deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduurd Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Teiß und eſebedingungen. 1. Offensein der Bibliotbek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens. 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet o wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträt für nchenrlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf 1 Wi. 5 Pf. 2— Pf. „—„ 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu forgen⸗ 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt was zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganſen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtge etzt und wird beſonders darauf aufmerkfam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indei Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —— 9 — Je länger, je lieber. Zweiter Band. Folgende empfehlungswerthe Werke haben ſo eben bei F. G. Franckh in München die Preſſe verlaſſen. Briefe eines Verſtorbenen. Ein fragmentariſches Tagebuch aus England, Wales, Irland und Frankreich, geſchrieben in den Jahren 1828 und 1829. Bände. 8. elegant broſchirt. Die geſchichtlichen Fresken in den Arkaden des Hofgartens zu Muͤnchen, von Freiherrn von Hormayr. s. elegant broſchirt. Mit dem Bildniſſe König Ludwigs von Bayern. ee Ritrer. Romanzenkranz von Anaſtaſius Grün. 4 elegant broſchirt, 1 Je laͤnger, je lieber. Erzaͤhlungen und Novellen von C. Spindler. Zweiter Band. M uͤnchen, 5 5 1 8 3 0. Inhalt des zweiten Bandes. Seite. Des alkners Praut. Eine Erzählung.. 4 Sonnenblüthe. Eine Erzähnng Saalderichs Söhne. Eine Erzählung 2231 Se ln8er Von C. Spinher⸗ Des Palkners Braut. Eine Erzählung. Je länger, je lleber. II. 1 So wie der Sonnenſtrahl wohl dann am ſchoͤnſten iſt, wenn er ſich roſig herniederbeugt, um den Morgenthau von den Augen ſeiner Freundin zu kuͤſſen, ſo iſt am reizendſten das Maͤdchen in der Brautzeit, wo es kaum die Stunde erwarten mag, in welcher es der Ver⸗ lobte als ſein eigen umfaͤngt. Wer die Tochter des Maiers zu Eberſteinburg geſehen, bevor des Markgrafen zu Baden Falkenier um ſie ge⸗ worben, hat freilich geſtehen muͤſſen, ſie ſey ein ſchoͤnes prangendes Kind; aber wer ſie im Brautſtaat erblickt, am Tage, da ſie zur Kirche gehen ſollte, mußte nicht minder ſich ſagen: Roſine iſt die Schoͤnſte der Schönen in der Mark⸗ grafſchaft. Ihre Reize leben auch nicht allein in der Phantaſie des Erzaͤhlers, ſondern noch 1* AMN 4 AMw heutzutage in der Tradition, die auf die aͤltern Leute im Eberſteiner Thale ſich vererbt hat, obgleich dieſer Schoͤnheit Beſitzerin vorlaͤngſt zu Markgraf Ludwigs, des Tuͤrkenſiegers Zei⸗ ten, ihre Heimath geſchmuͤckt. Im vaͤterlichen Maierhofe, unfern vom Dorfe Eberſteinburg gelegen, war die Schoͤne wie eine Blume ſtill und heimlich aufgebluͤht. Von der Markgraͤfin, die öfters den kuͤhlen Wald am Eberſteiner Schloß beſuchte, bemerkt, und ſich der Gunſt der erlauchten Frau ruͤhmend, hatte Roſine gerne eingewilligt, im Kloſter zu Baden einige Jahre ihrer Bildung zu weihen, und war, in weiblichen Arbeiten bewandert, und der fran⸗ zoͤſiſchen und italiaͤniſchen Sprache nicht fremd, als ein Kleinod ins Vaterhaus zuruͤckgekommen. Die Markgraͤfin, ihres Werks ſich freuend, und ſehnſuͤchtig,— da der wilde Kriegsſturm ihr den Gatten entfuͤhrt— dankbare Weſen um ſich zu verſammeln, deren Liebe ſie in ih⸗ rer Abgeſchiedenheit zu troͤſten vermoͤchte, be⸗ ſchloß, des Mädchens Gluck zu vollenden, und „ d 3 es durch eine guͤnſtige Ehe an ihren Hausſtand zu feſſeln. Der Mann, wuͤrdig des Maiers Tochter heimzufuͤhren, war bald gefunden. Chri⸗ ſtian Dreyer, der Falkenier am Hofe, ein ge⸗ pruͤfter treuer Diener, der ſchon einmal den Herrn aus Todesgefahr errettet, war von Ju⸗ gend, Geſtalt und dem Fuͤrworte der Fuͤrſtin gleich beguͤnſtigt, und Roſine und ihre Eltern ſagten freudig Jan. Die Markgraͤfin beſchleu⸗ nigte, von weiblicher Ungeduld getrieben, Ver⸗ loͤbniß, Dispens und Aufgebot, gleichſam als ahne ihr, daß das Schickſal, gewaltiger als Fuͤrſtenvorſatz, Einſpruch thun wuͤrde. Ihre Freigebigkeit ſchmuͤckte Roſinen mit dem koſtba⸗ ren Brautſtaate, und, umgeben von den be⸗ wundernden Freundinnen, ſtrahlend im Glanze des Feſtgewandes, ſtand des Maiers Tochter am Morgen des Hochzeittages da, entzuͤckt, geſchmeichelt, gluͤcklich,— den Braͤutigam er⸗ wartend, der im goldbetreßten Rocke anlangen ſollte, um die Braut gen Baden zur Kirche zu geleiten.— Dorothea, eine verſtändige Ge⸗ 6 ſpielin, trat freundlich, aber ſtill zu den gluͤck⸗ wuͤnſchenden Mädchen, belobte mit einigen Worten Roſinens Putz, und ſagte ſodann heim⸗ lich zu der Maierin:«Es freut mich ſehr, daß Alles bei Euch ſo wohl gemuthet iſt, aber waͤh⸗ rend hier die Freude lacht, weint an einem an⸗ dern Orte der bittere Kummer, und ſomit thut ein doppelt herzlicher Gluͤckwunſch zu Roſinens Ehe wahrlich Noth.«— Die Maierin machte große Augen, und meinte: wohl ſey es in der Welt eingerichtet, daß Lachen und Thraͤnen ne⸗ ben einander ſtehen, aber es ſey nicht leicht zu begreifen, wie Dorothea ſo bekuͤmmerliche Worte an Roſinen's Ehrentage ſprechen moͤge. „Das will ich Euch ſagen,» erwiederte Do⸗ rothea: eich bin dem alten Waidmuͤller, der oben im Dorfe wohnt, begegnet, und habe nach ſeiner Tochter, die zu Baden in des Raths⸗ herrn Hauſe diente, gefragt. Da ſchuͤttelte der Vater ſein ehrwuͤrdiges Haupt, trocknete ſich die Augen, und ſagte:„Meine Hanne werdet Ihr bald zu Grabe tragen koͤnnen. Sie iſt von * A 7 AN Baden auf und davon gelaufen, ſitzt daheim in ihrer Kammer, und verzweifelt um eines boͤſen Menſchen Willen.— Und ſo kam es denn heraus, daß der Falkner, Euer Schwiegerſohn, dem armen Ding zu Baden ſchon vorlängſt den Kopf verdreht, und mit tauſend Eiden betheuert hatte, keine Andere als Johannen zu freien, bis er vor einem Monat Eurer ſchoͤnen und reichen Tochter nachgeſchlichen. Hanne hat ſich in ihr Schickſal ergeben, kann aber nicht mit anſehen, wie der Ungetreue jetzo mit Roſine zur Kirche ſtolziren wird, und hat lieber Dienſt und Brod verlaſſen, um ſich hier die Augen aus dem Kopfe zu weinen.» Die Maierin ſah mit gefalteten Haͤnden auf die Schuͤrze nieder, und ſagte kleinlaut: Dort⸗ chen, was iſt da zu thun? Jetzt kommt Alles zu ſpät. Behalte das bei Dir, kluges Maͤd⸗ chen. Roſine wuͤrde naͤrriſch vor Verdruß und Gram. Du weißt, wie ſie an Herrn Dreyer hängt. Was wuͤrde auch Ihro furſtliche Gna⸗ den die Frau Markgraͤfin dazu ſagen? Fuͤr w 8 b Hannen war ohnedies der ſchmucke Falkenier doch zu vornehm; ſie fuͤr ihn viel zu arm und ungelehrt. Unſer Kind wird ſich wohl am Hofe zu haben wiſſen, die arme Hanne hätte es nim⸗ mermehr gelernt. Laſſe darum Alles gut ſeyn, Dortchen. Hanne wird mit der Zeit vergeſſen, wie Herr Dreyer vergaß, und Roſine nicht auf⸗ hoͤren, gluͤcklich zu ſeyn, wenn nur Du ver⸗ ſchwiegen biſt.—„Ach Gott, ja, betheuerte Dorothea:«von Herzen gern. Gott ſchenke ſei⸗ nen Segen, und der armen Hanne den Frieden.» Gleich als wollte ein tuͤckiſcher Geiſt Dor⸗ chens Rede verſpotten, ſo wurde im Angen⸗ blicke der ſtille Maierhof friedlos. Laufen, Ren⸗ nen, Pferdegetrappel im Hofe. Der Falkenier, in ſeiner Staatslivree, aber bleich und von Schweiß bedeckt, warf ſich von einem ſchaͤu⸗ menden Pferde, und ſtuͤrzte in die Stube der Braut, die vor ſeinem Ausſehen ſchaudernd zu⸗ ruͤckfuhr. Ich hole Dich nicht zur Hochzeit, mein ſuͤ⸗ ßes Kind rief er verſtört; eich komme nur, d 9 Dir anzuſagen, warum wir heute nicht verbun⸗ den werden konnen. Die Frau Markgraͤfin hat durch Eilboten erfahren, daß der Feind in's Land gebrochen, und ſchon auf dem Wege nach Raſtadt und Baden iſt.» „Der Feind 2 riefen alle Anweſende, Wei⸗ ber und Maͤnner, gleich entſetzt:«welcher Feind? Leben wir denn nicht im tiefſten Frieden, waͤh⸗ rend der Markgraf dem Erbfeind fern von uns das Vordringen wehrt? Wer koͤnnte uns be⸗ drohen?* „Der Franzoſe iſt uͤber den Rheinſtrom ge⸗ gangen,» antwortete der Falkenier heftig: awie ein Raͤuber kommt er daher, und ſengt und brennt, wenn man den Bauern trauen darf, die jammernd und wehklagend in Baden ange⸗ kommen ſind. Schon iſt dort Alles zur Kirche geſtroͤmt, um vom Himmel Rettung zu begeh⸗ ren. Wir, des Herrn treues Hofgeſinde, ſind zum Schutze der Markgraͤfin bewaffnet worden, und ich erhielt mit Muͤhe nur auf zwei Stun⸗ den Urlaub, um hier die Ungluͤcksbotſchaft an⸗ zuſagen, und Euch, meine Braut und Schwie⸗ gereltern, zu bereden, nach dem Gebirge zu fluͤchten, wohin der Andrang des Feindes nicht ſo ſchnell ſich zu verbreiten vermag. Auf Wie⸗ derſehen indeſſen, auf ein gluͤcklicheres, hoffe ich. Der Herrendienſt ruft, und, wiewohl mit blutendem Herzen, muß ich von Euch ſcheiden.» In Thraͤnen aufgeloͤst hing Roſine an Chri⸗ ſtians Halſe, der ſich bekuͤmmert von ihr los⸗ machen mußte, und, nachdem er dem Maier und ſeiner Frau die Hand gedruͤckt, ſich auf den Gaul warf, und raſch nach dem Waldwege ſprengte. Kaum dem Gehoͤrten trauend, und dennoch von ſteter Angſt bewegt, machten ſich die Rei⸗ cheren der Thalbewohner, unter ihnen Roſinens Vater, an das Einpacken der beweglichen Habe, an das Vergraben der heimlichen Kleinodien, an das Fortſchaffen der Heerden. Indeſſen, wie es immer in großen Noͤthen der Fall iſt, we⸗ niger wurde gethan als geklagt, und der Abend war herangekommen, bevor nur die Haͤlfte der — —.——— 11 Habſeligkeiten des Maiers bereit ſtand, gefluͤch⸗ tet zu werden. Alle Kraft, allen Muth laͤhmte uͤberdies das Bewußtſeyn des ſichern Ungluͤcks, das bevorſtand. Denn ſchon wimmerten von nah und fern die Sturmglocken der Doͤrfer; von Badens Thuͤrmen heulte die Klage, und die einbrechende Nacht ließ deutlich Flammenroͤthe am Horizont erkennen. Verſprengte Bauern aus den Rheindoͤrfern kamen— wahre Bilder des Elends— an, und wußten nicht genug von der Wuth der franzoͤſiſchen Soldaten zu erzäh⸗ len, die geſchworen haben ſollten, ganz Deutſch⸗ land mit Fackel und Schwert zur Wuͤſte zu machen. Sie betheuerten, die fremden Banden wuͤßten auf's Haar die vergrabenen Schätze zu finden, und die verlaſſenen Haͤuſer mache ihr Zorn ohne Weiteres der Erſe gleich, waͤh⸗ rend andere, deren Bewohner geblieben waren, der Verwuͤſtung entgangen ſeyn ſollten.— Dieſe ſchwankenden Geruͤchte machten vielen Eindruck auf den Maier, der, beguͤtert und Gut liebend zugleich, fur ſeine Habe mehr zitterte als fuͤr 12 n das Leben der Seinen oder das eigene, und er veſchloß, die Friedenbrecher zu erwarten. Weib und Tochter, denen er erlaubte, nach dem Gernsbacher Thal zu fluͤchten, wurden von der Liebe zu ihm zuruckgehalten, und vertrauten auf Badens Naͤhe und Chriſtians Beiſtand. So kam die naͤchſte Morgenroͤthe heran, und der Maier wagte ſich nach Baden, um zu hoͤren, was ſich begeben. In der Stadt herrſchte dumpfe Stille, dumpfe Angſt. Nur in den Kir⸗ chen ſchrie ſich das Volk in Worten aus; aber dieſe Worte, dieſe Gebete fruchteten nicht. Noch am ſelben Tage ruͤckten Trommelſchlager und Of⸗ fiziere des Feindes in die wehrloſe Stadt, vor das Schloß des Markgrafen. Ihr beſter Herold war der Schrecken, und Niemand dachte an Widerſtand. Als der Maier beſorgt die Stadt⸗ verließ, wimmelte ſchon alles darinnen von Franzoſen. Die Gäͤſte machten ſich's ſchnell bequem. Das ruͤſtige Quartiermeiſteramt be⸗ ſorgte ihr Unterkommen, und der Buͤrger folgte dem Beiſpiele ſeiner Fürſtin, duldete und 13 ſchwieg. Der Generalſtab der Feinde vergaß indeſſen die Maßregeln zu ſeiner Sicherheit nicht, und das fliegende Corps des Hauptmanns Milhaud erhielt Befehl, in das Gernsbacher Thal, wie gegen Eberſtein vorzuruͤcken, um ſich der Ruhe in dieſen Seitenlandſchaften zu ver⸗ ſichern. Vor dem Gaſt- und Badehauſe zum Baldreit verſammelte ſich das Corps und wurde abgetheilt. Die Offiziere tranken mit den Ka⸗ meraden in der Gaſtſtube Valet.— Einer von ihnen, der ſich durch ſeine bedeutende Länge und ſeine hagre Statur auszeichnete, wandelte mißvergnuͤgt umher, und fragte endlich den Kellner des Hauſes, ob Eberſteinburg, nach dem er beordert, eine Stadt oder ein Dorf ſey. Als ihm der Befragte achſelzuckend geantwor⸗ tet, daß es nur ein Doͤrfchen, ein ziemlich ſchlechtes obenein ſey, machte ſich des Franzoſen Unmuth in ſcheltenden Worten Luft.„Prente mille moustaches!v rief er, ſeinen Saͤbel mit Macht niederſtoßend, chubt Ihr's gehoͤrt, meine Herren? Ein erbaͤrmliches Reſt iſt's, wo 14 wir verſauern ſollen! hoͤrt Ihr's, Lieutenant Letellier? hoͤrt Ihr's, mein Herr La Grenade? Daß mich doch eher der Blitz nach Conſtanti⸗ nopel verſchlagen haͤtte, als in dieſes abſcheu⸗ liche Deutſchland, wo man keine Stadt findet, und am Ende als Patrouillenfuͤhrer irgend ei⸗ nem Meuchelmoͤrder Leben und Beutel laſſen muß l«— Im Norden iſt's einmal nicht anders! meinte der huͤbſche und ſtolze Lieutenant mit vornehmer Gleichguͤltigkeit:»Deßwegen will auch mein Onkel all die Kraͤhenhuͤtten und ge⸗ ſchmackloſen Schloͤſſer laͤngs dem Rheine nie⸗ derbrennen laſſen. Das ſchone Frankreich ver⸗ traͤgt die ſchmutzige Nachbarſchaft nicht.“ De peu Monseigneur le Marquis!« ſetzte La Grenade, ein wild ausſehender Volontair, bitter lächelnd hinzu: ahätte mancher gewußt, daß es auf eitel Mordbrand hinauslaufen wuͤrde, was ſie jetzt Krieg nennen, waͤre zu Hauſe geblieben. „Hätte ſich der Sorbonne beigeſellt und Recht daran gethanz« fuͤgte Letellier ſpoͤttiſch hinzu: „Wer nicht im Herzen Soldat iſt, laſſe auch deſſen Rock liegen. Der martialiſche Bart und der trotzige Campagnename machen es allein nicht aus. Ehre, Muth und blinder Gehorſam ſind die Pflichten unſers Standes.« Ich beweiſe Euch, daß ich die beiden Er⸗ ſten ſehr genau kenne, indem ich Euch bitte, mir einen Gang zu ſchenken,« antwortete La Grenade, an den Degen klopfend;«der Vetter des Marquis von Louvois wird einen Augen⸗ blick fuͤr mich uͤbrig haben.« Mit Vergnügen,« fagte Letellier und griff nach dem Degen. Unwillkuͤhrlich beinahe traten alle Offiziere und Freiwillige, die ſich in der Stube befanden, in einen weiten Kreis um die Streitenden zuſammen.— Meine Herren! das Mandat Sr. Majeſtaͤt,« rief warnend ein ein⸗ ziger alter Oberſt. Die Uebrigen lachten je⸗ doch, und Capitän Milhaud entgegnete ſelbſt; „Ein boshafter Narr, welcher dieſe Affaire ein N 16 n Duell nennt. Ohne Billet, ohne Secundanten iſt's eine Rencontre, weiter nichts!« Beifaͤllig klatſchten Alle in die Haͤnde, und Letellier ſchien in der That eine Rencontre dar⸗ aus machen zu wollen, denn wie der Blitz fiel ſeine Klinge gegen den Ausforderer. La Gre⸗ nade hatte nur die Zeit, zuruͤckzuſpringen und den Säͤbel zu ziehen, und der Kampf begann, wuͤthend und ungeſtuͤn. Kein Laut ſtoͤrte die Fechtenden, als aber La Grenade's Waffe die Stirne des Gegners bedeutend geſtreift hatte, und Letellier ſeinen Arm ſinken ließ, ſtreckten ſich alle Degen zwiſchen die Beiden, und wehr⸗. ten fernerm Streite. Letellier hatte genug, der Volontair war befriedigt, die kriegeriſche Scene voruͤber, und La Grenade ſchlang das eigene Schnupftuch mit einem galanten Haͤndedrucke um das Haupt des Verletzten. Tete-Dieu! rief der lange Fähndrich, ſein Glas leerend:„Das heißt ſich wahrlich um wenig genug aufopfern. Ob der Volontair nun wirklich will oder nicht, er muß doch mit, 17 wohin des Koͤnigs Fahnen ziehen! Was iſt's weiter? Fortuna's Kugel iſt rund; mir gebuͤhrte auch wohl mehr als meine zerſchoſſene Stan⸗ darte; es haben wohl Geringere ſchon den Marſchallſtab gefuͤhrt; indeſſen was will ich machen? Stammte gleich mein Urgroßvater vaͤ⸗ terlicher Seite von den Koͤnigen von Yvetot, und mein Ahnherr muͤtterlicher Linie vom In⸗ tendanten des Kaiſers von Trebiſond, ſo bin ich, ihr ruͤhmlicher Nachkomme, doch nichts mehr als Faͤhndrich, und bleibe es am Ende, wenn der Herr Marquis meiner vergißt.« „Wohlgeſprochen, Herr von Chaquifannes!⸗ ſagte Milhaud, indem er nach der Uhr ſah: Wackerſter der Edelleute vom Ufer der Ga⸗ ronne: der Lohn Eurer Hingebung wird nicht ausbleiben. Habt indeſſen die Guͤte, fuͤr Euern verwundeten Lieutenant das Detachement zu ordnen, das nach Eberſteinburg aufbricht. Es daͤmmert ſchon, und der Weg fuͤhrt durch den Wald.« Je länger, je lieber. II⸗ bo hochmuͤthiges Maͤdel.« Herzen breche ich nun auf.« 18* tellier, den Hut aufſetzend und die Schaͤrpe umhaͤngend,«die phlegmatiſchen“ Deutſchen thun uns nichts; wimmern und klagen kann das Volk, wenn wir ſeine Huͤtten anzuͤnden, aber ſich nicht vertheidigen. Mir wird baͤnger, wenn ich an unſer Quartier in jenem Dorfe denke. Der Teufel hole die ſchmutzigen Rattenneſter! Schwarz Brod, ſchlechter Wein, Stroh zum Lager und keine ertraͤgliche Dirne zum Küſſen!« Sie irren, gnaͤdiger Herr!« entgegnete der und fuchsköpfige Kellner des Hau⸗ men Sie nur Ihr Logis in der Maie⸗ em Dorfe, da gibt's guten Markgraͤf⸗ Semmel, Betten und ein herrliches, aber ½ Der Hochmuth der Baͤuerin wird allenfalls zu ß ſeyn,« meinte Letellier, einen Blick in den Spiegel werfend: chabt indeſſen Dank fuͤr Eure gute Kunde. Mit leichterm „Sorgt nicht, Herr Capitaͤn,« aͤußerte Le⸗. 19 Die Trommel ſchlug draußen; Chaquifannes rommandirte mit Loͤwenſtimme die Ladung der Gewehre, und die beiden andern, Letellier und La Grenade nahmen den letzten Abſchied.— Viel Gluͤck!« rief Milhaud, ihnen die Hände ſchuͤttelnd:„Paßt brav auf, Ihr Herren, wenn hier die Flammen aufgehen. Niedergeſchoſſen oder aufgeknuͤpft Jeden, der nur eine Waffe gegen Euch erhebt; und angezuͤndet, ſobald Ihr von mir die Botſchaft des Aufbruchs erhaltet!« Lachend verſprachges der Lieutenant; kopf⸗ ſchuͤttelnd murmelte der Volontair eine leiſe Ver⸗ wuͤnſchung durch die Zaͤhne, und unter einem hellen:„Vive le Roi!« zogen die Schaaren ab, vor ihnen her die gezwungenen Wegweiſer, ₰ hinter ihnen die ſtummen Fluͤche der geaͤngſte⸗ ten Buͤrger. Weder dem Maier noch ſeinen Frauen ahnte der Beſuch, den ſie am ſpaͤten Abend noch er⸗ halten ſollten. Unſchluͤſſig, was zu thun, was — 20 zu laſſen ſey, liefen die alten Leute vom Bo⸗ den zum Keller, vom Garten zum Stall, um⸗ kreisten unzaͤhlige mal die Stellen, wo ſie ihr bischen Silber und Werth zu vergraben fuͤr gut geachtet hatten, waäͤhrend Roſine in ihrer Kam⸗ mer ſaß, und einen finſtern Gaſt beherbergte: den Kummer der Eiferſucht, den Verdruß ge⸗ kraͤnkter Eitelkeit. Dortchen hatte, wie ſie es der Mutter verſprochen, nicht geplaudert, aber die alte Anne,— die ſogenannte Dorfhexe, war nicht vermoͤgend geweſen, mit der Maͤhr, die im ganzen Orte ſchon umherflatterte, hinter dem Berge zu halten. Frau Anna hatte fruͤher den chriſtlichen Vorſatz gefaßt, Roſine zu ver⸗ heirathen, und den Kellner aus dem Baldreit, eines vermoͤgenden Landwirths Sohn, zum Braͤutigam der Schoͤnen auserſehen. Wolpert hatte auf Kirchgaͤngen und Wallfahrten des Maiers Tochter geſprochen, und gemeint, ihr liebes Geſicht paſſe vortrefflich zu ſeinem frech liſtigen Antlitz. Frau Anna, die oft zum Bald⸗ reit kam, um an Solchen, die an Gicht und 21 M andern Beſchwerden hartnaͤckig darnieder lagen, und von den Aerzten aufgegeben waren, ihre Sympathiemittel zu verſuchen, ließ ſich von dem verliebten Burſchen einen Freiſtand fuͤr ihre Lebenszeit in ſeinem vaͤterlichen Hauſe verſpre⸗ chen, im Falle, daß ſie Roſine in ſeine Arme geleiten moͤchte. In Kuppel⸗ und Werbereige⸗ ſchaͤften erfahren, hatte Anna ihr Moͤglichſtes gethan, Roſine zu ihren Abſichten zu bewegen, allein umſonſt. Ihre Ueberredungsgabe ſchei⸗ terte an dem Widerwillen, den Wolperts Aus⸗ ſehen und Betragen in Roſine rege gemacht hatte. Er war dem Mädchen zu häͤßlich, zu roh, und— was die Eitelkeit nicht lant ſagte, aber deſto inniger dachte— nicht vornehm ge⸗ nug. Roſinens Geiſt zielte hoͤher, und der hub⸗ ſche blanke Falkenier, der mit der Zeit in herr⸗ ſchaftlichen Dienſten bis zum Jagdzeugverwalter oder zum Waldmeiſter ſteigen konnte, ſagte ihr weit beſſer zu. Wolpert mußte ſchweigen, und die Galle bezaͤhmen. Anna ſtellte ihre Schliche ein, aus Furcht vor dem Zorne der Markgraͤ⸗ — — fin; aber kaum hatte Johannens troſtloſer Va⸗ ter das Geheimniß ſeines armen Kindes, in der Angſt um deſſen Leben und Vernunft, der alten Doktorin, ſie um Huͤlfe erſuchend, entdeckt, als auch dieſe Letztere die Gelegenheit ergriff, fuͤr ihren Clienten zu arbeiten. In einer Viertel⸗ ſtunde wußte bereits Rofine die Hiſtorie mit allen Zuſätzen, die geſchaͤftige Verlaͤumdung nur er⸗ ſinnen kann; das Mäͤdchen hoͤrte blaß und zit⸗ ternd von einer ſittenloſen Verbindung zwiſchen ihrem Verlobten und Johannen, von ſchmaͤhli⸗ chen Folgen, welche dieſer Bund gehabt haben ſollte;.... jede Einwendung verſtummte vor dem Zungenſchwerte der Alten, die ohne Er⸗ barmen Chriſtians Leumund, Johannens unbe⸗ ſcholtenen Ruf luͤgenhaft, aber mit tauſend Schwuͤren auf ihre Ehrlichkeit niedermaͤhte.— Gekraͤnkt, ergrimmt, in Thraͤnen der Beſchä⸗ mung gebadet war Roſine allein geblieben, und aus ihrem Bruͤten in der ſchwach erleuchteten Kammer wurde ſie nur durch einen kurzen Trom⸗ melſchlag vor dem Hauſe, und durch den Ruf der Eltern: Roſine, Roſine! um Gottes willen, die Franzoſen ſind da!« geweckt. eHolä! holäl« toͤnte es von außen: aaufge⸗ macht, bourgeois! aufgemacht! Lichter heran!« „Roſine, mein Kind,« ſagte der Maier in der Angſt ſeines Herzens: ewir ſind verloren, und Alles, was um und an uns iſt, wenn die Teufel hier einbrechen. Du verſtehſt ihr Kau⸗ derwaͤlſch. Geh' ihnen doch entgegen, ſchicke ſie weiter; ſage, thue was Du willſt, nur be⸗ freie uns.« Die Mutter ſtimmte zaähnklappernd ein, und Roſine bedachte ſich nicht lange. Die Lampe in der Hand, Knecht und Magd herbeirufend, um wenigſtens einen Schatten von Huͤlfe zu haben, ging ſie und oͤffnete die Thuͤre, die unter den Kolbenſtoͤßen der Ungeduldigen wankte. Es war ein eigener Anblick, die Ueber⸗ raſchung der Soldaten zu ſehen, als die ſchoͤne Bewohnerin des Hauſes ihnen, vom Strahle ihrer Leuchte verklaͤrt, entgegen trat. Die fuͤnf⸗ zig braunen, hageren, durch Bart und Krieger⸗ 24 Nn trotz entſtellten Geſichter ſtarrten mit unverkenn⸗ barem Wohlbehagen auf das Mädchen hin, und ihre Ohren lauſchten mit Entzuͤcken den vater⸗ ländiſchen Toͤnen, die von den Lippen der Hul⸗ din gingen. Ziemlich gelaͤufig erklaͤrte ſie den Soldaten: das Dorf liege noch eine gute Strecke weiter, und ſie bitte die Herrn, fuͤrbaß zu ziehen, in⸗ dem ſich eine Kranke in dem Maierhofe befinde.« Der Lieutenant lachte ſchelmiſch, und ent⸗ gegnete: Was meine Leute betrifft, ſo moͤgen ſie mit ihren Sergeanten nach dem Dorfe zie⸗ hen. Ich hingegen mit meinen Offtzieren habe dieſes Haus zu meinem Quartiere auserſehen, und Du biſt viel zu huͤbſch, mein Kind, als daß ich ſo ſchnell meinen Entſchluß aufgeben ſollte.« Nach dieſen Worten gab er den Rottenfuͤh⸗ rern das Zeichen zum Abmarſch. Eine Wache ſtellte ſich vor dem Hauſe auf, als haͤtte ſie ſchon ſeit geraumer Zeit dieſen Poſten verſehen, und— Roſinen galant den Arm bietend— trat KNw 25 b Letellier mit ſeinen Begleitern in das Innere des Hauſes, deſſen Bewohner ihn verdutzt an⸗ ſtarrten, ſich aber wohl huͤteten, nur von ferne eine Einwendung zu wagen. Der wandernde Krieger iſt bald eingerichtet. Ein Feuer, ſtark genug um Naͤſſe zu trocknen, dem Froſt zu wehren, ein halb bequemes Lager und ein wohlbeſetzter Tiſch ſind die Haupterfor⸗ derniſſe ſeines Wohlbefindens. Es iſt ihm gleich⸗ guͤltig, ob eine Marmorhalle oder ein Stroh⸗ dach ſich uͤber ſeinem Haupte woͤlbt, ob die Kienfackel oder zahlloſe Wachslichter zu ſeinem Mahle leuchten, und gleiche Rechte auf ſein Herz hat die perlengeſchmuckte Prinzeſſin, wie die in grobe Linnen gekleidete Baͤuerin, iſt nur ihre Wange roth, ihr Auge freundlich und ge⸗ fällig ihre Rede. Letellier und ſeine Gefaͤhrten waren zufrieden. Vor ihnen dampfte ein ſchmack⸗ haftes Gericht, hinter ihrer Stuhllehne ſtanden die ehrerbietig und furchtſam ſchweigenden Wir⸗ the, und ein reizendes Maͤdchen legte ihnen ge⸗ ſchickt und ſchnell die beſten Biſſen vor. Letel⸗ N 26 lier war mehr als zufrieden. Entzuͤckt wendete er kein Auge von der anmuthigen Geſtalt Ro⸗ ſinens; die Wunde, die ihm La Grenade's Schwert geſchlagen, ſchmerzte nicht mehr, aber des ſchelmiſchen Gottes Pfeil hatte ſicherer ge⸗ troffen. Sein Mund ſchwieg, waͤhrend ſeine ſchwarzen Augen zu dem Maͤdchen ſprachen, und er hoͤrte kaum La Grenade's verſtaͤndige Reden und die Prahlereien des Herrn von Chaquifannes. (Par Charle-Magne et ses trente mille mous- taches!« rief der Letztere, Roſinens weiße Hand ergreifend und an den Mund druͤckend: aich will nicht ſelig werden, wenn ich Dich nicht in meine Wohlgewogenheit aufgenommen habe, mein nied⸗ liches Kind! Dir zu Gefallen wollte ich mich, beim Himmel!— wie einer meiner Vorfahren, der unter dem guten Heinrich diente, bei dem Sturme auf Cahors gethan— mit hundert und zwanzig Feinden herumſchlagen und allen das Lebenslicht ausblaſen. Sage mir, mein Engel, wie biſt Du denn in dieſem abſcheulichen Nor— den zu unſerer klang⸗ und anmuthsvollen Spra⸗ che gekommen, die, obgleich nicht im herrlichen Dialekte meiner Heimath, mein Ohr be⸗ zaubert?« Roſine erzaͤhlte von dem Kloſter, das ſie er⸗ zogen.„Schade!« rief Chaquifannes:»Schade, daß dieſes Kloſter, das Dich und vielleicht noch viele hubſche Geſchopfe gebildet hat, brennen muß, wie alles Uebrige!« „Brennen?« fragten Roſine und ihre El⸗ tern, die die wilde Geberde des Sprechenden wohl begriffen. „Weiß Gott!« bethenerte der Faͤhndrich: wie Sodom und Gomorrha! Der Koͤnig will, daß in ganz Deutſchland kein Stein auf dem andern bleibe.« »So arg iſt es nun wohl nicht,« troͤſtete La Grenade ernſt und freundlich das Maͤdchen, das erblaßte, und kaum den Eltern den Schreckens⸗ ausſpruch zu dollmetſchen vermochte. (Es ziemt Euch nicht, Herr Fähndrich, 4 fuhr er fort,»ein huͤbſches Kind in Angſt zu verſetzen. Welcher ehrliche Soldat wuͤrde ſich zum Beiſpiel an dem Tempel einer ſolchen Gra⸗ zie vergreifen?« Ich nicht, morblen!« ſchwor Chaquifan⸗ nes: emeine Vorfahren haben ſich ſchon durch Milde und Galanterie ausgezeichnet. Als mein Urgroßvater, Meſſire von Chaquifannes und Ponpadine, das Liguiſten⸗Fort zu Malrempart belagerte.4 „So begnadigte er Buͤrgerſchaft und Garni⸗ ſon, weil man ihm die heulenden Weiber und Maͤdchen entgegengeſchickt hatte,« ſiel Letellier, des Geſchwätzes überdrühſig, ein: wie haben's ſchon hundertmal gehoͤrt, welchen Muth und welche Gnade Euer Großvater geuͤbt hat, als er mit ſechzig Mann vor der Schanze lag, die von einem Dutzend Invaliden und einigen Mar⸗ quetenderinnen vertheidigt werden ſollte.« (Beim heiligen Dionys, Georg und Mi⸗ chael, den Patronen unſers Hanſes;z« rief Cha⸗ quifannes gereizt: awenn der Herr Lieutenant nicht ſchon an einer Bleſſur darniederlage...„ d 29 b „In ein paar Tagen ſtehe ich Euch zu Dien⸗ ſten!« antwortete Letellier auffahrend: cheute verbiete ich Euch, nur noch ein Wort zu un⸗ ſerm Geſpraͤche zu geben. Haltet im Dorfe In⸗ ſpektion! Seht nach, wie die Soldaten quar⸗ tirt und verpflegt ſind! Marſch!« Brummend aber eingeſchuͤchtert entfernte ſich der Faͤhndrich, und Letellier fuhr, zaͤrtlich zu Roſine gewendet fort:„Laß Dich nicht kuͤm⸗ mern, mein Kind, was der Prahlhans, der Aufſchneider aus der Gascogne ſpricht. Wir ſind nicht halb ſo boͤſe, als er uns macht. Je⸗ denfalls— wenn auch der Koͤnig verlangen ſollte, daß die Wohnung der Schoͤnheit in Aſche vergehe— ſo wuͤrdeſt Du dadurch nur eine ſchoͤnere Heimath gewinnen: das herrliche Frank⸗ reich! Du biſt hier nicht an Deiner Stelle, Du verdienſt ein heitereres, gefaͤlligeres Loos. Du wuͤrdeſt Frankreichs ſchoͤnſtes Schloß ſchmuͤcken, wie der reinſte Diamant die Koͤnigskrone. Ueber⸗ lege, mein Maͤdchen, und errathe, ob es nicht in Deiner Macht ſteht, wie durch einen Zau⸗ A 30 An berſchlag Dich in ein Paradies zu verſetzen. Der Mann, der dieſe gluͤckliche Unwandlung Dir zu bereiten vermoͤchte, waͤre vielleicht nicht fern, er ſitzt vielleicht Dir zur Seite, und ſo wild ihn auch des Krieges Schmuck geſtaltet haben mag, ſo ſanft und fromm wuͤrde er als Dein Geliebter ſeyn, der treueſte Freund, den Du jemals gekannt.« Als Letellier, nachdem er dieſe Worte mit dem einſchmeichelndſten2 Tone geſprochen, ſchwieg, ſchwieg auch Roſine, ſah verſchaͤmt und mit klopfendem Herzen auf ihr Mieder herab. Sie konnte den beredten Lieutenant nicht mehr an⸗ blicken, ſie verſuchte ſcheu das Auge gegen La Grenade zu erheben; dieſer begegnete ihr mit einem ſehr ernſthaften, warnenden Blicke. Ihre Verlegenheit ließ ihr keine Raſt, ſi ſie ſtand ſchnell vom Tiſche auf— und ſomit war auch der Offiziere Tafel au fgehoben. Der Maier ergriff die Lampe, ihnen zur Schlaſſtube zu leuchten. Letellier druͤckte ver⸗ ſtohlen Roſinens Hand, lispelte ihr:„Gute Nacht, mein kleines Herz, gute Nacht, meine ſuͤße Freundin!« zu, und entfernte ſich mit ei⸗ nem ſchwermuthsvollen Seufzer.— Mit einem halb wehmuͤthigen Gefuͤhle ſah ihm Roſine nach, und antwortete auf die dringenden Fragen der Mutter, die ihrer Zunge wieder freien Lauf ließ, verkehrt, ungereimt, einſylbig, gar nicht. Still und beklommen ſuchte ſie ihr Lager, und das Vild des zärtlichen Franzoſen, den die Wunde auf der Stirne nur noch anziehender machte, ſtand vor ihr, bis ſie entſchlummerte, um wieder mit dem gefaͤhrlichen Bilde Hand in Hand auf den Fluren ihrer Traͤume zu wandeln. Johanna ging bei dunkelm und kaltem Abend, von einer ſterbenden Verwandten kommend, uͤber einen öden Grund nach dem Haͤuschen ihres Vaters. Die halb erſtickte Wehklage eines Menſchen machte ſie aufmerkſam. Sie trat nͤher 32 n zu dem Klagenden, der troſtlos an einem Wei⸗ denſtamme niedergeſunken zu ſeyn ſchien. Sie erſchrak, als ſie ihn erkannte.—»Biſt Du's?« fragte ſie erbebend, und verbeſſerte als⸗ bald ihre Rede:»Seyd Ihr's, Herr Falkenier? fehlt Euch etwas, und kann ich helfen?«— Der nicht minder erſchrockene Falkner ſchuͤttelte ſchweigend den Kopf, und deutete ihr an, ihres Weges zu ziehen. Sie bemerkte aber eine Pi⸗ ſtole, die nachlaͤßig in des Falkenierers Linken ruhte, und ihr ahnte Unheil.—»Nein, nein!« ſagte ſie, zwiſchen Furcht und Liebe ſchwankend: »nehmt mirs nicht uͤbel, Herr Dreyer; aber— wir moͤgen auch jetzt zuſammen ſtehen, wie wir wollen— ſo kann ich Euch doch nicht hier in der Oede, ſo bekuͤmmert, und mit der boͤſen Waffe allein laſſen. Sagt offen, ob ich Euch in etwas dienen kann, und kommt mit mir von dieſem Platze. Habt Ihr denn vergeſſen, daß ich ſo manchen kleinen Verdruß mit Euch ge⸗ tragen? oder beſorgt Ihr Zudringlichkeit? Ach nein! ſeyd deshalb ganz ruhig. Ich habe mich 33* ja bereits in Gottes Schickung ergeben, und will Euch nicht beſchwerlich ſeyn.« Dreyer ſeufzte ſchwer auf, richtete ſich em⸗ por, und griff nach Johannens Hand, die ſie aber zuruͤckzog.—»Laßt das;« ſagte ſie be⸗ kuͤmmert:»ich trage Euern Ring nicht mehr; wohl aber noch ſo viel Liebe zu Euch im Her⸗ zen, als dazu gehoͤrt, Euch gut zu rathen. Ihr ſcheint Boͤſes im Sinne zu haben. Gebt das auf. Kommt; ich fuͤhre Euch bis zum Maier⸗ hof. Dann mag eine Gelicbtere, die groͤßere Macht uͤber Euch hat, fuͤr Euer Gemuͤth und Euer Wohl ſorgen.« „Nein!« antwortete Dreyer in haſtigem Ei⸗ fer:»nur nicht zum Mälierhofe; nicht zu der Falſchen! ich komme von ihr. Dieſer Beſuch eben hat mich trunkner gemacht, als der brau⸗ ſendſte Moſt. Johanna! ich bin ein ungluck⸗ licher, ein ſchlechter Menſch! Aber Reue hilft nicht: nicht wahr?« »Verzweifelt doch nicht!« ermahnte ihn das Mädchen mit gepreßtem Herzen:»habt Ihr Un⸗ Je länger, je lieber II. 3 gluͤck, ſo haben's Andere auch, und in groͤßerem Maaße, denn Ihr. Verſucht ein Gebet, Herr Dreyer. Die Jaͤgerleute verlernen oft, wie man zu Gott ſpricht, und ſehen darum gar manches Mal in ihrem eiteln Gewehr den letzten Hort. Ich habe heut am Morgen erſt recht erfahren, wie ein frommes Gebet hilft und ruhig macht; denn ich war auch uͤbel daran mit Glauben und Zuverſicht.« »Durch meine Schuld, armes Lamm!« rief der Falkenier reuevoll, und ſchlug ſich vor die Stirne:»freue Dich aber, Johanna! Es ſind noch kaum fuͤnf Wochen vergangen, ſeit mir der Teufel eingab, falſch zu ſehn, und ſchon habe ich meinen Lohn dahin. Roſine vergilt mir meine That. Der Franzoſe, der im Maierhofe befiehlt, hat ſie beruͤckt; ſie hat ihm ihr Herz verkauft fuͤr glatte Worte. Der Vater, ſeine und ſeiner Tochter Schande fuͤrchtend, ſandte mir einen Wink der Warnung. Ich kam;— meine Gegenwart war vergebens. Der boshafte Spott des Franzoſen, Roſinens eitler Ueber⸗ muth— ihre Geringſchätzung— ich wurde ra⸗ ſend, und lief um keinen Mord zu begehen, da⸗ von, ohne zu wiſſen, wohin.« »Wie wenig habt Ihr mich je gekannt, Herr Falkenier,«— antwortete Johanna nach einem langen Stillſchweigen,—»da Ihr waͤhnt, ich wuͤrde Freude empfinden, wenn Ihr Kummer habt! Betruͤgt Euch jedoch nicht ſelbſt, Herr Dreyer. Der Schein iſt oft ein Luͤgner, und ein eiferſuͤchtig Gemuͤth ſieht jederzeit, was es fuͤrchtet. Ihr thut Eurer Braut wohl Unrecht, und Euch ſelbſt nicht minder. Es iſt Pflicht, gegen die fremden Soldaten freundlich zu ſeyn, und ich kann nicht verſtehen, wie nach ein paar Tagen ein Mädchen, das von Herzen liebt, ſei⸗ nem Liebſten untreu werden mag.« „Deine Worte zerſchneiden mir die Bruſt;« verſetzte der Falkner ungeſtuͤm:»aber betrogen bin ich, aufgegeben und der Spott der fremden Wuͤthriche.« »Beruhigt Euch doch;« ſagte nach einigem Beſinnen Johanna:»Ein fremdes Auge ſieht 3* d 36 A ſchaͤrfer. Kommt morgen, wenn's Euer Dienſt erlaubt, an die Buche bei dem Pfade zum Maier⸗ hofe. Ich gebe Euch dann aufrichtigen Beſcheid. Laßt aber alles Gewaltſame, das Ihr im Schilde fuͤhren moͤgt, bei Seite. Dem Manne ziemt, wie mir beduͤnkt, ein ruhiges, auf Alles gefaß⸗ tes Herz.« Dreyer folgte nun ſeiner Fuͤhrerin ohne Wi⸗ derrede. Sie geleitete ihn bis zum Waldwege, und ſchied hier mit einem kaum hoͤrbaren:»Gute Nacht!« von ihm.— Sie brachte die Stunden der Nacht und der Fruͤhe im Gebet zu, und bildete ſich einen feſten Entſchluß in das muthig gewordene Herz. Darauf zog ſie das Sonn⸗ tagskleid an, und ging klaren Auges und mit heller Stirne dem Hauſe zu, in dem des Falk⸗ ners Braut wohnte. In dem Hofe war viel Laͤrmens, viel Unruhe. Die Soldaten wurden von dem langen Faͤhndrich geſchult, Pulver und Blei wurde vertheilt, Pechkraͤnze wurden berei— tet, und Pferde gemuſtert, die aus der Umge⸗ gend zum Dienſte der Offiziere herbei geſchleppt . worden waren. Letellier ſprengte ſo eben auf einem muthigen Gaule umher, und zeigte der im Fenſter lehnenden Roſine ſeine Reiterkuͤnſte. La Grenade ließ Getreide im Hofe aufſchuͤtten und troͤſtete den Maier und ſeine Frau, die wehmuͤthig bei ihrem ſauer erſparten Vorrathe ſtanden, durch Geberden und ſchlecht zu verſte⸗ hende deutſche Worte.— „Was wollt Ihr?« fuhr die Maierin die eintretende Johanna an, und als dieſe ihr den Vorſatz geaͤußert, mit ihrer Tochter zu ſprechen, zankte ſie unverholen:»Was begehrt Ihr von meinem Kinde? was wollt Ihr mit Roſinen? Sie hat keine Zeit.« »Doch wohl einen Augenblick fuͤr mich;« er⸗ wiederte Johanna ruhig, auf die muͤßige Zu⸗ ſchauerin zeigend, und ging nach dem Hauſe. Die Maierin wollte ihr folgen, aber La Gre⸗ nade hielt ſie mit Gleichmuth zuruͤck, und wies ſie an, die Fruchtſaͤcke abzuzaͤhlen und vermeſſen zu helfen. Indeſſen gelangte Johanna zu Ro⸗ ſinens Kammer. Des Maiers Tochter machte 38 b große Angen, als ſie der Beſuchenden anſichtig wurde. Die Anrede war froſtig, das Benehmen geſpannt, wie das einer eiteln vornehmen Da⸗ me. Johanna, demuͤthig und einfach, erzaͤhlte ohne Schmuck und Prunk, wie ſie geſtern mit dem Falkenier zuſammengetroffen, wie ſie ihn von Zorn und Gram erſchuͤttert gefunden. „Meine liebe Jungfer!« ſchloß ſie recht ſanft und eindringlich:»Obſchon ich nicht Urſache haͤtte, dem Herrn Dreyer guͤnſtiger zu ſeyn als einem Andern, ſo iſt mir doch ſein Zuſtand nahe gegangen, und ich habe es uͤbernommen, fuͤr ihn das Wort zu fuͤhren, da ich feſt glaube, und ihn uͤberredet habe, daß ihn nur Mißtrauen und Verdacht bethoͤrt. Die Maͤnner ſind heftig und ungeſtuͤm im Zorn, ſchnell bereit mit Feind⸗ ſeligkeit, langſam und wenig geneigt hingegen zur Verſoͤhnung, wenn ſie gleich uͤberzeugt waͤ⸗ ren, daß das Unrecht auf ihrer Seite ſteht. Darum mag es wohl einer weiblichen Zunge vergoͤnnt ſeyn, vermittelnd zu dem Weibe zu reden. Hat Euch, liebſte Jungfer, Herr Dreyer M 39 geſtern im Anfalle des Verdachts beleidigt, ſo bittet er Euch durch meinen Mund um Verzei⸗ hung, und es ſoll zwiſchen Euch ſeyn, als ob nichts vorgefallen waͤre.«— Roſine ſah Jo⸗ hannen lange mit einer ſtaunenden Geringſchaͤ⸗ tzung an, und ſagte hierauf ſpitzig:»Es muß dem Herrn ſehr Ernſt und Willens mit dem Frieden ſeyn, da er gerade Euch als Fuͤrſpre⸗ cherin ſchickt. Euer Anblick, Hanne, verfehlt auch ſeine Wirkung nicht. Was ich dem Falke⸗ nierer geſtern nicht mit duͤrren Worten ſagte, wiſſe er durch Euch: Wir ſind geſchiedene Leute. Nehmt ſeinen Ring mit Euch. Er ſoll ihn beſ⸗ ſer gebrauchen.« „Wie d« ſtammelte Johanna, deren ſich eine unendliche Angſt bemeiſterte. „Nun jaze fuhr Roſine ſpoͤttiſch fort:»Er ſoll ihn an Euern Finger ſtecken. Dahin gehoͤrt er. Ihr habt aͤltere Rechte, Hanne; nicht wahr? es moͤchte auch wohl an der Zeit ſeyn, Euch unter die Haube zu bringen. Nicht wahr? ich will Euer Gluͤck nicht hindern; Gott bewahre. Ich d 40 will's im Gegentheil befoͤrdern, und mich vor der Schande bewahren, in meinem Hauſe ein zuchtloſes Buͤndniß fortgeſetzt zu ſehen.« »Ach, Jeſus!« ſeufzte Johanna, ihre Augen bekuͤmmert vor den Blicken der Zuͤrnenden nie⸗ derſchlagend.—»Was ſagt Ihr da, Jungfer Foſine? Ich bin kein ſittenloſes Geſchoͤpf; nur der Neid kann mir meine Unbeſcholtenheit rau⸗ ben, und was zwiſchen mir und Herrn Dreyer beſtand, iſt laͤngſt voruͤber. Ich wuͤnſche Euer Gluͤck, und will hundert Meilen weit aus der Markgrafſchaft gehen, wenn Euch meine Ent⸗ fernung beruhigen mag. Ich wuͤnſche aber auch Herrn Dreyers Gluͤck, und er kann nicht zufrie⸗ den ſeyn ohne Euch. Denkt doch ſelbſt, ob es Recht iſt, daß Ihr ihm die Thuͤre weiſet auf den Grund einer Luͤge hin? Ihr ſeyd mit ihm ver⸗ lobt, waͤrt jetzo ſchon ſeine Frau, wenn nicht die Feinde in's Land gefallen waͤren. Ihr muͤßt zu ihm halten, wie es einer treuen Verlobten geziemt, bis der Sturm voruͤber iſt, und Euer Bund geſegnet werden kann. Wie ſoll denn N 41 Euer Mann in des Lebens Nöthen ſich auf Euch verlaſſen, wenn Ihr auf ein leeres Geſchwaͤtz hin Euch im Brautſtand von ihm wendet!« „Seyd Ihr mein Beichtiger geworden, Han⸗ ne« fragte ſtolz und verdrießlich Roſine.»Geht hin und macht ſelbſt Reu und Leid. Euch thul's Noth, und Euerm Liebſten nicht minder. Habt Ihr denn beide geglaubt, mein Ohr ſey taub, und ich haͤtte keine warnende Freunde? oder — Eure Schande ſey der ganzen Welt unbe⸗ kannt? Hatte ich gleich geſtern zu viel Mit⸗ leid mit dem treuloſen Menſchen, ihm ſeine Schmach in's Angeſicht zu ſagen, ſo erfahre er heute durch Euch, daß ich ſie weiß. Geht nun mit Gott.« »Ihr zermalmt mein Herz, und geht grau⸗ ſam mit mir um;z« erwiederte Johanna ſchluch⸗ zend:»Ihr ſeyd ſo ungerecht, der Luͤge mehr zu glauben, als der Unſchuld, und macht Euren Verlobten ungluͤcklich; ſtuͤrzt Euch ſelbſt in's Verderben! Glaubt mir; auch von Euch reden die Nachbarn Vieles, und es waͤre nicht gut, 42 n wenn es ſich erwahrte, daß Ihr dem fremden Offizier Eure Liebe und Euer Wort gegeben. Die Fremde iſt falſch, und nur daheim ſchlagen treue Herzen, wachen treue Augen fuͤr uns. Haͤngt Euch nicht an das Soldatengluͤck eines Wäaͤlſchen! Ich rede ja nicht um meinetwillen! Ich leere in Gottes Namen den Kelch, den mir ſein ſtrenger Engel dargeboten hat. Um Eures Braͤutigams willen, um Eurer Schoͤnheit und Tngend willen ermahne ich Euch: thut Eurem Freunde nicht Unrecht.« „Freche Gleißnerin!« ſchalt Roſine:»Es kleidet die Tagloͤhners⸗Tochter wohl, mir Leh⸗ ren geben zu wollen. Geht, geht und vergeßt nicht den Ring mitzunehmen. Das Garn iſt zerriſſen, aus dem Hochzeitkleide wird nichts. Herr Dreyer ſehe nach einer Andern, die ihm den Kranz zur Kirche trage!« „Jetzo nehme ich den Ringze erwiederte Ju⸗ hanna erblaſſend und empoͤrt:»Gott behuͤte Herrn Dreyer vor einem Weibe, das mit der Jugend⸗ und Communionsgefaͤhrtin ſo boͤſes Spiel anſetzt. Aus ſolcher Ehe könnte nur Elend ſprießen.« „Bringt Ihr ihm die Roſen!« rief Roſine gezwungen lachend, und ſetzte hinzu, zum ein⸗ tretenden Lientenant gewendet:»Befreit mich doch von der uͤberlaͤſtigen Dirne!« Eine drohende Bewegung Letelliers ver⸗ ſcheuchte die verſtummende Johanna. Roſine koſ'te halb gezwungen noch einige Minuten mit dem Franzoſen, und lief dann hinweg, ſich in einen Winkel zu verbergen, und ſatt zu weinen. Das Schickſal der Stadt Baden war ent⸗ ſchieden. Aller Fuͤrbitten, des Flehens der Markgraͤfin ſelbſt ungeachtet, wurde das Ur⸗ theil beſtaͤtigt, das ihr Ludwigs grauſamer Mi⸗ niſter geſprochen. Das Schloß und einige Klo⸗ ſter— bis auf weitern Befehl— ausgenom⸗ men, ſollte die Stadt in Flammen aufgehen. Jammernd verließen die Buͤrger ihre Haͤuſer, und wehr⸗ und rathlos mußte die Fuͤrſtin vom * 44 N Altane ihres Schloſſes mit anſehen, wie ihrer Unterthanen Gut verbrannte, waͤhrend die Feld⸗ muſik des Feindes unter ihren Fenſtern wilde Maͤrſche und leichtfertige Taͤnze aufſpielte, und die Soldaten, um die geraubten Weinfaͤſſer ge⸗ lagert, Rache⸗ und Spottlieder durch einander bruͤllten. Der Falkenier, von ſeiner innern Unruhe bedraͤngt, vergaß ſeiner Dienſt- und Nachbar⸗ pflicht. Statt im Schloſſe zu verweilen, wo ſein Schutz der Markgraͤfin nothwendig werden konnte;— ſtatt ſeinen Mitbuͤrgern zu helfen, die ihr bischen Habe vor der gefraͤßigen Flam⸗ me, wie vor den Klauen frecher Pluͤnderer zu retten ſuchten, war er dem Brandgetuͤmmel ent⸗ flohen, und eilte dem Wohnorte Roſinens zu. Die fruͤh einbrechende Daͤmmerung nahm ihn in ihrem Mantel auf, und bald gelangte er unbemerkt zu der bezeichneten Buche, deren Wipfelblaͤtter vom Golde der Feuersbrunſt, die ſich am Himmel abſpiegelte, uͤberſtrahlt waren. 45 n Johanna wartete ſeiner nicht; wohl aber an ihrer Statt ein Knabe, ihr Bruder. »Gott gruͤß' Euch, Herr Dreyer;z« ſagte der Junge:»Meine Schweſter vermeldet Euch einen guten Abend, und ſie ſchickt Euch die Schach⸗ tel hier.« Der Knabe uͤbergab der zitternden Hand des Falkners das kleine Behaͤltniß, und ſchluͤpfte durch's Dickicht. Dreyer oͤffnete die Gabe: der Verlobungsring, den er Roſinen geſchenkt, lag darinnen. Der ſtumme Zeuge ſeines nun un⸗ widerruflich ausgeſprochenen Schickſals verſetzte ihn in Wuth. Er ſchleudert den Ring mit einer Verwuͤnſchung weit von ſich in die raſſeln⸗ den Blaͤtter, und ſchnell, wie man ſich von einem giftigen Inſekt zu befreien begehrt, ſtreifte er den Ring, den er von Roſine erhalten, von ſeinem Finger.»So wollen wir denn tauſchen, hochmuͤthige Jungfer!« ſagte er zaͤhnknirſchend vor ſich hin, zog das Piſtol hervor, das er zur Sicherheit ſtets bei ſich trug, lud es mit Kugel und Ring, und ſchritt dann grimmig und ſchwei⸗ N 46* gend auf den Maierhof zu. Die Schildwache am Gatter rief ihr„Qui vive 2«——»Gut Freund;z« murmelte Dreyer dem Soldaten zu, dem der kecke Eintritt des Fremdlings in den Hof glauben machte, derſelbe gehoͤre entweder in das Haus, oder er habe doch mindeſtens ein wichtiges untadeliges Geſchaͤft darinnen. Dreyer hatte nicht Urſache, viel weiter vorzudringen, um die zu finden, die er ſuchte. In der Unter⸗ ſtube war Licht. Auf der Bank am erſten Fen⸗ ſter ſaß der Maier mit ſeiner Frau, traurigen Geſichts und in bekuͤmmertem Geſpraͤche. Bei dem Tiſche am zweiten Fenſter ſaß der Lieute⸗ nant, und ſcherzte mit Roſinen, die ſich ſchwer⸗ muͤthig freundlich an ihn ſchmiegte. Ohne zu wiſſen, ob er auf den Kopf des Franzoſen oder ſeiner Braut zielte, ſchlug Dreyer gegen das Fenſter an;.. ein Knall.. die Kugel fuhr durchs Fenſter, und uͤber den Haͤuptern des Paares in die Decke. Derbe Faͤnſte packten jedoch im naͤmlichen Augenblicke den verzagen⸗ den Moͤrder, und ſchleppten ihn in die Stube, N 47 wo die Eigenthuͤmer des Hauſes geiſterbleich zuſammengeſunken waren, Roſine mit einem Schrei den Verbrecher erkannte, und der Lien⸗ tenant mit grimmigen Blicken das Verhoͤr be⸗ gann. Der Falkner antwortete, was ſeine Wuth und ſeine Verzweiflung ihm eingab, und der Todes ſpruch rollte alſobald von Letelliers Lippe, der ſich faſt nicht entbloͤdet haͤtte, den Ertapp⸗ ten thaͤtlich zu mißhandeln. La Grenade hielt den Wilden mit Beſonnenheit zuruͤck, und ſtellte ihm vor: die Menſchlichkeit erfordre, dem Ver⸗ brecher eine Stunde der Vorbereitung zum Tode zu laſſen. Letellier ging nach einiger Ueberle⸗ gung in die Meinung des Volontairs ein, und befahl, den Falkner nach dem Dorfe in das Wachthaus zu bringen. La Grenade begleitete ihn ſelbſt dahin, und indeſſen wendete ſich die Lage der Dinge im Maierhofe auf eine ſelt⸗ ſame Weiſe. Der Lieutenant bannte naͤmlich den finſterſten Ernſt auf ſeine Stirn, verwan⸗ delte ſeine ſchmeichelnde Stimme in eine ſchreck⸗ Nd 48 bare, und ſagte zu der von tauſend Aengſten und Seelenvorwuͤrfen gequaͤlten Roſine: Eure Bosheit iſt mir erſt jetzw klar geworden, heuch⸗ leriſches Geſchoͤpf. Ihr wolltet mit mir die Komoͤdie zwiſchen dem Feldherrn Siſſera und der mordluſtigen Juͤdin auffuͤhren. Eure Freund⸗ lichkeit war Luͤge, und Euer Reiz der Koder, der mich in den Schlund eines ſchaͤndlichen Complotts ziehen ſollte. Aber Ihr moͤgt zittern. Es geht hier um Euern, Eurer Eltern und Eures Mordknechts Kopf. Roſine erſchrack heftig. Sie bemerkte, daß das vermittelſt mangelhafter Dollmetſchung ge⸗ fuͤhrte Verhoͤr dem Offizier einen falſchen Be⸗ griff von der ganzen Sache gegeben zu haben ſchien, und es war ihrer Eitelkeit doch un⸗ moͤglich, dem nicht ungeliebten Letellier den wahren Grund von Dreyers That zu enthuͤllen. Sie wendete daher ihre ganze Beredſamkeit an, den Falkner als einen ungluͤcklichen Schwaͤrmer darzuſtellen, und von ihren Eltern und von d 49 b ſich allen Verdacht der Mitwiſſenſchaft zu ent⸗ fernen. Letellier nahm mit Vergnuͤgen die Folter ihrer Seele wahr, und war ſchlau genug, zu errathen, welches Gefuͤhl ſich eigentlich in Roſinens Verwendung zu Gunſten des Falkners ausſprach; grauſam genug, um von ihrer be⸗ dauernswerthen Lage Vortheil zu ziehen. „Ihruͤberzeugt mich ſchwer durch Eure Worte,« ſagte er, vobgleich ich Euerm ſchoͤnen Munde allen Glauben beimeſſen moͤchte. Ich wuͤrde der That mehr vertrauen, als der leeren Rede.« Roſine ſah ihn bange und fragend an. Er fuhr mit einem ſiegenden Laͤcheln fort:»Der Soldat iſt angewieſen, die Blume zu pflucken, wo er ſie findet. Ihr ſeyd die Roſe dieſes Thals, meine Hand hat ſich ausgeſtreckt, Euch zu beſitzen; Ihr habt meiner Leidenſchaft Wehre entgegengeſetzt, und ich habe dieſen Widerſtand geehrt. Nun aber moͤchte Nachgiebigkeit die einzige Tugend ſeyn, die mein gerechtes Miß⸗ trauen beruhigen koͤnnte.« Je länger je lieber. II. 4 N 50 n »Herr Lieutenante ſtammelte das Maͤd⸗ chen.— »Ich kann meinen Argwohn naͤhren;z«a ſprach Letellier weiter: vich kann nach ſtrengem Kriegs⸗ brauch verfahren,— Euer Haus niederbrennen, Eure Eltern dem Tod in den Rachen jagen, ihren Reichthum, der im Garten verſcharrt liegt, den Chaquifannes mit ſeinem Falkenblicke entdeckte, und den nur mein Verbot bis jetzo unangetaſtet bewahrte, nach Soldatenrecht fuͤr mich behalten. Ich kann mehr thun. Der Ver⸗ brecher iſt ein Jäger der Markgraͤfin,— dieſe Letztere unſtreitig ſelbſt in das Complott ver⸗ nicet. Die Scheinheilige beſoldet vielleicht noch manchen Menchelmoͤrder, der nach dem Leben franzoͤſiſcher Offiziere trachtet. Ein Wort von mir, und ſie iſt im Kerker,— auf dem Schaffot ſelbſt; eine Fürſtin von Baden gilt nicht mehr als eines Finanziers Frau vor dem Throne unſers erlauchten Koͤnigs. »Die Markgrafin, meine Wohlthäterin 2« rief Roſine: Gynaͤdiger Herr,— haben Sie doch Mitleiden mit meiner zweiten Mutter! glauben Sie doch an meine Wahrheitsliebe. „Beweiſe ſie, mein Kind;« verſetzte Letellier ruhig:»Ich liebe Dich unausſprechlich, mehr als es meiner Herkunft geziemt,— aber wer widerſteht dem Zuge des Herzens? Willige ein, die Meinige zu ſeyn, und Ihr ſollt frei, dieſes Haus unangetaſtet bleiben. Doch, nicht etwa hier, in dem fluͤchtigen Tumulte des Kriegs, gewaͤhre mir eine fluͤchtige Gunſt. Bleibe mein; ziehe mit mir; lebe— ſtirb in meinen Armen!« »Als Euer Weib?« fragte Roſine. »Bedarf's der ernſten Bande?« entgegnete Letellier:»Wahre Liebe ſcheut die Zwangs⸗ formel, und meine Verwandten zittern vor einer Mißheirath. Laß ihnen das Vorurtheil, und wage es im Vertrauen auf den Sohn der Schoͤnheit, gluͤcklich zu ſeyn.« »Als Euer Weib?« wiederholte Roſine, blaß und in heftiger Spannung. Letellier be⸗ trachtete ſie aufmerkſam, und vor dem Ernſte, 4* 52 n der in ihren Blicken aufdaͤmmerte, ſchwieg ſeine Zunge. Das Mädchen fuhr fort:»Ihr habt kein leichtfertiges Geſchoͤpf vor Euch, Herr Offizier. Die Empfindungen meines Herzens muß die Kirche gut heißen, wenn ich ihnen folgen ſoll. Seyd Ihr hart genug, meine Hand als die einzige Bedingung der Freiheit und des Lebens meiner unſchuldigen Eltern anzuſetzen, ſo opfere ich ſie mit Freuden. Die fahrende Freundin eines Soldaten mag ich nicht heißen.« »Ei, wie hochmuͤthig!« ſagte Letellier, zwi⸗ ſchen Spott und Bewunderung ſchwankend. „Ihr werdet noch mehr uͤber meinen Hoch⸗ muth klagen,« fuhr Roſine kuͤhner werdend fort: vauch ich verſchenke nur unter einer Bedin⸗ gung meine Hand. Der arme Menſch muß be⸗ gnadigt, frei, und meinen Eltern Euer Schutz auf's kraͤftigſte geleiſtet werden.« »Wie? den Moͤrder ſollte ich losgeben 2. fragte der Lieutenant aufgebracht:»mein Kind, Du dictirſt Deinem Ueberwinder eine harte Capitulativn. Ich verwerfe ſie. Dem Burſchen w 53 muß die Kugel werden, und Du, auch ohne Madame Letellier zu heißen, mir angehoͤren.« Roſine reichte ihm ſtatt der Antwort mit Stolz und Verachtung beide Haͤnde hin, indem ſie ſprach:»So bindet mich denn, Herr, und laßt mich ſammt meinen Eltern in's Gefaͤngniß werfen. Um dieſen Preis iſt mir mein Leben feil.« Letellier maß ſie vom Kopf bis zu den Fuͤßen mit langem, ſtaunendem Blick. Dann ſchlug er die Arme uͤber einander, ſann mit niederhaͤngendem Haupte eine Weile nach, und ſprach vor ſich hin:»Ich koͤnnte Gewalt an⸗ wenden,„aber welchem Manne von Ehre geſiele ein erzwungener Kuß?« Hierauf verließ er auf einige Minuten die Stube, kam dann zuruͤck, und ſagte mit heiterer Stirne:»Du haſt gewonnen, kleine Hexe. Ich habe nach einem Kapuziner geſchickt, und noch heute Nacht wird die Trauung ſehn.« Roſinens Hand lag kalt und willenlos in der Seinigen, und ihr Mund verſagte ihr faſt 54 den Dienſt, als ſie den Eltern, die bis jetzo der Verhandlung, ohne eine Sylbe davon zu verſtehen, zugehoͤrt hatten, mittheilte, was ihnen gedroht, und was ihrer nun wartete. Der Maier wollte ſich die Haare ausraufen; ſein eitleres Weib trocknete indeſſen bald ſeine Thraͤnen, als es ſich erinnerte, Herr Letellier ſey von Adel und ſein Ohm von bedeutendem Einfluſſe bei dem Koͤnige von Frankreich. »Hab' ich Dir's nicht oft geweiſſagt,« fragte. ſie den kummervollen Mann,»daß Roſine noch zu großen Dingen aufbewahrt ſey? Gott hat uns in die Haͤnde der Feinde gegeben, ſammt Frucht und Stall, ſammt Geld und Gut. Wie gluͤcklich ſind wir alſo, daß Roſinens Schoͤnheit den Feind bezwungen! Vielleicht iſt ſie noch auf⸗ behalten, bei dem Koͤnig Ludwig fuͤr ihr armes Vaterland Gnade zu erbitten.« Roſine ſagte indeſſen dringend zu dem Lieutenant:»„Ihr habt nun mein Wort, Herr. Seht jedoch dieſe armen alten Leute, wie ab⸗ wechſelnd Furcht und muͤhſam erzwungene Freude A 55 ihren Koͤrper erſchuͤttert. Haltet ihnen, was Ihr verſprochen.« „Ja, meine Roſez« verſetzte Letellier willig. vUnd der Falkner?« fragte Roſine ferner: viſt er frei? Habt ihr ſchon den Befehl der Varmherzigkeit ertheilt?“ „Ich muß gegen Euch auf der Hut ſeyn, wie Ihr gegen mich;« ſprach Letellier mit ſchlauer Freundlichkeit: vin dem Augenblick Eures Jaworts vor dem Prieſter wird der Elende frei.« „Auf Eure Ehre?«— »Auf Ehre, ſchoͤne Roſe.« Pater Anton, der Kapuziner, kam, gehor⸗ ſam dem Befehle folgend. Der Fragen waren wenige; der Wunſch des Lieutenants war um ſo deutlicher, und in wenigen Augenblicken war Roſine Madame Letellier de Liſtron.— Als die Ceremonie voruͤber war, und ſich Eltern und Zeugen und Prieſter traurig und 56* niedergeſchlagen entfernt hatten,— als der junge Ehemann, mit ſeiner Gattin allein ge⸗ blieben, ſie an ſeine Bruſt druͤckte, und von ſeliger Ahnung entzuckt, fluͤſterte:»Iſt es wahr, ſchoͤne Roſe, daß Du nun mein biſt?«— da entwand ſich Roſe zitternd ſeinem Arm und fragte:»Da ich es nun bin— habt auch Shr Euer Wort geloͤst, und iſt Herr Dreyer frei?« —»Auf eines guten Soldaten Wort!« entgeg⸗ nete Letellier beruhigend:»ich ſandte den Fähn⸗ drich vor einer Viertelſtunde zum Dorfe. Der Gefangene wird jetzt ſchon in Freiheit, auf dem Wege zur Heimath ſeyn«—»Gott ſchenke ihm Gluͤckz« ſeufzte Roſine aus Herzensgrunde; und Euer, mein Herr, werde die Seligkeit, wenn Ihr mich nicht hintergangen habt.«— »Trauſt Du mir Verrath zu, da ich Dir doch den hoͤchſten Beweis meiner Rechtſchaffenheit gegeben?« fragte wieder Letellier, und zog die ſchwerathmende Vermaͤhlte auf ſeinen Schooß. Da klang es von fern wie Trommellaͤrm und wie einzelne Hornlaute. Beſtuͤrzt ſprang der 57 n Lieutenant empor, und fragte durchs Fenſter die Schildwache vor dem Hauſe, was es gaͤbe. —„Im Dorfe ſchlaͤgt Feuer auf!« antwortete der Soldat; es wird ſtark geſchoſſen!— In der That drang der Knall der Gewehre nun auch bis zu dem Maierhofe. Beunruhigt ſtuͤrzten alle Bewohner deſſelben aus dem Hauſe in's Freie. In Eberſteinburg war Brand, Ge⸗ tuͤmmel. Ein Reiter gallopirte durch die Nacht ſchwerfaͤllig einher. Bei dem Schein der Pech⸗ kraͤnze, die Letellier anſtecken ließ, erkannte man den Faͤhndrich Chaquifannes. „Trente mille moustaches!« ſchrie er, von dem verwundeten Gaule gleitend:»Die Peſt auf das verdammte deutſche Mordgeſindel! Im Dorfe iſt Aufruhr. Ein Hoͤllenweib hat ihn geſtiftet. Mit verwirrtem Haare, wie eine junge Hexe, ſchreiend und wuͤthend, iſt ſie in die Huͤtten eingebrochen, und hat alle Bauern aufgerufen, den Moͤrder zu retten, der im Wachthauſe ſaß. Als ich mit Eurer Begnadigung ankam, Herr Lieutenant, war ſchon der Mord in voller 58 Arbeit. Unſre wackern Jungen fanden theils im Schlafe verſunken, theils vereinzelt, den Tod. Freilich habe ich mich an ihre Spitze geſtellt, und mit der Tapferkeit gefochten, die einem Manne ziemt, der ein Vetter Carls des Großen geweſen ſeyn koͤnnte. Aber vergebens. Das Wachthaus wurde erſtuͤrmt; die Furie, die Alles aufgehetzt, drang ſelbſt, einen Feuerbrand in der Fauſt, hinein, und riß den Gefangenen, der ohnehin in zwei Minuten frei geworden waͤre, heraus. Obgleich im vollen Ruͤckzuge begriffen, wie ein gewiſſer General Fenophon, wollte ich dem Feinde wenigſtens den Zweck ſeiner Moͤrderei vereiteln. Meine gute Reiter⸗ piſtole— ſie wurde von dem beruͤhmten Rifflet in Dijon verfertigt— ſchoß zur guten Nacht den Gauner, um deſſentwillen Alles geſchehen, neben ſeiner Befreierin in den Sand. Ich wuͤrde noch einmal ſo laut uͤber dieſe That ju⸗ beln, hätte mir nicht im naͤmlichen Augenblicke ein von Wuth und Branntwein trunkner Bauer einen Senſenhieb uͤber die Fauſt beigebracht, 6. 59* der das Gelenk wohl fuͤr immer laͤhmen duͤrfte.« Roſine wurde weniger von dem Anblicke der grauſam verletzten Hand, die Chagquifannes ge⸗ gen die Flammen hob, erſchuͤttert, als von der Nachricht, die des Gascogners Mund ſo un⸗ barmherzig ausgeſprochen hatte.»So war mein Opfer denn umſonſt!«— ſeufzte ſie vor ſich nieder und ſank in Betaͤubung dahin. Letellier wuͤrde ihr jede Sorgfalt geweiht haben, die in ſeiner Macht ſtand, aber der Augenblick forderte ſein unbeſtrittenes Recht. Vor Zorn ſchnaubend, und dennoch ohnmaͤchtig in ſeinem Zorne, war der Lieutenant im Be⸗ griff, einen Boten nach Baden zu ſenden und die eiligſte Verſtaͤrkung aufzubieten; ein Eilbote aus dem Gernsbacher Thale kam indeſſen ſo eben an ihn. Der Capitain Milhaud meldete, er befinde ſich, umzingelt von bewaffneten Rot⸗ ten, in der groͤßten Gefahr. Viele Bauern und Buͤrger der eingeaͤſcherten Doͤrfer und Städte haͤtten ſich, von Verzweiflung, Hunger 60 An und Rache getrieben, in die Bergſchluchten ge⸗ worfen, und beunruhigten aus ihrem Hinter⸗ halte den preisgegebenen Feind. Letellier mochte demzufolge ſogleich mit den Seinigen aufbrechen, dem Capitain zu Huͤlfe eilen, vorher alles mit Feuer verwuͤſten und das Moͤglichſte thun, um ſeinem Chef den Ruͤckzug aus dem Thale zu ſichern. Eine Compagnie von den in und um Baden liegenden Truppen werde indeſſen ſeinen Standpunkt beſetzen.— Letellier ordnete ſofort Alles zum Abmarſche. Voll Beſorgniß und Trauer fiel ſein Blick auf die Gattin; die Gefahr, in welcher ſie ſchwebte, leuchtete ihm ein. Sollte er ſie dem blutigen Gluͤckswechſel, dem er entgegenging, preisge⸗ ben? Sollte er ſie der Luͤſternheit der nach⸗ folgenden Truppen ausſetzen, die gewiß ver⸗ wuͤſten wurden, was er bis jetzt verſchont hatte2 Oder ſein Weib der Wuth der Aufruͤhrer uber⸗ laſſen, die, wie man vernahm, ſich bereiteten, mit voller Uebermacht gegen die Maierei zu ziehen, und der Franzoſenbraut, wie ſie ſich N 61 n aus druͤckten, volle Vergeltung geſchworen hat⸗ ten?— »Wollt Ihr als ein Ehrenmann an Euerm angetrauten Weibe handeln,«— ſagte La Gre⸗ nade, dem er ſeine Furcht mittheilte—»ſo ſchafft Madame uͤber den Rhein in Sicherheit. Cha⸗ quifannes iſt zum Kampf untauglich; gern wird er in's Vaterland zuruͤckgehen, und Eurer Dame Beſchuͤtzer ſeyn.« „Wahrlich; Ihr habt Recht!« erwiederte Letellier, freudig, ein Auskunftsmittel gefunden zu haben. Chaquifannes ſagte nicht»Nein,« und ein Wagen wurde augenblicklich beſpannt. „Wohin fuͤhrt man mich?« fragte Roſine, die aus ihrer Betaͤubung erwachte, als man ſie auf den Wagen hob.—„Wohin ſchleppt Ihr unſer Kind? jammerten die Eltern, die Haͤnde ringend.— Mit Ungeſtuͤm verwies je⸗ doch der Lieutenant den betruͤbten Leuten ihren Kummer, und ermahnte ſie, fuͤr die Rettung ihrer Habe zu ſorgen. „Ich muß abziehen,» riefer,»und Euer Haus anzuͤnden, ob es mir gleich leid thut. Rettet indeſſen Euer Geld, und macht, daß Ihr fort⸗ kommt. Eure Tochter iſt mein, und geht, wo⸗ hin es mir beliebt. Fort, Herr von Chaqui⸗ fannes! Dieſe Boͤrſe mag Eure, Auslagen be⸗ ſtreiten, bis ich weitere Nachricht gebe. Fort nach Strasburg, und, komme ich binnen acht Tagen nicht ſelbſt dahin, oder erhaltet Ihr keine Kunde von meinem Willen, ſo bringt Madame Letellier nach Liſtron. Gehabt Euch Beide wohl. Auf ein froͤhliches Wiederſehen!« Der Wagen fuhr wie der Blitz auf dem Wege nach Stollhofen ab; die Pechkraͤnze, die in das Dach der Maierei geſchleudert wurden, beleuchteten den Pfad der Fliehenden. Die Be⸗ ſitzer des Hauſes ſandten ihrer Tochter ein herz⸗ zerreißendes Geſchrei nach, und liefen, in dem verhaͤngnißvollen Momente ihre verborgenen Schaͤtze in Sicherheit zu bringen. Das Haͤuf⸗ lein von Franzoſen, das ſich indeſſen um den Lieutenant geſammelt hatte, zog unter dem 63 Schutze der Nacht und verborgener Waldpfade ab, die, obgleich von Blaͤttern entkleidet, durch die große Anzahl der Staͤmme den Blicken, wie den Kugeln der Meuterer— wie man die armen Landleute nannte— eine dienliche Wehr⸗ mauer entgegenſetzten. Acht Tage vergehen ſchnell, beſonders, wenn die Zeit um uns, oder das Herz in unſerm Bu⸗ ſen heftig bewegt iſt. In einem Gaſthofe der ehemaligen Reichsſtadt Strasburg, ihrem man⸗ nigfachen Kummer uͤberlaſſen, erwartete Roſine mit Angſt ſowohl, als mit Sehnſucht, die Nach⸗ richten, die Letellier verſprochen hatte. Chagui⸗ fannes, von Neugierde, wie vom Beduͤrfniß der Ruhmredigkeit geſpornt, ging an jedem Morgen auf die Neuigkeitsjagd, und, obgleich er ſeine Schutzvertraute in einer unbehaglichen Einſam⸗ keit zuruͤckließ, ſo fuͤhlte ſie keine Neigung, ſeine Schritte zu beſchraͤnken. So zuthulich, dienſt⸗ bar und freundſelig der Mann ſich auch gegen A 64 ſie erwies, ſo konnte ſie dennoch ein Mißbeha⸗ gen nicht unterdruͤcken, wenn ſie ihn anſah, und ſich erinnerte, daß ſeine Hand ihrem Verlobten den Tod gegeben. Dreyers Ungluͤck hatte ihre Gefuͤhle gaͤnzlich umgeſtimmt. Der Wahnſinn, der ihn zu dem Mordverſuche hinriß, zeugte ja von heftiger Liebe, und Roſine hätte ihm ver⸗ ziehen, wäre ihr ſogar die Gewißheit geworden, daß auf ſie ſeine Kugel gemuͤnzt geweſen. Freundlicher gedachte ſie freilich ihres Gatten, aber wenn ſie ſich auch ganz der Hoffnung hin⸗ gab, ihn bald wiederzuſehen, in ſeinem Arme die Schrecken der verwichenen Tage zu ver⸗ geſſen, ſo war doch der Gedanke an ihre Eltern mehr als hinreichend, ſie der getraͤumten Zu⸗ verſicht und Ruhe zu entreißen. Welches Loos war dieſen beſchieden? Wandelten ſie noch un⸗ ter den Lebenden? oder waren ſie unter den Truͤmmern ihres Hauſes, unter den wuͤthenden Streichen anderer Feindeshorden erlegen? Sie flehte zum Himmel um Aufſchluß. Der Himmel ſchwieg. Endlich, nach voͤllig verfloſſenen vier⸗ 65 zehn Tagen, kam Chaquifannes eines Morgens von dem Commandanten, und erzaͤhlte: Kuriere von der Armee ſeyen gekommen, und an Aus⸗ ſagen von Bauern aus Badens Umgegend fehle es auch nicht. Die Meuterei, die das Geruͤcht vergroͤßert hatte, ſey ſchnell und kraͤftig erſtickt worden. Das Corps, welches in der Markgraf⸗ ſchaft den Auftrag der Verwuͤſtung zu vollzie⸗ hen beordert geweſen, habe bereits ſeine Stel⸗ lungen verlaſſen und andere in entlegenern Ge⸗ genden eingenommen. Von Franzoſen ſey das badner Land, Obſervationspoſten ausgenommen, ziemlich leer, aber unſicher von marodirenden Banden, die pluͤndernd und ſtoͤbernd allenthal⸗ ben umherzoͤgen, Leben und Eigenthum befeh⸗ dend. „Meine Eltern, Herr von Chaquifannes 1« bat Roſine mit Thraͤnen der Ungeduld und der Angſt im Auge:»Meine Eltern! was wiſſen Sie von ihnen?« „Der Maierhof liegt in Aſche;« antwortete er achſelzuckend:»von Ihrem Vater weiß man Le länger, je lieber. II. 5 nichts, Madame, und Ihre Mutter, heißt es, ſey ausgewandert.« »Mein Gott!« ſagte Roſine erſchuͤttert und leiſe vor ſich hin. Nach einer ziemlichen Pauſe ſetzte ſie langſam und wie befuͤrchtend hinzu: »Von Herrn Letellier ſagen Sie nichts, mein Herr von Chaquifannes? Warum ſagen Sie von ihm nichts?« Chaquifannes ſtrich ſich verlegen den Bart, und erwiederte zoͤgernd:»Beim heiligen Dionys und meinem Ahnherrn, dem Pair von Trébi⸗ ſonde! Sie bringen mich auf ein verzweifeltes Kapitel, Madame. Sie wiſſen, mit welcher Tapferkeit ſich die Armeen unſers erlauchten Herrn und Koͤnigs ſchlagen, und daß ſie an den Sieg gewoͤhnt ſind, wie an das weiße Brod. Aber, Madame, es iſt leider wahr, und ich könnte dieſe Wahrheit durch tauſend Bei⸗ ſpiele der groͤßten Generale ſelbſt erhaͤrten: es iſt leider wahr, daß ſelbſt der Tapferſte nicht unſterblich iſt. Das Corps des Capitain Mil⸗ hand beſtand nicht minder aus ſolchen Leuten. Es hat die Rebellion mit den Leibern ſeiner Genoſſen erſtickt, und man will nach ziemlich zuverlaͤſſigen Nachrichten behaupten, daß ich der Einzige geweſen, der dieſes Corps, einem ge⸗ zwungenen Ruͤckzuge zufolge, uͤberlebt hat.« Roſine vermochte nicht einen Laut zu ent⸗ gegnen. Niedergeſchlagen ſenkte ſie den Kopf, faltete die Haͤnde und ſagte in finſterm Kum⸗ mer:»So iſt denn Alles vorbei, und ich darf nur hingehen und in dem Rheine meinem Leben ein Ende machen.« „Welche Melancholie, Madame!« ermahnte Chaquifannes lächelnd: veine Frau Ihres Stan⸗ des hat ganz andere Huͤlfsmittel, als die Um⸗ armung des naſſen alten Herrn. Morgen reiſen wir nach Liſtron.« »Nach Liſtrvn? Was ſoll ich dort?« „Ventre saint-gris! eine luſtige Frage. Sind Sie nicht die Gebieterin dieſes Landhauſes, welches eines der ſchoͤnſten in ganz Frankreich iſt? Ein paar Stunden von Verſailles, ein paar Stunden von Marly! Tu Pieu! ich habe 5* . ſelige Tage dort verlebt; und, wenn Sie es bei dem Vetter Ihres Mannes, bei dem Mar⸗ quis, vernuͤnftig einleiten, ſo muß dieſes Haus Ihr Wittwenſitz werden. Jarnigou! Man hei⸗ rathet doch wahrlich nicht umſonſt einen Lieute⸗ nant aus den Armeen des Koͤnigs.« „Wie? ich ſollte mich in die Familie des Herrn Letellier eindraͤngen? ich, ein armes Landmaͤdchen?« fragte Roſine beſtuͤrzt. »Warum denn nicht, wenn's beliebt, Ma⸗ dame?« verſetzte Chaquifannes ziemlich naſe⸗ weis:»Die Familie Letellier, ſowohl in den Branchen Louvois, als von Chaville, als von Liſtron, zaͤhlt nicht ein ſo hubſches Geſicht un⸗ ter ihren Frauen, ſeid den Kreuzzugen; zu welcher Zeit, beiläͤufig geſagt, die Letelliers, wie auch viel ſpaͤter ebenfalls, nicht an den Adel dachten, und Gott dankten, daß er ſie als Buͤrgerliche exiſtiren iieß, waͤhrend meine Vor⸗ fahren ſchon laͤngſt die hoͤchſten Bedienungen am Hofe von Yoetot und Treébiſonde verſchenk⸗ ten, wie man die Trauben im Herbſte weg⸗ 69 Mn gibt.— Alſo friſch auf, meine ſchoͤne Dame! Treten Sie in Liſtron als Frau vom Hauſe auf. Ich, Hypolite Céſar Clément Auguſte, Sire von Chaquifannes und Poupadine, fuͤhre Sie daſelbſt ein, und mein Arm und mein De⸗ gen ſtehen ihren Mann. Ich haſſe alle Prahle⸗ reien, und begnuͤge mich mit der Verſicherung, daß ich gegen alle Generationen der Familie Letellier Ihre Anſpruͤche zu vertheidigen bereit bin. Sie bedenken ſich noch? Sie zoͤgern noch? Was wollen Sie denn unternehmen? nach dem ungeſunden Norden zuruͤckkehren, der jede Schoͤn⸗ heit unerbittlich vertilgt? in welchem an den heißeſten Sommertagen jeder Thautropfen zum Eiszapfen wird? wo man weder Weißbrod, noch ein Ballet kennt? Wenn Sie noch eine Zuflucht, ein Haus, Ihre Eltern haͤtten! Aber die gnädige Frau von Letellier⸗Liſtron ſollte, wie eine Landlaͤuferin— verzeihen Sie mir den Ausdruck— ihren erlauchten Namen von Haus zu Haus tragen, um ihr Daſeyn zu friſten? Nein, Madame. Sie ſind eine Franzöſin ge⸗ worden. Nehmen Sie Ihre Stelle ein, und vertrauen Sie auf die Wunder des Zufalls. Es iſt ſchon mancher wieder heim gekommen, den man todt geſagt hatte, und im Kriege ſind ſolche Mirakel nicht ſelten. Wenn ich Ihnen erzaͤhlen wollte, was einſt— es moͤgen hundert Jahre her ſeyn— meinem Großvater muͤtter⸗ licher Seite, dem beruͤhmten Banneret von Ca⸗ niforgade begegnete, als er von einem Streif⸗ zuge nach Marocco wiederkehrte 4 »Verſchont mich, Herr Faͤhndrich!« bat Ro⸗ ſine:»Die Hoffnung, die Ihr vor meinem Au⸗ ge aufrollt, wie das Bewußtſeyn meiner Huͤlf⸗ loſigkeit, uͤberwinden mich gewaltiger, als Eure Erzaͤhlung zu thun vermochte. Im Vertrauen auf die allgemeine Menſchenliebe will ich an Euerm Arm den Schritt, den Ihr mir vor⸗ ſchlagt, wagen. Die Familie meines Mannes wird mich, die Verlaſſene, ja nicht zuruͤckſtoßen; wird mir wenigſtens Zeit und Mittel goͤnnen, uͤber Letelliers und meiner Eltern Schickſal un⸗ umſtößliche Gewißheit zu erlangen.« 71 N „Wer konnte Ihnen etwas abſchlagen? verſicherte Chaquifannes mit vieler Galanterie: Ihr Aeußeres ſpricht für Sie; und dieſes ein⸗ fache Kleid, das Sie tragen, dieſes National⸗ kleid, obgleich keines der geſchmackvollſten, ſteht Ihnen wunderſchoͤn, und wird, auf Ehre, in Verſailles das groͤßte Aufſehen machen; wer Aufſehen erregt, macht an unſerm Hofe ſein Gluͤck, und folglich kann es Ihnen nicht fehlen. Sie mit Ihren Reizen, ich mit dieſer Wunde, der Buͤrgſchaft meiner Tapferkeit— wir muͤſſen ſiegen. Ein anſtändiges Witthum wird Ihnen, — ein dem Verdienſt angemeſſener Gnadenge⸗ halt wird mir werden, und wer weiß, ob nicht vielleicht einſt dieſes Witthum und dieſer Gna⸗ dengehalt vereinigt...« „So beſorgt alſo unſere Reiſe;« unterbrach ihn Roſine, von ſeinen Anſpielungen wenig er⸗ freut: vich fuͤhle, daß ich mir keine glänzende Laufbahn eroͤffnen werde, und will daher lieber meine ſchlichte Einfalt zur Schau tragen, als ein erborgtes Vornehmthun. Haben ſich menſch⸗ 72 w liche Herzen meiner angenommen, mein Daſeyn geſichert, ſo wird es immer noch an der Zeit ſehn, meine Kleidung mit einer paſſenderen zu vertauſchen. Wollte Gott,— Letellier uͤber⸗ reichte mir, lebend und geſund, dem grauſamen Geruͤchte zum Trotz, das Gewand einer Frau ſeines Standes. Von ihm empfinge ich's am liebſten.« »Sie waͤren eines Purpurs von Koͤnigs Hand werthza ſprach Chaquifannes mit Ueber⸗ treibung:»Sie waͤren auch die Erſte nicht, die eines Fuͤrſten Liebe geſchmuͤckt hat;— und, auf Ehre, wollten die chriſtlichen Maͤchte meine An⸗ ſpruͤche auf das Kaiſerthum Treébiſonde beruͤck⸗ ſichtigen, wer weiß, ob 44 »O, mein werther Herr, wie demuͤthigt Ihr mich in meiner Trauer durch Euern Scherz! Einer Wittwe gebuͤhrt, in meinem Verhaͤltniſſe, ein Nonnengewand eher als adelicher Prunk.« »Hm!« meinte Chaquifannes:»Das mag immerhin ſeyn. Es iſt auch adlich, eine Nonne zu werden. Jedoch hat's damit noch Zeit, Sn— —————————————— 73* — und Ihrer Schoͤnheit wird der Roſenſchmuck nicht entſtehen.« Der alte Hausverwalter René zu Liſtron, wie ſeine Ehefrau Margot, wunderten ſich nicht wenig, als eines Abends der Herr von Chaqui⸗ fannes bei ihnen eintrat und ſeine Begleiterin als die Dame vom Hauſe inſtallirte. Die Zu⸗ verſicht, mit welcher der Gascogner auftrat, haͤtte ſogar der offenbaren Luͤge einen Anſtrich von Wahrheit gegeben; folglich glaubten die Hausleute im Anbeginn Alles, was ihnen der edle Herr ſagte. Als dieſer ſich jedoch am naͤch⸗ ſten Tage ſchon nach Verſailles entfernte, und, ſeinem Verſprechen zum Trotz, Roſinens Ange⸗ legenheiten nebſt den ſeinigen zu beſorgen, nicht binnen einigen Tagen wiederkam;— als Ro⸗ ſinens Schwermuth immer auffallender wurde, und ſo manches in ihrem Benehmen vorkam, das gegen die ſteife Etikette der vornehmen Da⸗ men jener Zeit verſtieß, ſo erwuchſen Scrupel A 74 und Mißtrauen in René's und ſeiner Ehehaͤlfte Seele.« »Ich wette,« ſagte Margot zu dem Manne, »daß hinter der Geſchichte ein Scandal ſteckt. Du kannſt Dich erinnern, mein Alter, wie auf⸗ ſchneideriſch der lange Faͤhndrich allezeit gewe⸗ ſen, wenn er ſich hier bei Herrn von Liſtron aufgehalten. Ich ahne nichts Gutes. Waͤre nur die Fremde eine Franzoͤſin,— ich wollte in einer Stunde Alles wiſſen; aber eine Deut⸗ ſche iſt verſchloſſen, wie das Grab. Indeſſen iſt ſo viel gewiß: eine Dame von Stande iſt ſie nicht, und eine Andere heirathet unſer Herr nicht, und ſein oder gar des Faͤhndrichs Feld⸗ liebchen reſpektiren wir nicht, wenn Du auf Ehre haͤltſt, wie ich.« „Parbleu! ob ich auf Ehre halte?« brummte Renés: vich muͤßte nicht Tapezierergehuͤlfe des Herzogs von Luxemburg geweſen ſeyn. Du haſt Recht, Margot, ich habe auch meine Zweifel.« »Sieh nur den Anſtand der ſogenannten Madamez« fuhr Margot fort:»Alles ſo na⸗ N 75 n tuͤrlichz; nur ein bischen gezwungener wie unſer eins. Ich moͤchte ſie in der Robe ſehen, . mit Schleppe, Corſet, Federſpiel und Brillan⸗ ten! Ich behaupte, ſie hat noch nie ein Hof⸗ kleid auf dem Leibe gehabt.« „Hm! das bewieſe nichts;« verſetzte René mit vornehmem Kopfſchuͤtteln:»In Deutſchland kennt man nicht Robe noch Brillanten. Dort laͤuft Alles pele mele unter einander herum, und haͤufig ſind daſelbſt noch die Häuſer der Leute von Stande mit Stroh gedeckt.« »Ach, du lieber Gott!« ſeufzte Margot recht mitleidig. »Herr von Chaquifannes hat mir geſagt,« ſprach René weiter,»daß die Markgraͤfin von Baden ſich in der Tracht ungefaͤhr eben ſo hielte, wie die ſogenannte Frau von Liſtron; natuͤrlich: die Deutſchen ſind ein armes Volk und ohne allen Geſchmack. Aber ſie ſind dage⸗ gen weit ſtolzer und ungeſchliffener, als unſere Edelleute. Siehſt Du wohl, Margot? Jetzt komme ich auf's Kapitel. Die Fremde verſteht 76 n ſich auf's Haͤndeklatſchen nicht; ſie hat noch keine Schelle gebraucht, vielweniger abgeriſſen; ſie hat mich noch nicht inſultirt, Dir noch keine Ohrfeige gegeben; folglich iſt ſie keine Baronin: ihre Equipagen, von welchen der Faͤhndrich ſo viel Aufhebens machte, kommen immer noch nicht an, und die Wege haben ſich doch ſchon bedeutend gebeſſert. Von Herrn von Liſtron erhielten wir ebenfalls noch keine Weiſung, und dehalb »Und deshalb,« fiel Margot lebhaft ein, viſt die ſaubere Dame eine gemeine Perſon wie wir, obendrein jedoch eine Landſtreicherin, und deshalb muß der Sache auf eine oder die an⸗ dere Weiſe ein Ende gemacht werden. Da wir ſie nun nicht zum Hauſe hinauswerfen koͤnnen, weil ſie doch ein Frauenzimmer iſt, und jedes Frauenzimmer auf Hoͤflichkeit Anſpruch zu ma⸗ che hät »Weil wir uns ferner dennoch irren koͤnn⸗ ten,« ſetzte René hinzu,»und Herr Letellier, ploͤtzlich erſcheinend, uns jeden Mißgriff— Du AN T7 M weißt, wie er iſt— unfreundlich vergelten moͤchte 4 »„So wird es am beſten ſeyn,« ſchloß Mar⸗ got,»wenn Du Dich aufmachſt, mein Alter, und nach Verſailles reiteſt, und dem Herrn Marquis, der doch der Aelteſte der Familie iſt, Alles haarklein berichteſt. Was Se. Excellenz dann thun, das muß dem Vetter genehm ſeyn, und wir ſind aller Verantwortung ledig.« Margots Meinung entſchied wie immer. Rens machte ſich auf den Weg, und Margot fuhr fort, der verdaͤchtigen Fremden ſcheinbar gefaͤllig zu Dienſten zu ſeyn, im Herzen aber wuͤnſchend, die Entwicklung der Sache moͤchte nicht ausbleiben. Dieſe geheuchelte Dienſtfertigkeit konnte Ro⸗ ſinens Gemuͤth in ihrer hoͤchſt ſonderbaren Lage nicht aufheitern: einen beſſern Eindruck machte Chaquifanne's Wiederkehr.— Der Faͤhndrich trat ſehr aufgeraͤumt in das Zimmer der Gattin Letelliers.„Unſere Sachen ſtehen vortrefflich!« ſagte er: vich haber— er AN 78 b entfaltete ein Pergament— veine Penſion er⸗ halten, die, obſchon nicht allzugenugend, in un⸗ ſern Zeiten, wo man für Schloſſer und Spring⸗ brunnen Alles, fuͤr wackre Soldaten nichts thut, annehmlich iſt. Sie, Madame, werden binnen einiger Zeit, wie ich mir ſchmeichle, nicht unbe⸗ friedigendere Ergebniſſe zu erwarten haben.« »Wie dankbar bin ich Euch, HerrFaͤhndrich;« antwortete Roſine. »Lieutenant;« verbeſſerte Chaquifannes: „Se. Majeſtaͤt haben mir einen hoͤhern Grad zu ertheilen geruht, um mich fuͤr die Qual zu entſchaͤdigen, die ich empfinden muß, wenn in Zukunft Schlachten ohne mich geliefert werden. Ach, wie glucklich ſind wir doch, Franzoſen zu ſeyn! Ein Koͤnig, ſo herablaſſend, wie der Un⸗ ſrige, lebt nicht mehr.— Und Se. Ercellenz, der Marquis von Louvois....« »Spracht Ihr den Marquis?« fragte Ro⸗ ſine haſtig:»O geſchwinde; was ſagte er von Letellier? was von mir? Peinigt mich nicht durch ein laͤngeres Schweigen.— —— d 79 N „Der Kriegsminiſter war ja meine erſte Behoͤrde;« entgegnete Chaquifannes:„Der Marquis iſt die Liebe, aber auch die Unwiſſen⸗ heit ſelbſt in allem, was fuͤr jetzt ſeinen Vetter, unſern geehrten Letellier betrifft. Sein Schick⸗ ſal iſt dem Kriegsminiſterium unbekannt. Seuf⸗ zen Sie nicht, Madame. Um Ihre Angelegen⸗ heiten ſteht es nicht minder gut. Ich will ge⸗ rade nicht laͤugnen, daß die Art und Weiſe, das Feuer meiner Beredſamkeit, großen Antheil an dem Erfolg gehabt haben moͤgen. Die Rhe⸗ torik war beſtaͤndig ein Erbtheil unſerer Fami⸗ lie. Es war mein Urahnherr, der vor vielen tauſend Jahren den Prevot, die Syndiks und die Buͤrgerſchaft von Numantia durch eine ein⸗ zige Rede beſtimmte, ſich von den Roͤmern todt⸗ ſchlagen zu laſſen. Mein Urgroßvater hat zu dem guten Heinrich, mein Großvater zu dem beruͤhmten Richelien, mein Vater zu Mazarin geredet, und ich, auf Ehre, nicht minder glor⸗ reich zu dem Marquis von Louvo s. Ich habe ihm einen Engel geſchildert, und er hat wie ein 80 n Engel geantwortet.— Sagt Eurer reizenden Schutzverwandten, ſprach er, ſagt ihr, Herr Licutenant, daß ich vor Begierde brenne, ihr die Huͤlfe und Achtung angedeihen zu laſſen, die meiner Couſine gebuͤhren. Ueber ein Kleines joll ſie von mir hoͤren.« »Welchen Dank bin ich Eurer Freundſchaft ſchuldig, edler Mann!« rief Roſine voll von Hoffnung: veines ſolchen uneigennuͤtzigen Edel⸗ muths hielt ich keinen Franzoſen faͤhig.« „Cadédis!e verſetzte Chaquifannes ſelbſtge⸗ faͤllig:»Meine Heimath traͤgt auch die beſten Fruͤchte. Der Bayards, beſſer als der aus der Dauphiné geweſen, giebt es heutzutage noch Dutzende darinnen, und der gute Heinrich zaͤhlte ſich mit Stolz zu den Unſern.« Es gab Geraͤnſch vor dem Hauſe. Eine Karoſſe mit ſchwerer Vergoldung, Laͤufer voran und berittene Dienerſchaft hinterher, hielt vor dem Portal. Die Laͤufer ſchwangen ihre blitzen⸗ den Stoͤcke und riefen aus vollem Halſe:»Seine Herrlichkeit, der Marquis von Lonvois!« 81 „Eure Verwendung bewaͤhrt ſich ſchnell!« ſagte, von freudigem Schrecken durchbebt, die Frau von Letellier. Der Gascogner erblaßte indeſſen ſehr merklich, und verwuͤnſchte grollend ſein Geſchick, das ihm keinen Ruͤckzug erlaubte, denn bereits wurden die Thuͤren weit aufge⸗ riſſen, und der Mann, vor welchem des Koͤnigs Hoͤflinge und ganz Frankreich zitterten, trat mit ſeiner gewoͤhnlichen Lebendigkeit, ohne viele Umſtaͤnde zu machen, herein. Roſine erſchrak noch mehr bei ſeinem An⸗ blicke. Aus dieſen harten⸗ Zuͤgen ſprach kein Gefuͤhl, aus dieſen ſtrengen Augen kein freund⸗ licher Vorſatz, aus den Geberden keine Achtung. Unter den ſchwarzen, in Unwillen zuſam⸗ mengezogenen Braunen ſtarrte der Marquis lauernd und forſchend Roſinen an.„Iſt dieſe hier die Perſon 2« fragte er rauh und toͤnend den Hausmeiſter, der ihm demuͤthig nachtrat. Zugleich bemerkte er den Herrn von Chaquifan⸗ nes.»Ah, mein Herr!« rief er mit bitterer Ver⸗ achtung:»Es iſt gut fuͤr Sie, daß Sie bereits 6 Je länger, je lieber II. des Koͤnigs Unterſchrift in der Taſche haben, und mir zu gering ſind, als daß ich Ihnen die einmal empfangene Wohlthat wieder ſtreichen moͤchte. Haͤtte ich gewußt, was ich jetzv erſt erfuhr,— Sie haͤtten Bekanntſchaft mit der Baſtille gemacht. Von Ihren Antworten wird indeſſen abhaͤngen, ob ich Ihnen auch in Zu⸗ kunft das Quartier daſelbſt erſparen werde. Reden Sie. Warum ſagten Sie nichts von dieſem Weibe, da Sie bei mir waren?« Chaquifannes ſchwieg zitternd mit geſenktem Blicke. »Sie wollten wahrſcheinlich zuerſt Ihren eige⸗ nen Diebſtahl an des Koͤnigs Gnadenkaſſe in Sicherheit bringen;« ergaͤnzte ſtatt ſeiner der Miniſter mit empoͤrender Unhoflichkeit:»Sagen Sie mir: nennt ſich dieſes Weib in der That die Frau von Letellier Liſtron? die Frau mei⸗ nes Vetters?« »Ja, Monſeigneur;« ſtammelte Chaquifan⸗ nes. »So? die Beweiſe.. wo ſind ſie? Die⸗ 83 ſes Geſchoͤpf, wer iſt es? Kannten Sie die Perſon?« »Ein wenig, Monſeigneur.« »Geſtehen Sie demnach, mein Herr. Ich durchblicke dies Gewebe von abſurder Dreiſtig⸗ keit. Geſtehen Sie, daß dieſe Perſon Ihr eig⸗ nes Liebchen iſt, der Sie auf fremde Koſten einige Tage des Wohllebens verſchaffen wollten, bis Sie Ihre Penſion erſchlichen haben wuͤrden. Ich kann dieſen herrlichen Plan nicht unbedingt tadeln. Auf Ihren Beſitzungen erwartet frei⸗ lich Ihre Freundin kein beneidenswerthes Loos? „Ich ſchwoͤre, Monſeigneur, daß mir dieſe Frau voͤllig fremd iſt, und daß ich nur in Auf⸗ trag Ihres Herrn Vetters handelte, der mir be⸗ fohlen »Nun denn;« fiel der Marquis mit Unge⸗ ſtun ein;»nun ſo war es wieder ein Streich ſeiner Art, wie er ſie ſchon im Pagenhauſe auffuͤhrte. Ich dulde aber dieſe Libertinage nicht. Frankreich hat ſolcher leichten Waare ſchon uͤbergenug. Die Contrebande ſoll nicht noch aus der Fremde eingebracht werden, ſelbſt von meinem Vetter nicht.« »Ach! Herr Marquis, hoͤren Sie mich,« ſchluchzte Roſine, die nun klar einſah, in welche Gefahr ſie gerathen; wie ſehr Chaquifannes ſie hintergangen. »Ach! das ſpricht auch franzoͤſiſch?« fragte Louvois mit einem gewiſſen wegwerfenden Stau⸗ nen:»Sieh doch: eine gelehrte Deutſche; ein kleines Wunder. Nun, ſo redet denn; aber gedraͤngt und deutlich, wenn's beliebt. Meine Zeit iſt koſtbar und mein Gemuͤth nicht fuͤr Redeblumen empfaͤnglich.« Roſine gehorchte, und in zwei Minuten wußte Letelliers Vetter die wahrhafte Geſchichte der Vermaͤhlung Roſinens. Er ſann aufmerk⸗ ſam einen Augenblick nach, ſchuͤttelte dann un⸗ gläubig den Kopf.»Ein huͤbſcher Mund täuſcht mich nicht uͤber die Luge, die er ſpricht;« ſagte er: veine ſolche Mesalliance! Wo ſind die Beweiſe dieſes plebejiſchen Buͤndniſſes? wo der Trauſchein?« ₰ Roſine entſchuldigte den Mangel deſſelben mit dem gebieteriſchen Drange der Begeben⸗ heiten. Laͤcherlich!» verſetzte der Miniſter: Letel⸗ lier hat mit Euch Komoͤdie geſpielt; den Pro⸗ foß oder den Tambour in die Kutte geſteckt, und die Familie ſollte die Farce buͤßen, die der ausgelaſſene Menſch auszufuͤhren fuͤr gut fand?* Roſine betheuerte in der Angſt ihrer Seele, den Pater Anton gekannt zu haben, und berief ſich auf die Zeugen, auf die Regiſter der Kirche, auf die Ausſage Letelliers, wenn er zuruͤckkom⸗ men wuͤrde. Louvois antwortete aber barſch und ſpot⸗ tend:„Arme Ausfluͤchte! die Regiſter, die jetzv laͤngſt in Aſche liegen, 7 die Ausſage eines zu den Todten Gezählten. 27 Zeugen? Iſt es wahr, Chaquifannes, daß Sie dabei ge⸗ weſen 2* 86 Chaquifannes verneinte mit aufwallender Dreiſtigkeit, weil dem Marquis die Vernei⸗ nung erwuͤnſcht kam. „Somit iſt Alles Lug und Trug!« polterte der Miniſter: akeine Einwendung, junge Land⸗ ſtreicherin. Ich ſage, Du haſt gelogen, und was des Koͤnigs Kriegsminiſter ſagt, kann Europa nicht umſtoßen oder laͤngnen. Fuͤrchten Sie die Baſtille, mein Herr, wenn Sie dieſer Perſon nur noch einigen Beiſtand leiſten; und Du, Abentheurerin, fuͤrchte das Aergſte, wenn Du binnen einer Stunde noch in der Naͤhe von Ver⸗ ſailles, binnen drei Tagen noch innerhalb Frank⸗ reichs Graͤnzen biſt. Wir haben Tribunale, um Deine Frechheit zu zuͤchtigen, und im Bicetre vergrub man ſchon manche Deinesgleichen. Ihr, René, ſteht fur die Entfernung dieſes Geſchoͤpfs, und erſtattet mir davon Bericht. Mit dieſen Worten drehte ſich der Marquis raſch um und ging. Die Thuͤren flogen mit lautem Krachen hinter ihm zu, und vor Roſi⸗ nens Blicken ſank ein Schleier nieder; vor ih⸗ — d 87 ren Ohren ein brauſender Fall, wie von toben⸗ den Waldſtroͤmen. Sie ſah nicht, wie ſich der feige Prahler Chaquifannes beſchaͤmt entfernte; — ſie hoͤrte nicht, wie der harte Louvois in ſeinem Wagen von dannen rollte. Sie fuͤhlte nichts als den grauſamen Schmerz in ihrem Innern. Vorwuͤrfe der Verzweiflung zerriſſen ihre Bruſt, und Johannens Worte:„Die Fremde iſt falſch! haͤngt Euch nicht an ſie, und macht Euch nicht ungluͤcklich!» lebten, in Flammen⸗ buchſtaben hingezeichnet, vor ihrer Seele. In dieſem ſcheinbaren Mangel an klarem Vewußtſeyn Herharrte ſie lange, bis René's rauhe Stimme ſie zur Theilnahme am Leben wieder aufregte.„Die Stunde iſt vorbei! rief der Alte: amacht Euch auf, damit ich nicht ins Ungluͤck komme. Geht mit Gott, und ver⸗ geßt nicht, daß Ihr in drei Tagen Frankreich hinter Euch haben muͤßt.— O mein Himmel! ſeufzte Roſine, mecha⸗ niſch das Buͤndelchen nehmend, das ihr die mitleidigere Margot unter den Arm ſchob: ewie 88 werde ich das vollbringen koͤnnen? Ich lege die weite Strecke nicht in drei Wochen zuruͤck. Fah⸗ ren kann ich nicht, denn Herr von Chaquifan⸗ nes hat Alles behalten, was ich von Letellier zur Reiſe empfing.» Schlimm fuͤr Euch, brummte Rens: eich kann Euch aber nicht helfen. Geht, geht, da⸗ mit ich nicht unſanfte Maaßregeln anwenden muͤſſe.» Unterſtehe Dich!v drohte Margot, ihre Fauſt hebend:„Duungeſchliffener Normand! Du ſollſt Dich an keinem Frauenzimmer vergreifen! Kommt, meine Tochter, kommt, ich bringe Euch an die Ecke!— Sie fuͤhrte Roſine an die Ecke der Garten⸗ mauer, druͤckte ihr die Hand, und ſprach:„In dem Buͤndel werdet Ihr Wäſche finden; grob und nicht allzuweiß, wie wir das Leinenzeng tragen; na! Ihr werdet's auch nicht beſſer ge⸗ wohnt ſeyn. Und— weil Ihr uͤber Geldman⸗ gel klagt, ſo nehmt dieſen Thaler, meine Toch⸗ ter. Es iſt Alles, was ich geben kann. Hoͤrt 89* nun meinen Rath: Dort geht der Weg nach Paris. In einigen Stunden, wenn Ihr eilt, — und das muͤßt Ihr, weil ſchon der Abend einbricht— in einigen Stunden ſeyd Ihr in der Hauptſtadt, und moͤgt keinen Augenblick ver⸗ ſäumen, meinen Neffen aufzuſuchen, der ein ehr⸗ licher Lakai im Dienſte der Vicomteſſe von Bar⸗ ridge iſt. Das Hotel der gnädigen Frau iſt das weiße Eckhaus mit der großen Altane und dem Tannenzapfen uͤber dem Thore, ein Paar Schritte von dem Pont⸗au⸗change. Jedes Kind ſagt Euch, wo die Bruͤcke iſt. Gruͤßt den Bru⸗ der Gervais von mir, und ſeine Frau eben⸗ falls, und ſagt ihm Euer Anliegen. Eine Schwe⸗ ſter von ihm hat einen Kurier zum Manne, der in Handelsangelegenheiten faſt in jeder Woche an den Rhein faͤhrt. Auf Gervais Verwendung wird Euch der Mann gern mitnehmen, und ſo⸗ mit lebt wohl, und beſſert Euch, meine Toch⸗ ter.— Ach ſieh!b ſetzte ſie hinzu: ader Nachbar Flabart kommt eben mit ſeinem Milchkarren da⸗ 90 her. Er faͤhrt nach Paris; ich berede ihn ge⸗ wiß, daß er Euch aufladet.» Margot band alſobald mit dem Milchhaͤndler an. Der Mann ſah pfiffig auf Roſine hernie⸗ der. Hat das Vornehmſeyn ſo bald ein Ende? fragte er mit derber Ironie:»wer ſich erhoͤht, wird erniedrigt werden; aber auch umgekehrt. Steigt darum immerhin auf meinen Milchkar⸗ 3 ren, Frau von Liſtron. Was gilt's, Ihr kommt dann wieder zu großen Ehren?» Beſchämt und gefoltert, ſtieg Roſine neben —— den Bauer, gruͤßte freundlich die theilnehmende Margot, und ließ ſich von ihrem Nachbar, der 3 aus dem leichten Spott in lauter ſpaßhafte Hi⸗ ſtorien und Schwaͤnke verfiel, in Gottes Na⸗ men der Hanptſtadt Frankreichs naͤher bringen. 5 Der ehrliche Flabart ließ ſich's nicht neh⸗ men, ſeine Begleiterin ſelbſt zum Pont⸗au⸗change zu fahren, ſtatt ſich alſogleich auf ſeine Markt⸗ 91 ſtelle zu begeben, wo er mit ſeinen Genoſſen die Nacht zu verbringen pflegte, um recht fruhe bei der Hand zu ſeyn. Die Laternen vor dem Hotel der Vicomteſſe brannten ſchon luſtig; bei ihrem Schein wurden aber gerade recht duͤſtere Abzeichen von Portal und Mauer genommen; ſchwarze Trauerbehaͤnge, mit ſilbernen Todtengebeinen und Thraͤnen ge⸗ ſchmuͤckt, Fahnen und Feſtons von Boy und Crepeflor, Wappen mit Trauerſchleifen und De⸗ viſen von Cypreſſenzweigen umwunden. Roſine, deren Seele von den Begebenheiten des Tages, wie von dem Gewuͤhle der toben⸗ den Pariſer Menge tief erſchuͤttert worden, glaubte in dieſen Ueberreſten einer traurigen Ceremonie eine finſtere Vorbedeutung zu er⸗ blicken, und ſtieg niedergeſchlagen von dem Karren. Flabart verließ ſie indeſſen noch nicht, und fing unter dem Getuͤmmel arbeitender Be⸗ dienten und Tapezierer einen jungen Lakaien auf, den er nach dem guten Herrn Gervais befragte. Der junge Menſch, nachdem er Ro⸗ 92 ſine mit einem Kennerblicke gemeſſen, zog ſein froͤhliches Geſicht, wie es ſein ſchwarz geraͤn— dertes Kleid erheiſchte, in ernſthafte Falten, und ging voran in den Hof, um den Ankom⸗ menden die Manſarde des Collegen Gervais zu zeigen.—„Was hat's hier im Hauſe gegeben, mein guter Herr? fragte Flabart im Gehen ſehr demuͤthig.—„Madame iſt heute begraben worden,» erwiederte der Lakai feierlich: aſie war die Mutter von uns Allen und die Verſor⸗ gerin aller Armen und Bedraͤngten; Gott habe ſie ſelig und ſegne ihre Seele!— Roſine wußte Anfangs nicht, warum dieſe Nachricht ihr ſo ſchwer auf das Herz fiel; allein ſie wußte auch kaum, daß ſie im Grunde auf die von Margot geruͤhmte Vicomteſſe in ihrer Noth gerechnet hatte, mehr als auf alle Domeſtikenverwendun⸗ gen und Kurierbereitwilligkeiten. Dieſe Treppe hinauf, ma mie!„ ſagte der Lakai, und wies in einen ſchwach beleuchteten Gang eines Seitengebaͤndes: adie erſte Thuͤre rechts, mit der Bezeichnung No. 12, wenn Ihr — — 93 leſen koͤnnt.«—„Ich erwarte Euch,» ſetzte Fla⸗ bart hinzu: adenn ich kann— weiß Gott— nicht eher von hier, als bis ich Euch wohl auf⸗ gehoben weiß, und ſollte mein Schimmel vier und zwanzig Stunden lang vor dem Hotel ſtehen.“ Flabart that wohl zu warten, denn ehe zehn Minuten vergingen, kam Roſine weinend über die Treppe zuruͤck, und hinter ihr drein ſchall⸗ ten von oben die Drohungen eines keifenden Weibes.—„Haha! das iſt ein Stuͤckchen der Frau Gervais!v lachte der junge Lakai, dem indeſſen Flabart von der ſogenannten Frau Le⸗ tellier erzaͤhlt hatte, was er wußte: adie Fan⸗ tipe iſt eiferſuͤchtig wie ein Tuͤrke, duldet kein huͤbſches Geſicht in der Naͤhe ihres haͤßlichen Gemahls, und, in der That, die niedliche Ex⸗ Lieutenantin wuͤrde beſſer thun, ſich dem Mit⸗ leid der Maͤnner, die etwas gelten, zu em⸗ pfehlen.v Kaum waxen dieſe ſelbſtgefaͤlligen Worte aus dem Munde des Domeſtiken, als eine rauhe Stimme von der Gallerie des erſten Stockes herunterrief:„Hola! Jasmin! wie lange ſoll's noch bauernt die Serviette, das Roſenwaſſer fuͤr den gnaͤdigen Herrn! willſt Du wohl, Du Maulaffe?*— Jasmin flog wie ein Sturm⸗ wind davon. „Ach, guter Mann, Ihr, mein einziger Freundl» klagte Roſine, ſchluchzend zu Flabart tretend:«was ſoll nun mit mir geſchehen? die Frau will mich nicht einmal fuͤr dieſe Nacht be⸗ herbergen! es iſt dunkel; ich bin in der unge⸗ heuern Stadt unbekannt; ich habe kein Obdach vor dem Regen und vor boͤſen Menſchen! Ach Flabart! ich Ungluͤckliche! was ſoll ich be⸗ ginnen?5— Der gute Bauer war in der groͤßten Verle⸗ genheit. Er kratzte ſich hinter den Ohren, be⸗ klagte wechſelweiſe das Schickſal der Armen und ſein Unvermoͤgen, einen Ausweg zu er⸗ denken. Seine und Roſinens Klagen verſammelten indeſſen eine anſehnliche Zahl von Zuhoͤrern in dem Hofe. Die Grundzuͤge von dem Abenthener 95„b der Madame Letellier, wie ihr Name, Dinge, die Flabart ſo ſorgfaͤltig ausplauderte, als ſie Roſine verſchwieg, flogen von Munde zu Munde, vom Kuͤchenjungen zum Lakaien, von dieſem zum Thuͤrſteher des Vorzimmers, von dieſem zum Kammerdiener im Kabinet der Herrſchaft. Flabart endlich war inſofern mit ſich ins Reine gekommen, daß er, Muth faſſend, ausrief: „Was hilft das Wehklagen, mein Kind? fuͤr dieſen Abend muß geſorgt werden. Kommt; ich weiß ein Wirthshaͤuschen hier in der Naͤhe, wo man Euch auf meine Buͤrgſchaft aufnehmen wird. Es iſt freilich nicht ſo glaͤnzend und be⸗ quem, wie das Gaſthaus zum Regenbogen, wo wir andern Milchverkaͤufer unſer Troͤpfchen zu nehmen pflegen, aber dafuͤr erfahren auch meine Nachbarn und Bekannte nichts von einer Wohl⸗ that, die mir bei meiner Frau wenig Segen bringen moͤchte!* Somit nahm er Roſine bei der Hand, und fuͤhrte ſie einige Schritte mit ſich gegen das Hofthor. Der junge Jasmin kam ſo eben, als S 96 ob er kopfuͤber ſtuͤrzen wollte, uͤber die große Treppe:«He da, guter Freund!v ſchrie er: ahalt! Madame bleibt hier! Ihr koͤnnt auf Eu⸗ rem Milchkarren fahren, wohin Ihr wollt; aber Madame bleibt hier, auf ausdruͤcklichen Befehl Monſeigneurs!* Bei der Nennung dieſes Namens ſtanden ſchon alle Domeſtiken in ehrerbietiger Stellung vor Roſinen, und verbengten ſich tief gegen die Treppe. Flabart ſperrte den Mund auf;z Roſine war wie verſteinert. Jasmin nahm ihr mit einem geſchmeidigen Buͤckling das Bundel ab, das ſie unter dem Arme trug, und lispelte mit dem angenommenen Zungenanſtoß, der da⸗ zumal das charakteriſtiſche Zeichen ehrfurchts⸗ voller und ſchmeichelnder Rede war:„Wollten Sie ſich die Muͤhe nehmen, Madame, dieſe Treppe hinanzuſteigen? Alles iſt oben fuͤr Sie bereit, Alles zu Ihrem Befehl! Gervais! Ger⸗ vais! Leuchte der gnaͤdigen Frau! Der häßliche Gervais, mit ſilbernen Arm⸗ leuchtern in den Haͤnden, ſprang auf die Haͤlfte * N 97 w der Marmortreppe, uͤber welche der Kammer⸗ diener des Vicomte, eifrig und geſchäftig, herabſtieg, um galant und ehrerbietig Roſinen ſeinen Arm zu bieten.— Von der wunderbaren, maͤhrchenhaften Wen⸗ dung ihrer Lage bedraͤngt, folgte Frau von Letellier dem Zuge ihres Geſchicks, nickte dem gaffenden Flabart ein zerſtreutes„Lebewohl! zu, und ging der Entwicklung des Abenteuers entgegen. Auf ſpiegelglattem Boden, durch hellerleuchtete Gallerieen, fuͤhrte man ſie nach einem reizenden Salon, der vor ihrem Auge eine Anmuth entfaltete, wie ſie noch nie geſe⸗ hen. Hier war keine Spur von duͤſtern Em⸗ blemen; die Livreen der Dienerſchaft allein mahnten an das Trauerhaus; im Uebrigen herrſchte Glanz und Pracht. Hohe Spiegel, Deckenleuchter, von Kryhſtall und Gold ſchim⸗ mernd, Porcellanvaſen, gefullt mit duftenden Blättern, Porcellanfiguren, bunt, ſeltſam, aber luſtig auf Kamingeſims und Liſchen aufgeſtellt, Uhren mit verſchwenderiſchem Aufwand ausge⸗ Je länger je lieber. II. 7 N 98 n ſtattet, praͤchtige goldglaͤnzende Tapeten und Seidenvorhaͤnge mit koſtbaren Troddeln waren hier zu ſchauen. LTuͤrkiſche Teppiche deckten den Boden, heitre Malereien aus der Fabellehre den Plafond, und gegen den dunkelrothen, mit Gold beſchlagenen Damaſt der Meubles ſtach der zierlich gedeckte, mit einem Couvert belegte Tiſch angenehm ab, der unfern von den behag⸗ lichen Flammen des Kamins, vom gruͤnen Schirm geſchuͤtzt, und mit allen Bequemlichkeiten verſe⸗ hen, der Muͤden und Hungrigen winkte. Der Kammerdiener ging, und der Haushofmeiſter trat ein, um uͤber die Ordnung der aufzutra⸗ genden Speiſen zu wachen. Roſine, von der Fuͤlle und Schmackhaftig⸗ keit derſelben uͤberraſcht und in Verlegenheit ge⸗ ſetzt, ſagte endlich zoͤgernd und ſchuchtern zu dem Intendanten: ſie ſey an ſolche Aufmerkſam⸗ keit nicht gewoͤhnt geweſen, ſie ſehe jetzt erſt ein, was ihr die Ueberraſchung des Augen⸗ blicks verborgen habe: das Wunderbare, das AN 99 n Beaͤngſtigende ihrer Lage; ſie bitte den Herrn Intendanten, die Guͤte zu haben, ihr zu er⸗ klaͤren, wie ſie zu dieſem Empfang, zu dieſem glaͤnzenden Souper komme? Der Intendant raͤnſperte ſich geheimnißvoll und erwiederte dann: Madame werden ſich ohne Zweifel mit der Verſicherung daß Alles auf den Befehl unſers guädigen Herrn geſchieht, und daß derſelbe ſich gluͤcklich ſchaͤtzt, einer vortrefflichen Dame ſein Souper anbieten zu duͤrfen. Entſchuldigen Sie, Madame, die Maͤngel Ihrer heutigen Bedienung mit der Ver⸗ wirrung in unſerm Hauſe. Bis morgen iſt Al⸗ les wieder im Gleiſe; nur bitte ich, Madame, auf die Muſik, die freilich bei Ihrer Tafel nicht fehlen ſollte, Verzicht zu leiſten, um der Trauer willen. Zugleich“— ſetzte er, Roſinens Ant⸗ wort zuvorkommend hinzu— aflehe ich im Na⸗ men des armen Gervais, und dieſer im Namen ſeines unbeſonnenen Weibes, um guͤtige Nach⸗ ſicht und Verzeihung der Unhoͤflichkeiten, wel⸗ 7* 100 an cher ſich dieſe Letztere gegen Madame ſchuldig gemacht hat. Von Ihrem Ausſpruche wird es abhaͤngen, ob die Leute ihren Dienſt verlieren oder mit einem Verweiſe durchkommen werden⸗„ (Behuͤte mich der Himmel, daß ich, ſelbſt eine Verlaſſene, andere Leute um ihr Gluͤck bringen ſollte!v rief Roſine erſchreckend aus: Nein, nein, guter Herr Gervais! Ihr muͤßt bleiben F Frau ſagen, daß es mir leid thut, ſie, wie ich nun wohl fuͤhle, belaͤ⸗ ſtigt zu haben. Gervais, Serviette und Teller unter dem Arme, kuͤßte dankbar und demuͤthig Roſinens Rock, und der Intendant ſagte mit vielem Auf⸗ wande an Ruͤhrung: Madame entfalten eine Guͤte und Seelengroͤße, die den Tugenden un⸗ ſerer ſeligen Gebieterin gleich kommen. Jas⸗ min, das Deſſert! St. Michel! Muskatwein! Lerond! das ſilberne Waſchbecken und das da⸗ maſine Handtuch auf jenes Tiſchchen! Befehlen Madame, daß die Vorleſerin der verſtorbenen 101 gnaͤdigen Frau erſcheine und Ihnen durch Lek⸗ tuͤre oder Converſation die Zeit verkütze? Roſine dankte ſtaunend fuͤr die zuvorkom⸗ mende Aufmerkſamkeit.—„So duͤrfte vielleicht jetzo Herr Millard, der Secretaͤr des Hauſes des Herrn Vicomte, ſich ſchmeicheln, Madame auf einige Augenblicke zu unterhalten 2* fragte Jasmin, der mit dem Arrange des Deſſerts fertig geworden war. Es wird mir eine Ehre ſeyn,» verſicherte Roſine: aich werde ihm die Dankbarkeit aus⸗ druͤcken, die ich fuͤr Ihren Gebieter, meine Her⸗ ren, empfinde.» Herr Millard trat ein; ein alter Mann von viel Corpulenz und Zutrauen erregender Miene. Der Intendant und alle Bediente entfernten ſich bei ſeinem Erſcheinen. Erlauben Sie, gnaͤdige Frau, begann der Secretar nach der erſten Begruͤßung, adaß ich Sie bediene. Er ſchenkte Roſinens Glas mit dem funkelnden Weine voll, er bot ihr auf's Zierlichſte Gebaͤcke und Obſt. Errothend ſetzte 102 ſich endlich Roſine, die ſich verlegen erhoben hatte, wieder auf ihren Stuhl. Herr Millard ſtand aber aufrecht, allem Winken Roſinens zum Trotz, neben dem Tabouret, das man ihm in anſtaͤndiger Entfernung von der Dame hin⸗ geſtellt hatte. „Der kurz und Madame, zu vernehmen, worin er Ihnen die⸗ nen kann. Sie ſcheinen das Opfer einer ge⸗ waltthaͤtigen Bosheit zu ſeyn, gegen welche Ihre wehrloſe Unſchuld und Ihre Unbekannt⸗ ſchaft mit den hier und zu Verſailles obwalten⸗ den Verhaͤltniſſen in offenbarem Nachtheil ſteht. Der Herr Vicomte, gleich der ſeligen Frau Vi⸗ comteſſe, ein Freund und Beſchuͤtzer des Rechts, Vicomte ſendet mich,» ſagte er mt, aum aus Ihrem Munde, bietet Ihnen in ſeinem Einfluſſe Waffen gegen Ihren Feind. Wollen Sie ſeinen Schutz an⸗ nehmen, ihm vertrauen, ſo bitte ich Sie, mir ausfuͤhrlich die Begebenheiten, die Sie hieher gefuͤhrt, auseinander zu ſetzen.« N 103 n „Ich habe ja nichts Boͤſes gethan,« antwor⸗ tete Roſine offen und wahr: amein einziges Un⸗ recht war, daß ich in das Hers von Frankreich kam. Ich will Ihnen Alles erzaͤhlen, redlich und ohne Entſtellung. Sollte der Herr Vicomte auch dann eine Urſache finden, mir den groß⸗ muͤthigen Schutz, den er mir anbietet, zu ver⸗ weigern, ſo habe ich doch meine Pflicht gegen den Wohlthaͤter erfuͤllt, der mich in ſeinen Pal⸗ laſt und an ſeinem Tiſch aufnahm.» Es kam auch, ihrem Verſprechen gemaͤß, nichts der Wahrheitsliebe gleich, mit welcher ſie dem Secretaͤr uͤber das Gewuͤnſchte Auf⸗ ſchluß ertheilte. Der Mann hoͤrte anders zu, als Louvois. Warme Theilnahme leuchtete aus ſeinem Auge, und dieſes Gefühl lag nicht min⸗ der in ſeinen Worten, als er, nachdem Roſine geendet, zu ihr ſprach:„Der Herr Vicomte hat dergleichen zu hören erwartet. Er bittet Sie, Muth zu faſſen und ſeine Huͤlfe anzunehmen.» Ach, mein Herr!v bat Roſine: Er ver⸗ leihe mir nur die Mittel, ungekraͤnkt dieſem —— — — — 3 . 104 w Lande zu entfliehen. Wenn ich binnen drei Ta⸗ gen ſeine Graͤnzen nicht uͤberſchritt, wartet mei⸗ ner ein Gefaͤngniß im Bicetre! Stellen Sie Ihrem Herrn nur dieſe ſchauderhafte Erwar— tung vor, und er wird Mitleid mit mir haben.« Millard laͤchelte. Eine Schoͤnheit, wie Sie, Madame, darf unſer herrliches Frankreich nicht ſo ſchnell verlaſſen,« ſagte er:„Ihnen muß Recht werden„nicht das Mittel zu einer ſchimpflichen Flucht, die Ihren Feind nur recht⸗ fertigen wuͤrde. Halten Sie ſich morgen fruͤh bereit, mit mir nach Verſailles zu fahren. Fuͤrch⸗ ten Sie nichts, ſtehe ich an Ihrer Seite, ſo ſoll Ihnen kein Haar gekruͤmmt werden. Sie muͤſſen ermuͤdet ſeyn, Madame. Ich werde Ih⸗ nen die Frauen vom Dienſte ſenden.« Mit der ehrfurchtsvollſten Verbeugung ging Millard hinweg. Einige Minuten nachher er⸗ ſchienen zwei betagte Kammerfrauen in tiefer Trauer und ein Garderobemaͤdchen mit einem bequemen Nachtgewande nach der Art, wie vor⸗ nehme Damen es zu tragen pflegten. Still und — ———— 105 freundlich verrichteten die Frauen ihr Amt, und brachten Roſine nach dem anſtoßenden herrlichen Schlafgemache. Roſine bat die Aelteſte der Die⸗ nerinnen, die Nacht in ihrer Naͤhe zuzubringen. „Wie Sie befehlen, Madame!« erwiederte die Kammerfrau, hieß die Andern gehen, brachte die Nachtlampe in Ordnung und machte ſich's im Fauteuil an Roſinens Bette ſo bequem als moͤglich. Im Innern des Hauſes gab es indeſſen ein kurzes Geraͤuſch. Streiflichter fuhren an den Fenſtern voruͤber und aus der Remiſe rollte ein ſchwerer Wagen im vollen Trott an das Thor, das unter dem Getoͤſe vieler Gehenden und Rufenden aufgemacht wurde. „Mein Gott!« fragte Roſine auffahrend, awas gibt's da unten?« „Der Herr Vicomte reiſen ab,« antwortete die Kammerfrau mit Ruhe. „Wohin 24 fragte Roſine weiter, und der Kammerfrau wurde die Antwort erſpart, denn unten rief der Kutſcher zu gleicher Zeit mit Lo⸗ wenſtimme:„Wohin fahre ich, Monſeigneur?« 106 Und Jasmin entgegnete aus voller Kehle: „Nach Verſailles! Schlag zu, Fackeln hoch! nach Verſailles!« Die Meſſe des Konigs war voruͤber. Lud⸗ wig ging mißmuthig und wortkarg vor dem Schwarme ſeiner Hoͤflinge her, entließ ſie beim Eintritt in ſeine Gemaͤcher, und wendete ſich allein nach den Zimmern der Frau von Main⸗ tenon. Die Marquiſe, von einigen Damen um⸗ geben, ſaß, mit Bordenwirkerei beſchaͤftigt, als der Koͤnig erſchien. Mit tiefer Verbengung ent⸗ fernten ſich bei ſeinem Anblicke die Damen. Der Koͤnig ging auf die Marquiſe zu, umarmte ſie, kuͤßte ihre Wangen mit einem foͤrmlichen:„Gu⸗ ten Morgen!« erlaubte ihr den Handkuß, und ſchritt ſchweigend zum Fenſter, ſah hinaus, ging dann zum Kamin und lehnte ſich nachden⸗ kend auf das Geſimſe desſelben. Frau von Maintenon, ſeine Handlungen mit dem Auge verfolgend, obgleich blos mit ihrer Arbeit be⸗ 107 ſchaͤftigt ſcheinend, fragte nach der Pauſe von einigen Secunden mit ihrem ruhigſten Tone: Sie ſind uͤbler Laune, Sire?« „Ein wenig, Madame!« hieß die kurze Ant⸗ wort.— „Darf ich fragen 24— „Was kuͤmmert Sie meine Laune?« ſagte der Koͤnig aufbrauſend, bd aIch beſcheide mich, entgegnete Frau von Maintenon trocken und gleichguͤltig, denn ſie wußte, daß Ludwigs tiefſtes Geheimniß auf ſeiner Lippe ſaß, ſobald er heftig wurde. In der That brach der Koͤnig bald genug das Still⸗ ſchweigen, indem er mit vieler Bitterkeit ſagte: Es iſt doch uͤbel, mit dem beſten Willen verkannt zu werden und ſich durch ſeine Diener in Staub getreten zu ſehen.— Sollten Sie es glauben Madame,« fuhr er fort, da die Maintenon nicht antwortete, aſollten Sie wohl glauben, Madame, daß gegen dieſen Louvvis ein Berg von Anklagen ſich heranwaͤlzt? Ach, N 108 wie ſpaͤt wird den Koͤnigen Auge und Ohr geoͤffnet!« „Weil ſie es verſchmaͤhen, fruͤhe hell zu ſe⸗ hen und deutlich zu hoͤren,« entgegnete die Marquiſe kalt und mit Beziehung: aman warnt ſie vergebens, ſie wollen Erfahrungen machen.« Ha! dieſer Krieg in Deutſchland....« hob wieder der Koͤnig an: awelche Folgen wird er haben! Die Elenden, die mich dazu verleiteten! ſie haben mich vor Europa zum Ungeheuer gemacht!« „Ein Ungeheuer bruͤſtet ſich im Wiederſchein Ihrer Krone, Sirez« verſetzte die Maintenon ſtreng, ſchneidend ſogar, adie Stimme der Maͤ⸗ ßigung wurde verworfen, weil man nur den Tiger hoͤrte. Louvvis war von jeher ein grau⸗ ſamer Trabant ſeiner Ehrſucht und Ruhmbe⸗ gierde, durch welche er Ihren Scepter herab⸗ wuͤrdigte.« „Madame,« fuhr Ludwig mit funkelndem Blicke auf: Ich bitte, ſolche Gemeinſpruͤche zu ſparen. Der Scepter von Frankreichs Koͤ⸗ N 109 nigen iſt allzuherrlich, als daß er von den Planen eines Raͤnkeſuͤchtigen entwuͤrdigt wer⸗ den koͤnnte. Louvois hat mir treu gedient, er iſt in meiner Schule aufgewachſen, und ſo lange er nach meinen Grundſätzen handelte, war er untadelhaft. Sie haſſen dieſen Mann, Mada⸗ me, ich weiß, warum Sie ihn haſſen, und jene Handlung, die Sie verabſcheuen, war es ge⸗ rade nicht, die meinen Thron entweihte.«*) Madame von Maintenon wurde ſo weiß wie die Spitzenkrauſe, die ihren Hals verhuͤllte. Der beleidigte Stolz verzog ihr Geſicht und ihren Mund. Sie wollte reden— da ſiel ihr Blick auf den nahen Spiegel. Mit einem Seuf⸗ zer verſchwand alle Heftigkeit, und ſie ließ nur die leiſen Worte fallen: Ich vergebe Ihnen, *) Louvvis verhinderte durch ſeine inſtändige Bitte, vor dem Könige auf den Knieen liegend, die offizielle Bekanntmachung der Vermählung Lud⸗ wigs mit der Wittwe Scarron's, die Erhebung der Letztern zur Königin.— Sire. Es ſind neun und zwanzig Jahre ſeit meinem Eintritt in Ihre Dienſte verfloſſen. Ich bin eine alte Frau geworden.« Frangoiſe!« ſagte der uͤberraſchte Koͤnig zu ihr, indem er naͤher kam und zaͤrtlich bereuend ihre Hand druͤckte:«welch' ein kraͤnkender Vor⸗ wurf! Verdiene ich ihn? Vor dreißig Jahren haßte ich Dich, jetzt liebe ich Dich mit dem Feuer eines Juͤnglings!« Die Maintenon ſchenkte ihm einen Blick der Verſoͤhnung, entzog ihm aber Wange und Hand und antwortete: Sie machen mich wieder gluͤck⸗ lich, Sire. Laſſen Sie mich jedoch. Ich habe mich zum Abendmahle vorzubereiten und muß die Zaͤrtlichkeit fliehen, wie dem Haß entſagen. Darum kein Wort mehr von dem Miniſter, da⸗ mit ich ihm verzeihe.« Ja, ſagte der Koͤnig, wie umgewandelt, und die Marquiſe feſt betrachtend:«„Er hat in Ihnen einen Engel gekränkt und in mir die ko⸗ nigliche Wuͤrde. Sie haben Recht, Madame. Seit ich dem aufgeblaſenen Manne beim Bau —— 111 von Trianon ſeine Unwiſſenheit bewies... wahrhaftig! waͤre nicht die Gewohnheit.. aber ſeine eigenmaͤchtigen Bedruͤckungen, ſeine Grauſamkeiten, ſie ſollen ihm nicht ſo hin⸗ gehen!« Der Huiſſier Sr. Majeſtaͤt trat ein und uͤberbrachte einen Pack von Curier-Depeſchen aus Deutſchland. Er legte die Papiere auf den gruͤnbehangenen Tiſch, an dem der Koͤnig mit ſeinen Miniſtern in Gegenwart der Maintenon zu arbeiten pflegte. Nachdem ſich der Huiſſier entfernt, naͤherte ſich Ludwig dieſen Papieren heftig.—„Laßt ſehen!« ſagte er vor ſich hin: „Wir wollen doch heute des Marquis Stelle vertreten und ſelbſt die Packete eroͤffnen.«— Das Geſchaͤft belohnte ſich nicht vortheilhaft;z einen Umſchlag nach dem andern riß der Koͤnig ab, und unter dem Leſen wurde ſein Geſicht dunkelroth, ſeine Geberden verriethen wachſende Heftigkeit. In dieſem kritiſchen Angenblicke ließ ſich der Marquis von Lonvois im Galla⸗ 112 kleide, das Portefeuille unter dem Arme, ein⸗ fuͤhren. «Sie kommen ſpaͤt,« redete ihn Ludwig mit erzwungener Faſſung an:„Sie weichen mit je⸗ dem Tage um einige Minuten mehr von der gegebenen Arbeitsſtunde ab.« „Ew. Majeſtät verzeihen;« erwiederte der ſtutzige Miniſter, indem er mit vieler Devotion ſeine koſtbare Uhr vorwies:„Die Uhr Ihres Schloſſes geht nicht puͤnktlicher als die meine. Ich weiche eben ſo wenig von der gegebenen Zeit, als von meiner Pflicht ab.« „Sie ſind von Arbeit uͤberhaͤuft,« entgegnete der Koͤnig, von dem hochmuͤthigen Tone noch unſanfter beruͤhrt: eich habe Ihnen daher eine Pflicht leichter gemacht, indem ich ſelbſt zur Oeffnung dieſer Schriften ſchritt. Setzen Sie ſich, leſen Sie— ich nehme aus dieſer Maßfe von Briefen den nächſten beſten— leſen Sie, ſage ich Ihnen, und ſagen Sie mir dann, wie viel ähnliche Sie uͤberſchlugen und verſchwin⸗ 113 den machten, oder ihrem Inhalt nach verfälſcht haben.— Louvois ſah den Koͤnig betroffen an, ſetzte ſich jedoch gehorſam, und las mit angegriffener Stimme eine gewichtige Klag⸗ und Bittſchrift eines deutſchen Stadtmagiſtrats, in welcher derſelbe ſich in hoͤchſter Noth an den Koͤnig ſelbſt wendete, um Schutz vor der Raſerei des dort commandirenden franzoͤſiſchen Generals und vor dem kaltbluͤtigen Henkerſyſtem des Mini⸗ ſters zu ſuchen. Eine Menge von ſchanderhaf⸗ ten Thatſachen, eine Unzahl von Beiſpielen aus andern nicht minder ungluͤcklichen Gemeinden war darin angefuͤhrt. Waͤhrend Louvois las, ſtuͤtzte ſich der Koͤnig ihm gegenuͤber auf den Tiſch, und die Tafel bebte unter der vor Unmuth zitternden Hand des Monarchen. Der Marquis, der mit einem Auge las und mit dem andern den Gebieter be⸗ obachtete, ſah wohl alle Anzeichen eines na⸗ henden Sturms; aber die Maske der kriechen⸗ Je länger, je lieber. II⸗ 8 114 den Schmeichelei haſſend und ſich an Gelegen⸗ heiten erinnernd, in welchen, dem zornigen Koͤnig gegenuͤber, ein entſchloſſen herzhaftes Be⸗ nehmen bereits Wunder gethan hatte, fand er auch diesmal fuͤr gut, Entſchloſſenheit und hart⸗ nackiges Beharren anzuwenden. Nach einer verfaͤnglichen Stille von einigen Minuten, die der Miniſter benutzte, ſeinen verwirrten Geiſt zu ſammeln, ſagte er auf Ludwigs ungeduldi⸗ ges: Nun, mein Herr Louvois?« mit gering⸗ ſchaͤtzender Kälte:„Wenn man Krieg fuͤhrt, muß ein Feind da ſeyn, die Deutſchen ſind un⸗ ſere Feinde, wir duͤrfen von ihnen keine Be⸗ lobungen erwarten.«“— Nicht von ganz Europa,« entgegnete Lud⸗ wig ſchnell: aman nennt mich den Mordbrenner. Dieſen Titel haben Sie mir zugelegt. Ich wollte nicht den Krieg auf ſolche Moͤrderart. Der dummſte Schreiber begreift, daß ein Verfahren wie das Ihrige die ganze Welt an mich hetzen muß. Habe ich darum an der Spitze meiner Armeen mir und Frankreich den Ruhm erfoch⸗ 3 5— 115 ten, der meine Fahnen ſchmuͤckt, damit Ihr Blutdurſt meine Paniere in den Koth trete?« Halbe Maaßregeln fuͤhren zu nichts,« ver⸗ ſetzte Louvois mit Feſtigkeit: Ew. Majeſtät konnten bereits dieſe Erfahrung machen. Furcht iſt das Princip aller Groͤße. Oderint, dum metuunt. Ihr Vortheil iſt's, Sire, den Kaiſer in Schrecken zu ſetzen, die wankende Macht der Pforte zu erhalten, Ihr Vortheil, Sire, die Ufer des Rheins in eine Steppe zu verwandeln, dem lauernden Feinde keine Feſtung, keinen Waffenplatz in der Naͤhe Ihres Reichs zu ver⸗ ſtatten. Große Maaßregeln ziemen großen Fuͤr⸗ ſten, und nie war Frankreich furchtbarer als jetzt.— Schweigen Sie!« ſagte der Koͤnig empoͤrt: Nie war es ſo verabſchent, als jetzt. Ihre Mit⸗ tel ſind die eines Schergen. Sprachen Sie mir nicht von drohenden Waffenmaͤchten im Herzen von Deutſchland? Sie belogen mich. Leſen Sie dieſe Berichte aus Speier, wo meine Völker ſich den nichtswuͤrdigſten Verbrechen gegen Men⸗ . 8 1 N 116 ſchenpflicht und Religion uͤberlaſſen. Ich will nicht als ein Scheuſal in der Geſchichte daſte⸗ hen. Thun Sie Einhalt, auf der Stelle!« „Ich bedauere,« verſetzte Louvois kalt und achſelzuckend, adaß Ew. Majeſtaͤt ſo ſchnell ge⸗ gen Maaßregeln auftreten, fuͤr welche Sie noch vor wenigen Wochen geweſen ſind. Leider laͤßt ſich der abgeſchoſſene Pfeil nicht im Fluge aufhalten. In dem Augenblick, in dem wir ſprechen, wird, zufolge meiner Befehle, am Rheine ſchon Alles gethan ſeyn.« Was noch zu retten iſt, erhalten Sie, ich rathe es Ihnen!« ſagte der Koͤnig mit wachſen⸗ dem Grimm: Ich weiß, daß Ihre Wuth auch nach dem Untergange Trier's zielt. Das ſoll nicht ſeyn, ich will's. Dieſe heilige Stadt ſoll die erſte gerettete ſeyn.« Louvois bereitete einen Meiſterſchlag vor. Dem drohenden Koͤnige die gelaſſenſte Ruhe ent⸗ gegenſetzend, ſagte er: Ich bin in Verzweif⸗ lung, Ew. Majeſtaͤt hierin nicht gehorchen zu 117 koͤnnen. Ich habe Ihr Mitleid vorausgeſehen, Sire; ich habe erwogen, daß das Mitleid ein Frevel gegen Ihre Krone ſeyn wuͤrde: ich habe, um das Gewiſſen Ew. Majeſtät zu erleichtern, das Schickſal von Trier auf das meinige genom⸗ men und ſchon geſtern einen Curier abgefertigt, der dem franzoͤſiſchen Befehlshaber die ſtricte Or⸗ dre uͤberbringt, die Stadt niederzubrennen.« Dieſe freche Luͤge— der Bote war nicht abgefertigt— uͤberwaͤltigte Ludwigs Faſſung und die aͤngſtliche Beobachtung der Foͤrmlich⸗ keit, die der Koͤnig ſo ſehr liebte. Mit dem Ausrufe:«Ha, Elender! das iſt zu viel!« fuhr der Monarch wuͤthend empor, ergriff, was ihm zunaͤchſt lag, die Feuerzange des Kamins, und wollte damit einen Streich auf den Kopf des erblaſſenden Louvois fuͤhren, der nun mit 3 Schrecken einſah, um wie viel er zu weit ge⸗ gangen. Mit einem Schrei des Entſetzens warf ſich die Maintenon, die dem ganzen Auftritt in der hoͤchſten Spannung zugeſehen hatte, zwi⸗ ſchen Beide. 118 A Sire!« rief ſie: aum Gottes willen! beden⸗ ken Sie, was Sie thun!«— Ludwig kam zur Beſinnung und ſchleuderte das elende Werkzeung, womit er ſtrafen wollte, von ſich.—„Ich danke Ihnen, Madame,« ſagte er,„daß Sie mich von der Entwuͤrdigung zu⸗ ruͤckhalten! Welche Schmach, wenn ich mich an dieſem Auswurf vergriffen haͤtte! Ein Wort aber zu Ihnen:« fuhr er, vor Zorn bebend, zu dem vernichteten Miniſter fort: aſenden Sie auf der Stelle einen Courier ab, der den erſten einhole! Ich rathe es Ihnen! Wurde von Trier nur eine Huͤtte verbrannt, ſo ſind Sie um Ihren Hals!« Da ſtuͤrzte der Margquis zu des Koͤnigs Fuͤßen und beichtete ſeine frevelhafte Liſt. Lud⸗ wigs Zorn ging in tiefe Verachtung uͤber.— Sie ſind der elendeſte Menſch, den je die Erde getragen!« ſagte er mit Bitterkeit:„Gehen Sie. Sie haben mir fuͤr heute die Arbeit verleidet. In dem kleinen Audienzſaale gibt es fuͤr Sie zu thun. Eine Perſon, die mir von guter Hand 119 empfohlen wurde, wird Ihnen daſelbſt ihr An⸗ liegen vortragen. Ich rathe Ihnen, Herr, die⸗ ſer Bittſtellerin ihr Recht nicht vorzuenthalten. Ich werde kein Wort Ihrer Unterredung ver⸗ lieren. Verſtehen Sie? Bitten Sie die Mar⸗ quiſe hier um Vergebung wegen des Scandals, den Sie unter ihren Augen herbeigefuͤhrt haben, und dann— auf Ihren Poſten.« Der Marquis war jetzt die Nachgiebigkeit ſelbſt. Er ſagte der Maintenon die ſuͤßeſten Worte, welche mit einer ſcheinheiligen Floskel beantwortet wurden; er pries ſich gluͤcklich, ge⸗ rade von dieſen Haͤnden vor dem allzugerechten Zorne des Gebieters beſchuͤtzt worden zu ſeyn, und kuͤßte, um Vergebung flehend, den Rock der Marquiſe, den Brokat⸗Aufſchlag des Koͤ⸗ nigs, und mit einer zweifelhaften Erlaſſung ſeines Vergehens von Seiten Ludwigs endigte ſich dieſe Komoͤdie, an deren Aufrichtigkeit keine der theilnehmenden Perſonen zu glauben ſich einfallen ließ. 120* Der kleine Audienzſaal, in welchen der Mar⸗ quis gewieſen worden war, hatte zur Seite ein Cabinet mit einer von ſammetnen Vorhaͤngen maskirten Glasthuͤre. Louvois kannte dieſen Verſteck wohl, in welchem der Koͤnig, wenn er perſoͤnlich mit fremden Geſandten zu unterhan⸗ deln Belieben trug, oft einen oder den andern ſeiner Miniſter zu verbergen pflegte, um der Unterredung aufmerkſam zu“ folgen, die Haupt⸗ punkte derſelben zu notiren und dem Konig alsdann insgeheim die Bemerkungen und Nach⸗ träge anzufuͤhren, welche die Verhandlung vor ihrem gaͤnzlichen Abſchluſſe in ein klares Licht zu ſetzen geeignet waren. Ueberzeugt, daß Lud⸗ wig nicht ermangeln wuͤrde, ſeinem Verſprechen gemäß, ein Zeuge der gebotenen Audienz zu ſeyn, brachte Louvois ſeine heiterſte Stirne mit, und einen Vorrath von uͤberaus freund⸗ lichen Redensarten, die er ſelbſt dann nicht vergaß, als er in dem, vom Thuͤrſteher eingelaſſe⸗ nen Frauenzimmer dasjenige erkannte, das er auf dem Landhauſe Liſtron ſo hart behandelt hatte. N 121 Roſine, von dem Glanz betänbt, der in dem Schloſſe ſie umgab, näherte ſich ſchuͤchtern und demuͤthig gebuͤckt dem betroffenen Miniſter, und konnte ihren Schrecken nicht verbergen, als ſie unerwartet ihren Feind vor ſich ſah. Louvvis ergriff ſie ſanft bei der Hand und beruhigte ſie in den gewählteſten Ausdruͤcken.—»Hegen Sie keine Furcht, mein ſchoͤnes Kind;« ſagte er glatt und geſchmeidig:»Wenn ich nicht irre, ſo ſehe ich eine theure Verwandte vor mir. Ja, Sie ſind Madame Letellier von Liſtron, von der mich geſtern ein ungluͤckliches und un⸗ begreifliches Mißverſtändniß auf eine unbefrie⸗ digende Weiſe getrennt hat. Seyn Sie mir willkommen: ich ahne, was Sie hieher fuͤhrt. Ihre Forderungen ſollen keinen Schwierigkeiten unterliegen; auf meine Ehre. Sie haben, wie ich hoͤrte, die letzten Augenblicke meines armen Vetters, der wohl unbezweifelt zu den Todten zu rechnen iſt, verſuͤßt durch Ihre reine, unei⸗ gennuͤtzige Liebe. Nicht wahr? Sie häben El⸗ tern und Heimath verlaſſen, um ſeine Familie A 122 zu ſehen, und des armen Letellier's Heimath. Frankreich iſt Ihnen Verbindlichkeiten ſchuldig: eine ſolche Schoͤnheit beſucht uns ſelten. Was könnte Ihnen gefaͤllig ſeyn, Madame? Die Verlaſſenſchaft Ihres Mannes ſteht leider nur dann zu Ihrer Verfuͤgung, wenn Sie einen Er⸗ ben desſelben aufweiſen koͤnnen. Haben Sie viel⸗ leicht einen ſolchen mitgebracht? Oder waͤre Ihnen mit einem Jahrgehalte gedient? Erklaͤren Sie ſich; jedoch erlauben Sie mir die Bemerkung, meine ſchaͤtzbare Couſine, daß in jedem Falle Ihre Papiere Sie legitimiren muͤſſen. Beharren Sie, wie geſtern, bei der Unmoͤglichkeit, den gultigen Trauſchein herbeizubringen, ſo wuͤrde Ihre Sache dennoch mißlich ſtehen. Mit den Campagneheirathen nimmt man es oft nicht ſo genau, und ich fuͤrchte...4 Dieſe Rede, ſo lang und ſo wunderlich, im Anfange ermunternd, in der Folge immer be⸗ unruhigender, raubte Roſinen den Muth, den ihr Herr Millard, ihr Begleiter, einzuſprechen gewußt hatte.—»Monſeigneur,« ſtammelte M 123 a ſie, von Furcht bedraͤngt: vich begehre nichts, nichts auf der Welt, als die Zuruͤcknahme Ih⸗ res ſtrengen Befehls und die nothduͤrftigſten Mittel, Frankreich verlaſſen zu koͤnnen. Die Eltern beduͤrfen vielleicht meiner, und da ohne⸗ hin leider Herrn Letellier's Tod ſich beſtaͤtigt. 4 „Ihr Wille geſchehe!« ſagte Louvois, ſie ſchnell beim Worte nehmend und ſich an einem Schreibtiſche niederlaſſend:»Nehmen Sie Platz, Madame. Auf der Stelle will ich Ihnen eigen⸗ haͤndig den Paß ausfertigen, der Ihrer Reiſe Schutz verleihen wird; alsdann eine Anwei⸗ ſung von zweitauſend Livres auf meine Pri⸗ vatkaſſe, um die Reiſekoſten anſtaͤndig zu be⸗ ſtreiten.« »Zu viel, Herr Marquis, zu viel,« ver⸗ ſetzte Roſine. »Nicht doch;« entgegnete Louvois laͤchelnd: fuͤr eine ſo ſchoͤne Couſine kann man nie zu viel thun.« »Recht, Herr Marquis;« ſagte des Koͤnigs Stimme hinter ihm. Louvois fuhr erſchrocken N 124„ empor und beugte ſich zur Erde. Ludwig ſtand mit ernſtem Geſichte da, das nur, indem es ſich nach Roſine wendete, einen mildern Aus⸗ druck annahm. »Sie thun noch viel zu wenig fuͤr Ihre Cou⸗ ſine;« fuhr Ludwig fort:»des Paſſes beduͤrfen wir nicht; im Uebrigen glaube ich nicht, daß die Familie Letellier das Unuͤberſchwingliche eingehe, wenn ſie der Dame Roſe Letellier von Liſtron dieſes Landhaus als Wittwenſitz ab⸗ tritt und ihr eine Penſion von zweitauſend Thalern verſichert.« »Wenn Ew. Majeſtaͤt befehlen.....« ſtot⸗ terte der Marquis:»ich wage nur zu bemer⸗ ken, daß die Aechtheit der Heirath meines Vetters noch zu beweiſen ſteht, und daß dieſes Frauenzimmer, wenn gleich liebenswuͤrdig und bezaubernd, dennoch einem Stande angehoͤrt, der »Zweifeln Sie an der Macht eines Koͤnigs von Frankreich?« unterbrach ihn Ludwig barſch: „Glauben Sie, daß er 6. Frauen ſeiner Offi⸗ 125 ziere den gewuͤnſchten Adel nicht zu ertheilen vermag? Zweifeln Sie an der Heirath Ihres Neffen? Ich ſtehe Ihnen fur deren Rechtmaͤßig⸗ keit Wollen Sie noch eine fernere Garantie?« Der Miniſter verneinte eifrig durch ſeine demuͤthige Geberde. „Sie werden demnach Wittwenſitz und Pen⸗ ſion fuͤr dieſe Dame beſorgen, das Dokument in gehoͤriger Form ausfertigen und mir zur Durchſicht und Unterſchrift vorlegen laſſen.« „Nach Ew. Majeſtät allergnadigſtem Be⸗ fehl.« „Und Sie, meine huͤbſche Dame,« fuhr Lud⸗ wig heiter und galant zu Roſine fort:»Sie ſtehen ſo ſtumm, ſo niedergeſchlagen vor mir? Verdiene ich nicht ein Woͤrtchen des Danks?« „Ach, Sire,.. Ihre Guͤte... rief Madame Letellier mit ausbrechenden Thraͤnen und den Saum des Koͤnigskleides kuͤſſend:»ich bin nur ein armes, ungebildetes Geſchoͤpf vom Lande,. und dieſe Herablaſſung... ich kann nicht danken, wie ich es gerne wollte!«— 126 »Sie fuͤrchten ſich vor dem Konige d« ſagte Ludwig, dem die Verwirrung der von ihm An⸗ geredeten ungemein ſchmeichelte:»vielleicht be⸗ ruhigen Sie ſich an dem Buſen einer Frau, die alle Tugenden Ihres Geſchlechts beſitzt, und Sie, meine jungfraͤuliche Wittwe, mit Mutter⸗ armen umfangen wird. Kommen Sie.« Er ergriff Roſinens Arm, und fuͤhrte ſie hinweg, ohne dem Miniſter einen Blick zu goͤn⸗ nen. Boshaft und trotzig ſah ihnen Louvois nach.»Kommen Sie!l« wiederholte er laͤchelnd: vzu einer Schäferſtunde etwa? Erwachen wie⸗ der die alten Neigungen?«— Heftig verließ er das Prunkgemach. Der Edelmann vom Mel⸗ dedienſt kam ihm entgegen.»Wer war heute bei'm Koͤnige?« fragte er denſelben mit gebie⸗ teriſchem Tone.—»Niemand als der Vicomte von Barrioge, der ganz fruͤhe vorgelaſſen wur⸗ deza lautete die Antwort.— »Ha! ich verſtehe!« ſagte Louvois vor ſich hin, als er die Treppe hinabſtieg:»daher kommt der Streich. Ich errathe nun den ge⸗ ———— 127 wichtigen Einfluß, der fuͤr die Vagabundin ar⸗ beitete. Wie nur dieſe an den Vicomte gekom⸗ men ſeyn mag? Ich will ſehen, was zu thun iſt! Unbegreifliches Schickſal, raͤthſelhafte Laune der Koͤnige! Vor einem Dutzend von Jahren ſiegten noch am Hofe die nachgiebigen Frauen. Heute laͤuft die Vicomteſſe mir den Rang ab, weil ſie einſt den Koͤnig verſchmaͤhte, weil er ſeitdem ein Andaͤchtler geworden iſt, der die ſproͤde Weibertugend ſo hoch zu ehren ſich beeifert, als er ſie ehemals haßte, der den truͤbſinnigen Vicomte vielleicht nur umdeſſentwillen liebt, weil die Vicomteſſe die Grille hatte, dem alten Barriège nicht die Vaterſchaft zu Gunſten des Koͤnigs, verküͤmmern zu wollen! Indeſſen.. wir wollen ſehen!« Wie in ſo mancher wichtigern Angelegenheit ſeines Lebens,— ſo auch hier, irrte ſich Koͤnig Ludwig ſehr, als er glaubte, die Frau von Le⸗ tellier in freundliche Mutterarme zu legen. So wie der abgemeſſene, alle waͤrmeren Gefuͤhle 128 an des Herzens mit einer Eisrinde zu uͤberklei⸗ dende Ton der Marquiſe von Maintenon der ſchlichten Roſine widerſtrebte, ſo widerſtrebte nicht minder der Gebieterin des Koͤnigs Ro⸗ ſinens einfache Offenheit, die Unerfahrenheit der in niedere Kreiſe Gewoͤhnten;— vor Allem jedoch ihr eigenthuͤmlicher, herzenerobernder Reiz. Die Marquiſe, bemuͤht, das Netz, das ſie ſeit ſo manchem Jahre um den Koͤnig geſponnen, immer feſter und undurchdringlicher zu ma⸗ chen,— einzig von dem Beſtreben durchdrun⸗ gen, ihm gefaͤllig zu ſeyn, im Laufe aller ſeiner oft wunderlichen Launen,— ihm niemals offen entgegenzutreten, wenn es einem ſeiner Lieb⸗ lingswuͤnſche galt,— ſie huͤtete ſich wohl, un⸗ umwunden zu aͤußern, was ihr an Roſine nicht gefiel, und uͤberhaͤufte die junge Frau mit Be⸗ weiſen von Zuneigung, die weder herzlich ge⸗ meint, noch ſehr taͤuſchend gegeben waren. Des Koͤnigs Betragen war anders, und beſtimmte zum großen Theil das ihrige. Die naive Frau von Letellier, der ihr ſonderbares Verhäͤltniß, ihr 129 abenthenerliches Emporkommen einen doppelten Reiz verlieh, war mit einem Male die Puppe geworden, an welcher der zum Truͤbſinn ge⸗ neigte, wenig zu beluſtigende Monarch ein ge⸗ wiſſes Gefallen fand; ein Geſchoͤpf ſeiner Macht, ſeiner Gnade, und dies war fuͤr einige Tage den Planen der Marquiſe zuſagend, mit ihnen wohl vereinbar. Allein, es war eine Woche vergangen, welche Roſine wie ein gehätſcheltes Kind, umringt von Schmeichelei und Ueberfluß, an der Seite der Maintenon, unter den Fluͤgeln der Ehrenwaͤchterinnen des Hofs vertraͤumt hatte. Der hoffaͤhige Adel von Paris und Ver⸗ ſailles hatte die naive Paysanne parvenue be⸗ trachtet, gemuſtert und bekrittelt; die uͤbrige Welt der Hauptſtadt war entzuͤckt geweſen von der Demuͤthigung, die der gehaßte Miniſter er⸗ fahren...; aber alles dauert nur eine Zeit; wie bekannt: in Frankreich noch eine kuͤrzere Zeit als anderswo. Der Zauber der N keuheit verſchwand, der Adel gaffte nicht mehr, das Volk plauderte nicht mehr: Roſinens ward kaum Je länger, je leber 11. 9 [ 130 mehr gedacht, und der Koͤnig nur ließ immer noch nicht von ſeiner Puppe.»Was macht die ſchoͤne Deutſche?« war ſein erſtes Wort am Tage zu der Maintenon;»Sorgen Sie huͤbſch fuͤr meine ſchoͤne Deutſche!« ſein letztes am Abend beim Abſchiede. War die Letellier in ſeiner Naͤhe, ſo flog wieder ein Strahl jener ritterlichen Galanterie, die ſeine juͤngern Jahre verklaͤrt hatte, uͤber ſein Geſicht und ſein Be⸗ nehmen. Er ließ keine Gelegenheit voruber, die ihm eine Aeußerung vaͤterlichen Wohlgefal⸗ lens gegen ſeine Schutzbefohlene erlaubte; er hatte ſchon das Verſprechen gegeben, der ſchoͤnen Fremden bei voller Wiederkehr der ſchoͤnen Jahreszeit alle Wunder der Kunſt, die er zu Marly, Trianon und Verſailles geſchaffen, ſelbſt zu zeigen. Dieſe Aeußerungen und Vorſaͤtze beunruhig⸗ ten die Marquiſe. Das Spiel mit der ſchoͤnen Roſa dauerte zu lange. Ein Blick tiefen Nach⸗ ſinnens, den einſt der zerſtreute Ludwig auf Roſen heftete und den die Maintenon nicht un⸗ 131 W bemerkt ließ, und ein Schreiben des auf dem Krankenlager leidenden Miniſters an den Koͤnig gaben der Sache den Ausſchlag. Das Weſent⸗ liche der Zuſchrift des Herrn von Louvois lau⸗ tete ungefaͤhr wie folgt: »Die Ungnade Ew. Majeſtaͤt, die ich lei⸗ 1 der nur allzuverdient hinnehmen muß, hat mich in eine harte Krankheit geſtuͤrzt. Der erſte Augenblick meiner beginnenden Gene⸗ ſung iſt auch der, in dem ich die Feder er⸗ greife, Sie, meinen gnaͤdigſten Herrn und Koͤnig, zu benachrichtigen, daß ich ſelbſt in den Schmerzen meines uͤbeln Zuſtandes der Befehle nicht vergeſſen habe, die mir Ew. Majeſtat zu ertheilen geruht haben. Mein Sekretaͤr wird Ihnen, Sire, das in der An⸗ gelegenheit der Dame, die ſich Letellier nennt, ausgefertigte Dokument zur Einſicht vorzulegen die Ehre haben. Auf Ihren Befehl, Sire, hat die Familie Folge ge⸗ leiſtet, obſchon das vor dem Gerichtshofe . erhobene Protokoll der Zeugen bei Letellier's 9* N 132 Vermaͤhlung eine geringe Buͤrgſchaft darbie⸗ tet. Der eine von den Offizieren hat mir in's Geſicht jede Mitwiſſenſchaft abgeleug⸗ net, und duͤrfte vielleicht nur durch die Angſt, Ew. Majeſtaͤt ſchaͤtzbare Gnade zu verlieren, bewogen worden ſeyn, fuͤr die Dame, die ſich Letellier nennt, ploͤtzlich ein guͤnſtiges Zeugniß abzulegen. Was den Andern be⸗ trifft, ſo erlauben mir Ew. Majeſtät zu be⸗ merken, daß er ein geſchworner Feind mei⸗ nes Vetters war; daß ich ſogar Beweiſe beibringen koͤnnte, daß er— allen Befehlen Ew. Majeſtaͤt zum Trotze— den Lieutenant Letellier zum Zweikampfe gefordert und ſich mit demſelben geſchlagen. Dieſer Umſtand, weit entfernt, dieſes Mannes Zeugniß glaub⸗ wuͤrdig zu machen, konnte ihm, dem Feld⸗ mandate Ew. Majeſtaͤt vom verwichenen Jahre zufolge, die Capitalſtrafe zuziehen, wenn ich es nicht fuͤr ſtrafbar hielte, den Wuͤnſchen Ew. Majeſtaͤt entgegen, den Duellanten zu belangen, wie wohl ſonſt ge⸗ 133 ſchehen wuͤrde. Ohnehin beſtätigt ſich Le⸗ tellier's, meines armen Vetters, Tod. Er fiel in dem Bauernaufruhr bei Garnsbac oder Grenzbac. Da er nun nicht wieder⸗ kehren kann, um ſeine Ausſage denen der beiden genannten Zeugen entgegenzuſtellen; da ferner derjenige Kapuzinermoͤnch, der Le⸗ tellier mit der Dame Roſa Berger getraut haben ſoll, ausgewandert und folglich ſein Prieſterwort in Bezug auf jene Sache nicht beizubringen iſt, ſo bleibt dem Wahrheits⸗ freunde nichts uͤbrig, als das Unwahrſchein⸗ liche, im Vertrauen auf die Einſicht Ew. Koͤniglichen Majeſtät, fuͤr wahr anzuerken⸗ nen und zu beſtatigen. Das warme In⸗ tereſſe, welches Sie, mein allergnaͤdigſter Koͤnig, an der ſchoͤnen Unbekannten zu neh⸗ men geruhen, erſetzt uͤbrigens derſelben mehr als hinlaͤnglich den Mangel an Geburt und an Rechtmaͤßigkeit der Ehe, die ſie zum Mitgliede einer der angeſehenſten Familien von Frankreich macht.— Der Koͤnig, der dieſe Zuſchrift der Mar⸗ quiſe vorgeleſen hatte, uͤberlegte in bedenklichem Schweigen des Miniſters Worte. Madame von Maintenon benutzte dieſe Stimmung. Der Haß, den ſie gegen Louvois empfand, erhielt Ro⸗ ſinen's Wohlſtand und ihren Rang als Wittwe eines adelichen Offiziers; aber zugleich ſollte des Koͤnigs Neigung ein Ende nehmen.— »Ohne Zweifel,« ſagte die Schlaue ruhig und gefaßt zu dem Fuͤrſten: vohne Zweifel ſpricht aus dieſem Schreiben groͤßtentheils der eifer⸗ ſuͤchtige und ohnmaͤchtige Groll eines gedemuͤ⸗ thigten Mannes, der, wenn gleich auf dem Ruͤck⸗ zuge, dennoch mit einem Scheine von Ehre und Recht das Schlachtfeld raͤumen will. Ganz Frankreich iſt uͤberzeugt, daß ſein Koͤnig nur nach genauer Pruͤfung einſchreitet, wie er hier gethan, und ſelbſt im Irrthume ſeines Monar⸗ chen wuͤrde es nur, wie ſich's gebührt, eine gottliche Schickung ehren und bewundern. Allein die letzten Zeilen des bedeutſamen Schreibens Ihres Miniſters ſcheinen mir der Aufmerkſam⸗ — 135 b keit wuͤrdiger zu ſeyn, als der Eingang, den ein gereiztes Herz dictirte. Ich habe oft aus Ihrem Munde gehoͤrt, Sire, daß Louvois, ne⸗ ben allen ſeinen Fehlern, einen feinen Takt der Schicklichkeit beſitze, in Allem, was ſich auf die Ehre in den Familienverhaͤltniſſen am Hofe be⸗ zieht. Ich glaube es, da ich die letzten Worte ſeines Briefes leſe. Sie ſcheinen mir die Stim⸗ me des urtheilenden Volkes zu ſeyn. Ich hoffe nicht uͤbel verſtanden zu werden, wenn ich ſage, daß es auch mir ſchon vorgekommen iſt, als ob Koͤnig Ludwig der Große dieſer ſchoͤnen Deut⸗ ſchen mehr Achtſamkeit ſchenkt, als im Grunde mit ſeiner erhabenen Stellung vertraͤglich ſeyn moͤchte. Ihre Unterthanen ſind freilich gewohnt geworden, in Ihnen nur das Muſter der Sitte und Froͤmmigkeit zu verehren; aber das Urtheil einer veraͤnderlichen Menge kann auch nur wan⸗ delbar ſeyn.« Ludwig ſann einige Augenblicke nach, und erwiederte alsdann der Predigerin, die ihre Zeit vortrefflich gewählt hatte, kleinlaut: ver 136 4* verſtehe wohl, was ſie zu ſagen beabſichtige, und ſein Ruf ſey ihm keineswegs gleichguͤltig; noch weniger die Meinung, welche ſeine liebſte Freundin von ihm hegen duͤrfte. Er bitte da⸗ her die Marquiſe, ihm in dieſer Angelegenheit einen Ausweg vorzuſchlagen,— gleich vertraͤg⸗ lich mit ſeiner Wuͤrde, wie mit dem Gluͤcke der unſchuldigen und liebenswuͤrdigen Frau, deren ſich nun einmal der Koͤnig angenommen.⸗ »Dieſer Ausweg iſt alſobald gefunden;⸗ ſagte die Maintenon erheitert und zufrieden: »Ludwig läßt es ſeiner Rathgeberin nicht an Mitteln fehlen, um zu rechter Zeit helfen zu können. Frau von Letellier muß ſchnell vom Hofe entfernt werden; das ſcheint mir von der groͤßten Wichtigkeit. Die Schwätzer zu Paris, die heute noch mit leichtfertigen Urtheilen uͤber die Moralität ihres Koͤnigs zu Bette gehen, ſeyen morgen beim Erwachen von der Nach⸗ richt uͤberraſcht, daß der Gegenſtand, der ihre Verläumdungswuth erregte, bereits aus des Koͤnigs Naͤhe verſchwand. Der Aufenthalt, den 137 man der armen jungen Wittwe anzuweiſen hat, wuͤrde geringere Sorge erfordern. Ein Kloſter iſt fuͤr die Trauernde das beſte Aſyl, bis eine neue Ehe, oder vorgeruͤcktere Jahre ihr erlau⸗ ben, ohne ein Aergerniß zu geben, ihr eigenes Haus zu beziehen und ihrem freien Willen zu leben. Dergleichen Wittwenzellen giebt es viele zu Paris und in dem Reiche; allein, um mei⸗ nem koͤniglichen Freunde und Herrn die Auf⸗ richtigkeit zu beweiſen, mit welcher ich Alles umfaſſe, das ihm zu gefallen das Gluͤck hatte, ſo will ich fuͤr die Dame Letellier in meinem Erziehungshauſe zu St. Cyr eine Wohnung einrichten laſſen. Der Umgang mit den Klo⸗ ſterfrauen mag ihr die Gewohnheit der großen Welt geben, die ihr noch ſo ſehr abgeht, und ihrem Geiſte eine ernſtere wuͤrdigere Richtung verleihen, waͤhrend die Spiele der jungen Koſt⸗ gaͤngerinnen ihr Gemuͤth ergoͤtzen und erheitern. Gefaͤllt Ihnen der Vorſchlag, Sire, ſo mache ich mich anheiſchig, die gute Deutſche dafuͤr zu N 138 nn ſtimmen, ohne ihr im Geringſten Gewalt an⸗ zuthun.« »Wie gut ſind Sie, Frangoiſe!« erwiederte der Koͤnig ſehr freundlich:»Welchen Schatz uͤrde ich entbehren, wenn ich Sie nicht be⸗ ſäße. Was Sie nur wuͤnſchen, ſoll ſeyn. Sie wiſſen nur zu gut, daß ganz Frankreich in der Perſon ſeines Herrn zu Ihren Fuͤßen liegt!« 2n einem Herbſttage deſſelben Jahres kam auf einmal, wie ſchon zu verſchiedenen Malen vorher geſehen war, der Koͤnig, nur von zwei ſehr vertrauten Edelleuten begleitet, von einer Jagdpartie zuruͤckkehrend, nach der Abtei St. Cyr. Die Vorſteherinnen empfingen ihn ehr⸗ furchtsvoll, und ſeine erſte Frage galt der Da⸗ me Letellier.»Madame iſt in ihre Andachts⸗ uͤbungen vertieft;« hieß die Antwort.—»Werde ich immer nur denſelben Beſcheid erhalten d. verſetzte Ludwig, der in ziemlich gereizter Stim⸗ mung war: einige Male wuͤnſchte ich vergebens, „ die Dame zu ſehen. Heute befehle ich's, und hoffe, daß man mich nicht zwingen wird, ein ernſtes Wort zu ſprechen.«— Der ſtrenge Ton des Monarchen verwandelte alſobald die verſagenden Geſichter der Nonnen in die bereitwilligſten. Man eilte davon, die gluͤckliche Letellier zu beſcheiden, man oͤffnete dem Koͤnig ein fuͤr ſolche Gaͤſte eingerichtetes Sprachzimmer, man kam allen ſeinen Wuͤnſchen zuvor. Endlich erfuͤllte ſich ſein ſehnlichſter: Roſe von Letellier erſchien, beſtuͤrzt uͤber die Ehre, die ihr widerfuhr. Der Koͤnig winkte heftig den Aufſeherinnen, ſich zu entfernen, und ſie traten ehrerbietig hinter die Glasthuͤren zu⸗ ruͤck. Dann naͤherte er ſich der Baluſtrade, die ihn von der Wittwe ſchied, reichte ihr die Hand zum Kuſſe, und fragte halb aͤrgerlich, halb ge⸗ ruͤhrt: »Iſt es denn wahr, Madame, was ich hoͤre? Ich kann es kaum glauben, und dennoch beſtaͤ⸗ tigen mir's beinahe Ihr Trauergewand, der verhullende Schleier auf Ihrem Haupte, das 140 Gebetbuch in Ihrer Hand, und die geiſtlichen Uebungen, denen Sie nur mein Befehl entzie⸗ hen konnte: Sie wollen ſich dem Kloſter wei⸗ hen? Reden Sie; beantworten Sie meine Frage.« »So iſt's, Sire;« entgegnete ſeufzend die Letellier. »Sie ſeufzen?« ſagte der Koͤnig:»Was bedeutet das? Sagen Sie mir den Grund, der Sie zu der Wahl des Schleiers beſtimmt! Haͤtte man Zwang, Ueberredung angewendet? ohne Umſchweife: reden Sie!« »Mein Gatte Letellier iſt geſtorbenz« erwie⸗ derte Roſine:»ſein Tod hat ſich beſtaͤtigt. Von meinen Eltern und Freunden n habe ich, allen Erkundigungen zum Trotz, nichts hoören koͤnnen. Ohne Zweifel hat Kriegsnoth und meine Ent⸗ fernung ſie in die Grube geſtuͤrzt. Die Trauer um ſie und meinen Gatten waͤre allein ſchon hinreichend, mir die Luſt an der Welt zu rauben. Horen Ew. Majeſtät aber noch meine letzten Gründe: ich vermag nicht länger meinen Un⸗ 141 terhalt aus den Haͤnden einer Familie zu neh⸗ men, die mir nur mit Haß und Erbitterung das uͤberläßt, was mir Ew. Majeſtät Gnaden beſtimmte. Aber im Vaterlande kann ich eben ſo wenig betteln als in Frankreich. Ich er⸗ greife alſo lieber die Ausſicht, die mir die guͤtige Marquiſe von Maintenon gewaͤhrte, mit Verzichtung auf alle Einkuͤnfte aus dem Nachlaſſe meines Gatten, Nonne zu werden und in die⸗ ſem herrlichen Aſyl mein Leben zu beſchließen.« „Heiliger Dionys!« rief der Koͤnig:»wel⸗ cher Eigenſinn! welche Schwarmerei! Geben Sie den Vorſatz auf, meine gute Letellier. Sie haben ja keine Suͤnde abzubußen, die Kirche nicht zu verſoͤhnen. Auf Ihrer Ehe ſogar haf⸗ tet kein Verdacht mehr, ſeit mein Beichtvater zu Augsburg den Moͤnch ausfindig machte, der Sie mit dem Vetter des Miniſters verbunden hat. Sein eidlich abgegebenes Zeugniß hat Sie makellos gemacht, und die Ehe legitimirt. Sie ſind im Beſitz anſtändiger Einkünfte, und haben nicht darnach zu fragen, ob die Familie mit Freuden zahlt oder nicht. Sie haben in der Zeit, als ich Sie nicht ſah, ſo ſehr viel an Schoͤnheit, Anſtand und feiner Bildung gewon⸗ nen! Und nun wollen Sie dieſe Schaͤtze der Natur und enee, dieſe Reize, dieſe Lie⸗ benswůrdigleit in das Grab des Kloſters ſtuͤr⸗ zen? Sie, die den ungenügſamſten Mann zu beſiegen, zu beglicen berufen iſt 2« „Ich erroͤthe vor Ihrem unverdienten Lobez« ſagte die Letellier beſchaͤmt:»Dieſer ungluͤckliche Schatten von Reiz iſt es eben, der ſchon zwei wackere Maͤnner in den Taumel der Leidenſchaft, in den Tod dahinriß. Es liegt kein Segen auf meiner Jugend.« »Das ſind die Worte einer alternden Frau entgegnete Ludwig aufgebracht, die an der rei⸗ zenden Nebenbuhlerin wenig Gefallen findet; einer Eiferſuͤchtigen, die lieber den himmliſch en Braͤutigam, auf den ſie Alle Anſpruch haben, an Ihr Herz legen moͤchte, als länger die Furcht hegen, Sie moͤchten ihrer Neigung in dieſem Leben zu nahe treten.«“ M 143 n „Ich verſtehe Sie nicht, Sire;« ſprach Ro⸗ ſine ſtaunend:»aber ich darf bekennen, daß ich nicht erwartete, meinen Lebensplan von Ew. Majeſtät gemißbilligt zu ſehen. Ein neunzehn⸗ jähriges Herz ſtraͤubt ſich immer gegen den Zwang des Kloſters, und ich ſage offen, daß weniger das Gutachten meiner Wohlthäͤterin, der Frau Marquiſe, als die aus ihrem Munde gekommene Verſicherung: Ew. Majeſtät wunſch⸗ ten ſelbſt ſehnlichſt meine Einkleidung,— mich beſtimmte, ſo ſchnell der Vernunft Gehoͤr zu geben.« Der Koͤnig, betroffen uͤber das Gehoͤrte, ſammelte ſich, ſo gut er konnte, und verſetzte mit beſonderm Laͤcheln:»Ich dachte mir's, Frau von Maintenon hat ſich einen Scherz mit Ihnen erlaubt. Wenn indeſſen Sie ſo gefaͤllig ſind, ſich zu dieſem Scherze herzugeben, ſo gedenke ich's nicht zu ſeyn.— Mein Wunſch, ſagter Sie, habe Sie einzig und allein beſtimmt, Ihr Ungluͤck zu wählen 2«. er nach einigem Beſinnen.— 144 »Ihr Wunſch, Sire, ganz allein.« „Gilt Ihnen denn mein Wunſch ſo viel?⸗ »Alles.« „Um des Lebens Gluͤck fuͤr die Laune eines Andern hinzuwerfen, muß uns dieſer Andere et⸗ was werth ſeyn.« „Allerdings, Ew. Majeſtät.« »Wir muͤſſen ihn hochachten koͤnnen.« „Nur hochachten?« Die Freudigkeit, mit welcher Roſine den Fragen des Koͤnigs folgte, erweckte in ihm die⸗ jenige Eitelkeit, die in fruͤhern Jahren ſeinem Herzen ſo oft gefaͤhrlich war; den ſchmeichelhaf⸗ ten Gedanken, noch im vorgeruͤckten Alter der Gegenſtand einer geheimen Neigung zu ſeyn, wie ſie ihm vormals, erdichtet und wahr, vor⸗ gekommen. Mit erglaͤnzendem Geſichte beugte er ſich gnaͤdig zu der ſchoͤnen Wittwe herab, und ſprach verbindlich und leiſe:»Sie ſind boshafter öder liebenswürdiger als ich jemals ahnen konnte. Lieben Sie die Marquiſe?⸗ —— 145 W „Ich ehre in der wuͤrdigen Dame meine Wohlthaͤterin.« »Lieben Sie mich?« fragte Ludwig raſch nach.— Die Letellier zoͤgerte.—»Aufrichtig;« ſetzte Ludwig ungeduldig hinzu. „Wie einen Vater,« entgegnete Roſine mit innigem und ehrfurchtsvollem Tone:»wie das Sinnbild der barmherzigen Gottheit, die mich in Ihr ſchoͤnes Reich geleitet hat, damit ich der Wohlthaten des großten aller Erdenkoͤnige theil⸗ haftig wuͤrde.« Betreten wich der Koͤnig einen Schritt zu⸗ ruͤck:»Eine herbe Schmeichelei!« ſagte er ſchnell gefaßt mit einigem Spotte:»Madame haben in der franzoſiſchen Rhetorik bedeutende Fortſchritte gemacht. Ich wette, Ihr Landesherr, der Mark⸗ graf, obgleich ſelbſt ein Pariſer von Geburt, wuͤrde ſeine Meinung von mir ein wenig derber ausgeſprochen haben. Erſchrecken Sie jedoch nicht, meine huͤbſche Frau;« ſetzte er mit gut⸗ mthiger Aufwallung hinzu:»Sie haben mich nicht beleidigt; mein Scherz verdiente Ihren Ze länger, je Heber. II. 10 146 Beſcheid; es ware Thorheit, wenn ich im Ernſt verſuchen wollte, mein ergrauendes Haar mit friſchen Lebenskraͤnzen ſchmuͤcken zu wollen. Aber Sie ſollen dieſer Kraͤnze nicht entbehren; auf mein Wort, ſo wahr ich der Vierzehnte meines Namens auf Frankreichs Throne bin, Sie wer⸗ den Ihr Noviziat nicht antreten, Madame. Sie werden der Welt nicht entſagen; ich will's, ich befehle es als ein Koͤnig und Va⸗ ter. Ich uͤbernehme es, Ihr Schickſal zu be⸗ ſtimmen, und rechne auf Ihren unbedingten Ge⸗ horſam. Gott nehme Sie in ſeinen heiligen Schutz.« Somit hatte die Unterredung ihr Ende er— reicht. Roſine kehrte mit federleichtem Herzen nach ihrer Zelle zuruͤck, und verwunderte ſich kaum, als ſie am Abend vernahm: Die Mar⸗ quiſe von Maintenon ſey, kurz nach dem Koͤ⸗ nige, am Kloſter vorgefahren, um ihre gewoͤhn⸗ liche Viſite abzuſtatten; allein ſie habe hochſtens ein paar Minuten bei den Oberlehrerinnen zu— gebracht, als ſie, auf die Nachricht, der Köni ſey zugegen geweſen und habe die Frau von Letellier geſprochen, ploͤtzlich wieder den Auf⸗ bruch nach Verſailles befohlen, ohne der ſchoͤnen Wittwe nur einen Augenblick zu ſchenken. Am folgenden Morgen ließ ſich ein neuer Beſuch bei Frau von Letellier melden. Sie war angenehm uͤberraſcht, den wuͤrdigen Herrn Mil⸗ lard zu ſehen. Mit vieler Wißbegier forſchte ſie nach dem Zwecke ſeines Beſuches.—»Seit jener Stunde, in der ich Sie zu Verſailles ver⸗ laſſen mußte, um der Audienz des Miniſters entgegen zu gehen,« ſagte ſie, chabe ich Sie nicht mehr geſehen. O, mein Herr! Ihre Er⸗ 4 ſcheinung iſt mir das Pfand einer gluͤcklichen Begebenheit, denn von Ihnen und Ihrem Ge⸗ bieter kam mir nur Gutes, und ich beklage nur, daß ich dem Herrn Vicomte meinen innigen Dank nicht perſoͤnlich abſtatten konnte.« »Der Brief, den Sie ihm vom Hofe aus ſandten,« verſetzte Millard,»hat vollkommen ſei⸗ 148 nen Zweck erfuͤllt. Die ungekuͤnſtelte Sprache, die ſo herzergreifend die edelſten Gefuͤhle malt, floß aus Ihrer Feder, wie aus Ihrem Munde. Monſeigneur bewahrt jene Zeilen mit Sorgfalt. Ach, ſie gaben ihm die letzte frohe Stunde.« „Wie, mein Herr?« fragte Roſine, von Millards Kummer betroffen:»der edle Mann waͤre ungluͤcklich?« Millard nickte mit dem Kopfe, und antwor⸗ tete hierauf:»Ja, Madame. Sein Ungluͤck fuͤhrt mich hieher, um Sie fuͤr ſein Schickſal zu gewinnen, wie einſt das Ihrige ihn gewann.— Als Sie bei uns eintraten, war unſer Haus ein Schauplatz der Trauer. Die edelſte Mutter war von ihrem Sohne gegangen. Kaͤmen Sie jetzt zu uns, Sie wuͤrden, wenn gleich nicht die Waͤnde ſchwarz behangen, dennoch Alles in Be⸗ trubniß wiederfinden. Vor drei Wochen ſollte ſich mein Herr, dem letzten Willen ſeiner Mut⸗ ter gemäß, mit einer Dame vermaͤhlen, die an Tugenden von Niemand, an Schoͤnheit nur von Ihnen uͤbertroffen wurde. Mein Herr, dieſe ———— — ——— 149 Braut hochachtend, hätte auch in der Ehe die Liebe zu ihr gefunden; das Verhaͤngniß be⸗ ſchloß es anders. Die Dame ſtarb, wenige Tage vor der Trauung⸗ und der Vicomte trauert an ihrem Grabe.« »Laſſen Sie uns hoffen, Herr Millard, daß die Zeit ſeinen Gram lindern werde;« bemerkte die Letellier nach einem Seufzer der Erinne⸗ rung:»wie viele Bande, zuverſichtlich geknuͤpft, zerriß das Geſchick, der Tod? Wohl Ihrem Herrn, daß nur Verehrung, nicht die Leiden⸗ ſchaft den Verluſt erlitt.« »Paris ſtaunte, daß er dem Gehorſam eher, als der Herzensneigung zu gehorchen ſchien, als er um die Hand der vielbeworbenen Dame freite;« verſetzte der Sekretaͤr:»Aber Paris ſah nicht in ſein Gemuͤth, wie ich, ſein Ver⸗ trauter, es durfte. Sie wußten nicht, die Stau⸗ nenden, daß er ins geheim einer andern Koͤni⸗ gin huldigte, daß ihn im Schmerz um die Ver⸗ lorne die Hoffnung troͤſtete, die Geliebte zu gewinnen. »Er liebte eine andere?« fragte Roſine mit Neugierde, von der romantiſchen Wendung des Berichts erregt. »Ja, Madame;« fuhr Millard mit ſteigender Waͤrme fort:»Er bewahrte ihr Andenken in ſtillem aber innigem Gemuͤthe. Beruhigt, daß der Himmel ſelbſt ſeiner Mutter Anordnung aufgehoben, beſchloß er, ſeinem Gluͤcke in der eignen Wahl zu vertrauen; da ſchlaͤgt ihn die Nachricht nieder, daß die Fuͤrſtin ſeines Her⸗ zens der Welt und ihm entfliehen, ſich in oͤden Mauern auf ewig begraben will.....4 »Wie?« ſagte aͤngſtlich und ahnungsvoll die Wittwe. »Er will verzweifeln— ſetzte Millard ſeine Rede fort:»Aber Verzweiflung hat noch nichts geſchafft. Der Beſonnenheit,.. der einfachen Frage gelang wohl oͤfter der Sieg. Madame, — mein Herr bedarf einer Vertrauten ſeines Kummers,— er hat Sie dazu erwaͤhlt: darf er ſelbſt erſcheinen? Erlauben Sie es, und neine Sendung iſt zu Ende.« 151 „Mein Gott!« ſtammelte Roſine:»Herr Millard..«. welche Frage...7 dieſe Ehre... wie koͤnnen Sie bezweifeln?« Schon war Mil⸗ lard verſchwunden. Verwunderungsvoll ſahen ſich die Letellier und die in der Ecke ſitzende Aufſeherin an, aber, ehe ſie ſich noch ein Wort mittheilen konnten, oͤffnete ſich wieder die Thuͤre, und ein junger Mann in praͤchtiger Kleidung kam mit haſtigen Schritten herein. „Madame! ſagte er, ohne weitere Foͤrm⸗ lichkeit auf Roſinen zuſchreitend, und ſich ihrer Hand bemaͤchtigend:„Gnade oder Tod in ei⸗ nem Worte! Millard hat Ihnen Alles geſagt: ich bin der Vicomte,— Sie die Dame, die ich liebe. Sie wollen von der Welt ſcheiden? Sie machen mich elend durch dieſen Vorſatz, 3 ohne ſelbſt glucklich zu werden. Iſt Ihr Ent⸗ ſchluß noch umzuſtoßen, ſo entſagen Sie ihm, und empfangen Sie aus meiner Hand als ein Pfand meiner Treue ein Kleinod, das Ihnen gehoͤrte und deſſen Beſitz mich oft in Gram und Kummer begluͤckte.“ 152 Er uͤberreichte ihr zaͤrtlich ein einfaches ſchwarzes Band, an dem ein ſchlichtes Gold⸗ kreuz hing. Die erroͤthende Letellier erkannte in demſelben ein Geſchenk der Markgraͤfin, das ſie vor einigen Jahren erhalten und nicht von ſich gelegt hatte. Auf ihrer Flucht nach Straß⸗ burg hatte ſie zum erſten Male den Schmuck vermißt, und indem ſie jetzo ihn mit den Au⸗ gen verſchlang, und zugleich den dankbaren, uͤberraſchten, geſchmeichelten Blick auf den Ge⸗ ber richtete, fand ſie in ſeiner Stimme, in ſeinem Geſichte bekannte Toͤne, bekannte Zuͤge.— „Mein Gott!» ſchrie ſie auf:«Herr Vicomte! ſind Sie nicht der Volontaire La Grenade, Le⸗ telliers Waffengenoſſe? 13 Ich bin'szv entgegnete der Vicomte mit Feuer und Entzuͤcken:«Sie haben mich erkannt, eentkleidet von dem kriegeriſchen Rocke? Durch den wilden Bart hindurch, mit welchem mich damals die Eitelkeit des Soldaten entſtellte, ſind Ihnen meine Zuͤge nicht fremd geblieben? Wohl mir, Madame! Sie erinnern ſich noch ———— 153 meiner, und ich habe mich keiner unedlen That zu ſchaͤmen“ Der Liebe, die ich dazumal, als Sie im Bauernkleide vor mich traten, zu ihnen faßte, ruͤhme ich mich. Ich habe ſie ſtill und treu bewahrt. Sie ahnten ſie nicht. Mit blu⸗ tendem Herzen ſah ich Sie durch Ihr Schickſal und Letelliers Grauſamkeit an ſeine Seite ge⸗ worfen. Mit trauernder Seele hob ich ſelbſt Sie auf den Wagen, der Sie aus meiner Näͤhe, in das Eigenthum Ihres Mannes, mei⸗ nes Nebenbuhlers, bringen ſollte; aber ich ſchwieg, und kein falſcher Gedanke kam in mein Gemuͤth⸗ Im Tumulte des Scheidens zog ich indeſſen von Ihrem Halſe dieſes Band, das ihm entfallen wollte. Ich trug es als eine Reliquie auf mei⸗ ner Bruſt. Das Kleinod heiligte mich: ich ſchonte im Kampfe der Feinde, die die Ver⸗ zweiflung gegen uns bewaffnet hatte; ich be⸗ ₰ ſchuͤtzte Ihre Angehoͤrigen vor der Wuth unſe⸗ rer Soldaten. Als endlich in einem blutigen Gefechte, in dem der groͤßte Theil unſers Corps aufgerieben wurde, Letellier zum Tode ver⸗ 154 wundet an meiner Seite niederſank, dachte ich an Sie, Madame, und jubelte nicht uͤber ſei⸗ nen Fall. Ich beklagte den Sterbenden, ich verſuchte, ihm zu helfen; bei ſeiner Leiche nah— men mich die ſiegenden Bauern gefangen. Ihr Anfuͤhrer,— jener Mann, den Letellier, um ſeines Mordanſchlags willen, zum Tode verur⸗ theilt hatte, der, aus ſeiner Haft befreit, von Chaquifanne's Kugel in den linken Arm getrof⸗ fen wurde„ „Dreyer? der Falkner?“ rief Roſine be⸗ ſtuͤrzt: Er lebt? Er lebt, fuhr der Vicomte, die Begeben⸗ heiten zuſammendraͤngend, fort: ver lebt, und vergalt meinen Lanbsleuten grauſam die Wunde, die ihm jene Kugel ſchlug, und die ihn nicht hinderte, wie ein gereizter Loͤwe ſeinen Land⸗ ſturm ins Gefecht zu fuͤhren. Triumphirend ſah er auf Ihres Gatten Koͤrper, zeigte ihn einem bewaffneten jungen Weibe, das ihm zur Seite ging, und ſagte:„Sieh, Johanna, hier hat Gott ſelbſt gerichtet Darauf befahl er, 155 mich und meine Leidensgenoſſen zu binden und niederzuſchießen. Schweigend folgte ich den Henkern, die mir den Soldatenrock nahmen, um nach meinem Herzen zu zielen. Dieſes Band fiel in ihre Haͤnde; ich begehrte wuͤthend, ſie⸗ ſollten mir es laſſen, bis ich gefallen ſey. Ihr Hauptmann ſah dieſen Schatz; er ſtutzte; er befahl, innezuhalten; er fragte nach meinem Namenz ich antwortete mit dem Namen: Ro⸗ ſine! Da ſchlug er die Haͤnde vor das Geſicht, und lehnte den Kopf an die Schulter der Ama⸗ zone, er zeigte der Sinnenden dieſes Krenz, gab es dann mir zuruͤck, und gebot, mich und meine wenigen Gefaͤhrten freizugeben.„Geht hin, Herr! ſagte er dann in gebrochner fran⸗ zoſiſcher Sprache: ader Name der Ungluͤcklichen macht Euch frei. Behaltet dieſes Kreuz; ich will nichts von ihr. Solltet Ihr ſie jedoch in Eurer Heimath wiederfinden, ſo ſagt ihr, daß ich um ihretwillen Euch freigegeben, daß ich ihren Mann nicht ermordet, und daß Johanna, N 1356 N* der ich Alles verdanke, das Weib des Falk⸗ ners geworden iſt.»„ Der Vicomte hielt inne. Zwei große Thraͤ⸗ nentropfen ſchlichen uͤber die Wangen der Wittwe, und erſt nachdem ihre Hand ſie langſam ge⸗ trocknet, fuhr der Erzaͤhler fort: „Was mir zu berichten uͤbrig bleibt, iſt wenig. Von Ihrem Bilde begleitet, kam ich nach Frankreich zuruͤck, weil mich der Mutter Krankheit ſchnell nach Paris rief. Da der letzte Wille der Vicomteſſe mir eine Gemahlin, die ſie gewaͤhlt, beſtimmte, zwang ich mein froh⸗ lockendes Herz zum Schweigen, als ein guͤtiges Geſchick Sie, Madame, in mein Haus fuͤhrte. Der Retterin meines Lebens, meiner heißgelieb⸗ ten Freundin, zu vergelten, konnte mich indeſ⸗ ſen keine Ruͤckſicht abhalten. Die Gunſt be⸗ nutzend, die der Koͤnig von der Mutter auf den Sohn vererbte, gelang es mir, Ihre Exi⸗ ſtenz zu ſichern, und indem Sie nach St. Cyr gingen, und ich mich bereitete, mit meiner Brant vor den Altar zu treten, nahm ich ſtum⸗ — —— 157 men, aber bekuͤmmerten Abſchied von Ihnen. Das Uebrige wiſſen Sie. Sie ſehen, wie bang ich Ihrem Ausſpruch entgegenharre. Verlaſſen Sie das Kloſter. Schenken Sie mir Ihre Hand; theilen Sie mein Loos.„— Herr Vicomte l» ſtotterte Roſine:(Sie ma⸗ chen die heiligſten Rechte auf meinen Willen geltend; aber: täuſchen Sie ſich nicht! Sie, ein vornehmer Edelmann,— ich eine Baͤuerin.„ „Waren Sie nicht Letelliers Gattin? fragte Barriege ſchnell entgegen: adoch wozu dieſen Namen, den ich nicht liebe, den Sie nicht lie⸗ ben konnten, den Frankreich in dem herrſchſuͤch⸗ tigen Miniſter verabſcheut. Roſe ſollen Sie füͤr mich ſich nennen. Laſſen Sie dem Mar⸗ quis von Louvvis ſeine Penſion, ſeines Vetters Landgut. Theilen Sie mein Erbe. Am Hofe von Verſailles ſuche ich mein Glück nicht. Um zufrieden zu ſeyn, habe ich genug.— wig, der in vier und zwanzig Stunden nicht zu der Maintenon gekommen war, bei der Marquiſe eintrat, und mit der Haſtigkeit, die einen Sturm weiſſagte, mit der Frage anhob: „Nun wohl, Madame! was ſoll aus dem Con⸗ flict werden, der ſich in den Angelegenheiten der Letellier ergiebt? Sie wollen das huͤbſche Kind in Ihr Kloſter ſtecken; ich will es aber nicht; ich. Ich halte es fuͤr beſſer, Ihr ein anderes Loos zu beſtimmen. Wer ſoll nun hier Recht behalten, der Koͤnig oder die Frau Marquiſe von Maintenon?“ So antwortete die Marquiſe, ohne einen Zug ihres Geſichts zu veraͤndern: Unſtreitig der Koͤnig, Sire. Die Marquiſe gehorcht ihm als getreuer Unterthan, wie Frangoiſe ihrem Gat⸗ ten. Da die Letellier einen Widerwillen gegen das Kloſter empfindet, ſo wird es angemeſſen ſeyn, ſie zu verheirathen, ſobald das Trauer⸗ jahr vorüber iſt.“ 3 Als am Abend deſſelben Tages Koͤnig Lud⸗ 159 Gut,? verſetzte der Koͤnig etwas rauh, weil die Maintenon ihm keinen Anlaß gegeben, ſeiner Heftigkeit Luft zu machen: ader Fall trifft ſich erwuͤnſcht. Ich dachte daran, dem guten Livardier, meinem Stallmeiſter, eine Frau zu geben, und„ „Das Schickſal hat diesmal beſſer fuͤr Dame Roſe geſorgt, als ſelbſt ihr Beſchuͤtzer, der Koͤ⸗ nig von Frankreichz» entgegnete die Marquiſe trocken: avor einer Stunde hat ſich ein Freier um meinen Einfluß bei Ew. Maj. bemuͤht, um die Einwilligung zur Verbindung mit der huͤb⸗ ſchen Deutſchen zu erhalten, deren Wort er ſchon beſitzt.» „So? fragte Ludwig kurz und ſtreng: adie Dame waͤhlt ſchnell. Wer iſt der Freiwerber, wenn's beliebt?* Vicomte von Barrioge,» ſagte di Frau von Maintenon, und ſetzte bei, da der ig ſehr uͤberraſcht verſtummte; ader junge will auf ſeinen atem leben; n weſ— Provinz, als nach Verſailles. Den Zutritt bei Hofe verbietet ihr Herkommen doch einmal, und da wir dennoch der Frau Stallmeiſterin unſere Huld nicht entziehen wuͤrden, ſo koͤnnte ein ſol⸗ ches halb oͤffentliches Verſtaͤndniß manches Un⸗ angenehme, ſelbſt Gefaͤhrliche entwickeln, das bei näherer Ueberlegung und Auseinanderſetzung...» Laſſen wir dasz» unterbrach ſie der Koͤnig verdrießlich:„Sie ſind eine kluge Frau, und der Vicomte, der, wie mir ſcheint, die Braͤute in Vorrath hat, ſoll die kleine Undankbare hei⸗ rathen, ſo ſchnell es ihm beliebt.“ Der Ryswicker Friede hatte das aufgeregte Europa wieder beſaͤnftigt, Deutſchland befeſtigt und die Fluͤgel des franzoͤſiſchen Ruhms ge⸗ lähmt. An den Ufern des Rheins hatten ſich wieder die eingeaͤſcherten Doͤrfer und Staͤdte aus der Vernichtung erhoben, und Wohlſtand und Ruhe Platz genommen. Auch die Maierei bei Eberſteinburg ſtand wieder aufrecht, mit M 161 prangendem Ziegeldach und wohl gepflegtem Garten. Die alten Beſitzer, aus der Fremde, wohin ſie des Krieges Sturm geſchleudert, wie⸗ der heimgekehrt, ſaßen auf ihren Stuͤhlen, um⸗ geben von dem Geſinde,— einſam an Kindern, aber zufrieden, und laſen einen Brief, den ihre Tochter, die vornehme franzoͤſiſche Dame, von ihrem Schloſſe nach der vaͤterlichen Huͤtte ge⸗ ſendet hatte; da ſprang plotzlich die Thuͤre auf, und Roſine, ſchoͤner noch als ehemals, aber praͤchtig gekleidet, ſtuͤrzte in der ſtaunenden Eltern Arme. Ihr folgte der Vicomte, zwei Kinder an der Hand fuͤhrend.— Mein Gatte ln rief Roſine unter dem Freudengeſchrei der El⸗ tern: ameine Kinder! Vergebt, meine Lieben, den Kummer! der Euch aus meinem Schick⸗ ſal erwachſen iſt!v— Und die Eltern prieſen den Herrn und lob⸗ ten ſeine Schickung, begruͤßten ehrfurchtsvoll den vornehmen Schwiegerſohn, und haͤtſchelten die feingeſtalteten Enkel. Ze länger, je lieber II. 11 „Das iſt Dein Werk!v ſagte Vater und Mutter, indem ſie die neuen Fenſter oͤffneten und auf ihr geordnetes Beſitzthum wieſen:«was der Krieg uns raubte, hat uns Deine Liebe zehnfach gegeben. Bleibe bei uns! Kann ich denn? fragte Roſine, auf den Gatten und ihre Kinder deutend: aaber Euch will ich mit mir hinwegziehen in ein waͤrmeres, ſchoͤneres Land, wo Salbei und Rosmarin am Felſen waͤchst, und Euch meine Kraͤfte ver⸗ juͤngen ſollen! Da ſchuͤttelten die Alten das Haupt und ſagten: Im Vaterlande iſt's beſſer fuͤr uns, meine Tochter. Daß Dir's in der Fremde wohl ging— dafuͤr ſey dem Herrn gedankt; uns aber wuͤrde es uͤbler gehen, und das Heimweh uns verzehren.» «So wolltet Ihr hier allein das Leben be⸗ ſchließen?» fragte Roſine, fragte ihr Gatte. Aber die Alten antworteten heiter:„Wir ſind nicht allein. Wir haben Kinder gefunden, — M 175 Geſicht und Bruſt in den reinen Quell, fullte die Flaſche, nahm die Axt, und ging dem Va⸗ ter voran auf dem Pfade in die Berge.— Es war zwar noch fruͤh am Morgen, und noch dampften die Thaͤler; aber ſchon erzitterte die reine Luft von dem Schalle der Haͤmmer, mit denen die Zeuchmacher ihr Handwerk treibe. Zwiſchen durch toͤnte der Klang der Art aus dem Walde, und froͤhlicher Geſang der Leute auf den Pflanzenfeldern. Viele Nachbarn kamen gruͤßend an den Wanderern voruͤber, und lobten den tanzenden Gang des ſchlanken Maͤdchens, prieſen den Vater des holden Kindes. Bald la⸗ gen jedoch die Wohnplaͤtze weit hinter dieſen und die Einſamkeit that ſich ihnen auf. Der Vater ſchlug einen wilden Seitenweg ein, und gehorſam folgte die Tochter. Als es nun aber ſchroff in die Hoͤhe⸗ging, uͤber Steinſchlacke und Dorn und ausgebraunte Lavabäche, und die Sonne mitten am Himmelsbogen ſtand, da fragte das Mädchen endlich furchtſam den verſchloſſen bruͤtenden Vater, wo er eigentlich hin wolle? wir zur Stelle ſeyn.« N 176 Dort oben wachſe der Sandel nicht, und im⸗ mer kahler und rauher geſtalte ſich das Gebirge. „Wir gehen zu Pele's Haus:« entgegnete der Vater finſter, und riß eine ſtarke Windepflanze vom Wege.—„Was wollen wir bei ihr?« fragte wieder die Tochter aͤngſtlicher.— Wir wollen ihr opfern, und Du ſollſt das Opfer ſeyn,« ſprach der Unnatuͤrliche mit grauſamen Augen, nahm dem Kinde Beil und Flaſche aus den erzitternden Haͤnden, und band dieſe zu⸗ ſammen, wie die Fuͤße der wehrloſen Taube. „Ach Vater, Vater!« jammerte das Kind: was hab' ich Dir gethan, und der Mutter, die mich verlaſſen hat? Warum willſt Du mich der Goͤttin opfern, die ſo ſchrecklich iſt?«— „Der Koͤnig will keinen Gott mehr haben. Aber Pele lebt doch, und begehrt Deiner!⸗ „So jung ſoll ich ſchon ſterben?«— „Du biſt acht Jahre alt geworden, während Du nicht Zweie hätteſt uͤberleben ſollen. Klage nicht und gehe voran. Bis zum Abend muͤſſen 4 N 177 Anfangs unter Thraͤnenſtroͤmen, endlich in ſtummer Verzweiflung, ſchritt die Arme vor⸗ waͤrts, von aller Huͤlfe verlaſſen, nur nicht von dem, der ſie zu erwuͤrgen begehrte. Der Weg wurde immer oͤder, zerkluͤftet das Geſteinz nur ſpaͤrlich wucherten wenige Buͤſche auf den Bergesflaͤchen, und je ſchneidender die Luft, je wärmer und truͤgeriſcher zeigte ſich die zer⸗ broͤckelnde Erde. Hie und da ſtiegen in der Ferne Rauchſaͤulen aus dem Voden, und mit der Daͤmmerung wuchs die Stille in dieſen ſchauerlichen Gegenden. Hier ſang kein Vogel, hier ſprang kein Wild, hier gedieh kein friſches Gruͤn. Wenige Ohelobeeren blinkten vom ver⸗ ſengten Buſch, dieſe pfluͤckte unter ängſtlichem Gebete der Vater, und bot ſie ſeiner armen Begleiterin, die ſich kaum mehr fortzuſchleppen vermochte. Ein Trunk Waſſers belebte ihre Kraft noch einen Augenblick und dieſem folgte der Entſcheidende. Es war dunkel geworden, und plotzlich ſtanden die Wanderer auf einer Kuppe, hoch über Hawaii's Fluren, von wel⸗ Je länger, je Hieber. I1. 12 cher ein ſchraͤger Abhang zu dem Schlunde des 1 Berges fuͤhrte, der wie ein ungeheuerer Halb⸗ kreis dieſen Schreckensort begraͤnzte. Aus ihm, wie aus vielen andern kleineren Hoͤhlen, ſtieg des Berges Dampf, zuckten ſeine Blitze durch den Nebelflor der Nacht. Unter den Fuͤßen des Mädchens brach die Sonne⸗ verbrannte Erdrinde ein. Grauſam rettete des ſchweigenden Vaters ſtarker Arm ſein Kind, um es vollends an den Rand des Kraters zu ſchleppen. Hier ſank das Opfer ermattet und halb beſinnungslos nieder, und ſein Moͤrder rief die Worte in die Luft: Pele, feueraͤngige Pele! Sieh hier Deinen Schuldner, vor deſſen Thuͤre das Ungluͤck ſteht, und der ſein Verſpre⸗ chen loͤſet, in der Hoffnung auf Deinen Bei⸗ ſtand und Deine Vergebung! Du, und Dein Bruder, der feuerſchleudernde Sohn des Krie⸗ ges Du und Deine Schweſter, die Wol⸗ kenhalterin mit den ſtrahlenden Augen! Nehmt dies jugendliche Opfer gnaͤdig auf in Euer Haus!« Ein dumpfes Krachen durchzitterte den 179 Berg, ſprudelnde Flammen leckten aus Hoͤhle und Kluft, aufwallender Dampf ſchlug den Mann zuruͤck, der nach dem laut wimmern⸗ den und ſchreienden Maͤdchen ſich buͤckte, um es ohne Erbarmen in den wogenden Pfuhl zu ſtuͤr⸗ zen. Selbſt von Schander ergriffen und ge⸗ draͤngt, ſein finſteres Werk zu vollenden, ſtreckte er noch einmal die Hand nach dem Kinde aus, das in Verzweiflung ſeine Knie umſchlang,.. da donnerte es auf's Neue heftig uͤber des Maͤd⸗ chens Haupte. Ein Blitz blendete deſſen Augen, und es verſank in ſtille Ohnmacht.— Eine wohlthuende Waͤrme erweckte die Be⸗ wußtloſe. Noch war ſie nicht in Pele's Armen, neben ihr brannte in hellen Flammen ein dorni⸗ ger Buſch, an ihrer Seite ſaß ein Mann, und ſeine Hand floͤßte ihr Tropfen eines belebenden Getraͤnks ein. Verwundert ſah das Kind den Fremden an, und den Sternenhimmel uͤber ihm, und die ſich're Kluft mit dem reichen Graslager, in der es ausgeſtreckt lag. Zwei große Hunde leckten freundlich des Maͤdchens Haͤnde, und N 180 ihr Herr ſtreichelte deſſen Wangen. Glück zu, mein Kind,« ſprach er: aerhole Dich. Du biſt gerettet.— „Wo iſt der Vater 2« fragte die Gerettete, ſcheu nach dem Entſetzlichen ſpaͤhend. Laß ihn,« antwortete der Fremde, nach einer tiefen Stille, waͤhrend welcher ſein Geſicht Staunen und Beſtüͤrzung ausdruckte: Er iſt nicht mehr da! Wie heißeſt Du, mein Maͤdchen?« Ich bin Sonnenbluͤthe, Ahu's Tochter. Der Vater iſt Bauer und Fiſchhuͤter des Koͤnigs.« Wie kamſt Du hieher?«— Das Maädchen erzaͤhlte, was es wußte. Der Fremde erbebte bei dem einfachen Bericht.„Da war's hohe Zeit!« ſagte er vor ſich hin, dann zu dem Mädchen:„Bald wird der Morgen da ſeyn. Wohin ſoll ich Dich fuͤhren?« Ich weiß nicht,« verſetzte das Kind: aKom⸗ me ich wieder zum Vater in die Hutte, ſo opfert er mich doch, und die Mutter hilft mir nicht.« So folge mir, gutes Maͤdchen. Bleibe bei mir.« 181 „Wer biſt Du denn, guter Geiſt? Dein Angeſicht iſt weißer als das unſrige, und Dein Kleid ſo fremd?«* Ich bin ein Menſch, wie Du, komme weit uͤber's Meer, bin Euerm Koͤnige wohl bekannt und helfe ſeinen Dienern bei der Jagd auf die wilden Stiere des Gebirgs. Ein angeſchoßnes Thier hat mich verlockt, und ob es gleich mei⸗ ner Waffe entging, konnte ich doch Dein koſt⸗ bares Leben retten“« „Wie hat denn Ahu mich in Deinem Schutze laſſen moͤgen, wenn Du kein Geiſt des Him⸗ mels biſt?« „Er mußte, verſetzte der Fremde, wieder nach einem langen Beſinnen: aKuͤmmere Dich nicht weiter um den wilden Mann. Ich will Dein Vater ſeyn, und Dich in ſichere Haͤnde bringen, in ſchoͤnere Laͤnder als Hawaii iſt, wo man dem guten Gotte kein Menſchenleben opfert. Biſt Du's zufrieden?« Ja, guter Vater. Nur zu Ahu bringe mich nicht mehr.« »Verlaſſe Dich darauf, und biſt Du geſtaͤrkt, ſo komm. Wir haben einen weiten Weg zu machen, und mir ſelbſt wird unheimlich in die⸗ ſer Gegend.« Ja, mein Freund. Laß uns der boͤſen Pele entfliehen. Komm.«— Mit erneuten Kraͤften ſtand das Maͤdchen auf, und trat die Wanderung an. Sternenlicht verſilberte den ſteinigen Weg, der nach kurzer Friſt wieder dicht an dem verhaͤngnißvollen Platze voruͤberfuͤhrte. Der Fremde, da er dieß gewahrte, hob ſchnell die aͤngſtliche Sonnen⸗ blthe auf ſeine Arme, und hing das Feuerge⸗ wehr uͤber die Schulter. Sieh nicht hinuͤber nach der Ungluͤcksſtelle!« fluͤſterte er der Kleinen zu:„Druͤcke Dein Ge⸗ ſicht an meine Bruſt, und ruͤhre Dich nicht.« Sonnenbluͤthe that, wie ihr geheißen war, und ihr Befreier trug ſie eine lange, lange Strecke Wegs, bis die Nacht entwich, und kühler gruͤner Schatten die Wanderer umfing. 183 Nn Unter breitbläͤttrigen Baͤumen hielten ſie nun ein kleines Mahl von Rum, Quellwaſſer und geſalzenem Fleiſche, das der Begleiter aus ſei⸗ ner Waidtaſche holte. Er fuͤtterte, wie eine Mutter, ſeinen kleinen Schuͤtzling, und dieſe zarte Sorgfalt ſtand dem huͤbſchen ſchlanken und jungen Manne wohl an. Sonnenbluͤthens Au⸗ gen betrachteten ihn freundlich und helle. Seine Blicke ruhten nicht minder guͤtig auf der Klei⸗ nen. Ei, Sonnenbluͤthe,« ſprach er:„Du biſt ja faſt ſo weiß, wie ich⸗ In Hawaii gibt's nicht viele Maͤdchen, wie Du.« Freilich nicht, Vaterz« antwortete das Kind mit einem gewiſſen Stolze: Ahu und Mutter ſtam⸗ men von den Fremden ab, die vor langer, gar zu langer Zeit einmal nach Hawaii gekommen ſind, und in den Bergen gewohnt haben. Die Nachbarn haben uns oft beneidet, daß wir weißer ſind als ſie, und braune Haare haben, ſtatt der ſchwarzen. Aber gegen das Ungluͤck hilft die Abſtammung doch nicht. Ahu iſt recht arm ge⸗ 184 n worden, und darum wurde ihm wohl Sonnen⸗ blüthe auch uͤberlaͤſtig.« Du ſollſt gluͤcklich werden, meine Tochter, glaube mir,« verſicherte der Fremde: Vergiß den boͤſen Ahu, und liebe mich, deinen neuen Vater Edward.« Sonnenbluͤthe lehnte ſich voll Zutrauen an die Bruſt des Freundes in der Noth. Indeſſen wurde es im Waͤldchen lebhaft, und von allen Seiten kamen die Jaͤger des Königs herbei, die erſchlagenen Wildthiere nach ſich ſchleppend. Wohlvermachte Koͤrbe mit Salz wurden aus dem Dickicht geholt, in dem ſie, vor der Sonne verborgen, geſtanden, und der froͤhliche Jaͤger⸗ ſchwarm machte ſich an das Geſchaͤft, die ge⸗ wonnenen Stiere einzupokeln, um den Vorrath alsdann zu Schiffe zu bringen. Edward drang indeſſen in den Anfuͤhrer der Schaar, einen Englaͤnder, der dem Koͤnige der Inſeln ſeit langem diente, mit ihm dem Strande zuzugehen. Ich bin auf ſonderbares Wild geſtoßen,« ſagte er, eund will es ſchnell in Sicherheit bringen.« A 185 So ging es dem Geſtade zu, zwiſchen bluͤ⸗ henden Pflanzungen, und wirthlichen Gebaͤuden, und der Tochter Ahu's war dieſe Kuͤſte gaͤnzlich fremd. Um ſo inniger ſchloß ſie ſich an ihren Gefaͤhrten und vertraute ſeinem Schutze. Sie wanderten bis zum Abend. Edward ſprach vie⸗ les mit ſeinem Freunde in einer Sprache, die Sonnenbluͤthe nicht verſtand, aber ſie merkte doch, daß von ihr geredet wurde, und daß die Augen des Andern ſich, voll des lebhafteſten Mitleids, auf ſie hefteten. Nicht minderes Mit⸗ leid zeigte der Statthalter des Koͤnigs, in deſ⸗ ſen Hauſe die Wanderer von den Gebirgen ein⸗ ſprachen. Er ſaß gerade bei'm Nachtmahle und bewillkommte Edward mit Auszeichnung. Waͤh⸗ rend am Ehrenplatze die Fremden mit dem Oberhaupte in lebhafter Rede verkehrten, kan⸗ erte Sonnenbluͤthe im Kreiſe der Maͤgde an der Thuͤre und ſah hinaus in die ſchoͤne Bai, die von heimkehrenden Fiſcherkanoes wimmelte, in die Strahlen der verglimmenden Sonne, auf das große hoͤlzerne Haus, das in einiger Ent⸗ 186 2 fernung vom Geſtade, mit bunten Wimpeln ge⸗ ziert, ſtolz und herrlich auf dem zichenden Ge⸗ waͤſſer ſtand, ruhig wie ein Fels. Noch nie hatte das Kind ein ſolches Wundergebaͤude er⸗ blickt, und es beneidete faſt die Hunderte von Schwimmern, die in der Brandung plaͤtſcher⸗ ten, und um das große Schiff ſpielten, wie die ſpringenden Fiſche im Teich. Die väterliche Huͤtte vergegenwaͤrtigte ſich dem Maͤdchen plotz⸗ lich, und das freundliche, wenn gleich nicht ſo lebhafte Meeresufer, unfern von derſelben. Wie oft hatte der Vater Mutter und Kind hinaus⸗ gerudert in die Fluth wie oft hatte die Mut⸗ ter das Kind ſchwimmend auf ihrem Ruͤcken ge⸗ tragen! wie oft hatte ſich Sonnenbluthe mit den Geſpielinnen ihres Alters in den Wellen geſchaukelt, ohne ihr Toſen zu furchten, noch den verraͤtheriſchen Hay! Hier ſaß ſie, fern, ausgeſtoßen von den Ihrigen, unter fremden Leuten, die ſie neugierig betrachteten, und fuͤr das bischen Zuckerrohr, das ſie der Hungrigen zuſteckten, tauſend Fragen an ſie richteten, die 187 ſie nur mit wortloſen Thraͤnen beantworten konnte. Ploͤtzlich ſtand der Obere heftig auf, und kam in Begleitung der Fremden heran, liebko⸗ ſete dem Maͤdchen, und wendete ſich dann ranh und zuͤrnend zu einem Haufen von Maͤnnern und Weibern, die unfern ſaßen, und ſich von den Ueberbleibſeln des Mahls ſaͤttigten, die der Hausherr an ſie hatte vertheilen laſſen. Zittert vor dem Unwillen Euers Koͤnigs, ihr Elenden!« rief er drohend den Beſtuͤrzten zu:„Seht hier an dieſem unſchuldigen Kinde ein neues Beiſpiel der Verderbtheit Eurer Bruͤ⸗ der, und der Eurigen! So hat denn Tameha⸗ meha's Sohn vergebens das Tabu⸗Geſetz auf⸗ gehoben! vergebens die Haͤuſer der Goͤtzen zer⸗ ſtoͤrt, und ihren blutrothen Federſchmuck in die Winde geſtreut! Denn dieſes Geſchoͤpf ſollte ge⸗ ſtern der Pele im Feuerberge geopfert werden, dem hoͤlliſchen Weibe, von einem grauſamen Vater! Zittert ihr Niedertraͤchtigen! und beſſert 188* euch. Des Koͤnigs Diener nahen, und der graͤß⸗ lichſte Tod erwartet den, der beginnen wollte, was der ungehorſame Ahu begann!« Die Leute hatten ſich betroffen und erſchreckt auf ihr Angeſicht geworfen. Mitten unter ihnen ſtand aber ein hagerer alter Mann aufrecht, und wandte den duͤſtern feindſeligen Blick von dem ſcheltenden Oberherrn nicht ab. Wohl hat der Koͤnig Alles das gethan, was Du ſagſt, o Herr!« entgegnete er mit dumpfer zitternder Stimme: wohl hat er die Götter geſtuͤrzt und ihre Opfer verboten! Wohl be⸗ gehrt er, daß kein Gott mehr auf Hawaii woh⸗ ne! Aber die Zeit iſt noch nicht am Ende. Kaum iſt ein Jahr hingeſchlichen, ſeit die Maͤn⸗ ner fielen, die fuͤr die Goͤtter und ihre Prieſter geſtritten haben. Doch, ſind gleich die Himm⸗ liſchen entflohen, ſo wird doch Pele ewig unter uns wohnen und Rache uͤben durch die feurigen Fluthen, die ihrem hungernden Munde entquil⸗ len. Wehe, wehe uͤber Hawai! wehe uͤber euch alle und den Konig, der in der That eine Trauer N 189 des Himmels iſt, wie ſein verhaͤngnißvoller Na⸗ me es verheißt.«*) „Schweige, Mann!« donnerte der Statt⸗ halter: Erinnere mich nicht an die Zeit, in welcher Du noch an Pele's Altar den Prieſter⸗ dienſt vollbrachteſt! Mein Mitleid goͤnnte Dir die Broſamen vor meinem Tiſche, Dein Trotz moͤchte Dich ungluͤcklich machen!« Ich habe den Sturz der Himmliſchen ge— ſehen!« verſetzte der unbeugſame Greis: aIch kenne kein groͤßeres Ungluͤck. Vierhundert und vierhundert Menſchenleben koͤnnen dieſes Un⸗ gluͤcks Strafe nicht wenden. Jage mich von ) Kalaninuirihoriho: des Himmels Trauer oder Nacht; in der gewöhnlichen Abkürzung: Rihoriho, der Sohn Tamehameha's; er ſtarb mit ſeiner Gattin in England. Man ſehe über die⸗ ſen Gegenſtand, wie über andere Beziehungen auf Leben und Sitte der Sandwichsinſulaner, den Bericht einer Reiſe durch Hawaii, von dem Miſſionär William Ellis, ein in⸗ tereſſantes, obgleich unpaſſend zuſammengeſtell⸗ tes Werk.— 190 Deinem Liſche, wie den ſchmutzigen Hund. Die feurige Goͤttin wird mich nicht untergehen laſ⸗ ſen, und Euer Verderben beſchleunigen.« Laß ſehen!« ſprach, von dem Trotze des Al⸗ ten empoͤrt, der Statthalter nach kurzem Schwei⸗ gen: Rufe Deine Beſchützerin an, widerſpen⸗ ſtiger blutgieriger Greis. Geh hin zu ihr. Man binde den Wuͤthenden und werfe ihn in das durchloͤcherte Kanve, das dort auf dem Sande liegt. Hinab mit ihm von den Klippen. Der Wind treibt friſch vom Lande ab. Schwimme hin zu Deinen Göͤttern, da Dir das Leben und Hawaii nicht mehr gefallt.« Krampfhaft verzog ſich Mani's Geſicht, und erſchrocken wichen die von ihm zuruͤck, die ihn binden ſollten, die Scheu vor den Goͤtzen wohnte in Aller Herzen. Bitter laͤchelnd ſtand der alte Prieſter da, und der Statthalter ſah ein, daß ein Angenblick des Zauderns ihn um ſeine Ge⸗ walt bringen dürfte. Ohne ſich zu beſinnen, warf er ſelbſt den Verurtheilten in Bande, und der ſchwache Greis ſetzte keinen Widerſtand ent⸗ * 191* gegen. Als der Obere ihn jedoch hinwegreißen wollte, kehrte ſich Mani noch einmal zum Volke und rief in wilder Begeiſterung:„Mein Unter⸗ gang iſt der Eure! Pele wird donnern, und Eure Huͤtten in Felſen begraben! Pele wird aufthun den rauchenden Mund und Euch verſchlingen. Pele wird ſich an die Ferſen dieſes Kindes heften, und es fuͤr ſeinen Ungehorſam mit flammender Geiſel verfolgen uͤber alle Meere hinaus. Fluch ihm und ſeinen Freunden, den fremden Leuten, die unſern Stamm bis auf die Wurzel vergiftet haben!« Unaufhaltſam riß das Oberhaupt den Ver⸗ wuͤnſchenden mit ſich fort. Edward und ſein Landsmann ſtanden betroffen, wie das erſtarrte Volk umher. Ein Ruderknecht des Koͤnigs von Dahu, half dem Statthalter den Greis in das verfallene Kanoe ſchaffen. Ein Augenblick, und von der Klippe rauſchte das Fahrzeug in die Brandung; die Fluthen riſſen es dahin, ſchleu⸗ derten es bald hinauf, bald hinunter, und ſchreck⸗ liches Geheul des Verlornen ſchallte aus dem Wogenlaͤrm. Neugierig liefen Maͤnner und * 192 N Weiber auf die Felſen, um zu ſehen, ob Pele nicht rettend auftauchen wuͤrde. Andere ſchau⸗ ten beſorgt nach dem Gipfel des brennenden Berges, ob nicht zur Stunde das Strafgericht losbrechen wuͤrde. Aber ruhig blieb der Vul— kan, öde und wuͤſt das Meer. Mani's Klag⸗ geſchrei verhallte wie ein ferner Geſang, der lecke Kahn verſank. „Nun laßt uns Awa trinken!« rief der froͤh⸗ lich wiederkehrende Statthalter, dem das ent⸗ ſetzte Volk in ſcheuer Entfernung folgte. Ed⸗ ward verſagte aber ſchaudernd, nahm die wei⸗ nende Sonnenbluͤthe bei der Hand, und ging nach dem Strande. „Auf meinem Schiffe wirſt Du ruhig wer⸗ den, armes Kind!« ſagte er mitleidig.„Mor⸗ gen lichten wir die Anker, und ich fuͤhre Bich in ein neues beſſeres Land. Das Schickſal hat Dich mir anvertraut, und ich halte ihm Wort.« 4 Auf einen hellen Pfiff kam ein Boot vom Schiffe heran, und nahm die Harrenden auf. Der Mond glaͤnzte ſchon klar und rein uͤber der 193 Palmenbedeckten Kuͤſte und dem Meeresſpiegel. Still ſchwamm der Kahn dem Schiffe zu, aber um ſo unruhiger klopfte Sonnenbluͤthe's Herz. Aengſtlich klammerte ſie ſich an den fremden Mann, und fuͤrchtete, das grimmige Geſicht des Peleprieſters, der ſie verwuͤnſcht hatte, moͤchte aus den Wellen hervorſehen, ſeine Fauſt ſie in den naſſen Abgrund ziehen. Von dem Allen geſchah jedoch nichts. Sicher kamen ſie an das Schiff. Auf ſeinen Armen trug Edward ſeine Pflegetochter an der ſchwankenden Leiter hinan, erquickte ihren Gaumen mit wohlthuen⸗ den Erfriſchungen, und bettete ſie auf ein wei⸗ ches Lager in der Kajuͤte. Ahu und ihre Gefahr vergeſſend, ſchlief die Schuldloſe ruhig ein, und als ſie am folgenden Morgen erwachte, ſah man nur noch in weiter, weiter Ferne das Land von Hawaii, die ſchneebedeckten Gipfel des Roage⸗ birgs, und mit ſchwellenden Segeln entfloh nach unbekannten Himmelsraumen das tragende Schiff. Je länger, je leber. II. 13 194 2. An dem Fenſter eines reizenden Landhauſes, unfern von den Elyſaͤiſchen Feldern zu Paris, lehnte Sir Richard Steveney, ein reicher eng⸗ liſcher Privatmann, und gab ſeinen Gedanken — nicht den freundlichſten, wie die gefaltete Stirne vermuthen ließ— voͤllige Andienz. In eine Wolke von Staub gehuͤllt rollte ein feder⸗ leichter Gig heran. Vor Richards Hauſe ſprang der darin ſitzende Herr zur Erde, warf dem nachſprengenden Jockey Zuͤgel und Peitſche in die Hand, und ſtuͤrmte in das Haus. Verdruͤß⸗ lich ging ihm Richard bis in die Mitte des Zim⸗ mers entgegen.(Du kommſt heute ungele⸗ gen, Freund,« hieß des Beſuchten verſagende Anrede: Ich bin weder zu Piket, noch Billard, noch zur Spazierfahrt aufgelegt. Bemuͤhe Dich ein andermal, lieber Johnz«— Der Freund, ein zierlich geputzter duͤnner Modeherr, mit gruͤnen Brillen vor den Augen und ſpaͤrlichem Haarwuchſe auf dem dreißigjaͤh⸗ 195 rigen Haupte, ließ ſich den trocknen Willkomm in ſo fern geſagt ſeyn, als er, wie bedauernd, die Achſeln auf⸗ und die breiten Lippen ſpoͤt⸗ tiſch verzog, einen Buͤckling machte, und den Hut nicht auf die Ottomane fliegen ließ, wie er es wohl ſonſt im Brauch hatte. Dagegen nahm er eine feierliche Haltung an, und ſagte, vom ſarkaſtiſchen zum Geſchaͤftston ubergehend:(Gu⸗ ter Richard, ich bin Deine Grillen ſchon ge⸗ wohnt, und nehme ſie auf, wie das Kratzen und Beißen eines Hahns, der aus dem Streite weggefangen wird. Wir haben heißes Wetter, und es donnert bisweilen in Deinem Hauſe. Ich verzeihe Dir den rauhen Empfang, und bitte, mich fuͤr diesmal zu entſchuldigen. Mein Geſandter ſchickt mich. Es iſt das Erſtemal— ſeit dem vollen Jahre, welches ich ſchon hier, um mich zu bilden, unter ſeiner Aufſicht zu⸗ bringe— das Erſtemal, daß er mich mit einem Auftrage beehrt, den ich ſicher nur meiner all⸗ bekannten Freundſchaft zu Dir verdanke.« Dem Herrn Geſandten gebuͤhrt Sitz und 13* 196 an Stimme!« verſetzte Richard, und wies den Sir John Reed an den Ehrenplatz:„Was wuͤnſcht Se. Herrlichkeit?« Vorlaͤufig ein Bericht,« hob der Andere wichtig an:„Vorigen Mittwoch langte auf der Diligence von Havre ein Mann hier an, der ein Maͤdchen von ungefaͤhr neun Jahren mit ſich fuͤhrte, in dem Hotel de Suede Quartier nahm, und ſich unter einem irlaͤndiſchen Na⸗ men daſelbſt im Regiſter auffuͤhrte. Am ſelbi⸗ gen Abend noch ging der Mann, bei dem man eine artige Brieftaſche geſehen haben will, aus, um entweder ein Schauſpielhaus zu beſuchen, oder eine Promenade durch das Palais Royal zu machen. Er ſoll aber heute noch wiederkom⸗ men. Hat er fuͤr gut gefunden, ſich ſo ſchnell aus Paris zu entfernen? oder hat man ihm in irgend einer entlegenen Varacke Leben und Por⸗ tefeuille zugleich abgenommen?... wer weiß das? Im erſten Falle könnte man ihm gluck⸗ liche Reiſe wuͤnſchen; das Zweite hat ſich ſchon mancher Miniſter gefallen laſſen muͤſſen, wenn 3 8 197 ſchon unter anſtändigern Umgebungen. Nach einem Irlaͤnder wuͤrde kein Hahn kraͤhen, aber das zuruͤckgelaſſene Kind erregt die Theilnahme der mitleidigen Polizeibehoͤrde. Man hat das⸗ ſelbe quaͤſtionirt; vergebens: das Maͤdchen hat das Ungluͤck, im ſtillen Meere geboren zu ſeyn, und nur wenige engliſche Worte ſchlecht zu ſprechen. Man hat das Inventarium der Ef⸗ fekten gemacht, die der Verſchwundene im Hotel zuruͤckgelaſſen, und nichts gefunden, das Auf⸗ ſchluß zu geben vermoͤchte; einen Brief ausge⸗ nommen, der auf dem Grunde des Koffers lag, und Deine Addreſſe fuͤhrt, werther Freund.« »Meine Addreſſe?«—»Im voͤlligen Ernſte. Die Polizei hat ihn geleſen, hat in der Frem⸗ den⸗Controlle nachgeſehen, drei Steveney's in derſelben verzeichnet gefunden, von welchen Zwei ein R fuͤr ihren Vornamen fordern. Man hat den Geſandten erſucht, zu ermitteln, ob der Robert oder der Richard der Gemeinte ſey. Hierauf hat der Geſandte den Brief geleſen, und entſchieden, er gehoͤre Dein; ich habe ihn 198 geleſen, und dieſelbe Entſcheidung gefällt. Leſe Du ihn jetzt endlich auch, und ſage Ja oder Nein.— Verwundert nahm Steveney das Schreiben, und ſchon die Addreſſe machte ſeine Hand zit⸗ tern.»Ja wahrlich!« ſagte er ſchnell;»das geht mich an. Es iſt meines Bruders Hand!« Er entfaltete das Papier ungeſtum, und las mit wechſelnden Gefuͤhlen die Worte: »Mein Bruder! »Ob Ihr ſtaunen werdet, dieſe Zeilen von mir zu erhalten? Ich ſtaune ſelbſt, indem ich ſie ſchreibe, denn ich hoffte, mit Euch nicht mehr zu verkehren. Allein die Trennung hat mein Gefuͤhl wieder erregt, und die Ahnung eines letzten Scheidens Euch einen Blick der Verſoͤhnung zugewendet. Ich befinde mich zu Vera⸗Cruz; meine Geſchaͤfte halten mich zu⸗ ruͤck, ich werde hier bleiben muͤſſen, denn ein unerklaͤrliches Uebelſeyn, wohl der Vorbote des Peſtfiebers, durchſchaudert mich. Fuͤr Schiff und Ladung werde ich hier Sorge tragen; aber 199 v naͤher liegt mir ein unſchuldiges Weſen am Herzen, das mir die Rettung ſeines Lebens verdankt. Es ſoll hier nicht untergehen; es ſoll die froͤhlichere Welt ſehen, die ich ihm ver⸗ ſprach. Ein Irländer, Mr. OJiggle, mit dem ich hier bekannt wurde, reiſt morgen nach New⸗ York, und von da nach dem Havre. Er ver⸗ ſpricht mir, die kleine Sonnenbluͤthe von Ha⸗ waii, die ich Aurelia taufen ließ, geſund und ſicher nach Paris zu fuͤhren; ſie als mein letz⸗ tes Vermaͤchtniß in Euern Armzu legen. Sorgt fuͤr ſie, wenn Gott uber mich gebietet. Ihr gehoͤrt, was ich mein nennen kann. O'Iggle fuhrt mein gewonnenes Kapital in guten No⸗ ten bei ſich. Verwendet es fuͤr Aurelien. Laßt ſie erziehen; nur die Miſtreß thue es nicht. Ich will, bleibe ich am Leben, Aurelien treu wieder finden: in dieſem gluͤcklichſten Falle ſoll ſie im Vaterlande mein Weib werden. Ihr ſeht ein, daß nur der verſoͤhnteſte Bruder Euch zum zweitenmale ſeine Braut anvertraut. Ver⸗ dient dieſe Zuverſicht. Entlaßt den Irlaͤnder, der 200 Euch Alles ausfuhrlich erzaͤhlen wird, mit einer gu⸗ ten Belohnung, und gedenktm einer wie ein Freund. Mein Leſtament ſoll Euch mit der Zeit zukom⸗ men. Aurelie ſey meine Erbin; Ihr des Kindes Vormund. Als ſolchen gruͤße ich Euch herzlich, aber auch nur Euch. Lebt wohl. Edward.«— Stumm und in ſich gekehrt ſaß Richard, nachdem er geleſen, da, und John begann: »Mr. Steveney druckt ſich peremtoriſch und rund aus, wie ein voͤllig ausgetheerter See⸗ mann. Die Zumuthung iſt bündig; im Grunde auch nicht uͤbel gemeint. Allein die Sache hat nun eine andere Bewandtniß. OJiggle iſt fort, die Banknoten ſind fort; die nackte Tochter des ſtillen Meers iſt dageblieben, ein unwillkomme⸗ nes Geſchenk fuͤr einen Gentleman, der ſelbſt Kinder haben koͤnnte. Ich meine es gut mit Dir, Richard. Schicke die Tratte mit Proteſt 3 zuruͤck. Ueberlaſſe es der Behorde, das kleine Subjekt in irgend ein Waiſenhaus zu ſtecken, oder nach Hawaii zuruͤckzuſenden, oder den Nachkommen des ehrenwerthen Lords der Ad⸗ N 201 miralitaͤt zu dediciren, nach deſſen Namen der Entdecker jene Inſeln taufte.«— Steveney blickte den Rathgeber mit tiefer Mißbilligung an.—»Schaͤme Dich, Johnz« ſagte er:»Du ſetzeſt einen Ruhm darein, alles das zu verſpotten, was das menſchliche Herz bewegt und erſchuͤttert. Fuͤhlſt Du nicht, Du, dem mein Leben nicht unbekannt iſt, wie mich Edwards edles Vertrauen erroͤthen macht? wie ich Alles aufbieten muß, ihm zu entſprechen?— Wenn ich mir den Bruder denke, den liebenden beleidigten Freund,— ſterbend, fern von den Seinen, jenſeits der Meere...4 »Sentimentales Geſchwaͤtz!« unterbrach ihn John ſpoͤttiſch:»Du haſt wieder einmal den Sterne geleſen. Daß ein junger Tollkopf, dem die Geliebte den Abſchied gab, weil ihr ſein Bruder beſſer gefiel, als Schiffslieutenant zur See geht, um in andern Welttheilen ſeinem Unmuth Luft zu machen, daß er von irgend einer Sandbank eine Creatur mit ſich nimmt, um ſich von ihr die Fliegen abwehren, und ſie zu ſeiner Freundin heranwachſen zu laſſen,— daß er zu Vera⸗Cruz, wo die Peſt das Buͤr⸗ gerrecht hat, nach irgend einem Frevel gegen die Diaͤt, das gelbe Fieber erwiſcht— was iſt natuͤrlicher als das? Die Wilde haͤtte er je⸗ doch in's Himmelsnamen dort behalten, ſein Geld aber ſicherer, als durch einen Frlaͤnder, Dir zuſchicken ſollen.« „Stille!e zuͤrnte Steveney:»Beleidige mein Ohr nicht weiter. Edward iſt beſſer als wir Beide.« nSeliger als wir; das kann ſeynza ent⸗ gegnete John laͤchelnd aufſtehend:»Auch an Hoͤflichkeit uͤbertrefft ihr Mr. Richard ſicher nicht. Man kann nicht beleidigender gegen ei⸗ nen Mann ſeyn, der, aus purer Freundſchaft, vom Geſandtſchaftshotel bis hieher das gelbe Fieber in der Taſche getragen hat. Ich ſetze den Fall, dieſer ſaubere Brief, ſo lange einge⸗ ſperrt, theilte mir die Peſt mit; wer wuͤrde dann mich bedauern, der ich als Opfer der Freundſchaft fiel?« 203 »Du biſt ein bizarrer Thor!« lachte Ste⸗ veney verſoͤhnt, und reichte ihm die Hand; „Sey vernuͤnftig, John, und begleite mich zu meiner Pflegetochter. Wo iſt das Kind?« »Im Hotel de Suede;« antwortete Reed erheitert:»Madame wird herzlich froh ſeyn, wenn ſie die arme Koſtgaͤngerin los wird. Komm! es gibt eine herrliche Fahrt. Zum Ge⸗ ſandten, auf die Polizei, in das Hotel; dann ohne Zweifel in irgend eine Koſtſchule!.... Wir genießen einen wahren Samariterabend, und mein Gig ſoll fliegen.« „Halte Deine Zunge indeſſen im Zaume!« ermahnte Richard, ſich zu ihm in den Wagen ſetzend:»Du begreifſt, daß ich kein Gerede von der Sache wuͤnſchen darf.«— „Wofuͤr haͤltſt du mich?« fragte Reed, in⸗ dem ſie wie ein Blitzſtrahl abfuhren:»Bin ich nicht Dein treuer Freund? habe ichnicht in Orford gar zu oft Deinen letzten Schilling mit Dir ge⸗ theilt?— Was mir bei dem letzten Schilling einfallt! Sollteſt du es glauben? ich ſitze ſchon 204„ wieder trocken, und habe noch einen vollen Monat auf den Quartalwechſel zu warten. Du kennſt die Fanny, die niedliche Tanzkatze? Sie koſtet enorm. Du kennſt das Spiel bei dem wilden Hal? es hat mich geſtern ausgebentelt. Wuͤßte ich nicht, daß Mr. Edward gerade jetzt Deine Großmuth bedeutend in Anſpruch nimmt,— ich haͤtte wahrhaftig wieder an Deine Brief⸗ taſche geklopft, guter Junge.« .»Fuͤr den Freund uͤbrigt ſie noch immer ein fuͤnfzig Pfund;« verſetzte Steveney verbindlich, obwohl zerſtreut, und reichte dem Nachbar die Banknote:»Wiederholt bitte ich aber um Ver⸗ ſchwiegenheit.“ »Unnuͤtze Empfehlung!« meinte Reed und ſchob die Note nachlaßig in die Weſtentaſche: „Ich bin kein Schwaͤtzer. Du biſt aber ein guter Burſche, Richard, und mein Caſtor mag dafuͤr lostraben, daß die miſerabeln Fußgaͤnger die Flucht ergreifen, und ſich ſelbſt auf den Trottvirs nicht ſicher halten ſollen l« N 205% Ein Peitſchenknall, und wie eine wilde Jagd rollten ſie vor das Hotel des Geſandten, vor das Polizeigebaͤude, und endlich, mit allen nö⸗ thigen Beſcheinigungen verſehen, vor das be⸗ zeichnete Hotel de Suede. Eine Menge von Gaffern ſtand— bereits ſeit zwei Tagen— vor dem Hauſe. Viele Neugierige hatten ſich in dem Innern verbreitet. Madame hatte die arme Sonnenbluͤthe, den Gegenſtand dieſes Schauens und Fragens, in das Innere ihres Bondoir gefluͤchtet, und nur den Bekannten, oder den honorabelſten Nachfragern, den Zu⸗ tritt geſtattet. Der Polizeibefehl oͤffnete indeſſen dem Sir Steveney ohne weiters alle Wege. Die Freunde fanden Edward's Schuͤtzling um⸗ geben von einigen neugierigen Damen, die ſich nicht genug wunderten, eine untattowirte Wilde, der ſogar das zierliche Colifichet in dem Na⸗ ſenknorpel abging, gebildet wie jeder an⸗ dere Menſch, nur um eine leichte Schattirung braͤuner als ein Pariſer Kind, vor ſich zu ſehen. Zwei oder drei Etymologiſten und Philologen N 206% bemuͤhten ſich, Ahus Tochter zum Sprechen zu bringen; der im Nachbarhauſe wohnende Abbe ging darauf aus, ihr Chriſtenthum zu pruͤfen; ein Schnellzeichner entwarf in der Haſt eine Skizze ihres Geſichts fuͤr irgend eine hungerige Kunſthandlung; der Poet von der Ecke ſtu⸗ dirte, in Ermanglung Hawaiiſcher Sprachge⸗ wandtheit, aus ihren Zuͤgen die Umſtände ih⸗ res fruͤhern Lebens, um durch eine kuͤhn erſon— nene Biographie ſein eignes Daſeyn auf eine ganze Woche zu friſten. Doch, kaum erblickte das Maͤdchen den ein⸗ tretenden Fremden, als es von dieſen Umge⸗ bungen ſich heftig losriß, und mit dem Aus⸗ drucke wilder Freude, wie mit dem Ausrufe: »Ha! mein Vater Edward!« ſich dem Kom⸗ menden an den Hals warf.— Zwar hatte die folgende Minute bereits die Taͤuſchung vernich⸗ tet, die ſich ein dankbar ſehnendes Herz ge⸗ ſchaffen; zwar ſah Sonnenbluthe bald ein, daß dieſer Mann, deſſen Zuͤge denen Edward's aͤh⸗ nelten, doch ein anderer, aͤlterer und viel huͤb⸗ 207 ſcherer war; allein die Ueberraſchung des er⸗ ſten Anblicks trug demungeachtet fuͤr Richard die Bluͤthe des Vertrauens zu Tage. Die kleine Schoͤne von Hawaii konnte in demjenigen, der ihrem Retter glich, nur einen aufrichtigen treuen Freund ſehen. Richard ſeinerſeits, der ein platt⸗ naſiges, olivenfarbiges, duͤrftig gewachſenes Ungeheuerchen zu finden dachte, war nicht min⸗ der durch Sonnenbluͤthe's Aeußere im hoͤchſten Grade befriedigt. Das Maͤdchen hatte von dem Malaiiſchen Stamme nur die Schoͤnheit der Koͤrperformen und die großen funkelnden Augen geerbt. Sein Geſicht war edel, aus⸗ drucksvoll und kindlich, obgleich es, wie die Geſtalt, einer Zwoͤlfjaͤhrigen mehr als einer Neunjaͤhrigen anzugehoͤren ſchien. Steveney ſaͤumte nicht, ſeine Vaterrechte ſchnell und ſorg⸗ lich geltend zu machen. Sein ernſter Blick ſcheuchte die plandernden Damen hinweg, ſeine rauhe Anrede die Sprachforſcher; ſein verbind⸗ liches: Wir wuͤnſchten allein zu ſeyn! entfernte den Abbs; dem Zeichner kaufte er großmuͤthig 208 n die Skizze ab, um ſie nicht in den Handel brin⸗ gen zu laſſen; den Biographen warf er zur Thuͤre hinaus. Madame beſorgte, ungemein freundlich geworden, eine Flaſche Madera, Orangen und Zucker. Der feurige Wein machte Sonnenbluͤthe geſpraͤchig, und Richard erfuhr— obgleich mit Muͤhe, denn das Maͤdchen ſprach hoͤchſt fehlerhaft Engliſch— daß es ſeinen Bru⸗ der faſt ein Jahr lang an den Kuͤſten von Ame⸗ rika begleitet, bis zu Vera⸗Cruz die Sorge, krank zu werden, zu ſterben, und ſeine Tochter huͤlflos zu hinterlaſſen, den edlen Edward be⸗ wogen, ſie dem O'Jiggle anzuvertrauen. Son⸗ nenbluͤthe ruͤhmte ſehr die Guͤte, mit welcher der Jrlaͤnder ſie behandelt hatte, und bedauerte ihn zu vermiſſen; aber ihren Vater Edward betete ſie an, wie einen Gott, und der Ge⸗ danke, daß er wirklich unter jenem verderbli⸗ chen Himmelsſtriche geſtorben ſeyn moͤchte, quälte ihr Herz zu hart, als daß ſie ſich ohne Thraͤnen der Erinnerung ihrer neuen chen Lage haͤtte uͤberlaſſen koͤnnen. Steveney erkannte die Perle, die ihm das wankelmuͤthige Meer in dieſem Maͤdchen zu⸗ gefuͤhrt; er fuͤhlte, daß es die hoͤchſte Zeit ſey, dieſem Kleinod den Glanz zu verleihen, der ihm gebuͤhrte. Madame gab ihm die Addreſſe einer ausgezeichneten franzoͤſiſch⸗engliſchen Koſtſchule fuͤr Frauenzimmer, und Steveney bedachte ſich nicht lange, dieſem Rathe zu fol⸗ gen. Seine Freigebigkeit machte im Schwedi⸗ ſchen Hotel Epoche; Johns leichter Wagen trug ihn und Sonnenbluͤthe und den Freund zu der Penſionsanſtalt. In einer halben Stunde war Alles richtig gemacht, Demoiſelle Aurelie Ed⸗ ward, wie Steveney ſich und ſeine vorgebliche Nichte nannte, mit Auszeichnung aufgenommen. Die Penſionaͤrinnen beeiferten ſich, der reichen Creolin den Hof zu machen, und ihr Anſehen wuchs, als am naͤchſten Tage ein Ueberfluß von Damenputz, Kleinodien und koſtbarem Geraͤthe fuͤr Aurelien in das Haus ſtroͤmte. Sonnen⸗ bluͤthe war wie im Himmel, und Richard, als er mit ſeinem Freunde nach Hauſe fuhr, nicht Je länger, je lieber. M 14 — minder.—»Sieh!« ſprach er wie begeiſtert: »ſieh, John, wie die Vorſehung ein gefuͤhlvolles Herz nie ganz in der traurigen Alltaͤglichkeit verkuͤmmern laͤßt. Obgleich ſeit mehreren Jah⸗ ren vermaͤhlt, bin ich nicht Vater, und Du weißt im Uebrigen, daß Miſtreß eben nicht fuͤr mein Gluͤck ſorgt. Ich war auf dem Punkte, ein kalter Egviſt zu werden, und jede Freude zu tadeln, weil ſie mir nicht bluͤht. Da er⸗ ſcheint— ein Geſchenk meines beleidigten, ge⸗ raͤchten und fruͤh deſchiedenen Bruders— dieſe holde Blume aus dem ſtillen Ocean; wle ein indiſches Goͤtterkind koͤmmt ſie, auf dem Lo⸗ tusblatte ſchwimmend, heran, daß ſie meine Tochter ſey, und Himmelswonne auf meinen fuͤhle nun Vatergluck; ich füͤhle es doppelt, weil der Schleier des Geheimniſſes es anziehender macht, und ich wollte, Du hätteſt Gemüth ge⸗ nug, um meine Empfindung zu theilen.«— Lächelnd wiegte ſich John neben ihm auf dem Siien Sitze, und bemüͤhte ſich faſt ver⸗ einſamen Pfad ſtreue. Ja, Freund John; ich 211 gebens, von des Freundes Rede bewegt zu ſcheinen.»Deklamire nur zuz« ſagte er leiſe vor ſich hin:»Laß erſt drei oder vier Jahre in's Land gehen, und die Miß erwachſen ſeyn; wo werden dann die Vatergefuͤhle bleiben? ich kenne das beſſer!« S Der Jugend— zumal der gluͤcklichen Jugend— entflieht die Zeit auf raſchen Schwin⸗ gen, wenn gleich jeder Tag ihr eine endloſe Freudenquelle zu ſeyn ſcheint.— Sechs Jahre waren der lieblich emfalteten Sonnenbluͤthe in der einſamen Stille der Anſtalt, in welcher ſie lebte, dahingegangen wie ein ruhiger aber ſchnell rieſelnder Strom. Miß Edward, bei ihrem Eintritte die Letzte an Wiſſen und Kunſt, war nun die Erſte unter ihren Geſpielinnen gewor⸗ den: die Freude der Vorſteherin und Richard's, der vierteljaͤhrlich ſeinen Beſuch bei ihr abſtat⸗ tete, ihre Fortſchritte pruͤfte, und ſtets zufrie⸗ dener ſchied. Vor einem Jahre war er indeſſen 14** 212 ann zum Letztenmale gekommen. Der erſte Mai, welchen Steveneh zum Geburtsfeſte ſeines Pfleg⸗ lings beſtimmt hatte, war ohne Feier begangen worden, weil ſtatt Richards, nur John Reed gekommen war, und der beſtuͤrzten Sonnen⸗ blüthe einige Zeilen von ihm uͤberbracht hatte, des Inhalts, daß Geſchaͤfte ihn noͤthigten, auf laͤngere Zeit Paris zu verlaſſen; daß ſie uͤhri⸗ gens darauf zaͤhlen duͤrfe, ihn wieder zu ſehen, und indeſſen die Sorgfalt des bevollmaͤchtigten Freundes dankbar anerkennen moͤchte.— Son⸗ nenbluͤthe, bekuͤmmert aber gehorſam, entſprach den Wuͤnſchen des Pflegers, ſo gut ſie es ver⸗ mochte, und unvermerkt kam wieder der erſte Mai heran, und mit ihm des Maͤdchens Trauer, den Wohlthaͤter auch dieſesmal nicht zu ſehen, ihm auch dießmal nicht die Hand dankbar kuͤſſen zu dürfen. Die Uhr der nahen Kirche hatte jedoch kaum die zehnte Morgenſtunde verkuͤn⸗ det, als auch ein ſchneller Wagen vor das Hof⸗ thor rollte. Kaum blieb der Ueberraſchten die Zeit, ein Shawl umzuwerfen, und ſchon ſtand A 213 Sir Richard auf ihrem Zimmer vor ihr. Welch innig empfundenes Wiederſehen! Welche Freude von Aureliens, welch entzuͤcktes Staunen von Richards Seite! So ſchnell, ſo uͤppig entwickelt, hatte er nicht gehofft, die liebenswuͤrdige Knoſpe zu finden, und ſein Blick verklaͤrte ſich in ihrem Anſchauen. Er konnte nicht uͤber ſich gewinnen, dieſem Staunen keine Worte zu leihen, und beſchaͤmt ſchlug bei ſeinem Lobe Aurelie die Au⸗ gen nieder.„Demuͤthigen Sie mich nicht,« ſagte ſie mit zarter Stimme, vindem Sie dieje⸗ nige preiſen, die nur durch Ihre Guͤte das ge⸗ worden iſt, was Ihnen der Rede wuͤrdig ſcheint. ₰ Hoͤren Sie lieber den freudigen Willkomm, den ich Ihnen bringe, und erquicken Sie mein dank⸗ bares Herz mit der, längſt vermißten Nachricht Ihrer letzten Schickſale. Was hat Sie ſo lange von mir entfernt? Warum ſchwiegen Sie ſo lange?«—»Das ſuͤdliche Frankreich uͤbte ſei⸗ nen Zauber;⸗ verſetzte Richard ausweichend: vindeſſen wird Dir's nicht an Kunde gefehlt A 214 haben. Kein Brief ging an Sir Reed ab, der Dir nicht die herzlichſten Gruͤße brachte.«— »Er hat ſie nicht beſtellt;« ſagte Aurelie mit einem Seufzer und truͤben Woͤlkchen auf der Stirne.—»So? Doch trug er Sorge fuͤr mein Kind, beſuchte es, und ließ es an nichts feh⸗ len?« fragte Richard ſchnell und mißtrauiſch.— »Ich habe nicht gedarbt, und ſeine haͤufigen Be⸗ ſuche nicht gewuͤnſcht;« erwiederte Aurelie, ernſt wie oben.— Richard drang auf Er⸗ kläͤrung.— »So moͤgen Sie denn wiſſen, beſter Vater,⸗ antwortete das Mädchen,»daß ich mich doppelt Ihrer Ankunft freue, weil Sir Reed nun nicht mehr mein Vormund iſt. Der Himmel vergebe es mir; allein ich konnte ihn, ſchon als ich ihn zum Erſtenmale ſah, nicht ohne geheimen Wi⸗ derwillen betrachten. Sein Geſicht— ſeine Augen— riefen mir ſtets das Andenken jenes alten Prieſters zuruͤck, der um meinetwillen er⸗ trinken mußte, und zuvor ſeine wildeſten Ver⸗ wünſchungen gegen mich und Alle, die mir bei⸗ „—— 215 ſtehen wuͤrden, ausgeſtoßen hatte. Seine Worte, ſeinen tuͤckiſchen Blick, ich habe ſie nicht ver⸗ geſſen, werde ſie ſo wenig vergeſſen, als den Augenblick, in dem mich Ahu in den Schlund der Pele ſtuͤrzen wollte. Denke ich mir nun den Sir John Reed um etwas aͤlter, und in jene Tracht, ſo glaube ich, den finſtern, dro⸗ henden Mani vor mir zu ſehen.« »Phantaſie, mein Kind; Verblendung!“ ſchaltete Richard ſanft ermahnend ein:»Seine Raſerei ſtuͤrzte den Mani in's Meer. Er koͤmmt ſicher nicht, Dich hier zu beunruhigen, Aurelie. Eben ſo wenig die fuͤrchterliche Pele, die nur ein Hirngeſpinnſt des Gotzenthums iſt. Vergiß dieſe Geſtalten einer boͤſen Vergangenheit, und thue keinem Menſchen Unrecht in Deinem kin⸗ diſchen Wahn. Du biſt Chriſtin.« „Ja ich bin's;« erwiederte Aurelie zuver⸗ ſichtlich und ruhig: vaber ich kann nicht die Ahnung vertilgen, die dann und wann meine Bruſt bewegt. Denken Sie ſelbſt nach. Welche Folgen hatte ſchon jene Verwuͤnſchung! Ihr 216 edler, engelgleicher Bruder ſtarb in der Bluͤthe ſeiner Jahre; der gute Irlaͤnder fand, wie man glaubt, in dem Waſſer oder unter den Moͤrdern ſeinen Tod. Sie hatten mich beſchuͤtzt, die Wa⸗ ckern, und gerade ſie mußten verderben! Glau⸗ ben Sie mir, mein väterlicher Freund: ich zittere auch fuͤr Sie, und Sir John's Naͤhe beunruhigt mich noch mehr. In ſeinen Wor⸗ ten, ſeinem Laͤcheln, ſeinen Mienen lauert der böſe Geiſt, den meine Landsleute Pele nennen, ſchwor.— »Mein gutes, aberglaͤubiſches Maͤdchen!⸗ verſetzte Richard, troͤſtend ihre Hand ergrei⸗ fend:»ſo beruhige Dich doch jetzt, wenn ich Dir ſage, daß Reed's Naͤhe Dir nicht mehr beſchwerlich fallen ſoll. Der Zufall wollte, daß unſre Freundſchaft geſtern einen unheilbaren Bruch erleiden mußte. Der Verſchwender hat ſeit Jahren an meiner Habe geſogen, und for⸗ derte vor wenig Tagen eine groͤßere Summe, als ich ſie ſogar jetzt geben kann. Ich ver⸗ und der mir und den Meinen den Untergang . * — — zu ſehen.« 2 Luft, und wendete ſich dann⸗ wie von einem 217 neinte; wir trafen geſtern zuſammen. Seine Indiscretion wiederholte mit Ungeſtuͤm die For⸗ derung; ich war unerſchutterlich, und er ging in Wuth, um mich wahrſcheinlich nicht wieder „Wenn er nur gaͤnzlich von Ihnen bleibt, und ſeine Rachſucht zähmtz« bemerkte Aurelie. „Ich furchte ihn nicht;« entgegnete Richard kurz. obſchon nachdruͤcklich:»Dir Aurelie iſt er nicht gefaͤhrlich.« „Ich furchte auch nicht ſeinen Groll, rief Aurelie haſtig:„wohl aber ſeine Liebe. Der Mann hat in ſeinen letzten Beſuchen ſich bemuͤht, mich zu uͤberzeugen, daß er lebhafter fur mich fuͤhle, als Freund und Bruder. Die⸗ ſen Erklaͤrungen fuͤgte er ſo ſeltſame Lehren und Ermahnungen bei, daß ich Madame Latvur bat, ihm die Thuͤre zu verſchließen.« Richard's Geſicht war dunkelroth geworden. Er ſtand heftig auf, ging an's Fenſter, ſchoͤpfte 218 innern Kampfe ergriffen, zu Aurelien, die jeder ſeiner Bewegungen mit ſorglichem Blicke folgte. »Sir Reed hat ſein Amt unausſprechlich treu verwaltet;« begann er mit erſchutterter Stimme:»Ich vergaß, daß aus dem Kinde eine Jungfran wurde. Um ſo noͤthiger wird es indeſſen ſeyn, Dein Loos, Aurelie, zu be⸗ ſtimmen. Die Gewalt dieſer Stunde bewegt mich, ungewoͤhnlich zu handeln. Wenn mich Dein Herz verſteht, ſo wird es mich entſchul⸗ digen. Hier, wo Reed's giftige Rede Dich be⸗ leidigte, hier, wo er in ſeiner Frechheit fort⸗, fahren wuͤrde, Dich zu beſtuͤrmen und zu krän⸗ ken— hier darfſt Du nicht bleiben. Wohin aber, Du, mein Alles, wohin bringe ich Dich? wo wuͤrdeſt Du vorziehen, zu weilen?«— »Ihr Bruder, dem meine Tage gehoͤrten, iſt nicht mehr,« antwortete Aurelie ſtockend und mit geſenktem Blicke:»ich bin ein huͤlfloſes Geſchoͤpf, wenn mich der Mann verlaſſen ſollte, der bis heute mein Vater war. In ſeinem Schutze nur werde ich mich gluͤcklich fuͤhlen.«— 219 „Engel des Vertrauens und der unſchuld1e rief Richard, von der eiferſuͤchtigen Regung plotzlich zur gluͤhenden Leidenſchaft ubergehend: verhebe Dein Auge! mache mich durch einen Blick glucklich! Selig werde ich, wenn Du Dich an den Gedanken gewoͤhnen koͤnnteſt, mir mehr als Tochter, mir Alles auf dieſer Erde zu ſeyn!« „Mein Gott le ſtammelte Aurelie, den Sinn dieſer Worte erfaſſend, und ſtraͤubte ſich, be⸗ ſtuͤrzt, wie ſie war, nur ſchwach gegen Ri⸗ chard's Arm, der ſie umſchlang. Steveney fuhr aber fort:»Ja, Du Engel meines Lebens! Willige ein in das Begehren treuer Liebe! Schmuͤcke mit dem Fruͤhlingskranze den Som⸗ mer meines Daſeyns. Verſchmähe die zaͤrtliche Neigung nicht, die in ſechs Jahren ſich wach⸗ ſend und beſtaͤndig erhielt.— „Iſt denn das ein Traum?« fragte Aurelie bewegt und ergriffen:»Mein Freund— wie beſchaͤmt mich Ihre Guͤte! Mich, welche Dank⸗ barkeit zu Ihrer Sclavin weihte, mich wollen ½ N 220 Sie zur Genoſſin Ihrer Ehre, Ihres Gluͤckes machen? Sie wand ſich ſanft von ihm los, betrach⸗ tete ihn dann eine lange Weile mit unverwen⸗ detem Blicke, und ſprach weiter: Wohl, Sir Edward, mein Vater Edward: Gern willige ich ein, Ihren Wuͤnſchen zu genugen, weil Sie betheuern, daß ich Unwuͤrdige allein Ihrem Leben Gluͤck und Freude verleihen koͤnne, ich wuͤnſche Ihre Wohlthaten zu vergelten;— aber, mein geliebter Pfleger, ich bin Chriſtin!⸗ „Ich verſtehe,« erwiederte Richard ſchnell, vund es ſchmerzt mich, daß Du dieſe Erinne⸗ rung noͤthig glaubteſt. Ich will meine Liebe mit der Ehrenkrone zieren. Vor dem Altare werde Du mein Weib; gehoͤre mein durch Prieſters Wort, und dann, Theure, entſcheide, wohin wir uns wenden; wo Du das Reich Deines Hauſes gruͤnden willſt. Ob unter den Eichen meines Vaterlandes, ob unter den Man⸗ delbaumen der Provence, oder unter den Pal⸗ zcb 221 men Deiner idylliſchen Heimath— Dein Wille ſey der Magnet, dem ich folge.« Der Schimmer des Vergnügens loderte in Aureliens Geſichte auf. Lebhaft druckte ſie dem Bezauberten die Hand und rief:»Auf dieſe Worte, auf Ihren Edelmuth habe ich gebaut. Der Bruder meines Retters konnte ihm nicht ſo wenig ähnlich, konnte kein heuchleriſcher Ver⸗ fuͤhrer ſeyn. Ich reiche Ihnen nun mit leichtem Herzen die dankbare Hand, denn dieſe Verſi⸗ cherungen, dieſes offne Auge ſtrafen den nichts⸗ wuͤrdigen Verlaͤumder Luͤgen. O, ich wußte es wohl. Reed verſuchte mich zu taͤuſchen, als er mir einfluſtern wollte: Sie haͤtten mich betro⸗ gen. Ihr Name ſey nicht Edward; eine Gattin beſitze ſchon ſeit Jahren Ihre Hand, und der Wille der Unpaͤßlichen, nicht Ihre Geſchaͤfte, haͤtte Sie gezwungen, in den Suͤden zu ziehen, aus welchem Sie nicht wiederkommen wuͤrden. Ich will, ich mag nicht wiederholen, was der Elende noch ferner ſprach, in Bezug auf die Zwecke, zu welchen Sie mich erziehen wollten. Ich habe ihm nie geglaubt. Ich habe Ihnen vertraut, ſo wie ich es jetzt noch thue. Es wäre ein unwuͤrdiges Beſtreben geweſen, mich, die Unwiſſende zu taͤuſchen, die, als ſie hier ankam, nichts von Europa kannte, als den Namen Edward, mit welchem ich meinen Wohl⸗ thaͤter nannte, der mir der Heiligſte auf dem Erdenrunde war!— Nicht wahr, mein Freund? Ich habe Sie beſſer beurtheilt, als der Luͤgner mich?« Eine peinliche Verlegenheit hatte ſich uͤber Richard's Züge verbreitet. Mit Muhe nur war er wieder ihrer Herr geworden. Zorn und Liebe in den dunkeln Augen tragend, ſprach er mit Faſſung zu Aurelien:»Du ſollſt nicht be⸗ trogen werden, meine Geliebte. Vertraue mir, und laß den Lugner ſeine Straße ziehen. Be⸗ rreite Dich, dieß Haus noch heute zu verlaſſen. Ich werde fuͤr eine Wohnung Sorge tragen. Einige Tage nur, meine ſüße Bluͤthe, weile in der Verborgenheit; dann magſt Du wählen, wo Du die Meine werden willſt.«— M 223 „Gleichviel!« antwortete Aurelie freundlich: »Nur nicht, wo John, noch wo die boͤſe Pele weilt!« „Du haſt zu gebieten, meine Koͤnigin!« rief Richard voll Entzuͤcken, und umfaßte den hol⸗ den Gegenſtand ſeiner Wuͤnſche zum Zweiten⸗ male. Aurelie entzog den brennenden Lippen des Freiers ihren Mund, duldete aber auf der Wange einen minutenlangen Kuß. Ein Geraͤuſch, unfern von dem Paare, er⸗ ſchreckte dasſelbe. Sonnenbluͤthe's wie Ri⸗ chard's Blick ſah ſtaunend die Thuͤre offen, Madame Latour auf der Schwelle, und im Hintergrund des Ganges einen Mann, der ſich eiligſt entfernte. Aurelie trat verſchaͤmt zum Fenſter; Steveney fuhr die Erzieherin mit rauhen Worten an. »Vergeben Sie,« erwiederte die formliche Matrone,„ich konnte mir unmoͤglich einbilden, den Onkel mit ſeiner Nichte in einem tete-à—tete zu finden, das keine Zeugen zuläßt.« 224 „Ich ſtelle Ihnen hier meine Braut vor;« ſagte Richard ſchnell ermannt:»Was wollen Sie aber hier? wer iſt der fremde Herr, der ſich ſo ſchnell entfernte, wie ein ungebetener Horcher?« „Meinen beſten Gluͤckwunſch, werther Sir Edwards;« verſetzte Madame Latour:»der Herr jedoch, den ich hieher zu fuͤhren die Ehre hatte, iſt ſicher kein Horcher, ſondern ein Eh⸗ renmann. Er fragte ſo angelegentlich nach Miß Aurelien; er wuͤnſchte ſie zu ſehen. Ich bot ihm an, ihn hieher zu fuͤhren, da Ihr Beſuch, Herr Edward, die Miß verhindere, zum Sprach⸗ zimmer zu kommen. Er nahm es alſobald an, wir klopfen, wir oͤffnen... mein Begleiter ſieht herein, ſagt hierauf kurz und finſter zu mir: Adieu, Madame, ich will nicht ſtoͤren!— und geht davon, ehe ich mich recht beſinnen kann.« „Unverſchaͤmter Menſch!« ſchalt Steveney: „Wer iſt er? wie nannte er ſich?« 225 „Er brachte eine Karte von Sir John Reed, auf welcher er deſſen Freund genannt wird, entgegnete die Latour: aund ſo glaubte ich, ohne Bedenken...„ „Ihre geruͤhmte Vorſicht!v ſpottete Richard: „Sie haben einen Agenten des Satans in Ih⸗ rem Hauſe begruͤßt. Weiſen Sie jeden Mann von Aureliens Thuͤre, waͤre es auch Sir Reed ſelbſt; hoͤren Sie? Es iſt indeſſen gut, daß die⸗ ſer Augenblick ihn und ſeinen Spion von der Lage der Sachen unterrichtet hat. Ich ſcheue Nichts mehr, und werde Ihnen, Madame La⸗ tour, ſobald als moͤglich die Laſt, eine tugend⸗ hafte Braut vor einem Wuͤſtling zu ſchuͤtzen, abnehmen; noch heute Abend, denke ich. Ich werde eine Dame ſenden, um die liebenswuͤr⸗ dige Miß abzuholen. Dieſe Boͤrſe gleiche unſre Rechnung aus, meine Beſte, und, um gewiß zu ſeyn, wie dankbar ich Ihre bisherigen Be⸗ muͤhungen erkenne, ſo behalten Sie die Ein⸗ richtung meiner Nichte, wie hier Alles ſteht und liegt. Je länger, je lieber. II. 15 226 Ich hoffe in Deinem Sinne gehandelt zu haben!» fluͤſterte er Aurelien zu, waͤhrend Ma⸗ dame ſich in Dankſagungen erſchoͤpfte; noch einmal druͤckte er die Hand der Verlobten an ſeine Bruſt:„Auf Wiederſehen! lispelte er ſuß und beſcheiden, und ging davon, wie ein gluͤcklicher Sieger. Sein Cabriolet brachte ihn auf den Fluͤgeln ſtuͤrmiſcher Eile vor das Haus einer ſehr ehrbaren engliſchen Wittwe, die juͤn⸗ gere und aͤltere Landsmaͤnninnen in der frem⸗ den Stadt bei ſich in einem anſtandigen Aſyle aufnahm. Sonnenbluͤthe uͤbergab indeſſen ih⸗ rer Erzieherin Schluͤſſel und Liſte ihrer ſämmt⸗ lichen Habe, behielt nur einige Kleinoden zu⸗ ruͤck, die ihr ſehr werth waren, und ein ein⸗ faches Kleid, in welchem ſie, wie ſie wußte, von Richard gerne geſehen wurde. Edward's Bildniß, noch in den Tagen der fruͤhen Ju⸗ gend gemalt, und einſt von dem Bruder ihr gegeben, zum Andenken an ihren Wohlthaͤter, ſfiel ihr in die Haͤnde; eine Thräne aus ihrem Ange auf das Bild. A 227 „Dich kann ich nicht hier laſſenz» ſeuſzte ſie, halb verſtohlen das Portraͤt an ihren Mund druͤckend: Die Franzoͤſin wuͤrde Dich nicht ach⸗ ten, in einer Chiffoniére begraben. Ich behalte Dich, Schatten eines edeln Verklaͤrten, ob mir's gleich iſt, als thue ich Deinem Bruder Unrecht, indem ich Dich behalte. Ich muß erſt uͤberlegen, muß mich erſt in meinen neuen Stand finden; vielleicht lege ich das Bild dann ſelbſt in Richard's Hand!» 4. Die ploͤtzliche uͤberraſchende Wendung ihres Geſchicks hatte Aurelien in einen Zuſtand ſchwan⸗ kender Ungeduld verſetzt, die ihr peinlicher wurde, je laͤnger noch ihr Aufenthalt in La⸗ tours Hauſe dauerte. Sie wartete ſehnlichſt der Fuͤhrerin, die ihr Richard verſprochen, und ihrem Wunſche gemaͤß, erſchien dieſelbe, ehe noch der Abend hereingebrochen war. Ein Schwarm von Penſtonaͤrinnen, weinend theils, 15* 228 W theils froͤhlich, holten die geliebte Freundin von ihrem Zimmer in den Salon, wo Madame La⸗ tour ihrem liebenswuͤrdigen Zoͤgling eine Dame von langem ſchmaͤchtigen Wuchſe, mit Spuren großer, aber verbluͤhter Schoͤnheit im ernſten Geſichte, als die von Sir Edwards geſendete Miſtreß Walby vorſtellte. Die gegenſeitige Bewillkommung war kalt und hoͤflich. Die WMiſtreß ſchien Eile zu haben, Aurelie trug 4 ihr kleines Paket unter dem Arme; der Abſchied war wehmuͤthig und kurz. Sonnenbluͤthe ſetzte ſich an die Seite der Begleiterin in den Fia⸗ ker, und druͤckte das Schnupftuch vor die Au⸗ gen, um ungeſtört ihren Empfindungen nach⸗ zuhaͤngen. Endlich ſah ſie gefaßter auf, und bemerkte, daß der Blick ihrer ernſthaften Ge⸗ faͤhrtin forſchend auf ihr haftete. Vergeben Sie, Miſtreß; ſagte ſie, ihr die Hand rei⸗ chend:„Die Erinnerung fordert ihr Recht. Wir wollen aber Freundinnen ſeyn,— auf⸗ richtige Freundinnen, ſo Gott will.— Die 229 Dame uͤberließ ihre Hand gleichguͤltig den Spre⸗ chenden, und erwiederte kurz und unangenehm: „Wir wollen ſehen, Miß. Es kommt darauf an, wie Sie mit mir zufrieden ſeyn werden. Kann ich daran zweifeln?„ fragte Aurelie ſchnell, wiewohl etwas eingeſchuͤchtert: Die Frau, die Herr Edward erwaͤhlte.... Sie ſchwieg beſtuͤrzt vor der raſchen Bewe⸗ gung des Unmuths, mit der ſich die Dame von ihr wendete. Angſt und Zweifel bemaͤchtigten ſich ihrer Seele. Verzagend ſah ſie durch das Fenſter des Wagens. Er rollte lange durch endloſe, unbekannte Straßen, und erreichte dennoch nicht ſein Ziel. Wir fahren weit;zv hob Aurelie wieder ſchuͤchtern an:„Wo iſt Ihre Wohnung, Ma⸗ dame?* Sie werden ſehen zv lautete die unfreund⸗ liche Antwort. Der Fiaker gelangte bald hierauf an eine Barriere, fuhr durch dieſelbe, und hielt eine Viertelſtunde außerhalb bei einer hoch bepack⸗ N 230 ten, mit Poſtpferden beſpannten Reiſekaleſche, die mitten auf der Straße ſtand. „Steigen Sie aus! befahl Aureliens Nach⸗ barin, und imponirte der Armen durch den herriſchen Ton ihrer Stimme. Das Maͤdchen gehorchte bange; die Dame folgte; der Fiaker fuhr ſchnell zuruͤck. Die Miſtreß wies Aurelien in den offenen Schlag des Reiſewagens, von deſſen Bock ein Paar Bediente, aus deſſen Coupé zwei Kammerfrauen neugierig auf die Scene ſahen. Was ſoll das heißen? fragte Aurelie, ih⸗ ren Muth zuſammenraffend:„Madame! Ihr Benehmen iſt ſo ſeltſam, daß ich dieſen Wa⸗ gen nicht beſteigen werde; bevor...» „Sir Edwards will's; entgegnete ſcharf die Andere:„Weigern Sie ſich nicht. „Sir Edward? fragte Aurelie wieder, die Dame feſt anſehend:„In Gottesnamen denn. Ich will nicht ungehorſam ſeyn. Sie ſtieg muthig in die Kutſche. Ein Be⸗ dienter hob ihre Nachfolgerin hinein, ſchloß a 231 den Schlag, und die Pferde ſetzten ſich in Trab. In tiefem Schweigen verging eine lange Weile. Unruhig ſah Aurelie auf die ſtaͤnbende Straße; nirgends mehr ein gaſtlich offnes Haus. — Nirgends ein Fenſter mit dem entgegenwin⸗ kenden Freunde. Die Poſtpferde deuteten auf eine weitere Entfernung. Ein beklemmendes Räthſel lag vor Richards Braut. Ihre hart⸗ naͤckig ſchweigende Gefaͤhrtin ſchien nicht ge⸗ neigt, es zu loͤſen.— Endlich— ein Strahl durch die Daͤmmerung. Aber, welch'ein Schrek⸗ kensblitz! Unfern von einem Gaſthauſe an der Chauſſee ſprengt ein Reiter an den Schlag. Edward! denkt Aurelie, als ſie den eiligen Hufſchlag vernimmt; beugt ſich dem Reiter ent⸗ gegen— John Reed ſieht in den Wagen— tuͤckiſch, lauernd, zufrieden, und haͤßlicher als ſonſt, von dem Eilritt entſtellt. Iſt es gelungen?* fragt er, hoͤhniſch la⸗ chend die zuſammenfahrende Aurelie begruͤßend, ihre Nachbarin: Ich wuͤnſche Gluͤck, werthe Miſtreß.v 232 v „Bemuͤhen Sie ſich nicht; antwortete dieſe ſtolz und finſter, indem ſie aus einer pracht⸗ vollen Chatvulle, die vor ihr ſtand, eine Borſe nahm, und ſie dem ſchadenfrohen Ritter hin⸗ hielt.„Nehmen Sie Ihren Lohn, und leben Sie wohl. Ferneren Dank erwarten Sie nicht. Sie warf ſich wieder in die Ecke; betroffen ritt John Reed neben der Kutſche her, bog ſich dann in den Schlag, und ſagte heuchelnd und ſuͤß: Verdiene ich denn ſolche ſchnoͤde Abferti⸗ gung, ehrenwerthe ſchoͤne Frau? Sollte nicht der Antheil, den Sie mir einfloͤsten..„ Die Dame ſah ihn mit veraͤchtlichem Blicke an, und winkte ihm ein ähnliches Adieu zu. Reed konnte ein drohendes Stirnfalten nicht bezwingen, begann aber dennoch mit der vori⸗ gen unangenehmen Vertraulichkeit:«Ich beweiſe Ihnen, daß ich es ehrlich meine. Erfahren Sie alſo, daß am heutigen Morgen...» Sein Pferd machte in dieſem Augenblick, vor einer voruͤbergehenden Heerde ſcheuend, ei⸗ nen Seitenſprung, und warf den Reiter ab. N* 233 Die Gebieteri des geſchmackvollen und beque⸗ men Wagens befahl dem Poſtillon, keine Ruͤck⸗ ſicht darauf zu nehmen, und die Fahrt zu for⸗ dern. Aurelie rang die Hände.„Was haben Sie mit mir vor? fragte ſie ſchluchzend: „Madame, was habe ich Unſchuldige Ihnen gethan, daß Sie ſich mit jenem Abſcheulichen verbanden, um mich von Paris, Gott weiß wohin, zu ſchleppen?* »Sparen Sie die Thraͤnen;z erwiederte die Fremde, indem ſie das Wagenfenſter ſchloß.— Herr Edwards hat Alles befohlen. Alles iſt zu Ihrem Beſten. Schweigen— hoffen Sie, und verdienen Sie meine Theilnahme.„ Aurelie bemuͤhte ſich nicht, die raͤthſelhaften Worte der Unbekannten zu ergruͤbeln; ihre Zaͤh⸗ ren floſſen haͤufiger, doch wuͤrdigte ſie ihre Huͤ⸗ terin keiner Anrede mehr. Sie betete zu Gott, zu Richard, zum verklaͤrten Edward. Aber in alle ihre Gebete und Wuͤnſche blickte von Zeit zu Zeit das drohende Geſicht Manis;— Pele ſelbſt in Reed's Geſtalt. 234 Es war voͤllig dunkel geworden, als ſie in eine Stadt einfuhren. Kellner mit Flambeau's empfingen die Ausſteigenden an der Pforte ei⸗ nes großen Hotels. Aureliens Begleiterin fuͤhrte das weinende, erſchoͤpfte Mäͤdchen, nachdem ſie demſelben einen Mantel und einen Schleier umgeworfen, mit vieler Sorgfalt die Treppe hinan.„Ruhig, mein Kind,» redete ſie ihr, mitleidiger als vorhin, in das Ohr: akein Auf⸗ ſehen. Sie machen ſich ungluͤcklich. Wir muͤſ⸗ ſen Freundinnen ſcheinen.» Ein huͤbſches Zimmer wurde ihnen angewie⸗ ſen. Erfriſchungen wurden gebracht. Sobald dienſtbare Zeugen zugegen waren, floß die Lippe der aͤltern Dame von Freundlichkeit uͤber. So⸗ bald ſie hingegen unbeachtet blieben, nahm wieder zwiſchen Beiden ein peinliches, feindſe⸗ liges Schweigen Platz. Ein Bedienter meldete um die eilfte Stunde die Ankunft der Pferde. Die Dame ging, um dem Poſtillon muͤndlich Befehle zu ertheilen. Aurelie war allein; ein Augenblick des Ueber⸗ * 235 legens, und ſie flog an die Thuͤre. Ach! ſie war verſchloſſen. Ihre Waͤchterin hatte an Alles gedacht.«O mein Gott! jammerte die arme Sonnenbluͤthe: aſo verläßt mich endlich jede Hoffnung?7 Weinend trat ſie an das Fen⸗ ſter, das nach dem Hofe fuͤhrte, in welchem ſo viel Geraͤuſch war, daß man unten das Schluch⸗ zen der Entfuͤhrten nicht vernahm. Aber in dem Fenſter, Aurelien benachbart, lag ein aufmerkſam mitleidiges Ohr, und eine weiche Stimme fluͤſterte durch das Dunkel heruͤber: „Schoͤne Landsmännin! Sie haben Kummer? hier iſt ein gutmuͤthiger Menſch, der gerne hilft, wenn er kann. Ich habe Sie bei Ihrer An⸗ kunft geſehen, und doppelt gerne wuͤrde ich Ihnen beiſtehen.v Aurelie traute kaum ihren Sinnen, und ſchwieg vorerſt beſtuͤrzt. Doch ſagte ihr die Klugheit, daß hier kein Athemzug zu verlieren ſey.„Mein Landsmann? fragte ſie ängſtlich und leiſe. 236 Ja, ſchoͤne Mißzv hieß es druͤben:«Zur Haͤlfte mindeſtens. Ich bin aus Dublin, und war Offizier der Oſtindiſchen Compagnie. „Sagen Sie mir geſchwinde: wie heißt dieſe Stadt?* St. Denis, beſte Miß.» „Wohin fuͤhrt dieſe Straße? „Nach Amiens, Boulogne und Calais: von da nach London. Ich komme eben von da.» „Mein Gott! ſie ſchleppt mich nach Eng⸗ land„klagte Aurelie; fuhr aber ſchnell fort: „Koͤnnte ich mich auf Sie verlaſſen, unbekann⸗ ter Freund?* „Dem Koͤnig und den Damen habe ich nie mein Wort gebrochen. Reden Sie.» Ich muß befuͤrchten, daß man boͤſes Spiel mit mir treibt, mich an einen Ort bringen will, wohin ich nicht begehre. „Machen Sie Laͤrm, ſchuͤchternes Maͤdchen.» Ich darf nicht. Der Ruf meines Wohlthaͤ⸗ ters, ſeine Befehle zwingen mich, abzuwarten.“ 7 237 „Ich wuͤrde gern Alles aufbieten, an Ihrer Statt zu handeln. Allein die ſpaͤte Nacht,. ein moͤgliches Mißverſtändniß,.. und mit dem Fruͤhſten will ich in Paris ſeyn.„ „In Paris? herrlich. Dort lebt mein Wohl⸗ thäter, Sir Edwards. In der Penſion der Dame Latvur, unfern vom Siegesplatz, erfah⸗ ren Sie ſeine Adreſſe. Gut.— „Sagen Sie ihm, Sie haͤtten ſeine Aurelie geſehen... vergeſſen Sie den Namen nicht.“ „Sicher nicht. „Auf dem Wege nach London geſehen, wo⸗ hin man ſie ſchleppt. Fragen Sie ihn, ob„ Sie ſchwieg ploͤtzlich, und entfernte ſich vom Fenſter, weil die Dame in das Zimmer trat.„Kommen Sie, Miß;v ſagte dieſe ſtrenge: „Der Wagen wartet, und nur Ihre Gegen⸗ wart fehlt zur Reiſe.„ Stumm und grollend folgte Aurelie der Be⸗ fehlenden. Der Marqueur leuchtete voran⸗ Seiner Kerzen Schimmer uͤberſtrahlte die Ge⸗ A 238 ſtalt eines jungen Mannes, der, auf ſeiner Schwelle ſtehend, die Damen mit einer hofli⸗ chen Verbeugung an ſich voruͤber ließ.— Au⸗ relie erröthete vor ſeinem Blicke, denn ihr Ge⸗ fuͤhl ſagte ihr, daß dieſer Mann derjenige ſey, der ihr ſeinen Beiſtand angetragen. Ein kuͤh⸗ nes Geſicht, dem der kriegeriſche Bart nicht übel ſtand;— eine ausgezeichnete Haltung, die von Muth und unternehmendem Geiſte zeugte. Ich habe Dich verſtanden; ich werde Dich nicht vergeſſen!» ſagte ſein ausdrucksvolles Ange zu dem flüchtig grüͤßenden Maͤdchen;— viel⸗ leicht noch etwas mehr. In ſeltſamer Beklemmung erreichte Aurelie den Wagen; ſchweigend wie zuvor nahm ſie darinnen Platz; aber ihre Seele ſprach mit den abweſenden Freunden. Das Bild derſelben trat vor ihre geſchloßnen Augen hin— troſtend, ermuthigend; der hingeſchiedene Edward, der raͤthſelhafte Richard— vor Allem der unbe— kannte neue Freund, bis Muͤdigkeit und Hoff⸗ nung den Schlummer herbeiriefen. 239 Geſtaͤrkt von dem ſuͤßen Schlafe und den reizenden Traͤumen der Freiheit und des Gluͤcks, die er der Armen gebracht hatte, erwachte ſie, als der roſige Morgenſtrahl auf ßeitre rer uft in den geoͤffneten Wagen zog. Die eruſe Dane ſaß ihr nun gegenuͤber, und begrßte ſie freund⸗ licher als geſtern. Eine Art von Theilnahme lag auf dem blaſſen Geſichte der Miſtreß. Sie ſchlummerten ruhiger, als ichz» ſprach ſie: Ich habe Sie um Ihre Traume beneidet.* Ich bin mir nichts Boͤſes bewußt;» ent⸗ gegnete Aurelie beziehungsweiſe:„Der Unſchul⸗ dige findet Ruhe im Schooße der Gefahr. „Gebe Gott, daß Sie wahr ſpraͤchen!— Der heitre Morgen hat auch mich heitrer ge⸗ ſtimmt. Ich moͤchte gerne gerechter ſeyn, als geſtern. Seyn Sie offen gegen mich. Wäre dieſe Unbefangenheit, dieſe Unwiſſenheit nicht Verſtellung, Miß? Wuͤßten Sie— ahnten Sie nicht, in welchen Händen Sie ſich befinden?* »Nicht in den freundlichſten, fuͤrchte ich, ſeit ich Herrn Reed bei uns geſehen. Aber Sie 240 nannten den Namen Edwards, und dieſer for⸗ dert meinen blinden Gehorſam.» „Nennen Sie dieſen betruͤgeriſchen Namen ehrz» fuhr die Dame auf:„Der Gewiſ⸗ . 5 ſenloſe hat Sie getaͤuſcht, wenn Sie in der That nicht beſſer unterrichtet ſind. Steveney iſt ſein wahrer Name, und ich— meine nied⸗ liche Nebenbuhlerin— ich bin ſein Weib.— Aurelie ſchauderte zuſammen, faltete die Haͤnde und ſah, von der Höhe ihrer Zuverſicht herab geſtuͤrzt, ſtumm und gekraͤnkt vor ſich nieder. „Sein Weib» fuhr Mißreß Steveney hef⸗ tig fort, adas er ſeit langen Jahren hinterging, das vorgeſtern erſt das ſchaͤndliche Geheimniß erfuhr, das ihre Ruhe gaͤnzlich zertruͤmmern ſollte. Der Undankbare iſt der Thraͤnen nicht werth, die jene Kunde mir abzwang. Thraͤnen beſſern aber nichts, und des Treuloſen letzte Maaßregel zwang mich zur That. Geſtern um Mittag ſandte er mir den Antrag zur Schei⸗ dung. Mein Plan war ſchnell gefaßt. Wäh⸗ 241 rend ich in Wehmuth vergehe) ſoll er nicht gluͤcklich ſeyn. Indem ich Sie ihm entfuͤhre, gebe ich ihm den verdienten Lohn. „Wer haͤtte das gedacht!“ ſeufzte Aurelie unter bangen Schlaͤgen ihres Herzens, und be⸗ netzte die Hand ihrer Gegnerin mit heißen Thraͤnen: Miſtreß! Wie wurden Sie beleidigt! Ich bin ein Weib, und fuͤhle in Ihrer Seele den Schmerz, der Sie zerreißen muß. Laſſen Sie aber die Milde walten: Vergeben Sie mir, wenn Sie glauben koͤnnen, daß ich ſeine Mitſchuldige geweſen!v— Ich habe es geglaubt,» antwortete Ri⸗ chards Gattin ſanft, indem ſie Aureliens Hand druͤckte:„Reed, der von meinem Manne belei⸗ digte Angeber, machte mir eine Schilderung von Ihnen, die meine Grauſamkeit erregte. Er nannte Sie ein ſinnlich leidenſchaftliches We⸗ ſen, wie Ihr Vaterland ſie hervorbringt— den luͤſternen Pfleger mit allem Zanber der Koket⸗ terie feſſelnd— gerne die Bande der Sittlich⸗ keit, der Ehe, mit Fuͤßen tretend;— ich verab⸗ Je linger, je lieber. II. 16 242 ſcheute Sie. Aber— was Ihr erſter Anblick — ich hielt Ihre Unbefangenheit fuͤr Maske— noch nicht uͤber mein Gemuͤth vermochte, das gelang Ihrem harmloſen Schlafe. Eine Schul⸗ dige ſchlummert nicht ruhig im Angeſichte der Beleidigten. Ich zuͤrne Ihnen nicht mehr; ich moͤchte Sie ſogar— lieben, wenn der Betruͤ⸗ ger nicht nach Ihrem Beſitze ſtrebte.— Schenken Sie mir Ihre Freundſchaft, wuͤr⸗ dige Frau! entgegnete Aurelie mit ſchoͤner Be⸗ geiſterung: Ich bin derſelben nicht unwerth. So gewiß, als mein Herz rein von jeder Straf⸗ barkeit iſt, ſo gewiß reißt es ſich los von dem Manne, der„ Halten Sie ein! unterbrach Miſtreß Ste⸗ veney die Rednerin:„Sie ſind im Begriff, ei⸗ nen Eid zu ſchwoͤren, den Sie nicht halten wer⸗ den. Ein Gefuͤhl, das ſeit manchem Jahre er⸗ wuchs, denken Sie ſo ſchnell abzuwerfen?... ſo ſchnell einem Manne zu entſagen, an den Sie Liebe und Dankbarkeit geknuͤpft haben? „ 8 243 Nicht die Liebe!“ betheuerte, die Haͤnde auf die Bruſt gelegt, die reizende Aurelie: aich habe gewiß nie die Liebe des Weibes für ihn empfunden. Dankbarkeit, der Wunſch⸗ ihm zu vergelten, hatte mich in ſeine Arme gelegt. Aber ſelbſt dieſe weiche Feſſel reißt. Ich darf nicht zwiſchen ihn und ſeine Gattin treten. Ich darf ihn nicht wiederſehen. Mir erſpare ich die Qual ſeiner Bewerbung; ihm der hoffnungs⸗ loſen Sehnſucht Pein!v «So hätte ich das beſte Mittel fuͤr Sie und Ihn ergriffen, da ich Sie ihm entzog? fragte Miſtreß Steveney, anſcheinend ſcherzend, aber im Innern voll Zufriedenheit. Ich danke Ihnen jetzt dafuͤrz» verſetzte Au⸗ relie, fuͤgte aber erſchrocken bei:«wenn er uns nur nicht verfolgt! „Sorgen Sie nicht;* ſagte die Dame bitter lächelnd: Er weiß wohl ſchon, daß ich die Entfuͤhrerin bin. Wo ich mich befinde, bleibt Er fern. 16* 244 Nein, nein, beſte Frau!» begann wieder Aurelie aͤngſtlich: eich darf nicht laͤnger ſchwei⸗ gen. In dieſem Augenblick iſt er vielleicht ſchon auf unſrer Ferſe. Seine Heftigkeit.. was muß ich nicht fuͤrchten, trifft er uns zuſam⸗ men! Warum mußte ich geboren werden! um feindlich dieſes Ehebuͤndniß zu zernichten? Welche Auftritte warten unſer! denn er kommt; er kommt gewiß, weil ich ſeine Hulfe aufgefordert.“ Sie? rief die Miſtreß ſtaunend: Wie konnten Sie?* Aurelie erzaͤhlte offen und ehrlich das kleine Abentheuer zu St. Denis. Die Steveney lä⸗ chelte gleichguͤltig dabei, und entgegnete dann: „Seyn Sie ruhig, meine Tochter. Dieſe Ge⸗ fahr iſt ſchon voruͤber. Um den Verfolger irre zu fuͤhren, ſchlug ich die Straße nach Calais ein. Der feile Reed verraͤth um eine Handvoll Goldes mein Geheimniß, wie er das ſeines Freundes verrieth. Mag der leidenſchaftliche Thor auch alsdann die Spur verfolgen. Er geht fehl. Von Ecouen aus änderte ich die 245 2 Fahrt. Wir ſind auf dem Wege nach dem Suͤ⸗ den, nach Italien.« Dankbar kuͤßte Aurelie der Miſtreß Hand. Dieſe ſtreichelte mit wehmuͤthiger Freundlichkeit die Wange der Jungfrau, und ſagte:»Wahr⸗ lich ich haͤtte nie gehofft, ſo ſchnell eine Bun⸗ desgenoſſin in der zu gewinnen, die ich fuͤr meine Feindin hielt. Wie boͤſe iſt die Eifer⸗ ſucht! wie lohnend das Vertrauen! Vergib mir meine Haͤrte, Kind, und ſey mir gut!« Aurelie ſah bewegt in die Augen der Miſtreß: „Welche Mutter entzog mir der böſe Mann! klagte ſie: veine beſſere, als die mich zu Hawaii geboren, und dem Morde uͤberlaſſen! Wie ſo ganz anders waͤre Alles geworden, haͤtte er mich dazumal an Ihre Bruſt, in Ihre Arme gelegt. Ich wuͤrde durch meine kindliche Liebe Ihren Bund befeſtigt haben, ſtatt ihn zu er⸗ ſchuͤttern: ich wuͤrde jetzt wahre und treue aͤl⸗ terliche Freunde haben, während mich das Schickſal nun allein in die Welt ſtoͤßt; allein in einer unbekannten Welt. 246 „Biſt Du wahr und redlich, wie ich hoffe,« ſagte Miſtreß Steveney erſchuͤttert:»ſo iſt Dein Schickſal meine Sorge. Ich habe Dich nicht dem Gluͤcke entriſſen, um Dir Elend zu bereiten. Sey meine Tochter!« „Um ewig das Feuer der Zwietracht zwi⸗ ſchen Ihnen und Ihrem Gemahl zu naͤhren?4 »Wird er denn jemals zu mir zuruͤckkehren 24 fragte die Dame mit ſchwerem Athemzuge: »Ich darf es nicht hoffen; darf nicht zuerſt die Hand dazu bieten. Haͤtteſt Du den Mann ge⸗ kannt, wie er vor einem Jahrzehend geweſen! Glaͤnzend und hervorragend in der Fuͤlle ſeiner Jugend, ſeiner Anmuth, reich, geſchmackvoll und blendend, kam er von der großen Reiſe nach London, beſiegte die kaͤlteſten Herzen, und auch das Meine wurde ſein. Maͤdchen! welch eine Zeit war jene! Sein Wunſch war mein Geſetz. Er durfte mir das Unrecht befehlen ich that es.« Die Steveney ſchwieg eine Weile, druͤckte ihr Geſicht in das Schnupftuch, und erhob es 247 dann wieder, gluͤhend roth zu Aurelien.— „Unſre Verbindung,« fuhr ſie zoͤgernd fort, vwar ein Vergehen gegen ein zartes Gefuͤhl. Wir Verblendete glaubten das Glück zu erhaſchen, und nicht einmal ſeinen Schatten ließ es, zuͤr⸗ nend auf ſchwankem Brette davon ſegelnd, uns zuruͤck. Ach, Aurelie! das Unrecht trägt keine gute Frucht. Richard, nachdem er Herr meiner Hand und meines Vermoͤgens geworden, ſah ſeine Eitelkeit durch dieſen, ihm beneideten, Doppelbeſitz befriedigt. Der Taͤuſchung Larve fiel; er ſah meine Maͤngel, verbarg die ſeinen nicht mehr, und nach außen zog ihn unwider⸗ ſtehliche Gewalt, nach andern Lebenskraͤnzen zu ſtreben. Nichts ließ er mir zu Hauſe zu⸗ ruͤck, als die wuͤthende Eiferſucht.— Dieſe Leidenſchaft verzehrte mich, und mein Stolz ſchwieg. In meinem Herzen loderten Flam⸗ men, und meine Stirne war ernſt und kalt. Laß mich die Geſchichte unſrer Ehe verſchwei⸗ gen, ſeit wir, um meiner untergrabenen Ge⸗ ſundheit, und um Richard's Lebensluſt willen, 248 N London mit Paris vertauſchten. Unſer Haus⸗ halt war die Hoͤlle ſelbſt, und nur in der Tren⸗ nung des vornehmern Lebens fanden wir Ruhe. Ich fuͤhle es nun ſelbſt, daß ich meinem Gat⸗ ten feindſelig erſcheinen mußte, wie er mir er⸗ ſchien. Wer von uns haͤtte aber damals gere⸗ det ohne Bitterkeit? wer haͤtte ſich angeſehen ohne Verdacht oder Trotz? Einſam, verdroſſen und voll Kummer, floſſen meine Tage,— ge⸗ raͤuſchvoll, vielleicht ſchuldlos, aber von mir beargwohnt, floſſen die Seinigen dahin. Er ſuchte eine falſche Welt; ich floh die Beſte. Ich hatte keine Freundin, die mir gerathen, kein Kind, das mich getroͤſtet haͤtte. Er— ich weiß es— dachte laͤngſt auf gaͤnzliche Tren⸗ nung; ich— ich laͤugne es nicht— hätte nicht widerſtanden: aber hier an dieſem Scheidewege trat die Furcht vor der öͤffentlichen Meinung in's Spiel. Wir hatten, indem wir unſre Ver⸗ bindung ſchloſſen, uns zu viel zu Schulden kommen laſſen. Wir wollten nicht zum zwei⸗ tenmale den Tadel der Welt wecken, und tru⸗ M 249 gen ſtumm und grollend das Joch. Die Zeit ſchien ſich beſſern zu wollen, in dem Grade, als mein Koͤrper dem Sturme der wechſelnden Ge⸗ fuͤhle erlag. Ich wurde matter,— Richard ruhiger und freundlicher. Ich wurde krank; mit Erſtaunen ſah ich ihn an meinem Bette, gleich dem ſorglichſten Krankenwaͤrter. Ob wohl dieſes Benehmen guͤnſtigen Einfluß hatte? Ich genas, verſoͤhnlicher geworden in meiner Huͤlf⸗ loſigkeit. Meinen Wuͤnſchen zuvorkommend, fuhrte mich Richard in die Baͤder von Air, unter dem lachenden Himmel von Marſeille. Ich Arme, von dem geſelligen Treiben der Erde und ihren Freuden laͤngſt Geſchiedene, ahnte nicht, daß mein Gatte in Paris ſeine Liebe, ſeine fuͤr ihn erzogene Liebe zuruͤckließ;— nicht, daß er vielleicht die Hoffnung hegte, meinen Staub in der Provengaliſchen Erde niederzule⸗ gen; ich glaubte an die Wiederkehr ſeiner Nei⸗ gung; ich hoffte auf eine ruhigere, gemäßigtere Zeit zaͤrtlicher Freundſchaft! Die Taͤnſchung waͤhrte ein Jahr hindurch. Plötzlich wurde Ri⸗ 250 chard unruhiger, zerſtreuter als zuvor. Da ich einen Theil meiner Geſundheit wiedergewonnen hatte, drang er in mich, nach Paris zuruͤck⸗ zukehren: der Zweck der Reiſe ſey erfuͤllt, und nunmehr der Zeitpunkt da, wieder in die ge⸗ wohnten Verhältniſſe einzutreten. Ich folgte ihm gerne; unbefangen kam ich an. Am erſten Tage jedoch ſchmetterte mich Reed's Entdeckung zur Erde; am folgenden ſprach Richard das ſchreckliche Wort:»Scheidung« in ſeinem Briefe aus. Mein Zorn, mein Rachgefuͤhl erwachte.. Das Uebrige weißt Du, meine Tochter, und wuͤrdeſt es entſchuldigen, wenn Du die Leiden⸗ ſchaft kennteſt, die uns ungluͤcklich machte. Bleib aber bei mir, Aurelie. Verlaſſe mich nicht mehr. Dich hat ja nicht die Liebe an ihn gebunden. Nimm von meiner Hand das freundliche Geſchick, das Du von der ſeinigen erwarteteſt. Er hat es nicht ehrlich mit Dir gemeint; ich aber will Deine Mutter ſeyn! „Wie habe ich mich in ihm getaͤuſcht!« rief Anrelie bekuͤmmert:»und wie wenig gleicht „ —— 251 er wahrlich dem Manne, den ich am liebevoll⸗ ſten umfaßt habe! Und doch iſt beider Geſicht faſt dasſelbe, die offene Stirn, das freundliche Auge, der lächelnde Mund!...„ Eifrig, ihre Behauptung zu erweiſen, hatte Aurelie Edward's Bild aus dem Buſen gezo⸗ gen, und hielt es der Miſtreß Steveney hin. Mit einem Schrei der Ueberraſchung ſtarrte dieſe das Portrait an, wendete dann die Au⸗ gen beſtuͤrzt weg, fiel in Aureliens Arme, und ſchluchzte: Verbirg dieſes Bildniß, denn ſeine freundliche Miene zuͤrnt mir. Maͤdchen! in dieſem verklaͤrten Manne, gegen den ich viel verbrach, vereinigen ſich unſre Herzen unauf⸗ löslich. Ich habe kein Kind; er ſtarb kin⸗ derlos. Aber Dich nannte er ſeine Tochter, und ſchon um dieſes Namens willen mußt Du die Meinige ſeyn!« 5. Am fruͤhen Morgen, ehe noch die habitués des Café Tortoni ſich einzufinden pflegen, be⸗ 252„n fanden ſich zwei Fremde allein in dem geraͤu⸗ migen Lokale. Der Eine wandelte ungeduldig hin und her, bald durch die Fenſter, bald mit zerſtreutem Blick auf die nächſten Umgebungen ſehend, und oͤfters die Uhr ziehend; der An⸗ dere ſaß einſam in einer Ecke, ſchluͤrfte mit ge⸗ falteter Stirne ſein Glas kalten Punſches, und las daneben in einem Buche, ohne den Nachbar zu beachten, der einmal neugierig hinter dem Leſenden ſtille ſtand und einen Blick in das Buch warf.»Byron's Corſarla rief er ſtau⸗ nend aus, und freundlich zugleich, ſo daß der Leſer verwundert und muͤrriſch ſich nach ihm umſah. „Sie vergeben;« fuhr der Andere fort, vaber, wenn Sie, wie Ihre Lektuͤre und Ihr Aeußeres vermuthen laſſen, ein Englaͤnder ſind, ſo deuten Sie einem Irlaͤnder nicht ubel, wenn er, zum Erſtenmale in dieſer fremden Stadt, den Landsmann freundlich begruͤßt...« Die offene Anrede und das offene Geſicht des Redenden beſtachen den Unwillen des Ge⸗ L —————— — ———————— X 253 ſtoͤrten. Mit einem herzlichen»Willkommen!« reichten ſich Beide die Haͤnde, und der Letztere fragte, ob er mit etwas dienen koͤnne?— »Wenn Sie in Paris bekannt ſind, Oja!«— „Das bin ich leider nicht, mein Herr. Ich kam erſt vor zwei Tagen an.« „O weh! ſo werde ich wohl von Ihnen nicht erfahren, wo ich Sir Steveney finden koͤnnte 2« „Sir Steveney?« „Ich komme ſo eben von der Reiſe, bin mude und nicht aufgelegt, bei der Polizei Nachfrage zu halten; darum waͤre mir's angenehm gewe⸗ n »„Erlauben Sie! Sir Richard oder Edward Steveney 2« „Sir Richard, ganz Recht!«— Die Stirne des Andern wurde von finſtrer Gluth uͤberl aufen.»Wie konnte ich auch den⸗ ken...du murmelte er vor ſich hin. „Wiſſen Sie vielleicht...? 4 fuhr der Er⸗ ſtere fort:»Richard nennt ſich der, den ich 254 meine. Sir Edward iſt lange nicht mehr am Leben; ſonſt waͤre wohl.—4 »Iſt das ſo unumſtoͤßlich gewiß?« fragte der Andere halb laͤchelnd. Leider weiß ich nicht das Gegentheil, ſonſt ginge mein Geſchaͤft wohl den Verſtorbenen mehr an, als den Lebendigen.«— „So? laſſen Sie doch ſehen, junger Herr. Ich nehme Sie bei'm Worte. Ich bin Edward Steveney, ehemals Flottenlieutenant Sr. Groß⸗ brittanniſchen Majeſtaͤt, Bruder des Sir Ri⸗ chard, den Sie meinen.« „Das waͤre 2« fragte der Irlaͤnder verbluͤfft. »Ich zweifle nicht an Ihrem Worte: keines⸗ wegs. Allein, zur beſſern Verſtaͤndigung— um meines Geſchaͤfts willen— muͤßte ich Sie erſuchen...—4 »Nicht mehr als billig, mein Herr;« erwie⸗ derte Edward, und breitete das aus der Brief⸗ taſche genommene Patent vor dem Fremden auf den Liſch. Mit einer ſehr hoͤflichen Ver⸗ beugung trat der Frlaͤnder zuruͤck, nachdem er einen Blick in das Dokument geworfen. »Sir Edward Steveney aus Kenningtonz« ſagte er:»Ganz recht. Ich danke dem Zufalle hier eine große, freudige Ueberraſchung. Sie werden vielleicht mein Geſchaͤft im Voraus er⸗ rathen, wenn ich Ihnen ſage, daß mein Name O'Jiggle iſt.— »Waͤre das moͤglich?« rief Edward:»Wohl der Sohn des Hugh OJiggle, den ich kannte? der Offizier der oſtindiſchen Compagnie, von dem mir der Vater viel erzaͤhlte?“ „Derſelbe.«— „Willkommen denn; waͤren Sie auch erſchie⸗ nen, um, mit dem Degen in der Hand die Ma⸗ nen Ihres Vaters zu raͤchen, den man hier— ich weiß— mit ſchwerem Verdacht verunglimpft hat. Die Geſchichte ging mich nahe an, mein Herr; doch habe ich ſie ſchon vergeſſen. Ich habe keinen Argwohn gegen Mr. Hugh; ich glaube vielmehr, daß ein ungluͤcklicher Zufall ihm zugleich mein Vermoͤgen und ſein Leben 256 raubte. Denken Sie indeſſen, von meinem Bruder Genugthuung zu fordern, ſo bin ich ſein Stellvertreter. Er handelte damals in mei⸗ nem Intereſſe, und wenn er etwas gethan, das Ihres Hauſes Ehre kraͤnken konnte, ſo betrach— ten Sie's, als waͤre es durch mich geſchehen.« Der junge Mann ſchwieg einen Augenblick, als ob er uͤberlegte; endlich nahm er einen Stuhl, ſetzte ſich vertraulich an Edwards Seite, und ſprach halb leiſe:»Ihr Edelmuth, mein Herr, giebt mir das Vertrauen, das ein Sohn noͤthig hat, wenn er einem Fremden das Ver⸗ brechen eines Vaters entdecken ſoll. Leider iſt der Meinige nicht unſchuldig geweſen, wie Sie anzunehmen ſcheinen. Mr. Hugh, nachdem er, durch Ungluͤck und Sorgloſigkeit ſein Vermoͤgen in der Heimath verloren, hatte es, durch Ame⸗ rika abentheuernd, wieder zu erringen geſucht; hatte ſich getaͤuſcht. Des Wanderlebens muͤde, ging er nach dem Vaterlande zuruͤck, um dort zu ſterben. Sie vertrauten ihm eine namhafte Summe, und— wie ich aus des Sterbenden verloͤſchenden Worten ſchloß— ein Kindz das Ihrige vielleicht. Dieſes verließ er, von dem anvertrauten Reichthum verfuͤhrt, zu Paris, floh mit dem Gelde, unter fremdem Namen, nach Rußland, ſetzte ſich in Aſtrachan, pilgerte, in ſeinem Handelsgeſchaͤfte gluͤcklich nach Perſien, gelangte von da, wieder ſeines halben Gluͤcks beraubt, nach Madras, ſuchte mich in meiner Garniſon auf; todtkrank, lebensſatt, und hart⸗ naͤckig ſchweigend bis zur letzten Stunde, in welcher ihn das Bewußtſeyn ſeiner Schuld zwang, dieſelbe dem Sohne zu bekennen. Ich gelobte ihm— ſeinen ſcheidenden Geiſt zu be⸗ ruhigen— das Geraubte wieder zu erſtatten, und er nannte mir, Sie ſelbſt todt glaubend, Ihren Bruder zu Paris. Sein Nachlaß betrug ungefaͤhr ſo viel als das mißbrauchte Gut. Hier erſtatte ich's zuruͤck. Die Wechſel und Noten, die Sie dem Mr. Hugh zu Vera⸗Ernz gaben, ſind freilich ſchon laͤngſt zu Gelde ge⸗ macht, aber auch dieſe Papiere ſind richtig, und Sie werden an der Summe nichts ver⸗ Ze länger, je lirber.. 17 258 n miſſen. Was daran fehlte, habe ich getreulich zugelegt.« Edward ſah erſtaunt, bald auf die Papiere, bald auf den Erſtatter, der ruhig und verbind⸗ lich ſein Portefeuille leerte, bis beinahe nichts mehr darinnen blieb. »Haben Sie Vermoͤgen, mein Herr?« fragte er langſam und pruͤfend. »Neinz« antwortete der Irlaͤnder unbefan⸗ gen:»meine Penſion, weil das Indiſche Clima mir gefaͤhrlich zu werden drohte, und einen klei⸗ nen Acker in Connaught.— Einem Andern, als gerade Ihnen, mein Herr, wuͤrde ich ubri⸗ gens auf jene Frage nicht geantwortet haben.« »Ohne Reichthum und fernere Dienſthoffnun⸗ gen geben Sie dieſe vergeſſene Schuld, eine nicht unbedeutende Summe, ſo kaltbluͤtig hin? Ich muß Sie bewundern, mein Herr.« »Keineswegsz« erwiederte OJiggle, ruhig aufſtehend:»Ich habe gelernt, was ich meinem Vater und meinem Degen ſchuldig bin. Und nicht Sohnes⸗ nicht Offizierspflicht— die A 259 Menſchlichkeit ſchon allein forderte mich auf, einem verlaſſenen Kinde die Habe zuruͤckzugeben, von der wahrſcheinlich ſein ganzes Daſeyn ab⸗ hing.« „Wackrer Mann!« rief Edward, ſeine Hand ſchuͤttelnd:»Bei dieſen Grundſaͤtzen danke ich Ihnen nicht, weil Sie das gethan, was Sie mußten; aber ich bin in Verzweiflung, Sie nicht zu meinem Pflegling, zu Aurelien fuͤhren zu duͤrfen, daß ſie Ihnen danke aus der Fuͤlle ihres Herzens!« „Jenes Kind lebt alſo?« fragte O'Jiggle mit vieler Theilnahme:»Gott ſey Dank!... und— nannten Sie es nicht Aurelie? Der ſchoͤne Name ruͤhrt mich tief. Moͤge Ihre Pfle⸗ getochter eben ſo reizend, oder gluͤcklicher wer⸗ den, als die Aurelie, die ich meine!«— »Ihre Liebe ohne Zweifel?« verſetzte Ed⸗ ward, ſchmerzlich laͤchelnd. »Nicht doch!« entgegnete der Irlaͤnder, und erzählte mit vieler Vertraulichkeit von St. De⸗ nis, und dem kleinen Abentheuer der verwiche⸗ nen Nacht. Kaum nannte er den Namen La⸗ tour, als Edward ungeſtuͤm aufſprang.— „Bote des Himmels!« rief er:»Ihre Aure⸗ lie und die Meinige ſind eine Perſon. Dieſer Name Latour verraͤth mir's! Welch ein Ge⸗ webe von Schaͤndlichkeit entfaltet ſich vor mir! — Richard, mein Bruder! das iſt wieder Deine Tuͤcke. Ohnſtreitig habt Ihr mich er⸗ kannt! Die Verfuͤhrte hat bereut— der Ver⸗ führer ſie von hinnen geſchleppt, damit ich nicht dazwiſchen treten ſoll! Aber, nun— werde ich's, bei Gott, nun will ich's thun. Kom⸗ men Sie, mein Herr! Nun fuͤhre ich Sie den⸗ noch zu meinem wurdigen Bruder! Marqueur, einen Fiaker! geſchwinde! nach der Barrière von Neuilly zu! dort wohnt Sir Richard, wenn ich nicht irre. Dort wollen wir fragen, wohin Aurelie gekommen iſt.« „Ich bin wie im Traume!« betheuerte O'Jiggle:»und dennoch— wenn ich mich recht beſinne, ſo nannte mir Miß Aurelie Ihren Na⸗ men, den ich fuͤr einen Familiennamen hielt. 261 Von einem Edward hoffte ſie Rettung, Huͤl⸗ fe.„— „Sehen Sie!« verſetzte Edward heftig: „Sie hat mich erkannt; der Bube hatte ſich zwar meinen Namen gegeben, aber nur nach mir konnte die Arme verlangen, denn Niemand hat ſie entfuͤhrt, als er, er, der luͤgenhafte Edwards!« »Der Fiaker haͤlt vor der Thüre!« berichtete der Gargon.»Kommen Sie!« rief Edward dem Irlaͤnder zu:»Kommen Sie, Kapitän. Sie ſollen Zeuge dieſes Auftritts ſeyn. Ich wollte dem Abſcheulichen meine Vorwuͤrfe er⸗ ſparen, aber Ihre Dazwiſchenkunft zwingt mich, Rechenſchaft von ihm zu fordern. Die ſtrengſte, bei Gott!«— Der Fiaker kannte Steveney's vielbeſuchtes Haus, und fuhr, wie man gewichtig befehlende und bezahlende Gentlemans zu fahren pflegt. „Sir Richard zu Hauſe?« fragte Edward ſtuͤr⸗ mich den Portier.—»Er hat Beſuch;« hieß die Antwort:»Herr Reed...4 262 „Reed? gut. Wir werden gerade recht kom⸗ men.«— Richard ſaß duͤſter am Liſche, den Kopf in die Hand geſtützt. Vor ihm ſtand John, in eifrigem Zureden vertieft. Er erblaßte, als Edward und ſein Begleiter unangemeldet in's Zimmer traten. Richard fuhr mit einem Aus⸗ ruf des Zornes auf.»Du hier?« fragte er wuͤthend:»hier in dieſem Angenblicke? Menſch, der zu meiner Qual aus dem Rachen des To⸗ des wiederkehrte: wo iſt Aurelie?« „Du forderſt ſie von mir?«— entgegnete Edward mit funkelndem Blicke:»Verfuͤhrer! Betruͤger! Moͤrder der heiligſten Gefuͤhle!« „Ich will nicht ſtoͤren;« ſtammelte Reed, und wollte ſich entfernen. „Bleiben Sie, Reed!« rief Richard außer ſich:»Sie gehoͤren hier mit zur Sache. Ueber⸗ fuͤhren Sie dieſen Mann. Wiederholen Sie, was Sie mir ſo eben entdeckten: daß er im Einverſtaͤndniß mit meinem Weibe ſich die Freude gemacht, mein Herz zu durchbohren!«— M 263 „Ich 2« fragte Edward mit einem Tone, der den Verläumder erzittern machte, uud hielt ihn beim Arm feſt:»Ich? Mr. Reed! ſprechen Sie doch. Sagen Sie dieſem Manne die Wahrheit, oder Sie nehmen kein gutes Ende. Vorgeſtern kam ich hier an, aus langer Gefangenſchaft in Suͤdamerika, wo ich fuͤr die Freiheit geſtritten. Mein erſter Gang war zu dem Geſandteñ. Fand ich Sie nicht kratzfuͤßelnd im Vorzimmer, Herr Reed? Gaben Sie mir nicht Richards Addreſſe? Entdeckten Sie mir nicht unterm Deckmantel der Theilnahme ſein ſtrafbares Ver⸗ hältniß zu Aurelien? Wieſen Sie mich nicht zu der Latour? Ich kam, ich ſah, was mich empoͤrte. Fort wollte ich, ohne den entarteten Bruder zu ſehen, der mich zum Zweitenmale auf das Schaͤndlichſte hintergangen. Ein guter Geiſt hielt mich im Zweifel ſchwankend, hier zuruͤck. Sie rechneten auf meine Flucht, wie ich ſehe. Sie benutzten dieſe Vermuthung, um„ Um mich von ſeiner Bosheit vollig zu uber⸗ fuͤhren!« brach Richard los, und ſtuͤrzte, ein Piſtol von der Wand reißend, auf Reed zu, der ſich, zernichtet von Schrecken und Beſchaͤ⸗ mung in eine Ecke gefluͤchtet hatte:»Bekenne, ſchlechter Burſche! Die Larve iſt gefallen! Bekenne! Du weißt um das Complott. Durch Dich wurde Miſtreß Steveney zu dem Unedel⸗ ſten gereizt! Wo iſt ſie? wo iſt die Ungluck⸗ liche?7« „Auf dem Wege nach Calais!« ſtotterte der Elende, und ſchloß die Augen vor der Muͤn⸗ dung der Piſtole. Edward, der der Wuth ſei⸗ nes Bruders nicht traute, riß ihm die Waffe aus der Hand, ſtieß ihn zuruͤck, und rief:»Be⸗ ſudle Dich nicht mit dem Blute dieſes Nichts⸗ wurdigen! Lade nicht noch dieſe Schuld auf Deine ſuͤndige Seele. Laß ihn, und hoͤre dieſen Augenzeugen, den ich mitgebracht.« Reed benutzte dieſe Dazwiſchenkunft, um ſich ſchnell aus dem Staube zu machen. Erſchopft fiel Richard in einen Seſſel, verhuͤllte ſein Ge⸗ ſicht, und rief:»Edward! hier bin ich unſchul⸗ 265 dig. Du ſiehſt's. Habe Mitleid mit mir, um des Schmerzes willen, den ich erdulde! Meine Leidenſchaft... mein ſchwaches Herz... mei⸗ nes Weibes Eiferſucht..4 „Der Fluch der Untreue, mit einem Worte!« fiel Edward heftig ein; dann ſetzte er gemaͤßig⸗ ter hinzu:»Sey ein Mann, hoͤre dieſen wackern Offizier, und laß uns dann beſchließen, wie das Kleinod zu retten iſt, das Du mir ſtehlen woll⸗ teſt?« „Poſtpferde! Ihr nach!« rief Richard, nach⸗ dem OFiggle geſprochen.—»Nach London denn!« verſetzte Edward.—»Ich begleite Siel« fuͤgte lebhaft und von Aureliens Anden⸗ ken bewegt der Kapitaͤn hinzu.—»Wer weiß aber, ob uns der Teufel nicht belog?« fragte Richard:»wer weiß, ob die hinterliſtige Miſtreß ihn nicht belogen? Die Kraͤnkliche ſchent des Vaterlandes Luft. Ich wette darauf: ſie ging nicht nach Calais.«— „Ich beſchwoͤre, daß ſie von St. Denis nach Ecouen..« ſagte O-Jiggle ungeduldig. 266 „Wir muͤſſen ſie finden! Aurelien finden! rief Richard begeiſtert:„Dann ſoll ihr Mund entſcheiden, wem ſie angehoren will.«— „Das ſoll er!« ſtimmte Edward ein:»Kom⸗ men Sie, Kamerad! nach Calais!« „Schlagt Ihr jene Straße ein!« ſchloß Richard, an der Schelle ſtuͤrmend: vich gehe nach dem Suͤden!« 6. „Bei der heiligen Roſalia! Grigno hat Eile!« riefen einige Maulthiertreiber, die ſich in der Abendkuͤhle an den Mauern der ſoge⸗ nannten Caſa Ingleſe auf dem Aetna gelagert hatten. Ein Eataneſe kam auf duͤrrem Eſel, und keuchend von Anſtrengung auf ſie zu.„Iſt die Donna Grant gegenwaͤrtig?« fragte er puhſtend und von ſeinem Thiere ſpringend. Der Hauſe und antwortete:»Drinnen: die Herr⸗ ſchaften bringen hier die Nacht zu.-— Haſtig nächſte Maulthiertreiber zeigte faul nach dem 267 trat Grigno in das Haus, in welchem die Die⸗ nerſchaft ſo eben fuͤr zwei Damen ein einfaches Kachtmahl auftrug.»Sieh da, Grigno!s riefen die Frauen:»Du hier? was bringſt Du? Waͤre Mylady krank geworden, oder was iſt's«— Grigno ſtellte ſich in Poſitur, und erwie⸗ derte:»Mylady Corner iſt nicht kraͤnker, aber ſie ſendet Ihnen ein Schreiben, mit dem ich Sie bis hieher verfolgen mußte.« Die Damen nahmen das Briefchen. Die Aeltere oͤffnete, beide ſahen hinein und laſen: „Meine Freundin! Wie gut iſt es, daß die Erkaͤltung, die ich verwuͤnſchte, mich zu Hauſe zuruͤckhielt. Ich bin im Stande Ihnen eine achricht mitzutheilen, die Sie, fuͤrchte ich, er⸗ ſchrecken, und aus meiner Naͤhe weiſen wird. Sir Steveney war vor einigen Minuten bei mir. Er hat Ihre Spur gefunden. Ihr Ban⸗ quier zu Livorno hat ihm Ihren Aufenthalt, den Namen Grant verrathen, den Sie ange⸗ nommen. Man weiß, daß Sie einſiedleriſch bei 268 mir leben. Er hat mich befragt; ich konnte nicht laͤugnen. Er ſcheint in auſſerordentlicher Aufregung. Er erwartet Sie zu Catanier. Ich hoffe, Sie werden Ihrem Vorſatze treu bleiben, ſich nicht mehr mit dem boͤſen Menſchen ver⸗ einigen. Sie haben durch mein Beiſpiel, und durch eigne Erfahrung gelernt, wie angenehin es iſt, allein durch die Welt zu gehen, und' das maͤnnliche Geſchlecht zu verachten. Befehlen Sie daher, wohin ich Ihnen Ihre nothwendig⸗ ſten Effekten ſchicken ſoll, bis der Sturm vor⸗ uͤber iſt. Es giebt auf der Inſel verſteckte Landhaͤuſer genug, und ſeine Ungeduld treibt den werthen Sir gewiß von hinnen, wenn ich ihm einen falſchen Reiſebericht aufgeheftet haben werde. Sein zweites Wort iſt Miß Aurelie. Melden Sie mir durch Grigno, was Sie thun werden; und kommen Sie nicht eher zuruͤck, als bis Ihnen das Noͤthige berichtet Ihre aufrichtige Srn Lydia Corner.⸗ 269 „Er iſt hier!« ſchrie Miſtreß Steveney auf, und taumelte in die Hoͤhe.—»Er iſt hier!« ſeufzte Anrelie, von banger Ahnung beſtuͤrmt. Richards Gattin gerieth in den heftigſten Sturm der Empfindungen, und Aurelie, welche ſie troͤſten und beruhigen wollte, ſah mit Schmerz und Erſtaunen, wie ein kraͤnkendes Mißtrauen aus Eliſabeths Augen auf ſie herniederblitzte. Mit nicht verhehltem Widerwillen ſtieß die Miſtreß die Troͤſterin von ſich.—» Es iſt klar,« ſagte ſie bitter und verletzend:»Meine Wohlthaten haben eine Schlange in meinem Buſen erzogen. Du haſt mich hintergangen, Aurelie. Du haſt mich ihm verrathen, Du haſt ihn aufgefordert, Dich mir zu entreißen, haſt mich fuͤr mein unendliches Vertrauen mit Heim⸗ tuͤcke belohnt. Er liebt Dich noch— heftiger als vordem! Sein zweites Wort iſt Dein Name, Undankbare. Monate lang haſt Du mich getaͤuſcht, um mich mit einem Streiche zu zernichten!«— Anrelie ſchauderte vor dieſen Vorwuͤrfen zu⸗ 270 ruͤck, aber vergebens war jede Bemuͤhung, die aufgeregte Frau zu beſchwichtigen, zur Vernunft zu bringen. Alle bisher gewonnene Ruhe, Maͤ⸗ ßigung und Reſignation war verſchwunden vor der wieder emporlodernden Liebe zu Richard, vor deren Begleiterin der argwoͤhniſchſten Eifer⸗ ſucht. Dieſer Zuſtand wurde ſchlimmer, da Eli⸗ ſabeth's Kraͤfte von dem ermüdenden Zuge des Tags erſchöpft waren, und ihre gereizten Ner⸗ ven, unſanft von der Nachricht erſchuͤttert, feindſelig ihre Dienſte verſagten. Binnen we⸗ nigen Minuten lag die ungluͤckliche Frau in fieberhaftem Krampfe, in welchem ſie Niemand erkannte, Aurelien ausgenommen, welche immer mit dem größten Widerwillen von ihr zuruͤck⸗ geſtoßen wurde. Die Kammerfrauen draͤngten ſich um die Erkrankte; der Fuͤhrer und Beglei⸗ ter, ein armer ſchmarotzender Cavaliere von Ca⸗ tania, bereitete Limona; um Aurelien kümmerte ſich Niemand. Die Beleidigte entfloh dem Hauſe, um in ihren Thraͤnen Ruhe zu ſuchen. Die Luft war ungewohnlich milde,— die Maulthiertrei⸗ 271 ber ſchnarchten unter ihrem Zelte, und allmäh⸗ lig ſchied die Nacht, die unter der Verwirrung ſchnell dahin geſchwunden war. Verzweiflungs⸗ voll und die Haͤnde ringend, ſah Aurelie in die Wolken und klagte:„Großer Gott! habe ich denn wirklich all das Unheil verſchuldet, das von mir ausgeht? Sprach wirklich Dein Mund durch den unverſoͤhnlichen Mani? Entſetzliche Luſtreiſe, die ſo bitter endet! Und«— ſetzte ſie ſchaudernd bei— eſind wir nicht auf Pele's Bo⸗ den? Gäaͤhrt unter dieſen Schnee- und Lava⸗ Triften nicht ihre Glut? Haätte mich ein grau⸗ ſames Geſchick hiehergefuͤhrt, um hier meine Wohlthäͤterin, mir grollend, verſcheiden, den leichtſinnigen Pfleger an ihrem Sterbelager ver⸗ zweifeln zu ſehen? Muß denn Alles unterge⸗ hen, was mir anhing, was ich lieben lernte? O, ſo will ich lieber, verlaſſen von der Welt und von dem Himmel, hinauf zum Gipfel dieſes Feuerberges dringen, mich in ſeinen Krater, in Pele's Flammenmund ſtuͤrzen, damit die Opfer⸗ reihe geſchloſſen ſey, die in Mani's Fluch ver⸗ darb!«— Wild und auſſer ſich, flog ſie, vom erſten Strahle des Fruͤhlichts beleuchtet, der Hoͤhe zu; da wurden Stimmen, ihr zur Seite laut. Ihren Schleier faßte eine Hand; ein ſtarker Arm um⸗ fing ihren Leib; aufſchreiend und widerſtrebend ſah ſie ſich an eines Mannes— an Edwards Bruſt. Ihre Sinnen vergingen faſt bei dieſem An⸗ blick. Edward theilte die namenloſe Ueberra⸗ ſchung, da ſein Begleiter jauchzend rief:»Beim Himmel! das iſt Aurelie, oder ich will des To⸗ des ſeyn!«—»Vater Edward!« lispelte Au⸗ relie vergehend.—»Sonnenbluͤthe!« entgeg⸗ nete Edward entzuͤckt, und druckte des Kuſſes Siegel auf ihre Stirne, auf ihre Lippen. „Ja wahrlich!«fuhr er unter ihren Umarm⸗ ungen fort:»Wahrlich biſt Du eine Bluͤthe der Sonne, deren erſtes Licht Dich uns ver⸗ rieth! Wie nun, Kapitän? Sie eiferten gegen dieſe Bergreiſe, nannten ſie Verſaͤumniß, und 273 gerade ihr verdanken wir dieſen Fund, der mir, wie es ſcheint, nur auf vulkaniſchem Bo⸗ den gelingt.«.—«Ach!l« ſprach Aurelie, fromm die Augen und die Haͤnde zum Himmel hebend: „Pele iſt verſoͤhnt, da ſie mich den liebſten Freund in ihrem Reiche wiederfinden ließ.«— Erzaͤhle, Maͤdchen!« fragte Edward ſtuͤrmiſch: „Wie koͤmmſt Du hieher? Seit zwei Monden ſuchen wir Dich vergebens, in London, in Bruͤſ⸗ ſel, endlich in Italien. Eine leiſe Vermuthung, ein unzuverlaͤſſiger Bericht fuͤhrt uns nach Si⸗ cilien, nach Catania. Von einer Miſtreß Ste⸗ veney will jedoch niemand etwas wiſſen. Der Aetna ſoll uns fuͤr die getaͤuſchte Hoffnung in etwas Erſatz leiſten. Wir brechen ſpaͤt auf, er⸗ reichen jenes Haus nicht, uͤbernachten im Freien, in unſere Maͤntel gehuͤllt. Die kuͤhle Morgen⸗ luft weckt uns fruͤhzeitig. Mein Freund draͤngt zum Abmarſche, und Du, mein holdes Zauber⸗ kind, biſt dieſes Morgens Preis!«— Aurelie erzaͤhlte, kurz wie eine Lalonierin, einfach wie ein Kind und begruͤßte dann in hol⸗ Je länger, je licber II. 18 N 274 der Verwirrung den Fremden, der ſich ihr be⸗ ſcheiden und ernſt als den Unbekannten von St. Denis vorſtellte.—«Eliſabeth ſo nahe?« fragte Edward ſehr ergriffen: eich haͤtte nicht gedacht, daß ich ſie ſo bald wiederſehen wuͤrde. Den Bruder hoffte ich in Meſſina zu treffen, weil ſein ſchwaͤrmeriſcher Brief uns nach dieſer In⸗ ſel beſchied; indeſſen muß ich ſeine Gattin ſe⸗ hen— ſogleich ſehen, um Dich von der arg⸗ woͤhniſchen Zwingherrin loszumachen, Aurelie; wenn Du mir naͤmlich folgen willſt.?— Aurelie erwiederte ein froͤhliches Ja. Indem er ſie dem Hauſe zufuͤhrte, ſagte Edward:„Aus meiner Gefangenſchaft erloͤſet, mußte ich, dem Cours des Schiffs gemaͤß, das mich aufgenommen, Hawaii wieder beſuchen, Dein Vaterland. Dei⸗ ne Mutter weiß von mir, daß es Dir wohlge⸗ het, ſie ſegnet Dich, und— hat Dich leicht⸗ ſinnig vergeſſen, einem andern Manne ange⸗ hoͤrend, dem ſie mehrere Kinder gegeben.— Aurelie antwortete nachdenkend:„Sie hatte kein Mutterherz. Sie gab mich auf. Doch— ——————— 275 habe ich recht gehoͤrt? ſie iſt eines Anderen Weib?7«—„Ja,« entgegnete Edward zoͤgernd: „Ahu ward ſeit jener Schreckensnacht nicht wie⸗ der geſehen.«— Eine Thraͤne ſchoß in Aureliens Auge. Sie glaubte, ihren Pflegevater zu verſtehen, und zog unwillkuͤhrlich, von leichtem Schauder ergriffen, ihren Arm aus dem Seinen. Edward ließ ſie, ihren Schmerz achtend, gewaͤhren, und trat mit ihr in die Huͤtte. Eliſabeth lag ihrer ſelbſt wieder bewußt, aber ſchwach, auf dem in Eile bereiteten Lager. Ihre Ermattung litt keinen heftigen Ausdruck des Stannens, als ſie Ed⸗ ward gewahrte. Schaamroͤthe uͤberzog jedoch ihr Geſicht, und um die Lippen zuckte ein leich⸗ ter,— freudiger Schreck.— „Sind Sie es, Edward?« fluͤſterte ſie, ihm die Hand entgegenſtreckend: aLeben Sie wirk⸗ lich, und darf ich mir nicht vorwerfen, Sie ge⸗ 3 todtet zu haben? Oder ſind dieſe Zuge die ei⸗ 18* N 276 1 nes Verklärten, der mir von oben Vergebung bringt?« Ich lebe, Miſtreß,» erwiederte Edward erſchuͤttert und ſanft: aauch Sie werden leben und verzeihen, wie Ihnen vergeben wird. Ich zuͤrne der Schuldigen nicht, zuͤrnen Sie nicht der Unſchuldigen. Dieſes fleckenloſe Geſchoͤpf verdient Ihre hohe Achtung, und ich, der ich in meine Vaterrechte zu Aurelien wieder ein⸗ trete,— ich fordere dieſe Achtung fuͤr meine Tochter, im Augenblicke, da ſie von Ihnen ſcheidet.« Schluchzend winkte Eliſabeth Aurelien, und weinend ſank dieſe an der Kranken Bruſt. Ed⸗ ward ordnete an, daß man die Miſtreß, wenn es ihre Kraͤfte zulaſſen wuͤrden, wieder nach Catania zuruͤck bringe.—„Zu Steveneh?« ſagte Eliſabeth, ſich ſträͤubend.— Zu ihm,« antwortete Edward ruhig: ahier koͤnnen Sie nicht bleiben. Bei ihm iſt Ihre Stelle. Er — — N 277 wird, denke ich, gebeſſert in Ihre Arme keh⸗ ren. Er verſprach es mir, und Sie— da Sie auf meine Verzeihung einen ſo großen Werth ſetzen, moͤgen wiſſen, daß ich nur unter der Bedingung einer allgemeinen ewigen Verſoͤhnung aufrichtig vergebe.« Sein Wort galt fuͤr eines Herrſchers Be⸗ fehl. Vom Aetna niederwaͤrts ging die Reiſe langſam, aber unter Aureliens ſorgfaͤltigem Be⸗ muͤhen uͤberſtand Eliſabeth ſie leicht, und fuͤhlte ſich ſogar geſtaͤrkt, als ſie ihre Wohnung in Catania erreichte. Vor der Thuͤre hielt O'Jig⸗ gle den Gefaͤhrten zuruͤck, und ſagte ihm trocken: Leben Sie wohl, Sir Edward. Meines Blei⸗ bens iſt hier nicht. Morgen ſchiffe ich mich ein.« —„Was haben Sie, wunderlicher Menſch?“ fragte Edward.—„Die Miß iſt gefunden,« ſagte der Kapitaͤn, und fuhr ſich verlegen uͤber die Augen:„Sie ſind gluͤcklich, ich will nach Connaught gehen, mich auf meinen Acker ſetzen, und vom Gluͤck traͤumen.“— 278 »Wiſſen Sie nicht,« entgegnete Edward laͤchelnd,— adaß oft dem Traume die Wirk⸗ lichkeit voran geht? Treten Sie immer mit ein.« — O'iggle gehorchte mit vielem Zoͤgern.— Sie fanden Richard zu den Fuͤßen ſeiner Gattin. Edwards Eintritt entwaffnete die Zuͤr⸗ nende. Die Gatten umarmten ſich weinend. Dann warf ſich Richard an Edwards Bruſt, der ſeinen Bethenerungen nicht feindlich wider⸗ ſtand. Zuletzt ſagte Steveney zu Aurelien: (Koͤnnen auch Sie mir den Betrug verzeihen, Miß? Ich war Ihrer Achtung niemals werth, fuͤrchte ich.« Aurelis öberließ ihm ungerne ihre Hand, die er ergriffen— weil aus den Augen der kaum. verſoͤhnten Eliſabeth wieder Angſt und Miß⸗ trauen leuchtete. Edward bemerkte dieß, und ſagte ſchnell: Allen Zweifel, allen Verdacht zu zerſtrenen, erklaͤre ich Aurelien fuͤr eine ver⸗ lobte Braut.«—„Die Deine?« fragte Richaid 279 bekuͤmmert und faſt neidiſch. Der Miſtreß Au⸗ gen erhellten ſich, Aureliens Blicke flogen er⸗ wartungsvoll zur Erde.— „Nicht die meine,« begann Edward wieder mit einem Seufzer,— vobſchon ich mein Leben darum gaͤbe, ſie ſo zu nennen. Ahu's Tochter jedoch— nicht wahr, mein Kind?— darf nicht, ſoll nicht mein Weib ſeyn..— Aurelie nickte faſt unmerklich und bekuͤmmert mit dem Haupte.— aHab' ich jedoch dieſes Mannes Blicke verſtanden,« fuhr Edward fort, indem er den uͤberraſchten Kapitaͤn bei der Hand nahm, eund Dein Gefuͤhl, Aurelie, ſo wirſt Du ſein Weib. Er verdient Deine Tugend und Deinen Reiz. Deinen Brautſchatz hat er Dir gerettet. Werde Du ſammt demſelben ſein.« Das leuchtende Auge zu dem in banger Er⸗ wartung ſtehenden Kapitaͤn erhebend, ſich ihXm offen und freundlich naͤhernd, ſagte Aurelie, ohne Ziererei: Mein Vater kann nur eine Nd 280 gute Wahl getroffen haben, ſein Wunſch durch unſere Verbindung dieſe verſoͤhnten Gatten en⸗ ger zu vereinen, iſt der meinige. Es wird mich freuen, Ihren Namen zu fuͤhren.« Seinem Gefuͤhle nachgebend, umſchlang ſich das Paar. Der uneigennuͤtzige Edward druͤckte beide in die Arme. Eliſabeth triumphirte, und reuig, unter beſſern Vorſaͤtzen ſtimmte Richard in ihr Dank⸗ und Siegesgebet. Die Maͤnner⸗ feindin, Lady Corner, entfloh jedoch voll Ver— druß aus ihrem Hanſe, in welchem ein getrenn⸗ tes Paar ſich wiedervereinigt, ein gluͤcklicheres ch verlobt hatte, nach ihrem Landgute. —= 1 Eine Erzählung. aUnſer Vater verſchied geſtern Abend in ader zehnten Stunde. Ich habe ihm die finſtern „Augen zugedruͤckt, ich habe die letzten Worte eſeines ſtrengen Mundes vernommen. Ich werde aallein ſeinen Sarg zur Gruft geleiten. Komme ujedoch ſobald es Dir moͤglich iſt, mein Gelieb⸗ ater, um das Erbe in Beſitz zu nehmen. Ich everlange nicht nach Deinem Troſte, denn nun eerſt athme ich leichter; aber nach Deiner Liebe aſehne ich mich. Komm in meine Arme, in adas Haus, das uns jetzt nicht mehr ein frem⸗ ades iſt. Arthur. Dieſer Brief gelangte an den Studenten Maximilian v. Walderich, als im alterthuͤmli⸗ chen Dom die Veſperglocken gelaͤntet wurden. 284 Seiner Hand entſank das ſchwarze Gewand, das er uͤberzuwerfen im Begriff ſtand. Er legte das Gebetbuch weg, las noch einmal den Brief des Bruders, und beſah ſein laͤchelndes Geſicht im Spiegel. Er zog den Vorhang vor die theologiſchen Buͤcher ſeiner Zelle, band einen Flor um Arm und Hut, und ging aus, die Trauerkleider zu beſtellen. Vom Friedhof heim⸗ uͤber des Vaters Hinſcheiden uͤberlaſſen hatte, trat er vor den Dechant des Kapitels, ſeinen Oheim, und ſagte:„Der Freiherr, Ihr Schwa⸗ ger, ruht bei ſeinen Vaͤtern; ich bin mein eig⸗ ner Herr geworden, und wuͤnſche das Seminar zu verlaſſen, auf das Domherrnkreuz Verzicht zu leiſten. Und der Dechant erwiederte freund⸗ lich, mit dem ſilberhaarigen Haupte winkend: „Thue alſo, mein Neffe. Gott hat dich von großem Zwang erloͤst; danke ihm, und gehe hin. So geſchah es denn leicht, daß Marimilian von ſeinen bisherigen Studien Abſchied nahm, und ſich der heimathlichen Stadt näherte, wie gekommen, wo er ſich ernſthaften Betrachtungen ——— 285 es ſein Bruder wuͤnſchte. Dieſen Bruder nach einigen Trennungsjahren wieder zu ſehen, er⸗ freute Maximilians Gemuͤth ganz beſonders. Die Verhaͤltniſſe ihrer Kindheit waren geeignet geweſen, eine treue Liebe in den Herzen der— Bruͤder zu entzuͤnden. Ebenſowohl von der leichtſinnigen Mutter vernachlaͤſſiget, wie von dem grauſamſtrengen Vater in eiſerne Zwang⸗ feſſeln geſchlagen, hatten ſie nur in ihrem ei⸗ genen Zuſammenleben Erſatz und Troſt gefun⸗ den. Eine Verbruͤderung der Noth hatte ſich dem Bunde der Natur beigeſellt, und wie ſie gewohnt waren, vereint zu leiden, ſo freuten ſie ſich auch nur vereint. Aufrichtigere Thräͤ⸗ nen ſind nie geweint worden, als bei dem Ab⸗ ſchiede der Bruͤder. Nach des Vaters unabaͤn⸗ derlichem Willen, und weil es von jeher ſo herkoͤmmlich in der Familie geweſen, ſollte der juͤngere Sohn Maximilian in das geiſtliche Stift, der aͤltere, Arthur, in die Armee tre⸗ ten. Widerſtrebte gleich beider Neigung der despotiſchen Beſtimmung, hätte gleich der ſanfte, 286 ſchwaͤrmeriſche Arthur lieber das Kreuz, der lebhafte Mar eifriger den Degen ergriffen, das Alter entſchied unwiderruflich, und unter Schwuͤ⸗ ren ewiger Treue gingen die Bruͤder von einan⸗ der. Sie hatten nimmer gehofft, ſich ſo bald wieder vereinigt zu ſehen, und doppelt war darum ihre Wonne, als ſie ſich unter dem Por⸗ tale des vaͤterlichen Hauſes wieder weinend um⸗ armten. Des Vaters Manen zuͤrnten vielleicht, denn ihnen floß die Thraͤne nicht, und nicht dem Andenken der Mutter, die ſchon laͤngſt, ſchnell und leichtſinnig, wie ſie immer gewe⸗ ſen, aus dem Hauſe gegangen war, dahin, woher Niemand zuruͤckkehrt. „In dieſen verſiegelten Schraͤnken und Kof⸗ fern liegt unſer Erbe,» ſagte Arthur, indem er den Bruder im Hauſe herumfuͤhrte;«dieſen Reich⸗ thum ſchenkt Dir und mir die Eroͤffnung des Teſtaments. Aber den beſten Schatz, der Dir nun ungetheilt zugefallen iſt, kann ich Dir nicht zeigen. Du wirſt ihn jedoch erkennen, ich meine mein treues bruͤderliches Herz.* 287 4 Maximilian legte ſich bewegt an dieſes Herz, und Arthur kuͤßte ihn ſanft auf die Stirne. Ich kenne kein hoͤheres Gluͤck,» ſprach die⸗ ſer weiter, aals Dir ferner anzugehoͤren, treu, eigen, unablösbar. Meine in Zwang verſtei⸗ nerte Bruſt ſprudelt wieder friſche Quellen. Ich habe alle Anſtalten getroffen. Das harte Sol⸗ datenhandwerk gebe ich auf; ich ziehe zu Dir, zu unſerm Oheim. In eurer, der Gottgeweih⸗ ten Naͤhe, will ich den Frieden des Lebens ken⸗ nen lernen.* Da rief Maximilian:„Nein, mein Bruder, nicht dorthin, wo ein finſterer Dom und ein kaltes Gepraͤnge uns nicht befriedigen wuͤrde. Auch in bin frei; auch ich habe mich losgeſagt von meinen aufgedrungenen Pflichten. Ich will der Welt angehoͤren, nicht einer eiteln Hoffnung auf einen Heiligenſchein. Arthur wurde bleich bei dieſer Rede; mit einem leichten„Sod» ſenkte er das Haupt und ſchwieg uͤberraſcht. Ein junger, huͤbſcher Mann, in tiefer Trauer, gleich Walderichs Soͤhnen, 288 trat, Maximilian ehrerbietig begruͤßend, zu ihnen. „Doktor Ogger, ſagte Arthur, der ſich faßte.„Du ſiehſt in dem geſchickten Arzte den Mann, welchen unſer Vater in den letzten Jah⸗ ren ſeiner ſchweren Krankheit aus Daͤnemark berief, um von der Kunſt des Geruͤhmten ſeine Herſtellung zu begehren.“ Mar ſchuͤttelte dem Doktor die Hand, und dieſer verſetzte:„Der Himmel hatte uͤber den Freiherrn beſchloſſen; die Wiſſenſchaft war zu Ende. Wenn es mir jedoch nicht gelang, Ihren Vater zu erhalten, ſo wurde ich dagegen Ihres Bruders Freund. Mein Beſtreben, auch der Ihrige zu ſeyn, wird es ſich belohnen?— 4Sie haben meines Va⸗ ters letzte Stunde verſuͤßt, meinen Bruder wie einen Freund getroͤſtet,» erwiederte Maximi⸗ lian; azweifeln Sie daher nicht an meinem Wohlwollen. Erlauben es Ihre Verhäͤltniſſe, ſo bleiben Sie bei uns, daß wir uns naͤher kennen lernen.—«Ich bin der Heimath ent⸗ ſremdet worden, ſagte Ogger;«vor der Hand nehme ich die Freiſtatt in Ihrem Hauſe an, bis Sie dem Ueberlaͤſtigen ſelbſt die Thuͤre wei⸗ ſen.—„Komm jetzt zum Kanzler, forderte Arthur; adie Zeugen ſind auf dieſen Tag be⸗ ſchieden. Komm, lieber Mar, daß das Teſta⸗ ment geoͤffnet werde.« Die Bruder erſchienen vor dem Kanzler. Die Siegel fielen von Walderichs letztem Willen, und Marimilian vernahm mit Beſtuͤrzung und Unmuth, daß ihm die Haͤlfte des Erbes ver⸗ ſagt ſeyn ſolle, wenn er vom geiſtlichen Stande abſtehen wuͤrde. Arthur ſollte in dieſem Falle Univerſalerbe ſeyn, und keine Verbindlichkeit irgend einer Art gegen den Bruder haben. Trotz ſeiner Ueberraſchung erklaͤrte Maximilian unver⸗ holen, daß er Weihen und Pfrunde aufgegeben habe, und lieber ein Bettler ſeyn wolle, als geneigt, um des Vermoͤgens Willen ferner ſeine Luſt, ſeine Ueberzeugung aufzuopfern. Der Kanzler gab ihm nicht Unrecht, und ließ ein Wort von der Moͤglichkeit, das Teſtament ſei⸗ nem Weſen nach anzugreifen, fallen.„Deß Je länger je leber. 11. 19 wahre mich Gott,„ ſagte aber Marimilian hier⸗ auf, adaß ich unſers Vaters letzten Willen feind⸗ ſelig vor den Tribunalen herumſchleppe. Ich habe dem Willen des Lebendigen nicht zu wi⸗ derſtreben begehrt, vielweniger wehre ich den Verfuͤgungen des Todten. Dieſe harte Klauſel bahnt mir den Weg zur Freiheit, und ich will den ſchon betretenen nicht verlaſſen.* Da nun Maximilian darauf beharrte, da Athur ſchwieg, ſo wurde dem Letztern die Macht uͤber alles Walderich'ſche Eigenthum zugeſpro⸗ chen, und die Sache war vor Zeugen abgethan. Als aber die Bräder ohne Zeugen waren, und Maximilian, die Bitterkeit ſeines Herzens kaum bezwingend, grollend und aufgeregt in den däm⸗ mernden Himmel ſah, ohne eine Sylbe zu ver⸗ lautbaren, da umfaßte ihn Athur und redete zu ihm mit ſeltner Milde:«Zuͤrne nicht mir, guter Mar! zurne auch nicht dem Vater, der jetzv, ſo Gott will, im Paradieſe iſt, und be⸗ reut, was er hier unten gegen Dich gethan. Ueberlaſſe es mir, ſein Unrecht gut zu machen. —— N 291 Nimm von meiner Hand, was Dir das unſe⸗ lige Teſtament verſagt hat. Schlage mir's nicht ab.» So wendete ſich denn Max zu dem bitten⸗ den Bruder, und erkannte wieder das Auge, das ſo manches Mal mit ihm geweint, den Mund, der ihn ſo oft getroͤſtet, die freundliche Geſtalt, deren Anblick ihn immer wehmuͤthig angeregt hatte. Denn Arthur glich der ſchoͤnen bleichen Mutter, nach deren Liebe ſich der lei⸗ denſchaftliche Max, des Vaters Ebenbild, ſtets vergeblich geſehnt hatte. Die Verblendete, nach eitelm Tand Jagende hatte nicht Gefuͤhl fuͤr den Gatten, nicht Treue fuͤr die Kinder. Die Natur, den widerſtrebenden Eltern ein Beiſpiel zu geben, vereinigte dafuͤr die Soöhne, daß Arthur in Max den Vater, Max in Ar 3 Mutter liebte und liebend fand. „Arthur lv rief jetzt Maximilian, ihm beide Haͤnde reichend;«ich erkenne Dich und Deine treue Sorgfalt wieder. Ich nehme an, was ſie mir bietet. Es war mir von jeher beſtimmt, 19* 292 Dir Alles verdanken zu muͤſſen. So habe denn Dank, und bereue Deine Freigebigkeit nie!» Somit theilten die Bruͤder, und die Stadt,* worin dieſes laut wurde, belobte Beide ſehr, vor allen jedoch den gefuͤhlvollen Arthur. Sein fruͤheres Leben, ſeine jetzige That gewannen ihm allgemeine Ehre, und es haͤtte faſt nicht des Lobes bedurft, das den Bruͤdern der in vielen Geſellſchaften verbreitete Doktor Ogger zollte, um die Theilnahme der erſten Staͤnde. wie der geringſten auf ihr Haus zu ziehen. Man nannte ſie nur die Getreuen. Sie be⸗ wohnten in dem weitlaͤufigen Prachtgebaͤude der Familie Walderich nur ein Gemach; ſie ſchlie⸗ fen in einem Kabinette, ſie trugen Kleider von einer Farbe, von einem Schnitt. Sel⸗ ten ſah man Einen ohne den Andern. Eine Arbeit beſchaͤftigte, ein Vergnuͤgen zerſtreute Beide. Sich ſelbſt genuͤgend, vernachlaͤſſigten ſie die Kreiſe der hoͤhern Welt: ſie brachen alte Bekanntſchaften ab, ohne neue zu machen, 3 M 293„ und das einzige Geſtirn, das ſich um die Brü⸗ derſonnen drehen durfte, war der junge beliebte und gelehrte Ogger. Seine Vertraulichkeit mit den Freiherren Walderich machte Auf⸗ ſehen und Epoche in dem Grade, als fruͤher ſeine unvermuthete Ankunft die Neugierde er⸗ regt hatte. Es war freilich der Stadt längſt kein Geheimniß geweſen, daß der alte Walde⸗ rich, von ſchmerzhaften Beſchwerden befallen, und deren Linderung ſuchend, in einem See⸗ bade an der daͤniſchen Kuͤſte einen geſchickten Arzt gefunden, daß er in der Folge gewuͤnſcht, denſelben Mann bei ſich in der Heimath zu ha⸗ ben, daß der beſorgte Arthur den Fremden be⸗ wogen, im Vaterlande Alles aufzugeben, um einem einzigen fernen Kranken ſeine Zeit, ſeine Kunſt zu weihen. Aber die Stadt hatte eine ehrwuͤrdige Peruͤcke, ein Paracelſusgeſicht er⸗ wartet, und mit Staunen einen jungen, nach der neueſten Mode gekleideten Mann ankommen geſehen; einen Mann, der nicht alle Apothe⸗ ken der großen Stadt in Bewegung ſetzte, um 6 294 einem Schwerkranken die Huͤlfe der Kunſt zu⸗ zuwenden, ſondern der die einfachſten Mittel ſparſamſt gebrauchte, einen Mann, der ſich nicht wie ein truͤber Alchymiſt in rußige Labo⸗ ratorien verriegelte und daraus unverſtaͤndliche Drakel in die Welt ſandte, ſondern der die Geſelligkeit aufſuchte und ſich durch den Zauber ſeiner Unterhaltung, die den Arzt nie ahnen ließ, Aller Herzen unwiderſtehlich zu bemaͤchti⸗ gen verſtand. So wie er, einem muntern Geiſte aͤhnlich, in allen Salons den Frohſinn beſchuͤtzte, ſo ſchien er auch der Schutzgeiſt der bruͤderlichen Eintracht zu ſeyn, die ſich im Walderichſchen Palais auffallend kund gab. Er war darin der Vertraute, der Schiedsrichter, der Ordner und Haushalter, den Freiherren unentbehrlich, wie ſie es ihm geworden waren. Ein Jahr war auf dieſe Weiſe vergangen, als Arthur ploͤtzlich eine Aenderung in Maxi⸗ milians Betragen zu bemerken glaubte. Der junge Manu wurde traͤumeriſch, zerſtreut, ver⸗ ſchloſſener, ſeltener als ſonſt. Häͤufige Abwe⸗ 5 — * 295 ſenheiten außer dem Hauſe und eine gewiſſe Ab⸗ neigung gegen das innige Verhaͤltniß, das bis⸗ her beſtanden, machten ſich dem Bruder fuͤhlbar. Arthur ſah mit Kummer, daß ſich ſein aͤlteſter Freund nach und nach von ihm entfernte. Er redete daruͤber mit dem Doktor.„Sehen Sie nicht, was den Baron beſchaͤftigt?« fragte die⸗ ſer läͤchelnd.»Sein Herz und ſeine Phantaſie haben einen theuren Gegenſtand gefunden. Sein lebhaftes Temperament macht ſich geltend. Er iſt verliebt; ohne Zweifel iſt er's, und ich glaube die Zauberin zu kennen, die ihn uns entfuͤhrt.« „Er liebte?« fragte Arthur erſchrocken; ver haͤtte ſich von mir gewendet, um eitler Frauen⸗ liebe willen? O reden Sie, mein Beſter. Nen⸗ nen Sie mir..« „Wenn ich mich nicht in Allem betruͤge,« antwortete der Doktor,»ſo heißt ſeine Geliebte Amalie von Treumar, die Tochter der verwitt⸗ weten Generalin, die von ihrer ſehr geſchmaͤler⸗ ten Penſion ein ziemlich kummervolles Leben fuͤhrt, und kaum die Mittel, ſtandesmäßig zu 296 wohnen und zu erſcheinen, aufzubringen vermag. Amalie iſt ein ſchoͤnes, ein braves Maͤdchen, das im Stillen arbeitet und ſchafft, und ſomit ſeine Kindespflichten redlich erfuͤllt. Ihre Tu⸗ genden wie ihre Reize ſind gleich geeignet, Ihren Bruder zu feſſeln, und Ihre eigene Ueberzeu⸗ gung..«4 Arthur winkte ihm zu ſchweigen und ſtarrte mit verſchraͤnkten Armen vor ſich hin, waͤhrend eine Thraͤne in ſeine Wimper ſchlich. Dann ſagte er:»So beſtätigt ſich alſo, was ich lange gefuͤrchtet? So bricht unwiderruflich der Bund, der mich begluͤckte? Ach Doktor! Sie wiſſen beſſer als Einer, wie ſehr mich dieſes Ereigniß ſchmerzen muß! Ich lebe nur in dem undank⸗ baren Mar, und der Augenblick, der ihn von meiner Seite reißt, iſt der Anfang meines To⸗ des.“ Ogger zuckte die Achſeln, wollte ein trö⸗ ſtendes Wort ſprechen, Arthur horte indeſſen nicht auf ihn und ging dem Bruder entgegen, der eben in das Zimmer trat. Mar war froͤh⸗ lich gelaunt, ſein Gang leicht und ſicher, ſeine ——— 29 Bruſt hob ſich frei. Mit einer feurigen Um⸗ armung begruͤßte er den Bruder.»Arthur!« ſagte er,»hilf mir die ſchoͤnſte Stunde meines Lebens feiern. Ich bin ein Braͤutigam gewor⸗ den. Die Generalin Treumar hat heute meiner Bitte entſprochen, mir die Hand ihrer lieblichen Tochter zugeſagt.« Der Doktor entfernte ſich behutſam, da er ſah, wie Arthurs Bruſt ſturmiſch arbeitete, wie ſeine Wangen ſich gluͤhend roͤtheten. Er ahnete den Kampf, der hier entſtehen wuͤrde, und wollte nicht deſſen Zeuge ſeyn. „Max!« rief Arthur, mit einer Heftigkeit ausbrechend, die gewoͤhnlich ſeiner zarten Na⸗ tur fremd war:»ſoll ich glauben, was mir dein Mund ſagt? Du willſt mich verlaſſen, deinen Bruder, deinen waͤrmſten Freund? dein Herz an ein Maͤdchen haͤngen, leichtſinnig, flatter⸗ haft, wie ſie alle ſind2« Maximilian ſtaunte ſprachlos. Arthur fuhr aber heftiger fort:»Erfuͤllſt du ſo, was wir uns heilig zugeſchworen haben, ungetrennt, un⸗ 298 geſchieden durchs Leben zu wandeln? Sind dieſe Eide an dem Buſen einer Fremden zerronnen? Rede! ſprich! warum?« Marximilian entgegnete:»Ich begreife dich nicht, Arthur! Wie koͤnnte es mir einfallen, dir zu begegnen, wie du es mir thuſt, wenn du aufhoͤren wollteſt ein Hageſtolz zu ſeyn? Häͤtte ich dem Altar Lebewohl geſagt, um ſeine druͤckenden Pflichten gegen den Bruder zu bev⸗ bachten?«»Du bringſt Ungluͤck uͤber dich und unſer Haus, wenn du dich vermaͤhlſt!« erwie⸗ derte Arthur, ihn aͤngſtlich bei der Hand faſſend. „Entſinne dich der traurigen Ehe unſerer Eltern! entſinne dich der Verwuͤnſchung, die unſer Va⸗ ter auf ſeinem Sterbelager uͤber mich ausſprach, wenn ich mich verehlichen wuͤrde! Ich habe dir die granſende Scene geſchildert. Wenn ich da⸗ mals dem Sterbenden nachgab und ihm verſprach, nimmer Gatte und Vater zu werden, weſſen Bild troͤſtete mich in meiner Entſagung? das deine. Wen wollte ich aufſuchen, um bei ihm zu leben, bei ihm zu ſterben? dich, der dazu⸗ 299 mal der Kirche angehoͤrte. O du haͤtteſt dieſe Bande niemals loͤſen ſollen! haͤtte ich nicht deine Einſamkeit erfreut? haͤtte ich, dein treue⸗ ſter Gefaͤhrte, nicht jede deiner Entbehrungen verſuͤßt? habe ich dir endlich nicht wieder ge⸗ geben, was unſer Vater dir verſagte? Und zum Lohne. 4 „Willſt du mir verbieten, Menſch zu ſeyn?4 3 brauſte Mar heftig auf;»welche Zumuthung! Wohl war unſers Vaters Ehe ungluͤcklich, aber ſein rauhes Gemuͤth traͤgt mit der Schwaͤche unſerer Mutter gleiche Schuld. Er war ein Tyrann, ſelbſt in der letzten Stunde. Weil er mit ſeiner Gattin ungluͤcklich geweſen, verfluchte er das weibliche Geſchlecht, verſagte er den Soͤhnen die Moglichkeit gluͤcklich zu werden, ſchlug er unſern alten Stamm an den kraͤftigen Wurzeln ab. Ein Thor, der ſich in ſolchen Schlingen gefangen gibt! Ich habe keine Luſt, ein Thor zu ſeyn.«»So ſey ein Menſch, treu, herzlich, fuͤhlend wie ſonſt!« bat Arthur, von ſeiner Heftigkeit zur Wehmuth herabgeſtimmt. 3 300 »Sieh mich an; ich bin aͤlter als du, ich habe dich, der Knabe den Knaben, auf meinem Arme getragen. Ich habe dich gefuͤttert, weil die Mutter dich vergeſſen. Ich habe ehrlich mit dir ausgehalten, ich habe Alles mit dir getheilt. Sieh mich an; ich muß in der Welt einſam vergehen, wenn du nicht meine Stuͤtze bleibſt. . Mein Koͤrper iſt nicht ſtark, die Parze wird meinen Lebensfaden nicht lange ſpinnen. Bleibe bei mir; wie bald ſind nicht die Jahre der Ju⸗ gend voruͤber, die mich allein aufrecht halten, und ich lege mich dann in die Erde. Ich habe der Mutter Angeſicht geerbt, aber nicht minder, fuͤrchte ich, den Keim der verzehrenden Krank⸗ heit, welche ſie endlich dahinraffte. Wenn ich von hinnen ſcheide, biſt du noch ein hluͤhender Mann, kraͤftig wie der Vater geweſen, und jung genug, um der Liebe Kraͤnze auf dein Haupt zu ſetzen. Thue dann, was dir gefaͤllt, gehe nur jetzt nicht von mir. Sage mir nicht, ich ſolle bei dir und deiner Gattin wohnen, einer gedoppelten Liebe und Pflege gewaͤrtig ſeyn. 301 Meiner Liebe zu dir wuͤrde die Gattin zür⸗ nen, ihrer Eiferſucht wuͤrdeſt du mich auf⸗ opfern muͤſſen. Ich wuͤrde weinend davongehen und unter Fremden ſterben muͤſſen!« „Laſſe doch die Empfindelei aus dem Spiele,« ſagte Max halb aͤrgerlich, halb geruͤhrt;»wahr⸗ haftig, wer dich hoͤrte, mußte dich fuͤr ein Mäd⸗ chen halten, deſſen Eiferſucht dem Geliebten Jammer und Elend prophezeiht, um ihn zu feſ⸗ ſeln. Sey vernuͤnftig, laſſe mich gewaͤhren. Denke nicht an einen fruͤhen Tod. Es malt ja ein zartes Roth deine Wangen, und biſt du nicht ein derber Mann geworden, ſo gleichſt du doch einer feinen, geſunden Jungfrau, und dein Lebensziel iſt, ſo Gott will, ſehr weit entfernt. In meinem Hauſe ſollſt du Muth zu langem Le⸗ ben gewinnen, die treueſte, dankbarſte Pflege ſoll dir von mir und meiner Gattin werden, und wenn ſich Eiferſucht in unſer ſtilles Haus⸗ weſen miſchen ſollte, ſo muͤßte es nothwendig nur die meinige ſeyn. Weiß ich etwa nicht, daß Amalie lange Zeit hindurch eine ſtille Nei⸗ N 302 gung zu dir gehegt? Der Chevalier d'Eon, wie dich deine Kameraden ſcherzweiſe nannten, hatte ihr Herz mit Sturm genommen, ohne es ſelbſt zu wiſſen. Seine Kaͤlte gegen das ſchoͤne Geſchlecht hatte jede Annaͤherung verhuͤtet, und ſo ging endlich Malchens Neigung unter, um ſich mir verdoppelt zuzuwenden. Beruhige dich, ich bin nicht argwoͤhniſcher Natur; ich kenne deinen und Amaliens ſittlichen Werth und pro⸗ phezeihe uns Allen gluͤckliche Tage.« Arthur laͤchelte tiefſinnig und ſchmerzhaft, ohne zu reden. Marimilian, ſein Spiel gewonnen ſehend, plauderte froͤhlich weiter.»In zwei Mo⸗ naten ſoll die Hochzeit ſeyn. Sechszig Tage der entzuͤckendſten Sehnſucht ſtehen mir bevor, und ich habe mir ausgedacht, daß unſer Oheim, der Dechant, die Trauung verrichten ſoll. Du ſchlaͤgſt mirs nicht ab, Arthur, mein Brautfuͤhrer zu ſeyn. Der Himmel gebe, daß deine Vorurtheile bald ſchwinden moͤchten, damit ich dir den glei⸗ chen Dienſt erweiſen koͤnne. Vor der Hand duͤrfte es aber ſchicklich ſeyn, wenn wir zum Zeichen 303 N unſeres innigen Einverſtaͤndniſſes zuweilen ver⸗ eint die Braut und die Schwiegermutter beſuch⸗ ten. Was meinſt du dazu, mein Bruder?« Arthur antwortete nicht, ſondern blickte zer⸗ ſtreut durchs Fenſter. Max, von ſeiner Stim⸗ mung ergriffen, trat zu ihm, faßte ſeine Hünd, ſah ihm zaͤrtlich ins Geſicht und fragte ſchmei⸗ chelnd:»Du ſchweigſt noch, mein guter Arthur? haſt du keine Sylbe fuͤr mich? zuͤrnſt du mir denn noch immer in blindem Vorurtheil? Kann dich denn die Wahrheit meiner Gefuͤhle, die Hoffnung auf mein Gluͤck nicht verſoͤhnen?«— „Ich muß mich erſt mit dem Gedanken vertrau⸗ ter machen,« verſetzte Arthur, von dem Bru⸗ der gehend. Marimilian, der in dieſen Worten die Ruͤckkehr gewohnter Freundlichkeit ſah, ſang ſchon ein Siegeslied und entfernte ſich mit den beſten Hoffnungen. »Sie ſagten die Wahrheit, Doktor,« ſprach Arthur zu demſelben, der wieder erſchien.»Der boͤſe Menſch liebt und ſetzt ſein einzig Gluͤck in die Gegenliebe ſeines Maͤdchens. Sey es denn!⸗ 304 —»In die Gegenliebe?« fragte Ogger bedeu⸗ tend;»Sie irren, Herr Baron. Dieſe Gegen⸗ liebe iſt nicht——»Wie?«—»Die Gene⸗ ralin hat der Tochter befohlen, Ihren Bruder zu heirathen, weil er durch Ihre Guͤte reich iſt, und der Armuth der Familie mit Einem Male ein Ende macht. Amalie opfert dem Wohle der Mutter ſich ſelbſt und ein geliebtes Bild, das ſie ſeit Langem, wenn gleich ohne Hoffnung, im Herzen trug.« Arthur fragte erroͤthend und ahnend nicht weiter, und der Doktor ließ, wie er immer zu thun pflegte, die angeſchlagene Saite gleichmuͤ⸗ thig verklingen. Die Eintracht der Bruͤder nahm wieder zu. Beide beſuchten das Haus der Ge⸗ neralin. Arthur war der getreue, gelaſſene Be⸗ gleiter des feurigen Liebhabers. Er pruͤfte, er verglich; er fand Oggers Ausſpruch beſtätigt. Amalie ſchien zu lieben, aber nicht den Freiherrn Mar von Walderich. Die Generalin verrieth Geiz und Mißtrauen. „Eine Frau, die ihn nicht liebt! eine hab⸗ M 305 ſuͤchtige Schwiegermutter!“ ſagte Arthur einſt zu dem Doktor;»Max wird ungluͤcklich. Er rennt in ſein Verderben und meine Angſt ſteigt von Minute zu Minute.« Ogger zuckte die Achſeln, ein Beweis, daß er Arthurs Anſicht billigte, ohne ſich jedoch wei⸗ ter darauf einzulaſſen. Arthur ſah ſich auf ſein eigen Gefuͤhl, auf den Bruder verwieſen. Er redete mit Maximilian. Dieſer ſpottete anfangs ſeiner, dann zuͤrnte er ihm. »Du willſt meine Braut verdaͤchtigen! Es gelingt dir nicht. Meine Liebe mißfaͤllt dir, ich weiß das; mag ſie es doch; geſtehe mir aber geſunde Vernunft zu. Ich liebe Amalien unſaͤglich; ſolche Leidenſchaft bleibt nie ohne Erwiederung, und die Zuruͤckhaltung der Jung⸗ frau wird die waͤrmere Liebe der Gattin begeh⸗ renswerther machen..—»Deine Leidenſchaft taͤnſcht dich..—»Dich betruͤgt die deine, die der Eiferſucht. Sonderbarer, ungluͤcklicher Menſch! du beneideſt mein und Amaliens Gluͤck. Ich ſoll an deinem veroͤdeten Herzen verdorren, und Se länger, je lieber. II. 20 306 Amalie elend ſeyn! Oder hätte vielleicht ihre Schoͤnheit deine Seele geruhrt? Verlangteſt du nach meinem Reichthum?« Arthur ſtarrte den argwoͤhniſchen Bruder an. Dann trat eine bittere Verachtung auf ſeine Lippen; er ſchwieg. Der in der Hitze verblen⸗ dete Mar taͤuſchte ſich uͤber Arthurs Gefuͤhle. Er fuhr fort:»Sieh wie deine Seelenſchuld ſich verraͤth! Ich habe deine Tuͤcke ergruͤndet. Du ſpielſt die Schlange in meinem Paradieſe!« „Undankbarer!« ſtammelte Arthur empoͤrt und wollte den Wilden verlaſſen. Dieſer hielt ihn zuruͤck. „Welchen Namen nannteſt du?« fragte Ma⸗ rimilian geſteigert;»ha! wie ſich bei und in dieſem Worte Alles, was ich von dir erhalten und genoſſen habe, wie ein Gebirge auf meine Bruſt legt! Biſt du mein Wohlthaͤter gewor⸗ den, um mein Henker zu ſeyn? war ich etwa ein zudringlicher Bettler, den man vor die Thuͤr zu jagen oder zu mißhandeln ſich das Recht nimmt? Oder gabſt du mir vielleicht ein Al⸗ moſen, um mir bequemtt den Dolch ins Genick. 7 307 n zu ſtoßen? Nimm Alles zuruͤck, du moraliſcher Meuchelmoͤrder, was mich an dich bindet, die Zaubertraͤnke, die mich beranſchen ſollten!« »Maximilian! noch ein Wort, und du zer⸗ reißeſt den Zauber der Natur fuͤr immer!« rief Arthur, von Zorn und Angſt ergriffen. »Das will ich, heuchleriſcher Bube!« ent⸗ gegnete Max, vich will's, ſo wie ich dieſen Pakt zerreiße, der mich dir leibeigen machen ſollte« Die Schenkungsakte, die ihm Arthur uͤber die abgetretene Vermoͤgenshaͤlfte zugeſtellt hatte, flog zerſtuͤckt zur Erde. »Unſinniger! was thuſt du?« »Frage nicht. Ich bin ein Mann; habe Kraft und Muth. Mein Weib zu ernaͤhren, ſoll mir nicht ſchwer fallen; auch ohne die Huͤlfe des Selbſtſuͤchtigen, der mir mit ſeinem Golde mein Gefuͤhl abkaufen wollte. Dir zum Trotze werde ich mit Amalien gluͤcklich ſeyn; und Du, verzweifle einfam auf deinen Schaͤtzen!« »So fahre denn hin, Opfer einer tollen Be⸗ gier!« zuͤrnte Arthur dem Davoneilenden nach; 9 5 308 „fahre hin aus dem Schooße des Gluͤcks in dein Elend! du haſt meine Liebe zu dir ermordet, ich kenne dich nicht mehr!« Die Folge dieſer harten Worte war, daß ſich Arthur ſehr erſchoͤpft fuͤhlte und in einen ſchweren Fieberzuſtand verfiel. Oggers Geſchick⸗ lichkeit maͤßigte auf der Stelle die Gewalt der Krankheit. Mit der voͤlligen Beſinnung kehrte auch die Sehnſucht nach dem Bruder in Arthurs Bruſt zuruͤck. Es war Abend geworden.»Wo iſt mein Mar?« fragte er ſorglich: vich will nichts geſagt haben; er ſoll wieder Alles neh⸗ men, was er beſaß; er ſoll empfangen, was ich noch beſitze; er ſoll gluͤcklich ſeyn, wenn er's vermag. Senden Sie nach ihm, Doktor!« Der Doktor that es. Der Diener fand den Baron nicht auf ſeinem Zimmer, nicht im Hauſe. „Zur Generalin!« ſtammelte Arthur.»Wenig⸗ ſtens erfahre er morgen durch Sie...4 „Ich uͤbernehme das ſelbſt!« verſetzte der Arzt und ging ſchnell zu der Frau von Treu⸗ mar.„Baron Max iſt ein Bettler geworden, — —— N 309 AMn ſagte er zu der Generalin.»Baron Arthur liegt krank, und Ihr Hochzeittag iſt der ſeines To⸗ des,« ſagte er zu Amalie, und kam zu Arthur zuruͤck, ihm zu berichten, daß er ſeinen Bru⸗ der nicht gefunden. Der Kranke hoffte von Stunde zu Stunde auf deſſen Erſcheinen. Alles vergebens. Endlich am zweiten Abend ſeit je⸗ nem bedauerlichen Zwiſte tritt Maximilian in die Krankenſtube, bleich wie ein Entgeiſterter und verhaltenen Schmerz auf dem ſtummen Munde. Arthur hat zehn Fragen an ihn gerich⸗ tet, ehe er einer Antwort faͤhig wird. »Freue dich,« ſagte er hierauf bitter und verſchloſſen,»dein Wunſch iſt erfuͤllt worden, und ich bin doppelt elend. Mein Herz iſt in Jammer verſunken; waͤhrend ich hoffte, nur ir⸗ diſche Guͤter entbehren zu muͤſſen, fiel mein himmliſches Beſitzthum treulos von mir ab.« „Wie das, mein Bruder?« »Erheuchle keine Unwiſſenheit! dir verdanke ich, daß ich nun das weibliche Herz kennen ge⸗ lernt. Die Generalin nahm ihr Wort zuruck; 310 Amalie hat mir ein ewig Lebewohl geſagt. Ich bin arm geworden, der Zauber iſt zerfloſſen, ich ſtehe allein, ein getaͤnſchter Thor, und will in der Ferne Menſchen ſuchen, die es ehrlicher mit mir meinen.» Maximilian ſtuͤrzte fort, ohne auf den Nuf ſeines Bruders zu hoͤren, und es wurde nichts mehr von ihm vernommen. Arthurs Geneſung wurde durch dieſe Betruͤbniß ſehr aufgehalten; indeſſen heilte die Zeit dennoch ſeinen Koͤrper. Oggers Bemuͤhungen waren unablaͤſſig. Sie ſiegten uͤber das phyſiſche Leiden. »Ihnen bin ich mein Leben ſchuldig,« ſagte der dankbare Arthur;»doch die Wunde meines Herzens heilt nimmer. Ich habe in der Welt keinen Menſchen gefunden, den ich lieben moͤchte wie meinen Bruder, und der Unſelige verlaͤßt mich!« »Er wuͤrde Sie auch verlaſſen haben, wenn er ſich vermaͤhlt haͤtte!« troͤſtete der Doktor. »Die Treumar iſt eine Schlange, eine habſuͤch⸗ tige Kokette, wie es ihre Mutter geweſen. Als — „——— ——— 311 Gattin hatte ſie die Bruͤder getrennt, wie ſie ſich jetzt von dem Armgewordenen losgeriſſen. Maximilian iſt gluͤcklich, daß ſie von ihm ſchied, aber er iſt zu beklagen, daß er Ihnen ſo unend⸗ lichen Kummer verurſacht. Sie waͤren indeſſen ein Moͤrder an ſich ſelbſt, wenn Sie dieſem Kummer ewig nachhaͤngen wollten. Bluͤht nicht auch Ihnen die Zauberfrucht der Jugend? Thun Sie, was der Unſelige thun wollte. Suchen Sie in einem wohlgepruͤften Ehebunde Zerſtreu⸗ ung, Gluͤck und Heiterkeit.« „Nimmermehr!« verſetzte Arthur,»ich habe es meinem Vater geſchworen, ich will mein Wort nicht brechen. Meine Tage, lieber Dok⸗ tor, ſind gezaͤhlt. Ich fuͤhle, daß ich meiner Gattin bald den Wittwenſchleier uͤberwerfen wuͤrde. Schweigen wir davon.« „Wie vermoͤchten Sie das Ziel Ihres Lebens zu beſtimmen? Selbſt der Arzt hat nur Muth⸗ maßung, die eine heilſame Umwaͤlzung der Na⸗ tur gar oft zu Schanden macht. Bedenken Sie ſelbſt Ihren Reichthum, Ihre Guͤter— wollen 312 Sie dieſelben lachenden Fernerben hinwerfen, waͤhrend„ »Nicht weiter, Doktor, mein Bruder...« »Wenn es ſich erwahrt, was hin und wie⸗ der verlautete? wenn er in dem Kriege, wohin ihn ſeine unbaͤndige Natur gefuͤhrt, den Tod gefunden haͤtte?« »Dann bliebe mir noch ein Freund, wuͤrdig, die Gluͤcksguter zu erben, die ich dem Zufall verdanke, Sie, Herr Doktor.« »Mein Gott! Sie beſchaͤmen mich.“ »Sie ſollen im geltenden Augenblicke ſehen, wie ſehr es mir mit dieſer Aeußerung Ernſt iſt.« »Der Himmel behuͤte Sie noch lange!« Der Bediente brachte eine Karte. Die Ge⸗ neralin von Treumar war geſtorben, und der Vormund der hinterbliebenen Tochter, ein Land⸗ edelmann, lud den Adel der Stadt zur Leichen⸗ feier ein. »Amalie iſt eine Waiſe geworden, wie ich,« ſagte Arthur;»ich werde hingehen, ſie zu troͤſten.« ———————— M 313 Der Vormund empfing den nach einigen Ta⸗ gen Einſprechenden kurz angebunden. Amalie war erſchrocken, in ihren Augen perlten Thraͤ⸗ nen. Sie entfloh ohne wieder zu erſcheinen, und des alten Herrn gleichguͤltige Hoͤflichkeit jagte den Baron aus dem Hauſe. Arthur wollte ſich's kaum geſtehen, daß Amaliens Zuͤge einen heftigen Eindruck auf ſein Herz gemacht hatten; dieſen Eindruck verwiſchte indeſſen das unange⸗ nehme Gefuͤhl, das er mit ſich aus Treumars Hauſe getragen. Er kehrte aber dennoch dahin zuruͤck; Amalie war zu ihrem Vormund auf das Gut gezogen. Er ritt hinaus und kehrte tief⸗ ſinnig heim.»Sie lieben Amalie,« ſagte der Doktor einſylbig. Arthur laͤugnete nicht.»Sie waren Amaliens erſte Neigung, und ich meine, Sie ſind nicht von ihr vergeſſen worden.« Ar⸗ thur ſtuzte; er fragte den Doktor um ſein Ur⸗ theil; Ogger zuckte wie gewoͤhnlich die Achſeln, Arthur uͤberſah es, er uͤberſah ſogar den Eid, an dem er heilig gehalten. Er wiederholte ſeine Beſuche. Der Doktor begleitete ihn. Waͤhrend dieſer, der⸗ Amaliens Vertrauen waͤhrend der Krankheit ihrer Mutter, die er behandelt, er⸗ rungen hatte, wie nicht minder das Wohlwollen des Vormunds, waͤhrend er alſo mit dem Letz⸗ tern ein Spielchen machte, redete Arthur mit Mund und Herz zu Amalien.»Mein Ungeſtuͤm vielleicht hat Ihnen den Geliebten geraubt;« ſagte er zu ihr.»Der Ungluͤckliche kehrt nim⸗ mer zuruͤck. Darf ich Ihnen Erſatz leiſten?« Und ein Strahl der Fruͤhliebe brach ſiegreich aus Amaliens Augen, und ihre Bruſt hob ſich maͤchtig, und ihr Mund— verneinte. Arthur ſchien gekraͤnkt, riß das Gefuͤhl aus ſeiner Seele und beneidete den Doktor, der kalt und gleich⸗ gultig, wie immer, das ſchoͤne Maienbrunn fort und fort beſuchte, ohne ſich in ſuͤße, aber beaͤngſtigende Netze zu verſtricken. Ogger war an einem prachtvollen Tage nach dem Gute ge⸗ ritten, Arthur allein zu Hauſe. Da bringt ihm ein Jockey ein Billet.»Sie werden als Mann von Ehre bei dem Siegmundshaag erwartet. Sie können bis Abend vier Uhr dort eintreffen, — ——— —— N 315 und werden, man nimmt zum Voraus Ihr adelig Wort zum Pfande, unfehlbar erwartet.« Eine fremde Hand ohne Unterſchrift; der Jockey antwortet nicht und verläßt das Hotel. Stets bereit der Stimme der Ehre zu gehorchen, ruͤſtet ſich Arthur, obwohl von unheimlichen Ahnungen beſtuͤrmt, zu der Fahrt. Er beſteigt ſeinen Wagen, ein einziger Diener geleitet ihn. Mit Wehmuth wirft er einen Blick nach dem Thuͤrmchen von Maienbrunn, als er das Berg⸗ gelaͤnde hinab zum verſteckten Siegmundshaag fahrt. An dem Schlagbaum der Waldanlage läßt er Wagen und Diener zuruͤck, wandert zu dem Alleeſtern, der den Mittelpunkt der Anlage bildet. Plotzlich ſteht ein fremder Offizier vor ihm.»Herr von Walderich?«—»Ich bin's.* —»Sie ſind gefordert.»Von wem?«—„Von einem Manne, den Sie ſchwer beleidigten..— „Ich wuͤßte nicht..«—»Glauben Sie mir in⸗ deſſen. Beſtimmen Sie die Waffen.«—„Selt⸗ ſame Ausforderung! Ich werde beſchieden wie zu einem Meuchelmorde. Ich komme ohne Waf⸗ N 316* fen, ohne Sekundanten.«—»Sie beduͤrfen kei⸗ nes Sekundanten Ihrem Gegner gegenuͤber. Das Gebuͤſch oͤffnet ſich; Maximilian tritt in Uniform hervor. Arthur ſtoͤßt einen Schrei der Freude aus. Er ſtuͤrzt auf den Bruder zu, er ruft:»Wahrlich! hier bedarf ich auch keiner Waffen!? Er will ſich an Maximilians Bruſt werfen. Dieſer weiſt ihn aber ernſt und hart zuruͤck. »Ich bin nicht gekommen, um mit Dir zu ſchwaͤrmen, giftiger Heuchler!« ſagt Marimilian; »Deine Vosheit liegt am Tage. Sieh hinuͤber nach dem Dache von Maienbrunn, und erfahre, daß ich Alles weiß. Amaliens Pflegevater, ein redlicher Mann, dem ich meinen Aufenthalt, meine neu aufgelebten Wuͤnſche mittheilte, ſchrieb mir die Wayrheit. Du haſt Amaliens Mutter gegen mich aufgewiegelt, Du haſt Amalien hin⸗ terbringen laſſen, ihre Vermaͤhlung ſey Dein Tod, und die Schuͤchterne, von ehemaliger Liebe er⸗ ſchuͤttert, gehorchte kindiſcher Angſt und dem Geiz der Mutter. Du haſt mich von Allem, M 317 was mir theuer war, geriſſen und in den Kampf geſtoßen, dem ich, der Verzweifelnde, dieß Ehren⸗ kleid verdanke. Du bewirbſt dich um Amaliens Hand, und die Ungetreue iſt auf dem Punkte, Deine Beute zu werden. Ich bin im Lager wild und gierig nach Blut geworden; ich duͤrſte nach dem Deinen. Nimm dieſe Piſtole und erſchieße zuvoͤrderſt mich, wenn Du das Leben lieb haſt! „Welch ein Schauſpiel willſt Du geben, Ent⸗ ſetzlicher!« rief Arthur zuruͤckſchaudernd;»von Irrthum befangen, willſt Du das Ungeheure thun? verwirklichen, was im Gedicht die feind⸗ lichen Bruͤder beginnen? Hoͤre mich la „Deine gleisneriſche Stimme? Deinen Si⸗ renengeſang, blaſſer, eiferſuͤchtiger Adonis? Be⸗ weiſe jetzt lieber, daß Du deines Fuͤrſten Rock mit Ehre getragen. Laß ſehen, ob unter der maͤdchenhaften Roſenſtirne des Mannes Muth nicht fehlt! Schlag an und mache ein Ende mit mir!« »Der Himmel ſchuͤtze mich vor Suͤnde!« ſagte Arthur verabſcheuend und warf die Piſtole von 318 n ſich; licber ſterbe ich, ehe meine Hand ſich gegen den Bruder erhebt!« »Feiger! Brautbett oder Grab! verſetzte dagegen Maximilian voll Wuth und druͤckte auf den ſich Abwendenden ſein Gewehr los. Dem Munde Arthurs entfuhr ein Wehruf. Sein Blut rrieſelte ins Gras, ſeine Hand war verwundet. Dieſes Schauſpiel uͤberwaͤltigte Maximilians Zorn. Weinend und angſtvoll umarmte er den Bruder, miſchte mit ſeinen reuigen Zaͤhren das Blut der Wunde. Athemlos eilte Doktor Ogger herbei.»Iſt's zu ſpaͤt?« rief er wie ein Ver⸗ zweifelnder und warf ſich vom Pferde.»Ich er⸗ fuhr erſt vor wenigen Minuten... Friede zu ſtiften eilte ich hieher! Ein Mißverſtand hat hier gewaltet und ein Opfer getoͤdtet!« »Nicht doch, Doktor,« ſtammelte Arthur, durch Schmerz und Thraͤnen laͤchelnd.»Die leichte Wunde, die ich mir aus Verſehen beigebracht, iſt fuͤr Ihre Kunſt ein Kinderſpiel. Wir haben Zi Marximilian, nicht wahr, wir ſünd ſchon verſoͤhnt?4 N 319% Mar antwortete nur mit Schluchzen und Seufzern, verbarg ſein Antlitz an Arthurs Halſe. Waͤhrend Maximilians Waffengefährte den Ver⸗ wundeten verband, ſagte Ogger:»So ſey Gott gelobt! Jeder Zorn, den Sie, meine Herren, noch hegen moͤchten, falle auf mein Haupt. So eben hat Herr von Maienbrunn mir entdeckt, daß er von Ihrem Zuſammentreffen wiſſe. Sie hatten es ihm geſchrieben, Herr Baron. Suchen Sie Genugthuung an mir. Meine Theilnahme fuͤr Ihren Bruder ſprach die Worte aus, die Sie erzuͤrnen, weil Sie vorausſetzen, daß Amaliens Sinn dadurch eine Aenderung erlitten. Beſtrafen Sie mich fuͤr meine unbeſonnene Rede, aber laſſen Sie mich mit der frohen Ueberzengung hinubergehen, daß zwei zuͤrnende Bruͤder ſich auf ewig neu verſoͤhnten.« Beſchaͤmt und leidend war Marimilian keines Wortes maͤchtig. Arthur ſtreichelte deſſen Wan⸗ gen und Locken und ſagte:»Komm mit mir ins Vaterhaus zuruͤck, das Dir meine Liebe nie ver⸗ ſchloß. Auch der Geliebten Herz iſt Dir nicht 320 verſchloſſen. Es verſagte ſich mir, und wenn ich bereit bin, zu jeder Stunde mein Leben fuͤr Dein Gluͤck hinzugeben, um wie viel mehr eine Liebe, die nur ein ſchwacher Schatten gegen die Liebe iſt, welche ich fuͤr Dich hege. Komm, und voruͤber ſey der Zwiſt, der uns ſchied.« Sie zogen im Triumph in Walderichs Haus. Ein ſchoͤner Himmel ſpannte ſich uͤber ihnen aus. Das Volk redete wieder von der Alles beſiegen⸗ den Bruderliebe, das Gras auf dem Grabe der Eltern ſchien luſtiger zu gruͤnen. In dem Schvoße dieſer Freude genaß Arthur ſchnell von ſeiner Wunde. Den Arm noch in der Binde tragend, aber erglaͤnzend von Wonne trat er vor den Bruder und fragte, ihn umarmend:»Biſt Du gefaßt, Maximilian? Du haſt Amalien noch nicht geſehen, und mir gebuͤhrt es jetzt, Dich zu ihren Fuͤßen zuruͤckzufuͤhren. Gilt vor der Hol⸗ den das Wort des verſchmaͤhten Werbers, ſo wird der Geliebtere nicht unzufrieden von dannen gehen.« 321— »Ach, Arthur,« ſtotterte Mar ſehr uberraſcht, »beſchaͤme mich nicht ſo grauſam! Nach der En⸗ gelsguͤte, die Du entfaltet, kann ich nicht ſchnoͤde von Dir gehen. Du ſiehſt mich freudig bereit, Dir jeden Augenblick zu widmen. Deine ſeltene Liebe iſt heiliger als Franuengunſt; laß mich bei Dir.« »Mit blutendem Herzen?« laͤchelte Arthur, »nicht ſo, mein Freund. Ich war ein un⸗ kluger, leidenſchaftlicher Thor, da ich Deinen Willen zu beſchraͤnken dachte. Ich habe bereut, Du ſollſt gluͤcklich werden; ich will Deine Zu⸗ friedenheit ſehen; ſie ſoll mein ſchoͤnes Abend⸗ roth ſeyn.« Der liebegluͤhende Mar kaͤmpfte nicht gegen die dringende Forderung Arthurs an. Auch dem letztern koſtete der Entſchluß, das Gute zu thun, keinen ſchweren Kampf. Er fuͤhrte frendig, wie in der Vorwelt ein Paladin ſeinen uͤber⸗ Je länger ,je tieber. H. 21 N 322 vw wundenen Feind, den muthigen Neuwerber vor ſeine Dame, und bat ſelbſt in deſſen Namen um das begluͤckende Jawort. Maienbrunn's Wunſch war erfuͤllt, der Doktor ein ſchweigender Zeuge der Scene. Amalie, deren Wange bald rothe, bald weiße Roſen trieb, begehrte ängſtlich ver⸗ legen Bedenkzeit. Mar war ſich ſeiner Schuld gegen die Theure bewußt, und häͤtte ihr Jahresfriſt bewilligt. Arthur beſchraͤnkte, uͤber den unvermutheten Auf⸗ ſchub erſtaunt, mit Muͤhe die Bedenkzeit auf ein Monat, und kehrte mit froher Hoffnung fuͤr den Bruder mit demſelben heim. Maximilian eilte, den im Abendwinde wiſpelnden Waldbaͤumen ſeine Sehnſucht zu klagen. Arthur redete indeſſen mit dem Doktor. „Ich bin erſchoͤpft,« ſagte Arthur;»der Auf⸗ tritt zu Maienbrunn hat mich bedenklich ange griffen. Meine Wange flammt, waͤhrend meine —— — Stirn kalt wie Eis iſt, und meine Bruſt iſt wie zuſammengeſchnuͤrt. Ich fuͤrchte, lieber Dok⸗ tor, es moͤchte bald Zeit ſeyn, meinen Mar zum Altar zu fuͤhren, wenn ichs uͤberhaupt noch thun ſoll. Sagen Sie mir nichts, troͤſten Sie mich nicht; ich fuͤhle den Wurm am Keim meines Lebens. Um ſo vorſichtiger muß ich jedoch zu Werke gehen. Ein redliches Wort zu Ihnen, mein Beſter. Sie kennen meine Freundſchaft, erinnern ſich meines Verſprechens. Ich habe bereits laͤngſt mein Teſtament bei meinem Notar niedergelegt. Es ſpricht Ihnen alles zu; jedoch haben ſich die Dinge geaͤndert. Mein Bruder iſt in ſeine alten Rechte getreten. Ich werde ein anderes Teſtament entwerfen. Sie ſind un⸗ eigennuͤtzig, Freund; darnm ſage ich Ihnen dieſes Alles offen und ehrlich. Sie werden nicht ver— geſſen ſeyn; allein Sie begreifen....« »Herr Baron,« ermahnte Ogger,»wofuͤr halten Sie mich? habe ich je den Erbſchleicher gemacht? war ich nicht der Vermittler und 21* Suͤhnende zwiſchen Ihnen und dem Baron Mar? Dieſem Letztern gehoͤrt Ihr Gut von Rechts⸗ wegen, und von Ihrer Billigkeit erwarte ich nur eine kleine Penſion, die mich fuͤr den Ver⸗ luſt entſchaͤdige, den ich in meiner Praris er⸗ litten, als ich hieher kam, mich einzig Ihrem Hauſe zu widmen.« Arthur druͤckte dem Ruhigen die Hand und verſetzte:»Eine Gewiſſensfrage, Beſter. Ich, ein Anhaͤnger des Coͤlibats, habe gegen die Ehe gefrevelt. Hymen raächte ſich, indem er mich ſelbſt nach ſeiner Fackel luͤſtern machte, und ſie dem ſchnell Bekehrten ſpottend verſagte. Ich moͤchte jetzv, wenn ſchon nicht meine Perſon, doch die ganze Welt verheirathen. Hätten Sie nicht eine Gefaͤhrtin gefunden, mit welcher Sie an Maximilians Ehrentage das zweite Paar vorſtellen moͤchten? Reden Sie aufrichtig; und wenn es iſt, ſo verſchmaͤhen Sie nicht die be⸗ ſcheidene Ausſtattung, die ich Ihnen biete.« 2 325 N Plötzliche Roͤthe uberlief des Doktors Stirne. »Ich habe mir das Wort gegeben,« ſagte er, „Ihr Begleiter zu ſeyn, bis an jenes Ziel, wo ſich die dunkle Pforte fuͤr Einen von uns auf⸗ thut. Erlauben Sie mir, meinem Vorſatze ge⸗ treu zu bleiben.« »Sie wollen mir den Bruder erſetzen?« rief Arthur mit wehmuͤthiger Freude;»Sie waͤlzen eine Pyramide der Dankbarkeit auf mein Herz. Ich muß nach Mitteln ſuchen, Ihre Aufopferung gebuͤhrend zu erkennen. Vor Allem jedoch nehme ich Ihre Mittel in Anſpruch, um die Qual meiner kranken Bruſt zu mildern.« Die Arznei linderte, aber den Schmerzen folgte Erſchlaffung. Des erkrankenden Gemuͤth wurde unruhig.»Eilen Sie zu dem Notar,« ſprach er zu dem Doktor,»er ſoll mein Teſta⸗ ment herausgeben, ein neues errichten. Ich will meinen Mar an ſeinem Vermaͤhlungstage damit uͤberraſchen.« Sie vergehen in eitler Sorge. Ihr Zuſtand 326 nn Ogger ging eilfertig und brachte— nichts. Der Notar hatte auf eine kurze Zeit die Stadt verlaſſen. Arthur wurde unruhiger.»Sie machen ſich ſelbſt elend, krank,« ermahnte der Arzt, iſt nicht gefährlich. Ein Paar Tage, ein Paar n verzoͤgern nichts.« Der Herr von Maienbrunn kam zur Stadt; er ſprach allein mit Arthur.»Meine Baſe,« ſagte er, viſt ſchwermuͤthig, ſcheint liebeſiech, und will ſichs nicht merken laſſen. Ich kann das Gethraͤne und Geſeufze nicht mehr drei Wochen lang in meiner Nähe dulden. Kurz und gut! ſo haben's unſre Alten gemacht und ſich wohl dabei befunden. Mar iſt ein herrlicher, kraͤf⸗ tiger Menſch; ich habe ihn immer geliebt, und Amalie liebt ihn nicht weniger. Warum alſo das Zimpern, bis man Ja ſagt? Wir wollen das Paar uͤberrumpeln. Morgen wird ein Be⸗ ſuch fingirt; wir fruhſtuͤcken, wollen in dem A 327 n Garten wandeln, aber hinter der Thuͤre ſteht der Deus ex machina, der Pfarrer. Die Leut⸗ chen erſtaunen, erſchrecken, fuͤgen ſich. Ja wird geſagt,»und er ſoll dein Herr ſeyne— Punk⸗ tum. Wir ſind beide der Qual entledigt und ein frohes Mahl beſchließt die Impromptu⸗ Vermaͤhlung. Aber geheim gehalten, mein Freund! Der Pfarrer und wir, wir ſeyen die Dreieinigen 1« Arthur, von der Abentheuerlichkeit des Plans erregt, wie von dem Gedanken, er muͤſſe keine Minute ſeines Lebens mehr verloren geben, ſagte zu. Niemand ahnte das Geringſte. Einem Sonn⸗ tagsſchmauſe entgegen ritten Mar und der Doktor. Arthur, nachdem er einige Geſchaͤfte in der Stadt beſorgt, folgte ihnen. Maienbrunn war freundlich geſchmuͤckt; im ſchoͤnſten Lenze prangte die unvorbereitete Braut, die unbefan⸗ gen, obwohl bleich und ſtill dem Fruhſtuͤck praͤ⸗ 328 ſidirte. Endlich gab der Vormund das verab⸗ redete Zeichen. Sie ſtanden auf, nach dem Garten zu gehen.»Bereiten Sie einen Gluͤck⸗ wunſch,« ſagte im Gehen Arthur laͤchelnd zu dem Doktor an ſeiner Seite.»Wie ſo?«— „Hier gibts Hochzeit, jetzt, in dieſer Minute.« Ogger ſah finſter und fragend empor. Indeſſen ſprang die Fluͤgelthure auf, ein Altar blinkte. Der Geiſtliche redete das erſchrockene Paar an. Maximilian hatte ſeine Beſtuͤrzung bald ͤber⸗ wunden, wie eine Lilie im Sturme jedoch wankte Amalie. Der Braͤutigam mußte ſie mit ſtar⸗ kem Arme halten, ihre Lippen bebten, ohne eine Solbe zu finden. Aber als die Frage, die entſcheidende, aus dem Munde des Prieſters ging, da rief Amalie ein herzzerſchneidendes „Nein« und ſank ohnmaͤchtig zur Erde. „Das ſind die Folgen unuͤberlegter Maske⸗ raden!« ſagte mit ernſtem Vorwurf der Doktor vor ſich hin; aber die Worte des Grollenden 329 Nn galten dem beſtuͤrzten Arthur, der, auf dieſes Nein! nicht gefaßt, troſtlos und gruͤbelnd der Ohnmächtigen nachſah, wie ſie von Maximilian und dem Vormund nach ihrem Zimmer getragen wurde. »Welch ein Raͤthſel!« ſeufzte Arthur.„Es iſt noch kein Irdiſches ungeloͤst geblieben,« ent⸗ gegnete Ogger mit Betonung;»warten Sie es ab.« »Sie ſtehen unthaͤtig hier?« brauſte Marx, der herbeiſtuͤrzte, den Doktor an.»Am Bette meiner Braut iſt Ihre Stelle. Die Ohnmacht iſt zwar ein bedenklicher Zufall, allein die An⸗ weſenheit der geladenen Zengen erfordert, daß die Handlung heute Abend oder doch morgen fruͤh ſtattfinde..—»So?« verſetzte der Doktor gleichmuͤthig, und ging, dem Wunſche des Barons zu genuͤgen. »Ein Wort zu dir, Arthur,« ſagte nun Marimilian ernſt und dringend.»Nun der 330 n fremde Menſch weg iſt, frage ich dich auf dein Gewiſſen, was du von der Begebenheit hältſt? Nein! ruft die Ungluͤckliche, und indem ſie die Augen aufſchlaͤgt, ihre Hände von den meinigen umſchloſſen fuͤhlt, druͤckt ſie meine Finger, ſendet mir einen himmliſchen Blick und fluͤſtert: „Vergebung!«»Willſt du nicht die Meinige ſeyn? frage ich leiſe entgegen, und ſie nickt mit dem Kopfe und liſpelt:»Ich muß mit Ihnen allein ſprechen, mein Freund!« „Nun, ſo erwarte aus ihrem Munde die Löſung des ſonderbaren Auftritts,« erwiederte Arthur ſanft und troͤſtend;»es ſcheint einem boſen Geiſte, der hier wohnen muß, zu gefal⸗ len, all das, womit ich dir Freude machen will, tuͤckiſch zu zerſtoͤren. Daß mein Wille rein und ohne Falſch iſt, ſollteſt du wiſſen; oder iſt's der Argwohn, der deine Stirn in krauſe Falten zieht?« „ Wie ein ertappter Knabe ſchlug Maximilian 331 n die Augen nieder und verſetzte ſeufzend:»dein Scharfſinn gleicht deiner Sanftmuth. Mit dir verglichen, bin ich ein boͤſer Menſch, dem das Mißtrauen, der verwirrende Daͤmon, ſtets naͤher iſt als der fromme, zuverſichtliche Glaube. Vergib meinem wildbewegten Herzen.« Schmerzlich geruͤhrt, reichte ihm Arthur die Hand, ſagend:»Moͤchteſt du doch einmal ein⸗ ſehen, daß ich nur dein Gluck begehre, daß ich Hinterliſt nicht kenne.« Der Doktor trat wieder ein, ernſt, ver⸗ ſchloſſen und ſtill;»wie befindet ſich die Kranke 2« riefen ihm die Bruͤder entgegen;»das Fraͤulein iſt kraͤnker als ich vermuthen konnte;« erwie⸗ derte Ogger.»Ich will zu ihr!« ſprach Mar leidenſchaftlich. »Nicht doch,« verſetzte der Doktor;»Herr von Maienbrunn iſt dort. Er wird ſich bei Ihnen als Bote einſtellen. Das Fränlein iſt, kaum von ſeiner Ohnmacht geneſen, im Begriff Ihnen zu ſchreiben.«»Zu ſchreiben?« fragten Arthur und Maximilian erſtaunt. Dem letztern ſtieg das Blut gewaltſam zu Kopfe: Ogger füͤhlte theilnehmend ſeinen Puls.»Sie ſind in äußerſt heftiger Bewegung,« ſagte er,»Sie beduͤrfen ſchneller Beruhigung Ihres Koͤrpers. Wuͤnſchten Sie nicht ein Glas Orangenwaſſer zu genießen?“ „Wenn ich bitten darf,« verſetzte Mar, und riß ſich ſtuͤrmiſch Frack und Weſte auf. Der Doktor nahm einige Orangen aus dem ſilbernen Koͤrbchen, das noch, von Deſſerttellern umge⸗ ben, auf dem Tiſche ſtand, und begab ſich hin⸗ weg. Marx, nachdem er leidenſchaftlich hin⸗ und hergegangen, ſtellte ſich vor Arthur, nahm krampfhaft deſſen Haͤnde und ſprach:»was be⸗ deutet das, mein einziger, theuerſter Freund? Amalie hat den Wunſch aufgegeben mit mir zu reden. Sie will mir ſchreibenz fuͤhlſt du das —— NN 333 nn Niederſchlagende dieſes Worts? was werde ich erfahren muͤſſen? ich ſehe ſchon das ſuͤße Band, kaum wieder angeknuͤpft, zum zweiten Male zerriſſen. Amalie iſt eine boͤſe Fee, die uns beſeeligt, um uns deſto grauſamer zu ermorden.« Arthur erſchoͤpfte alle Ueberredungsmittel, um die duͤſtere Ahnung aus der Bruſt ſeines Bruders zu reißen, aber ſeine Beredſamkeit ſcheiterte. Er ſprach fuͤr eine Sache, die er ſelbſt ſchon verloren gab. Das kuͤhlende Ge⸗ tränk wurde gebracht; mit Begierde netzte Ma⸗ rimilian damit ſeine bebenden Lippen, verdrieß⸗ lich ſetzte er es weg. »Mein Herz iſt ſo tief vergiftet,« ſagte er, »daß ſeine Bitterkeit auf meine Zunge tritt und dieſen ſuͤßen Saft zu einem Wermuthbecher umſchafft.« »Der Konditor des Herrn von Maienbrunn iſt ein Kuͤnſtler in ſeinem Fache,⸗ aͤußerte Ar⸗ thur laͤchelnd;»er wird an dieſem Kuͤhlungs⸗ tranke ſeine Meiſterſchaft nicht geſchaͤndet ha⸗ ben, und was deine waͤhlige Zunge verwirft, ſoll mir, dem vom unnuͤtzen Reden Erſchoͤpften, herrlich ſchmecken.« Er leerte das Glas mit einem durſtigen Zuge.»Es hat gemundet,« ſagte er, es weg⸗ ſtellend;»dieſe ſuͤße Fluth erſcheint mir als ein Trank des Lebens.« »Moͤge er Deine Melanchvlie heilen!« ent⸗ gegnete Marimilian mit inniger Theinahme. „Meine Seele lechzt nur nach dem Becher, den mir der Herr von Maienbrunn uͤberreichen wird; ſey er nun mit elyſiſchem Quell oder mit ſtygi⸗ ſcher Glut gefullt, gleichviel. Ungewißheit iſt die hoͤchſte Pein.« Amaliens Vormund trat in das Zimmer. Haſtig griff Maximilian nach dem weichen, 335 an duftenden Billet in ſeiner Hand. Zu Arthur gewendet ſprach Maienbrunn:»Ich finde mich nicht in meine Muͤndel. Unter Seufzern und Thraͤnen hat ſie die wenigen Zeilen geſchrieben, deren Inhalt ſie mir verhehlte. Ich fuͤrchte ein Hiobsbote zu ſeyn. Bemerken Sie, wie Ihr Bruder erbleicht, wie das Papier in ſeiner Hand zittert 2« Arthur ſprang auf den Erſchuͤtterten zu, der ſich troſtlos in einen Seſſel warf, und die Haͤnde vor die Angen druͤckend ausrief:»Leſet, o leſet, meine Lieben; hier ſprudelt kein ely⸗ ſiſcher Quell! Es iſt aus! an eines Weibes Laune geh ich zu Grunde!« Arthur erhaſchte das zur Erde ſchwebende Blatt. Ein zertruͤmmertes Gemuͤth ſprach aus den Worten, eine im Kampfe unterliegende Hand aus den faſt unleſerlichen Zuͤgen: »Von einem grauſamen Verhaͤngniß geſchleu⸗ »dert, muß ich? Ihnen ein Bekenntniß thun, das 336 »meine Angſt gerne noch laͤnger aufgeſchoben »haͤtte, das die heutige Ueberraſchung mir ent⸗ vreißt. Ich kann nicht den Namen Walderich „fuͤhren, kann nicht Ihre Gattin ſeyn. Der „Himmel begluͤcke Sie! Mein Schmerz fuͤhrt „Ihre Rache!« »Mein Gott! was ſpuckt in dem Kopfe die⸗ ſes Maͤdchens!« rief Maienbrunn unwillig und gekraͤnkt.»Welche Scene in meinem Hauſe! weiche Muthmaßungen werden die Gaͤſte mit ſich fortnehmen? Die Leute ſind gleich mit einer Hiſtorie fertig, waͤhrend wir, die Naͤchſten, vor dem unbegreiflichen Maͤdchen ſtehen, wie vor einer unaufloͤsbaren Hieroglyphe! Welch ein unſeliger Tag!« »Ja wohl unſelig!« ſeufzte Arthur, indem er den in ſich verſunkenen Bruder verlaſſend, nach dem Sopha wankte.»Beſter Maienbrunn l« fuhr er fort,»wollten Sie nicht meinen Wagen beſorgen laſſen? Ich muß nach der Stadt, ich moͤchte ſonſt...« 337 »Herrgott!« verſetzte Maienbrunn, den Frei⸗ herrn recht in's Auge faſſend,„wie verändern Sie ſich, mein Freund? Ihre Wangen bleich, Ihre Stirne mit eiſigen Tropfen beſaͤet! Ihre Glieder zittern, was iſt Ihnen?« »Der Tod iſt mir nahe, meine ich,« ſagte mit einem muͤhſamen Lächeln Arthur, der Er⸗ mattung nachgebend. »Der Tod?« ſchrie Maximilian auf, empor⸗ ſpringend und ſich uͤber den Bruder werfend; »Allmaͤchtiger, waͤre es moͤglich, Du ſollteſt von mir geriſſen werden?« »Ich ſcheide nicht freudig von Dir, mein Lieber!« fluͤſterte Arthur,»ich hinterlaſſe Dich ja nicht gluͤcklich; aber ich fuͤhle es, das höchſte Gebot ruft mich. Ich fuͤrchte, die E die ich mit jener Limonade in meine Brnſt trank, reißt mich von hinne. Fe länger, je leber 1I. »Jene Limonade?« rief Maximilian ſchau⸗ dernd, und ſtand verſteinert vor einer tief ver⸗ huͤllten Frevelahnung. Indeſſen hatte des Hausherrn Huͤlfruf das ganze Schloͤßchen durchdonnert. Diener flogen, wie auf einem Gewitterſtrahle fuhr Doktor Ogger herbei.»Was iſt hier vorgegangen?« ſtammelte er außer ſich, den Todtkranken er⸗ blickend; vin welchem Zuſtande finde ich Sie, Baron Arthur?« „Ich werde aufhoͤren zu ſeyn,« erwiederte leiſe und gefaßt der Kranke.»Wollen Sie Ihre Kunſt noch an mir verſuchen?« »Ich meyne, ſie hat ſich hier erſchoͤpft!« ſagte Marximilian ernſt und drohend, dem Doktor, deſſen Geſicht, wie Arthurs, ein hippokratiſches 1 die Augen ſtarrend. ſtotterte, von dem Schauſpiel ſehr N 339 a nach Arthurs Pulsſchlaͤgen, gab noch nicht alle Hoffnung verloren, ſchrieb mit konvulſiviſch bebender Hand ein Rezept, eilte hinweg, um damit einen Boten nach der Stadt abzufertigen, und ſprengte ſelbſt, kaum hatte dieſer den Hof⸗ raum verlaſſen, wie ein Raſender hinter ihm drein. Er uͤberholte den Vorreiter, in zwanzig Minuten war er am Stadtthore. An Walde⸗ richs Hotel voruͤber flog der gehetzte Gaul. Vor dem Hauſe des Notars Alben hielt der tolle Reiter. Wie ein dem Schwerte Entron⸗ nener drang der Doktorgin die Schreibſtube des Notars, der, aus ſeinem Kabinette kommend, ſcheu nach dem Begehren des Verſtoͤrten fragte. »Baron Arthur liegt am Tode; ſein verwirrter Sinn ſpricht Wahnſinn; ſein Mund fabelt von einem Teſtamente, das er bei Ihnen nieder⸗ gelegt haben will. Im Intereſſe ſeines Bru⸗ ders frage ich nach der Exiſtenz dieſes Doku⸗ ments.« »Sonderbar!« erwiederte der Notar;„der 22* 340% Freiherr hat erſt geſtern ſeinen bei mir deponirt geweſenen letzten Willen kaſſirt und ein an⸗ deres Teſtament errichtet, deſſen Abſchrift er heute mit ſich genommen, um es ſeinem Bruder mitzutheilen.« Der Doktor ſtand wie vom Blitze getroffen. Ein neuer elektriſcher Schlag gab ihm die Em⸗ pfindung wieder; aber welche Empfindung? welches Gefuͤhl? »Lieban? ſieh da! Sie hier?« ſagte die tiefe Stimme eines lebhaft aus dem Kabinette Tretenden, und vor ſeinem Anblicke vergingen ven Dottor die ken eſeerten Sinn. ————— 2 „Ich fordere Sie dieſen Menſchen auf Ihre und meine Verantwortung zur Haft brin⸗ ge laſſ en,« fuhr der Fremde, zu dem a wendet, fort:»Er iſt ein Moͤrder! n e Vaters Hauſe in Eſthland als Hof⸗ ne uenne, hat der Entſetzliche meine 341 Schweſter verfuͤhrt und die Ungluͤckliche ſammt der zarten Hoffnung, die ſie trug, durch Gift begraben. Er entfloh ſpurlos, aber der raͤchende Himmel wollte, daß aus dem weitentfernten Lande mein Geſchäͤft mich hieher fuͤhren muß, um mit Ihnen zu negoziren und dieſes Unge⸗ heuer zu entdecken!« In dem Augenblicke drangen Gerichtsdiener ins Haus. Marimilian, von ahnendem Rache⸗ gefuͤhl und von der Ausſage des Konditors ge⸗ leitet, welcher unter Thraͤner beſchwor, Doktor Ogger habe groͤßtentheils in die Limonade gemacht, war dem Verbrecher ie ein Zorn⸗ engel gefolgt, hatte ſeine Hgbhaftwerdung ver⸗ langt, und fuͤhrte ihn wieder, in Begleitung des eſthlaͤndiſchen Kavaliers und eines Unter⸗ ſuchungskommiſſaͤrs nach Maienbrunn vor das Sterbelager des ungluͤcklichen Arthur. Die muͤh⸗ ſame, luͤgneriſche Faſſung, die ſich Ogger auf⸗ gedrungen, verließ ihn abermals in Arthurs 342 Naͤhe. Mit einer Thraͤne der Angſt im Auge, mit bebenden Lippen ſagte er:»Das wollte ich nicht. An dieſem kranken, dem Tode verfallenen Leben wollte ich nicht freveln. Vergeben Sie mir, Arthur, und Sie, Maximilian, danken Sie dem Zufall Ihre Rettung!« „Ungeheuer!« fuhr Max wild auf;„was hab ich dir gethan, daß du nach meinem Tode lechzteſt?« »Das Geſchick hat mich fein betrogen,« ver⸗ ſetzte Ogger bitter und eiskalt.»Es ſpiegelte mir vor, Walderichs Reichthum ſollte mein werden. Mein Gefuͤhl hat mich jedoch toͤlpiſch verrathen. Ich waͤhlte That und Stunde ſehr ungelegen. Die Leidenſchaft macht blind; ein Paar Wochen ſpäter waͤre Alles beſſer gelungen. Arthur war ſterbend, Marimilian kraftvoll; ſeine Ehe zerſchnitt meine Hoffnungen, er ſollte weg. Noch wählte ich das Mittel; die Ueber⸗ * 343 raſchung von heute mengte ſich gefaͤhrlich in meinen Plan. Sie, Baron Maximilian, wollten Amalien ſprechen, Sie durften es nicht; meine eiferſuͤchtige Hand fand in meiner Weſtentaſche das Gift, das ich mitgenommen hatte, um es an einem Jagdhunde zu erproben. Ihre Limo⸗ nade wurde davon geſaͤttigt; Alles war recht, da ſpielt mir die Empfindſamkeit einen Streich. Ich erwartete, Sie mit dem Tode ringend zu finden, und ich waͤre kalt dabei geblieben; aber ſtatt deſſen... ich kann dieſes Sterbenden Anblick nicht aushalten, bringen Sie mich fort!« »Ungluͤcklicher!« redete ihn Arthur, ſchon jetzt ein verſoͤhnter Engel, an.»So ſtuͤrzt Ihre Habſucht mich und Sie ins Grab!« »Ich haͤtte verdient reich zu werden,« ent⸗ gegnete Ogger, ich wollte ertrotzen, was meinem großen Wiſſen die Natur verſagt hat. Doch mehr als der Reichthum blendete mich Eifer⸗ 344 ſucht. Marximilian wollte mir die Braut ent⸗ reißen, ich wehrte mich.« »Die Braut?« riefen Max, Arthur, Mayen⸗ brunn, und Ogger antwortete hohnläͤchelnd: »Fragen Sie die Dame ſelbſt, ſie koͤmmt.« Mit fliegenden Haaren ſtuͤrzte Amalie herein, warf ſich an Arthurs Lager nieder, kuͤßte ſeine matt herabhaͤngende Hand, benetzte ſie mit Thraͤnen.»Du gehſt von hinnen, Arthur?« fragte ſie ſchluchzend.„O, ſo ſcheide wenigſtens nicht, ohne zu wiſſen, wie ich dich geliebt! Er— fahre wenigſtens, daß das Recht, das ich die⸗ ſem Entſetzlichen eingeraͤumt, mich Braut zu nennen, keine truͤbe Quelle hat! Mit deinem Tode ſpringt die Feſſel, die er geſchickt um mich gewunden. Sein Verbrechen, das mein ſchaudernd Ohr erſt jetzt vernahm, trennt mich auf ewig von ihm.« »Enthuͤllen Sie das Raͤthſel,« bat hochauf⸗ athmend Arthur, und alle lauſchten. 345 a »Ich bekenne vor aller Welt, nachdem ich's bisher Allen verborgen,« ſagte Amalie,»daß Sie, Arthur, mein Herz geruͤhrt, ſo daß es faſt gebrochen waͤre in ſehnſuchtsvollem, hoff⸗ nungsloſem Schweigen. Meine Mutter wählte Ihren Bruder, meine Tochterpflicht ſagte Ja, und Freundſchaft, wenn auch nicht Liebe, fuͤhlte ich fuͤr den raſchen, edeln Mann. Da betrat jener Teufel in der Unſchuldgeſtalt unſer Haus. Den Zwiſt der Bruͤder benutzend, bethoͤrte er die Mutter und mich. Den noch immer Ge⸗ liebten vor dem Tode zu retten, willigte ich in der Mutter Wunſch, die dem Armgewordenen die Thuͤre wies. Nach dem Sterben meiner Mutter boten Sie mir Ihre Hand, Arthur, aus Edelmuth ohne Zweifel. Die Frende pochte an mein Herz, aber ich bezwang mich, meines Unrechts gegen den fruͤheren Bewerber, der noch lebte, bewußt. Mit blutender Bruſt ver⸗ ſchmaͤhte ich den Geliebteren, um gegen Beide gerecht zu ſeyn. Der Doktor trat ziemlich offen 346 an Ihre Stelle. Dem Vormund hielt er ſeine Neigung geheim, mir entdeckte er ſie fruchtlos. Mein Vertrauen hatte der redlich Scheinende gewonnen, meine Liebe war nur Einem ge⸗ weiht. Endlich uͤberliſtete er mich. Von mei⸗ nem Vormund, der mir Alles wohlbedaͤchtig verſchwiegen, hatte er vernommen, daß um meinetwillen die Bruͤder ſich zu ſchlagen be⸗ gehrten; er hinterbrachte mir's; es erfuͤllte Angſt und Schmerz meine Seele. Ich flehte den Doktor an, ſeine Freundſchaft zu benutzen, die Zornentbrannten zu trennen, ehe noch Blut gefloſſen. Haͤtte ich es doch dem Vormund mit⸗ getheilt! allein ich hielt ihn fuͤr unwiſſend in der Sache und fuͤrchtete ſeine Vorwuͤrfe, eine Beſchimpfung meiner Familie. Ogger verſprach, die Sache beizulegen, forderte jedoch als Lohn ſeiner Bemuͤhung meine Hand.»Sie lieben,« ſagte der Abſcheuliche, Arthur oder Maximilian, vielleicht Beyde; Sie wollen nicht, daß Einer ſterbe, aber Sie begreifen, daß Sie fuͤr Beide NN 347 verloren ſeyn muͤſſen, indem die Verbindung des Einen der Tod des Andern iſt. Nach ei⸗ nem ſolchen Eclat nun wird ſich nicht leicht ein Freier finden. Waͤhlen Sie daher mich, 3 und halten wir die Verbindung geheim, bis ½ Sie die Volljaͤhrigkeit erreicht, weil Ihr Vor⸗ mund ein entſchiedener Feind von Mesalliancen iſt. Nur um dieſen Preis verhuͤte ich ein Un⸗ gluͤck!« Ich gab mein Wort, und ſchweige 6 uͤber alles Folgende, wie mich Maximilians neue Bewerbung uͤberraſchte, Arthurs Seelen⸗ groͤße entzuͤckte, wie ich zoͤgerte, aufſchob... bis heute; o kein Wort mehr! Bin ich aber vor dir gerechtfertigt, lieber Sterbender?« »An dieſem reinen Weſen ſcheiterte deine Verfuͤhrung, Elender!« donnerte dem Doltor der Eſthlaͤnder zu, und auf einen Wink Ar⸗ thurs entfernte man den Unmenſchen aus dem ſtillen Kreiſe, um ſeine fruͤheren Unthaten zu begruͤnden und zu bewahrheiten. d 348 n Arthur richtete ſich muͤhſam auf, ſah mit hhellen Augen Amalien an, druͤckte ſchwach ihre Hand und ſagte:»Weinet nicht um mich, meine Lieben alle, und heißet mich nicht ungluͤcklich, weil ich fruͤher hingehe denn ihr! Ich bin ja gluͤcklich, denn ich erfuhr noch die Liebe dieſes Engels. Ich bin gluͤcklich, denn ich gebe ja mein Leztes, mein Alles, mein Leben fuͤr dich, mein Maximilian. Erkenne mich doch ohne allen Argwohn fuͤr deinen guten Bruder und liebe mich uͤber das Grab hinaus! Beſuche nicht darum meine Ruheſtaͤtte, weil du mein einziger Erbe biſt, ſondern weil ich fuͤr dich geſtorben bin, und nichts freudiger thun konnte als dieſes, und wieder nichts Höheres als dieſes. Denke, dir ſey jetzt die Mutter erſt geſtorben, und dir, Amalie, der Bruder.« —„Ach, die Mutter!« ſeufzte, in Thraͤnen aufgeloſt, der Bruder, und betrachtete und kuͤßte wehmuͤthig die immer verklaͤrter ſchimmernden 349 a Zuge Arthurs, deſſen Augen zugingen, wie die eines Schlafenden, und deſſen ruhiger Mund noch im Scheiden die Worte liſpelte:»Segen mit euch, die ihr mein Leben erfreutet! Segen mit mir, den ihr geliebt! Segen auch mit dem Unglucklichen, der mich heute ſchon ins Todten⸗ reich gerufen, denn ſein Ruf iſt ſanft, und nicht rauh die Pforte zum Jenſeits!« Und er hatte ſie mit einem leichten Athem⸗ zuge uͤberſchritten. Die Familie Walderich er⸗ baute dem Geſtorbenen ein prunkendes Denk⸗ mal auf dem Friedhofe der Stadt, aber ſein Angedenken wird freundlicher erhalten werden in der Sage des Volks, das Arthurs Bruder⸗ liebe elegiſch beſingt in einfachen, eigenthuͤm⸗ lichen Weiſen. Auf ſeinem Hügel ſitzen die El⸗ tern mit ihren Kindern, und praͤgen den lau⸗ ſchenden Geſchwiſtern das große Beiſpiel bruͤ⸗ derlicher Eintracht und Aufopferung ein. Nahen ſich alsdann Freiherr Marimilian und ſeine Gattin Amalie und ihre Söhne, um mit feuch⸗ ten Augen lebenswarme Kraͤnze um den kalten Aſchenkrug zu winden, ſo entfernt ſcch theil⸗ nehmend das Volk, um ihnen Platz zu machen. Vor der Kirchhofsmauer ſchaut jedoch ein Jeder ſchen zur Seite nach einem einſamen, kahlen Huͤgel, und ein Jeder ſchlaͤgt verſtohlen ein Kreuz. Dort ſchlaͤft, gebaͤndigt, ſtill und ver⸗ laſſen, der Doktor. Ende des zweiten Bandes. ruck und Verlag von. G. Franckh in München. D