wir uns nict verſohnen ſollten? Du biſt ein Licht der Welt; ich bin nur ein ſchwacher Funke; dem Großen ſey der Kleine unterthänig. Hätteſt Du je gefehlt im Leben, ſo wur⸗ deſt Du Alles zehnfach gut machen, wenn Du das nene Iſrael zu Münſter lehrteſt und ordneteſt und heiligeſt: es iſt der Mittelpunkt der Welt; Sela.“ 93 „Was ſchreit Ihr doch von Euoch und Elias 2“ don⸗ nerte Rynald, bereits ein lauter Parteigänger der hollän⸗ diſchen Bekehrer:„Johannes! Dieſer hier iſt Johannes im Rocke und Geiſte des Täufers, ein Vorläufer des Herrn!“—„Auch ich heiße Jan,“ bemerkte Matthieſen mit gehäſſigem Seitenblicke auf den Studenten.— Die Bürger aber riefen:„s iſt eine Sage bei uns, daß in ſchwieriger Zeit Enoch und Elias kommen würden, allem Drang und Zwang ein End zu machen. Und weil Rott⸗ mann euch verkündet hat, ſo wollen wir euch Enoch und Elias heißen, bis unſere Zunge ermattet.“ »Nach Münſter, fort, nach Münſter!“ brüllte der wahnſinnige Haufe.— Jan wechſelte mit Matthieſen bedenkliche Blicke. Aber der Bäcker raunte ihm zu: „Keine Umſtände, die Gelegenheit ergriffen! Wir dürfen auch einmal, für unſere Opfer und Entbehrungen, an der Gunſt der Völter uns ſchadlos halten!“ „Dort ſind Wagen, ſind Pferde!“ ſchrieen die Mün⸗ ſterer wieder.„Wir geh'n auf unſern Sohlen im Staube, wie's uns ziemt,“ verſetzten die Propheten. Aber Hel⸗ cueper, den Schalk im Nacken, ſagte zu den Bürgern: „Wißt ihr nicht mehr, ihr Lappen, daß ein Göße nur auf den Achſeln lebendiger Menſchen getragen ſeyn will 26 Peter Bluſt und ein paar Einwohner von Münſter packten ſchnell den Beckelſon an, luden ihn auf ihre Schultern, und rannten ſpornſtreichs mit ihm der Straße zu. Andere trugen auf dieſelbe Weiſe den Matthieſen davon. Rynald folgte, Diwara geleitend. Duſentſchner, wieder einen Pſalm anſtimmend, führte den plärrenden Troß. Helcneper, von der ſeiner Sache ſo günſtigen Wendung der Dinge zu Münſter unterrichtet, warf des Wippers Schlüſſel auf den Tiſch, und rief:„Wirthe jetzt, wer will; ich kann und mag das Poſſenſpiel, das in der Stadt anbeben wird, nicht verſäumen. Kommt, Herr Rotger, mault nicht lange über den ſchnöden Empfang, 94 den Euch der Vater bereitete. Es iſt eben nicht richtig unter ſeinem Hute und Narren muß es einmal geben, ſchon damit man wiſſe, wer ein Geſcheider ſey.“ Rotger ſchüttelte den Kopf, und erwiederte traurig: „Lauft meinethalben dem Rarrenſchwanke nach. Ich will mich lieber mit dieſer Leiche unterhalten, nämlich, ſie begraben. Ich armer Verwaister will mir einbilden, es ſey meine Mutter, die ich zur Erde beſtatte. Viel⸗ leicht finde ich alsdann in meinem Auge eine Thräne, den Verluſt meines Vaters zu beweinen.“ Vierzehntes Kapitel. Sieg in Iſrael. Was Mathieſen's Zunge geredet und ſeiner Züge Ausdruck verkünder, da er den Prophetenſuchern nach Münſter gefolgt, ließ den Bockelſon leicht errathen, daß der fromme Schwärmer noch andere Begierden, als nur die nach dem Reiche Chriſti in ſeiner Seele Innerſtem bewahrte. Herrſchgier, Eiferſucht und Ueppigkeit beweg⸗ ten ſein unlauteres Herz.— Da jedoch Johann von Ley⸗ den dieſelben Gelüſte heiß und ſtürmiſch empfand, ſo war nicht wohl auf ein allzugutes und allzulanges Einver⸗ ſtändniß unter den beiden Apoſteln zu rechnen. Jan fühlte das, ſo wie er das Uebergewicht ſeines Geiſtes, dem rohen Bäcker von Harlem gegenüber, fühlte, aber gerade ſein Verſtand, im Einklange mit der Feigheit, die ihm inne wohnte, wies ihn an, vorläufig dem Nebenbuh⸗ ler ſachte zu Seite zu gehen, obſchon ein anderes Geleiſe verfolgend.— Zudem war Alles, was ſich jetzt den Au⸗ gen des Bockelſon darſtellte, ſo neu für ihn, ſo uner⸗ wartet, um ſeiner Außerordentlichkeit willen ſo fremd und unſicher, daß er noch die Mittel, die ihm zu Gebote ſte⸗ hen würden und könnten, nicht zn überſchanen vermochte. 96 In der That entwickelte ſich vor den holländiſchen Fremdlingen ein Schauſpiel, wie es ihnen noch nie der kühnſte Traum ihrer Schwärmerei, Eitelkeit und ſinnli⸗ chen Verwirrung vorgeſpiegelt hatte. Matthieſen, ver⸗ armt und flüchtig die Heimath verlaſſend, Bockelſon, mit Schande und Schmach aus Osnabrück verjagt,— zogen gleich Triumphirenden auf den Schultern eines verblen⸗ deten Pöbels in eine Stadt, die fiebernd lechzte, die Traumgeburten und Hirngeſpinnſte ihrer gewiſſenloſen Prediger und Aufrührer zu verwirklichen, und was die noch unreife Gegenwart an bedeutungsvollen Zeichen bot, verhieß eine überreiche Erndte in der Zukunft. Es war ſchon Nacht, da die Fremdlinge in Münſters Thore wanderten. Ihre Begleiter jauchzten, Fackeln und Laternen beleuchteten ihren Zug; aber das Gelärm und Geſchwärm in den Gaſſen galt nicht ihnen; kaum daß Einzelne der Umherlaufenden ſtehen beieben und ihnen in die wilden landſtreicheriſchen Geſichter ſchauten. Eine ganz andere, wichtigere Begebenheit ſchien die Bevölke⸗ rung von Münſter gelenk zu machen. Bewaffnete klirr⸗ ten durch die Straßen, Geſchütz war auf allen Plätzen aufgefahren, Wachten ſtanden überall, Ketten ſperrten jeden Durchgang.— Rynald erkannte ſeine Vaterſtadt kaum wieder. Von einigen Häuſern hingen hie und da Strohkränze herab. Vor dieſen verſammelten ſich Haufen von Geſin⸗ del und pfiffen und läſterten, daß der Himmel wieder⸗ hallte:„ Haha, ſeht, da wohnen die Götzendiener, die Römiſchen! haha, ſeht, da hauſen die lutheriſchen Heuch⸗ ler und Gleißner! Kommt heraus, ihr Gottfreſſer, daß wir Euch zeigen, was die letzte Oelung ſey! Kommt heraus, ihr ungetauften Heiden!“ „Wie viel Uhr? was hat die Glocke geſchlagen?“ fragten andere Rotten, die unruhig durch die Stadt ſchweiften.„Erſt zehn Uhr? noch zwei Stunden, ehe es einfällt?— Wie, um zwölf Uhr hat er geſagt?— Um Mitternacht, mit dem Schlage zwölf wird es einſtürzen“ „Wer? was?“ fragte Rynald aufgeregt, und hielt einen Vorüberlaufenden feſt.„Was wird einſtürzen 26 „Das Nonnenkloſter Ueberwaſſer! Rottmann hat's prophezeit!“ antwortete der Gefragte grob, riß ſich los, und lief dem Kloſter zu. „Was ſoll das bedeuten?“ ſprach der Student zu Helcueper, der an ſeiner Seite lief, und ſeine größte Freude an dem tollen Spektakel hatte.— Der Flickſchnei⸗ der erwiederte:„Ein herrlich Fündlein, um die Nonnen aus ihrem Zwinger in die Welt zu jagen.“ So eben fiel eine Bande von Nonnen aus dem Stift Ueberwaſſer, frech umherſtreifend in zerriſſenen Ordens⸗ kleidern und weltlichen Fetzen, die Propheten und ihre Begleiter an:„Wohin wollt ihr? Warum hier um die Ecke? Dort ſtehen die Katholiſchen, und wie heißt euer Feldgeſchrei?“ „Freiheit und Licht!“ rief ihnen Rynald zu, und durchbrach den Schwarm.„Vater, Vater!“ überſchrie ihn Matthieſen, und die Ronnen ſchrieen mit:„Ja, ja, ſo heißt's. Ihr ſeyd von den Unſrigen. Kommt, daß wir euch führen!“ Sie tanzten Hand in Hand voran, eine eckelhafte, wahnwihige Geſellſchaft. „Chriſtus! Chriſtus!“ riefen die Gegner der Wieder⸗ täufer, als ihr Feldwort, kreiſchend zu ihren Fenſtern her⸗ aus, und Pfeile ſchwirrten durch die dunkle Nacht.„Zum Markte, zum Markte!“ drängten Jans und Matthieſens Begleiter. Dort wollte ein Glutmeer, von Fackeln und von Pechyfannen ausgeſprüht. In den abenteuerlichſten Rot⸗ ten und Genoſſamen ſtanden und lagerten geharniſchte und bewehrte Männer umher. Kanonen, Kugeln und Waffenbündel füllten dazwiſchen die breite Gaſſe. Unter dem Bogen eines anſehnlichen Hauſes ſtand die ſchöne Der Koͤnig von Zion. II. 7 98 Hilla, in unordentlicher Kleidung, mit aufgelösten Haa⸗ ren, hochgerötheten Wangen, und redete zum Volke mit einer Begeiſterung, die furchtbar anzuſehen:„Und wer verhaͤrret in ſeiner Gottloſigkeit wird büßen durch das Schwert, weil er nicht büßet im Geiſte; denn wie der Segen und der Preis der Frommen unendlich, ſo wird des Laſterhaften Strafe ohne Ende ſeyn. Wer will be⸗ ſtehen vor dem Vater? wer, der nicht das Zeichen der ächten Taufe an der Stirne trägt? Laſſet euch taufen, taufen und abwaſchen das Brandmal der gottesläſterli⸗ chen Kindertaufe! Bekehrt euch, und wahret der Zeit, denn in drei Tagen wird die Welt nicht mehr ſtehen, und wehe euch!— Seht ihr den gewaffneten Reiter am Himmel daherfahren, das gezückte Schwert in der Fauſt? Wehe, wehe euch, ihr Söhne und Töchter von Münſer!“ Das Volk gaffte neugierig bald zum Himmel, bald auf den Mund der Schwärmerin, die ihre Kräfte ſchwin⸗ ven fühlte.—„Trast ſie weg, die heilige Tochter des neuen Bundes!“ herrſchte eine ranhe Stimme aus dem Gedräuge, und die Menge machte ihrem Liebling Knip⸗ pervolling Platz, welcher daherkam entflammten Angeſichts, trunkenen Auges, an der Seite des Bernhard Rottmann. Das blaſſe Antlitz des Letzteren war ſchrecklich verzogen, eine Folge unerhörter Anſtrengung des Redens und Sin⸗ gens. Denn ringsum klangen Predigerſtimmen kreiſchend aus den Wogen deutſcher Kirchengeſänge. Wer ſeine Hellebarde führte, ſang auch ſeinen Pſalm. In dieſem Strudel von Aberwitz trafen Rottmann und Knipperdolling nebſt mehreren wiedertäuferiſchen An⸗ führern mit den Sehern aus Holland zuſammen. Ob⸗ ſchon befremdet, daß ſeiner leichtfertigen Vorausſagung die Erfüllung auf dem Fuße gefolgt war, empfing Rott⸗ mann mit Demuth und Andacht ſeinen Jünger oder Leh⸗ rer Bockelſon von Leyden und den Apoſtel von Harlem, deſſen ſtörriſche Schwärmerei und ungeſchlachtes Beneh⸗ „ 99 men unter der Parthei bald viele Anhänger fand.„Ihr kommt, als Geſandte des Herrn!“ ſprach Rottmann feier⸗ lich.„Der Tag des Heils bricht an. Helft ihn herbei⸗ führen. Die Heiden ſtehen unter Waffen auf dem Kirch⸗ hof Ueberwaſſer; die Bekeuner des Vaters behaupten die⸗ ſen Theil der Stadt. Markt und Rathhaus ſind unſer, wir ſind unüberwindlich, wenn unſer Glaube feſt und ſtark iſt. Wehe ihnen, die uns in's Elend jagen woll⸗ ten! Wir werden ihnen das Loos ereites das ſie uns zugedacht haben!“ „Heilige Männer, beehrt mein Haus mit euerm Ein⸗ tritt!“ begann Knipperdolling.„Iſraels Kriegsrath ver⸗ ſammelt ſich bei mir. Leitet unſere Berathungen durch euer von Gott erleuchtetes Urtheil.“ „Was uns der Geiſt eingibt, ſollt ihr als Brüder vernehmen!“ antwortete prahleriſch der Bäcker. Jan von Leyden fügte aber hinzun:„Die Gewalt iſt des Herrn, doch ſie verſchonet noch die Heiden. Waffen ſind ſchön, aber Buße und Vergebung ſind ſchöner.“— Die erſten Worte der Propheten entſchieden die Stellung eines jeden von ihnen. Matthieſen galt alſogleich als Führer der gewaltthätigen, unerbittlichen Parthei. Die Menſchliche⸗ ren, die Zanderer, die Vorſichtigen und Feigen verehrten von Stund an den Schneider von Leyden als ihren Abgott. Die Verſammlung in Knipperdollings Hauſe wurde zahlreich. Die Frau des Tuchhändlers mußte, obſchon mit bitterem Munde und erlöſchenden Augen, die Häup⸗ ter des Aufruhrs freundlich empfangen; ihre Tochter Anna kredenzte dagegen Trank und Speiſe leichtſinnig lächelnd, muthwillige und lockere Blicke verſendend. Sie war heftig bewegt, aber bewegt von Freude. Sie dachte ſich die große reiche Stadt als ihres Vaters Eigenthum, und ſich als die Erſte aller Weiber darinnen. Diwara wurde, trotz ihrer Schönheit, in der erſten Stunde ihre Freundin, und Hilla, die Seherin, war ihr eng verbunden und verwandt. Seit Heleueper auf der Straße ſich von Rynalds Seite verloren, um mit ſeinen alten Freunden zu ſchwär⸗ men, war der Student vereinzelt, allein, von Niemand beachtet, bis er unter der Menge der bei Knipperdolling Ein⸗ und Auskaufenden ein Geſicht bemerkte, das ihn er⸗ ſchütterte, Lüdgers zum Ringe. Der Maler ſeinerſeits erkannte ihn, und kam auf ihn zu, trenherzig wie ſonſt, aber mit einer weit ſtärkeren Beimiſchung von Gemeinheit. Er rief ſchmetternd:„Alle Deu alle Engel, wollte ich ſagen— gegrüßt ſeyſt Du, Rynald. Wer hat mir nur vorgezogen, Du ſeyſt geköpft, oder geviertheilt, oder verbrannt? Godd.„ verzeih mir's der Vater, aber da hätte ich ſchier wieder geflucht!„biſt Du von den Unſerigen? he? hab' ich nicht immer geſagt, daß es ſo kommen würde?“ „Ich bilde mir ein, in ein ganz fremdes Land getre⸗ ten zu ſeyn,“ antwortete Rynald, ſeine Stirne reibend, „es liegt mir vor den Angen und Ohren, wie Traumes⸗ nebel. Gebe der Himmel, daß ich morgen zu einer kla⸗ reren Anſchanung komme. Bis jetzt gefäut mir nicht ſo ganz, was ich geſehen „Du haſt noch nichts geſehen, Rynald. Um zwötf Uhr geht's los. Der Nonnenſtall Ueberwaſſer wird zu⸗ ſammenfallen, und nach ihm die Welt, um einen Tag früher oder ſpäter,— das weiß man nicht genau. Aber wir werden alle am Leben bleiben, und der Herr wird herabſteigen, als ein Herzog der Gerechten findeſt Du aber nicht, Rynald, daß der Titel ein Bischen dürf⸗ tig und gering 2“ „Das iſt figürlich gemeint, lieber Meiſter,“ antwortete Rynald lächelnd,„die Welt wird nicht einfallen und der Herr nicht in eigener Perſon herniederfahren, aber es wird aus dieſen Verwirrungen ein nen Geſetz und Reich 101 erwachſen, und das Geſetz wird gut ſeyn und der Reichsner fromm und edel, ein Ebenbild des Herrn, wie wir alle ſeyn ſollten.“ „Nun, Du biſt gelehrt, und magſt Recht haben. Sang hm, hm! ich habe mich oft nach Deiner Weisheit geſehnt, Rynald. Ich habe meine wahre Freude an Dir, obſchon Du einen wüſten Bart bekommen haſt, und Dein rundes Geſicht verzweifelt hohl geworden iſt. Und mein Kind, die Angela„„ wie wird ſich erſt die Dirne freuen?„ halt!„ parbleu hm, hm, ich vergaß ach Du lieber Gott, ſie iſt ja nicht mehr mein, die Angela.„* Bei den letzten Worten uͤberfielen den Maler helle Thränen und dumpfes Schluchzen. Der leidenſchaftlichſte Vaterſchmerz lag ausgeprägt auf ſeinem Geſichte.— Rynald, wenn er auch mit heißer Sehnſucht erwartet hatte, daß Luͤdger ſeine Angela nennen würde, empfand doch bei dieſem Namen einen ſchmerzlichen Herzſtoß. Was er in ſeinem überſpannten Kopfe ſich aus Argwohn, Ei⸗ ferſucht und Verdacht zuſammengebaut hatte, ſchien ihm jetzo durch des Vaters Trauer beſtätigt; ſo daß er des Malers Hand druͤckte, und ſagte:„Schweigt von ihr, Meiſter, wenn Ihr mir gut ſeyd. Wir wollen nicht mehr von ihr reden, von ihr, die ſich ſelbſt verloren.“ „Mir recht,“ antwortete Lüdger, immer noch ſchluch⸗ zend:„Du weißt doch Alles beim rechten Namen zu nen⸗ nen, Rynald,„die ſich ſelbſt verloren,“ ja wahrhaftig.. Du ſprichſt wie gemalt.— Wer hätte ihr auch theurer ſeyn ſollen, als der Vater? Und dennoch„ hm, ja ſo, wir wollen ihrer ja nicht mehr erwähnen.— Wovon war jedoch die Rede? Von Deiner Ankunft, he? und wer ſind die Propheten, mit denen Du kamſt? es iſt eine wunderliche Zeit, Rynald. Propheten und Seherinnen, Wunder und Geſpenſter ſind heutzutage auf allen Gaſſen zu finden. Knipperdolling hat ſogar von mir verlangt, ich ſolle weiſſagen,— aber, obſchon ſie mich wiedergetauft haben— es bleibt doch immer das Sicherſte, um in den Himmel zu kommen, wenn etwa die erſte Taufe eine Sünde geweſen wäre— alſo, obſchon wiedergetauft, fällt mir doch nichts ein, und mich treibt der Geiſt nicht, wie ſte zu ſagen pflegen.“ Da ſchallte Jan's Stimme ans dem dichten Haufen der ihn Umdrängenden:„Friede, Friede ſey in Zion, gebet Bedenkzeit den Heiden! Der Vater will nicht, daß alle ſterben, ſondern daß ſie bekehrt werden! So laſſet uns, ſobald der Tag anbricht, ſelbſt das Werk der Bekehrung beginnen, laſſet uns nicht fürchten ihre Kugeln und Pfeile. Der Herr wird ſiegen!“ Matthieſen drehte ihm unwillig den Rücken zu. Knipe perdolling und ſeine Helfershelfer murrten. Da erhob Jan ſeine Stimme kräftiger, und redete:„Murret nicht, denn der Herr ſpricht: Noch iſt nicht der Tag gekommen, da ich meine Tenne fegen werde; zittert nicht vor den Waffen der Heiden, aber zürnet nicht auzuſehr ihrer Ver⸗ ſtocktheit. Es werden ihrer noch viele dem Vater ge⸗ wonnen werden, aber laſſet ab, in den Tempeln der Hei⸗ den, die übel riechen, zu lehren; lehret nur auf den Gaſ⸗ ſen und in den Häuſern der Chriſten! Höret, wenn ihr Ohren habt, zu hören. So einer käme mit dem Schwerte, und der Andere mit dem Oelzweig, ſollet ihr zweimal hören den mit dem Oelzweige. Wie, Knipperdolling, Bruder des neuen Bundes, Du brennſt vor wilder Kampf⸗ luſt und Streitbegierde? Wenn der Herr Dein Blut begehrte, würde es nicht ſchöner fließen über den weißen Rock des unſchuldigen Apoſtels, als über das Wamms des Kriegsknechts? Geh hin, Tapferer, und wirf Dich in die Reihen der Unheiligen, und predige ihnen den neuen Bund! geh hin, und ſieh, ob ſie Dir nicht folgen, ſieh, ob der Vater nicht alle Haare auf Deinem Haupte ſchirmen wird? Ich habe geredet. Prüfet und handelt.“ 103 Rottmann und die Prediger der Wiedertäufer riefen dem Bockelſon Beifall zu, und der wilde Knipperdolling beugte ſich unter dem Joch der abenteuerlichen Pflicht, die ihm der fremde Seher aufzulegen für gut fand. „Iſt der Mann nicht unſer Gaſtfreund von Leyden 2“ fragte Lüdger ſeinen jungen Freund.„Derſelbe,“ verſetzte Rynald,„ein Menſch, der Außerordentliches vollbringen wird. Aus dem Staube der Niedrigkeit ſtehen immer diejenigen auf, die aller Tyrannei Bruſtwehr zu Schan⸗ den ſchlagen. Gebt acht, wie ein Blitz wird ſeine und ſeiner Brüder Erſcheinung ganz Deutſchland erhellen und verklären. Die letzte Stunde der Zwingherrſchaft und aller Pfafferei bat geſchlagen, und eine reine chriſtliche Republik erhebt ſich lilienweis aus den blutigen Trüm⸗ mern roher Wilkür und blinder Kuechtſchaft!— Kennt Ihr noch das Geſicht jenes begeiſterten Redners? Es wäre jetzo würdiger, als damats, von Euch gemalt zu werden.“. Lüdger kratzte ſich hinter den Ohren, ſchüttelte den Kopf:„Du weißt alſo nicht, daß des Malers Werk jeyo ein verdammtes und ſündliches iſt? Mein Gewiſſen er⸗ laubt mir nicht mehr, das Conterfei von einem Eben⸗ hilde Gottes zu machen! Uud was ſol mir endlich die⸗ ſes Geſicht? Mein letztes Bild war das meiner Augela! „ich will nach dieſem keinen Pinſel mehr anrühren.“ „Schon wieder Angela?“ ſeufzte Rynald für ſich. „Sein letztes Bild das ihrige? Fluch und Tod! warum mußte ich gerade dieſes Bild ſehen, und wo es ſehen 2“ Rottmann ging an dem Jüngling vorüber, kehrte dann um, ergriff deſſen Hand, freundlich redend:„Rynald, Du? ein lang entbehrter Freund!“ Worauf der Stu⸗ dent, bitter ergriffen von Angela's Andenken und der Erinnerung an ſeinen Kriegsdienſt und Kerker, vorſchnell antwortete:„Ja, ja, und der Eurige mit Leib und Seel, in Ewigkeit. Ich habe nichts mehr auf Erden, als den Drang nach Freiheit und die Hoffnung, meines Vaterlan⸗ des Erlöſung zu ſchauen. Wenn dieſe nicht von hier, von euch ausginge, ihr Stifter eines neuen Bundes, von wem ſonſt? Es gab eine Zeit, da ich Dein Thun und Handeln nicht gebilligt, Bernhard, aber heute ſeh' ich ein, daß Du berufen warſt, den Grund einer ſchönern Zukunft zu legen, und ich will trotz Tod und Teufel zu euch halten.“ Rottmann umarmte den Schwärmer mit allen Zeichen der Bruderliebe, und wollte eine ſalbungsreiche Rede an⸗ heben, als ein Bube in Weibskleidern eintrat, und ver⸗ ſtört nach dem Herrn des Hauſes fragte. Von der Stirne des Burſchen rann der helle Schweiß. Seine Mummerei hatte ihm nur mit blauem Ange durch das Volksgedräng geholfen.„Ich habe einen Zettel an Euch zu bringen,“ ſchnaufte er dem Knipperdolling zu,„Herr Hermann Tilbeck, der Bürgermeiſter, gab ihn mir. Ich habe kaum durchſchleichen können, denn die Gaſſen am Domplatz ſind mit Kanonen und Schützen beſetzt, die ench auf dem Markt überrumpeln wollen.“ „Ueberrumpelung?“ tobten Moderſon, Redecker, Tylan und Kippenbroick, die das Wort hörten,„friſch, ihr Brü⸗ der! den Heiden entgegen!“—„Gebt mir eine Lanze, eine Pickelhaube!“ ſchrie Matthieſen,„ich theile mit mei⸗ nen neuen Freunden Noth und Tod!“ Lärmend nahmen die Anführer ihre Waffen auf, und zogen, Matthieſen an der Svitze, davon, ohne ſich halten zu laſſen. „Laſſet die wilden Tollköpfe gehen,“ fagte Rottmann lächelnd, den Zettel aus Knipperdollings Händen nehmend, „unſer Freund, der Bürgermeiſter, wacht fuͤr die Seinen, und gibt uns frohe Kunde, ich wette.“ „So iſt's,“ jubelte Kuipperdolling,„er und ſeine An⸗ hänger, obſchon ſie vorgeben, als ſeyen ſie uns feindlich, ſind geſchäftig, die Heiden zu entmuthigen. Tilbeck ſchreibt, 105 der Biſchof habe ſich erboten, mit ſeinen Reitern in die Stadt zu fallen und Ordnung zu machen, wenn ſie ihm eins der Thore, ſo ſie in Beſitz haben, öffnen wollten. Aber das werde nicht geſchehen, meldet Tilbeck, und wir ſollen ruhig ſeyn.“ „Der Biſchof 26 fragte Jan mit gäber Heftigkeit, wor⸗ unter er ſeine Angſt zu verbergen ſuchte.„Wehe euch und der Stadt, wenn ihr vom Leufel euch verlocken lie⸗ ßet! Der Zorn des Herrn würde ſchrecklich auf eure Häupter fallen. Friede mit Allen, nur mit dem Biſchof nicht. Er iſt eine Klaue des Thiers, ein Gräuel den Gerechten!“ „Beruhige Dich, ſorge nicht,“ tröſtete ihn Rottmann ſelbſtgefälig.„Wir haben gegen ihn geſtritten, da er noch mit Gnaden und Verſprechungen focht, wir werden nicht erlahmen, da er uns mit Waffen droht.“ „Wer hat die Schlüſſel der Thore in Verwahrung 24 fragte Knipperdolling haſtig.„Wem hab' ich ſie überge⸗ ben? Mir braust der Kopf von dem Getümmel dieſes Tages.“ „Belholt, der Stadtrichter, hat ſie im Beſitz, und liefert ſie dem Satan nicht aus!“ bemerkte Strapedius, der wiedertäuferiſche Prediger. „Gott ſchlage und verdamme den Covord, der den Heiden die Schlüſſel zum Liebfrauen- und Indefelder-Thore hingegeben!“ brüllte Knipperdolling.„Wer weiß, ob nicht Windemoller, der heidniſche Rathsherr, in dieſem Augen⸗ blick den Biſchof eingelaſſen 26 Ein toſendes Krachen tönte weit durch die Stadt, über die Giebel der Häuſer hinaus. Dazwiſchen ſchlugen die Glocken die Mitternachtſtunde.„Horch! was war das?“ riefen in Häuſern und Straßen die Leute.„Es ſchlägt zwölf!«—„Die Kirche von Ueberwaſſer iſt ein⸗ gefallen«—„Nicht doch, das waren Karthaunen!“— „Die Katholiſchen und Lutheraner kommen über den 106 Domplatz heran!“—„Am Aegidienkirchhof iſt Sturm und Gefecht los!“— So flüſterte und kreiſchte das Volk durch einander. Helcueper ſpraug wie eine Katze in Knipperdollings Haus, woriunen kein Menſch den andern mehr verſtand. Der Flickſchneider überſchrie Alle:„Der Nonnenzwinger iſt wicht eingefallen, Berendt! Die Heiden donnern Freu⸗ denſchüſſe von dem Thurm der Kloſterkirche. Der Sport und Spaß iſt frei an allen Orten und Euden. Berendt, was haſt Du prophezeit?“ „Willſt Du ſchweigen, Wurm?“ fuhr ihn Knipper⸗ dolling an.„Ein Wort noch, und ich ſpalte Dir den Kopf!“ „Schlag mich todt, Bruder, aber höre, wie ſie unten lachen, höhnen, fluchen, den Berendt verwünſchen!“— Das Gejohle drang wirklich heran, und viele Stimmen ſchallten zu den Fenſtern des Hanſes empor:„Rottmann, Rottmann, was haſt Du uns geweiſſagt? Rottmann, das Kloſter ſteht noch auf feſtem Grunde! He, falſcher Pro⸗ phet, wie haſt Du uns betrogen 2“ Der Prediger ſtand blaß und erſchüttert da. Er hatte nicht erwartet, daß der Pöbel ſo dringend Rechen⸗ ſchaft von ihm begehren würde.„Muth, Muth!“ redete ihm Rynald zu.„Du haſt bisher das Volk gelenkt, es kann Deine Stimme noch nicht vergeſſen, ſeine Liebe zu Dir noch nicht verlernt haben!“ Rottmann, ſonſt ſo küͤhn, ſtand rathlos. Indeſſen drangen die aufgeregten Bürger, unter ihnen eine Menge von Weibern und Nonuen, Lehrbuben und Knechten, von katholiſchen und lutheriſchen Aufhetzern, die Treppe her⸗ auf in das Gemach, und geiferten ihren Liebling an, und begehrten herriſch von ihm das Wunder, das er ihnen verſprochen.— Rottmann und Jan Bockelſon überſchau⸗ ten beide die Gefahr dieſes Augenblicks, aber der Erſtere 107 war gelähmt, der Zweite dagegen munter bei der Hand, die Gelegenheit zu benützen. Jan warf ſich dem Schwall entgegen, den ſelbſt die rieſenhafte Kraft Kuipperdollings nicht anzuhalten ver⸗ mochte, und zürnte ihm in's Geſicht:„Was ſchändet ihr doch eure Seher und Propheten, und uennet ſie falſch, und ſcheltet ſie Lügner? Der Vater gibt ihnen ein, was ſie euch, den Blinden und Tanben, verkünden ſollen, aber der Vater hält in ſeiner Gnade den Blitz auf, der ſeiner Hand entfahren;— warum nicht die waukenden Mauern eines Heidentempels, von ſchwachen Menſchenhänden zu⸗ ſammengeklebt? Habt ihr gehört von Jonas, dem Pro⸗ pheten? habt ihr in den heiligen Buͤchern geleſen, wie er dem laſterhaften Ninive den Untergang verkündigte? Das hat er auf Befehl des Vaters gethan, und deunoch iſt Ninive ſtehen geblieben, weil es bußfertig geworden. Seht ihr nun den Finger des Herrn? Weil die Nonnen von Ueberwaſſer Buße gethan haben, und aus dem Klo⸗ ſter gegangen ſind, wie ihnen Rottmann, der Diener Gottes, befohlen, damit ſie genüaten ihrer Beſtimmung, — weil ſie von ſich geworfen haben, was ſie an den Göhentempel knüpfte, hat ſich der Zorn des himmliſchen Vaters geſtillt, und Guade iſt ihnen geworden, ſtatt der Strafe!“ Die tobende Volksmaſſe beſchwichtigte ſich vor dem Beiſpiel, aus heiliger Schrift hervorgehoben, und die wilden Blicke beranſchter und nüchterner Schwärmer ſenk⸗ ten ſich verdutzt zur Erde. Rottmann erglänzte wie von einer Glorie! Jan beſchloß, den Kranz ſeines Siegs voll⸗ ſtändig an ſich zu reißen. Mit zornigen Geberden und dräuendem Munde ſchloß er:„So beuget euch vor dem Herrn, daß nicht euch die Strafe treffe, denn ihr ſeyd alle noch nicht reinen Herzens, und der Böſen ſtecken viele unter euch. Meinen forſchenden Seheraugen wird nicht Einer entgehen, der ſündig wäre, und wen ich nicht aus chriſtlicher Barmherzigkeit ſchonen wollte, entwiſchte mir nicht, denn mir iſt die Macht vom Vater gegeben. — Tritt vor, Spitzbart in dem braunen Wamms, Du neben jenem Schmiedknecht. Packt ihn, Freunde, den Spisbart. Ich will nicht des Vaters ſeyn, wenn der Bube nicht ein römiſcher Heide iſt und verborgene Waffen trägt. Ergreift auch jene dicke Magd, die ſich davon machen will, wie ein Fiſchlein im Schlamme. Nehmt ſie feſt, durchſucht ſie. Guckt nicht ein Mordbeil unter ihrer Schürze vor? Ragt nicht aus ihrer Taſche der Kolben eines Fanſtrohrs?“ Die bezeichneten Leute wurden ergriffen. Auf der Bruſt des Mannes fand ſich ein Amulet vor, in ſeiner Taſche ein langer Dolch. Die Wiedertäufer warfen den entlarvten Katholiken zum Fenſter hinaus. Dennoch be⸗ hielt er das Leben wunderbar, und entſprang. Die Magd, zitternd und erſchrocken, ihre Neugierde, die ſie hieher geführt, verwünſchend, bekannte: ſie heiße Aſſola und ſey im Dienſte bei dem Doktor Wesling, einem Arzte und eifrigen Katholiken, der ſie angewieſen, ihm die Waffen auf den Domplatz vorzutragen, damit er, entſchloſſen, mit ſeinen Glaubensbrüdern in den Streit gegen die Ketzer zu ziehen, nicht bei den Nachbarn, die alle wiedertäuferiſch geſinnt, Verdacht erregen mochte, wenn er gerüſtet aus ſeinem Hauſe ginge.— Die ärme Dirne verdankte es nur der Fürbitte mehrerer Männer, die früher ihre Dienſtherren geweſen, daß ſie— noch mancher Beſchimpſung und nach Verluſt ihrer Waffen, entlaſſen wurde.— Aller Angen hingen aber von nun an ehrfurchtsvoll an dem weiſen Jan Bockelſon, der als eine kurze Nachrede ſeinen Zuhörern in die Ohren rief: „Sehet, ihr Schwachglänbige, wie ihr verrathen ſeyd, ohne es zu ahnen? Merkt ihr nun, daß eure ſtumpfen Köpfe und Sinne das neue Jernſalem nicht herſtellen werden, und daß ihr gezwungen ſeyd, den Apoſteln 109 des Vaters zu glanben und zu vertrauen? Geht, wachet und betet; denn ich ſage ench, es wird ſich noch manches Wunder begeben, bevor ihr ſingen dürfet: Vater, ich bin Deiner würdig!“ Die Verblendeten warfen ſich zu den Füßen Jaus, ihn zu verehren, zu den Füßen Rottmanns, ihn um Ver⸗ gehung anzuflehen. Jan duldete, ohne ſich zu rühren, dieſe knechtiſche Huldigung. Rottmann ermahnte die Schreier, ſich auf ihre Waffenplätze zu begeben.„Ich verzeihe euch, was ihr an mir verſchuldet,“ ſagte er vor⸗ nehm,„ſtimmt an mein Lied:„Im tiefen Dunkel zittre ich, v Herr der Welt, erhöre mich!“ und geht, wohin euch die Pflicht für euer Seelenheil und Vaterland ruft.“ Duſentſchuer, nachdem er den Bockelſon brünſtig um⸗ halſet und ausgerufen:„Seht hier den neuen Dauiel, welcher da ſpricht Perlen der Weisheit! ſeht hier den jungen David, deſſen Odem allein den heidniſchen Go⸗ liath bezwinget!“ ſetzte ſich an die Spitze der Pſalmiren⸗ den und zog davon. Rottmann umhalste ſeinerſeits den Propheten auch, und ſeufzte gerührt:„Du haſt mich nicht zu Schanden werden laſſen! wenn ich Dir das je vergeſſe„..* „Ich will die Runde an den Thoren machen,“ ſagte Knipperdolling,„wer folgt mir?2“— Viele meldeten ſich. „Kommt, Meiſter Lüdger,“ ſprach Rynald,„es wird uns beiden eng in dieſem Hauſe der Prediger und des Auf⸗ ruhrs. Wüßte ich nicht, daß Licht und Wahrheit nur im grimmen Kampf mit Lüge und Finſterniß errungen werden, mir könnte ſchandern vor der Zukunft. Kommt, laßt uns dieſen Rundgängern folgen. Die kalte Morgen⸗ luft und die Gefahren auf unſerm dunkeln Wege friſchen das Herz auf.“ Zögernd und nur von der ſtrengen Aufforderung des Studenten überwältigt, ſchickte ſich Lüdger an, zu thun, wie ihm geheißen. Da ſtürmten von allen Seiten die 110 widerſprechendſten Nachrichten und Kundſchaften heran. „Wir haben das Zeughaus bei St. Aegidien erobert!“ triumphirte Mollenhecke, der Schmied.—„Wir ſind in der Schmalgaſſe beim Aegidienkirchhof geſchlagen! Die Feinde haben den Domplatz und die Aegidienſtraße inne!“ ſagte Redeker keuchend an. „Die Brücken alle über den Aafluß ſind von den Feinden abgeworfen!“ berichtete Belholt, der ehemalige Stadtrichter,„die Iudefelderpforte iſt für uns verloren!“ „Die Steinbruͤcke am Coppenbergiſchen Hauſe ſteht noch!“ meldeten Andere,„ſie liegt von Feinden voll, wie der Domplatz und die anſtoßenden Gaſſen. Sie beun⸗ ruhigen den Markt mit ihren Pfeilen, und richten ihre Kanonen. Trommeln ſchlagen in den nächſten Ortſchaf⸗ ren um, und die Bauern ſtrömen der Stadt mit Waffen zu, den Feinden eine Hülfe! Der Droſt von Wollbeck iſt mit vielen Domherren hereingekommen!“ „Der Biſchof iſt nicht weit von der Stadt! das Feld ſchwärmt voll von Reitern!“ heulte Henrich Roll, der Prediger,„es ſind Streifzügler heimgekehrt und ſagen's aus.“ „Wetter und Sturm!“ tobte Knipperdolling,„wenn uns noch Tilbeck verriethe, ſo wären wir verloren!“ „Wir ſind's auch ohnehin!“ fiel Gerlach von Wulen ein, der gerüſtet herbeigekommen war,„die Katholiſchen breiten ſich aus, und wenn die Lutheriſchen ernſtlich mit⸗ helfen wollen, ſo ſind wir bald vom Markte verjagt, und zwiſchen dem Hörterthor und der Moritzpkorte zuſammen⸗ gedrängt; vor uns das Geſchütz der Feinde, hinter uns die Waffen des Biſchofs im Felde. Wir ſind die kleinere Zahl, wie's heißt. Der Stadttheil gegen Abend wim⸗ melt von Bauern, denen man die Habe der Wiedertäufer als gute Beute verſprochen. Die römiſchen Pfaffen, die lutheriſchen Prädikanten hetzen die Ihrigen auf Mord und Tod, verheißen den Himmel einem Jeden, der Einen 11¹1 von uns erlegen würde; Jedem das Paradies, der etwa im Kampfe fiele! Alles das zuſammengerechnet,— nur ein Wunder kann uns retten und den Sieg bereiten.“ Da hierauf eine tiefe ſchwermüthige Stille folgte, ſchwang ſich Jan auf den Tiſch, und eiferte, aus allen Kräften wüthend:„Dieſes Wunder wird geſchehen, ihr Zaghaften! Der Herr wird ſelbſt auf lichten Wolken kommen und für uns ſtreiten. Prahlte nicht Conſtantin, der Kaiſer, es ſey vom Himmel das Panier des Sieges ihm geſendet worden? Erzählen nicht die alten Bücher, daß gar manchesmal der heilige Georg, der heilige Mo⸗ ritz und Andere ſichtbarlich für ihre Glaubensgenoſſen geſtritten und deren Feinde geſchlagen? Wird für uns, die den Vater gefunden haben, der Schöpfer des Him⸗ mels und der Erde weniger rhun, als die zauberiſchen Kräfte der heidniſchen Götzen gethan? Laſſet nur anbre⸗ chen den Tag, daß Licht werde, denn die Nacht iſt eine Feindin der Gerechten. Schanet den Heiden in das Auge, und ſehet, ob ſie euern Blick ertragen können? Hört, was ſie ſprechen in ihren Feldlagern, und ob es Friede war, was ihnen ihre Prädikanten verkündigt haben? Nein, ſie tragen die Fäulniß in ihrem Buſen, ſo wie die Trennung in ihren Gemüthern. Ich zweifle nicht, daß die Meßprieſter ermahnt haben:„Haltet nicht zu den Keßzern, denn ſie ſind verflucht, die lucheriſchen Ketzer!“— Ich zweifle nicht, daß die Prädikanten geſagt haben:„Helfet nicht den Papiſten, denn ihnen iſt das hölliſche Fener, den Papiſten!“— Und Trennung, ihr Brüder, iſt Niederlage, Trennung iſt der Tod, und Ein— tracht von Wenigen iſt das Leben, von dem endlich die ganze Welt erfüllt werden ſoll. Chriſtus, unſer Herzog und König, kommt allerdings mit dem Rachſchwerte, aber wir werden es handhaben gegen die Unreinen, weil wir rein ſind, weil wir geheiligt ſind durch das Zeichen der einzig wahren und gerechten Tanfe; und der Unter⸗ 112 gang der Gottloſen wird unr aufgehalten, bis die Zeit kömmt, und alle Auserwählte unter dem Paniere des Vaters verſammelt wurden. Denn es ſteht geſchrieben: „Beſchädigt nicht die Erde, noch das Meer, noch die Bäume, bis daß wir verſtegeln die Kuechte unſers Got⸗ tes an den Stirnen.“ Rottmann fuhr in die Höhe, vom Geiſte getrieben: „Erwürget beides, Maͤnner und Greiſe, Jünglinge und Jungfrauen, Kinder und Weiber,— Alles todt! aber die das Zeichen an ſich haben, deren ſollt ihr keins an⸗ rühren!“ Und alle Uebrigen der Verſammlung beteten das grauenhafte Wort nach.— Jans Aufregung hatte die Fibern ſeines Hirns bis nahe an die Verrückung hinan⸗ gewirbelt, die von Zeit zu Zeit ihn befiel, darum zeterte er weiter:„Gehet, laufet an eure Plätze, ihr Söhne und Töchter des Bundes! gürtet eure Lenden, ihr Krie⸗ ger! predigt an den Straßen, ihr Lehrer! thut auf den prophetiſchen Mund, ihr Weiber, und weiſſaget! thut auf eure Augen, ihr Maulwürfe, und leſet vom Himmel die Ankunft des Konigs aller Gerechtigkeit! Wer da glanbet, wird ſehen und reden, was er glaubet! Wer den Geiſt auruft, wird vom Geiſt getrieben werden! Wer da Wun⸗ der begehret mit Vertrauen, wird Wunder verrichten. Die Steine reden, ſo gläubige Sohlen ſie treten, Wun⸗ den erquicken, ſo gläubige Finger ſie berühren, denn alles Gute und Böſe kommt vom Vater, und da wir des Vaters Sohne ſind, bleibe den Feinden das Böſe. Amen!“ Bockelſon ſank erſchöpft in einen Seſſel, da ſeine Rede zu Ende und in dem wirren Kopfe nichts mehr aufzu⸗ treiben war. Seine Zuhörer fühlten ſich jedoch von neuem Feuer entflammt. Die Krieger enteilten dem Hauſe mit gezückten Schwertern; die Prediger liefen wie Corybanten auf die Gaſſen, um zu predigen. Hilla und Anna und viele ſchwärmeriſche oder ausgelaſſene Weiber 113 mit ihnen, ſtürzten heulend und ſchreiend auf den Markt. — Knipperdollings Haus wurde leer. Unter düſter bren⸗ nenden Lampen ſaß der Prophet Jan mit Diwara allein — die Frau des Tuchhändlers lag in einem verſteckten Winkel des Gebäudes betend auf den Knieen. „Was befiehlſt Du, das ich beginnen ſoll?“ fragte Diwara leiſe, mit liſtiger Demuth.— Hierauf antwortete Jan ermattet, aber vertraulich:„Daß Du bei mir blei— beſt, mich zu erheitern, eine reizende Abigail. Mir iſt im Haupte ein verworrener Schmerz und Taumel aufge⸗ ſtiegen und ich fürchte mich faſt vor dem, was der Herr aus meinem Munde geredet hat. Sobald mir aber ge⸗ lingt, die Augen vor mir ſelbſt zu ſchließen, ſo ſchaue ich vor mir das Geſpeuſt der alten Frau, die heute...« „Deiner Mutter, willſt Du ſagen?«—„Nun freilich; meiner Mutter Schatten, wollt' ich ſagen,“ ergänzte Jan zögernd und unwillig,„und er blickt mich ſo traurig an, daß ich ſchier der fröhlichen Weiſſagung lachen möchte, die des Schattens Leib über mein Haupt geſprochen.— Doch hab' ich ſie ſchon aus anderem Munde gehört, und ſicher⸗ lich war's der Böſe, der aus jenem Mund die Lockpfeife biies 6 „Hi! wer weiß 26 ſprach Diwara nachdenklich:„wenn ich mich nicht betrüge, ſo ſagte einſt Dein Weib. 4 „Schweige von ihr! Soll ich mit Dir von Deinem Manne reden?.. Wie wäre Dir, Diwara, wenn heute, unter'm Waffenlärm dieſer Nacht, Dein Gatte ſein Ende gefunden hätte 26 Mit vieler Ruhe und Ergebung küßte Diwara Bo⸗ ckelſons Hand, ſprechend:„Ich würde dann mein Schick⸗ ſal Deiner Weisheit anheimſtellen, o mein Herrz Dir allein, von dem ich ſo lange getrennt geweſen, und deſſen Andenken ich ſtets ſo fromm bewahrt habe.“ „Anch ich grollte dem Schickſat, Diwara. In dem ſündhaften Osnabrück hab' ich oft Deiner gedacht. Nicht Der Koͤnig von Zion. IM. 8 114 allein, um den Heiden zu entfliehen, richtete ich meine Segel nach der Heimath. Ich wähnte, dort Dich wieder⸗ zufinden. Dennoch— wärſt Du mir nicht vom Vater ſo wunderbar zugeführt worden— ich würde in Holland nicht in Deine weichen Arme, aber in das feuchte Ge⸗ fängniß geſunken ſeyn, das mein Weib beherbergt.“ „Ach Miekje, meine arme Baſe!“ ſeufzte Einer, der hinter einem teppichbehangenen Tiſche von einem niedern Schemel ſich erhob.— Mit einem ängſtlichen Schrei ent⸗ floh Diwara. Jan ging dem Störefried finſter entgegen und fragte:„Was machſt Du hier, Peter Bluſt2“ „Ich habe mit der Vergangenheit abgerechnet,“ ant⸗ wortete der fromme Kaufmann, der ſich den ganzen Abend hindurch von Jan entfernt gehalten. „Haſt Du nicht behorcht, was Zweie hier geredet haben?“ fuhr Jan argwöhniſch fort.. „Ich horche nie; denn es iſt eine Sünde. Von dem, was Zweie hier geredet haben, hörte ich nur den Namen meiner Baſe nennen, und ſeufzte bei ihrem Andenken.“ „Ermeſſe meinen Schmerz, Bruder, da ſchon der Dei⸗ nige ſo empfindlich.“ „Ich bewundere Dich, Jan Bockelſon,“ begann Peter Bluſt mit aufrichtigem Gemüthe,„Du biſt ein Eichbaum unter ſchwachen Weiden. Du haſt die wüſten Laͤrmbläſer dieſer Stadt unter Dein Joch gebracht, ehe noch die Sonne Münſters über Deinem Haupte aufgegangen iſt. Alle dieſe Leute ſind Dein, und Du regierſt ſie, wie Deine Knechte.“ „Weil der Vater aus mir redet, deſſen Knecht ich bin.“ „Weil der Vater aus Dir redet,“ wiederholte Bluſt beifällig,„und deshalb bin ich Dir nicht weniger unter— than, als die Andern. Du verläſſeſt Alles, um das neue Reich zu verkünden. Wer glaubte wohl— Deinen Gleich⸗ muth betrachtend daß Dir Weib und Kind in ſchuö⸗ der Gefangenſchaft verloren gegangen...24 115 „Der Herr wird ſie ſchützen, ein jegliches ihrer Haare iſt gezählt.“ „Daß Du Hab und Gut daheim verlvren 2. »Der Herr hat's gegeben,— er hat's genommen, und ſey gelobt.“ „Daß erſt heute Deine alte Mutter vor Deinen Augen verblichen 24 „Du ſollſt Vater und Mutter verlaſſen, um dem Heiland anzuhängen! Ziemte mir, zu weinen, da ſie jetzo dem ewigen Vater zur Rechten ſitzt 2“ „Geprieſen ſey Deine Weisheit, Jan! Ich armſeliger Menſch konnte ſchier mich grämen im Innern, da ich die Stadt Leyden verließ, und arm war, einem Bettler zu vergleichen 2“ „Du haſt Einiges verloren, Peter Bluſt. Du haſt mir die Schuld beigemeſſen. Ich werde mich beſtreben, Dir vom Könige aller Welt Erſatz zu erflehen.“ „Demüthige mich nicht, mein Bruder. Vergib, wenn ich gegen Dich ungerecht geweſen bin in Worten oder Werken. Ich habe ſpäter und mit Freuden heute Nacht vollends eingeſehen, daß es ſo kommen mußte. Aus den Einen redet der Geiſt, aus den Andern der Teufel. Du biſt ſtark im Geiſte, und gleicheſt einem Gewitter, das über die Saaten hinſtürmt, und in der Zerſtörung neue Fruchtbarkeit erſchafft. Du haſt meine Blüthen abge⸗ ſchüttelt, weil es alſo geſchrieben ſtand, und aus meiner Armuth iſt mir erſt der wahre Reichthum an Segen und Heiligung erwachſen. Wäre ich hier, in der Stadt des neuen Bundes, wenn ich wohlhabend geblieben wäre? Ich weinte zuerſt um der Armen willen, die ich nicht mehr kleiden und ernähren konnte, aber ich bedachte meine eigene Blöße an Frömmigkeit und Gnade nicht. Jetzo, mein Bruder, bin ich glücklich, obſchon in dem kahlen Rocke des Bettlers, obſchon kaum geſättigt von den Bro⸗ ſamen mitleidiger Chriſten, obſchon des eigenen Daches 116 entbehrend. Ich glaube an den neuen Bund, ich liebe alle Menſchen als Brüder, ſogar unſere Feinde, ich hoffe auf die Gnade des Herrn, die Verheißungen ſeiner Pro⸗ pheten, und auf Deine heiligen Werke. Dabei bin ich ſo ruhig unter'm Drange der Waffen und des Kriegs, als ob ich in einem Roſengarten ſäße.“ Matthieſens wildbärtiges Geſicht ſchaute herein, und aus ſeinem Munde brüllten die Worte:„Jan, Jan, ent⸗ falte alle Deine Künſte, wie ſie der Geiſt eingibt. Der entſcheidende Tag iſt angebrochen. Noch ſchweift der Bi⸗ ſchof um die Mauern, ohne hereindringen zu können, und die Heiden ſchwanken. Friſch, mit der Zunge ganz ge⸗ wonnen, was die Furcht vor Schwertesſchärfe zur Hälfte erſt eroberte!“— Und Jan nahm alle ſeine Kräfte zu⸗ ſammen, dem ungeſtümen Rufe zu folgen. Wer beſchreibt das Schauſpiel, welches Münſter dar⸗ bot, als die erſten Strahlen der Sonne ſeine Zinuen brleuchteten? Eine tanſendfarbige Verwirrung, ein wild— zuckendes Ungehener von unzähligen Gliedern knäulte ſich und wogte in der Stadt. Die namenloſe Frechheit der Wiedergetauften behauptete mit geringerer Waffengewalt vier Quartiere; die Altglänbigen von beiderlei Bekennt⸗ niß hielten mit weit überlegener Macht nur die Viertel Ueberwaſſer und das Judefelder beſetzt. Die Wieder⸗ täufer hatten ſich auf dem Markte, als ihrer Haupt⸗ ſchanze, verbollwerkt, hatten mit Bänken aus der Lam⸗ bertkirche und dem Rathhauſe, mit Steinen und umge⸗ worfenen Fuhrwerken alle Gaſſen verrammelt, die Mi⸗ chaeliskapelle mit Geſchütz gefüllt, allenthalben Kanonen aufgeführt, Ketten gezogen, Angeln und Spißhölzer gelegt, um Reiterei abzuhalten.— Der Domplatz war dagegen die eigentliche Feſtung der Altgläubigen, das Ufer der Aa ihr Lager geworden. Von beiden Seiten kein Mann, der die Waffen nicht getragen hätte, kein Weib, das nicht Partei genommen hätte.— Langgenährter Groll beſeelte 117 Alle; aber nur auf der einen Seite war vollkommene Eintracht, ſchwärmeriſches Vertrauen auf die gute Sache und die Hülfe des Hochſten, im Bunde mit der kräftigen Wildheit, die alle Mittel gutheißt, keine Waffe verſchmäht: auf der Seite der Wiedertäufer. Obſchon die Kleriſei der alten Kirche keine Worte ſparte, und Fabriß, der heſüſche Prediger, mit ſeinen An— reden nicht ruhte,— obſchon Katholik und Proteſtant nur auf eine Hülfe, die des Biſchofs, zählten,— ſo mißtrauten ſich doch Beide. Der Eine geizte nach dem Vollbeſißz der Stadt, erzwungen durch die Nothwendigkeit, des Waldeck Hülfe anzunehmen. Der Andere errieth der Biſchöflichen Streben, und zitterte vor der Ueberliſtung und Tyrannei des Helfers. Das zu vollenden, was Arg⸗ wohn und Mißtrauen Böſes angefangen, ſtand der Ver⸗ rath bereit.— Hermann Tilbeck, der ſchlaue Ränkeſchmied, ſammt ſeiner Familie heimlich wiedergetauft, und Rott⸗ manns Freund, Knipperdollings Verbündeter, ſuchte für ſeine Partei die Stadt zu erhalten; ſein Amtsbruder Judefeld, ein Feind der Wiedertäufer, war nicht minder des Biſchofs heftigſter Gegner, und mochte nicht dulden, daß Münſter in deſſen Hände käme. Vergebens drangen daher Theodor von Merfeld und die heimlich eingelaſſenen Domherren in die Bürgermeiſter, dem Biſchof die Stadt zu öffnen; vergebens klopfte ſchon der Vortrab der Bi⸗ ſchöflichen an die Thore; ihnen wurde nicht aufgethan, und den Katholiken bald geſchmeichelt, bald gedroht, bald von Friedensliebe und Bürgerpflicht in's Gewiſſen geredet. Alles, um Aufſchub zu gewiunen, im Angeſicht des ver⸗ haßten Oberherrn einen ihnen beleidigenden Vergleich zu ſchließen, und den Wiedertäufern Zeit zu laſſen, ihre Schaaren zu verſtärken und feſten Fuß zu faſſen. Sie benützten ſie, die geſchickt geſparte Zeit. Alles, was die ohnehin erregten Sinne ihrer Anhänger aufzu⸗ reizen vermochte, wurde angewendet; Alles, was den 118 Feind ſtutzig machen, ihn erſchrecken konnte, geſchah. Trank und Speiſe wurden im Uebermaß dem Pöbel geſpendet; der Pſalmen Geheul hörte nicht auf; in jeder Gaſſe pre⸗ digten Wahnſinnige. Georg zum Berge, ein Schneider, lief als ein Raſender umher und behauptete, den Himmel offen zu ſehen. Er ſchrie unaufhörlich:„Schaut empor, ſchaut den Heiland mit der Siegesfahne! den Vater in ſeiner Herrlichkeit! Thut Buße, thut Buße!“— Dann rollte er ſich auf der Erde umher, legte ſich in Geſtalt eines Kreuzes hin, biß in die Steine und begeiferte ſie. Das Weib des Stadtknechts Timmermann betrug ſich nicht weniger närriſch und frech. Eine Schafſchelle, die an ihrem Gürtel hing und ohne Aufhören Lärm machte, weil das Weib wie ein gejagtes Thier umherlief, läutete ihr auf allen Plätzen viel Volk zuſammen. Sie kreiſchte, bis ſie heiſer wurde:„Chut Buße! das neue Jernſalem kommt! Gleich wird der zornige Vater herniederfahren!“ Mit den Armen hin und her zuckend, den Kopf gräßlich verdrehend, die Hände wund klatſchend, die Bruſt zer⸗ ſchlagend, tanzte ſie auf und nieder, und verrrückte den Kopf von vielen Weibern, die alsdann in der Bäcker⸗ herberge am Fiſchmarkt ihre Raſereien zum Beſten gaben. Die verwilderten Geſchöpfe ſtreiften von da in alle Gaſſen aus, mit fliegenden Haaren, mit aufgelösten Kleidern, klopften das Pflaſter mit ihren Stirnen, warfen ſich mit dem Rücken auf die Steine und ſtarrten gen Himmel. Einige von ihnen knirſchten vor Wuth und zerkratzten ſich Geſicht und Schultern; andere lagen auf den Knieen und weinten mit gerungenen Händen; einige beteten trauernd und ſeufzend, andere lachten aus vollem Halſe und ſangen niederträchtige Lieder in die Bußgeſänge der Mäuner.— Es war das Bild eines ſataniſchen Feſtes. Um ſeinen Theil an den bejammernswerthen Auftrit⸗ ten zu haben, hetzte Helcueper einen armen blinden und trunkenen Bettler, der ſich aus dem fernen Schottland 4 119 vor langen Jahren nach Münſter verirrt hatte, von Gaſſe zu Gaſſe. Der Elende ſtelzte auf ungeheuern Stiefel⸗ abſätzen, immer ſtolpernd und ſtrauchelnd, einher, drehte die erloſchenen Augen gen oben, und ſchrie wie beſeſſen: „Ich ſehe! ich ſehe eine fürchterliche Geſtalt am Himmel! Thut Buße, ihr lieben Leute, bekehrt euch! Jetzt gleich wird der Himmel einfallen!“— Bei dieſen Worten ſiel er ſelbſt auf einen Miſthaufen nieder, und wurde ſtill vor Erſchöpfung und Beſiunungsloſigkeit, ſo daß er weg⸗ getragen werden mußte. Während dieſe und ähnliche Auftritte den gemeinen Pöbel beſchäftigten und den Bürger eutſetzten, verbreitete ſich bis in die Reihen der Altgläubigen Geiſt und Stimme der Wiedertäuferei. Knipperdolling, ſeiner Waffen ent⸗ ledigt, baarfuß und baarhaupt, lief raſend in die Ver⸗ ſchanzungen jenſeits der Aa und heulte ſeine Buß- und Bekehrungsworte. Der Bürgermeiſter Judefeld, von Grimm entbrannt, zückte das Schwert, ihn niederzuſtoßen; Til⸗ beck fiel dem Zornigen in den Arm, und rettete des Re⸗ bellen Leben.„Bringt ihn in den Thurm des Kloſters,“ befahl der verſchmitzte Patrizier,„er findet dort Geſell⸗ ſchaft, und mag ſich das brauſende Gehirn abkühlen!“ Knipperdolling wurde wirklich zu Vinnius, Strahl und einigen andern Taufgeſinnten, die man aufgefangen, gelegt, und hörte nicht auf, ſo laut er konnte, zu ſchreien und zu ſingen. Judefeld ſagte bitter zum Amtsbruder:„Ihr hätſchelt die Boſewichter, die alle verdienten, ohne Urtheil und Recht auf dem Scheiterhaufen gebraten zu werden! Es iſt keine Ehre, mit Euch dem Gemeinweſen vorzuſtehen.“ „Ich verzeihe Eurer Hitze Alles,“ verſetzte Tilbeck mit glatter Zunge,„doch ſoll ſie mich nicht beſtimmen, ein Haar auf dem Scheitel eines Bürgers zu krümmen. Ihr predigt Grauſamkeit, ich will den Frieden. Wir wollen ſehen, wer den Sieg behält.“ 120 Indefeld ging trotzig von ihm weg. In dieſem Angen⸗ blick überbrachte man dem Bürgermeiſter Tilbeck ein Schrei⸗ ben des Biſchofes. Der Graf meldete darinnen, er ſey in der Nähe der Stadt, und verſpreche ſich einen ſchnellen Einzug in die Thore derſelben; er beſtätige die Privi⸗ legien der Bürgerſchaft, inſofern die Wiedertäufer ent— weder zur Auswanderung gezwungen, oder zum Rücktritt in die chriſtliche Kirche bekehrt würden. Der Bürger⸗ meiſter ſolle den verſammelten Bürgern von dem Briefe Kenntuiß geben.— Tilbeck fühlte, daß es an der Zeit ſey, die ſeltſame Verwirrung auf eine oder die andere Weiſe zu beendigen, und— zerriß den Brief, ſtreute da⸗ von die Stücke in den Fluß, und weder Rathsherren noch Bürger erfuhren ſeinen Inhalt. Da erklangen wie auf ein gegebenes Zeichen drüben bei den Feinden alle Poſaunen, Pauken, DTrommeln und Hörner, als ob die Gegner zur Schlacht anrückten. Statt der Heeresmacht ließ ſich aber nur ein einziger Mann ſehen, der ſchäumend und halbnackt, mit blutunterlaufenen Angen heranſprang und auf die kläglichſte Weiſe zeterte: „Wehe! wehe! wehe euch, die ihr uns läſtert! uns, die vom Geiſte getrieben ſind! Und wir verkündigen euch doch Friede ſtatt des Kriegs, und wir beten für euch, daß der Himmel euch bekehre! Wiſſet ihr, was geſchehen wird, ſo ihr nicht Eintracht haltet? Der Untergang aller Menſch— heit iſt nahe. Wahret eure Köpfe, wahret eure Seelen! Thut Buße!“ Jan Bockelſon, der den ſeltſamen Friedensboten vor⸗ ſtellte, erholte ſich nach dieſem Eingange, winkte einige Männer ſeiner Partei heran, die weiße Fahnen trugen, und fuhr ruhiger fort:„Was iſt die Freiheit des Kör⸗ vers werth, wenn der Geiſt in Feſſeln liegt? Ihr ver⸗ dient die Ketten des Biſchofs, ihr Lutheraner, da ihr den Geiſt erſticken wollt. Ihr verdient den Haß der Evan⸗ geliſchen, ihr Papiſten, weil ihr noch grimmiger gegen 121 die Freiheit des Glaubens wüthet. Aber während dieſes Haſſes und dieſer Zerwürfniß geht der Staat zu Grunde. Wie böſe iſt es den Fröſchen ergangen, die ſich einen Storch zum König erwählt hatten? wie traurig den Tau⸗ ben, die mit dem Habicht ein Bündniß geſchloſſen? Fürch⸗ tet den Unfrieden, der verzehrt, ihr Männer von Mün⸗ ſter! Fürchtet die Heimtücke des falſchen Biſchofs! Fürch⸗ tet aber vor Allem den Zorn des ewigen Vaters, der nicht Freude hat an Blutvergießen und Brudermord. Höret, höret, was dieſe Herolde mit den Friedenszeichen zu euch ſprechen werden.“ Die Abgeordneten der Wiedertäufer gingen keck dem heraunahenden Bürgermeiſter Tilbeck entgegen, und die Verhandlungen, eine Ausgleichung zu Stande zu bringen, begannen in dem Lager der Altgläubigen ſelber. Tilbeck und ſeine Freunde bearbeiteten Volk und Rath nach dem Sinne der neuen Propheten, und der Mittag war kaum verſtrichen, als ſchon ein Beſchluß des Raths und der Abgeordneten die feindlichen Parteien vereinigte. Der Vertrag lautete, daß ein Jeder glauben dürfe, was ihm gut dünke, daß den Taufgeſiunten nicht verwehrt ſeyn ſolle, ihre Andacht nach Gebrauch zu verrichten, und daß hinwieder Allen, die mit dem Vertrag etwa unzufrieden wären, freiſtehe, ſich aus Münſter ſammt ihren Angehö⸗ rigen und ihren Gütern, Lebensmittel ausgenommen, zu entfernen. Alle Geſchütze der Stadt wurden, dieſe Feierlichkeit lärmend zu bekräftigen, auf einmal losgebrannt, und der Biſchof, der ſchon an den Thoren hielt, kehrte, vor Groll und Zorn weinend, der Stadt den Rücken, da ihm die bleichen Domherren und der erbitterte Droſt von Woll⸗ beck zu verkündigen kamen, wie ſeine Hoffnung auf's Neue fehlgeſchlagen ſey. Auf den Vergleich folgte in Münſter neuer Unfug. Die ſich an's Leben gewollt, umarmten ſich und ſchloßen 122 Brüderſchaft; die Propheten wurden feierlich umhergetra⸗ gen; die überſpannten Weiber auf dem Markte ſahen wieder den Himmel offen und angefüllt mit geheimniß⸗ vollen Bildern. Myriaden von Engeln ſteckten ihre ge⸗ flügelten Köpfe aus den Wolken; in der Höhe ſtand ein rieſenhafter Mann, gekrönt mit einem Reife, voll von Edelſteinen, und tragend in der Rechten ein gülden Schwert, in der Linken eine feurige Ruthe. Dann erſchien wieder der ſchon von Hilla geſehene Reiter, golden gewappnet auf weißem Pferde und mit gezücktem Schwerte.— Endlich ſchrie wieder die Timmermann aus Leibeskräften:„Wunder, Wunder! die Geſichter der Frommen ſind alle übergoldet!“ „Das iſt ein Zeichen, das der Vater uns gibt!“ rie⸗ fen viele Andere, wie verzückt in die Wolken ſtarrend, „ſieh', ſieh', da fällt Feuer vom Himmel! rothe und blaue und grüne Flammen!“ „Thut Buße!“ heulten und krächzten die wildeſten der Tanmlerinnen,„es hat Blut geregnet, Blut!“ Und ſie wieſen weiße Tücher vor, die den Einen blurbeſprengt erſchienen, den Andern jedoch völlig rein.— Und allge⸗ meines Bußgezeter durchſchmetterte die Stadt. Da ſagte Helcueper mit koboldartiger Luſtigkeit heim⸗ lich zu Rynald, der dem ſinnverwirrenden Schauſpiel ſtau⸗ nend zuſah:„Seht auf's Dach des Schwerthe'ſchen Hauſes, Herr Magiſter. Seht Ihr den goldnen Wetterhahn, der ſich im Strahl der Sonne dreht und die Leute verblen⸗ det?— Ich kann dem Kitzel nicht widerſtehen, dem Ge⸗ ſchrei ein ſchnackiſch Ende zu machen. Haben mich doch die Bußgurgeln ſchier taub gemacht, worüber nicht mehr zu lachen.“— Somit ſtieg Helcueper auf das Dach des bezeichneten Hauſes, nahm den Wetterhahn ab, und die farbigen Flammen, die Blutstropfen, die Geſtalten am Himmel verſchwanden plötzlich. Die tollen Weiber ſahen ſich verwundert an, ſchloßen ihren Mund, und gingen, vom Volke verlacht, in ihre Hänſer zurück. Fünfzehntes Kapitel. Klaͤgliche Faſtnacht. Der ſtille Wittwenſitz der alten Frau Wernecke in der Roſe war geräuſchvoll geworden, wie die ganze Stadt Münſter ein wüſtes Durcheinander. Die behaglich aus⸗ geſchmückten Gemächer der Roſenwirthin ſchienen geplün⸗ dert, ſo kahl und ausgeräumt ſtanden ſie da. Aller Raum war belegt und verſtellt mit Kiſten und Truhen, worein geſchäftige Hände den Reichthum der Wittwe packten. Sie ſelbſt, vor Alter und Wohlbeleibtheit unbehülflich, ſaß in der innerſten verſchloſſenen Kammer, umgeben von ihrer Tochter Stahlhoven und ihrer Enkelin Angela, und empfing eben aus den Händen des Cuſtos Sibing das Abendmahl, als eine eigentliche Wegzehrung, weil ſie be⸗ ſchloſſen hatte, der geliebten Vaterſtadt Valet zu ſagen. Nachdem die heilige Handlung unter vielen Thränen beſchloſſen worden, machte ein ſtarker Kanonenſchuß, der durch die Fenſter dröhnte, das Herz in der Bruſt der Anweſenden erbeben.—„Welch ein neuer Gräuel be⸗ reitet ſich vor?« fragte die Wernecke ängſtlich aufhorchend. Meta Michelſen kam herbei, eine eifrige Poſtenträ⸗ gerin. Blaſſen Angeſichts— der Schrecken hatte ſogar ihre Schadenfreude entwaffnet— berichtete ſie, der Pro⸗ vhet Jan Matthieſen habe ſo eben das Zeichen zu einer X 124 großen Predigt auf dem Markte geben laſſen, und es verbreite ſich das Gerücht, als würde der Magiſtrat plößzlich abgeſetzt und ein neuer gewählt werden. Die Auswanderungen ſeyen aber ſo zahlreich geworden, daß die Wiedertäufer nicht mehr erlauben wollten, daß die Abziehenden ihr Vermögen mit ſich nähmen.„Mich überkömmt eine Ohnmacht!“ ſeufzte die Roſenwirthin, „Angela, mein Kind, ſieh doch aus dem Fenuſter, ob unſer Wagen noch nicht vor der Thüre? Meiſter Mennemann verſprach mir einen tüchtigen Leiterwagen mit vier Pfer⸗ den. Das Fuhrwerk iſt ſo ſelten geworden, und der Boden brennt unter meinen Sohlen.“—„Aermſte Frau!“ verſetzte Sibing mit aufrichtiger Betrübniß. Der Wittwe Angen wurden jedoch wacker, und ſie entgegnete:„Ihr habt mehr ausgeſtanden, denn ich, gnädiger Herr. Der Brand, womit die Ungehener vorgeſtern Euer heiliges Stift heimgeſucht, hätte Euch das Leben koſten können. Verzeiht, daß ich in der Beſtürzung dieſer Tage noch nicht gefragt habe;... aber welch ein Wunderwerk hat Euch gerettet?“—„Ein Wunder für wahr; ich war ſchon von Lohe und Rauch umfangen, meine Kleider glimmten, der Dampf erſtickte mich. Da trug ein Engel — ach, ein gefallener— dieſen morſchen Leib aus der Verwüſtung. Rynald war mein Heiland,— er, der ſich von dem wahren Erlöſer abgewendet!“ „Rynald? der abtrünnig geworden 26 fragten die Wei⸗ ber, Angela ausgenommen, die fleißig aus dem Fenſter nach allen Seiten ſchaute.— Niedergeſchlagen bejahte der Cnſtos:„Ihr habt mich aus Ketten losgebettelt, ſagte der junge Mann, dem der grauſe Wiedertäuferbart gräßlich zum hohlen Geſichte ſtand, wir ſind jetzo quitt. Unſere Wege laufen weit auseinander, und darum lebt auf ewig wohl, und flieht, flieht, ſo weit Ihr könnt!— Nach dieſen Worten verließ er mich, und hab' ich ihn nicht mehr geſehen!“ 125 „Kein Wagen zu ſehen noch zu hören,“ ſagte Angela mit ängſtlicher Haſt,„aber unter unſern Fenſtern geht Haufe an Haufe, an Stäben wandernd, Bündel tragend; Kinder und Alte, Kranke, die ſich kaum zu ſchleppen ver⸗ mögen, Weiber und Männer, gebeugt gleich Laſtthieren. Ha, Granſamer! warum ſchlägſt Du den Greis 2“ Der Geiſtliche und die Weiber eilten an die Fenſter. Die Wittwe allein vermochte nicht, ihre Beine zu rühren. Der Jammer, der ſich auf der Gaſſe, murmelnd wie eine dumpfbrauſende Woge, vorüberſchob, war troſtlos anzu⸗ ſehen. Der Reichthum, hilflos, wie die Armuth, floh ſeine Heimath, und die Wiedertäufer ſchlugen die Flücht⸗ linge, ſie anzutreiben, plünderten ſie noch mitten in den Straßen.„Bekehret euch, Hunde, oder ihr müßt ſterben!“ klang es von Zeit zu Zeit, und helles Schluchzen oder Wehgeſchrei antwortete den rohen Draͤngern. Dazwiſchen wanderten jedoch andere freimde Leute ein, kommend aus nahen und fernen Städten mit Hab und Gut, mit Kind und Kuechten, um die Stadt zu bewoh⸗ nen, worinnen ſich alle Heiligen verſammeln ſollten, wie die Propheten und Rottmann in beſondern Manifeſten der Welt verkündigt hatten. Die Trauer der Wittwe, wachſend durch die Berichte der Schauenden, erreichte ihren Gipfel, da ſich eilfertig ein Bube des Mennemann einſtellte, um zu melden, daß die Propheten ſo eben allenthalben Pferde und Wagen weggenommen, und jede Auswanderung, die nicht zu Fuße geſchähe, verboten hätten.„Es zieme den Heiden, als Geächtete zu wandeln im Staube!“ hätten ſie geſagt, wie der Bube, ein unreifer aber um ſo wilderer Keger, höh⸗ niſch bemerkte. „Weh mir, ich kann nicht fort!“ klagte die Roſen⸗ wirthin,„und doch hab' ich verſprochen, Euch hinweg zu führen, Herr Cuſtos, Dich, meine Tochter, und Dich, meine liebſte Angela mit mir zu nehmen! O warum hab' 126 ich Dich aus dem Schutz Deines Vaters gehen geheißen! Ob er gleich ein Ketzer geworden,— dennoch hätte er nicht vergeſſen, daß Du ſein Kind, ſein einzig Kind! Wie ſoll ich Dich ſchützen, Du armes Schäflein, ich ſchwaches Weib, wenn Gott nicht erlaubt, daß ich von hinnen weiche?“ Während die Stahlhoven betheuerte, ſie würde ent⸗ laufen, und wenn keine Seele mit ihr ginge, erwiederte Angela lebhaft:„Meine freie Wahl hat mich vom Vater geſchieden, da er ſich öffentlich zur Wiedertäuferei bekannte; ich trenne nicht mein Schickſal von dem Eurigen, liebe Großmutter!“ Der Cuſtos bengte aber ſein Haupt, und ſprach:„Un⸗ ſer Leben iſt des Herrn. Ich wär' in dieſem Hauſe ein unnützer Gaſt, darum gedenke ich fürbaß zu gehen, ob auch mein Leib in Gefahr wäre.“ Meta kreiſchte:„Heilige Mutter, was will die Har⸗ derwyk? Sie ſtürzt außer ſich die Treppe herauf.“ Eliſaheth kam, ein Bild des Schreckens, des blaſſen Zorns.„Wer hilft mir2“ ſchrie ſie eindringend,„wer verbirgt mich? Ich habe das Meſſer gegen das Ungehener, meinen Mann, gezuckt. Sie verfolgen mich. Durch die Hinterthür ſprang ich in's Haus. Wernecke, Angela, helft mir!“ „Unglückliche!“ riefen die Weiber,„Gegen Deinen Mann haſt Du Dich bewaffnet? iſt Blut gefloſſen?“ »Nicht doch. Der Elende hatte Zeit, den Streich abzuwehren. Er kam aus dem ſcheußlichen Faſtnacht⸗ ſchwärmen, das unſer Auge beleidigt, während die armen Verbannten in Kälte, Koth und Hunger gejagt werden; während der Biſchof unſere Stadt mit ſeinen Lagern um— ſchanzt; er kam, beladen mit Ranb, aus der Domkirche, die ſie geplündert, die Schurken. Ich wehrte mich gegen die Liebkoſungen des Trunkenen. Verbergt mich, nehmt mich mit Euch, Frau Wernecke. Ich will unter'm Stroh 127 Eures Wagens liegen, wie ein Hund, will der Schemel Eurer Füße ſeyn, ſo Ihr mich nur aus dieſem Pfuhl der Schande bringt!“ Den dringenden Bitten des ſchönen, eutrüſteten Wei⸗ bes konnte nur mit ſchmerzlichen Verneinungen geant⸗ wortet werden. Die Verzweiflung hätte die arme Eli⸗ ſabeth von dannen gejagt, wenn ſie nicht von einer Menge von Menſchen, die in die Wohnung der Wittwe ſtröm— ten, und von einem Auftritt ganz beſonderer Art zurück⸗ gehalten worden wäre. Bernhard Rottmann, umringt von einigen ſeiner Hilfsprediger, trat ſtürmiſch, ohne Umſtände zu machen, ein. Ein ſchwerbeleibter Mann in weiten, lächerlich zu⸗ ſammengeſtutzten Prieſtergewändern, folgte ihm gravitä⸗ tiſch. Ein ruppiger Bube trug ihm einen Keſſel voll Waſſer, ein zweiter einen ungehenern aus dem Dom ent⸗ wendeten Weihwedel nach. Steifblickende und wichtig⸗ geſpreizte Bürger unter Waffen aller Gattungen machten den Troß der Ehrwürdigen aus. Der dicke, wunderlich gepußzte Mann war Julins Frieſe, ein von den Wieder⸗ täufern in aller Eile erwählter Biſchof des neuen Iſrael: ein Popanz, den die Rottmanniſten mit ſich ſchleppten, um ihrem Treiben eine gewiſſe Bedentung zu verleihen. „Das iſt meine letzte Stunde!“ wimmerte die Wer⸗ necke,„die Mörder kommen! wir ſind verloren. Herr, erbarme Dich unſer!“ Sibing, ſein Alter vergeſſend, warf ſich den Eindringenden muthig in den Weg:„Was wollt ihr hier beginnen? Laßt ab von dieſen Weibern! Euer Fuß gehe über meine Leiche!“ „Ein Pfaff! ein Pfaff!“ tobte der Kürſchner Sünder⸗ mann, einer der heftigſten Rebellen unter der Schaar: „Ergreift ihn, ihr Brüder!“ Rottmann packte den armen Cuſtos mit eigener Hand bei der Bruſt, und warf ihn in die Fäuſte ſeiner Begleiter. „Weh mir! alſo vergiltſt Du meine Wohlthaten, 128 Berendt?“ fragte Sibing wehmüthig, da er weggeſchleppt wurde.„Ich kenne Dich nicht, Baalprieſter!“ erwiederte Rottmann pochfahrend,„führt ihn aus der Stadt, meine Freunde. Koppelt ihn mit dem lutheriſchen Prädikanten zuſammen, und ſetzt ſie vor dem Lager des Holofernes ab.“ „Allerdings!“ ſchrie Strapedius der Roſenwirthin in's Ohr,„hättet ihr alle den Tod verdient, wie Matthieſen, der Prophet, es verlangte. Aber die unendliche Lang⸗ muth der Brüder hat dieſelben beſtimmt, den Fürbitten des Knipperdollings und des Tilbecks nachzugeben. Ihr ſollt am Leben bleiben, inſofern ihr euch zum neuen Reiche bekehrt!“ „Laß Dich taufen, Weib, oder fliehe ſtracks mit Hinz terlaſſung deſſen, was Dein iſt,“ herrſchte der ſogenannte Biſchof, und die ganze Rotte fiel ein:„Nehmt die Taufe, ihr Heidinnen, oder brennt im Feuer, das nimmer verlöſcht!“ „Die Axt iſt an den Banm gelegt; er muß fallen!“ predigte Rottmann mit ſeltſamen Verrenkungen,„iſt denn eine Wahl zwiſchen Seligkeit und Verdammniß? Auf die Kniee, ihr Weiber!“ Schluchzend hob die Wernecke die Hände gefaltet em— porz Angela unterſtützte die Betrübte. Eliſabeth ſtand wie verſteinert. Die Stahlhoven ſagte bebend:„In's Himmelsnamen, weun's ſeyn muß!“ und kuiete nieder. Meta rettete ſich mit einer kühnen Lüge.„Ich bin ſchon wiedergetauft!“ rief ſie ohne Bedenken, und Eliſabeth, dieſe Worte börend, wachte aus ihrer Erſtarrung auf, und ſetzte hinzu:„ich auch, und Angela zum Ringe nicht minder!“ „Was lügſt Du?“ fragte dieſe zürnend, aber ihre Frage erſtickte an der Bruſt der Harderwyk, die ſie feſt umklammerte und ihr zuflüſterte:„Reines Lamm, laß nicht den Flecken der Schande an Dich kommen!“ Indeſſen, dieſe Zwiſchenreden überhörend, drangen die wilden Bekehrer immer heftiger in die troſtloſe Greiſin, 129 daß ſie ſich füge, um dem leiblichen und ewigen Tode zu entgehen. Außer ſich, in einer Verzweiflung, die ihre Krafte überſtieg, rief die Wittwe endlich:„Ich kann euch nicht eutfliechen, ihr Höllenhunde, und eure Hände ſollen ſich nicht an mir vergreifen. Verſprecht mir, daß ich in meinem Hauſe ſammt meiner Habe geſchützt und unange⸗ fochten bleibe 2“ „Mit Hand und Mund, mit Brief und Schwur!“ ſprachen feierlich die Prediger, und die Wernecke verſetzte ſodann, ſtammelnd vor Zorn und Wehmuth:„So taufe mich denn, Dickkopf, taufe mich denn in Satans Namen; in des Herrn Namen bin ich ſchon getauft worden!“ Ohne der kräftigen Verwahrung zu achten, goß ihr Julius Frieſe eine Schaale voll Waſſer über das Haupt, und ſprach dabei die übliche Formel:„Sey wiedergeboren durch Chriſti Taufe! Ein Gott, ein Glaube, eine Taufe!“ Rottmann umarmte die Widerſtrebende als ſeine Schweſter im Herrn, und die Zengen ſangen einen Vers aus dem Liederbuche des neuen Jeruſalem. Mit dem Weihwedel die ganze Verſammlung beſpren⸗ gend, ſetzte Julius Frieſe hinzu:„Das Heilbad des Va⸗ ters ſey einem Jeden von euch, der etwa nur unvoll⸗ kommen wiedergeboren wäre.“—„Laſſet uns aufbrechen, und weiter gehen von Haus zu Haus, die Heiden zu ret⸗ ten!“ ſagte noch Rottmann, und die Bekehrer begaben ſich hinweg mit derſelben lächerlichen Patzigkeit, mit der ſie aufgetreten waren. Die alte Frau war mehr todt, als lebendig, und ihre Gefährtinnen wagten kaum, ein Wort zu reden, da ihre Beſtürzung noch zu groß. Es war, als ob der Teufel aus der Stube gegangen wäre, und der Qualm des Ab⸗ grunds noch jeden Athem erſtickte. Während deſſen ging's im Hauſe Treppy auf und Trepp ab; fremde Geſichter ſchauten durch die Thüren, Der König von Zion. II. 9 130 kamen endlich plump und bäueriſch in die Gemächer. Ein großer Mann, an deſſen Seite ein langer gelbhäutiger Menſch mit platthängenden ſchwarzen Haaren in geiſt⸗ licher Tracht; ſodann einige Weiber, jung und alt, Kin⸗ der, erwachſene und minderjährige, Knechte und Mägde mit Ballen auf dem Rücken, mit Bündeln auf den Köpfen, traten gebieteriſch vor die Eigenthümerin des Hauſes.„Du biſt allein in dieſem Stockwerke 2“ fragte der große Mann, deſſen Kleider halb edelmänniſch, halb bäueriſch:„Ant— worte: Du wohnſt hier allein 2“ „Mit meiner Enkelin,“ antwortete die Wernecke ver⸗ wundert, und ihren Schmerz vergeſſend:„Welch ein Recht habt Ihr, den ich nicht kenne, darnach zu fragen 2“ „Ich bin der Gograf von Schoppingen!“ verſetzte der Frager aufgeblaſen,„hier iſt mein Vetter Berendt Krech⸗ ting, der Paſtor zu Gildehaus geweſen. Wir wouen mit unſerer Sippſchaft in Deinen Stuben wohnen, denn Du haſt mit Deiner Dirne hinlänglich Raum in dieſer Kammer.“ Das Geſinde lud ſeine Laſten ab, die fremden Wei⸗ ber und Kinder vertheilten ſich geräuſchvoll in die Ge⸗ mächer. Die Wernecke und ihre Freundinnen trauten ihren Augen nicht.„Welch ein Recht habt Ihr auf mein Haus 26 fragte die Erſtere. Worauf Krechting, der Pa⸗ ſtor:„Der Vater hat Jakobs Nachkommen hieher beru⸗ fen, und Alles muß unter ihnen gleich vertheilt ſeyn im neuen Iſrael. Kämen ſie weit her aus Brabaut und Flan⸗ dern, aus Friesland und Osnabrück, aus Sachſen und Franken, um nicht Dach, nicht Fach zu haben? Was ſie verließen in den Ländern Eſan, werden ſie hier wieder⸗ finden. So lautet die Verheißung.“ „Es iſt hier Platz genug für zwanzig Menſchen!“ plapperten die Weiber der Fremden,„Freund Oehlſchläger von Soeſt, die Muhme aus Hamm und der alte Groß⸗ vater mögen nur kommen.“ „Die Schoppinger Bürger haben ſich unten in der 131 Herberge eingelegt, und den Wirth zum Hauſe hinaus⸗ geworfen, denn im neuen Zion ſoll nur Andacht ſeyn, aber nicht Völlerei und Fraß,“ ſprach der Gograf, der ſchier die ganze Gemeinde ſeines Städtchens mit ſich nach Münſter geführt hatte. „Ei, um des Heilands willen! was ſoll das geben, was ſoll daraus werden?“ fragten die Frauen von Mün⸗ ſter, die ſich plötzlich von wildfremden Landſtreichern be⸗ lagert ſahen. Die Thüre des Vorgemachs ſprang, wie aus den Au⸗ geln gedrückt, auf, und eine Meute großer Jagdhunde trabte herein; hinter ihnen Gerlach von Wulen, Arm in Arm mit einem fremden Edelmann, dem das lockere Le⸗ ben eines Holzjunkers und Schuldenmachers in jeder Falte geſchrieben ſtand. Ein paar Taugenichtſe von Knechten, mit Blechpanzer, Armbruſten und Jagdgeräthſchaften be⸗ laden, folgten.—„Hier wirſt Du wohnen!“ rief Ger⸗ lach wie der Herr vom Hauſe,„dieſes Gebäude iſt ge⸗ räumig, und ſo viel ich weiß, haust hier nur eine alte Matrone, mit der man nicht viel Federleſens macht.“ „Was wollen aber die Leute da 26 fragte der Fremde, Herr Werner von Scheiffort, entgegen,„es wimmelt ſchon wie in einem Bienenkorbe.“ „Platz da, hinaus da, fort mit dem Gelichter!“ ſchnanzte Gerlach den Gograf an, und rührte ſein brei⸗ tes Schwert gleich einem Beſen.„Ich bin der Gograf von Schoppingen!“ hob wieder der Halbbauer an,„und dieſer iſt mein Vetter, Paſtor Krechting von...4 „Stille, alle Wetter! die Peſt auf den Gografen, die Peſt auf den Prädikanten!“ ſchrieen die Junker,„wir wollen Platz, zum Teufel!“ Die Kuechte warfen ihr Jagd⸗ zeug und ihre Waffen krachend zum Boden nieder. »Wir weichen nicht, wir waren die Erſten. Verſucht, uns wegzutreiben, ihr Söhne Nimrods und des wilden Eſau!“ So äußerte ſich Krechting im ſchmetternden Kanzelton. 132 „Nehmt doch Vernunft an, ihr Thoren!“ ſpottete Wer⸗ ner:„Ich bin ein Sohn Jakobs, wie ihr deſſen Kinder ſeyd, und was ich auf meinem Rittergut eingebüßt habe, ſoll mir dreißigfältig hier erſetzt werden. Darum will, darum muß ich hier wohnen. Nun iſt aber jedes Plätz⸗ lein ſchier beſetzt. Die Klöſter ſind angefüllt, die Hänſer der Patrizier und Verbannten bis unter den Giebel voll; in den Wohnungen der geiſtlichen Herren regieren jetzo Mägde und Knechte, ein Volk von Bauern. Dort iſt eines Edelmannes Stelle nicht, und weil mein Freund mich hieher führte.... „Ich hab's bei meinem Eid gelobt, daß Du hier woh⸗ nen ſolleſt, und ich halte mein Wort!“ ſchrie Gerlach, „reißt aus, ihr Heiden, oder ich thue nicht nach dem Geiſte, ſondern nach dem Fleiſche, und fege die Tenne rein von eurer Syreu!“ Er ſchwang die Hundepeitſche gegen den Schwarzrock, den Degen gegen den Schoppin⸗ ger Gograf.— Die beiden ſetzten ſich zur Wehre, die Rüden heulten, bellten und bißen durcheinander, die frem⸗ den Weiber ſchrieen um Hilfe aus den Fenſtern. „Den Blitz, den Blitz auf die Köpfe dieſer frechen Brut!“ betete die Wernecke in zorniger Glut, während ihre Freundinnen verſtummten. Die Hilfe kam, obſchon eine zweideutige. Bernhard Kuipperdolling erſchien unvermuthet in dem Wirrwarr. Seine Augen funkelten von einer gewiſſen Befriedigung, eine plumpe Majeſtät redete aus ſeinem Mund und ſei⸗ nen Geberden. Ein Schweif von Gildemeiſtern und Stadt⸗ knechten, worunter ſogar der grünröckige Nachrichter der Stadt, ein lärmendes Comitat von Pöbel und Bewaff⸗ neten, liefen ihm nach.„Was gibt's? wer ſchreit? wer bedarf der Hilſe?“ donnerte Knipperdolling, und die Stadt⸗ knechte, Platz machend, riefen:„Der Herr Bürgermeiſter, der neugewählte Bürgermeiſter! die Obrigkeit!“ Es ſtellte ſich die Ruhe wieder her. 133 Die Partheien klagten, vertheidigten ſich. Knipper⸗ dolling, mit tiefgefurchter Stimme zuhbrend, gab alsdann von ſich den Spruch:„In meines Vaters Hauſe ſind viele Wohnungen. Es werden eher tauſend Arme unter einem Dache Raum finden, als daß ein einziger Reicher in's Paradies einginge. Liebet euch, vertragt euch, wohnet in Frieden zuſammen, bis der Herr ſagen wird: Nehmet hin die Welt, ſie ſey ein Eigenthum der Frommen.“ Da er jedoch bemerkte, daß von allen Seiten ſeine weiſe Rede Unzufriedenheit erweckte, ſetzte er rachgierig und ſeine Bürgermeiſterkette ungeduldig ſchüttelnd, hinzu: „Wer aber nicht gehorchen möchte, ſoll mit Ruthen ge⸗ ſchlagen werden; hörſt Du, Meiſter Marr2“— Der Grün⸗ rock nickte, und Knipperdolling fuhr fort:„Denn Alle ſind gleich vor dem Herrn, der nichts von einem Edelmann und nichts von einem Knechte weiß, aber nur von Chri⸗ ſten und Heiden.“ Jedes Murren verſtummte vor der Drohung. Die ſcharfen Augen des Stadtoberhaupts wurzelten auf der alten Roſenwirthin und ihren Beiſtänden. Knipperdolling begann wieder:„Kaum hat Iſrael den ſchwachen Tilbeck vom Ruder entfernt, den böſen Judefeld in's Elend ge⸗ wieſen, und die getreueſten Männer Knipperdolling und Kippenbroik zu ſeinen Vorſtehern erwählt, als ſchon der Klagen Unzahl gekommen iſt, mein Ohr zu beſtürmen und mein väterlich Herz zu betrüben. Der Zauber der verjagten Heiden hat Sinn und Kopf des Geſchlechts verwirrt; wehe ihm! Seh ich nicht vor meinen Augen eine Tochter, die ihren Vater verläugnet, eine Ehefrau, die ihren Herrn verabſcheut und die Hand gegen ihn er⸗ hoben? Angela zum Ringe, Eliſabeth Harderwyk, kehrt zurück zu euren Pflichten, ich befehle es euch! Euer Va⸗ ter, euer Eheherr, ſie wollen euch vergeben, aber kehrt zurück. Ich darf nicht dulden, daß Feindſchaft herrſche, wo Einigkeit Noth thut. Räumet dieſe Stätte, damit 134 die fremden Gotteskinder eure Stelle einnehmen und ſich nicht zanken. Wer nicht gehorcht, dem ſey das Schwert angeſagt.“ „O meine Angela, ach Eliſabeth!“ ſtöhnte die Wer⸗ necke, die Genannten umarmend,„folgt, laßt mich, daß nicht eure Freiheit, daß nicht euer Leben das Eigenthum jener Grauſamen werde!“ Angela und Eliſabeth ſtanden zögernd, unentſchloſſen, erbittert. Kuipperdolling rief einige aus dem Haufen ſei⸗ ner Trabanten und Zuhörer:„Torrentin, führe dieſe be⸗ reuende Sünderin ihrem Manne wieder zu! Gerlach von Wulen, geleite dieſe zerknirſchte Tochter wieder in's Haus ihres Vaters! Nur der Gatte und der Vater vermögen uns Bürgſchaft für die widerſpenſtigen Schweſtern zu leiſten; nicht die alterſchwache Großmutter und Freundin, die mit Gewalt zu ihrem Seelenheil gezwungen werden mußte.“ Torrentin, ein noch ziemlich junger Bürger, von un— geſchlachtem Benehmen, näherte ſich der Frau Harderwyk. Sie ſtieß ſeine Hand zuruck. Torrentin flüſterte ihr zu: „Wie aber, wenn ich Euch die Verſicherung geben kann, daß Euer Mann an den Nachwehen des Zorns und der Schwelgerei der letzten Nacht darnieder liegt, und zwar ohne Hoffnung des Aufkommens? Werdet Ihr mir dann nicht folgen?“— Ueberraſcht und wild ſtarrte ihm Eli⸗ ſabeth in die Augen, und ſprach ohne Zögern:„An des Ungeheners Sterbelager? O, mit Freuden. Geht voran!“ Während die Beiden ſich ſchnetl entfernten, hatte auch Gerlach von Wulen ſeine Worte bei der ſchönen Nach⸗ barin angebracht und von ihr eine kurze Verneinung zur Antwort erhalten. Uebelgelaunt ſagte der Edelmann: „Jüngferlein, Ihr dürftet leicht einem ſchlimmern Geleits⸗ mann anvertraut werden!“ anſpielend auf den Züchtiger und die Stadtknechte. Indeſſen waren aber voll peini⸗ gender Unruhe die Angen der Jungfrau unter den An⸗ 135 weſenden umhergeirrt, und einem Geſichte begegnet, das blaß und unbeweglich aus der hinterſten Reihe hervor die arme Angela anſtarrte. Ein Paradies blühte in ihrem Buſen auf, von dem ſich alle Furcht ablöste.„Ich will Euch nicht an meiner Seite!“ ſagte ſie kurz und verächt⸗ lich zu dem Junker, ihn von ſich ſtoßend. Daun mit lauter Stimme ſchrie ſte auf:„Rynald! Rynald! komm Du, führe Du mich zu Meiſter Lüdger, meinem Vater!“ Der Gerufene, gehorchend der freundlichen wohlbe⸗ kannten Stimme, vergaß Groll und Verdacht, und drängte ſich durch die Bewaffneten.„Da bin ich, Angela, zu Euerm Dienſte,“ ſagte er, ihre Hand ergreifend.„An⸗ gela, traue ihm nicht, dem Abtrünnigen!“ mahnte die Wernecke, und verſuchte, die Enkelin zurückzuhalten. „Was redeſt Du von Abtrünnigen?“ fuhr ſie der Kürſchner Sündermann an,„warum ſchiltſt Du, ſelbſt eine Wiedergetaufte, den Wiedergebornen?“ Die Wittwe verſank in den tiefſten Schmerz, und verwünſchte den Tag, da ſie geboren worden, und die Schmach der Keterei, die man ihr aufgedrungen. Wildes Läſtern brach unter dem Haufen lös. Angela umklam⸗ merte ihre Großmutter, Rynald wehrte die Schwärmer ab, die mit Folter und Tod der Armen drohten. Da erklang wieder Knipperdollings Stimme:„Laßt von dieſer uralten kindiſchen Thörin! Seht ihr nicht, daß der Schrecken ſie wahnſinnig macht? Hört mich, hört mich, ihr Bürger, denn alſo ſprechen die Propheten: Es iſt der Wille des Herrn, daß Alles in Zion gemeinſchaft⸗ lich ſey, ſo daß Keiner hervorrage vor dem Andern. Darum ſollen die Armen zugelegt erhalten, was die Reichen zu viel haben. Darnm ſind Diakonen ernannt worden, die über allen Schaß der Gemeinde an beweglichen und un⸗ beweglichen Gütern die Obhut haben, und deren Ver⸗ theilung dereinſt gewiſſenhaft beſorgen ſollen. Liefert daher aus, was ihr an Ueberfluß beſitzet, ihr Kinder Abrahams. 136 Verlängnet nicht eure Beſitzthümer, damit euch der Vater nicht ſtrafe! Wir werden ſorgen für eure Bekleidung, für eure Speiſe und Trank, bis die Zeit da iſt. Diakon Heitermann, der Du hier gegenwärtig, nimm alſobald hinweg, was Du hier findeſt, ſo nicht zu des Leibes erſter Nothdurft gehört.“ Dieſes ſeltſame Edikt, das in der juſt erſchienenen Volksverſammlung beliebt worden war, verurſachte unter den Zuhörern ein Erſtannen, dem ſie im erſten Angen⸗ blick nicht gebieten konnten. Heitermann, ein ſchlechter, eingewanderter Bauer, zur Würde eines Diakons erhoben, griff mit ſeinen Helfern alſobald unter den rings ſtehen⸗ den und liegenden Habſeligkeiten der Wernecke und der Fremden von Schoppingen, Soeſt und Hamm zu.„Gott ſteh' mir bei! auch noch dieſes? wo hleibt eure Zuſage, euer Verſprechen 2“ fragte die Roſenwirthin niedergeſchla⸗ gen und ohnmächtig.—„Jeſus! meine Habe! mein Geld!“ kreiſchten die Stahlhoven und Michelſen, heim⸗ wärts fliehend. „Was Verſprechen, was Zuſage 7“ ſpottete Knipper⸗ dolling entgegen:„Hab' ich verſprochen, haben die Pro⸗ pheten zugeſagt? Gib von Dir den Mammon Deines Wuchers, altes Klageweib! Zerreiße die Schuldſcheine frommer Chriſten, denn keine Schuld ſoll ferner in Zion beſtehen!“ Eine begeiſterte alte Fran machte ſich unter der Menge Platz, und warf vor Knipperdollings Füße einen großen Pack zerriſſener Papiere nieder:„Da, da, Bürgermeiſter der neuen Himmelsſtadt! Da iſt mein Reichthum, da ſind meine Zinſen, Gülten, da meine Pfandbriefe. Ge⸗ lobt ſey der Herr, der mich arm macht hienieden, damit ich jenſeits reich werde!“ Die Schwärmerin war die Wittwe Brandenſtein, eine reiche Frau und Knipperdollings Schwiegermutter. Freund⸗ lich umarmte ſie der Bürgermeiſter, ſprechend:„Gelobt 137 ſey der Herr, geſegnet Du, würdige Schweſter des neuen Bundes!“— Während dieſes Beiſpiel der größten Hin⸗ gebung Verwunderung und Theilnahme unter den Meiſten der Anweſenden erregte, nahmen die Einwanderer wenig Rückſicht darauf, und wollren dem Heitermann und ſeinen Geſellen ihre Kiſten und Säcke entreißen.„Sind wir denn,“ ſchrieen ſie,„hieher gekommen, um uns plündern zu laſſen? Man hat uns ganz andere Dinge vorgeſpie⸗ gelt. Wer wagt es, uns zu Bettlern zu machen, und warum?“ Hierauf ſtellte ſich Knipperdolling ganz entrüſtet an, und fragte barſch;„Was wollt ihr, faule Bäuche und gefräßige Heuſchrecken? Sucht ihr den Vater oder die Hölle? Wollt ihr des Vaters Geſetz gehorchen, oder dem Baal? Das Schwert über euch, wenn ihr nur mit einem Laute euch verſündigt! Theitt ihr nicht mit uns die Frei⸗ heit, die Luft, das Leben, Waſſer und Feuer, Salz und Erde? Und wir ſollten nicht mit euch euer ſchimmlig Geld theilen? Fürchtet das Schwert, Unſinnige, ſag' ich euch. Heitermann, vollende getroſt Deine Sendung, denn ſie verſtummen und beruhigen ſich, um gehorſame Kinder des Vaters zu ſeyn.“ Der Raub ging, vom Schrecken unterſtützt, unauf⸗ haltſam vorwärts. Ein Schwarm von ſchnatternden Wie⸗ dertäuferinnen umgab die Roſenwirthin, und Rynald fragte Angela:„Dier Zeit drängt; wollt Ihr nicht eilen, min⸗ deſtens etwas von der Habe des Meiſters Lüdger zu retten?“— Der Kindespflicht gedenkend, und zu ſchwach, der Großmutter beizuſtehen, ging Angela mit Rynald von dannen. Sie konnten auf den Gaſſen nur langſam vorwärts ſchreiten, und redeten kein Wort, da ihre Augen, obſchon widerwillig und entſetzt, genug zu thun hatten, um die Bilder, die ſich ihnen vorführten, zu ſchauen. Die Faſtnacht lief zu Ende. Wenn dieſe Zeit des 138 Jahrs ſchon von Alters her zu Münſter eine zügelloſe geweſen war, ſo hatte ſie durch das neu aufgekommene Unweſen diesmal einen weit freventlichern Anſtrich ge⸗ wonnen. Es taumelten nicht nur einzelne verkappte Schwel⸗ ger hin und her; der ſchmutzige Spaß des Pöbels hatte nicht nur einzeine Herolde gefunden. Alles, was bis daher heilig und ehrwürdig geweſen, war ein Spiel der frechſten Luſt geworden. Die ganze Stadt war ein ungeheures Narrenhaus, aber die Poſſen der Verrückten erregten nur Abſchen oder wieherndes Hohngelächter, das die Wuth des Volkes ſteigerte. Da war ein Schelm, der ſich hatte ſchmücken laſſen, wie ein heiliger Leib auf den Altären ausgeſetzt wird, und der ſich herumtragen ließ unter Glockengeläut und Weihrauchdämpfen. Da hatte ſich Hubert Rüſcher, ein Schmied, in einen Domherrenrock geſteckt und in einen Pflug geſpannt, den johlende Pickelhäringe trieben und bekleideten. Da kam eine lange Prozeſſion mit Krenz und Fah⸗ nen, in deren Mitte ein Wagen rollte, worauf ein Ver⸗ larvter in Betten lag, ächzend wie ein Kranker. Zu ſeinen Füßen ſaß ein abgeſchmackt geputzter Mönch, auf der Naſe eine ungeheure Brille, in einer Hand einen Weihwaſſerquaſt, in der andern ein Buch, woraus er unflätige Dinge dem Volke mit gnickender Stimme vor— las. Sechs Poſſenreißer, angethan wie Franziskaner, wie Deutſchherren und wie Johanniter, eingeſpannt gleich Pferden. zogen den Karren, und ein Fuhrmann, das Pal⸗ lium auf der Schulter, die Inful auf dem Kopfe, trieb ſie an mit einem Biſchofſtabe. Die Thorengeſellſchaft der jungen Lente, gemeiniglich „die Schenke“ genannt, hatte diesmal bei ihrem Umzuge ihren Morio, eine häßliche, buckliche Puppe in Lebens⸗ größe, gleichfalls zu einem Ebenbilde des Biſchofs gemacht, und führte ihn umher mit Trompeten und Pfeifen, 139 Fackeln ſchwingend am hellen Tage. Auf dem Markte hielten die Narren feierliches Halsgericht über die Larve, und verdammten ſie, als einen heidniſchen Biſchof, einen Erzweinſäufer und Verunehrer der Menſchheit zum Tode auf dem Scheiterhaufen.— Noch ſchlug der Holzſtoß Flammen empor, noch ſprühte der Morio Funken und Aſche, als Angela mit Rynald athemlos in ihres Vaters Wohnung ankam. Sechzehntes Kapitel. Bekenntniſſe und Sorgen der Liebe. Ein ſtiller Fels im brauſenden Meere, eine einſame Warte, umtobt von dem Donnern der Schlacht,— ſo war Meiſter Lüdgers Behauſung. Friede und Ruhe lager⸗ ten in den Gemächern, die der unſtäte Fuß des Bewoh⸗ ners verlaſſen hatte, um dem Gaſſenlärm nachzuziehen. Angela und Rynald waren allein in den traulichen Kam⸗ mern. Die Jungfran ſetzte ſich in den breiten Lehnſtuhl, um von ihrer Erſchöpfung ſich zu erholen, und hing mit Blicken voll wehmüthiger Frende an dem Geſichte ihres Jugendfreundes, der ſeine Beſchämung nicht verhehlen mochte. Bezwingend endlich den Widerwillen vor einer Selbſt⸗ anklage, hob Rynald an mit unſicherer Stimme: Ich ſtehe wie ein armer Sünder vor Euch, liebe Jungfer.“ „Warum, Rynald?“ „Eure vlötzliche Erſcheinung hat mich ergriffen, als wär' ich auf einem Verbrechen ertappt worden. Ich glaubte Euch von hier entfernt, und. auf einmal.. ich ſtaune Euch noch an, wie einen Zauber, wie ein Wunderwerk.“ 141 „Denkt nicht Böſes von mir, Rynald, weil ich meines Vaters Haus verlaſſen. Ich fühlte mich ſicherer unter meiner Großmutter Obhut, als unter den Geſellſchaftern des Meiſters zum Ringe. Jetzo leider hat ſich wieder Alles geändert, und ich Arme weiß nicht, was aus mir werden, wo ich verweilen ſoll.“ „Euer Vater wird und muß Rath ſchaffen; er muß Euch aus dem Strudel reißen, der in dieſer Stadt von Tag zu Tag furchtbarer aufgährt. Es iſt die höchſte Zeit, wenn nicht alle Flucht unmöglich werden ſoll. Die Feinde bauen ihre Lager mit reißender Schnelligkeit auf. Wie lange, und die ganze Stadt iſt umringt, verboten jede Straße den Kommenden, wie den Fliehenden? Er will mit einem Streiche das Spiel endigen, der Biſchof.“ Als Rynald des Biſchofs erwähnte, verfinſterte ſich ſein Antlitz. Der gebäſſige Argwohn ſtieg wieder in ſeinen Augen empor. Angela ſeufzte dagegen:„Warum haben auch die Verblendeten ihrem Vater getrotzt, warum haben ſie ihn geſchlagen? Glaubt mir, Rynald: der Biſchof iſt ein edler Mann.“ „O des bethörten Weiberherzens!“ murmelte der Stu⸗ dent zwiſchen den Zähnen, und ſtampfte unmuthig mit dem Fuße. —„Was iſt Euch?“ fragte das Mädchen.— Er entgegnete ſpöttiſch:„Ich möchte Euch gebeten haben, mir eine wackre That des ehrwürdigen Herrn anzugeben. Von ſeinem Edelmuth iſt mir wenig bewußt.“ Angela öffnete den Mund zu einer vorſchnellen Aut⸗ wort. Aber, beſorgend, ihres Herzens ſchönes Liebes⸗ geheimniß zu frühe preis zu geben, begnügte ſie ſich, ziemlich trocken zu erwiedern:„Beſinnt Euch, guter Rynald, ob Ihr ſelber nicht von des Grafen Milde zu erzählen wiſſet? Er hat, wie ich ſehe, an Euch ſo ſchön Wort gehalten.“ „Hm, ſo wißt auch Ihr, daß ich einer Lanne des 142 Herrn meine Freiheit verdanke?“ fragte Rynald ſpröde. „Was er damit bezweckte, verſtehe ich nicht. Ein hart⸗ näckiger Burſche meines Schlags betet nicht gern ſein: „Vater, ich habe geſündigt.“ Doch will ich gegen den Herrn gerecht ſeyn, und glauben, daß er ſich des unbe⸗ kannten Gefangenen nur angenommen, um den ſtürmiſchen Zudringlichkeiten meines alten Vormunds zu entgehen, der ihn unabläßig gequält haben mag, etwas für mich zu thun. Der Greis wollte ſomit den Fehler wieder gut machen, den er begangen, da er mich verſtieß, weil ich gegen ihn freimuͤthig geweſen war.“ Angela war nicht geneigt, den Irrthum des jungen Mannes zu berichtigen. Sie freute ſich ſogar deſſelben, und verſetzte mit lächelnder Sanftmuth:„Wenn dem ſo iſt, Rynald, ſo möchte ich Euch doch bitten, die Reue des guten Prieſters mit etwas gutem Willen zu erwiedern. Belohnt ihn durch einen freien und fröhlichen Rucktritt aus den gefährlichen Kreiſen, worinnen Ihr, wie ich fürchte, verſtrickt ſeyd. Ihr ſeyd zu gut, um die Gewalt⸗ thätigkeiten zu preiſen, die ſich um uns her begeben; Ihr ſeyd zu klug, um etwas Gedeihliches von dieſem Irrſale zu erwarten.“ Rynald ſchüttelte trotzig mit dem Kopfe.„Ich wechsle mein Banner nicht ſo leichtſinnig. Durch Nacht zum Licht! durch den Tod zum Leben! So heißt mein Wahl⸗ ſpruch. Teutſchland bebt in ſeinen Angeln; das Vater⸗ land will ſich im Sturm umgeſtalten. Kein Vergleich mit der Dyrannei, die unſere Hände und Zunge binden, unſer Gewiſſen einkerkern möchte! Will die Seele frei ſeyn, muß der Leib ohne Gnade zerfallen. Eine voll⸗ ſtändige Wiedergeburt, oder keine. Unſere Altäre ſind beſudelt, darum mögen ſie ganz und gar einſtürzen. Unſere Sitten waren heidniſch laſterhaft geworden; darum müſſen ſie von Grund aus nengeſchaffen wer— den. Armuth verdränge die Schwelgerei, unerbittliche 143 Geſetzesſtrenge für Alle die Willkür der Einzelnen. Der neue Bund gleiche dem alten nicht mehr, als das Feuer dem Waſſer, als das Licht der Finſterniß. Eine andere Rettung gibt es nicht.“ —„Ich begreife nicht den Sinn Eurer Rede, Ry⸗ nald, aber das Herz ſchlägt ängſtlich in meiner Bruſt, da ich Euch zuhöre. Wären wir doch tauſend Meilen von dieſer ungluͤcklichen Stadt entferut! Müßte ich nicht zittern für den Vater, für die Großmutter, für Euch!“ „Du zitterſt für mich, Angela?“ fragte Rynald, der ſich in den Himmel gehoben fühlte:„So habe ich Dich alſo nicht ganz verloren, mein Kleinod?“ Angela entzog ſich erſchreckt ſeiner Umarmung, und fragte entgeguete:„Verloren.? mich..2 wie ſoll ich faſſen. 26 Rhnald ſchlug ſich vor die Stirne, als zürne er ſeiner Begeiſterung.„Ich bin ein Raſender, liebe Jungfer. Wie ſolltet Ihr auch meine Narrheit verſtehen? Ihr ſeyd freilich ein Kleinod, aber nicht das meinige. Wie wärt Ihr denn mein Eigenthum geworden? Wie mochte ich klagen, verloren zu haben, was ich nie beſeſſen? Ich bin ein armer Schelm, der von einem Schatze geträumt hat; da ihn die Lerche weckt, iſt er wieder nicht mehr und nicht minder der Bettler, den die Fröſche in Schlaf geſungen.“ „Ihr ſeyd grauſam gegen Euch ſelbſt und gegen mich,“ ſagte Angela leiſe, mit feuchten Augen. Rynald, eifrig, ſein eigen Herz zu zerfleiſchen, fuhr hitzig fort:„Aber Weiber ſind weichmüthig. Sie bemitleiden nicht nur den Bräutigam, ſie klagen nicht nur um den Buſenfreund. Wenn ich Euch fremd geworden bin, ſo ſchenkt Ihr doch meinem Schickſal,— meiner Verirrung, wenn Ihr wollt — eine Thräne. Nun, es könnte ſeyn, daß Ihr Recht hättet; es könnte ſeyn, daß ich in dem Kampfe, der ſich vorbereitet, fiele, daß dieſe Stadt mit allen ihren Streitern 144 erläge, ein weites Grab! Aber— was bedeutet dieſer Steinhaufe gegen die ganze weite Welt? Waos ſind dieſe wenigen Tauſende gegen die Völker des Erdballs? Laßt hier die Freiheit ſterben,— an einem andern Ort der Welt wird ſie wieder aufſtehen. Das Schickſal muß er⸗ füllt werden. Huß ſtarb in den Flammen, aber heute lebt Luther. Luther hat Farlſtadts Bilderſtürmer ver⸗ maledeit, aber ſie ſind noch nicht ausgeſtorben. Münzer hat den Hals geſtreckt, aber aus jedem ſeiner Blutstropfen ſind Heere von Taufgeſinnten erwachſen, von denen die Erde bevölkert werden wird. Auch mein Blut mag flie⸗ ßen, wenn es nur eine reiche Saat düngt. Was iſt an mir gelegen, der nicht Vater, nicht Mutter, nicht einen Freund, nicht eine Liebſte hat?“ Angela ſprang auf und floh in die Nebenkammer, um zu weinen. Rynald ſchwieg beſtürzt; er hörte des Mädcheus Schluchzen. Er trat zu ihr, um ſie zu trö⸗ ſten.„Warum ſprichſt Du auch ſo ruchlos, Rynald?“ fragte Angela mit zärtlichem Vorwurf. „Du weinſt um mich?“—„Meine Thränen ſind Gebete zu Gott, daß er Dich erleuchte!“—„Du beteſt für mich, Angela?“—„Ich habe nie aufgehört, Deiner zu gedenken, Rynald.“ Er umfaßte abermals die Jungfrau; ſie duldete es, ſie lehnte ihre Stirn auf ſeine Schulter.„So höre mich,“ ſprach er ſo zärtlich, als er vorhin wild geweſen: „Höre, daß ich Dich liebe, daß ich Dich unſäglich liebe.“ Sie ſchüttelte den Kopf.—„Du zweifelſt an mei⸗ nem Schwure?“— Sie nickte bejahend.—„Iſt's mög⸗ lich, Angela? In dieſer heiligen Stunde, da ich endlich, nach ſo vielen Jahren, wage, Dir meine Liebe zu offen— baren, heute, hier zweifelſt Du daran?“— Das Mädchen ſah ihn lange und durchdringend an: „Du liebteſt mich, und widerſtrebſt dennoch meinen Bitten, und willſt nicht umkehren auf dem gefaͤhrlichen Wege? — 145 Du liebteſt mich, und hörſt doch nicht auf, mein Herz zu zerreißen? Du liebteſt mich, und zeigſt doch meinen ent⸗ ſetzten Blicken in naher Zukunft Dein Grab, Deinen blu⸗ tigen Leichnam?“ Rynald ſammelte ſich eine Weile, dann blickte er voll Entſchloſſenheit auf.„Und dennoch lieb' ich Dich! den⸗ noch, Angela!“ ſagte er, unwandelbar in ſeinen Vor⸗ ſätzen. Die Innafrau verhüllte ihr Geſicht. Sie errieth, daß jetzo alle Bitten vergebens ſeyn würden. Sie zürnte ihrem Geliebten, und war doch ſo glücklich, von ſeiner Liebe zu wiſſen. Sie fürchtete ſich vor dem Abtrünnigen und jubelte doch in tiefſter Seele, daß er, der ſeinen Altären untren geworden, ihr zu eigen und getreu ver⸗ blieben war. In dieſem Treudienſt lag auch zunächſt die Bürgſchaft, daß er ſich einſt wieder von den Götzen, denen er jeht opferte, wenden würde. Angela hatte ihm längſt vergeben, was vordem zu Leyden ihr ſrommes Gefühl verletzt hatte; was hätte ſie ihm, der ſo lange im Kerker geſchmachtet, der ſo viel Unglück ertragen, nicht vergeben? Ihm, dem ein hülfreicher Engel zu werden ihr Herz mit andächtiger Zuverſicht immer, immer wieder auf's Neue hoffte? Das Schweigen, das zwiſchen beiden Liebenden eiu⸗ trat, wurde dem jungen Manne peinlich.„Sollten wir nicht an das Geſchäft denken, das uns hieher geführt hat?“ fragte er gutmüthig.„Es iſt nicht nöthig, daß der Pöbel ſich in die Habe des Meiſters zum Ringe theile. Der Magiſtrat hat mich zu einem Fähndrich der Stadt ernannt, und ich habe eine Strecke des Walls bei der Biſpinkpforte unter meiner Aufſicht. Dort ſind alte Gewölbe, wohin ſich der Aberglanbe nicht wagt, wohin die Raubluſt nicht greift, weil nichts dort zu holen. Ich will in jenen abgelegenen Ränmen verſtecken, was Meiſter Lüdger an Koſtbarkeiten beſitzt. Der Leichtſinnige würde Der Koͤnig von Zion. II. 10 146 ſelber nicht Sorge dafür tragen. Vertraue mir keck an, was Dein Vater ſein nennt. Ich rette es fuͤr Dich.“ Einverſtanden ſuchte Angela in der Unordnung der Schränke und Kiſten nach, und zog mancherlei hervor, das, reich an Werth, die Mähe, es aufzubewahren, ſchon verlohnte: Geſchenke von Fürſten und Herren, von Freun⸗ den und Verwandten, den beſcheidnen Schmuck der ſeligen Mutter, endlich ein eiſernes Kiſtchen, unter Leinwand und Malergeraͤth verſchlendert, aber voll von Goldſtücken. Als Rynald den kleinen Schatz ſah, bemerkte er lächelnd:„Hätte ich Deinen Vater doch nicht ſo reich geſchätzt.— Meiſter zum Ringe, obgleich nicht als Ver⸗ ſchwender bekannt, galt doch nie für den beſten Haus⸗ hälter.“ Angela, das Käſtchen tiefſinnig betrachtend, und es in Rynalde Hände legend, verſetzte:„Mit dieſem Gelde hat es eine eigene Bewandniß. Der Vater hat es nie anrühren wollen, denn es iſt vom Biſchof, und der Bi⸗ ſchof hatte Lüdgers Künſtlerſtolz beleidigt, da er ihm das Geld zuſprach. Es galt als Preis für ein Bild der hei⸗ ligen Helena... „Halt! ſprich die Wahrheit!“ unterbrach ſie Rynald in heftiger Bewegung:„Geſtehe: es war der Preis für Dein, für Dein eigen Bildniß!“ Leicht erröthend, aber unbefangen bejahte Angela: „Der Vater hat mein Bild in der Helena kaiſerliche Gewänder gemalt. Es war eine Laune von ihm.“ Rynald hielt das Käſtchen drohend empor:„Ver⸗ wünſchtes Geld! Ich denke mir wohl, daß Dein Vater es nicht berühren wollte. Dein Bild...! bei allen Mär⸗ tyrern! was ſollte, was wollte der Biſchof damit? Daß es auf den Wänden ſeines Schloſſes zu Dülmen prange? Keunſt Du das Schloß, Angela, wo Dein Bildniß hängt?“ „Nein, lieber Rynald. Wie ſollte ich des Biſchofs Schlöſſer kennen?“ 147 „Du ſagſt ſo ruhig: Nein? Aber den Biſchof keunſt Du doch? Du wüßteſt ſonſt nicht von ihm, daß er ein edelmüthiger Mann. Ha, ſeine Tugend regt meinen gan⸗ zen Zorn auf!“ „Warum dieſer Zorn? Du biſt mir räthſelhaft, Ry⸗ nald. Der Biſchof hat edelmüthig an Dir gehandelt, und darum glaube ich an ſeine Biederkeit, obſchon ich den Grafen nur eine kurze Stunde lang geſehen habe; ein einzigmal am Tage der Huldigung.“ Rynald ſchlug die Augen verwirrt nieder; Angela ſtand ihm ſtolz gegenüber in jungfräulichem Bewußtſeyn, weil Rynalds Hitze und Beſchämung ihr mit einemmal klar wurde. Sie war nicht mehr das ſechzehnjährige Mädchen, voll von kindlichem Vertrauen, mit einem Her— zen ohne Rückhalt. Sie verſtand jetzt ihre Liebe, ſie ahnte und begriff des Geliebten Eiferſucht. Der Arg⸗ wohn beleidigte ſie und ſchmeichelte ihr zu gleicher Zeit. Darum— ihren Freund zu ſchonen— hütete ſie ſich wohl, ihm die Unterredung, die der Biſchof mit ihr ge⸗ pflogen, treulichſt zu vermelden, und verſchwieg, wie zuvor, ihre Theilnahme an Rynalds Befreiung.— Der ſchlichte Ton, mit welchem ſie jenen Beſuch im Biſchofs⸗ hofe erzählte, entwaffnete den Studenten gänzlich, daß er vor ihr das Knie bog, und tief bereuend flehte:„Vergib mir, Du Licht meiner Augen, eine Sünde, deren ich mich gegen Dich theilhaftig machte. Ich wage nicht, ſie Dir zu bekennen, ſo ſchwer iſt ſie; aber vergib, wie der Vater im Himmel das Laſterleben eines Menſchen ver⸗ gißt, der nur mit einem brünſtigen Seufzer ſich zum Allmächtigen wendet!“ „Du kannſt ja nichts gethan haben, Rynald, das Dir nicht erlaſſen werden dürfte!“ lächelte Angela, in ihrer Zufriedenheit die ganze Welt um ſie her vergeſſend. Da ſchlugen Trommeln unter den Fenſtern. Rynald ſprang auf.„Ich muß auf meine Schanze. Der Hauptmann 148 und die Oberſten des bewaffneten Volks gehen aus, die Wachen zu unterſuchen. Ich bringe dieſe Kleinodien in Sicherheit, und kehre heut noch wieder, wenn ich kann. Dir überlaſſe ich, Angela, meine Angela, den freundlichen Raub, den wir begangen, bei Deinem Vater, ſobald er heimkehrt, zu entſchuldigen. Auf kurze Zeit leb' wohl! Ich gehe ſo glücklich von Dir, als ich im Leben noch nicht geweſen. O, raube mir niemals dieſes Glück! Trage mit Geduld die kurze Zeit der Prüfung. Gott wird ſein Volk nicht verlaſſen, und des Friedens Sterne nicht auf ewig für uns auslöſchen. Jetzt, Angela, jetzt wünſch' ich mir den Tod nicht mehr!“—— „Ich werde ihn beſſern, ihn bekehren, ihn retten!“ jauchzte Angela hinter ihm drein, und überließ ſich gänz⸗ lich der reinen Siegesfreude, die ſie belebte. Mochten Trommeln ſchlagen, der Pöbel henlen, die Wiedertäufer ihre Pſalmen brüllen;— Angela achtete der Gräuel nicht mehr, vertranend der Zukunft, wie die Ingend immer dieſer Helferin zu vertrauen pſtegt. Ihr Klein⸗ muth war Zuverſicht geworden, und als der Vater bald darauf nach Hanſe kam, trat ihm eine tapfere Heilige in ſeiner Tochter Geſtalt entgegen. Wie die Nähe der Himmliſchen, ſo beſeligte auch die Nähe der ſchmerzlich vermißten Angele den bekümmerten Vater.„Gedulde Dich,“ bat er,„bis ich die Laſt, die ich unter meinem Mantel trage, weggelegt haben werde. Dann will ich Dich umarmen, wie es Dir gebührt.“ Er nahm mit großer Sorgfalt zwei Bilder hervor, und legte ſie in einen Winkel. Dann umhalste er die Tochter mit Thränen in den Angen, tanzte wie ein Kind, und von ſeinen Lippen floßen Liebkoſungen, wie ſie kaum ein Bräutigam beſſer erfinden mochte:„Bleibſt Du auch wieder bei mir, ganz bei mir? Gelt, die Groß⸗ mutter hat jetzt ſchlimmere Geſelſchaft im Hauſe, als Dein armer Vuter? Geh, geh, Du haſt mir trübe 149 Stunden bereitet. Aber nun verläſſeſt Du mich nicht mehr? Laß die Stahlhoven ihre Kindespflicht an der Mutter erfüllen; entziche mir nicht mehr Deine Pflege. Kannſt auch ganz ruhig ſeyn; ich habe nachgedacht, bin zur Beſinnung gekommen. Sang-Dieu! es wird und kann nicht bleiben, wie's jetze zu Münſter ſteht. Ich weiß das aus guter Quelle, von der beſten Hand. Sieh nur, mein Tänbchen, wie die Tollköpfe dieſe Bilder zugerichtet haben. Ich habe dieſelben aus dem Gräuel der Ver⸗ wüſtung in der Domkirche heimlich mitgenommen.“ Er zeigte mit Wehmuth die Bilder vor: einen Jo⸗ hannes, auf eine hölzerne Tafel gemalt; ein Muttergottes⸗ bild auf Leinwand und von anſehnlicher Größe. Es war vom Rahmen geriſſen, ziemlich verdorben und in Eile von dem Maler zuſammengelegt worden, um es fort⸗ bringen zu können.„Sieh' hier ein Meiſterwerk des alten Mönchs Franco,“ hob Lüdger wieder betrübt an: „Sieh' hier eine Herrlichkeit des kunſtreichen Wilhelm vom Rheine. Bernhard Mumme, der grobe Tüncher, hat ſie herabgeriſſen und geſchändet. Sie ſollten zerfetzt und verbrannt werden, zerſchlagen und beſudelt werden, wie die Sybillen, wie die Kirchenväter, wie die Engels⸗ köpfe, wie der Leib des Herrn. Sie ſengen und brennen; ſie zertrümmern und zerſchmettern, was ihnen vorkommt, die Elenden. Ich bin aus Ehrfurcht für dieſe Heiligen und ihre Maler zum Diebe geworden.“ „Gott ſegne Euch dafür, liebſter Vater!“ ſagte die Tochter freundlich:„Vergeſſet aber nicht Eure leibliche Sicherheit und verberat dieſe Bilder. Wenn die Unge⸗ heuer, die jetzo alle Häuſer durchſtreifen, auch in das unſerige kämen und dieſe Stücke fänden...« —»Du ſprichſt weiſe, meine Tochter. Da es jetzo zu dämmern beginnt, will ich meinen Diebſtahl in der Gemüſekammer verſtecken. Sie müßten gute Augen haben, 15⁰ wenn ſie dort die Gemälde fänden. Gedulde Dich; ich bin bald wieder bei Dir.“ Er ging mit ſeinen koſtbaren Schätzen, und Angela bereitete, wie ſie ſonſt wohl gewohnt geweſen, die Lampe. Kaum flackerte jedoch die helle Flamme,— Angela wollte eben gehen, die Thure zu ſchließen— als eine Manns⸗ geſtalt, leiſe wie eine Katze, in das Gemach drang, einen Augenblick ſtutzig auf der Schwelle verweilte, aber alſo⸗ bald mit einem halberſtickten Ausruf der Freude ſich zu den Füßen des Mädchens warf. Unſäglich erſchrocken ſprang Angela zurück; doch aus der Kapuze des groben kurzen Bauernmantels richtete ſich ein blondes, jngendlich ſchones Haupt empor, deſſen Au⸗ gen, voll Verwirrung und Zärtlichkeit, um Verzeihung flehten, eindringlicher noch als der Mund, der mit der ſüßeſten Rede anhob:„Wolt mich nicht verſtoßen, Schönſte der Welt, die ich minne als ein treuer Knappe, und der zu liebe ich die wildeſte Gefahr verachtet habe!“— Der ſchöne Chriſtoph Waldeck, des Biſchofs Edelknecht, lag vor Lüdgers Tochter auf den Knieen. Ihn erkennend, fragte das Mädchen furchtſam:„Mein Herr was macht Ihr hier, mein Herr? was führt Euch, mein edler Junker, in dieſe Stadt, in dieſes Haus 2“— „In dieſe Stadt, dieſes Haus, unter dieſe Ketzer und ihre Mordbeile? Meine Liebe, meine Liebe, nichts, ais meine Liebe! Seit dem verſchienenen Maimond lebe ich nicht mehr als ein Menſch,— denn ich bin eine lodernde Fackel, die ſich ſelbſt verzehrt, weil mir der Balſam Eurer Gegenliebe gebricht. Ich habe keinen andern Gedanken gehabt, als Euch; ich habe zu keiner Heiligen gebet als zu Euch; ich habe mich zu Dülmen krank einſperren laſſen, um nur Euer Bild täglich, ſtündlich, zu jeder Zeit vor meinen Augen zu haben.z ich wäre ein Hexenmeiſter geworden, um Euch Liebe für mich in die Bruſt zu zau⸗ bern, ich hätte mich dem Böſen verſchrieben, um Euch 151 aller Welt zu eutziehen, und nur für mich zu bewahren; um Euch zu zwingen, mir gut zu ſeyn! Aber ich fand keinen Schwarzkünſtler, der mich unterrichtet hätte; ich ſtand vergebens in vielen Nächten auf dem Krenzwege„ der Fürſt der Finſterniß trat nicht zu mir. Endlich— als meine Leidenſchaft, als Eure Gefahr immer höher gewachſen, begriff ich, daß der Muth eines Menſchen alles ausrichte, troß Teufel und Zauber, und ich drang keck in dieſes Gomorrha. Verſtoßt mich nicht, oder ich ermorde mich vor Eurer Thüre!“ Der Jüngling zeigte einen blinkenden Dolch und die ſchwärmeriſche Aufregung ſeiner Züge bürgte nicht wenig für den Ernſt ſeiner Bethenerung. Angela hob ihn zit⸗ ternd auf, und begann mit gefalteten Haͤnden:„Ihr ſeyd krauk, Ihr ſeyd im Fieber, Ihr redet irre, mein Herr. Warum zerſtört Ihr alſo Eure Ingend? Was iſt, das Euch reizen kann, mich arme Magd zu gewinnen? Ihr ſeyd ein Hofjunker, zum Ritter, zum Grafen geboren, ich bin eines Malers Tochter. Bedenkt Eure jungen Jahre, ich bin um vieles älter, als Ihr. Schonet endlich meines Herzens; wie könnte ich ertragen, Euch ſo verzweiflungs⸗ voll, ſo taumelnd und verwirrt vor mir zu ſehen? Legt dieſe Waffe ab, die mich entſetzt; ſchweigt mit Euern Be⸗ theuerungen und beſinnt Euch, gewinnt Euch ſelber wieder.“ Die dringenden Bitten Angela's machten Eindruck auf den überreizten Jüngling. Er verbarg den Dolch, er faßte Angela's Hände, und ſagte geſammelter zu ihr, „Bei Gott und Eurer Unſchuld! ich bin nicht berauſcht: nicht wahnwitzig, nicht böſe. Wenn die Liebe, die ich ſo ſtürmiſch empfinde, Wahnſinn wäre, nichts Schöneres gäbe es auf der Welt, als ſolche Thorheit. In Sehnſucht nach Euch zu vergehen, iſt meines Erachtens der ſchönſte Tod, und wenn ich je dieſen Dolch in meine Bruſt ſenke um Euertwillen, ſo muß es himmliſch ſeyn, nach kurzem Schmerze auf den Wellen des branſenden Bluts in das 152 Meer der Ewigkeit zu ſchaukeln! Aber, daß ich mit dieſen Reden E Euch ſage, was ich tauſendm Ich komme nicht, Euch zu vergebt mir, uch beläſtige, daß ich endlich al in die ſtille Nacht gerufen. peinigen, ich habe nicht mein Leben daran geſetzt, Euch zu quälen. Ich will Euch ent⸗ führen; folgt mir!“ „Herr! was ſicht Euch an?“ riß ſich von ihm los. „Was gibt's denn hier? wer iſt Lüdger, der hereinkam, und da er den „Sang-Dieu! weh mir, duß ich ſchw Reiter!— aber um des Vaters Menſch in Angela?“ Die Erſcheinung des Malers verlieh dem Junker ſeine völlige Faſſung. Er redete ſchnell von der Bruſt weg, aber ohne Beimiſchung ſchwärmeriſcher Begeiſterung:„Zür⸗ net nicht, guter Meiſter. Ich bin da, um meinen Freun⸗ den, Euch und Eurer Tochter Hilfe anzubieten. Die größte Gefahr bedroht dieſe Stadt und alle ihre Bewohner. Der Biſchof iſt entſchloſſen, Niemand zu verſchonen, der nicht freiwillig, bevor die Belagerung thätig anhebt, dieſe Manuern verlaſſen würde. Benützt den Augenblick, meine Lieben; morgen donnern ſchon die Feuerſchlünde gegen Eure Thürme und Wälle. Die Fahnen ſind aufgeſteckt, die Schanzen aufgeworfen. Vor dem Liebfrauenthore, vor dem Lüdgerthore lagern des Biſchofs geworbene Schaa⸗ ren. Auf der Brandſtätte von St. Moritz hat der Ober⸗ befehlshaber Stedingk ſein Zelt errichtet. Die wilden meißniſchen Banden liegen im Felde vor dem St. Aegi⸗ dienthor, die Geldern'ſchen Lanzknechte vor dem Judefelder, die Clevener berennen die Kreuzpforte, und in dieſer Nacht wird ſich der Feldoberſt Schwerhuſen der Einking'ſchen Mühle bemeiſtern, die den Fluß beherrſcht. Ihr ſeyd von allen Seiten umzingelt. Eine Hilfe habt ihr nicht ſchrie Angela auf und bei Dir?“ fragte Edelknecht erblickte: ören muß, wie ein willen, was macht dieſer meinem Gemache? was will er von Dir, 153 zu hoffen, nur Euern Untergang zu fürchten. Der Biſchof hat ſeinen Kriegsleuten freie Plünderung und die Hälfte aller übrigen Beute verheißen. Euer Leib und Leben, Euer Gut und Blut ſteht auf dem Spiele. Ich habe meinen Hals gewagt. Laßt's nicht umſonſt geſchehen ſeyn. Ich bin heimlich und vermummt hereingeſchlichen, auf die Gefahr, daß die im Lager mich für einen Ausreißer hielten.— Ich habe einen Prieſter gefunden, der ſich noch heimlich hier auf⸗ hält. Er hat mir von einem Gange geſagt, der von einem Hauſe am Biſchofshofe in einen ſchwach befeſtigten Graben jenſeits des Fluſſes führen ſoll. Der Prieſter und der Dechant, der aber fern ünd krank, wiſſen allein um dieſen Ausfallweg. Er will mir ihn zeigen und mit mir entfliehen. Folgt mir auf dem ſichern Pfade. Ver⸗ ſäumt die Stunde der Rettung nicht.“ Der Maler war während Chriſtophs Rede ſehr un⸗ ruhig geworden. Er trippelte ungeduldig, und winkte ſeiner Tochter mit den Augen zu, ſtieß ſie mit dem Ellenbogen an:„Wahrlich,“ ſagte er endlich,„der junge Mann iſt voll guten Willens; wahrlich, mein Herr, Ihr ſeyd gütig. Was meinſt Du, Angela? Ich will gehan⸗ gen werden„Gott verzeihe mir die ruchloſe Rede wenn nicht gerade jetzt die höchſte Zeit zum Ent⸗ kommen iſt. Und freilich wie wird's hier gehen? Wir wiſſen zwar, was wir wiſſen,. aber, es wäre möglich aber, junger Herr, was ſoll aus uns wer⸗ den, wenn wir auch.. ich ſetze nur den Füt wenn wir Euren Vorſchlag annähmen?“ —„Ja, edler Junker,“ hob auch Angela trocken an: „was ſollen wir dann in Euerm Lager, unter dem wilden Kriegsvolke, ohne Dach und Fach, ohne Freund und Habe, ohne Unterhalt und Hoffnung?“ „Es wird meine Sorge ſeyn,“ antwortete mit feuri⸗ gen Blicken der Edelknecht,„den Biſchof zu beſtimmen, 154 daß er einen kunſterfahrenen Meiſter, wie Ihr ſeyd, Herr Lüdger, verſorge und nicht darben laſſe.“ »Das wäre wohl am Platze,“ meinte Lüdger hoffär⸗ tig:„und wenn der edle Herr meine Verdienſte früher erkannt hätte wer weiß, was ſich begeben haben würde? denn ich war und bin nicht ohne Einfluß in dieſer Stadt„14 „Wenn ich ſage,“ fuhr Chriſtoph dringend fort,„daß ſchon oft der Biſchof Euern Namen mit Bedauern und Achtung genannt, daß er ſich oft mit Freude der ſchönen Angela erinnert..„24 „Meiner?“ fragte Angela erſchrocken:„Vater, wir bleiben hier zurück; nicht wahr, mein Vater?“ „Hm; ich ſähe Dich gern aus dieſen Wirrniſſen ent⸗ fernt, und ich wäre auch ruhiger etwas weit vom Kriegs⸗ getümmel,“ äußerte der Maler furchtſam:„wenn ich wüßte, daß meine Sicherheit... Ihr habt nach Euerm eignen Kopf gehandelt, junger Menſch„ das iſt immer nicht ein Biſchofswort, und.. 6 „Aus Liebe habe ich Alles gewagt; aus Liebe! Ihr mögt's wiſſen, Meiſter. Die Schönheit Eurer Tochter hat mich entzückt, bezaubert, berückt. Und der Liebe wird der Biſchof Alles vergeben, Alles bewilligen!“ „Tod und Hölle! was hör' ich da?“ donnerte Rynald dazwiſchen, plötzlich eintretend, und mit glühenden Augen bald den Edelknaben, bald Angela meſſend. Das Mäd⸗ chen ging ihm entgegen. Er wies ſie von ſich und fuhr zu Lüdger fort:„Der Böſe hat das Horchen erfunden, aber ich mußte, wenn gleich wider Willen, hören, was ver flaumbärtige Geck hier ausſchrie, als wollte er's auf dem Markte verkündigen. Hütet Euch, Lüdger, ſeiner glatten Zunge zu folgen. Er liefert Euch in den Strang des Biſchofs, der allen Führern und Wählern der Bür⸗ gerſchaft den Tod geſchworen. Wer baut auf Waldecks Großmuth, der nicht ein Narr iſt? Hat der Biſchof 155 nicht die Coesdorfer und Warendörfer mit aller Grau⸗ ſamkeit geſchunden, nachdem ſie ſich ihm unterworfen? Hat er nicht dem Syndikus Wok, der in ſeine Hände gerathen, das Haupt abſchlagen laſſen? Wurden nicht zu Wollbeck auf ſeinen Befehl fünf arme wiedertäuferiſche Weiber ertränkt? nicht zu Bevergen mehrere mit dem Feuer geſtraft, die Verzeihung gehofft?— Wer biſt Du, lügenhafter Verſucher? Wie iſt Dein Name? heraus mit der Sprache!“ —„Ich habe Dir keine Rechenſchaft zu geben, Ketzer!“ entgegnete Chriſtoph wild und keck, die Hand an den Dolchgriff unter ſeinem Mantel gelegt. „Du biſt mein Gefangener, bei allen Wettern!“ fuhr ihn Rynald an und ſtreckte die Fauſt nach ihm aus. »Wage mich anzurühren, Heide!“ Mit dieſen Wor⸗ ten zückte Chriſtoph den Dolch.— Rynald hob das blanke Schwert gegen ihn:„Soll ich Dich niederſchlagen, Bube?“ Angela deckte mit ihren Armen den Edelknecht. Lüd⸗ ger faßte erſchrocken die Linke ſeines jungen Freundes. „Zitterſt Du für dieſen gelockten Knabenſchädel?“ fragte Rynald zornig:„Angela! was bedentet dieſes 2“ „Ei, was bedeutet Dein Geſchrei und Deine Heftig⸗ keit, Rynald?sverſetzte Lüdger, und ſeine Worte floßen wie ein ſchneller Strom:„Wer gibt Dir ein Recht, meine Angela zur Rede zu ſtellen? Morbleu! ſie wird doch nicht in ihrer, in meiner Stube einem Menſchen, der uns zu retten kam, die Gurgel abſchneiden laſſen?“ „Sie liebt dieſen Knaben! Herr meines Lebens, ſie liebt ihn!“ rief Rynald erſchüttert, indem er die Waffe ſinken ließ:„Ich ſoll eher ſie zur Leiche machen, als daß ich dem Buben ein Haar krümmte? O, das ent⸗ mannt mich, das tödtet mich!“ »Rynald!“— Angela hatte kaum Zeit, dieſen Na⸗ men mit herbem Vorwurf auszuſprechen, als ſie ſich von Chriſtvvh umſchlungen fühlte, der aufjauchzte:„Hat er wahr geſprochen, dieſer Raſende? Liebteſt Du mich wirk⸗ lich, Engel meiner Tage? klopfte wirklich Dein Herz für mich?“ Angela ſtieß ihn zurück:„Herr, um Eurer Jugend willen hab' ich Mitleid mit Eurer Thorheit. Sucht jedoch Euer Leben zu retten und entflieht!“ „Seht doch!“ ſagte Lüdger indeſſen zu Rynald, der niedergeſchmettert daſtand:„Du biſt ein plumper, unar⸗ tiger Geſell! Was geht's Dich an, wenn Angela den Junker leiden kann? Was ginge es Dich an, wenn ſie ihn liebte? Hat ſie ſich denn je um Deine Neigungen bekümmert? God damn! Du jagſt mich in Hitze und in den Höllenpfuhl, weil Du mich wieder zum ansländi⸗ ſchen Fluchen verführſt! Und das Aues geht um des Kaiſers Bart, bei Gott! Wollen wir denn Reißaus nehmen? Keine Rede davon. Der junge Herr da ſey bedankt und ſage ſeinem Vater, daß... ja ſo, was geht mich ſein Vater an? alſo dem Biſchof... dem gnädigſten Herrn... Angela, ich bin völlig verwirrt geworden;. hilf mir, und fertige den Junker ab. Wahrlich, Rynald, ich kann Dir nicht vergeben, daß Du mich in meines Kindes Gegenwart dergeſtalt aus dem Terte gebracht haſt.“ Angela trat muthig zwiſchen die Männer. Zu Chri⸗ ſtoph bald, bald zu Rynald gewendet, ſprach ſie:„Ihr konntet in der ganzen großen Stadt keinem edlern Feinde begegnen, als Dieſem hier, Herr Junker. So grimmig er Euch anzufallen bereit war, ſo hat doch jett die Groß⸗ muth bereits in ſeinem Herzen den Triumph davon getragen. Er wird meine Unſchuld und meine Stimme nicht mehr verkennen. Ich rufe Dich an, Rynald, dieſen Jüngling unverletzt von dannen zu führen, und ans der Stadt zu ſchaffen. Sein Leben wäre in Gefahr, wenn er in andere Hände fiele. Die edelſte Abſicht hat ihn in die Gefahr 157 gebracht; Du wirſt nie eine beſſere That vollbringen, als wenn Du ihm wieder in's weite Feld hilfſt. Und Ihr, mein junger, edler Herr: wenn Ihr mich je für würdig gehalten, von Euch geachtet zu werden, ſo gehorchet mei⸗ ner Bitte; ſie ſey Euch Befehl. Betrübt nicht länger mich und Euern hohen Gönner. Er trauert jetzt um Euern Verluſt, ſchenkt ihm eiligſt den Liebling wieder und ſeyd verſichert, daß ich in meinen Gebeten eben ſo wenig Euer vergeſſen werde, als ihr meiner vergaßt. O geht, geht, denn die Nacht wächst, und bald lauern Wachen an jeder Ecke.“ „O des Unglücks, ſo wehrlos weichen zu müſſen!“ jammerte der Jüngling,„des Unglücks, einem nebenbuh⸗ leriſchen Feind das Leben zu verdanken!— Doch Ihr befehlt, Angela, und ich würde in die Hölle gehen, wenn Ihr's verlaugtet.“ „Rynald!“ ſagte Angela bittend zu dem Fähndrich, der mit geballten Fäuſten, aber finſter den Kopf hängend, ihr zur Seite ſtand:„Solte ich vergebens bei Dir eine Bettlerin geworden ſeyn?“ „Ich bin im Dienſt der Stadt, ich darf nicht thun, was Du begehrſt,“ antwortete Rynald ſchwankend. „Siehſt Du, Angela?“ bemerkte Lüdger nach ſeiner Weiſe,„das V Vaterland hat auch ſeine Rechte. Ja, An⸗ gela, dann n Rynald nicht helfen, und ich kann's auch nicht. Armer Knabe, und noch obendrein eines Grafen und Biſchofs Sohn!.. halt, daß ich mich nicht ver⸗ ſchnappe, Du haſt uichts gehört, Rynald, nicht wahr 2“ „Sollte das eine Beleidigung ſeyn, Meiſter?“ fragte Chriſtoph jähzornig. Angela's weiche Hand verſchloß ihm den Mund. Lüdger räusperte ſich. Rynald warf bitter hin:„Um des Biſchofs willen ſucht ſie den Knaben zu retten!“ „Ja wohl, Rynald, ſo iſt's,“ prahlte der Maler plötzlich:„Um des gnädigen Herrn willen, ich glaube 158 ſelbſt. Du haſt es getroffen, Rynald. Aber es geht nicht, Angela. Unſere Schwüre, unſere Eide... „Halt!“ unterbrach ihn Rynald, durch das Wort er⸗ heitert und ſchnell entſchloſſen;„ich habe noch nicht den Eid geleiſtet. Morgen erſt ſchwören wir feierlich zur Sradt und Fahne. Ich will noch heute verſuchen, Ange⸗ la's Schützling frei zu machen. Kommt, junger Aben— teurer.“ Raſch und herriſch ergriff er Chriſtophs Hand. Ver⸗ gebens verſuchte der Edelknecht, von Angela Abſchied zu nehmen. Gewaltthätig, und ohne der Geliebten einen Blick zu gönnen, riß der Fähndrich ſeinen Schutzbefohlenen mit ſich hinweg. »Ungerechter!“ ſeufzte das Mädchen leiſe zwiſchen den bebenden Lippen. Lüdger ſtellte ſich aber mit eingeſtemm⸗ ten Armen vor ſie hin, fragend:„Sage mir doch, wie mir der Rynald vorkömmt? Stellt er ſich nicht an, als läge Alles nur an ihm, und als hätteſt Du nur nach ihm zu fragen?“ —„So iſt es, mein Vater,“ antwortete Angela aufrichtig und freundlich,„wir haben unſere Herzen ge⸗ tauſcht. Sobald der Jammer dieſer Stadt ein Ziel ge⸗ funden, mag Gott den Bund, den wir geſchloſſen, durch ſeinen Prieſter heiligen.“ vSang.. mein Gott, das Wort erſtirbt mir im Munde! Ohne mich zu fragen, ohne mir zu ſagen? das habt ihr davon, Euerm Vater zu verheimlichen, was er am erſten wiſſen ſollte. Nein, der Rynald darf nicht Dein Mann werden.. ich habe Dich ſchon verſprochen, Dich ſchon verſagt. Herr Gerlach von Wu⸗ len hat mein Wort erhalten.“ „Vater! um aller Heiligen willen, wie konntet Ibr 2 „Parbleu! ich hab' es gut gemeint. Die Edelleute werden am Ende zu Münſter die Herren und Gebieter 159 bleiben, und dann wird Gerlach von Wulen Bürgermeiſter ohne Widerrede.— Und,“ fügte Lüdger zufrieden lachend hinzu,„ich hab' mir ein für allemal in den Kopf geſetzt, Dir als einer Bürgermeiſterin von Münſter den Rock zu küſſen.“ Vernichtet und faſt einer Ohnmacht unterliegend, ſank Angela in die Arme ihres Vaters. i B uch. Siebenzehntes Kapitel. Propheten und Parteien. Binnen nicht vielen Tagen war die, einem böſen Ver⸗ hängniß entgegengehende Stadt von außen und innen aber⸗ mals umgewandelt worden, daß ſie kaum mehr zu erken⸗ nen. Rings von Feldlagern umgeben, gleich wie in einen Kranz von Waffen gepreßt, behauptete ſie nur durch die wohlbedienten Geſchüße ihrer Schanzen einen gewiſſen Raum vor ihren Mauern frei. Ihre Bollwerke ſtiegen, weil Jung und Alt daran arbeitete, mit Macht empor, und hargen täglich mehr die Dächer, ſelbſt der höchſten Gebände. Die Schwärmer brachen emſig die Spitzen der Thürme ab,— um das Hohe zu erniedrigen,— wie ſie ſagten— und pflanzten Karthaunen auf die verſtümmel⸗ ten Steinmaſſen.— Die Zufuhr war abgeſchnitten ſo gut als möglich, doch trotzten die Münſterer auf ihre Vor⸗ räthe, und eines Zuwachſes der Mannſchaft bedurften ſie 161 nicht, da alle Häuſer und Gaſſen von Einwanderern wim⸗ melten, und ſchon hie und da aus den biſchöflichen La⸗ gern vereinzelte Soldaten zur Stadt übergingen, theils um der ſo geprieſenen Freiheit darinnen zu genießen, theils um dem Mangel zu entlaufen, der unter den Bi⸗ ſchöflichen einriß, weil Kaufleute und Bauern ſich mit ihren Waaren und Lebensmitteln nicht unter die wilden Banden getranten, deren Tapferkeit weniger als ihre Raub⸗ luſt bekannt war. Innerhalb der Mauern des belagerten Zion war Alles noch vollauf. Die zahlreichen Miteſſer wurden nicht in Betracht gezogen. Die Wiedertäufer erwarteten mit Zu⸗ verſicht die Wunder, die der himmliſche Vater für ſie zulaſſen würde, plünderten dann und wann, keck ausfal— lend, was etwa noch hie und da zu plündern war, und lebten vom Tag zum Tage. Es war ein regelloſes, betrübtes Weſen. Die mei— ſten Uhren waren zerſchlagen, die Glocken, großentheils zerſchmettert, ſchlugen keine Stunde mehr. Die Kirchen in Trümmern, oder öde und leergeraubt, die Schulen ge⸗ ſchloſſen, die Richterſtühle ledig, der Markt nur ein Schauplatz des Aufruhrs und myſtiſcher Poſſen, alle Ord⸗ nung dahin, auf den Wällen ausgenommen, wo nach der Reihe die Bürgerſchaft unverdroſſen die Waffen führte, oder den Wachtdienſt verrichtete. Die Reichen, theils wirklich verarmt durch die vor⸗ läufige Gütertheilung, theils ſich arm ſtellend, gingen ein⸗ her in ſchäbigen Kleidern, mit ungekämmten Haaren und niedergetretenen Schuhen. Die Armen prunkten dagegen vielfach mit köſtlichen Mäuteln über ruppigen Wämſern, mit goldenen Ringen an den knotigen Händen; ſie äfften die Manieren der Bogenherren nach, und wo dieſes nicht auslangte, frömmelten und geiferten ſie, wie ihre Vor⸗ bilder, die Propheten und Meiſter der Stadt. Durch Alles dieſes gährte ein finſterer Unmuth, eine Der Konig von Zion. II. 11 162 bittere Aufreizung, die ein baldiges Zuſammenſtoßen der Parteien errathen ließ. Edel und Gering hielt Brüder— ſchaft auf dem Markte, und haßte ſich in den Häuſern. Der Patrizier verzieh dem Pöbel ſeinen Aufſchwung nicht; der Pöbel— hatte er ſchon die goldenen Fetzen der Erb⸗ männer auf dem Leibe— vergaß nun und nimmer deren ehemalige Reichthümer und Gewalt. Von dieſen und ähnlichen Dingen redeten zwei Män⸗ ner ganz heimlich und auf abgelegener Gaſſe, langſam dem Hauſe des Hermann Ramers zuwandelnd, das hübſch verborgen und finſter daſtand, trotz der hellen Nachmit⸗ tagſonne. Der Eine der Männer, in ſchmußzigem Leder⸗ koller und übeln Pumphoſen war der Altbürgermeiſter Hermann Tilbeck; der Andere, in Pickelhaube, Krebs und Pauzerhemd, ein mächtig Schwert an der Seite, Herr Gerlach von Wulen.— Sie ſchauten ſich bei jedem Schritte um, ob nicht ein Späher ſie belauſche, und raun⸗ ten ſich dann wieder einige Worte ſchweren Inhalts zu. Endlich ſagte Tilbeck, auf einen rabenſchwarzen feuchten Eingang deutend, der ſich in Ramers ſchmales Haus öff— nete:„Da iſt's. Hier laßt uns eintreten.“ Gerlach betrachtete im Fluge die mächtig geſchnitzten Holzvorſprünge, die den Erker über der Thüre trugen, und ſagte:„Dieſe Drachen mit ihren gähnenden Mäulern ſind treffliche Anshängeſchilde Deſſen, der hierinnen ſich birgt. Seit wann ſteckt der feine Gaudieb in dieſer Höhle 26 „Seitdem er ſich, den Vater zu befragen, von der Welt zurückgezogen,“ antwortete Tilbeck,„das heißt; ſeit⸗ dem der Bäcker Matthieſen die Oberhand gewonnen.— Folgt mir nur, und weicht zur Rechten aus. Die zer⸗ bröckelnden Kellerſtufen möchten Euch ein ritterliches Bein koſten. So; da iſt die Treppe, da das fette Seilgelän⸗ der. Tretet leiſe auf. Die Treppe wankt unter Enerm Fuße.“ Gerlach gehorchte den Weiſungen ſeines Vortreters. ———— 163 Sie gelangten glücklich hinauf. Die Thüre zu der Stube des Hausherrn war offen. Ramers ſaß darinnen vor einer ungehenern Bibel, ſtierte hinein, und rührte ſich nicht. Sein Weib, ausſehend wie eine Todte, die da wandelt, hatte ein Geſangbuch vor ſich, ſprach zu den Herankommenden kein Wort, deutete aber nach einer Stube, die in den winzigen Hof ging. Auf der Schwelle dieſer Stube ſaß ein noch wunderlicherer Menſch, gleich⸗ ſam als Wächter: Peter Bluſt, deſſen Geſichtszüge kaum in dem Dunkel zu erkennen waren.„Was wolit ihr, Männer?“ fragte er mit feierlichem Tone:„Stört den Propheten nicht; er redet mit dem Herrn aller Welten!“ —„Gib Raum,“ erwiederten die Patrizier,„wir ſind berufen und erſcheinen auf ſein Geheiß.“ Als ſie bei dieſen Worten an die Thüre pochten und Tilbeck hinzuſetzte:„Seher von Leyden, Deine Freunde ſind da!“ antwortete nach einer kurzen Stille von innen die Stimme des Propheten:„Tretet ein, meine Brüder, tretet ein, Ihr kommt zur gerechten Stunde.“ Peter Bluſt machte murrend Platz, und die Herren ſchritten in die dunkle, von einer in der Ecke ſtehenden kupfernen Leuchte ſchwach erhellte Stube. Ein ſchwerer dicht geſchloſſener Vorhang theilte das Gemach in zwei Hälften. Vor dem Vorhange auf der Erde ſaß Jan Bo⸗ ckelſon mit halbgeſchloſſenen Augen, wie ein von eiligem Schlafe Ueberfallener. In ehrfurchtsvoller Entfernungverneigten ſich die Freunde, und Tilbeck begann ſchüchtern:„Du haſt uns beſchieden. Was iſt Dir geoffenbart worden? Schon allzulang ent⸗ zogſt Du Dich dem öffentlichen Weſen, und es bedarf Deiner ſo ſehr?26 Jan antwortete langſam:»Der Gerechte ſchlummert, wann die Ungerechtigkeit wacht. Aber der Tag wird an⸗ brechen für die Gerechten. 6 rhoffen's,“ ſaßte der dreiſtere Gerlach,„die 164 Republik iſt in Nöthen, ein ſtürmiſch ſchankelnd Schiff. Sollen die Hände gebunden bleiben, die den Anker wer⸗ fen könnten 2“ „Wahrlich nein,“ verſetzte der Prophet im obigen Tone,„der Vater hat mir eröffnet, was geſchehen ſoll. Hört mich. Ich wollte den Frieden bringen, aber das Schwert waltet vor. So noch drei Tage gezögert würde, wäre Alles verloren. Matthieſen hat ſein Richteramt verkannt und ſich in einen Tyrannen verwandelt. Der Herr wird ihn ſtrafen. Der Herr will nicht, daß der Staub regiere. Das Salz der Erde ſoll triumphiren. Ihr und eure Brüder ſeyd das Salz der Erde.“ „Wenn Geburt und Verſtand, überlegte Tapferkeit und edle Entſchlüſſe die Menſchen adeln, ſo dürfen wir uns zu den Erſten im Volke zählen,“ meinte Gerlach, „wir tragen ungeduldig das Joch des Pöbels, und ſehen nur in unſerer Erhöhung die Rettung des Staats.“ „Der Herr gibt den Frevler in eure Hände. Wahr⸗ lich! ihr ſollet ihn vertilgen. Es iſt geſchrieben.“ Jan verſank nach dieſem Ausſpruch wieder in ſeine tiefen Be⸗ trachtungen. „Matthieſen und Knipperdolling haben einen furcht⸗ baren Anhang. Wie ſollen wir das Werk anheben?2“ Tilbeck ſtellte die furchtſame Frage. „Ergreift den Augenblick. Der Uebermuth macht den falſchen Propheten blöd im Haupte und ſchwach in den Gliedern. Ein männlich Wort und eine rüſtige That gewinnen immerdar den Sieg.“ „Wir ſind mit Hand und Mund bereit. Willſt Du uns ein Zeichen geben? Willſt Du, plötzlich hervortre⸗ tend, das gemeine Volk, das dem Matthieſen anhängt, mit dem Honig Deiner Zunge beruhigen 2“ fragte nun Gerlach. Nach langer Pauſe entgegnete Jan:„Ich bin der ſchlechteſte Knecht des Himmels. Mein Mund iſt ver⸗ 165 ſiegelt. Ihr ſollt's allein verrichten. Die Macht wird bei euch ſeyn.“ Gerlach zuckte unwillig die Achſeln. Tilbeck ſagte leiſe:„Das war nicht, was wir von Dir erwarteten. Unter Deiner Fahne würden wir überwinden. Rottmanns Anſehen iſt geſunken, ſein Wort gilt nicht mehr. Seinen Amtsgenoſſen geht's nicht beſſer. Der Pöbel haßt uns, wird uns tödten, wann nicht Du ihm den Zaun antegſt.“ „Bin ich allmächtig?“ rief Jan wild auf, und ſchwieg alsdann wieder lange Zeit. Dann fragte er ſanft und heuchleriſch:„Was iſt ener Vorſatz, wenn euch der Sieg gewonnen iſt?“ Tilbeck zögerte zu antworten. Gerlach rief kühn: „Ein Freiſtaat von Rittern! weg mit dem Biſchof. Eine freie Stadt mit edelmänniſchen Häuptern und reinſten Glaubens, wie Du ihn lehrſt und Rottmann vorbereitete. Deine Seherkraft leite unſere Handlungen; unſere Schwer⸗ ter ſollen ausführen, was Gott gebietet. Der Kaiſer, in viele Händel verwickelt, wird uns Ruhe laſſen, und unſer Reich befeſtigt ſeyn, ehe er, es zu hindern, kommt.“ „Ich bin der Unwürdigſte meiner Brüder. Ich bin des Herrn. Doch will ich eure Schärfe prüfen, ſagt durch meinen Mund der Allmächtige. Ich werde morgen auf dem Markte ſeyn. Bringt eure Waffen mit, und Gott wird zulaſſen, daß der Böſe ſich eine Blöße gebe, wo er zu verwunden. Stört mich nicht länger, meine Freunde.“ Die Patrizier zogen ſich zurück.„Wir ſind ſo klug als vorher,“ brummte Gerlach,„der Prophet hat immer Doppelſinn und Hinterhalt in Bereitſchaft. Was meint Ihr, Tilbeck?“ Dieſer verſetzte ſchlau:„Ich zähle auf ſeine Eifer⸗ ſucht. Ihr werdet ſehen, daß einer von den beiden Män⸗ nern Gottes nicht Platz neben dem andern behält. Ich bin für ein ruhiges Abwarten. Was können wir auch 166 thun? wir haben uns zu weit fortreißen laſſen. Das Geſindel iſt uns über die Köpfe gewachſen, und ich will hier nicht erörtern, was wir jetzo vom Biſchof zu erwar⸗ ten hätten. Gibt ſich eine Gelegenheit, nehmen wir ſie beim Schopf.“ „Der liſtige Schelm von Leyden muß wohl endlich und offen zu uns halten,“ fügte Gerlach hinzu,„der vlumpe Matthieſen wird ihn reizen, bis... Nun, wir wollen ſehen, was ſich morgen begibt. So viel unſerer Lente wir auſbringen können, ſollen in Waffen erſcheinen. Haben wir einmal die Oberhand, ſo iſt auch der Prophet unſer, als eine Geiſel, um der Fürſten Zorn zu beſchwich⸗ tigen und unſere Eroberung zu behalten.“ Während die ehrenfeſten Herren alſo überlegten, zu ihren Freunden zurückkehrten, ſtand ſchon wieder ein an⸗ derer Berufener und Bittender vor dem einſiedleriſch zurück⸗ gezogenen Seher Jan Bockelſon. Diesmal war's ein Mann aus dem Volke, im Pelze eines Schmieds, rauh von Schlacken. Die Frechheit ſeiner Rede erſchien gemildert durch die derbe und geſunde Vernunft, die häufig unter gemeinem Schlage zu finden. „Ich habe manche Schuld an dem Unfug, der heute in unſerer guten Stadt getrieben wird„ ſagte Hubert Rüſcher, der Schmied, frei heraus,„mein hitzig Blut und meine dreiſte weſtphäliſche Zunge haben mich oft hinge⸗ riſſen, daß ich vorne dran war, wo ich beſſer das Maul gehalten hätte. Aber, beim Wetter, ich bin zu Verſtand gekommen. Der Rauſch iſt vorüber. Von Pabſt und Biſchof will ich nicht redenz keine Freundſchaft mit ihnen, um die Welt nicht. Aber die Herrſchaft des holländi⸗ ſchen Bäckers iſt nicht mehr zu ertragen. Du biſt zwar ſein Landsmann, doch halte ich Dich für gelehrter und frömmer. Sage daher, wie wir's aufangen, uns des bäueriſchen Burſchen zu entledigen 2“ „Ich ſoll nicht richten den Apoſtel, der ſich für des Herrn Boten ausgibt,“ erwiederte Jan kläglich. Der Schmied fuht fort:„Num ja, ich weiß; eine Krähe hackt nicht gern der andern die Angen aus. Doch verfolgt er Dich mit ſeinem Spott in allen Predigten, er ſchilt Dich feige, weil Du ruhig und in Verborgen⸗ heit lebſt.“ „Spottet er des Fruymmen, ſo wird ihn Gott richten. Laß' uns beten, Bruder, beten und lieben.“ „Beten? meinetwegen; ich bin ein Freund von Ge⸗ ſang und Gebet. Ich habe ſelbſt einmal auf dem Lam⸗ bertikirchhof gepredigt und den Rottmann herausgehauen, als ihm der damalige Magiſtrat an die Gurgel wollte. Beten und lieben? auch noch meinetwegen. Aber des Matthieſen Gebet iſt nur Wuth und Fluch und Ver⸗ wünſchung. Des Matthieſen Liebe vollends iſt eine ganz beſondere. Weißt Du nicht von den nächtlichen Zuſam⸗ menkünften von Mäunern und Frauen, die der falſche Prophet in Knipperdollings Hauſe veranſtaltet? Nichts von der feurigen Taufe, die da ausgetheilt wird, ſo⸗ bald Matthieſen, an den acht und zwanzigſten Vers im erſten Kapitel des erſten Buches Moſis gelangt, die drei⸗ zinkige Lampe umzuſtoßen und Schande freien Paß zu gewähren pflegt 2“ „O, verſchone mein Ohr mit ſolchem Unflat, und witethole nicht, was die Heiden gegen unſere Andacht ausſtreuen!“ bat Jan mit heuchleriſchen Geberden. „Der Donner erſchlage mich, wenn nicht Alles wahr iſt, was ich ſage!“ bethenerte Hubert Rüſcher:„das iſt aber angeſtellt, um die Ueppigkeit des Wolfs im Schafs⸗ kleide und der vermaledeiten Reichen und Edelleute zu ergötzen. Er will ſich zu einem Oberhaupt der Stadt machen, und die Erbmänner halten's heimlich mit ihm. Aber unſere Gewerbe liegen darnieder, die Reichen ver⸗ graben ihre Schätze, laſſen uns darben, und ſchonen nicht 168 einmal der Ehre unſerer Weiber und Töchter. Darum wollen wir den Popanz abſchaffen, und Dich, den Beſſern, an ſeiner Statt verehren, damit der Segen des Herrn mit uns ſey, und der Feind von unſern Mauern weiche. Du haſt immer den Frieden gepredigt; ſchaffe uns Friede!“ „Bin ich allmächtig2“ fragte Jan, wie er vor einer Viertelſtunde die Patrizier gefragt hatte. „Nein, das biſt Du nicht,“ erwiederte der Schmied freimüthig,„Du biſt nur ein ſterblicher Menſch, wie ich und Alle, die da leben. Das weiß ich gar gut, aber es ſind Viele, die ſich andere Dinge einbilden, die Dich für einen ganz gewaltigen Jünger des Herrn, für einen Weiſ⸗ ſager, Zauberer und dergleichen halten. Ich will nicht verbergen, daß ich der Meinung bin, Du ſeyſt ein durch⸗ triebener Kopf, der ſtill und heimlich ſeinen Weg geht, und ſeines dereinſtigen Vortheils wartet. Ich habe jedoch nichts dagegen. Der Geſcheidere ſige oben, meinetwegen. Du haſt uns noch kein Aergerniß gegeben, und verſtehſt, die Menſchen mit feinen Reden zu kirren. So wie ich, denken viele meiner Freunde mit mir.— Halte darum friſch zu uns, den Handwerkern. Du ſollſt unſer Ober⸗ prediger werden, und in Fülle leben, ſobald Du die Hand bieteſt, die Edelleute und die Pfauen, unſere Kaufherren, zu Paaren zu treiben. Die Reichen verrathen uns mit jedem Athemzuge. Sie haben den Handel mit dem Bi⸗ ſchof ſo böſe gemacht. Sobald wir jedoch die Schelme in's Elend getrieben, wollen wir ein bürgerlich Regiment einſetzen, und dem Kaiſer uns als eine freie Stadt des Reichs unterwerfen, oder Bündniſſe ſchließen mit den Hanſeſtädten und mit allen Ländern, die, wie ich nicht zweifle, bald unſere Lehre annehmen, und die Welt zu einem großen Bürgerfreiſtaat machen werden.“ „Das Reich wird unermeßlich ſeyn!“ begann Johann, als ſähe er bereits die Erde von dem nenen Bunde er⸗ 169 füllt, und den Erlöſer hernieder ſteigen, um ſelber die Gewalt zu übernehmen. „So hilf Du es ſchnell herbeiführen, der Du ein Ge⸗ ſandter des Allmächtigen ſeyn willſt!“ Hubert verzog bei dieſen Worten unglänbig lächelnd den Mund. „Das werd' ich, das werd' ich, Zweifler, Kurzſichtiger, Heide, Inde! das werd' ich, und nicht drei Tage werden vergehen, und meines Vaters Haus wird von unreinen Thieren geſäubert ſeyn!“ Die Gewalt, womit der Prophet, alſo ſchreiend, auf⸗ fuhr, und dem Schmied ſchnaubend entgegentrat, verbluͤffte den Letztern um ſo mehr, als Peter Bluſt und Hermann Ramers, der Hausherr, plötzlich erſchienen, vom Geſchrei des Sehers erſchreckt. „Zittre, Amalekiter und geh' in Dich!“ fuhr Jan fort: „Bekehre Dich und vertraue, denn Du wirſt ſchauen, wie das Hohe geſtürzt und zerſchmettert in Schande vergehen wird. Ritter, Grafen und Edelleute ſind Feinde des Herrn, der größte Feind deſſelben iſt jedoch der falſche Prophet Elias. Siehe, was der Herr Dir beſcheert, un⸗ gläubiger Mann. Du ſollſt an Dir ſelbſt erfahren, wie das Wort erfüllet wird. Rede morgen muthig den Götzen an, und auf Deine Anrede wird er fallen, wie die Hei⸗ dengötter vor der Arche. Wahrlich, es wird Alles anders ſeyn, wann morgen die Sonne im Mittag ſteht.“ Jan ſchwieg, und ſetzte ſich wieder auf die Erde. Er gab ein Zeichen, daß die Herbeigekommenen den Schmied wegführen möchten. Dieſes geſchah. Nachdem die Thüre zugefallen und der Schritt der Gehenden verhallt, öffnete ſich der Vorhang, neben wel⸗ chem Jan ſeinen Siß hatte, und Diwara's Geſicht neigte ſich ihm freundlich zu. „Ich habe die unrechte Stunde erwählt, Dich heim⸗ zuſuchen, Johann,“ ſagte die Frau leiſe,„gerade heute 170 drängt ſich alle Welt zu Dir, und ich werde kaum einen Angenblick finden, unbemerkt, wie ſch kam, hinwegzugehen. Du ſouteſt mich aber tröſten über die Unbilden, die mir mein Eheherr zufügt.“ „Tröſte Dich ſelbſt, indem Du hoffeſt, Diwara. Du hörſt, wie er allenthalben verhaßt und verachtet iſt. Sein Reich darf nicht länger währen; ein Anderer iſt an ſeine Stelle berufen.“ „Du ſprichſt das ſo leicht aus, Jan? Vergiß nicht Matthieſens Hartnäckigkeit und tollkühne Wuth! Achte ſeine Herzhaftigkeit nicht gering, fürchte ſeinen Anhang. Knipperdolling und der ungeſtüme Prediger Krechting, der ſich hervorgemacht, obgleich man ihn kaum kanute,— die Rotten der Gildemeiſter und Kaufleute werden Matthie⸗ ſen nicht gütlich fallen laſſen.“ »Ein Jeder iſt gewogen vor dem Herrn. Wollten auch die Knechte Deines Mannes ihn nicht verloren ge⸗ ben,— dennoch würde er ihnen vertoren ſeyn.“ Es wurde hart an die Thüre geſchlagen. Diwara zog ſich ſchnell zurück. Das Blut wich von ihren Wan⸗ gen, da ihres Gatten rauhe Stimme draußen rief:„Jan Bockelſon, Diener Gottes! öffne mir, heiße Deinen wider⸗ ſpenſtigen Hüter entweichen.“ »Matthieſen!— was will er hier zu dieſer Friſt 2“ fragte Jan wie mit Geiſterlispeln.—„Ich ſehe mein Grab offen!“ antwortete ihm Diwara ebenſo.—„Stille!“ gebot ihr der Prophet von Leyden, und blies die Lampe aus, da ſich eben der Harlemer Bäcker, Peter Bluſt zur Seite ſchiebend, mit Gewalt Eintritt verſchaffte. Die gänzliche Finſterniß, die Matthieſen ſo unerwartet umgab, machte ihn ſtnzig.„Was ſoll das? Jan, wo biſt Du?“ fragte er, von Schauer ergriffen, denn ihm war, als ob es auf ſein Leben abgeſehen wäre. „Hier, mein Bruder. Nähere Dich mir!“ antwortete ſein Mitapoſtel. 171 Während der Bäcker vorſichtig und unentſchloſſen einige Schritte vorwärts that, um ſeine innerliche Furcht nicht zu verrathen, ſchlüpfte Diwara, als ein Schatten, zur Thüre.„Peter Bluſt!“ befahl Jan mit lauter Stimme, „der Engel des Herrn geht von mir. Verſchließe Deine Angen, daß ſeine Herrlichkeit Dich nicht tödte!“ Bluſt warf ſich draußen gehorſam auf das Angeſicht nieder, und über ihn wegſchreitend entkam Diwara. Mat⸗ thieſen, deſſen geblendetes Auge kaum den Schatten des Weibes bemerkt hatte, begann nun muthiger:„Welchen Spuck treibſt Du, mein Bruder? Du redeſt von herrlich leuchtenden Engeln, und doch herrſcht hier die Nacht des Todes?“ „Du haſt den Glauben nicht, Matthieſen, ſonſt würde Dein Blick heiter und den Wundern geöffnet ſeyn! Pe⸗ ter Bluſt! zünde für dieſen Blinden die Lampe wieder an!“ Nachdem dieſes unter tiefem Schweigen verrichtet wor⸗ den, betrachtete der Harlemer die Stube mit Verwun⸗ derung, und näherte ſich dem unbeweglichen Jan. „Ich frage nicht,“ hob er an,„ob ein Wächter des Himmelthrons oder eine bekehrungsluſtige Heidin bei Dir geweſen, Jan. Ich komme als ein Freund, nicht als ein feindſelig lauernder Späher. Schon zu lange, Bockelſon, dauert Deine trotzige Eutfernung von der Welt und den mühſeligen Arbeiten, die uns der Vater auferlegt hat. Warum theilſt Du ſie nicht mehr mit mir? Glaubſt Du, daß meine ſchwachen Schultern genügen? Vergiß Deine Pflichten nicht, und ſorge, daß nicht die Philiſter über Simſon, den Starken, kommen.“ „Du biſt der Auserwählte, das Rüſtzeug. Ich bin des Windes Hauch im Schilfe. Dein Theil iſt die Ge⸗ walt; der meinige iſt Demuth.“ Matthieſen ließ ſich vertraulich neben Jan nieder, der etwas abſeits rückte, und nach der verborgenen Waffe langte, die er immer bei ſich trug. Matthieſen dämpfte 172 ſeine Stimme, und ſprach mit allen Zeichen der Aufrich⸗ tigkeit:„Ich weiß nicht, wer und was uns entzweite. Wir haben ſtets das Gute gewollt. Aber im Zwieſpalt gehen die Mächtigſten zu Grunde. Wir wollen, da wir allein ſind,“— er warf neugierig einen Blick hinter den Vorhang—„die künſtlichen Geſichter ablegen, und ohne viele tönende Worte uns beſprechen.“ „Rede. Ich bin ganz Ohr, und horche Deiner Weis⸗ heit.“ „Es geht ein räthſelhafter, ſtarker Geiſt durch die Zeit, und ſie gebührt Wunder über Wunder. Zwei Fremd⸗ linge, ausgerüſtet mit dem Schilde der vortrefflichſten Lehre, aber nicht mit Heeren und Waffen, ſind an die Spitze einer volkreichen Stadt geſtellt worden, und ihr einfaches Wort gilt als ein unumſtößliches Geſetz. Aber die Schlange lehnt ſich gegen Zion auf, und der böſen Zeichen ſind mancherlei vorhanden, dem leichtgläubigen Pöbel vor der Zukunft bange zu machen. Die Tröpfe, da ſie Gefahr vor ihren Mauern ſehen, und noch nicht erfüllt die Verheißung der Schrift, brüten über einer Wiederherſtellung des alten verdorbenen Zuſtands. Wie lange, und das Anſehen der Propheten wird dahin ſeyn, wie des Biſchofs, des alten Raths, des Rottmann Ge⸗ walt? Wie lange, und die Wankelmüthigen werden un⸗ ſere unerklärliche Spaltung benützen, um einen Jeden von uns einzeln zu fällen? Du verſündigſt Dich am eigenen Wohl, und an unſerem himmliſchen Vater, indem Du thatlos und grollend von Deinem Mitbruder Dich ent⸗ fernt hältſt.“ „Du verkennſt mich, Matthieſen. Ich liebe Dich und preiſe Deine Stärke und Gewalt.“ Matthieſen ſchüttelte das wilde Haupt, und murmelte: „dieſe Stärke wird ſchnell untergraben ſeyn, wenn wir nicht neue Zauberketten um das Volk zu ſchlingen ver⸗ ſtehen. Jan, Du biſt klng. Du wirſt einſehen, daß 173 Tag für Tag der Geiſt ein Wunder verkünden muß, um die Narrenköpfe zu beſchäftigen. Täglich eine Hoffnung, täglich eine Verheißung— wir bleiben ſonſt nicht Mei⸗ ſter des Volks. Es haben mir Weiber vertraut, daß ihre Männer anfangen, von uns unehrerbietig zu reden; — das iſt ein böſes Zeichen, und es wäre gut, wenn wir in neuer Eintracht den Widerſtand in der Wurzel erſtickten. Knipperdolling und Krechting, und alle Freunde unter den Wortführern ſind derſelben Meinung. Wenn wir unſere Kräfte vereinigten,— wenn Du die Erfin⸗ dung und den Geiſt hergäbeſt, und ich den Muth und die Thatkraft,— wir könnten uns neu aufſchwingen und oben halten, bis entweder dieſe Stadt entſetzt, oder ein günſtiger Ausweg für uns beide gefunden wäre. So bald wir nämlich alle Vorräthe und Schätze der Gemeinde aus den Händen der Diakonen in die unſerigen geſpielt haben würden, möchten wir allerdiugs ein Mittel erſin— nen, aller Gefahr zu entkommen und ſammt unſern er⸗ worbenen Reichthümern in ein fernes Land zu wandern. Mögen alsdann die undankbaren Münſterer zuſehen, wie ſie ſich aus ihrer bedenklichen Lage reißen.“ „Du biſt erleuchtet, Bruder, und ich ſage Ja zu Dei⸗ nem Ja, Nein zu Deinem Nein. Der uns hieher geſen⸗ det, wird uns auch aus Aegypten führen. Der Geiſt hat mir ſchon geſagt, daß ſich der Teuſel gegen unſere Ge— bote rührt, und daß beſonders Dir Schlingen geſtellt werden ſollen. Traue nicht dem Pöbel, traue nicht den Edelleuten, traue nicht den Kaufherren und Zunftvor⸗ ſtehern. Alle dieſe ſind verknüpft mit Ungerechtigkeit. Aber was ſoll ich für Deine Wohlfahrt thun? Du haſt ſelber in Deinen Predigten übel von mir geredet, daß die Leute an mir mit Recht zweifeln. Ich bin über Dei⸗ nen Tadel betrübt bis in den Tod, denn Du biſt älter und erfahrener, als ich, und durchſchauſt alle meine Schwä⸗ chen und Fehler. Ich bin ſehr muthlos und blöde, mein Bruder; darum hab' ich das Gebet erwählt, und Dir alle Macht demüthig überlaſſen.“ Die ſchleppend und kläglich betonten Worte Johanus waren nicht gemacht, die Zuverſicht des Harlemer Pro— pheten zu befeſtigen. Er hörte darinnen ausgeſprochen die Gefahren, die er bisher nur leiſe geahnt hatte. Seine Befürchtungen erwuchſen zur quälenden Gewißheit, und mit doppeltem Eifer ſuchte er, um ſich zu erhalten, den abgeneigten Bundesgenoſſen wieder zu gewinnen. „Wenn ich Dich getadelt habe,“ ſagte er verlegen, „ſo ſchreibe dieſes der Heftigkeit meines Gemüths, und nicht meiner Bösartigkeit an. Ich fahre gern raſch zu; meine Zunge iſt nicht geſchweidig; ich halte dafür, daß die Menſchen mit Gewalt zum Guten angehalten werden müſſen. Iſt doch Gott ſelbſt, der Gott Iſraels, ein eifri⸗ ger zorniger Gott! Deine Luſt an Vermittlung, an Be⸗ ſchwichtigung der aufgeregten Herzen, Dein Hang zum Frieden und zur Verſohnung war mir ärgerlich, weil ſolche Weiſe nur langſam zum Ziele führt.— Doch hab' ich erkannt, daß Kraft und Milde, in eins verſchmolzen, ihren Weg am ſicherſten gehen, und kehre mit neuem Vertrauen zu Dir zurück. Laß' uns die Hände feſt ver⸗ ſchlingen, Jan. Höre meinen Vorſchlag. Wir wollen uns theilen in die Macht. Im neuen Iſrael, deſſen König der Herr des Himmels ſelber iſt, ſollen zwei Statthalter für ihn regieren: der geiſtliche ſey Jan Bockelſon, der weltliche Jan Matthieſen. Ich will den Kriegs- und Streitvogt machen; du ſollſt der Vater des Friedens ſeyn. Ich will verfechten, was Deine Klugheit beſchließt; Du ſoliſt beten für den Erfolg meiner Waffen. Als unum⸗ ſchränkte Herren der Kräfte und der Gewiſſen des Volks müſſen wir triumphiren, bis wir ſelbſt für gerathen erach— ten, uns zurückzuziehen. Ich habe ſchon in dieſem Sinne mit Duſentſchuer, mit Rottmann geredet. Der Mann von Warendorp hat großen Anhang, und gelobt, dieſe 175 Veränderung im Regiment mit dem Beiſtand der vielen eingewanderten Fremdlinge ſiegreich durchzuſetzen. Rott⸗ mann verſpricht daſſelbe, und die Bedingungen, die er macht, ſind ihm leicht zu bewilligen. Der Streich würde die Adelichen und den Pöbel zugleich entwaffnen, und im Reiche der Kinder Abrahams wuͤrde, dem gierigen Feinde gegenüber, Eintracht, alſo auch das Pfand des Sieges ſeyn.“ Jan hörte argliſtig und gelaſſen dem Vorſchlage zu, und ermaß alſobald die ſchlaue Heimtücke deſſelben. Dann erwiederte er ſanft:„Wie Du willſt, mein Bruder, ſey es. Sagte ich's nicht? Dein Theil iſt die Gewalt, der meinige das Gebet. Ich bin's zufrieden, Matthieſen, und will mich Dir nicht länger entziehen. Es wäre wahrlich nicht gut, wenn unſere Brüder auf den Gedanken gerie⸗ then, ihre Propheten ſeyen ſterblich im Geiſte und im Fleiſche.“ „Ich ſehe Dich mit Frenden auf den rechten Weg des Heils zurückkehren, Jan Bockelſon.“ „Wir wollen morgen wieder zuſammen vor dem Volke erſcheinen,“ fuhr Jan fort,„Rottmann verſammle die Ge⸗ meinde zu einem Verſöhnungsfeſte; Duſentſchuer begeiſtere ſich, und rege in den Gemüthern den Gedanken des neuen Regiments an, daß ein Jeder glaube, dieſer Gedanke komme aus ſeiner eigenen Seele. Zugleich bereite Du Dich, mit klaren Worten die geheimen Anſtiftungen un— term Volke aufzudecken. Wenn beide Theile, Adeliche und Zünftige, ihr finſteres Werk verrathen ſehen, wird ihnen der Muth entſchwinden. Alsbald verkünden wir ſodann die nenen Vorſteher des Staats, und erzwingen die Zuſtimmung der überraſchten Menge. Freilich wird nöthig ſeyn, an dieſe Handlung noch irgend eine That zu kuüpfen, die, einem Wunder gleich, das Volk erſchüttere, und ihm eine hohe Meinung von unſerer Unerſchrockenheit und Zuverſicht in den Herrn beibringe. Denn eine glän⸗ zende Begebenheit erfüllt und überzengt die Erde ſchneller, als die ſchönſten Sprüche, die nur den Tropfen zu ver⸗ gleichen, welche den Stein langſam aushöhlen.“ „Dieſe That hab' ich in Bereitſchaft,“ verſetzte Mat⸗ thieſen haſtig,„mir wurde durch einen geſchickten Kund⸗ ſchafter die Nachricht, daß ein ſtarker Zug von Taufge⸗ ſinnten abermals von Holland aus den Weg gen Münſter genommen hat. Sie ſind diesmal bewaffnet, wohl ver⸗ ſehen, und ſollen nur noch eine Tagereiſe von hier ſtehen. Der Kundſchafter iſt wieder hinaus, und ſobald er rück⸗ kehrt, zu vermelden, daß die ſtarke Hilfe ihm auf den Ferſen folge, wollen wir uns allein gegen das Lager der Feinde begeben, und ſie zum Kampfe rufen. Die neuen Söhne Iſraels, ſtaunend über unſern Heldenmuth, werden nicht ſäumen, uns in gedrängten Schaaren bald nachzu⸗ folgen. Unſere heranziehenden Landsleute werden dem Feind in den Rücken fallen.— Sehen die Biſchöflichen ſich zwiſchen zwei Feuern, ſo ſind ſie übermannt und überlaſſen uns das Schlachtfeld. Der Sieg wird uns allein zugeſchrieben, und wir ſtehen für immer am Ziele.“ „Amen, mein Bruder. Hier iſt meine Hand.“ „Treu und aufrichtig? ohne Falſch?“ „So treu und aufrichtig Du mir die Deinige hingibſt.“ „Preis dem Herrn, der uns vereinigte, Jan. Ich gehe mit leichtem Herzen von hier, und bitte Dich, ſo⸗ bald morgen der Tag hell wird, in Knipperdollings Hauſe nicht zu fehlen.“ Der Verſprechungen und Gelöbniſſe waren viele, un⸗ ter welchen ſich die würdigen Apoſtel des tanſendjährigen Reiches trennten. Matthieſen eilte in die andächtige Ver⸗ ſammlung, die er alltäglich, ſo wie die Nacht einbrach, in ſeiner Wohnung zu erbauen pflegte.— Jan rief ſei⸗ nem Wächter, dem guten Peter Bluſt. 3„Begleite mich eiligſt zu dem alten Dnuſentſchuer,“ — ſagte er mit unverhehltem Behagen,„ich muß alſobald mit ihm reden.“ 177 „Der ehrwürdige Mann wohnt im Nitzink⸗Kloſter,« antwortete Peter Bluſt bedenklich,„der Weg iſt weit und der Abend finſter.“ Worauf Jan in heftiger Bewegung:„Und wenn die Straße durch die Hölle ginge,— heute muß der letzte Zug dieſes Spiels gewagt werden.“ „Welch ein Geiſt hat ſich Deiner bemächtigt, Jan? Dein Angeſicht iſt verklärt, und Deine Augen ſprühen Blitze. Von einem Spiele redeſt Du2“ „Ja, Peter Bluſt. Der Teufel, der das Reich der Engel haßt, hat die Würfel der Zwietracht hingeſchleudert. Ich will ſie aufnehmen, und mit der Hilfe des Vaters das Regiment der Finſterniß darniederwerfen.“ „Der Himmel gebe ſeinen Segen. Laß' uns eilen, weiſer Prophet.“ „Nur noch ein Wort zu meinem frommen Hausherrn. Dann gehen wir.“ Nachdem Jan Bockelſon mit Hermaun Ramers, dem unbedingten Leibeigenen ſeiner Weisheit, kurze Zeit aller⸗ geheimſt ſich beſprochen, machte er ſich auf— Peter Bluſt an ſeiner Seite— den vielvermögenden Warendörfer— Aelteſten im Nitzinkſtifte anzutreffen, bevor Matthieſens Andachtsſtunde vorüber ſeyn konnte. Die ſcheinbare Träg⸗ heit, worinnen er mehrere Tage gelegen, hatte den Seher von Leyden gänzlich verlaſſen, und einer auflodernden Thätigkeit Platz gemacht, womit er von nun an ſeine Entwürfe verfolgte. Der Koͤnig von Zion. II. Achtzehntes Kapitel. Matthieſen's Ausgang. Durch die Nebel des Morgens ſchwankte ein Leichen⸗ zug unter Angela's Fenſter vorüber. Der traurige Buß⸗ geſang, den die zahlreichen Begleiter anſtimmten, verrieth allein den Zug. Keine Glocken, keine Prieſter, keine Symbole der Kirche verherrlichten ihn. Der rauhe Sarg, nicht einmal mit ſchwarzen Tüchern behangen, wurde in aller Geſchwindigkeit dem Begräbnißorte zugetragen. An⸗ gela, obſchon verletzt von der Aermlichkeit und dem un⸗ anſtändigen Getümmel der Leichenfeier, ſah derſelben mit einer Art von Befriedigung zu, und ſagte halblaut, das Haupt an die kühlen Fenſterſcheiben lehnend:„Da tragen ſie das Unglück der armen Eliſabeth in's Grab. Wohl ihr, der lange Leidenden!“ Lüdger ſtand hinter der Tochter, hörte ihre Worte und verſetzte:„Wenn nur nicht Schlimmeres nachkommt, Angela. Der Himmel ſchickt uns doch Alles zu, was uns begegnet. Beſſer iſt's, wir tragen's mit Geduld, als daß wir uns keck und frech ein eigen Verhängniß zu ſchaffen vermeſſen.“ Angela betrachtete den Vater ernſt.„Ihr habt dieſe Sprache vordem noch nie geführt,“ ſagte ſie,„ich war oft beſorgt, die Veränderlichkeit Eurer Launen und Wünſche 179 möchte Euch Schaden bringen. Jetzo ſeyd Ihr ein Predi⸗ ger der Geduld geworden, weil Ihr der meinigen die ſtärkſte Prüfung aufzulegen vermeint. Aber, mein Vater, ſo gern ich alle Pflichten einer Tochter erfüllte, worunter die des Gehorſams die erſte,— doch werde ich nie ver⸗ letzen, was ich der Religion ſchuldig bin, und niemals mich bewegen laſſen, das Sakrament der Ehe zu entwürdigen. Hofft nicht, daß ich je einen Mann eheliche, den ich nicht liebe, dem ich ſogar gram bin. Ihr konnt mir verbieten, dem Drang meines Herzens zu folgen— ich will Euch das Recht zugeſtehen— aber laßt mir dafür meine Freiheit.“ Der Maler ſah betroffen vor ſich nieder, und begann kleinlaut:„Engelein, ſey doch nicht hart und lieblos gegen Deinen Vater. Ich will ja nur Dein Glück. Du wirſt ſehen, was geſchieht. Der Adel kommt empor, ver— laſſe Dich darauf. Der Herr von Wulen, der tapferſte Kriegsmaun zu Münſter, wird gewißlich der Erſte unter den Erſten ſeyn. Wappen und Würde, ſpäter wohl auch Reichthum und Güter, ſollſt Du mit ihm theilen. Was bietet Dir dagegen Rynald, der nichts hat, als ſein La⸗ tein und einen Degen, den er erſt zu führen lernen muß? Rynald, der, ſo zu ſagen, weder Vater noch Mutter hatte? wenigſtens ſind ſeine Eltern ganz geringe Leute, und zudem ſo ziemlich unbekannt geweſen.“ Angela verſetzte wie oben:„Ich habe ſolche Betrach⸗ tungen nicht von Euch erwartet, Vater. Aber Ihr ſeyd ein Andrer geworden, und ich füge mich darein. Nur den Herrn von Wulen laßt aus dem Spiele, und ſagt mir aufrichtig, ob Ihr dem armen Rynald Euer Haus verboten? Es muß wohl ſeyn, ich hab' ihn bereits ſeit langen Tagen nicht geſehen.“ „Ei, wo denkſt Dn hin, Engelein?“ fragte der Maler böſe werdend;„wofür hältſt Du mich? bin ich etwa ein Feind des braven Rynald? Da ſollte mich ja. 180 hm, hm, ich will nicht ſchwören... aber ich wäre ein Kalb, wenn ich den biedern jungen Mann beleidigte, weil... weil er Dich lieb hat. Oho! Meiſter zum Ringe iſt nicht plump, nicht undankbar. Im Gegentheil: ich ſagte dem Rynald erſt geſtern, da ich auf der Wache war, daß— obſchon ich Dich einem Andern zugedacht hätte— ſein Beſuch mir immer werth und vergnüglich ſeyn würde.“ „Ihr habt ihm alſo ſchon entdeckt, was ihn und mich unglücklich macht?“ ſagte Angela ſchmerzlich.— Als der Maler bejahend nickte, fuhr ſie fort:„O, wie gern hätte ich dieſen Schmerz für mich allein behalten! Sagt mir jedoch, wie nahm er Eure Erklärung auf? Wie empfing er die Wunde, die ihr ihm ſo kaltſinnig ſchlugt? Ge⸗ duldig hat er ſie gewiß nicht ertragen; ſeine Heftigkeit gab das nicht zu. Und ſein Verſtand... ſeine Liebe zu mir— was brachten ſie vor, daß ſie eben ſo weuig bei Euch fruchteten, als meine Bitten?“* Das Midchen ſtellte dieſe Fragen mit ſteigender Aengſtlichkeit, da des Vaters bedenkliches Schweigen ſie ungewiß machte. Daß Rynald an jenem Faſtnachtabend ſo kalt von ihr gegangen, ließ ſie Schlimmes ahnen. Lüdgers Antwort klang nicht bernhigend. Er ſagte mit dem Ausdruck der Wahrheit:„Vei Gott er hat's hin⸗ genommen, als hätte er's erwartet. Auf einem Schanz⸗ korbe ſigend, nickte er ſtumm mit dem Kopfe, faltete die Hände und ſagte erſt lange nachher: Ich ſoll eben nicht glücklich ſeyn. Wohlan denn!— So ſchieden wir als gute Freunde.“ —„Als gute Freunde?“ wiederholte Angela mit zitternden Lippen:„Rynald verzweifelt und Ihr geht von ihm als rin guter Freund, nachdem Ihr ihm den Tod ge⸗ geben. Sprach ſein„Wohlan denn!“ gar nicht zu Enrem Herzen? O, mein Vater! der Himmel ſtrafe Euch nicht, aber ich wollte, Ihr wärt der Alte geblieben. Ihr betet zwar viel, obſchon nicht zu den Heiligen; Ihr ſingt 0 181 andächtige Lieder und habt die ausländiſchen Verwünſchun⸗ gen Euch abgewöhnt; aber eben ſo wenig mir die letztern gefielen, eben ſo wenig gefalleu mir Eure Pſalmen, denn ich fürchte, Ihr habt auch Eure Herzensgüte und Menſch— lichkeit verlernt. Möge es Euch nie gereuen!“ Angela ſetzte ſich und ſtützte das Geſicht in beide Hände.— Lüdger war geſchlagen. Sein Eigenſinn hielt nicht aus gegen die Trauer ſeines geliebten Kindes. Doch wußte er nicht, wie das Einverſtändniß wieder herzu⸗ ſtellen ſeyn möchte. Er trippelte umher und jagte um⸗ ſonſt nach einem vermittelnden Scherze; er hob die Hände, um Angela's Wangen zu ſtreicheln, aber er ließ ſie wie⸗ der ſinken, da ihm die kindiſche Liebkoſung, dem ernſten Gram der Tochter gegenüber, plößlich nicht zuläßig vor⸗ kam. Endlich verfiel er auf den Ausweg aller ſchwachen Seelen. Er tröſtete die Leidende mit der Veränderlich— keit zukünftiger Tage; er ſchob die Sache in's Weite. Es könne ſich Alles noch ändern, eine Zuſage ſey noch immer kein Eid, es daure wohl noch lange, bis Herr Gerlach es zum Bürgermeiſter gebracht haben würde,— der Herr könne über den, allen Gefahren ausgeſezten, Kriegsmann zu jeder Stunde gebieten,— und was der faulen Troſtgründe mehr.— Angela antwortete denſelben nicht. Uum ſo begieriger ſah und horchte ſie auf, da juſt Derjenige, von dem geſprochen worden, Derjenige, der ihr Herz ganz erfüllte, ſich unerwartet zeigte. Rynald, in der völligen Rüſtung ſeines neuen Standes, trat eilfertig ein. Wie verändert war ſein Geſicht! die gutmüthigen Augen wie ſtreng und ſtarr! wie rauh ſeine Stimme! „Nehmt nicht übel, daß ich ſtöre,“ ſagte er, Angela's Blicke vermeidend:„Einem ehemaligen Freund des Hau⸗ ſes mag erlaubt ſeyn, zur böſen Stunde mit gutem Rath zu kommen.“ „Einem ehemaligen Freunde,“ fragte das Mädchen 182 ſchmerzlich, und ſtreckte ihm die Hand zum Willkomm entgegen. Er erwiederte den Gruß flüchtig, nur von einem einzigen ſchweren Gedanken beſchäftigt, und fuhr fort:„Sperrt Euch im Hauſe ein, verlaßt es nicht, Jungfer. Wenn nur die Hälfte von den aberwitzigen Gerüchten, die in der Stadt umherlanfen, ſich bewährt, ſo muß der heutige Tag eine neue Umwälzung bringen, wenn nicht eine blutige Schlichtung längſt verwickelter Händel. Der Markt wird abermals der Schanplatz wil⸗ der Unordnung ſeyn. Und nur der Allmächtige weiß, wem der Sieg anheimfällt, weil Brüder gegen Brüder, Blinde gegen Blinde ſich bewaffnen.“ „Neue Unrnhen!“ klagte Lüdaer:„hätten wir nur dieſe Unglücksſtadt im Rücken! Hätten wir nur ange⸗ nommen, was der gute, fremde Innker, des Biſchofs Edelknecht, uus ſo treuherzig geboten...!“ „Wünſcht es nicht,“ fiel ihm Rynald hart in die Rede: Verſprechen und halten iſt zweierlei.“ „Wie?“ rief Angela änaſtlich,„hätte das Glück den muthigen, den tollkühnen Jüngling im Stich gelaſſen? Sprich, Rynald; wirf von Dir die Froſtigkeit, die nicht in Deiner Natur liegt. Sey freundlich mit uns, den Freunden, und bernhige mich über des Junkers Schickſal.“ „Ihr könnt ruhig ſeyn,“ erwiederte Rynald mit ge⸗ runzelter Stirne. „Du haſt ihn beſonnen und edel aus der Gefahr ge⸗ bracht?“ „Er iſt hinans,“ ſagte Rynald unſicher, halb abge⸗ wendet.. „So ſey bedſtt, Du wackrer Mann ohne Falſch, ohne Rachſucht! fuhr Angela fort, und ihre Augen leuchteten vot Freude, da ſie ihm näher trat:„Du haſt, wie ich's erwartete, mir zu liebe, die Prüfung beſtanden, die nicht meine Laune, ſondern das Schickſal Dir auf⸗ gegeben.“ 183 „Ich bin Euers Danks nicht würdig, Jungfer,“ ver⸗ ſetzte der junge Mann mit zweideutigem Achſelzucken, konnte ſeine Bewegung kaum verbergen. Angela erbleichte vor ſeinen ſtörriſchen Antworten, und Lüdger ſchalt gutmüthig:„Ach, Rynald, ſteh' nicht da, wie ein Heiliger von Holz, rede doch nicht, wie ein maulfauler Kanzleiſchreiber zu der armen Clientin redet. Siehſt Du nicht, daß mein Engelein Deine Grobheit nicht gut verträgt, daß ſie ſchier ohnmächtig wird? Du biſt ein ächter Weſtphale, der die Höflichkeit unter die Todſünden rechnet. Wüßteſt Du, wie ſich dieſe arme Dirne um Deinetwillen abgrämt, wie ſie mir nicht min⸗ der das Leben ſauer macht, und mich einen Wüthrich ſchilt, juſt da ich vermeinte, der zärtlichſte Vater zu ſeyn — wenn Du wüßteſt, wie ich bereue. ja ſo, das ſollte ich eigentlich nicht ſagen... „Vollendet! vollendet!“ bat Angela, an ſeinem Halſe hängend. Rynald ſtaunte, lauſchte;— die mit Gewalt zurückgedrängte Liebe ſtieg wieder in ſeinen Augen, auf ſeiner Stirne empor, übergoß ſeine Wangen mit dem Roth der Mairoſe. Da wurde Lüdgers Wallung unterbrochen. Eliſabeth, im Schleier der Wittwe, führte ſich ein, und betrachtete mit Befremden die Stellung, worinnen ſie die Anweſen⸗ den fand. Vor Rynald die Angen niederſchlagend, ſagte ſie zum Maler:„Ich wollte, wenn es Euch genehm wäre, mein ddes Tranerhaus auf einige Tage mit der angenehmen Geſellſchaft Eurer Tochter vertanſchen?“ Ehe noch Lüdger antworten konute, umarmte Angela ihre Freundin, und ſprach ſie zärtlich an:„Gott hat die Bürde von Dir genommen; hilf daher, Du Glückliche, zu meinem Glücke. Steh' mir bei, den Vater durch mein Flehen zu erweichen. Bitte ihn, daß er mich und Rynald ſegne.“ „Dich und Rynald?“ fragte Fliſabeth bekümmert. 184 Rynald, der die Einmiſchung der Dritten nicht ertragen mochte, ſagte zu Angela:„Bedarf es einer Fremden, wenn Dir Ernſt iſt, mir Wort zu halten? Beſtätige mir, meine Angela, was ich ſo gerne glauben möchte, trotz der Zweifel, die mir der böſe Geiſt aufdringt: ſage, daß Du nur mich, mich ganz allein in Deiner Seele trägſt, daß Dir außer mir Alles in der Welt, ob Graf, Ritter oder Junker, gleichgültig iſt,— und baue dann feſt auf unſerer Liebe Rechte und Bitten, die der gütige Vater nicht verkennen, nicht verweigern wird.“ Angela erwiederte:„Was ſoll Dir heute ein Ge⸗ lübde, Rynald, ſobald Du glauben kaunſt, ich hätte vor wenigen Tagen, da ich Dir mein Herz öffnete, gelogen und Dein Vertrauen mißbraucht? O Rynald, mein Freund, ſo wahr als meine Liebe zu Dir, ſo wahr, als mein Vater das Jawort, das uns beglücken würde, auf ſeiner Zunge trägt— ſo wahr iſt es, daß nur der böſe Geiſt der Verwirrung und des Mißtrauens, welcher ſich Deiner bemächtigte, ein Hinderniß und Feind unſerer Ver⸗ einigung iſt. Stehe ab von dem ſchlimmen Blendwerk, das Deine Vernunft betäubt, und Deine Kräfte verzehrt. Sag' ab dem Bunde, der Dich verſtrickte, und ich will noch unter den Schrecken des Aufruhrs und der Belage⸗ rung die Deinige werden!“ „Was forderſt Du?“ fragte Rynald finſter. Eliſabeth, von Unruhe und Kummer gepeinigt, zog ſich von Angela zurück. Plötzlich rief ſie aus:„Hört Ihr denn nicht? Schlägt die Glocke nicht Sturm?“ Sie lauſchten einen Angenblick. Die Brandglocke, die einzige, die auf der Lambertkirche gelaſſen worden, läu⸗ tete. Auch die Rathhausglocke wurde gezogen. „Das Verhängniß ſchreitet einher,“ ſagte Rynald mit einem ſchweren Seufzer:„Nehmt Eure Waffen, Meiſter zum Ringe. Geht mit mir. Laßt ſehen, was der Himmel und ſeine Geſandten uns heute beſcheeren. Ich bringe den Vater unverletzt nach Hanſe, Angela, oder ich kehre ſelbſt nicht wieder. Verriegelt die Thüren, ihr Weiber. Es könnte ernſtlich zum Gefechte kommen.“ Er reichte ſeiner Freundin die Hand wie einer, der eine lange Reiſe unternimmt, und von der Heimath ſchei⸗ det Lüdger, der vor Schrecken blind, bald ſeine Parti⸗ ſane, bald ſein kurzes Schwert nicht gefunden, und end⸗ lich nur mit Mühe ſeine Rüſtung vollendet hatte, herzte ſein Kind, als ginge er, auf ſein Sterbebette ſich zu legen. „Sage mir,“ fragte Eliſabeth die troſtbedürftige An⸗ gela:„Haben denn die Jahre, hat denn mein Elend mich ſo ſehr verändert, daß Rynald auch nicht mit einem Ge⸗ danken ſich meiner erinnerte?“ „Du kannteſt ihn?“ ſagte Angela zerſtreut. „Er kam öfters zum Vater, der ihm zweimal die Woche Freitiſch gab; damals gönnte er mir oft die Ehre ſeiner Anrede. Hente behandelt er mich, als hätte er mich noch nie geſehen.“ „Ach, Eliſabeth!“ rief Angela voll mädchenhaften Vertrauens:„Er hat mich ſo lieb, und Alles iſt uns hinderlich! Vergib ihm ſeine Unart, um ſeiner Liebe willen!“ »Ja; ich ſahs. Du wirſt von ihm geliebt! Du biſt glücklich, ſelbſt im Leiden!«“ Nach dieſen verbitterten Worten machte ſich Eliſaberh an das Geſchaͤft, die Thü⸗ ren zu verwahren, wie Rynald geheißen.— Dann ſagte ſie zu der in Gedanken verſunkenen Angela:„Komm in die Kammer; wir ſehen von dort aus bequem auf's Rath⸗ haus, und mich dünkt, als rennte alles Volk dem Rath⸗ hauſe zu.“—— Es war freilich auf den Straßen eine allgemeine Bewegung. Die verſchiedenſten Partheinngen erſchienen am Tageslicht, als hätten ſie ſich das Wort gegeben, einander in die Augen zu ſchauen. Doch war eine friedliche Berathung, obgleich unter Waffen, eher zu ver⸗ muthen, als ein wilder Streit; denn ohne Geſchrei und Drohung ſchaarten ſich die Bürger der verſchiedenen Quar⸗ tiere auf dem Markte, und ein Jeder wartete mit Ge⸗ laſſenheit der Eröffnungen, welche die Obrigkeit zu machen hatte. Die Bürgermeiſter, Räthe und Zunftmeiſter der Stadt waren, ſelber ungewiß und nengierig, lange auf dem Plaßze, als Matthieſen erſt auftrat, umgeben von dem Troß williger Helfershelfer, der ihn beſtändig bei ſolchen Anläſſen zu begleiten pflegte.— In der Mitte dieſer Trabanten ſtanden vier gebundene Männer, an ihrer Kleidung als Söldner der Stadt zu erkennen. Der Harlemer, in ſeinem rauhen Gewand von Fellen, bewehrt mit einem mächtigen Spieße, trotzig wie ein Goliath, befahl, eins der Geſchütze zu löſen, die vor der Domkirche aufgeſteut waren. Kaum war der Donner deſſelben verhallt, als die tieſſte Stille in allen Reihen herrſchte.— Der Prophet ſprach:„Ich ſtelle in dieſen gefangenen Leuten vier Verbrecher vor die Gemeinde des neuen Iſrael. Sie haben ſich geſtern in Riemenſchneiders Hauſe die gröbſten Ansſchweifungen erlaubt, die zum Himmel um Rache ſchreien. Nicht genug, daß ſie den Wirth und ſein Weib mißhandelten, weil er ihnen, nach unſerm Gebot, keine Getränke mehr reichen wollte,— ihnen, den Trunkenen;— ſondern ſie haben auch in ihrem Frevelmuth die Obrigkeit und die Propheten ge⸗ läſtert. Die Macht gebrauchend, die der Herr mir bei⸗ gelegt, ließ ich die Läſterer fahen, und verlange als ein abſchreckend Beiſpiel ihren Tod. Voͤllerei und Schändung der Obrigkeit müſſen aus Zion getilgt werden, ſonſt zürnt der Vater und ſendet ſeine Plagen. Man führe daher dieſe Elenden, nachdem ſie das Volk Abrahams um Ver⸗ zeihung gebeten, auf den Domplatz, befeſtige ſie an den großen Lindenbaum, und ſchieße ſie mit Pfeilen und 187 Kugeln zu Tode. Dieſe Strafe, eine neue in dieſen Mauern, iſt mir heute Nacht vom Vater eingegeben worden.“ Vor dem unerwarteten gräulichen Spruche wurde an⸗ fangs kein Mund laut, die Verurtheilten ausgenommen, die erbärmlich heulten und das Volk um Gnade an⸗ ſchrieen. Die Trabanten des Propheten, begierig, ihre Ge⸗ ſchicklichkeit als Pfeil⸗ und Feuerſchützen an den Schlacht⸗ opfern zu zeigen, wollten ſie bei den Schultern fortreißen. — Da rührte ſich ein Haufe von Handwerkern.„Es iſt Zeit, Hubert, es gilt jetzo!“ murmelten mehrere Stimmen darunter, und der Schmied Hubert Rüſcher ſprang beherzt in den Kreis hervor. Mit der Beredtſamkeit des Grolls, des lang verhal⸗ tenen, wann er endlich alle Dämme durchbricht, zog der kühne Mann den Propheten zur Rechenſchaft.„Wer wagt es, dieſe armen Leute auf das Wort des Holländers zur Strafe zu ſchleppen? Wer ſeyd ihr, meine Brüder und Mitbürger, daß ihr dieſe Gewaltthat duldet? Wo iſt der Beweis, daß ihr Vergehen wirklich ſo ſchwer geweſen, als dieſer Mann euch vorſpiegeln möchte? Wo iſt ein Zei⸗ chen, daß der ſogenannte Prophet ein Mann der Wahr⸗ heit? Höre mich, Du hochmüthiger Fremdling, hört mich, ihr guten Leute von Münſter! Hat ſich denn nur einmal wirklich beſtätgt, was der Burſche von Harlem geweiſ⸗ ſagt? Unterſucht erſt die Kundſchaft und das Leben dieſes Prahlhanſen, ehe ihr auf ſein Geheiß Biederlenten das Leben abſprecht. Iſt es nicht unverſchämt, daß ein ver⸗ logener, abgeſchmackter Menſch ſich einen Propheten nennt? daß er, der ſelbſt ein unwiſſender Pfuſcher, andern Leuten ein Lehrer ſeyn will? daß er, ein hergelaufener Land⸗ ſtreicher, ſich über uns erhebt? daß er, ein abgehauster Bäcker, nach unſerer Habe trachtet, und ſich das Regi⸗ ment einer Stadt anmaßt, deren Gewohnheiten er nicht kennt? Sind wir nicht Narren, daß wir einen Tropf, wie dieſen, der uns ſo Vieles vorgelogen, für einen Pro⸗ pheten halten und ihm unterthan ſind? Ein Lügner und Betrüger iſt er, und wenn Einer das Gericht verdient, ſo iſt er's allein. Das behanpte ich, und gälte es mein Leben!“ Die bisher ungewohnte Aufrichtigkeit, womit Hubert dem gefürchteten Apoſtel zu Leibe ging, erregte bei den Einen Entſetzen, bei den Andern beifällige Zuſtimmung. Der Handwerker Murren wurde lauter, der Drabanten Eifer nahm ab. Unthätig, aber mit ſchadenfroher Er— wartung, ſahen die Patrizier zu. Aller Augen durchbohr⸗ ten den Propheten; von ſeiner Stärke allein hing ſein Daſeyn ab. Er war der Mann, von ihr Gebrauch zu machen. Blitzſchnell, wie ein erzürntes Raubthier, fiel er über den Schmied her, ſchlenderte ihn zu ſeinen Füßen nieder, trat ihm auf den Nacken, und ſchwang ſeine Partiſaue. „Es gilt Dein Leben, Du haſt nicht gelogen, Du Gott⸗ loſer und Bundbrüchiger. Weiche aus der Zahl Iſrael! Die Zeit iſt da, daß das Gericht vom Hauſe Gottes an⸗ fange!“ Sobald er dieſe Worte gellend ausgerufen, ſtieß er dem Armen die ſchwere Partiſane durch den Rücken. „Weh mir! Jan Bockelſon, wo bleibſt Du? meine Brüder. wo ſeyd ihr?“ ächzte der Gemordete, ge⸗ krümmt zu den Füßen ſeines Würgers. Aber alle Haͤnde waren erlahmt, alle Geſichter blaß, aller Muth dahin. Zwar traten endlich aus dem Kreiſe Tilbeck als Sprecher der Erbmänner, Redecker als Wort⸗ führer der Handwerke, und verſuchten eine Klage, einen Vorwurk, einen Tadel. Der Erſte war aber zu erſchrocken, der Zweite zu weitſchweifig.„Stille ſeyd,“ herrſchte ihnen Matthieſen wie ein Löwe zu:„Zittert, Verſchwörer! auch an euch kommt das Gericht, wenn ihr nicht Buße thut!“ „Verſtummt nicht!“ rief Gerlach von Wulen, an Lil⸗ vecks Seite tretend:„Rührt eure Waffen, Freunde. Zer⸗ 189 ſchmettert den falſchen Propheten über dem wunden Leibe dieſes Märtyrers!“ „Das Feuer des Leibs über euch, ihr Heiden!“ ſchrie Matthieſen; und aus dem Volke, das von beiden Seiten Platz machte, lief Jan Bockelſon hervor, geſträubten Haars, rollenden Auges, ein breites Nachrichterſchwert in den Fänſten.„Sieg dem Herrn, Sieg der Gerechtigkeit!“ jauchzte er, wie beſeſſen:„Die Gewalt iſt mir vom Va⸗ ter gegeben, daß durch mn Schwert ein Jeder umkomme, der ſich den göttlichen Befehlen zu widerſetzen wagt.“ Er ſchwang die Waffe um ſein Haupt, und fügte hinzu:„Hu⸗ bert ſoll ſterben, und nicht einen Tag mehr leben!“ Hubert hörte, mit dem Tode kämpfend, dieſe Rede. Er hob den Kopf mühſam und reckte die Hand auf: „Jan! was haſt Du mir verſprochen?“ röchelte er.— „Er lebt noch?“ fragte Matthieſen mit wiederkehrendem Blutdurſt, riß dem Nächſtſtehenden das Gewehr aus der Hand, und durchſchoß den Schmied, daß er den Geiſt aufgab. Es war, als ob ein Volk von Todten den Hingerich⸗ teten umgäbe; Alle waren unbeweglich und blickten ſtier, kis auf den Anhaug der Propheten, der ſich tobend er⸗ mannte, und, ſeine Heldenthat nicht zu verſäumen, die vier Sölduer auf den Domplaßz ſchleppre. Bald hörte man die Schüſſe knallen, die jenen Unglücklichen das Leben raubten. Matthieſen ſprach indeſſen zur erſchütterten Menge:„Seht hier ein Exempel göttlicher Gerechtigkeit. Beſudelt euch nicht mit den Laſtern der Geſtraften, und reißt die böſen Gedanken, die ihr hegt, ſammt der Wur— zel aus euern Herzen.— Zugleich aber, meine Brüder, überlegt, wie ſchwach und erſchöpft die Macht eurer welt⸗ lichen Vorſteher im Staube liegt. Es wäre ihnen nie gelungen, den Drachen zu erſchlagen, wie der Herr durch mich gethan. Hört auch die Worte meines Mitbruders im Prophetenamte, der lange mit dem Vater geredet hat. Gleichwie Moſes in Sinai's Flammen das Geſetz empfing, alſo hat der Herr in feurigen Geſichten ſeinem Diener Jan Bockelſon einen neuen Bund geſchrieben.“ Da nun die Verſammelten ihr Ohr und Ange dem Seher von Leyden zuwendeten, nahm dieſer eine betrübte Miene an, verneigte ſich mit ausgebreiteten Armen gegen den Himmel, zu dem er emporſah, und ſagte zum Er⸗ ſtaunen der neugierigen Zuhörer:„Ein Anderer rede. Mein Mund iſt noch verſiegelt. Peter Bluſt von Am⸗ ſterdam, Duſentſchuer von Warendorf! gebt ihr ein Zeug⸗ niß, wenn eure Zunge nicht verbunden iſt!“ Die Angerufenen näherten ſich tiefſinnig. Peter Bluſt warf ſich auf den Rücken nieder, und ſchrie gen Himmel: „Es ſoll Friede ſeyn auf Erden; haltet Friede, Volk Iſrael!“ Ihm gegenüber ſtand Duſentſchner, die Zeigefinger gegen die Wolken gerichtet:„Der Herr will Richter und PVelteſte in Iſrael ſetzen!“ „Der falſchen Propheten Ende iſt da!“ fuhr Peter Bluſt fort,„ſie brüten Baſiliskeneier, und würken Spinne⸗ weben. Wer von den Eiern ißt, muß ſterben, und ihr Gewebe deckt unſere Blöße nicht!“ Worauf Duſentſchner:„Was erhöht iſt, muß ernie⸗ drigt werden. Legt ab eure Ketten von Gold, ihr Bür⸗ germeiſter und Räthe von Zion. Ich will die zwölf Aelteſten nennen, die der Herr erwählt hat.“ Dann Peter Bluſt:„Ein Richter über Alle, und wählt zwiſchen dem falſchen und dem gerechten Propheten!“ „Bei allen Sternen! was ſchwahen die Thoren? ver⸗ ſtehſt Du ſie?“ fragte Matthieſen, der ganz andere Weiſ⸗ ſagungen erwartet hatte, ſeinen Mitapoſtel heimlich. Jan ſchwieg. Duſentſchuer rief eifriger:„Ein Wunder entſcheide und die Kraft des Herrn wird ſtehen bei ihrem auser⸗ wählten Kuechte.“ 191 Eine Unzahl von Fremdlingen, die nur der Gelegen⸗ heit harrten, mit ihren Anſprüchen an die Reihe zu kom⸗ men, beſetzten tumultuariſch alle Zugänge des Markts, und rottirten ſich um den alten Duſentſchuer und um Bo⸗ ckelſon, Knipperdolling, der da meinte, Matthieſens Spiel zu unterſtützen, legte feierlich ſeine Würde nieder; ſeine Anhänger im Rathe thaten desgleichen.— Rottmann, gleichfalls einverſtanden, ermahnte das Volk, zu gehor⸗ chen, damit nicht um der Schuld eines Einzelnen willen das gemeine Weſen den Zorn des Vaters auf ſich ziehen möchte.— Der Pöbel, jeder Veränderung geneigt, ſchlug ſich ohne Säumen auf die Seite der Propheten, und mauche des Raths wurden mit Gewalt ihrer Inſignien entkleidet. Die Handwerker, eingeſchüchtert durch den Tod ihres Geuoſſen, und zufrieden, der Erbmänner Entwürfe vereitelt zu ſehen, reichten der neuen Ordnung die Hände; die Patrizier und Kaufleute ſtanden verlaſſen, muthlos in Ungewißheit. Da jedoch Duſentſchuer alsbald die Namen der zwölf Aelteſten nannte, und— weil ſie geſchickt aus allen Stän⸗ den der Burgerſchaft und der Fremden gewählt waren— auch die Erbmänner des Tilbeck und des Gerlach von Wulen Namen darunter fanden, ſo beruhigten ſie ſich, hoffend auf weitere Veränderungen. Dergeſtalt wurde das Volk einig, die von Gott ſelbſt eingeſetzte Obrigkeit anzunehmen, und den ſchwerſten Stand hatte gerade nur Matthieſen, der ſich verrathen, ſeine Liſt geſcheitert und die größte Gefahr vor Augen ſah, als Duſentſchner, nachdem er einem Jeden der Aelteſten der zwölf Stämme Iſraels ein Schwert der Gerechtigkeit ausgetheilt hatte, folgenderweiſe zum Volke weiter redete: „Ein Richter über Alle, hat der Herr geſagt. Aber er will, daß aus der Wahl zwiſchen beiden berufenen Pro⸗ pheten, Jan Matthieſen und Jan Bockelſon, ſeine Ver⸗ herrlichung hervorgehe. Matthieſen ſtrebt nach der Gewalt, 192 Bockelſon verweigert ſie. Der Eine hat Zuverſicht, der Andere Demuth. Der Stolze, ſagt der Herr, zeige, was er werth iſt. Nur ein Held mag in Zion gebieten, nur ein Wunderthäter mag ein Statthalter des himmliſchen Königs ſeyn. Jan Matthieſen! beweiſe, daß Du ein Ge⸗ ſandter Gottes biſt, und der Stab der Gewalt ſey Dein!“ „Thu' ein Wunder! thu' ein Wunder, befreie die Stadt von den Aſſyrern! Weun Dein Gebet ein from⸗ mes iſt, wirſt Du ſiegen!“ heulte Peter Bluſt ſehr kläglich. Der Anſtoß wirkte. Die große Menge des Volkes, Gläubige und Ungläubige, Fromme und Spötter, verei⸗ nigten ſich in dem betäubenden Geſchrei:„Ein Wunder, ein Wunder, Mann des Herrn! Du haſt deren verheißen, verrichte ſie jetzo. Zerſtäube das Heer der Widerſacher, befreie, befreie die Stadt Gottes, wenn Dich Gott ge⸗ ſendet hat!“ Matthieſen war verwirrt. Die Wendung des Auf⸗ tritts beunruhigte ihn. Ein Schritt wie gegen Hubert war nicht mehr zu wagen. Duſentſchuer ſtand geſchirmt von Lanzen. Jan ſchien keinen Antheil zu nehmen, war unangreifbar. Ueberredung oder eine kühne That konn⸗ ten indeſſen allein helfen. Der Bäcker verſuchte— ob⸗ wohl nicht darin geübt— die erſtere, indem er heuch⸗ leriſch ſchluchzend ausrief:„Der Prüfungen ſind viele, und ihr verlangt von mir, was ſelbſt der Sohn des Va⸗ ters ſeinen Quälern verweigerte, da ſie ſagten: Hilf Dir, wenn Du Gottes Sohn biſt? Kurzſichtige! begeben ſich nicht täglich Wunder vor euern Augen? Ihr wart ge⸗ feſſelt, und ſeyd wunderbar befreit worden; ihr wolltet euch würgen untereinander, und Wunderzeichen haben euch verſöhnt; ihr ſeyd heidniſch geweſen, und Mirakel haben euch bekehrt! Was redet ihr von Belagerung, die ihre Zeit hat, wie jedes Ding auf Erden? Thut nicht in die⸗ ſen Aengſten ſelbſt der Herr Wunder für euch? Ihr, die Bedrängten, ſchwimmt im Wohlleben, und die Feinde im 193 Lager verhungern; eure Frömmigkeit wird ſogar von den Gegnern gelobt, und die Biſchöflichen werden Räuber ge⸗ ſcholten; zu euch kommen Tag für Tag Biederleute, die von euch den Glauben lernen wollen; der Biſchof ziert dagegen ſein Lager mit Galgen und Rad für ſeine eige⸗ nen Söldner, um ſie von Miſſethaten, wegen deren alle Welt ſie meidet, abzuſchrecken. Waren eure Ausfälle bis⸗ her nicht immer ſiegreich? waren die Anläufe des Fein⸗ des nicht immer fruchtlos, ſelbſt bei den ſchwächſten Schanzen? Steckt nicht das Roſenthaler Kloſter voll von Gefangenen, die ihr dem Biſchof abgenommen, und hat der Feind nur einen einzigen von euch, ihn gegen jene auszuwechſeln? Krankheit und Hunger im heidniſchen La⸗ ger, in Zion Ueberfluß und Geſundheit; Murren und Be⸗ ſchämung, Todte und Gefangene auf jener Seite, auf der unſern Verheißung und Zuverſicht, denn wir vermiſſen, ſo zu ſagen, keinen Streiter! Bedürfet ihr größerer Wun⸗ derwerke?“ „Das Alles hat Gott gethan, der uns erwählte. Welche aber ſind unſere Thaten?6 ſeufzte Peter Bluſt ſo vernehmlich, daß alle Umherſtehenden es hörten, und mit Donnergebrauſe kam aus dem Volke die Frage zurück: „Welche ſind Deine Thaten, Matthieſen? Daß wir ge⸗ plündert wurden, iſt Dein Werk!“ „Allen ſoll mit gleichem Maße gemeſſen werden, meine Brüder!“ Der Wind jagte vom Domplatz einen dicken Rauch⸗ qualm daher.„Dort brennen unſere Bücher, unſere Schrif⸗ ten, unſere Dokumente auf Dein Geheiß!“ ſchrie das Volk. „Nicht die Gelehrten gehen zum Vater ein. Wir müſſen werden wie die Kinder!“ Knechte des Raths ſchleppten muldenweiſe Kleinodien und Geſchmuck der Weiber in das Rathhaus. Die ge⸗ hrandſchatzten Frauen folgten in dichten Haufen, jam⸗ Der Koͤnig von Zion. II. 15 194 mernd:„Auch unſer Letztes raubt uns der Prophet! Sollte das des Himmels Wille ſeyn 2“ Nun traten die Feinde des Matthieſen in Menge vor, und forderten im Namen der Stadt, daß er ſeine Sen⸗ dung bewähre, und die zwölf Aelteſten thaten den Spruch, er ſolle, wenn er's vermöchte, das bedrängte Münſter ſeiner Feinde entledigen, ohne zu ſäumen, denn es ſey der Wille des Herrn, daß ſein Knecht ein Wunder ver⸗ richte. In ſolcher Verlegenheit winkte dem unentſchloſſenen Harlemer ein Mann aus dem Pöbel, und zeigte ihm einen Brief. Matthieſen begehrte, eine Viertelſtunde lang ſich mit dem Vater berathen zu dürfen, und begab ſich in die Halle des Rathhauſes. Der Träger des Briefs ſtellte ſich bei ihm ein: Helcueper, der Flickſchneider. Mit ge⸗ heimnißvollem Weſen gab dieſer dem Propheten ſein Schrei⸗ ben, und meldete, ein ihm bekannter Mann, den er ſehr erkrankt vor dem Hörterthore getroffen, habe ihn, der von einer Streife heimkehrte, um aller Seligkeit willen angefleht, den Zettel dem weiſen Manne Jan Matthieſen unverzüglich zu überbringen.— In dem Zettel ſtand aber geſchrieben:„Iſelmud grüßt Dich in des Herrn Liebe und Gnade. Die Helfer ſind, ſechstauſend Mann ſtark, hente in unſern Geſichtskreis gekommen. Sie haben Zwoll und das Kloſter am Berge erobert, ſind dann ohne Schwertſtreich bis hieher gezogen. Die Wachen des La⸗ gers vor dem Lüdgerthore ſahen ſie ſchon, da ſie die Lagerreihe umkreisten. Die Heiden rüſten ſich.— Ich kann, plötzlich erkrankt, nicht zur Stadt zurück und ver⸗ traue dieſen Brief getreuen Händen. Fall' aus. Wieder⸗ ſehen im Siege!“ Die Frende blitzte aus allen Zügen Matthieſens.„Wer gab Dir dieſen Brief?“ fragte er.—„Berendt Moſer, der Schreiner,“ antwortete Helcueper dreiſt.—„Du biſt ein wackerer Sohn Zions. Kaum hätte ich erwartet, von 195 Dir etwas Gutes zu hören. Wenn ich mich wohl be⸗ ſinne, ſo hab' ich Dir einmal eine Bitte abſchlagen müſſen 24 »Denke nicht daran, Vater Matthieſen. Man kann ja nicht allen Leuten zu Dank leben, und was konnteſt Du dafür, daß ich hungerte? Das iſt zum Lachen.“— „Wenn ich eine Tonne Goldes beſäße, Lieber, ich theitte ſie jetzo mit Dir.“—„Ha, ha, das wäre zu viel, Va⸗ ter Matthieſen. Es iſt ſchon gut und freut mich, wenn ich Dir Gluͤck gebracht habe.“ Helcueper machte ſich la⸗ chend aus dem Staube. Matthieſen ging wie ein Ueberwinder, ſo leicht und ſtolz, hinaus auf den Markt.„Der Vater erlaubt,“ ſagte er,„daß ich ſeine Macht verkündige, und ſeine Feinde beſchäme. Ich erbiete mich, zum Lüdgerthore hin⸗ aus, dem Biſchofsheer entgegen zu gehen, und es durch meinen Anblick und meine Aurede, wie durch meine Tapferkeit zum Weichen zu bringen. Welche von euch mir ſolgen wollen— es ſeyen ihrer viele oder wenige, — ſie ſollen zu den Auserwählteſten gerechnet werden.“ Es gab der Schwärmer und Raufluſtigen mehrere, die ſich anboten, den Zug des Propheten mitzumachen. Da jedoch der Wächter vom Lambertthurme herbeigerufen wurde, um anzuſagen, was er in dem Lager der Feinde merke, und derſelbe meldete, es zeige ſich darinnen ein großes Geläuf, das aber nicht gegen die Stadt gerichtet ſcheine, blieben manche von den erſten Freiwilligen zurück, und nur ein kleines Häuflein folgte getroſt ſeinem Führer und Meiſter. Matthieſen war freudevoll über die Mel⸗ dung des Thürmers, und ſang mit ſtarker Stimme den erſten Vers eines Pſalms ab, in welchen Geſang die Bürger und Fremden insgeſammt einſtimmten. Dann ſagte er unter dem Lärm zu Jan Bockelſon:„Ich weiß nicht, wie ich's mit Dir zu halten habe, und ahne faſt, Du wolleſt mich verrathen haben. Ich werde euch alle beſchämen. Zittre, wenn Du nicht reinen Herzens biſt. Wärſt Du indeſſen redlich geſinnt, ſo ſchicke mir baldigſt eine ſtarke gewappnete Schaar nach, daß ſie mich unter⸗ ſttze. Ich werde nur langſam vorrücken.“ „Du betrübſt mich wieder, Bruder,“ verſetzte Jan, „Gott iſt mein Zeuge, wie ich's mit Dir meine, und die Nachhut von den Tapferſten der Stadt ſoll nicht aus⸗ bleiben.“ In der That verſammelte er auch alsbald mit Hilfe Kuipperdollings einen ſtarken Haufen von Kriegern, Ry⸗ nald und Lüdger zum Ringe unter ihnen. Kaum hatte jedoch Matthieſen mit den Seinigen ſingend und betend — auch beherzter durch die Hilfsanſtalten, die ſie um ſich her ſahen, die Fallbrücke des Lüdgerthors überſchrit— ten, als Jan das Thor wieder zu ſchließen, und den Nachziehenden in den Straßen ſtille zu ſtehen gebot. Die ganze Bürgerſchaft— was nur gehen konnte— wie auch die zwölf Aelteſten der Stämme, beſeßten die Wälle, um der ſeltſamen Waffenthat Zeugen zu ſeyn. Die weite Strecke der Bollwerke vom Aegidien—- bis zum Servatiusthore wimmelte von Menſchen. Derweilen rückte Matthieſen Schritt fuͤr Schritt an dem Schützen⸗ hanſe, an den letzten Schanzen vorüber in's Freie. Der Tag war ſehr heiter, und auf dem ziemlichen Raume zwiſchen der Stadt und den Lagern Niemand zu ſehen. So kam Matthieſen, fleißig horchend, ob nicht im Rücken des Feindes Gefecht lant würde, und oft umſchauend, ob nicht die verheißene Hilfe aus dem Thore ziehe, bis zu den Trümmern verbranuter Windmühlen, die am Wege ſtanden. Er machte Halt und überlegte mit ſeinen Ge⸗ fährten, ob es beſſer ſey, gerade auf das Lager, worinnen der Oberſt Johannes Coryzer befehligte, zu ſtoßen, oder das dem Aegidienthore näher gelegene Quartier der Meiß⸗ ner zu überfallen. Das letztere ſtand in einer ſandigen Niederung, und kaum ſah man hie und da eine ſeiner 197 Zeltſpitzen hervorragen; aber die Meißner lagen dem kecken Propheten viel näber, denn auf einmal ſtürmte aus den Trümmern der Mühlen ein ſtarker Hinterhalt hervor, an ſeiner Spitze der gefürchtete Feldhauptmann Albrecht Beltz, der noch nie einem Ketzer Gnade gegeben, und am Wür⸗ gen im Gefecht, Sturm und Ueberfall die größte Freude hatte. „Halt! wohin? Ihr ſeyd des Todes!“ ſchrie er die Wiedertäufer an, und packte Matthieſen bei'm Barte. „Verrathen! verrathen! Vater, hilf!“ entgegnete Mat⸗ thieſen überlaut, und wehrte ſich mit voller Mannskraft gegen den Hauptmann. Aber ſein ungehenrer Spieß half nicht gegen den Feind, der ihn unterlaufen hatte, und bald ſtürzte der Prophet zu Boden. Die Seinigen ſie⸗ len indeſſen zu gleicher Zeit unter den Streichen der Meißner, oder wendeten ſich zur Flucht. Sie gelang nur Einem, der, weil das Thor verſchloſſen blieb, in den Gräben eine kümmerliche Sicherung fand. Die Uebrigen ſtarben als Opfer ihrer Schwärmerei, und Matthieſen theilte ihr Schickſal.— Obgleich er die Hände rang, obgleich er mit dem Zorne des himmliſchen Vaters drohte, mußte er ſein Leben laſſen.„Geh' hin zum Vater, Sa⸗ tanas!“ höhnte ein Meißner und hieb ihn in den Kopf. „Mich gelüſtet wider Dein Fleiſch!“ ſpottete ein Anderer, und durchbohrte ihn mit der Lanze.— Weil ſie wuß⸗ ten, daß der Gefallene einer der Propheten von Münſter, zerriſſen ſie ihn in Stücken, und in der darauf folgenden Nacht machten ſich einige Wagehälſe von Soldaten die grauſame Luſt, die zerfleiſchten Glieder des betrogenen Betrügers an das Lüdgerthor zu heften. Die von Münſter ſahen nur allzugut das traurige Ende deſſen, der ein Gideon zu werden verſprochen hatte, mit an. Das Mitleid wollte einen Augenblick die Ober⸗ hand gewinnen; Matthieſen und die mit ihm geſchlach⸗ teten Männer aus der Stadt wurden beklagt; und nicht 198 undentlich wurde von Verrath und Mord geredet. Es ging auf hundert Zungen die Sage umher, in der ver⸗ wichenen Nacht ſey ein Bürger au den Feldoberſt Ste⸗ dingk geſchickt worden, demſelben anzuzeigen, daß der Pro⸗ phet kommen würde, ſich blindlings in des Feindes Hand zu liefern. Andere ſchwatzten, Matthieſen ſey durch einen Brief getäuſcht worden, worinnen ihm eine mächtige Hilfe verheißen geweſen.— Das Volk weiß oft um den wah⸗ ren Zuſammenhang einer Sache, ohne angeben zu können, wie und durch wen es zuerſt zu der Kenntniß gekom⸗ men iſt. Jan Bockelſon machte all dieſem Geflüſter und Mur⸗ ren noch am Abend ein Ende. Auf dem Domplatze hieß er das heimkehrende Volk ſtehen, beſtreute ſich Haar und Bart mit Staub, zerriß ſein Kleid, und rief wehmüthig: „Trauert wie ich, um den Sohn Zions, denn ein wackeres Rüſtzeng iſt mit ihm dahingegangen! Aber freuet euch dennoch mit mir, weil Gott ein großes Zeichen ſeiner Würde gegeben.— Zwei konnten nicht herrſchen neben⸗ einander. Der dem Herrn Wohlgefälligſte ſollte der Herr⸗ ſcher ſeyn. Matthieſen, ſtärker und weiſer als ich, hatte die Wahl. Er war zum Siege beſtimmt. Wie kam es aber, daß er der Frömmigkeit weniger, als der Tapfer⸗ keit zeigte? Das iſt ein unerforſchlich Geheimniß. Je⸗ doch— ſtatt dem Herrn allein zu vertrauen, hat er auf ſeinen Muth und die Hilfe der Menſchen gepocht. Er hat nicht die Ehre Gottes geſucht, er hat nicht Bet⸗ und Faſttage ausgeſchrieben im Volke, er hat nur nach leerem Ruhme gehaſcht, und vergeſſen, von wem die Kraft und Stärke allein zu erwarten. Darum— zum Beiſpiel für Andere, und für mich, Matthieſens unwür⸗ digen Nachfolger, hat der Vater geſtraft, wo er gerne belohnt haben würde.— Fürchtet den Herrn, ihr Brü⸗ der, und ſeine Gebote!“ Jan bückte ſich, ſchüttelte den Staub von ſeinem 199 Scheitel, und ſtellte ſich, als bete er. Die Gläubigen beteten mit ihm. Die Lauen, die umherſchauten, gewahr⸗ ten mit Schrecken vor ſich den großen Lindenbaum, woran die zerſchoſſenen Leichname der erſten Widerſpenſtigen hin⸗ gen; und ſie zitterten und ſchwiegen vor dem gräulichen Exempel. Bockelſon richtete ſich nun erheitert auf und ſprach: „Ihr Aelteſte, und Du, mein Volk, hört eures Propheten wabrhaftiges Wort. Ich habe gewußt, daß Matthieſen des Todes ſterben würde. Da ich— vor einer Woche geſchah es— im Gebet, und das Geſetz des Herrn er⸗ wägend, entſchlafen war, zeigte ſich mir im Traume das blutige Bild des Matthieſen, dem die Eingeweide aus dem Leibe hingen. Eine Stimme vom Himmel rief mir aber zu:„Er iſt dem Gerichte verfallen; Du ſollt ſein Nachfolger ſeyn und nicht wanken im Guten— Mat⸗ thieſens Gewalt und ſeine Wittib ſollen auf Dich über⸗ gehen.“ Bei dieſer ſo nagelnenuen Kunde erhob ſich im Volke verwirrtes Gemurmel, das der Prophet alsbald unter⸗ brach:„Knipperdolling, mein Bruder, willſt Du ein Zeug⸗ niß für mich geben? Hab' ich Dir nicht den Traum des Herrn erzählt, da er kaum entſchwunden 26 Knipperdolling, etwas ſanmſelig, nickte mit einem kurzen:„Ja, ſo iſt's!“— Aber Krechting, der ungeſtüme Pfarrer von Gildehuus, rief in die Runde:„Bei meinem und Knipperdollings Haupte, der Prophet ſagt nur Wahr⸗ heit. Knipperdolling ſelbſt hat mir den Traum wieder⸗ erzählt.“ Das Gemurmel ſchwieg vollends, da Jan den Knip⸗ perdolling herbeiwinkte, und ihm vor allen Leuten ſein breites Nachrichterſchwert überreichte, mit den Wor⸗ ten:„Das Hohe wird erniedrigt, der ehemalige Bürger⸗ meiſter ſey zum Schwertfüͤhrer ernannt. Aber in Dir ſey das verachtete Handwerk erhöht, denn Du haſt die 200 Gewalt über alles Leben in Iſrael, und vollzieheſt den Spruch des Richters und der Aelteſten aller Stämme.— Johann Schulte, Niklas von Schmalkalden, Georg Aven⸗ hovel, Johann Seren, tretet vor! waffnet euch mit blan⸗ ken Beilen, und begleitet als Trabanten den Schwert⸗ führer von Iſrael. Ihr ſeyd fortan die vorzüglichſten Knechte Gottes, denn er ſelbſt hat heute die Obrigkeit eingeſetzt; den Tugendhaften wird ſie ein Vater, den Ungehorſamen ein unbarmherziger Züchtiger ſeyn.“ Knipperdolling nahm ſeine neue Würde wohlgefällig an, und die Aelteſten ſchickten das Volk nach Hauſe, mit der Vermahnung, dem Herrn und ſeinen Geboten treu zu bleiben. Die Zeit der Langmuth ſey vorüber, und keine Gnade mehr für den Gottloſen zu hoffen. Neunzehntes Kapitel. Jan's Erhoͤhung. Nachdenkend, wie er vor vier Jahren an jenem hei— tern Herbſttage durch die Gaſſen von Leyden gegangen war, aber weit mehr zerfallen und verſtört in ſeinem In⸗ nern, wandelte Rynald vor Knipperdollings Hauſe auf und nieder. Der blaue Himmel, der ſo mild lächelte, die Sonne, die ſo freundlich ſtrahlte, waren nicht ver⸗ mögend, die Geiſter der Unruhe zu bändigen, die in ſei⸗ ner Seele ſtritten. Manchen ſtillen Seufzer ſandte er den entſchwundenen Jahren nach, und je mächtiger ſein Trotz gegen die Wehmuth ankämpfte, je inniger drang ſich ihm dieſe auf. Es ſpielten Tauben zu ſeinen Füßen; bald ſchwangen ſie ſich fröhlich in die Luft, bald tauchten ſie nieder mit ſchwirrenden Flügeln. Rynald beneidete ſie um ihre Fittiche.„Dieſe ſind frei!“ redete es zu ihm, wie die blaſſe Reue:„Unglücklicher, Du biſt es nicht. Dieſe ſind ſchuldlos mitten in der fluch- und angſtbela⸗ ſteten Stadt; Du, Unglücklicher, biſt Du noch ſchuldlos, wie ſie 2“ Eine kläglich ausſehende Geſtalt näherte ſich dem Hauſe und dem unſtät Schreitenden:„Guten Tag, Ry⸗ nald,“ ſagte Meiſter Lüdger, und ein Schimmer von Behagen floß über ſein eingefallenes Geſicht:„Sage mir nur, wo Du ſteckſt, was Du treibſt? Die arme Angela und ich, ihr ärmerer Vater, haben uns ſchon die Angen aus dem Kopfe geſehen, ohne Deiner zu gewahren? Iſt das nicht ein trauriger Bräutigamsſtand, den Du führſt? Du biſt unſer einziger Troſt, und verläſſeſt uns ſo ganz und gar?“ „Jch war mehrere Tage abweſend, hatte eine Sen⸗ dung auszurichten,“ antwortete Rynald mürriſch.— Aber der Maler ließ nicht nach.„Zählen wir denn Dein Ver— ſchwinden von unſerer Seite, Deine Abweſenheit von un⸗ ſerem Hauſe nur nach Tagen?“ fragte er,„es ſind der Wochen etliche vergangen, ſeit wir Dich zum letztenmale geſehen.“ Mit ſich ſelber uneinig, aber endlich überwunden, ſprach Rynald:„Ich will Euch nur geſtehen, Meiſter, daß ich nicht den Muth habe, Eurer Tochter in's Auge zu ſehen. Ein Kummer, eine Lüge, wenn Ihr wolt, frißt mir das Herz ab. Ich habe die gute Angela hin⸗ tergangen, und achte mich daher ihrer nicht würdig.“ Lüdger erſtaunte ſehr, und forſchte weiter. Rynald ergriff ſeine Hand, um ſein Bekenntniß zu vollenden. „Ihr ſeyd nachſichtig, Meiſter,“ begann er:„laßt mich Euch vertranen, was mich belaſtet. Ich kann nicht zur Ruhe kommen, ohne eine aufrichtige Beichte, und folge auch daraus, was da will. Erinnert Euc der Nacht, da der junge Tollkopf von mir in Enrem Hauſe gefun⸗ den wurde. Angela machte mir's zum Geſetz, ihn aus der Stadt zu bringen; ich gelobte es, und ſtellte mich dann, als hätte ich Wort gehalten. Aber dem iſt nicht ſo. Der Knabe iſt noch hier, hier in Feſſeln, und der Allmächtige weiß, welch Schickſal ihn bereits ereilte.“ „Herr meines Lebens, was ſagſt Du? Ei, ſo erzähle, wie das geſchah. Du haſt doch nicht in wilder Neben⸗ buhlerei den armen Jungen ſelbſt zur Schlachtbank geliefert?“ 203 „Hm, nein und ja, wie Ihr's auslegt. Hört mich an. Ich ging mit ihm durch die finſtern Gaſſen, und wollte ihm über die mir anvertraute Schanze helfen. Da wollte das Unglück, daß Kerkering mir begegnete. Als einer der Stadthauptleute machte er ſeine Runde mit Mannſchaft und Fackeln. Es war nicht auszuweichen. „Wer geht mit Dir 26 fragte er und leuchtete dem Kua⸗ ben in's Geſicht. Ich hätte demſelben vielleicht dennoch den Kopf aus der Schlinge gezogen, wenn er nicht, alle Faſſung verlierend, an ſich ſelbſt zum Verräther gewor⸗ den wäre. Er wollte von meiner Seite mit dem Rufe: „Jeſus Maria! ich bin des Todes!“ entſpringen, und verſuchte, ſich mit dem Dolche gegen die Verfolger zu wehren.„Das iſt ein biſchöflicher Bube!“ ſagte Kerke⸗ rina, und ſtellte die Frage an mich, wie ich zu dem Ge⸗ fangenen gerathen ſey? Ich fand nun keine andere ge⸗ rechte Antwort, als zu ſagen:„Ei, gerade, weil er mein Gefangener iſt.“ Hätte ich anders geredet, ich würde nur meinen Hals mit dem ſeinigen auf's Spiel geſetzt haben.“ „Freilich, Rynald, freilich. Du biſt nicht zu ſchelten. Du mußt leben, für Angela leben, Rynald. Was fingen ſie aber mit dem Menſchen an? ich zittre.“ „Sie haben ihn in's Kloſter Roſenthal geſetzt, und ſeiner anfänglich vergeſſen, da der Begebenheiten zu viele ſich drängten. Ich habe öfters verſucht, ob ich dem Ar⸗ men nicht aus dem Zwinger helfen möchte, aber Knip⸗ penbroik iſt der Aufſeher des Kerkers geworden, und jede Beſtechung bei dem harten Manne vergebliche Mühe. So trug ich ſtill die Bürde meines Gewiſſens, der Zeit ver⸗ trauend; aber jede Frage von Angela's Lippen, die den Junker betraf, ſpürte ich im Herzen, als ein bohrendes Schwert. Darum mied ich ſie.“ „Du hatteſt Unrecht, Rynald. Mein Kind liebt Dich ſo ſehr, und ich habe ja nichts mehr dawider, zumal da 204 des Herrn von Wulen Bürgermeiſterſchaft in Nichts zer⸗ ronnen.“ Rynald ſchüttelte traurig das Haupt. Mußte ich, der ich Eurer Tochter ſo viel Argwohn bewieſen, nicht fürchten, ſie möchte meiner Biederkeit mißtrauen, wenn ich ihr den wahren Hergang der Sache erzählte? Sie würde mich für einen böſen Menſchen gehalten haben, der aus Rachgier freiwillig gethan, wozu ihn nur das bittere Ungefähr gezwungen. Ich bitte Euch, redet Ihr nicht davon. Ich bin ſehr unglücklich, lieber Meiſter.“ „Tröſte Dich; wir ſind es Alle. Ach, wie ſind mir die Schuppen von den Augen gefallen, Rynald? Aber der junge Edelknecht.. 24 „Das Schlimmſte kommt. Sein Leben hing an einem Haare. Vor kurzen Tagen iſt der Schwertführer in das Kloſter gekommen, das ſeit unſern letzten ſiegreichen Aus⸗ fällen, namentlich ſeit dem Sturme, den die betrunkenen Gelderer auf die Stadt verſuchten, und worinnen der Feind insgeſammt ſo grauſam auf's Haupt geſchlagen wurde, mit kriegsgefangenen Biſchofsknechten angefüllt iſt. Knip⸗ perdolling hat verlangt, daß je der zehnte Mann von ihnen den Tod erleiden ſolle, und, da inzwiſchen durch die Soldaten ſelbſt ausgekommen, daß der Junker Chri⸗ ſtoph ein Sohn des Biſchofs, ſo hat der Schwertführer auch ihn auf die Liſte der zum Tode Beſtimmten ge⸗ ſchrieben, damit dem Grafen Waldeck der empfindlichſte Herzſtoß verſetzt würde.“ „Gräulich, unbarmherzig! aber laß mich ſchweigen, Rynald, daß nicht ein unwillkommener Nachbar höre, was zu ſagen nicht räthlich iſt.“ Lüdger ſah ſich erſchrocken um, ob ſeine Worte nicht gehört worden wären. „Ich hatte nur einen Ausweg,“ fuhr Rynald leiſer fort,„ich lief zu Jan Bockelſon, den ich kenne, der mich einſt freundlich behandelte. Ich erzaͤhlte ihm, ohne Eurer und Angela's zu erwähnen, daß ich einem Freunde, der 205 dem Biſchof einſt Dank ſchuldig geworden, verſprochen gehabt hätte, den Junker entweichen zu laſſen; ich bat um die Friſtung ſeines Lebens. Der Prophet ſagte mir ſie zu. Aber— ſeit ich abweſend, haben, wie ich höre, die Hinrichtungen begonnen, und wer weiß, ob nicht auch jenes blondgelockte Haupt...2 ich kann's nicht voll⸗ enden.“ „Betrübte Zeit, betrübte Zeit!“ ſeufzte auch der Ma⸗ ler,„was man nicht Alles erleben, was man nicht Alles thun muß! So wie Du mich hier ſiehſt, liebſter Rynald, bin ich ein Hofmacher geworden. Und bei wem ſchranze ich Tag für Tag? Bei dem geſtrengen Kuipperdolling, auf daß er mir gewogen bleibe, und nicht plötzlich irgend eine Anklage auf meinen und Angela's Kopf herabſchneien laſſe; denn einer der Aelteſten— Du weißt, wen ich meine— iſt mir gar nicht mehr grün, ſeit ich ſeine Ab⸗ ſichten auf die Tochter wieder in's Weite ſchob.“ „Ha!“ fuhr Rynald auf,„ſo lange ich lebe...!“ „Pſt, pſt, behalte es für Dich, und ſieh' ſelbſt zu, daß Du nicht falleſt. Man ſagt zwar, Du ſeyeſt in viele Heimlichkeiten des Richters eingeweiht,— aber, lie⸗ ber Schatz, deſto ſchlimmer. Wer zu viel weiß, wird endlich ſeinen vertrauten Herren überläſtig. Das ſagte geſtern erſt die grundgeſcheute Schwiegermutter zur Roſe, bei der wir jetzo wohnen, da der bäueriſche Gograf von Schoppingen als wie ein Kavalier eins der Domherren— hänſer mit ſeiner Sippſchaft bezogen hat. Wir leben in der Aegidienſtraße, als wie die Mäuslein in ihrem Reſte, ſtill und verſchloſſen. Am Markte war's um des Auf⸗ ruhrs willen und von wegen der Nachbarſchaft des Herrn von Wulen nicht mehr recht geheuer, und die alte Frau bedarf der Pflege ſo ſehr! Ich habe ſie recht verkannt, die gute Altmutter.“ Lüdger wiſchte ſich die naſſen Augen. Indeſſen guckte Peter Bluſt's Marmorgeſicht aus Knipperdollings Thüre, 206 und ſprach zu Rynald feierlich:„Der Prophet hat ſein Gebet beendigt, und verlangt nach Dir, mein Bruder.“ —„Auf Wiederſehen, Meiſter zum Ringe!“ ſagte der Fähndrich ſchnell. „Werden wir Dich auch wiederſehen 2“ fragte Lüdger bekümmert, und mit wiederholtem Kopfnicken machte ſich Rynald von ihm los. Jan Bockelſon ſaß in ſeiner Stube neben der aufge⸗ ſchlagenen Bibel. Er begrüßte den jungen und gelehr⸗ ten Kriegsmann mit Freundlichkeit. Sein Geſicht war gefärbt, ſeine Augen glänzten, wie von einem wichtigen Entſchluſſe beſeelt, ſeine Rede klang nicht eintönig und frömmelnd; ſie glich den ſeltſamen Sprüngen eines glat⸗ ten Fiſches, der ſich in der beruhigten See weidlich tum⸗ melt.„Was bringſt Du mir?“ ſprach Jan den Fähn⸗ drich an,„Dein Eintritt in das Hörterthor wurde mir ſchon gemeldet.“ „Die Nachrichten ſind gut, Jan Bockelſon. Ich habe mit dem Oberſt Gerhard Münſter geredet, und er ſchien im Sinne zu haben, bald mit einem ſtarken Haufen Fuß⸗ volks zu uns überzugehen. Der Sold bleibt aus, der Biſchof hat nicht einen Dukaten mehr in ſeinem Schatz; die Hilfe von Köln und Jülich wird täglich zweifelhafter; die Statthalterin von Brabant verweigert jeden fernern Beiſtand, weil, wie ſie behauptet, die Sache ſich in die Länge ziehe, und Graf Waldeck nicht verſtehe, unter ſei⸗ nen Kriegsvölkern Mannszucht zu halten. Statt der verſprochenen Beute zu genießen, hungern die Söldner, und die Meißniſchen Fahnen, uns bisher die gefährlichſten, ſind vor allen ſchwierig. Ihr Anführer, Albrecht Belt, wäre nicht abgeneigt, ſein ganzes Lager uns zuzuführen.“ „Ein wichtiger Triumph, mein Bruder,“ lächelte der Prophet und rieb ſich die Hände,„das fehlte noch un⸗ ſerem geſtrengen Herrn Belagerer. Sie ſollen kommen, die Meißner; unſere Thore werden ihnen offen ſtehen.“ 207 Rynald ſeßzte ſeine Meldung fort:„Es iſt unläugbar, daß die Fürſten ſchadenfroh der Noth des Biſchofs zu⸗ ſehen; zugleich ſind ſie an Allem gehindert, weil das Volk in ihren Landen ſich rührt, und die ganze Welt auf unſerer Stadt glorreichen Widerſtand achtet, als auf ein von oben gegebenes Exempel.— Es iſt wahr, und iſt mir von dem Oberſt beſtätigt worden, daß die Sol⸗ daten des Biſchofs durch keine Verſprechungen ſich wollen bewegen laſſen, noch einmal einen Sturm auf die Stadt zu unternehmen. Der letzte Anfall, an dem nach und nach alle Schaaren des Feindes Theil genommen, und der für dieſelben ſo unglücklich ablief, hat viel Schrecken ver— breitet, denn er koſtete ſehr viele Leute.— Dennoch würde ich rathen, nur mit größter Vorſicht die Anführer Ger⸗ hard Münſter und Albert Beltz mit den Ihrigen in der Stadt aufzunehmen. Mich düukt, daß ſie weniger un⸗ ſern Nutzen im Ange haben, als vielmehr ihren eigenen. Sie wollen zwar nicht dem Biſchof die Stadt verrathen, denke ich, aber ſie möchten dieſelbe an ſich bringen, und als ein Pfand behalten, das ihre Anſpruͤche an den Wal⸗ deck zu ſichern hinreichte. Ich glaube nicht, mich zu be— trügen, kluger Bockelſon.“ „Du ſprichſt weiſe, mein Bruder. Doch ſoll unſere Sorge ſeyn, die Mannſchaft von den Führern zu trennen. Es iſt leicht, über Vernneinigte zu herrſchen. Deine Rach— richten erheitern meinen ſorgenvollen Kopf; ich lobe Dich. Wie ſteht es aber mit Hermann Ramers? Sie halten ihn gefangen zurück?“ „Das iſt eine dunkle Geſchichte,“ entgegnete Rynald achſelzuckend,„der Feldoberſt weiß ſelbſt nichts Genaues davon. Das Gerücht ſagt, Ramers ſey mit einem Briefe von unbekannter Hand an die Vorwachten gekommen, und habe ſich nach Ueberreichung des Zettels, der von Matthieſens tollkühnem Ausfall handelte, wieder entſer⸗ nen wollen. Doch hielt man ihn feſt, und noch heute 208 liegt er zu Wollbeck im Kerker, bis der Biſchof ihn ſelbſt verhört haben wird. Der Graf iſt wegen des Verluſts ſeines Sohns in den tiefſten Schmerz verſunken und zu jedem Geſchäft unfähig.“ „Ein zärtlich Vaterherz! Hätte ich doch nicht geglaubt, daß in eines Tyrannen Bruſt die Liebe für den Sohn ſo mächtig ſeyn könnte. Deſto beſſer. Selbſt gegen den braven Ramers würde ich den Chriſtoph nicht auswechſeln.“ „Er lebt alſo noch, Bockelſon? Das Schwert hatte noch nicht über ihn Gewalt? Rechne auf meinen getreueſten Dank, wenn Du den Unſchuldigen erhältſt.“ Jan lächelte wieder ſpöttiſch, ſeinen Kopf hin und her wiegend; dann ſagte er:„Dankbarkeit iſt ein köſtlich Ding, aber ſeltener als der Karfunkel.— Ich verdiene mit ſauerm Schweiße Deine Erkenntlichkeit. Sie ſchreien Alle nach dem Blute des Knaben; ſie ſchreien auch gegen Dich, und wollen nicht glauben, was Du von ihm aus⸗ geſagt haſt. Ich mußte ſchon mein ganzes Anſehen gel⸗ tend machen, um den wilden Knipperdolling und den Ger⸗ lach von Wulen zum Schweigen zu bringen. Der Aelteſte des Volks, der von Wulen, iſt Dir gram, mein Bruder. Warum?“ „Ich„ich weiß es nicht, Bockelſon,“ verſetzte Ry⸗ nald zaudernd.— Jan blickte ihn ſcharf an; dann ſtellte er ſich betrübt, indem er fortfuhr:„Was gehen mich Eure kleinen Zwiſtigkeiten an? Hat nicht ein Jeder auf Erden ſeine Feinde? Fehlt es mir, dem Freunde Gottes, an bittern Gegnern?— Deine Dankbarkeit, mein Bru⸗ der, iſt mir wohlgefällig wie Balſam. Der Undank ſchmerzt aber in der tiefſten Seele. Ich blute eben jetzo aus den Wunden, die mir der Undank ſchlug. Du biſt werth, mich zu rächen, dankbarer Rynald.“ „Wie es Dir gefällt, Bockelſon. Laß mich zuvor meine Aufträge vollenden. Der Oberſte warnt Dich vor dem Hauptmann Iſelmud. Er ſpielt für Dich den Spion 209 beim Biſchof, aber in der That iſt er ein Spion des Waldeck bei Dir und in dieſer Stadt.“ „Was Du ſagſt! Er befindet ſich eben hier, und hat mir Gold für den Buben Chriſtoph geboten, das ich ver⸗ weigerte. Er wird noch heute mit einem Manifeſte an alle Völker der Erde zurückgehen. Du ſollſt das Mani⸗ feſt verfaſſen. Du biſt gelehrt und in der heiligen Schrift wohl bewandert. Ich bin nur ein ſchlichter Handwerks⸗ mann, und meine ganze Kunſt beſteht darinnen, ein paar läppiſche Verſe zu machen.— Weißt Du denn etwas Sicheres von dem Iſelmud2“ „Er ſoll mit dem Schmied Mollenhecke, der Dich haßt, weil Du in Münſter befiehlſt, im Einverſtändniß ſeyn. Hundert Bürger ſeyen Willens, den Biſchof in die Stadt zu laſſen. Man murmelt von einem Mönche, der ſich hier verberge, der von einem geheimen Gange Kenntniß häbe de „Schon gut, mein Bruder. Da wir bereits den Monch und den unterirdiſchen Gang aufgeſpürt haben, ſo bleibt uns nur übrig, den Mollenhecke beim Kopf zu neh⸗ men. Die andern hundert ſterhei dem Geiſte nach ab, ſobald ihr Vordermann der Strafe verfällt. Ich danke Dir wieder im Namen Zions. Du biſt ein Biedermann. Ach, wie ſie Dich verketzern! wie ſie Dich als einen un⸗ zufriedenen Tuckmänſer verſchreien! Wenn ich nicht feſt wie Eiſen zu Dir hielte!... nun, ich werde Dich nie verlaſſen, denn Du biſt der wackerſte Iſraelit, und opferſt Dich dem allgemeinen Wohle!“ „Ja, Bockelſon, ich thue es mit voller Seele,“ ſagte Rynald treuherzig, und auf ſeine Lippen kam Vertrauen und Wahrheit,„ich thue es um einer beſſern Zukunft willen. Ich ſehe meine Hoffnungen auf Dich. Du, ein geborner Lenker des Volks, wirſt es zum Guten' len⸗ ken. Freiheit und Tugend müſſen in Deutſchland herr⸗ ſchen, nicht der willkürliche Menſch, nicht das kalte Scep⸗ Der Konig von Zion. II. 1⁴ 210 ter. Ich hoffe, ich erwarte, daß, ſobald einmal der Kranz des völligen Sieges Dein Haupt umlanbt, in dieſen Mauern das Muſterbild einer Republik erſtehen werde, herrlicher als die Republiken Rom und Griechenland. Kein Dik⸗ tator und Kaiſer! keine nebenbuhleriſchen Könige, wie zu Sparta, kein Reichthum, keine Ueppigkeit, kein Zwang, kein blutdürſtiges Geſetz! Der Herr der Himmel ſey wirk⸗ lich auch der Herr der Erde, und die Milde des Chriſten⸗ thums unſer Richtbuch. Es mag ſeyn, daß, um zu die⸗ ſem Ziele zu gelangen, noch eine Hölle voll feindlicher Tenfel zu vernichten iſt; aber Du— ich glaub' es— biſt der Mann des Siegs, und dann wieder der Mäßi⸗ gung und Demuth. Es iſt ſchön, wenn ein gewöhnlicher Menſch den Trieben des Ehrgeizes abſagt; aber es iſt Pflicht eines Herolds der Verheißung und des Heilands, alle Gewalt zu verſchmähen, und ſie in die Hände des Volks ſelber zu legen, damit es ſich friedlich ordne, als ein chriſtlicher Haushalt. Dieſe Pflicht wirſt Du, ſelber aus dem Volke, ausüben; um dieſer Ueberzeugung willen diene ich Dir und dem Streite, obſchon er mir oft zu wild, zu wüſt und blutig vorkömmt.“ Jan ließ Alles, was in Rynalds begeiſterter Aurede gerade ihn betraf, gänzlich fallen, und entgegnete fromm: „Iſt nicht immer eitel und böſe, was der Menſch thut? Er verſteht dem Vater aller Liebe nur mit gewaffneten Händen zu dienen. Aber die Gnade folgt auf die Prü⸗ fung, wie die Seligkeit auf den ſchmerzeureichen Tod. Darum iſt auch mein Herz voll von Hoffnung und Ruhe. Ich erwarte Alles nur vom Vater.— Was ſpricht man noch von den zahlreichen Taufgeſinnten, die aus Holland uns zum Beiſtand aufbrachen?“ „Leider iſt ihr Untergang kaum zu bezweifeln. Der Schenk von Teutenburg ſoll fünf Schiffe, die von den Frommen angefüllt waren, grauſam haben verſenken laſ⸗ ſen. Einzelne Rotten irren in Friesland und Weſtphalen 211 umher. Es war ein blinder Lärm, daß ein Heer unſerer Brüder ſchon in der Nähe von Münſter geſehen wor— den ſey.“ „Es war eine Nachricht von Iſelmud,“ murmelte Jan für ſich; dann fragte er laut:„Was hörteſt Du von dem Schreiner Berendt Moſer 2“ „Der Oberſt Münſter war ein Zeunge ſeines Todes. Iſelmud ſoll ihn verrathen haben, da er ein zweitesmal mit Botſchaft von Matthieſen die Stadt verlaſſen hatte. Der Biſchof ließ ihn ſoltern und verbrennen; juſt am Vorabend des Tags, da Matthieſen endete.“ Die Zufriedenheit brach nicht undeutlich aus den Schat⸗ ten hervor, womit der Seher von Leyden ſein Geſicht zu überziehen verſtand. Er wendete ſich halb von dem Fähn⸗ drich ab und ſeufzte:„Wir ſtehen alle in des Herrn Hand. Aber die Letzten ſollen die Erſten werden.— Nun zu Deinem Geſchäft, mein Freund und Bruder,“ fügte er, vom Tert abſpringend, hinzu. „Ich werde das Manifeſt getreulich entwerfen, und Dir vorlegen,“ ſagte Rynald, der den Propheten begriffen zu haben glaubte. Aber Jan ſchüttelte ungeduldig den Kopf.„Das iſt nicht, was ich meine. Du ſollſt mich an einem Undankbaren rächen, und zwar ohne Säumen.“ „Wenn ich's vermag... 26 bemerkte Rynald, ſtutzend, dieſen Mann Gottes von Rache reden zu hören. „Kannteſt Du nicht zu Leyden den Webergeſellen Rot⸗ ger Duſentſchner?— Nun, dieſer Menſch iſt hier als ein Ueberlänfer angekommen. Des Biſchofs Amtmann hatte ihn gezwungen, an den Gräben und Dämmen zu frohnen, womit der Feind ſchon vergeblich verſuchte, un⸗ ſern Wällen nahe zu kommen. Nachdem dieſe Tollheit des Werkmeiſters Offerkamp durch unſern Muth und un⸗ ſere Wachſamkeit vereitelt worden, haben die Hauptleute im Lager den Rotger zu den Musketenſchuͤtzen gezwungen. Bald darauf hat er— vorgebend, es ſey ihm ein Gräuel, 212 auf ſeine Landsleute zu ſchießen, zumal da ſein Vater mit uns eingeſchloſſen— die Flucht ergriffen, und wurde von uns aufgenommen. Ich befahl, weil ſein Vater etwas bei mir gilt, den Sohn mit Nahrung, Kleidern und Waf⸗ fen ans den Gemeindevorräthen zu verſehen. Ich hätte für meinen eigenen Sohn nicht beſſer geſorgt. Was thut aber nun der Gottloſe? Er treibt ſich um in Schenken und Wachtſtuben, auf Gaſſen und Märkten, und erzählt die ſchändlichſten Dinge von meinem Leben zu Leyden, ſtellt mich dar als einen Betrüger, Mörder, und als einen, der ſein Weib böslich, im Mangel verlaſſen. Noch mehr: er hetzt ſeine Freunde auf, mir als unerlaubt an⸗ zurechnen, daß ich, ſchon beweibt, im Begriffe ſtehe, Mat⸗ thieſens Wittib zu ehelichen.— Dieſe Schmähungen kann ich nicht dulden, und bitte Dich, daß Du uuverweilt in das Haus zum Falken geheſt, wo der Bube ſich aufhält, und ihn verhafteſt. Ueber das Fernere werden die Ael⸗ teſten entſcheiden.“ Verlegen erhob Rynald die Einrede:„Warum wählſt Du gerade mich, der ich mit Rotger Salz und Brod ge⸗ geſſen, unter einem Dache geſchlafen? Sind die Traban⸗ ten Knipperdollings nicht hinreichend, dieſe Verhaftung zu vollziehen, und was erwarteſt Du vom Spruch der Aelteſten? Die Lügen Rotgers magſt Du verachten: die Urtheile aller Gerichtsſtühle der Welt ſind aber nicht vermögend, die Wahrheit zu entkräften. Und es iſt doch wahr, daß Du zu Leyden eine Frau zurückgelaſſen; und wenn Du, was ich nicht glaube, wirklich im Sinne hät⸗ teſt, Matthieſens Wittwe zu Deiner Gattin zu erwählen, ſo würdeſt Du eine Sünde begehen. Wer weiß das beſſer, als Du?“ „Ich brauche Deine Lehren nicht, Magiſter von Straß⸗ burg,“ erwiederte der Prophet hochmüthig, während ſeine Augen unheimlich funkelten:„Wenn ich Dir aber ſage, daß noch heute Diwara, nach dem ewigen wunderbaren 2¹3 Rathſchluſſe des Vaters, als meine Ehefrau mir ange⸗ traut werden ſoll? Wenn ich Dir ſage, daß, weil ſeit Chriſtus kein ächter Prieſter auf Erden geweſen, alle Ehen bis daher, gleich der Taufe, ungültig, heillos, un⸗ chriſtlich zu nennen ſind? Wiederholſt Du noch, daß ich zu Leyden geſetzlich gebunden ſey?“ Dieſer unerwartete Angriff verblüffte den ehrlichen Schwärmer Rynald. Er begriff in ſeiner ſchlichten Ver⸗ nunft, welch fürchterlichen Abgrund dieſe treuloſe Schrift⸗ auslegung wieder aufreißen würde, und ſchwieg vor Schre⸗ cken.— Jan ſammelte ſich indeſſen, ließ den Faden fallen, und warf nur hin:„Es ſchmerzt mich, daß Du Dich des Dienſtes weigerſt, wozu ich Dich aufforderte. Gewißlich fehlt mir's nicht an Händen, die bereit ſind, meine Ge⸗ bote anszuführen. Schade aber um den guten Rotger! Des Schwertführers Knechte werden ihn ſchlimmer be⸗ handeln, als Du, ſein Bekanuter, thun würdeſt. Das Volk wird ihn vielleicht nicht lebendig bei dem Rath⸗ hauſe ankommen laſſen. Und ich wäͤre ſo geneigt, dem Unbeſonnenen wohl ſtatt wehe zu thun!“ „Wenn dieſes Dein Wunſch iſt, Jan Bockelſon, ſo will ich Deinen Befehl vollziehen!“ rief der Fähndrich ſchnell eutflammt von der Begierde, Frevel und Unglück zu verhüten,„Ich gehe, ich bringe Dir den Geſellen. Aber verſprich mir, daß Du ihm gnädig ſeyn wolleſt.“ „Ich gelobe es, bei Matthieſens Angedenken!— Geh' indeſſen ſchnell, mein Lieber. Ich höre die Stimmen der Aelteſten, die ſich bei mir verſammeln werden.“ „Ein guter, aber zudringlicher Schulfuchs!“ ſpottete Jan halblaut hinter dem jungen Manne drein. Dann ſchlich er zu ſeinem Kaſten, nahm aus einer Flaſche deſ⸗ ſelben einen guten Theil des aufregenden Gewürztranks, den ſie enthielt, und wartete, geſtärkt und geſpannt, ſei⸗ ner Räthe, der Aelteſten des nenen Zion.— Sie erſchie⸗ nen, in einer Reihe auftretend, trugen lange Röcke, 214 niederfallend auf die Bundſchuhe; ihre Köpfe waren un⸗ behutet, die Haare lang und ſtrack, der Bart desgleichen. Ein Jeglicher führte in ſeinen Händen ſtatt des Stabes ein bloßes Schwert.— Der Prediger in Iſrael, Rott⸗ mann mit einigen ſeiner Amtsgenoſſen, führte den Zug an, Knipperdolling mit ſeinen Trabanten beſchloß ihn. „Laſſet uns beten, daß der Herr uns erleuchte!“ ſchrie der Prophet auf, da die zwölf Männer der Stämme her⸗ eintraten, und Rottmann entgegnete mit dem vertrau⸗ lichen Blicke innerſten Einverſtändniſſes:„Der Geiſt iſt über uns gekommen, wir ſind erleuchtet worden!“ „Mein Herz jauchzt eurer Weisheit entgegen!“ hob wieder der Prophet ſehr zufrieden an, und ſtellte ſich in den Kreis, den die Aelteſten bildeten.„Was bringt Rott⸗ mann, der Knecht Gottes, in ſeinen Händen mit 24 „Ein Geſetz, das wir Deiner Andacht vorlegen und empfehlen wollen,“ antwortete der Prediger, indem er das Papier entrollte. Dem Geſetze gingen viele auf daſſelbe zu beziehende Bibelſtellen voraus.— Endlich las Rottmann mit erhöh⸗ ter Stimme:„Da demnach alle Ehen bis daher für un⸗ gültig zu achten ſind, ſo löſen wir, kraft der Gewalt, die uns vom Vater anvertraut worden, alle Ehebündniſſe auf, und erklären alle Brüder und Schweſtern für ledig und ungebunden. Einem Jeden und einer Jeden ſey indeſſen freigeſtellt, ob ſie das Band, das ſie geknüpft hatten, durch eine neue Trauung heiligen laſſen wollen, oder nicht. — Alſo ſpricht aber der Herr in ſeinen Geboten ferner:“ Nun folgten wieder viele Sprüche aus den heiligen Bü⸗ chern, bis der zweite und noch wichtigere Theil des Ge⸗ ſetzes anhob:„Da nun, um der Seligkeit theilhaftig zu werden, vonnöthen, daß die Bräderſchaft Chriſti zum Wandel der erſten Iſraeliten zurückkehre, und daß, nach den göttlichen Befehlen, die Erde ſo ſchuell als möglich eyfüllt werde, ſo heben wir die unvernünftige Beſchrän⸗ 215 kung des Eheſtandes auf und erlauben den Brüdern, ohne ſie jedoch zwingen zu wollen, mehrere eheliche Weiber zumal zu nehmen, wie ſchon Abraham und die Erzväter gethan haben.— Das Weib jedoch, das ſeinem Ehe⸗ manne nicht gehorſamte, oder das die ſittige Bewerbung eines Bruders ausſchlüge, ſoll des Todes ſterben.“ Rottmann, nachdem er das Geſetz verleſen, ſetzte mit frommen Augenverdrehungen hinzu:„Gott hat meine ſchwache Zunge in eine feurige verwandelt, denn ſie hat die mancherlei Bedenklichkeiten dieſer würdigen Verweſer des nenen Jeruſalem überwunden. Hermann Tilbeck, Gerlach von Wulen, Lambert Leodius, Peter Simſon, Heinrich Rhode, Berndt zur Moer, Lambert Bilderbeck, Antonius Güldenarm, Johann Eſtmann, Hans Oſſenbeck, Heinrich Kantus und Lamprecht Naberding! habt ihr nicht, ein Jeder von euch, Ja geſagt, und das Geſetz unterſchrieben 2“ Sie bejahten alle feierlich und unterthänig, und Jan, der ſeine Freude ſchlau verhehlte, ſagte:„Da ihr dieſes Geſetz für heilſam haltet, ſo will ich meine Zuſtimmung nicht verſagen. Es werden denn auch auf dieſer Seite die Spötter und Aergernißſucher durch unſere muthige Eintracht und Abſonderung von der gewöhnlichen Sün⸗ derwelt beſchämt werden! Aber noch iſt nicht Alles ge⸗ than. Auch dieſes Geſetz wird Feinde erwecken, und ich warne Zion vor dem Jan Mollenhecke, als vor ſeinem gefährlichſten Gegner. Den Kriegsherren Wulen und Leodius trage ich auf, unverzüglich den Mollenhecke und wer bei ihm gefunden wird, aufzuheben, während die übrigen Aelteſten vom Rathhauſe herab, und die Prediger in Iſrael auf den Lärmplätzen das neue Geſetz ohne Auf⸗ ſchub zu verkündigen haben. Schwertführer des Volks! wachet über die Widerſpenſtigen, ſtraft die Ruchloſen und belehrt die Strauchelnden!“ Der hohe Rath hat ſich kaum hinwegbegeben, um 216 ſeine Aufträge zu vollziehen, als ſich Jan zu Peter Bluſt und dem alten Duſentſchuer wendete, die an der Thüre wie ein paar Geſpenſter Wache hielten, und Alles mit⸗ angehört hatten.„Was ſagt ihr zu der neuen Geſetzes⸗ tafel des chriſtlichen Volks 2“ fragte er wie im Scherze. Bluſt neigte ſich, aber nicht billigend, und antwor⸗ tete:„Ich ſage mit dem Apoſtel: Wenn Ihr wäret, gleich mir, es wäre gut; da Ihr aber nicht ſeyd, wie ich, ſo möget Ihr freien.“ Duſentſchuer ſtand jedoch ſtrack und drohte mit dem Finger, während er ſprach:„Euer Glaube iſt nicht mehr ein lauterer Born, ſondern ein übelriechender Pfuhl. Sorget, daß der Herr nicht zürne.“ Die Antwort klang dem Propheten nicht lieblich. Sein Mißvergnügen verhaltend, bat er den Peter Bluſt: „Tritt vor die Thüre, Lieber, daß Du nicht die Irrthü⸗ mer dieſes ſchwachen Mannes höreſt.“ Sobald er jedoch mit Duſentſchuer allein war, zog er denſelben in die Ecke, faßte ihn hart bei der Bruſt, und fragte heftig:„Warum, grauer Sünder, trieft Dein Ra⸗ chen von Galle? Was ſuchſt Du darinnen, mir zu wider⸗ ſtreben? Böſewicht, Heuchler, Phariſäer! warum— ſtatt den Pfeil Deiner Otterzunge gegen mich zu richten— warum erfüllſt Du nicht endlich, was Du mir am Tage, da Matthieſen verging, zugeſchworen haſt 26 Duſentſchuer verſetzte, obwohl erſchüttert und ſchreck⸗ haft:„Gezwungene Eide richtet Gott, unbeſonnene Ver— ſprechungen löst Gott; den zuchtloſen Frevler ſtraft Gott. Du biſt jung, Bockelſon, und ſtärker als meine alte morſche Hülle, aber ich wiederhole Dir: Dein Glaube iſt ein übelriechender Pfuhl geworden. Deine irdiſche Hof⸗ fart und üppige Weltluſt mag ich nicht erhöhen, Bockelſon.“ „Boshafter Drache! vor etlichen Wochen redeteſt Du anders!“ »Es war an der Zeit, den Matthieſen, der wahn⸗ 217 ſinnig geworden war, bei Seite zu thun. Ich dachte, in Dir einen Friedensfürſten auszurufen, aber Du möchteſt einen Herodes, einen Nebucadnezar vorſtellen, und dazu hab' ich meine Hände nicht geboten.“ „Verlange, was Du willſt, und endige einmal das Spiel, das nie auf beſſerem Wege war.“ „Beſinne Dich, Jan. Das Geſetz, das ſo eben von dem Söller des Rathhauſes geſchrieen wird, zerſchlägt Deine thönernen Füße.“ „Nicht doch; es harniſcht mich, greiſer Schwätzer. Es iſt nöthig, eine unausfüllbare Kluft zwiſchen uns und den Heiden zu befeſtigen, daß nicht einer im Volke ſagen möge: Ich war nicht theilhaftig deſſen, was ſich begeben hat. Haben nicht die Lutheriſchen ſelbſt den erſten Schritt gethan? Iſt der Landgraf von Heſſen nicht mit Bewilli⸗ gung der Kirche zweier Weiber Mann? Warum ſollte die wahre Gemeinde Chriſti dem Tyrannen nachſtehen? Die Erde wird jubeln, und unſerem Beiſpiele folgen.“ „Thne, was Du willſt, Bockelſon. Du wirſt ſehen den Zorn des Herrn. Ich beſudle meine Hände nicht mit dem Pfuhle Deiner Sünden, und was ich ſchon ge⸗ than habe, iſt mir leid geworden.“ „Verruchter! Du haſt ein Todesurtheil geſprochen!“ „Schrecke nicht den Siebzigjährigen mit dem Tode; wir ſind nur Schatten und Staub!“— Duſentſchuers Stimme zitterte dennoch bei dieſen Worten. „Nein, ſage ich, Du ſollſt leben, und zehnfach ſter⸗ ben im Geiſte. Es gilt Deinem Sohne, was ich ſprach.“ In demſelben Augenblicke trat Rynald mit dem We⸗ bergeſellen ein, der bang erbleichte, da er dem zornigen Propheten und dem zitternden Vater gegenüber ſtand. „Hier iſt Rotger; gedenke Deines Verſprechens!“ ſagte Rynald männlich. Jan Bockelſon entgegnete dringend und gebieteriſch:„Was mir zuſteht, weiß ich; gehorche jetzt, denn das Vaterland ruft, und der Geiſt treibt mich. 218 Berufe eine neue Wachablöſung auf die Wälle. Es iſt Verrath um uns her. Der Feind wird uns angreifen; er ſoll nicht ſiegen, während der böſe Samen in unſern Mauern aufgeht. Schicke unter einem vertrauten Maune Verſtärkung, den Mollenhecke und die Verſchwornen zu überwältigen. Ich ſetze einen Preis auf Iſelmuds Ver⸗ haftung. Mir ſagt der Geiſt, daß es zu einem ernſt⸗ lichen Kampfe kommen werde.“ Rynald flog von dannen. Jan deutete auf Rotger und rief:„Duſentſchuer! dieſer iſt Dein Sohn. Er hat mich geläſtert, und ſein Hanpt verwirkt. Entſchließe Dich, Dein Verſprechen zu erfüllen, und nimm ihn hin, trotz ſeiner Sünde. Wenn Du Dich aber weigerteſt, ſo nehme ich den Frevler hinweg, und Du kannſt noch vor Mit⸗ ternacht ſeinen Kopf abholen laſſen.“ „Jan, Jan!“ ſtammelte der Alte, der ſich mühſam an ſeine Schwärmerei klammerte,„wärſt Du grauſam genug, das Herz eines Vaters zu zermalmen? Wehe Dir, wehe Deinen unerbittlichen Richtern!“ Rotger umarmte den Greis und herzte ihn mit Rüh⸗ rung:„Warum finde ich erſt jetzo wieder das Vaterherz in Eurer Bruſt! Seht Ihr nun, wohin Euch die Schwär⸗ merei geriſſen? Wollt Ihre Eure Geneſung mit dem Blut Eures Sohns bezahlen? Was habt Ihr dieſem Manne verſprochen? Thut es doch, erfüllt es, wenn Ihr mich retten wollt, denn in ſeinen Angen leſe ich die Be⸗ gierde, mich zu tödten. Jan Bockelſon! Ihr ſeyd red⸗ licher, als mein armer Vater! Ihr habt mir einſt zu Leyden aus Eiferſucht den Untergang geſchworen, und es drängt Euch, Wort zu halten? Unglücklicher Vater, rettet mich, wenn Ihr könnt, und wir wollen aus dieſer Stadt entrinnen. Selbſt in den Kerkern des Biſchofs iſt es beſſer, als innerhalb dieſer babyloniſchen Freiheit!“ Auf einen Wink des Propheten kamen die mit Bei⸗ len bewaffneten Trabanten Knipperdollings, den jungen 219 Mann von dannen zu führen. Sie rißen ihn aus den Armen des kummervollen Vaters, und ſchleppten ihn zum Rathhauſe, ihn in den Kerker zu ſtoßen. „Wähle, wähle!“ erwiederte Bockelſon auf alle Bitten Duſentſchuers,„ſein Leben iſt in Deiner Hand. Aber Du mußt Deinen Entſchluß gefaßt haben, bevor ich den Raths⸗ ſaal erreicht habe. So wie ich jene Schwelle überſchrit⸗ ten habe, iſt die Gnadenfriſt zu Ende, und ich will ſchon ſelber meine Sache zum glücklichen Ziele treiben.“ „Kann ich, darf ich denn thun, was Du verlangſt?“ fragte Duſentſchner halb entrüſtet, halb weinend:„Du wirſt den Stab Wehe über Zion ſchwingen, und ich hätte Schuld daran! Laß ab, und tritt zurück, Jan Bockelſon! Du handelſt nicht mehr nach dem Geiſte, Du fällſt in Babels Gefangenſchaft! Sieh, ſieh, Du waffneſt die Hei⸗ den, daß ſie Gewalt über das Volk des Herrn bekom⸗ men. Du wirſt unterliegen, glaube mir; ich weiſſage Dir jetzo.“ „Schweige, abergläubiger Thor, und vergehe in ohn⸗ mächtiger Verzweiflung!“ höhnte ihm der Prophet zu, und wollte ſich mit ſchnellen Schritten entfernen, denn die Wuth ſchwoll ihm bis an die Kehle.— Da ſtürzte ihm Peter Bluſt mit allen Zeichen des Schreckens ent⸗ gegen, ſchreiend:„Philiſter über Dir, Simſon! die Hölle will ſiegen, die Tage gehen zu Ende!“ Dicht hinter dem Andächtler donnerten die Tritte vieler gerüſteten Männer über Treppe und Gang. Jo⸗ hann Mollenhecke, der Schmied und geweſene Rathöherr, derſelbe, gegen den der Prophet ſeine Wappner entſendet, trat demſelben unvermuthet mit einem Schwarme ſeiner bewaffneten Anhänger unter die Augen. Die Verſchwor⸗ nen, aus ihrer Sicherheit aufgejagt, hatten beſchloſſen, plötzlich loszuſchlagen, und die Wurzel alles Uebels mit einem kühnen Streiche zu vertilgen. Wuth, Rachbegierde und die ängſtliche Haſt, ihrem eigenen Untergang zuvor⸗ 220 zukommen, ſprühten aus ihren Blicken, ſchmähten aus ihrem Munde.„Biſt Du der Schelm, der unſere Vater⸗ ſtadt zu Grunde richtet, und in ein Gomorrha der Zucht⸗ loſigkeit verwandeln will?“ lärmte Mollenhecke wie ein Raſender, indem er den Propheten zu Boden warf. Ein anderer Bürger, der„ange Koch“ genannt, ſchnürte ihm die Hände mit Stricken zuſammen. Nicht beſſer erging es dem Duſentſchner und dem Bluſt.„Kommt, kommt, ihr Türken, kommt, ihr Geſandten des buhleriſchen Sa⸗ tanas! ihr Ritter der Vielweiberei! Kommt, daß wir euch in den Schatten ſetzen, bis der Biſchof euch auf den Roſt legt!“ ſpotteten die Aufrührer, und trieben mit Schlägen und Stößen ihre Gefangenen vor ſich her in denſelben Kerker des Rathhauſes, worinnen ſchon Rotger, aber nebſt ibm mehrere der Prediger und Aelteſten ſaßen. Denn die Kunde von dem neuen ſo befremdenden Geſetze, ſo wie die Nachricht von einer entdeckten Verſchwörung des Mollenhecke durchliefen Hand in Hand alle Gaſſen, und brachten die verſchiedenartigſte Aufregung hervor. Alle Bürger bewaffneten ſich; viele Weiber, die ihres Ehe⸗ ſtands müde geworden waren, miſchten ſich mit Zunge und Fauſt in den Streit. Sie waren es, die zuerſt in engen Gaſſen die Anhänger des Mollenhecke aufhielten, während an einem andern Orte Gerlach von Wulen und Lambert Leodius von den Verſchwörern hart bedroht⸗wur⸗ den. Dieſe Weiber waren es, die zuerſt, trotz der Ku⸗ geln und Pfeile, die in den Gaſſen flogen, mehrere ſchwere Geſchüße auf den Markt ſchleppten, um das Rathhans zu beſchießen, das Mollenhecke und die Sei⸗ nigen beſetzt hatten. Dieſe leßteren und die Gegner der Vielweiberei hatten auf manchen Plätzen die Oberhand gewonnen, und ſchmeichelten ſich mit einem baldigen voll⸗ ſtändigen Siege, weil Vernunft, Sittlichkeit und Ord⸗ nung auf ihrer Seite zu ſeyn ſchien. Sie unternahmen, den Markt von dem Geſindel zu ſäubern, und drängten „ 221 es wirklich zurück; von allen Seiten führten ſie die Rä⸗ delsführer der Gegenpartei in's Gefängniß ein. Wulen und Leodius mußten die Waffen ſtrecken, und theilten das Schickſal ihrer Genoſſen. Als draußen der Kampf wüthete und in dem Kerker des Rathhauſes unter den Gefangenen Noth und Ver⸗ zweiflung war, erhob der trauernde Duſentſchuer die Stimme, und rief:„Alſo richtet Gott um eines ein⸗ zigen Mannes Frevel willen ſein ganzes Volk, und ſchlägt es mit Peſtilenz! Wehe, wehe uns! trauert und büßet! Windet euch im Staube vor dem Herrn!“ Rotger kroch zu dem Vater hin und bat:„Ergebt Euch nicht unmäßiger Verzweiflung, und wahret Eure geſunden Sinne. Iſt dieſer Tag nicht etwa der Tag der Erlöſung?“ „Ja, ja, preiſet Gott mit Zuverſicht!“ ſchrie Jan Bockelſon, deſſen Ohr, lauſchend in die Ferne, Zeichen des Heils vernommen hatte, und des Provheten inner— liches Zagen beruhigte:„Wahrlich, ich ſage euch: wir werden ledig ſeyn, bevor eine Stunde verrinnt. Klein⸗ müthige, was fürchtet ihr? den Tod? Ihr verdient zu ſterben, weil ihr nicht glaubt. Aber der Vater iſt ein Herr des Lebens. Glaubet mir. Singet und betet!“ Ein guter Theil der Gefangenen ſtimmte Lieder und Gebete an, Tilbeck, der dem gebundenen Johann von Leyden zunächſt lag, fragte denſelben leiſe:„Maun Got⸗ tes; iſt es auch, wie Du verkündigſt? Sollen wir uns nicht zum Aergſten bereiten? Das Schießen nimmt zu, die Lärmtrommel geht durch alle Gaſſen!“ „Dieſe Trommel eben verkündet mir die Freiheit, Hermann Tilbeck. Sie ruft die Mannſchaft auf die Wälle gegen den Feind. Die Aengſtlichen werden das Schlacht⸗ feld in der Stadt verlaſſen, und dem Feind die Bruſt bieten, oder ſich verbergen. Die Kühnen, und ſie ſind auf unſerer Seite, werden bleiben und den Sieg gewinnen.“ 222 Mehrere Kanonenſchüſſe erſchütterten die Grundfeſten des Gefängniſſes. Ein Hagel von Musketenkugeln ſchlug in das Gebaude. Eine kurze Stille— dann kam heran mit wildem Getöſe eine regelloſe Flucht von Fechtenden, die ſich in's Rathhaus warfen, und die Pforte deſſelben verrammelten. Dumpf brausten die Worte in das Ohr der Gefangenen:„Wir ſind verloren; wir müſſen uns bis auf den letzten Blutstropfen wehren, oder uns er⸗ geben!“ Mollenhecke war zurückgeſchlagen.„Der Himmel ver⸗ blende die Granſamen, daß ſie in ihrer Wuth nicht un⸗ ſer gedenken, ſonſt iſt es um uns geſchehen!“ murmelte Krechting dem Propheten zu, der fieberiſch ſchwankte zwi⸗ ſchen Hoffen und Zagen. Ein donnernder Kanonenſchlag, und die Pforte des Hauſes ſtürzte in Splitter darnieder.„Wehe, wehe uns!“ ſchrieen die Verſchwornen und flüchteten ſich über die Treppen. Aber auf ihren Ferſen fluthete das blutbe⸗ gierige Volk nach; an ſeiner Spite Knipperdolling und Redecker, der alle junge und alte Wüſtlinge, die der Viel— weiberei hold ſeyn mochten, ins Treffen gebracht hatte. Während dieſer vornehme und geringe Pöbel ſchon auf den Treppen mehrere der Verfolgten niederhieb, erbrach der Troß der nach Mord kreiſchenden Weiber die Riegel des Kerkers, und lösten die Bande der Gefangenen, die ſich plötzlich wieder in den heitern Sonnenglanz des Ta⸗ ges verſetzt ſahen.— Sie begränzten den Propheten mit Laub und Blumen, ſie küßten ihm Hände und Füße und ſangen ihm„Hoſianna.“ Stolz blickte Jan Bockelſon auf den alten Duſent— ſchuer, der niedergeſchlagen dieſen Umſchwung des Schick⸗ ſals und ſeinen Sohn betrachtete, welcher ſchon wieder in den Händen der Trabanten des Schwertführers ſchmach⸗ tete.„Was ſagſt Du nun zu meiner Weiſſagung und 223 zu dem Sterne, der mich beſchützt?“ fragte Jan den Al⸗ ten, der verſtummte. Indeſſen hatten ſich in den Sälen des Hauſes die Re⸗ bellen der Uebermacht ergeben. Einzelne wurden von den Speichern heruntergeholt. Kuipperdolling führte ſechs und ſechzig der Verſchworenen gefeſſelt und gebunden vor den Propheten.—„Nimm ſie hin!“ ſagte dieſer, den Blick von ihnen abkehrend. Dann fragte er den Duſentſchuer noch einmal:„Hörſt Du nicht mein letztes Wort? Willſt Du nicht reden? Trotzeſt Du noch meiner Uebermacht? Soll ich den Wink geben, der Dich zum Letzten Deines Stammes macht?“ Das überwältigte den Greis, daß er mit aller Kraft der Lunge in die Luft ſchrie:„Ja, ja, es iſt geſchrieben! Ja, ja, ich breche das Siegel meines Mundes. Volk der Iſraeliten, Söhne und Töchter Zions! Alſo ſpricht der Herr: Ich bin ein Fürſt in Jeruſalem und kein Ge⸗ ringerer als ein König mit Kron' und Scepter ſoll mein Statthalter ſeyn. Jan Bockelſon, der Knecht Gottes, der Prophet ſey dieſer König. Der Vater hat mir's ge⸗ offenbart. Grüßt ihn als einen König über den ganzen Erdkreis, der geſetzt iſt über alle Kaiſer, Fürſten und Gewaltige aller Länder und Meere. Keiner wird über ihm ſeyn, der da thronen ſoll auf dem Throne Davids, ſeines Vaters, bis der Herr der Himmel wiederum das Reich von ihm zurücknehmen wird. Singet ihm Lob und Preis als einem König der Gerechtigkeit!“ Das von ſeiner Heldenthat entzückte Volk gehorchte ohne Sträuben. Jan Bockelſon ſtand da, als der kaum befreite Liebling der Mehrzahl der Bürger, geſchmückt wie ein Ueberwinder, und von der Siegeskrone bis zum goldenen Kronenreif iſt nur ein Schritt.„Lang lebe un⸗ ſer König Jan von Leyden!“ ſchrieen aus voller Kehle Weiber und Männer, die von den neuen Geſetzen des neuen Herrſchers trunken waren. Die Stadt wiederhallte von dem Geſchrei. Lange konnte ſich Jan nicht verſtändlich machen. Eud⸗ lich— nachdem der Lärm ſich gelegt hatte— ſagte er: „Was dieſer ehrwürdige Samuel geredet— wiſſet es, Iſraeliten— das hatte mir ſchon längſt der Vater ge⸗ offenbart. Doch ſchwieg ich aus Demuth, und wartete der Stunde der Offenbarung in Gehorſam. Es hat mir nicht die Sorge, ob ich dem Amt, das mir vom Himmel verliehen iſt, würdig vorſtehen möchte, den Mund ver⸗ ſchloſſen. Die Gnade des Vaters iſt mit mir, und ſein Beiſtand macht mich ſtark. Ich werde die Guten beloh⸗ nen, die Böſen züchtigen. Wehe dem, der da murrte gegen die Rathſchlüſſe der Vorſehung! Wahrlich: wenn ihr alle, und mit euch die ganze Welt, gegen mich ſtün⸗ det, als gegen einen einzelnen ſchwachen Mann— ihr müßtet unterliegen; denn es ſteht geſchrieben vom An⸗ fang der Zeiten an. Seht vor euch dieſe Verbrecher, die in ihren Banden zittern. Sie ſollen gerichtet wer⸗ den, die ſich nicht bekehren! Knipperdolling! ihr Gericht ſey Deine letzte Handlung als ein Schwertführer in Iſrael. Der tapfere Nyland trete an Deine Stelle, denn Du ſollſt Stadtvogt in Zion und dereinſt mein Statthalter in allen deutſchen Landen ſeyn, wann mich der Herr be⸗ rufen wird, die andern Reiche der Welt zu erobern.— Ihr Aelteſten von Iſrael, eure Zeit iſt um; aber ihr ſollt glänzender und ehrenvoller denn zuvor mir zur Seite ſtehen, und den Vornehmſten der Erde nicht weichen.“ Die Aelteſten, durch dieſe Worte etwas beruhigt, gaben gehorſam ihre Schwerter in die Hände Duſent⸗ ſchuers ab, der ausrief:„Alle dieſe Schwerter ſind in ein einziges der Gewalt verwandelt, und dieſes ruht in den Händen des Königs von Zion. Führe es gerecht, das Schwert der Gerechtigkeit.“ Jan neigte ſich vornehm. Da wurde Muſik ver⸗ 22⁵ nommen und unter Flöten⸗ und Saitenſpiel näherten ſich mehrere Jungfrauen der Stadt. Ihre Anführerinnen wa⸗ ren Anna Knipperdolling und Margaretha Moderſon. Sie geleiteten die ſchöne Diwara ihrem neuen Gemahl ent⸗ gegen. Hilla, die ſchwärmeriſche Wiedertäuferin, trug ein Gefäß voll köſtlichen Oels.—„Willſt Du nicht den Kö⸗ nig weihen, wie Samuel gethan?“ fragte ſie den alten Duſentſchuer. Der Greis, der kaum mehr zu ſich kam vor Todesfurcht und wahnſinniger Begeiſterung, erwie⸗ derte haſtig:„Ich will, ich will; gib die köſtliche Salbe aus Narden!“ Hierauf goß er das Oel über dem Haupte des knieen⸗ den Bockelſon aus, und ſprach dabei die Worte:„Ich ſalbe Dich im Namen Gottes und auf göttlichen Befehl zum König, und rufe Dich vor dem ganzen Volke als Zions Herrſcher aus!“ Zur ſelben Zeit ſielen auf dem Domplatze Mollenhecke's und ſeiner Freunde Häupter. Mit freundlichen Blicken neigte ſich aber der Konig zu Diwara, fragend: Willſt Du jetzt mit mir den gol⸗ denen Ring tauſchen, und ſoll Rottmann über unſere ver⸗ einten Hände den Segen ſprechen 2“ Worauf Diwara:„Liebſter, eile, es zu befehlen. Ich fürchte, daß dieſer ſchöne Traum verrinnen möchte; ein Traum, der meiner Jugend Erinnerung auffriſcht; denn Du biſt es, den mir mit Kron' und Scepter die alte Meert im Spiegel zeigte.“ MUnd meine Mutter!“ ſagte der König:„hat ſie nicht die Wahrheit geredet? Wer zweifelt noch an Verheißung und Prophetenſpruch?“— Er nahm den Wittwenſchleier von Diwara's Haupte, zum Volke ſprechend:„Seht hier eure erſte Königin!“ Dann wendete er ſich ſchnell zu Anna Knipperdolling und Margaretha Moderſon:„Wie könnte ich eurer Vä⸗ ter Dienſte würdiger belohnen, edle Jungfrauen, als in⸗ Der Konig von Zion. M. 15 dem ich euch an meine Seite, zu meinen königlichen Ge⸗ mahlinnen erhebe?2“ Knipperdolling, noch erhitzt von ſeiner Arbeit auf dem Domplatze, trat herzu, neben ihm Moderſon, der einfältige Metzger. Sie riefen:„Mein König! wir ſind nicht würdig, daß Dein Blick auf uns falle; es geſchehe nach Deinem Willen!“ Diwara ſtand verſteinert, wurzelnd in dem Boden. Die Jungfrauen ließen ſich erröthend auf ihre Kniee nie⸗ der, und beugten ihren Nacken, des Königs Gewand kuͤſ⸗ ſend. Er küßte ſie jedoch auf die Stirne mit den Wor⸗ ten:„So wollen wir, ein königlich Geſchlecht in Zion, der Welt beweiſen, wie wir den Geſetzen uns unterwerfen. Hier unterm freien Himmel, wie die Patriarchen ihre Ehen ſchloßen, wollen wir auch die unſerige einſegnen. Rottmann, als königlicher Redner, verſieh Dein Amt. Betet, ihr Söhne und Töchter der wahren Chriſtenheit! Betet, befehl' ich euch, und ſeyd weiſe! Des Königs Grimm— ſo ſteht's geſchrieben— iſt ein Bote des To⸗ des, und nur ein Weiſer und Geduldiger vermag ihn zu verſöhnen. Wenn aber des Königs Angeſicht frenndlich iſt, das iſt Leben, und ſeine Gnade iſt wie ein Abend⸗ regen!“ Ende des zweiten Bandes. In unſerem Verlage iſt erſchienen: Der Hofnarre. Eine gar wunderſame Originalhiſtorie in zehn Poömen. Mit einem politiſchen Intermezzo: Die große Woche, herausgegeben von * 2 Bände, 12. 2 Thlr. 12 gr., oder 4 fl. Inhalt des erſten Bandes: Erſte Abtheilung. Der geſunde Kranke. Zweite Abth. Der Narr iſt ein Erzſchelm. Dritte Abth. Nar⸗ ren und andere Leute ohne Menſchen. Vierte Abth. Die Politiſchen in der Studentenkneipe. Fünfte Abth. Die Philoſophiſchen in der Kaffeeboutike. Inhalt des zweiten Bandes: Sechste Abth. Lebendige Hiſtorie eines todten Poſt⸗ meiſters. Siebente Abth. Madame Europa mit dem Kulturgeiſte in unfruchtbarer Ehe. Achte Abth. Die mo⸗ dernen Schatten im Tollhaus. Neunte Abth. Wie Kö⸗ nig Willibaldus nach Paris kommen thut und ein politiſches Mittageſſen hielt. Zehnte Abth. Die große Woche. 1 Lebhaft erinnert dieſes Werk an Blumauers Aeneide durch Form und Inhalt, denn hier wie dort werden die Thorheiten der Zeit in Politik, Philoſophie, Literatur u. ſ. w. gegeißelt. Angehängt iſt ein politiſches Intermezzo:„Die große Woche“, worin die charakteriſtiſchen Scenen der Juli⸗ tage dramatifirt find. Hallberger'ſche Verlagshandlung.