Rourbochblndoral d. Unw. Ibliothet; ⸗ 2 0 Deutſches Sittengemälde aus der erſten Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts. 8 Von C. Spindler. Geſpenſt der Vorwelt: Warum rufſt Du mich herauf aus meinem dunkeln Grabe? Zauberer. Auf daß Du Zeugniß gebeſt von einer dunkeln Zeit. Bweiter Theil. Stuttgart, Druck von Fr. Müller. 1838. Erſtes Rapitel. Der Lenz iſt angekommen! Habt ihr es nicht vernommen? Es ſagen's euch die Vögelein, Es ſagen's euch die Blümelein: Der Lenz iſt angekommen! Ihr ſeht es an den Feldern, Ihr ſeht es an den Wäldern; Der Kukuk ruft, der Finke ſchlägt, Es jubelt, was ſich froh bewegt Der Lenz iſt angekommen! Hier Blümlein auf der Heide, Dort Schäflein auf der Weide! Ach ſeht doch, wie ſich alles freut, Es hat die Welt ſich ſchön erneut: Der Lenz iſt angekommen! 6 Altd. Lied aus der Sage vom Venusberge. Es iſt doch eine gar ſchöne muntere und ſelige Zeit, wenn der Frühling wieder herein kommt in's Land, der gar nicht unedel von den Dichtern einem Bräutigam verglichen wird, welcher ſeine Braut zu ſchmücken und zu umpfangen naht, im Glanz und Prunk des Hochzeittages. Ein Fürſt der Erde könnke er nicht minder genannt werden, denn tauſend leicht⸗ beſchwingte und buntgefiederte Herolde ziehen vor ihm her, ſeine Ankunft verkundend; himmelblau und golden iſt ſein Kleid, an das ſich der fernen Eisberge Saum anſchmiegt, 2 — „ 2 wie Hermelinsverbrämung, und alle Blüthenbüſche fügt er in eine duftende Krone, womit er ſich und ſeine Liebe ziert. Und die Braut, im Gewande zarter Hoffnung, umgürtet von den Silberbändern, deren Juwelenſchmuck erſt wieder lebendig wurde durch des Erſehnten feurigen Goldblick, winkt dem Nahenden mit jugendlich grünen Zweigen, und ſcheint ihn demüthig zu fragen: Kommſt Du noch einmal, mit mir den Bund zu ſchließen in neuer Verjüngung? Nicht umſonſt, Geliebter, trägſt Du die Farbe der Beſtändigkeit, denn viele tauſendmal begingen wir ſchon unſere Feier, und dennoch freiſt Du keine Andere als mich.— Der Hochzeiter ſchüttelt hierauf lächelnd die wohlriechenden Locken, daß Blüthe auf Blüthe und Perle auf Perle dgraus in den Schvoß der Freundin ſinkt, als ein Geſchenk ſeiner Freigebig⸗ keit. Keine Andere als Du, ſpricht er, ſchmückt mir Lager und Teppich ſo bunt und reizend; keine wölbt mir Lauben luftig und ſchattig, wie Du; keine Andere theilt meine Luſt, das Leben zu beglücken, das aus Dir ſtammt, in Dir ver⸗ geht, und wieder von Neuem aufſproßt, ſich unſerer zu freuen. Glucklich ſey das Geſchlecht während meines Reiches Dauer, denn nach mir kommen ſtrengere Herrſcher, und die Sorge, und die Welkezeit und die Nacht!— Wer hat ſich nicht ſchon gefreut unter dem lindwehenden Panier des fröhlichen Lenzes? Wer, der ein fühlend Herz in der Bruſt trägt, hätte nicht ſchon unter dem ſonnigen Frühlingsſchein die Arme ausgebreitet mit unnennbarem Sehnen, entzückt von Dankbarkeit, erregt von milder Rüh⸗ rung? Predigt die ſchöne Jugendzeit des Jahres nicht Friede und Verſöhnung? Entwaffnet ſie nicht den Haß in edeln Gemüthern? O wahrlich, dieſe goldenen Tage ſollten kein gezücktes Schwert ſchauen, die ſüße Frühlingsluft kein dro⸗ hend Wort vernehmen!— Aber die Leidenſchaften ziehen eine Eiswand um des Menſchen Herz, die auch der Lenz nicht zu ſchmelzen vermag; das rohe jüngere Geſchlecht kum⸗ mert ſich nicht um den Wonnemond, weil ſeine kräftige Be⸗ gehrlichkeit nicht nach der Sonnenwende fragt, um Wonne zu genießen; und des reifen Alters Vorzug iſt's, nur das Leben zu verſtehen, ihm Sinn und Deutung zu geben, und zu wiſſen, daß unſer irdiſch Theil ein treues Conterfei des Wechſels in dem Weltall darſtellt. Wenn er's auch nicht ausſprach, ſo fühlte doch Herr Diether, der Altbürger, daſſelbe, da er an einem wunder⸗ ſchönen Worgen in ſeinem Gärtlein luſtwandelte, das vor der Stadt gelegen war, und trotz ſeinem einfachen Planken⸗ gehäge und dem darin ſchlicht von Dielen auferbauten Luſt⸗ und Werkhäuslein höher von Diether geachtet wurde, als ſein ſtolzes Haus zu Frankfurt ſelbſt. Auf den Arm ſeiner Ehefrau geſtützt,— denn noch war die Wunde, an der er darniedergelegen, nicht völlig vernarbt, ſchritt er ſinnend, aber hellen Auges, auf und nieder, und erging ſich in der würzigen Luft und dem warmen Himmelshauche. Frau Margarethe ihrerſeits in Gedanken verſunken, aber dennoch ein Auge ſorglich auf den preſthaften Gatten geheftet, während das andere nach dem kleinen Hans hinüberſchweifte, der mit Elſen in einem Winkel des Gartens ſpielte, ſchwieg gleich ihrem Herrn. Da begehrte der Letztere zu ſitzen, und Mar⸗ garethe führte ihn zu der Bank an der Thüre des Häuschens. Als ſie nun beide darauf Platz genommen, fingen die Glocken der Stadt an, ihr Geläute ertönen zu laſſen. Diether ſchlug die Hände fromm zuſammen, ſah eine Weile ſtill vor ſich hin, „ 6 und redete alsdann:„Sie haben in der Stadt ein gottes⸗ fürchtig Werk vor. In dieſem Augenblicke legt der hoch⸗ würdige Stiftsdechant, Herr Jakob Herdan, den Grundſtein zu einem ſtattlichen Thurme, der am Damm aufgeführt wer⸗ den ſoll. Ehrenwerth iſt es, da ein Denkmal für den lieben Herrgott hinzuſetzen, wo früher das Rathhaus ſtand, auf dem der Bürger Wohl beſorgt wurde; und ziemlich iſt's zu gleicher Zeit, daß ich den Gebreſte verhinderte, von Amts⸗ wegen bei der heiligen Handlung zu ſeyn, den feſtlichen Augenblick begehe mit frommer That und Rede. Seht, meine werthe Hausfrau: ich habe es bis jetzt aufgeſpart, mit Euch etwas zu beſprechen, das mir am Herzen nagte. Es kann Euch nicht entgangen ſeyn, daß ich ſeit einiger Zeit wohl nicht derſelbe gegen Euch war, der ich früherhin geweſen. Ich kann leider nicht läugnen, daß der Tag, an welchem Euer Bruder uns mit gewohnter Unverſchämtheit heimſuchte, eine Quelle des Argwohns und traurigen Verdachts für mich geworden. Ich ſchäme mich ſchier, die Reden des wüſten Menſchen zu wiederholen, die niemals einen Eindruck auf mich hätten machen ſollen. Aber der Menſch iſt ein ſchwaches Geſchöpf. Von dem Kleineren zum Größeren fortzuſchreiten, — ſelbſt den Funken zum Brande anzublaſen, iſt ihm ein gering Geſchäft. Der Böſe verblendete mich ganz, da mich der Meuchelmörder überfallen und gezeichnet hatte. Ich be⸗ klage den Wahn, der mich gehäſſig gegen Euch anreizte, daß ich Eure Hülfe von mir ſtieß, und mich wie ein Toller ge⸗ berdete, bis ich ohnmächtig mich Eurer Fürſorge überlaſſen mußte. Da gingen mir endlich nach und nach die Augen auf. Euer ſtill beſonnenes Thun, gleich weit entfernt von dem Trugeifer einer Heuchlerin, wie von der ſchadenfrohen — 7 Sorgloſigkeit eines Weibes, das ſich Wittwe zu werden ſehnt, erweichte mein Gemüth, wie meine Wunde. Dennoch, arg⸗ wöhniſch, wie ich war, las ich aufmerkſam in Eurem Blicke, und mir entging die ruhige Freude nicht, mit welcher Euch meine Geneſung erfüllte. O, dieſe Ueberzeugung trug viel zu meiner Herſtellung bei, und, als ein gerechter Mann, der ſich nicht ſcheut, ſein Unrecht einzugeſtehen, frage ich Euch heute, unter'm Blau des Himmels, und in Gegenwart unſeres Kindes, ob Ihr den gräulichen Verdacht vergeben könnt?“ „Mein werther Eheherr....„ ſtammelte Margarethe uberraſcht und beſchämt:„Wie könnt Ihr doch meinen, daß ein Groll gegen Euch....“ „Lieb Weib,“ fiel Diether ein:„Ich liebe das Geradezu. Scheltet mich aus, wie einen Heiden, daß ich zweifeln konnte an Eurer Ehre und Eurem Chriſtenthum, auf das- eugniß eines Lügners hin, und auf die That eines meuchleriſchen Buben. Nein,“— fuhr er fort, Magarethens Wange und Hand ſtreichelnd,—„dieß fromme Angeſicht konnte mich nicht an einen Andern verrathen; dieſe Hand, die mich ſo zart und ſorgſam pflegte, hat nicht auf das Leben eines alten Mannes gezielt.“— „Jeſus!“ ſeufzte Margarethe erſchrocken:„Was kommt Euch zu Sinne, lieber Herr? Die Heiligen mögen Euch ver⸗ zeihen, wie ich es thue, ob ſolchem ſchnöden Verdacht.“ „Wenn Ihr vergebt, die Beleivigte, ſo thun es die Hei⸗ ligen nicht minder;“ antwortete Diether:„und förder ſollt Ihr nicht klagen können. Der Verſucher ſoll nimmer an mich kommen. Mein Siechthum hat gar Vieles anders ge⸗ macht in meinem Innern. Eine recht ſüße Wehmuth, wie 8 ich ſie nie gefühlt, ſeit ich zum Erſtenmale freite, hat mir's angethan, und den Wunſch in mir erregt, Alle, die mir nahe angehören, um mich her verſammelt zu ſehen: den Bruder, den Sohn, und. ach ja. und auch die Tochter, obgleich ſie ſich von uns geſchieden hat mit Vorbedacht. Seht, Mar⸗ garethe, auch um deſſenwillen muß ich Euch danken. Wall⸗ rade hat Euch ſchwer beleidigt, und dennoch tratet Ihr nicht zwiſchen ſie und mein Verlangen.“ „Die Jahre werden viel geändert haben;“ erwiederte Diethers Gattin ſanft:„Damals wollte ſie nicht meine Tochter n jetzt würde ſie vielleicht meine Freundin.“ „O gewiß;“ bekräftigte Diether:„die Zeit macht milder, wie das Sprichwort heißt. Aber wehe thut mir's, daß bis jetzo auf mein redlich Schreiben weder Antwort kam, noch der herzliebe Beſuch von den Dreien, die ſich zu Koſtnitz plötzlich zuſammen doch gefunden. Ich hatte mich darauf gefreut wie ein Kind. Ich hatte mir alles ſo ſchön und heimlich ausgedacht,— wie ich Wallraden— die liebe wider⸗ ſpenſtige Tochter— in Deine Arme führen wollte; wie ich den zu unſerer Wonne ſo glücklich geſundeten Sohn an der Geſchwiſter Bruſt gelegt hättez. aber meine Freude fiel in den tiefſten Brunnen. Noch am verwichnen Sonntage zupfte es mich an allen Nähten, und eine falſche Ahnung flüſterte mir zu: heute,— ja, heute kommen ſie ganz gewiß. Schier hätte ich mich auf die Heerſtraße tragen laſſen, um ihnen in die Ferne entgegen zu ſehen. Der alte Thor hätte ſich aber blind geſchaut. Dem Greiſe verſagen ſich die, die er liebt.“— „Habt Ihr denn nicht uns?“ fragte Margarethe mit ängſtlicher Freundlichkeit, und hob den Knaben, der ſich 9 herbei gemacht hatte, auf den Schvoß des Gatten, deſſen Nacken ſie umſchlang.„Bedürft Ihr, um glücklich und zu⸗ frieden zu ſeyn, noch anderer Herzen, die Euch fremd gewor⸗ den zu ſeyn ſcheinen?“ „Nicht doch, geliebte Ehefrau!“ betheuerte der gerührte alte Mann, den Buben und ſeine Gattin abwechſelnd herzend und liebkoſend;„nicht doch, herzliebes Söhnlein! Aber, wenn ich Euch gleich inniger im Buſen trage, als die Vermiß⸗ ten, ſie ſind doch auch meine Kinder; vorab der Dago⸗ bert, der die Freuden des Hausvaters dahinten laſſen muß, um der Mutter zu einer fröhlichen Urſtänd zu helfen.“ „Hier, ſagt man, ſoll ich Herrn Diether finden?“ fragte am Eingange des Gartens eine Stimme, die Margarethen nicht fremd, ihrem Gatten eine liebe war. „Wallrade!“ riefen beide überraſcht, und Diether's wan⸗ kende Kniee verſagten dem Aufſtehenden den Dienſt. Indeſſen kam die Unerwartete und dennoch Erſehnte langſam und ſtolz herangeſchritten, von Elſen begleitet, die ihr den Weg zu dem Elternpaare wies.„Wallrade! Tochter!“ ſtammelte Diether unter Thränengüſſen der Freude, die Arme weit öffnend.„Willkommen, Fräulein!“ ſetzte die Stiefmutter hinzu, die Hand ihr reichend. Aber weder in die Arme des Vaters ſank die Tochter, noch ergriff ſie die dargebotene Rechte. Einige Schritte von Diether entfernt, ſtand ſie ſtille, warf einen durchdringlichen Blick auf das Paar, und ſchlug die Hände zuſammen.„Herrgott!“ ſprach ſie in dem tiefen Tone, der nicht ſelten auf ein hartes Gemüth ſchließen läßt:„Wie verändert finde ich Euch, Vater! Die letzten Jahre ſcheinen Euch nicht zugeſagt zu haben!“ Diether über⸗ hörte dieſe Worte, bewegt von den Gefühlen, die das ſchwache 10 Alter doppelt empfindet; aber Margarethe faßte ſie auf, die wie ein kalter Hauch an ihr warmgewordenes Herz drangen. „Die letzten Tage, wollt Ihr ſagen, Fräulein!“ erwiederte ſie empfindlich:„Die letzten Jahre waren gut, und von Eurer Kindlichkeit wird es abhängen, ob der heutige Tag ihnen gleichen ſoll. Euer Vater harrt noch immer der ſchick⸗ lichen Umarmung entgegen. Ich möchte Euch nicht gern umſonſt darauf aufmerkſam gemacht haben.“— Wallrade näherte ſich dem Vater, küßte ſeine Hand und Wange mit Förmlichkeit, und neigte ſich ſteif vor Marga⸗ rethen.„O mein liebes Kind!“ ſprach Diether, der ſie neben ſich auf das Bänkchen niederzog:„Wie erquickt mich Dein Anblick. Ja, in Frauenherzen wohnt Verſöhnlichkeit und der Funke der Liebe. Du, das verloren geachtete Kind, kehrſt in's Vaterhaus zurück, während Sohn und Bruder ferne bleiben.“— Wallrade zuckte leicht die Achſeln und wendete ſich zu Margarethen mit den Worten:„Ehrſame Frauz wenn mich der Vater ſchon verloren achtete, um wie viel ſtrenger mag nicht Euer Urtheil über mich gelautet haben?“— „Ihr irrt;“ verſetzte Margarethe ruhig:„was das heiße Blut der Jugend fühlte, ſteht den reifern Jahren zu, wieder gut zu machen. Mein Herr liebt Euch, darum ſeyd Ihr auch mir kein unlieber Gaſt.“—„Wacker geſprochen, liebe Wirthin!“ rief Diether, ihr entzückt die Hand entgegen⸗ ſtreckend:„Ihr ſeyd eine Perle, wie ſie wohl ſelten ein Greis in ſeinen Winterkranz flechten darf, und ich denke, Wallrade ſoll Euch bald innig befreundet ſeyn. Umhalst Euch vor meinen Augen. Das letzte widerſtrebende Gefühl verſinke in der freundlichen Annäherung.— So; und nun, meine wieder⸗ beſten, wenn ich ihm das unwillkommene Geſicht entziehe.“ 11 gefundne Tochter, küſſe auch Deinen Bruder, den kleinen muthwilligen Johann, die Wonne meiner alten Tage.“— Wallrade ſah ſich mit verdüſtertem Antlitz nach dem Jungen um, der, wie Margarethe erſt jetzt bemerkte, ſich hinter die Bank und die Gewänder der Mutter verkrochen hatte.— „Johann, wo ſteckſt Du?“ fragte Diether liebreich:„Komm⸗ umarme Deine Schweſter!“—„Ei, du einfältiger Bube; ermahnte Margarethe den Weigernden:„Was muß denn Schweſter Wallrade von Dir denken? Du biſt ja kein Un⸗ geheuer, das ſich nicht am Tage ſehen laſſen darf. Komm, komm doch!“— Sie zog den ſchüchternen Buben, der ſich aus allen Kräften ſträubte, mit Gewalt herbei, und erſchrack jetzo ſelbſt über die Bläſſe, die ſein Geſicht überzogen hatte. Aengſtlich gebückt, mit niedergeſchlagenen Augen, ſtand der Kleine da, als hätte er ein Verbrechen begangen. Nichts konnte ihn bewegen, der Fremden nur einen Blick, eine Sylbe zu ſchenken. Dieſe Scheu, welche Diether und Mar⸗ garethe ſich nicht enträthſeln konnten, machte augenſcheinlich den widrigſten Eindruck auf Wallraden. Sie ſtand auf,— zweifelhaft, ob ſie ihr Geſicht dem Knaben zuwenden, oder es von ihm kehren ſollte. Ihre Augen brannten, ihr Mund zuckte und ihre geſpannten Züge drückten die Leidenſchaftlich⸗ keit aus, die ihre Bruſt beſeelte. Ihren Unmuth mühſam bemeiſternd, wies ſie des Knaben Hand ſchweigend von ſich, als die Mutter, in deren Arme er ſich geflüchtet hatte, ihn bewog, ihr die widerſtrebende zu überlaſſen. Zugleich zog ſie den Schleier über Stirn und Augen. „Da das Herrlein meinen Anblick unerträglich findet,“— ſprach ſie mit angegriffener Stimme,—„ſo thue ich am ————— Wirklich ſchien es auch, als ob der Knabe ſich begütigen wolle, denn ſeine Aengſtlichkeit verlor ſich nun ſo ziemlich, und er heftete dann und wann die blauen Augen aunend auf das reiche hellfarbige Gewand Wallradens, und auf ihre mit blitzenden Ringen gezierten Finger. Auf alle Fragen⸗ Ermahnungen und tadelnden Reden der Eltern erwiederte er nichts; jedoch in demſelben Augenblicke, als man ihn zu vermögen gedachte, zwiſchen Margarethen und Wallraden niederzuſitzen, erſtand wieder die vorige Furchtſamkeit in ihm, und er ſuchte abermals in Margarethens Schvoß Zu⸗ flucht, wie vor einer Gefahr.—„Man hat dem Buben ohne Zweifel angenehme Dinge von mir berichtet;“ begann Wall⸗ rade mit beleidigtem Stolze:„wenn ihm die Schweſter als ein Schreckgeſpenſt geſchildert wurde, ſo muß er ſie freilich fliehen, wie die Sünde.“—„Ei,“ erwiederte Diether:„das hat meine Hausſran ſicherlich nicht gethan, darauf wollte ich ſchwören.“—„Mein werther Herr dürfte es auchz“ be⸗ träftigte Margarethe mit geſteigerter Empfindlichkeit:„Der Knabe hörte kaum des Fräuleins Namen nennen⸗ Ich wollte wetten, er hat vergeſſen, daß er eine Schweſter hat. Uner⸗ wartet kam ihm daher deren Anblick; wenn wir nicht an⸗ nehmen wollten,“— ſetzte ſie wie im Scherz hinzu, obgleich der Ernſt hinter ihrem Lächeln lauerte,—„daß Kinder eine richtigere Ahnung haben, denn die Erwachſenen, ob man ſie von Herzen liebt, oder ihnen nur des Herkommens wegen Liebkoſungen erweist.“—„Das letztere möchte ſeyn;“ ent⸗ gegnete Wallrade raſch und kalt:„Ich muß bekennen, daß ich Kinder dieſes Alters nicht liebe, wären ſie auch die Söhne meiner werthen Stiefmutter. Die Tölpelhaftigkeit der Buben iſt mir in der Seele zuwider, und ich werde es als ein 13 Zeichen Eurer aufrichtigen Freundſchaft anſehen, ehrſame Frau, wenn Ihr mir, ſo oft ich des Vaters Haus beſuche, den Anblick des ungeberdigen Stiefbrüderleins erſpart.“— „Soll gerne geſchehen, verlaßt Euch darauf;“ verſetzte Margarethe gekränkt, und beſchäftigte ſich damit, die Haare des kleinen Hans unter dem Sonnenhütlein zu ordnen, das ſie ihm aufſetzte,— damit ein Zeichen zum Aufbruch gebend. „Das wird ja alles werden;“ ſprach Diether begütigend: „Was läßt mich aber Deine Rede muthmaßen, liebe Wall⸗ rade? Du gedenkſt nicht zu wohnen in meinem Hauſe?“ „Nein, mein Vater!“ antwortete das Fräulein beſtimmt: „Ich bin ſeit Langem gewöhnt, in meiner Behauſung Herr zu ſeyn; und meine Gewohnheiten könnten Eurer Ehefrau läſtig ſeyn, ſo wie mir vielleicht ihre Hausordnung. Daher habe ich's für gut erachtet, in der Herberge zum Einhorn abzutreten. Dadurch erſpare ich uns allen manche Unan⸗ nehmlichkeit, die um ſo überflüſſiger iſt, als mein Aufenthalt zu Frankfurt nur von kurzer Dauer ſeyn kann.“— Diether wollte ſein Bedauern nicht verhehlen, und der Tochter zu⸗ reden, aber Margarethe unterbrach ihn ſchnell. „Es ſey fern von uns,“ ſagte ſie hitzig:„des Fräuleins Willen beſchränken zu wollen, und darum geſchehe nach ihrem Wunſche, aber die Freude, Euch an unſerm LTiſche zu be⸗ wirthen, werdet Ihr dem Vater doch nicht verſagen?— Der arme, kleine, ungeberdige und tölpelhafte Johann ſoll nie durch ſeine Gegenwart ſtören.“—„Ihr verbindet mich immer mehr, gute Frau;“ erwiederte Wallrade in gleichem Tone: „und damit Ihr von meiner Bereitwilligkeit überzeugt werdet⸗ ſo fordre ich Euch ſelbſt auf, nach der Stadt zu kehren. An meines Vaters Seite ſitzend, will ich ihm vom Ohm erzählen, 2. 2 C* 14 der ihn zärtlich grüßen läßt.“—„Gruß erſetzt wohl bei Tafelfreuden die Einkehr;“ entgegnete Diether ſeufzend, und, zum Weggehen fertig, ſich auf Wallradens Arm ſtutzend: „aber wehe thut mir's doch, daß er nicht ſelber kam, und daß Dagobert ausbleibt, auf deſſen treuen Kindesſinn ich Felſen gebaut hätte.“—„Von Dagobert laßt mich ſchweigen;“ äußerte Wallrade mit geheuchelter Bekümmerniß, und war aber im Augenblicke, auf die Aufforderung der väterlichen Beſorgniß, bereit, dieß Schweigen zu brechen. Mit dem alten Diether vorausgehend, entwarf ſie dem ängſtlich Zu⸗ hörenden ein mit hämiſcher Bemühung ausgemaltes Trug⸗ gemälde von Dagobert's Lebenswandel zu Coſtnitz, und führte den Pinſel ſo gut, daß der Vater in dem Verläumdeten bald den verlornen Sohn beweinte.— Während dieſer Einfluſte⸗ rungen ging in beträchtlicher Entfernung hinter Vater und Tochter Frau Margarethe, den Knaben an der Hand, nach⸗ dem ſie Elſen voraus zur Stadt geſchickt, um zu einem er⸗ weiterten Mittagsmahl Anſtalten zu treffen. Die Art und Weiſe, wie die ungeliebte Wallrade trotz ihrer Schroffheit ſich im erſten Augenblicke des Vertrauens des Vaters be⸗ mächtigte, mit geringſchätzender Hintanſetzung der Gattin deſſelben,— die Kränkungen, die Wallrade mit freigebiger Hand an die Stiefmutter und den Knaben geſpendet, griffen hart und böſe an das reizbare Herz der ſtolzen Leuenbergerin. Wie aber oft das menſchliche Gemüth,— ein weibliches insbeſondere,— aus Dingen Troſt gewinnen kann, die an ſich geringfügig ſind, ſo beruhigte ſich auch hier Margarethe mit dem Gedanken, daß nicht allein ſie ſelbſt der Wiver⸗ ſacherin Wermuth zu koſten gegeben, ſondern daß der Knabe ſogar durch ſeine deutlich ausgeſprochne Abneigung der. 15 Gegnerin Stolz verletzt habe. Von dieſer kleinen Vergeltung erfreut, bückte ſie ſich mit größrer Freundlichkeit, als ſie ſonſt wohl dem Knaben zuwendete— zu demſelben hinab, und ſtreichelte ſeine Wangen.„Du biſt ein wackrer Bube;“ ſprach ſie belobend zu ihm:„ich habe Dich lieb vor Allen, wenn Du gegen Wallraden ferner Dich beträgſt, wie heute. Willſt Du?“—„Was Du befiehlſt, Mutter;“ erwiederte der Knabe freundlich. „Recht ſo, mein guter Hans!“ fuhr Margarethe fort: „Gehe nicht zu der falſchen Frau. Sie wird Dir vielleicht Honigkuchen und Semmelringe bieten, um Dich kirre zu machen. Nimm aber nichts von ihr, hörſt Du? Sie meint es böſe mit Dir und mir, und mit dem Vater.“—„Ach Mütterlein!“ raunte ihr der Knabe in's Ohr:„Ich fürchte mich vor ihr.“—„Thue das immer, mein Söhnlein!“ ver⸗ ſetzte Margarethe:„Zieh' ihr immer ein finſter Geſicht, und iß nicht, was ſie Dir bietet. Für jeden Leckerbiſſen, den Du aus ihrer Hand nicht nimmſt, gebe ich Dir deren zwei.“ —„O ja, Mutterlein!“ entgegnete der Knabe hüpfend:„Du biſt ein gut und anmuthig Mütterlein, bei dem ich bleiben will. Zu der ſchwarzen Mutter will ich nicht mehr.“— „Was ſchwatzeſt Du wieder von dem ſchwarzen Weibe?“ ſchalt Margarethe:„Du weißt, daß Du nur von ihr geträumt haſt, Bube. Vergiß doch endlich den böſen Traum!“ „Ich will ja wohl, lieb' Mutter,“ ſagte der Knabe, ein⸗ geſchüchtert durch den heftigen Ton:„aber heute war mir's, als finge ich wieder an zu träumen, und die Fremde iſt gewiß die Schwarze, die mich ſchlagen will.“—„Lächerliches Zeug!“ eiferte Margarethe:„Wallrade iſt Deine Schweſter, Hans⸗ und Niemand ſonſt. Aber eine böſe Schweſter iſt ſie, ob ſie * gleich ein rothes luſtiges Gewand trägt. Sie will uns arm machen, daß wir betteln gehen ſollen, wie der arme Hug, dem Du alle Samſtag ſeinen Heller an die Pforte bringſt. Denk Dir nur! Je weniger Du ſie aber leiden kannſt, je weniger vermag ſie uns anzuhaben.“—„Ich will ihr aus dem Wege gehen,“ verſicherte der kleine Hans treuherzig:„Du mußt mir auch dagegen nichts thun laſſen.“—„Sorge nicht, mein Kind!“ tröſtete Margarethe.„Ich will Dich hüten wie meinen Augapfel. Folge nur fein meinen Geboten, und es wird alles gut gehen.“— Es ging guch alles nach ihrem Wunſche. Knabe und Stieftochter blieben einander ferne, weil ſie ſich nicht ſuchten. Diether, der, von Gatten⸗ und Vaterliebe gleich bedrängt, in ſeiner unwandelbaren Gutmüthigkeit beſtändig hoffte: die Mißtöne ſeines Hauſes würden ſich endlich doch noch in den gewunſchten Einklang auflöſen, vermittelte, entſchuldigte, ſprach zur Sühne, wo und wie es ſich nur thun ließ, und erhielt auf dieſe Weiſe einen Schein von Friedlichkeit im Hausweſen, welcher bald genug die ganze Stadt täuſchte, den nahen Ver⸗ wandten⸗ und Freundekreis nicht ausgenommen. Wallrade, die man geraume Zeit zu Frankfurt vergeſſen hatte, gewann nun neue Theilnahme durch ihr muſterhaft ſittſames Betragen, und durch die reuevolle Verſöhnlichkeit, mit welcher ſie, nach Diethers jubelvoller Behauptung, den Eltern die Friedens⸗ hand gereicht hatte. Der Altbürger, von den Glückwünſchen ſeiner Freunde geſchmeichelt, ſchwamm in einem Meere von Entzucken, und gewahrte in ſeiner Herzensfreude nicht, wie zwiſchen Wallraden und Margarethen die Kluft immer größer wurde, und zwiſchen Schweſter und Brüderlein dennoch keine Annäherung ſich ſtiften wollte. Eine Woche war alſo hinge⸗ 17 ſchwunden,— eine kurze Zeit für Seelen, die ſich lieben,— eine lange für ſolche, die bloß das Band verhaßter Form verknüpft, als Wallrade aus dem Vaterhauſe unmuthig und düſter nach ihrer Wohnung im Einhorn zurückkehrte. Ver⸗ drüßlich beurlaubte ſie den abgeſchmackten Herrn, der durch eine weitläufige Vetterſchaft das Recht gewonnen hatte, ihr als Begleiter auf dem Heimwege läſtig zu ſeyn. Verdrüßlich trat ſie in ihr Gemach, wo ihre Begleiterin in tiefen Ge⸗ danken verſunken, am Fenſter ſaß.—„Gute Wallrade,“ ſprach die Letztere, die Eintretende froh begrüßend:„Wie freue ich mich, Dich ſchon ſo frühe bei mir zu ſehen. Mich quälen heute ganz abſonderliche Grillen.“—„Wie ſo?“ fragte Wallrade entgegen.—„Der ſchöne Nachmittag hat mich verlockt, mit meiner Kleinen in's Freie zu gehen;“ antwortete die andre:„Wir haben die geräuſchvollen Straßen durchſtrichen, und ich erging mich einmal wieder im warmen Frühlingsſchein. Meinen Kummer hatte ich mir durch Zer⸗ ſtreuung erleichtert;— aber auf einmal wurde er verdoppelt in ſeiner Laſt. Plötzlich war mir's, als ob ich unter dem Gewühle der Menſchen meinen armen Rudolf erblickte. Du glaubſt nicht, Wallrade, welchen Eindruck der grüne Rock auf mich machte, den ich unfern von mir durch das Ge⸗ tümmel ſchimmern ſah. Wie eine aufgeſcheuchte Taube machte ich mir Bahn, und flog dem rüſtig Dahineilenden nach. Rudolf! rief ich in meinem Wahn, Vater! lallte mein Mäd⸗ chen, als ob es meinen Schmerz theilte. Der Mann ſah ſich um,— und ich gewahrte ein kaltes, fremdes Geſicht. O⸗ wie hatte ich mich getäuſcht!“— „Und wie ſehr verdienteſt Du dieſe Lauſchung!“ erwiederte Wallrade hart:„Verbot ich Dir nicht, Dich in der Stadt zu zeigen? Ich wußte es ja wohl, daß Deine unſelige Leiden⸗ ſchaft den Gaffern ein Schauſpiel geben, und die jungen müßigen Thoren in Bewegung ſetzen würde.“— „Schilt mich,“ verſetzte Frau Katharine,„aber zürne mir nicht ernſtlich. Was würde aus mir, wenn ich Deine Freund⸗ ſchaft einbüßen ſollte? Laß mich indeſſen erſt gänzlich meine Erzählung zu Ende bringen. Einen beſondern Zufall habe ich noch zu berichten. Du kannſt Dir vorſtellen, in welcher Lage ich mich befand, als die Hoffnung, den Gatten zu um⸗ fangen, mir entwichen, ſein Trugbild, wie ein Geſpenſt unter meinen Händen in Nichts zerronnen war. Mich kummerte das Anſtarren der Gaffer nicht. In meinem, erſt recht lebendig gewordnen Schmerze blickte ich auf zum Himmel, und druckte mein weinendes Kind heftig an die Bruſt,— da ſteht plötzlich ein junger Mann vor mir, in dem ich ohne Mühe jenen Jüngling erkannte, der uns, wie ich Dir ſchon erzählt, zu Coſtnitz den räthſelhaften Beſuch abgeſtattet hat, ſeit welchem meines Mannes verſchloſſene Schwermuth anhob.“— „So?“ unterbrach ſie Wallrade überraſcht:„jener Jüng⸗ ling? Doch gewiß war's abermals nur ein Truggebild Deines Gehirns.“ „Nicht doch;“ fuhr Katharine fort:„die wunderfreund⸗ lichen Augen des jungen Mannes habe ich mir zu gut ge⸗ merkt, ſah ich ihn auch damals nur gleich wie im Fluge. Eben ſo freundlich blickte er nun mich an, und ſchien nicht weniger überraſcht zu ſeyn.„Ei, Frau von der Rhön,““ ſprach er hierauf:„„wie kommt's, daß ich Euch hier zu Frankfurt ſehe? Ihr habt ſicherlich unter dem Gedränge 19 Euern Gatten verloren. Darf ich Euch an ſeiner Statt nach Hauſe bringen?““— „Seht doch!“ ſpöttelte Wallrade mit einer gewiſſen Un⸗ ruhe:„wie ritterlich! Und Du gingſt mit ihm, und benahmſt ihm ohne Zweifel ſeinen Irrthum?“ „Meine Schaam ließ es nicht zu;“ entgegnete Katharine: „ich ließ mich zwar von ihm nach Hauſe geleiten, konnte mich jedoch nicht überwinden, ihm die Wahrheit zu ſagen, wie an⸗ gelegentlich er ſich auch nach dem Herrn von der Rhön und der Urſache unſers hieſigen Aufenthalts erkundigte. Auf der Schwelle des Hauſes nahm er Abſchied. Da war es aber auch, wo er mir folgende bemerkenswerthe Worte ſagte: „„Grüßt Euern Gemahl von dem Unbekannten, edle Frau, und ſagt ihm, er habe keine gute Zeit gewählt, hier zu ver⸗ weilen. Sein böſer Geiſt iſt um die Wege. Er möge ſich hüten, ihm zu begegnen. Ich werde in den nächſten Tagen ſelber ihn heimſuchen, und ihm, ſo Gott will, die Kunde bringen, daß die Gefahr vorüber.“— Sonmit ſchied er, und ſeitdem ich zu Hauſe ſitze, foltern mich neue Zweifel, peinigt mich verdoppelte Angſt.“ Wallrade ſchwieg eine Weile mit gerunzelter Stirne, nach⸗ ſinnend und düſter.„Dieſer Menſch,“ ſprach ſie endlich,„iſt ohne Zweifel ſelbſt Deines Gatten Feind, oder das Werk⸗ zeug ſeines böſen Geiſtes. Hinter ſeinen räthſelhaften Worten lauert Unheil,— ich wollte darauf einen Eid ablegen. Du mußt dem Fremdling ausweichen;— ich will es. Ohnehin iſt meines Bleibens hier nicht mehr lange.“ „Nicht?“ fragte Katharine, ängſtlich in Wallraden's Augen leſend:„Du wirſt doch nicht vergeſſen, was Du mir, Deiner Freundin gelobteſt? Hierher, erfuhren wir, habe der beklagens⸗ — werthe Flüchtling ſich gewendet;— hier verliert ſich ſeine Spur, dem Anſcheine nach; allein Du haſt mir nähere Aus⸗ kunft zugeſichert, durch Deines Geſchlechts und Deiner Freunde vielſeitige Verbindungen. Verſäume nicht für mich zu han⸗ deln. Ich, die Verlaſſene ohne Verwandte, ohne Güter und Freund, vermag es ja nicht.“ „Was ich gelobte, habe ich nie verſäumt;“ erwiederte Wallrade:„ich habe für Dich gehandelt; ich habe Aufſchluß erhalten auf mein beharrliches Forſchen; ich muß Dir nun, ſo wehe es mir thut, mittheilen, was ich aus der reinſten Quelle geſchöpft; denn Deine überſpannte Sehnſucht, Deine auf's höchſte gereizte Leidenſchaft für einen Treuloſen, der Dich verließ, muß geheilt werden, ſey es auch durch das läuternde Feuer des Grams.“— „Gott! was werde ich'hören!“ ſeufzte Katharine in banger Erwartung, die Augen ſtarr auf das unheilverkündende Antlitz Wallraden's geheftet, welche hart und ohne Rührung fortfuhr, Streich auf Streich gegen das kindlich wehrloſe Herz der Un⸗ glucklichen zu führen.—„Nimmer wirſt Du ferner den Schänd⸗ lichen ſchauen;“ ſprach ſie:„nach Frankreich iſt er gezogen, um unter franzöſiſchen oder engliſchen Fahnen ſein Blut zu verſpritzen. Nicht des Kaiſers Zorn ſcheuchte ihn aus den Gemarken ſeines Vaterlandes, ſondern die Furcht vor der Rache Gottes und ſeiner Kirche. Er liegt im Bann.“ „Herr des Himmels!“ ſchrie Katharine auf:„Im Bann? Was hat der Unglückſelige gefrevelt? Was hat ihn in die ewige Verdammniß gebracht? O rede, rede, Wallrade?“ „Du forderſt mich auf, den größten Jammer Dir nicht länger zu verhehlen;“ verſetzte das Fräulein:„der Herr von der Rhön hat mit Gottes heiligſtem Gebote ſeinen verfluchten 21 Spott getrieben. Das Sakrament der Ehe, das der Herr ſelbſt eingeſetzt, hat er mißbraucht, um ſeinen Lüſten zu fröhnen. Ehe er Dich zum Weibe nahm in böſer Argliſt, hatte ihn der Frieſter ſchon mit einer andern eingeſegnet vor Gott.“ „Halt ein!“ rief Katharine, entſetzt auffahrend: allein die Unerbittliche vollendete demungeachtet:„Die, die er ver⸗ ließ, um Dich zu betrügen, ſchmachtet dahin in Elend und Kummer ſammt ihren Kindern. Und dennoch iſt ſie weniger zu beklagen, als Duz denn Deine Ehe mit dem Verräther iſt Sünde und Schmach: Dein Kind iſt unehelich gezengt in Schuld und Frevel.“ Katharine ſank mit einem dumpfen Laut vom Seſſel zur Erde, und mitleidige Ohnmacht ſchloß ihr Auge.— Aber das Mitleid ſtand an ihrer Seite nicht. Wallrade leiſtete ihr keine Hülfe, ſondern lächelte tückiſch in das Unglück, das ſie angerichtet. Mit grauſamem Uebermuth heftete ſie die wilden Augen bald auf das arme Weib zu ihren Füßen, bald auf deſſen, in weichen Kiſſen ſchlummerndes Kind. Grimmiges Rachgefühl verzog ihr Geſicht, hob die kühn arbeitende Bruſt. Die Hände ſchlug ſie befriedigt zuſammen, und murmelte höhnend zwiſchen den Zähnen:„Der Streich iſt geſallen! Faſt ſtehe ich am Ziele. Er, flüchtig wie ein Aechter; ſie, losgeriſſen von Allem, in meiner Gewalt: ſein Kind mein Opfer, wehrlos hingegeben meiner Vergeltung! So mußte es kommen. Leben muß er zu ſeiner Qual, und wenn auch die kühnſte Verzweiflung ihn wieder zum verlaſſnen Herde triebe, verſtohlen, um jeden Preis ſeine Lieben noch einmal zu ſehen, die Stätte öde finden, und nicht wiſſen, wo ſie athmen, die ihm theuer ſind. Vergehen muß er nun lang⸗ ſam in fruchtloſem Jammer; vergehen muß aber auch ſie an der trägen Glut freſſenden Grams; und erblaſſen muß die Tochter in meinem Schooß, verwelken an dem Genuſſe des Wermuthbechers, den ich ihr reichen will vom Sonnenauf⸗ gang bis zum Abendroth. Dieß zu vollbringen helfe mir das Unglück, das ſo gerne feindſelig des Menſchen Geſchick zu untergraben bereit iſt!—“ Die Zofe trat hier in die Stube, und bebte zuruck, da ſie die erblaßt dahin Geſunkene erſah.„Was ſoll's?“ fragte Wallrade.„Rüdiger iſt zurück;“ berichtete die Magd, ihrer Beſtürzung kaum Herr werdend.—„Zurück?“ fragte Wall⸗ rade wiederum, und ein heller Schein überſtrahlte ihre Züge: „Ich gehe, ihn zu ſprechen. Stehe Du mittlerweile hier der Elenden bei, und bringe ſie zur Ruhe.“— Mit einem höhnenden Abſchiedsblick rauſchte ſie zur Thüre hinaus, vor welcher der Knecht Rüdiger wartete. Sie winkte ihm in die Seitenſtube.—„Sag' an Deine Mähr;“ begann ſie zu dem Manne.„Geſagt iſt ſie bald,“ erwiederte der⸗ ſelbe.„Es hat Alles ſeine völlige Richtigkeit. Der Knabe, von dem Ihr Kunde haben wollt, iſt wirklich derjenige, wo⸗ fur er ausgegeben wird.“—„Nicht möglich!“ ſiel Wallrade ein:„Du lügſt!“—„Ihr dürft mich einen Lügner ſchel⸗ ten;“ verſetzte der Breitgeſtirnte gleichmüthig:„Ihr ſeyd meine Herrſchaft, und ich Euer halseigener Knecht. Aber trotz dem konnte ich zu Wiesbaden nichts anderes heraus⸗ bringen. Die Frau Willhild, von welcher mir Elſe erzählte, da ich ſie Eurem Gebote gemäß, geſchickt ausforſchte, hat richtig Herrn Diether's Junker erzogen, und ihn verwichnen Herbſt zur Stadt gebracht. Keine Seele in ihrem Wohn⸗ orte und zu Wiesbaden weiß Anderes davon zu berichten. All meine Mühe war umſonſt.“—„Schon genug;“ verſetzte 23 Wallrade:„Du biſt ein Büffel, und ich werde ſelbſt an Ort und Stelle ſehen, ob Du meinen Auftrag ausgerichtet⸗ wie ich's begehrt.“—„Das ſteht Euch frei;“ entgegnete Rüdiger, wie oben:„aber, ob Ihr gleich der Herr ſeyd, und ich Nichts gegen Euch vorſtelle, ſo werdet Ihr doch finden⸗ daß ich Recht habe.“ Nachdem er ſich entfernt, überlegte Wallrade, mit Ernſt und Fleiß, wie Alles ſich zu ihren ſchnöden Zwecken fügen müſſe.—„Dieſe ſchwüle Gewitterhitze kann nicht von Be⸗ ſtand ſeyn,“ ſprach ſie zu ſich ſelbſt:„bleibe ich länger, ſo kömmt es zur Fehde zwiſchen der Stiefmutter und mir. Den offnen Bruch muß ich jedoch vermeiden, bis ich ihr hart an's Leben kann. Jetzt treibt mich die Vorſicht von hinnen, denn nach dem, was Katharine ſprach, iſt mein Bruder angelangt⸗ und brütet ſicher in geheimer Stille Verderben gegen mich. Ihm muß ich ausweichen zu gelegener Zeit, und ſelbſt zu Wiesbaden und an WVillhild's Wohnorte die Waffen ſuchen, deren ich bedarf, um Margarethen zu vernichten. Denn— falſch iſt ihr Spiel; wie ſollte ich den Buben nicht kennen? Warum wäre er ſo ſcheu und furchtſam geweſen, da er mich nur ſah? Velch ein ſeltſam Verhängniß ihn auch hieher, gerade in dieſes Haus geführt haben mag.. ich will es benützen. Zuerſt diene er mir als Hebel zum Sturze mei⸗ ner Feindin; dann erſt ſoll auch ihn meine verzögerte Rache ereilen. Ehe ich aber die Fahrt antrete, die mir Gewiß⸗ heit verſchaffen ſoll, wo Margarethens Sohn hingekommen, muß ich noch ein Gift bereiten, das ich in Diether's Wunde ſtreuen kann, um ſie nie verharrſchen zu laſſen. „Um Gottes Barmherzigkeit willen, laßt mich zu ihr!“ jammerte eine klagende Stimme draußen, und Bilger's Gattin ſtürzte mit aufgelöstem Haar und zerrütteten Ge⸗ wändern zu Wallraden herein.„Ich konnte ſie nicht auf⸗ halten!“ verſicherte die zagend nachfolgende Zofe, da ſie in Wallradens finſterm Blicke den Zorn über die unverhoffte und unwillkommene Störung las. Verweint, bleich, mit wankenden Knieen nahte ſich Katharine dem Fräulein, das durch einen Wink die Dienerin entfernte; ſie ergriff des Fräuleins Hand und ſah ſie mit dem Ausdrucke unausſprech⸗ licher Wehmuth an.—„Was willſt Du, Katharine von der Rhön?“ fragte Wallrade hart und abgeſchloſſen.—„Ver⸗ birg mich vor meiner eignen Schande!“ ſchluchzte Katha⸗ rine,„und nenne den unglücklichen Namen nicht, der mich einſt ſelig machte, und nun meine ganze Zukunft vergiften wird.“—„Wie ſoll ich Dich denn alſo nennen, Unſelige?“ fragte Wallrade wie zuvor.—„Hab ich denn mein Recht auf Deine Freundſchaft verloren?“ klagte Katharine:„An Deinem Buſen fand ich Troſt über des Gatten Verluſt, als er mich und ſein Kind ſo ſchnöde verlaſſen hatte; Deinem Zureden folgte ich, als ich unſers gnädigſten Kaiſers Gnade von mir wies, die für meine Zukunft ſorgen wollte. Deiner ernſtlichen Zuneigung vertraute ich, als Du mich aufforderteſt, mit Dir zu ziehen, um des treuloſen, des ge⸗ liebten Flüchtlings Spur zu verfolgen. O, ſteh mir auch jetzt bei in den ſchwerſten Stunden meines Lebens! Hilf mir in dieſem Sturme meines empörten Herzens!“—„Wie ſoll ich?“ ſprach Wallrade mit Kälte und unverkennbarem Widerwillen.—„Werde mir nicht fremd;“ fuhr Bilger's Gattin dringender fort:„zürne nicht meiner Scheu, zu glauben, was meine Seele durchſchneidet wie ein Schwert. Iſt es auch ſichre lautre Wahrheit, was Du mir berichtet?“ 26 — Wallrade richtete ſich ſtolz in die Höhe:„Wozu dieſe Frage?“ ſagte ſie mit einem Tone, der die arme unſchul⸗ dige Katharine beben machte:„Ich lüge nicht. Beruhigt Dich aber ein Eid mehr, als mein Wort, ſo ſchwöre ich den theuerſten, daß ich Wahrheit ſprach.“—„Und wer... wer iſt die, die er zuerſt umfing, um ſie zu meiden für meinen Beſitz?“ fragte Katharine, wie von Eiſeskälte geſchuttelt weiter.—„Die Unglückliche iſt hier geboren, aus edelm Ge⸗ ſchlechte ſtammend;“ entgegnete Wallrade zögernd:„ſogar nahe— nahe mit mir befreundet. Ihren Namen, wie den Ort, den ſie bewohnt mit ihren vaterloſen Waiſen, hoffe nicht von mir zu erfahren.“—„O nenne mir ihn!“ bat Katharine flehend, und außer ſich:„Nenne mir das Weib, nenne es!—„Mit nichten!“ höhnte Wallrade:„Etwa, da⸗ mtt Du, die leidenſchaftlichſte aller Frauen, die ein lodernd Feuer unter harmloſem Antlitz birgt, die ſtille Zurückgezogen⸗ heit der Aermſten ſtören mögeſt durch Deine Verwuͤnſchungen?“ —„O, wie hart urtheilſt Du von mir!“ verſetzte die Frau von der Rhön:„ich habe für ihn, den falſchen Verräther, den ſündigen Mann keine Verwünſchung, und ich ſollte jener zurnen, die früher von ihm betrogen wurde, denn ich?“— „Du ſprichſt gut;“ antwortete Wallrade gleichgültig:„nur Schade, daß Deine Rede gleißender iſt, als die That es ſeyn würde. Das Weib iſt heftiger in ſeinem Haß, als der Mann ſelbſt. Ueberdieß kehrſt Du die Waffen gegen Dich ſelbſt, ſobald Du ruchbar machſt, daß Du den in Bann Verfallnen in verbrecheriſcher Ehe umſchlungen. So wie Du die Sünde mit ihm theilteſt, ſo müßteſt Du auch die Strafe mit ihm theilen. Gelüſtet's Dich, mit geſchornem Haupt und nackten Füßen, die gelbe Kerze in der Hand, vor 26 der Kirchenpforte zu knieen? Buße zu thun vor den Augen der Gemeinde, und jeden Vorübergehenden um Vergebung anzubetteln im Namen des barmherzigen Gottes und ſeiner Heiligen? Gewährte es Dir Luſt etwa, als Verführerin des ruchloſen Mannes, der, ſich ſelbſt feig der Gefahr entziehend, Dich darinnen umkommen läßt, Dein Leben in einem dum⸗ pfigen Kerker bei Waſſer und Brod zu vertrauern, während Dein Mägdlein im Schlamm der Schande und des Mangels untergeht? Und doch wären dieſes die Folgen Deiner Un⸗ beſonnenheit. Das Geſchlecht der rechtmäßigen Gattin von der Rhön's würde Dich auf's grauſamſte verfolgen. Du wurdeſt unbezweifelt das Opfer ſeyn.“ „Du entfalteſt ein erbärmlich Loos vor meinem Blicke;“ ſeufzte Katharine mit Thränen der Angſt in den ſchönen Augen:„wohin ich ſehe, droht mir Schande. Meinen Na⸗ men wage ich nicht mehr vor einem fremden Ohre auszu⸗ ſprechen.“ „Du mußt ihn auch aus der Welt tilgen;“ forderte Wall⸗ rade gebieteriſch:„Du darfſt nicht mehr nach dem Elenden Dich nennen; nicht Dich, nicht Dein Kind: denn nur jene Erſte führt das Wappen derer von der Rhön mit Recht. Und nicht nur Dein Name, Du ſelbſt mußt aus dem Alltags⸗ leben verſchwinden,— willſt Du ruhig, ungefährdet ſeyn, und Reue üben ob dem Frevel, deſſen Du Dich theilhaftig gemacht.“— „So rede!“ flehte Katharine:„Rathe! zeige mir einen Weg, der zu der Abgeſchiedenheit führt, die allein mir Heil bringen kann!“— Wallrade ſchwieg hartnäckig, und erſt nachdem Katharine alle Bitten der Freundſchaft an ſie ver⸗ ſchwendet hatte, begann ſie ernſt und gemeſſen, wie folgt: * 27 — „Gerne würde ich Dir eine Zuflucht in meinem Hauſe an⸗ bieten, allein mein Gut wirft kaum meinen Unterhalt ab, und die zahlreiche Nachbarſchaft, die in meinem Hofe aus⸗ und eingeht, könnte Dir gefährlich werden. Ich möchte meine Freundſchaft nicht gern mit Bann und Interdikt belohnt ſehen.“— „Was bleibt mir übrig?“ weinte Katharine und rang die Hände:„Meine Eltern ſind ſchon lange todt. Zu Bilger's Freunden darf ich nicht, ſoll nicht das Gräßliche ans Tags⸗ licht kommen; des Kaiſers Hülfe hab' ich ausgeſchlagen...„ „Mit Fug und Rechtz“ unterbrach ſie Wallrade herriſch: „der Kaiſer iſt ein Meiſter in der Kunſt, ſchwache Weiber zu bethören. Du weißt, auf welche Weiſe er meine unſchuldige Freundſchaft faſt vergolten hätte. Welch ein Schickſal, als eine Buhlerin angeſehen, und in der Folge von dem wankel⸗ müthigen Lüſtling ins Elend geſtoßen zu werden! Ich würde es vorziehen, den weißen Stab zur Hand zu nehmen, und von der Mildthätigkeit meiner Nebenmenſchen die Friſtung meines Lebens zu heiſchen.“ „Das iſt auch das Einzige, das mir beſchert iſt, guter Gott!“ ſeufzte die arme Katharine:„Bilger war nicht reich. Das Wenige, das er vor ſeiner Flucht gewonnen hatte und zurückließ, wird bald zerronnen ſeyn,— und dann, wie Gott will! die Freundin ſtößt mich von ſich was darf ich von fremden Menſchen hoffen?“— Sie wankte zur Thüre. Mit dem Ausdruck falſchen Mitleids rief ſie Wallrade zurück. —„Höre mich;“ ſprach die Letztere ſo gleißend, als ſie ver⸗ mochte:„will ich denn Dein Unglück? Zweifelſt Du denn an meinem herzlichen Bedauern? Vernimm meinen Rath. Er wird Dich von der Reinheit meiner Gedanken, wie von meiner aufrichtigen Sorge für Dein Seelenheil, das Du gewiſſermaßen verwirkt haſt durch Deine Verbindung mit dem Sünder, überzeugen. Wahr iſt's: der Menſchen Satzung ſpricht ein hart und grauſam Urtheil über das Verbrechen, deſſen Theilnehmerin Du unlängbar geweſen: darum weiche dem Schwert irdiſcher Gerechtigkeit aus. Wohin könnteſt Du aber vertrauensvoller fliehen, als unter den Schirm Gottes, der die ewige Barmherzigkeit iſt, und den Tod des Sünders nicht will? Wirf Dich in die Arme des Erlöſers! Vertraue, folge mir, und ich führe Dich an ſeine Bruſt, welche ihr koſtbares Blut vergoſſen hat, um uns rein zu waſchen von jedem Frevel. Die Oberin des Stifts der weißen Frauen iſt mir hold, und würde auf meine Verwen⸗ dung Dich gerne unter die Zahl der Reuerinnen aufnehmen. Hinter jenen uralten Mauern biſt Du ſicher. Todt iſt dort iedes außerhalb begangene Vergehen; Buße und Verſöhnung wohnen in dem Schooße jener ehrwürdigen Schweſterſchaft. Durch Arbeit und Gebet wirſt Du die verlorne Zufrieden⸗ heit wieder gewinnen, den ſündlichen Namèn, den Du trägſt, vertauſchen mit einem neuen gottgefälligen, und die Krone der ewigen Seligleit erringen!“— Katharine, bleich wie ein Marmorbild, ſtarrte Wallraden unbeweglich an. Die Augen waren ohne Thränen, obſchon ein bittrer Schmerz aus ihnen leuchtete. Lange konnte ſie kein Wort der Er⸗ wiederung finden. Endlich öffnete ſich der blaſſe Mund. „Wallrade!“ klagte die Gequälte:„Du forderſt mich auf, lebendig ins Grab zu ſteigen? O wie oft hörte ich, daß hin⸗ ter Kloſtermauern der Friede nicht wohnt! Dort ſoll ich des Lebens Blüthe verwelken ſehen? Ich bin ja noch ſo jung, Wallrade, ich habe kaum die Welt geſchaut, und ſoll ſie ſchon —————— 29 vergeſſen in dumpfiger Zelle? Du begehrſt das Schwerſte, das ich kaum gewähren könnte!“ „Wie's Euch beliebt;“ antwortete Wallrade kalt:„mein Rath war redlich, Katharine; daß Ihr ihn nicht befolgt, möchte Euch zu ſpät gereuen. Mich kümmert zwar Euer Lvos nicht im mindeſten. Vollet mir jedoch die Liebe thun, mein Haus ſtracks zu meiden. Ich lebe nicht gern mit Fluch und Bann unter einem Dache.“ Die grauſame Rede ſchuttelte Katharinens ſchwaches Widerſtreben zu Staub. Ein Strom von Thränen preßte ſich unter den Wimpern der Leidenden hervor, die wie ver⸗ zweifelnd ſich zu Wallradens Füßen warf.„O Wallrade!“ iammerte ſie:„Bin ich denn ſo ganz dem Böſen verfallen in Deinen Augen, daß Du mich unerbittlicher von Dir ſtößeſt, als es ein Heide thun wurde! Ach, Wallrade! hat jemals Dein Mund wahrgeſprochen, als er mich Freundin nannte,— ſo jage mich nicht von dannen, wie den gehetzten Hirſch! Haſt Du nicht Mitleid mit mir— weil ich eine große Sünderin bin,— ſo habe doch Erbarmen mit meinem unſchuldigen Würmlein, das nicht entgelten ſoll die Frevel ſeiner Erzeuger. Weiſe uns nicht hinaus in das wilde feind⸗ liche Treiben, das uns verſchlingen würde! Ich habe nie gelernt, allein zu wandeln die Bahn des Lebens, wie ſoll ich es jetzt beginnen, da mir alle Stützen brachen 2... mit ihnen mein Muth?“ „Du fühlſt es alſo,“ zürnte Wallrade,—„Du fühlſt es, daß der Strudel der Welt Dich hinabziehen würde, und zögerſt noch, in den ſichern Hafen zu ſchiffen? Du biſt Dir bewußt, ſchwächer zu ſeyn als ein Kind, und ſträubſt Dich, nach dem treuſten Stab, nach dem Kreuze zu faſſen? — 30 Thörichte, in Sünde und eitle Sinnenluſt Verſtrickte! Ich ſollte Dich vergehen laſſen im Verderben, aber noch einmal wendet ſich Dir mein Herz zu. Gelobe, ehe es zu ſpät wird, meinem Willen zu gehorſamen. Rette Dich zu den weißen Frauen. Streng iſt ihre Regel⸗ aber herrlich und ſüß die Zukunft, die ſie durch dieſelbe erkaufen. Nicht Deine Strafe allein wendeſt Du vom ſchuldbewußten Haupte ab.. auch Deines verbrecheriſchen Buhlen Pein kannſt Du mildern⸗ ihm ein ſanfteres Lvos in jener Welt erwirken!. 4 „O, welch einen Gedanken fachſt Du in meinem Gehirn an!“ verſetzte Katharine, erhoben durch die Vorſpiegelung der Falſchen:„Wenn mich eine Urſache beſtimmt,— ein Verlangen, ſo iſt es der Wunſch, das Begehren, ihm, der mich elend machte, durch Wohlthat und Liebe zu vergelten! Ja, ja! ich folge Dir— unbedingt— ſein Seelenheil zu retten!— Aber. fügte ſie erſchüttert und ſchmerzlich hinzu: Aber mein Gott! das zerreißt mein Herz!. was wird aus meinem Kinde?“ „Deine Demuth, Deinen Gehorſam belohnt der Herr auf der Stelle!“ ſprach Wallrade prunkend;„Deine Tochter ſey die Meine. Rie werde ich mich vermählen, und in Deinem Kinde die Mutterfreuden kennen lernen, die ich nicht durch die Umarmung eines Mannes erkaufen möchte. Von Zeit zu Zeit bringe ich Dir das Mägdlein in Deine Abgeſchieden⸗ heit, um es zu kuſſen, um es zu ſegnen, und zu ſehen, wie mild und gut ich's mit Dir meine.“ Mit der Wonne höchſter Dankbarkeit umſchlang Katha⸗ rine Wallraden.„Du biſt eine Heilige!“— jubelte die arme Mutter:„An Deine hohe Tugend reichen meine Sinne nicht! Noch vor wenig Augenblicken ſah ich eine Feindin in 31 Dir, und nun zwingſt Du mich, als meine arit⸗ Wohl⸗ thäterin Dich zu verehren!“ Wallrade, welcher der herzzerreißende Auftritt, trotz der Siegesfreude, die ihr daraus erwuchs, zu lange dauerte, beeilte ſich, ihm raſch und durchgreifend ein Ende zu machen. Sie verſicherte unter den kräftigſten Betheuerungen der Aermſien ihre unwandelbare Zuneigung, ermahnte ſie, dem mühſam abgerungenen Vorſatze treu zu bleiben, und verſprach ihr zum folgenden Tag die Einführung in das Kloſter der weißen Frauen, woſelbſt unter ihrer Vermittlung die Auf⸗ nahme vorbereitet werden ſollte. Hierauf redete ſie ihr zu, das Lager zu ſuchen, um durch Ruhe den Sturm ihres Gemüths zu beſchwichtigen, und uberließ ſich, nach Katha⸗ rinens Entfernung, einem tiefen Nachdenken, deſſen Ergeb⸗ niſſe am nächſten Morgen ſich offenbaren ſollten. N w ite R i. Reichthum heißt nicht Gold und Silber beſitzen, ſondern was man liebt. Serbiſches Lied. Frau Margarethe ſtand umwölkten Blicks vor dem Käſt⸗ chen, in welchem auf ſchwarzem Sammtgrunde die goldne Kette lag, womit ihr Gemahl ſie zur Feier ihres heutigen 8. 8 Geburtstages bedacht hatte. Sie hätte mit ſich ſelber grollen mögen, die Beſchenkte. Herr Diether hatte ſo herz liche Worte 32 der Liebe zu ihr geſprochen, und trotz ihrem aufrichtigen Bemühen, ſolcher Liebe würdig zu ſeyn, konnte ſie kein ähn⸗ lich Gefühl in ihrer Bruſt hervorzaubern. Ehrfurcht und Sorgfalt, den greiſen Mann zu pflegen, fand ſie ihre Seele bereit, aber jene Empfindung, die ſo zart bewegt, ſo ſanft erwärmt, ſo ſelig beglückt, war und blieb ihr fremd. In der prachtvollen Kette, dieſem Zeichen von Diether's liebe⸗ vollem Wohlgefallen, ſah ſie nicht den Schmuck, ſondern nur die neue Feſſel. Eine befriedigende Selbſttäuſchung hatte ſie bis jetzt verblendet, und erröthend, widerſtrebend mußte ſie ſich geſtehen, daß ſie ſich betrogen, daß ſie für Diether nur ein Herz habe,— kalt wie das Metall, aus welchem das vorliegende Feſtgeſchmeide gefertigt.„Wie bin ich doch ſo unglücklich!“ ſprach ſie düſter vor ſich hin:„Ich möchte gerne redlich meine Pflicht erfüllen, wie es meines Eheherrn fromme Güte verdient, und dennoch— meinem Willen zuwider— kommt mir wie Heuchelei vor, was ich thue und rede. Ach! hätte doch mindeſtens der Himmel meinen Johann erhaltenz.... ich könnte alsdann in Diether den Vater meines Kindes lieben! Aber das Unglück war nicht abzuwenden, nur zu verdoppeln durch eine ver⸗ rätheriſche Lüge,...“ ſetzte ſie leiſe und unmuthig hinzu. Raſch warf ſie den Deckel des Käſtchens zu, und wollte daſſelbe in ihre Spinde ſchieben, aber mit Staunen bemerkte ſie nun, daß ſie nicht allein geweſen. Der Schultheiß, ein ſchöngewachſener, in den fünfziger Jahren noch ſtattlich aus⸗ ſehender Mann, deſſen Geſtalt ein geſchmackvoller Anzug noch erhob, war, ohne von Margarethe gehört worden zu ſeyn⸗ in das Cloſett getreten. Diether's Gattin verneigte ſich veſtürzt, ſuchte in den Augen des edlen Herrn zu leſen, ob 33 er etwa vernommen, was beinahe unwillkührlich ihren Lippen entwiſchte, erſah jedoch zu ihrem Vergnügen nicht anders darin, als nur den freundlichen Gruß eines ſo eben über die Schwelle Schreitenden. Der Schultheiß, ein Mann von Sitte und Geſchmeidigkeit, zögerte nicht, der ſichtbaren Ver⸗ legenheit Margarethens hülfreich entgegen zu kommen, und fragte beſcheiden und angelegentlich nach dem Schöffen. Mar⸗ garethe berichtete ihm, ihr Gatte ſey nach dem Garten ge⸗ wandelt, um über die Anpflanzung deſſelben Befehle zu ertheilen. Der Schultheiß lächelte fein.„Freund Diether,“ ſprach er,„ſcheint Blümlein und Früchte zu lieben; er iſt eiferſüchtig auf ſein Eigenthum, und entzieht aller Welt deſſen Genuß. Die ſchönſte Blume ſeiner Gärten läßt er in Ein⸗ ſamkeit vertrauern, ſtatt dann und wann die Zahl anderer Verehrer durch ihren Anblick zu erfreuen“— Margarethe, deren Scharfſinn gar leicht die Bedeutung der ſinnbildlichen Rede errieth, antwortete durch das Roth auf ihren Wangen, und duldete es, daß der Schultheiß betonender fortfuhr: „Wir haben Euch ſo lange nicht in unſerer Mitte geſehen, ehrſame Frau. Die weitberühmte und herrliche Geſellſchaft auf Limpurg*) hat ihren Reiz und Glanz verloren, ſeitdem ſie Euch nicht mehr zu ihren Gäſten zählt. Wahrlich, ich werde am Ende von meinem Stubenmeiſterrecht Gebrauch machen müſſen, um den ſäumigen Geſellen Diether Froſch zur Ordnung und zur Pflicht anzuhalten. Nicht umſonſt heißt Limpurgs Banner⸗ und Wahlſpruch: Zucht und Ehren ſoll man mehren, und Freud nicht wehren. Aber Euer Verſammlungshaus und Trinkſtube der edelſten Geſchlechter von Frank⸗ furt, 34 Eheherr wehrt unſerer Freude, indem er uns Eure Holdſeligkeit verſagt.“— Margarethe erwiederte hierauf beſonnen und milde, daß der Schultheiß zu ſtrenge ihrem Herrn zur Laſt lege, was am Ende ſie nur allein verſchuldet; daß die Ein⸗ ſamkeit des Hauſes ihr beſſer zuſage, als die Feſtlichkeiten Limpurgs; daß ſie deßhalb freiwillig in demſelben verbleibe, beſonders ſeit ihr Söhnlein wiederum geſundet nach der Stadt gekehrt.— Der Schultheiß ſchüttelte am Schluſſe dieſer Entſchuldigung leicht, aber dennoch bedeutend mit dem Haupte.„Es mag ſeyn,“ ſprach er,„daß die Liebe zu dem Kinde eines geliebten Mannes in einer Frauenſeele alles nebrige verdrängt. Ich, der Hageſtolz, habe nie Gelegenheit gehabt, mich davon genau zu unterrichten. Aber all' Eure geſchickten Ausflüchte reichen nicht hin, um mich von deren Wahrhaftigkeit zu überzeugen. Wo Eiferſucht iſt, ehrſame Frau, da iſt auch Zwang; und eiferſüchtig iſt Diether im höchſten Grade, ſo ſehr Ihr Euch bemüht, ihn zu entſchul⸗ digen. Wer weiß, ob ich's nicht auch an ſeiner Stelle wäre. Je ſtrahlender der Edelſtein, je näher der Dieb. Dem ſey nun aber, wie es wolle,“ fügte er mit zierlicher Verbeugung hinzu:„Der Glücklichſte auf Erden würde ich ſeyn, wolltet Ihr mir vergönnen, Euch in Eurer Einſamkeit die Huldi⸗ gung darzubringen, die Ihr von der Menge verſchmäht; wolltet Ihr dieſe goldene Roſe gütig empfangen, die ich Euch an dem Tage überreiche, der Euch gebar. Sie ſollte von Juwelen gebildet ſeyn, wäre ich ein Fürſt;— ein ein⸗ fach Maienröslein, wär ich noch ein Jüngling, deſſen Roſen⸗ wangen ſeiner ſchlichten Gabe das Wort reden könnten.“— Er hielt der ſtaunenden Altburgerin die koſtbar gearbeitete Goldblume mit ſüßem Lächeln und hofmänniſcher Geberde ſchenk mit zierlichen, aber klaren und beſtimmten Worten zuruckwies.—„Seyd nicht ob meinem Thun beleidigt, Herr Ritter;“ endigte ſie:„Wie dürfte ich von Eurer Hand ein Geſchenk empfangen, das ich nimmer erwiedern könnte? Die Sitte und meine Pflicht gegen Diether verbinden mich, dieſe Roſe auszuſchlagen, welche auch ihre Deutung ſey, und welche, ohne Zweifel untadelhafte, Abſicht Ihr bei ihrer Ueberreichung haben mögt.“ „Das iſt eine harte Weigerung;“ antwortete der Schult⸗ heiß mit dem Ausdruck gekränkter Eitelkeit:„es kann Euch ja ſchon längſt kein Geheimniß mehr ſeyn, ſchöne Frau, welche Gefühle ich für Euch hege. Schon längſt ſehnte ich mich nach einem Anlaß, ihnen Worte zu leihen. Heute, an dem ſchönſten Feiertage, der für mich vorhanden, finde ich dieſe Gelegenheit, und Grauſamkeit wird der Lohn meiner redlichen Empfindung? Bedenkt, holdeſte der Frauen, daß Ihr durch Eure Weigerung die Roſe nicht allein verwerft.“ „Bedenkt, edler Herr,“ erwiederte Margarethe, gereizt durch den drohenden Ernſt, der in des Schultheißen letzten Worten zu liegen ſchien,—„bedenkt, daß ich ein verehlicht Weib bin, das ſolcher Zweiſprache füglich entbehren kann; kann und muß.“ „Ihr verbergt Euch hinter dem Bollwerke der pfücht; redete der Schultheiß bitter:„eine beſſere Burg gibt es nicht für ſpröde Frauen. Wären aber vielleicht nur meine Jahre der Feind, deſſen Sturm Ihr ſo muthvoll abſchlagt? Ihr müßt mir ſchon vergeben, ehrſame Frau, wenn ich in Eurem Hauſe umſonſt nach dem Talisman forſche, der Euch unver⸗ letzbar macht.“— hin, und ſtutzte über die Maßen, als Margarethe das Ge⸗ „Seht ihn hier;“ rief Margarethe, da gerade der kleine Hans in die Stube ſprang, und in ihre Arme eilte:„ſeht ihn hier, und zürnt meiner nicht, geſtrenger Herr!“— Der Schultheiß verbarg ſeinen Unmuth über die zur Un⸗ zeit eingetretene Störung hinter der Maske wehmuthsvoller Freundlichkeit. Er verbeugte ſich mit einem vielſagenden Blick, und ſtreichelte, der Mutter zu gefallen, des Knaben blühende Wange.„Du liebſt wohl Deine Mutter ſehr?“ fragte er den Kleinen. „Ueber Alles lieb' ich ſie!“ verſicherte der Letztere mit ſtrahlendem Auge.—„Du Glücklicher!“ ſeufzte der Ritter, verſtohlen Margarethens Antlitz hütend:„Du darfſt es; Dir gewährt ſie Alles. Wie iſt's aber mit Deinem Vater? Liebſt Du ihn gleich Deiner Mutter?“— Margarethe warf einen der unbeſcheidenen Frage zürnen⸗ den Blick auf den Schultheiß, und wollte dem Knaben den Mund verſchließen, aber ſchon war die Antwort heraus: „Ich habe keinen Vater!“ rief der kleine Hans, von alten Erinnerungen erregt, und in dem Uebermuth ſeiner Anhäng⸗ lichkeit für Margarethen.„Abſcheulicher Bube!“ zürnte dieſe: „Noch einmal dieſe Antwort, und..—„Laßt ihn doch;“ meinte der Schultheiß lächelnd:„der Knabe ſagte zu viel; das iſt aber die Art ſeines Alters. Deßhalb weiß man doch, woran man zu glauben hat.“—„Herr Schutheiß!“ unter⸗ brach ihn Margarethe heftig. Er ließ ſie indeſſen nicht aus⸗ reden, faltete des Knaben Hände, und ſagte ihm die Worte vor;„Bitte Deine Mutter, Knabe, ſie möge mir um Deinet⸗ willen vergeben, und mir nicht ferner zürnen.“— Der kleine Hans ließ ſich gern zur Fürbitte gebrauchen, und ſeine ———————— kindliche Unbefangenheit und Drolligkeit zauberte ſogar auf Margarethens Lippen ein leichtes Lächeln.— „Man ſoll am Feſte der Geburt nicht böſe ſeyn, will ein alter Sittenſpruch;“ ſagte ſie, dem Schultheiß ſchnell ver⸗ ſöhnt die Hand reichend, die er zärtlich drückte:„Man hat ſonſt Galle das gante Jahr hindurch. Ihr müßt mir dafür geloben, nicht wieder ſo freventlich zu reden, wie es ſich zu Euerm Amt undAlter gewißlich nicht ziemt.“— Der Schult⸗ heiß nickte gehorſam, obgleich verdüſtert durch die Erwähnung ſeines Alters.—„Und als endliche Bedingung meiner völ⸗ ligen Vergebung,“ ſetzte Margarethe erheiterter hinzu:„ver⸗ lange ich von Euch die Gewährung einer geringen Bitte.“— „Sprecht, Frau Minne!“ antwortete ihr der Schultheiß neu⸗ gierig und lächelnd.—„Es wäre mir beinahe entfallen,“ fuhr Diethers Gattin immer unbefangner fort,„daß mir heute das Heil wiederfuhr, zur Fürbitterin in einer Sache aufgefordert zu werden, die gewiß ſo geringfügig iſt, daß ſie kaum der Rede lohnt, mit der ich Euer Ohr beläſtige. Ein arm Geſchöpf— mit einem Worte, ein ſchlecht Juden⸗ dirnlein kam heut weinend und ſchreiend hergerannt, und flehte mich im Namen des Himmels und der Erde an, durch irgend einen guten Freund zu bewirken, daß ihr Vater,— und wenn ich recht hörte, auch ihr Großvater losgelaſſen würden, die ſchon ſeit einiger Zeit im Kerker ſchmachten. Die Urſache ihrer Haft ſchwört die Dirne nicht zu wiſſen; aber ich bilde mir wohl ſelbſt ein, daß der Handel von wenig Belang ſeyn wird. Dergleichen Plackereien ſind ſo häufig, daß Hebräer, um kleinen Vorwands willen in den Thurm wandern müſſen, um dann an ihrer Habe gebüßt zu werden. Es iſt auch ein ſchlecht Volk, das ſolchen Zwang 38 verdient, weil es den Heiland kreuzigte. Ich dächte dennoch, daß bei Eſther's Vater eine Ausnahme gar wohl zu machen wäre. Er iſt ein eifriger Mann; keiner der unredlichſten, und ich kenne ihn aus manchem Kaufgewerbe, das ihn in mein Haus geführt. Ich möchte gerne dem Armen loshelfen, wenn es möglich wäre, und da der Zufall.... oder nicht der Zufall, es gewollt, daß Ihr, geſtrenger Herr, mir Eurer Einkehr Ehre ſchenktet, ſo richte ich an Euch die Bitte, beim Oberſttichter ein gewichtig Wort zu reden, daß der Jude bald wieder den Weg aus dem Gefängniſſe finde, und nicht zu hart an ſeinem Gelde gebrandſchatzt werde.“—„Man könnte das Gezicht beneiden um die Theilnahme, die Eure Purpur⸗ lippen für daſſelbe ausſprechen;“— antwortete der Schult⸗ heiß nicht ohne widrige Anregung:„Ich miſche mich ſonſt nie in des Richters Verfahren; indeſſen, wo Euch, edle Frau, ein Dienſt geleiſtet werden kann, mach ich gerne eine Aus⸗ nahme. Wie nennt ſich der hebräiſche Hund?“—„Ben David iſt's,“ erwiederte Magarethe:„der reichſte... zum mindeſten der angeſehenſte aus der Judengaſſe.“— Aber ſchon war des Schultheißen Stirne ſtreng gerunzelt, ſchon hatten ſich ſeine Augenbrauen dicht zuſammengezogen, und finſter ſchüttelte er das Haupt.—„Iſt's der?“ fragte er mit Härte:„Dann laßt mich aus dem Spiele, edle Frau. Ich rette den Burſchen nicht.“—„Nicht?“ entgegnete Mar⸗ garethe ſtaunend:„Hat denn der Mann ſo Gräßliches be⸗ gangen?“—„Aus Eurer Frage vernimmt man, daß Euch ſein Verbrechen wirklich noch unbekannt;“ verſetzte der Schult⸗ heiß heftig:„welche Mutter könnte gleichgültig dabei bleiben?“ —„O erzählt;“ verlangte Margarethe, mit böſer Ahnung kämpfend:„Erzählt.. eine Mutter, ſagt Ihr... 2—„Nu 39 ja doch;“ erläuterte der Schultheiß:„könnt Ihr Euch Ab⸗ ſchenlicheres denken? Die Hunde haben ein Chriſtenkind, einen Knaben, ſeiner Mutter geſtohlen, oder um ſchnöden Sold vielleicht....— Margarethe hörte nichts weiter, denn in unbeſchreiblicher Angſt, den kleinen Johann an ſich reißend wie einen geſähr⸗ deten Sohn... dann ihn wieder von ſich ſtoßend, wie einen verhaßten Fremdling.... ſank ſie bewußtlos mit dem Haupte vor ſich hin auf den Tiſch. Entſetzt ſchrie der kleine Hans aufz der Schultheiß ſprang hinzu, um der Ohnmächtigen beizuſtehen. Die Angſt des Liebenden half ihm in dem un⸗ gewohnten Geſchäfte. Mit Waſſer benetzte er die Schläfe Margarethens; Küſſe drückte er auf ihren bleichen, nicht widerſtrebenden Mund, und ſo geſchah es, daß ſie bald aus der ſchweren Bewußtloſigkeit erwachte. Beinahe hätte ſie aber zum Zweitenmale die Augen im Todeskampfe geſchloſſen, denn ſie ſah ſich in des zudringlichen Bewerbers Armen, und zu der gegenüberliegenden Thüre traten eben unver⸗ muthet und raſch Diether und Wallrade ein. Beſtürzung und Ueberraſchung lagen auf jedem Angeſichte; eine frohe Betroffenheit jedoch nur auf Wallradens. Diether nahm eine ſo ernſte Stellung an, daß ſelbſt der Schultheiß, ein gewandter Mann, und Meiſter ſeiner Bewegungen, nur nach wiederholten mißlungnen Verſuchen, den Faden finden konnte, den Grund der befremdenden Lage, in der er über⸗ raſcht worden,— nämlich Margarethens plötzliche Ohnmacht— anzugeben. Kalt und finſter nahm Diether dieſe Erklärung auf, und peinigte, während Wallrade mit erheuchelter Theil⸗ nahme ſich um ſeine Gattin beſchäftigte, den unwillkommnen Vorgeſetzten mit einer Förmlichkeit, die demſelben bald läſtig 4 3 genug fiel, um ſich ziemlich verlegen zu entfernen. Die Schlange in des Altbürgers Bruſt fing wieder an zu nagen, und Wallradens Schadenfreude ſtreute ihr Futter. Denn als Diether bewegten Herzens, auf wankenden Füßen von der Hauspforte, zu welcher er den Schultheiß geleitet hatte, zurückkehrte nach der Wohnſtube, wo eben Margarethe, deren Schwäche einem wunderlich gereizten Zuſtand gewichen war, in einem Strom von Thränen ſich ausweinte, winkte ihm Wallrade mit dem zwinkernden Auge, ein Tuch zu luften, das, den Händen der Altbürgerin entſunken, auf dem Tiſche lag. Im Vorübergehen that Diether nach der Verrätherin Begehr, und enthullte die goldne Roſe, die der Schultheiß in dem ängſtlichen Drängen der letzten Augenblicke vergeſſen hatte, mit ſich zu nehmen. Diether's bittres Lachen ſchreckte die Weinende auf, und über ihre bleiche Wange fuhr die Gluth neuer Beſchämung, da ſie der unglückſeligen Gabe gewahr wurde, die ihr Gatte in der Hand hielt. Zu Eis wurde ſie, obgleich unſchuldig, da ſie aus ſeinem Munde die Worte hören mußte:„Glück zu, tugendſame Hausfrau, Ihr berühmt Euch hoher Gunſt. Ihr habt Euch den ſtattlichſten Freund gewählt, von beſſerer Geburt oben⸗ drein, als Euer Griesgram von Ehewirth; ſinniger und zierlicher nebenbei in ſeinen Gaben,— denn, wo der Ge⸗ mahl die läſtige Kette bietet, opfert der Buhle das lockende Röslein eines goldnen Maien. O, leicht dürfte für ihn der heutige Tag zum Roſenſonntag geworden ſeyn! Dem Grau⸗ kopf gehört Wermuth, bis er zur Grube fährt.“—„Ihr ſeyd ungerecht, lieber Herr;“ erwiederte Margarethe, matt und erſchöpft:„Dieſe Roſe iſt nicht mein. Falſch iſt Euer Wahn.“—„Falſch?“ lachte Diether grimmig:„So falſch 41 etwa, als Eure Ohnmacht? Am Buſen des willkommnen Tröſters hat Euch der Sinnentaumel übermannt. Vor Wonne wart ihr außer Euch. Nichts weiter. Woher ſonſt dieſer Magdalenenblick, woher die ſündige Scheu, die noch jetzt Eure Zuge peinigt? Zehnfache Schaam möge Euch foltern, da Ihr in dieſes Knaben Gegenwart ſogar Eurer heiligſten Pflichten vergeſſen konntet.“— Stumm, ohne eine Solbe zu finden, wand die Altburgerin die Hände. Wallrade wollte den Augendlick benützen, um des Knaben, den ſie ſchon eine lange Weile mit gluhenden Blicken gemeſſen hatte, ſich zu bemeiſtern. 8 „Komm, Kleiner,“ ſagte ſie zu ihm, ſeine Hand ergreifend: „komm, laß uns gehen. Wenn die Eltern hadern, muß der Bube vor der Thüre ſtehen!“— Der Knabe wehrte ſich aber wie ein ungeberdig Pferd gegen ſie, riß ſeine Hand aus der ihrigen, und floh mit Lauten der Angſt zu Margarethens Knieen.„Laß mich!“ ſchrie er:„Ich darf nicht mit Dir gehen, ich darf nicht mit Dir reden.... Mütterlein hat's verboten!“— „Hört Ihr, Vater?“ fragte Wallrade tückiſch:„Hört Ihr, wie Euer Weib den Haß zwiſchen Geſchwiſter pflanzt?“— Noch einmal wollte ſie den Knaben mit ſich von dannen zie⸗ hen, aber noch einmal mit verdoppelter Angſt vertheidigte ſich derſelbe.„Laß mich!“ kreiſchte er:„Du willſt uns arm machen, ich ſoll betteln gehn,. laß mich.. Du biſt die Schwarze, wenn Du ſchon ein roth Jöplein trägſt.“ Wallrade erbleichte plötzlich, und machte eine Geberde, als wollte ſie durch einen Schlag den Jungen zum Schwei⸗ gen bringen; aber er kreiſchte noch peftiger, und reizte die 42 erſchöpfte 2 Margarethe daß ſie empor und wie eine zürnende Löwin der verſtummenden Wallrade ſich ent⸗ gegenſtellte.„Wage es— Boshafte!“ ſchrie ſie:„Wage es, dies Kind zu beruhren, und das Tageslicht ſaheſt Du zum letztenmale!“—„Weib, was ſicht Dich an!“ rief Diether, zwiſchen die Frauen ſich werfend:„Kennſt Du Deines Mannes Tochter nicht mehr? Und Du, Wallrade, was deuten die ſelt⸗ ſamen Reden des Knaben?“— Dieſe Frage löste das Zauber⸗ band, das Wallradens Zunge bisher gefangen gehalten.„Was werden ſie deuten?“ ſprudelte ſie heftig heraus:„was wer⸗ den ſie deuten, dieſe Reden eines mit Fleiß eingewurzelten. Haſſes? Euer Weib wird mich dem Buben als einen Teufel, einen ſchwarzen böſen Geiſt geſchildert haben, und alſo ſieht mich auch des Knaben verrücktes Hirn!“ „Pfui, Wallrade!“ erwiederte Diether mit ſtrengem Vor⸗ wurf:„Faſt möcht' ich ſelbſt Dich einen unſaubern Geiſt ſchelten, da Du Deinen Bruder, meinen geliebten Sohn ſinnverwirrt und hirnverrückt ſchelten magſt. Das iſt ſünd⸗ lich Zungenſpiel, das nimmer aus gutem Herzen kommt. Denn, wie Gott dem Knaben gerade Glieder ſchenkte, ſo gab er ihm auch völligen Verſtand, und nur ein Hexenweib kann ſolches gottesläſterlichen Ausdrucks ſich bedienen!“— Wallrade zuckte mitleidig lächelnd die Achſeln. Margarethe erwiederte jedoch auf Diethers Rede:„Das Kind vertheidigt Ihr; den Leumund der Gattin gebt Ihr aber unbedacht der böſen Zunge einer neidiſchen Erbſchleicherin Preis. Meines Körpers Schwäche verhinderte mich, Eure ungerechten Be⸗ ſchuldigungen, wie ſie's verdienen, zu beantworten. Jetzt habe ich aber meine Stärke und mein Bewußtſeyn wieder⸗ efunden, und ſage Euch: Unwahr iſt, was Euer Argwohn 8 8 5 — 43 und die Einfl üſterungen dieſer bösartigen7 Maid Euch vorge⸗ ſpiegelt. Dieß Kleinod mögt Ihr darum dem Schultheiß erfahren, wie es ſich damit verhält.“— Sie wollte hinaus⸗ eilen, Diether hielt ſie jedoch zurück, und ſprach mit w eicher Stimme:„Gott weiß, WMargarethe, wie ſchmerzlich mir's wäre, Euch Unrecht zuzuf fügen. Ich will ja gerne glauben, daß Ihr rein ſeyd, wie der Schnee des Gebirgs; ich will ja zugeben, daß ein neidiſch Auge durch einen böſen Blick den Unfrieden in unſre Wirthſchaft bannte; laßt uns darum, dem Teufel zum Trotz, Frieden halten. Die Hände laßt uns verſchränken, daß an dieſem Feiertage unſers Hauſes der unſelige Zauber ſeine Kraft verliere.“— Schmeichelnd bemächtigte er ſich der rechten Hand Margarethens, die wie ein zagender aber verſöhnlicher Engel nach ihm heruber blickte.—„Möchtet Ihr doch dieſe Hand auch Wallraden reichen;“ fuhr er, zum Vermittler werdend, fort:„zum Ab⸗ ſchiede;“ ſetzte er ſchnell hinzu, da Margarethe finſter das Haupt ſchüttelte:„zum Abſchi ede; denn ſie beſteht darauf, Worgen mit dem Früheſten Frauffurt zu vertauſchen mit ihrem eignen Beſitzthum.“—„Das Fräulein thue, wie ihm's sefällt;“ verſetzte Margarethe, kein Auge nach Wallraden kehrend, die, den Rücken gegen das Zimmer und die Spre⸗ chenden gewendet, durchs Fenſter ſah:„Es hat verſchmäht, meine Freundin zu werden, und fahre wohl. Ich verſchmähe, einen Handſchlag zu geben, der nicht von Herzen kömmt, und höchſtens nur das L Behagen ausdrücken könnte, Wallraden Abſchied nehmen zu ſehen.“— „Starrſinnige Weiber!“ ſagte Diether, verlegen, wie er ſich zu benehmen habe, um nicht ver Tochter, nicht der Gattin — wieder zuſtellen, und von ihm ſelbſt zu Eurer Beſchämung 3 8 44 — allzuwehe zu thun:„Nur Eure Eitelkeit ſträubt ſich gegen eine Nachgiebigkeit, die in Euern Herzen einheimiſch iſt.“— „Ich gebe das Beiſpiel der Nachgiebigkeit;“ antwortete Margarethe kalt:„denn ich gehe, und räume Eurer Tochter das Feld. Ich würde ein ſtörender Zeuge Euers Abſchieds ſeyn, und entferne mich daher. Auch beim Imbiß, für den ich Sorge tragen werde, ſoll meine Gegenwart nicht beſchwer⸗ lich fallen.“—„Löblich von Euch;“ verſetzte Wallrade in gleichem Tone, und ohne ihre Stellung zu verändern:„ich uberhebe Euch jedoch dieſes Zwangs; denn ich finde heute noch an dem Tiſche der frommen Waldburga im Stift der Reuerinnen meinen Flatz.“—„Deſto beſſer;“ ſchloß Mar⸗ garethe das wunderliche Geſpräch:„die Reue gönne ich Euch von Herzen.“ Hierauf verſchwand ſie ſchnell, und führte den Kleinen mir ſich hinweg. Diether ſah ihr lange beklommen nach, ſtand eine Weile ſinnend da, und verbarg alsdann grollend mit ſich ſelbſt die goldne Roſe, welche noch auf dem Tiſche lag, in eine Lade des Schreins. Während er noch, wie ein Träumender, die Hand am Schlüſſel hielt, drehte ſich Wall⸗ rade raſch um, näherte ſich ihm, legte ihre Rechte auf ſeine Schulter, und ſprach mit Schärfe und greller Betonung; „Gott ſtärke Euch, mein Vater. Ich werde ferne ſeyn, und die Zeit Eurer Prüfung wird erſt beginnen.“—„Ei, welche Gedanken!“ entgegnete Diether, mit Mühe die Unruhe ver⸗ bergend, die von der böſen Prophezeihung in ſeiner Seele wieder erzeugt wurde.—„Friede im Haus iſt ein gut Kiſſen;“ ſprach Wallrade weiter:„Unfriede zwiſchen Eheleuten hin⸗ gegen ein Stachel, dem jeder Tag an Schärfe zulegt. Ihr werdet wähnen, der Unfriede ziehe mit mir von dannen— 45 aber weit gefehlt. Die Warnerin geht von Euch; das Un⸗ heil bleibt.“—„Du biſt ungerecht und grauſam zugleich;“ äußerte Diether:„Du verunglimpfſt mein Weib, und über⸗ läſſeſt mich doch dem böſen Geſchick, das Du vorausfagſt.“ „Mein Maierhof fordert ſeine Gebieterin,“ erwiederte Wall⸗ rade hingeworfen:„die Felder ſollen beſtellt werden,.. in Eurem Hauſe iſt das Feld ſchon vom böſen Säemann be⸗ ſtellt. Ich thue Euch und mir eine Liebe, wenn ich gehe.“ —„O Du hartherzige Tochter!“ verſetzte Diether ſchmerz⸗ lich:„Alſo belohnſt Du meine Zärtlichkeit. Ich dachte Alles wieder in's alte Gleis der Sitte zu bringen, Dir das Erb⸗ theil zuzuwenden, dem Du freiwillig entſagt..“— „Gebt mir's vor Eurem Tode,“ ſpottete Wallrade,„damit ich Euch ernähren könne, wenn Euer Weib und Eure Söhne Euch verlaſſen. Im Ernſte aber; laßt uns Abſchied nehmen. In dem Hauſe, wo man mich einen hölliſchen Geiſt, eine Erbſchleicherin nennt, weile ich nicht mit Freuden. Laßt uns Lebewohl ſagen. Mein Platz im Hauſe wird bald durch einen willkominnern Gaſt beſetzt ſeyn.“—„Böſes Kind,“ antwortete Diether:„Warſt Du nicht der willkommenſte?“ —„Vielleicht für Euch;“ lachte Wallrade giftig:„Für Euer Weib iſt wahrlich und gewißlich Dagobert der Willkommnere.“ —„Was ſprichſt Du da, Argwöhniſche!“ rief Diether:„Und wie käme denn Dagobert, der Pflichtvergeſſene, hieher zu uns, die er meidet?“—„Er iſt ſchon hier, ſeit mehreren Tagen hier;“ erläuterte Wallrade:„ſo ſeltſam es Euern Ohren klingen mag, ſo wahr iſt's doch. Ein wackerer Sohn, der Tage lang in derſelben Stadt athmet, in der ſein Vater wohnt, und des Vaters Angeſicht ſcheuet! Vielleicht fürchtet er auch nur meine Gegenwart; vielleicht bewegt ihn auch 2 4 ein wichtigerer Grund, Euer Auge zu meiden.“—„Ich weiß taum, was Du prichſt,“ betheuerte Diether;„Mir wirbelts vor den Sinnen. Dagobert kömmt, da Du gehſt?“ —„Er thut ſehr wohl daran;“ lächelte das Fräulein:„Ich will auch als ein freundlich Schweſterlein des Bruders Ver⸗ gnügen nicht hemmen. Lebt wohl, Vater, und wird es Euch zu eng in Frankfurt, ſo kommt auf Baldergrün. Willkommen ſeyd Ihr da, erſcheint Ihr allein, ohne Euer zweites Weib.“ —„Unverſöhnliche!“ ſprach Diether mit überſtrömenden Augen, indem er Wallraden wehmüthig an ſich druckte: „Den Kindern ſind doch ſonſt der Frauen Herzen hold; laß nicht das Brüderlein den Widerwillen theilen, den Du, — ich ſchwöre es, ohne Grund,— gegen die Mutter hegft. Willſt Du das zarte Büblein nicht küſſen zum Lebewohl, ſo ſprich doch nur gegen mich ein Wort der ausgeſöhnten Schweſterliebe.“—„Schweſterliebe?“ fragte Wallrade wie verwundert, während ſie ſich mit argem Lächeln aus des Vaters Armen wand:„Ihr ſprecht doch von dem kleinen Johann? Ich wäre deſſen Schweſter? Ei, das wolle Gott nicht. Nennt mich lieber ſeine Muhme, guter Vater.“— „Wie ſoll ich verſtehen, was Du ſprichſt?“ fragte Diether erbleichend entgegen.— Wallrade zog jedoch mitleidig die Schultern in die Höhe und verneigte ſich ausweichend.„Er⸗ laßt doch mir die Erklärung;“ ſprach ſie höhniſch:„fragt die Stadt, und wenn Ihr auch dieſer nicht glaubt, ſo wendet Euch an den heiligen Georg ſelbſt, der über dem Putztiſche Eures Weibes hängt. Ein feiner Rittersmann, deſſen Eben⸗ bild zu ſeyn, Euerm Sohne— dem Johann nämlich— keine Schande bringen wird, ſo lange Euch ſelbſt die Sache Freude 47 macht. Lebt indeſſen wohl, und dreimal wohl, mein Vater. Gott mit Euch!“ Einen Kuß der Pflicht fühlte Diether auf ſeiner Wange; einen Augenblick hielt ihn die Tochter umſchlungen, und ſchon war die Thure hinter ihr in's Schloß gefallen. Lange ſtarrte aber noch der graue gebeugte Vater vor ſich hin, wie ein, von jähem Tode Erblaßter, und als dann nun wieder Regſamkeit in ſeine Glieder trat, wandte er den Blick, ge⸗ zwungen faſt, zu dem Bilde des Heiligen, das auf ihn her⸗ niederſah wie eines Todfeinds verhaßtes Antlitz, trug es gleich die Züge des einſtens zärtlich geliebten Dagoberts. Aber alſo iſt das ungluckſelige Weſen des Argwohns und der Eiferſucht, daß durch ein Wort, durch einen aufge⸗ ruttelten Gedanken das Theuerſte ein Gegenſtand bitterer Verfolgung werden, Liebe ſich in Wuth verkehren kann. Und dieſer leiſe Grimm, ein ſreſſend Ungethum in der Bruſt. des Leichtgläubigen, baut ſich feſter und feſter ein, je ange⸗ legentlicher man ihn vertilgen möchte. In gefährlicher Stille wächst der Funke an zur verderblichen Glut, und ſo kann es geſchehen, daß ſelbſt unter dem Eiſe des Alters ein gährendes Flammenmeer wogt, denn im Mittelpunkt des Lebens ſturmt und braust es heiß und kräftig, wenn auch ſeine Gränzen allgemach im Froſt erſtarren. Mit der feſteſten Willensgewalt nur vermochte Diether den böſen Geiſt zu bändigen; nicht jedoch um die Augen mit Vertrauen zu öffnen und ihn dadurch völlig zu uberwinden, ſondern um ihn zu pflegen und größer zu ziehen in Schweigen und Heimlichkeit. Darum uberließ er ſich ſelbſt dem Fehler, dem er auf die Spur zu kommen trachtete, der Heuchelei. Mit freier Stirn überließ er ſich der Umarmung Margarethens. ¹8 die ihm ihre Dankbarkeit bezeugte, daß er Wallraden nicht län⸗ ger in ihrer Nähe aufgehalten; ohne mit einer Miene ſeinen tiefen Verdacht, ſeinen heimlichen Groll zu offenbaren, tändelte er mit dem Knaben, den ihm die Ehefrau ſchmeichelnd in die Arme legte. Stundenlang ſcherzte er mit dem Buben, verwen⸗ dete er kein Auge von ihmz aber nicht väterliches Wohlgefallen, wie wohl ehedem, bewog ihn dazu, ſondern die Begierde, Johanns Züge ſich feſt einzuprägen; und ſo oft ſein Blick vergleichend von des Knaben Antlitz zu dem Bilde des hei⸗ ligen Rittersmannes ſchweifte, bohrte ſich ein neuer Dolch in des Argwöhniſchen Gemüth, und je gewiſſer ihm die Aehn⸗ lichkeit wurde, je wüſter tobte es in ſeinem Innern, ſo freundlich er auch ſeine Runzeln glättete, ſo peinlich er auch den Mund zum Lächeln zwang. Die Nacht, die auf dieſen Tag quälender Unruhe folgte, war für den von Jahren, Gebreſte und Verdacht geſchwächten Mann keine Erfreuliche, und dem Geizhalſe zu vergleichen, der auf ſeiner Geldtruhe nur von Raub und Mord zu träumen pflegt, ſah Diether Dagoberts und des Schultheißen hämiſch lächelnde Häupter um ſein Lager kreiſen. Liebesgirren und Minnegekoſe folterte ſein Ohr, ſo tief er den Kopf in die Kiſſen wühlte, und hundert⸗ mal verließ er ſein Bette, um an Margarethens Kammer⸗ thür zu lauſchen, ihre Athemzüge zu zählen, und ſich zu überzeugen, daß kein kecker Buhle ihre Einſamkeit theile⸗ Den Ermüdeten hatte kaum ein mitleidiger Morgenſchlummer uberraſcht, und ſchon weckte ihn eine Botſchaft, die ihm vor wenig Tagen noch eine freudige geweſen wäre; die Kunde von der Ankunft Dagoberts. Der Sohn, nicht ahnend, daß er im Vaterhauſe fremd geworden, ſtürzte mit dem Jubel nngeheuchelter Liebe an des überraſchten Vaters Bruſt. Ach! 49 die herzlich gemeinte Freude des Wiederſehens konnte nur auf dürftige Augenblicke den unſeligen Wahn von Diethers Bette ſcheuchen. Ohne Säumen kehrte er wieder zurück. Dem unbefangnen Jüngling ſogar konnte die Veränderung nicht entgehen, die ſich mit ſeinem Vater zugetragen, allein er ſchrieb auf Rechnung des Siechthums, was auf Rechnung eines verblendeten Gemüths kam. Aufrichtig und ſtürmiſch, wie er war, konnte er ſeine Gedanken nicht lange bei ſich behalten.„Sagt mir doch, herzlieber Vater,“ ſprach er mit jener Zutraulichkeit im Auge, welcher man ſo ſelten wider⸗ ſteht;„Sagt mir doch, ob es nur eine Einbildung iſt, oder Wahrheit, daß ich Kälte und eine gewiſſe Fremdheit in Eurem Empfang wahrnehme; und wenn es wahr ſeyn ſollte, ob das noch von Eurer Krankheit ſtammt, ob nicht. Sprecht aufrichtig vom Herzen weg, damit es alsdann wieder zwiſchen uns werde, wie vormals.“— Diether blickte prüfend in des Jünglings redlich Geſicht, aber die Aufrichtigkeit war bei ihm hinter die Wege gezogen. Den Scheingrund ſchob er ohne langes Ueberlegen vor.„Wie kommt es,“— fragte er beinahe hart,—„daß mir jetzo erſt Dich zu ſehen erlaubt iſt, während Du bereits ſeit einigen Tagen hier verweilſt?“„Ich, Vater?“ fragte Da⸗ gobert betreten, und hätte gerne verneint, unbefangen ver⸗ neint. Diether ging aber ohne Zögern auf den Grund, und drängte mit neuer ſtrengerer Frage, ſo daß am Ende der Jüngling den beſten Theil erwählte.„So mögt Ihr's denn wiſſen;“ ſprach er:„ich verſtehe mich ſchlecht auf's Lügen, beſonders wenn Ihr mir in's Auge ſeht, denn vor dem Manne, den ich am meiſten ehre und liebe, habe ich kein Falſch. Es ſey alſo darum. Wahr iſt's; ſeit vorgeſtern 50 Mittag bin ich hier, und habe mich ſorgfältig von Euerm Hauſe fern gehalten, weil— Ihr mögt mir darob nicht zurnen— weil Schweſter Wallrade darinnen ein⸗ und aus⸗ ging. Heute ſah ich ſie jedoch mit Roß und bepacktem Wagen von vannen ziehen, und ſäumte länger nicht, hier einzuſprechen. Gott ſegne Euch die Oſtertage. Die Fladen mit Euch zu verzehren bin ich hier, und will ſie mir ſchmecken laſſen, ſo der Himmel will, und Ihr mich gerne an Eurem Tiſche ſeht.“—„Du vringſt nicht die Eintracht zu dem Feſte;“ antwortete Diether mürriſch:„der Bruder flieht den Ort⸗ wo ſeine Schweſter haust?“—„Ihr wißt ja, Vater, daß wir's von jeher alſo hielten;“ entgegnete Dagobert mit leich⸗ tem Scherz:„Was Hänschen jung gewohnt, das thut es auch im Alter. Doch, weil ich eben ſeinen Namen nenne, — was macht mein Brüderlein? Ihr ſollt ſehen, ob wir nicht veſſer zuſammenhalten, als ich mit Wallraden.“— „Wirklich?“ ſpöttelte Diether:„Man ſollte es kaum glauben. Ein Stiefbruder iſt gewöhnlich nicht der Geliebtere.“— „Hm!“ lachte Dagobert;„es hat mit dem Kleinen ein be⸗ ſonder Bewandtniß.“— Dem Vater ſtieg eine dunkle Flamme der Beſchämung bis unter die Haare.—„Der arme Junge war ſtets krank,“ fuhr Dagobert fröhlich fort:„nun iſt er aber geſundet, wie ich höre. Seht⸗ ſchon dieſes freut mich ungemein. Doppelt lieb muß ich aber den Burſchen haben⸗ weil....“—„Weil....2“ unterbrach ihn Diether geſpannt und heftig.—„Weil ich komme, um mit dem armen Schelm ſein Erbe zu theilen. Seht mich nur verwundert an. So wie Ihr mich vor Euch erblickt, habe ich mich mit der Kirche abgefunden, oder ſie vielmehr mit mir. Sie kann mich nicht prauchen, und hat der Mutter Gelubde gelöst, als ob es auf's Beſte erfüllt worden wäre.“— Wie?“ fragte Diether: „das iſt nicht möglich. Wie ſollteſt Du.. 2.—„Wenn Ihr Latein verſtundet,“ fiel hinwiederum Dagobert ein:„ſo wurde Euch dieß Pergament genug ſagen, um zu glauben, was ich ſage. Ich habe aber der Urſachen mehr, zu ſtaunen ob Euerm ſeltſamen Betragen, Vater. Brachte ich Euch die frohe Mähr ein Jährlein früher, ſo lagt Ihr voll Entzucken an meinem Halſe. Heute geberdet Ihr Euch juſt, als wär es Euch zuwider, was ich bringe, und doch habt Ihr ſelbſt mehr denn hundertmal mein Geſchick beklagt, da es noch unabwendbar ſchien.“—„Wie ſoll ich mich freuen,“ brach Diether los,„wenn ich aus Allem entnehmen muß, daß Dein wüſter Lebenswandel allein hier den Ausſchlag gegeben. Nicht wurdig hat man Dich befunden, das Meßgewand zu tragen, und zu binden und zu löſen. Ich weiß, was Coſtnitz und des Conciliums Väter von Dir denken, wie unzählige⸗ mal Du Deinen Ohm gekränkt, mißhandelt, daß er am Ende ſeine Vaterhand von Dir abgezogen.“—„Ho!“ verſetzte Dagobert, ſich mit dem Zeigefinger auf die Stirne tippend: „Jetzt weiß ich mit einemmale, woher es blitzt. Wallradchen hat mein Bettlein aufgeruttelt, und mir's fein bequem ge⸗ macht im Vaterhauſe. Recht ſo; wo ſich der Teufel anlehnte, macht ſich auch der weißeſte Aermel voll Ruß. Was lieb Schweſterlein indeſſen geſagt haben mag,.. glaubt mir, lieber Vater, es iſt erlogen. Was den würdigen Ohm be⸗ trifft, ſo muß ich lachen, und behalte mir vor, Euch kund zu thun, wie ich meine Hand von ihm abgezogen habe. Des Pabſtes Breve aber, aus dem man vielleicht ein Zeugniß neiner luderlichen Sitten machen möchte, ſoll Euch Pater 1 Johannes verteutſchen. Bis dahin habt mich jedoch lieb, und laßt mich das Bullverlein küſſen.“—„Deinem Wunſche tann alſobald Genüge geſchehen;“ erwiederte Diether:„hier kömmt ſo eben die Mutter ſammt dem Sohne.“ Hans, und ſtutzte merklich bei Dagobert's Anblick, obſchon deſſen Ankunft ihr bekannt. Dieſes Befremden fand indeſſen Grund in Dagobert's Kleidung und Geſtalt. Die Stiefmutter hatte darauf gerechnet, den angehenden Mönch zu finden, mit hohlem Faſtengeſichte und härenem Gewande, und ſtatt deſſen ſtand ein kräftiger junger Mann vor ihr, im Schmucke des wohlhabenden Sohns eines altbürgerlichen Geſchlechts, blühender noch, als da er von dannen gezogen. anlegen? Auf dieſes Befremden drängte ſich augenblicklich die mächtige Erinnerung vor Margarethens Seele,. das Andenken an ihren Eintritt in dieſes Haus, an jene Zeit der Sehnſucht, in welcher die Jugend nur mit Widerwillen dem Alter gehörte, und eines jugendlichen Freundes begehrte Dieſer Freund, verboten ihr durch Sitte und Kirchengebot⸗ dennoch erkoren von ihr mit leidenſchaftlichem Verlangen⸗ dieſer Freund, der feindlich ſie verſchmähte, und in ihr jenes wunderliche Gefühl erzeugte, das uns öfter antreibt, mit blutendem Herzen diejenigen zu haſſen, die wir demungeachtet dauernd und ewig lieben, ohne ſie unſer nennen zu durfen⸗ — dieſer Freund ſtand nun wieder vor Margarethens Augen; er malte ihr in ſeinem ſtummen Bilde eine ſchmerzlich ſelige Vergangenheit;— zugleich auf ihre Wangen jene zauberiſche Röthe,. der Schaam wie des Entzuckens heilige Farbe — Dagobert hatte ſich vorgenommen, der Stiefmutter freund 52 Frau Margarethe erſchien wirklich ſaumt dem kleinen Wer mag dem Getriebe des Herzens folgerechten Zwang lich entgegenzukommen, um ſie mitleidig der erſten 53 begreiflichen Verlegenheit zu entreißen; aber ihr unerwarteter Empfang,. die Ueberraſchung, die ſich in ihrem ganzen Aeußern geſtaltete wie die Verwirrung einer geſchämigen Braut, übte gleichwirkende Kraft auf den Jüngling. Auch er fühlte ſeine Wangen glühen; auch er verneigte ſich ſtumm, ſtotterte alsdann einige Worte, die unzuſammenhängend ſei⸗ nem Munde entſchlüpften, und beugte ſich ſchnell, um der Begrüßten das Schauſpiel ſeiner Blödigkeit zu entziehen, zu dem Knaben, der fremd und verwundert zu ihm aufſchaute. „Ach!“ rief er aus:„wie ſchön, wie ſtark, wie blühend iſt der Junge geworden. Werthes Stiefmütterlein, empfangt meinen Glückwunſch; und auch Ihr, mein guter Vater, er⸗ laubt, daß ich Euch die Hand ſchüttle, wie ein Freund dem andern, und dem Buben einen Kuß auf den trotzigen Mund drücke, zum Pfand meiner Liebe. Ja, herziger Knabe, wir werden Freunde ſeyn; Deine hellen Augen ſprechen ganz anders zu meiner Seele als Wallradens ſtechender, nirgends verweilender Blick.“— Er küßte den Knaben, der auch ſeiner Seits freundlich die Arme zu ihm emporſtreckte, und wie ein Eichhörnlein auf ſeine Kniee kletterte.„Haſt Du mich lieb, kleiner Hans?“ fragte Dagobert in ſeiner Fröhlichkeit koſend den Knaben.„Gewiß, lieber Herr;“ antwortete Hans, den zierlichen Bart des Jünglings ſtreichelnd:„willſt Du mein Väterlein ſeyn?“—„Ei, Du einfältiger Hans;“ erwiederte Dagobert lachend wie ein ausgelaſſener Geſell:„welch tolles Zeug bringſt Du zu Markte? Haben ſie Dir in Frankfurt nichts Beſſeres gelehrt? Dort ſteht Dein Vater;“ er zeigte auf Diether, der, halb abgewendet, ſeinen ſteigenden Groll kaum mehr zu mäßigen vermochte:„auch mein Vater iſt er, und wir beide wollen gute Brüder ſeyn. Herzgeliebte Eltern;“ „ fuhr er fort, indem er aufſtand, und den Knaben wegſetzte: „Wallrade mag von mir geplaudert haben, wie und was ſie wolle,— ich bin dennoch nicht ſo ſchlecht, als ſie Euch über⸗ reden mochte. Glaubt ja nicht, daß ich heim komme, um den kleinen Knirbs, mein Brüderlein, zu plündern und zu verkürzen um das Erbtheil, das ich ihm abgetreten. Davor bewahre mich der liebe Gott. Er hat mir ſchon genugſam beſcheert, da er mich vom Pfaffenthum entbinden ließ, durch ſeinen Statthalter auf Erden. Was ich gelernt, bringt mich ſchon anderweitig durch, und komme ich vielleicht einmal aus irgend einer Fehde als ein lahmer Krüppel heim, und weiß mit meinem alten Arm nichts mehr zu gewinnen, ſo erinnert ſich wohl der Johann der Liebe, die ich fur ihn hatte, und füttert mich alsdann von ſeinem Ueberſtuß.“ Die biedre klare und aus voller Bruſt geſprochne Rede Dagobert's preßte in Diether's Augen Zähren der Ruhrung; ſie waren aber nicht vermögend, den Panzer zu erweichen⸗ den der Geiſt des Verdachts um des Schöffen Milde gezogen. Der Verblendete hatte Margarethens, Dagobert's Erröthen geſehen: er hatte, von Feeberfroſt geſchuttelt, des Knaben unſchuldige Worte vernommen, und ihnen eine giftige Deu⸗ tung untergelegt. Ein Felſen lag auf ſeiner unruhig ſtei⸗ genden Bruſt, und erſtickte jedes Wort der Erklärung. Heftig wandte er dem Sohne den Rücken, und ging aus dem Ge⸗ mach. Verwundert und gekränkt ſah ihm Dagobert nach. „Ehrſame Frau,“ begann er nach einer Weile zu Marga⸗ rethen, die, den Blick auf den Boden geheftet vor ihm ſtand⸗ — unſchluſſig, ob ihr zu gehen, ob ihr zu bleiben zieme,— zögernd, von dannen zu ſcheiden, ängſtlich, noch länger in des Gefährlichen Nähe zu verweilen.—„Ehrſame Frau, 56 könnt Ihr mir nicht erklären, wie es eigentlich um den Vater ſtehe? Welch unheimlich Geberden, welche grollende Verſchloſſenheit hat er angenommen?“—„Sein Unfall.. antwortete Margarethe ſtockend:„.. ſeine Wunde, die noch nicht geſchloſſen,...—„Ach, wehe uns;“ ſeufzte Dagobert: „wehe uns, wenn jener meuchleriſche Bube tödtlich den Fleck verletzte, wo die Liebe für den treuen Sohn ſitzt. Täuſcht mich nicht, gute Stiefmutter. Ich will nicht glauben, daß Ihr mich ſo gänzlich hinterrücks aus dem Felde geſchlagen. Ich habe Euch ja nie Leides gethan, und liebe Euern Sohn, als ob ihn meine eigne Mutter geboren; aber, Wallrade..... 2 — Nargarethe nickte heftig mit dem Kopfe, und Dagobert fuhr fort:„Gelt? ich hab's getroffen? O die verläumderiſche Heuchlerin! Doch will ich nicht verzweifeln. Den Vater will ich zwingen, ſeine Gunſt mir wieder zuzuwenden, und Ihr, mein zweites Mütterlein, ſprecht ein gutes Wort für mich. Ich bin ein ehrlicher Geſelle; verlaßt Euch darauf, und redet mir zur Minne.“— Bittend hatte er ihre beiden Hände ergriffen, die ſie, erſchrocken über die heftige Bewegung ihres Gemuths, ſchnell aus den ſeinigen zog, obgleich ihre Augen mit einem ſanften Ausdruck auf dem Stiefſohne ruhten.— „Mißtraut mir nicht;“ ſprach ſie langſam;„ich hoffe, es wird ſich Alles geben. Mein Herr wird nicht in ſeinem Irr⸗ thum beharren. Vor meinen Augen ſeyd Ihr rein,— rein, wie dieſer!“— Sie deutete auf das Bild des heiligen Georg, und verließ eilig mit dem Knaben die Stube. Dagobert konnte ſich lange nicht von dem nie gehofften Eindruck er⸗ holen, den der Empfang im Elternhauſe auf ihn gemacht. Wehmüthig ſinnend ſaß er da, den Kopf in beide Hände geſtutzt, wiſchte ſich dann eine Thräne, wie nur gekräntte 56 Treue ſie weint, aus dem Auge, und richtete ſeine Blicke auf St. Georgii Bild.„Die gute Stiefmutter!“ ſprach er halb lächelnd zu ſich ſelbſt:„Wenn ſie recht hätte, und ich ein Gotteskämpfer wäre, wie der heilige Reitersmann dort oben. Den Teufel wollte ich mich um alle Wallraden und Prälaten des heiligen römiſchen Reichs ſcheeren, wären ſie auch alle meine Schweſtern und Vettern. Der Verläumdung ſtieße ich die Rennſtange wohlgemuth zwiſchen die Zähne, bis ſie verendete, und beim Vater mußte der liebe Herrgott ein Wort der Sühne einlegen, kräftiger als das Fürwort aus Frau Margarethens Munde, obſchon dieſer Mund aller⸗ liebſt iſt, und vielleicht nur von einem Einzigen in ganz Deutſchland übertroffen wird.“ Er ſchritt durch das Gemach, und blieb alsdann mit verſchränkten Armen vor dem Bilde ſtehen.—„Ein ſchmuckes Gemälde!“ begann er, ſein Herz durch Zerſtreuung von ſchwerer Sorge abzulenken:„hab's noch niemals in Vaters Hauſe geſehen. Hu! wie der Schimmel ſpringt und ſteigt! Wie des Reiters braune Locken im Winde flattern! wie ſtolz und ſtattlich er im Sattel ſitzt! Ja! ſolch ein Mann zu ſeyn. das wäre eine Luſt! Die Dirne möchte ich ſehen, die mir dann ſpröde wiverſtünde!— Rärriſcher Schalk!“ unterbrach er ſich, lachend:„als ob mir's darum zu thun wäre! Wie ſang der arme Barfüßer, der draußen im Haus der Ausſätzigen verkümmert, während aus ſeinem fruchtbaren Kopfe unzählige Lieder der Minne und Geſelligkeit ent⸗ ſpringen, und in ganz Deutſchland nach gefälligen Weiſen geſungen werden?„„Ein Fiſchlein mir gar wohl gefällt, doch darf ich ſein nicht koſten! Drum ſey der Fiſchzug ein⸗ geſtellt... Die Angel mag nun roſten!““ Das iſt auch mein 57 Beſcheid, und kalt, wie ein rechter Froſch will ich ſeyn, trotz dem wackern Kämpfer Georg, deſſen anmuthig Geſicht ich ſchon irgendwo geſehen haben mag, ſo bekannt ſpricht mich's an. Und, wenn mir recht iſt, ſo iſt's gar mein Brüderlein Johann, das dem Heiligen gleicht. Wahrlich, wahrlich! Ein feiner Sprößling, der Bube; und eben deſſen Züge waren mir beim erſten Zuſammentreffen ſo wenig fremd, daß ich darauf hätte ſchwören mögen, ich hätte ihn vor Kurzem erſt, zu Coſtnitz oder irgendwo, geſehen. Es mag aber leichtlich nur ein Traumbild geweſen ſeyn; denn mein guter Prediger⸗ mönch ſagte gar vielmal, daß es Beiſpiele gegeben, wie gewiſſe Menſchen andere im Traume geſehen, die ſie nachher auf dem Lebenswege angetroffen und lieb gewinnen müſſen. — Ach! auch Eſther war ein Bild meiner frühſten Träumez nicht ſelten iſt ſie eine Erſcheinung meiner jetzigen; und zu verwundern iſt's, wie einem frommen Chriſten von einer halben Heidin träumen,. wie dieſe an des Rechtgläubigen Herz wachſen darf, während ſie doch nimmer in ſeine Arme wachſen darf!“ Drittes Rapitel. Was iſt ſchärfer, denn ein Pfeil? was giftiger als Schlangengeifer!— Die Zunge des Böſen, der den Feind will verderben. Perſiſches Gleichniß. Am Morgen des Samſtags in der heiligen Charwoche war ein reges Getreibe auf dem Römer. Die Oſterfeier⸗ tage waren vor der Thüre, und alle Geſchäfte des Raths wie des Gerichts mußten bis auf den Punkt vorbercitet wer⸗ den, die Oſtertage hindurch ohne Gefahr und Nachtheil ruhen zu können. Die Kanzleien waren angefüllt von fleißigen Schreibern, harrenden Boten, befehlenden und in die Feder ſagenden Rathsherrn; die Vorgemächer wimmelten von un⸗ geduldigen Clienten und Parteien, unter welchen wie ge⸗ ſchmeidige Aale Fürſprecher und Momparen hin und her ſchlupften, bald zu gütlichem Vergleich beredend, bald zu ernſtem Streite vor dem Richter anhetzend. Gläubiger mit ihren Schuldnern, Treuenhänder mit ihren Mündeln, Ta⸗ bellionen mit Kaufluſtigen gingen Thüren aus, Thuren ein, und ein ſchwirrendes Getöſe erfüllte das weite ſtattliche Ge⸗ bäude, die Säle ausgenommen, wo hinter ſchweren Flugel⸗ pforten die vierzehn Schöffen ihre Gerichtsbank hielten, oder Bürgermeiſter und Rath im weiten Kreiſe verſammelt ſaßen, des Reg ments zu pflegen. Wichtig thuende Schreiberknech flogen mit Schriftbündeln auf und abz mürriſche Rathsdien 539 ſchneckten durch die Gänge. Altbürger, im Bewußtſeyn ihres ſtädtiſchen Anſehens und Gewichts, ſtiegen gravitätiſch um⸗ her, und maßen mit finſterm Blicke die zahlreichen Edelleute vom platten Lande, die, um Händel und Späne mit der Stadt beizulegen, herbeigekommen waren, um wider Willen ihr hohnlächelndes Haupt vor der Rechtspflege der reichs⸗ freien Bürger zu beugen. Nebſt all dieſen, mehr oder weniger im Heiligthume der Gerechtigkeit beſchäftigten Leuten, drehte ſich noch in den Hallen eine nicht unbedeutende Anzahl mußiger Geſellen, die heute ſchon die Oſterzeit begonnen hatten, um allenthalben ihr neugierig und faul Angeſicht zur Schau zu tragen,— und eine Menge Geſindels, das, keinem zünftigen Gewerbe zugethan, ſein elend Stücklein täglichen Brods täg⸗ lich aus der blauen Luft holt, wie eine Lerche auf gut Gluck den Acker beſtreift und mit leichter Mühe aus der Furche den Waizen holt, der im Grunde nicht fur ſie beſtimmt iſt, und von welchem ſie noch nicht wußte in verwichener Nacht. Die Einen dieſes Gelichters hielten vor dem Gebäude die Pferde der Junker vom Lande, die Andern zeigten den Frem⸗ den die Eingänge zu den verſchiednen Kanzleien; die Trägſten endlich bettelten geradezu die Vorubergehenden an, oder bildeten, an Mauer und Treppengeländer gelehnt, eine Straße von Gaffern, durch welche Alles hindurch mußte, um gehörig bewitzelt und beſchrieen zu werden. Fur dieſes⸗ mal hatte jedoch der Mund dieſer Faulthiere Feiertag, wie ihre beſtändig ruhenden Hände, und unverwandten Blicks ſtarrten ſie hinab zur Eingangspforte, hinaus auf die Gaſſe, wie Menſchen, die auf etwas Außerordentliches geſpannt ſind. 66 war nämlich durch einen nicht allzuverſchwiegenen Diener es peinlichen Stuhls ruchbar geworden, daß heute der 60 hundertjährige Jude und ſein Sohn vor dem Oberſtrichter im ſtillen Verhöre erſcheinen würden. Dem Geſindel war es ſchon ein Feſt, diejenigen von Angeſicht zu ſehen, gegen welche ſchon der Name ihres Volks den allgemeinen Hohn, die gräßlichſte Erbitterung rege machte. Seit Wochen bereits lagen die Juden im Thurm, und noch war die Art und Gattung ihres Frevels nicht laut geworden unter dem Volke. urſache genug, die grauſame Neugier zu verdoppeln, und den Wunſch zu erhöhen, bald ein blutiges Urtheil ausſprechen zu hören, vollſtrecken zu ſehen. Denn; todeswürdig,— ſo vernünftelte das Volk— todeswürdig müßte ihr Vergehen ſeyn, und unmenſchlich die Strafe.— Mit Ungeduld harrte die Menge auf ihre Opfer, um ihnen ſchon dieſen erſten ſauern Weg durch Verwünſchungen und Schmähungen noch ſchrecklicher zu machen. Plötzlich lief ein Gemurmel durch die Reihen.„Seht ihr den Rothkopf.. 2“ flüſterten ſie unter einander:„Kennt ihr den Juden, der ſich taufen ließ? Dort ſchleicht er die Treppe hinan. Was will der hier?“— Scheuen Blicks ſchritt Zodick durch das murmelnde Voll, grüßte hier demüthig einen ihm begegnenden Vornehmen⸗ der vor ihm ausſpuckte; warf dort einem böſen Schuldner⸗ der ihm auswich, einen drohenden Wink zuz zog vor dem Kruzifir der Vorhalle andächtig kriechend den Hut, und be⸗ rührte darauf furchtſam die Zizis, die er ſtreng verborgen unter ſeinem Taufſchilde und unter dem faltigen Wams auf der bloßen Bruſt trug, um den hochgelobten Gott der Sündt wegen, daß er den Sabbath entheiligen müſſe, um Ver⸗ gebung zu bitten.— Er verlor ſich in den ſchwach erhellten Gang, der„ der Thüre der peinlichen Kammer führte. Während deſſen entſtand eine lebhaftere Unruhe unter dem in den Säulen⸗ gewölben harrenden Pöbel. Von ſtarker Wache geleitet, ſchleppten ſich innſchwerer Eiſenlaſt zwei lebende Bilder des Leidens uber die Stufen des Gebäudes: Der Greis Jochai und ſein Sohn. Das Elend einer kurzen, aber entſetzlichen Haft hatte Wunder des Jammers an Beiden gewirkt; aber dennoch waren jetzo ihre todtenfahlen Wangen geröthet, ihre im Moderduft des Kerkers erloſchnen Augen in flackernde Flämmchen verkehrt, denn vor einigen Augenblicken erſt hatten ſie ſich wieder geſehen, die nichts mehr von einander wußten. Sie hatten die ſchmerzliche Freude empfunden, ſich in gleichem Leide als Genoſſen zu finden, und von halb menſchlichen Wächtern begunſtigt, des Glucks genoſſen, ſich zu umarmen im Schmuck der Verbrecher. Sie durften zwar kein Wort wechſeln, aber ihre Blicke ſagten ſich genug, hatten auch ihre Augen das Weinen verlernt.— Dieſes Paar, in un⸗ ſcheinbare Ueberreſte feiner Gewänder gehüllt, Haar und Bart triefend von Näſſe, ſtarrend von Schimmel und Moder, wankenden Fußes einherſchreitend, niedergezogen von ſchleifen⸗ den Ketten, dieſes Paar des Erbarmens wurde mit Hohn⸗ gelächter und Geſchrei bewillkommt. Richt die Leiden der Seele und des Körpers, die in unverkennbaren Zugen auf Ben Davids Geſichte verzeichnet waren,— nicht des höchſten Menſchenalters ruhrende Ehrwurdigkeit auf Jochai's Antlitz ruhrte das unbarmherzige Volk. Die Wächter hatten zu wehten, daß nicht im Hauſe der Gerechtigkeit Frevel an den Gefeſſelten verubt würden. Den Schmähworten konnten ſie indeſſen nicht ſteuern, und beladen mit Drohungen und Fluchen aller Art erreichten die Gefangenen die Höhe der Treppe; hier begegnete ihnen ein bekanntes Geſicht. Der 2 5 62 Judenarzt Jofeph war's, der gerade von einem, während der Sitzung unpäßlich gewordnen Rathsgliede kam. Kaum hatte er jedoch der unglucklichen gewahrt, ſo wendete er ſcheu und verdrießlich den Kopf hinweg, uberſah den Gruß Ben David's und ſchob ſich, ſo ſchnell es ſeine Wohlbeleibt⸗ heit verſtattete, die Stiege hinunter, tobend und ſcheltend gegen den Pöbel, der dem, wenn gleich vornehmern und höher gehaltnen Juden den giftigſten Spott nicht ſchenkte. Erſt nachdem ſich die Thüre der Kanzlei des peinlichen Ge⸗ richts hinter Ben David und ſeinem Vater geſchloſſen, waren ſie dem ſchadenfrohen Getümmel entronnen, und nur die Zielſcheibe der unziemlichen Scherze, welche ſich Schreiber und Diener gegen ſie erlaubten, bis ſie auf das Zeichen einer Glocke in die Verhörkammer gebracht wurden, woſelbſt der Oberſtrichter, umgeben von dem duſtern Gepränge des Blutgerichts, ihrer harrte, ſammt dem vereideten Geheim⸗ ſchreiber.— Nachdem der geſtrenge Herr die Kettenbelaſteten eine Weile mit finſtern Augen gemeſſen, befahl er dem an⸗ weſenden Rathsknecht, ihnen die Bande abzunehmen, und ſich zurückzuziehen.— Sobald dem Befehle gehorcht worden war, lehnte' ſich der Richtér in den breiten Seſſel zuruck, winkte dem Schreiber, die Feder zur Hand zu nehmen, und wendete ſich mit den hergebrachten Eingangsfragen an die Juden. Auf die Fragen nach Namen und Stand erwiederte der hundertjährige Greis:„Gewaltiger Herr! Ich nenne mich David Ben Jochai; mein Sohn, Jochai Ben David, was ſo viel heißt, als: Sohn des David. Unſere Leute haben ſich aver gewöhnt, uns zu nennen, der Kürze halber,“ mich Jochai; meinen Sohn Ben David. WVir ſind von jeher geweſen arme aber fleißige Leute im Handel und Wandel⸗ 63 Trödel und Schacher, und ehrliche Darleiher in guter Münze gegen billige Zinſen. Ich habe zurückgelegt das hundertſte Jahr mit der Hülfe des barmherzigen Gottes, welcher zählt die Haare und die Tage des Menſchen; mein Sohn iſt ge⸗ weſen funfzig Jahre, wenn mich nicht trügt mein altes Ge⸗ dächtniß. Der Herr in Iſrael hat uns auch geſegnet in der Fremde, bis wir ſind gekommen in ſo viel Leid und Trübſal, als wir hier vor Euch ſtehen. Man hat uns gebunden mit Ketten; man hat uns geworfen in fürchterliche Löcher, wo wir muſſen waten bis an den Knöchel im Waſſer, wo unſer Angeſicht bleich wird und unſer Auge blöde; und noch hat man uns nicht geſagt, weſſen wir beſchuldigt ſind, und unſer Herz iſt doch rein wie das Ei, wenn es glatt und zu rechter Zeit aus der Schale geht.“—„Schweig!“ unterbrach ihn der Oberſtrichter ſtreng:„Deine Zunge rührt ſich ungemeſſen zur unrechten Zeit. Die Urſache Eurer Haft ſollt Ihr heute noch erfahren, ihr Ketzer, wenn ihr nicht vorziehen ſolltet, Euer Verbrechen reuig zu bekennen.“—„Wie können wir doch bekennen, was wir nicht wiſſen?“ fragte Ben David mit ängſtlichen Geberden:„Wir wiſſen uns rein, und können auf die Thora, auf welcher Gottes Herrlichkeit ruht, be⸗ ſchwören, daß wir unſchuldig an jedem Fehl. Der hochge⸗ bte Fürſt und Herr in Iſrael wird's uns ſogar nicht anrechnen, daß wir jetzo den Sabbath enthelligen durch Zeugniß und Verantwortung vor Gericht; denn Noth kennt kein Gebot.“—„Stille!“ rief der Oberſtrichter ihnen auf's Neue zu:„Wer wird ſich darum bekümmern? Macht ihr's mit eurem Götzen aus. Wir wiſſen nichts von Eurem Baals⸗ dienſte. Eine Frage an Euch insgeſammt, Vater und Sohn⸗ Was iſt aus dem Ehriſtenkindt geworden, das Einct von 8 Euch vor fünf Monden etwa in Euern Schlupfwinkel in der Judengaſſe geſchleppt hat?“— Jochai, beſonders aber Ben David ſtutzte heftig.—„Nun?“ fuhr der Richter barſch fort:„Wird's bald mit der Antwort? Wahrheit oder Luge! Wo kam das Kind hin?“—„Ich weiß doch von keinem Kinde,“ antwortete Ben David ſchnell, ehe der zweifelnde Iochai durch ein ſchwankendes Wort das Gegentheil verrathen konnte. Der Greis⸗ in deſſen Augen ſchon Aengſtlichkeit ſichtbar geworden war⸗ zögerte indeſſen nicht, wörtlich die Ausſage des Sohns zu wiederholen.„Ihr wißt alſo nichts?“ fragte der Richter bitter lächelnd weiter:„Ihr habt wohl noch nie ein Chriſtenkind in Eurem Hauſe geſehen?“—„Als uns Gott ſoll helfen,“ erwiederte Ben David ausweichend: „Wir wiſſen nicht, von welchem Kinde Ihr ſprecht.“—„Mein Alter macht vergeßlich;“ fügte Jochai bei, welcher nicht be⸗ jahen, doch auch nicht ganz verneinen wollte:„Ich wüßte mich nicht zu beſinnen, ob jemals..—„Ihr läugnet?“ ſprach der Oberſtrichter drohend:„Deſto ſtrenger wird das Urtheil fallen.“—„Gott ſoll uns helfen, und ſich Ifraels erbarmen!“ klagten Vater und Sohn:„Wir ſind unſchuldig, man mag uns zeihen⸗ weſſen man begehrt. Wir haben ſtets gezahlt als redliche Leute unſere Abgaben, den Opferpfenning, die Kronſteuer, des Kaiſers Hof⸗ und Keſſelgeld. Wir haben richtig eingeliefert Pfänder und Briefe von Herren und Edeln, als der König Wenzel es beſohlen. Wir haben nicht beſchnitten das Geld, noch böſe gemunzt. Wir haben nicht betrogen, nicht geſchunden; wir haben vom ehrſamen Rath nur geringe Zinſen genommen, und ihm unſer bischen Ar⸗ muth immer offen gehalten. Wir finden keine Schuld an uns, und ſollten unſre Brüder gefrevelt haben, ſo kümme doch uns nicht, denn der heilige Gott ſpricht:„Jedem Ein⸗ zelnen ſoll gethan werden nach ſeinen Werlen.“—„Spricht Euer Götze ſo?“ erwiederte der Oberſtrichter mit hartem Hohne:„Wohlan, ſo ſey es auch alſo. Es iſt hier nicht die Rede von Euern Ketzerbrüdern; von Euch ſelbſt, verworfnes Gelichter; und da Ihr nicht geſtehen wollt, was Ihr be⸗ gangen, ſo will ich's Euch beweiſen laſſen, von unverwerf⸗ lichen Zeugen.“— Er zog die Glocke, und flüſterte dem eintretenden Diener ein Wort in's Ohr. Kurze Weile nachdem ſich dieſer wieder entfernt hatte, ſchlich Ben David's Sabbathmagd, die ſtumme Grete, herein; mit gefalteten Händen, in welchen der Roſen⸗ kranz hing; mit thränenden Augen und blaſſem Angeſichte. Sie verneigte ſich demüthig vor dem Richter und dem Bilde des Erlöſers, das über deſſen Stuhle hing, und ſchlug, ſeit⸗ wärts auf die Veklagten blickend, ein verſtohlnes Kreuz.— „Die Schwörfinger in die Höhe!“ gebot der Richter:„Du ſchwörſt vor der heiligen Dreifaltigkeit und bei dem Ge⸗ dächtniß an unſers Heilands bittres Leiden die Wahrheit, ſofern ſie Dir bewußt, zu bekennen durch unverdächtige Zeichen? Nicke mit dem Kopfe!“— Die Alte that, wie man ihr hieß, und zitterte vor andächtiger Furcht an allen Glie⸗ dern.— Nachdem ſie der Oberſtrichter über ihren Namen, Gewerb und die Zeit, während welcher ſie bei den Beklagten in Dienſten geſtanden, befragt, ging er zur weitern Unter⸗ ſuchung über, und auf ſeine dringenden Ermahnungen geſtand nach und nach das arme Weib, ſo deutlich es nur durch ſeine Zeichenſprache anging, daß vor einiger Zeit Ben David einen Chriſtenknaben in ſein Haus gebracht, von einer fernen Wanderung zurückkommend; daß ſie ſelbſt den Knaben zwei Rächte hindurch in ihrer Kammer beherbergt; daß er aber in der dritten verſchwunden, und nicht mehr zum Vorſchein gekommen ſey.—„Haſt du nicht wahrgenommen,“ fuhr der Oberſtrichter in ſeinem Verhör fort,„ob nicht Einer von dieſen anweſenden Juden gegen den Knaben einen beſondern Widerwillen und Haß bezeigt?“— Grete nickte nach eini⸗ gem Nachſinnen mit dem Haupte, und deutete auf den Greis Jochai.—„Nun denn, ihr ſchändliches Geſindel,“ fuhr der Richter die Juden an:„Geſteht Ihr bisher ein, was die Alte angedeutet?“ Ben David läugnete friſch weg die ganze Sache, und Jochai, der es erwartet hatte, wie ſein Sohn ſich benehmen würde, ſtimmte ohne zu zögern, in das Läugnen ein. Der Oberſtrichter wurde braunroth im Geſichte, zog zum Zweiten⸗ die Glocke, und nach einer kurzen von den Beklagten bang durchathmeten Stille trat, keck wie die ſichre Wahrheit ſelbſt, Zodick in die Kammer, achtete nicht des Schrecks, mit welchen Jochai und Ben David bei ſeinem Anblick zuſammen⸗ fuhren, ſondern näherte ſich furchtlos dem Richter, deſſen Gewand er unterthänig berührte, und vor deſſen Gerichts⸗ tafel er ſich mit erhobener Hand ſtellte, die frechen Augen auf das Kruzifir und den Verhörenden gerichtet, wie einer, der ſchon oft dabei geweſen. Die Geberde, die er machte, kam jedoch den Juden ſo unerwartet und ſo gräßlich vor, daß Jochai, ſeinen Unmuth vergeſſend, dem Menſchen mit ängſtlicher Stimme zurief: Zodick! ach Zodick! iſt es denn wahr, was von Dir geſagt haben unſere Leute? Haſt Du abgeſchworen den einzigen Gott, um zu opfern dem Frem⸗ den?—„Zodick, was thüſt Du?“ ſetzte der von Nichts wiſſende Ben David überraſcht hinzu. Der Oberſtrichter rief. aber dazwiſchen:„Schweigt, ihr Hundsjuden, ſonſt laſſe ich euch ſtäupen zum Lohne für eure verfluchte Schwatzhaftigkeit. Laß Dich's nicht kummern, Friedrich, ſetzte er gemäßigter bei, und ſchwöre vor der heiligen Dreifaltigkeit und ihren Heiligen, und bei dem koſtbaren Blute unſers gekreuzigten Erlöſers, den Du haſt erkennen gelernt durch der heiligen Mutter Fürbitte, und ihres barmherzigen Sohnes unendliche Gnade die Wahrheit zu ſprechen, ſonder Furcht und Mitleid.“— „Ich ſchwöre!“ entgegnete Zodick kurz und feſt; und nachdem er auf Befehl des Oberſtrichters den Glauben gebetet und das Kreuz vor Stirn und Bruſt geſchlagen hatte,— wobei Ben David unruhig den Kopf ſchüttelte, und Jochai mit ge⸗ ſchloßnen Augen der jüdiſchen Schulen Bannformel zwiſchen den Zähnen murmelte,— begann er ein Zeugniß, oder beſſer, eine Klage abzulegen, während welcher die Stille des Grauens alſo eintrat mit ihren Schauern in das unheim⸗ liche Verhörgemach, daß auch keine Sylbe aus des Klägers Munde einem des Anweſenden entging.“— „Es ſind fünf Monden etwa verfloſſen,“ ſprach Zodick, —„und es war ſo gegen das Ende des Monds Marchesvan, da die Juden, wie mich dünkt, den letzten Shabbat des Monds feierten, als Ben David, der hier ſteht in billiger Haft,— mein damaliger Herr, dieweil ich noch bin gewandelt im Finſtern,— heimkehrend von einem Gang über Feld, wie er öfters zu thun pflegt, des Handels wegen,— ein Kind mit ſich brachte, einen Knaben, und von chriſtlicher Geburt. Am Abend des eingehenden, ſo wie am Abend des ausgehen⸗ den Feſtes ſah ich den Knaben nicht, denn ich lag darnieder an einer Wunde, die mir böſe Menſchen geſchlagen hatten. Ben David ſagte mir mit keinem Worte von dem Kinde, und nicht Eſther, ſeine Tochter, und Jochai war der Einzige, dem in der Geſchwätzigkeit ſeines Alters die Kunde ent⸗ ſchlüpfte gegen mich, es befinde ſich im Hauſe ein Knabe, den der Herr geführt habe, man wiſſe nicht von wannen, und bringen wolle, man wiſſe nicht, wohin. Von dem Schmerz meiner Wunde geplagt, achtete ich auch nicht auf des Alten Geplauder. Da aber nach dem Habdalah mein Leib wunder⸗ ſam ſchnell wieder geneſete, und ich am folgenden Tage, blos um zu ruhen, zu Bette lag in meiner einſamen Kammer, da trat dieſer Greis Jochai, als es ſchon wieder zu dämmern begann, zu mir, und ſprach:„Steh auf, Zodick, ſo Du ein guter Knecht meines Sohns biſt, und Deines Leibes Schmer⸗ zen es vertragen, und folge mir eiligſt mit Schaufel und Haue.“—„Sogleich, Raaf,“ antwortete ich dem Alten ge⸗ horſam, denn zu der Zeit ehrte ich ihn, wie alle Juden zu thun pflegen, da er das Geſetz kennt und auslegt. Ich ſtand auch alsbald auf, nahm nach ſeinem Villen Schaufel und Haue, und folgte ihm, der trotz ſeinen blöden Augen rüſtig voranſchritt über die dunkeln Stiegen zu dem Keller; in deſſen Gewölbe, das unter dem Hinterhauſe fortläuft, und durch einen Verſchlag geſchieden iſt von dem Vordern, wo man Holz und Wintergemüſe aufbewahrt, raſtete der Alte, und befahl mir, Feuer anzuſchlagen und die Leuchte anzu⸗ zünden, die er unter ſeinem Rocke hervorzog. Dieſes geſchah. Nun ſetzte ſich der Alte auf einen Stein und ſprach:„Jetzo, mein guter Knecht, nimm die Werkzeuge zur Hand, nud haue hier vor meinen Füßen eine Grube von anderthalb Schritten in der Länge und von der Breite eines Ellbogenmaaßes. Ich zögerte nicht, mich an die Arbeit zu machen, in der Meinung, man wollte hier Koſtbarteiten vergraben, wie die Juden gar 1 69 oft zu thun pflegen, denn ſie hegen Verdacht gegen Alles, was ſie umgibt, und beſitzen gar häufig Dinge, die nicht kommen dürfen ſobald an den Tag. Da mir nun aber Jochai ferner gebot, die Tiefe von zwei Ellkogenlängen zu nehmen, und ſäuberlich geräumig zu machen die Grube, ward ich doch ſtutzig.„Raaf!“ ſagte ich, kopfſchüttelnd:„Ihr müßt viel köſtliche Habe zuſammenbringen, um dieß Loch nur zur Hälfte auszufüllen.“— Er hieß mich jedoch einen fürwitzigen Mamſer, und befahl mir, zu fördern die Arbeit. Ich that es nun auch, und während deſſen begann der Alte eitel ver⸗ dächtige und ſeltſame Reden, und fragte mich, ob ich etwas verſtünde von Zauberei und geheimen Mitteln.„Gott ſoll hüten! verſetzte ich hierauf, und fluchte den Zauberern. Der Raaf ſah mich ſchnell an, und ſprach:„Verflucht ſeyen die Schedim, aber heilig die Zauberer, die den Schemhamphorah verſtehen, und damit die Sprache der Thiere, der Teufel und die Kenntniß der Mittel, die groß machen Iſrael in Edom. „„Haſt Du nie davon gehört,“ fuhr er fort,„daß eines unmündigen, vom Berge Seir*) ſtammenden Knaben Herz⸗ in der Nacht des Amalekitiſchen Sabbats von geſegneten Händen ausgeriſſen, zu Staub verbrannt, und am Abend des Feſtes Haman in gehetligtem Weine genoſſen, Glück bringt und großen Reichthum?““ Ich ſchaute dem Raaf be⸗ ſtürzt in's Geſicht, und habe nicht erwiedert ein Wort. Nach⸗ dem ich aber die Grube vollendet, und den Grund geſchaufelt auf einen Haufen, mußte ich noch verſtopfen mit Stroh und Holz die Luftlöcher des Gewölbes, und wurde von dem Alten angewieſen, mich zu begeben hinauf, und dem Herrn zu ſagen: — Bezeichnender Name der Chbriſtenheit, gleich Edom, Amalek ꝛc. es ſey geſchehen im Namen des Propheten Elias.— So wie ich nun aber an des Kellers Thüre gelange, kommen mir Schritte entgegen, und herab ſteigt bereits der Herr, und trägt auf der Schulter einen Knaben in Schlummer ver⸗ ſunken. Er ſtutzte ſehr, da er mein wurde anſichtig, und der Raaf ſprach zu ihm wie im Zorne:„Warum kommſt Du geſchlurft zur Unzeit? Der Knecht ſollte Dir erſt ſagen war's beſchloſſen...“— Ben David ſtotterte ein Paar un⸗ verſtändliche Worte, und hieß mich gehen von dannen mit der Lampe, ſo er mit ſich gebracht, und mich legen zu Bette, ohne zu verweilen. Ich ging, und hinter mir ſchloſſen ſie die Thüre zu mit allen Riegeln. Da ich nun aber die Stiege emporging, ließ mir's nicht Raſt und nicht Ruh, und ich mußte ſehen, was da unten vorging, und hätte ich fürchten ſollen, zu werden blind, wie Einer, der die Schechina, das heißt, die Herrlichkeit Gottes anſchaut, wenn ſie gerade auf den Fingerſpitzen des Cohen's ſitzt, welcher ſegnet. Ich zog daher aus die Schuhe, und blies aus die Lampe, und tappte in finſtrer Nacht in das Höflein, und ſah hinunter in den Keller durch eine Ritze, die ich mit Vorbedacht gelaſſen hatte in einer der Fenſterverkleidungen. Ich muß geworden ſeyn kalt wie Eis, da ich gewahrte, was vorging im Gewölbe⸗ Ben David hatte den Knaben entkleidet, und die Kälte den Armen geweckt. Zu dem leiſe Wimmernden trat der Raaf, und fragte ihn, wie die Jnden zu fragen pflegen am Feſte Jom Kippur*), das da fällt im Monde Lisri: Jüngelchen, uber welches der Mohel**) nicht gekommen. Willſt Du — *) Der lange Tag— Feſt der Verſöhnung. *) Der, welcher pie Veſchneidung verrichtet. 71 ſeyn mein Kappora?*)— Das Büblein machte Ben David nicken mit dem Haupte, und plötzlich ſtopfte ihm der Raaf einen Knebel in den Mund, daß es nur leiſe und dumpf ſtöhnen konnte, während deſſen ſeine Augen hervor⸗ traten aus den Höhlen, wie die eines Lamms, das man ſchächtet. Und herbei aus dem Winkel ſchleppte der Raaf ein roh gezimmertes Kreuz; Ben David ſtreckte darauf den Gepeinigten aus, und voll zitternder Begierde, mit vor Alter bebenden Händen, nagelte ihn der Raaf auf das Leidensholz, indem er das Gebet murmelte, das leider unter den Juden heimiſch iſt, und alſo lautet: Dieß Opfer ſoll mir dienen als Wechſel und Tauſch; es komme an meine Statt; es gehe in den Tod und ich mit allem Volke Iſrael in's ewige Leben! Fupcht und Angſt komme über die Gojim! Verflucht ſeyen die Wohnungen des Berges Seir! Verflucht und vertilgt die Hütten Amaleks! Verflucht und vertilgt Ammon, Edom und Moab. Offenbart und endlich geſchenkt deinem Volke ſeine Erlöſung!“ „Während dieſes Gebets hat Ben David dem zuckenden Würmlein geſpieen in's Angeſicht, und gerufen mit Hohn: Gegrüßt ſeyſt Du uns, König in Iſrael! Herrlich und ge⸗ ſegnet ſeyſt Du, Fürſt der Juden!— Darauf hat er die Lampe ergriffen und bedeutet dem Raaf, er möge ein Ende machen, denn der Knabe drohe ſchon jetzo zu verſcheiden. Und der Raaf ergriff ein blank geſchliffen Meſſer, und heiligte es in den von den Gliedern des Opfers rinnenden Tropfen und näherte ſich damit der Stelle, wo das ängſtliche Herz⸗ lein pickte, und zeichnete hier ein blutiges Kreuz.... 72 „Erſticke, und verdammt ſeyſt Du, verfluchter abtrünniger Sohn des Leviathan!“ kreiſchte hier der alte Jochai, und ſank unter Zuckungen zur Erde nieder. Ben David ſtand ihm, obwohl ſelbſt kraftlos taumelnd, bei, und wandte zum Himmel die trocknen Augen, in welchen eine wilde, verzweif⸗ lungsvolle Frage an das Verhängniß lag. Der Oberſtrichter nahm jedoch keinen Antheil an Jochai's Zuſtand, und gebot dem fürchterlichen Kläger zu enden. Mit tückiſcher Behag⸗ lichkeit ging auch Zodick zu Ende.„Das Büblein iſt ver⸗ ſchieden unter dem Meſſer des Raaf, und ſein weitres Schick⸗ ſal weiß ich nicht;“ ſchloß er.„Ob ſie das Körperlein ver⸗ graben,— ob ſie es geworfen in den Fluß, weiß ich nicht, da ich mich entfernte während ſie noch daruber geſtritten⸗ Der Raaf war für das Erſtere, und Ben David für das Zweite; denn er hat mir nicht getraut, da ich ihn kommen geſehen mit dem Knaben. Ich aber konnte nicht mehr aus⸗ halten in Ben Davids Nähe, und habe benutzt die erſte Ge⸗ legenheit, um aus der Gemeinſchaft zu treten mit dem Raaf und ſeinem Sohne. Das iſt, ſc wahr mir helfe der Barm⸗ herzige, der mich gerettet von der Ketzerei, die reine, lautre Wahrheit; Amen.“— Ein tiefes Schweigen beherrſchte den düſtern Schauplatz⸗ Jochai lag bewußtlos, Ben David war zu Stein geworden⸗ — Grete betete in Gedanken ihren Roſenkranz zum Heil der hingeopferten Seele;— Zodick raſtete von der Anſtren⸗ gung ſeiner Rede, und ſelbſt der Oberſtrichter und ſein Ge⸗ hülfe, gewöhnt an Schreckniſſe und Frevelklagen, erholten ſich von den unerhörten Gräueln, die ſie vernommen.— End⸗ lich faßte ſich der Richter und wendete ſich mit donnernder Stimme an Ben David:“ Du haſt gehört, Abſcheulicher“ ſprach er:„weſſen man dich anklagt. Ein Genoſſe Deines Hauſes, Dein ehemaliger Glaubensbruder, Dein getreuer Knecht iſt es, der den Schleier von dem ungeheuern Ver⸗ brechen zieht, das Du mit Deinem Vater begingſt. Wirſt Du ſerner läugnen, und dadurch das Schwert der Vergel⸗ tung ſchärfen? Wirſt Du verharren in dem giftigen Groll Deiner irrgläubigen Verſtocktheit?“ „Herr!“ antwortete Ben David mit froſtklappernden Zäh⸗ nen:„Ich ſoll reden, und kann kaum finden ein Wort auf meiner Zunge. Ich könnte Euch zuſchwören unſere Unſchuld bei dem heiligen, hochgelobten Gott, den Gräbern unſerer Voreltern, und Allem was uns heilig iſt in Iſrael,— Ihr würdet uns aber nicht glauben, denn wir find ſchlechte Juden,— cch könnte herbeibringen das Zeugniß meiner unſchuldigen Tochter Eſther, — aber Ihr würdet ſagen, es gelte nicht, weil es meine Tochter gab.— Warum jedoch glaubt Ihr dem abtrünnigen Knecht, der gegen uns zeugt, warum der Magd, die in ihrer Stumpfheit Alles bejaht, was man ihr vorſagt? Unſchuldig ſind wir, unſchuldig, unſchuldig an dem gräßlichen Frevel, den man uns auflegte. Fünf Monden ſollen ſeyn verfloſſen ſeither, und nun erſt kommt der gottloſe Bube hier vor Eure Bank, und ſchreit Zeter über uns? Warum hat er nicht alſobald aufgerufen zur Rache Himmel und Erde, nachdem,— wie er lugt— die Unthat geſchehen?“—„Wirſtz Du ſchwei⸗ gen, verfluchter ausfätziger Jude!“ zürnte der Oberſtrichter, indem er heftig aufſprang:„Sollte ſich der arme Mann Eurer Rache ausſetzen? Ihr Judengeſchmeiß klebt an ein⸗ ander wie Kletten, und dieſer hier wäre nicht der Erſte, den ihr erſchlagen habt, um ſeine Geſtändniſſe zu verhindern, oder zu beſtrafen. Ehe er mit Euch in's verdiente Gericht 74 Er that's, er hat ſich dem Himmel, dem allbarmherzigen Schooß des wahren Glaubens zugewendet, und kann nun offen gegen Euch auftreten von unſerer Macht geſchützt. Noch mehr, die Seele des unſchuldigen Knäbleins, das Ihr unſerem Heilande zu ſchmählichem Spott, zu Tode gemartert habt, iſt dieſem neuen Chriſten zu wiederholten Malen im Traume erſchienen, und hat ihn aufgefordert bei ſeiner eignen Seelc Heil und Frieden, die Gräuelthat offenkundig zu machen und zu rächen ſchon in dieſer Welt. Blutdürſtiges Schelmen⸗ volk! Deine Bosheit liegt am Tage, und noch in dieſer Stunde laſſe ich euch Beide in Eures Hauſes Keller führen, der noch bis jetzt mit meinem Siegelring verpetſchirt liegt Ich will mir ein Feſt daraus machen, durch eigne Unterſuchung des Klägers Angaben zu beglaubigen, und am letzten Dage der Leidenswoche unſeres Herrn, zwei Mörder und Gottes⸗ läſterer zu entlarven, die mit ſeinem Namen und ſeinem Erlöſungswerke todeswürdigen Spott getrieben.“ Die Schelle erklang von Neuem, und die Rathödiener erſchienen.„Reißt den alten Böſewicht von der Erde aufz“ befahl der Oberſtrichter, deſſen blinde Hitze im Steigen war: „es iſt eitel Lug und Trug mit ſeiner Hinfälligkett. Die Wahrheit, die er nicht läugnen kann, hat ihn umgeworfen⸗ Schleift ihn an Stricken mit euch. Den andern Höllenhund werft wieder in ſeine Feſſeln. Der Stöcker ſoll herbei mit ſeinen Knechten, und das Gezücht nach der Judengaſſe brin⸗ gen; denn keinem ehrlichen Manne ſteht's zu, ſeine Hand an den Ungeheuern hier zu verunreinigen. Ich folge alſobald.“ Der geſtrenge Herr warf den Mantel uber, winkte dem Schreiber, dem Zodick und der ſtummen Magd, ihm nachzukommen, und ging aus der Kammer. Ben David hatte keine Augen fur das tückiſche Lächeln, mit welchem Zodick an ihm voruberſtrich, ſondern lauſchte ſorgſam auf die Athemzüge ſeines ſich erholenden Vaters, von welchem er ſich nicht trennte, obgleich man ihn neben demſelben in Ketten ſchlug. Einer der Rathsknechte lief, befohlnermaßen, nach dem Stöcker und ſeinem Geleite, der Andre ging vor die Thüre, um den Wachen und neugierigen Gaffern redſelig zu be⸗ ſchreiben, in welcher Wuth der Oberſtrichter von dannen ge⸗ gangen, und welche Worte er drohend und zürnend geſpro⸗ chen. Die Gefangnen blieben einige Augenblicke allein, und Ben David küßte mit Entzücken die Hände ſeines erwachen⸗ den Vaters.„Ach!“ ſeufzte dieſer ermattet:„ſo war es kein Traum! O Herr in Iſrael! wie kannſt Du dulden ſolche Nichtswürdigkeit! Ich bin zu alt, um machen zu können Anſpruch auf's Leben, denn ich habe gelebt für zwei Menſchen auf der Erde, aber... Du— mein Sohn— und Eſther, das Enkelchen! Weh mir! was ſoll das noch werden, wenn Du beſtehſt darauf, zu ſchweigen, und nicht zu ſagen, wo Du hingeführt den Knaben aus Edom.“— Ich darf nicht, Vater,“ verſetzte Ben David feſt:„ich würde machen unglücklich, die jetzt glucklich ſind. Ich habe verſprochen, zu ſchweigen, und will halten, was ich ver⸗ ſprochen.“ „Und wenn Du hätteſt geſchworen,“ fiel Jochai eifrig ein: „ſo gilt der Schwur nichts, da es geht an den Hals. Ich will Dich entbinden Deines Gelubdes, wie ein rechter Lehrer in Iſrael. Ungültig ſoll ſeyn der Schwur, den man geleiſtet an die Männer und Frauen von Amalek. Wir wollen 76 beten das Gebet Col niddre, und Dein Schwur ſoll Dir erlaſſen ſeyn.“ „Vater;“ antwortete Ben David ernſt:„Du magſt mich entbinden des Eids, doch nicht der Zuſage, ſo ich geleiftet als redlicher Mann. Wenig Gewinn wurde entſtehen aus meinem Bekenntniß; es wurde mir koſten den Kopf, und Eſtherchen Hab und Gut, und Dir Schande bringen und den Bettelſtab.“ „Weh mir!“ jammerte der Alte:„In welchen Handel haſt Du Dich begeben? unbeſonnener Mann; Geld iſt gut, doch beſſer das Leben. So Du aber ſterben mußt, und Eſther verarmen, begehre ich auch nicht länger zu athmen. Denn mehr als todt iſt ein Alter von hundert Jahren, das in Kummer und Hunger verſiegt.“— „Beruhige Dich, Vater;“ verſetzte David:„wir werden nicht ſterben, Du ſollſt nicht hungern. Die Leute, die da wiſſen, daß ich reden könnte, werden ſchon helfen, ehe es ſeyn wird zu ſpät. Verlaſſe Dich darauf!“ „Und wenn ſie uns peinigen?“ klagte der Greis mit wach⸗ ſendem Eifer:„Wenn ſie uns tödten, ſchnell wie die Hand des Herrn? P. Sohn! traue nicht auf der Gojim Hulfe und Verſprechen traue nicht auf das Wort, es komme aus der Erde, oder falle vom Himmel! Beten wir nicht täglich; Herr, bau Zion wieder, die Gottesſtadt und ihren Tempel“ Laß ihn geboren werden und kommen den Meſſias, den man nennen wird gleich Dir, den Sohn Davids? Und noch iſ Zion nicht gebaut, und noch der Meſſias nicht gekommenj und alſo werden wir von dannen genommen ſeyn, ehe Hü kommt und Rath; als Opfer Deines unſeligen Handel und Deines Eigenſinns.“ „Verzagſt Du denn ſo ganz an der Hülfe des hochgelobten Gottes?“ fragte Ben David, den Alten, der zwiſchen Wahn, Glaube und Unglaube ängſtlich ſchwankte, wehmüthig bei der Hand ergreifend:„Vertrauſt Du denn nicht auf unſre Unſchuld ſelbſt, deren Stimme endlich uns frei ſprechen wird von dem teufliſchen Lügengewebe?“ „Ach,“ ſeufzte der Alte, zweifelnd und befangen:„fünf Stimmen gibt's, die nicht hörbar von einem Ende der Welt zum andern gehen; aber die Stimme der Unſchuld iſt nicht darunter. Sie iſt nicht die Stimme des fruchtbaren Baums, den man fällt,— nicht die Stimme der Schlange, die man ſchindet, nicht die eines vom Manne erkannten, von einem Manne geſchiedenen Weibes; nicht die Stimme des nenge⸗ bornen Kindes...!“ „Beſinne Dich, Raaf!“ unterbrach ihn Ben David ſanft: „Iſt das Kind nicht das Bild der Unſchuld? Halte Dich am Glauben, und laß uns vertrauen.“— Mit vielem Geräuſch trat die Wache ein, die ohne Scho⸗ nung den Greis mit Stricken band, und ihn neben ſeinem Sohne durch das wilde Volksgedränge hindurch, an die Pforte des Römers führte, wo auf den Stufen der Nachrichter mit ſeinen Knechten die Aermſten erwartete, die er im geheiligten Rathhauſe ſelbſt nicht abholen durfte. Wi er te s pyitrl. Wo iſt das Auge, das ſchärfer ſäbe, als das der Liebe? Wo die Hand, diekräftiger ſchirmte, als die des Liebenden? Er hütet ſein Kleinod mit freudigem Muthe, und nimmt es auf mit einer Welt, die ihm widerſtrebt!, 5 Dagobert war noch immer nicht einheimiſch in ſeines Vaters Hauſe geworden. Diether hatte zwar viel von ſeinem mürriſchen Weſen abgelegt, aber ſeine Freundlichkeit war Novemberſonne. Er ſchien den Sohn eher zu meiden, als zu ſuchen, und der fröhliche Oſterſonntag war vor der Thüre, ohne daß er ſeinem Dagobert nur ein einzigmal geſagt hätte, ob es ihn freue, daß ihn der Papſt freigeſprochen,— ob nicht. Der Sohn blieb daher ungern in dem Hauſe, wo er nur trube Geſichter ſah, denn auch Margarethe war von einer unbeugſamen Schwermuth befallen. Die zwei Tage, die er bei den Eltern zugebracht, waren ihm ſchneckenlangſam hingekrochen, und Zerſtreuung zu ſuchen, befahl er ſeinem Vollbrecht,— der's vorgezogen hatte, bei dem leutſeligen Herrn zu verbleiben,— die Pferde zu ſatteln, und einen Luſttitt mit ihm zu machen. Der lange Knecht war's wohl zufrieden, und bald trabten ſie im Freien.„Ei, welches iſt denn jenes Gebäude dort an der Anhöhe?“ fragte Vollbrecht da ſich zu ihrer Linken ein Haus zeigte mit einem Thurmlein deſſen farbig Ziegeldach luſtig leuchtete im Mittagſtrahl. Dagobert blickte hin, und hielt ſein Roß an.„Sieh doch „ 79 ſprach er:„das iſt der Schellenhof, der meinem Vater zu⸗ ſteht. Eine Maierei, auf welcher ich als Knabe manch heitern Tag verlebt. Es iſt ſchon recht lange her, ſeit ich das wohn⸗ liche Haus zum Letztenmale geſehen, und ich verſpüre eine Luſt in mir, die alte Crescentia zu begrüßen, die dort als unfre Schaffnerin haust, und manch liebes Mal meinen Gaumen mit einem Becher Milch, oder mit ſaftigen Kirſchen erquickt hat. Da wir eben keinen abſonderlichen Zweck vor Augen haben, dächte ich, wir ritten an den Hof hinan.“— Geſagt, gethan. In kurzer Friſt hatten die Pferde den breiten Landweg, der zum Gebäude führte, gemeſſen, und die Reiter ſtiegen an der mit Reben umkränzten Pforte ab. Zwei krummbeinige Dachshunde, die im warmen Sonnenſcheine auf den Stufen lagen, umkreisten bellend die Pferde, und über die Halbthüre des Hauſes lehnte ſich ein altes aber freundliches Geſicht, den Ankömmling mit Vergnügen bewill⸗ iommend.„Grüß Dich Gott, alte Magd!“ ſprach Dagobert treuherzig, und reichte ihr die Hand:„Sieh, es freut mich in der Seele, daß ich Dich lebendig und munter antreffe, wie einen rüſtigen Wächter. Kennſt Du mich denn noch?“ —„Ei, wie ſollte ich nicht?“ antwortete die Frau mit vieler Ruͤhrung, und die Pforte weit öffnend:„An meinem alten Körper ſind die Augen noch das Beſte. Ein Geſicht, wie das Eure, vergißt ſich auch nicht ſo leicht. Tretet ein, lieber Junker Dagobert, tretet nur einen Augenblick ein in meine Klauſe.“— Der Jungling folgte ihr bereitwillig, und ließ ſich's in dem engen Stublein gefallen, wo Crescentia mit Schürze und Borſtwiſch Ordnung ſchaffte, den Tiſch rein machte, die Katze vom Ofen, die Lieblingshenne vom Fenſter⸗ brett jagte, und einen ledernen Sorgenſtuhl herbeiſchleppte M für den lieben Gaſt. Dagobert ſah ſich, der Knabenzeit einge⸗ denk, in dem kleinen Gemache um, das ihn heimiſch anſprach mit Allem, was darinnen ſtand und lag. Da waren noch die alten Schränke zu ſchauen, und der mächtige Tiſch mit dem knauſigen Geſtell, und die bunte Truhe, und das Himmelbett mit den blau und weiß geflammten Vorhängen, und der Weihkeſſel an der Thüre, und das Kruzifir zwiſchen den Fenſtern, und ſelbſt die Dreikönigskreuze über dem Ein⸗ gang ſtanden wieder da, mit Kreide angemalt, wie vor Zeiten. —„Hier war ich glucklich!“ ſprach Dagobert, all die ver⸗ alteten Herrlichkeiten muſternd:„Glucklicher als jetzt; und jene Gluckſeligkeit verdankte ich Dir, gute Frau.“—„Ei, warum ſolltet Ihr denn jetzt nicht eben ſo viel und doppelt ſo viel Freude haben, denn ſonſt?“ fragte Crescentia, ihm gutmuthig auf die Hand klopfend:„Ihr verdient's ja, gluck⸗ lich zu ſeyn; das ſagt mir Euer geſundes und wackres An⸗ geſicht, und gewißlich ſeyd Ihr brav geblieben, wie Ihr's wart.„Ach,“ ſagte oft mein Seliger:„wenn ich's nur erleben könnte, den kleinen Junker als unſern Herrn zu ſehen. Sein Vater iſt zwar gut, aber zehnmal beſſer wurde der Sohn.““ Nun freilich,“ fuhr ſie fort mit einem Seufzer: „dieſe Zeit hat mein Alter nicht erlebt; er würde ſie auch nicht erlebt haben, wenn er noch ſo alt geworden wäre; wir wußten damals noch nicht, daß Eure Mutter, der Gott gnädig ſeyn wolle, Euch der Kirche verlobt habe.“—„Gott erhalte Euch meinen Vater noch lange,“ erwiederte Dagt⸗ bert:„einen beſſern Gebieter findeſt Du ſchwerlich wieder.“— „Mag ſeyn,“ verſetzte Crescentia trocken:„das Beſſre, ſagt ein Sprichwort, ipmmt nicht immer nach.— Eure Schweſter das Fräulein Wallrade, war kurzlich hier.“—„So?“ frag — Dagobert gleichgültig:„Wie kam's, daß ſie ſich hieher ver⸗ irrte?“—„Ei,“ fuhr die Schaffnerin fort:„in ſolchen An⸗ gelegenheiten mag ſich's wohl der Muhe verlohnen, auch dem kleinen Schellenhof einen Beſuch zu ſchenken. Das Fräulein hat alle Baulichkeiten und Ländereien betrachtet, Stall und Garten beſichtigt, und nach allen Einkunften und Zinſen des Guts gefragt. Das ißt eine genaue Herrin, und wird Vieles ändern, wenn ſie den Hof antritt.“—„Wall⸗ rade?“ fragte Dagobert, mit mehrerer Theilnahme ſchon: „Wallrade? Ei, wie käme ſie dazu?“—„Sie hat mir ver⸗ ſichert,“ ſprach die Alte,„daß ſonder Zweifel die Maierci an ſie fallen würde; und ſich überhaupt ſo herriſch und ſtolz betragen, als ob Euer Vater ſchon auf dem Schragen läge, und ſie die einzige Erbin ſep.“—„Hm!“ ſchaltete Dagobert ein:„Nicht übel. Es durfte aber leicht anders kommen, gute Crescenz. Laß uns von andern Dingen reden, denn— Du weißt wohl— Geſchwiſter hören nicht gerne von Ge⸗ ſchwiſtern ſprechen.— Ich bin gekommen, Eins mit Dir zu plaudern, gute Seele, von Deinen kleinen Sorgen, von Deinem beſcheidnen Wohlſtande, von Deinen Leiden und Freuden, mit einem Worte.“—„Ach,“ verſetzte die Alte lächelnd:„was ſoll ich Euch denn ſagen, lieber Junker, das Euerm gelehrten Verſtande nicht langweilig vorkommen follte? Der Leiden habe ich, dein Himmel ſey Dank, nur wenig. Die Vergangenheit hatte mir deren mehr beſcheert. Die wenigen Freuden ſchaffe ich mir ſelbſt, oder die Jahreszeit bringt ſie. Damals war eine böſe Zeit, als mein Wolfram ſtarb. Euer Vater hatte juſt zum zweiten Male gefreit, und Eure Stiefmutter war eingezogen in aller Pracht und Herr⸗ lichkeit, aber auch mit allem Uebermuth einer leichtſinnigen Jugend. Da ſollte Alles neu erſtehen und aufgeputzt wer⸗ den; da war Alles zu alt und zu verjährt. Das alte Ge⸗ räthe aus dem Hauſe, und die alten Diener hinterdrein, hieß es damals. Ich hatte das Unglück, den Groll der ſchönen Frau auf mich zu ziehen, weil ich ihr nicht den ge⸗ hörigen Reverenz erwieſen, da ſie den Schellenhof zum erſten⸗ mal beſucht. Aber, Du lieber Gott,— mein Wolfram war gerade geſtorben,— im Hauſe Alles drunter und drüber; ich fand kaum ein Wort für mich, geſchweige denn für die geſtrenge Frau. Sie zürnte deßhalb auf mich, und ich war die Erſte, die aus Eures Vaters Dienſt entlaſſen wurde,— eine arme Wittib, ohne Habe, und Mutter eines noch un⸗ erwachſenen Mägdleins. Zudem hatte mein Alter noch Schul⸗ den hinterlaſſen, die ich nicht decken konnte, und ſchon wollte ich, das Kleid, das ich auf dem Leibe trug, allein behaltend⸗ meinen Roſenkranz auf meines Mannes Grab legen*) und dann mit meinem Kinde betteln gehen, als ein Menſchen⸗ freund durch ſeine unvermuthete Hulfe uns von der bitterſten Armuth rettete. Wir zogen auf das nahe Dorf, und lebten von der Unterſtützung des biedern Helfers. Meiner Hände Arbeit verſorgte den Mund, die Nilde jenes Edeln half unſern übrigen Bedürfniſſen ab. Indeſſen hatte hier ein Gärtner aus Wälſchland ſein Weſen getrieben, des Maier⸗ hofs Nutzen verkleinert, die Herrſchaft betrogen. Durch unſern Freund kam die Schelmerei an den Tag, durch unſeres Freundes Fürbitte wurde ich wieder hier eingeſetzt, nachdem ich ſechs Monden lang dieß Haus hatte meiden müſſen. Die bezahlen konnte. Nach geleiſtetem Eide war ſie durch obige Handlung aller Verbindlichkeit quitt. *) Geſetzlicher Gebrauch, ſobald die Wittib ihres Mannes Schulden nicht 83 geſtrenge Frau, die ihre Voreiligkeit in ihrer Herzensgüte gerne wieder verbeſſerte, hat mich ſeither gut behandelt, und vor zwei Jahren meine Elſe zu ſich als Gürtelmagd ge⸗ nommen So gut ich meiner Elſe Arme hier im Hauſe hätte brauchen können, ſo wollte ich doch ihre Dienſte einer Ge⸗ bieterin nicht weigern, die mit einer alten Frau menſchlich umgeht. Von jener Zeit an lebe ich hier allein und einſam. Der Lenz erfreut mich mit ſeinen Blumen, der Sommer mit ſeinen Garben, im Herbſte breche ich die Früchte der Bäu⸗ me,.—„Und im Winter?“ fiel Dagobert ein:„im Winter? Wie ſteht es da? Nicht dem Sturme des Nords allein biſt Du Preis gegeben, ſondern auch dem Muthwillen, der Raubluſt böſer Geſellen, denen Du in Deiner Einſamkeit nicht widerſtehen könnteſt.“—„Ei warum denn nicht?“ fragte Crescentia lächelnd:„Glaubt ja nicht, daß ich ſo ganz Mutterſeelen allein ſey. Mit nichten. Ein Paar rüſtige Knechte ſind immer hier zur Hand. Nicht beſtändig bin ich einſam, wie gerade heute. Heute iſt ein beſonderer Fall. Meine Leute ſind nach der Stadt gelaufen, weil, wie es heißt, die gefangenen Juden vor Gericht geſtellt werden. Ich hätte nicht ſelbſt das traurige Schauſpiel ſehen mögen, aber wiſſen will ich doch, was an der Sache iſt, weil der Eine der Gefangenen mir beſonders am Herzen liegt, und ich mir nicht einbilden kann, was er verbrochen haben ſoll.“ —„Wen meint Ihr da?“ fragte Dagobert aufmerkſam.— „I nu, den armen Mann Ben David, der mit ſeinem Väter im Gefängniß liegt,“ verſetzte Crescenz:„und der eben jener Wohlthäter war, welcher ein halbes Jahr hindurch mein und meines Kindes Leben friſtete.“—„Ben David, ſagt Ihr?“ fuhr Dagobert heftig fort:„der Jude Ben David? Er heute vor Gericht? Er noch nicht frei? und auch Jochai im Kerker? Bei'm Himmel! Du weißt nicht, Crescenz, welche Nachricht Du mir mittheilteſt. Ich muß fort,— zur Stelle fort;— Vollbrecht! die Pferde vor!“—„Ei, was habt Ihr denn, mein guter Junker?“ rief Crescentia:„So ſchnell, und auf dieſe Nachricht hin wollt Ihr ſcheiden? Wie iſt mir denn? Kennt Ihr den Juden? Habt Ihr ſchon etwa vernommen, weſſen er beſchuldigt?“— Aber ihre Fragen und ihr Rufen verhallte, denn ſchon ſaß Dagobert zu Roß, ſchon flog er mit ſeinem Knechte den Sandweg hinab zur Heerſtraße, und erreichte in Kurzem die Stadt. Wie im Fluge ging's, Zwinger und Gaſſen entlang bis zur Judenſtraße. Hier waren jedoch die Reiter gezwungen, ihre Pferde zu bändigen, denn die Gaſſe ſtand gedrängt voll von Menſchen. Aller Augen auf Ben David's Haus gerichtet, Aller Lippen in unruhig ſchwatzender Bewegung. Die Bewohner der Gaſſe hielten ſich in ihren Wohnungen verkrochen, Wache hatte die Pforte von David's Hauſe beſetzt, aber dennoch ſtrömten Menſchen darin aus und ein, und ſo eben fuhrte man daraus ein ohnmächtiges Weib auf die Gaſſe, in Gewändern, wie ſie die Burgerinnen kleiner Landſtädte zu tragen pflegten. „Das arme Weib!“ ſcholl es theilnehmend aus dem Munde aller Anweſenden:„Ein wahres Ungluck hat ſie juſt heute zur Stadt gefuhrt!“—„Was gibt's denn hier?“ erkundigte ſich Dagobert bei einem Kerl, der, Langes und Breites er⸗ zählend, unter einem Haufen von Handwerksgenoſſen ſtand⸗ deren rothgelbe Jacken die Zunft der Löher verriethen.— „Des Juden Keller iſt durchſucht worden;“ erläuterte der Geſelle:„ich ſelbſt war unten. Das getödtete Kind hat man zwar nicht gefunden— die Buben haben's in den Main 1 — geworfen,— aber viel anderes Zeug, das wohl bewährt, welch ein Handwerk die Schelmen von Juden im Stillen getrieben haben.“ „Was denn?“ fragten die neugierigen Zuhörer.—„Klei⸗ dungsſtücke mit Blut befleckt,“ fuhr der Erzähler fort:„Lumpen ſowohl als Staatsgewänder, einige Koſtbarkeiten,— lauter geſtohlenes Gut, und endlich eine Kette mit blutrothen Steinen, kenntlich für den Eigenthumer durch die Steine ſelbſt und die Arbeit des Silberſchmids. Der Schmuck hat auch ſchon ſeinen Eigenthümer gefunden. Das arme Weib, das dort ohnmächtig liegt und juſt gelabt wird, hat ihn erkannt.“—„Erkannt?“ rief der Haufe.—„Jeder von Euch,“ ſprach der Löher weiter, „hat ja wohl einmal von dem ſchönen Evchen von Bergen gehört? Weit und breit war das wunderholde Kind beruhmt. Weit und breit wurde Herrmann, der junge Metzger aus Friedberg beneidet, da er endlich das ſchmucke Mädel heim⸗ fuhrte. Nun, ſchaut hin auf das arme Weibsbild, ob man eine Spur der ehemaligen Schönheit auf ihrem Geſichte er⸗ kennt; und doch iſt ſie's. Ihr Mann aber wurde erſchlagen, da er mit der Ausſtattung ſeiner jungen Frau nach Fried⸗ berg fuhr, und die Halskette mit den blutrothen Steinen, ein Erbtheil von Evchens Großmutter, hat einen Theil der Mitgabe ausgemacht, und ſich ſo eben in dem Keller des verfluchten Juden gefunden.“—„Das iſt nicht wahr!“ donnerte dem Erzähler Dagobert zu, während die Umſtehen⸗ den ſich bekreuzten. Der Kerl gaffte ihn mit offenem Maule an.—„Nu, wenn Ihr's beſſer wißt, Herr,“ antwortete er ſlämmiſch,„ſo hättet Ihr den wackern Leuten hier das Ding erzählen ſollen.“ Dagobert wollte mit dem Roß auf den Lummel einſprengen, aber Vollbrecht war dießmal der Beſonnenere, und riß den Herrn zurück.„Bedenkt doch die Uebermacht!“ fluſterte er dem Heftigen zu,„und laſſet uns förder ziehen.“—„Nimmermehr!“ erwiederte Dagobert: „ſehen muß ich, welch ein Ende der verdammte Auftritt nimmt!“— Die Fluth des Volks wälzte ſich gerade mit aller Macht gegen Ben David's Thüre; denn die Gefange⸗ nen wurden eben herausgebracht. Der Oberſtrichter, erhitzt von Eifer und Zorn, ging voraus; ihm folgten Knechte mit Körben und Bündeln, die das Gefundene fortſchleppten; hier⸗ auf erſchien Zodick mit ſiegreicher Miene, und lange nach ihm die Gebundenen ſelbſt, von Soldknechten umringt. Nach⸗ richter und Geſellen folgten erſt weit hintendrein, denn der Oberſtrichter hatte dennoch für gut befunden, ſie nur als ſchreckende, nicht dienende Leute mit zu führen. Beim Er⸗ ſcheinen der ſogenannten Verbrecher entfaltete das Volk wie⸗ der all' ſeine Rohheit, denn es ſchämte ſich nicht, aus vollem Halſe das Lied anzuſtimmen, das in der Rumpelwoche in den Kirchen geſungen wurde, begleitet von einem tobenden Lärm ungezogener Handwerksgeſellen und Straßenbuben „Ach, Du armer Judas! Was haſt Du gethan? Weiß doch ſonſt was, das geht Dich auch an. Ach, Du armer Judas! Was haſt Du gethan!“— Unter dieſem Geheule, dem der blutdürſtigen Wölfe zu vergleichen, fiel ein neuer Auftritt vor, herzzerreißender als der, den das ſchöne Evchen gegeben hatte, und ſchmerzlich im höchſten Grade für Dago⸗ bert. Eine Dirne ſtürzte herbei, mit aufgelöstem Haare, bleich wie der Tod, aber bildſchön im höchſten Kummer ſelbſt; Eſther, die verzweifelnde Eſther, die herzueilte, jetzt erſt von dem ſchrecklichen Gange unterrichtet, den ihr Vater thun mußte, welchen bisher zu ſehen ihr nicht vergönn geweſen. Zu ſeinen Füßen drängte ſie ſich durch, ſeine Hände druckte ſie mit Inbrunſt an's Herz, die ihrigen ſtreckte ſie nach Jochai aus,— aber wilde Gewalt ſtieß ſie von ihren Lieben zurück. Vergebens jammerte, vergebens flehte ſie, vergebens bot ſie, was ſie von Werth bei ſich trug, für die Gnade, ein paar Augenblicke lang ſich mit dem Unglücklichen zu letzen... ihre Bitten prallten ab von den Panzern der Wächter, und da endlich dieſe Letzteren es nicht ferner über ſich gewinnen konnten, die rührende Schönheit unbarmherzig mit ihren Waffen zurückzuweiſen, ſo kam eilfertig der Stöcker herbei, um zu thun, was dem Krieger widerſtrebte. Aber, ſo wie er die Arme ausſtreckte, um Eſther zu ergreifen, fühlte er einen ſo heftigen Schlag im Genicke, daß ihm die Luft verging, weiter vorzudringen.—„Gott verdamme Dich, un⸗ gehobelter Geſell!“ rief dem beſtürzt Zurückſchauenden Dago⸗ bert in's Ohr, welcher die Peitſche ſchwang, um nöthihen⸗ falls ſeine kräftige Zurechtweiſung zu wiederholen:„So Du noch einmal Dich unterfängſt, die Dirne hier durch Deine ſchändliche Berührung unehrlich machen zu wollen, ſo breche ich Dir den Hals!“— Der Nachrichter ſchrie nach Hülfe. Das Volk lachte den Verhaßten aus, und höhnte ihn. Da kehrte der Oberſtrichter zurück.„Was gibt's da?“ herrſchte er:„Wer nimmt Parthie für die Jüdin?“—„Ich, Herr,“ entgegnete ihm Dagobert trotzig:„Ich Dagobert Froſch, des Schöffen und Altbürgers Sohn.“—„Schande für Euch!“ eiferte der Oberſtrichter:„Stöcker! ſchafft das freche Geſchöpf weg!“—„Dem Schurken koſtets die Ohren!“ verſetzte Da⸗ gobert, ſeinen Dolch ergreifend:„Er wage es nicht. Schande iſt's für Euch, edler Herr, ſolche Geſellen in Eurem Gefolge zu führen. Den Verdammten ergreife der Henker,— den Unſchuldigen nicht.“—„Die Juͤdin gehört mein!“ ließ ſich der Stöcker vernehmen:„Sie hat dem Gebot zuwider ge⸗ handelt, und iſt auf die Gaſſe gelaufen ohne Schleier und Judenzeichen. Das Halseiſen gebührt ihr, und mein gehören ihre Haarffechten, ſo ſie dieſelbe nicht mit Geld löſen mag.“ —„Der Teufel auf Deinen eignen geſchornen Schädel ge⸗ hört Dir, Galgenrabe!“ zürnte Dagobert dem Burſchen ent⸗ gegen:„Soll die Dirne deßhalb büßen, daß ſie in ihres Herzens Angſt Euer Verbot vergeſſen?“—„Sie iſt eine ſchlechte Jüdin!“ rief der Oberſtrichter.—„Ein Jude iſt auch ein Menſch!“ antwortete ihm Dagobert zorniger denn zuvor:„Und kurz und gut, Ihr laßt ſammt Euern Helfers⸗ helfern das Mädel im Frieden, oder ich will Euch zeigen, wie man mit Hunden umgeht!“— Der Stöcker entwich bei der furchtbaren Bewegung, die der Jüngling gegen ihn machte. Aber zu gleicher Zeit riſſen auf einen Wink des Richters die Knechte die Gefangenen von dannen, welche indeſſen Muße gehabt hatten, einige Worte mit Eſther zu wechſeln. Dieſe Letztere aus den Klauen der Schergen und des Pöbels zu retten, der nur des Richters Entfernung er⸗ wartete, um an der Aermſten ſeine rohe Willkühr zu uben⸗ war Dagoberts Beſtreben von nun an.„Komm, Dirne, mit mir!“ rief er dem Mädchen zu:„ich führe Dich in's Freie!“ — Dankend näherte ſich ihm Eſther, von Thränen überſtrömt. Der Oberſtrichter lachte höhniſch auf.—„Ein wackres Ritter⸗ ſtücklein!“ verſetzte er:„Werd's zu rühmen wiſſen, und Euch deßhalb beloben!“—„Wie's Euch beliebt!“ rief dem Schei⸗ denden Diether's Sohn nach:„Wir ſprechen uns wohl noch anderswo, Herr Oberſtrichter!“— Der Letztere warf ein kurzes:„Ich denk's!“ zurück, und ging trotziglich davon. wähnte Dich in Deines Großvaters Haus und Armen. Sprich 80 „Faß meinen Steigbügel an!“ ſprach hierauf Dagobert zu der zitternden Eſther, um die ſich der Pöbel brauſend drängte, im Begriff, ſeinen Schmähungen Luft zu machen:„Halte Dich feſt; und Du, Vollbrecht, reite auf des Mägdleins anderer Seite. Ihr aber, Geſindel, bleibt zuruck, oder wahrt Eure Köpfe!“— Nach dieſer Warnung ging es ſo ſchnell davon, als die zwiſchen den Pferden gehende Eſther Schritt zu halten vermochte. Bis an den Ausgang der Straße wogte die Men⸗ ſchenmaſſe nach; da indeſſen einige wohl angebrachte Peitſchen⸗ hiebe ihres Zwecks nicht verfehlten, und die Unbändigſten des Pöbels in ihre Schranken wieſen, blieben die Uebrigen zurück, und blos mehrere Steinwürfe, die nicht trafen, gaben das letzte Zeugniß von der ohnmächtigen Wuth des Volks.„Wo⸗ hin ſoll ich Dich bringen?“ fragte Dagobert, um die ver⸗ wunderten Gaffer an den Hausthüren unbekümmert:„Eſther, ſprich! Wo hauſeſt Du denn, Mädchen?“—„Vor die Stadt bringt mich, edler Herr!“ ſeufzte Eſther:„Vor die Stadt nur geleitet mich.“—„So laß den garſtigen Steigbügel fahren,“ erwiederte Dagobert:„und ergreife die Quaſte meiner Sattel⸗ decke.“— Dieß geſchah; ehe jedoch noch des Zwingers Graben erreicht war, ruhte Eſthers Hand ſchon in der Rechten Da⸗ gobert. Vor dem Thore, zu welchem kurz zuvor der Jüng⸗ ling herein geritten, ſaß er ab, und ſprach zu Eſther:„Nun ſage an, mein Kind, wohin Du Deine Schritte zu lenken gedenkſt? Warum entfliehſt Du den Ringmauern der Stadt? Haſt Du kein ſichres Obdach in derſelben?“— Wehmüthig ſchuttelte Eſther, das von Perlen der Kindesliebe geſchmuckte Haupt.—„Ei, ſo ſage doch, um Gott, wo Du weilteſt in den verfloſſenen Tagen?“ fuhr Dagobert betroffen fort: Ich 90 doch, Du armes Mägdlein, ſprich.“—„Jochai liegt im Ge⸗ fängniß, gleich meinem Vater;“ antwortete Eſther ſchluchzend: „An die Thüren unſrer Nachbarn und Glaubensfreunde wandte ich mich; aber von allen wies man die Tochter, der als Ver⸗ brecher gehaltenen Leute zurück. Als ob mich die Schule in Bann gethan, flohen mich alle Bekannte, und nur bei dem Judenarzte Joſeph fand ich eine Aufnahme, nach langem Bedenlen von ſeiner Seite, nach vielem Einreden ſeines Weibes.“—„O Du bemitleidenswerthes Geſchöpf!“ ſprach hier Dagobert theilnehmend, und ſchmeichelnd ihre Hand faſſend:„Daß Du gezwungen wurdeſt, bei dem hoffärtigen Manne Brod und Wohnſtätte zu begehren! Daß ich Dich ſchonungslos ſolchem Zufall uberließ! Wie aber wurdeſt Du von ihm gehalten? Warum kehrſt Du nicht zu ihm zuruck?“ —„Erlaubt mir, davon zu ſchweigen!“ bat Eſther mit nieder⸗ geſchlagenen Augen und geſchämiger Wange.—„Nein, Eſther;“ fuhr der heftige Jungling fort:„Wiſſen muß ich's, Du darſſ mir's nicht verſchweigen!“—„Daß er mich gleich einer dienen⸗ den Magd behandelte,“ ſagte Eſther zögernd und oft inne⸗ haltend,—„hatte ich ihm gern verziehenz die Hulfloſigkeit muß ja immer Sklavendienſte leiſten;— aber,— daß er eines ſchändlichen Handels Hoffnung auf meinen Kummer⸗ auf meine Liebe zum Vater baute, das kann ich ihm taum vergeben, und nimmer kehre ich darum zuruck zu dem abſcheulichen Mann.“ „Von welchem Handel ſprichſt Du?“ fragte der Jüngling bebend„rede, mein Kind, ich muß es erfahrenz hörſt Du?. ich muß.“—„Dem Schultheiß wollte e mich verkaufen,“ antwortete Eſther, ihr Antlitz mit den Händen verbergend:„ich ſollte fur meines Vaters leichte Haft einen Preis zahlen, den. achz erlaßt mir das Uebrige.“ —„Schurke!“ knirſchte Dagobert.—„Ich widerſtandz“ ſprach Eſther weiter:„ich zürnte dem Unholde; da entdeckte er mir ſchonungslos, was mein Vater verbrochen haben ſoll, und daß er gerade jetzv zum Hauſe ſeiner Väter geſchleppt worden ſey. Halb gekleidet wie ich war, heulend vor Schmerz und Angſt, enteilte ich dem Hauſe Joſephs, feſt entſchloſſen, nimmer deſſen Schwelle wieder zu betreten.“ „Da ſey Gott vor!“ entgegnete Dagobert, mit der Fauſt gegen die Stadt drohend:„Dem hageprunkenden Fettwanſt will ich's gedenken, ſollte er mir einſt unter die Augen kom⸗ nen. Wo aber, wo, mein gutes Dirnlein, wo gedenkſt Du hin? Wo leben Dir Freunde, wo Verwandte, die Dein Schick⸗ ſal beweinen?“—„Ach, nirgends, Herr;“ klagte die laſſene:„ich habe Niemand, den eine Pflicht verbände, mir zu helfen. Hingehen will ich aber auf irgend ein Dorf, und in einem Stalle mich betten, und täglich nach der Stadt ziehen, und täglich zu den Füßen der Wächter meines Vaters um die Gnade betteln, ihn ſehen zu dürfen in ſeiner Ge⸗ fangenſchaft. Vielleicht wird einmal doch meine Bitte erhört, — vielleicht gewährt man mir endlich die größre, im Kerker zu bleiben, bei ihm, dem meine Sorgfalt, mein Leben ge⸗ hört.“—„Eſther! Mädchen!“ ſprach Dagobert bekummert: „Betrübe mich nicht alſo, und handle nicht wie eine Mörderin an Dir ſelbſt! Du ſollteſt eine Beute des rohen Bauern⸗ volkes werden;— am Ende dennoch durch Deine unabläſ⸗ ſigen Bitten und Ve erſuche, in die Hände des ſaubern Ge⸗ lichters gerathen, denen ich Dich ſo eben entriſſen? Wahrlich, das gebe ich nicht zu.“— Vollbrecht gaffte mit offnem Munde dem ſeltnen Auftritt zu; Dagobert, der es jedoch bemerlte, Ver⸗ 92 gab ihm den Befehl, die Roſſe heimzuführen. Obwohl un⸗ gern, jedoch vom Gefuhl des Gehorſams beſeelt, that Voll⸗ brecht, wie ihm geheißen.— Da er ſich entfernt hatte, bog Dagobert, im Geſpräch mit Eſther, in den Sandweg ein, den er kurz vorher beritten.—„Du mußt mir eine Liebe thun,“ ſagte er zu Eſther, die in ſtiller Erwartung neben ihm ging.—„Welche? mein guter Herr?“ fragte ſie, die ſanftleuchtenden Angen zu ihm erhebend:„Sprecht. Nach dem Vater gehöre ich Euch allein.“—„Ich habe Dich ſonder Gefährde hieher geleitet von Coſtnitz,“ ſprach Dagobert weiter;„Dich unter Wegs gehalten wie ein ehrlich Frauen⸗ bild, und mich wie einen ehrlichen Geſellen.“—„Das weiß der Himmel!“ betheuerte Eſther mit dankbarer Neigung „Einer ehrſamen Bürgerin gleich habt Ihr mich gehalten und nicht wie eine ſchlechte Jüdin. Das vergelte Euch der hochgelobte Gott, der es auch gnädig mit anſieht, wie Ihr alſo wandelt mit mir im Freien, ohne Schaam und Scher, — mit mir, der von aller Welt Verſtoßnen.“—„Wollteſ Du mir wohl ferner vertrauen?“ fragte Dagobert mit wei⸗ cher Stimme.—„Bis an's Ende, Herr, unwandelbar;“ ant⸗ wortete Eſther.—„Deine Habe haſt Du mir bereits ver⸗ traut, da wir ſchieden;“ ſagte Dagobert ferner:„Hi Friedrichs Brief habe ich in Händen, und werde Dir einf Rechnung davon ſtellen; aber nun ſollſt Du Dich ſelbſt mir anvertrauen.“—„Gerne, Herr!“ verſetzte das Mägdlein ohn Säumen.—„So nimm eine Herberge an von mir;“ ſprac der Jungling, den ruhigen Blick auf ſie heftend.—„Eine Herberge, Herr?“ fragte ſie ſtaunend:„Bei Euch? das ziemt ſich nicht.“—„Nein, wahrlich;“ lächelte der Junker:„bi mir? das wurde ſich freilich nicht ziemen. Aber in einen was meinſt „Ohne Bedenken;“ antwortete Eſther mit frohem Danke:„Wohin Ihr mich führt, darf ich gehen.“— „Auf die Gefahr, daß ich des Schultheißen Vorliebe für hubſche Dirnen theilte?“ fragte Dagobert mit Laune. Eſther ſah ihn ernſt an, ſchuttelte lächelnd den Kopf, und ſprach: „Verkleinert Euch doch nicht ſelbſt; im Scherze nicht einmal. Woran ſoll man erkennen den Mann, wann er ſich ſelbſt den böſen Leumund anhängt?“—„An ſeinen Handlungen, trefliche Dirne!“ antwortete Dagobert raſch, indem er un⸗ willkuhrlich ihr die Hand druckte:„Und nun, komme mit mir zum Schellenhofe. Die alte Crescenz will mir wohl, und Dein Vater ſteht bei ihr nach dem Heilande in den größten Ehren. Dort, mein armes Kind, dort wirſt Du ſicher ſeyn.“ Hauſe, dem eine wackre Freundin vorſteht.. Du dazu?“— Sünftes Rapitel. Oſtern iſt da! Faſten iſt vorüber, Das iſt mir lieber; Eier und Wecken Viel beſſer ſchmecken! Eia, Eia! Oſtern iſt da! Altd. Kinderlied zum Oſterfeſte. Der heilige Oſtertag hatte ſich einen ſchönen Schmuck Sonnenſchein und Wärme angelegt, allein an dem d deſſelben war glänzendere Helle, wenn gleich nur von 2. 7 von Aben Cia, Cia: ⸗ und eine viel angenehmere Wärme in den Stuben des adelichen Geſellenhauſes Limpurg zu finden. Die Ge⸗ mächer waren geſchmückt wie zu einer Hochzeit. Bunte Vor⸗ hänge waren an den Fenſtern aufgemacht, allenthalben viel⸗ armige Wand⸗ und Deckenleuchter angebracht, und der Fußboden entweder mit gewürkten Teppichen belegt, oder mit weiß und rothem Sand beſtreut, den man in allerle ſeltſamen Figuren aufgeſchüttet hatte. Auch die Tafel, an welcher heute recht viele der edlen Geſellen, ſammt ihren Frauen und Töchtern und Schweſtern, das abendliche Oſter mahl begehen wollten, war herrlich hergerichtet in dem Saalt welcher der Schauplatz der Schmänſe und Geſchlechtertän zu ſeyn pflegte. Blendendweiße Tiſchtucher mit buntem Rande die Ecken in zierliche Knoten geſchlungen⸗ bedeckten die Tafel mit ſchimmerndem Geräth verſehen, ſo wie der gegenüber⸗ ſtehende Kredenztiſch mit prächtigen Gefäſſen beſetzt war. Di Becher der Gäſte waren ſchon bekränzt mit den zum Fe gehörigen Maaslieben oder Oſterblümchen, und die voll al gehäuften Zinnſchuſſeln mit bemalten Oſtereiern ſtanden hin und wieder auf Tiſch und Schrein aufgepflanzt, um den hin und her wandelnden Herren und Frauen als eine klein Ergötzlichkeit des Gaumens zu dienen, bis das Zeichen zuh Mahle gegeben ſeyn würde. Der größre Theil der ungemen anſehnlichen Zahl von anweſenden Stubengenoſſen war in großen Vorgemache verfammelt, um den mächtigen Oſt deſſen Flächen mit dem in Farben ausgeführten Wappen di Vaterſtadt geſchmückt waren, ſo wie die Wände umher ni der langen Reihe von Limpurgs Geſchlechterwappen⸗ mi den auf großen Pergamenttafeln geſchriebnen Ordnungen Trinfſtube, dem bedeutenden Namens⸗Verzeichniß von M ſn —₰„ n und Geſellen, und den Panieren der Geſellſchaft. Plaudernd ⸗ und ſchäckernd unterhielten ſich die geputzten Gäſte von dem, was der Tag gerade gebracht hatte. Die jüngern Anweſenden ſprachen von Scherz und Liebe, zeigten ſich gegenſeitig die t prachtvollen Oſtereier, die ſie empfangen, geſandt in zier⸗ r lichen Körben, oder auf ſeidnen und duftenden Kiſſen, und ei mit den niedlichſten Sprüchen bemalt. Der zärtliche Freier benutzte das Dämmerdunkel des Ofenſchattens, um der Ge⸗ liebten das Geſchenk wieder zum Geſchenke zu machen, und eeinen ſüßen Blick dafür zu erhalten. Geſpielinnen und Freunde bekränzten ſich gegenſeitig mit den Blumen, in welchen die Oſtergeſchenke gelegen, und mancher zärtliche Reimſpruch „ ging von Munde zu Munde. Während deſſen redeten die ijngen Frauen von der Herrlichkeit der bevorſtehenden Fruh⸗ üngsfeſte, die ältern von dem Barfüßer, der heute das wirk⸗ 6 ſanſie und ergötzlichſte Oſtergelächter erdacht, von der Deutſch⸗ herrenkirche, in welcher das anſehnlichſte Oſterlicht zu ſchauen geweſen, und von dem Bäcker, der die ſchmackhafteſten Fladen zum Feſte geliefert. Unter den Männern ging hingegen vom Vechſel und Gewerbe die Sprache, von Gerichten, Fehden und dem Concilium. Trotz dieſen ganz verſchiednen Rede⸗ u ſoffen ſtand dennoch die Menge beiſammen auf einem Knaul, u als ob das Geſpräch nur einen und denſelben Gegenſtand n beträfe; zwei Herren allein hatten ſich von der Verſammlung abſeits gezogen, und beſprachen ſich eifrig in einer Ecke des et Gemachs: der Schultheiß und der Oberſtrichter.—„Ihr würdet mich zur ewigen Dankbarkeit verpflichten,“ ſagte der Letztere, das Geſpräch zu Ende leitend,„wenn Ihr dem Jungen irgend einen Denkzettel anhängen wolltet. Ihr findet rdie Gelegenheit hiezu, denn ich. Mir dürfte er ſcherlich * . in's Gehege kommen.“—„Ich denke, mir iſt er ſchon in' Gehege gerathen;“ entgegnete der Schultheiß finſter:„ſeyd unbeſorgt, ehrbarer Herrz was man ſucht, findet ſich wohl; ich bin vielleicht ſogar bald im Stande, Euch über wichtigere Dinge Aufſchluß zu geben, denn ich vermuthe nicht mit Un⸗ grund, daß in jenem Hauſe gewiſſe Verhältniſſe obwalten, die bis jetzt gut gethan haben, ſich mit dem Schleier des Geheimniſſes zu verhüllen.“—„Meint Ihr, geſtrenger Herr?“ fragte der Oberſtrichter ſchnell:„Das wäre Waſſer auf meine Mühle, und wenn die Dinge von der Art wären⸗ mein Am zu beſchäftigen.. um deſto beſſer.“—„Ich verſpreche noch nichts,“ antwortete der Schultheiß einlenkend:„Ich weiß von nichts.“ Die Zeit wird lehren⸗ wie ich mich zu verhalten haben werde.“— Der Andre vuckte ſich mit der Freundlich⸗ keit, die willig vor dem Mächtigern verſtummt, und ihr Neugier in den Zaum nimmt. Das Stubenmeiſteramt, das der Schultheiß belleidete, machte ihm die nächſten Anord⸗ nungen der Tafel zur Pflicht, und als Alles beſorgt war⸗ und er ſchon mit dem ſilbernen Stabe in das Gemach ſchreiten wollte, um der harrenden Geſellſchaft das Zeichen zum Mahle zu geben, kam ihm der Altbürger Diether Froſch haſtig entgegen elzimmer zuruck.— Der Schulthei erröthete leicht bei dieſem unverhofften Zuſammentreffen⸗ faßte ſich jedoch bald wieder, und ſprach;„Willkommel⸗ mein wackrer Schöff! Sehnlichſt haben wir Eurer gewartet Und Eure Ehefrau.. Ihr habt ſie doch mit Euch gebracht darf ich hoffen?“—„Mit nichten, Herrz;“ verſetzte Diethet „Doch zweierlei Botſchaft bringe ich, die Frau Margarethe angeht, und von der ich auch reden muß, ehe Ihr ju Tiſche ſitzt. Ihr habt neulich eine Roſe in meinem Hal und zog ihn in das Taf zurückgelaſſen, ein feines Kleinod, und viel zu koſtbar für meine Wirthin, die es Euch durch mich zurückſtellen läßt. Ferner habt Ihr die Güte gehabt, heute Morgen Euern Buben in mein Haus zu ſenden, der ein blankes Körblein trug, mit dieſem ſilbernen Granatapfel, angefüllt von wohl⸗ riechender Eſſenz, und verziert mit einem Minneſpruch. Der alte Diether, der, wie alle Sechziger, wenig ſchläft, und früh das Lager verläßt, fand den Buben, der an Frau Margarethens Thüre harrte, und nahm ihm das zarte Ge⸗ ſchenk ab. Er bringt Euch nun Beides wieder: die Roſe von Gold, den Apfel von Silber, mit der Bitte, ſeinen kleinen Hausſtand mit ſolcher Freigebigkeit ferner nicht zu beſchämen. Sein Haus war ſtets ein Wohnſitz der Zucht und Ehrbarkeit, und wird und ſoll es ferner bleiben, wozu Gott helfe!“— Der Schultheiß, der ſchon vorausgeſehen, was des Alten grämliche Miene verkündete, nahm heftig die Kleinodien aus Diether's Hand, und ſagte halblaut zu dem Schöffen:„Ihr habt recht gut die Zeit gewählt, mich zu beleidigen, denn rings um uns wandeln Leute hin und her, die mit ihren Falkenblicken in Eurem zornigen Antlitz zu leſen verſtehen. Ihr mögt indeſſen Eurem Ehgemahl berichten, daß Verſehen und Irrthum nur dieß Geſchenke, für andre, geſchätzte Freundinnen beſtimmt, in ihren Bereich gebracht, und daß ich mich zu hoch dünke, an dem Honig zu naſchen, in welchem ein alterſchwacher Thor, und ein laſterhafter Stiefſohn ge⸗ ſchwelgt.— Seyd übrigens verſihert, guter Schöffe,“ ſetzte er mit dem freundlichſten Lächeln hinzu, um die neugierigen Gaffer irre zu führen,—„daß ich Euch den heutigen Abend nach Kräften gedenken werde.“— Dieſe Worte, mit welchen ſpät gekommen waren, um einen Sitz zu finden, oder deren 98 der Ritter dem Altbürger den Rücken kehrte, demüthigten Margarethens Gatten um ſo empfindlicher, je ſtolzer er in dem Gefühle ſeines Rechts, und des vom Schultheißen be⸗ abſichtigten Unrechts geweſen war. Dürr ausgeſprochen, ſchonungslos herausgeſagt, hatte er nur den Verdacht ge⸗ hört, den er ſchon längſt im ſtillen Herzen bewahrt, und von Empörung und Schaam zugleich bedrängt, wollte er die Trinkſtube verlaſſen, als der Schultheiß an der Spitze der Paarweisgehenden Gäſte wieder eintrat, und ihn ſo vertraulich unter dem Arme nahm, als wäre niemals etwas zwiſchen ihnen vorgefallen.—„Biedrer und ehrſamer Freund,“ ſprach der geſtrenge Herr mit lauter Stimme und freund⸗ licher Geberde, daß alle Umſtehende ſeine Worte vernehmen mußten:„es iſt ſchon lange her, ſeit Euer Unfall Euch hin⸗ derte, an unſerm geſelligen Mahle Theil zu nehmen. Da Ihr nun gewiſſermaßen heute auch das Feſt der Auferſtehung feiert, ſo beliebe es Euch, hier zwiſchen den Stühlen der Stubenmeiſter und an meiner Seite Platz zu nehmen. Wit haben oft zuſammengeſeſſen im Rathe, zuſammen geſtritten im Felde; laßt uns nach geraumer Zeit wieder zuſammen tafeln.“— Ehe noch der greiſe Diether ein Wort des Wider⸗ ſtrebens zu finden vermochte, hatten ihn ſchon die übrigen Stubenmeiſter zu einem Seſſel geführt, und ihn mit freund⸗ ſchaftlicher Gewalt genöthigt, ſich darauf niederzulaſſen⸗ Die übrigen Tafelgenoſſen reihten ſich nach Rang und Wür⸗ den um den Tiſch, und hinter den Stühlen der Frauen und Töchter ſammelten ſich die jungen Männer, die entweder zu Lebhaftigkeit es vorzog, ſich an keinen Ort binden zu laſſen. 3 Sie ſtellten ſich entweder gleichwie Edelknechte bereit, ar den erſten Wink der Dame von dannen zu fliegen, und auszurichten, was ſie befohlen, oder ſie kauerten und knieten nieder auf gepolſterten Schemeln, um ihren Bräuten, Lieb⸗ chen oder Freundinnen kurzweilige Reden und zärtlich Ge⸗ flüſter in die Ohren zu wispern. Nach und nach ſammelte ſich jedoch der große Schwarm um das untere Ende der Tafel, wo ein junger Mann in feiner Kleidung das Wort führte, und allerlei luſtige Sprüche und Fündlein an die Reihe kommen ließ. Der fröhliche Erzähler war Dagobert, der erſt vor Kurzem eingetreten und ſeinen Standpunkt hinter dem Lehnſtuhle der Frau von Dürningen genommen, einer Adelichen aus der Gegend von Friedberg, die, nur zum Beſuch, über das Feſt nach Frankfurt gekommen war. Nit ihr, der freundlich und gemüthlich geſtimmten Wittib in dem beſten Alter, und mit ihrer Tochter, einem gar muntern und lieblichen Mägdlein von vierzehn Jahren höchſtens, beſchäftigte ſich Dagobert vorzüglich, da, den trocknen Vetter der Dame ausgenommen, beinahe Niemand der Anweſenden ein Wort an die Fremden richtete. Die Mutter wußte den Liebesdienſt des ehrlichen Junkers zu ſchätzen, und hörte ſeinem Geſpräche gern zu; mit größrer Theilnahme jedoch die holde Regina, welche den hellen Blick kaum von des angenehmen Geſellſchafters Lippen verwendete, lächelnd ſeinen Worten mit dem lauſchenden Ohre folgte, und züchtig erröthete, ſo oft ſeine Augen auf ihrem Antlitz verweilten. Der ſchelmiſche Jüngling ſchien es nicht zu bemerken, und machte ſich ein Vergnügen daraus, ſeine Scherze faſt immer an das Mädchen ſelbſt zu richten, und dadurch die umſtehen⸗ den Junggeſellen ſchier eiferſüchtig zu machen.„Vergönnt mir,“ ſprach er unter anderm:„vergönnt mir, Euer Ritter 100 zu ſeyn, holde Jungfrau aus der Freinde! Nennt mir Eure Farbe, damit ich ſie trage zum Zeichen, daß ich der Eurige bin.“—„Unſers Wappens Farbe iſt blau und Silber und grün,“ erwiederte das Mädchen unbefangen:„ich ſelbſt je⸗ doch, nicht wahr, Mutter? ich habe noch keine Farbe, mit der ich Euch zieren könnte.“— Die Mutter nickte lächelnd. „Das iſt ſchlimm!“ ſcherzte Dagobert:„So werdet Ihr mir mindeſtens erlauben, Euch dies Oſterei zu überreichen, mit dem Spruch, den ich mir dabei denke?“—„Und dieſer iſt?“ fragte Regina neugierig.—„Er lautet ganz einfach;“ ver⸗ ſetzte Dagobert:„Ich wünſche, Liebchen, froh und frei, mich Dir, Dich mir zum Oſterei.“„Ei wie ſchön!“ rief Regina, von einer ſtrahlenden Röthe übergoſſen; die Mutter ſtreichelte ihr aber die glühende Stirn und das goldne geſcheitelte Haar, und ſagte mit ſcherzhaftem Vorwurf:„Nicht doch⸗ junger Herr! Euer höfelndes Gerede macht die Dirne eitel.“ —„Warum ſollte ſie auch nicht eitel ſeyn?“ fragte Dagobert luſtig entgegen:„Hat ſie doch ſchon in der Taufe die Vollmacht und das Recht erhalten, eitel und ſtolz herabzuſehen auf uns Uebrige? Was bedeutet denn Regina anders als eine Königin? Und wenn dieſe kleine Königin beſtimmt iſt, Hunderte zu beherrſchen durch die Macht ihrer Holdſeligkeit, warum nicht auch mein Herz, eines der Empfänglichſten?“ „Dieſe glatten Reden voll Muthwillen“ paſſen wenig zu dem geiſtlichen Stande, dem Ihr beſtimmt ſeyd, junger Herr!“ warf der Vetter der Frau von Dürningen, ein hagrer, aller Luſt feindſeliger Patrizer vom ſteifſten Schrot und Korn ein. Diether's Sohn ſchaute ihn groß an, und erwiederte:„Lieber Herr, das mache ich mit meinem Gewiſſen aus. Wollt mir das gütig erlauben. Habt Ihr mir keinen Spruch entgegen 101 zu ſchenken?“ fuhr er fort, ſich lächelnd an Reginen wendend. „O ja,“ entgegnete die Dirne geſchwätzig:„hört nur zu, ob ich mich recht darauf beſinne; ich, Du, das Ei, das ſind unſer drei. Theilen wir das Ei, bleiben unſer zwei.“— Das Mädchen ſchwieg, als ob der Spruch zu Ende ſey. Dagobert lachte.„Man kann den überläſtigſten Freier nicht beſſer abfertigen!“ betheuerte er:„Ihr habt aber den Schluß des Reims vergeſſen, ſchöne Maid. Er ſchließt alſo: Einen wir uns zwei, bleibts bei Einerlei. Oder nicht?“—„Bleibts bei Einerlei!“ wiederholte halb ernſtlich, halb ſchalkhaft das Fräulein mit einer luſtigen Verneigung, und ein fröhlich Gelächter erſcholl aus dem Munde der Umſtehenden, während des Oberſtrichters Sohn, der ausſchweifende Jungherr Schweikard, der nach dem eiteln Ruhme geizte, überall der einzig gefeierte Luſtigmacher zu ſeyn, mit mißmuthiger Ge⸗ berde dem Beifall entfloh, der einem andern zu Theile wurde, und ſeinem Vater einige Worte in's Ohr raunte. Dieſer nickte beifällig, und wandte ſich heimlich flüſternd an den unfern ſitzenden Schultheiß. Die Beide wechſelten viele und ſchnelle Worte, mit drohenden Blicken bald auf den, jetzt erſt bemerkten Dagobert hinzielend, bald auf deſſen Vater, der ſchon längſt wie auf Kohlen neben dem Schultheiß ſaß, aber der Schicklichkeit halber, dem Bürgermeiſter, der auf er andern Seite ſein Nachbar war, und ihn in Fluthen on Erzählungen längſt vergeſſener Begebenheiten vertiefte, zuhören mußte. Dem Altbürger war es klar, daß der Schult⸗ heiß mit ſeiner überraſchenden Freundlichkeit und vorherge⸗ gangnen Schimpf nur bezwecke, vor der Geſellſchaft den Zwiſt ſammt deſſen Urſache zu verbergen, oder ihm eine noch empfindlichere Beleidigung zufügen zu können. Daher konnte 102 war es ſehr willkommen, als der Stubendiener ihn benach⸗ richtigte, im Vorgemach harre ein Knecht, der ihm Wichtiges zu verkünden habe. Er ſtand ſchnell aufz indeſſen erſchien aber auch bereits der Hausmeiſter und rief mit vollen Backen: ihm kein Biſſen ſchmecken, kein Tropfen munden, und ihm „Ihr werdet Euch wundern, ehrſamer Herr Froſch. Das Un⸗ glück.... mir ſelbſt zittern alle Glieder!“—„Nun, was gibt's?“ fragte der Schultheiß mit ſchadenfroher Ahnung⸗ während der Bürgermeiſter den erſchrocknen Diether wieder auf den Stuhl niederzog.—„Eure Tochter, das tugendbe⸗ lobte Fräulein Wallrade“....— ſtammelte der Schwätzer ferner. „Meine Tochter?“ entgegnete Diether mit erlöſchender Stimme.—„Sie iſt in's Unglück gerathen, da ſie eine Stunde Feldwegs von Wiesbaden gekommen!“ platzte der Hausmeiſter heraus:„Die Herren vom Stegreif⸗ welche dort und hier die Landſtraßen unſicher machen, haben ſie aufge⸗ fangen, und Gott weiß in welches ihrer Raubneſter gebracht. Erſt geſtern wurden ihre Leute freigelaſſen und mit ver⸗ vundnen Augen in der Nacht an einem Kreuzwege ausgeſetzt wenig Stunden von hier, unfern auch von dem Gebirge. Knecht und Zofe haben die erſchreckliche Kunde mitgebracht, und Eure Hausfrau fordert Eure Heimkehr, Herr „Gleich, gleich,“ ſotterte Diether halb außer ſich, nah Mantel und Piret rufend, welches ihm der Stubendiener zögernd und faul herbeibrachte. Indeſſen ging die Nachricht ſchnell um die ganze Tafel, und Dagobert ſprang ebenfalls auf, um dem Vater zu folgen, der ſich gerade der Thüre näherte, als der Schultheiß zu dem Bürgermeiſter laut ge⸗ nug ſagte:„Wie könnt Ihr nur eine Frage verſchwenden — 103 nach dem Thäter, wohlweiſer Herr? Wie die Sachen in jenem Hauſe ſtehen, iſt mir nicht fremd. Man muß wiſſen, daß die Stiefmutter und der eigne Bruder die arme Schweſter ſtets verfolgten, und daß der Erſtern leiblicher Bruder ein weitberüchtigter Buſchklepper iſt, der im Stadtbann wie im Kirchenbann liegt, um den ganzen Handel begreifen zu können.“— Diether horchte hoch auf; ſchleuderte dann einen vernichtenden Blick auf ſeinen Sohn, und rannte ungeſtüm aus der Thüre. Dagobert, den Groll des Vaters überſehend, trat jedoch feſten Schritts und ſchnell auf den Schultheißen zu, und ſagte mit Gewicht:„Wie mögt Ihr nur, edler Herr, ſolch unüberlegt Wort in offener Geſellſchaft meinem Vater und mir zum Gehöre reden? Wie mögt Ihr meine Stiefmutter beſchimpfen, die des Leuenburgers ſittenloſen, ubeln Wandel nicht theilt, ſondern ſtets ein Muſter von Rechtſchaffenheit für die ganze Stadt geweſen?“— Der Ritter maß den Jüngling, auf den ſich alle Blicke richteten, vom Kopf bis zu den Füßen, und verzog höhniſch den Mund.„Wenn ich auch ſehr gut begreife,“ ſprach er, „wie es kommt, daß hier der Stiefſohn für die Stiefmutter ſo heftig Parthei nimmt, ſo möchte ich das Recht wohl kennen, das Euch zuſteht, mich zur Rede zu ſetzen? Ich muß Euch auffordern, vorlauter Menſch, zu ſchweigen, wenn ich nicht reden ſoll.“—„Frei heraus;“ entgegnete Dagobert, in welchem das vom Schultheiß gegen Eſther beabſichtigte Unbill die Flamme ſchürte.„Frei heraus! Ich habe ſchon geſehen, daß Ihr ſcheel auf mich ſchaut. Vielleicht erfahre ich ietzt, warum. Doch rathe ich Euch, jede Schmähung gegen Vater oder Mutter unterwegs zu laſſen, ſoll ich nicht vergeſſen.„—„Mäßigt Euch!“ flüſterten ihm mehrere 104 theilnehmende Freunde zu, und ein begütigender Blick von der Frau von Dürningen machte ihn ſchweigen.—„Ihr habt Euch ſchon vergeſſen;“ braußte der Schultheiß auf:„doch ſoll man nicht ſagen, als wollte ich vergelten, was der Jugend Thorheit, oder der Trunk aus Euch ſpricht; als Ritter und als Schultheiß vergebe ich Eure rohe Unart. Aber als Stubenmeiſter dieſer löblichen und reinadelichen Geſellſchaft habe ich ein Wort zu Euch zu ſprechen, das früher ſchon gefallen wäre, hätte ich früher Eure Anweſen⸗ heit bemerken, oder Euern Vater nicht ſchonen wollen. Warum, junger, unbeſonnener Geſell, erfordern unſere Ord⸗ nungen acht Ahnenſchilder zur Aufnahme in die Genoſſen⸗ ſchaft? Damit nur reinadeliche Geſinnung in dieſem Kreiſ herrſche. Wer gegen Sitte, Zucht und Biederkeit handell wer ſchlechter Geſellſchaft pflegt, zum Abſchaum des Pöbel herniederſteigt, und mit Rohheit den Adel und die Würde ſchmäht, wird aus dieſem Hauſe gewieſen, und alſo thue ich Euch.“—„Mir?“ fuhr Dagobert auf, und rings ward es ſtumm.—„Euch!“ wiederholte der Schultheiß mit der“ zu Boden ſchlagenden Hoheit, die ihm zu Zeiten eigen war „Denkt des geſtrigen Tages, und fragt Euch ſelbſt, ob Ir ferner würdig ſehd, auf dieſem Boden zu ſtehen. Wer mt Juden, Mördern und Dieben verkehrt, ſie gegen die öffent⸗ liche Gewalt in Schutz nimmt, den Richter in ſeinem Amte läſtert und bedroht, wer ſich nicht ſchämt, an den unehr⸗ lichen Stöcker auf offner Gaſſe Hand zu legen, um das Ge⸗ ſindel zu befreien,. der ſtehe nicht mehr unter uns, nicht heut, nicht morgen und nimmer. Dort iſt die Thüre. Geht!“— „Um aller Heiligen willen! was iſt vorgefallen 2 fragien die meiſten aus der Verſammlung, und zur Antwort flog die 105 Erzählung des Vorfalls geſtrigen Tages, entſtellt, vergrößert und gehäſſig gemacht, rings umher, von dem Oberſtrichter, ſeinem Sohne und des Schultheißen Neffen verbreitet. Die Dagobert Zunächſtſtehenden wichen um mehrere Schritte zu⸗ ruck, denn der Angeklagte hatte ja mit Juden zu thun ge⸗ habt, und den Nochrichter berührt, war vielleicht von dem Letztern wieder berührt worden. Die Frauen, die am läng⸗ ſten für ihn Theilnahme gehegt, rümpften, da ſie von der Judendirne hörten, höhniſch die Naſe. Die Frau von Dur⸗ ningen mit ihrer Tochter ſah ſcheu und befangen, obwohl nicht zurnend nach dem Jungling. So ſehr indeſſen Mehrere auf des Schultheißen rückſichtsloſe Schmachrede einen heftigen Ausbruch von Dagoberts Wuth befürchteten, den wieder andere, der Folgen wegen, wünſchten, ſo ſehr hatten ſich dieſe geirrt. Die letzten Worte des Stubenmeiſters hatten eine himmliſche 6 Ruhe uber das Antlitz des Beleidigten verbreitet.—„Ich dachte bis jetzv unter gefühlvollen Menſchen zu ſtehen;“ er⸗ wiederte er, ſich ernſt umſchauend:„doch habe ich mich geirrt. Es iſt wohl keiner unter all' dieſen edlen Herren, der nicht ſein Geld verſchwendete, um einem lahmen Pferde wieder auf die Beine zu helfen; keine unter all' dieſen Frauen, die nicht ihr Herz zerriſſen fühlte, ſähe ſie ihren Schooßhund in Gefahr. Doch ſprechen ſie über mich das Urtheil, weil ich mit den erbarmenswertheſten Menſchen Mitleid fuhltez weil ich eine Grauſamkeit abwehrte, die nur in dem traurigſten Verfolgungsgeiſte, nicht im Richteramte ihren Grund ſindet. In Gottesnamen dennz ich wußte nicht, daß Juden weniger als Hunde und Gäule ſind, und dieſe Lehre iſt der Verweiſung aus dieſem Hauſe wohl werth. Ich gehe mit Freuden, und thue dieſes ohne Groll, denn ich erzähle nicht einmal den 106 ehrſamen Anweſenden, was zwiſchen dem geſtrengen Herrn Schultheiß und dem ſchlechten Judenarzt Joſeph abgeredet worden iſt.“— Mit einem mitleidigen Blicke ſtreifte er noh einmal alle Umſtehenden, beſonders den höhniſch lächelnden Oberſtrichter und den verlegnen Schultheiß, gürtete langſam ſeinen Stoßdegen um, band das Piret unterm Kinn feſt, und verließ ohne irgend ein Zeichen des Lebewohls, wie ein im Rückzuge noch furchtbarer Feind, das Tafelzimmer. Sein Scheiden war das Zeichen zu offnem Zwiſte in der Geſell⸗ ſchaft. Manche, mit dem Geſchlechte der Froſche theils be⸗ freundet, theils verſchwägert und verbunden, erkühnten ſich, dem Stubenmeiſter Vorwürfe über ſein hartes Benehmen gegen den Sohn eines angeſehenen Altbürgers und Schöffen zu machen. Ohne Dagoberts Schuld an dem Vorfalle in der Judengaſſe vertheidigen zu wollen, theils von Vorur⸗ theilen befangen, theils zu muthlos, um gegen die Vorur⸗ theile Anderer anzukämpfen, ſprachen ſie von dem zahlreichen Anhange Diether's, der ſich in ſeinem Sohne ſchwer beleidigt ſehen würde; von der Rache, die wohl auf eine oder die andere Weiſe nachfolgen dürfte. Die Widerſacher beſtritten hingegen verächtlich alle Mahnungen, verlachten jede Drohung und gedachten des Ausgewieſenen und ſeines Vaters mit den ehrenrührigſten Beinamen.„Sie mögen verſuchen, wie weit ihre Ohnmacht reicht;“ rief der Schultheiß:„ich habe meine Pflicht gethan, und werde als Stubenmeiſter wie als Schult⸗ heiß mein Recht behaupten.“—„Für rebelliſche Bürger gibt es noch Thürme!“ drohte der Oberſtrichter.—„Was iſt hier auch viel zu ſcheuen?“ lachte des Schultheißen Neffe:„Da⸗ gobert's Wandel auf dem Concil iſt ſtadtbekannt, ſein Len⸗ mund nicht ehrenvoll.“—„Der verruchte Menſch will nicht 3 107 einmal der Mutter Gelübde erfullen, und Pfaffe werden!“ klagte der Vetter der Frau von Dürningen mit heuchleriſcher Miene.—„Wohl uns, wenn der lüderliche Pickelhäring ſich nicht mehr in adeliger Geſellſchaft zeigen darfz“ ſchrie des Oberſtrichters Sohn, und der Schultheiß fügte, wie mit prophetiſcher Zuverſicht, hinzu:„Es dürften vielleicht bald ganz andere Dinge von dem Hauſe der Froſche zur Sprache kommen!“— Die dem geſchmähten Geſchlechte Anhangenden brachen ſchmollend und zürnend aufz die Freuden des Feſtes waren geſtört, und aus der fröhlichen Oſtertafel eine gallige Gaſterei geworden, an welcher Feindſeligkeit und Haß ihr Panier aufſteckten.— Verachtung gegen ſeine Feinde, aber auch ein ruhiges Bewußtſeyn im Herzen, hatte Dagobert ſein väterliches Haus wieder gefunden. Vollbrecht öffnete ihm die Thüre.„Wo iß mein Vater?“ fragte er den Knecht.—„Der geſtrenge Herr hat ſich durch den Peter zum Stadthauptmann leuchten laſſen, um ihm die Anzeige von dem Raube zu machen.“— „Gut;“ verſetzte Dagobert:„Die zurückgekommenen Leute meiner Schweſter?“—„Sie ſchlafen ſchon in wohlverriegel⸗ ten Stuben,“ berichtete Vollbrecht:„denn die ehrſame Frau meinte, ſie könnten wohl ſelbſt allenfalls das arme Fräulein getödtet, oder an einen Räuber verkauft haben.“—„Mög⸗ üch wär es allerdings;“ erwiederte Dagobert:»ich will morgen die Leute ſprechen. Gib mir die Kerze und warte indeſſen auf den Vater.“— Dem wie aus dem Himmel herabgefallenen Bubenſtück nachſinnend, ſtieg Dagobert die Treppe empor, und kam eben an Frau Margarethens Ge⸗ mach vorüber, als deſſen Thüre ſich leiſe öffnete, und der Altburgerin Stimme ein leiſes:„Junker Dagobert! ſeyd Ihr's?“ daraus vernehmen ließ.—„Ja freilich, ehrſame Frau;“ antwortete der junge Mann:„Behut' Euch Gott und ſegne Euern Schlaf.“—„O bleibt,“ fluſterte Marga⸗ rethe, mit der weißen Hand aus dem Halbdunkel hervor⸗ winkend:„laßt mich den Augenblick benutzen und tretet bei mir ein!“— Dagobert ſtutzte, und Margarethens frühere unverholne Leidenſchaft für ihn, und auch zugleich etwas von des ägyptiſchen Joſephs Geſchichte fiel ihm ein. Er zögerte⸗ —„Um der göttlichen Barmherzigkeit willen!“ ſeufzte die Stiefmutter dringend:„Einen Augenblick nur hört mich an⸗ Furchtet nichts, mein lieber Sohn!“— Die Bitte klang ſo ruhrend, daß Dagobert ferner kein Bedenken trug, einzu⸗ treten in das warme trauliche Gemach, in welchem, bein halben Schimmer einer verdeckten Lampe, die ſchöne Mar⸗ garcthe in tiefem Nachtgewande ihn empfing. Sein Her pochte, ſeine Hand zitterte in der ihrigen, aber beſonnene als ſie, zog er den Schirm von der Lampe, und fühlte ein Art von Beruhigung, da er in kein von lüſternem Verlangen erregtes Geſicht, ſondern in ein Antlitz voll Kummer und Gram, in thränenvolle Augen ſah.—„Was begehrt Ihr?“ fragte er ſanft und mitleidig die weinende Frau:„Ich bin bereit mit Wille und Thatz nur einen Rath verlangt nicht denn ich bin gerade in einer ganz beſondern Stimmung, wo mir Alles bunt durch den Kopf geht.“—„Ich bin gränzen⸗ los unglucklich!“ brach Margarethe unter bittern Thränen aus, und ſank auf einen Stuhl:„Ich bin ein armes Weib⸗ nicht fehlerfrei, aber ſo entſetzlich ſollt' ich doch nicht fir meine unſchweren Vergehen büßen!“—„Der Gedanke und der Wunſch nach einem Fehltritt macht ihn oft zur Folter, als ſey er ſchon vollbracht,“ meinte Dagobert; doch bereute er ſchnell den Stachel ſeines Worts, und ſetzte hinzu:„redet und gebe Gott, daß ich helfen könne.“—„Mein Herr, Euer Vater war hier;“ ſprach Margarethe in kurzen Abſätzen.— „Er hat unmenſchlich gegen mich gewüthet. Argwohn und Grimm theilen ſich in ſeine Seele. Unbezweifelt ſcheint es ihm, daß mein Bruder Wallraden aufgefangen, und daß ich die Anſtifterin des Frevels geweſen. Ich kann bei dem ewigen Gott beſchwören, daß ich unſchükdig bin, aber Herr Diether glaubt meinen Schwüren nicht. Wie ſoll ich ihn überzeugen? Sprecht; Ihr könnt mir Euern Rath nicht verweigern, noch Euere Hülfe; denn auch Euch verwickelt der Argwohn in ſeinen Verdacht. Er glaubt ein Verſtändniß zwiſchen uns beiden wahrzunehmen.“—„Ein ſchönes Vertrauen in Gattin und Sohn!“ erwiederte Dagobert aufwallend:„Uns traut er einen Bund von dieſer Schändlichkeit zu? Wir ſollten einen Menſchen, unſere Verwandte an Räuber verkauft, wohl gar aus dem Wege geräumt haben? Der Vater hat ſich ſehr geändert. Aber Ihr habt Recht, arme Stiefmutter. Wer nicht glauben will, muß die Ueberzeugung in der Hand ſehen. Um Euern Ruf und den meinigen zu retten, ſetze ich mich morgen zu Pferde, und reite in der Welt herum, bis ich die Spur des uUnkrauts gefunden.“—„Ihr ſeyd ein wackrer edler Menſch!“ ſagte Margarethe mit auflebender Hoffnung, ſeine Hand in ihre gefalteten nehmend:„Seyd Ihr mein Hort, wenn mich die ganze Welt verläßt,... dann furchte ich nichts. Guter Dagobert,“ fuhr ſie mit dem Ausdruck beſchämter Dantbarkeit fort:„leider kann ich noch nicht ſo offen gegen Euch ſeyn, als ich es ſollte, denn Ihr ſeyd un⸗ fähig, mich zu verrathen und unglücklicher zu machen, als ich bin. Indeſſen, kehrt Ihr zuruck, ſo ſollt Ihr mehr 2. 110 erfahren, von dem Ihr Euch nicht träumen laßt; und dann beklagt mich vollends, und flucht mir nicht.“—„Ich verſtehe Euch nicht;“ entgegnete Dagobert unbefangen:„ich hoffe auch nicht, jemals aus Euerm Munde etwas Fluchwerthes zu erfahren; aber bei dieſer Gelegenheit entſinne ich mich plötzlich eines Auftrags, den ich von guter Hand erhalten, und deſſen ich mich gegen Euch entledigen muß, bevor ich ausreite, lieb Schweſterlein zu ſuchen. Der arme Jude Ben David, der unter der Anklage unerhörter Verbrechen im Kerker jammert mit ſeinem hundertjährigen Vater, läßt Euch dringend um Hülfe anflehen.“ Margarethe erblaßte.—„Es ſey die höchſte Zeit, läßt er Euch vermelden,“ fuhr Dagobert fort:„die Folter ſeh ihm ſchon angedroht, und er würde ſie am Ende nicht aus⸗ halten können. Ihr möchtet alſo, da er von Euch allein Hulfe erwarten könne, damit nicht ſäumen, und ſeiner Er⸗ gebenheit gewiß ſeyn.“—„Nicht ſäumen,“ wiederholte Mar⸗ garethe langſam und erſchöpft:„Dieſes ſetzt meinem Elend die Krone auf. Wie ſoll ich ihn, wie mich retten?“ ſetzte ſie händeringend und außer ſich hinzu.—„Beruhigt Euch,“ ſprach Dagobert tröſtend:„Euch rette ich vom ſchmäh⸗ lichen Verdacht, und einer Fürbitte iſt der arme Jude wohl werth. Die Schöffen werden über den Elenden richten, und ein gutes Wort an den Vater iſt wohl nur mit dem An⸗ ſuchen gemeint. Schlägt's der Vater ab, ſo habt Ihr Menſchenpflicht gethan und könnt ruhig ſeyn.“—„Ruhig!“ rief Margarethe wie in Verzweiflung: Ich muß den Judin retten.... bald retten, oder ich bin verloren! Dagobert edler Menſch! Mann, den ich leidenſchaftlich tiebte, den ich nuch verehre wie einen Heiligen! nimm Dich meiner an. 63 111 ſreitet wider Dein eignes Recht, aber rette den Juden, rette mich! Das Schickſal droht mein Verhängniß mit Füßen zu treten, wie das des Kindes, das in jener Kammer ſchläft.“ —„Johann's?“ fragte Dagobert beſtürzt:„Ehrſame Frau! Der Himmel behute Eure Vernunft. Ihr redet irre!“— „O nein, nein!“ ſchluchzte Margarethe:„Euch allein und dem Himmel befehle ich mein und des Knaben Loos! O, dieſer Knabe. er hat keinen Vater... Dagobert! nehmt Euch ſeiner an! Werdet Ihr des Knaben Vater!“ Dagobert trat erſchrocken zuruck, als die Frau ihm zu Füßen ſank, und wie vernichtet die Hände vor das Geſicht t ſchlug, da Diether, heimkehrend plötzlich in das Zimmer trat. Entſetzt blieb der Greis am Eingang ſtehen, und Dagobert eilte, nachdem er die Stiefmutter aufgehoben und in den Seſſel gebracht, auf ihn zu:„Liebſter Vater!“ rief er, ohne in ſeiner Seele nur eine Ahnung von dem böſen Schein zu 3 haben, den dieſes ſpäte und ſeltſame Beiſammenſeyn auf ihn und Margarethen warf:„Ihr kommt zu rechter Zeit. Nehmt die Mutter in Euern Schutz. Ihr Verſtand leidet unter t dem Argwohn, den Ihr auf ſie geworfen. Mich ſchmerzt es, daß Ihr auch mir mißtraut. Doch, Euch zu uberfuhren, erlaß ich Morgen mit dem Frühſten die Stadt, um Wall⸗ raden aufzuſuchen, und ohne ſie kehre ich nicht wieder. Ver⸗ gönnt mir nur, ihren Knecht mit mir zu nehmen, denn ſein bedarf ich, und verſprecht mir, gegen den Schultheiß, der nich heut auf's gröblichſte beleidigte, meine Sache zu führen bis zu meiner Heimkehr, damit der Ritter und ſein Gelichter nicht glauben, daß ich aus Feigheit oder Beſchämung ihnen ausgewichen.“— Diether ſchwieg eine lange Weile hindurch den finſtern Blick zur Erde geheftet. Dann ſprach er kurz. i * 102 „Ich werde allezeit meines Hauſes Ehre zu bewahren wiſſen. Mache was Du willſt. Du thuſt aber Recht, wenn Du nicht ferner weilſt.“— Dagobert ſah ihn groß an; um oaber des Vaters Grimm nicht zu reizen, ging er ſtill davon. Diether ſtarrte wild zum Himmel auf.„Die Gewißheit iſt da, die ich erbeten!“ grollte er dumpf in ſich hinein; dann fügte er, zu der Frau gewendet, hinzu:„Beſchämt ſtand ich vor meinem Sohne, nachdem ich Eure Worte gehört. Es kann alſo ferner nicht zwiſchen uns bleiben, wie bisher. Ich haſſe das Aufſehen und die Läſterungen; befehle Euch jedoch, Eure Stuben nicht zu verlaſſen, und weder mit noch ohne den Knaben einen Verſuch zu machen, bis zu mir zu dringen⸗ Ich will Euch ferner nicht mehr ſehen, und in Stille und Ruhe überlegen, wie ich, ohne Euch vor der Welt zu Schan⸗ den zu machen, noch mich herabwürdigen, Euer Geſchick b ſtimmen möge.“— Dieß ſagend kehrte er der in Schmez und Angſt aufgelösten Gattin unerbittlich den Rücken und verſchloß ſich in ſeinem Gemache. den Vogel auf, zog ihm die Haube übern Kopf und ſetzte Sechstes Rapitel. Iſt auch mein Haus nicht groß und ſchoͤn, Und leer Gewölb und Speicher, Brauch' ich vom Thurm nur umzuſehn, Und wer iſt dann noch reicher? Ich denke über Feld und Hain Der einzige Herr und Fürſt zu ſeyn, Und daß die Unterthanen mir es glauben, Will ich ſie, eh' ein and'rer kömmt, berauben. Ballade. Der Leuenberger Veit ſaß auf einem Vorſprunge in der Burg zu Gelnhauſen, von welchem er durch ein Gitter in's Freie ſchauen konnte. Seine Baſe Petronella hinkte um den Herd des anſtoßenden Gemachs, das zugleich Küche, Wohn⸗ ſtube und Schlafkammer vorſtellte, und blinzelte nur von Zeit zu Zeit nach dem Vetter, der ſich gerade beſchäftigte, ſeinem Falken ein neues Geſchühe anzupaſſen. Der Falke machte ein ſehr verdrüßlich Geſicht, aber ſein Herr noch ein verdrüßlicheres. Seinem ungeduldigen Blick und noch unge⸗ duldigeren Händen wollte das Neſteln und Schnallen der langen und kurzen Gefäße und Wurfſchnüre nicht ſchnell ge⸗ nug gelingen.„Warte, verdammter Falk!“ ſchalt er:„deinen Lrotzkopf werde ich ſchon zu beugen wiſſen. Seit neun Monden machſt Du mir das Leben ſauer, und biſt ſo ein⸗ fültig, als vb Du gerade aus dem Geſtäude gehoben wärſ. Aber hungern ſollſt Du und wachen, daß Dir der Kitzel vergehen wird in kurzer Zeit.“— Damit packte er den wil⸗ ihn drinnen auf die Stange. Als nun aber Veit pfeiſend und mit auf den Rücken gelegten Händen wieder hinaus auf den Vorſprung ging, und in's Weite ſtarrte, konnte die Muhme nicht länger an ſich halten.—„Wenn Hunger und Nachtwachen jeden Trotzkopf zahm machen könnten,“ keifte ſie vom Herde her,„ſo müßte auch der Deinige ſchon lange in der Ordnung ſeyn, Reffe.“—„Habt Ihr etwas geredetz Muhme?“ ſprach der Leuenberger ſpitzig zu ihr hinüber.— „Schon lange, toller Menſch;“ erwiederte Petronella, nach dem Blaſebalge greifend:„aber was hilfts? Der Herr mag noch ſo reichlich die Heerſtraßen ſegnen, Du bringſt gewiß nichts heim, das der Mühe werth wäre. Daß geſtern der Weinhändler von Nürnberg mit ſeinen Fäſſern ungeſchlagen hier vorbeikam, werde ich Dir nimmer vergeſſen.“—„Pah!“ rief Veit, und ſchlug ein Schnippchen in die blaue Luſt: „Den Käſebergern muß man auch aus Freundſchaft etwas gönnen.“—„Ei ja;“ ſpöttelte die Alte:„Deine alte getrele Baſe kann aber daheim darben, während ihr ein Becher Rheinwein dann und wann ſo gut thun würde.“—„Trinkt klares Waſſer;“ lachte Veit:„'s macht helle Augen, und Euer einziges wird nachgerade ſchadhaft, wie Eure Naſe ſtumpf, denn Ihr ſeht und riecht nicht, daß unſer Linſengericht in der Pfanne anbrennt.“—„Ei potz Velten!“ ſchrie die Muhme erſchrocken, und hob die Pfanne vom Feuer;„Ich muß auch die Augen uberall haben, weil Du Dich um nichts kümmerſt. Komm, Veitchen, komm ſetz' Dich zu Tiſche; komm, iß, mein armer Junge.“— Sie ſchob mit dem Aermel alles Hinder⸗ liche von dem morſchen Rundtiſche, warf eine geblumte Schurze darauf, und ſetzte das unlieblich dampfende Gericht auf das unreinliche Pfannenholz. Von Tellern war tein 11⁵ Rede, und die roſtigen Gabeln und Meſſer gaben eben keinen ſonderlichen Begriff von dem Hausweſen des Edelmanns. Veit ſetzte ſich maulend zum Eſſen und lachte ſpöttiſch über das Endchen Wurſt, das die Muhme triumphirend aus den Linſen fiſchte, und gewiſſenhaft mit dem Reffen theilte.„Ein feiner Braten in der Oſterwoche!“ ſprach er verdrüßlich, und ſchnitt ein Stück Gerſtenbrod der Muhme ab:„Ich ſag's Euch, Baſe; wenn dieſes Leben noch lange dauert, ſo hänge ich mich am nächſten Nagel auf. Dieſe unaufhörliche Armuth bei ſo vielen Gefahren halte ich nicht länger aus. Seitdem der verdammte Schwager zu Frankfurt mir den Brodkorb höher hängte, iſt es zum Teufelholen.“—„Du haderſt immer mit dem Schickſale, ſtatt es zu verbeſſern;“ predigte die Alte⸗ tapfer die Schüſſel angreifend:„Drei Landſtraßen ſtehen Dir offen; warum paſſeſt Du nicht auf, wie Andere?“—„Warum bin ich ein ärmerer Schlucker als Andere?“ fragte Veit höhniſch entgegen:„Der Eppſteiner und die Käſeberger, und all' die Brüder in der Runde haben Roſſe wie Stahl und Eiſen, die achtzehn Stunden in einem weg trappen, ohne daß ihnen ein Huf wehe thut. Meinem Klepper kann ich kaum mehr einen Ritt von hier gen Frankfurt in einem Tage zumuthen, und wenn ich ihn in den Sprung bringe, ſo bekommt er gleich das Keuchen. Die obige Sippſchaft hat Geld, um die Kundſchafter tüchtig zu bezahlen; mir verrathen die Burſche kaum einen wandernden Schuhflicker, weil ich ihre Klauen nicht verſilbern kann. Das Schlechteſte kommt an mich und theil ich mit Andern, habe ich ſicher den kleinſten Theil. Bring ich etwas heim, ſo geht's in Rauch auf, wie's gewonnen wurde, und Schmalhans zählt uns immer die Brocken zu. Peſt und rother Hahn! Ich hab's ſatt und drei⸗ mal ſatt. Ich habe Wind und Wetter ausgehalten, verſtehe mein Gewerbe wie ein Alter, und ſoll Leben aus, Leben ein, am Hungertuche nagen, während Andere im Wohlleben ſchwimmen, und kein Haar beſſer ſind als ich? Gott ver⸗ damme mich, wenn ich's länger mit anſehe!“—„Du biſt ein trotziger ungenügſamer Menſch, ein fauler Bärenhäuter oben drein!“ verſetzte die Muhme:„Schau einmal unſere Nachbarn unter den Burgleuten an. Betrachte den Joſt, der juſt unter unſerm Gemache haußt, und deſſen Kinder uns den Kopf toll machen mit ihrem Geſchrei. Die Stube voll Würmchen, und die ewig kranke Frau, und den lahmen Vater; und bei alle dem auch nichts als den Grauſchimmel und Sattel und Steg⸗ reif Da heißt es, die Ohren ſteif halten. Gedenke nur des Henne von Riedlingen, der im andern Flügel wohnt, dicht am Hundezwinger. Eine Stube wie ein Stall, und darinnen eingepfercht zu ſeyn mit Kind und Kegel, und ge⸗ zwungen zu ſeyn, für die vielen Mäuler Tag aus Tag ein, die Koſt aus dem Forſte, oder vom Vogelherde, oder aus dem verbotenen Teiche zu holen! Um wie viel glücklicher biſt Du, ein unbeweibter Mann, dem eine ſorgfältige und reg⸗ ſame Baſe das Hausweſen führt! Du gehſt, wenn Du wilſſt, Du kömmſt, wenn Dir's einfällt, und ſindeſt immer etwas für den Schnabel, bald wenig, bald viel, bald vollauf, bald knapp, je nachdem Dein Gewerbe geht oder ſtockt. Daheim kannſt Du Deinen Leib pflegen, Falken abrichten, die Fenſter verkleben, wenn es Noth thut, und auf Deinem wohlgefüllten Strohſacke lungern, ſo lange Dir's gefällt. Ich wette darauf⸗ Deine ungerathene Schweſter, die uns vergißt, wie alle Reiche zu thun pflegen, hat in ihrem Ueberfluſſe der Sorgen mehr als Du.“—„Möglich!“ antwortete Veit:„Ich würde dennoch 117 gleich mit ihr tauſchen. Schaut einmal mein Wamms an, Muhme. Der Ellbogen des rechten Aermels iſt geplatzt.“— „Ei, ſo gib her!“ verſetzte die Muhme geſchäftig;„und lange mir vom Fenſtergeſims Nadel und Faden. Das muß auf der Stelle ausgebeſſert werden; denn die Katze hat ſich heute gar oft hinter den Ohren gekratzt, und mir juckt die Stirne beſtändig. Beides bedeutet aber einen Beſuch, der heute nicht ausbleibt.“„Ach, möchte es doch ein guter ſeyn!“ murrte Veit, unruhig auf und abgehend:„nicht der Junker von Hagen, dem ich noch ſechs Schillinge vom Brettſpiel ſchulde, und nicht der Landſchaden, dem ich vor acht Tagen das Heu mit Gewalt aus dem Schober nahm, und nicht der Jude Nathan, von dem ich ein Pfund Heller entlehnte auf meinen nächſten Fang.“—„Du wirſt doch all die Leute nicht fürchten, Neffe?“ ſprach Petronella:„Den von Hagen vertröſte, den Landſchaden fahre nur grob an, und den Juden wirf die Wendelſtiege hinunter, daß er den Hals bricht, wenn er ſich unterſteht; denn der Hund iſt Dir nicht ebenbürtig, und darf Dich in der adelichen Ganerbſchaft nicht beleidigen. Sey indeſſen unbeſorgt. Es kribbelt mir in Einem fort an der linken Hand, und das bedeutet allemal ein Stück Geld, das man einnimmt, oder ein Glück, das Einem bevorſteht.“—„Wollte Gott, Ihr hättet Recht, Baſe!“ rief der Junker, und ſtellte ſich an den in der Ecke des Gemachs ſtehenden Schleifſtein⸗ um ſeinen Dolch und ſein Jagdmeſſer abzuziehen:„Wenn ich nur der Kaiſer wäre, Frankfurt müßte ich im Sturme ge⸗ winnen, und alle Bürger niederſäbeln laſſen,.. die hoch⸗ fahrenden Hunde,— und in ihre Häuſer würde ich lauter Adeliche ſetzen, die in Teutſchland ein unverdientes ungünſti⸗ ges Schickſal tragen.“—„Du biſt noch immer ein kindiſcher 118 Geſell,“ lächelte die Muhme beifällig...„Obſchon nicht mehr der Jüngſte. Ach, wie Dich Deine gute Muhme liebhaben würde, könnteſt Du ihr ein ſorgenfreies Ende bereiten!“— „Das glaube ich;“ verſetzte Veit wacker drauf los ſchleifend: „Käm's auf ein Wort an, oder eine Handvoll Stahls, wir würden bald reicher ſeyn, als der alte Froſch, den neulich der ungeſchickte Tölpel ſo ſchlecht getroffen hat.“—„Ich möchte wiſſen, wer wohl eigentlich dem Altbürger an die Kehle wollte;“ brummte die Alte nachſinnend.—„Mag's geweſen ſeyn, wer da will,“ erwiederte der Neffe unwirſch; „Den Schafskopf von Mörder ſollte man aber vom Hand⸗ werk jagen. Die Galle peitſcht mir das Blut durcheinander, wenn ich daran denke, wie viel wir an uns hätten ziehen können, wäre der Alte gefaßt worden, wie ſich's gehort⸗ Pah! weg mit den Grillen,“ fügte er ſchnell hinzu:„Von etwas Anderm. Erzählt mir ein Mährlein, deren Ihr ſo viele wißt, Muhme, oder beſſer ſingt mir ein Lied aus der alten Zeit. Der Schleifſtein wälzt ſich dann hurtiger, und das verdrüßliche Geſchäft geht ſchneller von der Hand.“— „Gern, mein guter Junge:“ erwiederte Petronella; hing das fertig gewordne Wamms an den Wandhacken, vergnügte mit dem Ueberreſt des ärmlichen Mahls die hungrige Katze, und begann, indem ſie die Pfanne ſäuberte und ſcheuerte, mit gellender Stimme ein Lied zu ſingen von dem Kaiſer Roth⸗ bart und der Burgmannstochter Gela, das zu jener Zeit in und um Gelnhauſen, unter Bürgern und Landvolk, ſtark in Schwange ging. Während nun die Baſe ſang, und das Schleifrad flog, und die Klingen luſt'ge Funken ſprühten un der Falk auf ſeiner Stange ungeduldig kaute, und das Ge ſieder ſträubte ob dem ſtörenden Lärm, kam des Burgm 119 und Nachbars Joſt älteſter Bube, eilig heraufgeſprungen über die dröhnende Wendelſtiege und rief in das offenſtehende Gemach: „Edler Nachbar! mein Vater läßt Euch berichten, Ihr möchtet in Wamms und Stiefel fahren, und die Mütze bürſten, denn der Hornberger Herr iſt eben angekommen mit Roß und Wagen, und wird gleich bei Euch ſeyn. Er beſchickt nur Pferde und Gefährt im Stall!“ Der Bube ſprang mit drei Sätzen die Treppe hinab, und ſchon verkündete das wohlbe⸗ kannte Gebell, des, weit in der Wetterau gefürchteten däniſchen Bullenbeißers, des Hornbergers Anweſenheit.—„Hab ich's nicht geſagt?“ rief die Muhme munter und luſtig:„Einkehr, freundliche Einkehr hat uns die Katze prophezeiht.“—„Ich hätte den blauen Deufel von der freundlichen Einkehr!“ maulte der Neffe, indem er die ſchweren Holzſohlen in die Ecke ſchleuderte, Stiefel und Wamms überwarf, und eine Volke von Staub aus dem dürftigen Federſtrauß ſeines Barets blies:„Der Hornberger iſt ein armer Schlucker wie ich. Nur verſteht er das Schmarotzen, trägt feinere Kleider und reitet einen beſſern Gaul.“—„Und treibt ſein ange⸗ wieſen Gewerb beſſer als Duz“ entgegnete die Muhme, zu⸗ ſammenräumend und unter den Herd werfend, was ihr nicht geeignet ſchien, vom Gaſt auf den erſten Blick wahrgenommen zu werden:„Der gute Herr hat Dich oft zum Theilnehmer an einträglichem Geſchäft erwählt, und merke auf: aus keiner andern Abſicht kömmt er heute.“— Die Muhme war mit ihrem Aufräumungsgeſchäfte noch nicht zu Ende, als ſchon der klingende Tritt des Edelknechtes, ſein heller Pfiff und das ungezogne Schnauben ſeines Hundes hörbar wurde, und Herr und Thier zugleich in das Gemach ſtürmten, beide Bleich übelgerathene Geſellen. 120 „Guten Tag!“ ſchrie der Erſtere, ſchüttelte dem entgegen⸗ kommenden Namensbruder die Hand, klopfte der Muhme derb auf den gekrümmten Rücken, und brach in ein ungeſtümes Gelächter aus, als ſein Bullenbeißer Petronella's Katze an⸗ ſichtig wurde, mit einem Rieſenſprunge die Fliehende über Herd, Tiſch und Schemel verfolgte, die Paar Töpfe der Haushaltung in Staub und Scherben legte, und ein fürch⸗ terliches Gebell erhob, als die Katze durch das Gitter des Vorſprungs einen Ausweg gefunden hatte.—„Mein Packan iſt ein kreuztolles Thier!“ jubelte der Hornberger, die Fäuſte in die Seite ſtemmend:„ein Hund ohne Gleichen; ich lieb' ihn wie einen Bruder. Laßt Euch den Plunder nicht kümmern, Fräulein Hinkebein. Eure Töpfe mögen immer beim Teufel ſeyn. Ich bezahle ſie.“— Er warf vornehm eine Handvoll von Weißpfenningen auf den Tiſch, und klimperte obendrein mit dem Geldvorrath in ſeiner Taſche.— Die Muhme machte urplötzlich ein freundlich Geſicht, und ihr Neffe fragte halb neugierig, halb neidiſch:„Du thuſt ja dicke und groß, wie der Schatzmeiſter des römiſchen Reichs? Welcher Kaufherr oder Müller hat Dir ſeine Kiſten oder Sparhafen öffnen müſſen?“—„Bruder!“ rief Hornberg vergnügt:„Bruder! ein Fang, wie er nicht alle Wochen vorkömmtz ich ſchwör's bei meinem Schutzpatron! Das Wichtigſte aber muß ich jetzt gleich vom Herzen drücken. Baſe Peterlein, und Du mürriſche Rauchſchwalbe! Angezogen, aufgeputzt, aufgeſeſſen; ich bringe Euch die Ausſicht auf eine Schlemmerei von vierzehn Tagen wenigſtens.“—„Eine Schlemmerei?“ fragte Veit mit ge⸗ ſpitztem Ohre:„Von vierzehn Tagen?“ wiederholte die Muhme, deren Antlitz die frohſte Hoffnung auf eine Friſt des Wohllebens abſpiegelte.—„So iſt's,“ verſetzte der 121 Hornberger;„ich bin geritten wie ein Dieb, und ehe es noch zwölfe ſchlägt, müſſen wir aufbréchen. Unſer guter alter Degen, der ehrliche Bechtram von Vilbel ladet Euch beide ſchönſtens zu Gaſte auf ſeine Veſte.“—„Bechtram von Lilbel?“ begann die Muhme ſtaunend.—„Ei, wie kömmt denn der geizige Hellerfuchs dazu, uns einzuladen?“ ſetzte Veit mißtrauiſch bei:„Seitdem er aufgehört hat, der Feld⸗ hauptmann der Frankfurter Spießbürger zu ſeyn, und wieder adlich Handwerk treibt, hat er ſich nie um mich bekümmert, obgleich er mir das Raufen lehrte; um die Muhme noch weniger.— Wie ſoll ich denn die Einladung verſtehen?“— „Redlich und annehmbar;“ antwortete Hornberg:„Mein adlich Wort darauf. Jetzt aber, Gott verdamme mich, mag die Baſe ſich zum Aufbruch rüſten; denn in dieſem Aufzug einer Küchenhere nehm' ich ſie nicht mit.“—„Aber Du liebes junges Blut,“ entgegnete die Alte, verlegen umher trippelnd: „wenn ich nur erſt wüßte.... iſt es Ernſt?.... und wie werde ich fortkommen, ohne Pferd noch Eſel.. 2—„Da⸗ für iſt geſorgt,“ fuhr Hornberg fort:„Aber, potz Kreuz und Dorn! So ſputet Euch doch einmal.. Während Ihr Euch in den Staat werft, will ich Eure Neugierde befriedigen.“— „In's Himmels Namen denn!“ ſeufzte die Alte, ſuchte aus ihren Taſchen den ſelten gebrauchten Schlüſſel zur Truhe des Hauſes, und hinkte in eine Ecke des Gemachs, wo der über einen ausgeſpannten Strick gehängte, abgetragene, und hie und da durchlöcherte Reitmantel des Leuenberger's, Petro⸗ nellen's Lagerſtätte und ihre wenigen Habſeligkeiten, dem unbeſcheidnen Auge des Beſuchers ſpärlich und nothdürftig verbarg. Der Hornberger ſetzte ſich indeſſen auf den Spreu⸗ ſa, der, mit Kalbfellen bedeckt, das Bett ſeines Freundes 122 vorſtellte, kratzte dem Bullenbeißer gnädig den Kopf, und hob an zu erzählen, wobei Petronella und ihr Neffe, der mittlerweile, über eine Schüſſel voll Waſſer gebückt, das Geſchäft des Bartſcheerens vornahm, eifrig zuhärten.„Ich war über Land geritten,“ ſprach er,„dieweil ich zu Hauſe nicht Holz hatte, um mich zu wärmen, noch Wein, mich zu erquicken; und das fiel in die heilige Woche. Ich wollte den Reiffenſteiner heimſuchen, fand ihn aber nicht, und die Frau ſchien nicht Luſt zu haben, mich den Mann, der nach Franken geritten war, erwarten zu laſſen. Ich ſchnallte da⸗ her meinem Gaul den Gurt feſter, wie auch mir, und trabte gen Neufalkenſtein, wo auch der Eppſteiner ſeyn ſollte, wie ich vernommen. Der alte Bechtram iſt zwar nicht freigebig, aber ſeine Hausehre, Frau Elſe, läßt einen wackern Ritters⸗ mann nicht Noth leiden, wenn er Gründe halber die Feier⸗ tage in ihres Herrn Hauſe zuzubringen verlangt. Die An⸗ ſtalten zu dem Feſte waren auch richtig ſchon gemacht. Frau Elſe handthierte am Becktroge, und die Knechte im Hofe brachen ein Paar Rehe auf, bei deren Anblick mir das Waſſer im Munde zuſammenlief. Es war Morgens um die neunte Stunde etwa, und der Ritter ſaß ſchon mit dem Eppſteiner und dem Wernher von Hyrzenhorn bai einem Trunke Weins, und einigen in Eſſig geſottenen Fiſchen. Die Herren m pfingen mich auch gar fröhlich und guter Dinge. Abſonderlich ſagte der Hausherr:„Da kömmt der Hornberger, ein grober⸗ aber ausgepichter Oſtergaſt.“— Hierauf mußte ich mich zu ihnen ſetzen, und der alte Bechtram ſchenkte ſo fleißig ein⸗ als ich es noch nie an ihm gewohnt geweſen. Der Becher ging tapfer in der Runde umher, bis dem langen Wern der Kopf ſchwer wurde, und er entſchlief. Nun begann Mann hat mir aufgetragen, ein gewiſſes Fräulein aufzu⸗ Bechtram erſt zu mir zu reden:„Er hätte nicht zu gelegenerer Zeit kommen können, ungeſchlachter Hornberger. Wir haben etwas vor, der Eppſtein und ich; ſo dieß und jenes, und eins und das andere, wobei wir Euch brauchen konnen.“— „Ich war deſſen bereitwillig, und wunderte mich nur, daß ſie den Hyrzenhorn nicht angeworben, der doch ein ſchier noch rüſtigerer Kämpe ſey, denn ich.“ Da verzog der Epp⸗ ſteiner das Geſicht, und Bechtram ſagte:„Der Teufel hole alle Frankfurter und die, die es aus Feigheit mit ihnen halten;“ womit er des Hyrzenhorners ſpottete, der ſich der Stadt zu eigen verſchrieben.„Ich habe lange genug den Schwefelkrämern das Panner getragen;“ fuhr Bechtram fort: „Wie haben ſie mir's vergolten? Dafür will ich ihnen jetzt auch das Licht halten, daß ihnen die Haut ſchauern ſoll.“— Nun verabredeten wir ein Paar Ritte gen Peterweil und Erlebach, vorzunehmen nach der heiligen Zeit. Alsdann nahm mich aber Bechtram bei Seite und redete zu mir:„Volt Ihr Eure Oſterfladen in meinem Hauſe, und ein brav Stück Geld nebenbei verdienen, ſo mögt Ihr Euch morgen mit mir zu Gaule ſetzen, und auf das Wiesbad zu reiten. Der Epp⸗ ſtein hat ein Gelobniß gethan, nicht eher zu ſatteln, als bis die Glocken von Rom zurückkommen. Daſſelbe Gelübde habe ich zwar auch gethan, mit dem Eppſtein zu gleicher Zeit, als uns die Erzbiſchöflichen von Mainz ſchier bei'm Kragen ge⸗ vackt hatten, und die Heiligen haben uns darum auch durch⸗ geholfen. Jedoch habe ich nicht Noth, mein Gelöbniß zu halten, weil mich vor drei Wochen der Pfarrherr zu Offen⸗ bach in Bann gethan; und ich bin nicht geſonnen, einen Hauptgewinn von der Hand zu weiſen. Ein vornehmer 124 fangen und feſt zu halten, das von Frantfurt nach dem Thüringer Walde zu ziehen vor hat, und deſſen Koſtbarkeiten und Geld mein ſeyn ſollen, ohne Ausnahme, benebſt einem reichlichen Lohngelde und Atzungsvorſchuß, ſo mir der biedere Edelmann zu zahlen verſpricht. Seit länger denn eine Woche hat mein guter Geſelle Kunz Döring das Fräulein zu Frant⸗ furt belauert, und mir geſtern gemeldet, daß es ſich plötzlich entſchloſſen, gen Wiesbaden zu ziehen; zwar nur auf einen Tag oder anderthalb, wie man aus dem Geplauder ihres Knechts vernommen. So habe ich denn beſchloſſen, das Weib, wenn es von Wiesbaden von dannen fährt, aufzu⸗ fiſchen, und bedarf eines rüſtigen Beiſtandes; denn der Reiffenberger und der von Wiede, meine Freunde und Helfer, ſind den Rhein hinab, um einen Zöllner leicht zu machen und Döring's Arm iſt mir nicht hinreichend, im Fall die Frau mit ſtarkem Geleite daher käme.“— Es verſteht ſich⸗ daß ich ohne Bedenken einſchlug, und am ſtillen Freitage lagerten wir ſchon auf der Heerſtraße zwiſchen dem Wiesbad und Frankfurt, weil unſer Fräulein nach der Stadt zurüt wollte. Die Sache verzog ſich indeſſen bis zum Sonnabend, weil ein Aberglaube iſt, daß man am Charfreitage Unglüc hat, zu reiſen. Die Sonne war gerade aufgegangen, als Zofe vom Wagen, knebelte die Gebieterin, obgleich ſie ſch ſich der Wagen ſehen ließ; nun wir, d'rauf und d'ran und d'rüber her, und ich machte die Arbeit ganz allein; ſchlug den Knecht vom Gaule, ſchnitt die Stränge los, warf die wehrte, als wäre ſie ein verkappter Mann, räumte den Karren aus, und band das Fräulein auf's Sattelpfer Während nun Döring einem Bäuerlein vergebens nachſprengte, das hinten auf dem Wagen geſeſſen, und ſich bei'm Ueberfal ſchnell auf und davon, und nach dem Wiesbad zurückgemacht hatte, Bechtram die Habſeligkeiten der Gefangenen ſeinem Pferde aufpackte, und ſein Knecht die Dienſtleute derſelben an Knebel und Leine legte, trabte ich mit dem Fräulein, einem ſaubern, ja man möchte ſagen, ſchönen Weibsbilde, die Kreuz und die Quer, über Acker und Hecken und Bach davon, auf Neufalkenſtein zu. Dem armen Geſchöpfe wurde der harte Trab bald zu viel, und es hätte wenig gefehlt, ſo hätte die Arme den Geiſt im Sattel aufgegeben. Bisher hatte ich dazu gelacht, denn der vornehme Herr hatte ſich ausbedungen, daß man ohne Schonung mit ihr verführe; da ſie aber ſchwankte und den Kopf ſinken ließ, und bleich wurde, wie der Tod, hatte ich Mitleid, löste ihr den Knebel vom Munde, nachdem ich ſie mit dem Erwürgen bedroht, wofern ſie ſchreien würde, und vergönnte ihr, an einem ein⸗ ſamen Waldrande ein wenig zu raſten. Ich bot ihr ſogar einen Biſſen von dem Brode und dem Knoblauch an, das ich im Sattelbeutel bei mir führte. Sie ſchlug die Labung zwar aus, betrug ſich aber ſo friedlich, klug und ſtille, daß ich meine Freude daran hatte, und ihre alle Erleichterung angedeihen ließ, bis wir in der Dämmerung nach dem Schloſſe gelangten, wo wir denn auch die Uebrigen verſammelt fanden. Die Dienſtleute ließ man am andern Morgen, ohne ihnen zu ſagen, wo ſie geweſen, laufen, und die ſchöne Ge⸗ fungene blieb allein zurück.“— „Aber, Gotts Marter!“ rirf Veit, der ſich indeſſen in ſeinen beſten Putz geworfen:„Was kümmert uns denn die verdammt lange Hiſtorie? Dergleichen Begebenheiten an Kreuz⸗ und Hohlwegen ſind mir doch, bei Gott! bekannt genug.“—„Was Euch die Hiſtorie kümmert?“ lachte der . Hornberger:„Sehr viel: denn Ihr verdankt ihr ein PFaar zehr⸗ und zechfreie Wochen, und die Bekanntſchaft mit einer liebenswerthen Baſe, denn keine andere iſt Bechtram's Ge⸗ fangne, als Eurer Margarethe Stieftochter Wallrade.“— „Wallrade?“ kreiſchte die Baſe hinter dem Mantel hervor; Veit ſah aber den Hornberger mit ungläubigem Lächeln an. —„So wahr ich, wie ein ächter Chriſt, meine öſterliche Zeit gehalten habe,“ betheuerte der Hornberger,„ſo völlig hat mein Wort ſeine Richtigkeit. Das Fräulein von Balder⸗ grün iſt's, und ihre Klugheit und Beſonnenheit hat mir viel Freude gemacht. Sie benimmt ſich ſo gleichgultig, als ob† ſie ein Rittersmann wäre, dem das Gluck der Fehde untren geworden. Aber im Innern ſcheint's dennoch unheimlich z ſturmen, und damit ſie nicht krank werde, und etwa ſterbe, bevor die Atzungskoſten angewachſen, und das Fanggeld bezahlt, haben Bechtram und Frau Elſe den Entſchluß gefaßt, Euch⸗ dem Fräulein zur Erheiterung, einladen zu laſſen. Wallrade ſoll durch den Beſuch ihrer Blutsfreunde überraſcht werden und ſich an den Mährlein Petronellens ergötzen.“—„3 zweifte, daß unſer Beſuch die hochmüthige Dirne erheitern werde;“ entgegnete Veit ſchadenfroh grinſend:„aber mir wird's ein Feſt ſeyn, das Krämerfräulein in ſeiner Ernied⸗ rigung zu ſehen.“—„Ja wahrlich; Du haſt Recht⸗ guter Neffe!“ fiel Petronella ein, die in ihrem Staats⸗ und Abent⸗ mahlsrocke aus ihrem Winkel rauſchte:„Mich gelüſtet fehr meine eitle Verwandte zu begrüßen, die es für einen Schimp gehalten, daß das Leuenberg'ſ ſche Wappen zu ihres Vaters Hauſe herabgeſtiegen iſt. Sage doch, guter Veit, ob m Gewand in den gehörigen Falten liegt, und noch im Sta iſt, die Stiefnichte zu ärgern, und dem Hauſe der Leu burget, wie dem Hauſe meiner aiten Freundin, der Frau Elſe von Vilbel, Ehre zu machen?“— Veit muſterte auf⸗ nerkſam und wichtig das veraltete Prachtgewand, das ſih ſchon ſeit einem Jahrhundert eie von einer Leuen⸗ Fletgerin auf die andere vererbt hatte, und der Hornberger biß ſich in die Lippen, daß ſie ſchier bluteten, um nicht beim Anblick des greiſen Fräuleins in ein allzubeleidigendes Ge⸗ lächter herauszuplatzen. Der wunderliche, mit Figuren ſelt⸗ ſamer Art gezierte Zeug des Gewandes von gelb und blaß⸗ other Farbe, war von Veit's Urgroßvater, der eine Fahrt nach Wälſchland gemacht hatte, aus Venedig heimgebracht en, in der Abſicht, daraus zwei Meßgewänder fertigen zu laſſen, die er, während eines Meerſturms, in ſeine Tauf⸗ kirche verlobt hatte. Wie es nun aber ſich öfters trifft, daß die eifri gſten Gelober,— iſt die Noth vorüber— die ſaum⸗ Bezahler werden, ſo traf ſich's auch hier. Das Ehgemahl des Heimkehrenden ſchnitt ſich aus dem ſchweren N Zeuge ein Gewand mit ungeheuer bauſchigen Aermeln, und Wausgeſteiften, mit Draht unterlegten Falten, in welchem die gelbe, unausſprechlich hagre und kleine Muhme kaum zum ommen kaum ſich bewegen konnte. Der gewich⸗ tige Beſatz von Sammetſtreifen und wollenen Zotteln ſiel ſo tief herab, daß kaum der leinwandne Strumpf und der X Pue Schuh des rechten Fußes ſichtbar werden konnte; des Lünten, verkürzten, gar nicht zu gedenken. Ein ungeheurer Weiſcher an einem breiten Lendengürtel mit einſt verſilbert Ageweſenen Buckeln beſ ſchlagen, hinderte die Geputzte ſtark im Gehen; die vergilbte, aber auf die Dauer von einer Ewigkeit berechnete Halskrauſe, faßte das vertrocknete einäugige Autlit⸗ wie in einen Korb, und der Hauptſchmuck, von ſ e 128 geſteiftem Schleiertuche, zwiſchen welchem die ergrauten Haat⸗ flechten der adelichen Jungfrau zu ſehen waren, ſchien in ſeiner ungefälligen Geſtalt keineswegs geeignet, das nicht gefälligere Angeſicht der Geſchmückten im Geringſten zu ver⸗ ſchönern. Petronella hakte ein kleines Bündelchen zuſammen⸗ gewürfelt, das ſie unter'm Arme trug. An Veit's Seite ſtolzirte der Raufdegen, auf ſeinem Kopfe prangte der be⸗ fiederte Hut. Des Hornberger's Weißpfenninge klapperten in einem weitſchimmernden Beutel an Veit's Gurtel, und 3 ſomit waren alle zum Aufbruch fertig.„Macht ein Ende,“ drängte Hornberg mit einem ſeiner kräftigen Hausflüche. „Eh' es Zwölfe brummt, müſſen wir auf und davon ſeyn, und doch wird's hart halten, vor ſtockfinſtrer Nacht Neu⸗ falkenſtein zu erreichen, wenn auch Räder und Hufe Feuer geben. Fur einen Wagen nämlich iſt geſorgt. Die Muhme möchte einen Ritt, ſelbander auf dem Roſſe, nicht allzuwohl aushalten.“ Petronella verneigte ſich geſchmeichelt, und nahm nun, mit einemmale erheitert, die Katze, die ſich heimlich wieder herbeigeſchlichen, unter'm Arm.—„Donner und Wetter!“ rief aber Veit;„Dem alten Bechtram iſt gewiß ſein Stündlein nahe, da er uns ſogar einen Wagen ſchickt“ —„Meine Vorſorge,“ lachte der Hornberger;„zwei Stunden von hier fällt mir plötzlich ein, wie ich denn wohl die Baſt vom Flatze bringen werde, und ich bin ſchon halb und halb entſchloſſen, ſie als höflicher Rittersmann vor mich aufs Pferd zu nehmen⸗ als mir, gerade wie gerufen, ein Bauer begegnet, der gen Frankfurt und Höchſt zu fahren gedenlt⸗ mit einem Wägelein voll des beſten Stroh's, auf dem ein Bettelmönch ſitzt ſchmutzig⸗ wie ſie alle ſind, aber nicht ſo feiſt, wie ſic gewöhnlich zu ſeyn pflegen. Den Bauer anhalt 6 129 ihm befehlen, mit mir umzukehren, und dann mit einer neuen Ladung hinzufahren, wo es mir belieben würde, war eins, und ſchnell abgethan. Der Hund wollte ſich weigern. Da hieb ich einem von ſeinen beiden Gäulen die Sehne am linken Hinterfuße durch, und drohte, den andern eben ſo zu zeichnen, falls er nicht gehorſam ſeyn wolle. Die Lehre half, und er fuhr mit zurück. Den Pfaffen, der nach Frankfurt gedenkt, wollte ich vom Wagen jagen; der Menſch wies mir aber ſeine wunden Füße, und ſo ließ ich ihn denn in Ruhe, weil ich mit dem Geſindel barmherzig bin, da man nicht weiß, wo man einmal eine Kutte brauchen kann. Bauer, Mönch und Fuhrwerk hab' ich unten im Stalle eingeſperrt, und meinen Knecht als Wache zurückgelaſſen, damit die Geſchichte nicht in der Stadt verträſcht wird. Den wunden Gaul mach ich Dir zum Geſchenk, Veit, und dem Bauer wollen wir unterwegs ſchon wieder ein anderes Pferd ſchaffen.“ Die Muhme verſicherte, daß ſie nun noch einmal ſo gern die Fahrt mitmache, da ein Geſalbter des Herrn ihr Nachbar ſeyn würde, hängte den vergeßnen Roſenkranz an die Hand, das kupferne Kreuz an den Hals, und forderte nun die Männer auf, zu gehen.— Veit nahm den Falken auf die Fauſt, und warf noch einen Blick in dem Gemache umher. „Habt Ihr die Truhe verſchloſſen, Muhme?“ fragte er dann leiſe:„habt Ihr das Eiſengeräth wohl verwahrt, das ich neulich heimbrachte, und die Gefäße, die vor Kurzem aus der Marxkapelle abhanden gekommen ſind?“„Alles iſt wohl verwahrt, Neffe,“ erwiederte Petronella, indem ſie das Ge⸗ mach nach den vier Weltgegenden mit Weihwaſſer beſprengte, das an der Thüre hing:„Gott und ſeine Heiligen werden unſrer Abweſenheit unfre ſtille Klauſe wohl bewahren.“ 100 Damit ließ ſie das Schloß zuſchnappen, und hinkte den Männern nach, belaſtet mit Katze und Bündel. Veit hatte indeſſen dem Nachbar Joſt die Aufſicht über ſeinen kleinen Palaſt empfohlen, und einen Sattel von ihm geliehen, ein, dem Nachbar, deſſen Pferd erſt kürzlich gefallen, ſehr ent⸗ behrliches Geräth. Des Leuenberger's Klepper wurde geſchirrt, Petronella auf den Wagen neben den in ſeine Kaputze verhüllten Mönch gehoben; die edeln Herren ſaßen zu Pferde, des Hornberger's Knecht auf dem Hintertheile des Karrens. Die Fenſter und Pforten der angränzenden Burgwohnungen waren von den edeln Ganerben und ihren Sippſchaften beſetzt, die theils lachend auf das ſchlechte Fuhrwerk blickten, theils den Leuen⸗ berger beneideten, der trotz ſeiner, der Ihrigen nichts nach⸗ gebenden Armuth zu fernen Feſtlichkeiten auf ſo viele Stunden Wegs abgeholt wurde. Der arme Fuhrbauer warf noch einen trüben Blick auf den verletzten Gaul, der in einem fremden Stalle zurückbleiben mußte, um wohl nimmer zu ſeinem Herrn wiederzukehren. Dann ſchwang er mit einem Seufzer und abgewandtem Geſichte die Peitſche; das dienſt⸗ bare Roß zog an, der Bullenbeißer bellte, und fort gings, wie auf einer Rennbahn. Siebentes kapitel Ach, daß die Hülfe aus Zion über Iſrael käme, und der Herr ſein gefangen Volk erköste So würde Jakob fröhlich ſeyn, und Iſrael ſich freuen! Pſalm Davids. Schlöſſer und Riegel klangen. Eine helle Stube that ſich auf. Die Augen der Gefangenen, die hineingelaſſen wurden, zogen ſich zuſammen, ob der ungewohnten Klarheit.— „Was ſollen wir hier?“ fragte Ben David den Schließer, der beiden wenigſtens die Schellen an den Händen abnahm. —„Wem haben wir zu verdanken die Wohlthat, wieder beiſammen zu ſeyn?“ ſetzte Jochai hinzu, und rieb ſich den Arin, wo die engen Ketten geſeſſen hatten.—„Werdet's ſchon ſehen!“ brummte der Wärter entgegen:„Ihr werdet heute mancherlei Beſuch haben, den man nicht in Euer Ver⸗ ließ führen kann.“— Eine lange Stille folgte, während welcher der Wächter ſich auf einen Schemel ſetzte, und die Juden ſich forſchend beobachteten.„Dürfen wir denn mit⸗ einander reden?“ erkundigte ſich Jochai demüthig.—„In Gottesnamen;“ erwiederte der Wächter:„der ehrbare Herr Oberſtrichter meint, es könne nichts verſchlagen. Denn ob Ihr bekennt oder nicht; auf jeden Fall brennt man Euch zu Aſche.— Eine Bewegung zaghafter Angſt konnten die Ge⸗ fangenen bei dieſer rohen Rede nicht unterdrücken. Ben David faßte ſich jedoch zuerſt, und ging auf den bleichen 132 Vater zu:„Wie geht Dir es, Vater?“ fragte er in dem Dialekt, der, aus hebräiſchen und deutſchen Worten zuſammen⸗ geſetzt, für den Zuhörer von Amtswegen beinahe unver⸗ ſtändlich war.—„Frage die im Moor verdorrende Weide;“ antwortete Jochai ſchmerzhaft:„Die Lampe brennt aus all⸗ mählich, und bald werde ich liegen in dem angſtvollen Zu⸗ ſtande, wo die Seele unſtät umherläuft durch alle Glieder, und zittert vor der Nähe des Todesengels. O Sohn! Sohn! Dein Eigenſinn und Starrmuth wird mich von der Welt bringen, deſſen Liebe Dich zur Welt brachte.“— Ben David rieb ſich bekümmert die Stirne.„Es iſt beinahe verfloſſen eine Woche....“ ſprach er wie verloren vor ſich hin:„keine Kunde doch von Eſther und ihrem Auftrag.— Weißt du nichts von dem Kinde?“—„Der Wärter hat mir zweimal Wein gebracht;“ antwortete Jochai:„Gewiß hab' ich nur Eſther's Liebe verdankt dieſe Stärkung.“ Ben David wendete ſich an den Kerkerknecht:„Guter Mann,“ ſagte er:„wißt Ihr uns nichts zu ſagen von Eſther, unſerm Kind? Kömmt ſie noch wohl wie früher täglich an die Pforte, und fragt nach ihrem Vater und dem Greiſe Jochai?“—„Was weiß ich?“ polterte der Wärter:„Jih hätte viel zu thun, wollte ich auf all die Leute merken, die mir Jahr aus Jahr ein die Ohren voll jammern und heulen⸗ Ihr Geſindel bekümmert euch wenig um die, die im Pfeff ſitzen. Eine Dirne ausgenommen, die ein Paarmal Wein für den Alten brachte, hat Niemand nach Euch gefragt.“— „Dieſe Dirne iſt Eſther! Gott ſegne ſie dafür im Reiche des Meſſias!“ ſtammelte Jochai unter Freudenthränen. „Hm!“ grunste der Knecht:„Eine Jüdin iſt das Mäd nicht, denn es trägt ein Kreuz am Halſe; aber häßlich 133 ſie dafur, daß es alle Tage in Eure Sippſchaft gezählt werden könnte.“—„Alſo Eſther iſt's nicht!“ ſeufzte Ben David, und ſah kummervoll zu Boden. „Wie kommt die Barmherzigkeit in die Seele der Tochter aus Edom?“ murmelte kopfſchüttelnd der Greis.—„Wo mag wohl hingekommen ſeyn mein Kind?“ fuhr Ben David fort, und lehnte ſich troſtlos an das, mit Stern von innen und außen verwahrte Fenſter. Einer Glocke Schall rief den Wächter hinaus. Ben Da⸗ vid und ſein Vaterg ſahen mit geſpannter Erwartung nach der Thüre, ob nicht der angekündigte Beſuch hereintreten würde. Endlich erklangen Stimmen und Tritte, und der Wärter trat wieder ein,— hinter ihm Zodick. Die Blicke der Juden wendeten ſich voll Abſcheu von dem Abtrünnigen, deſſen Züge einen ſonderbaren Ausdruck von Wildheit, Aengſtlichkeit und verſtellter Theilnahme angenommen hatten. Auf einen Wink von ihm trat der Wächter ab.„Ben David und Jochai,“ ſprach der Convertit ernſt und bedächtig;„Ich habe ein Wort mit Euch zu reden, gewichtig für Hunderte.“—„O, daß Dich doch Deine Mutter geboren hätte ſtumm!“ eiferte Jochai in kaum verhaltenem Grollz Ben David ſchwieg aber finſter und erwartungsvoll.„Der hochgelobte Gott weiß,“ fuhr Zodick lei⸗ ſer fort,„wie ſchwer mir's iſt geworden, aufzutreten als Werk⸗ zeug ſeiner Vergeltung. Ich habe doch mit ihm gerungen, wie einſt der Erzvater in dem Lande jenſeits des Meeres. Aber des barmherzigen und zornigen Herrn Wille geſchieht in Ewig⸗ keit.“—„Läſtre nicht den Herrn,“ ermahnte Ben David: „Du bekleideſt ihn mit Schande durch Deine ſchändliche blut⸗ 5 Lüge, die uns bringt in des Henkers Hand.“— heltet mich immer einen Lügner,“ erwiederte Zodick: 134 beweißt aber, daß ich es bin.“— Ben David zeigte rnhig gen Himmel.—„Auf Erden will man Schwarz auf Weiß⸗ oder einen beſiebneten Eid;“ verſetzte ſpöttiſch Zodick:„und mein Schwur würde allenfalls höher gelten, als der Eurige⸗“ — Er zeigte auf das Kreuz an ſeinem Wamms, und Jochai, vurch dieſe Geberde außer ſich gebracht, hätte einen Schlag dagegen geführt, wenn ihn nicht ſein Sohn zurückgehalten. „Was thuſt Du, Raaf?“ ſchrie er dem zornentflammten Greiſe zu, während Zodick ihn höhniſch angrinste.„Laß ihn doch,“ ſprach dieſer:„laß ihn, Ben David. Es gäbe nolh eine Klage mehr von Gottesläſterung und Kreuzentweihung. Die Sünde häuft ſich ohnehin auf Eurem Kopf, ohne daß ich etwas thue dazu. Der Halsſchmuck, den man gefunden in Eurem Keller.... er hat gedippert wie eine Elſter, und euch genannt Hehler und Stehler von der Blutzapferrotte. Ver⸗ rathen iſt es durch aufrichtigen Bericht der Judenſchaft Worms, die immer offen handelt und ehrlich gegen die von Gott eingeſetzte chriſtliche Obrigkeit, daß Du, Ben David daſelbſt den Buben gekauft, den Ihr ſo ſchmählich ermordt habt. Der Rittersmann, dem Du das Knäblein abgeſchachert⸗ iſt gar wohl bekannt, und wird Euch Verſtockte bringen zun Geſtändniß. Ihr ſeyd verloren, und mir blutet das Herz asf Wenſch und als Chriſt, denn der Gott, den ich jetzt habe e⸗ kannt, will nicht, daß der Sünder ſterbe, wie ihn ſterben läßt das Geſetz.“— Ben David und Jochai, obgleich von Zodick's unheildrohender Rede erſchüttert, warfen ihm einn Blick der Verachtung zu, und ſchwiegen.—„Rechnet es her meiner Erbarmniß zu Gute,“ fuhr der Heimtückiſche fort⸗ „daß ich jetzt komme zu Euch, ein Bote der ewigen, Mil des Fürſten der Barmherzigkeit. Zwei Wege thun ſich 135 Euch auf, zum Leben. Schon mancher Jude hat ſich gekauft los vom Scheiterhaufen und dem Strang. Verſucht auch Ihr das Mittel. Vertraut mir, wo Ihr vergraben habt Euer Geld, denn des Silbers wenig hat man gefunden bei Euch. Hab' ich Euch gebracht in Babhlon durch des hochgelobten Gottes Fürſicht und Wille, kann ich Euch auch bringen wie⸗ der heraus durch die Kraft der Maſumme, der die Gojim ſelten widerſtehen.“—„Deine Mitbrüder willſt Du ſagen, abſcheulicher Mamſer!“ ſchalt Jochai, deſſen Geſicht ſich bei der bloßen Erinnerung an Zodick's Uebertritt krampfhaft ver⸗ zog. Der Geſcholtene maß den Zürnenden mit den frechen Augen, und wendete ſich alsdann wieder mit fragendem Blicke zu Ben David. Dieſer, nachdem er den Vater durch eine bittende Geberde veranlaßt, Ruhe zu halten, ſprach nicht ohne Bewegung.„Jetzt erſt gibt ſich bloß der Heißhunger des Gerichts, und der Deine, nach meinem Golde und meiner andren geringen Habe. Aber eben ſo wenig, als mich werden vermögen die gräulichſten Martern zu bekennen eine Sünde, die ich nicht begangen, eben ſo wenig ſoll mich überreden Deine Zunge, die des Sammaels, zu bezeichnen den Ort, wo ich vergraben und verborgen, was mein iſt. Was Werth hat an Silber und Gold und Edelſtein, iſt uns theuer, denn davon leben wir armes, verachtetes Volk. Edom würde uns ija mißgonnen die Luft, ſo wir athmen, hätten wir nicht Stein und Metall, ſeinen Lüſten zu fröhnen. Darum vertheidigen wir mit dem Leben unſern kleinen Schatz, eben weil er iſt unſer Leben. Aber einen Schlüſſel dazu will ich Dir geben, ſo fern Du mir gibſt Kunde von dem größten Schatz, den ich e von meiner Tochter Eſther. Iſt auch ſie gerathen Hände von Amalek durch Deinen treuloſen Mund? 136 Sind auch ihre zarten Glieder bedroht von der Folter und Schmach? Das arme Geſchöpf,. es weiß ja von nichts; unſchuldig iſt es gekommen zur Welt; unſchuldig wird 6 gehen von dannen. Oder hat ſich des Mägdleins etwa be⸗ mächtigt Deine gierige Luſt? Gib mir Gewißheit, und i will nicht herabfluchen den Zorn des ſtarken und eifrigen Gottes auf Dein Haupt. Gewißheit über Eſther's Schickſal— ſey's die traurigſte— gib dem trauernden Vater!“—„Mir thut's leid, erwiederte Zodick, der bei all dieſen Reden beſtändig Zeichen einer ungewiſſen, von Aengſtlichkeit beengten Haltung an den Tag gelegt hatte:„Das Mädel geht wie Ihr entgegen den Stöcker und ſeiner Flamme.“—„Halte mich Herr in Iſrael!“ ſtöhnte Jochai, während Ben David erſchrocken nach Zodicks Hand griff.—„Ich will verkrummen, iſt's nicht wahrz“ be⸗ theuerte dieſer Letztere keck:„Eſther iſt in Buhlſchaft Le⸗ fallen mit einem rechtgläubigen Jüngling. Der unbeſonnen Altbürger, der jüngſt Euch und Eure Dirne allen Geſeten zum Trotz vertheidigte, hat ſie aus der Stadt gebracht, und hält ſie irgendwo verſteckt zu eigner Kurzweil.“—„Hiht ewigen Schaaren der Elohims!“ ſeufzte der gebeugte Gu Jochat;„Alſo hat die krumme Schlange eine von Zions Töchtern mit Schmach bedeckt. Sohn, Sohn, Vater Dein Eſther! Wie wirſt Du beſtehen, vor dem Fürſten des Gericht und dem Throne des Meſſias, da Du durch Deinen Eiſen⸗ kopf all das Unheil, das wir erleiden und befürchten, erzeug haſt!“ Ben David machte eine heftige Bewegung und unie brach den Vater lebhaft:„Leide ich nicht wie Du, Rasß und befürchte ich weniger? Hab' ich Dich nicht geehrt um geliebt, wie ein gerechter Bechor? Mußt Du nicht daru auch willigen zu theilen meine Noth? Wir haben zuſam gewonnen Geld, Gut, und haben getheilt manche Freude. Laß uns thun ein Gleiches mit dem Leide. Nicht meine Schuld... die Lüge hat uns hieher gebracht, und der hochgelobte Gott, deſſen Herrlichkeit unſer Haupt berührt, und Deine Finger⸗ ſitzen, ſo Du mich ſegneſt, wird uns nicht umkommen laſſen durch die Ungläubigen. Schrecklich wäre es, wenn Eſther in den Stricken läge der Wolluſt, der Buhlerei mit einem fremden Manne... aber, es heißt in den Büchern der Väter: So Dich einer einmal belogen, und falſch Zeugniß gegeben von Dir, ſo glaube ihm nicht ein andermal, und nicht ein drittesmal, und nicht zum hundertenmale, denn die Zunge deſſelben iſt ein ſchlecht Stück Fleiſch, das verdorren wird im Thale der Auferſtehung.“— Zodick wies höhniſch die Zähne.„Wahrlich, ich ſage Eucht:“ ſprach er,—„Eſther und der junge Altbürger Froſch ſind verfallen dem Scheiterhaufen, ſo die Gerechtigkeit der Obern ſie ereilt. Noch iſt ihr Aufenthalt nicht entdeckt, aber ganz gewiß wird er nicht entgehen meiner Wachſamkeit, da mich der Herr beſtellt hat zum Mittler in Eurem traurigen Schick⸗ ſal. Ihr aber nehmt zu an Verblendung und Lüge, wie das wachſende Kind an Kraft und Mark, da Ihr Euch weigert. die in Geſellſchaft der Blutzapfer geraubten Schätze heraus⸗ zugeben, um Euer Blut zu retten. Der Tag, der Eure Rechnung völlig ſchließt, iſt jedoch noch nicht angebrochen, und der Prophet Elias, der immer um Euch iſt, ſieht be⸗ trübt, wie ſich vermehrt die Laſt Eurer Sünden. Es iſt ſchier außer Zweifel, daß Du es geweſen, Ben David, der an dem alten Rathsſchöffen Froſch das Mordſtücklein gewagt, 6 ihn beinahe in den Talles gelegt.“—„Sohn! Sohn! Sohn der Gebote und meines Gebets!“ ſtammelte Jochai: 138 „Unſeliger Mann! wohin biſt Du verſunken? Bringt doch jetn Augenblick eine neue Klage auf Haut und Haar, jeder Augen⸗ blick einen neuen Herzſtoß für den greiſen Vater! O weh mir! weh mir! warum hab ich gelebt der Jahre zweimal fünfjg und darüber? Warum verläßt mich der Gott David's um Samuel's alſo in meiner Noth, daß ich ſchauen muß, wie mein Geſchlecht langſam verſinkt in Blut, Schande und den Flan⸗ men des unehrlichen rothen Mannes! David! David! So wahr Du trägſt den Namen des Erlöſers, den wir hoffen, ſo wahr will ich Deinem Schweigen ein Ende machen; be⸗ kennen Deine Unſchuld wider Deinen Willen. Zodick! niß herbei den Richter! Ich will reden; der alte Jochai wil reden, und Wahrheit ſagen. Geh! geh! und Dir vergibe der hochgelobte Gott Deine Sünde an uns, die Dir niqt abgenommen werden kann, weder durch den Tag der Ver⸗ ſöhnung und das Kapporah des Bocks Hazazel, noch dulh die Faſten Eſther und Gedalja und die Feier der Tempelzer⸗ ſtörung.“— Der Greis ſchwieg erſchöpft; Ben David vin⸗ harrte in mißbilligendem Schweigen.—„Nicht um Dei Geſchrei zu hören, habe ich geredet;“ ſprach Zodick mit ſchi⸗ denfrohem Vorwurf zu dem Alten:„um Euch ein Nittel anzugeben vielmehr, das Euch, wenn nicht zur Freiheit und zum Leben, dennoch zu einem ſanftern Tode verhelfen würde, ſo Ihr es annehmen wolltet. Denn dem Tode ſeyd Ihr g wiß, wenn Ihr Euere Habe verhehlt, und der Tod in Flammen iſt ſchrecklich. Bekennſt Du hingegen, Ben David⸗ daß Du den Altbürger Froſch ermorden wollteſt, auf Anſi⸗ ten und Anregen ſeiner Ehefrau, ſo will der Altbürger ſolbſ ein Fürwort einlegen, daß Eure Strafe in die leichteſte bet⸗ wandelt werde, weil er ſeinem Mörder Gutes zu thun wänſch Beeilſt Du Dich, die Gnade des Herrn zu verdienen, ſo onute wohl gar noch werden bewieſen, daß Jochai im Wahn⸗ inn gehandelt, da er den Knaben gekreuzigt im Keller, und könnte ihm, ob ſeines Alters Elend, noch werden ge⸗ d ſchenkt das Leben.“— Jochai befühlte ſich bei dieſen ſeltſamen Bröffnungen den Kopf, gleich als ob er aus einem böſen, böſen Traume aufzuwachen im Begriff ſtände. Ben David o bingegen gewann eine Ruhe und Heiterkeit, die gleich ſehr gegen den dumpfen Jammer des Vaters, wie gegen die be⸗ ngene Frechheit Zodicks abſtach.„Ich ſehe jetzo;“ jprach recht laut und vernehmlich:„daß ganz Frankfurt toll eworden. Das Ungeheurc könnte mich ſchier bringen zum achen. Wenn jetz plötzlich aufſtiege ein Nebel des Ge⸗ iſſers, und unſichtbar machte die Brückenthürme oder + Sachſenhauſen. was gilts. der arme David müßte ſie ge⸗ ſohlen und ſeinem Vater geſteckt haben in den Schnappſack. Beh geh, Du lächerlicher Bote! Du haſt gewißlich am hei⸗ ligen Sabbath zu weite Schritte gemacht im Kundſchafter⸗ dienſt, denn dieſe ſchwächen Geſicht und Verſtand. Du biſt, ob ein Lügner, ob ein Irrſinniger, gleichviel. Kannſt Du nir jedoch bringen wahrhaftige Kunde von Eſther, und ein Zeichen von ihr,— ein glaubhaftes, daß ſie lebt und frei iſ, wenn gleich verſunken im Laſter, deſſen Du gedacht,— ſo ſol's Dein Schade nicht ſeyn; ich ſchwör's auf die Torah; nd dieſes heilige Geſetz wird mir geben die Kraft, durch ein Gebet des Mädchens Seele abzulenken vom Böſen, d ſein irdiſch Theil zu retten von ſchimpflicher Strafe.“— odick warf ſpottiſch den Mund auf, und ging hinweg, ohne Wort zu erwiedern.— Ben David näherte ſich dem Va⸗ er wie eine Bildſäule vor ſich hinſarrte.„Du willſt 140 bekennen, Raaf;“ fragte er ihn ſanft und ſehr leiſe:„wo willſt Du denn bekennen, da Du nichts weißt, als daß da Knabe nicht geſtorben, ſondern ſeinen Freunden wiedergeg⸗ ben? Sage tauſendmal, daß ich unſchuldig ſey, und D nicht ſchuldig, und tauſendmal werden ſie Dir nicht gla⸗ ben, ſelbſt dann nicht, wenn ichs wollte und könnte bo weiſen. Wiſſe aber, daß ich eher auf der Folter die Zung verſchlucke, ehe ich rede; weil ich gethan ein Gelübde, di ich halten werde feſter als eins, das ich in der Schule go leiſtet.“— Jochai ſah ihn fragend und kopfſchuttelnd an „Weh mir!“ ſagte er:„Ein Eid, und wann haſt Du ih gethan?“—„Er iſt noch nicht ſo alt, als Zodick's Beſuch; erwiederte Ben David:„ich hab ihn geſchworen bei der La des Bundes im allerheiligſten meiner Gedanken.„Raaf ſetzte er leiſe flüſternd hinzu:„Raaf! ich habe böſe getha fühle ich jetzt, denn ich habe gehandelt mit Menſchenbli Das Schändliche ſolchen Beginnens iſt mir geworden kln da mir einfiel, wie Eſther jetzo hilflos einem gleichen Han Preis gegeben iſt, der vielleicht das Kleid ihrer Ehren Koth tritt, vielleicht ihr junges Leben erſtickt. Darum w ich büßen, und, ſollt' ich erſterben in Kraus und Schmel nicht durch mein Zuthun den Verſuch machen, zu linden mein Schickſal.“— Jochai wollte in ein Geſchrei des Jammers na Ben David bedeutete ihn jedoch heftig, zu ſchweigen, u raunte ihm in's Ohr:„Spare Deine Worte, die unſer Ele nur beſchleunigen, denn hinter jener Wand lauſchen borgene Zeugen, die Zodick's Unterredung mit uns behorh Mir hat's verrathen ſein ängſtlich Lauſchen, und ich Dich. Man kömmt ſchon: hörſt Du? Ermanne Dich. Leben werd' ich gewißlich retten. Meine Vertheidigung muß der hochgelobte Gott unternehmen. Eine Menſchen⸗Zunge allein rettet einen Juden nicht.“ Der Oberſtrichter kam herein mit gewohnter Würde; in ſeinem Gefolge ein Schreiber, das Verhörprotokoll unter'm Arme, das Schreibzeug am Gürtel. Der Gefangenwärter ſchob den Tiſch zurecht, und ging.—„Jude Jochai und Du, ſein Sohn David!“ begann der Richter:„Man hat uns gemeldet, daß die Aufrichtigkeit in Eurer Seele die Oberhand gewonnen, ehe wir noch der Folter bedurft, um ſie zu wecken. Ihr thut klug daran, zu bekennen, denn Eure Miſſethaten brechen von Tag zu Tage mehr hervor aus dem Schleier, mit welchem Eure Ränke ſie umhüllt hatten. Gerhard von Hülshofen— erbleicht Ihr nicht noch deutlicher unter Eurer Bläſſe?— wird nicht ſäumen, vor unſern Schranken Zeugniß gegen euch ab⸗ zulegen, um alſo die Schuld wieder gut zu machen, ſo er als rechtgläubiger Chriſt zu böſer Stunde auf ſich geladen. Des armen Friedbergers Schmuck, von ſeiner Wittwe erkannt, bezeichnet Euch als Glieder der verruchten Mordbande, die ihre Verbrechen ſogar in unſern Mauern ausübt. Nichts⸗ würdige Geſellen, die ſchon ſeit lange in unſern Verließen ſcmachten, und ehmals mit jener Rotte Korah in Verbin⸗ dung geweſen, entſinnen ſich recht gut, einen der Hauptmörder mit dem Namen„der Jude“ bezeichnen gehört zu haben, und würden gewiß den David von Angeſicht zu Angeſicht erkennen, wäre er ihnen damals nicht immer in einer unkenntlichen Ver⸗ mummung erſchienen. Kurz: die Zeit bricht ein Stück nach dem undern von dem Bollwerke ab, das Eure Heuchelei um die Vahrheit gezogen hat. Gerade jetzt iſts noch Zeit zu beken⸗ die ſchwere Hand der geſetzlichen Rache in ihrem 2. 10 142 Falle etwas aufzuhalten, und ein milderes Loos zu geni⸗ nen, wenn es ſeyn kann. Wir haben daher auch nicht g ſäumt, der an uns gegangenen Aufforderungen dieſenfalls* entſprechen, und begehren von Dir, Jochai, daß Du ſon Ausſchweife an den Tag gebeſt, was Du zu bekennen haß —„Zu bekennen, Herr!“ ſagte der durch die Hingeb ſeines Sohnes muthiger gewordene Greis:„Gott ſoll W helfen, wenn ich weiß, was ich bekennen ſoll, wenn es u iſt unſre Unſchuld.“— Ben David ſchwieg befriedigt, des Oberſtrichters ſchlaufreundliche Miene wandelte ſich eine froſtige um, da er die Weigerung des Alten hörte. „Wie?“ fragte er:„Haſt Du Dein Vorhaben ſobald geändo Man ſagte mir doch...“—„Edler Herr!“ verſetzte Joh mit ſcheinbarer Offenherzigkeit:„So uns der hochgelobte S der Welt Stärke verleiht, ſo werden wir ſelbſt unter Folterp nicht ausſagen, was uns, ſind wir gleich fleckenlos wie Lamm, den Stab bricht; um wie viel mehr müßten wir Zunge ſchelten, die an uns zur Lügnerin werden wollte, fo willig, ohne Noth.“—„Aber,“ polterte der Richter a wallend,„Du ſagteſt doch ſelbſt, alter Sunder...“ Jot ſchüttelte ſchweigend den Kopf, wie Einer, der ſeiner So ſehr gewiß iſt, und, mit einem Lächeln nur, den Unglaut eines Andern ſtraft. Dieſe Geberde machte indeſſen den Rich hitziger.„Läugne nicht, Jude,“ ſprach er drohend:„Friedi hat die Lügen verabſcheuen gelernt im Schooße des wah Glaubens. Du warſt geneigt zu bekennen... ſo beken venn. Deine Aufrichtigkeit kann nur wohlthätigen Einf auf Dein Geſchick haben. Bekenne die erſchreckliche Kreuzigu des Knaben, die hauptſächlich Dir zur Laſt gelegt wird; 5 Du einmal dieſe erſte und größte Miſſethat von allen geſtand 13 dann wird das Bekenntniß der übrigen leichter.“— Jochai warf einen verſtohlenen Blick auf den unerſchütterlichen „ Ben David, und ſagte dann entſchloſſen:„Geſtrenger Herr... nir ſollen alle Glieder erſtarren zu Eis, wenn ich anders ſagen kann, als:„Wir ſind unſchuldig.“ Der abtrünnge Knecht Zodick hat auch heute gelogen wie in ſeiner Klage. 3 Gras wachſe vor ſeiner Thur, und Er ſoll ſeyn der Letzte . nach allen Menſchen auf der Erde. Ich werde nicht bekennen, nas ich nicht weiß.“— „Ja, verdammter Jude!“ brach der Oberſtrichter los; Du haſt Bekenntniß und Lüge in einer Taſche. Die wenigen Augenblicke, die Du mit dieſem Elenden hier allein geblieben, alter Thor, waren hinreichend, Dich umzuſtimmen, und nun ſoll Friedrich gelogen haben, obgleich....“ Hier verſtummte der edle Herr, weil ihn beinahe der Zorn veranlaßt hatte, zu geſtehen, daß er alles, hinter jener Wand verborgen, mit angehört. Jochai entgegnete jedoch mit treffendem Blick und bitterem Lächeln;„Und wenn Ihr ſtlbſt, geſtrenger Herr, mit Euern eigenen Ohren gehört haben wolltet, was Euch Zodick fagte, ſo müßte ich erklären, daß Ihr Euch irrt,“—„Genugz“ fuhr der Oberſtrichter fort:„Ich ſehe, daß Ihr unverbeſſerliches Geſindel ſeyd. Vas jener blut⸗ und raubdurſtende Menſch, Dein Sohn, an Kraft und Geſchick, das Böſe zu thun, vor Dir voraus hat, das erſetzeſt Du durch Deine hundertjährige Schlauheit und Tucke. Aber— was es nun auch ſey— boshafte Luge, beginnender Wahnſinn des Alters, oder jene Vergeßlichkeit, die den ergrauten Böſewicht zuweilen befällt, und ſeinem Bächtniſſe ſchwete Frevel entruckt, als ob ſie nie vollfuhrt vorden wären, ich will Dich ſchon zum Geſtändniß bringen. 6 5 2. Die Verworfenheit, die rund um unſer Weichbild, und inner⸗ halb desſelben, das Haupt zu Raub, Todſchlag und Bran erhebt, zittert vor meinem Namen, meinem Anſehen un Eifer. Dieſe Schrecken der Zügelloſigkeit ſollen auch nicht an zwei erbärmlichen Juden erlahmen.“— „Gebraucht Eure Macht, ehrbarer und ſtrenger Hert;⸗ ſprach Jochai mit leidender Demuth:„der Menſch iſt ei ſchwach Gefäß in den Händen ſeines zornigen Feindes, ſaß der Rabbi Joſe, auf welchem der Friede ſey, und das P radies ſeinem Andenken. Der große Tag jenſeits des Meers hat aber ein Anderer geſagt, wird ausgleichen Alles, wi geſchehen iſt zwiſchen Auf⸗ und Niedergang. Ich ſage nich was nicht iſt, wenn ich unſere Unſchuld bekräftige. Luf Wahnſinn, dieſer Ausſatz, mit welchem die Schedim do innern Menſchen ſchlagen, wie Job geſchlagen iſt word von dem Fürſten der Wildniß, von dem haarigen Bol redet auch nicht aus mir. Aber auch nicht Vergeßlichk erzeugt vom Uebermaaße der Verbrechen, hat entriſſen meins Gedächtniſſe, was einſt, wichtig wie allenfalls ſeyn kann et Mord, ſich ihm einprägte. Ich weiß noch herzuzählen den Fingern die zweihundert und acht und vierzig Geb; wie die dreihundert funf und ſechzig Verbote, denen ich ni mußte unterwerfen, da ich wurde im dreizehnten Jahre mein Lebens ein Ban Mitzra, das iſt: ein Sohn des Geſetzi Ich habe mich gewöhnt, außzuzeichnen und zu behalten Kopfe alle gluckliche und ungluckliche Tage meiner Jah Der glücklichen hatte ich wenig aufzuzeichnen; der ungli lichen jedoch zu behalten viele, denn ich bin ein ſchlech Jude.“— 145 e„Was ſoll das Gewäſche?“ fragte der Oberſtrichter barſch: „Spare die erheuchelten Thränen für die Felterbank und n den letzten Gang, elender grauer Dieb. Was haſt Du noch vorzubringen? Kurz; ſage ich Dir.“ „Ich werde ſeyn ſchnell zu Ende;“ antwortete Jochai, 5 mit ſchmerzlichem Lächeln in die Hände hauchend und über en ſeine naſſen Augen fahrend.„Ich will nur reden von der Zeit, geſtrenger Herr, da Ihr noch waret ungeboren, Euer i Vater ein Knabe noch beinahe, und Eures Vaters Vater noch ein rüſtiger Mann. Herr, ich habe erlebt, was ſich ietzt noch die Enkel des damaligen Geſchlechts erzählen mit t. behaglichem Grauſen. Herr, ich war ſchon geweſen ein Mann von vierzig Jahren, da des hochſeligen Kaiſers Carl 1V. Majeſtät genau drei Jahre am Regiment geweſen, und u da wir zählten das fünftauſend elahundert und neunte Jahr der Welt, in welchem man allenthalben begann, die Juden i iu ſchlachten, weil ſie vergiftet haben ſollten die Brunnen, verzaubert das Vieh und herbeigeflucht die große Peſt. Mir gedenkt's wie der Tag von geſtern, da das Gemetzel los⸗ brach, hier zu Frankfurt, als die Geißler eingezogen waren . mit Fahnen und Kerzen, und den vielen Bildern des ge⸗ kreuzigten Mannes.“—„Der Heiland!“ verbeſſerte der berſtrichter finſter; unterbrach jedoch, mit einer Art von Theilnahme ſich vorlehnend, den Greis nicht, ſo ſehr auch der Schreiber, den die anhebende Erzählung langweilte, mit ungeduldiger Geberde zum Unterbrechen mahnte.— „Die Geißler haben geſungen durch die Straßen: Ach, ſo hebet eure Hände, daß ſich doch das Sterben wende!“ Jochai fort:„Mittlerweile aber ſie ſich die Rücken zer⸗ ſleiſchten, und den Staub der Gaſſen düngten mit ihrem 146 Blute, iſt ein Feuer ausgebrochen, und weh! weh! in der ganzen Stadt gerufen worden. Unfern von unſerer Gaſt war durch Nachläßigkeit oder vorſetzlichen Frevel der Brand aufgegangen. Ich ſtand gerade fertig, um über Land z gehen, und zu holen mein Weib, das heimgeſucht hatte ſein Eltern über dem Rheine. In meiner Mutter Stube ſtan ich, da die Glocken anfingen zu wimmern, und das Getiſ überhand nahm in den Straßen. Die arme alte Frau vo ſiebzig Jahren, erblindet durch die Muhen des Gewerbes, erſchrack zum Tode, und ſchickte mich fort, zu ſehen, wo es gebe. Ich lief, ich ſchrie, ich entſetzte mich.“„Die Juden haben den Brand gemacht!“ ſchrieen die raſenden Geißle auf den Gaſſen:„Wir haben's geſehen! Sie haben geſchoſſa mit feurigen Pfeilen aus dem Hauſe zum Storch nach den Rathhauſe! Und das Volk ſchrie nach, und durſtete Rache und brach ein in die Häuſer, die Geißler beſtändig vora die raubten und ſengten und metzelten. Herr! da kam it heim, vor Angſt und Ermattung halb todt, um zu rett die blinde arme Mutter. Die war in ihrer Herzensnot herausgegangen zur Stube, und hatte ſich zur Treppe g fühlt, war aber geſtiegen hinauf, ſtatt hinunter, und alt gerathen auf den Speicher, wo nebenan des Nachbars Hau brannte lichterloh. Und ich ſtand vor'm Hauſe, und konn nicht hinein, weil alles voll Plunderer wogte, und ſah de liebe Frau, die mich geboren, am Giebelfenſter ſtehen, wi ſie die Hände rang und hinausrief in die Flammen, die ſi nicht ſah:„Sohn! Sohn! Jochai! Sohn Davids! wo bit Du? verlaß mich nicht!“ Ich ſah endlich, wie die Räube zu ihr hinaufdrangen, und konnte, ſelbſt geſchlagen und miſ⸗ handelt, nicht herzu.„Heule nicht! Judenvettel!“ donner der Verzweifelnden ein Mann zu, erhitzt von Wuth und ſe angethan mit Grauſamkeit:„Dort iſt Dein Sohn! fahr ge⸗ d ſund zum Teufel!“ Und in die Flammen des Nachbarhauſes flog die Blinde. Auf ihrer Aſche ſey der Friede!“— Eine tiefe Stille folgte dieſer Erzählung Jochai's. Der d Oberſtrichter ſtarrte ungewiſſen Auges zu dem Gitter des ſ Fenſters empor; ſprach aber keine Sylbe. Da ſchloß Jochai 1 alſo:„Die Blinde, Herr, iſt geweſen meine Mutter, und, , der ſie in das Feuer warf, Euer Großvater, Herr. Ich kenne 6 demnach, was ein Jude zu gewärtigen hat von Eurem Ge⸗ . ſchlecht, und Ihr habt ein Pfand, daß ich nicht bin ſo ver⸗ n geßlich, als Ihr glaubt. Was der Großvater übrig gelaſſen, mag nun verderben der Enkel.“ Der Oberſtrichter ſchwieg noch immer mit äußerſt nach⸗ denklichem Geſichte. Er rieb ſich heftig die Stirne, zog die . Augbraunen zuſammen, und hing an einer unangenehmen Erinnerung.„Du biſt alſo... 2“ fragte er mit einemmale, wie bewußtlos, unterbrach ſich aber ſchnell, und wendete ſich . zu dem Schreiber.„Ich bedarf Eures Dienſtes nicht;“ ſagte . er:„Geht, und nehmt dieſen Alten mit Euch. Der Thurm⸗ . wächter ſoll ihm ein luftigeres und reinlicheres Gefängniß geben, und ihm förder die Ketten nicht mehr anlegen. Der Schreiber winkte dem ſtaunenden Jochai, auf den Ben David ſchnell zuging, um ihn zu umarmen und ihm die Hand zu küſſen.„Ein Strahl der Milde bricht in die Hutten Jakobs!“ ſagte er heftig bewegt:„Raaf, zage nicht, und vertraue dem Herrn!“— Jochai ſchwankte hinaus mit dem Begleiter. Der Oberſtrichter hatte ſeinen ganzen fürch⸗ terlichen Ernſt wieder geſammelt, und redete zu Ben David: „Du ſiehſt, wie barmherzig ich ſeyn kann. Ich habe Wille S und Vollmacht, für Dich ein Gleiches zu thun, wenn Du weniger halsſtarrig ſeyn wollteſt. Friedrich's Klage iſt Kar wie die Sonne, aber ein ſchwerer Verdacht, der ſich in des Volkes Stimme gegen Dich erhebt, bedarf Deines beſtätigen⸗ den Geſtändniſſes. Bekenne, daß Du Diethers Mörder ſeyn wollteſt, angereizt und beſoldet von ſeinem treuloſen Weibe. Geſtehe ohne Scheu. Eine gnädige Behandlung, ein leichter Tod ſey Dein Lohn dafür.“—„Herr!“ erwiederte Ben David ohne Bedenken:„Wär' ich allein in das Gewebe verflochten, das mich Unſchuldigen droht zu erwürgen, ſo ſagte ich ohne Wahl und Furcht ein lautes:„Ja!“ Zu glücklich, um damit zu erkaufen Linderung der Kerkerqual, und einen ſchnellen, beſchleunigten Tod unter den Fittigen des Boten der Barn⸗ herzigkeit, Gabriel, welcher die Seelen der unſchuldig Ster⸗ benden hinüberführt gen Canaan. Aber es iſt wider das Gebot, eine fremde, ſchuldloſe Seele mit zu tödten durt falſches Zeugniß. Ich kenne die Ehewirthin des Altbürgers nicht.“—„Du lügſt;“ entgegnete der Oberſtrichter gereizt: „Du warſt oft in ihrem Hauſe; ich habe Zeugen.“—„Ge⸗ handelt hab' ich mit der ehrſamen Frau;“ gab David zu— „Doch ſoll mir Gott helfen, kenn' ich ſie weiter.“—„Du lügſt!“ zürnte der Oberſtrichter heftig:„Man hat Dich zur dunkeln Nachtzeit aus dem Hauſe ſchleichen ſehen, in welches Du hineingekommen warſt, unbemerkt, von Niemand ge⸗ achtet. Du warſt in fremder Tracht, beladen mit Geld, wie es ſchien, und doch wurde von einem Diebſtahl nichts gehört Alſo haſt Du damals den Lohn des blutigen Werks in Voraus empfangen, und den Handel geſchloſſen.“—„Ge⸗ ſtrenger Herr!“ entgegnete Ben David, ſeine Betroffenheit kunſtlich verbergend:„Da Meiſter Diether Froſch angefallen 119 wurde, war ich zu Coſtnitz, und geträumt hat dem, der r mich vermummt geſehen haben will.“ „Du ermüdeſt meine Langmuth!“ ſchalt der Oberſtrichter: „In der Folterkammer wirſt Du geſchmeidiger werden, ſage . ich Dir indeſſen voraus. Denk an mich!“ „Ich will es erwarten, Herr;“ antwortete Ben David ruhig, und ließ ſich geduldig die Krtten wieder anlegen, und in ſein trauriges Verließ zurückbringen. “ Achtes Rapitel. 2 Ich bin ein leibeigener Bauer, 3 Mein Leben wird mir ſauer; ch ſteige auf den Birkenbaum, Davon haue ich mir Sattel und Zaum; Ich bind meine Schuhe mit Baſt, Ich füll⸗ meinem Junker den Kaſt, Leiſte dem Pfarrherrn die Pflicht Und weiß von Gott und ſeinem Worte nicht. Liefländiſches Volkslied. „Wohin?“ fragte Diether, im Begriff, ſein Haus zu ver⸗ laſſen, um in ſeinem Garten Zerſtreuung zu ſuchen, einen Mann in bäuriſcher Tracht, der, einen Tragkorb auf dem Pücken, die Treppe hinanſtieg. Der Mann hielt auf dieſe raſche, unvermuthete Frage ſtill, ſah mit offnem Munde hinauf, ſtrich ſich die Haare von der Stirne, und fragte, die Mütze in der Hand, entgegen, ob hier die Frau Alt⸗ burgerin Margarethe Froſch wohnhaft ſey. Diether bejahte⸗ winkte dem Zaudernden näher zu kommen.„Was ſoll die Frau?“ begann er, deſſen Mißtrauen durch Margarethens vertrauteſter Freund, und Du kannſt nichts 150 die ſcheu umherſchweifenden Blicke des Bauern erregt wurde. —„Ich muß ſelbſt mit ihr reden;“ meinte hierauf der Letztere⸗ und die liebe Dummheit ſprach ſich in ſeinen Zügen und Worten aus:„Der Herr ſoll nichts davon erfahren, hat mein Weib geſagt; oder— ſeyd Ihr vielleicht der Herr?“ —„Nicht doch;“ erwiederte Diether kurz:„Ich bin Frau Beſſeres thun, als auch mir Dein Gewerb vertrauen, weil die ehrſame Frau verreist iſt, und unter einigen Tagen nicht wiederkehrt.“—„So?“ ſprach der Bauer, auf den Stot gelehnt:„Das iſt einfältig, guter Freund. Wer wird mit denn abnehmen, was ich in meinem Kober trage?“—„Trit hier herein!“ befahl Diether, die Thüre ſeiner Stube öffnend⸗ „Ich will Dir Botſchaft und Waare abnehmen, Deine Zunge und Deinen Rücken ledig machen.“— Der Bauer ſah ſih verwundert in der Stube um, und wußte nicht recht, ob niederſetzen oder fortgehen ſollte. Diether gebot ihm hin⸗ gegen nachdrücklich, den Inhalt des Korbes vorzuweiſen und mit einer dummpfiffigen Miene gehorchte endlich de Menſch. Mit einem verſtockten Lächeln zog er die grob Leinwand von dem Korbe, in welchem ein kleines Mägdle ſaß, das ſeine Händchen bittend dem Alten entgegenſtreät Diether nahm das holde Kind ſchnell aus dem unbequem Verſteck, und maß ſtaunend bald den Träger, bald ſei Bürde.„Was ſoll Sas?“ fragte er:„Ein Kind?“— Do Bauer lachte, und wiederholte:„Mein Seel, Herr, es i ein Kind.“—„Veſſen Kind? Sag an?“—„Hm!“ verſehl der Bauer langſam, und kratzte ſich auf dem Wirbel:„Hern wenn ich das wüßte, mein Seel, ich wollt's Euch ſagen.“ „Iſt der Mann hier Dein Vater?“ fragte Diether zu din Kinde, das ſein Köpfchen an des Alten Bruſt legte. Es ſchuttelte aber auf dieſe Frage das Haupt, und antwortete mit kindiſchem Lallen:„Nein, nein, Vater weit, Mutter weit, Agnes ganz allein gelaſſen!“— Diether begütigte das Mägdlein, ſo gut er es vermochte, und wendete ſich wieder zu dem dämiſchen Boten, der mit eingebogenen Knieen und vorgeſtrecktem Halſe da ſtand, ein gleichgültiger Zuſchauer.— „Ver biſt denn Du Menſch, und wie hängt das Alles zu⸗ ſammen?“ fragte der Altbürger.—„Mein Seel,“ entgegnete der Bauer:„guter Herr und Freund, ich will Euch wohl ſagen, daß man mich Paul getauft hat, und daß ich ein eigner Mann des geſtrengen Grafen von Katzenelnbogen bin. Wir armen Leute wiſſen nicht, wie alt wir find, aber, daß der Johannistag heuer zum ein und zwanzigſten Mal wieder⸗ kommt, ſeitdem ich mich mit meiner Willhild habe einſegnen 3 t laſſen dürfen zu Wiesbad,— denn wir zu Moorweiler haben keinen Pfaffen fur uns,— das weiß ich genau.“—„Will⸗ hild?“ wiederholte Diether;„wäre die Pflegerin meines Söhnleins... des Herrn Diether's— wollte ich ſagen,— . wäre ſie Dein Weib?“—„Mein Seel, Herr, ſie iſt's, wenn uns anders der Leutprieſter recht eingeſegnet hat.“—„So —— rede ſchnell. Was iſt's mit dem Kinde, und was ſoll es bei Frau Margarethen?“—„J nu,“ redete Paul:„mein Weib eint, daß es am Beſten da aufgehoben wäre, weil es doch . einmal die Tochter von der Frau iſt.“—„Wer?“ rief Diether mit gallebewegtem Blute:„Wer iſt Margarethens chter?—„Ho, die mußt Ihr wohl kennen, wenn Ihr der Freund vom Hauſe ſeyd;“ entgegnete der Bauer:„das ſchöne Weibsbild, das vorige Woche von der Heerſtraße ge⸗ ſohlen wurde.“—„Wallrade?“— 152 „Recht, ſo heißt ſie;“ fuhr Paul fort:„und ihr Töchter⸗ lein iſt das Kind hier, das fie bei uns zurückgelaſſen hat. Wir ſollten's ihr aufheben, bis ſie wieder käme.“—„Wall⸗ radens Kind?“ ſprach Diether beſtürzt und entſetzt vor ſich hin:„Barmherziger Gott! in welchen Höllenſchlingen finde ich bei jedem Schritte Alle, die ich liebe!— Wie kam denn das Fräulein zu Euch!“ ſetzte er laut hinzu.„Zu Wagen, lieber Freund;“ antwortete Paul:„Was die Weiber mit einander ſchwätzten, weiß ich nicht, denn ich hatte die Frohne für meinen geſtrengen Herrn, und die Willhild ſagt mir auch nicht viel. Genug, da es Sonnabend war vor des Herrn Geburt, ſollte ich mit herein und auf Alles Ja ſagen, was die Frau, die Mutter nämlich von dieſem Kinde, erzählen und vorbringen würde.“—„Vor des Herrn Geburt?“ wie⸗ derholte Diether kopfſchüttelnd:„Menſch, biſt Du irrez vor Oſtern vielleicht?“— Meinetwegen vor Oſtern, wenn das Eins iſt, was wir ungelehrte Leute nicht wiſſen. Es iß einmal noch nicht lange her. Die Frau war ſehr aufgebracht und ſagte einmal über das Andremal:„Ich will zurückkommen, ich will dem Vater ſagen... doch, das geht Euch nichts an⸗ und ich weiß es auch nicht mehr ſo recht.“—„O mein Ahnung!“ murmelte Diether durch die Zähne:„Strahlende Gewißheit biſt Du geworden. Wallrade hat den wunden Fleck meines Hauſes getroffen; Willhild zum Bekenntniß gebracht, den Baſtard in meinem Geſchlechte entlarvt. 3o müßte ihr danken, hätte ſie nicht ähnliche Schande auf mein Haus gehäuft!“ Er ſah bei dieſen Worten das Kind aif ſeinen Armen finſter an, und drang in Paul, endlich doch fortzufahren, und zu endigen. 153 „Ich bin ſchon zu Ende;z“ verſicherte der Bauer:„Die Frau wurde geſtohlen, und ich lief heim, ohne zu wiſſen, wo ſie hingekommen. Einer von den Teufelsburſchen hat mich gejagt wie einen Haſen, und Willhild mich noch oben⸗ drein ausgeſcholten. Und da die Frau nicht wiederkam in den nächſten Tagen, und keine Kunde von hier aus, ſo redete meine kluge Willhild zu mir:„Morgen, Paul, nimmſt Du das Mägdlein im Korbe mit Dir, und trägſt es zu Frau Margarethen, denn die Mutter, fürchte ich, iſt dahin, und ich könnte nicht ruhig ſterben, wenn das Kind nicht verſorgt wäre. Sage der ehrſamen Frau, ſie ſoll mir nicht böſe ſeyn; allein ich mußte reden, um unſer beider Seelen⸗ heil, und daß der alte Herr nicht ferner betrogen ſey.“— „Hörſt Du, alter Thor?“ fragte Diether knirſchend in ſich hinein:—„Weiter, Paul!“—„Laß Dich aber nicht vom Herrn erwiſchen, ſagte das gute Weib ferner,“ fuhr Paul fort:„Es könnte mit dieſem Kinde auch einen Hacken haben, wie mit dem Johannes, und zu viel Verdruß auf einmal muß man dem lieben Herrn nicht machen.“— „Schweig!“ herrſchte Diether dem Erzähler zu, welcher erſchrocken zuſammenfuhr:„Aus Deinem Munde will ich nicht wiſſen, was noch zuruck iſt. Laß das Kind hier, und packe Dich, ſo lieb Dir Dein Leben iſt, ſchnell aus der Stadt in die Heimath. Mit Dir, Du Tölpel, habe ich nichts zu ſchaffen. Aber Willhild ſoll kommenz übermorgen ſoll ſie hier feyn, oder es ſchwer bereuen. Hinweg!“—„Na, na, lieber Freund,“ ſprach Paul begütigend:„ich will's wohl ausrichten, und die arme Willhild wird freilich kommen, wenn ſie kann. Aber...“ hier kratzte er ſich wieder hinter den Ohren—„es iſt ein kitzlich Ding.“—„Wie ſo?“ fragte Diether ſtrenge.—„Das arme Weib wird wohl geſtorben ſeyn;“ verſetzte Paul weinerlich:„der Pfaffe gab ihr, da ich heute früh aufbrach, nur zwei Stunden noch zu leben.“— „Verflucht!“ zurnte Diether dumpf, und ſetzte das Kind nieder.—„Wenn Ihr jedoch ein vertrauter Freund des Herrn wart, wie der ehrſamen Frau,“ fuhr Paul fort,„ſo wollte ich Euch wohl ein Brieflein für denſelben zuſtellen.“— „Das Bekenntniß meiner Schande!“ ſeufzte Diether für ſich, und griff finſter nach dem Zettel, den ihm der Bauer reichte. „Ein verkleideter Mann gab ihn mir, da ich Moorweiler verließ;“ ſetzte dieſer hinzu:„Er mag wohl ſeine Urſachen haben, warum er ihn nicht ſelbſt überbringt.“ Diether öffnete bedächtig den Zettel, und las zu ſeiner Verwunderung ganz andre Worte, als er vermuthet hattt. Es ſtanden darin folgende:„Wiſſet, Schöff und Rathshert, „Diether Froſch, daß ein Freund ſeine Ehre bewahrt will „haben, und Euch verrathen, an welchem Ort ſich befindet „Eure Tochter Wallrade. So Ihr am Tage da der nächſte „Vollmond eintritt, zur eilften Stunde der Nacht Euch wollt einfinden an dem Feld- und Bannſteine, das Sprunglein „genannt, unfern von Bergen, und mitbringen wollt einen „Sack mit vierhundert Mark löthigen Silbers, ſollt Ihr „Alles wiſſen, und erfahren, wie Ihr wieder zu Eurer Tochter „gelangen könnt. Kommt allein, ſonder Gefährde, ſonſt ſucht „Euch der rothe Hahn daheim. Ich bin der Niemand.“— Mit finſter gerunzelter Stirne ſah Diether von dem Zettel zum Boten aufz Letzterer hatte aber für gut gefunden, ſich — einem Unwetter vorzubeugen— aus dem Staube zu machen. Diether rief ſeinen Leibdiener herbei. Der Menſch wollte jedoch nichts von dem Bauern geſehen haben.— ½ „Eitel!“ ſprach Diether unwirſch, da ſein Auge wieder auf das Kind fiel, das ſtill und furchtſam in der Ecke ſaß:„iſt meiner Tochter Knecht noch nicht heimgekehrt von dem Streif⸗ zuge des Jungherrn?“ Der Diener verneinte.—„Liegt die Magd noch krank?“ fuhr der Hausherr fort.— Eitel be⸗ tichtete, daß ſeit dem geſtrigen Tage das Fieber nachgelaſſen habe, das von dem Schrecken des Ueberfalls erregt, die Dirne bisher außer Stand geſetzt hatte, außer dem Bette zu bleiben, und Antwort auf die ihr vorgelegten Fragen zu ertheilen. Diether befahl, die Zofe heraufzuſenden. Ueberlegend ging er auf und nieder.„Soll ich denn von der Magd erfahren, vas mein Blut jetzt ſchon ſieden macht? was mir jetzt ſchon llar wie der Tag iſt?“ fragte er endlich:„Nein! Diether,“ — antwortete er entſchloſſen;—„Nein, ſey Du gerade, bleibe Du reblich, wenn Dich auch der hinterliſtige Verrath umgibt. Schirme, ſo viel als möglich, die Ehre Deines Namens.“ Er führte das Kind in die Kammer, und unmittelbar darauf trat die Zofe Wallradens, eine huͤbſche, etwas blaſſe dirne zu ihm in's Gemach, gewärtig, ſeine Befehle zu empfangen. „Du biſt eine feine Magd;“ begann Diether ernſt:„Deine Bebieterin ſchmachtet in arger Haft, und Du denkſt nicht einmal an das Kind, das ſie hülflos zurückgelaſſen?“„Ihr Lind?“ entgegnete die Dirne betroffen, und ihr Angeſicht vurde blutroth:„Ach, geſtrenger Herr, Ihr wißt.. 2.— Vie ſollt' ich nicht?“ fragte Diether mit ſcheinbarer Un⸗ fangenheit entgegen, obgleich die Beſtätigung von Paul's Bericht ſein Herz durchſchnitt:„Unverzeihlich iſt es von Euch⸗ gegeben zu haben....“—„Ach Herr,“ ſeufzte das Mädchen 156 ängſtlich:„Vergebt uns. Der Diener muß gehorchen und ſchweigen, ſo die Herrſchaft befiehlt. Und da es Gott ſo gut gemacht hatte mit dem Kleinen.. in welchen Händen konnten wir das Kind lieber ſehen..2“—„Als in Vill hildens Hütte bei der Sterbenden?“ unterbrach ſie Diether raſch„Unverzeihliches Beginnen der Mutter und der Pfleger und mir ein Geheimniß aus dem zu machen, was ich wußte blieb das arme Kind verwahrlost zurück?“— Die Mag wollte reden.—„Kein Wort; bei meinem Zorn!“ fuh Diether auf:„Ich ſehe hell und brauche Euer Deuteln nicht Hier iſt das Kind“— er führte das Mägdlein aus de Kammer...„heute mag es noch bei Dir im Hauſe bleiben ich mache Dir's jedoch zur Pflicht, vor Niemand es ſehe zu laſſen; vor meiner.. vor Frau Margarethen am aller wenigſten.— Wo die Mutter nicht gern geſehen iſt, win das Find verachtet;“ ſchaltete er bitter ein, und endigte m dem Verſprechen, der Zofe und dem Töchterlein mit do nächſten Tage eine Zuflucht anzuweiſen, in welcher ſie b zur Befreiung der Mutter zu verbleiben hätten.— Die 3o ſchwieg gehorſam; in ihren Augen war jedoch ein gewiſſt Staunen nicht wohl zu verkennen, da Diether ihr das Mäg lein hinreichte, das ſich mit dem Schmeichelworte:„Ach, D licbe Gundel! Du biſt da?“ an der Erröthenden Br ſchmiegte.„Sieh da, Agnes, Du hier?“ entgegnete d Mund der Letztern endlich, und nachdem ſie noch eini Fragen des Altbürgers, die er, gefliſſentlich den Aufenthi im Wiesbad und die Geſchichte des Kindes umgehend, uh einige Umſtände des Raubes auf der Heerſtraße an ſie richte beantwortet hatte, ging ſie ſtille und demüthig mit der müd Agnes hinweg. an Diether ſaß lange da, und konnte des Grollens in ſeiner o verwundeten Bruſt nicht Herr werden. Der Groll wich end⸗ lich auf kurze Weile, und ein unſäglicher Schmerz trat für b ihn ein. Der Gedanke, von Weib und Sohn ſich verrathen, on der tugendhaft geglaubten Wallrade entehrt zu ſehen, preßte dem alten Manne dicke Tropfen der innerſten Marter e aus den Augen, und in ſolcher Niedergeſchlagenheit fand ihn der Oberſtrichter, welcher plötzlich in dem Gemache er⸗ ſchien. Der Eintritt deſſelben machte keinen unangenehmen eindruck auf den Leidenden. In einer nicht unbedeutenden Reihe von Jahren durch die Geſchäfte des Kriegs und des Friedens verbunden, hatten ſich beide einander freundſchaft⸗ e lich genähert, ohne innige Freunde geworden zu ſeyn. Der Dberſtrichter, deſſen größter Fehler ein Jähzorn war, leicht in wecken, ſchwer zu beſänftigen, hatte keinen Grund gehabt, Diethern gehäſſig zu ſeyn, und dieſes letzteren Mißtrauen, on des höfelnden Schultheißen Bewerbungen um Marga⸗ ethens Gunſt aufgereizt, hatte den für Frauen nicht em⸗ iß pfänglichen Oberſtrichter unverwehrt dann und wann das Haus beſuchen laſſen. Sogar der verdrießliche Auftritt mit Dagobert auf Limpurg hatte Diether nicht von dem Richter entfernt, obſchon der letztere unverholen auf des Schultheißen Sleite geweſen. Gewohnheit hatte ſie, die beide gegen Da⸗ gobert grollten, zuſammen gehalten. Auch heute reichte Diether dem Gaſte die Hand zur ſtummen Begrüßung.— Gott walte im Hauſe!“ ſprach der Oberſtrichter;„Vergebt, Alter, daß ich einbreche wie ein Kundſchafter. Von Eurer Valrade iſt noch keine Spur zu finden, und der Stapt⸗ hauptmann in Verzweiflung, Euch nicht kräftiger dienen zu Die Ausſagen des Knechts reichen nicht hin, und 2. 11 nicht die der Zofe, wie ich vernehme. Beide wiſſen un daß die Veſte, in welche man ſie geſchleppt, weit von hit liegen muß, und ausſieht, wie ein jedes Schloß im Inn auszuſehen pflegt. Man muß von der Zeit erwarten, we ſich jetzo nicht fördern mag. Ein ander Geſchäft bringt m hieher. Ich ſuche Vollbrecht, Eures Sohnes Knecht. St ehemaliger Herr iſt in den Handel des Juden verwich und am Ende weiß der Knecht mehr davon, als wir al —„Vollbrecht iſt mit Dagobert auf die Streife gezogen erläuterte der Altbürger.—„Hm!“ brummte der Oba richter:„da werden wohl peide nimmer heimkehren. Eun Sohne iſt's ſchwerlich Ernſt, die Schweſter aufzuſuchen, de Gefängniß ihm bekannt genug ſeyn mag— Und das Gewiſſen wird ſchon das Uebrige thun. Ich bedaure G alter Freund, Ihr habt keine Freude an dem Erben Ein Namens, denn.. was den Johannes betrifft.„—„Schwi um's Himmelswillen!“ unterbrach ihn Diether:„Schu und Zorn zerſprengen mein Herz. Nicht der leiſeſte 6 bleibt mir mehr. Dieß ſey Euch genug. Mein laſterha Weib iſt aus meiner Liebe geſtoßen, wie ich es ſchons meinen Armen ſtieß.“—„Und dennoch wollt Ihr n glauben, was die ganze Stadt glaubt;“ erinnerte der Obn richter:„das Laſter geht rieſengroß einher, ſobald ma nicht im Wachsthum tödtet. Glaubt mirz Ben David we Euch erwürgen; Ben David wurde dafür von Margan gedungen. Schüttelt nicht das Haupt. Die Zeit trift ſammen. Eitel, Euer Knecht, glaubt in jenem Manne bei Nachtzeit aus dem Hauſe ſchlich, den mit Geld belad Juden entdeckt zu haben. Dagobert hatte dazumal den Freibrief von dem Papſte erwirkt; Dagobert k 159 zurückkehren. Gatte und Vater war im Wege.“—„O daß ich es glauben muß!“ ſeufzte Diether troſtlos:„aber, hörten meine Ohren nicht ſelbſt, wie die Sünderin ihrem Buhlen die Rettung des Juden ſo dringend empfahl? Warum, wenn nicht. 2—„Hört ferner:“ fuhr der Oberſtrichter fort: „In unſerm Thurme liegt ein junger Bube, ein angehender Helfershelfer der Blutzapfer; ein Lehrling des Webergeſellen von Bonames. Ein einzigmal iſt der Bube in der Mörder Genoſſame gekommen, ohne, wie er ſchwört— einen einzigen derſelben zu kennen, noch den Ort wieder bezeichnen zu können, an den er damals in einer Schneenacht geführt worden. In jenem Mordwinkel jedoch, behauptet er gehört zu haben, daß ein Ritter mit dem Juden einen Handel abgeſchloſſen, Euch aus der Welt zu ſchaffen; um zehn Pfund Heller glaubt er, ſeyet Ihr verkauft worden.“—„O der Niederträchtigkeit!“ rief Diether empört:„und dieſer Ritter. 2.—„Dago⸗ bert, oder Euer Schwager von Leuenberg;“ antwortete der Freund achſelzuckend.—„Schändlich!“ jammerte der troſt⸗ loſe Vater:„Ich bin Preis gegeben dem abſcheulichſten Meuchelmord, und weiß es nicht, in welcher Hand der Dolch mich bedroht.“—„Das Mittel, hell zu ſehen,“ ſuhr der Oberſtrichter fort,„wäre, der Anklage freien Lauf zu geben⸗ die ich gegen Euer Weib verhängen will, und die das Ge⸗ ſtndniß des Juden bekräftigen muß. Die Wahrheit muß alsdann durch Gottes Fürſicht an den Tag kommen.“— „Nimmermehr;“ erklärte Diether mit ſchneller Faſſung: icht alſo beſchimpfe ich ſelbſt mein Haus. Das Weib, das ich einſt liebte, ſollte ich der öffentlichen Schande Preis geben, einem ſchmählichen Tod überliefern? Nein! ich wilt nicht klagen, und verbiete Euch, es zu thun. Ich werde die 16 Sünderin von mir entfernen, aber als eine letzte Gnade empfange ſie ihr Leben von mir.“—„Ihr ſeyd die Nilde ſelbſt,“ äußerte der Oberſtrichter:„ich weiß jedoch nicht, ob ich Eurer Barmherzigkeit werde willfahren können. Des Schultheißen Befehl dürfte...—„Der Schultheiß wird nicht als Kläger auftreten können, ſo lange ich ſchweige,“ verſetzte Diether heftig.—„Wohl und rechtz“ ſprach der andre nach einer Weile:„erlaubt jedoch, daß ich Euch auf eine Pflicht aufmerkſam mache, die Ihr— böslich, will ich nicht glauben— aber läſſig zu überſehen ſcheint.“— Hiemit ging der Oberſtrichter nach der Thüre, ſah behutſam hinaus ob Niemand um die Wege, kehrte dann zurück, und zo Margarethens Gatten in die Ecke.„Euer Sohn,“ ſpra er,„hat ein gewaltig Aergerniß gegeben, und ſeine Vergehen ſind weltbekannt. Er hat geſchändet Euer Haus in ſträf⸗ lichem Bunde mit Eurem Weibe; er hat entehrt Euern Stamm, der einen wilden Zweig in ſeiner edlen Krone trägt Er hat höchſt wahrſcheinlich einen Mörder gedungen gege Euch; er hat das richterliche Amt verletzt auf öffentlichet Straße, eine ſchlechte Judendirne vertheidigend; er lebt, nath wohlverbürgten Angaben in Buhlerei mit dieſer Jüdin, dere Schlupfwinkel die Gerechtigkeit nur zu erfahren ſtrebt, un ihr den wohlverdienten Lohn werden zu laſſen. Blutſchandt⸗ Verletzung kaiſerlicher Majeſtät, Mord, Abfall vom chriſ⸗ lichen Glauben nennt man obige Vergehen. Ihr hemmt den Arm der öffentlichen Rechtspflege; aber die Sunde ſoll nicht ungeſtraft bleiben, da auch im Verborgnen gerichtet win unter dem höchſten Königsbann. Ich frage Euch alſo, Diethet Froſch, Schöppe der heimlichen beſchloſſenen Acht,. was werdet Ihr thun?“— Diether fuhr heftig zuſammen, um — 2 161 mußte ſich an dem Gefimſe anhalten, um nicht hinzuſinken. Der Oberſtrichter raunte ihm hierauf in die Ohren:„Denkt Eures Eides, und Eurer frei⸗kaiſerlichen Schöppenpflicht. Einmal habe ich gewarnt. Ich thue es nicht das zweitemal. Nächſten Dienſtag wird gehegt, und der Stuhl erwartet Eure Klage.“—„Um Gott!“ ſeufzte Diether:„Dieſes Gräß⸗ liche hat mir nicht geahnt. Um des Heilands willen! eben ſo gut hätte ich meinem Sohne, der doch mein Fleiſch und Blut bleibt, den Dolch in die Bruſt ſtoßen können, denn— muß ich dort klagen, iſt er ohne Gnade dahin.“—„Er⸗ tapptet Ihr ihn auf handhaftiger That, ſo wär's an Euch, in des Königs Namen zu richten;z“ verſetzte der Oberſtrichter kalt;„verbeſſert jetz Euern Fehler. Die Pflcht iſt ſchwer, ich geb' es zu; aber eines echten Freiſchöffen ſchwerſte Miicht iſt ſeinem Eide etwas Leichtes. Lebt wohl, Bruder. Gedenkt Euers Schwurs.“— Der Oberſtrichter überließ den Altbürger ſeinen Betrachtungen, wie unerbittlichen Henkern ein vergebens widerſtrebendes Opfer. Da nun der ehrbare Herr ſich dem Rathhauſe näherte, ſah er an deſſen Pforte den Schultheiß ſtehen, im vertrau⸗ lichen Geſpräch mit Zodick, den er jedoch bald entließ, da er des Oberſtrichters anſichtig wurde. Der Letztere ſäumte nicht, ſeinem Gönner und Freunde zu berichten, daß durch ſeine Bemühungen alles Verdächtige in Diether's Hauſe ſich i entwickeln im Begriffe ſtehe. Der Schultheiß lächelte ſreunblich bei dieſer Kunde.—„Recht, mein guter Herr und Frundz“ ſprach er:„hier gibt es viel zu thun für Euern Siſer, das Böſe, das ſich halsſtarrig Euerm Falkenblick zu entgehen ſtrebt, an's Tagslicht zu ziehen. Mir,“ ſetzte er elnd hinzu:„mir iſt das Gluck nicht ſo günſtig. So 162 eben benachrichtigt mich der getaufte Jude, daß es ihm noh nicht gelungen, den Aufenthalt Eſther's auszuwittern, um ich darf Euch verſichern, daß ich des Geldes nicht ſchonen würde, ihn zu entdecken.“— Der Oberſtrichter wiegte achſel⸗ zuckend den Kopf.„Ich konnte nicht wiſſen,“ entgegnete er, „daß die armſelige Jüdin Euch es angethan. Ich hätte ſe wahrlich nicht ſo wohlfeilen Kaufs damals entkommen laſ⸗ ſen.“—„O, Ihr wißt nicht, was ſchön iſt!“ verſetzte der Schultheiß ſeufzend:„Das verwilderte Geſicht eines Mör ders, der ſchon Jahre lang in Euern Kerkern modert, ha der Reize mehr für Euch als die Roſenwangen des ſchönſtn Frauenbildes. Schafft mir diejenige wieder, nach deren Beſt ich mich unausſprechlich ſehne, und verlangt von mir, wis Ihr wollt. Mein ſchöner floßreicher Weiher am Feldber hat Euch beſtändig ſo wohl gefallen. Er iſt Euer mit l ſeinen Fiſchen, für das einzige Fiſchlein, das Ihr aus den Netze ließt, weil Ihr ſeinen Werth nicht zu ſchätzen wuß⸗ tet.“—„Traun, Herr Schultheiß,“ lachte der Oberſtrichter: „ich war all mein Tage ein ſchlechter und läſſiger Dirnel fänger, aber dort ſehe ich, wie mich dünkt, einen ganz dern Fiſch die Straße heraufſchwimmen, der noch nicht ein mal weiß, an welcher Angel er hängt.“— Es wälzte ſö auch wirklich durch die ziemlich enge Gaſſe ein Schwam von Menſchen daher, mit Sing und Sang und Pfeifenklanh die ſich gar fröhlich geberdeten. Zwei Geſtalten in bunt farbiger Kleidung,— junge Männer, die ihre jugendlich⸗ Geſichter mit ungeheuern falſchen Bärten verziert hatten eröffneten den kleinen Zug, lange Schwerter auf den Schi tern tragend. Ein Panner⸗ und Schildträger folgte auf ſi und ihnen nach jubelte die ganze Zunft der Harniſcher n 163 Waoffenſchmiede, dem Reiter, der in ihrer Mitte langſam und gravitätiſch einherklepperte, ein helles„Lebehoch!“ d' vringend. „Iſt das nicht der von Hulshofen?“ fragte der Schult⸗ heiß, die Hand vor die Angen haltend, um beſſer zu ſehen⸗ —„So iſt's, geſtrenger Herr,“ erwiederte der Oberſtrichter, „auf meine Einladung in Euerm Namen kehrt er zurück, . und ich gönnte ihm gern das kurze Feſtgepränge, das ihm die Waffenſchmiede zugedacht, da er in Coſtnitz durch ſeine Fechterkunſt unſrer Stadt viel Ehr' und Ruhm erworben. An Euch iſt es nun, ihm anzukünden, wozu er eigentlich hieher berufen.“—„Das geſchehe auch auf der Stelle,“ meinte der Schultheiß, und zog ſich mit ſeinem Freunde an die innere Treppe zurück, da die ankommende Menge ſchon anfing, die Pforte zu belagern. Mit einem dreimaligen Vivat, dem Käm⸗ pfer und der Vaterſtadt dargebracht, wurde Gerhard vom Gaule gehoben, und betrat die Schwelle des Heiligthums der Gerechtigkeit! Zu ſeiner Linken trug man ſein Wappen und die Woaffenſtücke, die er im Rennen zu Dank erhalten; zu ſeiner Rechten das Panner der Zunft, und die in Turnieren er⸗ oberten Stechfähnlein. Mit einer beſcheidnen Unterwürfig⸗ keit, aber nicht ohne jenes Selbſtbewußtſeyn, das ſo gerne dem wirklichen oder Schein-Verdienſt entſpringt, näherte ſich der Fechter dem Vorſteher der Stadt, und empfahl ſich ſeinem Wohlwollen, mit der Bitte, ihm die Urſache wiſſen zu laſſen, die ſeinen alſo ſchnellen Aufbruch von Coſtnitz nöthig ge⸗ macht.— Der Schultheiß erwiederte mit Würde: man würde ihm dieſe Urſache nicht vorenthalten, ſobald er ſein Geleite ver⸗ abſchiedet haben würde.—„Nun, ſo geht denn hin, ihr guten Jungen;“ ſprach Gerhard zu den jubelnden Freunden;„Gott 164 hat meinen Eintritt geſegnet, und mich mit allerlei Ruhm bekrönt wiederkehren laſſen. Eure Freude thut meinen Herzen wohl, aber noch wohler wird meiner dürſtenden Kehle der Firnewein thun, den ich von Eurer Freigebigkeit zu er⸗ halten hoffe; gehet darum hin auf Eure Stube, und pflanzt die weißen Holzbecher auf, die ich ſo ſehr liebe, und dieſe Waffen und Fähnlein, die Zeugen der Tapferkeit, mit welcher ich das Anſehen Eurer Stadt in der Fremde behauptete Mit den geſtrengen Herren allhier habe ich noch einige Worte zu wechſeln, und dann bin ich bei Euch, ehe Ihr's Euch ver⸗ ſeht.“— Die Meiſter der Zunft ſchüttelten dem erprobten Zecher und Raufer die mächtige Fauſt, die Geſellen ſchlugen die kleinen Tartſchen und Kolben aneinander, mit denen ſe ſich der Feſtlichkeit halber geſchmückt hatten. Die Pfeifer blieſen zum Rückzug, und unter gellendem Freudengeſchrei wurde dieſer auch wirklich angetreten. Gerhard ſtieg mit den beiden Machthabern die Treppe vollends hinan, und erſchöpfte ſich in prahleriſchen Redensarten, und in der Wiederholung der Grüße und Freundſchaftsverſicherungen⸗ welche ihm, ſeinen Betheuerungen zu Folge, Fürſten und Herren an den wohlweiſen Rath von Frankfurt aufgetragen⸗ mit auf den Weg gegeben hatten. In dem Strome ſeine langathmigen Rede dahinſchwimmend, und wie ein geſchickter Schütze immer das vorgeſteckte Ziel erreichend, und die Hof⸗ nung berührend, die er auf die bekannte Großmuth und Freigebigkeit des Magiſtrats geſetzt, bemerkte Gerhard nicht, daß Schultheiß und Oberſtrichter hartnäckig ſchwiegen, und kein Wörtlein auf all dieſe zudringlichen Höflichkeiten zu er⸗ wiedern Luſt hatten. Da aber die Thüre des Schöffengemachs hinter ihnen zugefallen war, und Gerhard ſich noch immer — 165 vergebens nach einem freundlichen Geſichte umſah, ſtatt deſſen jedoch nur zwei ganz ernſthafte vor ſich erblickte, wurde ihm anders zu Sinne. Er ſchwieg ebenfalls, und manche längſt vergeſſene Schalkheit, für die er jetzo zur Verantwortung gezogen zu werden befürchtete, drang ſich ſeiner Erinnerung aufz indeſſen glaubte er aus allen Himmeln zu fallen, als ihn der Schultheiß folgendermaßen anredete:„Herr! Ihr habt Euch zu Coſtnitz gehalten wie ein Mann; glaubte ich nicht den Berichten der dort anweſenden Schöffen, ich müßte es Euerm ruhmredigen Mund unbedingt glauben; allein nicht um Eurer Thaten willen belobt zu werden, wurdet Ihr zurückberufen, ſondern um Rechenſchaft zu geben von einer Handlung, die ſich eben ſo wenig mit Euerm Wappen, als mit Euerm Stand als Dienſtmann dieſer reichsfreien Stadt verträgt. Darum werdet Ihr Belieben tragen, Eure Wehr an den ehrbaren Herrn hier zu meiner Seite abzu⸗ liefern, und in ſeinem Hauſe für's Erſte ritterliche Haft Euch gefallen zu laſſen. Von Euerm Benehmen und Euern Geſtändniſſen wird es abhängen, ob Ihr daſelbſt verbleiben dürft, oder härtern Gewahrſam ſchuldig ſeyd.“ Der Edelknecht ſtand verblüfft, und ſpielte in ſeiner Ver⸗ legenheit mit dem Wehrgehänge.„Geſtrenger Herr,“ ver⸗ ſeßzte er endlich:„Gott der Herr behüte meine Ohren; ich fürchte aber, ſie haben falſch gehört. Ich wüßte nicht, welcher Popanz von Gläubiger mich verklagt haben könnte. In Coſtnitz hat der Wirth zum Engel mein Kerbholz feierlich zerbrochen, und in allen Ehren auf der Schiefertafel das Zeichen, das mich vorſtellte, ausgelöſcht. Ich bin frei dort weggegangen wie der Barfüßer, der den beſten Schmaus nur it einem Gratias vergilt. Kleine Lumpereien zu geſchweigen, welche einige gemeine Hinterſaſſenſeelen allhier von mir zu fordern haben, bin ich ohne alle Schulden, und begreife darum nicht, warum ich in des ehrbaren Herrn Oberſtrichters Hauſe meine Schlafſtätte aufſchlagen ſoll*). Hier iſt ein Irrthum, liebe Herren und Meiſter.“ „Mit nichten, Junker;“ erwiederte der Oberſtrichter: „Von Eurer gewöhnlichen Krankheit iſt dießmal nicht die Rede. Ihr gebt einen ſehr unvortheilhaften Begriff von Eurer chriſtlichen Gewiſſenhaftigkeit, daß Ihr keine Ahnung von dem Vergehen kund gebt, deſſen man Euch bezüchtigt. Da ſich jedoch Eure Erinnerungen meiſtentheils nur an Herbergen und Trinktiſche knüpfen, ſo brauche ich Euch nur den Wirth zur Traube zu Worms in's Gedächtniß zu rufen, um Euch mit einemmale von Allem in Kenntniß zu ſetzem“ —„Ha! der Schelm!“ braußte Gerhard auf:„Ich wollte, ich dürfte bei einem Ringelrennen ſeinen nichtswurdigen Glotzkopf vom Rumpfe ſtechen. Der Burſche lügt, wenn er das Kleinſte noch an mich begehrt. Die Paar Turnoſen, die ich ihm ſchuldig wurde, weil er immer doppelt und dreifac in's Holz ſchneidet, ſind ihm längſt bezahlt; das will ich durg einen geſtabten Eid erhärten und bekräftigen.“—„Laßt das!“ antwortete der Schultheiß verächtlich:„Daß Ihr zahltet⸗ wiſſen wir. Sagt uns lieber, wie Ihr bezahltet.“ „Je nun,“ hob Gerhard an, und verſtummte aber in ſelbigem Augenblick, da ihm plötzlich der Handel mit den Inden beifiel.— Der Oberſtrichter fiel dagegen ſiegreich ein „Da haben wir's. Dieſes Stocken verräth den ganzen Hergang *) Des Oberſtrichters Wohnung war in der Regel das Schuldgefänguß angeſehener Leute. 2 Die Wormſer Juden haben Recht, und Junker Gerhard wird ſich freiſam herausreden müſſen, wenn er mit ehrlichem Schild aus dem Gedränge zu kommen Luſt hat.“— Gerhard nahm mit einer wehmüthigen Miene das Schwert von der Hüfte und reichte es wie ein armer Sünder dem Oberſtrichter hin. —„Geſtrenge Herren,“ ſtammelte er verlegen:„Eure Weis⸗ heit und Gerechtigkeit wird ja wohl einen Fehler von einem Verbrechen unterſcheiden. Nicht alles, was Juden und ähn⸗ liche Heiden uber einen eifrigen Chriſten ausſagen, iſt ein Cvangelium.— Ich vermuthe,“ fuhr er immer verzagter fort⸗ während ſeine Zuhörer das Lachen verbeißen mußten,— „daß hier von einem gewiſſen Knaben die Rede werden durfte, der mir zu Worms plötzlich zu, und noch plötzlicher abhanden gekommen ſeyn ſoll. Ich kann edoch einen körperlichen Eid darauf ablegen, daß der verdammte Jude,“...—„Hier iſt nicht der Ort zu Eurer Rechtfertigung⸗ noch zum Eide,“ unterbrach ihn der Schultheiß:„Der Oberſtrichter wird Euch beides abfordern, wann er es für nöthig erachtet. Folgt ihm jetzt“— Gerhard rieb ſich ängſtlich die Stirne.„Euer Haus, liebſter Herr,“ ſeufzte er,„iſt ſo nahe am Eſchenheimer Thurm, daß ich nichts Gutes aus meiner Einkehr bei Euch erwachſen ſehe. Und dennoch— Ihr werdet ſehen— bin ich eigentlich ſchuldlos. Laßt mich daher zum mindeſten im Stadtgewahrſam. Ich gebe Euch meinen adelichen Hand⸗ ſchlag, durch kein Pförtlein noch Thor zu entwiſchen.“— Der Oberſtrichter verneinte.—„Traut Ihr dem Worte eines biedern Edelmanns nicht, ſo verſtattet mir einen Bürgen;“ fuhr Gerhard dringender fort.„Mein beſter Freund lebt zum Glucke hier, Herr Dagobert Froſch, des Schöffen Sohn. Er wird ſich für meine Redlichkeit und Haft verbürgen, und mir ein vortheilhaft Zeugniß geben können, da, wie mir ge⸗ rade einfällt, er ſelbſt juſt bei dieſer ganzen Wormſer Be⸗ gebenheit gegenwärtig geweſen.“ „Dagobert Froſch?“ fragte der Oberſtrichter ſchnell.— „Der junge Mann hat ja uberall die Hände im Spiel;“ ſetzte der Schultheiß mit Schadenfreude hinzu, und dem armen Ger⸗ hard wurde es mit einemmale recht klar, daß er des Freundes wohl zu vorſchnell erwähnt hatte. Nun half ihm kein Zögern mehr. Der Schultheiß wies ihn blos auf ein aufrichtiges Bekenntniß an, und, ſtatt auf der Zunftſtube Wein und Lob in ungeheuerm Maße zu genießen, mußte er dem Oberſtrichter ohne Widerrede folgen. Wie ein Sieger war er eingezogen, und ſaß nun zwiſchen vier kahlen Wänden. Von einer Säule des Ruhms hatte ihm geträumt, und vor den Gittern ſeines Fenſters ſtreckte ſich der Eſchenheimer Thurm in die Höhe, ſein künftiger Aufenthalt, wenn Zufall oder Willkühr oder Gerechtigkeit ſeine Lage verſchlimmern würden. Von Dagoberts Klugheit allein hoffte er einen Ausweg aus dieſem Gewirre von böſen Folgen einer übeln That, und darum war bald der Entſchluß in ihm feſt geworden, den jungen Mann ohne Ruckhalt mit in die Geſchichte zu verwickeln; uberzeugt, daß der Verſtand deſſelben gewiß Sieger werden würde. Ueuntes Rapitel. Ein wenig Lieb iſt karg und leer. Ein wenig Lieb' iſt keine; Viel Lieb' iſt eben auch nicht mehr; Lieb' iſt die völlig Cine, Lieb' iſt nicht wenig und nicht viel, Denn Lieb iſt vhne Maß und Ziel! St. Schütz. „Leb' wohl, mein ſüßes Kind! Gott behüte Dich, arme Maid!“ hatte Dagobert bei ſeinem Abſchiede zu Eſther ge⸗ ſprochen, und dieſes einfache herzliche Lebewohl war der Verlaſſenen feſt im Gedächtniſſe geblieben. An jedem Tage wiederholte ſie wohl tauſendmal die Worte ihres Beſchützers, wie ein frommes Gebet, denn ſie ſchienen ihr einen unfehl⸗ baren Segen zu enthalten. Die gute Crescenz, die— ein ſeltenes Beiſpiel in ihrer finſteren Zeit— Dankbarkeit höher achtete, denn Vorurtheil, bemühte ſich, an Eſther aus Kräften zu vergelten, was ſie von deren Vater empfangen, und war treu in der Sorgfalt, die ſie dem ſcheidenden Junker Dagobert gelobt hatte. Auf dieſe Weiſe konnte es denn geſchehen, daß Eſther auf dem Schellenhofe einige Tage erlebte, ſo ruhig, als ſie nur, den Umſtänden nach, ſeyn konnten. In einem verſteckten Giebelſtübchen hauſend, von Niemand bemerkt,— Allen im Hauſe fremd,— die gut⸗ müthige Pflegerin ausgenommen— hatte ſie völlige Muße, ihres treuen Freundes zu gedenken, und ihres armen Vaters, den ſie nicht ſehen zu wollen dem Junker, welcher für ihre 170 eigene Freiheit zitterte, hatte verſprechen müſſen. Sobald jedoch die Dämmerung heranſchlich, durfte ſie auch von den Gegenſtänden ihrer Liebe ſprechen, denn Frau Crescenz nahm alsdann Platz an ihrer Seite im traulichen Kämmer⸗ lein, und geſchwatzt wurde von der Vergangenheit, und ge⸗ baut auf die Zukunft. Wollte nun auch Eſther's Vertrauen auf dieſe letztere wanken, ſo war die fromme Hauswirthin bereit, mit unzähligen Troſt- und Denkſprüchen dieſes Ver⸗ trauen zu befeſtigen, erinnerte die Zagende an die Unſchuld ihres Vaters, die doch denn gewiß, wie Alles, an den Tag kom⸗ men müßte; an den Freund, den ihr die Vorſicht zugeſandt⸗ und an die unendliche Gnade Gottes, die auch an ihr ſich wunderthätig erweiſen werde.—„Glaube mir;“ ſprach die wackere Alte dann:„was auch Deine Rabbiner ſagen mögen; — Ihr habt keinen andern Gott, denn wir. Er iſt der Einzige, der alle Merſchen mit gleicher Liebe umfaßt. Cs iſt freilich ein Unglück, daß Du noch in den Irrthümern Deiner Glaubensbrüder verſtrickt liegſt, allein der Herr wird Euch ſchon davon befreien, wann es zu Eurem wahren Heil ſeyn wird. Ich denke, Eurem Beſchützer, der ſich ja ohnehin der heiligen Kirche zu weihen hat, wird das fromme Werk Eurer Bekehrung vorbehalten ſeyn; und einen beſſern Täufer findet Ihr niemals. Bis dahin tröſte Dich jedoch mit dem Beiſpiele anderer Unglücklichen, die aus ihren tiefin Nothen zum Herrn emporſchreien und ſeufzen, je nachdem ſi ihr Elend offenkundig machen dürfen, oder geheim halten müſſen. Geld und Gut macht nicht glücklich, die liebe Gl⸗ ſundheit des Leibes ſogar nicht, aber die weit beſſere Geſund⸗ heit der Seele und des Gewiſſens, die Zufriedenheit in Hei und Haus. Siehe nur einmal die Eltern unſers ehrſames Junkers Dagobert: Reichthum die Hülle und Fülle, und doch nicht glucklich, nicht einig.“— Eſther horchte auf, und fragte nach der Urſache. Crescentia ſchüttelte bedeutend den Kopf, und meinte, Gerüchte, wie ſie des Pöbels lügenhafter NMund erſinne, zu wiederholen, gezieme einer gottesfürchtigen Frau nicht.—„Meine Elſe hat mir auch mehr des Unheils ahnen laſſen, als wirklich erzähltz“ ſetzte die Alte bei:„aber ein böſer böſer Wurm muß an dem Leben und dem Frieden der beiden Eheleute nagen. Sie ſind, wenn gleich von der⸗ ſelben Mauer umſchloſſen, getrennt in ihrem eigenen Hauſe, und der Himmel weiß, welch' Unheil noch aus all' den böſen Vorzeichen ſich entwickeln wird. Ich⸗ als eine treue Dienerin des Hauſes, baue feſt auf die Vermittlung des jungen Herrn, der wohl bald im Kleide des Friedens zwiſchen die beiden treten und ſie verſöhnen wird.“—„Ja wohl!“ bekräftigte Eſther mit ſchwärmeriſchem Ausdruck:„Er iſt ja ein ver⸗ ſöhnender Engel! ein gar holder liebli cher Diener des barm⸗ herzigſten Herrn, wie er ſie nicht häufig zur Erde nieder⸗ ſendet.“—„Du ſprichſt ja fromm und zart, wie ein heiliges Buch!“ bemerkte Crescenz wohlgefällig lächelnd:„Wandle fort in dieſer Bahn, ſo wirſt Du bald den Herrn in ſeiner reinſten Glorie erkennen lernen. Verehre immerhin den tugendhaften Junker als einen Heiligen, und liebe ihn wie einen ſolchen. Es iſt völlig in der Ordnung, daß er ſich nimmer chelich verbinden darf. Er gehört nämlich unter die ſeltenen Männer, die zu edel ſind, um blos als Männer ge⸗ liebt zu werden. Meinſt Du nicht auch?“— Verſchämt und ſtumm gab ihr Eſther vollkommen Recht, inſofern ihr Haupt nickte. Was aber auf dem Grunde ihres Herzens vorging, mochte ſie der freundlichen Wirthin doch nicht enthüllen. Sie mochte ihr nicht entdecken, wie Dagobert ſo ganz der Abgott ihrer Seele geworden, wie ſie ſich ſehne, ihn zu umfangen hier auf der Erde, wie jenſeits in den Himmeln. Sie mochte ihr nicht geſtehen, daß ſelbſt des Vaters Leiden nicht den Sturm in ihrer Bruſt erregten, als der einfache Gedanke, es möchte dem geliebten Dagobert auf ſeinem Zuge ein Leid begegnen. Zerriſſen von herbem Kummer, und beſeligt von verſchwiegener Liebe, verſchloß Eſther den Schmerz und die Luſt ihrer Abgeſchiedenheit in ſich, und flehte täglich zu den Gott ihrer Väter um die Erfullung ihrer heißeſten Wunſche: um Dagobert's Rückkehr, um Ben David's und Jochai's Befreiung durch des Edeln Hülfe und Macht, um ungeſtörte Verborgenheit bis zu dieſem erſehnten Zeitpunkte. Dieſe Ver⸗ borgenheit aber konnte ſie dem Geſchick nicht abringen. Im folgenden Tage wurde Crescentia, da ſie gerade ihrer Schutz⸗ befohlenen das Veſperbrod gebracht hatte, durch den Klang der wohlbekannten Thorſchelle abgerufen, um einen Beſuch zu empfangen. Eſther, deren Bnſen hoch ſchlug in der Er⸗ wartung des Geliebten, lauſchte an der Treppe, ob nicht die erfreuliche Stimme des Junkers unten laut würde. Sie hörte Reden aus männlichem und weiblichem Munde wechſeln⸗ und endlich in Crescentia's Wohnſtube verhallen, und bereits; wollte ſie, mißmuthig über die Täuſchung ihres ſehnſuchtvollen Herzens, in ihre Klauſe zurückkehren, um ſich einzuriegeln, als ein leiſer kniſternder Schritt ſich auf den Treppen hören lieſ⸗ die zu ihrem Verſteck führten. Die Hoffnung erneute ſich in ihrer Bruſt. O gewiß! dachte ſie, o gewiß iſt er zurüc⸗ gekehrt, und gedenkt mich zu überraſchen mit einer Fülle von Seligkeit, mit ſeinem wonnigen Anblick. Leiſe erklimmt die Stufen, um wie eines Schutzengels Erſcheinung plötlih vor mir zu ſtehen; aber er ſoll mich vorbereitet finden. Er ſoll ſehen, daß ich nur an ihn denke, daß meine Sinne nur nach ihm gerichtet ſind, daß ich durch mein dankbares Ver⸗ trauen ſeines Schutzes werth geworden bin!— Erfullt von dieſen entzückenden Gedanken beugte die Lauſchende dem Nahenden über die Spitze der Treppenſäule den Kopf entgegen, und blieb ſtehen wie ein in gebückter Stellung ausgehauenes Steinbild, da der Anblick, welcher ſich ihr darbot, ihr alle Kräfte zum Fliehen für den Augen⸗ blic benahm. Denn nicht Dagobert's blühendes Antlitz, umwallt von braunen Locken,— ein Rothkopf mit blaſſem, häßlichem, aber wohlbekanntem Angeſichte ſchaute ſie an. „Ei, Schickſelchen,“ flüſterte der Häßliche, in welchem der abſcheuliche Zodick nicht zu mißkennen war:„ei, lieb Eſther⸗ chen! find' ich Dich endlich? O Du bös Vögelein! haſt Du doch endlich nicht entkommen mögen dem Vogelſteller, der ſo lange hat geharrt umſonſt?“— Der Menſch ſtand nun lebensgroß vor der Verſteinerten, und gab ihr das Leben wieder, da er es verfuchte, ihre Hand zu ergreifen.„Zurück! Gräßlicher!“ rief ſie mit vor Entſetzen halb erſtickter Stimme: „Du wagſt es? Dieſe Hand, die meine Väter ermordet, wagt's, mich zu berühren?..“— Zodick gebot ihr mit einer halb ſpöttiſchen, halb drohenden Geberde Schweigen, und zog ſie in die offene Thüre der Giebelkammer.„Laß ein vernünftig Wort finden Platz in Deinem Ohre;“ ermahnte er mit leiſer Stimme:„kümmre Dich nicht um das, was ich unternommen gegen Deinen Vater und Jochai. Solche Dinge gehören nicht für das Weib, und ich werde verant⸗ worten alles, ſo ich gethan, an jenem Tage des Zorns und er Pnhenigteit⸗—„Laß ab von mir,“ ſeufzte Eſther: 2. 12 174 „wie kömmſt Du hieher, ungetreuer Sohn Jakob's? welch böſer Fürſt des Unglücks hat Dir verrathen, wo ich athme?“ —„Zwei ſcharfe Diener meines Willens;“ entgegnete Zodic „meine beiden hellen Augen. Beruhige Dich. Nicht von heute erſt iſt die Entdeckung. Ich ſchlich Euch nach, da Ihr dieſen Schlupfwinkel ſuchtet, Dein Buhle und Du.“— Eſther erblaßte.—„Beruhige Dich, ſage ich noch einmal,“ wiederholte Zodick ſcharf:„daß ich bis jetzo Dich nicht an die Gojim verrieth, die Deiner Freiheit Ketten ſchmieden möchten, ſey Dir Bürge, daß ich Dich noch nicht verrathen will.“—„Lügner!“ zürnte Eſther.— Er fuhr jedoch kalt und gemeſſen fort:„Ich ſpreche die Wahrheit. Ich will nicht gerade gehen von hier, wenn ich lüge. Warum ſollte ich auch gehäſſig ſeyn Dir, die ich zur Frau machen wollte, che der Goi Deine Gunſt errang? Haſt Du doch nicht den Chriſtenknaben gekreuzigt, und nicht erſchlagen den Fried⸗ berger. Haſt Du Dich verſündigt mit einem Edomiter, iſ es Deine Sache allein, und Deinem Geſchlechte der Treu⸗ bruch angeboren. Schon Heva hat gefrevelt vor dem Geſetz⸗ Warum nicht Du? Die Obrigkeit würde Dich deßhalb auf den Scheiterhaufen ſetzen, aber ich vergebe Dir.“—„Velct Sprache?“ fragte Eſther entrüſtet:„Biſt Du gekommen⸗ meiner zu ſpotten, ehe Du mich dem Henker uberlieferſt Geh' oder ich rufe nach Hülfe.“—„Und bereiteſt dadurch Dein eigen Verderben;“ ergänzte Zodick boshaft:„thue es doch ja. Es ſitzt ein Gaſt bei der alten Beſchließerin, der es nicht ungerne ſähe, wenn er mit der Verfuhrerin ſeines Sohns bekannt wurde. Herr Diether Froſch nämlich, der Altburger. Verloren biſt Du, gibſt Du einen Laut von Dir Ich verhafte Dich dann im Namen der Obrigkeit.“—„Barm . herziger, hochgelobter Gott!“ klagte Eſther die Hände ringend: „Entziehe mir nicht gänzlich Deine Huld! Laß mich nicht umkommen in den Schlingen meiner Feinde. Oder, wär' es nicht beſſer, ich theilte die Feſſeln meines Vaters, als daß ich hier noch kurze Friſt athme unter der Fauſt des un⸗ menſchlichen Henkers?“—„Oder,..“ äffte Zodick nach... „wär' es nicht beſſer, ich gäbe mich gutwillig in die Feſſeln des Schultheißen, als daß ich ſchmachte noch länger ohne Liebeskuß und Spiel, wie eine Wittib?“— Eſther erſchrack mehr über die Mahnung an des Schultheißen Sinnlichkeit, als über die rohe Beleidigung, die ſie aus dieſem Munde erwarten mußte. Der Abtrünnige fuhr aber fort:„Biſt Du klug, Eſtherchen, ſo ſchweigſt Du, und vertrauſt auf meine Gute. Ich hab' es überlegt: Du biſt zu ſchön und zu hold⸗ ſelig für die lüſternen Richter aus Amalek. Ich gönne Dich ihnen nichtz aber auch nicht dem jungen Gvoi gönne ich Dich. Der Bube hat mich einſt geſchlagen mit Fauſt und Kolben, und das vergeſſe ich ihm nie, ſo wahr ich gedenke meines Vaters, dem das Paradies ſey. Denn es heißt:„Wer einen ſchlägt aus dem Voike Iſrael, deſſen Stamm wird verdorren und ſein Geſchlecht ausgerottet werden mit der Schärfe des Schwerts, oder durch den Strahl des Himmels.““ Was der Heir bös gemacht hat durch meine Hand und meinen Mund, will er wieder gut machen auf dieſelbe Art. Ergib Dich mir zum Weibe, und Ben David ſoll nicht ſerben;— auch Jochai nicht,“ ſetzte er nach einigem Be⸗ denken hinzu.— Eſther ſtarrte ihn unbeweglich an und ſtumm empört. „Beſinne Dich nicht lange;“ fuhr er fort:„gemeſſen iſt die Zeit. Kurz iſt nur der Augenblick, der mir erlaubt hat, „ Dir zu nahen. Seit manchem Tage umſchleiche ich das Haus, aber immer liegt die Pforte im Riegel, oder das alte Weib ſteht daran wie der feurige Wächter am Paradieſe. Die Antunft des Herrn hat auch meine Einkehr begünſtigt. Aber lange darf ich nicht weilen, ſollſt nicht Du verloren ſeyn. Entſcheide alſo. Gib auf den Goi, dem die Hölle ſey, und rede zu mir, wie die Braut zum Verlobten.“— „Unſinniger Böſewicht!“ erwiederte Eſther heftig, und entzog ſich ſeinen Armen:„Welch ein Wahnſinn blendet Dich. Weißt Du nicht, daß des Scheiterhaufens Flamme mir willkommner wäre, als eine Liebkoſung aus Deinem Munde? Hinwegl thue was Du willſt, aber ich ſterbe eher, ehe ich Dein ſünd⸗ lich Verlangen erwiedre“—„Gemach! gemach!“ flüſterte Zodick, deſſen linkes Ohr beſtändig gegen die Treppe geſpitzt war:„Eſtherchen, geberde Dich doch nicht wie die krumme Schlange. Warum eiferſt Du alſo? Sche ich doch hier nichts Beſondres. Du biſt einſt geweſen die Tochter des reichen Ben David, und ich Dein Knecht, den Du verſchmäh⸗ teſt. Jetzt biſt Du das Kind eines zum Tod verdammten armen Sunders, und ich hingegen mehr als Du; nämlich ein Chriſt. Die ſchlechte Jüdin ſollte ſich's zur Ehre rechnen⸗ bewirbt ſich ein Bekehrter um ſie. Allein ſie gedenkt von lieberer Hand die Taufe zu empfangen. Ich merke das. Wie dem auch ſey. Dein Sträuben hilft nichts, und nicht Deiner Schmähungen ergiebige Quelle. Bei meines Vaters Gebet und Todestampf! ich hole Dich heim, ehe noch des Mondes Sche be ſich füllt; magſt Du mich nun erwarten⸗ geſchmückt wie die Braut, oder thränend wie das gebundne Opferthier. Hoffe nicht, mir zu entrinnen, denn es heißt— „Dem Falken gehört die Welt,“ und meinem Falkenblic 177 wie meinen Spähern entkömmſt Du nicht.“—„Menſch!“ ſtammelte Eſther, Todtenbläſſe auf den Wangen:„Was willſt Du beginnen in Deiner tollen Grauſamkeit? Haſt Du ge⸗ ſchworen zu verderben mein Geſchlecht, ſo ermorde mich⸗ Kannſt Du erringen Geld und Belohnung, ſo verrathe mich an das Gericht. Welchen Vortheil bringt Dir's aber, ſo Du mich quälſt mit Zumuthungen, deren Gräßlichkeit mir den Tod wünſchenswerth macht?“ „Närrchen!“ lachte Zodick höhniſch:„Du wirſt mich kennen lernen beſſer, denn bisher. Leb wohl, und ſetze all Deine Hoffnung auf mich.— Noch eins!“ ſetzte er bei, an der Thüre umkehrend:„ich habe verſprochen Deinem Vater, zu bringen von Dir ein Zeichen des Lebens und des Wohlſeyns. Der hochgelobte Gott will, daß ich ihn dadurch tröſte in der Nacht ſeines verdienten Kerkers. Gib mir den Ring Deines Fingers, oder die Flechtenſpitze von Deinem Haupte, auf daß ſie Zeugniß geben mögen für mich bei Deinem Vater!“ — Eſther ſah den Menſchen lange und forſchend an.„O ſage mir, Zodick,“ ſprach ſie alsdann:„rede, und ſage mir⸗ wer Du biſt, eigentlich und wahr. Ob ein Abſchaum der Verworfenheit, auf welchem immer die Lüge ſchwimmt, oder ein wahnſinniger Thor, den der Herr geſchlagen, daß er die Velt unglucklich mache durch ſeine böſen Träume und gif⸗ tigen Reden, oder aber ein verblendeter unglucklicher Menſch⸗ der böſe handelt aus Rache und Haß, und gern wieder gut handeln möchte, um ſeinem beſſern Theile zu genügen, und dem Geſetze, und dem empörten, zagenden Gewiſſen? Der Erſte ſcheinſt Du zu ſeyn, da Du Unſchuldige in den Kerker egſt, und durch falſche Eide den Tod herabrufſt auf ihr Haupt; als den Zweiten gibt Dich Dein Erſcheinen kund 178 in dieſer Kammer, und die Reden, die Du darin ausge⸗ ſtoßen; aber zugleich möchte ich Dich für den Letzten halten, ſo Du mir betheuern könnteſt, daß keine Hinterliſt hinter Deinem Begehren lauſche.“—„Wofern ich nicht habe ver⸗ ſprochen Deinem Vater, ihm zu bringen ein Pfand Deines Lebens und Deiner Freiheit,“ hob langſam und beſchwörend Zodick an,—„ſo will ich verkrummen und werden wie ein lahmer Wurm, der im Staube verſcheidet. Die Seligkeit meines Vaters ſoll von ihm genommen ſeyn, und deſſen unſtäte flüchtige Seele zurückkehren zu dieſer Welt, um mich zu peinigen durch ſieben Ewigkeiten, und alle Blutſchuld von Iſrael und Edom falle über mein Haupt zuſammen wie die Felſen von Joſaphat. Alſo geſchehe mir, wofern....— „Halt ein mit dem gräßlichen Schwur, der den Ungläubigſten uͤberzeugen müßte von der Wahrheit deſſen, was Du geſagt!“ unterbrach ihn Eſther ſchaudernd, indem ſie mit ſchneller Hand eine Locke vom Haupte ſchnitt, und ſie dem falſchen Boten hinreichte:„Da; nimm, räthſelhafter Menſch, der vald die Hölle ſelbſt in ſich erſchließt, bald eine menſchlicht Regung kund gibt. Bringe den armen Gefangnen in Babylon Troſt durch dieſes Zeichen, und laß den hochgelobten Gott Deine Seele lenken, daß Du erwachen mögeſt aus den Schlummer der Sünde, und widerrufeſt, was Du gelogen und falſch beſchworen. Zodick!“ fuhr ſie fort, da er ſtumm und ſtier, wie nachſinnend vor ſich hinſah, und ſie dieſes Schweigen für eine menſchliche Ruhrung nahm:„Zodic! höre mich! Noch habe ich mich nicht herabgelaſſen, zu flehen bei Dir; heute aber thue ich es. Höre den Jammer eines Kindes, das ſeinen Vater ſieht ſterben in Noth und Pein⸗ Auch Du wiliſt einſt Vater werden. Laß Dich rühren das 179 Schickſal Ben David's, Deines väterlichen Freundes. Nimm ſie zuruck, dieſe Anklage, die drei Menſchen erbärmlich hin⸗ wurgt, wie ſchuldlos gepeinigte Lämmer.“ „Schweige!“ entgegnete Zodick überraſcht:„Das geht nicht; aber, Gott ſoll mir helfen, das Aergſte will ich treiben ab, ſo Du mir ſagſt: Maſſal tobh!“— Mit einem Blicke des Abſcheus wendete ſich Eſther ab, und der freche Brautwerber drohte ihr grinſend mit dem Finger:„Was man oft verweigert in Güte,“ murmelte er ſpottend,„das gewährt man oft der Gewalt. Gute Feier⸗ tage: Schickſelchen. Wir ſehn uns wieder. Denk an mich.“— Nit der Schnelligkeit eines Kobolds huſchte der Menſch über die Treppen hinunter, und entkam glücklich, wie ſich aus der Ruhe des Hauſes ſchließen ließ. Statt ſeiner ſand ſich bald die alte Crescentia ein, und weckte Eſther aus den böſen Träumen, in welche ſie der Beſuch des gefurchteten Zodick verſetzt hatte.—„Gute Eſther,“ ſprach die Frau, nicht ohne eine kleine innere Bewegung zu verrathen:„ich bitte Dich, ja recht ruhig Dich hier oben zu verhalten, damit Deine Anweſenheit nicht kund werde.“— Nun erſt fiel Eſthern der Beſuch des alten Diether ein, und aufſchreckend fragte ſie:„Bin ich entdeckt? Hat mich Herr Froſch ausgekund⸗ ſchaftet?“— Crescenz ſchwieg ein wenig betroffen, dann entgegnete ſie:„Ei, ei, Mägdlein, wie kannſt Du wiſſen, daß Herr Froſch der Altbürger hier geweſen, wenn Du nicht gelauſcht haſt an der untern Treppe? Dieſe Neugierde iſt euch Juden angeboren, hätte Dich aber dießmal in große Gefahr bringen können. Der alte Herr war ohnehin ſo aufgeregt und unwirſch,... und wenn er vollends Dich ge⸗ ſehen, erfahren hätte, wen ich hier ohne ſein Vorwiſſen beherberge....— beim Stöcker ſäßeſt Du, und ich wäre um den kommlichen ruhigen Dienſt.“— Eſther erwiederte nichts, da ſie es nicht gerathen hielt, den gehabten Beſuch anzu⸗ zeigen, und die geſchwätzige Crescenz fuhr fort:„Zum Glüce hat es dießmal nicht Dir gegolten, Du mein armes neu⸗ gieriges Heidenkind; aber neue Hausbewohner hat der Herr auf den Schellenhof gebracht, und da dieſelben gerade unter dieſer Giebelſtube ihren Sitz aufgeſchlagen haben, ſo empſfehle ich Dir leiſe Socken und ein hübſches feines Schweigen.“— „Neue Hausbewohner?“ fragte Eſther:„Herr Diether Froſch hat ſie gebracht?“—„Ja wohl,“ ſeufzte die Alte, und ſchlug, achſelzuckend gen Himmel ſehend, ein Kreuz:„Die Welt wird immer böſer und verdroſſener von Tag zu Tage. Komm' ich mir doch beinahe vor, wie der Gefängnißwärter auf dem Eſchenheimer Thore. Ich ſoll alle Jungfern hüten, die man in der Stadt nicht wohl aufheben mag.“— Eſther ſeufzte tief auf.—„Nu, nu,“ fuhr die Alte fort:„das ſoll Dir nicht zum Gehör geredet ſeyn, mein Däuschen. Du biſ⸗ abgerechnet, daß Dein Vater ein Jude iſt, wofür Ihr beide⸗ er und Du nichts könnt, ein feines reines Mägdlein, und ich wollte auf Deine Ehrbarkeit einen Eid ſchwören, bloß allein, weil Junker Dagobert Dich ſeines Schutzes würdigt; allein die da unten iſt nicht mehr rein wie der Schnee und die Apfelbluthe an meinen Bäumen, und ich wollte alles verwetten, daß in ihr der Grund alles Zwieſpalts in Froſchiſchen Hauſe aufzuſuchen iſt.“—„Wer iſt diejenige⸗ von welcher Ihr ſprecht?“ fragte Eſther.—„Die Magd iſt's, die ſo eben der alte Diether hieher geleitet, und ſamm einem holden Töchterlein in meine Verwahrung gegeben hah bis auf weiteren Befehl. Er nimmt Antheil und Sorge an dem Töchterlein, ſagt er, und ich glaube es wohl, denn man mußte blind ſeyn, um nicht die Wahrheit zu errathen. Er findet es nicht gerathen, das Mägdlein und deren Mutter in ſeinem eignen Hauſe zu beherbergen. Das meine ich auch, ſintemalen die Hausfrau daſelbſt das Regiment führt, und ſolche vom Himmel gefallene Kinderleins mit ſcheelen Augen anſehen würde. Da ſoll denn nun mein guter ehrlicher Schellenhof das Neſt ſeyn, wo fremde Eier, Kuckuckseier, verwahrt werden mögen.“—„Aber, was bedeuten denn dieſe Reden?“— fragte Eſther:„was meint Ihr damit?“— „Daß den alten Herrn der Leidige zu unrechter Zeit geblendet hat,“ eiferte die fromme Crescentia;„und daß hier die Schande verborgen werden ſoll. Meinethalben; ich bin eine alte Magd, und mich kümmert nicht, was die Herrſchaft thut over läßt; ich ſehe daher auch ganz ruhig zu, und will, — dem Befehl des Herrn zu folgen, ſogar mich bezähmen, und die Dirne, die gleichmüthig daſitzt wie die Unſchuld ſelbſt, nicht einmal ausfragen, ſondern die Sachen gehen laſſen, wie ſie eben können; aber, wenn die ehrſame Frau heraus kömmt, wie ſie in jedem Frühling ein Paarmal zu thun pflegt, und mich die Stuben aufſperren heißt, und die ganze Beſcheerung ſieht, dann waſche ich meine Hände in Unſchuld, und dem alten Herrn von ſechzig Jahren und daruber, dem ich ſtets etwas Beſſeres zugetraut hätte, ge⸗ ſchieht dann recht.— Aber,“ ſetzte ſie, plötzlich leicht erröthend hnzu:„da bemerke ich ſo eben, daß ich in der Fülle meines derzens und meiner Gedanken alles herausgeſprochen habe, was ich mir als Wahrheit einbilde. Das will ſich für eine alte treue Wächterin nicht wohl geziemen. Du magſt es ch der Geſchwätzigkeit des Alters zu Gute halten, und 182 es wieder vergeſſen. Beſonders empfehle ich Dir, gegen den Jungherrn bei deſſen Rückkehr nicht das geringſte merken zu laſſen, denn Kinder müſſen nichts erfahren von den Ver⸗ irrungen ihrer Eltern, ſelbſt nicht einmal ſo würdige und wackre Söhne, wie Junker Dagobert.“— Als die Alte hinweggegangen war, ſetzte ſich Eſther in einen Winkel, und machte ihrem gepreßten Herzen durch einen Strom von Thränen Luft.„Wie unglücklich bin ich!“ klagte ſie ſtill und leiſe vor ſich hin:„Und wie kommt es, daß mir jetzt gerade einfällt das wahrſagende Wort, ſo einſt der Altvater Jochai zu mir geſprochen, da er mich warnte vor der Hinneigung zu den Bekennern des Gekreuzigtenk Hat er nicht damals vor meine Augen geſtellt das Schickſal der Engel Aſa und Aſael, denen es gelüſtete nach Bräuten der Erde? Seit Jahrtauſenden ſchweben die Armen zwiſchen Himmel und Erde, wo ſie aufgehängt hat in ſeinem Zorn der eifrige und hochgebenedeite Gott. Und ihr Schickſal. iſt es nicht das Meine? Einer Liebe hingegeben, die bald wie eine ſanfte Glut mein Innerſtes erwärmt und veredelt⸗ bald aber wie ein ungeduldig Feuer meine Seele quält, und anſchmiedet an einen Gegenſtand, der unſtät und raſtlos ſich immer meiner Sehnſucht entzieht, bin ich bald niedergezogen zur Tiefe, bald ſchwebe ich auf zur Höhe der Himmel. Die Pflicht ruft mich gebieteriſch auf die Schwelle wenigſtens des Kerkers, in welchem meine Väter athmen, da die rohe Willkür mir das Glück verſagt, ihn mit denſelben zu theilen; die Liebe aber hält mich hier in dieſem engen Raume zuruc. Ihr vertrauend, die mir Schutz und Beiſtand den Meinigen verheißt, überlaſſe ich Jochai und Ben David ihren Leiden. Wird aber dieſes Vertrauen ſich erfüllen? Wird denn der 183 Freund erfüllen können, was er zu erfüllen wünſcht? Reißt mich das Verweilen auf dieſer Stätte nicht endlich auch in den Abgrund, aus welchem ich meinem Vater nimmer empor⸗ reichen werde können die rettende Hand? O, Mutter, welcher das Paradies ſey, und die Palme des ewigen Friedens, Mutter, erinnere Dich, wenn gleich ein abgeſchiedener Geiſt, Deiner Tochter, und leiſte Hülfe! Ureiniger Gott, zu dem Jakob's Söhne beten, wie die Verehrer des Menſchgewordnen⸗ ſchütze Du den edlen Mann, den ich ehre wie einen Seligen und Geſegneten des Herrn, daß er bald zurückkehre, und durch ſeine Kraft und Großmuth das Truggewebe zerreiße, das meines Vaters Unſchuld, unſer aller Geſchick umhüllt! Schon drang der Verrath über dieſe Schwelle; wer weiß, wie lange der verbrecheriſche Unhold ſeine Drohungen aufſchiebt? wer weiß, ob mich nicht vielleicht der nächſte Tag, verrathen und verkauft in den Händen der Feinde ſieht? Ich möchte ſiehen, und wage es doch nicht. Wie entkomme ich den Kundſchaftern des Unſeligen, die vielleicht hinter jedem Baume lauern? Wohin könnte und dürfte ich entfliehen? Wo lebt der Menſch, der mich aufnehmen,. wo die Veſte, die mich ſchützen würde? Wo weilt er, der einzige Hort, auf den ich baue? Kann meine angſtvolle Stimme ihn rufen über Berg und Thal? Hört denn ſein Ohr den flüchtigen Schritt meiner Sohle? O/ daß meine Klage ein Zauberſpruch wäre, der ihn feſſelte, und herbeizöge mit unwiderſtehlicher Gewaltz daß der hochgelobte Gott die Schweſter doch wieder in ſeine Hand gegeben hätte, damit er Zeit gewinnen möge, an ſeine un⸗ wurdige Magd zu denken! Welche Leiden ich auch ſchon er⸗ duldet habe,— welcher Kummer mir auch noch bevorſtehen mag, ſeine Nähe allein dünkt mir ſchon ein Balſam fur alle 184 Wunden, die das Schickſal ſchlägt. Und meine allzugefälligr Einbildungskraft gaukelt mir nur zu oft eine ſchmeichelnde Täuſchung vor. Pocht mein Herz bang und ungeduldig, ſo höre ich den Hufſchlag ſeines geſchwinden Roſſes. Zittern meine Pulſe, ſo vernehme ich ſeinen nahenden Schritt. In den Glocken, die gerade jetzt herübertönen aus der Stadt, ſpricht ſeine anmuthige Stimme, aus dem Abendroth dort an den Bergen ſchaut ſein freundlich Angeſicht. Ungeduldig berge ich mich hinter dieſen Riegeln, da ich doch von jenen Höhen den geliebten Namen ausſchreien möchte durch die Welt. Zürnend ſieht mein Auge jenes verſchloſſene Fenßter an, das mir die Ausſicht nach der Heerſtraße verbirgt, auf welcher er daher ziehen wird. Wenn er käme, jetzt käme, im Andrange der höchſten Noth! Wenn ich ihm könnte ent⸗ gegeneilen auf den Flügeln des Auges, um ihn zu begrüßen⸗ ſchon im fernen Dämmerſchein? Warum nicht jenes Fenſter, das unnütze Vorſicht verſchloß, kann eröffnen die muthige Hand. Vom Aufgange kommt alles Gute, alles Wahre Vom Sonnenaufgange her ſieht der hochgelobte Gott in unſre Tempel; von dort muß auch Dagobert wieder heim⸗ kehren!“— Kühn ſchlug ihre Hand den verſchloßnen Laden des Fenſterleins auf, und ihr Blick ſuchte unter den Roſei⸗ die der Niedergang dem blaudunkeln Oſten zuwarf, den Geliebten. Umſonſt! Leer war und blieb die Straße. Längs der Gartenmauer jedoch kroch ein Mann ſchwer und unbe⸗ hülflich am Straßenrande hin, beſchäftigt, wie es ſchien, Kräuter zu ſammeln im thauigen Abendſchein. Zufälli richtete ſich auf ihn Eſther's Auge,— zufällig blickte er zu dem klingenden Fenſter empor,— und ſchnell fuhr das Mädchen zurück. Es war der Judenarzt Joſeph, der dort 185 unten verkehrte, und Eſther flehte zum Himmel um die Gnade von dem Gefürchteten nicht erkannt worden zu ſeyn. „Komm, Alte, komm, erzähle uns ein Mähr⸗ iein!“ Gern, liebe Puppchen, werdet Ihr aber auch das Grauſen vert gen können? Wer kein gut Gewiſſen hat, ſetze ſich vor die Thure, und bete indeſſen ein Vaterunſer! Kindermährchen. Das Schloß Neufalkenſtein, der Sitz des Ritters Bechtram von Vilbel, hatte ſeit Langem nicht ſo viel Geplauder und Gelärm in ſeinen Mauern gefaßt, als ſeit der Zeit, da der Graf von Montfort dem Beſitzer einen Beſuch abgeſtattet, und demſelben aufgetragen hatte, das ſchöne Fräulein von Laldergrün von der Heerſtraße wegzufangen, zum ſchuldigen Dank fur ſo manche Unbill, die der Graf zur Zeit, da er um das Edelfräulein warb, hatte ertragen müſſen. Dem in dergleichen Aufträgen geübten Bechtram, welcher, nachdem er lange Jahre hindurch der Hauptmann der Reichsſtadt Frank⸗ furt in Ehren und Frieden geweſen, vorgezogen hatte, das unedlere Gewerbe der Wegelagerei wieder zu ergreifen, war des Grafen von Montfort Aufgabe über alle Maßen trefflich ngen⸗ und die Beute richtig geworden. Ein ſolcher Fang warf zu viel an Gewinn ab, und war uberhaupt ſo ſelten in der Rechnung der Herren vom Stegreif, als daß ſich die 186 Letztern nicht hätten etwas zu Gute thun ſollen. Bechtram mit ſeinen Genoſſen bankettirte Tag aus, Tag ein, was doch ſonſt ſeine Sache nicht war; ſeine Hausfrau hatte alle Hände vollauf zu thun, um ihre Gäſte zu bewirthen, und Wallrade hatte in ihrem männlichen Geiſte mit überraſchendem Scharf⸗ blick den Standpunkt erfaßt, von welchem ſie ohne weitere Demüthigung in das Gewuhl um ſie her herniederſehen konnte⸗ So ſinſter es auch in ihrem Innern wogte, ſo heiter und glatt hatte ſie die Stirne gelegt.— Nicht die Gefangene ſchien ſie zu ſeyn,— preisgegeben der harten Willkühr räuberiſcher Wächter;— eine Fürſtin vielmehr, die ſich es gefallen läßt⸗ auf kurze Zeit von dem Gipfel ihrer Größe in's gemeinere Leben herniederzuſteigen, und durch ihre Gegenwart das Haus eines ihrer ärmern Vaſallen zu beglücken. Den Zwang, der ſie drückte, wußte ſie unvermerkt in den Hintergrund zu drängen, und zu ihrem Diener zu machen, daß es den An⸗ ſchein hatte, als ſey jede Beſchränkung ihre freie Wahl. Sie ſah auf den Lippen oder der Stirne ihrer Hüter keinen Be⸗ fehl, keinen Wunſch ſchweben, den ſie nicht plötzlich errathen⸗ und zu ihrem eigenen Willen gemacht, ihn alſo geäußert hätte. Sie vermochte es über ſich, dem ganzen Abenteuet eine ſcherzhafte Seite abzugewinnen, und dann und wann mit feinem Spott ihren Umgebungen merken zu laſſen, daß der ganze Vorfall ihr nichts weniger, als wichtig erſcheine⸗ ſondern im Gegentheile kurzweilig und ergötzlich, da er übet Kurz oder Lang dennoch ein für ſie erwünſchtes Ende nehmen werde. Mit verächtlicher Kälte hatte ſie ihre Kleinodien und ihre Baarſchaft den Räubern hingegeben, mit unbefangenet Ruhe hatte ſie es mit angeſehen, da Frau Elſe, Bechtrams Hauswirthin, ihre breitſchultrige, unangenehme Geſtalt mit 4 dieſen Koſtbarkeiten geſchmückt, und ſich ihr alſo geputzt wie in höhnendem Scherz vorgeſtellt hatte. Den derben Ueber⸗ muth des Burgherrn und ſeiner Freunde vergalt ſie ebenſo mit unempfindlicher Derbheit, des Leuenberger's und Petro⸗ nellens ſchadenfrohen Spott mit ſchalkhaften Antworten, die die Lacher auf ihre Seite brachten, und ſtand im Ganzen genommen da, nicht wie ein eingekerkert ſchwaches Weib, ſondern wie ein zu Schutz und Trutz gerüſteter Kämpfer, der keine Blöße gibt, ohne die des Gegners zugleich zu treffen. — Je unerwarteter dieſes Benehmen den Innſaſſen und Gäſten Neufalkenſteins war, je weniger verfehlte es ſeinen Zweck, und die kräftige Wallrade hatte die Genugthuung, bald den Er⸗ folg zu beobachten.— Bechtram, ſein Weib und ſeine Ge⸗ ſellen, rauhe Menſchen, wie das wilde Leben in Fehde, Forſt und abgeſchiedener Veſte ſie zu geſtalten pflegt, hätte die ſtillduldende Sanftmuth einer Unglücklichen unerbittlich zu Boden getreten; aber der unduldſame Trotz, die kecke Wider⸗ ſpenſtigkeit und Spottſucht Wallradens erſchienen den Harten als Eigenſchaften eines beſſeren Schickſals, wie einer günſtigern Behandlung würdig. Bechtram lächelte, wenn das Fräulein ihn einen grauen Taugenichts, ſeine Veſte ein Raubneft ſchalt. Elſe duldete ſcherzend den Spott, welchen die ge⸗ zwungene Gaſtfreundin über ihre unſchmackhafte Küche aus⸗ ſprudelte. Der wilde Hornberger gerieth in Entzücken, ſah er Wallraden auf dem Rücken ſeines Gauls, deſſen Koller ſie mit aller Kraft eines Mannes im wenig geräumigen Zwinger bändigte. Der ſchielende Doring, der wüſte Reifen⸗ berger, der dicke Henne von Wiede,— Bechtram's Gefährten — ſo wie der ab⸗ und zufahrende Eppſteiner bemühten ſich um die Wette, das in Haft liegende Fräulein durch kurz⸗ 188 weilig Geſprächſel zu vergnügen, oder durch ein Spiel im Brette, oder durch ein vom Zuge mitgebrachtes Geſchenk. Der Leuenberger legte nach und nach, von Stunde zu Stunde⸗ mehr von der Schroffheit ab, die er gegen ſeine Stiefnichte geäußert hatte, und wandelte ſein Betragen in eine gewiſſe tölpiſche Höflichkeit und Augendienerei um, die von Wall⸗ raden nicht unbemerkt, ſo wie von allen Uebrigen nicht un⸗ geneckt blieb. Die Baſe Petronella endlich, verblüfft von dem ungezwungnen und freien Benehmen Wallradens, hatte ſo ziemlich ihre beißende Zunge zur Ruhe verwieſen, und ihren gewöhnlichen Standpunkt eingenommen; nämlich den einer Zeitvertreiberin, weil ihre Mährlein und Schnurren weit und breit in den adelichen Genoſſamen der Gegend guten Klang und Ruf hatten. Frau Elſe liebte das Er⸗ zählen im traulichen Kreiſe, und Wallrade forderte oft ſelbſt die Muhme dazu auf, wenn ſie den Zudringlichkeiten des Leuenbergers ein Ende machen wollte. War die Alte dann im Zuge, ſo entfernte ſich Diether's Tochter gewöhnlich un⸗ vermerkt, und erklimmte den Wartthurm, wo ſie ſich zwiſchen den mächtigen Zinnen niederließ auf die Steinbank, in die weite Luft hinausſtarrte, und ihren ſtürmiſchen, mit uber⸗ menſchlicher Kraft zuruckgepreßten Gefühlen den Lauf ließ. Der Thurmwächter, der ſeiner tauben Ohren halber aus den Reihen der reiſigen Knechte in die Höhe verwieſen worden war, wo ſeine ſcharfen Augen noch gute Dienſte zu leiſten vermochten, ſaß dann gewöhnlich vor der Oeffnung, die auf des Thurmes Platte ſeinem elenden Schlafwinkel als Thürt und Fenſter diente, und ſchneiderte an den Kleidern der Burg⸗ leute, oder kämmte ſeinen Hund, und begriff nicht, wie ſich das ſchöne gefangene Fräulein ſo ganz allein zu unterhalten 189 vermöge auf der einſamen Warte. Wallrade legte aber die gluhende Stirne an die kalten Steine, und blickte hinaus gen Frankfurt, von wannen immer noch kein Retter nahen wollte. Immer noch war es ihr noch nicht gelungen, eine Botſchaft an den Vater zu ſenden; von Tag zu Tag verzögerte ſich ihre Befreiung. Unwillig klagte ſie den Himmel an, daß er ſie, gleich wie auf einem Siegerzuge, aufgehalten, während ſie im Begriff geſtanden, des Unfriedens und der Zwietracht höchſtes Maaß uber das Haupt des Vaters und der Stieſ⸗ mutter auszugießen. Unwillig fragte ſie die Vorſehung, wie lange ſie noch hier zu verharren habe in einem Zwang des Willens und der Empfindung, der ihr an's innerſte Leben zu greifen begann, trotz Verſtellung und Stanbhaftigkeit. Zagend und zurnend zugleich gedachte ſie des Augenblicks, in welchem der Graf von Montfort,— deſſen Zuthun bei der verwünſchten Begebenheit ſie leicht errieth, wenn gleich Bechtram ſeinen Namen nicht auszuſprechen wagte,— auf der Beſte erſcheinen und ſeine Gegenwart, die durch ſeine Unritterlichkeit Gefangene am tiefſten demüthigen wurde. Allein, wie ſehr ſie auch klagte, zürnte und zagte, der Zeit⸗ punkt ihrer Erlöſung lag immer noch ferne, denn ein ge⸗ heimnißvoller Schleier bedeckte vor jedem fremden Auge die auf Neufalkenſtein verwahrte Beute.— Der Aufenthalt der von Gelnhauſen geladenen Gäſte hatte bereits mehrere Tage gedauert, und Wallrade, von truben Gedanken in ihrer engen Kammer gepeinigt, war gerade nach dem Imbis zu dem Wartthurm emporgeſtiegen, um die laue Frühlingsluft in ihrer klaren Reinheit zu trinken, und ruhiger zu werden. Der Weg, welcher unfern der Veſte vorüberlief, war leer und öde wie immer, ſeitdem die Nachbarſchaft von Bechtram's 2. 13 190 neuen Unternehmungen vernommen hatte. Ein friſcher Luft⸗ ſtrom erquickte aber Auge und Stirn der Gefangenen, und ihr Blick ſchweifte kühn über die Höhen und Ebenen, uber Gewäſſer und düſtre Tannenwipfel, und ſenkte ſich tief in das Innere der kleinen, zu ihren Füßen liegenden Veſte. Ihr Herz ergrimmte auf's Neue, da ſie jetzt erſt wahrnahm⸗ wie gering und unbedeutend der Kerker war, der ſie einſchloß. Der, an und für ſich nicht ſehr ergiebige Raum war von dem Erbauer haushälteriſch benützt worden. Ein tiefer Graben umſchloß die unregelmäßig gebaute Veſte, deren Eingang ein ſchmales Thor, blos für einen Mann zu Pferde breit und hoch genug hildete. Zugbrücke und Pforte ver⸗ ſchloß dieſen Eingang beſtändig, wie eine von aller Welt abgeſchnittene Klauſe. Hinter den dicken, am Graben em⸗ porragenden Mauern ſchlängelte ſich der enge Zwinger, in welchem Knechte und Pferde und Hunde, ſammt dem ge⸗ raubten Zug⸗ und Melkvieh ihre Hütten und Ställe fanden. Eine elende Waffenſchmiede, in welcher die auf Raubzügen zerhackten Blechhauben und Drathwämſer nothwendig zu⸗ ſammengeflickt wurden, ftreckte hier ihren rauchenden Schlot. Dicht daneben hatten die Burgleute zu ihrem Vergnügen eine bald zum Armbruſiſchießen, bald zum Kegelſchieben benutzte Bahn angelegt; der einzige Fleck, auf welchem allenfalls ein Roß zugeritten werden konnte. Wer aus dieſem Zwinger in das Innerſte dringen wollte, mußte durch ein niedres von ſchwerem eichenen Gegatter feſt verſchloßnes Pförtlin kriechen, hinter welchem der enge finſtere Hof das Wohng“ väude des Herrn einfaßte, zu deſſen, ungefähr acht bis neun Schuhe von dem Boden erhöhten Schwelle eine in Klammelt gehängte Holztreppe fuhrte, die im Nothfall weggenom S werden konnte, um einem Feinde oder einem Räuber den Ein⸗ gang zu den Schätzen und Vorräthen des Hauſes unmöglich zu machen oder mindeſtens zu erſchweren. In dem Hofraume ſchnat⸗ terte und lärmte des Federviehs bedeutende Menge, rauchte der Ofen, in welchem die thätige Hausfrau das Brod bereitete, umfangen von hohem, rußigem Gemäuer, das in die Fenſter⸗ öfnungen des Erdgeſchoſſes der Burg nur den bleichſten Strahl des Tages eindringen ließ. Und dennoch waren hier die Räume, in welchen die Geſchäfte der Wirthſchaft und des Hausweſens verrichtet werden mußten. Hier war die Halle, welche den mächtigen Herd in ſich faßte, und den in tiefer Schlucht quil⸗ lenden Brunnen der Veſte und den Eingang in die unterir⸗ diſchen Waarenkammern und Weinkeller des Hauſes, ſo wie die Treppe zu den obern Gemächern, deren zwei ſich in der Lurg befanden, in eben ſo vielen Stockwerken vertheilt. Das etſte, zu welchem die Wendeltreppe führte,— das Gemach der nännlichen Bewohner, zugleich die größte Stube der Veſte, in welcher Trinkgelage und Mahlzeiten gehalten wurden, nahm den ganzen Raum des Stockwerls ein, eine Kammer ausge⸗ nommen, in welcher auf Stroh⸗ und Rohrgefüllten Säcken, berdeckt mit Wolfs⸗ oder Bärenfällen die Männer des Schlafs genoſſen, umgeben von ihren Gewändern, Waffen und den Satteln ihrer Pferde. Stteg man die fortlaufende Vendeltreppe empor, ſo gelangte man im zweiten Stockwerke zu dem Gemach der Frauen, das, wenn gleich zierlicher ge⸗ putzt, als das der Männer, dennoch ungefähr dieſelbe Ein⸗ ichtung hatte. In jedem der vier, ziemlich breiten aber niedern Fenſter, zwei ſteinerne Eckſitze an den Wänden fort⸗ henden Bänke mit Polſtern; in jedem Wintel des Gemachs en ſchwerer Schwenktiſch oder Kleiderſchrein, geſchmuckt mit glänzendem Schloß und zierlich geputzten Kürbiſſen und Pfauenfederſträußen⸗ Truhe und Spinnrocken und Garnwinde nicht zu vergeſſen. Vorſpringende Erker, von kleinen Scharten⸗ fenſtern erhellt, enthielten die Lagerſtellen der Frauen des Hauſes, und der längs der Vorderſeite des obern Stoctwerk hinlaufende Söller bot ihnen eine willkommene Stelle dar, um in freier Luft zu arbeiten, zu beten, zu plaudern, oder in ſtiller Unthätigkeit dem Treiben und Leben des Tauben⸗ volks zuzuſchauen, das oben an des Schloſſes Zinne ſeinen Schlag beſaß, und auf und niederflatterte an den ſteil ge zackten Giebelſeiten des bunten Ziegeldachs. Rings um wo oben die Ausſicht frei, nur an der Seite nicht, wo der lang und runde Wartthurm in die Höhe ſtrebte, welcher aus din Gemäuer des innern Hofraums entſprang,— in ſeinn Erdgeſchoſſe die enge und kleine Kapelle der Burg enthielt und drei Stockwerke zählte, bis zu der Zinnen räumliche Krone, drei Verließe enthaltend, von welchen das oberſte de Lichtes genoß, das mittlere einer milden Dämmerungshil ſich erfreute, das unterſte aber, zu welchem nur ein runde Loch den Eingang bot, tief hinabging in ſchaurig dunl Gruft, wohin blos die ferne Stimme des in der Kapelle di Neſſe fingenden Prieſters drang⸗ da der ſchreckliche Schlau des Verließes dicht hinter dem Altar ſich abwärts ſenkt⸗ Auch dieſer ſchwache Troſt war jedoch zu gegenwärtiger Zi dem unglücklichen verſagt, der vielleicht dieſe Schreckensgriſt bewohnen mußte. Der Herr dieſer Behauſung, welche weite nichts Merkwürdiges als vas ſchon berührte aufzuweiſen hut war in den Kirchenbann gethan worden; der Pfaffe, der di Kapellendienſt im Schloſſe verſehen hatte, war ausgeblicben und dumpfiges Schweigen herrſchte Tag und Nacht in den verödeten Kirchlein, wie der Staub auf ſeiner Glocke. Wall⸗ rade wußte nicht, ob das unterſte Verließ des Wartthurms, auf dem ſie ſtand, einen Gefangenen barg; aber daß im nittlern Stockwerke des Erkergebäudes Menſchen in Haft lagen, war unbezweifelt, da von Zeit zu Zeit trotz dem dicken Gemäuer und den ſchmalen Luftlucken, klagende oder ſingende Stimmen herausdrangen, nur hörbar für den auf der Thurmſpitze aufmerkſam Lauſchenden. Im Vergleich mit dieſen armen, zwiſchen düſtern Wänden eingeſperrten Leuten, nußte Wallrade freilich ihr Schickſal glücklich preiſen, und ſie that es auch, ſo lange ihr Auge Erholung ſuchte in den freien Himmelsräumen. Sah ſie jedoch hinab in' die enge Veſte, welcher ſie dennoch nicht entrinnen konnte, da wollte ihre Bruſt beinahe zerſpringen. Montfort hätte keine bitterere OQual für ſie erſinnen können, als den Verluſt ihrer Frei⸗ heit; und alles Gold der Welt hätte ſie für die Erlaubniß gegeben, einen jener Renner zur Flucht beſteigen zu könnnen⸗ die ſo eben im Zwinger zu einem Zuge fertig gemacht und gezäumt wurden. Die Knechte der Burg, vielleicht ein Dutzend an der Zahl, krochen gerüſtet aus ihren Hütten und jagten ſich, plumpe Scherze treibend, auf dem Raſen umher, während der Schmied die Hufe der Roſſe beſichtigte, und in Eile zuſammenpfuſchte, was verdorben war, oder nicht mehr halten wollte. Mittlerweile traten die Herren des würdigen Troſſes aus der Gatterpforte: Bechtram mit ſeinen Geführten. Ihr Anzug verrieth deutlich, daß ſie nicht zu einem Luſtritt gingen. Bewaffnet bis an die Zähne ſtiegen ſie zu Pferde, winkten der Hausfrau, die dem ſcheidenden Gatten noch die Hand durch's Gatter reichte, ein Lebewohl, und zogen durch das ſchmale Thor über die ſchwankende Brücke in's Freie. Der Leuenberger, der zur Bewachung des Hauſes zurückgeblieben war, ertheilte dem Thorwächter die nöthigen Befehle zur Verſchließung der Burg. Die Briüce ging knarrend in die Höhe; die wenigen zurückgebliebenen Burgleute gingen an ihr Geſchäft oder an das zeitvertreibende Spiel, und die ausgezogenen Männer waren noch nicht en die Spitze des Tannenbruchs angelangt, als ſchon in der Veſte wieder eine Ruhe herrſchte, gleich der des Grabes. Es währte indeſſen nur kurze Zeit, ſo kamen raſche Tritte den Thurm herauf, und der gegenwärtige Schirmvogt der Veſte ſtand plötzlich vor Wallraden. Das Gefühl und Be⸗ wuftſeyn des wichtigen Amtes, das er in dieſem Augenblice zu bekleiden erkoren war, ſprach aus ſeiner Haltung und ſeinen Zügen.—„Beſchäftigt, alle Räume des mir anber⸗ trauten Schloſſes zu beſichtigen,“ ſprach er mit widerlichen Lächeln,—„muß ich doch auch ſehen, wie und wo ſich meine werthe Gefangene befindet.“ „Sie lugt hier nach dem Zuge der freien Lerchen,“ ent⸗ gegnete Wallrade ebenfalls lächelnd:„und kann nicht be⸗ greifen, wie ſich dieſe holden Sänger dieſem finſteren Thum nähern mögen, in welchem die Knechtſchaft weint.“— „Ei, was kümmern Euch die Knechte im Thurme!“ verſetzte Veit mit einer plumpen Verbeugung:„Ihr ſihd die Herrin von Neufalkenſtein, mehr denn Frau Elſe ſelbſt“ —„O ſpart Euer höhniſch Schmeichelwort,“ erwiederte Wallrade leicht,„und vor Allem laßt ja dergleichen Frab Elſe nicht hören, Ihr wißt, ſie verſteht nicht lange Scherz⸗ und iſt eiferſüchtig auf die Oberherrſchaft.“— „Wie ich auf einen Blick von Euerm holden Augenpaar;“ fügte Veit wie oben bei. Wallrade zuckte die Achſeln, und 4 gab ſich die Miene, ſeinen Worten keinen Glauben beimeſſen zu wollen, daher nahm der Leuenberger ſeine Zuflucht zu Be⸗ theuerungen.—„Peſt und rother Hahn!“ rief er:„Schönes Fräulein, ich will den Hals brechen zur Stelle, wenn ich eine Lüge ſpreche. Ich würde lügen wie ein Schelm, wenn ich ſagen wollte, daß ich Euch von Anbeginn gern geſehen, aber das Wohlwollen, und— laßt es mich herausſagen, die Liebe niſtet ſich ein, ohne daß man's vorher ſieht, oder geradezu merkt. Das wißt Ihr auch gar wohl, denn Ihr ſeyd ein verſtändig Frauenbild, und könnt unterſcheiden, was blanke Zierhöfelei iſt, was Ernſt und baare Münze.“—„Guter Leuenberger,“ erwiederte Wallrade:„die Männer ſprechen alle auf bieſe Weiſe, wenn ſie ein Frauenherz zu berücken ſuchen.“—„Pah,“ lachte Veit:„Zeit meines Lebens habe ich mich noch nie damit abgegeben, Weiberherzen zu kirren, und habe das Falkenabrichten immer der Minne vorgezogen. Vie man einen Stoßvogel zähmt, weiß ich; aber nicht, wie man ein Weib gewinnt.“— Wallrade gab ihm in ihren Ge⸗ danken völlig recht. Er fuhr jedoch fort:„Hier iſt der Spieß umgekehrt. Ihr habt mich berückt, ob ich gleich bis auf den heutigen Tag mein Herz bewahrte, und ob Ihr gleich meine Stiefnichte ſeyd.“—„Ihr ſchreibt mir einen großen Sieg zuz“ verſetzte Wallrade ſcherzend, aber einen der gefährlichſten Blicke hinzufügend, deren ſie nur Meiſter war. Dieſer Blick ermuthigte den unbeholfenen Ritter, in ſeiner Herzenser⸗ gießung fortzufahren.—„Mich ſoll der Schwarze reiten, hier vor Euren Augen,“ ſprach et,„wenn, was ich ſage, nicht mein voller Ernſt iſt; wenn ich Euch nicht verehre, wie eine Ronne ihr Muttergottesbild. Ich habe in meinem Leben noch vor keinem Strauß gezittert, und bin auch jetzo zu wie einer von Rom.“—„Ei, Ihr ſprecht ja ruchlos, wie 196 jeder Probe bereit, die Ihr mir auferlegen wolltet, um meine Treue zu erwahren. Vergebt mir; ich rede ſonſt nicht viel mit Weibern, aber heute, und Euch gegenüber bin ich in den Zug gekommen. Ihr wißt jetzt mein Geheimniß, von welchem ich nicht einmal der Baſe ein Sterbenswörtlein verrathen habe. Erwiedert mein Vertrauen mit dem Eurigen. Laßt mich wiſſen, ob ich vielleicht hoffen dürfte.“—„Eure Rede wird ſehr dringend und ernſtlich;“ meinte Wallrade, eine Aufmerkſamkeit verrathend, die des liebetrunkenen Junkers Glut anfachte.—„Wenn Ihr nur endlich das Ernſtliche einſeht;“ rief er:„Kreuz und Stein! wie ſoll ich's anfangen, deutlicher zu reden? Ich denke, mit einem Wort, ſo gut als Euer Vater und meine Schweſter ein Paar werden konnten, — ſo gut könnten wir's auch werden, und ſollte die Ver⸗ wandtſchaft ein Hinderniß machen wollen, ſo martre ich einen Pfaffen ſo lange, bis er einen Dispens herausgibt, gültig ein böhmiſcher Ketzer!“ rief Wallrade ſcherzhaft:„Nimmer werdet Ihr mich von der Wahrheit einer Liebe überzeugen. können, die ſich ſo gottesläſterlich ausdrückt.“—„Peſt und rother Hahn!“ eiferte der Leuenberger, heftig mit ſeinen 3 braunen Händen die Luft ſägend:„Fordert eine Probe meiner Liebe;— mehr kann ich ja doch nicht thun, als Euch die Wahl laſſen. Soll ich den tauben Hund von Wächter, der dort wie ein Klotz auf der Matte kauert und in die Ferne ſtiert, Kopf über Kopf unter vom Thurme werfen? Oder ſoll ich mich mit Dreien raufen auf Leben und Tod? Oder ſoll ich in Frankfurt einreiten, trotz dem Stadtbann, in dem ich, i liege, und mich wieder herausſchlagen, und das Dintenfaß des Stadtpfaffen vom Römer mit heimbringen? Gebietet; 197 was Ihr wollt, ſoll geſchehen, und wenn ſich der Satan drei⸗ mal dazwiſchen legte.“—„Ihr ſtellt Euch Aufgaben, allzu⸗ ſchwer, als daß ich Euch beim Worte nehmen könntez“ ent⸗ gegnete Wallrade;—„und gerade durch ſolches Ueberbieten in Gefahren, die Ihr beſtehen wollt, macht Ihr mich miß⸗ trauiſch. Kann ich an die Liebe des Mannes glauben, der, um mir zu gefallen, Andere mordet; mich ſelbſt jedoch, ohne vor Schaam und Unwillen zu erröthen, in dem Schlamm der Demüthigung ſehen kann? Wie mögt Ihr, ein freier adelicher Mann, Euch ein gefangen Liebchen wählen, das Ihr doch nicht erlöſen wollt? Ihr fordert, daß ich Euer Herz prüfe. Wohlan; geht hin, öffnet mir die Pforte dieſes Kerkers, löst meine Feſſeln, und dann bewerbt Euch um meine Gunſt. Oder,— thut das Leichtere; meldet nur meinem Vater den Ort meiner Gefangenſchaft, und dann— nachdem ich in ſeine Arme zurückgekehrt,— dann fordert meine Hand.“— Der Leuenberger ſchwieg eine Weile be⸗ troffen, während Wallrade den ſcharfen Blick auf ihn heftete. B Verlegen ſpielte er mit den Knöpfen ſeines Aermels, ſtrich ſich den Bart und kaute an den Lippen.„Edles Fräulein,“ ſprach er endlich bedächtig:„Was Ihr verlangt, geht uber meine Kräfte. Wir Edelleute halten feſt an unſerm Wort, und Bechtram hat das Meine; und von Euerm Vater vollends erwarte ich nichts als Undank. Er wurde mir zehn⸗ mal eher vor dem Gallusthore zu Frankfurt Naſe und Ohren abſchneiden laſſen, als mich in ſeiner Sippſchaft aufzunehmen.“ — Ich weiß nicht, in wie fern Herr Diether Euch gehäſſig iſt;“ erwiederte Wallrade ſeufzend:„allein ich dächte, auch meiner Dankbarkeit ſolltet Ihr in etwas vertrauen.“— * 198 Der Blick, den ſie bei dieſer Rede auf Veit's Antlitz warf, ſollte heftiger zünden, als die vorigen, aber ſeine Kraft prallte ab an der Scheu des Leuenbergers vor Bechtram's Rache und Diethers gegründetem Haß.—„Ei was!“ brummte er:„Eure Haft kann ja doch wahrlich nicht ewig währen⸗ Hat Bechtram von Montfort erſt erhalten, was er will, liegt ihm ferner nichts daran, Euch zu füttern. Dann wäre es an der Zeit, meinen Wünſchen zu genügen, und eine fröh⸗ liche Ritterehe zu ſchließen, zu welcher man nichts braucht, als einen Bettelmönch, der den Segen gurgelt, und ein ſtilles, ſicheres Kämmerlein. Was ſagt Ihr dazu, mein ſüßes Lieb?“—„Daß Ihr ein Abſcheulicher ſeyd, der meine Ver⸗ achtung verdient, aber nicht die Minne einer ehrſamen Jung⸗ frauz“ erwiederte ohne Hehl Wallrade, der das Blut in die Wangen geſchoſſen war, bei dem unziemlichen Antrag des Stegreifritters. Veit, welcher ſeine Furcht vor den von dem Fräulein vorgeſchlagenen Prüfungen hatte hinter der Larbe eines rauhen Muthwillens verbergen wollen, ſchwieg wie ein ertappter und geſchlagener Schüler, und lehnte ſich verlegen auf die Bruſtwehr des Thurmes.„Einfältiger, tölpiſcher Klotz!“ murmelte Wallrade vor ſich hin, und ſtützte verdrüß⸗ lich den Kopf in die Hand. Der Leuenberger gewahrte aber ſo eben ſeine Baſe am Erkerfenſter der Burg, und winkte ihr und Frau Elſen, heraufzukommen auf die luftige Höhe⸗ —„Muhme Petronella ſoll uns ein Mährlein erzählen“ ſprach er mit läppiſchem Lächeln zu Wallraden:„ſie wird Euch dadurch auf andere Gedanken bringen, und mich ver⸗ geſſen machen, was ich von Euch vernehmen mußte.“ Wallrade machte eine unwillige Bewegung gegen ihn⸗ und ſtand auf, um zu gehen. Der Verſuch war aber umſonſt, 199 donn ſchon knarrte die Thüre des Thurmes, und die ſchwer⸗ fälligen Tritte der Frauen kamen bald näher und näher heran. Frau Elſe ſchritt wackrer und rüſtiger zu, als die hinkende Baſe, und hielt die auf der Höhe der Steige un⸗ ſchlüſſig verweilende Wallrade auf.„Ei, wo hinaus?“ fragte ſie mit ihrer männlichen Stimme, die im Hauſe Befehle er⸗ rheilte, donnernd wie der Schlachtruf eines Feldhauptmanns: „Da geblieben! Nicht davon gelaufen! Wir ſind jetzt die alleinigen Herrn im Hauſe, und wollen uns gütlich thun auf der kühlen Warte.“— Somit drehte ſie Wallraden mit einer Schwenkung des Ellbogens um, und reichte der müh⸗ ſam heranklimmenden Baſe die Hand.—„Herauf! herauf! alte Nixe!“ rief ſie der Keuchenden entgegen:„Hier oben iſts wohl ſeyn. Haſt Du dem Wilpert geſagt, daß er uns eine Kanne kühlen Weins heraufſchleppe, und einen Korb mit Brod und Fleiſchkuchen!“— Petronella bejahte; Elſe klopfte beifällig und munter in die mächtige Hände, und zog Rocken und Spindel aus dem breiten Ledergürtel, der ihren ſtämmigen Leib umſchloß. Der Thurmwächter mußte dem zögernden Wilpert entgegen eilen, und die Frauen machten ſich's bequem auf den Mauerbänken zwiſchen den Zinnen. — Wie iſt es doch ſo ſchön hier oben!“ ſprach Petronella, nachdem ihr Huſten, von dem Treppenſteigen und der Ein⸗ 5 athmung reinerer Luft erregt, nachgelaſſen hatte:„Himm⸗ liſcher Vater! wenn das Alles, was wir hier vor Augen ſchen, unſer wäre! Was meint Ihr, liebe Frau Elſe?“— Bechtram's Ehewirthin zuckte verächtlich mit den Lippen. „Man hört's Euern Reden wohl an, Fräulein,“ ſprach ſie derb,„daß Ihr kein Haus als Eigenthum beſitzt, ſonſt würdet Ihr nicht ſo tolle Wünſche von Euch geben. Wir kommt ein ähnlicher Gedanke nicht, denn ich bin zufrieden in meinem Hausweſen, und wenn dieſes mir nach Wunſch geht, ſo frage ich nicht nach Allem, was um uns her liegt an Wald und Feld, an Häuſern und Höfen.“— Hier beſchrieb ſie mit dem hoch und drohend geſchwungnen Rocken einen großen Kreis rings um ſich her, und ſchlug damit auf die Schulter des Leuenberger's, der in Gedanken verloren, den Weibern den Rücken gekehrt hatte.—„Frau Elſe! Frau Elſe!“ rief der Erſchrockene, ſich die Schulter reibend:„Ihr führt einen harten Zepterſtab, und der Ritterſchlag von Eurer Hand iſt nicht ſanfter, als der von einer Männerfauſt.“—„Meint Ihr?“ entgegnete die Frau von Vilbel:„Ich möchte auch wiſſen, wie ich wohl zurecht kommen würde unter dem Ge⸗ lichter, das in unſerem Hauſe aus- und einfährt, wie die Hexen aus und in den Schlot.— Vergebt aber, Leuenbergerin, daß ich gerade von böſen Hexen ſprach. Ich ſollte wiſſen, daß Ihr's nicht liebt, wenn man von Truden redet.“— „Hm!“ meinte Petronella:„ſo man nur davon redet, mag es hingehen. Nur über die Schwelle dürfen ſie nicht kommen und dafüur habt Ihr geſorgt, Frau Elſe, denn das Hufeiſen, das unter Eurer Pforte angenagelt iſt, bleibt ein wahres Gottesmittel dagegen, und ſo Ihr vollends nicht verſäumt, jeden Morgen zwei Strohhalme kreuzweis drüber zu legen⸗ ſo kömmt Euch nimmer eine Hexe zu nahe.“—„Ihr ſehd eine kluge Jungfrau,“ erwiederte Frau Elſe,„und ich werde mir noch manches von Euern Erfahrungen merken, ehe Ihr von dannen ſcheidet.“—„Ho, die Baſe iſt gelehrter, als ein Meiſter der freien Künſte,“ fiel der Leuenberger ein;„beſon⸗ ders im Erkennen zauberiſcher, übernatürlicher und verbor⸗ gener Dinge.“—„So?“ fragten Elſe und Wallrade.„Das — 201 hätte man verſuchen können;“ fuhr die Erſtere fort:„Ihr hättet meinem Manne des heutigen Zuges Ausgang und Erfolg weiſſagen müſſen.“—„Hm!“ meinte Petronella, den Kopf bedenklich wiegend:„dem Gaffreund geziemt's eigent⸗ lich nicht, des Wirths Thun und Laſſen zu deuteln, aber, wenn man Achtung hat auf das, was um uns vorgeht, ſo kann man manches in ſeinen Handlungen ändern, was erſprießlich und von Nutzen wäre.“—„Ihr ſprecht, als ob's Lateiniſch wäre,“ lächelte Elſe:„ich verſtehe Euch nicht.“— „Der Hund hat die ganze Nacht im Zwinger jämmerlich geheult,“ ſprach die Alte weiter:„die Eule hat geſchrieen und die Todtenuhr hat gehämmert, als wollte ſie nimmer aufhören. Das bedeutet nicht viel Gutes. Zudem iſt heute kein glücklicher Tag, und ich hätte an Eurer Statt den Ritter nun und nimmermehr reiten laſſen.“—„Ihr macht mir bange!“ verſetzte Elſe, ohne jedoch weiter eine Bewegung zu äußern:„Mein Mann lacht über ſolche Dinge, und fürchtet ſich nicht, weil er ein geweihtes Amulet bei ſich trägt, das er einem Pilger abgenommen, der es gerade von des Er⸗ löſers Grab geholt hatte. Wenn ihm nur das Heiligthum noch hilft, da er jetzo im Banne liegt?“—„Ei, wie ſollte es denn nicht?“ fragte Petronella entgegen:„die hochwürdigen Barfüßer Ordensherren weihen ja gewöhnlich dieſe Schutz⸗ mittel, und man weiß ja, daß ſie ſich nicht viel um Bann und Interdikt kümmern.“—„Ihr beruhigt mich wieder völlig;“ antwortete Elſe, dem alten Fräulein gutmüthig und derb auf den hohen Rucken klopfend:„ich hatte ſchon den Gedanken gefaßt, trotz Bann und Strahl eine Meſſe in der Kapelle leſen zu laſſen, auf die glückliche Heimkehr meines Alten.“—„Eine Meſſe?“ lachte Petronella:„wie das?“* „Wer verſteht das Handwerk hier?“ ſpottete Wallrade:„etwa der edle Herr, der vor uns ſteht, oder der taube Wächter, der endlich mit dem erſehnten Vorrath anlangt?“—„Hoho!“ fiel Elſe ein:„nur nicht ſo höhniſch, gefangenes Fräulein Naſeweis. Wir haben wohl noch andre Leute hier im Schloſſe, die Kutte und Platte tragen. Da unter uns ſitzt ein armer Pater im Kühlen, dem Eure Geſellſchaft, Leuenbergerin, Unglück gebracht hat, und der wohl jetzo, obſchon Mittag vorüber, nüchtern genug wäre, um das Meßopfer zu bringen.“ —„Wie?“ ſchrie Petronella, erſtaunt die Hände faltend: „Wie? der arme Mann, der mit uns hier angelangt?“— „Derſelbe;“ verſetzte Frau Elſe kaltblütig:„er ſammt dem Bäuerlein, das Euch den Wagen lieh, bewohnt unſern Thurm, weil mein Alter meinte, die Leute ſeyen mit der Gegend zu bekannt, als daß nicht der Gewahrſam der ſchönen Wallrade verrathen hätte werden müſſen. Sie werden ſich's nun ge⸗ fallen laſſen, ſo lange hier zu verharren, bis des Fräuleins Haft vorüber.“—„Ha, Euer Herr macht wackre Streiche!“ rief Wallrade keck;„An ſchwachen Frauen und wehrloſen Mönchen erprobt ſich des Helden Muth.“—„O laßt den Heldenmuth ans dem Spiele, gutes Fräulein;“ entgegnete Elſe:„einen ſchönen Falken läßt der tapferſte und großmüthigſte Mann nicht aus den Händen. Wahrlich, Wallrade, hätte ich einen Sohn, ich ließe Euch gar nicht mehr von meiner Seitez Ihr müßtet meine Schwieger werden, und noch heute müßte der Pfaffe da unten Euch trauen.“—„Das iſt ein Wort, vor⸗ treffliche Nichte;“ ſprach Petronella beißend: Frau Elſe denkt nicht an ihr alt Geſchlecht.“—„Ihr habt Recht, Baſe Stolperwitz;“ ließ ſich Wallrade vernehmen:„unſer halb⸗ adelig Wappen würde nicht zu dem des Ritters Bechtram paſſen, wenn er gleich Räuberei treibt. Beruhigt Euch in⸗ deſſen. Meine verehrte Wirthin hat ja keinen Sohn, der ihre Drohung verwirklichen könnte.“—„Freilich nicht;“ ſetzte Elſe ſeufzend hinzu:„das iſt's, was mir oft blutige Thränen koſtet. Was nützt meinem Alten ſeine ſchwere Mühe und ſaure Arbeit? Was nützt ihm langes Leben und Gedeihen? Wir haben ja doch Niemand, dem wir hinterlaſſen könnten, was er mit Schweiß und Blut erobert. Der Tag, an dem unſer Philipp ſtarb, der wilde Bube, war ein harter Tag, und auch damals ſchrie die Eule wie ein wahrer Unglücksvogel. Der Junge mußte gerade ſeinen Kopf aufſetzen, und ein Pferd in die Schwemme reiten wollen. Mein Alter erlaubte es dem Fürwitz, und geſtürzt, vom Roß geſchleift und zer⸗ treten, brachten uns die Leute den Buben ſterbend in's Haus zurück.“— Elſe wiſchte ſich eine Thräne ab, die in ihr finſtres Auge gedrungen war.—„Den leibeigenen Knecht⸗ der das Unglück, ohne zu helfen, geſchehen ließ, ließen wir todt peitſchen,“ ſetzte ſie mit fürchterlich gepreßter Stimme hinzu,„allein unſern Philipp machte es nicht lebendig.“— Eine tiefe Stille folgte auf dieſe kurze und gräßliche Erinne⸗ rung. Frau Elſe richtete ſich indeſſen ſchnell in die Höhe, ſtampfte einigemal mit dem Fuße auf das Pflaſter, fuhr ſich verſtohlen mit dem Aermel über die Augen, und langte die Kanne mit Wein an Wallraden.„Trinkt, thut Beſcheid!“ ſprach ſie mit ganz verändertem Tone:„dem Gaſte gebührt die Ehre. Dann die gute Leuenbergerin, dann ihr Vetter, und zuletzt ich. Petronella iſt hernach ſo gut, und gibt uns eine Sage oder Legende zum Beſten. Man vertreibt damit die Zeit am Beſten, und der Faden am Rocken wird noch einmal ſo glatt und eben, und die Kuchen ſchmecken noch einmal ſo gut.“—„In Gottesnamen denn,“ fügte Wallrade hinzu, und drehte dem Leuenberger den Rücken, da er ihr einige verbindliche Worte in's Ohr flüſtern wollte;„in Gottesnamen, Muhme. Hebt an, und erzählt.“ Veit ſtemnite maulend den Kopf in beide Hände, und pfif in die Luft hinaus: die Alte ſetzte ſich indeſſen zurecht, roch ein Paarmal mit beſinnender und bedächtiger Miene an dem Biſamapfel, den ſie auf der Bruſt trug, und graute ſich am Kinn.„Lieben Freunde,“ begann ſie, indem ſie den Finger an die Naſe legte:„eine Sage, die Ihr nicht ſchon wüßtet⸗ fällt mir gerade nicht ein; eine Geſchichte von den lieben Heiligen ziemt ſich nicht zu berichten, an einem Orte, wo tein Gottesdienſt gehalten werden darf; demzufolge will ich Euch lieber, da wir von Kindern geſprochen haben, auch ein Kindermährchen erzählen; nicht das beſte, nicht das ſchlechteſte, das jemals von einer Amme oder einer treuen Mutter erfun⸗ den worden iſt.“—„Meinethalben;“ entgegnete Frau Elſe: „nur ſey es nicht zu luſtig und ſchnurrig, mein kluges Fräu⸗ lein. Das Ernſthafte und Schauerliche iſt mir lieber, und ſtimmt beſſer zu meinem heutigen Gemüth.“—„Wie Ihr befehlt, meine gute Wirthin;“ antwortete hierauf des Leuen⸗ bergers Baſe, und hob an, mit lebhaften Geberden und wackelndem Kinn, wie folgt: „Es ſind wohl länger denn zweitauſend Jahre her, und viel darüber, als es einen reichen Mann gab, der eine gar ſchöne, fromme und ſittige Wirthin in ſein Haus geführt hatte, und mit ihr des Lebens Glück genoß im höchſten Maaße, ausgenommen das Glück, ein Kind zu haben. Da geſchah es einmal, daß die Ehewirthin an einem friſchen Wintertage uuter dem Mandelbaume ſaß, der im Hofe ſtand⸗ 205 und einen Apfel ſchälte. Das Meſſer glitt jedoch ab, und fuhr ihr in den Finger, daß ihr Blut in den Schnee rann. „Ach!““ ſagte ſie hierauf und ſeufzte aus innrer Bruſt: „Ach, wohl iſt weiß der Schnee und roth das Blut, und hätte ich doch ein Kindlein roth und weiß wie ſie beide.““ Kaum hatte die Frau dieſe Worte geſprochen, als ihr recht fröhlich und heimlich um's Herz wurde, denn ſie hatte nicht umſonſt geredet und geſeufzt. Ein Mond ging hin und der Schnee ging weg; der zweite Mond fand alles grün, im dritten kamen die Blümelein aus der Erde, im vierten alle Bäume in's Holz, worin die Vögelein ſangen, und die Blüthen ſielen. Und wie der fünfte Mond vorbei war, da ſtand die Frau unter dem Mandelbaum, der gar zu lieblich roch, und ihr Herz war froh und konnte ſich nicht faſſen vor ſtiller Freude. Und wie der ſechste Mond voruber war, da be⸗ gannen die Fruchte aufzugehen und ſtark zu werden; ſie aber wurde ganz ſtill. Im ſiebenten Mond griff ſie nach den WMandelbeeren, aß davvn und ward breſthaft und traurig. Da aber der achte Mond hingegangen war, da rief ſie ihren Mann, und weinte, und ſagte zu ihm:„Wenn ich ſterbe, ſo begrabe mich unter den Mandelbaum.““— Nun wurde ihr wieder ganz wohl und getroſt zu Sinne, und kaum war der neunte Mond vorbei, ſo gebar ſie ein Kind, weiß wie der Schnee und roth wie Blut, und freute ſich baß, und ſtarb. Ihr Mann begrub ſie unter den Baum, wie er es verſprochen, und fing an zu weinen gar ſehr, eine Weile lang, nach und nach und allgemach legte ſich aber das Herze⸗ leid, und dann hörte er auf zu greinen, und dann währte es nur eine kurze Zeit, ſo nahm er ſich wieder ein Weib.“ —„Männertreue!“ ſprach Wallrade bitter:„Ihr erzählt 2 14 206 kein Mährlein, Muhme. Daß ich Euch alſo nennen muß⸗ beweist, daß wirklich im Leben geſchieht, was in der Ammen⸗ ſtube erdichtet wird.“— Petronella zog ein verdrüßliches Geſicht, und ihr Vetter ſchlug eine ſpöttiſche Lache auf. Frau Elſe aber ſchlug allen beginnenden Hader durch den Wunſch nieder, das Mährlein weiter zu hören, und das Fräulein von Leuenberg fuhr fort:„die Stiefmutter gebar eine Tochter in's Huus, und dieſe war ihre Liebe, und der Sohn der Ver⸗ ſtorbenen wurde ihr Haß, und ſie dachte ihn zu verderben. Und der Gott ſey bei uns fügte es, daß einſtens der Junge aus der Schule kam, und von der Mutter'nen Apfel be⸗ gehrte. Sie machte ein finſter Geſicht und glühende Augen⸗ und begehrte von dem Buben, daß er heraufkomme zur Dachkammer, wo eine Kiſte ſtand mit ſcharfem Schloß von Eiſen, und da ſie den Deckel aufmacht, und dem armen Jungen befiehlt, ſich einen Apfel aus der Truhe zu holen⸗ und der unſchuldige Knabe ſich hineinbiegt... Puff! ſchlägt ſie den Deckel zu, daß des Buben Kopf unter die rolhen Aepfel fiel. Darauf hat ſie mit einem weißen Tuch das Haupt wieder an den Korper gebunden, den Knaben vor die Thure geſetzt, und ihm einen Apfel in die Hand gegeben. Und da ſie in der Kuche ſtand, und einen Topf mit heißem Waſſer brudeln ließ, da kam ihr Töchterlein traurig zur Kuche, und ſprach:„Ach Mutter mein! vor der Thüre ſitzt das Brüderlein und fieht aus wie der Schnee, und ißt nicht ſeinen Apfel und antwortet nicht, ob ich ihn gleich gebeten⸗ mir von dem Apfel zu geben.““—„„Ei,““ ſagte die Mutter⸗ „wenn der böſe Bube nicht reden will, ſo ziehe ihn an den Ohren.““ Lenchen ging hin, und that, wie ihr die Mutter geheißen, und da lag der Bruder todt zur Erde. Da hat — nd bleib' geſund?““— Der gute Mann wurde recht 207 nun das arme Mägdlein geſchrieen und geweint, und die Mutter hat geſprochen:„„Ach, Lene, Lene, was haſt Du ge⸗ than. Komm, daß wir's dem Vater verbergen!““ und ſie hackte den Jungen in Stücken, und ſteckte dieſe in den Topf mit Waſſer und bochte ſie zum Imbiß; Lenchen ſtand aber dabei und weinte, und weinte, daß alle Thränen in den Topf ſielen, und das Gericht brauchte weiter kein Salz.“— „Aber, Fräulein!“ ſprach hier Frau Elſe:„welch ſchreckliche Mähr erzählt Ihr uns da? Gott vergebe der böſen Stief⸗ mutter!“ „Und es iſt doch nur'ne Stiefmutter;“ entgegnete Petro⸗ nella mit häßlichem Lächeln,„und manche wahre und ächte Mutter hat alſo gethan an ihrem Kinde.“— Elſe ſchlug ein Kreuz; Veit wollte ſich todt lachen über die Schnurren, die ſeine Baſe auftiſchte; Wallrade war jedoch ganz ſtill, und ſah ernſt vor ſich. Die Leuenbergerin nahm dafür den Faden wieder auf, und erzählte: „Wie nun der Vater kam aus dem Wald, und warf die Art weg und ſetzte ſich zum Tiſch, ſo fragte er:„Wo iſt denn der Bube?““— Zuerſt antwortete die Mutter nicht, und trug das Eſſen auf; da jedoch Lenchen die Zähren nicht verbergen konnte, ſo fragte der Vater wieder:„Weib, wo iſt denn der Bube, mein Sohn?““—„Ueber Land iſt er gegangen,““ antwortete ihm die Frau hierauf, als ob ſie kein Waſſer getrubt hätte:„„er will beim Großohm ver⸗ weilen ſechs Wochen lang und ich habe ihm's nicht verſagen mögen.“—„Ach, was iſt doch dem Buben eingefallen?““ verſetzte hierauf der Vater gar wehmüthig:„Wie konnte er doch fortgehen, ohne mir geſagt zu haben: Leb' wohl, Vater⸗ 208 wehmüthig, und wollte nichts genießen; da er aber den erſten Biſſen der gräßlichen Speiſe gekoſtet, wurden ihm Augen und Mund weit, und er aß und aß, und aß ganz allein, und ließ keinem Menſchen einen Biſſen übrig, und vom ganzen Ge⸗ richte nur die Beinlein, die das kleine Lenchen in ein ſeiden Stück wickelte, verſtohlen, daß es die Mutter nicht ſah, und damit von dannen ging, unter den Mandelbaum, wo ſie des Bruders Ueberreſte niederlegte in's grüne Gras, und ſie be⸗ feuchtete mit blutigen Thränen. Da geſchah es aber mit einemmale, daß der Mandelbaum begunnte ſich zu bewegen, und der Wipfel nickte freundlich, während deſſen die Zweige auseinander rauſchten, und wieder zuſammenſchlugen, wie fröhliche Leute mit ihren Händen zu thun pflegen, und die Wurzeln hüpften und zuckten, wie die Füße eines tanzluſtigen Geſellen. Und dabei ging eine Nebelwolke aus von dem Baume, und in der Wolke brannte ein ſchönes rothes Feuer, und aus dem Feuer flog ſo ein ſchöner Vogel heraus, wie er nimmer geſehen wird in deutſchen Landen; der ſang lieblich und wohlgemuth und flog in die hohe Luft. Unter dem Man⸗ delbaume war jedoch alles wie zuvor, und das Gras ſpielte im Winde, die Blätter regten ſich leiſe, aber des Brüder⸗ leins Gebeine waren verſchwunden, wie das ſeidne Stück ſo daß Lenchen's Herz weit wurde, wie das eines Glücklichen, und ſie ſich nicht anderes vorſtellen konnte, als daß lieb Brüderlein noch lebe; worauf ſie vergnügt nach Hauſe ging. Der bunte Vogel ſetzte ſich inzwiſchen auf eines Goldſchmids Haus, und ſang vernehmlich:„Die Mutter hat mich er⸗ „„ſchlagen,— Verzehrt hat mich des Vaters Mund,— Mein „„Schweſterlein thät mich begraben,— Veim Mandelbaum „„im kühlen Grund! Kywitt! Kywitt! welch ein ſchöner 209 „Vogel bin ich!““„ Meiſter Goldſchmid ſaß gerade in der WVerkſtatt und fertigte eine goldene Kette. Der Geſang des fremden Vogels auf ſeinem Dach gefiel ihm uber die Maßen, und er lief, ob er gleich Schuh' und Schurzfell in der Eile verlor, auf die Straße, wo die Sonne ſo hell ſchien, wie das goldne Geſchmeide in ſeiner Hand.—„„Ach Vögelein!““ rief der kunſtreiche Mann:„wie ſingſt Du doch ſo ſchön! Wiederhole die Weiſe noch einmal.““ Der Vogel kratzte ſich darauf ſchelmiſch am Kopf, und erwiederte:„Gibſt Du mir die goldne Kerte in Deiner Hand, ſo ſinge ich noch einmal. Umſonſt thu' ich's jedoch nicht.““ Der Goldſchmid reckte ihm hierauf die Kette dar vom reinſten Golde, und der Vogel packte ſie in die Kralle, und ſetzte ſich vor dem Goldſchmid nieder und ſang:„„Die Mutter hat mich erſchlagen,— Ver⸗ „zehrt hat mich des Vaters Mund,— Lieb Schweſterlein „thät mich begraben,— Beim Mandelbaum im kühlen „Grund! Kywitt! kywitt! welch ein ſchöner Vogel bin wich!““—„Traun!“ ſchaltete hier der Leuenberger ein: „man kann nicht leichter zu goldnen Ketten kommen.“— „Unterbrecht doch die Muhme nicht,“ ſchalt Elſe dagegen: „Ihr ſeyd ein unruhiger Zuhörer. Nehmt ein Beiſpiel an Eurer Nichte, welche da ſitzt wie ein fleißig Mägdlein in der Kinderlehre.“ Petronella ſchenkte der aufmerkſamen Zuhörerin einen günſtigern Blick, denn zuvor, und ließ ſich weiter vernehmen: „Der Vogel flog von dannen und ſetzte ſich auf eines Schuſters Dach, wo er abermals ſein Lied ſang, und damit Meiſter und Frau, Kinder und Geſellen auf die Straße lockte, wo die Sonne nicht heller ſchien, als die goldne Kette um des Vogels Hals. Und da ihn der Schuſter aufgefordert hat, das Stücklein noch einmal zu pfeifen, Jo gurrte der Vogel, als ob er ſich beſänne, und ſagt:„Gibſt Du mir die rothen Schuhe, die Du gerade vollendet haſt, ſo will ich ſingen; umſonſt thu' ich's aber nicht.““—„„Was will ich machen?“ verſetzt der Meiſter, und reicht die Schuhe dem Vogel, der ſie erpackt, auf des Schuſters Schulter fliegt, und das Lied wiederholt, das wir ſchon wiſſen. Weit davon ſtand aber eine Mühle, die ging klipp klapp, klipp klapp vom Morgen bis zur ſpäten Nacht, und zwanzig Müllersknechte ſtanden darin und behauten einen Stein, und ihre Hämmer klangen: hick hack, hick hack zwiſchen durch der Mühle Klipp klapp⸗ klipp klapp. Ein Lindenbaum ſtand gar luſtig vor der Muhle, und darauf ſetzte ſich der bunte Vogel mit Kette und Schuhen⸗ und ſang ſein Lied, daß einer von den Geſellen nach dem andern aufhörte zu hauen, und alle herausgelaufen kamen⸗ und den wunderlichen Vogel anſtarrten, der ſo vernehmlich ſingen konnte, wie ein Menſch, und ſo bedenklich obendrein. Da ſie nun verlangten, er möchte ſeine Weiſe wiederholen⸗ ſo entgegnete der Vogel:„Gebt Ihr mir den Mühlenſtein⸗ ſo Ihr behauen habt, ſo will ich wohl. Umſonſt aber thu ich's nicht.““ Die Geſellen pflogen hierauf Raths unter ſich, und wurden endlich eins: daß der Stein dem Vogel gehören ſollte. Da ſie nun mit Hebeln und Stoßbäumen anſetzten, um den ſchweren Stein zu erheben, ſo kam der Vogel herbeigeflogen, die Kette in der rechten, die Schuhe in der linken Kralle, ſteckte ſich den Mühlſtein an den Hals, wie einen Helmkragen, und da er noch einmal geſungen hatte, ſo flog er weit, weit weg mit Stein, Kette Schuhen, nach ſeines Vaters Hauſe.“ und „Dort fliegt Staub auf dem Waldrande!“ rief der Leuen⸗ berger, mit der Hand nach der Heerſtraße deutend:„Es wirbelt luſtig durcheinander. Was gilt's, unſer wackrer Hauswirth kehrt heim!“— Elſe warf einen Blick nach der Straße, und erwiederte gelaſſen:„Gottlob! Aber noch ſind die Männer fern, und das Fräulein hat alle Muße, ihre ſchöne Mähr zu endigen, deren Schluß ich mit Neubegier erwarte.“—„Gewiß!“ ſetzte Wallrade mit einem gezwungenen Lächeln bei, während ihr Auge bald geſpannt auf Petro⸗ nellens Munde haftete, bald ſcheu den Boden ſuchte. Die Baſe, nachdem auch ſie den fernen Ankömmlingen einen Blick ihres Auges geſchenkt hatte, fuhr lebhafter und mit feierlichem Antlitz fort:„In der Stube des Hauſes ſaßen der Vater, die Mutter, und Lenchen am Tiſch, und der Vater ſagte: „Mir wird ſo wohl und frei um die Bruſt, ob ich ſchon nicht weiß, warum.“ Die Frau ſagte dagegen:„'s iſt wunderlich. Mir wird ſo ſchwül zu Sinne, als ob ein Wetter über'm Schlot ſtände.“— Lenchen aber mußte verſtohlen greinen und weinen, ſo kamen ihr die Thränen in die Augen. Plötz⸗ lich fliegt der Vogel herbei, und ſo wie er ſich auf das Dach ſetzt:—„Ach!“ ſagt der Vater:„Mir iſt heut ſonnenwohl und heiter, als ob ich einen guten alten Freund wiederſehen ſollte.“ Die Frau ſagt dagegen:„s iſt wunderlich! mir wird ſo bang, und die Zähne klappern mir, und es kriecht wie Feuer durch meine Adern, und das Mieder will mir zerſprengen vor Gebreſte.“ Lenchen ſagte kein Wort, und weinte, daß die Schürze naß wurde, wie ein Regentuch. Inzwiſchen war der Vogel auf den Mandelbaum geflattert, und indem er durch die Scheiben ſtierte, als wäre jeder ſeiner Blicke eine Stechlanze, ſang er:„Die Mutter hat mich erſchlagen....“ da hielt die Frau die Ohren zu, und kniff die Augen zuſammen, daß ſie nicht hören und nicht ſehen mochte. Doch vor den Ohren brauste es ihr wie alle Waldſtröme 'des Fichtelgebirgs, und vor den Augen zuckte ein Blitz nach dem andern.—„Verzehrt hat mich des Vaters Mund...“ ſang der Vogel weiter, und obgleich der Mutter das Lied klang wie Todtenglocken, ſo war's doch dem Vater, als ob Engel ſingen zu goldnen Harfen, und ein ſüßer Geruch wie Rosmarin und Holderblüthe herabrieſelte von dem Wipſel des Baums in die ſonnenhelle Stube.„Lieb Schweſterlein thät mich begraben,“ tönte des Vogels Stimme weiter, und Lenchen mußte, um ſich fatt zu weinen, den Kopf auf die Kniee legen. Der Vater konnte hingegen nicht mehr im Hauſe bleiben, und wollte heraus, nach dem ſeltſamen Vogel zu ſchauen, was er auch that, ob ihn ſchon die Frau beim Aermel zurückhielt und ſtammelte:„Geh nicht! geh nicht! es wankt ja das Haus, und ſteht's nicht in Flammen?“— Da der Vater nun den Vogel beſchaute, und ſich ſeines Ge⸗ fieders freute, wie auch ſich wunderte ob der befremdlichen Worte, die er ſang:„Beim Mandelbaum, im kühlen Grund,. kywitt! kpwitt! welch ein ſchöner Vogel bin ich!“ ſo ließ der Sänger die goldne Kette fallen, gerade um des Vaters Hals, daß ſie ihm ſtand, wie der Schmuck eines Ritters oder Mar⸗ ſchalls. Als er nun freudig hineinging, und der Frau das Geſchmeide wies, ſo konnte die Sundige ſich kaum auftecht erhalten, weil der Vogel wieder anhob, wie mit tauſend Zinken und Heroldsſtimmen:„Die Mutter hat mich er⸗ ſchlagen!“—„O mein Herz!“ ſeufzte die böſe Frau:„H läge ich doch tauſend Klafter unter dem Boden, daß ich nicht hören müßte, was das Geſpenſt dort auf dem Baume krächzt.“ 213 Der Vogel kam nun an die Weiſe:„Lieb Schweſterlein thät mich begraben,“ und nun mußte auch das Mägdlein hinaus, um den Vogel zu ſchauen, der ihr die rothen Schuhe herunter warf, auf denen ſie fröhlich in die Stube zuruͤcktanzte. Da ſchmetterte der Vogel fein:„Khwitt! kywitt!“ wie ein rüſtiger Trompeter durch die Luft, und hörte nicht damit auf, daß der falſchen Mutter die Haare zu Berge ſtanden, wie Feuer⸗ flammen und wehende Waldbäume.—„Ach!“ ſchrie ſie ver⸗ zweifelnd:„Geht denn die Welt nicht unter? Hört denn der Bube nicht auf zu ſchreien? Ich muß hinaus zu ihm, ob es mir wohl mein Herzblut koſten wird!“— Rannte hinaus, und vom Mandelbaum polterte der Mühlſtein herab, daß ſie elendiglich zerſchellt dahin ſank, viele Fuß tief in die Erde, aus welcher der Stein nimmer gehoben werden konnte. Der Vater und Lenchen rangen die Hände, da Dampf und Feuer aufging von der Stätte. Als aber der Rauch verzogen⸗ die Flamme erloſchen war, da war es unter dem Mandel⸗ baume wie zuvor, das Gras ſpielte im Winde, die Blätter regten ſich leiſe, und der kleine Bruder ſtand, weiß wie Schnee, und roth wie Blut, und lebendig wie ein Hirſch vor dem Vater und dem Schweſterlein, und ſprach:„Guten Tag, ihr Lieben, und wohl mir, daß ich wieder bei Euch bin.“ Und wie ſie ſich fröhlich zu Tiſch ſetzen, iſt das Mähr⸗ lein zu Ende. „Blaſe, Bärenhäuter!“ ſchrie Veit dem Wächter in die Ohren, der langſam und faul nach dem Horn griff, da die Reiter ſchon nahe am Graben waren.—„s iſt wahrlich mein Alter!“ rief Elſe unter dem Geſchmetter des Horns: „Gott und alle Heiligen ſeyen gelobt.“— Indem ſie jedoch ſchnell aufſtand, bemerkte ſie mit Schrecken, daß Wallrade 214 von der Steinbank zur Erde geleitet war, und ihrer Sinne verluſtig geworden, dahin liegend wie eine Leiche. Die Frauen ſprangen der Ohnmächtigen bei. Der Junker ſah ihnen höh⸗ niſch lächelnd über die Achſeln.„Seht doch einmal!“ rief er:„Das Fräulein iſt ja doch ſonſt hart wie Stahl und Eiſen, und weder Haß noch Liebe erſchüttert ſie. Wie kommt's, daß ein Kindermährlein die Starke umwirft? Ich laufe, die Zugbrücke herab zu laſſen.“— Er überließ die Béwußtloſe ihren Pflegerinnen, und eilte hinab an das Thor der Veſte, um den Ankommenden den Eintritt zu verſtatten. Sie kehrten alle wohlbehalten zurück, aber mit verdrießlichen Geſichtern. Bechtram ritt eines Knechts Mähre, und ſein eignes Pferd kam hinkend hinterdrein.„Das war ein Miſerereritt!“ rief er dem Leuenberger entgegen:„Gotts Marter! wer ſagt mir denn, was meinem Hengſte fehlt? Die bockbeinige Mähre hat mich abgeworfen, da ich ihr das Hinken mit den Sporen austreiben wollte, und das hat unſerm Zug ein plötzliches Ende gemacht, denn der Satan verſuche an dem Tag ſein Glück weiter, wo ſein Leibpferd ihn abwarf. Das bedeutet Unglück, und vielleicht ſogar Hexerei.“—„Wir hatten der böſen Zeichen viele,“ rief der Hornberger dazwiſchen:„eine alte Vettel war der erſte Menſch, der uns begegnete, und der Teufel ſelbſt kann kein größer Unglück herbeiführen.“— Die Uebrigen hatten indeſſen das Pferd umringt, und be⸗ lugten das Thier von allen Seiten, wie ſchon im Freien geſchehen war, ohne die Urſache ſeines Gebreſtes und ſeines Kollers entdecken zu können.—„Kreuz und Stern!“ rief Bechtram ungeduldig, und zauste ſeinen grauen Knebelbart; „irgend etwas muß doch die Schuld tragen. Wer weiß, ob deine Baſe den Gaul nicht verhert hat, Leuenberg.“— Die Uebrigen brachen in lautes Gelächter aus. Doring faßte ubrigens den Gedanken auf, und verſicherte ernſthaft und kopfſchüttelnd, es ſey hier wohl eher die Wahyrſcheinlichkeit einer Zauberei da, als nicht.—„Es wäre möglich, daß die Krämer zu Frankfurt Dir den Gaul geknüpft hätten;“ meinte der Reifenberg, und der von Wiede ſchwor bei allen Wettern⸗ Zauberei ſtecke dahinter, und weiter nichts. Sie ſtanden mit untergeſchlagenen Armen im Kreiſe um den Gaul, und Bech⸗ tram ſprach endlich verdrießlich:„Was verzaubert iſt, muß ſich auch entzaubern laſſen, wenn man's nur verſtände.“— „Warum liegt Ihr im Bann!“ wieherte der Hornberger: „Warum nahm Euer Kaplan Reißaus! Die Schorköpfe fennen Teufelei und Hexenwerk wie ihr Meßbuch, und beten dem Satan die Hörner ſtumpf.“—„Wenn's nur das iſt, da kann abgeholfen werden,“ meinte Bechtram:„in meinem Verließe ſteckt ja ein Kuttenknecht, und man könnte ihn ja eine Weile aus dem Käſig laſſen, um hier ſeine Schuldigkeit zu thun.“—„Ja wohl,“ pflichtete der Leuenberger bei: „und ſo Ihr begehrt, verlange ich von Eurer Hausfrau die Schlüſſel, und ſchleppe Euch den hagern Burſchen her.“— Bechtram gab nach einigem Bedenken die Einwilligung, und Veit eilte, ſeinen Auftrag auszurichten, und kehrte bald mit dem Mönch zurück, deſſen Gang ſich ſehr von dem ſchleichen⸗ den Katzentritt ſeiner Ordensbrüder unterſchied. Kraftloſigkeit lag jedoch über ſein ganzes Weſen ausgebreitet, und das Geſicht hielt er in der Kaputze verborgen⸗ durch deren Oeff⸗ nung ein verwirrter Bart ſich ſehen ließ.„Willkommen⸗ hochwürdiger Herr;“ redete ihn Bechtram ſpottend an: ör mögt vergeben, daß meines Gewerbes ſtrenge Beſchäftigung mir noch nicht die Muße gönnte, einen werthen Gaſt, wie 2 Ihr ſeyd, von Angeſicht zu Angeſicht zu ſchauen. Ich hoffe indeſſen, daß Euch und Euerm Begleiter die nothwendige Atzung nicht gefehlt haben werde.“„Der arme Schelm!“ ſchaltete Doring mitleidig ein:„Frau Elſe hat nur fiür trocken Brod und klares Waſſer geſorgt.“— Bechtram warf ihm einen finſtern Blick zu, und entgegnete mit trockner Kälte:„Ein Jeder, Freund, wird in meinem Hauſe gehalten, wie es ſeinem Stande geziemt. Mönch und Bauer ſind auf die nüchternſte Koſt angewieſen, und darum hat meine Wirthin ihre Tafel alſo angeordnet. Ich möchte Euch indeſſen, wür⸗ diger Vater, gern zu einem beſſern Trunk und leckerem Biſſen verhelfen, wenn Ihr mir dieſes Pferd hier, das am Hinter⸗ fuß verzaubert und gebannt iſt, wieder zurecht bringen wolltet durch euern Segen und Beſchwörung.“— Der Mönch, der bis daher noch kein Wort geſprochen hatte, ſah auf den Gaul und deſſen Herrn hernieder wie ein Fürſt, und er⸗ wiederte ruhig:„Ich verſtehe das nicht, Herr, was Ihr be⸗ gehrt.“— Bechtram war mit der Antwort nicht zufrieden.— „Ausflüchte,“ ſprach er lächelnd;„Ihr Kloſterleute pflegt doch ſonſt eher mehr zu verſprechen, als ihr halten könnt, und allzu große Beſcheidenheit iſt eure Sache nicht. Hängt ſie an den Nagel, und ſtellt mir das Thier wieder her. Es ſoll Euer Schade nicht ſeyn. Höher als eines Menſchen Leben ſchätze ich das Roß, und meine Dankbarkeit iſt Euch gewiß.“ „Ich wiederhole Euch, Herr,“ verſetzte der Mönch ge⸗ laſſen,„daß ich nichts von Beſchwörungen verſtehe.“— Bechtrams Stirne wurde glutroth, und der Hornberger fuhr auf.—„Biſt Du ein Ffaffe,“ ſchrie er,„und kannſt nicht einmal ein verhertes Vieh löſen? Schwänke über Schwänke! Das Zaubern lernt ihr aus euern Chorbüchern, die keine 217 andre Chriſtenſeele verſteht. Merkt Ihr nicht, Bechtram, daß der ſchmutzige Barfüßer Euch nur zum Beſten hat? daß es ihm Freude macht, Euern Renner krumm und lahm zu ſehen? Die Pfaffen ſind Eure geſchwornen Feinde. Laßt dieſen hier nur die Peitſche geben, bis er ſich bequemt. Kreuz und Dorn! ich mache nicht ſo viele Umſtände mit den braunen Unthieren.“—„Hm,“ erwiederte Bechtram:„ich werde doch in ſechzig Jahren nicht weniger gelernt haben, als Ihr, mein Herr von Hornberg? Laßt das Hofmeiſtern auf gelegene Zeit, wenn Euch der Bart grau geworden. Ich weiß ſchon ſelbſt, wie mit Wiverſpenſtigen umzuſpringen iſt.“— Der Hornberger wurde empfindlich über die öffentliche Zurecht⸗ weiſung.„Bei allen Gewittern!“ rief er:„Nicht ſo hitzig⸗ Meiſter Bechtram. Daß ein grauer Bart nicht vor Thorheit ſchützt, beweist Ihr gerade jetzo, da Ihr einen erprobten Freund wegen eines Pferds und eines Tagediebs beleidigt.“ —„Schweig! Gelbſchnabel,“ erwiederte Bechtram mit zor⸗ niger Geberde, indem er an die Hüfte ſchlug, wo das breite Schwert hing.— Friede! Friede! riefen jedoch die Andern dazwiſchen. Der Leuenberger nahm es über ſich, den Horn⸗ berg zu beſänftigen, und der ältere Doring machte ſich an Bechtram. Die beiden gereizten Männer ergaben ſich nicht alſobald in den Willen der Vermittler, und ſträubten ſich lange gegen eine Verſöhnung des ſo ſchnell ausgebrochnen Zwiſts. Endlich hängte ſich noch der Reifenberg an den Hornberger, Henne von Wiede an den Burgherrn, und ſprachen, ſo gut es ihre rauhe und der Schmachreden mehr, denn der Friedensworte gewohnte Zunge vermochte, kräftig genug zur Sühne. Während nun die eine Partei unter lebhaften Geberden auf der Scheibenbahn des Zwingers auf „ 218 und ablief, und die andre, heftige Worte wechſelnd, ſich an das Gatterthor gezogen hatte, beſah der Mönch das arme Roß nach allen Regeln der Kunſt, ſo daß ſich die Knechte ſelbſt ob der Unerſchrockenheit wunderten, mit welcher ein, des Reitens unkundiger Kloſterbruder, das wilde und unge⸗ duldige Thier zu behandeln wagte. Er war mit ſeiner Unter⸗ ſuchung zu Ende gekommen, als gerade die friedſtiftenden Freunde auch an das Ende ihrer Bemuhungen gelangt waren. Des Hornberger's Hitze war größtentheils verdampft; der kältere Bechtram hatte erwogen, daß er des unerſchrocknen Kämpen wohl noch ferner bedürfe, und beide boten endlich willig die Hand zur Ruhe und Minne.—„Laßt's gut ſeyn;“ brummte Bechtram, des Junkers Rechte ſchüttelnd.—„Gott ſtrafe mich, wenn ich's Euch gedenke;“ erwiederte der rohe Menſch, dem ältern Kumpan um den Hals fallend:„aber, ſetzte er hinzu:„da ſich zwei wackre Edelleute um ſolches Un⸗ gethüm“— auf den Mönch zeigend—„verunreinigt haben, ſo muß der Bube uns beiden Genugthuung leiſten, und auf der Stelle den Teufel beſchwören, der in dem Gaule ſitzt oder es geht ihm nicht gut.“—„Recht, Hornberg;“ bekräf⸗ tigte Bechtram, der ſich mit dem Uebergewichte eines hech⸗ muthigen Zwingherrn gegen den Mönch wendete:„Mache Dich fertig, Pfäfflein, ſonder Widerrede, heile mir das Pferd. Ehe die Abendſonne hinter jener Linde ſinkt, muß es ge⸗ ſchehen ſeyn. Mangelt Dir etwas vom geiſtlichen Staat⸗ ſo zu dieſem Werte nöthig wäre, ſo ſoll es Dir gereicht werden. Weihkeſſel und Wedel, Stola und Meßrock findet ſich in meiner Kapelle. Darum ſprich und treibe Deine Schwänke, damit mein Gaul geſunde, und es Dir wohl gehe auf Erden.“ 219 „Muß ich denn wiederholen, was ich früher ſagte 2“ fragte der Mönch achſelzuckend, mit etwas verächtlicher Miene, ſo weit ſich ſein blaſſes Geſicht unter der Kaputze erkennen ließ.— Bechtram ſtampfte wild mit dem Fuße.„Hagel⸗ Sturm, Peſt und rother Hahn!“ ſchrie der vorlaute Horn⸗ berg:„Tagdieb! willſt Du wohl gehorchen? Seit einer Stunde ſchon gibt Dir ein biederer Rittersmann die beſten Worte, und Du, ſchmutziger Bettelgänger, treibſt Deinen Spott mit ihm? An's Werk, oder ich lähme Dich wie den Gaul hier.“— Er griff nach ſeinem Lieblingswerkzeug, dem Meſſer am Gürtel.—„Biſt Du denn toll?“ rief ihm der Leuenberger in's Ohr, und hielt ſeinen Arm. Der wilde Junker ſträubte ſich jedoch ungeberdig, und rief außer ſich:„Laß mich, Veit, aß mich! Ich will die Knieſehne des Faullenzers treffen, ſo gut als die eines Pferdes!“— Leuenberg ließ indeſſen nicht ab, und die Uebrigen ſtanden ihm bei. Der Mönch kehrte ſich gelaſſen zu Bechtram, und ſprach:„Ich weiß wohl, daß der gute ungeſtüme Junkerherr Wort halten würde. Einen Menſchen zu verſtümmeln wie ein Thier, fällt ihm nicht ſchwer. Demungeachtet kann ich Euerm Wunſche durch eine Leſchwörung nicht genügen, wohl aber durch leichtere Hulfs⸗ mittel. Das Roß iſt nicht behext, und wenn es der Huf⸗ ſchmid Sr. kaiſerlichen Majeſtät behaupten wollte. In ſeinem dufe ſitzt die ganze Zauberei, und dieſe Krankheit nennt man die Steingalle. Gefällt es Euch, ſo will ich noch dieſe Nacht ein wundätzend Waſſer berciten, und morgen das Pferd damit von Grund aus heilen. Mit Zauberei gebe ich mich aber nicht ab.“— Die Edelleute ſtanden ungläubig und ſtumm bei dieſen Worten. Als aber der Mönch mit gewandter — Fauſt des Pferdes Fuß aufhob, und ihnen Allen den kleinen braunrothen Fleck darinnen zeigte, den ihr ungeübter Blick überſehen hatte, und ſie ſich überzeugten, daß bei der Be⸗ rührung dieſes verletzten Fleckchens das Thier zuſammen⸗ ſchauerte, und mit aller Macht zu hauen und zu beißen ver⸗ langte, da kam ihnen doch nach und nach zu Sinne, daß der verachtete Kloſtermann wohl Recht haben könnte, und eine gewiſſe Art von Bewunderung trat an die Stelle des pöbelhaften Hohns.—„Ei, hochwurdiger Herr,“ ſprach Bech⸗ tram ſo verbindlich, als es ihm möglich war:„Ihr verrathet einen Mann, der nicht in die braune Haut gehört, die Ihr auf dem Rücken tragt. Solch adelich Reitergewerbe zu ver⸗ ſtehen, wie Ihr's verſteht, was ſich aus Euren Handgriffen und zuverſichtlichen gerechten Worten ermeſſen läßt,— das lernt man ſonſt in Euern Klöſtern nicht, worin der Betteleſel das einzige Thier iſt, das von Ferne eine Aehnlichkeit mit dem edlen Roſſe hat. Sagt, womit ich Euch erfreuen kann; nur die Freiheit muß ich Euch für jetzo verſagen, da mir es eine andere Pflicht gebietet.“—„Ich weiß zwar nicht, welche Pflicht Euch gebieten kann,“— verſetzte der Mönch⸗ „die Gewaltthätigkeit fortzuſetzen, die jener junge unbeſonnene Mann an mir und meinem armen Fuhrmann verubt hat. Allein eben in die Gewalt muß man ſich fügen, ſo man nicht der Stärkere iſt. Heile ich Euch jedoch den Hengſt, und findet Ihr morgen, daß ich nicht zu viel verſprochen, ſo er⸗ leichtert in etwas das Schickſal des armen Bauers, der mit mir in Eurem Thurme ſchmachtet. Bedenkt, daß er ein Weib daheim hat und fünf Kinder, die nicht ahnen, wohin ihr Ernährer gerathen iſt, und die vielleicht vergehen in Noth und Jammer, wie er dahin ſchwindet in Heimweh und 22¹ verzehrendem Gram. Behandelt ihn nicht ſchlechter als Eure Ruden, die denn doch dann und wann eine beſſere Atzung erhalten, als verdorbenes Haferbrod und ſchlammiges Waſſer. Mit einem Worte: haltet den Unſchuldigen wie einen Menſchen; dann habt Ihr mir reichlich den geringen Dienſt vergolten, welchen ich Euch leiſten will.“— Bechtram ſchwieg etwas beſchämt. Die edeln Herren ſahen ſich der Reihe nach verwundert an.—„Ein wunderlicher Heiliger;“ lachte der Hornberger, der ſich aus ſeiner Wuth wieder zum Scherz gefunden hatte:„Wenn Ihr ihn auf der Fahrt hieher geſehen hättet, geſchworen hättet Ihr, der Menſch ſey ſtumm. Auch kein Wörtlein hat er verſchwendet, ſo tapfer des Leuenbergers Baſe ihn in's Gebet nahm. Ohren und Angen in die Kutte gehullt, ſaß er da, wie ein Bild von Holz, und ich ſchwör's, er hat auch kein Wort gehört, was wir geſprochen. Jetzo aber geht ihm der Mund friſch weg, wie ein fleißiges Rädlein. Gluck zu, Pater!“—„Man rede nur zur gelegnen Zeit;“ verſetzte der Mönch ruhig.— „Man rede aber nur alsdann fur ſich, und nicht für Anderez“ fügte Bechtram mit einer Gutmüthigkeit bei, die ihm um ſo beſſer anſtand, als er ſelten darein verfiel:„Mir wär's lieber, bei Gott! Ihr verlangtet etwas Beſſeres, als ein Stück Fleiſch für den dummen Bauer.“—„Mein Gewand iſt das der Demuth;“ entgegnete der Mönch kurz:„ich be⸗ gehre nichts fur mich; aber hindert Euch denn dieſes, mir freundlich entgegen zu kommen?— Für heute wünſche ich nichts als Ruhe, und daß man mir verſtatten möge, in den Lhurm zuruck zu kehren, um vas Wundwaſſer für das Pferd zu bereiten.“—„Wohl wird es kühl und dämmrig hier im Zwinger,“— meinte Bechtram,—„und wir wollen Euch 2. 15 222 unter Dach und Fach bringen, guter Kloſtermann. Aber bei leibe nicht in den Thurm. An unſerem Hausherde könnt Ihr weit leichter Euern Balſam brauen, und an unſerem Trinktiſche ſitzt ſich's beſſer, als in dem Kerker. Kommt mit; einige Becher edeln Getränkes werden Euch ſtärken, und ein Stück köſtlichen Wildbratens Euern Gaumen ver⸗ gnügen. Ihr erzählt uns dabei aus Euerm Leben, und aus der Ferne, denn weit ſeyd Ihr hergekommen, und helft uns alſo den Abend verkurzen.“—„Ich bin ein ſchlechter Er⸗ zähler,“ antwortete der Mönch:„im Thurm aber wird mein Begleiter, der arme Bauersmann, meine Geſellſchaft ver⸗ miſſen. Mein Troſt allein und mein Zuſpruch drückten ihm die Augen zu, auf ſeinem elenden Strohlager.“—„Pah!“ rief der Leuenberger:„ſolch Volk braucht kein Einlullen.“— „Keine Genoſſenſchaft, als die der Ratzen und Spinnen,“ ſetzte Hornberg hinzu.—„Ja wayrlich!“ bekräftigte Bech⸗ tram:„Ich ſende dem Manne einen Becher Wein, daran mag er ſich Rauſch und Schlaf zutrinken, und fröhlich ſeyn. Ihr aber, Pater,— Kreuz und Stein! Ihr müßt mit, und ohne Zögern.“ Der Ritter nahm den Arm des Mönchs unter den ſeinigen, und das ganze Häuflein der Gäſte nahm ſeinen Weg zu dem Gatterthore, an welchem die Hausfrau ihnen entgegen kam, und den Eheherrn bewillkommte.„Wo iſt das Fräu⸗ lein?“ fragte er ſchnell, und jeder Mund wiederholte die Frage, und jeder Blick ſuchte ſie. Frau Elſe gab jedoch eine unbedeutende Unpäßlichkeit vor, verſicherte, daß dieſelbe bald voruber ſeyn würde, und führte die Herren ſammt und ſonders in das Gemach des erſten Stockwerks, wo auf dem eichenen Liſch Speiſen aufgeſtellt waren, und vom Kandelbrett 223 die glänzenden zinnernen Kannen herableuchteten mit den ſauber geformten Aengſtern, den mächtigen Paßgläſern und den bauchigen Krügen. Wie heißhungrige Wölfe fielen die Gäſte uber die derben Keulen her, und der duftige Wein ſtrömte in die Becher. Frau Elſe ſchnitt das Fleiſch vor, das Fräulein von Leuenberg kredenzte, in Ermanglung eines reizenderen Mundſchenks, den Trunk, und bald verwirrte ſich Alles in ſcherzhaften Geſprächen und Alletagsreden. Doring und Weide griffen nach der reiſenden Uhr*), ſich die Zeit zu vertreiben; der Reifenberger krähte ein Minne⸗ lied zu Petronellens Ehre, welches der tolle Hornberger mit einer verſtimmten Laute begleitete; Bechtram, der Leuen⸗ berger und der Mönch ſaßen beiſammen, und ſchwatzten von Jagd und Falkeniererskunſt, in welcher der Letztere wieder ungemeine Fertigkeit verrieth, und den Zuhörern manch Jägerſtücklein und Falknergeheimniß zum Beſten gab, von dem ſie ſich nichts hatten träumen laſſen. Bald jedoch nahm der Wein in Bechtram's, wie in Veit's Kopfe überhand, und es entſpann ſich zwiſchen ihnen ein Hader über Wilderei und Forſtherrngerechtſame. Die Uebrigen, nicht minder vom Weine erglüht, miſchten ſich in den Handel, und ehe man ſich's recht verſehen konnte, ſaßen alle beifammen an einem Liſche, um ſich mit weniger Aufwand an Stimme und Ge⸗ berden zanken zu können. Petronella nahm keinen Theil an dem Männerzwiſt, ſah ſich vergebens nach Elſen um, die aus der Stube verſchwunden war, und ſteuerte endlich auf den geiſtlichen Herrn zu, der jedoch von ihrem Vornehmen etwas merken mußte, da er plötzlich aufſtand, und aus dem Schach⸗ und Brettſpiel, Würfel w. Gewirre und Gelärm der Bezechten, wie vor der Redſelig⸗ keit der alten Jungfrau floh, um an den verglimmenden Kohlen des Herdes die Wundarznei zu bereiten, und daneben ſeine Schlafſtelle zu ſuchen. Die Glut kniſterte ſchon unter dem Topfe, in welchem das Waſſer gährte, vermiſcht mit dem nothwendigen Wein und Gewürz, und der lange braune Mann ſtand ſinnend, mit übereinander geſchlagenen Armen, uber die Dämpfe des Topfes hinwegſehend in den finſteren Schlot, bis ihn ein Geräuſch aufzuſchauen bewog. Frau Elſe ſtand neben ihm, ergriff ſeine Hand, und küßte ſeinen Aermel. Da ſich nun der Mönch darob verwundert anſtellte, ſo redete Frau Elſe alſo mit demüthigem Geſichte:„Liegen wir gleich jetzo im Bann hier zu Falkenſtein, ſo ſind wir doch getaufte Chriſten, und keine Heiden oder Juden, die es gerne ſehen, wenn die Geweihten des Herrn in Trubſal ſchmachten und Noth. Hochwürdiger Herrz es hat mir oft das Herz geblutet, daß mein Alter Euch gefangen halten muß, ſeiner eigenen Sicherheit wegen, und daß ich Euch nicht veſſer bewirthen durfte, als bisher geſchehen: ich bin aber die Frau, würdiger Herr, und der Mann führt den Befehl. Vergebt mir alſo.“—„Hab ich Euch gezürnt, Frau?“ fragte der Mönch dagegen:„Vollt mir gütigſt hier eine Weile beiſtehen, ſo lange das Waſſer kocht;“ ſetzte er hinzu:„denn ich muß Euch bekennen, daß ich des Küchenhandwerks nicht allzu gewohnt bin.“—„Ich glaub' es wohl, hochwurdiger Vaterz“ erwiederte Frau Elſe:„das Geſchäft ſchickt ſich cher für weibliche Hand, und ich will gerne, ſo Ihr mir begreiſ⸗ lich macht, was vabei zu beobachten iſt, es ganz an Eurer Statt zu Ende bringen, wenn Ihr geneigt wäret, einer armen mit ſich ſelbſt und ihrem Gott zerfallnen Frau einen 225 Liebesdienſt zu erweiſen, wie ihn die Kirche und der Heiland fordern und eingeſetzt haben.“—„Wie meint Ihr das, Frau, und iſt von Euch die Rede?“ fragte der Mönch ernſt⸗ haft.—„Nicht von mir gerade, liebſter Herrz“ ſprach Frau Elſe heimlicher:„ich liege im Bann durch meines Mannes Schuld, und darf ja von der Kirche nichts begehren, bevor wir nicht losgeſprochen. Aber da iſt eine Frau im Schloſſe, eine Verwandte von uns, müßt Ihr wiſſen; und dieſe Frau ſehnt ſich plötzlich nach dem Sakrament der Beichte und Buße, wie ein Sterbender nach dem Liebesmahl. Ich hab's nicht gerne gethan, allein ich mußte ihrem Bitten nachgeben, da der Zufall gewollt hat, daß mein Herr Euch aus der engen Haft entlaſſen. Wollt alſo ſagen: Ja, und die Schlüſſel zur Kapelle empfangen, denn in das Gemach der Schwer⸗ müthigen darf ich Euch nicht bringen, weil die Männer es merken könnten, und der Jähzorn meines Alten iſt ohne Grenzen, weil er im Bann liegt, und er kann daher nicht leiden was geiſtlich, oder geiſtlicher Verrichtung iſt. Ich ſende Euch die Bußbedürftige,.. in einer halben Stunde iſt alles abgethan, und ihr nehmt einen Gotteslohn mit Euch.“— Der Ordensmann war während dieſer Erläuterung ver⸗ legen und unruhig geworden. Mit einer gewiſſen Heftig⸗ keit weigerte er ſich des Antrags, und ſchob der Weigerung Schuld auf das Interdikt, das auf der Veſte ruhe. Frau Elſe warf ihm dagegen ein, daß die Fremde nicht dem Banne unterliege, und es demnach nicht gegen das Gewiſſen des Paters laufen würde, wenn er das Verlangte thue. Durch die abſchlägige Antwort noch obendrein ein wenig gereizt, ſetzte das männliche Weib mit unverholner Beſtimmtheit hinzu:„Ihr Herren macht ja ſonſt keine Umſtände, wenn es darauf ankömmt, einen Beichtheller zu gewinnen. Der heilige Vater mag Städte und Weichbilder in Bann thun, und alle andre Welt und Ordensprieſter mit Kreuz und Fahnen von dannen ziehen, Ihr bleibt zurück, und ſingt Eure Metten und Veſper, nach wie vor. Fügt Euch darum heute auch gutwillig, verſteht Ihr mich? Eure Tafel ſoll Eure Will⸗ fährigkeit verſpüren, hört Ihr? Hier iſt der Schlüſſel zum Kirchlein,“ ſetzte ſie hinzu, indem ſie den Mächtigen von dem breiten Schlüſſelringe losmachte:„hier ſteht eine Leuchte, mit der Ihr vorſichtig umgehen mögt, denn es liegt allerlei brennbares Zeug in der Kapelle, und ſie iſt etwas in Unord⸗ nung gerathen, aber zum Beichtſitzen iſt Platz genug vor⸗ handen. Geht voraus; gleich ſende ich Euch das Fräulein⸗ Laßt es aber unterwegs, mit demſelben vielleicht eine Liſt anzuſpinnen, um zu entkommen; unſre Augen ſind ſcharf; man hintergeht nicht mich, nicht meinen Alten.“— Somit drehte ſie, ohne eine Antwort abzuwarten, dem Mönch den Rücken, und ging nach der Treype, über welche das Gebrüll der Zecher, die ein Fechtlied angeſtimmt hatten, in die Halle ſchallte.„Wartet! wartet, ihr Trunkenbolde!“ ſchalt die Hauskönigin, indem ſie ihre Fauſt mit einem Beſen bewaff⸗ nete:„Ich will Euch zur Ruhe bringen, daß der Lärm auf⸗ höre bei nachtſchlafender Zeit. Ihr müßt fromm ſeyn, wenn Ihr noch einen Tropfen Weins bekommen wollt.“— In der That verfügte ſie ſich auch vorerſt in die Trinkſtube, brachte durch ihre Vorwürfe und durchdringende Stimme die Lärmen⸗ den zu beſſerer Erkenntniß, und nachdem ſie die Ruhe wieder in etwas hergeſtellt, begab ſie ſich in das höhere Stockwerk das Frauengemach, wie ihre ſchweren Schritte auf der ſteinernen 221 Stiege vernehmen ließen. Der Mönch zündete indeſſen die Leuchte an der Flamme des Herds an, ſchob ſein Ge⸗ bräue von der Glut, lächelte dann ſeltſamlich, und blickte nachdenkend gen Himmel.—„Sollte es denn wohl eine Sünde ſeyn,“ fragte er vor ſich hin,„wenn ich mich in dieſe Zumuthung füge? Nicht doch;“ ſetzte er nach kurzem Be⸗ denken bei:„dieß Gewand ſchon erheiſcht es, und dann iſt es ja eine Troſtbedürftige in Räuberhänden, die nach der Theilnahme eines Menſchen verlangt, in deſſen Worten ſie den allmächtigen Gott zu finden hofft.— Vermuthlich, trotz der Verwandtſchaft, von welcher Frau Elſe ſprach, eine gleich mir Gefangene, vielleicht diejenige, um deren Willen man mich und den Unglücklichen, der mich fuhr, zurückhält, ob wir gleich in unſrer Abgeſchiedenheit nicht einmal ihren Namen erfuhren? Werde ich ſie aber tröſten können, ich, der Troſt⸗ ſuchende und Troſtloſe? Vielleicht denn doch: auf die Lippen des Leidenden ſetzt ſich wohl zuweilen ein Engel, welcher andern Geprüften das Heil einer geſegneten Zukunft verkün⸗ det. Laß ſehen!“ Er faßte Leuchte und Schlüſſel, und ſchlich über die Holz⸗ treppe in den engen Hof, in welchem er nach wenigen Schritten das Kirchlein erreichte, deſſen niedrige Pforte mit einem großen Kreuze bezeichnet, und von einem halb ver⸗ witterten Fliederbaume dürftig beſchattet war. Schon hatte die Spinne ihr Gewebe über die Oeffnung des Schloſſes ge⸗ zogen, ſchon hatte der Roſt ſich in die Angeln geſetzt, daß ſie knarrten wie Räder, als der Mönch die Pforte aufthat.— „Was macht Ihr da, frommer Herr?“ fragte eine Stimme über die Bruſtwehr der Hofmauer aus dem Zwinger herüber, leiſe und mit Theilnahme. Ein Knecht guckte herüber, der 2²8 gerade vier Stunden lang die Rundwache hatte, und auf dem Mauergänglein einherſchlenderte.—„Ich gehe beten!“ verſetzte der Mönch, ohne eine Betroffenheit zu verrathen, die ihm hätte Schaden bringen können.—„Ei Herr,“ ſprach wieder der Knecht, ein junges Blut mit treuen Augen:„darf man denn beten, wo der Bannfluch haust?“—„Warum nicht?“ redete der Mönch:„Gott iſt überall, und ſeine Mon⸗ desſcheibe ſieht die Gebannten an, wie die Freien.“—„Ach, wie dank' ich Euch, würdiger Herr,“ verſetzte der Knecht: „Ich habe mich geſcheut, den engliſchen Gruß zu beten, ſeit ich auf der Veſte bin, während ganzer drei Wochen, und war doch daheim gewohnt, nie ohne Gebet einzuſchlummern.“— „Bete Du auch hier!“ verſicherte ihn der Mönchz„fromm ſeyn bringt Segen überall. Behüte Dich Gott!“—„Und Euchz“ flüſterte dankbar der Knecht:„ſo Ihr etwas Geheimes da drinnen zu verrichten habt, habe ich Euch nicht geſehen⸗ Ave Maria, Herr!“— Ohne weitere Störung trat der Mönch in die Kapelle, und es wurde ihm ſeltſam um's Herz da er das kleine Gotteshaus in ſo ganz andrem Zuſtande antraf, als man es wohl an ſolchen Gebäuden gewohnt ſeyn durfte. In einem Winkel aufgethürmt lagen Betſchemel, Bahre und Abendmahlbänke, umflort von Staub und Spinnenfäden. Die Hälfte des Kirchleins war angefüllt mit Laubhaufen und Strohbündeln, wie mit einem Heuvor⸗ rath, welchen zu ergänzen oder wegzunehmen die Burgknechte den bequemſten und kürzeſten Weg gefunden hatten, nämlich durch das an die Zwingermauer ſtoßende Fenſter der Kapelle⸗ wo die Lejter lehnte, welche dieſe Geſchäftsgänge zu erleich⸗ tern beſtimmt war. Die hölzernen Stufen des Altars waren zertrummert;z der Altar ſelbſt in dem traurigſten Zuſtande. 229 Der Burgpfaffe hatte die Monſtranz mit ſich genommen, und das Tabernakel ſtand offen und verödet. Das Bild unſrer lieben Frau neigte ſich dem Beſchauer von der Höhe ent⸗ gegen, aber ſeines Schmucks entkleidet, und von dem Haupte des Bildes hingen noch wenige verwelkte und vertrocknete Blumen, die einſt eine fromme Hand zu einem Kranze für daſſelbe gewunden hatte. Der Prieſterornat, wie die Ge⸗ fäſſe des Altars lagen in dem Schrein, deſſen Thüre weit offen ſtand, ſo wie der Zufall und neugierige Finger ſie unter einander geworfen hatten. Die Fetzen eines alten Kirchenpaniers flatterten im Zugwinde traurig von der be⸗ ſtaubten Stange, und die Lampe, die ewige genannt, nun⸗ mehr aber auch erloſchen, bewegte ſich, von einer Kette los⸗ geriſſen, blos noch von der andern emporgehalten, klirrend im Luftſtrome hin und her. Der Beſucher dieſer Oede hatte nicht lange Muße, alle Gegenſtände genau zu betrachten, die ſich ihm in finſtrer Unordnung in dieſem engen Raume auf⸗ drängten. Bald vernahm er die Schritte eines näher kom⸗ menden Menſchen, und er hatte kaum noch Zeit gefunden, ſich in den Beichtſtuhl zu ſetzen, den man zur Herberge alter und verdorbener Satteldecken gemacht hatte, als die Pforte wieder leiſe aufging, und eben auf dieſe Weiſe zugemacht wurde. Wallrade trat ein, in dichte Gewänder und einen dunklen Schleier gewickelt, warf im Vorübergehen gegen den Alar einen Blick in den Stuhl der Reue, und nickte dem Darinſitzenden langſam zu. Alsdann warf ſie ſich vor den Stufen des Altars nieder, und Thränen, ſeltne, ſeit Langem ungewohnte Gäſte, heute ſchon einmal erſchienen, beſuchten die Erſchütterte zum Zweitenmale. Ihre Lippen beteten, wie ihre Augen weinten, heftig, ſtürmiſch, und ihr Flehen ſtieg leiſe, aber dennoch ſtürmiſch wie das vom Orkan gepeitſchte Meer, wenn man es aus der Ferne ſieht, zum Himmel em⸗ vor.—„Herr der Erde und aller Welten!“ ſtammelte ihre Empfindung in unhörbaren Worten:„Wie iſt doch mein Herz heute erfaßt worden auf wunderbare Weiſe; und biſt Du es, oder einer Deiner ſtrafenden Engel, der alſo zu mir redete durch den Mund der aberwitzigen Alten? O gib mir doch einen Wink, daß Du es biſt, oder verrathe mir, daß es der Geiſt der Ohnmacht allein geweſen, der über mich kam, und mich ſchwächer machte, denn ein unbeholfenes Kind!. Ha, wie dieſes Wort mich ergreift. Warum haſſe ich den Namen des Kindes, warum verachte ich den der Mutter, und warum dennoch ergriff mich ſo allgewaltig das mährchenhafte Beiſpiel der Grauſamkeit einer Mutter, des Leidens eines Sohns? Warum klang es wie mit metallnen Schlägen an mein Herz, daß auch ich. o weh mir! Wer hilft aus dieſem Wirrſal! Wer ſagt mir, was ich thun ſoll, und ob ich recht thue, indem ich meinem entſetzten Gewiſſen folge, und zur Buße ſchreiten will, die mich vielleicht ver⸗ wirft,— die ich vielleicht verwerfen ſollte, wenn meine Kraft noch die alte wäre?— Heilloſes Schwanken! traurige Furcht vor den Geſpenſtern meiner Einbildung! Ich habe ja nicht gemordet! was will ich denn eigentlich bekennen? Gott ſchütze mich und meine Vernunft!“— ½ Sie erhob ſich entſchloſſen, näherte ſich raſch dem Beicht⸗ ſtuhle, in welchem der Geiſtliche lehnte, zu deſſen Füßen die hell aufflackernde Leuchte brannte. Und als ſie den Schleier zurückwarf und auf die Stelle des Reuigen treten, die Kniee beugen wollte, tönte ein ſchmerzliches„Ach!“ von den Lippen des Mönchs, und er ſchien in Bewußtloſigkeit 231 zu vergehen. Wallrade, erſchrocken, heſtig wie ſonſt, reißt die Lampe auf, leuchtet in das Geſicht des Todtblaſſen, und entſetzt ſich nicht minder. Denn nicht nur das Antlitz, das ſich gewaltſam emporreißt aus den Banden des umklam⸗ nernden Halbtodes, auch die Stimme iſt's, die ſie erkennt und fürchtet. Die Augen des Mönchs gehen auf wie dro⸗ hende Mordbilder, ſeine Hand erfaßt mächtig die erkaltende Wallradens; mit der Linken entreißt er ihr die Leuchte, die ſie ſo eben ſinken laſſen will, und ſeine Zunge ſtammelt ein ſchreckliches:„Jeſus! Jeſus! ſehen wir hier uns wieder?— Kennſt Du mich?“ ſetzt er heftiger bei, und ſie nickt ſtumm mit dem zitternden Haupte, und hält ſich ſchwindelnd feſt an den Armen deſſen, den ſie haßt, damit ſie nicht nieder⸗ gleite zum kalten Boden. Und der Mann, der Zürnende, hat Mitleid mit der Vernichteten, und ein freundlicherer Ton ſeines Mundes ruft ſie wieder auf zum Leben, zum Schauen.— O daß in ſolchen Augenblicken der hereinbre⸗ chenden Wahrheit, Reue und Beſchämung ein falſches Herz nicht bricht, um rein unter die Erde zu gehen! Daß mit der Beſinnung und der wiederkehrenden Kraft auch die vor⸗ überblitzende Schaam ſchwindet, und das Bedürfniß der Sühne! Daß auf der Schwelle zum Licht der finſtre Geiſt ſeine Verbündeten zurückzuhalten vermag! Daß jeder gute Vorſatz durch der Lüge gift'gen Athem in der Blüthe vergeht, wie das Wort der Vertheidigung auf den Lippen des ſchüchter⸗ nen Mägdleins! Von Wallraden wich der gute Engel trauernd in einem Augenblicke der wichtigſten Warnung, und gerade dem gegenüber, deſſen plötzliches Erſcheinen das Siegel auf ihren Bund mit der Buße hätte drücken ſollen. Eilftes Bapitel. Biſt Du ein Weib? Du ſollſt mir keine Kinder gebären. Macbeth. „Wallrade! kennſt Du mich?“ wiederholte der Mönch mit ſchmerzlicher Stimme, und Wallrade wand ſich ſtolz aus ſeinen umfangenden Armen.„Wie ſollte ich nicht, Rudolph?“ fragte ſie bitter;„Ich finde Euch immer im Gewande der Lüge. Trug iſt Euer ſteter Begleiter, und nimmer ſtand ein offner Helm über Euerm Wappen. Was ſucht Ihr hier? wie kommt Ihr hieher?“—„Weib!“ ent⸗ gegnete der Herr von der Rhön, deſſen bleiche Wange ſich höher färbte bei dieſer ſchnöden Anrede:„Weib! ſieh ſelbſt, was Du aus mir gemacht haſt. Hab' ich denn ſo ſchwer geſündigt, daß ich umherirren muß wie ein Fluchtiger, dem Henker Verfallner? Du haſt mich fortgetrieben aus meinem Hauſe, von Allem, was ich liebte. Zu ſtolz, um mich einen Thoren ſchelten zu laſſen von den Freunden, die mir auf dieſer ſeltſamen Flucht begegnen möchten,— zu ſchwach hin⸗ gegen, ohne Scheu dem ſchimpflichen Tode entgegenzutreten⸗ der von einem Worte Deiner Lippen abhing, beſchloß ich, auch den Namen des Unglücklichſten aller Menſchen von der Erde verſchwinden zu laſſen. Weg warf ich alle Zeichen meiner beſſern Herkunft, weg die Erinnerung, daß ich einſt am Tiſche des Königs Platz genommen. Dieſe Erinnerung verband ſich ja zu nahe mit derjenigen meines gezwungnen Abſchieds von meinen Theuern. In das Gewand der Demuth und Dürftigkeit gehüllt, zog ich nach den Wallfahrtsorten der Schweiz, und fand an dem Fuße der Altäre keinen Er⸗ ſatz für das, was ich zurückgelaſſen. Durch das Elend ermannte ſich aber mein Geiſt, der dem unmenſchlichen Gebote zu widerſtreben begehrte. Zuruck trieb es mich nach dem Wohnſitze meiner Lieben, trotz Deinen fürchterlichen Drohungen. Was empfand aber mein Herz, da ich dieſen Sitz des häuslichen Friedens verödet und verwaist fand, alles von dannen genommen, was meinem Leben Werth zu verleihen vermochte, alle Blüthen entwendet, durch die Hand, die von jeher mein Unglück machte; durch die Deinige. Lächle nicht ſo höhniſch. Du kennſt die Bitterkeit dieſer Empfin⸗ dungen nicht. Du hingſt nie aufrichtig und tren an einer Seele auf Erden. Wohin? ſtammelte mein Mund, wohin? fragte meine Zunge, und achſelzuckend,— denn meine Fragen klangen abſonderlich und verwirrt,— wendeten ſich Alle, die ich fragte, von dem ſinnverwirrten Pilger. Zu Coſtnitz erfuhr ich, daß Du zur Heimath gekehrt ſeyſt, zu den Deinigen nämlich, an Thüringens Gränze, daß eine Frau mit einem Kinde in Deinem Gefolge ſey. Ein neuer Donnerſchlag! Mein Weib, mein Kind in Deinem Gefolge! Nachgeſchleppt an Deiner Kette, wie ſtumme Zeugen Deines grauſamſten Sieges! Ich erkannte Deine Tücke, aber die Gegenſtände meiner Zärtlichkeit Dir zu entreißen, beſchloß ich alſobald. Die Fluren, die ich ſeit Jahren mied, weil auf ihnen mir die Hölle erwuchs, betrat ich wieder, geſtärkt durch den Gedanken an Katharinen. In jenem Hauſe, das meine Verblendung und den Urſprung unſers unſeligen Zwiſtes ſah, ſuchte ich meine Lieben und fand ſie nicht,— leer die Stätte, wo ich mich einſt in den Himmel träumte, 234 während ich einen finſtern Geiſt umarmte.“—„Redet deut⸗ licher;“ unterbrach ihn Wallrade kalt:„Ihr meint das Haus Euers Weibes, in welchem Ihr Euer unrechtmäßiges Weib und Eure Baſtardtochter ſuchtet.“—„Wallrade!“ fuhr der Herr von der Rhön empor, beſann ſich aber ſchnell und ſprach gemäßigt fort:„Ich muß mich ſchämen, daß ich nicht gelaſſen Euern Vorwurf erdulde, da ich doch die Schuld mit leichtem Muthe begangen, deren Ihr mich zeiht. Aber, Wallrade! des Menſchen Zorn ſoll nicht durch Ewigkeiten dauern. Vergebt endlich; ich muß glauben, daß ein er⸗ ſchüttertes Herz Euch in dieſer Kapelle Einſamkeit geführt, wo Ihr einen Prieſter des Herrn, einen Tröſter zu finden hofftet. Laßt die ſeltne Regung in Eurer Bruſt nicht ganz verſchwunden ſeyn! Laßt aus der Gefangenſchaft, die uns beide hier feſſelt, die Blüthe der Verſöhnung entſprießen⸗ War ich hart und ungerecht gegen Euch, ſo vergebt mir, wie ich Euch verzeihe, was Ihr mir Böſes zugefügt. Laßt ab⸗ mich zu verfolgen wegen deſſen, was unwiderruflich einmal geſchehen,— nicht mehr zu ändern'iſt.“— Wallrade ſah ihn verächtlich an:„Ihr traut Euch viel Werth zu,“ ſprach ſie, „da Ihr glaubt, mein Haß könnte wirklich niemals eine Gränze ſinden. Ich habe Euch es gedroht, aber der Jammer, in welchem ich Euch muthlos verſunken ſehe, bewegt meine Bruſt. Konnte ich einſt Euch lieben? das frage ich mich ſelbſt erſtaunt, da ich Euch winſelnd um meine Gnade flehen höre. Iſt das der Mann, der einſt alle Schranken über⸗ ſprang, um mein zu ſeyn? Seines Vaters Befehl, meine eigne Abneigung gegen jedes feſte Band? Ach, ſchon damals hätte ich ahnen müſſen, was die Folge bringen wurde. Ihr ſcheutet Euch, im hellen Sonnenlichte mir zu gehören, und ⸗ —— 235 dieſe Scheu gefiel meinen abenteuerlichen Gedanken, meiner gedemüthigten Sprödigkeit, die gern vor aller Welt die Larve der Unuberwindlichkeit vorbehalten hätte. Eure Flatter⸗ haftigkeit, Euer Wankelmuth enttäuſchte mich fürchterlich. Der Segen des Prieſters war ein Zauberwort geweſen, das unſer Wohl vernichtet hatte. Laßt mich über jene Zeit hin⸗ weggehen, wo Ihr mich überreden wolltet, ich ſey plötzlich ein Teufel geworden, während Ihr mich zuvor den Engel Euers Lebens nanntet. Von Eiferſucht und Unzufriedenheit zeriſſen, verließt Ihr mich und Euer Kind, um der Gatte einer andern zu werden. Wäre ich wirklich ſo böſe geweſen, als Ihr betheuertet, ſchon damals hätte ich unſre Ehe bekannt gemacht, Euch und Euer Kebsweib der Schande preis gegeben. Ich that es nicht; nur mag mir vergeben werden, daß ich denjenigen nicht mehr in meiner Nähe dulden wollte, dem ich's verdanke, daß ich mit dem Leben zerfallen bin.“— „Bin ich es weniger?“ fragte Bilger entgegen, und ſah ſie durchdringend an:„Weib, das durch ſeine gleißneriſche Beredt⸗ ſamkeit meinen Fehler in eine unverzeihliche Sünde verkehren möchte. Fräulein von Baldergrün! gedenkt des deutſchen Herrn, Eures weitläuſigen Verwandten, Eures nahen Freundes! Laßt mich ſchweigen! Seine Hülfe ſchloß unſern Bund, ſeine Hand hielt unſern Knaben zur Taufe,— ſein tuckiſcher Sinn vergiftete mein Glück und gab Dir Muth, in Deiner wahren Geſtalt aufzutreten. Hier ein Bündniß, das mir nicht ehrenhaft mehr ſchien, um es laut zu offen⸗ baren, ein Weib, das ich, das mich haſſen gelernt hatte, ein Freund, der unter dem Mantel der Blutsfreundſchaft und der Sittenreinheit eine unumſchränkte Gewalt über Dich und mein Kind ausubte, kurz eine Zukunft voll Verzweiflung und blutigen Ausgangs;— dort hingegen ein greiſer Vater, der es in die Hand ſeines Waffengenoſſen geſchworen hatte, ſeine Tochter nach deſſen Tode zu erziehen und ſeinem Sohne zu vermählen,— dieſe Tochter ſelbſt, ein Urbild von Sanft⸗ muth und Unſchuld, gegen deren Vorzüge Deiner Reize gefährlicher Zauber mich unempfindlich gemacht hatte,— Scheu, falſche Schaam, dem Vater zu geſtehen, was vorge⸗ gangen, das nagende Gefuhl, kein Gluck an Deiner Seite, nur Elend zu finden,— das Bewußtſeyn, daß Katharine um meinetwillen vergehe in ſtillem Liebesgram,— mit einem Worte, ich war ein Menſch, und fehlte vor Kirche und Geſetz, während mein Herz mich frei ſprach.“— „Eitle Reden!“ erwiederte Wallrade ſtreng:„Die Schmä⸗ hungen, mit denen Ihr mich und den Herrn von Iſſing uber⸗ häuft, verzeihe ich Euerm Gewiſſen, das ſchwindelnd an dem Abgrunde ſteht und jeden Strohhalm feſthalten möchte, um nicht rettungslos zu verſinken. Ihr ſeyd fortan ein unwür⸗ diger Gegenſtand meines Haſſes. Geht hin!...“— Bilger hielt die, zum Entweichen Gewendete zuruck, und fragte mit Thränen der Angſt im Auge:„O Wallrade! ich will ja gerne ſchweigen und glauben, daß die Tugend, die Ihr heuchelt, eine wahre iſt; allein nicht dieſer kalte und leere Beſcheid genügt mir. Seyd nicht die Schlange, die in einem Augenblicke ſich zahm um die Hand des Neugierigen wickelt, in dem nächſten jedoch ihn tödtlich verwundet. Sprecht,⸗ wo iſt meine Katharine,. wo meine Agnes?.. ſoll ich beide nimmer wieder ſehen?“ Wallrade ſah mit einem ſtechenden Lächeln in das blaſſe Antlitz des Geängſteten.„Ich habe bewieſen,“ ſprach ſie langfam,„indem ich Mutter und Tochter der Hülfloſigkeit 237 entriß, in welche Euer Abſchied ſie verſetzt hatte,— daß ich keinen Groll hege gegen ſie, die ich doch wahrlich— den Umſtänden nach— nicht lieben konnte.“— „Ihr hättet in Gutem für ſie geſorgt?“ fragte von der Rhön mißtrauiſch:„Ihr? wäre es auch, wär's doch kein Verdienſt; Ihr ſelbſt triebt ja den Gatten und Vater von ihnen.“—„Schweigt!“ herrſchte ihm Wallrade zu:„Ich konnte ſie verſchmachten laſſen, und that es nicht; ich konnte ſie dem Hohn der Welt preis geben, und that es nicht. Nach Baldergrün wollte ich ſie führen. Der Gedanke gefiel mir, gerade ihnen wohl zu thun. Allein... begehrt Ihr ihr ferneres Schickſal zu wiſſen,— ſo muß ich befürchten, wirk⸗ lich der Schlange zu gleichen, von welcher ihr ſpracht.“— „O ſagt's heraus,“ unterbrach ſie Bilger ſchnell und ver⸗ ſtört:„Euer Zögern gibt mir im Voraus den Tod. O welches Wort ſprach ich jetzt aus?“ ſetzte er hinzu und ſchauderte: „Mußte ich ihn nennen, den Tod? Und ſteht er nicht in Verbindung mit dem, was ich von Euch erfahren werde.“— „Möglich;“ antwortete Wallrade kalt:„Gewißheit iſt indeſſen beſſer als der Zweifel. Durch meines Herzens Be⸗ zwingung erhielt ich Katharinens Freundſchaft, allein weder Troſt noch Freigebigkeit konnten ihr Leben erhalten. Mit ihrem Kinde im Arm ſtürzte ſie ſich in die Fluthen des Mains.“ — Der Herr von der Rhön ſank langſam nieder auf die Trummer der Altarſtufen.—„In die Fluthen des Mains!“ wiederholte er mit der eifigen Kälte der Verzweiflung, die jedes Wort mit Zentnergewicht belegt, damit es ja uner⸗ bittlich die Seele zerſchmettre.—„In die Fluthen des Mains? Das, ungluckſeliges Weib, war alſo deiner Tugend Ziel? 2. 16 238 das das letzte Schlafſtüblein meines Kindes? O, wahr iſt es, wahr, daß die Sünde nimmer Gedeihen bringt, aber nur der Teufel bringt die Sünde auf die Welt.“ „Laßt doch meine Hand los!“ ſagte Wallrade zitternd⸗ da ſie ſich von Bilger's eiſiger Rechten erfaßt fühlte:„Die Kälte des Todes zuckt in Euern Fingern!“—„Warum habt Ihr nicht recht?“ jammerte der Herr von der Rhön, und erleichternde Thränen ſchoſſen in ſeine Augen, wie der Angſt⸗ ſchweiß auf die Stirne:„Warum liege ich nicht auch, ein erſtarrter Leichnam, im Abgrund des trügeriſchen Stroms? Ach, ich habe ja doch nur ſie geliebt. Was früher mein Herz bewegte, war eitler Tand,. ſie nur war das Juwel⸗ die Perle meines Lebens. Aber ſo wie die Perle ſchläft in der Tiefe der Fluth, ſo hat ſie ſich hinunter geſenkt auf den kühlen Moosgrund, weil die Welt zu arm war, dieß Kleinod zu kaufen und zu huten.“ „Ihr werdet wahnſinnig!“ verſetzte Wallrade;„laßt mich!“ —„Nicht eher, als bis Du mich hingeführt haſt zum Grabe meines Weibes!“ ſprach Bilger:„Wo ruht ſie? wo mein Kind? O ſage es mir,— Du, ihre letzte Pflegerin, Du ihre Mörderin!“— „Spart Euern Witz!“ antwortete das Fräulein kalt „Eure Sünden haben Sie umgebracht. Ihre Leiber fand man aber nicht, und gewiß hat die Fluth ſie hinausgefuhrt in's offene Meer, damit nicht chriſtlich geweihte Erde die Theilnehmerin wie die Frucht ſchändlicher Doppelehe bedecke!“ —„Nicht einmal ihr Grab werde ich ſehen?“ klagte Bilger⸗ ohne auf Wallradens Schmachrede zu hören:„Wie elend bin ich nun? Mochte ich doch flüchtig umherirren.. ich wußte ja doch, daß fern von mir zwei Herzen voll Lieb für mich ſchlagen! Und dieſe ſind jetzt zur Ruhe gegangen! O, ich Schändlicher! Du Grauſame! wir haben ſie ge⸗ mordet! Ein unerbittlich Strafgericht hat mich gen Frankfurt geführt und in dieſe Höhle des Raubes, damit ich erfahre, wie ganz verwaist ich nun bin? Meine Katharine! meine kleine, holde, unſchuldige Agneſe!“—„Seht da, in welcher Erbärmlichkeit und Blöße Euer unmännlicher Schmerz Euch darſtellt!“ ſprach hierauf Wallrade, deren Buſen hoch auf⸗ klopfte bei dieſem Anblick:„Ihr trauert um das Weib, das Euch nicht gehörte,— um das Kind der Unzucht, und Eure rechtmäßige Gattin verabſcheut Ihr, nach Euerm Sohn ſendet Ihr kein fragend Wort aus?“—„Wölfin!“ ſeufzte Bilger, troſtlos ihr in's Auge ſehend:„Erbarmte mich nicht des Knaben Schickſal? hieltſt Du ihn nicht von mir entfernt und begannſt meine Strafe, indem Du ihn mir entzogſt?“ „Weil ich mein Kind nicht als einen Fündling in Euerm Hauſe wiſſen wollte;“ erwiederte Wallrade:„Täuſchung verabſcheut mein Herz. Der Knabe ſollte Euern Namen nicht führen, aber unter Katharinens Herrſchaft ſtehen? Nimmermehr! Ich behielt ihn, damit er mir ſtets Euer Ver⸗ brechen vergegenwärtige, und— ich läugne es nicht— zu meinem Rächer wollte ich ihn erziehen.“—„Mein Sohn ſollte Dich an mir rächen?“ fragte Bilger entſetzt:„Weib! Du haſt keinen menſchlichen Blutstropfen in Deinen Adern. Wo wird er zu dieſem abſcheulichen Geſchäft erzogen?“— Ich hatte ihn dem Freiherrn von Iſſing vertraut!“ ent⸗ gegnete Wallrade ruhig, obgleich bei dieſem Namen ein Blitz aus Bilger's naſſem Auge ſchlug:„allein der edle, von Euch verkannte Mann war ſchon in Preußen in einem Volksaufruhr gefallen, und der Knabe ſelbſt wurde mir * 20 geraubt.“—„Geraubt?“ ſtammelte Bilger:„Geraubt? O ſprecht es aus: Er iſt auch todt?“—„Ich würde es Euch nicht verhehlen!“ erwiederte das Fräulein feſt:„allein ich ſage die Wahrheit. Euch hatte ich zuerſt im Verdacht; aber nun habe ich erkundet, wo der Knabe iſt, und werde ihn— ſo bald ich befreit bin— zurückfordern.“—„Wo, wo iſt er?“ fragte Bilger dringend:„Dieſes Kind könnte mir allein die Ruhe wiedergeben. Wenn noch ein Anklang jener Zeit in Deinem Buſen lebt, die uns das Trugbild einer ſchönen Zukunft vorſpiegelte, ſo verhehle mir auch nicht— des Knaben Aufenthalt. Wer hat ihn entführt? Wer hat ſich ſeiner angenommen? O, wenn ich ihn auch nicht mein nennen darf,— nur ſehen, ſehen möchte ich ihn! Ihn küſſen und fliehen bis in mein Grab!“ „Ihr ſeyd berauſcht von Euerm Schmerz verſetzte Wall⸗ rade:„Ich bedaure Euch; aber des Knab en Wohnort nenn' ich Euch nicht. Eure Unbeſonnenheit und Euer Ungeſtüm könnten mir mein Eigenthum rauben, ehe meine Ketten ſich hier löſen.“ „O warum bin ich ein ohnmächtiger, wehrloſer Mann?“ rief Bilger:„Warum kann ich Euch nicht befreien, daß Ihr mich hinführen könntet zu dem holden Knaben, den Ihr zu unnatürlichem Dienſte beſtimmt. O gewiß! meine Reue⸗ meine Liebe würden ſchon in dem Kinde die Rache des Mannes entwaffnen! Ich wuͤrde ruhig und ferne ſterben können!“— „Der Liſt, welche ohnmächtig ſcheint, und es nicht iſt, ge⸗ lingt oſt mehr als der Stärke und Gewalt!“ ſprach Wall⸗ rade:„Euerm Gewande ſollte, ſelbſt in der Mitte dieſer rohen Böſewichter, nichts unmöglich ſeyn. Wollt Ihr dem Sohne zu Liebe thun, was Ihr der Mutter nie zu Gunſten thun würdet, ſo trachtet, mich zu befreien. Dann führe ich Euch zum Sohne. Im Gegenfalle ſterbe ich eher, als ich an Euch verrathe, wo der Knabe lebt. Sinnt nach! An Muße dazu fehlt es in dem Gefängniſſe nicht. Ich lohne Euch mit gänzlichem Vergeſſen und mit einer Umarmung unſers Johanns. Vielleicht thue ich auch mehr, wenn ich Vertrauen zu Euerm Vaterherzen faſſen kann. Nunmehr laßt uns aber ſcheiden. Im nahen Dorfe ſchlägt es die eilfte Stunde, und, ſo ich nicht irre, vernehme ich von fern Frau Elſen, die mich abzuholen kömmt.“— Sie verließ den zerknirſchten Mann, der unbeweglich auf des Altars Stufen ruhen blieb. Frau Elſe kam ihr wirklich im Hofe entgegen, und der Anblick der Gefangnen erheiterte die harten und finſter gewordenen Züge der Frau von Vilbel. —„Sieh, ſieh,“ ſagte dieſe Letztere, die Lampe in ihren Händen putzend:„das war ein lang Gewerbe in dem Kirch⸗ lein. Ich dachte, es würde kein Ende nehmen, und fürchtete bereits, Ihr möchtet mit dem Ordensmanne durch die Luft davon gegangen ſeyn. Nun, nun, wenn man Buße thut, ſo thue man ſie recht; das iſt auch meine Meinung, und ich würde auch recht fleißig zur Kirche gehn, wenn mein Alter nicht beſtändig im Interdikt läge. Konmt jetzv nur mit hinauf. Ich habe die Trunkenbolde alle zu Bett geſchickt, denn ich ſaß wegen Eurer auf Nadeln zwiſchen den unge⸗ hobelten Geſellen. Der Weg zu unſerm Gemache iſt rein und ſtill.“— Während Wallrade auf das Gebäude zuſchritt, rief Elſe in die offne Kapellenthüre:„Kommt, ehrwürdiger Herr! Ihr werdet müde ſeyn, und ich habe Euch am glim⸗ menden Herde ein Lager bereitet, worauf Ihr ſchlafen könnt⸗, wie ein Kaiſer.“— Indem trat der Herr von der Rhön 242 auf ſie zu, und vor ſeinem leichenmäßigen Antlitz entſetzte ſich Bechtram's Ehewirthin.—„Um Gott!“ flüſterte ſie: „Was iſt Euch zugeſtoßen, hochwürdiger Herr? Iſt es doch, als hättet Ihr ein Geſpenſt geſehen, oder wärt ſelber eins!“ — Da nun aber der ſogenannte Mönch nicht antwortete, ſondern unwillkührlich nach der Thüre des Thurms ging, in welchem er bisher gewohnt war, ſeine Behanſung zu ſehen, ſo nahm ihn Frau Elſe ohne Umſtände beim Arm, und ſagte: „Was treibt Ihr denn, guter Herr? Seyd Ihr ſchlaftrunken, oder hat Euch ein Geſicht erſchreckt? Kommt, kommt; dort in der Halle iſt es warm und heimlich. Dort werdet Ihr ruhen und Eure bisherigen Leiden vergeſſen. Ich werde meinem Alten ſagen, daß es anders mit Euch wird. Kommt nur! kommt!“— Sie ſchloß die Kirchenthure zu, und führte ſorglicher, als man von dem harten Weibe hätte erwarten durfen, den von ſeinem Schreck noch nicht zu ſich Gekommenen in das Haus. Wallrade floh bei ſeiner Annäherung die Stiege hinan, und Bilger ſank, nachdem Elſe mit eigner Hand die Holztreppe des Hauſes in die Höhe gewunden, und in dem Schloß befeſtigt hatte, ermüdet von Gram und Entbehrung auf die dürftige Ruheſtätte, die ihm die mit⸗ leidige Ritterfrau am Fuße des Herdes bereitet hatte. Die Stunden ſchlichen aber über ſeinem Haupte hin, wie ſaum⸗ ſelig zögernde Grabgeſtalten; und Geſtalten des Grabes ſah auch nur ſein wacher Traum. Er hatte Wallraden nur wieder geſehen, um neues Unbill von ihr zu erfahren. Ein großeres hatte ſie ihm indeſſen niemals zugefügt; denn die Kunde von Katharinen's und Agneſen's Tode ſchlug ſeinen Muth völlig darnieder. Die Ungewißheit über ſeines Sohnes Schickſal, den er nur mit bangem Widerſtreben, um ſein Geheimniß nicht zu enthüllen, Wallraden überlaſſen hatte, vermehrte ſeine entſetzliche Stimmung, und der Gedanke, daß er Wallrade zuvor befreien muſſe, ehe er erfahren werde, wo ſein Sohn hingekommen, ſcheuchte auch die leiſeſte An⸗ näherung des Schlummers von ſeinem Haupte. Und da gegen Morgen die Erſchöpfung ihr Recht geltend machen wollte, umſtanden ſchon die Herren und Gäſte des Hauſes ſein Lager, und weckten ihn unter Scherzen, wie ſie in der Genoſſenſchaft gäng und gäbe waren.—„Aufgeſtanden, Herenmeiſter!“ rief der Hornberger, aus deſſen rothen Augen noch die Flammen der geſtrigen Ausſchweifung loderten: „Halloh! an's Werk! Bechtram's Roß muß geſund ſeyn, ehe noch die Sonne ganz über den Bergen iſt.“ Wo ſeyd Ihr denn geſtern hingekommen?“ fragte Bechtram, der dem Herrn von der Rhön vom Lager aufhalf.„Nicht weiter als hieher, ich wette!“ lachte der Leuenberger;„Der feurige Steinwein war dem armen Burſchen ein ungewohnt Ding, und er ging an die Arznei, als ſchon der Kopf nicht mehr ſein war. Da hat er ſich gewißlich während des Keſſel⸗ ſchwenkens niedergelegt, um ſanft zu entſchlafen und ſelig.“ —„Kommt, ihr Herren,“ erwiederte Bilger nach all' dieſen freundlichen und ſpöttiſchen Reden:„ich denke, ich werde nicht zu viel verſprochen haben.“— Der Verſuch fiel glucklich aus. Bechtram's Gaul ſpitzte muthig die Ohren, da die ſchmerzhafte Heilung voruber war, und ſcharrte mit dem Huf, als wollte er in's Weite. Bechtram jubelte ob dem Gelingen, und ließ ſorgfältig den Gaul in den Stall zurück⸗ bringen.—„Habt Dank, Meiſter Kuttenmann!“ ſprach er freundlich zu Bilger:„Meine Anerkennung will ich Euch thätig beweiſen, ſobald ich kann. Vor der Hand könnt Ihr 6244 frei gehen, ſo weit der Zwinger reicht, und meine Hausfrau ſoll Euch nichts abgehen laſſen. Ich hab' es ihr befohlen, und will bei meiner Ruckkehr hören, ob ſie Wort gehalten.“ — Der Herr von der Rhön nickte gleichgültig mit dem Kopfe, und entfernte ſich langſam in's Innere der Burg.— „Ein närriſcher Kumpan!“ ſpottete der Hornberger:„Kurz angebunden, als ob er,— weiß Gott wer— wäre. Und wie nennt man ihn denn?“— Die Uebrigen mußten be⸗ kennen, daß ſie es eben ſo wenig wußten.„Wozu auch einen Namen?“ rief der Leuenberg;„Iſt„Ffaffe“ nicht genug? Pfaffe, und damit gut. Mag er uns ein Freudenamt ſingen, wenn unſer Wirth geſund und wohlbehalten von Frankfurt wiederkehrt.“—„Willſt Du im Ernſte hin?“ fragte Doring den Ritter: und lächelnd bejahte er es. Doring ſchüttelte den Kopf.„Traue den Krämerfüchſen nicht!“ ſprach er warnend:„Du wirſt Dich verlaſſen auf das frei Geleit, das ſie Dir vor einer Woche zuſtellen ließen, für den heutigen Tag, und den morgenden, im Fall ſich die Unterhandlungen in die Länge dehnen ſollten. Aber wir erleben heut zu Tage gar oft das Beiſpiel, daß frei Geleit gebrochen wird, ſonder Scham und Reue. Geh' nicht hin.“—„So tapfer im Strauß, ſo feig im Rath!“ verſetzte lächelnd, wie oben der Burgherr:„Ich traue den Frankfurtern, und pabe eher Recht, als ſie, wenn ſie mir vertrauen wollten. War ich nicht ge⸗ raume Zeit ihr Stadt⸗ und Feldhauptmann? Sie werden nicht hinterliſtig handeln gegen einen Mann, der ihre Fahne trug.“—„Eben darum!“ fuhr Doring lebhafter fort:„Hätteſ Du den Lappen nie getragen! Und wozu ſoll denn wohl der vorgeſchlagene Vergleich dienen? Du wirſt doch nicht di Artikel halten wollen, die das Burgerpack Dir aufſchwatzen 245 möchte?“—„Beſchwören und halten iſt nicht einerlei;“ ſprach Bechtram dagegen:„aber mir kann's nicht einerlei ſeyn, wenn ich ſehe, daß die vorſichtigen Pfefferſäcke mir die Heerſtraße rein halten, ſo weit das Auge reicht. Darum will ich ſie wieder kirre machen, und wimmelts alsdann wie ehedem von Kärnern, Mezgerzügen und Weinfuhren, ſo will ich ihnen die Leichtgläubigkeit eintränken, und meine Vor⸗ räthe anhäufen. Jährlich einen Spahn mit Frankfurt, und jährlich wieder Verſöhnung! Dabei finde ich gute Rechnung. Haltet mich darum nicht auf, meine Freunde. Den alten Fuchs von Vilbel fängt man nicht ſo leicht, und die Herren von Frankfurt fürchten mich und meine Drohungen.“— „Donner und zehntauſend Teufel!“ rief der Hornberger da⸗ zwiſchen:„Das dürfen ſie auch. Wir heißen nicht umſonſt die wilde Jagd in der Wetterau. Eine Lohe wollten wir anſchüren über den Giebeln der Stadt, daß die Engel im Himmel die Füße zuſammenziehen ſollten vor Brandſchmerz;.. und ſo viel Achtung und Freundlichkeit mir das Fräulein von Baldergrün eingeflößt hat,— das Haupt ſchluge ich ihr vom Rumpfe, und ſchickte es ihren Landsleuten zum Geſchenke, wenn ſie ſich an unſerm biedern Wirth vergreifen wollten.“— „Erbärmliche Prahlerei!“ ſprach der Leuenberger halb⸗ laut zu dem von Wiede:„Ich wollt es ihm doch rathen, des Fräuleins Kopf ungeſchoren zu laſſen.“—„Donner und Peſtilenz!“ erwiederte der Junker von Hornberg, der die Aeußerung gehört hatte:„Wer ſpricht da? Veit! Veit! nimm Dich in Acht mit Deiner vorlauten Zunge! Einen Prahler ſchilt mich Keiner zweimal.“—„s käme darauf an, es zu verſuchen!“ entgegnete Veit, und warf die Naſe 246 in die Höhe:„Es gibt Dinge, die ich nicht einmal im Scherz begreife.“—„Wahre Dich vor dem Hornberger!“ redete Bechtram lachend dazwiſchen:„Du weißt ja, daß er mir geſtern beinahe in aller Freundſchaft und Kumpanei den Hals gebrochen hätte. Schäme Dich aber auch, alter, großer Leuenberg, daß Du ſo unritterlich dem Fräulein den Hof machſt. Schon längſt hab' ich's gemerkt, und ich glaube, in der ganzen Veſte gibt es Keinen, dem es ein Geheimniß wäre. Es gibt, weiß Gott, nichts Lächerlicheres, als einen verliebten Burſchen, der ſchon beinahe über die Jahre hinaus, und in ſeinem ganzen Leben der Schönſte nie geweſen iſt.“ — Die Genoſſen des Ritters lachten hell auf, während eine Art von Schaamröthe in Veits braunes Geſicht ſtieg.— Bechtram fand Anerkennung ſeines rohen Witzes, und fuhr daher kecker fort:„Den Hornberg lob' ich mir dagegen. Die Blicke einer Dirne prallen von ihm ab, wie die Pfeile des Schutzen von dem Küraß. Und doch wäre er ein anderer Mann als Du, mein guter Veit. Luſtiger, offner, und... ich muß es ſagen,— weit kecker als Du. Während Du auf der faulen Haut liegſt, und denkſt, die Sonne ſoll Dir Wein, Brod und Fleiſch in die Kammer ſcheinen, ſitzt der Hornberg friſch und ſtraff zu Gaule, und iſt in der Wetterau gefürchtet, wie ich es nur war in meiner beſten Zeit. Aber derſelbe Muth, der im freien Felde ſich herumſchlägt, gewinnt auch in einſamer Kammer die Herzen der Weiber. Merke Dir das, Veit; und vergib mir, daß ich Dir in etwas die Wahrheit ſagte, wie man nur einem Freunde zu thun pflegt.“ „An Eurer Aufrichtigkeit iſt mir nie eingefallen zu zweifeln;“ verſetzte Veit, ſeinen auf's Höchſte geſtiegenen Unmuth hinter 247 einen Gaſt durch ſolche Reden zu kränken vor anſehnlicher Ritterſchaft, meine ich nicht; allein ich überſehe es Euch, da Ihr eben mein Gaſtfreund und obendrein mein Lehrer ſeyd, und Eures Alters wegen ein Wort voraushaben mögt. Daß ich überall dabei bin, wo es gilt, und ich einen Vortheil abſehe, daß ich in Kühnheit und Muth es aufnehme mit Jedem, der es mit mir wagen will, behaupte ich, ſo wie, daß ich Jedem den Hals breche, der an den des Fräuleins will. Sie iſt meine Baſe, und wahrlich weder der Graf von Montfort, noch Ihr, verehrlicher Ritter, habt Euch durch ihren Raub Ruhm erworben.“—„Horch! horch!“ ſpottete Hornberg, die Weiſe eines damalig beliebten Liedleins nach⸗ äffend:„Wie anders die Schalmeye klingt, denn ſie zuvor erklungen! wie anders doch der Bube fingt, denn er zuvor geſungen! Wie hat der Leuenberg vor wenig Tagen noch geſprochen, und wie ſpricht er jetzo? So lernt man minnen⸗ was mun haßte. Was gilt's, hol' mich der Satan, er be⸗ dauert, der arme Schelm, daß ihn die Frankfurter in den Bann gethan. In die Krämerladen würde er ſich ſtellen, und das Einmal Eins lernen und die Elle handhaben, um ſein Liebchen zu gewinnen!“—„Wenn Du nicht ſchweigſt!“ — ſchrie Veit, nach dem Dolche fahrend. Bechtram ſtieß ihn indeſſen kurz und bündig zurück. „Friede!“ rief er barſch dazwiſchen:„Stern und Kreuz! Ihr habt mich geſtern verhindert zu raufen, ob ich gleich der Herr vom Hauſe bin. Heute ſollt Ihr mir dafür keinen Lärm und Hader anzetteln, und müßte ich euch Beide vor das Schloß werfen. Vertragt Euch, und damit ihr's könnt, ſoll meine Wirthin Wein ſchaffen!“— Er klaſchte in die Dände, pfiff ſeinen wohlbekannten Forſtruf, und da das Fenſter erklang, und Frau Elſe herausſchaute, begehrte er einen Valet⸗ und Satteltrunk.—„Ich bin heute ſo ver⸗ gnügt;“ fuhr er fort, und ſah ſich munter im Kreiſe um:„Ich gedenke heute einen frohen Tag zu feiern, und morgen ſpä⸗ teſtens wieder behaglich in Eurer Mitte zu ſeyn.“— Alle, ſogar der maulende Veit reichten ihm die Hände. Doring ſagte jedoch kopfſchüttelnd:„Gott verdamme den Weg den Du machſt, Bechtram. Ich habe böſe Ahnung. Dein Gaul hat geſtern das Vorzeichen gegeben. Es droht Dir entweder zu Frankfurt Unheil, oder Du bringſt es von dannen nach Deinem Hauſe. Bleib daheim.“— „Plaudertaſche!“ verſetzte Bechtram lächelnd, ihn beim Schnauzbart zupfend:„Sorge nicht; mir begegnet nichts Böſes. Der alte Auerſtier iſt die Furcht des Waldes, und wäre ich's auch nicht allein, den die Städter fürchten, ſo ſind es doch meine Freunde. Sieh einmal hin, auf die Hand voll Menſchen, keck wie die Hähne, geſpornt wie ſie, und nicht minder hitzig. Ihr laßt mir nichts geſchehen⸗ Freunde, und in dieſem Vertrauen laßt uns die Becher leeren auf fröhlich Wiederſehen!“— Frau Elſe kredenzte den Trunk, und mit einem Jubel flogen die geleerten Humpen in die Luft.—„Nun keinen Tropfen mehr!“ rief der Reifenberger. „Auf morgen, oder heute Abend ſchon, das Uebrige!“ ſetzte Henne von Wiede hinzu.„Wiederſehen!“ murmelte Doring, dem Bechtram die Rechte ſchüttelnd.—„Ehe wir aber uns hinſetzen, um über die hintergangnen Reichsſtädter in's Fäuſt⸗ lein zu lachen, muſſen wir unſern Freund an Frankfurts Thore geleiten!“ ſprach lebhaft der Hornberger.—„Jo! das müſſen, das wollen wir!“ jubelten alle insgeſammt.— „ch reite mit ihm in Sachſenhauſen ein!“ fügte der von 249 Viede hinzu:„ich gehe ihm nicht von der Seite!“—„Warum darf ich nicht ein Gleiches thun!“ brummte Doring:„Aber ich habe einen Span mit dem Rathe, und traue nicht.“— „Wir erwarten den Bechtram zu Oberrad!“ ſchlug der Horn⸗ berger vor, und Bechtram willigte gerne in das Geleit ſeiner Freunde und Genoſſen.—„So ſey's!“ ſprach er:„ſo bald ich mit dem Magiſtrate im deutſchen Hauſe Frieden geſchloſſen, komme ich zu Euch, und ſollte jener Unglücksvogel, der Kunz, recht haben, und ſie mich einſperren auf ein Löſegeld, trotz Geleit und Furcht, ſo kommt der Wiede doch, und bringt Euch Kunde.“ „Wehe dann der Stadt!“ betheuerten Alle mit Lärm und Geſchrei.—„Dir, mein werther Schüler und Freund,“ wendete ſich Bechtram zu Leuenberg:„Dir glaube ich eine Liebe zu thun, wenn ich Dich abermals zum Huter der Frauen und des Hauſes beſtelle. Wallradens Gefangenſchaft wird Dir weniger grauſam erſcheinen, wenn ſie nur Deine Ge⸗ fangene iſt. Du magſt indeſſen die liebe Baſe tröſten. Bleibt der Montfort noch eine Weile aus, trotz Verſprechen und Wort, ſo liefere ich das Fräulein wieder aus an ihren Vater⸗ der mir ein ſchweres Löſegeld dafur bezahlen ſoll. Danu magſt Du um dasſelbe freien nach Herzensluſt, guter Veit⸗ inſofern Herr Diether Froſch Deine Armuth, und der Papſt die Blutsfreundſchaft uberſieht. Bewahre mir alſo vör der Hand Thurm und Haus mit treuem Sinn, und ſorge, daß meiner Hausfrau und Deinen Baſen nichts Böſes wider⸗ fahre.“— Die Herren ſchwangen ſich auf die Gäule, und nachdem Frau Elſe einen kurzen und männlichen Abſchied von dem Gatten genommen, zogen die Reiter von dannen⸗ einige wenige Knechte auf ihrer Spur. Der Leuenberger ſah ihnen durch das Vorſprungfenſterlein am Thore nach⸗ und ſprach zu ſich:„Viel Glück auf den Weg, lieben Freundez elendes Volk und Geſindel, das ſich erhebt, als wäre es ſchon vor der Sündfluth geadelt worden. Daß der Hornberg ein vor⸗ lauter, böſer Geſelle iſt, war mir längſt bekannt, und ſeine Freundſchaft, ſo viel Weſens die Baſe Petronella davon macht, hat mir nie Ertleckliches in den Seckel gelockt. Ich haſſe den Buben jetzt von ganzer Seele, aber ich dente, ich haſſe den alten Bechtram noch weit mehr ſeit einer Stunde. Wie mich der Graubart hingeſtellt hat vor aller Welt, wie man einen gemeinen Dieb an's Halseiſen legt! Was er ſich nur einbildet? Auf was er nur pocht? Auf ſeine Habe? Der Teufel danke ihm ſein Geld, ſeinen Wein und ſeinen fetten Tiſch. Hätte ich ein Paar Dutzend Knechte, und einige arme, aber handfeſte Schlucker, wie der Doring, der Wiede oder der Reifenberg, zu meinem Beſehle, ich wollte mich auch bald reich gearbeitet haben.— Oder pocht er auf ſeinen Stamm? Mein Adel iſt ſo alt als der ſeine, und dem Kaiſer wird es ſchon lange leid thun, daß er ihn zum Ritter ge⸗ ſchlagen. Was nützen ihm die goldenen Sporen? Wenn es um den Scharlachhandel zu thun iſt, oder darauf ankommt⸗ ein Paar elende Kaufleute nieder zu werfen, ſo iſt der Evel⸗ mann mit der beſten Fauſt der tauglichſte, er ſey nun Ritter oder Junker. Eine gute Fauſt konnte man dem Bechtram nicht abläugnen, aber er iſt ſchon ein alter Bär geworden⸗ Ich hätte mich wohl unterfangen⸗ mit ihm anzubinden, aber ich habe die Uebrigen gefürchtet. Indeſſen ſoll er an mich denken, und es bereuen, daß er mich wie einen Schmarotzet und Krippenreiter behandelt hat. Ich fürchte, ſeine Hoffnung auf das Löſegeld aus Diether's Hand ſchlägt fehl, ve ich 251 kenne Einen, der ihm zuvorkommen wird. Heute haben wir Vollmond, und ich meine, Meiſter Diether werde auf der Bergener Straße zu finden ſeyn. Iſt das Geld in meinen Händen, dann wird auch Wallrade mir folgen müſſen, wenn auch nicht in ihr väterlich Haus, und die Frankfurter brennen zum ſchuldigen Dank dem hochmüthigen Bechtram den Schorn⸗ ſtein ober dem Haupte weg. Peſt und rother Hahn! Ein herriiches Fündlein,“ ſetzte er bei, indem er, vergnugt ſich die Hände reibend, aufſtand:„Mit einem Streiche erlange ich Diether's Geld, Wallradens Demüthigung, Bechtram's Verderben, und zuletzt muß mein verhaßter Schwager erſt noch, getäuſcht, mit langer Raſe von dieſen Mauern abziehen! Noch einmal: Glück auf den Weg, ihr Herren und Freunde, der Leuenberger macht Euch Alles wett!“— Die Stunden verſtrichen in ſorgloſer Stille. Die Veſte lag einſam, und weder Roß noch Mann weit hinaus in die Runde war zu ſehen. Die Sonne ſank, und im Zwinger und Burghof wurde es ſchon ſchattig und duſter. Die Frauen beſchloſſen, abermals auf dem Wartthurme luftige Helle zu ſuchen. Während ſie jedoch die Höhe erklimmten, ließ der Leuenberger ſeinen Gaul aus dem Stalle ziehen, und die Pforte öffnen.—„Wilpert;“ ſprach er zu dem Knechte, der ihm das Pferd vorfuührte:„ich kehre erſt zur Nacht zuruck. Der Frau magſt Du ſagen, daß ich, meines Falkens Steigen zu erproben, ein wenig in's Freie geritten ſep. Bleibe hubſch auf Deiner Hut, und hab' Acht auf das Thor.“— Der Knecht nickte mit dem Kopfe, und der Junker ritt aus, und lenkte ſeinen Klepper gleich außer der Burg auf verſteckte Waldpfade, daß die auf dem Wartthurme ſitzenden Weiber nicht das Geringſte davon bemerkten.—„Ihr ſeyd alſo völlig wieder hergeſtellt?“ fragte Petronella das Fräulein mit erheuchelter Theilnahme:„Ihr werdet mir nun ſagen können, ob der Luftzug über die Zinnen, oder mein arm, unſchuldig Mährlein an Eurem Zufalle ſchuld geweſen?“— „Keins von beiden;“ verſicherte Wallrade ſpitzig:„im Ganzen war es nur ein Uebelbefinden, das mich öfter anwandelt; ein Schwindel; weiter nichts. Ihr kennt ja ſolche Zufälle, ob ſie gleich bei Euch vom Alter ihren Urſprung nehmen⸗ und bei mir das junge heiße Blut daran Urſache iſt.“— Frau Elſe lachte, während das Fräulein von Leuenberg die Stirne verzog und die ſpitzige Naſe rümpfte.—„Mag ich doch der Jahre ſo viele zählen, als der Erzvater Methuſa⸗ lem;“ ſprach ſie bitter:„ich bleibe doch immer jung gegen das Alter unſers adeligen Stammes. Nicht alle Leute können ſich ſolcher Herkunft ruhmen.“—„Nicht alle Leute mögen hoffär⸗ tige Armuth einem bequemen Bürgerthum vorziehen;“ verſetzte Wallrade gereizt:„vergebt mir, Fräuleinz es mag Alles wahr ſeyn, was Ihr mir von Eurem ſchönen Schloſſe zu Gelnhauſen zu erzählen fur gut fandet, allein es iſt wohl beſſeres zu finden⸗ als ſchmale Koſt und magere Mährlein, wie Ihr ſie Eurem Vetter auftiſcht. Das wußte Eure Baſe Gretchen ſehr gut; ſie ſcheute ſich keineswegs, dem Wohlleben eines Frankfurter Burgers ein leeres Wappen zum Opfer zu bringen.“— „Dieſes Opfer unbeſonnener Jugend hat auch ſchier mein Herz gebrochen;“ erwiederte Petronella:„der Falk ſoll nie auf einem Finkenneſte horſten. Merkt Euch das, gute Nichte.“—„Warum hatten doch Eure Warnungen keine kräftigere Wirkung?“ fuhr Wallrade glühend und mit Spott fort:„Meinem Hauſe wäre viel Unfriede erſpart geweſen,— und viele Schande.“—„Schande?“ ſchrie Petronella⸗ erſtickend 253 faſt vor Unwillen:„Welch böſer Geiſt ſpricht denn heute dieſe Läſterungen aus Euch, da Ihr Euch noch geſtern geberdet habt, wie ein reuiges Schäflein? So man auch wollte, man könnte ſich doch nicht mit Euch vertragen, denn Ihr ſeyd ſchlimm, wie ein ſchneidiges Meſſer.“—„Allerdings;“ gab Wallrade zu; „in ungeſchickten Händen werde ich dazu, und das iſt bei Euch der Fall.“—„Was ſollen denn die Stachelreden?“ fiel Elſe derb und heftig ein:„Wenn Verwandte ſich alſo erzürnen, was ſollen denn wildfremde Menſchen thun? Gebt Euch zu⸗ frieden. Beide ſeyd Ihr mir gleich liebe Gäſte,— und,“ ſetzte ſie ſcherzend hinzu:—„das Fräulein von Balder⸗ grun iſt mir ſchier noch angenehmer, als Ihr, Leuenber⸗ gerin.“—„Weil das Fräulein mit goldenen Ketten und Ge⸗ ſchmuck den gezwungenen Aufenthalt bezahlen muß;“ ergänzte Petronella.—„Und Ihr das erwünſchte Traktament nur mit Mährlein;“ ſetzte Wallrade verhöhnend hinzu:„Ihr verdankt meinem Unglücke, das aber dennoch, wie Alles, ein Ende nehmen wird, ein paar luſtige Gelagwochen. Euer alter Kater iſt ſchon in ſeinem Fett erſtickt, und auch Eure hagere Geſtalt beginnt ſich zu runden. Während deſſen aber muß der arme Bauersmann, der Euch gefahren, im Thurme verzweifeln.“—„Was kümmert mich der Menſch?“ fragte Prtronella unwirſch:„Ich bin ſamt meinem Vetter in Ehren geladen hieher gekommen, und es ſteht Euch ſchlecht an, mich für eine Schmarotzerin geltend zu machen. Der Hochmuth ziemt Eürer Lage nicht Meinen Adel, meine Frei⸗ heit, mein gutes Gewiſſen habt Ihr doch nicht. Lacht nicht, mit dem Gewiſſen iſt's wirklich nicht richtig; die geſtrige Ohn⸗ macht, und die plötzliche Bekehrung, die darauf folgte, be⸗ weiſen es, und der Mönch, der Eure Beichte anhörte, würde 17 254 viel zu erzählen haben, wenn er anders erzählen dürfte.“— „Keine Beleidigung!“ zürnte Wallrade; aber Petronella hätte unerbittlich fortgefahren, wenn nicht Frau Elſe da⸗ zwiſchen getreten wäre.„Ei, beim Wetter!“ rief ſie:„Iſt des Haderns noch kein Ende? Schämt Euch, Fräulein von Lenenberg, Euer Alter ſollte vernünftiger ſeyn. Schämt Euch noch einmal,— und nehmt Euch in Acht vor dem Vetter Veit, denn es ſcheint, als hätte er ſeine Nichte zu lieb gewonnen, als daß er Euch nicht den Kopf zurecht ſetzen wollte, wenn Ihr das Fräulein ſchmäht.“—„Das wolle Gott verhüten!“ ſeufzte Petronella mit niederge⸗ ſchlagenen Augen:„Der Bruder wird doch nicht dem Bei⸗ ſpiele der Schweſter zu folgen trachten?“—„Und wenn es wäre?“ entgegnete Wallrade mit verächtlichem Scherz.— „Mein Tod wäre es;“ fuhr Petronella giftig fort:„der 170 letzte Nagel zu meinem Sarge.“—„So ſterbt immerhin; ſprach Wallrade höhniſch weiter, während Frau Elſe des Lachens kein Ende finden konnte:—„der Junker von Leuen⸗ berg macht mir den Hof, und hat geziemend um meine Hand geworben.“—„O der dumme Chriſtoph!“ ſeufzte das alte Fräulein ſchmerzlich, und machte ihre Augen groß auf.—„Noch mehr!“ fuhr Wallrade ſchnell fort:„er wird mich befreien; er hat's verſprochen.“—„Befreien? ver⸗ ſprochen?“ ſtammelte Petronella und ſank auf ihren Sitz zurück:„Ich bin verloren. Der undankbare Menſch kann ſeiner Muhme alſo vergeſſen? mich wurde er aus dem Hauſe ſtoßen wollen, um eines Burgers Tochter in unſer Schloß zu ſetzen? Abſcheulich! Wo iſt er, der Wutherichk hören will ich's; aus ſeinem Munde will ich's hören!“— „Ihr erfahrt es früh genug;“ verſicherte Wallrade.„3 255 gebe Euch indeſſen mein Wort, daß ich mich lange beſinnen werde, behe ich zu Eures Vetters Zärtlichkeiten ein gutes Geſicht mache.“—„Und warum?“ fragte die Alte ereifert: „Ein junger Edelknecht von Veit's einnehmender Geſtalt iſt Jungfrauen von zweideutigem Bürgeradel immer willkom⸗ men, und wenn ich's beim Lichte beſehe, ſo kann ich's nicht dulden, daß Ihr meinen Vetter ausſchlagt. Es wäre ein Schimpf für unſer gutes Wappen, das Kaiſer Karl der Große unſerm wohlverdienten Ahnherrn gab. Der Froſch ſoll ſich's zur Gnade ſchätzen, mit dem Leuen auf dem Berge wandeln zu dürfen.“—„Ihr ſprecht verwirrtes Zeug, Fräulein;“ fuhr Frau Elſe dazwiſchen:„das Alter und die Galle machen Euch thöricht vor der Zeit. Laßt das Ding nur ſeinen Weg gehen und kümmert Euch nicht darum. Unſer lieber Gaſt Wallrade hat mit Euch ſich einen Scherz erlaubt. Der Vetter Veit wird ſie weder zum Altar führen, noch befreien, ehe mein Alter nicht klingendes Geld dafür gewonnen. Riegel und Knechte bürgen uns für ihre Ruhe und ſtilles Verhalten, wenn die Freundlichkeit, womit wir die Gefangene behandeln, es nicht thut. Ich habe indeſſen— glaubt mir's, Leuen⸗ bergerin— ein weit beſſeres Vertrauen zu des Leuenbergers Redlichkeit gegen uns und zu des Fräuleins Aufrichtigkait, als Ihr. Glaubt Ihr wohl, ich zögerte im Geringſten, die ehrſame Wallrade zu bitten, aus meinem Schreine die Stick⸗ arbeit zu bringen, die ich vor einigen Tagen begonnen, und ihr zu dieſem Behuf meinen ganzen Schlüſſelbund anzuver⸗ trauen? Hier habt Ihr dieſe theuern Schlüſſel, mein Fräulein von Baldergrün. Eure Bereitwilligkeit bürgt mir dafür⸗ daß Eure jungen Beine meinen ältern den Liebesdienſt er⸗ weiſen werden.“— In der Bitte der Frau Elſe lag ein 6 Befehl; Wallrade zögerte daher nicht, mit erkünſtelter Frei⸗ willigkeit zu thun, wozu ſie ſich nicht gerne hätte zwingen laſſen. Schnell nahm ſie die Schlüſſel, verneigte ſich bos⸗ haft vor der Baſe Petronella und ſprach:„Vergebt, edle Blutsfreundin meiner vielgeliebten Stiefmutter, daß der Wunſch unſrer verehrten Gaßtfreundin mich hindert, Euch jetzt ſchon zu ſagen, was der Froſch zu dem Leuen ſagen könnte, wenn er mit demſelben auf dem Berge luſtwandelt. Dieſes ſinnige Gleichniß hoffe ich indeſſen ſpäter mit Euch abthun zu können, und dieſe Hoffnung wird nicht der geringſte Beweggrund ſeyn, der mich zur Eile antreibt.“— Sie flog die Treppen hinab und erſchrack beinahe, da ſie, an des Thurmes Pforte angelangt, den Herrn von der Rhön erblickte⸗ der mit verſchränkten Armen auf der Steinbank an der Kapellenthüre ſaß und in tiefe Betrachtung verſunken zu ſeyn ſchien. Die Geübte faßte ſich jedoch ſchnell, warf dem Aufſchauenden einen verächtlichen Blick zu und ging ſtolz voruber nach dem Wohngebäude. Bilger ſah ihr nach, bis ſie innerhalb der Thüre deſſelben verſchwunden war, und ein ſchwerer Seufzer löste ſich von ſeiner Bruſt. Unmuthig in der Erinnerung ſeiner Verwirrung und ſeiner Leiden⸗ wollte er in den verborgenſten Winkel des Hofs entfliehen⸗ um nicht zum zweitenmale den Anblick der Frau ertragen zu müſſen, die er einſt für eine Heilige gehalten und die er ietzo nur verabſcheuen konnte, als über die Mauer herüber eine nicht unbelannte Stimme kam:„Gott grüße Euch, und gelobt ſey Jeſus Chriſtus, frommer Vater!“— Bilger ſah den jungen Knecht über die Bruſtwehr lugen⸗ mit dem er in verwichener Nacht geredet, und dankte ihm nach Art der Mönche.„Hochwürdiger Herr!“ fuhr der Geſelle vertrauie 255 und leiſer fort:„ich bin Euch viel Dank ſchuldig. Die Erlaubniß zu beten, die Ihr mir gabt, hat mich erquickt⸗ und im Schlaf heute Morgen iſt mir mein Mütterlein er⸗ ſchienen und hat mich aufgefordert, wieder heimzukehren aus der ruchloſen Gemeinſchaft.“—„Gott geleite Dich, mein Sohn!“ erwiederte Bilger:„Bete Du dann auch für mich.“ —„Ach, Herr!“ meinte der Knecht:„frei ſeyn iſt edler⸗ denn Abhes. Wie gerne wollte ich Euch frei machen, wenn ich's nur vermöchte.“— Indem vernahm man ein Rennen und Laufen im Zwinger, und der Balken der Zugbrücke knarrte, wie der Riegel des Thors.—„Was gibts denn da draußen?“ fragte der Herr von der Rhön den freundlichen Knecht.—„Denkt doch!“ flüſterte dieſer herab:„das böſe Zeichen! der Gaul, auf dem heut der Herr fortgeritten⸗ iömmt ſchon wieder, geſattelt und gezäumt. Das Roß rennt wie toll am Abhang auf und ab und hin und her. Die Knechte machen ſich hinaus, um's einzufangen. Ach Herr! was wäre das ein Augenblick des Heils für Euch, wenn das verdammte Gatterthor nicht wäre? Brücke nieder, Thor auf, Knechte zerſtteut, ein Pferd, halb beſchlagen, ſteht verlaſſen an der Schmiede. Warum könnt Ihr nicht hinauf und dann im Abendſchein in den grünen Wald hinein!“— So eben rief ein andrer Knecht den Plaudernden von dannen⸗ und alles Getöſe verlor ſich in der Ferne. Bilger blinzelte durch das Gitterlein am Gatterthore, und ſah, wie Recht ſein junger Freund gehabt. Alles leer, auf der herabge⸗ laſſenen Brücke ein einziger gaffender Knecht, der an der Schmiede verlaſſene Schimmel ruhig graſend, mit ſchleppender Trenſe.— Nach Freiheit klopfte des Gefangenen Bruſt, und mit leuchtenden Augen kehrte er ſich, Groll und Kummer 258 vergeſſend, zu Wallraden, die gerade mit Frau Elſens Stickerei aus dem Hauſe trat.—„Dort...“ ſtammelte er, mit dem Finger durch das Gitter zeigend:„ein Augenblick der Rettung... wer zu dieſer Pforte den Schlüſſel hätte!“— Wallrade ſtand betroffen, dann faßte ſie ſchnell nach dem Schlüſſelgebunde, ſchleuderte Frau Elſens Stickerei in die dunkle Hausflur zurück und lief nach dem Thurme, deſſen Pforte ſie in einem Nu zuzog und mit dem ihr bekannten Schlüſſel ſperrte. Wie ein entſchloſſner Held zauderte ſie keinen Augenblick, den Schlüſſel zu ſuchen, welcher das Gatterthor öffnete, und ein günſtiger Engel leitete ihre Hand. Der zweite, mit dem ſie es verſuchte, ſchloß die Pforte auf. Bilger eilte ihr voraus in den Zwinger; das Schlüſſelgebund flog in den Neſſelbuſch am Eingange; des Wildmeiſters geübte Hand bemächtigte ſich des Schimmels, und hob Wallraden ſchnell auf deſſen Rücken. Trotz der Kutte und der unbehülflichen Holzſohlen ſprang er nach, und der Gaul, begrüßt von Zungenſchlag und Rippenſtoß, entſetzt von der ungewohnten Doppellaſt, die ſich ihm plötzlich auf⸗ geſchwungen, tobte wie raſend gegen das Thor, und war ſchon durch Gewölb und Brückenbogen, ehe dem wachhabenden aber in die Ferne ſchauenden Knechte einfiel,„Halt!“ zu ſchreien. Dieſer Ruf kam zu ſpät, denn ſchon verloren ſich Roß und Flüchtlinge hinter Kieferſtämmen und Buſchwerk⸗ als erſt die im Weiten nach Bechtram's Renner laufenden Burgleute das Geſchrei vernahmen. Der Schimmel verſtand ſeinen gezwungenen Dienſt auf's Trefflichſte, denn er ſtand nur erſt nach einer langen zurückgelegten Strecke ſtill; auf einem Waldplatze, der einſam zwiſchen hohen Bäumen lag und auf welchem man nur ſchwach die Hornſtöße vernahm 59 die von Neufalkenſtein's Warte ertönten. Wallradens Geſicht uberflogen, trotz der Ermüdung und Erſchütterung, Streif⸗ lichter der boshaften Schadenfreude, da ſie die Nothtöne ver⸗ nahm.—„Eine Mark Silbers gäbe ich darum,“ ſtammelte die faſt athemlos im Graſe Ruhende,„önnte ich auf jenem Wartthurme Zeuge der Verwirrung der beiden niederträchtigen Weiber ſeyn. O, daß ſie den Hals brächen von der Zinne herabl! Wie wird Bechtram fluchen bei ſeiner Heimkehr! Er iſt im Stande und mordet die Weiber mit eigner Hand! Süße Wonne der Vergeltung, wenn dieſe Kunde mein Ohr berührte!“—„Seyd doch nicht unverſöhnlich und gehäſſig in der Stunde, da es gilt, den Himmel anzuflehen um völlige Befreiung;“ ermahnte Bilger, ſich aufraffend:„Eure ruchloſen Wünſche möchten leicht den Engel von uns ſcheuchen⸗ der unſere allzukühne Flucht bis jetzt beſchirmte!“— Wallrade ſah ihn finſter an; er überſah es jedoch und drängte zur ſchleunigen Fortſetzung der Fahrt.—„Wir haben keinen Augenblick zu entmüßigen;“ ſprach er heftig:„durch jene Büſche ſehe ich im falben Abendglanz die Heerſtraße ſchimmern. Die Sonne iſt faſt erloſchen und das Dunkel beginnt. Noch lange jedoch ſind wir nicht auf befreundetem Boden, und ich fürchte, mit dem Pferde haben wir keine Zeit zu verlieren. Seht, wie es keucht und ſchnaubt, als ob es dem Herzge⸗ ſpann unterliegen wollte!“—„Wohlan denn!“ entgegnete Wallrade, aufgeregt von der Möglichkeit, wieder angehalten zu werden, und ließ ſich wieder auf des Schimmels Rücken heben:„Kommt und eilt, wenn auch das Thier in der nächſten Stunde zu Schanden gehen ſollte!“— Raſch brachen ſie durch auf die Straße, und immer haſtiger ging's voran. Der Herr von der Rhön hatte keinen andern Gedanken, 260 als den der Flucht, und alles übrige vergeſſend, hielt er mit dem rechten Arme Wallraden umſchlungen, während die Linke den Gaul regierte, wie es ſich eben mit dem unzulänglichen Zügelriemen thun ließ. Wallrade fand aber unter Gefahr und banger Furcht noch Zeit zum unbeſcheidnen Scherz. „Ihr thut ja ſo eifrig und umſchlingt mich ſo feſt,“ ſprach ſie, ſpöttiſch lächelnd zu ihm zurückgewendet,„als wär' ich nur erſt Euer geliebtes Bräutlein, und nicht Eure verhaßte Ehefrau! Oder vermeint Ihr etwa, mein raſcher Ritters⸗ mann, mich wieder in den Arm zu nehmen, weil Euer wahres Lieb der Senſenmann umfangen?“ Der unzarte Scherz griff eiskalt wie die Hand des Senſenmanns an Bilgers Herz, und von Wallradens ſchlankem Leibe wich ſchaudernd ſeine Rechte, und der ſchwache Zaum entſank ſeiner Linken, und alſobald ſtürzte der Gaul, über Baum⸗ wurzeln ſtolpernd, nieder, um nimmer wieder außzuſtehen. Ein Vorderfuß war gebrochen, und auch die keuchende Brußt des Thiers, vom ſcharfen Ritte längſt entwöhnt, war am Verathmen.—„Euerm Frevel folgt doch gleich der Fluch auf der Ferſe!“ zürnte Bilger, und riß Wallraden unſanft in die Höhe:„Jetzt mag unſrer eignen Füße Kraft uns weiter tragen.“—„Feiger Mann!“ ſchalt Wallrade verächtlich entgegen:„Das ſchreckt Euch? Jeder Weg iſt gut, führt er zum Ziele. Mag auch Dorn und Kies meine Sohlen zer⸗ reißen,— gleichviel— entgehe ich nur dem ſchändlichen Bechtram und dem noch ſchändlichern Montfort!“—„Ho! wer denkt hier meiner?“ rief ſie ein Mann an, der zu Pferde um die, einen Schritt entfernte Waldecke bog, und Wallradens Kniee brachen, denn ſelbſt in der mächtig einbrechenden Dämmerung war des Grafen verwachſene Geſtalt, die wie . ein Kobold im Sattel ſaß, nicht zu verkennen. Der be⸗ ſtürzte Bilger ließ die Erbleichende aus ſeinem Arm, und dieß war der Augenblick, in welchem ſich der vom Roß ſpringende Montfort der willkommnen Beute bemächtigte. „Ei, was ſeh' ich?“ rief er ſchadenfroh und überraſcht: „Iſt das nicht die tugendſame Jungfrau, der ich ſo eben zu Hofe zu reiten im Begriff bin? Wollte ſie mir entgegen⸗ eilen, oder hätteſt Du es gewagt, lüſterner Kloſtermann⸗ mein Täubchen zu entführen? Fort mit Dir, ſoll ichmich nicht an Deiner Glatze vergreifen?“—„Herr Graf!“ ent⸗ gegnete Bilger trotzig:„Ihr werdet nicht ſo unedel ſeyn, dieß Weib auf offener Straße zu rauben, da es mir ange⸗ hört.“—„Der Teufel iſt hier Graf, und Dir gehört auch nur der Teufel an!“ fuhr ihn Montfort an, indem er die bloße Wehr gegen ihn erhob:„Weiche, verdammter Kutten⸗ träger, und erkühne Dich nicht, meinen Namen nur aus⸗ zuſprechen, weil er zu edel für Deinen Mund iſt.“— Wallrade machte eine Bewegung, um zu entkommen; des Grafen Arm hielt ſie jedoch feſt; den vor Zorn ergluhenden Bilger hielt er mit dem vorgeſtreckten Schwerte zuruck.—„Ich höre Schnauben von Roſſen und Stimmen von ferne;“ jammerte die neuerdings Gefangene, die aber die Beſonnenheit nicht in dem Grade verlor, um zu vergeſſen, daß nur dann erſt Alles verloren war, wenn beide wieder gefangen würden: „die Verfolger ſind's! Weicht der Uebermacht, frommer Vater! Rettet Euer Leben!“—„Ja, fliehe, geſchorner Wicht!“ donnerte ihm Montfort zu:„fliehe, weil ich's Dir vergönnen muß, da ich allein bin und ohne Geleite. Fliehe⸗ mir iſt⸗s nur um dieſe hier zu thun, an welcher die Welt nichts vertalie, mag ſie Dir vorgelogen haben, was ſie will⸗ 262 gefälliger Beichtvater! Kommen hingegen die Andern heran, denen Ihr entlieft, ſo möchte es Dir nicht gut gehen.“— Flieht! Ihr macht uns alle unglücklich!“ ſchrie ihm Wallrade zu, und deutete heftig nach der Gegend hin, wo Frankfurt lag; und da plötzlich Frau Elſens gellende Stimme auf der Höhe des Wegs laut ſich vernehmen ließ, ſo fand Bilger's Unſchlüſſigkeit ihr Ende, und mit der Schnelligkeit eines Hirſches warf er ſich abermals in das dicke Forſtgehänge hinein, wohin kein Pferd dringen konnte, und das Rauſchen ſeiner Schritte verſcholl, ehe noch der Troß herbeikam, welcher in der That aus Leuten von Neufalkenſtein beſtand, die je zwei und zwei auf einem Ackergaule oder Laſteſel hängend, herbeiklepperten. An ihrer Spitze war Frau Elſe ſelbſt, quer auf einer grauen Stute ſitzend, einen runden kleinen Schild am linken Arme führend, und mit einem breiten Waidmeſſer bewaffnet, das an ihrer Hüfte hing. Sah man den hinkenden Lauf ihres Roſſes, das im aufgehenden Mond⸗ licht erglänzende Regentuch, das um ihr Haupt flatterte, den im Abendwinde ſchwimmenden und wehenden Gürtel, und das abenteuerliche Häuflein, das ihr folgte, ſo war man verſucht, ſie für die wilde Hexen- und Waldfrau zu halten, von deren Spuck und Geſpenſtergeleite die Sagen des Thüringerwalds und des Brockens ſo viel zu erzählen wußten.—„Halt!“ rief ſie ihrer Rotte zu, da ſie gewahrte, daß ihre Beute eingeholt worden:„Halt! herab von den Thieren! Kreuz, Nagel und Dorn! Grüß Euch Gott, ſo ich Euch recht erkenne, Herr Graf von Montfort. Der Teufel auf Euern verdammten Schlangenkopf, liſtiges Fräu⸗ lein! Haben wir Euch wieder? Alle vierzehn heilige Noth⸗ helfer mußten Euch gerade dieſe Straße führen, Herr Graf. 3 3 Heda! Burſche; nehmt das Weibsbild, und bindet es recht feſt mit Zweigen und Riemen, daß ſich die falſche Hexe nicht rühren kann.“— „Frau Elſe!“ entgegnete Wallrade empört:„ſo Ihr dieſes an mir thun laßt, ſo erſticke ich mich ſelbſt. Das Unglück hat mich in Eure Gewalt gebracht, und kein Verbrechen!“ —„Seht doch!“ eiferte die Mann⸗Frau, indem ſie die Fäuſte in die Seite ſtemmte:„iſt es kein Verbrechen, mein Ver⸗ trauen zu betrügen? meine Leute zu verführen 2*—„Ich antworte Euch nicht mehr;“ verſetzte Wallrade:„aber ich tödte mich, wenn Ihr mich mißhandelt; verlaßt Euch darauf.“ —„Verruchte Kröte?“ murrte Elſe in ſich hinein, und der Graf ſprach mit beißendem Spott:„Bedenkt doch, Frau von Vilbel! es geht wahrlich nicht, daß wir eine Leiche mit heim bringen, ſtatt der holden Verlobten, in deren Armen ich Er⸗ ſatz für meine mühſame Reiſe zu finden hoffte. Ueberlaßt das Fräulein meiner alleinigen Obhut. Ich will es ſo zier⸗ lich, als ein Kämpe von der Tafelrunde in das ſo ſchnöde verlaſſene Kämmerlein zurückbringen, und Wallrade, die ſanfte reizende Wallrade wird meinen Schutz ſicher nicht verſchmähen. Nicht wahr, mein Fräulein?“— Lächelnd hielt er ihr den Steigbügel ſeines Pferds, und Wallrade erwiederte, indem ſie ſich ungeduldig aufſchwang:„Herr Graf! unter ſolchen umgebungen hat Eure Ueberredung eine ſo unwiderſtehliche Gewalt, daß ich Euch noch hundertfach mehr verabſcheuen müßte, als ich es wirklich thue, um nicht Eure Geſellſchaft derjenigen einer wüthenden Frau vorzuziehen, die es mir nicht vergeben will, hübſch liſtig verſucht zu haben, was ſie ſelbſt in ähnlicher Lage,— wenn auch gröber und unbehülf⸗ licher, in's Werk geſetzt haben würde.“—„Die Leuenbergerin 264 hat Recht;“ entgegnete Frau Elſe bitter:„Ihr ſeyd ein ſchneidig Meſſerlein, dem nicht zu trauen iſt. Traut ihr nur ia nicht, beſter Graf. Den Leuenberger Veit hat ſie verführt, daß er ihr durchgeholfen, und den Mönch hat ſie mitge⸗ nommen. Er und der arme Gaul, der hier am Boden liegt, möchten in Gottes Namen ſeyn, wo ſie können, wenn wir nur des ungetreuen Schirmvogts, des Leuenbergers habhaft würden. Der Vogel hat aber ſicherlich die Gefahr geſpürt, und iſt auf und davon gegangen.“— Wallrade ſchwieg hart⸗ näckig und ergötzte ſich im Stillen an dem falſchen Verdachte der Alten, obſchon die getäuſchte Hoffnung ihr Gehirn und Bruſt zuſammenpreßte, daß die Tropfen bittrer Thränen in ihre Augen traten. Stumm wurde der Zug nach der kaum verlaſſenen Veſte zurückgelegt. Auf Frau Elſens Ruf öffnete ſich die Burg; als ſie aber über die Zugbrücke zu dem Hofe ritten, entſetzten ſich Wallrade und der Graf, und auch die rohen, des Bannfluchs gewohnten Knechte bekreuzten ſich, und beteten einen Stoßſeufzer, denn an den Thorpfeilern hingen zwei Leichname. Auf Befehl der ſtrengen Hausfran hatte hier der Thorwächter geendet, welcher Wallradens Flucht nicht auf der That gehindert, und der alte Schmied, der von dem Schimmel gegangen war, deſſen ſich Bilger bemäch⸗ tigt hatte.—„Spiegelt Euch daran!“ ſprach Frau Elſe hartherzig und trocken zu Wallraden:„Allen, die es mit Euch halten, geht es alſo, und müßte ich den Letzten mit eigner Hand aufhenken. Die Schlüſſel aber,— ſie zeigte hohnlachend das wiedergefundne Gebund,— dieſe Schlüſſel vertraue ich nimmer Eurer gefährlichen Hand, obſchon es mit dem Einſperren im Wartthurm nicht ſo vieles auf ſich hatte. Ihr habt vergeſſen, daß der Thurmwächter eine Art 265 und die grobe Frau Elſe Fäuſte beſitzt, die allenfalls, mit Eiſen bewaffnet, ein Schloß auch ohne Schlüſſel zu öffnen verſtehen. Euch jedoch ſoll fürder weder Art noch Schluſſel zu Gebote ſtehen, bis mein Herr ſich mit dem Grafen ab⸗ gefunden, und Euer Schickſal entſchieden hat.“— Der innere Raum der Veſte wurde nun verrammelt, als ob ein die Acht vollſtreckendes Heer des Kaiſers vor derſelben läge. Frau Elſe bewirthete ihren unvermutheten, aber längſt erwarteten gräflichen Gaſt in der Trinkſtube, und Wallrade betrat be⸗ ſchämt und von Zorn zerriſſen, aber nicht verzweifelnd, das Frauengemach, das ſie vor wenig Stunden auf ewig ver⸗ laſſen zu haben glaubte, und in welchem Petronella, vom Schreck über die plötzliche Flucht der Gefangenen, und die muthmaßliche Theilnahme ihres Vetters, zuſammengeſchüttelt, krank zu Bette lag, und die mit dem Geſchick grollende mit den härteſten Vorwürfen empfing. 5wölftes Rapitel. Haſt du gethan, was nicht recht, ſo trage den Lohn mit Geduld. Laß' vom verdienten Geſchick nicht allzutief Dich beugen: Willſt Du die zürnende Welt von Reue uberzeugen, Wähle die Mittel nur gut, ſonſt mehrſt Du die vorige Schuld. Anonymus. „Was bringt Ihr mir, würdiger Vater!“ ſprach Frau Margarethe Froſch, da ſie den Beichtvater Reinhold bei ſich 266 eintreten ſah, und eilte ihm hoffend entgegen:„O ſagt,— ſagt, mein guter Herr, bringt Ihr Leben oder Tod?“— Der Mönch machte das Zeichen des Kreuzes auf die Stirne der angſtvoll Harrenden, und entgegnete:„Liebe Schweſter im Heiland! die Kirche und ihr Diener bringen nie den Tod, ſo lange ein gläubiges Vertrauen in ſie geſetzt wird; wohl aber immer das wahre Leben durch den himmliſchen Troſt, wenn auch der beſchränkte Menſchenverſtand dagegen ankämpft. Auf Euren Gatten, liebe Frau, hofft indeſſen nicht mehr. Er iſt hart wie ein Fels, und will weder durch Eure Bitten, noch durch meinen Zuſpruch, der Rührung Eingang ver⸗ ſchaffen. Es haben ſich böſe Mächte ſeiner angenommen, die ſein Ohr verſtopfen, und ſeine Sinne umnebeln; darum ging ich auch nicht zum Aeußerſten, und habe ihm nichts entdeckt, was ſeine Wuth noch hätte reizen können.“—„Er weiß alſo nicht?“ fragte Margarethe mit langem Athemzuge,„er weiß nicht, und zürnt mir dennoch unverſöhnlich?“— „Schwerer Verdacht;“ verſetzte der Mönch achſelzuckend: „Sein Sohn Dagobert ſcheint ihm der Räuber ſeiner Ehre zu ſeyn, und ſein Sohn Johannes eine Frucht unziemlichen Verſtändniſſes.“—„So iſt es denn nun herausgeſagt, was ich ahnte?“ klagte Margarethe mit hervorquellenden Thränen: „und dennoch bin ich unſchuldig, unſchuldig, wie die Sonne!“ —„Allerdings;“ ſtimmte Reinhold bei,„ohne Zweifel, ob Ihr gleich den jungen Mann geliebt, wie Niemand beſſer wiſſen kann, denn ich. Ihr habt Euch männlich herausge⸗ riſſen aus den Schlingen, in die Euch der Satan verſtricken wollte; eifrig habt Ihr Buße geſucht, und darum ſie auch gefunden.“—„Und dennoch alſo verkannt?“ fiel Margarethe ein.—„Nehmt dieſes hin als eine Strafe für den Fehl⸗ 267 den Ihr begangen;“ erinnerte Reinhold:„Daß Ihr, wie ich aus Eurer Beichte weiß, einen fremden Knaben ſtatt des Euern verſtorbenen eingepflanzt, wäre nichts, denn, was wir nicht wiſſen, iſt nichts, und ein glücklicher Wahn iſt beſſer, denn eine bittere Wahrheit; allein die Mittel zu dem Zwecke waren nicht gut, ſondern verdammlich gewählt. Einen Juden zum Vertrauten zu machen,. eine Kreatur, weit verab⸗ ſcheuungswürdiger, denn die ſchwarzen Heiden im Lande Afrika, die doch nur halbe Menſchen ſeyn ſollen.. o! das wird Euch böſe Früchte tragen. Mich befremdets, daß Euer Name nicht ſchon vor dem Richterſtuhl genannt worden iſt, und Gott hat mir noch nicht den Ausweg gezeigt, der endlich dieſem Wirrſal ein Ende machen werde.“—„Sollte Wahrheit nicht die beſte Wahl ſeyn?“ fragte Margarethe kühn ent⸗ ſchloſſen:„Sollte es mir nicht den Frieden wiedergeben, wenn ich hinträte und offen eingeſtünde, was ich gethan?“— Der Pater ſchüttelte bedenklich den Kopf.„Ein altes Sprich⸗ wort iſt's,“ ſagte er,„daß man den ſchlafenden Wolf nicht wecke. Iſt einmal der Pfeil vom Bogen, dann halte ihn auf, wer kann. Nicht doch. Ihr würdet Euch vielleicht unnöthig der Schande preis geben, während jetzt nur ein Verdacht Euch belaſtet. Was iſt ein Verdacht, wenn man ſich unſchuldig fühlt? Eine giftberaubte Schlange zu unſern Füßen. Hundert Frauen tragen ja geduldig den gegründeten Verdacht. Daß ſie die Treue nicht bewahrten, ihre Stief⸗ ſöhne küßten, immerhin! Aber mit einem Juden ſolchen Menſchenhandel getrieben zu haben.— Das würde keine von ſich ſagen laſſen wollen. Zudem, wo iſt die Gewißheit, daß gemartert habe? Noch hat er nicht geplaudert, und über⸗ morgen wird ſein und ſeines Vaters Urtheil geſprochen. Könnte er mit dem Geſtändniß ſeinen Hals retten,— ſicher hätte er's nicht unterlaſſen. Ich werde übrigens das Nähere morgen wiſſen, denn ich will verſuchen, ob's möglich wäre, dieſe heidniſchen Blutzapfer vor ihrem gräßlichen Ende zu betehren.“—„Ihr verwerft alſo ein offen reuiges Bekennt⸗ niß?“ fragte Margarethe noch einmal.—„Gott und ſeiner Kirche iſt man verbunden, Alles zu entdecken und aufzuthun die geheimſten Falten des Herzens;“ erwiederte Reinhold kalt;„das Laienvolk braucht nicht Alles zu wiſſen. Einen einzigen Mann kenne ich, bei welchem Euer Bekenntniß Nutzen bringen möchte; indem ſein Schutz und Schirm Euch aus der peinlichen Lage reißen würde, in die Euch der Arg⸗ wohn Diethers verſetzt hat. Ich meine den Schultheiß. Der Ritter hat längſt nach Eurer Gunſt geſtrebt. Mit Begierde wird er die Gelegenheit ergreifen, ſie zu verdienen. Ein Wort von Euch, und die gefährlichen Juden ſterben plötzlich dahin, der Schöff wird beſchwichtigt oder zur Ruhe gezwungen, und Johannes bleibt, was er ſeyn ſoll, Euer Erbe. „Nimmermehr!“ entgegnete Margarethe unwillig:„Aus Eurem Munde dieſen Rath? Nein; ich habe nicht Luſt wirk⸗ lich zu werden, wofür mein Eheherr mich hält.“—„Wie Ihr meint;“ ſprach Reinhold gelaſſen:„ich preiſe Eure Tugend, welche verwirft, was Tauſende thun würden⸗ um die Möglichkeit zu vermeiden, vor der Welt ein Aergerniß zu geben. Ihr ſeyd aber nicht wie Andere, obwohl auch aus heiligen Büchern Beiſpiele anzuführen wären, daß ſelbſt die frömmſten Weiber ſich nicht ſcheuten, dem beſten Zweke manche Bedenklichkeit zu opfern. Denkt an Judith, die den 209 wilden Holofernes ſich überließ...“—„Schweigt, würdiger Herr!“ bat Margarethe:„Ich vermag nicht, was Ihr jetzo vegehrt. Laßt es daher jetzt beruhen, und ſprecht mir von Derjenigen, die noch ferner um das Geheimniß weißz... von Willhild. Ich weiß nichts von ihr und ihr Schweigen macht mir bange.“—„Ich kann Euch beruhigen,“ antwor⸗ tete der Mönch:„Ich habe mich befragt. Willhild und ihr Mann ſind vor wenigen Tagen gen Compoſtell gezogen, auf eine Wallfahrt. Beſorgt nichts von ihnen. Der Mann iſt blödſinnig zu nennen, und die Frau, die vor Kurzem erſt ſehr krank geweſen, kömmt ſicher aus Hispanien nicht wieder heim.“—„Ich hätte nimmer geglaubt, daß die Hoffnung auf eines Menſchen Tod mich beruhigen könnte;“ verſetzte athemholend Margarethe.—„O die Hoffnung iſt immer ſüß,“ ſagte der Pater,„wenn ſie ſich auch auf Gräber richtet, die ſich erſt öffnen ſollen. Haben den Juden die Flammen erſtickt, die unzuverläßige Willhild die Mühſeligkeiten der Wallfahrt hinweggerafft.. wie lange dauert's, und ſie tragen einen alten Schöffen zur Gruft? Dann fallen Eure Feſſeln, dann feiert Ihr ſchon hienieden die Auferſtehung.“—„Ach hochwurdiger Herr!“ ſeufzte Margarethe:„Gehe es mit mir, wie es wolle; aber dieſer Augenblick bleibe fern. Kann ich den Greis auch nicht lieben, wie eine Braut den gefälligen Bräutigam, ſo ehre ich doch ſein graues Haupt, und bin ihm dankbar, daß er mein dürftiges Leben mit Ueberfluß gekrönt hat.“—„Hm!“ entgegnete Reinhold:„Jedem das Seine. Der reiche Praſſer kann zwar, ſitzt er im Schwefel⸗ pfuhle der Hölle mit all ſeinem Golde nicht einen Tropfen Waſſer erkaufen, aber hienieden ſteht ihm die ſchönſte Blume zu Gebot, daß ſie an ſeiner kalten Bruſt verwelke. Hat vernommen, hat der junge Mann ſich von der Kirche, welch 270 Diether Euer Leben mit Ueberfluß gekrönt, ſo krönt er es jetzt mit unverdienter Schmach. Ihr ſeyd im Vortheil gegen ihn, und Er muß Euch dankbar ſeyn für die edle Geſinnung, die Ihr für ihn hegt. Der alte Mann iſt derſelben nicht würdig, da er beinahe unverholen ahnen läßt, er ſchreibe Euch jenen Mordüberfall zu, und verſehe ſich eines Zweiten, wenn nicht ſeine Klugheit vorbaue.“—„Schrecklich!“ rief Margarethe empört:„Die Schlange erneut ſich ſtets in ſeiner Bruſt. Er fürchtet einen Meuchelmord von ſeiner Gattin!“ —„Noch mehr,“ verſetzte der Mönch:„er achtet ihn ganz nahe. Heute juſt, fürchtet er, lauern Mörder auf ſein Leben; Mörder von Euch gedungen und Euerm Bruder, vielleicht von Dagobert, wie der Argwöhniſche ſich nicht ſchämt, zu glauben. Ein Unbekannter hat ihm gemeldet, daß er erfahren würde, wo Wallrade hingekommen, wenn er in der heutigen Nacht, mit Geld verſehen, am Bannſteine von Bergen, das Sprünglein genannt, erſcheinen wolle. Dieſe Nachricht hält er von Euch erdichtet, und wittert Verrath, und wird nicht gehen, Niemand ſenden.“—„Am Sprünglein? ſagt Ihr?“ fragte Margarethe neugierig.„So iſt's,“ antwortete Rein⸗ hold:„Ich, an ſeiner Statt, würde doch Jemand hinaus⸗ ſenden; denn ich traue eher dem, der um Geldeswillen mir ein Ding zu verrathen verheißt, als der reinen Menſchen⸗ liebe wegen. Indeſſen, Euch kann's gleichviel ſeyn. Wall⸗ rade mag Euch nie zu lange außen bleiben; wohl aber der gute Dagobert, deſſen keckes Handeln Euch und Eurer Sache nur Vortheil gewähren kann. Nicht wahr?“— Margarethe ſchlug die Augen vor den forſchenden des Paters nieder, welcher nach einer Pauſe fortfuhr:„Wie i 271 er verlobt geweſen, löſen laſſen. Meines Bedünkens hat er übel daran gethan, und ſogar ſein hochmüthiger Lehrer, der Predigermönch Johann, der, wie alle ſeines Ordens, dem unfrigen nicht hold iſt, weil er am Evangelium reiner hängt, denn alle Andern, muß mir Recht geben. Wäre der Junkherr Prieſter geworden, es wäre ihm nicht geſchehen, was ſeit hente Morgen das Gerede der ganzen Stadt iſt.“—„Um Gotteswillen!“ ſprach Margarethe ängſtlich:„Was iſt ihm geſchehen? welch Unheil? redet.“—„Ihr wüßt nicht?“ fragte Reinhold entgegen:„Da ſieht man wohl, wie ſehr Recht das Lied hat, welches ſagt: Jenſeits bin ich wohl bekannt,— Fremdling doch im eignen Land! Daß Eure Zofen aus Schonung Euch's verſchwiegen haben, gebe ich zu,— aber der Rachbegierde Eures Eheherrn hätt' ich das Schweigen nicht zugetraut.— Heute Morgen hat Euer Knecht Eitel, als er des Hauſes Thüre öffnete, ein Pergament daran ge⸗ heftet gefunden, und die drei Späne, die aus der Pforte gehauen woiden waren, entdeckten dem des Leſens Unkun⸗ digen gleich das Wahre, wie auch dem Pöbel, der ſchon lange gaffend vor dem Hauſe ſtand. Eine Ladung der heimlichen Acht iſt es, gerichtet an den Junkherrn Dagobert Froſch⸗ welcher auf den nächſten Dienſtag vorgefordert wird vor den Stuhl zu Sachſenhauſen, um ſich zu verantworten über ſchwere Miſſethaten, deren er angeklagt worden.“— „Heiliger Gott!“ ſtammelte Margarethe:„die heimliche beſchloſſene Acht? armer Dagobert! welch' ein Teufel hat Dich vor dieſe Schranken gefordert, wo der Kläger nur Recht erhält? Hochwürdiger Herr! Um meinetwillen,— o gewiß, um meinetwillen iſt er in dieſe Verderbniß gerathen! Wie ſoll ich mir jetzt rathen,.. wie ſoll ich mir helfen?“— Der Mönch zuckte die Achſeln, verwies die Klagende auf den Willen Gottes, und auf das eigene Schweigen, und begab ſich mit dem Verſprechen hinweg, bald wieder einzu⸗ ſprechen, und ihr ſogleich zu wiſſen zu machen, wenn der gefangene Jude ein gefährliches Geſtändniß beſorgen laſſen ſollte. Eine unſägliche Angſt bemächtigte ſich Margarethens, da ſie wieder allein war, und in ihrem erſchutterten Geiſte Alles zuſammenſtellte, was ſich in den letzten Tagen zugetragen, und ihr Schickſal auf ſolch entſetzliche Weiſe verwirrt hatte. Ihres Fehls bewußt, drängte es ſie, etwas zu unternehmen, wodurch ſie die Schuld ihres Gewiſſens in etwas zum min⸗ deſten zu ſühnen vermöchte, und dieſes Etwas wurde, trotz ſeiner gefährlichen Abenteuerlichkeit, bald in ihr zum feſten Entſchluß.„Ich will ihn zwingen, wenigſtens nicht das Aergſte von mir zu glauben,“ ſprach ſie zu ſich ſelbſt;„nicht die Bosheit, Wallraden aus dem Wege geſchafft, noch die größre, Mörder gegen ſein Leben aufgeſtellt zu haben. Iſt es Gottes Wille, daß ich in meinem Vornehmen umkomme, ſo ſep es darum;— wo nicht, ſo ſey der Engel geprieſen, der mir dieſen Weg gezeigt, wieder etwas in der heilloſen Verwirrung gut machen zu können, worein meine leichtſinnige Verblendung mein Haus geſtürzt hat.“— Sie ſammelte mit zitternder Hand die Kleinodien und den kleinen Schatz von Denkmünzen und ſeltnen Goldpfennigen, die ſie der Frei⸗ gebigkeit ihres Gatten verdankte, und wählte aus ihrem Kleiderſchreine einen dichten, weitverhüllenden Regenmantel, welcher ihr zu ihrem Vorhaben geeignet ſchien. Hierauf ſagte ſie zu Elſen, die ſich mit dem kleinen Johannes bei ihr eingefunden hatte:„Gute Dirne! Du haſt ſchon viele 273 Heftigkeit von mir ertragen und meinem aufbrauſenden Zorn ſtille Geduld entgegengeſetzt. Nun, da ein böſes Geſchick mir die Augen geöffnet, und mir ſelbſt Duldung zur Pflicht gemacht hat, danke ich Dir für Deine Nachgiebigkeit, welche immer mit der ſeltenſten Treue gepaart war. Du haſt treu bei mir ausgehalten, ſeit mich ein widriges Geſtirn in die Tiefe des häuslichen Unglücks verſenkte; nicht Dein Mund⸗ nicht ein Blick von Dir hat mich fühlen laſſen, wie ſehr die Gegenwart meine Vergangenheit in Schatten ſtellt. Empfange dafür meinen herzlichſten Dank, und gib mir Gelegenheit, Dir eine noch wärmere Dankbarkeit widmen zu können. Willſt Du, meine gute Elſe?“— Die Zofe ſtaunte bei dieſer ungewohnten und aufrichtigen Sanftmuth ihrer Herrin, und verſicherte ſie ihrer Bereitwilligkeit.—„Entſinnſt Du Dich noch des Traums, den ich Dir vor manchen Monden er⸗ zählte?“ fuhr Margarethe fort:„Ich ſpottete damals Deiner finſtern Ahnung, obwohl mir der Spott nicht von Herzen ging. Nun aber erwahrt ſich das Gebilde jener Nacht auf eine furchtbare Weiſe. Aus der Zeit iſt eine Schlange er⸗ wachſen, aus Allem dem, was ich für das Theuerſte achtete, iſt ein Ungeheuer entſprungen, das mir das Herz abfrißt. Ich weiß, um dieſe Schrecken zu mildern, nur einen Ausweg, und dieſen zu ergreifen, ſollſt Du mir behülflich ſeyn.“— Elſe küßte der Gebieterin die Hand, und fragte unter Thränen:„Was ſoll ich thun, ehrſame Frau, das Euch an⸗ genehm wäre, und das Mittel darböte, den Frieden in Euer Haus und Herz zuruckzubringen? Wenn eine ſchwache Magd vollbringen kann, was Ihr begehrt, ſo zählt auf mich.“— „Ich muß fort;“ ſprach Margarethe mit gedämpftem Tone weiter:„noch in dieſer Nacht muß ich fort. Begünſtige 274 dieſen Vorſatz; hilf mir hinaus aus dieſem Gebäude, wo mich Kummer und Angſt tödtet.“—„Fort?“ fragte Elſe erſtaunt:„Fort? Ei, um unſerer lieben Frauen willen? was wolli Ihr beginnen? Wollt Ihr Euern Herrn verlaſſen, und Euern guten Leumund zu Grunde richten? oder wollt Ihr Euch ein Leides anthun? Ach, liebe Meiſterin, unterlaßt doch dieſes Vornehmen! Ihr ſeyd jung, Ihr ſeyd Mutter und Hausfrau. Verzweifelt nicht an der Barmherzigkeit, die Allen hilft. Iſt der Kummer unverſchuldet, der Euch drückt,.. und wie könnte es anders ſeyn 2... ſo wird er Euch nicht tödten, und der Allmächtige Euch nicht umkommen laſſen. Die Wahrheit muß ja doch endlich an's Tageslicht kommen, und Eure Feinde verderben. Man lebt nur einmal, gute Frau, und was helfen Euch alle Ehrenkronen auf Euerm Grabe, ſo bald Ihr die Augen nicht wieder aufthun könntet.“—„Nicht doch;“ verſetzte Margarethe mit ſchmeicheln⸗ der Ueberredung:„Gutes Kind, Du irrſt. Ich will weder flüchtig gehen, noch mir das Leben nehmen, und, wenn die Sterne mir günſtig ſind, bin ich morgen bei guter Zeit wieder zurück. Sollte ich aber nimmer wiederkehren, ſo ſage meinem Herrn, daß er von Deiner Mutter erfahren würde, wohin ich gegangen, und wie mein letzter Gruß an ihn gelautet. Du aber bete dann für meine Seele, Mädchen!“—„Ihr wollt mich beruhigen, ehrſame Frau;“ begann Elſe nach einer kleinen Weile, in welcher ſie die Gebieterin ſtumm betrachtet: „und dennoch mehrt ſich meine Angſt. Wohin wollt Ihr gehen, daß Ihr vielleicht nimmer lebendig wiederkehren dürftet⸗ O, liebe Frau, denkt an Euern Knaben!“— Sie führte den wehmüthig die Hände faltenden Johannes zu Margarethen. Die Altbürgerin betrachtete den Knaben kummervoll, leg'e 275 die Hand auf ſeinen Kopf, und ſagte:„Armer Junge! Du biſt die Quelle des Unheils, das uns betroffen, und doch unſchuldiger, als wir Alle! Traue auf Gott, und er wird wohl an Dir machen, was Menſchenſinn verdarb. Du wirſt, wie auch Dein Geſchick ſich wende, an Herrn Diether einen Vater finden.„—„Das walte Gott!“ ſeufzte das Mädchen: „Was wird aber der rauhe, argwöhniſche Herr an dem Knaben thun, da Ihr, die Mutter, ſo kalt von ihm ſcheidet?“ —„Du ſchiltſt mein Mutterherz?“ fragte Margarethe heftig⸗ und ihr Auge ſuchte weinend am dämmernden Himmel den Wohnſitz den verblichenen Sohns. Sie faßte ſich jedoch bald wieder, und fuhr gelaßner fort:„Die Nacht bricht ein, mein Kind. Laß mich nicht vergebens bitten. Bleibe mir treu; ich fordere es vielleicht zum Letztenmale von Dir. Berichte mir, wenn Herr Diether heut Abend das Haus verläßt, und öfne mir alsdann die Thür, wenn Du's vermagſt. Ich ſelbſt habe die Schlüſſel des Hauſes nicht mehr, da ſie mein Herr mir abfordern ließ, allein ich denke...“—„Gute Frau,“ ſiel Elſe ein:„ich habe Mitleid mit Euch. Herrgott! ſo jung, ſo ſchön und reich zu ſeyn, und doch nicht glücklich! Das kann uns armen Leuten nicht recht zu Sinne gehen⸗ wenn wir nicht in Herrendienſten ſind. Ich ſehe es aber hier deutlich, und will gerne die Hand zu einem Schritte bieten, von welchem, wie Ihr ſagt, meine wackre Mutter weiß. Aber Ihr vergeßt, daß der ehrſame Herr, ſo oft er Abends das Haus verläßt, die Thüre ſperrt. Wie wird es möglich ſeyn, zu entweichen, wenn es auch geſchehen könnte, daß keine Magd und kein Knecht Euch ſähe?“—„Welch ein Hinderniß!“ klagte Margarethe:„und heute, gerade heute muß ich fort! Sinne nach, kluge Dirne, ſinne nach und hilf. 276 Schon ſteigt der neue Mond herauf am Himmel; wir haben nicht lange Zeit zu verlieren, denn weit iſt der Weg, den ich unternehme.“—„Es wird mir ſchauerlich zu Muthe,“ erwiederte Elſe,„hör' ich Euch alſo ſprechen. Ihr werdet doch nicht zu einer Hexenfrau gehen, um Euch die n deuten zu laſſen durch verbotnen Zauber? Gute Frau,.. das thut nimmer gut, nicht hier, nicht jenſeits über den Himmeln.“—„Schwätzerin!“ ſchalt Margarethe halb ſcherz⸗ haft, ihr auf die Wange klopfend:„Vergiſſeſt Du, daß Deine Mutter um die Sache wiſſen wird, und daß ſie eine allzu⸗ fromme Chriſtin iſt, um ſich mit Hexenwerken einzulaſſen? Sey ruhig, und öffne mir einen Weg aus dem Hauſe. Höre aber vorerſt, was das Geräuſch bedeutet, das ich in den Gängen vernehme.“— Die Zofe ging hinaus, um nach dem Willen der Gebieterin zu thun. Der kleine Johannes näherte ſich aber der in Trübſinn verſinkenden Frau, faltete nochmals ſeine Händchen und ſprach:„Lieb Mütterlein! Du kommſt doch wieder? Du läſſeſt mich doch nicht allein bei dem finſtern Manne, der uns nicht mehr ſehen, nicht mehr hören will?“ —„Ich komme wieder, Johannes!“ verſicherte Margarethe, ſeine Hand ſtreichelnd:„und wenn ich auch nicht wieder käme, ſo verzage nicht. Du biſt ja ein unſchuldig Kind. Dir werden ſie nichts zu Leide thun.“—„Ach, dem kleinen Hans iſt ſchon viel zu Leide gethan worden,“ klagte der Knabe:„die ſchwarze Mutter hat ihn viel geſchlagen, und endlich gar verlaſſen. Und Du biſt ſo eine freundliche Mutter, und wollteſt auch von mir gehen?“—„Ei, Hansz“ zürnte Margarethe leiſe:„Wie magſt Du denn ſchon wieder an Deine Träume denken? Geträumt hat Dir von der ſchwarzen Mutter.. nichts weiter. Wie kömmt es denn, daß Du wieder an die Tollheiten kömmſt?“—„Seit heute Nachmittag, lieb Mütterlein;“ erklärte der Bube geſprächiger: „Es muß am Ende doch wahr ſeyn, was ich geträumt habe. Elſe hat mich hinausgeführt auf die Gaſſen unter die andern Buben, und wir haben geſpielt. Und da ich müde wurde, und Elſe ſich vor einem großen ſchönen Hauſe mit mir hin⸗ ſetzte, mir das Hütlein abnahm, und den Schweiß abtrocknete, — ja, da hab' ich den Mann geſehen, der mich gefunden hat, da meine ſchwarze Mutter von mir gegangen war, und es iſt juſt ſo vor mir geſtanden, Alles, wie damals, als es mir geträumt hat, wie Du ſagſt.“—„Welchen Mann?“ fragte Margarethe mit pochendem Herzen.— Der Knabe beſann ſich ein wenig; dann verſetzte er:„ich habe bei ihm geſchla⸗ fen, ganz gewiß,. und bin auf ſeinem Knie geritten;... ach Mütterlein! welch ein großer Schnauzbart, und den hat er noch.“— Ei, wo ſahſt Du ihn denn, Hans?—„Am Fenſter ſtand er,“ fuhr der Bube fort,„und ein ſchwarzer großer Herr neben ihm, und ſie ſahen mich auch lange an; der Mann hätte gewiß mit mir geredet, wenn er nicht im Hauſe geweſen wäre, und ich auf der Gaſſe.“—„Gewiß,“ verſetzte Margarethe, leichter athmend:„daß er aber nicht zu Dir herauskam, ſey Dir ein Beweis, daß es doch nichts war, als ein Traum, was Du Dir einbildeſt; ein Traum, von dem zu reden ich Dir ernſtlicher verbiete als jemals; hörſt Du? Wenn Du haben willſt, daß ich nicht mehr zurück⸗ komme, ſo magſt Du thun, was ich verboten habe.“—„O mein Mütterlein!“ antwortete ſchmeichelnd der Bube:„Wieder kommen! nichts ſagen,— gewiß nicht, herziges Mütterlein.“ — Da trat Elſe wieder in die Stube.„Ehrſame Frau,“ ſprach ſie, auf den Zehen heranſchleichelnd:„es iſt, als ob 278 ein Zauber Euern Ausgang begünſtigen wollte; wir haben Beſuch bekommen; der Bruder des Herrn, der Prälat aus Wälſchland iſt ſo eben im Hauſe eingekehrt, mit einem gar holdſeligen Fräulein, das wohl ſeine Haushälterin oder eine Verwandte ſeyn mag. Der Herr Schöff iſt überraſcht auf ſeiner Stube ihnen entgegen gegangen, und hat die Gäſte bewillkommt, und in den großen Garten geführt. Darauf hat er dem Eitel befohlen, ſpaniſchen Wein heraufzubringen, und ein Nachtmahl anzuordnen, wie es in der Eile ſich würde thun laſſen. Das Geſinde iſt in Küche und Keller beſchäftigt, die Thüre iſt offen, das Glück und die Nacht ſind Euch günſtig, wenn Ihr ferner bei Eurem Vornehmen beharrt.“— „Ob ich dabei beharre?“ fragte Margarethe lebhaft:„Hart⸗ näckiger denn zuvor. Den Prälaten, welcher Wallraden liebt, wie ſeinen Augapfel, will ich nicht eher ſehen, als bis ich etwas gethan, das unläugbar von meinem guten, aber ſchnöd verkannten Sinne zeugt. Komm, Elſe, hilf mir, und Du, mein Junge, ſetze Dich dort in den Winkel, und weine nicht, und plaudre nicht. Ich werde wiederkommen, und Dir ſchöne Sachen mitbringen.“— Hans that, wie ihm geheißen war, und Elſe warf der Gebieterin den Mantel um.„Gott ſchutze Euch!“ ſchluchzte die gute Seele, da ſie die ſchweren ſilbernen Hacken am Halſe Margarethens zu⸗ machte, und ihr das Käſtchen unter den Arm ſchob;„Der Himmel gebe, daß wir alle es nicht bereuen mögen, daß Ihr heute fortgegangen von Euerm Herrn und Sohne.“—„Das gebe der Himmel!“ erwiederte Margarethe, und öffnete die Thüre des Gemachs leiſe und vorſichtig. Elſe folgte der voranſchleichenden Herrin, wie ein lauſchender Dieb, und der Zufall wollte, daß kein Verräther über ihren Weg ging. Die 279 ſchwere Hauspforte wurde halb aufgezogen, und in die braune Dämmerung entſchwand Margarethe. Die aufgeregte Einbildungskraft zeigt uns oft, wenn uns die Nacht auf Haide und Blachfeld überraſcht, am Saume der Wolken Schatten und Geſtalten, die dahin gleiten, wie in Flören und weit verhullenden Gewändern ſchwebend, Klagefrauen ähnlich, die um den in Meeresfluthen begra⸗ benen Tag trauern, und die Hände ringen. Alſo durcheilte Nargarethe die Straßen der Stadt, über welchen der neu ein⸗ getretene Vollmond einen feuchten, düſtern Himmel geſpannt hatte. Mit der Sonne hatte auch das ſchöne Wetter Ab⸗ ſchied genommen, und gewitterliche Wolken den Schauplatz bezogen. Wohl leuchtete der Mond, aber ſeine Scheibe war bleich, und dieſe blaſſe Helle deutete auf herannahenden Sturm und Regenguß, ſo wie die Mitternacht herankommen würde. Wann hätte jedoch des Firmaments Beobachtung einen Menſchen abgehalten von dem Vorſatz, zu welchem ihn der ſeſte Wille treibt, oder die unerſchütterliche Nothwendig⸗ leit? Auch das ſchwächere Weib zittert nicht vor den dro⸗ henden Schrecken der Natur, wenn ſein Herz zu höheren Pflichten, zu wirklichen oder eingebildeten ruft, und Mar⸗ garethe bemerkte, raſch fortſchreitend, nicht den ſtillen Wol⸗ tenkampf am Himmelsbogen, nicht das dumpfe Wehen der näßlichen Luft. Es war ein ſeltenes Schauſpiel, um jene vorgerückte Abendſtunde ein Weib aus dem beſſern Stande allein auf den Gaſſen der Stadt zu gewahren, und mehr als Ein zudringlicher Junker bot der Eilfertigen ſeine Be⸗ gleitung an. Kaum hörte ſie jedoch die Begrüßung der Schüchternen, die Frechern wies ſie mit harten Worten zu⸗ rück, und verſchloß ihre Ohren vor den Spöttereien der Wächter am Thore. Ein Ziel vor Augen habend, ging ſie muthig hinaus in's Weite, und das Mondlicht ſowohl, als auch dann und wann ferne am Feldweg aufzuckende Blitze leuchteten ihr mitleidig auf dem Wege zum Schellenhof. Keine menſchliche Seele war ihr vor der Stadt begegnet. Züge von Dohlen und Krähen, die, vor dem fern dräuenden Sturm einen Zufluchtsvort ſuchend, dicht am Boden vorüberflatter⸗ ten, waren die einzigen lebenden Geſchöpfe, die ſich zeigten. Frau Margarethe, trotz aller Standhaftigkeit dennoch ſolcher einſamen Wanderungen ungewohnt, dankte dem Himmel im Stillen, als die Hunde des Schellenhofs bei ihrer Annähe⸗ rung anſchlugen, obwohl hier erſt der halbe Weg zur Ge⸗ fahr überwunden war. Die Hunde tobten an der Kette, und der geſchloſſene Fenſterladen im Erdgeſchoße ging auf⸗ Crescentia, die nach der Urſache des Gebells ausſah, er⸗ ſchrack in die tiefſte Seele, als ſie die Stimme der Dienſt⸗ herrin vernahm, die auf einen Augenblick den Eintritt in's Haus verlangte. Die Beſchließerin gehorchte indeſſen auf der Stelle, und that ihr gaſtliches Gemach auf, in welchem Margarethe einen langen Mann gewahrte, welcher ſo eben einen mäßigen Nachtimbiß einnahm, und verlegen aufſprang, da Margarethe in die Thüre trat.—„Sieh' da, Vollbrecht!“ rief die Altbürgerin, ſchmerzlich und freudig betroffen von dem Anblick des Knechts:„Du hier? Ei, ſprich, wo iſt Dein Herr, und kehrt er zurück?“—„Ehrſame Frau!“ lau⸗ tete die Antwort:„Wir ſind herumgezogen in der Irre, wie Rolland's Knappen, haben aber nichts erlauert, nichts erſpürt. Wir haben zwar manchen Span beſtanden mit den adelichen Herren, die rundum an den Straßen und Flüſſen die Schlagbäume machen, und von Freund und Feind den 281 Zoll heiſchen,— aber, die wir ſuchten, fanden wir nicht, und des Fräuleins leibeigener Knecht Rudiger, nachdem er uns lange links und rechts und kreuz und quer im Lande umher geführt hatte, meinte endlich, er werde doch nimmer das Schloß erkennen, in welchem ſie geſteckt,— das Fräu⸗ lein, Er und die Zofe,— und glaube ſteif und feſt, man habe das Fräulein umgebracht, weil auch kein Laut mehr von ihr zu hören ſey. Darauf haben wir uns auf den Rück⸗ weg gemacht, und wollten heut zur Vesperzeit in Frankfurt einreiten, als mit einemmale der Rüdiger krank wurde, und ſo breſthaſt, daß er wohl nimmer erſtehen wird. Der Menſch hat ſich ſo viel Gedanken um ſeiner Herrſchaft Schickſal ge⸗ macht, und ſich ſo ſehr darob gegrämt, daß er ſicher ſchon verſchieden wäre, wenn er nicht etwas auf dem Gewiſſen ge⸗ habt hätte, das ihn, wie er ſagt, ſeit geraumer Zeit ge⸗ drückt hat, wie ein Fels. Der Junkherr hat ihm zugeſprochen, wie ein Beichtherr, denn das verſteht er aus dem Grunde, und endlich hat der Knecht ſich d'rein ergeben, und verſprochen, ihm Alles zu bekennen, und ſein Herz zu erleichtern vor dem Ende.—„Was kümmert mich der Knecht?“ ſchaltete Margarethe dringend ein:„Wo iſt Dein Herr? das will ich wiſſen.“—„Ich bin ja gleich zu Endez“ erwiederte der Knecht gehorſam:„Wir waren gezwungen, in einer ſchlechten Winkelſchenke einzukehren, nicht allzufern von hier, da der Rüdiger nicht weiter konnte, vor Froſt und Hitze, und wenn man ihn auf's Pferd gebunden hätte. Und da es den ſter⸗ benden Mann drängte, meinem Herrn zu vertrauen, was ihn quält, und mir, dem Knecht, nicht nöthig und ziemlich iſt, davon zu wiſſen, ſo hat der Junker geſagt:„Reit Du indeſſen gen Frankfurt, Vollbrecht, und ſieh nur, wie es 282 dorten ſteht, ob ſich vielleicht durch Gottes und eines andern Biedermanns Hülfe die Schweſter daſelbſt wieder eingefun⸗ den und wie es mit dem lieben Vater ſteht, der Mutter und dem kleinen Hans. Vergiß jedoch nicht, vorerſt auf dem Schellenhofe einzuſprechen, und der wackern Frau Creszens meinen Gruß zu bringen, mit dem Vermelden: es ſtehe bis auf die getäuſchte Hoffnung wohl mit mir, und ſie ſolle es nur weiter ſagen. Sobald des Rüdigers Zuſtand es erlaubt, komme ich ſelbſt.“—„Um Gotteswillen nicht!“ fiel hier Margarethe eifrig ein;„Fliege zurück zu ihm, und bringe ihm dieſe Kunde! Nur gen Frankfurt nicht. Die Heimath wird ſein Grab. Er bleibe fern, denn ſeine Feinde haben die tödtlichſten Pfeile auf ihn gerichtet. Die heimliche Acht hat ihn vorgeladen, und von ihren Schranken kehrt kein Gerechter wieder.“ „Jeſus Maria!“ ſeufzte die Beſchließerin und ſchlug ein großes Kreuz. Der lange Vollbrecht faltete erſchrocken die Hände und ſprach kein Wort.—„Wenn ihm ſein Leben, wenn ihm meine Ruhe lieb iſt, ſo bleibe er fern, ſo ver⸗ berge er ſich in entlegnen Landen vor den Schöffen der Vehme!“ fuhr Margarethe bewegter fort:„Sage ihm, Voll⸗ brecht, ich hätte gehört, daß der Kaiſer allein die Vervehmten zu ſchützen vermöge. Er ſuche zu Sigmunds Füßen die Losſprechung von jener furchtbaren Ladung. Er fliehe zu den Füßen des heiligen Vaters, denn in Deutſchland ſollen hunderttauſend Dolche auf die Bruſt des Geächteten lauern⸗ Doch, was rede ich?“ ſetzte ſie ſich beſinnend bei:„ich ſollte ihn wegſcheuchen vom heimathlichen Boden, ohne ihm erft zu ſagen, wie ſich Alles geſtaltet? Nein, nein, nein! Guter Vollbrecht; vergib mir, wenn ich verwirrt rede, aber 283 wiederhole ihm getreu meine Worte. Sie verrathen ſelbſt in ihrer Verwirrung die Liebe, die dankbare Freundſchaft, die ich für ihn empfinde. Er ſoll mir glauben, Vollbrecht, nicht wähnen, als ſey es Bosheit einer Stiefmutter, die den Sohn erſter Ehe aus dem Vaterhauſe treiben möchte! Ich bin ja ſelbſt geächtet,.. ſelbſt verſtoßen! Aber recht! reden muß ich noch einmal zu ihm. Ich muß ihn ſprechen, obgleich ich nicht weiß, ob ich morgen noch lebe! Sage ihm, treuer Knecht, ſage ihm, daß er morgen, um dieſe Stunde— hier erſcheine— er würde mich finden, ihm Lebewohl zu ſagen! bis dahin möge er jedoch verborgen bleiben; denn Alles ſey gegen ihn verſchworen. Und nun mache Dich zur Stelle auf, und eile von dannen. Vielleicht iſt jetzt ſchon Rüdiger des Todes, oder geneſen. Vielleicht geht jetzt ſchon der Sorg⸗ loſe, Unbefangene ſeinem Untergange entgegen, ohne War⸗ nung, ohne Ahnung! Geh! geh! guter Vollbrecht!“— um den ſchwankenden Entſchluß des zögernden Burſchen zu beſchleunigen, drückte ſie ihm ein Geldſtück in die Hand, und dieſe Freigebigkeit, verbunden mit der aufrichtigſten An⸗ hänglichkeit an ſeinen Herrn, beſtimmte den Knecht, ſich alſo⸗ bald auf zu machen. Frau Margarethen für ihr Geſchenk das Kleid küſſend, Crescenzien für das Nachtmahl dankbar die Hand ſchüttelnd, ſprang er hinaus, warf ſich auf den harrenden Gaul und ſuchte auf gut Glück in dunkler Nacht den Weg, den er gekommen. Die Schaffnerin hatte kaum ihren Ohren getraut, als ſie die Reden vernommen, die Margarethens Mund, wie vom Sturme beflügelt, geſprochen hatte. Es ſchien ihr noch immer wie ein Traum, daß ihre Meiſterin jetzt, zu dieſer Stunde in ihrem Gemache ſtehe, und eine ängſtliche Neugierde bemächtige ſich ihrer, zu erfahren, was der ſeltne und verſtörte Gaſt hier begehre. Die Altbürgerin ließ dieſe Neugier nicht zu Worte kommen, denn auch ſie wurde von der vorrückenden Nacht gemahnt, ihr Gewerbe hier zu Ende zu bringen.—„Der Tag wird kommen,“ ſagte ſie ernſt zu der Dienerin:„Ich werde vielleicht nicht wiederkehren, denn meines Lebens bin ich nicht ſicher auf dem Wege, den ich heute gehen muß. Verſprich mir aber, Crescenz, daß, wofern ich morgen in des Tages Fruhe nicht zuruckkehrte, Du meinen Herrn aufſuchen wolleſt und ihm melden: Ich hätte es nicht ferner tragen können, meine Unſchuld für böſe Schuld abgewogen zu ſehen. Ich ſey ihm immer treu geweſen und hold,— Dagobert ſey rein, wie das Sonnenlicht,— ich hätte weder meinen Herrn und Ehe⸗ wirth zu morden begehrt, noch ſein Herz zu zerreißen durch Wallradens Raub, den er mir ebenfalls zugeſchrieben. Um ihn zu überzeugen, daß ich wahr und redlich gehandelt, ſey ich heut hinausgegangen zum Springlinſteine, um dort zu verrichten, was Herr Diether, von Argwohn und Mißtrauen befangen, nicht unternehmen wollte. Er möchte mir daher vergeben, was ich vielleicht im Leichtfinn der Jugend an ihm gefrevelt. Böſes habe mein Herz dabei nie im Schilde ge⸗ führt. Er möge mir auch verzeihen, was ich Schwereres begangen, und mir nicht als Sünde zurechnen, was ein irre geleitetes Gefühl verbrach. Er möge endlich meiner in Frieden gedenken, und von dem kleinen Hans ſeine Hand nicht abziehen, wie auch die Dinge kommen ſollten. Ver⸗ ſtehſt Du mich, gute Crescenz?“ Die Alte hatte zugehört, und immer aufmerkſamer Auge wie Ohr geoffnet. Nun aber, da Margarethe zu reden auf⸗ gehört, ſtarrte ſie dieſelbe unbeweglich an.—„Ich werde 285⁵ ausrichten, was Ihr befehlt, ehrſame Frau,“ ſagte ſie, in ihrer Beſtürzung verharrend,—„aber ich will nicht getauft ſeyn, wenn ich begreife, was das Alles heißen ſoll! Hat Euch denn der liebe Herrgott Euer Sterbeſtündlein offenbart? oder welche Urſache habt Ihr dann, daß Ihr ſolche bedenkliche Reden führt? Oder hätte Euer häuslich Kreuz Euern Ver⸗ ſtand beſchädigt? Ich ſollte Euch wahrlich nicht fortlaſſen in der dunkeln Nacht.“—„Keine Widerrede;“ befahl Margarethe herriſch, und Crescenz zog ſich alſobald in die Schranke der Demuth zurück:„Höre noch das letzte:“ ſetzte die Altbürgerin hinzu:„Athme ich morgen noch, ſo werde ich am Abend hier mit meinem Stiefſohne ein Wort des Abſchieds reden— in Gegenwart Deiner beiden Augen, unter der Obhut Deiner verſchwiegenen Zunge. Hat jedoch der Herr des Lebens über mich geboten, ſo ſage dem jungen, unglücklichen, durch mich unglücklich gewordenen jungen Manne: Bis zu meinem letzten Athemzuge ſey er mir der theuerſte Menſch auf Erden geweſen. Die Zeit, da ich ihn verſtohlen liebte, wie ein unerreichbar höchſtes Gut, ſey meine gläcklichſte; die Zeit, in der ich ihn haßte in verirrter Leidenſchaft, meine elendeſte geweſen. Seine vergebende Freundſchaft war Paradieſeshauch in meinem häuslichen Jammer, ſein Bild der Heilige, zu dem ich betete. Bekenne ihm in meinem Namen, daß ich, die Unwuͤrdige, glücklich war, in der Frinnerung an ihn, und daß, wenn es möglich iſt, mein Geiſt ſich von oben herabneigen wird, um uber ſeine Schritte zu wachen, daß ich ihn aber bitte mit der derzweifelnden Liebe einer Mutter, ſich ſelbſt zu erhalten, und die Stätte zu meiden, wo öffentlich und heimlich die höchſte Gefahr ihm droht, wo ſelbſt der eigne Vater von . 19 286 ſchnöder Rachluſt entbrannt iſt gegen den Unſchuldigen. Be⸗ ſchwöre ihn,“„— hier hemmten Thränen die Worte Margarethens, und mit einem ſchmerzlichen:„Ich kann nicht mehr; lebe wohl!“ ftürzte ſie aus dem Gemach. Die angſt⸗ volle Crescentia folgte ihr ermahnend, bittend und klagend. — Die Altbürgerin war unerbittlich gegen ihr Flehen; noch unter der Hausthüre mußte ihr vie Alte in dem ungewiſſen Dunkel die Richtung bezeichnen, die ſie gen Bergen zu nehmen hätte, und unter dem Gebell der wachbaren Hunde entwich die kühne, auf's Aeußerſte gefaßte Frau der alten Dienerin.— Kopfſchüttelnd ſah ihr die Letztere nach, ſchob alsdann den Riegel vor und ſendete das Geſinde, das durch das Hundegebell aufgeſchreckt worden war, wieder zum Lager zurück. Sie ſetzte ſich hierauf in den Sorgenſtuhl und dachte im unruhigen Geiſt nach uber die Begebenheiten des Abends. Nach allem Ueberlegen ſchien ihr endlich nichts klarer und gewiſſer zu ſeyn, als daß der angehäufte Gram und Unmuth Margarethens Verſtand in Unordnung gebracht habe, und ſie begann, ſich die bitterſten Vorwürfe zu machen, daß ſie die Sinnverwirrte hinausgelaſſen in die einſame Finſterniß⸗ wo ihr unſtäter Fuß gar leicht in des Waſſers Fluth gerathen⸗ oder ein Blitz ihr Haupt zerſchmettern konnte. Sie ſchalt ſich einfältig, daß ſie gar nicht bedacht, wie ungnädig Herr Diether ihr Betragen,— kam's zu Tage— aufnehmen würde, und bedauerte abwechſelnd die arme Frau, ſich ſelbſt und den guten Junker Dagobert, den die Botſchaft, die Margarethe ſeinem Knechte aufgegeben, unbedingt zum Tode erſchrecken müſſe.—„Der biedre Junker!“ ſagte ſie vor ſich hin, während ſie ihr Nachtkleid überwarf:„Wie er Alles liebt, das ihm vertraut. Wie dankbar gedenkt nicht ſein die Stiefmutter, die ihn haßte? Wie zart denkt er nicht Aller, deren er ſich angenommen! Wie werde ich das gute Judendirnlein morgen mit der Nachricht erquicken, daß er geſund und wohl iſt. Der lange Knecht ließ ſich's gewiß nicht träumen, daß der Gruß an die alte Crescenz auch noch jemand Anderm galt! Wie aber in aller Welt kommt es, daß der biedre junge Herr vor die Vehme gerathen iſt, von der ihm nur der Kaiſer loshelfen mag?— Ei!“ unterbrach ſie ſich, gegen das Fenſter lauſchend:„war mir's doch, als ob die Hunde ſich wieder bewegten und leiſe knurrten.'s iſt aber wieder Alles ſtille,— und dennoch,“ ſetzte ſie nach einer Pauſe hinzu:„dennoch regt ſich draußen etwas, und ich höre die Hunde ſchnaufen und ſchmatzen, als ob ſie etwas köſtliches zu freſſen erhalten hätten.“— Schon griff die herzhafte Frau nach der Lampe, als eine behutſame Fauſt einigemal leiſe an den Laden klopfte.—„Da haben wir's!“ flüſterte die Alte vor ſich:„Das iſt ein frecher Dieb, der meinen Hunden mit Gift das Maul geſtopft hat, und nun herein möchte.“— Sie erfaßte ſchnell eine Haue, die in der Ecke ſtand, öffnete das Fenſterlein und ſprach durch die Ritze des Ladens hinaus:„Du diebiſcher, ungeſchlachter Geſell, wer Du auch ſeyſt,— packe Dich fort, denn meine Leute ſfind beim erſten Schrei wach und hellmunter. Auch halte ich eine Haue in der Hand, die Dir den Kopf zerſchmettert, wenn Du in's Fenſter einzubrechen wagſt. Zieh darum ab. Ich bin'ne arme Frau, und hier iſt nichts zu holen, als ein blutiger Kopf.“—„Macht keinen Lärm!“ flüſterte es von draußen herein:„Ich bin kein Dieb, ſondern ein ehrlicher Mann. Ich komme doch nur, um Euch zu warnen, Mutter⸗ lein.“—„Wofür? Du Schalksgeſell?“ fragte Crescenz, noch 8 immer ungläubig. Der Fremde vor dem Fenſter fuhr aber fort:„Man iſt Ben David's Eſtherchen gekommen auf die Spur; Du gutes Weiblein. Sie werden kommen, ehe ver⸗ geht eine Stunde, mit Spießen und Stangen, um die Jüdin zu fangen, und um Dich, als Hehlerin, zu ſetzen auf den Thurm bei Waſſer und Brod.“— Crescentia's Herz klopfte heftig, denn ſie konnte nicht an dem guten Wiſſen des Klopfenden zweifeln. Sie öffnete ſcheu den Laden, obgleich nur halb, und beleuchtete vorſichtig Zodick's häßliches Antlitz⸗ das ſich herein bog.„Wer biſt denn Du, Nachtläufer?“ fragte ſie halb erſchrocken.—„Kennſt Du mich denn nicht, Memme!“ ſagte Zodick entgegen:„Bin ich doch geweſen der Knecht, der Dir ſo oft gebracht hat mildthätige Beiſteuern von David, dem Sohne Jochai, Du mußt Dich noch be⸗ ſinnen auf meine Geſtalt.“—„Ach! Du biſt's?“ rief die Alte erſchreckt:„Weiche von dannen, Du Lügner, der ſeinen Herrn zum Tode bringt, durch ſeine blutige Bosheit!“— „Ich bin nicht derſelbe;“ hieß es entgegen:„Jener Zodick, der geklagt hat in Edom, iſt nicht mehr, ſondern ein reuiger Zodick lebt noch, und darum will er retten die Tochter ſeines Herrn, die einer aus Iſrael verrathen hat an den wollüſtigen Schultheiß.“—„Um Gotteswillen!“ ſiel die Alte kläglich ein:„Der Schultheiß? das arme Kind wer war der Verräther?“—„Joſeph, der Arzt;“ erwiederte Zodick leiſe: „Um die eilfte Stunde kommen des Oberſtrichters Trabanten heraus, und wehe Dir, wenn man die Dirne findet. Mir hat's geſagt der kleine Finger, und ich will holen das Eſtherchen und es bringen zum Vater.“—„Zum Vater!“ fragte Crescentia mißtrauiſch:„Faule Fiſche, rothköpſiger Jude.“—„Ich will ſprudeln Gift und Galle ein Jahr lang“ 289 betheuerte Zodick:„wenn es nicht iſt wahr. Ich habe heraus⸗ gebracht den Alten aus dem Thurm, und ihm verſprochen, weil er ſelber iſt krank und ſchwach, die Tochter zu retten aus den Klauen der haarigen Böcke.“ „Ei, Du unverſchämtes Lügenmaul!“ eiferte die Alte: „Du hältſt mich für eine Schnattergans, daß Du ſolch' Poſſenzeug mir weiß machen willſt. Eſther iſt nicht hier, iſt noch nie hier geweſen, magſt Du wiſſen, Du ſchleichender Spürhund. Hier haußt eine andre Jungfer, die mit Euch Juden nichts gemein hat: weißt Du das? Deine Mährlein von dem Oberſtrichter und ſeinen Knechten trage nur ander⸗ wärts hin, hörſt Du?“— „Laßt doch das lächerliche Gedibber;“ verſetzte Zodick unwillig:„Wer im Giebelſtübchen wohnt, weiß ich gar wohl, ſo gut als der Prophet Elias. Ruf' mir das Schickſelchen herab, und ich führe ſie zum Aette, ehe noch die Gewalt kommt über Euch.“—„Wenn Du nicht alſobald gehſt,“ erwiederte die Alte derb:„ſo kommt die Gewalt meiner Haue und meiner Hunde über Dich, wenn Du nicht die Letztern vergiftet haſt, da ich keinen Laut von ihnen höre.“—„Ohne Sorgen, Mütterlein;“ ſagte Zodick ſchmeichelnd:„ſie leben, die Thiere; aber thun werden ſie mir nichts, denn ich ver⸗ ſtehe das Handwerk, und habe ihnen gegeben Kuchen, beſſer als der Kuchen Levi in der Nacht des Paſſah. Du, laß mich aber hinein, daß nicht Ungluck einzieht bei Dir, und Eſtherchen frei werde von Amaleks ſündigen Richtern.“— „Nimmermehr!“ wiederholte Crescenz:„Ich traue Dir nicht, ich glaube Dir nicht, Du abtrünniger Menſch, dem's mit dem wahren Glauben eben ſo wenig Ernſt iſt, als mit dem falſchen. Du biſt ein Gezeichneter. hinnen kömmſt!“— Ein blitzendes Meſſer züngelte wie ein Strahl durch die Oeffnung des Ladens; Crescenz gewahrte jedoch noch zu rechter Zeit des meuchelmörderiſchen Verſuchs, ſprang zurück und riß den Laden mit einer Gewalt zu, daß die Klinge zerbrach.— Der Mordbube fluchte draußen halblaut über des Weibes Klugheit und den Verluſt ſeines Gewehrs. Crescenz belferte ihm aber zu:„Rothhaariger Schuft! wo Du nicht gleich Reißaus nimmſt, rufe ich meine Leute, und Dein letztes Brod iſt gebacken, Du Schurke.“— Eilig, wie ein rollender Kieſel, entſprang der Böſewicht, und die Hunde, wie von einem Zauberſpruch betäubt, rührten ſich nicht in ihren Hütten. Mache, daß Du von Dreizehntes Rapitel. O, höre doch, wie ſein Dorner zürnet, und welch eherne Rede von ſeinem Munde aus⸗ geht! Er ſtehet unter allen Himmeln, und ſein Blitz ſcheinet auf die Enden der Erde! Hiob. Die gute Crescenz hatte nichts Eiligeres zu thun, als den Weg zur Giebelkammer zu ſuchen, um die holde Eſther, die kaum, von Thränen und Leid erſchöpft, entſchlummert geweſen, aus der ſüßen Ruhe zu wecken. Das Mädchen fuhr erſchrocken empor, und ihr Schrecken verdoppelte ſich, 294 als ihre Pflegerin ihr in's Ohr rief:„Du biſt verrathen⸗ Mägdlein! auf! Dein Heil iſt nur die ſchnellſte Flucht!“— „Verrathen?“ ſtammelte Eſther:„woher wißt Ihr....2 wer hat das gethan?“— Crescenz ſäumte nicht, ſo ſchnell als. ihre Zunge es geſtattete, den Auftritt mit Zodick der ſtaunen⸗ den Zuhörerin zu berichten, die ſich hierauf in Dankſagungen gegen ſie erſchöpfte.—„Ei, ſo laß Dank und glatte Worte bei Seite!“ ſchalt endlich die Alte:„was ich dabei gethan, iſt gar keines Lobes würdig. Welcher Menſch in der Welt wird ſolch ein Galgengeſicht gutwillig in's Haus und ſich die Gurgel abſchneiden laſſen? darauf hatte es der Schurke doch am Ende bei uns beiden abgeſehen. Die Gefahr iſt jedoch nicht vorbei, ſondern ſie kömmt erſt heran. Entweder iſt es wahr, was der Burſche behauptete, und der Judenarzt hat Dich an den Schultheiß verſchwatzt, und in dieſem Falle mußt Du ſchleunig fort; oder, es iſt nicht wahr, und der Schandbube gibt ſelber Dich an; dann mußt Du auch fort. Darum kleide Dich, und laufe; es blutet mir mein Herz⸗ daß ich Dich vor die Thüre ſtoßen muß,— aber überall wirſt Du beſſer ſeyn, als in den Händen des luſtgierigen Schultheißen.“—„Hochgelobter geprieſener Gott!“ ſeufzte Eſther troſtlos:„Kann Dein Vaterauge ſehen ſolche Be⸗ drängniß, ohne zu helfen? O, daß er fern ſeyn muß, auf den ich baute, auf den ich baute wie auf einen Engel.“— Crescenz hätte gerne der Klagenden den Troſt gegeben, daß Dagobert nicht mehr ferne ſey, allein ſie bedachte noch zu rechter Zeit, daß dieſe Kunde den Schmerz des Mädchens und ihren Widerwillen gegen die plötzliche Trennung vom Schellenhof vermehren würde, und dennoch war, ihrer Mei⸗ nung nach, kein beſſeres Mittel vorhanden, dem nahenden 292 Unheil zu entgehen. Sie begnügte ſich daher, der trauern⸗ den Eſther aufzutragen, ſich in Wald und Buſch ſo lange verborgen zu halten, bis der nächſte Abend herangekommen ſeyn würde, und alsdann fein vorſichtig auf dem Hofe ſich wieder zu melden. Unnachſichtlich drängte ſie indeſſen jetzo zum Abſchiede, denn neben der Furcht, das Mädchen ſelbſt in der Feinde Schlingen fallen zu ſehen, beunruhigte ſie das Loos gar ſehr, das ihrer warten dürſte, ward ihre Theil⸗ nahme an dem heimlichen Handel bekannt.— Aber ſo ſehr ſie auch drängte und trieb, ſo ſehr Eſther ſich beeilte, ihrem Willen folgſam zu ſeyn, und kaum ſich die Zeit nahm, die ſchönen Locken mit Crescentia's eignem Miedertuche vor dem gegen die Fenſter ſchwirrenden Regen zu ſchützen,— ſo waren doch Warnung und Vorſicht zu ſpät gekommen. Die Hunde, die ſich bisher nicht geregt hatten, fuhren auf einmal mit wüthendem Toben aus ihren Hütten, und an ihrem kurz darauf folgenden erbärmlichen Geſchrei war bald zu merken, daß einige derbe Schläge ſie zur Ruhe verwieſen. Zugleich polterten mehrere Stöße gegen die Hausthüre, und barſche Stimmen verlangten Einlaß.—„Herrgott! ſchütze Deine Magd!“ ſtöhnte Crescenz, und löſchte ſchnell die Lampe aus, die ſie mit in die Kammer gebracht hatte.„Halte Dich ganz ruhig und ſtill, Eſtherchen,“ flüſterte ſie derſelben zu, die ſich⸗ an allen Gliedern bebend, in eine Ecke des Stübleins ver⸗ kroch:„bis ich hinunterkomme und Licht mache, und dem Geſindel die Thüre öffne, fällt mir vielleicht ein Nothbehelf ein, und ich rette Dich vor der Naſe dieſer Spürhunde.“— Raſch, wie ein Mann im rüſtigſten Alter, tappte die Alte die Treppen hinab, und begann durch das Schlüſſelloch mit den Bewaffneten vor dem Hauſe zu unterhandeln. Dieſe 203 waren jedoch keineswegs gelaunt, Scherz oder Zögerung mit ſich treiben zu laſſen, und drohten, Thür und Fenſter in Stücken zu hauen, wofern nicht alſogleich aufgethan würde. Da ſich nun Crescenz entſchuldigte mit Mangel an Licht, ſo erboten ſich die Belagerer, ihre eignen Laternen herzugeben, um das Haus zu durchſuchen. Wie ſie dann nun immer heftiger wurden, und ohne Aufhören im Namen des Oberſt⸗ richters die Oeffnung begehrten, auch indeſſen das Geſinde zuſammengelaufen war, und ſich wunderte über den muth⸗ willigen Verzug der Schaffnerin, ſo blieb der letztern nichts ubrig, als in Gottesnamen dem rohen Söldnerhaufen Ein⸗ laß zu geben. Der Anführer der grimmigen Schaar fuhr ſogleich mit Donnerſtimme über die Alte her:„Den Juden⸗ balg gib heraus, den Du in Deinem Hauſe verſteckt hältſt! heraus! ohne Widerſtand und Ausflucht. Du biſt des Todes, wenn Du nicht blitzſchnell thuſt, was wir begehren!“— Crescenz ſpielte die Ueberraſchte, die Unwiſſende, aber ihr linkiſches Läugnen machte die Herren noch dringender, die gar nicht übel unterrichtet zu ſeyn ſchienen.—„Lüge, daß Du erſtickſt!“ ſchrie der Führer:„Wir werden doch wiſſen, welch Neſtlein wir hier auszuheben haben! Spare alſo Deine Winkelzüge, und freue Dich auf den Pranger, alte Kupplerin, welche Söhne von ehrlichen Bürgern verführt zur Gemein⸗ ſchaft mit nichtswurdigen Jüdinnen. Mach' Dich fertig, und ſteige voran. Wir wollen ſchon finden, was unſer iſt.“— Je näher die Gefahr rückte, je trotziger wurde indeſſen die Alte, und hätte ſich beinahe verleiten laſſen, eine Be⸗ theuerung darauf abzulegen, daß die geſuchte Judin ſich nicht im Hofe befinde. Indem drängte ſich eine neue Figur in den Kreis, und der häßliche Zodick ſtand wieder frech und 294 leibhaftig wie vor einer halben Stunde vor dem zankenden Weibe.„Glaubt nicht der Hexe!“ rief er den Söldnern zu: „Die Dirne iſt nicht gekommen aus dem Hauſe. Ganz Mokum*) will ſie an der Naſe führen, daß ſie ſelbſt komme davon mit ganzen Ohren. Doch ich will Euch ſagen, was ſie nicht will ſchmuſen. Das Vögelein ſteckt oben im Neſt. So Ihr erklimmt die Stiege, hört Ihr's ſchon piepen und flattern.“—„Der Jude hat eine Naſe wie der Teufel!“ ſchwor der Anführer der Häſcher, welche lärmend gegen die Treppe vordrangen. Vergebens ſuchte Crescenz den grinſen⸗ den Zodick Lügen zu ſtrafen, vergebens gegen ihn ſelbſt eine ſchwerere Anklage zu richten; ſie wurde nicht gehört, ihr Ge⸗ ſchrei übertäubt, und der andringende Haufe riß ſie in ſeinen Wirbel mit fort. Den ſchlagendſten Beweis, daß ſie mit Ränken umgehe, ſchien obendrein das Erſcheinen einer Dirne zu liefern, die oben auf dem erſten Treppenabſatz ſich ſehen ließ, gehüllt in unordentlich übergeworfene Nachtkleider, und mit ängſtlicher Stimme herunterſchrie:„Aber, Frau, Frau⸗ um alles in der Welt! was ſoll das Getöſe? was gibt es. denn?“— „Das iſt ſie!“ rief Zodick dem Häſcheranführer in's Ohr.. „Das iſt ſie!“ donnerte der ganze Haufe, und zwanzig Hände ſtreckten ſich nach der Dirne aus, die— erſehend, daß es auf ſie gemünzt ſey, mit jämmerlichem Geſchrei:„Mein Kind! mein Kind! Hülfe! Hülfe!“ zurückſprang, und eine ſchwere Thüre hinter ſich in's Schloß warf.—„Siehſt Du, alte Vettel!“ donnerte der beſtürzten Schaffnerin, die vergebens eine Erklärung verſuchte, der Anführer zu, und gab ihr einen *) Die Stadt. groben Rippenſtoß:„da iſt das Geſchöpf, das wir ſuchen. Nicht die Dirne, noch ihr Junges ſoll uns entkommen, und brennen ſollen ſie beide! Sperr' auf die Thüre.“— Crescenz, von tödtlichem Schreck erkältet, ſuchte zähneklappernd einen Schlüſſel nach dem andern in das Schlüſſelloch zu paſſen; da jedoch die Angſt den rechten ihr nicht finden ließ, ſo mach⸗ ten die Bewaffneten kürzere Wirthſchaft, und rannten die Thüre ein. Wie ein Knaul von Wahnſinnigen ſtürzte der helle Haufe in das Gemach, und erwiſchte die ſchreiende Dirne, da ſie eben, beſinnungslos vor Entſetzen, mit einem Kinde im Arme, zum hohen Fenſter hinausſpringen wollte. Während nun Crescenz in der Mitte des Getümmels um⸗ ſonſt ihre Lunge anſtrengte, um zu beweiſen, daß die Ge⸗ fangene nicht diejenige ſey, die man ſuchte, während die Gefangene ſelbſt in Thränen zerfloß, und das Kind jammerte, — während die Häſcher Stricke und Riemen hervorſuchten, um nicht nur allein die muthmaßliche Eſther, ſondern auch die Schaffnerin und ihr Hausgeſinde zu binden, hatte Zodick, ſeinen Vortheil erſehend, einem gaffenden Knechte die Leuchte aus der Hand geriſſen, und war damit unter dem allge⸗ meinen Getöſe verſchwunden, um den obern Theil des Hauſes zu durchſuchen. Wild klopfte ſein Herz, als er die Stufen zum Giebelſtübchen erſtieg, denn er dachte an die Möglichkeit, daß Eſther bereits ſeiner Wuth entgangen ſeyn möchte; aber ſo wie er die Kammer öffnete, und mit gierigem Auge in das Dunkel leuchtete, ſo machte ſein ahnender Zorn hohnlachender Freude Platz. Die arme Eſther hatte in ihrer Unruhe, gequält von banger Furcht, nicht an die Flucht gedacht, und ſich wie ein Opferlamm in das gräßliche Schick⸗ ſal ergeben. Nicht die Thüre hatte ſie verriegelt, und lag 206 betend, aber ohne zu wiſſen, was die Lippen beteten, in dem Winkel auf ihren Knieen. Hier ergriff ſie die Fauſt des ſiegenden Feindes; hier rannte ihr ſeine entſetzliche Stimme in die Ohren:„Du biſt mein Eſtherchen! Gedenkſt Du meiner Worte? Der Vollmond iſt da, und ich komme, Dich zu holen heim. Zögre nicht, zaudre nicht, kleine Spinne! Komm, daß ich Dich führe vom Berge Seir!“—„Abſcheulicher!“ verſetzte Eſther, mit verachtender Würde ſich erhebend:„Hier ſind meine Hände, feßle ſie, aber höre auf zu mißhandeln die Frau, die mich hat gepflegt wie der Rabe der Wüſte. Ihr Geſchrei dringt herauf zu mir, Unhold. Laß es ver⸗ ſtummen.“—„Alles verſtummt unter den Füßen des Herrn!“ entgegnete Zodick höhniſch:„Auch Deine Schmähung wird verſtummen, Weib. Mag ich Dir ſeyn wie Gabriel, der Fürſt der Barmherzigkeit, oder wie Sammael, der Fürſt der finſtern Wildniß; gleichviel. Folge mir, und ſchweige wie in der Neumondnacht, die unſers Lebens Dauer uns kund thut.“— Behutſam löſchte er die Leuchte aus; packte Eſther's rechte Hand feſt in die ſeinige, und ſtieg vorſichtig mit ihr die Treppe hinab. Noch dauerte das Getöſe in der Stube des erſten Stockwerks; da der Böſewicht dieſes hörte, zwang er auf einmal ſeine Beute, geſchwinder zu entlaufen, ſtülpte ihr ſeine weite Mütze über Kopf und Augen, und entführte ſie alſo hinaus in's Weite, trotz den heulenden Hunden. Der Regen floß rieſelig und kalt hernieder. Eſther ſchau⸗ derte am Arm ihres gräßlichen Führers, und ließ ſich eine gute Weile durch Sand und Moor mit fortziehen im ſchwei⸗ genden Dunkel, bis ſie endlich ſo viel Beſinnung gewann⸗ die lederne Mütze vom Haupte zu reißen, plötzlich ſtille zu ſtehen, und mit der Stimme der Verzweiflung zu fragen: 297 „Was iſt das, Zodick? Warum riſſeſt Du mich denn weg aus dem Hauſe? warum haſt Du mich nicht übergeben den tobenden Häſchern, daß ſie mich bänden und fortſchleppten? und wohin führſt Du mich? nicht gen Frankfurt? was ſoll ich in dieſem Geſtrüpp oder in den Furchen des Feldes? wohin ſchleppſt Du mich, unſaubrer Geiſt?“—„Nach der Hochzeitkammer, Liebchen!“ antwortete grinſend der Schurke: „Nach dem Hochzeitbette, und von dannen in's Paradies.“— „Ach!“ ſchrie Eſther:„Du willſt mich tödten in Schmach?“ —„Nicht doch, Schickſelchen;“ verſetzte Zodick kalt:„Du wirſt leben im Ueberfluß, ſo Du thuſt meinen Willen. Doch iſt nicht hier der Ort, wo zu reden iſt von der Zukunft. Komm, komm, Eſtherchen?'s iſt nimmer weit.“— Die Ueber⸗ zeugung, ohne Rettung verloren zu ſeyn, gibt dem Menſchen öfters übermenſchlichen Muth, und ungewöhnliche Kräfte. Eſther empfand tief, daß der Augenblick gekommen ſey, dieſe Kräfte zu wecken mit dem verzweifelnden Willen. Wit einer Heftigkeit, die nur dem aus brennender Zone ſtammenden Blute eigen iſt, warf ſie ſich wild und kreiſchend auf den Nieverträchtigen, der ſie weiter nach ſeiner Höhle ſchleppen wollte. Weiblichkeit und die zarte Sanftmuth abſtreifend, welche ſonſt ihre Zierde waren, geſtaltete ſich Eſther aus einem duldenden Lamme zu einem kühnen Tiger um, und griff den Feind mit offner That an. Der Ueberraſchte wehrte ſich im Anbeginn nur ſchwach; da es aber Eſther zu gelingen ſchien, ihn zurückzudrängen und von ſeiner Klaue ſich los⸗ zureißen, da ergrimmte der fürchterliche Menſch. Vom Sturme des Zorns und der Leidenſchaft hingeriſſen, bot er alle Kräfte gegen die Widerſtrebende auf; ſeine rieſigen Arme wurden länger, ſeine Fäuſte ſtärker, und die Aermſte, deren Kräfte 298 endlich in dem ungleichen Kampfe erlagen, ſank keuchend und wimmernd auf den naſſen Sand zu den Füßen des Schreck⸗ lichen, deſſen eherne Hand ſie beinahe zermalmte, während er nach ſeinem Gürtel griff, um die Bezwungene damit zu binden. Der entſetzlichſten Mißhandlung Preis gegeben, änderte Eſther ihre Handlungsweiſe. Die Schlauheit ihres Geſchlechts in das Treffen führend, ließ ſie ab von dem fruchtloſen Kampfe, faltete die Hände wie eine Flehende, und beſchwor unter Schluchzen und Thränen den übermäch⸗ tigen Feind, ihrer zu ſchonen. Sie wolle die Seine werden, ſobald er ihr Zeit goͤnnen würde, ſich zu faſſen, zu erholen von dem gräßlichen Sturme in ihrer Seele.— Befriedigt lächelnd horchte Zodick auf die ſeinem Ohre willkommnen Worte, und zog die Bittende unſanft vom Boden in die Höhe.—„So gefällſt Du mir, Eſtherchen!“ ſprach er, tief Athem holend:„Du haſt mir warm gemacht; aber Du kennſt nun auch, was es heißt, mit mir anbinden.'s wär' ein ſchlecht Geſchäft, ein Druck des Fingers, um Dich zu ver⸗ nichten hier in der Einöde; drum iſt's beſſer, Du ergibſt Dich in des Herrn Befehl, und folgſt mir zur Kammer. Eile aber jetzo. Wir ſind bald zur Stelle.“— Unaufhaltſam riß er das Mädchen mit ſich fort, durch Sandgetriebe, Weiden⸗ buſche und verödete Triften, bis es endlich ſchroff über Kies und Gerüll hinunterging zu einer nackten Vertiefung, in welcher bei der Mondhelle ein Sumpf ſtand, wie ein trüber Spiegel, und daneben eine ſchwarze Hütte, aus deren Lücken ein mattes Licht ſchimmerte, dem Johanniswürmchen gleich⸗ in ſchwarzer Hecke. Zodick befahl Eſthern, leiſe aufzutreten⸗ und ſchlich an die lichtſpendende Oeffnung, um den forſchen⸗ den Blick in das Innere zu tauchen. Eſther's Bruſt hob 299 ſich indeſſen wie die Bruſt einer Sterbenden. Und war ſie nicht eine ſolche? Den theuern Schwur, ſich eher zu tödten, als beſchimpfen zu laſſen, dachte ſie unverbrüchlich zu halten, und jenes traurige Moor ſchien ihr vom Geſchick auserleſen zu ſeyn, ihr Todesbette zu werden. Welche Schrecken aber noch bis dahin an ihrem Geiſte vorübergehen konnten, daran gedachte ſie bebend. Zodick hatte indeſſen erkundſchaftet, daß nichts Gefährliches in der Hütte verborgen ſey. Er pochte leiſe an das Fenſterlein, und gab ein kauderwälſches Loſungs⸗ wort von ſich, nach welchem man von innen fragte. Hierauf zog er Eſther mit ſich zum niedern Pförtchen der Hütte, welche ſchon aufgethan worden war.„Gut Zeit!“ ſagte er zu dem alten Weibe, das, den brennenden Span in der Hand, die Einkehrenden empfing, und ſorgfältig hinter ihnen zumachte:„Iſt ſauber die Luft, und rein Alles von Ge⸗ fahr?“—„Drinnen iſt Alles rein,“ erwiederte die Alte, und maß verwundert die bleiche Eſther vom Kopf bis zu den Füßen.—„Iſt Marten daheim?“ fuhr der Mordknecht fort, argwöhniſch in alle Winkel ſchielend. Das Weib bejahte, und ſtieß die Thüre zur elenden Stube der Mordherberge auf, in welcher der Anführer der Blutzapferrotte ſich auf einer ſchmutzigen Bank wiegte,— die Augen roth und glühend vom Uebermaß des berauſchenden Getränks. Eſther fuhr zuſammen bei dem Anblick dieſes Menſchen und ſeiner Um⸗ gebung, und ſetzte ſich ſtumm, mit verbiſſenem Schmerz auf einen Schemel in der Ecke. Das alte Weib des trunknen Marten ging forſchend und lauernd vor der Fremden auf und nieder, und hütete ſie mit Drachenblicken. Marten reichte dafür dem begrußenden die blutgewohnte Hand, mit dem Vorwurfe, daß er ſich lange nicht habe ſehen laſſen.—„Hab' 300 Andres zu ſchlichten,“ erwiederte der Menſch:„bring' Euch da einen Gaſt, welcher aufwiegt alle Töchter in Iſrael, und will ihn Euch geben in Obhut, wenn es rein und koſcher iſt bei Euch.“—„'s iſt Alles leer;“ verſicherte der alte Räuber: „die Geſellen ſind alle in Thüringen gezogen, und an den Rheinſtrom, weil's die Witterung erlaubt, in der Ferne ſich Nahrung zu holen. Kein Menſch iſt hier als das Weib und die Tochter, denn die drei Reitersknechte, die ſeit heut Nach⸗ mittag hier eingekehrt ſind, ſind nicht zu rechnen. Einer von ihnen liegt am Tode, und wir haben ſie und ihre Roſſe in die Scheuer eingeſtellt, am Moor.“— Zodick winkte dem Schwätzer mit einem Seitenblick auf Eſther zu.„Zu dieſer Nacht verlange ich die Kammer hier nebenan, für mich und mein Weib;“ ſprach er, und die alte Frau entgegnete dienſt⸗ willig, ſie ſtehe bereit, allein es ſey kein Fenſter darinnen angebracht.— Zodick ſchlug ein freches Gelächter auf.„Braut und Bräutigam fragen nicht nach Helle und Licht,“ ſcherzte er,„und wär es auch die Schechinah des hochgelobten Gottes ſelbſt. Wir werden ſie gern entbehren. Nicht wahr, Lieb⸗ chen?“— Mit Abſcheu wendete ſich Eſther, ſtumm die Hände ringend, von ihm.— Der rohe Marten lachte.„Das Mägdlein,“ ſprach er,„geht ſo frei und luſtig nach dem Brautbett, wie das junge Thier zum Mezgerhaus. Wohl bekomm's Euch beiden. Ich für mein Theil wollte, es käme endlich mein Knecht Wolfhart.'s geht an die eilfte Stunde, und ich muß noch heut hinaus.“— Inzwiſchen hatte ſich Zodick zu Eſther herabgebeugt, und raunte ihr drohend zu: „Gib Dich in Dein Schickſal. Wo Du ſchreiſt, wo Du Widerſtand wagſt, haſt Du den Talles. Beſinne Dich kurz; ich gebe nicht mehr Friſt. Ich will nicht werden alt wie Abraham, ohne zu koſten Deine Reize. Du kannſt werden glücklich und leben lang, ſobald Du wirſt bekennen, wo Dein Vater hat hinvergraben ſeine Schätze. Der ſchlechte Mann hat mir geläugnet ab, daß er welche beſeſſen. Du weißt aber ſicher darum, und nur dieſem Bekenntniß wirſt Du zu danken haben Dein Leben. Bleibſt Du ſtumm, mach' ich Dich ewig ſtumm nach der Hochzeit.“ „Grauſamer! tödte mich jetzt, da ich noch bin wie das Lamm der Weide!“ flehte Eſther:„ich weiß nicht von dem, was Du begehrſt.“— Zodick kehrte ihr drohend den Rücken, und ſtürzte ein Glas des Weins hinunter, den die katzen⸗ freundliche Wirthin aufgeſtellt hatte. Indeſſen ging die Thüre auf, und Judith, Marten's und des Weibes Tochter, kam langſam und finſtern Angeſichts herein. Ohne zu grüßen, betrachtete ſie abwechſelnd Zodick wie Eſther mit durchdringen⸗ dem Auge. Der Jude wendete ſich verächtlich von ihr,— Eſther nicht minder, da ſie in den groben und düſtern Zügen der Dirne eine neue Feindin zu entdecken glaubte. Judith blieb in ihrer Stellung, bis der Vater ſie anfuhr:„Wo ſtreifſt Du herum, Dirne? Woher ſo ſpät?“—„Ich komme vom Moor,“ antwortete ſie gelaſſen:„ich habe dort gebetet.“ —„Du ſollſt verſchwarzen, Greinerin!“ zankte Zodick giftig: „Bei dem Reitergeſindel hat ſie geſteckt in der Scheuer.“— „Dort iſt der Tod;“ entgegnete Judith trübe:„Du witterſt den Tod, blutiger Mann, darum biſt Du hier.“— Zodick ſpie verächtlich vor der ſeltſamen Magd aus, und ſtürzte noch ein Glas hinunter.—„Schlinge nur, ſchlinge, nimmer⸗ ſatte Gurgel!“ ſprach die Dirne ernſt:„Bald wirſt Du hier Blut zu ſaufen haben, Zodick.“— Der Genannte wie die andern ſchwiegen betroffen, und Iudith wendete ſich zu Eſther 6 2 20 — mit der Frage:„Wie kommt es denn, daß die Reinheit ein⸗ gegangen iſt in dieſe Mordhütte an der Hand des blutigen Frevels? Bedauernswerthe Jungfrau,— denn Du biſt's,— warum biſt Du gekommen an dieſe Stätte des Verderbens?“ — Eſther ſuchte zagend in den Augen der Sprecherin, ob Wahnſinn oder eiſerne Vernunft aus ihr rede. Judith errieth ihre Gedanken, und ſprach viel milder:„Ich bin nicht toll⸗ mein ſchönes Bild. Alles um Dich her iſt nicht Wahnſinn oder Trug; es iſt fürchterliche Wahrheit. Dieß iſt ein ver⸗ fluchtes Haus; jener dort im Kleid des Elends und der Trunkenheit iſt mein Vater; und dieſes entmenſchte Weib iſt die Mutter, die mich Erbarmenswerthe geboren. Steß' auf, Weib, von der Seite der Unſchuld, daß ich ſie näher tennen lerne.“— MWit einer gebieteriſchen Geberde befahl ſie der Mutter von Eſther's Seite zu weichen, und das Weib⸗ das höhere Zungen aus ihrem Kinde zu hören vermeinte, that wie ſie begehrte. Zodick machte eine ungeduldige Be⸗ wegung:„Wär' mein Kind der verfluchte Läſterbalg,“ murrte er,„den Kopf hätt' ich ihm eingedrückt in den Windeln. Ein Wort jedoch, Alter!“— Er zog den Alten bei Seite, und befragte ihn ſcharf nach den in der Scheuer liegenden Reitern. Marten blieb dabei, von denſelben ſey keine Gefahr zu be⸗ ſorgen. Der Eine ſey ſterbend, ein Zweiter zu ſeiner Pſlege beſtimmt, und der Dritte ſey, wie er meine, ſchon von dannen geritten.—„Sind's Reiſige, die zurückkommen aus einer Fehde,“ ſagte Zodick überlegend,„ſo könnte zu finden ſeyn Beute bei ihnen. Warum gehen wir nicht dahin, und bringen ſie um, und nehmen, was ſie haben? Zum mindeſten ſind werth die Gäule ihren Schilling.“—„Recht;“ erwie⸗ derte Marten:„wenn nur kein Sterbender in der Scheuer 303 läge! Aber's iſt ruchlos, da zu plündern, wo ein an Gebreſte Verſchmachtender verſcheidet. Das bringt Unglück, weißt Du wohl. Glück bringen nur die Leichen, die wir ſelbſt mit rothen Wunden gezeichnet.“— Zuſtimmend nickte Zodick. „Du haſt Recht, Marten,“ ſagte er alsdann:„'s iſt gefähr⸗ lich und nicht geheuer. Steht doch zu den Füßen des Ster⸗ benden der Engel des Todes mit ſeinen tauſend Augen, und ſchlägt herum mit ſeinem ſcharfen Schwerte, daß man ge⸗ blendet rennt in deſſen Schärfe! Nein,— wir wollen ver⸗ harren, bis er ſeyn wird ſtarr, und alles Waſſer hinweg⸗ gegoſſen*); dann wollen wir ſehen. Schofel iſt's aber, daß in der heutigen Nacht nicht kann werden etwas gewonnen, bevor ich ſteige zu Bett mit dem Liebchen.“ „Ho! wenn Dir das Noth anthut und Zwang, ſo wüßte ich wohl zu helfen;“ meinte Marten mit ſchalkhaftem Zähne⸗ fletſchen:„Hab's Euch nur nicht anbieten wollen, Zodick,. oder. vergebt, Friedrich, wollt ich ſagen.“—„Laßt's beim Alten, trunkner Goi;“ ſchaltete Zodick finſter lächelnd ein,„und laßt hören, was es iſt.“—„Ein glockenhell und unvereitelbarer Fang;“ antwortete Marten leiſe:„Ich weiß von guter Hand, daß heut gegen Mitternacht am Sprünglin Burger von Bergen nach einem Schatz zu graben gedenken⸗ den ihnen eine nächtliche Flamme verrathen, und ein Pfaffe verheißen haben ſoll. Die Dummköpfe haben Geld zuſammen gebeutelt aus allen Kiſten und Truhen, denn ſie müſſen hundert Mark Silbers auf den Platz bringen, und nur über dem Gelde kann die Beſchwörung gehalten werden. Merkſt Du nun, Jude? Die armen Schlucker ſind wohl darauf * Jüdiſcher Gebrauch nach dem Tode eines Hausgenoſſen. gefaßt, den Teufel in eines Hundes Geſtalt auf dem Schatze zu finden, doch auf zwei rüſtige Männer mit rothgefärbten Geſichtern und ſcharfen Meſſern ſind ſie nicht vorbereitet. Geh mit, Zodick, und wir heben den ſichern Schatz. Ich hätte dem Wolfhart gern den Antheil gegönnt; der Bube bleibt aber aus, und Deine Fauſt iſt doch die gewandtere.“ —„Topp!“ ſprach der andere:„ich gehe mit, doch muß zuvor Dein Weib geloben, meine Eſther dort zu hüten, wie den Stern des Auges, und mir ſie aufzubewahren ſonder Falſch.“—„Ei, warum denn nicht?“ lachte die Alte frech, die hinter die Sprechenden geſchlichen war.„Bei meiner Seligkeit will ich geloben...“„Nichts da!“ fuhr Zodick dazwiſchen:„Bei Deiner Gurgel ſchwöre, Alte; denn Du trägſt ſie nicht ganz davon, wenn ich nimmer finde mein Lieb.“— Die Alte betheuerte noch mit aller Zuverſicht, ſie wolle ihre Kehle wagen, denn es ſey unmöglich, daß Eſther entfliehen könne aus ihrem Gewahrſam. Die Männer möchten nur bald wiederkehren, und ihr und der Tochter einen ge⸗ henkelten Silbergroſchen verehren.—„Putze die Scheinlinge;“ ſprach noch Zodick zu der Alten:„Du haſt zu hüten zwei Schlangen. Eſther und das blödſinnige Thier, Deine Tochter. Wahrlich, wären nicht zu verdienen hundert Mark, ich wollte eher verlieren das Paradies, denn weggehen von der Dirne, meinem Lieb. Aber Dein Leben, Alte, iſt mir Bürge, daß ich finde Alles im Alten.“—„Verlaßt Euch darauf;z“ ſchwur noch einmal die Alte, und die beiden Mörder machten ihren ſcheußlichen Aufzug zurecht. Die entblösten Arme wurden feuerroth angeſtrichen, ſo wie die verzerrten Geſichter, rauhe Kappen über den Kopf gezogen, und ein Lederwamms uber die Bruſt geknöpft, von welchem ein nicht mit der größten 305 Sicherheit geführter Stoß oder Hieb abprallen mußte, wie von einem eiſernen Bruſtſtück. Zodick wählte, ſein zerbrochnes Handmeſſer zu erſetzen, einen ſchneidenden Dolch aus Marten's Rüſtkammer, und da er die Waffe in ſeinen Gürtel ſteckte, ſchien er ſich mit verdoppelter Grauſamkeit und Bosheit ausgeſtattet zu haben. Von Habſucht und Mordluſt glühend, drang er nun ſelbſt in Marten, außzubrechen, und nachdem er der vor ſeinem grauſen Anſehen zurückbebenden Eſther noch einmal ſeine Drohungen wiederholt, und ſie abermals der Wachſamkeit der Wirthin empfohlen hatte, ſtürmte er mit ſeinem trunknen Gefährten dem Schauplatze eines neuen Frevels zu.— In welchen Qualen Eſther zurückblieb, läßt ſich denken, nicht beſchreiben. Sprachlos ſtarrte ſie zu der beräucherten Decke der elenden Stube hinauf, und flehte in ihrer Seele um Vernichtung. Judith ſaß an ihrer Seite mit gefalteten Händen, und betete mit lauter Stimme ein lateiniſches Gebet. Die Mutter, nachdem ſie die Hütte wieder verſchloſſen, fragte die Tochter mürriſch, was ſie denn daher plaudre in unverſtändlicher Sprache?—„Es iſt ein Gebet für die Todten;“ antwortete die Dirne kurz und ernſthaft.—„Ei, welch thöricht Beginnen!“ ſchalt die Mutter:„Draußen iſt's ſchwarze Nacht, und ſchauerlich iſt's, jetzo an die Bahre und das Grab zu denken.“—„Stirbt nicht einer draußen in der Scheuer am Moor?“ fragte Judith entgegen:„Liegt nicht einer ſchon längſt begraben im Moor? Ach, Du verderbte und leichtfinnige Mutter! Ich fürchte, wir werden bald zu Grabe ſingen müſſen, und zehn Jahre meines Lebens gäbe ich darum, wäre dieſe Nacht ſchon vorbei.“—„Verdient Euch einen Gotteslohn,“ jammerte Eſther, vor innerer Bewegung aufſpringend,.„und ſchafft mich vom Leben, noch ehe ſie vergeht dieſe Nacht, und wiederkehrt mein Henker.“ —„Hätteſt Du mir auch nicht geſagt, daß Du nicht getauft biſt,“ entgegnete Judith verweiſend,—„ich würde es an Deiner Rede hören. Verzweifle nicht an dem Gott über uns, denn ſo weit ſein Sternendach, ſo weit und unendlich ſeine Gnade. Er läßt nicht zu Schanden werden, wer ihm vertraut. Für den Gläubigen wird das Eiſen in der Hand des Mörders zum kühlenden Palmblatt; denn unſer Gott iſt nicht zornig, wenn er uns tödtet. Seine Liebe gibt uns den Tod, weil er uns ferner nicht zu miſſen vermag in dem Vaterhaus der Himmel; und vor bitterer Schmach bewahrt er uns durch den Tod.“—„Ich verſtehe Dich,“ rief Eſther, „und Dein Mund bekräftigt mir, was ich ſchon geahnt im Geiſte. In dieſer Hütte geht aus der Quell meines Lebens.“ —„Wenn Gott es will, ja,“ verſetzte Judith,„aber nicht vorgreifen darfſt Du ihm. Und wahrlich, wahrlich, Du wirſt ferner athmen; ich verkunde Dir Leben im Angeſicht des bejammernswerthen Weibes, das Dich bewacht, wie das verkaufte Schäflein unter dem Meſſer. Du wirſt leben, denn mein Gebet hat Kraft, und meine Ahnung wird lebendig.“ —„Lochter! Du haſt den Verſtand wahrlich verloren!“— ſeufzte die Mutter, unruhig in der Stube umherwandelnd.— „Nein, Mutter,“ redete Judith,„Du aber haſt Dein Heil verloren, unglückliches Weib, und ſie iſt, fürchte ich, ver⸗ ſtrichen, die Zeit der Beſſerung. Du wirſt zur Hölle gehen müſſen, wenn nicht meine Thränen ihre Flammen auslöſchen.“ „Ach, wie lieblos biſt Du gegen mich vor der Fremden!“ klagte die Alte mit ſchmerzlich bewegtem Gewiſſen.—„Ich haſſe Dich ja nicht,“ antwortete Judith milde, und nahm die Hand der Mutter:„Komm, wir wollen uns letzen, da noch nicht die Stunde da iſt. Wir wollen uns vergeben, wie Leute, die von der Jammerwelt zu ſcheiden begehren. Du biſt ja meine Mutter, und Dein Schooß hat mich ge⸗ tragen; aber beſſer wäre es, Du wärſt ein unfruchtbarer Baum geblieben, oder noch beſſer, Deine Mutter hätte nie geboren. Schön iſt ein Stamm mit geſunder Bluthe und Frucht, aber den gifttragenden ſollte man abhauen. Thue Buße, Mutter, de es noch nicht an der Stunde iſt, dahin⸗ zugehen in das Dunkel drüben.“ „Du wirſt mich noch aufbringen durch Dein abgeſchmackt Gewäſch;“ verſetzte die Alte, deren Geduld auszugehen be⸗ gann:„Schweige, ungerathnes Kind, deren Thorheit wir unbegreiflich lange nachgegeben haben. Schweige.“—„Das kann ich,“ entgegnete Judith aufſtehend:„Ich bin nicht die einzige Stimme in der Welt, welche erſtickt wird im Unrecht. Ich will hinausgehen an das Moor, wo mich das Schilf verſteht, und Einer mit mir betet aus der kalten Tiefe. Denn auch aus Schlamm und Röhrig dringt der Todten Gebet zum lieben Gott.“—„Nicht von der Stelle!“ eiferte die Frau, ſie zurückhaltend:„Du ſollſt mich nicht allein laſſen in dieſer Nacht. Du hörſt's, über die Berge kommt ein Wetter daher, und es donnert dumpf und gräulich. Du ſollſt dableiben, ſage ich Dir.“— Judith beſann ſich eine Weile, kehrte dann ruhig um, kauerte ſich zu den Füßen der Mutter am Herde, und ſagte weich:„Ich will bei Dir bleiben, Mutter. Ich will Dir noch gehorſam ſeyn, und erfullen, was ich Dir gelobte bis an's Ende. Denn bald wird ſie vorüber ſeyn, die Zeit des Gehorſams, denke ich. Deine Zeit, ungluckliche Mutter.“—„Sprich doch nicht ſo . — 308 frevelhaft;“ ſchalt die Alte:„Mich ſchauert vor Deiner Liebe, wie vor Deiner Bußpredigt.“ „Jühlſt Du das?“— fragte Judith langſam,„fühlſt Du das bei meiner Liebe, was ſoll ich fühlen, wenn Du mich Deine liebe Tochter nennſt?— Doch, ſieh, die Fremde iſt entweder im Kummer dahingegangen, oder ſie iſt entſchlummert vor Ermattung. Sie ſcheint von uns die unglücklichſte zu ſeyn, und iſt doch viel, viel reicher, als wir. Sie hat ein gut Gewiſſen, und einen Vater, der unſchuldig im Kerker leidet. Unſchuldig, Mutter. Aber, nicht wahr, Du kennſt das Wort nicht mehr? Gib mir die Hand, armes Weib; ich will Dir vergeben im Namen des Herrn, der über uns gebietet, wenn nur ein Funken von Reue in Deiner rauhen Bruſt aufſchlägt.“— Die Alte ſchlug erbittert die dargebotene Hand aus, und ſtand ergrimmt auf. Judith ſeufzte aus tiefer Bruſt, und ließ, ruhig ſitzen bleibend, geduldig ge⸗ ſchehen, daß die Mutter die arme Eſther ziemlich derb und roh aus ihrer Betäubung aufſchuttelte, und ihr befahl, ſich in die Kammer zu begeben, wo ſie bis zu Zodick's Rucktehr eingeſchloſſen verbleiben ſollte. Eſther warf ſcheue Blicke um ſich her, als befürchte ſie, den gräßlichen Bräutigam zu ſchauen; dann ſchlug ſie die Augen noch einmal mit bitterm Vorwurf gen Himmel, und ließ ſich halb bewußtlos von der Alten an die Thüre der elenden, ringsum dunkeln Kammer geleiten. Judith war indeſſen aufgeſtanden, und faßte auf der Schwelle ihre Hand.„Thue nicht vorſchnell!“ ermahnte ſie das leidende Mädchen:„Der Menſch kann ſich aus dem Leben reißen, wann und wo er will, aber nicht zu raſch be⸗ ginne er das traurige Werk. Bete in dem Dunkel dieſer Kammer, aber tödte Dich nicht, und kämpfe gegen die 309 Verzweiflung. Wahrlich, ich ſage Dir, Du wirſt leben, und Dein Frühling wird nicht in dieſer Sturmnacht untergehen, denn ſchon rollt über Himmel und Gebirge der Wagen des⸗ jenigen, der Dich retten wird, ſo gewiß als ſein Sohn Menſch geworden iſt.“ Die Alte ſtieß Judith unwillig zurück:„Blödſinnige,“ ſchalt ſie:„Deine Tollheit ſteigt. Laß die Dirne im Frieden. icht jeder bringt ſich um, der damit droht, und was gilts: Ehe es Morgen wird, hat die Spröde hier in des Buhlen Arm den abgeſchmackten Vorſatz vergeſſen, und begehrt nichts beſſeres, denn zu leben.“— Mit einem Blicke der tiefſten Verachtung wendete ſich Eſther von der Unverſchämten, und ging ſtolz in die Kammer, deren Thüre die Alte hinter ihr verriegelte. Judith zuckte die Achſeln mit finſterm Geſicht, und ging zum Fenſterlein, während Marten's Weib ſtill und verdroſſen an den Herd ſchlich, und ſich auf ſeinen gewohn⸗ ten Platz niederließ. Mutter und Tochter ſprachen kein Wörtlein, und eine angſtvolle Stille lagerte ſich in der tube, nur unterbrochen von dem Schluchzen Eſthers, das manchmal laut wurde, und von dem näher und näher rau⸗ ſchenden Hochgewitter. Die Kienſpäne flackerten traurig, und der Blitz der Wolken, welcher von Zeit zu Zeit einen Strahl ſeines blendenden Lichtes in die Hütte warf, ſchien der armſeligen Fichtenflamme zu ſpotten. Mit der Heftig⸗ keit des Gewitters ſtieg die Beklommenheit des alten Wei⸗ bes, das alle Ueberreſte von Bußſeufzern und Wettergebeten aus ſeinem Gedächtniſſe hervorſuchte, um dieſelben gedanken⸗ los mit bebender Lippe abzuplärren. Die Alte ſang bald⸗ bald betete ſie mit lauter Stimme ein Stücklein eines an⸗ dern Betſpruchs, bald grommelte ſie zwiſchen den Zähnen 310 Worte ohne Verſtand und Zuſammenhang. Dabei wurde ihre Angſt immer mächtiger und Judith, die das verzweif⸗ lungsvolle Treiben der Mutter erſah, trat endlich wieder zu ihr.—„Mutter;“ ſagte ſie zu ihr:„Nicht thuts Noth⸗ Euern Leib zu peinigen, da doch die Seele nimmer geſunden will. Was ſollen die Worte der Angſt aus Eurem Munde, da doch das Herz nichts von ihnen weiß? Warum zerſchlagt Ihr die Bruſt, da doch nicht der Heiland darinnen ſeinen Tempel erbaut? Ach, Mutter, ſo Ihr nicht Euer Elend er⸗ kennt, wird Euch die Bitte nur zum Fluch. Aber auch nur ein Gedanke kann hinwiederum Euch retten; ich beſorge jedoch, er wird ſich nicht einfinden in Eurem verſtockten Gehirne, der Gedanke Eures entſetzlichen Jammers, er⸗ zeugt durch die Ruchloſigkeit Eures Wandels. Verdreht nicht die Augen, ſeufzt nicht, als ob ein Berg auf Eurer Bruſt läge, denn nicht Eure Schuld belaſtet Euch, ſondern die Mahnung an das Ende. Stoßt mich nicht von Euch, denn wie bald werden nicht Eure zitternden Hände nach mir langen? O Mutter,... Mutter, die mich geſäugt hat zum elenden Daſeyn! Warum iſt Dein Haar ſchon grau vom Schimmel des Alters?— Warum iſt Dein Leib vertrocknet, und darinnen nicht minder Dein Herz? Daß Du zum Kinde werden könnteſt, mit offenen Ohren und vertrauender Seele, und weichem Gefühl. Du würdeſt dann in jenem Donner der Höhe nicht den Schritt des zornigen Gottes vernehmen⸗ ſondern die Siegesklänge ſeiner Liebe... Du würdeſt Dich ſöhnen hinaufzugehen zu ihm, auf der Leiter ſeiner flam⸗ menden Blitze.— Aber nicht dem himmliſchen Feuer iſ Dein Leben verfallen, Unglückliche.“— Das Wort auffahrenden Zornes auf der Zunge der, mitten in ihrer Angſt erbitterten Mutter, erſtarb unter dem krachenden Gebrull eines fürchterlichen Donnerſchlags, welcher die Erde beben machte. Der Blitz, der mit ihm zugleich vom Himmel fiel, ſchien die Umgegend rings in Feuer zu ſetzen; er war indeſſen ſchon lange erloſchen, als ſeine falbe Helle noch vor den geblendeten Augen der Weiber flatterte, die nur langſam ſich wieder aufthaten. Ihre Ohren ſummten aber noch lange den gräulichen Wetterſchlag nach, der noch ietzt dumpf und langſam fortdröhnte, und ſich wie in einen jammernden Schmerzruf aus der Ferne auflöste. Judith⸗ die der armen Eſther klagende Stimme zu vernehmen dachte, lehnte lauſchend das Haupt an die Kammer⸗Thür. Das Mädchen darinnen betete laut in hebräiſcher Sprache, eifrig und ſtark. Durch das Fenſter jedoch, das Sturm und Wettergewalt aufgeriſſen hatte, drang durch den heftig nieder⸗ ſtrömenden Regen der vorige Schmerzruf in die Stube, und wollte nimmer verſtummen, und erneute ſich immer wieder, und wurde gräßlicher, je länger er währte, und ſchien der Hütte näher zu kommen.— Judith's Haar ſträubte ſich, und die Mutter rief mit froſtig klappernden Zähnen:„Horch! Horch! O mein Herrgott! Judith! das iſt der Todte aus dem Sumpfe, und verlangt nach ſeiner Habe!“—„O nein! o nein! Mutter!“ entgegnete langſam und hohl die ſehr ergriffene Tochter:„Den Todten ſingt der Donner das Schlaflied, aber, der jetzt heraufkriecht zur Hütte, und deſſen Stöhnen unterm Fenſter klingt, will erſt ein Todter werden und ſich hinunterlegen, von wannen wir zum Gerichte gehen.“ —„Um des Heilands Willen! was redeſt Du denn 2“ jammerte die Mutter;„Mich uberläuft eine Gänſehaut. Es wird doch nicht Einer von unſerm Hauſe ſterben?“—„Ja!“ erwiederte Judith mit gebrochener Stimme, da ein leichenblaſſes Geſicht zum Fenſter auftauchte:„Vor ſeinem Hauſe.... der Vater iſt's.“—„Jeſus!“ kreiſchte die Mutter, herzuſpringend mit dem brennenden Span:„Chriſtus! Marten! Ach wie biſt Du voll Blut.“—„Laß mich ein!“ ſtammelte der am Kopf auf's Entſetzlichſte Verwundete,— ſich mit den ſchwachen Händen an das Fenſter klammernd:„Mach auf... ich will drinnen ein Ende machen.“— Er ſank, trotz aller Anſtrengung, wieder zum Boden nieder, und wurde ohne Sinnen von Weib und Lochter hereingebracht und auf Judiths dürftiges Lager gebracht, das hinter einer elenden Scheidewand von Rohr hergerichtet war. Die Alte geberdete ſich wie eine Verzweifelnde, warf ſich über den Körper des röchelnden Mannes und zerraufte ſich das ſpärliche graue Haar. In⸗ deſſen ſchaffte Judith beſonnen und klaglos alles herbei, was zur Erleichterung des Verwundeten gereichen konnte. Aber nicht Waſſer, nicht Wein konnte das Blut ſtillen, das aus der gräßlichen Todeswunde floß, und der Verlorne dankte es nicht den Bemühungen der Tochter, die ſeine Lebensgeiſter wieder erregte:„Der Tanz iſt aus!“ lallte er in wildem Sterbekampfe:„Heut holt mich der Schwarze und morgen den verdammten Edelmann, der mich zuſammenhieb.“— „Wo iſt der Judes“ ſchrie ihm Judith in's Ohr.— Marten machte mit der Rechten eine Bewegung zur Erde, als ob er auf einen zu Boden Geſtreckten deutete.—„Halleluja!“ betete die Tochter mit heiterm Geſichte bei dieſen Worten, obgleich ſich die Züge des Vaters fürchterlich verzerrten und die Mutter wüthend rief:„Schlange! Du preiſeſt den Himmel an Deines Vaters Sterbelager?“— Die Dirne ſchob dem 4 313 Vater den Polſter zurecht und verließ dann ſein Bett, um in einen Winkel zu knicen. Die Alte badete den erſtarrenden Mann mit ſiedenden Thränen, ballte die Fäuſte gen Himmel und ſpie Gebete aus, die wie Läſterungen klangen. Marten erwiederte hierauf unverſtändliche Worte und vermochte bald nur ſtumm die Lippen zu bewegen.„Judith! Judith!“ krächzte die Heulende:„Er ſtirbt! Hilf! Hilf Du jetzt⸗ Betſchweſter! Hilf!“—„Laßt ihn doch vergehen!“ antwortete dieſe ein⸗ tönig:„Ich ſagte es ja, ich wurde heute ein Todtenlied ſingen müſſen; und. ach Herrgott! wäre doch die Nacht ſchon vorbei, Mutter. Mein Herz iſt noch nicht ruhig ge⸗ worden, und meine Ahnung iſt noch lebendig. Weint über Euch, Mutter, nicht um den verlornen Mann.“ Die Alte drohte ihr mit Wuthgeberde, warf ſich jedoch wieder über den Sterbenden und überließ ſich allen Ausſchweifungen eines im wildeſten Gram auflodernden Herzens. Judith erſah den Augenblick, wo die Alte ihr Geſicht in die rauhe Decke des Lagers gedrückt hatte und ſtille verſchnaufte. Sie hob den Schlüſſel auf, der dem Weibe entfallen war, und ſchlich leiſe zu Eſther's Kammerthüre.„Komm heraus!“ flüſterte ſie, das Schloß behutſam öffnend:„Der Jude iſt todt, der Vater ſtirbt. Entfliehe!“— Wie auf den Flügeln der Hoff⸗ nung ſtürzte ihr das Mägdlein in die Arme, und beide ſchlüpften an der Rohrwand vorbei aus der Stube, ohne von der Alten bemerkt zu ſeyn.„Ach, wohin in dieſem tobenden Sturme?“ fragte zitternd Eſther, da vor der Thüre der pfeifende Zugwind die Flechten ihres ſchönen Haars durcheinander peitſchte:„Ich ſterbe, ſtößeſt Du mich hinaus in das Brauſen des Wetters.“—„Komm,“ erwiederte Judith.„kommzur Scheuer! Unter den wilden Kriegsknechten biſt Du ſiherer, denn unter uns. O, dieſe Nacht iſt noch nicht vorüber, ſagt mir ein finſtrer Geiſt. Komm, daß ich Deine Unſchuld rette aus dem Neſte des Verbrechens.“ — Am Brunnen und dem wüſten Gärtlein vorüber, vorbei am Moore, das ſelbſt unter dem Rauſchen des Windes und des Regens ſtill und bleiern zu liegen ſchien, umfangen von traurig öden ufern, leitete Judith die Zitternde zu der Scheuer leichtem Bau. Roſſe ſtampften darinnen, und da Judith die breite Thür öffnete, ſahen die Eintretenden zwei Männer bei einer verhullten Leiche ſitzend, und wachend beim Schimmer einer dem Verlöſchen nahen Leuchte. Die Männer fuhren bei dem Geräuſch auf und nach den Waffen, aber mächtiger denn Waffe und Wehr war Eſther's ſtaunender Blick. Denn vor ſeinem Leuchten ſank des einen Mannes Schwert zur Erde, ein himmliſches Lächeln ſtreifte über ſein verſtörtes Antlitz, und mit dem Rufe:„Eſther! geliebte Eſther! wo kommſt Du her bei dunkler Nacht?“ ſtürzte er dem auf⸗ ſchreienden Mädchen um den Hals. Die Erſchutterte, die ſich in Dagoberts Armen, an ſeiner Bruſt fühlte, dachte nicht daran, ſeiner plötzlich, allen Felſen zum Trotz, her⸗ vorbrechenden Liebe zu widerſtehen, und uberließ ſich mit Freude und erneutem Vertrauen ſeinen Liebkoſungen.— Während hundert und wieder hundert Fragen von ihrem und ſeinem Munde flogen, und keine beantwortet wurde, und doch eine jede auf Antwort drang, rieb ſich Judith verwirrt die Stirne und ſah bald betroffen auf die Gruppe der Neu⸗ vereinten, bald auf den Knecht Vollbrecht, welcher, ohne viel mehr zu begreifen, regungslos dabei ſtand.— „Verblendete Welt!“ rief ſie endlich, zwiſchen Dagobert und Eſther tretend:„Iſt es an der Zeit, im Nachen des 31⁵ Todes ſündliche Flammen zu ſchüren? Mann! Seyd Ihr ein Chriſt? und umarmt eine ungläubige Jüdin? Weib⸗ willſt Du alſo das Bad der Taufe verdienen? Flieht, rettet Euch. Hier iſt Eures Bleibens nicht. Mörder ſind um die Wege. Fort, ohne Säumen, denn ich weiß ich weiß.. die Zeit, die ich furchte, iſt da.“ Ohne weiter ein Wort zu verlieren, eilte Judith davon, um zu den Eltern wiederzukehren. Aber am Sumpfe hielt ſie ihre Schritte an und lauſchte ſcheu nach dem ſchwirrenden Röhricht, auf welchem die Tropfen des langſamer fallenden Regens kniſterten, und aus deſſen Grunde Schatten zu nicken ſchienen, mit glühenden Augen und verzerrten Geſichtern. Hier, an dem Ufer warf ſich die Dirne auf die Kniee und breitete ihre Hände aus über das ſtille Moor, und ſprach wie eine beſchworende Hexenfrau:„Unſchuldig Geſtorbner auf dem Grunde und im Schilf! Zürne nicht mehr der Seele meines Vaters, denn ſie verläßt den Leib gerade jetzo mit Angſt und Seufzen. Zwei Augen haben ſich zugethan, die den Herrn nimmer erkannt haben. Vergib den beiden, die noch offen ſtehen, um des Erlöſers Willen, und ruhe fürder im Frieden. Und Du, barmherziger Gott! entſündige die, die mich zeugten, und ſollten ihre Laſter alle auf mein Haupt fallen; laß aber auch die ſchmachtende Unſchuld nicht verderben, wenn es in Deinem Rathſchluſſe iſt, und ſchone dann mein Herz nicht.“— Ihrer aufgeregten Einbildungs⸗ kraft war es juſt, als ob aus dem bleiſchwarzen Sumpf eine weiße Hand ſich herausſtreckte, lang und hager, die ihrige zu faſſen, wie zum Pfande ihres Gelöbniſſes, und ſie riß ſich entſetzt von der unheimlichen Stätte. Indem ſie mit Befriedigung dem Hufſchlage der Pferde lauſchte, die 316 aus der Scheune heraustrabten und ſich jenſeits gen Bergen hin verloren,— indem ſie Gott dankte, daß er die fremde Jungfrau in ſeinen Schutz genommen,— hörte der Regen auf, und die zerreißenden Wolken ließen ſchwaches Licht her⸗ nieder. Es keuchtete gräßlich für Judith, denn ſie erblickte ven Schatten eines Mannes durch das Dunkel nach der Hütte eilen und darin verſchwinden. Der Gedanke: Wenn Zodick nicht todt,. wenn der Jude jener Schatten wärel ſtieß wie ein ſcharfes Schwert in ihr Gehirn, und die Er⸗ innerung an ſeine entſetzliche Verheißung ſchlich fröſtelnd durch ihre Adern.—„Wenn er wirklich zurückgekehrt wäre aus dem gelogenen Tode!“ murmelte ſie zwiſchen den Zähnen und ſah vor ſich hin in das Dunkel:„O, welch ein Ende würde das Elend nehmen? Aber nur auf Gott vertraut! Er kann binden, er kann löſen!“— Noch eine Weile horchte ſie, dann drang ein entſetzliches Geſchrei aus der Hütte.— „Herrgott! die Mutter!“ ſtotterte die heftig Zuſammen⸗ fahrende:„Weh mir! Der blutige Mann bringt ſie um.“ Und fort wollte ſie, um dem Mörder die eigne Bruſt zu bieten, ſtatt des Mutterherzens. Aber ihre Fuße konnten nicht von der Stelle. Rieſenkräftig ſtrebte ſie vorwärts, aber wie eingewurzelt hielt ſie der Boden. In erbärmlicher Angſt arbeitete ihr Buſen; der Mund verſuchte zu ſchreien, doch ſeine Stimme war erloſchen! alle Sinne und Kräfte ſchienen allmählig von ihr zu entweichen; nur das Ohr blieb in 5 grauſamem Gehorſam, denn ſie mußte hören, hören, wW nach und nach das Geſchrei zum Gejammer, die Klage zu Gewimmer wurde, wild unterbrochen von Zodichs fluchent Volfsſtimme. Und ſchwächer wurde vas Geſtöhne, und end⸗ lich gelang es der gefolterten Tochter, ſich zu ermannen und loszureißen von dem Platze des Entſetzens. Allein, nicht hinweg von dem Orte des Schreckens,— hin drängte ſie der ſchwarze Geiſt des Augenblicks. Sehen— ſehen wollte ſie, und dem Wuthrich in's Auge ſchauen. Wie eine wuth⸗ entflammte Löwin die Zuge bald in bleiche Angſt, bald in rothen Zorn getaucht, ſturzte ſie in die Hutte und vernahm in der Stube das Aechzen der Mutterſtimme, die Ver⸗ wünſchungen des Unholden, der Thüren zu ſprengen, Kiſten und Kaſten zu zerſchlagen im Begriff zu ſeyn ſchien. Welch ein Anblick, da Judith in das Gemach drang? Umgeſturzt die Rohrwand und blutend darauf ausgeſtreckt die Wirthin des Hauſes.. das Meſſer in der Bruſt. Des Vaters ſtarrer Leichnam halb aus dem Lager geſchleudert, in welchem die gierigen Hände des Räubers gewühlt hatten. Schrank und Truhen erbrochen; der Raub von manchem Jahre hervorge⸗ zerrt an's Licht der Herdesflamme, und zerſtreut auf dem Boden liegend. Und mitten in dem Gräul dieſer Umgebung der ſchändliche Zodick ſelbſt ſtehend, durchnäßt von Regen⸗ fluthen und Blut, plundernd, wählend, verwerfend, und Gottesläſterungen und gräuliche Flüche aus dem giftigen Munde ſprudelnd. Das ſchauderhafte Bild entlockte der ein⸗ tretenden Judith einen lauten Schrei. Die endende Mutter porte ihn noch, faltete bittend die Hand gegen die Tochter und verſchied. Aber auch dem Mordbuben war die Gegen⸗ wart der verhaßten Judith nicht entgangen. Sein gräßliches Auge blitzte ihr Verderben entgegen, ſein ſchäumender Mund ſtammelte:„Verflucht ſeyſt Du, häßliche Brut!“ und während die Linke den Sack ſinken ließ, in welchen er das Koſtbarſte von Marten's Habe geworfen hatte, um es fortzuſchleppen, ſuchte die wuthzitternde Rechte das Meſſer an der Hufte. 2. 21 31 Judith verſtand die unglücksſchwangere Bewegung und kam ihr zuvor, denn das Eiſen, das der von Raub und Mord zerſtreute Bube am Gürtel wähnte, riß ſie aus der Bruſt der Hingeſchlachteten und zückte es ſchreiend gegen Zodick ſelbſt. Dem Meuchelmörder fehlte die Fauſt, war ſie nicht mit Stahl bewaffnet, und der feige Verbrecher erſtarrte vor dem beherzten Weibe.„Komm an!“ rief ihm das Letztere entgegen:„Jude! gottesmörderiſcher Jude! erwürge mich jetzs, wie Du meine Mutter erwürgt haſt.“—„Ich hatt' ihr's geſchworen!“ erwiederte Zodick frech, indem er ſich gegen die Wand zurückzog:„Ihr habt davon geholfen meinem Lieb, und dafür hat die alte Kehle bezahlt.“—„Nieder⸗ trächtiger!“ ſchrie Judith unter heißen Thränen ſchmerzlichen Grimms;„wär' ich ein Mann, Du kämſt nicht lebend über dieſe Schwelle; aber ich bin ein Weib, gerade noch ſtark genug, Dir das Meſſer in den Hals zu rennen, ſo Du mir nahſt. Doch ſpricht der Herr zu Dir aus meinem Mund: „Dein Weg auch naht ſich ſeinem Ende. Vier Augen, die ich ſchonen mußte, ſind geſchloſſen auf ewig, aber die Deinen⸗ die ich haſſe, dürfen nicht allein offen bleiben. Raube hier und ſtehle, was Dir gefällt. Mir würde grauen, von dieſer blutgetränkten Habe ein Stück zu nehmen. Doch Dir ſey ſie Verderben. Ich habe nicht mehr den Vater, nicht die Mutter zu verſchonen; und jetzt noch,— heute— von dieſen Leichen weg gehe ich nach Frankfurt.“—„Gott ſoll mir helfen!“ rief der überraſchte Zodick, wie zuſammenſinkend: „Das thätſt Du, Ungeheuer? Drache aus Amalek?“— „Der Himmel will's!“ antwortete Judith gehoben:„Ver⸗ ſuch's, mich aufzuhalten, da der Herr mir befiehlt, zu gehen!“—„Eher ſollſt Du verſchwarzen!“ brüllte der Jude⸗ auf ſie losfahrend. Da ſtürzte die Leiche des alten Räubers vollends herab vom Lager, vor die Füße Zodick's, und dieſer Sturz hemmte ſeinen Lauf, daß er erbebend ſtille ſtand. Judith riß die Thüre auf:„Siehſt Du, wem ich vertraue?“ rief ſie ſieg⸗ reich:„der Gott der Welt iſt mit mir. Die durch Dich elend Ge⸗ machten werden nicht ſterben,..— Deine Bosheit wird enthüllt⸗ und verfällt dem Schwerte. Verzweifle, ich gehe gen Frankfurt!“ Sie warf ſich entſchloſſen aus der Thüre und rannte wie eine Gemſe davon über Hügel und Sandſtürze, das Keuchen und Schnauben des ſie verfolgenden Mörders hinter ihr. Ihrem kräftigen Vertrauen, dem Bewußtſeyn ihrer, wie von Gott ſelbſt auferlegten Pflicht gelang es, den Vorſprung im gewaltigen Laufe zu vermehren, ſtatt eingeholt zu werden. Zodick' s Flüche wurden dumpfer, das Keuchen ſeiner Bruſt, wie ſeine Schritte verhallten hinter ihr, und da ſie unfern vom Schellenhofe inne hielt, um von dem gewaltigen Rennen ſich zu erholen, war der Nachſetzende ganz zurückgeblieben. Sie zog ſich hinter einen Verſteck von Schlehenſträuchen zurück, um ruhig ch zu erholen, und nach dem Aufgange, wo ſchon der Tag bleichte, lenkte ſich ihr Ange, in welchem jetzt die Thränen ausbrachen, die der Schmerz über den fürchterlichen Tod ihrer Erzeuger darin angehäuft hatte. Feierlich betete ſie ein De profundis für die des himmliſchen Lichts unwür⸗ digen Seelen, und eine gewiſſe Freudigkeit entſtand in ihr, da ſie dieſer letzten Kindespflicht genügt hatte und an die ſchönere Pflicht dachte, die ſie jetzt zu erfüllen ſich vorge⸗ nommen. Dieſe Freudigkeit verließ ſie auch nicht, als blut⸗ rothe Flammen in der Ferne aufſtiegen und Hütte und Scheuer emporloderten im gefräßigen Feuer.„Dort feiert der Mörder ſein Feſt!“ ſagte ſie ruhig und betrachtend: 320 „Seine ohnmächtige Rache zerſtört das Haus des Meineids und des Mords. Fahrt wohl, arme, verirrte Eltern! Beſſer iſt's, das Feuer verzehrt Euer Gebein, als der unehrliche Stöcker müßte es auf dem Anger begraben. Euerm unſterb⸗ lichen Theil ſey aber der Herr der Himmel gnädig, wie auch mir, daß meine Stimme nicht verhalle in der Wüſte, und Segen erſprieße aus dem Grabe der Meinigen!“ Vierzehntes Rapitel. Faſſet Muth im Sturm der Wellen, Euern Maſt hält Gottes Hand: Nimmer wird der Kiel zerſchellen, Der euch führt in's freie Land! Nur, wenn das Vertrauen bricht, Geht ihr unter, eher nicht! Moore. Der Altbürger Diether Froſch betrat mit zornflammen⸗ dem Geſichte und heftiger Geberde das Vorzimmer des Schöffenſaals im Rathhauſe, und fragte auffahrend und rauh nach dem Schultheiß. Der Rathsknecht wies ihn in das Verhörgemach, in welchem der Ritter, die Hände auf den Rücken gelegt, und finſter ſimulirend auf und nieder ging. Es war noch frühe am Tage; darum war der edle Herr noch völlig allein. Als er den Schöffen hereinkommen ſah, blieb er ſtutzig in der Mitte des Zimmers ſtehen, und nahm eine drohende Haltung an, da er um des ganzen Weſens des Alten willen auf einen ſtürmiſchen Angriff rechnen konnte. Diether rechtfertigte dieſe Vermuthung, und fing mit übel⸗ verhaltnem Groll an:„Mir iſt's lieb, daß ich Euch allein 321 treffe, Schultheiß,— oder auch nicht lieb, denn ich hätte Euch auch gerne vor Zeugen geſagt, was ich nicht auf dem Herzen behalten kann. Ihr ſehd ein frecher unritterlicher Mann, der viel zu kurz kommen möchte, würde ihm Rechen⸗ ſchaft von ſeinem Handeln abgefordert.“—„Herr!.. ent⸗ gegnete der Schultheiß empört; der Schöffe ließ ihn jedoch nicht vollenden, ſondern fuhr fort:„Es iſt ein Unglück, das öffentliche Wohl in den Händen eines Mannes zu wiſſen, der, im Innerſten verderbt, ſeinen Leidenſchaften jeden Zügel ſchießen läßt, das Beiſpiel der Unſittlichkeit gibt, und in jedem Dirnengeſicht einen Stachel für ſeine Wolluſt findet.“ —„Seyd Ihr toll geworden, Schöff?“ fragte der Schultheiß trotzig:„oder plagt Euch der Teufel der Eiferſucht aber⸗ mals?“—„Keine Ausflüchte!“ fuhr Diether heftig fort: „Was ſoll die Geſchichte vergangener Nacht bedeuten? Warum habt Ihr mein Eigenthum, den Schellenhof, verletzt durch unziemlichen und verbotnen Angriff? Warum habt Ihr Leute, die ich dorthin geſetzt, gefangen wegführen laſſen? Iſt ein ehrlicher Mann nicht mehr hinter ſeiner Grenze und Feldmark ſicher? Oder iſt mein Haus ein Sammelplatz, eine Herberge lüderlichen Geſindels? Ich verlange, daß Ihr Ab⸗ bitte leiſtet, und die unſchuldig Gefangenen losgebt.“— „Ihr redet irre, guter Mann,“ erwiederte ſpottiſch und kalt der Ritter:„Von dem Auftritte verwichener Nacht weiß ich wohl, doch ging er nicht auf mein Geheiß vor ſich. Was hätte ich auch auf Euerm Schellenhof zu ſuchen? Der Oberſt⸗ richter jedoch hatte Fug und Recht, Kraft ſeines Amtes, den Verſuch zu machen, ein gefährliches Weib, dem man lange ſchon auf der Spur geweſen, aus dem Neſt zu heben, das ihm ſicherlich Euer Sohn auf Euerm Eigenthum bereitet. Man hat ſtatt dieſer Dirne, die wohl früher gewarnt, die Flucht nahm, eine Andere ergriffen, die Euch ziemlich nahe angehen mag, und die, ſammt ihrem Kinde, wenn ſie das ubliche Verhör ausgehalten, Euch wieder zurückgegeben wer⸗ den wird. Das iſt der Zuſammenhang der Sache, und ich finde es frech von Euch, Schöff, daß Ihr Euch herausnehmt, mich bei jedem Anlaß zu verunglimpfen. Für meine Würde ziemt ſich indeſſen Vergebung beſſer, denn Rache, und ich behalte mir vor, einmal ſpäter mit Euch die ganze Rechnung abzuthun auf einmal.“ „Ihr ſeyd eine glatte Schlange;“ entgegnete der gereizte Diether;„Der Oberſtrichter ſchiebt die Schuld auf Euch, und Ihr wälzt alle Verantwortlichkeit auf den Richter.“—„Hagel⸗ Blitz und Strahl!“ fuhr der Schultheiß auf:„Wahnwitziger Mann! treibt mich nicht auf's Aeußerſte. Eurer großen Tücke bin ich ſchon längſt herzlich mude. Solch Verfahren ſteht Euerm Greiſenalter wenig an, ſchier ſo wenig, als es ſich für Euch ſchickt, eine fahrende Tochter ſammt ihrem Bankert auf Euerm Hofe zu halten. Ihr gebt das Beiſpiel der Un⸗ ſitte und ſchlechten Zucht, und es iſt gar kein Wunder, daß Sohn und Frau nicht aus der Art ſchlagen. Schämt Euch⸗ und ſchreibt es Euch ſelbſt zu, wenn die Gerichte Euch auf dem Halſe liegen. Es gehen unerbauliche Dinge in Euerm Hauſe vor, und Ihr ſelbſt habt Rath und Bürgerſchaft in Eure mißliche Händel gezogen. Auf allen Gaſſen ſpricht man von der Hiſtorie Eurer Ehewirthſchaft. Auf allen Straßen laufen Späher umher, nach Eurer Tochter zu for⸗ ſchen, die,— wer weiß, in welchem Waldneſte, mit einem Buſchklepper Buhlerei treibt, mit dem ſie willig entlaufen? Euer Argwohn hat ja nicht geruht, bis ich dem Stadthaupt⸗ mann erlaubte, geſtern einen Troß ſeiner laufenden Geſellen nach dem Sprünglin zu ſenden. Wie ich vernommen, hat ſich die kaiſerlich freie und heimliche Acht nicht minder in die Unthaten Eures Sohnes gemiſcht. Donner und Teufel! was ſoll nach ſolcher Menge von Aergerniß, die Euer Haus gegeben, die ſtolze verletzende Rede, welche Euer Mund ſo freigebig führt? Ich weiß ſehr gut, daß Ihr wünſchtet, jetzo ein Baſilisk zu ſeyn, um mich mit einem Blicke zu erſtechen, weil Ihr noch immer ſo thöricht ſeyd, zu glauben, ich hätte Euerm Weibe nachgeſtellt. Allein ich lache Eures poſſier⸗ lichen Grimms, und wenn Ihr's noch ärger macht.“— Diether ſtand wort- und bewegungslos da, ſo gewaltig hatte ihn des Schultheißen Rede zerſchmettert, weil ſie eine Maſſe von Unrecht auf ihn warf, die er nicht mit einem heftigen Worte abzuſchütteln die Macht beſaß.— Der Schultheiß dagegen freute ſich, den uberaus verhaßten Schöffen ſo recht in's Leben treffen zu können, und ſprach mit boshaftem Lächeln weiter:„Wie ſteht's mit Euerm Weibe, Diether? Ich hörte ſchon in aller Frühe, Marga⸗ rethe ſey entlaufen. Läugnet nicht, denn ich weiß es von guter Hand, wie es ſchon die Stadt weiß, und mich wundert nur, daß Ihr mir nicht auf den Kopf zuſagt, ich hätte ſie Euch geſtohlen. Wie es aber auch damit gegangen ſeyn mag, ich kann ihr nicht Unrecht geben. Einmal iſt es hart für eine Frau von bockern Sitten, bei einem mürriſchen Manne auszuhalten, der den ſtrengen unerträglichen Sitten⸗ richter ſpielt, ob er gleich unfern der Stadt ſein eigen Lieb in ſtiller Kammer hält; zum Andern iſt ſie wahrſcheinlich von ihrem Buhler Dagobert, der ſeine Urſachen hat, nicht nach der Stadt zuruckzukommen, beſchieden worden,— und —— endlich, denke ich, hat ſie gerade die rechte Zeit gewählt, zu gehen, um dem weltlichen Gerichtsarm zu entlaufen.“— Diether ſtaunte den Ritter finſter an....„Ich vergebe Euch die Schmähungen, mit denen Ihr mich überhäuft,.... ſagte er, kaum vernehmbar vor innerer Bewegungz.. „aber.... habt die Gnade, mir zu erklären, wie meine Hauswirthin Margarethe dem Gerichte verfallen ſeyn kann, da ich noch nicht als Kläger vor die Schranken trat?“— „O, mein lieber Herr,“ entgegnete der Schultheiß:„das ſoll Euch nicht vorenthalten bleiben, und gewiß wird Euch's noch dieſen Morgen kund.“— Der Rathsknecht meldete: der Stadthauptmann und ein Rottmeiſter der Stadt forderten Gehör bei dem ſtrengen Herrn, um zu berichten, was beim Sprunglin vorgefallen.—„Recht;“ erwiederte der Schult⸗ heiß:„Herr Froſch, Ihr ſeyd ja am meiſten bei der Sache im Spiele. Verharrt, und hört mit an, was uns die Leute ſagen werden. Ihr mögt hören, daß Alles, Euerm Wunſche gemäß und in ſtrengſtem Geheimniß ausgerichtet worden.“ Die Gemeldeten erſchienen, und der Stadthauptmann fragte den Schultheiß, ob es ihm gefällig wäre, zu vernehmen, was der Rottmeiſter Sebald erzählen werde.„Ich habe ihn,“ ſprach er,„als einen geſchickten Mann auserwöhlt⸗ mit zehn laufenden Söldnern den Zug nach dem Bannſteine von Bergen, das Sprünglin genannt, zu verrichten, und er iſt geſtern um die neunte Stunde der Nacht von dannen gegangen, und heute, als die Thore wieder geöffnet wur⸗ ven, hereingekommen.“— Der Schultheiß gebot dem Rott⸗ meiſter, kund zu thun, was ihm und ſeinen Leuten begegnet ſey, und getreulich begann dieſer Folgendes zu berichten: „Wie der edle Hauptmann Euch eröffnet,“ ſagte er,„ſo bin ich mit meinem Häuflein von dannen gezogen, da es gerade neun Uhr am Abend ſeyn mochte, und das Wetter drohte, nicht das allerbeſte zu werden. Deßhalb ließ ich meinen Klepper friſch d'rauf los treten, und wir waren auf Feld⸗ und Hohlwegen in die Gemarkung von Bergen gelangt, ehe wir es nur merkten, und kehrten ein in dem einzelnen Ge⸗ höft, das man gewöhnlich im Tannicht nennt. Verſteckter hätten wir allerdings in der Martenſchenke gelegen, die am Sandhügel ſteht, und wo man gemeiniglich beſſern Trunk erhält, obſchon nicht immer die beſten Kunden ſich da zu⸗ ſammen finden. Aber vom Tannicht aus hatten wir den Sprünglinſtein, ſo zu ſagen, im Geſichte, wenn man alſo reden darf in der Nacht um die zehnte Stunde, wo der Mond gerade ausgegangen war, und es ſtockdunkel wurde, daß man die Hand nicht vor Augen ſehen konnte, geſchweige das Sprünglin, das vierhundert Gänge weit vom Tannicht liegt. Ferner iſt zu merken, daß in der Martenſchenke es nicht geheuer iſt, und um dieſelbe am Moor Geſpenſter zu gehen pflegen, die auch den herzhafteſten Kriegsknecht er⸗ ſchrecken können. Denn wie Ew. Geſtrenger weiß, ſo iſt dorten die Abdeckerei geſtanden, und des Martens Großvater iſt ſelbſt'mal Stöcker geweſen.“—„Du wirſt allzuweitläufig, Freund;“ verſicherte der Schultheiß gähnend:„Spute Dich. Wir haben noch mehr zu verrichten, als Dich anzuhören.“ — Der Rottmeiſter machte ein verdrüßliches Geſicht, ver⸗ ſchluckte aber den Aerger, und fuhr raſcher fort:„Wie Ihr befehlt. Kurz, wir ſteckten im Tannicht, und ein Knecht ſtand unfern vom Bannſteine auf der Wacht und Lauer. Die eilfte Stunde kam heran, und wir alle waren noch recht wohl nüchtern, als der Wächter in das Gehöft ſprang und meldete: es ſey gerade jetzo von Bergen her ein Mann zu Gaule gezogen, der am Sprünglin abgeſeſſen ſey, und dabei luſtwandle, trotz dem aufziehenden Wetter und dem Sturme, der ſich zu erheben begann.—„Paßt auf,“ ſagte ich:„Paßt auf. Das wird unſer Mann ſeyn. Jetzt reibt die Ohren rechtſchaffen, damit Ihr mein erſtes Wort ver⸗ ſteht.“— Denn, beiläufig zu bemerken, ich hatte, ſintemal mir das Geheimniß auf die Seele gebunden geweſen, noch bis jetzo keinem von den Leuten geſagt, was eigentlich hier im Schilde geführt würde. Wir demnach hinaus, und um⸗ zingeln fein leiſe den Platz, und ſchleichen uns näher um den verdächtigen Mann heran, und ſehen, daß er, den Gaul am Zügel, mit ihm hin und her geht⸗ als ob's im ſchönſten Sonnenſchein wäre, und er hätte einen guten Freund am Arme. Da iſt uns ſchier ſchauerlich geworden, allen ſammt und gar, und haben uns in der Ferne zuſammengethan, und mit einander gewispert, und etliche von uns haben gemeint⸗ der Mann möchte am Ende wohl nicht ein Mann von Fleiſch und Bein ſeyn, ſondern ein Verſtorbener, der zur Nachtzeit mit Sporn und Gaul heraus müſſe aus dem Grabe, um Wacht zu halten bis um Zwölfe. Ich habe den Burſchen jedoch die Ammenfurcht verwieſen, und zumal, da ich ver⸗ nahm, wie der Fremde vernehmlich nießte, was ein Geſpenſt nicht thut, ſo machte ich mich auf, und ging wieder leiſe an ihn heran. Da wurde es mir bald klar, daß er ein rechter Menſch ſey, denn er fluchte recht verſtändlich:„Gott ver⸗ damme das vertrackte Zögern und den vermaledeiten Regen!“ — Ein guter Geiſt redet nicht von der Verdammniß, Böſer nicht von dem lieben Herrgott, und aus dem bischen Regen machen ſie ſich Beide nichts; alſo war der Mann ein rechter Mann, und ich ging ſtrack und beherzt auf ihn zu. Er ſaß juſt auf dem Bannſteine, den Zügel ſeines Gauls um den Arm, und in ſeinem Geſichte konnt' ich nichts er⸗ kennen, als eine große Naſe und einen Schnauzbart. Er fuhr in die Höhe, da er mich endlich gewahrte, und ant⸗ wortete auf mein barſches:„Wer da?“ mit einem drohen⸗ den:„Der Teufel, Kerl, wenn Du Dich nicht packſt!“— Er machte eine ſehr auffallende Bewegung, und ich denke, er hätte nach mir geſchlagen, hätte ich nicht die Hellebarde blitzen laſſen, und geſagt:„er ſolle ja das Schlagen unter⸗ laſſen, denn ich ſey Rottmeiſter der edeln Stadt Frankfurt, und ein Rudel meiner Knechte ſey nicht fern.“ Da beſann er ſich freilich, ſetzte ſich wieder auf den Bannſtein, und fragte, was wir von ihm zu begehren hätten. Ich ſagte ihm nun für's Erſte fein höflich, um keinen Verſtoß zu machen, er möchte mir melden, was er um dieſe Stunde pier zu ſchaffen habe.—„Ich treibe Sternguckerei,“ ant⸗ wortete er, und ſah ſteif und feſt nach dem Himmel, auf welchem, wohl zu merken, Wetterwolken genug zu ſchauen waren, aber um tauſend Goldgulden kein Stern. Da ich ihm dieſes nun bemerkte, ſo lachte er laut auf, und ſagte: „Wann Ihr blind ſeyd, kümmerts mich nicht. Ich ſehe einen Wald von Sternen, und laßt mich jetzo ungeſchoren.“ Es verſteht ſich, daß ich ging, denn mir war nicht aufgetragen, Einem zu verwehren, ſich am Sprünglin nach Sternen um⸗ zuſehen. Doch ſchickte ich nach einer Weile einen Knecht an ihn mit derſelben Frage, die ich gethan, und demſelben erwiederte er:„er ſey, um friſche Luft zu ſchöpfen, vom Hanauer Schloß herübergeritten; und bedrohte den Frager mit einer Tracht Prügel, wenn er noch einmal käme.“ Dieſer — — ——— kam auch nicht wieder, aber ich ſchickte einen Zweiten, welchem der Nachtwandler den Beſcheid gab:„Er warte hier auf ſeine Maid, die ihm ein Minneſtündlein verſprochen habe.“ Zugleich aber fing er an, dem Knechte die Tracht Prügel zu geben, die er dem Andern verſprochen hatte. Ich traute nicht, mich darein zu miſchen, weil mir in den Kopf gekommen war, der Mann möchte wohl einer von den jungen Herrn von Hanau ſeyn, die ihrer verliebten Schwänke wegen in der ganzen Wetterau bekannt ſind, und mit denen einen Span zu haben, nicht gut iſt. Zudem blitzte und donnerte es redlich um uns her, und es war gerathener, im Geſträuch zu liegen und zu paſſen. Während ſich nun die Beiden am Bannſteine prügelten, und ich vergebens dem Baſtian pfiff und rief, umzukehren, ſo kömmt ſchnell durch das Gebüſch geraſchelt, ein Weib im Regenmantel und Regentuch, und prallt zurück, da ſie beim Blitzſchein uns erblickt. Ich, nicht faul, packe ſie am Gewand, und frage, wer ſie iſt. Sie hat mir kauderwälſch darauf geantwortet, und da ſie in der That ein Weibsbild, und mir nicht befohlen war, am Sprünglin eine Frau zu fahenz... da mir auch der Zuſammenhang der Hiſtorie klar wurde, ſo fragte ich ſie ſchlau und pfiffig, ob ſie nicht ein Stündlein am Sprünglin zu beſuchen, im Be⸗ griff ſtehe, und auf ihre Bejahung ließ ich ſie zum Bannſteine führen, und ſagte zu dem Reiter, der den Knecht noch immer an den Ohren hatte: er möchte doch einmal aufhören, denn hier ſey ja das Weib, das er erwarte. Drauf ließ er den Baſtian los, und beſah ſich die Frau von oben bis unten⸗ und, da mir nicht befohlen war, ein Paar Liebesleute am Sprünglin zu ſtören, ſo ließ ich meine Leute wieder unter die Bäume kehren, wo mir der ſcheltende Baſtian vertraute, er wolle ſich henken laſſen, wenn der, mit dem er ſich ge⸗ rauft, nicht der Leuenberger geweſen. Das war dann nun verdächtig; denn der Leuenberger iſt im Stadtbann, und auf ihn hatte ich abſonderliche Weiſung. Drum raſch mit ge⸗ fälltem Spieß gegen das Sprünglin zurück im hellen Haufen, und wir ſahen, weil der Himmel von allen Seiten flammte, wie der Mann und das Weib noch auf der Matte ſtanden, und die Frau ſich geberdete, als wolle ſie verzweifeln. Was ſie aber ſprachen, hörten wir vor Donner und Getöſe nicht, ſondern ſchrien wie aus einem Halſe:„Gib Dich, Leuen⸗ berger! Gib Dich!“— Wie wir jedoch alſo auf ihn anrück⸗ ten, und er Unrath merkt, ſo nimmt er das Weib auf den Arm, ſpringt mit ihr und dem Gaule über einen Graben in ein Gerſtenfeld, und ruft uns zu:„Zurück, Ihr Schufte,— mit Verlaub vor Ew. Geſtrengen— zurück, denn hier iſt des Grafen von Katzenelenbogen Mark und Eigenthum, und er brennt die Stadt nieder, ſo Ihr ſein Gebiet verletzt.“— Da half dann nun freilich nichts: Mit dem Grafen iſt nicht zu ſpaßen, und da wir nur für das Sprünglin Auftrag hatten, und es hier offenbar nur einem Liebeshandel galt, ſo blieben wir zurück, abſonderlich, da uns ein wahres Mord⸗ geſchrei vom Tannicht her zu Ohren kam. Wie das wüthende Heer, trotz Blitz und Sturm jagen wir zurück, und fallen gerade in ein Gemetzel, das zwei verkappte und bewehrte Buben an einigen Leuten verüben wollen, die mit Leuchte und Haue und einem Pfaffen von Bergen gekommen waren, um beim Tannicht nach Schätzen zu graben. Hier war unſere Hulfe nöthig, und wir ſchlugen auf die Räuber los, wie die Bären, ohne daß ſie recht verwußten, woher das neue Wetter kam. Der Eine wollte juſt dem Pfaffen an die Kehle, weil 330 er Geld bei ſich trug: der Andere balgte ſich mit den beiden andern Leuten herum. Den Erſten rannte ein Lanzenſtoß, wie ich glaube, nieder, und dem Zweiten ſpaltete der Baſtian⸗ den der Leuenberger böſe gemacht hatte, mit der Hellebarte den Kopf, daß er niederſchlug, als hätte er nie geſtanden. Zum Unglück verlöſchte plötzlich im gewaltigſten Platzregen die ſchwache Leuchte, und wir ſahen, unter einander herum⸗ ſchlagend, beim nächſten Blitze nur, daß wir in Gefahr waren, uns ſelbſt und gegenſeitig todt zu machen. Der Teufel mochte es länger im Freien aushalten. Es wetterte nieder, wie eine Sündfluth, und wir, wie die Leute von Bergen, kamen wie gebadet in dem Gehöfte zum Tannicht an. Das Höllengeſtürme hörte indeſſen bald auf, und wir ſuchten nachher in allen Richtungen auf dem Platze nach⸗ aber keine Spur von den Erſchlagenen war zu finden, und ſicher hat ſie der Teufel während des fürchterlichen Donner⸗ ſchlags geholt, der uns ſammt und ſonders unter Dach trieb. Nicht einmal ein Saum von Blut war mehr auf dem Boden zu ſchauen. Der Regen hatte Alles abgeſpühlt⸗ Während wir nun lange Zeit ſuchten und lugten, ſo ſah Einer von uns, wie von fern ein Brand aufging, und da wir drauf los eilten, ſo kamen wir gerade an die Marten⸗ ſchenke, die lichterloh brannte, dergeſtalt, daß ſich keiner von uns hinein wagte. Entweder war die Hütte ganz verlaſſen, oder alle Leute waren darin umgekommen, denn es war nichts zu hören als das Fauchen der Flamme, und das Ge⸗ praſſel der Balken. Von dannen kehrten wir zur Stadt zurück.“—„Und habt bewieſen, daß Ihr trunkne Mannen geweſen, die man in der Folge zum Ochſentreiben, aber nicht zum Spitzbubenfang ausſenden wird;“ verſetzte der Schultheiß mit erkünſtelter Strenge, obſchon es ihn ergötzte, daß Diethers Hoffnung auf ein günſtigeres Ergebniß getäuſcht worden war:„Ihr, Hauptmann, hättet beſſer daran gethan, einen verſtändigern Geſellen zum Führer zu wählen, als dieſen breitmäuligen Erzähler, den der rohe Witz eines Gau⸗ diebs dergeſtalt überliſten konnte. Mir thut es leid,“— fügte er aufſtehend und gegen Diether gewendet hinzu,— „daß Ihr um nichts gelehrter ſeyd nach dieſem Zuge, und lade Euch ein, von dieſem Handel abzubrechen, da ich Leute nahen ſehe, die unſere Aufmerkſamkeit anderweitig in An⸗ ſpruch nehmen werden.“—„Sogleich;“ entgegnete Diether ſinſter grollend:„Was iſt aber aus dem Leuenberger ge⸗ worden, und dem Weibe, das zu ihm ſich gefunden?“— „Traun, lieber Herr,“ antwortete der Rottmeiſter verdutzt: „Das mögen die Beiden am Beſten wiſſen. Hat ſie nicht der Blitz erſchlagen, werden ſie wohl mit heiler Haut davon gekommen ſeyn.“—„Dummkopf!“ murrte Diether dem Fortgehenden nach und ſprach dann vor ſich hin:„Bleibt mir denn eine Wahl der Gedanken und Vermuthungen? Margarethe war das Weib. und ihr bös Gewiſſen hat ſie von mir gejagt. O, ich ſtehe allein unter entmenſchten Ge⸗ ſchöpfen, gezwungen zu haſſen, die ich liebe, ein verlaſſener, betrogener, mißhandelter Greis!“— „Macht Euch auf Weiteres noch gefaßt;“ ſprach der Oberſtrichter ſanft zu ihm, und Diether gewahrte beim Auf⸗ ſchauen das Gemach von Leuten angefüllt, in deren Kreiſe ſich zu finden er ſehr betroffen war. Da waren eingetreten, außer dem Richter in der Amtstracht, der Barfüßermönch Reinhold, der Predigermonch Johannes, berühmt durch ſeine Gelehrſamfeit und ſeines Gemüths Vorzüge, der Edeltnecht 332 Gerhard von Hulshofen, welcher, blaß und abgefallen, kaum mehr zu erfennen war; und im Hintergrunde verweilten noch zwei langbärtige, ſchattenähnliche Geſtalten, Jochai und ſein Sohn David. Frei ging der hundertjährige Vater einher, aber ſchwere Ketten belaſteten die Hände des Sohns, veſſen Blick indeſſen furchtlos war, obſchon die Glieder bebten, vor Schwäche theils, theils vor Angſt. Ganz zuletzt vemerkte Herr Diether an der Hand des Bettelmönchs einen Knaben, ſeinen Sohn.—„Hochwürdiger Herr,“ ſprach er beſtürzt zu Reinhold:„wie kommt der Knabe hieher, und was ſoll er in dieſer Verſammlung?“—„Ihr werdet's ſehen,“ antwortete der Mönch mit finſterm Blick, und auch der Predigermönch ſchwieg mit mißbilligenden Mienen, da der Schöffe an ihn ſich wandte. Der Knabe ſchien an des Beichtvaters Hand nicht furchtſam zu ſeyn; aber den Hüls⸗ hofen betrachtete er mit aufmerkſamem Geſichte und unver⸗ wandt.— Nachdem der Knecht die Thüre verſchloſſen hatte vor dem Andrange des Volks, das in dem Wahne ſtand, die Juden müßten heute zum Flammentode verdammt werden⸗ begann der Oberſtrichter, nachdem er Platz genommen, und dem Schultheiß, dem Schöffen und den Ordensmännern Sitze angeboten, mit feierlichem Tone:„Es ſind oft Dinge vor den Schranken des peinlichen Rechts anhängig, die es nöthig machen, daß man abgehe von der Weiſe des Herkommens und der geſchriebenen Satzungen. So haben wir denn be⸗ ſchloſſen, heut, anſtatt des geheimen und ſtillen Verhors der angeklagten Juden, wobei dieſelben doch immer auf ihrem Läugnen beharren würden, ein offen Verhör anzuſtellen, wo⸗ bei alle diejenigen erſcheinen mochten, die ſchon in der Klage verwickelt ſind, oder zur Aufklärung des Geheimniſſes Theil daran zu nehmen wünſchen. Jochai und David ſind ange⸗ klagt auf Haut und Haar, ein Chriſtenkind gemartert und ermordet zu haben. Der Edelknecht von Hülshofen iſt mit reuigem Muthe geſtändig⸗ einen Knaben an den Juden David verkauft zu haben, um wenige Turnoſen; doch läugnete es der Jude ab, und ſollte heute, nach langen leeren Drohungen wirtlich auf die Folter geſetzt werden, als ſich geſtern plötzlich ein Umſtand ergeben, der die Sache verwickelter⸗ die Klage trügeriſch und dennoch den Gegenbeweis nicht leichter macht. Der Junker von Hulshofen hat auf ſeinen Eid geſchworen, in dieſem Knaben den erkannt zu haben, welchen er am Tage nach dem des heiligen Martin im verwichnen Jahre an den Juden David verhandelt hat. Dieſer Knabe iſt Herrn Diether Froſch, des Schöffen Söhnlein, oder wird dafür gehalten. Um ins Klare zu kommen, ſoll der Kleine in ſeines Vaters Gegenwart befragt werden.“— Mit vieler Milde richtete der Oberſtrichter viele Fragen an den Knaben⸗ die er in ſeiner Einfalt und kindlichen Erinnerung ſo beant⸗ wortete, daß kein Zweifel übrig vlieb, daß er es wirklich geweſen, welchen Gerhard gefunden.—„Wit Verlaub, ge⸗ ſtrenge Herren,“ betheuerte der Edelknecht nach ergangener Aufforderung:„Der Henker ſoll mein Wappen unterm Galgen zerbrechen, wenn das nicht der Bube iſt, von dem ich ſprach. Nicht wahr, mein Junge? In meinem Mantel haſt Du geruht,. vor meinem Barte biſt Du erſchrocken,.. Malvaſier haſt Du bei mir gekoſtet, und mit dem ſchäbigen Juden dort⸗ dem zerfetzten Haman⸗ biſt Du gegangen? Sag's friſch heraus, und Ihr, meine Herren, könnt Ihr noch an der Wahrheit deuteln, da der Bube bejaht? Glühte ich nicht wie die luſtige Sommerſonne mitten im November zu Worms? 2 22 — — — S und bin ich nicht jetzs vor Kummer, Reue, betrübter Haft und ſchmaler Koſt ein rechtes Charfreitaggeſicht geworden? Und dennoch kennt mich der Bube und entſinnt ſich meiner. Nicht wahr, mein kleiner Hans?“— Der Knabe bekräftigte ſo gut er's vermochte, des Edelknechts Behauptung, und Diether's funkelnde Augen zeugten von einer ungewöhnlichen Sehnſucht, auf den Grund dieſer Verwirrung zu kommen. Gerhard ſuchte von dem Augenblicke Nutzen zu ziehen und ſagte demüthig:„Nun, ihr Herren, wäre ich im Reinen. Reu und Leid thue ich von Herzen und will auch die Armen reichlich bedenken, ſo Ihr mich von hinnen laßt. Ihr ſeht, der Bube iſt ein Chriſtenbube geblieben und in reiche Sipp⸗ 1 ſchaft gerathen. Ich waſche meine Hände in Unſchuld. Der verdammte Jude, der von meiner Trübſal Nutzen zog, mag es entgelten. Spart nur die Folter nicht an dem Hunde, bis er bekennt, was er mit dem Knaben vorgenommen, bis er ihn ſo weit gebracht. Mich jedoch laßt ziehen mit Ver laub.“— Ein ernſter Blick des Schultheißen brachte mit einemmale den Schwätzer zum Schweigen, und der aufge⸗ rufene Jochai bezeugte mit zitternder Stimme:„Dieſer ſey wirklich der Knabe, den einſt David in ſein Haus gebracht, aber auch wieder von dannen geſchafft habe, ohne zu ſagen, wohin.“ Ben David trat nach ihm vor und ſagte beſcheiden und ruhig:„Mir ſoll Gott helfen.. Das iſt das Jüngelchen, leiß⸗ haftig, und ich will nicht läugnen fürder.“—„Aber bei den Wundern des Herrn!“ fuhr Diether auf:„wie verwickelt ſich denn plötzlich meines Hauſes Ehre mit dieſem eckelhaften Juden⸗ geſindel? Was iſt da vorgegangen? Wer iſt der Knabe? Iſt dieſer Bube mein Sohn. iſt er's nicht? Rede, verruchter Gerichts eine Tochter anklagen zu müſſen, die ſie lieben möchte. Da aber nun plötzlich die Dinge und der böſe Handel dieſer Juden eine ſolche bedauerliche Wendung neh⸗ men und das ehrliche Haus eines wackern Altbürgers mit in den Strudel der Verworfenenheit hinabzureißen drohten, konnte und mochte ich nicht länger ſchweigen, und entdecke, um die Abweſende zu vertheidigen, lieber frei und offen, was ſie mir, nicht unter dem Siegel der Beichte, wohl aber im engſten Vertrauen längſt geoffenbart.“ Der Mönch hielt inne mit ſeiner Rede, die er mit ſürmiſchem Eifer vorgetragen hatte, und alle Anweſende ſchwiegen eine Weile. Diether ſah ſtarr auf den Knaben, der ſich an die grobe Kutte des Mönchs ſchmiegte; der Oberſt⸗ richter kaute an den Nägeln, der Schultheiß lehnte ſich mit vornehmer Geberde, ein ungläubiges Lächeln auf dem Antlitz, in den Seſſel zurück.—„Und was ſagſt Du, Jude?“ fragte der Oberſtrichter endlich den harrenden Ben David. Dieſer zuckte die Achſeln und entgegnete:„Was fragt Ihr doch nach meinem Gezeugniſſe, geſtrenger Herr, da ſchon der gelehrte und heilige Mann dort gezeugt hat und geredet? Ich bin nur ein ſchlechter Jud; aber auch unſere Leute glauben alle an die vom Stamme Levi.“—„Welche Widerſpruche!“ rief der Schultheiß:„Mit Erlaubniß, hochwürdiger Herr; allein wie mag's geſchehen, daß der Jude geſchwiegen bis jetzt?“ —„Das möge er ſelbſt verantworten;“ verſetzte Reinhold mit ſcharfem Seitenblick auf Ben David. Der Letztere nahm auch alſobald das Wort:„Ich habe gehandelt recht, da ich den Buben zurückgab der Mutter, und das Recht iſt ein gut Kopfkiſſen im Thurme ſogar. Ich habe auch immer gehofft, wir würden ſeyn gerettet durch der ehrſamen Frau Margarethe Beiſtand, und nicht verlaſſen hätte mich dieſe Zuverſicht bis zum Ende. Darum habe ich nicht genannt ihren Namen vor dem Gericht, weil ein edler Name nicht gehört davor.“— „Schurke!“ murmelte Gerhard zwiſchen den Zähnen:„ich wollte, mein Name wäre auch hier nicht genannt worden.“ —„Ihr habt freilich nicht am Vortheilhafteſten Euch aus⸗ gezeichnet,“ meinte der Oberſtrichter:„allein ohne Euer Zeugniß wäre das Ganze nicht enthüllt worden, denn Nie⸗ mand, auch Frau Margarethe nicht, konnte ahnen daß von vieſem Knaben gerade die Rede ſey, in der Anklage gegen die Juden. Aber, erklärt uns lieber, Junker von Hülshofen, wie es wohl geſchehen ſeyn mag, daß der Sohn des ehr⸗ ſamen Schöffen, der junge Dagobert, den kleinen Stiefbruder nicht erkannte, da er doch bei dem Funde gegenwärtig geweſen, wie Ihr behauptet habt.“—„Ei Herr,“ antwortete Gerhard, vegierig, ſich ſo ſchnell als möglich aus dem Handel zu wickeln, der einen überraſchend guten Ausgang für ihn dar⸗ zubieten ſchien:„das geſchah am Martinsabend, wo wir all nicht recht im Stande geweſen wären, unſere Väter und Mütter zu erkennen, geſchweige unſere Brüder. Daß der Jude den Buben erkannte, am folgenden Tag nämlich,— das glaube ich recht gern; er war betroffen; aber die Hoff⸗ nung, Gewinn zu ziehen⸗ machte ihn ſchweigen⸗ damit ich ihm nicht etwa zuvorkäme; ich begreife das.“— „Der Herr weiß, wie wir handeln!“ fügte Ben David; ſchlau lächelnd bei.—„Mich ergötzt es ungemein,“ hob hier der Predigermönch Johannes an, der bis jetzt keine Sylbe zu dem Geſpräch gegeben hatte,„daß durch des Junkers Ausſage mein guter Dagobert von jeder Nitwiſſenſchaft an dem dunkeln Gewebe dieſes ſeltnen Menſchenkaufs freigeſprochen wird. Mich hat es tief betrübt, da ich hörte, daß auch in dieſer gräulichen Judenſache meines Zöglings Name vorgekommen. Ein teufliſcher Unhold ſcheint ſich ſeit kurzer Friſt Mühe gegeben zu haben, alles Unheil über dem Haupte Dagoberts, des Schuldloſeſten aller Menſchen, zuſammenzu⸗ blaſen, und ſein eigner Vater ſogar hat an die Lügen der Leidenſchaft und des Zufalls geglaubt. Deßhalb habe ich mich aufgemacht von meiner Zelle, um hier ein Wort der Sühne für den Zögling zu ſprechen, der— abweſend— nicht ſelbſt ſeine Sache zu führen vermag; denn ich kenne ſein Herz,— ich habe es gebildet; ich darf— ich kann— ich muß mich für ihn verbürgen.“— Reinhold ſchaute, wäh⸗ rend Diether vor der Hoheit des beredten Prieſters die Augen niederſchlug, den Mann eines verhaßten Ordens, ſcharf an der Seite an und ſprach:„Das mögt Ihr allerdings, ge⸗ lehrter Herr; allein laßt uns im Geleiſe bleiben. Dagobert 3 findet ſeinen Richter in und außer ſich. Hier handelt ſich's jedoch um andre Dinge: um dieſes Knaben lfahrt, um die Unſchuld ſeiner Mutter.“„Rede, Hans!“ hob nun mit einem tiefen Athemzuge Diether an und nahm den Buben freundlich bei der Hand:„Sage uns ſelbſt, mit eignem Munde, wer Dich davon geführt hat von Willhild.“— Der Knabe ſah ihn fragend an.—„Wer verließ Dich zu Worms?“ fügte der Oberſtrichter bei.—„Ei, die ſchwarze Mutter!“ antwortete das Kind:„ſie hat mich erbärmlich geſchlagen und dann auf der Gaſſe liegen laſſen, da ich ſchlief. Der Mann hier hat mich darauf zu ſich genommen.“ —„Ganz recht, Knabe;“ verſetzte Reinhold:„wer iſt aber die, die Du eine ſchwarze Mutter nennſt?“—„Schweſter WVallrade iſt's,“ entgegnete Hans nach kurzem Beſinnen: „Da ſie wieder kam und mich küſſen wollte, hatte ſie ein roth Röcklein anz ich habe ſie aber doch wieder erkannt.“ „Wer iſt Dein Vater, Knabe?“— fragte der Schultheiß plötzlich und ſcharf. Der Knabe ſtutzte ob der heftigen An⸗ rede; aber ein ermunternder Händedruck des Paters an ſeiner Seite gab ihm Muth, und er deutete ſcheu und verzagt auf Diether.— Alſo iſt die Gewalt eines liebevollen Herzens, das gleichſam wider Willen von Groll umſponnen wurde⸗ daß der geringſte Anlaß den Geiſt der Liebe wieder darinnen mächtig weckt. Diether erfuhr es in dieſem Augenblicke. Die ſcheue,— man möchte ſagen— ſtlaviſche Geberde des Kleinen gewann ihm plötzlich die Zärtlichkeit des Alten, weil es demſelben ſchmeichelte, dadurch vor der Welt ſein Recht, das er ſelbſt beinahe im Argwohn aufgegeben, behauptet zu ſchen. Er zog den Buben an ſeine Bruſt, kußte ihn, und rief:„Ja, ja, du armer kleiner Hans! Du ſollſt den Vater nicht länger miſſen. Bitte nur den Himmel⸗ daß er völliges Licht in dieſe Wildniß von Zweifeln ſende.“—„Das iſt Dein Vater alſo;“ fiel der Schultheiß ein, welcher gar zu gerne den Knaben auf einem Fehlwort ertappt hätte:„Wer aber iſt Dago⸗ bert?“..„Mein lieber Bruder!“ erwiederte Hans vergnügt und munter.—„Und Frau Margarethe?...“ fuhr der Ver⸗ ſucher fort.—„Mein liebes, liebes Mütterlein!“ hieß die unbefangene Antwort, und der Schultheiß ſprang auf mit den Worten:„In Gottes Namen denn! Selig ſind die da glauben, und nicht ſehen!“ Diether ſah gehäſſig auf den Unmuthigen, der zum Fenſter trat, und wandte ſich dann zu dem Oberſtrichter und den geiſtlichen Herren.„Gewiſſe Vorfälle,“ ſprach er,„die ſich während meiner Tochter An⸗ weſenheit zwiſchen ihr und dem Knaben ereignei⸗ ſo wie die d. 3 Ausſagen des Kleinen, beſtimmen mich ſchier, an die Gewiß⸗ heit der Aufklärung, die Ihr gegeben, würdiger Pater Rein⸗ hold, zu glauben. Ich danke Euch auch mit zerknirſchtem Herzen dafür, denn ich beginne mein Unrecht einzuſehen, und verzeihe ſowohl dem Junker von Hülshofen, als auch dem elenden Juden hier, daß ſie mit meinem Blute einen Handel getrieben. In dieſem Augenblicke ſchmerzt mich nichts mehr, als daß meine Wirthin einen Schritt gethan, der ihr nicht erlaubt, ſelbſt hier das Geſagte zu bekräftigen. Willhild, welche um die Sache vollkommen wiſſen muß, hat ſich am zweiten Tage nach Wallradens unbegreiflichem Raube, auf eine weite Wallfahrt begeben, und ich habe nichts von ihr gehört; allein Wallradens Zofe, unſtreitig eine Vertraute des Frevels, iſt in dieſen Mauern, und ſie iſt es, die Ihr geſangen haltet, Herr Schultheiß, weil ſie das Unglück hatte⸗ von Euern Häſchern für eine Andre gehalten zu werden.“— „Weder ein Unglück für ſie,“ entgegnete der Ritter ſtolz⸗ „noch eine Sünde von mir. Der Oberſtrichter hat über die Magd ſammt ihrem Kinde zu verfügen, und wird ſich nicht weigern, ſie vorführen zu laſſen.“ Der Oberſtrichter zog die Schelle, und befahl, die Magd aus dem Gefängniſſe zu holen. Während nun Diether mit dem Bettelmönche und ſeinem Buben in freundlicherm Ge⸗ ſpräche verkehrte, der Predigermönch von dem von Hülshofen ſich den Hergang des Abenteuers zu Worms berichten ließ⸗ und der Schultheiß voll ſtillen Grimms die Fenſterſcheiben einſam und verdroſſen zählte, nahten ſich die beiden Juden dem Oberſtrichter ehrfurchtsvoll, und küßten den Saum ſeines Gewandes, und Jochai hob an:„Geſtrenger Herr! Großer Richter über uns. Die Zeit hat angefangen zu werden gut⸗ 8 nachdem ſie lange iſt geweſen böſe. Werdet auch Ihr gut wie die Zeit, und haßt nicht meinen Sohn, und haltet ihn nicht länger wie einen Mörder, denn er iſt ja keiner, und ihm wird einſt ſeyn das Paradies der Gerechten, und auf ſeinem Andenken Friede. Ihr habt mich gewürdigt einer großen Barmherzigkeit, für die Euch des geprieſenen Gottes Herrlichkeit wird ſegnen mit vielen Gütern und vielen Jahren in der Zeitlichkeit; denn Ihr habt ſeit geraumer Friſt ge⸗ ſchont mein weißes Haar, geſpeist meinen Leib, und das Oel der Gnade gegoſſen in die Wundmale, die ich an mir trug von den Ketten der Gefangenſchaft. Laßt ausgehen dieſe Barmherzigkeit nicht minder über meinen Einzigen, weil er auch ſchuldlos iſt, damit er nicht verkümmre und verkrumme im Elend.“—„Was ſoll das Gewäſch?“ fuhr der Oberſtrichter mit Härte auf:„Soll ich ihn auf Teppiche betten, und in Prunkgemächern wandeln laſſen? Mit Deinem Alter hatte ich Mitleid, und weil....“ der Oberſtrichter ver⸗ ſchluckte, was er ſagen wollte. Kurz darauf fuhr er indeſſen mit der obigen Härte fort:„Ein für allemal, Ihr ſeyd ein zudringliches Volk. Reicht man Euch den Zaum, wollt Ihr gleich das Pferd nicht minder. Was wollt Ihr denn? Ihr ſeyd nicht gerechtfertigt, nicht frei. Eine Anklage wie die Eurige auf Haut und Haar wird nicht aus der Luft gegriffen ſeyn. Einen Buben mögt Ihr verkauft, einen andern ge⸗ martert haben, und Euer Antheil an der Blutzapfer entſetz⸗ lichem Gräuel iſt unläugbar. Geſteht darum lieber, denn der Folter werdet Ihr nicht entgehen⸗ ich ſchwöre es Euch.“— „Peinigt uns doch nicht!“ bat Ben David:„Mein Vater iſt rein wie der Schnee, und ich nicht weniger ſchuldlos an den Gräßlichkeiten, die man mir aufgebürdet. Aber wir † würden beide bekennen das, was nie geſchehen, unter den Martern der Folter. Sollen wir denn verwirken das Leben durch ein gezwungen falſches Geſtändniß?“—„Ausflüchte,“ ſchalt der Oberſtrichter:„Schon zu lange hat die Unter⸗ ſuchung gedauert, und der Rath zürnt meiner zögernden Nachſicht. Es muß zu Ende gehen, ſo oder ſo. Die Kerker liegen voll. Wir haben Eile.“—„Ei, ehrſamer Herr,“ ſprach hierauf der Predigermönch, der ſich in das Geſpräch miſchte:„Frommt denn die Eile im Blut⸗ und Königszwang? Gibt es denn Fürchterlicheres als einen Richterſtuhl, vor welchem die Sandkörner ängſtlich gezählt werden, weil das urtheil nach dem Falle einer gewiſſen Zahl derſelben gefällt werden muß?— O, mein edler Herr! Gedenkt der traurigen Geſchichte, die ſich beim Halsgericht zu Friedberg ereignet hat. Ein Jude war auch dort der Angeſchuldigte, Zauberei mit einem Kinde getrieben zu haben, und während hier durch Gottes Zulaſſen die Wahrheit an den Tag kam, hatten die Friedberger dort bereits den Armen verbrannt.“„Das ge⸗ ſchah nicht minder mit der Zulaſſung des Herrn;“ antwortete der Oberſtrichter kalt:„Jedem das Seinige, hochwürdiger Herr. Ihr ſeyd ein Held auf der Kanzel, wie an dem Arbeitstiſche; laßt mich auf dem Richterſtuhle gewähren. Euch mag ein Sünder, der aus ſeiner Verſtocktheit zurückkehrt zum Heil, angenehmer ſeyn als tauſend Gerechte, die nie geſtrauchelt ſind; denn die göttliche Milde ſpricht durch Euern Mund zu uns. Wir aber ſind die Diener weltlicher Macht⸗ und das Schwert iſt in unſre Hand gegeben,— nicht, daß wir damit ſpielen, ſondern daß wir es gebrauchen, und beſſer iſes, wenn zehn Unſchuldige fallen, als daß ein Schuldiger aufrecht ſtehen bleibe.“—„Gräßlicher Grundſatz“ ſeufzte Johannes, während die Juden ſich bekümmert anſahen:„Eine Vorſchrift, die der heimlichen Acht würdig wäre, welche den Stab ohne Unterſchied über jeden bricht, der einen feindlichen Kläger gefunden hat.“—„Wißt Ihr das ſo genau?“ fragte der Oberſtrichter mit feinem Lächeln:„Ein Glück iſt's, daß Euer Gewand Euch ſicher ſtellt vor der Vehme, ſonſt möchtet Ihr doch ob ſolchen Reden Ungelegenheit erfahren.— Hier iſt übrigens ein offen Gedinge, und über Zwang und Hinter⸗ riſt dürfen ſich die Beklagten nicht beſchweren.“—„So laßt⸗ um ehrlich und redlich zu verfahren,“— fiel Johannes ein, —„zum Nutzen und Frommen dieſer armen Leute, die, wenn gleich Verirrte und in böſem Wahne befangen, dennoch Menſchen ſind, jetzt alſobald, um wenigſtens den Handel über dieſen Knaben in Ordnung zu bringen, die Ankläger vor⸗ fordern und mit dem Kinde zuſammenſtellen, damit ſie aus⸗ ſagen, ob es dasjenige wirklich ſey, das damals in des Juden Haus erſchien. Auf das Zeugniß der ſtummen Grete wäre noch am Erſten zu bauen, denn der getaufte Jude ſoll Zorn und Haß gegen ſeinen ehemaligen Meiſter hegen, und dieß macht ſeine Klage verdächtig.“ „Ei, das hebt ſich auf;“ antwortete der Oberſtrichter: „dieſe Juden haben ſich nicht entblödet, Abſcheuliches von ihrem ehemaligen Glaubensbruder zu berichten. Die Magd von der Ihr redet, iſt während der Zeit geſtorben, und Friedrich ſteht allein gegen die Juden, aber um ſo wichtiger und be⸗ ſtimmter iſt ſeine Klage, die durch ihre Umſtändlichkeit jeden Zweifel niederſchlägt, und dann verdient ſein Wort ein un⸗ bedingteres Vertrauen, weil ihn der Himmel ſo ſichtbarlich erleuchtet hat durch ſeine Gnade, und er gleich uns den Erlöſer verehrt, den dieſe Hunde läugnen.“—„Ach!“ ſeufzte der Mönch, mit einem Blicke der tiefſten Wehmuth auf die Unglücklichen, die ihre Augen niederſchlugen zur Erde, um der bittern Demüthigung nicht in die Augen zu ſchauen: „geſtrenger Herr! Der Buchſtabe nicht und nicht das Wort macht lebendig, denn beide ſind nur ein leerer Schall, wenn ſie der Geiſt nicht belebt. Eben ſo wenig, guter Herr, als unſere Pſalmen, an der Bahre eines Todten geſungen, wieder Athem hauchen in deſſen Bruſt,— eben weil ſie todt und ſtarr iſt,— eben ſo wenig wird im Glauben derjenige leben, welcher nie im Glauben wandelte.— Indeſſen“— ſetzte er mit einem leichten Uebergange hinzu,—„will ich nicht an der Bekehrung dieſer Beiden hier zweifeln, da der eifrige Vater Reinhold bereits ſein Werk mit ihnen begonnen, und ſchon die vorige Nacht im Kerker mit ihnen zugebracht.“— Jochai ſchauderte zuſammen bei dieſer Vermuthung, und Ben David ſchüttelte unwillkührlich und faſt unmerklich den Kopf. Indem ging die Thüre auf, und der abgeſchickte Rathknecht kam eilig herein, und ging verſtört auf den Oberſtrichter zu, den er geſchäftig auf die Seite zog.— Ben David buckte ſich mittlerweile vor dem gelehrten Johannes⸗ und küßte den Aermel ſeines Gewandes, obgleich ihn Jochai von dieſer, eines eifrigen Juden unwürdigen Handlung zurück⸗ zuhalten verſuchte.„Ihr ſeyd ein Menſch;“— ſprach er bewegt, mit naſſen Augen:„Der hochgelobte Gott lohne Euch Euer mildes Mitleid, denn Ihr geht einher, wie der Fürſt der Barmherzigkeit. Euch ſind wir keine Fremdlinge, wie unſer Name uns nennt*), und Ihr ſeyd es nicht für uns, weil Ihr achtet unſer menſchlich Angeſicht⸗ und verſteht unſre *) Hebräer— Fremdlinge. 346 Sprache; denn wir wiſſen gar wohl, daß Ihr das Buch Hiob entbunden habt aus den Ketten fremder Zunge, und es ge⸗ legt habt auf die Lippen der Deutſchen*); und auch wir tennen den Mann aus dem Lande Uz, und auch über unſerm Haupte hat geleuchtet die Leuchte des Herrn, und gleich ihm iſt ſie uns ausgegangen in der tiefen Finſterniß, wo wir denn hulflos tappen, wenn nicht eine Freundeshand uns fuhrt, wie die Eure.“— Der Mönch wollte ſo eben die Lob⸗ rede des Juden unterbrechen, als der Oberſtrichter mit lauter Stimme durch das Gemach rief:„Der Thurmer muß in's Waſſerloch. Bei den Wunden des Heilands. Die Dirne entwiſchen zu laſſen. Lieber Freund! Die Zofe des Fräuleins von Baldergrün, wie der ehrſame Schöffe hier die Dirne nennt, iſt entſprungen ſammt ihrem Kinde. Ein neuer Be⸗ weis für des hochwurdigen Vaters Reinhold Angaben; die Magd hat dem Wetter nicht getraut, und das boſe Gewiſſen hat ihre Ferſen leicht gemacht.“ „So komm denn, mein Sohn!“ ſprach Diether zu dem Kleinen, den er liebreich auf den Arm nahm, indem er dem Pater Reinhold die Hand reichte:„Habt Dank, wackrer Mann, für Euern Zuſpruch. Ich will alles aufbieten, die Verlorne wieder zu finden, und bewährt ſich ihre Unſchuld, wie Ihr ſie verbürgt, ſo ſoll ſie wieder die Meine ſeyn, wie ehedem.“—„Lieber Herr,“ fluſterte Gerhard dem Lehrer Dagoberts zu:„Sprecht doch ein Wörtlein zu dem Richter, daß er mich mindeſtens in Stadtgewahrſam verſetze. Ich will zur Stechlanze werden, wenn ich länger die verdammte einſame Haft aushalte.“—„Sohn, Sohn,“ ſprach indeſſen *) Der Predigermönch Johann von Frankfurt hat wirklich das genannte Buch ühertragen. 347 Jochai ſchmerzlich zu Ben David:„Du wirſt ſehen, ſie geben ihn los, der Schuld iſt am ganzen Handel, und uns ſperren ſie ein in härtere Gefangenſchaft.“ Noch hatte Johannes keine Zeit gefunden, das erbetene gute Wort zum Oberſtrichter zu reden, als der ganze Schau⸗ platz mit einemmale eine andere Geſtalt gewann. Denn wie Sturmes Brauſen tobten Menſchenſtimmen und Menſchen⸗ tritte über die Gänge, und der Thürſteher meldete athemlos, das ein Volksmeer das geräumige Haus überſchwemme. An der Spitze der anſtürmenden Haufen ziehe eine häßliche aber ruſtige Dirne heran, über deren Haupt ein ſchwarzes Tuch herabhänge, und welche wie begeiſtert zu dem Volke rede, und dasſelbe auffordere, unverzagt voran zu gehen.— Der Schultheiß, durch dieſe Nachricht ſeiner finſtern Grillen ent⸗ hoben, und ſeiner Würde zuruckgegeben, ging vornehm und ſchnell dem tobenden Menſchenſtrudel entgegen, vor welchem ſo eben die mit Mühe von den Knechten zugchaltnen Flügel⸗ pforten des Gemachs aufgehen mußten. In die Stube quollen die erſten des Haufens; in ihrer Mitte Judith, aus deren Zugen, Gang und Geberden ein heftiger Schmerz und eine wilde Entſchloſſenheit ſprach, welche vor der unnachahmlichen Hoheit des Schultheißen nicht verſtummte.—„Richter und Herren dieſer Stadt!“ rief ſie mit ſtarker Stimme:„Da — Ihr zu hören vermögt, ſo hört, hört, was der Herr von mir begehrt hat, Euch wiſſen zu laſſen!“— Die auffallende Er⸗ ſcheinung des Mädchens feſſelte jede Zunge, und Judith fuhr fort:„Laſſet los, die Ihr gebunden, und fanget diejenigen, ſo Ihr frei gelaſſen, denn ich will das Gewebe der Luge zerreißen, da es noch Zeit iſt, und keine Seele deßhalb ge⸗ ſtorben. Alfo ſpricht der Herr, unſer Gott: Ich will nicht, daß Verirrte den Tod leiden ſollen, da ſie doch nichts Todes⸗ würdiges verſchuldet haben. Ich begehre aber, daß das Blut gerächt werde an dem Blute des Schuldbewußten. Laſſet 34 8— darum los dieſe Juden, denn es iſt kein Fehl an ihnen, und ihr Ankläger allein iſt der Frevel voll, ein geruttelt Maaß.“— „Iſt das Weib wahnſinnig?“ fragte der Oberſtrichter heftig, da der Schultheiß nur Blicke des Staunens hatte: welche aber die entſchloſſene Judith nicht aus der Faſſung brachten.—„Luge iſt Wahnſinn;“ erwiederte dieſe Letztere ſtart:„aber Wahrheit iſt geſunder Sinn. Der ewige Lügner hat Euch angeſteckt; hört mich jedoch an, und Ihr werdet geneſen.“— Das umſtehende Volk, welches ſchon durch die Gaſſen der Stadt der Rednerin gefolgt war, und an jeder Lirchthüre aus ihrem Munde Worte vernommen hatte, deren Sinn und Zuſammenhang es ſich nicht zu deuten wußte⸗ tcwahn nun Ehrfurcht vor der Kühnen, welche mit den Vätern der Stapt eben ohne Scheu und Zuruckhaltung redeit⸗ wie zu ihm; und die Rathsherren, die nach und nach in dem Gedränge ſich einfanden, Bürgermei ſter und Schultheiß an der Spitze, achteten bald die Keberſpannung der melanchv⸗ liſchen Dirne für keine Tollheit mehr, und forderten ſie auf, envlich herauszuſagen, was ſie auf dem Herzen trage.— Dieſe Aufforderung klang wie Himmelsmuſik in Judith's Ohr, und ſie begann freudig:„Euer Wille, edle Herren, iſt mir Gottes Stimme. Perjenige, der mich errettet hat aus den Klauen des unverſöhnlichen Feindes, beweist ſich wieder ſtark und kräftig in dieſer Mahnung, und wird die Sact zur Frucht aufgehen laſſen durch ſein himmliſch Wort. So hört denn zu, wie ich beginne vor allem Volke, im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geiſtes!“ Langſam beginnend, aber immer ſchneller vorſchreitend,— immer berediſamer werdend durch die Anſpannung ſeiner Gedanten und Kräfte, entwickelte das muthige Mädchen vor den Augen derer, zu welchen es redete, eine lange Reihe von Gräuelbildern, deren Wiege ihr väterlich Haus geweſen war, eine traurige Kette von Freveln, deren Schauplatz die . — 349 beruchtigte Schenke, deren Grab das dunkle Moor geworden. Die Zuhörer bebten bei dieſer furchtbaren Rechnung, und ſchauderten, als ſie erfuhren⸗ daß in jenem abgelegenen Winkel die Herberge jenen entſetzlichen Mörder geweſen, unter deren Dolchen ſeit langen Jahren die ganze Umgegend ge⸗ zittert hatte. Noch höher ſtieg ihr Abſcheu, da endlich aus dieſem Gewirr von gräßlichen Thaten eine Geſtalt auf⸗ dämmerte, deren Scheußlichteit Alles überbot, was in ge⸗ wöhnlichen Diebskreiſen gefrevelt wird; ein Rieſenmann an Blutgier und Mordſucht. Alle Augen richteten ſich auf Ben David, da Juvith dieſen Hauptmörder anfänglich mit dem Namen;„der Jude,“ bezeichnete, aber alle Augen flogen furchtſam und beſchämt vor dem ruhigen Blicke Ben David's zur Erde, als Judith Zodick's Namen nannte, unnachſichtlich ſedes Bubenſtück enthüllte, deſſen Zeuge ſie geweſen war: als ſie Ben David von jeder Gemeinſchaft mit den Räubern freiſprach; als ſie erzählte, daß Zodick des Schöffen Mord unternommen, daß Zodick den Schmuck der bedauernswerthen Wittib des Burgers von Friedberg um ſeiner Kenntlichteit willen in Ben David's Keller verborgen,— eine That, deren ſich der Niederträchtige nachher noch oft bei Trunk und Scherz gerühmt; daß Zodick endlich die Wurzel des Trug⸗ geſpinnſtes ſey, das Jochai und Ben David bisher im Kerker gehalten. Da ſie nun endlich an die letzte Schreckensbegeben⸗ heit in ihres Vaters Hütte kam,— an das Elend, das dort gewaltet,.. an die Leichen, die der Brand, von den Händen des Ungeheuers entzündet, zu Aſche gebrannt hatte,. da ſchwammen, nicht nur allein in den Augen der Umſtehenden Thränen,„ſondern auch in die ihrigen trat wieder das helle Waſſer, und das Schluchzen machte ihre Stimme verſagen, denn ſie dachte nun ganz lebhaft daran, daß ſie nie auf dem Grabe ihrer Erzeuger ſitzen könne, daß ſie ihrer nie in Liebe gevenken fönne, und daß ſie gehalten ſep, ſtatt einer kind⸗— 1 2. 23 350 lichen Todtenfeier, ihre Laſter und Verbrechen ſchonungslos zu enthüllen. Und als,— nachdem eine lange Stille vor⸗ über, und das darauf folgende Gemurmel der Menge ver⸗ rauſcht war— der Oberſtrichter ſie ernſt und mahnend fragte, ob dieſes auch alles wahr ſey, und warum ſie nicht früher dieſen Schurken Einhalt gethan, durch ein offnes Geſtändniß? da antwortete ſie mit wehmüthigem Vorwurf:„Ihr vergeßt, ehrſamer Herr, daß es mein Vater und meine Mutter waren, die an der Spitze jener Horde ſtanden. Die, denen ich das Leben verdanke, auf das Rad zu bringen, hätte ich nicht vermöcht, und wenn noch Tauſend unter dem Meſſer des Juden und ſeiner Gefährten hätten verbluten müſſen. Ihr geſtriges Schreckensende hat mich frei gemacht, und ich ſchwöre beim Himmel und all ſeinen Heiligen, daß ich die Wahrheit geſagt habe. Oft habe ich mich angſtvoll auf dem Lager hin und her geworfen, und mit meiner Kindespflicht gerungen, wie Jakob mit dem gewaltigen Herrn. Aber die Verbrecher blieben doch immer meine Eltern. Die Natur hat ein Schloß vor meinen Mund gelegt, und geſtern erſt hat der gnädige Herr es aufgethan mit ſeiner Kraft und unergründlichen Weisheit. Darum verachtet nicht die einfältige Rede, ſo ich geſprochen, und laſſet leben, die da ohne Fehl ſind, und laſſet ſterben den, der den Tod verdient hat.“— Judith ſchwieg erſchöpft, und ſchlug die Augen nieder vor den dank⸗ baren Blicken, welche die Juden auf ſie richteten. Die Meiſter des Raths ſtanden indeſſen noch mit gefalteten Stirnen in tiefes Nachſinnen verloren, und der Schöffe Diether war der Erſte, welcher die Sprache wiederfand, und ausrief wie ein von ſchwerem Traum Erwachender:„Gottlob! Gottlob! gräßlicher Argwohn fällt Stückweis ab von meiner Bruſt⸗ Geſegnet ſeyſt Du, muthige Magd, die da eingetreten iſt zu rechter Zeit!“— Der Prieſter Johannes wendete ſich an die Vorſteher der Stadt:„O redet ein mildes Wortz“ ſagte er . 351 bewegt:„Seht dieſe armen Leute, welche zitternd da ſtehen, und ſelbſt nicht begreifen können, wie ihre Unſchuld ſo ſchnell an den Tag gelommen. Wenn auch ihre Feſſeln jetzt noch nicht fallen dürfen, ſo erleichtert ſie ihnen doch durch ein Wort des Troſtes und der Hoffnung. Viel Freude und Glück ruht auf den Lippen der Mächtigen wenn ſie es aus⸗ ſprechen wollen gegen das Elend.“—„Die Dirne muß be⸗ weiſen, was ſie vorgebracht,“— entgegnete der Oberſtrichter: „oder die Zeit beweiſe und bürge für ſie. Ich habe ausge⸗ ſandt nach Friedrich, und wehe ihm, wenn ſich alles ſo befindet, wie dieſes Weib geſagt.“ „Der Mörder iſt eine ſchlaue Natter;“ verſetzte Judith: „er wird ſich hüten, in die Falle freiwillig zu gehen. Hier ſird aber meine Hände, damit man ſie binde. Freudig will ich den Kerker beziehen, und keine Schmach daran finden; denn der Herr, der mich hiehergeführt, wird mein und dieſer Armen nicht vergeſſen, als ein rechter Richter und Helfer der Waiſen. Er wird die Hand des Gottloſen zerbrechen, und aufſtehen zu unſrer völligen Rettung!“ Ein Wink des Oberſtrichters beendigte den ergreifenden Auftritt. Judith wurde zu leichter Haft in das Haus der Reuerinnen geſendet, und die Juden in den Kerker zurück⸗ geführt. Judith wurde von einer jubelnden Menge begleitet, wie ein ſiegreicher Kömpfer von ſeiner Freunde Schaar,— Jochai und Ben David waren von einer lautloſen Volks⸗ maſſe umgeben, die ihren Schritten wie mit einer innern Leſchämung folgten. Auch die Herren vom Gerichte theilten dieſe ſtille Schaam, und mancher beklagte nun im Geheimen die Schmach, die den Untadelhaften widerfahren war. Ben David ſagte aber mit freudethränenden Augen zu Jochai: „Nun, Raaf? was ſagſt Du nun? Die Leuchte des hochge⸗ lobten Gottes ob unſerm Haupte beginnt wieder zu brennen⸗ und des Herrn Finger ruht auf uns. Geprieſen ſey der Gott 352 Abrahams, der die Hütten Jakobs beſchirmt, der den Böſen verſenkt in die Grube, die er ſelbſt gegraben,— der deſſen Fuß fängt in dem Netze⸗ ſo er ſelbſt geſtellt.“—„Preis ihm und Dank ihm,“ antwortete, den Kopf wie beim Gebete nei⸗ gend, der alte Jochai:„mit uns will er es wohl machen, der ſtarke, eifrige Gott; ſein guter Segen wird ſalben unſer Haupt mit Balſam, und ſein Fluch verderben den Feind;— aber wie wird es geſchehen mit Eſther, unſerer Tochter? Mir will zerſprengen die Bruſt, ſo ich an ſie denke,— die Freude unſers Alters, das Leid unſerer Liebe. Sie irrt umher in Amalek, gerathen unter die Hände des Gottloſen, woraus ſie errettet worden, um vielleicht zu fallen in ärgere Stricke. Das, mein David, das quält mich, und frißt an meiner Freude.“—„Vertraue, Raaf;“ erwiederte Ben David, ob er gleich ſein eigen kummervolles Antlitz nicht bergen konnte: „Vertraue; auch ſie wird unverletzt wieder kommen zu uns, und werden unſre ſtarke Stütze. In dieſer Zuverſicht will ich betreten mein Gefängniß, wie ein König ſeinen hohen Saal, und mich niederlaſſen auf mein Strohlager, wie auf das köſtliche Bette des Paſſah, denn mein Herr iſt wieder mit mir, und die Hülfe in der Noth, und der Glaube, daß wir noch ſchauen werden das Glück im Lande der Lebendigen.“ Sie ſtanden an der Thüre ihres Thurms, und Jochai ſegnete den Sohn, mit der Liebe, die den Erſt⸗ und Einzig⸗ gebornen bei ſeinem Eintritt in die Welt zu empfangen pflegt. Alle Eigenheit, herſtammend von Volksſitte und Gewohnheit war während dieſer Augenblicke in einem Jeden von ihnen verſchwunden, und ſie waren nur Menſchen, freudige Menſchen. Nach langer, von Jubelthränen gefeierten Umarmung trennten ſie ſich ſeufzend, aber beide traten, wie mit Kronen geſchmückt, in ihre Gefängniſſe, beide hatten eine herrliche Begleiterin in ihrem Gefolge; die Hoffnung⸗ die friſch und grun bekränzte Hoffnung! Ende des zweiten Bandes. 5 g14 Seqe