— eusbuchdindoral d. Unkw. Blbliothek Peutſches Sittengemälde aus der erſten Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts. Von C. Spindler. Geſpenſt der Vorwelt: Warum rufſt Du mich herauf aus meinem dunkeln. Grabe? Zauberer: Auf daß Du Zeugniß gebeſt von einer dunkeln Zeit. Dritter Theil. Stuttgart, Druck von C. F. Arnold. 1838. Erſtes Rapitel. Iſt's der Haß, der wehe thut mit ſeinen arimmigen Streichen? Argwohn und Miß⸗ trauen ſchmerzen tiefer,— die freſſenden Schlangen. Das zweifelhafteſte und unſchlüſſigſte Herz, das jemals geſchlagen, ſchlug in des Altbürgers Diether's Bruſt. Die Eröffnungen, welchen er auf dem Rathhauſe beigewohnt, hatten das Gebäude ſeines Argwohns bis zum Grunde er⸗ ſchüttert, aber es nicht gänzlich niederzuwerfen vermocht. Daß nicht Margarethe, daß nicht Dagobert den Mord ge⸗ gen ihn gedungen, daß weder Sohn noch Gattin die geliebte Wallrade geraubt, daß der kleine Hans wirklich ſein, bei Willhild verpflegter Johannes ſey, das war ihm völlig klar geworden; die Bilder ſeiner Hausfrau, ſeines wackern Da⸗ gobert's, trüb und düſter umflort, bisher in dem Hinter⸗ grunde ſeiner Erinnerung verweilend, näherten ſich ihm, heller, glänzender, wie Sterne die das dunkle Gewölb durchbrechen, aber noch immer zweifelte er an ihrer völligen Reinheit; noch immer verſagte er ihrer Unſchuld die vollſtän⸗ dige Anerkennung; noch immer fand er es möglich, daß ein verbrecheriſcher Bund zwiſchen Beiden beſtanden, daß Jo⸗ hannes die Frucht deſſelben geweſen. Und dennoch,— ſo wankelmüthig,— ſo ungleich in ſeinem Wollen iſt der Menſch, — dennoch umklammerte er jetzt mit aller Liebe den Knaben. In ihm ſah er jetzt die letzte Stütze ſeines Alters und ſeines Hauſes; im nächſten Augenblicke fürchtete er den Baſtard in ihm zu erkennen. Aber trotz dieſen Zweifeln, trotz dieſem Treiben zwiſchen Vaterliebe und der Angſt eines Getäuſch⸗ ten, hätſchelte und pflegte er den Knaben, da er der Einzige zurückgebliebne, der Letzte ſeiner Lieben war. Margarethens Flucht war ihm entſetzlich, und ſenkte einen nimmer ruhen⸗ den Stachel in ſeine Bruſt. Wo war ſie hingeflohen? Durfte er jemals hoffen, ſie wiederzuſehen? Sollte er bereuen, was er gegen ſie gethan? Sollte er ſich beruhigen mit dem Gedanken, daß er ihr gethan, wie ſie verdient? Aehnliche Zweifel beſtürmten ihn, gedachte er Dagobert's, deſſen Heim⸗ kehr nach der geſchehenen Ladung des heimlichen Gerichts ſich nicht erwarten ließ, da bei dem Namen ſchon der be⸗ ſchloſſenen Acht, der Gerechte wie der Schuldbewußte ſcheu das Kreuz ſchlug, und entwich, wo er nur entweichen konnte. Und Wallrade endlich? War ſie nicht die Beute eines Räu⸗ bers, vielleicht das Opfer des Mords geworden? Und, kam ſie jemals auch in's Vaterhaus zurück,— mit welcher Stirne ſollte er ſie empfangen? Mußte er ſich nicht, wie ſie ſich einſt von ſeinem Hauſe losgeſagt,— losſagen von ihr, die ihm den Sohn geraubt, ihn der Hülfloſigkeit Preis ge⸗ geben hatte, von ihr, die den Unfrieden verſchwenderiſch in ſeinen Garten geſät hatte, während ſie doch ſelbſt auf der Bahn der Schuld geſchritten war, wie nur zu deutlich das Töchterlein bewies, mit welchem die furchtſame Magd ent⸗ kommen war, ehe man darüber völlige Auskunft hatte ſammeln können. Die Zofe hatte auf alle Fragen⸗ die Die⸗ 5 ther an ſie gerichtet, mit der größten Seelenangſt geantwor⸗ tet, und dadurch den Verdacht einer thatkräftigen Mitwiſ⸗ ſenſchaft an der geheimen Verbindung Wallradens auf ſich geladen, die ſie endlich nicht mehr läugnen konnte. Den Namen des Mannes, der Wallradens Gatte geworden war, hatte ſie genannt; einen Namen, den Diether vorher nie ge⸗ hört. Den Urſprung jener Liebe, die Begebenheiten bis zur ehelichen Verbindung des Paars hatte ſie ziemlich genau an⸗ gegeben. Ein Wetterſtrahl hatte eine Scheuer auf Wallra⸗ dens Gute entzündet, und die Feuergefahr den Hütten der Knechte, wie dem Wohnhauſe gedroht. Die Nothglocke auf dem Thürmchen des einſam gelegenen Maierhofs hatte die fern wohnenden Nachbarn herbeigelockt, und einer der fern⸗ ſten, gerade zu jener Zeit im anſtoßenden Forſte auf ſeinen Wildgängen verweilend, war mit den Uebrigen herbeigekom⸗ men, und hatte durch ſeine entſchloſſene Beſonnenheit das Allermeiſte zur Rettung von Wallradens Habe beigetragen. Dieſe Hülfleiſtung hatte dem Junker von der Rhön, einem nicht reichen, aber altadeligen ſchönen Manne, gewiſſe Rechte auf des Fräuleins Dankbarkeit gegeben. Liebe ward dar⸗ aus, und ein Feind dieſer Liebe entſtand: des Junkers Va⸗ ter, der Wallradens minder adelichen Stamm verachtete, und einer Zuſage zufolge, ſeines ſeligen Waffenbruders verwaiste Tochter zur Gattin für ſeinen Sohn erzog. Hingegen fand ſich auch ein helfender Freund; ein deutſcher Herr, der im nächſten Städtchen in Angelegenheiten ſeines Ordens ver⸗ kehrte, und täglich auf Baldergrün zur Einkehr war. Er war es, der eines Abends einen Mönch zum Meierhof brachte, der das Paar, väterlichem Verbote zum Trotz, einſegnete, zu einer Ehe, aus welcher ein Kind entſprang.— 6 Bis hieher hatte der Altbürger durch unabläßiges ge⸗ ſchicktes Forſchen die Magd in ihren Geſtändniſſen gebracht. Es ſchien, nach ihrer Verwirrung und ihrer Angſt, die ſie oft zu Thränen zwang, noch manches Geheime an's Licht des Tages treten zu wollen,— da unterbrach des Schultheißen Willkühr und der Dirne leicht verzeihliche Flucht die Reihe ihrer Bekenntniſſe, und Diether fand darin nur die einzige untrügeriſche Gewißheit, daß Wallrade ſeiner ausgezeichneten Liebe nicht würdig geweſen. Zwar fand das Fräulein einen kräftigen Vertheidiger an dem Prälaten, welchen das Un⸗ glück— die unabänderlich erfolgte Abſetzung und Verweiſung aus ſeinem Stifte zu Ceſena— wieder zum Stammhauſe getrieben hatte, als einen Obdach ſuchenden und Pflege hei⸗ ſchenden Gaſt. Allein, ſo innig Diether auch den gelehrten Bruder geliebt hatte, ſo konnten dennoch ſeine Reden nicht mehr den Eindruck machen, wie vor längerer Zeit, denn Diether erkannte, je länger, je mehr, den Geiſt der Heuche⸗ lei, des demüthelnden Stolzes, der in dem Prälaten regierte, und der Vaterlandsliebe des Altbürgers galten die Worte des Bruders ſchon deßhalb gering, weil dieſer Letztere deutſche Sitte und Ordnung nicht aufhörte zu ſchmähen, und dagegen Wälſchlands Vorzüge zu preiſen, ob er gleich jetzo, aus ſei⸗ ner zweiten Heimath geſtoßen, unter einem deutſchen Dache ſein Haupt niederlegen mußte, an einem deutſchen Tiſche ſeinen Platz um der Liebe willen fand, aus deutſcher, ehrlich erworbner Habe ſeiner Bedürfniſſe Gewährung ſchöpfte, und von all ſeiner wälſchen Herrlichkeit nur das zweideutigſte Kleinod, Fivrilla, behalten hatte. Es fiel dem zu Argwohn und Verdacht gereizten Diether nicht ſchwer, das wahre Ver⸗ hältniß zwiſchen dem Prälaten und ſeiner Freundin zu ergründen; theils jedoch benahm das, von Gebrechen aller Art belaſtete Alter des Monſignore dieſer Verbindung das öffentliche Aergerniß,— theils ſchloß ſich Fivrilla mit wahrer inniger Liebe an den kleinen Knaben Hans, der ohne alle weibliche Pflege geblieben war, weil Diether, bei der erſten Kunde von Margarethens Flucht, im Aufwallen ſeines Zorns die, jede Mitwiſſenſchaft läugnende Elſe aus dem Dienſte gejagt hatte. Der arme Kleine fand in Fivrilla's Sorgfalt Elſens Pflege in doppeltem Maaße wieder,— und Diether, — ſah er die Liebe der Pflegerin zu dem Knaben— be⸗ dauerte nur eins ſo ſehr, daß ihm der Zufall Wallradens holdes Töchterlein geraubt, und ihm kein Mittel zu Gebote ſtehe, etwas Gewiſſes von dem Schickſale der kleinen hüb⸗ ſchen Agnes zu erfahren. Ueber das Geſchick ihrer ſogenann⸗ ten Mutter kam er dafür binnen einigen Tagen in's Klare. Eine Mönchsgeſtalt, vom Fieber geſchüttelt, und von Bläſſe entſtellt, trat eines Morgens,— der zweite nach jenem Ver⸗ höre auf dem Römer,— auf einen Stab geſtützt, vor den Altbürger. Dem Leidenden eine milde Gabe zu reichen, war Diether's erſter Gedanke,— aber wie erſtaunte er, da der Mönch nicht allein jede Gabe verſchmähte, ſondern ihn ſelbſt mit einer unerwarteten Kunde beſchenkte: mit der Botſchaft von Wallradens Aufenthalt, von ihrer vereitelten Flucht, von ihrer Rückkehr in die traurige Haft,— von der Gefahr, in welcher ſie ſchwebe, von ihrem einzig auf den Vater geſetzten Vertrauen.— Diether,— obwohl in Zorn glühend ob Wallradens Vergehen, fühlte doch ſein Vaterherz beben bei dem Berichte ihrer Leiden. Allein, ſo ſchnell auch ſein Ent⸗ ſchluß gefaßt war, Alles aufzubieten, um ſein Kind zu retten, ſo ſchnell geſellte ſich dieſem Vornehmen auch der Verdacht — bei. Mißtrauiſch maß er den Mönch von Kopf bis zu Fuß⸗ verwickelte er ihn in verfängliche Fragen, und ließ ihm nicht undeutlich merken, daß er verſucht ſey, ihn für ein Werkzeug jener Räuber zu halten, und die ganze Botſchaft für eine Schlinge, welche ſeiner Habe,— wo nicht gar ſeinem Leben — gelegt ſey, wie jene Ladung zum Sprünglinſteine gewe⸗ ſen.— In dem matten Auge des Mönchs blitzte eine Flamme ritterlichen Unmuths auf, und ſeine Lippe warf ſich auf, um kühn und trotzig den ſchnöden Verdacht von ſich zu wälzen. Doch bezwang er ſich, und erwiederte, ſo ruhig als die er⸗ regte innere Bewegung ihm verſtattete, daß er ſich willig als Bürge und Geißel darſtelle für jedes von ihm geſprochene Wort; daß übrigens das heftige Fieber, das ihn auf einem unfern gelegenen Dorfe ergriffen, und ihn abgehalten, am verwichenen Tage bereits in Frankfurt zu ſeyn, ſchon der beſte Bürge für ſein Verweilen in jeder beliebigen Haft ſey, und daß er fürchte, es werde— ſollte ihm Hülfe und milde Sorgfalt noch ferner entſtehen— mit ſeinem Leben bald zu Ende ſeyn. Der eiſige Froſt, welcher des Gequälten Glieder durcheinanderſchüttelte, und ihn beinahe zu Boden warf, machte Diether's natürliche Barmherzigkeit rege. Er ließ den todtkranken Mönch auf einer Tragbahre in das Kloſter des Ordens bringen, zu welchem der Unglückliche, ſeiner Kutte nach, zu gehören ſchien, und empfahl ihn der angele⸗ gentlichen Fürſorge des Paters Reinhold, Margarethens Beichtvaters. Er ſelbſt jedoch eilte auf den Römer, um die erhaltene Botſchaft dem Rathe zu verkünden. Seine Freunde in demſelben ſtaunten; ſeine Feinde ſchüttelten ungläubig die Köpfe und behaupteten, der Schöff täuſche Meiſter und Rath mit unhaltbaren Gerüchten, und halte muthwilliger Weiſe 9 die Stadt ſammt ihrer bewaffneten Gewalt in Athem. Hätte er einen andern als Räuber genannt,— riefen ſie,— dann wäre ein Schein von Glaubwürdigkeit vorhandenz aber gerade dieſen Bechtram von Vilbel zu nennen, dieſen alten wackern Kämpen, der ſo lange der Stadt treu gedient, der ſich in der letzten Friſt nur, gewiſſer⸗Anſprüche wegen, mit der Reichsſtadt veruneinigt hat! Und dieſe Anſprüche, ſind ſie nicht geſchlichtet? Dieſer Span,— iſt er nicht in Minne beigelegt worden? Hat nicht vor drei Tagen erſt Bechtram Friede mit uns gemacht, ſonder Gefährde, in Treu und Glauben, und in Gegenwart der verehrlichſten Zeugen, der ritterlichen Herrn vom deutſchen Orden? Ein Mährchen alſo der ganze Bericht; der Schöff entweder ſelbſt getäuſcht, oder im Begriffe uns zu täuſchen, und die Klage ohne Grund! — Diether's, wie des Mönchs Wahrhaftigkeit wurde jedoch um ein Gutes verbürgt und vergewiſſert, da der jüngſte Bürgermeiſter mit einem Geſichte voll Zorn und Wildheit in die Verſammlung trat, den Wirth vom Einhorn auf ſei⸗ nen Ferſen.„Gott verdamme doch alle Verräther und Mein⸗ eidige!“ begann er heftig, wie man es an ihm gewohnt war bei wichtigem Anlaß:„Vernehmt doch, ihr lieben Herren und Freunde, welche Mähr unſer guter Bürger und Wirth zum Einhorn Euch zu bringen hat.“ Der Wirth erzählte alſo nach vorhergegangener Aufforderung, daß ſchon ſeit manchem Jahre der Kaufdiener Conrad Schwarz, gemeinhin, ſeines Vaterlandes und ſeiner Mundart halber, der Schwabe oder das Schwäblein genannt, und zu Dienſten des weltberühm⸗ ten Hauſes Ulrich Arzt in Augsburg ſtehend, auf ſeinen Meßzügen und Reiſen in's Brabant ſich in der Herberge zum Einhorn eingefunden habe, und ſtets als ein ehrlicher Geſelle — —— 10 und guter Zahler von dannen gefahren ſey. Ein ſolches ſey ebenfalls vor dreien Tagen geſchehen, an dem Tage ſelbſt, da Bechtram von Vilbel und des Raths Freunde und Abge⸗ ſandte im Deutſchherrenhauſe ihren Frieden gemacht. Nun habe aber Er, der Wirth zum Einhorn, heute Morgen durch einen Landmann vom Maingehöft einen Zettel erhalten, den ein reiſiger Knecht demſelben zur Beſtellung übergeben; ei⸗ nen Zettel, von dem Schwaben ſelbſt geſchrieben, worinnen er berichtet, der Herr von Vilbel habe ihn am bewußten Sühntage, im Heimreiten begriffen, von der Straße aufge⸗ fangen, nach Neufalkenſtein geſchleppt, und ihn genöthigt, dieſen Brief zu ſchreiben, damit der Wirth zum Einhorn zweihundert Mark Silbers als Löſegeld für den Gefangenen nach Neufalkenſtein trage. Er, der Wirth, begehre nun zwar nicht, das Verlangte zu thun, ſintemalen ihm bang geworden um ſein Geld und ſeinen eigenen Leib; er habe jedoch nicht verfehlen wollen, denen geſtrengen Herren ſolches zu berichten, damit ſie in ihker Weisheit das Nöthige be⸗ ſchließen möchten, ob vielleicht der ehrliche Kaufdiener aus ſeiner Angſt erlöſet werden könnte.— Dieſe Erzählung, unterſtützt durch den vorgewieſenen Zettel, weckte den Un⸗ willen der ganzen Verſammlung, und Diether's Angabe fand nun unbedingten Glauben. Der Schultheiß und Diether's Feinde, die ſo ſehr auf Bechtram's Redlichkeit gepocht hatten, traten nun auf die Seite derjenigen, die ſeinen Treubruch ſchmähten, und vollwichtige Rache für den auf dem Gebiete der Stadt verübten Frevel forderten, und für den höhnenden Meineid, den der alte Buſchklepper am Tage ſelbſt der Friedensſtiftung in frechem Muthe begangen. Die Furcht vor der Wuth des Raubritters und ſeiner Diebsgeſellen in 1 der Wetterau wich nun zurück, indem man die der freien Stadt wiederfahrene Beleidigung feſt in's Auge faßte, und eine Stimme nur war's, die aus jedem Munde die Be⸗ freiung der Bürgerin Frankfurts und des fremden Gaſtes forderte. Aber als die Mittel dazu zur Sprache kamen, da waren wieder die Zungen uneins geworden. Die Kühn⸗ ſten riethen zu einem Auszug, wie er im Jahre 1404 gegen Rückingen, das Schloß des Hans von Rudenſcheim, des Marktſchiffſchinders, ſtatt gehabt hatte. Die Vorſichtigern verwarfen die offene Gewalt, die alle Genoſſen des Räubers gegen die von Streitern ziemlich entblößte Stadt anhetzen würde, und ſprachen von Liſt und beſonnener Klugheit. Die Feigen ſchlugen vor, die Hülfe eines benachbarten Fürſten anzurufen; ein Vorſchlag, der den Vaterlandsfreunden, welche jede fremde Einmiſchung in die Händel der Stadt haßten, vollkommen widerlich war, aber demungeachtet einen Streit entſpann, welcher die Berathung der Verſammelten in eine wilde Gährung verwandelte, aus welcher ſich Diether, um mit ſeinem Gram und ſeinen Einwürfen allein zu ſeyn, ret⸗ tete. Aber auch dieſes Alleinſeyn, dieſer Strom von Gedan⸗ ken, den er einſam an ſich vorbeirauſchen ließ, führte ſein Herz nicht zur Ruhe, und er ſuchte ſein Haus auf, um Zer⸗ ſtreuung in der Geſellſchaft ſeines Bruders, ſeines Knaben zu finden. Wie vom Blitze gerührt ſtand er jedoch da, als ihm ſein Knecht Eitel berichtete, Dagobert ſey angelangt, als Vollbrecht, der Knecht des Junkherrn, ihm den Reverenz machend, vorüberging, und Daßobert ſelbſt ihm auf der Stiege entgegen kam.— Des Vaters Verwirrung war gränzenlos, und Schreck und Beſchämung knickten ſeine Knie ein, daß er das Geländer der Stiege erfaſſen mußte, um 12 nicht zurückzuſinken. Dagobert erſah dieſe plötzliche Schwäche und reichte ihm ſchnell die helfende Hand, an welcher er den Vater zu ſeinem Schlafgemach geleitete. Schwer athmend ließ ſich der Schöffe in den Sorgenſtuhl nieder, und erſt, nachdem er einige Zeit lang den Blick auf den Boden, als⸗ dann auf das mildfreundliche Antlitz des gegenüber ſitzenden Sohns geheftet hatte, wagte er die Anrede:„Du hier, Da⸗ 3 gobert? Und Wallrade?..—„Mein Bemühen war ver⸗ geblich;“ entgegnete der Sohn bedauernd:„Eben ſo leicht . hätte ich den großen Kaiſer Karl finden mögen, der ſeit 1 ſechshundert Jahren im Brunnen der Veſte zu Nürnberg ſitzen ſoll. Dafür,— hab' ich vernommen— habt Ihr ſelbſt gelegnere Kunde erhalten, wozu ich Euch und mir von Her⸗ zen Glück wünſche, Herr Vater.“—„Dir?“ fragte Diether 1 mit ſpöttelnd ungläubiger Miene.—„Weiß es der Himmel, auch mir;“ verſetzte Dagobert:„Ich habe zwar nicht viel E Urſach, Wallraden Gutes zu wünſchen, aber mehr denn ſie, lieb' ich meinen guten Leumund, und bin herzlich froh, daß endlich die Stadt erfahren wird,— und auch Ihr beineben, Herr Vater,— daß ich Wallraden nicht hab' ſtehlen laſſen.“ — Dieſe Worte, obgleich mit mildem Ernſt, weit von jeder Anmahnung an grollenden Spott geſprochen, trieben dem Alten die Röthe der Schaam auf die gefurchte Wange. „Das eigne Gewiſſen iſt des Menſchen fürnehmſter Richter;“ ſprach er ſtockend, und Dagobert entgegnete gelaſſen:„Das iſt's, Herr Diether. Mein Gewiſſen iſt jedoch heil, wie ein friſches Auge: darum bin ich auch hier, wo der Teufel recht geſchäftig geweſen iſt, mich anzuſchwärzen vor aller Welt. Ein biedrer Menſch weicht dem Satan nicht aus, ſondern nimmt ihn bei den Hörnern und wirft ihn aus dem Wege.“ mogt, Vater;“ ſagte hierauf der Jüngling, und ergriff 3 —„Du ſprichſt kühn!“ meinte Diether, der ihm forſchend in's Auge ſah.—„Ich vertraue auf den Himmel;“ ant⸗ wortete Dagobert muthvoll:„ich bin dem lieben Gott von Herzen treu und hold, und er wird's mir nicht minder ſeyn; darum fürchte ich auch nicht den Schultheiß, nicht den Oberſt⸗ richter, nicht des Prälaten, der hier in's Reſt gezogen iſt, Verläumdungen; auch die heilige Acht nicht, die mich einer Ladung vor ihren Stuhl gewürdigt hat.“— Diether's Wange ſank von hoher Röthe in die Bläſſe des Todes herab:„Un⸗ glücklicher;“ murmelte er:„Du frevelſt. Fürchte jenen Stuhl, vor welchem der Sünde die letzte Larve entfällt, und die Wahrheit ſich aufthut in finſtrer Nacht.“ „Ich ſcheue die Wahrheit nicht;“ entgegnete Dagobert feſt: „Ich wünſche ſie, mein Vater. Wollte Gott, die unbekann⸗ ten Herren ergründeten ſie beim fröhlichen Sonnenlicht; aber auch um Mitternacht ſtehe ich ihrer Ladung, und morgen ſoll der Frohne nicht umſonſt meiner warten.“—„Du woll⸗ teſt ernſtlich...“—„Soll ich mich verfehmen laſſen, mein Vater, um unter dem Meſſer irgend einer Blindſchleiche der Acht zu fallen, ſonder Gehör und Vertheidigung? Oder wäre das ernſte Gericht im Grunde nur ein Faftnachtsſchwank, den man nur aufführt, ſobald ſich Zuſchauer eingefunden haben; und unterläßt, ſobald kein Menſch ſeine Ohren dazu leihen will, trotz Heroldsruf und Pfeifenklang? Ich halte mehr von dem finſtern Richterſtuhle und will ihm meine Re⸗ verenz nicht verſagen, damit ich vernehme, weſſen man mich eigentlich beſchuldigt hat, und mich rein waſche von der auf⸗ gelogenen Sünde.“—„Eine trotzige Zuverſicht!“ ſchaltete Diether warnend ein.—„O, daß Ihr ſie nicht theilen wehmüthig Diether's widerſtrebende Hand:„o, daß Ihr der Erſte ſeyd, der den Stein auf mich geworfen, und der Letzte, der ein offnes Ohr für meine Schuldloſigkeit haben wird! Ich kenne mich ſelbſt kaum mehr, ſeitdem ich geahnt, ſeitdem ich vernommen, was in Euerm Herzen vorgegangen⸗ wie ſich daſſelbe ſo ganz von mir gewendet. Ich bin irre an mir geworden, ich habe meiner Gedanken innerſte Kammer durch⸗ ſucht, und nicht eine Spur von Gottloſigkeit darin gefun⸗ den. Und Ihr— der Gerechte— zweifelt an meiner Seele,— Ihr verdammt mich, während ich rein bin, wie ein hülfloſes Kind! Doch habe ich gegen Euch keine Waf⸗ fen. Im Gegentheile; ich wähle Euch zu meinem Beiſtande vor dem Stuhle zu Sachſenhauſen, und gewiß ſchlagt Ihr mirs nicht ab, mich dahin zu begleiten, wo die Wahrheit ſich aufthut in finſtrer Nacht.“ Diether ſchrack ſichtlich zuſammen, und die Vorwürfe ſei⸗ nes Gewiſſens pochten ſo heftig an ſein Herz⸗ daß er kaum eine ängſtliche Weigerung hervorbringen konnte. Dagobert ſah verdüſtert vor ſich hin, ſeufzte, und ſagte:„Ihr ver⸗ ſtoßt mich ganz⸗ mein Vater. So muß ich denn allein den dunkeln Weg machen. In Gottesnamen; aber mich betrübt's, daß Ihr mir verweigert, warum Wallrade an meiner Statt ſicher nicht vergebens gebeten haben würde.“—„Nichts von Wallraden!“ rief Diether ängſtlich und unwillig:„Ich bin nicht ungerecht in der Liebe, die ich meinen Kindern ſchenke. Ich liebte Wallraden, da ich ſie fleckenlos glaubte; aber nun,. ſelbſt gegen den ihr gehäſſigen Bruder ver⸗ theidige ich ſie nicht.“—„Ich haſſe ja Wallraden nicht;“ ſprach Dagobert ruhig;„doch ihrem Haß vermag ich nicht verſchwenderiſche Liebe entgegen zu ſetzen, und darf Euck Schuld bekennt in der fremden.“—„Ich begreife kaum Dagobert;„doch ſchwör ich's Euch, das meine Lippen man⸗ mit dem heiligſten Eide verſichern, daß dieſe Schweſter, Eure Tochter niemals würdig war, unſern Namen zu führen. Wollt Ihr Beweiſe...2“—„Schweig!“ unterbrach ihn Diether heftig:„aus Deinem Munde will ich nicht wieder hören, was ich ſchon weiß. Welch ein Sieg für Dich und Margarethen!“— Dagobert zuckte ſchweigend die Ach⸗ ſeln.— Diether fuhr aber entrüſtet fort:„Schlange nennſt Du Wallraden; ſag' an, gelehrter Sohn: welch Urtheil fällſt Du über Margarethen? Schenkſt Du ihr einen Hei⸗ ligenſchein, oder mußt Du beſchämt bekennen, daß ſie ſchlim⸗ mer fehlte, als Wallrade?“— Dagobert ſchwieg nicht lange.„Dies Bekenntniß vermag ich nicht zu leiſten,“ ſagte er:„daß jedoch Frau Margarethe fehlte, Eurer unwürdig handelte, will ich nicht läugnen. Leider darf ich's nicht.“— Triumphirend ſah Diether zu ihm empor und rief:„Dank Dir, mein Gott, daß des Sünders Mund ſo eben die eigene mit Sinn und Ohr, was Euer Mund ſpricht,“ erwiederte ches enthüllen könnten, was ich verſchweige, weil Frau Mar⸗ garethe Eure Hausfrau, meine zweite Mutter iſt. Die Zeit erſetze das, was ich verſäume.“—„Recht; doppelzüngiger Menſch;“ rief Diether gereizt:„Hülle Dich nur ein in räthſelhafte Reden. Deine Vergehen blicken überall hervor, und das ſtrafende Gericht wird nicht ausbleiben. Die Ehre Deines Vaters haſt Du mißhandelt; Deine eigene Ehre in den Staub getreten; Dein Leben verwirkt durch Deine Buh⸗ lerei mit der Jüdin, von welcher die ganze Stadt weiß.“— „Vater!“ rief Dagobert mit flammenden Augen und eilen⸗ den Worten:„Beſchützt habe ich Eure Ehre, und nie 16 beſudelt die meinige. Vater, wer an die reine Sitte der Unglücklichen taſtet, der ich Beſchützer ward, weil ſie keinen Freund auf der weiten Erde hat,— wer Ben David's Toch⸗ ter ſchmäht, blos deßhalb weil ſie eine Jüdin und mir lieb iſt,— gegen den zieht mein Zorn zu Felde, und wäre ich gleich ſein Sohn. Buhlerei, ſagt Ihr? Die Farbe des reinen Himmels reicht nicht an Eſther's Unbeſcholtenheit; eine Schurkerei habe ich noch nie gedacht. Aber unter meinem Schilde ruht die Taube ſicher; ich verrathe ihre Zu⸗ flucht den Feinden nicht, und würde jetzt ſchon der Holzſtoß für mich angezündet.“ „Prahlender Wüſtling!“ zürnte Diether:„Tritt immer auf in Deiner wahren Geſtalt; fliehe aber die Stätte, wo ein Freiſtuhl Weſtphalens ſteht. Häufe nicht noch den Jam⸗ mer auf mein Haupt, Dich an einem Stadtthore von den heimlichen Rächern aufgehängt zu erblicken.“— „Der Herr wurde unſchuldig gerichtet;“ erwiederte Da⸗ gobert mit völliger Seelenruhe:„beneidenswerth wäre ich, ein ſchwacher Sohn des Staubes, träfe mich ein gleiches Loos. Lebt wohl indeſſen, Vater. Ich ſcheide. Lieblich war mir dies Haus, da ich noch eine fröhliche Ingend darin berumtrug, von Stiege zu Stiege, von Speicher zu Flur, von Gemach zu Gemach, und mich überall in die Arme eines guten Vaters, in den Schvoß einer treuen Mutter legen konnte. Aber, nun die getreue Mutter zum Himmel gezo⸗ gen iſt, und das Vaterherz ein doppelt Erz angethan hat, ſind mir erſt dieſe Wände eng geworden, und niedrig wie Särge dieſe Gemächer. Ich will Euch, Herr Vater, wie den wälſchen Ohm mit meinem Anblick verſchonen, und für⸗ der allein für mich meine Straße ziehen. Behüt' Euch Gott, ——— 17 und lebet wohl.“— Auf der Schwelle ſtieß Dagobert, in deſſen Augen der Thränen Gewalt drückte und preßte, auf den kleinen Hans, den Fivrilla an der Hand führte. Fiorilla begrüßte den Jüngling mit jener Fremdartigkeit, die vor den Zeugen die nähere Bekanntſchaft zu verbergen ſtrebt; der kleine Hans jedoch jubelte laut auf und kletterte an Dago⸗ bert empor. Dieſer wurde roth vor Ueberraſchung, und ſetzte den Knaben ſtumm wieder nieder, ohne ſeine Lieblo⸗ ſungen, wie wohl vordem, zu erwiedern. Hans machte ihm tindliche Vorwürfe wegen dieſes Kaltſinns.—„Die gute Mutter fortgegangen,“ klagte er,„und Elſe iſt fortgegangen, und der Mann dort macht ein finſter Geſicht. Was ſoll ich denn anfangen, Dagobert, wenn auch Du nichts mehr von mir wiſſen willſt?“ Gerührt blickte Dagobert auf den Knaben herab, betrach⸗ tete ihn aufmerkſam, nickte dann mit dem Kopfe und ſprach: „Wahrlich, Du armes Kind,.. Du biſt übel daran,... übler als Du weißt und verdienſt.“— Hier wendete er ſich raſch zu Diether, aber der ſchon zum Reden geöffnete Mund verſtummte vor dem ſtieren Blicke, mit welchem der Vater ſeine Söhne beobachtete.„Ueberlaſſe Alles dem Herrn!“ flüſterte der Jüngling in ſich hinein und bückte ſich wieder zu dem Knaben herab:„Gutes Kind!“ ſagte er halblaut zu demſelben:„Vaterloſer Knabe! faſſe Muth und ſtärke Dich zu jedem Unglück. Biſt Du einſt Allen fremd geworden und ich lebe noch, ſo komm zu mir; ich will Dir Vater ſeyn!“—„Ach ja;“ wiederholte der Knabe, ſeinen Lockenkvpf vertraulich auf Dagobert's Schulter lehnend: „Du mein Vater.“—„Ich, mein Sohn; ja! bei'm ewigen S.. ſtammelte Dagobert unter umarmte I 18 das Kind, legte es in Fivrillens Arm und entfloh dann aus dem Gemach. Fiorilla brachte den ſehnſuchtsvoll nach dem Scheidenden blickenden Knaben auf Diether's Schooß. Der zornige Mann ſtieß ihn aber von ſich, und rief:„So geh' doch hin zu Deinem Vater, junger Kuckuk, und ver⸗ wünſcht ſey die Stunde, in der mich mein leichtgläubig Herz abermals betrog!“— 8 weites Rapitel. * Schauet doch, und ſehet, ob irgend ein Schmerz ſey, wie mein Schmerz, der mich getroffen hat! Denn der Herr hat mich voll Jammer gemacht am Tage ſeines grim⸗ migen Zorns! 4 Jeremias. Es geſchah, daß an dem Abend deſſelben Tags, an wel⸗ chem Dagobert nach Hauſe kehrte, ein böſes Stücklein in der Stadt verübt wurde. Es war in der Neuſtadt ein Haus be⸗ legen, das man„Zum heißen Stein“ nannte, und worin ſchon mancher ſeine Hölle auf Erden gefunden hatte. Man pflog nämlich daſelbſt des Spiels mit Würfeln und Brett, und es ging ſcharf dabei her, mit Geld und Gut und fah⸗ render Habe. Zu verſchiedenen Malen war ſchon der Reiche als ein Bettler aus dieſem Hauſe getreten; ſeltner jedoch der Habenichts als ein vermöglicher Mann, weil der Zufall nicht immer allein waltete in dieſen Spielen, ſondern auch gar oſt und häufig die geſchickte Hand und der falſche ————— ——— daher, oft von Spießgeſellen unterſtützt, ſeiner Haut derge⸗ Handel fiel auch an dem benannten Abende vor, denn ein Würfel. Es hatie ſich ſchon häufig,— namentlich während der Meſſen zugetragen, daß trügliche Spieler aus dem Fenſter waren geworfen, oder dem Arm des Gerichts übergeben worden, das ihnen nachher zum Lohn für ihre Frevel die Augen hatte ausſtechen, ſie ſelbſt aber in den Main werfen laſ⸗ ſen. Dieſe ſchreckliche Strafe hatte indeſſen die Frevler nicht ausgerottet, ſondern nur ihre Behutſamkeit und Vorſiht vermehrt, indem es doch immer für Abenteurer aus der Fremde eine gar zu lockende Gelegenheit blieb, um leicht⸗ ſinnige Bürgerſöhne, oder übermüthige Prahlhänſe von Jun⸗ tern, oder unerfahrne Kaufleute und Diener zu rupfen, und um ihr blankes Geld zu bringen. Wurde hin und wieder ein ſolcher Spielgauner ertappt, ſo wußte er ſchon xecht gut, welch ein Schickſal ſeiner harrte, und er wehrte ſich ſtalt, daß die Rauferei nicht immer zum Vortheil der Recht⸗ haber ausſiel. Der heiße Stein wurde danm oft ein bluti⸗ ger, und nur die öffentliche Gewalt vermochte in der wüſten Spielherberge Ruhe und Friede herzuſtellen. Ein ähnlicher wälſcher Gaudieb, der ſich über die Meſſe zu Frankfurt ver⸗ weilt hatte, war dem Verbot des Raths zum Trotze, welcher ſelbſt die Würfel an den heißen Stein lieferte, mit eignen aus Welſchland gebrachten Würfeln daſelbſt aufgetreten. Wie denn das Neue immer dem Gewohnten vorgezogen wird, ſo waren die Spielgäſte, junge Brauſeköpfe aus reichen Bürgergeſchlechtern, mit dem Willen des Fremden einverſtan⸗ den, und zwangen den Spielwirth, die ausländiſchen Würfel auflegen zu laſſen.— Und alſo ging dann das Rumoren und Geklapper los, und der Italiener ge und gewann, 2* 20 und ſein Beutel wurde immer ſtraffer, während die Gelvta⸗ ſchen der Mitſpieler ſich leerten bis auf den Grund. Aber nicht minder die Geduld der Verlierenden verſiegte, und da des Fremdlings Gewinn immer mehr und mehr anſchwoll⸗ ſo ergriff einer von den heftigſten Spielern im Zorn die Würfel, die ihm ſo eben die letzten Goldkronen gekoſtet hat⸗ ten, und warf ſie mit dem Rufe:„Ei ſo ſey doch Du ver⸗ dammt ſammt Deinem Spielzenge, vermaledeiter Schelm!“ dergeſtalt auf den Boden, daß einer derſelben zerſprang und es ſich ergab, daß er mit Blei gefüttert geweſen, und immer die Sechſen, wenn die geſchickte Hand des Wälſchen die Knochen regierte, oben liegen mußten. Darob ergrimmten denn die Herren ſammt und ſonders, und derſelbe, der zur Entdeckung Anlaß gegeben, nahm ſich auch des Rächeramts an, und ging dem Gauner mit dem Degen zu Leibe. Allein derſelbe war ein Raufhahn nebenbei, und wehrte ſich mit dem langen wälſchen Rappiere dermaßen, daß, obgleich die Andern dazwiſchen ſprangen und der Wirth nach Hülfe lief⸗ der Angreifer durchbohrt auf dem Eſtrich lag, ehe noch die Klingen dreimal gekreuzt worden waren. Der Schreck, den der Fall des Fechters einflößte, half dem Spitzbuben zur Flucht, und die herbeikommende Nachtwache fand weder Mörder noch Zeugen mehr im Hauſe, ſondern einzig und allein den todten Mann, den man für des Oberſtrichters Sohn, einen leidenſchaftlichen, ausſchweifenden Menſchen, erkannte. Sprach nun gleich die ganze Stadt, es ſey an dem Wüſtling gar nicht viel verloren, ſo redete das Vater⸗ doch anders, und der Oberſtrichter, der von vielen dieſen Einzigen groß gezogen hatte, überließ ſich Verzweiflung, da ihm die abgeriſſene letzte herz Kindern der ſtummen Blüthe ſeines Stammes heimgetragen wurde. Die Morgen⸗ röthe fand ihn neben dem ſtarren Sohne ſitzend, und deſſen Hand in der ſeinigen haltend, und brütend über dem Ver⸗ hängniß. Da nun die Sonne heraufſtieg, und das Trauer⸗ haus eben ſo gut mit Gold bekleidete, wie das Haus der Freude,— da nun der gebeugte Vater ſich erinnerte, daß ſein Schmerz, obgleich der eines Gewaltigen, im weiten Kreiſe der Welt nur ein ſchwacher Punkt ſey, unbeachtet von Allen denen, welchen des Mörders Klinge nicht gleich ihm in's Innerſte des Herzens gedrungen war, da legte ſich die Verzweiflung zur Ruhe, und ein milder Schmerz trat an deſſen Stelle; nicht der nach Rache dürſtende Jammer, ſon⸗ dern der verſöhnliche weinende Gram. Zitternd blickte der alte Mann in ſein Leben zurück, und ſuchte nach einer Wur⸗ zel dieſes Verderbens, das ſein ganzes Geſchlecht dahingerafft, denn der Menſch greift zum Aberglauben, um den leitenden Faden zu finden, den ihm ſein unbewaffnetes Auge nicht zeigt im Leben. Er gedachte ſeines ſtrengen Amts, der vielen Schuldigen, die ſeine Thürme verſchlungen hatten; der wenigen Unſchuldigen, die wieder daraus hervorgegangen waren. Er gedachte jener Vielen, die noch unter der Hand des Henkers ihre Unſchuld betheuert hatten, und quälende Zweifel, ob er auch immer recht gerichtet, ſtiegen in ihm auf. Plötzlich erinnerte er ſich der Juden, die, allen Zeug⸗ niſſen zu Folge, ſchuldlos und unverdient,— höchſtens nur einer leichten Büßung würdig, im Kerker ſchmachteten, und an dieſe Geſtalten des Elends reihte ſich eine andere aus ferner Vergangenheit,. die blinde Mutter, die des Oberſt⸗ richters⸗Vater in die Flammen geworfen hatte, und bis an ſeinen Tod nicht wegbringen konnte von ſeinem Kopftiſſen, — 22 wie er oft dem Sohne mit bitterlicher Reue geklagt.—„Wer weiß,“ ſeufzte der betrübte Richter,..„wer weiß, ob nicht von jener unbeſonnen gräulichen That das Unheil ausge⸗ brütet wurde, das mich und die Meinen ſchon betraf? Wer weiß, welch gräßliches Verhängniß mefner noch im ſchwachen Alter wartet, wenn ich nicht vergüte, was in meiner Macht ſteht?“— Dieſen trübſinnigen Gedanken nachhängend, kämpfte der Oberſtrichter lange mit dem wilden Vorurtheil, riß ſich alsdann männlich empor, und begab ſich mit einer Haſt, als möchte es im nächſten Augenblicke ſchon zu ſpät ſeyn, zum Thurme, in welchem Ben David und ſein Vater ſchmachteten. Der Wächter zog achſelzuckend ein langes Ge⸗ ſicht, da der ehrſame Herr nach sem alten Jochai fragte. „Mit ihm wird's wohl am längſten gedauert haben,“ brummte der rohe Menſch:„ſeit geſtern Abend hat's ihn angefallen, wie ein tödtlich Gebreſte, und mein Schwager, der Scherer am Liebfrauenberge, der den Alten geſehen, meint, es gehe mit der Judenſeele zu Ende.“— Der Oberſtrichter entſetzte ſich, ohne jedoch ein Wort des Mitleids vor den Ohren des Kerkermeiſters zu wagen.„Hat man denn dem alten Mann keine Hülfe gereicht?“ fragte er faſt gleichgültig.—„J wozu, ehrbarer Herr?“ fragte der Wächter entgegen;„Das Geſin⸗ del bedarf keiner Arznei. Der Teufel hilft ſeinen Jungen ohnehin, wenn ſie nicht ſterben ſollen, und der alte Schelm von hundert Jahren fährt auch geradezu in die Flammen; ſo hat der hochwürdige Pater Reinhold geſagt, der erſt vor Kurzem hinwegging. Der verfluchte Hundsjude hat ſich nicht bekehren wollen, und der Pater verſichert, daß ihm angſt und bang bei dem Sünder geworden ſey: dermaßen habe der Teufel, der in ihm ſitzt, geſchnauft und gefaucht und getnurret, ſo oft der Pfaffe mit Gebet und Beſchwörung angeſetzt.“—„Iſt denn der Sohn bei dem Sterbenden?“ fragte der Richter, und der Wächter ſchüttelte den Kopf. Das Kopfſchütteln begann wieder, als er den Befehl erhalten hatte, David zu Jochai zu führen.„Gott genade unſern Ohren!“— ſprach der Brummbär, nach den Schlüſſeln ſuchend:„das verdammte Volk wird ein Geſchrei und Ge⸗ klage anheben, daß man ſein eigen Wort nicht verſteht, und es hilft doch zu nichts. Der Schurke muß dennoch fort.“— Der Oberſtrichter wiederhokte kalt und beſtimmt ſeinen Be⸗ fehl, und ließ ſich indeß Jochai's Gemach öffnen. Da lag der Greis, ausgeſtreckt auf einem elenden Lager, das doch immer im Vergleich mit ſeinem vorigen modernden Stroh⸗ bette eine köſtliche Ruheſtelle war,— ganz allein, ohne Hülfe, ohne Labung, und nur der Tod war bei ihm, begriffen in ſeinem traurigen Geſchäft. Das Geſicht hatte ſchon beinahe die Züge angenommen, die der alte Arzt Hippokrates als die letzten bezeichnet; die Bruſt hob ſich ängſtlich und keu⸗ chend, weil in ihr das Leben ſich ſträubte gegen das Erlöſchen, während ſchon die Glieder regungslos ruhten, unvermögend, den armſeligen Waſſerkrug, der zu Haupten des Bettes ſtand, an die fieberiſch zitternden Lippen des Sterbenden zu bringen. Der Oberſtrichter erwies dieſen Dienſt dem Hülf⸗ loſen, er unterſtützte deſſen Haupt, und ſprach ſanfte Worte zu ihm. Das Labſal der kühlenden Tropfen und der milden Rede rief den Entſchlummerten zur Beſinnung zurück, und die ſtarren Augen belebten ſich wieder, und ſahen in der feindlichen Amtstracht einen Menſchen an dem Bette des Todes ſtehen.—„Der hochgelobte Gott ſoll Euch vergelten,“ ſprach der Greis, welcher den Oberſtrichter gar wohl 24 erkannte:„mich hat überfallen die elende Zeit, da uns der Herr hinweggehen heißt aus dem Leben und Verſöhnung befiehlt mit dem Feinde.“—„Auch unſer Gott nicht minder will Verſöhnung im Sterben;“ entgegnete der Richter mit trübem Blicke und dumpfer Stimme:„Vergib meiner Pflicht, was ich Dir Böſes gethan, und fluche meinem Namen nicht.“— „Da ſey Gott vor,“ redete Jochai,„daß ich fluche dem, der meinen Mund genetzt hat mit kühlem Waſſer. Genommen ſey von Euch jeglicher Fehl und das Vergehen Eures Vaters, denn ich kann Euch vergeben für Iſrael, doch nicht für den gebenedeiten Gott, welcher Edom verdammt hat zum Feuer. Ich will aber bitten für Euch im Thale Joſaphat, ſo Ihr mir gewähren wollt zwei Bitten.“—„Sprich!“ erwiederte der Oberſtrichter.—„Jaget den Pfaffen von meinem Lager,“ verſetzte der Sterbende wehmüthig:„ſeine Götter ſind mir“ ein Gräul des Baal, und weil kein Rabbi ſtehen kann zu meiner Seite und keiner von den Freunden, ſo will ich ſeyn allein mit dem Engel, der da bringt das Ende.“— Der Oberſtrichter nickte, und der Alte fuhr fort:„Sehen möchte ich noch den Sohn, meinen Bechor, und deſſen Tochter, die arme Eſther.“—„Von Eſther weiß ich nicht,“ äußerte der Richter:„jedoch Dein Sohn,. ſo eben bringt man ihn.“ Man muß den leidenſchaftlichen Schmerz der Völker des Südens geſehen haben, um Davids furchtbaren Kummer ſich denken zu können. Er ſtrebte gewaltſam vorwärts aus den Händen der Wächter, die im Begriff waren, ihm die Ketten abzunehmen, und hätte ſich mit der ganzen ſchweren Eiſen⸗ laſt über den Körper des Vaters geworfen, wenn man es zugelaſſen hätte.— Endlich von den Banden befreit, ſtürzte er an dem Bette nieder auf die Knie, faßte die erſchlafften Hände des Sterbenden, küßte ſie und den bleichen Mund unter Thränen und Schluchzen und ſtieß von Zeit zu Zeit ein Geſchrei und eine laute Klage aus, die man im Munde des Weibes, aber nicht auf den Lippen des alternden Man⸗ nes erwartet haben würde. Der Ungeſtüm dieſes Auftrittes, welchem der Oberſtrichter mit Thränen im Auge entfloh, um nach dem Hauſe ſeiner eigenen Trauer zu kehren, und zu überlegen, was ferner zu thun ſey, dauerte eine gute Weile hindurch, und Jochai ſchien dieſe heftigen Schmerzäußerungen als den ſchuldigen Tribut der kindlichen Liebe hinzunehmen. Endlich verſtummte jedoch der allzulaute Jammer in ängſt⸗ liches Stöhnen, und auch dieſes hörte auf, da Ben David das bekümmerte Auge auf Jochai's erlöſchendes richtete, gleich⸗ ſam als wolle er die Augenblicke zählen, die noch dem Ster⸗ benden übrig blieben. Der Greis begann nun mit brechen⸗ der Stimme ein Gebet zu murmeln, in welches der Sohn einſtimmte, und das bald beendigt war. Nun ſprach Ben David troſtlos und zögernd:„Raaf! wirſt Du mich ſegnen, bevor Du hinweggehſt, oder wird mein Name verflucht ſeyn von Dir? Raaf! Du haſt mir gegeben das Leben, und ich habe Dir gegeben den Tod; ach! es iſt wahr geworden, was Du geſagt haſt in Weisheit. Du ſtirbſt hin in edomitiſchen Banden, und ich habe es verſchuldet, daß Dein Angeſicht bleich wird außer Iſrael und den Hütten Jakobs!“— „Sohn!“ entgegnete Jochai ſanft:„So Du mir hätteſt Gift gegoſſen in den Leib, würde ich Dir doch verzeihen, nun ich ſterbe, denn wir werden doch theilen das Paradies mit den verderbten Kindern, da wir ihnen nicht entziehen das 26 Erbtheil dieſer Welt?*) Aber Du biſt nicht geweſen die Schlange der Wildniß, und weil mich der Herr geſchlagen hat mit Schwäche und Blödheit da ich lebte, ſo hat er mir verliehen Gewalt und Kraft vor dem Tode. Ich gehe nicht dahin aus Leid, mein Sohn, ich gehe dahin aus Freude, weil die Herrlichkeit Iſraels hat geſiegt, und der Väter Für⸗ bitte bei dem Ewigen an's Licht gebracht unſre Unſchuld. Das iſt ein freudevoll Hinſcheiden, mein Sohn, und ich ver⸗ danke es Dir.“— Dankbar preßte David die milde Hand Jochai's an ſeinen Mund. „Wir haben gelitten viel;“ fuhr der Greis mit ſchwä⸗ cherer Stimme fort:„aber die Freude iſt größer, denn die Qual. Aus Amaleg führt uns der Weg in's Paradies, wo der Herr waltet als oberſter Fürſt und gaſtlicher Wirth, und den Behemoth füttert, wie den Leviathan zur Koſt der ſieben Schaaren der Gerechten aus Iſrael**). Mag auch aus⸗ gehen die Leuchte unſers Lebens,.. wenn doch nur ſtrahlt die Leuchte ob unſerm Haupte: die Herrlichkeit des hochge⸗ lobten Gottes. Meine Hand iſt kraftlos geworden, Sohn, und ich kann ſie nicht auflegen Deinem Haupte, wie die Väter es gethan, aber meine Zunge ſpricht ihn noch aus, den Segen, der Dich geleite zum ewigen Leben der Wonnen, zu dem ich vorangehen will. Finde Gold auf Deinen We⸗ gen, und der Herr ſtärke Dein Geſicht und Deine Hände, auf daß Du mögeſt ſehen die Stricke Edoms, und gewinnen Deine verlorne Habe. Der hochgelobte Gott laſſe Dich fah⸗ ren unter die Gerechten, und Deine Tochter Eſther nicht *) Die jüdiſche Lehre verbietet, ein Kind zu enterben, aus welchem Grunde es auch geſchehen möchte. *) Andeutungen aus dem Talmud. minder.“— Ben David ſeufzte ſchwer. Jochai fühlte es, und fuhr, wiewohl ermattet, fort:„Gelobe mir, mein Sohn, daß Du— ſo Du wieder findeſt unſer verlornes Kind,— daß Du es erhalten willſt auf dem Wege des Heils. Daß ſie nicht anhänge einem Goi aus Edom?“—„Wie ſoll ich geloben, was ich nicht kann hindern?“ fragte David ängſt⸗ lich:„Ich kann nicht legen Feſſeln an ihr Herz, kann nicht machen ungeſchehen, was vielleicht ſchon iſt.“—„So gelobe mir,“ ſprach der Sterbende mit mühſam erhöhter Stimme weiter:„ſie nicht zu laſſen zu dem verruchten, vermaledeiten Bad, das ſie die Wiedergeburt nennen; halte ſie ab, daß ſie nicht abſchwöre vor dem Volke den Glauben aus Canaan.— Schwöre, gelobe!“ ſetzte er zornig bei, da Ben David zö⸗ gerte und zauderte:„Schwöre, denn dort zu meinen Füßen richtet ſich ſchon der Engel des Todes auf.“— Halb ohne Bewußtſeyn gelobte David, was der Alte begehrte. Jochai beruhigte ſich merklich und ſprach:„Der Segen folge dieſem Eide und dem Kinde, das ſich nennt wie das Pflegkind Mardochai's. Und nun, mein Sohn, binde mir auf das Haupt, um die Hand die Thephilum, da mein Gebein ſchwach geworden iſt.“— David that, wie ihm geheißen war. Jo⸗ chai's Auge wurde wieder ſtarrer und ſeine Stimme verwirrt. „Die Seele wird unſtät im Leibe,“ ſeufzte er unter den Be⸗ wegungen des nahenden Endes; ſie durchläuft zitternd die Glieder, weil ſie bebt vor dem Engel, der dort ſteht, und feurige Augen trägt vom Wirbel bis zur Sohle. Hüte Dich, David, daß Du nicht geräthſt unter das Schwert des Wil⸗ den, der dort unten tanzt wie ein trunkener Fechter. Halte Dich an mich, denn das iſt Samael, der die Seelen nimmt derjenigen, die ſterben außerhalb dem heiligen Lande. Hilf 28 mir, Sohn! Gib mir die Erde des Herrn, die Du trägſt auf Deiner Bruſt, daß ich in der Heimath ſterbe, und der Engel Gabriel meine Seele hole*).“— Ben David riß das Päckchen von der Bruſt und ſchob es unter den Kopf des Verſcheidenden, deſſen Blicke noch einmal aufloderten in dem Scheine einer wehmüthigen Freude.„Groß iſt der Herr!“ ſtammelte ſeine Zunge:„gekannt in Juda, und ſein Name herrlich in Iſrael. Zu Salem iſt ſein Gezelt, und ſeine Wohnung zu Zion! Laßt uns ihn preiſen, den hochge⸗ lobten Gott!“— Hier ſtockte die Zunge des Erblaſſenden; ſeine Augen umdüſterte die in's Leben hereinbrechende Nacht; noch einmal öffnete ſich der Mund, und von dem Schwerte des Todesengels fiel der an der Spitze hängende Galltropfen hinein, von welchem das Angeſicht bleich wird, und die Seele entflieht**). Aber ein guter Engel, der Fürſt der Barm⸗ herzigkeit mußte hier gewaltet haben, weil freundlich das Angeſicht wurde und ſtill wie der Friede.— Ben David zog“ dem Todten das armſelige Kiſſen weg unter dem Kopfe, ſtürzte deu Waſſerkrug um, in welchem vielleicht der Todes⸗ bote ſein Schwert abgewaſchen hatte; zerriß ſein Gewand und warf ſich nieder auf dem Boden, wo er trauerte im Schweigen, oder betete, oder jammernd im Staube ſich wälzte. In dieſem Zuſtand fand ihn am Abend der Oberſtrichter. *) Reichere Juden pflegten ſich aus Paläſtina Erde kommen zu laſſen, mit welcher ſie einen Polſter oder ein kleines auf der Bruſt zu tra⸗ gendes Amulet anfüllten, damit ſie ihnen beim Sterben unter das Haupt gelegt werden. *) Nach den Angaben und Lehrſätzen mehrerer Rabbiner; vielleicht der ſchönſte poetiſche Gedanke des Talmud. Bruſt des Thurmwärters gerührt, daß er es nicht gewagt, die theure Leiche dem Trauernden zu entreißen, bevor der Befehl dazu gekommen ſeyn würde. Starr und ſchweigend, ohne ſich zu erheben, ſah Ben David in des Oberſtrichters Antlitz, als ſuche er in den Augen deſſelben zu leſen. Die Starrheit ſeiner Züge milderte ſich jedoch, da er nichts als Mitgefühl in des Richters Blicken wahrnahm.—„Stehe auf, David,“ ſprach derſelbe zu ihm:„Stehe auf, ich will zu Dir reden.“—„Herr;“ verſetzte Ben David:„ich darf nicht aufſtehen; ſo will es das Geſetz, weil die Erde iſt das Lager der bittern Armuth, und verſchlingt unſern wahren Reichthum. Erlaubt mir, daß ich dem Geſetze folge, und redet zu mir, wie ein milder Herr zu ſeinem Hunde.“— „Steh auf, David;“ wiederholte der Oberſtrichter, mich kümmert nicht Dein Geſetz; und Du magſt es üben an anderm Orte und zu andrer Friſt. Denn Du ſollſt frei ſeyn.“— „Frei?“ fragte Ben David ſtaunend:„Herr! redet Ihr auch wahr und redlich? Schwer iſt die Kette, aber ſie wird ſchwerer als die Welt, wenn man verſprach, ſie zu lüften, und nicht dem alſo thut.“— Ich lüge Dir nicht;“ erwiederte der Oberſtrichter ernſt:„Du ſollſt frei ſeyn.“—„Frei?“ wiederholte Ben David noch einmal:„Hab' ich's doch ganz verlernt, wie man iſt frei. Gehen in freier Luft, ohne Bande, ſchlafen unter freiem Dache, ohne Schmerz und Sorge? Verſteh' ich Euch? und hat der Rath endlich erkannt die Wahrheit?“ „Er hat ſie erkannt;“ ſagte der Oberſtrichter:„der Schurke Zodick iſt flüchtig gegangen, und Werkzeuge ſeiner mörderiſchen Frevel hat man in ſeiner Wohnung gefunden. Die Wahrhaftigkeit ſeines Schmerzens hatte ſelbſt die rauhe — der Jude:„Ihr ſeyd grauſam in Eurer Barmherzigkeit. Was den abſcheulichen Menſchenhandel betrifft, den Du ge⸗ trieben, ſo will der Rath Gnade für Recht ergehen laſſen, in Rückſicht auf die böſe Zeit, die ihr, auf Mord und Raub beklagt, ausgeſtanden habt, damit nicht geſagt werde, wir hätten Euch ungerecht behandelt. Allein, da es ſich doch nicht geziemen würde, daß ein von einem Betrüger irre ge⸗ führter Richterſtuhl bekenne, daß er ſich übereilte, und die peinliche Rathbank nimmer darauf eingehen wird, ſich gegen einen Juden ferner zu erklären, ſo fiel der Schluß dahin aus, daß Dir zwar die Thüren des Kerkers geöffnet werden ſollen, jedoch ohne öffentlichen Freiſpruch; daß die Dokumente dieſes Handels vernichtet werden mögen, und Du binnen ſechs Jahren verbannt bleibeſt aus dieſer Stadt und ihrem Weichbilde, bei Verluſt der Ohren und des rechten Dau⸗ mens, ſo Du Dich wieder betreten ließeſt, binnen der auf⸗ gegebenen Bannfriſt. Dieſe Pön magſt Du hinnehmen, als Vergeltung für den Kauf eines Chriſtenknaben. Im übrigen danke der Milde des Gerichtes, und entferne Dich noch die⸗ ſen Abend.“—„Herr!“ verſetzte Ben David nach langer Ueberlegung:„Es müßte nicht gelten die Freiheit, wenn ich nicht annähme Euern Antrag. Aber der Bann, der Bann macht mich zum Verbrecher. Mein Haus wird verfallen, Gras wachſen vor meiner Thür, meine Freunde werden mich ſuchen, und fragen:„Wo iſt er hingegangen, daß wir ihn nicht finden? Und meine Tochter, mein Eſtherchen! Herr! ich werde doch nicht können fort.“—„So muß ich Dich mit Gewalt wegbringen laſſen;“ entgegnete der Oberſtrich⸗ ter gleichgültig:„und wehe dann Deinem Kopf und Deiner Fauſt, im Falle des Wiederbetretens.“—„O Herr!“ ſeufzte 31 Und doch iſt ein ſo herrliches Gut die Freiheit! Ich wollte gerne gehen, ob ich gleich nackt bin, wie ein Bettler, arm wie das Kind, das eben zur Welt gebar der Schooß des Weibes. Denn ich habe nicht vergraben Schätze, ich habe nicht verborgen mein Gold. Meine einzige Habe iſt ein elend Geſchrifft, das der Wind mag zerſtückeln, und vielleicht ſchon weggeführt hat die Fluth. Dennoch wollte ich gehen hinaus in die Welt, um zu ſeyn frei; ich wollte legen den Schlüſſel meiner Thür in die Hände des Nachbars, und aushalten den Bann, mit dem Brandzeichen des Verbrechens, um zu ſuchen, und wieder zu finden mein Kind; aber dieſe Leiche,. mein Vater.. ich lann ſie doch nicht tragen auf meinen Schultern davon, und was wird aus ihr wer⸗ den? Soll ſie doch jetzt ſchon ruhen in der Erde, weil der Herr beſiehlt, daß die Trauer nicht ſchlafe über Nacht im Hauſe. Was geſchieht aber mit ihr: Werdet Ihr ſie auf den Anger werfen laſſen, oder in den Fluß? Wehe, wehe über Iſrael und ſeine Schmach! Mein Herz wallet mir im Leibe, denn mein Elend iſt groß!“—„Beruhige Dich,“ verſetzte hierauf der Oberſtrichter:„Deine Glaubensgenoſſen ſollen Morgen den Todten von hinnen holen, und ihn nach ihrer Weiſe beſtatten dürfen; bei meinem Eide!“— Da ging Ben David hin zu der geliebten Leiche, bückte ſich über ſie, und fragte:„Raaf, wirſt Du Zorn fühlen gegen mich in Deiner unſtäten Seele, wenn ich nicht aushalte hier die Tage der Drauer? Ich will mich ja aufmachen, zu ſuchen meine Eſther,— das Kind, das Du geliebt, das Kind, das Du getragen haſt in Deinem Herzen, wie in Deinem Arm. Ich will, ein Verbannter, aufſuchen das Land, wo Deine Hütten ſteben, Jalob, und das Geſetz gelehrt wird. Ich 32 will dort die doppelte Zeit hindurch faſten und beten, und ſitzen auf der Erde mit zerriſſenem Gewand. Zürne mir jetzo nicht, ich darf ja nicht beerdigen Deinen Leib, ich darf ja nicht folgen Deinen Gebeinen zur Grube. Verzeihe mir, Raaf, dem das Paradies ſey, und lebe wohl!“— Er küßte noch einmal zärtlich und ehrerbietig die Stirne und den Mund des Todten, drückte ihm die Augen zu, und band die Te⸗ phillum des Haupts darüber. Dann breitete er ein Tuch über das erblaßte Geſicht, und wendete ſich zu dem Oberſt⸗ richter mit den Worten:„Befehlt, ehrſamer Herr, ich will gehorchen.“—„So gehe hin, ſobald der ſpäte Abend däm⸗ mert;“ ſprach der Richter:„Der Kerkerknecht wird Dich nach Sachſenhauſen hinüber geleiten. Dort magſt Du wei⸗ len bis Morgen. Mit dem früheſten des Tages jedoch ſchüttle den Staub von Deinen Schuhen, und wandre, wandre weit von hier. Dem erbarmenden Gefühle in meiner Bruſt habe ich genug gethan, da ich Dich losgebettelt habe bei dem Rathe. Zwinge mich nicht, Deine Strafe ausſprechen zu müſſen, und halte Deinen Bann.“—„Schon dämmert der Spätabend;“ entgegnete Ben David langſam, durch die Fenſter ſchauend, auf die nächſten Häuſer, in welchen die Lichter angezündet wurden:„Das Brückenthor wird bald geſperrt werden; ich will daher jetzt gehen, Herr, ſo Ihr be⸗ fehlt.“— Der Wächter erſchien mit Licht an der Thüre, und der Oberſtrichter machte ſich auf, das Zimmer zu ver⸗ laſſen. Ben David that einige Schritte, und blieb dann wie eine Bildſäule ſtehen.„Iſt mir doch, ſtammelte er, als ob mich's hielte bei den Haaren und Salomon's Ring mich feſtbannte, daß ich nicht kann fort!“—„aſſe Muth⸗ Jude,“— antwortete der Oberſtrichter hierauf:„Die Freiheit winkt. Spare die ungemeſſene Trauer. Der alte Mann ſtand lange ſchon am Ziele ſeines Lebens, und der Vater ſtirbt vor dem Sohne nach dem Laufe der Natur. Mich beklage, denn ich gehe von hier zum Sarge meines Er⸗ ben!“— Ben David gedachte ſeiner Söhne, wendete mit dem ſchmerzlichſten Seufzer den Kopf noch einmal nach dem Entſchlummerten, und folgte alsdann, ſich wie in der Ver⸗ zweiflung losreiſſend, dem Kerkerknecht.— Der Mann warf ihm, während ſein Gehülfe dem Richter des Thurmes Thüre öffnete, ein wollnes Wamms zu, und ſagte:„Das ſchict Dir die Barmherzigkeit der verrückten Dirne, die des ge⸗ tauften Schurken Frevelthaten an das Licht gebracht. Die Jacke war für den Alten beſtimmt, doch kommt ſie Dir jetzo auch zu gut, ſo wie dieſe Flaſche Wein, die von derſelben Geberin geſchickt worden iſt. Die närriſche Dirne hat Euch ſchon früherhin, da Eure Leute ſich nicht um Euch bekümmer⸗ ten, manchmal Wein geſchickt, und er hat,— wenn gleich nicht koſcher— Euern Judengurgeln wohl geſchmeckt. Da, nimm auch dieſen.“—„Was ſoll mir Wein?“ fragte Ben David bitter lächelnd:„Ich bin getränkt mit Sorge und Bangigkeit. Trinke Du, mein Freund.“—„Lieber Pech und Schwefel;“ erwiederte der grobe Knecht:„lieber des TDeufels heißeſten Trunk, als Rüdesheimer, der ſchon einmal für jüdiſche Ketzer beſtimmt iſt. Darauf haftet ſchon der Fluch. Trink, und dann komm. Ich würde Dich an die Leine nehmen, wie der Schlächter das Schwein, euern Erb⸗ feind; aber ich ſchämte mich, wenn mich in der Dämmerung ein Menſch in Deiner Geſellſchaft erkennte. Darum will ich Dir erlauben, frei vor mir zu gehen, und ich zähle auf Deine ſchwachen Beine, daß Du mir nicht in der Stadt entkömmſt.“— Ben David antwortete nicht auf die pöbel⸗ haften Beleidigungen, zwang ſich, einen Zug aus der über⸗ ſandten Flaſche zu thun, und folgte, nachdem er ſeine zittern⸗ den Glieder mit dem warmen Wamms bedeckt, ſeinem rohen Führer, der ihn auf der Gaſſe vorſchreiten ließ, um ihn im Auge zu haben. Er trieb den armen geſchwächten Juden haſtig an, und brummte ohne Aufhören vor ſich hin, daß er die Gnade des Magiſtrats nicht begreife; daß er es vorge⸗ zogen haben würde, den überlebenden Juden wo möglich zweimal verbrennen zu laſſen, damit ihm die Strafe des Geſtorbenen zu Gute komme; und daß die Juden das ſchlech⸗ teſte, aber auch zugleich das glücklichſte Geſindel von der Welt ſeyen, dem Herren und Fürſten allzugnädig gar Vieles durch die Finger ſähen. Am Brückenthor angelangt, wo ſchon die Pforten geſperrt werden ſollten, ſchickte er ſeinen Begleiter unter derben Flüchen zum Teufel, und befahl den Wachen an, dem Inden, falls er ſich heute noch herüber wagen wollte, mit der Hellebarte die Naſe aus dem Geſiht zu hauen, und ihn zu weiterer Beſtrafung einzufangen.— Ben David hatte indeſſen völlige Freiheit, zu gehen, wohin er wollte. Wankend vor Schwäche ſchritt er durch die Hau⸗ fen der nach Sachſenhauſen kehrenden Handwerker hin, und er, deſſen Schickſal eine geraume Zeit hindurch auf allen Zungen geweſen war, blieb unbemerkt und unbeachtet. Der Rath hätte kein beſſeres Mittel wählen können, allem Deuteln des Pöbels wie der Beſſern auszuweichen, als den mißhandelten Juden gerade um dieſe Zeit wegweiſen zu laſſen. Ben David ſuchte auch nicht, ſein Schickſal Jemand mitzutheilen, oder ſein ſehr kennbares Geſicht bei Lichte zu zeigen; deßhalb ſetzte er ſich, da ſeine Mattigkeit ihm nicht erlaubte, weiter fürbaß zu ziehen, in einen entlegenen Win⸗ kel der Gaſſe, in welcher die Maternustapelle lag, ein un⸗ ausgebautes, ſeit bald fünfzig Jahren öde und wüſt ſtehen⸗ des Kirchlein, das dem Müden wohl ein beſſeres Obdach gegeben hätte, aber als eine chriſtliche Dempelſtätte, ſchon mit dem Namen eines heiligen Patrons begabt, von dem gewiſſenhaften Juden nicht zum Schlummerplatz erwählt wurde.— Die Gedanken, die einen betrübten Sohn und noch betrübtern in alles Ungemach des Lebens und der Ar⸗ muth herausgeſtoſſenen Vater quälen, belagerten auch die Sinne des unglücklichen Ben David, und verwehrten dem mildernden Schlummer allen Zugang zu dem Gepeinigten. Wohin ſollte er ſich jetzt wenden, um das verlorne Kleinod ſeines verbitterten Lebens aufzuſuchen? Wohin hatten die wilden Reiter, von denen Judith ſprach, die bedauernswerthe Eſther entführt? Und wenn er das Kind ſeiner Tage wieder in die Arme ſchloß, welche Schande weilte nicht vielleicht im verborgenen Hintergrunde? Seine grauſame Einbildungs⸗ kraft ſtellte die ganze wunderliebliche und verführeriſche Ge— ſtalt der Verlornen vor ſeine Augen, und bekümmerter hob ſich ſeine Bruſt, denn ſo viel Liebreitz konnte nimmer der Gefahr entgangen ſeyn.„O Gott meiner Väter!“ ſeufzte er aus dem Grunde ſeines Herzens in die rings um ihn ſtill gewordene Nacht hinäus:„D Du, der Du gemacht haſt die Sterne, die dort oben funkeln in der Krone Deines Haupts! Wie liege ich doch hier, ſo geplagt und gepeinigt, wie ein von Deinem Angeſichte Verſtoſſener? Ich bin un⸗ glücklicher, denn der arme Mann Job und der Bettler vor der Thüre des Reichen. Ich habe gehabt Geld und Gut, ich habe gepflegt einen greiſen Viter, ich bedient von einer geliebten Tochter; ich habe hinausgeſchickt in die Fremde zwei Söhne, zu werden der Stolz meiner Tage, und meine Freude im Tode. Weh mir! weh mir! was iſt geworden aus dieſem Reichthum? Wahrlich, wahrlich! auch gegen mich hat ſich der Schrecken gekehrt, und hat verfolgt wie der Wind meine Herrlichkeit, und wie eine laufende Wolke mei⸗ nen glückſeligen Stand. Das Schwert hat gefreſſen den einen meiner Söhne; abgefallen iſt der zweite von dem Ge⸗ ſetze ſeiner Väter. Geſchieden iſt mein Vater in den Ban⸗ den der Knechtſchaft, und verſtummt iſt unter dem Himmel e Klage meiner Tochter. Wo iſt ſie, die blühende Roſe aus meinem Garten? Ach, ſie iſt vergangen wie ein Schat⸗ ten, und von dannen gerafft worden, wie meine Habe, und betteln muß ich mein Brod vor den Hütten Jakobs, oder den Wohnungen Amaleks, das mir den Tod wünſcht, ſtatt Ge⸗ deihen, weil ich hänge an dem Geſetz, an Deinem Geſetz, hochgelobter, geprieſener Gott! weil ich mich nenne nach Iſrael, das Du geweiht haſt vor allen Völkern der Erde. Gerechtigkeit war mein Kleid, mein Recht der fürſtliche Hut meines Haupts! Haſt Du denn ſo gar große Sünde ge⸗ funden an deinem Knecht, o Herr, daß Du ihn ſchlägſt mit Deinem unendlichen Zorn? oder willſt Du prüfen, pb 6 Das leiſe Flüſtern der bebenden Lippen verloſch in lauſchende Stille, denn Geſtalten wie die Schatten der Nacht in düſtre Gewänder gehüllt, eilten unfern von dem Platze des Juden vorüber. Gingen ihrer gleich mehrere zuſammen, ſo wurde dennoch kein Wort gewechſelt, und dieſes ſchnelle und ganz geräuſchloſe Vorübertreiben der nächtlichen Wanderer machte nicht auf Ben David allein einen unheimlichen Eindruck, Senn ein guter Bürger, welcher gegenüber, vielleicht der letzte Wachende in ſeiner ganzen Straße, beim düſtern Lam⸗ venſchimmer am halb geöffneten Fenſter ſaß, ſchlug bei obi— gem Anblick mit dem halblauten Rufe:„Ach Jeſus Maria!“ das Fenſterlein zu, und löſchte ſchnell den Lichtſchein, um ſcheu in ſein Lager zu kriechen.— Ben David, mit Ge⸗ ſpenſterfurcht wenig bekannt, ſah in den verhüllten Leuten keine Schreckniſſe des Grabes; wohl aber erinnerte ihn ſeine Vernunft gar bald an das im Finſtern waltende Gericht, das von Zeit zu Zeit auf Sachſenhauſens Boden gehegt wurde, und von dem Volke gefürchteter und gehaßter war, als von den Juden, die nicht vor die heimliche Acht gezogen wurden. Dieſe Freiung ſicherte indeſſen dieſe Letztere nicht vor ungläubiger Mißhandlung, ſo ſie in dem Umkreiſe Vehmſtätte als lauſchende und neugierige Späher aufge⸗ funden würden, und, um von den hin und her ſchweifenden Vermummten nicht ertappt zu werden, verſuchte Ben David, trotz ſeiner Erſchöpfung, von dannen zu ſchleichen, als eine bekannte Stimme, die ſich in geringer Entfernung hören ließ, ihn neuerdings vermochte, ſein Ohr aufzuthun, und zu verharren.„Bis hieher und nicht weiter;“ ſagte eine Stimme freundlich:„hat anders die Sage des Pöbels einen Grund, ſo muß ich im Bereich der Maternkapelle meine Leute finden. Habe Dank, daß Du mich bis hieher geleitet, denn, da ich hier der Feinde ſo viele und mächtige zähle, wird mir bald ſelbſt vor Meuchelmord bange.“ „Wer weiß, ob Ihr nicht einem ähnlichen Schickſale ent⸗ gegen geht;“ antwortete eine andere Stimme:„Seht, gu⸗ ter Dagobert, ich möchte Euch gar zu gerne wieder mit mir zurück nehmen nach der Stadt. Laßt das Wagſtück bleiben, und geht in's Kloſter, oder in die Fremde auf Abenteuer; dann laſſen Euch die Finſterlinge ungeſchoren!“—„Wahre Deine Zunge;“ entgegnete Dagobert:„hier iſt die Luft nicht rein; und von meinem Vorhaben bringſt Du mich nicht ab. um Deines freundlichen Geleits willen jedoch verzeihe ich Dir, daß Du mich ſo feig in Deinen böſen Handel ver⸗ wickeln wollteſt, und nehme all meinen Groll zurück.“— „Ihr habt gut reden, Junker;“ verſetzte der Andre,— Ger⸗ hard von Hülshofen:—„und Ihr ſelbſt hättet alſobald dem ganzen Ding eine andre Wendung geben können, hättet Ihr die Augen bei Euch gehabt, und den Jungen als Euern Bruder erkannt.“—„Du haſt Recht;“ ſprach Dagobert mit einem Seufzer nach kurzer Stille:„s iſt meine Schuld. Nir war der Knabe fremd. Geh aber jetzt mit Gott von dannen. Mir iſt, als ſtände ich in einem Zauberkreiſe, und leinen Zweiten möcht' ich in mein Geſchick verwickeln. Frage morgen im Eichhorn nach mir; bin ich am Leben noch, ſo wollen wir einen Valettrunk halten, trotz dem im Roſen⸗ garten zu Worms, denn mir iſt Vaterhaus und Vaterſtadt verleidet, und ich will fort. Bei dieſer Gelegenheit magſt Du über Deinen langen Vollbrecht ſtaunen. Die Koſt in meinem Dienſte ſchlug dem Burſchen trefflich an, und er beginnt, Dir's gleich zu thun.“—„Ihr könnt noch ſcher⸗ zen, ſprach Gerhard: H„und mir pocht das Herz wie einem armen Sünder! Ein gut Gewiſſen mag ein wackrer Har⸗ niſch ſeyn: allein....“— Das iſt es auch;“ meinte Dago⸗ bert:„noch einmal, geh! Komm ich nicht wieder, ſo grüß' den Vater und den Lehrer Johannes, und nimm mein Pferd, das Beſte meiner Habe. Leb wohl aber jetzt.“— Ein Hand⸗ ſchlag noch, und fort eilte der Vegleiter. Dagobert ſah ſich unſchlüſſig auf der Kreuzſtraße um, und brummte in den Bart:„Am beſten iſt's, ich warte hier, bis man mich aus⸗ gewittert. Iſt's denn wohl der Nachtthau, der meine Augen feucht macht, oder etwas Beſſeres? Der plumpe Wicht ſo⸗ gar hätte mich bald weich gemacht, und an den Vater, und an ſie will ich gar nicht denken, ſonſt heule ich den unbe⸗ kannten Herrn etwas vor, ſtatt wie ein Mann zu reden. Und wahrlich, dieſes Letztere zu thun, iſt Noth, denn dort gilt's, wie es heißt. In Gottes Namen, und im Namen der Dreifaltigkeit: ich bin gefaßt.— Er ſchlug den Mantel feſter um die Schultern, und blickte ſcharf nach der Seite, von wo ſich etwas gegen ihn bewegte. Den linken, in den Mantel gewickelten Arm vorgehalten wie ein Schild, und die rechte Fauſt am Griffe des kurzen Schwerts, das an ſei⸗ ner Seite hin, rief er dem Nahenden ſein:„Wer geht da?“ entgegen. Statt der ſtumpfen Stimme eines harrenden Frei⸗ frohnen redete ihn jedoch Ben David's Stimme an, die er alſobald erkannte; erſchrocken rief er ihm zu:„Unglückli⸗ cher, woher kömmſt Du? was willſt Du hier? Rede, oder beſſer: fliehe! Man bringt D ich in Deinen Kerter zurück, oder die Diener der Acht ſchleüvern Dich in den Main, ſo Du nicht eilig auf und davon gehſt!“—„Ich bin nicht entſprungen, Herr!“ erwiederte der Jude ſchwerathmend und demüthig:„ich will weiter wandern jedoch, um zu retten mein armſelig Daſeyn für mein Kind. Doch eben dieſes Kind. Herr,.. Ihr habt es gekannt,... Ihr habt es beſchützt... Ihr habt es vielleicht geliebt, wie ein Edelmann nicht ſoll lieben eine ſchlechte Jüdin.—„Ben David!“ rief der Junker halb zürnend, aber der Jude ließ ihn nicht wei⸗ ter ſprechen, ſondern fuhr fort:„Hab' ich geſagt eine Lüge, ſo verzeiht mir, und der liebe Gott wird es nicht minder 40 thun. Und hätte ich geſagt die Wahrheit, und wär Eſther gemorden ein Spiel Eurer Muße und Eures raſchen Bluts,.. Herr,.. ich muß Euch vergeben, da Ihr ein Chriſt ſeyd, und ich nur ein elender Jude; aber ich will auch vergeben, wenn Ihr barmherzig ſeyn wollt, und mir nur einen Wink gebet, wo ich ſie wiederfinden kann, das Licht meiner Au⸗ gen,— den Stab meiner ſchwachen Hand.— Aber, was rede ich?“ ſetzte er hinzu, da Dagobert noch vor Beſtür⸗ zung ſchwieg:„Ich bin ein Thor; blödſinnig bin ich ge⸗ worden, und vergeßlich wie das Hirn eines alten Weibes. Weiß ich denn nicht, daß der verfluchte Zodick ſie geraubt aus Euerm Gewahrſam,... daß ſie geworden iſt eine Beute des Kriegsvolks?... Weh mir! weh mir! wehe geſchrieen über mich und Iſrael!“— Der arme erſchütterte Mann war im Begriff, in laute Klagen auszubrechen und mit ſeinem Jammer Nacht und Nachbarſchaft aufzuſtören. Dagobert hatte beſorgliches Mit⸗ leid mit dem Vater ſeiner Eſther.„Faſſe Dich;“ ſagte er eindringlich zu dem Winſelnden, indem er ihn mit ſtarker Hand emporhielt:„Du ſtürzeſt Dich in's Verderben durch Dein zweckloſes Gewimmer. Deine Furcht iſt grundlos. Eſiher iſt in Sicherheit; Gott und ich— wir haben ſie nicht verlaſſen. Du wirſt mich beſſer kennen lernen.“—„Engel, Fürſt der Barmherzigkeit!“ ſtammelte der froh überraſchte Vater, Dagobert's Hände küſſend:„Ihr habt Segen ge⸗ pflanzt auf meinen dunkeln Weg, Oel gegoſſen in die Wun⸗ den meines Grams. Erfüllt das Maaß Eurer Menſchenliebe zeigt mir den Weg zu Eſther. Beſorgt nicht, daß ich ſie reiße mit mir in's Unglück. Iſt ſie Euer Eigenthum ge⸗ worden, wie der Knecht das des Herrn, ich raube ſie Euch 41 nicht;.. iſt ſie geworden Euer Gut, wie das Lieb des Buhlen, ich verführe ſie Euch nicht! aber letzen muß ich mich mit ihr, damit ich hinfahren könne in Frieden.“ „Merke auf!“ verſetzte Dagobert ſchnell und bewegt: „Morgen ſchon magſt Du im Arme Deines Kindes liegen. Unfern von der Stadt Friedberg liegt das Dürninger Schloß, und in dem Walde, der das Ritterhaus umgibt, ſteht, ein⸗ gehägt wie das Veilchen im weitverbergenden Wieswachs, die Forſthütte des Schloſſes. Darin haust Eſther, dort magſt Du ſie finden, und mein in Frieden gedenken, ſollte ich nim⸗ mer dahin zurück kommen. Geh' aber jetzt, Alter, denn ſicher bleibt dieſe Stätte nicht mehr lange leer.“— Er riß die zwar nicht überflüſſig gefüllte Börſe vom Gürtel, und drückte ſie dem Freudevollen in die widerſtrebende Hand. Mit dank⸗ barer Inbrunſt küßte Ben David den Saum ſeines Mantels,“ ſtammelte die Worte:„Herr des Lebens! Herr der Gnade! Und Dich konnte ich nennen grauſam?“ und lief, ohne ferner zu verweilen, fort gegen das Gatterthor zu, das aus Sach⸗ ſenhanſen einen Ausweg darbot, und ſeine Flügel vor der Freigebigkeit des eiligen Wandrers willig öffnete.—„Die Begierde, über den Strom zurück zu kommen, ſtürzt vielleicht den armen Mann in die Fluthen, ehe noch das Morgenlicht den Schiffer weckt, die Fähre zu rüſten!“ ſagte Dagobert vor ſich hin, und ſchritt mit aufmerkſamem Ohre hin und her.— „Es dauert lange!“ fuhr er nach einer kurzen Stille fort: „wüßte ich nur ein Nittel, mich den Herren bemerkbar zu machen; denn gehegt wird heute. Die ſchwarzen Vögel ſtrichen ſchon an mir vorbei.“— Indem er nun mit verſchränkten Armen zu den Sternen emporſah in ungeduldiger Erwartung und in ſchmerzlicher Erinnerung an die Ferne, Erſehnte,— fiel ihm ein Lied ein, das zu jenen Zeiten im Munde aller ge⸗ fühlvollen oder minneholden Jünglinge war; und da deſſen einfach rührender Inhalt ſich volllommen nach dem Zuſtande ſeiner innerſten Seele richtete, ſo ſang er es vor ſich hin mit halblauter Stimme, damit wieder Ruhe und Faſſung in ſeine Bruſt kehrte:*)„Vom Vaterland ſo ſern ſo fern,—„hat mich erkannt“ der Abendſtern,—„und lacht mich an;“ ich tenne Dich,„und Deine Bahn;“ hier ſiehſt Du mich!— Nachdem er dieſen erſten Vers vollendet, und ſein Herz in neuer Kraft aufſchlagen fühlte, war es ihm, als ob ſich unfern von ihm wieder etwas regte. Er lauſchte; das Ge⸗ räuſch hatte aber aufgehört. So begann er denn den zweiten Vers des ermunternden Liedes;„Ich blick' dich an,“ ach Abendſtern,„auf Deiner Bahn,“ ſo nah und fern,„Wie freu' ich mich,“ Dich hier zu ſeh'n:„Du kannſt— nicht ich,“ zum Liebchen geh'n.“—„Zum Liebchen geh'n!“ wiederholte er ſchmerzlich, und hielt die Hand vor die thränenden Augen. Neben ihm ließ ſich indeſſen eine freundliche Mannsſtimme vernehmen:„Habt Dank, guter Geſelle: Euer Lied lam von Herzen und ging auch zu Herzen. Gott ſegne den wackern Sänger, der es machte, und laſſe es ihm wohl gehenz ſäße er auch in Schmach und Elend,... vergnügt müßte er ſeyn, da die Dichtkunſt und die liebliche Muſika ihm dienen, und ſie ſind beide gar holdſelige Engelein.“— Dagobert ſchaute verwundert auf den Nachbar mit der leiſen gemüthlichen Rede, und wäre faſt erſchrocken, da er in demſelben einen kleinen verkappten Mann wahrnahm, über *) Dieſes Lied an den Abendſtern iſt wirklich ein dem Mittelalter ange⸗ hörendes, welches durch ſeine naiven Worre einen eigenen Zauber über das Gefühl des Leſers übt. deſſen Haupt die Kaputze eines dunkeln Mantels tief herab⸗ fiel.„Ich muß Euch aber jetzo bitten,“ ſprach der Mann weiter:„dieſen Platz zu meiden. Es wird hier herum die kaiſerliche beſchloſſene Acht gehegt, und wir haben Fug und Recht vom Kaiſer, hier nur Geladene zu dulden. Ich hab' Euch nur das Liedlein wollen vollenden laſſen, und denke, Ihr werdet ohne Säumen heim gehen.“—„Ei, mein Freund,“ antwortete Dagobert faſt luſtig und wohlgemuth:„ich bin ja ein Geladener, und wenn Ihr, wie ich denke, ein Diener der Heimlichen ſeyd, ſo thut mir die Liebe, mich hinzuführen, wo man meiner bedarf, denn es iſt nicht eben fröhlich, hier das Grab umſonſt zu hüten*). Die Stunde iſt ſpät, und vom Main weht keine ſommerliche Luft.“— Der kleine Mann warf ſich bei dieſen Worten etwas in die Bruſt, und fragte nach dem Namen des Andern. Als derſelbe ſich ge⸗ nannt, ſtaunte der Frohn ein wenig.—„Ihr ſeyd allzufertig, Junker Froſch;“ ſagte er mit einer Art von Verbeugung: „Nur ein gut Gewiſſen ſtellt ſich, ohne die dritte Ladung abzuwarten, vor die Schranken. Glück auf, Herr, und folgt mir. Ich will hoffen, Euch wohlbehalten wieder hieher zu⸗ rück zu bringen.“—„Gott geb's!“ verſetzte Dagobert: „Schreitet vvran, Ihr da; ich komme nach.“—„Erlaubt, daß ich Euch mit dieſem Tuche die Augen blende;“ entgeg⸗ nete der Frohn:„wir haben nicht weit zu gehen, und der Gebrauch will es ſo. Auch Eure Waffen gebt mir, falls Ihr deren bei Euch tragt.“— Dagobert beſann ſich ein wenig; dann ſagte er:„Und warum denn nicht? Mein Recht bedarf 6 Sprichwörtliche Redensart, entſprungen dem Gebrauche, in der heil. Woche das Grab des Heilands in den Kirchen von Schülern gegen eine Vergütung an Geld und Speiſe hüten zu laſſen. * 44 teines Schwerts, und die ſchwache Klinge würde nicht der Gewaltthat Vieler ſich erwehren können.“— Er reickte dem Frohn die Waffe, und ließ ſich geduldig das Antlitz verhüllen, worauf ihn der Frohn bei der Hand nahm und behutſam mit ihm voranging.—„Wäre ich Freigraf und Schöppenbank in Einem,“ wisperte der Kleine dem Jüngling zu:„ſo hätte ich Euch ſchon dort auf dem Kreuzwege freigeſprochen; denn ein Mann, der ſolche Liedlein ſingt, und fingt, wie Ihr es thut, der hat nimmer einen Frevel im Schilde geführt.“ —„Ihr habt viel Vertrauen, obſchon Ihr zu den Heimlichen meinte Dagobert:„könntet Euch wohl iren „Nicht doch;“ verſetzte der Frohn:„ich kenne Euch auch nicht erſt ſeit heute, und ſchon, da Ihr mit Singen aufhörtet und zu ſprechen begannt, hab' ich wohl gewußt, wer Ihr ſeyd. Ich kenne Euch recht gut und Euer Haus.“—„Ei, ſo ſoll mich Gott!..“ ſagte Dagobert, im Gehen inne haltend: „Ihr ſeyd mir auch nicht fremd, und manches Stiefelpaar hat mir Eure Hand gefertigt, Meiſter Freudenberger, wenn mich meine Ohren nicht abſcheulich hinter's Licht führen.“— „Pſt!“ antwortete der Andere, und weiter nichts.—„Wie kommt denn Ihr, der fröhliche Meiſter und kunſtgerechte Chor⸗ und Stubenſänger,— wie kommt Ihr unter dieſe Eulen der Nacht?“ fragte Dagobert theilnehmend weiter. Der Frohn drückte ihm aber raſch die Hand und flüſterte: „Stille, um des Himmels Willen. Wir ſind unfern dem Stuhle, und haben nur das Zeichen zu erwarten.“— Laut⸗ los ſtanden Beide ſtille, und nachdem verſchiedne Stimmen brummend und flüſternd, an ihnen vorüber gegangen waren, geſchahen unweit von ihrer Stätte ſieben Hanmerſchläge au ein dröhnendes Brett, und mehrere Menſchen kamen heran. 4 „Blitz!“ rief der Eine, mit viel Frohſinn in dem Ausdruck ſeiner Rede:„'s hat hart gehalten, aber, Gott ſey Dank; Recht iſt Recht geblieben. Wie wird ſich meine Mutter freuen, wenn ich wohlbehalten nach Hauſe komme.“ Sein ferneres Geplauder, wie eine Mahnung der Begleiter, ſich ruhig zu verhalten, verſcholl in der Weite.—„Dieſer Menſch hat's glücklich überſtanden;“ dachte Dagobert für ſich:„die Vehme ſcheint alſo nicht aus eitel Bluthunden zu beſtehen; darum Muth, Freund Dagobert. Muth und offnen Helm““— Raſch fühlte er ſich nun fortgeführt; ſein Fuß betrat glat⸗ tes Steinpflaſter; er hörte ein Geräuſch um ſich ſummen, wie Reden aus dem Munde Vieler, die ſich an den Bogen eines Gewölbes brechen. Der Frohnbote hieß ihn ſtille ſte⸗ hen, und nahm ihm die Verhüllung von den Augen. Dago⸗ bert erkannte augenblicklich die Maternuskirche als die Stätte des heimlichen Gerichts. Auf den Stufen, den Altar zu tra⸗ gen beſtimmt, war eine ſchlichte Tafel errichtet, hinter wel⸗ cher der Freigraf auf einem Stuhle, die ſieben ihn umgeben⸗ den Schöppen auf niedern Bänken ſaßen. Vor dem Erſtern lag ein Schwert und der Zweig einer Weide. Hinter den Sitzen der Richter ſtanden und ſaßen theils einzeln, theils in mannigfachen Gruppen, eine Anzahl von Männern, de⸗ ren ſorgfältige Verhüllung, jener der Richter gleich, andeu⸗ tete, daß ſie mit zu. den Wiſſenden gehörten, ob als Frohn⸗ boten, oder als echte und rechte Schöppen, jedenfalls ohne an dem Gerichte thätigen Dheil zu nehmen. Um den Vor⸗ geladenen ſtanden einige Diener des Gerichts in beſcheident⸗ licher Entfernung. Zwei Lampen, von welchen die eine an der Thüre gehalten wurde, die andre vor dem Grafen ſtand⸗ leuchteten in dieſem düſtern Bau. Die Unterredung der im 46 Kreiſe Sitzenden dauerte mit Lebhaft gkeit fort, bis endlich der Frohnbote den Freigrafen beſcheidentlich erinnerte, daß der Vorgeladene des Weitern harre. Ein Schlag auf den Tiſch ſtellte die Ruhe her. Aller Augen richteten ſich— un⸗ ter den bergenden Kaputzen hervor— auf den Jüngling, deſſen Ruhe und Sicherheit in dem Maaße zunahm, als er mehr und mehr gewahr wurde, mit welcher Sorgloſigkeit die ſo gofürchteten Richter ihr Geſchäft betrieben.— Der Freigraf erhob zuerſt ſeine Stimme, und ſprach:„Ich frage Dich, Frohne, ob es noch wohl an der Zeit ſeye, in Statt und Stuhl unſers allergnädigſten Herrn, des römiſchen Kaiſers, daß ich ein Gericht und heilig Ding hege, zu richten unter'm Königsbanne.“— Der Frohne antwortete:„Sintemalen Ihr von der Freigrafſchaft, und von der leiblichen Hand des rö⸗ miſchen Königs Fug und Recht zu hegen empfangen habt, ſo mögt Ihr noch immer thun zu Rechten an dieſem Beklagten, Geladenen und Gegenwärtigen.“— Hierauf wurde dem Jüngling abermals das Haupt verhüllt; dagegen enthüllten Freigraf und Schöppen ihr Antlitz, und entblößten ihre Häupter. Sie legten die Mäniel zurück auf die Schultern und warfen die Handſchuhe ab. In Aller Namen ſprach der Freigraf die Worte:„So hege ich denn ein Gericht und villig gefeimtes Geding unter'm Königsbann, auf des Königs Bank, Stätte und Stuhl mit dieſen echten, rechten freien Männern des Königs, und fürbaß mit dieſen andern Frei⸗ ſchöppen; wie ſich's mit Recht gebührt unter'm Königszwang und bei der höchſten Strafe des Strangs.“— Die Richter verhüllten ſich wieder, ſetzten ſich, und dem Geladenen wur⸗ den die Augen freigegeben. Nach den Eingangsfragen, auf welche Dagobert mit harmloſer Unbefangenheit antwortete, kam die Reihe im ſchnell und oberflächlich geführten Verhör auf die Miſſethaten, deren der Vorgeladene von einem Wiſ⸗ ſenden beſchuldigt worden ſey. Dagoberts Herz empörte ſich bei der Aufzählung der Verbrechen, die ihm zur Laſt gelegt wurden, aber dieſer edle Zorn übermannte nicht das Ve⸗ wußtſeyn ſeiner Unſchuld, und raubte ihm nicht die Sprache des kühnen Mannes, der ſich ſtark und kräftig gegen ſolche Unbill vertheidigt. Mit hinreißender Beredtſamkeit ſchilderte er den Unbekannten ſeines Lebens klaren Weg; wie ihm ein geſundes, gutes Herz ſtets das höchſte Kleinod geweſen, wie er immer ſeine Eltern geliebt und geehrt,— wie er ſelbſt die Stiefmutter, die ihn gehaßt, ſo kindlich behandelt, daß ſie endlich ſeine vertrauende mütterliche Freundin geworden. Er ſagte klar und frei heraus, wie Wallrade ihn ſtets ver⸗ folgt und gehaßt, wie er ihr freundlich die Hand geboten, doch ohne Erfolg. Er ſprach von der nothwendig guten Beziehung, die Judith's letzte Ausſagen, und die Kunde vom Aufenthalt Wallradens auf ſeine Sache haben müßten. „Ich habe alſo nicht des Vaters Leben einem Mörder verdungen;“ ſprach er:„ich chabe nicht die Schweſter in Räubers Hand geliefert; ich habe keinen Theil an dem Ver⸗ kauf des Knaben Johannes gehabt. Die Vernunſt ſpricht mich frei davon. Wird es mir, erleuchteten und weiſen Männern gegenüber, ſchwer fallen, meine Unſchuld in den übrigen Anklagen zu beweiſen? Nicht die That ſteht mir zu dieſem Endzweck zu Eebote; nur das Wort. Aber auch nicht die That kann man als Beweis gegen mich aufbringen; nicht das Wort. Mein Wandel war unſträflich bis hieher. Ich habe meinen Vater ſtets geehrt, und geachtet ſeine grauen Haare. Ich habe ihm nicht den ſchlechteſten Pfenning 48 entzogen, und ſollte mich an dem höchſten Schmuck ſeines Hauſes, an dem Herzen ſeines geliebten Weibes zum Diebe gemacht haben? Die Abſcheulichkeit kann nur aus dem Grunde einer verläumderiſchen Bruſt kommen, und ich ver— achte ſie als Mann und als Chriſt. Die letzte Beſchuldigung endlich, ihr Herren des Vehmgedings, iſt nicht minder unge⸗ gründet. Buhlſchaft unterhalten mit einer Jüdin, und da⸗ durch zum Ketzer werden? Wer zeiht mich deſſen? Ich habe die arme verlaſſene, von der Welt gehaßte und verachtete Dirne in meinen Schutz genommen ohne ſträfliche Abſicht. Ich halte ſie verborgen vor ihren Feinden, und bin fröhlich, daß es mir gelungen iſt. Vergebens befragte man mich nach ihrer Zufluchtsſtätte. Das Lamm, das ich rettete, verkaufe ich nicht ſelbſt den Wölfen, und ich müßte mich zuvörderſt überzeugen, ob nicht hinter dieſen Gewändern⸗ die Euch, ihr Herren, verhüllen, von dieſen Wölfen einige verborgen wä— ren. Verzeiht mir dieſes dreiſte Wort; überführt mich jedoch vom Gegentheil; und könnt Ihr mir verbürgen, daß Eſther, Ben David's Tochter, gehalten werden ſoll, wie eine ehrliche Dirne, und nicht wie ein verworfnes Thier,— könnt Ihr mir verbürgen, daß ſie Händen übergeben wird, die redlich und ohne Haß ihr Beſtes wahren,— dann erſt ſollt Ihr ohne Widerrede erfahren, wo ſie weilt. Ich aber habe mich in Eure Gewalt begeben, ob Ihr meinen Worten trauen wollt, ob nicht. Es wäre mir nicht ſchwer geworden, man⸗ ches Böſe zu enthüllen, das ich von denen erfahren, die ich verletzt haben ſoll, allein Rache und böſe Vergeltung iſt meiner Seele fremd. Ich bin ein deutſcher Junge, handle ſchlicht und recht, und denke in dem kaiſerlich freien Gericht⸗ vor dem ich mich ſonder Furcht geſtellt, nicht den Stuhl zu finden, vor dem die Wahrheit flieht und die Lüge das Haupt erhebt, wie das Volk insgemein befürchtet; ſondern einen Verein von deutſchen Männern, die des Königs heiligen Namen ehren, und nicht minder den untadeligen Menſchen, den Gott nach ſeinem Ebenbilde ſchuf.“— Als nun der herzhafte Jüngling ſchwieg, verbreitete ſich über den ganzen Raum eine Stille ſonder Gleichen, und jeder von den Unbekannten überlegte, ob denn Dagobert geſprochen wie ein Beklagter, oder vielmehr wie ein Wiſſen⸗ der ſelbſt, der den Stuhl des Grafen beſteigen will. Der Freigraf hob, der Erſte, wieder an zu reden und ſagte: „Gott walte, daß auf dieſer Vehmſtätte die Unſchuld wiſſent⸗ lich verderbe. Der Mann, ſo das Reich hütet,— unſer gnädigſter Herr und König hat nicht darum ſeine höchſte Macht über Gut, Ehr' und Leben in unfre Hand gelegt, daß wir tödten ſollen den Schuldloſen, und erhöhen den Sträf⸗ lichen. Bedeutet das Schwert hier vor uns das Kreuz, an welchem der Erlöſer gelitten, und die Geſtrengigkeit unſers Gerichts, ſo wie die Weide die Strafe der Böſen, um ihre Wiſſethat, ſo hat uns doch der Herr die Weisheit gegeben, die das Wahre unterſcheiden mag vom Falſchen. Gleichwie der erſte Stuhl auf rother Erde der Spiegel des Reichs genannt wird, in welchem Alles zu ſchauen, wie es iſt; alſo jede Vehmſtätte für die ihr Untergeordneten durch kaiſerliche Satzung. Ich finde nicht die Schuld an Euch, deren Ihr bezüchtigt worden, und die Stimmen dieſer ſieben Freien mögen zur Sprache kommen.“— Während die Schöppen rings um die Tafel leiſe ihre Entſcheidung dem Freigrafen mittheilten, bemerkte Dagobert, daß in einer Ecke, halb von vorſpringenden Säule verdeckt, einer Verhüllten ſich wie ein troſtloſer Menſch geberdete, das Haupt gegen die Säule ſtemmte, und ſich nicht durch das Zureden einiger um ihn Verſammelten begütigen ließ.— „Die Schöppen der heimlichen Acht finden keinen Fehl an Euch;“ begann der Freigraf feierlich,„und damit Ihr ſehet, daß wir redlich richten, ſonder Willkü ühr und Minne, ſo rufe ich den Wiſſenden, Euern Kläger vor die Schranken, hiemit zum erſten, zweiten und dritten Male.“— Der Ver⸗ hüllte, von dem früher geſprochen, wankte heran, umgeben von ſeinen Begleitern.—„Schöppe;“ der Freigraf ernſt: wir finden Eure Klage ungegründet. Wollt Ihr ſie beſchwören auf Euern Eid, oder daß Ihr den be⸗ klagten Mann ergriffen auf handhafter That? oder weiter führen die Klage vor die Kammer des Reichs zu Dort⸗ mund?“— Der Kläger ſchüttelte den Kopf und ſprach mit halberloſchner Stimme:„Nein, mein Herr Graf. Nimmer ſoll das geſchehen. Die ſchwerſte Pflicht hab' ich als redli⸗ cher Freiſchöppe in Treuen und Wahrhaftigkeit zu erfüllen geglaubt. Der Himmel will, daß ich erliege mit meiner Klage. Ich ſchwöre nicht auf meinen Eid und meine Pflicht; denn dieſer wäre dann verloren, und Gott will, daß er frei ausgehe. Auf handhaftiger That hab' ich ihn nicht ergriffen, und kann nicht Zeugniß ſtellen ohne Lüge, und vor dem Spiegel der rothen Erde trage ich meine Schande fürder nicht.“— Das Blut in Dagobert's Adern ſtarrte, denn die Stimme ſeines leiblichen Vaters war in der des Klägers nicht zu verkennen. Gewaltſam mußte er an ſich halten. Als aber der Gedemüthigte fortfuhr:„So unterwerfe ich mich denn der Strafe, die des Freigerichts Ordnung ſelbſt gegen den Wiſſenden verhängt, und biete meinen Hals der Weide, wie der Beklagte hätte thun müſſen;...“ da konnte Dagobert nicht ferner ſchweigen; ſondern ſtürzte mit dem Ausrufe:„Barmherziger Himmel! mein Vater!“ gegen den Stuhl hin:„mein armer, getäuſchter Vater ſterben für mich? O ihr Herren der Vehme! Das nicht, das nicht dem ärm⸗ ſten betrogenen Greiſe, den ein grauſam Verhängniß ge⸗ zwungen hat, den Sohn ſelbſt anzuklagen auf peinliche Strafe!“— Der Freigraf winkte ihm Stille zu. In⸗ dem trat ein Andrer auf, deſſen Rede und Geberde den Oberſtrichter verrieth:„Herr Graf,“ ſagte er:„Dieſes heu⸗ tige Freigeding iſt merkwürdig durch den leichten Sieg, den eines Jünglings beredte Zunge und ſcheinbare Freimüthigkeit ſonder Beweiſe über eines Wiſſenden Klage davon getragen. Jedoch; Euer Spruch, ihr Herren, iſt einmal geſchehen, und unumſtößlich für uns. Uebt jedoch Nachſicht gegen den Klä⸗ ger, der mit Ehren ſeit langer Friſt unter uns geſeſſen. Seine Klage war Fflicht; eine gebotene. Die klare Wahr⸗ heit iſt noch nicht am Tage. Sprecht daher kein blutig Ur⸗ theil. Es ſey hinlänglich, ihn unfähig zu machen, ferner zu ſitzen und zu klagen an geſpannter Bank.“—„Dieſe Schande?“ rief Diether heſtig entgegen:„Nimmermehr! nehmt meinen Kopf, damit jener Menſch lebe!“ „Vater! Vater!“ ſagte hier Dagobert mit überwallen⸗ dem Schmerze:„Vater! Ihr verſündigt Euch an mir. Habt Ihr denn mein Leben gewollt? O dann Ihr Herren, nehmt es hin. Nehmt es in dieſem Augenblicke. Haßt mich gleich der Vater unverdient, ſo will ich dennoch lieber alle Miſſe⸗ that bekennen, die man mir aufgebürdet, und als Ketzer und Ehrenſchänder ſterben, als daß nur ein Haar meines Vaters gekrümmt, ſeine Ehre nur mit einem Hauche verletzt werde.“ 4* 52 „Und dieſen Sohn konntet Ihr verfolgen, Schöppe?“ fragte der Freigraf mit ſtrengem Vorwurf:„Und die verderbliche Leidenſchaft tobt noch in Euch? Weniger zu haſſen, als zu bemitleiden ſeyd Ihr, ein Spielwerk in den Händen des Zufalls und falſcher Freunde. Ich ſah voraus, in welchen Kampf Eure Seele gerathen würde, bei dieſer unſeligen Klage, die ich mit blutendem Herzen angenommen habe. Um dieſes Mitleid zu üben, greife ich zu dem Mittel, das ſchon als ein letztes bereit lag, wäre auch der junge Mann überwieſen worden der Beſchuldigung. Denn— nicht ſolle es heißen, daß unter meinem Vorſitze der Vater den Sohn gemordet habe auf der Stätte des Gerichts. Ich erkläre daher unſern Spruch nicht als ein kräftig Urtheil, ſondern weiſe die Klage ab. Der Junker Dagobert Froſch iſt gefreit von der Vehme. Er iſt der Kirche verlobt, und ſchon als Cleriker zu halten. Null und nichtig iſt die Freiſprechung, die ihm Johannes, der Papſt, zugewendet. Johann war ſeines heiligen Amtes entſetzt, hatte ſelbſt die Formel der Abſetzung verleſen im Conciliv, und war nicht mehr befugt, ein ſolches Kirchenrecht zu üben. Sein Mund konnte nicht mehr löſen was gebunden war durch fromme Gelübde. Da⸗ gobert Froſch, des Altbürgers Sohn, iſt demnach noch Prie⸗ ſter, frei von dem Zwang der Vehme, und wir überlaſſen es dem geiſtlichen Amte und dem Biſchof, ihn zu ſeinen Kir⸗ chenpflichten anzuhalten, von welchen wir, da wir die La⸗ dung gaben, nichts gewußt. Alſo haben wir abgeurtheilt nach altem Herkommen und Geſetzen des Kaiſers und des Reichs, und zum Frommen legen wir dem Beklagten den Eid auf, geheim und hehr zu halten, was er an dieſen 53 Schranken des Freigedings weſtphäliſchen Gerichts geſehen und gehört.“— Dagobert wollte zwar anfangh mit keckem Muthe wider⸗ ſprechen, da der Freigraf von der Nichtigkeit ſeiner Freis ſprechung durch den Papſt handelte, aber der Gedanke, daß dieſes der einzige Weg ſey, ſich und den Vater von Schimpf und Schmach zu retten, verſchloß ihm den Mund. Eben ſo willig leiſtete er den verlangten Eid auf das vorgehaltne Schwert, und ließ ſich von dem Frohnboten wieder von dan⸗ nen bringen. Der gute Mann nahm theilnehmend Abſchied von dem Junkherrn, und ſagte:„Ja, Herr; Gott hat es wohl gemacht; aber er erhalte uns auch noch lange den ed⸗ len Freigrafen, der ſelbſt unter den Wiſſenden ſtrenges Recht übt. Ihr habt ihn,— er Euch vielleicht noch nie geſehen, aber der gottesfürchtige Mann macht keinen Unterſchied. Sie ſind nicht alle ſo ſanft und gerecht, wie Er, mein lieber Herr. Doch hier ſeyd Ihr unfern dem Brückenthore. Ge⸗ habt Euch wohl. Ich muß zurück. Es gibt noch heute eine Ladung anzuſchlagen; und da der Burſche flüchtig ging, und darum der Brief an alle Warten geheftet werden muß, ſo haben wir, meine Gefährten und ich, der Müdigkeit noch viel, des Schlummers wenig zu gewarten.“ Dem guten Dagobert ging's nicht beſſer. Schien ihm doch die Begeben⸗ heit der Nacht nichts als ein böſer Traum. Z Rapitel. In des Löwen Höhle führen wohl die Fußtapfen;.. wer ſagt mir aber, ob zurück? Fabel. „Ihr könnt mir glauben, lieb Herrlein,“ ſprach am an⸗ dern Morgen Gerhard zu dem Sohne Diether's:„Ihr könnt mir glauben, daß ich von Herzen froh bin, Euch wiederum zu ſehen, lebendig anzutreffen, und erlöst aus den Klauen des ſchwarzen heimlichen Geſindels, ob mir gleich ein ſchönes Roß dadurch entgeht, und Ihr nicht einmal meiner Neugierde etwas von der Hiſtorie, die drüben vorgefallen iſt, zum Be⸗ ſten geben wollt. Aber dennoch bin ich nichts weniger, denn zufrieden mit Euch, und ich möchte ausrufen, ſo oft ich Euch anſehe, wie Ihr daſitzt, trüb vor Euch hinſtarrend und wort⸗ karg: wo ſind ſie hin, die Tage von Coſtnitz? und wie be⸗ daure ich es, daß ſie von hinnen gerauſcht find. Und noch mehr: wo ſind ſie hin, die Abende von Coſtnitz, wo wir andres zu thun hatten, als der Vehme unſere Reverenz zu machen? Damals blühtet Ihr wie ein Borsdorferapfel, und ich war mit meinem Fett zufrieden; heute ſeht Ihr blaß, und mein Wamms wirft,— Dank der Atzung im Oberſtrichters Hauſe,— verdrüßliche Falten. Damals gleitete der Wein durch unſre Kehlen auf der Bahn ölglatter Biſſen, lecker bereitet und hungrig verſchlungen; heute ſchenkt Ihr nicht einmal einen Blick den herrlichen Fleiſchſchnitten und dem Würztrunk, mit welchen Euch der freundliche Wirth vom Einhorn zum Frühimbiß bedacht hat; geſchweige, daß Ihr noch ſo viel Gaſtfreundſchaft bewahrt hättet, mich an Eurer Statt zum Mahle zu laden.“— Der Edelknecht wartete übrigens die Einladung nicht ab, ſondern griff nach dem Becher und nach dem Meſſer. Da⸗ gobert nickte ihm halblächelnd zu und ſagte:„Nur zu, altes Sieb, nur zu. Ich gönne Dir's von Herzen, und würde ſelig und vergnügt ſeyn, könnte ich Dir's nachthun. Ich hätte nimmer geglaubt, daß ich mich einſt an Deine Stelle wünſchen möchte; allein, alles, was ich beſitze, Eines ausge⸗ nommen, gäbe ich darum, könnte ich ſeyn ein fröhlicher Thor, wie Du.“—„Ein Lobſpruch, der mich ärgern könnte;“ er⸗ wiederte Gerhard mit vollen Backen:„aber... ich vergebe Euch: Ihr ſeyd verliebt, und der Hagel ſoll mich treffen, wenn Ihr nicht das Judendirnlein minnt; das wunderholde Geſicht, das während der Mummerei zu Koſtnitz neben des vertrackten David's narbigem Geſichte aus dem Fenſter ſah. Iſt das jedoch eine Liebe, wie ſie einem kecken Manne ge⸗ ziemt? Laßt das Seufzen und Grämeln einem ſiechen Wei⸗ berknecht, oder einem dünnleibigen Minneſänger; laßt es den ſcheinheiligen Pfaffen, die ſich mit Demuth und Wehmuth, mit verdrehten Augen und ſchmunzelnden Lippen in das Herz einer Dirne ſchwatzen, bis ſie darin ganz unverſchämt den Herrn und Meiſter ſpielen. Stillt Eure Sehnſucht, und kümmert Euch nicht um die Welt. Der Kutte ſeyd Ihr le⸗ dig, und mir zum Mindeſten kömmt's nicht wie eine Tod⸗ ſünde vor, eine hübſche Judenmagd zu lieben. Der liebe 56 Gott hat viel Unkraut erſchaffen, das demungeuchtet anmuthig ausſieht, und erquickt durch Farbe und Geruch.“— Dem Schwätzer war's gelungen, durch die dreiſte Auslegung ſei⸗ ner Lebensweisheit dem ernſten Dagobert ein neues Lächeln abzugewinnen.„Guter Freund;“ antwortete dieſer:„bin ich gleich nicht einverſtanden mit Deinen wilden Gedanken, die aufſchießen wie das Unkraut, ſo beurtheilſt Du mich doch falſch. Nicht die Minne preßt mein Herz, daß es ſeufzt und ſchwerem Gebreſte unterliegt. Die Minne iſt's allein, die mich aufrecht erhält, und mein Gram wurzelt nur im Va⸗ terhauſe.“ „Ei, ſo laßt das thörichte Haus liegen, wo es liegt, unfern der Liebfrauenkirche zu Frankfurt am Mainſtrom,“ meinte Gerhard:„und geht dahin, wo Euer die Stütze der Liebe wartet. Die Dinge in Eures Vaters Hauſe ſind böſe, bis auf das Fleiſch hinein, wie ich wohl merke. Laßt darum Eure Hände davon; nehmt Euer Lieb, hinaus damit in die Welt, und wollt Ihr gar gewiſſenhaft ſeyn, ſo laßt das Mägdlein taufen. Dann mag der Deufel ſelbſt es Euch nicht rauben.“— Du malſt die Zukunſt leicht und ſchön;“ ent⸗ gegnete Dagobert leichteren Herzens:„und wer weiß, ob ich Deinem Rathe nicht folge. Der Herzog von Oeſterreich⸗Tyrol hat wieder Friede gemacht mit dem Kaiſer, und ich glaube doch, ich möchte wohl hinter ſeinen Alpen ein Plätzlein fin⸗ den, meinen Herd zu gründen, auch ohne Vatershülfe.“— „Ei, der Herzog ſoll leben!“ rief Gerhard, den Becher lee⸗ rend:„Iſt er gleich derb wie ein Eichenknorren, ſo iſt er doch gut wie ein Kind. Ihr wißt, wir ſind zuletzt aus Fein⸗ den die beſten Freunde geworden, und ich habe dem Kaiſer 3 die Peſt auf den Hals gewünſcht, daß er dem Herzog die Eidgenoſſen auf den Hals hetzte, in der größten Noth, und Schuld war, daß die Länder im Argau, Thurgau und Breisgau zum Teufel gingen. Aber von Tyrol hielt Sig⸗ mund die große Naſe weg, und Friedrich, wird er gleich der mit der leeren Taſche genannt, vermag es doch noch, einen Freund, wie Ihr ſeyd, warm und trocken zu ſetzen.“— Gerhard wollte ſich juſt noch eines Breiteren über Dagobert's hingeworfenen Vorſatz auslaſſen, als der Wirth des Hauſes ſchnell hereintrat.„Denkt Euch doch, Ihr Herren!“ begann er, wieder ſeine Gewohnheit ſchnell und lebhaft redend: „Ein Bauersmann, der meine Küche verſorgt mit den Früch⸗ ten ſeines Ackers, ſitzt ſo eben unten, und erzählt, er ſey dem Schelmenritter, dem von Vilbel begegnet, der nach Hayn zum Grafen von Katzenelnbogen ritt; einzig und allein von zwei Knechten geleitet.„Kennſt Du mich, Bäuer⸗ lein?““ hat er den armen Mann angefahren, der demüthig in's Wagengeleis getreten war, und ſein Käpplein abgezogen hatte. Und da der Bauer bejahte, ſo fuhr der Ritter fort: „„Ziehſt Du nach Frankfurt auf den Markt, ſo grüße mir die Herren auf dem Römer, und lade ſie in meinem Namen ein nach Erlebach für dieſen Abend. Meine Buben, die wilde Jagd aus der Wetterau, feiern heute dort den Kirch⸗ weihtag, und ich will noch ſelbſt darauf den Reigen eröff⸗ nen, trotz meinen alten Beinen.““— Nachdem er dieſen Spott von ſich geſprudelt, hieb er den Bauer mit der Peitſche über den geſchornen Kopf, daß er taumelte, und die Knechte warfen ihn aus Muthwillen in den Graben, daß all' die Waaren, die er im Korbe trug, verdorben im Moraſt lagen. Sagt nun, ihr Herren, wär's wohl gerathen, den Herren auf dem Römer die Mähr anzuzeigen, daß ſie den Erlebachern 58 Hülfe ſchicken, die der Wütherich gewiß heute Nacht mit Brand und Mord bedroht?“— „Thut, wie es Euch gefällt, guter Wirth;“ erwiederte Dagobert:„viel helfen wird's jedoch nicht, wenn auch der Räuber in ſeinem Uebermuth frech genug die wahre Fährte verrieth. Die Herren des Rathes ſind unſchlüſſig, uneins, und ich denke wohl, daß meine Schweſter graue Haare ha⸗ ben, und Euer Gaſt, der Kaufdiener verhungert ſeyn wird, wann einmal der Beſchluß herauskömmt, ernſtlich auf deren Befreiung zu ſinnen.“— Der Wirth begab ſich, durch Da⸗ gobert's Worte unſchlüſſig geworden, kopfſchüttelnd hinweg, und der junge Altbürger ſprach munter und eilig zu dem Edelknecht:„Glaubt Ihr wohl, daß dieſe Kunde mich wie⸗ der aufregte zum Leben? Ihr habt Recht: Trübſinn und Schwermuth machen uns breſthaft, ohne zu helfen. Männ⸗ lich Wollen und Thun gibt uns hingegen neue Kraft. Ich liebe meine Schweſter nicht; weiß Gott, ich müßte es lügen, allein das erneuerte Angedenken an ihre ſchmähliche Haft empört mich; nicht minder die Saumſeligkeit des Rathes, der mit Drohungen ſtets, zur That aber ſelten gerüſtet iſt. Laß uns die Vollſtrecker des Befehls werden, den die Bür⸗ germeiſter geben werden, wann es zu ſpät ſeyn wird. Mich drängt es ohnehin, dieſe Mauern zu verlaſſen, die mir vor⸗ kommen, wie ein Grab meiner angebornen Fröhlichkeit. Laß uns reiten, und auf dem Wege nach Hahn in Hinter⸗ halt uns legen. Ich will doch auch einmal verſuchen, wie ſich's thut, wenn man auf der Landſtraße den Feind nieder⸗ wirft, und— will's Gott,— muß Bechtram unſer ſeyn, ehe noch die Sonne im Mittag ſteht. Er wird ſich fördern im Geſchäfte mit dem Grafen, um raſch wie der Blitz am 3 59 hellen Tage noch an unſerer Stadt vorüber zu ziehen, und Abends bei ſeinen Gefährten zu ſeyn; denn einen blutigen Tanz hat er ſicher vor, wenn auch wohl nicht zu Erlebach.“— „Bei'm heiligen Martin!“ rief Gerhard: Ihr habt mir aus der Seele geredet. Ich habe ohnehin mit dem alten Böſe⸗ wicht einen Faden vom Rocken zu ſpinnen. Mögt Ihr's glauben, daß der Graukopf, zur Zeit, da er noch Haupt⸗ mann der Stadt geweſen, dergeſtalt vom Teufel des Hoch⸗ muths geplagt worden iſt, daß er es abſchlug, mit mir Brüderſchaft zu trinken,.. blos, weil er dem Kaiſer die Sporen abgegaunert hatte? Donner und Strahl! heute iſt der Tag, an dem ich ihm jene Unbill in den Bart reiben könnte. Darum, mein wackrer Geſelle! auf, und nicht ge⸗ ſäumt. Ich will gerne ohne Trunk die Mittagshitze ver⸗ winden, wenn wir nur nicht die Gelegenheit verſäumen, dem Schurken einen Stein in den Garten zu werfen,»und uns dafür einen ſolchen bei der Stadt in's Brett zu ſetzen.“— „Das Letztere mag Deine Sorge ſeyn;“ verſetzte Dago⸗ bert ſpöttiſch, und rief nach Vollbrecht, um Alles ohne Auf⸗ ſchen zum Auszuge rüſten zu laſſen.— Bei dem Namen des Knechtes faltete ſich des Hülshofners Stirne:„Wär's nicht, daß wir Dreie ſeyen gegen Dreie,“ ſprach er,„ſo möchte ich wohl, daß wir den Langen zu Hauſe ließen. Der Anblick des Burſchen demüthigt mich in etwas, denn er trägt ſeine Wohlbeleibtheit ſo ſtolz vor ſich her zur Schau, als wollte er mir immer ſagen:„Gelt, Du armer Fechtbruder; ich bin in die Pfingſtwoche gerathen, während Du noch im⸗ mer am Aſchermittwoch kaueſt?“—„Laß den wackern Knecht ungeſchoren,“ erwiederte Dagobert freundlich und wendete ſich gegen die aufgehende Thüre. Wie ſtaunte er gber, da nicht Vollbrecht hereinkam, ſondern der unerwartetſte von allen Menſchen: Diether der Altbürger, ſein Vater! Ver⸗ legen und glühenden Antlitzes ging er auf den Ueberraſchen⸗ den zu, ohne eines Wortes mächtig zu ſeyn. Der Alte, ge⸗ wohnt, ſein Aeußeres bei öffentlichen Gelegenheiten und An⸗ läſſen zu beherrſchen, nickte langſam grüßend mit dem Haupte, und blickte auf den Edelknecht, als wollte er fragen, warum ſich ein unerwünſchter Dritter hier befinde. Dagobert ver⸗ ſtand den Wink beſſer, als der glotzende Gerhard, und ſandte ihn hinweg mit der Bitte, im Stalle nach dem Rechten zu ſehen.— Als nun Vater und Sohn allein waren, begann der Erſte, nachdem er ſich geſetzt:„Du willſt fort, Dago⸗ bert?“— Dieſer bejahte gelaſſen.—„So leicht alſo wäre es Dir ſchon geworden, von Deiner Heimath und Deinem Vater zu gehen?“— Dagobert ſchwieg, um ſich nicht in unangenehme Erörterungen einzulaſſen. Diether fuhr lang⸗ ſam fort:„Dagobert, Du warſt ja ſonſt ein harmloſer Menſch, deſſen Gutmüthigleit, wie ein Kind, nach Allem in der Welt griff, um es an die Bruſt zu drücken, wären es auch Schlangen geweſen. O dieſes kindliche Vertrauen kann noch nicht ganz aus Deiner Seele gewichen ſeyn! Das böſe tückiſche Schickſal kann Dich nicht ſo kalt gemacht haben⸗ daß Du nicht für die Reue eines Vaters ein Ohr, für ſeine Bitte ein verſöhnlich Herz, für ſeine zitternde, Vergebung ſuchende Rechte eine freundliche, offene Sohneshand hätteſt!“— Dagobert war auf ganz andere Reden gefaßt geweſen; um ſo überraſchender klang die herzliche, erſchütternde des Alten, unterſtützt von ſeiner dargebotenen Hand, von der Thräne, die in ſeinem Auge bebte, von der ſchwachen Röthe, „ welche die Beſchämung in ſeine blaſſen Wangen trieb. Auch 61 in Dagoberts Augen ſtürzten Tropfen des heiligſten Gefühls, und zu den Füßen des Vaters ſank er nieder, als ob er der verlorne Sohn ſey, und der Verbrechen unzählige zu beken⸗ nen hätte. Diether war ſo ergriffen, daß er nicht aufſtehen, den Knieenden nicht aufheben konnte, ſondern blos mit ſeinen Händen deſſen Wangen ſtreichelte, und Perle auf Perle in deſſen braune Locken, auf deſſen Stirne fallen ließ.—„O, mein Sohn,“— ſprach er nach langem Schweigen:„Du kennſt meinen unbeugſamen Willen,— Dir iſt nicht fremd, daß ich eher in Zorn gerathe, als in Rührung; allein, ich fühle, ſeit geſtern bin ich anders geworden. Mein Wahn⸗ ſinn mußte mich auf den höchſten Gipfel treiben, um zu er⸗ liegen den glühenden Worten eines Fremden. Welche Nacht habe ich zugebracht in den qualvollſten Leiden meines In⸗ nern! Mit welcher Pein wurde ich wiedergeboren, und wie ſträubte ſich mein eiſerner Sinn gegen die Reue, welche dem Beleidigten die Hand reichen muß,.. wie wehrte ſich mein Fuß gegen den erſten Schritt, welcher der Buße auſerlegt iſt. Endlich hat der Herr geſiegt und mein beſſrer Theil; abgeſchüttelt habe ich alle Schaam, allen Hochmuth,.. und in dem Gewande der Demuth bin ich vor den Sohn getreten, um ihn zu bitten, daß er mir verzeihe, was ich ſchwer an ihm verſchuldet,— daß er mir den ſchimpflichen Verdacht vergebe, den ich gegen ihn gehegt,— und daß er darein willige, wieder in mein verwaistes und verödetes Haus zu ziehen, geſchmückt mit der Fröhlichkeit ſeiner frühern Zeit, und mit ungetrübtem Vertrauen gegen einen Vater, der die noch kurze Friſt ſeines Daſeyns gerne hingeben würde, könnte er damit die vergangenen Schreckenszeiten zurückkaufen.“—„Ach mein Vater;“ antwortete Dagobert ₰ ſanft und ſchonend:„wie weh und dennoch, wie wohl thut mir nicht Eure Rede. Wenn es mich ſchmerzen muß, den Vater mich anflehen zu hören, wie kaum ein reuiges Kind thun möchte, ſo wollte ich doch gerne aufjubeln vor Freude, daß Ihr endlich mein Herz erkannt habt, das ſtets rein ge⸗ blieben iſt, und ohne Falſch. Schier wäre ich verzweifelt an der Hoffnung, mich wieder treu und liebevoll an Eure Bruſt legen zu dürfen; ein guter Gott hat aber dafür ge⸗ ſorgt, daß nicht getrennt bleibe, was der Allvater gnädig zuſammenfügte. Glücklich werde ich ſeyn, mein Vater, wenn Ihr mich wieder in Eure Arme aufnehmen wollt, und läge es an mir, Euer Leben zu verſchönern......“—„Deine Rede beſchämt mich immer mehr;“ verſetzte Diether auf⸗ ſtehend, und des Sohnes Hand ſchüttelnd:„Laß uns reden, wie es Männern geziemt, ohne viele Worte, die nur weich machen, wo das Herz wieder ſtark werden ſoll. Wir wollen wieder Eins ſeyn, Freunde, gute Freunde, nicht wahr, mein Sohn?“„Wahrlich, Vater!“ verſicherte Dagobert aufrich⸗ tig.——„Wir wollen vergeſſen und hinter uns werfen, was unſer Gefühl beleidigt hat, und zerriſſen unſre Herzen!“ —„Das wollen wir, Vater!“—„Wir wollen nicht zögern, der Welt zu zeigen, daß wir uns wieder vereinigten, und ablaſſen von jedem Groll, den wir hegen könnten, gegen Feinde und falſche wohldieneriſche Freunde!“—„In Gottes⸗ namen, Vater.“—„Nun denn,“ ſetzte Diether hinzu:„So komm mit mir, mein Erſtgeborner, mein Wiedergeborner, damit der Gang in unſer Haus mir lieblicher werde, als der ſaure Gang hierher, wo ich den Sohn unter Fremden ſuchen mußte.“—„So Ihr mir erlaubt, alsdann auf einen Ritt zu gehen, den ich nicht verſchieben kann?“—„Gerne, mein „ 63 Sohn, Zwang ſoll Dich nicht drücken. Nur einen Augenblick ruhe wieder aus in meinem Hauſe, damit der Geiſt der Zwietracht völlig daraus entweiche.“— Sie gingen, Arm in Arm, durch die Gaſſen, wo alle Fenſter aufgingen, und alle Hausthüren, an welchen ſie vorüber kamen. Der Zwiſt zwiſchen Vater und Sohn war zum Geſchwätze der Stadt geworden; ihre Verſöhnung wurde es nicht minder. Die wahren Freunde winkten ihnen lächelnd zu, die falſchen zogen ſich beſchämt auf die Seite, und der Schultheiß warf klin⸗ gend die Fenſterflügel zu, an welchen er zufälligerweiſe ein Zeuge dieſes rührenden Schauſpiels geweſen war. Bei dem Eintritte in das väterliche Haus ſah Dagobert den Mann ihm entgegentreten, in welchem er alſobald— nächſt Gott— die Wurzel dieſer erſehnten Vereinigung erkannte: den Pre⸗ digermönch Johannes, ſeinen würdigen Lehrer.„O, wie lieb iſt mir's,“ rief Dagobert:„daß dieſes weiße Friedens⸗ kleid mir entgegen kommt, und nicht die ſchwarze Kutte meines Ohms. Gott ſegnet meinen Eingang hier durch Euern Empfang, hochwürdiger Herr!“—„Der Menſch ift nur ein ſchwaches Gefäß, ſo lang ihn ſeine Begierde regiertz“ erwiederte Johannes:„aber herrlich und ſtark, wenn der Herr ihn beſucht in ſeiner Gnade. Scht hier einen ſolchen Herrlichen und Starken“— fügte er bei, indem er auf Diether deutete, der mit ſeligem Lächeln daneben ſtand, und die Hand auf Dagoberts Schultern hielt, als ob er befürchte, den Wiedergefundenen auf's Neue zu verlieren.—„O mein Lehrer und Freund!“ fragte Diethers Sohn:„Noch geſtern ſo unglücklich,— heute ſo glücklich in den Armen des Va⸗ ters! womit vergelte ich dieſe unerwartete Gnade?“—„Mit Verſöhnung;“ entgegnete Johannes, nach der Thüre zeigend, herein bewegte. Das Geſpreizte und Gezwungene ſeiner Haltung, die heuchelnde Freundlichkeit, die auf ſeinen Lippen und Wangen ſaß, während der finſtere Zug auf der Stirne ein ſtill brütendes Mißvergnügen verrieth, hätte den ſcharf⸗ blickenden Neffen ſicher wieder von der geforderten Verſöh⸗ nung zurückgeſchreckt, wenn nicht der Mönch ſeine Linke, der Vater ſeine Rechte ergriffen hätte, um ihn zu dem Eintre⸗ tenden zu geleiten.— Die Annäherung indeſſen, welche, ſelbſt die Liebe entbehrend, durch den Einfluß geliebter Freunde dennoch nur zögernd zu Stande gekommen wäre, machte ſich leichter durch die ſalbungsvolle Anrede des Prälaten, welcher aus vollem Munde ſeinem Neffen ein Pax cum tibi, mi ßlil entgegenrief. Der Verſtoß gegen die römiſche Sprache, der darinnen lag, half glücklich über das letzte Hinderniß weg denn Dagobert erinnerte ſich, in ſich lachend, der Zeit, in welcher er den Ohm über manchen ähnlichen Schnitzer auf⸗ geklärt hatte, und in dieſem Angedenken an luſtige Tage, gab er denn ſeine Hand in die feiſte des Prälaten und ſagte: „Gleichfalls, lieber Ohm und würdigſter Herr! Willkommen auf deutſchem Grund und Boden. Es wird Euch ſchwer gefallen ſeyn, wieder zur Heimath zu kehren, aber beſſer ſpät, denn niemals. Gott laſſe Euch noch lange deutſche Luft genießen, und uns Freunde ſeyd. Vergebt mir, was ich vielleicht gegen Euch geſündigt, und ich will Euch herzlich gern jenen Gang zum Cardinal vergeben.“— Verſtummend ſah der Prälat verlegen auf den Saum ſeines Gewandes; aber Johannes erbarmte ſich ſeiner Verlegenheit, und brachte ihn auf einen Tert, der angenehmer war,— auf den Unter⸗ ſchied der deutſchen und wälſchen Lebensweiſe. Monſignore 3 65 gerieth in verwickelte Abhandlungen, und Dagobert, nachdem er, guter alter Sitte gemäß, vor dem Altar des Hauſes ein kurzes Gebet verrichtet hatte, machte Anſtalt, wieder zu ſcheiden.—„In Kurzem bin ich wieder zurück,“ ſagte er zu Diether, der ihn ſchwer wieder von der Seite ließ:„und mir glückt's vielleicht, etwas zu gewinnen, das Euch lieb und genehm iſt, mein Vater!“—„Was kann mir lieber ſeyn, als Deine Nähe und die des kleinen Hans?“ fragte Diether ſchmerzlich, ſich umſchauend:„So weit ich ſehe durch das geräumige Haus, ſo fehlt doch immer die darinnen, welche fleißig hier waltete,.. eine ehrſame Hausfrau, bis mich der Satan beſchlich. Nicht minder fehlt die Tochter.. ach, und dieſe wird immer fehlen, da ich in ihr die Schlange erkannt habe. Ich beklage nur ihr Schickſal, das meines Hauſes ſo ganz unwürdig iſt, und zu deſſen Entſcheidung Bitten und Dringen den Rath noch nicht vermögen konnte. Und das Kind der Unglücklichen....“ „O ſchweigt, ſchweigt!“ ſiel Dagobert raſch ein:„Ihr ſpracht wahr, ſie iſt eine Schlange, aber dieſes Kind, von welchem Ihr redet, iſt ihr fremd,— und gerade darum, o mein Vater.. ich wage es nicht, dieſe Räthſel zu löſen, da ich nur einer mildern, günſtigern Zeit es ver⸗ trauend überlaſſe! Dem ſey, wie ihm wolle; Wallradens Haft bleibt ein Brandmal für unfre ganze Sippſchaft, wenn wir ſie nicht mit Gewalt zu Ende führen. Dieſer Pflicht gilt mein heutiger Ritt, und es wird ſich zeigen, ob ich Glück mitbringe oder getäuſchte Hoffnung.“— Zum Lebe⸗ wohl reichte er dem ſtaunenden Vater die getreue Hand, und begegnete auf des Hauſes Schwelle dem kleinen Hans mit „Grüß Dich Gott, Mühmlein!“ er luſtig: 3. „Der Teufel iſt mit Gottes Hülfe ausgetrieben, obgleich der Ohm noch im Oberſtocke wohnt; bete für mich, ſchöne Be⸗ kehrte, daß der Schwarze gänzlich aus dem Wege bleibt!“— Fiorilla deutete ſorglich nach der Treppe, und winkte dem Jüngling Schweigen zu.„Ich ſehe es gerne,“ ſagte ſie flüchtig und ſcheu,„daß Ihr Eure Laune wieder himmelblau gekleidet habt,— aber die Vertraulichkeit, die Ihr mir zu Koſtnitz ſchenktet, mäßigt vor der Eiferſucht des Prälaten, und dem Ernſte Eures Vaters, und den Lauerblicken des Geſindes. Ich verlange nun nichts mehr zu gelten, als eine Magd, und frage nur aus theilnehmendem Herzen nach der holden Eſther, deren Haus ſo ſchmählich zu Grunde ging.“— Dagobert flüſterte ihr in's Ohr, daß Eſther ſicher ſey, und wollte fort. Da klammerte ſich Hans an ihn und fragte: „Schon wieder, lieb Brüderlein, willſt Du ſcheiden ohne Gruß und Kuß für den armen kleinen Hans?“—„Ach, Du armer Bube!“ redete Dagobert zu ihm, und zog ihn zu ſich empor:„Du armes Unglücksmännlein! kannſt Du mir nicht ſagen, wo der rechte Johannes iſt?“— Der Knabe ſah ihn groß an, und erwiederte:„Ich verſtehe Dich nicht, lieber Dagobert. Aber in der Erde oder im Himmel muß er ſeyn, glaub' ich.“—„In der Erde, im Himmel?“ verſetzte Da⸗ gobert düſter:„O du ſagſt die Wahrheit, Du armer Bube.“ —„Was habt Ihr denn, guter Junker?“ fragte Fiorilla theilnehmend.—„Du verſtehſt mich auch nicht, Blümchen,“ erwiederte Dagobert, ſeinen Trübſinn zum Scherz zwingend, und wollte Gott, ich verſtünde mich ſelbſt nicht, und wäre noch wie wohl ſonſt, und könnte hier den Buben lieb haben, wie ſonſt, und wüßte nicht.... aber wahrhaftig, ich rede thöricht Zeug, und wünſche doch nicht, daß Dein Mund 67 meine Tollheit verrathe, meine Freundin. Hörſt Du?“— „Habt Ihr nicht erfahren, daß ich ſchweigen kann?“ fragte Fivrilla entgegen.„Aber ſo gebt doch dem guten Jungen, der ſchon lange ſein Mäulchen ſpitzt, einen Kuß, bevor Ihr geht.“—„Das will ich;“ ſagte Dagobert, indem er dem Hans einen derben Schmatz aufdrückte:„Da, mein kleiner Hans, und wenn ich wiederkehre, bringe ich Dir einen But⸗ terwecken mit, damit Du glaubeſt an meine Freundſchaft.“— „O ja,“ rief der Kleine, fröhlich hüpfend:„Einen Wecken und die gute, liebe Mutter; nicht wahr, Dagobert?“— „Deine Mutter? Deine gute, liebe Mutter?“ fragte Dago⸗ bert ſchnell und überraſcht; dann ſetzte er mit einem ſtillen Seufzer hinzu:„Ja, mein Hans, Deiner Mutter gilt auch mein Gang. Leb' wohl!“— WMit einem bittern Zug um den Mund ſtellte er den Knaben nieder, und eilte, was er nur konnte, dem Thore zu, unter deſſen Schwibbogen Ger⸗ hard und Vollbrecht ſeiner harrten, denn der Mittag kam mit Macht heran. Der Hülshofner fluchte wie ein Heide über des Junkers langes Auſſenbleiben, und behauptete, entweder ſey der Gaudieb ſchon wieder ſeines Weges zurück⸗ gekehrt, oder die Mittagsſonne würde ſie verſchmachten laſſen, bevor ſie einen dienlichen Hinterhalt erreicht haben würden. Dagobert ermangelte nicht, ihm wie gewöhnlich Troſt zuzu⸗ ſprechen, und ſeinen erkalteten Eifer anzufachen. Er verhieß ihm friſchbelaubte ſtarkſchattige Eichbäume, um ſich darunter zu lagern, eine kühle Quelle, um den verdorrenden Gaumen zu netzen, und Abends, ob nun das Gelingen den Plan krö⸗ nen würde, ob nicht, etwas Beſſeres, als kühles Waſſer zur Erquickung. Dieſe Prophezeihungen willig für ein Evange⸗ lium haltend, trabte Gerhard dem Dagobert nach, der, ſeinen Gedanken nachhängend, wenig auf die vie⸗ len Fragen des Kämpfers erwiederte. Eine ziemliche Strecke von der Stadt entfernt, dem Gutleuthauſe gegenüber, fan⸗ den die Reiter gut, zu raſten. Aber da war nicht Eichbaum, nicht Quelle, ſondern ein dürrer Erdaufwurf, hoch genug, Gaul und Reiter zu verbergen, umſchattet von magern Schlehenbüſchen, die dem kleinſten Sonnenſtrahl willig den Durchgang ließen. Vollbrecht hatte jedoch in beträchtlicher Entfernung einige Geſtalten auf dem krummlaufenden Wege bemerkt, die aus dem Forſte zu kommen und Reiſige zu ſeyn ſchienen. Gerhard hatte ſich deßhalb in ſein Schickſal erge⸗ ben, in die Ginſterbüſche niedergeſtreckt, und den Schatten ſeines Pferdes in Anſpruch genommen. Dagobert hielt rüſtig und lauernd hinter den Schlehenbüſchen, durch welche ſein ſcharfes Auge ſowohl den Gayner Weg, als auch das jen⸗ ſeitige Ufer des Mains im Viſir hatte. Vollbrecht hingegen hatte ſeinen Klepper an einen Erlenſtrauch geſchnürt, und kroch auf allen Vieren, von Haidekraut und Dornbüſchen verſteckt, nach der Richtung zu, in welcher er die beſagten Geſtalten wahrgenommen zu haben vermeinte, um Kundſchaft zu bringen, und der Erſte bei der Hand zu ſeyn. Je weiter er auf dieſe Art kriechend vorrückte, je gewiſſer wurden ſei⸗ nem Blicke die Umriſſe der Geſtalten, und er erkannte end⸗ lich deutlich drei Reiter, von denen einer vor dem andern daherzog. Ihre Annäherung verzögerte ſich indeſſen außer⸗ ordentlich, da ihrer Pferde Schritte bald inne hielten, bald langſam vorwärts rückten. Lange verſuchte Vollbrecht ver⸗ gebens, die Urſache dieſes ungleichen Rittes zu enträthſeln; endlich aber bemerkte er, wie auf einem querfeldein laufen⸗ den Feldwege ein Wagen daherkam, bedeckt mit einem 69 Segeltuche und von zwei Pferden beſpannt; ein Fuhrwerk, wie es ſich die Kaufleute der Landſtädte zu ihren Reiſen über Land anzukaufen pflegten. Da nun, je näher der ſchnecken⸗ ähnliche Wagen kam, auch die Reiter je mehr und mehr inne hielten, und ſich endlich an den Saum des Weges zo⸗ gen, wo einige dicht verwachſene Hecken und Bäume ſie ver⸗ ſtecken konnten: ſo zweifelte Vollbrecht keineswegs daran, daß die Herren es auf den Karren abgeſehen hatten, und machte ſich unverzüglich auf den ſchnellſten Rückweg. Bei ſeinem Herrn angelangt, fand er dieſen und ſogar den von der Hitze träg gewordenen Gerhard ſchon bereit, loszugehen auf die fernen Reiter.„Es iſt kein Zweifel,“ ſagte Dago⸗ bert, nachdem er Vollbrechts Bericht angehört,„es iſt kein Zweifel, daß es der alte Raubgeſelle Bechtram iſt, der dort hinter dem Buſche lauert. Mir ſagt's meine Ahnung. Aber nicht minder iſt kein Zweifel, daß wofern wir nicht eilen, der Ruhm, hier den Strauß begonnen zu haben, uns ent⸗ gehen werde, denn ich vermuthe, der Rath war diesmal ſei⸗ nerſeits auch wachſam. Dort bei den drei Buchen über'm Main ſehe ich Bewaffnete an's Ufer laufen. Sie tragen die Stadtfarbe, und ich wette, ſie ſuchen die Fürth, um ihres Wildes nicht zu fehlen. Drum friſch voran, ihr Geſellen!“ — Wie der Wind ſprengte er den Andern voran; ihm nach trabte Hülshofens ſchwerfälliger Hengſt, auf welchem der Edelknecht ſaß wie ein Mann von Erz. Vollbrecht knüpfte ſich den Streithammer an die Fauſt und ſpornte ſeinen Klep⸗ per dergeſtalt, daß er nur wenig hinter ſeinen Herren zurück⸗ blieb. Die Raubſcene hatte ſchon begonnen, als die Reiter noch fern von dem Schauplatze waren. Der Beſitzer des Wagens, der völlig ſorglos unter dem ſchattigen Dache ſaß, ein ſchlichter Wollen- und Hanfhändler aus der Gegend, wurde zu ſeinem Schrecken von dem Anrufe der Buſchklepper aus dem Schlummer geweckt, in welchen ihn die drückende Hitze gewiegt hatte. Schlaftrunken griff er mit der Rechten nach dem Haudegen zu ſeiner Seile, während er mit der Linken, am Leitſeil reißend, die müden, vom Sandweg er⸗ ſchöpften Gäule zu einem wiewohl vergeblichen Rennen an⸗ treiben wollte. Dieſer Verſuch belohnte ſich aber ſchlecht. Ein grauſamer Stich ſtreckte das Leitpferd nieder, und ein gewaltiger Hieb lähmte den Arm des unglücklichen Kaufherrn. Der Wagen hielt. Mächtige Fäuſte langten unter die Decke, und zogen den von Schmerz halb ohnmächtigen Eigenthümer hervor in's Freie,— warfen ihn unter den Wagen, wie ein unnützes Stück Holz. Der Arme konnte dieſe Mißhandlun⸗ gen nur mit einem ängſtlichen Gewimmer erwiedern, das die Unmenſchen verlachten, die ſich alſobald an die Beraubung des Wagens machten. Die Bündel und Päcke, die darin aufgeſchichtet lagen, ſchienen ihnen theils zu gering an Ge⸗ halt, theils zu unbequem zum Fortſchaffen, und ſo eben riſſen ſie unter den grimmigſten Drohungen den Kaufmann in die Höhe, um ihn nach Geld zu durchſuchen, oder ihn zu zwin⸗ gen zu geſtehen, wohin er ſein Geld verborgen habe, als der den Befehl führende Ritter einen Blick in die Höhe warf, und zu ſeinem Mißvergnügen wenige Pferdslängen von der Stätte entfernt, drei Reiter erſah, die gerade auf ihn und ſeine Leute losrannten, mit unverhohlner drohender Geberde. —„Hagel! Strahl und Peſtilenz!“ ſchrie er:„Auf, ihr Buben, ſchlagt den Hund vor den Schädel, und ſetzt Euch zur Wehre! Friſch, auf die Schurken dort!“— Zum Glück für den Kaufmann, der unter dem Eiſen der Knechte ſein 1 letztes Stündlein mit Zittern und Zagen erwartete, waren die Retter ſchnell da, wie Gottes Blitz und ſeine Gerichte. Gezwungen, ſich vor den einhagelnden Hieben zu ſchützen, und zum Beiſtand ihres Herrn angerufen, ließen die reiſigen Knechte den Mißhandelten ledig, und das Handgemeng be⸗ gann zu wüthen. Dagobert war auf den Ritter losgeſtürzt, und beſchäftigte ihn mit blitzſchneller Klinge, während Ger⸗ hard einen nach dem Andern von den Knechten vom Gaule rannte, durch die Wucht ſeines Anſprengens allein.„Gib Dich, grauer Raubknecht!“ donnerte er hierauf dem Herrn von Vilbel zu, und hieb ihn mit der flachen Klinge auf die Fauſt, daß er des Pferdes Zügel fahren laſſen mußte.— „Kreuz, Stein und Strahl! Vermaledeiter Hülshofen!“ fluchte Bechtram, und Dagobert riß ihn vollends vom Pferde. Der alte Raubgeſelle wehrte ſich noch am Boden wie ver⸗ zweifelt, aber ſein Grimm erſtarb in Ohnmacht, und Thrä⸗ nen der Wuth perlten in ſeinen grauen Bart, da er ſeine Hände gebunden und ſich aller Waffen beraubt fühlte. Die Söldner der Stadt, die mittlerweile über den Strom geſetzt hatten, machten vollends reine Arbeit und knebelten die bei⸗ den Knechte des Stegreifritters.—„Ritterliche Haft! ritter⸗ liche Haft!“ bat der überwundene und gedemüthigte Bechttam, die gebundnen Hände zu Gerhard und Dagobert aufhebend. „Den Teufel auf Deinen Schurkenſchädel!“ antwortete ihm der Hülshofen:„Ich will Dich lehren, wackern Kämpen die Freundſchaft zu verſagen, hochmüthiger Dieb. Sieh her, wie Du den armen Mann zugerichtet haſt;“ ſetzte er hinzu, auf den Kaufmann zeigend, der ſich mühſam herbeiſchleppte: armer Heinz Duke! wohl erkenne ich Dich in dieſer Jam⸗ mergeſtalt. Ich habe ſchon manches Wollenwamms bei Dir gekauft und auch manches geborgt. Stehe ich allenfalls noch auf Deinem Kerbholze, ſo kannſt Du mich dieſes Dien⸗ ſtes wegen auslöſchen, und Dir die Freude machen, aus Deinem ſchönen Hanf einen Strick für dieſen Buben zu drehen, der ihm fein und glatt zum dicken Halſe ſtehen ſoll.“ „Niederträchtiger Klopffechter!“ ſchnaubte Bechtram wild, und dieſes Wort wäre mit einer entſetzlichen Mißhandlung beſtraft worden, hätte ſich nicht Dagobert des Gefangenen angenommen, den Ueberwindern Mäßigung gepredigt, und darauf gedrungen, ſchnell nach der Stadt zurückzukehren mit der guten Beute.— Seine Worte wurden befolgt,— Rit⸗ ter und Knechte auf die Gäule geſchnürt, und Reiter, Fuß⸗ knechte und Wagen zogen bald wie ſtolze Sieger in der wichtigſten Fehde in Frankfurt ein. Der Jubel des Volks donnerte auf allen Gaſſen, da es den gefürchteten Feind in ſeiner Gewalt ſah, und Dagobert's wie Gerhard's Namen ſchwebten geprieſen und erhoben zum Himmel auf allen Zungen. Sogleich verſammelten ſich Bürgermeiſter, Schöffen und Rath, und der Schultheiß, an der Spitze der geſamm⸗ ten Väter der Stadt, mußte, ſo ſchwer es ihm auch wurde, dem verhaßten Sohne Diether's den Dank der Bürgerſchaft verheißen. Diether umarmte ſeinen Dagobert mit der Liebe, die den Knaben in's Leben geleitet hatte, und rief:„Ja, Du biſt ein treuer Menſch. Die Feindin zu retten, wagſt Du — Dein Leben!“—„Die Feindin?“ fragte Dagobert wehmü⸗ thig entgegen:„Verhüt' es Gott, Wallrade iſt meine Schwe⸗ ſter, aber unwürdig leider unſers Namens. Ich haſſe ſie jedoch nicht, und würde, ſie zu befreien, wohl noch mehr thun, als einen Räuber niederwerfen.“— Dieſer Räuber war ein Felſen von Verſtocktheit. Sein Läugnen, ſein Hobn gegen die Vorwürfe, mit welchen ihn des Raths Vorſteher überhäuften, ſeines Treu⸗ und Friedensbruchs wegen, über⸗ ſtieg an Frechheit Alles, was man bisher aus Räubersmund vernommen hatte. Seine Knechte⸗ in der Schule des Ver⸗ brechens groß gezogen, folgten dem Beiſpiele ihres Gebieters, bis der Oberſtrichter ihnen mit der Folter drohte, und zum Beweiſe, daß er es ernſtlich meine, die ſchrecklichſten Folter⸗ werkzeuge herbeibringen ließ. Dieſer grauſenvolle Anblick erſchütterte die Standhaftigkeit der Reiſigen; ſie wankten, ließen nach von ihrem Starrſinn, und bekannten endlich unter der Bedingung, ihr elendes Leben zu behalten, eine Unzahl von blutigen Thaten und Raubfreveln, die ihr Brod⸗ herr binnen der letzten Friſt verübt hatte. Keine Schand⸗ that war zu denken, die nicht von Bechtram und ſeiner wilden Jagd begangen worden wäre, und der graue Sünder erblaßte ſelbſt, da man ihm die Litanei ſeiner Bubenſtücke vorhielt. Sein Trotz und Uebermuth verwandelte ſich, da er ſeine Helfershelfer von ihm gewendet ſah, in plötzliche Muthloſig⸗ keit und in eine finſtre Ahnung des Schickſals, das ihn betreffen möchte. Unter ſolchen Umſtänden wurde es dem Oberſtrichter leicht, noch in der Nacht deſſelben Tages das Bekenntniß von ihm zu erringen, daß Wallrade und der Kaufdiener Schwarz und noch einige andere arme Leute in ſeinem Raubneſte gefangen gehalten würden;... und die 3 Furcht vor einem ſchmählichen Tode,— die Hoffnung, Leben und Freiheit zu erhalten, bewog den an der Vorſehung und ſeinen Freunden Verzweifelnden, an ſeine Hausfrau folgende Zeilen zu ſchreiben:„Der ehrbaren Elſe von Vilwyl, mei⸗ ner lieben Hausfrauen, meinen freundlichen Gruß zuvor. Liebe Hausfrau! Ich laſſe Dich wiſſen, daß mich die von Frankfurt gefangen haben; darum befehle ich Dir, die Ge⸗ fangenen von Stund an laufen zu laſſen, weil ich gefunden habe, daß ich nichts mit ihnen, noch ſie etwas mit mir zu ſchaffen haben. So Du das thuſt, iſt mir's lieb. Gegeben unter meinem Inſiegel. Zum Wahrzeichen ſchicke ich Dir Deinen eignen Siegelring. Bechtram von Vilwyl, Ritter.“ Dieſer Brief, die Befreiungsurkunde der in Haft Gehalt⸗ nen, war geſchrieben, aber der Bote fehlte, welcher ihn überbracht hätte, indem die Härte und grauſame Rohheit der Frau von Vilbel, wie der Genoſſen des Ritters im gan⸗ zen Gau bekannt war, und ſelbſt der Entſchloſſenſte den Tod fürchtete, als ſichern Lohn der Botſchaft. Vergebens befahl der Rath: ſeine Diener meinten, ihr Leben käme nicht wie⸗ der, wenn man auch den Bechtram alsdann der Rache vpfern wollte, und Geld und Verſprechungen bewogen keinen, nach dem übelberüchtigten Schloſſe Neufalkenſtein zu reiten⸗ „Schande genug für ſo viele im Kriegshandwerk ergraute Leute!“ ſchalt Dagobert, da er dieſe unaufhörlichen Weige⸗ rungen erfuhr:„Gebt mir Brief und Ring, und ich hole die Gefangenen unverſehrt aus der Höhle des Wolfs. Trifft mich dabei ein Unglück; nun, ſo laßt eine Meſſe für meine Seele leſen, und damit gut. Es ſoll nicht geſagt werden⸗ daß ſich in ganz Frankfurt kein Mann gefunden, der es ge⸗ wagt hätte, den Räubern in das Weiſe des Auges zu ſehen.“ — Auf dieſes kecke Anerbieten hin fanden ſich Viele, die nun das Wagſtück unternommen hätten, allein Dagobert blieb feſt bei ſeinem Begehren, und der Schultheiß unter⸗ ſtützte es, gegen alle Einwendungen des Vaters und der Freunde des Jünglings. Dagobert erkannte wohl den böſen Sinn ſeiner Worte und Bemühungen, freute ſich aber ihrer 75 Unterſtützung und ritt von dannen, geleitet von Vollbrecht und einem Trompeter der Stadt, als ob er zu einem fröh⸗ lichen Kirchweihfeſte geladen wäre.—„S iſt doch mein al⸗ ter böſer Fluch,“— brummte er lächelnd vor ſich hin,— „daß ich immer wie der ewige Jude umherziehen muß im Lande, und die Pfoten in's Feuer ſtecken für Leute, die mich vergiften möchten; aber, was thut's? Mit meinem Froh⸗ ſinn wächst meine Zuverſicht, und meine Luſt, jedem zu hel⸗ fen, der meines Dienſtes begehrt. Mit dem Vater habe ich mich verſöhnt, und das iſt denn doch die Hauptſache. Müt⸗ terlein und Bruder Hans im Himmel werden mich dafür ſegnen, und es nicht übel nehmen, wenn ich mich auch um die entartete Schweſter, um die verirrte Stiefmutter be⸗ kümmre, und den armen kleinen Hans nicht aus dem Hauſe ſtoße, wenn er gleich nicht hinein gehört. Seine Mutter iſt ja doch unſer eigen Blut.— Friſch alſo vorwärts! Ich gehe auf dem Wege des Rechten und darf mich nicht fürchten; wartet doch meiner der Segen, und ein freundlicher Blick aus Eſther's holdem Auge.“ Das Bild der Lieblichen, das in ihm emporſtieg, machte ihn ſelig, aber traurig zugleich. Denn ob er gleich, nach langem Widerſtreben, ſeiner Liebe zu dem Mädchen ſo klar bewußt geworden, daß er ſie nicht mehr läugnete, ſo war ihm doch das Ende, welches dieſes Gewirr von Begebenhei⸗ ten nehmen würde, nichts weniger als klar. Denn, wenn ſeine Zärtlichkeit ſich auch über die Vorurtheile der vorneh⸗ mern Stände hinwegſetzte— immer riß ſich eine unüber⸗ ſteigbare Kluft zwiſchen ihm und Eſther auf. Ihr Vater trat immer dazwiſchen, wie ein ſtörender Geiſt, und dieſem Mann hatte er jetzt den Aufenthalt ſeines Kindes verrathen,. ſich vereinigt zu denken, ſchien ihm vom Schickſale zu viel die Zugbrücke nieder, und des Thores Flügel öffneten ſi 76 dieſen Mann war er gewiß, bei Eſther zu finden. Wie würde ſich alles entwickeln,— wie ſich löſen?— Eſther mit gefordert. Eine Trennung von ihr? Ach, wie weit ſchob ſeine ſehnſüchtige Liebe dieſe Möglichkeit in den fernſten Hintergrund der Zukunft!— Neufalkenſtein ragte vor ihnen empor im Mittagsglanze. Der Wächter auf dem Wartthurme blies aus Leibeskräften ſein Horn, da der Trompeter der Stadt die Annäherung ei⸗ nes Beſuchs verkündigt hatte. Ein unruhiges Hin- und Herlaufen im Zwinger wurde durch die Fenſterlucken und Schießſcharten der Mauer bemerkbar, und eine Stimme rief durch das Gitter am Thorbogen den jenſeits des Grabens haltenden Reitern zu.„Ich habe eine Botſchaft zu werben bei der Frau von Vilbel,“ antwortete Dagobert;„im Na⸗ men der freien Reichsſtadt Frankfurt.“—„Frau Elſe iſt krank,“ lautete die Gegenrede.—„Thut nichts; ich werde nur wenig mit ihr ſprechen, und nur einen Brief über⸗ geben.“— Die Stimme innerhalb dem Thore verſtummte, und die Boten der Stadt harrten lange vergebens. Indeſ⸗ ſen waren auf dem Wartthurme Leute erſchienen, unter ih⸗ nen ein Frauenbild mit wehendem Schleier, das ſtarr und unverwandt auf Dagobert und ſeine Begleiter herniederſah. —„Wenn die Sonne mich nicht blendet,“ ſagte Vollbrecht, „ſo iſt das Frauenbild Eure Schweſter, Herr. Sie trägt daſſelbe Kleid, in welchem ſie von Frankfurt abfuhr, da Ihr mich auf ihre Spur ſandtet.“—„Sie lebt alſo! ſie lebt!“ jauchzte Dagobert;„Ich werde ihr mit Gutem vergelten können, was ſie Böſes an mir verſucht.“— So eben klirrte — Vollbrecht wollte ſeinem Herrn folgen, aber dieſer wies ihn zurück.„Bleibe hier bei dieſem Manne,“ ſprach er:„bleib' ich aus, ſo meldet's zu Frantfurt, und Du, mein Vollbrecht, ſagſt es an in der Forſthütte zu Dürningen. Gott befohlen indeſſen.“— Gelaſſen und ſtolz ritt er über die Brücke durch das Thor, und rief hier feierlich aus vor dem Haufen Bewaffneter, die ihn umgaben:„Ich bin ein Herold und unverletzlicher Bote der Stadt, und, ſo ihr ein Haar krümmt auf meinem Haupte, ſage ich dieſen Mauern hier Brand zu, und Euch allen, die da halfen, den Tod auf dem Rade.“— Als er nach dieſem Eingange ſich vom Roß geſchwungen, ſo bemerkte er wohl, wie unnöthig ſeine Drohung geweſen ſey, denn bleiche Geſichter ſtanden um ihn her; kein Trotz war in den Mienen zu ſchauen, ſondern eine wilde Aengſtlichkeit, eine Unruhe, wie ſie Verbrecher vor dem Gange zur Strafe zu überfallen pflegt. Am Thore des innern Hofes empfing den Jüngling Frau Elſe mit rothen Augen und kraftlos ein⸗ herſchreitend— die mächtige Frau. Kaum vermochte ſie ſich den Schein der ſtolzen Gebieterin zu geben, die des Boten Gewerbe gleichgültig erwartet; aber auch dieſer Schein ver⸗ ging, als Dagobert ihr den Brief verleſen, und den bewahr⸗ heitenden Ring überreicht hatte. Ihre Kniee zitterten, wie ihre Lippen.—„So iſt es denn ſicher und gewiß,“ ſprach ſie zu dem alten Doring, der neben ihr ſtand.—„Ich konnte es bis jetzo nicht glauben. Mein Alter in den Händen der Frankfurter! Sprecht, Doring,... was ſoll ich thun?“— „Befolgen, was er Euch befiehlt;“ erwiederte der Alte, dem die Augen feucht geworden waren:„Gebt frei die Ge⸗ fangenen, damit Euer Herr lebe und frei ſey. Zögert nicht.“ —„Alſobald;“ verſetzte die Frau, und ſuchte an ihrem Schlüſſelgebunde die Schlüſſel zum Thurme, und konnte ſie lange in der Verwirrung nicht finden. „Nicht wahr,“ fuhr ſie, weichmüthiger denn je, fort, als Doring mit den Schlüſſeln hinweggegangen war:„nicht wahr, Bechtram wird nicht ſterben, da ich thue, was er und Ihr verlangt. Nicht wahr, mein guter Herr! Ihr verſprecht mir das?“—„Wie kann ich das, gute Frau?“ fragte Da⸗ gobert, den die Erſchütterung dieſes männlichen Weibes nicht unbewegt ließ:„Unſere Herren zu Frankfurt haben darüber zu richten, doch werden ſie milde ſeyn, denke ich.“— Wall⸗ rade flog herbei, und umarmte den überraſchten Dagobert wie den herzlichſten Freund.„Willkommen, Bruder!“ rief ſie mit der Freundlichkeit der Schlange:„Willkommen hier als Bote der Erlöſung! Auf Dich habe ich gehofft, auf Dich gebaut; von Dir meine Rache erwartet. Der Gatte dieſes ſchändlichen Weibes,— auf Elſe deutend,— iſt ge⸗ fangen, wie ich vernehme, und ſein Tod iſt unſere Freiheit. Dank dem Himmel!“—„Ha!“ fuhr Elſe, durch die boshafte Rede des Fräuleins gereizt, empor:„Wenn ich das wüßte! wenn er ſterben müßte, trotz Eurer Loslaſſung! Erwürgen ließ ich Euch zur Stelle, und dieſem Boten das Haupt ab⸗ ſchlagen, als vorausgenommene Rache.“— Der herbeige⸗ kommene Conrad Schwarz, ſammt einigen Bauern, die in Neufalkenſteins Kerker geſeſſen hatten, ſammelten ſich er⸗ ſchrocken um den furchtloſen Dagobert; denn ſie hatten die in Wuth auflodernde Frau ſchon kennen gelernt. Wallrade hielt ſich zitternd an ſeinen Arm. Er machte ſich aber ruhi los von der Falſchen, und erwiederte Frau Elſen:„Verſucht'“ mein Amt zu verletzen, und erwartet alsdann die fürchter lichen Folgen.“—„Was könnte denn noch Schrecklichers 6 fommen, wenn Bechtram verloren wäre?“ klagte Elſe mit dumpfem Tone:„Wir ſind ſo lange zuſammen gegangen; über dreißig Jahre ſind's, haben Freud und Leid, Chr' und Schmach getheilt und getragen. Wahnſinnig müßte ich wer⸗ den, ginge er vor mir heim wie ein ſchimpflicher Verbrecher, und noch einmal... wüßt' ich's im Voraus,... weder das böſe Fräulein hier, noch Ihr, der Bruder, trügt Eure Köpfe ganz hinweg!“— „Laßt uns gehen, mein Bruder;“ drang Wallrade in Dagobert:„laß uns gehen. Höre nicht auf die Worte des Weibes. Komm.“—„Alſobald, mein Fräulein;“ antwor⸗ tete Dagobert kalt. Erlaubt nur, daß ich zuvor Frau Elſen auf das Ernſtlichſte befrage, ob kein Gefangener mehr in der Veſte verborgen?“— Elſe ſchüttelte ſchweigend mit nie⸗ dergeſchlagenem Blicke das Haupt.—„Keiner, keiner, mein Bruder!“ antwortete für ſie, und ungeſtüm Wallrade:„Komm, laß uns eilen!“— Indeſſen hatte ein junger Knecht dem muthigen Dagobert zugeflüſtert, er möge es nicht glauben; es ſey noch eine Frau im Schloſſe verborgen. Dagobert fragte unerſchrocken nach der Verſteckten. Wallrade, roth vor Zorn und Ungeduld, beſtritt einſtimmig mit Elſen die For⸗ derung des Bruders. Dagobert ſtellte den Läugnenden den Knecht gegenüber, nachdem er ihm Freiheit und Leben zuge⸗ ſichert.—„Verräther!“ herrſchten nun dieſem Elſens Lippen entgegen, und auch Wallradens Munde entfloh eine leiſe Verwünſchung. „Was ſoll dieſes verſtockte Lügengewebe?“ fragte Dago⸗ bert, als ſey er Herr Neufalkenſteins:„Denkt Ihr mit mir und meinen gnädigen Herren ein frevelnd Spiel zu treiben? Zittert: Ihr möchtet es bereuen. Eine kleine Strecke von hier raſtet ein Fähnlein gut Bewaffneter. Glaubt Ihr denn, ich hätte mich allein in Euern Schlupfwinkel gewagt, daß Ihr meinem Begehren ſolch unverſchämten Widerſtand leiſtet? Heraus an's Tageslicht mit der Unglücklichen, die Ihr ver⸗ borgen haltet; heraus, oder das Spiel endet ſich mit Euch nicht gut.“—„Wären nur der Hornberger und Eppenſteins Volf zugegen, Ihr ſolltet bald zahm werden!“ murmelte Henne von Wiede grollend.„Gewiß die ſaubern Geſellen, die geſtern Nacht zu Erlebach brannten, ſengten und plün⸗ derten, wie gottvergeſſene Heiden?“ fragte Dagobert wild entgegen:„Die Miſſethäter entlaufen ihrem Galgen nicht. Ihr rettet aber Euern Herrn, wenn Ihr ohne Widerrede be⸗ lennt und herausgebt, wen Ihr widerrechtlich zurückzuhalten Luſt bezeigt.“— Elſe ſchwieg noch unentſchloſſen; da drängte ſich aus dem Haufen der Burgleute der Leuenberger vor, mit ſeiner gewohnten Frechheit gerüſtet und ſeine Unver⸗ ſchämtheit gleichſam überbietend:„Thutnicht ſo patzig, Neffe!“ rief er:„Auch den Heroldsrock ſammt dem Herzen darunter zerreißt mein Stahl, wenn's nöthig iſt. Hier aber habt Ihr eben ſo wenig Recht, das Wort des Herrn zu führen, als wir der Heimlichkeit bedürfen, um unſer Recht darzuthun. Das Weib, das hier zurückbleiben muß, wird, und ſogar will, iſt meine Schweſter, Eures Vaters Frau, die er ſchändlich aus dem Hauſe hat geſtoßen, er— der Krämer, eine adeliche Leuenbergerin. Schutz hat ſie bei mir geſucht, und bei Peſt und rothem Hahn! ich will ſie ſchirmen wie der Vogt das Kloſter. Eure Schweſter nehmt immerhin mit Euch; ſie iſt eine Hexe, die den Klügſten kirre macht und hinterher verläumdet. Ihre Schlangenliſt hätte mir faſt das Leben gekoſtet. Fort mit ihr; aber Margarethe bleibt bei mir.“— „Frau Margarethe hier?“ fragte Dagobert ſtaunend:„Mar⸗ garethe hier in Haft? Wenn Euch Euer Leben lieb iſt, gebt ſie heraus.“—„Das Weib geht mich nichts an,“ erwiederte Elſe trotzig:„Der Bruder hat Gewalt über die Schweſter.“ —„Der Mann hat größere über ſein Weib!“ verſetzte Da⸗ gobert:„Gebt ſie heraus, die Hausfrau eines Altbürgers von Frankfurt.“— „Der Teufel hole Frankfurt, ſeine Bürger und alle leicht⸗ fertige Waare, wie Wallrade iſt!“ fluchte der Leuenberger: „Neffe, reizt mich nicht. Meine arme Baſe iſt ſchon von Eu⸗ rer Schweſter in's Grab geärgert worden. Meine Schweſter ſoll nicht zu Grunde gehen in Euern buhleriſchen Armen, denn nur für Euch gedenlt Ihr ſie heimzuführen!“—„Ver⸗ dammter Hund!“ brach Dagobert los, und griff nach dem Schwerte. Die Schaar von Taugenichtſen gerieth in Bewe⸗ gung; Veit zog ſeine Klinge blank und Frau Elſe ſchrie Zeter. „Mord und Tod!“ rief ſie wild:„ſeht, wie der Herold ſelbſt ſein Recht verletzt. Thor zu! Brücke auf! Geht dem Frank⸗ furter Wicht zu Leibe!“— Da Veit ſeine aufmahnende Stimme mit der ihrigen vereinte, ſchickten ſich die Knechte willig an, Folge zu leiſten. Einer der entfernt Stehenden langte die Armbruſt vom Hacken und zielte auf den in den Sattel geſprungenen Jüngling, um welchen ſich das Häuflein der wehrloſen Gefangenen drängte, das von ihm Rettung und Befreiung erwartete. Der heimtückiſche Schütze fehlte jedoch ſein Ziel, da ein ſchnell Herbeikommender ihm mit aller Gewalt die Waffe aus der Hand ſchlug:„Schurke!“ rief er: „Hüte Dich vor Meuchelmord, und Ihr, Frau Elſe, gedenkt Eures Herrn und ſeines Schickſals, das auf der Spitze einer wirbelt. Kommt herzu, ehrſame Frau,“ ſetzte der Mann bei, indem er ein bekümmertes Weib in die Mitte der empörten Streiter leitete:„ſtiftet Ihr den Frieden, und endigt durch Euern Ausſpruch dieſen Auſtritt, der dem Raſenden hier nur Gefahr bringen würde, und den ich ferner nimmer anſehen kann.“—„Graf von Montfort!“ rief Dagobert mit düſterm Blicke:„wie kommt Frau Margarethe zu Euerm Schutz? Ich bekenne, daß Ihr Euch der Weiber unſers Hau⸗ ſes allzuſehr annehmt, wenn Bechtram wahr ſprach, als er Euch den Stifter des Raubes an dieſer hier“— auf Wallrade zeigend—„nannte.“—„Wahr ſprach er!“ fiel Wallrade giftig ein:„dieſer unedle Rittersmann befahl den Frauen⸗ raub, und kam ſelbſt, an meiner Qual ſich zu weiden, und mich mit ſeinen unziemlichen Wünſchen zu verfolgen.“—„Das Letztere iſt Lüge,“ verſetzte Montſort:„das Erſtere läugne ich nicht und bereue, daß ich, von der Leidenſchaft des Haſſes und der Rache geblendet, unedel an der Nichtswürdigen handeln fonnte, und in Gemeinſchaft treten mit dem räuberiſchen Bechtram, deſſen Schandgewerbe mir erſt klar wurde, da ich in das Innere ſeiner Wohnung trat. Seinen Dienſt bezahlte ich mit meinem Golde, und Euch, mein kühner Degen, biete ich Vergeltung im ehrlichen Zweikampfe, damit mein Schild rein werde von der böſen That. Jetzo aber entſcheidet raſch das Schickſal dieſer Allen, und nehmt ſie fort mit Euch.“— Dagobert antwortete ihm nicht, ſondern heftete den Blick auf Margarethen, die wie eine ergebene Dulderin da ſtand, mit gerötheter Wange und fliegendem Buſen.—„Den will ich ſehen, der mir die Schweſter raubt;“ ſprach Veit frech und kühn:„ihr eigner Wille iſi's, zu bleiben.“—„Wie, ehrſam Frau?“ fragte Dagobert ſtaunend:„Spricht der Menſch di Wahrheit?“—„Der Ville, recht zu handeln,“ entgegnet Diether's Gattin,„hat mich aus meines Herrn Hauſe geführt und in dieſer Leute Hand gegeben. Ich fürchte jedoch, ich darf nimmer wiederkehren zu meinem Herrn, und eh' ich der unverdienten Schande mich überlaſſe..“—„Eher wolltet Ihr dem Straßenräuber folgen?“ fragte Dagobert ernſt: „Mutter, das ſprach nicht Euer guter Wille, und um den böſen Geiſt zu bannen, ſchwör' ich's Euch, Ihr werdet offne Arme in Euerm Hauſe finden.“—„Dann, ja dann...“ Margarethe überraſcht und zögernd.—„Nichts dann! uimmer dann!“ fiel Veit brauſend und tobend ein:„Peſt 3 rother Hahn! Eine Leuenbergerin wieder zurückkehren zu dem gleichſam wie in Sack und Aſche? Des Todes iſt der Bube, wenn er nur Deine Fi ingerſpitze berührt, Grete!“—„Der F hat Recht,“ ſchrie Elſe dazwiſchen;„und ich bin die Herrin auf Neufal⸗ kenſtein, und ehre wohl den Herold der Stadt Franlfurt, aber den ungeſchliffenen Gaſt, der in meines Hauſes Rechte greift, laß ich in's Verließ werfen. Thor zu! Brücke auf, ſage ich noch einmal!“— Nun eilten die Knechte, den Befehl zu vollziehen; Montfort ſprang jevoch zwiſchen Veit, welcher Margarethen mit ſich fortreißen und Dagobert, der wüthend wie ein Löwe unter das Geſindel ſprengen wollte.—„Weib!“ rief er der zornrothen Elſe zu, die ſo eben dem verrätheri⸗ ſchen Knecht den Strang zum Lohne verhieß:„Weib! Du ſelbſt bringſt Deinen Mann unter das Beil des Henlers!“ und in demſelben Augenblicke ließen ſich ſchmetternde Trom⸗ petenſtöße vor der Burg vernehmen, die von einigen Hörnern in der Ferne beantwortet wurden. Dieſe kriegeriſchen Töne, Dagobert ſelbſt nnerwartet, machten auf die Burgleute den Eindruck wie Poſaunen des letzten Gerichts.—„Ihr bringt * * uns alle auf's Blutgerüſte!“ brüllte Doring dem erblaſſenden Leuenberger zu:„Der Burſche hat nicht gelogen. Draußen liegen die Helfer, und wir find verloren, ein ſchnell über⸗ wundnes Häuflein. Laßt das Weibsbild ziehen und rettet Eure Haut!“— Veit ließ es geſchehen, daß Montfort die frohlockende Margarethe an Dagobert übergab, und Elſe weigerte ſich eben ſo wenig, die Wiedereröffnung des Thors zu befehlen. Die Gefangenen zogen aus, und Wallrade fühlte die Demüthigung, ſehen zu müſſen, wie Dagobert Margarethen auf ſein Pferd hob, und daſſelbe am Zügel füh⸗ rend, neben herging, ohne einen Blick, ohne ein Wort ihr, der Heuchlerin, zu ſchenken.— Frau Elſe ſank,— in un⸗ mächtigem Grimm und banger Ahnung vergehend, troſtlos am offnen Thore nieder, den Abziehenden nachſtarrend, und ein Gebet für ihren Gatten verſuchend; der Leuenberger rannte im Hofe wie ein hintergangener Teufel auf und nie⸗ der; die Knechte glotzten unmuthig und leiſe fluchend dem Zuge nach, und ſandten, da derſelbe ſchon ferne war, noch einige Bolzen und Steine hinterdrein, die jedoch ihr Ziel nicht erreichten.—„Wir ſehen uns wieder,“ hatte Montfort bei'm Scheiden zu Dagobert geſagt:„und dann ſtehe ich Euch Rede!“— Wallrade hatte ihm einen vernichtenden Giftblick zugeworfen und ſchritt verdroſſen neben Dagobert hin. In kleiner Entfernung kamen den Befreiten Vollbrecht und der Trompeter entgegen, undzjubelten, Dagobert geſund und unverſehrt wieder zu erblicken.—„Wahrlich,“ ſprach der Knecht;„wir hatten Angſt, da die Zeit verrann und Ihr nicht wiederkehrtet. Und als nun vollends die Brücke aufflog⸗ glaubten wir Euch hingemetzelt und ſprengten fort. Doch, taum an jenes Tannengehege gelangt, erſeben wir eine Schaar — 85 von Gerüſteten, die eilig heranziehen. Der Trompeter bläst, das Hifthorn des Führers antwortet, und ein Reiter voran, ſchwingt im Sonnenſtrahl die Lanze. Frankfurter find's, und, trüge ich mich nicht, an ihrer Spitze der Edelknecht, mein ehemaliger Herr.“— Die Söldner kamen ſo eben heran, und der Hülshofner in eigner Geſtalt ſprang vom Gaule und fiel ſeinem Freunde um den Hals.—„Gott ſey Dank,“ rief er,„daß Euers Vaters Beſorgniß vergebens war, und wir, die Nachgeſandten, Euch wohl und heil an⸗ treffen. Was mich betrifft, der ich freiwillig dieſen Ritter⸗ zug, Euch zu beſchirmen, unternahm, ich bin ſchier aufge⸗ bracht darüber, daß ich nicht für Euch Sturm laufen, nicht für Euch mich herumbalgen darf. Die Hunde ſollten meine Fauſt geſpürt haben.“— Er erblickte nun Wallraden, und bot ihr, höflich genug für einen rohen Geſellen, ſein eigen Pferd zum Dienſte an. Das Fräulein ſchlug es, mit einem unwilligen Blick auf ihren Bruder, aus. Dagobert gebot ſeinem Knechte, ſein ſanftes Pferd Wallraden zu leihen, und half ihr in den Sattel. Während deſſen ſprach Wallrade hämiſch zu ihm:„Dein unzartes Benehmen gegen mich war mir ein Räthſel. Der Edelknecht hat es gelöst. Der Vater hat ſicher Friede mit Dir gemacht, und Dein Uebermuth ließ die Ueberwundne zu Fuße gehen, neben dem Roſſe Deiner ſo ſehr geliebten Stiefmutter. Nicht wahr, Du ſtilles Waſſer, Du ehrliches Auge Du?“—„Ich antworte Dir nur,“ ver⸗ ſetzte Dagobert ſtill, aber ernſt,„daß ich Dir rathe, Deine giftige Zunge im Zaume zu halten. Wiſſe, Unſelige; Rüdi⸗ ger ſtarb in meinen Armen: gebeichtet hat er mir Deine Frevel. Ein Verſuch von Dir, den häuslichen Frieden meines Vaters zu ſtören, und ich ſpreche ohne Schonung, Du entartetes . Weib, Du gefühlloſe Mutter!“— Wallrade wurde bleich, wie der Schnee, und Dagobert kehrte, ohne ihre Erwiederung zu erwarten, und ſie der Leitung Gerhard's überlaſſend, zu Margarethen zurück, welcher der Unmuth in ſeinen Mienen nicht entging.—„Ihr habt mit Wallraden Zwiſt gehabt?“ fragte ſie: D erzürnt Euch nicht um dieſes Weibes willen. Gott ſtärke nur mich. In den wenigen Tagen, die ich auf Neufalkenſtein verlebte, hat Wallrade mir durch ihre Bosheit faſt das Blut vom Herzen geſaugt; was wird meiner erſt warten, betret' ich wieder Diether's Haus, vor welchem ich mich fürchte, wie vor der Hölle?“ „Der Vater iſt verſöhnlich geworden,“ entgegnete Dagv⸗ bert:„der böſe Geiſt iſt von Saul gewichen.“—„Ihr ſeyd das Vertrauen ſelbſt,“ ſagte Margarethe;„und warum ſoll⸗ tet Ihr auch nicht ein Kind ſeyn, das fröhlich und treu Glau⸗ ben gibt, und Glauben fordert? Ihr ſeyd edel und bieder, ohne Falſch, ohne ſtrafendes Bewußtſeyn,.. nicht ich alſo, mein Freund, und darum ſcheue ich meines Herrn Antlitz und meine Rückkehr in ſein Haus!“—„O, Mutter,“ redete dagegen Dagobert:„wie unglücklich habt Ihr ſelber Euch gemacht durch einen Schritt vom Pfade der Wahrheit! Ver⸗ ſucht nicht, mir Alles zu bekennen, denn ich weiß ſchon Alles, und als Euer Sohn ſchweige ich in Ehrfurcht vor Euch. Aber, ſo wie Euer Mund ſchweigen mag gegen mich, alſo mögt Ihr ihn aufthun gegen den Mann, dem Euer Vertrauen ge⸗ bührt, gegen meinen Vater. Bekennt ihm offen Eure Schuld, vamit er nicht aus dem Munde des Zufalls ſie erfahre; ver⸗ traut ſeiner Liebe zu Euch, die nicht erloſch unter der Laſt von Argwohn, welche er auf ſeinem Herzen trug,— die nicht unterging unter der Fluth von Verläumdung, mit welcher Neid und Bosheit Euern guten Ruf befleckte. Ihr werdet Euer Schickſal durch die Hand geſchäftiger Freunde entweder, oder durch ein Verhängniß, das Euch wohl zu wollen ſcheint, geſtellt finden, daß Euer Bekenntniß Euch unnöthig, vielleicht gefährlich vorkommen dürfte. Traut aber dieſer einflüſtern⸗ den Stimme, die nicht Euer Beſtes will, nicht mehr. Das Verhängniß kann gleißen und Euch um ſo tückiſcher verder⸗ ben; Willhild könnte plötzlich wiederkehren...“—„Ja; Ihr wißt Alles!“ rief Margarethe händeringend:„Ihr wißt Alles, und Ihr ſchwiegt bis jetzt? O, welch ein Zufall hat Euch entdeckt. 2 Warum habe ich gegen Euch geſchwiegen...? warum...2 Hätte ich wiederkehren können aus dem Garne, in dem mein abenteuerlicher Vorſatz mich verſtrickt hat, auf dem Schellenhofe, wohin ich Euch beſchied, hätte ich Alles Euch vertraut, ich hätte... „Unnöthige Mühe;“ verſicherte Dagobert:„ich wäre nicht erſchienen. Der unſchuldigen Gattin meines Vaters war ich ein aufmerkſames Ohr, eine hülfreiche Hand ſchuldig; der des Fehls bewußten hingegen durfte ich nicht folgen, um ge⸗ gen den Vater in eine Verſchwörung zu treten.“ Wargarethe ſchwieg beſchämt. Dagobert, darüber betrof⸗ fen, und unwillig über ſeine Freimüthigkeit, ſuchte ein fröh⸗ liches Ende an den betrübten Anfang des Geſprächs zu binden. „Laßt's gut ſeyn, Mutter!“ ſprach er:„ich wollte Euch nicht kränken, ſondern Euch Muth machen, und die Erkennt⸗ niß Eures beſſeren Theils in Euch erwecken. Nicht vergeblich hab' ich das gewollt, und darum bin ich der Eure mit Hand und Mund, ſobald Ihr aufrichtig und Eurer würdig zu ſeyn begehrt. Mag dann der Vater auch vielleicht aufbrauſen und den Zorn, den gerechten, anlegen,— nehmt's hin in Geduld um Eurer Sünden willen, und daß es nicht zu arg werde, und zu jämmerlichem Ausgang führe,— dafür laßt mich ſor⸗ gen. Ich bin mit der Vehme fertig geworden, ich habe Wall⸗ raden kirre gemacht, und das Diebsgeſindel dort in ſeinen eigenen Schlupfwinkeln zu Paaren getrieben— ich werde doch wahrhaftig an einem guten Vaterherzen nicht erlahmen. Es iſt ein herrlich Ding, zur Sühne reden und Friede ſtiften, und ich will's fürder treiben, wenn auch nicht im Chorrock. Doch, ich merke, daß die Schatten länger werden und die Pferde ermüdet einherſchreiten. Wir wollen daher in der Schenke dort unſer Nachtlager aufſchlagen, um Morgen mit dem Frühſten in der Stadt einzuziehen, wie es den Siegern für eine gute Sache geziemt.“— Margarethens Angſt hatte keine Eile, in Diether's Haus zurückzukehren; Gerhard hatte nicht das Mindeſte gegen einen Raſtabend, der ſich bei'm Becher ruhig zubringen ließ; Wall⸗ radens Gewiſſen hatte das Fräulein unwohl und krankhaft gemacht. Die übrigen zu Fuße laufenden befreiten Gefangenen waren müde geworden, und Alle ſehnten ſich nach Ruhe. Dagobert ließ das ganze Haus von den Söldnern umlagern, ſchaffte Margarethen in die beſte Stube des Gebändes; trennte Wallraden von ihr, und ſchlief, um die Hinterliſtige zu ver⸗ hindern, früher als er dem Vaterhauſe zuzueilen, auf ſeiner Schweſter Schwelle. Vollbrecht aber ſprengte noch am ſelben Abend nach der Stadt, um die fröhliche Botſchaft ohne Ver⸗ zug zu hinterbringen. Viertes Rapitel. Stärker noch als Frauenhaar,— Starke Feſſeln fürwähr,— Stärker auch al rſtenhand, Die regiert das ganze Land, Iſt des Vaters treue Lieb'! Helvet. Denkſpruch, Das abgelegenſte und verſchloſſenſte Plätzchen, viele Mei⸗ len in der Runde, war in dem Forſte um das Ritterhaus Dürningen die Stelle, auf welcher die Forſthütte erbaut war. Das Gebäude, feſt und ſtark aus Baumſtämmen zuſammen⸗ gefügt, war auf einer Grasfläche errichtet, die dem ſchönſten bunten Teppiche aus den Niederlanden glich, rings umgeben von einem ſchwarzgrünen dichten Waldſaum, welcher, durch angepflanzte Hecken zu einer undurchdringlichen Wand gemacht, nur einen einzigen Eingang auf die Hütte zuließ. Dieſer Zugang war demungeachtet nicht leicht zu finden unter den vielen Schlangenwegen, die durch den Wald liefen, und der Fremde, um zur Hütte zu gelangen— mußte es entweder dem günſtigen Zufalle verdanken, oder etwa dem Schalle der Glocke folgen, die zur Mittagszeit vor der Hütte geläutet wurde, um das im Forſte gehegte Wild zum Futter zu rufen. Der Pfleger dieſer Waldthiere, die in ungemeiner Anzahl ge⸗ halten wurden, weil die Frau von Dürningen weder an der opn Freude hatte, noch täglich einen Wildbraten für ihren Tiſch verlangte, wohnte nun in dem aus Baumſtämmen er⸗ bauten Hauſe, warf dem Wildvolke ſein Futter vor, wählte die zur Küche beſtimmten Stücke aus, und wachte zunächſt über die Sicherheit der Waldung, die früherhin häufig von unbefugten Schützen und Holzfrevlern beunruhigt worden war. Der Herr von Dürningen ſelbſt war von einem ſol⸗ chen Wilddiebe mit einem Bolzen durch die Bruſt geſchoſſen worden, wie er gerade vor der Thüre der Hütte ſtand und ſeine Rehe überzählte; er war auch alſobald auf dieſem Platze geſtorben, und ſeine Wittib hatte ſich nicht entſchließen kön⸗ nen, jemals wieder die Stelle zu ſehen, auf welcher das Blut ihres lieben Eheherrn gefloſſen war. Deſto öfter ſchlich ſich dagegen Regina, der Freiin Tochter und einziges Kind⸗ auf die bunte Wieſenfläche, ſetzte ſich nieder auf den Buchen⸗ ſtumpf, neben welchem ihr Vater verſchieden, gedachte in fröhlich wehmüthiger Erinnerung ſeiner, ob ſie gleich hei ſeinem Tode nur ein ganz junges Mägdlein geweſen, und es däuchte ihr, als könnten nirgends die Blumen des Feldes ſchöner blühen, als gerade auf dem Hügel um den Buchen⸗ ſtrunk. Es traf ſich oft, daß ſie mit dem früheſten Morgen ſchon ſich auf der bethauten Stätte einfand, um die perlge⸗ füllten Waldglocken zu pflücken, und mit Butterblumen in inen Kranz gewunden, an den Reſten des Buchenbaumes aufzuhängen, weil ſie denſelben höher wie die Grabſtätte des Vaters ſelbſt hielt. Es war nicht minder nichts Ungewöhn⸗ liches, ſie am Abend wiederkehren zu ſehen, um Kräuter zu pflücken zu kräftigen Suppen für die kränkelnde Mutter. 3u dieſer Zeit war ſie auch immer die fröhliche, unbefange aufblühende Dirne im ſchönſten Lebensalter, und nicht beſchli ſie die Trauer, wie wohl am Morgen geſchah. Sie ſcherzt de mit dem zahmen Hirſchlein, das auf der Forſthütte gehalten wurde, ſpielte mit den braun- und weißgefleckten Hunden des Waldwärters, oder plauderte kindiſch geſchwätzig noch mit dem Staarvogel des Hauſes, welcher die Jägerrufe: Huſſa! Sa ſa! Hoho! gelernt hatte und ausſchrie in den hallenden Wald; oder ſie hörte dem alten Forſtwart ſelbſt aufmerkſam zu, wenn er von ſeinen Lebensabenteuern anhob, bis die blaudüftige Abendluft kühler wurde, und das Roſen⸗ licht der Sonne an den Tannenwipfeln verglühte. Dann eilte ſie, ſchnellfüßig wie die Rehe, die hie und da über ih⸗ ren Pfad ſchwirrten,— ſo daß kaum der Wärter, ihr ge⸗ wöhnlicher Begleiter zu Abend, ihr zu folgen vermochte, nach dem Edelhof zurück. Die Mutter wußte von ihren Waldgängen ſehr genau und umſtändlich, aber ſie dachte nicht daran, der Tochter dieſe harmloſe Luſt zu verbieten, weil ſie gefahrlos zu genießen war. Der Wald war nämlich, ſeit der alte Ammon auf der Forſthütte hauste, ſo ſicher gewor⸗ den, als er vordem unſicher geweſen. Plötzlich hatten die Diebereien darinnen aufgehört, und die loſeſten Geſellen und Gaunervögel ſcheuten ſich, in die Nähe von Ammons Woh⸗ nung zu kommen, und ſchlugen ein Kreuz, ſo ſie der Zufall dann und wann Abends am Rande des Forſtes vorüberführte. Der Forſtwart ſtand nämlich in dem Rufe, einen Bund dem Böſen gemacht zu haben; ein Glaube, der im vn volke nicht auszurotten war. Der Alte, obgleich gebo auf dem Hofe der Dürninger, kam den Nachbarleuten den⸗ noch vor, wie ein Fremdling. Er war als ein trefflicher Falken⸗ und Sperberlehrer, mit Befugniß ſeines Leib- und Zwingherren, in die Fremde gegangen, um ſeine Wiſſenſchaft zu erweitern, ein Stück Geld zu verdienen, und nach Verlauf 92 der ihm erlaubten drei Jahre zurückzukehren mit wohlabge⸗ richteten Beizvögeln für den Herrn. Er kehrte aber nicht wieder, und konnte auch keine Falken ſenden; denn Neubegier und Leichtſinn hatten ihn über das pyrenäiſche Gebirge nach dem Lande Hiſpanien geführt, woſelbſt er in die Gewalt der unglaubigen Mauren gerieth, jedoch bald aus einem geplag⸗ ten Knechte der Liebling des Königs, ſeines Herrn wurde, ſeiner Geſchmeidigkeit und kecken Natur halber. Von dieſem Könige, nach manchem Jahre, in Afrika geſendet, um ein Geſpann von Leuen zu erhandeln, und nach Spanien zu bringen, als eine Zierde der königlichen Gärten; kam's ihm plötzlich ein, daß es doch beſſer ſey, umherzuſchweifen wie der freie Löwe, ſtatt wieder in den goldnen Käfig zu krie⸗ chen. Ohne ſich zu beſinnen, ſuchte er den Weg zum gelobten Lande, wo der Herr gewandert iſt in Menſchengeſtalt. Ein widriges Geſchick verfolgte ihn in Paläſtina, und nackt wie ein Bettler ſchiffte er, von einem mitleidigen Schiffer aufge⸗ nommen, über's Meer, zurück gedenkend nach der Heimath⸗ Stürme verſchlugen das Fahrzeug an die Küſten des grie⸗ chiſchen Kaiſerthums, und ein Seeräuber von dem tapfern muhamedaniſchen Volke, das ſchon beinahe ganz Griechen⸗ land unterjocht hatte, fing es auf mit Mann und Maus. Wieder manches Jahr verlebte Ammon unter den Zelten der Sarazenen, und begehrte, an dem wilden Leben Freude fin⸗ dend, ſchier nimmer von ihnen weg, als nach einer ſchweren Krankheit plötzlich ihn das Heimweh überfiel, das ſchon Manchen in der Fremde den Garaus geſpielt hat. Da trieb es ihn fort auf nackten Sohlen und in die Lumpen des Elends gehüllt, durch die Wildniſſe und Moräſte der Bulga⸗ rei, ohne Säumen, ohne Ruhe, bis er die Länder erreicht hatte, wo man weder den Propheten anruft, noch auf grie⸗ chiſche Weiſe das Kreuz macht. So kam er endlich an in der Gegend, wo er geboren worden, ein fremder, unbekann— ter Menſch, mit ungewohnten Sitten, ausländiſchen Gebräu⸗ chen, und in der heidniſchen wilden Sprache beſſer erfahren, denn in der vaterländiſchen. Als ein ſchmucker Burſche war er von dannen gezogen, und ein wilder rauher Greis kam er heim, mit der Röthe eines heißen Himmelſtrichs auf den benarbten Wangen, und mit geſchornem Kopfe, aus welchem nur ſparſam die Stoppelſpitzen des weißen ſtarren Haars wieder heraufkeimten. Der Herr von Dürningen hatte Er⸗ barmen mit dem alten Landſtreicher und ſetzte ihn in den Wald als Forſt⸗ und Wildhüter. Er hatte juſt den Diener in ſein Haus geführt und ihm die Zahl der Rehe angegeben, als ſein Stündlein ſchlug. Ammon ſchwur dem unbekann⸗ ten Thäter und ſeinem Gelichter unverſöhnliche Rache, und hielt ſein Wort. Mit der gräßlichſten Strenge ging er zu Verke; die Holzdiebe peitſchte er zum Sterben; die auf's Wild lauernden Räuber ereilte er wie der Dod, und ehe ſie ſich's verſahen, ſaß ihnen ſchon der Tod im Herzen, den der wilde Ammon aus einer tragbaren Donnerbüchſe, die er ſelbſt verfertigt hatte, ſchleuderte, ohne nur einmal ſeines Ziels zu verfehlen. Dieſe Sicherheit im Schuß und der Umſtand, daß ihn nimmer ein Bolzen getroffen, von denen, die man oft aus Buſch und Dickicht meuchlings gegen ihn verſandte, ſchreckte die Böſewichter ſchon, die auf übernatürliche Künſte zu ſchließen gern bereit ſind. Bald theilte das ganze Land⸗ volk, um und um, dieſe Meinung. Ammon ging nie zur Firche, wurde nie betend geſehen, und zeigte ſich immer ſo ſinſter und verſchloſſen, daß Jedermann ſchwur, er ſtehe mit dem Gottſeybeiuns im Pakt. Dieſer Glaube ſchien nicht ohne Grund zu ſeyn, da Ammon häufig bei Nachtzeit in Wald und Moor herumlief, Ottern ſuchte, und ihr Fett zu gewiſſen Salben bereitete, und ſeine Hütte offen ſtehen ließ, ohne Furcht. Einige Wagehälſe hatten zwar einmal den Au⸗ genblick benützen wollen, da der Alte nicht zu Hauſe war, um daſſelbe zu berauben, oder in Aſche zu legen, allein ſie fanden in einer ungeheuern Wolfsfalle auf ſpitzigen Pfählen den Tod, und Ammon hing ihre Leiber zur Warnung fiür Andere an den Fichten auf, neben welchen der Eingang in den Wald führte. Nun floh ihn und ſeinen Aufenthalt, was in der Umgegend lebte, Regina ausgenommen, die das Ge⸗ heimniß gefunden hatte, ſich die gutmüthige Theilnahme des verwilderten Greiſen zu gewinnen, indem ſie ſeinem poltern⸗ den Weſen Gleichgültigteit entgegenſetzte, ſeinen Erzählungen ihr aufmerkſames Ohr nicht entzog, und ihn auf jede Weiſe in Schutz nahm, wenn nachbarliche Zungen die fromme Mutter vor dem alten Knechte warnten, der zu keiner Meſſe ging, und den geſelligen Verkehr mied, wie die Sünde. Nach wie vor fand das Fräulein ſeines Tages Freude auf dem ſtillen Waldplatze, und war eines Morgens, wie gewöhnlich⸗ beſchäftigt, einen Kranz von Vieſenblumen zu flechten, als der Schall mehrerer menſchlichen Stimmen unter den Baum⸗ gewölben vernehmbar wurde,— Stimmen, die ſich anriefen⸗ und Verirrten, des Weges Unkundigen zu gehören ſchienen.— „Ammon;“ ſagte Regina zu dem Alten, der, unweit von ihr, ein Jägernetz ausbeſſerte:„Geh doch hin, und weiſe die Leute zurecht.“—„Ei, was!“ brummte der Forſtwan entgegen:„Haben ſie ſich hereingefunden, mögen ſie auch ſehen, wie ſie wieder hinaustommen. Führt ſie der We hierher, dann will ich ihnen ſchon den Weg weiſen.“— Dieſe letzten Worte begleitete er mit einer ſehr nachdrückli⸗ chen Geberde, die auf keinen guten Empfang der ungeladenen Gäſte ſchließen ließ.— Regina warf ihm ſeine Unverträg⸗ lichkeit vor, und verbot ihm ernſthaft jede Gewaltthat, inſo⸗ fern die Verirrten hieher gerathen, und nach dem Wege fragen ſollten. Sie hatte kaum ausgeredet, als ſich ſchon am Eingange des Platzes ein Mann zeigte, welchem ein Frauenbild folgte, und ein anderer Mann, der einige Gäule nach ſich durch den Wald zog. Ach! wie ging in Reginens Seele die Erinnerung an den letzten Oſterabend auf, den ſie in Frankfurt zugebracht. Denn der junge Mann, der ſo beſcheiden ſich nahte, um nach der rechten Straße zu fragen, war— ſie wußte es ganz gewiß— der anmuthige Junker, der ſie damals mit ſeinen Scherzen unterhalten, der ſie eine Königin genannt, und der erſte Mann geweſen, der wohlthuend ihren Reizen vor aller Augen Gerechtigkeit hatte wiederfahren laſſen. Der ernſthafte Ausgang jenes fröhlich begonnenen Oſtermahls hatte ihre jugendliche Bruſt mit Be⸗ wunderung für den kühnen Jüngling erfüllt, der die unver⸗ letzlichen Menſchenrechte muthig vertheidigte gegen den ſchnö⸗ den Vorwurf,— und dann und wann war des Jünglings Bild noch wiedergekehrt vor ihre Seele, und hatte immer den Wunſch im Gefolge gehabt, ihn einſt wieder zu ſehen,— ihn bald wieder zu ſehen;— nicht im Ernſt eines ſchon ge⸗ feſſelten Standes und Alters, ſondern noch im Schmuck, in der fröhlichen Freiheit jugendlichen Lebens. Plötzlich nun war dieſer Wunſch erfüllt worden, und Regina, davon überraſcht, zögerte nicht, ein harmloſes Kind der Natur, dem Anfömmling entgegen zu eilen, ihn zu begrüßen, ſeine Hand zu ſchütteln wie ein Mann, und ihm das Anerbieten zu machen, ihn zu ihrer Mutter zu führen, die erfreut ſeyn würde ihn zu ſehen. Dagobert, wohlthätig überraſcht von dieſem Empfang, den er in dieſen Wäldern nicht erwartet hatte, warf einen forſchenden Blick um ſich her, und ſprach zu Reginen:„Mein gutes Fräulein! Es iſt als ob mich Gott hiehergeführt hätte, in dieſen traulichſtillen Wald und in Eure Nähe. Ihr befehlt als Herrin hier, und ſo Ihr wol⸗ let, könntet Ihr mir größere Huld verleihen, als ich Euch je vergelten könnte. Wir ſind ſeit Mitternacht geritten aufs Geradewohl in die Welt hinein, verfolgt von Ungewitter und gefährlichen Menſchen, die es auf dieſer Jungfrau Leben abgeſehen hatten. Die Unglückliche hat jedoch kein Obdach für die erſte Zeit, und heilige Pflichten rufen mich auf meh⸗ rere Tage von ihrer Seite. Wäret ihr wohl geneigt, meine liebliche Königin, in deren duftigen Wald und Blumenreiche wir angekommen ſind, eine kurze Zeit hindurch dieß edle, ſonder Verſchulden in's Elend gerathene Mädchen in dieſem ſtillen Hauſe verborgen zu halten vor Jedermann,— die Mutter ſelbſt nicht ausgenommen,— weil die Jungfran hier noch keine Chriſtin iſt, ſondern ſich erſt vorbereiten will, zum heiligen Bunde zu treten? Eine kurze Friſt nur,— dann ſorge ich ferner für Eſther's Geſchick;... den alten Mann dort, wenn er ihr verſchwiegener Hüter ſeyn wollte, würde ich lohnen, wie ein Fürſt nur kann, und Euch ewig dankbar ſeyn, mein Fräulein.“ Es wallte in Reginens Buſen die Begierde auf, dem bewunderten jungen Manne einen Dienſt zu leiſten, und es ſchmeichelte nicht wenig ihrer kleinen Eitelkeit, hier, ganz im Stillen, eine Handlung der Oberherrſchaft auszuüben. Ihr Auge verweilte indeſſen forſchend und ernſt auf Eſther's Angeſichte, und je reizender ihr dieſes vorkam, je deutlicher wurde ihr ein geheimer Widerwille, der in ihr aufſtieg, und ihr widerrathen wollte, ſich der allzuſchönen Fremden anzu⸗ nehmen. Ihre Haltung wurde dadurch gemeſſener. Der ſchlanke Leib, ſonſt in Geberden und Bewegung zwanglos frei ſich regend, nahm die Stellung einer prüfenden, mißbil⸗ ligenden Herrin an, und ihr Blick wandte ſich halb verlegen gegen Ammon, in deſſen Geſichte ſie indeſſen zu ihrer Ver⸗ wunderung keine finſtere Verwirrung, ſondern eine wohlge⸗ fällige, ſeltne Heiterkeit wahrnahm.—„Sprecht doch mein Urtheil,“ ſagte hierauf Dagobert ſchmeichelnd, und führte Eſther dem Fräulein entgegen:„Seht, holdes Fräulein, die⸗ ſes ſeltne Geſchöpf und geſteht, daß ſelbſt unter dieſer nie⸗ dern Hülle eine Blüthe verborgen iſt, die mit den ſchönſten Eures ſtillen Reichs den Wettſtreit beginnen kann,... Eure Majeſtät, wie ſich's gebührt, ausgenommen.“— Das Fräu⸗ lein mußte über dieſe ſcherzhafte Schmeichelei lächeln, und ſchon ließ ihre angeborne Fröhlichkeit die Larve der gezwun⸗ genen Bedenklichkeit ſinken.— Eſther, die es deutlicher fühlte, was in dem Buſen Reginens, der kaum entwickelten Jungfrau, vorging, ſchwieg, ergeben in ihr Schickſal, und ſenkte erwartungsvoll die ſchöne Wimper über das ſchönere Auge.— Regina, zweifelnd, zögernd, nachgebend und den⸗ noch widerſtrebend, ließ ſich in abgebrochenen Worten ver⸗ nehmen. Sie äußerte, es falle ihr ſchwer, vor ihrer lieben Nutter ein Geheimniß zu haben, ob ſie gleich im ſelben Augenblicke zugab, es ſey nichts leichteres, als das Geheim⸗ niß zu bewahren, weil die Frau von Dürning nimmer dieſen Platz beſuche. Aber ihre Bedenklichkeiten beſchräntten ſich 98 endlich darauf, daß ſie nicht wiſſe, ob es nicht eine Sünde ſey, eine Jüdin heimlich zu hegen, und ob Ammon ſich be⸗ wegen laſſen würde, die Ungläubige in ſeinem Hauſe auf⸗ zunehmen. Dagobert bekämpfte den erſten Theil dieſes Vorwandes mit der Betheuerung, Eſther verlangte nichts Sehnlicheres, als eine Chriſtin zu werden, und Ammon ſtellte ſeinerſeits Reginen völlig ſicher.„Mir iſt gleich,“ ſprach er,„ob's ein Türke, ein Heide, oder ein Jude iſt, der unter meinem Dache haust, ſo Ihr's befehlt, mein Fräulein. Gott iſt überall, und— getauft oder nicht getauft,— Gottes Sonne beſcheint uns überall, und dem Heiden wachſen ſo gut ſeine Saaten, als dem Chriſten; und des Chriſten Feld zerſchlägt der Hagel eben ſo gut, als des Ungläubigen Korn. Sagt, ob Ihr wollt, Fräulein, und mehr bedarf es nicht.“— Und da Regine einen neuen, wohlwollendern Blick auf die ſchöne Fremde warf, und ſich nicht verhehlen konnte, daß ſie eben ſo ſchön ſey und rein in ihren Zügen, als wie das kunſtreiche Marienbild im Evelhofe;— als endlich Eſther ihre Augen aufſchloß, das Fräulein in den ganzen Zauber dieſer Paradieſesſterne ſehen ließ, und mit der ſchmelzend weichen Stimme, der nichts widerſtehen konnte, die Worte ſprach:„Verſtoßt mich nicht, gute, edle Jungfrau, und ver⸗ gelten wird's Euch der hochgeprieſene Gott, und meines Vaters Segen, und meines edlen Freundes Dankbarkeit““— Da hätte Regina nicht das gefühlvolle, reine Mädchen ſeyn müſſen, um nicht einzuwilligen von Herzen.— So wohnte denn nun, von jenem Augenblicke an, Eſther in der Hütte des Forſts zu Dürningen, und der alte Ammon 3 8 ſorgte für ihre Bedürfniſſe, ſo gut als er es vermochte, den er war geſchmeidig geworden durch die Erinnerung, dur dieſen Zauber, der den Menſchen durch das Leben geleitet, und im Greiſe ſtärker wirkt, als im Jüngling ſelbſt, weil ſein Daſein blos nur in der Vergangenheit liegt. Auch der wilde Falkenjäger hatte einſt geliebt, da ſein Scheitel noch umwallt war von braunen Locken, und ſeine Jugend in der ſchönſten Blüthe ſtandz und dieſe Liebe war ein mauriſches Mädchen geweſen, herſtammend aus glühender Zone, und ähnlich den Zügen Eſthers. Seit vierzig Jahren war dieſe Dirne aus dem Leben geſchieden, von gäher Krankheit da⸗ hingerafft, in einer Zeit, wo Ammon ſeiner Väter Glauben willig hingeworfen hätte, um das ſchöne Kleinod ſein zu nennen. Seit vierzig Jahren feierte Ammon alljährlich des Mädchens Todestag, und nun, da Kida's Bild merklich ſchon abgebleicht worden war in der Kammer ſeines Gedächtniſſes, — nun war ſie gleich wie auf's Neue lebendig geworden in der reizenden Eſther, zu ihm getreten in ſeine Wildniß,— ein freundlicher Engel, ein Troſt für ſeine leere Bruſt. Darum hatte er auch dem Mädchen die einzige Stube des Hauſes eingeräumt und ſich auf den Speicher gebettet: darum hatte er, rund um die Hütte, neue, gefährliche Fallen und Gruben angelegt, damit ihm Niemand bei Nacht die Anver⸗ traute ſtehle;— darum ging er wie ein ſorgſamer Knecht hinter der Gebieterin her, um ihren Wünſchen ſein Ohr zu leihen, und ihr ſo viel Annehmlichkeiten zu ver⸗ ſchaffen, als in ſeinen ſchlechten Kräften ſtand. Er fand in Eſther's Lobe kein Ende, wenn Regina kam, nach ihr zu fragen, und mißbilligte es ſehr, daß das Fräulein ſich wei⸗ gerte, die ſchöne Fremde näher kennen zu lernen, daß es gleichgültig die warmen Dankesäußerungen Eſther's zurück⸗ wies, und ſich ihren einſamen Beſchäftigungen überließ, wie zuvor, ohne ſeinem Schützling zu verſtatten, ihm näher zu tommen und vertraulicher zu werden. Ammon wußte nicht, daß weder der niedere Stand Eſther's, noch ihr Glaube ſie von Reginens mitleidigem Herzen entfernte, ſondern gerade der Vorzug, den das Fräulein ihr einräumen mußte: der Vorzug, Dagobert's Freundin zu ſeyn. Ammon bemerkte es nicht, wie oft Regina im Graſe ſitzend in tiefes Nachdenken verſank, und Viertelſtunden lang nach dem Waldgange blickte, als müſſe er jetzt kommen,.. als müſſe er dann den frem⸗ den Gaſt hinwegführen, und dann allein wieder kommen, und täglich wiederkehren, und endlich gar nicht mehr von dannen gehen.— An Dagobert's Statt kam aber eines Mittags Ben David an,— dürftig und verſchmachtend— blos von der Hülle bedeckt, die ihm das Mitleid zugeworfen. Ammon hatte ſchon nach der Peitſche gegriffen, um den verdächtig ausſehenden Bettler aus dem Reviere zu treiben: Eſthers Freude⸗ und Angſtruf entwaffnete ihn. Dem Vater von Ki⸗ va's Ebenbilde konnte er nichts Uebels zufügen, und er be⸗ ſann ſich, daß auch ihn einſt ſein Vater unſäglich geliebt hatte, daß auch er einſt an ſeinem Vater mit Treue gehan⸗ gen; er begriff Eſther's Empfindung, und wehrte dem Alten nicht, die Wohnung ſeiner Tochter zu theilen. Vater und Tochter waren völlig ungeſtört, denn eine Unpäßlichkeit hielt Reginen vom Walde fern⸗ und Ammon machte doppelt eifrig ſeine Runde. Eſther's und David's Wiederſehensfreude, wie ihr Leid um Jochai's Hinſcheiden und ihre Verſtoßung aus der Stadt, die ihnen Schirm und Heimath geweſen, durfte ohne ſtörende Zeugen ſich ausſprechen, feſſellos, wie es de Schmerz, frei, wie es die Luſt verlangt. Aber ſchon am folgenden Tage begehrte David zu wiſſen aus Eſther's Munde⸗ wie ihr Verhältniß geweſen ſey zu dem Junker. Eſther's Wange erröthete zwar; doch hatte ihr Mund keine Schuld zu bekennen, und ihre Rede, einfach und erklärend, trug der Wahrheit Stempel. Ben David's ſcharfes Auge, allen ſeinen Glaubensgenoſſen mehr oder minder eigen, ſah indeſſen durch den Schimmer der Wahrheit hindurch einen dunkeln Punkt in dem Herzen ſeiner Tochter; ein verſchleiertes Gefühl, deſ⸗ ſen Decke zu heben ſie nicht begehrte. Er faßte daher ihre Hand und ſprach:„Geliebtes Kind, Du verſchweigſt mir, was du nicht ſollteſt, und wegen deſſen ich Dir nicht zürnen mag, denn es iſt nur die Folge der Vergangenheit. Dagv⸗ bert iſt geweſen Dein Schirm, Dein Alles, weil ich lag in Banden. Dagobert hat Dich genährt und gepflegt, und ge⸗ rettet aus tauſend Gefahren; der hochgelobte Gott wird ihn darob ſegnen und eingehen laſſen in's Paradies, weil er Gutes gethan an Iſrael; weil er es hat gethan uneigen⸗ nützig, und nicht hat befleckt Dein Kleid der Ehren. Friede ſey mit ihm, und auch auf ſeinem Andenken ſey einſt Friede, wie auf Zodick's Gedächtniß Schmach ſey und der Zorn Gottes, und ihm ſelbſt das Feuer der Gehenna! Aber, liebſte Tochter, mein Kind: dergeſtalt, wie Du den abtrünnigen Knecht Zodick mußt haſſen,— dergeſtalt haſt Du gelernt lieben den ſeltnen Mann, der da handelte, als ſtamme er aus den Lenden Jakobs, und nicht vom Berge Seir. Ge⸗ ſteh' es mir, mein Kind.“—„Vater,“ erwiederte Eſther ſtockend:„Deiner Klugheit kann nichts verborgen bleiben. Ich muß es bekennen, und wenn es Sünde wäre vor Dir und dem Geſetz. Nach dem hochgelobten Gott, den ich fürchte,— nach Dir, mein Vater und Herr, den ich ehre, lebt Niemand nehr auf der Welt, denn Er, den ich bewundre, den ich 102 liebe, o laß mich nicht vollenden.“—„Nein, meine Tochter, vollende nicht;“ verſetzte David ängſtlich:„Du liebſt ihn nicht, wie der Dankbare den Wohlthäter,.. Du liebſt ihn nicht, wie das Kind den Vater, nicht wie die Schweſter den Bruder;... Du liebſt ihn wie die Jungfrau den Mann, und Wehe geſchrieen über mich und Dich... was ſoll aus dieſer Liebe werden?“—„Was Gott wird beſchtießen, und Du, mein Vater:“ ſagte Eſther ergeben, wiewohl ſie erbleichte und erkannte, daß ſie nun an den Markſtein ihres Lebens getreten.—„Ich kann nichts be⸗ ſchließen;“ antwortete ſeufzend der Vater, mit größrer Faſ⸗ ſung, weil er auf ſein eigen Unglück zurückkam:„Ich bin ein armer, geſchlagener, zu Nichts gewordener Mann; ſie haben mich hinausgeſtoßen in die Welt⸗ und ich habe von all meinem Gute nichts mitgenommen, als die Laſt der Dankbarkeit gegen den Jüngling Dagobert, deſſen freigebige Hand mir noch einige Pfenninge zuwarf. Des Herzogs Glücksſtern iſt erloſchen, und mein Gold, das ich ihm lieh, gewiß verloren. Meine übrige Habe, theils in Coſtnitz zu⸗ rückgeblieben, theils in unſerem Hauſe zu Frankfurt verwahrt, iſt eine Beute geworden, dort betrügeriſcher Freunde, hier der habſüchtigen Richter, die noch nach verborgenen Schätzen lechzten, von welchen ihnen der abſcheuliche Zodick vorgelogen⸗ Ich muß wieder hinaus in die Welt, wie ich gekommen bin herein, um zu erjagen, wo möglich ein neues Glück; und Dich, mein einzig Kleinod, muß ich laſſen hinter mir, auf daß Du nicht verderbeſt unterm Druck des Elends und der Entbehrung meiner flüchtigen Wanderſchaft. Du magſt nun entſcheiden, Tochter, ich laſſe Dir die Wahl: willſt Du Dich werfen in die Arme Edoms? willſt Du zurückbleiben unter und hörſt nicht die Stimme des Herrn und des Vaters! 103 unſern Leuten, zu Worms entweder, oder zu Nürnberg? Wir haben zwar nicht Freunde mehr, nicht Verwandte, aber Iſrael wird nicht laſſen von David's unglücklicher Tochter.“ — Eſther ſprang auf, faßte heftig ihres Vaters Hand, und rief mit ausbrechenden Thränen im Auge:„Vater! bei der Herrlichkeit des Reiches, das uns vom Neſſiah gebracht werden ſoll! Nimm mich mit Dir; ich will leiten Deine Schritte durch Fels und Sand; ich will ſchlummern neben Dir auf Haidekraut und Moor, ich will nicht mehr begehren, denn ein Stücklein verſchimmelten Brods, um mein Leben zu friſten; und am Ende auch dieſes Leben willig verlieren, er⸗ liegend unter Bekümmerniß und Gottes, des Herrn Schickung. Aber nimmer geh' ich nach Worms, nimmer nach Nürnberg. Unſre Leute, zu denen ich flüchtete zu Frankfurt, haben mich verrathen an die Wolluſt, ein Sohn der Gebote hat Dich verrathen und den Raaf Jochai getödtet; was ſoll ich er⸗ warten von ihnen? Die Arme wird ſeyn verachtet und arm in Ewigkeit; eine Magd werde ich ſeyn müſſen in Schmach und Kummer. Vater, Dir will ich folgen, aber nicht fürder dem Geſetz und ſeinen Bekennern. Der Herr hat uns ver⸗ derben laſſen in der Noth, die Brüder haben uns laſſen ver⸗ zweifeln. Der Chriſt hat mich errettet. Ihm gehören, nach Dir, meine Tage. Weiſeſt Du mich von Dir, ſo bin ich ſein Eigenthum, wenn er's verlangt, ſeine Dienerin, denn er iſt mehr als ein Menſch; ein Engel des Heils, ein Erlöſer und Erretter!“—„Weh mir! weh mir!“ entgegnete Ben David bekümmert:„O, wie iſt Dir doch angeflogen der Mehlthau aus Amalek! Du willſt nicht mehr ſeyn eine Tochter Zion's! Du brauſeſt auf in Leidenſchaft und Hitze, 104 Erwarte nicht, daß ich Dir fluche, nicht, daß ich zu Dir flehe! Aber gerettet möchte ich Deine Seele wiſſen. Ich würde Dich ermorden, wenn ich Dich mit hinaus nähme in Sonnenbrand und Nachtſturm, um mir mein Brod ſuchen zu helfen unter den Hefen des Volks, begleitet von Verachtung und Hohn. Deine Blüthe wurde nicht groß gezogen, um zu erſticken im Kothe. So bleibe denn lieber in Edom, und halte Dich zu den Ungläubigen. Vielleicht, daß einſt der Herr in ſeiner Barmherzigkeit Deine Seele berührt mit dem Stabe ſeiner Gnade,— vielleicht, daß Du einſt zurückkehrſt in den Schooß des Geſetzes, nicht zu ſpät für Deine Paradieſes⸗Hoffnung, wenn gleich zu ſpät für meine in Kummer und Todesgram erloſchenen Augen!“— i und beklommen ſtand der Vater auf, und überließ Eſther dem Strome von Thrä⸗ nen, in welchen ſich die Erſchütterung ihrer Bruſt auflöste. Ben David legte ſich hinter der Hütte in's üppige Waldgras, von Mücken umtanzt, von Vögeln umgeben, deren Gezwitſcher herrlich und frei aus dem Wipfel der Bäume zum Himmel ſtieg. In dieſer Einſamkeit legte ſich der Sturm ſeines Vorurtheils, und, zu der blauen Decke hinaufblickend dachte er, daß dieſes ſchöne Zelt ja für Jeden erbaut ſey, und daß die Hand des Herrn alle Menſchengräber mit Gras und Blumen ziere. Dee Bruſt wurde ihm weiter, und mit ihr auch die Feſſeln, ein ſeine knechtiſche Glaubenslehre ihm von Jugend an über den Nacken geworfen. Er beſeufzte das Geſchick, das ihn unter dieſem Himmelsſtriche in Jakobs Hütten hatte hervorgehen laſſen; er wünſchte um feiner Eſther ſich die ſie mit Dagobert wereit zu er willen, in den Reihen der Gojim geboren zu ſeyn; er dachte aber wie ein Felsſtück von der Höhe eines Alpengebirgs rollte die Erinnerung an jenen Schwur, den er in des ſterbenden Jochai Hände hatte leiſten müſſen, auf ſein Herz.—„Ich darf ſie ja nicht zulaſſen zu dem Bade, das in Edom ein Bad der Wiedergeburt genannt wird;“ ſprach er vor ſich hin: „ich darf ſie ja nicht abſchwören laſſen vor dem Volke ih⸗ ren Glauben! O, Herr! hochgelobter Herr! halte mich auf⸗ recht, daß ich nicht verdiene den Zorn meines abgeſchiedenen Raaf's. Erleuchte mich in meinem Haupte, damit ich den Ausweg finde,— den rechten, untrüglichen! Leite mich Herr, und Du, Seele meines Vaters, auf deſſen Andenken der Friede ſey!““ David in eifriges Gebet, das er in den folgenden Tagen, nach 3 Zwiſchenräumen, immer wieder fortſetzte im Dickicht des Waldes. Er ſprach kein Wort mehr über das Vergangene mit Eſther. Seine Zunge ſchien gleichgültig geworden zu ſeyn, wie ſeine Stirne. Er hatte ſeinen Entſchluß gefaßt und harrte ſogar mit Ungeduld auf Dagobert's Ankunft, welcher auch Eſther's Herz ſehnlichſt entgegenſchlug, denn auch ihr Herz, ihre Vernunft war zu einem Entſchluſſe gelangt, zu dem höchſten, dem ſeltenſten in der Seele und dem Munde eines leidenſchaftlich liebenden Weibes, zu dem Entſchluſſe der Entſagung. Dagobert ließ ſich nicht allzulang erwarten. Eines Abends ſchnaubte ſein Roß am Waldgehege; ſeine Schritte wurden hörbar vor Eſther's Kammer, und ein trat er zu den ihm entgegen Eilenden, wie ein verklärter Lebensbote.—„Grüße Dich Gott, Du vielgeprüfte Dirne;“ ſagte er, dem Mädchen treuherzig und liebevoll die Hand reichend:„und auch Du, armer Ben David, ſey gegrüßt. Als ich von dannen ritt s dieſem Walde, dachte ich nicht, mit ſo viel Glück beladen „ 106 wieder zu kommen. Eſther, Du liebes, treues Kind, freue Dich mit mir. Mit dem Vater ausgeſöhnt, habe ich auch die Mutter, ungekränkt und gleichſam wie eine zweite junge Braut, an ſein Herz gelegt. Wallrade, die Stifterin des Böſen, iſt verwieſen aus dem Hauſe, und mein Vater hat aus ihrem Munde kein Wort mehr vernehmen wollen. Graf Montfort, dem ich Schonung zu erweiſen im Stande war, will dankbar mich dem Herzog Friedrich anempfehlen, daß meine Freilaſſung von dem Kirchendienſt vom neuen Papſte beſtätigt werde, und daß der Herzog ſo ſchleunig als er kann das Geld erſetze, ſo er von Dir geliehen, armer Ben David.“ Mein Vater, willfährig gegen meine Wünſche geworden, hat mir erlaubt, ihm eine Tochter zuzuführen, ſobald mein Han⸗ del mit Rom ausgeglichen, und will nicht fragen nach ihrem Stand, nicht nach ihrem Namen, nicht nach ihrer Habe.“ „So bringe ich denn, mein zierlich Mägdlein, mein Wer⸗ ben bei Dir an. Das Geſchick hat uns ſo oft und wunder⸗ lich zuſammengeführt, daß es des Himmels Wille ſeyn muß, daß wir uns näher angehören. Schlag' ein in meine Hand: Dein Vater wird ſich nicht weigern, in Dein Glück zu wil⸗ ligen.“ Bei dieſer Zuverſicht überflog eine zitternde Bewegung Eſther's Körper, und ihr Mund ſtammelte:„Herr! Ihr überraſcht mich„dieſe Güte,. dieſer Vorzug.. „Ei, meine Eſther, iſt Liebe denn Güte oder Gnades“ fragte Dagobert lächelnd.„Wenn's ein Vorzug iſt, daß ein Reicherer eine minder begüterte Ehewirthin wählt, ſo haſ Du dieſen Vorzug über alle Maßen verdient durch Dei zarte Weiblichkeit, durch Deine Engelstugend, und dur Deine Schönheit.“ 107 „Die Schönheit verblendet Euch;“ ſprach Ben David, ſchüchtern ſeine Stimme erhebend:„wird ſie jedoch Euern Voater blenden? Weiß er, daß Ihr eine Jüdin begehrt, und . verpönen nicht Eure Geſetze ſolchen Bund mit der Strafe des Feuers?“ „Nun, bei Gott!“ rief Dagobert:„wenn Eſther eine Jüdin iſt, ſo möchte ich die Chriſtin ſehen, die ihr gleich kömmt. Alle Menſchen gleich zu lieben, befiehlt uns der Heiland; und wenn ſeine Worte nicht immer und allenthal⸗ ben befolgt werden, ſo iſt es nicht des göttlichen Lehrers Schuld: kein Menſch auf Erden iſt der Taufe würdiger, als Deine Tochter. Sie ſehnt ſich darnach, ſie hat eingewilligt, aus Eurem Bunde zu treten, und als Chriſtin wird ſie vor Gott und Menſchen mein Weib!“— „Welch ein Mann!“ ſeufzte Eſther, die Hände faltend; Ben David's Stirne überzog ein finſtrer Schleier, da er die Augen auf ſeine Tochter heftete.„Du ſehnſt Dich nach der Taufe?“ fragte er düſter und langſam:„Du haſt eingewil⸗ ligt? Tochter! was ſoll ich Dir ſagen, jetzt noch in dieſer Stunde? Soll ich zerreißen mein Kleid, wie für einen wer⸗ then Geſtorbenen, oder ſoll ich mich freuen Deines Glücks in der Zeitlichkeit? Und Ihr, Herr Froſch, iſt's Euer ernſtli⸗ cher Wille, daß Eſther ſich ſcheide von mir, und fürchtet Ihr nicht mindeſtens die Zungen der Welt, wenn Ihr gleich ge⸗ fangen habt das Herz eines allzuſchwachen Vaters?“ „Eines gerechten Vaters,“ verbeſſerte Dagobert:„ich ſcherze nicht mit einer Leidenſchaft. Ich gebe ihr auch nicht leichtſinnig Raum. Aber hier bin ich feſt entſchloſſen. Du mußt zugeben, daß Deine Tochter ihre Irrthümer abſchwört; Du mußt zugeben, daß ſie mein Weib werde; und damit 108 die zun er Welt unſer Glück nicht ſtören, und meines Vaters Da e nicht trüben, will ich mich fern von der Vater⸗ ſtadt häuslich niederlaſſen, einſam mit meinem ſchönen Klei⸗ nod. Lieb und angenehm iſt mir's, wenn Du⸗ Ben Dari auch den falſchen Herrn vertauſchen willſt gegen den wahren Glauben, aber ſelbſt im Gegentheile auch ſoll Dir in dr Ferne eine namhafte Unterſtützung nicht entſtehen; nur magſ Du, vor der Welt zum mindeſten, meine Schwelle meiden — Entſcheide jetzt und ſey klug.“ „Alſo frägt man den Verdammten um Entſcheidung ſei⸗ nes Schickſals;“ entgegnete Ben David betrübt und in Kampfe mit ſich ſelbſt:„Herr! ich bin geworden zu alt, un wegzuwerfen mein Licht und Hort wie ein unnützes Kleid. Herr! ich habe keine Stimme der Gewalt gegen eine Tochter, die da liebt, und einen Mann, der mir mein Höchſtes nimmt mit deſſen Befugniß. Herr! ich bin Euch Dank ſchuldig, denn Ihr ſeyd ein vornehmer Mann, und begehrt mein Kind, eine ſchlechte Jüdin, in Ehren.— Ich bin geworden Euer ewiger Schuldner, da Ihr gehandelt habt wie ein Bruder an ihr, wie ein Sohn an mir.— Ich bin Euch, Gott ſoll mir helfen, verpflichtet als Knecht, weil ich geſündigt u gegen Euer Haus, und Ihr mir dennoch wollt vergeben. „Die Verirrung meiner Mutter wird ſich milde ſſu⸗ entsite Dagobert:„ich hege keinen Groll deßhalb gege Dich, ob ich gleich weiß, daß Du vor Gerichte die Wahrheit nicht geſagt, und daß der kleine Hans nicht mein Bruder iſt.“—„Gott ſoll mir helfen,“ verſetzte David eifrig, „wenn ich nicht habe geſagt Alles, ſo wie mir's der Beicht⸗ vater Eurer Mutter im Thurme hat befohlen.“— I dachte mir's,“ ſprach Dagobert,„darum ſey ruhig und fahr 100 fort in Deiner Rede, deren Bedenklichkeit ich mit den Wor⸗ ten der Wahrheit beantworten will.“—„Herr:“ begann Ben David wieder:„Ihr habt geſagt, ich müßte willigen in Eſther's Uebergang, in Eſther's Ehe mit Euch. Vor dem Geſetze Eurer Herren müßte ich's, denn ich bin ein elender Jude, den man aufhängt zwiſchen Hunden, wenn man ſeiner los ſeyn will. Aber ich muß nicht vor meinem Herzen: ich muß nicht vor dem Euern, das da iſt ein gutes und treues Herz, welches ſogar in den Kindern des alten Bundes erſieht ſeine Nebenmenſchen. Aber die Dankbarkeit iſt mir mehr geworden, als das Geſetz Eurer Herren. Aber die Dank⸗ barkeit läßt mich dazu lächeln, daß Ihr ſo grauſam ſeyn wollt, auf ewig meinen größten Schatz zu nehmen, zum Lohne für das, ſo Ihr gethan an uns. Ich will jauchzen, wenn mir gleich das Herz brechen möchte, und ich will ſeg⸗ nen das Band, weil ich will löſen meine Schuld, und nicht laden will auf mich den Fluch meines Kindes, mag auch dann aus mir werden, was da wolle.“ Eſther und Dagobert wurden tiefbewegt durch dieſe Rede, die Keines von ihnen erwartet hatte, durch dieſe Einwilli⸗ gung, in welcher ein großer Schmerz ſich kund that. Die Flamme der Beſchämung ſchlug in Dagobert's Geſichte auf, und ſein redlicher Mund verhehlte nicht, was in ihm ſich vorbereitete.„Wahrlich,“ ſprach er,„Ben David, Du biſt kein gemeiner Inde, der ſeine Rede nur ſetzen lernt, um ei⸗ nem Käufer ein Stück ſchlechter Waare für ein gutes aufzu⸗ ſchwatzen; Du haſt die Kunſt erlernt, zum Innern der Seele zu reden, und Dir möchte es gelingen, mir das Theuerſte, das ich kenne, damit von der Bruſt zu reißen. Ich will nicht grauſam ſeyn, und die Dankbarkeit, die Du mir vielleicht 110 ſchuldeſt, als eine Schlinge gebrauchen, in welcher Deines Lebens Freuden erſticken ſollen. Davor bewahre mich der Allmächtige. Aber Deine Tochter, deren Lebensglück ich gerne ſtiften möchte, hat doch auch in dieſem Handel eine Stimme. Sie rede frei, ohne Zwang, ohne Ueberredung. Wird ſie dem Vater und ſeinem Irrthume folgen, oder dem Verlobten in den Bund der wahren Kirche?“— Ben David ſchwieg, wie Dagobert verſtummte, und die Blicke beider hefteten ſich unruhig auf Eſther, die in den grauſamſten Kampf verfiel, wie eine Siegerin jedoch ſich ſchnell und be⸗ ſonnen daraus emporrieß. „Dagobert!“ rief ſie, ihren Arm feſt um ſeinen Nacken ſchlingend:„Menſch, der nicht von der Erde ſtammt. Herr meiner Gedanken und meiner Seele! Daß ich Euch liebe und an Euch hänge für alle Zeit;.. das Erſtemal iſt's, daß ich es wage, Euch es zu geſtehen; aber, Engel des Friedens, würde ich ſeyn Eurer werth, wenn ich zauderte in dieſem Kampfe? Ich glaube feſt, daß uns Alle jenſeits vereinigen wird Ein Paradies. Dort Euer zu ſeyn, Dagobert, wird meinem Glauben der hochgelobte Gott gewähren. Hier.... o ſeht den Schmerz des Vaters! Ich kann nicht tödten den⸗ der mir gegeben hat das Licht;— Vater! nimm mich mit Dir; über Berg und Thal, über Feld und Meer! Dein gehör' ich bis an's Ende Deiner Tage!“ Von dem Halſe des Geliebten ſich losreißend, warf ſi ſich in die Arme des Vaters der überraſcht auf ſeinen Füßen wankte, der Tochter Stirne mit Küſſen bedeckend, und Per⸗ len der Angſt und der Freude auf ſeinen benarbten Wangen tragend. So wie aber die Feier des großen Siegs verrauſct war, und Ben David's Auge ſich nach Dagobert umſchaute * und den erbleichenden Jüngling gewahrte, wie er ſich kaum aufrecht zu halten vermochte, und demungeachtet ſeiner Eſther Beifall zulächelte;— als David auf Eſther blickte, die, nicht minder zum Tode blaß, unter dem Gewichte der erfüllten Pflicht zu erliegen dachte; da wurde ſein Geſicht wieder trübe und ängſtlich, und er trat an das Fenſter, und ſah in das Grüne hinaus, und betete zum Herrn und zu der Seele ſeines verſtorbnen Vaters. Endlich wendete er ſich um zu dem Paare, das ſtillſchweigend ſich die Hände erfaßt hatte, als ſollte ſchon jetzt Trennung und Abſchied hereinbrechen, und ſprach recht milde und leiſe, wie er's gewohnt war, mit Eſther zu reden:„Ich danke Dir, meine Tochter. Du haſt mir wieder gemacht Muth, und Jehovah wird lohnen, wo ich es nicht kann. Aber Dich mitnehmen auf meinen We⸗ gen, ich kann es nicht. Und zu unſern Leuten kehren willſt Du nicht, und Menſchen, die ſich alſo lieben, reißen von einander, das ſoll nicht ſeyn, ſpricht der Herr unſer Gott, ſobald er abgelegt hat den Rock des Zorns, und an⸗ legt das Gewand der Milde und Barmherzigkeit. Darum will ich denn auch, ſo ſchwer mir's wird, geſtehen, was ich weiß, um zu fördern Euer Glück, und mir zu erwerben Cuer dankbar Angedenken.“— Ehe er begann, ſchöpfte er mühſam Athem; ſein kurzes Ueberlegen war ſchon eine Ewigkeit für Dagobert und Eſther, die mit wißbegierigen Blicken erwartungsvoll an ſeinem Munde hingen. Endlich hob er an, und ſprach mit kurzen Unterbrechungen und Zwiſchenräumen:„Mein Weib— ihr ſeh das Paradies— hat mir geboren zwei Söhne, und das lette Kind, das es mir ſchenkte, war ein Mägdlein, an das ich mich gewöhnte ſchneller und leichter, denn an die Buben, 112 was ſelten iſt bei unſern Leuten, die nach Söhnen ſtreben, wie nach Reichthum. So oft ich ging über Feld, legte ich das Töchterlein der Mutter auf's Gewiſſen, und drohte ihr, wofern dem Kinde widerführe etwas Leides, ſie zu verſtoßen aus dem Hauſe und der Ehe, ſo wie's das Geſetz erlaubt. Gewiß,— Gott ſoll mir helfen— ich hätt' es nicht gethan⸗ aber die Angſt war gekommen auf das Weib, und es meinte, ſterben zu müſſen auf dem Fleck, als es eines Morgens— da ich abweſend war, und mein Töchterlein erſt alt drei Wochen— das Kind todt fand in der Wiege; denn die Katze hatte ſich hereingeſchlichen vom Nachbarhauſe und ſich gelegt auf des Kindes Hals, und daſſelbe alſo erſtickt. Die Mut⸗ ter erhob kein groß Geſchrei, denn ſie wollte nicht kund ge⸗ ben ihre Nachläßigkeit, allein ſie ſetzte ſich in den Winkel neben das todte Kind, und weinte bitterlich, und da gerade der Vater Jochai herein kam, ſo redete ſie zu ihm:„„Raaf! ſieh hier das Kind. Dein Sohn verſtößt mich, ſo er's er⸗ fährt, und ich bin doch unſchuldig. Hilf mir, daß wir beten über das Kind, ob es vielleicht erwache, ehe noch der Vater heimkommt mit den Buben.““ Und ſie beteten über das Kind, und Gabriel erweckte es nicht. Da nun mein Weib wieder anhob zu klagen, ſo ſagte der kluge Greis Jochai; „„Schweige, Weib. Ich will gehen hinaus, und ſehen, was mir der Herr eingibt, oder der Prophet Elias.““— Und nicht lange war er fort geweſen, ſo kehrte er wieder zu der betrübten Mutter, und trug ein klein Mägdlein auf dem Arme und redete:„„Weib! ſieh hier, was mir hat Got; beſcheert. Draußen an der Straße hab' ich gefunden ein Bettelweib im Sterben, und das Würmlein hier an deſſen Bruſt, die doch keine Nahrung mehr gab.— Mutter, ſagt ich, weil mir's der Herr eingab: willſt Du mir erlauben Dein Kind, ehe es mit Dir ſtirbt? Ich bin ein ehrlicher Mann.— Das Weib ſah ſchon nicht mehr hell und wußte nicht, daß ein Jude zu ihm ſprach; es reichte mir aber das Mägdlein hin und ſagte:„Nimm, ehrlicher Mann, und Gott vergelt's. Getauft iſt das Kind, und heißt Marie.“— Es war der Armen letztes Wort; ſie ſtarb, und hier bringe ich Dir die Kleine, damit ſie eine Jüdin werde, und David's Herz nicht betrübt ſey bis in den Tod.““ Legten die beiden das lebende Kindlein von gleichem Alter und ſelbem Anſehen an die Stelle des todten, das ſie heimlich fortſchafften, und da ich wiederkam, liebte ich das Kind wie zuvor, und habe es erzogen, und nicht anders gewußt; als bis ich von Jo⸗ chai auf ſeinem Sterbelager erfahren, was er gethan; wo⸗ für ich ihn noch ſegne, denn mein Weib iſt hinüber gegangen im häuslichen Frieden, mein Herz war nicht betrübt bis in den Tod, und ich vermag's, zwei Herzen zu verbinden, die ſich lieben, denn Du, Eſther,.. wahrlich... Du biſt je⸗ nes Kind.“ „Eine Chriſtin?“ rief Dagobert frohlockend.„Nicht Deine Tochter?“ fragte Eſther mit einer Empfindung, ge⸗ miſcht aus Freude und Wehmuth:„So ſteht ja unſerm Bunde nichts im Wege?“ fuhr Dagobert fort:„Mariel Geraubt aus unſrer Kirche kehrſt Du doch wieder dahin zurück, zum Glück der Zeitlichkeit, zum Glück des ewigen Lebens. Marie! v laß uns den Greis ſegnen, der noch am Sterben ſeinen Betrug offenbarte; laß uns dieſen ehrlichen Juden ſegnen, der, die Hinterliſt ſeines Volkes verſchmä⸗ hend, uns bekannt gemacht mit dem Geheimniſſe, vas uns 6 Widerrede verbindet!“— Dankbar gerührt reichten 8 114 Beide dem Juden die Hände.„Es quält mich, wie es mich entzückt, daß ich nimmer Deine Tochter ſeyn ſoll;“ ſprach Eſther:„Ganz verwaist ſtehe ich nun da in dieſer Welt.“— Haſt Du nicht mich, Deinen Freund, Deinen Gatten?“ er⸗ wiederte Dagobert:„Haſt Du nicht den Heiland wieder gefunden, Du, nach ſeiner Mutter Genannte? O, ich ahnte oft, was ſich jetzt entdeckt! Du warſt nie eine Jüdin; du theilteſt nie den Haß jenes Volkes gegen Andersglaubende, Du warſt ſtets ſo rein, ſo züchtig, wie die Heilige, deren Namen Du führſt.“—„Ich bin wie im Traume!“ ſtam⸗ melte Eſther, ſich dem Arm des entzückten Jünglings über⸗ laſſend:„Was ich wünſchte, wonach ich mich geſehnt, iſt längſt geſchehen, ich bin ſchon eine Chriſtin; darf nicht vor alem Volke den Schwur leiſten, nicht erſt betteln um das Bad der Weihe, denn ich hab es ſchon empfangen, oder, mein Freund, muß dieſer Gebrauch erneuert werden, um.... 2— „Nein, nein,“ ſiel Ben David ängſtlich ein:„Nein, nein, mein Kind. Es wird ja nur getauft einmal, und wär es nicht Sünde, zum zweitenmale es zu begehren?“— „Sündlich und überflüſſig;“ verſicherte Dagobert:„Wozu ein neues Hinderniß auf die Bahn zu unſerm Glücke ſchleu⸗ dern? Marie! Nun biſt Du mein. Nun hat dieſer Mann feinen Theil mehr an Dir, keinen Anſpruch, als auf meine Dankbarkeit, die ihm allenthalben folgen, ihn überall er⸗ reichen wird.“—„Ben David!“ ſetzte Eſther weinend hinzu:„Ich habe Euch geliebt, wie eine Tochter den Va⸗ ter; ich habe wegen Eurer mich wollen reiſſen los von dem edlen Mann, der mein Alles iſt in der Welt. Vergebt mit meine Freude darum, ihm jetzt ſchon näher anzugehören, und empfangt meinen Dank.“—„Ei! ei!“ antwortete Ben David kopfſchüttelnd und ſchmerzlich lächelnd:„Seht doch, wie ihre Geſichter ſich tauchen, nicht allein in's Abend⸗ roth, ſondern auch in das Roth der Freude. Vor einer Veile hatte ich noch eine Vochter, jetzt nicht mehr. Vor ener Weile wollte mir folgen eine treue Seele in's Elend; jetz ſtehe ich verwaister, als die Palme in der Wüſte. Ge⸗ lobt ſey der Herr! Geſegnet ſey meine Zunge und Ihr, deren Glück einzig iſt mein Werk.“— Mit Thränen in den Augen riß er ſich von den Wonnetrunkenen los, und gieng hinaus in den Forſt, wohin er durch eine Lücke im Gehege drang. Unter einem von Buchen gewölbten Dome warf er ſich auf ſeine Knie, und betete, nach ſeiner Väter Weiſe, zum Herrn der Himmel, der hoch oben ſeine Sterne ſchon angezündet hatte.„Vergib mir, Gott Iſraels!“ be⸗ teten ſeine Lippen zum Schluſſe:„vergib mir, wenn ich ge⸗ handelt habe wider Deine Gebote; aber ich habe gehandelt nach der ewigen Thora, die da wohnt in jedes Menſchen Bruſt. Verzeih', daß ich freiwillig dahin gab eine Tochter Zions, da ſie doch, ſpät oder früh, gezogen wäre zum Berge Seir, ſtatt zu wohnen in dem herrlichen Salem! So habe ich doch gehalten den Eid, den ich geſchworen in meines Vaters ſterbende Hand, ſo habe ich doch geübt Dankbarkeit, ſo habe ich doch gelaſſen mein Kind im Schutze der Gewalt und der Macht, nicht im Staube Deines auserwählten Volks, das noch immer Dein Zorn darniedertritt, wie einen Gras⸗ halm. O baue, baue Zions Zinnen recht bald, ſtarter eif⸗ riger Gott! O laß mich finden im Paradieſe die Tochter und den heldenmüthigen tugendhaften Jüngling! Du prü⸗ feſt ja Herzen und. Nieren! vor Dir iſt der Behemoth eine Milbe. Und alſo kann auch Deine Gnade reinigen den 116 Ungläubigen zum Sohne Jakobs. Mit mir aber, ſo lange ich auf Erden lebe, thue nach Deinem Gefallen, Herr. Ich bin geworden unter Deinem Zorne und den Streichen der Feinde ein Wurm ſtatt eines Menſchen, ein Spott der Leute, eine Verachtung des Volkes, aber geſegnet ſey Dein Wille, gelobt Dein Name, geprieſen Deine Herrlichkeit; hochge⸗ lobter, unendlicher, ewiger Gott!“— Geſtärkt und ermu⸗ thigt ſtand der arme David auf, und ging davon; allein zu Eſther kehrte er nicht mehr zurück. Fünttes Rapitel. Sieh doch zu, Junge, wer jener Mann iſt. Sein Geſicht weiſſagt nichts Gutes, ſo wit ſein Rock nur Trübſal. Den hagern gelben Leuten traue ich nicht eine Spanne weit! Aus einem veralt. Schauſp. „Laßt den Hund laufen, gelehrter Herr! Der Bube ent⸗ lauft ſeinem Galgenholze nicht. Schade, daß mein Bolzen ihm nicht in's Bein flog, ſondern durch die Mütze. Er wäre anſonſt gewißlich nicht davon gerannt wie ein Heide!“ „Der elende Menſch!“ antwortete dem alten Ammon der⸗ ſchier gekleidet wie ein Cleriker, vor dem Jäger auf einem Feldſteine ſaß und ausſchnaufte:„Mein ganz Gepäcke hat er mitgenommen, und ich dank es nur Deiner Hülfe, gute Mann, daß ich mit dem Leben davon gekommen bin; de Schurke hatte nicht wenig Luſt, mich auch des Geldes 5* 8 berauben, das ich im Gürtel trage.“—„Aber ſage mir doch,“ fragte Ammon,„wie's kommt, daß ein gelehrter Herr, wie Ihr, um dieſe Abendzeit allhier im Buſche zu finden iſt? Euch Herren gehts doch nicht, wie einem armen Teufel, der ſeine Füße brauchen muß, ſtatt des Fuhrwerks.“—„Du weißt es alſobald;“ verſetzte der Mann im aufgeſchürzten Talar:„Von Frankfurt fuhr ich weg, um gen Friedberg zu gelangen. Der Karren brach jedoch, eine Stunde Wegs von hier, ſo ungefähr. Ich ſaß mißmuthig und halb zer⸗ ſchlagen am Rande der Heerſtraße, und wartete bei meinem Gepäck die Rückkehr des Fuhrmanns ab, der auf dem Gaule nach Leuten und Hülfe geritten war. Wenig Menſchen auf der Straße. Kommt plötzlich durchs Feld und über Wie⸗ ſenpfade ein Mann daher, rüſtig und ſtark darauf losſchrei⸗ tend, den Dornſtock in der Hand, und alſo ſcharf um ſich blickend, und dennoch ſor glos vor ſich hingehend, als ſey er wohlbekannt auf all dieſen Stegen und Wegen rings im Land. Da mir zu lange dauerte, bis mein Knecht zurück⸗ kam, ſo fragte ich den Wanderer nach demſelben und ver— rieth ihm meinen Unfall. Da meinte er, ich könnte wohl noch lange vergebens warten, und am Ende ſchon zu Fried⸗ berg ſeyn, ehe der Geſelle vom Dorfe zurückgekommen, wenn ich nur ihm folgen wollte auf abkürzendem Pfade, den er genau zu finden wiſſe. Mir war der Vorſchlag recht, und ich trug nur Zweifel wegen meines Gepäcks. Der breit⸗ ſhulterige Mann lachte, und meinte, es wäre ein bloßes Kinderſpiel für ihn, mir das Gepäck zu tragen bis zur Her⸗ berge zu Friedberg, und wenn ich ihm daſelbſt zum Lohne einen friſchen Trunk wollte reichen laſſen, ſo würde er's dankbar annehmen, und herzlich damit zufrieden ſeyn.— 7 Er hatte noch nicht ausgeredet, und ich auch noch nicht„Ja“ geſagt, und flugs hat er den Bündel auf dem Rücken und wanderte rüſtig voraus. Ich folgte ohne Argwohn und kam mit ihm in ſolch Geſpräch, daß ich nicht bemerkte, wie er mich in dieſe Gegend geführt hatte, wo rings um uns ein⸗ ſam Geſtrüppe ſteht, doch weit und breit kein Thurm noch Thor von Friedberg. Und da ich endlich es bemerke und ihn deßhalb zur Rede ſtelle, ſo lugte er frech hinauf zum Himmel und ringsum, und ſpricht:„er werde ſich wohl im Pfad geirrt haben; der Abend ſey jedoch noch nicht weit vorangerückt und wir würden zeitig noch nach Friedberg gelangen, deſſen Thurm ſchon zu ſehen ſey.“ Wie er mit nun zeigt, nach welcher Seite ich ſehen müſſe um ihn zu ge⸗ wahren und ich dem böſen Rathe des falſchen Menſchen folge, ſauste mir ſein Dornſtock in's Genick, daß ich hinfalle, und ihm, dem Räuber, keinen Widerſtand zu leiſten fähig bin. Mein Schreien war jedoch nicht vergeblich, und— wohl mir— Dein Ohr hat's zeitig genug vernommen, che der Schurke mich geplündert. Mag er doch laufen mit dem Pack: der Herr wird ihn ſchon laſſen verlahmen und ſteif werden wie das Eis und,... Mehrere andere Verwünſchungen, die der Fremde auf ſeiner Zunge hatte, verhallten in dumpfem Gemurmel. Am⸗ mon erwiederte darauf lachend:„Nur heraus mit dem Ge⸗ wetter und Gefluche. Ein meilenlanger Fluch erleichtert recht das männliche Herz, und Ihr ſeyd ja jetzt im Freien und nicht in Eurer Schule, wo es ſittſam und friedlich her⸗ gehen muß. Wenn ihr wolltet, könnte ich Euch türkiſche und wallachiſche Flüche lehren, die weit beſſer klingen, als unſ matten in Deutſchland. Allein im Grunde hilft doch 19 wetterlichſte Schwur Euch nimmer zu Eurer Habſeligkeit. Beſſer wär's geweſen, ich hätte den vertrakten Schurken in's Knie geſchoſſen: dabei bleib ich. Wo wollt ihr aber jetzt hin, gelehrter Herr? Die Stadt iſt an zwei Stunden Wegs von hier; dort links und ſchwer zu finden für einen Frem⸗ den. Ich wollt Euch gern dahin begleiten, müßt ich nicht in meinen Wald zurück. Auch trautet ihr wohl meinem Ge⸗ ſichte nicht; denn die Leute ſagen, der alte Ammon ſehe aus, wie der leibhaftige Teufel ſelbſt.“— „Hätte ich nur dem Geſichte jenes Schurken nicht getraut;“ ſeufzte der Fremde:„der Bube hatte Gaunerzüge, und brand⸗ rothes Haar!“—„Hütet Euch vor den Gezeichneten;“ ſchal⸗ tete Ammon ein:„Wißt Ihr jedoch fonſt nichts, das auf die Spur des Sünders führen könnte? Ich wollte lauern laſſen auf den Burſchen, wie auf einen Iltis.“— „Ich weiß nichts, das mir außer ſeinem Geſichte aufge⸗ fallen wäre;“ ſprach der Fremde weiter.„Ein Schild, das er auf ſeiner linken Bruſt trug, könnte vielleicht einen Neu⸗ bekehrten verrathen; doch traue ich darin meinen Augen nicht.“—„Einen getauften Juden!“ rief Ammon:„das wäre möglich: und das iſt gefährlich Gefindel. Das vertauſcht ſeinen Gott, wie ein Söldner ſeinen Hauptmann. Und dennoch iſt es immer Eins, woran man glaubt. Das hab' ich auf meinen Kreuzzügen oft genug erfahren. Mir gilt der Heide, wie der beſte Chriſt, und wenn Ihr, gelahrter Herr, in meiner ſchlechten Hütte übernachten wolltet, ſo wäre ich gern bereit, Euch ein ungläubig Dirnlein zu zeigen, das ſeines Gleichen ſucht in der getauften und ungetauften Welt.“ „So?“ murmelte der Fremde, der in Gedanken verſun⸗ ken war, vor ſich hin; dann ſetzte er bei:„Ich nehme es 446— an, Meiſter Graurock. Ich gehe mit Euch, aber einzig und allein um eines warnien Obdaches willen, weil mich mein Genick ſchmerzt— nicht der ſchönen Dirne wegen.“ „Mir recht;“ verſetzte Ammon:„Ich hab' noch nie aus freien Stücken'nen Gaſt in meine Hütte geführt. Ihr ſeyd der Erſte und ein warmes Heulager ſoll Euch nicht entſtehen. Morgen wandern wir dann ſelbander auf Friedberg los. Kommt; laßt Euch führen, denn Mohren und Cordova! Ihr wankt auf den Füßen;... was iſt Euch denn? Warum ſtieret Euer Auge alſo in die Ferne, als wollte es in dem Hohlweg ſich verlieren? Ihr werdet ja immer bleicher, Herr! was ſicht Euch an?“— „Der Fremde war ſtarr und ſteif ſtehen geblieben, und zeigte unverrückt mit Aug und Hand auf einen Mann, der ſchnell, obgleich mühſam aus dem Hohlwege zur Seite klet⸗ terte, raſch auf die Gehenden loskam, ſcheu von der Seite ſie anblickte, und, ob vor Ammons Zügen, oder dem Ge⸗ ſichte des Fremden erſchreckend, plötzlich die Kappe in die Stirne drückte, mit einem Laute des Unwillens oder der Ueberraſchung ſich abwendete, und, als wie von einem Ge⸗ ſpenſte gejagt, über die buſchige Fläche ſich verlor. Wäh⸗ rend der Fremde ihm bewegungslos nachſtarrte, ſchrie Am⸗ mon, der ihn erkannt hatte, wild hinterdrein!„Hoho! ſa ſa! Jude! wohinaus? Wirſt doch nicht geſtohlen haben? halt auf, Jude, halt auf!“— Sein greller Ruf ſcheuchte den Fliehenden nur noch flüchtiger von dannen und Ammon brach, da er dieſes ſah, in ein wüſtes Fluchen und Toben aus, das nur die wiederholte, dringende Frage des Fremden unterbrach: ob der Jäger den Flüchtigen kenne, und we dieſer ſey?“—„Ei, potz Reiher und Falk!“ ſchrie Ammon— ob ich ihn kenne? Der narbige Ketzer iſt kenntlich genug. Das iſt eben der Vater der ſchönen Eſther, von der ich Euch geredet.“ „Eſther? Ihr Vater?“ rief der Fremde an ſeine Stirne fühlend, ob denn auch alles um ihn her wirklich ſey, oder ein Traum:„Geprieſener Gott! ich kenne ihn auch, dieſen Mann. Sein Name?“— Der leidige Teufel kennt ihn beſſer als ich,“ antwortete Ammon, mit der Fauſt nach der Gegend drohend, in welcher der Fliehende verſchwunden war: »ich konnt' ihn nicht behalten.“—„Ben David!“ fil der Fremde ein:„rede, Mann des Himmels! So Du ſagſt ja, werde ich Dich halten wie einen Freund, wie einen Bruder.“ —„Nun denn, in aller Heren Namen: Ja!“— rief Am⸗ mon;„So heißt der Burſche. Warum aber der Menſch davon läuft, als habe er die Kleinodien des Reichs geſtoh⸗ len? Warte, Hund! Wenn ich zu Hauſe etwas Unrechts merke, wenn meiner guten Eſther etwas geſchehen iſt, ſo verſchreibe ich mich dem Teufel wirklich und leibhaftig um nur Deiner habhaft zu werden, Jude, und Dir die Fußſoh⸗ len mit glühenden Peitſchen ſtreichen zu laſſen. „Eſther! Ben David!“ wiederholte der Fremde indeſſen häuſig unter einander und geberdete ſich ganz ſeltſam, die Hände zuſammenſchlagend, mit dem Kopfe nickend und ſchüt⸗ telnd, Füße und Hände und Körper bewegend in lebhaften und wunderlichen Geberden, während ſein blaſſes eingefalle⸗ nes Geſicht bald Freude, bald Kummer, bald Aengſtlichkeit, bald eine Art von wildem Unmuth verrieth.—„Gott ſey bei uns!“ rief Ammon derb und roh dazwiſchen:„Drügt Ihr nicht einen Rock wie ein chriſtlicher Schulherr, ich würde Euch für'nen Rabbiner halten, ſo verzerrt ihr Leib und 12 Angeſicht. Laßt doch die Poſſen und tretet derb auf; ich kann nicht erwarten, zu ſehen, was daheim iſt vorgefallen.“ —„Daheim! ja daheim!“ wiederholte der Fremde, unbe⸗ fümmert um Ammon's Reden:„ja, zu Eſther laß uns eilen. Ich kenne ſie, ich kenne ihn, der an uns vorbeiflog. Ich muß ihr Schickſal wiſſen; ich muß....“—„Ihr müßt in's warme Heu;“ polterte Ammon:„Kreuz und Mond! Des Galkenſtricks Dornknittel hat Euern Verſtand getroffen, und nicht allein das Genick. Geduldet Euch indeſſen und werdet mir nicht vollends toll, bevor wir unter Dach ſind. Seht, ſeht, hier iſt ſchon der Pfad; vort zeigt ſich der Hütte Giebel, noch ein Paar Schritte hurtig gemacht, und wir ſind allen Kobolden zum Trotz, zur Stelle.“— Ammons Unruhe wurde bald beſänftigt, da er die Hunde fröhlich anſchlagen hörte, wie ſonſt und Eſther gewahrte, die auf dem Platze ſaß, den Regina wohl ſonſt einzunehmen pflegte. Dagobert's Braut ſaß in ſüße Schwermuth vertieft, welche zärtliche Gemüther am Vorabend ihres Liebesglücks gerne beſchleicht. Der treue Freund hatte Abſchied genommen, um nach der Stadt zu reiten, und am nächſten Abend, mit Geſchenken und neuen Gewändern für ſein Lieb beladen zu⸗ rückzukommen. Sie hatte ihm das Geleit bis zum Wald⸗ pfade gegeben, dann in die tönenden Forſthallen Ben Davids Namen gerufen, und ſich endlich niedergelaſſen in's thauige Gras, um des wackern Mannes zu harren. Ammon, der zuerſt am Eingange des Gehegs erſchien, war ihr willkom⸗ men, und in demjenigen, der ſeinen Schritten folgte, ver⸗ muthete ſie den Vater. Aber ein fremdes Geſicht neigte ſich vor ihr an ſeiner Statt und je mehr ſie dieſes Geſiht betrachtete, und von demſelben mit glühenden Blicken — 123 durchbohrt wurde, je mehr war es ihr kein fremd Geſicht mehr. Aus der Tiefe ihres Gedächtniſſes, aus dem Born kindlicher Erinnerungen mußte ſie ſchöpfen, um ſich dieſes ſchmale Ant⸗ litz, mit der Adlernaſe, und dem geklemmten Munde zu ver⸗ gegenwärtigen, und ſie hörte nicht auf Ammon's Stimme, noch auf dasjenige, was der Jäger ſchwatzte, ſondern nur auf die ſchon verklungenen Laute des Fremden, welcher ge⸗ ſagt hatte:„Eſther! Ben Davids Tochter! Dich hätt' ich nimmer wieder erkannt— aber wirſt Du auch nicht kennen mein Antlitz?“— Eſther's Erinnerungen waren übrigens mangelhaft, nur mit einem Seufzer aus tiefer Bruſt mußte der Fremde ihr zu Hülfe kommen, in den Worten:„Ich habe einſt geheißen Aſcher, Du Tochter Ben Davids, und wirſt Du mich kennen noch nicht?“—„Jehovah! unſer Gott!“ ſchrie Eſther auf:„Aſcher! mein Bruder Aſcher! Sey ge⸗ grüßt, ſey willkommen, Du Verlorner!“ „Die Dirne hat den ganzen Sabbat vom Brocken hieher gelockt;“ murrte der Forſtwart vor ſich hin:„und was gilts, ſie wandelt meine Hütte um in eine Indenherberge. Vater und Bruder ſind ſchon gekommen, und wer weiß, wer noch ales folgt. Nein, Jungferlein: alſo geht es nicht: und morgen weiß die Frau von Dürning Alles.“— Er ging mißmuthig zu ſeinen Hunden und in die Hütte, während das Geſpräch zwiſchen Eſther und dem Ankömmling ſo ernſt wurde, daß ſie Ammon's gänzlich vergaßen.—„Verlorner! ſagteſt Du;“ ſprach Aſcher wehmüthig, Eſther's Hand er⸗ greifend:„die Wahrheit kommt nicht reiner vom Himmel, als in dieſem Worte aus Deinem Munde. Verloren war ich, verloren bin ich und würde es bleiben, wollte ich nicht zu rechter Zeit mich wieder gewinnen. Ach, ſieh mich nicht an, Eſther. Ich habe ſchon des Vaters Zorn geſehen; laß mich nicht ſchauen auch Deine Verachtung. Vergib mir, daß ich hingegangen bin vom Glauben zum Irrthum, von dem Geſetz der Väter zu einem fremden. Die Ueberredung hat mich verleitet, der finſtre Geiſt des falſchen Wiſſens hat mich verführt; Hoffnung auf ein zeitliches Glück hat mich bethört, daß ich gethan, was ich jetzt bereue von Herzen, wie der große König David bereut hat ſeine Sünden.“ „Ei, was muß ich hören,“ fragte Eſther dagegen:„Du bereuſt, der Thora abgeſchworen, dem reinen Geſetze gehul⸗ digt zu haben? O ſchwanke nicht in dieſem neuern herrlichen Glauben! Zittre vor Wankelmuth und halte Dich feſt an dem Leitfaden, den des Ewigen Milde Dir erlaubte.“— „Verſteh ich Dich?“ ſprach Aſcher verwundert:„Iſt das meine Schweſter, die Tochter meiner Mutter, der einzigen Tochter des frommen Alliba zu Oppenheim, auf dem der Friede ſey, wie auf ihr die Ruhe und Segen? Spricht alſo die Tochter David's, des Sohnes Jochai, die nimmer ver⸗ ſäumt haben eine von den vielen Pflichten, die zu erfüllen hat ein Sohn des Gebots? Wie kommt es, daß Du mich ſchiltſt, da ich thue, was Recht iſt: Reue und Buße?“ „Ach, Aſcher! entgegnete Eſther milde und freundlich: „Ich hätte Euch nicht gehaßt, ſo auch noch Alles geblieben wäre, wie ehedem, denn die Gojim, wie Du und Deine Brüder ſie nennen, ſind mir doch immer vorgekommen, wie unſre wahren Brüder. Aber; es iſt alles ganz anders ge⸗ worden. Ich heiße nicht mehr Eſther; mein Name iſt Ma⸗ ria, und eine Chriſtin bin ich von Geburt anz nicht Davids Lochter, nicht Deine Schweſter.“—„Nicht Davids Toch⸗ ter?“ fragte Aſcher:„nicht meine Schweſter? Wie faſſe ih =* niedergeſchlagen:„Wenn das wäre! Entſetzlich! Wo iſt der das?“— Eſther erzählte vom Ungemach des Vaters an bis auf den heutigen Tag, und das Geſtändniß Davids Alles, der Wahrheit getreu und Aſcher traute kaum ſeinen Ohren. „Weh geſchrieen!“ rief er, da das Mädchen vollendet hatte: „Gott! was habe ich gehört? Der Herr ſegne den Raaf im Paradieſe und der Raaf verzeihe dem Vater die Lüge, die er auf jenes Grab gepflanzt.“„Eine Lüge?“—„Ich will ſterben zur Stunde und ohne Gebet und ohne Beiſtand dahin fahren, wie der Abtrünnigen Gräßlichſter in ſeinen Sünden, wenn das wahr iſt, was der Vater Dir berichtet.“ —„Wie?“—„O, David iſt ein ſanfter Herr ſeinen Kin⸗ dern; er will ſie glücklich ſehen; er will allein tragen den Vorwurf, damit das Gewiſſen ſeiner Kinder frei bleibe vom Vorwurf. Er will ſelbſt werden ein Sünder, bevor er zu⸗ gäbe, daß Du, Eſther, eine Sünde begeheſt. Du, Eſther, Du biſt Davids Tochter, und keine andere. An Deiner Wiege ſaß ich über einen Mond, wachend und Dich wartend in einer Krankheit, die mit der Geburt über Dich gekommen war. Ich und mein Bruder ſind niemals mit dem Vater geweſen über Land. Nie hatte ſie Statt die angebliche Ver⸗ wechslung. Der Raaf hätte nimmer ein Chriſtenkind in's Haus eines Gläubigen geführt, nimmer ſich theilhaftig ge— macht einer ſolchen Sünde wider das Geſetz; und dieſer hebräiſche Buchſtab an dem kleinen Finger Deiner linken Hand iſt eingeätzt worden von dem kunſtreichen Raaf, da Du noch keine Woche alt geweſen, als Zeichen unſers Hau⸗ ſes. Ich gelobe Dir's, beim Haupte des Vaters: Du biſt von ſeinem Blute und aus Iſrael.“ „Herr Gott im Himmel!“ ſeufzte Eſther ängſtlich und Vater? Du wirſt ſehen, Aſcher!“...—„Nicht doch, mein Kind;“ verſetzte Aſcher, ſeiner Sache gewiß:„Ich werde nicht Sntint den Vater ſehen, denn er iſt geflohen vor mei⸗ nem Antlitze.“— Eſthers Staunen mehrte ſich, da ſie nun erſt erfuhr, was auf dem Wege hieher vorgefallen.—„O⸗ gewiß iſt es, gewiß,“ ſchloß er:;„Vaterliebe ſeltner Art hat Ben David's Zunge regiert. Aber Bruderliebe iſt noch gelommen zu guter Zeit, um dich zu retten für die Ewig⸗ keit, die ohne Ende iſt in ihren Freuden, aber auch unend⸗ lich in ihren Qualen. Höre mich an, Schweſter, höre mich an, und glaube, was ich rede. Der Vater hatte mich be⸗ ſtimmt zu lehren in der Schule, und ich habe darum ge⸗ lernt das Geſchrift und die Kunſt zu leſen unſre Sprache nach der Wiſſenſchaft, und die Kabbala in äll ihren Zwei⸗ gen. Da kam mir's plötzlich an, als würde ich machen mein Glück unter den Chriſten, und ein vornehmer Mann von Mainz, der ſich im Hebräiſchen oft Raths bei mir er⸗ holte, rieth mir dringend an, zu thun, wie ich geſonnen. Meine Jugend war müde, immer Knecht zu ſeyn von an⸗ dern, und zu gehören zu der Sohle von ganz Deutſchland. Ich ſchwor daher der Väter Lehre ab, auf daß es mir wohl gehe auf Erden. Meine Wiſſenſchaft wurde nun hervorge⸗ zogen aus dem Staube der Erniedrigung, und jener vor⸗ nehme Mann wirkte mir einen Lehrſtuhl aus zu Heidelberg⸗ um die hebräiſche Sprache zu lehren, nachdem ich ihn ſelber vorher einige Jahre unterrichtet hatte. Mir ging es wohl⸗ und der Lehrer Tauftirch war wohl gelitten allenthalben verfehlte keine Meſſe, keine Predigt, und hatte ausgezoge den verachteten Juden,— kaum mehr zu erkennen an den Mundart. Nichts hätte geſtört mein Glück, wenn es nh war der Wurm in meiner Bruſt, der plötzlich anfing, ſich zu heben, mich zu quälen. Mein Amt begehrte, daß unſre heiligen Bücher ſich einprägten in meinen Kopf, und da fand ich denn nach langem Sinnen, daß alle unſre Lehre, wie die Väter ſie befolgten, der Grund der Lehre vom Erlöſer ſey, und daß ohne dieſen Grund die Letztere nicht habe kön⸗ nen entſtehen und wachſen. Und nun ſchlug mir das Ge⸗ wiſſen, und nachdem ich einige Jahre hindurch gekämpft, gelitten, und mich halb gegrämt zum Tode, hat des Him⸗ mels Herrlichkeit und Iſraels Gott den Sieg gewonnen über meine zeitlichen Begierden; weggeworfen habe ich das Amt, um heimzukehren zum Vater, wie der verlorne Sohn, zu den Schulen, wie das verirrte Schaaf. Da erfuhr ich zu Frankfurt Euer grauſam Schickſal, des Vaters Flucht, wie ſie es nennen, den Dod des Jochai, und Dein Verſchwin⸗ den. Auf's Gerathewohl habe ich mich gehen laſſen in die Velt, und die Reihe von Abenteuern, die mich bis hieher gebracht zu dieſem abgelegenen Winkel, verbürgt mir, daß es Gottes Wille ſey, vaß ich Dich rette!“—„Hochgelobter Gott!“ jammerte Eſther:„Welche ſpitzige Widerhaken wirfſt Du in meine Bruſt? Ben David entflohen? und ich dennoch ſein Kind? dennoch aus Iſrael? Bruder! ſey barmherzig, und ſage, daß Alles geweſen iſt Lüge und leerer Schaum.“— „So wahr ich lebe, und der Himmel gemacht iſt vom Herrn, ſo wahr iſt mein Mund;“ betheuerte Aſcher düſter und drin⸗ gend:„ich bin geſendet, ein Prophet zu der am Abgrund ſchwebenden Zion, die einſt Königin der Städte geweſen, und nun ſich herablaſſen will zur Magd der Edomiter! O höre auf meine Stimme, Eſther, höre ſie, damit Du nicht einſt bereuen mögeſt, was Du gethan. Laſſe ab von dem —— — Jüngling, der zu Rom hält. Laſſe ab von dem Gedanken, zu werden, wie er.— Tröſte Dich nicht mit dem Gedan⸗ ken, nicht Du, ſondern David, unſer Vater, müſſe verant⸗ worten die Lüge, die ſeine unendliche Liebe gewagt hat, auf die Gefahr, ſeine eigne Seligkeit zu verlieren. Aber der Herr, der hochgelobte Gott, ein ſtarker und eifriger Gott, züchtigt für die Sünden der Väter die Kinder bis in's tau⸗ ſendſte Glied. Unglück und Schande würde erwachſen aus Deiner ſündigen Ehe, Ungeheuer an Leib und Seele daraus hervorgehen, den Teufeln gleich, die Leviathan mit Lilis zeugte.“—„Halt ein, Aſcher,“ rief die Verzweifelnde. Der Schonungsloſe fuhr aber d dennoch fort:„Höre mich, verführte Tochter Salem's! Gib Dich nicht in Moloch's Ge⸗ walt. Du ſollſt ſeine Sclavin ſeyn. Warum wird er nicht ein Sohn Jakobs, wenn ſeine Liebe eifrig iſt? Warum ſollſt Du zu ſeiner Lehre ſchwören? Weil er Abrahams Saamen verachtet, weil er Dich ſündigen machen will, damit Du ſein und der Hölle ſeyſt auf immerdar. Denn Sünde iſt dieſer Tauſch,— glaube mir, dem Sündigen. Wer ſeinen angebornen Herrn untreu wird, ſeinem Gott; wie kann der ferner treu ſeyn im Haus, im Ehebett? wie kann ein ſolcher Treue verlangen? und wie wird einſt ſeine Sterbeſtunde ſeyn? O, glaube, glanbe an die Qualen des Abtrünnigen; ich habe ſie gefühlt, ich fühle ſie noch, und werde nur erſt dann ruhig werden, wenn ich gebüßt habe in einer Schult. O kehre um,“ ſetzte er wie in Verzweiflung hinzu:„Kehr um, da es noch Zeit iſt, und Du dieſer Buße nicht bedarfſ. Sieh mich an, wie mich der Herr geſchlagen hat: Wie meine Gebeine geſchwunden ſind, wie mein Leib zum Schatten ge⸗ 3 worden. Nicht Schlaf, nicht Ruhe kommt über mein Auge⸗ 129 nicht die Hoffnung in meine Bruſt, und dieſer Zuſtand muß ſich ändern, ſollte ich auch Jahre lang vor der Thüre einer Synagoge liegen, und mit meinem Rücken den Gläubigen zur Schwelle dienen.*) Aber ſelbſt dann würde ich nicht wieder ſeyn, wie zuvor, wenn ich Dich nicht gerettet; ver⸗ ſiechen würde ich im Jammer, wie auch verſiechen wird in Elend und Troſtloſigkeit David, unſer guter, allzu guter Va⸗ ter. Dir gehört dann ſein Tod; und mein letzter Seufzer wird ſeyn Dein Werk!“— „O ſchweige, ſchweige, grauſamer Bruder!“ ſchluchzte Eſther, troſtlos die Hände ringend,„Du greifſt fürchterlich mein Herz an, das doch nichts Böſes wollte, das doch nur glücklich zu ſeyn begehrte! Aber nicht Dein Tod, nicht der unſers Vaters komme über mich. Wie könnte ich die Freu⸗ den des Lebens finden, müßte ich mir vorwerfen, ſie ſeyen erkauft durch das Eure. Nimmermehr! Ich will ſeyn ſtark, ſtärker als mein Geſchlecht, ſtärker als der Mann ſelbſt, der nicht freiwillig abläßt von dem, was er liebt.“—„Dann ſegne Dich Jehovah!“ entgegnete Aſcher freudig:„O gehe mit mir, Schweſter, wiedergefundene Tochter Abrahams und Jalobs. Noch beſitze ich Geld und Gut, zu friſten unſere Tage. Komm, theile mein beſcheiden Lvos, tröſte mich in meiner Buße, in meiner Reue; halte bei mir aus, und der Herr wird uns wiederſchenken den Vater, deſſen Schmach und Elend gewißlich nur eine Folge iſt meiner Miſſethat.“— „Ein Lebewohl,— das Letzte, werde ich doch dem Freunde bringen dürfen?“—„Nein, nein!“ herrſchte Aſcher:„Fliehe die glatte Zunge aus Midian, fliehe den Mund, der Dich 1 Eine ehemalige Büßungsart der Juden. 130 bethörte. Ein Hauch der Schlange reicht hin, Dich und uns Alle zu verderben. Du mußt mir folgen! O, warum iſt die Nacht ſchon dunkel geworden? Warum leuchtet nicht die Sonne? Gleich müßteſt Du gehen mit mir. Aber morgen⸗ morgen, ſo wie es Tag wird, folge mir!“—„Du brichſt mein Herz und meine Gefühle, wie Binſen!“ rief Eſther ſchmerzlich:„Aber mag ich doch das Opfer ſeyn, daß der Herr nicht zürne, und daß es den Meinen wohl gehe auf der Erde!— Ich will mir denken, Er ſey mir untreu geworden⸗ während ich doch meineidig werde gegen ihn. Ich will mir denken, daß er in den Tagen, wo ich für ihn zitterte, ein Opfer der Vehme gefallen ſey; aber werden dieſe Gedanken mich beruhigen? Werden ſie nicht entſetzliche Geißeln und Stacheln ſeyn, um zu zerfleiſchen mein Inneres? Mein Bewußtſeyn erhalte mich aufrecht, und mein hochgelobter Gott, der mich geſchaffen. In ſeinem heiligen Namen,— Bruder— ich folge Dir!“ Sechstes Rapitel. Du biſt ein hartgeſottner Sünder! Schitler's Fiesko. Der arme Dagobert hatte nicht die kleinſte Ahnung von dem, was in ſeiner Abweſenheit vorgegangen war. Mit der Freude eines Liebenden, der auf ſein nahes Glück hofft, hatte er aus den Kaufläden der Stadt das Schönſte und Beſt 2 131 zuſammengeleſen, um ſeine Liebe damit zu zieren, und es vermag der Menſch keine größere Seligkeit zu fühlen als er, da er am folgenden Abend am Forſtgehege anlangte, und klopfenden Herzens ſich der Hütte näherte. Dort ſaß eine weibliche Geſtalt, harrend, nachdenkend, wie es ihm ſchien, und ihr ſchmuckloſes Gewand war wie Eſther's anzuſehen. Der Jüngling verdoppelte ſeine Schritte;— er flog der Theuern entgegen, und— ſie war es nicht, An ihrer Statt begrüßte Regina den Betroffenen, und bei ſeinem Anblick ſtiegen ihr Flammen auf die Stirne, Zähren in's Auge.—„Mein Gott!“ ſtammelte Dagobert:„mein gutes Fräulein! Ihr hier? Geneſen, aber allein? Was verkündet mir dieſe Stille? dieſe Bewegung in Eurem Antlitze? Wo iſt Eſt⸗ her?“—„Ich ſoll Euch ihr Lebewohl bringen;“ entgegnete Regina halblaut und ſchüchtern; aber dieſe Verlegenheit wurde zum Schreck, da ſie den jungen Mann faſt bewußt⸗ los hinfinken ſah. Kaum vermochte ſie alsdann ſeinen ſtür⸗ miſchen Fragen Genüge zu leiſten. Sie erzählte, ſo gut ihre eigne Erſchütterung es zuließ, wie ſie heute in aller Frühe zum Wald gekommen, um ſich des ſchönen Morgens zu freuen, da die Krankheit ſie ſo lange in der Kammer daheim gehal⸗ ten; wie Eſther ihr in Begleitung eines finſtern Mannes— aber ſonſt ohne Geleit, ſchon fern von dem Hüttenpfade be⸗ gegnet,— wie ſie beſtürzt das Mädchen angeredet habe und nach Dagobert gefragt.„O mein holdes Fräulein,“ hatte Eſiher geſprochen:„„ſagt ihm, der heute vergebens ſich die⸗ ſer Stätte nahen wird,— ſagt ihm mein letztes herzliches Lebewohl. Sagt ihm, daß Ben David uns wohlmeinend Retäuſcht, daß mein Bruder mich errettet aus der Sünde, in die ich unſchuldig faſt gerathen e ich meinen 8 132 Gott nicht verläugnen darf, aber ewig ihn⸗mein Heiligenbild, im Buſen tragen werdez.. daß er mich beklage, ſich aber dennoch meines Sieges freuen möge, und. ſetzte Regina verſchämt hinzu; in der Liebe einer Andern, Beſſern, glücklich ſey.““— Keine Schilderung von Dagobert's Gefühlen. Nach lan⸗ gem Kampfe ſich mühſam erhebend, ſeufzte er:„Nun dann! ſo iſt er vorbei, der ſchöne Traum, der mich beglückte. So iſt es dahin, was ich in meinen Nächten geſonnen, warum ich im Sonnenlichte gekämpft, wonach ich geſtrebt mit allem Feuer meiner Jugend. Der Aberglaube, eines Bruders finſtre Glaubenswuth reißt Alles zuſammen, was ich, dem Verhängniß zum Trotz, erbaute; den Tempel meines Glück In Gottes Namen alſo. Das Unheil ſoll auch ſeinen Mam an mir finden; aber, daß ſich alſo löste, was ſo eng ver⸗ bunden wurde, daß die holde Feſſel ſo ſchnöde geſprun⸗ gen;.. das thut mir weh, und darum wird dieſe Wunde nimmer vernarben. O, welche Menſchen! Mein Vertrauen alſo zu täuſchen! Ben David lügt mir ein Glück, das ich kaum ahnte,... ſein Sohn entreißt es mir, und Eſther reißt ſich kalt von allen Banden los, die ſie an mich ſchlo— ſen: Wehe mir!—„Ach, mein guter, trauriger Junker!“ ſprach Regina tröſtend und legte ihre Hand auf die Seine, und heftete ihren Taubenblick auf ſein düſtres Auge:„wer ſagt denn, daß ſie kaltſinnig ſchied, deren Flucht Euch be⸗ kümmert? Heiße Thränen weinte ſie, und darum... ich will Euch geſtehen, daß ich ſie vorher nicht liebte... darum aber gewann ſie meine Theilnahme im Augenblick der Trer⸗ nung.“—„Wenn Ihr ſie gekannt hättet!“ klagte der Jüng⸗ ling:„Tugendhaft und rein war ſie, wie Ihr, mein Fräl⸗ lein. Eine ſeltne Blume in dem Kranz der Frauen, di Einzige in den Reihen ihres Volks, das geadelt wurde durch ihren Beſitz. O, dieſe Hütte hier! eine Kapelle ſollte man auf ihrer Stätte bauen, weil die Liebliche durch kurze, all⸗ zukurze Friſt hier verweilte.“—„Ihr ſprecht ja nicht wie ein Chriſt!“ ſagte Regina mit lächelndem Vorwurf:„ich ſollte böſe auf Euch werden, wenn ich nicht die Vertraute Eurer Liebe geworden wäre. Ach, mein Antheil an ihr iſt mir ſchlimm bekommen. Der garſtige Ammon hat heute der Mutter Alles auf's Kleinſte berichtet, denn er fürchtete die Folgen; und Mütterlein hat mich geſcholten und geſagt, es zieme ſich für ein Edelfräulein nimmer, um ſolche Abenteuer zu wiſſen, und ſie werde mir verbieten, je den Wald wieder zu beſuchen. Dennoch bin ich ihrer Wachſamkeit entgangen, denn Ihr mußtet ja erfahren, wie Alles kam, und ich wäre geſtorben, hätte ich Euch in Ungewißheit laſſen müſſen.“— „Nehmt Ihr Theil an mir, holde Dirne?“ fragte Dagobert weich und dankbar.— Regina wurde roth, entzog ihm ihre Hand, und ſagte ausweichend:„Wenigſtens wollte ich's gern aitragen, daß mein Mütterlein mich ſchmält, könnte ich Euern Schmerz nur wenden. Ich liebe traurige Geſichter nicht. Seh' ich jedoch Euch in Gram verſunken, ſo möchte ich flugs mit Euch weinen, ob es vielleicht Euern Kummer lindern nöchte.“—„Lindern? gewiß!“ rief Dagobert:„Die Thrä⸗ nen der Unſchuld, die des allerreinſten Gefühls ſind Lebens⸗ balſam für den Trauernden. Ja, mein wunderholdes Mägd⸗ lein! die Zuverſicht,. das gläubige Vertrauen auf eine belle Zukunft, dieſe heilige Schrift, die in Euern Augen zu leſen iſt, klar und deutlich wie das Licht der Sonne,. ſe gibt mir Troſt, und Muth zu leben,... muß ich auch alein auf meiner Bahn zu Ende wandeln.“—„Allein?“ fragte Regina neugierig:„wie meint Ihr das?“—„Ich werde nimmer um eine Jungfrau minnen;“ verſetzte Dago⸗ bert:„einſam bleiben, und allein, keinen Heerd mir bauen, keine Hütte, ſondern flüchtig ſeyn und unſtät.“ „Um Gottes willen nicht!“ rief Regine:„Nur das, ehr⸗ ſamer Junker, das thut nicht. Viel hundertmale hörte ich meine Mutter ſagen, ein Hageſtolz hätte nicht Freude und nicht wahre Luſt am Leben, er beſäße nicht einmal ein Herz für ſeinen Hund; und ich will's glauben, lieber Herr. Da iſt der Vetter Schwarzbach, und der Ohm von Miltenberg, vor denen mir ſchon bang wird, wenn ſie unſer Haus bl⸗ treten. Da geht's Treppe auf, Treppe ab, mit beſchmutzten Stiefeln und ungekämmten Bärten, mit Halloh und Haſſah durch Feld und Wald, und nur dem Becher wird ein freund⸗ lich Geſicht gemacht, und Frauen hingegen beſtändig ein ſcheeles. Zu ſolchem Leben ſeyd Ihr nicht gemacht, guter Herr. Ihr ſeyd ſo freundlich, und wart ſo froh, daß es Schade wäre, wenn Euch einer Jüdin Verluſt zum Trübſinn brächte.“—„Anmuthige Regina!“ erwiederte Dagobert: „wollte der Himmel, die Sachen ſtünden noch wie am ver⸗ wichnen Oſtertage. Damals glaubte ich mich noch frei, und Euer Liebreiz nur allein hätte mir eine Feſſel anlegen kön⸗ nen.“—„Ach nicht doch!“ kicherte das Edelfräulein ver⸗ neinend, und hielt die Hände vor das geſchämige Antlitz⸗ Indem trat, von Ammon begleitet, die Frau von Dürningen an den Eingang des Geheges.„Regina!“ rief ſie ernſt⸗ und Dagobert eilte, das erſchrockene Mädchen zu der Mutter l führen.—„Ich danke Euch Eure Gegenwart nicht, Junker;“ ſagte die Edelfrau,„da ich nun— zu ſpät nur— dut Ammon erfahren habe, was mir meiner Tochter Mu verſchwieg. Ihr habt unedel genug die Eitelkeit meiner Tochter mißbraucht, um einer Dirne von ſchlechtem Herkom⸗ men und ungewiſſem Leumund eine Zuflucht auf meinem Boden zu gewinnen; und Ihr verſucht's vielleicht, jetzt noch die Leichtgläubigkeit der unerfahrnen Jungfrau zu verführen, da Eures Herzens Lieb Euch untreu geworden. Ich bin ein Weib, und kann, ohne männlichen Schutz, mit dem Manne nicht rechten, wie ſich's gebührte. Thut mir jedoch die Liebe, ſo ſchnell als möglich mein Eigenthum zu meiden.“—„Euer Mißtrauen, geſtrenge Frau, betrübt mich;“ antwortete Da⸗ gobert gelaſſen:„ich weiche jedoch gerne aus Eurem Eigen⸗ thume, in welchem ich das meines Herzens verlor, um Eurer fleckenloſen Tochter ferner keinen Kummer zu verurſachen. Habt Dank, Fräulein, für das, was Ihr an Eſther und mir gethan, und belehrt, überzeugt Eure Mutter eines Beſſern, damit ſie nicht aufhöre, mich zu achten, wie einen Ehren⸗ mann.“— Schweigend verneigte er ſich und verſchwand.— Seinen guälenden Gefühlen konnt' er jedoch nicht entgehen, wie den ſtrafenden Blicken der argwöhniſchen Mutter. Viele Male hielt er auf ſeiner Straße inne, und überlegte bei ſich ſelbſt, ob er zurück gen Frankfurt kehren ſolle,— ob er es verſuchen wolle, Eſthers Spur zu finden. Gegen dieſen letzten, von keinem Hülfsmittel unterſtützten Verſuch ſträubte ſich ſein Stolz.„Ward ihr's ſo leicht, von dir zu ſcheiden ohne Frage, ohne Wahl und Lebewohl,“ ſagte dieſer,„ſo laß ſie. Sie hat deine Liebe nicht verſtanden, oder war ih⸗ rer nicht würdig.“— Und dennoch flüſterte ſein Herz im nächſten Augenblicke:„Ach, freilich hat ſie dich verſtanden, ſo wie auch du ihre Liebe, die heilige, tadelreine verſtehſt. Freilich war ſie deiner würdig, und auch in der Ferne wird 136 ſie's bleiben.“ Und hierauf dachte er an das Vaterhaus, an den Vater, der ihm wieder lieb geworden, an die reuige Mutter, an den kleinen Hans, und den biedern gelehrten Johannes, und er fühlte, daß außer der Liebe noch das Le⸗ ben Anſprüche an ihn, und Pflichten für ihn habe, und daß daheim nur das heilende Kräutlein— vielleicht auch nur— wachſen möchte, ſeiner Seele Wunden zu ſänftigen. Gegen alle Weltgegenden breitete er daher ſeine Arme aus, als wollte er die Verlorne damit an ſein Herz zichen, und wäre ſie am äußerſten Ende der Welt. Ihren Namen rief er laut uud oft in die Luft hinaus und himmelan; dann waffnete er ſich mit neuem Muthe, und wandte ſich nach der Vaterſtadt,.. nicht ein Vergeſſender, ſondern ein in ſeines Herzens Muth und zuverſichtlicher Kraft Getröſteter. Er hatte kaum den Scheideweg verlaſſen, der ihm die Straße frei ließ nach Friedberg und weiter in's Land, oder nach dem Mainſtrome, als eine leiſe Stimme, hinter einem Haſelbuſche hertönend, fragte:„Aber Veit! warum ſendeſt Du dem Schurken nicht einen Pfoſten nach— oder in Er⸗ manglung— einen guten derben Stein?“ „Ei, laß mich doch, Leuenberg,“ antwortete der Horn⸗ berger; denn die beiden Ehrenmänner waren's, die hinter dem Buſche lagen:„ich bin noch müde, wie ein kolleriges Pferd, das ſeinen Meiſter gefunden hat. Der ſcharfe Ritt ſchon hatte mich angeſtrengt, und Du, guter Geſelle, warſt in eine verdammt ſchlechte Sippſchaft gerathen, deren Arme nicht von Wachs geweſen ſind. Sag' mir doch, wie kamſ Du unter das Gelichter?“ „s hat weiter kein Bedeuten,“ entgegnete Leuenberg⸗ „und mein wunder Schädel ſchmerzt mich dermaßen, daß i6 13 nicht viel reden mag. Seit ich von Neufalkenſtein wegging, hat mich tauſend Noth verfolgt. Wie hab'ich's bereut, daß ich dem ängſtlichen Doring folgte, der von der Burg aus⸗ riß, als hätten ihn ſchon die Häſcher der Stadt bei'm Helm⸗ kragen. Der Taugenichts ging ſeine Wege, ich die meinigen. Auf der Gelnhauſer Burg hatte ich nichts zu leiſten, nichts zu thun, und ſchlug mich hieher, wo ich auf den Anſtand herumlungerte, ohne ein glücklicher Schütze zu ſeyn. Ein Paar arme Bauern, nicht der Mühe werth, ſie zu durch⸗ ſuchen,— das war Alles, was die Heerſtraße bot. Doch halt! bald hätt' ich's vergeſſen: einen Schelm bot ſie auch: den rothen Juden Zodick, oder wie der Teufelskopf in der. Taufe genannt wurde.“—„Ho!“ fiel der Hornberger ein: wie ſchön! Friedrich, mein Pathchen! Was treibt der hier herum?““—„Der Gauner ſtiehlt auf eigne Fauſt, zu Fuß zwar, wie ein rechter Dieb,“ verſetzte Leuenberg,„allein dem hebräiſchen Hund war das Gewerbe im ſtillen Buſche weit günſtiger, als mir außer dem Feld und Holz. Geſtern hat er einen Reiſenden geplündert, und heute den Plunder zum Verkaufe getragen. Hier wollt' er ſich einfinden, ſagt' er. Ich ſchlenderte indeſſen zu Gaule hin und her, bis der verdammte Wechsler daher fuhr, in deſſen Gefolge ich eben ſo wenig naſſauiſche Reitersknechte vermuthet hätte, als den Tod, und den ich alſo blind und thöricht angriff. Wie mir's erging, weißt Du ſo gut wie ich, denn ohne Dein Hinzu⸗ klommen wäre ich jetzt ſteif und ſtarr. Hab' Dank, daß Du nich hieher geſchleppt haſt; ich wollte gerne meine Wunde verſchmerzen, wenn ich meinen guten Klepper, den die Hunde niederſtießen, wieder lebendig machen könnte, oder wenigſtens das Blut jenes breitmäuligen Junkers geſehen hätte, der 138 Deiner Trägheit verdankt, daß ihm ſein erbärmliches Leben geblieben iſt. Oder war's etwa eine gewiſſe Aengſtlichkeit, die Dich zurückhielt? Willſt Du Reu und Leid machen? und hat Dich das, was Du in Frankfurt ſahſt, auf ernſthaftere Gedanken gebracht?“—„Möglich wär's ſchon geweſen, vei'm Donner!“ hieß des Hornberger's Antwort:„Dich hätt' ich an meiner Stelle ſehen wollen. Ich ritt ganz ruhig und verkappt in die Stadt ein, und kaufte mir die Dolchtlinge hier. Da nun die Gaſſen wimmelten von neugierigen Leu⸗ ten und Alles ſich dem Bockenheimer Thore zuwälzte, konnte ich mich nicht enthalten, nach der Urſache zu fragen.„„Der verdammte Räuber, der alte Bechtram von Vilbel, wird ge⸗ richtet;““ gab mir der Krämer zur Antwort, und ich hätte ihm dafür die Rippen durchbohren mögen. Aber, ſo entſetzt ich auch war, von der Kunde, den, den ich wo möglich zu befreien gekommen war, auf dem Wege zum Tode zu finden,... dabei mußte ich ſeyn und es mit anſehen, koſtete es mir auch ſelbſt den Hals. O, welch bedauerlich Schauſpiel, Freund Leuenberg! Du hätteſt ſehen müſſen, wie unſer wackrer al⸗ ter Ritter daherſchritt in den Stricken der Soldknechte, die er einſt angeführt hatte. Donner und Strahl! ſo weh mir dieſer Anblick that, ſo war ich dennoch hoch entzückt, zu ſehen, wie er noch den alten Trotz und die ritterliche Würde auf ſeiner Stirne feſthielt, vor welcher die Krämerlümmel die Augen niederſchlagen mußten. Und ſo blieb er auch bis zum Ziele. Vor dem Thore auf dem Anger war ein ſchwar⸗ zes Tuch ausgebreitet, und auf demſelben ließ man den alten Mann niederknien wie einen Verbrecher. Ich hätte ein Gewitter ſeyn mögen, um über die abſcheulichen Raths⸗ ſchnauzen herzufallen, die ſo ſteif und hölzern dem Bechtran das Urtheil wieder vorlaſen, als ob ſie im Recht ſäßen, und der von Vilbel im Unrecht. Und dennoch hatte er die Ge⸗ fangenen losgegeben, und folglich ward ihm von treubrüchi⸗ gen Hunden das Leben abgeſprochen. Mit dieſem letztern war's auch bald vorbei. Ein Rottmeiſter brachte ein Tuch heran, um dem Sterbenden die Augen zu verbinden,.. aber tauſend Hagelwetter! der Bube kannte unſern Alten nicht, welcher das Tuch verweigerte und die Augen muthig offen hielt, unterm Schwert des Henkers, das ſchon blitzte, und nach welchem die in unzähliger Menge verſammelten Reichsſtädter ſchielten, wie abgeſtandene Fiſche, denn das Geſindel fürchtet ſogar die Klinge, die es ſelbſt in Handen führt. Da muß aber noch mein Unſtern wollen, daß, wäh⸗ rend ich alſo in Zuſchauen und grimmiger verhaltner Wuth verſunken, auf meinem Gaule hielt, und hervorragte über den Pöbel an der Erde,. daß Bechtram das Auge zu mir empor hob, und trotz meines falſchen Bartes mich er⸗ kannte. Umwillig rief er aus, mir winkend:„„Hoho! Hornberger! Du hier, und ich muß ſterben? Hilf!“— Im ſelben Nu fiel ſein Kopf, aber alle andere Köpfe dreh⸗ ten ſich nach mir, der ich meinem Gaule wüthend die Sporen gab, um mich aus dem Strudel zu arbeiten, der um mich ber ſummte, wie ein Schwarm wilder Bienen, und mir kein beſſeres Schickſal verhieß, blieb ich in ſeiner Mitte hängen. „„Halt auf! halt auf!““ ſchrie es um mich her, und manche kecke Fauſt griff zu nach meinem Zügel; ich aber, nicht faul, hieb mit der Peitſche um mich her wie ein toller Mann, und habe manchen Spießbürger gezeichnet, daß er ewig an den wilden Hornberger denken wird. Reiter hinter mir drein... Steine durch die Luft... und ich voran 140 wie eine Windsbraut, und narrte ſie hinter mir her bis an die Warte. Dann ſtreckte ich dem Lumpenpack die Zunge heraus, und ritt gemächlicher durch Feld und Flur und Saat⸗ bis ich in Deine Händel fiel. Aber geſchworen hab' ich's, beute wenigſtens keiner Chriſtenſeele ein Leid zu thun, weil mich des armen Bechtram's Tod doch ſehr beſtürzt gemacht, und deßhalb ließ ich den Fant ziehen, den Du nicht leiden kannſt.“—„Hol' ihn der Teufel, und nicht minder den Juden, der ſeines Vaters Bruſt verfehlte!“ brummte Veit von Leuenberg grollend:„Daß ich mich nicht rühren konnte! Ich hätte den Buben kalt gemacht, wie ſeine Landsleute an Bechtram thaten, der übrigens auch noch lebte, wenn auf Neufalkenſtein mein Rath befolgt und der ſaubre Neffe ge⸗ hangen worden wäre.“—„Pah!“ erwiederte der Horn⸗ berg:„hört man Dich allein, ſo haſt Du zu Allem das Beſte gerathen, und von Allem das Beſte gethan. Geht man auf den Grund, iſt wenig dahinter. Ich denke, die meiſten Leute leben noch, denen Du den Tod geſchworen— Kei⸗ nen Schimpf!“ drohte Veit, ſich mühſam auf den Ellbogen ſtützend:„gerade hier bin ich dem Platze nahe, wo ich zum Erſtenmale einen Menſchen auslöſchte. Es war mein Probe⸗ ſtück, auf einem Wildgange, der mich durch den ganzen Forſt geführt hatte. Bei der Futterhütte des Waldes ſah ich einen Mann ſtehen, einen Edelmann, nach Kleid und Wehr zu halten; er zählte ſeine Rehe, und mir wäſſerte in dem Ver⸗ ſteck der Mund, daß mir's jetzo ſo leicht ſeyn würde, ein Wild aus dieſem gedrängten Haufen herauszuſchießen; daß mir aber nicht geſtattet ſey, das Geſchoſſene zu holen.— Ich ergrimmte bei dieſen Gedanken und dachte: wie wärs denn, Veit, wenn Du den breitſchulterigen Mann holteſt⸗ 141 der wie ein frohlockender Geizhals ſeinen Reichthum über⸗ zählt, von dem dir nichts gehört? Der Gedanke war auch ſogleich die That, und wie hingeblaſen ſaß der Pfeil der Armbruſt dem Menſchen in der Gurgel. Ich auf und davon, ſah ihn von ferne noch taumeln, ſtürzen, und kam ſelber glücklich davon. Hinterher erfuhr ich, daß ich den Herrn von Dürning erſchoſſen.“—„Ei, das iſt ja eine gräßliche That, ein Jugendſtreich, wie es wenige gibt;“ verſetzte der Hornberg:„aber Dir ähnlich, Leuenberg. Einen wehrloſen Mann aus dem Buſche zu treffen, oder einen friedlichen Pfarrherrn vom Kirchwege in's Grab zu legen, das iſt Deine Sache.“—„Schweig mit dem Spotte!“ eiferte Leuenberg wild werdend:„Ein Jeder treibt's nach ſeiner Luſt und Freude. Dieſer in geräuſchloſer Nacht, jener in Rauferei und offnem Streit. Da kömmt aber Einer, dem das wahre Mordhandwerk noch keiner jemals beſſer nachäfft, als er's treibt.“— Der getaufte Jude Zodick ſchlich ſich eben auf Kreis⸗ und Schneckengängen aus dem Gehölze daher. Sein Rücken war ohne Laſt, ſein Ausſehen verrieth indeſſen weni⸗ ger den glücklichen Vertrödler geraubter Sachen, als viel⸗ mehr den zornigen erbitterten Böſewicht. Vorſichtig und wie ein Falke blinzelte er hinter jeden Strauch, und trat, nachdem er ſich überzeugt, vaß es rings umher ſtill gewor⸗ den, mit zuthulicher Frechheit zu den Junkern, vie ihn ſtarr anſahen, aber ſeinen Gruß kaum erwiederten.„Bringſt Du Geld?“ fragte der Leuenberg:„heraus damit, ohne Wider⸗ rede und Umſtände. Du ſiehſt, Jude, daß ich Hülfe in die⸗ ſem Manne erhalten habe. Weigre Dich demnach nicht ferner.“—„Euer Knecht, Herr von Hornberg;“ verſetzte der Jude flüchtig:„wie ſeyd Ihr gekommen in die Wildniß, die da beherbergt zwei von Euern beſten Bekannten?“—„Um Dich zu ſeh'n, mein Taufſohn!“ grinste der Hornberger dem Buben zu: WVie ſteht's mit Dir, Burſche?“—„Gut, Herr;“ entgegnete Zodick boshaft lächelnd:„ich habe den Fehdebrief geſchrieben der ganzen Welt, meine Freunde, die edeln Her⸗ ren hier, ausgenommen. Ich hatte gebaut ſo ſchön mein Haus, und die trumme Schlange hat's eingeſchlagen. Zu Frankfurt verlangen ſie meinen Kopf, und das Vehmgeding hat mich geladen vor ſeinen Stuhl. Was thue ich aber mit der Ladung? Damit ich nicht erſt zurückgehen muß, bleibe ich ganz weg.“—„Das Beſte;“ meinte Hornberg lächelnd: „wie bringſt Du Dich jetzt durch?“—„Ich nehme, was mir überlaſſen die adeligen Herren;“ antwortete Zodick ſchnell: „und muß obendrein ſtehlen für den Mann, der mir noch ſchuldig iſt fünf Pfund Heller für ein Menſchenleben.“— „Verdammte Brut!“ fuhr Leuenberg wüthend auf:„Die fünf Pfund, die Du erhielteſt, waren noch viel zu viel für Deine Ungeſchicklichkeit.“—„Ungeſchicklichkeit?“ ſpöttelte der Jude:„ſo man mir zahlt halb, morde ich auch nur halb, und halb hatte der Alte ſeinen Reſt, was man nicht läugnen tann. Was ſollen mich im Uebrigen kümmern Eure Händel⸗ Herr, da Ihr Euch nicht umſeht um die meinigen? Der arme Friedrich muß Alles ausfechten mit ſeiner eignen Hand⸗ und kein Menſch ſteht ihm bei.“ „Elender Jude!“ murrte der Leuenberg.— Der Horn⸗ verger erwiederte jedoch halb ernſt, halb ſcherzhaft:„Ei bei leibe, Bruder Veit! Ich bin Friedrichs Taufgevatter und behaupte gegen Jeden ſein Chriſtenthum. Heiße ihn den ſchlechteſten VLurſchen im römiſchen Reiche, nur keinen Juden“ Wär' ich doch geblieben ein Jude!“ lachte „— bewonnene Habe zu Dürning,“ antwortete der Jude:„und 143 Zodick höhniſch:„die heimliche Acht hätte mich dann wohl in Ruhe gelaſſen. Wär' ich doch geblieben ein Sohn Ja⸗ lobs, ſo wäre doch vielleicht Eſther geworden mein, und Alles nicht geſchehen, was ſich begeben hat. Wär' ich doch geweſen ein vorſichtiger Menſch, ich hätte gewittert, daß das ganze Neſt in meiner Nähe war!— Dummer, dummer Zodick!“— Er ſchlug ſich bei dieſen Worten einigemal tüch⸗ tig vor die Stirne, und die edlen Herrn wollten ſich, trotz Wunden und Müdigkeit, ausſchütten vor Lachen.—„Der Hund iſt verrückt geworden!“ meinte Leuenberg.—„Gottes Wunder und Zeichen!“ verſetzte Zodick mit verzerrtem Ge⸗ ſicht:„Verrückt und miſchukke vor Zorn und wüthiger Sehn⸗ ſucht. Ich ſoll theilen mit Euch mein erworbenes Geld... und Ihr haltet nicht einmal meine Feinde auf, die an Euch müſſen ſeyn vorübergezogen! Das ganze Geſchlecht, das ich verfluchte in's tauſendſte Glied iſt geweſen hier... aber mein Fluch hat es wieder zerſtreut in alle Welt. Hätt' ich doch gewußt, daß der Goi, den ich geſtern geplündert habe, kein Goi geweſen! daß er gehörte zu der Sippſchaft, die ich haſſe wie den Tod; ich hätte nicht geraſtet, nicht geruht, bis er hätte verſeufzet ſeinen Athem unter meiner Fauſt!“— „So rede doch vernünftig; ſag an, was haſt Du denn?“ fragte der Hornberger heftig, und Zodick er⸗ zählte von der Forſthütte, von Eſther, Ben David und dem Bruder aus der Fremde.—„Dummer Bube!“ maulte Hornberg:„uns das nicht früher wiſſen zu laſſen! Eine ſchmucke Dirne wäre mir lieb, wenn gleich nur eine Jüdin. Vir hätten ſie aus dem Bette geſtohlen.“—„Wie erfuhrſt denn Du?“ fragte Leuenberg.„Ich kam zu vertrödeln meine dem Geſindel im Hofe erzählte der alte Ammon, der Forſi⸗ wart, die ganze Begebenheit. Der Schurke werde krumm, lahm und taub, weil er mir geſtern hat abgewehrt⸗ und heut von den Dingen erzählt, die ſchon vorbei waren. Noch dachte ich zu erwiſchen den jungen Froſch, und ihm zu wer⸗ fen einen Stein zwiſchen die Füße, aber auch dieſen entzog mir der Fürſt der Finſterniß. Verdammt und vermaledeit; und ich ruhe doch eher nicht, bis ich mich blutig gerächt habe an dem Wicht ohne Bart.“—„Traun; ich möchte wiſſen, welcher von uns ſich über den Fant nicht zu bekla⸗ gen hätte?“ fragte Veit von Leuenberg ungeſtüm:„Hat er mir nicht Schimpf und Schmach angethan zu Neufalkenſtein? Hat er nicht die Freilaſſung der gefangenen Hunde ertrotzt⸗ und dadurch dem Henker das Zeichen gegeben, unſern Bechtram abzuthun.“—„Ja wahrhaftig, bei meinem Cive!“ fügte Hornberg, wild drohend, hinzu:„Soll mich doch tauſend Ewigkeiten hindurch der Teufel mit Pech und Feuer laben, wenn ich die Hinterliſt dem Buben nicht vel⸗ gelte.“—„Und ihm allein gebührt nicht Vergeltung!“ eiferte Leuenberg, ſich erhebend:„die ganze Sippſchaft iſ mir zuwider wie Opperment und Krötengift. Der alte, ſchäbige, ſchmutzige Filz; die nichtswürdige Grete, die all adlich Blut verläugnet hat, um zu dem Spießbürger zu tehren; der kleine Wechſelbalg ſogar, der Hans, der, bei Gott, nichts Anders iſt, als ein Baſtard von Mutter und Sohn, und endlich vor Allem der Abſchaum von Nieder⸗ trächtigkeit; Wallrade, an die ich, mooſiger Burſche, mich noch vergaffen mußte, Dank ſey es ihren Teufelskünſten⸗ und die alsdann mich ſelbſt anklagte, ich hätte ihr und del Pfaffen durchgeholfen; dem verdammten Pfaffen, der un verrieth. Ich hätte meinen Hals hergeben dürfen, hätte mich nicht mein holdſeliges Schweſterlein mit ihren Kleinodien ausgelöst. Wenn ich den Streich der ſpitzbübiſchen Schlange je vergeſſe, ſo will ich ſchon jetzt um Haut und Haar ſeyn.“— „Wie gewonnen, ſo zerronnen,“ ſpottete Hornberg:„Mit Deiner Schweſter war's eine verworrene Geſchichte. Sie hatte ſich aus ihres Mannes Haus geflüchtet, und in Deinen Arm geworfen, wie Du uns zum mindeſten geſagt. Und dennoch geberdete ſie ſich untröſtlich, und dennoch ging ſie freiwillig zurück?“—„Laß die verdrießlichen Tage dahin⸗ ten!“ ſiel Veit ein, dem dieſe Fragen unangenehm wurden: „ich wollte nur ſagen, daß ich haſſe, was Froſch heißt, meine eigne Schweſter nicht ausgenommen;“ und ein Feſt ſollte es für mich ſeyn, die ganze Brut auf einem Holzſtoße ſich verzappeln zu ſehen, mindeſtens durch einen Dolch nieder⸗ geworfen. Ein Kinderſpiel für einen Blutzapfer, wie der, der hier vor uns ſitzt, wäre er nicht ſo erbärmlich ungeſchickt geworden, daß das morſche Leben eines Weißkopfs noch einen ſtichfeſten Panzer gegen ſeinen Stachel angibt.“— Zodick, der bis jetzt, halb dem Geſpräche zuhörend, halb in ſich hinein brütend, auf einem Steine geſeſſen hatte, die Hände auf den Knien, und das teufliſch lauernde Geſicht vorgebeugt wie ein tief nachſinnender Mann, richtete ſich bei dieſen Vorten raſch auf und ſagte:„Ihr habt gut reden von Un⸗ geſchick, edler Herr. Doch das Gedibber allein führt nicht zum Zweck. Verſucht's einmal ſelbſt, oder beſſer, folgt dem Rath, den ich Euch gebe. Es kommt mir bald vor wie Schofel und Jammer, wenn man ſein Meſſer zuckt auf einen Einzigen, der doch nur ein Sandkorn iſt in der Welt. Das thut auch nur ein verworfener Jude um ein Paar Groſchen 10 146 willen, oder ein Paar Lumpen, Handel damit zu treiben. Für edle Herren wie Ihr, iſt's ſchöner und muthiger und frecher, zu ſchneiden hinweg ganze Geſchlechter, wie die Si⸗ chel auf dem Felde die Garben. Ich bin ein Hund gegen Euch. Ihr ſagt's, und ich will mich hüten, anders zu den⸗ ken. Aber der Hund hat jetzt gleich Schickſal mit dem Herrn. Einer iſt vogelfrei, wie der Andre. Laßt uns darum erklä⸗ ren Allen den Krieg, weil Alle ihn führen gegen uns. Der alte Froſch ſterbe nicht allein, aber mit ihm ſein Haus, und mit dieſem ganz Frankfurt, und Verderben ſey über ſeinen Bürgern und ihrem Geſchlecht.“— Die beiden Män⸗ ner ſahen den Juden ſtaunend an, und Hornberger ſagte endlich:„Bei'm Stern und bei'm Kreuz und beim Hammer! Kerl! Du faſelſt, oder Du haſt da einen Streich ausgeſonnen, wie ihn die Welt noch nicht gekannt hat, und wie er ſelbſt in meinem friſchen, kecken Hirn ſich nicht gefunden hatte.“— „Diether und all' die Seinen? ganz Frankfurt ſammt ſeinen Männern, Weibern und Kindern?“ fragte Leuenberg neugierig, und die Begierde nach Mord, Brand und Beute leuchtete aus ſeinen aufflammenden Augen:„Rede, Jude! rede! zögre nicht.“— „Die Wildniß hat Ohren wie der Hund,“ meinte Zodick: in einſamer Kammer ſpricht ſich's beſſer von ſolchen Dingen. Zudem iſt's ſchon dunkel geworden, und kühl weht die Nacht⸗ luft.“—„Ich ſpür's wohl an meines Schädels Verletzung;“ erwiederte Leuenberg, ſchmerzhaft nach der Wunde greifend; „aber ich weiß hier nirgends in der Runde ein ſich'res Wirths⸗ haus für uns.“—„s wird wohl am beſten ſeyn, die Nacht unter'm Mantel zuzubringen,“ ſetzte Hornberg bei:„der Teufel traue in dieſen erſten Tagen nach Bechtram's Hintrit dem Frieden!“—„Ei, nicht doch;“ ſchmunzelte Zodick: „als Ihr kommen wollt mit mir, will ich Euch führen, wo Euch niemand ſucht, und im Fall des Suchens, niemand fin⸗ det. Ein prächtig Haus, und ſicher wie im Schvoße Abra⸗ hams, ſoll mir Gott helfen.“—„Nun, ſo hol der Schwarze das harte Lager hier und die Abendluft;“ rief Leuenberg, und machte ſich auf die Beine.„Vordem ſchlief ich, that's Noth, unter meinem treuen Gaule. Der iſt nun dahin,— entſchlafen wie die einäugige Muhme. Gott tröſte ſie beide, und beſcheere uns ein Strohlager und einen wärmenden Trunk. Sollen wir aber dem Hundsjuden da ſo unbedingt trauen? ſetzte er zu Hornberg gewendet hinzu.“—„Warum nicht?“ lachte dieſer mit gewohnter Rohheit:„s wär' ſein eigner Schade. Denn mein Meſſer ſchlitzt ihm den Bauch auf, ehe ein Verräther uns ergreift.“—„Gott ſoll hüten!“ entgegnete höhniſch der Jude:„Hab' ich doch meinen Leib zu lieb, und meine Herren und Freunde. Wandert herzhaft mit mir: ich kenne auch hier die Schliche, und unſere Leute ſind überall!“ 148 Siebentes Rapitel. Schnell iſt der Pfeil, ſchneller die Rache, am ſchnellſten die Reue. Perſ. Sittenſpruch. „Du kommſt allein, mein Sohn?“ fragte Diether ſtau⸗ nend und freundlich zugleich, als Dagobert zu ihm herein⸗ trat in's Gemach, wo er mit Frau Margarethen in völliger Eintracht ſaß, den kleinen Hans auf ſeinen Knicen. Dago⸗ bert bejahte ſtumm, reichte ſeinen Eltern die Hände, warf einen prüfenden Blick auf Margarethen, und küßte den Kna⸗ ben.—„Sieh,“ begann Diether wieder milde und liebe⸗ voll:„ſieh, das freut mich; ich läugne es nicht. Es iſt erfüllt worden, warum ich Gott in meinen letzten Nächten gebeten habe. Du haſt muthig eine unziemliche Leidenſchaft vekämpft, deren Gegenſtand nur als unſre Tochter aufge⸗ nommen worden wäre, um Dir einen Beweis unſrer außer⸗ ordentlichen Liebe zu geben, nicht aus Neigung unſers Herzens, da wir in der Jüdin, ſelbſt wenn ſie die Taufe empfangen, nur die nicht mit Rechten unſerm Kreiſe Angehörige ſehen können.“ „Ja,“ ſetzte Margarethe bei, die ihr Auge vor dem for⸗ ſchenden Dagobert's niedergeſchlagen hatte, nun es aber mit freundlicher Klarheit zu ihm erhob;„beſter Sohn; obgleich ich Euer Glück von ganzer Seele wünſche, ſo iſt mir's, wie meinem Herrn genehm, daß Ihr der hebräiſchen Magd entſagt habt. Mit unſerm Verlangen ſtimmt es überein. Was mein Herr noch ferner auf dem Herzen trägt, überlaſſe ich ihm ſelbſt, zu erklären gegen Euch.“—„Was ferner, mein Vater?“ fragte Dagobert ſanft.—„Deine Stimme gibt mir Muth;“ erwiederte Diether:„es möge Dir nicht grau⸗ ſame Willkühr ſcheinen, was ich von Dir jetzt fordre. Lege es auf Rechnung meines durch manchen Fehl betrübten Her⸗ zens, das recht innig und aufrichtig Friede ſchließen möchte mit dem Himmel. Deiner Mutter Gelübde,. Sohn,.. laß mich nicht vollenden. Der Eid, den ſie gethan, iſt nicht gelöſet, denn des Papſtes Brief verliert die Kraft, ſo⸗ bald er nicht mehr das Recht beſitzt, zu löſen. Alſo ſpricht der würdige Vater Reinhold, alſo ſpricht der ge⸗ lehrte Dechant des Doms, Herr Herdan; darauf dringt Dein Ohm, der Prälat,— Pater Johannes ſelbſt, der ſehr zu Deinem Vortheil neigt, zuckt hiebei die Achſeln. Ich weiß keinen Weg zu finden aus der Gewiſſensangſt, die mich belaſtet, und der Dechant hat ſchon geäußert, er wolle an den biſchöflichen Stuhl berichten....“—„Nicht doch, mein Vater,“ unterbrach ihn Dagobert gelaſſen und heiter: „der würdige Herr mag dieſe Mühe ſparen, wie Ihr die Sorge, nach Worten zu ſuchen, die Eure Abſicht ausſprechen ſollen, ohne mir wehe zu thun. Nicht Ihr, nicht Herdan, nicht Reinhold, nicht einmal der Ohm, die Hauptquelle die⸗ ſer Einwirkung der Kirche keiner von ihnen fügt mir dadurch ein Leides zu, ſondern ihre Worte ſind aus meiner Seele genommen. Ja, mein Vater: ich will Prieſter ſeyn, und will den Biſchof um die Weihen bitten, ſie mir nicht aufdringen laſſen.“—„Sohn! Dagobert!“ rief der Vater entzückt, ſo ſchnell am Ziele zu ſeyn:„iſt es möglich, daß 4⁵⁰ ich recht hörte? Du wollteſt? wahrlich, Du biſt mehr als ein gewöhnlicher Menſch, und gränzeſt an den Heiligen, der dort— Dein Ebenbild— von der Wand herab uns zu⸗ lächelt.“— Dagobert warf ſchnell den Blick auf das Gemälde, welches den heiligen Georg in ſeinen Zügen darſtellte. Seine Beſcheidenheit hatte nie geahnt, daß dieſes Bild ihn ſelbſt vorſtelle, und er erröthete. Dann verneigte er ſich vor Margarethen, und redete:„Ehrſame Frau, Euer Befehl ſchuf jenes Bild, und ich muß Euch herzlich um Vergebung bitten. Ich dachte, vom Haus geſchieden, in ſchlechterm Andenken bei Euch zu ſtehen.— Ihr jedoch, mein Vater, preiſet allzuſehr mein ſchwach Verdienſt. Ich bin kein Hei⸗ liger, begehre auch nicht, es zu ſehn; aber wohl ein gehor⸗ ſamer Sohn und ein Menſch, der allein ſeyn will mit Ver— gangenheit und Gegenwart. Es bleibt dabei, mein Vater. Morgen, heute noch ſpreche ich mit Pater Johannes über dieſe Sache, oder mit Reinhold, wenn Ihr meint. Ich liebe raſchen Entſchluß, und denſelben raſch zu vollfüh⸗ ren.“—„Geh', wohin Dein Herz Dich zieht;“ verſetzte Diether:„die Mutter wird vom Himmel herab Dich ſegnen⸗ und Dein Bruder Johannes Deiner Tugend huldigen. Ich gehe, um den Dechant und den Vater Reinhold von Deinem freien Willen zu unterrichten. Im Barfüßerkloſter wartet meiner ohn hin eine andere Pflicht. Der Mönch, der mir von Wallrade Kunde brachte, iſt geneſen, und ſoll meinen Dank empfangen. Reinhold, der ihn in der Krankheit oft gepflegt, betheuert, der Mann ſey nicht Prieſter, ſondern von ritterlicher Herkunft, wie er aus Worten vernommen⸗ die ſeinem Munde in der Hitze des Fiebers entwiſchten. Wie dem auch ſey,— ob eine Ordensregel, ob Unglück oder ein Gelübde den Mann in ſeine Kutte zwang; ich will ihm ver⸗ gelten, ſo gut ich's vermag; denn er war mir ein froher Bote, und ſeine Botſchaft darf nichts gemein haben mit meinem Zwiſte mit Wallraden,“—„Wallrade! die Unglück⸗ liche und Unſelige!“ rief Dagobert theilnehmend aus:„Wo iſt ſie? ſicher nicht in dieſem Hauſe, denn ich ſehe, hier wohnt endlich der Friede.“—„Ja wahrlich, bekräftigte Diether, mit einer herzlichen Umarmung ſeines Weibes:„Der kühne Gang zum Bannſtein hat Margarethen gereinigt in meinen Augen, wie ein heiliges Feuer. Sie iſt eine wackre Haus⸗ frau, eine biedre Mutter, und pflegt mit voller Liebe den Knaben, der uns faſt ſo ſchnöde verloren gegangen wäre, durch die Schlange, meine Tochter; durch mein eignes Kind! Ha, dieſe That hat mich empört, wenn ich ihr gleich den Fehltritt verziehen hätte, der ſie in jenes Edelmanns Arme führte. Gott ſchütze ihr unglücklich Kind, das, wer weiß auf velchem Strom des Lebens jetzo ſchwimmt, aber ſie, die nichtswürdige Tochter und Mutter, will ich nicht mehr wie⸗ derſehen, kein Wort mehr von ihr hören. Möge ſie in dem Hauſe der Reuerinnen, wohin ſie ſich grollend zurückzog, Reue lernen und Gefühl. Ich bin mit ihr fertig.—„Ach, lieber Herr,“ ſeufzte Margarethe:„bezwingt doch dieſe Un⸗ verſöhnlichkeit. Bedenkt, in welchen Jammer uns Eure Härte ohne Gottes Beiſtand gebracht haben würde.“—„H ſieh, ſieh, Dagobert!“ ſprach Diether entzückt;„ſieh dieſen beleidigten Engel, der für die Beleidigerin bittet. Ich leſe in Deinen Augen gleiche Wünſche, aber, um nicht weich zu werden, entziehe ich mich lieber Euern Bitten, bis ich kälter und ruhiger geworden bin.“— Er ging raſch hinaus, und Dagobert ſagte kopfſchüttelnd:„Der Vater gleicht einem * gewandten Geſellen, der auf der Mummerei Tag und Nacht vorſtellt. Argwöhniſch und gehäſſig in einer Stunde,— entzückt und das Vertrauen ſelbſt in der andern. Ich ſehe, nur ein guter Schiffer vermag ſicher durch dieß trügliche Meer zu ſteuern. Euer Schifflein jedoch, meine Mutter, geht hohl und einer Klippe zu.— Sprecht;“ fuhr er zu der Verlegnen, ſich herabneigend, fort:„Sprecht doch, ehrſame Frau! Wie mögt Ihr doch ein lügendes Schweigen der Wahrheit vorziehen, die ſich überall Bahn bricht: Noch, wie ich höre, weiß mein Vater nichts von dem falſchen Johannes. Und ich bat Euch doch ſo ſehr! Soll ich denn reden an Eurer Statt? Und muß ich es nicht vielmehr?“—„Va⸗ ter Reinhold rieth mir zu ſchweigen;“ antwortete die Be⸗ troffene ängſtlich:„Seine Klugheit...“—„Sucht hinter Eurer Lüge die eigene— wohlgemeinte— zu verbergen, mit welcher er Euern Leumund rettete;“ unterbrach ſie Da⸗ gobert;„aber ihn trifft nicht der Blitz, der Euer Haupt nicht verfehlen würde, erführe mein Vater durch andre Zun⸗ gen, was ſich begeben. Verachtet doch endlich die Winkel⸗ züge. Ihr habt mich einſt ſehr geliebt, Ihr liebt mich noch; wie eine treue Mutter den frommen Sohn, denke ich. Thut mir doch zu Liebe jenes Geſtändniß, das Euch ſüße Früchte tragen wird. Thut es bald, denn die Zeit verrauſcht, und jeder Tag könnte Euch unrettbar verderben. Ueberlegt, und laßt mich,— kehr' ich wieder,— Euch entſchloſſen finden.“— Kurze Zeit, bevor Dagobert aus ſeines Vaters Hauſe ging, um ſich zu ſeinem geliebten Lehrer Johannes zu bege⸗ ben, hatte der Herr von der Röhn, von den Schmerzen des heftigen Fiebers erſtanden, das Barfüßerkloſter verlaſſen, um zu luſtwandeln im Strahle des ſommerlich leuchtenden Tages, neue Kräfte zu gewinnen und ſeine wunderliche Lage genau zu bedenken. Schon im einſamen Krankenzimmer des Kloſters hatte er gehört, daß Diether's Tochter zurückgekehrt war aus der Haft des räuberiſchen Bechtrams, der ein blu⸗ tiges Ende gefunden. Er lenkte unwillkührlich halb und dennoch halb von Sehnſucht getrieben, ſeine Schritte nach Diether's Wohnung. Er umſchlich ſie einigemale, und lugte empor zu den Fenſtern des Hauſes, um vielleicht Wallraden zu gewahren, einen Anlaß, ſie zu ſprechen zu ſuchen, um von ihr zu hören, wo ſein Knabe,— die einzige Hoffnung ſeines Lebens, ſey. Freilich mahnte ihn öfters die innere Stimme, der Argliſtigen, die ſeine Feindin geworden war, nicht blindlings zu vertrauen; freilich beſchlich ihn die Furcht, ſie möchte ihn— nun ſie in Freiheit— täuſchen, wie ſie ſchon oft gethan, allein— nach dem Strohhalme greifend, wie ein Schiffbrüchiger, treibend auf wallender See, ſehnte er ſich dennoch nach dem Anblicke der Gehaßten. Ihr Ant⸗ lit, ſo widerlich es ihm geworden, war das Ziel, nach wel⸗ chem ſeine Blicke ſuchten, allein vergebens war ſein Bemühen. Die Fenſterflügel alle ſtanden offen, um die balſamiſche Luft in das dunkle Gebäude zu laſſen; jedoch an keinem dieſer Fenſter war Wallrade zu erſpähen. Ein freundliches Ge⸗ ſicht— Margarethens— neigte wohl öfters aus dem Bo⸗ gen, kein anderes war aber zu ſchauen. Seiner Faſſung nicht vertrauend, um unvorbereitet in das Haus, unter die Augen der Unverſöhnlichen, oder ihres Vaters, des ſtrengen Mannes zu treten, kehrte er ſeufzend, ſein Vorhaben auf günſtigere Zeit verſchiebend, den Mauern, in welchen Wall⸗ rade, das Unglück ſeines Lebens, geboren wurde, den Rücken, und ging weiter, ohne ein beſtimmtes Ziel ſich zu ſtecken. An den Hütten vorüber, in welchen Bettlerrotten ihr unver⸗ ſchämtes Gewerbe trieben, und in Horden die Vorübergehen⸗ den anfielen,*) ſchritt er gedankenvoll dem Rauerberge zu, um von dannen an den Mainſtrom zu gelangen; nicht die Ausſicht über den Fluß zog ihn dahin; wohl aber die ſchmerz⸗ liche Luſt, die Fluthen wogen zu ſehen, in welchen ſein ge⸗ liebtes Weib, ſein theures Kind zu Grunde gegangen waren. Wie er nun ſo dahin ging, dieſer verlornen Lieben im In⸗ nerſten wehmüthig gedenkend, ſo ſtrich eine junge Betteldirne an ihm vorüber, die ein Kind auf dem Arme hielt, und dem Mönchsgewand eine fromme Verneigung ſchenkte. Als wie durch eine Fügung gezwungen, drehte Bilger den Kopf nach ihr und indem er das Kind gewahrte auf ihren Armen ſchlug wie ein Donnerſtreich der Gedanke durch ſein Gehirn: Ru⸗ dolph! dieſes Kind! iſt's nicht das Deine?— Und zu ſtehen befahl er der Dirne, und auch ihre Züge waren ihm be⸗ kannt, als wie aus früher, dämmernder Zeit.—„Wer biſt Du, Maid?“ ſtammelte er betroffen und hielt die Bettlerin mit zitternden Händen feſt:„Wer biſt Du, Unglückliche und weſſen iſt das Kind?“— Seiner heftigen Bewegung zu Folge fiel die Kaputze von ſeinem Haupte, und ſein Antlitz erſchien im Sonnenlichte— der beſtürzten Magd ſo ſchreck⸗ lich und drohend, daß ſie aufſchrie:„Um aller Heiligen Wil⸗ len! Herr von der Röhn! Ihr ſeyd's? O welche Freude!“ —„Kunigund!“ ſtammelte er, wie von einem neuen Fieber⸗ anfall geſchüttelt:„Antworte mir... antworte! dieſes Mädchen!“—„Iſt das Eure, Herr;“ erwiederte Gundel⸗ ſich vor ihm auf die Kniee werfend:„verzeiht, vergebt, Herr, *) Auf dem Liebfrauenberge. ich wußte nicht, daß Ihr zu Frankfurt; ich fürchtete mich mich ſchreckte der Kerker. Bettelnd hab' ich meine und des Kindes Tage gefriſtet, um nur Frau Wallradens Rückkehr zu erwarten.“—„Wallrade?“ rief Bilger entſetzt, indem er das ſchreiende Kind, das den Vater in der rauhen Hülle, ent⸗ ſellt von Bläſſe und verwildertem Barte, nicht erkannte, auf ſeinen Arm riß:„Wallrade? ich entſinne mich. Welch fürchterliches Licht! Sie nannte mir das Kind todt!“— „Todt?“ fragte befremdet Kunigunde:„Todt? ach nein, lie⸗ ber Herr!“—„Des Kindes Mutter jedoch?„— fuhr Bilger mit ſteigender Angſt und Hoffnung fort.—„Auch ſie lebt, guter Herr!“ betheuerte Gundel.— „Abſchaum der Hölle!“ ſchrie von der Rhön in heftigſter Bewegung:„Niederträchtige Wallrade! Wo iſt mein Weib, wo? ſprich, Dirne, ſonſt iſt Dein Ende da!“—„Ich ſchwöre, daß ich es nicht weiß, Herr,“ entgegnete Gundel ſchluchzend und die Hände ringend:„hätte ich denn ſonſt nicht der Mut⸗ ter ihr Kind gebracht, das nur mich allein hatte in der Welt? Ach, Herr, Wallrade iſt böſe, und ich bereue mit blutigen Thränen, daß ich um ihre Frevel weiß. Euer Sohn, o Srr„Nachher von meinem Sohne!“ donnerte von der Rhön:„nachher! jetzt aber, von ihr, der Lügnerin! Wo finde ich ſie? wo?“—„Erſt geſtern hab' ich ihren Aufent⸗ halt erfahren,“ antwortete Gundel ſchnell:„die Aebtiſſin der Reuerinnen iſt ihre Freundin, und ſie wohnt darum im Hauſe der weißen Frauen.“—„Der Teufel im Hauſe der Buße?“ fragte von der Rhön mit wilden Zornesflammen im Geſichte: „Wenn ich ſie finde, wenn ich ſie treffe!„— WMit die⸗ ſen Worten enteilte er, das Kind auf dem Arme, dem Kreiſe on neugierigem Pöbel, der ſich um dieſen ſeltſamen Auf⸗ tritt verſammelt hatte, und ſtürzte mit der Haſt eines Wi⸗ thenden der Mainpforte zu.—„Um Gottes und Chriſt willen!“ jammerte Gundel, nachrennend:„Ihr ſtürzt Euch in's Verderben, Herr! Hört mich! hört!“— Aber ſo wie ihr Geſchrei,— das eines ſchwachen Weibes, fruchtlos ver⸗ hallte unter dem Toben der Menge, alſo war überhaupt nicht mehr aufzuhalten das Rad des Unglücks, das vom Zufalle entfeſſelt worden war, und nun zerſchmetternd daher⸗ rollte. Der Stifterin alles Uebels nahte ihre verhängnißvolle Stunde, denn ſie begegnete wenige Schritte von der Pforte dem Raſenden, der wie ein böſer Geiſt an ſie heranſtürmte.— „Willkommen, Ungeheuer!“ rief er ihr zu, daß ſie entſetzend vor ihm wich, und ſich an ihre Begleiterin feſthielt:„Kennſt Du dies Kind? Kennſt Du mich? und ſoll ferner noch Dein ſchändlich Lügengewebe beſtehen? Wo iſt die Mutter dieſes Kindes?“ „Gott der Barmherzigkeit!“ flüſterte erſchrocken Wallra⸗ dens Begleiterin, und das Fräulein ſchrie:„Kommt Willhild, kommt! befreit mich von dem Tollgewordnen!“—„Wo iſt dieſes Kindes Mutter?“ brüllte der Verzweifelnde, und ſchleuderte ſie mit mächtiger Fauſt zurück:„In dem Strome! Lüge iſt's! darum bekenne, oder fürchte das Aeußerſte, Höl⸗ lengeſpenſt!“— „Der Menſch will mich ermorden!“ jammerte Wallrade, verblaſſend und bebend an allen Gliedern:„Willhild! helft mir von dannen!“—„Ermorden? ja bei Gott!“ donnert Bilger:„Nicht leben ſollſt Du, wenn Du nicht auf der Stelle bekennſt!“— Vor ſeinen fürchterlichen Blicken wich dir Menge zurück, die das Schauſpiel umbraußte. Wache von der Pforte näherte ſich nun, um auf Villhild's durchdringendes naht ſchon die zurückkehrende Wache, Schöffen an der Spitze. Geſchrei Ruhe zu ſtiften. Bilger ſtürzte jedoch mit der Wuth eines Tigers auf den Anführer der Söldner und entriß ihm gewaltſam die blanke Waffe. Sie in einem leuchtenden Kreiſe ſchwingend, ſchreckte er die Knechte von ſich, und ver⸗ doppelte Wallradens Angſt, an welche er die vorige Frage wiederholte, außer ſich vor Zorn und Grimm. Da gewahrte Villhild den Junker Dagobert, der, von der heulenden Gun⸗ del geleitet, ſich durch das Volk drängte, und ſchrie, was ſie vermochte, nach Hülfe, und nach ſeinem Schutz.—„Er⸗ barme Dich meiner, Bruder!“ wimmerte Wallrade, vor dem Wüthenden zurückweichend.—„Du ſchweigſt?“ ſtammelte dieſer:„So ſtirb, Verfluchte!“— Und mit einem gewaltigen Schwertſtoß auf die Bruſt der Feindin warf er ſie in den Staub, daß ſie, ſchwer blutend und ächzend zuſammenſiel, ohne ferneres Zeichen des Lebens.— „Zeter!“ ſchrie der Haufe und fuhr weit zurück vor dem Herrn von der Rhön:„Ein Mord! Genade der Armen Gott! Ein Mord!— Wer biſt Du, Entſetzlicher!“ rief Dagobert, der die in ſeinen Arm Geſunkne Willhild und Gundel überließ. Der Herr von der Rhön war beim An⸗ blick der Verletzten und der Ströme ihres Bluts wie ge⸗ fühllos geworden, und dieſer Schreck gewann ihm die Her⸗ zen des Pöbels, und Dagobert's Mitleid, der ſeinen Mann plötzlich erkannte, und wie von einem Geſpenſte berührt, zurücktaumelte.—„Herr von der Rhön?“ ſchrie er:„Un⸗ glücklicher! Abſcheulicher! was habt Ihr gethan?“— „Stoßt mich nieder,“ antwortete ihm Bilger wie be⸗ wußtlos, und die triefende Kinge entfiel ſeiner Hand.— Das walte Gott!“ verſetzte Dagobert ſchaudernd:„Dort 2 Euer Blut komme nicht über mich, flieht!“—„Flieht! flieht!“ ſchrie die Menge:„Flieht, unglücklicher Vater! nach der Freiſtadt! fort, fort!“—„Wo? wo?“ ſtotterte Rhön, in dem die Luſt zum Leben wieder erwachte.— „Nach dem deutſchen Hauſe!“ raunte ihm Dagobert in das Ohr, und ſtieß ihn in das Gewühl des Volks, das dem be— wußtlos Fliehenden geräumigen Platz machte.—„So ver⸗ ſorgt Ihr mein Kind?“ entgegnete der arme Vater, und im Nu hatte es Dagobert ſchon auf ſeine Arme gezogen. Bil— ger entfloh, ſo ſchnell als ſeine Füße es erlaubten und die unbequeme Tracht. Das Mitleid der aus den Häuſern laufenden Bürger bahnte ihm den Weg.„Laßt ihn durch! riefen einige Stimmen:„er iſt ein armer Mörder!“— „Zu den deutſchen Herren mit ihm!“ riefen wieder andre „Haltet die Wache auf!“ ſchricen die Kühnſten, Meiſter und Knechte der Metzgerzunft, und ſchleuderten Stein⸗ Aexte und dergleichen Dinge mehr den eifrig nachſetzenden zwiſchen die Beine. Am Brückenthore wollten die Söldner den Mönch nicht durchlaſſen. Metzgerfäuſte ſtießen ſie zurüc Zweie von der handſeſten Schiſferzunft packten den ermat teten Bilger bei den Händen, nahmen ihn in die Mitte, un rannten mit ihm, ſchnell wie der Wind, über die Brüc Wagen ſogar mußten ausweichen, und aus den Fenſtern des Deutſchherrenhauſes wurde der Auflauf geſehen⸗ Eifer⸗ ſüchtig, ihr heiliges Vorrecht zu üben, gaben die Ober Befehl, die Thüre weit zu öffnen. Bilger nahte dem Zirle aber auch die Verfolger waren nur einen Schritt hinter ihn zurück. Auch ſie machten ſich durch Hellebardenſchläge und Rippenſtöße Luft und freien Weg, und ihre Hände berühr ten ſchon die Kutte des Unglücklichen, als er die Schwell des deutſchen Hauſes erreichte, und athemlos darauf zuſam⸗ menſank. „Rühre nur die Mauer an, armer Mann!“ riefen ihm Vitleidige zu, und ſeine matte Hand erfaßte einen Stein der Pfortenſäule, als der Schöffe anlangte, ihn in Haft zu ziehen.— Dieſer Letztere, ein rüſtiger, noch junger Mann, wollte ſich ohne weitere Umſtände ſeiner Beute bemächtigen, und auf ſeinen Wink griffen die zweifelhaft zögernden Söld⸗ her zu, allein Bilger klammerte ſich mit der Kraft eines Verzweifelnden an die rettende Pforte und gewährte einen augenblicklichen Widerſtand, der dem Oberreiter des Hauſes Zeit ließ, ſich in den Handel zu mengen. Er wies die An⸗ greifenden mit Wort und That zurück, und das umſtehende Volk nahm ſeine und des unglücklichen Verbrechers Partei. Der Schöff ſchien jedoch hierauf nicht zu achten in ſeinem Ungeſtüm, und legte in Perſon Hand an den Herrn von der Rhön. Verloren ſchien dieſer in ſeiner Verfolger Gewalt, als der Komthur des Hauſes raſch aus der Pforte kam, und mit kühner Fauſt den Ergriffenen wieder frei machte. „Wer wagt's, ſich an unſern guten Rechten zu vergrei⸗ fen2“ fragte er trotzig:„Hat uns der Stuhl zu Rom und Kaiſer und Reich dieſelben darum gegeben, daß ein Raths⸗ herr von Frankfurt mit ihnen verfahren könnte, wie ein Kind mit ſeinem Spielwerke? Laßt die Hand ab, und geht mit Gott ohne dieſen Mann.“— Der Schöff behauptete, der Verfolgte habe noch nicht die gefegten Steine berührt gehabt, als man herangelommen; aber die Stimme des bolts widerſprach ſeinen Worten, und der Komthur hielt i an die Rede des Volks.—„Zieht ab,“ rief er,„ohne⸗ hin gehört der Mönch vor ſein eigen geiſtliches Gericht.“— 160 „Er iſt kein wirklicher Mönch,“ entgegnete der Schöffe zor⸗ nig:„Er trägt die Kutte ohne Beruf und Vergunſt. Un⸗ ſer muß er ſeyn.“—„Und wenn's der Teufel ſelbſt wäre im Barfüßergewand,“— überſchrie den Rathsherrn der Komthur,—„ſo muß er ſicher ſeyn unter unſerm ſchwarzen Kreuze, ſonſt ſperren wir das Haus, und ziehen euch vor dem Reichstage zu Rede und Antwort. Laßt darum den Mann und uns in Frieden; über vier Wochen mögt Ihr wieder kommen!“*)— Mit dieſen Worten, ohne ſeine Rede ferner zu vergeuden, zog der Komthur den Herrn von der Rhön nach ſich in's Haus, und riegelte mit eigener Hand die Pforte zu, ſich wenig bekümmernd um das Toben und Schelten der abziehenden Rathsknechte und Söldner. Bil⸗ ger folgte ſeinem Schutzherrn ohne jede Ueberlegung in den Saal des Erdgeſchoſſes, wo ſich zu gleicher Zeit der Tray⸗ vierer und der Pfaffe des Hauſes einfanden, um den An⸗ kömmling neugierig zu betrachten. „Ihr habt Euer Probe- und Meiſterſtücklein herrlit gemacht, Herr Komthur! ſprach der Pfaffe ſchmunzelnd i dem Ritter:„Ihr ſeyd mit den Leuten umgeſprungen, als ob Ihr ſeit einem Jahrzehend mit ihnen zu Felde gelegen.“— „Hm!“ entgegnete der deutſche Herr lächelnd,„Ihr wißt je, Pater, daß man die Kinder hat, wie man ſie zieht. Gleit von Anbeginn den Daumen wacker auf die Angen gedrü bewahrt vor dem Allzuhellſehen. Nun aber zu Dir, Di ſauberer Vogel;“ fuhr er fort, zu Bilger gewendet;„Di haſt ein leichtfertig und verpöntes Stücklein gemacht, wit *) Ein Mörder war in dem Hauſe der deutſchen Herren eine Friſt vier Wochen hindurch vor dem Blutrichter ſicher. 161 ich vernommen. Der Todſchlag mit offener Wehr kommt ſonſt in Deinem Gewand ſelten vor. Sag' darum an, ob der Schöffe wahrgeſprochen, da er ſchwur, Du ſeyſt kein Mönch, und bekenne: wer biſt Du denn?“— Bilger hatte indeſſen den Blick ſtarr und ſteif auf den Komthur gerichtet, ſchwieg noch eine Weile, und antwortete hierauf mit dumpfer Stimme:„Ich bin bereit, Euch zu ſagen, was Ihr verlangt, Herr, doch eben und gerade nur Euch.“—„Da muß Er⸗ bauliches dahinterſtecken, was wohl nicht mit einer Buße von vier Wochen abgethan ſeyn dürfte,“ ſpottete der Ritter, beur⸗ laubte indeſſen ſeine Freunde mit einem ſtolzen Kopfnicken und blieb mit dem von der Rhön allein. Dieſer, ſtatt ein Wort zu reden, begnügte ſich, vor den Komthur hinzutreten, ihm feſt in's Auge zu ſehen, und die Kaputze vom Haupte zu ziehen. Der Ritter ſtarrte ihn verwundert an, aber nur nach langem Zweifeln ſtieg eine Erinnerung in ihm empor, die ſeine Augenbraunen hoch emporzog und die kahle Stirne in trübe Falten legte.—„Bei meinem Eid!“ begann er endlich:„ſeh' ich recht? täuſcht mich auch nicht der Bart und das fahle Geſicht, oder ſeyd Ihr's wirklich, Rudolph Bilger?“—„Ich bin's, Herr,“ entgegnete der von der Rhön, und an Eurer gerunzelten Stirne ſeh' ich, daß Ihr mir ferner Euern Schutz nicht gewähren werdet für ein Ver⸗ brechen, deſſen Wurzel eigentlich nur in Euch zu ſuchen iſtz wißt, ich erſchlug Wallraden!“— Da wurde der deutſche Herr bleich wie die Wand, und ſo ergriffen, daß er ſich an das Fenſtergeſimſe lehnen mußte.„Wallrade?“ ſeufzte er kaum vernehmlich:„Wallraden habt Ihr erſchlagen?“— Er hielt die Hand vor die Stirne und Augen, und da er ſie wegzog, war die braune Röthe abermals auf ſein 3. 11 Antlitz geſtiegen, und ſeine Augen leuchteten wieder wie herausfordernde Irrwiſche und der Mund warf ſich wieder trotzig auf unter dem borſtigen Knebelbarte wie zuvor; „Seyd mir willkommen, von der Rhön!“ ſagte er, dem Staunenden die Hand reichend:„Obſchon Ihr an meinem Schutze verzweifelt, ſo liefere ich Euch dennoch nicht aus; gerade jetzo nicht, denn der heilige Georg hat nicht beſſer gethan, da er den Lindwurm verletzte, als Ihr, da Ihr die⸗ ſen Teufel zur Heimath ſandtet. Wohl bekomm's der fal⸗ ſchen Metze! Sie hat's verdient an manchem Biedermann!“— „Euch, gerade Euch alſo reden zu hören.2 hob Ru⸗ volph an:„Wie reim ich das?“ „Reimt's wie Ihr wollt;“ antwortete der Komthur:„aber ich bin reifer geworden in der Velt, ſeit wir uns nicht ſahen. Ich bin ein wildes Blut geweſen, und die Leute ſagen, ich wär' es noch, obgleich der Säbel eines verfluchten Polen meinen Schädel— ſeht dieſe Narbe— in der Feld⸗ ſchlacht alſo zugerichtet hat, daß mir mit den Haaren auch der Satan darunter hätte ausgehen müſſen, wenn Alles mit rechten Dingen zuginge. Aber meine Wildheit reicht noch lange nicht an die Schlechtigkeit der Dame von Balder⸗ grün. Nachdem meine Wunde geheilt worden war⸗ und der Heermeiſter im Kapitel den Komthursſtab als Pflaſter darauf gelegt hatte, als ich wieder auf meiner Fahrt hieher durch meine Heimath und Thüringen kam, wo man mich allent⸗ halben anſtaunte wie einen todtgeglaubten Mann, was hörte ich nicht von Wallraden? Wie manchen wackern Mann nannte man mir nicht, der ſich zeither in den Schlingen der Hexe gefangen und ſehr übel darnach befunden hatte? War ſie früher nur ein Spiel meiner Leidenſchaft geweſen ſo wurde ſie jetzo ein Gegenſtand meines Abſcheus. Ich wußte wohl, daß ſie ſich hier befinde, aber tauſend Jahre hätte ſie leben können, ohne mich zu ſehen. Vetter Iſſing iſt für ſie nicht mehr auf der Welt. Noch einmal: wohl bekomme ihr der gähe Tod. Was aber iſt aus Euerm Johannes gewor⸗ den, von der Rhön?“—„O, Ihr reißt eine Wunde auf, deren ich in dieſer unglücksſchwangern Stunde ganz vergeſ⸗ ſen hatte;“ rief Bilger außer ſich, und erzählte nun dem aufmerkſamen Komthur ſeiner Leiden bedauernswürdige Ge⸗ ſchichte; wie er geglaubt, Weib und Tochter verloren zu haben, wie er ſeine einzige Hoffnung auf den Knaben geſetzt, und wie ihm das grauſame Verhängniß die Tochter wieder in die Arme geführt habe, um ihm ſie, ihre geliebte Mutter, den von fremder Gnade lebenden Sohn, und überhaupt al⸗ les Glück, alle Freude des Lebens durch einen im Zorn ver⸗ übten Mord unerbittlich zu rauben. „O ich bin ein ſehr unglücklicher Menſch!“ ſchloß der arme Mann mit jener ſtarren Verzweiftung, die auch im höchſten Schmerz keine erleichternde Thräne in das trockne Auge läßt;„und beſſer fürwahr wäre es, Ihr übergebet nich alſobald den Händen des Halsgerichts, das vor der t Thüre lauert, und dem ich nach kurzer Friſt ohnehin zum f Raube werden muß. Das Elend, in welchem ich vergehe, beſchreibt keine Zunge, und wenn ich mich über den Verluſt einer irdiſchen Freude tröſten möchte, ſo kann ich's nicht, denn mein Bewußtſeyn iſt voll Schuld, denn auf mir laſtet — außer der blutigen That, die mir vielleicht der Barm⸗ herzige vergäbe— eine Sünde wider Ihn und ſeine Gebote, die nicht Er, die nicht ſeine Kirche verzeiht und erläßt: die Sünde der Doppelehe, gleich zu rechnen Blutſchahde und — ſträflichen Unzucht. Wer hilft mir aus dieſem Gewirre von Freveln, und werde ich ſie denn auf dem Blutgerüſte ſogar abbüßen können?“— Der Komthur blickte unter ſeinen bu⸗ ſchigen Augenbraunen hervor auf das zerſtörte Geſicht des jammernden Bilger, und er ſagte mit roher Gutmüthigkeit: „Denkt doch nicht jetzt ſchon an's Sterben und den unehrli⸗ chen Henker. Noch habt Ihr Friſt genug dazu, und die Bullenbeißer auf unſers Hauſes Schwelle mögen ſich vor der Hand die Naſe ſtumpf wittern. Erholt Euch; aus einem Scheinfreunde bin ich Euer wahrer Freund geworden, und will Euch Gutes thun, wie ich nur vermag. Weib und Kind kann ich Euch nicht wieder ſchaffen, und Euern Hals nicht; ſichern vor dem Schwerte der Frankfurter, aber luſtiger und gemächlicher ſollt Ihr die Zeit hinbringen, und erwarten⸗ ob nicht etwa ein Cardinal oder der heilige Vater ſelbſt, oder der Kaiſer dieſe Straße ziehe; das ſind Leute, deren Anblick allein Gnade bringt und Freiheit. Hofft, auf was Ihr wollt; auf ein Wunder, auf des Himmels Einſturz ſo⸗ gar; das gilt mir gleich! aber hofft nur, und ſchlagt Euch den Stöcker aus dem Sinne. Werdet wieder ein Menſch⸗ der Alles hinter ſich wirft, und glättet die Stirne. Wir im deutſchen Hauſe ſind keine Kopfhänger, und lieben Tafel, Wein und Scherz. Selbſt mit den Weibern nehmen wirs nicht genau,— ſind ſie uns gleich verboten. Anläſſe genug, um fröhlich zu ſeyn mit den Fröhlichen. Vier Wochen ſind eine Ewigkeit für den zuverſichtlichen Grillenfeind. Euer Trübſinn hilft nicht; varum jagt ihn weg, und laßt für die Zukunft den Herrgott ſorgen!“ Achtes Rapitel. Wenn auch kein Balſam mehr des Leibes Wunden heilen mag, ſo nehmt von der Zunge des Scheidenden die Schuld, und legt darauf den ſüßen Bal⸗ ſam der Vergebung, daß er fröhlich hinſcheide. W So wie der Haufe des neugierigen Pöbels vor dem Hauſe der deutſchen Herren ſtand, und die geſchloſſene Thüre angaffte, ſammt den Söldnern des Raths, die vor derſelben auf der Lauerwache ſtanden, alſo auch die Menge des Volkes vor dem Kloſterthore der weißen Frauen, nach⸗ dem man Wallraden hineingetragen hatte, blutig und entſtellt, eine erbarmenswerthe Leiche. Wie ein Blitz hatte die ſchrekens⸗ kunde die Stadt durchflogen, und nicht zuletzt Diethers Haus erreicht. Der Altbürger war abweſend, und Marga⸗ rethe, allen Groll vergeſſend, nur der Stimme des Mitleides und weiblicher Milde Gehör gebend, die in ihrem Herzen laut wurde, flog auf den Flügeln der Angſt und des Schreckens nach dem Kloſter, um wo möglich Wallraden vor ihrem Hintritt noch zu ſehen, ihr den Tod leichter zu machen durch die Verſöhnung. Die Zelle, die Wallrade als Gaſt des Kloſters bewohnte, war gedrängt voll von Menſchen. Um das von Blut geröthete Lager ſtanden dienende Frauen des Kloſters,. Gundel kniete zu Haupten des Bektes und flehte zum Himmel, daß er ihr nicht den Tod der Gebieterin anrechnen möge; zu den Füßen des Bettes lag Willhild auf ihren Knieen und betete ohne aufzuhören oder ihren Lippen einen Stillſtand zu gönnen. Die Oberin des Kloſters, die ſtolze Walburg, die innige Freundin Wallradens, war be⸗ ſchäftigt mit ihren kunſterfahrnen Händen und Augen, die Wunde der Bewußtloſen zu unterſuchen, und Juvith, die Magd, half ihr bei dieſem mühſamen Geſchäfte, in der Ecke aber ſtand Dagobert mit blaſſem Angeſichte, die kleine Agnes noch auf dem Arme, und im Auge den troſtloſen Anblick einer ſterbenden Schweſter, gegen welche er jeden Zorn verſchwunden fühlte. Ihr Leiden hatte ihn entwaffnet, und dankbar ſchier reichte er Margarethen die Hand, da ſe zu ihm trat.„Gott vergelte Euch den guten Herzenswillen, ehrſame Frau:“ ſprach er,„Ihr verſchmäht es nicht, einer in den Staub Gefallenen Euch zu nahen, und zum Frieden zu reden, wie mir's Euer himmelklares Angeſicht ſagt;— eine deutliche Schrift. Ich fürchte jedoch,— Ihr kommt zu ſpät. Dennoch aber,“ ſetzte er leiſer hinzu, auf Will⸗ hild deutend;—„dennoch früh genug, um dieſe hier zu ſehen.“— Margarethe erbleichte jählings, da ſie das gefürchtete Weib erſah, und näherte ſich demſelben. Nit gepreßter, kaum vernehmbarer Stimme, fragte ſie die Hoch⸗ aufſchauende, wie ſie daher gekommen und welcher Endzweck ſie zu Wallraden geführt habe.—„O liebe Frau,“ ent⸗ gegnete Willhild:„ich habe gelernt, wie nichts beſſer ſey, denn Wahrheit. Konnte diejenige, die dort verſcheidet, mir die Wahrheit abſchwatzen mit Trug und Liſt, warum ſollte ich ſie nicht öffentlich bekennen? Erſchrocken, daß ich Eurer Stieftochter, in Krankheitsangſt und von meinem blödſinnigen ——————— 167 Manne verſucht, entdeckt, was ich nicht entdecken ſollte, fürch⸗ tete ich Euren Anblick, und da mein Paul wieder heim kam, und mir glaublich wurde, daß er Euern Gemahl ſelbſt ge⸗ ſprochen, daß dieſer um Alles wußte, und fürchterlich ſtrafen würde, da ward ich plötzlich geſund von dem Gebreſte. Die Angſt hatte mich geheilt, und mein Herz ſehnte ſich nach Compoſtell, um dort Vergebung meiner Sünden zu holen. Aber aus einem Kloſter auf der Gränze von Elſaß ſandte man mich zurück. Der Prior verſagte mir jeden Beiſtand zur weitern Pilgerfahrt, wenn ich nicht heimkehren, ſelbſt Alles reuig bekennen würde, und Vergebung erhielte. Mei⸗ nen Mann zurücklaſſend, eilte ich zurück auf wunden Sohlen und gelangte heute hieher. Wie hätte ich ohne Schutz vor Euer Antlitz treten können, vor Euch, die ich verrathen? Eine Fürſprecherin glaubte ich in dem Fräulein zu finden, was ein bedauernswerther Zufall mir in den Gaſſen der Stadt begegnen ließ. Wallradens Freude über mein Er⸗ ſcheinen war außerordentlich.„So mögen ſie denn alle mich Lügen ſtrafen!“ ſagte ſie recht hämiſch:„Ich habe hier den beſten Zeugen gefunden und aus dem Hauſe ſoll mir die Frau und der Bube. Kommt mit, Willhild. Seyd herzhaft und dreiſt, und Euer Schade ſolls nicht ſeyn.“— Nun mertte ich wohl, daß ich vor die unrechte Schmiede gerathen war, allein hier half keine Widerrede. Angſtvoll der Dinge wartend, die da kommen würden, ſolgte ich Eu⸗ rer Stieftochter, als mit einemmale das Unglück in dem wahnſinnigen Mönche einherraste.“—„Und was gedenkſt Du jetzt zu thun?“ fragte Margarethe forſchend.—„Ich muß Herrn Diether alles bekennen, ehrſame Frauz“ verſetzte WVillhild:„Sie ſprechen mich ſonſt nicht los zu Compoſtell. — — 168 Aber Euch, die ich ſo ſehr getäuſcht, will ich überlaſſen, wann es geſchehen ſoll.“— Dagobert winkte Margarethen zu, und ſie verſtand den gutgemeinten Wink.—„Ich rufe Dich,“ ſagte ſie zu Willhild, die ſich ſofort wieder zum Beten anſchickte, und ging an das Bette der unglücklichen Wallrade.„Geſegnet ſey der Herr,“ ſprach ſo eben Wal⸗ burga:„noch lebt die Aermſte, und heilbar ſcheint mir die ſchwere Wunde.“ Alles drängte ſich dem Lager näher, um zu ſehen, wie ſtufenweiſe das Leben wieder in die Glieder der Verwundeten trat, um zu hören, wie endlich der erſte Seufzer ihren Lippen entſchwebte, und das erſte Wort aus ihrem Munde ging, dem alsdann wieder der erſte Blick ſolgte. Doch das Auge Wallradens ſchloß ſich wie geblendet vor den Zügen Margarethens, und die Scham jagte eine flüchtig vergehende Röthe auf die todtenfarbigen Wangen des Fräuleins.—„Warum nicht todt?“ ſtammelte ihr Mund:„warum gerade dieſe vor meinen Augen?“— Die Oberin, um das Gemüth ihrer Freundin, und einen ſchmerzlichen Auftritt zwiſchen ihr und ihren Angehörigen, nicht der Neugierde und dem Tadel fremder Augen bloszu⸗ ſtellen, entfernte die Frauen des Kloſters. Unter ihnen, oder vielmehr nach ihnen entfernte ſich auch Judith, die ſich erin⸗ nerte, daß ſie über dem gräulichen Mordſchauſpiele vergeſſen hatte, der armen Frau, die im Kloſter eingeſperrt war und gehalten wurde, wie eine Wahnſinnige ihre Koſt zu bringen. Das Verſäumte eilte die Mitleidige nachzuholen, ließ ſich von der Küchenmeiſterin Speiſen und Schlüſſel geben, und trat zu der abgehärmten Frau in die dürftige, enge und wohlverwahrte Clauſe.—„Seyd nicht böſe,“ redete ſie ſo ſanft als möglich, und verſuchte ihre unſchönen Züge ich bin, und wie ich mich nenne, und wenn meine Freundin 169 durch Freundlichkeit gefälliger zu machen:„Seyd nicht böſe, liebe Frau Katharina. Ich bin ein unwürdig, vergeßlich Ding, das allenthalben ſeine Hände bieten möchte, und dabei immer Einem oder dem Andern ein Leid thut. Mir thut es herzlich weh, daß Ihr gehungert habt um meinet⸗ willen. Vergebt mir.“—„Ach, was biſt du eine gute treue Magd;“ erwiederte Katharina wehmüthig freundlich, richtete ſich aber nicht empor, aus der nachdenkenden Stel⸗ lung, in welcher ſie von Judith gefunden worden:„Habe Dank! beruhige Dich doch. Mich hungert nicht,. denn wie ſollte ich in meinem Elend mich erinnern, daß ich ein Weib bin, das noch fürder zu leben gedenkt? Sage mir, liebe, gute Judith, ob noch keine Frau nach mir gefragt hat, ob noch kein Kind gebracht worden iſt, das ich um⸗ armen ſoll?“— Judith verneinte bekümmert lächelnd, denn ſie meinte, die Frau ſpräche wieder im Wahnſinn.—„Das iſt doch recht traurig,“ ſprach Katharina weiter, und das Haupt ließ ſie in ihre Hand ſinken, wie die hellen Thränen aus den Augen:„Sieh, Judith, ſieh, das wird mich wahn⸗ ſinnig machen, wenn ich's nicht ſchon bin.— Und ſie hatte mir's ſo heilig verſprochen und gelobt!“ ſetzte ſie, vor ſich hinredend hinzu:„und ſie bleibt aus, mit meinem Kinde.“ —„Eſſet doch, gute Frau!“ ermahnte Judith:„Es ſegne der Herr Eures Körpers Gedeihen, und zugleich das Licht Eures Haupts.“—„Laß mich doch;“ verſetzte Katharina ſchwermüthig:„Glaubſt denn Du auch, daß ich thöricht im Gehirn bin? O laß doch die Leute reden. Leider habe ich meinen Verſtänd, und wenn ich ihnen nur ſagen dürfte, wer käme und ſähe, wie man hier mit mir verfährt, grauſam 17⁰ wie mit einem wilden Thiere.... dann ſollte Alles anders werden. Aber wo wird ſie ſeyn, die Zeit? wo ſind ſie meine Lieben?“—„Wehrt doch Euern Thränen, Frau,“ ermahnte Judith dringender:„Das Waſſer des Auges hilft nie von dem, was das Auge geſehen, noch zu dem, was es verloren hat.“ „Verloren?“ fragte Katharina ſchnell;„Verloren? Wahrlich, wahrlich, Du haſt Recht. Hin iſt hin, verloren iſt verloren, und nimmer,— ach nimmer kehrt das Verlorne wieder. Glaube mir doch ja,“ ſetzte ſie langſamer und ſchwermüthig hinzu:„Glaube doch ja, daß ich nicht wahn⸗ ſinnig bin, und ſage es der hochwürdigen Frau Walburg; ich könnte aber verwirrt im Haupte werden, wenn man mich fürder zwingen möchte, mit meinem Schmerz und meiner un⸗ gewiſſen Angſt allein zu ſeyn. Erzähle mir aber jetzt, meine gute Magd, wie es kam, daß Du heute ſo lange weggeblie⸗ ben?“— Judith erzählte, was vorgefallen war, aber mit vieler Vorſicht, um das Gemüth der Seelenkranken nicht allzuheftig zu erſchüttern. Gleichgültig faſt fragte endlich Katharina nach dem Namen der zum Tode Verwundeten⸗ und Judith glaubte ihr ihn nicht verhehlen zu müſſen. Nun war es aber gerade, als ob alle Flammen der Leidenſchaft aus der ſchwermüthigen Frau von der Rhön ſchlügen, denn ſie fuhr auf, daß ſelbſt die herzhafte Judith erſchrecken mußte. „Wallrade!“ rief ſie:„Wallrade? o bittre, allzu bittre Täu⸗ ſchung! Sie hat in dieſen Mauern gelebt, und ließ mich im Kerker? Auf ihren Befehl liege ich alſo hier in Ketten? O, der Gräuelſtunden meines Lebens ſchrecklichſte tomme über ihr Haupt! Doch nein, nein....“ ſetzte ſie gemäßigter hinzu:„hat ſie denn Gottes Gericht nicht ſchon getroffen? Liegt ſie nicht darnieder, wie ein abgeriſſener 17¹ Zweig! Fluche ihr nicht, Katharina, aber fluche auch deinem Gatten nicht, deſſen Leumund die Schlange gewiß nur ver⸗ giftet hat, um meine Ruhe zu morden!— Ach, welche Er⸗ innerung thut ſich mir auf beim Angedenken meines Gatten! Judith! Judith! denke Dir den Jammer einer Mutter! Hat gleich das ſchwere Schickſal und Dein eigner ſtarrer Wille Dich beſtimmt, nie die Mutterfreuden zu genießen, ſo biſt Du doch ein Weib; Du ahneſt doch Leiden und Wonne des Weibes; hilf mir darum heraus, heraus aus dieſem Kerker,— hinaus zu der Sterbenden,.. denn ich muß mit ihr reden, ich muß ſie ſehen—„Gute Frau,“— entgegnete Judith, welche noch immer auf dem Glauben an Katharinens Wahnſinn beharrte, und in ihrem Schmerz nur einen heftigen Anfall der Krankheit ſah: Faßt und mäßigt Euch, ich vermag nicht, was Ihr begehrt, und zudem iſt es leider gewiß ſchon zu ſpät. Wallrade lebt gewiß nicht mehr.“—„Barmherziger Gott!“ kreiſchte Ka⸗ tharina gräßlich auf:„Sie lebte nicht mehr? Was ſagſt Du, Unſelige? Das kann nicht ſeyn! Sie darf nicht todt ſehni. ſie kann nicht ſterben! Sie muß mir ja ſagen, wo mein Kind hingekommen iſt. ich bin ja Agneſens Witen ſie darf mir ja nicht verhehlen... O um Gotteswillen, Judith! Judith! laß mich fort an ihr Sterbe⸗ lager.“— Judith ſuchte in dem Vorrath ihrer Bibelſprüche vergebens Einen, der als Talisman gedient hätte, die gegen jeden ferneren Zwang rüſtig Aufſtrebende zurückzuhalten,. die Gewalt ihrer Hände gegen die Unglückliche zu gebrau⸗ chen, weigerte ſich ihr Mitleid, welches die Möglichkeit, daß hier nicht Wahnſinn ſowohl, als endloſes Leid die Sprache führen möge, gar wohl ahnte. Sie war daher auf dem Punkte, dem ihr auferlegten Gebote zum Trotz, die als thö⸗ richt Eingeſperrte dahin zu laſſen, wohin ihrer ganzen Seele Sehnſucht ſtrebte, als Walburg's Eintritt ſie aus der Ver⸗ legenheit riß. Das Geſicht der ſtrengen, unerbittlichen Obe⸗ rin war finſter und trug die Spuren einer unangenehmen Bewegung. Sie trat langſam vor Katharinen hin, betrach⸗ tete die in Schmerz Vergehende, welche aus Furcht verſtum⸗ mend, umſonſt nach Worten ſuchte, der Nonne zu ſagen, was ſie der Magd geſagt hatte, und ſchüttelte ernſt das Haupt.— „Ich bin arg hintergangen worden;“ ſagte ſie alsdann,— „oder aus der Verwundeten ſpricht die Glut des Fiebers. Wahr ſoll es ſeyn, daß Ihr Eure Vernunft beſitzt: daß Ihr nicht wahnwitzig geworden über den Tod eines Kindes....20— „Mein Kind lebt!“ fiel Katharina ein:„hochwürdige Frau! um Gotteswillen, mein Kind lebt; ſagt mir nicht anders. Ich will Euch ja von Herzen vergeben, was Ihr Böſes an mir gethan. Ihr ward hintergangen,— Ihyr ſeyd ein ſchwa⸗ cher Menſch gleich mir; der Satan hatte Euch umſtrickt;... aber damit ich Euch verzeihe, ſagt mir nur nicht, daß mein Kind todt iſt. Sie wird es doch nicht gemordet haben, die Abſcheuliche? Sagt nicht„Ja,““ würdige Frau. Des Kindes Vater hat ſie ins Elend getrieben;... ſie wird doch nicht das Töchterlein erwürgt haben?“—„Nein, nein, ehrſame Frau;“ antwortete Walburg zuverſichtlich:„Dieſes Kind lebt; ich will es Euch zeigen ſogar, in Eure Arme es legen, denn dieſe Mutterangſt iſt nicht Tollheit, und ich fürchte, ich habe mich ſehr verſündigt an Euch. Kommt mit mir, arme Frau, und bringt ein verſöhnlich Herz zu der Todtkranken, damit ſie nicht auf ihren Sünden hinab, ſon⸗ dern auf ihrer Reue zum Himmel ſteige.“— Ohne ein Wort zu erwiedern, behende wie die Löwin, die, zur Höhle kehrend, ihre Jungen nicht mehr findet, und hinausſtürmt, um ihre Spur zu entdecken, folgte Katharina der Oberin, und Judith murmelte hinter ihnen her:„O ja, ihr Men⸗ ſchenkinder. Thut Buße, und übt Reue, denn Ihr wißt nicht, wann die Zeit da iſt, weil Ihr nicht glaubt an Wun⸗ der, Zeichen und Ahnung. Ließe ich mir nicht die Hand abhauen, wenn ich meinem Vater, meiner Mutter, einen Tod hätte bereiten können, wie ihn hier die Verbrecherin ſtirbt, im Schooß der Reue? Eitle Wünſche! Barmherzig iſt der Herr und er kann Alles thun, was er begehrt, weil auf ſeinen Fingern Alles ruht. Darum ſchenke er meinen Eltern einſt die Ruhe, und ſtrafe ihren Mörder nach Ver⸗ dienſt. Wenn jemals die Bitten einer Tochter Eingang fan⸗ den zu ſeinem Ohre, ſo wird, ſo muß dieſes Gebet erfüllt werden. Amen!“ Mit verſöhnlichem Herzen, und mit dem aufrichtigſten Willen, zu vergeben, betrat Katharina an Walburg's Hand Wallradens Zelle, aber nur einen ſchmerzlichen Blick warf ſie auf die Todbleiche, die ſo eben von Margarethen und Willhild aus einer Ohnmacht geweckt wurde,— und zu ſtürzte ſie auf die kleine Agneſe, die von Dagobert's Armen ihr entgegenlächelte und jauchzte. Die treue, im Entzücken verſunkene Mutter hatte keinen andern Gedanken von da an, als ihr Kind, kauerte ſich mit demſelben in einen Winkel, koste mit ihm, herzte es, machte tauſend Fragen an ſeinen geſchwätzigen Mund, und vergaß Alles um ſich her. Wall⸗ raden, die wiever zu ſich gekommen war, that es wohl, von der Mißhandelten nicht angeredet zu werden, und ſie fuhr in der offenen Beichte fort, die ſie ſchon früher gegen Margarethen begonnen hatte,— von der kurzen Bewußtloſigkeit unterbrochen.„Es iſt hart,“ liſpelte ſie,„daß ich um mich nur Menſchen ſehen kann, denen ich weh gethan, die ich hin⸗ terging. Das Schwert des Mörders hat der Reue eine fürchterliche Bahn in meinem Buſen gemacht, und nur Eure Gegenwart, Margarethe, Eure Milde iſt Arznei für mich. Die ich am meiſten haßte, ſtehen bei mir,.. die Andern verließen mich. Laßt mich endigen, Stiefmutter; laßt mich Eurer freundlichen Sorge das Kind empfehlen, das von mir ausgeſtoßen wurde, und alles Unheil in Euer Haus und über Andere brachte, der unſchuldige Knabe. Ich hatte nie ein Mutterherz: ich habe nie das Kind geliebt, deſſen Vater ich haßte. Ich überließ dem, der mich verlaſſen, den Knaben nicht, damit er keine Freude an ihm erleben ſollte; ich mißhandelte den Buben, weil ich in ihm des Vaters Ebenbild zu demüthigen glaubte: ich ſtieß ihn hinaus in die Welt, weil mir endlich ſein Anblick unerträglich wurde, da ſich in ſeinem Geſichte, durch Zufall oder geheimen Zuſam⸗ menhang der Blutsfreundſchaft, die Züge des verabſcheuten Bruders entwickelten. Gundel und Rüdiger waren Zeugen meiner That, und der unverfälſchlichſte iſt der Knabe ſelbſt, denn Er iſt Euer kleiner Johannes.“— Staunend ſchlug Margarethe die Hände zuſammen, und verſank in düſtres Nachdenken.“—„Laßt ihm nicht entgelten, was ſeine Mut⸗ ter verbrach,.. flehte Wallrade:„Stoßt ihn nicht von Euch, wie ich gethan;.... Dagobert,. ſey Du des Knaben Schirm. Ach, der Vater wird ihn ja nicht ganz verlaſſen, denn er hat mich Unwürdige ja einſt geliebt, ob⸗ ſchon ſein Zorn ihm jetzo nicht erlaubt, an meinem Todten⸗ bette zu ſtehen. Dagobert! ſorge Du für den kleinen Hans! Verſprich es mir!“—„Ich gelobe,“ antwortete Dagobert, Wallradens Hand faſſend,—„des Knaben Freund und treuer Ohm zu ſeyn; ihn nimmer zu verlaſſen, und zu hal⸗ ten wie einen Sohn.“—„Das erheitert mein ſchrecklich Ende;“ flüſterte Wallrade; dann ſetzte ſie mit erhabener Stimme hinzu:„O meine Lieben und Freunde! könnte ich Euch doch eine Hoffnung zurücklaſſen zum Erſatz für all das Böſe, das ich Euch in Wirklichkeit gethan. Vergebens wer⸗ det Ihr das Kreuz auf dem Grabe Eures Söhnleins ſuchen. Villhild's Angſt vor der gerechten Strafe ihrer Unvorſich⸗ tigkeit wälzte eine Schuld auf ſie, die alles Andere nach ſich zog. Johannes ſtarb nicht bei ihr.“—„Nicht?“ rief Mar⸗ garethe heftig aus, und beugte ſich tiefer zu Wallradens Lippen.„Hab' ich auch recht vernommen? Johannes ſtarb nicht? Um Gotteswillen! Willhild; was ſoll das bedeuten?“— Villhild drückte furchtſam und ſchluchzend das Antlitz in die Kiſſen des Lagers; Wallrade verſuchte vergebens zu ſprechen; Dagobert jedoch ergänzte mit vorſichtiger Kürze das Man⸗ gelnde.„Rüdiger, der Knecht,“ ſprach er,„hat mir im Sterben geſtanden, was er dem Manne Willhildens, dem halb blödſinnigen Paul entlockt hatte: der Knabe kränkelte ſehr, und war nahe dem Verſiechen, da rief eines Tages ein nothwendig Feldgeſchäft Willhild und Paul zur Beſtellung außerhalb der Hütte. Das ſeltne freundliche Spätherbſtwetter bewog die Pfleger, den ihnen anvertrauten Sohn nicht in der Hütte einzuſperren, wie ſie ſonſt wohl gethan, wenn ſein iberhandnehmendes Gebreſte es verhinderte, ihn mit auf's eld zu nehmen. Sie ließen dem Buben Wies und Gärt⸗ lein frei, und da ſie von der einſamen Wohnung gingen, hatte ſich das kranle Kind in den Sonnenſchein auf eine —— kleine Bank gelagert, die am Gehege ſtand, und war ein⸗ geſchlummert vor Schwäche. Die Leute blieben ſtehen vor dem Knaben, und ihnen war, als ſollten ſie nicht von dan⸗ nen gehen, und das Herz wurde ihnen weich bei'm Anblic des abgemagerten Geſichts und Körperleins. Sie trauten ſich jedoch nicht, den Kleinen zu wecken, breiteten noch ein Tüchlein über ſein Antlitz, und begaben ſich hinweg. Da ſe aber wieder zurückkehrten, war der Bube nicht mehr da, und nicht in Haus und Hof, nicht auf Wies und Feld zu finden, und bis auf den heutigen Tag nirgends eine Spur von ihn anzutreffen geweſen.“— Dagobert ſchwieg, und der Schmerz der Mutter nahm nun das Wort:„O wie erneuert dieſe Erzählung blutende Wunden!“ klagte ſie:„Wie doppelt fühle ich jetzt den Gram um meinen Einziggebornen! Bis jetz glaubte ich ihn in kühle Erde verſenkt, im geweihten, chriſ⸗ lichen Grabe, und jetzt erſt muß ich befürchten, daß ihn ein wildes Thier hinweggetragen, das herabgekommen iſt von des Haynreichs waldigem Rücken*). Seine Gebeine ſind ein Spiel der Vögel geworden, und düngen den Boden dis Forſtes! Willhild! Willhild! Was haſt Du auf dem Ge⸗ wiſſen, Unglückliche? Und iſt Alles wahr, was ich ver⸗ nommen?“ Willhild vermochte nur, ſtumm den Kopf zu neigen, und brach in lautes Weinen aus. Wallrade winkte ebenfalls be⸗ kräftigend, und faltete die Hände, wie um Vergebung fir die reuevolle Pflegerin zu bitten.—„Das hat lange auff meiner Bruſt gelaſtet,“ begann Dagobert;„und ich konnt mich nicht überwinden, es zu entdecken, aber das Unglü *) Haynreich— ein mittelalterlicher Name des Taunusgebirges. ſchenkt dem Menſchen nichts. Faßt Euch daher, gute Mut⸗ r ter, und ſetzt Eure Zuverſicht auf Gott, wie Ihr auf dieſe arme Frau keinen Groll werft, ſondern die Liebe des Ge⸗ c rechten, das Mitleid Eurer Seele.“—„Dann ſterbe ich n leichter,“ ſprach Wallrade, die wieder zu Kräften gekommen war:„ruhiger, unter Verzeihenden eine Vergebende, denn eich nehme alle Schuld von meinem Mörder, dem unglückli⸗ d chen von der Rhön.“— „Von der Rhön?“ fragte Katharina, aus ihrem zärtlichen oſen mit dem Kinde aufſchreckend:„Was iſt mit ihm? Wallrade, ich beſchwöre Euch bei der Barmherzigkeit Got⸗ e tes, bei Eurem Seelenheil,.. wo iſt der, deſſen e Namen Ihr nanntet? Auch dieſes lallende Kind nannte ibn... was ſoll ich glauben, was werde ich hören? Re⸗ ⸗ det, nur ein Wort, mein Fräulein, wo iſt mein Gatte,.. was geſchah mit ihm?“— Wallrade ſchlug die Augen gen Himmel, blickte dann fragend nach der Aebtiſſin, im Begriff zu reden. Walburg raunte jedoch befehlend in das Ohr der 5 Verwundeten:„Schweigt,... laßt mich der Schwerbe⸗ ⸗ drängten antworten, damit die Kunde von der Wahrheit ſie nicht tödte in unſrer Mitte.— Euer Gatte lebt;“ ſprach ſie hierauf zu der geſpannten Zuhörerin:„Noch mehr; Ihr di wrerdet ihn ſehen; macht Euch gefaßt, ihn nicht im Schooße des Glücks zu finden,...—„Des Glücks?“ fragte r Katharina raſch entgegen:„Hochwürdige Frau,.. wie f konnte Bilger glücklich ſeyn ohne die, die ihn lieben? Ach, möchte er in Armuth und Dürftigkeit darniederliegen.. mein Anblick, der Anblick ſeines Kindes wird ihm willkom⸗ men ſeyn. Ich will ihn pflegen, ich will ſein Leben erleich⸗ Gott! Alles will ich thun, Alles leiden, Hunger und . 3. 12 . Pein mit ihm leiden, wenn ich ihn nur ſehen, in ſeiner Nähe ſeyn kann; denn ſo wie ich liebt ihn keine Andere, ſo hat ihn jene ſicher nicht geliebt, der er gehuldigt, bevor er mir die Treue gelobte.“— Wallrade zuckte ſchmerzhaft zuſammen. Walburg verſetzte:„Ueber die Vergangenheit, gute Frau, laßt uns einen Schleier werfen, und uns freuen, daß auch die Zukunft hinter einem Schleier liegt. Verlaßt Euch in⸗ deſſen darauf: Euern Gatten ſollt Ihr ſehen. Vielleicht ſchon morgen, vielleicht noch heute Abend. Bleibt aber ruhig jetzt, und geht auf Eure Zelle mit Eurem Kinde. Ihr ſollt wohl gehalten ſeyn; denn ich will mein Unrecht gut machen; beit aber dafür ein Vaterunſer und ein Stoßgebet für dieſe in Todeskampfe Leidende““— Dagobert glaubte, indem er einen Blick auf der Schweſter Antlitz warf, daß ſie ſchon verſchieden ſey, doch Margarethens Ohr hörte das faſt un⸗ merkbare Athmen ihrer wunden Bruſt, und winkte Allen, ſtille zu ſeyn. Dieſer Schlummer, der die Arme befallen ſchien derjenige, der oft dem allerletzten Schlummer, in wel⸗ chem der Odem erliſcht, vorausgeht. Katharina entfernb ſich mit ihrer kleinen Agnes, um in der Hoffnung des Vi⸗ derſehens zu ſchwelgen, Walburg betete bei dem Lager der Freundin. Dagobert ſaß neben ihr, wie ein treuer Wächter Margarethe, nachdem ſie eine kleine Weile überlegte, flüſtert zu Dagobert:„Bleibt Ihr, mein guter Sohn; ich kannſ nicht verſcheiden ſehen. Ich gehe, meine längſt verſäunt Pflicht zu erfüllen, und vor Diether's Augen die Wahrh zu enthüllen. Weh mir, daß meine Schwäche, mein Wank muth bis jetzt das Geſtändniß verzögerte: bis jetzt, was ein entſetzliches Verhängniß aus meinem Buſen reißt. 3 deſſen einmal beſſer als nie. Komm, Willhild, komm, 129 he dieſem Sterbelager müſſen wir rein gehen, und nur zu den n Füßen meines Herrn iſt jetzt unſre Stelle.“—„Gott ſegne ie Euern Weg!“ erwiederte Dagobert mit freudeleuchtenden n. Augen:„Es wird hell in unſerm Hauſe werden, und nur z beklagen iſt's, daß hier Nacht werden muß, damit es h dort tage. Geht mit Zuverſicht und Muth; ich fürchte, ich ⸗ werde auch bald folgen können.“— Er warf einen beſorg⸗ lichen Blick auf die ſchwerathmende Schweſter. Margarethe zerdrückte eine Thräne im Auge, und ſchlug ein großes Kreuz iüber die Leidende. Willhild, die ſich mit einem Seufzer von der Erde erhob, beſprengte Wallradens Lager mit einigen n Tropfen Weihwaſſer, und wankte der ſchnell davonſchreiten⸗ den Altbürgerin nach. So ſtill ihr Gang durch die Straßen n war, ſo ſtill war ihr Empfang zu Hauſe. Herr Diether be⸗ erkte kaum, in ſein Leid verſunken, die Eintretenden. Bleichgültig ſah er auf Willhilds bebende Geſtalt, aber mit erzwungener Ruhe fragte er Margarethen:„Ihr kommt von ihr Sie iſt hinüber?“— Die Gattin ſchüttelte den Kopf, und ſagte, mit gebeimer Angſt, wie ſie denn wohl das harte Belenntniß einleiten möchte:„Sie lebt noch, mein werther derr, und ſie hoffte, Euch an ihrem Bette zu ſehen, als ein verſöhnter Vater.“—„Zerreißt mir ihr Tod nicht das derz?“ fragte Diether mit ausbrechender heftiger Wehmuth: „Iſt ſie denn nicht meine Tochter? Ich bin kein Thier des Waldes, das ſich die Gebeine ſeiner Jungen ſelbſt zur Nah⸗ rung wählt; ich bin ein Menſch, ein alter Mann von rauhen Sitten, aber meine Bruſt iſt nicht fühllos. Bei meinem eidenden Kinde zu verweilen, wäre mir eine heilige Pflicht, könnte ich mit ganz reinen, ungemiſchten Gefühlen die Toch⸗ er wiederſehen. Aber, mit vn W der Groll 1 kämpfen, mit der Verſöhnung der Haß, mit dem Segen der Fluch, und beſſer iſt's, ich bleibe weg von ihr, als daß mir in ihrem letzten Stündlein wieder in ihrer Nähe beikäme, was ſie gegen mich, gegen uns verbrochen hat.“ Margarethe wollte in ſeine Rede fallen, aber Diether gab es nicht zu.—„Kein Wort zu ihrer Vertheidigung,“ ſprach er heftig:„verzeihen kann ich ihr, ſegnen will ich fſie, aber nicht ſelbſt ihr das Wort der Vergebung bringen, aber nicht ſelbſt die Hand auf ihr Haupt legen, aber nicht ver⸗ geſſen, daß ſie es war, die alles Elend über uns gebracht, daß ſie das Kind uns geſtohlen, um es dem Jammer hinzu⸗ werfen, wie ein armes junges blindes Thier in den reißenden Strom!“—„O Herr,“ rief Margarethe, ſeine Knie um⸗ faſſend:„hemmt doch Euern Groll, hemmt doch Euern Zorn. Wallrade hat viel verbrochen, aber unſchuldig iſt ſie an dieſem Vergehen.“—„Unſchuldig?“ wiederholte Die⸗ ther, und ſah mit Beſtürzung, wie auch Willhild ſich heulend vor ihm niederwarf, und nun aus dem Munde der Frauen ein Bekenntniß zu Tage ſtieg, das ſich der alte Mann nicht hätte träumen laſſen. Und da er nach und nach heller ſah in der verworrenen Geſchichte, hörte, wie er hintergangen, und wie dieſe ſchnöde Liſt der Anfang alles Unglücks ſeines Hauſes geweſen, da empörte ſich ſein Gemüth; das Blut wallte ſiedend auf in ſeiner Bruſt und in ſeinem Gehirn⸗ Der gewohnte Ungeſtüm wollte hervorbrechen aus den kaum geſchmiedeten Feſſeln; verſtoßen wollte er die ſchuldige Gat⸗ tin, der ſtrengſten Strafe überliefern ihre Mithelferin; aber ein Augenblick geſtaltete ſein Inneres anders. Margarethe⸗ in ihrer Reue ſchöner noch, als an dem Tage, da ſie in Diether's Hauſe einzog,— eine ſiegreiche Braut,— ſah auf. zu ihm aus der Vernichtung, in welcher ſie vor ihm lag. Alle Engel des Erbarmens ſchienen um ſie her im Kreiſe auf den Knieen zu liegen vor dem zürnenden Greiſe, ihre Hände gegen ihn zu falten, und ſeiner ftürmiſchen Seele Friede zuzufächeln mit ihren bunten und goldnen Schwingen. Der Zauber, der über des Kindes wie über des Alten ver⸗ änderlich Gemüth eine ſtrenge Herrſchaft übt, wirkte auch hier. Gegen die entwaffnete Buße hatte er nur Rührung zu ſtellen, wiederkehrende Liebe, und all dieſe Gefühle wur⸗ den geheiligt durch eine erhebende Ahnung der ewigen, un⸗ abänderlichen Vorſehung. So konnte es denn geſchehen, daß ſein Grimm plötzlich vernichtet dahin fiel, daß wehmü⸗ thige Freundlichkeit über ſeine Züge ſchlich, und daß die Hand, die vor einem Athemzuge noch die vor ihm Knieende hinwegſtoßen wollte, dieſelbe jetzo aufhob, wie ein Vater das liebe Kind aufhebt.—„Steht auf, meine Ehefrau;“ ſprach er gütig, und ſiegreich im Kampfe der Leidenſchaft:„Ihr habt mir ſo Vieles zu vergeben, daß ich, obgleich ſchmerzlich aus der Himmelshoffnung meines Alters geriſſen, nicht an⸗ ders thun kann. Kein Wort mehr von dem, was geweſen iſ.— Er ſchüttelte Margarethen treuherzig die Hand, ſie küßte die ſeine ſchluchzend und dankbar. Hierauf hob er auch Willhild auf, und ſagte zu ihr, wenn gleich mit ſtren⸗ gerem Blicke:„Dich könnte ich fragen: Wo iſt das Kind, das ich Dir vertraute? Aber,.. ich bezwinge mich. Der Herr hat's gegeben,— der Herr hat's genommen,— der Name des Herrn ſey gelobt. Der arme kranke, todtſchwache Knabe wird freilich von uns nie mehr geſehen werden, ſetzte erweich hinzu: und auch ſeine Ueberreſte werden wir nicht finden. Das Haus bleibt aber darum doch nicht ohne Erben, 182 und auch der kleine Hans ſoll nicht unglücklich ſeyn, um der Miſſethat ſeiner Mutter willen. Jetzt aber, kommt zu eben dieſer Mutter Sterbebette, daß ich jetzo ſie mit heitern Muthe ſegne, und ihr aus vollem Herzen das ſühnende Lebe⸗ wohl zurufe!“ Ueuntes Rapitel. Wenn die Noth am größten iſt, iſt die Hülfe am nächſten. Sprichwort. Im Scheine des gelblich flammenden Abends ſaß Bil⸗ ger von der Rhön an einem Fenſter des Deutſchordenshau⸗ ſes, das hinausſah auf die wallende Fluth des Stroms, und vor dem die Schiffe und Kähne, die darauf zu Berg und zu Thal tanzten, ſich tummelten, wie die Fiſchlein im Grunde ihrer naſſen Heimath. Aber das luſtige und rege Leben auf Strom und Brücke regte den in kummervolles † Nachdenken Verſunkenen nicht an, ſondern vermehrte nur ſeinen Schmerz, ſich hinausgeſtoßen zu wiſſen aus der Mitt des Volks, geächtet, ſeiner Freiheit, ſeiner Ehre, ſeines L⸗ bens ſelbſt am Ende verluſtig. Er ſah voraus, wie alles † um ihn her ſich noch ſchwärzer und düſtrer geſtalten wür als es ſchon bis jetzt geworden war, und ſeine lèbend Einbildungskraft zeigte ihm hinter den Gefahren der Gegi wart und der Zukunft die Geſtalten ſeiner Lieben, wie gleich verwieſenen Engeln, ihre Hände ausſtreckten nach Vater und Freund, ohne ihn retten, oder an ſich ziehen zu können. Bei dieſen troſtloſen Gedanken überraſchte ihn manchmal auch der verzweifelnde, einen Weg zum Strom zu ſuchen, um darin alles Kummers und Elends auf einmal quitt zu werden. Dieſer Gedanke,— in ſeiner Fürchterlich⸗ keit dem gefolterten ein Freund, hatte ihn von der Tafel des Komthur's gejagt, deſſen rohe und leichtſinnige Reden, im Verein mit der Schlemmerei in Mahl und TDrunk, welche die drei Herren des Hauſes trieben, ſeine Bruſt grauſam verletzt hatten. Die deutſchen Herren jener Zeit, ſowohl Ritter, als Amtleute und Geiſtliche waren in ihrem Ueber⸗ muthe, der ſich auf die Reichthümer, die Gewalt und Vor⸗ rechte ihres Ordens gründete, weit über alle Schranken ge⸗ gangen. Hang zum Wohlleben, Habſucht und Willkühr waren die bezeichnenden Eigenſchaften der größern Mehrzahl der Ordensglieder, die vom Volke nicht geliebt, aber wohl ge⸗ fürchtet wurden, um ihrer weit um ſich greifenden Macht willen. Unter den Schwelgern und Trotzköpfen, die der Orden aufzuweiſen hatte, ſtand der Herr von Iſſing in der vorderſten Reihe. So wie er der Tapferſten einer im Felde war, ſeinem Muthe verdankte er die Komthurei,— ſo war er im Frieden einer der Stolzeſten und Unverträglich⸗ ſten, der mit Härte und Eigenmächtigkeit Alles durchſetzte, was zum Beſten des Geſammten war, ſollte auch Recht und Gut Andrer dabei zu Grunde gehen. Ohne ein böſes Herz zu haben, beſaß er doch alle Untugenden eines zum Laſter aufgelegten Mannes, und vom Augenblick, von der Laune, die dieſer ihm gerade einflößte, hing der Werth ſeiner Hand⸗ lungen ab. Eine gutmüthige Rohheit ſprach ſich in ihm aus, hatte er gerade ſeine beſte Stunde; kalte Unbarmherzigkeit —— 184 oder grauſamen Zorn brachte vielleicht die nächſte, minder günſtige. Von frühſter Jugend an den Weibern ergeben, hatte er ſeine höchſte Glückſeligkeit in den Ausſchweifungen ſinnlicher Liebe gefunden. In ſeinen männlichern Jahren hatte ſich die aufkeimende Luſt an Schmaus und Gezech, mit Frau Venus und ihrem Gefolge in ſein Herz getheilt, und bei der wohlbeſetzten Tafel war es immer, wo er ſeine un⸗ bändige Fröhlichkeit frei daher gehen ließ, ſeine Scherze, nicht die zarteſten, freigebig auftiſchte, und gleiche wilde Luſtigkeit von ſeinen Tiſchgeſellen verlangte. Der Pfaffe des Hauſes, ein rüſtiger Trinker, ließ ſich nicht lange auffordern, Iſſing's Farbe zu tragen, und der Trappierer, ein durchtriebener Schelm, voll Geiz und Schlauheit, verſäumte nicht, dem Komthur, von deſſen Nachſicht er mancherlei Vortheile bei ſeiner Amtsführung erwartete, dienftfertig zu höfeln, und ihn ſchier noch zu überbieten in ſchwelgeriſcher Eßluſt und unziemlichen Reden. In der Mitte dieſer Männer konnte einem Unglücklichen unmöglich wohl ſeyn, da die grauſame Rohheit der Genoſſen immer wie mit eiſerner Fauſt an das wunde Herz des Armen griff; und Bilger vollends hätte ge⸗ wünſcht, einer jener dürftigen Unglücklichen zu ſeyn, denen, man, um eines Verbrechens willen, zwar die Freiſtatt im Hauſe gönnte, um welche man ſich aber nicht bekümmerte; denen man überließ, für ihr Obdach und ihren Unterhalt ſo gut zu ſorgen, als ſie konnten. Der Komthur hatte aber ſeinen Stolz darein geſetzt, gegen den Herrn von der Rhön von der freundlichſten Bereitwilligkeit zu ſeyn⸗ und ihn zu halten, wie es ſein Stand und ſein Name wohl verdiente. Daher mußte Bilger eine ſtundenlange Qual an dem LTiſche des Hauſes aushalten, und ſich, wie ein Dieb, bei guter Gelegenheit fortſchleichen, um ungeſtört ſeiner Traurigkeit nachhängen zu dürfen... Zwar war dieſes Alleinſeyn ſchmerzlich, aber des Unglücklichen einzig Eigen⸗ thum bleibt ja nur noch ſein Schmerz. Bilger horchte alſo nicht auf die fern her gellende Stimme des Ordensprieſters, der in trunknem Muthe die Hymne an den heiligen Johan⸗ nes, den Patron der Sänger*), zum Beſten gab, ſondern er lauſchte auf die angſtvollen Schläge ſeines Herzens, auf die Geiſterſtimmen, die klanglos, aber verſtändlich zu ſeinem Ohre ſprachen, und ſah nicht, wie es dämmerte immer mehr und mehr. Aber das Geräuſch, welches der eintretende Komthur machte, rief ihn zurück aus der Welt ſeiner ſehn⸗ ſüchtigen Träume.—„Ei, bei den Dornen und Wunden unſers Herrn!“ rief der Herr von Iſſing:„von der Rhön! was ſicht Euch denn an, den einſamen Saal hier unſerer heimlichen Eßſtube vorzuziehen? Schickt doch Eure Grillen zur Hölle. Meint Ihr denn, die alten Ordensherren, deren gemalte Geſichter uns ſo kriegeriſch anglotzen durch den dämmerigen Abendſchein, werden Euch helfen aus der Noth? Die Lebenden ſind's, auf welche Ihr hoffen müßt, und ſo lange Ihr unter dem Schutze des Kreuzes ſteht, ſoll Kaiſer und Reich die Hand von Euerm Leibe halten. Seyd dem⸗ nach hübſch munter, und— behagt Euch etwa unſre Kum⸗ panei nicht, ſo ſagt's nur friſch heraus von Bruſt und Leber, ich kann Euch auch wohl andere Geſellſchaft zuweiſen, mit velcher Ihr zufrieden ſeyn möchtet.“—„Herr Komthur!“ ——— Das dem Muſikkenner wohlbewußte Lied, welches ſeine Anfangsſylben 3 zu Bildung der Tonleiter hergab, und in mittelalterlicher Zeit als Mittel gegen die Heiſerkeit geſungen wurde.„Ut queant laxis reso- nare ſbris etc.“ antwortete Rudolph ernſthaft:„mein Unglück hat mich unter Euern Schirm gebracht; doch gewinnt Ihr nicht dadurch das Recht, meiner und meines Grams zu ſpotten. Bedenkt, daß von Euch ſelbſt alles Uebel meines Lebens ſeinen Urſprung nimmt.“—„Nun, bei meinem Eid!“ lachte Iſſing ſcho⸗ nungslos:„es iſt luſtig, daß Ihr mir aufbürden wollt, was Eure freie Wahl und eines ſchlethten Weibes Nieder⸗ trächtigkeit verſchuldet hat; indeſſen, weil Ihr unglücklich ſeyd, nehme ich's nicht ſo genau, und behaupte Euch ruhig in's Angeſicht, daß ich Eurer nie geſpottet habe, und nimmer ſpotten werde. Der Zufall erlaubt mir, Euch ſogar gute Botſchaft zu bringen. Aus dem Weißfrauenkloſter erhalte ich Kunde, Haß Wallrade nicht geſtorben, daß ſogar die Hof⸗ nung gehegt wird, ſie zu heilen und ihr Leben zu erhalten. So wenig ich es der Elenden gönne, ſo lieb mag's Euch ſeyn, daß ſie ein Katzenleben hat.“—„Wirklich?“ fragte Rudolph mit frohem Blicke:„ſie lebt wirklich noch? O habt Dank, Herr von Iſſing, daß Ihr meiner Seele dieſes Lab⸗ ſal brachtet. Meinen Hals befreit die Kunde freilich nicht, aber mein Gewiſſen wird leicht dagegen und geſünder. Habt Dank. Könntet Ihr mir nur gleich gute Mähr von meinem Kinde bringen,... von meinem Weibe... o Gott!“— Bilger ließ den Kopf auf die Bruſt, die Hände in den Schvoß ſinken, und ſchwieg ſeufzend. Der Komthur zuckte die Achſeln, und ſprach:„Davon weiß ich nicht, mein Freund. Vielleicht wäre jedoch der Bote beſſer unterrichtet, der vom Kloſter nach unſerm Hauſe kam. Wär's Euch recht, ihn zu ſehen, ſelbſt zu ſprechen? Man mag ihm wohl vertrauen⸗ 1 ſonder Gefährde!“—„Zwar ſollte ich jeden Menſchen ſcheuen,“ entgegnete von der Rhön:„allein,— ob ich m jetzo nenne, ob nicht; es iſt gleichviel. Lebt Wallrade noch, o ſo hat ihr Mund mich ſchon genannt; Gundel hat mich verrathen, Dagobert gegen mich gezeugt; ich darf fürder nicht hoffen, unerkannt mein Leben zu laſſen, ohne Schande für meines Hauſes Wappen! Verſtattet mir daher, den Mann zu ſehen, Herr Komthur.“—„Gern!“ antwortete dieſer, und ſtieß mit des Schwertes Scheide auf dem ſteinernen Boden, daß es an der Decke des Saals wiederhallte, worauf die Flügelthüre ſich öffnete, und ein blendender Kerzen⸗ ſchimmer hereinſtrahlte. Die plötzliche Helle ſchloß Bilgers Augenlied, aber ſchnell eröffnete er es wieder, als eine ſüße Stimme ſeinen Namen rief, und die Freude rüſtete ihn mit ſtarkem Arme empor, da ſeinem Blick hinter dem Diener, der die Kerzen herein⸗ trug, die Geſtalten ſich zeigten, die ſeine Einſamkeit ſchon dieſen Abend beſucht hatten; diesmal aber keine verge⸗ bens nach ihm ſich ſehnende Engelsbilder, ſondern lebende verkörperte Geſtalten, die an ſein Herz flogen, die ihn mit Liebesarmen umſchlangen und ihm abwechſelnd zuflüſterten oder zujubelten:„Gatte! Vater! wir ſind hier,... wir, Dein Weib, Dein Kind! wir ſehen Dich wieder!“ Rudolph's Augen, vor Kurzem noch überfließend von den Zähren des Jammers, ſtrömten nun über von den Thränen der Freude, der dankbarſten Freude. Aber nicht in ſeinen Wim⸗ vern allein hingen dieſe köſtlichen Perlen des Gefühls: auch die Gattin ſchluchzte an ſeinem Halſe, auch die kleine Agnes weinte unter ihren freundlichen Liebkoſungen, und an der Thüre ſtand dit harte Judith, aufgelöst in Rührung; in der Mitte des als ſtand der Komthur und fühlte ſein rauhes Herz erſchüt⸗ von menſchlicher Bewegung. Die Glücklichen, die ſich wieder 188 gefunden hatten, vergaßen die Zeugen um ſich her, und ver⸗ loren ſich in Fragen und in Antworten, in dem Labyrinth der Rede, welche der laute Herold des innern Gefühls iſt. Ach, nun erfuhr Rudolph, daß Katharina von ſeiner erſten Ehe wußte, wenn gleich nicht den Namen der erſten Gattin, wenn gleich nicht das Daſeyn des Knaben Johannes.— Dieſe Kunde war ein bittrer Tropfen in Bilgers Freudenkelch, und er nahm ihn hin, wie ein reuiger Sünder, ohne zu läugnen, obſchon Katharine mit ängſtlichem Blicke dieſes Läugnen erwartete, und einer Sylbe von ſeiner Lippe mehr geglaubt hätte, als allen Schwüren Wallradens, deren ent⸗ ſetzliche Falſchheit ſie kennen gelernt hatte. Als jedoch Bil⸗ ger reuevoll um Vergebung bettelte, da wurde aus den ſchmerzlichen Vorwürfen der Gattin, der barmherzige Troſt eines Engels, und ſie vergab, und forderte ihn auf, ſie und Agnes ferner nicht zu verlaſſen.„Wer auch jene Andere ſey,“ rief ſie begeiſtert:„ſie liebt Dich nicht, wie ich; ſie hat Dich nie alſo geliebt; unglücklich muß ſie Dich gemacht haben, denn du biſt denen treu, die du im Herzen trägſt,.ob⸗ gleich„hier ſtockte ſie zitternd,„obgleich Du auch von uns gegangen biſt, von mir und Deiner Agnes!“— Ka⸗ tharine ſchwieg ſchluchzend und kauerte ſich zu dem Mägd⸗ lein hernieder, um ihre naſſen Augen an deſſen Halſe zu verbergen. Der Herr von der Rhön rief dagegen, den Komthur heftig an der Hand faſſend, ſeht her, edler Herr, ſeht her, welch ein Weib! Ihr habt nur Sinn für die äußere Blüthe der Frauen, aber ahnen mögt Ihr den⸗ noch, was Liebe, was Tugend, was Hingebung und Opfer für den Geliebten ſey! Weh mir, daß ich ſolch ein Herz 30 betrüben, geſchaffen bin, und daß ich noch Schande häufe 189 auf dieſes theure Haupt. Wehe Euch, Herr, denn Ihr habt mich zu jenem abſcheulichen Bunde überredet; Ihr gabt dem Zagenden, dem blöden Jüngling die Mittel zur Hand, die Kette unwiderruflich zu ſchmieden, nach welcher ſein ah⸗ nend Herz bald verlangte, welche es bald verwarf. O hätte ich doch nimmer die Stunde erlebt, in welcher ich das ver⸗ hängnißvolle Ja geſagt, hätte ich doch nimmer den dienſt⸗ fertigen Mönch geſchaut, den Eure Hand auf Baldergrün einführte, deſſen Segensſpruch— der Fluch meines Lebens— dieſes edle Weib zu meiner Kebsfrau, dieſes holde Kind zu einem Baſtard macht,— und mich gefeſſelt hält an die un⸗ ſelige Wallrade!“—„Wallrade!“ ſchrie Katharine laut auf, und ſank von der Ueberraſchung überwältigt, zu Boden. Judith flog auf die Erblaſſende zu, und mit dem Rufe: „Barmherziger Gott! ſie ſtirbt!“ wollte ſich Rudolph neben ihr niederwerfen. Iſſing hielt ihn heftig zurück.„Seyd ein Mann!“ ſprach er ernſt und doch nicht unfreundlich; „das iſt nicht der Tod; eine Schwäche blos, aus welcher dieſes Weib hier die Unglückliche rütteln mag. Ich dafür will Euch aus einer verderblichern Ohnmacht zum Leben reizen, aus den Ketten eines verderblichen Wahns. Hört mich an, und wohl mir, daß mein Spott am Heiligſten mir gönnt, Euch Heil zu verkünden. Wallrade hatte mich unter⸗ jocht und wünſchte, meiner faſt überdrüſſig, und Euch mit flüchtiger Liebe umfaſſend, eng mit Euch verbunden zu ſeyn, um den zaudernden blöden Freier unauflöslich an ſich zu binden. In einer ſchwachen Stunde entlockte ſie mir den Eid, ſelbſt die Hand dazu zu bieten. Ich konnte nicht zurück, fühlte ich gleich die ganze Hölle, ſelbſt den Segen über die Geliebte und den verhaßten Nebenbuhler ſprechen zu müſſen. Aber meine Argliſt verſiel auf eine Auskunft. Ich wollte Euch binden, aber nur vor Euern Augen; und einſt Euch niederdonnern mit dem grimmigſten Hohne, Euch erniedrigen vor meiner Verachtung. Der Kirche Segen durfte nur ein Poſſenſpiel ſeyn, und ein Ordensknecht, der dem Noviziat im Bettelkloſter davon gelaufen war, ſtellte den Mönchspo⸗ panz vor, der Euch verband mit ruchloſer Spottrede und entweihter Stola.“—„Wie?“ ſtammelte von der Rhön, zurückfahrend.—„Wie die Dinge nachher wurden,“ ſprach der Komthur weiter,„ſo war mir's nicht gelegen, Euch den Irrthum zu benehmen, denn ich ſah Euch unglücklich ſeußzen unter dem eingebildeten Joche, und meiner Rache Ziel war erreicht. Dieſes Stückleins habe ich mich ſtets gefreut, und ihr mögt es jetzt meinem weichen Herzen und der Rührung Eu⸗ res ſchönen Weibes danken, daß ich Euch den Aufſchluß! gab. Der vorgebliche Mönch ruht aber längſt ſchon in der Erde. Ein ungeheurer Polacke hieb ihn neben mir zuſammen, in demſelben Kampfe, der mir die kahle Stirne eintrug“— „Komthur!“ rief Bilger außer ſich vor Freude:„nimmer hat ein Teufel dem Menſchen ſo viel des Uebeln zugefügt, als Ihr, ſchwerverirrter Mann, mir des Guten gethan habt, in böſer Tücke. Weib, Gattin, Katharine, erwache und freue Dich mit mir. Ich bin Dein, nur einzig und allein Dein Gatte. Keine Fremde hat Theil an mir, und unverletzt iſt Deine Ehre, unſers Kindes Herkunft. Mag man mich nun auch von hinnen reißen, mich foltern und mein Haupt vom Rumpfe trennen, weil ich in blindem Wi⸗ then meinen Feind zu erſchlagen begehrte, iſt doch dieſe Schuld, die gräßliche Gewiſſensſchuld von mir genommen.“ —„Ich bin ein gnädiger Beichtiger;“ lachte der Komthur, wieder in ſeinen Gleichmuth zurückſinkend:„ſeyd Ihr hingegen ein kluges Beichtkind, und tödtet nicht durch vorlaute Rede die Arme, die jetzt erſt mühſelig aus der Ohnmacht wiederkehrt. Sie weiß noch nicht, was Ihr begangen, warum Ihr Euch hier befindet. Mitleidig verſchwiegen ihr's die Oberin des Weißfrauenkloſters, und Wallradens Freunde, damit ſie gelinder und gemildert die Unglückspoſt aus Euerm Munde höre.“ Der Herr von der Rhön ſchreckte heftig bei dieſer Eröff⸗ nung zuſammen. Das Schwerſte war ihm demnach noch übrig, und langſam mußte er das Geſtändniß ſeiner That, die blutige Hoffnung ſeiner Zukunft den dringender und drin⸗ gender werdenden Aufforderungen Katharinens entgegenſetzen, welche begehrte, er möchte alſobald mit ihr und dem Kinde dies Haus verlaſſen, und niemals wieder von ihnen weichen. Die Tiefen des Gemüths, zumal des weiblichen Gefühls, ſind unergründlich. Ungleich weniger, als der Name Wall⸗ radens in obiger Beziehung Katharinen erſchreckt hatte, er⸗ ſchütterte ſie die Nachricht von Bilgers Schuld und gefähr⸗ licher Lage. Trotz ihrem weichen verſöhnlichen Herzen fühlte ſie eine Art von ſchreckhafter Freude, da ſie hörte, daß der Arm des beleidigten, verhöhnten, getäuſchten Rudolphs das Werkzeug der Vergeltung geweſen war, daß durch ihn das gerechte Verhängniß die Frevlerin in den Staub geſtürzt hatte. Denn ihre Leichtgläubigkeit hoffte aus dieſem bluti⸗ gen Vorgange Wallradens Beſſerung erwachſen zu ſehen, und ihre Unerfahrenheit überſah ſpielend das drohende Schwert, das über ihres Gatten Haupte hing. Hatte er doch nur im gerechten Zorne das Schwert entblöst, und ge⸗ braucht; war doch Wallrade nicht an der Wunde verſchieden, — — — und ſogar die Hoffnung da, ſie wieder herzuſtellen. Die kindliche Frau glaubte, es müßten recht bald dem Flüchtling die Thore geöffnet werden zum Auszug in die Freiheit; ſie dachte ſchon daran, wie ſie vielleicht durch eine Fürbitte die Friſt abkürzen könne. Bilger hingegen, welcher wohl wußte, daß der Bruch des Stadtfriedens, das Beginnen des Mordes, die ſtrengſten Richter finden würde, und daß die Geſetze der Reichsſtadt für den Fremden mit Blut geſchrieben waren, ſchwieg trübe und düſter bei den Vorſätzen und Hoffnungen, die Katharine in ihrem wachſenden Muthe an den Tag legte und konnte es nicht über ſich gewinnen, durch ein beifälliges Lächeln die Arme zu täuſchen.—„Gute Katharine!“ ſprach er bewegt:„ich danke dem Himmel aus vollem Herzen, daß er mir das Glück gewährt hat, Euch noch einmal zu ſchauen, meine Lieben, die ich jetzt mit allem Recht mein nennen kann. Mehr zu begehren geziemt jedoch nicht meiner Schuld, nicht meinem jetzigen Zuſtande. Ihr habt ſelbſt von den Soldwachen geſprochen, die des Hauſes Pforte belagem; Ihr habt mir ſelbſt ihre Wachſamkeit geſchildert, die Strenge, mit welcher ſie Euch befragten, und den Argwohn, mit wel⸗ chem ſie Euch nachſahen, da Ihr mit Erlaubniß des Kom⸗ thurs durch dieſes Thor eingingt. Dieſe Wachſamkeit wird ſich nur von Tag zu Tag verdoppeln; begierig werden ſie die Stunden zählen, nach deren Verlauf ich ihnen verfallen bin, und— iſt die letzte verronnen, mir fürder keinen A⸗ genblick mehr ſchenken. Ihren Ketten entgehe ich nicht, wie mein Haupt nicht dem Spruche des Blutgerichts. Betrüge Dich darum nicht mit eitler Hoffnung, gute Katharine. Vir haben uns wiedergefunden, um uns in Kurzem wieder zu verlieren, denn alſo iſt's beſchloſſen im Himmel, und v. S 193 Erfüllung dieſes Beſchluſſes ſchreitet ſchnell auf Erden.“— „O, was ſagſt Du, mein Rudolph?“ ſeufzte Katharine aus bangem Herzen:„Du willſt mir jede Hoffnung rauben? Du verzweifelſt an jeder Rettung?“—„Warum mich hinhalten mit trügeriſcher Ahnung, mit falſchem Vertrauen?“— ent⸗ gegnete von der Rhön:„Ich bin nur reich durch Euch, meine Lieben! Gold und Silber habe ich nicht; und wo findet der Arme einen uneigennützigen Retter?“ Der Komthur, der bisher geſchwiegen hatte, lächelte hier⸗ bei halb ſpöttiſch, halb gutmüthig, und rief:„Bei Kreuz, Dorn und Wunden, Herr! Ihr wißt die Waffen zu führen, habt gekämpft und die Wildbahn beritten wie ein erfahrner Jägersmann, und wollt nicht vertrauen auf das Glück, das ſo oft da hilft, wo weder Klinge noch Pfeil noch der Arm ausreicht? Ich bleibe dabei, noch lange habt Ihr Friſt, und wer weiß, ob nicht in dieſem Augenblicke ſchon Euer Retter Euch nahe ſteht?“ Raſche Schritte kamen den Gang herauf, und auf die Thüre des Saals zu.— Mehrere Stimmen wurden laut.— „Ei, zum Donner!“ fragte der Komthur:„wer ſtört uns denn noch am ſpäten Abend?“— Die Antwort auf dieſe Frage gab der eintretende Oberreiter, der einen Boten des Herzogs Friedrich von Heſterreich meldete, und welchem auch der bemeldete Bote auf dem Fuße folgte. Von der Rhön fuhr bei ſeinem Anblick zuſammen, denn Dagobert, Wallradens Bruder, war es in leibhaftiger Geſtalt. Mit ungezwungnem Anſtande, ohne kaum einen Blick auf den Unglücklichen und deſſen Gattin zu werfen, näherte er ſich dem Komthur, und redete ihn an:„Zuvörderſt, edler Herr, hab' ich Euch zu en daß Se. fürſtliche Gnaden, der dera dicht hinter 194 mir einherzieht, und von Eurer Gaftfreundſchaft eine willige Aufnahme in Euerm Hauſe erwartet, wo er, die kurze Zeit, die er zu Frankfurt zu verweilen gedenkt, wohnen will.“— „Ehre und Schuldigkeit;“ erwiederte der Komthur, und ſandte den Oberreiter ſogleich an den Trappierer, um die nöthigen Vorbereitungen treffen zu laſſen:„Se. fürſtlichen Gnaden ſind ein lieber Gaſt, und ſollen gut gehalten wer⸗ den in unſers Ordens Hauſe, das der Freigebigkeit der öſterreichiſchen Fürſten viel verdankt. Wie aber nenne ich Euch, mein Herr, der mir die frohe Kunde bringt?“— „Mein Name iſt nicht wohlklingend für dieſes Mannes Ohr,“ entgegnete Dagobert, mit einem Seitenblick auf Bilger: „er möge aber wiſſen, daß ich nicht als ſein Feind erſcheine, ſondern lediglich als des Herzogs Vorläufer, zu dem mich der Zufall gemacht hat, da ich dieſen Nachmittag, eine gute Strecke vor der Stadt luſtreitend, unverſehens auf des Her⸗ zogs Geleite ſtieß. Ich heiße Froſch, des Altbürgers Diether Sohn.“— Iſſing biß ſich betroffen in die Lippen, ſammelte jedoch ſeine Faſſung ſchnell wieder, und nickte bewillkommend mit dem Kopfe. Judith erſah aber den Augenblick, welchen das tiefe Schweigen, das nun auf allen Lippen herrſchte, ihr gönnte, um Katharinen zuzuflüſtern, es ſey nun die höchſe Zeit, nach dem Kloſter zurückzukehren. Seufzend wand ſich die Arme, den Geſetzen der Ehrbarkeit gehorchend, aus Ru⸗ dolph's Arm, und gelobte hoch und theuer, morgen ſicher wiederzukehren, wenn der Komthur es erlauben würde. Ver⸗ bindlich antwortete dieſer: er wiſſe ſich nur weniger Fäle aus ſeinem Leben zu erinnern, wo er gegen Frauen une⸗ bittlich geweſen ſey, und er finde vollends keinen Willen in ſich, der leidenden Schönheit zu widerſtehen.„Geht mit Gott, edle Frau,“ ſprach er zum Abſchiede:„und mit Gott kehrt wieder, ſo oft Ihr wollt. Dieſes Haus iſt eine Zu⸗ flucht für den Verſolgten, und wird durch ſolche liebliche Unſchuld doppelt geheiligt, wie durch des Prieſters Spruch. Euern Gatten ſollt Ihr unverletzt wieder finden, verlaßt Euch darauf.“— Der Herr von der Rhön geleitete Katharinen, vor welcher ein Diener des Hauſes mit einem Windlicht zu ſchreiten befehligt war, bis zur Pforte, und während deſſen hob Dagobert freimüthig und zutraulich zu dem Komthur an:„Erlaubt, geſtrenger Herr, daß ich ein billig Wort zu Euch rede. Ihr ſeyd noch nicht lange an dieſem Platze; die Stadt hat Euch indeſſen als einen unbeugſamen ſtrengen Mann kennen gelernt, und fürwahr, man darf Euch nur in das Geſicht ſehen, um daſſelbe zu glauben. Sollte ich mich denn wohl täuſchen, wenn ich bei Euch auch einen unbeug⸗ ſamen Willen zum Guten vorausſetze? Ihr habt der Gele⸗ genheit manche, Gutes zu üben, und gerade jetzt wäre eine herrliche vorhanden. Dieſer unglückliche Mann, der bei Euch Schutz und Schirm gefucht und gefunden,— ſoll er denn aus dieſen Pforten endlich doch wieder in die Hände der Schergen gelangen, welchen er mit genauer Noth entkam? WVollt Ihr ihm nur auf dreißig elende Tage das Leben ge⸗ rettet haben, damit es nach dieſer Friſt dennoch des Henkers Beute werde? Rettet ihn für immerdar, Herr, und werdet der Wohlthäter von drei dankbaren Menſchen.“— Der Komthur maß lächelnd den vor ihm ſtehenden Jüngling, in deſſen Auge das reinſte Feuer ſtrahlte, die Begeiſterung für Barmherzigkeit und Milde gegen das Elend.—„Ich ſoll mich über Eure Reden wundern,“ begann er hierauf,„und Euch für einen leidigen Verſucher halten, ze enträthſeln möchte, was ich im Schilde führe. Ihr ſeyd Wallradens Bruder, und Blutrache zu üben wäre Eure erſte Pflicht, denke ich.“—„Wofür haltet Ihr mich?“ fragte Dagobert kühn entgegen:„Ich ſollte einen armen Menſchen tödten, der im aufwallenden Zorn die That beging, die ihn— ich weiß es— reut? Nimmermehr; und hier, Herr, ſtehen die Dinge anders denn gewöhnlich. Geſtern hat ſich's entſchie⸗ den, daß Wallrade wieder auf das Leben hoffen darf; der Bußfertigen eigner Wunſch iſt's, ihren Mörder frei zu wiſſen und ſtraflos. Soll ich auf die Seite des unerbittlichen Ge⸗ ſetzes,— jede menſchliche Regung mit Füßen treten? Lernt mich beſſer kennen, Herr, und folgt meinem Beiſpiele. Mir iſt durch des ſterbenden Rüdiger's Mund bekannt, daß Ihr Antheil genommen an jenem Unglücksbunde auf Baldergrün; laßt Euch nicht durch eiferſücht'ge Rache verleiten, hier grau⸗ ſam zu ſeyn, der Ligerkatze über'm Meer zu gleichen, von der die Sage geht, daß ſie unbarmherzig noch mit dem Opfer ſpiele, das unter ihren Klauen zittert,— ihm einen Schein, eine Hoffnung— eine Spanne von Freiheit laſſe, um es im nächſten Augenblicke unerbittlich zu zerfleiſchen!“— Da ſah der Komthur den jungen Mann mit einem auflodern⸗ den Blicke an, der den Ausdruck einer faſt beleidigten Seele annahm.—„Bei meinem Eid!“ rief er:„Ihr nehmt Euch etwas viel heraus, junger Degen, und fürwahr, Euer Name iſt nicht geeignet, mich nachſichtiger gegen Euch zu machen⸗ aber Euer kühner Muth gefällt mir, ob er mich gleich zu unrechter Zeit an Baldergrün und Wallraden erinnert hat. Ihr mögt wiſſen, daß der Ritter von Iſſing keiner Weiſung bedarf, um Gutes zu thun. Sein eigen Gemüth beſichlt ihm, keine fremde Zunge. Ihr mögt wiſſen, daß er ſchon bei ſich beſchloſſen hatte, den armen Mann zu retten, um Gottes und ſeines Weibes und Kindes willen, und daß er nur den Augenblick erwartet, der es ihm erlaubt, ohne ihn der Straffälligkeit gegen ſeine Pflicht und gegen den Rath der Stadt zu unterwerfen, der doch einmal unſers Ordens Haus bevogtet und bewacht.“—„Der Augenblick iſt gefun⸗ den;“ verſetzte Dagobert freudig, des Ritters Hand ergrei⸗ fend und dankbar ſchüttelnd:„wann erſchiene er gelegener, wann ſo günſtig? Der Herzog kömmt; von ſeinem ſtarken Gefolge wird das Haus, werden Sachſenhauſens Gaſſen wimmeln. Die lauernden Söldner vor der Pforte werden durch die Zahl der Fremden— mehr noch durch des Fürſten Gegenwart, der keinen Häſcher in der Nähe duldet, zurück⸗ gedrängt— genöthigt, aus der Ferne dies Haus zu beobach⸗ ten, damit der Mörder ihren Netzen nicht entſchlüpfe. Morgen Nittag geht ein großer Theil des Comitats auf demſelben Wege zurück. In deſſen Mitte, im hellen Glanz der Sonne entſchlüpfte der Verfolgte. Für reiſige Gewänder ſorge ich, wie für die Bewilligung, des Herzogs Farbe tragen zu dür⸗ fen, bis er in Sicherheit ſeyn wird. Die überraſchende Einkehr des Fürſten, der dadurch veranlaßte Tumult im Hauſe, die Verwirrung unter den Ein- und Abziehenden rechtfertigt Euch, Herr Ritter, und der von der Rhön iſt gerettet, ohne daß Ihr öffentlich die Hand dazu geboten.“— „Schön ausgedacht,“ erwiederte der Komthur ſpöttelnd: „fein ſchnell und leicht auszuführen, aber ein jugendlich Vor⸗ nehmen, das erſt die That will, und dann die Ueberlegung. Wie ſteht's denn mit dem Manne, wenn er ſeinen Gefahren entronnen iſt? Hülflos iſt er in die Welt gejagt, und die Seinen erliegen unter der Laſt des Unglücks, und unter dem —— 198 Kummer, den Vater abermals von ihnen getrennt zu wiſſen.“— „Der Herzog wird helfen,“ antwortete nach kurzem Nachfin⸗ nen Dagobert:„O, gewiß, er wird helfen. Er hat wieder mit dem Kaiſer Friede gemacht, und beſitzt, wenn gleich an Länderthum geſchmälert, noch manche Hufe Landes, auf wel⸗ cher ein unglücklicher Hausvater eine ſichre Stätte finden mag. Ich hatte ja beſchloſſen, für mich ſeine Gunſt anzu⸗ flehen; aber mit mir iſt's ohnehin vorbei, und ſo mag dem Aermern werden, weſſen ich nicht mehr bedarf. Ich darf mich der Huld des Herzogs rühmen, und rede heute noch mit ihm davon. Ihr aber, Herr Komthur, nehmt meinen Dank für Euer redlich Wollen. Ihr habt mich dadurch mit Eurem Namen ausgeſöhnt, der mir aus Rüdiger's Munde nicht lieblich geklungen hat. Bereitet Ihr den Herrn von der Rhön und ſeine Gattin vor, und laßt mich gänzlich dabei aus dem Spiele. Es ziemt ſich nicht wohl, daß mei⸗ ner Schweſter Feind auf meinem Rücken davon ſchwimme, und ich möchte ſeinem wunden Herzen durch kein Wort ver⸗ rathen, daß er mir, gerade mir, Wallradens Bruder⸗ Dank für ſein gerettet Leben, für ſeine geſicherte Zukunft ſchuldig ſey.“—„Ihr ſeyd ein wackrer Menſch;“ verſetzte der Komthur etwas beſchämt, wie es die Röthe ſeiner Wange bezeugte:„'s iſt ſeltſam, daß ein Stamm nebeneinandet die herrlichſte und die böſeſte Frucht zu tragen im Stande iſt um dieſes Stückleins willen, ſo Ihr's vollführt, muß Eure Seele, wenn's zum Letzten geht, gerade auf zum Himmel fahren, des Fegefeuers quitt und ledig. Ich begreife wohl⸗ daß der Dank dreier Menſchen eine feſte Himmelsleiter ſehn mag, und der Herr rechnet vielleicht an meinen Sünden ein 4 Geringes ab, wenn ich mein Scherflein zu der biedern That hinzufüge. Es bleibt alſo dabei; indeſſen, ſo ſehr ich mich darob freue, ſo thut mir weh, daß wir dem Armen nicht den Troſt mitgeben können, daß er wiſſe, wo ſein Knabe weilt. Wallrade hat nichtswürdig an dem Kinde gehandelt, und ihr unmütterliches Herz weiß wohl nicht, wo der Bube aufge⸗ hoben iſt,— im Himmel oder auf der Erde. Der Knabe iſt mein Taufenkel; ich möchte wohl für ihn ſorgen, wüßte “—„Für Johannes iſt geſorgt;“ unter⸗ brach Dagobert den Komthur freundlich und zuverſichtlich: „er lebt und lebt in Wohlbehagen und Freude. Er vermißt nicht die herzloſe Mutter, nicht den Vater, den er nicht ge⸗ kannt. Aber ſeines Lebens Stätte und Heimath verſchweige ich barmherzig dem Vater. Soll dieſem einſt Glück blühen in ſeiner friſch aufſtrebenden Häuslichkeit, ſo bleibe ihm und ſeiner Gattin der Sohn fremd. Für beide wäre der Unſchul⸗ dige nur eine quälende Erinnerung, die den Frieden ihres Hauſes vergiften, ihm ein trauriges Leben bereiten würde. Ich gelobe es Euch, Herr Komthur, Johannes iſt in den beſten Händen, und einſt ſollt Ihr Euch ſelber davon über⸗ zeugen. So viel ich Euch jetzt geſagt, mögt Ihr dem be⸗ kümmerten Vater auf Euern Rittereid ungefährdet mittheilen. Nur unſers Geſchlechts Namen nicht dabei genannt. Laßt dem Herzog vor allem und Euch zunächſt das Verdienſt der guten That, und Gott gebe hiezu ſein gnädiglich Ge⸗ deihen.“— Pferde und Wagen braußten und rollten in den Hof. Das lebendige Getümmel eines reiſigen Zugs, das Gelärme des fürſtlichen Troſſes ſpottete der ſtill gewordenen Nacht, und brachte in das einſame Deutſchordenhaus alles Ge⸗ räuſch eines mächtigen Fürſtenhofs. Der Komthur eilte, den —— Herzog ehrerbietig an der Pforte des Hauſes zu empfangen, und ließ den Hof von Fackeln erleuchten, daß er im Mittag⸗ ſchein zu liegen ſchien. Mit einem freundlich herablaſſenden Gruße ſtieg Friedrich aus den Bügeln, und ſchritt, auf den Komthur und den herzukommenden Dagobert geſtützt, die Treppe hinan, nach den Prunkgaſtzimmern des Gebäudes, die durch die Sorgfalt des Trappierers ſchon bereit ſtanden, den hohen Fremdling gebührend aufzunehmen. Der Herzog, müde von der Reiſe, verſchmähte das angebotene Mahl⸗ entließ bald den Komthur, dem er nur auf wenig Tage läſtig zu fallen verhieß, und behielt nur ſeinen wiedergefundenen jungen Freund, ſeinen Dagobert, bei ſich zurück, den er ver⸗ mocht hatte, die Nacht mit ihm zu verplaudern, in welcher der, von Schlafloſigkeit geplagte Fürſt ohnedies ſeit geraumer Zeit keine erquickende Schlummerruhe fand.— Der kom⸗ mende Tag begann ebenſo geräuſchvoll, als der vorige geen⸗ det hatte. Die Wachen des Herzogs geriethen in Händel mit den Söldnern des Raths, die ſich nicht zurückziehen wollten. Friedrich ſandte einen ſeiner Junker nach dem Rö⸗ mer, um von ſeinem Erſcheinen Meldung zu thun, und den ärgerlichen Streit beizulegen. Eine Ehren⸗ und Schildwache des Raths beſetzte nun die Pforte des Deutſchherrenhauſes⸗ die Häſcher zogen ſich in die nächſten Straßen, und mußten auf ihr Amt ſo gut als verzichten, da das Volk, ſo wie es von der Einkehr des Herzogs erfuhr, in hellen Haufen her⸗ beieilte, um das Haus anzugaffen, in welchem ſich der Mann vefand, der es gewagt hatte, zu Ehren deutſcher Treuen und Redlichkeit, dem Kaiſer, wie einem ganzen Concilio die Spitze zu bieten, und lieber einen großen Theil ſeiner Habe aufgeopfert hatte, als ſeinen Schwur, ſein Fürſtenwort. „ ——— So verſtrich die Hälfte des Morgens, und die anwallende Fluth der Menge, welche beſtändig hoffte, den Herzog aus⸗ reiten zu ſehen, ſtieg immer höher, ſo daß die Geſandtſchaft der Stadt, da ſie gegen Mittag zum deutſchen Hauſe kam, um den erhabnen Gaſt zu begrüßen, kaum Raum genug finden mochte, um hindurch zu dringen. Was den Ermah⸗ nungen der Väter der Stadt nicht gelang, gelang den mäch⸗ tigen Pferden, die auf großen Wagen die Gaben heranzogen, welche das gemeine Weſen der Stadt, dem Fürſten, der Sitte der Zeit gemäß, darzubieten hatte. Dieſe Huldigungs⸗ geſchenke beſtanden in Wein, Heu, Hafer und Fiſchen, und der Schultheiß, umgeben von den Bürgermeiſtern, dem Oberſtrichter und den Schöffen, alle in ihre Amtstracht ge⸗ kleidet, bat den Herzog, vor deſſen Angeſicht endlich die Ge⸗ ſandtſchaft gelangt war, die Geſchenke als einen Beweis des guten Willens der Bürgerſchaft, und ihrer Anhänglichkeit an den Stamm Oeſtreich, von dem ſchon mancher um das deutſche Reich verdienter Fürſt ausgegangen⸗, huldvoll anzunehmen. — Der Herzog, umringt von ſeinen Marſchällen, Dienſt⸗ junkern und den Kreuzherren, ſeinen gaſtfreundlichen Wir⸗ then, nahm ſowohl die Rede des Schultheißen, als auch die zu Hofe gebrachten Gaben mit der ihm eignen Leutſeligkeit auf, und erwiederte dagegen:„Seyd bedankt, ihr lieben Herren und Freunde, für das, was Ihr mir aus gutem Her⸗ zen reicht, und auch jetzo wieder,— Gott ſey Preis und Lob,— reichen dürft; denn unſer Haus iſt wieder erlöst von des Reiches Acht, und wir ſind wieder einig geworden mit unſerm lieben Herrn, dem Kaiſer.“— Der Herzog bemühte ſich, die bittre Miene, die ſein Antlitz bei dieſen Worten beſchlichen hatte, in eine freundliche umzuwandeln, und fuhr 202 fort:„Darum mögt Ihr mir wohl vergönnen, einige Tage unter Euch zu weilen, und mich in Euern Mauern umzu⸗ ſehen, dieweilen ich wichtige Angelegenheiten gerne ſchlichten möchte, über die Euch mein Kanzler eines? eitern belehren wird. Zugleich jedoch habe ich gehofft, hier eine Sache ab⸗ zuthun, die mir nicht minder am Herzen liegt; ich habe in⸗ deſſen vernommen, daß ſich mir Hinderniſſe entgegenſtellen. Ich habe an den Juden David, Sohn des alten Jochai, der Eures Schutzes genoß, Gelder zu entrichten, die er mir vor⸗ geſchoſſen. Ungern mußte ich hören⸗ daß der Mann ſich nicht mehr in hieſiger Stadt befindet, wie auch niemand ſeiner Angehörigen.“—„Er hat ſich flüchtig gemacht;“ verſetzte achſelzuckend der Oberſtrichter:„und uns mangelt Kunde, wo er hingerathen.,—„Das iſt ſchlimm, ihr Herren;“ ent⸗ gegnete Friedrich ernſt:„wir dachten, in Gnaden uns des Mannes anzunehmen, und ihn nach Innsbruck zu ſetzen, als unſern Hofwechsler; denn wahrlich, er iſt der Ehrlichſten einer, und mit Bedauern erfuhr ich, daß man ihn allhier unredlich beklagt, übel gehalten, und ſeinen ganzen Wohl⸗ ſtand zertrümmert habe.“ Der Oberſtrichter zuckte wieder mit verlegenem Geſichte die Achſeln; der Schultheiß aber, den des Herzogs Rede ſpitzer traf, antwortete:„Mag ſeyn, gnädiger Herr; allein der Schein war wieder dieſen Mann, und noch hat er ſch vor unſerm Stuhle, vor welchen er doch mit Leib und Leben gehört, nicht vollkommen gereinigt.“— Die Be⸗ tonung, mit welcher der Schultheiß dieſe Worte vorbracht verfehlten ihren Endzweck nicht. Der Herzog furchte die Stirne, und ſagte:„Gar wohl, mein Herr Ritter und Schultheiß. Ich habe nicht Befugniß, mich in Eure Gerechtſame zu miſchen, welche von Kaiſer und Reich beſtätigt und verbürgt ſind. Ich meine jedoch, das Recht und Ur⸗ theil jedem gleich ſeyn ſoll, ſey er nun getauft oder nicht. Ihr habt hier, wie ich höre, einen Judenarzt, dem Ihr Euern Körper anvertraut, ſonder Furcht und Angſt; warum ſchenkt Ihr dem, der vor Euern Schranken ſteht, nicht glei⸗ ches Vertrauen? Doch, geſchehen iſt geſchehen, und ich bin bereit, die fraglichen Gelder einem berühmten hieſigen Manne zu übergeben, damit der Jude, kehrt er jemals wie⸗ der, oder wird uns von ihm Kunde, wieder zu ſeinem Ei⸗ genthum komme. Ich glaube zu dieſem Endzweck keinen beſſern aus Euch wählen zu können, ihr Herren, als den Schöffen Diether Froſch; einen biedern, ehrlich ſtrengen Mann, den ich bitte, ſich mir vorzuſtellen.“— Diether trat aus den Reihen der Schöffen, und verneigte ſich ehrbar vor dem Herrn. Der Herzog ließ eine Weile den Blick auf ihm ruhen, wendete ſich dann zur Seite und ſprach zu Da⸗ gobert, den er aus der Schaar ſeiner Umgebung zu ſich winkte:„Dieſer alſo iſt Dein Vater, Dagobert?“— Da⸗ gobert bejahte freundlich und grüßte den Vater.—„Mich freut's, ihn kennen zu lernen;“ fuhr der Herzog fort, dem Altbürger die Hand reichend:„ſeyd mir willkommen, alter Herr, und empfangt meinen Glückwunſch zu Euerm wieder⸗ hergeſtellten Hausfrieden, wie zu Eurem Sohne. Ja, lieben Freunde!“ ſetzte er hinzu, dem jungen Manne vertraulich und wohlwollend auf die Achſel klopfend,„einen beſſern Mann als dieſen hier, hat Frankfurt ſicher nicht aufzuweiſen, und vielleicht nicht allzuviele, die ihm gleichen. Es macht mich froh, die Tugenden und ſeltnen Eigenſchaften des Jun⸗ kers vor Eurer Aller Augen würdigen und preiſen zu können. 204 Er iſt der treuſte, redlichſte und heiterſte Menſch, den ich kenne, und Schade wäre es, wenn ſo viel Gutes in einem Kloſter verkümmern ſollte, wie es den Anſchein hat. Nicht wahr, liebe Herren und Meiſter?“— Der Schult⸗ heiß kaute an den Lippen, über des Oberſtrichters Stirne flogen trübe Wolken, aber beide bückten ſich gleich den An⸗ dern und ſtammelten ein:„Freilich, gnädigſter Herr,. aber Beweggründe... „Schon gut;“ meinte der Herzog mit einem verächtli⸗ chen Blicke auf ſie:„ich weiß bereits Alles. Vielleicht kenne ich aber auch ein Mittel, dieſe Ungerechtigkeit des Mutter⸗ gelübdes wieder gut zu machen. Ich werde heute noch an den hochwürdigen Dechant Herdan, der am heftigſten, wie der Ohm des jungen Mannes, auf deſſen Weihe beſteht, einen pergamentnen Brief ſenden, in welchem der heilige Vater, Martin V., die Freilaſſung, die der abgetretne Pabſt dem Dagobert Froſch ertheilte, im Ganzen beſtätigt, mit dem Vorbehalte jedoch, daß ein anderes Glied der chriſtlichen Gemeine, ſey es nun ein Mann, oder ſey es ein Weib, an ſeiner Statt das kirchliche Gelübde ablege. Ich zweifle nicht, daß eine fromme chriſtliche Seele zu dieſem Berufe bald ſich finden werde, und ermahne ſowohl den Vater Da⸗ gobert's, als auch ſämmtliche Herrn vom Rathe, wie vom Kapitel, denſelben von dem Gelübde, das er durchaus able⸗ gen will, abzuhalten; bedenkend, daß Gott kein Gefallen hat an einem Diener, der ſich ihm nur opfert, weil er mit der Welt zerfallen zu ſeyn glaubt.— Stille, guter Freund,“ flüſterte er nach dieſem dem Sohne Diethers zu, welcher einige Worte der Weigerung auf der Zunge hatte:„Mont⸗ fort hat mich nicht früher an dieſe Pflicht gemahnt, als mein Herz es ſchon gethan hat. Erlaubt mir daher, den Weg zu Euerm Beſten,— ſey's auch für Heute Euerm Wunſche zuwider,— kräftig fortzuſetzen.“— Dagobert verſtummte ehrfurchtsvoll; dagegen ward es an dem Hofthore laut und geräuſchvoll. Die Blicke aller Anweſenden flogen durch die Reihe ſtattlicher Fenſter hinab gegen die Pforte, und befremdet ſah der Herzog die Rathsherren an, da er einen Streit zwiſchen Leuten ſeines Gefolges und den Stadt⸗ wächtern gewahrte.„Ei, was gibts dort, ihr Herren?“ fragte er mit gerunzelter Stirne. Ein Bürgermeiſter wollte hierauf ſogleich hinunter, um nach der Veranlaſſung des Vor⸗ falls zu forſchen, allein der Oberreuter welcher eintrat, ver⸗ kündete ſie, indem er meldete, die um das Haus vertheilten Wächter ſeyen ob der bedeutenden Zahl von Reitern, die daſſelbe verlaſſen wollten, argwöhniſch geworden, und wit⸗ terten unter denſelben den Verbrecher, der ſich hier verſteckt halte.— Des Komthur's Stirne, ſo wie Dagobert's Wange flammte; der Herzog ließ ſich nicht aus ſeiner ſtrengen Hal⸗ tung bringen, ſondern nahm eine noch drohendere Stellung an.„Was ſoll das heißen?“ rief er, indem ein Zornge⸗ witter über ſeine Züge lief:„Bin ich denn Herzog Friedrich oder ein Landſtreicher, von dem man nicht weiß, von wannen er kommt, wohin er geht, und dem man nicht über den Zaun traut? Jeſus Chriſtus! Werden Oeſterreichs Farben nicht höher geachtet, als der Bettelbrief eines Gauners? Nein fürwahr; das mögt Ihr abſtellen, ihr Herren, denn ich werde mich nimmer herablaſſen, Eure Erlaubniß zu fordern, will ich mein Geleit zurückſenden, wie heute geſchieht. Um Eure Verbrecher kümmre ich mich nicht, und frei will ich Alle ſehen, die mein Wappen und Zeichen tragen. Darum befehlt ſtracklich und ohne Verzug, daß man meinen Wildmeiſter auf Schloß Ambras, ſammt ſeinen, in jenem Rollwagen befind⸗ lichen Weibe und Kinde und dem anvertrauten Gefolge, das ich gen Tyrol ſende, ungehindert ziehen laſſe, bei meiner Ungnade.“— Dieſe ernſtlichen Worte verfehlten ihre Wir⸗ kung nicht. Ein Schöffe eilte, um das Gebot des Fürſten ſchleunigſt vollziehen zu laſſen, und mahnte die Wächter ab, die ſich noch immer ungeſtüm in den Weg des reiſigen Troſſes warfen, und ſich auch nicht ſo willig den Geboten des Schöf⸗ fen fügten, als dieſer es erwartet hatte.—„Seht, ehrſa⸗ mer Herr!“ behauptete der Anführer der Söldner:„ich will nicht ſelig werden, wenn das Weib, das ſich ſo ängſtlich hinter jenes Wagens Vorhänge verbirgt, nicht daſſelbe iſt, das geſtern und erſt noch heute mit einem Kinde zu dieſem Hauſe kam, um den darin verſteckten Mörder heimzuſuchen⸗ und ganz gewiß befindet ſich der Letztere unter dieſem über⸗ müthigen Troſſe.“—„Und wenn es wäre,“ erwiederte der Schöffe heftig,—„ſo beſiehlt doch hier der Rath, und an Euch iſt's Gehorſam zu üben.“—„Ei, ſo waſchen wir unſre Hände in Unſchuld; antwortete der Führer unmuthig, und wendete ſich gegen die Seinigen. Indem ritt der An⸗ führer des Zuges heran, und fragte:„Wird's bald, Herr Schöff? Wie lange ſoll's noch dauern, frage ich?“— Der Schöffe, der dem Frager in's Auge ſah, vermochte nichts zu entgegnen, denn er ſelbſt, der den Todtſchläger vor wenig Tagen bis zu der Thüre des deutſchen Hauſes verfolgt hatte⸗ glaubte in dem ſchmucken Jägersmann den Gebannten zu erkennen. Dachte er ſich den wirren Bart ſauber geſcho⸗ ren, die grobe Kutte vertauſcht mit einem grünen prächtigen Rock, an der Stelle des Gürtelſtricks Oſterreichs Schärpe, 207 ſo waren es die Augen, die Züge, die Geſtalt, die Stimme des flüchtigen Mörders. Der Schöffe, ein junger Mann, war in ſeiner Ueberraſchung auf dem Punkte, das Gebot ſeiner Herren eigenmächtig zu wiederrufen, aber zu eben der⸗ ſelben Zeit donnerte der Ruf des Hauptmanns:„Laßt freien Paß! durch die Reihen der Fußknechte;“ auseinander flog der drohende Trupp; und unter Hörnerſchall jubelte der reiſige Troß, den bedeckten Wagen in der Mitte, durch die ſtaunenden Hüter hindurch, entlang die Straßen von Sach⸗ ſenhauſen, hinaus aus dem Thore, und ohne Säumen fort auf dem Heerwege, den der Herzog am verwichenen Tage einhergezogen. Und als die Warte hinter den Reitern lag, und mit ihr die Gränze der Reichsſtadt, da näherte ſich der Anführer, nach dankbarem, den Vornehmſten des Geleits ge⸗ reichten Handſchlage, dem Wagen, aus welchem ein in Thrä⸗ nen ſchwimmendes Frauenantlitz, und ein roſiges Kinderge⸗ ſcht ihn anlächelten. Gerührt reichte er die Hand ſeinen Lieben, und rief:„Segne Gott den edlen Herzog und den biedern Komthur. Wir ſind frei, und ein guter Engel möge Dich, Katharina und unſer Mägdlein erhalten zu meiner langen Freude, und mich einſt ruhig ſterben laſſen in Euern Armen. Sieh, mein gutes Weib, dort hinter jenen aufdäm⸗ mernden Bergen, dort liegt unſere neue Heimath. Laß' uns vergeſſen, was bis jetzo uns ſchmerzlich gepeinigt. Ich hatte die ſchwere Prüfung verſchuldet, aber Gott iſt gnädig und Deine Fürbitte, Du Reine, von ihm erhört worden. Wir dürfen— ich ahne es,— wir dürfen noch glücklich ſeyn!“— Behntes Rapitel. Wird Chriſtus tauſendmal zu Bethlehem 5 geboren, und nicht in Dir, Du bleibſt noch ewiglich verloren. Geiſtlicher Spruch. In einer einſamen Zelle des Predigerkloſters ſaß Dago⸗ 1 bert, die Laute in der Hand, und ſang mit halblauter Stimme ein frommes Lied, zu welchem das ſchwermüthige Antlitz des Jünglings, wie die klagenden Töne, die er den Saiten entlockte, paſſende Begleiter waren. Er überhörte, ganz ſeinem Tiefſinn hingegeben, daß man ſchon einigemal leiſe an die Thüre gepocht hatte, vis dem rüſtigen Klopfer draußen die Zeit lange wurde, und ſeine Hand die Klinke öffnete, ohne ferner ein einladendes Wort von innen zu er⸗ warten. Dagobert ſtaunte, den Hülshofner vor ſich zu ſ⸗ hen; allein, da mit dem Geſichte des Bekannten auch zugleich; manche wohlthuende Erinnerung wieder vor ſeiner Seele wach wurde, ſo verzog ſich unwillkührlich ſein ernſt geſchlo⸗ ſener Mund zu einem freundlich bewillkommenden Lächeln, und er fragte ſanft:„Ei, alter Freund, wie kommt Dein fröhlich Angeſicht in dieſe Klauſe? Mich befremdet das, ⸗ gleich ich Dich gerne hier ſehe.“—„Laßt mich Euch n einer andern Frage antworten;“ entgegnete Gerhard⸗ der ſch ohne weiters neben den jungen Mann ſetzte:„Wie kommt 209 der weiland fröhlichſte Geſelle in der Wetterau in dieſe enge Zelle, wo alle Freuden des Lebens ſchon vor der Thüre Va⸗ let nehmen? Traun, ich hatte nimmer gedacht, Euch wieder zu finden, ſchmal und blaß, trotz einem bußfertigen Sünder, der zur Seelgerette noch vor ſeinem Ende in eine Kutte krie⸗ chen will, um ſich darin in den Himmel zu ſtehlen.“ „Deine Vergleichung könnte mich kränken,“ verſetzt Dagobert gelaſſen,„wenn ich ſie nicht Deiner Narrheit zu gut hielte, Freund.“—„Narr hin, Narr her,“ erwiederte Gerhard lächelnd:„Laßt das gut ſeyn⸗ Junker. Schonoft hat ein luſtiger Narr durch ſeine freie Rede mehr Gutes geſtiftet, als der hohläugigſte Faſtenprediger durch ſeine ab⸗ ſchreckende Tugend. Ihr konntet mich einſt wohl leiden, und deßhalb habe ich's, nach meiner Rückkehr von einer luſtigen Rheinfahrt unternommen, Euch auf den Zahn zu fühlen, und meine Meinung zu ſagen,— deutſch und gerade heraus, wie ich mir ſie denke. Bei allen Kreuzen und Dornen! Ihr ſeyd nicht mehr der Schatten deſſen, der Ihr ehemals wart. Und deſto ſchlimmer iſt's, da Ihr Euch ſelbſt zum Schatten machtet. Hui! wie viele Freude machtet Ihr mir, da Ihr auf dem Wege wart, ein recht ungeſchlachter Kapitelherr zu werden, geiſtlich aus Zwang, aber rüſtig bei Jagd und Ge⸗ lage! Aber nun, da das Gelübde Eurer Mutter den Sta⸗ chel verloren hat, und es Euch frei ſteht, einen Andern an Eure Stelle zu ſchieben, nun zieht Ihr freiwillig die Kaputze über die Ohren, um darunter ein rechter Tuckmäuſer zu werden, aus eigner Wahl! Schämt Euch, zum Frömmler ſeyd Ihr nicht geboren, und der Friede belohnt niemals ſolch widernatürlich Beginnen.“—„Du ſchiltſt mich unver⸗ antwortete Dagobert, ohne jedoch eine leichte Röthe 3. 14 21⁰ bezwingen zu können, die über ſeine bleiche Wange hinlief: „Mein Bewußtſeyn verheißt mir den Frieden, wenn ihn auch dieſe Mauern nicht verleihen ſollten. Ich habe Ruhe und Glück in meines Vaters Haus zurückgeführt. Darinnen, in dieſer Ueberzeugung finde ich tröſtenden Balſam für mein ganzes Leben, das jeder andern Blüthe tückiſch beraubt worden iſt.“ Gerhard lachte wieder und rieb ſich mit einer Art von Freude die Hände.„Der liebe Gott,“ ſprach er,„hat mich zur Abwechslung einmal wenigſtens im Leben vernünftiger gemacht, denn Euch. Ich traue kaum meinen Ohren, da ich Euch alſo reden höre. Ich begreife aber leicht, warum Her⸗ zog Friedrich, Euer Freund und Gönner, ſich ſo ſchnell davon gemacht hat. Es thut weh, den Buſenfreund verrückt zu ſehen. Ich will mit meiner ſteifen Zunge, die blos an das Vorwärts! Kolbe auf! Lanze ab! Schlagt zu! Hopp, mein Fuchs! und an das beliebte:„Eingeſchenkt!“ größtentheils gewöhnt iſt, verſuchen, Euch klar und heiter darzuſtellen, wie Ihr gehandelt habt. Närriſch für's Erſte, denn Ihr zieht ohne Noth den Mönch über Euern ritterlichen Leib. Der zaundürre Dominik Pfülber aus dem Lamprechtgäßlein, der feiſte Henne Wiedling unter den neuen Krämen, beide arme Teufel, die um ein Stück Geld augenblicklich baarfuß gehen und den Bettelſack umwerfen würden, haben Euch um aller Heiligen willen gebeten, ihnen an Eurer Statt zum Himmel zu verhelfen. Ihr habt's nicht gethan, obgleich Euch beide Schlucker um ein Paar Pfund Heller feil gew⸗ ſen wären.— Eitel und thöricht handelt Ihr für's Zweite Ihr meint, Ihr habt Glückliche gemacht? O, Ihr irrt Euch ſchr. Was Euer Biederſinn gut gemacht hat, verdirbt Euer verderblicher Dumpfſinn um ſo gewiſſer. Seht Euern Vater an, der nach einem Erben ſeiner Habe ausſieht, und nur die Wahl hat, ſeinen Stamm gleich einem unfruchtbaren Baum abdorren zu ſehen, oder Alles ſeinem Enkel zu überlaſſen, deſſen Anblick ihm, der Mutter willen, jedesmal einen Stich verſetzt, da wo ſich die linke Schulterplatte des Harniſches öffnet. Seht Eure Stiefmutter, die ihr ganzes wiedererwor⸗ benes Lebensglück durch den Gedanken vergällt ſieht, Euch, ihren Heiland unglücklich zu wiſſen. Seht den kleinen Jo⸗ hannes, der einſt vergebens an der Bruſt des liebeleeren Mönchs den Freund ſuchen wird, zu welchem ihm der beweibte Nann geworden ſeyn müßte. Seht endlich Euern väterlichen Lehrer Johannes, deſſen Antlitz über Euer Beginnen von Gram gefurcht iſt, der ſeufzend ſchweigt, da die Pflichten ſeines Standes ihm verbieten, Euch zu ermahnen, demſelben nicht beizutreten. So ſteht's um das Glück Eurer Angehö⸗ rigen, und ich will nicht einmal davon reden, wie mir's um's Herz iſt, der ich Euch ſo viel verdanke, und wahrlich für Euch gerne Meſſe leſen würde, wenn ich zu dem ver⸗ dammten Latein nicht ſchon gar zu alt wäre. Glücklich durch Euer freiwillig Unglück wird nur der Pater Reinhold, der für ſein Kloſter im Trüben fiſchen wird, bei Eurer Stief⸗ mutter; wird nur der hochnaſige Prälat, Euer Ohm, der in Euerm Hauſe liegt wie ein ſchmarotzender Blutigel, und ſich an Euerm Erbe für den lumpigen Maierhof zu entſchädigen gedenkt, den er einſt der böſen Wallrade abgetreten. Lachen wird nur der Schultheiß, der Euch weniger leiden mag, als mein Roß eine Bremſe; ſich freuen wird nur der Oberſtrich⸗ ter der, weil er ſeinen lüderlichen Sohn in ſo verdrießlichem Handel verlor, Eurem Vater herzlich den S des ſeinigen 14* gönnt. O, ich könnte, da ich nun einmal in Fluß ge⸗ rathen bin, dieſes Bild noch ſehr in die Länge dehnen, aber ſchon wird meine Zunge trocken, und ich muß eilen, Euch noch zu guter Letzt vorzurücken, wie unverzeihlich blödſinnig ihr drittens und ſchließlich handelt. Ihr ſagt, alle Blüthen hätten Euerm Leben abgeblüht, alle wären Euch tückiſch geraubt worden? Donner und Hagel! Iſt das eine Sprache für einen Mann, oder überredet ſich nicht vielmehr alſo ein trankes Gemüth, eingeſperrt in dumpfiger Zelle? Welches Glück vermißt Ihr? Den Beſitz einer Jüdin, vor der jeder Rechtgläubige ein Kreuz ſchlägt, weil ſie ein Satanskind iſt, wenn gleich ein recht feines. Glaubt mir, junges Herrlein⸗ ob ich gleich nicht gelahrt bin, wie Ihr⸗ durch die Juden iſt alles Unglück auf die Erde gekommen. Wer erſchlug den guten Chriſten Abel? Der abſcheuliche rothköpfige Jude Kain. Wer hat unſern Herrn und Heiland verrathen und verkauft, den rechtſchaffenſten Chriſten ſeitdem die Welt ſteht? — Der verfluchte rothhaarige Jude Iſcharivth. Wer hat den wackern Haman aufhängen laſſen, und den ganzen Hoſ⸗ ſtaat des damaligen römiſchen Kaiſers Ahasverus? Wer anders als die abſcheuliche Eſther, die einen Ohm hatte⸗ zehnmal ſchlechter als der Eure? Seht, indem ich alſo an Alles das denke, was mir in der Jugend der Leutprieſter zu Friedberg eingebläut hat, ſo dreht ſich mir das Herz um bei dem Namen Eſther. Ihr und ich, und die Euren wären nimmer dergeſtalt in die Tränke gekommen, wären Ven David der Jude nicht geweſen, und nicht deſſen Tochter Eſther, an deren Haupt Ihr die Hörner nicht ſehen wollt⸗ wie unter den Franſen ihres Kleides nicht die Pferdefüße. Wißt Ihr, woher das kömmt? Weil ſie Euch einen 213 Liebestrank beigebracht hat bei zunehmendem Mond. Wenn ſie Euch liebte, warum ließ ſie ſich nicht taufen? Warum lief ſie davon? Eine ſchöne Sippſchaft, in die Ihr ſchier gera⸗ then wär't. Der Vater hängt vielleicht ſchon irgendwo am lichten Galgen, oder ſucht in der Ferne ein Paar neue Oh⸗ ren. Der aus den Wolken gefallne Bruder wird vielleicht in dieſem Augenblick als Falſchmünzer in kochendem Oel geſotten, und das heuchleriſche Eſtherchen... Nun, nun! runzelt nur die Stirne nicht alſo, und haltet Eure Geduld nur ein klein wenig noch feſt. Ich meine es ja nicht ſo böſe, aber ich denke, der liebe Herrgott wird wenig Freude daran haben, wenn er Euch vor ſeinem Altare ſtehen ſieht, im Meßgewand, den Kelch mit ſeinem heiligen Blute in Händen, und das Bild einer unheiligen Jüdin im Herzen!“ Dagobert unterbrach durch eine heftige Bewegung den Redefluß des Edelknechts, der in ſeinem ganzen Leben nicht ſo viel auf einmal geredet hatte, und, nachdem er der Freundſchaft dieſes unerhörte Opfer gebracht Sſich allenthäl⸗ ben und vergebens in der dürftigen Zelle nach einem Trunk Wein umſah, um ſeinen dürren Gaumen zu netzen.„Wir ſind Freunde geweſen, ſo Du weiter fortfährſt, altes Sieb!“ ſagte Dagobert heftig, und ein Funke des alten lebendigen Geiſtes ſchlug aus ſeinen Augen:„Beinahe kommt mir der Glaube an, daß man Dich, den wunderlichen Redekünſtler, abgeſandt, um mich kirre zu machen. An den unüberlegten Worten eines rohen Fechtmeiſters ſoll mein Voatz ſtumpf werden, der ſchon Vaters Ermahnungen, den Bitten der Mutter und der Mißbilligung des hochwürdigen Johannes widerſtand? Welch ein Menſch wär' ich dann? Du— Ihr Alle begreift es nicht, was ich an Eſther verloren; Ihr wißt nicht, daß dieſes Mädchen in ſeinem Irrthume reiner und heiliger iſt, als die frömmſte Nonne. Ihr ahnt nicht den Werth des Kleinods, das von meiner Bruſt fiel in das tiefſte Meer. Die Welt bietet mir keine Freude mehr; aber dieſe kleine Zelle, in welcher ihr Vild zum allererſtenmale in mir emporſtieg, iſt jetzt noch von ihm erfüllt, wird es ewig ſeyn. Darum will ich ſelbſt der Mutter Schwur erfüllen, und nicht feilen Miethlingen die Sorge überlaſſen. Hätte ich einen Seelenfreund, einen Blutsverwandten, der aus reiner An⸗ hänglichkeit für mich das Kreuz auf ſich nehmen wollte, viel⸗ leicht hätte ich, wenn gleich wider Wunſch und Willen, den Bitten der Aeltern willfahrt; aber da dieſes nicht war, nicht iſt, ſo iſt's beſchloſſen, auf immerdar, hier in Abgeſchieden⸗ heit die Luſt zu genießen, welcher ich in der Welt entbehren würde auf ewig!“— „Thor aller Thoren!“ rief Gerhard aufſpringend aus: „Ihr redet alſo, und draußen lacht der blaue Himmel, rau⸗ ſchen die dichten Zweige, und zwiſchen ihre Schatten ſtreut Frau Sonne ihre Goldſtrahlen, welche den Saft der Traube kochen, und im Voraus Jedem Fröhlichkeit in's Auge blitzen⸗ wie in's Herz? Wie anders würdet Ihr reden, hättet Ihr mit mir die heitre Rheinfahrt gemacht auf dem blanken Waſſerſpiegel, durch geſegnete Fluren und heitre Städte; hättet Ihr mit mir erklimmt die Burgen der Freunde, wo es treuen Händedruck gab und Sang und Klang und Berg⸗ luſt; hättet Ihr mit mir die Thäler beſucht, wo aus jeder Hütte ein freundlich Dirnengeſicht lacht, von jedem Giebel ſchier der luſtige Tannenbuſch ſchwankt, und mit Fidel und Schalmei die Erndte geſammelt wird; hättet Ihr mit mir gekoſtet vom herrlichen Weine, den der Keller des Bürgers mende Bruſt, die ſich en jungen Kämpen geziemt, und die Leibfarve vr die ſich abermals auf Euerm Geſichte zeigt. Werft ſie u lends ab, dieſe Trauer, dieſe unmännliche Schwermuth. Ich bin ein rauher und derber Geſelle, aber weinen möchte ich⸗ wie ein gepeitſchtes Kind, ſehe ich Eure angeborne Fröhlich⸗ keit in ſolch traurigen unnatürlichen Banden liegen“— Dagobert rieb ſich die Stirne, hielt die Hand einen Augen⸗ blick auf der Bruſt, ſchüttelte dann mit mildwehmüthigem Lächeln ſeine Locken, und des Freundes Hand.„Wahrlich,“ ſagte er:„Gerhard! ich hätte nicht ſo viel Anlagen zu einem Sänger hinter Dir geſucht. Deine Worte haben mich um ſo mehr ergriffen, als ich ihrer aus Deinem Munde nicht gewärtig war. O, warum ſprachſt Du nicht blos von dem, was Du beſonders liebſt: von Deinem Roſſe, Deinen Fech⸗ terkünſten, Deiner Trinkluſt und Deinen Schulden? Ich wäre im Geleiſe geblieben, und das Leben mir noch abge⸗ ſtandner erſchienen, denn zuvor, aber wie ein Zauber hat „Rleinodien des Reichs,— er werden für das Hochgefühl dieſes Augen⸗ es.“—„Seht Ihr wohl, wie Ihr ſchwärmt!“ lächelte Gerhard zufrieden:„Die Kronen des heiligen Jakob, wie unſers Herrn und Kaiſers wolltet Ihr hinwerfen um den Schatten deſſen, was Euch die Wirklichkeit umſonſt bietet, und eine Grille nur verhindert anzunehmen! Ich ſchenke Euch indeſſen meinen Lohn nicht, und Ihr werdet, ſtatt mir Silber und Gold zu ſchenken, mir etwas zu Liebe thun.“ „Sprich!“ entgegnete Dagobert mißtrauiſch.—„Thut einen einzigen Schritt noch zurück in die Welt, der Ihr Valet zu ſagen gedenkt;“ ſprach Gerhard:„erheitert noch für einen Augenblick das Haus Euers Vaters. Er feiert heute den Jahrstag ſeiner Vermählung, und— ich darf's nicht läug⸗ nen,— er, der ehedem nie gute Freundſchaft mit mir hielt⸗ er hat mich aufgeſucht, und mich gebeten, auf meine Weiſe zu verſuchen, was nicht ſeinem Munde und nicht dem Munde Frau Margarethens gelingen mochte.“— Dagobert ſchwies erſchüttert; dann ſagte er, den Kopf ſchüttelnd:„Dieſer Gang wird mir weh thun; denn alle Proben meiner Stand⸗ haftigkeit werden ſich verdoppelt erneuen.“—„Ei, ſo zeigt Euch doppelt ſtandhaft;“ verſetzte mit gutmüthigem Scherz der Edelknecht:„kommt aber mit mirz noch ehe der Pförtner das Kloſter ſchließt, bringe ich Euch frei und frank hieher zurück, und Ihr mögt Euch meinetwegen morgen ſchon die Platte ſcheeren laſſen. Aber heute ſeyd noch einmal den Euern; heute fehlt nicht in Eurer Eltern Mitte; denn nicht froh würden ſie ſeyn, ſagten ſie, wenn der Schutzgeiſt ihres Glücks unter ihnen fehlte. Darum, wollet nicht des Tages Freudenwein durch Eure halsſtarrige Weigerung in Wermuth verkehren. Es gibt ja in dem Eheſtand Galle genug durch's ganze übrige Jahr.“ Dagobert's Augen wurden feucht; ſeine Blicke flogen gen Himmel und mit einem freundlichen:„Keinen Wermuth in den Becher meiner Eltern!“ ergriff er das Barett, die Hand des Freundes und verließ mit ihm ſchneller, als dieſer es gedacht hatte, das Haus des heiligen Dominikus, um ſeiner Eltern feſtliche Wohnung einmal, das Letztemal— dachte er— vor ſeiner Einkleidung zu betreten.— Wie wurde ihm zu Muthe, da er dieſes Haus wieder ſah, geſchmückt mit der alten gediegenen Pracht, die nur bei den feierlichſten Anläſſen hervorgeholt wurde aus den bergenden Schreinen. Schon die Flur, die Treppe verkündete Feſtlichkeit, und aus den Minen der, dem Sohne des Hauſes entgegeneilenden Diener leuchtete das Behagen, den willkommenſten Gaſt zu empfangen. Der alte Diether, von der guten Botſchaft er⸗ freut, umarmte den Sohn auf der letzten Treppenſtufe, und Frau Margarethe trug in ihren zarten Händen den aus ſilbernen Münzen kunftfertig zuſammengefügten Pokal herbei, um ihn, mit duftendem Weine gefüllt, dem lieben Dagobert zu kredenzen. „O, meine Eltern!“ ſprach der überraſchte und gerührte Jüngling, ihre Liebkoſungen dankbar vergeltend,„wie macht Ihr mir es doch ſo ſchwer, dieſes Haus wieder zu betreten, da ich es ja doch wieder meiden muß? Aber Euers Vermählungsfeſtes Jahrestag, der zugleich meiner wackern Mutter Geburtstag iſt, forderte meine Gegenwart, obgleich ich noch in dieſen unheiligen Kleidern dabei erſcheinen muß.“ „Vor dem Herrn iſt der reine unbeſcholtne Sinn das hochzeitlichſte Gewand,“ ſprach dagegen der Predigermönch Johannes, der Wallradens Söhnlein an der Hand, zu den Umſchlungenen trat:„Ein drolliger Schalk hat Dich der Klauſe entlockt, guter Dagobert, in welcher ich Dich ungerne ſah. Möge ein guter Engel es fügen, daß Du nicht mehr dahin zurückkehreſt.“— Der junge Mann ſah ihn betroffen an. Während deſſen aber ergriff Diether ihn bei der Hand und führte ihn in die Stube ein, um deren Tafel ein bun⸗ ter Kranz fröhlicher Gäſte ſich reihte. Die Männer, größ⸗ tentheils nahe Freunde des Hauſes, begrüßten den Sohn mit dem gewichtigen Handſchlag; die geladenen Frauen mit ſitti⸗ ger Kopfneigung, und er rieb ſich verwundert die Augen, als ihn der Vater zu ſeiner Rechten ſetzte, und er in ſeinen Nachbarinnen die Edlfrau von Dürning und ihre anmuthige Tochter Regina erkannte. Beide Frauen, ſeine Ueberraſchung gewahrend, theilten ſie gewiſſermaßen, in einer Befangenheit verharrend, die ſich in Mutter und Tochter gleich ausſprach obſchon von verſchiedenen Beweggründen erzeugt.„Ihr ſtaunt, ehrſamer Junker,“ begann endlich die Edelfrau,„Ihr ſtaunt, uns hier anzutreffen. Allein die Urſache, daß wir ſeit kurzer Friſt in dieſem Hauſe faſt heimiſch geworden, iſt zugleich die Urſache der Beſchämung, die mir es ſchier verwehrt, ohne Rückhalt mit Euch zu reden. Es ziemt jedoch dem Flehen⸗ den, zuerſt den Mund zum Vergleiche aufzuthun. So mag ich Euch denn nicht bergen, daß mir ſchon lange in der Seele leid gethan, was ich damals in bitterm ungerechtem Ver⸗ dachte Euch geſagt vor unſerm Scheiden. Meine Regina, die kein Geheimniß mehr vor ihrer Mutter hat, hat mir er⸗ flärt, wie die Dinge zuſammenhingen und wie ehrenwerth Euer Schmerz um Eſther, wie rein Euer Verhältniß zu Re⸗ gina geweſen. Glaubt mir, daß ich einen Anlaß herbei⸗ wünſchte, um gut machen zu können, was ich verbrach, und wider Vermuthen fand ſich dieſer. Da Eure überhand neh⸗ mende Schwermuth Euch gewaltſam aus dem Hauſe Eurer Aeltern riß, ſo wurde der Sinn Euers Vaters alſo erweicht, daß er ſeine Habe darum gegeben hätte, Eſther wieder auf⸗ zufinden und in Eure Arme ſelbſt zu führen, wofern ſie nur zum Bund der wahren Kirche treten wollte. In dem Be⸗ mühen ſeiner Vaterſorge wendete er ſich auch an mich, ob ich denn von keiner Spur des Mädchens je gehört. Leider mußte ich verneinen. Dieſe Zufälligkeit jedoch hat uns mit den Euern bekannt gemacht und mich veranlaßt, der Einla⸗ dung Eurer Mutter zu dem heutigen Tage nachzukommen, weil ich mir die Möglichkeit dachte, vielleicht Euch ſehen und von Munde zu Munde ſagen zu können, daß ich herzlich meinen Argwohn gegen Euch bereue, und Euch um Verge⸗ bung bitte.“—„Ich müßte wohl jetzy ein recht hartherzi⸗ ger unverſöhnlicher Feind ſeyn,“ entgegnete Dagobert lä⸗ chelnd,„um ſolche Bitten aus hochgeehrtem Mund tagelang mir wiederholen zu kaſſen. Leider aber erfordert mein zu⸗ fünftiger Stand Friedensliebe und Verſöhnlichkeit, und ſomit ertheile ich Euch, edle Frau, von Herzen die gewünſchte Ab⸗ ſolutivn, ob mich gleich noch nicht die Weihe des Biſchofs dazu befugt hat.“—„Alſo iſt es doch wahr?“ fragte Re⸗ gina ein wenig vorſchnell und ein wenig erſchrocken:„Ihr wolltet wirklich in's Kloſter gehen, edler Junkherr? einen weißen Rock anlegen, wie der lange Mönch dort, der Euch immer ſo freundlich anlächelt? Thut das ja nicht, Herr. Das ritterliche Kleid ſteht Euch viel beſſer an, und Ihr ſeyd für das Kloſter viel zu.. viel zu jung.“ „Ei, Regina!“ unterbrach die Mutter die Stockende mit verweiſendem Blicke:„Was ſoll das heißen, was ſoll der Junker von Deiner Frömmigkeit halten, wenn Du alſo unehrerbietig von den heiligen Klöſtern ſprichſt?“—„Eure Tochter hat ſelbſt die Frömmigkeit einer Heiligen,“ ver⸗ ſetzte Dagobert:„Dieſe bindet ſich nicht an ein Kloſter oder einen Wallfahrtsort, ſondern an den lieben Herrgott ſelbſt, und die Seinen. Rechtet aber mit der heiligen Kirche deß⸗ halb nicht, mein Fräulein. Dringt gleich der feiſte Herr dort oben, mein Ohm, der Prälat, auf meinen Profeß, for⸗ dert ihn gleich der würdige Herr Dechant,— derſelbe, der ſo eben nach der Pfeffertunke langt, als eine unerläßliche und unaufſchiebbare Pflicht,. ſo zwingen mich doch die Genannten nicht, und nicht der Biſchof, und nicht der heilige Vater ſammt dem Concilium: mein Wille thut's, und mei⸗ nes Herzens Gefühl.“—„Das iſt traurig;“ ſprach Regina niedergeſchlagen, und ließ das Haupt finken:„ich glaubte Euch nicht, als Ihr damals bei der Forſthütte den Vorſatz ausſpracht, in Zukunft einſam in der Welt zu leben. Aber 221¹ ich ſehe, daß Ihr bittern Ernſt macht, denn Ihr hättet wohl ſonſt nicht eigenſinnig Alle die zurückgewieſen, die für Euch der Mutter Eid löſen wollten.“— „Ich verabſcheue den Beter um Sold,“ entgegnete Da⸗ gobert kurz,„und beſitze auf der Welt kein Freundesherz, das freiwillig, nur um meinetwillen für mich einträte.“— „Nicht?“ fragte raſch Regina, und ihre Augen blitzten auf, ſo ſchnell als ihre Lippen weiter ſprachen:„Wie aber, wenn ich den Schleier nähme, um Euch zu löſen?“ Dagobert ſchwieg überraſcht und beſtürzt. Sein Blick, der verwundert dem Blicke Reginens begegnete, flog plö vor dieſem zu Boden, und ſein Mund wußte kein Wort zu bilden, um ſo mehr, als Regina in ihrer kindlichen Unbe⸗ fangenheit weiter plauderte:„Laßt mich doch immerhin, Nütterlein. Ob Ihr mich am Gewande zupft, oder mit dem Ellbogen tippt, es iſt ja doch wahr. Von dieſer Tafel ginge ich zum Kloſter, wenn es dem Junker frommen möchte, — und nimmer, ach mein Gott, gewiß nimmer würd' es mich gereuen.“— Die Edelfrau warf einen halb lächeln⸗ den, halb mißbilligenden Blick auf Reginen, die das von ſtolzer Zufriedenheit ſtrahlende Antlitz hoch emporhielt, und Dagobert konnte nur, von feltſamen Gefühlen befangen, erwiedern:„Um die Roſen Eurer Jugend wäre es Schade, mein liebliches Fräulein. Solcher Liebreiz iſt zu gut für's Kloſter. Seyd indeſſen bedankt, daß Ihr mir ein theilneh⸗ mend Herz erſchloſſen,“ fügte er nach kurzem Schweigen hinzu:„das Bewußtſeyn, von Euch bemitleidet zu werden, ſoll der Engel ſeyn, der nimmer von mir weichen darf in meinem vom Schickſal erleſenen, freiwillig gewählten Ker⸗ „Iſt das die Rede eines jungen Deutſchen?“ fragte ——— 222 Diether, der die letzten Worte des Geſprächs vernommen hatte:„Iſt das eines jungen Reichsſtädters, eines Altbür⸗ gers Sprache? O, mein Sohn, wie ſchmerzlich betrübſt Du Deinen Vater. Bedenke: mein Gewiſſen,— das des greiſen Mannes iſt ruhig geworden, da alle Zweifel beſeitigt wur⸗ den, und der heilige Vater Dir die Wahl freigeſtellt, und Dein Starrſinn verſchmäht die Huld der Kirche.“— Dagobert erwiederte einige Worte der Beruhigung, und verſuchte, dem Vater vorzuſtellen, daß er weniger in ohn⸗ mächtigem Groll gegen das Schickſal handle, als nach inni⸗ gem Pflichtgefühl. Diether ſchüttelte ungläubig den Kopf, und verſank in jenes Zuhören, das nur das Ohr in An⸗ ſpruch nimmt, ohne den Verſtand zu überzeugen. Plötzlich wurden aber ſeine Züge lebhafter; Frau Margarethe, die den Schlüſſelbund an der Scite, als geſchäftige Hauswirthin um die Tafel ging, gab ihrem Gemahl einen Wink mit den Augen, und deutete verſtohlen auf die Thüre des Nebenge⸗ machs.„Sieh, wie unſere Gäſte froh ſind!“ ſprach Diether, Dagoberts Hand faſſend:„Die zahlreichen Trinkſprüche, die der Hülshofen ausgebracht, haben die Köpfe erhitzt, und der Mund geht über in raſchem Geſprächſel. Die Frauen ſind nicht minder lebendig geworden, und ſchmauſen plau⸗ dernd die venediſchen Mandeln und Weinbeeren, die in Fülle vor ihnen ſtehen. Alles iſt froh bei dieſem Doppelfeſte, an welchem ich Deiner Mutter erſten Lebenstag feierte, wie meinen zweiten Hochzeitstag, damit Jedermann ſehe, daß ich meiner Frauen Unſchuld erkannt, und ſie wieder aufge⸗ nommen habe, in mein Herz, in meine Arme. Laß mich dieſer Feuer eine dritte Bedeutung hinzufügen: laſſe ſie auch das Feſt deiner Befreiung ſeyn. Komm mit mir, mein Sohn⸗ 2²3 Die Männer vermiſſen nicht den Wirth, die Frauen nicht die Hausfrau; uns bleiben einige Augenblicke. O, daß ſie günſtig wären für uns, wie für Dich!“— Er zog, raſch aufſtehend, ſeinen Sohn ſchnell mit ſich in's Nebenzimmer, wohin auch Frau Margarethe folgte. Dagobert, der nicht wußte, wie ihm geſchah, und was alles dieſes zu bedeuten haben möchte, prallte an der Thüre vor Erſtaunen zurück, da er im Hintergrunde des Gemachs auf einem Lehnſeſſel ruhend, eine bleiche Frauengeſtalt erblickte, deren Ge⸗ ſichtszüge man früher genau gekannt haben mußte, um in ihnen diejenigen der, ehemals ſo reizenden, Wallrade wieder zu finden. Von Diether's, wie von Dagobert's Anblick be⸗ wegt, erhob ſich die Jammergeſtalt, unterſtützt von der hülf⸗ reichen Oberin des Weißfrauenkloſters, die mit der Freun⸗ din gekommen war, und ſtreckte die Hände dem Vater ent⸗ gegen.„Endlich ſehe ich Euch wieder, mein Vater;“ ſprach ſie mit annoch ſehr ſchwacher Stimme:„Nachdem Eure Hände ſegnend mein Haupt berührt hatten, da ich noch im Todeskampfe zu ringen ſchien, entzogt Ihr mir Euern An⸗ blick, und die Kunde meiner Wiedergeneſung entfernte Euch bon mir, denn Iyr fühltet Euch nur ſtark genug, der Ster⸗ benden, nicht der Lebenden zu verzeihen. Ich murrte nicht gegen Euern Entſchluß; ich habe Euern Zorn verſchuldet. Aber zürnt mir nicht, daß ich nach einem Mittel forſchte, Euern Unwillen zu mildern. Frau Margarethe, die gute Frau, die ich bisher ſchmählich mißkannt, und die mein Krankenlager bis auf den heutigen Tag umgeben hat, wie ein helfendes Engelsbild, zollte meinem Vorſatze Beifall, und ermuthigte mich, zu Euern Füßen mich zu werfen, daß ich Vergebung erhalten möge.“— Der gerührte Vater 224⁴ hinderte Wallradens Kniebeugung, und ermahnte ſie liebe⸗ voll, auf ihrem Seſſel zu verbleiben, und nicht ihm, der ſchon von Allem wiſſe, ſondern dem Bruder zu verkünde, † was ſie, von Gott erleuchtet, beſchloſſen habe, und bereit ſey, zu vollführen.— Erwartungsvoll ſah Dagobert auf † die entſtellte Schweſter, die wie ein Bild des Leidens ihn eine kleine Weile ſtumm betrachtete, und nachdem die in ih⸗ rem Antlitz aufgeſtiegnen düſtern Schatten verdämmert waren, † alſo begann mit langſamen Worten, aber vernehmlicher Stimme:„Obgleich, mein Bruder Dagobert, eine Mutter uns gebar, ſo haben wir uns dennoch nie geliebt, und es wird einſt dort oben zur Sprache kommen, weſſen Schuld es geweſen. Indeſſen hat mein unglückſeliges Geſchick mir durch die Schreckensthat, die an mir verübt worden, den Finger⸗ zeig gegeben, daß man noch hienieden ſelbſt die Hand zum Frieden und zum Guten bieten müſſe, weil die Zeit verrinnt, und ſchnell herbei kömmt der Tod. Verzeihe mir daher, mein Bruder, ſo ich Dich beleidigt.“ „Auf Deinem Schmerzenslager habe ich Dir vergeben⸗ Dich geſegnet;“ erwiederte Dagobert:„ich kenne keinen Groll mehr gegen Dich.“—„So nimm auch ein Geſchenk von mir!“ fuhr Wallrade fort—„Was Deine Liebe mir zugedenkt;“ entgegnete Dagobert:„mein ſey es, und ich— will Dir's danken, als ein Pfand unſers Geſchwiſterbundes.“ „Du ſchwörſt mir, daß Du nichts verſchmähſt, es ſe) auch noch ſo dürftig und gering, oder noch ſo köſtlich und begehrenswerth?“—„Ich ſchwör Dir's zu, Schweſter;“ antwortete Dagobert raſch, und über die Geſichter aller A⸗ weſenden ging die Sonne der Freude auf.—„So empfange von mir Deine Freiheit;“— ſprach gewichtig und betonend 225 Vallrade:„Unſer Vater verzweifle nicht kinderlos. Bleibe Du ihm, da ſein lieberer Sohn ihm ſtarb. Des Papſtes Brief läßt zu, daß Mann oder Weib Deine Stelle im Chor vertrete. Ich thue das Gelübde an Deiner Statt, und löſe alſo das Deiner Mutter, die auch die Meinige war.“— Das hatte Dagobert nicht gedacht; unüberlegt hatte er ſich in der Betheuerung fangen laſſen, und ſuchte nun auf Wall⸗ ladens Stirne zu erforſchen, ob Wahrheit, ob Lüge ſie ſprach. Vallradens Antlitz blieb ſich jedoch gleich, als wie aus Stein geformt, und dankend umarmte ſie Margarethe, und vankend ſchüttelte ihr der Vater die Hand, obgleich der El⸗ ern Bruſt erbebt hatte unter der ſchonungsloſen Berührung des Abſterbens ihres kleinen Johannes. Dagobert allein ſah bnge ſtumm vor ſich hin, und reichte hierauf ziemlich kühl und verſtimmt ebenfalls der Schweſter ſeine Rechte.—„Ich will wohl glauben,“ ſprach er,„daß das Vergangene Dein derz gewendet, Schweſter. Ein Erdſtoß ſtürzt ja auch Felſen ein. Allein, die Art, wie Du das Gute thuſt, iſt ganz der Schlangenliſt ähnlich, die Dich früherhin beſeelt. Du haſt nich in einer Schlinge gefangen, und zerſtörſt grauſam das Gebaͤude eines wehmüthig ſtillen Einſiedlerglücks, das ſich neine Einbildung in die Zukunft hinein, aus der Welt hin⸗ aus gebaut hatte. Ich müßte nicht ein Mann ſeyn, dem ſin Wort heilig iſt, ich müßte nicht die Freudenthränen mei⸗ es Vaters, meiner zweiten Mutter ſehen, wenn ich länger nerbittlich bleiben ſollte. In Gottesnamen denn! geh' hin nn meiner Statt, und diene dem Herrn, aber diene ihm Ihne Falſch, mit redlichem Herzen. Erwarte aber keinen Dank von mir, denn ihr Alle, die ihr mich liebt, ihr raubt i Ruhe, die ich hoffte, und ſchleudert mich als Beute 226 hin dem Strudel eines unruhvollen Lebens, auf deſſen ſchön ſten Fluren mir dennoch ewig das Schönſte fehlen wird.“— Nicht wie einer, dem eine wohlthätige Hand die unverdientm Sonderling, Wallrade!“ ſprach zu dieſer entſchuldigen Margarethe:„Wir achten oft eine Wohlthat gering, die wi nachher nicht hoch genug zu ſchätzen vermögen.“— ihm mißfällt. Mein Gewerbe iſt jetzo hier vollendet, darun Vater, bitt' ich um ein tröſtend Abſchiedswort, und ſag' Euz Lebewohl.“— den? nicht den Freunden unſers Hauſes diejenige zeigen deren Aufopferung mir den Erben erhält?“—„Wo den Ihr hin, Vater?“ fragte Wallrade bitter lächelnd entgegen „Mein abgezehrtes Antlitz taugt nicht in den Kreis de Fröhlichen. Ihre Blicke, ihr Flüſtern, ihr Achſelzucken wür mir den Tod geben. Ich gehe zu meiner Zelle zurück.“ „Aber, Wallrade,“— redete Margarethe ſanft in ihr Ohr „wollt Ihr nicht wenigſtens den Knaben ſehen, der Euch a⸗ gehört, Euern Johannes?“— Da fuhr Wallrade empn und ſchoß einen Blick auf Margarethen, daß dieſe zuſammen Euigtet nicht!“— Ketten abgenommen,— nein;— wie ein Knecht, den tyran niſche Gewalt erſt auf die Ruderbank gezwungen, ging zu der Verſammlung zurück.—„Kehrt Euch nicht an dn „Laßt das, liebe Frau;“ erwiederte Wallrade kalt:„nich ihm zum Guten, ſondern mir zu Liebe thue ich das, wi „Wie?“ fragte Diether beſorgt:„Schon willſt Du ſche — fuhr, denn alle Flammen einer auflodernden Hölle ſprühtn daraus ihre Funken. Dabei ſchüttelte ſie heftig den Ko und rief aus gepreßter Bruſt:„Nein! nein! nimmer! i Während ſie bei dieſen Worten den Schleier raſch zu⸗— ſammenzog, daß er gänzlich verhüllend herabſiel über die drohende Geſtalt, und das noch drohendere Antlitz, faßte Margarethe den ſtaunenden Diether bei der Hand, und zog ihn hinweg aus der Thüre.„O kommt!“ flüſterte ſie:„ich fürchte mich. Gewiß hat ſie ſich nicht ganz gebeſſert, denn unmöglich kennt ein Mutterherz ſolche Härte und Grauſam⸗ keit, hat es die Sünde nicht verſteinert.“— Eben ſo kopfſchüttelnd, als Diether ſeiner Gattin folgte, alſo blickte die Oberin Walburg die Freundin an, da ſie zuſammen zum Kloſter gekehrt waren.„Erkläre mir doch das größte Räthſel,“ ſprach ſie mit forſchendem Auge. Wall⸗ rade, erkläre Dich ſelbſt; denn ich höre auf, Dich zu begrei⸗ fen. Wo iſt die Weichheit hin, die unter bitterm Leiden Deine Stirn verklärte, und jedes Deiner Worte in Honig⸗ ſeim tauchte? Wohin die Liebe, die Du damals für den Sohn ausſprachſt, den Du mißhandelt? Welche Wendung nahm der Auftritt heute in Deines Vaters Hauſe? Die gott⸗ geweihte Magd,— die, die ſich ſelbſt hingibt, um Andrer Willen, zum Sühn⸗ und Löſeopfer,— in Dir yabe ich ſie nicht erkannt. Deine Liebe ſcheint von Erz zu ſeyn, die Wohlthaten, die Du ſpendeſt, obgleich ungezwungen und freiwillig,— ſie erwecken Grauen. Mir ſelbſt erſcheinen ſie, wie verhängnißvolle Gaben, die das Verderben unter ange⸗ nehmer Hülle bergen, und faſt möchte ich lieber der Knabe ſehn, den Du ſo unmütterlich verwirfſt, als zu Jenen gehö⸗ ren, die ſich Deiner Liebe erfreuen, wie die, welche wir ver⸗ laſſen haben.“— Wallrade lächelte hierauf nachdenklich und arg, und verſetzte unbefangen:„Der Geiſt, mit dem wir in's Leben traten, begleitet uns auch bis zum Grabe, und 15* 228 iſt unterthan dem Körper, obgleich dieſer nur ein Leib aus Staub und Aſche iſt. Sind unſte Glieder ſchwach, ſo er⸗ lahmt auch Wille und That. Sind ſie ſtark, ſo erſtarkt auch unſre Seele. Daraus erkläre Dir ſelbſt, meine Freundin⸗ die mich ſchon ſeit meiner früheſten Jugend kannte, wie ich in meinem Siechthum ſo ganz anders reden und handeln konnte, als ich früher that, und ferner thun und reden werde An den Pforten des Todes war ich nicht mehr Wallrade,— nur ein zur Grube taumelndes, irdiſch, ſchwaches Weib. Aber, ſo wie die Kräfte des Körpers wuchſen, ſo kam auch der alte Geiſt wieder zurück, und obgleich noch nicht völlig hergeſtellt, ſo ſpüre ich doch die ehemaligen Gefühle wieder die Flügel regen, und ich werde ſeyn wie ehemals.“—„Du wirſt mir nur unerklärbarer;“ ſchaltete Walburg ein:„Du⸗ wie ehemals? Du, mit Deinem Hange zu den Freuden der Außenwelt, willſt in ein Kloſter Dich verkriechen, und den⸗ noch ſeyn wie ehemals?“ „Glaube mir;“ antwortete Wallrade.„Der elende Moͤr der hat mich nicht zum Tode getroffen, aber an ſeinem Eiſen blieb die Blüthe meines Lebens. Weg aus der Welt mi der Unvermählten, deren Roſenwangen und Körperſchönhei zu Grabe ging. Dem ſchönen Weibe gehört die Welt mi ihren Königen und Helden; der Verblichenen ein Altar und hinter demſelben ein ſpätes Grab. Und ich vollends.. ich, übermannt von der Laſt von Vorwürfen, die die Welt auf mich geſchleudert, weil böſe Zufälle und ein tückiſches Geſchick mich zu Boden warfenz.. ich ſollte wieder hinaus treten in dieſe Welt? Nimmermehr! Ich werfe mich in die Arme der Kirche,— doch nicht als reuige, busfertige Sin derin: eher würd' ich ſterben. Aber ſegnen, benedeien müſt — 229 mich noch diejenigen, die ich haſſe, und bis zum Grabe haſ⸗ ſen werde. Die Hand müſſen ſie noch küſſen, die ſie züchtigt, und laut ausrufen:„Sie iſt unſere Wohlthäterin geworden! Vir haben ſie verkannt.“ Indem ich mich alſo aufopfere für das Beſte dieſes Bruders, ſo bereite ich mir einen Hei⸗ ligenſchein, und jenen in der Bruſt eine glimmende Hölle. Bleibt Dagobert im Vaterhauſe, ſo baut des Argwohns Schlange wieder dort ihr ſchwer zerſtörbares Neſt, Eiferſucht und Trug werden dort wieder heimiſch, und Dagobert ſelbſt, der in ſeiner Schwärmerei im Kloſter glücklich geworden wäre, wird der Unglücklichſte der Sterblichen. Durch dieſen Schritt werfe ich dem Prälaten, der ſein früheres Wohlſeyn nicht benutzt hat, wieder den Maierhof zurück, den er mir einſtens überlaſſen; und mich ergötzt's, daß er, der mich an alle Fürſten verkauft haben würde, um ſeinen Beutel zu füllen, jetzv mir ein dürftiges Almoſen danken muß. Die nichtswürdige Frucht meiner Ehe mit dem von der Rhön, weiſe ich ſomit gänzlich an die Mildthätigkeit der Bluts⸗ freunde, und bin freier in meinem Kloſter, als ich es viel⸗ leicht jemals außer demſelben war, lebe meiner Behaglich⸗ keit, und der Hoffnung auf ſchwere Rache an allen meinen Feinden.“—„Hör' auf!“ bat Walburg:„mir zittern die Glieder, ſo ich Dich anhöre.“—„Meiner Freundſchaft ver⸗ dankſt Du dieſe ſeltne Aufrichtigkeit;“ entgegnete Wallrade ernſt:„von Deiner Freundſchaft hingegen erwarte ich Ge⸗ duld, Verſchwiegenheit und ehrliche Behandlung. Eine andre Lebensfriſt beginnt hierin für mich. Herab vom Himmel will ich Rache flehen, und wie die Ritterdame vom Söller einem Turniere, ſo aus dem Kloſterfenſter ruhig dem Wirrſal — ————————— zuſehen, das ein unbeugſam Geſchick über meine Feinde verhängen wird;„und ſomit, Freundin, Oberin, laß die Kirche ſchmücken zum Empfange einer neuen Braut, raube mir die Locken, in welchen ſich ſchon manch Gewaltiger hing, ziere mich mit dem Kranze, und dann: Salve Begina!“— Eiltftes Bapitel. Die weite Stadt faßt nicht die Zahl der Gäſte.. Schiller. So ſehr lieblich auch der Lenz geweſen war, ſo ſtelle ſich doch der Sommer ein, als ein glühender Gaſt, der Fluthen und Matten verſengte, Bäche austrocknete, und den verſchmachtenden Menſchen und Pflanzen kaum einige kühle Nachtſtunden zur Erholung gönnte. Indeſſen, je mehr er andauerte, je mehr ließ er wieder nach, von ſeiner brennen⸗ den Strenge, und ein heiterer gewitterleerer Spätſommer entſchädigte für des Auguſtmonats entſetzliche Hitze. Darum ſtrömten auch, wie neubelebt, aus allen Gegenden des Va⸗ terlandes und der Fremde, zahlreiche Schaaren zu der alten Herbſtmeſſe, die zu Frankfurt wieder eingeläutet wurde, und ſie verſprach weit glänzender zu werden, als in vielen vergangenen Jahren. Die Züge der Kaufherren⸗ die nach einander unterm Geleite der Reichsſtadt, des Er⸗ biſchofs von Mainz und des Pfalzgrafen bei Rhein eintrafen überboten ſich an Zahl und Reichthum. Nicht bloß d Städte am mächtigen Rheinſtrome, von Baſel beginnend bis gen Cöln, ſandten ihre beſten Handelswaaren, nicht aus dem reichen Nürnberg, oder aus den gewerbfleißigen Niederlanden allein eilten die Fürſten des Handels herzu, ſondern auch aus weit entlegnern Landen fanden ſich Käufer und Verkäufer ein. Wälſchlands Werkherren, die Gevert⸗ ſchen aus der Lombardei, und die Wechsler aus Burgund, die Stahlarbeiter und Wollentuchhändler aus England, die Felzverkäufer aus den nördlichen Reichen, dem fernen Polen, und dem noch fernern Reußenland, der mächtigen Stadt Neugart, füllten die Gewölbe Frankfurts mit ihren Waaren, und genoſſen freundliche Aufnahme in der von Menſchen aller Völker wimmelnden Stadt. Bis unter die Lucken der Dächer lebte und webte jedes Haus, und dennoch ſchien die Zahl der Gebäude zu klein, um all die Gäſte zu faſſen, denn auf dem Fiſcher⸗ und Klapperfelde ſtanden Lager von luftigen Zelten, und auf den Gaſſen drängte ſich unaufhörlich ein raſtlos tobendes Menſchenmeer. Stolzer als ſonſt wohl, ſah nun jeder Frankfurter Bürger aus ſeinem Fenſter in das Gewühl vor demſelben, und pries glücklich ſich und ſeine Heimath, auf deren Markt das fernſte Ausland ſeine Er⸗ zeugniſſe brachte, und ſein klingend Geld, oder ſeine gülti⸗ gen Wechſelbriefe. Durch alle Thore rollte der Segen des Handels, durch alle Pforten zogen heitre Menſchen mit le⸗ bensluſtiger Stirne und ſchwergefülltem Beutel; den Main⸗ ſtrom herab kamen die überfüllten Marktſchiffe aus Franken unterm Knall der zum Jubel losgebrannten Donnerbüchſen und dem Geſange der Mannſchaft; den Strom herauf zu Verg ſteuerten die reichbeladenen Fahrzeuge vom Neckar und vom Rhein. und welche Fröhlichkeit entfaltete ihr Panier, 232 fanden ſich in der weiten Stadt Landsleute zu Landsleuten, Bekannte zu Bekannten. Die Glockenſchläge und Trompeter⸗ ſtücklein, die vom Thurme den Ankömmlingen entgegenſchall⸗ ten, ſtimmten zur Freude; denn nun war ſie ja überſtanden, die gefahrvolle Reiſe, auf welcher ſchon manch Unglückli⸗ cher Leben und Habe verlor, unter den Mordklauen des räuberiſchen Gelichters, das Heerſtraße wie Strom unſicher machte. Nun befanden ſich ja die ſicher Geleiteten unter dem Schutze eines wohlgeordneten Gemeinweſens, hinter ſchirmenden Mauern, und im Schvoße geregelter Geſetze, die den Meßfremden gar günſtig waren, und inſonderheitlich keiner Freude wehrten. Darum ſchwang ſich auch das Rad des ernſten und eifrigen Gewerbes ſcheinbar leicht wie das Spielrad einer Knabenmühle; die Wichtigkeit des Geſchäfts gewann den Anſtrich eines ſorgenloſen Tauſchvertrags, und über den düſterſten, angefüllteſten Gewölben und ſeinen em⸗ ſigen Dienern und Schreibern wehte die Wimpel der Hei⸗ terkeit.— Welch ein reges Leben in allen Theilen der Stadt, und längs dem Fluſſe, wo ſowohl die zweckmäßigſte Lage, als auch Gewohnheit die Hauptſammelplätze der Kauf⸗ mannſchaft geordnet haben. Still und beſonnen treiben die Tuchhändler aus den flandriſchen Städten, die reichen Ant⸗ werper, die ſtolzen Genter und die verſchmitzten Herren von Brügge ihr Werk, ohne viel Geräuſch, aber mit ſicherer Ge⸗ ſchäftigkeit. Neben ihren Niederlagen preiſen die Schleier⸗ händler von Straßburg den vorüberziehenden Frauen ihre dünne und köſtliche Waare, ſammt den Gold⸗ und Silber⸗ ſpitzen, die ſie lockend und prahlend zugleich am hellen Son⸗ nenlichte durch die feinen Finger gleiten laſſen.— Während auf der Schwelle einer einladenden Weinſchenke feurig glühende Weinhändler aus dem Elſaß den Kaufluſtigen das duftende Oel ihrer Fäſſer rühmen, und mit Schwank und Scherz ihren Handel richtig zu machen ſuchen, rufen an ihrer Seite die Kaufleute vom Rhein ihre Hüte und Handſchuhe zum Verkauf, und nicht fern davon die Schweizerhändler in ihrer rauhen Mundart die Teppiche und Zeuge von ſeltner Güte, die ſie aus ihren Bergen zu Markte bringen. In der Bude des Böhmen klingelt die zerbrechliche Glaswaare, wie in des Steuermärkers Laden das dauernde Eiſen raſſelt. Gegenüber jedoch wiegt der kluge Kaufherr aus Sachſen ſchweigend und bedächtig die Silberſtangen, um welche die Münzwardeine und der Silberſchmiede gelehrte Schaar prü⸗ fend ſteht; nicht minder vermißt nebenan der Ulmer ſeine ſchöne Leinwand mit geräuſchloſer Fertigkeit, und ſpart die freundlichen Worte nicht, um die ehrſamen Hausfrauen, die ſein Gewölbe füllen, zu ſeinem Vortheil zu ſtimmen. Mag immerhin der Krämer aus Piſa oder Lukka aus vollem Halſe ſein Gewürz, ſeine wohlriechende Salben ausſchreien,. lächelnd und ſtill erwartend lehnen unfern die Kaufleute der Hanſee an ihren Ladenthüren, durch welche blankes Schieß⸗ gewehr, köſtliche Nordfelle auf die Straße ſehen. Des Zu⸗ ſpruchs holder Frauen ſind die ſchweigſamen Männer nicht gewärtig, ausgenommen vielleicht die Verkäufer der geſalze⸗ nen und getrockneten Seefiſche, und nur Männer ſuchen in dieſen entlegenen Buden und Kellern ernſtere Waare, die Metalle und Erze des Nordens, das gefährliche Pulver, die ſchweren Branntweine in den ungeheuren Tonnen. Hier vor⸗ über geht es aber wieder in das dicke Gewühl des Gewer⸗ bes hinein. Die langen Reihen von Fäſſern, die aus Thü⸗ 3 ringen herbeigeſchafft werden, und Pech, Theer und Kienruß enthalten, ziehen das Volk der Schiffer an;z die Färber und Wollenhändler ſtrömen dagegen zu den Niederlagen der Erfurter, welche den nicht genug herbeizuſchaffenden Waid feilbieten. Hier ſpielen die Waidträger mit ihren Körben und Tragen den Herrn und Meiſter; die Meſſerſchmiede, eine unhöfliche Zunft, ſchließen ſich mit ihren Kramſtellen an die Thüringer, an dieſe die Holzwaaren- und Meſſinghändler von Nürnberg, die Seidenweber von Augsburg, und überall dieſelbe Regſamkeit, allenthalben derſelbe Eifer, von dem Lehrjungen an, der auf eine Kiſte das Zeichen ſeines Kauf⸗ und Lehrherren pinſelt, bis zu dem Oſtfrieſen, der vor Rit⸗ tern und Herren die ausgeſuchten Roſſe tummelt, die er auf den bedeutenden Markt gebracht.— Doch nicht allein für das Nützlichſte iſt allenthalben im Ueberfluß geſorgt,.. auch das Luſtige und das Seltſame will ſein Recht behaup⸗ ten. Nicht im Handel und Wandel allein ſollen die Beutel geleert und gefüllt werden; das abenteuernde Volk der Kunſt will auch, daß man der Thorheit ſeinen Zoll entrichte, und an Wunderlichkeiten der Natur nicht ohne Spende vorüber⸗ gehe, beſondere Geſchicklichkeit nicht unbelohnt laſſe. Hat die Handelwelt ihre Throne auf dem Römerberg, im Saal⸗ hofe und am Ufer des Mainſtroms errichtet, ſo baut dagegen die Kunſt, die ſich zur Schau ſtellt, anderwärts ihre luftige Bühne, oder durchzieht wandelnd die Gaſſen, Bürgern und Fremden vor die Thüre bringend, wonach ſie aus der Thüre keinen Schritt thun würden. Wandernde Dichter und Sän⸗ ger ziehen umher, von Herold und Pickelhäring begleitet, und halten Wettkämpfe der Begeiſterung oder poſſenhaften Reimerei. Häuſig iſt der blaue Himmel das Dach ihres Schauplatzes, und aus den Fenſtern der Häuſer und den 235 Thüren der Laden fliegen die Heller, die ihre Anſtrengungen belohnen ſollen. Oefter jedoch ziehen ſie es vor, die heim⸗ lichen gewölbten Stuben der Küfermeiſter zu beſuchen, die in der Meſſe niemals leer werden, weil ihr Kranz und Buſch immer grün, und der dadurch verheißene Wein immer duftig und kühl iſt. Der Sänger liebt der Rebe Gold, der wohl⸗ genährte Bürgersmann iſt freigebig; die Fäſſer laufen über, und in der Laune des Trunks fliegt aus der Gäſte Hand oft das Doppelte deſſen in des Herolds Mütze, das der Ge⸗ ber zu ſteuern ſich vorgenommen. Auf dem Roßmarkte be⸗ reitet ſich indeſſen ein ernſterer Wettkampf vor, obgleich im Grunde auch nur Poſſe und Spielerei. Ein hohes Gerüſte beſteigen ſo eben zwei Fechter, die das Volk unter lautem Jubel herbeigeführt. Die Schelme, die ſo fremd gegen ein⸗ ander thun, und ſich drohend meſſen mit den Blicken, und die Naſe rümpfen, daß der gewaltige falſche Schnurrbart ſich in die Höhe zieht,— ſie kennen ſich recht gut, und ſind nur zu verſchiedenen Thoren eingezogen, um das leichtgläu⸗ bige Volk zu täuſchen, ihre Fertigkeit in höheren Werth zu ſetzen, und ihre Rechnung dabei doppelt zu finden. Eine Pürgerfreude iſt ſolch ein Fechteraufzug; die größte Wonne des Pöbels, zwei fremde Kämpfer an einander zu hetzen. Die lederne Sturmhaube auf dem Kopfe, geſchmückt mit einer langen Feder, die ſchon bei manchem Strauß geweſen, ein ungeheures Schlachtſchwert auf der Schulter tragend, ſeltſam aufgeputzt mit farbigen Bändern, erglimmen die Klopffechter die Bühne, um dort zu ſiegen oder zu unter⸗ liegen, je nachdem gerade die Reihe an einem oder dem andern iſt. Das Vok klatſch ſich die Hände wund, ſchreit ſich die Kehle rauh, und aus den, bis zum Giebel mit zahl⸗ — loſen Zuſchauern beſetzten Häuſern des Roßmarktes regnet reiches Schaugeld, von einem kecken Hannswurſt erbettelt, in den Seckel der Schalksgeſellen, die in's Fäuſtchen lachen, und vielleicht, um dem Schauſpiel ein glänzendes Ende zu verleihen, ſich gegenſeitig den Doctorgrad des langen Schwer⸗ tes unter glbernen Gebräuchen ertheilen. „Ich will doch des Donners und des Hagels ſeyn,“— ſprach Gerhard von Hülshofen zu Dagobert, mit welchem er durch das Gewühl ſchlenderte,—„wenn ich nicht die beiden angeputzten Haſenfüße auf jenem Gerüſte, ſo barſch und reckenhaft ſie ſich auch haben, mit einem Pfannenſtiele in die Flucht jage, ſo weit der Himmel blau iſt. Das ſollen Fechterhiebe ſeyn? Büffelei, weiter nichts, mein guter jun⸗ ger Herr. Was meint Ihr dazu?“— Dagobert blickte den Frager mit der Miene eines Mannes an, der ſo eben aus einem tiefen Schlaf erwacht, und nicht eine Sylbe von dem gehört hat, was man ihm ſeit Stunden vorgeredet.— Ger⸗ hard ſchüttelte unwillig den Kopf.„Seyd wieder in Eurer beſten Laune, mein Lieber;“ brummte er:„Ich rathe Euch, löſcht Eure Lampe aus, und ſagt der Welt„Gute Nachtz“ S'iſt eine Schande für alle Junggeſellen des römiſchen Reichs, daß Ihr, der Wackerſten Einer, Euch geberdet, wie ein träu⸗ mend Kind. Ihr helft der ganzen Welt aus dem Eiſen, wie die Hiſtoria mit dem Wildmeiſter erſt kürzlich bewieſen, ob⸗ gleich der Herzog Alles gethan haben mußte; aber Euch ſelbſt könnt Ihr nicht helfen. Schämt Euch, und kommt zu beſſern Gedanken. Daß Ihr nicht heirathen wollt, wie es Euer Vater wünſcht, iſt gut, denn nur der unbeweibte Mann iſt ein ganzer,— aber der Grund, warum Ihrs nicht thun wollt, iſt ein ſchlechter Grund. Für dießmal ſehs genug, aber ſeyd doch luſtig, in's Teufels Namen, s'iſt Meß⸗ zeit, Jubel und Freude an allen Ecken, und der wohlweiſe Rath ſo ſanft wie ein Lamm, er weiß ſchon warum. Alle fahrende Frauen und Töchter ſind losgelaſſen, und dürfen ſchwärmen auch außerhalb dem Roſenthale*). Die Schenken ſind offen die ganze Nacht hindurch, und kein ſauertöpfiſcher Virth darf mich auf die lange Glocke verweiſen, wenn ich nach neun Uhr mein herzhaftes: Eingeſchenkt, über den Liſch donnre. Ich mag jetzo meine längſte Stoßklinge an die Hüfte ſtecken, und damit den Waden der jungen Fante beſchwerlich fallen, während ich ſonſt mein kürzeſtes Schwert⸗ lein anhängen muß, das nicht beſſer ausſieht als das Wetz⸗ eiſen am Gürtel eines Schlächters. Ja, mir iſt's ſogar nicht verwehrt, Sonntags meinen Bart ſcheeren zu laſſen, ſo mir's gefällt. Es lebe die Meßfreiheit! Sagt, kann man wohl glücklicher ſeyn? Jagt darum die Grillen zum Teufel. Sprecht, wohin wollen wir? Soll ich Euch etwa zu dem Wundarzt führen, der an der Ecke der Klauskirche ſeine Lat⸗ wergen und Pillen verkauft? Vielleicht hat er ein Mittel gegen Euren Blödſinn, oder ſein Schalksnarr zwingt Euch zum Lachen, was das Herz froh macht, und hungrig den Magen; oder wollen wir den Vogel Strauß ſehen, von wel⸗ chem Alt und Jung erzählt, oder das ungeheure Elephan⸗ tenthier, in deſſen Wanſt, wie das Volk behauptet, der Deu⸗ fel ſelbſt ſtecken ſoll?“„Beſieh Du allein dieſe Seltenhei⸗ ten,“ erwiederte Dagobert kopfſchüttelnd:„laß mich jedoch hier unter der Menge von Menſchen, die mir größtentheils frend ſind, und folglich auch meine Bürde nicht kennen.“— MDer Ort, in welchem der Rath dieſe Perſonen gebannt hatte. — „Glaubt Ihr denn, ich würde Euch allein laſſen, guter Freund?“ fragte Gerhard lachend:„Behüte Gott; ich bin wie zu Euerm Wächter beſtellt. Ihr wärt im Stande, in Euerm Trübſinn geradezu in den Strom zu gehen, oder Euch zum Mindeſten von dem einfältigſten Spitzbuben Eure Börſe vom Gürtel ſtehlen zu laſſen:— denn der Diebe gibt es hier zu Frankfurt ein anſehnlich Gelichter. Wenn der Markt eingeläutet iſt, mögen Schelme und Strolchen zur Stadt kommen, bis wieder ausgeläutet wird. Wohl dann den Die⸗ besrittern, wenn ſie viele ſolche Junkherrn antreffen, die, wie Ihr, einhergehen, die Hände auf dem Rücken, die Au⸗ gen in der Luft, und nicht bemerkend, was um ſie her ſich begibt. Schaut! während ich ſo rede, hat ſich ein abſcheuli⸗ ches Geſicht an Eure Seite gedrückt. Zieh' aus, Schelm!“— Dagobert blickte neben ſich, und erſah einen Menſchen, wel⸗ cher der drohenden Geberde Gerhards entlief, und im Ent⸗ ſpringen gegen den Edeltnecht höhniſch die Zunge heraus⸗ ſtreckte.—„Pfui!“ rief Dagobert:„welch ein abſcheulich Geſicht, entſtellt noch obendrein durch das Fflaſter, das die Höhle des verlornen Auges bedeckt. Wahrlich! wären dem Burſchen nicht ſchwarze Borſten gewachſen, ich würde ihn für des elenden Judenknechts Ebenbild halten, den ich ein⸗ mal von den Schranken ſchlug.— Wer weiß,“— ſetzte er nach langem Schweigen hinzu:„wer weiß auf welchem An⸗ ger der Schädel des Böſewichts bleicht,. aber ſein ſchreck⸗ lich Angedenken verbindet ſich ſo innig mit einem unaus⸗ ſprechlich wehmüthigen,— mit Eſther's Gedächtniß, daß ich ſchier Thränen in meinem Augenwinkel fühle.“—„O weh!“ klagte Gerhard ärgerlich:„da ſind wir wieder auf der alten Fährte. Die Peſt über alle Liebesnarren. Das Geſicht des 22 häßlichſten Gauners erinnert ſie an ihres Liebchens Antlitz. Kaum wage ichs, Euch auf jene Bande von holden Dirnen aufmerkſam zu machen, die koſend und lachend an des Gold⸗ ſchmieds Laden ſtehen. Der glatzköpfige Bube hatte gewiß lange keinen ſo freundlichen und willkommenen Beſuch. Seht wie er in ſeinen kleinen Schreinen kramt und wühlt, als ob ſeine gichtbrüchigen Finger erſt vor ſechzehn Jahren gewachſen wären; wie er den Mund ſüßlächelnd zuſammenkneift, daß die blühenden Dirnen das mangelhafte Gebiß nicht bemerken ſollen. Euch, liebes Herrlein, iſt freilich ſeit geraumer Friſt der Anblick ſchöner Weiber ein Gräuel geworden. Erlaubt aber immerhin, daß ich mich ein Weilchen daran ergötze. Das runde kleine Mägdlein in der Ecke, daſſelbe, das ſo verlegen in dem Käſtlein ſucht, und an ihres Gürtels Hacken ehenfalls etwas zu ſuchen ſcheint, ich weiß nicht was?— Das Mägdlein ſticht mir ganz beſonders in die Augen, und wenn mich dieſe nicht hinter's Licht führen, ſo iſt die Maid eine Bekannte, ſowohl von Euch, als auch von mir.“— „Wer? wer?“ fragte Dagobert haſtig, warf einen Blick nach der Bude, und ein hoher Grad von Ueberraſchung malte ſich in ſeinien Zügen:„iſt das nicht,“. ſetzte er ſtaunend hinzu —„iſt das nicht das Fräulein... Regina... von Dür⸗ 3—„Freilich!“ erwiederte der Freund:„das liebliche Fräulhin von Dürning, wie es leibt und lebt. Wer iſt denn aber der junge Mann, der vor mir ſteht? Seyd Ihrs denn noch, Freund Dagobert? Euer Geſicht glitzert ja wie das Abendroth?“—„Thut es das?“ fragte Dagobert hin⸗ wieder nit einer gewiſſen Aengſtlichkeit:„O ſo komm', alter Kumpan, komm', laß uns von dannen eilen.“—„Warum zupft Ihr mich ſo ungeſtüm am Aermel?“ lachte Gerhard: „ein ſchön Dirngeſicht iſt doch keine Teufelsfratze, die uns beheren könnte. Macht der ſchönen Maid Eure Reverenz und geht dann!“—„Um Gotteswillen nicht!“ entgegnete Dagobert ängſtlicher, und ſuchte zu entkommen; allein im Nu drehte ſich auch Reginens Geſicht nach dem ſeinigen, umm— die Flucht mußte unterbleiben. Das anmuthige Geſchöpf, obſchon in deſſen Zügen eine zarte jungfräuliche Verwirrung ihre Roſenſaat ausgeſtreut hatte, neigte ſich freundlich gegen den Erkannten, und faltete wie flehend die zierlichen Hände, mit der Bitte, doch alſobald näher zu treten. Dagobert konnte ſich der Einladung nimmer entziehen, und nähert ſich fragenden Blicks. Regina flüſterte ihm hierauf raſch und heimlichſt in das Ohr:„Ach, mein lieber, ehrenwertheſter Junkherr! Ihr erſcheint, recht wie ein Engel, mir zun Troſte. Die blaſſe Kunigunde dort, eine liebe Geſpieln von uns allen hier Verſammelten, geht zum Advent ins Kloſter, und ſie ſoll ein Andenken von uns Allen haben. Ringe ſind der Freundſchaft Sinnbild und Kette, ſagt man Eine jede hat daher einen goldnen Reif erhandelt, zum Ge⸗ ſchenk für die Freundin, und auch ich nicht minder; da ge⸗ wahre ich jetzt erſt, daß mir ein böſer Menſch meinen Wet⸗ ſcher vom Gürtel geſtohlen hat. Meine kleine Baayſchaft war darinnen, und doch möchte ich von dem Goldſchme nicht als eine leichtſinnige Käuferin oder Borgerin angeſehen noch von des Vetters hochnäſigen Töchtern ausgeſpottet wer den. Werdet Ihr daher Bürge für mich, lieber Junkh Die Mutter wird, ſobald als...— Die Liebliche du nicht ausreden, und ſchon hatte der Kaufmann, n as ih gehorte. Wie nun Dagobert bemerkte, daß ſein Gef mit den übrigen Jungfrauen in's Geſpräch getretzen wo war, und dieſe Letztern begierig auf die Fabeln horchten, die des Edelknechts ruhmrediger Mund zum Beſten gab, ſo ſprach er ferner zu der dankbar bewegten Regina:„Ihr werdet mir doch wohl erlauben, mein anmuthiges Fräulein, daß ich den Augenblick, in dem ich ſo glücklich war, Euch einen geringen Dienſt zu erweiſen, ebenfalls an eine Kette legen darf, wie Ihr mit dem Gedächtniß Eurer Freundin zu thun begehrt? Der einfache Goldreif taugt immerhin für die Nonne, die nur in ſtiller Zelle dergleichen Weltherrlich⸗ keiten beſchauen darfz Euerm Liebreiz und Eurer freien Ju⸗ gend gebührt jedoch ein ſchöneres Geſchenk.“— Somit langte er mit ſicherm Finger in des Goldſchmieds Vorrathskaſten, und holte den allerſchönſten Ring heraus, der ſich unter den übrigen ausgenommen hatte, wie ein König unter ſeinen Vaſallen. Er war von wälſcher Arbeit, und hielt einen Saphir umfaßt mit einer herrlichen Krone von Gold und Perlen. Regina wußte nicht, wie ihr geſchah, als ihr Da⸗ gobert das blitzende Kleinod an den Daumen ſchob, wo die vornehmſten Frauen ihre Prachtringe zu tragen pflegten, und mit einem gewiſſen Befremden, mit einer ſüßen ahnenden Luſt jedoch zugleich, ſah ſie auf das Juwel hernieder, ohne mit Worten es anzunehmen, ohne ſich deſſen mit Worten zu weigern. Der Goldſchmied pries indeſſen die Freigebigkeit, mit welcher Dagobert ihm ſeine Forderung bewilligte, erzählte mit geläufiger Zunge, daß ſolch ein Wunderwerk in deutſchen Landen nicht gefertigt worden, ſondern, daß Neapolis deſſen Heimathland geweſen; daß vor einem Jahrzehnd ungefähr eine vornehme Frau dieſes Kleinod nebſt vielen andern bei ihm verpfändet, und auch nach verſtrichener Löſefriſt gelaſſen . und ſetzte ſchelmiſch lächelnd und ſi hinzu: 3. 16 „Der geſtrenge Herr möge nicht überſehen, daß dieſer Ring ein Verlobungs⸗ und Ehereif ſey.“— Unangenehm über⸗ raſcht ſah Dagobert nach dem Kleinod hin, welches Regina ſo eben wieder vom Finger zog, und ſinnig lächelnd betrachtete. „Ja, ja, lispelte ſie, wie in einem holden Traum befangen, vor ſich hin:„Das war er der war ge⸗ meint;...“— wandte ſich dann zu Dagobert, und ſagte mit einer Verneigung:„Es iſt vielleicht nicht recht, mein edler Herr, daß ich von Euch ein Geſchenk empfahe, und obendrein will ſich ein köſtliches, wie dieſes, für mich nicht ziemen⸗ aber dennoch behalte ich den Ring und danke Euch. Wollt mir jedoch nicht zürnen, wenn ich ihn nicht am Finger trage⸗ ſondern der Nonne gleich, in einſamer Zelle nur beſchaue.“ —„Thut wie's Euch gefällt,“ entgegnete Dagobert, ſichtlich erleichtert:„Doppelt geehrt iſt ein Geſchenk und deſſen Ge⸗ ber, wenn man es der ſtillen Aufmerkſamkeit würdigt, ohne ſein im alltäglichen Gebrauche zu vergeſſen.“— Reginn warf einen verlegenen Blick auf den Jüngling, und der Ring verſchwand ſchnell in dem golddurchwirkten Mieder. Nun erſt beſann ſich das Fräulein auf ihre Geſpielinnen, allein dieſe waren indeſſen dem ſchwatzhaften Gerhard bis an die Ecke der Straße gefolgt, wo ein Wildbär in ſtarken Ketten tanzen mußte, um welches Schauſpiel ſich eine Fluth von Neugierigen drängte; Dagobert ſchlug ſeiner holden Gefährtin vor, ſie dahin zu füh⸗ ren.—„Was ſoll ich in dem wilden Gewühl?“ fragte ſie ſanft und mit leuchtenden Augen:„Vor Allem, was ſoll ich jett dort? führt mich lieber zu unſerer Wohnung, guter Junkher. Die Mutter wird ſich freuen, Euch wieder zu ſehen.“—„i,“ lächelte Dagobert:„der Ton, mit dem Ihr langſam und ges gen dieſe Worte ſpracht, ließe mich beinahe das Gegentheil 243 vermuthen. Wie kommt es überhaupt, daß Ihr, die Herrlichkeit der Meſſe anzuſchauen, in Eures ſteifen Vetters Haus gezogen ſeyd, welches in abgelegener, finſtrer Gaſſe ſteht, und nicht viek⸗ mehr in das unſrige, mitten im Gewühl emporrragende, in welches Euch obendrein der Mutter und des Vaters freund⸗ liche Einladung berief?“— Regina betrachtete im Gehen verlegen die Schnabelſpitzen ihrer Schuhe, und antwortete anfänglich gar nicht. Alsdann erwiederte ſie zögernd:„Fragt mich doch nicht, ehrſamer Herr. Ich kann Euch ja hierauf nicht berichten, und ich darf es ja auch nicht.“—„Ihr kommt mir räthſelhaft vor,“ verſetzte Dagobert, dem die Wangen heiß wurden, ohne daß er ſich bewußt war, warum: „Hingen Eure Augen nicht ſo feſt am Boden hin, wie Eure zierlichen Füßchen, ich möchte wohl die Wahrheit in ihrem klaren Spiegel erforſchen. Ein Kummer ſcheint Eure heitre Stirne zu trüben. Was iſt's, das Euch, ein Kind des Him⸗ mels zu bekränken vermag?“— Regina ſeufzte ſchwer, und entgegnete ſo leiſe, daß kaum der lauſchende Dagobert ſie vernahm:„O Herr, auch ich habe meinen Gram, wie jeder andere Menſch,. wie Ihr zum Beiſpiel ſelber, Junkherr.“ —„Wolle Euch doch der Himmel vor ſolchen Leiden bewah⸗ ren;“ rief der junge Mann erſchrocken:„Euer Leid iſt nur das eines harmloſen Kindes und vergeht ſchnell, wie der Märzſchnee, aber ich, ich ſehe meinem Trübſinn kein Ende.“ — Da blickte ihn Regina von der Seite an, mit einem Ge⸗ ſichte, als wollte ſie ſagen: Schelm! Du ſollteſt ewig gräm⸗ lich bleiben?— Ihr Mund ſprach aber zu dem Betroffenen die Worte:„Nehmt Euch zuſammen, Herr. Macht doch Euch, Euern Aeltern und Euern Freunden wieder Freude. Glaubt mir, Euer Trübſal wird ſich endigen, und vald, 16* 244⁴ ſage ich Euch.“—„Ho, mein Fräulein,“ verſetzte Dago⸗ bert leicht ſcherzend:„Seyd Ihr etwa eine weiſe Sybille, die in der Zukunft oder in den Sternen liest? Prophezeiht mir nur recht viel Gutes, reizendes Wunderkind. Was Eure Kirſchenlippen verkünden, muß der Himmel verwirklichen, wie eines Engels Ausſpruch.“— Regina ſchüttelte heimlich lächeld den Kopf und erwiederte:„Ihr redet heidniſch, denke ich. Hier bedarf es jedoch nur einer tröſtenden Zu⸗ verſicht. Ich habe meine Sache auf die heilige Mutter ge⸗ ſtellt, und ſie wird mir gnädig ſeyn, das weiß ich; ſeit einer Stunde weiß ich ganz gewiß.,—„Seit einer Stunde!“ fragte Dagobert neugierig und ahnend:„O, mein Fräu⸗ lein, Ihr verſteht es, einen ehrlichen Burſchen auf dit Folter zu legen. Wer hat Euch denn geſagt. 2“— „Der Ring, den Ihr mir gabt, hat mir Alles geſagt!“ platzte Regina heraus, und ſetzte ſchnell hinzu, gleichſam als fürchte ſie, für ihr Zartgefühl zu viel geſagt zu haben „Nun aber kein Wort mehr, guter Junkherr. Seit die Glocken läuten, ſtehen wir ſchon an des Vetters Thüre Wenn die Mutter mich ſah, ſo ergeht mir's nicht gut. Lebt wohl, mein Freund; ich ſende Euch durch Ammon, was Eure Güte für mich ausgelegt.“—„Warum dieſe Erinneruns zum Abſchiede?“ fragte Dagobert, dem es jetzt ſchwer fi ſich von der Anmuthigen zu trennen:„Sagt mir lieber, u ich Euch nicht wieder ſehe? ſagt mir, wann es geſchieht.“ —„Ihr fragt mich zuviel,“ antwortete Regina eilig un ernſthaft:„daß wir uns aber wieder ſehen... verlaß Euch darauf.“— Mit dieſen Worten war ſie innerhalb Pforte verſchwunden, und Dagobert's Auge ſtarrte ihr in den dunkeln Gang, in deſſen Hintergrunde ihr flatt 245 Gewand von dannen rauſchte. Eine rauhe Stimme ließ ſich hinter ihm mit einem gezogenen:„Guten Tag, edler Herr!“ vernehmen.—„Wie? Du hier, altes, wildes Geſicht?“ fragte Dagobert den begrüßenden Ammon, der mit einem Korbe be⸗ laden, in's Haus wollte.—„Euch zu Dienſten, geſtrenger Junker!“ antwortete der Alte.„Mögt zugleich wiſſen, daß auch die Edelfrau zu Frankfurt iſt, und in kurzer Friſt hier ſeyn wird. Sie folgt mir auf dem Fuße. Laßt Euch hier nicht von ihr finden, Herr.“„Warum denn nicht, alter Jä⸗ ger?“—„Als ob Ihr's nicht wüßtet!“ verſetzte hämiſch lächelnd Ammon:„Ihr verrückt Getauften wie Ungetauften den Kopf, und das Schlimmſte bei der Sache iſt, daß Ihr ausſeht, als hättet Ihr nimmer ein Waſſer getrübt.“— „Du biſt toll, Alter.“—„Ich nicht, aber das Fräulein wohl mitunter, denn es ſpricht nur von Euch, denkt nur an Euch, und ich wette, ſeine Träume ſind nur von Euch, und da Ihr dennoch ehelos bleiben wollt, was ſoll die Mutter anders thun, als die Tochter hüten vor Eurer gefährlichen Nähe? Nacht, daß Ihr von dannen kommt. Ihr wißt nun zu Deutſch, was die Gblocke ſchlug, und mögt Euch darnach richten. Gott befohlen. Dort kömmt die Frau von Dürning.“ Dagobert konnte ſich ſelbſt nicht Rechenſchaft geben von der innern Gewalt, die in ſeiner Seele aufbrauste und ihn von dannen rieß, vor der nahenden Edelfrau, wie ein ge⸗ ſcheutes Reh vor dem Jäger, wie einen flüchtigen Feind vor dem Verfolger. Genug, er entging den Blicken der Frau von Dürning ſchnell und gewandt, und holte erſt in der dritten engen Nachbargaſſe Athem, um zu überlegen, warum er eigentlich die Flucht ergriffen.„Habe ich denn ein böſes Gewiſſen?“ fragte er ſich aufrichtig und ehrlich, und glaubte, 26 die Frage verneinen zu dürfen.„Weßhalb alſo dieſe plötz⸗ liche Scheu? Wenn ich glaube, was mein Herz mir zuflü⸗ ſtert, ſo fürchte ich, daß Regina meiner Nähe gefährlich werden könnte. Und welcher tückiſche Geiſt mußte mich ver⸗ leiten, ihr das Geſchenk zu bieten, das, ich fühl' es, plöt⸗ lich zu einem geheimen zauberiſchen Bindemittel zwiſchen uns geworden iſt; der Ring einer Kette, die uns zu vereinen ſtrebt, obgleich ich ſelbſt dadurch zerriſſen werde in zwei ſich abſtoßende Hälften? Gehört denn nur ein Augenbli dazu, die Vorſätze eines Mannes zu zertrümmern, ein g liebtes Bild zu vernichten, und ein andres an deſſen Ststt 5 aufzuſtellen? nur ein Augenblick, um mit Schaam die fi Blicke zu verſchleiern, die noch vor ganz kurzer Friſt frant und offen einem Jeden unter den Helm ſahen?— Nicht doch, Dagobert;“ ſetzte er hinzu und ermannte ſich gewalt ſam:„Was dir der Mangel an Selbſtgefühl und Selbſt vertrauen zuflüſtert,— das iſt nicht... nein! das iſt nie geweſen. Eſther! Deine Vorurtheile, Deine Härte haben Dich von mir geſchieden, aber mein Herz wird Dir dennoch immer ſehnſüchtig nachweinen. Du haſt meine Bruſt zerfleiſcht, aber dieſe Bruſt fühlt bis zum letzten Lebensfunken nur fir Dich. Den Schwur, den ich Deinem Angedenken leiſtete— ich will ihn halten. Vom Altar rieß mich das Flehen meines Vaters, aber nicht in die Arme einer Gattin ſoll ſein Be⸗ fehl mich ſtoßen, ſo lange Du lebſt, Geliebte,— und wi könnte ich Dich überleben?— ſo lange Du mir treu bleibt trotz Trennung und Glaube,— und wie könnte mein Gl⸗„ hirn ſo wahnſinnig und verbrecheriſch ſeyn, Deine Untreue nur möglich zu achten?“— — 247 Dagobert, nachdem er auf dieſe Weiſe mit ſeinem Ge— fühl und Gewiſſen in's Reine gekommen zu ſeyn glaubte, bemerkte, daß ſein Selbſtgeſpräch, oder vielmehr die Ge⸗ berden, mit welchen er daſſelbe begleitete, Zuſchauer an die kleinen Fenſter der umſtehenden Häuſer gezogen hatten. Er ſchämte ſich deßhalb, hier ein Schauſpiel gegeben zu haben, und eilte mit haſtigen Schritten, in der nächſten Kipche ſeine brennende Wange zu verbergen und die Heftig⸗ keſt ſeiner Gemüthsbewegung zu mäßigen. Da er nun eben nit dem eiſigen Weihwaſſerborn ſeine glühende Stirne kühlte nter dem Zeichen des Kreuzes, kam ihm aus dem Halb⸗ dunkel des Betgewölbes, in welchem ſich— die Mittags⸗ ſtunde nahte— nur wenige Gläubige befanden, eine Frauen⸗ geſtalt entgegen, die, bekannt und freundlich zwar, ihm ſchon lange eine Gleichgültige geworden warz jetzo aber, Dank ſey es den feierlich vorragenden Schatten des Gotteshauſes und der vorhergegangenen Gewiſſensforſchung, einen neuen Werth für ihn erhielt.—„Ei! mein Bäschen!“ fragte er leiſe und vertraulich, die Hand der Entgegenkommenden faſſend: „Bäschen Fiorilla! unter dem Dache des Herrn begegnen wir uns, was unter dem unſrigen faſt nimmer zu geſchehen pflegt. Woher, wohin, mein Kind? plaudre mir die Grillen weg, durch ein paar ſüße wälſche Worte, Bäschen. Wir ſind hier ungeſtört und zu Hauſe meideſt Du mich ohnehin, wie das Fieber.“—„Wir meiden uns gegenſeitig;“ lächelte Fiorilla:„Ihr, weil Eure Schwermuth jede, vor allen weib⸗ liche Geſellſchaft flieht. Ich, weil meinem Herzen nichts ge⸗ fährlicher iſt, als der Anblick eines traurigen Jünglings, der von Liebesgram verzehrt wird. Heute indeſſen kommt Euer Zuſammentreffen mir erwünſcht. Für's Erſte darf ich Euch Lebewohl ſagen. Morgen ſcheiden wir.“—„Scheiden 2“ fragte Dagobert zerſtreut:„wer denn? Du von mir?“— „Der hochwürdige Oheim und Prälat,“ verſetzte das Mädchen; und in ſeinem Gefolge ich, ſeine treue Dienerin.“ —„Ja, ja,“ ſprach Dagobert wie oben, und Fiorillen theil⸗ nehmend anſehend:„Ja, gute Fiorilla. Du biſt dem Satan verfallen auf immerdar. Weine nicht, mein Kind, ich habe es nicht böſe gemeint, und um der Taufe willen muß man ſich auch ſchon etwas gefallen laſſen. Zürne mir nicht, un 3 ſage mir lieber, was den Ohm forttreibt? Er vermißt gez wißlich hier das wälſche Ungeziefer, die wälſche Zaunkö nigskoſt, und unſer Rinderbraten iſt ihm ein Gräuel gewot⸗ den. Nicht alſo?“—„O nein, beſter Dagobert;“ erwie⸗ derte Fiorilla:„er thut nur, was ihm einzig übrig bleibt. Er hat von der Nichte wieder angenommen, was er ihr einſt großmüthig abgetreten, ſein Gut zu Baldergrün; zu glücklich, auf einer deutſchen Hufe ſein Leben beſchließen zu können, da zu Ceſena Glück und Ehre ihm verloren ging. Vorbereitungen zu unſerer Reiſe zu treffen, hatte ich das Haus verlaſſen, und bin erfreut, auf der Rückkehr von den Geſchäften Euch zu begegnen, beſter Junker!“— Mit feuch⸗ tem Blicke drückte ſie die Hand des Jünglings, und zog ihn in einen ſtillen Winkel des Gebäudes, wo ſelbſt noch Vorübergehende die Sprechenden nicht leicht gewahren moch⸗ ten.—„Zugleich,“ ſpann ſie dort den Faden des Geſprächs weiter,„zugleich bin ich entzückt, vom Zufall in den Stand geſetzt zu ſeyn, Euch eine Kunde mitzutheilen, die, ie ſchmerzlicher ſie Euch im Augenblicke treffen mag, um ſo wohlthätiger in ihren belohnenden Folgen ſich bewähren wird.“ „Eine ſchmerzliche Kunde?“ fiel Dagobert ein:„Ich bin 251 umgarne mit den Zauberworten ſeines Mundes, daß er ſie wider Willen führe zum Glück!“—„Zu ſpät;“ wiederholte Fiorilla mit Thränen des Mitgefühls im Auge:„indem wir ſprechen, entführen leichte Roſſe die Schönſte ihres Volks dieſen gefährlichen Mauern. Sie wird Euch nimmer wieder⸗ ſehen; aber...“ fügte ſie langſam und eintönig hinzu: „des Heryogs Gold mögt Ihr bereit legen. Ihr Mann wirv es heute noch bei Euch abholen.“— Dagobert's Sinne droh⸗ ten zu vergehen, und kalter Todesſchweiß trat auf ſeine Stirne. Aber ſich ermannend, drückte er grimmig Fiorillens Hand und fragte mit bebendem Muthe:„Wie ſagteſt Du? Ihr Mann ihr Mann? O wiederhole mir dies Schreckens⸗ wort.“— „Einmal mußtet Ihr's doch erfahren;“ verſetzte Fiorilla, die niederſchlagende Rede mildernd, ſo gut es in ihrer Kraft ſtand:„ihr Ehemann, der Wechsler Jvel von Lüttich, des Biſchofs rechte Hand in Geldſachen, und reich, wie der grie⸗ chiſche Kaiſer. Eſthers Bruder zwang ſie, dem reichen Manne die Hand zu reichen, obſchon ihr Herz geblutet. Allein, da der Bruder Gewalt über ſie hat an Statt des noch bis heute räthſelhaft verſchwundnen Vaters, und keine Möglichkeit, Euch je mit ihr vereint zu ſehen, ſich zeigte, ſo ergab ſie ſich endlich in den Willen des Bruders und des Geſchicks, und wurde Joels Weib. Seit drei Monden ver⸗ mählt,„ ſetzte Fivrilla ſchonend hinzu,„hat ſie den red⸗ lichen Mann, wie ſie verſichert, lieben gelernt, und um ſo ſichrer den Unverſtand der erſten Liebe eingeſehen⸗ die nie⸗ mals belohnt worden wäre. Sie wird Mutter werden... „Genug!“ verſetzte Dagobert mit bewegter Stimme: „genug; obgleich dieſe letzten Worte mich nicht mehr 252 erſchüttern. Das Erſte war allein vermögend, mich noch ein⸗ mal zum Kinde zu machen, das, ohnmächtig und lächerlich zugleich, ſeine ſchwache Wuth gegen den grollenden Gewitter⸗ himmel auslaſſen möchte. Eſther, abgewichen von der Bahn der Treue, von dem Gelübde, das ihr das eigne Herz aufgedrungen haben mußte, that es auch kein fremder Mund? Das heißt Alles in ſich faſſen, das ein Männerherz zermal⸗ men oder heilen kann. Und an dieſem unerwarteten Schreck⸗ niß ſoll mein Herz nicht zerſchellen. Geneſen ſoll es, wie der Kranke, deſſen Wunde ein glühend Eiſen ausbrennt⸗ mit ſchmerzlich wohlthätiger Gewalt;... wie der Vergiftete, dem der beſonnene Arzt ein ſchreckliches Gift aufzwingt, da⸗ mit es mit dem verderblichen Vorgänger in den Kampf gehe und ihn überwinde. Alle Segenswünſche der Erde über Dein Haupt, Fiorilla. Das Meſſer Deiner Rede hat tief in meine Seele geſchnitten, daß ſie geſunde. Ueber Dein Haupt der Segensruf der Glücklichen, die ich jetzo machen werde und machen darf.“—„Wie verſtehe ich Euch?“ fragte Fivrilla neugierig und beſorgt nach der Hand des Entweichenden greifend.—„Es iſt das Leichteſte und das Angenehmſte von der Welt;“ erwiederte Dagobert mit bitterm Lächeln:„ich will das vierte Gebot erfüllen und thun, wie mein Vater will, und meine zweite Mutter begehrt. Die Frau des Juden Joel ziehe immerhin gen Lüttich, wie der Ohm nach Bal⸗ dergrün. Mit der Erſtern ſey der Gott der Barmherzigkeit und der Vergebung Engel, für den Zweiten mag meine fromme Schweſter beten. Ich aber für mein Theil, will hingehen und, ein gehorſamer Sohn, die Aeltern fragen; Wo iſt die, die ich freien ſoll? Zeigt und nennt ſie mir, daß ich thue nach Eurem Willen.“—„Ihr wolltet wirklich. 0 253 fragte Fiorilla halb fröhlich überraſcht, halb ängſtlich: „Ohne zu wählen,. ohne zu überlegen 2.— Dago⸗ vert zuckte ſpöttiſch die Achſeln.„Hatte ich nicht ſchon ge⸗ wählt, und ſtehe jetzo doch allein?“ fragte er:„Laßt mich gewähren. Die Zeit eilt. Die Stunden ſind gezählt, wie meines Vaters graue Haare. Ehe er von hinnen geht, ſoll er Freude an ſeinem Sohne erleben, und wenn mir auch das Herz darüber bräche. Leb' wohl, Fiorilla, und habe Dank.“ Bwölftes Rapitel. ein nomadiſch Volk, Diebiſch, liſtig und verwegen, Heidenbrut aus Afrika, Vogelfrei und dennoch furchtbar. Romaniſches Lied⸗ Die edle Frau von Dürning ſtand ihrer Tochter gegen⸗ über, und beide ſchienen ihr Weſen gegen einander ausge⸗ tauſcht zu haben. Regina, die ſonſt gewohnt war, mit nie⸗ dergeſchlagenen Augen der Mutter Worte anzuhören, wie ein demüthig Kind, ſtand nun aufgerichtet vor ihr; im offnen geraden Blicke freudige Unbefangenheit, Lichter einer ſeligen Luſt, die auch ihre Züge mit roſigem Schimmer verklärten. Frau von Dürning hingegen hatte die Augen zu Boden ge⸗ richtet, ſah ſinnend vor ſich hin, und um ihren Mund ſpielte das leichte Lächeln, das ſich einfindet, wenn uns eingetroffen iſt, was wir für unmöglich hielten, und was wir überraſcht 25⁴ in eine nicht unangenehme Wirklichkeit treten ſehen. So wie in Reginens Geſichte etwas Siegeriſches lag, ſo prägte ſich in der Mutter Zügen ein gewiſſes Nachgeben aus, das nicht Zwang und Gewalt, ſondern mütterliche Liebe allein herbei⸗ geführt zu haben ſchien, und in dem dazu gehörigen Tone, wiewohl in der obigen Stellung noch verharrend, fragte ſie die Tochter:„Biſt Du nun zufrieden, mein Kind?“—„Zu⸗ frieden und glücklich, mein Mütterlein!“ erwiederte Regina, und der Mutter Sanftmuth zog das Mädchen unwiderſtehlich an deren Bruſt.„Faſt kömmt mir's vor, wie ein Traum⸗ bild,“ hob wieder die Edelfrau an, ſchüttelte lächelnd den Kopf, und trat an das offne Fenſter.„Dort gehen aber noch beide,“ fuhr ſie fort:„der alte Herr in ſeinem ſtattlichſten Feierkleide, und ſein Sohn in dem kurzen ſchlichten Rocke, der ihm ſo gut ſteht, wie ich nicht mehr länger läugnen mag.“— Regina blinzelte verſchämt über die Schulter der Mutter, und lispelte:„Leb' wohl, und kehre recht bald wie⸗ der, Du guter, guter Menſch.“—„Er wird wohl nur zu bald wiederkehren,“ meinte die Mutter ſchalkhaft:„iſt's doch, als ob der junge Mann in den Krieg müßte, ſo eilt er ſich mit Freierei und Einſegnung. Ei, wer hätte geſtern dieſes ſchon gedacht?“—„Lieb Mütterlein,“ verſetzte Regina: „ſeit geſtern wußte ich's ganz gewiß, daß Dagobert mein Herr wird, und kein Andrer.“—„Sieh doch!“ ſchaltete die Edelfrau ein:„ſo laß doch hören, Du verſtändig und vor⸗ witzig Kind.“ „Ich will Euch deſſen haarklein berichten,“ antwortete die Tochter freundlich, und ſetzte ſich zu der Mutter Füßen auf den gepolſterten Schemel:„Euch war es lange nicht mehr unbekannt, daß ich den Junker lieb gewonnen hatte ſeit verwichnem Oſterfeſte, und noch viel mehr zur Zeit, da er in unſern Forſt kam mit der armen Dirne, die er leider damals liebte, wie ſie's nicht verdiente, weil ſie eine Jüdin war, und weil ſie ihm nicht treu blieb. Seither habt Ihr mir verboten, ihm merken zu laſſen, daß ich ihm hold ſey, und nachdem wir in ſeinem Hauſe ſeiner Eltern Hochzeittag be⸗ gangen, habt Ihr mir unterſagt, an ihn zu denken, weil er damals frei herausgeſagt, er werde, obgleich vom Kirchen⸗ eide frei, nimmer heirathen in ſeinem Leben. Aber, gute Mutter; das unterſagt ſich leichter, als ſich's thun läßt, dem Verbote zu gehorchen. Wider Willen ſogar mußte ich ſtets an ihn denken, und ich hatte ihn jetzt weit lieber denn zu⸗ vor, und grämte mich ſchier, als unſere Nachbarin vom Wildenſtein Hochzeit machte, und ich ſah, wie die beiden Brautleute ſich herzten, und ich mir immer ſagen mußte, Dagobert und ich würden nimmer ein glückliches Paar wer⸗ den dürfen. Da begab es ſich einſtmal— es mögen drei Sonntage ſeitdem vergangen ſeyn,— daß Ihr nach Fried⸗ berg gefahren wart, und ich das Haus hütete. Ich hatte Langeweile in den Stuben, und keine Kurzweil in unſerm kleinen Garten, weil die Blumen ſchon meiſtens abgeblüht haben, und auch die Bäume fruchtleer ſtehen, des Froſtes wegen, der die Blüthen verdarb. Gar zu gern hätte ich mich unter die Hofleute gemiſcht, die unter der großſchattigen Linde des Burgplatzes ſaßen, und mit Plaudern und Scherz und Geſang ſich den Feiertag vertrieben; aber Ihr habt mir oft geſagt, daß ſich das für mich nicht mehr zieme, und ſo unterließ ich's denn, mich bezwingend, vom Fenſter aus ih⸗ rem fröhlichen Weben und Leben zuzuſchauen mit ſehnſüchti⸗ ger Freude. Da gewahrte ich, daß die Wurzel aller Freude 256 jener Leute ein Mann war, von häßlichem Ausſehen zwar, der jedoch der poſſenhaften Geberden viel trieb, zu einer ganz verſtimmten Laute Lieder ſang nach luſtigen Weiſen und mit lächerlichem Naſentone, und ſich überhaupt vorge⸗ nommen hatte, für ein Paar Pfenninge und einen Trunk die Burgleute zu unterhalten. Den meiſten Spaß machte er den Zuhörern, da er ihnen aus der Hand wahrſagte, nach der Reihe, einem nach dem andern, und ſo oft er dem Neugie⸗ rigen geſagt, was ſich ferner mit ihm begeben werde, ſo er⸗ ſchallte laut und anhaltend das Gelächter der Uebrigen. Ich weiß nicht wie es kam, daß ich mit einemmale auf der Schwelle des Hauſes ſtand, und Eure Gürtelmagd vorüber⸗ ging, mit den Worten:„Der kann mehr als Brod eſſen, gutes Fräulein. Er hat uns Alles geſagt, was wir ſchon erlebt haben, und, da er es ſo gut getroffen, ſo muß auch wahr ſeyn, was er von der Zukunft uns gelehrt.“ Um ſo neugieriger ſah ich nach dem fremden Manne, und plötzlich ſtand er vor mir, daß ich ſchier erſchrocken wäre vor ſeinem häßlichen Geſichte und dem FPflaſter auf ſeinem Auge.—„Fürchtet Euch nicht, lieb Fräulein!“ ſprach er mit unangenehmem Lachen:„der Menſch kann nichts für ſein Geſicht. Gott gibt die Schönheit und die Häßlichkeit; die Klugheit jedoch nicht minder. Erlaubt, daß ich Euch wahr⸗ ſage aus der Zukunft.“ Unwillkührlich halb, und halb mit Wißbegier reich ich ihm die Linke, in deren Fläche er lange Zeit ſchaute⸗ und blinzelte, heimliche Worte murmelnd. Endlich be⸗ gann er mir zu erzählen aus meiner Jugend, und ſagte mir unverholen, ich ſey in meinem Herzen einem jungen Mann gar hold und zugethan. Wie ich da erſchrack! Gut 4 2 5 war es nur, daß er nicht des Jünglings Namen genannt; ich wäre ſonſt vergangen vor Schaam. Hierauf verſicherte er mir, ich würde nächſtens eine Hausfrau werden, und derjenige ganz gewiß mein Liebſter und mein Ehegatte ſeyn, der mir einen Goldring ſchenken würde mit'nem blauen Stein und zwei verſchlungenen Händen unter einem Kranze.— Nun wollte ich nichts weiter hören, reichte ihm eine reichliche Gabe, und dachte mir die Prophezeihung aus den Sinnen zu ſchlagen. Des Fremdlings Geſchicklichkeit bewährte ſich indeſſen ſchon in der folgenden Nacht. Dem Freiſaſſen Kunz vom Wildenſteine, der mit unſern Leuten trank und ſcherzte, hatte er vorausgeſagt, er ſolle ſein locker Leben einſtellen, denn es ſtehe ihm ein gewaltſam Ende bevor, und der Frei⸗ ſaß hatte ihn verhöhnt, verſpottet und für verrückt gehalten. Aber in derſelben Nacht wurde er auf ſeinem Hofe jämmer⸗ lich um's Leben gebracht, und ſeine Ställe und Käſten ge⸗ plündert, man weiß zur Stunde noch nicht, von wem. Von da an mußte ich täglich, ſtündlich ſogar der Vorausſagung gedenken, und— ſtellt Euch vor,— geſtern ſchenkte mir Dagobert einen Ring, gerade ſo, wie ihn der Wahrſager beſchrieben, denſelben, den er heute von mir verlangt, und feierlich zum Zeichen unſrer Verlobung, an den Finger mir geſteckt.“—„Denſelben Ring, den Du mir verheim⸗ licht;“ verſetzte die Mutter mit ſanftem Vorwurf:„es iſt wahrlich Zeit, daß Du aus meiner Obhut trittſt, ſonſt er⸗ lebte ich noch das Bittere, das ganze Vertrauen meines Kindes zu verlieren.“—„Nicht böſe, mein Mütterlein!“ flehte die bewegte Regina, und ihrem ſchmeichelnden Tone konnte die Frau von Dürning nicht widerſtehen. Sie nahm die blühende Braut in die Arme, herzte und ſie unter 1 — „ 258 mütterlichen Thränen, und ſprach dann, ſich ermannend: „Gott ſegne Dich, mein Kind; das iſt mein beſter Wunſch. Ich denke, Du wirſt einen wackern Eheherrn erhalten: ge⸗ horche ihm, wie einem Vater, liebe ihn mehr als Dich ſelbſt, und vor allem erinnere ihn niemals Dein Mund an die Liebe, deren Vertraute Du geweſen. Sah er gleich ein, wie unwürdig der Gegenſtand derſelben war, ſo blutet doch vielleicht ſein Herz bei der Erinnerung noch. Laß die Wunde ganz verharrſchen: rede nicht von ihr, bis er ſelbſt einſt lächelnd es zu thun vermag. Schon manche Hausfrau hat die zärtliche Liebe ihres Gatten verloren, weil ſie unzart verſchollene Schwächen aus den Schleiern der Vergangenheit an's Licht zog. Hüte Dich vor gleichem Schickſale. Webe ſtill und emſig Roſen in des Mannes Leben. Er empfinde tief, welchen Schatz er in Dir beſitzt, und werde nicht ge⸗ mahnt an das Spielwerk ſeiner Neigung, das ihm entriſſen wurde.— Nun aber, mein Kind, laſſe mich von Dir, damit ich gehe, und dem Vetter, wie unſern Freunden die ſchnelle Veränderung Deines Standes bekannt machen darf. Ich werde viel Widerſpruch erfahren; es iſt außer dem Geleiſe der Sitte, an einem Tage um die Braut zu freien, am andern ſie ſchon heimzuführen; allein ich werde ſtandhaft ſeyn, mein Kind, und der Förmlichkeit unſrer Baſen, wie dem Widerwillen, den der Vetter gegen die Sippſchaft des Schöffen Froſch von jeher hegte, muthig die Sorgfalt für Dein Glück entgegenſetzen, über welches zu wachen mich das Schickſal berufen hat.“— Die Edelfrau warf das Piret auf das Haupt, band es feſt, zupfte vor dem Spiegel die Haubenkannten gerade, hing Kette und Wetſcher an Hals und Gürtel, und ging nach freundlichem Abſchiede von dannen⸗ Regina blieb mit ihrer Fröhlichkeit allein, und ſchritt in dem einſamen Gemache mit gefalteten Händen auf und nie⸗ der, den trunknen Blick zum Himmel hebend, und ihm dan⸗ kend für die gewährte Seligkeit. Bald jedoch eilte ſie an's Fenſter, um in das Gewühl zu ſchauen, das ſo eben durch die enge Gaſſe durchwogte. Ein Zug von neuankommenden Kaufleuten, welchem ſich ein Trupp von Wallfahrern aus der Wetterau angeſchloſſen hatte, der nach St. Wendels Kapelle ging, um die Schafheerden von dem Veitstanz los⸗ zubeten, erregte das Getöſe. Eine Menge Volks lief den Fremdlingen und den Pilgern nach, und Reginas Scharf⸗ blick gewahrte unter dieſem Pöbeltroß des Wahrſagers, von welchem ſie ſo eben der Mutter berichtet hatte. Der Menſch ſah gerade mit einem neugierigen Geſichte herauf, und ehe ſie es ſelbſt noch bedacht hatte, hatte Regina ihm gewinkt, und herein in's Haus war er geſchlüpft, die Thüre des Ge⸗ machs hatte er gefunden, und ſtand mit demüthiger Frage, nach des Fräuleins Befehl, vor demſelben, die Filzmütze unterm Arme, wie ſich's für den Geringern geziemt, und das freie Auge blinzelnd in neugieriger Erwartung.—„Du hier?“ fragte ihn Regina ſtaunend:„Biſt Du denn überall?“ —„Wie der Wind, ſchöne Maid,“ erwiederte der Menſch; „äberall, wo es Geld gibt und mitleidige Seelen.“—„Du ſollkeſt des Mitleids gar nicht bedürfen,“ meinte Regina: „Deine Geſchicklichkeit ſollte Dir Kiſten von Gold einbringen.“ —„Freigebigkeit iſt geworden ſelten in der Welt;“ hieß die Antwort.—„Ich will nicht die Kargſte ſeyn,“ ſprach Re⸗ gina, dem Staunenden einen Beutel mit Silbermünze hin⸗ langend:„Deine Prophezeihung iſt eingetroffen, Du häß⸗ licher, aber kluger Burſche. Der dem blauen 260 Steine kam, und mit ihm mein Hochzeiter. Auch von ihm kannſt Du noch einen reichlichen Lohn gewinnen, ſtellſt Du Dich ihm morgen, an unſerm Ehrentage vor.“—„Euerm Hochzeiter?“ fragte der Menſch neugieriger und lauernd.— „Ja doch!“ erwiederte Regina lächelnd:„dem ehrſamen Alt⸗ vürgerſohn Dagobert Froſch, wenn Dir etwa ſein Name noch nicht bekannt ſeyn ſollte. Wir werden morgen ein Ehepaar, und möchten im Vorgefühle einer glücklichen Zeit den Herold derſelben belohnen, wenn er's nicht verſchmäht.“ —„Verſchmähen?“ fragte der Fremde mit ſcharfem Lächeln: „Ein Bettelmann wirft nichts hinter die Thür, am wenig⸗ ſten den Dank, den ich nicht erwartet hätte von Euerm jungen Eheherrn. Ich werde kommen zum Schmaus, und nicht alleine, hoffe ich. Ein Hochzeitgeſchenke ſoll mich be⸗ gleiten, und Ihr werdet ſeyn glücklich in Ewigkeit, ſo Ihr's fromm und geduldig empfahen mögt. Valet, junge Braut.“ Mit dieſen Worten war der Menſch mit dem klimpernden Beutel wie der Blitz davon, und ließ Reginen allein, die über das ſeltſame Benehmen des Fremdlings nicht genug ſich wundern, es nicht genug belächeln konnte. Während ſie ſich jedoch den Kopf vergebens zerbrach, ruderte der Fremdling mit ſchnell arbeitenden Ellbogen durch die menſchenerfüllten Gaſſen, unter ſchadenfrohem, heimlichem Lachen, und mit wildfreudig klopfender Bruſt. Er ſtürzte ſich in das dickſte Volksgedränge, und enffaltete hier ſein eigentlich Gewerbe. Mit ſcharfer, im Aermel verborgnen Scheere ſchnitt er hier eine Geldtaſche von einem Frauengürtel, dort einen Beutel von des Mannes Hüfte. Die goldnen Troddeln an den Kaputzen der Mäntel wurden häufig auf dieſelbe Weiſe ſein, und wo er, vor Andrer Augen gehütet, nicht das Koſtbare erobern mochte, ſchnitt er, nur um zu ſchaden, die köſtlichen Pelzverbrämungen der Frauenröcke, wie auch die herrlichen Sammetſchauben der Vornehmen in Stücken. Trotz dieſem eifrig betriebenen Geſchäfte drang er doch unaufhaltſam in einer geraden Richtung fort bis zum Mainſtrome, wo er mit dem Mittagsgeläute eintraf. Andächtig, wie alle Vor⸗ übergehende, entblöste er den ſchwarz und rauhbehaarten Kopf, und warf ſich auf die Knie, die Bruſt klopfend und die Stirne bekreuzend; dann ſpie er verſtohlen aus, und ſchlüpfte in eine von den Bretterſchenken, die, luftig und für den Augenblick erbaut, zum Beſten der Kaufleute am ufer errichtet waren. In einem verborgenen Winkel derſelben verzehrte er haſtig und gefräßig den Knoblauch und das harte Brod, das er in der Taſche trug, und ſchlürfte dazu ſeine halbe Kanne ſchlechten Weins, das Geld im Verborg⸗ nen überzählend, das er auf ſeinem Gewerbgange erobert. — Nach kurzer Ruhe erhob er ſich wieder wie ein Fuchs vom Lager, ſtrich am Heerde vorüber, warf die ganze Pfef⸗ ferbüchſe auf ein Gericht von Fiſchen, das dort in der Pfanne ſchmorte, ſtieß einen vor der Hütte ſtehenden, mit Wecken gefüllten Korb mit einem ſchnellen Fußtritt in den Strom und verſchwand innerhalb dem Bereiche mehrerer Zelthütten, die von einigen Meiſterinnen fahrender Töchter unfern davon aufgeſchlagen worden waren, und in welchen das lüderliche Herren⸗ und Pöbelgeſindel ſeine Schwelgereien feierte, un⸗ ter'm Schutze der Meßfreiheit. Der Beutelſchneider, aller Wege und Stege in dieſen Hütten der Ausſchweifung wohl bewußt, brachte ſchnell bei den üppigen Dirnen die Quaſten und Troddeln an, die er geſtohlen, und die ſie ihm dreifach bezahlen mußten, um ihrer unverſchämten Eitelkeit und ihres 262 Sündenerwerbs willen. Der Handel ſiel glücklich aus, und im Davongehen ſtieß der Dieb auf einen hagern Mann in bürgerlicher Tracht, der ſeinen Weg gegen die Zelte zu nehmen ſchien.„Wohin? wohin? edler Herr?“ fragte der Erſtere halblaut, und dem Manne vertraulich auf den Leib rückend:„Schleicht man doch nicht im Mittagsſcheine zum Liebchen, und hättet Ihr wohl was Beßres zu thun, als hier im Schlamm zu verderben Zeit und Maſumme!“— „Halts Maul, Jud!“ raunte ihm der Andre ergrimmt zu: „Scheer' Dich Deiner Wege.“—„Nichts da;“ verſetzte der Geſcholtene:„Ihr werdet mir folgen in den Knippling, und vernehmen allda, was ſich begeben, oder nichts haben von der Beut.“— „Verdammter Hund!“ murrte der Andre vor ſich hin, und drehte ſich aber um, dem Kerl zu folgen, der, wie ein Wieſel, durch die Straßen dahin ſchoß, und ſich nach man⸗ nichfachem, wiederholtem Umſchauen nach ſeinem Nachfolger, in das engſte Gaſſengewinkel der Altſtadt verlor. Hier,— in einem Sackgäßlein, zu dem Jahr aus, Jahr ein kein Sonnenſtrahl den Weg zu bahnen ſich vermochte, weil die eng an einanderſtoßenden Ueberhänge der Häuſer jeden Luft⸗ zugang verſperrten, hier ſtand,— rechts und links von düſtern Stiftsgebäuden eingefangen,— eine elende Schenke, — zum Knippling genannt, im Munde des Volks, und allerdings nicht allzu wohl berüchtigt, obgleich im Herzen der Stadt belegen. Der Wirth, ein eisgrauer Hageſtolz⸗ hatte es gleich von Anbeginn nicht darauf abgeſehen, eine klare, ehrliche Wirthſchaft zu errichten, und hatte nur die niedern Bürger an ſich gezogen durch wohlfeil Getränke. Anfänglich hatte er auch ein Kupplerweſen in der Stille getrieben, und mancher Altbürger,'wie auch mancher Chor⸗ herr des benachbarten Stifts hatte wohl damals, bis an die Augen vermummt, unter'm Schirm der finſtern Nacht, des pfiffigen Brändſings Haus beſucht; aber ſeit der Rath die üble Wirthei ergattert, und der Stöcker, als Herr und Meiſter der fahrenden Weiber, bei hellem Tage die Dirnen aus dem Knippling getrieben hatte in's Roſenthal unter ſeinen eignen Bannbereich,— ſeitdem hatte der vornehme ſtille Zuſpruch aufgehört, und aus der Bekanntſchaft mit den Stiftsherren war für Brändling nur der Vortheil erwachſen, daß er ferner ungeſtört auf dem Grund und Boden des Ka⸗ pitels verweilen durfte. Von Stund an hatte ſich auch nichts Unredliches vom Knippling weiter hören laſſen, aber rechtliche Leute mieden beſtändig die Spelunke, in welcher nach wie vor nur ſparſamer Pöbeltroß, oder arme Meß⸗ trämer, oder liſtige Meßgauner ihre Einkehr hielten. In dieſes finſtere Haus traten die beiden Kumpane, begrüßten den gähnenden Wirth wie einen alten Bekannten und bega⸗ ben ſich in die kleine gewölbte Stube, in welcher zwei andre Männer an einem ſchmutzigen Brettſpiele ſaßen.„Ho!“ rief der Gefährte des Beutelſchneiders:„Da komm ich ja zu guter Stunde: Schon da, Namensvetter? Grüß Dich Gott, und auch Dich, Bruder Reifenberg!“— Das Brettſpiel ſſog nach dieſen Worten unter den Tiſch, die Dreie ſchüttel⸗ ten ſich die Hände und umarmten ſich, wie alte Freunde. Der Vierte, der ſchwarzborſtige Diebsgeſelle, ſtand daneben, rieb die Hände und lachte wie ein Satan. Der Eine der Fremden ſah ſich nach ihm um, und ſprach:„Du auch hier⸗ Pathchen? Herrlich! ein ganzes Reſt zünftiger Vögel. Wein her, Brändling! Wein! und nun rund um den Tiſch, ihr Leute, 264 und aufgethan den Schnabel, und erzählt, wie es hier ſteht. Friedrich! mach Du den Anfang, denn in Deinen Augen Donner und Peſtilenz!— da wetterleuchtet es, wie unter den Braunen des Teufels!“ Brändling ſchleppte, auf leiſen Socken ſchleichend, einige Kannen herbei, empfahl ſeinen Gäſten Behutſamkeit und heimlich Geſpräch, und ging, um an der Thüre Wache zu halten, daß ſie nicht überfallen würden von ungebetnen Ge⸗ fährten.— „'s iſt alles reif,“ begann Zodick:„reif, als mir Gott ſoll helfen im Sterben. Alle die, die einſt gedient haben unter dem trunknen Marten, Alle, die bis jetzo entgangen ſind dem Blutgericht, ſind hie, und vertheilt in den Erdhütten und ſchlechten Bayes auf dem Klapperfeld und dem Fiſcherfeld. Ich ſteh'für ſie ein, mit Gut und Blut. Sie zittern nicht, ſie zagen nicht. Als ich ihnen ſag': Stoßt zu! ſo ſtoßen ſie auf den Fleck, bis er nichts mehr fühlt.“—„Die zwanzig angeworbnen Söld⸗ ner find ebenfalls um die Stadt herum verſteckt;“ ſetzte der Leuenberger, Zodick's Kumpan, hinzu:„tüchtige Leute, ein wahres Mordgefindel, das den Pfaffen am Altar ermordet, und aus des Papſtes Hand den Kelch ſtiehlt, wenn man's haben will.“—„Herrlich, bei'm Blitz und Strahl!“ jubelte der Hornberger Veit, Reifenberger's Begleiter:„Siebzig Knechte haben wir im Gefolge und rings im Feld und Acker aufgeſtellt, die alle vor Begierde brennen, ſich an den hoch⸗ müthigen Ellenreitern zu rächen, die ſie herrenlos gemacht.“ —„Gott ſey Lob und Dank;“ ließ ſich der Reifenberger vernehmen,—„ſo dürfen wir doch hoffen, unſerm armen Bechtram eine Todtenfeier zu halten, bei welcher die Frank⸗ furter Geiſel⸗ und Römerfahrt, das große Sterben und die Gräuel der Judenſchlacht vergeſſen ſollen. Sagt aber, ihr Freunde, wann ſoll's beginnen?“—„Morgen!“ fiel Zodick haſtig ein:„Morgen, edle Herren, und nicht früher, und nicht ſpäter.“—„Hoho!“ riefen die Andern:„Friedrich! Dir funkeln ſchon die Finger nach der Plünderung; aber ſo ſchnell wird's nicht ſeyn können.“„Gott ſoll mir helfen;“ betheuerte der Jude:„entweder morgen, und ich bin dabei, oder nicht — morgen, und ich ziehe ab meine Hand.“—„Dummer Hecht!“ verſetzte der Leuenberg:„hier können wir nicht ohne Dich ſeyn, Du ſollſt uns den Pöbel aufhetzen laſſen, daß er an dem Spiele Theil nehme, Du ſollſt uns zu den Kiſten und Käſten der Reichen führen, und uns zeigen, welches Haus früher brennen muß, als das andre.“—„Das will ich!“ verſicherte Zodick:„aber ich will verkrummen, und ſchwarz werden wie die Nacht, ſo ich's anders thue, denn morgen. Ich will nicht haben umſonſt mich geſtürzt in die Gefahr des Todes: denn auf dieſen Gaſſen liegt der Strick für meinen Hals; ich will Euch befriedigen die Luſt nach Geld, und die Luſt nach Rache.“—„Geld und Rache!“ rief Hornberg:„bei Donner und Strahl! der Jude,— Friedrich, wollt' ich ſagen— hat Recht. Iſt's denn nicht auch unſre Loſung? Geld für uns! Rache für Bechtram's Hen⸗ kertod!“—„Ganz recht!“ polterte Leuenberg:„die Peſt auf die Frankfurter und der rothe Hahn auf ihre Häuſerz aber noch einmal: nichts übereilt! Vorſicht; ihr Freunde!“— „Verſäumen wir's um einen Tag,“ erläuterte Zodick,„ſo gehn die reichſten Niederländer fort, denn ſchon ſtehen leer ihre Gewölbe, und voll ſind ihre Kaſten; zaudern wir, ſo geht für mich verloren das höchſte Glück der Rache. Mein Feind, der junge Froſch, macht morgen Hochzeit. Hat er 266 gewonnen die Hand der Braut, ſoll er doch nicht gewinnen ihren Leib. Ich ſchlachte ihn am Hochzeitſchmauſe mit ſei⸗ nem Ette, und will nichts weiter dafür, Herr von Leuen⸗ berg; aber ich will lahm werden wie ein Hund, wenn ſie nicht die Erſten ſind, die da kriegen den Talles. Ich hab's geſchworen, ihr Herren, und halten will ich's, bei Gott!“— „Den jungen Froſch! den alten Sünder daneben?“ ſieel Leuenberg wild ein:„Vortrefflich! das bewegt mich, und bringt mich zu Allem. Am Hochzeittag? Drauf und dran! Bei dem blut'gen Hochzeitsmahl tanz ich mit meiner Grete den Kehraus und mit Wallraden. Sie haben's um mich verdient!“—„In Gottesnamen! wie Ihr wollt!“ ſtimmte Hornberg ein:„Je früher es an's Gemetzel geht, je frendi⸗ ger ſchlage ich zu.“—„All' gut,“ meinte der Reifenberger: „'s will aber doch beredet ſeyn, wie wir's vollführen, denn Kopf und Fuß muß eine Sache von dieſer Wichtigkeit haben, das begreift Ihr wohl. Laßt uns darum überlegen, wie's am Beſten anzufangen iſt, und in's Reine bringen, wo und wann der Angriff Statt zu finden hat; wo zu ſengen und zu plündern, wie die Beute dann zu theilen iſt.“—„Der lange Zodick mag zuerſt ſein Scherflein anbringen;“ ſprach der Leuenberg:„er kennt hier Zeit und Ort am Beſten, und ſein eigener Vortheil iſt's, führt er uns gut und zur gele⸗ genen Stunde.“—„Mir recht!“ antwortete Zodick:„ich will Euch verſchmuſen, wie ich mir's hab' gedacht. Erlaubt jedoch, daß ich zuvor werfe die roßhaarne Haube und's Pflaſter vom Kopf. Die Stirne glüht mir darunter wie ein Ofen.“— Indem er davon redete, hatte er auch die täu⸗ ſchende Verhüllung vom Haupte geriſſen und ſein rothes ſtruppiges Haar, wie das blaſſe, zernagte und zerſtörte Geſicht zu Tage gefördert. Indeſſen bemerite Reifenberg, der nach dem Fenſter blickte, vor demſelben einen Mann, der durch die Scheiben glotzte, als ſuchten ſeine Augen einen Bekannten in der Stube.—„Die Mummerei vor's Geſicht!“ raunte er dem Juden, der davon nichts gewahr worden war⸗ zu, und gab ihm einen bedeutungsvollen Wink. Zodick ſah ſich raſch um, und gewahrte noch den Mann, der ſo eben von Brändling bemerlt und angerufen worden war. „Gott ſoll mir helfen, wenn mich der kennt;“ ſprach er gleichgültig und lächelnd zu dem Reifenberg:„Ich kenn' ihn doch auch nicht: aber Vorſicht iſt recht, und ich will darauf halten.“ Er ſtülpte die Haarhaube auf den Kopf, und ſchlich mit den Andern an die Thüre der Stube, um zu horchen, wer wohl eigentlich der Fremde ſey, und was er hier begehre. Sie vernahmen alſobald auch Brändlings Rede, die ſich alſo vernehmen ließ:„Ei, ei, Meiſter Freu⸗ denberger! ſeit wann iſt es denn Sitte, ungebeten in die Zechſtube zu ſchauen, und zu hören, was die Gäſte darin verhandeln?“—„Seyd nur icht böſe, Brändling;“ erwie⸗ derte der Fremde:„Ich r einen Augenblick hinein⸗ geſchaut, um zu ſehen, ob Ih daheim, und gehorcht hab' ich vollends nicht. Ihr wißt, mich kennen die Schenken nicht viel. Meine Einkehr gilt Euch; ich habe noch aus Euerm Hauſe ein Paar Schillinge zu fordern für Schuharbeit, und möchte Euch bitten, mir das längſt Schuldige zu zahlen, weil ich Leder zur Meſſe kaufen muß.“—„Ho!“ entgegnete Brändling grob, während ſeine Hände vergebens in den lee⸗ ren Taſchen nach Münze ſuchten;„der Bettel wird doch noch gut bei mir ſtehen, Meiſter Freudenberger? Ihr ſeyd ein unhöflicher Mahner, ſo ſüß Ihr auch Eure Worte vorbringt, 268 und kommt täglich zweimal, wie der Hunger. Setzt Euch doch hinein in die Stube, und ſauft die kleine Schuld vom Kerbholze ab. Euch Schuchworten kömmt ja ohnehin ſelten genug ein Glas Wein in die trockne Gurgel.“—„Ich trinle nicht bei Euch, lieber Nachbar;“ verſetzte Freudenberger ge⸗ laſſen und freundlich:„will ich meine Kanne trinken, weiß ich auch ſchon beſſere Häuſer. Bemüht Euch um Geld, Lie⸗ ber; ich komme morgen am Abend wieder.“—„Oder über⸗ morgen lieber,“ antwortete Brändling grob und aufgeblaſen, wie zuvor:„Uebermorgen zahle ich Alles bei Heller und Pfenning.“—„Alſo übermorgen;“ entgegnete Freudenber⸗ ger, wie oben:„Will aber doch morgen wieder nachfragen. Gott befohlen, Nachbar.“— Der Schuſter ging, und Bränd⸗ ling belferte ihm ein:„Daß Du den Staupenſchlag hätteſt, frömmelnder Schurke!“ nach. Freudenberger ſah ſich nicht einmal mehr um, und zog ruhig ſeines Weges fort. In⸗ deſſen trat Zodick zu Brändling, und rief ihm in's Ohr, während er ihm den Schopf beutelte:„Wenn Du noch ein⸗ mal läßt kommen ſolch verdächtigen Goi in unſre Nähe, ſo haſt Du gegeſſen Dein letzt Brod, Du fauler und träger Wirth!“— Die edeln Herren verſicherten dem ſeine Un⸗ ſchuld Betheuernden ein Gleiches, und wollten, ſich beglück⸗ wünſchend, daß kein gefährlicherer Mann in dieſes Freuden⸗ bergers Haut geſteckt, wieder an ihre Berathungen gehen, als in der Straße, nach welcher man eine Handbreit Aus⸗ ſicht aus Brändlings Kneipe hatte, ein Geläufe und Getobe entſtand, als ob die Stadt mit Sturm genommen würde. „Peſt und rother Hahn!“ donnerte Leuenberg, und griff nach der verborgnen Wehr:„was geht dort los? Schelm von einem Wirth! haſt Du uns verrathen und verkauft, oder ſind 269 uns andre im frommen Werk zuvorgekommen?“—„Soll mich doch gleich der Blitz zehn Klafter in die Erde ſchla⸗ gen;“ ſchrie Brändling weinerlich, denn Veit von Hornberg hatte ihm im Voraus ſchon, auf Abſchlag, einen Schlag in's Genick verſetzt, daß er ſich kaum aufrecht zu halten vermochte: „ich weiß von Nichts: aber ein Sprung an die Ecke, Ihr Herren, und ich ſag' Euch, was vorgeht!“—„Nicht ohne mich;“ ſetzte der Hornberger bei, und packte den Wirth unter dem Arm:„Wir gehen zuſammen Kumpan, und bei der mindeſten Falſchheit ſitzt Dir mein Schnepper in der Gurgel, Du ſchielender, krummbeiniger Hund!“— Somit ſchleppte er den ſich ſträubenden Wirth mit ſich, und in einiger Ent⸗ fernung folgten die übrigen Drei, durch ihre Verkleidung keck gemacht, und ſicher genug, von niemand unter dieſen Federn erkannt zu werden. So wie ſie aus dem Sackgäßlein hervortraten, und aus dem Gebrauſe des ſie umſtürmenden Volkes einige Worte klar auffiſchen mochten, ſo ſahen ſie die Nichtigkeit ihres Argwohns ein. Hundert Stimmen antwor⸗ teten auf ihr Befragen:„Die braunen Leute aus Aegypten kommen! der Herzog aus dem Lande Afrika wird gleich hier vorbei ziehen,“ und Zodick, der auf ſeinen Kreuzzügen durch das platte Land ſchon die Vorläufer dieſer braunen Leute kannte, ſäumte nicht, ſeinen Spießgeſellen alſobald auf's Eiligſte mitzutheilen, welche Bewandtniß es mit dieſem Volke habe. Es hatten ſich nämlich ſeit ganz kurzer Friſt eine Menge von landſtreicheriſchen Horden im Oſten des deutſchen Landes gezeigt, von fremder Abkunft, dunkler Farbe, zer⸗ lumpter abentheuerlicher Kleidung und kauderwälſcher Sprache, wie auch von unbekannten Sitten. Dieſe Eigenſchaften,— mehr aber noch als dieſe— der Fremdlinge überkeckes Thun des Volks weit übertriebenen und vergrößerten Zahl der zu und Treiben, hatten die Landbewohner in Staunen und Beſtürzung verſetzt, denn nichts von dem, was klingt und leuchtet und glänzt, war ſicher vor den habſüchtigen Fingern der Fremden; aber auch Hühnerhöfe, Taubenſchläge und Ferkelſtälle leerten ſie aus, verzehrend, was ihnen gerade behagte, vertauſchend gegen Geld, was ſie gerade im Ueber⸗ fluſſe beſaßen, und verderbend, was ihnen unnützlich ſchien. Mit Unwillen ſah der Bauer das zuchtloſe Betragen des, gleichwie vom Himmel geſchneiten Geſindels, deſſen Urſprung, Namen, Zunge und Beſtimmung auch dem Gelehrieſten un⸗ bekannt war; er hätte gerne die frevelnden Gäſte mit offner Gewalt vertrieben, denn Muth im ehrlichen Streite ſchien eben ihre Sache nicht zu ſeyn; aber die Menge, die ſtets ſich erneuend wie aus dem Boden wuchs, erſetzte hier die Tapferkeit, und die Tauſende, auf Leben und Tod durch die Bande ihres unbekannten Vaterlandes verknüpft zu dem ge⸗ fährlichen Zug durch fremde Länder, bildeten eine furchtbare Macht, welcher ſelbſt das wohlbewahrte Frankfurt den Durch⸗ zug,— und was mehr noch iſt,— einige Raſttage nicht verbieten zu können glaubte. An dem Morgen des heutigen Tages waren, nach dem Berichte mehrerer Bürger, die er⸗ zählend und neugierig unter dem Getümmel ſtanden, waren die Herolde des braunen Volks vor Schultheiß, Burgermei⸗ ſter und Rath erſchienen, und hatten Geleitsbriefe vorgelegt von Königen, Fürſten und Herren, und im Namen ihres Herzogs den Durchzug gefordert, gegen Weſten und Mittag, und der Magiſtrat, geſchreckt von der im Munde einer Einzigen verſammelten Horden, hatte dem Begehren willfahrt. In dieſer Stunde kamen ſie eben an, die Fremd⸗ linge, geführt vom Oberſtrichter felbſt, und umgeben von Söldnern des Raths, die von Zug zu Zug verhindern ſoll⸗ ten, daß Einer von den Aegyptern ſich in die Stadt verliere, und zugleich ihnen als Begleitung dienen, bis zu der wüſt liegenden Maternuskapelle in Sachſenhauſen, wo ſie ihre daſtzeit zubringen ſollten. Helle Haufen von Weibern brau⸗ nen Angeſichts, mit glänzend ſchwarzen Haaren, ihre Kin⸗ der theils führend an der Hand, theils tragend auf dem Rücken, eröffneten, an langen Stäben wandernd, den langen Zug. Zerlumptes Männervolk mit Zwerchfäcken, Bündeln und Schläuchen auf den Schultern, Hahnenfedern auf den Mützen und furzen Meſſern an der Seite, folgten. Ihre Geſichter waren meiſtens dunkel, wie die braune Kaſtanie, ihre Augen ſchwarz und lebendig, das Haar kurz und von gleicher Farbe, die Zähne lang und glänzend, wie das El⸗ fenbein. Dieſe Horden, wenn gleich zahlreich und aus hand⸗ feſten Leuten beſtehend, waren indeſſen nur die Vorläufer der eigentlichen Volls⸗ und Heeresmacht der Aegypter. Ein wildes Getöſe ließ ſich in der Ferne vernehmen. Koppeln von Hunden wurden tobend vorbei getrieben, einzelne Be⸗ waffnete auf dürren Eſeln oder kleinen unanſehnlichen Klep⸗ pern, mit dicken Köpfen und armſeligen Schweifen, reitend, ließen ſich unter dem dichter werdenden Getümmel ſehen, und eine barbariſche Muſik rückte heran: Schaaren von Sängern und Spielleuten, die mit kleinen Trommeln, Handpaucken, Schellen, blechernen Klingdeckeln, Dudelſäcken und kleinen Mohrenpfeifen, einen wüſten Jubel erhoben und unterhiel⸗ ten. Hinter ihnen wurde die Stange, mit vergoldetem Knopfe und Büſcheln von Roßhaaren geſchmückt, getragen, von wel⸗ cher an goldnen Schnüren der große pergamentne Freipaß herabhing, den Kaiſer Sigismund dem aus fernem Oſten heran⸗ ziehenden ägyptiſchen Volke hatte ausfertigen laſſen, und den viele große Herren und Städte durch ihr Inſiegel bekräftigt hatten. Die prächtige Kleidung des Herzogs dieſer Horden, der unter dem Schatten jenes Pergament⸗Paniers auf einem ſchellengeſchmückten Maulthier einher trabte, ſtach grell gegen die zerlumpte Tracht ſeiner Untergebenen ab. Das unga⸗ riſche Gewand ſtarrte von goldnen Zierrathen, auf ſeiner Wütze prangte ein Buſch von rothen Hahnenfedern, und un⸗ ter dem pelzverbrämten Rande dieſes Hauptſchmucks blitzten Augen hervor, die des Mannes Beruf, über das ungeſchlachte Volk den Stab der Gewalt zu ſchwingen, auf's Bündigſte bekräftigten. Um ihn her wurden die Kochgeſchirre der Horde getragen, Schläuche mit Wein, Säcke mit Mundvorräthen.— Weiber und Männer,— die rüſtigſten aus Allen,— mit langen Speeren bewehrt, folgten dem Heere, und an dieſe ſchloß ſich, die Nachhut des ganzen Zuges bildend, ein un⸗ zähliger Schwarm von Geſindel, Troßvolk und ſchwarzge⸗ brannten, mit langen Knebelbärten gezierten Burſchen, die den verwegnen Blick nach allen Seiten richteten, und bereit ſchienen, bei der erſten verdächtigen Bewegung des gaffenden Volks, wie blutlechzende Hunde in deſſen Reihen einzubre⸗ chen, und zu morden und zu plündern nach Gefallen und Willkühr.— Alſo zog unter dem Summen der neugierigen Bürgermenge, dem widerlichen Getöne der Brumm- und Gellpfeifen, und unaufhörlich aufwirbelnden Staubwolken die wunderliche Heeresmacht vorüber, und hinter ihr floß das nachdrängende Volk in einen Knaul zuſammen, um die ſelt⸗ ſamen Fremdlinge und ungebetnen Gäſte nach ihrer Ruhe⸗ ſtätte zu geleiten. Zodick und ſeine Gefährten machten ſich dagegen nach dem Knippling zurück, wo ihnen Brändling, da ſich indeſſen in der Schenkſtube einheimiſche Zecher eingefunden hatten, ein dunkles, abgelegnes Hinterſtüblein anwieß, in welchem ſie ſich um den Tiſch lagerten, die Paßgläſer füllten, und wei⸗ ter ſprachen von ihren verderblichen Planen.—„Gottes Wunder!“ rief Zodick ſchmunzelnd und ſich wohlgefällig das Kinn reibend:„Ihr edlen Herren und Genoſſen! Kann man finden einen beſſern Deckel für unſre Sache, ſo wir nicht verſchieben die Ausführung? Das ägyptiſche Volk hält hier Ruhtag, begreift Ihr, wackre Herren? Man fürchtet das Volk, man traut ihm nicht. Was wir anzünden, werden ge⸗ than haben ſie die Fremden. Was wir zum Kapporah neh⸗ men, werden geſchächtet haben ſie. So wir geben das Zei⸗ chen zur Gewalt, ſo werden auch ſie ergreifen das Schwert und bringen die letzte Verzweiflung über Mokum. Tauſend Helfer haben wir errungen in jenen; darum zögert nicht.“— „Donner und Teufel!“ rief der wilde Hornberger mit Freu⸗ dengelächter;„das trifft ſich wie gerufen, und unſer Herr⸗ gott hat ſelbſt der hochmüthigen Reichsſtadt das Ziel geſteckt. Auf das Wohl der Aegypter! Weiß auch keine Seele, wel⸗ cher Kukuk dieſe Satanseier in unſer Neſt gelegt hat. Wohl bekomme ihnen, und den Frankfurtern das Feſt, zu dem wir die Melodei aufſpielen wollen. Sie mögen Sachſenhauſen und den erbärmlichen Strich, wie auch die Buden am Main plündern, und Tod und Feuer allenthalben hinbringen. Bis ſie ſich an die Arbeit machen, haben wir in Alt⸗ und Neu⸗ ſtadt die Augen von der Brühe geſchöpft, und ſuchen das Freie. Mag dann das Heidenvolk keinen Stein auf dem andern laſſen. Deſto beſſer für uns.“—„Und keinem 74 Zweifel unterliegt's,“ ſetzte Leuenberg hinzu,„daß die braunen Geſellen in unſer Horn blaſen.“—„Ob ſie's thun?“ fragte Reifenberg:„Art läßt nicht von Art.“—„Zeigt dem Wolf nur Blut;“ bekräftigte Zodick mit hämiſchem Spotte:„Er wird es dann ſuchen mit Begier.“—„Nun aber,“ erhob Reifenberg noch einmal die Stimme:„Vergleicht Euch, wie iſt's zu beginnen, zu vollführen? Unſre Leute müſſen morgen mit dem Frühſten ſchon Beſcheid wiſſen.“—„Warum denn?“ fragte Zodick mit ängſtlicher Schlauheit:„Wollt Ihr geben unſre Hoffnung in hundert Mäuler? Dann ſitzen wir mor⸗ gen Alle auf dem Brückenthurm, denn unter hundert Men⸗ ſchen, die ein Geheimniß wiſſen, ſind achtzig geneigt, es auszudibbern. Eh's losgeht,— den Augenblick zuvor, ſollen ſie's erfahren, und nur an uns iſt's, zu beſtimmen unter uns, wie's losgehen ſoll. Auch wir ſind ſchon um vier Augen zu ſtark, wenn man will ſeyn vorſichtig.“—„Schweig, Hund, mit ſolchem Diebsgeſchwätz!“ ſchnauzte ihn der Leuen⸗ berger an:„Rath, Anleitung und Handdienſt verlangen wir von Dir; weiter Nichts.“—„Wir ſind die Herren,“ ſtimmte Hornberg mit flammenden Augen ein:„vergiß nicht, daß Du weniger biſt als mein ſchlechteſter Knecht, deſſen Eltern und Voreltern ſchon getauft waren.“—„Das heißt:“ ſchloß der Reifenberger:„halte Dein Judenmaul, wenn Du nicht gefragt wirſt. Jetzo aber befehlen wir Dir, uns kurz und vündig zu ſagen, wie Du über das Beſprechen denkſt und was Du räthſt.“—„Zodick warf unter den buſchigen Au⸗ genbraunen einen grimmigen Blick auf die ſtolzen Herren und Freunde; er bezwang aber bis zu gelegener Zeit, klug und vorſichtig, die Galle, die ihm ſchon auf die Lippen ju treten drohte, und erläuterte nun den Edelleuten, wie er ſich das ganze ausgeſonnen. Die zehnte Stunde der Nacht ſollte die zum gräßlichen Werk beſtimmte ſeyn. Der erſte Schritt des Verderbens ſollte nach Diether's Hauſe im Mittelpunkte der Stadt geſchehen. Zodick und Veit von Leuenberg woll⸗ ten daſelbſt mit den aufgebotnen Ueberreſten der Blutzapfer⸗ rotte ein entſetzlich Schauſpiel geben, und den alten Diether⸗ ſeinen Sohn, Margarethe, den Schultheiß, Oberſtrichter und die Schöffen, die ſich, wie ſie nicht zweifelten, bei'm Schmauſe befinden würden, ſo wie Wallraden, die ſie auch nicht dabei fehlend dachten, mit Blitzesſchnelle hinmetzeln, das Haus plündern, und dann in Brand ſtecken. Dieſes Geſchäft, von geübten Mörderfäuſten verübt, ſollte bald abgethan, und die am Liebfrauenberge himmelanſteigende Flamme das Zeichen für die übrigen, am Römerberg und in der Neuſtadt ver⸗ borgenen Rotten unter dem Hornberger und dem von Rei⸗ fenberg ſeyn. Die Häuſer der reichſten Bürger, der Ge⸗ ſchlechter Glauburg, Goldſtein, zur Hofſtatt, deren von Cölle, zum Kranich, von Holzhauſen, der münzberechtigten Altbür⸗ ger Klabelauch wurden den Räubern zum vornehmſten Ziele gegeben.— Gold, Gold und Mordt hieß der Wahlſpruch. und nach all dieſem Brand und Verwüſtung. Reifenberg übernahm es, den Stadthauptmann von Dudenhofen im Bette zu erſchlagen, und ſomit den Arm aller Söldner des Rathes zu lähmen. Zodick verſprach, die Geldvorräthe der erſten Wechslerſtuben aufzuräumen. Leuenberg gelobte der niederländiſchen Kaufleute Niederlagen zu plündern, und hinwegzuſchaffen, und Feuer in alle Holzhütten zu werfen. Der Hornberger vermaß ſich hoch und theuer, das Gewand⸗ haus abzubrennen, die Gewölbe der Goldſchmiede auf ſich zu nehmen, und der reichen Stifter nicht zu ſchonen. Alle 275 Gefängniſſe ſollten aufgeſprengt⸗ alle Meßgauner zur Theil⸗ nahme aufgefordert, der Pöbel, ihn zu gewinnen, in den Weinkellern der Reichen berauſcht werden. Die Schiffe am Mainufer ſollten gekappt, einige von ihnen mit dem Raube peladen und alſo gen Mainz geſteuert werden. Und endlich, nachdem, wie zu hoffen ſtand, vom Dunkel der Nacht, wie von der ſchlaftrunknen Ohnmacht der zum Verderben Be⸗ ſtimmten begünſtigt, das Werk unter Flammen, Blut und Mordgeheul zu ſeiner ſchönſten Blüthe erwachſen,— dann wollten die Verſchwornen die Brückenthore mit Gewalt eröff⸗ nen, und die Fremdlinge, das räuberiſche Volk herüberrufen zum Kehraus; während deſſen ſich auf dem Strome von dannen treiben laſſen, und auf irgend einem befreundeten Raubneſt des Rheinthals die kühn errungne Beute theilen. Nachdem Zodick alſo geſprochen, konnten ihm die Andern ihren Beifall nicht verſagen, und der Hornberger ſtaunte nur, daß der Gedanke zu ſolchem Heldenwerk in eines Zo⸗ dick's Hirn entſpringen konnte, früher als in dem ſeinigen und ſeiner Gefährten.„Wahrlich!“ rief er:„bei Hagel und Donnerſtrahl; der Friedrich iſt ein andrer Burſche geworden, denn zuvor. Ein ſchlechter Beutel- und Kehlabſchneider war er, ein kühner Waghals iſt er geworden. Der heilige Geiſt hat ihn wunderſam in der Taufe überſchattet, und mich freut's, ihr Herren, daß ich bei dem Kindlein Gevatter ſtand.“—„Mehr freut mich's,“ ſprach der Leuenberger,„daß endlich der Augenblick der Rache vor der Thüre iſt; Peſt und rother Hahn! Jetzt iſt die Reihe an mir, Euch zu ver⸗ gelten, Ihr Frankfurter Wichte. Die Fröſche niedermetzeln, Wallraden und Margarethen zeichnen, daß ſie meiner geden⸗ ten,— bu! welche Luſt. Und das Eine, Ihr Brüder und Freunde, das Eine müßt Ihr mir verſprechen: ſchenkt Kei⸗ nem, der aus Frankfurt iſt, aus der verdammten Stadt, das Leben. Stoßt Jeden nieder, der Euch in den Wurf kommt. Kind, Jüngling, Greis, Mann und Weib, ſchont ihrer nicht, der verfluchten Brut!“—„Ei, ſo ſollen mich tauſend Teufel zerreißen, ehe ich etwas Anders thue, als Du begehrſt!“ fluchte der Hornberger mit ſeinem entſetzlichſten Kampfgeſichte. „Und mich!“ fügte der Reifenberg,—„und mich,“ ſetzte Zodick langſam hinzu;—„Amen!“ ſprach der Leuenberg, und da gerade die Viere nach den Kannen griffen, um ſich zuzutrinken, ſchlug ein tiefer Seufzer an ihr Ohr. Wild fuhren ſie in die Höhe, der Eine nach der Thüre, der Andere nach dem vergitterten Fenſter. Zodick jedoch hatte das geüb⸗ teſte Gehör und ſuchte hinter dem Kachelofen nach dem ver⸗ borgenen Zeugen ihres Geſprächs. Ein Knabe von zwölf bis dreizehn Jahren lag dort auf der Ofenbank, und hatte ſich furchtſam zuſammengekauert, da Zodick mit allen Zeichen der Ueberraſchung und Wuth an ihn herantrat.—„Verflucht ſeyen die Brüſte, die Dich ſäugten, niederträchtiger Goi!“ ſprudelte der Jude, und ſpie dem Knaben ſeinen Geifer in's Angeſicht:„Für Dein Ohr muß zahlen Dein Hals!“— Mit keckem Schlächtergriff packte er den armen Jungen bei der Kehle und zerrte ihn aus dem Winkel nach dem Tiſche, auf welchem ſein Meſſer lag. Der Knabe, mit dem Erſticken kämpfend unter der rieſigen Fauſt des Elenden, vermochte nur ein krächzendes Geſtöhne hervorzubringen, und ſich mit der Gewalt der Todesangſt an den Fußboden und die Kniee des Mörders anzuklammern, ſo daß dieſer, einige Schritte vom Tiſche entfernt, und den Hals ſeines Opfers,— um es ſtumm zu machen,— nicht laſſend, nicht von der Stelle 278 konnte, und von dem Reifenberg ſchäumend den Dolch ver⸗ langte.— Dieſer weigerte ſich deſſen, und behauptete, der Junge müſſe zuvor reden, und— müßte er ſterben— zuvor auf alle Fälle noch beten dürfen. Leuenberg widerſprach dieſer Regung von menſchlichem Gefühl; Hornberg dagegen, obgleich der Wildeſte unter Seinesgleichen, ſprang auf des Reifenbergers Seite, und begehrte von Zodick, er ſolle den Buben loslaſſen.—„Gott ſoll mich ſtrafen an Leib und Seel!“ rief er, da der Jude verneinte;„ich haue Dir die Fauſt vom Rumpfe, wenn Du nicht Deine Krallen von dem Buben läſſeſt. Dir aber, Bube, befehl' ich, alles Geheul und Wehklagen von dannen zu laſſen, und fein leiſe und ſtill mir zu ſagen, wie Du hieher gekommen. Beim erſten Schrei fährt Dir mein Stahl in die Gurgel!“— Zodick ließ zitternd vor Wuth und Grimm dem Buben ein wenig Luft, und der Arme ſchleppte ſich dumpfwimmernd zu den Füßen des Hornbergers, obgleich ihn Zodick noch immer feſt hielt, wie ein Fanghund die angeſchoſſene Beute. Reifenberg ſuchte indeſſen den von Leuenberg zu begütigen. Auf Be⸗ fragen des Hornbergers berichtete der Knabe ſchluchzend:„er ſey Brändlings Vetter Heinrich, von ihm an Sohnsſtatt aufgenommen, und zur Küferei beſtimmt. Er ſey verwichene Nacht als Aufwärter bei einem Benderſchmauße geweſen⸗ und müd zum Tode heimgekommen. Nach dem Mittagimbiß habe er noch ſeine Hausarbeit verrichtet, ſey dann in dieſe Stube gedüſſelt, und auf der Ofenbank eingeſchlafen, auf welcher er vor einigen Augenblicken erſt erwacht. Er be⸗ theuerte, von dem Geſpräch der Herren nicht das Geringſte vernommen zu haben, und bat um Vergebung und um ſein Leben.—„Der Bube lügt, wie ein Schelm!“ rief Zodick dazwiſchen:„ſeht doch, wie er wird roth bei jedem Wort. Der iſt cochem wie ein Fuchs. Darum nieder mit ihm.“— Er krallte ſeine Fauſt wieder um den Knabenhals, und zuckte das Meſſer.— Der Hornberg zuckte die Achſeln, und wen⸗ dete ſich ab. Reifenberg fiel dem Juden in den Arm, und ſprach:„Blutunke! bedenke doch... das Geſchrei des Knaben, ſein Röcheln, man wird es vernehmen... die Folgen 1 „Sorgt nicht!“ ſpottete der Jude:„ich verſtehe es, wie man ſchächtet, ohne daß das Lämmchen ſchreit!“ und wieder zu Boden warf er den Knaben, als mit einemmal die Thüre aufging, und Brändling hereintrat, der weiß vor Angſt und Entſetzen wurde, da er ſeines Vetters Bedrängniß ſah.— Wie ein wüthender Menſch ſprang er auf den Juden zu, zerrte ihm ſein Opfer aus der Fauſt, und fragte mit blauen bebenden Lippen nach der Urſache ſolch grauſamen Ver⸗ fahrens. Ein Wort des Hornbergers reichte hin, ihm Aufſchluß zu geben, und ſeinen Mund zur flehenden Bitte zu öffnen.„Ach Ihr Herren,“ ſeufzte er:„verlangt Alles von mir, nur nicht, daß ich in dieſe That willigen ſoll. Der Bube iſt mein leib⸗ licher Schweſterſohn, ein guter Burſche, ohne Trug und Falſch, und— ohne Ruhm zu melden,— weit beſſer, als wir ſammt und ſonders ſind. Nimmer könnt' ich mir ver⸗ geben, hätte ich meinen Schweſterſohn umkommen laſſen in Gefahr. Seyd nur dießmal barmherzig, Ihr Herren, und Gott wird Euch um ſo reichlicher ſegnen in dem, was Ihr vorhabt, und mir einen doppelten Theil zuwenden.“—„Heuchle keine Menſchlichkeit, du krummer Katzenbuckel!“ ſchalt der von Leuenberg:„der Bube hat uns behorcht, und fort muß 280 er.“—„Und den Talles bekömmſt auch Du, wenn Du ihn nicht gibſt heraus, den Horcher!“ fügte der Jude bei, und griff abermals nach dem Knaben. Brändling bewies aber durch die Heftigkeit, mit welcher er den Knaben in ſeine Arme ſchloß, wie ſehr es ihm Ernſt ſey um das, was er vorhin geſagt, denn er riß den zitternden Heinrich zu der Thüre hin, drückte die Fauſt auf die Klinke, und ſprach mit der klangloſen, bebenden Stimme des auf's höchſte Gereiz⸗ ten:„Verſucht's, Ihr Herren! verſucht's! Stecht mich zuſam⸗ men, aber im Falle reiße ich die Thüre auf, und mein Ge⸗ brüll ruft die Schifferknechte, von welchen die Schenke wim⸗ melt, hieher, und verloren ſeyd Ihr dann; noch im Sterben verrathe ich Alles, was ich weiß, und geheim halten will ich wie der Pfaffe die Beichte, wenn Ihr ablaßt von dem Kna⸗ ben.“—„Brändling hat Recht!“ fiel der Hornberger ein: „Wegen ſeiner auf's Rad geſetzt zu werden, gelüſtet mir nicht. Sag' aber an, welche Bürgſchaft leiſteſt Du für den Buben?— denn haften mußt Du für ihn mit Haut und Haar!“—„Das will ich auch, Herr!“ erwiederte der Wirth⸗ von ſchwerer Angſt erlöst und freier athmend:„Schwören ſoll der Knabe, daß, wenn er auch etwas vernahm, nichts über ſeinen Mund gehe, es zu verrathen.“ „Gottes Wunder!“ höhnte Zodick:„was ſoll uns helfen ein leerer Schwur?“—„Schweig!“ murrte Reifenberg: „dem Kinde da iſt ein Eid heilig wie ein Tabernackel.“ Leuenberg lachte ungläubig, Zodick fletſchte verdroſſen die Zähne, und Hornberg hielt unterdeſſen dem Knaben das Kreuz ſeines Schwerts vor, indem er ihm die Eidesformel vorſprach: „Ich gelobe handlich und feſtlich auf dieſes Kreuz, das des Erlöſers Kreuz bedeutet, keiner Seele, die da lebt auf Erden⸗ 281 zu vertrauen und zu verrathen, was ich in der heutigen Nacht als unberufener Zeuge gehört und vernommen. Ver⸗ dammt will ich ſeyn in Ewigkeit, und das ſchrecklichſte Ge⸗ breſt und Siechthum erdulden in dieſer Welt, wenn ich den Eid nicht halte, den ich hier ſchwur mit aufgehobenen Hän⸗ den zu Gott, ſeinem Sohne und allen Heiligen. Amen.“— Der Knabe ſprach deutlich und ſichtlich ergriffen und be⸗ wegt den Eid nach, und zerfloß nach deſſen Leiſtung in Thrä⸗ nen. Reifenberg nickte, zufrieden geſtellt, mit dem Kopfe, und der Hornberger übergab den Buben ſeinem Vetter Brändling.„Das Letzte für unſre Ruhe und Sicherheit iſt noch an Dir, zu thun,“ ſprach er:„ſperre den Buben ein in Deinen tiefſten Keller, und laſſe ihn nicht eher los und le⸗ dig, als bis es Zeit geworden iſt. Solch kurze Friſt hin⸗ durch iſt ein glatter Aal zu hüten; warum nicht ein junger Burſche? So Du redlich unſern Willen thuſt, ſind wir Dir gewogen, alter Brändling. Beim mindeſten Verſehen hin⸗ gegen, und bei der kleinſten Falſchheit ſollſt Du der Erſte ſeyn, der den verdienten Lohn erhält.“— Brändling, Treue und Gehorſam gelobend, riegelte vor den Augen der wilden Gäſte den Vetter Heinrich,— ein duldſames Lamm,— in das hinterſte Gewölbe ſeines Hauſes, und beruhigt ſuchten die Verbündeten ihr dürftiges Lager. 282 *— Ich nehme den angeklagten ungehorſamen Mann hier aus den Rechten, aus dem Frieden, aus den Freiheiten, die Kaiſer Carolus geſetzet, Papſt Leo evonfirmiret hat, und von allen Fürſten, Herrn, Rit⸗ tern, Knechten, Freien und Freiſchöppen beſchworen und geleiſtet worden, in dem Lande zu Sachſen, und werfe ihn nieder vom höchſten Grade, und thue ihn mit all' ſeinen Freiheiten, Frieden und Rechten in des Kbnigs Bann, und ſtrafe ihn mit höchſtem linfrieden und ungnade, und ma⸗ che ihn unwürdig, achtlos, rechtlos, ſiegel⸗ los, redelos und unfähig zu allen Rechten und Verfahren, und ſetze ihn aus nach den Satzungen der heimlichen Acht, und verfälle ſeinen Hals dem Strange, ſeinen Leichnam den Vögeln des Himmels und den Thieren der Luft zur Atzung, und be⸗ fehle ſeine Seele Gott im Himmel in ſeine Macht und Gewalt, und erkläre ſeine Lehen und Gut für heimgefallen ihrem Herrn⸗ von dem ſie zu Lehen rühren, oder der heiligen Kirche, ſein Weib eine Wittib, ſeine Kinder Waiſen! Der heimlichen Acht Bann fluch auf Haut und Haar. Der arme Heinrich erlebte eine üble Nacht auf dem Spreuſack, den die Hand des mitleidigen Vetters ihm zuge⸗ worfen hatte, um ſich bequemer auf dem feuchten Boden des Kellers zu betten. Der Vorfall des Abends ſchien dem geſchreckten Knaben nur ein Fieberbild, wie uns der unru⸗ hige Schlummer zuweilen vorführt, allein zu bald nur erinnerte er ſich an die Wirklichkeit des Gräuelauftritts, in⸗ dem er in der Stille der Nacht ſich nach und nach aller Reden wieder erinnerte, welche von den böſen Geſellen ge⸗ führt worden waren, und die er von Anbeginn alle vernommen, ob er gleich in der Todesangſt es geläugnet; denn er war turz nach dem Eintritt der furchtbaren Männer erwacht, und hatte ſich, von einer dem Knabenalter ſehr gewöhnlichen Scheu ergriffen, nicht getraut, ſeine Anweſenheit kund zu geben, und mit Herzklopfen den Augenblick erwartet, in welchem die Schrecklichen gehen würden, bis ihm das Entſetz⸗ liche ihres unverholen ausgeſprochenen Vorhabens einen tiefen ſchmerzlichen Seufzer ausgepreßt. Und betrübter noch ſeufzte er jetzt in ſeines Kerkers Einöde, weil er Klug⸗ heit und Gefühl genug beſaß, um das Verderben, das über die Stadt verhängt worden, zu würdigen, und das jammer⸗ volle Schickſal der zum Tod beſtimmten Bürger voll inniger Wehmuth beklagte. Und der gräßliche Eid vollends, den er geſchworen, den ihm der Vetter ſelbſt noch dringend an's Herz gelegt; den er ſeinem Glauben und Gewiſſen zufolge, nicht einmal dem Prieſter im Beichtſtuhle entdecken durfte, um nicht hienieden elend zu ſterben, und jenſeits auf ewig zur hölliſchen Flamme verdammt zu ſeyn! Der Knabe litt unausſprechlich, und zu dieſen Seelenleiden geſellte ſich noch törperliche Angſt. Wenn ein Luftzug durch das hochgelegene Auftloch herein ſtrich, glaubte er das mordgierige Schnauben Zodicks zu vernehmen; wenn eine Ratte an den Riegeln und Angeln der Thüre emporkletterte, fürchtete er die An⸗ näherung ſeiner grauſamen Feinde zu hören. Seines Vetters Geſtalt ſogar, die ſich früh und Mittags zeigte, um dem tleinen Gefangenen Atzung hinzuſtellen, beruhigte ſeine aufgeregten Sinne nicht. Er wußte ja leider, daß ſein Ver⸗ wandter ſelbſt zu der abſcheulichen Rotte gehörte; er durfte argwöhnen, daß vielleicht in der nächſten Stunde der entar⸗ tete Mann ſelbſt die Hand zu ſeines unſchuldigen Vetters Dode bieten möchte. Und näher, und immer näher ſchlich ſchon wieder der Abend, und näher und näher kam die Zeit des Verderbens, und er, der um Alles wußte, mußte ſchwei⸗ gen, an Schwur und Kerker gefeſſelt!— Da wurden ha⸗ ſtige Schritte in dem Vorgewölbe hörbar: geſchäftige Hände riegelten auf und drehten den Schlüſſel der Thüre behende, und Brändling, blaß und zerſtört, rannte in den Keller. Der erſchrockene Knabe, nur ſeinen Tod ahnend, floh in die Ecke des Gewölbes, aber Brändling beruhigte ihn durch Wort und Geberde, indem er zu ihm ſprach:„Guter Vetter lieber Heinrich! Du warſt von jeher ein wackrer Knabe und Verwandter, und nicht meine Schuld iſt's,— Du weißt es wohl,— daß Du hier ſitzeſt, gleichwie in der Löwengrube. Zürne mir darum nicht, und thu' mir das zu Liebe.“ Der Knabe war bereitwillig und Brändling fuhr fort:„Ein ſchlechter Menſch von meinen Zechgäſten hat dem Weinſtecher Veit verrathen, daß ich dann und wann ſtummen Wein ausſchenke. Du lieber Gott! in der Zerſtreuung geht wohl manchmal dergleichen vor, und ich habe nicht mal recht ge⸗ wußt, daß ich ein unklar Faß im Keller habe. Veit war aber da, er hat's gefunden, und iſt hinweg gegangen, mit der Drohung, noch heut den Stöckerknecht zu ſchicken, daß er das Faß abhole und vor dem Römer auslaufen laſſe. Bedenke Heinrich,— welche Schande,. welcher Anlaß zu andern Entdeckungen! Wenn Du nicht hilfſt, ſo kann mich's heute an den Galgen bringen. Veit iſt mir nicht hold⸗ —— —— aber Dir, mein Neffe und Söhnlein, den er aus der Taufe hob, um deſto mehr.— Deine ſelige Mutter war ihm lieb und werth, und— nun— es wird ſchon alles gut werden, wenn du ſtracks zu ihm laufen, und für mich eine Fürbitte einlegen wollteſt. Nur den Stöcker laſſe er zu Hauſe und zahlen will ich, was er will.— Morgen ſchon bezahlen— und den Wein vertilgen im Geheim. Willſt Du, mein Söhn⸗ lein?“— Heinrich bejahte gutmüthig.—„'s iſt jetzt die beſte Zeit,“ ſprach Brändling weiter:„die Wütheriche ſind nicht daheim, bis auf einen, der oben in der Gibelkammer faullenzt. Es ſieht Dich Niemand fortgehen, und zurück biſt Du, ehe und ohne daß Dich eine Seele bemerkt. Aber,— Heinrich,— gutes Kind, denke an Deinen Eid, und an Deine ewige Seligkeit, und plaudre keinem Menſchen aus, was Du Unglückſeliger vielleicht gehört!“— Heinrich ge⸗ lobte es noch einmal in des falſchen Mannes Hand, und entrannte, wie ein flüchtiges Reh, dem unbequemen Kerker. — Die Sonne neigte ſich zum Untergange, und des Pathen Haus war, obgleich fern, doch bald erreicht. Der treuher⸗ zigen Fürbitte des Knaben konnte der biederherzige Veit nicht lange widerſtehen, und ließ ihn endlich mit guter Bot⸗ ſchaft, aber auch mit der ſtrengſten Warnung für den Ohm ziehen. Heinrich flog wieder heimwärts; allein, da es um die Zeit war, da alle Handwerksgeſellen durch die Straßen ju⸗ belten, von der Arbeit kommend,— die reichern Kaufleute ihre Laden ſchloſſen, und die Vornehmern der Stadt behag⸗ lich luſtwandelten durch die Straßen in der abendlichen Kühle,— da wurde dem Knaben das Herz ſchwer, ſeine Tritte wurden langſamer, da er der Gräul gedachte, die in dieſen froh lebendigen Straßen bald wüthen ſollten. Hausväter — „ 286 und ihre Frauen, ihre Kinder und Enkel ſaßen vor den Thüren, durch welche der Mord eingehen ſollte,— bunt⸗ gekleidete Muſikanten, Luſtigmacher und dergleichen Volk durchſtreiften die Gaſſen, und wenn man ſie fragte,„wohin die Reiſe?“ ſo antworteten alle:„Zu des Altbürgers Fro⸗ ſchen Haus;z s'iſt Hochzeit dort, und die Stoßpfeifer dürfen zum Tanz nicht fehlen!“— Dieſe Worte zerriſſen Heinrichs Bruſt, und ohne Bewußtſeyn und Willen faſt, flüchtete er ſich in die uralte Kirche der weißen Frauen, die noch offen ſtand für Reuige und Leidende. Ein innerer LTrieb zwang den Knaben, ſich vor den Stufen des vergitterten Chors nie⸗ der zu werfen auf ſeine Kniee, und inbrünſtig zu Gott zu beten, um Erleichterung, um Troſt, um Hülfe und um Ein⸗ gebung von Oben. Nachdem er ſein Gebet verrichtet, ſah er ſich um in der Kirche, und ſie war leer; er blickte, mit Anſtrengung auf den Zehen ſich erhebend, durch das Chor⸗ gitter, und gewahrte eine von den weißen Frauen, die auf einem Betſchemel kniete, und zu beten ſchien; ſonſt niemand. Da fuhr dem aufgeregten Knaben ein abenteuerlicher Ge⸗ danke durch den Kopf, und er ſchritt auf der Stelle zur Aus⸗ führung, dem Zufall es überlaſſend, ob ſeine Saat auf guten Boden falle oder auf Stein. Die Nonne dort konnte ja ſchlafen,— ſie konnte taub ſeyn oder ungläubig; aber— Gott wird ja Alles zum Beſten lenken, dachte der Knabe, und deinen Schwur haſt Du nicht gebrochen.— Er wendete ſich daher friſchen Muths knieend mit ausgeſpannten Armen zu dem Magdalenenbild, das verwittert und be⸗ moost am Eingange des Chors trauerte, und ſprach mit ver⸗ nehmlicher Stimme;„O Du, mein heiliges Steinbild, laß Dir vertrauen, was ich geſchworen habe, keiner lebenden 287 Seele zu verrathen, und wann der Herrgott nicht ein Wun⸗ der thun will, und Dir den ſteinernen Mund öffnet, daß Du redeſt,— ſo behalte in Deinem tauben Ohre meine Rede. Wiſſe, daß die Stadt in großer Gefahr iſt, daß vöſe Geſellen ſich verſchworen haben, mit der zehnten Stunde Glockenſchlag noch heute den Hochzeitſchmauß in der Froſchen Hauſe in ein Blutbad zu verwandeln, und zu erwürgen Alles, was ſich dort zuſammenfindet, vom Bräutigam bis zur Magd. Wiſſe, daß auf dieſen Mord die Stadt ange⸗ ſtoſſen werden ſoll mit Feuer, und geplündert der Reiche, und ermordet Arm und Reich. Wiſſe, daß die Aegypter herübergerufen werden ſollen, um Stein von Stein zu reißen, während die Mörder den Main hinunter ſchwimmen wollen auf abgekappten Schiffen, von Blut und Beute ſchwer. Wiſſe dieß All“, du heiliges Steinbild, denn mein Herz kann's nicht bewahren, und die Zunge ſoll's doch verſchwei⸗ gen. Wahr iſt's; dazu helfe mir Gott, und von dem Tode all den armen Leuten, die morgen nicht mehr leben ſollen. Amen!“— Der Knabe hatte dieß Bekenntniß kaum abge⸗ legt, als er mit der Eile eines flüchtigen Wildes die Kirche verließ, um heimzulaufen. Seine Worte waren nicht ungehört verhallt. Die weiße Frau hatte ſich horchend erhoben, und keine Sylbe verloren; aber nicht minder hatte eine dienende Schweſter, die von einem vorſpringenden Grabmal verdeckt, dem Blick des Knaben entgangen war, alles gehört mit za⸗ gender entſetzter Seele. Der kleine Redner war auch kaum außer der Kirche, als die Schweſter zu der Nonne trat, und dringend fragte:„Habt Ihr gehört⸗ hochwürdige Frau?“ — Die Nonne nickte ſtolz mit dem Kopfe.—„Um aller Heiligen willen!“ fuhr die Andere fort:„war das ein 288 wahnſinniger Bube, oder ein geſunder Herold der Wahrheit?“ — Die Nonne zuckte die Achſeln.— Die Schweſter ſprach ängſtlicher und die Hände ringend weiter:„Wie mögt Ihr doch ſo kalt und gleichgültig ſeyn, würdigſte Frau, da doch die Schreckenskunde Euer eigen Haus betrifft? Die Stimme des Herrn iſt die eines Löwen, daß Zion ſie vernehme!“— „Was wollt Ihr denn thun, Schweſter Judith?“ fragte die weiße Frau langſam und bedächtig.—„Reden, reden will ich;“ antwortete Judith heftig:„des Herrn Gnade verkün⸗ den. Du ſollſt Dein Licht nicht unter den Scheffel ſtellen. Die Oberin, der Beichtvater, der Rath ſoll wiſſen und er⸗ fahren, du Himmelskönigin und Jeſu Chriſte! es iſt keine Zeit zu verlieren.“ Die Nonne blickte ſtarr und ſchweigend vor ſich hin. Judith machte ſich indeſſen fertig, den Chor zu meiden, plötz⸗ lich jedoch beſann ſie ſich, und ſagte zu ſich ſelbſt:„Die Pflicht geht vor. Thue zuerſt, was Du mußt, und dann erſt, was Du ſollſt. Bald hätte ich den Geißelſtrick der Oberin aus dem Gewölbe mitzunehmen vergeſſen.“„Gleich,“ ſetzte ſie zu der Nonne gewendet hinzu:„gleich, hochwürdige Frau, bin ich zurück, und dann laßt uns den Mund auf⸗ thun, um zu reden mit der Stimme der Gewitter, wie der Herr gethan hat auf den Höhen Horeb; denn zornig iſt der Herr, und doch allmächtig in dem Schwachen.“— Bei dieſen Worten ſchob ſie den ſchweren Riegel vor der Fallthüre des Geißelgewölbes, und bemühte ſich, die ungeheuern Eichen⸗ bohlen aufzuheben; mit aller Anſtrengung gelang es ihr nicht, und ſie wollte ſchon das Werk verlaſſen, als die Nonne ſich ſelbſt herabließ, ihre Hülfe anzubieten, und zu leiſten. Der vereinten Kraft der Weiber fügte ſich die ſchwere Laſt, 289 und ließ ſich in ihren Angeln herumlegen. Judith! den ſcheidenden Abendſtrahl, der durch die Fenſter ſchimmerte, als einzige Leuchte mit ſich nehmend, eilte die Treppe hinab, nachdem ſie noch geſehen, wie die Nonne durch die Seiten⸗ thür in den Kreuzgang verſchwunden war. Kaum aber war der Klang ihrer Schritte ſchwächer geworden, und ſie im Gewölbe ſelbſt angekommen, als ſchnell die Nonne zurück⸗ kehrte, auf die Gruft zueilte, die eiſerne Stützſtange der Fallthüre wegriß, und die Pforte donnernd und dröhnend in ihre Fugen fallen ließ. Der Schlag hallte ſchrecklich im gan⸗ zen Gebäude wieder, und vor ihrer eignen Handlung er⸗ ſchreckend, floh die Boshafte nach ihrer Zelle. Dort athmete ſie ruhiger.—„Muth, Wallrade!“ ſagte ſie zu ſich:„geht heut die Rache nicht in Erfüllung, ſo verzichte ich auf ſie in Ewigkeit. Die ſchwatzhafte Judith ſchmachte, bis die Stunde vorüber. Ihr ohnmächtiges Poltern an der Grabespforte wird die furchtſame Beſchließerin zum Geſpenſterſpuck rechnen, und mit ſcheuem Kreuzſchlage ihres Weges ziehen. Ein Zu⸗ fall entſchuldigt wohl ſpäter der Laienſchweſter unwillkommne Haft. Ich aber will ſpielen mit dem Schickſal, das jetzt in meiner Hand liegt. Die zehnte Stunde muß erſt geſchlagen haben, ehe ich durch meine Worte die Stadt rette. Ich will ſehen, wie in meinem Hauſe das Unglück ſchreitet; ob ich allein dazu verdammt bin, oder Andre mit. Falſcher Dago⸗ bert! ſo ſchnell konnteſt Du Deine Liebe vergeſſen, und treu⸗ los in die Arme einer andern ſinken? So war es nicht ge⸗ meint. Ich raubte Dir der Zelle Troſt, damit Du der Ent⸗ ſagung und der Täuſchung Foltern ſchmeckteſt Dein Leben lang; damit Du Unkraut ſäeſt im Vaterhauſe, wie bisher. Glücklich wollte ich Dich nicht ſehen, und— welche * o —— 290 Freude— heute trittſt Du an Deines Glückes Grenze. Die Pforte dazu iſt auch ſchon ſein Markſtein. Fahre hin; und Du, einfältige Braut, und Du, ſcheinheilige Stiefmutter, welche einen Sieg über mich errungen zu haben wähnt; fahrt hin, ihr Läſterzungen alle, die ihr meinen Leumund zerfleiſcht habt, und an meiner Feinde Hochzeitstiſch zu praſſen denkt. Schon richtet ſich der Pfaff zu Eurer Todten⸗ meſſe!“— Sie ſchauderte ſelbſt vor dem entſetzlichen Gedanken zurück, und ein Bild mit greiſen Zügen und weißen Haaren, ein Bild voll Liebe und Gram ſteellte ſich langſam in der Dämmerung vor ihre Augen.—„Mein Vater!“ ſeufzte ſie unter menſchlicher Regung:„Mein Va⸗ ter! Er iſt der Einzige in jenem Hauſe, der nicht fallen ſollte wie die Andern? Er iſt aber auch der Tugendhafteſte,“ ſetzte ſie, in grauſamem Wahn ſich ſelbſt belügend, hinzu: „und Gott thut Wunder an dem Gerechten. Wenn Gott nicht will, ſo erlahmt der Arm des Mörders, ſein Stahl zerbricht, und frei aus geht der Gute unter'm fürchterlichſten Wirrſaal. Faſſe Muth, Wallrade, rede nicht matt und feige. Gott wird unter den Sündern die Seinen finden und be⸗ hüten.“— Alſo ihr böſes Trachten mit ihrem nagenden Ge⸗ wiſſen trotzig und ſchlau vereinbarend, ließ die tückiſche Wallrade die Stunden hinſchleichen, und ſchwelgte im Vor⸗ aus in den Schreckensauftritten, die im Vaterhauſe vorfallen ſollten. Ihres Vaters gedachte ſie zwar häufig,— weniger ihres armen Sohnes, aber die Gluth wilder Leidenſchaft und eine gewiſſe freche Luſt, das Schickſal in die Schranken zu fordern, erſtickte den Funken von Kindesliebe in ihrer Bruſt. Mutterliebe hatte ſie nie gekannt, und das Andenken an den ſo gehaßten Vater des kleinen Irhannes war allein 291 ſchon hinreichend, um ſie zu bewegen, den Knaben einem dräuenden Unheil ſonder Mitleid zu überlaſſen. Während nun die Schreckliche alſo ſtill und einſam in der dunkeln Zelle brütete, und die arme Judith im ganzen Kloſter wie verſchwunden ſchien, dämmerte tiefer und tiefer der Abend nieder; die Straßen wurden leerer, die Trinkſtuben voller, und auch im Knippling ging es luſtig und geräuſchvoll her. In der vordern Stube johlten Waidträger, Löher und Schiff⸗ inechte, in dem hinterſten Gemache ſaßen die Verbündeten mit mehreren ihrer Helfershelfer beim ſchäumenden Trunke. Die neunte Stunde hatte längſt geſchlagen, und mit Unge⸗ duld harrten die Raubluſtigen auf die zehnte. Um ſich die Langeweile und Unruhe zu vertreiben, trank der Hornberger Zug für Zug einen Becher leer, und der Reifenberger, wie auch Veit von Leuenberg thaten herzhaft Beſcheid. Zodick hingegen hielt ſich nüchtern, und ermahnte die Führer der, bereits auf ihren Sammelplätzen verſteckten Knechte, die ſich ebenfalls zum Abendtrunk hier eingefunden hatten, klar und hell im Kopfe zu bleiben, um den Dienſt nicht zu verſäumen. —„Wie der Jude ſchwatzt!“ rief der Reifenberger unwirſch: „Ein rüſtiger Mann und ein wackerer Fußknecht müſſen trinken wie Teufel, um, gleich Teufeln, losſchlagen zu können. Im offenen Streit iſt ein kleiner Weinnebel an ſeiner Statt; man ſieht nicht lange, wo man hinſchlägt. Um eine Kehle abzuſchneiden, bedarf man freilich klarerer Augen.“—„Mein! mein!“ verſetzte Zodick giftig:„wir wollen ſehen, wer lacht von uns am letzten: ich mit meinen hellen Scheinlingen⸗ oder Ihr mit Euern trüben. Ich und meine Geſellen, und dieſe guten Freunde, wir werden noch immer thun müſſen das Beſte.“—„Peſt und rother Hahn!“. Leuenberg 22 dazwiſen:„fröhlich gelebt und fröhlich geſtorben.... wie heißt das Sprüchlein, Bruder Hornberg?“— „Laß mich doch ungeſchoren mit Deinem Poſſenſchwank!“ antwortete ihm der Hornberger, eine Kanne leerend, und damit auf den Tiſch klopfend:„Ich weiß ein beſſeres Lied⸗ lein:„Firnewein vor der Schlacht, hat viele zu Helden ge⸗ macht!“ und ſo wollen wir's heute halten. Donner, Strahl, Hagel und Gewitter! keine halbe Stunde mehr, und der Tanz geht los. Bis hieher haben uns alle Heilige bewahrt und geſchirmt. Von all den Stadtſchurken, die uns vorge⸗ kommen ſind, hat uns kein einziger gekannt,— nicht mich, der ich mit der Stadt meine Späne habe,— nicht den Reifenberg, der hier ſo viel ſchuldig iſt, daß er von dem Gelde ſein verfallnes Dach mit Goldgulden decken, und ſeinen Hof damit pflaſtern könnte;— nicht den Leuenberg, der im Stadtbann liegt, er weiß wohl, warum..20— „Nicht einmal den verfluchten Judenchriſten hier haben ſie erwittert;“ ſiel der Leuenberg ein,—„ob er gleich von Stadt, Kaiſer und Reich verfehmt und geächtet iſt.“— Zodick lachte pfiffig.—„Wißt ihr, ihr Herren,“ ſprach er: „woher das kommt? weil ich mir nie getrunken habe einen Rauſch, weder im Wein, noch im Fünckelhannes. Rüchtern ſeyn, iſt klug. Für den Groſchen, den hinauswirft der trunkne Mann, gewinnt der nüchterne ein Pfund.“—„Pah!“ rief der von Leuenberg:„wie könnte auch ein Jude fröhlich ſeyn⸗ wie ein chriſtlicher Rittersmann. Gebt dem Gelichter'ne Zwiebel, ſchimmlich Brod und faul Waſſer; glücklich iſt's dabei, wenn es nur Münze zuſammenſcharren mag.“— „Daß Ihr doch lahm würdet, verfluchte Gojim!“ murmelte Zodick in den Bart, während er, es zu verbergen, ſich unter den Tiſch bückte, als wollte er ein Meſſer aufheben.— „Laßt doch den Friedrich;“ brummte der Hornberger:„der iſt ein Chriſt, ſo gut wie einer, und wer ihn ſchimpft, hat's mit mir zu thun. Aber, Donner und Teufel! wo ſteckt der Wirth? Vergebens klopfe ich ſeit einer ewigen Friſt nach einer friſchen Kanne, und doch iſt zu Frankfurt mehr des Weins in den Kellern, als Waſſer in den Brunnen! Heda! eingeſchenkt!“— Vergebens mahnte der vorſichtigere Zodick ab; Hornberg polterte aus allen Kräften mit den Kannen auf den Eichen⸗ tiſch, bis endlich Brändling erſchrocken zur Thüre herein⸗ ſprang. Der Mann hatte zwar in der Freude über Heinrichs willkommne Botſchaft, ſo wie in der heimlichen Seelenangſt vor der kommenden Nacht, ebenfalls viele Schlucke über den Durſt gethan, und wankte unſicher auf ſeinen Beinen umher, aber die Sorge für die Sicherheit ſeines Hauſes und ſeiner Gäſte verließ ihn ſelbſt in dieſem Zuſtande nicht.„Um der ewigen Barmherzigkeit willen!“ rief er:„Ihr Herren macht doch nicht des Lärmens ſo viel. Die Trinker in der Stube werden aufmerkſam werden, und wiſſen wollen, wer dahinten alſo rumort. Und denkt'mal; wer Euch alſo ſähe, bewehrt und bewaffnet, wie Ihr ſeyd.—„Halt's Maul, Hund!“ fuhr ihn der Hornberger an:„Schenk ein! wir ſind die Herren, Du der Knecht, und nicht lange währts, ſo haben wir ganz Frankfurt unter unſrer Sohle. Schaff Wein her⸗ bei, und ſey nicht läſſig im Dienſt, ſonſt ſchneide ich Dir, — Gott verdamme meine arme Seele,— für jede Kanne einen Kerbſtrich in Dein Hundeantlitz, daß Du ausſehen ſollſt, wie ein bemalter Turnierpfahl. Wein, Schurke! Wein!“„Waſſer unter'm Wein! Waſſer darunter!“ flüſterte 294 Zodick dem erſchrocknen Brändling zu, welcher verblüfft ſeinen Abtritt nahm, und bald neuen, ſehr getauften Weinvorrath brachte. Mit ihm trat ein Knecht des Reifenberg in die Stube, auf welchen alle neugierig losgingen und taumelten. „Sieh da, Eckart!“ fragte ſein Herr:„Wie iſt's? wie ſteht's? was bringſt Du?“—„Alles ruhig, ihr Herren;“ meldete der Knecht:„die Leute alle auf ihrer Stelle im Hinterhalt. Ich gab noch den Befehl, daß keiner von ihnen ſich unter⸗ ſtehen ſolle, etwas zu beginnen, bevor Ihr nicht mit Euern Freunden an ihrer Spitze ſeyd. Sie erwarten das Zeichen ungeduldig.“—„Wahrlich nicht mit größerer Ungeduld als wir;“ antwortete der Hornberger:„Gewitter und Strahl! will denn die Zeit ſtehen bleiben? Sag an Burſche: welche Stunde iſts“—„s muß im Augenblicke Zehne ſchlagen 4. antwortete der Knecht:„in Sachſenhauſen drüben riefen die Wächter ſchon die Stunde ab, doch pflegen ſie's ſtets früher zu thun, als hier herüben die Glocke ſchlägt.“—„Ei, ſo laßt uns die Krüge leeren;“ ſprach der Hornberger:„Gott ſey gelobt; wir ſtehen am Ziele.“—„Krüge aus, Waffen an!“ lallte der Leuenberg:„Bruder Reifenberg, ſchnalle mir den Gurt feſter; meine Hand iſt ſchwer und ungeſchickt geworden.“—„Du wirſt doch nicht zu viel im Kopfe haben?“ fragte der Hornberger ſpöttiſch:„Ich fühle Bärenmark in meinen Knochen, und wollte einen Eichbaum ſpalten.“— um den Beweis zu führen, hob er die ſchwere Klinge mit Macht, und wollte einen Hieb gegen den Ofen thun, allein vie niedere Stubendecke wehrte dem Streich, und die Waffe ſiel klirrend aus des Zechers Hand.—„Weh geſchrieen! weh geſchrieen!“ begann Zodick, der unruhig wurde:„Was ſoll daraus werden? Hab' ich doch gezählt auf einen Simſon⸗ und es wird nicht da ſeyn ein Davidchen! Ihr Leute, ihr Waoffenknechte: haltet Euch beſſer als Eure Herren, und folgt dem, was ich werde befehlen; denn ich werde gehen ſicher, und zuſtoßen ohne Fehl, und wenn herabkäme vom Himmel der Melach der Könige!“ „Biſt Du geweſen an der Froſche Haus?“ fragte er ſo⸗ dann den Eckart leiſe. Dieſer bejahte, und berichtete, Alles gehe dort hell auf, von Kerzenſchimmer funkle Fenſter und Thor, die Paucke wirble, der Bombard ſchnurre und die Pfeifer blieſen luſtig zum Tanz.— Zodick rieb ſich, teuf⸗ liſch lachend, die Hände, während die Edelleute in Braus und Verwirrung ihre Waffen und Wehr ordneten, zuſammen⸗ ſuchten, ſchalten und läſterten, und die Knechte alle Hände voll zu thun hatten, ihre Gebieter zum Strauß zu rüſten; und ſprach vor ſich hin:„Ich danke Dir, hochgelobter Gott, daß Du mich läſſeſt Rache nehmen an meinen Feinden. Ich war flüchtig wie Kain, aber bald werden ſie vor mir flie⸗ hen; ich war getreten in den Staub, aber bald werd' ich ſie ſtoßen in's Elend! Warum kann ich nicht mit dieſem blanken und haarſcharfen Meſſer trennen vom Rumpfe der Nenſchheit alle Hälſe meiner Feinde? Warum iſt Ben David gegangen in die Welt? Jochai geflohen, von wannen man nicht kehrt heim, und Eſther gewandert mit ihrem Bru⸗ der in's Weite, wohin mein Dolch nicht trifft? Aber euch verfolge mein Fluch; euch ſey die Hölle und das Feuer der Gehenne, Amen!“— Indem blies vom nahen Stiftsthurme der Wächter, und die Glocken ſchlugen die zehnte Stunde an.„Halloh! halloh!“ rief der Hornberger:„rüſtig, ihr Genoſſen! der Teufel iſt los!“—„Hand in Hand noch einmal laßt uns ſtehen!“ ſprach der Reifenberg,„und 296 ſchwören, ehrlich an einander zu halten, und unſre Pflicht zu thun.“—„Wir ſchwören's,“ riefen Edle und Knechte:„Du, Inde, thue Deine Schuldigkeit.“—„Gott ſoll mir helfen, daß ich ſie thue;“ erwiederte Zodick, ſich die Mütze feſt bin⸗ dend.—„Geſchwinde!“ rief Eckart in die Thüre:„Stunde ſchlug, Thür' iſt offen, der Wirth harrt unſer, leis an der Stube vorbei, hinaus auf die Gaſſe!“— Baſchol! ba⸗ ſchol!“ trieb nun Zodick ſelbſt eilfertig und heimlich:„wir haben gewonnen, ſo wir behalten den Kopf frei und die Hand. Wenn ich nicht vollführe, was ich verſprochen, ſo will ich den Talles haben im Augenblick ohne Gebet und Barm⸗ herzigkeit. Fort! fort!“ Der Schwarm von Menſchen drängte ſich zur Thür, als dieſe raſch aufging, und Brändling's geiſterbleiches Angeſicht hereinſah.—„Halt! halt!“ ſtam⸗ melte er entſetzt:„wir ſind verloren....!“— Verloren?“ donnerte ihm der Hornberger zu, und hob das gewichtige Schwert; aber, wenn gleich des Schenkenwirths Stimme verſagte, ſo ergab ſich doch alſobald der Beſcheid auf des Hornbergers Frage.„Im Namen der kaiſerlich freien be⸗ ſchloſſenen Acht!“ ſchallten mehrere Stimmen draußen, be⸗ gleitet von Schlägen an Wand und Thüre.—„Die heim⸗ liche Vehm!“ riefen die Söldner verwirrt, und aus ihren Händen fiel die Wehr, einige verkrochen ſich unter Tiſche und Ofen, wohin auch Brändling ſich geflüchtet hatte, andere ſchmiegten ſich auf die Bänke an Wand und Ecke. Selbſt den Leuenberg und den von Reifenberg hatte dieſer Schreckens⸗ name dergeſtalt erſchüttert, daß ſie auf ihre Stühle zurück⸗ ſanken, und der Hornberger ſenkte das dräuende Schwert, hinter der Thüre lauſchend, durch welche einige vermummte Geſtalten raſch und keck hereintraten, und wie Falken nach allen Seiten die Augen drehten.„Keiner rühre ſich!“ ſchrie der Erſte von ihnen mit rauher Stimme,„und wer ein from⸗ mer Mann iſt, ſitze ſtill!— Da ergriff den Zodick eine entſetzliche Angſt. Wild ſprang er auf, ſchlug die Lampe um, und wollte durch die Geheimen durch in's Freie brechen; allein der Schimmer eines Windlichts, das durch die Oeff⸗ nung der Thüre blitzte, blendete ihn, und ein Verhüllter riß ihm indeſſen Kappe, Haarhaube und FPflaſter vom Kopf und Geſicht.—„Der iſt's!“ rief er, den Schaudern⸗ den gegen ſeine Begleiter ſtoßend, und dieſe antworteten in tiefem Tone:„Bei unſerem Eid! der iſt's!“—„Jehova! Sammael! Chriſtus rette mich!“ ſchrie der verzweiflungsvolle Jude, da ihm nun eine fürchterliche Ahnung durch's Herz zuckte:„Weh mir! helft ihr Freunde!“— Aber die Freunde blieben ſcheu und unthätig, weder Himmel noch Hölle that zu des Frevlers Gunſten ein Wunder, und der heftige Dolch⸗ ſtoß, den ſeine erprobte Fauſt mit aller Gewalt auf die Bruſt des Anführers der Verhüllten führte, brach ſich an dem Pan⸗ zer, den dieſer trug. Ein heftiger Schlag ſchleuderte ihm die Waffe aus den Fingern, und eine feſte Schlinge flog um ſeinen Hals, und ris ihn, ſeine Kehle zuſchnürend, zu Bo⸗ den.—„Genade Dir Gott, Miſſethäter!“ riefen die Tra⸗ banten der heimlichen Acht, und ſchleppten den ohnmächtig Widerſtrebenden vor die Thüre. Vor ihrem Anblick flohen die übrigen Gäſte,— bisher neugierige Zuſchauer, zur Pforte und Gaſſe hinaus.—„Macht geſchwinde!“ herrſchte der Schöffe ſeinen Frohnen zu:„Henkt ihn auf.“—„Wo⸗ hin, Herr?“ fragten dieſe.—„Knüpft ihn an den Ketten⸗ haken neben der Thür!“ befahl der Schöppe kalt; und dies Todesurtheil brachte den halb bewußtoſen Mörder zu ſich umher, und ihre Furcht wuchs mit jedem Augenblicke mehr ſelbſt.—„Gott! hochgelobter Gott!“ ſtöhnte er, auſſer ſich: „Ich bin doch unſchuldig, ihr Männer, ich bin unſchuldig..“— „Du biſt verfehmt,“ erwiederte der Schöppe:„und all iſt zu ſpät. Gott genade Dir.“— Schon ward der Strick um den Haken geſchlungen.— In wüthiger Todesangſt brüllte Zodick;„Ich gehöre nicht vor Euer Gericht. Ich bin ein Jude, des Kaiſers Kammerknecht..“—„Wardſt Du nicht getauft, abtrünniger Hund?“ riefen die Frohnen: „Fahr' hin!“— Der Elende ſchwebte in die Höhe. All' ſeine Glieder ſtrebten an gegen den hart einbrechenden Tod,.. ſeine erſtickende Kehle ſchnappte nach Luft, ſein Mund ver⸗ ſuchte noch den letzten Fluch, aber unter dem dumpfen:„Fahr' hin! Zeter! fahr' hin! genade Dir Gott!“ ſtockte das ver⸗ haßte Leben und der Gräßliche war nicht mehr. Die Froh⸗ nen ſtreckten ihn aus, der Schöppe ſtieß ſein Meſſer in den Thürpfoſten, und alle entfernten ſich eilig durch die verödete Gaſſe,— denn alle Gäſte der Schenke hatten die ſchnellſte Flucht ergriffen vor den Vollſtreckern der gefürchteten heim⸗ lichen Acht. Die zum Mordbrand Verſchwornen, ſammt ih⸗ ren Söldnern und Geſellen, hatten ſich nicht minder von blindem Schreck gejagt, nach allen Seiten hin zerſtreut. Der Unbändigſte und Frechſte aus ihrer Mitte war vom ſchnellen Tod dahingeriſſen worden, den ſeine frevelnde Zunge gerade herbeigerufen,— und Jeder der Uebrigen war ſich 8 8 mancher ſchweren Schuld geheim bewußt. Die Spannung der Trunkenheit war gewichen, die Erſchlaffung der Kräfte und die Pein des Gewiſſens war zurückgeblieben. Ohne ferner an die Verübung des gräßlichen Mordplans zu den⸗ ſen, irrten die Theilnehmer deſſelben in den Gaſſen der Stadt — heran, denn mit Staunen und Herzklopfen hörten ſie, wie plötzlich, raſch hintereinander alle Glocken auf den Kirchthür⸗ men wach und lebendig wurden, wie die Wächterhörner von den Zinnen blieſen, laut und dringend, wie das Gämper⸗ lein*) läutete, die Schnurre durch die Straßen lief⸗ wie die ¹ Trommel vor dem Quartier der Söldner wirbelte und die Trompete die Reiſigen zu dem Sammelplatze rief. Lichter und Laternen wurden allenthalben ausgeſteckt⸗ in allen Häu⸗ ſern wurde es hell und lebhaft. Die Zünfte, Rotten und Fähnlein der Bürger und Söldner ſtrömten zuſfammen auf ihren Lärmplätzen. Die Bürgermeiſter mit den Bannern, den laufenden Geſellen und den Zünften der Altſtadt, hielten auf dem Samſtagsberge und vor dem Falkenſtein; in der Neu⸗ ſtadt riefen die Hauptleute vor St. Marthen und Katharina. die ihrigen auf. Der Schultheiß jagte zu Pferde wie ein Wüthender zu ſeinen Reitern auf dem Liebfrauenberge, und nach Sachſenhauſen hinüber der Oberſtrichter, um dort den Vefehl zu übernehmen, und die verdächtigen, daſelbſt gela⸗ gerten Aegypter zu bewachen und zu beobachten. Um die 5 Verbindung⸗ mit der Stadt zu unterhalten, blieben die Brückenthore offen, wiewohl mit Wachen und freiwillig 1 herbeieilenden Bürgern beſetzt; denn es hatte ſich das Gerücht verbreitet, die Stadt ſollte mörderiſch angeſtoßen werden mit Feuer und Schwert, und jeder zitterte für ſeine Habe, und jeder entbrannte in Begierde, für das gemeine Weſen ſein 6 Schwert zu ziehen. Die vielen Fremden, aus dem Schlum⸗ mer aufgeſchreckt durch das Getöſe und die Beſorgniß ihrer Wirthe, hatten ſich, in Landsmannſchaften getheilt, und ) Sturmglocke; eigentlich viel ſpäter erſt aufgehängt. gehenden Manne, den er für Hornberg hielt, um den Hals 300 bewaffnet, um ihre Niederlagen verſammelt; ſtreifende Rotten von Spiesknechten durchflogen die Straßen, aufgreifend Alles, was verdächtig ſchien, und vor dem Römer glimmten die Lunten der Hakenſchützen, kampf⸗ und ſtreitfertig. Noch ſuchte jedoch das Auge der Gewarnten und Gerüſteten ver⸗ gebens den bewehrten Feind. Er hatte die Waffen wegge⸗ worfen und irrte vermummt und verzweifelt über Plätze und Gaſſen, das Dunkel ſuchend, und einen rettenden Ausweg. Dieſer letztere war aber nicht zu finden, und ſo mußten die Verſchwornen ſich begnügen, einen Schlupfwinkel für den ge⸗ fährlichſten Augenblick zu erſpähen. Am Schlimmſten war daran der von Leuenberg, in deſſen Gehirne noch der Tau⸗ mel des Weins tobte, während ſeine Füſſe Blei waren, und der Hornberger, der mitleidig bei ihm aushielt, alle Mühe hatte, ihn mit Gewalt von der Stelle zu ſchleppen. Zodick's Hinrichtung hatte den fürchterlichſten Eindruck auf ihn ge⸗ macht, und er ſah ſich ſelbſt ſchon unterm Schwert des Nach⸗ richters. So prahlend ſeine Zunge ſonſt geweſen, ſo feige war ſie jetzt, und er hätte ſich zum Mönch ſcheeren laſſen um den Preis ſeiner Rettung. Aber dieſe Rettung war ihm nicht beſchieden. Die ſchwarze Stunde trat auf ſeine Ferſe. Am Ausgang eines Gäßleins warf ſich den Flüchtigen ein Trupp von Fußknechten in den Weg, und trennte ſie. Wäh⸗ rend auf der einen Seite der Hornberger angehalten wurde, und ſeine Kunſt, ſo frech zu lügen, daß man's glauben mußte, in Anwendung brachte, verbarg ſich Leuenberg unter die Bank eines Eckhauſes, und kroch ſchwerfällig hervor, da die Söldner weiter gezogen waren. Mit aller Schwere ſeines Körpers und ſeines eiligen Laufs fiel er einem unfern und in die Arme.„Peſt und rother Hahn!“ rief er, obwohl leiſe genug:„Du haſt Dich meiſterlich durchgelogen, Veit, und nun laß uns weiter gehen.“— Der Mann brummte einige unverſtändliche Worte, und ſuchte ſich los zu machen. Um ſo feſter klammerte ſich der Leuenberg an ihn, und raunte ihm haſtig und bebend in's Ohr:„Hornberger! Du wirſt mich doch jetzt nicht verlaſſen wollen? Nur jetzt nicht Bruder, denn beim Leufel, ich bin ſchwach wie ein Kind, und in meinem Herzen ſpür' ich'ne Angſt, wie ich ſie nicht verſpürt, da ich dem Dürning den Reſt gab, ob's gleich mein erſtes Stücklein war.“— Da ſtieß der Mann, Veits böſer Engel — einen gellenden Schrei der Ueberraſchung aus, und eine derbe Fauſt packte den Raubjunker wild bei der Bruſt. „Hund!“ rief eine fremdartige Stimme:„Du biſt's alſo? Du der Schelm, der meinen Herrn ermordet hat? Nieder mit Dir, Mordbube!“— Beim auflodernden Schein eines Pechkranzes ſah Veit mit ſträubendem Haar in ein wüſtes, grauſam verzerrtes Geſicht, und dieſer Blick war ſein letzter, denn Ammon's Jagdmeſſer übte die langgenährte Blutrache fürchterlich und ſchnell, daß kein Laut dem Darniederſinkenden mehr über die erbleichenden Lippen ging. Ammon ſtand eine Veile mit wilder Zufriedenheit bei dem Entſeelten, ſteckte den rächenden Stahl in die Scheide, und murmelte:„Wenn das nur Zufall war, ſo bin ich ein Schurke, und will ſchlechter ſeyn, als der gemeinſte Heide. Nach ſo langer Friſt mußte ich hieher gerathen, um dem Todtſchläger des Herrn ſeinen Lohn zu geben? Und er ging heim, ohne zu wiſſen, wer ihn heimſchickte? und ich erſchlug ihn, ohne mehr von ihm zu kennen, als ſein ſelbſtgeſtändiges Verſprechen? Lieber Herr dort oben! bitt' für mich, wenn's eine Sünde war, die ich ——————— gethan!“— Er wendete ſich nun ſchnell von dieſer Stelle und wollte von dannen, als unfern von dem Platze eine Flamme aufging, und das ganze Gewühl der in den Straßen ſtrö⸗ menden Volksmenge zu der Rettung eines brennenden Hauſes aufforderte. Ammon,— nicht gelaunt, dem Gewühle zu folgen, hielt ſich gegen den Strom feſt an der Ecke des Nebenhauſes. Fußgänger und Berittene gingen über den Leuenberger weg, ohne im allgemeinen Drange der gefürchteten Gefahr ſonderlich auf den in dunkler Gaſſe Erſchlagenen zu achten, und da der Menſchenſturm etwas nachließ, drängte ſich ein Mann, mit einem Kinde an der Hand, quer durch, und wendete ſich mit Heftigkeit an den harrenden Ammon.—„Der Lärm und das Getöſe hat mich verwirrt gemacht;“ ſagte er mit unruhiger Haſt:„wollt mir berichten, wo man zum Liebfrauenberge am ſchnellſten gelangt.“—„Ich gehe dahin;“ erwiederte Am⸗ mon, den Zerlumpten mißtrauiſch betrachtend:„habt Ihr ein gut Gewiſſen, mögt Ihr folgen; wo nicht, ſo bleibt zurück; der Schultheiß befehligt dort.“—„Auf meinem Wege fürcht' ich ihn nicht;“ antwortete der Andere ruhig, und folgte mit ſeinem kleinen Begleiter getroſt dem ſchnell vorangehenden Ammon. Findet ihr den Troſt nicht in der Nähe, ſo erhebt euch und ſucht ihn immer höher; der Paradies⸗ vogel flieht aus dem hohen Sturm, der ſein Gefieder packt und über⸗ wältigt, blos höher hinauf, wo keiner iſt. Jean Paul. Noch eine Stunde vor jenem wüſten Lärm und Getöſe, von welchem jetzt die bedrohte Stadt wiederhallte, war Die⸗ thers Haus ein Schauplatz ſtiller geſelliger Freude geweſen, und ein froh und zärtliches Brautpaar hatte bei Tafel und Tanz die Ehrenämter des Hauſes verwaltet, um den Gäſten gefällig zu ſeyn. Das Prunkgemach des Gebäudes, das ganze Jahr hindurch verſchloſſen, und nur bei feierlichen Anläſſen eröffnet, hatte auch diesmal den Freunden und Ge⸗ ladenen ſeine Herrlichkeiten aufgethan. Längs der blank ge⸗ täfelten Wand ſtreckte ſich der reichbelaſtete Tiſch, von Pol⸗ ſterbänken und zierlich geſchnitzten Schemeln umgeben; ein reicher Schenktiſch ſtrahlte neben der bemalten Eingangs⸗ thüre. Gegenüber fanden die Spielleute ihren erhöhten Platz. An den Wänden flammten Armleuchter, von der gemalten Decke ſchwebten an grünen Laubgewinden viele Kerzenreife herab, von welchen lange und buntglänzende Bänder hernie⸗ derflatterten bis auf die Scheidel der Tanzenden mitten im Saale. Denn das junge Volk hatte, Braut und Bräutigam an der Spitze, den Tiſch verlaſſen, um ſich an raſcher Be⸗ wegung zu ergötzen. Die Alten waren zurückgeblieben, und ließen ſich das letzte Prachtſtück der reichen Tafel, den köſt⸗ lichen Mandelkäſe ſchmecken, der bei keiner ähnlichen Feſtlich⸗ keit fehlen durfte, und auf deſſen Zubereitung die größte Sorgfalt verwendet wurde. Während nun alſo Alt und Jung dem Vergnügen fröhnte in erlaubter Hingebung, brach plötzlich von auſſen die Störung ein, die das luſtige Band der Geſelligkeit zerriß. S iſt Feuer! ſchrie Alles, und die Männer, beſorgt für ihr Hab und Gut, machten ſich bereit, dahin zu gehen, wo ihre Gegenwart erforderlich ſeyn möchte. Auch Herr Diether ſäumte nicht, ſeiner Schöf⸗ fenpflicht zu gehorchen, die ihn zum Wittelpunkte der Gefahr rief. Vergebens waren die Bitten Margarethens, umſonſt die Vorſtellungen des Sohns, der ſich erbot, an ſeiner Statt auf den Römer zu eilen, und für ihn einzuſtehen in der ge⸗ fährlichen dunkeln Nacht.— Der unbeugſame alte Mann hatte zu viel Eifer, einen all zu hohen Begriff von ſeiner Würde, als daß er hier ſich hätte überreden laſſen können; er ging und ließ ſeinem Dagobert noch obendrein den Be⸗ fehl zurück, als Schirmvogt im Hauſe zurückzubleiben, und für das Wohl der Frauen beſorgt zu ſeyn. Darauf ging er hinweg, und wollte kaum dem Edelknecht von Hülshofen, den Dagobert zum Beiſtand aufgefordert, erlauben, an ſei⸗ ner Seite zu bleiben, damit er unverſehrt wieder nach Hauſe kehre. Das Hochzeithaus gewann nun ein ganz anders An⸗ ſehen. Das Geſinde wurde ausgeſchickt, und nur einige rüſtige Knechte zur Hut der Pforte zurückbehalten; die zu⸗ rückgebliebenen Frauen hatten ſich in einen dichten Kreis um Frau Margarethen, die Frau von Dürningen, und den Pater Johannes gedrängt, der am Morgen die Trauung verrichtet hatte, und nun all ſeine Beredtſamkeit aufbieten mußte, um ſeinen ängſtlichen Zuhörerinnen nur eine Quelle des Tro⸗ ſtes zu eröffnen. In dem Erker ſtand Dagobert, unruhig nach dem Himmel blickend, ob er ſich nicht von Brandgluth röthe, oder niederſchauend nach dem unfernen Liebfrauen⸗ berge, wo die Reiſigen der Stadt ihre Roſſe tummelten und des Lärms viel war. Seine junge Gattin ſtand neben ihm, ſeine Hand in der Ihrigen haltend, und forſchte ſtill und wehmüthig in des Geliebten Antlitz nach dem Zuſtande ſei⸗ nes Gemüths. Da fiel ein Blick der Liebe aus des jungen Mannes Auge auf die Bräutliche, und er ſprach mit zarter Stimme, ihre Wange ſtreichelnd:„Sey nicht alſo beklom⸗ men, gute Regina. Es ſcheint zwar ein gewaltig Unheil die Stadt zu bedrohen, oder ſchon betroffen zu haben, aber die Bürger von Frankfurt ſind ein ſtarkes Volk, zuſammen⸗ haltend wie an ſtählerner Kette, und Bruſt an Bruſt zu einer Mauer reihend gegen den gemeinſchaftlichen Feind. Da prallen denn gewöhnlich auch die Pfeile des Unglücks machtlos ab, und Rettung findet ſich in der dräuendſten Ge⸗ fahr. Darum faſſe Muth. So lange mein Arm Dich um⸗ ſchlingt, ſoll Dir nicht Brand, nicht Feind Schaden zufügen.“ — Er umfaßte ſie liebreich, und zog ſie an ſich, die ſich ihm anſchmiegte, wie ein vertrauendes Kind. Sie hob die hellen Augen zu ihm empor, lächelte ſanft, und erwiederte:„Bei Euch, lieber Herr, fürchte ich auch nichts, was von Menſchen kommt. Aber,— ſollte dieſe unbegreifliche Störung, die unſre Hochzeitfreuden zerſtört,— ſollte ſie nicht eine Vor⸗ i ſeyn von mehrerem Unheil, das unſern neuen . 20 Z5 Stand betreffen ſoll?“—„Gott verhüte, mein Kind, daß ſolcher Wahnglaube Wurzel in deinem Herzen faſſe;“ ſagt Dagobert ernſt wiewohl milde;„Du führteſt dann ſelbſt den Feind in unſer ſtilles Hausweſen. Laß dem Volke ſeinen Aberwitz und vertraue auf Gott, der nicht mit ſeinen Kin dern ein muthwilliges Spiel treibt. Liebſt Du mich herzlich ſo wie ich Dich, ſo werden wir ſtets glücklich ſeyn.“—„Dan müßt Ihr mich aber auch ſtets lieben;“ hob Regina wichtiz an.—„Nun freilich,“ lachte Dagobert:„Wie könnte ié anders, meine Königin?“—„Ach, ich glaube Euch ſo gerne;“ verſetzte Regina mit leiſem Seufzer, und dennol nicht ohne Schalkhaftigkeit:„aber ich habe mir ſchon mein eigenen Gedanken gemacht, und ich darf ſie Euch jetzo geſte hen, da Ihr.. da Ihr mein Herr ſeyd.“—„Du mußt ſogar;“ ſchaltete Dagobert ſcherzend ein, und faßte die Er⸗ glühende beim Kinn, daß ſie ihm nicht den Anblick ihrm lieblichen Schönheit entziehe. Rede alſo zu Deinem Herrn.“ —„Daß Ihr um mich geworben, guter Dagobert,“ fuht Regina nach kurzem Innehalten ermuthigt fort,—„dat, das war mir lieb, ſehr lieb ſogar;— aber, daß es ſchnell gekommen, daß dieſes Werben ſich ſo dringend aus⸗ geſprochen, das ließ mich im Stillen befürchten, Euer Ge⸗ müth möchte noch nicht ruhig, und jenes Bild, das Eut einſt verzaubert hatte, noch darin geſchäftig ſeyn. Mir war' als ob ich das Mittel ſeyn ſollte, das der Leidende aufs ungefähr ergreift, ob es ihn vielleicht geſunden mache, da er jedoch, lindert es ſeine Qualen nicht, unmuthig wegwirf — Ach, mein verehrter Herr und lieber Dagobert,“— fuhr ſie, da ihr Gatte lächelnd, aber ſchweigend, in de liebliche Antlitz ſah,— fort,„wenn Ihr je mich alſo wegwerfe tönntet,— wenn jemals eine Zeit kommen ſollte, in welcher Ihr Euch ſagtet: O⸗ daß ich ſie doch nie geſehen, nie ge⸗ freit hätte! O, daß doch die Andere mein wäre, die ich unſäglich liebte, und die jetzv noch mein ganzes Herz erfüllt! das wäre ein Unglück, lieber Herr, und ich wollte dann lieber des Vetters Schwarzbach Hausfrau ſeyn, von dem ich ſchon am Altare wußte, daß er ſeinen Bärenfänger mehr liebt, als Weib und Kind.“—„Seht doch, welche Grillen,“ entgegnete Dagobert, ruhig und gelaſſen, und ſah offen und ehrlich dem bekümmerten Weiblein in das ſchwimmende Auge: „Dieſe Zweifel thun mir weh: indeß iſt ein Vertrauen des Andern würdig. So wiſſe denn, mein Kind, daß ich nicht von heute, nicht von geſtern an, Dich in meiner Bruſt trage, als eine liebe Freundin. In den Feſſeln einer ſeltnen und ſeltſamen Liebe befangen, hatte ich darum nicht minder Sinn für Deinen Liebreiz, Deine kindliche Anmuth, und ich hatte in der letzten Friſt Mühe genug, gegen mein Gefühl anzu⸗ kämpfen, und die Stimmung zu behaupten, die das Erlö⸗ ſchen meiner thöricht geträumten Glücksſonne in mir erzeugt hatte. Ich floh wohl dann und wann ſogar Deine Nähe, mein ſüßes Kind, und jener Ringkauf an des Goldſchmids Laden war ohne meinen Willen nur vom Zufall, oder der Beſtimmung herbeigeführt. Ich läugne es nicht, daß dabei mein Herz ſchwer verwundet wurde, und gleich darauf, wie ein Donnerſchlag aus heiterm Himmel, kam mir die Kunde, daß ſie, um die ich trauerte, ſich gänzlich losgeriſſen von meinem Herzen und Gedächtniß. Mein Ergrimmen gegen das Geſchehene war vergeblich, unnütz⸗ kindiſch, und meine pflicht gegen den Vater trat vor meine Seele. Ich will verſchweigen, welchen Eindruck der Beſuch des Wechslers 20* ———— Joel auf mich machte. Das finſtre, grämliche Geſicht des Buntgekleideten, ſeine flache Einſylbigkeit, beleidigten meine Eitelkeit. Ihn, der nur für das Geld Sinn hatte, das ihm mein Vater hinzählte,— ihn, der ſo kalt und theilnahmlos mir die wenigen Geſchenke wieder reichte, die Eſther einſt von mir empfangen,— ihn hatte ſie mir vorziehen,— dieſen Juden mit ihrer Hand begaben können!— Unwillig entließ ich den Mäckler, gehäſſig dachte ich an ſein Weib zurück; und Deine Schönheit, Deine jungfräuliche Jugend trat, wie durch einen Zauberſchlag, lichtglänzend und ſtrahlend, wie eine Himmelsgeſtalt, vor mich. Mit dieſem Engelbilde beſuchte mich auch mein guter Geiſt, und zu dem Lehrer meiner Kindheit, meiner Jugend, führte er mich mit Sturmgewalt, daß ich durch ſeine Weisheit das Gute vom Böſen unterſcheiden ler⸗ nen, und den würdigen Theil erwählen möge. Ich vermag es nicht, Dir die Worte zu wiederholen, die ſeinem Munde ent⸗ quollen, mir zum Troſte und zur Belehrung. Genug: ich ver⸗ danke ihnen meine Ruhe und die Rückkehr meines heitern Sinns, das Bewußtſeyn, Dich nicht leichtſinnig gefreit zu haben, meine gute, meine liebliche Regina. Johannes hat mich überzeugt, daß Segen und Zufriedenheit wohl nimmer aus dem Bunde zwiſchen Eſther und mir entſprungen wären⸗ hätten beider Herzen ſich auch unveränderlich geliebt. Die Kluft iſt zu groß geweſen, ſelbſt für die Edelſten und Beſten⸗ und ſie überſpringen zu wollen, war nur der Wunſch, die Sehnſucht einer feurigen, rückſichtsloſen Jugend. So habe ich mich denn ſchnell entſchloſſen, mein ſüßes Weib, um Deine Hand zu werben, und mit dem Kranze der Zufriedenheit meiner Aeltern Dach zu zieren. Da ich am Altare ſchwur⸗ war ich fertig mit der Vergangenheit, die freundliche 300 Erinnerung abgerechnet, die mich zum Grabe geleiten wird; mein Frohſinn hat ſich wieder eingeſtellt, und dieß Feſt nicht unwürdig begangen. Ich bin der Alte geworden, und ſelbſt die Stürme dieſes Abends, wie ſie ſich auch noch geſtalten mögen, ſollen mich nicht darnieder beugen, rette ich nur Dich, mein Kleinod, unverſehrt aus dem Gedränge.“ Regina warf ſich mit dem vollſten Vertrauen der Liebe in Dagoberts Arme, und die Neuvermählten vergaßen in ihrer Seligkeit den Saal um ſich her, mit ſeinen düſter brennenden Kerzen und ſeinen ängſtlich lauſchenden Bewoh⸗ nerinnen, wie auch das auf der Gaſſe auf⸗ und niederwo⸗ gende Toben, Lärmen und Treiben, deſſen Urſache noch kein Menſch, allem Fragen zum Trotze angeben konnte. Da er⸗ dröhnte von wiederholten Schlägen die Pforte des Hauſes, daß alle Anweſende zuſammenfuhren, und der hinter dem Ofen entſchlummerte kleine Hans erſchrocken aus dem Schlafe taumelte, und in die Arme der gätigen Margarethe lief.— „Was gibt's da unten?“ rief Dagobert dem kurz darauf ein⸗ tretenden Ammon zu, und dieſer winkte ihm, jedoch die Uebrigen mit einigen Worten beruhigend, auf die Seite.— „Ein Mann iſt draußen, der Euch zu ſprechen wünſcht;“ lüſterte er wichtig:„faſt bedaure ich's, ihn hieher geführt zu haben;z denn erſt bei'm Laternenſchimmer im Hausgange erſah ich, daß der Burſche einer von dem ägyptiſchen Volte iſt, das geſtern hier eingezogen iſt, und in Sachſenhauſen Raſttag hält. Vor ſolch Geſindel muß man auf der Hut ſeyn, darum hab' ich ſeinen Gefährten bei dem Pförtner zu⸗ rückhalten laſſen,— als Geißel für Eure Sicherheit, Herr⸗ und die des Hauſes. Draußen im Vorgemache wartet der zerlumpte Menſch.“ — ——— Dagobert folgte dem Forſtwart mit Zuverſicht und Muth, und ſtand alſobald vor dem dunkelbraunen Geſellen, deſſen Geſichtszüge die herunterhängenden Haare verbargen.— Da jedoch Dagobert die Rede an ihn richtete, da ſtrich der Mann die Haare zurück, und fragte mit wohlbekannter Stimme „Kennt Ihr mich nicht mehr, Herr Froſch? Bin ich Euch geworden ganz fremd?“ Er ſtreckte die Hand dem Stau⸗ nenden entgegen, welcher jedoch betroffen einige Schritte zurücktrat, und ſchier erſchrocken ausrief:„Ben David! Menſch! biſt Du's, oder äfft mich ein poſſenhafter Zufall mit Deinem Geſichte und Deiner Stimme?“—„Soll mir Gott helfen, als ich's ſelber bin, wie mich geboren hat die Mut⸗ ter;“ erwiederte Ben David, und griff nach des Jünglings Hand, wie ein Freund nach des Freundes Hand.— Aber Dagobert wies die dargebotne Rechte erſchrocken zurück, und fragte dringend und ängſtlich:„Menſch! Was willſt Du hier? Du biſt gebannt; zittre vor Deiner Strafe; und fliehe⸗ fliehe, armer Menſch! Dein Geſicht iſt gekommen, um mir den heutigen Abend vollends zu trüben, und kein Glück bringt Dir dieſer Gang!“ „Weh mir! weh mir!“ ſeufzte Ben David beklommen, faltete die Hände, und ſah hierauf wehmüthig und beküm⸗ mert in das Geſicht Dagobert's:„bin ich gekommen darum⸗ daß ich empfangen werde alſo mit Schmach und Verweis? Iſt das ein Willkomm für der Schwäher, für den Vater Eu⸗ rer Braut?“—„Meiner Braut?“ fragte Dagobert noch ſtaunender.—„Hab ich doch laſſen rufen Euch, damit nicht erſchrecke mein Eſtherchen vor meinem langen Bart, und meiner zerlumpten Kleidung,“ fuhr Ben David fort:„Hab ich doch geglaubt zu finden in Euch ein menſchlich Herz; 31¹ aber jetzo werdet Ihr mich führen zu meiner Tochter, damit ich ſehe, ob ſie verlernt hat jede Liebe zu ihrem Ette, jede Anhänglichkeit an das Geſetz, das ſie verlaſſen?“— Mit der Zudringlichkeit, die ſeinem Volke und der leidenſchaftli⸗ chen Bewegung eigen iſt, wollte Ben David neben Dagobert vorbei in das Gemach dringen; der junge Mann, der jetzt erſt den Mißverſtand begriff, hielt ihn ſtark aber mitleidig zurück.—„Halt ein, Unglückſeliger!“ rief er:„Du biſt im Irrthum, obgleich im verzeihlichen. Eſther iſt nicht die Praut, die ich heimgeführt.“—„Nicht?“ ſtammelte ver⸗ blüfft der Jude, und hielt inne, ſchlug die Hände über dem Kopf zuſammen, und ſetzte hinzu:„Nicht? unglücklicher Vater!“— Hierauf verklärte ſich aber plötzlich ſein Geſicht, wie zum Danke erhoben ſich ſeine Arme, und ein:„Nicht? Gelobt ſey Gott, der hochgelobte Herr und König!“ ent⸗ ſchwebte ſeinem zitternden Munde.— Dagobert betrachtete ihn, mit bittern Gefühlen kämpfend, und Ben David ging bald aus ſeiner freudigen Erſchütterung in eine unangenehme äber.—„Wer weiß,“ murmelte er vor ſich hin..„wer weiß, ob es nicht alſo iſt geworden ſchlimmer? Sagt mir, gnädigſter Junker,“ ſprach er laut, den Saum von Dago⸗ berts Rocke küſſend,„ſagt mir, wo Eſther iſt gekommen hin? Vielleicht wär' es doch geweſen beſſer, ſie hätte geſchloſſen mit Euch den Bund, als..—„Beruhige Dich!“ verſetzte Dagobert, der ein bittres Lächeln nicht unterdrücken lonnte:„Sie iſt Eurer würdig geblieben. Sie ging mir voran in der Ehe, und Lüttichs reichſter Jude, Ivel iſt ihr Mann!“— ueberraſcht und zweifelnd ſtarrte Ben David den Jüngling an; da er aber in deſſen Augen Wahrheit, keinz Falſchheit las, ſo verkehrte ſich ſchnell ſein Trübſinn in 31¹2 Jubel, außer ſich vor Freude fiel er vor dem Junker auf die Kniee und jauchzte:„Heil ſey Euch, Herr, und der Segen ves hochgelobten Gottes in Iſrael. Dank dem Propheten Elias und dem Fürſten der Barmherzigkeit, die gnädig re⸗ giert haben das Herz meiner lieben Eſther, die ich nun mit Freuden nenne mein eignes liebes Kind. Alſo belohnt der Herr die Treue, die an ihm hält feſt wie Eiſen und Gold⸗ Ihr hättet mir geben lönnen alle Kronen von Perl und Edelgeſtein, und ſie hätten nicht alſo erquickt mein Herz und meine Augen, als Eure Worte es gethan. Gern will ich ſeyn ein ſchlechter Jude, und unter Euern Schuhen der Staub, weil es alſo gekommen iſt; gern nicht mich brüſten mit dem Namen Eures Schwähervaters, und ohne mein Kind in Pracht und Herrlichkeit zu ſehen, umſonſt gekommen ſeyn zur Hochzeit. Doch,“ fügte er, ſich beſinnend, hinzu: „Nein! umſonſt bin ich nicht da, geſtrenger Junker.“—„Du meinſt des Geldeswegen, das Dir der Herzog ſchuldete?“ fragte Dagobert, der hinter Davids Rede jüdiſchen Eigen⸗ nutz witterte.„Das Gold hat Deiner Tochter Gatte, Ivel, ſchon empfangen.“—„Recht!“ erwiederte David ruhig: „iſis doch meines Kindes Erbtheil, von dem ich nicht ge⸗ ſprochen, da ich einen größern Schatz trage aufmeiner Bruſt, — die Haarlocke meiner Eſther, für welche ich einſt verra⸗ chen habe mein letztes verſtecktes Geld an den grauſamen Zodick; ein Kleinod, das mich ermannt hat in jeglicher Ge⸗ fahr, das mich geführt hat wie Zauberwert durch jedes Elend; löſtlicher denn Gold und Geſchmuck, das mir der hochgelobte Gott geſendet hat durch die Hand des Böſen, wie ſeine un⸗ erforſchliche Klugheit heilt durch Gift und reif macht durch Kummer, Mühe und Laſt. Nein, Herr! ich habe nicht e geredet von dem Gelde des Herzogs,— ich habe nicht begehrt ein Geſchenk von Eurer Freigebigkeit; ich bin gekommen zu bringen ein Geſchenk für Euer Haus und Euer Hochzeitfeſt. Ich habe vermeint, zu ſchmeicheln den ſchmutzigen hebräiſchen Schwähervater ein in das Haus der Hochzeitfreude; aber,— iſt mir gleich dieſes verwehrt,— ſo wird ſie doch angenehm ſeyn, des Landſtreichers Gabe, und überſehen laſſen ſein unhochzeitlich Kleid, und ihm erwerben ein verſchwiegen Ob⸗ dach in Euerm Hauſe.“—„Eine Gabe? Du?“ fragte halb lächelnd, halb mißtrauiſch Dagobert.—„Laßt Euch ſagen,“ erwiederte der Jude geſchäftig, zutraulich und ei⸗ lig:„Gottes Wunder ſind groß. Ich bin gelaufen gen Hungarn, um dort zu finden mein Brod oder den Tod, und zu beſuchen die Städte, wo ſie gemordet haben meinen Sohn. Das Geſpenſt des Andern hat mich gejaget,.. doch Ihr verſteht nicht, was ich rede, und darum ſag' ich Euch, daß ich gekommen bin zu der ägpptiſchen Horde, die von Auf⸗ gang herzieht gen Niedergang, und an welche ſich ange⸗ ſchloſſen haben viele Verfolgte von unſern Leuten, um alſo zu gelangen in's Abendland, das ſie nicht erreicht haben würden, als Juden, allein und hülflos. Denn mir war's eingekommen, plötzlich zu wandern nach dem hispaniſchen Land, und zu ſuchen mein Glück. Geſchah es eines Tags, daß ich finde bei einem geſtorbnen Aegypterweibe, das im Graben lag, ein Knäblein, fein und flink, das bitter weinte; fragte ich ihn nach ſeinem Leid, und erzählt mir der Bube, daß hier ſeine Pflegerin liege, todt, und daß er ſey hülflos in der Welt, denn die Alte habe verſprochen, ihn zu führen zurück bei ſeinen Eltern, denen er geſtohlen worden ſey von wälſchem Bettelvolk, das ihn, der krank und ſchwach geweſen, 31¹4 brauchen wollte, um der Allmoſen mehr zu gewinnen für das ſieche Kind. Da aber die Bettelfahrt das Kind geſund gemacht, ſtatt es noch gänzlich aufzureiben, ſo iſt der Knabe bald geworden ein unnützes Eßmaul für die Bettler, und ſie haben ihn in Hungarn verkauft an das Weib, das todt vor mir lag.“—„Ei, Jüngelchen,“ ſprach ich:„weißt Du denn, Du junges Blut, wer ſie ſind Deine Eltern, und wo ſie wohnen?“— Der Knabe lachte, und hat geſagt in ſei⸗ ner halb kauderwälſch gewordenen Sprache:„Freilich weiß ich's, Alter! Heiß ich doch Johannes Froſch, das liebe Jun⸗ kerlein von Frankfurt; denn alſo hat mich die Willhild ge⸗ nannt, alle Tage, da ich bei ihr geweſen bin auf dem Dorfe.“ — Gott! Gott! da wurde mir, als ob die Schechinah des Herrn herunter ſtiege von den Fingern der Cohenim und ſich ſetzte auf meine freudige Bruſt!““—„Menſch!“ fiel Dago⸗ bert ein:„iſt das wieder eine Lüge? oder ſpricht ein gnä⸗ diger Gott Wahrheit aus Deinem Munde?“—„Wahrheit, Herr, Gott ſoll mir helfen!“ verſetzte der Jude gerührt, mit Thränen in den Augen, und die Worte ſchnell herausſtoßend „Denn wir ſind gekommen an, und waren bald verzweifelt, weil man uns drüben ſtreng bewacht, daß keiner herüber komme, und ich nicht traute, ob des Bannes, dem Oberſt⸗ richter Alles zu entdecken. Morgen wäre es jedoch geſchehen,... da hat der Herr uns heut befreit. In dem Getümmel und Geſchrei, daß man die Stadt verrathen wolle und anbren⸗ nen, haben wir gewonnen die Flucht, und ſind hierüber ge⸗ kommen ganz und heil; laßt den Buben holen, der beim Pförtner ſitzt,.... laßt ihn holen, Herr, denn bei dem Gotte Iſraels, und bei des Vaters Seele, auf der der Friede ſey; der Knab iſt Euer Bruder, Eures Vaters Sohn!“— 315 „Johannes!“ rief Dagobert entzückt, und eilte nach der Treppe. Da tönte ſchon von unten die Stimme der alten Willhild, 3 die ſchon am Tage verſtohlen in's Haus gekommen war, um bei Frau Margarethen und dem Brautpaar ihren Glückwunſch abzuſtatten. Sie kam dem Sohne Diether's auf der Stiege entgegen, den Knaben ſchon im Arme, den ſie ſo eben beim Pförtner geſehen, ihn küſſend unter Thränen und ihn an's Herz preſſend, wie das eigne Kind:„Herr!“ ſtammelte ſie ſchluchzend, und den Knaben in des Bruders Arme legend: „Herr! preißt Gottes Barmherzigkeit. Johannes iſt der Knabe, Sfriſch, geſund und von graden Gliedern iſt er,— er hat mich erkannt, er nennt ſeine Eltern,— er bringt Freude und Glück in ihr Haus!“—„Und Ruhe, Friedensruhe in meine 1 Bruſt!“ ſetzte Ben David in ſeliger Zufriedenheit verſtohlen 5 bei, gen Himmel blickend:„So hab' ich doch nicht umſonſt gelebt; ſo hab' ich doch nicht gelitten umſonſt. Leid iſt ge⸗ tommen durch mich über dieſes Dach,— Freude, Freude führe ich an meiner Hand wieder hinein!“— Indeſſen hatte Dagobert die Thüre aufgeriſſen, und den Wiedergefundenen im Triumph in das Gemach getragen, auf Frau Margare⸗ thens Schooß.—„Mutter! Euer Sohn!“ rief er freude⸗. trunken, und der Knabe, der in ſeinen, des aus ſeinem Ge⸗ dächtniß Verſchwundnen, Armen unruhig und ängſtlich ge⸗ worden war, brach in lauten Jubel aus, da er die Mutter wieder ſah, deren Züge ihm nicht fremd geworden waren. „Mutter! Mütterlein!“ ſchrie er, weinend vor Entzücken: „Mütterlein, ich bin wieder da. Johannes, das liebe Jun⸗ kerlein von Frankfurt iſt wieder da. Nicht mehr von Dir laſſe mich, Mütterlein, und dem guten Manne, der mich 316 wiedergebracht! Hörſt Du, Mütterlein! hörſt Du? den ar⸗ men Johannes behalte bei Dir!“— Wer hat Mutterfreude je geſehen? Wer hat das Ent⸗ zücken je genoſſen, das vom Himmel herabfällt, plötzlich un⸗ erwartet in die Nacht des Grauens, wie ein duftiger Blu⸗ menkranz in ein düſtres Verließ? wie ein erquickender Him⸗ melsthau auf die lechzende Flur? Margarethe, die kräftige, ſtarke Frau, erlag dem Uebermaaß der Wonne nicht, aber die Kunſt des Malers, der es verſuchen wollte, dieſen Ju⸗ belauftritt zu ſchildern, würde unterliegen. Eine große Freude hat aber, wie ein großes Leid, das Eigene, daß ſie beklemmend auf die Bruſt derjenigen fällt, die nicht auf's innigſte Theil nehmen an dem Freudevollen. Alſo auch hier⸗ Die meiſten der Anweſenden zogen ſich in entferntere Gemä⸗ cher zurück, oder verließen das Haus, da das Getöſe auf den Gaſſen nachließ, und nur die eng Befreundeten blieben wohlwollend darin zurück, wie ein kleiner Hofſtaat die glück⸗ liche Mutter umgebend, die den Thron der reinſten Zärtlich⸗ keit beſtiegen hatte. Aber weder Margarethe, noch die Zeu⸗ gen ihres Glücks bemerkten, daß draußen Alles ruhiger wurde, daß Hornklang, Glockenſchall und Trommelſchlag aufhör⸗ ten, niemand bemerkte, daß ein Gaſt in die Stube getreten war, bis derſelbe ſich ſelbſt ankündigte. Dagobert, Margarethe und alle Umſtehende ſtaunten, denn es war der Schultheiß. Mit einem edel ritterlichen Anſtande näherte er ſich der Gattin Diether's, beugte ſich auf ihre Hand⸗ ſie küſſend, und redete:„Ich war nur Willens, ehrſame Frau, hier einen Becher Weins zu heiſchen,— ein Labſal, das Ihr gewiß dem ermüdeten Feinde nicht verſagt haben wür⸗ det, allein, zum Zeugen dieſes rührenden Auftritts — — geworden,— wäre ich in Verſuchung, Euch um Verzeihung vergangner Unbilden zu bitten, wenn ich wüßte, daß mir dieſe Vergebung nicht entſtehen möchte. Ich war ein Thor⸗ ein böſer Thor; ich habe Euer Unglück für Schuld, Eurer Jugend leichten Sinn für Tugendloſigkeit gehalten;... doch ich bereue, ich ſehe Euch nun rein, wie den Thautropfen im Blumenkelch vor mir; und die heutige Nacht, die durch ihre drohenden Schrecken auf's Neue alle biedern Bürger an einander ſchloß zu gemeinſchaſtlichem Streben, gibt mir den Muth, mit Zuverſicht Euch mein Geſtändniß abzulegen.— Reicht mir die Hand, Dagobert. Vergeßt⸗ und werdet mein Fürſprecher bei Eurer Mutter, bei Eurem Vater, der ſich heute durch ſeinen Eifer, ſeine Thätigkeit meine höchſte Be⸗ wunderung und den Dank der Vaterſtadt errungen.“— Welcher Augenblick wäre zur Verſöhnung geeigneter gewe⸗ ſen? Dagobert reichte fröhlich dem Ritter die Hand, und Frau Margarethe lispelte mit niedergeſchlagenen Augen: „Ich habe Euch nie gezürnt, geſtrenger Herr. Ich beklagte nur Eure Verblendung, und bin erfreut, daß Ihr mir Eure Hochachtung ferner nicht verſagt. Wo iſt aber mein Ehe⸗ herr?“ fragte ſie lebhafter, den Knaben an ſich drückend: „Wo weilt er? Ihr ſpracht von drohenden Gefahren? Sind ſie vorüber, oder?...“—„Vorüber;“ erwiederte der Ritter beruhigend:„vorüber durch die redliche Hochherzigkeit einer ſchlichten Magd, die unter dem härnen Kittel ein Ge⸗ müth voll Adel bürgt. Ohrenzeuge einer Verſchwörung ge⸗ worden, die Leben und Habe aller Bürger,— die Eure vor allen— betraf, wollte ſie, was ſie gehört entdecken. Teuf⸗ liſche Schadenfreude am Böſen trat ihr hinterliſtig in den Weg. Die arme Dirne konnte aus einem Kerker, in den 318 man ſie geſperrt, nicht entwiſchen, als in den letzten Augen⸗ blicken vor der beſtimmten Stunde des Verbrechens, wo es ihr gelungen war, ihre Stimme andern vernehmbar zu ma⸗ chen. Die Tücke ihrer Gegnerin, einer Kloſterfrau, leider dieſem Hauſe befreundet,— kam ſchnell an den Tag. Die Oberin ließ die Strenge walten, und hat die Unverbeſſer⸗ liche zu ewiger Clauſur verdammt. Für die Welt, der ſie nur ſchaden wollte, iſt ſie verloren. Indeſſen rief Ju⸗ dith, die wackre Magd, mich und die Bürgermeiſter aus dem Schlummer; mit uns die Stadt. Gott hat gnädig den Schild vor uns gehalten. Viele verdächtige Geſellen fielen in unſere Hände. Ein Schiff, angefüllt mit andern, entkam auf dem Strome. Einen abſcheulichen Rädelsführer hat die Vehme gerichtet; einen andern, bis zur Unkenntlich⸗ keit von Roſſen und Menſchen zerſtampften Leichnam fand man auf der Straße. Mit der größten Wachſamkeit konnte man dennoch nicht verhüten, daß ein Haus, von Meßfremden größtentheils bewohnt, von dem mord- und raubluſtigen Geſindel mit Feuer angeſtoßen wurde. Dort, begriffen zu löſchen, zu retten und zu ſchirmen, befindet ſich Euer Ge⸗ mahl, ehrbare Frau. Bald wird er heimkehren, ſeine Bür⸗ gerkrone Euch zu Füßen zu legen, um ſich mit den Freuden des Wiederſehens ſeines Sohns zu bekränzen. Glück auf! aber auch Dank dem Biedermanne, der alſo ſein Unrecht gut ge⸗ macht, und vergeſſen an der Thüre ſteht, wie ein Fremder. Komm näher, David, den ich wohl erkenne! fürchte nichts! Der Bann ſoll von Dir genommen werden, und dieß bewir⸗ kend, will ich beweiſen, daß ich's fürder redlich meine mit dieſem Hauſe und ſeinem Frieden.“— Die Zuhörer, die bisher der Rede des Schultheißen mit ängſtlichem Schauer gelauſcht hatten, verklärten nun ihr Antlitz zum Lächel⸗ Zufriedenheit, und beeiferten ſich um die Wette, dem Juden, dem die innere Gemüthsbewegung auf dem unſchönen Ge⸗ ſichte ſtand, die redlich verdiente Dankbarkeit durch Wort und Handſchlag zu beweiſen. Sogar Ammon, der an der Thüre lauſchte, fühlte ſich davon ergriffen, ſpürte eine Thräne in ſeinem Auge, und hätte es nicht über ſich gewinnen kön⸗ nen, dieſes Feſt der Herzen durch die Kunde ſeiner That zu ſtören.„Gott ſegne meine Edelfrau!“ ſprach er in ſich hin⸗ ein:„Sie und ihre Tochter ſind ſo ſelig, wie faſt nie. Darum ſollen ſie auch nie erfahren, daß ihr Vater und Gatte blutig gerächt wurde. Weiß ich's doch, und war doch die That gerecht.“— Plötzlich ſchoß der Diener Eitel an ihm vorüber, riß die Thüre auf und rief freudig:„Der Herr kehrt heim! Der gute Herr! welche Freude wird das⸗ ſeyn!“— Dem Ankommenden ſtrömte Alles entgegen, und alle Zungen ſprachen zu ihm, und alle Augen ſtrahlten ihm Freude zu, und alle Hände legten dem von Luſt und Ueber⸗ raſchung Trunknen ſeinen Knaben, ſeinen Sohn in die zit⸗ ternden Vaterarme.„Vater! Vater! biſt Du's, und kennſt Du das liebe Junkerlein aus Frankfurt noch?“ fragte der wahre Johannes in ſeiner kindiſchen, ausgelaſſenen Wonne: „Gelt! ich hab Euch wiedergefunden, ihr meine Aeltern? Gelt, ich bin geſund heimgekommen, und ich darf jetzt bei Euch bleiben? Ich muß nicht wieder zu Willhild auf das Dorf, wo man die ſchlafenden Kindlein ſtiehlt?“—„Nein, nein!“ betheuerte der begeiſterte Greis:„Nicht mehr aus dieſem Hauſe, nicht mehr aus dieſen Armen!“— Indem nun Diether, vorſchreitend, den um ihn geſammelten Kreis durchbrach, und vergebend und vergeſſend dem Schultheiß — 4 —— 320 nan ſihand ſchüttelte, wurden hinter ihm zwei Geſtalten ſicht⸗ bgar: ein Mann, in wohlhablicher Kleidung und ein ver⸗ ſchleiert Frauenbild.— Dagobert erſchrack heftig, denn der Mann war Jvel, der Wechsler aus Lüttich, und unter dem bergenden Schleier konnte nur Eſther athmen. Es ſchnürte ihm das Herz zuſammen, während Margarethe den Ehe⸗ herrn nach den Fremden fragte.— „Das Haus, indem ſie wohnten, brannte nieder,“ er⸗ klärte, ſich entſchuldigend, der Altbürger.„Ihre Habe habe ich gerettet, und bot ihnen ein Unterkommen für dieſe Nacht, obſchon ſie ſich ſträubten, mir hieher zu folgen. Aber, — ſeh' ich recht?“ ſetzte er bei:„Hier erſt, guter Freund, erkenne ich Eure Züge. Beim Blitz, ihr ſeyd der Mann, dem ich das Geld gezahlt, das ſeinem Schwähervater zuge⸗ pört, und dieſe Frau....“—„Gottes Wunder!“ ſchrie hier plötzlich Ben David auf, deſſen bis jetzt die dem Alten Erzählenden in der Freude ihres Herzens kaum erwähnt hatten, und der demüthig hinter den Vornehmern ſtand: „Gottes Wunder! es iſt nicht geweſen ſeyn Geiſt. er iſt es ſelbſt! Aſcher! Aſcher! mein Sohn! mein Sohn! ſch ich dich wieder,.. und weh geſchrieen,. wie ſeh ich Dich wieder?“—„Vater! Vater! hochgelobter Gott in Deiner Gnade!“ rief mittlerweile die Verſchleierte, deren Verhül⸗ lung ſank, deren Züge Eſthers waren, deren Kniee brachen⸗ und welche hingleitete in des beſtürzten Dagoberts Arm⸗ ſogleich unterſtützt von ihrer glücklichen Nebenbuhlerin Re⸗ gina. Dieſer Auftritt wandelte die Zuſchauer zu Stein, den Schultheiß ausgenommen, der, von Eſther's Anblick beſchämt⸗ davon ſchlich aus dem Saale, und ausgenommen Aſcher⸗ der auf ſeinen Vater zugelaufen war, und mit ihm⸗ lebhaft und unterwürfig ſich geberdend, einen wichtigen Zweiſprach hielt in hebräiſcher Zunge. „Eſther! Tochter Ben David's!“ rief Dagobert der Er⸗ wachenden in's Ohr:„Sage, Du hier? Du betrittſt dies Haus?“— Die Augen öffnend, aus welchen die zärtlichſte Liebe auf Dagobert ſtrahlte, erwiederte die Liebliche, reizend ſelbſt in der Bläſſe der Ohnmacht:„Euch, verehrter Herr, ſollte ich noch einmal ſehen; Zeuge Eures Glücks ſeyn ſollte ich; Euch finden mußte ich im Arme der Braut und der wonnevollen Eltern. So wollte es das Schickſal und der hochgelobte Gott, der noch einmal prüfen wollte dies Herz. — Aber,“— ſetzte ſie mit himmliſcher Zufriedenheit auf Stirn und Wange hinzu:„geprieſen ſey ſeine Huld! Ich tann Euch offen ſehen in's Auge, ohne neidiſch zu ſeyn auf Euer Wohl, und gut hat er's gemacht und recht in ſeiner unerforſchlichen Weisheit!“— Wie ſtaunend und ſprachlos auch Dagobert und ſeine junge Gattin an den Lippen der Redenden hingen;— ihr Staunen, ihre Ueberraſchung ſtei⸗ gerte ſich, da Eſther in ihres Vaters Arme flog, der gerade ſeinen wiedergefundenen Sohn geſegnet hatte; denn Ben David ſprach:„Geſegnet ſey der Herr, der meine Augen offen gehalten, daß ich ſehe zurückkehren zu den ſchönen Hüt⸗ ten Jakobs den Verlornen, und preiſen darf das Loos der⸗ ſenigen, die ich liebe, trotz einem Sohne, weil ſie nicht ge⸗ fallen iſt in die Schlingen der Abtrünnigkeit! Iſt mir's je⸗ doch geweſen wie ein Traum, daß man mir geſagt, Du ſeyſt vermählt, mein Kind! wo iſt Dein Mann, Kind, daß ich ihn ſegne mit den Fingern meiner Hand und dem Spruche des Gerechten?“— Da blühte das Geſtändniß des größten Edelmuths, den je ein Weib bewieſen, in Purpurflammen . auf Eſthers Angeſichte auf; und ſie ſchüttelte ehrerbietig den Kopf, und beugte ſich nieder vor Ben David, und ihre Lippe ſtammelte:„Bei dem Gedächtniß des Raaf! Ich bin Jungfrau, und unvermählt!“— Dagoberts Hand zuckte heftig in Regina's Hand bei dieſem Geſtändniß, und noch einmal erhob ſich mit Sturmesgewalt eine Bewegung in ſeiner Bruſt, auf welcher ſich der böſe Geiſt, der in den Tiefen ſchlummert, herauf arbeiten wollte, zur Geſchäftigkeit und That.„Du warſt getäuſcht!“ raunte er dem erbleichen⸗ den Bräutigam zu:„Verrathen und betrogen um Dein Le⸗ bensglück! Warum iſt ſie ſchon fern, Fiorilla, die Lügnerin? warum Dir ſo nahe,— unauflöslich an Dich geſchmiedet, die minder als Eſther geliebte Regina? Gibt es kein Mit⸗ tel, zu ändern, was vorgegangen?“— Das Geflüſter des böſen Geiſtes verſtummte jedoch, und zurück wogte die finſtre Welle, auf welcher er gekommen, denn Dagoberts Treue und Männlichkeit behielt den Sieg. Beruhigend und liebe⸗ voll blickte er auf Reginen hernieder, die, von Eſthers Be⸗ kenntniß erſchreckt, mehr denn Dagobert, ängſtlich das Haupt an ſeine Bruſt gelegt hatte, das Auge zu ihm emporge⸗ richtet, als wollte ſie fragen:„Mein Geliebter? wankſt Du nun? bereueſt Du nun? und bin ich die Deine noch⸗ oder ſchon von Dir getrennt?“ Er umſchlang ſie mit der Innigkeit eines wahren und redlichen Gefühls, drückte einen Kuß äuf ihre Stirne, und wendete ſich mit offnem Geſichte zu Eſther, die, in den Armen des Vaters lie⸗ gend; mit wehmüthiger Freunvlichkeit nach ihm herüber ſah.—„Seltſames Mädchen!“ ſprach er, ohne Vorwurf, ohne Bitterleit:„Ich weiß nicht, ſoll ich Dir zürnen, oder Deinem Gedächtniß eine doppelte Liebe ſchenken? Bunt und 323 täuſchend ſchimmernd⸗ wie eine Schlange, windeſt Du Dich zu dem Ziele der Tugend, und fürchteſt nicht, einſt zu be⸗ reuen?“—„Nimmermehr, mein theurer Freund, den ich alſo nennen darf, vor allen, die uns umſtehen!“ erwiederte Eſther himmliſch lächelnd:„So wie wir getheilt haben die Liebe einer abwechſelnd düſtern und roſigen Zeit, alſo müßten wir auch die Reue theilen, und man fühlt dieſe nicht im Be⸗ ſitze eines reinen, ſchönen, tugendhaften Weſens, wie Eure Braut; man fühlt ſie nicht in dem Bewußtſeyn erfüllter Pflicht. Glänzen nicht hier in jedem Auge Thränen der Freude und der Rührung? Zwei Väter, zwei Mütter ſeg⸗ nen meinen Entſchluß, und aus der ſchlechten Jüdin, die, hätte ſie auch erſchlichen durch die Taufe das Bürgerrecht in dieſem Hauſe, dennoch immer darin geblieben wäre eine Fremde, iſt geworden auf einmal eine Freundin, ein Geſchöpf, das man duldet um ſeines Gemüths willen. Ich kann nicht dankbar genug preiſen den Herrn, der mir Stärke genug gegeben, auf mich ſelbſt zu wälzen eine Schuld, um Euch⸗ theurer Herr, zu bewegen, den Schritt zu thun, der, uns plötzlich auf ewig trennend⸗ Eure Sinne zurückführen mußte, in den Kreis der Euern, Euers Standes, Eurer Pflichten. Ich wollte Euch nicht mehr ſehen, und grolite faſt mit dem hochgelobten Gott, daß er mich noch einmal in Eure Nähe geführt, weil ich zu ſtören glaubte,— nicht meiner Seele Frieden, der unerſchütterlich beſteht,— ſondern Euer harmlos Erſtlingsglück; allein nun benedeie ich Jehovah und ſein Geſetz, da ſie mir zum Lohne wieder finden ließen den ſchmerz⸗ lich beweinten Vater!“— Sie warf ſich entzückt von neuem an den Hals Ben David's.—„Liebenswerthes Mädchen 1 rief Margarethe, und umſchlang, das Vorurtheil vergeſſend, 21* Eſther's Nacken.„Wandle ſtets auf dieſer Bahn!“ ermahnte, ihre Hand ergreifend, die bewegte Edelfrau;„ſieh hier mehr als eine Chriſtin!“ ſprach Dagobert in ſeligem Entzücken zu Regina:„ſieh hier eine Heilige!“ Diether trocknete ſich, halb abgewendet, ſein naſſes Auge, und ſagte:„Gott ſegne Euch, ihr armen, verirrten, verblendeten Menſchen, die mir aber Gutes gethan haben, wie Brüder, und die ich ſchier lieben muß, wie ſolche:— Sprecht indeſſen! Ihr habt mir den Sohn wieder gebracht, die Luſt meines Alters, ſo wie ſein älterer Bruder der Stolz deſſelben iſt. Ich bin nicht undankbar! fordert meine Habe! hin geb' ich ſie Euch mit Freuden für dieſes Kleinod, das Ruhe und Heiterkeit auf ewige Zeiten unter mein Dach zurückführt. Warum bin ich nicht der Mann, der das römiſche Reich bewacht und hütet? beneidenswerth ſollte Euer Loos ſeyn!“— Ben David lä⸗ chelte, ſeine Kinder umſchlingend, daß ſeine vernarbten Züge faſt einen angenehmen Anblick gewährten.„Ehrſamer Herr!“ rief er froh bewegt:„bin ich nicht ſchon geworden ein ge⸗ krönter König, voll Ehren und Freude? Wer ſiht mich in der Kinder Mitte, und beneidet mich nicht? Behaltet, Herr, Eure Gaben, und laßt dafür fallen einen Blick der Gnade auf einen Armen, der bis jetzt im Winkel geſtanden iſt, wie einer der nicht zu den Fröhlichen gehört.“— Er führte den armen kleinen Hans, der ſich ſchüchtern hinter einen Seſſel gezogen hatte, dem Großvater zu, an deſſen Halſe noch der Wiedergefundne ruhte. Hans hatte die Augen voll Thränen, Schmerz auf den Lippen, und ſeine Händchen falteten ſich bittend.„Verſtoße mich nicht, Vater!“ ſeufzte er:„und Du, mein gutes Mütterlein! was hab' ich Dir gethan, daß Du mich nicht mehr anſiehſt, um des fremden 325 Buben willen, der mir ein bös Geſichte macht?“— Faſt beſchämt bogen ſich Diether und Margarethe ſchmeichelnd zu der gekränkten Unſchuld hernieder; als aber Dagobert, deſ⸗ ſen Blicken nichts entging, des echten Bruders grollendes auf Hans gerichtetes Auge erſah, da trat er in die Mitte, Regi⸗ nen an der Hand, und ſagte:„Was ich einſt gelobte, will ich jetzo halten, ſo Gott mir hilft, und mein redliches Weib⸗ lein einſtimmt. Dieſes Kind eines unglücklichen Bundes, einer Schweſter, die uns haßte und haſſen wird bis zu Ende, es entgelte nicht die trübe Stunde ſeiner Geburt. Mein Sohn ſey Hans, und— willſt Du, meine Hausfrau— der erſte Sprößling unſrer jungen Ehe!“— Die liebliche Regina beugte ſich, von Mutterahnung überraſcht, zu dem Knaben nieder, und weihte ihn durch ihren reinen Liebeskuß zu ihrem Sohne.— Lobend und glückwünſchend drängten ſich die Eltern um das Paar; Eſther zog aber raſch und ſtürmiſch Vater und Bruder in das Seitengemach.—„Ich kann, ich darf dieß Schauſpiel nicht wieder ſehen!“ ſprach ſie mit bewegtem Herzen:„ich fühle dann, daß ich nur bin ein ſchwaches Weſen von Staub. In Eurer Mitte laßt mich ſeyn beruhigt und fröhlich in meiner Pflicht, und laßt uns entweichen aus Frankfurt, wo ich nimmer athmen kann— „Wir gehen, wohin mich ruft eines wackern Fürſten Gnaden⸗ ſtimme, gen Innsbruck!“ verſetzte froh der Vater, die Hände dankbar gen Himmel hebend:„ich bin wieder geworden ein ſchuldloſer Mann, und von mir wird weichen Bann und Mackel; ich halte wieder bei mir den verlornen Sohn, der in Buße und Noth wiedergefunden hat Iſrael. Ich rühme mich einer Tochter, die erkannt hat, daß die Leidenſchaft de⸗ müthiger ſeyn muß, als die Liebe zu dem Herrn, und der — Lehre, in der wir geboren! Freude alſo in Iſrael und in den Zelten der Gerechten! Du, Aſcher, wirſt meinen Stamm fortpflanzen auf die ſpätſten Zeiten, wie es thaten die Vor⸗ eltern, auf denen der Friede ſey, und Du, mein Kind Eſther, wirſt den Lohn Deiner Tugend an der Hand eines recht⸗ ſchaffenen Mannes aus Iſrael finden!“—„Nimmer, mein Vater;“ erwiederte raſch, aber ernſt und feſt entſchloſſen, Eſther:„nicht dem Manne aus Edom, nicht dem Sohne Jakobs gehöre jemals Dein Kind. Ich will Dich pflegen, bis Dein Angeſicht bleich wird, und dann erlöſchen einſam und ruhig, das ſchwör' ich bei Gott! Schilt mich nicht. Nur einmal blüht im Lenz der Baum, die Blume. Die Liebesblüthe meines Frühlings iſt dahin, kehrt niemals wie⸗ der. Die Erinnerung labe mich fortan, und des Wieder⸗ ſehens Hoffnung. Freudig ſehe ich zurück auf meinen Pfad, freudig und zuverſichtlich in die Ferne. Dem hochgelobten Herrn bin ich treu geblieben, und ihn, den Freund, finde ich wieder— glaubt mir's— unter den Palmen des ewigen Zions; ſeiner würdig iſt geblieben meine Seele, und ſie wird mit der reinſten Wonne ihn und die Gattin umſchlin⸗ gen unterm Klang der goldnen Harfen der Gerechten,— unter der Engel Hallelujah!“ Ende. H8 SLM SEMdE