2600 Leihbiblivthek * 6 . deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 2. Cdnard Oktmunn in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih, und eſebedingungen. 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von 6 . jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme 3 eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprehende Summe 5 hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet H wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und ſt beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mr. 50 Pf 2.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurſckſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. i Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird) beſonders darauf aufmerkfam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Piejenigen, welche die⸗ — ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. S—————— Charaktergemälde aus dem erſten Viertel des achtzehnten Jahrhunderts von C. Spindler. Dritter Theil. —————————————————.... Stuttgart, Druck von C. F. Arnold. 1838. Erſter Abſchnitt. Der Abend in Santa Dominica.— Luis und Ines.— Der Fremde.— Seine Erzählung.— Seine Erinnerungen.— Des indianiſchen Kindes erſtes Ibentheuer.— Der Morgen in der Colonie.— Die fremden Schiffe.— Wiederſehen.— Die Jäger aus den Savannen.— Con⸗ ſultador und Rector.— Juſtinens Loos.— Der Vorſchlag des Pfar⸗ rers.— Die Nacht.— Der Ueberfall.— Die Savannen.— Das Lager der Abiponer.— Capitan und Capitana.— Das Opfer.— Feſt des Siebengeſtirns— Hülfe aus der Ferne.— Der Abend flammte purpurroth am Horizonte, den ein Kranz von ſchwarz aufſteigenden Wetterwolken einfaßte. Die Ebene lag von ſchwüler Hitze überbrütet. In dem Miſſivns⸗ orte Santa Dominica läutete die Glocke, und auf dem Platze vor der Kirche verſammelten ſich, von der Arbeit in Feld und Haus gehend, die Bewohner der Miſſion; Männer, Weiber und Kinder in buntem Gedränge, aber mit anſtän⸗ digem Schweigen. Ein großer Kreis wurde geſchloſſen, und andächtig falteten ſich alle Hände, als das Thor des Miſ⸗ ſionshofes aufging, und der Pfarrer hervortrat, begleitet von einigen Negern, die ſchwere Karren, mit zerlegtem Fleiſche gefüllt, heranzogen, und von ſtämmigen indianiſchen 1 4 . Mägden, die in langen ſchwankenden Körben an Lianenſtau⸗ den große Vorräthe von Mais und Thee herbeitrugen. Der Pfarrer, eine geſunde, obgleich ſiebzigjährige Geſtalt, begab ſich würdevoll in die Mitte ſeiner Pfarrkinder und ſagte: „So iſt denn wieder mit Gottes, des Ewigen, Hülfe ein mühevoller Tag der Arbeit und des Fleißes zurückgelegt. Der wackere Mann, Euer Corregidor, meine Kinder, hat mir den erfreulichſten Bericht über Euer Streben abgeſtattet; und neben Dir, Du guter Juan Bosco,“— der genannte In⸗ dianer bückte ſich geſchmeichelt und demüthig,—„der unſere große Caamiripflanzung ſo vortrefflich zu bewäſſern unter⸗ nommen hat, habe ich alle Uebrige zu loben, mit Ausnhme eines Einzigen, deſſen ich leider mit verdientem Tadel ge⸗ denken muß.“ Die Leute ſahen ſich ernſthaft und verwundert an; aber ohne den Aufruf abzuwarten, trat Einer aus dem Volke, ein rüſtiger junger Mann hervor, und kniete mit betrübter Miene nieder, indem er ausrief:„Ach, Vater Luis! vergebt doch ja, und auch der gute Vater über dem Himmel vergebe mir! Ich habe geſündigt; ich habe im Zorne meine Nachbarin, die gute Cordula, verwünſcht, und Unkraut in ihren Acker geflucht. Ich bekenne meinen Fehltritt und will ihn nie wieder thun!“ „Recht, Francisco;“ verſetzte der Pfarrer:„Du haſt die Liebe des Nächſten und Gottes Langmuth und Fürſicht belei⸗ digt; ein ſchweres Vergehen. Laß ſehen, ob Cordula die Pflichten einer wahren Chriſtin beſſer verſteht. Tritt her⸗ vor, Du beleidigte Nachbarin des reuigen Francisco, und ſage, was, nach Deinem Wunſche, dem Beleidiger geſche⸗ hen ſoll?“ 5 Cordula hatte Thränen im Auge und antwortete, ohne ſich zu beſinnen:„Thut ihm nichts zu Leide, lieber Vater. Ich vergebe ihm von Herzen!“ Der Pfarrer ſah ſich vergnügt im Kreiſe um, nickte der Rednerin Beifall, berührte dann das Haupt des Reuigen und ſagte ſehr ſanft:„Haſt Du's gehört, Francisco? So geh denn um Ihretwillen ſtraflos hin in Deine Hütte, faſte heute, und ſchäme Dich, damit Du morgen ein anderer Menſch ſeyſt!“ Der Getadelte küßte inbrünſtig des Pfarrers Hand, und entfernte ſich mit gebeugtem Haupte und zufrie⸗ denem Herzen. „Seht Ihr?“ fuhr der Geiſtliche freudig zu dem lauſchen⸗ den Volke fort:„ſeht Ihr, wie viel es werth iſt, daß Ihr den wahren Gott und Heiland erkennen lerntet? Was ehe⸗ dem unter Euch nur die Schleuder oder der rachſüchtige Pfeil entſchied, ſchlichtet nun ein Wort des Friedens. So kommt denn heran, Ihr Fleißigen, Ihr Milden, Ihr Müden! Eſſet von dem Brode, das der Herr unter Euern Händen wachſen läßt; von dem nährenden Fleiſche, und trinket den Trank der Geſundheit, damit Ihr den Herrn noch lange preiſet und lobet!“ Nun ſetzte ſich die Menge in Bewegung, ſchritt in Dop⸗ pelpaaren an dem Pfarrer vorüber, empfing aus der Wage ſeiner Begleiter, Familie für Familie, Fleiſch, Mais und die erſehnte Unze Thee; dann ſprach der Geiſtliche den Segen; das Volk antwortete mit einem melodiſchen Kirchenliede, und zerſtreute ſich in ſeine ſtillen Hütten, um das Mahl zu be⸗ reiten, und auf der bequemen Ochſenhaut die Mühen des Tages und das herannahende Gewitter zu vergeſſen.— Der Pfarrer beſchäftigte ſich noch eine Weile damit, dem Regidor 6 und dem Alkalden der Miſſion die Arbeiten und Verhal⸗ tungsregeln für den nächſten Tag aufzugeben, und zog ſich ſodann in den Hof ſeines Hauſes zurück. Das mannigfaltige Federvieh, das dieſen Hof belebte, hatte ſich vor dem in der Ferne brauſenden Gewitter in die Ställe geflüchtet. Der zahme Straußvogel des Pfarrhauſes allein ging ſtolz und aufgerichteten Hauptes mit gewöhnlicher Gravität auf dem zierlich geſtampften Platze umher, und lüftete die Flügel dem ſtreichenden Luftzuge entgegen. Der Pater ſtreichelte ſeine wehenden Federn, und ſagte lachend zu ihm:„Du mein gu⸗ ier Freund und Haustrabant! kannſt Du mir nicht verra⸗ then, wo Dein Spielgefährte iſt, der heute ſo undankbar mein Haus verließ?“ Der Vogel ſchien altklug die langen Augenbrauen in die Höhe zu ziehen; da erklang von Ferne ein ſilberner Glöck⸗ chenton. Ein leichter Trab, dem ein ſchwererer folgte, kam jenſeits der Rohrwand, die den Hof umgab, heran. Ein ſchlanker Rehkopf ſah über die Wand; die Thüre in derſel⸗ ben ſprang unter der Pfote des Thieres aufz es trabte freu⸗ dig hindurch, mit ſchellenden Halsbandglocken, und kauerte ſich zu des Pfarrers Füßen, als ob es ſeines Ungehorſams wegen Vergebung betteln wollte. Der Pater, angenehm überraſcht, bückte ſich, den ſchmalen, graurothen Hals zu ſtreicheln, als auch ein Pferd mit einer hübſchen Reiterin durch's Thor ſtürmte.„Ines! Ines!“ rief der Pfarrer, gut⸗ müthig verweiſend und mit dem Finger drohend. Ines ſprang jedoch, leicht wie eine Feder, von dem Pferde, und jagte es mit einem Schlage ihrer Gerte wieder in's Freie zurück. Lauf, Du wilder Negro!— rief ſie, ein wenig athemlos, indem ſie die Thüre zuwarf, und mit dem hölzernen Riegel 2 verſchloß:„Du haſt Deine Schuldigkeit gethan. Suche den Weg nach Deiner Weide, ehe der Blitz kömmt!“ Dann näherte ſie ſich etwas ſchüchtern dem Geiſtlichen, ſenkte den Kopf und fragte freundlich:„Habe ich Dir Angſt gemacht, lieber Vater? Ich mußte Dir ja den Liebling wieder brin⸗ gen. Das leichtſinnige Thier, verſpielt und poſſenhaft wie es iſt, hatte ſich gewiß ſchäckernd von der Rinderheerde ent⸗ fernt und in den Wald verlaufen. Es dauerte lange, bis das faule Reh, im Schatten raſtend, meinen Ruf und ich ſeine Schellen vernahm. Ich meinte faſt, ein Tiger hätte ſich ſeiner bemächtigt. Doch endlich, die Jungfrau ſey ge⸗ lobt, kann ich Dir's wiederbringen, Vater Luis!“ „Und gehſt von Hauſe, ohne zu ſagen wohin?“ verſetzte der Pfarrer gekränkt:„und ſetzeſt Dich ſelbſt, in Wald⸗ ſchluchten dringend, dem Tiger, durch ſftille Waſſer reitend⸗ dem Krokodil aus, Du böſes, unbeſonnenes Kind? Glaubſt Du vielleicht, ich ſey dem Rehe in höherem Grade gut, als Dir? Habe ich Dich nicht von zarten Kindesbeinen an ge⸗ pflegt und gewartet? habe ich Dich nicht getauft, und ſomit zum zweitenmale und edler geboren, als Deine Mutter es gethan?“ Ines ergriff ſchmeichelnd des Pfarrers Hand und küßte ſie. Er dankte ihr nun für den Liebesdienſt und fügte bei: „Ich habe verziehen! Sieh' zu, wie Du mit dem grämlichen Strutto, dem Dragonervogel fertig wirſt, der heute die neckende Spielgefährtin ſehr verdrüßlich vermißte.“ Ines klopfte ſchäckernd die Bruſt des großen Vogels und ſagte hierauf:„Ich will's einbringen, guter Burſche. Schlüpfe indeſſen nur in die Scheuer. Die Wolken kommen 8 wild und ſchwarz über die Parana her, und die fernen Berge hängen voll Nebel. Fort, Gejenk!“*) Der Strauß trabte ruhig nach der Scheune, die hinter ihm verriegelt wurde. Das Reh folgte dem Herrn in die Hausflur. Ines zog die Laden an den Fenſtern zu, und ſagte indeſſen, bedächtig innehaltend:„Wenn nur der Fremde noch ankömmt, bevor das Wetter losbricht. Es wird einen fürchterlichen Sturm geben.“ „Welcher Fremde Ines?“ Das Mädchen lächelte verlegen.„Er ſcheint mir kaum ein Spanier zu ſeyn,“ ſagte es alsdann, und ſeine bräunliche Wange röthete ſich merklich:„er ſpricht nicht ſo gut ſpaniſch wie wir. Ich begegnete ihm draußen an den Tabaksfeldern; ich holte ihn nämlich ein, im Heimkehren begriffen. Der arme junge Mann ſaß traurig bei ſeinem Pferde, das im Niederſtürzen ſich den Fuß verſtaucht hatte. Freilich war der Herr unklug, daß er nicht, wie unſere Leute, einige Pferde auffing oder mit ſich nahm; indeſſen hatte ich doch Mitleid, und wahrlich— hätte ich nicht dem ſchnellen Reh zu folgen gehabt, mein eigen Pferd hätte ich dem jungen hübſchen Herrn abgetreten. Er fragte, ob er nach Santa Dominica komme, wenn er weiter ginge, und ich bejahte es, und wieß ihn an die Ochſenfänger, die ſich in weiter Ferne und im Staube ſehen ließen. Sie werden ihn wohl auf ein Pferd genommen haben, und mit ihm auf dem Wege ſeyn. Eilen ſie jedoch nicht, ſo iſt der Sturm viel ſchneller als ſie.“ Ein dunkelrother Strahl, der aus den Wolken fuhr, und von einem grellen Wetterſchlage begleitet wurde, bekräftigte *) Des Straußyogels Name in abiponiſcher Mundart. 9 die Furcht der Indianerin. Aber zu gleicher Zeit ließ ſich aus der Ferne, vom Eingange der Miſſion kommend, das Geſchrei und Getümmel der heimkehrenden Horde vernehmen, die in den Savannen geweſen war, um Ochſen zu fangen⸗ zu ſchlachten, zu häuten. „Sie kommen!“ rief Ines, zufrieden geſtellt, und ging nach der Hausthüre, durch die Ritze zu lauſchen. „Hätte ich doch beinahe meines Gaſts vergeſſen!“ ſagte inzwiſchen der Pfarrer zu ſich ſelbſt⸗ mit einem ungeheuchel⸗ ten Vorwurfe:„wie zerſtreut doch das Alter macht! abſon⸗ derlich, wenn man ſich eines wiedergefundenen Kindes, und deſſen Geſchwätzes erfreut!“ Er trat an die kleine Stiege, und rief hinan:„Pater Faver! Pater Faver! nicht zu Hauſe?“ Keine Antwort. Der Pfarrer warf geſchäftig ſeinen Regen⸗ mantel über, ſtülpte den Rohrhut mit den beiden waſſerdich⸗ ten Krempen auf, und ſchritt, ſo ſchnell es anging, nach dem kleinen Gärtchen vor, das zwiſchen Hof und Ackerfeld gelegen, den Hintertheil des Gebäudes begränzte. Unter dem Stamme einer mächtigen Algarova*) ruhte der Ge⸗ ſuchte; vor ſich hinſtarrend in die Sturm brauende Luft; horchend auf das Wellenſchlagen der unfern ſtrömenden Pa⸗ rana, verſunken in den Anblick der zum Schrecken ſich rüſten⸗ den Natur, ohne vor ihr zu zittern; fühlloſen Körpers, un⸗ bewußten Geiſtes.— Die Stimme des Pfarrers rief ihn zum klaren Bewußtſeyn zurück. Er ſah ſich um und fragte: „Was wollen Sie, mein Freund?“ *) Johannisbrodbaum in Paraguay. 10 „Was wollen denn Sie beginnen, frage ich;“ verſetzte Luis.„Der Wind beugt ſchon um und um die Palmen nie⸗ der, und Sie wollen ihm trotzen? Kommen Sie in's Haus. Beunruhigen Sie mich nicht.“ Der Gedankenvolle ſtand mechaniſch auf.„Ich gehorche;“ ſagte er:„ob es mir gleich lieber wäre, von dem Wetter⸗ winde in die Haide, wo der Tiger ſtreift, oder in die Wellen des Stroms getragen zu werden.“ „Welche Reden für einen Chriſten und einen Geiſtlichen!“ verwies ihm Pater Luis ſanft und ernſt:„laſſen Sie Ihren Beichtvater dergleichen nicht zum zweitenmale yören!“ „Ich redete ehedem, wie Sie, mein Vater!“ antwortete der Gaſt:„aber ſeit acht Tagen hat ſich ſo vieles anders ge⸗ macht „Gottes Schickung!“ tröſtete der Pfarrer;z„halten Sie darauf, Pater Taver, und kommen Sie herein. Ihre Mieth⸗ reiter kommen zurück, und nach ihrem Geſchrei zu urtheilen, muß der Fang beträchtlich geweſen ſeyn: wir wollen die Häute im Magazine unterbringen.“ Die Ausſicht auf das Geſchäft war dem trüben Gaſte willkommen. Die Pforten des Lagerhauſes, dieſer Vorraths⸗ kammer für die ganze Niederlaſſung, wurden aufgeriegelt. Die heimkommenden Indianer ſprengten in bunter Reihe heran, warfen ihre Ladung von Fellen zum Boden nieder, und rannten von dannen, dem Gewitter zu entkommen. Auf ſo unordentliche Weiſe war die Beute bald niedergelegt, und Pater Taver ſtand berechnend zuſammen mit dem Anführer der Erpedition in die Savannen, als noch ein Nachzügler⸗ trupp von Reitern kam, deren Pferde ſchwer bepackt waren, und von welchen einer zweimänniſch auf dem Gaule ſaß. Die 11 wilden Jäger warfen ſich erſt unter Dach und Fach von den Thieren, denn draußen fiel der Regen dicht; und der Hinter⸗ mann des Doppelreiters ſtürzte mit Jubelgeſchrei an Tavers Bruſt. Dieſer konnte ſich des Andrangs nicht erwehren; doch eben ſo wenig den in einen verftellenden Indiermantel von Palmblätterzeug Gewickelten alſobald erkennen; bis dieſer den Mantel fallen ließ, die Haare aus dem Geſichte ſtrich, und dem Ueberraſchten den Ausruf entpreßte:„James! James! wie kömmſt Du hieher? Welch' ein Gottesengel führt Dich in meine Verbannung?“ James weinte einen Strom von Thränen an des Pflege⸗ vaters Halſe, und konnte nicht ſprechen, nur ſchluchzen, nur ſeufzen, nur hellauf weinen, bis Pater Luis beide bei den Händen ergriff, und nach dem Innern des Hauſes führte.— „Euer Gefühl iſt für die Neugierde der Stierſchlächter zu gut!“ ſprach er:„weint und ſprecht Euch hier aus, meine Freunde, denn die Einſamkeit iſt ſowohl für die, die da kla⸗ gen, als für die, die ſich im Herzen freuen!“ Er verließ, beſcheiden und ſchweigend, die eng Umarm⸗ ten. Sie vergaßen des brüllenden Donners, des tobenden Regens, des bebenden Hauſes, das unter Sturmesgewalt zu weichen drohte. Münzner konnte ſich am Geſichte ſeines Pflegeſohns nicht ſatt ſehen, und tauſendmal wiederholte er die einfachen Worte:„Du hier mein Sohn? Du hier guter James!“ ehe es ihm einmal einfiel, nach der Art und Weiſe, wie Alles ſich zugetragen, zu fragen. Endlich geſchah es doch.— James erwiederte:„Da Sie geſchieden waren, konnte ich dem Superior nicht folgen. Ich konnte nicht. Ich rettete jedoch den Senator!“ 12 ₰ „Ich weiß mein Sohn. Die That war brav und würdig. Aber, was Du ihr geopfert,.. das zerriß mein Herz, da ich's erfuhr!“— „Gott führt uns auf allen Wegen;“ verſetzte James; „nur auf dieſe Weiſe konnte mirs gelingen, Juſtine aus Angſt und Gefahr zu erretten.“ „Du haſts gethan?“ fragte Münzner überraſcht:„das iſt mehr, als ich gehofft. Ich glaubte ſie unter Proteſtanten auf ewig und auf immer verloren!“ „Nicht doch, mein Vater!“ fuhr James fort; und erzählte von Juſtinens Abentheuern auf dem Thurme, von ihrem zufälligen Wiederfinden, von dem Entſchluſſe, ſie von der Gefahr, die ihr die Lainez und der Thürmer bereiteten, zu befreien. „Ich liebte das Mädchen;“ ſagte er mit ſchwärmeriſchem und wehmüthigem Feuer:„ich glaubte damals, von Juſtine geliebt zu ſeyn. Mit welchem Auge konnte ich ihre Lage anſehen? ſie in des Superiors Händen? ſie in einem Kloſter? während ich in meiner Unbeſonnenheit den Augenblick ſchon nahe träumte, wo ich als geachteter Offizier, um ihre Hand würde werben können? ich trug erſt ſeit zwei Tagen die Uniform des Gemeinen; meine Einbildungskraft war Jahr⸗ zehende vorausgeeilt, und ich wollte lieber die freie Juſtine fern von mir, in einem andern Welttheile wiſſen, als auf ewig gefeſſelt in meiner Nähe. Ich ging ans Werk. Ich ſann. Aber, die Möglichkeit? ich hatte nicht Freunde, nicht Bekannte. Die Uniform ſchützte mich nur, daß man nicht in mir die rechte Hand des Doctors Leupold entdeckte, über deſſen wahren Beruf man aufs Reine gekommen war.— Ich durfte mich nirgends bloß geben. Ich hatte kein Geld⸗ den Hebel aller Dinge. Je zuverſichtlicher ich an meinen Plan gegangen war, je niedergeſchlagener wurde ich, da endlich die Unzulänglichkeit meiner Kräfte ſich mir nicht verhehlen konnte. Indeſſen hatte ich mein Wort gegeben, und mehr als das Wort feſſelte mich die Leidenſchaft. Ich gerieth auf den abentheuerlichſten Gedanken. Der Werbkapi⸗ tän war am vorigen Tage angekommen; ein Franzoſe, leicht und gefallig im Benehmen; ein feiner Mann, der unter den Neuangeworbenen gerade mich zu ſeinem Bedienten wählte, weil er in mir eine beſſere Bildung entdeckte;— weil ich ihm gefiel. Ich weiß nicht, wie es kam,— aber ich glaubte in dem Betragen des Mannes eine gewiſſe Ritter⸗ lichkeit zu verſpüren; ich faßte mir ein Herz; ich ſprach mit ihm ungefähr ſo, wie in Balladen und Romanen der dienſt⸗ fertige Zwerg zum Paladin redet, den er zur Rettung einer im Thurme des Rieſen gefangenen Dame aufzufordern ge⸗ denkt. Zum Glück fand auch der Kapitän die Sache artig und ſeltſam genug. Ein niedliches Mädchen befreien, deſſen Rettung ich ganz ſeiner Macht und Großmuth allein an⸗ heimſtellte,— das reizte ihn. Er ahnte nicht den Zuſam⸗ menhang, den mein Herz mit der Geſchichte hatte. Er ſah. vielleicht ein galantes Abentheuer in der Ferne. Mir alles gleichviel, weil er nur zuſagte. Litzach brachte die Botſchaft auf den Thurm. Wir warteten um die zehnte Stunde der Nacht unfern des Thurms, mit Wagen und Pferd. Ein ärgerliches Zwiſchenſpiel hätte uns beinahe alles verdorben. Das unglück will, daß in derſelben Nacht ein Ohrenbläſer dem Bürgermeiſter die Anzeige macht, daß auch Pahlens zu der entlarvten Sekte gehört. Es wird Wache abgeſchickt, den Thürmer einzuziehen und nachzuſuchen, ob er nicht 14 Freunde auf dem Thurme verborgen. Das Unglück will, daß Juſtine, ihrer Liſt und dem günſtigen Augenblicke ver⸗ trauend, vom Thurme herniederſteigend, beinahe in die Hände der Wächter fällt. Ihr guter Geiſt bedeckt ſie indeſſen ſchützend mit ſeinen Flügeln, wie auch die Lainez, die noch Zeit findet, ſich oben zu verbergen, und der oberflächlichen Nachſuchung der Soldaten zu entgehen. Pahlens wird fortgeſchleppt; der ſogenannte Zehnerwächter bleibt an ſeiner Statt im Thurme; verſchließt alles ſorgfältig, ſteigt in die Höhe, und indem ſein Laternchen immer ſchwächer durch die Fenſter des Thurmes ſtrahlt, verglimmt in uns Harrenden auch jede Hoffnung, unſere ſchöne Schutzbefohlene zu retten. Es war indeſſen anders beſchloſſen. Die Lainez, in ihrem Verſteck beinahe verzweifelnd, ſich allein und verlaſſen ſehend, von der Morgenröthe ihr Verderben fürchtend, faßt einen kecken Entſchluß, der Franzöſin würdig. Behutſam wagte ſie ſich in der dunkeln Nacht an das Zimmer des Thürmers. Der Wächter, das Branntweinglas vor ſich, wendet halb trunken und nickend der Thüre ſeinen Rücken, und ſpielt mit dem Hunde. Der Schlüſſel des Thurmes liegt auf dem Tiſche. Auf dem Trompetergänglein an der Flateforme ſteht das Laternchen brennend, zum Elfergang gerichtet. Wie ein Schatten ſchwebt die Lainez durch die halb offene Zimmer⸗ thüre. Der Hund knurrt; ſein Herr gibt ihm Schläge, denkt aber nicht daran, ſich umzuſehen. In einem Augenblicke nimmt die muthige Frau den Schlüſſel leiſe weg, entflieht ſo ſtille, als ſie kann, ergreift die Laterne, und eilte wie ein Wirbelwind über die Treppen. Auf der Hälfte des Weges ſchreckt ſie ein Geräuſch. Unterdrückte Seufzer— leiſe Klagen dringen aus dem Gange zur Glockenſtube an ihr Ohr.— Entſchloſſen ſtößt ſie die Thüre auf. Juſtine richtet ſich eben hinter derſelben aus einer Ohnmacht auf. Lainez fühlt das heftigſte Mitleid für die Geiſterbleiche. Ohne Rath, ohne Hülfe, ohne Aufſicht, nur dem Angenblicke und dem Triebe nach Freiheit gehorchend, unterſtützt ſie die Er⸗ mattete, führt ſie ſchnell hinab.. die Thüre klingt.. öffnet ſich Juſtine ſtürzt ins Freie, die Lainez folgt, ſperrt wieder vorſichtig die Pforte, und der Wagen rollt, da wir weiße Gewänder durch die Finſterniß ſahen, ge⸗ ſchwinde herbei.—„Das ſind zwei Damen?“ flüſtert mir der Kapitän zu;„ich hatte aber nur Augen für Juſtine, die ſich, wie ein Kind, vertraulich auf meine Schulter ſtützte, als ich ſie in den Wagen hob. Die Lainez, unwiſſend und über dieſe Vorbereitungen verwundert, folgte nicht minder. Der Kapitän bedeckte die ſchönen Flüchtigen mit ſeinem wei⸗ chen Mantel, befahl dem Reiter auf dem Bocke, ſcharf zu fahren, und behielt mich neben ſich auf dem Rückſtze.— „Du begleiteſt mich zur erſten Station;“ ſagte er:„von dort kehrſt Du mit dem Wagen zurück, und ich bringe die Damen noch eine Strecke weiter, erwarte Dich mit meinem Pferde. Ich werde Dir Nachricht hinterlaſſen.“— Nun fühlte ich erft die Schwere der Subordination. Es galt aber Juſtine, und ich ſchwieg geduldig. Ohne Aufenthalt gelangten wir unterm Schutze des Kapitäns durch das Thor, und fuhren ſtracklich weg. Die Damen ſchliefen oder ſtellten ſich ſchlafend. Wir ſprachen nur abgeriſſene Worte. Noch war der Tag nicht angebrochen, als wir hielten. Ein elendes Wirthshaus nahm uns auf. Hier ſollte gefrühſtückt werden. Hier löste ſich Alles. Die Lampe des Wirths beleuchtete unſere Züge.—„Alle Donner!“ rief der Kapitän:„iſt das nicht Madame Lainez?“ wie kommen Sie hieher, meine Schöne?“— die Lainez glaubte, in die Erde ſinken zu müſſen.—„Das Abentheuer nimmt eine üble Wendung;“ ſagte der Kapitän hierauf halb lachend, halb bitter zu mir:„die Eine,(Juſtine) die mir gefällt, wird von Dir mit verliebten und argwöhniſchen Blicken ge⸗ hütet, und die Andere... bei'm heiligen Georg!'s iſt meine Frau!“ „Die Lainez weinte heiße Thränen. Juſtine ſtaunte; ich nicht minder.“— „Ei, Madame!“ fuhr der Kapitän fort:„wie erging es Ihnen, ſeit wir uns trennten? und erinnerten Sie ſich nicht, daß wir uns heilig zuſagten, uns nie wieder zu ſehen? Ich geſtehe, daß nur der Zufall dieſe Rencontre herbeigeführt, aber es iſt doch ein verdrüßllicher Zufall. Mußte mich ein Duell aus Frankreich verjagen, und unter meinem Ca⸗ detnamen in fremden Dienſten nach Deutſchland führen, damit ich Sie, meine Charmante, wiederfände? Genug, keinen Au⸗ genblick mehr mit Ihnen!— Er ſprang empor,— ich hielt ihn auf. Was ſoll aus den Frauen werden? fragte ich für Juſtine beſorgt.— Sollen wir ſie ohne Schutz, ohne Führer hier auf der Straße nach Amſterdam laſſen? Vollen⸗ den Sie Ihr Werk, Herr Kapitän, wie ein ächter Edelmann. Eben deshalb! antwortete er frivol: Ich habe mein heiligſtes Wort verpfändet, nie mehr mit dieſer Dame, die einſt die Meinige war, zuſammen zu weilen; nicht eine Stunde, nicht eine Viertelſtunde, und ein Edelmann hält ſein Wort. Dar⸗ um,— wenn Mademvoiſelle ſich mir nicht allein anvertrauen, und das intriguante Weib hier ihrem guten Glücke überlaſſen will, ſo laſſe ich die Parthie unbeendigt.— Juſtine weigerte ſich nun auf's Heftigſte, die Lainez zu verlaſſen, die ſie in ihrer Ohnmacht nicht verlaſſen hatte; weigerte ſich, mit dem Kapitän die Reiſe fortzuſetzen.— Pardieu! ſagte endlich der leichtſinnige Franzoſe, dem es in ſeiner Gattin Nähe ſehr bange und unfriedlich zu werden ſchien: ſo weiß ich kein Mittel, als Ihnen, meine Schöne, einen geliebtern Stellver⸗ treter beizugeſellen. Monſieur Leblanc,“— wendete er ſich mit ſcherzender Liebenswürdigkeit zu mir—„Sie ſind ein Galant homme, der in den groben Rock nicht paßt. Kraft der Gewalt, die ich in meinem Depot ausübe, ſchenke ich Ihnen die Freiheit, und werde Ihre Ranzion gegen meinen Fürſten beſtreiten. Vollenden Sie dafür meine Ritterpflicht gegen Mademoiſelle. Ihre Herzen ſtimmen überein, und mein Auge hat mich nicht getäuſcht. Führen Sie jedoch nicht minder Madame Lainez recht weit, in Regionen hinweg, wo ſie recht glücklich ſey; ſo unausſprechlich glücklich, daß es ihr nie wieder einfalle, heimzukehren, und ihren Gatten ſo empfindlich zu erſchrecken.— WMeinem Dank, ſo wie dem Jammer, den die Lainez anhob, zu entweichen, warf er ſich in den Wagen, und ließ mir eine Börſe zur Fortſetzung der Reiſe zurück, die ich nur annahm, weil ich Juſtine von jedem Hülfsmittel entblößt, und den Senator zu Amſterdam glaubte. Dieſer würde unfehlbar die Ehrenſchuld ſogleich getilgt ha⸗ ben!— Aber.. nun weiter.— Was übrig bleibt, iſt wenig.— Wir ſetzten die Reiſe mit Eilpferden fort. Juſtine verklärte ſich in der Hoffnung, den geliebten Vater wieder zu umarmen. Die Lainez weinte in einer Stunde eine Sünd⸗ fluth, trocknete ſie in der andern; verwünſchte in der dritten ihren Mann und ſeine Unverträglichkeit, lachte in der vierten herzlich über die unvermuthete Ueberraſchung, und ſchwor und vogelfrei gegeben, V nicht zu 5 verlaſſen, bis der Senator gefunden ſey. Juſtine hegte ein ſtilles Mißtrauen gegen mich, das mich bekränlte, denn nie war ich ihr redlicher ergeben, als gerade jetzt.— Wir ge⸗ langten nach Amſterdam. Nicht Sie, nicht der Senator waren mehr zugegen. Das Schiff des Tormerpick hatte Sie ſchon hinweggetragen. Van den Höcken gab mir den lako⸗ niſchen Brief des Senators, in dem es nur hieß: zu Aſſum⸗ cion in Paraguay erwartet der Vater ſeine Tochter! Dieſe neun Worte belebten Juſtine mit dem erſtaunlichſten Muth⸗ der ſowohl die Lainez als mich dem Mädchen dienſtbar und unbedingt gehorſam machte. Wir betrieben unſere Abreiſe, Wir beſtiegen das Schiff, wir befuhren die Meere. Aber je klarer die See unter uns, je heiterer über uns der Himmel wurde, je trüber wurde meine Seele. Der Amerikaner hat mich getäuſcht, meine Leidenſchaft hat mich getäuſcht; alle Hoffnungen der Sehnſucht haben mich betrogen. Juſtine... liebt mich nicht. Sie trägt mein Bild nicht in ihrem Her⸗ zen, nicht an ihrem Halſe. Mein Leben iſt verloren. Ich habe mich dem edeln Geſchöpfe unwürdig, falſch gezeigt; ich fühle es: ſie kann mir nicht vergeben, kann mich nur dulden⸗ nicht achten, nicht lieben. Nichts mehr davon: das ſey todt und ab. Ich habe mich ausgeweint, ſtand ich in verſchleier⸗ ter Nacht auf dem Verdeck des Schiffs, wo mich die Wache duldete. Ich habe den flammenden Sternen mein Leid ge⸗ klagt! ich habe es den ziehenden Wolken mitgegeben, und in mancher Nacht, wann der geſpenſtige Holländer auf ſeinem Nebelſchiff durch die graupige Luft ſauste, daß den aber⸗ gläubiſchen Matroſen das Haar zu Berge ſtand, einen här⸗ tern Kampf gekämpft, als jenes Luftgeſpenſt mit ſeinen weißen Wolken. S iſt nun vorüber, und ich will Ihnen nur kurz 19 erzählen, daß wir auf der Rhede zu Buenos⸗Ayres Anker warfen, daß wir den mächtigen Silber⸗ und Paraguayfluß heraufſchifften, und unfern von Dios Padre mit einigen Geiſt⸗ lichen und ihrem Gefolge zuſammentrafen, die ſich ebenfalls den Fluß heraufbegaben. Der Eine von ihnen iſt ein vor⸗ nehmer Geiſtlicher Ihres Ordens aus Cordova; der Andere Rector des Collegiums zu Aſſumcion. Sie geſellten ſich zu unsz ihre Ruderer ſind zahlreicher als die unſerigen, geſchick⸗ ter und gehorſamer. Sie erfuhren unſere Namen bald, und der Rector erzählte hierauf von Ihnen und dem Senator: daß Sie beide nach der Doctrina Santa Dominica abge⸗ gangenz Sie, um eine Handelslieferung zu bewerkſtelligen; der Senator, um ſeine angegriffene Geſundheit wieder her⸗ zuſtellen. Dieſe Nachricht beunruhigte Juſtine, und verdop⸗ pelte ihre Begierde, ſchneller fortzukommen, den Vater eher zu ſehen. Der Zufall will, daß die Väter Jeſuiten ebenfalls hieher ihre Reiſe richten. Wir blieben daher auf der Parana auch beiſammen, und ich flog auf einem raſchen Pferde vor⸗ aus, unſere Ankunft anzuſagen, und den Senator vorzube⸗ reiten, damit die unvermuthete Freude ſeiner geſchwächten Geſundheit nicht ſchade. Morgen, ſpätſtens zu Mittage kom⸗ men die Freunde nach, um die Gaftfreundſchaft von Santa Dominica anzuſprechen.“— „Ich heiße ſie im Voraus, und im Namen meines freund⸗ lichen Wirtbs, willkommen;“ ſagte Münzner mit niederge⸗ ſchlagenen Augen und zögerndem Tone:„Nur Schade, daß gerade in dieſem, ſo fröhlichen Augenblicke, der gute Senator nicht zugegen ſeyn kann.“ „Nicht, mein Vater? Wo iſt er?“ „Er hat einen Streifgang in das Land gemachtz“ fuhr der Jeſuit wie oben fort:„wir erwarten ihn bald zurück, und dann...“ „Einen Gang in das Land, mein Vater? ein kranker Mann? wie konnte er's wagen? „Tief im Lande träufelt aus einem Baume, den ſie Anguay nennen, ein köſtlicher Balſam, der an der ſchwächſten Bruſt Wunder thun ſoll. Dieſer Balſam muß zur jetzigen Jahrs⸗ zeit gewonnen, und ſogleich an Ort und Stelle gereinigt und gebraucht werden. Dieß Heilmittel aufzuſuchen, entfernte ſich der Senator.“ „Und Sie begleiteten ihn nicht, mein Vater?... Ver⸗ pehlen Sie mir auch nichts?—“ „Ich belüge Dich nicht;“ erwiederte Münzner ſcharf und ungeduldig, ſich von ihm wendend; dann trat er beſänftigter zu dem Jüngling, reichte ihm die Hand, und ſagte:„laß uns von etwas Anderem reden, von etwas Erfreulicherm; von Deiner Ankunſt, und immer wieder von Deiner Ankunft. Sieh: hier zu Lande fließt das Blut ſelbſt in den Adern alter Leute raſcher, als drüben. Man braußt leicht auf: man liebt aber wärmer, man freut ſich lebendiger. Wirſt Du denn meine Freude vervollſtändigen? Wirſt Du hier vas Gelübde erfüllen, das Dich in Europa anwiderte? Thu es hier! hier haſt Du die ſchönſten Werke der Geſellſchaft vor Augen.“ „Muß denn dieſe Frage in der erſten Stunde meines Empfangs aus Ihrem Munde gehen?“ fragte James ſanft⸗ aber gekränkt. „Ich ſchweige;“ verſetzte Münzner mit einem Seufzer: „Wohl Dir jedoch, mein Sohn, wenn nur mein Mund ferner dieſe Frage an Dich richtet. Doch, ſieh!“ fügte er hinzu: „Die Luft iſt wieder hell geworden. In dieſen gelobten Län⸗ dern reinigt das wohlthätige Gewitter in kurzer Zeit den Luftkreis. Der Abend iſt wieder ſtill und herrlich, und ge⸗ würzig duften alle Blumen und Büſche um uns her. Werde auch Du ruhig, mein Sohn. Ich gehe, unſern ehrwürdigen Wirth auf den Beſuch vorzubereiten, der ihm werden ſoll. Wir erwarten Dich in dem kühlen Vorplatze.“ Münzner entfernte ſich. James kehnte ſich an eine Fenſter⸗ lucke, ſah in den Hof. Der Empfang im Pfarrhauſe ſchien ihm räthſelhaft; ſein Wohlthäter um vieles verändert. Nicht die Züge allein,— die in zehn Monden um ſo viel Jahre älter geworden waren— was eine Folge der Himmelſtrichs⸗ veränderung ſeyn konnte,„ ſein Weſen war anders ge⸗ worden. Nicht mehr jene ruhige Beſtimmtheit, jenes klare Streben, jener einfache Gleichmuth,— Eigenſchaften, die ihn vor vielen ausgezeichnet hatten. eine trübe Strenge, ein tiefſinniges Brüten lag auf Stirne und Schulter des Mannes, daß die Erſtere ſich faltete, wie im Kummer,— daß die Letztere ſich beugte, wie im Joch. James ſah auf zu dem Himmel, der ein anderer und dennoch derſelbe war, wie der, unter dem er geboren; er ſah auf Häuſer und Fel⸗ der, die ſo ganz verſchieden von dem europäiſchen waren, und doch eben nicht anders als dieſe; und mitten unter die⸗ ſen fremdartigen und doch bekannten Dingen und Gegenſtän⸗ den kam er ſich ſo einſam, ſo fremd, ſo unbekannt vorz.. ſo verlaſſen!— Schon flirrte die Dämmerung, früh ein⸗ brechend, um ihn. Ein ſchlankes Mädchen in der einfachen reizvollen Tracht jenes Landes ſchritt durch den Hof, nach dem Luſthäuschen im Garten, das, ſich an den Johannis⸗ 22 brodbaum und die nachbarlichen Wachspalmen lehnend, aus engen, gegen Fliegenbeſuch ſchützenden Gittern von Rohr er⸗ baut, ein erquickendes Plätzchen in der Kühle gewährte. Der Tiſch wurde darinnen zum Thee bereitet, und James, der lieblichen Geſtalt folgend, die mit einer wohlverwahrten Glaslampe zuletzt nach der Laube ging, überraſchte ſie bei der Vollendung ihres Geſchäfts. „Ach, ſieh doch!“ ſagte er;„meine ſchöne Helferin! Kennſt Du mich noch, mein Kind? Dein Wort gab mir Troſt, als ich rathlos am Wege ſaß!“ „Gottzhilft immer!“ verſetzte das Mädchen, ihn mit kind⸗ licher Ruhe betrachtend. „Durch ſeine Engel!“ fügte James ſeufzend hinzu, und ſetzte bei:„die herrliche Blüthe, die Deine Bruſt ſchmückt, wie nennt man ſie?“ „Die goldne Mondblüthe!“ antwortete das Mädchen, und reichte ſie ihm unbefangen hin:„wollt Ihr ſie Herr?“ James nahm die Blüthe zögernd.„Du gibſt einen ſchö⸗ nen Schmuck weg, mein Kind, der Dich beſſer ziert, als ſelbſt das glänzendgelbe Glaskorallenband um Deinen Hals.“ „Das iſt nicht Glas, Herr!“ verſetzte das Mädchen ernſt⸗ haft und unterrichtend:„das iſt der Balſam, der aus einem Baume fließt, weit, weit von hier, den ich aber nicht zu nennen weiß.“ „Wollteſt Du mir wohl Deinen Namen ſagen? ſiagi James weiter. „Warum nicht, Herr? Ich heiße Ines. So bin ich ge⸗ tauft, und Vater Luis hat mich ſelbſt getauft, damit 3 zum lieben Herrn im Himmel komme.“ „Du Unſchuldige! Wie alt biſt Du, gute Ines?“ 2 „Seit ich hier bin, hat die Algarova zwölfmal geblüht, und im Walde erinnere ich mich, ſie dreimal in der Blume geſehen zu haben.“ „Im Walde, Kind?“ „Ich bin darin geboren, Herr, ein wildes Kind, von Wilden.“ „Ja, wild biſt Du, meine Ines. Wie Du auf dem ſchnaubenden Pferde daherſprengteſt, und an mir vorüber⸗ jagteſt;... mir bangte für Dich.“ Ines lachte.„Seyd ruhig;“ ſagte ſie:„ich halte mich feſt, und das Pferd, das eine Mähne trägt, wirft mich nicht ab. Meine Landsleute ſind für's Pferd geboren.“ „Deine Landsleute?“ „Ja; die Abiponer, Herr! Der Vater ſetzte mich ſtets vorn auf ſeines Thieres Hals, und auch die Mutter ſaß zu Pferde. Ich entſinne mich deſſen noch gar wohl. Vie ich von meinem Volke kam, iſt mir viel dunkler geblieben. Ich ſchlief, Herr. Neben der Mutter ſchlief ich auf der Matte, und es war alles Nacht und dunkel um uns her, als wir uns niederlegten. Es waren viele Leute und viele Pferde⸗ die um uns her im Kreiſe ſtanden, und die Feuer ließ man ausgehen, weil die Sterne ſo herrlich am Himmel glitzer⸗ ten. Das weiß ich noch gar gut; denn nimmer habe ich ſeither einen ſo großen, weitgeſpannten Himmel geſehen, wie dazumal. Wir ſchliefen alſo, und mit einemmale donnerte es, daß ich hell aufwachte. Ich ſah recht vieles um mich her: Feuer und Dampf; Blitze und Reiter. Die Mutter war auch zu Pferde, und ich hing an einem Sacke von Fellen an ihrem Sattel hernieder. Das Pferd rannte fort, und plötzlich... wachte ich wieder auf, und ſah nicht mehr das 24 Pferd, und nicht mehr die Mutter, ſondern ich lag in einem lleinem grünen Walde, wie in einem Korbe, und die feinen Spitzen des Waldes gingen hoch über mir, wie ein lichtes Dach zuſammen. Die Sonne ſchien ſanft und gelb hindurch, und ein leichter Wind bewegte das Dach, daß es ſich ab⸗ wechſelnd aufſchloß, um mir in aller Höhe den blauen Himmel zu zeigen, bald ſich wieder zuthat, mich in die grüne Ein⸗ ſamkeit zu verſenken. Ich ſchrie, trotz meinem Behagen, denn die Mutter fehlte mir. Da raſchelte es ſeitwärts neben mir, und durch die Halmen des Waldes ſtreckte ſich ein neu⸗ gieriger beweglicher Kopf von einem wunderſchönen Thiere, gefleckt, geſtreift, in allen Farben glänzend, und ich wußte damals nicht, daß eine böſe Schlange mich anſah, und ſtreckte ihr ſpielend die Hände entgegen. Der Kopf zitterte, als ob er zaudernd witterte, immer näher, erreichte mich faſt, und fuhr dann plötzlich zurück, mit einem pfeifenden Schrei. Ein großer Schlangenleib warf durch dieſe Bewe⸗ gung eine ſeiner Windungen auf meinen Leib, riß ſich in⸗ deſſen ſchnell und kräftig ins Grüne und verſchwand wie ein Pfeil. Dafür kamen andere Gäſte lärmend und brüllend einhergejagt, wie ein Sturm, und mit einemmale ſah ich über die Spitzen des Waldes ein breites gehörntes Haupt herniederſchauen. Ich glaubte die Heerde des Vaters in der Nähe, und ſchrie ſo laut, als der Stier brüllte, und— nicht lange,— ſo ſtand ein dichter Kreis von ſolchen Thie⸗ ren um mich herum, und glotzte mich hülfloſes Kind an, das ſich an einer Staude emporrichtete, und furchtſam die unbe⸗ weglichen Thiere betrachtete. Da fand mich der Ochſenhirte von Roſario, hob mich auf, und brachte mich dem guten Pater Louis, der mein Vater wurde, weil Gott mir die Eltern geuommen, damit ich ſein eigen Kind werden ſollte. Die arme Mutter muß mich, vielleicht im Schlafe, vom Schvoße verloren haben, denn der grüne Wald, von dem ich redete, war nur das hohe Gras der weiten Savanna, und ich wäre dahin geweſen, ohne Gottes Schutz!“ „Armes Mädchen! Mutterloſe, arme Waiſe!“ „Ich bin nicht arm und nicht unglücklich, Herr! Ich habe ja in Don Luis einen Vater gefunden, und in der Kirche ſteht das Bild meiner himmliſchen Mutter, mit Gold und Seide geputzt. Ich bete zu ihm; ich rede mit ihm, und ſie redet auch mit mir in meinen Träumen, oder wenn ich das Geſicht auf den Boden lege, und mir die Gedanken ausgehen laſſe. Und die heilige Mutter iſt ſo gnädig, ſo liebevoll! Sie hat die arme dumme Ines verſtändig gemacht, ihr Heil zu begreifen; ſie hat mich gekleidet, ſie gibt mir Speiſe! Ach, Herr, ich bin nicht arm! Aber meine Mutter im Walde mags ſeyn, denn ſie hat ihre Tochter nicht mehr, und auch keine im Himmel, mit der ſie reden kann!“ James ſchwieg ergriffen, und die fromme Ines ging weg. Ihre Reden klangen in des Jünglings Ohren nach. Unwill⸗ kührlich verglich er die Indianerin mit Juſtine. Beide ſchön, beide entſchloſſen und thatkräftig; beide die Unſchuld ſelbſt, und dennoch ſo ganz verſchieden!— der feine Tbee ſchmeckte ihm nicht. Das Geſpräch der Jeſuiten, das in lateiniſcher Sprache vor ſich ging, behagte ihm nicht.— Frühzeitig ſuchte er ſeine Matte, frühzeitig verließ er ſie wieder. Die zahlreichen Heerden brükten an der Gaſſe vorüber. Leute mit Ackergerätbhſchaften drängten ſich auf dem Platze. Ein Zeichen mit der Glocke der Kirche, und die Schreitenden hielten an deren Pforte. Sie wurde aufgethan: Lichter 26 brannten: Weihrauch dampfte; der ſilberhaarige Luis be⸗ gann die Meſſe. Anſtand und Würde von ſeiner, Andacht von der Zuhörer Seite, vereinigten ſich, den gewünſchten Zweck hervorzubringen. Die Indianer gingen ſtill befriedigt, an die Arbeiten des Feldes, um unverdroſſen die Stunde zu erwarten, in welcher Gott ſelbſt durch die Hand ihres Vaters ihnen Nahrung ſpenden würde.— James wünſchte dem aus der Kirche tretenden Pfarrer Glück zu der Ruhe und fleißigen Eintracht in ſeiner Kolonie. Louis lächelte und ſagte:„Das findeſt Du in allen unſern Doctrinen, mein Sohn, Friede iſt erſte Bedingung des Glücks, und Friede halten wir.“ „Dieſe Leute beſitzen jedoch nichts;“ wendete der junge Mann ein:„Sie ſind in jedem Stücke abhängig.“ „Zu ihrem Beſten, Freund:“ ſagte Louis lebhaft;„eigenes Beſitzthum war die Quelle der Habſucht, des Neides, des Diebſtahls, des Mordes. Wir kennen dieſe Dinge kaum von Namen; niemals hat ſeit meiner Amtführung einer von den hier angeſiedelten Quaraniern etwas entwendet; niemals endigte ſich ein Streit mit Blut. Dieſe wilden Stämme, durch Ueberredung und Scharfſinn dem Walde, den Bergen und der Flußräuberei entfremdet, müſſen wie unmündige Kinder gehalten werden. Freilich wird einſt die Zeit kommen, die auch hier die Mündigkeit befiehlt; ich er⸗ lebe ſie aber nicht mehr.“ „Ihre Geſundheit, mein Vater, wird noch lange der Zeit trotzen.“ „Die Zeit, mein Sohn, iſt der Tropfen, der den Stein höhlt. Gott ſey Lob indeſſen für die Kraft und den Froh⸗ ſinn, die mich in meine Silberzeit begleitet haben. Weißt 27 Du jedoch, woher das kömmt? ich bin im Gemüthe ruhig geweſen mein Lebelang. Ich habe nie hoch hinaus gewollt, nie von Ehrgeiz und Würden geträumt. Ich wundere mich ſelbſt, daß ich Pfarrer geworden bin; ich meinte, höchſtens zum Vikar tauglich zu ſeyn. Aber der Pater Provinzial zu Cordova meinte es anders, und Gott hat mir mit dem Amte auch leidlichen Verſtand dazu gegeben. So lebe ich denn ruhig und zufrieden hin, ohne Sorge, ohne Plage. Mich kümmert's nicht, was die Herren zu Cordova treiben; ich bin ſeit vierzig Jahren Bauer geworden, und die Bauern um mich her haben gelernt, mich nicht nur Vater zu nennen. In dieſer rohen aber guten Kinder Mitte will ich ſterben, arm und geliebt: das iſt Alles, was ich wünſche. Daher bin ich auch geſund und friſch; friſcher als Euer Pflegevater, der um zwanzig Jahre Lebens jünger iſt, denn ich. Er trägt Gram auf dem Herzen; ich kenne den Kummer nicht; er hat ſein Haus noch nicht beſtellt... ich habe ſeit vierzig Jahren meine Lampe angezündet. Er iſt ein armer Mann, weil er zu Viel weiß, weil er zu Viel zu thun gezwungen geweſen, weil.. doch ich vergeſſe, daß ich zu ſeinem beſten Freunde rede, der Alles dieſes beſſer wiſſen muß, als ein beſchränkter Landgeiſtlicher aus dem Miſſionlande. Bei⸗ läufig nur ſo viel: deine Weigerung, endlich das Kleid zu nehmen, mein guter fremder Sohn, trägt viel zu Pater Taver's Betrübniß bei.“ „Mein Vater“ „Stelle Dich nicht verwundert;“ unterbrach ihn der Pfarrer gutmüthig aber eindringlich:„höre mich an: Du haſt Dich verpfändet; Du mußt Dich löſen; das iſt Eins. Du mußt denjenigen löſen, der aus Menſchenfreundlichkeit Dein Bürge geworden iſt; das iſt das Zweite. Du m endlich der Welt und dem Herrn dienen; das iſt das Dritte, Nothwendigſte. Wären wir in Europa, mitten im Gewebe der großen Spinne, um Mückenjäger in ihrem Solde zu werden,— ſo würde ich die Achſeln zucken, meinen Weg gehen, und mich nicht nach dem umſehen, was Du beginnſt. Aber— hier— in dieſer jungen, friſchen Welt, wo die äußerſten Enden des Gewebes eingreifen, wo ſie leichter, feiner ſind, hier iſt's etwas Anderes. Hier, auf dem Lande, bier können wir nützen. Hier kann die Mannskraft handeln, ein volles frommes Herz glücklich ſeyn. Laßt den Herren zu Aſſumcion und Cordova ihre Ränke und Regierungs⸗ ſorgen! Wendet Eure Bemühungen auf dieſe armen Indianer, und handelt nach dem Willen des ewigen Vaters! O, mein guter Jüngling! wenn ich Dich hier umherführe, und Dir die reinlichen Haushaltungen zeige, in denen man chriſtlich lebt und fleißig iſt; die zufriedenen Familien, die weder das nomadiſche Leben, noch das betäubende Chicagetränk mehr verwüſtet; die Väter, die, ſtatt auf dem Pfülb der Drägheit zu ruhen, und dem Weibe Alles aufzubürden, jetzt die Verſorger der Ihrigen feyn würden, wenn die Geſellſchaft nicht für Alle ſorgte; die Mütter, die nicht mehr ihre un⸗ ſchuldigen Kinder würgen, um wieder der Leidenſchaft zu huldigen, oder ſich eine Plage mehr vom Halſe zu ſchaffen; die Kinder ſelbſt endlich, die in Gottesfurcht und Elternliebe emporwachſen, ein ſanftes friedliches, lernbegieriges Ge⸗ ſchlecht;— Du wirſt unſer Loos glücklich preiſen, und Dich ſchnell demſelben Berufe weihen, und ſchnell das Kleid an⸗ legen, in welchem meine Quaranier mich als ihren Va⸗ ter verehrenz in dem ich mich dann und wann, von der 29 Herrlichkeit meiner Beſtimmung übermannt, für einen Strahl der Gottheit halten möchte, wenn es die einem armen Pfarrer anſtändige Demuth nur zuließe. Sieh um Dich! dieſe Kirche habe ich errichtet, alle dieſe Hütten habe ich erbaut. Es iſt keiner unter 40 Jahren im Dorfe, den ich nicht getauft,— es liegt keiner in unſerer Kirchhoferde, den ich nicht begraben bätte. Wie die Palmen, wie die Tamarinden meines Hofes habe ich ſie Alle, die da leben, jung geſehen! Alles iſt hier mit mir alt geworden, und für das Generalat zu Rom tauſchte ich nicht meine geringe Pfarrei, in der ich Melchiſe⸗ dechs Würde trage, und nicht umſonſt trage, weil mir das Bewußtſeyn ſagt: dein Leben war nicht faul, nicht vergebens!“ James ſah noch horchend und lächelnd in des Greiſes hell leuchtende Augen, als vom Eingange der Miſſion ſich viel Geräuſch hören ließ, und der Alcade mit langen Schritten herbeikam.—„Mein Vater!“ ſagte er zum Pfarrer:„Der Feldhüter bemerkt auf dem Strome ſchwere Kähne aufwärts kommen, mit vielen Leuten bemannt. Befehlt, was geſchehen ſoll. Die Leute könnten räuberiſche Payaqua's oder ſpaniſche Abentheurer ſeyn. Soll ich die Glocken läuten, Waffen austheilen? der Regidor iſt auf den Aeckern, und ich habe nach ihm geſchickt.“ „Das ſind unſere Freunde!“ rief James, und eilte ohne Aufenthalt dem Strome zu. Die müßigen haushütenden Frauen und Greiſe und Kinder, die längs dem Ufer hin wohnten, oder Wäſche hielten, oder in der Sonne lagen⸗ verſammelten ſich am Landungsplatze. Starke Reihen von zahmen Stieren und Pferden zogen die ankommenden Schiffe an tüchtigen Fellriemen und Leinenſtricken gegen die Fluthen, und vierzig Ruder peitſchten im ſchnellſten Takt, den Lauf 30 —— zu verdoppeln den herrlichen Strom. Mehrere rieſenhafte Payaquas, bis zum Gürtel im Waſſer ſtehend, mit brennend roth gefärbten Haaren und breiten Schultern, leiteten die aus dem violetten Holze der Algarova gefertigten klangen Kähne ſorglich an Felsſtücken und Sandhügeln vorbei, dem Landungsplatze zu. Der Anblick dieſer wilden Leute beun⸗ ruhigte die am Ufer ſtehenden Quaranier, doch ein Blick nach den Kähnen ſelbſt beſchwichtigte ihre Furcht. Zwei an⸗ genehme weiße Frauengeſichter ſahen zwiſchen krauſen Neger⸗ köpfen wie Lilien aus der Nacht hervor, und neben ihnen flatterten ſchwarze Mäntel der Geſellſchaft Jeſu; hier will⸗ kommene Boten der Friedlichkeit.— Längs dem Strande zur Miſſion kehrende guaraniſche Jägersleute, die den Tapir in den Sumpfwäldern verfolgt hatten, feuerten mit gellendem Geſchrei, die Väter des Ordens zu empfangen, ihre Gewehre in die Luft ab. Lebhafte Neger antworteten mit den Piſtolen und Vogelflinten, die ſie am Bord hatten. Die Glocke in der Miſſion läutete. Von Feldern und Wieſen ſtrömten alle Bewohner zuſammen. Pater Luis, ſammt Regidor und Alcade und den älteſten Indianern, erwartete am Ufervorſprung die Ausſchiffung der Fremden. Auf den ſtarken Schultern der Payaquas ſchwebten die Damen über die Fluthen; nach ihnen wurden die geiſtlichen Herren herübergeſchafft. Mit ruhiger Demuth empfing der Pfarrer die Vorgeſetzten; mit fröhlichem Jubel James ſeine Begleiterinnen. Juſtine ſah ſich mit glänzenden Augen rund um, und rief:„Ein herr⸗ licher Ort, Monſieur White! wo aber iſt mein Vater? iſt er ſo krank, daß ihn die Nachricht von der Ankunft ſeines Kindes nicht an den Strand zu führen vermag? zu ihm! 31 zu ihm, mein Herr! ich kann nicht eine Viertelſtunde länger leben, ohne ihn zu ſehen!“ James führte ſie, und verſuchte, ſie auf die Nachricht von der Abweſenheit des Senators vorzubereiten. Die lebhafte Jungfrau hörte indeſſen nicht auf ſeine Worte. Vergnügt, und mit ſtrahlendem, Alles umfaſſendem Blick wendete ſie ſich im Gehen nach allen Seiten. Das mannigfache Grün der Cedern, der Palmen und Tamarinden, in welchem die gel⸗ ben Dächer der Colonie lagen,. bildete eine erquickende Ausſicht. Der zarte Raſen des Ufers war ein ſanfter Tep⸗ pich, die Blüthen oder Früchte an Hecken und Geländen ſchmückten den Weg, und neugierig folgten die Weiber und Kinder, die noch nie an ihrem Wohnorte eine Europäerin geſehen, der lieblichen Geſtalt. Juſtine war größer und voller geworden, ausgeprägter ihr Geſicht, ſchöner und feu⸗ riger ihr Auge, entſchloſſener ihre Hältung, ausdrucksvoller ihre Geberde; frei und zierlich ihr Gang, wie der der Lai⸗ nez. Neugierig aber freundlich betrachtete ſie das mitzie⸗ hende Volk, grüßte, lachte mit den Kindern, ſprach mit ihnen, erhielt aber von den Nichtverſtehenden unverſtändliche Worte in den Kauf. Endlich war das Pfarrhaus erreicht, endlich ſtand Juſtine unter der Thüre deſſelben. Ihr Herz ſchlug ängſtlich; ihr Mund öffnete ſich, den Vater zu rufen. Pater Münzner erſchien. Juſtinens Züge verdunkelten ſich.— „Seyn Sie willkommen, geehrteſte Tochter meines Freundes!“ ſagte Münzner, der dieſen Eindruck wohl bemerkte:„ich wünſchte Ihnen im erſten Augenblicke angenehmer zu ſeyn.“ „Das iſt nicht möglich, und auch nicht nöthig;“ entgeg⸗ nete Juſtine ernſthaft und entſchieden:„Ihr Anblick, mein Herr! erinnert mich an zu Viel. Erlauben Sie, daß ich Ihnen hier eine Freundin übergebe, die manches um Ihret⸗ willen gelitten hat, und die ich den Verfolgern entriß, ob⸗ gleich ſie, wie Andere auch, ein falſches Spiel mit mir ge⸗ trieben. Vergelten Sie mir den Dienſt mit der einfachen Anweiſung, wo ich meinen Vater zu ſuchen und zu finden habe.“ Münzner ſchwieg bedeutungsvoll, und James, die ängſt⸗ lich werdende Tochter zu beruhigen, wollte ſtatt des Pflege⸗ vaters das Wort nehmen. Der geräuſchvolle Eintritt des Pfarrers mit ſeinen geiſtlichen Obern, des Volks, das neu⸗ gierig ihnen nachdrängte, unterbrach ihn. Zwei Indianer von den Schützen, die ſo eben wieder heimgekommen waren, machten ſich heftig Platz durch die Menge, und näherten ſich eilfertig dem Pfarrer.„Da! guter Vater Luis!“ ſagten ſie mit betrübter Geberde:„da iſt Alles, was wir von Deinem Gaſtfreunde gefunden haben! In dem Lager eines wilden Jagurate*), den wir erlegten, fanden wir die traurige Beute.“— Pater Luis ſtarrte die Boten ſtaunend an. Münzner er⸗ bleichte heftig, wie auch James. Juſtine ſtieß einen gellen⸗ den Schrei aus, denn— war ihr gleich die Sprache der Jäger fremd und unbekannt,— ſie kannte das Kleid ihres Vaters, das ſie blutig und zerfetzt zu den Füßen des Pfar⸗ rers niederlegten.— Mit rollenden Augen ſchlug das Mädchen die Hände zuſammen, und rief mit dem Tone der entſetzlichſten Furcht:„Was iſt hier geſchehen? was mit mei⸗ nem armen Vater vorgefallen? Wer Mitleid mit mir hat⸗ verhehle mir nichts. Wer Gefühl in der Bruſt trägt, ver⸗ heimliche einer bangenden Tochter nicht das Aergſte!“ *) Tiger. 33— Todtenſtille im Kreiſe. Endlich faßte ſich der Pfarrer, und ſagte zu ihr in gebrochenem Deutſch:„Es iſt beſſer, meine Tochter, daß der ſtarke Chriſt die Zweifelſchlange zertrete, denn die Wahrheit iſt dem Himmel lieb und der Erde angenehm. Ihr Vater iſt ſeit länger denn einer Woche abweſend. Er entfernte ſich ohne unſer Vorwiſſen, um in den unfernen Wäldern den Balſam zu ſuchen, der ſeine kranke Bruſt heilen ſollte. Ein Indianer hat ihn begleitet. Keine Nachricht ſeitdem, bis auf dieſen ſchrecklichen Fund, der uns nur zu deutlich macht, daß der Unglückliche eines wilden Thieres Beute geworden iſt. Faſſen Sie ſich. Gottes Rath iſt unerforſchlich, aber weiſe.“ Juſtine ſank kraftlos in die Arme der Lainez, deren Au⸗ gen ſelbſt heiße Thränen entfielen. Eine erſchütternde Scene folgte. Luis unterhielt ſeine Ordensbrüder von der trauri⸗ gen Geſchichte; James ſtand ſeinem Pflegevater bei, der in trüber Wehmuth verging, und auf das Ergreifendſte immer wiederholte:„Meine Schuld! meine Schuld! meine größeſte Schuld!“ Juſtinens Schmerz wurde brennend wie die Wunde an ihrem ſehnenden, zerriſſenen Herzen. Sie ſtieß die Lai⸗ nez von ſich, den tröſtenden James, den Doctor, der ſeine Leiden mit den ihrigen vereinigen wollte.—„WVeg!“ rief ſie außer ſich:„Ihr Alle weicht von mir! denn Ihr habt unſer Aller Elend verſchuldet! Ihr habt meines Vaters Glück, ſeine Ehre, ſein Leben gemordet! Was ſoll mir Eure Theilnahme!— Weg auch Du!“ fuhr ſie zürnend und wei⸗ nend fort, indem ſie den ehrwürdigen Luis, der ſich ihr nä⸗ herte, zurückwies:„Du trägſt das Kleid dieſer Mörder, die⸗ ſer Diebe an Gut, Leben und Ehre! Weg! Deine weißen wie Deine fromme Stirne! Gebt mir meinen 3 34 Vater zurück! Ich habe tauſend Meilen gemacht, um Ver⸗ vannung und Unglück mit ihm zu theilen, und finde ihn im Rachen eines Ungeheners wieder! Und dieſes Ungeheuer iſt gnädiger als Ihr, denn es hat ihn ſchnell hinweggerafft⸗ während Ihr ihn langſam hingerichtet habt! Kann ich denn meinen Erinnerungen ſo wenig entfliehen, als dieſer qual⸗ vollen Gegenwart?“— Sie drängte mit erneuter Kraft die Lainez von ſich; ihr Ayge fiel auf Iues⸗ die ängſtlich, aber freundlich zu der Fremden flehend, vor ihr auf den Knieen lag, ihre Hände drückte, ihr tauſend ſchöne Worte ſagte, und die kühlende beruhigende Frucht der Onembe bot; dem Gaumen der Er⸗ hitzten ein willkommenes Labſal. Die kindlichen reinen Züge der Indianerin ſtimmten Juſtinens Bewegung in ſanftere Wehmuth um; die Leidende geſtattete es, daß einige Tropfen des kühlenden Saftes ihre Lippen benetzten, ſie litt die Lieb⸗ koſungen der Indianerin; ſie drückte dieſelbe an ihre Bruſt. „Ja!“ rief ſie ſchmerzlich:„Du, fremdes Geſchöpf, Du biſt hier meine einzige Verwandte! Jene, die meines Welttheils Farbe und Sitten haben, ſind meine geſchworenſten Feinde! Sie haben meinen Vater in den Staub getreten, ſie werden mich nicht verſchonen! Sie haben ihn getödtet, ſie werden auch mich vergiften. Nur von Deinen Händen will ich meine Speiſe nehmen! Nur Du, mein Kind, meine Schweſter, nur Du ſollſt bei mir ſeyn, bis mich mein Gott wieder aus dieſem Mörderlande führt!“— „Beruhigen Sie ſich!“ ſagte der Rector von Aſſumcion, ein Franzoſe van Geburt, ſchmeichelnd und ſüß wie Honig: „die arme Wilde hier verſteht nicht, was Sie ihr ſagen. Ihr Widerwille gegen unſern Troſt iſt dagegen unbegreiflich. 35 Verwünſchen Sie nicht uns, nicht dieſes Land, das Canaan für Sie genannt werden mag. Gott hat Ihnen viel genom⸗ men, allein, wie er es gegeben, kann er es auch wieder ent⸗ ziehen. Ihr Vater iſt in ſeinem Schooße, denn er iſt in ſeiner wahren Kirche Grundſätzen geſtorben. Sie haben noch den Schritt in dieſe Kirche zu thun, und je ſchneller Sie ihn machen, je ſchneller wird der göttliche Troſt bei Ihnen ein⸗ kehren.“ „Monſieur!“ rief Juſtine empört, und maß ihn mit zor⸗ nigen Blicken. Der Rector ließ ſich von dem Tone der Höf⸗ lichkeit dadurch nicht abbringen.„Wie gut wäre es gewe⸗ ſen,“ ſagte er,„wenn Ihr würdiger Vater im Stande geweſen wäre, ſelbſt, in eigener Perſon, ſeine Tochter dem Gotte darzubringen, deſſen Gnade die letzten Jahre ſeines Lebens verherrlicht hat. Aber— in ſeiner Ermanglung— liegt mir, dem Vollſtrecker des Teſtaments, das er vor ſeiner Ab⸗ reiſe von Aſſumcion in meine Hände legte, ob, ſeine Pflich⸗ ten gegen Sie und die Kirche zu erfüllen. Ein günſtiges Zuſammentreffen wird Sie ſchreller an's Ziel bringen. Pater Joſe Aculcho, einer der würdigen Conſultadoren des hoch⸗ würdigen Provincials zu Cordova, der hier ſteht, wird Sie unter ſeinem Schutze nach Cordova bringen, ſobald unſere Umreiſe durch die ihm zugetheilten Doctrinen beendigt wurde. Im Kloſter der Carmeliterinnen werden Sie Unterricht, theilnehmende Herzen und eine ewige ſorgenloſe Exiſtenz finden, übereinſtimmend mit den Bedürfniſſen Ihrer Lage⸗ und dem letzten Willen Ihres ſeligen Vaters!“— „Mein Gott!l⸗ rief Juſtine, die nun erſt begriſſ, wo Alles pinaus wollte:;„was ſagen Sie? Sie getrauten ſich, mich⸗ ein freies Mädchen, das Ihnen nicht in Lehre, nicht in 3* Pflichten unterworfen iſt, mit Zwang zu einem Daſeyn zu führen, das ich verabſcheue?“ „Ihr Vermögen, Ihres Vaters Erbe, liegt in unſern Händen, unbeſchadet der Anſprüche, die wir noch dereinſt auf Ihr europäiſches Gut zu machen haben dürften;“ lautete die trockene Antwort des Rectors. Juſtine blickte fragend und durchbohrend den Doctor Münzner an. Dieſer nickte mit dem Haupte und ſagte nie⸗ dergeſchlagen:„So iſt's, beſte Jungfer. Ihr Vater verlobte der heiligen Geſellſchaft ſchriftlich ſein Vermögen; Sie der katholiſchen Kirche und einem beſchauenden Kloſterleben!“— „O der Tücke, die ihn dazu gebracht!“ verſetzte Juſtine äußerſt heftig:„Geldhunger war die Triebfeder Eurer Hand⸗ lungen? So nehmt es denn hin, das elende Geld! Wo meines Vaters Leiche blieb, bleibe auch ſeine vergaͤngliche Habe! Laſſen Sie mich nur wieder von dannen ziehen um dieſen Preis! Ich will nicht klagen, will nicht murren, will mein Brod vor den Thüren betteln! Nur hinaus aus die⸗ ſem Lande, worinnen mich nicht einmal das Grab meines Vaters zurückhält! Hier ſind noch einige Diamanten! Sie ſollen von Werth ſeyn! Nehmen Sie dieſe letzten Ueberreſte einer Wohlhabenheit hin, die Ihre Brüder vernichteten. Laſſen Sie mich jedoch zur Stunde fort! Hier lebt nicht mein Vater! nicht mein Glauben! Ich ſterbe unter dieſen Menſchen!“ „Arme!“ ſprach Münzner trübe vor ſich hin;„aus des Löwen Höhle führen keine Fußtapfen.“ Der Reector lächelte über die Aufregung Juſtinens, und ſprach mit dem Conſultador ſpaniſch. Dieſer winkte mit der Gravität des Vorgeſetzten dem Pfarrer, und ſagte ihm; 37 „Sie ſtehen mir dafür, daß die Perſon ſich kein Leid anthut, und daß ich ſie bei meiner Rückkehr wieder finde.“ Juſtine, von Thränen übermannt, und das Geſicht in ihre Hände verbergend, beachtete nichts um ſich her. Die Lainez und die Indianerin ſprachen zu ihr, wie zu einer Bildſäule. Münzner ging händeringend im Hintergrunde des Gemachs auf und nieder. James ſtarrte düſter vor ſich hin, und der Pfarrer entfernte das Volk, bis auf die Obern der Colonie. Dann ſagte er beſcheiden aber feſt zu dem Conſultador: „Mein Vater! ich erinnere Sie, daß mein Pfarrhaus kein Gefängniß iſt. Noch viel weniger ſcheint mir die Jung⸗ frau eine Verbrecherin.“ „Sie gehorchen!“ war die kurze drohende Antwort:„ich nehme Alles bei dem Provinzial auf mich.“— „Bedenken Sie!“ ſagte Luis:„wenn der Generalkapitän erfährt.... „Was da?“ braußten Conſultador und Rector auf: „Hier iſt der heilige Ignacio Generalkapitän. Wo wären wir der Excellenz zu Buenos⸗Ayres unterworfen? Haben wir nicht unſere Verträge, unſere Rechte? Wo die Geſell⸗ ſchaft befiehlt und den Tribut bezahlt, muß Monarch und Statthalter ſchweigen.“ „Das nimmt kein gutes Ende!“ ſagte Luis:„ich pro⸗ teſtire.“ „Mademviſelle Müſſinger iſt eine Fremde!“ ſprach James, der nur mühſam bisher an ſich gehalten:„wie wollen Sie, meine Väter, verantworten, was Sie thun?“ „Wer ſpricht hier?“ fragte der Rector drohend entgegen: „Mademoiſelle iſt durch den Tod ihres Vaters meine Mündel.“ 38 „Sie wollen die erſchlichene Gewalt mißbrauchen!“ rief James erhitzt. „Mein Sohn, bedenke wo Du biſt!“ miſchte ſich Münzner veſorgt ein:„und Sie, meine Väter und Obern, vergeben Sie dem unbeſonnenen jungen Manne, der ein ſchnelles Ur⸗ theil ſpricht.“ „Das ſoll ihm übel bekommen!“ ſagte der Rector auf⸗ gebracht:„Des Provincials Nachrichten aus Deutſchland reden von dem widerſpenſtigen Engländer, der ſeine Pflicht umgehen möchte. Das Provinzialat wird ihm hier ſein Urtheil ſprechen.“ „Unglücklicher!“ ſeufzte Münzner, James Hand faſſend: „ſiehſt Du? meine Ahnung!“ „Mein Urtheil!“ fuhr James auf:„Was habe ich Ihnen, was dem Orden gethan?“ „Du haſt viel gekoſtet, und unſere Erwartungen betrügen wollen;“ antwortete der Conſultador mit harter Stimme: „Du haſt ſchwere Buße verwirkt, und nur Nachgiebigkeit kann Dir einen würdigern Platz in unſern Häuſern er⸗ werben.“ „Nimmermehr!“ entgegnete James:„Dieſes unſchuldige Lamm ſoll geopfert werden, und ich nicht minder? Machen Sie mich zu Ihrem Selaven, aber nicht zu Ihrem Bruder ⸗ „Welche freche Sprache?“ polterte der Rector. „Sie ſoll ihm vergehen;“ der Conſultador:„die Buß⸗ kammer zu Cordova ſoll ihn zahmer machen. Für's Erfte, Burſche, verläſſeſt Du dieſe Doctrina nicht. Wie für die Sennora, haften mir Pfarrer und Regidor für Dich.“ James knirſchte. Münzner trat beſänftigend vor ihn, und ſagte zu dem unwilligen Herrn von Cordova:„Schonen 39 Sie ihn um ſeines Jähzorns willen! Es wird ſich Alles legen. Ich bürge, daß Sie ihn ruhiger hier wieder finden.“ „Wer bürgt uns denn für Sie, Pater Faver?“ fragte der Conſultador höhniſch:„Ihr Schickſal habe ich in der Taſche. Ihr Provincial reklamirt Sie. Sie werden unge⸗ ſäumt nach Europa zurückkehren, um ſich vor ihm über den Ausſchlag Ihrer letzten Miſſion daſelbſt zu verantworten. Sie ſind wichtiger Punkte angeklagt.“ Münzner ſtand wie niedergedonnert; dann hob er die Angen gen Himmel und ſagte:„Wie Du willſt, Herr!— Aber Dich zurüchlaſſen, hier zurücklaſſen, mein James?“ ſetzte er bei. „Deſto beſſer!“ ſprach der Rector bitter:„Euer Beiſpiel, Ihr Deutſche, verdirbt jeden guten Keim. Ihr bildet Rai⸗ ſonneurs, Grübler, und Grübelei führt zur Blasphemie.“ James wollte ſich voll Wuth von dem Doctor losreißen, der ihn begütigend feſt hielt.—„Sie werden Dich noch pinden laſſen!“ ſagte er auf Deutſch zu dem Jüngling, und imn ſelbigen Augenblick befahl der Conſultador dem Alcal⸗ den, Regerketten herbeizubringen, und ſie dem Jüngling an⸗ zulegen. Pater Luis trat ſchnell vor, und entgegnete mit edlem Feuer:„Meine Obern vergeben! Dieſe Dinge find aber unbekannt in meiner Miſſion. Wir haben nicht Ketten⸗ nicht Peitſchen; nicht einen Strick, um einen Menſchen damit zu binden. Dieſe armen jungen Leute ſind meine Gäſte. Die Gaſtfreundſchaft duldet keine Mißhandlung.“ „Gehorſam!“ rief der Conſultador. „Euer Hochwürden vergeben;“ ſagte der edle Greis wie oben:„ich bin ſiebzig Jahre alt geworden, ohne etwas Schlechtes zu thun. Ich will nicht erſt jetzt anfangen, ſelbſt 140 wenn Don Philipp, unſer allergnädigſter Herr, es ſo zu haben begehrte. Wir ſind hier auf dem Lande, unter harm⸗ loſen Menſchen. Hier iſt's uns auch in der Ordenskleidung vergönnt, ein Menſch zu ſeyn. Ich bin der Vater meiner Untergebenen; der Freund der Fremden; nicht ihr Stock⸗ meiſter. Verlangen Sie das nicht, meine Obern.“ „Schwachkopf!“— ſagte der Rector verächtlich vor ſich hin. Der Conſultador drohte dem Pfarrer ernſthaft mit dem Finger:„Sie machen ſich eine böſe Note, lieber Mannz“ ſprach er:„Ohnehin hat Ihr Vikar, der nach Cordova zu⸗ rückkam, Ihrer nicht zum Beſten gedacht.“ „Weil ich ihn fortſchickte;“ war Luis Antwort:„weil er in Kirche und Haus, bei Männern und Frauen Alles das that, was unſer Heiland nicht gethan hat. Der ehrwürdige Pater Provincial wird aber auch mich hören, und nicht allein den tückiſchen Andaluſier. So alt ich bin, ſcheue ich noch nicht, dem Recht zu Liebe, den weiten Weg nach Cordova.“⸗ „Ihr werdet ruhig hier verbleiben!“ erwiederte ihm mit imponirendem Tone der Conſultador:„Die Disciplinargeſetze unſerer Geſellſchaft ſind Euch ſeit einem halben Jahrhunderte bekannt, und ſomit kein Wort weiter.“— „Ich bin kein Rebell;“ antwortete der verblüffte Pfarrer: „aber, was Sie verlangen, iſt nicht meines Amts.“ „Sie kommandiren Ihre Milizen als Oberſt;“ lachte der Conſultador:„ſie verſtehen es aber nicht, einen Menſchen zur Haft bringen zu laſſen! Sennor Corregidor! Sorgt Ihr, daß dieſes Mädchen ſowohl, als der junge Menſch getrennt in ein ſicher verwahrtes Haus gebracht werden, bis zu meiner Rückkehr.“ . 41 „Ruhig! Du machſt Dich unglücklich, und mich noch elen⸗ der, als ich bin!“ ſprach Münzner begütigend zu dem auf⸗ lodernden James, der mit den Worten:„auch Sie mein Vater?“ die Hände ſinken, Alles mit ſich beginnen ließ. Regidor und Alkade verſuchten, den Befehlen des ſtrengen Aculcho einige Milderung abzugewinnen, aber er faßte ihre ſchwächſte Seite, indem er ſagte:„Ihr ſeyd excommunicirt⸗ wenn Ihr länger widerſtrebt! Der junge Mann iſt ein un⸗ ſerem Hauſe Entſprungener, das Mädchen eine Ketzerin. Beide gehören vor unſer Gericht, und der Generalkapitän zu Buenos⸗Ayres mit all' ſeinen Schergen hat ihr Schickſal nicht zu ſchlichten.“ Das Wort:„Ketzerin“ machte die guten Leute, die um Juſtine beſchäftigt waren, zurücktreten. Auch Ines entfernte ſich, ſchüchtern ein Kreuz ſchlagend. James lachte bitter, und folgte finſter ſchweigend dem Alcaden, der ihn fortführte. Der Regidor bedeutete Juſtinen, ihm ohne Widerrede zu folgen. Durch den Schleier ihrer Thränen emporſehend, fragte ſie erſchöpft:„wohin führt Ihr mich?“— Da aber der Regidor ihr nicht antworten konnte, und keiner derjenigen, die ihre Frage verſtanden, antworten wollte, ſo folgte ſie ihrem Führer wie ein Lamm mit den Worten:„gleichviel, wohin es geht. Nur aus dem Bereiche dieſer Menſchen, deren Blicke mich vergiften!“— „Sie, Pater Laver,“ ſprach der Conſultador,„geben mir Ihr Prieſterwort, ſich nur, um nach Cordova und von dannen nach Europa zu gehen, aus der Doctrine zu entfernen, und Ihrem Zögling auf keinerlei Weiſe zum Entweichen behülflich ſeyn zu wollen!“— 42 Nach einigem Bedenken gab Münzner das Wort.„Das Erſte mit Freuden;“ ſagte er:„ich hoffe, in einigen Tagen bereit zu ſehn, mit dem erſten Waarenkahn abzureiſen. Das Zweite verſpreche ich mit Leid; aber überzeugt, daß meine Hülfe meinen guten Sohn nur in größeres Unheil ftürzen würde. Wenn übrigens die Bitte eines Mitbruders für Sie von einigem Gewicht wäre, ſo erſuchte ich Sie, die Tochter des verunglückten Müſſinger gnädig und milde zu behandeln. Wir yaben viel an ihrem Vater und ihr verſchuldet, meine Väter, was erſt in der Folge klar werden dürfte. Mich, der ich das arme Werkzeug ſeyn mußte, bald mit wohl⸗ wollendem, bald mit blutendem Herzen, mich ereilt letzt das Schickſal; denn mein Loos in Europa wird ein har⸗ tes ſeyn. Erſchweren Sie es nicht, meine Freunde in Chriſto, durch die Leiden der unglücklichen Juſtine!“ Die fremden Jeſuiten ſprachen hierauf kein Wort, und nannten den Fortgehenden verächtlich einen Träumer, deſſen Zukunft hart, aber nicht ungerecht ſeyn könne. Zugleich wurde die Lainez, von deren bisherigem Wirken man, durch die, faſt gleichzeitig mit ihr angekommenen Berichte, genau unterrichtet ſchien, aufgefordert, bei Juſtine ihr Heil zu ver⸗ ſuchen, und nichts zu verſäumen, um dieſe auf den Weg des Heils zu führen.— „Zu lange, wie wir vernehmen, arbeitet Ihr ſchon an dieſem Geſchäft,“ ſagte der Rector geringſchätzend:„ich möchte Euch rathen, das Brod der Geſellſchaft nicht als eine unnütze Arbeiterin zu verzehren. Im Gegentheile, wenn's Euch ge⸗ lingt, die Widerſpenſtige, ehe der Pater Conſultador wieder kommt, zu bekehren, ſollt Ihr nach Verdienſt belohnt werden. Die gottesfürchtige Frau von Guébriant, die ſich vor den 33 Gräueln der Regentſchaft nach St. Fé flüchtete, bedarf einer Kammerfrau und Vorleſerin, und dieſer einträgliche Poſten ſoll Euch durch mein Fürwort nicht entgehen.“ Die Lainez, in ihrer Eitelkeit beleidigt, rümpfte, ebenfalks geringſchätzend, die Naſe, und antwortete:„ich danke Ihnen für den guten Willen, meine Väter; bin aber zu ſchwach, ihn zu verdienen. An dem Mädchen iſt nicht das Mindeſte zu ändern. Sie iſt von einem Eigenſinn, der Ihnen zu ſchaffen machen wird, und, da es nun einmal ſo iſt, moͤchte ich rathen, ſie lieber zu laſſen, wie ſie bisher war. Mein Streben iſt, was ſie betrifft, geendigt, und ich will die Freund⸗ ſchaft, die ſie mir erzeigt, mit der ſie mich gefeſſelt hat, nicht mit Leiden vergelten. Madame Gueébriant wird eine andere Kammerfrau finden, und mich in Frieden nach Frankreich zu⸗ rücktehren laſſen, wo die Hitze nicht ſo unausſtehlich, die Sprache angenehmer, und die Tracht weit anſtändiger iſt.“— „Das müßtet Ihr allerdings;“ verſetzte der Rector hoch⸗ müthig.„Wir gedenken nicht, unnütze Leute von zweifelhaf⸗ tem Charakter in den Colonien zu füttern. Ihr werdet mit dem Deutſchen Taver abreiſen, ein würdiges Paar träger Diener. Hebt Euch jetzo weg! Für eine gute Note wollen wir Sorge tragen!“ Die Lainez ging mit dieſem Beſcheid.„Hätte ich Ver⸗ mögen,“ ſagte ſie mit Bitterkeit zu dem Pater Münzner, dem ſie Alles erzählte,„ſo würden mich die geſcheuten Fi⸗ nanziers ſchon freundlich gebeten haben, da zu bleiben. Pfui der Schande! ich eine Magd der alten unerträglichen Frau von Guebriant? Um ſolchen Preis ſollte ich meine ſchönſten Jahre einem Bemühen hingegeben haben, das täglich meinen Charakter und meine Exiſtenz gefährdete? Aber nur Geduld, 44 mein würdiger Vater! Man mißhandelt auch Sie. Laſſen Sie unſere Kräfte vereint wirken. Mein Provincial wird unſere Berichte getreulich nach Rom befördern. Die Men⸗ ſchen hier am Ende der Velt ſollen erfahren, was es heißt, einer Frau von Stande unwürdig zu begegnen.“ „Madame Lainez,“ antwortete der Doctor ruhig:„Laßt uns nicht Steine auf Andere werfen. Wir haben genug mit uns ſelbſt zu thun. Wenn doch Ihr Geiſt ebenfalls die Er⸗ ſchütterung empfände, die der Meinige ſeit meiner Anweſen⸗ heit in dieſem Lande empfindet! ich gehe nach Europa zurück, um elend zu werden,— aber ich habe es nur zu ſehr verdient.“— Die Lainez entfernte ſich achſelzuckend, weil der Pfarrer eintrat. „Nach Europa zurück?“ ſagte dieſer vertraulich, nachdem er an Thüre und Fenſtern gehorcht hatte:„das wird Ihr Ernſt nicht ſeyn, Pater Laver. Sie rennen in Ihr Unglück. Unſere Brüder in der alten Welt ſind Leute, wie die in der neuen; argliſtig, neugierig, unverſöhnlich. Sie haben— vielleicht unverſchuldet— das Anſehen der Geſellſchaft Preis gegeben, weil unter Ihrer Amtsführung jene Gemeinde, der Sie vorſtanden, verrathen wurde; das vergibt man Ihnen nicht. Der Superior hat Ihre Abweſenheit benützt, ſich rein zu brennen. Das Ungewitter bricht nun gegen Sie allein, ſpäter, aber ſchrecklicher los. Opfern Sie ſich nicht ohne Noth einem wilden Partheihaſſe, der vielleicht Ihr rüſtiges Leben zwiſchen vier Mauern begräbt.“ „Eine Strafe meiner Sünden;“ erwiederte Münzner ſchwermüthig:„dann— meine Pflicht. Gehorſam hieß mein Gelübde. Die Obern rufen, ich folge.“ Luis ſchob ſein 45 Käppchen ungeduldig hin und her.—„Die Geſellſchaft,“ ſagte er ſchnell,—„iſt im Begriff, von einigen Gliedern derſelben durch eine Ungerechtigkeit geſchändet zu werden. Ich erfülle meine Pflicht gegen ihr Wohl auf beſſere Art, wenn ich dieſer Schande vorbaue. Ich bin ein alter, verbauerter Pfarrer, mein Bruder, aber eben weil ich alt bin, kann auch der liebe Gott rufen, wann er will, und ich will rein vor ihn treten. Ihr armer Pflegeſohn, Ihres Freundes ärmere Tochter, ſollen dem ſchmutzigen Eigennutze des Quinquevirats zu Cordova nicht geopfert werden. Sie nicht den Mißgriffen Ihres Superiors. Laſſen Sie die Väter abreiſen. Meine Worte haben bei dem Regidor und dem Alcade, die ich er⸗ zogen, die ich aus der Gemeinde gewählt habe, Gewicht und Einfluß. Ein Wink von mir, und ſie laſſen die wider⸗ rechtlich Verhafteten frei. Ich befördere dann ihre Flucht.“ „Sie, edler Mann, wollten ſich der Rache der Obern blosſtellen 2“ „In meiner entlegenen Doctrine, an den Gränzen des Gebiets barbariſcher Völkerſchaften, achte ich ihrer Drohungen für meine Perſon nicht. Sie ſollen mich nicht wegführen aus dem Lande, wo ich wirkte, wo ich den Tag der Aufer⸗ ſtehung erwarten will.“ „Geſetzt, Sie retten meinen Zögling und das arme Mädchen, deſſen Schickſal auf meiner Seele brennt... was ſoll aus ihnen werden? werden ſie nicht, mitten in einem unermeßlichen Lande, aller Hülfsmittel beraubt, den⸗ noch wieder in die Hände der Feinde fallen, oder elend zu Grunde gehen?“ „Hören Sie mich an. Die Berge, die wir von hier aus ſehen, verketten ſich mit den Alpgebirgen Braſiliens. Dieſe 46 — Höhen, dem Namen nach dem Scepter Portugals unterworfen⸗ ſind ihrem Beherrſcher beinahe völlig unbekannt geblieben. Einzelne Wachtpoſten, die man ſo weit herausrückte, ſind kaum vermögend, gegen die Schaaren unabhängiger Einge⸗ borner ihre Exiſtenz zu behaupten. Thäler und Berge von erſtaunlichem Umfange haben noch nie einen Portugieſen geſehen. In einem dieſer Thäler, umringt von Urwaldungen und von gähen Abſtürzen, verſteckt wie das Paradies, das noch kein Weltumſegler wieder aufgefunden, lebt, jung und träftig, ein kleiner Staat, der unſern Flüchtlingen und Ihnen vor der Hand völlige Sicherheit gewähren würde. Unſre Obern, wie die Regierungen von Spanien und Portugal⸗ halten, trotz ihrem Scharfſinn und ihren Nachforſchungen, das Daſeyn dieſes kleinen Staats für eine Fabel, für eine müßige Volksſage. Dennoch exiſtirt dieſe Pflanzſchule eines reinen Chriſtenthums, und die Republik:„der gute Jeſus in den Vildniſſen“ iſt kein Mährchen einer träumeriſchen Amme. Ein Vetter meines Hauſes, der' in dem Regimente Arragon Kapitän geweſen, der in der Folge, über Zurück⸗ ſetzungen verdrießlich geworden, zu Cordova das Kleid des heiligen Franziskus genommen, mußte, um eines ſchweren Handels willen, den er mit unſrer Geſellſchaft hatte, flüchtig werden, und zog ſich in jene Wildniſſe zurück, wo er eine aufblühende Gemeinde fand, an deren Spitze er jetzo als Vater, als Prieſter, als Feldherr und König ſteht. Es iſt beinahe ein Jahrzehend verfloſſen, ſeit ich die letzte Kunde von ihm empfieng, aber dar rieſenhafte Kömperbau des Mannes verbürgt mir die Dauer ſeines Leben?. Ich ſende Euch, meine Freunde, an ihn. Er hat mich einſt wie ſeinen Vater geliebt, und wird mir ein freundliches Andenken 47 bewahrt haben. Dem Genügſamen wird eine Wildniß bequem, und die Gelegenheit nicht fehlen, Euch in den Norden unſeres Continents zu ſchaffen, wo Englands Zepter ſchützt, und Penn's Colonie jeden Glaubens-Bruder willig aufnimmt. Oder in Portugals Cabinet reifen günſtigere Anſichten für die Freiheit der Confeſſionen, zugleich mit gehäſſigern gegen unſere Geſellſchaft, deren wachſende Macht bald den Neid der bis jetzo glücklich geblendeten Regenten beunruhigen dürfte. Auf jeden Fall: weit von Jupiter ſeyn, ſchützt vor dem Blitze! Beherzigen Sie das, mein Freund. Der Indianer, der vor zehen Jahren, nach dem guten Jeſus in den Wild⸗ niſſen verſchlagen, mir davon Meldung zurückgebracht, lebt noch, und ſein Gedächtniß wie ſeine Sinne ſind rüſtig und friſch. Geprüfte Leute in nicht geringer Anzahl ſollen Euch geleiten, und Euch zum Frieden führen, den man in dieſer ſturmbewegten Welt und Zeit nur in der Einſamkeit der Troglodyten finden mag.“ „Mann! ich ſtaune vor den kühnen Schöpfungen Ihres jugendlichen Geiſtes! was Sie ſagen, gleicht einem pvetiſchen Traume!“ „Sind denn dieſe Landſchaften nicht Gebilde der kräftigſten Poeſie? noch ſträubt ſich ihre Ueppigkeit gegen die Ketten unſers Verſtandes; noch iſt dieſer Boden friſch. Europa iſt ein ausgebrannter Vulkan; hier ſprudelt noch Urkraft, und auf dem ungewöhnlichen Schauplatze kann noch Ungewöhn⸗ liches gedacht und gethan werden. Gedenken Sie meines Vorſchlags. Ich will jetzt an meine Kinder die Lebensmittel austheilen, die ſie heute verdient haben, und die Kähne unſrer Herren mit Vorräthen verſorgen, daß ſie Morgen ungehindert nach der nächſten Doctrine abreiſen können.“ 48 Münzner überlegte lange und ſchwer. Er ſeufzte ängſt⸗ lich auf:„warum kam mir die Erkenntniß nicht früher? warum erſt jetzt plötzlich nach dem Verſchwinden, nach dem Tode des Senators? welche Zukunft von Leiden? und dennoch, wie ſo heiter gegen die Vergangenheit! fünfzig Jahre, die ich in ſtolz ruhigem Scheinbewußtſeyn verlebte, weiſen mir nun ihr nacktes trauriges Gerippe. Keine Blüthe in irgend einer Furche, worein ich ein gutes Saatkorn zu legen glaubte! elend war meine Saat! O ſo vollende ſie ſich denn an mir, dem Schoͤpfer ſo vielen Unglücks! O ſo geißle mich die Pflicht, in deren Dienſte ich Herrliches zu vollbringen glaubte, indem ich nur Böſes ſchuf. Losgeriſſen von der Welt, will ich mich hier zur Sühne geben, damit jenſeits mein Loos milder werde! die Geſetze meines Standes haben mir die Ruhe genommen, ſo mögen ſie auch meine Tage hinnehmen. James, der junge in's Leben tretende Mann, gehe hin in Gottes Namen. Vielleicht bringt ihm die Wüſte Gewinnz vielleicht ſegnet in der Wüſte der Himmel ſeine Liebe! ich will keinen Theil an ſeinem Schickſal haben, damit ihm nicht einſt geſchehe, wie mir. Ich gehe aber, wohin mich Beruf und Gehorſam ruft: zur ungerechten— ach! zur gerechteſten Buße!“ Ines trat zu dem Bekümmerten, zu dem Entſchloſſenen. Sie brachte Erfriſchungen, und ſah traurig aus. Münzner fragte nach der Urſache ihrer Niedergeſchlagen⸗ heit.— „Euer Sohn dauert mich;“ ſagte das Mädchen unbefan⸗ gen:„und mit der jungen Sennora habe ich viel NWitleid. Warum ſperrt man ſie ein? Euer Sohn brütet ſtille vor ſich hin. Die Sennora weint, zürnt, und denkt mit finſtern 49 Augen nach. Mit Euerm Sohne könnte ich reden, aber das geht nicht wohl an. Die Sennora verſtehe ich nicht. Wenn ich jedoch zu ihren Füßen ſitze und ſie wehmüthig anſchaue, ſo iſt's als ob ſie wüßte, was in mir vorgeht, denn ſie um⸗ armt mich dann, und herzt mich, als ob ſie meine Schweſter wäre. Sie iſt ſo gut, und muß, wenn ſie auch eine Ketze⸗ rin iſt, in den Himmel zum Vater kommen; nicht wahr, Don Faver? Pater Luis hat mir verſprochen, daß ich auch meine Mutter im Himmel finden ſollte, ob ſie gleich nicht getauft ſey. Die Sennora wird ja auch darinnen nicht fehlen.“ Das plaudernde Kind wartete vergebens auf eine Ant⸗ wort. Münzner ſah düſter mit übergeſchlagenen Armen vor ſich hin. Ines blickte verlegen nach dem Fenſter. „Soll ich das Gitter ſchließen, Vater KLaver?“ fragte ſie ſchüchtern;„der Abend kommt, die Fliegen finden ſich ein, und— ſeht doch, wie es plötzlich dunkelt. wie es Nacht wird Sie lief zum Fenſter, ſah zum Himmel, und ſchlug mit einem Schrei die Flügel zu.„Ach! bei unſrer lieben Frau vom Roſenkranze,“ rief ſie erſchrocken:„ſeht doch, mein Vater, welche ungeheure Menge von Aorkani*) durch die Luft zieht, und ſie verfinſtert! der Zug macht ein ſchwarzes Dach über die ganze Miſſion! Ach, wie das ſchauerlich durch die Wol⸗ ken fliegt! das bedeutet ein Unglück, ein ſchweres Unglück, mein Vater!“ „Aberglaube!“ ſagte Münzner verdrüßlich. *) Heuſchrecken.(Abiponiſche Mundart.) 1III. 3. 4 50 „Mit Eurer Erlaubniß,“ verſetzte Ines:„es hat ſeine Richtigkeit, was ich ſage, nur glauben es unſere Leute hier nicht, weil ſie vom quaraniſchen Volke find, und ich ein Abiponerkind bin. Sie lachen der Heuſchrecken, wir fürchten ſie aber, und immer iſt etwas Schweres geſchehen, wo dieſe Unholde vorüberzogen. Wenn nur uns die heilige Jungfrau gnädig bewahrt. Ich bringe ihr alle Sonntage einen friſchen Strauß im Namen der Gemeinde. Die fremden, ſchwarzen Herren mögen ſehen, wie ſie fertig werden.“ „Ei!“ ſagte Münzner verweiſend:„Ines, iſt das Chriſten⸗ liebe?“ Ines ſchämte ſich. Sie entgegnete ſchüchtern:„Ihr habt Recht, Vater Kaver. Ich habe gefehlt. Sagt es dem Vater Luis nicht. Er wird es ſchon in der Beichte hören. Aber mir kömmt immer vor, die beiden Herren von Cordova ſeyen nur in Euer ehrwürdiges Kleid verkleidet. Vater Luis und Ihr,— ihr ſeyd ganz anders, und ich möchte lieber Zeit Lebens bei Euch allein bleiben, als nur eine Stunde lang bei dem hagern Herrn von Aſumcion, der mich immer ſo ſeltſam anſieht, wie der ehemalige Vikar, oder beſſer: wie die Schlange in der Savanne.“ Die Glocke der Kirche läutete. Ines mußte zur Theever⸗ theilung. Dieſes Geſchäft wurde, wie alltäglich, abgethan. Während Conſuldator und Rector mit Pater Luis und Ta⸗ ver das frugale Abendmahl einnahmen, trug Ines auch den armen Gefangenen ihre Speiſevorräthe zu. James und Ju⸗ ſtine bewohnten zwei getrennte Räume im Lagerhauſe. Des Alkade Sohn, der Wächter des jungen Engländers, brachte die Speiſen in ſeines Gefangenen Gemach. Juſtinens Wäch⸗ ter ließ die freundliche Ines gern zu der trauernden 51 Sennora. Juſtine ſaß an dem Gitter der Fenſterlucke, und ſah dem Glanzſpiele einiger Leuchtkäfer zu, die auf den ſchlanken Stauden hingen. Sie erſchrack ein wenig, als Ines Finger ihre Schulter berührten; aber der Ausdruck der Freude folgte dem Schrecken. Haſtig zog ſie das liebe Mädchen an ſich, weigerte ſich, von den Speiſen und dem würzigen Tranke zu genießen, und gab der Indianerin durch Geberden zu er⸗ kennen, daß ſie eine Bitte an dieſelbe richten wolle. Sie zeigte alsdann auf die Matte in der Ecke, auf den großen leeren Raum um ſich her, und verſuchte der Ines begreiflich zu machen, daß ſie ſich allein zu bleiben nicht getraue, und es gerne ſehen würde, wenn das dienſtfertige Mädchen die Nacht bei ihr zubringen wolle. Ines verſtand Juſtine alſo⸗ bald, und zeigte ſich eben ſo ſchnell bereit, ihrem Wunſche zu entſprechen. Der Wächter mit der Lampe wurde hinweg⸗ geſendet, die Thüre wieder mit den hölzernen Riegeln von außen verſchloſſen; tiefe Ruhe und tiefes Dunkel kehrten in dem Gebäude ein. Auch von außen wurde Alles ganz ſtill. Drei Zeichen mit der Glocke gaben den Befehl allenthalben die Lichter auszulöſchen, und die Straße im Dorfe wurde nur noch in dem Augenblicke belebt, als der Pfarrer nebſt mehreren, mit Harzfackeln verſehenen indianiſchen Knechten ſeine Gäſte von Cordova und Aſſumcion nach ihren Schiffen führte, wo ſie die Nacht zuzubringen begehrten. Pater Luis kehrte mit ſeinen Begleitern nach Hauſe zurück, und ſchloß ſein Hofthor. Die Herren auf den Schiffen ſtreckten ſich un⸗ ter dem leichten Zeltverdeck derſelben auf ihre Matten. Die Schiffer, ein jeder an ſeinem Ruderplatze, duckten ſich nie⸗ der, hüllten die Köpfe in ihre Mäntel und ſchliefen ein. Unter Akazien am Ankerplatze W die müden 52 Payaquas. Ein Neger hielt auf dem Vordertheile eines Kahns, bei glimmender Laterne, Wache, mit ſeiner Vogelflinte ſpielend. Noch mehr beſchäftigte ihn jedoch die Chicaflaſche und er entſchlief gleich den Uebrigen. Grabesruhe auf dem dumpfmurmelnden Fluſſe, an ſeinem Strande, in dem Miſ⸗ ſionsorte. Der umgehende Wächter in demſelben hatte ſich vor einem unbedeutenden Regenſchauer in ſeine Hütte zurück⸗ gezogen. Auf der Gaſſe athmete keine Menſchenſeele. Da kam von Süden her ein fernes, leiſes Getrappel. Es ſchwieg in kleiner Entfernung vom Dorfe. Einige Hunde knurrten, ſchwiegen jedoch ebenfalls plötzlich, und mehrere leicht gleitende Schatten kamen über Zaun, Graben und Gehäge in den Ort herein; mit Blitzesſchnelle hin und wie⸗ derfahrend, ſchauend, horchend, verſchwindend, wie ſie ge⸗ kommen waren. Geräuſch von leiſe webenden Sägen⸗ Knarren von aufgehenden Gatterthüren, und über den brei⸗ ten Fahrweg, weit ſich aber alsdann über den friſchen Raſen zu beiden Seiten deſſelben verbreitend, zog ſtill und geräuſch⸗ los eine Schaar von Reitern in das Dorf. Stumme ſchnau⸗ bende Hunde ihnen zur Seite, lange Speere in ihren Hän⸗ ven; verſteckte Fackeln mitten im Zuge. Halt auf dem Platze, kurzes unverſtändliches Gemurmel unter den Nachtgäſten⸗ plötzlich hochblinkende Feuerbrände, entſetzliches Geheul und kriegeriſcher Ruf. Dieſer Schrei, die Loſung des Entſetzens, dringt wie der Donner des Himmels in die friedlichen Hütten der Quaranier. Schlaftrunken ſpringen die Männer an die“ Thüren und Fenſter. Zum zweitenmale tont der gräßliche Schrei, und, mit dem Tone zugleich, fliegen brennende Pfeile in die Stroh⸗ und Binſendächer der Kabanen. 53 „Die Abiponer!'siſt ihr Kriegsruf!“ antwortet der Weiber Wehlaut, und wüthend greifen die Männer nach der Art. Die Glocke klingt gellend vom Thurme. Der nachläßige Wächter erinnerte ſich zu ſpät ſeiner verſäumten Pflicht. Indeſſen weht aber ſchon der Brand in der Luft, würgt ſchon der Feind am Boden. Ein wehmüthig Schauſpiel! wilde Reiter, nackt auf den Pferden hängend, von aben⸗ theuerlichem Kopfputz gräßlicher geſtaltet, beſtrichen mit grellen, Blut und Tod kündenden Farben raſen hin und her durch die Gaſſen, ſchmettern mit ihrer fürchterlichen Schleuder alles zu Boden, was an ihnen vorüberrennt, werfen ihre langen Speere nach der keuchenden Menſchenbruſt, und Brände in die Glut, damit die Flammen noch höher aufflackern, die betrübende Scene würdig zu beleuchten! Eine Horde wilder Räuber hatte das Lagerhaus erſtürmt, ſich der Waffen und Mundvorräthe bemächtigt. Die Qua⸗ ranier konnten ihnen nirgends die Spitze bieten, nirgends ihrer Raubluſt ein Ziel ſetzen; kaum dem Morde entgehen. Denn in engem Kreiſe hielt um den Miſſionsort eine furcht⸗ bare Linie von Reitern mit drohendem Speere, und nur die Verzweiflung ſelbſt ſchlug ſich durch. Mit den Bolas vewaffnet, die jeder Bauer an ſein Pferd hängt, wenn er über Land reitet, warfen die Entſchloſſenſten der Quaranier einen Trupp von Pferden darnieder, öffneten ihren Freunden und Verwandten einen Paß. Die dem Strande zunächſt wohnenden Leute flüchteten ſich nach den vor Anker liegenden Schiffen. Die Herren derſelben, von dem Mordgetöſe auf⸗ geſchreckt, befahlen, die Seile zu kappen. In die Strand⸗ fluth des Fluſſes ſtürzte ſich die hülfsbedürftige Menge; Kinder und Greiſe auf den Schultern der Eltern, der Söhnez ſie jammerten nach Hülfe, nach Aufnahme, kaum die Köpfe aus den Fluthen hebend. Umſonſtz die Väter auf den Kähnen⸗ nur ihre eigene Rettung vor Augen, fürchteten der Schiffe Ueberfüllung, wieſen die Flüchtlinge mit harten Worten zu⸗ rück, ließen die Fahrzeuge ſtromabwärts treiben. Aber Noth kennt kein Gebot; aber die Abiponer waren im Rücken der Flüchtlinge. Die rieſenhaften Payaquas, die das Ruder in Händen,— obwohl blinde Heiden, gewiſſenhafter den Rückzug ihrer Herren vertheidigten, als dieſe das Wohl ihrer chriſtlichen Mitbrüder ſich zu Herzen nahmen,— fielen todt hin unter der Uebermacht. Schon netzen die Wellen der Parana die Füße der Abiponerpferde; ſchon ſtürzen ſich dieſe wilden Krieger blutbegierig bis zum Kinn in den Strom... Gewaltſam halten die Flüchtlinge von Dominika die Schiffe auf, ſchwingen ſich gewaltſam hinein, und die Väter müſſen geſchehen laſſen, daß wider ihren Willen das treue Holz der Algarova auch die ſchlechten Indianer dem Mordſtahle entführt. Welch ein Graus, wendet man den Blick von jenen Ge⸗ retteten nach dem brennenden Pfarrhauſe. Vergebens ſtürmt die Glocke der Kirche. Sie vermag nicht dem lang gedehnten Brande in den hölzernen Gebäuden und Rohrwänden zu wehren. Sie vermag nicht, die treuen Diener zu erwecken, die für ihren Vater auf der Schwelle ſeines Hauſes das Leben hingegeben haben. Sie haben ſich umſonſt geopfert. Der Raub drang dennoch hinein. In dem ſonſt lebendigen Hofe regt ſich nur noch der von Flammenangſt und Todes⸗ kampf gepeinigte Strauß, der von zwei Pfeilen durchbohrt, mit den ungelenken Flügeln flatternd, einen Ausweg ſucht, und— blind vor Schreck— nicht findet. Ferne tönen die 55 Silberglocken des Rehs; es ſucht ſeinen Herrn; doch dieſer fällt ſo eben,— mit dem Alcade dem Lagerhauſe zueilend— in die Hände des barbariſchen Feindes, während auf den Stufen der Kirche Pater Faver von einigen Abiponern ge⸗ bunden wird, die in ihm den Padre des Orts zu fangen glauben.— Aus den Fenſteröffnungen des Lagerhauſes, das ebenfalls ſchon brennt, dringt nebſt dichten Rauchwolken der Wehruf ängſtlicher Weiber. Zwei Krieger, furchtbar anzuſchauen in den ungeheuern Federkronen, die ihre Eitel⸗ keit dem Straußvogel der Savannen ſammt der Haut ab⸗ ſtreifte, ſtürmen hinein, dem Rufen entgegen. Krachende Thüren ſtürzen von oben auf ſie hernieder. Ein Mann mit zwei Weibern, außer ſich, mit verſengten Haaren, ſtößt auf die Wilden, die ihn mit Löwenkraft aufhalten, packen und ſammt ſeinen Begleiterinnen in's Freie ſchleppen. Hier lodern Fackeln und Brandglut. Hier halten die Caziken auf ihren dampfenden Gäulen, und unter ihren rothen Goldverzierten Kopfbinden hervor rinnt der Schweiß der Ermattung auf die Bruſt der Starken. Der Anblick ſchöner Frauen reizt der rauhen Obern Luſt. Ein Streit droht zwiſchen Rettern und Befehlshabern zu entſpringen, da wirft ſich das jüngſte der Weiber zu den Füßen des Oberſten, und ruft ihm zu:„Siehſt du denn nicht, daß ich Deines Volkes bin? Gnade deshalb und Schutz für mich und dieſes Weib, das meine Schweſter geworden iſt!“ Verwunderung ſpricht aus den Blicken der Zuhörer; jedoch überwältigt von dem ſüßen Klang der vaterländiſchen Zunge, klatſchen ſie lebhaft in die Hände, und rufen: „wahrlich! ſie iſt ein Kind unſers Großvaters, und ſie mit ihrer Schweſter ſoll heilig ſeyn und frei!“ 56 Juſtine und Ines wurden auf weiße Pferde gehoben, und folgten dem Zuge der Führer, die ſich den Jammer beſahen⸗ den ſie angerichtet. James wurde in der Kirche mit einigen andern lebendig Gefangenen, unter welchen ſich ſein Pflegevater befand, zu⸗ ſammengebunden. Nicht die Schmerzen der Brandwunden, die er, im Begriff, Juſtine zu retten, davongetragen, nicht die Ungewißheit ſeiner traurigen Lage zerriß ihm Herz und Gehirn. Seines zweiten Vaters, Juſtinens Verhängniß war ſeine Plage, war ſein Kummer.— Er weinte Thränen des Mitleids und ohnmächtiger Wuth auf die Hände, die ge⸗ bundenen Hände ſeines ehemaligen Verſorgers. Dieſer ſtand vor ihm,— aufgerichteter als je— in ſeinem Leiden, wie ein verklärtes Menſchenbild.„Wenn eine Folter meine Seele preßt, ſo iſt es die Angſt um Dich, um Juſtine,“— ſagte der Muthiggewordene.„Mein Schickſal beunruhige Dich nicht. Glaube mir, in dieſem Drange des Unglücks wird mein vom Zweifel und von der Sünde geſpaltenes Herz wieder eins. Es klammert ſich wieder an eine Hoffnung an: an die auf unſern Heiland. Nun iſt der Augenblick gekommen, in welchem ein verlornes halbes Jahrhundert vielleicht durch die Märtyrkrone, die ſo vielen meiner Brüder zu Theil ge⸗ worden, Bedeutung gewinnt. Dieſe Krone iſt die ſchönſte, denn ſie iſt eine Verſöhnende!“ James ſchwieg niedergeſchlagen, theils von der Würde des Redners ergriffen, der in ſeinen Banden ſo frei war, theils von der Nichtigkeit aller Troſtgründe überzeugt, in einer Stunde, deren nächſte Minute allen Ueberwundenen den Tod bringen konnte;— gewiſſer, als der nächſte Mond 57 ihre Freiheit. Münzner blieb aber ruhig, und betete ſtill für ſich aus vollem Herzen. Inzwiſchen war die Nacht aus geworden, und der Morgen trat aus der Dämmerung. Wie die Sterne erbleichten, ſo erbleichte auch der Brand von Santa Dominica. Die von dem Sonnenauge beſchämten Flammen krochen gebändigter in das ſtürzende und verkohlte Sparrenwerk zurück, aber die ſchwarzen rauchenden Stätten zeugten von ihrer Wuth, und der Anblick der Leichen in den Gaſſen und Räumen der Miſſion von der böſen, böſen Nacht. Die Hüter der Ge⸗ fangenen bedeuteten dieſe, ſich auf den Weg zu machen. Auf dem Platze klang die Pfeife und die dumpfe kleine Trommel, zum Aufbruche mahnend. Die Gefangenen wurden mit Lianen auf Maulthiere gebunden, und deren Zügel von Reitern geleitet. Der Abzug der Abiponer Horde war ſiegreich und lärmend. 8 Jeder Krieger, beritten, und noch einige Pferde zum Wechſeln neben ſich führend, hatte ſich mit Beute aller Art beladen. Die leichteſten Schwärme hüteten die Seiten des Zugs, in deſſen Mitte die blöckenden Schaafheerden, die gleichmüthigen, aber vor Hunger brüllenden Ochſen in un⸗ überſechbarer Zahl gingen. Schaaren von Hunden hielten dieſe lebendige Beute zuſammen; und ihr Geheul und Gebell bildete, vermiſcht mit dem Getöſe der plaudernden, lachenden und ſingenden Wilden, einen ſeltſamen Einklang. Ueber er⸗ ſtochene Pferde und Menſchen ging der Zug hinweg, wie über den weichen Raſen, an den Häuſertrümmern vorüber, und ſüdwärts durch niedergetretene Tabaks⸗ und Cacao⸗ Pflanzungen. Die Gegend, die geſtern noch in allem Reize des Wohlſtands und der Herrlichkeit geblüht hatte, lag nun 58 zerſtört vor den Augen der Fortziehenden. Der rückwärts Blickende ſah mit Wehmuth die Rauchſäulen aus den Trüm⸗ mern Dominica's emporſteigen, und die hohen Palmen ihre Blätter über dem hölliſchen Schauſpiele ſenken. So weit das Auge auf der Parana reichte, war kein Schiff mehr zu ſehen. Die gewandten Abiponer ſeellten ſich hin und wieder auf⸗ recht auf die trabenden Roſſe, und wendeten ihr Falkenauge im Rennen nach allen Seiten hin. Auf dem Fluſſe konnte nichts mehr wahrgenommen werden, und ſo lenkte denn der Trupp der Anführer, der weit vor dem ganzen Zuge hinritt, landeinwärts. Noch einige Zeit ging es vortrefflich durch Baumwälder und ſchattige, friſch Frünende Sumpfebenen. Bald änderte ſich jedoch die Landſchaft. Immer mehr und mehr wichen plötzlich die Wälder zurück. Der hohe Baum ſchrumpfte zum niedern Buſch, der Buſch zum dürftigen Geſtrüpp ein, und endlich verkroch ſich auch dieſes in einen nackten einförmigen Boden, der kaum hin und wieder Sand⸗ ſtriche bot, aber nirgends einen Stein. Auf dieſer Fläche angelangt, die in der Spätmorgenhitze den Gefangenen un⸗ erträglich ſchien, fing der Abiponer erſt an, aufzuleben. Die unbeſchlagnen leicht gezäumten Pferde flogen nur dahin. Lebhaft ſchwangen die Reiter ihre hölzernen Speere, und die kleine Jagd begann. Nach allen Seiten ſtreiften die Hunde aus, um Kaninchen aufzuſtöbern. Der Abiponer, ohne ſeinen Weg zu unterbrechen, ſtellt ſich auf ſein Roß, ſpannt den Bogen, zielt, und fehlt faſt nie das von den Hunden herbeigetriebene Ziel. Aber mitten in dieſer Beſchäftigung wird von den Vorder⸗ reitern ein langer grüner Saum geſehen, der längs dem 59 BVoden hinzieht, und das Meer zu ſeyn ſcheint, oder ein viele, viele Meilen lang gedehnter Strom. Sie werfen ihre Feder⸗ büſche in die Luft, und ihr jubelndes Geſchrei, das ſich den andern ſchnell mittheilt, verkündigt die Nähe einer ihnen ange⸗ nehmen Gegend. Die Pferde werden heſtiger angetrieben. Gleichviel, ob einer der Reiter ſtürzt. Er verläßt das zu Grund gerichtete Thier, um ſich auf ein anderes zu ſchwingen. Immer näher kömmt der grüne Saum; höher bald, bald niederer ſcheinend. „Die Savanne!“ ruft Abiponer und Quaranier aus; jener freudig, dieſer niedergeſchlagen, weil ſich dort ſein Schickſal entſcheiden ſoll. Man betritt endlich den Rand dieſer ungeheuren Gras⸗ ebene, auf welcher kein Baum ſteht, und kein Fels und kein wirthliches Dorf: nur etwa die leichte Hütte des wilden wandernden Jägers. Ein rieſiger Strauß ſteht, wie der Wächter der grünen Wüſte an ihrem Saume, und gafft neu⸗ gierig nach den Kommenden. Ein gewandter Schütze ſprengt auf ihn an. Zu ſpät denkt das verfolgte Wild an die Flucht. Schon wendet es ſich, ſpreitet die Flügel aus, um mit ihrer Hülfe, ſchneller als das Pferd, das Weite zu ſuchen,— da zerſchmettert ein Pfeilſchuß ihm das Beingelenk.. er ſtürzt, wird eine Beute des Siegers, der ihm die Federn entreißt, mit denſelben den Sattel ſeines Pferdes ſchmückt, und lachend mit den Freunden in die Ebene einſprengt. Welch' ein reges Leben in dieſen Flächen, von unglaublich hohem Graſe bewachſen? Flüchtige Hirſche durchſtreifen, wie ungewiſſe Schatten, kaum durch ihre Geweihe kenntlich, die Ferne. Tauſende von wiehernden Pferden fliegen Rechts durch die Halmen. Nicht geringere Geſchwader von Stieren 60 ſetzen links durch das Grasmeer und lagern ſich brüllend in demſelben, das ihnen Schatten vor dem glühenden Sonnen⸗ brand gewährt. Und der wilde Abiponer, deſſen Pferd bis zum Sattel in den Halmen ſchwimmt, ereilt das flüchtige Roß, und zähmt es durch die einfache Schlinge; er fällt den wildern Stier an, zerrt ihn mit der Schleife zu Boden, tödtet ihn mit einem Streich, und nicht Nothwehr, nicht Hunger rechtfertigt die tollkühne That: nur der leichtſinnige Muth⸗ wille, der, überlegener Kraft bewußt, und ihr vertrauend, ſpielend die Gefahr reizt, hat ſie erſonnen, und begonnen und vollendet. Wenn nun die armen Gefangenen im Rücken des Zuges jene Aeußerungen ungebeugter Kraft wenig beachteten, ſo waren ſie doch den Freiern, mit ſolchen Scenen Unbekannten, oder derſelben Entwöhnten, ein beſſeres Schauſpiel. Juſtine, deren Pferd von einem höflichen Abiponer geleitet wurde, vergaß Leiden und Gefahr in dem neuen Anblick. Ines ſah mit Herzklopfen die Gebräuche ihres Volkes wieder, und die Erinnerung einer recht frühen Zeit wurden völlig in ihr lebendig, und mit der Erinnerung kamen auch die ſchweren Worte der Abiponer häufiger in ihren Kopf, ge⸗ läufiger auf ihre Zunge. Ein Abiponer⸗Sclave, der einige Jahre zu Santa Dominica gearbeitet und gelitten, hatte damals die Landsmännin gekannt, und mit ihr die heimath⸗ liche Sprache geredet, und dem nun längſt verſtorbenen Manne verdankte Ines nun die bedeutende Hülfe, ſich gegen ihre Landsleute verſtändlich machen, und ihrer Freundin Juſtine, die nicht einmal ſpaniſch redete, nützlich werden zu können. Wie gerne hätte ſie dann und wann die Spitze des Troſſes verlaſſen, um nach den lieben Gefangenen zu ſehen, nach 61 dem Vater Luis, deſſen Leben ſie auch erbeten, nach dem jungen Manne, an dem ſie ſo innig Theil nahm, nach dem fremden Geiſtlichen, ihr ehrwürdig, weil er des Jünglings Pflegevater geweſen. Auch Juſtine,— obſchon das Herz in dauerndem Groll von Münzner und James gewendet,— ſah— unfähig ein ſchönes Mitgefühl zu unterdrücken,— häufig nach der Gegend hin, wo die letzten Staubwolken aufflogen. Die Leute, die ihren Groll verdienten, waren ſeit der Schreckensnacht gewiſſermaßen ihre verſöhnten Freunde geworden. Nur von ihren Lippen, mitten unter Hunderten von tobenden Barbaren, konnte ſie ja die Töne hören, die ihr Ohr verſtand; die Töne der Mutterſprache, die unter ſolchen Umſtänden den Gemeinſten im Glauben des Vor⸗ nehmſten adeln. Aber— es war nicht möglich, von den Obern der Schaar ſich zu trennen. Der Führer, ein alter Cazik von einnehmenden Zügen und kühnem Blicke, ritt zwi⸗ ſchen den Mädchen, und ließ ſie nicht aus den Augen. Neu⸗ gierig und verwundert betrachtete er von Zeit zu Zeit Ju⸗ ſtine, und ihr edles, bleiches Geſicht floͤßte ihm, wie ſeinen Leuten, ſichtlich Ehrfurcht ein. Nachdenkender betrachtete er Ines, und, wie ſelten auch ſeine Geberden zu Juſtine ſpra⸗ chen,— ſo häufig redete ſein Mund zu Ines. „Du armes Kind ohne Vater!“ ſagt er mitleidig zu dem Mädchen:„dort dämmern die Spitzen unſerer Dächer. Ver⸗ giß alles Leid. Du wirſt viele Mütter und Schweſtern finden, und ein Jeder von uns iſt Dein und der Fremden Freund, weil Du ſie liebſt.“— „Ihr werdet doch den Uebrigen kein Leid zufügen?“ fragte Ines forſchend dagegen.„Der Kapitän, mein Bruder, hat darüber zu entſcheiden, und die weiſe Pilagoterigenat!“ 62 erwiederte der Cazik achſelzuckend:„je mehr ich aber Dich anſehe, Kind, je bewegter wird mein Herz. Ich habe nie eine Tochter gehabt, ſonſt müßteſt Du die Meinige ſeyn.“ Das Lager des Stamms wurde ſichtbar und deutlicher. Leichte Rohrdächer auf ſchlanken Pfählen ragten in die Luft. Einige zerfetzte, irgendwo den Spaniern abgenommene Zelte brüſteten ſich, von fliegenden Wimpeln umgeben, in der Mitte der regellos zerſtreuten Hütten. Ein Graben ſchloß das Lager ein, aber dieſſeits des Grabens weideten die Pferde des Volks, und der erſte Laut, den die Ankömmlinge vernahmen, war die Glocke der Madrina*). Einige Augenblicke ſpäter ertönte ein gellender Ruf aus vielen Weiberkehlen. Aus dem hohen Graſe ſtiegen Pferde auf. Auf ihrem Rücken hingen die abiponiſchen Weiber: Mädchen und Frauen. Die Erſteren trugen den aus der Ferne geſehenen MännernSchläuche mit Chika, die Zweiten die Säuglinge an der Bruſt ent⸗ gegen. Ihr Jubel war gränzenlos, und ſcheuchte die Hun⸗ debanden in's Weite, die außerhalb des Lagers an den Ueber⸗ bleibſeln der geſchlachteten Ochſen und Schaafe nagten. Ge⸗ ſtreckten Laufs kamen die Weiber heran,— ſchöne Geſtalten, den wohlgebauten Männern nicht nachſtehend, freundlichen Angeſichts, mit rabenſchwarzen Haaren. Das Wiederſehen hatte alles Feuer des Süden. Ein luſtiges Getümmel miſchte ſich in den kriegeriſchen Zug. Die Lanzen und Bogen wurden den Männern abgenommen, der Meth ihnen kredenzt, und nach dem erſten Sturme des Willkommens rechte ſich die Schaar der Weiber um Ines und Juſtine. Die blendende Eine zahme Leitſtute, die eine Schelle am Halſe trägt. Die Pferde folgen dieſem Klang. 63 Farbe der Letztern, ihr fremdartiger Anzug: die Entſchloſſen⸗ heit, mit der ſie zu Pferde ſaß; ihre Freundlichkeit, trotz der Lage einer Gefangenen, erregte Theilnahme. Die Weiber berührten ihre Hände, ihr Geſicht; zogen ihre ſeidenen Haare durch die Finger, erſtaunten über ihre Augenbraunen und Wimpern, welche von den Abiponern vertilgt werden; ver⸗ wunderten ſich, daß ſie kein eingeäztes Kreuz auf der Stirne trug, noch eingegrabene Figuren auf den Armen und Füßen, wie die Abiponerinnen, ſagten ihr tauſend Schmeichelworte, von welchen die arme Deutſche nichts begriff, und führten ſie, ſammt der lebhaft begrüßten Ines, die nicht genug er⸗ klären konnte, nach dem Zelte der Capitana, während der ganze Kriegertroß ſich's in der wandernden Heimath bequem machte, die Weiber mit Geſchenken vergnügte, das Gepäck ablud, und die Pferde in die Weide jagte. Die Capitana ſaß unter dem Eingange des Zelts, und auf ihrem Schvoße ruhte ein vor wenigen Tagen geborner Sohn. Die Mädchen klopften mit Zweigen an die Wand des Zelts, und riefen: „Heil bringe dem Sohne die Fremde, die wir ihm zuführen!“— Die Frau des vornehmſten Caziken, dieſelbe, die unter dem Eingange ſaß, ein nicht mehr junges, aber rüſtiges Weib, ſtand auf, ging Juſtinen entgegen, und hielt eine lange An⸗ rede. Ines antwortete der Begrüßung. Nun ſchlugen plötz⸗ lich alle Umgebenden verwundert in die Hände, und riefen: „Bei unſern Vorfahren! iſt dieſe nicht die Tochter unſerer Mutter? Der Gejenk der Savannen hat noch nie zwei Eier gelegt, die ſich ähnlicher geweſen wären!“— Die Capitana ſchrie auf, und fiel in Ines Arme.—„Ach!“ ſagte ſie wei⸗ nend:„biſt Du's denn, arme, verlorne Miſinga? die ich, auf der Flucht vor den böſen Waldreitern, entſchlafen auf 64 dem Pferde, aus den Armen verlor? Hat Dich das Raubthter nicht verzehrt? Hat Dich der Spanier nicht mißhandelt? Biſt Du's denn gewiß und keine Zauberin, die eine Mutter täuſcht?“ Ines erkannte der Mutter Stimme wieder. Sie durfte, ſie wollte nicht mehr zweifeln. Die Weiber ſchlugen jauchzend die Trommeln, und die Capitana riß mit dem Rufe:„komme zum Vater!“ die Tochter und Juſtine ihr nach in's Zelt. Hier lag der Capitan, der Sitte des Volks gemäß, auf einer Matte, in Decken eingewickelt, und hielt in ſtrengem Faſten die Wochentage ſeiner Frau. Allenthalben, wie eine Wöch⸗ nerin, vor Zug und Sonnenſtrahl geſchützt, und mit Be⸗ deckung überflüſſig verſehen, horchte er gerade in ſeiner trüb⸗ ſeligen Lage, während Freunde um ſein Lager ſaßen und ſchmaußten, auf das Mährchen, das ihm ein häßliches Weib erzählte, welches, abentheuerlich mit Federn und Zweigen geſchmückt, neben ſeiner Matte auf der Erde ſaß. Kaum vermochte die Nachricht von dem glücklich errungenen Siege, und dem Wiederfinden ſeiner Tochter ihn zu bewegen, die Stellung worin er ſich befand, einigermaßen zu verlaſſen. Er ſtreckte der weinenden Ines die Hände ent⸗ gegen, und rief ihr Willkomm zu. Einige junge Leute, die mit im Streifzuge geweſen waren, begrüßten und umarmten Ines als ihre Schweſter. Die Capitana war außer ſich vor Frenden, und endlich prieſen alle vereint ſowohl das Schick⸗ ſal, das ihnen dieſes Vergnügen gemacht, als die mild⸗ thätigen Menſchen, die für Miſinga Sorge getragen.— Ines benutzte dieſen Zeitpunkt, und ſagte:„Vater! Mutter! Brüder! dieſe Menſchen ſind von Euch gefangen. Löst ihre Bande, und erfüllt für mich die Pflicht der Dankbarkeit!“ 65 65⁵ „Sie ſollen meine Gäſte ſeyn, wenn Pilagoterigenat es erlaubt;“ ſagte der Cazike, nach dem häßlichen Weibe ſehend. Dieſes, die Zauberin und Wahrſagerin der Horde, ver⸗ drehte überlegend die Augen, klopfte mit ſeltſamen Geberden auf die Trommel von Otternhaut, die ihr zur Seite ſtand, und anwortete mit ſingendem Tone:„Balichu*) will mehr als geſchlachtete Pferde! er will Hirnhäute der Feinde, ſonſt wird nimmer der Großvater geneſen.“ Mit dieſen Worten kam plötzlich allgemeine Betrübniß über die Weiber: ſie warfen ſich zur Erde, zerſchlugen ſich die Bruſt, zerrauften das Haar. „Der Großvater**) iſt krank, und läßt ſich nicht am Himmel ſehen;“ erläuterte der Cazike ſeiner Tochter ſehr nie⸗ dergeſchlagen;„Balichu will ihn umbringen. Noch nie iſt er ſo lange ausgeblieben. Es muß geſchehen, was Pilago⸗ terigenat befiehlt.“ „Miſinga's Wohlthäter müſſen am Leben bleiben!“ rief ein Bruder des Mädchens:„wir haben Quaranier gefangen⸗ Sie mögen fallen!“ „Mordet doch keine Menſchen!“ bat Ines mit ängſtlicher Rührung:„das bringt Euch nimmer Segen!“ Die Gefangenen wurden in das Zelt gebracht. Die Zau⸗ berin ſah nach dem dämmernden Himmel und ſagte:„Steh' auf, Capitan, Deine Zeit iſt vorüber. Dein Kind hat nichts *) Balichu; der Teufel, das böſe Prinzip. ) Darunter wird das Siebengeſtirn verſtanden, das eine Zeit hindurch nicht am Himmel Südamerikas geſehen wird. Die Abiponer nennen die Sterne ihre Vorfahren. III. 3. 5 66 mehr zu befahren. Iß und trink, und wähle mit Deinen Freunden Balichu's Opfer!“ Eilfertig folgte der Cazike dem Befehl, ließ Speiſe und Trank herbeiſchaffen, und ſetzte ſich mit ſeinen Freunden, den Anführern, unter den Eingang des Zeltes zum Schmauſe und Gericht. Der ehrwürdige Luis eröffnete den Trupp der Gefangenen, erſchöpft aber muthig. Münz⸗ ner folgte ihm, ſtandhaft, emporgerichtet: auf Alles gefaßt. James, der Dritte, warf einen Blick in Juſtinens Auge, das Verſöhnung und Angſt ausdrückte, und dieſes Auge gab ihm Muth. Einige Indianer, gebunden und niedergebeugt, machten den Beſchluß. Ines flog an Luis Hals, ſtreckte ihre Arme über James und ſeinen Pfleger aus, und rief:„Dieſe ſind mein! dieſe dürfen nicht ſterben, ſondern beim Vater bitten für uns! Pilagoterigenat, von dem Ehrfurcht gebie⸗ tenden Ausſehen der Prieſter gerührt, nickte mit dem Kopfe, und die Bande der Geſchützten wurden gelöst; ſie ſetzten ſich zum Mahle des Capitans nieder, der ihre Stirne be⸗ rührte, ihnen zu eſſen reichte, und ſomit ihre Freiheit hei⸗ ligte. Ines führte Juſtine mit ſchmeichelnder Geberde in den Kreis der Mädchen, die, wie die Frauen, abgeſondert ſtanden. Alle Blicke richteten ſich nach den, zum Opfer be⸗ zeichneten QOuaraniern, und des edeln Luis Mund bewegte ſich, um eine Fürbitte für die Armen einzulegen. Der Abi⸗ ponerſprache mächtig, ſo wie dieſe Wilden mit dem Spani⸗ ſchen etwas vertraut, durfte er hoffen, angehört zu werden. Die Quaranier hingegen, die geſchmeidigen Leute, ilr Schickſal vorausſehend, verſuchten das letzte Mittel, eilten auf die blutdürſtige Zauberin zu, warfen ſich ihr zu Füßen⸗ gaben ihr hundert Schmeichelnamen,— nannten ſie den 67 blühenden Vollmond, und bettelten bei ihr um das Leben. Die Eitelkeit der alten Frau wurde rege. Die Flehenden waren hübſche, junge Leute, die ſich ihrer Fürbitte anver⸗ trauten. Sie nickte bald, bald ſchüttelte ſie nachdenklich das Haupt, und an ihren Bewegungen hing der Caziken Auge. Nun rührte das Weib abermals die Trommel, ſtarrte vor ſich hin, renkte und krümmte ſich, murmelte viele un⸗ verſtändliche Worte, und ſang dann, wie in Verzückung: „Hört, Capitane! Hört, Abiponer! ihr ſchnellen Reiter in den Haiden! Ihr ſchnellen Feinde der Straußenbrüder*)! Hört, was Pilagoterigenat Euch verkündet! Ihr ſeyd menſch⸗ lich und liebevoll im Streite; Ihr macht Eure Gefangenen zu Euren Brüdern**); Ihr fraßet ſie nie, wie die bluttrie⸗ fenden Chiriguaner! Ihr werdet auch dieſe hier, ob ſie gleich ſchlechte, weichliche Quaranier ſind, nicht ſchinden, aber Balichu hat Hunger, der geſtillt werden muß, damit er den Großvater wieder loslaſſe. Ihr ſeyd glücklich im Siege, der Meth iſt gerathen, die Pferde ſind geſund, und Ihr lebet lange, weil Ihr gerecht ſeyd! Eure Sünde hält den Groß⸗ vater nicht in Schweiß und Mattigkeit gefeſſelt. Eine fremde Sünde muß es alſo thun; und dieſe Sünde liegt in dem Frem⸗ den, den Bitalighuru vor wenigen Sonnen in's Lager brachte. Ihr erquickt, ihr Menſchlichen, in ihm des Großvaters Tod. Ich koche ihm keinen Trank mehr. Ich röſte ihm nicht mehr die Algarova. Betrachtet ſein Stöhnen, ſein Seufzen, ſei⸗ nen Schreck vor dem Schatten der Wolken! wie er zitterte, *) Spottname der Spanier, oder im Allgemeinen der Europäer, um ih⸗ rer Augenbraunen willen erfunden. **) Die Abiponer behandeln in der Regel ihre Gefangenen menſchlich. * —— 68 als neulich das Gewitter daher fuhr! wie er bebte und die Hände rang! Er iſt ein Verbrecher, und ſein Tod— das iſt Pilagoterigenats letztes Wort— beſänftigt allein unſern Feind.“ Mit lautem Geſchrei wurde der Hexenmeiſterin Vortrag aufgenommen, und viele junge Leute ſtürmten fort nach der abgelegenen Hütte, die den Unglücklichen, ſo kaltblütig zum Tode Verurtheilten beherbergte.„Jeſus, was wird das geben!“ ſagte der Pfarrer von Dominica zu dem Pater Ta⸗ ver:„Hat mein Auge nicht ſchon der Gräuel genug ge⸗ ſehen?“ Münzner ſeufzte ſtill vor ſich hin. James forſchte nach Erläuterung der ſeltſamen Bewegung um ihn her. Juſtine blickte neugierig und beunruhigt nach der Ferne, woher der Lärm der Rückkehrenden ſich vernehmen ließ. Ein armer, leidender Menſch wurde auf einer Stierhaut herbeigetragen. Zwei Jünglinge mit Skalpirmeſſern tanzten vor ihm her⸗ Neugierig erhob ſich Alles, den zum Tode Beſtimmten zu ſehen, der vor dem Capitan niedergelegt wurde. Die Schwarz⸗ künſtlerin, begierig, endlich ihren Willen erfüllt, Blut fließen⸗ zu ſehen, geberdete ſich raſend, auf den Verdammten zei⸗ gend, und ſchreiend:„Der iſt's! der iſt's! herunter mit ſeinen Haaren! Aus dem Leibe ſein Herz!“ Die Weiber heulten laut auf. Die Männer ſangen ein Todtenlied. Die Opferer näherten ſich mit ſeltſamen pathe⸗ tiſchen Geberden dem Schlachtopfer: Luis und Taver knieten, zugedrückten Auges, betend hinter dem ſtehenden Volke. Ines umklammerte zitternd Juſtine. Dieſe jedoch ſtürzte mit einem hellauf jammernden Schrei auf den Gegenſtand des Be⸗ dauerns und der Wuth hin, umfaßte ihn krampfhaft, und 69 kreiſchte, daß die weite Ebene hallte:„Um Gottes Barm⸗ herzigkeit und Gnade willen! Menſchen! haltet ein! das iſt mein Vater!“ Eine allgemeine Verwirrung entſteht nun. Das Beginnen der ſtummen Fremden erregt Staunen. Die Prieſter blicken auf, erkennen den Senator, der, abgehärmt wie der Tod⸗ kümmerlich in eine Decke gehüllt, ohnmächtig an dem Buſen der verzweifelnden Tochter hängt; James ſieht die Mord⸗ meſſer über Juſtinen's Haupte ſchweben. Des gelicbten Mädchens Gefahr reißt ihn über die Schranken jeder Be⸗ denklichkeit:„Juſtine!“ ruft er, und ſetzt in den Kreis, ſtößt die Mordluſtigen von dem Mädchen zurück, trotzt jeder Mißhandlung. Die aufhetzende Zauberin wüthet ihm gegen⸗ über, Schaum vor dem Munde, und Zittern in allen Ge⸗ lenken.„Fort mit der tollen Fremden!“ brüllt ſie:„das Böſe ſitzt in ihr. Fort mit ihr, wenn Euer Leben und der Großvater Euch lieb ſind!“ Es gibt unter der Menge Gemüther, die dem Aberglauben unbedingt gehorchen. Dieſe werfen James zu Boden, und ſchleppen ihn zur Seite. Ines, ihre geliebte Senora zu retten, umfaßt Juſtine mit voller Gewalt, und die übrigen Weiber, ohne auf ihr Zettergeſchrei zu hören, zerren ſie von dem Vater hinweg. Der Aermſte iſt aber noch nicht dem Feinde Preis gegeben, denn, ſtark wie ein Löwe, und ſtolz wie dieſer, umſchlingt den Betäubten der Pater Faver. Ein Sieg verdienender Heldenmuth blitzt aus ſeinem Auge, zwanzig Jahre ſcheinen von ſeinem Scheitel entflohen zu ſeyn.„Müſſinger!“ ruſt er dem ſich Ermannenden in's Ohr:„Du lebſt noch! noch ſehe ich, der Reuige, Dich 70 wieder! Vergib, wie ich bereue. Mein Blut für Dich, oder mit dem Deinen!“ Lächelnd ſieht er gen Himmel: aus dem dämmernden Azur ſcheint die Marterkrone auf ſein Haupt hernieder zu ſchweben.„Clara!“ ſagt er mit leiſer himmliſcher Sehn⸗ ſucht:„Ich bringe ihn Dir! wir kommen zuſammen! hilf uns empor!“ Während James wüthet, Juſtine laut jammert, die Zauberin rast, und die Haufen, um das feſt umſchlungene Paar verſammelt, unſchlüſſig auf das Schauſpiel ſehen, redet Pater Luis mit Donnerkraft zu den Caziken, und ſchildert ihnen die Schändlichkeit des Mords, die Unzuläßig⸗ keit ihres Wahns, die Lügen ihrer Prophetin. Sie horchen aufmerkſam zu, aber betrübt klingen ſtets die Worte wieder: „der Großvater ſtirbt: Vater! ſollen wir ihn ſterben laſſen?“ „Gott iſt Euer Vater!“ predigt mit jugendlichem Feuer der Greis:„jene Sterne ſind nicht Eure Ahnen, ſondern ein Werk ſeiner mächtigen Hand! Seinen Geſetzen folgen ſie, und treten aus den Wolken, wann Er, unſer einziger, heiliger Gott, es will; nicht, wann Ihr einen Menſchen ſchlachtet. Noch mehr, meine Freunde! ein Gedanke fliegt aus meiner Seele zum Himmel auf, ein Einziger,— eine Bitte, und dort leuchtet ſchon das Siebengeſtirn!“ Den Zeitpunkt der Wiederkehr des Sternbilds geſchickt benützend, deutet der Jeſuit gen Himmel, wo es in ſeiner Pracht hervorgetreten war. Aller Augen folgen dem Finger⸗ zeig; alle Mienen beleben ſich mit Freude und Luſt. Ein helles Gejauchze erſchüttert den Plan.„Großvater!“ rufen Männer, Weiber und Kinder, ſpringend, tanzend und in die Hände klatſchend:„Biſt Du endlich wieder zu uns 71 Verlaſſenen zurückgekehrt? Biſt Du nicht mehr böſe auf uns? wie danken wir Dir, lieber Vorfahr! ſey gegrüßt!“ Und Feinde umarmen ſich, und für die Gefangenen fließt Meth und Chika in vollen Strömen, und an Mord wird nicht mehr gedacht, noch an die Zauberin, die ſich beſchämt entfernte; Juſtine liegt ungehindert in des Vaters Armen, James in denen des Pflegers, die Caziken zu den Füßen des Prieſters, deſſen Wort und Gottesverheißung ſo ſchnell in Erfüllung gegangen. Im Nu iſtein anderer Geiſt lebendig geworden, die Trauer iſt gewichen, und das Siegesmahl und das Feſt des Siebengeſtirns verſchmelzen in eine Feier. Jeder liefert ſeinen Beitrag hiezu. Der Platz vor des Ka⸗ pitans Zelte wimmelt von frohen Menſchen. Lebensmittel und Getränke kommen im Ueberfluſſe herbei. Trommeln und Pfeifen blaſen zum Tanz, und rufen die Mädchen, die ihren Reihen bilden. Nach der ſeltſamen Muſik einer mit Steinen gefüllten Kürbisflaſche, tanzt in wüſten Stellungen die Schwarzkünſtlerin, die ſich wieder eingefunden. Gruppen von jungen Leuten ringen und ſpringen: andere ſingen Kampfgeſänge: die Weiber, auf ihren Matten abgeſondert, ſtimmen mit ein, und auf den Häuten des Jagurate, oder des Stiers, gelagert, trinken die Männer aus Hirnſchädeln erſchlagener Feinde oder getreuer Hunde, oder aus großen Stierhörnern den berauſchenden Meth⸗ die gährende Chika; hören dem Pfarrer von Dominika zu, preiſen den Gott der Spanier, und beſchließen im Rauſche, zum Dank Chriſten zu werden.„Wir haben Deine Kinder getödet,“ ſagen ſie dem Pater treuherzig:„weil wir Euch für unſre Feinde hielten, und nach Beute lüſtern waren; aber— wir ſelbſt wollen von nun an Dich Vater nennen, und deinen Caziken 12 gehorchen, und dem, den Du Gott nennſt, denn er iſt ein ſtarker Geiſt, und, wahrlich, des Fremden Blut hätte es nicht allein gethan!“ James und Münzner hatten ſich indeſſen, Arm in Arm verſchlungen, aus dem Gewühle entfernt, und gingen, er⸗ zählend und dankend und zufrieden, längs dem Graben hin. Sie kamen an ein ſchmales Rohrgezelt, wohin Ines den Senator mit Juſtine hatte bringen laſſen, damit ſie unge⸗ ſtört ſeyen. Auf dem Tummelplatze des freudigen Schmauſes brannten hundert Fackeln, hier leuchtete nur der milde Sternenſchimmer. Der kranke Vater ſchlief. Juſtine ſaß zu ſeinen Füßen, und ihr Herz war leidend und ſelig froh zugleich. Ines hatte ſich herbeigeſchlichen, und die Mädchen kauerten einander gegenüber, und drückten ſich nur die Hände, und ſtreichelten ſich nur die Wange, und bedurften der Sprache nicht im Geringſten. Das Abendlicht war ſo helle, daß Juſtine ohne Mühe den Doctor und ſeinen Be⸗ gleiter erkennen mochte, als ſie in das Zelt traten. Sie ſtand ſchnell auf, ſtreckte ihnen die Hände entgegen, und ſagte, voll von dem ruhigen Schmerze, gegen den die Bosheit ſelbſt keine Waffen hat:„was wollt Ihr hier, Herr Doctor? was Ihr, Monſieur White? O kehret um, ich bitte Euch. Dort liegt mein Vater— vielleicht in ſeinem letzten Schlum⸗ mer! laßt ihn, wenigſtens im Tode, ſeiner Tochter. Ihr habt den Wein ſeines Lebens vergeudet, laßt mir die Neige.“ Sie ſetzte ſich ſtumm zu des Kranken Seite nieder, und die Männer flohen vor ihrer Rede. Sie gingen weiter. James mit Thränen im Blicke, Münzner mit Feuerqual in der Bruſt.—„Kaum wieder neu belebt durch das Leben meines Freundes,“ ſagte der Doetor ſchwermüthig,„ſo verſtößt mich auch ſchon wieder der Tochter allzugerechter Vor⸗ wurf aus dem wiedergewonnenen Paradieſe. Wie ſehr bin ich der Vergebung bedürſtig! auch der Deinen, mein Sohn! Ich habe falſch geglaubt, faſch gehofft, falſch gehandelt! Gutes wollen, und Uebel thun,— welch' verlornes Leben!“ „Wir wollen zuſammen gehen!“ erwiederte James:„Zu⸗ ſammen und vereint dulden, wenn dieſe wilden Räuber uns nicht vereint noch tödten! hören Sie, wie ihre Stimmen jubeln? vernehmen Sie den truninen Geſang? welche Schrecken, welche nie erhörte Lage umgibt uns? iſt es nicht ein Traum, daß ich auf der Parana ſchiffte, in Dominica Sie widerfand? daß wir nur durch ein Wunder dem Brande, dem Tode entgingen, daß wir hier in den Savannen athmen, und unter dieſem Himmelsſtriche den Senator wiedergefunden haben? Rütteln Sie mich, mein Vater, daß ich erwache; denn ſicher wohnen wir noch in der Rahmgaſſe, und Alles iſt nur Täuſchung, eines ſchweren Schlummers Werk.“ „Wäre es doch alſo!“ verſetzte Münzner:„Leider leben wir in der rauhſten Wirklichkeit. Dieſer Himmel iſt der Südamerika's, dort ragen die Zelte und Rohrdächer der Abiponer; in der Ferne heult der Tiger, und der Kaiman weint nach einem Raube. Alles iſt wirklich um uns her, und Gottes Allmacht iſt auch hier mit uns, ſo wahr, als dort ganz in der Ferne von den Höhen ein Feuermeer zu wallen ſcheint.“ „Wahrlich!“ ſagte James, hinſehend:„welch' neue Er⸗ ſcheinung! iſt nicht alles wunderbar in dieſem zauberiſchen Lande? brennt dort ein vom Winde bewegter Wald? Oder fließt ein glühender Lavaſtrom um den Saum der Savanne?“ — 7⁴ Mit raſchen Schritten eilten ſie dem Feſte zu. Die Indi⸗ aner hatten die Erſcheinung ebenfalls bemerkt, und ſtanden, ſie ſtill betrachtend. Das Feuer, wandelnd, abwärtsſteigend, verſchwand bald, bald kam es wieder hervor; endlich wogte es tief unter, daß nur der Schein am Firmamente es be⸗ merkbar machte. „Das iſt nicht Wald, nicht Erdfeuer!“ ſagte ein Abiponer, „deſſen Augen, im Dunkel ſogar, Falkenſchärfe hatten:„das ſind wandelnde Holzbrände! ein Feind, der uns das Gras abbrennen will, iſt, der dort kömmt.“ Die Abiponer geriethen in ſtürmiſche Bewegung. Die Männer pfiffen den Pferden, die Weiber den Hunden. Kin⸗ der und Heerden, Alte und Kranke, Waffen und Vorräthe, wurden auf einen Haufen geſchleppt, alle Fackeln ausgelöſcht, tiefe Stille geboten, und lauſchend drückten die vorderſten Wachen des Volks das Ohr an die Erde.— Dieſe Kinder der Natur, mit den geſchärfteſten Sinnen, hören aus weiter Ferne das Schnauben von Thieren, die aus dem ſtillen Lager im Graſe gejagt ſchienen, Gemurmel und Getöſe von Menſchen. „Beruhigt Euch:“ ſagte Pater Luis zu ſeinen beiden Gaftfreunden, dem Doctor und James,„ich weiß, was ſich uns naht. Ich hoffe darauf mit Zuverſicht. Jene Berge ſind Braſilien's Vormauern. Der Indianer, von welchem ich Ihnen ſprach, mein Vater, war unter den Gefangenen der verwichenen Nacht, warmit mir auf's ſelbe Pferd gebunden, wußte ſeine Bande zu löſen. Gott ſchütze Dich, Vater, ſagte er, leiſe vom Pferde unter den Troß des Viehs gleitend, ich bringe Dir Hülfe. Dort hinter den Bergen liegt der gute Jeſus in den Wildniſſen, und ich bin dort wie ein Pfeil, wenn mich kein Abiponer erſchießt.— Im BGraſe kriechend verlor er ſich aus den Augen, und gewiß— ganz gewiß iſt jenes Lichtmeer ein Boote ſeiner Hülfe. Unſere Fackeln zeigten den von den Bergen Steigenden die Richtung nach unſerm Aufenthalt, und ſie kommen jetzt ſicher, um uns zu befreien.“ Die Abiponer rührten ſich nicht, im Anſchauen der ſelt⸗ ſamen Erſcheinung verloren, und vertrauten auf des Pfarrers Wort, der ihnen verſicherte: es würde nicht ihnen, nicht den Ihrigen ein Leides geſchehen, ſo lange er auf ihrer Seite ſtände. Der Tag war bereits angebrochen, als ſich im Strahle des Morgenlichts die Scene entwickelte. Durch die graſige Ebene näherte ſich ein großer Haufe. Gewehre blitzten in langer Reihe. Dieſer Anblick entmuthigte die Abiponer, und ſie wollten, dem Pulverblitze feind, die Flucht ergreifen. Pater Luis hielt ſie mit ſeiner Beredſamkeit im Zaume. Die fremden Krieger machten auf Flintenſchußweite Halt. Sie hatten ſich beinahe ſämmtlich mit Pferden der Savanne beritten gemacht. Eine ſchimmernde Fahne flatterte in ihrer Mitte. Die Abiponer ſtaunten das Panier mit dem goldenen Kreuze an, und blickten auf Don Luis, der die Oberſten aus ihnen wählte, und, von ihnen, Pater Taver, James und der dienſt⸗ fertigen Ines begleitet, wie in einer feierlichen Proceſſion, mit weißen Federn wehend, auf die Fremden losging. Weiße, ſchwarze und rothbraune Männer ſaßen regungslos, den Karabiner oder die lange Flinte in der Fauſt, auf den Pferden; dürftig gekleidet, aber voll von Kraft und Muth. Bei dem Paniere hielt, von einigen beſſer gekleideten An⸗ führern umgeben, der Hauptmann des anſehnlichen Trupps: eine herrliche Mannsgeſtalt mit ſchwarzem Bart und friſch gerötheten Wangen, in eine leichte braune Kutte gehüllt⸗ 76 Stiefel und Sporen an den Füßen, einen Strohhut mit einer bunten Feder auf dem Kopfe. Ein breiter Ledergürtel hielt ein Paar Piſtolen und einen gewichtigen Säbel. Eine Doppelflinte hing über ſeinen Rücken.— Kaum hatte er von Ferne den Pater Luis wahrgenommen, als er vom Pferde ſprang, und ſtürmiſch auf ihn zulief.„Beim heiligen Jakob!“ rief er ihm auf ſpaniſch zu:„Onkel! kennen Sie den Vetter Vereira noch? finden wir uns hier, und bin ich nicht ge⸗ kommen wie der Blitz? Ihr Name, den mir der Bote nannte, war genug; mein Korps ſtieß zuſammen, und hier ſind wir; faſt unzufrieden, Euch nicht mehr in Ketten zu finden, um Euch zu beweiſen, wie Ernſt mir's war.“ „Ich bringe Euch hier ein Volk von Gefangenen;“ ſagte Luis hierauf:„Gefangene im Glauben. Statt ihr Feind zu ſeyn, werdet ihr Taufpathe!“ Bement tetn Wbſich ni 1t Die Taufe.— Trennung.— Unſchuldige Liebe.— Zug in die Berge.— Der gute Jeſus in den Wildniſſen.— Fernandez.— Der Flüchtige. — Der Fürſt der Wildniſſe.— Das Bild des Erlöſers.— Reue, Be⸗ kenntniß und Verſöhnung.— Sehnſucht nach außen.— Der Doctor in den Wäldern.— Der Vorpoſten.— Hauptquartier zu la Guaſta.— Brigadier und Aſſiſtent.— Gezwungener Verrath.— Kriegsſturm.— Das Aſyl in den Felſen.— Die verdächtigen Fremden.— White's Edelmuth.— Die Flucht aus den Felſen.— Strand, Schiff und Seiet— Der Maierhof zu St. Dominica.— Taver's Brief.— luß.— Die Abiponer, eiferſüchtig, ihr Wort zu yalten, wenn ſie es gleich im Rauſche gegeben,— von Dankbarkeit für den Pater Luis durchdrungen, weigerten ſich der Taufe nicht, die mit ſo vielen Feierlichkeiten ſtatt fand, als in der Savanne nur anzuwenden waren. Nach dem Hauptmanne Vereira, einem Neffen des Prie⸗ ſterfürſten vom guten Jeſus in den Wildniſſen, wurden alle Männer des Stammes Fernandez,— nach der liebenswür⸗ digen Cazikentochter Miſinga, alle Frauen und Mädchen Ines genannt.— Als die Ceremonie vorüber war, kamen alle Führer der Abiponer auf Luis zu, drückten ihm die Hände, küßten ſein Kleid und ſagten:„Wahrlich, Du biſt ein guter Mann, was ne 78 auch Pilagoterigenat ſage, die wir in's Freie gejagt haben, daß ſie nicht wiederkomme. Du haſt uns den Großvater und des Capitans Tochter wiedergegeben, und Deinen Gott mit uns getheilt. Wenn Du uns ernähren und nicht ſtrafen willſt, ſo begehren wir, mit Dir nach Deiner Heimath zu ziehen. Wir haben Deine Hütte verbrannt: wir wollen ſie wieder aufbauen; wir wollen Dein Volk werden, und nicht in das Gebirge mit dem fremden Manne gehen, weil wir dort unſere Pferde ſchlachten müßten. In Deinem Lande hingegen iſt's eben, und Wild und Gras und Waſſer fehlt nicht, und, weil Du Miſinga erhalten, wirſt Du uns auch nicht verlaſſen, und darum lieben wir Dich.“ Die Antwort des Pfarrers war bejahend, und des red⸗ lichen Alten Bruſt hob ſich freudiger bei dem Gedanken, in ſeinen entvölkerten Pflanzort wieder neue Kinder des Segens einzuführen. Alle Bedenklichkeiten des jungen Vereira wider⸗ legend, beſchloß er die Heimkehr an der Spitze der Abiponer, und bat ſeinen Vetter nur, die Fremden nicht verlaſſen zu wollen, die nicht nach St. Dominica zurückkehren durften. Vereira verſprach's mit aufrichtiger Herzlichkeit, und Jedes ging ſeinerſeits dahin, die Vorbereitungen zur nahen Tren⸗ nung zu treffen. In dem Getümmel, das dadurch entſtand, begegnete dem Doctor Münzner Juſtine, die ihn unter der Menge ausgeſpäht hatte. Schnell zuſammengetroffen, ſtan⸗ den Beide einander gegenüber. Juſtines Antlitz drückte Ver⸗ legenheit, Münzners ſtaunende Ueberraſchung aus. „Ein Wort, mein Herr;“ ſprach Erſtere ſchüchtern:„ein Wort der Bitte, mein Herr, wenn ſie es anhören wollen. Sie haben geſtern großmüthig und edel meines Vaters Leben beſchützt,— mit Ihrem eigenen Leben;— ich erfuhr es 79 heute erſt durch den Vater; ich war geſtern blind vor Schmerz; ich danke Ihnen aus voller Seele; ich bitte um Vergebung meiner Härte. Ich bitte Sie, zu meinem Vater zu kommen, der nach Ihnen verlangt. Schlagen Sie ihm die Wohlthat,— mir die Gelegenheit nicht ab, Ihnen auf's Neue dankbar verpflichtet zu werden.“ Sie ſchwieg erwartend, ſie hatte viel über ſich und ihren Groll gewonnen. Münzner ſtand beſchämt vor der Tugend eines Kindes, das ſeinen Vater über alles liebt.„Meine beſte Jungfer...“ erwiederte er„ wenn Sie wüßten, wie Ihre Worte mein Herz berühren..“ Er vollendete nicht; Thränen, die ſeine Augen nur mit Gewalt zurückdrängten, verhinderten ihn daran. Aber, als er ſeinen Freund wieder ſah,— dahin ſiechend auf armſeliger Matte,— aller Arznei, aller Bequemlichkeit entbehrend, und dabei ruhig und geduldig, wie ein ſchon Abgeſchiedener, da kamen dennoch die Thränen auf's Neue über ihn, und er wurde ihrer nimmer Meiſter. Ueber den Senator bückte er ſich, legte ſeine Stirne an die fieberhaft brennende des Kranken, und ſagte nur die Worte:„So uns wiederſehen, mein Freund? „Ach! ſchon genug, daß Wir uns noch wiederſahen!“ er⸗ wiederte der Senator:„ich war des Lebens überdrüſſig ge⸗ worden. Meine Krankheit nahm zu. Meine Lochter wieder zu ſehen hoffte ich nicht mehr. Die Zeit ſchlich mir träge dahin. Endlich dachte ich: es ſey das Beſte, den Anguaybaum aufzu⸗ ſuchen, von dem mir die Quaranier ſo viel ſagten. Sein Bal⸗ ſam ſollte mich heilen, oder die Mühſeligkeit des Wegs mich umbringen. Euch nicht im Voraus zu beunruhigen, hielt ich den Vorſatz geheim, führte ihn ohne Euer Mitwiſſen aus. Der 3 3 3 7 ———— * 80⁰ zweite Morgen unſerer Reiſe war auch ſchon der Letzte mei⸗ nes armen Führers. Mit unſerer Reiſetaſche und meinen Kleidern beladen, ging er vor mir her. Ein Tiger, der mit ſchon blutigem und dampfenden Maule aus dem Dickicht mit entſetzlichem Sprunge ſetzte, riß ihn zu Boden, ſchleppte ihn unbarmherzig in das Geſtrüpp. Ich floh— beinahe unbe⸗ tleidet, ohne Speiſe, und ohne den Weg zu wiſſen. Ein Abipo⸗ ner fand mich am Abend, beinahe verſchmachtend am Boden lie⸗ gend, und brachte mich in das Lager ſeiner Horde. Die Wilden verpflegten mich menſchlich, aber vielleicht iſt der Name St. Dominica, den ich ſtammelte, mit eine Veranlaſſung zu Euerm Unglücke geweſen.— Zu meinem Glücke. Ich habe Sie wieder geſehen, mein Freund. Ich darf hoffen, in Ihnen und der Tochter Armen zu ſterben.“ „Ich gehe nach Dominica zurück;“ antwortets Münzner verlegen und trübe:„meines Standes Pflicht ruft mich nach Europa.“ „So iſt es wahr?“ ſeufzte der Senator, wehmüthig die Hände faltend:„Sie wollen mich verlaſſen, während ich mich an Sie gewöhnte, wie das Kind an die Mutter! Sie mich verlaſſen, und ich hänge an Ihnen!“ Münzner zeigte bedeutend auf Juſtine, die bleich und ſchweigend gegenüber ſaß. „Sie haben eine vortreffliche Tochter:“ ſagte der Doctor. „Jaz Dank ſey dem Vater im Himmel!“ verſetzte Müſſin⸗ ger, Juſtinens Hand drückend:„Sie iſt gut, aber ihre zärt⸗ liche Liebe genügt dem Sterbenden, dem Schwerbeladenen nicht. Ihre heiligſte Pflicht hält Sie hier zurück.“ Münzner ſchwieg, ſinnend, widerſtrebend, vergleichend, in ſchwerem Kampfe. Juſtine erhob ſich, trat vor ihn, und 81 ſprach mit einfacher rührender Milde zu ihm?„ja, mein Herr! Ihre heiligſte Pflicht. Mein guter Vater würde, fürchte ich, in Verzweiflung gerathen, wenn Sie von uns ſcheiden. Sie haben verſtanden, ſich mit ehernen Banden an ſein Herz zu ketten; zerreißen Sie es nicht mit der Feſſel!— „Wie, Mademoiſelle?“ fragte Münzner ſchwankend; „Sie, Sie halten mich auch zurück? Sie, die mich haßt,— die mich verachtet?“ „Ich bin nicht unverſöhnlich;“ ſagte Juſtine mit vieler Klarheit:„ich habe Sie nie verachtet. Gott! nein! ge⸗ fürchtet habe ich Sie, und verabſcheue noch Ihr Kleid! Aber— könnten Sie zweifeln, daß ich Ihnen das Verderben meines Hauſes aus voller Seele vergebe, wenn Ihre Gegenwart auch nur um eine Stunde meines geliebten Vaters Leben verlängert? Bleiben Sie daher; ich beſchwöre Sie jetzt ſo aufrichtig, als ich Sie geſtern aus dieſem Zelte wies. Thei⸗ len Sie mit mir die Sorgfalt für meinen Vater.“ Münzner konnte nicht widerſtehen: nicht dem Bitten des Senators, nicht der einfachen Rede der Tochter.„Sie ſam⸗ meln glühende Kohlen auf mein Haupt;“ ſagte er?„ich bleibe bei Ihnen, meine armen Freunde. Kömmt die Zeit, die un⸗ umgänglich die Erfüllung meiner Ordenspflicht begehrt, ſo finde ich auch über St. Sebaſtian meiner Reiſe Ziel.“ „Recht, mein Freund,“ ſagte Pater Luis, der— die letzten Worte hörend,— mit Vereira und James in das Zelt trat.„Vergeſſen Sie den guten Jüngling nicht, der nicht nach Dominica zurückkehren kann, ohne das Kleid zu nehmen, das er nicht liebt, und der durch den Antheil, den er an Ihrem Schickſalt nimmt, wohl auch Ihre Theilnahme verdient.“— III. 3. 6 ————— 82 „Darf ich2“ fragte James ſchüchtern, ohne kaum die Augen gegen Juſtine aufzuſchlagen.—„Mein Retter!“ rief der Senator freudig, drückte ihn an ſeine Bruſt und weinte: „womit kann ich Dich belohnen, was Du für mich gethan? Ich bin ein Bettler geworden, mein guter James. Ich habe nichts, als mein ſchwaches, kaum noch ſchlagendes Herz! Ich muß verhungern, wenn nicht Wilde mich ſpeiſen, oder mitleidige Chriſten mich unterſtützen.“— „Ihr Unterhalt iſt die Sorge dieſes Mannes,“ antwortete Luis, auf Vereira zeigend:„Ihre Heilung dürfen Sie getroſt von ſeinem Oheim erwarten. Im Uebrigen ſind Sie kein Bettler. Ihr Teſtament muß Ihnen zurückgeſtellt werden. Ich werde an den Provinziazial berichten.“ „Hoffen Sie nicht darauf:“ ſagte ihm bekümmert und leiſe Münzner in's Ohr:„der Empfangſchein des Documents wurde mit dem Pfarrhauſe ein Raub der Flammen.“ Ines, von ihren Eltern begleitet, trat herein, lief auf Juſtine zu, umarmte ſie unter heftigem Schluchzen, nahm unter den lebhafteſten Geberden von ihr Abſchied, und ſagte alsdann zu Luis gewendet:„Alles iſt bereit; mein Vater! führe uns Alle, die der Jungfrau Gnade erweckte, in unſre zweite Heimath. Wir folgen Dir!“ Luis blickte auf die Freunde, die er verließ,— ſein Auge wurde feucht. Seinen beſten Segen legte er auf Müſſingers Haupt, und verließ, ohne ein Wort zu reden, das Zelt. Alle, bis auf Juſtine, die beim Vater blieb, folgten ihm.— „Um Gotteswillen!“ ſprach er zu den Männern, die ſeine Hände ſchüttelten:„macht mich armen alten Sämann nicht weich und kindiſch. Keinen zärtlichen Abſchied. Ich brauche 83 alle meine Kraft, um in meinem ein und ſiebzigſten Jahre wieder da anzufangen, wo ich vor vierzig Jahren anfing. Wohl werden neue Hütten zu Diminica entſtehen; wohl wer⸗ den viele meiner Kinder wieder dahin zurückkehren, und Gott mir beiſtehen, daß ich die bekehrten Widerſacher zum Frieden leite. Für einen erſchöpften Greis iſt aber das Werk dennoch groß und zweifelhaft. Laßt mich daher ohne Kummer und Schwäche ſcheiden. Ueber den Himnmeln ſehen wir uns wie⸗ der, und ich will der Erſte ſeyn, der auf dem Platze iſt. Gott, Glück, Heil und Segen— kurz— Gott mit Euch!“ Er wendete ſich raſch um, nach der Gegend zu, wo die Abiponer zu Gaule ſaßen, Vereira folgte, eine Thräne zer⸗ drückend, ſeinem Beiſpiele, und ging zu ſeinen Leuten.„Lebt wohl, Vater Luis!“ rief James;„eine Seelenmeſſe für die arme Lainez!“ rief ihm Münzner nach. Ines kam haſtig auf James zu, ängſtliche Unruhe in den Blicken.— „Wie, mein Herr und Freund?“ ſagte ſie:„dort ſteht ein Pferd für Euch gezäumt. Zögert Ihr? Kommt!“ „Nein, mein gutes Kind!“ antwortete James:„ich kann, ich darf nicht mit Dir gehen.“ Alle Röthe trat von den Wangen des Mädchens zurück. „Nicht?“ ſtammelte ſie;„nicht? Jago! nicht mit mir?“ „Es würde mein Unglück ſeyn, Ines! ich müßte darinnen vergehen!“ „Unglücklich ſollt Ihr nicht ſeyn, Herr, wo Ines glücklich iſt. Nicht ſterben, wo Ines lebt. Aber Ines wird arm ſeyn, wird ſterben, wo Ihr nicht ſeyd.“ James ſchwieg erſchüttert. Mit dem Weinen kämpfend, fuhr Ines fort;„ſagt mir wenigſtens, wo Ihr hinzieht. 6* In jene blauen Berge? in die Gegend, wo das große Waſſer ſeyn ſoll?“ James nickte.„Ich ziehe mit Euch, Jago!“ James erſchrack.„Was willſt Du thun, Ines?“ fragte er: „Welch ein Gedanke?“ „Höret, Jago. Mein Vater, der Capitan, iſt aus dem Stamme der Ruhaker entſprungen, und hat ſich die Mutter aus dem Stamme der Jaaukaniga geholt, und ſie folgte ihm, Alles dahinten laſſend.“ Das Erſtaunen des Jünglings ſtieg.„Ines, welche Rede?“ „Ich will Euer Weib ſeyn, Jago, wenn Ihr mich leiden könnt!“— „Ines! wo denkſt Du hin? Deine Eltern 4 „Eltern und Brüder willigen ein. Es iſt eine Ehre für ſie. Kommt mit uns, oder laſſet mich mit Euch gehen.“ „Keines von Beiden; Ines! vergiß mich, und folge einem andern wackern Manne. Ich darf nicht annehmen, was mir Deine Unſchuld bietet.“ Ines weinte heftig.„Geſteht es nur!“ ſagte ſie ſchluchzend: „die Sennora iſt ſchöner, als ich. Ststt aber, Jago, daß ſie eine Ketzerin iſt.“ James lächelte wider Willen. Dieſes Lächeln zerſchnitt das Herz der Indianerin. Empört wollte ſie fliehen; er hielt ſie, gut machend, ſanft zurück, ſah ihr ehrlich in's Auge, und ſprach:„Behalte mich lieb. Die Sennora wird nicht mein Weib. Ich muß ohne Gattin bleiben, wie Pater Luis und Faver.“ Ines lächelte etwas zufriedener.„Nehmt mich auf Eure Pfarre, Vater Jago;“ begann ſie nun:„ich will fromm ſeyn, und Euch bedienen, wie den guten ehrwürdigen Vater Luis; unverdroſſen und freudig, wie man der heiligen Mutter dient.“ 85⁵ „Und Duwollteſt den ehrwürdigen Vater verlaſſen?“ fragte James mit gelindem Vorwurf:„gerade jetzo, wo er Deiner Hülfe am meiſten bedarf? und die Eltern verlaſſen, die Du kaum wieder gefunden? mir in die rauhen Berge folgen, wo vielleicht der Mangel meiner harrt? Beſinne Dich.“ Ines ſchlug die Augen nieder, wiſchte ſich die blinkenden Tropfen von der Wange, verbiß den neu aufquellenden Schmerz, und antwortete:„ich danke Euch, Vater Jago. Ihr habt mich erinnert, daß ich meine Eltern und den Vater Luis zu pflegen habe. Ich will Euch gehorchen; ohne Murren. Die Mutter im Himmel wird mich ja beruhigen. Denkt meiner, betet für mich.“ Sie reichte ihm zögernd und dennoch ſehnend die Hand, und wendete ſich halb von ihm. Er drückte die Rechte der Jungfrau. Schnell zog ſie die Finger aus den Seinen, rief mit ausbrechender Klage:„Ach! und dennoch werdet Ihr ſehen, Jago, daß Niemand in der Welt Euch liebt, wie ich es thue!“ riß ſich kräftig von ihm los, und eilte wie ein fliegender Vogel den Landsleuten zu. Wie betäubt ſah ihr James nach, und als ob mit der unſchuldvollen liebenden Indianerin ein Theil ſeines Herzens ſich losgeriſſen hätte. Augenblicklich ſetzte ſich die Abiponer Horde in Bewegung. Ines ſaß weinend, ohne zurückzuſchauen, auf ihrem Pferde. Neben ihr ritten die tröſtenden Eltern, und Luis, der noch einigemal zurückblickte, mit ſeinem Tuch winkte, und endlich unter dem Schwarme der Neubekehrten verſchwand. Der Zug wurde dem Auge undeutlicher. Die fernen Grasſpitzen wuchſen immer höher an die Pferde der Fortziehenden hinan. Endlich ragten nur noch die ſchwankenden Speere am Horizonte hervor, und James ſtand noch immer mit untergeſchlagenen 86 Armen da, den zerrinnenden Schattenbildern nachſtarrend. Das Horn der Krieger des guten Jeſus rief ihn wieder zum Leben empor. Der Senator wurde ſo eben, auf einer be⸗ quemen, von Stauden geflochtenen Tragbahre vorüber ge⸗ ſchafft, um von dem ſanfteſten Thiere getragen zu werden. Stumm ſchloß ſich James Juſtinen an, die ſorglich ordnend, und ängſtlich beobachtend dem Vater folgte. Der junge Mann gewahrte Thränen in Juſtinens Augen, und fragte beſcheiden nach deren Urſache. „Ich weine der guten Ines nach,“ antwortete Müſſingers Tochter;„dem Mädchen, das mich, ohne mit mir reden zu können, inniger liebte, als irgend eine Seele auf der Wett. Ich möchte faſt bedauern, daß ſie ihre Eltern fand, und ihnen folgte. Sie hätte ſich nicht von mir getrennt. Jetzt bin ich allein, denn auch die arme Lainez fraß des Feindes Schwert, oder das Feuer!“ „Allein, beſte Jungfer?“ fragte James mit ſchonendem Vorwurf:„ſind wir Ihnen nicht geblieben? werden Sie unſre freundliche Hand zurückſtoßen? haben Sie noch nicht gelernt, mir zu vertrauen?“ „Ach, mein guter Monfieur!“ ſagte Juſtine entgegen;— „eurem Herzen,— ja ſelbſt dem des Doctors— vertraue ich gern mich ſelbſt und den Vater an. Euerm Kopfe jedoch nur ungern. Die Wüſte ſchmiedet uns zuſammen. Verargt mir's jedoch nicht, wenn ich befürchte, daß ein leichteres Verhältniß uns wieder ſcheide in Groll, in Meinung, in Erinnerung. Ich kann mich nicht deutlich ausſprechen. Denkt jedoch an die Kette eines Sclaven, die ihn mit einem Andern verbindet, obſchon ſein Geiſt von Kette und Gefährten ſich frei zu machen wünſcht.“ 87 „Das iſt mir genug;“ entgegnete James ſehr gekränkt, und blieb weit hinter Juſtine zurück. Der Zug ſetzte ſich in Bewegung, und ging langſam der Abendkühle entgegen. Im tiefſten Dunkel gelangten die Reiſenden an den Fuß der Berge. Hier wurde der Kranke auf die Schultern rüſtiger Träger genommen, und von vielen Harzfackeln um⸗ geben, ging's bergan. Die Pferde flohen in die Savannen zurück. Blos die Maulthiere für Vereira, Juſtine und den Pater blieben bei der kletternden Schaar. Die Morgen⸗ röthe fand ſie auf der Berghöhe, in romantiſchen Waldpfaden, die immer noch bergan führten, bis ſie in eine trockne, ſteinigte Fläche ausgingen, ringsum von niederſteigendem Wald begränzt, eine Schlucht ausgenommen, durch welche ſich eine herrliche Fernſicht zeigte. „He acqui el nuestro paraiso del buen a en los vosques!“ rief Vereira mit Löwenſtimme, nach der Ferne deutend, und warf ſich unter dem Schatten der letzten Bäume nieder. Die Seinigen folgten jubelnd ſeinem Beiſpiele, und der Zug raſtete, damit die Sonnenhitze vorübergehen, und jedes Auge ſich an dem ſchönen Anblick ergötzen möge. „Das gelobte Land!“ ſagte Münzner zu ſeinem Zögling, auf das Thal deutend, das ſich unter ihren Füßen ausbreitete. Es ſchien zur Ruhe geſchaffen; ein verſteckter, ſtiller, reizen⸗ der Erdwinkel. Die Abhänge von ſchwellendem grünen Raſen belegt! hin und wieder nur von Felswänden unter⸗ brochen; aber auch dieſe lebten, denn ſilberne Sturzquellen entſprudelten ihnen, umnickt und umwinkt von ſteinſprengen⸗ den blühenden Bäumen. Lang, ſchmal und halbmondförmig zog ſich das Thal in der Tiefe entlang, bewäſſert von mur⸗ melnder Fluth, bepflanzt mit üppigen Bäumen⸗ durchſchnitten 88 von ruhigen und in Fülle liegenden Feldern, von heitern gelben Fußpfaden, geſchmückt mit zierlichen Cabanen, mit Hütten von Raſen oder Rohr erbaut. Da, wo das Thal ſich krümmt, lag eine anſehnliche Gruppe von Häuſern⸗ leicht und ſchlank gebaut, mit ſchmuckloſen Dächern, im Schatten von kleinen dichten Hainen hinan gehend bis zum Saume der ringsum ſchützenden Wälder, Eine freundliche Sonntagsruhe ſchien über das Thal gebreitet. Die Felder unbevölkert, keine Heerde auf den Triften, kein Menſch in Feld und Flur und auf den Wegen. „Es iſt heute Feiertag,“ erläuterte Vereira,„und alle unſre Greiſe und Weiber ſammt ihren Kindern, in der Kirche. Die rüſtigen Männer ſind alle hier unter den Waffen bei mir, und nur der Oheim mit den Schwachen hütet das Haus. Wartet nicht auf Glockenklang und Chorgeſang. Beides iſt nicht Sitte bei uns, damit der fernhindringende Schall nicht unſer Daſeyn dem Feinde verrathe; denn Feind iſt uns jeder Portugieſe, jeder Spanier, der im Dienſte ſeines Herrn und bewaffnet kömmt. Die Portugieſen thun in neueſter Zeit dergleichen, als wollten ſie wirklich das Innere ihres Landes ſich eigen machen, und ihr äußerſter Wachtpoſten la Guasta iſt kaum ſechs Wegſtunden vom guten Jeſus entfernt. Allein die ſchroffe, ſteinige Wüſte, die uns gegen jene Seite hin umgibt und verſteckt, wird die Weichlichen ſchon abhalten, ihre Entdeckungsluſt weit zu treiben. Wäre es auch.... wehe ihnen! Lebendig käme das Detachement nicht aus unſerm Thale.“ „Aber, Herr,“ fragte James verwundert;„man rühmt ja Eures Oheims Milde, und die patriarchaliſche Gutmüthig⸗ keit, die die Grundlage ſeiner Regierung ausmachen ſoll⸗ * Wie vereint ſich das mit Eurem kriegeriſchen Thun und Eurem Stand?“ „Ich bin nicht geiſtlich:“ antwortete Vereira lächelnd, „und wenn ich in einer Kutte gehe, die dem Kleide des heil. Franziskus ähnlich ſieht, ſo geſchieht das blos, um meines Oheims Uniform zu tragen; eigentlich, um mich vor dem Volke als den ſogenannten Kronprinzen vom guten Jeſus in den Wildniſſen zu legitimiren.“ „Mein Onkel, der ein tapferer Soldat in den Carabiniers von Arragon geweſen, denkt übrigens, wie ich, daß der Friede nöthigenfalls nur durch den Krieg erhalten werden könne. Die Jünger Lopola's, und die Statthalter des Königs Jo⸗ hann ſind uns gleich verdächtig. Wahrlich, mein Vater, wäret Ihr nicht ein kaltblütiger Deutſcher, der mehr Ehre im Leibe hat, als ein Portugieſe oder ein Franzoſe, bequemer ſchweigt, und die Gaftfreundſchaft des guten Pater Luis,— welcher leider auch Euer Kleid trägt,— genug zu ſchätzen weiß, um ihn, der Euch empfahl und Uns, ſeine Verwandten, nicht zu verrathen,— ich würde Euch nicht mitgenommen haben.— Mit einem Portugieſen macht man übrigens nicht ſo viel Federleſens. Man ſchießt ihn vor den Kopf, und er mache dann was ihm beliebt.“ „Sie ſollten eine Armee kommandiren;“— antwortete Münzner lächelnd.— „Beim heiligen Jakob!“ fuhr der kampfluſtige Fernandez fort:„das wäre eben meine Freude. Ein Kommando gegen die Portugieſen! Ihr werdet Euch freilich wundern, wenn ich Euch ſage, daß unſer Haus ſelbſt aus Portugal ſtammt; daß einer unſrer Vorfahren ſelbſt vor achzig Jahren den Holländern— Gott verdamme die Krämer,— das Land 90 längs den Küſten abnahm; das braſiliſche, meine ich. Aber der Undank, womit man ihn belohnte, bewog unſre Branche, die ſchon früher nach Spanien verpflanzte, in ſpaniſchem Dienſte zu bleiben, bis denn endlich auch hier der Dienſt ſo ſchlecht wurde, daß ſich mein Onkel geiſtlich machte, und ſpäter auch mich vermochte, meinen Freibrief zu nehmen. Ich war Lieutenant unter den Pikenierern des Regiments der Milizen zu Lima; hing aber gerne Schärpe und Federbuſch bei Seite, da mich der Onkel beſchied. Seitdem ſuchen wir uns nun in dem Lande, wo unſer glorreicher Verwandter Wunder der Tapferkeit gethan, zu behaupten; dem König Johann und allen Jeſuiten des Königreichs zum Trotz. Unter Anderm, Pater Taver, thut mir die Liebe, und legt Euer Kleid ab.“ „Wie?“ fragte Münzner überraſcht:„Verſtehe ich Sie, Sennor Vereira?“ „Nichts Leichteres;“ fuhr der junge Mann leicht und lebhaft fort;„Ihr werdet mich verbinden, und Euch einen beſſern Empfang bei meinem Oheim bereiten, der ſchon vor dem ſchwarzen Rocke allein einen unüberwindlichen Ab⸗ ſcheu hegt.“ „Das thut mir leid;“ entgegnete der Doctor, kälter werdend:„ich lege aber den Rock nicht ab.“ „Wie? dieſe Gefälligkeit verſagt Ihr mir?“ fragte Vereira:„Stellt Euch nicht gewiſſenhaft, wo es unnöthig iſt. Pater Luis hat einige Worte fallen laſſen, die mir bewieſen, daß Ihr ſelbſt Euern Stand nicht beſonders liebet. Was ſoll denn das Sträuben?“ „Wenn ich auch den Fall ſetzen möchte, daß ich meinen Orden nicht liebe,“ entgegnete Münzner,„ſo ehre ich ihn 91 doch, und verläugne ſeine Inſignien nicht. Ohne den Be⸗ fehl oder die Erlaubniß meiner Obern lege ich das Kleid nicht ab.“ „Ihr machet mich lachen;“ ſprach Vereira etwas bitter: „Ihr ſprecht von Euern Obern, in einer Wüſte, fünfzig Mei⸗ len von jeder Miſſion, noch weiter von einem Ordenshauſe entfernt. Machet es, wie Ihr Herren es mit den Faſten macht: dispenſirt Euch ſelbſt.“ „Wenn es den Umgang mit Proteſtanten gälte, ſo könnte ich's auf mich nehmen;“ verſicherte Münzner mit unerſchütter⸗ lichem Ernſte;„Gegen Religionsbrüder lüge ich nicht. Der Pabſt hat unſer Gewand geheiligt und beſtätigt. Ich darf es mit Stolz überall zeigen, wo man zur Meſſe geht.“ „In unſerm Gebiete nicht!“ fuyr der junge Fernandez auf:„ich verbiete es Euch!“ „So werde ich umkehren müſſen!“ entgegnete Münzner entſchloſſen, und ſtand auf. Vereira hielt ihn zurück. „Wenn ich Euch nun gehen ließe?“ ſagte er mit ſcharfem Blicke.—„Verſuchen Sie es.— Ohne Lebensmittel, ohne Begleitung, ohne Obdach? in Gottesnamen! wollt Ihr um Eures Ordens Fhre willen in der Savanne verſchmachten?“ In Gottesnamen! Euern Zögling halte ich zurück, wie Euern Freund. Ich ſtoße Euch allein, ganz allein, hinaus. Es ſey: lebt wohl!“ James, der mit geſpannten Blicken Vereira's Geſicht ge⸗ hütet hatte, hielt den Pater auf, den Fernandez plötzlich freundlich umarmte. „Ihr ſeyd ein Mann!“ ſagte er:„Eure Geſellſchaft iſt zu beneiden, daß ſie ſolche ſtandhafte Glieder zählt. Kommt 31 3 3 — 92 getroſt mit mir; ich mill meinen Oheim ſchon ſtimmen, daß er über dem Mann den Rock vergeſſe. Wäre ich ein legiti⸗ mer, nicht ein wilder Prinz, ich würde Euch, allem Vorurtheil zum Trotz, zu meinem Beichtvater und Hofkaplan erheben. Ich liebe die entſchloſſenen Menſchen ſehr, und Eure erſte Hand⸗ lung müßte ſeyn, mich mit jener wunderhübſchen Deutſchen zu trauen; denn wahrlich: ſie gefällt mir wohl, und ver⸗ diente Beſſeres, als nur die Königin dieſer Wildniſſe zu ſeyn.“ Der eiferſüchtige Blick James folgte dem Glühenden, den Fernandez nach Juſtine ſandte, die, ein lebendes Bild der Pietät, unfern ſaß, den Vater pflegend, wartend, erheiternd. Eine trübe Ahnung ſchlich durch des jungen Engländers Ge⸗ hirn, und es ſank ihm ein Centnerſtein von der Bruſt, als Fernandez ſich erhob, und ſein Maulthier beſtieg, um vor⸗ auszureiten.— Er empfahl den Uebrigen, ſich zu ordnen, und bald nachzukommen. Darauf verlor er ſich, nur von ſeinen Hunden und einigen Schützen, die ſeitwäts durch die Büſche ſtrichen, begleitet, in den Wald, der nach dem Thale hinunterführte. Er war, in Gedanken vertieft, nicht allzuweit bergab geritten, als in dem Gebüſche ſeine Hunde anſchlugen, und ein Jäger ſeinen Gefährten pfiff. Zugleich raſchelte es in dem Geſtrüpp des Abhangs, wie das Geräuſch eines Laufen⸗ den, und in der That riß ſich auch ein Mann mit der größ⸗ ten Gewalt durch Buſch und Hecken; kraftlos an einem Steine niederſinkend, als er den Reiter vor ſich erblickte. Fernandez ſtutzte nicht wenig ob der fremden Erſcheinung, und ſprang vom Sattel, den Säbel in der Fauß, denn der Niedergeſunkene trug Portugieſiſche Uniform. 93 „Ha! Elender! was machſt Du hier?— rief er ihm rauh entgegen, und ſchwang die Klinge. Der Entkräftete warf einen muthigen Blick auf den Be⸗ waffneten, ſchloß dann die Augen, und erwartete den Streich. Dieſes Benehmen machte die Hand Vereiras ſinken.— „Wer biſt Du? wie kömmſt Du hieher?“— fragte er mil⸗ der, und winkte den Schützen, die nachdrangen, ferne zu bleiben. Der Fremde antwortete in ſchlechtem Portugieſiſchem: „Ich bin Soldat will's nicht mehr ſeyn,.. lieber ſterben!“— „So? Was hat man Dir gethan? woher kömmſt Du?“ „Von la Guasta. Heute war unſer Detachement abge⸗ löst, und auf dem Rückmarſche noch unfern von dem Wacht⸗ hauſe, mißhandelte mich der Knabe, der Fähndrich. Ich warf ihn zu Boden— entfloh;— hier bin ich. Tödtet mich, liefert mich aber nicht aus.“ „Du ſprichſt wie ein Mann; Du biſt auch einer und doch kein Portugieſe, wie ich vernehme.“ „Ich bin ein Fremder. Ein elender Seelenverkäufer hat mich in dieſe Gegenden gebracht. Ein portugieſiſcher Kaper bemächtigte ſich unſers Schiffs und verhandelte mich an die Soldateska auf der Küſte von Fernambuk; dieſe ſendete mich weiter in das Land. Nie fand ich Gelegenheit zu entkom⸗ men, als heute, auf's Aeußerſte getrieben.“ „Wohin wollteſt Du?“ „Ich weiß nicht Weg noch Steg. Lieber in den Tod, als zurück.“ „Recht. Du weißt nicht, wer ich bin, wer jene Leute ſind, die mir folgen?“ 94 Der Soldat ſah nach der Höhe, wo zwiſchen grünen däm⸗ mernden Blättern die Spitze des Zugs erſchien, und ſagte gleichgültig;„Ich kenne, auf Ehre, nicht Euch, nicht Eure Leute, und will nichts von Euch, als entweder den Tod auf der Stelle, oder Freiheit und ein Stück Brod; ich bin den ganzen Tag gegangen und gelaufen, und ſinke um vor Hun⸗ ger und Müdigkeit.“ Ein Schütze reichte ihm eine erquickende Frucht, und Fer⸗ nandez fuhr fort:„Es ſoll Dir nichts mangeln, als die Frei⸗ heit, die ich Dir auf ein Paar Tage nehmen muß, damit man ſehe, welch ein Vogel Du biſt; ob ehrlich, oder Spion!“ „Spion? Herr! ich bin ein Engländer!... „So? ich hätte das an Deiner Mundart merken ſollen. Dein Name?“ Dem Fremden wurde die Antwort erſpart. Ein Schrei der Ueberraſchung ließ ſich aus der Mitte des Zugs ver⸗ nehmen. „Vater;“— rief Juſtinens Stimme:—„Um Gottes⸗ willen! ſehen Sie auf. Es geſchehen Wunder! Herr Birs⸗ her! Georg Birsher!“— „Wer ruft mich?“— fragte um ſich blickend der Soldat, und ſtand wie verſteinert, die Braut, ihren kranken Vater, James, den Doctor vor ſich ſehend. Er rieb ſich die Augen, die Stirne, wollte auf Juſtine zugehen, und fuhr ſchnell und erſchreckt vor dem Senator zurück. Müſſinger, der Ueber⸗ raſchung unterliegend, vermochte kein Wort zu ſtammeln. Ein heftiger Krampf packte ſeine kranke Bruſt, er ſank, wie mit dem Tode kämpfend, zurück. Jammernd warf ſich die Tochter über ihn. Vereira gab Befehl, den räthſelhaften Fremden feſtzuhalten. Es geſchah. 95 „O ja, ihr Freunde!“— rref Georg außer ſich ſeinen Schergen zu;—„Reißt mich hinweg von dieſem Anblicke, der mein Herz zerſchmettert. Ich bin nicht kalt, bin nicht ruhig in dieſem Augenblicke. Ich kann den Mörder nicht in's Auge faſſen!“ Auf einen Wink des Fernandez wurde Georg ſchnell fort⸗ geführt; und ſchnell folgte ihm der Zug, damit der dem Tode nahe Kranke ſobald als möglich unter Dach und die Obhut des heilerfahrnen Prieſterfürſten komme. Einen wohlthuenden Gegenſatz zu der Beſtürzung, die über die Europäer gekom⸗ men war, machte das Betragen des Doctors. Von Freude leuchtend, gieng er dem Droß zur Seite, betete ſtill, betete laut, ſtreckte die Arme gen Himmel, und ſagte:„Wie kann ich Dir danken, du gnädiger Herr dort oben, daß Du mich dieſen Tag ſehen ließeſt? Wahrlich, James,“— ſagte er zu dem neben ihm tiefſinnig und betrübt einher Schleichenden,— „Was ich nicht zu hoffen wagte, iſt eingetroffen. Ich ſehe den Armen wieder, den ich unglücklich machen half; ich ſehe ihn frei unter Freien. O Herr! haſt Du über meinen armen Freund beſchloſſen, ſo erhalte ſeine Sinne nur eine Stunde noch bei voller Kraft, daß ſich von ihm löſe, was ihn quält; denn dazu iſt jetzt der Augenblick, dazu der Ort, und ich will Dich loben ewiglich!“ „Nur einen Abglanz Ihrer Stärke!“ bat James, blaß wie ein Sterbender, mit inniger Klage;—„nun iſt jede Hoffnung auf mein irdiſch Glück dahin! Selbſt die Wüſte vereint mich nun nicht mehr, mit der, die ich liebe; die Unſchuld, die an mir mit voller Seele hing, wies ich ſchnöde von mir. Ich muß allein ſtehen, belohnt für mein hinterliſtig Streben, beſtraft für den Trug, zu dem meine Jngend verleitet wurde. Vater Münzner! kehren Sie mit mir nach Dominica, nach Aſſumcion zurück! Euer bin ich nun, ihr ſchlauen und ge⸗ ſchäftigen Ordensleute! Ich will mich an Eure Selbſtſucht, an den Schein Eurer Tugend ketten, da mich die Wahrheit verläßt und die Liebe!“ „Du betrübſt mich, mein Sohn!“— entgegnete Münzner kräftig:„Wo iſt die Stärke, womit Du prahleſt? Wo das Wohlwollen gegen die Menſchheit, das Dich auszeichnete? Du willſt jetzo dieſen Rock nehmen, indem Du ihn verach⸗ teſt? Weiche zurück von der Sünde! Denke ſie nicht. Dem ſchwachen Erdenſohne iſt's erlaubt,— es iſt ſein Loos, ge⸗ täuſcht zu werden, harmlos die Schlange zu nehmen, die ihn alsdann tödtet. Wer aber mit der Erkenntniß das Böſe thnt, iſt verächtlich.— Mich, den Schwergetäuſchten, laß immerhin an dem Platze fallen, der mir zum Kampfe ange⸗ wieſen wurde. Treu meinem Schwure, weiche ich nimmer aus dem Streite, der mich verdirbt. Dir verbiete ich aber jetzo, ferner an den Orden zu denken. Du würdeſt darinnen ein Ungeheuer, während ich nur ſchwach war. Laß ab! Deinen Wortbruch nehme ich auf mich, weil ich ihn ver⸗ ſchuldete.“ James warf ſich weinend an des Pflegers Bruſt. Beide zu ſich gekommen ſahen ſich um. Sie ſtanden im Thale, an der Pforte eines luftigen Hauſes. Eine Doppelreihe von Jungfrauen und Kindern bewegte ſich heran, bunt und feſt⸗ lich gekleidet, Früchte in den Händen, und boten ſie mit ſtiler Gaftfreunvlichkeit den Ankommenden. Unter dem leichten Vordache des Hauſes, über welches ſich zwei Palmen lehn⸗ ten, ſtand der Fürſt des guten Jeſus, in der einfachen, groben 97 Tracht des heiligen Franziskus, mit nackten, ſandalen⸗ tragenden Füßen, vom dürftigen Strick umgürtet. Der einzige Schmuck des hochbejahrten Mannes war ſein weißes Haupthaar, der wie aus Schneefäden geſponnene Bart, der zum Gürtel hernieder floß, und die heitern, wohlwollenden Augen in dem braunen, ehrwürdigen Geſichte. Er ſprach mit einfachen Worten den Segen über Alle, und richtete milde Troſtworte an Juſtine, wie an den Senator, der ſich mühſam von ſeiner Ohnmacht erholte. „Dieß Euer Haus, meine Gaſtfreunde!“ ſagte er:„Heil den Fremden, die es wohl meinen, wie wir es mit ihnen ma⸗ chen wollen! Heil dem Kranken, denn Gott will, daß er ge⸗ neſe! Heil den Abweſenden, und vorzüglich dem guten Vater Luis, denn er gab uns Gelegenheit, barmherzig zu ſeyn, und Freude bringe ihm dieſer Abend! Der Senator wurde in das Haus gebracht, und wie mit Zauberſchnelligkeit war ein Trank bereitet, von welchem der Vater Franzisco viel verſprach und erwartete. Alles Volk hatte ſich ohne Geräuſch nach ſeinen Häuſern begeben; die ſtille Sabbathsruhe war wieder allenthalben eingetreten, Alles verödet; nur auf Felsſpitzen rings um das Thal ge⸗ wahrte das Auge bewaffnete Schildwachen, die das Thal in die Ferne mit Späherblicken hüteten. Franzisco, der Fürſt dieſer Wildniſſe, ſaß neben dem Kranken, der in eine heftige Criſis fiel. Des Prieſters Hand verließ den Puls nicht, wie die Augen der knieenden Juſtine die Züge des Vaters nicht verließen. Fernandez lehnte in der Ecke, und beſchaute das Mädchen, das ihn ſehr anzog; James kämpfte, unfern ſitzend, mit ſeinem Herzen; mit gefalteten Händen ſtand Pater Kaver an der ſehr großen Fenſteröffnung, die beinahe eine ganze III 3. 7 98 Seite der Stube einnahm, mit einer Baluſtrade verſehen war, und die Ausſicht auf einen großen Platz gewährte, mit Raſen bewachſen und frei; von Platanenreihen im Halbkreiſe umringt. Ein einfacher Altar erhob ſich in ſeiner Mitte, und, beinahe die Baumreihe überragend, ſtand hinter dem Altare ein rieſengroßes Bild des Heilands, ſitzend und ſpre⸗ chend: Laßt die Kindlein zu mir kommen! Der Kopf der Bildſäule, ein Meiſterwerk von Schnitzarbeit, ſah ernſt und ſanft in das Zimmer, und nach ihm gewendet lag der Kranke, zu ihm gewendet betete Laver. Des Senators Zuſtand beſſerte ſich indeſſen, aber eine große Schwäche beſiel ihn. Die Thüre öffnete ſich, und ein Mann, zurückgehalten von einigen Wächtern, wollte herein. Franzisco winkte ihm, leiſe näher zu kommen.„Der Kranke hat nach Euch verlangt,“ ſagte er,„ſchont ſeinen Zuſtand!“⸗ Georg trat, um vieles gefaßter, mit ruhiger Stimme auf den Senator zu, der ihm ſchwach die Hände entgegen reichte. „Ich ahne,“ ſagte Georg,„was Sie bewogen haben mag, meine Nähe zu fordern. Sie glauben an der Pforte des Todes zu ſtehen, und wollen ein qualvolles Bekenntniß in meinen Schvoß wälzen. Laſſen Sie die traurige Pflicht. Verſöhnen Sie ſich mit dem Himmel; ich habe Ihnen ver⸗ geben, und auch mein armer Vater, der uns jetzo ſieht, wird die Grauſamkeit, die Sie an ihm begingen, nicht rügen. Er wird bei dem Ewigen um des Mordes willen, den Sie an ihm verſchuldet, um Gnade bitten.“ Des Senators Körper zitterte. Juſtinens Buſen hob ſich heftiger. Münzner trat langſam näher.„O wie iſt es mög⸗ lich,“ ſeufzte Georg, ſich ſelbſt vergeſſend, und in den Anblick des Kranken verlierend,„daß dieſer Mann, in deſſen Geſicht 99 ietzt die engelgleiche Sanftmuth liegt, daß dieſer gerade gegen den Gafifreund ſeine Wuth kehren, daß er ihn erwür⸗ gen konnte! Was iſt der Menſch2“ „Ein Irrender, Herr Birsher;“ antwortete Münzner: „und auch Sie ſind im Irrthum, verſöhnlicher, verzeihender Sohn.— Hier iſt Ihr grauſames Gericht,— hier iſt die Folter nicht zu fürchten,— hier iſt keine Rückſicht auf öffent⸗ liche und geheime Lebensverhältniſſe zu beachten, Herr Sena⸗ tor. Reden Sie mit dem jungen Ehrenmanne, daß der grimmigſte Verdacht weiche, daß der Eine bezeichnet werde, der die meiſte Schuld an Ihrem Unglück trägt.“ Der Senator erholte ſich ein wenig, und redete dann zu dem jungen Birsher.„Sie ſind ein klarer Engel, Herr, Sie vergeben mir unbedingt, ob Sie gleich ſcheinen, das Schrecklichſte von mir zu glauben. Und dennoch,— wahr⸗ lich, Herr,— ſo viele Schuld ich an Ihres Vaters Hin⸗ ſcheiden habe,.. verflucht ſey meine Hand, wenn ſie je ſich an dem edeln Manne vergriffen.“ „Wie?“ fragte Birsher. Juſtine athmete freudig auf. „Ich bin zu Grunde gerichtet; ſagte ich dem Mahnen⸗ den, deſſen Güte ich nicht ahnte, eben ſo wenig, als ſeinen Namens“ fuhr der Senator fort:„ich muß ſterben eher, als mich bankerott bekennen: ich riß die für mich geladene Piſtole aus der Schublade. Herrgott! wollen Sie mich morden? fragte Ihr Vater auffahrend, und in ſelbem Augenblick ſank er, der von der Reiſe bereits Ermüdete, von ſchlafloſer Nacht Erhitzte, von dem unangenehmen Geſchäfte und dem plhtlichen Schrecken aufgeregt, vom Schlage getroffen zu Poden. Mein Entſetzen... wer beſchreibt es? Ich wollte „dem Röchelnden die feſt zugezogene Halsbinde lüften — . ich war ungeſchickt: um ſo ſchneller ſtarb er unter meinen Händen; und der entſetzliche Gedanke, den nächſten Anlaß zu ſeinem Verſcheiden gegeben zu haben, warf mich ſelbſt zu Boden.“ Georg ſann nach, als der erſchöpfte Erzähler geſchwiegen,. und fragte dann;„Wenn ich den Worten eines Sterbenden auch glaube,— und die Lüge ſitzt nicht auf Ihrer Stirne— woher Ihre Befangenheit, Ihre Angſt woher das räth⸗ ſelhafte Schweigen gegen mich, da ein freimüthiges Erklären Alles beigelegt haben würde?“ Der Senator konnte nicht mehr reden, Münzner nahm für ihn mit erſchütternder Wahrheit das Wort:„Ich gebe Ihnen mein heiligſtes Prieſterwort, im Angeſichte des Hei⸗ lands, der dort ſo hehr und rein ſein göttliches Haupt in den Himmel hebt; der Senator ſpricht die Wahrheit. Dazumal war jedoch die Schlange ſeines Bewußtſeyns ihm ſo ſchreckend, daß ihm ſelbſt die nackte Wahrheit ein Gräuel wurde. Seines vielſeitigen Unxechts gegen die Geſetze ſeines Standes und ſeiner Vaterſtadt bewußt, fürchtete er von deren harten und partheiiſchen Gerichten das Beginnen eines Pro⸗ zeſſes, der ihn zu Boden geriſſen, mehrere Jahre im Gefäng⸗ niſſe gehalten haben, ihn vielleicht, dem Schein zu Liebe, ſeinem Läugnen zum Trotz, auf das Schaffot,— unſchuldig unter das Schwert gebracht haben würde. So viel von ſeinem unerklärlichen Schweigen gegen den erregten Ver⸗ dacht. Die Qualen ſeines Bewußtſeyns habe ich zu tragen, und dieſes Bekenntniß iſt nur eine geringe Vorbuße für das, was ich gegen Sie alle, meine Lieben, verſchuldet habe. Clara,— mein Freund,— empfahl Sie meiner Liebe! Mit aufrichtiger Theilnahme an Ihnen hängend 101 wußte ich Ihnen keine beſſere Wohlthat zu bereiten, als den Eintritt in meine Kirche,— die Wiedervereinigung mit Claren, jenſeits des Fegfeuers. Ich bedurfte eines Bandes, Sie feſtzuhalten. Ich benützte den finſtern Wahn, in dem Sie lagen, als ob Sie eigentlich durch ihre Drohung den ehrenwerthen Vater dieſes Mannes getödtet; ich brauchte ihn als Schrecknißtz ich zeigte Ihnen die Vergebung der entſetzlichen Sünde nur in dem Schvoße des kätholiſchen Glaubens. Endlich war mir das Werk gelungen, Sie waren unſer; ich bemühte mich nun, Ihre Furcht vor dem eingebildeten Verbrechen durch die Losſprechung zu tilgen. — Umſonſt! der Wurm blieb, wurde ſchrecklicher) denn zu⸗ vor; Folge knüpfte ſich an Folge, eine verderblicher, als die andere. Ihre Bekehrung wurde Sache des Ordens,— ich ſah Sie aus meinen Händen geriſſen, völlig zum Abgrund geſchleudert; ich ſah die unſeligen Wirkungen meines Be⸗ ginnens, das in aufrichtiger Liebe entſprungen! ich ſchau⸗ derte ſelbſt vor meinem Werke zurück, und mußte nun Stein zu Stein tragen, Trug auf Trug bauen, um„ o) laſſen Sie mich ſchweigen! Sie aber, edler Georg, vergsben Sie mir, daß auch Sie endlich unſerer Sicherheit Opfer werden mußten. Wenn Sie gewußt hätten. Wir fuhren auf demſelben Schiffe: Sie in den Feſſeln des Raums, wur⸗ den von dem Senator nicht geſehen. Zu Buenos⸗Ayres angelangt, mußte ich Sie, unſerer Selbſterhaltung willen, Ihrem traurigen Schickſale überlaſſen.1 Welche Fügung des Herrn, daß Sie, ſtatt nach Batavia geliefert zu werden, hieher kommen mußten! Hier ſind alle Schleier gefallen! hier ſehen Sie das Ungeheuer vor ſich, das Ihre harmloſe Menſchenliebe, Ihre Hoffnungem Ihren Brantſtand, vielleicht 102 Ihr ganzes irdiſches Glück, und die Glückſeligkeit dieſer Beiden, und den Frieden jenes jungen Mannes unbarmherzig zernichten mußte! Gott ſey Dank; endlich habe ich meine Gefühle reden laſſen dürfen, und nun beginnen Sie mit mir nach Gutdünken.“ Georg und James wendeten ſich entſetzt ab; Juſtine be⸗ trachtete den furchtloſen Mann des Jammers ohne Verach⸗ tung, nur mit Bangigkeit und innerer Freude über ſeiner, zur Wahrheit gehobenen, Seele Kraft: denn er hatte ja den Vater von der gefürchteten Blutſchuld freigeſprochen, und Birsher durfte ihnen nicht gerecht zürnen, und James war auch gerechtfertigter, als das Mädchen jemals vermeint hatte; und, wenn es Bedauern erregt, einen Gutdenkenden in Sünde verſinken zu ſehen, ſo erquickt den Kräftigen doppelt der Wiederaufſchwung des neu erſtarkten gefallenen Herzens! Der Senator winkte dem Pater Faver zu, und liſpelte: „Sie wollten mich um Clara's Willen dem Paradieſe weihen, mein Freund. Ich ſpreche Sie frei, und danke Ihnen für dieſen Augenblick. Ich haſſe Sie nicht.“ „Nicht ich;“ rief James weinend, und an den Hals des Lehrers fliegend. „Nicht ich;“ ſetzte Georg edel entſchloſſen bei, und drückte ihm die Handz„alles, was wir um uns ſehen, iſt Gottes Werk, und ſo auch die Handlungen der Menſchen, und auch ſo Ihr gutes, aber zum Unſegen beſtimmt geweſenes Herz! Gott hat uns ſchwer geprüft; aber iſt es nicht auch ſeine Schickung und ſein Friede, daß wir uns hier zuſammenfin⸗ den? Ich verzeihe, ich vergeſſe, ich haſſe nicht Siez was jedoch den Orden betrifft, der 103 „O, mein Herr!“ bat Pater Münzner weich:„Auf mich allein die Schale Ihres Zorns! Ich habe Niemand ange⸗ klagt, als mich allein. Ich habe zu büßen. Die Fremden, die Unſchuldigen verſchone Ihr Unwille. Ich dächte: der Geiſt der Duldung ſtände dem Proteſtanten wohl an. Ver⸗ dammen Sie nur den, der das Ueble mit ſeiner Hand gethan.“ Georg nickte ihm zu, ging zu dem Senator, und gab ihm ſeine Hand. Schüchtern reichte er die Linke an Juſtine, die erröthend, aber gerne ſie annahm. „Ich ſchwöre es,“ rief er,„Euch nie zu verlaſſen, meine Lieben, ſo lange das Geſchick uns in der Irre, auf wüſtem Meer des Lebens treibt. Laßt uns Alle enge zuſammentreten, vereint durch Noth, durch Friede, durch Verſöhnung. Liegt nicht das Elend hinter uns in der alten Welt, und kann nicht das Glück auf's Neue hier uns aufblühen?“ Sein Blick traf auf Juſtine. Er las in ihren Augen Freude und Vertrauen.„Gib mir Deine Tochter, wenn Du heimgehſt, Vater! ſagte er zu dem Senator, und dieſer legte die Hände des Brautpaares weinend in einander. James hatte den Muth, ſeinen Landsmann glückwünſchend zu umarmen, und Münzner theilte die hier ſtatt gefundene Verſöhnung und ihre Folgen dem Prieſter Franzisko und ſeinem Neffen mit. „In dieſem Thale,“ ſagte er,„wäre für die Leute ein ſtilles Glück zu hoffen, bis die Außenwelt wieder für ſie zugänglich wird. Dürfen ſie aber auf Ihren Schutz rechnen, mein Vater?“ „Jeſus iſt die Liebe und der gute Hirt,“ antwortete Franzisko:„wer tugendhaft iſt, wohnt gut in dieſem Thalc, 104 und— wenn der den Portugieſen entflohene Mann nur un⸗ ſere Felſengränzen nicht verläßt, ſo iſt er ſicher immerdar.“ „Beim heiligen Jakob!“ verſetzte Fernandez, an ſeinen Säbel ſchlagend:„Ich beſchütze ihn ſelbſt, weil er brav ſeyn muß, da die ſchöne Deutſche ihn liebt, für welche ich gerne meine altſpaniſche Ritterlichkeit bewähren möchte!“ So geſchahe es alſo, daß ſie in dem kleinen Statt des guten Jeſus in den Wildniſſen eingebürgert wurden. Die Einwohner, ein harmloſes Volk, aus allen Farben zuſammen⸗ gewürfelt, theils vom Unglück hieher verſchlagen, theils im ſtillen Thal erwachſen, ſchloſſen ſich bald an die fremden Brüder an. Ein Haus von ſchlankem Rohre wurde den⸗ ſelben gebaut. Die Nahrung gab ihnen Vater Franzisko aus dem Vorrathhauſe der Gemeinde, bis ihre Felder, ihre Bäume Früchte tragen würden; er gab durch ſeine Vemü⸗ hung dem Senator das Köſtlichſte: die Geſundheit, wieder. Die Seelenruhe des Mannes beförderte ſeine Heilung, und ehe achtundzwanzig Tage vergingen, ſo ſtrich er ſchon mit ſeiner Tochter und mit Georg durch die freundlichen Fluren um die Colonie. Die Liebe des Paares verjüngte ſeinen Geiſt, und, ungeduldig aufbrauſend, wiewohl gutmüthiger, als in der verwichenen Zeit, ſagte er zu ſeinen Kindern: „Ihr liebt euch; Ihr wollt es nicht verhehlen! Warum wird mir nicht das Glück, Euch verbunden zu ſehen? Warum hat Franzisko noch nicht den Segen über Euern Bund ausge⸗ ſprochen? Ein Patriarch könnte es nicht beſſer, als dieſer edle Mann.“ Juſtine und Georg ſahen ſich an, ernſt, einverſtanden, drückten des Vaters Hand, und die Tochter ſprach:„Nicht, hier, mein lieber Vater! Hier herrſcht nicht unſer Glaube, 105 und den Lockungen der andern Kirche ſeit langem wider⸗ ſtrebend, ſoll auch nicht die Einſamkeit den Sieg über mich erringen.“ „Nicht ewig,“ redete Georg,„wird uns das Geſchick an dieſen Boden feſſeln; ich ahne es, wir werden meine Hei⸗ math ſehen, und dann, Vater, dann knüpfen wir dort das Band vor dem unſichtbaren Gotte.“ Der Senator ſchlug beſchämt die Augen nieder, und Juſtine, um ſeine Verlegenheit zu endigen, ſetzte ſchonend bei:„Wie wollen Sie auch, daß ich glücklich ſey, ſo lange noch ein Mann in unſerer Nähe lebt, den die Leidenſchaft beim Anblick dieſes Bundes elend machen würde?“ Sie zeigte auf James, der unfern vorüberging, finnend, brütend, geſenkten Hauptes, ohne ſich umzuſehen. „Sie waren ihm hold, beſte Jungfer!“ ſagte Georg, ihm nachblickend:„Der Unglückliche, daß er dieſen Lichtblick ſeines Lebens nicht für ſich gewann!“ „Zu meinem Frieden!“ antwortete Juſtine:„Angczogen und zugleich abgeſtoßen von ihm, danke ich den Ränken, zu welchen ihn ſeine Erzieher verleiteten, meine Ruhe. Ich haſſe die Falſchheit— und nur redliche klare Beſonnenheit kann mein Herz gewinnen. Darum rechnen Sie, mein beſter Herr, auf dieſes, wenn es Ihnen angenehm iſt, und vor Allem— laſſen Sie uns ſammt und ſonders auf baldige Erlöſung nach der Heimath hoffen. Denn, nicht zu läugnen, daß hier in dieſem Frieden, dieſer Stille, nur ein geſchmück⸗ ter Kerker zu ſchauen iſt.“ Juſtine ſprach wahr. Franzisko übte, ſeinen Verhält⸗ niſſen gemäß, die ſtrengſte Deſpotie; mit Wachen war das Thal umſtellt: niemand ſollte das Thal verlaſſen; auf die 106 Fremden wurde das wachſamſte Auge gehalten; beſonders auf den Jeſuiten, deſſen Gewand, das er hartnäckig behielt, einen größeren Verdacht erregte, als die portugieſiſche Uni⸗ form, die Georg abgelegt hatte, um kein Aergerniß zu geben. Und gerade Münzner mußte es ſeyn, der plötzlich aus dem wohlgehüteten Gefängniſſe entwich, ohne es ſelbſt zu ahnen. Bei all dem herzlichen Vergeſſen, das die Freunde ihm bewieſen, war der Stachel in ſeiner Bruſt zurückgebliben. Er konnte ſich nicht heimiſch unter dieſen Menſchen fühlen. Seine Gewiſſenhaftigkeit trieb ihn, da der Senator geneſen war, wieder nach dem heimathlichen Boden, vor die Schran⸗ ken ſeines Provincials. Der ſtille Kummer, worin ſich James verzehrte, machte ſein Herz bluten. Es quälte ihn, dieſen Unfrieden eines geliebten Jünglings mit anſehen zu müſſen. Botanik, eine Lieblingswiſſenſchaft ſeiner jüngern Jahre, bot ihm Zerſtreuung und Genuß. Er entfernte ſich von den Landsleuten; er kletterte Tage lang an dem Geſtein des Höhen, durchkroch die Furchen des Thalbodens. Die Wächter waren ſeiner Wanderungen gewöhnt worden. Dem ſchlichten einfachen Manne mißtraute keiner mehr; ſie ließen von ihrer Achtſamkeit nach, und ſo kam es, daß der Pater ſich eine⸗ Nachmittags, von ſeiner Forſchbegierde verleitet, weiter ver, ſtieg als ſonſt, und ſich mit einemmale hoch über den Wacht⸗ poſten erblickte. Die herrliche Flora, die um ihn erblühter führte ihn weiter. Die Waldpflanzen boten ihm einen blumigen Pfad, der ihn mehr und mehr verlockte, und, wie das Kind der Lockung ſüßer Früchte folgt, ſo folgte hier der Mann, deſſen Herz ſich ſeit Langem wieder einer ruhi⸗ gen Freude hingab, dem Streben ſeiner Wißbegierde. Aber immer weiter war er gegangen Der Wald hatte ſich 107 hinter ihm mit tauſendſtämmiger Wehrmauer zugeſchloſſen. Nur der Laut der Vögel ſprach zu dem Wandernden: nur die Furche, die von der mächtigen einſamen Schlange durch das Gras gezogen wird, war ſein Pfad, und endlich dämmerte es ſchon unter den hohen Bäumen, als er Halt machte und auf den Rückweg bedacht wurde. Wo jedoch dieſen finden? Kein Sonnenſtrahl mehr; noch kein Stern; grüne duftige Waldnacht allein. Münzner verſuchte ſein Heil, indem er auf's Gerathewohl einen Seitenpfad einſchlug, wo von Ferne eine ſchwache Helle aufzudämmern ſchien. Je weiter er ging, je tiefer die Dämmerung wurde, je deutli⸗ cher wurde der helle Punkt; er blitzte auf: eine Feuerflamme vedete zum Auge des Wanderers. Er förderte ſeine Schritte. Auf feuchtem Grunde, an hochwachſenden, üppiggeblätterten Sumpfſtauden vorüber— immer auf das Ziel zu, das die Gegenwart von Menſchen verrieth. Mochte das Raubgethier um und um in der Ferne heulen und krächzen; er verfolgte die Spur. Schon erkannte er einen flammenden Holzſtoß, Menſchen um denſelben gelagert. Seine Annäherung, von dem rauſchenden Geſtrüpp verrathen, erregte die Aufmerk⸗ ſamkeit der Lagernden.„Wer da!“ rief eine portugieſiſche Zunge, und der Pater ſah die Mündung einer Flinte ge⸗ gen ihn gerichtet.„Ein Verirrter!.. antwortete er, und im Nu umgab ihn die Schaar der Aufſpringenden: ein Du⸗ tzend von Männern in braune, grobe Mäntel gehüllt, mit herunterhängenden Hüten auf dem Kopfe, Säbeln an der Seite und Musketen in der Fauſt. Einer von ihnen, der unter dem Mantel eine Uniform ſehen ließ, mit den Galo⸗ nen eines Offiziers, fragte gravitätiſch, daß die Cigarre zwiſchen ſeinen Zähnen nicht erlöſche, woher der ehrwürdige 108 Vater komme und wohin er wolle. Auf die unbeſtimmte Antwort Münzners, daß er ſich verirrt habe, ſchüttelte der Offizier ungläubig den Kopf, küßte indeſſen dem Pater die Hand und erwiederte:„Ihre Ausſage iſt dunkel, Ew. Hoch⸗ würden. Ich muß ſie in's Hauptquartier ſchaffen laſſen, da Sie mir nicht angeben wollen, wo Ihr Wohnort iſt.“ „In's Hauptquartier?“„Nach la Guaſta; einige Stun⸗ den von hier entfernt. Sie werden gefällige Leute daſelbſt finden, mein Vater.“„Aber mit welchem Rechte?“„Ich bin Soldat, hochwürdiger Herr. Das entſchuldige mich. Mi⸗ guel und Du, Olao! nehmt eine Fackel mit Euch, und führt den ehrwürdigen Herrn zu Sr. Excellenz, dem Brigadier.“ „Welche Behandlung, da ich hier nur Schutz für dieſe Nacht ſuchte!“ „Befehl, hochwürdiger Herr! Geben Sie uns Ihren prie⸗ ſterlichen Segen, wenn es Ihnen gefällig wäre!“ Die ganze Truppe ſenkte ſich auf die Kniee. Münzner that das Verlangte, und nachdem ihm noch von Allen auf's Inbrünſtigſte Hand und Kleid geküßt worden war, mußte er ſich auf den Weg machen. Der Offizier bot ihm Cigarren und einen Tropfen Wein zur Erfriſchung. Niedergeſchlagen und geärgert verweigerte Münzner Beides, und folgte den Soldaten, die alle erſinnliche Ehrfurcht und Frömmigkeit ge⸗ gen ihn bewieſen, ihn jedoch nicht aus den Augen ließen, die geſpannte Flinte im Arme haltend. So verging die Nacht auf gefährlichem, halsbrecheriſchem Wege. Das Mor⸗ genlicht fand den Verhafteten auf der ſteilen und öden Berg⸗ platte la Guaſta. Abgründe ringsum; in der Tiefe Wäl⸗ der; ein dürftiges Wachthaus bot ein Obvach; aber der ſonſt öde Ort wimmelte von gelagerten Soldaten einiger 109 Milizen⸗Compagnien, Strauchdieben ähnlicher, als geregelten Kriegern; in abgetragenen Röcken und zerriſſenen Schuhen. Die durchlöcherten Hüte, niedergekrempt, ſaßen verwegen auf den ölglatten, ſchwarzen, hängenden Haaren, und das olivengelbe Geſicht wurde furchtbar und drohend durch die großen, ſchwarzen Feueraugen, und den unordentlich gehal⸗ tenen Schnauzbart. Spielend, ſchlummernd, plaudernd la⸗ gen ſie am Boden um Trommel und Fahne, die Waffen, in Pyramiden zuſammen geſtellt; ſo wie ſie des nahenden Geiſt⸗ lichen anſichtig wurden, flogen die Hüte herunter; die Mann⸗ ſchaft lag auf den Knieen, und die Benediction war das Erſte, was ſie verlangten. In dem Augenblicke traten zwei Männer unter den Eingang des Wachthauſes. Ein hoher Offizier, wie das Kleid verrieth, und der Ungeſtüm, mit welchem das Militär aufſprang, ihm die Honneurs zu ma⸗ chen; dann ein Vater der Geſellſchaft Jeſu, der ſehr ver⸗ wundert ſchien, einen Bruder vor ſich zu ſehen.— Münzner war erſtaunt über dieſes Zuſammentreffen, das, in Mitte ſo vieler Waffen, einen bedeutenden Zweck zu haben ſchien. Der Sergeant Miguel berichtete. Der Brigadier näherte ſich dem Pater Münzner beſcheiden, und fragte ihn:„Wol⸗ len Sie nicht aufrichtiger gegen uns ſeyn, als gegen den Lieutenant des Vorpoſtens, mein Vater? Sie ſind, wie aus Allem zu ſchließen, unbekannt in dieſen unwegſamen Gegen⸗ den, und jede Ausflucht, die Sie erſinnen möchten, uns über dieſen Punkt zu täuſchen, würde vergebens ſeyn. Wären Sie etwa bekannter in der Region, nach welcher wir unſern Marſch gerichtet haben? in dem Thale des guten Jeſus in den Wildniſſen? Münzner erſchrack. Die Ahnung vom Verderben ſeiner 11¹⁰ Freunde ſchoß durch ſeinen Kopf. Entſchloſſen, nichts zu ver⸗ rathen, läugnete er, ohne jedoch einen Vorwand zu finden, der ſeine Exiſtenz in dieſen Landen beſchönigen konnte. „Ich wiederhole Ihnen, mein Vater,“ fuhr der Brigadier gemeſſen, ernſt, aber immer höflich fort,„daß Sie Ihre Lage verſchlimmern. Wir laſſen uns nicht täuſchen. Sie möchten ſich die Folgen ſelbſt zuzuſchreiben haben. Woher kommen Sie? die nächſte Miſſion liegt noch ferne von hier, und Ihr Geſicht ſcheint dem hochwürdigen Vater Aſſiſtenten der Miſſionobern zu St. Sebaſtian gänzlich unbekannt? Geſtehen Sie, daß Sie ein Einwohner der wider des Königs Willen und Gottes Erlaubniß errichteten Colonie in den Wildniſſen ſind.“ Münzner wollte ſich in ſein Leugnen beſchränken. Der Pater Aſſiſtent durchbohrte ihn mit den Augen, ohne ein Wort zu reden. Der Brigadier fuhr ſtolz und ſchneidend fort: „Es iſt wahrſcheinlich, daß die ſpaniſche Krone die aufrühre⸗ riſche Niederlaſſung auf Don Juans Eigenthume begünſtigt, und Väter der Geſellſchaft Jeſu aus ihrem Paraguah her⸗ über ſandte, dieſelbe zu regieren, möglich indeſſen auch, daß Sie das Kleid und die Tonſur blos als Maske tragen, um verbrecheriſche Späherränke darunter zu verbergen. Minde⸗ ſtens ſollten Sie Ihre Lection beſſer gelernt haben. Wenn Sie, wie Sie vorgeben wollen, zu Sancta Catalina als Vi⸗ car ſtehen, wie kömmt es, daß Sie hier aufgehalten werden konnten? Man pflegt keine botaniſche Wanderung auf fünf⸗ zig Leguas in der Runde anzuſtellen. Dieſe Gründe werden mich bewegen, Sie nach St. Sebaſtian abführen zu laſſen, woſelbſt Alles klar werden ſoll.“ Münzner bückte ſich ſchweigend, ſich in ſein Schickſal er⸗ 111¹ gebend. Der Pater Aſſiſtent winkte indeſſen dem Brigadier verſtohlen zu, nahm den Doctor bei der Hand, führte ihn in ein einſames Gemach des Wachthauſes, und ſagte hier zu ihm:„Mein verehrter Mitbruder im Herzen Jeſu! Ich habe ſie durchſchaut, und beſcheide mich, die Gründe ihres Betra⸗ gens zu tadeln, weil ich dieſelben gefunden zu haben glaube. Ihr Name, Ihre Verrichtung?“ Münzner nannte ſich, ſeine Heimath, ſein Profeßhaus, ſeine Sendung nach Amerika. Der Aſſiſtent lächelte zufrie⸗ den und ſagte:„Ihr Name iſt mir bekannt: das Haus Min⸗ hao zu St. Sebaſtian führt ihn in ſeinen Regiſtern und Correſpondenzen. Ich faſſe Vertrauen zu Ihnen, wie unſere Pflichten es wollen. Sie drücken ſich aber nicht klar aus. Seit Ihrer Entfernung aus der Savanna unſern Dominica bleibt eine Lücke, die Sie nicht ausfüllen wollen. Wenn Sie dem Soldaten allein nicht Rede ſtehen wollten, kann ich's nicht ſchelten. Das Volk mit dem Degen nimmt häufig das Prae vor unſerm Stande und Beruf. Mir gegenüber iſt es ein Anderes. Sie ſollen wiſſen, daß ich auf Befehl des hochwürdigen Paters General zu Rom mich hieher ver⸗ fügt habe. Längſt haben wir Kunde von dem„guten Jeſus in den Wildniſſen,“ und den dort herrſchenden Uſurpatoren. Theils aber, um die ſpaniſche Krone in ihrer Unwiſſenheit zu laſſen,— theils aus Mangel an energiſcher Unterſtützung unſers Statthalters, ließen wir die Einverleibung jener Ge⸗ meinden in den Schvoß derer Miſſionen, die Uns mit Fug und Recht gehören, dahin ſtehen. Endlich iſt der Augenblick gekommen. Hinreichende Mannſchaft unter dem Commando eines Brigadiers begleitet mich. Wir ſtehen an den Pforten jenes lichtſcheuen Staats, um ihn für den König und den 112 Orden zu behaupten. Zwei Kundſchafter des elenden Fran⸗ ciskaners, der dort regiert, find in unſere Hände gefallen. Das Geheimniß unſers Anrückens iſt unverletzt. Wir ſind im Beſitz aller nöthigen Weiſungen. Aus Ihrem Munde, dem eines Gebildeten, Vertrauten, wünſche ich nun den obi⸗ gen Aufſchluß zu erhalten.— Weigern Sie ſich noch, und ſtempeln ſich dadurch als einen Theilnehmer jener Iſurpa⸗ tion? als einen Verräther an den Intereſſen unſerer Ge⸗ ſellſchaft?“ „Mein Vater!“ unterbrach ihn Münzner mit lebhaftem Unwillen bei der letzten Frage:„Das Wohl unſrer heiligen Geſellſchaft geht mir über Alles, bin ich gleich das unwür⸗ digſte ihrer Glieder.“ „Sie ſind zu beſcheiden;“ verſetzte der Andere mit ſchmei⸗ chelnder Ueberredung:„Es hängt nur von Ihnen ab, auf der Stelle ein ſehr Würdiges zu werden, indem Sie in mei⸗ nem Wunſche den des geſammten Ordens befriedigen.“ „O, mein Vater,“ rief Münzner bewegt:„erlaſſen Sie mir dieſe Nothwendigkeit. Ich müßte Dankbarkeit und Freundſchaft mit Füßen treten. Ich bin ein einzelner ſchwa⸗ cher Menſch; ich kann Ihres Unternehmens Fortgang nicht aufhalten; aber Sie bedürfen meiner eben ſo wenig, um es zu beſchleunigen.“ „Sind Sie ein Bruder der heldenmüthigen Congregation aus der der kühne und kluge Jacob Lainez, der glaubens⸗ ſtarke Taver hervorging?“ fragte der Pater Aſſiſtent mit dem Tone des Vorwurfs:„Wollen Sie eitle Privatverhält⸗ niſſe vorſchützen, wo die Geſellſchaft von Ihnen ein ſo gerin⸗ ges Opfer, ein Paar Worte, fordert? Sind Sie der Sprache der Vernunft und der Bruderliebe unzugänglich, ſo folgen 13 Sie der Stimme des Gehorſams. Bei ihrem Gelübde, Pa⸗ ter Laver. Ich ſtehe hier an der Statt unſers würdigſten Generals, und befehle Ihnen, mir ohne Umſchweife Alles mitzutheilen, was Sie wiſſen.“ Der Befehl erſchütterte den Pater Laver auf's Aeußerſte. Eine grimmige Verachtung gegen den hartherzigen Gebieter war ſein erſtes Gefühl; Ehre, Furcht vor den beſchworenen Statuten ſeines Ordens, das darauf folgende. Einen bit⸗ tern Kampf aushaltend zwiſchen dem Vortheil der Freunde und dem gelobten Gehorſam, erblaßte er bei dem Siege des Letztern. Was ihn aufrecht erhielt, war die Betrachtung, daß ja ohnehin die Colonie bereits in den Händen der Bedrän⸗ ger ſey, und daß ſeine Ausſagen nur verſöhnend, nicht ver⸗ ſchlimmernd wirken konnten. „Die Kundſchafter, von denen Sie ſprachen, mein Vater, haben Ihnen bereits entdeckt?“ Der Pater Aſſiſtent nickte geſpannten Blicks mit dem Haupte. „So bin ich bereit, Ihnen der pflichtſchuldigen Gehorſam und Demuth zufolge, nicht länger das Wenige zu verhalten, was ich weiß.“ Der Verhörende begann ſeine Fragen:„Sie begriffen ſo gut als Alles: die Lage, die Einwohnerzahl, die Regie⸗ rungs⸗ und Religionsform, die militairiſche Stärke, die Pro⸗ ducte der Colonie zum guten Jeſus.“ Münzner wurde von einer Frage zur Andern gezogen, mit dem ſubtilen Scharf⸗ ſinn, der ſchon zum Voraus aus den funkelnden Augen des Aſſiſtenten ſprach. Der Jeſuit notirte ſich Namen und Zah⸗ len in dem Taſchenbuche, und drang darauf, den Weg nach der verſteckten Gemeinde deutlich angegeben zu wiſſen, II. 3. 8 114 Als nun Münzner mit der Behauptung der eigenen Unwiſ⸗ ſenheit hervortrat, und der Aſſiſtent immer dringender, im⸗ mer härter wurde, ſo entſchlüpfte dem ſtaunenden Pater, nachdem er ungefähr die Himmelsgegend angegeben, nach welcher der„gute Jeſus“ lag, die Frage:„Aber wie iſt es möglich, mein Vater, daß die gefangenen Emiſſarien Fran⸗ zisco's,— als Eingeborene des Thals— Ihnen nicht die genaueſte Auskunft gegeben haben ſollen?“ Der Pater Aſſiſtent antwortete nicht, aber wohl ſtürmte der Brigadier zornroth in das Gemach.—„Sehen Sie die Folgen Ihrer Langmuth, mein Vater?“ rief er wie wüthend: „Hätten Sie doch zugegeben, daß meine Soldaten die Hunde von Topinambou's, von elenden Indianern, mit brennenden Lunten zum Geſtändniß peinigten! Nun erfahren wir von den verdammten Spionen Franzisco's keine Silbe mehr. Sie haben ſich in ihrem Loche mit der Zunge erſtickt, und ſpotten unfrer, kalt und ſteif, wie ſie ſind!“ „Richtig, Ihro Excellenz“ verſetzte der Aſſiſtent lächelnd und kaltblütig;„die Burſche haben ihren Lohn dafür, und, wenn ſie ſelbſt ſchweigen, ſo redete doch der gute Pater hier um ſo mehr!“ Triumphirend wies er dem Brigadier die Schreibtafel hin. Dieſer riß die Thüre auf, und rief hinaus:„In Ord⸗ nung, Soldaten! Die Sache hat ſich gewendet! Wir ziehen nicht ab!“— Münzner, die Bosheit ſeiner Handlungsweiſe durchſchauend, ſank auf die Bank, und verhüllte ſein Geſicht. „Sie haben mich bitter getäuſcht!“ ſagte er:„Ich bin nun der einzige Verräther. Jene Wilde, die für ihren und ihrer Freunde Heerd ſtarben, ſind Heilige geworden!“ 11⁵ „Ihr blasphemirt!“ rief ihm der Pater Aſſiſtent zu:„Eurer ſchwachherzigen Tücke ſetzte ich erlaubte Liſt entgegen. Sim⸗ ſon gebrauchte ſie zauch gegen die boshaften Philiſter. Ihr habt die Geſellſchaft und den Heiland durch Euer Benehmen beleidigt. Ihr lebtet im Einverſtändniß mit dem Rebellen im Thale, mit den Unterthanen des Franziskaners! Ich wittre eine ſchwere Schuld in Euerm Leben. Ich werde dafür ſor⸗ gen, daß Ihr plötzlich nach St. Sebaſtian gebracht werdet, um in unſerm Hauſe abzuwarten, was über Euch beſchloſſen werden dürfte. Mindeſtens iſt's unſre Pflicht, ſolch heuchelnd Unkraut wieder nach Europa zurückzuwerfen, woher es uns gekommen.“— Er verließ den Pater Münzner in der troſtloſeſten Lage, und ließ wirklich ein kleines Commando beordern, das ihn auf der Stelle nach St. Sebaſtian führen ſollte. Münzner wollte nun noch das Letzte thun: um Schonung ſeiner Freunde, um gütige Behandlung ſeines Pflegſohns bitten. Der Aſſi⸗ ſtent verſchloß ſeine Ohren vor ihm. Er wurde einſam be⸗ wacht. Erſt nach mehreren Stunden, nachdem Botſchaft von der Vorhut, die ſich nach der, von Münzner bezeichneten Richtung, vorwärts begeben hatte, angekommen war, daß man von einem wohl verborgenen, noch nie entdeckten Klip⸗ penhügel das Thal überſchaue und Häuſer darinnen unter⸗ ſcheide, machten die Truppen, die heute unverrichteter Sache den Rückmarſch hatten antreten ſollen, da ihnen Lebensmit⸗ tel ausgegangen, Aufbruch. Im ſelben Augenblicke wurde Münzner auf das ledige Maulthier eines Marketenders ge⸗ ſetzt, und auf den, dem„guten Jeſus“ entgegengeſetzten Pfa⸗ den, fortgebracht. Mit welchen Gefühlen er die lange Reiſe antrat? 8* Muthiger, mit hochſchlagender Bruſt, mit Durſt nach ein⸗ gebildeten Schätzen, ging die Mannſchaft des Brigadiers weiter, aber ſtille, behutſam, vorſichtig. Der Abend ſenkte ſich nieder, als die Soldaten nach unſäglichen Mühen an den Rand des Thalkeſſels gelangten und von den Höhen auf die ſtille Kolonie niederblickten. Die jenſeits poſtirten Wachen gewahrten die furchtbaren Fremdlinge, und Allarmſchüſſe durchzitterten die Luft. Rings um die Wachtpoſtenkette ging der Feuerlärm. Bald wimmelte es im Thale. Die rüſtigen Leute liefen aus Höfen und Häuſern zuſammen. Waffen glänzten überall. Noch ſtanden die Portugieſen unſchlüſſig, keines dienlichen Pfades anſichtig, der ſie in Maſſe herunter⸗ führen möchte. Da wollte das Unglück, daß Montehol, der kühnſte Kletterer aus Trazos⸗Montes, ein aufſpringendes Wild verfolgend, ſich längs den Felſen hinabwarf, und in den vorſichtig verborgenen, von einem Wachthauſe verſchloſ⸗ ſenen Hohlweg gerieth, der in die Thalſchluchten führt. Der unerſchrockne Burſche ſchrie laut ſeinen Kameraden zu. Ei⸗ nige Schüſſe aus den Schießſcharten des Wachthauſes ſtreck⸗ ten ihn nieder, aber— in ſeinem Blute ſchwimmend, von den Kugeln der Feinde zerfleiſcht,— rief er, bis ſein Leben verloſch:„Hieher! Milizen! hieher! Es lebe der König und Portugal!“ Der willkommene Ruf hatte Erfolg. Die Menge ftürzte ſich in den Hoblweg, nicht aufgehalten von den mörderiſchen Schüſſen, die geübte Hände hinter der Wehrmauer nach ih⸗ nen richteten.„Im Namen der Jungfrau Maria und aller Heiligen!“ ſchrieen die Soldaten und der vorarbeitende Trupp der Schanzgräber mit den Beilen in der Einen und der Picke in der Andern Fauſt, ſtürzten wie die Löwen auf das Thor — 117 des Verhau's, während ihre Hintermänner mit Granaden das Dach des Hauſes in Brand ſteckten. Der Hohlweg war ge⸗ drängt voll von Stürmern; und dieſem Andrang, wie dem Brande und den Arthieben der Pioniers mußten endlich Gat⸗ ter, Angel und Riegel weichen. Der Wachtpoſten Franzis⸗ co's war in zögerndem Rückzuge begriffen, und vom Thale herauf kam ein anſehnlicher bewaffneter Haufe, und aus gro⸗ ßen Standröhren ſchoſſen die gegenüberſtehenden Wachen und trafen nicht ſelten. Aber ſo günſtig das Feuergewehr den Angegriffenen diente, ſo muthig ſie unter der Anführung des tapfern Fernandez ſtritten, und die Angreifer aufhielten: ſie mußten ihrem Ungemach erliegen. Der Brigadier komman⸗ dirte donnernd, während ſeine erſten Reihen feuerten, den Uebrigen, die Bajonnette auf die Musketen zu ſetzen. Es geſchah; im Nu theilten ſich die Schützen; die Rotten der mit dem fürchterlichen Flintendolch Bewaffneten warfen ſich auf die Feinde: die neue, in dieſen Thälern noch nicht ge⸗ kannte Waffe that in ihrer unwiderſtehlichen Gewalt Wunder des Schreckens. Zerſtreut und von paniſcher Furcht befallen, kehrten ſich Franzisco's Leute zur Flucht. Die Fahne mit dem Kreuze, in der Fauſt ihres hingeſtreckten Trägers, blieb in den Händen der Sieger, die, über Waffen und Leichen wegſchreitend, im Sturmmarſch das Thal betraten und ſich den Häuſern näherten. Vor den drohenden Bajonnetten, vor den ſtreifenden Seitenbanden der Schützen, rettete ſich, wer konnte. Flammen gingen im Thale auf. Keiner der Krieger Franzisco's hielt mehr das Feld. Weiber und Kinder, ent⸗ waffnete Flüchtlinge, warfen ſich in den Staub, küßten des Brigadiers, des Jeſuiten Füße, bettelten um Gnade. 118 — Während dieſe Scene des Schreckens vorging, hatte ſich Franziscv mit vielen Weibern und Greiſen, und einigen treuen Anhängern in eine Schlucht gerettet, die, in mannich⸗ fuchen Windungen das Gebiet durchſchneidend, und endlich, Waldſtröme und Sümpfe dem Forſcher entgegenſendend, nach den ſpaniſchen Beſitzungen führt. Unter den mit dem Prie⸗ ſter Fliehenden befand ſich Müſſinger, ſeine Tochter und Ja⸗ mes, den Georg gebeten hatte, nicht von der Seite ſeiner Freundin zu weichen. Er ſelbſt wollte, ob ſtreitend, ob beobachtend, ſehen, wie ſich Alles geſtalten würde. Unter ſchützenden Felſen, auf ihren dürftigen Habſeligkeiten ruhend, erwarteten die Flüchtlinge Nachricht von dem Schauplatze des Gefechts, deſſen Schüſſe, vom Echo verdoppelt, zu ihren Ohren drangen, früher als ein belebendes oder entmuthigen⸗ des Wort.— Endlich erſchien Georg, von dem Fernſchuſſe eines Portugieſen an der Achſel geſtreift, und brachte keinen Troſt. Endlich erſchien Fernandez, ſchwerer verwundet, mit dem Reſt ſeiner Leute, und brachte die baare Nachricht des Unglücks.—„siſt aus mit uns!“ rief er dem Oheim zu:„Ret⸗ tet Euch, Don Franzisco! Die ſchurkiſchen Portugieſen ha⸗ ben den Sieg durch ihre niederträchtigen Musketenſpeere errungen. Hieher ſollen ſie jedoch nicht dringen. Dieſen Paß vertheidigen wir bis zu unſerm Tode. Was mir aber das gallige Blut zum Herzen drängt, daß es berſten möchte vor ohnmächtiger Wuth, iſt, daß der Jeſuit, der ſchändliche Teutſche, uns verrathen hat. Er wurde ſeit geſtern vermißt, und die ſcharfen Augen meiner Jäger haben ihn im Hinter⸗ treffen der Portugieſen neben dem Brigadier geſehen!“ „Münzner?“ riefen alle ſeine Landsleute:„wäre es mög⸗ lich?“ Georg nickte ſchweigend. James ſprang aber, von 1¹9 edler Ungeduld ergriſſen, auf, und ſprach:„Velche Verläum⸗ dung! Mein Pflegevater ein Verräther? Nein! er lügt, wer das behauptet!“ „Junger Menſch!“ zürnte ihm Fernandez drohend zu:„Ihr vergeßt, daß ich einen Säbel trage, der—“ „Der dem Dienſte des Ganzen jetzo geweiht ſeyn muß!“— fiel Franzisco ein, herbeitretend:„in einem unnützen Kampfe um eines Wortes willen, ſoll ſich Euer Blut nicht verſpritzen, meine Freunde!“ Die Streitenden ſchwiegen beſchämt vor der mahnenden Stimme des ehrwürdigen Alten. Zugleich ließ ſich ein be⸗ deutender Lärm in dem Lager der Flüchtlinge hören. „Die Feinde?“— fragte Franzisco, und das alte Sol⸗ datenfeuer blitzte aus ſeinen Augen, während ſeine Hand nach einem Säbel griff. „Nicht doch, Oheim;“— verſetzte Fernandez;—„Der tapfre Neger Pablo hält mit ſeinen Schwarzen Wache am Eingange dieſer Thalſchlucht. Die gegen ihre ehemaligen Zwingherren Erbitterten haben geſchworen, eher zu ſterben, als ſich überwältigen zu laſſen. Ich weiß im Uebrigen von einem Entſprungnen, daß die Portugieſen das Eindringen in dieſen unbekannten engen Paß vermeiden werden, bis ihr Nachtrab angelangt ſeyn wird.“ Ein Bewaffneter brachte die Nachricht; die ausgeſtellten Wachen hätten auf den Höhen gegen Oſten einige Fremde in europäiſcher Kleidung ergriffen, und ſie herbeigeführt. „Hätten uns die Elenden umzingelt?“— fuhr Fernandez auf, und ließ die Fremdlinge heranbringen.— Vier ſonn⸗ verbrannte Geſichter, in unſcheinbarer Kleidung ſteckend, mit metallnen heiligen Bildern auf den Hüten und Roſenkränzen 120 um den Hals; ohne Waffen, wie ſie der Soldat trägt; blos mit Meſſern, eiſenbeſchlagenen Stöcken und Feuerzeugen ver⸗ ſehen. Aber nicht die Geſtalten, nicht die Geſichter verrie⸗ then Spanier oder Portugieſen; ihre Sprache,— ein unbe⸗ holfenes Kaſtiliſch, zeigte vollends die in der europäiſchen Halbinſel völlig Fremden an. Sie brachten einen Paß, von dem Statthalter des Königs, zu St. Sebaſtian, vor, in dem ſie als irländiſche Bergwerksleute angegeben waren, die auf Befehl der Regierung von Braſilien das Innere dieſes Landes zu durchſtreifen hätten, um nach edeln Erzen zu forſchen, oder nach Demantgruben. Mündlich berichteten ſie, über einen Gebirgsſtock gewandert zu ſeyn, und ſich in den unermeßlichen Geländen verloren und verirrt zu haben, bis der Zufall und das Schießen, das ſie vernommen, ſie hiehergeführt. Franzisco, ihren Ausſagen nicht mißtrauend, begnügte ſich, ſie zu fragen, ob ſie portugieſiſche Truppen geſehen, und— auf ihre desfallſige Verneinung— ſie unter einige Aufſicht zu ſtellen. Von dem unglücklichen Fürſten der Wild⸗ niß weggehend, begegneten die Fremden dem Maſter Georg. Befremdet blieb dieſer, den Erſten anſichtig werdend, ſtehen. Auch Jenem ſiel des Amerikaners Antlitz auf.„Georg Birs⸗ her!“ rief er plötzlich.—„Harry! Harry Haverly,“ entgegnete der Andere nicht minder freudig, und ſie ſchüttelten ſich treu⸗ herzig die Hände. „Du hier?“ fragte Harry engliſch und mit beflügelten Worten;„wir glaubten Dich vom Hay verſchlungen!“ „Ach, Bruder!“ entgegnete Georg;„wie ſteht's zu New⸗York?“ — 12¹ „In Hülle und Fülle. Ich verließ es erſt vor einigen Monden. Dein Compagnon führt, unerſchütterlich Deiner Rückkehr vertrauend, die Geſchäfte fort, und das Glück hat ſeine Bemühungen tauſendfach belohnt.“ „Aber Du, mein Freund?“ „Verrathe mich nicht an dieſe Menſchen. Gib vor, daß Du mich in Irland kennen lernteſt. Kugheit! reinen Mund! ein andermal mehr.“ Die Wächter der vorgeblichen Irländer nöthigten ſie, weiter zu gehen, und führten ſie an einen abgelegenen, von den übrigen getrennten Platz. Fernandez hatte von Ferne ihr Zuſammentreffen mit Georg angeſehen, und ſprach zu ſeinem Oheim:„die fremden Leute haben unſerer Colonie Unheil gebracht. Alle ſind mir als Portugals oder Spaniens Spione verdächtig. Wollen wir abwarten, daß ſie uns,— den Feinden ſo nahe— vollends verderben? Standrecht über ſie. Wir wollen nicht ungerächt mindeſtens untergehen.“ „Junger Mann! wohin verleitet Dich Dein Zorn?“ fragte der Alte verweiſend.„Soll ich den letzten Schimmer meiner Patriarchen⸗Gewalt mit einem Verbrechen beſudeln? Laß uns lieber die Nachtzeit benutzen, um auf ſpaniſches Gebiet zu flüchten. Santa Dominica nimmt uns unter ver⸗ ändertem Namen auf, und wir dürfen daſelbſt auf Ruhe hoffen.“ „O unglücklicher Ausgang ſchöner Plane!“ ſeufzte Fer⸗ nandez.— Das Unglück ſoll uns jedoch in jenen fremden Gäſten nicht weiter begleiten. Wir laſſen ſie zurück. Schuldig, werden ſie bei unſern Feinden Schutz und Hülfe,— unſchuldig⸗ Gottes beſſern Beiſtand finden.“ 122 Der Greis, von Fernandez Argwohn ergriffen, willigte in deſſen Wunſch, und ließ die Anſtalten zum nächtlichen Aufbruch in geheimſter Stille vornehmen. Georg kehrte in⸗ deſſen nach der Höhle zurück, worinnen Müſſinger und ſeine Tochter ſeiner mit peinlicher Ungeduld warteten. James ſtieß auf ihn. In der Dämmerung bemerkte Georg, daß der Jüngling ſeine portugieſiſche Uniform angelegt hatte. „Wohin in dieſem Aufzuge?“ fragte Birsher ſtaunend; „wollt Ihr Euch von den Unſern erſchießen machen?“ „Verzeiht, Herr, daß ich Euer Kleid nahm,“ entgegnete James ein wenig heftig,— aber mir brennts auf der Seele, daß Doctor Münzner ein Verräther ſeyn ſoll. Ich will trotz Tod und Teufel hinüber, um zu erfahren, ob Fernandez wahr ſprach,— ob er log.“ „Wie, Sir White? unter die Feinde 2, „Dies Kleid ſchützt mich, und die Nacht. Und gälte es mein Leben, ich muß mich überzeugen, ob mein Pflegevater der Böſewicht iſt, wofür man ihn ausgeben möchte. Lebt wohl, Mr. George. Ich bringe gute Botſchaft, oder keine mehr in dieſem Leben. Grüßt dann Juſtine von mir... ſagt ihr.... doch nein! ſagt ihr nichts, und ſeyd glücklich!“ „James! reißt Euch das Feuer der Leidenſchaft von hier? was habt Ihr vor?“ Georg hatte gut ihm nachrufen; ſchon war er im ſteig en⸗ den Dunkel verſchwunden. Auf geheimen, Thymian duften⸗ den Pfaden kletterte James zum Ausgang der Schlucht hinab, und kroch, leiſe wie eine Schlange, an dem Hinterhalt der Negerpartei vorüber. Unfern an einem niederrauſchenden Bache ſtand der Vorpoſten der Feinde, die es nicht wagen 123 mochten, ohne Verſtärkung in die Schlucht einzudringen. Rings an den Höhen brannten ihre Wachtfeuer. Mitten im Thale loderte ein Haus in vollen Flammen: Franzisco's beſcheidene Wohnung. Die meiſten Soldaten des Pikets waren dem Brande zugekehrt, und James glitt durch Stauden und hohes Gras an dem Zelte vorbei, ohne bemerkt zu werden. Neben dem Bache ſich haltend, und in tiefes Dunkel verſchleiert, näherte er ſich den Hütten. Vor ihren Thüren ſtanden die zurückgebliebenen Einwohner, mit Schmerz und Händeringen auf die Trümmer ihres bisherigen beſcheidenen Glückes ſehend. Um den Betplatz war die größte Menge verſammelt, und viele Soldaten ſtanden, theils bewaffnet, theils in bequemer Ruhe, umher. Der Pater Aſſiſtent, be⸗ gleitet von dem Brigadier und den Pionniers, führte hier ein merkwürdig Schauſpiel auf.„Nieder mit dem Bilde, das hier die Heiden unſerm Heiland zu Hohn und Spott, errichtet haben!“ rief er mit wilder Begeiſterung, in ſeiner Hand ſelbſt ein Beil ſchwingend:„Nieder mit dem Götzen⸗ bilde eines wahnfinnigen Opferdienſtes! der elende Franzis⸗ kaner hat Euch, Ihr Verblendeten, nur vorgeſpiegelt, daß dieſe Rieſengeſtalt Euern Erlöſer vorſtelle; er hat aber den Teufel hinein gebannt; wie die heidniſchen Mexikaner in den gräßlichen Huitulopochtuli! Vergebung der Sünden dem, der mit thätiger Hand hier angreift, wie ich! Nieder mit dem Zauberblendwerk des verruchten Bettelmönchs!“ Er führte den erſten Streich nach dem Bilde des Er⸗ habenen, deſſen Jünger er ſich doch prahlend ſelbſt nannte, und zwanzig Fäuſte wütheten wie der Blitz gegen die ehr⸗ würdige Geſtalt. Sie ſank zerſtückt in den Raſen. Ihre Trümmer flogen in das wilde Feuer des angezündeten Hauſes, 124 das der ſchadenfrohe Soldat mit allem erdenklichen Muth⸗ willen, ſammt dem Garten, verwüſtete, weil ſeine Hoffnung, Schätze darinnen zu finden, vereitelt worden war. An ſtillen Tugenden war das Thal reich geweſen: an Gold und Edel⸗ ſteinen ärmer als das Grab.— James, obgleich von dem empörenden Auftritte, den er mit angeſehen, unwillig erregt, wie von dem rohen Geheul, womit die Soldaten, um das Feuer tanzend, das unſinnige Feſt beſchloſſen, fühlte eine wohlthuende Empfindung in ſeiner, von der Unſchuld ſeines Pflegers überzeugten Bruſt.„Ich wußte es ja wohl!“ ſagte er zu ſich ſelbſt:„Irren mochte er in ſeinem Leben, ein Schurke war er nie; und in der Tugend Frieden ſchied ſeine Seele, wenn ihn auch ein Raubthier, ferne von unſrer Hülfe, zerfleiſchte!“ Mit zufriedenem Herzen machte er ſich auf den Rückweg, unfähig, dem Soldatentumulte länger zuzuſehen. Seine Eile erregte indeſſen Verdacht. „Warum läuft der Kamerad?“ fragten ſich zwei vorüber⸗ ſtreifende Portugieſen, und:„Halt!“ rief eine Patrouille dem Eiligen zu. Der Corporal hielt ihm die Pike vor.„Wo iſt Dein Quartier? Dein Poſten?“ „Dort beim Piket, ihr Leute!“ „Biſt unbewaffnet, Patron, und ein Ausländer?“„Velche Fragen!“„Halt da! das Feldgeſchrei!“„Die Jungfrau und alle Heiligen“, antwortete James auf gut Glück.„Ge⸗ fehlt! halt! Du biſt ein maskirter Burſche; ein Spion! halt ein!“ Man ergriff den Entdeckten. In ſeiner Beſtürzung kam eine engliſche Verwünſchung über ſeine Lippen.„Heda!“ rief ein alter Soldat, der einſt auf einem engliſchen Schiffe gefangen — — gelegen,„das iſt engliſch, meine Freunde, die Ketzerſprache! Bindet den unchriſtlichen Jungen!“„Aber— meine Brü⸗ der...!“„Der Satanas iſt Dein Bruder!“ fuhr ihn der Korporal an,„ich bin aber entweder verrückt, oder Du biſt der Deſerteur, deſſen Steckbrief uns auf dem Marſche hieher mitgetheilt wurde.“„Sennor Corporal!“„Aha, nun wird er höflich. Bei'm heiligen Täufer! Sceht ſelbſt, Kameraden! Groß, ſchlank; dunkle Haare, ernſthafter und kecker Blick, ohne Schnauzbart, ein Engländer! Er iſt's, wir haben die achttauſend Rees verdient, die auf ſeinen Fang geſetzt ſind!“ „Wie?“ fragte James, über Georgs drohende Zukunft erſchrocken, nachdem der Jubel der geldhungrigen Soldaten ſich gelegt hatte?„Ihr ſucht den Engländer? Ein Preis iſt auf ſeinen Kopf geſetzt?“ „Ja, bei'm heiligen Jakob!“ hieß die Antwort,„Wir hätten nicht nachgelaſſen, Dich zu ſuchen, Ausreißer, damit ein Beiſpiel gegeben werde.“„Mein Gott!“ ſeufzte James für ſich,„Georg in dieſer Nähe, in ſolcher Gefahr? und Juſtinens Verzweiflung..7 Freunde!“ ſetzte er ſchnell und entſchloſſen hinzu,„das Schickſal und die Reue überliefert mich euren Händen. Was wird mit mir geſchehen?“„Ei, die Ercellenz wird dich zu deinem Regiment ſchicken. Bereite Dich indeſſen zum Letzten. Hätteſt Du blos der Fahne und dem König den Eid gebrochen, kämſt Du mit Prügeln davon, aber Du haſt Deinen Fähndrich geſchlagen, und das koſtet Dir das Leben!“ James ſchauderte.„So macht es denn kurz“, ſagte er kalt und reſignirt,„führt mich zu Eurem Commandeur! ich bin derjenige, den ihr ſucht!“ Vergnügt und lärmend brachten ihn die Soldaten nach dem Quartiere des Brigadiers. Mitten in der Nacht brachte ein aus den Banden entſprungener Neger die Nachricht von des Jünglings Geſchick, und wie er ſich darein ergeben, in Franzisco's Lager.„Wohl bekomm's dem Ueberläufer!“ ſagte Fernandez trocken, und kümmerte ſich weiter nicht darum, mit wichtigern Angelegenheiten beſchäftigt. Einen bei weitem tiefern Eindruck machte die Kunde der Begebenheit auf Georg, auf den Senator; einen unbeſchreiblich bittern auf Juſtine. „James!“ rief ſie, mit dem ihr eigenthümlichen Scharfſinn errathend, wie alles ſo gekommen,„wißt Ihr denn, meine Lieben, daß er ſich für unſer Wohl hingegeben? O wie dieſe That ihn ſo glänzend aus dem zweideutigen Nebel ſeiner Vergangenheit hervorhebt! Wie wohlthuend dieſe Kunde in ihrer Bangigkeit zu meinem Herzen ſpricht!!„Wäre es möglich?“ ſagte der Senator, während Georg nachſinnend und betrübt vor ſich hinſtarrte,„wäre er dazu berufen, ſich immer für die zu opfern, die ſeinem Herzen weh thaten? die ſeinen liebſten Hoffnungen ein Hinderniß waren? er dazu beſtimmt, Georg von einer drohenden Gefahr zu retten?“ „Gewiß! gewiß!“ verſetzte Juſtine mit leuchtendem Auge, zweifeln Sie nicht, mein Vater, ſonſt läugnen Sie den Edelmuth in der Menſchenbruſt! Die wildeſte Gefahr droht uns. Wenn morgen die Feinde dieſes Thal erſtürmt, wenn ſie Georg gefangen hätten, auf welchen ihre Blicke gerichtet waren? Jetzt glauben ſie ihr Opfer zu halten. Jetzt iſt ihre Aufmerkſamkeit beruhigt. Jetzt können wir hoffen, während der muthige James hingeht, um für den dankbarſten Freund in das Gefängniß zu treten.“ „Sagen Sie: den Todesplatz!“ rief Georg mit heftiger Bewegung in ihre Rede,„Gefängniß büßt nicht das Ver⸗ 127 gehen gegen den knechtiſchen Gehorſam, das ich verübte. Darauf ſteht der Tod!“ Juſtine wurde faſt ohnmächtig. Krampfhaft packte ſie Georgs, des Vaters Hände.„Der Tod?“ ſtammelte ſie: „Entſetzlich! Gräßlicher als ich je gefürchtet! Den Tod,? Herr Georg! Für Uns ſoll er ſterben? Nein! das dürfen wir nicht zugeben! Vom Arreſt hätte ihn Fürſprache, einſt vielleicht unſer Geld, endlich gewiß die Zeit befreit.. aber den Tod leiden? Nein! nein! guter James! es müßte kein Tropfen warmen Bluts in unſern Adern rinnen, wenn wir hier noch zögern könnten! Kommen Sie, Vater! kommen Sie, Herr Birsher!“ „Wie? wohin?“ fragten Beide ſtaunend. Das muthige Mädchen fuhr aufgeregter fort:„Hinüber in's portugieſiſche Lager, zu den Füßen des Commandanten! ihm alles zu ent⸗ decken, bei ihm um des armen Mannes Freiheit zu betteln! Doch nein“, ſetzte ſie bei,„Ihr Männer verſteht die Sprache der Vitte nicht; Ihr ſeyd nicht thätig, nicht ſtark in eurer trägen Betrübniß. Das Unglück rührt Euch nicht, wie es das Weib ergreift! Bleibt! ich will gehen! allein! unbe⸗ ſchützt, unbewacht! Es müßte kein Gott über uns leben, wenn ich nicht zum Befehlshaber dränge! Ich kann freilich nicht wimmern, nicht weinen, nicht ſchmeicheln; ich habe es nie gelernt; aber der Wahrheit wird der Commandant nicht widerſtehen, und der Portugieſe wird die Ritterlichkeit gegen Damen nicht verlernt haben!“ „Tochter!“ rief Müſſinger, ſie zurückhaltend.„Vas wol⸗ len Sie beginnen?“ ermahnte Georg,„In tiefer Nacht? des Wegs unkundig? Durch unſre und des Feindes argwöhniſche Poſten? Der Tod lauert auf Sie. Sie betrüben uns durch dieſen Entſchluß zum Sterben!“ Juſtine warf einen ſehr ernſten Blick auf ihn, und entgegnete:„Monſieur, ich ver⸗ ſtehe Sie nicht, ich werde an Ihrem Herzen irre. Wiſſen Sie nicht mehr, daß James meinen Vater gerettet? daß er mich über Land und Meer geführt hat? mich, Ihre Braut? er, der mich liebte? auf deſſen Liebe ich jetzt erſt ſtolz werde? Zu dieſem Allen mögen Sie wiſſen, daß ich ihm herzlich gut war, daß ich ihn jetzt doppelt ehre, nachdem ſo Vieles aus⸗ geglichen, nachdem er dieſe Heldenthat begonnen! Und Sie, der ſtarke, beſonnene Mann, Sie, den ich vorzog aus Ueber⸗ zeugung, Sie können mir verwehren...2 „Weil ich beſonnen bin“, fiel Georg gekränkt und hef⸗ tig ein,„wenn Sie gleich an meinem ehrlichen Herzen zwei⸗ feln ſollten!“ „Juſtine!“ bat der Senator mit all' der Lebendigkeit, die ihm ſonſt zu Gebote geſtanden,„wenn Du die Worte des Freundes nicht hörſt, ſo vernimm die des Vaters. Was Georg Birsher nicht ſagt, muß ich ſagen. Deine heftige Begeiſte⸗ rung führt Dich und uns in's Verderben! Geh hin! ver⸗ rathe durch Deine vergebliche und unbeſonnene Fürbitte Deinen beſten Freund, Deinen Bräutigam. Weihe ihn dem Tode, weil er an Dir hing, und nicht weiter vor ſeinen Widerſachern floh. James Unſchuld muß an den Tag kom⸗ men. Sein Regiment wird ihn nicht erkennen, ſeine Täu⸗ ſchung entdecken: die Menſchlichkeit des Statthalters ihn mit leichter Strafe belegen. Alles wird dann gut, und des Jüng⸗ lings Bewußtſeyn verſüßt ihm tauſendfach die Haft. Du willſt das gefährliche Spiel umkehren. Um den wenig be⸗ drohten Freund zu retten, ſchleppſt Du den biedern Georg in's Grab; Georg, den Du achteſt und ehrſt,— Georg,— 2 deſſen Weib Du werden ſollſt,— Georg, den Du liebſt, innig liebſt,— wenn ſich auch Dein Gefühl hinter die Maske der gleichgültigen Förmlichkeit flüchtet.“ Juſtine ſtand wie eine Bildſäule, mit niedergeſchlagenen Augen.„Nicht ſo hart!“ bat Georg den Vater. Müſſinger fuhr jedoch, wie oben, fort:„Ich weiß, daß ich Dein Herz verwunde; aber es iſt von Erz, und muß ſtark berührt wer⸗ den, ſoll die reine Glocke wohlthätigen Klang geben. Sieh⸗ Juſtine, welchen Jammer Du mir bereiteſt. Ich habe Alles verloren: Habe, bürgerliche Ehre, mein eigenes Bewußtſeyn. Alles gut zu machen, habe ich nur Dich. Von der Heimath, dem liebloſen Weibe und meinen Gütern geſchieden, iſt mein einzig Glück noch in der Hoffnung auf Deinen Ehbund ge⸗ gründet. Willſt Du durch den raſchen, unüberlegten Schritt uns Alle verderben? Dich zur Beute des Soldaten,— ihn“ auf Georg deutend,—„zum Schlachtopfer, und mich zum verwaisten Greis machen?“ Die heftige Rede erſchütterte die Tiefen in Juſtinens Bruſt. Eine Fluth von Thränen ſchoß aus ihrem Auge, ſie warf ſich an des Senators Bruſt, und ſchluchzte:„Vergeben Sie, grauſamer Vater, ich hatte das nicht bedacht! ich bin ja nicht böſe; um Gotteswillen; wie möchte ich, ohne zu ſchaudern, daran denken, den Herrn hier zu opfern, der mir ſo— werth⸗ ſo achtbar iſt? Glauben Sie das von mir?“ ſetzte ſie fra⸗ gend, und zu Birsher gewendet, bei, und mitten durch den Schmerz ihres Antlitzes zuckte ein anmuthiges Lächeln, das Georgs trüben Ernſt beſiegte, daß er ihre Hand ergriff, und ſagte:„Bewahre mich der Allmächtige, daß ich ſolches von meiner Braut glauben könnte. Dieſe Stunde hat von der Vortrefflichteit Ihres Herzens ein neues Zeugniß gegeben⸗ 9 130 und für James bin ich unbeſorgt, denn aus den Wolken hat der Herr Ihren— den heiligſten— Schmerz geſehen. Des jungen White Angedenken folge Ihnen unverkümmert in meine Heimath! Fern ſey es von mir, es zu verwiſchen, meines Retters Gedächtniß, und wenn wir zur Heimath ge⸗ langen, und wenn Gold ſeine Feſſeln brechen kann: mein ganzes Vermögen ſey nicht zu viel, die Riegel ſeines Ker⸗ kers aufzuſchließen: mein Haus nicht zu klein, den Vertrie⸗ benen auf ewig aufzunehmen!“ „Nicht alſo, Herr Birsher,“ ſagte Juſtine gemäßigt;„es ſey uns eine Freude, in der Ferne ſein Glück zu begründen; doch in unſerer Familie weile er nicht. Ich würde Sie und mein eigen Gefühl beleidigen, wollte ich, indem ich dieſes ſage, einer eingebildeten, unmöglichen Schwäche mißtrauen. Ich bin eiſern feſt und eiſern treu, mein Herr! aber James würde unglücklich ſeyn, und— Sie werden ſehen,— ich müßte ſeinen Charakter nie gekannt haben,— oder er ſchlägt unſern Antrag rund aus dem Felde, ginge es ihm noch ſo ſchlimm.“ „Es iſt beinahe ſonderbar,“ verſetzte Müſſinger mit leich⸗ tem Lächeln,„daß wir hier ſo ernſthaft bereden, wie wir das Glück eines Menſchen machen wollen; und uns ſelbſt um⸗ ſchließt ja noch die Wüſte, uns ſelbſt blüht nicht die Hoff⸗ nung, jemals in den ſichern Port von New⸗ York zu ge⸗ langen wir ſelbſt ſind eher dem Schickſale unterworfen, unter der Portugieſen Säbel zu fallen, als jemals frei zu werden! Der gute, arme Münzner iſt uns wahrſcheinlich auf dem Wege zum Himmel vorangegangen, und uns fehlt noch die Heimath!“ „Ach, das ſüße Vaterland!“ ſeufzte Georg in ſeinem va⸗ terländiſchen Idiome. „Geſegnet ſey es!“ antwortete ihm eine Mannesſtimme in denſelben Lauten. Georg erkannte beim Schimmer der Laterne den Landsmann und Schulfreund, Harry⸗Haverly. Deſſen Gefährten traten vorſichtig und leiſe auch herbei.— „Gott ſey gedankt, daß ich Euch hier finde,“ fuhr Harry fort,„das weiſſagt uns ein gutes Glück, das wir nicht gehofft.“ „Was ſoll die räthſelhafte Rede?“ fragte Georg entgegen. „So wißt Ihr denn nicht,“ ſagte Harry,„daß ſeit länger als einer halben Stunde der alte Bettelmönch mit ſeiner ganzen Schaar in aller Stille abgezogen? Vor einigen Mi⸗ nuten kam, nachdem ſich unſere Wache verloren, ein Neger, der uns die Kunde brachte, unſere Bande löste, und ſich eiligſt davon machte. Wir gingen auf's Gerathewohl um⸗ her, berathend, was wohl anzufangen ſey, als ich das eng⸗ liſche Wort hörte, das mein Herz erbeben machte. Wie kommt es jedoch, daß Ihr nicht zu den Abgezogenen gehört?“ „Man hat uns mit Vorbedacht zurückgelaſſen!“ entgegnete Georg nach einigem Ueberlegen:„in's Himmels Namen denn! Wer bis hieher half, wird auch weiter helfen.“ „So iſt denn das Unglück noch nicht müde, uns zu ver⸗ folgen!“ brach der Senator mit Unwillen aus. Juſtine be⸗ ruhigte ihn durch ihren Muth.—„Mein lieber Vater!“ ſagte ſie:„folgten wir denn bisher dem Glücke? Welches war unſer Loos im Gefolge jenes alten Prieſters? Flucht und Verfolgung; wie vor dem Einfall der Portugieſen ein Zwang, der dem freien Herzen widerſteht. Wir ſind uns jetzt ſelbſt überlaſſen. Beſſern konnten wir nicht auete werden; 9 132 mit uns wird der Herr ſeyn! Vater! Herr Birsher! faſſen Sie einen Entſchluß, wie er ſich auch geſtalte; vergeſſen Sie in mir das zärtere Weib. Ich werde Alles unternehmen, weil es gilt, meinen ſchwachen Vater zu unterſtützen.“ „Der Entſchluß ſollte nicht ſchwer fallen;“ meinte Harry Haverly;„wir vier bieten unſre Hände zur ſchnellſten Flucht, wenn Sie es nicht vorzögen, nach dem portugieſiſchen Lager zu gehen, oder den Einmarſch der Soldaten in dieſes Thal zu erwarten, der ſich nach Tagesanbruch nicht verzögern dürfte. Es ſteigen Raketen aus dem benachbarten Thale auf: ohne Zweifel ein Zeichen für nachrückende Truppen.“ „Nein! nicht zu den Portugieſen!“ riefen Juſtine und der Senator mit beſorgten Blicken auf den gefährdeten Georg. „So folgen Sie uns;“ entgegnete Harry Haverly:„Wir haben triftige Gründe, die Bekanntſchaft jener Herren zu fürchten. Unſere Papiere und unſere Sendung ſind nicht die richtigſten. Wir ſind die Agenten einer Handelscompagnie, die ſich gebildet, um die ſpaniſchen und portugieſiſchen Be⸗ ſitzungen, die ſo ſorgfältig vor uns geheim gehalten worden, zu erforſchen, und zu erwahren, wie hoch ſich im Beſondern der Reichthum an Metallen und edeln Steinen belaufen möge. Wir ſind Alle von New⸗Fork, und kehren dahin zurück, weil wir hier die Grenzen unſerer Miſſion berührten. Iſt es Ihnen gefällig, meine Freunde, unſerem Trupp ſich anzu⸗ ſchließen, ſo verbürge ich eine gute, faſt bequeme Reiſe an den Strand. Die größere Zahl macht größern Muth, und ei⸗ nem Landsmann ſammt ſeinen Freunden zu helfen, iſt unſere Pflicht.“ „Ihr ſeyd falſche und unrichtige Geſellen;“ ſagte hierauf Birsher mit gerunzelter Stirne:„mit Spähern und Paß⸗ Fabrikanten, und in Katholiken vermummten Proteſtanten habe ich nicht gerne zu thun: ich mag's Euch nicht verhehlen. Da jedoch Gottes Hand uns ſo ſichtlich hier zuſammenfügte, mag's geſchehen, wie Du meinſt.“ „Eine große Ehre, wackerer Georg!“ erwiederte Harry Haverly lachend:„Du warſt von jeher ein ſteif und altklug gehender Burſche. Du ſiehſt jedoch, daß Dein gerader Gang Dich nicht um ein Haar breit weiter brachte, als uns die Schlangenlinie. Wir ſind dem Sittenprediger nicht böſe, und denken, er werde zu beſſerer Einſicht kommen.“ „Wollen wir uns auf den Weg machen, ſo denke ich, wir thun es alſobald!“ rief Müſſinger ungeduldig:„Auf, meine jüngern Freunde! wenn mein altes Herz nach Freiheit dür⸗ ſtet,— wo bleibt Eure Sehnſucht?“ Alle erklärten ſich bereit.„Werden Sie nicht zu ſchwach ſeyn, allein zu gehen, mein Vater?“ fragte Juſtine:„Stützen Sie ſich auf meinen Arm. Ich ermüde nicht unter die⸗ ſer Laſt.“ „Laſſe mich!“ antwortete Müſſinger:„Ich fühle mich ſtark; Glieder, Herz und Gewiſſen frei und leicht. Sollte ich dennoch ermatten,— ein Blick auf meine beherzte Tochter würde mich ſchnell erkräftigen.“ Von den Streiflichtern des nahenden Morgens geführt, betraten die Wanderer die Pfade, auf welchen die New⸗Yor⸗ ker Diamantenſpione hergekommen waren. Haverly wußte mit ziemlicher Beſtimmtheit den Weg zurück zu finden. Die Schwierigkeiten häuften ſich nach und nach. Mühen und 134 Bedürfniſſe wurden fühlbar. Alles jedoch überwand der menſch⸗ liche Muth im Verein mit der gütigen Natur. Hatte ein ſteiniger Abſturz die Füße der Wanderer gelähmt, und ihre Geduld erſchöpft,— flugs breitete ſich ein herrlicher Wie⸗ ſenteppich aus, ſie zu verſöhnen. Hatte glühende Sonne ih⸗ ren Scheitel verſenkt, ſchnell erſtanden vor ihnen duftende, hallende Schatten des Waldes. Quälte ſie Hunger, die nächſten Büſche gaben wohlſchmeckende Früchte; peinigte ſie der Durſt,— der nächſte Fels gab einen Waldſtrom, einen ſilbernen Quell. Sie flohen die Nähe wilder Menſchenhor⸗ den,— das wilde Thier ging ihnen aus dem Wege, und von Tag zu Tag wuchs ihr Vertrauen, und ihre— ſelbſt des verwundeten, von Juſtinen's Hand gepflegten Georgs— Kraft. Da ſtiegen ſie endlich hernieder aus den Gebirgen in die Thäler, in das trauliche Dorf, in die ſtille Pflanzer⸗ wohnung, wo neben dem Fleiß, der Genügſamkeit und der Frömmigkeit, auch die Gaſtfreundſchaft zu Tiſche ſitzt, und als ſie an die erſte Kirche kamen, wurden ihre Gefühle noch milder und erhebender. Die Proteſtanten ſtanden entblößten Haupts, mit andächtigen Mienen, vor dem Tempel der feind⸗ lichen Religionspartei, die Gegenwart des Allmächtigen, dem ſie zu danken hatten, in dieſen Räumen, wie in ihren eige⸗ nen Kirchen, ahnend. Der Senator betrat allein das kleine Gotteshaus, warf ſich nieder vor dem ſchlechten Bilde des Altars: er war, wie das Kirchlein, der heiligen Clara ge⸗ weiht. Hier betete er zu dem Ewigen mit Worten, hier in Gedanken und Gefühlen zu der Clara, die er auf Erden ge⸗ kannt, die er in dem Himmel verehrte. Hier gewann er neues Vertrauen auf eine leitende Vorſehung; hier nahm er Abſchied von dem Cultus, dem er nur kurze Zeit, im ——— Verborgenen, angehört. Denn ihm bedünkte, als ob Cla⸗ ra's Stimme aus den Wolken riefe:„Dein Unglück begann⸗ ſeit Du falſch gegen mich geweſen. Du haſt gebüßt, und der Glaube, den Du damals leichtſinnig gelogen, hat Dir die Buße recht ſchwer gemacht. Ermuthige Dich jedoch⸗ tritt aus dem Kreiſe, der Dich nur wie ein Zauber umſchließen konnte. In meiner ſeligen Wohnung iſt nur eine Wahr⸗ heit. Getroſt! wir werden uns wiederfinden.“ Aus der Kirche getreten, warf ſich Müſſinger an der Toch⸗ ter, des Eidams Bruſt, und ſagte heftig, aber gerührt: „Nehmt mich jetzt hin, meine Kinder. Ich bin jetzo wieder ganz der Eurige geworden. Nehmt den Bettler hin, und macht mich wieder reich im Abglanz Eurer Liebe!“ Nun ging es im Fluge vorwärts, denn in einem von be⸗ völkerten Ortſchaften entlegenen Meierhofe fanden die Herren Haverly und Compagnie ihre Wagen, mit rüſtigen Pferden beſpannt. Immer mehr dem uferlande ſich nähernd, jauchz⸗ ten die Reiſenden ihrem Ziele entgegen. Kein gefürchteter Alkade,— ſie bückten ſich alle vor dem Namenszuge des kö⸗ niglichen Statthalters auf dem zweifelhaften Paſſe,— hin⸗ derte die Fahrt. Nirgends ein Soldat von dem Militzenre⸗ gimente, in welchem Georg hatte dienen, die Meſſe beſuchen und leiden müſſen. Unverrückt ging eben und gerade der er⸗ ſehnte Weg. Dort lag endlich der Hafenort, umſpült von ſchäumender Meeresbrandung. Dort flatterten die Wimpel des vertrauten Amerikanerſchiffs. Keine Zeit wurde verlo⸗ ren. Die Agenten ſchloſſen ihre Berichte, die Schiffer ihre Fäſſer und Kiſten. Birsher führte triumphirend Braut und Vater auf das erwünſchte Fahrzeug.—„Hier iſt ſchon Hei⸗ mathsboden!“ rief er fröhlich, und Alle dankten dem Lenker über den Sternen, als der letzte Ballen, der letzte Paſſagier, an Bord gekommen. Die Anker wurden gelichtet, die Flag⸗ gen aufgezogen, und hinaus in das ruhige Meer trieb der von ſiegreichen Hoffnungen befrachtete Kiel. Die See war gnädig, wie der Himmel es bisher geweſen. Die Fahrt war mit Segen bekränzt. In kurzer Zeit wurde die Strecke zum Aſyle zurückgelegt. Endlich— an einem lieblichen Morgen⸗ — kaum hatte die Sonne die Nebel überwunden,— riß ſich die Anſicht einer freundlichen Stadt vor den entzückten Rei⸗ ſenden auf. Hier die Rhede, dort der Flaggenthurmz hier die Feſtung mit ihren Fahnen und blinkenden Waffen, dort die lebendigen Landungsplätze: Gewimmel von Schiffen um ſie her,— wehende Wimpel, blendende Segel! die Kanonen donnern von Schiff und Kaſtell.„Hurrah!“ rufen die un⸗ geduldigen Matroſen.„New⸗York!“ ruft Georg Birsher, und drückt frohlockend, und allen förmlichen Zwang vergeſ⸗ ſend, die geliebte und liebende Juſtine an die Bruſt. Stadt, Feſtung, Hafen und das darinnen webende Volk,— anker⸗ haftende Schiffe und bewegliche Meereswellen nimmt der Edle zu Zeugen des Eides, den er ablegt, ſeine Liebe glücklich zu machen,— und Georg Birsher hat nie ſein Wort gebro⸗ chen! Es waren mehrere Jahre verfloſſen, als ſich eines Abends, bei noch funkelndem Sonnenglanze, mehrere Reiter dem Dorfe Santa Dominica näherten. Drei derſelben, bewaffnete Die⸗ ner, wie es ſchien blieben ehrfurchtsvoll hinter dem Vor⸗ ausreitenden, der, ein junger Mann, mit vernarbtem, kriegeriſchem Geſichte, eine goldverzierte Uniform unter dem — ————————— —— ———— 137 ſchlichten Mantel bergend, bald ſchnell ritt, die Gegend wie mit begeiſterten Augen überſchauend, bald langſam, den trä⸗ ben Blick zu Boden ſchlagend. Die Diener ſchwiegen, wie die von Arbeitern leeren Felder, und der Herr ſprach leiſe mit ſich ſelbſt.—„Dort liegen die neuen, muntern Hütten!“ ſagte er:„der Ort, den ich, auf la Guaſta, in dem Thale des guten Jeſus ſtehend, mit klopfendem Herzen herbei⸗ wünſchte; er iſt da. Werde ich ihn wieder froh verlaſſen, den ich froh und ahnend betrete? Da ſind die bekannten Wege; dort ſteht die Kirche, dort liegt des Pfarrers Hof! Ehrwürdiger Luis! Wo biſt Du, Du mein Tröſter?“ Der edle Mann war heimgegangen. Friſche Tamarinden, die er ſo ſehr geliebt, beſchatteten ſein Grab mit leichtem Blättergewebe. Unter dem Thore ſeiner ehemaligen Wohnung ſtand ein Anderer: ein Geiſtlicher, mit vornehmem, flachem Geſichte; rauchte ſeine Cigarre, grüßte den Reiter herab⸗ laſſend, und ſendete ihm, da dieſer betrübt vorüberzog, eine Dienerin nach, ihn zur Herberge einzuladen. Die Magd trug abiponiſche Züge. Der Offizier redete mit ihr.„Wo iſt Euer Pfarrer Luis?“—„Dort!“ antwortete das Weib, und deutete gen Himmel und nach dem Kirchhof.— Des Reiters Auge wurde naß.„Ich habe nichts mit Eurem jetzigen Pfarrer zu ſchaffen;“ ſagte er, wiewohl milde.„Danke ihm, mein Kind, in meinem Namen, und ſage Du mir, wo ich die ſchöne Ines finden mag. Sie iſt aus Deinem Stamme, wie mir bedünkt.“— Ines, Herr? Wir heißen Alle Ines.— „Die Tochter Euers Kaziken, die einſt verlorne Miſinga?“ Das Weib zeigte nach einem ſeitwärts liegenden, hübſchen Meierhofe, von Jalmen umweht.—„Fragt dort nach Mi⸗ ſinga, Herr! ſagte die Magd, und ging gleichmüthig davon. . Der Reiter trieb das Pferd; in einer Minute ſtand er am Gatter des Hofs; ein Mann kam freundlich entgegen, lüf⸗ tete den Strohhut.—„Fernandez Vereira!“ rief der An⸗ kömmling, vom Pferde ſpringend.—„Sennor White!“ ant⸗ wortete der Andere, und bot ihm freundlich die Hand.„Ihr hier? Ihr da?“ wiederholten Beide einigemale, und in den ſchattigen Vorſprung des Gebäudes, zu herrlichem Weine, zog den Offizier der Meier. Die Flucht aus Egypten bekam mir wohl, ſagte er zu dem Beſucher: Wir verbargen uns hier, unter den Flügeln des wackern Luis. Mein Vater er⸗ hielt in der Folge ſeine Begnadigung, und löſchte dann ſeine Lampe. Ich bin hier geblieben,— ein ſchlichter Bauer,— und mir würde zu dem Glücke meines Lebens nichts fehlen, hätte ich den lieben Vater, hätte ich den Pfarrer Luis noch, die beide faſt an einem Tage in's ewige Vaterland gingen.“ „Beneidenswerther!“ entgegnete James, ſchwermüthig ſeine Hand drückend:„Mich Armen flieht das Glück, wenn's mich auch noch mit mehreren Goldgalonen bekleidete. Ich hatte mich für Freund Georg hingegeben. In San Sebaſtian wurde meine Liſt entdeckt. Der Kommandeur, gerührt und menſchlich, gab mir ſchnell die Freiheit, und der Statthalter, eine That bewundernd, die doch ſo natürlich war, verlieh mir den Rang eines Sergeanten. Meines Pflegers, meiner Hoffnungen in der alten wie in der neuen Welt beraubt, ſchlug ich ein, und trug die Hellebarte heldenmüthig für den König, den ich nicht kenne, für das Land, das ich nicht liebe. Es war aber von jeher mein Loos geweſen, das thun zu müſſen, dem mein Herz widerſtrebte, und die Erlöſung von des Lebens Feſſeln ſuchte ich in dem kriegeriſchen Stand. . 6 Auch dieſe Hoffnung trog. In den Gefechten mit den wi⸗ derſpenſtigen Eingebornen ſuchte ich den Tod, und fand Rang und Ehre. Ich bin Kapitän geworden, könnte alle Freuden des Lebens genießen,— verſchmähe ſie, und ſuche ſie hier— hunderte von Meilen von St. Sebaſtian entfernt— in der Erinnerung an eine ſchmerzlich-ſüße Zeit. Ich finde jedoch nur Gräber!“ „Auf ihnen wächst das Gras, wie einſt auf den Unſrigen;“ bemerkte Fernandez:„Läßt indeſſen auch Gras über den Arg⸗ wohn und Verdacht wachſen, den ich vor Zeiten gegen Euch und Eure Freunde hegte. Ich habe Eure Handlungen wür⸗ digen und weiſer ſeyn gelernt.... Was iſt aus dieſen Freunden geworden, mein biedrer Herr?“ „Mein Pflegvater iſt nach Deutſchland zurückgekehrt;“ verſetzte James ſeufzend:„zu ſpät, als ſchon Soldatenpflicht mich band, erfuhr ich es. Ich hätte ihn nie verlaſſen. Der Senator lebt bei ſeinen Kindern in New⸗York, wie ich ver⸗ nahm; und glücklich, wie es heißt, hat ſich Aller Loos ge⸗ ſtaltet. Ach, wie wünſche ich es ihnen! Mag mir der Him⸗ mel zürnen, wenn er nur Juſtinen lacht. In ihrer und ihres Gatten Tugend liegt der Segen,— nicht in Birshers Reich⸗ thum, nicht in Müſſingers Banknoten, die—“ „Die er verlor;“ fiel Fernandez ein:„Luis Verwendung nützte nicht. Die Väter des Collegiums zu Aſſumcion läug⸗ neten das Leben des Senators, prunkten mit dem Teſta⸗ mente, und haben, es zu vollſtrecken, die Sennora Müſſinger zu Cordova bei den Carmeliterinnen einkleiden laſſen.“ „Juſtine?“ fragte James beſtürzt:„ich falle aus den Volken! Iſt's ein Scherz oder ein unbegreifliches Räthſel?“ „Eine begreifliche Bosheit,“ antwortete Fernandez mit verächtlichem Achſelzucken,„wenn es wahr iſt, was Vater Luis behauptete: daß das Provincialat zu Cordova eine Franzöſin, die Euch hieher begleitet, und ſich in der Mord⸗ nacht auf dem Schiffe der Jeſuiten gerettet, gezwungen habe, unter dem falſchen Namen der Sennora Müſſinger in jenes Kloſter zu treten.“ „Abſcheulich!“ „Und nicht zu bezweifeln. Luis verläumdete nicht, und war ſelbſt nach Cordova gereist. Die Ueberzeugung, daß weder Müſſinger noch ſeine Tochter jemals wiederkehren wür⸗ den, ihre Anſprüche zu behaupten, die Begierde nach den bedeutenden Summen des Teſtaments waren die Triebfedern, und die ſchwere Ordensregel hindert das arme Schlachtopfer der trügeriſchen Willkühr auf ewige Zeiten, ihre Beſchwerden öffentlich zu machen!“ „O! ſo hat auch dieſe, in den Netzen, die ſie weben half, befangen, ihre Strafe gefunden!“ ſagte James, nachdenkend vor ſich hinſtarrend:„der Fluch, der dieſe Werkzeuge ver⸗ folgt, läßt in mir faſt nicht die Hoffnung aufkommen; raubt mir faſt den Muth, Euch, mein verſtändiger Fernandez, nach der ſchönen Ines, der Tochter des abiponiſchen Oberhauptes zu befragen.“ „Ines? des Kaziken Tochter? Was führt Euch zu dieſer Frage?“ „Ich bin des Einſiedlerlebens zu St. Sebaſtian müde geworden. Dort habe ich kein Herz gefunden, mit dem ich, was das Schickſal mir gab, theilen möchte. In Paraguay hat mir einſt von Glück geträumt,— von einem Glücke, das ich ſchnöde abgewieſen, um eines Schattens willen, der zerfloß; um einer Hoffnung willen, die entſchwand. Freund; ich will offen gegen Sie ſeyn, mich redlich ausſprechen. Mi⸗ ſinga⸗Ines hat mich einſt geliebt, mir's geſtanden. Das Andenken Ihrer Unſchuld, ihrer liebenswürdigen Neigung, iſt lebendig vor mich hingetreten. Wie mich einſt, durch räthſelhaften Traum verkündet, das Bild der Verſagenden in die Gebirge lockte, weit von der Gewährenden weg⸗ ſo zog mich jetzo das Bild dieſes holden Indianerkindes über Berg und Thal, Strom und Savanne. Hier ſoll ich es fin⸗ den. In Eurem Hauſe ſoll ich ſeinen Aufenthalt erfahren. O ſagt ihn mir. Bei Ines allein kann mein Herz geſun⸗ den; das wunde an einem liebenden. Zu ihren Füßen will ich die Güter des Lebens niederlegen, ſie beſchwören, mein eitles Glück mit mir zu genießen; ihr Gatte ſeyn, von ihr beweint hinübergehen!“ Er hatte im Feuer der Rede Fernandez Hand ergriffen, deſſen Stirne ſich verdüſterte, während ſein offenes Auge eine bekümmerte Freundlichkeit ausſprach. Langſam entzog der Sparier dem Bittenden die Hand, ſtand auf, ſchlug ſinnend die Augen gegen die Decke, überlegte einen Moment, wäh⸗ rend James Blicke bittend an den Seinigen hingen, und ſagte hierauf mit ernſtem aber bewegtem Tone:„Kommen Sie mit mir, Sennor, ehe ich Ihnen antworte.“— James erſchrack vor dieſem Tone.„Sie ſprechen wie ein ſchauerliches Orakel!“ ſagte er bange:„ſoll ich Ihnen zu einem Grabe folgen? zu den Wohnungen Ihrer Väter? Ach! der Muth des Soldaten beſteht nicht vor ſolchem Anblicke!“ Statt einer Antwort winkte ihm Fernandez noch einmal, ſchweigend, zu folgen. Mit Anſtrengung, mit ahnendem Wi⸗ derwillen that es der Kapitän. Sie gingen durch das Haus, 142 nach einem reizenden Gebüſch, das den Hofraum begränzte. An blühenden Algaroven und Mondblumen vorüber, traten ſie vor eine ſtille dunkle Laube. Auf dem Raſenſitz darin⸗ nen ruhte ein ſchöner als alle Blumen blühendes Weib. Es ſchlummerte, und an ſeiner Bruſt hing mit geſchloſſenen Au⸗ gen ein lächelnder Säugling. „Ines!“ ſeufzte leiſe— denn ſeine Bruſt vermochte, zu⸗ ſammengeſchnürt, keinen lauten Ton zu geben,— der Kapi⸗ tän, und fuhr erbittert gegen ſein Geſchick, beſchämt vor dem Glücklichen, zurück.—„Mein Weib!“ ſagte Fernandez leiſe und ſchonend. Er wollte hingehen und die Schlummernde wecken. Mit Rieſenkraft, ſich ermannend, riß ihn James von der Stelle weg.„Um aller Heiligen Willen!“ bat er außer ſich:„haltet ein, Fernandez. Stört nicht ihren Frieden, mehrt nicht meinen Schmerz. Den offenen Augen dieſes verſcherz⸗ ten Engels müßte ich unterliegen. Nennt ihr meinen Namen nicht, damit ſie glücklich ſey. Ich bin fertig mit den Freu⸗ den der Erde. Lebt wohl! Hinaus in die Savannen, in die Felsgebirge, mit der Handvoll Staub, die zertreten werden mußte, um die Blumen fremden Doppelglücks zu treiben!“— Er ſchwang ſich wie raſend, ohne auf Fernandez Zureden zu hören, auf ſein Roß, und die Diener hatten Mühe, dem Zurückeilenden zu folgen, ſo ſpornte er das Thier, ſo trug ihn der Wind. Die vor die Hütte tretenden Abiponer,— der Tage ihrer wilden Kraft ſich wohlgefällig erinnernd, prieſen den unerſchrockenen Reiter; er hörte aber nicht ihr Lob, er ſah nicht mehr die Gräber der Freunde, nicht mehr die Pracht der Felder, und wilder als die Thiere der Haide die vor ihm flohen, ritt er mit dem Staubwirbel, mit den Volken der Nacht um die Wette; aber, allenthalben auf ſeinem Roſſe hinter ihm, ſaß der dunkle brennende Schmerz. Der Pater Kaver Münzuer an den Hochwohlgebornen Herrn Varonet James White, Major unter dem 2ten Milizenregimente zu St. Sebaſtian. Aus dem Profeßhauſe, im Jahre 1733. „Auf die Adreſſe gehört der Titel; in der Rede gebrauche ich ihn nicht bei Dir, mein geliebter Sohn. Konnte doch der Majorrang Dich meinem Herzen nicht näher bringen. Könnte ich Dir doch mit dem demüthigſten„Sie“ nicht die Hälfte der Freude ausdrücken, die Dein Brief in meine Ein⸗ ſamkeit brachte; oder den Dank dafür. Schreibe es daher meiner Nachläſſigkeit, meiner Gleichgültigkeit nicht zu, daß dieſe Antwort erſt nach mehreren Jahren erfolgt. Bis heute haben Zeit und Raum mich verhindert, mit Dir zu reden; wovon in der Folge ein Mehreres. Zuerſt von Dir, mein Sohn! Ich habe Freude an Dir, denn Du dienſt einem frommen Könige, der das Irdiſche geringer ſchätzt⸗ als das Ewige, und, um ein vollkommener Salomo zu ſeyn, nur mit dem heiligen Vater zu Rom mehr Frieden halten ſollte.— Du biſt vom niedern Stande zu einem glänzenden herauf⸗ geſtiegen, und die Würdigkeit iſt in Dir belohnt worden: freue Dich deſſen, denn in der Welt muß Macht und An⸗ ſehen ſeyn, und dem Diener des Königs, wie dem Könige ſelbſt, gebührt Ehrfurcht, ſo lange Beide vor Gott wandeln⸗ 144 und nicht aus den Gränzen ihres Rechts treten; widrigen⸗ falls ſie natürlich und leider den urſprünglichen Rechten ihrer Untergebenen verfallen müſſen.— Das iſt nicht von Dir zu fürchten. Du biſt gottgefällig, ein milder Herr. Woher alſo der Unfriede, der Dich quält? Das Gefühl, ſo man Liebe zum Weibe nennt, iſt freilich ein blindes, wie es auch bereits die Poeten und Bildner des Alterthums in Figuren und Gedichten dargeſtellt haben; aber Dein Alter, guter James, ſollte ſchon ein hellſehendes ſeyn. Wohl gethan iſt's, zu freien, ſagt ein heiliger Mann, aber beſſer, es zu laſſen. Zweckloſe Liebe iſt jedesmal ſogar verwerflich. Danke dem Himmel, daß er Dich von der Proteſtantin riß: ſie hätte Deine Seele verderbt; danke ihm, daß er die In⸗ dianerin Dir nahm, denn ſie verehrt den Heiland und die Mutter wie eine Götzendienerin, und kennet den ewigen Va⸗ ter nicht. Ich kann auch nicht glauben, daß in der That Dein Herz noch bluten ſollte, ob dieſer eingebildeten Wun⸗ den. Du biſt zu vernünftig dazu, und es möchte nur ein Selbſtbetrug ſeyn, der Dich mit Kummer beſchwert. Ich halte dafür, daß dieſe Bekümmerniß eine Buße ſey, die Dir der gnädige Vater auferlegte, weil Du nicht gethan nach ſeinem Befehl und Deinem Verſprechen. Du fühlteſt Dich freilich nicht geſchickt, in unſere Geſellſchaft zu treten; ich ſelbſt— bereuend geſtehe ich's— redete Dir zu einer Zeit das Wort, da ich in Deinen Glauben mich verwickel hatte, und vor Deinem Widerwillen ſchauderte. Ich armer kinfäl⸗ tiger Menſch! Dem gereizten Herzen eines Jünglings ohne Ziel vertraute ich,— nichttrauend der Macht und der Gnade unſers Erlöſers, der auch das widerſpenſtigſte— ja, das unwürdigſte der Gefäße zu heiligen vermag. Gedenke Sauls, 145 der ein Held des Glaubens wurde, nachdem er deſſen Feind geweſen. Darum hat der Herr Plage über Dich geſendet, die nur eine aufrichtige Reue haben kann, und die Losſpre⸗ chung vom Gelübde, die Dir, um der Buße willen, nicht der General unſers Ordens, nicht der heilige Vater zu Rom verſagen werden. Gehe darüber mit Dir zu Rathe, und meide den Stand der Ehe, damit Du wenigſtens in dieſem Punkte dem Herrn geweiht bleibeſt. Du wirſt dann den Frieden gewinnen.— Deine Leiden führen mich von ſelbſt auf das bewundernswerthe Schickſal, das Uns Alle betroffen hat; auf die unerforſchlichen Wege der Vorſehung. Auch der Leichtſinn der Lainez hat ſeinen Lohn gefunden, aber— wie aus allen Züchtigungen des Himmels das Heil erwächst, ſo wird auch ſie in ihrer gottſeligen Schweſterſchaft daran nicht immer verzweifeln dürfen.— Meine Seele endlich hat ausgelitten durch die Gnade des Höchſten und die Be⸗ mühungen eines würdigen Mitbruders, der mein Beichtvater geworden iſt. Irrthum und Zweifel waren meine Verbre⸗ chen, und die Urſachen meiner Schmerzen.— Sieh, lieber James! Ich war ein lenkſamer, gehorchender Mann bis zu der Stunde, da mich Gott und meiner würdigen Obern Wille zu einer Sendung berief, der meine Kräfte nicht ge⸗ wachſen ſeyn konnten, da ich vom Pfade abirrte. Ich bin nie gehäſſig geweſen: ich habe nie den Neid empfunden, nie eine Verfolgung angeſtiftet. Ein reines Wohlwollen für alle Menſchen beſeelte mich. Ich war— ein Fünfziger— noch ein gutmüthiges Kind, aber ein ſchwaches. Der Schweſter letzte Bitte zu erfüllen, nahm ich's über mich, den Senator und ſeine Tochter ſelig zu machen. Sie verdienten's, dieſe Menſchen: aber mein Uebermuth hat ſie und mich verdorben. III. 3. 10 Was ich an ihnen zu thun begann, wagte ich für mich, zu meiner eigenen Zufriedenheit zu thun, und dieſes war men Vergehen gegen die Pflicht, nur für den Zweck des Allge⸗ meinen zu arbeiten, nur im Sinne und zum Vortheil des Ganzen, der heil. Geſellſchaft, der ich angehöre, zu wirken. Daher alle folgende Uebel, mit denen uns der Herr heim⸗ ſuchte, zu deſſen größerer Ehre allein wir handeln ſollen,— den ich aber vergaß, um eigener Schöpfung Behagen zu finden. So wie ich thätig für mich ſelbſt wurde, trat ich aus des Ordens Schranken, und mußte dann, wie ein aus ſeiner Bahn geworfener Stern, meinem Schickſale folgen.— Das iſt mir erſt ſeit einigen Jahren klar geworden, da mein Irrthum geſchwunden war, der in Europa ſchon begonnen, der ſich in der neuen Welt ausgewachſen. Ach, jene neue Welt war auf dem Punkte, mich gänzlich von der Mutter loszureißen. Jenem gefährlichen Boden entkeimt auch Ge⸗ fahr für eine ſchwache Seele! Man glaubt, dort mit hellen Augen zu ſehen, wie Gott die herrlichſten Gaben der Natur an Chriſten und Heiden ſpendet, gleichſam ohne Unterſchied;z wie der blindeſte Götzendiener ruhig ſtirbt, wie nur der frömmſte Diener des Herrn. Man geräth leicht in Verſu⸗ chung, zu glauben, dieſe Unchriſten möchten ſelig werden, wie wir: man möchte zweifeln an dem, was die Satzungen der Kirche ſagen. Aber,— indem man zweifelt, reißt uns ſchon der Strudel der Verderbniß mit fort, und, hätte mich nicht das Pflichtgefühl erhalten, auch ich wäre untergegangen. Von dem Senator fürchte ich dieſes, und wünſche, Du könn⸗ teſt mir das Gegentheil berichten. Denke Dir, wie ſchmerz⸗ lich es für mich ſeyn müßte, den Mann, um deſſen Seligkeit ich faſt die meinige geopfert hätte, wieder verſinken zu ſehen! 147 Und dennoch kann ich nichts Anderes hoffen! Ich, das Werk⸗ zeug, wollte ſein ſelbſtſtändiger Retter ſeyn, und nur zu wahrſcheinlichziſt's, daß eben darum mein wichtiges Werk in Staub zerfallen muß. Juſtine— das vielleicht berufene und erwählt geweſene Mädchen— ſcheint verloren.— Ihr Starrſinn hätte ſich vielleicht unter die Geſetze der mildeſten Kirche gebeugt; aber— verbunden mit dem Amerikaner Birsher, der— ein klares, aber kaltes Geſtirn,— ſeine Bahn zieht, gibt ſie keine Hoffnung mehr!— Wer weiß indeſſen, was die Zukunft verbirgt? Der Herr hat Juſtine, den Senator und Herrn Birsher großen Prüfungen unter⸗ worfen. Sie haben in Wildniſſen die Entbehrung und Ge⸗ nügſamkeit kennen gelernt;— ſie haben unter wüthenden Heiden die Nichtigkeit des Lebens eingeſehen;— ſie haben Faſſung und Geduld geübt: ſie konnten bemerken, welchen Segen in barbariſchen Regionen unſere ehrwürdige Kirche durch ihre ehrwürdigſte Geſellſchaft verbreitet. Ihrer heili⸗ gen Schutzengel Schuld iſt's nicht, wenn dieſer gute Saame nicht in der Folge gute Früchte trägt. Manchmal, lieber James, iſt mir zu Muthe, als müßte ich über's Meer hin⸗ fliegen, wo ſie, die Leute, die ich immer noch liebe, wohnen: als müßte ich, von der feurigen Apoſtelzunge entflammt, zu ihnen reden, ſie überzeugen... aber— Gott will es nicht, meinem früheren Uebermuthe zur gerechten Strafe. Ich beuge mich daher ſeinem Willen, und würde, wäre ich ſelbſt ein kleiner Vogel, nicht durch die Stäbe meiner Fenſter ent⸗ fliechen!— Ach, James, ich ſehe jetzt erſt, daß ich ſchrieb, was ich Dir verheimlichen wollte, und was ich— vielleicht um in Deinem Nitleiden zu ſchwelgen— nicht mehr aus⸗ ſtreichen mag. So wiſſe es denn: Sie t gefangen 148 geſetzt, und werden mich freilaſſen, wenn einmal der Pro⸗ vincial es gut heißt. Sie haben mir bewieſen, daß ich die geheime Gemeinde und den Orden bloß gegeben; daß ich jenes Unternehmen zerſtört, daß ich Dich der Geſellſchaft ab⸗ wendig gemacht, daß ich pflichtwidrigen Gedanken und Wor⸗ ten Raum gegeben, daß ich dieſelben verbreitet.— Ich mußte endlich Alles zugeben, und danke von Herzen meinen Vätern und Brüdern die milde chriſtliche Strafe: ſie konnten dem alten Sünder das Kleid nehmen, und haben's nicht gethan, ſie konnten mich verſtoßen, oder in einen feuchten Kerker, dunkel und ſchaurig, ſperren, und ſie haben mich behalten; ich ſitze in einer warmen Zelle; leibliche Speiſe bringt mir der gute Litzach, der— Wittwer und kinderlos geworden— unſer Pförtner iſt.— Geiſtlichen Troſt bereitet mir mein ehrwür⸗ diger Beichtvater. Ich ſehe freilich ſonſt keinen Menſchen, aber dafür meinen innern; ich höre kaum etwas von der Welt,— aber— iſt's denn auch der Mühe werth? Während im Reiche Polen und Sachſen und Frankreich der Krieg brennt, wohne ich im ſtillſten Frieden, leſe die Bücher geiſt⸗ licher Autoren, die Lebensbeſchreibungen der heiligen Mär⸗ tyrer und unſrer Ordenslichter,— und denke zuweilen über die Seele hinaus— an Dich und an Müſſinger— dann an meine guten Eltern und die arme Clara über den Ster⸗ nen,— und endlich an die Zeit, da ich ſie Alle dort oben wiederfinden werde. Wenn ich meinen Beinen glaube, die— der gewohnten Bewegung ermangelnd— mir dann und wann den nöthigſten Dienſt verſagen, ſo dürfte bald die Hülle fallen; noch ſchlägt jedoch das Herz geſund, und der Geiſt brennt hell genug, Dein Bild vor meine trübern Au⸗ gen zu bringen. Der Brief, den Du mir durch den Kaufmann 149 geſendet, hat, vermittelſt des guten Litzachs, den Weg in meine Klauſur gefunden; in's Geheim; denn dazumal lebte der alte Superior noch, der mich zu meinem Heil un⸗ ter der ſtrengſten Aufſicht hielt. Dieſer Brief war mein Labſal, meine tägliche Erquickung am Morgen und am Abend: Du biſt ja der einzige Menſch, der mich liebend mit der Außenwelt,— ach— mit der fernſten— zuſammenhält! Empfange daher auch liebend dieſe Zeilen⸗ die mir, zu ſchrei⸗ ben, der neue Superior,— ein ſtiller Mann von vielem Kummer und Leiden,— erlaubt, und zu befördern verſpro⸗ chen hat. Vielleicht iſt dieſer Brief, an dem meine zitternde Hand ſchon eine Woche ſchreibt,— mein letzter Pulsſchlag an Dich; verzeihe alſo dem alten Vater die weitſchweifige Länge. Wenn ich jedoch noch tauſend Worte hinzuſetzen wollte— ſie würden alle heißen: Sey glücklich! ich liebe Dich! ich bete für Dich!“ Dieſes Schreiben eines nicht minder geliebten, einem grauſamen Lvos verfallenen Mannes, der mit kindlicher Un⸗ befangenheit und Hingebung dieſes Lvos duldete, es ſogar, in blinder Pflicht verſinkend, gerecht nannte, erſchütterte im tiefſten Gefühle den Empfänger. Sich den Feſſeln des Dien⸗ ſtes entreißend und den reinſten Sohnespflichten Gehör gebend, verließ James Braſilien, kam nach Liſſabon, ging, mit Em⸗ pfehlungen des Patriarchen verſehen, nach Rom, erbettelte vom Jeſuitengeneral, und vom Pabſte, des Fflegvaters ch dem Profeßhauſe, wo der Unglückliche ſchmachtete.— Er hatte ſchon ausgelitten: Er hatte ſich, müde, und getröſtet im Glauben,— in die Erde gelegt. James fand ein Vermächtniß vor, das ihm gehörte: das in den letzten Jahren viel durchleſene Brevier des Ver⸗ ſtorbenen. Für den Senator hatte Taver das wohlgetroffene Bild der verewigten Clara, das bisher an ſeinem Bette gehangen⸗ beſtimmt. Dieſes Bild gelangte— eine Ausſaat von vielen Thrä⸗ nen— in die rechten Hände.— Den Namen des Baronets und Obriſtlieutenants James White fand man ſpäter auf der Liſte der in der Schlacht bei Culloden für den Präten⸗ denten gefallenen Offiziere.— Freiſprechung,— brachte ſie na